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ARCHIT
FÜR
NATURGESCHICHTE.
IN VERBINDUNG MIT MEHREREN GELEHRTEN
HERAUSGE GEBEN
n^- AR. FR. AUG. WIEGMANN,
AUSSERORD. PROFESSOR AN DER FRIEDRICH - WILHELMS - UNIVERSITÄT
ZU BERLIN.
FÜNFTER JAHRGANG.
Erster Band.
MIT ZEHN KÜPFERTAFELN.
BERLIN 1839.
IN DER NICOLAI'SCHEN BUCHHANDLUNG.
Inhalt des ersten Bandes.
I. Z o o 1 o g i e.
Seite.
Monostomum Faba Brems, beschrieben v. Dr. F. C. H. Crep-
lin. (Hierzu Taf. I.) 1
Ichthyologische Beiträge von B. Fr. Fries. Aus dem Schwe-
dischen übersetzt von Dr. F. C. H. Creplin. {Salmo sal-
nmlus. — Pterycombus. — Callionymus. — Clinus. Hierzu
Taf. U. Fig. 1.) 9
üeber die Spermatozoen. Briefliche Mittheilungen vom Prof.
Rud. Wagner. (Hierzu Taf. II. Fig. 2. u. 3. und a— h.) . 41
Naturhistorische Schilderung des nördlichen Patagonien von
A. d'Orbigny • 47
Nochmalige Untersuchung der Frage: ob in Europa in histo-
rischer Zeit zwei Arten von wuden Stieren lebten ? von dem
Akademiker v. Baer 62
Ueber Macroscelides Rosseti von Dr. M o ritz Wagner. . . • 79
Neue Litorina der Ostsee von Dr. Pfeiffer 81
Anatomie der Apteryx australis v. R. Owen 85
Untersuchungen über die Reizbarkeit der Blätter der Mimosa
pudica L. von F. A. W. Miquel 91
Zoologische Notizen: Dauer der Spermatozoen von Vespa rufa
von Dr. v. Siebold. — Verbreitung des Mytilus polymor-
vhus. — Mittel gegen die Brunstwuth der Elephanten. —
Begattung des Elephanten. — Abweichende Form der Blut-
körperchen u. Blutlauf der Lämopoden v. Herausgeber. 107
Einige zoologische Notizen von Dr. A. Philip pi: (1, Neue
AxiQiwovi Euplocamus. 2, Thier \on Ptleopsis Garrioti Payr.
3, Thier von Galeomma. 4, Oculina ramea Ehrbg. b, Che-
bira terebrans, neues Amphipoden - Genus, 6, Thier von
Pandorina corruscans Scacchi. 7, Thier von Astarta. 8,
Thier von Pleurotoma Bertrandi Payr. 9, Eier von Ver-
metus gigas. 10, Hersilia und 11, Peltidium, neue Ento-
mostraceen. Hiezu Taf. UI. u. IV.) 113
Schilderung des thierischen Lebens auf Novaia Zemlia von K.
E. V. Baer 160
Fossile Ueberreste von einem Affenschädel. Notiz vom Prof.
A. Wagner 171
Noch einige Worte über Pe?ipatus Guild. von C. Moritz. . . 175
Ueber die Gattung Ampliipeplea Nilss. v. Dr. F. H. Troschel.
(Hiezu Taf. V. Fig. 8.) 177
Holopus, eine neue Gattung der Crinoiden, beschrieben von A.
d'Orbigny. ( Taf. V. Fig. 2 — 7. ) 185
üeber einige neue oder wenig bekannte Säugethiere, besonders
aus der Sammlung des brittischen Museums v. I. E. Gray. 188
Beobachtungen imd Betrachtungen über die Entwickelung der
Mysis vulgaris von Heinr. Rathke. (Hiezu Taf. VI.) . . 195
Ueber die geographische Verbreitung und die Lebensweise der
südamerikanischen Singvögel. Mitgetheilt aus d'Orbigny's
Reise S. 141 — 158. von Friedrich Stein 235
IV
Beobachtungen über einen ungewöhnlich zahmen und äufserst
klugen Baummarder {Mustela martes). Mitgetheilt von St
TT , •.^•. ^^'^"»"^^o^^a-Pietruski. . . . .^^.
üebersicht der Gattungs- und Artcharaktere der' europäischen
Fledermäuse von A. Graf v. Keyserling und Prof J H
Blasius m Braunschweig. ... ^ "' ^q,
Ueber em zoologisches Kennzeichen der Ordnung der Sperlings-
artigen oder Singvögel von Denselben . *=perimgs
üeber //eÄ^- ro^«cea und lucana Müll, nebst Diagnosen ejnicer
Tx^af iTÄr"" '''•'•"••'""^■^ ^" «^b"rg- (Hfe?-
Bericht über die Ergebnisse meiner Rei'se uachCuba* \m Win'ter ^
ni/S~K^^^A'''l''P^.^°"'' P^^iff«'i° Kassel .... 346
ausgeber) ^^^^^''^^''^^ ^«" "• ^röyer (Anzeige vom Her:
Anatomie der ^/?feVy;rö„;/^«^/f" von' R.' Owen ^SL^
üebersicht der im Jahrg. 1837 neu aufgestellten Genera' und Ar!
ten der Raubvogel, SmgvÖgel imd Klettervögel. (Nachtra?
zum zweiten Bande des vorigen Jahrganges ) ^'^^^"^^^S
Erytlirogonys. Gould. Neue Gattung der WadvÖgel 397
Lepido^iren ist kein Reptil. Aus dem Engl, des Hr.* Eiichard
^"^ ^i''^,i^^^ ^^\^^^^^^^^^^ deren 'Di'agno-' ^^^
mufstSi -^^^^^«^^"«hte des vorigen Jahrganges wegbleiben
II. Botanik.
Bastard -Annona. Notiz von C. Moritz ri
Untersuchungen über die Reizbarkeit der Blätter Äex Mtmosa
pudica L. von F. A. W. Miquel. . ^«'//««*a
Fortgesetzte Versuche über die erhöhte 'Temperatur des Koll
bens ^mev Colocasia odora {Caladium odorum) von G
Vrohk und W. H. de Vriese. (Taf. V. Fie li i-vs
Botanische Notizen von Dr. M. I. Schieiden. Yl.Blüthe 'der
Loranthaceen. 2 Bedeutung der Placenta. 3, Anatomisch-
physiologische Verschiedenheiten der Stengelgebilde. 4,
Weibliche Bluthe der Cannabineae. 5, Hydropeltideae. 6
Eigenthumhche Bastzellen. 7,: Luftwurzeln der tropischen
Orchideen. — Hierzu Taf. VII ) ^ on
Botanische Notizen v. Dr. Schieiden. (Forts'etzung. 4, üeber
Bastard erzeugimg u. Sexualität. 2, Crystalle in Cryptoga-
men 3, Verhaltmfs des Cytoblasten zum Lebensprozifs
der Pflanzenzelle. 4, üeber Ausdehnung der vegetabilischen
Faser durch Feuchtigkeit. 5, Bau der Zellenmembran bei
Moosen u. Lebermoosen. 6, Zur Kenntnifs von Pellia epi-
^vhylla. t, üeber das Eichen der Ericeen, Sclerantheen.
Kanunculaceen u. Typhaceen. 8, üeber das Zerfallen der
Conterven. 9, Spiralzellenschicht in der Frucht der Lau-
rineen. 10, Spaltöffnungen auf Samenintegumenten. 11, Fa-
miliencharactere der Elaeagneae. — Hierzu Taf VIII ^ 253
Monostomum Faba Bremseri,
beschrieben
von
Dr. F. C. H. CrepliD.
(Hierzu Taf. I.)
-Herr Dr. Schmalz gab in seinen XIX. Tahulae anato-
miam entozoorum illustrantes , Dresdae et Lipsiae 1831,
p. 11 — 16, die Geschichte der Entdeckung und eine Beschrei-
bung, wie auf Tab. VI. Abbildungen des in der Ueberschrift
genannten Monostomes, und es ist gewifs mit Dank anzuer-
kennen, dafs er uns mit der erstem, und manchen, den Wurm
betreffenden Einzelnheiten bekannt gemacht hat. Da ihm aber
die Deutung der meisten Organe des Thierchens, welche/i er
nur aus Abbildungen und einigen ihm über dasselbe geworde-
nen Mittheilungen kannte, nicht gelungen ist, so kann es mir
nur erfreulich sein, den geehrten Lesern dieses Archivs die
Beobachtungen vorzulegen, welche ich meines Theils über den
ganz merkwürdigen Wurm, und zwar in dessen frischem Zu-
stande, gemacht habe, hoffend, dafs deren Bekanntmachung
dazu dienen werde, eine etwas richtigere Kenntnifs von jenem
zu verschaffen.
Die Entdeckung dieses Monostoms gebührt, Schmälzens
Berichte zufolge, dem verewigten S. Th. v. So mm erring^
welcher es in Tuberkeln der Haut eines ihm von Bremser
zugesendeten Parus major fand. Später traf Bremser es
in dergleichen Tuberkeln bei Sylvia Sihilati'ix Bechst., und
Fischer (Professor in Wien) schrieb an Schmalz, dafs es
auch bei Motacilla hoarula L. gefunden und von Bremser
V. Jahrs. 1. Band. 1
erst Monostoma geminum, nachher M. Faha benannt wor-
den wäre.
Ich selbst fand es am 8. Junius 1831 bei einer jung»3n
Sylvia Fifis ßechst., welche Tags zuvor vom Hrn. Dr. Schil-
ling hierselbst von einer Jagd mitgebracht worden, und an
deren, theils federlosem, Körper diesem aufmerksamen Beob-
achter mehrere runde Erhabenheiten aufgefallen waren, in wel-
chen er irgend einen Wurm vermuthete, weshalb er mir den
Vogel zur nähern Untersuchung gab. Diese lehrte mich dann
Folgendes:
Die erwähnten Erhabenheiten, Höhlen-Tuberkeln, lagen in
ziemlicher Anzahl in der Haut der beiden Schenkel und des
untern Rückentheils, waren von der Gröfse einer Erbse und
hatten eine entweder nur punctförmige, oder doch sehr kleine
Oeffnung auf der Mitte. Ich öffnete mehrere derselben vor-
sichtig; es flofs ein wenig klare Flüssigkeit aus, welche die
übrigens den Raum der Höhle ausfüllenden Würmchen um-
spült hatte, und die Höhle selbst zeigte sich, nach Entfernung
der letzteren, mit einer eigenen, wenig durchsichtigen, aber
festen Haut ausgekleidet.
Als ich diesen Fund machte, waren mir Schmälzens
helminthotomische Tafeln noch unbekannt, und die Würmer
welche hiejr zum Vorscheine kamen, waren, obzwar wegen der
durchscheinenden Eingeweide sofort als Helminthen zu erken-
nen, doch in jeder Rücksicht auf ihren ganzen äufsern Ha-
bitus dem ersten Anblick nach so abweichend, dafs ich mich
über ih«r Genus nur erst zurecht fand, als ich bei einem —
und auch nur dem einzigen — den Mund entdeckte, wonach
sich alle übrigen Theile, die ich sah, leicht erklären liefsen,
und es sich ergab, dafs ich mit einer Art von Monostomen
zu thun hätte, die von allen anderen ihrer Gattung sehr ver-
schieden war. Ich untersuchte sie, ehe sie in Weingeist ge-
legt wurden, mit Hülfe der Lupe und eines einfachen, aber
trefflichen Lupenmikroskopes, weil mir zu jener Zeit ein gu-
tes zusammengesetztes Mikroskop nicht zu Gebote stand, wel-
ches sonst vielleicht noch hier und da mehrere Aufschlüsse
gegeben haben möchte.
Die Thierchen, deren sich meistens zwei, und zwar mit
den Bauchhöhlen an einander liegend, wie es Schmalz (a. a.
O. F\^. 2) hat abbilden lassen, seltener drei, in jedem Balge
befanden, waren etwas breiter als lang, die gröfsten ungefähr
2'" breit, bei einer etwas geringern Länge; die kleineren moch-
ten etwa um ^"' weniger im (^uer- und Längsdurchmesser ha-
ben, als die gröfseren. Sie waren ziemlich dick von oben
nach unten; der Rücken war convex, die Bauchseite flach oder
auch etwas concav, der Umfang des Körpers entweder völlig
rund, oder am vordem, wie am hintern Rande ein wenig ein-
gedrückt *). Im erstem lag der, ein wenig nach unten ge-
richtete Mundnapf, welcher sich durch die Lupe nur wie
ein weifser, runder Flecken bemerklich machte; durch das
Mikroskop 'sah ich aber, wenn gleich schwach," doch — in
einem Individuum — hinreichend deutlich, den ansehnlich
grofsen, kreisrunden, wulstigen, doch über die Hautfläche sich
kaum erhebenden Napf, welcher indessen so zusammengezogen
war, dafs sich seine Oeff"nung — der Mund — nicht erkennen
liefs. Aus seinem Boden ging unmittelbar der sehr viel klei-
nere Schlundkopf ab, dessen dicke Wände sich wie zwei
neben einander liegende ovale Körper darstellten und sehr
deutlich durchschienen. Die von ihm herabsteigende, ihn an
Länge *wenig oder gar nicht übertrefi'ende und viel dünnere,
gerade, nur schwach durchscheinende Speiseröhre senkte
sich in den ganz Ungeheuern Darm ein. Dieser fing mit einem
dicken und breiten Bogen an, welcher in der ersten Hälfte
des Wurmes quer von der rechten nach der linken Seite aus-
gedehnt lag und jederseits in einen noch etwas dickem, ,an
der dem Körperraude zugewandten äufsern Seite stark ge-
wölbten, an der innern ein wenig concaven, bis etwa zur Mitte
der hintern Hälfte des Wurms hinablau^nden und dort sich
stumpf und blind endigenden Sack überging. Dieser Darm
lag zunächst der untern Körperfläche (Bauchfläche), wo er
mit einem glänzend gelben Inhalte durchleuchtete. Es war
bisweilen der Fall, dafs der gelbe Inhalt in dem breiten Ver-
bindungsbogen fehlte; dann sah ich überhaupt von diesem ent-
leerten Theile nichts, und es hatte das Ansehen, als ob gar
1) Ueber eine zuweilen Statt findende Verlängerung der Mitte
des vordem Körperrandes s. unten.
f *
keine Verbindung zwischen den beiden herabsteigenden Darm-
theilen existirte ^).
Im Hintertheile des Wurmes befand sich ein absteigendes
Gefäfs, dessen Verlauf ich zwar nicht seiner ganzen Länge
nach verfolgen konnte, welches aber, sich allmählig verschmä-
lernd, deutlich in einen aus der Mitte des Hinterrandes oft
stark vorspringenden, wulstig gerandeten Porus, die bekannte
Exkretionsöffnung der Treraatoden, auslief. Von einem
Gefäfssysteme war dies übrigens die einzige Spur 5).
Die weiblichen Geschlechtst heile lagen sehr deut-
lich vor Augen, und zwar in der vorderen Hälfte des Wur-
mes zwischen der obern Seite jedes herabsteigenden Darm-
theils und der Rück enhaut die beiden, glänzend weifsen, Ova-
rien, durch einen weiten Zwischenraum von einander getrennt
nnd nur durch einen feinen, ebenfalls schneeweifsen, gerade
von einem zum andern hiniiberlaufenden Kanal unter einan-
der verbunden. Jedes bestand aus sieben Häufchen von, zu
einer eleganten, mehr oder weniger kuglichten Dendritenform
vereinigten Acinis, deren jedes mit den nächstanliegenden wie-
der durch einen äufserst feinen Kanal zusammenhing ^). Aus
dem Ovarium der rechten Seite geht der Oviduct^), ein
2) Schmalz, welcher das ganze Thierchen, der Bedeutung
nach, umkehrte, weil er den Mund desselben nicht kannte und den
Exkretionsporus , welchen wir gleich kennen lernen werden, für den
Mund ansah (wie denn auch Bremser das verlängerte Hinterende
für den Kopf gehalten hatte), deutet, so wie die meisten übrigen
Theile, auch den Darmkanal falsch und giebt ihn für die Hoden aus
(a. a. O. S. 15).
3) Das Gefäfs ist in den, diesem Aufsatze beigefügten Zeichnun-
gen, welche ich der Gefälligkeit meines lieben Freundes, des Herrn
Prof. Laurer, verdanke, nicht ausgedrückt, indem die Spuren des-
selben sich früh, wahrscheinlich nach Entleerung seines übrigens farb-
losen Inhaltes, wonach er selbst zusammengefallen und solchergestalt
unsichtbar geworden sein wird, verloren haben. Bei Schmalz,
welcher es als Oesophagus deutet, findet man es in Fig. 8, 9 unter b
gezeichnet.
4) Schmalz hat sie in Fig. 8 und 9, wie den Verbindungskanal
der beiden Ovarien (von denen er auch richtig m.uthmafst, dafs sie
solche seien) unter h abgebildet.
5) Von diesem fragt Schmalz, ob er wohl — aus den angeb-
lichen Hoden d (welche wir als Darmkanal nachgewiesen haben)
ansehnlich starker Kanal, ab. Er ist auch im Anfange schön
weifs, läuft, stark hin und her gewunden, unter der Rücken-
haut nach hinten, dann eben so eine Strecke weit quer, schlägt
sich darauf nach der Unterseite des Thieres, läuft zur linken
Körperseite hin, wird allmählig gelb von Farbe, steigt unter
beständigen Krümmungen wieder aufwärts nach der Rücken-
und linken Seite, wo er allmählig, sich wieder mehrfach hin
und her windend, eine mehr und mehr braune Farbe annimmt
und zuletzt, unter noch einigen Krümmungen in derselben
Seite nach vorn laufend, zwischen dem linken Ovarium und
dem Körperrande in den Anfang des Uterus tritt. Dieser
ist ein weiter, dunkelbnumer Schlauch, welcher von der ange-
gebenen Stelle, in der linken Seite nach vorn, gerade nach
hinten läuft, sich in der hintern Hälfte des \yurms mit einer
weiten Biegung über den Darm derselben Seite hinzieht, dann
abwärts zwischen den Schenkeln des Darms an der Unterseite
zum Vorscheine kommt, hier, allmählig weiter werdend, gerade
vorwärts geht und unter dem Darmbogen sich als ein breiter,
sauber zugerundeter Sack blind endigt. Mitten auf ihm, in
der vordem Hälfte des Wurms, steht der feine, runde, wul-
stige Porus zum Ausgange der Eier, oder die Vulva ^). Die
dunkelbraune Farbe des letzten Endes vom Eiergange, wie die
des Uterus, rührt von der unendlichen Menge der diese Theile
anfüllenden braunen Eier her. Ich sah diese aus dem Geni-
talporus bei einem Individuum, nachdem ich es nur eben in
Wasser gelegt hatte, herausströmen. Sie zeigten sich unter
einer zwiefachen Gestalt: die Einen von ihnen waren näm-
lich kleiner, verhätnifsmäfsig dünner, etwas opak; die Ande-
ren gröfser, dicker, mehr der Kugelform sich nähernd, ob-
entspriugend — das Vas deferens sei; er fügt aber zugleich hinzu:
praetcrea vero etiam pro canali intestinali haberi potest" was
nun -wirklich merkwürdig ist.
6) Schmalz ist ungewifs, was er aus diesem Uterus machen
solle. Er meint, dafs er dem Darmkanale des Atnphistomiim suhtri-
quetrum ähnlich sei, und fügt hinzu: „Haecce pars omnino canalis
intestinalis -vices gerere possit (sie!); si vero cuidam magis pla-
ceret, Organum varie flexum, litera e. f. notatum (d. i. den Eileiter)
pro dicto canali habere, illa forsan membrum (sie!) hepate ana-
logen judicanda est." (L'. c. p. 15.)
gleich eben noch, wie jene, etwas eiförmig, oder elliptisch,
ferner an jedem Ende mit einer Papille versehen, welche den
kleineren entweder fehlte, oder doch bei ihnen nicht so sehr
hervorragte. Die gröfseren Eier waren ungefähr y|-g-"' lang
und etwas mehr als halb so breit ; die kleinsten mochten etwa
halb so grofs sein.
Die männlichen Geschlechtstheile zeigten sich
nicht so in ihrer ganzen Ausdehnung, wie die weiblichen. Die
Hoden sind kuglicht, ziendich grofs, weifs von Farbe, liegen
zwischen dem Darme und der Riickenhaut und scheinen öf-
ters, selbst noch jetzt an verschiedenen im Weingeist aufbe-
wahrten Exemplaren, auf der Rückenseite deutlich durch, wäh-
rend sie bei anderen nicht zu entdecken sind. Sie liegen in
dem hier gezeichneten Exemplare unmittelbar hinter der Kör-
permitte, in einer Linie, der Quere des Körpers nach, der
rechte neben dem dort herabsteigenden Oviducte nach innen,
der linke nach innen von dem herabsteigenden Anfangstheile
des Uterus, und der sie trennende Zwischenraum ist dem hal-
ben Querdurchmesser des Körpers gleich. Ihre hier angege-
bene Begränzung dürfte freilich nicht bei allen Individuen zu-
treffen; die Mittellinie des Körpers halten sie aber immer
ziemlich, und der Raum zwischen ihnen ist immer sehr grofs,
nie so klein, wie ihn die Sommer ring' sc he Zeichnung bei
Schmalz (Fig. 8) zeigt, in welcher der Zwischenraum nur
etwa ^ — -^ des queren Durchmessers beträgt '). Sicher füh-
ren Vasa de/erentia, welche ich jedoch nicht gesehen habe,
aus ihnen in ein offenbar als Samen blase zu betrachtendes,
ausgebreitetes Organ, welches, wie die Ovarien, dicht unter
der Rückenhaut, mitten auf dem Wurme, doch immer mehr
oder weniger nach der rechten Seite zu zwischen den Ovarien
liegt. Es ist im ganzen von dendritischer Form, indem sein
innerer, unregelmäfsig gestalteter Theil sich ringsum, und eben
so unregelmäfsig", in mehrere breite, lappenähnliche, beinahe
keulenförmige Zweige theilt. Es war im frischen Zustande,
wie es noch im Weingeist ist, weifs und undurchsichtig. Von
einer männlichen Geschlechtsöffnung und einem Cirrus war
keine Spur zu entdecken.
7) Die Hoden sind dort mit m tn bezeichnet.
Was die Lage der Würmer in ihrem Balge betrifft, so
hatte Sömmerring gefunden (s. Schmalz p. 12), dafs der
mit dem Exkretionsporns versehene und hervorgezogene Hin-
tertheil der beiden an einander liegenden Individuen in die
Aufsenöffnung des Balges nicht allein ein-, sondern selbst aus
derselben austrat. Ich haha dagegen bei den von mir darauf
untersuchten Tuberkeln und ihren Bewohnern gesehen, dafs,
wenn überhaupt ein Theil, es die mit dem Munde versehene
Mitte des Vorderrandes deriWürmer war, welche in die Balg-
öffnung trat, worüber ich mich nicht wenig gewundert habe;^
die Lage des Mundes im Grunde und die des Excretionspo-
rus in oder gleich hinter, wie auch vor der Aufsenöffnung des
Balges dürfte wohl zweckmäfsiger scheinen, und eine Verän-
derung der zwei Individuen gegen einander, wie ein Umwen-
den beider zusammen in dem Balge schwerlich Statt finden.
Aber, — es erscheint nach meinen Untersuchungen jenes Hin-
eintreten eines Körpertheils der Würmer in die Balgöffnung
gar nicht als etwas Normales, wie man nach Schmälzens
Darstellung glauben sollte. Es zeigt sich an den meisten
übrigen, von mir den Bälgen entnommenen Exemplaren im
hiesigen zoologischen Museum — und deren ist eine ziemliche
Anzahl — eben so wenig eine Spur von Verlängerung des
von mir bezeichneten Vordertheils, als an dem für diesen Auf-
satz abgebildeten; wo sie aber vorkommt, hat es ganz den An-
schein, als ob sie nur durch ein Hineinpressen jenes Theils
in die Balgöffnung bewirkt worden sei. Ein solches möchte
denn wohl durch einen äufsern Druck auf die von dem Balge
so eng umschlossenen W^ürmer, nicht von diesen selbst her-
rühren, indem es nicht allein eine Kraftäufserung voraussetzt,
die von ihnen kaum zu erwarten sein dürfte, sondern auch, in
dem von mir beobachteten Falle und den Mund nur als Ein-
saugeorgan betrachtet, als zweckwidrige Handlung von ihnen
erscheinen müfste, da die Thierchen aufsen vor der Balgöff-
nung schwerlich Nahrung zu suchen haben; zum Zwecke der
Ausleerung würde aber wohl auch eben so wenig der Mund-
napf, als der excernirende Hinterporus aus jener Oeffnung hin-
auszutreiben sein. Uebrigens hat von einer solchen Verlän-
gerung des Hintertheils, wie sie bei Schmalz (Fig. 2 — 6)
abgebildet ist, keines unserer Exemplare auch nur eine Spur.
8
Wenn dort etwas vorspringt, so ist es ganz allein der
Perus.
Der Charakter dieser, durch ihre Körperform und den
Glanz ihrer Färbung, wie durch das beständige Vorkommen
von (v/enigstens) zwei, auf die angegebene Weise gegen ein-
ander liegenden Individuen in einem Balge ausgezeichneten
Monostomen-Art dürfte folgendermafsen festzustellen sein:
M. corpore depresso, rotundato, supra convexo, iufra
piano vel concavo, oris acetabulo magno, rotundo, medio
in corporis margine antico, vix prominente, poro excreto-
rio insigni, tumido, in medio margine corporis postico.
Hab. Bina individua ventre sibi adjacentia, ad quae ra-
rius accedit tertium, habitant folliculos magnitudine pisi, me-
dia in superficie instructos foraminulo, in cute Pari majoris,
Motacillae boarulae, Sylviae Sibilatricis et S. Fitis.
Erklärung der Tafel.
Fig. 1. stellt den stark vergröfserten Wurm von der Rük-
kenseite,
Fig. 2. denselben von der Bauchseite dar.
«. Der Mundnapf nebst dem kleinen Schlundkopfe und der sehr
kurzen Speiseröhre.
b. Der Darm.
c. Der Exkretionsporus.
d. Die Ovarien,
c. Der Oviduct.
f. Der Uterus. ^
g. Die Vulva.
h. Die Hoden.
i. Die Samenblase.
Ichllij ©logische Beiträge
von
B. Fr. Fries.
Aus dem Schwedischen übersetzt von Dr. F. C. H. Creplin.
(A. d. Kongl. Svensk Vet. Acad. Handl. for är 1837.)
Ueber den Stirr, S almo Salmulus Rafi*).
Je natürlicher eine Gattung ist, desto unbemerkbarer sind oft
die Gränzen zwischen den Arten, und desto schwerer fallt es,
die eigentlichen artbestinimenden Charaktere aufzufassen. Die
Lachsgattung liefert hiervon ein Beispiel. Man könnte wohl
Anspruch darauf machen, diese vor vielen anderen nach ihren
Arten völlig in's Klare gesetzt zu finden, da sie aus so allge-
mein vorkommenden und längst bekannten Fischen besteht,
welche aufserdem der Gegenstand wichtiger und bedeutender
Fischereien sind; aber es sind nirgends die Artkennzeichen
unsicherer und schwankender, als gerade bei ihr. Die Ursa-
chen hiervon sind indessen mehrere, als die zuerst angege-
bene. Noch ermangeln wir einer zuverlässigen Kenntnifs der
Lebensweise und Entwickelung der Lachse, und kennen wir
nicht einmal die Gesetze für die Form- und Farbenverände-
*) Hiermit sind die gründlichen ichthyologischen Arbeiten des
ausgezeichneten Verfassers, welche in den Abhandlungen der schwedi-
schen Akademie für 18-37 erschienen, sämmtlich in diesem und dem
vorigen Jahrgange in Uebersetzung wiedergegeben.
Herausgeber.
10
rungen, welchen sie theils während ihres Wachsthumes, theils
nach der Jahreszeit und nach wiederholten Veränderungen ih-
res Aufenthaltsortes unterworfen sind; denn die Angaben sind
in diesen Punkten einander widersprechend. Die Schriftsteller
stellen die Arten nur nach subjektiven Ansichten auf; was
der Eine aufbaut, reifst defswegen der Andere nieder; wer
nur wenige Individuen gesehen hat, findet hinlänglich Unter-
scheidungszeichen, um viele Arten zu bilden, während der,
welcher die Individuen in Masse studirt und dadurch auf die
Unbeständigkeit der Charaktere aufmerksam wird, es schwierig
findet, eine beschränkte Anzahl zu bestimmen. Um den Weg
zu einem neuen und gründlichen Studium der Lachsarten zu
bahnen, giebt es kein anderes Mittel, als in ihren Heimaths-
ge wässern ihnen Schritt vor Schritt während ihrer Entwicke-
lung zu folgen, und durch Mittheilung der in solcher Zeit ge-
wonnenen Aufklärungen die Aufmerksamkeit Anderer auf die
streitigen Punkte zu lenken.
Eine solche Richtung haben Englands Ichthyologen in
den letzteren Jahren ihren Fors:;hungen gegeben, und wich-
tige Aufklärungen sind daraus hervorgegangen.
Der kleine Lachs, welcher der Gegenstand dieses Auf-
satzes ist, ist früher in unserer Fauna nicht bemerkt worden.
Dies würde schon eine hinreichende Veranlassung sein, ihn
jetzt bekannt zu machen ; aber ich entnehme noch eine andere
dazu aus dem wissenschaftlichen Interesse, welches sich an
ihn knüpft. Es ist nämlich dieselbe Art, welche in Schottland
und England unter dem Namen Parr oder Samlet, und
schon von den englischen Faunisten, von Ray und Wil-
•loughby an, aufgenommen, angetrofi'en wird. Sie erweckte
früh Aufmerksamkeit wegen ihrer geringen Gröfse und des
auf flüchtige Untersuchungen gestützten Urtheils, dafs alle
ihrelndivi du en Man neben wären, an welches Verhalten die
Fischer in England noch jetzt zum Theile glauben, weil man
nie ein Weibchen mit völlig reifem Rogen angetrofi'en haben
soll. Bis auf die letzten Jahre sind die englischen Ichthyolo-
gen getheilter Meinung gewesen, ob der Parr eine selbst-
ständige Art ausmache, oder nur ein jüngeres Individuum sei,
und man hat auf beiden Seiten so viele Gründe für beide An-
sichten dargelegt, dafs man sich in Wahrheit wundern mufs,
11
dafs jener Streit noch nicht als beendigt angesehen werden
kann. Sehr wichtig in jedem Betracht ist eine im vergange-
nen Jahre bekannt gemachte Beobachtung von John Shaw
(in: The Edlnb. Ne^v Philos. Journ. u4pj\ — Jiily 1836),
welches so evident an den Tag zu legen scheint, dafs der
Salmülus nur ein junger Salar sei, dafs kein Zweifel weiter
dagegen erhoben werden dürfte, wenn der allem Anscheine
nach genaue Beobachter nur wenigstens auf einer Stelle et-
was über die Reihefolge der merklichen Formveränderungen
gesagt hätte, welche der Stirr durchlaufen mufs, um ein Salar
zu werden; aber statt diesem billigen Wunsche zu begeguen,
hat Hr. Shaw sich nur an die Farbenveränderungen gehalten,
wonacli. es erlaubt sein möge , die Entscheidung bis auf fer-
nere Untersuchungen aufzuschieben und in die Richtigkeit der
Beobachtung einigen Zweifel zu setzen.
Ehe ich mich weiter in diese Sache einlasse und meine
eigene Erfahrung anführe, dürfte die Beschreibung des Stirr
zu geben sein.
Der Stirr QSalmo Salmülus) unterscheidet sich von den
übrigen Arten durch folgende Kennzeichen:
; , Kieferknochen kurz, reichen kaum bis unter die Mitte des
Auges; Brustflossen sehr lang, mit gerundeter Spitze; Schwanz-
flosse tief gespalten, mit gerundeten Ecken; alle Flossen ge-
färbt; Körperseiten mit ovalen, bläulichen, querlaufenden Flam-
men, und Seitenlinie mit einer Reihe von 8 — 9 kleinen ro-
then Flecken gezeichnet; auf dem Kiemendeckel 2 schwärz-
liche, runde Flecken. Länge 5 — 7 schwed. Zoll.
Seiner geringen Gröfse nach ist der Stirr ein Zwerg in
der Gattung Salmo, und steht in jeder Rücksicht der Forelle
(Ä. Fario L.) zunächst, mit welcher er vermuthlich bei uns
bisher vermengt worden ist. Um beide von einander zu un-
terscheiden, ist jedoch nichts weiter nöthig, als einmal auf die
Diagnose aufmerksam gemacht worden zu sein. Von den er-
wachsenen Lachsen unterscheidet man ihn beim ersten Blick
auf die Formen der Flossen. An diesen sind nämlich beim
Lachse die Ecken spitzig; die Rücken- und besonders die Af-
terflosse sind sehr schräg abgeschnitten, so dafs die Höhe der
Flosse nach vorn dreimal so grofs ist, 'als ihre Höhe nach
hinten, während sie hingegen beim Stirr, so wie bei den Fo-
12
rellen, nur zweimal so hoch ist und alle Ecken gerundet sind.
Bei den erwachsenen Lachsen sind auch alle anderen Flossen
weifslich und fast durchsichtig, wie verhältnifsmäfsig weit
niedriger.
Verglichen mit einer gleich grofsen Forelle ist der Stirr
mehr walzenförmig und von schlankerem Wüchse, ni(;ht so
hoch vom Körper, noch so zusammengedrückt, wie jene. Die
Frontallinie ist schwach erhaben, mit stark herabgebogener
und sehr stumpfer Schnauze, welche unbedeutend vor die
Spitze des Unterkiefers vorspringt. Der Unterkiefer, welcher
gerade die Länge des Oberkiefers hält, ist bedeutend kürzer,
als der Abstand zwischen dem Nacken und der Schnauze.,
Die, kurzen und am Ende gerundeten Maxillarknochen,. welche
indessen breiter, als bei der Forelle sind, sind nebst dem Zwi-
schenkieferbein und dem Unterkiefer mit feinen spitzigen Zäh-
nen wohl versehen, die etwas kleiner als bei der Forelle sind
so ist das Verhalten auch mit den Zähnen, welche sich auf
der Zunge, dem Pflugschaar- und den Gaumenbeinen finden.
Die Augen sind merklich gröfser als bei der Forelle, so dafs,
während der Durchmesser desselben bei der letztern kleiner
ist, als der halbe Abstand vom hintern Augenrande bis an die
Spitze des Operculums und kleiner als der Raum zwischen
den beiden Augen, derselbe Durchmesser beim Stirr gröfser
ist als beide Abstände. Der hintere Rand des Kiemendeckels
ist mehr zungenartig ausgezogen, und der am meisten vor-
springende Punct dieses Randes bildet das Suboperculum. Die
Kiemenhaut hat gewöhnlich 12 Strahlen, welche Anzahl je-
doch-, wie bei allen Lachsen, variirt; man triflPt oft nur il
Strahlen an, bisweilen 11 an der einen, 12 an der anderen
Seite.
Die Seitenlinie, welche die Seiten in zwei beinahe
gleiche Theile theilt, ist gerade, wird von etwa 120 Stück klei-
ner Schuppen gebildet, welche an Gröfse und Form denen
gleich sind, die den übrigen Körper bedecken, und sich nur
durch den erhöhten Kanal unterscheiden, der längs der Mitte
jeder Schuppe läuft. Oberhalb dieser Seitenlinie kann man
ungefähr 22 Schuppenreihen, und unterhalb derselben ungefähr
25, bis zur Wurzel der Bauchflossen, zählen; die geringe
Gröfse der Schuppen macht die Zählung unsicher.
13
Die Rückenflosse steht so, dafs der Abstand von ih-
rer Vorderkante bis zur Schnauze etwas länger ist, als der
Abstand von ihrer hintern Wurzel bis an die der Schwanz-
flosse; sie ist an der obern vordem Ecke etwas abgerundet,
und der obere Rand steigt gegen die hintere Ecke, welche
spitzig ist, etwas herab, *o dafs der letzte Strahl halb so lang
als der längste nach vorn ist. Sie besteht aus 14 oder 15
Strahlen, von denen 4 — 5 einfach (der fünfte ist der längste),
die 10 — 11 auf sie folgenden aber an der Spitze getheilt
und verzweigt sind.
Die Afterflosse ist ziemlich hoch, nach vorn bedeutend
abgerundet und mit rückwärts gebogenen Strahlen; der Rand
ist gleichsam eingeschnitten hinter der abgerundeten Vorder-
ecke; der letzte; Strahl um die Hälfte kürzer, als der getheilte
zweite oder dritte, welche die längsten sind. Die Anzahl der
Strahlen variirt sehr; gewöhnlich finden sich 3 einfache und
8 an der Spitze verzweigte, aber bisweilen 4 — 5 einfache
8 — 9 getheilte Strahlen. ^
Die Brustflossen sind vorzüglich ausgezeichnet durch
ihre Form und verhältnifsmäfsige Gröfse; ihre Länge ist unge-
fähr der des Kopfes gleich, oder so, dafs, wenn die Flosse
sich an die Körperseite gelegt hat, die Spitze bis an die Li-
nie reicht, welche • senkrecht von der vordem Wurzel der
Rückenflosse hinabsteigt; die Breite ist auch bedeutender als
bei den der Forelle; doch richtet sie sich nach dem Grade
des Zusammenlegens der Flosse. Die Flossen inseriren sich
nahe bei dem Bauchrande und haben eine fast horizontale
Lage, d. h. die Flossenwurzel sitzt ziemlich nahe der Längs-
achse des Körpers, in Folge welcher Lage alle Strahlen an
der Wurzel gebogen sind. Der Strahlen sind 14, von denen
der erste an der Wurzel sehr breit und in der Spitze einfach,
die folgenden 13 verzweigt sind. Da der fünfte und sechste
Strahl die längsten in der Flosse sind, wird die Spitze sehr
abgerundet und die Flosse bekommt davon ihre eigene, leicht
wieder zu erkennende Form.
Die Bauch flössen sitzen gleich vor der lothrechten
Linie, welche vom Ende der Rückenflosse hinabsteigt; zusam-
mengelegt haben sie eine lanzettförmige Gestalt; ausgebreitet
sind sie gerundet, mit einem vorspringenden Winkel, welcher
14
des längsten oder vierten Strahles Spitze bildet. Sie bestehen
aus 2 einfachen und 8 getheilten Strahlen.
Die Fettflosse ist klein und dünn und hat ihren Platz
über der hintern Wurzel der Afterflosse.
Die Schwanzflosse besteht aus 19 Strahlen, deren
beide äufserste einfach sind; sie ist tief ausgesshnitten, so dafs,
wenn die Flosse zusammengelegt wird, der Abstand zwischen
dem Ausschnitt und der Flossenwurzel (da wo die Schuppen
aufhören) unbedeutend länger wird, als von demselben Aus-
schnitte bis zur Spitze der beiden Seitenecken. Diese Ecken
sind gleich lang und abgerundet; wird die Flosse ausgespannt,
so divergiren sie sehr.
Eben so ausgezeichnet und beständig unterschieden sich
der Stirr nach der Form findet, eben so sicher ist man, sich
über ihn nicht zu irren, wenn man die Farbe berücksichtigt.
Der Kopf oben und der Rücken sind olivengrün mit dunklen,
runden, sternförmigen, kleinen Flecken und gröfseren Flam-
men längs des Rückens; diese dunkleren kleinen Flecken ge-
hen nach vorn bis zur Seitenlinie herab, von der Gegend der
Rückenflosse aber bis zur Schwanzflosse hören sie mitten zwi-
schen dem Rückenrande und der Seitenlinie auf. Der Bauch
ist weifs, mit einem Anstriche von Gold; die Seiten sind schön
hellgelb, mit einer Schattirung in Roth. Längs der Seitenlinie
sitzen 8 — 9 kleine, runde, rothgelbe Flecken, und eben so
viel grofse, ovale, bläuliche Flammen, nach der Quere gestellt
und von der Seitenlinie mitten durchschnitten; diese Flammen
wechseln mit den rothgelben Flecken ab. Ueber jedem Auge
sitzt ein Bogen von 4 dunklen, runden Flecken, und zwischen
diesen Bögen nach hinten finden sich 3 ähnliche Flecken im
Triangel; doch smd alle diese Flecken mehr oder minder
deutlich und variiren etwas; aber sehr beständig dagegen sind
die 2 runden, schwarzen Flecken, welche die Kiemendeckel
zieren, obgleich die Gröfse veränderlich ist, wie die Stelle
derselben. Gewöhnlich sitzt der eine im Mittelpunkte des
Deckels und der andere vor dem Vordecke), gleich hinter dem
Auge; bisweilen sieht man die Spur eines dritten Fleckens
recht im Rande des Deckels. Die Rückenflosse is hell oli-
vengrün, mit einer deutlichen und einer minder merklichen
und unregelmäfsigen Reihe dunkler Flecken; die deutliche
15
Reihe sitzt zu unterst, der Wurzel ganz nahe und parallel ge-
stellt mit dem Rücken; die unregelmäfsige dagegen läuft über
die Mitte; die vordere Ecke der Flosse spielt in Brandgelb,
abgeschnitten durch ein dunkelgraues Band, welches bei der
Spitze des zweiten einfachen Strahles anfängt und in gerader
Linie zur Spitze des vierten getheilten geht. Die Fettflosse
hat die olivengrüne Farbe des Rückens, bei einer gelblichen
Spitze. Die Schwanzflosse olivengrün, in Gold spielend, ist
rundum gerandet mit Brandgelb, unbedeutender in der Spitze.
Die Afterflosse schmutzig gelb, mit hellerem äufseren Theile
der Vorderkante und einem undeutlichen grauen Bande schräg
über der Vorderecke. Die Brustflossen olivengrün mit einem
dunklern Bande über der Mitte. Die Bauchflossen sind von
derselben Farbe und Zeichnung, wie die Afterflosse. Die Pu-
pille, welche beim lebenden Fische gerundet und sehr grofs
ist, wird, nachdem der Fisch dem Wasser entnommen und et-
was trocken geworden ist, dreieckig. Das Fleisch ist weifs,
ohne Röthe.
Bei der Section fanden sich im Magen Larven von Mük-
ken, Ephemerae, Notonecta, Phryganeen u. m. in Menge. Bei
der Untersuchung der Eingeweide in der Bauchhöhle fand sich
keine bedeutende Verschiedenheit von dem gewöhnlichen Ver-
halten dieser Theile bei den Lachsen. Die Pförtneranhänge
waren fein und sehr zahlreich. Die lange und nach vorn ver-
schmälerte Schwimmblase öö'nete sich in den Oesophagus. Die
Urinblase war 4 Linien lang. Von Genitalien zeigte sich nur
eine Spur (im Junius bei einem 5 Zoll langen Individuum);
dagegen wurden im October 3 Männchen geöfi"net, in weichen
die Milchsäcke die ganze Cavität füllten. Die Rückenwirbel
sind an der Zahl 58, oder 59, wenn man den letzten der 3,
die sich aufwärts nach dem obern Lappen der Schwanzflosse
biegen, mitrechnet, welcher an sich den ungetheilten Strahl be-
festigt hält. Der Rippen sind 33 Stück.
Um nun zum Schlüsse eine leichte Uebersicht der Ver-
hältnisse zwischen den Körpertheilen zu geben und dabei die
Vergleichung in diese-r Hinsicht zwischen dem Stirr und der
Forelle zu erleichtern, habe ich in der folgenden Tabelle die
an 3 Individuen des erstem in verschiedenen Entwicklungsstu-
fen aufgenommenen Maafse mit denen von 3 so ziemlich eben
16
so grofsen Forellen verglichen. Diese
schwedischen Decimalzollen berechnet.
Maafse sind nach
Longitudo corporis (ad basin p. caudalis)
— capitis (ad inarg. operculi
poster.)
Altitudo maxima seu
juxta pinnam dorsalem
— — nucham
— ante basin pinnae caudalis
Latitudo maxima ....
Distantia inter nares
— — orbitas
— — lineam later. et basin p
dors
Distantia inter lineam later. et basin p
ventr
Diameter iridis transversalis . , .
Longitudo a rostro ad nares .
— — _ _ centrum pupillae
— — — — apic. maxill. sup
— — — — nach. .
— — — — marginem prae-
operculi . ' .
Longit. a rostro ad initium pinn. dors.
— — — — — — pector
— — — — — — ventr.
— — — — — — anal.
— maxillae inferioris
Pinnae dorsalis longitudo, ad basin.
— — altitudo, antice
— — — postice
— analis longitudo, ad basin .
— — altitudo , antice .
— — — postice
Longitudo pinnae pectoralis
— — ventralis
— — caudalis ad incisuram
— — — adapicemlobi
sup
Longitudo pinnae caudalis ad apicem lobi
sup. infer
2,9
0,72
0,7
0,46
0,26
0,42
0,12
0,18
0,33
0,31
0,18
0,11
3,53
0,88
0,85
0,56
0,36
0,43
0,14
0,23
0,41
5,32
1,2
1,2
0,8
0,45
0,7
0,17
0,41
0,62
0,58
0,26
0,41
0,21
0,16,0,2
0,35' 0,48
0,27j0,4l|0,5l
0,49 0,59 1 0,87
0,51
1,3
0,67
1,5
2,06
0,35
0,41
0,44
0,23
0,31
0,36
0,16
0,61
0,4
0,2
0,56
0,56
5,32
1,2
1,28
0,83
0,41
0,64
0,21
0,33
0,66
0,66
0,22
0,17
0,46
0,56
0,78
0,66|0,83|0,92
2,39
1,14
2,7
3,8
0,67
0,76
0,77
0,41
1,66
0,87
1,87
2,51
0,45
0,51
0,51
0,28
0,36
0,44
0,2
0,66
0,47
0,31
0,62
0,62
2,32
1,14
2,55
3,88
0,64
0,77
0,75
0,36
0,51
0,63
0,31
1,05
0,73
0,36
0,87
0,87
5,66 5,68
1,27
1,27
0,82
0,5
0,73
0,26
0,4
0,66
0,6
0,3
0,2
0,48
0,52
1,3
1,4
0,87
0,46
0,68
0,22
0,41
0,66
0,7
0,26
0,21
0,51
0.63
0,9 |0,88
0,96
2,53
1,17
2,87
3,97
0,60
0,76
0,81
0,33
0,51 0,52
0,6« 0,65
0,29 0,25
0,84 1,04
0,57 0,7.i
0,41 0,31
0,74 0,87
0,7410,87
0,9
2,6
1,23
2,95
4,08
0,73
0,83
0,79
0,41
0,55
0,68
0,29
0,84
0,57
0,46
0,87
0,87
Es ist mir noch nicht geglückt, den Stirr von einem an-
deren Orte in Schweden zu erhalten, als aus dem Norrkö-
pingsstrome , unterhalb des Falls ; dort aber kommt er das
Jahr hindurch sehr reichlich vor. Für die erste Kenntnifs von
ihm habe ich dem Hrn. Assessor Arosenius zu danken, wel-
17
eher bei mehreren Gelegenheiten die Güte gehabt hat, mir
liöchst interessante Fisclie aus jenem Wasser zu verschaffen,
unter denen ich schon im Jahre 1834 mehrere Exemplare
vom Stirr erhielt. Da ich das Jahr darnach, auf einer Reise
nach den westlichen Scheeren, mich eine Zeitlang in Norrkö-
ping aufhielt, bekam ich Gelegenheit, denselben täglich leben-
dig zu sehen und zu studiren.
Er hält sich in seichtem Wasser auf, dessen Strömung
stark und dessen Grund steiuig ist, scheint sehr lebhaft und
gierig und wird leicht geangelt. Man sieht auch beständig
Personen sich hiermit beschäftigen. Da, wo er haust, sieht
man auch eine Menge Forellen von verschiedenem Alter. Da
ich selbst nicht Gelegenheit 4iatte, Norrköping im Herbste zu
besuchen, in welchem die Laichzeit des Stirr, wie man ver-
muthete, eintritt, bewog ich den Stadtarzt Dr. Haussen, das
Beginnen während der Zeit aufmerksam zu verfolgen. Ich er-
hielt auch in der Mitte des Octobers eine Menge Exemplare
von verschiedener Gröfse, die Dr. Haussen genau untersucht
und unter denen sämmtlich er nur 3 Exemplare mit ausgebil-
deten Genitalien gefunden hatte; diese drei waren alle Männ-
chen; von den übrigen waren mehrere, die deutliche Zeichen
an sich trugen, dafs sie schon ausgelaicht hatten. Ein rogen-
tragendes Weibchen zu ertappen, war ihm niclit geglückt.
Diese Beobachtungen stimmen sonach mit den Angaben
d^r englischen Naturforscher überein, und müssen noch mehr
die Neugierde erwecken, das reife Weibchen des Stirr, wenn
es ein solches giebt, kennen zu lernen oder, vorausgesetzt dafs
der Stirr nur das Junge einer andern Art ist, die Ursache der
Anomalie genauer auszumitteln, welcher zufolge das Männchen
in einem so zeitigen Alter zeugungsfähig wäre und das Weib-
chen nicht. Da Vermuthungen und Hypothesen im vorliegen-
den Falle nichts erläutern können, so enthalte ich mich al-
ler dergleichen, und will blos, um die Aufmerksamkeit an
den Gegenstand zu fesseln, die Behauptung des Herrn Shaw
berühren: „dafs der Stirr nur das Junge des grofsen Lachses
{S. Salai') sei." Die directen Versuche, auf welche sie sich
stützt, sind kurz folgende:
Den 11. Julius 1833 wurden 7 Stirre gefangen und in
einen kleinen Teich gesetzt, welcher Zugang zu frischem, rin-
V. Julirg. 1. Band, 2
18
nendem Wasser hatte. Sie gediehen in demselben sehr gut,
und im April 1834 hatten sie ihr Ansehen bedeutend verän-
dert und waren der Lachsbrut, so wie diese beschaffen ist,
wenn sie die Flüsse verläfst und in's Meer geht, völlig ähn-
lich. Ihre Gröfse betrug damals 6 Zoll,
Im März 1835 verschaffte Hr. Shaw sich 12 Stirre von
6 Zoll Länge, setzte sie auf dieselbe Weise in einen Teich
und fand, dafs sie am Schlüsse des folgenden Aprils sich in
die Tracht der Lachsbrut kleideten.
Den 10. Mai 1834 wurden einige Dutzend der Lachsjun-
gen gefangen, welche in demselben Jahre waren ausgebrütet
worden; sie waren ungefähr 1 Zoll lang und wurden auf 2
Teiche vertheilt. Im Jahre 1835, wo er sie also ein ganzes
Jahr lang gehabt hatte, wurden einige von ihnen herausge-
fischt und damals 3| Zoll lang, ferner dem Stirr in diesem
Alter völlig gleich befunden. In der zweiten Woche des Mai's
1836 wurden sie wieder genau untersucht und ihr Aussehen
verändert und dem der auswandernden Lachsbrut gleich befun-
den. Länge 6^ Zoll.
Den 13. Jan. 1836 wurden eine Menge Lachseier, drei
Tage nach deren Ausleerung vom Weibchen, eingesammelt
und an eine pafsliche Stelle gebracht, auf der er sie bisweilen
beobachten konnte. Am folgenden 8. April waren sie ausge-
brütet; aber die Jungen stiegen aus dem Sande erst am 30.
Mai auf, waren damals kaum 1 Zoll lang und in allen Thei-
len denen gleich, mit welchen früher Versuche angestellt wor-
den waren.
Die Resultate hiervon würden sein, dafs der Lachs 90
Tage zu seiner Entwickelung im Ei bis zum Ausschlüpfen nö-
thig habe, darauf 50 Tage zwischen dem Crundsande verweile,
ehe er ins Wasser hinaufsteige, dann, als Stirr, 2 Jahre lang
an derselben Stelle bleibe, an welcher er ausgebrütet worden
sei; endlich im ersten Jahre nur eine Länge von 3 Zoll und
im zweiten von 6 — 6\ Zoll erreiche. Im April wechselt
dann der Stirr sein Kleid, wird das, was man Lachsbrut nennt,
und in der zweiten Woche des Mai's verläfst er in Gesell-
schaft die Flüsse und seine Geburtsstelle, und begiebt sich
in's Meer.
Es ist klar, dafs, insofern diese Beobachtungen richtig
19
sind, auf das Evidenteste bewiesen ist, dafs der Stirr keine
eigene Art ausmacht, sondern bestimmt das Junge des Salar
sein mufs. Doch setzt dies allzu grofse Metamorfihosen vor-
aus und widerstreitet der Analogie so sehr, dafs man die Be-
stätigung jener Beobachtung abwarten mufs, bevor man den
behaupteten Satz als wahr annehmen kann. Denn es ist ge-
wifs, dafs mit seiner Bewalirheitung alle bisher angenommenen
Charaktere zur Unterscheidung der Lachsarten verschwinden,
von denen man dann Individuen jedes Alters haben miifste,
um unter ihnen durch- Vergleichung entscheiden zu können.
Die Sache ist indessen von Wichtigkeit, so dafs es wün-
schenswerth sein mufs, sie auszumitteln, und dafs Personen,
welche sich eine längere Zeit hindurch bei einem Gewässer
aufhalten, in welchem der Lachs oder der Stirr vorkommt, In-
teresse an der Anstellung von Untersuchungen in dieser Sache
fänden. Sind Shaw 's Untersuchungen gegründet, so folgt
aus ihnen, dafs der Stirr nur in solchen Flüssen und Seen
anzutreffen ist, in welchen der Lachs aufsteigt, und sich an
allen den Stellen fmden mufs, an denen der Lachs laicht; —
dafs es keine andere Lachsbrut giebt, endlich dafs man nie-
mals von und mit dem Junius bis in den October (wenigstens)
einen Stirr von mehr als 6 Zoll Länge findet. Durch diese
ControUen kann die Wahrscheinlichkeit genauer geprüft und
die Wahrheit an's Licht gebracht werden.
P tcrycoTnhus.
Eine neue Fischgattung aus dem Eismeere.
In einer Sammlung mannichfacher Naturerzeugnisse, welche
der Hr. Seecapitän Bis mark i. J. 1834 aus der Stadt Ham-
merfest in Norwegen mitgebracht und dem Reichsmuseum (in
Stockholm) zu verehren die Güte hatte, fand ich einen sehr
merkwürdigen Fisch, von einer Gattungsform, die meines Wis-
sens früher nicht bemerkt worden ist und ganz unerwartet an
Skandinaviens Küsten angetroffen wurde. Unglücklicherweise
war das Exemplar nicht zum besten erhalten; der Fisch war
2*
20
nilmlicli mit dem Floische goflörrt, die Augen und alle Einge-
weide weggenommen, die Flossen an mehreren Stellen ver-
stümmelt u. s. w. Dessenungeachtet dürften einige ATifzeich-
nungcn über denselben, so weit das verstümmelte Exemplar
es zuläfst, nicht ganz gleichgültig sein.
Hr. Bismark konnte keine weiteren Erläuterungen über
den in Rede stehenden Fisch geben, als dafs er ihn von Je-
mand in Hammerfest ganz in demselben Zustande, in welchem
er ihn dem Museum überlieferte, bekommen hätte, — dafs
derselbe nach des Gebers Aussage in der Nähe der Stadt ge-
fangen wäre, man aber vorher nie seines Gleichen gesehen
öder gefangen hätte. Ich habe seitdem mehreren Kaufleuten
von Hammerfest, welche Stockholm und das Museum besuch-
ten, das Exemplar gezeigt, aber Keiner von ihnen kannte
einen solchen Fisch oder erinnerte sich ihn gesehen zu haben.
Es ergiebt sich hieraus wenigstens als wahrscheinlich, dafs der
Fiscli nur als höchst zufällig an der norwegischen Küste
vorkommend und sonach als von einer sehr seltenen Art zu
betrachten sei. Vor einigen Monaten erhielt ich von Herrn
Löwen, welcher sich gegenwärtig im nördlichen Theile von
Norwegen aufhält, die Nachricht, dafs man in Altenfjord ein
anderes Exemplar desselben Fisches gefangen habe, welches
von einem reisenden Naturalienhändler gekauft und nach
Frankreich geschickt worden sei. Fortgesetzte Nachforschun-
gen dürften es sonach aufser allen Zweifel setzen, dafs dieser
Fi^ch wirklich der skandinavischen Fauna angeliöre.
Die beigefügte Figur auf Taf. II. hat Hr. W. v. Wright
auf meinen Wunsch nach dem Exemplare des Museums in
dem Zustande, in welchem es mir zu Händen kam, gezeichnet.
Die Zeichnung ist mit vollkommener Genauigkeit bis in die
geringsten Einzelnheiten ausgeführt worden. Diejenigen Tlieile,
die im Originale schadhaft befunden wurden, sind in der Figur
treu in ihrem verstümmelten Zustande wiedergegeben worden,
um durch keinen, möglicher Weise unrichtigen, Zusatz Anlei-
tung zum Irrthume zu geben. Die Figur zeigt die halbe Gröfse.
Als generische Benennung schlage ich den Namen Pfe-
rycomhus (von rj titsqv^ pinna, und 6 xofißog marsupium)
vor, welcher einen der vorstechendsten Charaktere des Fisches
bezeichnet. Die Art nenne ich
' .21
'Plej-y{go)comlus*) Brama. ;^
Beschreibung. Die ganze Länge von der Spitze deS
Oberkiefers bis zur Spitze der mittlem Strahlen der Schwanz-
flosse beträgt 15.} schwed. Zoll. Die gröfste Höhe, zwischen
den äufseren Rändern der beiden Sclmppenreihen, welche die
lliicken- und die Afterflosse urnschlicfseu, 8 Zoll. Die gröfste
.lireite, zwischen den beiden Kieniendeckeln, beträgt 2\ Zoll.
(Der Körper selbst war zu sehr zu.'^aüiuiengotrocknet, um hier
zur Richtschnur zu dienen.) Die ganze Länge des Kopfes
4 Zoll; der Durchmesser der Augenöffnung i\\ Zoll, v^us
diesen Ausmessungen geht folgendes allgemeines Verhältnifs
hervor: Die Höhe des Fisches beträgt etwa die Hälfte der
Länge; die Breite ist in der Höhe etwa 3^- mal enthalten;
der Kopf macht ungefähr {- der ganzen Körperlänge, wie die
Augenöffung \ aus. Wer es wünscht, kann an der Figur
leicht die übrigen Verhältnisse abmessen, die zu kennen wich-
tig sein möchte.
Der Körper ist sehr zusammengedrückt, brachsenähnlich,
mehr zugespitzt nach dem Schwanz, als nach dem Kopfe zu,
so dafs die gröfste Höhe etwas hinter die Brustflossen fällt.
Von diesem Punct an senkt sich der Rückenrand mit einer
ebenen, fast unbedeutenden, Convexität gegen die Schnauzen-
spitze herab und bildet mit dein Rande des Oberkiefers einen
rechten Winkel, und mit dem untern Rande des Unterkiefers
einen etwas stumpfen, wenn nämlich der Mund geschlossen
ist. Die Augenhöhle, welche bedeutend grofs und fast rund
ist, liegt so, dafs ihr Mittelpunct etwas über der longitudinel-
len Mittellinie und etwas vor der senkrechten des Kopfes steht,
so dafs der Abstand vom vordem Augenrande zur Schnauzen-
spitze gerade die Hälfte des Abstandes zwischen dem hintern
und dem Rande des Operculums beträgt. Der Mund ist
ziemlich grofs, öffnet sich schräg nach oben, so dals eine
durch das Gelenk des Unterkiefers parallel mit der Frontal-
linie gezogene Linie etwas hinter die Augenhöhle fällt. Der
Unterkiefer ist, wenn der Mund geschlossen wird, eben so
lang wie der Oberkiefer, obgleich das Kinn in Folge der Stel-
♦) Da dieser Name nicht ganz richtig gebildet ist, schlägt der
Hr. üebersetzer die Abänderung Pterygocombtis vor. ^
22
,lun^ des Kiefers etwas vor der Solmauzenspitze liegt. Beide
Kiefer haben kleine, feine, spitzige und einwärts gerichtete
Zähne, welche theils in regelmäisige, theils in unbestimmte
Reihen gestellt sind; im Unterkiefer sitzen sie eigentlich in 2
Reihen, einet" äufsern, welche an der halben Länge des Kie-
fers aufhört, und einer innern, nach der ganzen Länge des
Kiisfers laufenden. Zwischen diesen Reihen befinden sich nach
vorn mehrere eben so gebildete Zähne, ohne Ordnung; im
Oberkiefer, welcher aus einem schmalen und gleich breiten,
den Rand des Kiefers ausmachenden Intermaxillarbeine und
einem nach hinten liegenden, am untern Ende breitesten, quer
abgestutzten und aufwärts verschmälerten Maxillarbeine be-
steht, sitzen die Zähne auch in einer innern und äufsern Reihe,
mit mehreren zwischenliegenden nach vorn; aber beide Reihen
coiivergiren am Mundwinkel und stofsen endlich so zusammen,
dafs sie nur eine einzige bilden. Zähne fehlen sowohl auf
dem Gaumen- als dem Pfiugscharbeine, und vermuthlich auch
auf der Zunge (ein Theil dieses Organs war weggeschnitten).
Die Stirn ist convex mit einer Vertiefung längs der Mittel-
linie. Die beiden Nasenlöcher klein, oval, haben jedes nur
eine einzige Oeffnung und sitzen fast mitten zwischen der
Spitze des Oberkiefers und dem vordem Augenrande, weit
von einander getrennt. Die Kiemendeckel sind ohne Beweh-
rung; der hintere Rand des Operculums ist an dem getrock-
neten Exemplar etwas gewellt, mit dem einen vor dem andern
vorspringenden Lappen. Die Kiemenöflfnung ist vollständig,
nach unten von vorn vor dem Sternura an gespalten. Die
Kiemenhaut hat deutlich 7 Strahlen. Der ganze Kopf ist mit
Schuppen bedeckt, mit Ausnahme der Stirn, der Gegend vor
den Augen, des Intermaxillarknochens, des untern Randes des
Praeoperculums und des Unterkiefers, welche Theile blofs sind;
diese Schuppen sind dünn, kleiner in der Gegend unter dem
Auge, gröfser auf dem Kiemendeckel.
Was besonders diesen Fisch sehr charakterisirt, ist theils
die eigenthümliche Gestalt der Schuppen, theils die Rinne, in
welcher die Rücken- und die Afterflosse liegen.
Der Körper ist nämlich mit grofsen, über einander liegen-
den, sehr dünnen und breiten Schuppen bekleidet, welche re-
gelmäfsige, längs laufende Reihen bilden. Jede Schuppe ist
23
fast vierseitig, am innerii oder Basalraiule gerade, etwas
dicker und in der Mitte mit einem kleinen, hervorragenden
Knötchen versehen, welcher sich allmälig weiter zurück nach
dem Schwänze zu einem kurzen und harten Stachel erhebt;
am äufsern oder freien Rande in 4 Lappen getheilt, von de-
nen die 2 mittleren am gröfsten und bei den zu hinterst lie-
genden Schuppen durch eine kleine Kerbe getrennt sind, welche
den Basalstachel der unterliegenden Schuppe aufnimmt; die
äufseren Lappen werden zum Theile von den zu beiden Sei-
ten liegenden Schuppenreihen bedeckt. Die Seitenlinie, welche
sich durch ihre Schuppenform von den anderen Schuppenrei-
hen nicht unterscheidet, hat 49 Schuppen, deren 19 vordere
keine Stacheln haben, mit denen die 30 folgenden versehen
sind. Oberhalb dieser Seitenlinie befinden sich 4 gröfsere
Schuppeureihen aufser 4 — 5 kleineren, zu oberst liegenden,
unterhalb derselben aber 9, wenn man bis au den After zählt;
nur in den 4, der Seitenlinie zunächst liegenden Reihen, so-
wohl ober- als unterhalb, haben die hinteren Schuppen die-
selbe Bewehrung, als die auf der Seitenlinie. Am hervorste-
chendsten sind die beiden Schuppenreihen, welche von beiden
Seiten sich theils längs des Rückenrandes erheben, theils vom
untern Bauch- und Schwanzrande in Form besonderer Wände
herabsteigen, die die Wurzel der Rücken- wie der Afterflosse
zwischen sich fassen und gleichsam tiefe Rinnen bilden, in
welchen diese beiden Flossen sich frei erheben und niederle-
gen, ja vermuthlich ganz und gar verbergen können. Die
Deckschuppen dieser Flossen (Flossendecke r), in der Fi-
gur mit a bezeichnet, fangen ganz niedrig an, da, wo die
Flosse anfängt, werden allmälig höher bis zur zwanzigsten
Schuppe, welche und die 10 folgenden die höchsten sind, neh-
men danach wieder ab und endigen sich mit der Flosse. Im
Anfang ist die Spalte zwischen den Flossendeckern sehr eng,
und jede ihrer Schuppen mit dem obern Rande einwärts und
über die zunächst anliegende hinweg gebogen; aber allmählig
ebnen sich diese Einbiegungen, der Rand wird einfach und
dünn, und die Rinne in demselben Maafse weiter.
Die Rückenflosse fängt etwas vor der Ansatzstelle der
Brustflossen an und geht bis ganz nahe an die Schwanzflosse»
alle Strahlen, an der Zahl bis ungefähr 46, sind einfach und
24
ungetheilt; ihre verhältnifsmäfsige und absolute Lange kann an
dein verstümmelten Exemplare nicht sicher bestimmt werden;
Vermuthlich endigen sie sich in sehr feine Spitzen, die durch
eine äufserst feine Flossenhaut mit einander verbnnden sind.
Die Flosse scheint nach vorn am niedrigf ten und in der Mitte
am höchsten gewesen zu sein, und einen gleiclunäfsig abge-
rundeten Rand gehabt zu haben. Die Afterflosse hat ganz die-
selbe Form und Construction wie die Rückenflosse; sie fängt
gleich hinter der unter der Wurzel der Brustflossen sitzenden
Afteröfi'nung an, läuft beinahe bis zur Schwanzflosse und en-
digt sich dem Rande der Rückenflosse gerade gegenüber; sie
besteht aus 40 Strahlen, die alle einfach und ungetheilt sind.
Die Brustflosse (hier an der Spitze abgebrochen) ist zusam-
mengefallen schmal und gleich breit, vermuthlich mit geschärf-
ter Spitze; sie hat eine Richtung schräg nach oben und etwa
die Länge des Kopfes; ihre Wurzel ist auf der einen Seite
mit Schuppen bekleidet; die Strahlen, an der Zahl 19 — 20,
alle an der Spitze getheilt, aufer dem ersten, welcher ein kur-
zer Stachelstrahl mit breiter AVurzel ist. Die Bauchflossen
sitzen unter oder gleich vor den Brustflossen; sie waren an
dem Exemplare allzu selu' verstümmelt, um sie riclitig be-
schreiben zu können. Die linke Flosse war an der Wurzel
abgebrochen; daher sieht man in der Figur nur die 2 spitzigen
Schuppen, welche an der Seite der Flossenfalte sitzen. Von
der rechten Flosse erscheinen einige Ueberbleibsel, welche an-
zudeuten scheinen, dafs die Bauchflossen klein seien und we-
nigstens 6 Strahlen haben. Die Schwanzflosse ist tief gespal-
ten, die obere Ecke läuft in eine Spitze aus, die untere (ab-
gebrochen) schien in ihrem natürlichen Zustande etwas länger
gewesen zu sein. Diese ganze Flosse ist mit dünnen Schup-
pen dicht bedeckt, welche paralLe Reihen bilden, ganz so, wie
Jjei der Gattung Brama.
Da die Bauchhöhle geöff'net und alle Eingeweide wegge-
nommeu worden waren, so ist das Einzige, was ich dabei be-
Muerken kann, dafs die Höhle bis weit hinter die Afteröfi'-
nung geht.
Es ist jetzt nur noch übrig, diesem merkwürdigen Fisch
einen Platz im System anzuweisen. Ich gestehe, dafs mir dies
schwer wird, und sollte es Anderen nicht mehr damit glücken,
25
so hilft diese Gattung die Zahl der vielen, schon vorhandenen, *
abirrenden Formen vermehren, welclie bis auf >veiter hier
und da eingeschoben werden , aber nirgends in das jetzt all-
gemein angenommene Cu vi er 'sehe System so recht hinein-
passen.
So weit es möglich ist, aus blofsen, nach wenigen und
fragmentarischen Exemplaren entworfenen Beschreibungen auf
die Verwandtschaft der Gattungen zu schliefsen, scheint mir
dem Ptery(^go)combus keine von allen, die wir kennen, näher
zu stehen als die Gattung Pteraclis Gronov. Es ist bekannt,
dafs Gronovius diese nach einem sonderbaren Fische auf-
stellte, welcher sich im ausgetrockneten und beschädigten Zu-
stande im Leydener Museum aufbewahrt fand und vorher von
Pallas in der 8ten Sammlung seiner Spicilegia zooJogica
unter dem Namen Coryphaena velifera beschrieben worden
war. Für diese Gattung fand Cuvier selbst keine bessere
Stelle als in der Familie der Scomberoiden, in deren 4ter
Abtheilung sie neben der Gattung yistrodennus, als abirrende
Form von den eigentlichen Coryphänen, aufgeführt wird. Im
9ten Bande der Hist. iiaf. des Foissoris liefern Cuvier und
Valenciennes wichtige Beiträge zu einer nähern Kenntnifs
der Gattung Flevaclis, und beschreiben ferner 3 kleine, sämmt-
lich jedoch mehr oder minder beschädigte, Individuen (2 aus
dem indischen Ocean und 1 von der Küste von Carolina), je-
des als Typus einer besondern Art. Vergleichen wir nun mit
diesen die hier in Rede stehende Gattung, so erlangen wir das
Resultat, dafs der Ptery(go)combus wohl als generisch ver-
schieden von Pteraclis zu betrachten ist, dafs aber beide sehr
viele Charaktere gemeinschaftlich und viele habituelle Aehn-
lichkeit haben. Man findet nämlich bei beiden dieselbe Schup-
penform und dieselben Flossendecker; Mund- und Zahnbil-
dung gleich; Zahl der Kiemenhautstrahleu gleich; die Form
des Kopfes und Körpers, im Ganzen genommen, übereinstim-
mend; die Flossen, wenn auch an Gröfse und Ausdehnung
verscliiedeu, zeigen doch eine grofse Aehnlichkeit rücksicht-
lich der Lage, Form und Bildung.
Auf diese Umstände gestützt sollte man glauben, dafs jene
beiden Gattungen einmal neben einander zu stehen kommea
und vielleicht eine eigene kleine Familie bilden dürften.
26
0. Von Pteraclis unterscheidet man PteryQgo)cojnbus durch
folgende Charaktere:
Der Körper ist höher und von einer ovalen Form ; weder
auf dem Gaumen- noch auf dem Pflugscharbeine finden sich
Zähne; die Rückenflosse fängt hinter den Augen an, und die
Afterflosse gleich hinter der Wurzel der Brustflossen, unter
(oder gleich vor) denen die Bauchflossen ihre Stelle haben;
nebst mehreren Kennzeichen, zu welchen eine directe Verglei-
chung von Individuen der beiden Gattungen und die Untersu-
chung frischer Exemplare die Mittel hergeben können. Ich
wage noch nichts über die Verschiedenheit in der Länge der
Flossenstrahlen der Rücken- und der Afterflosse bei diesen
beiden Gattungen zu äufsern, welche sonst die am meisten in
die Augen fallende Ungleichheit unter beiden ist; denn es ist
gar nicht unmöglich, ja sogar wahrscheinlich, dafs man an fri-
schen Exemplaren vom Fteryigo^coinbus Braina die Flossen
von bedeutenderer Höhe finden werde, als sie an dem be-
schriebenen verstümmelten Exemplare haben. Etwas derglei-
chen scheinen wenigstens die vorhandenen Flossendecken an-
zudeuten.
Die Gattung Callionyitius L.
Von dieser Gattung stellte Linne in seinem Systema
naturae 2 Arten auf, die eine unter dem Namen C. Lyra, die
andere unter dem Namen C Dracunculus. Beide sind sehr
deutliche Arten, von denen die erstere dem nordischen Meere,
die andere dem Mittelmeere angehört. Weil aber Linne' s
Artencharaktere für beide Arten etwas kurz ausfielen und nur
von dem Längenverhältnisse der Strahlen der ersten Rücken-
flosse hergenommen wurden, welche in dieser Gattung blofs
einen Geschlechtsunterschied bezeichnet, so sind hieraus einige
Irrungen und Namensverwechselungen durch Linne's nächste
Nachfolger entstanden, und diese sind bis auf die gegenwär-
tige Zeit geblieben. Es ist eigentlich eine solche Irrung,
welche sich auch in unsere Fauna eingeschlichen hat, die ich
nun beabsichtige, näher zu beleuchten.
In der zweiten Ausgabe der Fauna suecica wurde von
Linne nur Callionymus Lyra als schwedische Art aufge-
führt, und aus seiner kurzen Beschreibung ist leicht zn erse-
27
hen, dafs er die beiden Geschlechter dieser Art nicht kannte,
sondern nur das ältere Männchen. Da seitdem das Weibchen
entdeckt worden ist, welches sich sowohl in Form als in
Farbe bedeutend vom Männchen unterscheidet, nahm man die-
ses als eine verschiedene Art an, und da Linne's Artcharak-
ter für C. Bracunculus auch auf jenes pafste, so erhielt er
diesen Namen. Auf diese Weise kam der Name Bracuncu-
lus sowohl in unsere als in die nordeuropäische Fauna, und
ist dort seitdem zur Bezeichnung des weiblichen C. Lyra bei-
behalten worden. Nachdem man angefangen hatte, die innern
Theile genauer zu untersuchen und stets nur Männchen von
C. Lyra und nur Weibchen von C. Dracunculus gefunden
ferner, nachdem Pallas in Folge der Analogie bei einer an-
dern Art Callionymus die Aufmerksamkeit auf die Möglich-
keit einer Geschlechtsverwandtschaft zwischen beiden gerichtet
hatte, äufserten einige Schriftsteller die Vcrmuthung, dafs sie
nur verschiedene Geschlechter einer und derselben Art wären;
dessenungeachtet blieben sie als 2 Arten aufgenommen, jede
unter ihrem Namen, bis auf Cuvier, wie von diesem selbst.
Die ältere Ansicht, dafs beide verschiedene Arten seien, hat
sich in den letzteren Jahren wieder geltend zu machen ange-
fangen, und wir finden sie sogar als zuverlässig von Englands
neuesten Faunisten vertheidigt, welche sich theils auf den be-
deutenden Formunterschied zwischen beiden, theils auf eine
Beobachtung des Hrn. Johns ton ^), welcher nämlich männ-
liche Organe bei einem Dracunculus gefunden hatte, stütz-
ten. Auch in Schweden hat Dr. Schagerström ^) vor eini-
gen Jahren einen interessanten Fund gemacht, welcher von
ihm als ein Beweis für die Richtigkeit der älteren Ansicht be-
trachtet wurde.
Beim gegenwärtigen Stande der Sache, da der eine Irr-
thum dem andern die Hand gereicht hat, sclieint es wichtig zu
sein, dafs bestimmt ausgemittelt werde, welche Ansicht die
richtige sei. Eine dreijährige Erfahrung, gewonnen durch
Vergleichung und Section einer Menge von Exemplaren, die
1) Zool Joiirn. Vol. III. p. 336.
2) Koiigl Vetensh Acad. Handl. för ar 1833 p. 126 Isis 1835
S. 385 ff. mit Fig.).
28
ich in ihrem lebenden Zustande Gelegenheit hatte zu bekom-
men, hat zum mindesten jnich bis zur vollsten Evidenz über-
zeugt, dafs die beiden Nominalarten nur die beiden
Geschlechter einer und derselben Art sind, und in-
dem ich jetzt die Gründe darlege, auf welclien diese Annahme
beruht, vermuthe ich, dafs kein fernerer Einwurf werde zu
machen sein.
Was nun zuerst die oben erwähnte Beobachtung John-
ston's betrifft, welche das am schwersten zu widerlegende
Argument darzubieten scheint, so ist diese gewifs ganz richtig
(wenigstens habe ich selbst vielmals Gelegenheit gehabt, sie
zu bewahrheiten), sobald man nämlich unter dem Dracuncu-
lus der Auetoren alle die Individuen versteht, auf welche der
Charakter „jjinnae dorsalh prioris radiis corpore (seit
trunco^ hrevioribus" pafst; dann aber beweist man bei wei-
tem nicht das, was man geglaubt und angegeben hat; denn bei
keinem Jüngern Männchen der Lyra sind die Strahlen der
ersten Rückenflosse verhältnifsmäfsig zum Körper so hoch, als
es bei dem ausgebildeten Männchen der Fall ist, sondern
die Höhe dieser Flosse steht in einem Verhältnisse
:^um Alter des Individuums. Von dem Grade an, dafs
die erste Rückenflosse bei selir jungen Männchen so niedrig
ist, dafs sie ganz unbedeutend die Höhe der zweiten Rücken-
flosse übersteigt, findet man sie stufenweise, je nach dem zu-
nehmenden Alter, immer höher und höher, bis sie endlich so
lang wird, dafs, wenn sie niedergelegt worden, die äufserste
Spitze des ersten Strahles bis zur halben Länge der Schwanz-
flosse' reicht, ja noch über diese hinweg. Demzufolge darf es
Niemanden unerwartet vorkommen, wenn Hr. Johns ton ein
Männchen unter den Individuen fand, w^elche eine längere
Rückenflosse haben, als der Lyra, dem Charakter nach, zu-
kommt; im Gegentheile scheint es unerklärlicher, dafs man
vorher nie seine Aufmerksamkeit auf die beständige Höhenver-
änderung gerichtet hat, welche dieselbe Rückenflosse während
der Entwickelung des Fisches zeigt, da insonderheit die Mehr-
zahl der Exemplare, welche man von den Männchen findet,
gerade dem mittlem Alter augehört, in welchem die Flosse
noch nicht ihre volle Ausbildung erlangt hat. Welchen Begriff
man im Allgemeinen sich von diesen Zwischenformen gemacht
29
hat, ist meines Wissens nirgends erklärt, und unmöglich dürf-
ten alle diese für Weibchen oder den ü/Y/ctmc-MZw* angesehen
worden sein, denn in solchem Falle würde man nicht die be-
merkte Form- und Farbenverscliiedcnheit zwischen den beiden
Nominalarten begränzt und beständig gefunden haben. Herr
Johnston hat also einen der überzeugendsten Beweise, dafs
Lyra und Drucuucuhis eine und dieselbe Art ausmachen, nicht
widerlegt, sondern geliefert.
Was dagegen das Argument des Ilrn. Sc hagerström
betrifift, so werde ich gleich unten anführen, dafs der Call'io-
nymiis, welchen er entdeckt und als das Männchen von Dia-
cunculus L. beschrieben hat, keineswegs zu dieser Art gehört,
auch gar kein Dracunculus nach dem Begriffe späterer nordi-
scher Ichthyologen ist, sondern einer ganz andern, sehr di-
stincten Art angehört, welche früher an unseren Küsten nicht
gefunden worden ist.
Es ist nun zu untersuchen, ob der Form- und Farben-
unterschied, welchen man zwischen Lyra und Dracunculus be-
merkt, so bestimmt und begränzt sei, dafs auf denselben eine
Art-Diagnostik gegründet werden könne. Stützt man sich
auf den völlig ausgebildeten Zustand beider, so wird die Ver-
gleichung zwischen ihnen in beiderlei Hinsicht liinreicliende,
ja weit gröfsere Verschiedenheiten an den Tag bringen, als
man in vielen anderen Gattungen zwischen den Arten findet;
aber das Ergebnifs wird ein ganz anderes, wenn man die ganze
Entwickelung dieses Fisches aufmerksaui verfolgt und die Ver-
gleichung auch auf solche Individuen überträgt, welche sich
in ihrer Entwickelungsperiode befinden. Man wird dann ge-
nöthigt, auf die Möglichkeit eine bestimmte Gränze zwischen
der Formverschiedenheit der älteren zu finden, so grofs sich
diese auch zeigt, nicht weiter zu hoffen. Der hauptsäclilichste
Formunterschied zwischen Lyra und Dracunculus läfst sich
reduciren auf a) des Männchens (d. i. der Lyra) höhere
Flossen im Allgemeinen, und b) desselben weiter
vorspringenden länglichem Kopf, welcher dadurch
länger, im Verhältnisse zur übrigen Körperlänge, wird, und
eine gröfsere Mundöffnung, wie eine weitere Entfernung des
Auges vom Schnauzenrande erhält, — wogegen beim Weib-
chen (d. i. dem Dracunculus) der Kopf kurz, dreieckig und
30
niedergedrückt, der Mund kleiner und die Entfernung zwi-
schen Auge und Sclmauzenspitze kürzer ist. Was nun die
Flossenhöhe betrifft, so habe ich schon oben die Veränderung
angezeigt, welche die erste Rückenflosse während des Wachs-
thumes des Männchens erleidet, wie sie mit dem Alter zu-
nimmt an relativer Höhe, von deren Minimum, (in welchem
sie unbedeutend höher ist als die zweite Rückenflosse) bis zu
ihrem Maximum (in welchem die niedergelegte Flossenspitze
bis an oder über die halbe Länge der Schwanzflosse reicht).
Zwischen diesen beiden Extremen finden sich alle Abstufun-
gen, und mit Ausnahme individueller Abweichungen findet man
gewöhnlich die Höhe dieser Flosse im geraden Verhältnisse
mit des Körpers Länge zunehmend. So verhält es sich auch
mit der zweiten Rücken- und der Afterflosse. Diese beiden
sind beim alten Männchen nach hinten so hoch, dafs, wenn sie
niedergelegt werden, ihre Spitzen über die Wurzel der Schwanz-
flosse hinweg reichen; beim Weibchen dagegen ist ein weiter
Raum zwischen den Flossenspitzen und der Schwanzflossen-
wurzeL Je jüngere Männchen man untersucht, je mehr findet
man sie in dieser Hinsicht den Weibchen ^gleichend; je älter
oder gröfser jenes aber wird, desto mehr nähert es sich im
Verhalten der Flossen den alten Individuen seines Geschlechts.
Ganz dieselbe Regel gilt in Rücksicht des Längenverhältnisses
zwischen dem Kopfe und dem übrigen Körper. Bei allen jün-
geren Männchen stimmt der Kopf mit allen seinen Dimensio-
nen völlig mit dem der Weibchen überein (NB. bei gleicher
Totallänge der verglichenen Exemplare), und diese Ueberein-
stimmung findet so lange Statt, bis die Männchen eine Länge
von etwa 7 Zoll erreichen; von da an aber nehmen Kopf und
Flossen schnell an Länge zu, und die Form entfernt sich von
der des Weibchens mehr und mehr. Eben so geht es bei dem
erwähnten Farbenunterschiede. Die hohen und hellen
Farben, welche das ausgebildete Männchen der Lyra schmük-
ken, und durch welche sich dieses so bedeutend vom Weib-
chen unterscheidet, sind nur als Attribute seines gereiften Al-
ters zu betrachten und gehören ihm früher nicht an. Man
stöfst zwar, was die Farben betrifft, hier, wie überall bei den
Fischen, auf gröfsere individuelle Variationen, als bei ihren
Formen, so dafs nicht alle Männchen von derselben Gröfse
31
sich in der Intensität und Verthoilung der Farben gleich sind;
aber es wird keinem aufmerksamen Forsclier die Bemerkung
entgehen, dafs diese, überhaupt genommen, in dem Maafse ent-
wickelt werden und zunehmen, als das Männchen sich seiner
Reife nähert, und dafs diese Veränderung Scliritt vor Schritt
die übrigen, oben erwähnten Entwicklungsgrade der Kopf- und
Flossenform begleitet. Das junge Männchen ist, mit Aus-
nahme der Farbe der ersten Rückenflosse, fast ganz so ge-
zeichnet und gefärbt, wie das Weibchen, und kann in der
Farbe unmöglich von diesem unterschieden werden ^).
Am Schlüsse des Novembers und während der ersten
Hälfte des Decembers werden fast in jedem Zuge der Wathe
in der Gegend der bohuslänischen Scheerengriippe, an wel-
cher ich mich eine längere Zeit hindurch aufgehalten habe,
einige Callionymi oder, wie die Fische sie nennen, Seeköche
(Sjökockar) mitgefangen. Die meisten sind junge Männchen,
oder solche, welche beim ganzen Habitus des Weibchens eine
gröfsere Höhe der Rückenflossenstrahlen besitzen, als sie bei
diesem Statt hat, aber doch eine bedeutend geringere, als bei
dem alten Männchen. Die Section derselben zeigt, dafs sie
Männchen sind, wogegen- sich um so weniger ein Zweifel
erheben kann, als die Genitalien bei dieser Gattung bereits in
einer unreifen Periode vorzüglich ausgezeichnet sind und die
des Männchens eine merkwürdige Aehnlichkeit mit den Hoden
der Vögel haben. Bei keinem solchen jungen Männchen (so
viele von ihnen auch untersucht worden sind) hat die Beschaf-
fenheit der Genitalien es wahrscheinlich gemacht, dafs es zur
Fortpflanzung seiner Art reif wäre; im Gegentheile waren die
Hoden bei allen klein, hart und drüsenförmig, desto kleiner,
je jünger das Individuum war. Dafs übrigens die Laichzeit
dieser Art in die erwähnten Monate falle, wird dadurch be-
wiesen, dafs man gerade in dieser Jahreszeit bei allen älteren
Männchen grofse, angeschwollene und mit Milch gefüllte Ho-
den, ferner bei den Weibchen volle Rogensäcke findet.
3) Um diese stufenweise erfolgenden Veränderungen der Männ-
chen anschaulicher darzulegen, habe ich eine ganze Reihe solcher
jüngeren Männchen für das zoologische Reichsmuseum ver\^'ahrt, mit
denen künftig Gelegenheit ist, Vergleichungen anzustellen.
32
Aufser dem jetzt Angeführten scheint es mir aufser allen
Zweifel gesetzt zu sein, dafs die beiden in inisere und die
nordeuropäische Fauna aufgenommenen vermutheten Arten der
Gattung CuUionymus in der That nur eine einzige ausmachen,
welche künftig den Artnamen Lyra führen wird, ferner dafs
die Benennung Dracunculus aus unserer Fauna ganz verschwin^
den mufs. Als Ersatz hierfür nehmen wir eine sein- distincte
Art auf, welche an der schwedisclien Küste vorkommt, ob-
gleich, wie es scheint, sehr selten. Diese wurde zuerst von
Schagerström bei Landskrona gefunden und in den Ver-
liandlungen der köiiigl. Academie der Wissenschaften für das
J. 1833 unter dem Namen C. Dracunculus in der Vermu-
thung beschrieben, dafs sie das lange vermifste Männchen des
gleichnamigen Weibchens wäre, Dafs sich die Sache nicht so
verhalte, folgt aus dem schon Dargelegten. Ich habe die
Schagerström' sehe Art nachher an der bohuslänischen Kü-
ste aufgefunden, wo am Ende des Novembers 1836 ein einzi-
ges männliches Exemplar mit der Wathe aufgezogen ward.
Wenn ich die kleineren Abweichungen, welche ein früheres
Alter bei dieser Gattung herbeiführt, abziehe, so sehe ich mein
Exemplar mit dem Schagerström'schen übereinstimmen.
Defswegen halte ich mich berechtigt, die Art-Identität beider
anzunehmen. Aller W'ahrscheinlichkeit nach ist es dieselbe
Art, welche Bon aparte, nach Rafinesque, CalUonymus
maculalus genannt uud in der Iconographia della Fauna
italica beschrieben hat; wenigstens stimmt seine genaue Be-
schreibung in allen Theilen mit dem Exemplare, welches ich
besitze, überein. Bis demnach etwa eine künftige direkte V^er-
gleichung von Exemplaren möglicher Weise eine specifische
Verschiedenheit derselben unter einander beweisen mag, wer-
den sie als identiscli angesehen und führe auch die nordische
Art den Namen C. niaculatus.
In einer so natürlichen Gattung, als der des Callionymus,
in welcher man ohnedies den Geschlechtsunterschied so bedeu-
tend und die Verhältnisse zwischen den Theilen so veränder-
lich während der Entwickelung findet, wird die Art-Diagnostik
immer schwierig zu stellen sein. Um über das Verhalten un-
serer zwei nordischen Arten zu urtheilen, hat man kein ande-
res Mittel, als sich au die vergängliche Farbe zu halten, sofern
33
die Djfferentia specißca beide Geschlechter und jüngere Al-
ter befassen soll. Die skandinavischen Arten können auf die
folgende Weise diagnosticirt werden:
1. Callionymus Lyra Linn.
Pinna dorsalis posterior fasciis, corpori parallelis, oriiata.
Mas. Pinna dorsalis anterior posteriore altior, flavescens,
figuris caerulescentibus picta.
Mas. adultus, Radio pinnae dorsalis anterioris primo lon-
gissimo, longitudine saltem trunci.
Mas. junior, Radio primo ejusdem pinnae trunco breviore.
Femina: Pinna dorsalis anterior posteriore humilior, mem-
brana e maxima parte nigra.
Synonym, Mas. Callion, Lyra L. Fn. suec. No. 304.
Syst. nat. L p. 433. Müller, Zool. dan. Tab.JXXVn. Retz.
Fn. suec. p. 313. No. 22. Nilsson, Synops. Ichth. scand. p.
92. Schagerström, Act. Acad. H. 1833. p. 127. Bloch,
Naturgesch. d. ausl. F. T. 161. Tom. IL p. 79. Pennant,
British Zool. Vol. IIL p. 164. Donov. Brit. Fishes, Tab. 9.
Flem. Brit. An. p. 248. Yarrell, Brit. Fishes, L p. 261.
Jen. Man. of Brit. An. p. 388.
Femina. Call. Dracunculus. MueU. Zool. dan. Tab. XX.
Fasel, p. 20. Retz. Fn. suec. p. 313. No. 23. CaU. Dracun-
culus. Bloch, \. c. Tab. 162. Nilss. Synops. p. 92. Penn.
Brit. Zool. m. p. 167. Donov. Brit. F. Tab. 84. Turt. Brit.
Fn. p. 89. Yarr. Br. F. L p. 266. Jen. INIanual. of Brit.
An. p.389.
Habitat passim ad oras occidentales Scandinaviae e freto
Oeresund, ubi rarius obvenit. Ad Bahusiam satis frequens
praesertim mens. Nov. et Decbri. A piscatoribus Bahusiae no-
mine Sjökock appellatur, ad Stroemstad etiam Flygßsk.
2) Callionymus maculatus Rafin.
Pinna dorsalis posterior maculis ocellatis, in pluribus se-
liebus positis.
Mas. Pinna dorsalis anterior posteriore altior, radio vero
primo longitudine trunci breviore.
Femina mihi adhuc invisa. Cf. Bonaparte 1. c.
Synonym. (Secundum cel. Bonap te) Call, maculatus
y, Jahrg. 1. Band. 3
34
Rafin., Caratt. p. 25 sp. 60 Tab. V. Fig. 1: — Ind. Itt. Sic.
sp. 36.
Callion. Lyra Risso, Ichthyol, de Nice, p. 113; — Hist.
nat. III. p. 262. Nardo, Observ. Adr. Icbth. (in Giorn.
Brugnat.)
Call. Dracunculus. Nardo, Prodrom. Adr. Ichth. sp. 46.
Call, maculatus. Bonap. Iconogr. d. Fn. Hai, Fase. 3.
Call. Dracunculus. Schagerstr. Acta acad. reg. Sc.
Holm. a. 1833 p. 133 (Mas.).
Habitat ad oras suecanas rarissime. Duo exemplaria,
quautum constat, hucusque obvia; unum in freto Oeresund
mense Julio a Dr. Schagerstroem, alterum ad Bahusiam
m. Novbri a me, capta.
Die Gattung Cliiius Cuv.
Diese Gattung, welche Cuvier zuerst, auf Kosten der
umfassenden L in ne 'sehen Gattung Blennius, aufstellte, ist
bisher von unserer Fauna nicht adoptirt worden. Hiervon
mufs die Ursache wohl darin gesucht werden, dafs die einzige
Art, welche bei uns diese Gattung repräseutirt haben möchte,
oder Ström' s Tanghrosme, Nr. 4, zu oberflächlich und un-
vollständig bekannt war, indem unsere ganze Kenntnifs von
derselben sich auf die kurzen Notizen beschränkte, welche
Ström über sie geliefert hat*). So viel ich weifs, ist die-
selbe Art nicht früher, als eben jetzt von mir, an der skandi-
navischen Küste wieder gefunden worden. Ein Jahrzehend
später, als Ström, beschrieb Fahr icius in seiner bekannten
Fauna groenlandica , eine nahverwandte Art, welche er für
identisch mit Ström's angeführter Tangbrosme und mit Lin-
ne's Blennius Lumpenvs hält, welchem zufolge die grönlän-
ländische Art diesen Namen bekam. Dafs Fabricius sich
über den Linne'schen Lumpenus geirrt hat, darauf haben
schon Ekström und ich ^) aufmerksam gemacht, und dafs
seine Vermuthung über die Identität der norwegischen und
grönländischen Arten übereilt war, hat schon Herr Rein-
4) ßeskr. over Söndm'ör p. 3l5.
5) Skandinaviens Fiskar, Hafte IL, in der Synon. von Zoarces
viviparus.
35
hardt^) unzweideutig ausgesprochen, und eben das wird auch
hier unten vollaus bestätigt. Mohr, welcher im Jahre 1780
und 81 Island bereiste, traf auch bei dieser Insel eine Art
Clinus an, welche, nach seiner unvollständigen Beschreibung')
und aus der beigefügten Figur zu schliefsen, eine nahe ver-
wandte, aber schwerlich dieselbe Art ist als die Ström'sche,
noch weniger als die Fabricius'sche ^). Reinhardt hat
geäufsert, dafs ihm nicht weniger als 4 grönländische Arten
bekannt seien, deren Beschreibung wir entgegensehen. Clinus
wird sonach eine im Norden artenreiche Gattung, und wenn
ich meine Erfahrung zu der des Hrn. Reinhardt hinzufüge^
zugleich eine sehr natürliche, welche in jeder Rücksicht ver-
dient, als selstständig neben den übrigen generischen Sectio-
nen des vormaligen Li nne' sehen 5/enniM.y aufgestellt zu werden.
Beim Besuche der bohuslänischen Scheeren ist es mir ge-
glückt, zwei von einander sehr verschiedene Arten dieser Gat-
tung zu finden, welche nicht als sporadisch an dieser Küste
zu betrachten sind, sondern dort wirklich ihren beständigen
Aufenthalt haben, denn sie laichen daselbst, pflanzen sich fort
und werden zu bestimmten Jahreszeiten wieder angetroffen.
Die eine von ihnen, welche ich Clinus nebulosus nenne, ist
ohne Zweifel dieselbe, wie Ström 's oben erwähnte Tang-
hrosme. Ich schliefse dies theils daraus, dafs er alle Charak-
tere trägt, welche Ström angiebt, theils daraus, dafs die nor-
wegischen und die bohuslänischen Küsten die meisten Fische
gemeinschaftlich besitzen. Die andere Art, welche ich Cl. ma-
culatus benannt habe, finde ich dagegen nirgends angeführt
und betrachte sie als völlig unbekannt. Beide gehören derje-
nigen Abtheilung der Gattung, nach Cuvier, an, welche sich
durch eine gleichmäfsige und zusammenhängende
Rückenflosse auszeichnet. Ihre Beschreibung folgt hier:
1. Clinus maculatus.
Elongatus, subcompressus, fronte cultrata rostro promi-
nulo, subadunco; radiis pinnarum pectoralium inferioribus
6) Bemaerl-. til den skandinav. Ichthyol, p. 31.
7) Islands Naturhistorie p, 84 Tab. IV.
8) Ihre Verschiedenheit hat Hr. Kröyer nachgewiesen (s. Ar-
chiv 1837. 2. 236. ' W.
3*
36
elongatis, ceteris longioribus, apice liberis; cauda rotundato
truncata; radiis pinnae dorsalis 59 — 61 analisque 36.
D. 59 — 61; A. 36; P. 15. V. 6; C. 13; Branch. 6.
Descript. sec. vivos. Longitud. 6 — 7 poll. Sv. Cor-
pus elongatum, gracile, modice compressum dorso ventreque
rotundatis, lateribus secundum lineam lateralem parum impressis.
Altitudo maxima decimam s. undecimam partem longitudinis
corporis, latitudo vero f altitudinis aequat. Caput sat elon-
gatum, -g- longitud. corporis supra cultratura, temporibus tu-
midis, musculosis, antice attenuatum, rostro prominulo suba-
dunco. Oculi magni, quartam fere partem longitud. capitis
occupantes, in vertice sat approximati; distantia ab apice ros-
tri ad niarginem anteriorem orbitae aequante diametrum oculi
seu distantiam dimidiam inter margines posteriores orbitae et
operculi. Nares parvae parum conspicuae, aperturis discretis:
anterioribus quasi labulosis, medium inter oculos et apicem
rostri tenentibus. Os mediocre, sat oblique adscendens; ma-
xilla superior paullo longior, ex intermaxillaribus tenuibus,
linearibus maxillaribusque longioribus, subflexuosis pone me-
dium oculi desiuentibus formata, subadnata, nulla saltem pro-
tractione gaudens, labio latiore obtecta dentibusque instriicta
minutis, acutis, antice acerosis, ad latera in seriebus perparum
collocatis, quarum extima distinctiore validiore et antice ca-
nino utrinque ceteris maiore instructa; maxilla inferior brevior,
angustata, labio marginata, dentibus minoribus acutis; antice
acerosis utrinque caninis duobus, ad latera unam seriem for-
mantibus. Ossa palatina et pars anterior vomeris etiam den-
tibus acutis armata, lingua vero nuda, brevis, apice libera,
attenuata, rotundata. Palatum velo, postice profunde inciso
instructum. Aperturae braue hiales magnae, membrana
branchiostega subtus profunde incisa, isthmo adnata, radiisque
sex. Branchiae 4; inter arcum posteriorem et parietem nul-
lus meatus. Cutis totius trunci et laterum capitis squamis im-
bricatis, minutis apice rotundatis, muco tarnen in vivis occul-
tis, tecta. Linea lateralis recta, mediana, parum conspicua,
in sulco laterali sita. Anus iuxta medium longitud. corporis
(mensura ad basin pin. caudalis). Pinnae pectorales in statu
collapso oblique lanceolatae, longitudine fere capitis, dum ex-
tenduntur, insignes, apice rotundatae; inferius quasi digitatae,
37
e radiis 15, membrana tenui coniunctis, constitutae, qiioriiin
prirniis s. snpremus brevior, simplex; 8 s. 9 sequentes fere
ea<lem longitudine, apice divisi; 6 aut 5 denique inferiores,
ceteris longiores (undecimus longissimus) apicibus extra meni-
branani exeuntibus liberis, furcatis. Pinnae ventrales ante ra-
dicem pectoralium insertae, sibi vicinae, tenues, elongatae,
lineares, longitudine maxillae inferioris, e radiis 6 (?) tarn
arcte coalitis ut numeratu difficile, constructae. Pinna dor-
salis unica, continua, «upra pinnas ventrales incipiens, per
totam longitudinem dorsi usque ad pinnam caudalem, relicto
tarnen intervallo, extensa, niargine superiori leviter arcuato,
altitudine pinnae diametrum oculi aequante; numerus radiorum
sat constans variat solummodo inter 59 et 61; radii omnes
simplices, duri, apice nudo pungente; radii 2 — 3 priores Im-
inillimi, spiniformes, in mare membrana coniuncti, in femina
vero pseudo liberi; sequentes 10 gradatim accrescuut; medü
fere aequales, posteriores dein sensim decrescunt. Pinna ana-
lis longa, postice aeque extensa ac dorsalis eique quoad for-
mam sirailis, sed parum humilior, radiis 36 niuticis, mollibus,
extimo apice fisso, recurvo membranaeque adnato, suffulta.
Pinna caudae mediocris, altitudinem corporis aequans, apice
dilatata, truncato-rotundata, radiis 11 divisis simplicique uno
utrinque praeter nonnullos minores basales supra et infra.
Color corporis luridus, supra obscurior, subtus dilutior,
ventre albicante, maculis s. areolis lateralibus maiusculis, fla-
vescenti -brunneis fuscoque limbatis, irregularibus, abruptes et
sinuosos annulos ise invicem ex parte tangentes formantibus,
quarum saepe 5 s. 6 ad latera dorsi, distinctiores et obscu-
riores, fascias transversales dorsales simulant ; secundum lineam
lateralem series macularum minorum rotundarum, infraque ve,-
stigia nonnullarum dilutiorum reperiuntur. Caput corpori con-
color, lateribus flavicantibus, nucha rostroque obsoletius brun-
neo-maculatis. Iris albicans, supra annulo fusco, subtus pa-
rum rubescens. Pinna dorsi pallide flavicans, maculis radiorum
minulis rotundis, brunneis, series 9 ad 10 oblique deorsuni et
retrorsum decurrentes flexuosas formantibus, adeo ut unaquae-
que series de summitate radiorum incipiens, basin radii circiter
duodecirai subsequentis attingat. Analis et ventrales pallidae
immaculatae; pectorales vero caudalisque maculis radiorum
38
brunneis elongatis, fascias 4—5 transversales, magis minusve
distinctas, saepe ex parte evanesceutes formantibus.
Hepar pallide brunneum, oesophagum ventriculum et par-
tem anteriorem intestini involvens, apice in lobis duobus aut
aequalibus aut sinistro tantillum longiori, diviso fundumque
ventriculi attingente. Vesica fellea minuta, elongato - ovata,
longitudine sesquilin., inter lobos hepatis superne sita. Oeso-
phagus sat brevis, ventriculus parvus, sacciformis, pyloro la-
terali, adseendente, appendicibus 3 Wevioribus, crassiusculis,
conicis praedito. Intestinum sat longum et convolutura, te-
nue, atque aequale, ante pylorum reflectitur, pone fundum
ventriculi circum Volutionem brevem, contortam praebet, et
deinde flexura obsoletiore ad anum tendit. pesica natatoria
nulla; urinaria elongata, tenuis et pellucida. Testes duo, elon-
gati, teretes, tenues, inter se connati. Ovarium solitarium, in
5 gravida sat magnum, exacte cylindricum, fundum ventriculi
attingens ovisque sat maiusculis, magnitudine seminis papave-
ris, albis repletum.
Habitat ad taenias Bahusiae. Ad ostium sinus Gullmaren
plura individua, intrante hieme in sagenis capta per tres annos
subsequentes observavimus. Looa profunda fundumque möllern
argillosum amans ad litora vadosa frustra quaeratur. Solita-
riam ut videtur, vitam degit; gregatim enim nullibi reperitur
nee capitur. Parit sub mense Decembri. A piscatoribus Ba-
husiensibus Langebarn i. e. infans molvae appellatur ob simi-
litudinem quandam iuniorum Gadi Molvae, quamquam illum
ab his facile distinguant.
2. Cl. nebulosus.
Elongatus, fere linearis, teretiusculus, postice attenuatus,
compressus, fronte arcuata, fere perpeudiculariter declivi;
rostro obtuso, aequali; pinnis pectoralibus ovalibus, integris;
cauda obovata, apice acutiuscula, radiis pinnae dorsalis 69 — 71,
analisque 49.
D. 69 — 71; A. 49; P. 15; V. 6 (?) 0.
Syn. Tangbrosme Nro. 4. Ström Söndm. p. 315. Centronotus
Lumpenus Nilss. Syn. p. 104 (minima vero Blenn. Lumpenus L. nee
Fabricii).
Des er. sec. vivum. A praecedente tote coelo diversus,
longit. 8 poU. Sv. Altit. jV longitudinis. Corpus valde elonga-
39
tum, a capite parum augustiore ad auum fere aequale, subte-
res, post anum vero gradatim atteiiuatuni et corapressum, re-
ctilineare. Caput brevius, ^ longitud. corporis, subtus latius
subplanuni, ad latera corapressuui, nucha convexa, vertice fron-
teque subcarinatis; linea frontalis arcuata, antice perpendicula-
riter fere declivis; rostrum apice obtusum marginemque maxil-
lae superioris iion superans. Oculi magni, ^ longit. capitis,
approximati, niargine superiore bulbi supra verticem admodum
elevato; situs praeterea ut in specie antecedente. Na res
parvae sat inconspicuae, ocuiis multo propiores. Os parvum^
axi longitudinali corporis fere parallehim; niaxilla superior
paullo longior, obtusa, labio reflexo munita: ossa intermaxil-
laria niaxillaribus breviora et tenuiora, apophysibus nasalibus
quidem loiigis instructa, protractioni vero uiaxillae, ob brevita-
teni ligamentorum lateraliuni, parum suppeditantibus; maxilla-
ria recta, postice truncata, marginem pupillae anteriorem haud
attiugentia, unde rictus parvus; maxilla inferior debilis, su-
periore aliquantum brevior et angustior, apice acutiuscula sub-
tus tuberculo minuto mentali; dentes in utraque maxilla mi-
nutissimi, acerosi carminis instar, serie tarnen extima, praeser-
tim in maxilla inferiore, aliquantum distinctiore; caninis nul-
lis (an semper?); in antica parte vomeris et in palatinis (?)
series denticulorum. Lingua nuda, caruosa, apice brevi li-
bero, truncato-rotundato. Membrana branchiost. radiis 6,
supremo longiore et latiore, sequentibus gradatim diminuenti-
bus, infimo brevissimo. Squamae parvae in vi vis muco ob-
tegente inconspicuae, rotundatae, in medio aliquantum excava-
tae, margine extimo sese tegentes, quamvis cuti sat profunde
impressae. Linea lateralis rectissima, parum conspicua,
corpus aeque dimidians. Anus paullo pone anteriorem ^lon-
gitud. corporis situs. Pinnae pectorales in statu collapso
lauceolatae, capite parum breviores; explicatae vero ovatae,
margine integro rotundato; radiis 15, membrana tenui usque
ad apicem coujunctis: primo et ultimo brevioribus, simplici-
bus, ceteris apice divisis. Ventrales sub radicem pectora-
lium iusertae, omnino ut in Cl. maculato conformatae, licet
radiis melius distingueiidis. Dorsalis unica, continua, supra
pinnas ventrales incipiens, extenditur ad radicem caudalis, qua-
cum membrana humillima coniungitur; margine superiore an-
40
tice adscendente usque ad radium duodecimum , dein vero re-
ctilineari, radiis 71 (69 sec. Ström) duris, simplicibus et puu-
gentibus, apicibus tarnen in menibrana conditis. Analis ut in
Cl. maculato constructa, margine vero apicali fere aequali ra-
diisque 49, apicibus retrorsum arcuatis secundum marginem
membranae extimoque apice radio subsequenti connato. Cau-
dalis obovata, sat magna, longitudine fere capitis, apice acu-
tiuscula, radiisque 10 longioribus, divisis, praeter minores sim-
plices ad basin, 4 supra totidenique infra.
Color corporis supra pallide brunnescens in coerulescen-
tem vergens, maculis irregularibus brunneis, in pseudo-fascias
obliquas confluentibus punctisque sparsis fuscis notätis; subtus
dilutior, antice in violescente, postice vero in olivaceo-flavi-
cante resplendens, immaculatus. Series macularum elongata-
rum, circiter 9, brunnescentium secundum lineam lateralem
flavicantem. Caput corpori concolor, iramaculatum, operculo ex
viridi et flavescente micante. Iris lutescenti - argentea , annulo
sat lato, brunnescente, subtus interrupto. Pinna dorsi pallida,
in certo luminis situ pulchre coerulescens, fasciis circiter 12
flexuosis, pallide fuscescentibus, oblique retrorsum et deorsum
decurrentibus (omnino ut series macularum in praecedeute),
unde pinna quasi nebulis adumbrata. Pinnae pectorales, ra-
diis flavicantibus, analis et ventrales pallidae immaculatae: cau-
dalis vero maculis radiorum flavicantium pallide brunnescenti-
bus obsoletissime 6-fasciata.
Viscera abdominalia ut in praecedente, sed appendices
pyloricae tantum duae, aliquantum longiores (f") et distinctio-
res; Ovaria duo, in uno cylindro coalita, apice paulisper furcato.
Habitat rarius, ut videtur, cum praecedente. Unam foe-
minam tantummodo mihi adhuc indagare contigit, die 5 Janu-
arii in sagena captam. Ova sua nuperrime deposuerat.
lieber die Spermatozoeii.
Briefliche Mittheilungen vom Prof. Rud. Wagner.
(Hierzu Taf. II. Fig. 2 u. 3 u. « — /«..)
In Bezug auf meine Untersuchungen über Generation mufs
ich Ihnen doch Einiges schreiben, da auch in Ihrem Archive,
wie in dem von Müller, mehrere Controverspunkte, die
Samenthierchen betreffend, neuerdings zur Sprache kamen, und
dieser Gegenstand, wie mir scheint, selbst auf die systemati-
sche Zoologie nicht ohne Einflufs bleiben wird.
Ich habe in diesem Jahre wieder viele Untersuchungen
angestellt, und glaube nun folgende Punkte mit ziemlicher
Entschiedenheit festgestellt zu haben:
1) Die Animalität der Samenthierchen. Meine Ansicht steht
gewissermafsen in der Mitte zwischen der von Ehren-
berg u. A., wonach es cerkarien-ähnliche Entozoenfor-
men sind, und der von Siebold, Treviranus u. A.,
> nach welchen die Spermatozoen nicht animalisirte Mo-
leküle oder den Blutkörperchen vergleichbare Elemente
des Samens sind. Die Hauptgründe meiner Annahme
einer wirklichen Animalität sind:
a. Die Bewegungen, welche durchaus den Charakter der
Willkühr an sich tragen.
6. Die cyklische Entwickelung aus ei-ähnlichen Körpern
und wahrscheinlich allgemein (wenigstens bei den
Wirbelthieren) in Kysten.
c. Die beschränkte Dauer der Lebenserscheinungen au-
fser dem Körper, die Reaktion der Spermatozoen gegen
42
\
Flüssigkeiten und Stoffe verschiedener Natur, Narco-
tica u, dgl., worüber ich viele Untersuchungen ange-
stellt habe.
d. Andeutungen von Organisation, z. B. bei Samenthier-
chen von Rhinolophus, auch beim Menschen etc.
2) Das specifische Verhältnifs der Samenthierchen zur zeu-
genden Art. In allen Wirbelthierklasseu läfst sich die
Wahrheit dieses Satzes demonstriren, und ich glaube
schon in meinen verschiedenen Abhandlungen, nament-
lich in denjenigen, welche der am Schlüsse des vorigen
Jahres erschienene Band der Abhandlung der mathema-
tisch-physikalischen Klasse der Münchner Akademie ent-
hält, und wovon Sie Separat -Abdrücke schon früher er-
hielten, Belege genug hierzu gegeben zu haben. Aller-
dings herrscht oft in entfernten Gattungen eine grofse
Formähnlichkeit, die aber um so mehr verschwindet, je
schärfer man beobachtet luid je mehr man die Mikrome-
trie handhabt.
Zum ersten Studium der Formverschiedenheiten rathe ich
die Spermatozoen einzelner Familien und Ordnungen zu wäh-
len, welche sich durch differente Formen charakterisiren, z. B.
die Nagethiere. Diese haben durcbgehends sehr grofse Sper-
matozoen, besonders die Ratte; man wird dann die der Maus,
die von Lepus, Sciurus, Hypudaeus leicht kenntlich und sehr
different finden.
Die Batrachier unter den Amphibien geben ein anderes
Beispiel ab. Man studire ihre Form und Genesis zuerst bei
den Fröschen, wo der längliche stab förmige Körper einen
feinen, nicht sehr langen Schwanz trägt, Ihre Entwicklung in
Kysten kann man im Frühjahre sehr deutlich sehen. Aehn-
lich sind sie bei den Kröten; aber z. B. bei Bu/o Calamiia
ist der Körper kürzer, der Schwanz länger. Ganz verschieden
und höchst eigenthümlich ist die Form bei Bombinator , wo
ich immer noch Flimmerbewegungen sehe, ohne diese auf eine
spiralige ümwickelung eines Schwanzes reduciren zu können.
Ganz davon verschieden ist wieder die Form bei PelohateSy
wo ich sie spiralig finde; das eine Ende ist immer in peit-
schenförmig schwingender Bewegung. Die absolute Verschie-
43
denheit bei Tj'iton und Salamandra habe ich schon ander-
wärts erwähnt*).
Keine Klasse aber läfst so gute Beweise für den obigen
Satz zu, als die der Vögel, und da man sich im Frühjahre so
leicht Singvögel von verschiedenen Gattungen verschaffen kann,
so will ich von diesen etwas genauer sprechen. Um sich hier
recht vollkräftige ausgewachsene Spermatozoen- Individuen zu
verschaffen, mufs man nicht die Hoden wählen, sondern Sa-
menfliissigkeit aus dem vas deferens nehmen, am besten und
leichtesten aus dem unteren Ende, wo dasselbe in eine dicke,
knäu eiförmige Masse zusammengewunden ist. Nimmt man
hier von eben getödteten Vögeln Samen, verdünnt denselben
mit Wasser, so wird man die Samenthierchen in einer aufser-
ordentlich lebhaften Bewegung sehen, die aber allerdings sehr
bald abstirbt, früher als bei anderen Thieren. Zuweilen habe
ich jedoch bei geschossenen kleinen Singvögeln, an warmen
Tagen, nach 3 bis 4 Stunden nach dem Tode (wenn der Un-
terleib nicht geöffnet war) bei einzelnen Samenthierchen noch
deutliche, lebhafte, schraubenförmig bohrende Bewegungen ge-
sehen, wie sie den spiraligen Spermatozoen der Vögel eigen-
thümlich sind. Ich wundere mich daher, dafs Siebold sagt:
„Niemals sah ich an diesen Spermatozoen, welche ich aus den
Hoden selbst eben getödteter Vögel entnommen hatte, eine
Spur von Bewegung." Allerdings sind diese Bewegungen sel-
tener und unvoUkommner bei den Thierchen im Hoden, als
im vas. def. aus begreiflichen Gründen.
Sehr interessant ist es, die einzelnen Familien der Sing-
vögel auf ihre Spermatozoen zu untersuchen. Wie bei den
Nagern unter den Säugethieren und hier wieder bei Maus und
Ratte, so sind sie bei den typischen Fringillen am gröfsten.
Ich fand sie bei Fringilla coelebs bis \"' lang, das dickere
Ende schraubenförmig mit zwei gezogenen Windungen; dieses
Ende mifst ungefähr yyg-'"; der Schwanz ist ein steifer gera-
*) Ich habe mich nun auch auf das deutlichste überzeugt, dafs
die scheinbaren FlimmerbeM-egungen der Samenthierchen von Triton^
nicht wie ich früher vermuthete, durch einen Wimperüberzug, son-
dern auf die von Siebold beschriebene Weise durch spiralige Um-
schlingung des sehr feinen fadenförmigen Schwanz -Endes hervorge-
bracht wird.
44
der Faden, der keine Oesen bildet; diese Samenthierclien kön-
nen als typische Form der Spermatozoen von Singvögeln gel-
ten. Ihnen stehen an Gröfse und Form zunächst die Hänf-
linge und Zeisige, wo sie Jj-~_y" messen, und die übrigen
Finkenarten mit -^ — ^^V'' Länge.
Schmächtiger und schlanker jL. _-»__-_'_'" messend, das
spiralige Ende weniger verdickt, mit deutlichen Modifikationen
der Spiralwindungen nach den Gattungen, fand ich sie bei
Sylvia, MotacUla, Saxicola, Alauda, Anihus, Emheriza
(wo sie etwas gröfser und kräftiger sind); bei Sturnus, Orio-
las sind sie noch kleiner, J^ — tV" messend, die Spirale sehr
gezogen. Bei Parus, Hirundo, Certhia u. A. messen sie
^T — jcT i 6S kommen 3 bis 4 gezogene Spiralwindungen am
vorderen Leibesende vor. Die bisher von mir untersuchten
Drosselarten (Turd. viscivorus, musicus, werula) haben Sper-
matozoen von ungefähr -^Y' Länge mit langem Spiralfaden,
der 5 und mehr gezogene Windungen zeigt. Sehr charakte-
ristisch sind die Spermatozoen sämmtlicher einheimischer Wiir-
gerarten, so dafs die Gattung Lantus sogleich aus ihren Sa-
menthierchen erkannt werden kann; diese haben nämlich eine
sehr enggewundene Spirale, und daran einen sehr feinen und
kurzen Schwanz, so dafs sie im Ganzen nur g~"' und darun-
ter lang sind; dem entsprechend sind die Spermatozoenbehäl-
ter oder Kysten im Hoden auch sehr kurz und birnförmig,
während sie bei den Finken so sehr lang sind. Alle von mir
untersuchten übrigen Vögel mit dem Singmuskei-Apparat, wie
Sitta, sämmtliche Corvus-kviQ^i, haben das eigenthümliche
schraubenförmige Ende, und es war mir daher höchst interes-
sant zn sehen, wie fast kein Vogel einer anderen Ordnung,
ja selbst keine Passerinengattung ohne Singnuiskelapparat, die-
ses spiralige Ende hat; wenigstens sah ich bei Coracias und
Capvimulgus die Samenthierchen wie bei den übrigen Vögeln
gebildet. Cypselus habe ich leider noch nicht darauf unteiv
suclien können. Alle Klettervögel {Ficus, Cucidus), Tauben,
Hühnervögel, Sumpf- und Wasservögel haben Spermatozoen
mit länglichem Körper, ähnlich wie die der Frösche, und mit
feinem geschlängelten Schwanz. Mannichfaltige Nüancirungen
kommen in Gröfse und Fprm bei den verschiedenen Gattun-
gen vor.
45
3) Ein dritter Punkt, der sehr interessant ist, ist die man-
gelnde oder unvollkommene Produktion von Samentliieren bei
Uastarden. Ich hahe hierauf, nicht ohne mancherlei Kosten,
eine Anzahl Bastarde vom Kanarienvogel und Stieglitz im
Frühjahre geopfert und die Kontenta der Hoden mit denen
der Kanarienvögel und Stieglitze verglichen. Die Hoden tur-
gesciren allerdings auch hier, erreichen aber nie die Gröfte
der Hoden bei den Stamm-Eltern; bei einzelnen Exemplaren
sind die Samengefäfse nur von grofsen Körnern und Kugeln
ausgefüllt, verschieden im Ansehen von denen der Eltern und
ohne alle Samenthierchen; bei anderen kommt es wirklich zu
einer mehr oder minder vollständigen Entwickelung von Ky-
sten, in denen selbst Spermatozoenahnliche Körper entstehen:
längliche, unregelmäfsige Körper mit fadenförmigen Schwän-
zen. Aber nie habe ich ächte Spermatozoen mit spiraligem
Ende sich erzeugen sehen; auch die Zahl der unvoUkommnen
Samenthierchen in einer Kyste ist viel geringer, ihre Ablage-
rung unregelmäfsiger u. s. f. — Dies ist unstreitig sehr wich-
tig; sänmitliche von mir untersuchten Bastarde waren, wie in
der Regel alle solche Geschöpfe einer gezwungenen Paarung,
nicht zur Fortpflanzung zu bringen, obwohl auch hier in Er-
langen es in seltenen Fällen mit einzelnen Individuen gelang.
Sollte in dem letzteren Falle, wie ich wohl vermuthe, die Se-
kretion im Hoden zur Produktion ächter Samenthierchen sich
gesteigert haben? Die Vasa def. fand ich stets äufserst leer
und nur mit Körnchen und körnigen Körperchen (Epithelium-
zellen?) sparsam gefüllt. Bei weiblichen Bastarden habe ich
im Eierstock deutliche kleine Dotterkugeln stets mit Keimbläs-
chen gesehen; der Keimfleck war nicht deutlich. Leider habe
ich noch keine anderen Bastarde zu untersuchen Gelegenheit
gehabt; von einem kürzlich in Baiern erlegten herrlichen Exem-
plare eines Hahns von Tetrao medius, den unsere akademi-
sche Sammlung erhielt, entging mir leider der Rumpf zur ana-
tomischen Untersuchung.
Diese den Zoologen zunächst interessirenden Punkte wollte
ich Ihnen mittheilen; meine sämmtlichen Beobachtungen über
Samen und Samenthierchen habe ich Prof. Todd für seine
Cyclopaedia of anaiomy aiidphysiology versprochen; doch
46
dürfte der Artikel Semen vor Jahr und Tag nicht zum Drucke
kommen.
Erlangen, den 2. August 1838.
R. Wagner.
Erklärung der Figuren auf Taf. II.
1) Samenthierchen von:
a. Iringilla canaria.
b. Fringilla carduelis,
c. Bastarde von beiden genannten Arten. ,
d. Einem anderen dergleichen Bastarde.
e. Fring. domestica.
f, Sylvia tithys.
g. Turdus merula.
h. Lantus spinitorquus.
2) Samen thierbehälter von Lan. spinitorquus.
3) Desgleichen von Sylvia tithys.
Alle Gegenstände gleichmäfsig ungefähr 800 mal vergröfsert.
Naturhistorisclie Schilderung des nördlichen
Patagonien
von
AIcide d'Orbigny.
(Auszug aus dessen Voyage dans l'Amert'que meridtonale. Itine-
raire JI.)
Verf. beschränkt den Namen Patagonien auf den Landstrich,
welcher von den Patagonen oder der Nation der Tehuelches
bewohnt ist, mithin nur auf den östlichen Abhang der Anden,
vom B'ufse dieses Gebirgszuges bis zum atlantischen Ocean»
also mit Ausschlufs der südlich von der Magallen-Strafse gele-
genen Länder, der Cordilleren und des westlichen Abfalls der-
selben. Die nördliche Begränzung ist ungenau; doch gehen
die Tehuelchen nach dem Verf. bis zum 39" s. Br. hinauf.
Seine eigenen Beobachtungen beschränken sich auf den zwi-
schen dem 40. und 42.'' siidl. Br. eingeschlossenen Raum, also
auf das nördliche Patagonien; andere Nachrichten erhielt er
durch die Eingebornen und einige reisende Spanier. Der nörd-
liche Theil des von den Patagonen bewohnten Landes besteht
aus einem dürren Erdstriche, welcher von den Anden zum at-
lantischen Ocean sanft abfällt. Er ist bewässert im Norden
von dem Rio colorado und dem Rio negro, deren Lauf die
Einförmigkeit des trockenen, nur mit Dornsträuchern bewach-
senen Bodens unterbricht. Sie beleben die Vegetation und
enthalten an ihren Ufern ein fruchtbares, von schlanken
Weiden beschattetes Thal, welches im steten Contraste mit
den dürren Ebenen steht. Es sind zwei ganz verschiedene
Naturen, deren eine der europäischen ganz analog ist, während
48
die andere fast im Meeresniveau den traurigen, sterilen Anblick
des grofsen Plateau der bolivischen Anden unter 15 — 20"
südl. Br. hervorruft. Die dürren Ebenen zeigen einen den
Pampas, von denen sie sonst sehr verschieden sind, ähnlichen
Charakter. Sie sind nämlich mit einer Menge Vertiefungen
bedeckt, welche Seen bilden, in denen sich das Wasser in der
Regenzeit momentan sammelt und wo in dicken Lagen See-
salz kristallisirt. Nicht allein sind alle diese Seen salzig, son-
dern auch der Boden ist überall mit Salztheilen geschwängert,
welche an seiner Oberfläche zuweilen effloresciren. Der Bo-
den von Patagonien bietet vom Fufse der Anden bis zum
Meere eine Folge von Tertiär- Schichten dar, welche abwech-
selnd Süfswasser- und Seeconchylien und Säugethierknochen
enthalten mitten in einem zerreiblichen Sandsteine, der so ein-
förmig geschichtet ist, dafs man an den Ufern des Meeres oder
an den Gestaden des Rio Negro, wo man überall Ufer von
grofser Höhe bemerkt, die geringste Schicht 6 — 8 Meilen ver-
folgen kann, ohne dafs sie merklich in Dicke variirt. Einige
Proben der Felsmassen, so wie die Beschreibung der Reisen-
den, beweisen, dafs dieselbe Formation fast ganz Patagonien
bis zur magellanischen Meerenge einnimmt; übrigens setzt sich
der Tertiärboden bis zum Fufse der Anden gegen Norden
fort, steht mit dem, welcher Grofs-Chako begränzt, in Verbin-
dung, und umgiebt überall die eigentlichen Pampas, welche
unveränderlich aus knochenfiihrendem Thon oder aufgeschwemm-
tem Lande (terrains d'alluvion) gebildet sind. Die Pampas
selbst sind weit weniger ausgebreitet, als man glaubte. Sie
haben an der Bodenbildung Patagoniens keinen Antheil, indem
sie unter 39" gänzlich aufhören, um der Tertiärformation des
Südens Platz zu machen. Daher ist Patagonien, mit Ausnahme
der Anschwemmungen und Ufer der Flüsse, zur Kultur unfähig,
sondern bietet überall ein trockenes, sandiges Erdreich dar,
welches die nöthige Feuchtigkeit nicht bewahrt.
Die Temperatur ist im Carmen, nicht die, welche man
unter dem 41" südl. Breite, also in gleicher Entfernung vom
Aequator, wie zu Neapel und Madrid, aber auf der anderen
Hemisphäre erwarten sollte; sondern es ist gewöhnlich kälter,
was man ohne Zweifel der Nachbarschaft der Andes und der
Ebenen, welche sich bis zu den eisigen Regionen der Siidspitze
49
Amerika's ausdehnen, zuzuschreiben hat, woher der fast immer
aus Westen wehende ^Yiud stets Kälte bringt. Während des
Verf. Aufenthalts in der weifsen Bay wehte der Wind ia
82 Tagen: 58 Tage aus Westen, 18 Tage aus Osten und nur
6 Tage war voUkouniiener Süd- und Nordwind. Hieraus er-
klärt sich die iibermäfsige Kälte der Nächte selbst während
der wärmsten Jahreszeit. Nichts destoweniger übertreibt man
den Unterschied, welcher angeblich zwischen der Temperatur
dieser Breite auf der südlichen und gleicher Breite auf der
nördlichen Halbkugel herrschen soll. Es friert freilich sel-
ten in Neapel, aber in Carmen beobachtete Verf. während des
Winters, den er dort zubrachte, kaum zwei oder dreimal etwas
Eis und es hatte an den dem Froste am meisten ausgesetzten
Stellen höchstens ein Centimeter Dicke. Die Gemüse erfrieren
dort nicht und die Einwohner haben nie Schnee fallen gesehen.
Das lOOtheiiige Thermometer zeigte nie mehr als 2 — 3 Grad
Kälte, und noch dazu nur vor Sonnenaufgang; dagegen sah
Verf. es im Januar zu San -Blas um Mittag häufig auf 30 Grad
Wärme steigen. Die so auffallende Kälte der Nächte erklärt
sich leicht aus der Nähe der Cordilleren und der Eisberge des
Poles, so wie aus der Nähe des Meeres und aus den fast be-
ständig herrschenden Winden. Während eines achtmonatlichen
Aufenthalts erlebte Verf. kaum einige windstille Tage, hatte
dagegen immer Winde zu ertragen, welche zuweilen heftig ge-
nug waren, um selbst das Reisen beschwerlich zu machen. Sie
sind es auch, welche, indem sie die Entwickelung der Vegeta-
tion hindern, diese traurige Trockenheit Patagoniens bedingen,
eine solche Trockenheit, dafs der Regen welcher fällt, in kur-
zer Zeit verdunstet ist, und dafs Alles mit gleicher Leichtigkeit
wie auf den Gipfeln der Anden und an den Küsten von Peru
trocknet. Alle thierische Körper, welche mau der Luft aus-
setzt, vertrocknen statt zu verfaulen und liegen so mehrere
Jahre auf dem Boden, ohne zu verderben. Es regnet selten
in Carmen, denn die vorherrschenden Westwinde bringen nie
Regen ; dieser kommt nur mit den von Ost bis zu Süd wehen-
den Winden, welche, über das Meer streifend, Gewitter mit
sich herbeiführen. Welche Contraste bietet Süd -Amerika dar,
wenn man die Ost- und Westseite der Anden unter gleichen
Breiten vergleicht! In Carmen, auf dem westlichen Abhänge
V. Jahrg. J. Band. 4
50
4er Andes, unter dem 41" s. Br., regnet es selten; während
unter gleicher Breite auf dem entgegengesetzten Abhänge, die
Umgegend von Väldivia mit dem lebhaftesten, durch stete Re-
gen genährten Grün bedeckt ist. Geht man aber weiter nach
Norden, bis zum Wendekreise des Steinbocks, so ändert sich
Alles. Auf dem westlichen Abhänge der Andes regnet es nie-
mals; Treibsand bedeckt die ganze Küste Peru's, während der
östliche Abhang, so dürr in Patagonien, im hohen Peru alle
Pracht der tropischen Vegetation unter einer warmen und
feuchten Temperatur entfaltet, wo häufige Regen eine der kräf-
tigsten Naturen beleben. Auf der Westseite der Anden sieht
man die schöne Vegetation des südlichen Chili allmählich ab-
nehmen, je mehr man gegen Norden vorrückt, sieht sie selten
werden unter dem 32° und ganz aufhören unter dem W^ende-
kreise, wo nichts mehr wächst, es sei denn bei künstlicher Be-
wässerung. Im Osten der Andes findet man gerade das Ge-
gentheil; der Boden von Patagonien zeigt die gröfste Dürre,
aber weiter im Norden, in den Pampa's, bedeckt er sich mit
Graswuchs, noch weiter nördlich mit dichtem Gehölze und
geht endlich über in die üppige Vegetation, in welcher ganz
Brasilien prangt. In den herrschenden Winden sind die all-
gemeinen Ursachen dieser entgegengesetzten Wirkungen zu
suchen; auf der Westseite der Andes herrschen beständig Süd-
winde, auf der Ostseite am meisten Nordwinde.
Die Thierwelt des nördlichen Patagonien bietet einen ganz
besondern Character dar, ganz verschieden von der zu Cor-
rientes. Es ist nicht mehr dieses stete Gemisch von Thieren
der heifsen Zone mit denen der gemäfsigten, sondern es ist
eine Thierwelt, wie sie einem dürren und trocknen Boden ei-
genthümlich ist, im Winter vermehrt durch die Fauna der ei-
sigen Regionen des Poles. Will man sie mit der Thierwelt
eines andern Theils von Südamerika vergleichen, so zeigt sie
nur mit der der Gebirge von Chili und der grofsen tropischen
Hochebene in Bolivia Aehnlichkeit, und in der letztern Gegend
ausschliefslich mit der Höhe von 10 — 14000 Fufs über dem
Meeresspiegel. Dort finden sich nicht allein fast dieselben
Genera; sondern man wundert sich auch oft, dieselben Arten
dort anzutrefi'en. Kurz die Aehnlichkeit beider Punkte in zoo-
logischer Hinsicht ist überraschend, was um so weniger be-
51
fremden wird, als unter allen andern Gesichtspunkten der Tem-
peratur und des allgemeinen Aussehens des Landes eine merk-
würdige Identität statt findet.
Die zahlreichen Affen, welche die Hügel der Provinz Cor-
rientes beleben, sind mit dem Gehölze, welches ihnen ein Asyl
bot, verschwunden. Es giebt gar keine Quadrumanen mehr auf
dem Gebiete Patagoniens; alle sind im Norden des 30" s. Br.
zurückgeblieben. Doch flattern noch einige schwache Fleder-
mäuse in der Dämmerung an den Ufern und Abhängen des
Rio negro. Auch der Grison (Viverra vittata L.) schlägt
dort noch seinen Wohnsitz auf und das tückische Stinkt hier
ist in diesen Gegenden recht eigentlich zu Hause; wenig be-
unruhigt spielen dort seine Familien inmitten der Wüsten.
Der rothe Wolf (ßanis jubatus Cuv.) durchstreift unabläs-
sig die Wüsten, wo er immer einige scheue Hühnervögel an-
trifft; während der Fuchs iCanis Azarae) nur seinen Bau
verläfst, um dem hier ansässigen Menschen Schaden zuzufügen
oder einige kleine Säugethiere oder Vögel zu überraschen. Die
Krallen des Jaguar hat man nicht mehr zu fürchten; er geht
nicht südlich über die Gebirge des Tandil hinaus. Dagegen
wird der Kuguar hier häufiger als anderwärts, und jagt in
den Ungeheuern Ebenen, nebst zweien andern Arten wilder
Katzen, dem Pajero und Mbaracaya Azara's, welche vor-
züglich die Ufer des Rio negro bewohnen. Die Seeküsten
wimmeln von Amphibien- Säuge thieren. Die Rüsselrobbe
(Phoca leonina L.) bedeckt den sandigen Strand, die Ota-
rien, Seelöwen (PÄ. jubata Gmel) ziehen dagegen die
Klippen oder steinigen Küsten vor. Zwei Arten Beutel-
thiere (Bidelphys Azarae Temm.^ dehnen ihre Wanderun-
gen auf Patagonischen Boden aus, wo sie den Landwirthen
Schaden zufügen und deshalb deren grausamen Nachstellungen
ausgesetzt sind. Wenn die Raubthiere in Patagonien zahlreich
sind, so mufs es auch zu ihrer Nahrung schwache Thiere in
Menge geben. Um diese Bedingung ihres Daseins zu erfüllen,
sind die Nagethiere da. Die Erdgräber (etenomes fouisseurs)
vertreten unsere europäischen Maulwürfe, indem sie die san-
digen Gefilde, welche sie bewohnen, imaufhörlich durchwiililen.
Audi Ratten in grofser Anzahl, theils einheimische Arten,
welche von Körnern in den Dünen leben; theils fremde Para-
4*
52
siten (unsere Ratte und Hausmaus), mit den Europäern in
diese unwirthbare Gegenden gekommen, wo sie, wie in Eu-
ropa, lästige Gäste , aber sehr schwer zu erjagen sind. Das
Echo der Ufer des Rio negro wiederholt zuweilen die melan-
cliolischen Laute des Guya (JMyopotamus coypus), von dem
einige Familien, aus dem Norden eingewandert, die Sümpfe
bevölkern; man hört sie zur Nachtzeit, wenn das scheue Bis-
c a ch a (Crt//o7nj.s hiscaccia Isid. Geoffr. et d'Orh., Lagosto-
mus Brook.^ in zahlreichen Gesellschaften auf den Grasplät-
zen, im Umkreise seiner unterirdischen Wohnungen, spielt, in-
dem es beständig seine langen schwarzen Schnurrborsten in
Bewegung setzt. Dieses und der leichtfiifsige Mara (Dasy-
pj'octa patagoiiica. Desm.^, welcher in den Ebenen des Sü-
dens unsern Europäischen Hasen vertritt, nebst einer neuen
Art Meerschweinchen [^Cavia patagonica *) d'Orh. et
Isid. Geoffr^, sind diesen Gegenden eigenthümlich und nähern
sich nie den Wendekreisen. Von Eden taten findet man in
Patagonien nur Gürtel thiere und zwar nur zwei Arten, den
V ic\\\ (D asypus minimus Desm.^, wegen seines wohlschmek-
kenden Fleisches sehr gesucht, und den nächtlichen Pehido
(Das. villosus Desm.'), Zahlreiche Rudel des Halsband.
VQC2iY\(J)icotyles torquaiiis Cuv.^ haben ihre Wanderungen
von den warmen Waldungen der Tropen bis zu den Morästen
des Rio negro ausgedehnt. Eben so verhält es sich mit dem
leichtfiifsigen Guazuti (Cervus campestris), welcher als die
einzige der vier in Corrientes lebenden Hirscharten in die Ebe-
nen der Pampas übergegangen und nicht minder gemein in
Patagonien als an den Ufern des Parana ist. Hier sah Verf.
auch zuerst einen der Bewohner der Peruanischen Andes, das
Guanaco, welches, dem Laufe des Gebirges bis zurMagellan-
Strafse folgend hier und dort einige seiner Familien in die
Mitte der Wüsten von Patagonien entsendet, wo es der Mensch
sowohl, wegen seines Fleisches als wegen seines Felles ver-
folgt. Dies sind die Säugethiere, welche diesen Boden bedeck-
ten, als unsere Hausthiere, unsere Rinder und Pferde, dort na-
turalisirt wurden. Die Küsten werden täglich von einer grofsen
*)B eil nett stellte ebenfalls eine neue Cavie, Kerodon Kivgii, auf,
welche an der Ostküste Patagoniens einheimisch sein soll. s. Arch. IL
2. S. 286. Herausg.
53
Menge Wallfische, Delphine, Pottfi.scho nnd anderen Cetaceen
besucht, denen Fahrzeuge aller Länder in diesen stürmischen
Meeren nachstellen.
Bei den Vögeln Patagoniens darf man nicht die Farben-
pracht suchen, welche den Bewohnern der heifsen waldreichen
Regionen eigen ist. Es fehlen die schwirrenden Kolibri, die
gefallsüchtigen Tangaras, die prächtigen Cotingas, die glänzen-
den Manakin, die geschwätzigen Elstern, die kunstfertigen Ka-
ziken mit buntem Gefieder. Sie alle sind in der heifsen Zone
zurückgeblieben. Patagonien besitzt nur Vögel von einem
eben so düstern Aussehen, als seine Ebenen, aber meist eben
so zahlreich, als seine Wüsten ausgedehnt sind. Verf. sam-
melte 107 Arten Vögel, 16 Raubvögel, 36 Sperlingsvögel, 3
Klettervögel, 5 Hühnervögel, 22 Stelzenläufer, 25 Schwimmvögel.
Den Andes wurde nicht allein die Ehre zu Theil den ma-
jestätischen Condor zu besitzen, auch Palagonien kann sich
seines Besitzes rühmen. Er durchstreift dort unaufhörlich die
hohen Gestade des Küstenstrichs, zuweilen begleitet von Uru-
bus und Au ras, die, wie er, kommen um die Ueberreste ab-
gestorbener Thiere aufzusuchen und sich darum mit den ge-
fräfsigen Caracaras streiteu, welche in den bewohnten Thei-
len der Ufer des Rio negro nicht weniger gemein sind. Der
Winter zwingt die scheuen Singvögel von den Cordilleren in-
die Ebenen herabzukommen und von dem eisigen Süden nach
Norden hinaufzuziehen. Die geselligen Tauben und Enten
ziehen eine Menge von Raubvögeln nach sich. Cu'caetos co~
ronatus Vieill., Halia'etos melanoleuciis , Buteo tricolor
d'Orb., Circus cinereits\iQ\\\. sind nur in dieser Jahreszeit,
in der Nähe der mit W^eiden bewachsenen Ufer des Rio negro
häufig und stets bereit auf die schwebenden Wolken jener
scheuen Vögel zu stofsen, welche ihnen zur täglichen Nahrung
dienen. Sie verschwinden zum Theil im Sommer oder zer-
streuen sich mehr, und überlassen den frechen Falken (JFalco
femoralis Temm.) den Gefallen am festen Wohnsitz. Auch
Nachtraubvögel bewohnen das nördliche Patagouien; der
eintönige Nacurutu (JBubo magellanicus Gm.) findet sich
dort eben so häufig, als in den heifsen Ländern. Mit Ver-
wunderung fand Verf. mitten in diesen Steppen die mittlere
Ohreule (_Str. Irachyotus) EuroT^aJs und hörte an den Ufern
54
des Rio negro den Schrei der Schleiereule {Str. perlata
Licht.). In den Ebenen sieht man überall, selbst am Tage die
ürucurea, welche in usiirpirten Höhlen lebt, während das
Weidengehölz den kleinsten der Käuze (iS'frÜj/ero.t: Vi eil 1.)
verbirgt, welcher sich oft am vollen Mittage auf den biegsamen
Zweigen der Weiden sanft vom Winde schaukeln läfst. Die
Sperlingsvögel stehen ziemlich im Verhältnisse zu den Raub-
vögeln. Einige geschäftige Rhinomyen {Rhinomya lanceo-
lata Isid. Geoffr. et d'Orb.) zeigen sich um die Gesträu-
che; eine Drossel (Turdus magellanicus King), welche
momentan die eisigen Gestade der Magellanstrafse verläfst,
kommt' dort im Winter an und mischt sich unter die bunt-
scheckigen Spottdrosseln {Orpheus p ata gonicus d'Orb.
tab. 11. fig. 2.), das Gebüsch liebend, welches auch von den
hüpfenden Schlüpfern {Troglodytes pallida d'Orb.), den
scheuen Synallaxen (i5yna/Zöa;w troglodytoides d'Orb,, S.
aegithaloides Kittl., S. leucocephala d'Orb.) und einigen
unsteten Fliegenschnäppern (Tyrani us Savamia Less.,
Muscicapa parvula Kittl., Fluvicola perspicillata, Pepoaza
polyglottUy P. variegata, P. jnurina d'Orb.) gesucht ist.
Die Wiesen sind belebt von einigen Pipern {Anthtis fulvus
Vieill., ui. furcatus d'Orb.), von Fliegenschnäpper-
schmätzern {Muscisaxicola mentalis d'Orb.), von fröh-
lichen Lerchen (Certhilauda vulgaris d'Orb.), von einer
buschliebenden Tanagra, der einzigen ihrer Familie, welche
die Sümpfe besucht, wo sich auch dichte Wolken geselliger
Trupiale zeigen, theils schwarze {Icterus niger\ theils leb-
haft gefärbte, wie im Sommer der Sturiius militaris mit ro-
ther Brust und Epauletten. Auch einige ziehende Schwal-
ben {Hirundo caerulea^ durchstreifen in der warmen Jahres-
zeit die Ufer des Rio negro und die Umgebungen des Fort;
aber sie kehren im Herbste eilig nach Norden zurück, um ein
milderes Klima zu suchen, zugleich abziehend mit einigen Tag-
schläfern, welche sich auch bis nach Patagonien verlieren, wo
ihre nächtliche Sitten ihnen den Namen Schlafvögel {Pa-
jaro dormilon) erworben haben. Geht man von den leben-
digen Ufern der Flüsse zu den mit Dornstränchern besetzten
Höhen über, so findet man diese freilich häufig öde{deserts);
im Winter aber durchlaufen sie unaufliörlich zahlreiche Haufen
55
kecker ?&ssennen (Passerina schfsincea d'Orb., F.mammibi
Licht., P. flava Vieill., P. amcrlcana d'Orb.) unter wel-
chen besonders der Diuca der Cliüenen (P. diuca) vorliorr-
scheud ist; ferner der schreiende Anahates alhicoUis d'Orb,,
der geschickte Anumbi (^Ammibiiis anwnbi d'Orb.), der
kunstfertige )\ovr\QVoiFuvnarüis rufus Vieill.), dessen spi-
ralförmige Wohnung künstlich auf den Zweigen erbaut ist,
und einige scheue Huppucerthien {llnppucerlhia dumcto-
rum d'Orb. et Isid. Geoffr.). In einem so von Gehölz ent-
blöfsteu Lande mufsten die kletternden Waldvögel wenig ge-
mein sein. Man müfste sich selbst wundern, dafs der pata-
gonische Ära QPsittacus patagOTiicus) bis zur magellani-
schen Strafse hinabgeht, wenu er nicht stets die schroffen Ufer
den schattigen Oertern vorzöge, nach Art des Feldspechts, wel-
cher felsige Orte liebt. Die Hühnervögel reduciren sich in
Patagonien auf fünf Arten; in den Ebenen finden sichTinamu
(Tiiiamus maculosus Temm., T. adspersus Temm.), welche
sich im Gestrüppe verbergen, während die dürren Strecken
vonSchaaren der Eudromla elegans d'Orb. betreten werden,
einem Vogel der dem Boden Patagoniens eigenlhümlich ist
inid von dem man nur auf den holien Gipfeln der bdlivischen
Anden einen Verwandten findet (jE//rf/-07/»'rt andecola d'Orb.).
Einige Turteltauben {Colwnha talpacoti) girren im Som-
mer in der Nähe der Baumgärten, aber sie sind nicht zu ver-
gleichen mit den Myriaden von Tauben iPigeons aux alles
Xachetees Az.), welche im Winter von dem Gebirge und vom
Süden aus anlangen, deren dichte Schaaren Wolken am Hori-
zonte bilden und die feuchten Ebenen der Ufer des Rio negro
blau färben, wo denn die Raubvögel sie beständig verfolgen,
sei es im Fluge, sei es, wenn sie, auf den schwachen Zweigen
der Weiden hockend, diese unter ihrer Last brechen macheu,
denn so zahlreich sind sie.
Die Strandvögel sind unstreitig die häufigsten in Patago-
nien, weil sie nicht süfser Wasser bedürfen, wie die Sperlings-
vögel. Die Ebenen sind mit friedlichen Familien des ameri-
kanischen Straufses oder Nandu bedeckt, welche den Bolas
der Gauchos und Indianer zur Zielscheibe dienen, aber im
Laufe oft deren Anstrengungen vereiteln. Es giebt in Patago-
nien noch eine zweite Art dieser Vögel, von den Eingeborenen
56
Zwergstraufs genannt [ÄÄca pennata*y\, er hält sich in
den dürren Steppen, und vorzugsweise im Flugsande, wo man
ihn vergeblich verfolgen würde; denn leichter als die Renner
überschreitet er den Raum mit Leichtigkeit, während der Jäger
dort kaum fortkommen kann. Auf den Ufern des Meeres und
der Flüsse laufen wandernde Regenpfeifer verschiedener Arten
mit äufserster Schnelligkeit, in Geselligkeit wetteifernd mit
den Meerlerchen (Tringa), den Seeelstern (Haemato-
pus luctuosus Cuv.) der sandigen Küsten, und den zahlrei-
chen Wasser lau fern (C/ieuaZ/er* — Totanus) verschiedener
Gröfse, welche im Gegentheil schlammiges Terrain aufsuchen.
Die Wiesen erschallen von dem Warnungsrufe des wachsamen
Spornkibitzes (Tringa cayennensis) und den noch unan-
genehmem Tönen einiger langschnäbligen Ibis (Ibis plwnbed).
Nicht fern sind Gruppen kleinmüthiger Thinoc hören (TÄmo-
chorus rumicivorus Eschsch.), die sich an die Erde duk-
ken und schreiend, selbst unter den Füfsen des Menschen, auf-
fliegen. Die Nähe der Weidengehölze, die Ufer der dädali-
schen Kanäle, welche die Inseln des Rio negro trennen, wer-
den häufig von weifsenEgretten (-^/'Jea egretta), vom Rei-
her (Ardca maioj') und von dem heiseren Nachtraben
(Ardea Gardeni) besucht; während leichtfüfsige Rallen sich
in eiligem Laufe zwischen den Wasserpflanzen verlieren, wo
sich auch häufig die Schnepfe (i^coZopöo: paludosa?) verbirgt.
Den gravitätischen Storch (^Ciconia amcricana Briss.) er-
blickt man zuweilen in den Gefilden, die er mit abgemessenen
Schritten langsam durchwandert, häufiger an den Seen, deren
Gewässer von fröhlichen Wasserhühnern belebt sind, die
sich zwischen den Binsen verlieren, wohin sich der dünnbei-
nige Himantopus melanurus nicht wagt. In der Mitte der
für Patagonien so charakteristischen Salinen (Salzseen) findet
sich schaarenweise der feuer farbige Flamingo (Phoeni-
copterus ignipalliatus Isid. Geoffr. et d'Orb.) ein, um
dort sein conisches Nest zu erbauen, über welchem er reitend
brütet. Man sieht dort auch den Scheidenschnabel (CÄio-
nis alba Forst.), als weifse Taube schon den altern See-
*) Dieselbe Art %vurdc gleichzeitig (am 14. März) von Gould
(Proceed. Zool. Soc. 1837. p. 35. luiter dem Namen Rh. Darwinn auf-
gestellt. Herausgeber.
67
fahrern an der Magellanstrafse bekannt, welche oft 100 Meilen
(Heues) weit im Meere auf die Schiffe kommt, so dafs mau
glauben möchte, sie sei dem Käfig eines reisenden Naturfor-
scliers entflogen, während sie nur die klippigen Küsten verlas-
sen hat, wo sie unaufliörlich truppweise die mit Miefsmuscheln
bedeckten Felsen durchläuft, von welchen Muscheln sie sich, wie
die Austerfischer nährt, denen sie überhaupt in Sitten so ähnlich
ist. Die Schwimmvögel sind unstreitig die am meisten ver-.
breiteten und zugleich, besonders im ^Vinter, am zahlreichsten,
in welcher Jahreszeit sie die kalten Regionen der Magellan-
strafse verlassen, um auf den Flüssen des Nordens eine mil-
dere Temperatur zu suchen. Zwei majestätisclie Schwäne
(^Cygniis mgricolUs und hyperhoreus) schwimmen mitten auf
den grofsen Wassermassen, umgeben von tausend Enten eilf
verschiedener Arten, von denen einige auf den Grund des
Wassers tauchen, unter treibende Taucher (^Podiceps RoU
landi Quoy et Gaim.) gemischt, während andere häufig ne-
ben dem schwarzen Co rmo ran am Ufer umher laufen. Aber
die Art, welche die wichtigste Ro'le auf den Wiesen des Rio
negro spielt, ist A\q Atias aniarctica Gmel., deren Schaarcn,
aus weifsen und bunten Individuen gemischt, beim Beginn der
Kälte anlangen, die Ebenen von ihrem Geschrei erschallen las-
sen und zutraulich, selbst in der Nähe der Wohnungen, zu
lausenden ihr Futter suchen, da sie in den Regionen des Sü-
dens, welche sie im Sommer bewohnen, nicht beunruhigt zu
werden gewohnt sind. Wenn die Ufer der Flüsse mit Was-
servögeln bedeckt sind, bleiben auch die Gestade des Meeres,
obgleich minder begünstigt, keinesweges verlassen. Möveu
(grajide mouette Azar.), schreiende Goelands und See-
schwalben haben dort ihren steten W^ohnsitz; während nur
besondere Umstände die langflügligen Albatrosse {Diomedea
fuliginosci) und die Manchots (^Spheniscus Hnmholdtü
Meyen) zwingen können, das hohe Meer zu verlassen, um
hier sich eine kurze Zeit auszuruhen.
Der Boden Patagoniens ist den Reptilien wenig güqstig;
doch findet man dort eine Schildkröte, die seltsamer Weise
sich als identisch mit einer der Arten des Vorgebirges der
guten Hoffnung {Testudo sulcata Mill.) ausweist. Vier un-
schuldige Eidechsen leben an oder nahe bei den Ufern des
58
Rio negro, während geringelte Am]^h\sh'änen (Jlmphislaena
alba Lac), um Insectenlarven zu finden, sich in den Sand
einwühlen, statt die Strahlen der Sonne zu suchen, so wie es,
tira sich zu erwärmen, drei Schlangenarten machen, welche in
den dürren Steppen um die Dornsträucher kriechen. Eine
einzige Kröte bewohnt die feuchten Orte, welche in der heifsen
Zone von diesen häfslichen Thieren so bevölkert sind.
Die Siifswasser- Fische belaufen sich höchstens auf zwei
bis drei Arten und noch dazu sind diese von geringer Gröfse.
Nicht so ist es mit den Arten, welche die Seeküsten bevöl-
kern; die wohlschmeckenden Atherinen oder Feje-rey
(Fischkönig) der Bewohner, sind besonders im Sommer häufig
und kommen in die Flüsse, so auch Lampreten; aber alle
sind wenig beunruhigt, da die civilisirten Bewohner nur wenig,
die einheimischen Patagonen aber nie fischen. Die Zahl der
Fische wird demnach nur durch die gefräfsigen Amphibien-
Säugethiere gelichtet, welche mit ihnen im blutigen Kriege be-
griffen sind.
Das Meer verbirgt an den Küsten eine grofse Menge von
Mollusken, sowolil nackte, als mit prächtiger Schale versehene.
Unter ersteren sind einige Cephalopoden zu nennen (^Oclo-
pus tehuelchus d'Orb. taf. 1. fig. 6.), welche an klippigen Or-
ten leben, so wie zierliche Eolidien (^Eolidia patagonica
d'Orb. taf. 14. fig. 4. 7.) und bernsteingelbe Pleurobranchen
(Pleurohranchus paiagonicus d!Orh. tab. 17. fig. 4. 5.). Zahl-
reicher sind die Arten der Schaalthiere. Prächtige Voluten
mit lebhaften Farben (^Voluta angulata Swains., V. colo-
quinta Chemn.), glatte Oliven {OUva piielcha, 0. tchucl-
cJia d'Orb.) bewohnen die ruhigen Buchten, wo sie sich un-
ter dem Sande verbergen, so wie die Sealarien und die iVa-
iica patagonica d'Orb.; während man an den Klippen liiic-
cina, Mui'ices, TrocJii, Chitonen, Fissurellen, Crepidu-
len und Siphonarieu findet. Die Ufer verbergen viele B i-
valven aus den Gattungen T^enus, Mactra, Mesodesnia, So-
len, Corhula, Lucina , ^natina, Pectunciilus, Nucula und
Byssomya. Die Felsen sind von Lithodomen und Pholaden
durchbohrt, was nicht hindert, dafs sich nicht noch zahlreiche
Miefsmuscheln, Kanimmuscheln (^Pecten), Anomien, Au-
stern undPlicatulen anheften. In dem Flusse giebt es ei-
99
nige Anodonten, Unionen, Limnaeen, Paladinen, Pla-
norb en; aber keine einzige Landschnecke kann auf diesen
Hügeln leben, die zu trocken sind, um ihnen Nahrung zu lie-
fern. Zahlreiche Crustaceen bedecken die sclilarnmigen Küsten
oder verbergen sich unter den Steinen der Klippenküsten.
Man sieht nur wenige Spinnen und auch diese nur allein in
der Nähe der Flüsse und eben so wenig Myriapoden. Unter
den Insecten herrschen die Coleopteren vor; aber sie glänzen
nicht mehr in bunten oder metallischen " Farben. Die Patago-
nischen Käfer zeigen mehr Uebereinstimmung mit den dunkel
gefärbten Arten, M^elche im Allgemeinen für die gemäfsigte
Zone characteristisch sind. Auch sind die uferliebenden Ca-
raben zahlreich, so wie die Melasomen, welche die Dünen
und sandiges Erdreich vorziehen. Im Frühlinge beleben lang-
hörnige Bockkäfer, Scarabäen und Maikäfer, Mistkä-
fer (Coprw), D y t i s c i und Hydrophilen, nächtliche Schnell-
käfer (£/rt/6v), langschnäblige Rüsselkäfer und Bupre-
sten, welche sich gern auf den Composifen aufhalten, dieses
so wenig begünstigte Land mehr als man glauben sollte. Un-
ter 178 Käfern, welche Verf. in Patagonien fand, ist die pro-
portioneile Zahl der Arten jeder Familie etwa folgende: 4 Ci-
cindeleten, 22Caraben, 5 Hydrocantharen, 10 Buprestiden, 4
Elateriden, 29 Lamellicornen, 27 Melasomen, 13 Rhynchopho-
ren, 19 Cerambycinen. Mithin sind die Caraben, Melasomen
und Lamellicornen vorherrschend. — Man sieht auch einige
Orthopteren, Ohrwürmer, Spectren, Manten, Heuschrecken,
Grillen. Hemipteren finden sich in gröfserer Anzahl. Lustige
Cicaden lassen die Gefilde von ihrem Sommergesang ertönen,
während stinkende Wanzen die Wasserpflanzen des Rio negro
bedecken. Die Hügel an diesem Flusse beherbergen einige
Ameisenlöwen, fast die einzigen Neuropteren dieses Landes.
Dagegen giebt es viele Hymenopteren. Es scheint fast, als ob
der Sand vorzugsweise ihr Lieblingsaufenthalt sei; denn Verf.
fand nicht weniger als 35 Arten, und unter diesen brillante
Ichneumonen. Es giebt in Patagonien keine Bienen mehr;
aber eben so fehlen auch die unvertilgbaren Ameisen, welche
die Bewohner der heifsen Zone fast zur Verzweiflung bringen.
Vergebens würde man in diesem öden Lande einige der schö-
nen vielfarbigen Scbmetterlingsarten suchen, welche die Gefilde
60
der heifsen Zone heleben. Kaum eine oder zwei Arten von
Nachtschmetterlingen sind vorhanden. Man sollte sich auch
vor den Stichen der Moskitos und Bremsen gesicherter glaxi-
ben, als dies wirklich der Fall ist. Diese unerträglichen In-
secten finden sich im Sommer an den. Ufern des Rio negro ;
aber auch nur dort; die trockenen Gegenden sind ganz frei
davon,
Will man eine Idee von der Vegetation dieser Gegenden
geben, so mufs man zunächst die der Ebenen unterscheiden,/
deren Aussehn traurig und im höchsten Grade monoton ist.
Keine Bäume mehr — der einzige der sich dort findet, der
Gualichu, wird von den reisenden Wilden verehrt. Keine hohe
Pflanzen; an ihrer Stelle dornige Gesträuche, verkrüppelt und
fast der Blätter beraubt oder nur mit sehr kleinen Blättern
versehen, durch ihre schwarzen und gewundenen Aeste, durch
ihre wenigen Blumen beweisend, wie viele Anstrengungen es
der Natur kostet, sie inmitten dieser sandigen Wüsten zu er-
halten. Kaum zeigen sich im Friihlinge einige Gramineen und
kleine Compositen, um im übrigen Theile des Jahres nur trok-
kene, kaum bemerkbare Stengel zurückzulassen. Verf. hatte
diese sterilen Gegenden noch im lebhaften Andenken, als er
die Hocheböne der bolivischenAndes zu einer Höhe von 12000
Fufs über dem Meere erstieg. Er wurde überrascht von de-
ren Aehnlichkeit mit Patagonien; ganz derselbe Totalanblick,
dieselbe Dürre. Die Täuschung war so vollständig, dafs er
dort dieselben Pflanzen undThiere suchte; und dafs nichts an
der Aehnlichkeit fehle, fand er auch zuweilen dieselben Arten -
oder doch sehr verwandte. Die dürren Ebenen Patagoniens
sind vorzüglich characterisirt durch eine Pflanze der Compo-
sitae aus der Gattung Chuqiiiraga, mit goldgelben Blumen
und dornigen Blättern, die in gewisser Hinsicht unsere Heiden
Europens vorstellen. Gelangt man durch diese dürren Erd-
striche bis zu den Ufern des Rio negro, so ändert sich Alles.
Die Hügel tragen wohl dieselben Gesträuche, aber die Ober-
fläche der Ufer, welche etwas Feuchtigkeit vom Flusse erhält,
bietet augenblicklich einen ganz verschiedenen Anblick dar.
Es ist eine lange Oase, welche die Mitte der Wüste durch-
furcht. Die Ebenen sind hier mit Gramineen unci* zahlreichen
Cyperaceen bedeckt, untermischt mit vielen andern immergrü-
61
nen Pflanzen. Die vielfachen Inseln des Flusses sind überall
von schlanken Weiden beschattet, welche allein die Natur dort
wachsen läfst. Wäre die Landschaft mehr von Wohnungen
belebt, man würde sich an die Ufer der Loire und Seine ver-
setzt glauben; denn der Mensch, welcher Alles unter seinen
Fiifsen äridert, hat oft die einheimischen Bäume verschwinden
lassen, um dafür unsern Apfel- und Pfirsichbaum, und unsere
Kirschen und Feigen und unsere Reben anzupflanzen; und
diese fremde Vegetation wächst dort, wie in ihrem Vaterlande.
So ist es auch mit unseren Cerealien, welche alljährig an die
Stelle der Gramineen der Ebenen treten und den Feldbebauern
reiche Ernten liefern. Man kann also sagen: Patagonien hat
zwei verschiedene Vegetationen: die der hochgelegenen Ebenen,
eine der ärmsten, und der Flor der bolivischen Andes gleichend,
und die Vegetation der Flufsufer, deren Anblick ganz der der-
selben Orte in Europa ist.
Verf. sammelte während seines Aufenthalts in Patagonien
117 Arten von Pflanzen, 14 Acotyledonen, 22 Monocotyledo-
nen, unter denen 17 Gramineen, und 81 Dicotyledonen. Un-
ter letzteren ist die vorherrschende Familie die der Composi-
ten, von welcher 26 Arten gesammelt wurden; aufserdem 6 Le-
guminosen, 6 Chenopodeen, 5 Umbelliferen, 4 Solaneen. Die
einzigen Sträucher sind eine Nyctaginee der Gattung Bougain-
vilUa, 2 Lycien, eine Composite der Gattung Chuquiraga,
4 Leguminosen der Gattungen Acacia und Cassia und die
Colletia serrati/olia.
r
Nochmalige üntersucLung der Frage: ob in Europa
in historischer Zeit zwei Arten von wilden Stieren
lebten?
von
dem Akademiker v. Baer
gelesen den 4. Mai 1838.
(Bullet, scienttf. de VAcad. de St. Petersb. \Tom. IV. Nr. 8.)
JiiS war unvermeidlich, dass bei der ersten gründlichen Un-
tersuchung der vorweltlichen Thiere die Resultate so viel mög-
lich verallgemeinert wurden. Formen, für welche ohne allen
Zweifel die lebende Welt keine Verwandten aufzuweisen hat,
beurkundeten eine Vergangenheit, die von der Gegenwart gar
sehr verschieden sein mufste. Es war nothwendig und gewifs
förderlich, dafs man, wo nicht unwiderlegliche Beweise vom
Gegentheile sich bald auffanden, geneigt wurde, überhaupt die
in der Erdrinde eingeschlossenen Thierreste durch gewaltsame,
mehr oder weniger allgemein gedachte, Revolutionen von der
Gegenwart nicht nur, sondern von der gesammten Geschichte
der Menschheit getrennt anzunehmen. Man schob sie in eine
unermefsliche Vergangenheit zurück. Mifsglückte Versuche der
entgegengesetzten Tendenz, wie etwa der Versuch alle Mam-
muths- Skelette von den Zügen der Mongolen herzuleiten,
konnten nur dazu dienen, diejenige Richtung, die sie bekäm-
pfen wollten, zu befestigen. Noch jetzt, wo eine nicht unbe-
deutende Menge Erfahrungen uns berechtigen, das Dasein des
Menschengeschlechts weiter zurück unter die geschwundenen
Thiere der Alluvial -Formation (von der allein hier die Rede
sein kann) zu versetzen, gewinnt diese Ansicht schwer festen
68
Fufs gegen die Autorität einiger von Cuvier in seinem Bis-
cours preliminaire ausgesprochenen Sätze.
Doch darf man Cuvier auf keine Weise den Vorwurf
machen, dafs er zur Gewinnung allgemeiner und scharf be-
stimmter Scheidungen zu rasch geneigt war — es fehlte nur
an Materialien zur Anerkennung vom Bestehen geschwundener
Thierformcn bis in die historische Zeit. Wo er diese fand,
war er mit eben so viel Scharfsinn als Gelehrsamkeit bemüht,
sie kritisch zu prüfen und dieses Bestehen bis tief in die hi-
storische Zeit anzuerkennen. Zu den merkwürdigsten Beispie-
len dieser Art gehört die von ihm ausgesprochene Ueberzeu-
gung, dafs die in Europa in aufgeschwemmtem Lande vorkom-
menden fossilen Stierschädel zweien Arten von Rindern ge-
hören, die in historischer Zeit in Europa lebten und bis ins
16. Jahrhundert im wilden Zustande in den Wäldern Polens
sich erhielten, von denen aber nur noch einer, und zwar auch
dieser nur durch das Einschreiten der Regierung bis auf uns
erhalten sei, der Zubr der Russen (jBoä Urus der Syste-
matiker). Auf dieses, früher Bison oder Wisent im Deut-
schen benannte Thier sei der deutsche Name Ur übergegan-
gen, welcher ursprünglich der jetzt vertilgten Form anzuge-
hören scheine, die im Polnischen Tur hiefs. Es ist vorzüg-
lich das Zeugnifs Herberstains, das Cuvier bestimmt hat.
Diese Ansicht aber hat Widerspruch gefunden, der um so
mehr zu beachten ist, da er aus Polen kam und von Natur-
forschern ausging. Bojanus*) und nach ihm Jarocki**)
bezweifelten das Vorhandensein zweier Arten von wilden Och-
sen in den Wäldern Polens bis in das 16. Jahrhundert, und
wollten den Benennungen Tur und Zubr keine verschiedene
Bedeutung zugestehen, während dagegen Hr. v. Brinken***),
ebenfalls aus Polen, Cuvier's Meinung vertheidigte und neue
Zeugnisse aus diesem Lande bekannt machte. Unter diesen
scheinen einige aus dem 16. Jahrhunderte nicht blofs aus
*) Nova Acta Acad. Leopold. Carol Nat. Cur. XIII. 2.
**) Zubr oder der Litthauische Auerochs. Auszug aus einer aus-
führlichen Poln. Abhandlung. Hamb. 1830. 8.
***) Memoire descript. de la foret de Bialowiexa en Lithuante.
Varsovie 1838.
64
Schriften, sondern durch eigene Ansicht den Tur und den
Zuhr zu kennen.
Dennoch hat sich gegen diese von Brinken und später
von Hrn. Prof. Eichwaldt vertlieidigte Meinung Cuvier's
im vorigen Jahre wieder eine Stimme aus Polen erhoben, die
des Hrn. Prof. Pusch*). In einem Anhange zu seinem aus-
gezeichneten Werke: „Polens Palaeontologie" werden alle Zeug-
nisse über die Frage, ob in Europa in historischer Zeit zwei
verschiedene Arten von Stieren in wildem Zustande gelebt ha-
ben, abgehört und für die Verneinung wird mit Entschiedenheit
gestimmt. — So gern und vollständig ich auch in dieser Ab-
handlung den aufgebotenen Fleifs und den Scharfsinn anerkenne,
so wenig kann ich ,doch für das Resultat mich erklären.
Es ist meine Absicht nicht, jetst in eine vollständige Kri-
tik dieser gelehrten Abhandlung einzugehen, vielmehr behalte
ich mir eine ausführliche Bearbeitung des durch die Vertheidi-
gung verschiedener Ansichten bekannt gewordenen Materials
vor, zu welchem ich noch einige aufgefundene Notizen über
das allmählige Schwinden der besprochenen Thierarten in ei-
nigen Gegenden werde hinzufügen können. Vielleicht gelingt
es unterdessen auch über den Auer des Caucasus , der nach
Hrn. Prof. Nordmann's Schilderung **), dort noch ziem-
lich häufig sein mufs, nähere Nachrichten einzuziehen. Ich
halte es aber, bei dem Interesse, welches dieser Gegenstand
gewonnen zu haben scheint, für dienlich, auf ein Paar noch
nicht benutzte Zeugnisse über die Duplicität der wilden Stiere
in Ost- Europa aufmerksam zu machen.
Ehe ich jedoch hierzu übergehe, sei es erlaubt, vorher
das Resultat der Untersuchung des Herrn Professors Pusch
etwas näher ins. Auge zu fassen. Es lautet so; „Dafs kein
Mensch in der historischen Zeit in Europa eine vom heutigen
Auerochsen verschiedene wilde Ochsenart gesehen habe, dafs
vielmehr Bonasus, Bison, Wisent und Zuhr auf der einen,
Ur und Tur auf der andern Seite nur zwei aus verschiedenen
Dialekten abstammende Namen eines und desselben Thiers
*) Polens Palaeontologie, nebst einem Versuch zur Vervollständi-
gung der Geschichte des Europäischen Auerochsen. Stuttgart 1837. 4.
**) Bulletin scientifiqtie de l'Acad, deSt,-Petersbourg- Vol. III. />.305-
sind, und dafs unter den letztern auch mithin nicht die
wilde Stammrace unsers zahmen Rindviehs verstanden werden
könne."
Die Frage, ob die zweite, bis ins 16. Jahrhundert nach
Cuvier's Meinung im wilden Zustande in Ost -Europa noch
erhaltene Art von Rindern als die Stammrace des zahmen Rin-
des zu betrachten ist, lassen wir dabei unberücksichtigt. Be-
kanntlich hat Bojanus den Bos primigenms, oder den ver-
tilgten Inhaber einer Art von fossilen Schädeln für verschie-
den vom gezähmten Ochsen erklärt, und besonders Gewicht
darauf gelegt, dafs bei dem ersten die Hörner stets nach au-
fsen und nach vorn gerichtet seien, diese Richtung aber bei
dem letztern nicht vorkomme. Indessen hat der kleine, in
Schottischen Parks erhaltene Rest der ehemaligen wilden Och-
sen Schottlands grade dieselbe Richtung der Hörner *) und
Ant. Schneeberger sagt ausdrücklich, dafs die Hörner des
Tjvr auf dieselbe Weise gestaltet waren**). Auch hat Grif-
fith die Abbildung eines Rindes mit solchem Gehörn bekannt
gemacht ***).
Nur die Frage wollen wir untersuchen, ob die histori-
schen Zeugnisse uns berechtigen, zwei Arten von wilden Rin-
dern in Europa während des Mittelalters anzunehmen oder
nicht?
Herr Professor Pusch fafst die Schriftsteller, nachdem er
sie vorher abgehört und beurtheilt hat, in folgender Weise in
zwei Uebersichten zusammen, um sich dadurch den Weg zu
dem schon oben mitgetheilten Schlufssatze zu bahnen "J*).
„Wenn man die Gewährsmänner, welche für die Existenz
einer oder zweier wilden Ochsenarten in Europa während der
historischen Zeit angeführt worden sind, unter sich vergleicht,
so ergiebt sich leicht, dafs:
*) Griffith animal kiitgdom. IV. jk 417.
*♦) C. Gesner Historia atiimal. Vol. J. p.iii. {ed. 1620.)
***) Griffith animal kingdom. Vol. IV. tab. penult.
f ) A. a. O. S. 208.
V. Jahrpr. 1. Band. 5
66
67
Hier ist zuvörderst auffallend, dafs der Verfasser den
Gesandten Ilerberstain (denn so schrieb er sich selbst) un-
ter die schwachen Gewährsmänner aufzählt. Ilerberstain's
Nachrichten über die bereisten Länder, tragen sämmtlich den
Character prüfender Kritik. Um sie zu wiirdigc]i, mufs man
sie nur mit den frühern vergleichen. Ich habe bei einer an-
dern Gelegenheit gezeigt *), wie alle bis zum Uebermaafs ent-
wickelten Mälirchen über das Wallrofs sich verloren, so wie
Herberstain's Commentarien erschienen — und vollkom-
men geschwunden sein würden, wenn nicht ein einfältiger Ue-
bersetzer den Laut 3Iors, womit Herberstain das russische
Morsj ausdrücken wollte, geradezu mit „Tod" übersetzt
hätte, so dafs man in der deutschen Uebersetzuug las: „Die
Russen nennten das Thier den Tod". Und doch war Her-
berstain vom Vaterlande des Wallrosses noch sehr weit
entfernt geblieben. Aber elben so sind alle Nachrichten, die
er von den Thieren Rufslands giebt, in bester Harmonie mit
dem, was wir jetzt wissen, wenn wir nur das leicht begreif-
liche Zurückdrängen einiger Formen dabei in Anschlag bringen.
Aber auch alle übrigen Nachrichten, unter denen die über
die Thierwelt ja die unbedeutendsten sind, tragen das Gepräge
eines sorgsam prüfenden, ruhigen, kritischen Forschers. Und
dieser Herberstain nun spricht nicht blofs von zwei Arten
Rindern, er beschreibt sie, er hat sie gesehen, er bildet sie ab,
ja er fügt mit Nachdruck hinzu, dafs Unwissende ihre Namen
verwechselten. Cuvier hatte also wohl Recht, auf ein sol-
ches Zeugnifs Gewicht zu legen. Dagegen bietet Pusch vie-
len Scharfsinn auf, um dieses Zeugnifs zu entkräften und es
als offenbar darzuthun, dafs Herberstain nur einen dunkel
gefärbten Bison oder Tur gesehen und beschrieben habe **).
Immerhin mag der Name Tur eine allgemeinere Bedeutung
haben, so springt doch in die Augen, dafs Herberstain ihn
entschieden für ein anderes Thier als den Bison erklärt, und
dafs er ihn gesehn habe, wie er ausdrücklich hinzufügt. Bei
dieser Versicherung kommt es nur darauf an, ob Herber-
*) Memoires de l'Acad. 6. Serie. Tome IV. Seconde partie. p. 111
-113.
**) A. a. O. S. 199.
5* ■
68
stain zuverlässig wai* und ob man ihn für fähig halten konnte
zu unterscheiden. Seine Zuverlässigkeit stand bei seinen Zeit-
genossen, wie bei den Historikern späterer Zeiten in sehr gu-
tem Ansehn. Sollte er aber den Unterschied von Titr und
Bison mehr durch Andere als durch eignes Urtheil erkannt
haben, so läge darin ein noch gröfserer Beweis, denn die Ein-
gebornen würden wolil einen bartlosen Bison nicht für ein
anderes Thier angesehen haben. Fast scheint es aber, als habe
Herr Prof, Pusch sich wenig mit IlerberstainJbekannt ge-
macht, denn er sagt von ihm, dafs er 155S in Rufsland war.
In der That aber besuchte Herberstain das Russische Reich
1.517 und nochmals 1526. Seine Commentarien erschienen,
obgleich spät genug, doch 1549. Herr Prof. Pusch hebt be-
sonders hervor, dafs schon Jonston den Herberstain wi-
derlegt habe, aber Jonston scheint den letztem gar nicht
zu kennen und sagt gelegentlich, dafs der Tuj^ Masoviens von
den Lithauern Zuhj'o genannt würde, wie er bei Seal ig er
gefunden habe *). Von einem Aquitanier also läfst sich der
Pole hierüber belehren, ganz des kritischen Geistes Jons ton's
würdig. Uebrigens aber führt Jons ton, dem man als Einge-
bornem Gewicht geben möchte, eine Menge Rindvieh auf —
wie er es eben in den Autoren, die er benutzte, vorfand —
in möglichster Confusion.
Auch legt Herr Pusch darauf Gewicht, dafs Herber-
stain kein Naturforscher war. Aber haben wir überhaupt
vor Gesner einen andern Zoologen als Aristoteles? Was
nun insbesondere die kritische Sichtung der Säugthier- Arten
betriflft, so wird man durch topographische Schriftsteller stets
melir Licht erhalten, als durch die compilirenden Naturforscher
des Mittelalters bis Jonston herab.
Vergleicht man die beiden Hälften der tabellarischen Ue-
bersicht der Zeugen, welche uns Herr Prof. Pusch giebt, so
ist ferner auflfallend, dafs der Palatin Ostrorog, der Augen-
zeuge gewesen zu sein scheint , so wie Mucante und andere
vonBrincken aufgefülirte Scliriftsteller ausgelassen sind, dafs
aber auch ohne sie, die Summe derjenigen Zeugnisse, welche
für zwei Arten des Genus Bos sprechen , gröfser ist. Der
') Jonston de Quadrupedibus p. 36.
69
Verfassser sucht ihr Zeuguhs dadurch zu entkräften, dafs er
sie „schwache Gewährsleute aus dem unwissenden Mittelalter"
nennt. Aber eben d:\s ist wichtig, dafs die gegenüberstehen-
den säumitlich in eine Zeit fallen, in welclier Polen, Böhmen
und überhaupt Mittel -Europa völlig unbekannt waren. Man
könnte aus ihnen nur die Wahrscheinlichkeit ableiten, dal5 in
den Gegenden, welche den Griechen und den Ilömern in den
ersten Jahrhunderten nach Christo bekannt waren, nur eine
Art wilder Stiere lebte — und selbst gegen diese Wahrschein-
lichkeit erliebcn sich Piinius und das zufällige Zcugnifs Se-
neca's. Ueberdiefs giebt es ja nur einen negativen Beweis,
wenn ein Schriftsteller nur eine Art kennt.
Ich habe nur bemerkbar machen wollen, wie ungerecht
man die Glaubwürdigkeit der Zeugnisse abwägt, weini mau
Personen, welche Polen bereisten oder dort ansässig waren,
in dieser Streitfrage gegen Cäsar, der am Rhein Krieg führte
und Griechen, deren Kenutnifs nicht über Paeonien hinaus-
geht, zurücksetzt.
Nur so viel scheint mir von den Gegnern Cuvier's mit
Erfolg nachgewiesen zu sein, dafs die Benennung Tur keines-
weges eine so bestimmte Anwendung gehabt habe, wie Manche
glauben mögen. Allein dasselbe gilt fast allgemein von Thier-
namen. Derselbe Name wird, wo eine Thierform, sei es im
Räume oder in der Zeit aufhört, auf eine verwandte Form
angewendet. So wie das Russische Wort Ölen im Norden
das Rennthier, im Süden den Hirsch bezeichnet, und wie nach
Cuvier's Ansicht das Deutsche Wort Ur nach dem Ausster-
ben desselben auf den Bison überging, so mufste auch das
Wort Tur mit dem Ziibr verwechselt werden. Herr Prof.
Pusch geht aber weiter, indem er nachzuweisen sucht, dafs
das Wort Ziibv die Litthauische, das Wort Tur aber die Pol-
nische Benennung für dasselbe Thier war, und die allerdings
gewichtige Bemerkung macht, dafs alle Ortsnamen, in welche
das Wort Ziihj^ übergegangen ist, in dem, gröfstentheils von
Litthauern bewohnten Theile Polens vorkommen, die Ortsnamen
aber, in welchen sich das Wort Tur fmdet, zum gröfsteu
Theile wenigstens, den eigentlich Polnischen Landschaften an-
gehören, eine Bemerkung, auf die wir später nochmals zurück-
kommen werden.
70
Allein, wenn auch die Worte Tur und Zuhr synonym
wären, so würde dadurch wohl erklärt, wie sorglose Schrift-
steller beide Worte zusammen stellen und so zwei Arten von
Thieren nach diesen Benennungen annehmen konnten, es wird
aber das Zeugnifs von Augenzeugen nicht widerlegt — und
es miifsten dann doch häufige Zurechtweisungen von besser
unterrichteten eingebornen Polen schon im 16. Jahrhunderte
vorkommen. Grade, wenn das Wort Tur in Polnischer Spra-
che dasselbe Tiiier bedeutete, das im Litthauischen Zubr hiefs,
wäre es unbegreiflich, wie zwei benachbarte Völker das nicht
sollten erkannt haben. Man denke sich zwei an Zahl fast
gleiche Volksstämme, nicht nur an einander gränzend, sondern
unter einem Scepter vereinigt — und das eine Volk sollte
nicht erfahren, wie das gröfste Jagdthier des Landes bei dem
andern heifst! —
Indessen, ich gehe zu dem Zwecke dieses kleinen Auf-
satzes, zu der Mittheilung noch nicht benutzter Zeugnisse über.
Mit dem bisher Gesagten habe ich nur andeuten wollen, dafs
man die Untersuchung keinesweges als geschlossen betrachten
darf, und dafs selbst die von Pusch zusammengestellten Zeu-
gen ^ehr für Cuvier's Ansicht als gegen dieselbe sprechen
möchten.
Bleiben wir zuvörderst bei Polen stehen, so darf nicht
übersehen werden, dafs zwei Zeitgenossen Herberstains,
welche Hr. v. Brincken nicht aufzählt, obgleich beide in Po-
len lebten, schon in Gesner's allgemein bekanntem Werke
den Tur und Bison als zwei verschiedene Thiere Polens be-
trachten. Anton V. Schneeberger, der in Krakau sich
aufhielt, und häufig von Gesner über die Thierwelt Polens
befragt wurde, theilte diesem eine ausführliche Beschreibung
des Tur mit*), die im Wesentlichen mit der von Herber-
stain übereinstimmt, aber durchaus nicht von diesem Schrift-
steller entlehnt ist, denn sie ist viel umständlicher und die
Form der Hörner wird sogar anders dargestellt, als Herber-
stain sie abgebildet hat.
Ueber den Bison spricht Schneeberger kürzer, aber
*) Gesneri Hist. animal I. p. 141. (ed. 1620.) Pusch hat dieses
Zeugniss nicht übersehen, er weist es nur ab.
71
durchaus als von einem verschiedenen Thiere *). Ein Baron
Bonarus, dessen Lebensverhältnisse mir unbekannt sind, der
sich aber als einen Bewohner Polens zu erkennen giebt, spricht
in demselben Werke über den Tur und den Bison und meint»
dafs der erstere aus einer Vermischung eines männlichen Bi-
son mit einer zahmen Kuh entstanden sei — woraus hervor-
geht, dafs der Tur dem zahmen Rinde ähnlicher war, als der
Bison **).
Von Polen wenden wir uns nach dem benachbarten Preufsen.
Lucas David sagt in seiner Preufsischen Clironik ***),
indem er von der Abreise des Herzogs Otto von Braunschweig
aus Preufsen, welche im Jahre 1240 erfolgte, spricht: „Doch
ehe dann er verreiset, begäbet er die briider mit vielen gaben.
Ins erste gab er Inen .... (es folgt nun eine Aufzeichnung
von Victualien) .... und so dann im lande viel wildes vor-
handen von Aueroxen, Visonten, wilde pferde, Elende, grose
und kleine Beere, rehe und hasen, Hesse er Inen seine garne
luid hunde und Federspiel, die er mit sich bracht hatte und
weil er im lande war dor an viel lust und nucz gehabt, lies
Inen auch seinen obersten Jeger raeister, der willig in Preus-
sen bleib und wart ein Bruder D. Ordens."
Hier werden also y^uei ochsen und Visonten als Preufsi-
sche Jagdthiere aus dem 13. Jahrhunderte genannt. Um den
Werth des Zengnisses abzuwägen, müssen wir zuvörderst fra-
gen, ob dieser Schriftsteller das Land Preufsen und seine Vor-
zeit kannte? Lucas David ist der ausführlichste und zuver-
lässigste Chronist Preufsens. Im Anfange des 16. Jahrhunderts
(um 1503) in der Stadt Allenstein in Preufsen geboren, war
er zuerst bei dem Bischof von Culm angestellt, wo er alle
alten Urkunden über die Geschichte seines Vaterlandes studirte,
und ging dann über in die Dienste des Markgrafen Albrecht,
um sich ganz der Ausarbeitung seiner Chronik widmen zu
können. Es ist historisch documentirt, dafs der Markgraf Al-
brecht, der überhaupt au wissenschaftlichen Unternehmungen
Interesse nahm. Alles aufbot, um unserm Chronisten so viel
*) Daselbst p. 145.
♦0 Daselbst p. 142.
*»*) M. Lucas Davids Prcufsische Chionik Bd. II. S. 121.
72
historisches Material als möglich zu verschaffen. So bereiste
Lucas David die gröfsern Städte Thorn, Danzig und Elbing,
um die Archive derselben zu durchsuchen. Das Archiv des
Ordens war in Königsberg, dem gewöhnlichen Aufenthalte des
Chronisten. Ueber mehr als 2000 Urkunden fand man Aus-
züge und Register in seinem Nachlasse. — Die Ausarbeitung
der Chronik begann er aber erst sehr spät, nach langen Stu-
dien. — Er mufste also das Land und seine Vorzeit wohl
kennen. Bemerken mufs man dabei, dafs in dem kleinen Lande
Preufsen, wo der Orden Herr war, der in Jagden und Trink-
gelagen seine vorzüglichsten Genüsse fand, mau wohl wissen
mufste, ob ein oder zwei Arten jagdbarer Rinder im Lande
waren, und über die Identität der Bedeutung von Urochs und
Wison wohl nicht in Zweifel geblieben w'ive, wenn diese
Worte auf dasselbe Thier sich bezogen hätten. Beide Namen
wurden übrigens von den Deutschen gebraucht, nicht von zwei
durch die Sprache geschiedenen Völkern.
Diese Stelle aus der Chronik von Lucas David wird aber
besonders lehrreich, wenn man sie mit einer andern zusammen-
hält, die sich in demselben Werke findet*). Hier wird er-
zählt, dafs der deutsche Orden die Gränze gegen Litthauen
verwüstet habe, damit die Christen nicht so leicht von den
Litthauern überfallen werden könnten. Es heifst nun weiter;
„Diese vorwüste orth seindt itzo der wilden Thier wouung
worden, da sie hecken und hegen, als die grosen Auer oder
wilden oxen" u. s. w. Diese werden nun näher beschrieben
und nach ihnen das Elen. Offenbar bezieht sich das Gesagte
auf die Zeit in der Lucas David schrieb. Damals scheint
also nur noch eine Art wilder Ochsen in den Preufsischen
Wäldern gelebt, und den Namen Auer geführt zu haben, we-
nigstens nach den östlichsten Gränzen hin. Die vorher ange-
führte Stelle spricht aber vom 13. Jahrhunderte und dem, Po-
len näher liegenden. Kulmer Lande. Es ist bekannt, dafs
Lucas David für dieseZeit die jetzt verlorne Chronik von
Christian dem ersten Bischöfe von Preufsen vorzüglich be-
nutzte**). Der Bischof Christian, der noch vor dem Or-
*) Ebend. Bd. I. S. 66.
**) Vergl. Vo igt's Geschichte Preufsens. ßd. I. S. 616-631.
73
den uach Preufsen kam, kannte das Land in seinem ursprüng-
lichen Zustande, den es bald durch die Einwanderung der
Deutschen verlor. Er starb wahrscheinlich 1243.
Nach solchen Zeugnissen ist es von geringerem Gewichte,
dafs auch Erasmus Stella, der im Anfange des 15. Jahr-
hunderts zwei Bücher De aniiquitatibus Borussiac schrieb,
imter den Thieren die Uli und Bisontes als verschiedene Ar-
ten aufführte*). In der Beschreibung hat er freilich, da er
nicht Augenzeuge war, sich an Pliuius, nach damaliger Sitte,
gehalten.
Nach Erasmus Stella und Lucas David, der die
Clironik des Bischofs Christian benutzte, wird es also wahr-
scheinlich, dafs in der ersten Zeit der Ordensherrschaft Ur-
ochsen und lYisoiüe, in der Mitte des 16. Jahrhunderts aber
nur noch eine Art Ochsen im wilden Zustande in Preufsen
lebte, auf die nun die Benennung Auer überging. Diese "Wahr-
scheinlichkeit wird um so gröfser, da sie mit iinderri Zeugnis-
sen völlig in Uebereinstimmung steht. Von der einen Seite
wird dieser Zustand für das 16. Jahrhundert dadurch bestätigt,
dafs in Jagdverordnungen aus dieser Zeit, die im geheimen
Archive in Königsberg aufgehoben werden, nur noch von
Auein die Rede ist, dafs Henneberg er **), der im J. 1575
eine grofse Karte von Preufsen herausgab und 1595 eine aus-
führliche Erklärung dazu drucken liefs, auf dieser Karte nur
eine Art Ochsen, nämlich den, welchen man jetzt Auer nennt
{Bos Urus Auct.) abbildet und nennt, und dafsHerbcrstain,
so wie Schneeberger und Andere ausdri;--klich sagen, der
ThuVf d. h. die jetzt geschwundene Art, habe zu ihrer Zeit
nur noch, in Masovien gelebt und werde dort künstlich ge-
halten, während sie den Zuhr als ein allgemeineres Thier be-
handeln. Schneeberger fügt noch ausdrücklich hinzu, dafs
einige Jahre vor seiner JNlittheilung die Thuri durch ein sehr
starkes Sterben auf eine sehr geringe Zahl vermindert seien.
Von der andern Seite wird das frühere gleichzeitige Vor-
handensein zweier Arten wilder Ochsen im mittlem Europa
aufser Preufsen und Polen bestätigt durch die von Hrn. Prof.
*) Erasm. Stella; De Borussiae antlquitatibus. Lib. I. p. 20.
**) Henneberg er Erklärung der Preufsischen gröfsern Laudtafel.
Königsberg 1595.
74
Pusch schon angeführten Zeugnisse von Cantapritanus, der
im 13. Jahrhunderte schrieb: In Bohemia reperiuntur zubro-
nes, animalia inaxima summae velocitatis et aliud genus,
quod Polones Thurones dicunt, forma minore, velocitate
praestantiores *), — durch Johann von Marignola, Ka-
plan Kaiser Karl'sIV, der in seiner 1355 überreichten Chro-
nik unter den Thieren Böhmens Buh ali und Bisontes nennt**\
— durch das Niebelungenlied, das in einer grofsen Jagd einen
Wisent und starker Uore viere erschlagen läfst.
Aber auch die historischen Urkunden Pommerns werden
uns, wenn man sie befragt, vielleicht dasselbe aussagen. Zwar
erwähnt der Begleiter des Pommerschen Apostels Otto, in
seiner Lebensbeschreibung desselben, nur unbestimmt der Fe-
rinae Buhalorum^*''^), aber Dan. Gramer übersetzt diese
Stelle durch Püffel oder Uhr- Ochsen j-). Gramer erzählt
dann weiter, die Pommerschen Archive bezeugten, dafs der
Fürst WratislafV, etwa um das Jahr l^i64 in Hinterpom-
mern einen Wysant erlegt habe und fügt hinzu, dafs dieses
Thier stärker und gröfser als ein Uhr-Ochs geachtet werde.
Gramer lebte in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bis
in den Anfang des 17. Er spricht also von diesen Thieren
allerdings nicht als Augenzeuge, allein man darf annehmen,
dafs er nach alten Urkunden, oder wenigstens Sagen, beide
Thiere unterschied. Auch werden wir sogleich hören, dafs die
jetzt untergegangene Form, aufser dem Namen Ur auch den
von Biiffel oder im Lateinischen Buhalus führte.
Ich habe näi-ilich, um nachzusuchen ob nicht auch aus
dem westlichen Europa Urkunden über zwei wilde Rinder in
früher Zeit sprechen, in den alten Deutscheu Gesetzen nach-
gesehen und fand zu meiner grofsen Freude, dafs eins der äl-
*) Diese Stelle aus dem nie gedruckten Werke von Cantapri-
tan „De natura rerum'^'- findet sich abgedruckt in den Verhandlungen
der Gesellschaft des vaterländischen Museums in Böhmen. Hft. 2. S. 58.
**) Verhandlungen der vaterländischen Gesellschaft in Böhmen.
Hft. 1. S. 64.
***) Vita St.Ottonis in Histor. arionymi ciijusdam. L.ll. c.39. p.324.
-{-) D. Cramer's Pommer. Kirch. Hist. 1603. 4. S. 24. In einer
andern Ausgabe von 1620, die ich nicht vor mir habe, soll sogar (S.
12) stehen: Püffel und Uhrochsen. Pommersche Provinzial-Blätter I.
S. 323.
75
testen Gesetzbücher, die Leges Alamannorum (aus dem 6.
oder 7. Jahrh.) beide neben einander erwähnen. Es heifst hier
Tit. 99. §.1.: Si quis hisontem huhaluin, vel cervum qid
j)ruqil (^al: hriigit, hwgit^ furaverit aut occiderit duodecim
solidos compojiat *). Ein Deutscher Text, dessen Alter ich
nicht anzugeben weifs, den ich aber angeführt finde, sagt:
„Wann einer einen Wisent oderBuiffel-Ochsen oder ein Hirsch
stiehlt **).
Schon aus dieser Zusammenstellung wird es wahrschein-
lich, dafs Buhalus, Büffel und Urachs synonym waren. Die
erstere Benennung mochte durch die Römer in Deutschland
eingedrungen sein, da sie das Thier nicht kannten, und nicht
allgemein, so wie Caesar, den Deutschen Namen annehmen
mochten. In trefflichem Einklänge steht hiermit die bekannte
und so oft angeführte Stelle des PI in ins, wo er die Thiere
Germaniens nennt: Insignia houm ferorinn genera, jubatos
l)is07ites, excellentigue vi et velocitate uros, c/ulbus imperi-
twn vulgus huhalorum nomen imponit, quwn id gignat
Africa ....
Ich will nicht entscheiden, ob der Name Buhalus (ur-
sprünglich vielleicht der Antilopen -Art angehörig, die man
später Antilope Buhalis genannt hat, wie PI in ins anzudeu-
ten scheint), von dem schwarzen wilden Ochsen Deutschlands
auf das Indische Thier übergegangen ist, das wir jetzt Büffel
nennen, oder ob die Römer dieses letztere Thier schon so
benannten und den Namen nur wegen der schwarzen Farbe
auf Jen Ur übertrugen. Dafs aber der Buhalus oder Büffel
Deutschlands, der, wie Plinius sagt, eigentlich JJr hiefs,
schwarz von Farbe war, macht die Lex Baiwariorum \vahr-
scheinlich, denn dort werden Tit. XIX. §. 7. die Buhali unter
das Schwarzwild gerechnet ***). — Erinnern wir uns nun,
dafs sowohl nach Herberstaiu's, als des von ihm ganz un-
abhängigen Schneeberger's Beschreibung wenigstens die
männlichen Thuj'i (denn Schneeberger schliefst ausdrück-
lich die weiblichen aus), schwarz mit grauem Rückenstreifcu
waren, so finden wir auch hier Bestätigung.
*) Heineccii Corpus juris Germanici antiqui. p, 238,
**) Barth's Urgeschichte Deutschlands. II. S 71.
**'^) Heineccii Corpus juris Germanici antiqui. p. 321,
76
Ueberhaupt aber wird man die angeführten liistorisclien
Zeugnisse über das gleichzeitige Vorkommen zweier wilder
Stiere in Eui'opa in gutem Einklänge finden. Einen gegen al-
len Zweifel gesicherten Beweis können sie nicht geben, weil
vollständige Beschreibungen fehlen. Aber dieser Mangel ist
Schuld der Zeit und nicht der Unkenntnifs der Thiere. Im
Alterthum beschrieb man überhaupt die Thiere nicht, sondern
man nannte sie nur oder machte irgend eine Beobachtung über
sie, die nur zuweilen das Thier errathen läfst, aber äufserst
selten hinreicht, verwandte Formen zu unterscheiden. Es ist
fast nurPlinius, der, indem er die auffallendem Thiere aller
Länder durchgeht, zuweilen kurze Beschreibungen hinzufügt.
"Wir wissen aber, dafs Plinius zuerst den Bison imd TJrus
unterschied. Aus diesem Grunde hat man aber auch auf sol-
che Autoren späterer Zeit wenig Gewicht zu legen, welche
den Plinius ausschreiben. Man kennt aber nun eine nicht
unbedeutende Anzahl von Stellen in Schriften, welche ohne
Plinianischen Eiuflufs in der ilmen bekannten Gegend zwei
Stierarten anführen. Niemand wird glauben, dafs beim Nieder-
schreiben der Alemannischen Gesetze man Plinius gefolgt
sei. Möglich ist es allerdings immer, dafs auch hier ein
doppelter Name desselben Thiers eine doppelte Nennung ver-
anlafst hat, oder dass mit dem Worte Biibalus ein anderes
Thier, z. B. das Elen, gemeint ist ; allein um diese Möglichkeit
zur Wahrscheinlichkeit zu erheben, müfsten die entschieden-
sten Beweise vorgebracht werden. Vor allen Dingen aber
müfsten Stimmen aus dem Mittelalter selbst über die identische
Bedeutung von Ur und TYisant, Tur und Zuhr, dem Euro-
päischen Bubalus und Bison sich aussprechen.
Es ist sehr zu wünschen, dafs Geschichtsforscher und na-
mentlich die Kenner des Mittelalters, so auch die Forscher der
alten deutschen Sprache auf diese Frage aufmerksam gemacht
würden — dann ^verden sich gewifs bald zahlreiche Quellen
für die endliche Lösung finden. Sollte man nicht besonders
aus der Schweiz reichen Stoff erwarten können? An Urkun-
den aus frühen Zeiten dürfte es hier nicht fehlen, die uns
nachwiesen, welcher Art das Thier war, von dem der Kanton
Uri Namen und Wappen hat. Schon Strabo erwähnt der
wilden Stiere aus den Alpen. Waren sie aber von zweifacher
77
Art, wie das Alemanuischo Gesetz erwarten läfst, oder waren
sie nur von einfacher? Und wie liefsc sich dann die doppelte
Benennung- erklären. Am lehrreichsten wäre es, wenn sich
Beschreibungen, oder, da diese kaum zu erwarten sind, ein-
zelne charactcristisclie Kcnnzeiclicn auffinden liefsen. Der un-
genannte Abt von St. Gallen , der Anecdoten aus dem Leben
Karls dos Grofscn gesammelt hat, deren Kenntnifs ich mei-
nem gelehrten Freunde, Herrn Prof. Lorentz hierselbst ver-
danke, erzählt von einer Jagd, auf welcher Karl durch einen
wilden Stier verwundet wurde. Die ungeheuren Hörner (/m-
manissima cornud) sollen nach Erlegung des Thiers vorge-
zeigt worden sein. Hiermit hätten wir den ursprünglichen
Ur {Bos primigenhis) noch in der Nähe von Achen, wenn
nur der gute Abt rocht zuverlässig wäre — aber er schrieb
nach Hörensagen*). König Guntram fand im J. 590 in den
Vogesen einen getödteten Biihalus, also nach unserer Deutung
einen wahren Ur, und war über diese Verletzung seines Jagd-
gebietes sehr erzürnt **). Noch habe ich. nichts Näheres über
den wilden Stier gefunden, in dessen Verfolgung der König
Theodebert im J. 548 umkam. Honoratius Servius,
der im 5. Jahrhundert lebte, versetzt den Ur bis in die Py-
renäen — ob mit Recht oder durch Verwechselung, lasse ich
unentschieden.
Sucht man aber nicht blofs nach Beweisen vom gleichzei-
tigen Vorkommen zweier wilder Stiere, sondern nur nach Be-
weisen, dafs ein vom Zuhr verschiedener, aber dem zahmen
Ochsen ähnlicher Stier in wildem Zustande in Europa lebte,
so wird Grofsbritannien, wo er sich noch erhalten hat, wohl
am wichtigsten. Bis ins 16. Jahrhundert scheint er hier noch
häufig gewesen zu sein, denn 1466 wurden noch sechs solcher
Thiere zu einem Feste erlegt ***). Er blieb auch im wilden
Zustande bis ins 17. Jahrhundert und Sibbaldf) sagt aus-
drücklich, dafs er in einigen Berggegenden noch wild lebe, dem
*) De gestis Caroli magni Libri duo coiiscript. a St. Galll Mo-
nacho, mBouquet Recueil des Historlens des Gaules et de la France.
T. V. p. 125.
**) Bouquet 1. c. II. p. 590.
***) Pennant Arct. Zonl. I. 2. p. 6.
-}-) Sibbald Scotia illustrata 1684, Histor. animul. p. 7.
78
zahmen Rinde sehr ähnlich sehe und behauptet im Wider-
spruche mit Boethius, dafs er keine Mähne habe. Der letz-
tere scheint diese Mähne, nach seiner Weise, aus den Alteu
compilirt zu haben, indem er dieses Thier für den Bison hielt.
Pennant sah ihn im 17. Jahrhunderte nur noch in Parks in
halbwildem Zustande, in welchem er noch jetzt nach Hamilton
Smith vorkommt *).
Dafs dieses Thier auch in der Form des Gehörns dem
Bos primigenius gleiche, habe ich schon bemerkt. Die letz-
teren Britannischen sind freilich nicht schwarz, wie die Thuri
Herberstain's, sondern mehr oder weniger weifs, allein die
Farbe kann um so weniger hier entscheiden, da der Rest des
Stammes auch in der Gröfse verkümmert ist.
Zum Schlüsse erlaube ich mir noch die Bemerkung, dafs
Hrn. Tu seh' s Ansicht: das Wort Zuhr sei das Litthauische
Wort für das Polnische Tur, die anfänglich auf mich vielen
Eindruck machte, doch wenig begründet scheint. Noch jetzt
nennen die Russen von Grodno bis zum Kaukasus den jetzigen
Auer Zuhr, und haben sogar dieses Wort auf den Ameri-
kanischen Bison, den ich für eines Ursprungs mit dem Euro-
päischen zu halten nicht umhin kann, übertragen. Sollten die
Russen ein Litthauisches Wort angenommen haben? Aber
auch Cantapritanus nennt im 13. Jahrhundert ein Böhmi-
sches Thier Zuhro, und sogar ein Byzantinischer Schriftstoller
Nicetas Choniata gebraucht das W ort Zumpros**). Noch
jetzt heifst nach Cantemir dasselbe Thier in der Moldau
Zimhro. Dieser Name ist also wohl Slavisch, während Tiir
ohne Zweifel mit Taurus und TavQog einer Wurzel ist. Die
Beibehaltung beider Wörter läfst dann aber um so mehr eine
Nöthigung dazu annehmen. Sagt doch der Lexicograph P h o a-
rinus, öder wie er sich lieber nannte Varinus, dafs das
W^ort TavQog in specieller Bedeutung den hovem sylvestrem
anzeige, was sehr gut auf den Bos prim. oder den Tur pafst.
*) Griffith animal, hingdom IV. p. 418.
**) Nicetas Choniata ex rec. Imm. Bekkeri p. 433.
lieber 3Iacroscelides Rozeti *)
von
Dr. Moritz Wagner.
JL/ieser bizarre kleine Insektenfresser bewohnt den westlichen
Theil der Regentschaft Algier. Er wurde bis jetzt nur in
den Umgebungen der Städte Oran, Tlemsan, und Arzew auf-
gefunden. Weiter östlich als Arzew scheint er nicht zu ge-
hen. Uebrigens ist er auch bei diesen drei Städten nur sehr
selten und schwer zu bekommen. Der Capitain Rozet, welcher
dieses Thierchen zum erstenmale nach Frankreich sandte, er-
hielt es durch die industriösen Soldaten des Bataillon d'Afri-
que, die bei ihrer kargen Löhnung einen unmäfsigen Durst ha-
ben und zu allen möglichen Mitteln greifen, um diesen zu be-
friedigen. Zwei Soldaten dieses famosen Corps, welche als
Ratten- und Schlangenfänger zu Oran in besonderem Reno-
mee standen, führten mich auf einen felsigen Berg, westlich
von Oran, dessen Gipfel ein Marabuttempel und das spanische
Fort Santa Cruz krönt. Dort hält sich der Macroscelides zwi-
schen den Lücken grofser, abgerissener Felsstiicke auf. Er
sucht natürliche Schlupfwinkel aus und gräbt selbst keine Lö-
cher; doch macht das Weibchen den Jungen ein Bett in den
dichtesten Gesträuchen der Zwergpalme (Chamaerops humi-
lis) , welche auf diesem Felsen häufig wächst. In den Früh-
stunden verläfst das Thier seine Schlupfwinkel und sucht son-
nige Stellen auf; während der Mittagszeit aber flüchtet es sich
unter den Schatten des Chamaerops und späht dort auf seine
Beute, die Insekten, welche auf die niedern Pflanzen sich setzen.
Am liebsten frifst der Macroscelides Insektenlarven, Heu-
schrecken ohne Flügeldecken und besonders auch Landschnek-
*) Aufgestellt von Duvernoy in den [Mem. de la Soc. d'hist.
natnr. de Strasbourg I. 2. 1.
80
ken, überhaupt alle kleinen weichen Thierchen. Unvermö-
gend, das starke Gehäuse der Ilelix lactea zu zerbrechen,
dringt er mit seinen so seltsam verlängerten schmalen Mund-
theilen in die Oeflfnung ein und reifst gewöhnlich ein Stück
von der Schnecke ab, ehe dieselbe Zeit hat, sich völlig in das
Innere ihres Gehäuses zurückzuziehen. Ich hielt meine 12
Thierchen einige Wochen lebendig zu Hause und fütterte sie
mit kleinen Orthopteren. Brod, Waizenkörner, Zucker rührten
sie nicht an, obwohl Rozet den seinigen mit Brod ernährt zu
haben behauptet. Es sind überaus sanfte Thiere, die nie beifsen
selbst nicht einmal, wenn man sie quält. Sie gehen nicht auf den
Hinterbeinen, wie die Dipus- Arten, sondern immer auf den vier
Füfsen und bei ihrem Laufe, der nicht ausserordentlich schnell
ist, 'bemerkt man durchaus die Verlängerung ihrer Hinterbeine
nicht. Dagegen sah ich sie auf dem Felsen öfters sitzend, ka-
ninchenartig sich auf den Hinterbeinen erheben, entweder um
nach ihren Verfolgern zu lauschen oder nach Beute umherzu-
spähen. Bei dem Fange der fliegenden oder hüpfenden Insek-
ten verbergen sie sich lauernd unter der Zwergpalme und su-
chen dann ihre Beute gewöhnlich mit dem ersten weiten Satze
zu erreichen, wobei die Länge der Hinterbeine ihnen trefflich
zu statten kommt. Der Fang dieser Insektenfresser ist sehr
schwierig. Gelingt es dem Jäger nicht, ihnen den Schlupf-
winkel abzulauern und den Rückzug unter die Felsblöcke ab-
zuschneiden, so ist man genöthigt, die schweren Steinblöcke mit
eisernen Hebebäumen umzukehren. In den heifsen Monaten,
wie auch während der Regentage, verschwindet der Macrosce-
lides. Die beste Zeit seiner habhaft zu werden, ist Frühling
und Herbst. Meine Soldaten hatten die ganz kleinen Jungen
dieser Rüsselmaus im Monat Februar bei Tlemsan gefun-
den. Mithin scheint die Begattungszeit in den Wintermona-
ten zu sein. In der Gefangenschaft bemerkte ich an diesem
Thierchen eine ganz eigenthümliche starke Ausdünstung. Ein
einziger Macroscelides wenige Tage in eine grofse Kiste ein-
geschlossen, hinterliefs einen Geruch, der mehrere Wochen in
dem Behälter zurückblieb. Auch unter sich scheinen diese
kleinen Thiere sehr sanft und verträglich zu sein, wenigstens
bemerkte ich sie nie, selbst nicht um ihr Futter, kämpfen.
Beschreibuug einer neuen Litoriua,
nebst Bemerkungen
über die Kouclijlien des Ostseestraudes bei
Travemüude
von
Dr. L. Pfeiffer in Kassel.
Als ich in den Jahren 1820 — 21 in Lübeck wohnte, war es,
so oft es mir vergönnt war, das anziehende Travemiinde zu
besuchen, ein eifrig betriebenes Geschäft, alle dort vorkom-
menden Schalthiere zu sammeln, theils um sie meinem nun
verstorbenen Oheime, Carl Pfeiffer, dem rühmlichst bekannten
Beschreiber der deutschen Land- und Süfswasserkonchylien,
zu übersenden, theils sie für mich aufzubewahren.
Lange Zeit waren mir die zu jener Zeit gesammelten und
sorgfältig mit dem Fundorte bezeichneten Schätze aus den Au-
gen und fast aus dem Gedächtnisse gekommen, und icli hatte
keinen Werth darauf gelegt, da ich glaubte, die wenigen Ar-
ten seien überall gemein und längst bekannt. Erst jetzt habe
ich dieselben wieder hervorgesucht und genau untersucht, und
fand darunter, ausser einigen interessanten kleinen Arten, die
zu Rissoa oder vielleicht zu den von Philippi angenommenen
Salzwassermelanien gehören, zu meinem gröfsten Erstaunen
eine bisher, soviel ich habe ermitteln können, ganz übersehene
Litorina, welche mit der Litorina litorea gesellig zu leben
scheint.
Die L. litorea ist in dem Ausflusse der Trave, wo diese
den Hafen bildet, in unendlicher Menge an den in das Was-
ser eingerammten Pfählen, unter und über dem Wasserspiegel,
V. Jahrg. 1. Band. 6
82
ja auch an den im Hafen liegenden Schiffen zu finden, und
ich erinnere mich keines andern Ortes, wo ich meine Exem-
plare gesammelt hätte. Ich fand sie dort nie so grofs, als ich
sie aus andern Gegenden, namentlich aus der Nordsee, erhal-
ten liabe, und obgleich lebend, doch stets mehr oder minder
abgerieben. Nur dadurch ist es zu erklaren, dafs ich die 2te
Art, zu welcher beinahe der achte Theil meiner Exemplare
gehört, damals ganz übersehen konnte, und dafs sie überhaupt,
wie ich glaube, bis jetzt imbeschriebeu geblieben ist. Uui die
Aufmerksamkeit der Forscher darauf hinzulenken, gebe ich
hier 'Uire vorläufige Beschreibung:
LitOT'ina marinorata L. Pfeiflf.
Testet ovata, tenuls, aplce sithacuia, iinperforata, lon-
gitudinaliter sttiata, fundo sidphureo vel ceveo strigls et
flaininulis castaneis marinorata', sutiiris canaliculatis ; an-
fractihus convexis', colinnella fuscidnla; apertura ohlongo-
rotunda, interne castanea; operculo tenui, corneOf spirato.
Das gröfste Exemplar, welches ich besitze, ist b\'" lang
und hat 5 Windungen. Von diesem bis zum kleinsten bleiben
sich die angegebenen Charaktere ganz treu, und man kann nie
zweifelhaft sein, ob ein Exemplar zu litorea oder marino-
rata gehöre. Die Unterscheidungszeichen sind folgende:
Litorina litorea.
Schaale schwer, dick, sehr
zugespitzt, deutlich quer ge-
streift, hellbraun, mit dunkeln
Binden, häufiger ganz schwärz-
lich oder braun.
Nähte flach.
Windungen ziemlich flach,
nur die letzte bauchig.
Mündung nach oben in
einem spitzigen Winkel en-
digend.
Litorina iiiarmorala.
Schaale dünn, leicht, nur
wenig zugespitzt, glatt, nur
mit schwachen Wachsthum-
streifen bezeichnet^ schwefel-
oder wachsgelb, mit kastanien-
braunen Streifen und Flam-
men marmorirt, bei jungen
Exemplaren sehr regelmäfsig.
Nähte rinnenförmig.
Windungen sämmtlich kon-
vex, treppenförmig abgesetzt.
Mündung länglich - rund,
durch die Wölbung des obern
Theils der letzten Windung.
83
Von den bei Chemnitz V. t 185. f. 1852. N. 1 — 8 ab-
gebildeten Formen gehört bestiunnt keine hierher, sondern
sämmtlich unverkennbar zu litorea, und initer den übrigen
mir zugänglichen Abbildungen finde ich sie ebenfalls nicht.
Weit schwieriger ist es aber, die kleinen, in beträchtli-
clier Menge im Meeressande gefundenen Schnecken zu bestim-
men, und ich begnüge mich für jetzt damit, zu erwähnen, dafs
ich 3 — 4 Arten von Rissoa ans der Ostsee bei Travemünde
besitze, welche mit den sizilianischen von Philippi gesammel-
ten und beschriebenen niclit übereinkommen. Auch ist wohl
zu vermuthen, dafs einige neue Arten sich darunter befinden
werden, da die kleinen einschaligen Bewohner unserer nordi-
schen Küsten noch lange nicht hinreichend untersucht sind;
wenn gleich Menke unter den bei Helgoland und Norderney
vorkommenden schon interessante Formen gefunden hat.
Uebrigens ist die erwähnte Gegend der Ostsee sehr arm
an Konchylien. 3fya arenaiia, Teilina haltica, Mytibis
edulis, Cardiinn cdule (letzteres besonders häufig in den sal-
zigen Sumpfstrecken längs des Ausflusses der Trave) und ein
vielleicht davon verschiedenes sehr kleines Cardium, sind in
unendlicher Menge vorhanden, hin und wieder einmal eine
Mactra solida oder einzelne Schaalen einer Venus^ die ich
nicht sicher zu bestimmen weifs, das ist Alles, was man an
dieser Küste antrifft. In der Tiefe mögen vielleicht noch andere
der in den benachbarten Meeren gefundenen Konchylien sich auf-
halten, aber die wenig stürmische See, die auf glattem, sehr lang-
sam sich erhebenden Sandboden nur in ruhigen Wellen zum
Ufer gelangt und keine Ebbe und Fluth hat, verräth wenig
von den wahrscheinlich in ihrem Schoosse befindlichen Ge-
genständen. Doch wäre es sehr zu wünschen, dafs die Küsten
der Ostsee von einem erfahrenen Forscher gründlich unter-
sucht würden, da der eigenthümliche Charakter dieses von
dem grofsen Ozean abgeschiedenen Meerestheiles wohl aufser
unserer Litorina noch manches ihm Eigenthümliche erwarten
läfst. In der Nordsee ist die Litorina litorea ebenfalls sehr
häufig, namentlich auf Norderney und Helgoland in grofser
Menge gesammelt worden; dort scheint aber statt der viar-
6*
84
morata die neritoides in Gesellschaft mit jener zu leben, die
wiederum in der von mir untersuchten Gegend der Ostsee
gänzlich fehlt.
Die Zahl der von mir bei Travemiinde (freilich in kurzer
Zeit) gefundenen Kouchylien beschränkt sich demnach auf
etwa 12 Species von Acephalen und Gasteropoden, während
Philippi von Helgoland allein 48 Arten aus diesen beiden Klas-
sen aufzählt, und glaubt, dafs diese Zahl mit Einschlufs der
Cirripedien und Cephalopoden wohl auf 100 steigen könnte.
Die ersteren habe ich damals wenig beachtet, doch glaube ich,
dafs wenige Arten derselben sich bei Travemiinde finden wür-
den. — Spirorhis nautiloides kommt in grofser Menge auf
den verschiedenen Seetangarten vor.
Bastard - A n n o ii a.
Notiz von
C. Moritz.
Ein Reisender kommt käufig in den Fall, wie weiland He-
rodot erklären zu müssen, diefs und das hat man mir gesagt,
ob's wahr ist, mufs ich dahin gestellt sein lassen. Stets die-
sem Principe Herodot's in solchen Fällen treu, begnüge ich
mich damit, folgendes zu referiren. Ich fand im Garten zu
Mocuudo eine mir auffallende nicht zu bestimmende Annona,
und fragte daher Hrn. H. nach dem Namen des Baumes; Er
nannte ihn Anon-Rinon und erklärte, es wäre ein Ba-
stardbaum durch Pfropfen iinjercion) des einen auf den an-
dern künstlich hervorgebracht. An der Gestalt der Früchte
Avies er nach, dafs sie medio Anon, medio Riiion (halb A.
squamosa L., halb A, glabra) wären, gab mir auch eine rei-
fende mit, die nur mit einzelnen Spuren von Schuppen, ich im
Geschmack nachher der Rinon ähnlich, doch weniger süfs fand.
So weit meine Erfahrungen reichen, wäre dies das erste Bei-
spiel eines durch Pfropfen erzeugten Bastards. Da die auf
bisherige Erfahrungen gegründeten physiologischen Gesetze
dem aber widersprechen, so bin ich geneigt, die Erzeugung
von dergleichen Bastarden vielmehr als aus künstlicher Be-
fruchtung hervorgegangen anzunehmen.
Anatomie des Kiwi oder Kivikivi
(Apterjx australis Sh.)
von
R. O w e n.
(Aus den Proceed. of the Zool. Soeiet. 1838. S. 48.)
Uie in der zoologischen Gesellschaft vorgetragene erste Ab-;
theilung beschränkt sich nur auf die Digestionsorgane. Der;
Schnabel hat eine oberflächliche Aehnlichkeit mit dem der Gat-
tungen Numcnius und Ihis, unterscheidet sich aber wesentlich ,
dadurch, dafs die Nasenlöcher nahe der Spitze sich öffnen und,,
die Schnabelvvurzel von einer Wachshaut bedeckt ist^ Dies^,
endigt vorn mit einer concaven oder halbmondförmigen Krüm-i.
raung, ähnlich wie bei Rhea. Zwei schmale Furchen erstrek-,
ken sich, von den Winkeln der .Wachsliaut längs beiden Set«^
ten des Oberkiefers; die obere, setzt bis zum abgestutzten^
Ende des Oberkiefers fort, die untere leitet in das Nasenloch^,;
welches gleichsam das erweiterte Ende der Furche bildet^:
und eine Lage hat, wie sie bei keinena andern Vogel vorkommt.,,
Die Wachshaut ist etwa.l" lang, an den Seiten mit kurzen,;
steifen Federn und Haaren bekleidet, während sie an ihrer,
Basis eine Anzahl lauger schwarzer Borsten abgiebt, deren An-;
Wesenheit, so wie die Ausdehnung der empfindlichen Haut mf,\
dem Schnabel Hr. Owen als. wichtig fiir den Tastsinn der .^fp-,
tejyx und in Bezug zu seiner nächtlichen Lebensweise ste^-;
hend betrachtet. Die Gesammtform des Schnabels pafst Mm,
Einsenken in Spalten und Höhlen, um darin nach Insekten zu
suchen, welche zum Theil den Inhalt seines. Magens ausmach-
ten. Die Zunge war, wie in allen straufsartigen Vögeln, kurz
und einfach, zeigte indessen eine relativ gröfsere Entwickelung.
86
Sie ist von zusammengedrückter, schmaler, verlängert -dreiek-
kiger Gestalt mit abgestutzter und leicht ausgekerbter Spitze,
8"' lang, 4'" an der Basis und l'" an der Spitze breit. Die
vordere Hälfte besteht in einer einfachen Platte einer weifsen,
halb durchsichtigen, hornigen Substanz, oberhalb schwach concav;
hinter dieser wird die äufsere Bedeckung, welche sich in die hor-
nige Platte verliert, oder mit ihr verschmilzt, allmälig unterschie-
den und nimmt den Character einer Schleimhaut an: sie ist über
den hinteren Rand der Zunge umgeschlagen und bildet eine halb-
mondförmige mit der Concavität gegen die Glottis gekehrte
Falte; hier aber so wie an jedem Theile der Zunge ist sie
ohne Spitzen oder Papillen. Die den Schlund bekleidende
Membran hinter der Glottis bildete zwei längliche, viereckige,
glatte, dicke und anscheinend drüsige Falten oder Fortsätze,
deren stumpfe freie Ränder rückwärts wie Zipfel in den Schlund
hineinragen; hinter diesem setzt sich die bekleidende Membran
iii dicht stehende, schmale, etwas wellenförmige Längsfalten
forti ' Die Speiseröhre hat an ihrem oberen Ende einen hal-
bteW'Z'ÖH im Durchmesser, verengt sich aber plötzlich zu ei-
ner'Brelte von 3'", in welcher Weite sie sich bis zum Vor-
mägtni fortsetzt. '-^ Die Muskelhaut der Speiseröhre hatte etwa
^''' in Dicke und und ihre Fasern liegen in zwei Lagen; die
innere zeigt Längs- die äufsere Kreisfaseru. Die Länge der
Röhre beträgt 8 Zoll, auf ihre Ausdehnbarkeit deuten die dich-
ten'Längsrunzeln hin, in welche die sie auskleidende Mem-
bran gelegt ist. Der Vormagen von l" 2'" Länge und ^ Zoll
inl 'Durchmesser, 'liegt in der Achse der Speiseröhre deren
unmittelbare Fortsetzung er bildet. Seine Drüsen sind ringsum
in seinem gan'zeil Umfartge entwickelt; ihre Mündungen öffnen
sicH' in deii Manchen feiner netzförmigen Oberfläche, hervorge-
bracht' durch die Längsfalten der Speiseröhrenhaut, welche
beim Eintritt in den:' Vormagen ihren Charakter ändern, und
sicli gleichsam über seiner Flächisverzweigeö. Der Magen ist
klein,' riiifst nicht 2 Zoll im Längs- und Querdurchmesser.
Seiner Gestalt nach hat er mehr den Charakter eines häutigen
Magens als den eines Muskelmagens, indem er von regelmäfsi-
ger oval-rundlicher Form ist. Die Muskelfasern sind nicht in
begränzte Massen, die man digastrici und laterales benennt,
angeordnet, sondern strahlen von 2 sehnigen Mittelpunkten
'^87
•;Von etwa ^ Zoll im längsten Durchmesser aus. Auf der in-
<neni Oberflaclie des Magens finden sich 2 Hervorragungon,
eine an dem unteren, die andere an dem oberen Ende des
hinteren Tlieiles. Die Lage der letzteren war der Art zu Ma-
genniund- und Pförtneröffmuig, dafs Hr. Owen dafür hält, sie
diene zum Schlielsen dieser Oeffnungeii während der heftigen
Contraction der Muskelfasern im oberen Theile des Magens,
und so wahrscheinlich in gewisser Hinsicht den Durchtritt des
Futters in diese Höhlung regele durch Zurückhalten einer
Portion im Vormagen, bis der Magen seines früheren Inhalts
entleert sei. Eine schmale Pförtnerpassage von etwa 3 Linien
in Länge erstreckt sich von dem oherenEnde des Magens ins
Duodenum. Es ist kein Sphincter vorhanden und keine Pfört-
iiertasche wie beim Straufse, aber die Haut setzt sich in das
Duodenum etwa 3 Linien über den Pylorus hinaus fort. Nach
Wegnahme der Abdominalmuskeln sah' man die beiden Leber-
lappen den vorderen Theil der Höhle einnehmen, der sich von
den Einschnitten des Brustbeins bis zu der Mitte zwischen
Brustbein und Cloake erstreckt. Der Magen war ganz von
einem grofsen netzartigen Fettfortsatze des Peritoneums be-
deckt. Den Raum zwischen Magen und Leber nehmen langie,
einfache Schlingen des Darms ein, die sich schräg und fast
parallel von oben und rechts nach unten und links erstrecken.
Die unterste und gröfste oberflächliche Schlinge bildet das- Duo-
denum. Das Ganze wird von einer netzartigen, dick mit B'ett
versehenen Decke bedeckt. Den Zwischenraum des Duode-
num nehmen 2 Lappen eines schmalen und verlängerten Pan-
kreas ein. Das spitze Ende des vorderen Lappen reicht frei
über die Krümmung des Duodenum hinaus, und unmittelbar
unter ihm zeigt sich das Ende des Rectum und die Kloake.
"Nach Wegnahme der Netzfortsätze und Aufheben der Darm-
"windungen, erscheint das Rectum vorwärts an 2" sich 'längs
der Mittellinie erstreckend, und dann das Ilium und diöBli'ftid-
därme aufnehmend. Nur allein die vordere Hälfte des Rectum
hat eine Bekleidung vom Peritoneum. (Es folgt eine detail-
lirte Angabe des situs der einzelnen Darmwindungen). 'Die
Coeca sind jedes 5 Zoll lang und ihrer ganzen Länge nach
verschiedenen Theilen der letztern Ilium-Windungen angewach-
sen. Die dünnen Gedärme haben im Allgemeinen einen' Durch-
messer von 3'", und nehmen an Umfang allmälig ab, indem sie
sich dem Mastdarme nähern. Die Blinddärme übertreffen in
ihrem Anfange leicht den Durchmesser des Ilium, aber ihre
Capacität nimmt allmälig gegen ihr blindes Ende zu, wo sie
einen Durchmesser von etAvaS" erreichen und dann sich plötz-
lich zu einer stumpfen Spitze verschmälern. Die vordere
Hälfte des Mastdarms war zusammengezogen, die auskleidende
Membran in Längsfalten gelegt. Der Mastdarm communicirte
mit der Harnerweiterung (urinary dilatation) durch eine
kleine halbmondförmige OefFnung, von welcher verschiedene
kurze Rujizeln stralilenförmig ausgingen. Diese Abtheilung der
Kloake war nicht, wie beim Straufse, zu einem weiten Behäl-
ter ausgedehnt, sondern zeigte dieselbe verhältnifsmäfsige Gröfse
wie beim Emeu, indem sie etwa f Zoll in Länge und eben so
viel im Durchmesser maafs, die äufsere Abtheiiung (jcompart-
inent) der Kloake enthielt eine grofse einfache Ruthe spira-
lig zurückgezogen, und von 1^ Zoll Länge, wenn ausge-
dehnt V Sie'-'Vi^ar l durchzogen von einer harnröhrenähnlichen
Grube, deren Seiten nicht wie beim Gänserich mit Papillen
besetzt, , sondern einfach quergeringelt waren. Am Hinter-
theile der Kloake . befand sich eine kleine hursa von \ Zoll
Länge, die durch eine weite Längsötfnung mit der äufseren
Abtheilung communicirte. Der Magen enthielt eine grünlich-
gelbliche breiige Substanz und viele fasrige Körper, zwischen
denen sich nur allein einige dünne Insektenbeine und Stück-
chen von Dunen der Apteryx erkennen liefsen, auch enthielt
er wenige Kiesel. In den dünnen Därmen fand sich eine brei-
ige Masse, ähnlich der im Magen, aber von dunklerer Farbe.
Die Coeca enthielten eine ähnliche, mehr flüssige Materie, in
welcher ;§ich wieder Insektenbeine unterscheiden liefsen. Die
Leber besteht aus zwei grofsen, durch einen schmalen Isthmus
verbundenen Lappen; der rechjp ist der gröfsere, von fast
dreieckiger Form, der linke war von mehr viereckiger Gestalt.
Die Gallenblase, 1^ Zoll lang, hing rhit ihrem Halse am
inneren Rande des rechten Leberlappens mittelst der Gallen-
blasengefäfse und zweier kurzer Gallenblasen - Lebergänge.
Ein ductus cyslieus letzte sich in Länge leicht mehr als 2
Zoll fort, bis zur Hälfte der ujiteren Biegung des Zwölffinger-
darmendes. Der Ductus hepaticus endigte einige Linien uü«
89
ter dem cysücus; beide Gange waren starker als gewöluiliclu
Das Pancreas bestand, wie gewölinlicli, aus zwei verlängerten
subtriedrischen Lappen, welche hauptsächlich im vorderen Theile
des Duodenal - Raumes gelegen waren. Einer der Lappen
reichte aufwärts und rechts bis zur Milz. Seine zwei kur-
zen und dicken Ausführungsgänge endigten nahe dem ductus
hepaticus und cysticus auf einer kleinen Längserhabenheit.
Die Milz zeigte nichts Eigenthiimliches; ihre Gröf^e war etwa
die einer Haselnufs. — Der Ernährungsapparat pafst also ganz
zu der Sclmabelbildung. Auf einen zum Ergreifen kleiner Ge-
genstände eingerichteten Schnabel folgt ein einfacher, enger,
muskulöser Kanal. Da das Futter animalischer Natur ist, und
in kleinen, successiven Q^iantitäten eingenommen wird, und so
schnell als es eingenommen verdaut ist, so ist es nicht Jioth-
wendig, dafs der Oesophagus als ein Behälter diene, entwe-
der durch ausnehmende Weite oder durch eine partielle Er-
weiterung. Der Vormagen, in der verhältnifsmäfsigen Einfach-
heit seiner Drüsen und der Magen in seiner geringen Gröfse
und mittlerer Stärke zeigen sich noch mehr als Bildungen für das
Quetschen und die Chymification anintalischer Substanzen, die,
wie Würmer und die weicheren Ordnungen der Insekten thun,
einen mäfsigen Widerstand darbieten. Die Länge der Därme,
welche die der dünnschnäbligen Wadvögel in etwas übertriflft,
und die Gröfse der Coeca scheinen auf die Absicht zu deu-
ten, dafs dieser in seinem Bewegungsvermögen so sehr be-
schränkte Vogel, jeden nöthigen oder möglichen Vortheil ha-
ben soll, um aus seiner minder organisirten animalischen Kost
alle Nahrung zu ziehen, die sie nur gewähren kann.*)
*) Die bereits von Shaw aufgestellte Gattung Apteryx wurde
von W, Yarrell in dem ersten Stücke des ersten Bandes der Trans-
act. of the Zoologie. Society of London S. 71 von neuem beschrieben
und schön abgebildet und zwar nach dem Originalexemplar Shaw's,
welches, (damals das einzige in England und in ganz Europa) im Be-
sitze des Lord Stanley war. Für diejenigen unserer Leser, welchen
jene englische Zeitschrift nicht zu Gebote steht, mögen hier einige
Notizen daraus Platz finden:
„Die ganze Länge des Vogels von der Schnabelspitze bis zum
Ende des schwanzlosen Körpers beträgt 32"-, der hell gelblich-bravme
Schnabel ist 6|" lang, dünn, ähnlich dem der Ibis aber mehr gerade
und an seiner Basis niedergedrückt; der Oberkiefer ist an jeder Au-
90
fsenseite nahe dem Rande seiner ganzen Länge nach gefurcht-, am
Ende der Furche liegen die Nasenlöcher, bedeckt von einer INlembran,
die klappenartig an ihrer Aufsenseite so aufgehängt ist , dafs der ge-
ringste Druck gegen die Aufsenflächc die Nasenlöcher schliefsen mufs.
Auch die Unterkinnlade, welche hinter der abgestutzten stumpfen
knopfförmigen Oberkieferspitze eingreift, ist ihrer ganzen Länge nach
gefurcht. Beide Kiefer sind breit und flacli an der Basis, messen am
Mundwinkel 1" in der Quere, und nur 7" in der Höhe. Die innere
Fläche beider Kiefer ist völlig eben, einander ganz berührend und
nur der Unterkiefer hat an seiner Basis eine Concavität fiir die kleine
Zunge. — Die Federn des Kopfes sind kurz , am Halse länger, und
nehmen nach den untern Theilen des Körpers an Länge zu. Die am
Kopf und Hals sind haarbraun, am Schafte heller, die des Rückens,
der Seiten und des Rumpfes an den Schäften und am inneren Theile
der Fahne röthlich gelbbraun, au den Rändern dunkelbraun. Die am
Unterhalse, an der Brust und am Bauche sind heller graulich weifs.
In Struktur gleichen die Federn denen des Emu; die Fahne ist von
gröfster Ausdehnung, flaimiig (flocculent) an der Basis der Feder und
wird mehr linear und kürzer gegen das Ende; die Fasern der Fahne
sind nicht verkettet, und dem Schafte fehlt die accessorische Feder.
Der rudimentäre obere Flügel ist mit Federn von jderselben Art, wie
der übrige Körper, besetzt, und ganz von den vor und hinter dem
Flügelrudimente stehenden Körperfedern verdeckt. Die Tihia ist etwa
5", der tarsns 3" lang, mit harten dichtgenetzten Schuppen bedeckt,
auf der Vorderseite mit queren Schildern. Vier Zehen, die drei vor-
deren ganz getrennt, die Mittelzehe die längste, Aufsen- und Innen
zehen gleich lang, oberhalb mit queren Schildern bekleidet. Die Nä-
gel schwach gekrümmt, der der Mittelzehe oberhalb convex, unter-
halb concav. Die der beiden anderen durch Abnutzung der Kanten
auch unterhalb convex, spornartig. Die Hinterzehe steht an der in-
neren flachen Seite des Tarsus, rückwärts und fast senkrecht abwärts
gerichtet, so hoch am Tarsns eingelenkt, dafs die Spitze des Nagels
kaum den Boden berührt. Die ganze Länge der Hinterzehe be-
trägt nur 1|", wovon der Nagel f Zoll mifst, der fast gerade und
spitz mehr einem Sporn der Hühnervögel, als dem Nagel einer Hin-
terzehe gleicht." —
Die systematische Stellung des Kiwi zu den straufsartigen Vö-
geln, welche dann einzig durch die rudimentäre Flügelbildung , nicht
durch die sogenannten Pedes cursorii (ohne Hinterzehe) zu characte-
risiren sind, leuchtet ein. Er bildet so einen Uebergang von den
Straufsen zu den Wadvögeln, wie die ebenfalls 4 zehige Dronte zu
den Hühnern, d'ürville und Quoy und Gaimard gaben in der Votjuge
de VAstrolabe die ersten kurzen Mittheilungen, welche ihnen von den
Neu- Seeländern über den Kiwi gemacht wurden. Man jagt den ^'o-
gel Nachts bei Fackelschein mit Hunden. Aus seinen Federn ange-
fertigte Mäntel gelten für einen kostbaren Schmuck der Häuptlinge.
Ueber seine Nahrungsweisc vgl. d. Archiv 1S36. 11. S. 273.
Uiilcrsucliiiiig'en über die Reizbarkeit iler ßläitei*
von Mimosa pudica L.
von
F. A. W. Miquel.
Im Auszuge mitgetheilt vom Verfasser, aus der Tydschr. voor iiat.
Geschied, en Physiologie.
Als ich im Sommer 1837 einige Untersuchungen über die
Wirkung der Gifte auf lebende Pflanzen anstellte, unterwarf
ich auch die Blätter der M. pudica der Einwirkung" einiger
derselben, vorzüglich in der Absicht, nähere Kenutnifs zu er-
langen über die noch niclit genug gekannte AVirkung der nar-
cotischen Gifte auf lebende Pflanzen. Ich glaubte nämlich bei
einer Pflanze, wo ein Theil des Gewebes solch eine nierkwnir-
dige Eigenschaft besitzt, besser entscheiden zu können, ob diese
Stoffe unmittelbar das Leben des Gewebes auslöschen, oder auf
eine mittelbai-e Weise den Tod herbeiführen. Ich verglich diese
Experimente erst, nachdem sie beendigt waren, mit den Resul-
taten anderer Forscher, um so viel möglich von vorgefafster
Meinung frei zu bleiben. Es war vorauszusehen, dafs diese
Untersuchungen eine nähere Betrachtung des Sitzes und der
Natur dieser sonderbaren Reizbarkeit veranlassen würden.
Es kann durchaus meine Absicht nicht seyn, eine Erschei-
nung erklären zu wollen, an welcher der Scharfsinn so vie-
ler ausgezeichneten Forscher bis jetzt scheiterte. Gern bin
ich zufrieden , wenn meine Untersuchungen etwas beitragen
können zur künftigen Lösung einer Frage, die mir jetzt dazu
noch nicht reif zu sein scheint.
Die Experimente über die Wirkung der Gifte geschahen
mit einer kräftigen Pflanze, in einem recht hellen geräumigen
Saale im Schatten.
92
i. Experiment. 27. Juli. 12 Uhr. Temperat. 72" F.
helle Luft. Drei Fiederchen des zweiten Blattes von oben»
welche zuvor durch Berührung geschlossen waren, wurden je-
des in feines Löschpapier gewickelt, das äufserste (No. 1.) mit
^q. Laurocerasi, das andere äufsere (No. 2.) mit einer Lö-
sung von Extract. Opii aquos. (^Gram auf 1 Unze Wasser),
das innere mit Wasser befeuchtet. — Um 1 Uhr 10 Min. wer-
den die Papiere abgezogen. Die Blättchen von No. 3. öflfenen
sich sogleich mit Kraft, indem sie gegen das Papier eine ge-
wisse Spannung ausübten. Die von No. 1. langsamer, nach
einigen Secunden; die von No. 2. nach mehreren Secunden,
doch alle sind erst nach 7^ Min, geöffnet.
2. Experiment. 27. Juli. 12| Uhr. Die zwei unteren
Blätter, jedes mit zwei Fiederchen, werden geschlossen, das
eine in eine Glasröhre voll uäqua laurocerasi, das andere in
eine Auflösung von Opium- Extract (wie in Exper. 1.) ge-
steckt, so dafs die Fiederchen und ein kleiner Theil des Blatt-
stiels in den Flüssigkeiten waren. Ein ähnliches Blatt wurde
in eine solche Röhre mit gewöhnlichem Wasser gesteckt. —
28. Juli. JO^Uhr Morg. Temp. 75» F. Bezogene Luft. Das
Blatt in reinem Wasser hat sich aus demselben etwas heraus-
geschoben, augenscheinlich durch die Tension der Blättchen
gegen die Wand der Glasröhre und die Erhebung des Blatt-
stiels ; die Blättchen öfi'enen sich, aus dem Wasser genommen,
sogleich und sind sehr reizbar. Auch aus der Opiumsolutiou
sind die Blättchen etwas herausgetreten; diejenigen, welche
sich aufserhalb derselben befinden, sind halb geöffnet, und bei
Berührung etwas reizbar. Aus der Röhre herausgenommen
offenen sich die Blättchen je nachdem sie trocken werden; in
5 Min. sind alle offen, jedoch nicht «reizbar, und scliliefsen sich
bei der stärksten Berührung nicht. Selbst das Stiel gelenk scheint
weniger reizbar zu sein. Am Nachmittage hatte das Blatt seine
Reizbarkeit gröfstentheils zurückbekommen. — Das Blatt im
uiq. laurocerasi scheint ganz todt zu seyn. Die Fiederchen
sind schlaff, die Blättchen ganz geschlossen und runzelig ; selbst
der obere Theil des Blattstiels ist eingeschrumpft. Das Stiel-
gelenk besitzt jedoch noch einige Reizbarkeit. Am 29. Juli
war das ganze Blatt mit dem Stielgelcnke gestorben.
3. Experiment. 27. Juli. 12{ Uhr. Das Stielgelenk
93
eines Blattes wird in Löschpapier gewickelt und mit derselben
Auflösung von Extract. Opii befeuchtet. 28. JuJi. 10 Uhr.
Das Papier abgenommen; das Gelenk hat seine Reizbarkeit
verloren, und das Blatt sinkt bei der stärksten Berührung nur
unbedeutend. Die Fiederblättcheu sind jedoch sehr reizbar.
Am folgenden Tage war auch das Stielgelenk wieder reizbar.
4. Experiment. 28. Juli. 11 Uhr. Ein Blatt mit 2
Fiederchen, deren Blättchen vorher durch Berührung geschlos-
sen waren, wui-de in eine enge Glasröhre geschoben, welche
mit einer halben Unze Wasser gefüllt war, worin 3 Gran Kam-
pfer abgerieben waren. 29. Juli. 12 Uhr. Temp. 6.9" F.
Regen. Die Blättchen geschlossen, eingeschrumpft und ohne
Zweifel todt. Selbst das Stielgelenk, welches der Flüssigkeit
nicht ausgesetzt gewesen, hat zum Theil seine Reizbarkeit
verloren.
^.Experiment. 28. Juli. 11^ Uhr. Vier Fiederchen,
von einem Blatte abgeschnitten, werden mit der Unterfläche
auf die vier folgenden (in breiten Gläsern befindlichen) Flüs-
sigkeiten gelegt. No. 1. anf 4 Unzen Regenwasser; No. 2.
auf 4 Unzen Wasser, wozu eine halbe Unze j4qiia lauroce-
rasi hinzugefügt; No. 3. auf 4 Unzen Wasser, worin ~ Gram
Extr. Opii aq. aufgelöst; No. 4. auf eine gleiche Quantität
Wasser, worin 20 Tropfen einer gesättigten Auflösung
von Acetas Plumhi aufgelöst sind. Die Blättchen sind nun
alle geschlossen. Um 3 Uhr Nachmittags fand ich sie alle ge-
öflFnet auf der Oberfläche schwimmen, ausgenommen No. 2.,
welche sich unter derselben befindet*). — 29. Juli. 1 Uhr.
70" F. Regen. Die Blättchen von allen sind geöfi"net, jedoch
von No. 2. nur einzelne, welche die Aqua lanroc. nicht un-
mittelbar berühren, während diejenigen, welche davon mehr
benäfst sind, geschlossen sind und ihre Reizbarkeit verloren
haben. Auch die geöffneten Blättchen sind weniger reizbar.
Die von No. 3. schliefsen sich bei Berührung, öffnen sich je-
doch nur wieder zur Hälfte. Die von No. 4. sind ebenso reiz-
bar als von No. 1. — 31. Juli. 11. Uhr. 64". Regen. No. 1.
sehr reizbar und offen. No. 2. nicht reizbar; die Blättchen
*) Blättchen unter Wasser getaucht, öffnen sich durch die Wir-
kung des Lichtes und steigen nach der Oberfläche.
94
unter der Flüssigkeit sind geschlossen; die aufserhalb derselben
geöffnet, aber nicht reizbar bei Berührung. No. 3. und 4. sind halb
geöffnet, viel weniger reizbar bei Berührung und öffnen sich sehr
langsam. — 1. Aug. 11 Uhr. 62° F. Regen. No. 1. öffnet
sich und ist sehr reizbar. No. 2. ist ganz gestorben und be-
ginnt gelb zu werden. No. 3. ist halb geöffnet und sehr reiz-
bar. Von No. 4. sind die oberen Blättchen noch reizbar, die
unteren geöffnet und reizlos. 2. Aug. 11:|^ Uhr. 63". Regen.
No. 1. wie gestern. No. 3. ganz reizlos; die Blättchen geöffnet
und fangen an gelb zu werden. No. 4. die oberen Blättchen
noch sehr wenig reizbar, halb geöffnet. — 3. Aug. 67". Be-
zogene Luft. Alles wie gestern. — 5. Aug. No. 1. noch sehr
reizbar, aber halb geöffnet. No. 4. todt, gelb gefärbt; die un-
teren Blättchen fallen schon ab.
6. Expej'ijnent. 29. Juli. 1 Uhr. Ich liefs auf den
Insertionspunkt der 4 Fiederchen eines kräftigen Blattes einen
Tropfen verdünnte Schwefelsäure behutsam fallen. Anfangs
sah ich keine Veränderung, jedoch ungefähr nach \ Stunde,
fingen die Blättchen der Fiederchen plötzlich an sich zu schlic-
fsen, von unten beginnend, Paar an Paar; die analogen Paare
der 4 Fiederchen ungefähr gleichzeitig; beim Schliefsen des
unteren Paares fing auch das folgende an, wie umfallende Kar-
ten. Der Blattstiel senkte sich nicht. Am folgenden Tage
war das ganze Blatt gestorben, und zumal an dem Punkte, wo
die Schwefelsäure angewendet, sehr entfärbt.
7. Experiment. 29. Juli. 11 Uhr. Ein zugefaltetes
Blatt wird in eine 4 Drachmen Wassers und 2 Scrup. Tinctur.
Gallar. enthaltende Röhre geschoben. — 31. Juli. Das Blatt
ist todt und gelb gefärbt.
8. Experiment. 28. Juli. 12 j Uhr. Auf ein recht
frisches Blatt werden auf den Insertionspunkt der Fiederchen,
sehr vorsichtig, kupferne Decigramme gelegt. Als 4 da-
rauf lagen, bog sich der 6 Centim. lange Blattstiel etwas. Selbst
als im Ganzen 1 Gram darauf lag und ich fürchtete, dafs der
Stiel brechen würde, behielt dieser noch seine Stellung, so dafs
das Gelenk nicht angegriffen war. Als die Gewichte abgenom-
men wurden, senkte sich der Blattstiel durch eine leise Berüh-
rung an der Unterseite des Gelenkes sehr tief.
9. Experiment. 1. Aug. ll|Uhr. Eine ganze Pflanze
95
wird mit einer Auflösung von 1 Gram Extract. llyoscyami
in 6 Unz. Wasser, sowohl von oben, als von unten (in die
Unterschale) begossen, wodurch die Erde des kleinen Topfes
durchaus nafs wurde, 2. Aug. ll^^. Die Pflanze ist sehr frisch
und reizbar. Sie wurde aufs neue mit einer starken Lösung
begossen. — 3. Aug. Ebenso reizbar wie früher; sie wird jetzt
mit 8 Unzen einer filtrirten Auflösung begossen. — 5. Aug.
Sehr reizbar. Die Erde ist noch ganz nafs. Auch au den fol-
genden Tagen fand ich die Pflanze sehr reizbar; später wurde
ich verhindert dieselbe zu beobachten, und konnte nicht be-
stiiimien ob das Extract wirklich durch die Wurzeln aufge-
nommen war*).
Bemerkungen und Schlufsfolgerungon.
1. Einfliifs der Feuchtigheit mif die Reizbaikcif. Aus
Experim. 1, 2 und 5 geht hervor, dafs das Eintauchen in, oder
Befeuchten dyrch Regenwasser nur einen sehr geringen Einflufs
auf die Reizbarkeit ausübt, da z. B. in Exp. 2. die Blättchen
unter dem Wasser, obwohl in der engen Glasröhre halb ge-
schlossen, gegen derselben innere Wand andrückend, sich zu
öfi"nen bestrebten. Hiermit stimmen die Beobachtungen frühe-
rer Untersucher nicht überein**). Diese scheinen jedoch über-
sehen zu haben, dafs Pflanzentheile, in sehr feuchter Luft (z.B.
unter Glas) eingeschlossen, nach einiger Zeit durch die verhin-
derte Exhalation sterben, wie ich dies an einem anderen Orte
auseinandersetzte***). Dr. Dassen sagt nämlich: »Ich setzte
ein kleines Pflänzchen (von 31. sens'dlva) mit dem Töpfchen
auf eine Schüssel, gofs diese voll W'asser und bedeckte das
Ganze mit einer gläsernen Glocke; in ein Treibhaus gesetzt,
wurde die Glocke bald mit Wasserdampf gefüllt.« Er sagt in-
dessen nicht, wie lange das Experim. gewährt habe und wel-
*) Prof. C. Mulder machte ein ähnliches Experiment mit Extr.
Opa, wobei auch erst am 10. Tage der Tod eintrat. (Vergl. Bydra-
gen tot de nat. Wet. IL 60.)
**) Vergl. M. Dassen in Natuitrl: Verh. d. Holl. Maatsch. van
Weteyis. t. Ilaarlem. Deel XXII. p. 321. Ausgezogen in diesem Ar-
chive 1838. Th. I. S. 214 u. S. 345.
*♦*) Vergl. Atlienaeum, Tyd. voo?- Wetenschap en Kunst II. 389 —
402. und im Auszug in Bullet, d. Sc. phys. et nat. dans Neerlande.
1838. No. 13.
96
ches eigentlich das Resultat war. Ohne Zweifel mufste die
Pflanze, wenn die Glocke nicht gar grofs war, kränklich wer-
den und absterben. Wenn das Leben der Pflanze angegriflen
oder zernichtet wird, mufs ja auch eine Eigenschaft desselben,
die Reizbarkeit, aufhören. Dieses geschieht dann aber nur mit-
telbar durch den Einflufs der Feuchtigkeit. Im 5. Exper. wa-
ren auch die auf dem Wasser schwimmenden Blätter am 9.
Tage reizbar, wie dies schon früher von S ig wart, Peschier
und Du Fay beobachtet v\'urde.
2. Betäubende Stoffe, z. B. Extr. Opii aq., von aiifsen
auf die Gelenke angewandt, vermindern das BewegungS"
Vermögen, ohne dieselben zu tödten QExperim, 2, 3, 5.).
Später bekommeji solche Gelenke dieses Vermögen wieder.
Dafs die Verminderung desselben nicht von der Feuch-
tigkeit abhängt, beweisen die gleichzeitigen Experimente mit
gewöhnlichem Wasser. Von dem narcotischen Stoff' befreit,
öffnen sich die Blättchen langsam, so dafs die Zicllen an der
Oberseite des Gelenkes sich nur langsam wieder mit Flüs-
sigkeit zu füllen scheinen. Nachdom sie geöß"(iet sind, haben
sie für einige Zeit die Reizbarkeit verloren. Das Oeffnen und
Schliefsen geschieht also nicht durch eine und dieselbe Kraft
des Gewebes. Die Zellen haben jetzt die Contractilität noch
nicht zurückerhalten. Zusammenziehung wird also als eine
active Function, die vermuthliche Ursache der Bewegung seyn.
Es ist bekannt, dafs der scharfsinnige Dutrochet*) be-
wies, dafs in den Zellen der Gelenke der Sitz des Bewegungs-
vermögens sei. Durch entgegengesetzte Action der beiden
Gelenkflächen, durch Expansion oder Contraction, erhebt oder
senkt sich das Blatt. Wenn eine betäubende Materie diese
Eigenschaft des Gewebes ausgelöscht hat, bleibt das Blatt un-
beweglich in seiner gewöhnlichen Stellung. In unserm Exper.
öffneten sich jedoch die Blättchen, die durch die Enge der
Röhre zugefallen gewesen waren, nachdem sie aus der narco-
tischen Flüssigkeit herausgenommen waren. Dies geschah also
durch eine gleichmäfsige Vertheilung der Säfte in der Ober-
und Unterfläche des Gelenkes, welche natürlich durch mecha-
*) RechercJies anatomiques ep physiologlques. Paris 1824. Vergl.
auch schon Abr. Munting Waare oefening der Plante?!. S. 448.
07
nischen Druck gestört wün Durch Zusammenzielmng einer
der beiden Zellenlagen konnte dies nicht geschehen, weil deren
Contractions- Vermögen jetzt ausgelöscht war.
Auch Hr. Dassen hat aus den von ihm mit glücklichem
Erfolge wiederholten Experimenten des Hr. Dutrocliet, den
Schlufs gezogen, dafs die Bewegung nicht durch Contraction,
sondern durch Expansion der Zellen stattfinde, und er glaubt
selbst, hierin einen merkwürdigen Unterschied zwischen den
Bewegungen der Pflanzen und Thiere gefunden zu haben, da
bei den letzteren die Bewegungen stets durch Contraction aus-
geübt werden*). Ich fürchte, dafs die Natur diese Hypothese
nicht bestätigt. Wenn man nämlich nach Dutrochet, :die
Zellen an der Oberseite des Gelenkes wegschneidet, so erhebt
sich das Blatt und senkt sich nicht wieder; wenn man die
unteren Zellen wegnimmt, so senkt sich das Blatt und geht
nicht wieder in die Höhe. Diese Beobachtung beweist im
Scheine sehr wohl, dafs durch Expansion der oberen Seite
des Gelenkes das Blatt sich senke, und durch die der unteren
sich erhebe, und man wird hinzufügen, dafs wenn das Bjatt
sich durch Contraction der unteren Seite senke, und durch die
der oberen aufsteige, dies auch beim erwäluiten Experimente
stattfinden müsse, wenn auch die gegenüber stehenden Seiten
weggeschnitten sind. Betrachtet man indessen den Bau des
Gelenkes, so sieht man leicht, dafs die Zellen der beiden Sei-
ten mit einander in viel engerer Verbindung stehen, als mit
den angrenzenden Zellen des Stammes oder Blattstiels, wodurch
die schon von anderen **) vorgebrachte Meinung, dafs die
Bewegung mit wechselseitiger Bewegung des Zellensaftes der
Gelenkseiten in Verbindung stehe, einige Wahrscheinlichkeit
erhält. Bei dem gewaltthätigen Einschneiden des Gelenkes,
wodurch die eine Hälfte weggenommen wird, ist natürlicher
Weise das Leben der anderen zu tief angegriffen, um ihre
Function nach der gewöhnlichen Weise ausüben zu könnei);
Auch bildet nicht jede Gelenkhälfte ein organisches Ganzes
und die Function der einen kann ohne die andere nicht statte;
») Am angerührten Orte. S. 299, 300. ■ ^' ' ^1^
*') Burnett mid Majo (in Ferussac BtilL d. Senat. XIV. 17^)
und selbst Dutrochet {Journal de Pharmacie 1828. /?. 322.)
V. Jabrsr. 1. Band. 7
Ö8
finden. Man findet keine anatomische Grenze zwischen beiden.
Die bekannte Thatsache, dafs sich das Blatt durch Berührung
der unteren Gelenkfläche senkt, ist sehr zu Gunsten meiner
Meinung; denn es ist sehr unwahrscheinlich, dafs ein auf die
untere Seite angebrachter Reiz auf die obere seine Wirkung
ausübe. Die Bewegung geschieht wie durch einen Stofs, wel-
ches weit besser aus einer Contraction der untern Seite, als
aus einer Expansion der obern erklärt wird. Wenn die Zellen
dieser letzteren sich ausdehnen sollen, so mufs dies doch von
einer Anfüllung von Saft begleitet werden; dieser mufs von
den umliegenden Theilen dahin getrieben werden, und man
miifste also auch in diesen einen gereizten Zustand annehmen.
Betrachtet man die Sache näher, dann scheint im Ganzen die
obere Seite des Gelenkes weit mehr passiv zu sein ; man kann
dieselbe ziemlich stark drücken, ehe eine Bewegung des Blatt-
stiels folgt; dies findet erst dann statt, wenn der Druck sich
der Unterseite mittheilt. Durch keinerlei Reizung der Oberseite
kann man das Blatt sich erheben lassen, wenn es sich gesenkt
hat. Dazu bedarf es immer einer gewissen Zeit, und es ist
sehr ersichtlich, dafs die Erhebung auf eine ganz andere Weise
stattfindet, als die Senkung. Wenn die erwähnte Theorie wahr
wäre, so müfste das Blatt sogleich in die Höhe gehen, nach-
dem die Oberseite des Gelenkes weggeschnitten ist, weil die
Expansionskraft der Unterseite dann die Oberhand hätte. Die
Experimente des Hr. Dassen streiten selbst gegen seine Meir
nung. Mit Recht bemerkt derselbe, dafs wenn man die eine
Seite des Gelenkes wegschneidet, die andere dann mehr Kraft
erhalte, weil der Gegendruck aufgehört hat. »Ich habe, sagt
derselbe, das hierzu nöthige Experiment angestellt, und sah, dafs
die scheinbar nöthige Folge nicht statt fand. Denn wenn ich
die Oberseite wegschnitt, und das Blatt mit 9 Gran (welche
ein nicht verwundetes Blatt leicht trägt) beschwerte, so ging
dasselbe langsam und unregelmäfsig in die Höhe; blieb dann
während 2 — 3 Tagen in dieser Stellung, und sank dann im
erschlafftem Zustande *).« Ich sehe nun in dieser Erscheinung
nichts anders, als dafs das durch das gewaltige Einschneiden
gesenkte Blatt in die Höhe gehoben ward durcli den Saft,
*) a. a. O S. 300.
99
welcher in die unteren Zellen zurückkehrte. Bei der grofsen
Wunde mufste diese bald vertrocknen, und das Blatt alsdann
erschlafft niedersinken.
Die in unsenn 8- Exp. erwähnte Kraft, wodurch ein Blatt
1 Gram trug, beweiset, dafs ein Druck, durch das Blatt selbst
auf die Zellen des Gelenkes ausgeübt, wenig Einflufs auf ihre
Contraction hat, da ein viel schwächerer Druck auf das Gelenk
von aufsen ausgeübt, liierzu viel wirksamer ist.
Ich machte in die Oberseite des Gelenks einer im Treib-
hause stehenden Pflanze, im September, einen Cirkelschnitt,
bis eben auf oder in die Holzlage des Stiels, wobei sich etwas
Flüssigkeit entleerte ; dabei senkte sich das Blatt und schlössen
sich die Blättchen; nach 10 Min, waren die Blättchen wieder
geöffnet, und der Stiel hatte sich zu einem rechten Winkel
erhoben. Als ich nach einer halben Stunde das Gelenk unter-
suchte, fand ich dasselbe ohne alle Reizbarkeit, und das Blatt
erhob sich nicht höher. Nach 2 Tagen fand ich das Blatt
wieder in seiner natürlichen Richtung zum Stamm, in einem
scharfen Winkel, das Gelenk war bei Berührung von unten
reizbar, das Blatt senkte sich aber nicht tiefer als zu einem
rechten Winkel. — Von einem andsren Gelenke schnitt ich
die ganze Oberseite weg, wobei sich aus der äufsereu gti'ünen
Zellenlage keine, aus der Innern viel Flüssigkeit entleerte ; das
Blatt senkte sich wie gewöhnlich ; innerhalb einer Stunde erhob
es sich wieder, aber die Unterseite des Gelenkes war ohne
Reizbarkeit. — Später fand ich dasselbe vertrocknet.
Sprechen nun diese Resultate zu Gunsten der Hypothese,
dafs durch Aufüllung der Oberseite des Gelenks das Blatt
sinkt? — Gewifs im Scheine, denn wenn diese verwundet
oder ganz weggenommen wird, senkte das Blatt sich anfäng-
lich nicht; jedoch später findet dieses wieder statt,
auch ohne die Function der Oberseite.
Wenn die Bewegung durch Zusammenziehung der untern
Gelenkzellen stattfindet, mufs die darin enthaltene Flüssigkeit
anderswohin getrieben werden. Hierüber hat man viel gestrit-
ten. Hr. Dassen glaubt, dafs die Flüssigkeit aus dem Gelenke
in den Stamm, nicht von einer Gelenkseite in die andere über-
gehe. »Er schnitt zu beiden Seiten des Gdenks die Zellen-
substanz weg, so dafs die Communication der zwei gegenüber-
7*
stehemleii ( der obern iiiid untern nämlich) unterbrochen
war. Darauf folgte völlige Lähmung, welches jedoch auch
durcli den grofsen Saftverlust, welcher bei der Operation statt
fand, verursacht werden konnte; defshalb glaubte er, könne
dieses Experiment nicht entscheiden, wefshalb er bei einigen
andern Blättern mit einem kleinen Messer blofs einen Längs-
schnitt durch die beiden seitlichen Flächen des Gelenkes machte.
Ebenso gut, wie im erwähnten Experimente, war hierdurch die
Communication zwischen der Ober- und Unterseite weggenom-
men, »doch nun war das Bewegungsvermögen auf
keine Weise aufgehoben.« — Um endlich ein entscheiden-
des Experiment für seine Hypothese zu bewerkstelligen, schnitt
Hr. D. ein ganzes Blatt mit einem runden Stückchen Rinde
VOR' dem Stamm ab, und als nun das Blatt durchaus sein Be-
wegungsvermögen verloren hatte, zieht er den Schlufs, dafs
dies geschehe, weil jetzt der Zellensaft nicht aus dem Gelenke
in den Stamm und umgekehrt fliefsen könne.
•'■' Solche gewaltsame Experimente beweisen zu viel. Kann.
denn uns ein rundherum verwundetes Gelenk, das viel Saft
verloren hat und vom Stamm getrennt ist, noch über seinen
natürlichen Zustand belehren?
Ich machte mit einer sehr dünnen Lancette von oben in
das Gelenk einen perpendiculären Längsschnitt, ganz durch
dasselbe hin, so dafs dasselbe von seinem Insertionspunkte bis
in den Stiel gespalten, und also alle Communication zwischen
der linken und rechten Hälfte aufgehoben war, dahingegen
zwischen der obern und untern Seite und mit der angrenzen-
den Rinde bestehen blieb. Es entleerte sich beinahe keine
Flüssigkeit. Einige Augenblicke nach dem Schnitt, während
dem das Blatt sich gesenkt hatte, schlössen sich die Fiederchen,
von dem äufsern anfangend, alle ungefähr innerhalb ^ Min.
Nach einer halben Stunde fingen sie an sich in entgegengesetz-
ter Ordnung zu öffnen, aber das Gelenk des nun aufgerichteten
Blattes war ohne Reizbarkeit. Nach 3 Tagen hatte das Gelenk
diese noch nicht zurückbekommen, aber die Blättchen waren
offen und reizbar. — Die gewöhnliche Lebensfunction des Blat-
tes war also durch diesen Schnitt nicht gestört. Wir lernen
Taber daraus, dafs man aus dergleichen, durch Einschnitte künst-
Jioh abgebrochenen Communicatiouen nicht auf die Weise der
101
Saftbewegung schliefsen kann, denn oh nran diesen aüfe der
untern in die obere Seite, oder in den Stamm zurückfliefsen
läist, hätte in beiden Fällen das Dewegungsvermögen bei ua-
serm Experim. nicht gestört werden müssen, welches nicht ge-
schah. Die Wunde oder der Saftvorlust oder beide zugleich
zernichteten also das Contractionswrmögen der Gelenkzelien.
Ich that nun an einem anderen Gelenke einen ähnlichen
Schnitt, jedoch in horizontaler Richtung, so dafs die Coninfiui
nication zwischen der Ober- und Unterseite aufhörte. Auch
hierbei ward wenig Flüssigkeit entleert. Das Blatt senkte sich,
und hatte seine Rei/^barkeit verloren, die jedoch in dem Blätfc-
chen blieb. — Ich habe diese Experimente oft und stfits,«?it
demselben Erfolge wiederholt. .■•■,■
Ferner machte ich um den Insertionspunkt eines Blattstiels
einen kreisförmigen Schnitt in die Rinde bis auf das Holz, wo-
bei sich vier Tropfen einer bleichgrünen. Bliissigkeit entleerten,
welche nach einigen Augenblicken weifs- schaumartig wurden..
Das Blatt senkte sich während der Operation und die FiederT
chen schlössen sich, jedoch nach einigen Minuten öffneten sich
diese wieder und waren reizbar. Das Stielgelenk ^var jedoch
gelähmt, aber nach 10 Minuten war es wieder einigerEM^fsen
reizbar; der Stiel hatte sich etwas erhoben, und senkte sicli
bei Berührung des Gelenkes von unten. Nach drei Tagen fand
ich das Blatt in recht\vinkeliger Richtung, nicht mehr reizbar
und die Blättchen vertrocknet. Die Wunde hatte also die Er-
nährung gestört, und dadurch den Tod herbeigeführt, womit
auch die Reizbarkeit verloren ging. Wenn man hieraus schliefst,
dafs die Bewegungskraft aufhörte, weil der Saft nicht aus dem
Stamm in das Gelenk zurückfliefsen konnte, so verwechselt
man das post hoc mit dem propter hoc.
Der Begriff einer Contractilität pafst weit besser zu den
Eigenschaften des Pflanzengewebes, als der einer Expansions-
kraft. Die Eigenschaft, Avelche dem Pflanzengewebe im Allge-
meinen angehört, ist in den Gelenkzellen der Miinosa in einem
erliöheten und moditicirten Maafse vorhanden, so dafs hier die
Zellen sich auf äufsere Reize zusammenziehen. Hugo Mohi
erkannte in neuerer Zeit eine kaum bemerkbiue Reizbarkeit in
den Blättern \on Robinia Pseudacacia, viscona und hispida,
welche sich durch Schüttein sclüiefsen; er glaubt, dafs solch
102
eiiie Reizbarkeit allgemeiner in den Pflanzenzellen vorkomme
als man früher geglaubt habe (Bot. Zeitung 1832. IL 497 —
503). De Candolle sagt, wie ich glaube, ganz mit Recht:
„nous considerons ces phenomenes comme des cas d'exci-
tabilite poussee au plus haut degre" (Phys. veg. II. 867.)
Beim Einschneiden in die saftreiche Rinde der Mimosa fliefst
auch eine grofse Menge grünlichen Saftes mit einem gewissen
Impulse aus.
Aus meinen Experimenten mit den Giften ergiebt sich,
dafs diese Contractilitat durch narcotische Stoffe, als Extr.
Opii ausgelöscht wird, das Leben jedoch dadurch nicht ferner
leidet, wenn die Einwirkung des Giftes nicht zil lange fortge-
setzt wird. Später kehrt die Contractilitat zurück. Andere
Stoffe löschen zugleich mit der Contractilitat auch das Leben
aus, als ^q. Laurocerasi, Tinct. Gallarum und Campher
iExperim. 2, 4, 5, 7.). Vielleicht greifen einige derselben
ebenfalls erst die Reizbarkeit an. Durch Acetas Plumhi ver-
schwindet diese vielleicht blofs in Folge der allgemeinen Le-
bensaffection. — Auch narcot. Stoffe, lange Zeit hinter einan-
der angewandt, scheinen den Tod herbeizuführen, {Exper. 5.)
Aus dem 9. Exp. endlich geht hervor, was sich auch
schon bei anderen Untersuchungen ergeben hatte, dafs ein nar-
cotischer Stoff, z. B. Extr. Hyoscyami, wenn auch in grofser
Menge mit den Wurzeln der Pflanze in Berührung gebracht,
weder auf die Reizbarkeit, noch auf die Lebenskraft im all-
gemeinen, einige bemerkbare Wirkung ausübe.
Das 6. Experiment führt zur Betrachtung der Fortpflan-
zung der Reize.
Man weifs, dafs Dutrochet als Conductoren der Reize
die Holzfasern und Gefäfse (?) betrachtet, insbesondere jedoch
den darin enthaltenen Saft. Dr. Dassen bemühete sich dar-
zuthun, dafs nicht dieser Saft, sondern die Fasersubstanz selbst
die Reize leite. Zu dem Zwecke schnitt er von einem langen
dicken Zweige die Rinde in 0, 1 Meter Länge weg, und prefste
nun das Holzsystem mit aller Kraft zwischen zwei hölzernen
Pflöckchen, „so dafs dasselbe von allem Safte jberaubt ward."
103
Danach liefs er den Zweig, einige Minuten liegen, während
welcher Zeit die Blättchen sich einiger Maafsen öffneten; dann
brachte er das Ende des ausgeprefsten Zweiges in eine Flainmo,
wobei sogleich eine neue Zusammenziehung folgte, „woraus
also hervorgeht, dafs keinesweges der Saft, spndern das llolz-
system selbst die Reize leiten."*) ;^ «i ,^1,^^/
Wiewohl ich die Wahrlieit des Resultats nicht bezweifle,
glaube ich gegen die Schlufsfolge bemerken zu müfsen; 1. dafs
durch derartiges Zusammendrücken das PIolz durchaus nicht
trocken wird, da es erwiesen ist, uafs man durch weit kräfti-
gere Operationen diese Substanz nicht von allem Wasser be-
freien kann. Rum ford konnte kein Holz durchaus trocken
machen. — 2. da Hr. Dassen das Praeparat einige Zeit lie-
gen liefs, mufste dasselbe sowohl aus der Luft als aus seinem
übrigen nicht geprefsten Theile, wieder Wasser anziehen. 3.
kann man aus einem derartig gequetschten und gedrückten
Pflanzentheile nichts bestimmtes über Leitungsfälligkeit für
Reize bestimmen.
Ich glaube hingegen, dafs blofs die von dem in die Flamme
gehaltenen Ende geleitete Wärme hier als Ursache zu betracli-
ten ist, denn man weifs nach den Untersuchungen von A'lph.
De Candolle und de la Rive, wie leicht und schnell die
Holzfaser der Länge nach die Wärme leitet. Die darin ent-
haltene Feuchtigkeit wird, wenn das untere Ende erwärmt
wird, nach oben getrieben, wodurch, so wie durch die mit hin-
aufsteigende Wärme, ein gewaltiger Reiz auf die Blätter aus-
geübt wird. Wenn man ein ganz trockenes Stück Holz mit
dem einen Ende auf's Feuer legt, so wird biJd aus dem an-
deren der heifse Wasserdampf herausgetrieben, und \ver würde
nun daraus beweisen wollen, dafs die todten Holzfasern das
Wasser nach oben treiben? — Dr. Dassen giebt auch nicht
an, in wie weit die stralilende Wärme auf die Blätter kann
gewirkt haben.**)
*) Am angef. Orte S. 310.
**) Dafs, wenn Hr. D. (a. a. O. S. 311.) blofs den Rinden- und
Marktheil in die Flamme hielt, die Contraction nicht erfolgte, be-
weist nm*, dafs diese aus viel mehr isolirten Theilen bestehenden
Gewebe die NVärme und Flüssigkeit uicht so leicht bis nach oben
durchlassen.
104
Ich machte in der Mitte eines Blattstieles", den ich Vöii
«nteu mit einem Finger stützte, sehr vorsichtig und ohne das
Blatt zu schütteln, einen Stich mit einer Lanzette, ganz durch
den Stiel hindurch, drehte dann die Lanzette und übte dadurch
einen starken Reiz auf das Holzsystem des Blattes aus, be-
merkte jedoch weder in den Blättchen noch in dem Gelenke
einige Bewegung. Oft habe ich dieses Experiment mit stets
gleichem Erfolg wiederholt. Blofs nach einigen Stunden fand
ich die Blättchen weniger reizbar, welches man einfach aus
dem eingetretenen Saftmangel erklären kann.
In wie fern von aufsen angewandte Wärme zur Contra-
ction reizen kann, geht aus dem folgenden Experimente her-
vor.*) Wenn man einen heifsen Körper, z. B. die Aufsenseite
einer brennenden Pfeife leise einen Augenblick an ein Blätt-
chen hält, und dann zurückzieht, so schliefsen sich nach ei-
nigen Secunden die Blättchen dieses Fiederchen, von oben an-
fangend paarweise, oder erst an der einen, dann an der ande-
ren Seite sehr schnell ; dann, oder schon während des Schlies-
sens dieser Blättchen, senkt sich der Blattstiel, und nun
schliefsen sich auch die übrigen Fiederchen , mit dem anfan-
gend, welches dem schon geschlossenen am nächsten steht.
Bei genauer Beobachtung kann man sich überzeugen, dafs ein
kleiner Zeitraum (von 1 — 2 See.) nöthig ist, ehe der Reiz
sich von dem einen Fiederchen auf das andere oder auf den
Blattstiel überpflanzt. Alles läuft ungefähr in 10 See. ab. Ich
machte dieses Experiment bei 78" F. und hellem Wetter, wie-
derholte dasselbe oft und stets mit demselben Erfolg. Es ist
nicht einmal nöthig, däls der heifse Körper das Blättchen be-
rühre. Auf einem kleinen Abstände daran gehalten, sieht man
dieselbe Erscheinung, also in Folge der strahlenden Wärme;
Nach einiger Zeit öffnen sich die Blättchen wieder, erst das,
welches sich zuletzt geschlossen hat, dann erhebt sich der
Blattstiel und danach öffnen sich die übrigen. Diefs geschah
jedoch nicht inmjer so regelmäfsig.
Diese Art der Reizverbreitung ist nicht unwichtig, jedoch
'') Dafs auch die Kälte, also eigentlich jede plötzliche Tempera-
turveränderung dieses bewirken kann, sieht man beim Oeffnen eines
Treibhauses oder Backes, worin Mimosapflanzen stehen.
105
fragt sich, ob das Schliefsen des der Wärme ausgesetzten Blätt-
chens, die Ursache des Schliefsens der übrigen und des Sen-
kens des Blattstiels sei, oder ob diefs alles durch den Reiz
der Wärme statt finde. Wenn man bedenkt, dafs man durch
mechanischen Reiz einzelne Blättchen schliefsen kann, ohne
dafs die übrigen sich schliefsen, so möchte die letztere Erklä-
rung die wahrscheinlichste sein. Dafs die von dem heifsen
Körper am weitesten entfernten Blättchen sich zuerst wieder
offnen, obschon sie sich am letzten geschlossen hatten, spricht
auch für diese Meinung; sie waren die am wenigsten gereizten
und kehren darum am schnellsten , zum normalen Zustand zu-
rück. — Das Fiederchen, welches sich zuerst schliefst, steht
durch die Continuität der Fasern in näherer Verbindung mit
dem Blattstiel als mit den übrigen Fiederchen; deshalb senkt
sich vielleicht der Blattstiel gleich nach dem Schliefsen dieses
Fiederchen. In diesem Blattstiel findet nun ein sowohl in dy-
namischer als physischer Hinsicht veränderter Zustand statt,
und da aus diesem Stiel auch die Fasern der übrigen Feder-
chen entspringen, schliefsen sich deren Blättchen vielleicht in
Folge jenes veränderten Zustandes. Vielleicht trägt auch die
mechanische Bewegung des Stiels hierzu bei.
Die Erscheinung, welche im 6. Experimente iVber die Wir-
kung der Schwefelsäure erwähnt wurde, kann hiermit vergli-
chen werden. Der lange Zeitraum jedoch zwischen der Anwen-
dung derselben und dem Schliefsen der Blättchen macht es wahr-
scheinlich, dafs die chemische Störung des Gewebes als Ursache
wirkte. Es ist bemerkenswerth dafs der Blattstiel sich nicht
senkte. — Eine ähnliche Erscheinung erzählt De Caudolle
von Ac. nitricwn (Phys. veg. IL 866). Zerstören vielleicht
diese Säuren erst das Zellgewebe und bewirken sie vielleicht
erst dann, wenn sie in die Höhlungen der Gefäfse gelangt sind,
die Zusammenziehung, entweder durch erhöhte Wärme oder
durch Gasentwickelung? Doch ich will das gefälirliche Feld
der Hypothesen hier verlassen, „nous n'ohservoiis qiie depuis
wie heure, et nous oserions proiioncer suj' les voies da
la nature!" Bonnet.
Rotterdam 1838.
rm
Monograph of JVord American Cjperaceae
von
T o r r e y
Annais of the Lyceum of nat. hist. of Newyork. Vol. III Novbr.
1836. No, 8—14. Netv-York. 1836. 8. p. 239-448. read. 8 Aug. 1836.
JJer Verf., durch mehrere die Flora der vereinigten Staaten
erläuternde Schriften vortheilhaft bekannt, giebt in dem vor-
liegenden Hefte eine Monographie der Nordamerikanischen
Cyperaceen (read 8. Aug.'). Er folgt im Allgemeinen der
Anordnung von Nees v. Esenbeck; doch nicht ohne einige Mo-'
dificationen und Verbesserungen. Die zahlreichen Gattungen
werden indessen beibehalten und es tritt eine neue zu den Rhyn-
chosporeen gehörige Gattung Psilocarya, mit 3 Arten, und
ziemlich ausgezeichnet, noch liinzu. Die Zahl der aufgeführ-
ten Arten beträgt 326 und es sind dieselben auf einer Tabelle
ihrer Verbreitung nach zusammengestellt. Ausschliefslich dem
Gebiete angehörig sind deren 252; auch in Ostindien gefunden
5; in Europa vorkommend 64! — Das Material zu der Ar-
beit, grofsentheils aus Europa, besonders durch Hooker dem
Verf. zugetheilt, ist bedeutend und die Kritik durch Verglei-
chung einer grofsen Anzahl von Originalexemplaren nicht we-
niger als durch sehr vollständige Benutzung der Literatur und
genaue Untersuchungen wichtig und schätzenswerth. Die Ver-
gleichung mit Kunth's allgemeiner Monographie der Cype-
raceen vom Jahre 1837 wird nothvvendig und lehrreich sein.
In der Stellung mancher Gattung sind die Verf. verschiedener
Ansicht. So steht z. B. DuUcJiium bei Torrey unter den
Cypereen. Von den Gattungen Rhynchospora und Carex
am
sind hier nur Revisionen gegeben und es ist bei ersterer auf
A. Gray's Monographie, in denselben Annctls; bei letzterer
auf die vom Verf. mit v. Scliweinitz an demselben Orte ge-
gebene Arbeit und auf Dewey's Erläuterung der Nordameri-
kanischen Riedgräser in Sillimans american Journal ver-
wiesen. — Jedenfalls gehört Hrn. Torrey's Abhandlung zu den
wichtigsten Beiträgen, welche die nordamerikanische Flora in
dem letzten Jahrzehend erhalten hat.
Zoologische Notizen.
1) Lange Lebensdauer der Spermatozoen bei Vespa.
beobachtet von
C. Th. V. Siebold.
Ich fand am 8ten Januar d. J. drei weibliche Individuen der
Vespa rufa Lin. unter Moos eines Fichtenwaldes. Ich zer-
gliederte sie, besonders um das receptaculum seniinis zu un-
tersuchen und machte bei dieser Gelegenheit folgende zwei
Beobachtungen. Das receptaculum, seminis besteht aus einer
eiförmigen Capsula seminis und einer, einen einfachen Blind-
darm darstellenden glandula appendicularis (S. Müllers Ar-
chiv 1837). Die Samenkapsel, welche von einem halb drüsen-
artigen, halb muskelartigen Hofe umgeben ist, mündet mit ei-
nem kurzen engen Kanäle dicht unter der Vereinigung der
beiden Eierstocks-Trompeten in den gemeinschaftlichen Eier-
gang iyagind) ein. An dieser Samenkapsel bemerkte ich nun
erstens deutliche peristaltische Bewegungen, wodurch der aus
ihr hervorschimmernde Inhalt bald nach dem Grunde, bald nach
dem Halse der Kapsel hingedrängt wurde. Zweitens erkannte
ich bei näherer Untersuchung und zu meinem gröfsten Erstau-
nen, dafs der Inhalt dieser Kapsel (bei allen drei Wespen) in
nichts anderem bestand, als in einem dichten Haufen lebhafter
haar- förmiger Spermatozoen, welche fast die ganze Kapsei
ausfüllten. Die Eierstöcke der drei Wespen waren sehr we-
nig entwickelt. Diese Spermatozoen können doch nicht an-
ders als durch die letzte Begattung, welche spätestens im ver-
gangenen Herbste statt gefunden haben kann, in das recepta-
culum seminis gelangt sein. Es beweist diese Beobachtung,
wie lange die Spermatozoen in dem Receptaculum seminis
der Insekten unversehrt aufbewahrt werden können. Sollten
dieselben nicht auch eben so lange befruchtungsfähig bleiben
können? Wäre es dann nicht möglich, dafs diese Wespen,
wenn sie im Frühlinge aus dem Winterschlafe erwacht wären
und keine Männchen zur neuen Begattung vorgefunden hät-
ten, dennoch befruchtete Eier hätten legen können, indem die
peristaltischen Bewegungen der Samenkapsel den Inhalt der-
selben über die durch die Scheide hindurcligleitenden Eier er-
gossen hätten? Die Beantwortung dieser Frage mag der Unbe-
fangene aus der bekannten Erfahrung entnehmen, dafs nur
allein die Wespenweibchen überwintern und dafs sie erst im
Spätsommer aus ihrer im Frühjahre gelegten Brut männliche
Wespen hervorzubringen im Stande sind. (S. Kirby und Spence.
Einleitung in d. Entomol. Bd. II. p. 129.)
2) Noch eine Mittlieilung über die Verbreitiiiig'S-
Art des Mytilus polymorphus PalJ.
Herr J. E. Gray schreibt mir in Bezug auf meinen Auf-
satz in Jahrg. 4. 1. S. 342. „Ich lese im 4. Hefte Ihres Ar-
chivs einige Bemerkungen über Tichogonia. Bei uns findet
sich diese Muschel an baltischem Bauholze und auf Anodonta
ponderosa. Ich hielt dafür, sie wäre im Schiffsräume an je-
nem Bauholz herübergebracht, weil ich glaubte, dafs sie im
Salzwasser nicht leben könne ; denn bei uns trifft mau sie nie
innerhalb des Bereiches des Brackwassers. In dieser Meinung
bin icli noch dadurch bestärkt, dafs einer meiner Freunde ei-
nige dieser Muscheln an baltischem Holze festge-
heftet fand, während dieses noch, bevor es ausgela^-
den, iniRaume des Schiffes enthalten war. DafsDr.Mül-
«09
ler sie in Salzwasser gefunden, würde die Schwierigkeit, welche
der Theorie des Hrn. Lyell entgegensteht entfernen, doch wäre
es ein seltsames physiologisches Factum, wenn es dieses Thier
ertragen könnte, aus süfsem Wasser durch die See hindurch-
gefiihrt zu werden und dann sein übriges Leben hindurch in*
süfsen Wasser zu bleiben. *) '"'*
3) Mittel gegen die Bruiistwiitli der Eiephanten.
(Aus der Wiener Zeitung.)
Der in Berliner Blättern vofn ISten d. M. enthaltene Be-
richt über das tragische Ende**) des Eiephanten des Hrn.
Touruiaire macht es sicher wünschenswerth, ein Mittel zu ken-
nen zur Verhütung ähnlichen Unglücks, welches sich schon
so oft in Europa ereignet hat. Der Zustand des Eiephanten,
welcher ihn zur Wuth reitzt, heifst bei den Indiern Mosti,
wörtlich: berauscht, durch Brunst oder geistige Getränke, und
wenn der Mahaut (Elephantenfiihrer) die Symptome des Mosti-
Werdens bemerkt, so hat er ein unfehlbares Mittel, das ihm
anvertraute Thier augenblicklich zu seiner Kaltblütigkeit zu-
rückzubringen. Er stellt ihm nähmlich ein Gefiifs mit drei
Sier (ein Sier ist etwas mehr als ein Pfund) flüssiger Butter,
Ghic genannt, vor, welche der Elephant verschluckt und wio-
*) Wenn es durch die oben erzählte Beobachtung festgestellt
ist, auf welche Weise die Muschel nach England gelangt, bedarf es
wohl der Theorie des Hrn. Lyell weiter nicht, um ihre Ueber-
siedlung dahin zu erklären. Dafs übrigens der Mytilus polymor-
phus im kaspischen Meere, also auch im Salzwasser vorkommt, er-
giebt sich aus dem Aufsatze des Hr. Eichwald im vorigen Jahrg.
I. S. 108. Freilich hat Hr. Cantraine {An7t. d. Scienc. nat. VII. p.
304.) Zweifel erhoben über die specifische Identität der von Pallas
im kaspischen Meer und in der Wolga beobachteten Mylill. Hoffent-
lich wird aber Hr. Staatsrath Eichwald als Augenzeuge diese Zweifel
beseitigen können.
**) Er wurde mit Blausäure vergiftet. .
110
der zur Besinnung kommt. Wenn bei grofsen Festen Ele-
phanten mit Branntwein berauscht werden, um gegen einander
zu kämpfen, so werden sie durch dasselbe Mittel nüchtern ge-
macht, sobald man es wünscht. Ghic hat übrigens dieselbe Wir-
kung auf Dromedare und Kameele, die, wenn sie Mosti sind,
nur im langsamen Schritte von der Stelle zu bringen sind,
und oft liegen bleiben. Eine Portion Ghic, welche ihnen ein-
gegossen wird, bringt sie binnen Kurzem wieder in ihren ge-
wöhnlichen Zustand zurück.
Carl Freiherr v. Hügel.
, 4) Begattung des Elephanten
Notiz vom Herausgeber.
In Schreber's Säugethieren, fortgesetzt von J. A. Wagner,
6. Theil S. 234 heifst es : „Nach den Beobachtungen in der Pari-
ser Menagerie ist das vorzüglichste Zeichen der Hitze des Weib-
chens eine sonderbare Platzveränderung der Schaamöffnung.
Im gewöhnlichen Zustande ist diese Stelle mehr gegen den
Nabel vorgerückt und der Urin wird vorwärts gespritzt; aber
zur Brunstzeit rückt sie nach und nach hinterwärts und schleu-
dert auch den Urin dahin. Hiedurch wird dem Männchen das
Belegen leichter gemacht, und das Weibchen braucht sich also
nicht auf den Rücken zu legen, wie man glaubte. Die Schaam-
lippen sind zu dieser Zeit auch sehr lang und klafiFend." u.s.w.
Ich will keinesweges es in Zweifel ziehen, dafs die Pariser
Naturforscher diese Beobachtung selbständig gemacht haben;
allein sie ist bereits von Aristoteles gemacht und von diesem
fast mit denselben Worten Hist. Anim. IL 3. 4. ed Schneid.
mitgetheilt. „Beim Weibchen, sagt er, liegt die Schaamöffnung
an derselben Stelle, wo beim Schaafe die Zitzen. Wenn
sie sich aber begatten, zieht sie sich nach oben, und wendet
sich nach aufsen, so dafs dem Männchen das Bespringen leich-
ter wird. Auch klafft die Schaamöffnung gar sehr." (^li ös -d^t]-
Xeia, ro aidoiov e'xsi sv Ttp zotko, ov za ov&&Ta twv nQO"
ßccTiav iaTLV otuv d' 6x£V(ovzai^, avaon^ ccvu) Hai ixTQinei
m
TtQoQ tÖv €^ii) roTtov, toots Qaolav eivat. T(p uQ^evi, Trjv o-
Xelav. ldvi()Qioye ^ STtieixiog iniitoXv t6 aldolov.^ Auch
wüfste Aristoteles schon, wie auch Hr. Prof. A. Wagnet' an-
führt, (a. a. O. S. 250), dafs das Männchen in Vier Begattung
das Weibchen besteigt. (Hist Aiiim. V, 2. 4. ed. Schneid.')
^OxevE'cccL de rj (.liv -if^i^Xeia ovyxad^utaa xai öiaßalvovoa, S
d* aQ()r]v enavaßaiviov ox^vsi: Das Weibchen wird besprun-
gen, indem es sich herunterläfst und die Beine von einander
spreizt ; das Männchen aber bespringt aufsteigend. — Auch dafs
der Begattungsact nur kurze Zeit dauert, vvufste Aristoteles
und leitet es von der innerlichen Lage der Hoden ab. (a.
a. O. n. 3 4.) uiiiTi'jO iij?.6nov nowaii
5) Abweichende Form der Blutkörperehen und
Blutlauf bei Lämopoden.
Vom Herausgeber.
Während bei den Evertebraten die Form der Blutkörper-
chen rundlich ist oder sich doch mehr oder weniger der rund-
lichen nähert, und sie auch so bei anderen Crustaceen ange-
troffen wird, fand ich sie von sehr abweichender Gestalt bei
einer kleinen Leptomera des Skageraks, die ich leider nicht
näher bestimmen kann, weil die von mir mitgebrachten Exem-
plare zu Grunde gegangen sind. Die Blutkörperchen waren
nämlich hier von länglicher Gestalt, an beiden Enden verdünnt,
spindelförmig. Sie liefsen sich etwa der bekannten Form ei-
ner Navicula vergleichen. Den Blutlauf sieht man besonders
deutlich in den grofsen Scheerenfüfsen, Man erblickt hier,
wie in den übrigen Gliedmafsen, zwei lebhafte Ströme, den
einen arteriellen, c\bsteigenden, an der Hinterseite der Fufsglie-
der, den andern aufsteigenden, an deren Vorderseite. Jeder
derselben geht durch alle Glieder hindurch, indem am Ende
des Fufses der absteigende in den aufsteigenden umbiegt. So-
weit ich mich erinnere, verhielt es sich ebenso in den Kie-
menanhängen; wenigstens war die in ihnen sichtbare Strömung
112
ebenfalls nnr ein Abzweig der grofsen Blutbahn. Die wenig
durchsichtigen luteguinente, das trübe. Wetter und das. baldige
Absterben des Tlüers gestatteten keine genaue Ermitte^lung der
Struktur des Herzens oder Riickengefäfses. Die abwechselnde
Contraction, welche es an seinem hinteren Theile in dessen
einzelnen Partien zeigte, liefs indessen auf eine Scheidung ver-
schiedener Kammern schliefsen. In seinem vordem engern
Theile, der Aorte, zeigte es eine mehr pulsirende Bewegung,
lieber dem Riickengefdfse bemerkt man eine hin und hertrei-
bende Bewegung der Blutkörperchen, wie man sie auch z. B.
bei BrancJiipus an den Stellen wahrnimmt, wo sich die seit-r
liehen venösen Oeffnungen des Herzens befinden. Ob jene sta-
gnirende Bewegung im Innern der Körperhöhle oder in einem
venösen Sinus statt hatte, liefsen mich die bereits angegebe-
nen Hindernisiie nicht mit Sicherheit erkennen ; doch vermuthe
ich das erstere. Den Anwohnern der See wird es ein Leich-
tes sein, an jüngeren durclisichtigeren Lämopoden hierüber
völlige Aufklärung zu verschafifen. ., .t|..,jfs
.lOil..
Einige zoologische Notizen
Dr. A. Philipp!.
Hierzu Tafel III und IV.
1. Zwei neue Arten von Euplocamus.
Ziu dem von mir aufgestellten Genus Euplocamus, welches
in der Mitte zwischen Doris und Tritonia steht, und von
welchem mir nur 2 Arten E. croceus aus dem Sicilischen
Meere und E. clavigcr (^Doris davigera O. F. Müller) be-
kannt waren, kommen noch zwei Arten, die im Neapolitani-
schen Meere sehr selten zu sein scheinen. Sie sind eine Ent-
deckung des Herrn Arcangelo Scacchi,'der die hiesigen Con-
cliylien am gründlichsten kennt und durch mehrere, wie es
scheint im Ausland gar nicht bekannt gewordene Arbeiten*)
über diesen Gegenstand, der Wissenschaft nicht unwesentliche
Dienste geleistet hat. Da er seit einiger Zeit seine Kräfte
ausschliefslich dem Studium der Mineralogie gewidmet hat, so
hat er mir erlaubt seine Entdeckungen dem Publikum mitzu-
theilen, und ich mache mit gegenwärtigen den Anfang, indem
ich bemerke, dafs er mir zu dem Ende nicht nur seine nach
dem Leben gemachten Zeichnungen, sondern die Thiere selbst
in Spiritus zur Benutzung gütigst zugestellt hat. Die eine
Art nenne ich;
*) Lettero di Arcangelo Scacchi su vari testacei napoletani al
Signor D. Carlo Tarentino. NapoU 1832. — Osservazioni xoologiche
di A. Scacchi NapoU 1833. — Notizie intorno all e Conchiglie ed a
%oofiti fossili che si trovano nelle vicinan%e di Gravina in Puglia di
Arcangelo Scacchi. Articolo estratto del XII a XIII fascicolo degli
annali civili. NapoU 1836. — Catalogus Conchyliorum Regni Nea-
poUtani quae usque adlmc reperit A. Scacchi. NeapoU 1836.
V. Jahrg. 1, Band. g
114
Euplocamus frondosns; corpore croceo,verrucu-
loso, hraiLchiis ancdihiis 5, hipinnatis, lateralihus utrinque
6, anticisque 4, arhorescenti divisis. Das in Spiritus auf-
bewahrte Exemplar ist sehr stark contrahirt; seine Länge bcr
trägt 13"', seine Breite 8'", seine Dicke (>'"; es ist ganz farb-
los und zeigt nur kleine grauliche aus zusammengeflossenen
Punkten entstandene Flecke. Die Zeichnung stellt ein 28'"
langes und 11'" breites Thier vor, vorn grad abgestutzt, nach
hinten verschmälert und ziemlich spitz zulaufend. Uebrigens
ist das Thier ziemlich vierkantig, die oberen Seitenkanten ver-
einigen sich hinten vor der Spitze, indem sie zugleich an Deut-
lichkeit verlieren, und tragen jede 6 Branchien. Die vor-
dere und obere Kante trägt deren vier, die etwas kleiner sind
als die Seiteubranchien, ihnen aber sonst vollkommen gleich
kommen. Beide sind nämlich baumartig verästelt. Die Af-
terkiemen liegen ziemlich in derselben Linie mit den vor-
letzten Seitenkiemen, sind fünf an der Zahl; die unpaare nach
vorn gekehrt und zweimal gefiedert. Sie scheinen nicht re-
traktil. Der After steht unmittelbar hinter ihnen in Gestalt
einer kleinen Röhre. Das Maul liegt auf der vordem Seite
nach unten und zeigt bei dem Spiritusexemplar eine senkrechte
Spalte mit vielen Querrunzeln. Vor demselben liegt jeder-
seits eine ovale Hautfalte etwas davon entfernt, die im Zustand
der Expansion mäfsig lange untere Tentakeln bilden müssen.
Die obern Fühler sind auf der Zeichnung 5" lang, und be-
stehen wie bei Doris aus einem cylindrischen Stiel und einer
spitzen blättrigen Keule ; auch ziehen sie sich ebenso in Gru-
ben zurück, wie das Spiritusexemplar beweist, wo an ihrer
Stelle nur zwei gekerbte Oeffnungen zu sehen sind. DieGe-
schlechtsöffnung ist an der rechten Seite etwas vor der
dritten Kieme. Die Farbe ist pomeranzengelb mit einzelnen
scharlachrothen Punkten. Die kleinen Warzen, welche die
Zeichnung angiebt, lassen sich an dem im Weingeist aufbe-
wahrten Exemplar nicht erkennen. — Euplocamus croceus
kommt durch seine Färbung und andere Merkmale gegenwär-
tiger Art nahe, unterscheidet sich aber sicher 1) durch gerin-
gere Gröfse und namentlich weit geringere Breite; 2) indem
die Seitenkiomen verhältnifsmäfsig weit länger und nur einmal
verästelt sind, 3) die Afterkienien sind beinahe einfach und
115
nur gegen das keulenförmige Ende mit ein paar km*2en Fä-
den besetzt. — Siehe Taf. III. fig. 1,
Euplocamiis cirrigei-, sordide roseus, hranchüs
lateralibus utrim/ue 5, anticisqiie 4, ßllfonnihus, hrancliiis
anaUhus 9, Jili/ormihus ciliafis, hranchüs? succedäncis fili-
formibus in dorso fjuinc/ite. Das, wie es scheint, nur wenig
contrahirte Spiritusexemplar mifst 8'" in der Länge, 3 " in
der Breite, 2^'" in der Höhe; die Zeichnung ist 18'" lang
und 6'" breit. Die Gestalt des Körpers ist wieder parallelo-
pipedisch, vorn abgestutzt, hinten verschmälert, der Fufs ragt
aber vorn weiter hervor als bei den andern Arten, und en-
digt hinten mit einem pfriemenförmigen Faden, was die Zeich-
nung nicht wieder giebt. Auch ragt die obere Kante, oder
der Mantelrand als ein schmaler häutiger Saum hervor. Man
zählt an jedem Seitenrand fünf lange fadenförmige Kiemen
(am Spiritusexemplar messen sie noch 2^"), von denen sich
die beiden letzten gabelförmig theilen; der vordere Rand hat
vier ähnliche und nur um ein weniges kürzere Fäden, aber
aufserdem befinden sich fünf ähnliche nur noch etwas kürzere
Fäden auf dem Rücken zwischen den obern Tentakeln wnd
den Afterkiemen, nämlich 3 in der Mittellinie und einer' jeder-
seits vor den letztern. Die Afterkiemen sind neun, faden-
förmig, bis auf die unpaare nach vorn gerichtet und gega-
belt, einfach, sämmtlich zu beiden Seiten gewimpert. Der
After liegt in der Mitte. Die oberen Fühler stehn in einer
Linie mit den ersten Seitenkiemen und sind sehr lang; wie es
scheint können sie nicht eingezogen werden. Die blättrige
Keule ist bei ihnen sehr lang. Der Mund liegt am vordem
Rand dicht über dem Fufs, und ich fmde die bei der vorigen
Art erwähnten tentacula lahialia nicht, die Theile sind je-
doch zu sehr contrahirt, als dafs ich ihre Abwesenheit
bestimmt behaupten könnte. Die Gesöhlechtsöffnung
liegt auf der rechten Seite zwischen der ersten und zweiten
Seitenkieme. S. fig. 2.
2. Ueber das Thier von Pileopsis Garnoii Payr; Patella
Garnoii Phil. Enum. Moll. Siciliae. Fig. 3.
Dafs Pileopsis Garnoti Payr, nicht in seinem richtigen
Genus stehe, war mir bei Ausarbeitung meiner Enumeraiio
8*
116
klar, allein ich war nicht glücklicher als Paymndoan, indem ich
sie zu Pafella brachte. Der Muskeleindruck im Vergleich
mit dem Wirbel hätte mich belehren sollen, dafs der Wirbel
hinten, und nicht wie bei Patella vorn steht, jedoch kann
ich zu meiner Entschuldigung aufiihren, dafs die richtige Er-
kennung des Muskeleindrucks bei dem starken Glanz der in-
neren Seite sehr schwierig ist. Vor kurzem hatte ich Gele-
genheit die Thiere lebend auf einer Masse der Cladocora
calycularis Ehrenbg {Caryophyllia calycularis Lajnk.) zu
finden. Es weicht sehr wesentlich von Patella ab. Statt des
runden Kopfes mit den zwei fadenförmigen Fühlern ist der
Kopf flach, vorn blattartig ausgebreitet, in der Mitte tief ein-
geschnitten wo der Mund liegt, und es sind gar keine Fiihl-
fäden vorhanden; vielleicht kann man aber auch sagen, die
obern Fühler seien mit den untern in eine breite Masse ver-
wachsen, denn der vordere und untere Theil zeichnet sich
leicht vor dem obern dickern aus. Augen sind deutlich an
der Aufsenseite des Kopfes. Der ganzrandige Mantel um-
giebt rings herum die Schaale, zeigt keinen Einschnitt, keinen
SipJio, und zwischen ihm und dem ovalen Fufs ist durchaus
kein Organ zu entdecken. Ein in Spiritus geworfenes Exem-
plar gab über die innere Struktur mehr Auskunft, indem die
Eingeweide durch das dünne Peritoneum durchschienen. Den
ganzen hintern Raum des Körpers nahm die braune Leber
ein, so wie einen Theil der rechten Seite; man konnte deut-
lich die verästelten Lebergänge auf ihr erkennen. Rechts lag
.ein röthliches Organ wohl der Eierstock. Ueber der Leber
von hinten und links mit einer nach hinten gerichteteh Con-
.vexität sich noch vorn und rechts biegend liegt das Ende des
Darmkanals und verschwindet vor dem rechten Ende des
Muskels, welcher das Thier an die Schale befestigt; vorn vor
der Leber liegt noch, ein weifses Organ, welches ich nicht zu
deuten wage, und vor diesem wohl den halben Raum einneh-
mend erscheint eine Höhle, in welcher sich beinah dem Darm-
kanal parallel, ein ungefähr wie eine gefaltete Krause gestal-
tetes Organ hinzieht, welches oben am Peritoneum angewach-
sen und offenbar die Kieme ist. Nun gelang es mir auch
von dieser Höhle aus eine Borste nach aufsen durchzuziehen,
die vorn auf der rechten Seite vor der Afteröffnung im etwas
117
verdickten ISIantelrande selbst zum Vorschein kommt, wo
man bei genauer Untersuchung ein schwarzes Pünktchen
findet. Bei der grofsen Kleinheit des Thieres, läfst sich
äusserlich keine getrennte Afteröffnung und 13ranchialöff-
nung erkennen. Eine Oeffnung für die Geschlechtstheile
habe ich nicht auffinden können. Nachdem ich dies gefun-
den, war es mir auch leicht an den paar Schaalen die mir
hier zu Gebote stehn zu finden, dafs sie in der Gegend der
Branchialöffnung etwas starker vorgezogen sind. Bei der Un-
regelmäfsigkeit der Schale mufs man indessen ganz besonders
darauf aufmerksam sein um es zu finden. — In welches Ge-
nus gehört aber das Thier? Diefs ist eine Frage die ich bei
dem gänzlichen Mangel an litterarischen Hülfsmitteln hierselbst
nicht beantworten kann. Man denkt zunächst an Siphonaria;
allein so viel ich mich erinnere ist der hufeisenförmige Mus-
keleindruck bei dieser Gattung durch den Sipho unterbrochen,
bei gegenwärtiger Art ist blos der rechte Schenkel des Huf-
eisens kürzer als der linke. Auch soll das Thier blind sein
CCfr. Rang Marmel de Malacologie p. 141.). Gehört es zu
dem von Eschholtz aufgestellten Genus ^cinaea? oder mufs
es ein eigenes bilden wie Herr Scacchi glaubt, der es in sei-
nem Catalogiis p. 17 Clypeus nennt, ohne jedoch vom Thier
mehr zu sagen als : „incola ut in Syphonaria, sed testa non
canaliculata." Ich bemerke noch zum Schlufse, dafs fol-
gende Angabe von Rang 1. c. p. 142: „nous avons vu de
jciines Patelles avoir le caractere des Siphonaires et en
conservcr des traces^ dans un age plus avance," sich viel-
leicht auf Arten dieses Geschlechts und nicht auf junge Pa-
tellen bezieht.
3. lieber das Thier von Galeomma. Fig. 4.
Dieses sehr ausgezeichnete Acephalen- Genus istvonTur-
ton 1825 im Zoologie al Journal aufgestellt, und nach der
Schaale also characterisirt : Schaale quer, gleichseitig, gleich-
schaalig, der untere Rand sehr weit klaffend; die Oeffnung läng-
lich eiförmig. Schlofs ohne Zähne, callös, unter den Wirbeln
mit einer kloinen Grube für ein halbinneres Ligament. Zwei
sehr kleine sehr entfernte Muskeleindrücke, Manteleindruck
einfach. So auch Bcshaycs in Lamarck hist. nat. d, anitn^
118
Sans, vertebres 2. edit. VI. p. 119. Das Thier unbekannt.
Herr Costa hat die Muschel gleichfalls gekannt und sie irgend
wo in den Annales des Sciences naturelles (in Abwesenheit
des Herrn Costa kann ich nicht genauer angeben wo, da die-
ses Journal in Neapel nicht vollständig existirt) unter dem
sonderbaren Namen Hiatella PoUana beschrieben, was Herrn
Deshayes entgangen ist. Herr Delle Chiaje hat in den Tafeln
zum 5ten Bande seiner Meraorie, der nie das Licht der Welt
erblicken wird, geglaubt, seinen Kollegen zu verbessern, in-
dem er das fragliche Thier Hiatella striata nannte. Herr
Scacchi hat das Thier sehr genau, sorgfältig und gut unter
dem Namen PartJienope formosa in seinen osservazioni
zoologiche p. 8 und p. 19 beschrieben. Auch mir ist es ge-
glückt das Thier während ein paar Tagen lebend in mehreren
Exemplaren zu beobachten. Es hält sich zwischen den Wur-
zeln der Zoster a oder Cavolinia oceanica auf, schei)it aber
selten zu sein. Das Thier ist durchaus weifslich, halb durch-
sichtig. Der Mantel ist in seiner ganzen vordem Hälfte ge-
spalten zum Austritt des Fufses und ganzrandig, hinten ist
eine kleinere Oeffnung zum Austritt des Wassers und der Ex-
cremento. Da wo der Mantel von dem Sclialenrande ab-
geht, stehen jederseits etwa 8 bis 9 kurze Cirren oder viel-
mehr Wärzchen; zwischen dem Wirbel und der Oeffnung des
Fufses steht ebenfalls ein und zwischen dem Wirbel und der
hintern Oeffnung stehen 3 Wärzchen. Merkwürdig ist die
Epidermis, welche sich sehr leicht von der Schaale loslöst,
die von ihr ganz überzogen wird und am Mantel hängen bleibt,
s. üf. in Fig. 4, d, sie scheint also fortwährend ihre Organisa-
tion zu behalten, während sie bei den meisten Bivalven sehr
rasch abstirbt, allein ich möchte die Schaale darum doch nicht
eine innere nennen wie Herr Scacchi will. Der Fufs ist bei-
nah cylindrisch und kann sehr lang ausgestreckt werden, er
bringt aber nie springende Bewegungen hervor, sondern kriecht
mit seiner untern weifsen Fläche ganz nach Art der Gastero-
poden, selbst an der glatten senkrechten Wand eines Glases
hinauf, w\is ich, beiläufig gesagt, auch von Lucina commulaia
gesehn habe. In Spiritus geworfen zeigt das Thier an der
Basis des Fufses eine Grube von einem kreisförmigen Wulst
umgeben, und ich vermuthete darin ein Organ zur Absoude-
119
rung eines Byssus, allein weder an den Wurzeln der Zostera
noch an dem Glase war eine Spur von Byssus zu sehen.
Schneidet man den Mantel in der Mittellinie auf, so kommt
ein fast kugelförmiger, hinten durch einen seichten Einschnitt
etwas getheilter Körper zum Vorschein und jederseits sieht
man zwei grofse, gleiche, hinten frei endende Kiemen. Vorn
zeigen sich jederseits zwei ovale, mäfsig grofse appendices
huccales. Die beiden Adduktoren sieht man nicht, wenn das
Thier auf dem Rücken liegt, erkennt sie dagegen deutlich,
wenn man demselben die umgekehrte Lage giebt; der hintere
ist rundlich, dem Rande mehr genähert und etvyas gröfser als
der vordere ovale. — Die Schaale ist an den a. O. hinläng-
lich beschrieben, doch würde ich den Sclilofsrand kaum cal-
lös nennen, und das Ligament scheint mir vollkommen ein
inneres zu sein. Ein zweites äufseres niaunt den ganzen
Schlofsrand ein. Die beiden vergröfserten Figuren geben von
der Gestalt und Skulptur eine hinreichende Anschauuug.
4. Ocitlina ramea Ehrenherg; Caryophyllia ramea Lavik.
Von dieser gemeinen Koralle haben ^venig Personen das
Thier gesehen; und auch mir ist es nie geglückt, es nocli frisch
zu bekommen. Dies ist dagegen Herrn Scacchi gelungen, der
mir die Zeichnung gefälligst mitgetheilt hat, welche ich später
bekannt machen werde, wenn es mir nicht möglich sein sollte,
eine eigene zu entwerfen. Es hat darnach das Thier gar keine
Aehnliclikeit mit der lügenhaften Abbildung des Donati, aber
auch nicht mit der Abbildung in Shaw. — Es ist von Farbe
schmutzig gelb, nur wenig ins orangengelbe fallend und zeigt
etliche dreifsig Fühlfäden, wie es scheint in zwei Reihen ste-
hend. Jeder ist 3^'" lang, an der Basis beinah 1" dick, und
wird allmählig dünner gegen die Spitze, die nicht knopfartig
aufgetrieben ist. Von den Tentakeln abwärts erstreckt sich-
etwa 3 — 4'" weit der Körper noch ziemlich dick und flei-
schig, viele Querrunzeln und eben soviel starke Längsrunzeln
zeigend als Fühler in einer Reihe stehn, und macht dann auf
der Zeichnung plötzlich der dünnen Haut Platz, welclie den
Korallenstamm überzieht. Zwischen den Tentakeln erhebt
sich die Miindöffnnng sehr bedeutend nah 5"', doch kann sie
120
auch bedeutend eingezogen werden. Sie mifst 3V" im Durch-
messer und wird von zahlreichen Längsfalten umgeben. J
5. Chelura terebrans,' em neues Amphipoden-Genus. Fig. 5.
Den 17ten Mai fand ich in Triest beim Lazaretto vec-
chio mehrere eben aus dem Meere gezogene Bretter die durch
und durch zerfressen waren, so dals sie fast wie ein Schwamm
aussahen. Die Löcher waren von zweierlei Art, gröfsere von
höchstens 2'" Durchmesser, in welchen eine Monge eiertra-
geude Teredo navalis safsen, und kleinere von f'" Durch-
messer, in denen ich das nachstehend beschriebene Krebschen
in so ungeheurer Menge fand, dafs ich nicht einen Augenblick
zweifeln kann, es seien diese Löcher nnd Gänge durch den
Frafs derselben entstanden. War es nun schon interessant für
mich ein zweites Beispiel von Holz durchbohrenden Crusta-
ceen zu finden, so ward die Freude über diese Entdeckung
dadurch noch erhöht, dafs der Krebs nicht wie Limnoria zu
den Isopoden gehört, sondern ein Amphipode ist und sich
noch dazu durch seine Fühler und namentlich seinen sonder-
baren Schwanz höchst auffallend von allen andern unterschei-
det. Eine grofse Menge Exemplare sind glücklich in Cassel
angelangt, und nur 2 brachte ich zufällig mit nach Neapel,
nach denen ich vorläufig die folgende Beschreibung entworfen
habe. Das Thier ist, einschliefslich Fühler und Schvvanzan-
hänge 4-j'" lang und ohne dieselben 2|"' lang, und gegen l"'
breit. Der Kopf ist am schmälsten und so lang als die zwei
folgenden Segmente, der Körper wird vom Kopf an allmählig
breiter ohne sich jedoch bedeutend von der linealischen Form
zu entfernen. Die Augen sind klein und rund; die oberu
Fühler von mäfsiger Länge, borstenförmig, siebengliedrig. Die
untern Fühler sind anderthalb mal so lang und bestehn
aus 6 Gliedern; die beiden ersten Glieder sind sehr kurz, die
übrigen nehmen allmählich an Länge zu, werden platter und
die letzten sind dicht gewimpert, so dafs sie eher ein Organ
zum Schwimmen als zum Tasten zu sein scheinen. Die Brust-
segmente sind gleich lang und haben ihre Seitentheile nur
sehr wenig entv^ickelt. Der Schwanz oder Abdomen ist
fünfgliedrig; die beiden ersten Glieder sind den Brustsegmen-
ten ähnlich, das dritte Glied trägt auf der Mitte des Rückens
121
ein langes gekrümmtes Hörn, welches ganz dem der Sphinx-
raupen gleicht, und jederseits noch 2 kleine Spitzen. Das
vierte Glied ist anderthalbmal so lang als breit, unten ziem-
lich flach, oben concav mit kleinen Höckerchen besetzt, an
den Seitenrändern gewimpert. Zwei kleine Höckerchen in
der Mitte des hintern Randes zeichnen sich besonders aus.
Dieses Glied trägt jederseits zwei Paar sonderbare Anhängsel,
die an seinem Grunde eingelenkt sind. Die obern Anhängsel
sind senkrecht aufgerichtet und bestehn aus 3 länglichen ab-
gerundeten Lappen, die alle mit langen Haaren dicht gewim-
pert sind, und von denen der vorderste der gröfste, der liin-
terste der kleinste ist. Das seitliche Paar Anhängsel entspricht
vollkommen einem der Schwanzanhängsel der Garamarinen, und
besteht aus einem Stiel, der zwei kleine spitze Blättchen trägt.
Das fünfte Glied ist sehr kurz, zeigt unten in einer Spalte
den After, oben in der Mitte und an seinem Grunde (oder am
hintern Rande des 4ten Gliedes) eingelenkt ein ovales Blätt-
chen und an seinem Ende eine ungeheure Zange, die beinahe
anderthalbmal so lang als die beiden letzten Schwanzglieder
ist. Ihre beiden Blätter sind flach gedrückt, etwas divergirend,
gegen das Ende verschmälert und hakenförmig gebogen, und
haben gezähnelte Ränder. Die 14 Füfse nehmen von vorn
nach hinten an Länge zu, jedoch nicht betleutend. Die bei-
den ersten tragen am Ende eine umgebogene Klaue und der
Tarsus ist breit mit einem divergirenden Zahn. Das erste
Fufspaar ist weit breiter als das zweite. Die folgenden Füfse
enden mit einer langen graden nur an der Spitze schwach
hakenförmig gebogenen Klaue, die drei hintern haben nur ein
kleines blattartiges Hüftglied. Die Kiemen an ihrem Grunde
habe ich nicht gesehen, desto deutlicher die 3 Paar falscher
Abdominal füfse, die aus einem beilförrnigen, lamellenarti-
gen Grundglied und zwei gegliederten und gewimperten Bor-
sten bestehn; so dafs über die Ordnung der Crustaceen, zu
welcher das Thierchen gehört, kein Zweifel sein kann. Die
Kauwerkzeuge schienen mir aus einer ausgerandeten Ober-
lippe, einem Paar mit 2gliedrigen Palpen versehenen Mandi-
beln, drei (?) oder vier (?) Paar lamellenartiger Maxillen, und
2 sechsdiedrisen Kaufüfsen zu bestehn.
122
6. Fandorina corruscans Scacchi.
Taf. IV Yig. 1—4.
Herr Arcangelo Scacchi hat in seinen Osservazioni zoo-
logklie p. 14. (Mai 1833) dieses merkwürdige Genus mit
folgenden Worten beschrieben: „Testa hivalvl, iransverstm
ohlonga, alba ; latere aiiiico \i. e. aiialt] pjoductiore, tnin-
cato, hiante; postico [i. e. oralij rotwidato; valvis inae-
qualihus, fragilissimis, suhpellucidis , intus inargaritarwn
nitore corruscantibus, cxterius ad amhitum tenuissimo epi-
dermide obductis, longitudinaliter striatis, ad umbones lae-
viuscidis; striis transvevsis ohsoletis; valva dextra [i. e.
sinistraj majore, umhone ac limho superiore [i. e. ven-
traVi] sinistram superante; valva sinistra [i. e. dextra, si
animal incedens inspicitur] inferius ad latus anticum [i e.
posticum] super dextram producta; memhrana praetenui
ad latera umhonum valvas revinciente; cardine edentulo;
linea prominula ohliqua pro ligamenti insertione-, liga-
mento tantum interno ohlojigo: ultra pollicem lata, alti-
iudine 5 Zm.*' Dieser Beschreibung habe ich (nur folgendes
hinzuzusetzen. Die Längsstreifen sind überaus zierlich, erha-
ben, und jede vierte wie mit kleinen Spitzchen besetzt, die
von der Epidermis herrühren. Die Membran, welche hinten
den Rückenrand der Schaalen vereinigt, würde ich gradezu
ein äufseres Ligament nennen. Man kann eine area und
eine lunula unterscheiden, die ziemlich scharf begränzt, und
glatter sind, als die übrige Schaale: beide sind schmal und
unsymmetrisch, nämlich die lunula auf der linken, die area
auf der rechten Schaale breiter. Die Muskeleindrücke
stehen ziemlich nah am^ Rande ; der vordere ist länglich oval,
der hintere mehr viereckig und auf der linken Scliaale dem
Rande weit näher als auf der rechten, was der die area be-
gränzenden Linie entspricht. Der Mantel ein druck hat eine
sehr schwache Einbiegung, welche mit dem dem Bauchrand der
Schaale parallelen Theile desselben beinah einen rechten Win-
kel maclit. Dies deutet auf zwei sehr kurze Röhren hin,
welche das Thier auch wirklich besitzt. Das Sc bloss ist
vollkommen zahnlos, doch springt unmittelbar vor dem Wir-
bel der rechten Schaale der Rand in Gestalt eines Zähncheus
123
hervor. S. fig. 3. Die Grube für das Ligauient lüiifo
sehr schräg nach hinten und ist vollkommeii linealisch. Zu
meiner grofsen Verwunderung fand ich in meinen 3 jungen
Exemplaren, anstatt des Liganientes einen Knochen wie bei
Ostcodesina und andern, von beinah fünfeckiger, langgestreck-
ter Gestalt mit der Spitze nach vorn, mit der schwach ausge-
schnittenen Basis nach hinten gekehrt, und auf der Bauchseite
mäfsig gewölbt.*)
Das Thier von Pandorina hat, nach einer mir von
Herrn Scacchi mitgcthcilten Zeichnung, zwei kurze nur wenig
hervorragende Siphonen mit Franzen am Rand, und einen lan-
gen zusammengedrückten und schmalen Fufs, desssen Lage
beweist, dafs der Mantel vorn wenigstens bis zum Drittel ge-
spalten ist.
Ich hatte in Sicilien diese Muschel fossil gefunden ruid
in meiner Enumeratio Molluscorum, Siciliae dieselbe Fan-
dora? aequivalvis genannt, auch die Aehnlichkeit und die
Unterschiede zwischen ihr und Pandora angegeben, so weit
sie an den fossilen Exemplaren zu sehen waren. Die Haupt-
unterschiede in der Schaale sind folgende: 1. die rechte
Hälfte ist bei Pandora völlig flach, bei Pandorina nur ein
weniges schwächer gewölbt. 2. Pandora hat Zähne im Schlofs.
Lamarks Angabe in bist. nat. des anim. sans vert. ist nicht
gut, sehr gut dagegen die von Deshayes in der zweiten Aus-
gabe des genannten Werks; sie bestehen nämlich auf der lin-
ken Schaale in einem vordem Zahn (der bei derjenigen Pan-
dora, die ich grade vergleichen kann, vollkommen flach ist),
und einer tiefen Grube zwischen demselben und dem Liga-
ment, welche einen Zahn der rechten, flachen Schaale cUif-
nimmt. Bei Pandorina ist auf der linken Schaale auch jede
Spur eines Zahnes verschwunden und auf der rechten in dem
*) Herr Scacchi bemerkt Enum. p.6. Note von Thracia: jjii atra-
que specie reperimus ossiculiim mobile ad cardinem, qtnim specimiua
junior a ohservaviinus ; at in adultiorihus seu majorihus etiam cum
mollusco perquisitis, illnd nunquam invenimns. Miramur saue oxsicu-
lum illud adolescente conchylio evanescere ; sed sie oLservatio pluries
re petita nos cogit opinari, neque inspectio testarum suspicari pcrr.iit-
tit, spccimina majora diversas constituere spccies." Sollte dies auch
der Fall bei Vandorina sein?
124
Vorsprnng des Randes nur ein äufserst schwaches Analogen
eines solchen vorhanden. 3. Fandora hat ganz einfach ein
inneres Ligament. Ich mufs jedoch hierzu bemerken dafs mir
Paudoia noch ein zweites zu besitzen scheint, nämlich un-
mittelbar am Rande, S. fig. 4. a; flg. b. ist das gewöhnliche.
4. Pandora hat einen vollkommen einfachen Muskeleindruck,
wogegen bei Pandorina wenigstens eine schwache Einbiegung
des Mantels zu erkennen ist. Hieraus geht hervor, dafs Pan~
doriiia allerdings die nächste Verwandschaft mit Pandora
hat; aber durch den Innern Knocli^n des Ligaments, den Man-
gel der Schlofszähne, das Klaffen der hintern Seite reiht sich
dies Genus auch an Thracia, welche sich (ich kann jetzt nur
Thr. phaseolina oder Teilina papyracea Poli vergleichen)
durch ein kurzes auf deutlichen Nymphen ruhendes äufseres
Ligament, einen weit stärkeren Einschnitt unter dem Wirbel
und tiefere Einbiegung des Mantels unterscheidet, auch ist hier
die linke Schaale wie bei Corhula die convexere, nicht die
rechte wie bei Pandora und Pandorina. Von allen beiden
unterscheidet sich ahev Pandorina noch durch die Längs-
streifen, die soviel mir bekannt bei dieser, ja selbst bei der
ganzen Familie der Myen und Corhulen nicht vorkomem.
Durch diesen letzten Umstand, den gänzlichen Mangel der
Schlofszähne, das doppelte Ligament, die Zerbrechlichkeit der
Schaale, endlich durch die dünne, die ganze Schaale überzie-
hende Epidermis erinnert Pandorina an das sonderbare Ge-
nus Galeomma, welches sich freilich auf den ersten Blick
durch die Gleichheit der Schaalen und das ungeheure Klaffen
der Bauchseite sehr unterscheidet, so wie dadurch, dafs nur
eine Röhre vorhanden, oder wenn man will, die zweite wie
bei Solenomya*) oblitterirt ist. Nichts desto weniger glaube
ich, dafs Galeomma diesem Genus näher als irgend einem
andern steht. Herr Deshayes, der nur die blofse Schaale
kannte, will es zu Glycymeris stellen, welche Gattung aber
*) Solenomya zeigt aufsen , wo man die Afterröhre erwartet,
einen Kreis von Papillen, der aber im durch bohrt ist, wie Herr
Scacchi sehr genau angiebt. Hieraus erklärt sich, warum Herr Des-
hayes Aqy Solenomya zwei Siphonen, ich dagegen nur einen zugeschrie-
ben habe. Wir haben beide zwar richtig, aber nicht genau genug
gesehen.
125
durch die sehr dicke eher an Solcnomya erinnernde Epider-
mis, die stark hervorstehenden Nymphen, den kleinen Fufs,
den wenig gespaltenen Mantel und die dicken verwachsenen
langen Siphonen sehr bedeutend abweicht.
Es gicbt also jetzt sechs Genera mit einem Knöchelchen
im Ligament: Jnaüna Lamk-Besh., Periploma Schunu,
Osteodcsma Desh., Thracia Leach, Pandorina ScaccU
sämmtlich zur Familie der Myacecn, mit denen Dcsh. wohl
mit Recht die Corlulaceen vereinigt, gehörig, und Cleido-
thaerus Sow. den Chamcn verwandt.
7. Ueber das Thier von Astarte incrassata
De la Jonk. S. fig. 6.
Von diesem ziemlich seltenen Thiere bekam ich zwei
Exemplare, die zwar noch lebendig waren, jedoch die Schaale
nicht freiwillig öffneten, daher ich mich geuöthigt sah, dies
gewaltsam zu thun. In dem halb zusammengezogenen Zu-
stande zeigte sich das Thier also: der Mantel ist fast ganz
gespalten, eine schmale Brücke trennt hiuten eine kleine rund-
liche Ocffnung ab, welche die Stelle der After- und Kiemen-
röhre vertritt, die man, durch die Analogie der Schaale mit
den Venusmuscheln verleitet, erwartet. Am Rande dieser
Oeffnuug so wie am Rande des hintern Theils der vorderen
Oeffnung ist der Mantel dunkelbraun und mit sehr zarten
weifsen Girren besetzt, die eine fadenförmige Gestalt haben.
Weiter nach vorn werden diese Girren kleiner und nehmen
mehr die Gestalt weifser Falten an. Der Fufs ist beilförmig,
hinten und vorn spitz, davor eingeschnürt und auf diese Weise
deutlich von der Masse der Baucheingeweide getrennt, schar-
lachroth. Die Kiemen sind ungleich; die innere ist beinah
dreieckig, und läfst eine Rückenseite, eine Bauchseite und
eine vordere Seite unterscheiden. Durch die Rückenseite ist
sie mit der äufseren Kieme verwachsen, welche nur etwa halb
so grofs ist, nicht so weit nach vorn reicht, und abgerundet
ist, wo die innere den stark vorspringenden Winkel zeigt.
Mit der gemeinschaftlichen Spitze sind beide Kiemen an die
schmale Verbindung der beiden Mantellappen zwischen der
vorderen und hinteren Oeffnung desselben befestigt, jedoch
schwach, so dafs sie leicht losreifsen. Die appendices
126
huccales sind jederseits zwei an der Zahl, klein und
länglich.
Herr Scacchi hat dieses Thier bereits vor einigen Jahren
heobachtet und in seinen wenig bekannten Osservazioni zoo-
logiche. nr. 2. Maggio 1S33 p. 15 kurz beschrieben. Seine
Angaben stimmen mit meinen Beobachtungen vollkommen iiber-
ein, nur finde ich den grofsen rothbraunen Fleck, den er auf
dem Mantel in der Gegend der Umbonen gesehn hat, nicht.
Auch mufs ich seine Betrachtungen über die systematische
Stellung des Thieres, die er an dessen Beschreibung anknüpft,
vollkommen unterschreiben. Die Beschreibung beweist näm-
lich, dafs das Thier von ^starte keine Aehnlichkeit mit dem
von Venus hat, wie nach der Beschaffenheit der Schaale Cu-
vier Regne animal edit 2. vol. 111. p. 150 und Rang Ma-
nuel de Malacol. p. 274 und Deshayes in Lamark hist. d.
anim. s. vert. edit. 2. vol. VI. p. 256 vermuthet haben, son-
dern es stimmt im Gegentheil ganz mit Cardita überein.
Bei dieser Gelegenheit kann ich die Bemerkung nicht un-
terdrücken, wie häufig bei den Mollusken die von uns erwar-
teten Gesetze der Analogie zwischen Thier und Schaale fehl-
schlagen. Während bei den Wirbelthieren fast ohne Ausnahme
ein ähnliches Knochengerüst, ja einzelne ähnliche Knochen
nothwendig Thieren angehören, die auch in allen übrigen Sy-
stemen ähnlich gebildet sind, finden wir bei den Mollusken
dafs dies in sehr vielen Fällen nicht der Fall ist; zu ganz
ähnlich gebildeten Schaalen gehören sehr verschieden beschaf-
fene Thiere. Ich erinnere nur an Vermetus und Serpula,
Sigaretus oder Coriocella und Cryptostoma und Buccinum
Lamli, wo B. 'undatwn von Fusus antiquus kaum durch et-
was Anderes als durch schwarze Flecke verschieden ist, wäh-
rend B. Linnaei und B. macuJosum mit Purpura, Colum-
hella und Mitra übereinstimmen, und viele andere Arten wie
B. mutahile von beiden erwähnten Formen stark abweichen;
endlich Fusus und Pleurotoma. Umgekehrt bewohnt ein
sehr ähnliches Thier oft sehr verschiedene Schaalen. Man
denke z. B. an Achatina und Carocolla , Mitra imd Puj'~
pura, Cerith'iwn und Rosicllaria pes pelecani, Cardita und
Astarte etc.
Ueber die Synonyme von Astarte incrassata habe ieh
127
noch Einiges berichtigend beizufügen. Ich hcabe früher auch
die Venus danmoniensis und V. sulccda der Engländer hierzu
gezogen; durch meinen Fretind Herrn Bergrath Koch bin ich
aber aufmerksam gemacht, dafs die englische Art bestimmt ver-
schieden ist. Herr Desliayes führt auch in der zweiten Ausgabe
von Lamarck die Astävtc incrcissata {Venus incrassata
Brocchi) und A. fusca {Tellina fusca Voll) als zwei ver-
schiedene Arten auf, (p. 257) allein ich mufs auf meiner An-
sicht beharren, dafs beide identisch sind. Ich habe in diesem
Augenblick J2 vollständige Individuen vor mir, an welchen
man alle Uebergänge von einer ganz glatten nur an den
Spitzen quer gefurchten Schaale, bis zu einer solchen findet,
die bis zum Rande mit grofsen regelmäfsigen Furchen besetzt
ist. Ebenso ist die Schaale bald flach, bald stark ge\völbt u. s. w.
8. Ueber das Thier von Pleurotoma Bertrandi
Payr. S. fig. 7.
Von zwei Plewofoma Arten habe ich jetzt auch die le-
benden Thiere gesehen; PL Bertrandi war sehr häufig. Was
die Thiere sehr von Fusus unterscheidet, ist, dafs ihnen der
Deckel gänzlich fehlt. Der Fufs ist im ausgestreckten Zu-
stand etwas länger als die letzte Windung der Schaale, ziem-
lich schmal, vorn abgestutzt und schwach ausgerandet, mit ei-
ner Querfurche; nach hinten allinählig verschmälert und zu-
letzt ausgeschnitten. Die Athem röhre reicht ziemlich weit
aus dem Kanal hervor. Der Kopf ist klein, die Fühler
sind kurz, fadenförmig und stumpf, bis zur Hälfte verdickt,
wo sie aufsen die Augen tragen, sie stofsen nicht in einem
spitzen Winkel zusammen, wie es der Fall bei Fusus, Murex,
Mitra ist, sondern der Kopf bildet dazwischen einen schwa-
chen abgerundeten Vorsprung, ungefähr so, wie ihn die Tri-
toniura-Arten zeigen. Die Farbe ist glashell mit gelbweifsen,
auf dem Sipho bisweilen mit röthlich weifsen undurchsichti-
gen Punkten marmorirt. — Die andere Art, entweder eine
Fl. gracile oder eine neue nahe verwandte Art, unterscheidet
sich, was das Thier anbetrifft, von gegenwärtiger Art einzig
und allein dadurch, dals der Fufs hinten zugespitzt, und der
Sipho entschieden roth getüpfelt ist. —
128
9. üeber die Eier von Vermetus gigas Bivona.
In Oktober und November habe ich den Vermetus gi~
gas fast immer mit Eiern angetroffen, in verschiedenen
Stufen der Entwickelung. Sie sind in ovalen, flach ge-
drückten Hülsen eingeschlossen, die an dem einen Ende eine
Spitze mit einer Oeffnung haben, indem sich die Haut, welche
die Hülse bildet, in einen engen Strang zusammenzieht. Die
weniger entwickelten, kleineren Hülsen sind fast 2 lang und
1'" breit, und enthalten etwa 20 — 30 gelbe Eier, die bei
schwacher Vergröfserung nierenformig erscheineji, bei stärkerer
dagegen schon 1 bis 1^ Windungen einer Schaale zeigen. Die
gröfseren Eierhülsen sind beinah das Doppelte so grofs, und
lassen die Embryonen sehr deutlich sehn. Man erkennt eine
rechts gewundene regelmäfsige Schaale von 2 Windungen, und
dahinter 2 schwarze Augenpunkte, die zwischen sich einen
schwärzlichen Streifen, den Darmkanal haben, die Oeffnung
der Schaale ist unten vorgezogen wie bei Proto Defrance.
Eine genauere Untersuchung des Embryo's gelang mir nicht.
Die junge Schaale löste sich in Essig nicht auf und scheint
daher hornartiger Natur, und bei dem Versuch durch Zer-
drücken derselben das kleine Thierchen zu entblöfsen, wurde
dieses jedesmal völlig zerquetscht.
10. Hersilia apodifonnis, ein neues Genus der
Entomostraceen. S. fig. 9. 10. 11.
Den zweiten November fand ich im Meerwasser zwei
kleine auf den ersten Blick ei.-em jipus ähnliche Crusta-
ceen mit einem langen Schwanz, recht munter umher-
schwimmend. Die genauere Untersuchung ergab, dafs es zwei
in der Begattung begriffene Pärchen waren, die sich unter das
Mikroskop bringen liefsen, ohne sich zu trennen, ja von de-
nen das eine selbst nach dem Tode zusammenhielt; der Schwanz
war das Männchen. In der Färbung waren sie verschieden;
bei dem einen Pärchen war das Weibchen vollkommen was-
serhell, das Männchen dagegen durch grofse purpurrothe be-
wegliche Punkte gefärbt, beim andern war umgekehrt das
Weibchen auf diese Art gefärbt und das Männchen farblos.
129
Hiernach vermuthe ich, dafs diese Färbung nur eine Folge
der geuofsenen Nahrungsmittel ist.
Das Weibchen ist, ohne die Schwanzborsten, | Linien
lang, und oval, das Männchen nicht ganz halb so lang und
schmaler. Der Körper wird ganz von einem viergliedrigen
Schilde bedeckt; das erste Glied nimmt beinah die Hälfte
ein, das letzte Glied ein Viertel, das zweite und dritte jedes
ein Achtel der Länge; die drei ersten Glieder haben jeder-
seits am Ende eine Spitze. Auf dem ersten Gliede sieht man
vorn zwei mäfsig weit von einander entfernte runde Punkte,
die ich für Augen halten möchte. Unter dem Schilde sehen
vorn nur die grofsen beiden Fühlhörner hervor, hinten der
Schwanz und die Spitzen der letzten Beine. Die Fühler
sind nur zwei an der Zahl, unterhalb des Schildes nah am
Vorderrande eingelenkt. Sie erreichen die halbe Leibeslänge
und scheinen aus fünf Gliedern zu bestehn. Das Grundglied
ist sehr kurz, unter dem Schilde versteckt, das zweite Glied
das längste von allen, dann folgt das füufte Glied; das vierte
ist nächst dem ersten das kürzeste. Vielleicht besteht das
fünfte aus mehreren Gliedern, doch konnte ich darüber nicht
zur Gewifsheit kommen. Nach vorn sind alle diese Glieder
mit langen starken Borsten gewimpert, hinten steht nur eine
Borste am Ende eines jeden Gliedes. Es sind vier Paare
deutlicher Füfse vorhanden, eins auf jedem Segment des Schil- .
des. Die drei ersten Paare sind ganz gleich gebildet, und be-
stehen aus einem zweigliedrigen Stiel, der zwei Aeste trägt.
Der Stiel hat hinten am ersten Glied eine lange Borste, eine
kürzere am vorderen Ende des zweiten. Der vordere Ast
besteht aus drei Gliedern, von denen das dritte so lang wie
die beiden ersten zusammen ist; es trägt auf seiner vordem
Seite drei kräftige, hinten fünf längere aber schwächere Bor-
sten, während die beiden ersten Glieder nur eine kurze Bor-
ste am vordem Ende haben. Der hintere Ast ist eben so
lang und hat ebenfalls drei Glieder, diese sind aber gleich,
und auf der hintern Seite stax'k gewimpert. Das vierte Paar
ist einfach, zweigliedrig; das erste Glied ist sehr kurz, das
zweite länglich und mit vier Borsten bewaffnet. — Der Schwanz
hat etwa den dritten Theil der gesammten Länge des Thieres,
sieht aber nur zur Hälfte unter dem Schilde hervor. Er ist
V. Jahrg-. 1, Baud. 9
130
nicht deutlich gegliedert, gegen das Ende verdünnt, und en-
det mit zwei stumpfen Spitzchen, deren jede fünf lange Bor-
sten trägt. Die innern Borsten sind am längsten, beim Männ-
chen mehr als halb so lang wie der Körper, beim Weibchen
bedeutend kürzer. Jederseits ist am Schwanz die Oeffnung
der weiblichen Geschlechstheile.
Was ich von den Mund Werkzeugen sehen konnte ist
Folgendes: Hinter den Fühlern liegen zwei divergirende Man -
flibeln, die die Gestalt eines stumpfwinkligen Winkelmaafses
haben, und auf der hintern Seite des zweiten Schenkels lang
und stark gewirapert sind. Zwischen ihrer Insertion ist ein
mit der Spitze nach hinten gerichteter dreieckiger Raum, viel-
leicht die Mundöffnung. Unter den Wimpern liegen jederseits
drei Maxillen, die mit einer gegabelten Borste enden und
daher entfernt an die Scheeren von Limulus erinnern. Zwi-
schen diesen Theilen und dem ersten Fufspaar liegt bei beiden
Geschlechtern jederseits ein Kaufufs. Er ist beinah quadra-
tisch, läuft mit dem vordem und innern Winkel in einen lan-
gen spitzen Zahn aus, trägt an der vordem Seite noch einen
kleinen wie ein Bläschen gestalteten Anhang, und aufsen einen
zweigliedrigen Geifseltaster. — Die männlichen Ge-
schlechtstheile habe ich bei der Kleinheit der Thiere nicht
deutlich erkennen könnnen. Zwei grofse beinah keulenförmige
Penis, die in die Vulven des Weibchens eingeführt waren,
sitzen zu beiden Seiten des Mundes, aufserdem sieht man
zwei fühlerähnliche, borstentragende Organe, die bald hinter
den wahren Fühlern entspringen.
Auf den ersten Blick erinnert das Thier durch sein grofses
Schild an Apus, ist aber durch den Schwanz und die zwei-
ästigen Beine mit Cyclops näher verwandt. Noch näher steht
es dem Genus Sapphirina Thomson (mir nur aus Lamarck's
Jiist. nat. 11 edit. etc. vol. V. p. 171 bekannt), welches eben-
falls einen flachgedrückten schildartigen Körper, zweiästige Beine
und nur zwei Fühler hat, sich aber durch ein neungliedriges
Schild und vier Paar zweiästiger Beine unterscheidet. Die
wesentlichen Kennzeichen lassen sich kurz folgendermafsen
zusammenfassen: Corpus clypeo jnagiio e segmentis qua-
tiior formato ohtectum. jintennae duae magnae, filifor-
131
meSy 5 articulafae. VeJiim paria quatuor, tria pinna hi-
ßda, quartinn simplex. Caiida apice hifida et seügera.
11. Peltidiwn purpureum, ein neues Geiuis clor Entomo-
straceen. S. fig. 12 und 13.
Von dem kleinen kaum -j'" grolsen Thierchen hatte ich
nur ein Exemplar. Der Körper ist in ein siebengliedriges im
allgemeinen Umrifs eiförmiges Schild ausgebreitet. Das erste
Segment ist beinah so grofs als die folgenden zusammen, und
hat so ziemlich die Gestalt eines Trapezes, dessen Basis nach
hinten gekehrt, und von einer concaven Linie begränzt ist.
Vorn hat es einen abgestutzten Fortsatz, auf welchem zwei
kleine runde Punkte auflfallen, welche wahrscheinlich die Au-
gen sind. Die folgenden fünf Segmente haben eine schmale
halbmondförmige Gestalt, das letzte uud kleinste wiederum
eine trapezförmige. Hinter demselben sieht der sehr kurze
zweispitzige Schwanz hervor; jede seiner Spitzen ist mit vier
Borsten besetzt, von denen die innerste die längste ist. Die
Fühlhörner sind zwei an der Zahl; sie entspringen aus den
Winkeln, welche das erste Segment mit seinem Fortsatz macht,
erreichen beinah den dritten Theil der Länge des Thieres, und
bestehn aus sechs kurzen Gliedern, von denen die beiden letz-
ten sehr klein sind. Auf der vordem Seite und besonders
an der Spitze sind sie mit langen Borsten besetzt. Ich finde
sechs Paar Beine. Das erste Paar, welches nach dem er-
sten Segmente eingefügt zu sein scheint, ist einfach und er-
schien mir nur aus drei Gliedern bestehend. S. fig .13 c. Das
zweite Glied an seiner Basis etwas verdickt, hat gegen das
Ende auf der hintern Seite einen Zahn; das dritte Glied ist
eine schmale mäfsig gekrümmte Klaue. Die folgenden vier
Fufspaare sind zweiästig und haben das mit einander gemein,
dafs der hintere oder innere Ast in einer ziemlichen Entfer-
nung von der Spitze des Stiels entspringt. S. fig. 13 d. e. f.
Das zweite Paar hat den äufsern und Innern Ast zweiglie-
drig, und der erste ist doppelt so lang als der zweite. Sein
zweites Glied ist das längste und endet mit drei kurzen Borsten,
von denen zwei hakenförmig gekrümmt sind. S. d. — Das
dritte Paar S, e, unterscheidet sich von den folgenden beiden
dadurch, dafs der innere Ast dreigliedrig ist, während er bei die-
9*
132
sen nur zwei Glieder hat. Der äufsere Ast ist bei ihnen gleich,
dreigliedrig; das erste und zweite Glied haben vorn am Ende
eine starke Borste und hinten eine solche in der Mitte; das
letzte Glied, welches zweimal so lang ist, als das vorherge-
hende, hat vorn vier kurze kräftige, hinten fünf längere schwä-
chere Borsten. Das letzte Fufspaar ist wiederum einfach,
zweigliedrig? das letzte Glied länglich, schwach gebogen; und
hat aufsen drei, an der Spitze vier, hinten einen Dorn. S. g.
Bei der Kleinheit des Thieres und da ich nur ein Exemplar
hatte, konnte ich die Frefswerkzeuge nur sehr unvollständig
erkennen. Doch sah ich deutlich: erstens hinter den Fühlhör-
nern eine Mandibel, bestehend aus zwei gleich langen und
gleich breiten linealischen Gliedern, von denen das erste hin-
ten in der Mitte eine vierzweigige Borste, das letzte am Ende
mehrere einfache Borsten trägt S. fig. 13 a, offenbar dasselbe Or-
gan, welches in einer wenig abweichenden Gestalt bei Hersi-
lia vorkommt; zweitens einen Kaufufs? ebenfalls aus zwei
gleich langen Gliedern bestehend, von denen das zwe-te sehr
schmal ist, und am Ende einen kurzen Haken oder einige sehr
kurze Borsten trägt. S. b.
Die Farbe des Thierchens war dunkel purpurroth, Füh-
ler, Schwanz ilnd Beine blaisroth, Vorderrand des Kopffort-
satzes farblos.
Dies Genus steht zwischen HersiUa und Sapphirina in
der Mitte, und unterscheidet sich von beiden durch eine ver-
schiedene Zahl der Segmente des Schildes und der Füfse, so
wie durch die Beschaffenheit des ersten Fufspaares. In der
Kürze läfst es sich also cbarakterisiren: Corpus clypeo ma-
gno, e segmentis Septem formato ohtectum; segmento primo
maximo. jintennae duae magnae sexarticulatae. Pedum
paria sex; par primum simplex, ungue longo tenninatum;
paria secundum, tevtium, quartum et quintiim ramos duos
gerenfia; par sextum simplex. Cauda apice hißda et se~
tlgera.
133
Erklärung der Abbilduugeu.
Tafel III.
Fig. 1. Euplocamus frondosus, nach einer Zeichnung
von Herrn Scacchi.
Fig. 2. Euplocamus cirriger, nach einer Zeichnung von
Herrn Scacchi.
Fig. 3. Pileopsis Garnoti Payr,
u. Das Thier nach Hinwegnahme der Schaale gesehen, viermal
vergrÖfsert. Man sieht den hufeisenförmigen Haftmuskel, die
Leber, das Ovarium , das Ende des Darmkanals und vorn die
Respirationshöhle mit der Kieme.
h. Das Thier mit der Schaale, dreimal vergrÖfsert, um die Ge-
stalt des Kopfes und die Augen zu zeigen.
Fig. 4. Galeojr.ma Turtoni Sow.
a. Auf dem Rücken.
l. Auf dem Bauche.
c. Auf der Seite liegend, zweimal vergrÖfsert.
d. Auf dem Rücken liegend mit aufgeschnittenem Mantel , drei-
mal vergrÖfsert.
«. Die Epidermis der einen Schaale am Mantel hängend. Man
erkennt den Fufs, den kegelförmigen Leib, die vier Kiemen
und die vier appendices hiccales.
e. Die Schaale von der Seite gesehen.
e. Dieselbe von innen gesehen, beide dreimal vergrÖfsert.
Fig. 5. Chelura terebrans.
a. Das ganze Thier viermal vergrÖfsert auf der Seite liegend.
b. Das vierte und fünfte Schwanzglied von oben, wie es bei
funfzehnmaliger Vergröfserung erscheint.
c. Dieselben von unten. Am Grunde ist das dritte Paar falscher
Abdominalfüfse zu bemerken.
d. Der erste Fufs bei 2.5 maliger Vergröfserimg gesehen.
€. Einer der letzten Füfse, bei derselben Vergröfserung gesehn.
Tafel IV.
Fig. 1. Pandorina corruscans Scac, ein kleines Exem-
plar, auf der linken, stärker gewölbten Schaale liegend.
Fig. 2. Dieselbe auf dem Bauche liegend, um area und
luiiula zu zeigen.
Fig. 3. Dieselbe, geöffnet und zweimal vergrÖfsert.
a. Das Knöchelchen im Ligament.
b. Die Grube, in welche dasselbe hinoinpafst.
c. Das Uufscrc Ligament.
134
Eig. 4. Das Thier der Pandorina nach einer Zeichnung
von Herrn Scacchi.
Fig. 5. Eine Schaale der Pandora rostrata zur Yer-
gleichung.
ß. Ein äufseres Ligament?
b. Das innere Ligament.
c. Der Schlofszahn.
Fig. 6. Astarte inci'assata De la Jonh. anderthalbmal
vergröfsert der obere Mantellappen ist etwas zurückgeschla-
gen, um die Gestalt des Fufses und die beiden Kiemen zu
zeigen.
Fig. 7. Pleurotoma Bertrandi Payr, viermal vergröfsert.
Fig. 8. Eier von Verinetus gigas Biv.
a. Eine M^enig entwickelte Eiermasse.
b. Eine stärker entwickelte in welcher die Embryonen schon
mit 1^ Windungen der Schaale versehn sind; beides in natür-
licher Gröfse.
c. Ein Embryo stark vergröfsert mit zwei vollen Windungen
der Schaale. Man sieht die Augen und den Nahrungskanal
durchschimmern.
Fig. 9. HersiUa apodiformis mihi, ein Weibchen auf dem
Rücken liegend bei öOmaliger Vergröfserung gezeichnet.
i. Die Augen.
a. Die Mandibeln?
b. Die Maxillen.
c. Der Kaufufs mit seinem zweigliedrigen Geifseltaster.
d. Die drei Paar zweiarmigen Beine.
e. Das Paar einfacher Beine.
f. Die Vulven.
Fig. 10. Das Männchen an dem Schwanz des Weibchens in
der Begattung hängend, bei derselben Vergröfserung gezeichnet.
g. Die hintern Fühler?
h. Die beiden Penis.
Fig. 11. Ein Weibchen der Jlersilia apodiformis in natür-
licher Gröfse.
Fig. 12. Peltidium purpureum mihi in natürlicher Gröfse.
Fig. 1-3. Dasselbe auf dem Bauch liegend, bei öOmaliger
Vergröfserung gezeichnet.
a. Die Maudibel.
b. Der Kauffufs?
c. Ein Fufs des ersten Paares.
d. Des zweiten, e. des dritten, /. des vierten oder fünften.
g. des sechsten Paares.
Fortgesetzte Versuche üher die erliölitc Tempe-
ratur des Kolbens einer Colocasia odora (Ca-
ladium odoriirn.)
in dtMii botanischen Garten zu Amsterdam angestellt
von
G. Vrolik und W. H. de Vriese.
Hierzu Tafel V Fig. 1.
Vor ungefähr drei Jahren haben wir einige Versuche be-
kannt gemacht, die wir in dem Amsterdamschen Garten an-
gestellt hatten, um uns mit der erhöhten Temperatur des Blii-
thenkolbens einer Pflanze aus der schönen Familie der Arons-
kelche näher bekannt zu machen*). Schon damals beschlos-
sen wir, um durch treue Beobachtungen und genaue Experi-
mente der Erklärung dieses höchst merkwürdigen Phänomens
näher zu kommen, unsere Untersuchungen später fortzusetzen.
Dafs dies bisher nicht geschehen, ist allein dem Umstände zu-
zuschreiben, dafs unsre Pflanzen keine Gelegenheit dazu ver-
schafi't haben. Erst vor Kurzem ward es uns möglich, die
unterbrochenen Untersuchungen wieder aufzunehmen, deren
Resultat wir hier dem Urtheil und der Theilnahme der Phy-
siologen zu empfehlen wagen. Die günstige Aufnahme, welche
unsere frühern Versuche erfuhren, berechtigt uns zu der Hoff-
nung, dafs auch diese einiges Interesse einflöfsen werden**).
*) Tydschr. voor nat. Gesch. e?t Phys., II Deel. 296—314.
**) Unsere früheren Versuche sind theils vollständig, theils im
Auszuge mitgetheilt in den ,,J?uialcs des Scie7ices naturelles IIb. \M;
von -Nleyen in \Viegmann's Archiv II Jahrg. II Band 1836 S. 95; —
in Fror. Neuen Notizen desselben Jahres; in Meyens Neuem System
der Pflanzen -Physiologie Berl. 1838 II. 161; — von H. F. Link, El.
Phil. Dot. Berol. 1837. II. 342.
136
Im verflossenen Jahre hat ein französischer Naturforscher
ein neues System der Pflanzen -Physiologie bekannt gemacht,
in welchem die Beobachtungen und Versuche Andrer hinsicht-
lich der Wärme der Blüthenkolben in der Familie der Aroi-
deen auf eine einfache physische Art erklärt werden. Wir
lassen diese Erklärung ihrem Hauptinhalte nach hier folgen*).
„Wenn (so schliefst Raspail) das von Lamarck zuerst im
ylrwn italicum beobachteta Phänomen eine Folge der Be-
fruchtung wäre, so miifste dasselbe in noch auflFallenderem
Grade bei den Blumen sich zeigen, wo diese Funktion auf
einem Fruchtboden in tausend Blumen zugleich statt findet.
Diefs ist jedoch nicht der Fall. Vielmehr liefert einzig und
allein der Blüthenkolben der Aronskelche in dieser Beziehung
ein sicheres Factum. Die negativen Resultate, welche Ver-
suche hierüber an anderen Blumen gegeben, liefern den sichern
Beweis, dafs die Wärme bei jenen keine Folge der Verbin-
dung verschiedener Stofi'e mit einander ist. Dafs der Wär-
meunterschied aus der Structur und der Configuration der
Oberfläche entstehe, ist indefs viel wahrscheinlicher, als dafs
die Befruchtungsfunction ihn veranlasse. Die Blume der
Aroideen besteht aus einem blumenkronförmigen Blatte, das
iiacli Art einer grofsen Hippe {un grand cornci) gerollt, die
Benennung Sjjat/ia, Scheide trägt, und aus dessen Boden die
Spitze des Stiels, um welchen herum sich die Grifi'el und
Staubfäden befestigen, wie der Schwengel einer Glocke sich
erhebt. Dieser heifst Spadix. Die innere Oberfläche der
Scheide ist mehr oder weniger weifs oder gelb, und hat 'nicht
selten einen Wachsglanz. Man erinnere sich an das Verfah-
ren der Quäker, um so viel als möglich die Einwirkung der
Sonnenwärme auf ihre Früchte zu erhöhen. Sie pflanzen näm-
lich die Bäume vor einer weifsen Mauer, damit die Wärme
von dieser auf Blume und Frucht zurückstrahle. Andere ge-
ben ihren Mauern eine hohle Form, wodurch bei der Refle-
xion viele Strahlen in einen Punkt sich concentriren. End-
'^) F. V. Raspail, Nouveau Systeme de Physiologie vegetal et de
botaJiique. DetLV volimies, Paris 1S31 Foif. //. 7;. 218 — 227. Wir be-
merken hier, dafs wir nicht, wie Raspail p. 219 angiebt, Huberts,
sondern Adolphe Brogniart's Versuche fortgesetzt haben.
137
lieh hat man um junge Früchte ein vveifses Papier befestigt,
und sie so gleichsam mit einer künstlichen Scheide umge-
ben, die in jeder Hinsicht der natürlichen bei den Aroideen
gleicht. Den Landmann leitete bei diesen verschiedenen Ver-
fahrungsvveisen dieselbe Erfahrung, zu deren Bestätigung der
Naturforscher der 'genauesten Werkzeuge bedurfte. Die in
Papier eingehüllte Blume wird mehr erwärmt, als die übrigen;
denn bei der runden Form der Düte (oder Scheide) werden
die "Wärmestrahlen von der weifsen Fläche alle nach deren
Centrum hin, wo sich die Blume befindet, reflectirt. Die
Wahrheit dieser Erscheinung ist nun durch directe Versuche
bestätigt. Es wurden nämlich zwei beinahe gleiche Thermo-
meter an die kattunenen Vorhänge der Glasscheibe eines nach
Westen gelegenen Fensters aufgehängt. Das eine Thermome-
ter hing frei, das andere wurde bald mit einer Papierdüte, bald
mit einem grauen, blau und olivenfarben bedruckten, vierfach
zusammengelegten seidenen Tuche umwunden. Die Thermo-
meterkugel blieb von allen Punkten der Düte gleich weit ent-
fernt. Beide wurden, vier Tage lang, von Minute zu Minute
beobachtet. Die sich hieraus ergebenden Wärme -Tabellen
wurden mit denen der Schriftsteller über die Temperatur der
Colocasia odora verglichen, und hieraus die Identität der, bei-
den Phänomenen zu Grunde liegenden, Ursachen unzweifelhaft
abgeleitet. Eine einfache Düte von weifsem Papier reicht hin»
um ein hineingehaltenes Thermometer zum Steigen zn brin-
gen. Die Umhüllung mit einem Seidentuche bewirkt eine
Temperaturerhöhung von 10" a 11°. Ein dünnes Kohlblatt
hat zufolge der beträchtlichen Wasserdunstung die entgegen-
gesetzte Wirkung auf das Thermometer. Die Wärmeerhö-
hung ist um so beträchtlicher, je intensiver das auf den künst-
lichen Spadix fallende Licht ist. Die gröfste Temperaturver-
schiedenheit findet statt um 3 — 4 — 4j Uhr, später wird ein
schnelles S iken des Thermometers wahrgenommen. Während
der Nacht iukt das mit der Düte umgebene Thermometer
unter die Temperatur der Atmosphäre, zufolge seiner Isoli-
rung von der Zimmerwärme, mit welcher das nicht verhan-
gene Thermometer in directer Berührung bleibt. Können nun
sclion unregelmäfsige und rohe Naturnachahmungen solche auf-
fallende Wirkung haben, wie weit stärker und bestimmter muf$
138
nicht diese Wirkung bei den Aroideen sein, in deren Blüthen-
kolben die Reflexion von der gleiclimäfsigcn Fläclie, die sich
"zu der beschriebenen Form rundet, statt findet. Wenn man
diefs berücksichtigt, so wird man das von Hubert auf Isle de
France beobachtete Maximnm von 49° nicht übertrieben fin-
den. Wir müssen in unsrem Klima selbst im Freien, an un-
sren schönsten Frühlingstagen dasselbe Resultat erhalten. An-
ders mufs es sich dagegen in unsern Treibkasten verhalten,
je nachdem ein mehr oder weniger helles Licht auf sie fällt.
Es ist sogar wahrscheinlich, dafs die Temperaturerhöhung an
einzelnen Stellen des Kastens gar nicht eintritt; an solchen
Stellen befanden sich wohl die Pflanzen der Physiologen,
welche Lamarck's Beobachtung bei ^rum Italicum geläugnot
haben. Aus dem Gesagten ergiebt sich, dafs die Temperatur-
erhöhung der Aroideen nicht in Folge einer innern organi-
schen Funktion, sondern lediglich der äufsern Beschaffenheit
der Blumen zu Stande kommt, und dafs die Erscheinung über-
haupt zu der Klasse derer gehört, welche die Naturforscher
zu allen Zeiten mit anorganischen Apparaten dargestellt ha-
ben. Hieraus folgt also, dafs der Wärmegrad variiren wird,
je nachdem die eine oder andere Seite des Blüthenkolbens
sich dem Lichte darbietet, je nach der Verschiedenheit des
Winkels, unter welchem das Licht auf die Fläche der Scheide
fällt, je nach der Verschiedenheit des Standortes der Pflanze
im Freien oder im Treibkasten, endlich je nach der Verschie-
denheit der Menge des verdunstenden Wassers.. Aus demsel-
ben Grunde mufs die Zeit, wo das Maximum eintritt, mit der
verschiedenen geographischen Breite des Ortes der Beobach-
tung variiren, so dafs jenes Maximum unter den Wendekrei-
sen Frühmorgens, in den gemäfsigten Zonen des Mittags und
Nachmittags bis 5 Uhr eintritt." u. s. w. So weit Raspail.
Eine solche Erklärungsart von einem Manne, der sich, wie
seine viele Schriften beweisen, mit der Physiologie der
Pflanzen eifrig beschäftigt hat, kann nur höclist sonderbar er-
scheinen.
Unsre Absicht bei der Mittheilung einer zweiten Reihe
von Versuchen ist indefs nicht Raspail's Ansichten zu wider-
legen, da sie eigentlich keiner Widerlegung zu bedürfen schei-
nen, sondern es leitete uns dabei dieselbe Ueberzeugung,
139
welche den nicht genug zu lobenden Senebier zu den Worten
veranlafste: „des cxperiences aussi dcUcates doivent Hve
varices de vnlles manieres et suivies avec le plus grmid
soin, pour offrir des conclusions tranclmntes*).
Schon aus den Mittheilungen Bory de St. Vincents konnte
man deutlich schliefsen, dafs die Wärme von dem Spadix und
nicht von der ihn umgebenden Scheide ausgeht. Dieser er-
zählt nämlich einen Versuch, wo die eben erwähnte blattartige
Blumenscheide, fest an den Spadix gebunden, eben so er-
schlaffte oder verwelkte, als ob man sie in heifses Wasser
getaucht hätte. Erwägt man, welch einen beinahe unglaubli-
chen Wärmegrad Bory de St. Vincent angegeben hat, so ist
eine solche Verwelkung leicht erklärt, allein es folgt auch
zugleich daraus, dafs die Wärme nicht von der Scheide, son-
dern vom Kolben ausgeht.
Es war mit Recht zu erwarten, dafs, wo solche Thatsa-
chen sprechen, wie in oben erwähnter Mittheilung Niemand,
und am wenigsten der Naturforscher Raspail, behaupten würde,
das ganze Phänomen rühre von der Zurückstrahlung der
Wärme von der Innern Wand der Sclieide auf den Kolben her.
Um unsere Behauptung hinsichtlich der Wärmeentwicke-
lung im Blüthenkolben selbst über alle Zweifel zu erheben,
stehen uns eine Menge von Beweisen zu Gebote. Gern hät-
ten wir uns dergleichen Erörterungen überhoben, doch durf-
ten wir diefs nicht, da wir sahen, dafs hier und da ein Na-
turforscher der Raspail'schen Ansicht einigen W^erth beilegt.
Wir wollen das Urtheil der Physiker nicht beschränken rück-
sichtlich des Werthes, den man Versuchen mit einem Thermo-
meter in einer Papierdüte schenken möge; jedoch dürfen Phy-
siologen nicht zugeben, dafs aus solchen Versuchen Schlüsse
auf die lebende organische Natur gezogen werden, mögen jene
Versuche auch an und für sich noch so scliätzenswerth und
glaubwürdig seyn.
Obschon bereits aus unsern frühern Mittheilungen sich
herausgestellt hatte, dafs die Scheide nicht die Ursache der
Wärme abgiebt, indem wir in einer Blume, deren Scheide ab-
*) Physiologie vegetule par Jean Senebier, III. p. 312.
140
geschnitten war*), dieselbe Wärmeerhöluing beolsachtet hat-
ten: so glaubten wir doch durch neue Versuche diese Mei-
nung noch fester begründen zu müssen.
Aufser unsrer Colocasia odora haben wir hierzu auch
audre Aroideen, als ylrum liaUcum und Arum Dracuncu-
lus genommen**). Einige dieser Versuche wollen wir hier
folgen lassen, wie wir sie verzeichnet haben.
Die erste Beobachtung geschah im Freien mit dem Spa-
dix von Arum Italicnm. Wir konnten trotz der gröfsten
Sorgfalt und Genauigkeit keine Temperaturerhöhung wahrneh-
men. Als aber die Pflanze in die Orangerie gebracht worden,
entwickelte ein andrer Blüthenkolben eine ziemlich bedeutende
Wärme. Dals bei der ersten Blume die Wärme nicht deut-
lich wahrgenommen werden konnte, lag walirsclieinlich an dem
starken Wind, dem sie während des Versuchs ausgesetzt war.
Es ging uns hierbei ungefähr so wie Theodore de Saussure***).
*) Tydsch. a. a. O. p. IT. 308.
**) Prof. Göppert, den wir im Eingange unsrer vorigen Mitthei-
lung unter den Gelehrten genannt hatten, deren Flcifs in dieser Be-
ziehung die Physiologie am meisten zu verdanken hat, hat uns die
Nichterwähnung seiner Versuche mit Arum Dracunculus zum Vor-
wurf gemacht (S. Froriep's Notizen No. 1065 Bd. XLIX Juli 1836).
>Vir berichteten die Ergebnisse von Versuchen mit der Colocasia
odora, und sprachen daher nicht vom Arum Dracunculus. Das ver-
dienstliche Werkchen Göpperts „Ueber Wärme -Entwickehing in der
lebenden Pflanze, ein Vortrag gehalten zu Wien am 18. September
1832 in der Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte" war
uns wohl bekannt, und hat sogar Dr. de Vriese im Jahre 1833 die
Versuche über die Wärme - Entwickelung in keimenden Samen zu
Rotterdam wiederholt, jedoch wegen der vielen Berufsgeschäfte, die
durch die damals ausbrechende Cholera-Epidemie veranlafst wiurden»
nicht gehörig aufgeschrieben.
***) S. Th. de Saussure: De Vaction des fleurs sur l'air et de leur
chaleur proiire, lu u la Societe de Pkys. et d'Hist. naturelle de Ge-
7ieve^ en 1822 in den Ann. de Chym. et de PJujs, Tom. XXI p. 279. 1822,
141
Wärmeentwickelung an den Staubfäden von Amin
Italicum, nach Entfernung der Blumenscheide
bei abgesperrtem Lichtzugange.
Später sank die Temperatur wieder allmählig, wir haben
sie indefs nicht weiter beobachtet.
Das Maximum des Unterschiedes betrug hier 3| F., und
dieses trat ungefähr zur selben Zeit ein, wo die meisten Phy-
siologen es wahrgenommen haben*).
"Wärmeentwickelung an dem Spadix einer Coloca-
sia odora, nach Abschneidung der Scheide. Die
Pflanze befand sich 'an einer dunkeln Stelle in
der Orangerie.
*) Ueber die in Arnm Drncxinculus statt findende Wärme s. Prof.
Cl. Mulder in Ti/dschrtft voor nat. gesch. en phijs. III. D. I St.
1836. P 66-10,
142
23. Juni 1838.
Verglei- I Therm, d.
chendes Blüthen-
Therm. kolbens.
Bemerkungen.
Maximum des Unter-
schiedes 16" F.
Fortwährendes Sin-
ken des Therm, der Blu-
me gegen Abend.
Nachm. 3U. — Min.
— 15 —
— 30 —
— 45 —
4U. —
5U. —
5U.30 —
6U. —
— 30 —
7U. —
— 30 —
8U. —
Die Thermometerkugel waf ganz frei an der Spitze des
Kolbens aufgehängt.
Die erste Temperaturerhöhung war schon fünf Minuten
nachher zu bemerken.
Wir müssen indefs noch hinzufügen, dafs ein Fenster ge-
öffnet werden mufste um den Stand des Therm, beobachten
zu können.
Fortsetzung des Versuchs an derselben Blume.
24. Juni. lYhifirSenH Bemerkungen.
143
24. Juni.
[Vergleich.! Therm.
Therm. amKolb.
Bemerkmigen.
Länger wurden die Beobachtungen an diesem Tage nicht
fortgesetzt. Auch den folgenden Tag bemerkten wir in die-
ser Blume noch Wärmeerhölmng, wie folgt:
Nachmittag.
IVergleich.l Therm, d.l
I Therm. | Spadix- |
Bemerkungen.
Um den Einwurf zu beseitigen, dafs die Temperaturerhö-
hung am Spadix die Wirkung einer durch die Abschnoidnng
der Scheide verursachten krankhaften Thätigkeit sein könne,
\\\s& nach unsrer Meinung nicht der Fall ist, da gemäfs unsern
meisten frii])ern Versuchen dieselbe Temperaturerhöhung bei
nicht von der Scheide entblöfsten Blumen statt findet], haben
wir bei mehreren Blumen die Scheide ohne sie in etwas zu
beschädigen, umgebogen oder zurückgeschlagen, und dennoch
dieselben Temperaturverhältnisse, wie bei den andern wahr-
genommen.
Nach dem Gesagten möchten also wohl alle Zweifel hin-
sichtlich des Theiles, von dem die Wärme ausgeht, gehoben
144
sein, und wir glaubten daher diese Sache als völlig erwiesen
und abgemacht betrachten zu können.
Ncch vieles bleibt indefs bei dieser so merkwürdigen Er-
scheinung zu untersuchen übrig. Zunächst liegen uns deren
Ursachen zur nähern Erforschung vor, welche uns vielleicht
zum grofsen Theil einleuchten werden, wenn man das Phäno-
men selbst von allen Seiten genauer kennen gelernt hat. We-
nigstens veranlafst dasselbe noch zu verschiedenartigen Unter-
suchungsweisen, und nur die vereinigten Bestrebungen der
Botaniker, Physiologen und Chemiker durften die Hoffnung
auf dereinstige gründliche Resultate, zu denen noch sehr viele
und kostspielige Versuche erforderlich sind, rechtfertigen.
Nichts destoweniger wollen wir einstweilen nach Kräften zur
Auflösung des grofsen und wichtigen Räthsels beizutragen
suchen.
Nach dem jetzigen Stande der Wissenschaften, zumal
des physiologischen, darf man die Behauptung festhalten, dafs
das Lebensprincip die erste und wichtigste Kraft ist, ohne
welche sich keine Function in der animalischen oder vegeta-
bilischen Oekonomie denken läfst. Jedoch mufs man auch
nicht vergessen, dafs die Physiologie eben so wohl eine phy-
sische und chemische, als dynamische Wissenschaft ist. Denn
bei der vollen Ueberzeugung, dafs die übrigen Naturkräfte,
weder einzeln noch insgesammt, thierische oder pflanzliche
Lebenserscheinungen zu Stande zu bringen vermögen, wenn
nicht die Lebenskraft hinzutritt, glauben wir dennoch, dafs jene
Naturkräfte von Vielen zu sehr hintenangestellt worden. Schon
die Erkenntnifs und genaue Abgrenzung der Wirkungssphäre
der sogenannten todten Naturkräfte in den organischen Kör-
pern mufs uns dem wahren Begrifi"e vom Wesen der Lebens-
kraft, wie sie gewöhnlich genannt wird, näher bringen. Und
diefs bleibt bei physiologischen Forschungen doch immer das
schwierigste und complicirteste Problem.
Es ist vielleicht nicht unzweckmäfsig zu einer Zeit hier-
auf aufmerksam gemacht zu haben, wo viele zur sogenannten
Pflanzenphysik und Chemie gehörige Gegenstände gar nicht,
oder nur sehr unvollständig gekannt, und durchaus nicht dem
sonstigen Stande dieser Wissenschaften gemäfs bearbeitet sind.
Die allgemeine Sucht nach systematischen und mikroskopi-
145
sehen Untersuchungen scheint der Lust zu solcher schwierigen
Arbeit nicht sehr förderlich zu sein.
Um auf diesem Felde der Forschung einige Schritte wei-
ter zu kommen, glaubten wir untersuchen zu müssen, wie sich
unsre Blüthenkolben unter verschiedenartig modificirten Um-
ständen verhalten würden. Bory de St. Vincent theilt dreifsig
von Hubert angestellte Versuche mit, woraus man sieht, dafs
dieser Pflanzer aus der ihm zustehenden Gelegenlieit, diese
Pflanze in ihrem Naturzustande zu untersuchen, für die Wis-
senschaft allen Nutzen zu ziehen bemüht war, den die Ver-
hältnisse, in welchen er sich befand, und die wenigen ihm zu
Gebote stehenden wissenschaftlichen Hülfsmittel ihm gestatte-
ten. Wir schicken hier einen Bericht über seine Versuche
den unsrigen voraus.
Hubert setzte drei abgeschnittene Blüthenkolben im Au-
genblicke, wo sie die höchste Temperatur zeigten, in eine
Flasche, und liefs sie 24 Stunden in derselben, um die Quan-
tität des während dieser Zeit durch Transspiration erzeugten
Wassers bestimmen zu können. Es ergaben sich anderthalb
Kubikzoll farblosen Wassers, in welchem Seife löslich war.
Andere Blüthenkolben wurden mit Oel bestrichen, worauf alle
schon begonnene Wärmeentwickelung stockte. Dasselbe fand
statt, wenn er sie in Wasser oder Essig setzte, wogegen sich
nach ihrer Entfernung aus diesen Medien die Temperaturer-
höhung wieder einstellte. Auch das Bestreichen mit Honig
hob alle Wärmeentwickelung auf, eben so das Eintauchen in
Alcohol; nach Entfernung aus der letztern Flüssigkeit sank das
Thermometer, natürlich zufolge der starken' Verdunstung des
W'eingeistes, sogar unter die Wärme der Atmosphäre. Abwe-
senheit des Lichtes blieb auf die Wärmeentwickelung ohne
Einflufs. Papierne Hüllen, um die Kolben gelegt, erhielten
durch Mittheilung von diesen so viel Wärme, dafs man sie
durch das Papier hin fühlen konnte. Kleine Vögel unter
eine Glocke gebraeht, in der Blüthenkolben der Pflanze aus-
gedunstet hatten, kamen dem Ersticken nahe. So weit Hu-
bert's Versuche.
Wir wollten zuerst unsre Blüthenkolben der Einwirkung
verschiedener Gasarten aussetzen, jedoch hierbei, so viel als
möglich, den Fehler zu vermeiden suchen, in den so viele
V. Jiihrjr. 1, Caiid. 10
146
Experimentatoren gefallen waren, indem sie durch das völlige
Abschneiden des Pflanzentheils, mit welchem der Versuch ge-
macht werden sollte, alle Verbindung mit der Mutterpfllanze
aufhoben, und dadurch das Leben der Pflanze störten. Zu
diesem Zwecke hatten wir einen Apparat erdacht, der uns in
mancher Hinsicht passend schien, an welchem wir jedoch bei
einer noch zu veranstaltenden dritten Reihe von Versuchen
einige Aenderungen werden vornehmen müssen. Eine Abbil-
dung dieses Apparates haben wir unsrer Abhandlung beige-
fügt, und lassen hier eine kurze Beschreibung desselben folgen.
Mitten in den Boden eines runden gläsernen Behälters
von 5 (Rheinl.) Zoll Höhe und 7" Durchmesser wurde eine
grosse runde Oefi"nung gemacht, in welche eine an beiden En-
den ofi"ene gläserne Röhre von 6" Länge und i\" Durchmes-
ser eingebracht und verkittet wurde. Diese Röhre war so
befestigt, dafs sie 1^" unter den Boden des Behälters hin-
ausragte. An den matt geschlifi"enen äufsern Rand des untern
Endes der Röhre wurde die Mündung eines 6" langen, weiten
Kautschukcylinders dicht anschliefsend befestigt. Dieser sollte
dazu dienen, um an seiner untersten Oeffnung (seinem Ein-
gange) den Blumenstengel hindurchzulassen, und alsdann bei
dem zu machenden Versuch an diesen festgebunden zu werden.
Am obern Ende der gläsernen Röhre, welches in den
Behälter hineinragte, befand sich eine vollkommen luft- und
wasserdicht schliefsende Klappe, die nach Belieben mittels ei-
nes Strickes, dessen Bewegung weiter unten näher erläutert
.werden soll, sich öfi'nete.
In den Behälter mufste ein Glascylinder gesetzt werden,
von 14 Höhe und 5|" Durchmesser; dieser Cylinder, welcher
natürlicli die mehrerwähnte gläserne Röhre in sich fafste, hatte
einen 1|" langen und 2" breiten Hals, und ruhte mit seinem
untern Ende in dem Behälter auf einem hölzernen Dreifufse, ■
wodurch die Gemeinschaft zwischen dem Innern Cylinderraum
und dem umgebenden Raum des Behälters leicht unterhalten
wurde.
In dem Hals des Cylinders befand sich ein gut schliefsen-
der Pfropf mit zwei kleinen OefTuungen versehen, wovon die
erste grade in der Axe des Cylinders gelegen, eine kupferne
Schraubenmutter enthält, durch welche eine ebenfalls kupferne
147
Axe lief, deren äurseres Stück in eine Handhabe endigte, wäh-
rend das andere in den Cylinder sich fortsetzte, und hier wie
eine ewige Schraube in senkrechter Richtung auf und ab be-
wegt werden konnte, um auf diese Weise zur völligen Schlies-
sung der Klappe an der gläsernen Röhre zu dienen. Ein Zoll
weit von seinem innern Ende oder Spitze, wurde zur Aufhän-
gung eines Thermometers ein kupfernes Häkchen angebracht.
Die zweite Oeffnung im Halse diente zur Aufnahme einer
gebogenen zinnernen Röhre, die durch den Hals in den Cylin-
der gelangte, und aufserhalb desselben vermittelst eines Zapfens
verschlossen oder geöffnet werden konnte. An der innern
Seite des Cylinders war oben noch ein zweites kupfernes
Häkchen an einen Ring vom selben Metalle, der im Cylin-
der festsafs, angebracht. Dieses Häkchen ragte weit genug
in den Cylinderraum hinein, um ein daran aufgehängtes Ther-
mometer von aller Berührung mit den Glaswänden frei zu
erhalten.
Unser ganzer Apparat ruhte auf einem offenen Fufsge-
stell, das vom untern Ende der Glasröhre durchbohrt war,
und wurde an drei an dem Fufsgestelle befestigten und oben
zusamraengefafsten Stricken aufgehängt, um mittels eines Klo-
bens nach Belieben auf- oder abwärts bewegt werden zu
können.
Die blühende Pflanze wurde Tags zuvor, ehe die Blume
ihre hohe Temperatur entwickeln sollte, so gestellt, dafs der
Bliithenkolben gerade unter den Apparat zu stehen kam. Die
Scheide w^urde den folgenden Tag bis zur unfruchtbaren Pi-
stille abgeschnitten, also so weit, dafs die von Raspail angege-
bene Wärmezuriickstrahlung nicht statt finden konnte. Wir
liefsen den Apparat vorsichtig herab, wodurch der Spadix
durch die Kautschukröhre in die gläserne Röhre, welche stets
durch die Klappe oder den Deckel geschlossen blieb, eindrang.
Diese Röhre ward dadurch beinahe gänzlich eingenommen; we-
nigstens ragte der Spadix bis zum Deckel empor. Nachdem
nun der Spadix in die Röhre eingebracht war, wurde der Kaut-
schuckköcher unten an den Wulst, der den Fruchtkeim ent-
hält, befestigt, um die Absperrung so vollständig als möglich
zu machen, noch mit einer Blase umgeben, und angebunden.
So genau indessen auch die Yerschliefsung war, so konnte
10*
148
man doch nicht verhüten, dafs in der Röhre, welche den Spa-
dix enthielt, einige atmosphärische Luft znrückblieb. Jedoch
war die Quantität derselben so gering, dafs wir sie dreist als
Null betrachten durften im Vergleich zur Gassäule, die wir in
den Cylinder zu bringen beabsichtigten.
Auch einen andern Umstand, der zur richtigen Beurthei-
lung unsers Versuches beiträgt, dürfen wir hier nicht ver-
sclnveigen; nämlich, dafs, obgleich die Abschliesfsungsmittel
di<;ht anschlössen inid drückten, der Blumenstengel dennoch
keinen zu starken Druck durch die Einschliefsung erlitt. Nach
dem Ablauf der Versuche war nicht nur an demselben keine
Spnr einer erlittenen Verletzung bemerkbar, sondern in einer
der Blumen nähert sich sogar der Samen seiner Reife, was
zum Beweise dient, dafs die Function des Stiels keine Stö-
rung erfahren.
Nachdem auf die beschriebene Weise der Apparat mit
der Blume in Verbindung gebracht war, wurde der Cylinder
mit Wasser gefüllt, um' die darin vorhandene atmosphärische
Luft auszutreiben. Nichts war leichter als diefs, da das in
den Behälter gegossene Wasser in den Cylinder hinaufstieg,
je nach Verhältnifs der Quantität Luft, welche durch Oeflfnen
des Zapfens an der zinnernen Röhre ausgesaugt wurde.
Der Leser wird schon unsre Absicht hierbei gemerkt ha-
ben, nämlich zu verhüten, dafs der Blumenkolben von irgend
welclier Flüssigkeit berührt würde, während wir den Apparat
mit Wasser füllten, um an dessen Stelle sofort eine beliebige
Gasart einzulassen. Hierzu diente die dicht schliefsende Klappe
au der Glasröhre, in welcher die Blume sich befand. Diesen
Zweck haben wir vollkommen erreicht, und zugleich eine an-
dere etwaige Störung der natürlichen Verrichtungen, dasNafs-
werden der, den Blüthenstaub enthaltenden, Organe verhütet,
was um so wichtiger war, da man weifs, dafs Wasser die Foe-
cundationsfunctionen stört, und unsre Versuche grade wäh-
rend derselben statt fanden.
Nachdem nun der gläserne Cylinder mit Wasser gefüllt
war, wurde der Krahn geschlossen, und an denselben eine
ebenfalls durch einen Krahn abschliefsbare, mit Sauerstofigas
gefüllte Blase angeschraubt, aus welcher beim Ocffneu beider,
durch eine Kautschukröhre verbundenen Krähne, das Oxygen-
149
gas in den Cyliuder Iiiuiiberströnite. Im Verliältnifs des ein-
dringenden Gases wich nun das Wasser aus dem Glascylinder,
bis dieser ganz mit Sauerstoffgas gefüllt war. Naclvdeiö man
sich überzeugt hatte, dafs das Gas an keiner Stelle ausströ-
men konnte, wurde die kupferne Axe, die mit ihrer Spitze
auf die Klappe drückte, so weit aufgeschraubt oder zurückge-
zogen, dafs der Deckel frei ward, und hierauf der Deckel selbst
abgenommen.
Dieser Deckel konnte vermittelst eines Strickes, den man
an seinen, zu diesem Zwecke vorhandenen Fortsatz befestigt,
leicht entfernt werden. Dieser Strick lief nämlich unter dem
hölzernen Fufsgestell durch ein kupfernes Auge, (oder Hing)
wie unter eine Rolle hin, und hing mit seinem freien Ende
zum gläserneu Behälter heraus.
Die durch einen Zug an dem Stricke auf den Boden des
Behälters herabgezogene Klappe bleibt beim Verfolge dieses
Versuchs aufser Acht.
Nun liefsen wir unsern Apparat 2^" sinken, wodurch der
Blütenkolben in demselben Mafse in den Cyliuder hinaufstieg,
luul ebenso die bewegliche Kautschukhülle nebst dem darrn-
befestigten und eingeschlossenen Stengel in die Gläsröhre zu
stehen kamen.
Sowohl an dem, nahe bei der Axenspitze angebrachten,
als an dem, im obern Theile des Cylinders befindlichen Häkchen,
war ein Thermometer aufgehängt worden, ehe der Glascylinder
auf den Apparat gebracht war. Wir hatten die beiden Ther-
mometer zuvor sowohl mit einander, als mit unsern übrigen
Thermometern verglichen, wobei sie alle nur zu wünschende Ue-
bereinstimmung zeigten. Das eine sollte, mit dem Spadix in Be-
rührung gebracht werden, während" das andere die vergleichende
Temperatur des Cylinders anzugeben bestimmt war. Durch die
Bewegung, welche uns der kupferne Stab gestattete, konnten
wir dem Spadix überall leicht folgen, was um so nothwendi-
ger war, da dieser zufolge seines Wachsthums so sehr aus
seiner Stellung wich, dafs er sich zuweilen von der kleinen
Thermometerkugel entfernte.
Auch bei dieseju Versuche blieben die Fensterläden der
Orangerie, in welcher der Versuch statt fand, geschlossen.
Uusre in Sauerstoffgas stehende Blume war also weder dem
Einflüsse der SonneustraMon, noch der breuueuden Hitze eines
150
warmen Treibkastens, noch der Einwirkung der atmosphäri-
schen Wärme, die im Juli beträchtlich war, ausgesetzt.
Zu gleicher Zeit hatten wir eine, in Gärten in der That
höchst seltene Gelegenheit, einen zweiten Blüthenkolben von
einem in jeder Hinsicht eben so gesunden Exemplar derselben
Pflanzenspecies zu beobachten. Als die Blume dieser Pflanze die-
selbe Höhe erreicht hatte, wie die zu unserm Versuche innerhalb
des Cylinders bestimmte, stellten wir sie in unserm Gewächshause
neben einander. Beide hielten in ihrer Entwickelung gleichen
Schritt, zeigten und öffneten zur selben Zeit ihre Scheiden
und begannen ihre Temperaturerhöhungen fast in demselben
Moment. Wir hielten dafür, dafs durch diesen glücklichen
Zufall unser Versuch mit dem Blüthenkolben in Sauerstoffgas
zu einer Vergleichung führen könnte, aus der sich ein rein
wissenschaftliches Resultat würde ziehen lassen. Wir lassen
hier unsre Beobachtungen an fünf zuvor, und alle Viertelstunde
wiederholt, mit einander verglichenen Thermometern folgen.
Vergleilchung eines Blüthenkolbens in Sauerstoff-
gas mit einem andern in der gew. Atmosphäre be-
findlichen, den Tag vor der Ejaculation des
Blüthenstaubs.
Donnerstag d. 5. Juli,
IS
U Sh
111 0)
T3^
sS
S3<
Bemerkungen.
Nachm. 1.U.45M.
2—15 —
— 30 —
— 45-
3— —
— 15 —
— 30 —
4— —
— 15 —
— 30 —
— 45 —
5 — —
— 30 —
78
83
821
82
79
78|
77
76
74
76
75
741
»
74
77
761
76
I Gröfste Temperatur-
Idifferenz, nämlich mit
jder Temp. des Cyl.
7y F., mit dem Spadix
linder Orangerie 5" F.,
und mit der Temp. in
der Orangerie 8" F.
151
Selir merkwürdig ist die rasche Wirkung des Oxygens auf
den Kolben; schon eine halbe Stunde nach der Beriilirung
zeigte sich ein Wärmeunierschied von 4" mit dem Spadix in
der Orangerie. Die vorher hinsichtlich dieser Erscheinung ge-
hegte Vermuthung war nun, wie sich aus den fernem Notizen
ergeben wird, über allen Zweifel erhoben.
Später als bis halb sechs Ulir des Nachmittags haben wir
die Notizen nicht mitgetheilt, obgleich die Beobachtungen bis
halb neun fortgesetzt worden, wo die beiden Therm, inner-
halb des Cylinders gleich hoch standen, und das in der Oran-
gerie nur um .j — j" F. überstiegen. Die Therm, in der Oran-
gerie und an dem darin befindlichen Spadix standen eben-
falls gleich.
Von Zeit zu Zeit mufsten wir frisches Sauerstoffgas ein-
strömen lassen, da das absperrende Wasser im Cylinder un-
srer Berechnung gemäfs alle drei Stunden wenigstens einen
halben Zoll gestiegen war.
Als der letzte von uns am 5. ungefähr nm 9 Uhr Abends
den Ort, wo die Versuche gemacht wurden, verliefs, war der
Wasserstand beobachtet worden; allein den folgenden Morgen
um 7 Uhr wurde derselbe beinahe 2" höher befunden, als den
Abend zuvor. Diefs kann eine doppelte Ursache haben, ent-
weder nämlich ist der erhöhte Wasserstand eine Folge der
Resorption von Kohlensäuregas, welches sich hier zufolge der
Wirkung des Blüthenkolbens selbst bei der Aufnahme und Assi-
milation des Sauerstoffgases bildet, oder er hängt von der
Aufnahme und Assimilation des Oxygens allein ab. Wir möch-
ten am liebsten beide Ursachen zugleich gelten lassen.
Am 6. Juli setzten M'ir die Notizen unsres Versuches
fort. Die Ejaculation des Bliithenstaubs begann des Morgens
um 10 j Uhr, und war gegen Mittag am stärksten, wo auch
unser Maximum eintrat, (also früher als am 5ten). In der
andern Blume trat die Ejaculation etwas früher ein.
152
Zweiter Tag des Versuches.
158
Abends 7 Uhr wurde unser Apparat aus einander genom-
men, die in dem Cylinder befindliche Luft in Glocken aufge-
fangen, und nebst einem Theile des Wassers, das zur Ver-
schiiefsung- gedient hatte, aufbewahrt.
Die Blume war nach dem Versuche völlig unversehrt und
gesund. Sie hatte die normale Gröfse, da der Spadix, von
dem beginnenden Wulst der Scheide an dem Stengel bis zu
seiner Spitze gerechnet, S\ lang war.
Die Farbe ist beim OeflFnen der Scheide stets grünlichgelb,
und wird später gelb. Auch der in Oxygen gestellte Spadix
hatte diefs eigenthümliche Colorit, was dieser, für die Physio-
logen so wichtig gewordenen Blume ein so schönes Aussehn
verleiht. Der Geruch war nicht schwäclier, sondern eher stär-
ker, als bei der andern Pflanze.
Die Untersuchung zeigte uns, dafs die in dem |Cylinder
übriggebliebene Luft gröfstentheils Sauerstofigas war, jedoch
auch Kohlensäuregas enthielt. Im Wasser zeigten sich deut-
liche Spuren von Kohlensäure, die zweifelsohne aus der Luft
des Cylinders in dasselbe übergegangen war. Mit den relati-
ven Quantitäten konnten wir unter den angegebenen Umstän-
den keine entscheidende Versuche. machen.
Am löten Juli wurde eine Blume, welche ebenfalls im
Begriffe stand, ihre Wärmeentwickelung zu beginnen, grade
wie die vorige und ebenfalls im Dunkeln in den Cylinder
gebracht, der jetzt mit Stickstoffgas gefüllt wurde.
Beim Einbringen zeigte der Kolben bereits einige Grade
Fahrenheit mehr, welche jedoch später wieder verschwanden,
so dafs er bald mit dem oben in dem Cylinder befindlichen
Thermometer gleich zu stehen kam.
154
Der Blüthenkolben in Stickstoffgas.
Erste Tag des Versuchs.
Am 20. Juli 1838 fand die vollständige Ejaculation des
Bliithenstaubs statt. Wir hatten zur selben Zeit eine kleine,
sehr junge Pflanze in der Blüthe, die zugleich mit dem Kol-
ben innerhalb des Cylinders ihre gröfste Höhe der Wärme-
entwickelung erreichte, und den Blüthenstaub ausstiefs. Da
diese Pflanze ganz unerwartet zur Blüthe kam, was bei dieser
Species von Colocasia nicht selten der Fall ist, so hatte mau
155
sie den vorigen Tag nicht früh genug beol>aclitet, um eine
Vergleichung anstellen zu können. Den andern Tag wurde
sie jedoch des Morgens bei Zeiten aus dem warmen Treibka-
sten in die Orangerie gebracht, und neben die andere Pflanze
gestellt, um ihre Wärmeveränderungen beobachten zu können.
In der folgenden kleinen Tabelle haben wir die Notizen mit
den andern zusammengestellt, legen indefs, wegen der Un-
gleichheit der beiden Exemplare bei Aveitem nicht denselben
Werth zur Vergleichung auf diese Beobachtungen, wie bei dem
Versuche mit der Pflanze, die sich in Sauerstofi'gas befand.)
Zweiter Tag des Versuches.
20 Juli 1838.
I X OD
CS ^^
H.S tHO
Vorm. 11 U. 30 M.
12— ao—
Nachm. 1 — —
— 30 —
— 45 —
2— —
— 30 —
3— —
— 15 —
— 30 —
4— —
Weiter haben wir diese Notizen nicht fortgesetzt. Wir
' o>gniigten uns damit, zu wissen, dafs unser Spadix in Stick-
stofi"gas gebracht, durchaus keine Temperaturerhöhung erfuhr
an dem Tage der gänzlichen Ejaculation des Blüthenstaubes,
wo gerade das Maximum der Temperatur hätte eintreten müssen.
W'ir glauben, dafs die Vergleichung der bei unsern Ver-
suchen in Sauer- und Stickstoffgas wahrgenommenen Wärme-
grade zu Resultaten führen müsse, die zur nähern Kenntnifs
des Phänomens der Wärmeentwickelung bei den Aroideen bei-
tragen werden. In dem, im Stickstoffgase befindlichen Kolben,
zeigte sich indefs noch eine andere merkwürdige Erscheinung.
156
Es schien nämlich die Entvvickelung und jdas Gedeihen des
Pflauzentheils still zu stehen, da weder ein Zuwachs in der
Länge noch im Umfang statt hatte. Die Farbe war und blieb
hellgrün, und zuletzt erschienen schwarze Streifen da, wo auf
der Oberfläche die Absonderungen der Antheren zu sehen sind.
Bei der Wegnahme des Cylinders vermifsten wir allen Geruch,
was übrigens bei dieser ßlume sehr charakteristisch ist.
Versuche über den Einflufs des Stickstoffgases auf das
Leben und die Functionen der Pflanzen würden ungeachtet
der Untersuchungen, welche Theodore de Saussure im Anfange
dieses Jahrhunderts und später über diesen Gegenstand ange-
stellt hat, als eine Bereicherung für die Pflanzenphysiologie
anzusehen sein. Sehr willkommen mufs daher den Pflanzen-
physiologen eine hierauf bezügliche Abhandlung des französi-
schen Gelehrten Bouttingault sein, welche in diesem Jahre der
Pariser Akademie vorgelegt, und bisher nur durch kurze Aus-
züge unvollständig bekannt geworden ist*).
De Saussure's Resultate sind den unsern frappant ähnlich,
was die Wirkung des Stickgases betrifft. Diese Aehnlichkeit
besteht darin, dafs die nicht grünen Pflanzentheile in Stickgas
nicht fortleben können, sondern durchaus des Sauerstoffgases
bedürfen. Samen keimen in Stickgas nicht, und die schon
keimenden gerathen in dieser Luft in's Stocken, und gehen
endlich in Fäulnifs über. De Saussare**) sah, dafs die dem
Oeffnen nahen Blätterknospen der Pappel und der Weide,
wenn sie dem Stickgas ausgesetzt werden, in ihrer Entwicke-
lung stille stehen, und endlich absterben. In unserm Blüthen-
kolben hätten wir dasselbe beobachten können, wenigstens wa-
ren anfänglich die meisten Erscheinungen die nämlichen.
Aus den bekannten Thatsachen dürfen wir mit Recht
schliefsen, dafs das, nicht mit dem erforderlichen Sauerstoffgase
vermengte Stickgas, den nicht grünen und zugleich nicht völ-
lig entwickelten Pflanzentheilen ebenso schädlich ist, als den
Thieren. Die einen, wie die andern bedürfen eine bedeutende
Menge Sauerstoffgas zu ihrem Leben.
Das Stickgas ist bei unserm Versuche von der Blume
*) Sie heifst : De l'itifltience de l'azote attnospheriqiic daiis la Ve-
getation.
**) Rccherches .^JUmiques sur la Vegetation. Paris 1801. /j. 19 U
1F7
nicht, oder floch in nicht wahrnehmbarer Monge eingesoc^en
worden. Wir brauchten daher in den einmal gefüllten Cylin-
der kei neues Stickgas einzubringen.
In der zurückgebliebenen Luft fanden wir keine Spur von
Kohlensäure. Wie sollte diese auch hineingekommen sein?
Diefs stimmt völlig mit de Saussure's Beobachtungen und Ver-
suchen überein, der in einer solchen künstlicheji Atmosphäre
nur dann Kohlensäure fand, wenn grüne Pflanzentheile dem
Einflüsse des Stickgases ausgesetzt waren. Nicht grüne Pflanzen-
theile liefson niemals Kohlensäure darin zurück.
Da sich nachher keine Blumen mehr zeigten, so war<!n
wir nicht im Stande zu untersuchen, welchen Einflufs andere
Gasarten auf die Temperatur der Blumen hätten. AVelch einen
frappanten Unterschied bot uns nicht unser letzter Versuch in
Vergleich zu dem mit Sauerstoffgas dar! Im Sanerstoff zeigte
sich starkes Vv'achsthum, üppige Entwickelung, natürliche Farbe,
sehr hohe Temperatur, überhaupt lebenskräftigere, raschere
Functionen; im Stickgase dagegen Stockung, Aufhören aller
Lebenstliätigkeit, Hemmung des Wachsthums, Verlust der Farbe,
Störung der Wärmeerzeugung, drohende Zerstörung.
So bewährte denn der Sauerstoff auch hier seine in der
ganzen lebenden Natur so sichtbare, und durch unzählige Ver-
suche an Pflanzen und Thieren bewiesene lebenerhöhende Kraft
auf eine unzweideutige Art. So erhielten wir durch unsere
Versuche einen nicht geringen Beitrag zur Bestätigung der
schon alten Theorie, dafs die Aufnahme von Sauerstoff durch
die Oberfläche der Blumen und die darauf folgende Exhalation
von Kohlensäure bei der Wärmebildung in den Aroideen al-
lerdings berücksichtigt zu werden verdiente, und dafs vielleicht
etwas Aehnliches bei andern Pflanzen wahrgenommen werden
könnte, wenn wir hierzu die erforderlichen Hülfsmittel besäisen.
Ohne Zweifel war hier viel Sauerstoff absorbirt und Koh-
lensäure frei geworden. Es geschieht also hier nichts anderes,
als was wir bei allen nicht grünen Pflanzentheilen vorzüglich
bei der Keimung wahrnehmen, welche letztere Function in
vieler Hinsicht der Carbonisation der Blumen analog ist. Aus
dem oben angeführten Goepperfschen Werke geht hervor,
dafs auch bei der Keimung eine Temperaturerhöhung eintritt,-
was man besonders bei Getreidesamen und Futtergewächseu
158
beobachtet hat. Da diese Entkohlung in Samen nnci Blumen
für die Entwickelung oder das erste Gedeihen unerläfslich isf,
so keimt kein Samen ohne Einwirkung des SauerstoflFs aus
der Atmosphäre und sterben, wie in unserm Falle, die Blu-
men in einer Stickstoffatmosphäre bald ab.
Zum Schlüsse haben wir noch folgende kurze Erläuterung
zu geben. Unser Bliithenkolben zeigte, in Stickgas gebracht,
anfangs gegen ^lles Erwarten einige Temperaturerhöhung, was
mit dem Verfolge des Versuches durchaus im Widerspruch
stand, da später an dem Kolben ungefähr derselbe Wärmegrad
wahrzunehmen war, wie in dem Cylinder. Wir glauben diefs
daraus erklären zu können, dafs unsre Pflanze schon, ehe sie
in den Apparat gebracht worden, ihre Wärmeentwickelung
begonnen, und dafs die verzeichnete Temperaturerhöhung von
11| U. Vorm. bis Ij U. Nachm. des 19ten Juli's der noch
fortdauernden Wirkung der natürlichen Atmosphäre, welcher
die Pflanze entnommen worden, zuzuschreiben ist.
Nach dieser kurzen Beweisführung wollen wir gerne zu-
gestehen, dafs noch Vieles zu fragen und aufzuklären übrig
bleibt. Hierzu müssen neue Versuche und genaue Untersu-
chungen angestellt wurden, die wir für jetzt bei dem besten
Willen aus Mangel an Blumen unterlassen mufsten. Gerne hät-
ten wir noch die Fragen, welchen Einflufs andere Luftarten
mit und ohne Lichteinwirkung ausüben, wie grofs die Menge
des absorbirten Sauerstoffes oder die der exhalirten Kohlen-
säure und des Wasserdunstes sei, und dergl. mehr zu bestim-
men gesucht.
Es bildet daher unsre Arbeit keinen Abschlufs, sondern
nur eine Fortsetzung dessen, was Andere und wir über die-
sen Gegenstand früher erörtert haben, und es bleiben daher
fernere Untersuchungen noch sehr wünschenswerth. Denn nur
durch eine vielseitige Betrachtung kann man mit einem Gegen-
stande völlig bekannt werden; man suche sie daher soviel als
möglich erschöpfend zu machen. Wenige wissenschaftliche
Untersuchungsobjecte sind bis zu dem Grade erörtert, dafs
man sie als völlig bekannt, und deren nähere Erforschung als
unnütz und überflüfsig betrachten dürfte, und es bleibt daher
auch heute noch wahr, was Senebier so treffend gesagt hat;
159
„Uli fait hien vu est une connaissance precieusc: il y en
a peil, qiü soient connus dans tous leurs details.''
Amsterdam den 1. August 1838.
Erklärung der Tafel.
«. Glasbehälter.
b. Oeffnung im Boden desselben zum Durchgange der Glasröhre.
c. Glasröhre
d. Deren unteres Ende.
e. Deren oberes, über den Behälter hinausragendes Ende.
/. Röhre oder Köcher von Kautschuk.
ff. Deren untere Oeffnung.
h. Blumenstengel.
i. Klappe oder Deckel am obern Ende der Röhre.
/ Strick, zum Wegziehen der gen. Klappe.
t Fortsatz an der Klappe zur Befestigung des Strickes.
/. Gläserner Cylinder.
m. Hals desselben,
il. Dessen unteres Ende oder Fufs.
0. Hölzernes Fufsgestell.
;>. Pfropf zum Verschliefsen des Halses.
q. Oeffnung für die kupferne Schraubenmutter, in der Mitte die-
ses Pfropfs.
r. Schraubenförmiger Kupferstab , der durch jene Oeffnung hin-
durchgeht.
s. Aeufseres mit einer Handhabe versehenes Ende dieses Stabes.
t. Inneres und unteres Ende desselben.
u. Dessen Spitze, welche auf die Klappe drückt.
V. Kupfernes Häkchen an dem Stabe zur Aufhängung des Ther-
mometers.
u>. Oeffnung im Halse zum Durchgänge der zinnernen Röhre.
a;. Krahn oder Zapfen zum Oeffnen und Verschliefsen dieser
Röhre.
y. Kupfernes Häkchen im Cylinder zum Aufhängen des zweiten
Thermometers.
X. Zinnerne Röhre.
aa. Kupfernes Auge an dem hölzernen Fufsgestelle, zum Durch-
gang des Strickes.
bb. Spitze der Blume, welche die Klappe berührt.
cc. Blase, mit Sauerstoffgas (oder Stickstoffgas) gefüllt.
dd. Zapfen an derselben.
ee. Röhre von elastischem Gummi, zur Verbindung der beiden
Zapfen.
Schilderung des tbierisclien Lebens auf
ISovdia Zcmlia
von
K. E. V. B a e r.
(Bullet, sc. de l'Acad. de St. Petersb. To?n. III. Nr. 22.)
i/er völlige Mangel an Bäumen nicht nur, sondern an jegli-
chem Gesträuche, das ohne gesucht zu werden, das Auge auf
sich zu zielien ansehnlich genug wäre, giebt den Polar -Land-
schaften einen eigenthiimlichen, tief eindringenden Character.
Zuvörderst geht alles Maass für das Auge verloren. In
Ermangelung der gewohnten Gegenstände von bekannter Di-
mension, der Bäume und der menschlichen Bauwerke, hält
man die Entfernungen für viel geringer als sie sind, und eben
defshalb auch die Berge für niedriger. Diese Erfahrung ist
schon oft gemacht und war mir nicht unbekannt, doch fand ich
die Täuschung, auf die ich vorbereitet war, viel vollständiger,
als ich erwartet hatte. Ich wusste, dass aus diesem Grunde
sogar eine Expedition, die König Fried er ich II. von Däne-
mark nach Grönland ausgerüstet hatte, ihren Zweck verfeldte.
Mogens Heinson, der für einen tüchtigen Seemann je-
ner Zeit galt, führte das Schiff, bekam auch die Küste von
Grönland zu Gesicht, und steuerte mit günstigem Winde auf
sie zu; — allein, nachdem er mehrere Stunden in derselben
Richtung gesegelt war, schien es ihm, dass er dem Ufer nicht
näher komme. Es ergreift ihn die Besorgnifs, dafs irgend eine
verborgene Kraft im Grunde der See ihn halte; er wendet
das Schiff und kehrt nach Dänemark mit dem Berichte zu-
rück, dafs er die Küste Grönlands, durcli einen Magnetfelscn
161
gefefselt, nicht habe erreichen können. Mit dieser Erfah-
rung und mit der naiven Aeusserung von Martens über
Spitzbergen: „Die Meilen scheinen auch gar nahe, wenn sie
aber auf dem Lande sollen gewandert werden, findet sich's
viel anders und man ermüdet gar balde," war ich also sehr
wohl bekannt, und doch fand ich die Täuschung viel grösser,
als ich sie mir gedacht hatte und für mein Auge so vollstän-
dig, dafs keine Reflexion sie aufheben konnte. Auch bin ich
überzeugt, dafs sie nicht allein auf dem Mangel au gewohn-
ten Gegenständen, sondern auch auf einer besonderen Durch-
sichtigkeit der Luft beruht, denn an trüben Tagen ist sie nie
so vollständig als an hellen , und in flachen Gegenden nicht
so aufi'allend als in gebirgigen. An ganz hellen Tagen oder
Stunden scheint die Luft fast ohne Färbung zu seyn, und da
die Höhen, welche das Auge sieht, theils mit Schnee bedeckt
sind, theils ein dunkles und durch den Gegensatz noch dunk-
ler erscheinendes Gestein zeigen, so ist die geringe Färbung
welche die Luft noch besitzen mag, nicht zu erkennen. Die
Berge rücken also dem Auge scheinbar ganz nahe und viel-
leicht für den am meisten, der Gebirge in anderer Luftper-
spective zu sehen gewohnt ist.
Eine andere Wirkuug des Mangels an Baumwuchs, ja
selbst an kräftigem Graswuchse ist das Gefühl von Einsamkeit,
das nicht blofs den reflectirenden Denker, sondern auch den
rohesten Matrosen ergreift. Es hat durchaus nichts Beängsti-
gendes, sondern etwas Feierliches und Erhebendes und kann
nur mit dem mächtigen Eindrucke verglichen werden, den der
Besuch von Alpeuhöhen auf immer zurückläfst. — Ich konnte
die einmal aufgetauchte Vorstellung, als ob der Schöpfungs-
morgen erst angebrochen sey und das Leben noch folgen sollte
nicht wieder unterdrücken. Doch sieht man in Nowaja-
Semlja dann und wann ein Thier sich bewegen. Man er-
blickt selbst in einiger Entfernung von der Küste, zuweilen
eine grofse Möve {harus glaucus) in der Luft schweben
oder einen flüchtigen Lemming auf dem Boden. Sie sind
aber nicht hinlänglich , um der Landschaft Leben zu geben
Es fehlt, bei stillem Wetter, an Lauten und an hinlänglicher
Bewegung, Avenn man, wie wir, einen Zug in das Innere un-
ternimmt, nachdem die zahlreich an den Seen ihren Feder-
\, Jalirg. 1, Band. 11
162
Wechsel abwartenden Gänse weggezogen sind. Lautlos sind
alle ohnehin spärlichen Landvögel Nowaja-Semlja's, laut-
los sind auch die verhältnifsmäfsig noch viel spärlichem Inse-
cten^ Auch der Eisfuchs läfst sich nur in der Nacht hören.
Dieser vollständige Mangel an Lauten, der besonders an hei-
tern Tagen herrscht, erinnert an die Grabesstille, und die aus
der Erde hervorkooimenden, in gerader Linie fortgleitenden
und schnell wieder in sie verschwindenden Lemminge erschei-
nen wie Gespenster. Trotz dieser Zeichen des thierischen
Lebens scheint es zu fehlen, weil man zu wenig Bewegung
sieht. Wir sind aus andern Gegenden gewohnt, dafs die Blät.
ter höher aufgeschossener Pflanzen und Bäume uns auch leise
Luft-züge sichtbar machen, aber diese niedrigen Pflänzchen
des Hochuordens erreicht ein leiser Windzug nicht; man könnte
sie für gemalt ansehen. Auch sind beinahe gar keine Insecten
beschäftigt, auf ihnen die Befriedigung ihrer kleinen Bedürf-
nisse zu suchen. Aus der zahlreichen Familie der Käfer wurde
nur ein Individuum — eine Chrysojnela , die vielleicht neu
ist — gefunden. Wohl sieht man an sonnigen Tagen und er-
wärmten Stellen, z. B. um kleine, vorragende Felsspitzen, eine
Erdbiene umherfliegen, aber sie summt kaum, wie an feuch-
ten Tagen auch bei uns. Ein wenig häufiger sind Fliegen und
Mücken. Aber auch diese sind doch so selten, so friedsam
und matt, dafs man sie suchen mufs, um sie zu bemerken.
Ich erinnere mich nicht, gehört zu haben, dafs Jemand von
uns durch eine Mücke gestochen wäre — und man kann sich
wahrlich nach den Lappländischen Mückenstichen sehnen, um
nur Leben in der Natur zu verspüren. Der augenscheinlichste
Beweis für die Seltenheit der hiesigen Insecten liegt aber
wohl darin, dafs wir in einem todten Wallrosse, das über 14
Tage am Ufer gelegen hatte, eben so wenig eine Spur von
Insecten -Larven fanden, als in den Knochen in früheren Jah-
ren erschlagener Thiere, auch wenn es an eingetrockneten
Fleischtheilen nicht fehlte. Die stehende Redensart unserer
Leichen- Sermone, dass der Mensch ein Raub der Würmer
werde, ist also für den höchsten Norden njcht wahr, und
wem vor diesem Schicksale graut, der mag sich nur in
Nowaja-Semlja oder Spitzbergen begraben lassen, wo auch
163
die allgemeinen aufiöseiulen Kräfte der Natur nur äufsert lang-
sam auf ihn wirken werden. *)
Der Reichtlmm oder die Arnuith an Inseclen ist nächst
der Pflanzenwelt der sicherste Maafsstab für das Klima einer
Gegend. Beide bedürfen zu ihrem Bestehen einer bestimmten
Menge und einer bestimmten Dauer von Wärme. Für beide
fehlt sie in der heifsen Zone nie, weiter nach Norden aber
immer mehr, — doch werden die Insecten weniger leicht ver-
pflanzt als die Gewächse. Diesem Grunde wohl ist es zuzu-
schreiben , dafs man aus Spitzbergen gar keine wahren Insecten
kennt. In Nowaja-Semlja hat Herr Lehmann doch bis
10 Arten beobachtet und unter diesen sieben, die nicht para-
sitisch sind. — Aus Grönland hat Fabricius viel mehr Arten
beschrieben und unter diesen sogar mehrere Schmetterlinge
und Scoresby hat aus Ost-Grönland noch einige neue Arten
hinzugefügt. Aber West- Grönland, das man freilich im ge-
meinen Leben als den Typus aller hochnordischen Länder be-
trachtet, weil es vor längerer Zeit schon durch die Missiona-
rien der Brüdergemeinde allgemein bekannt geworden ist, umfs,
besonders in seinen südlichen Gegenden, ein viel begünstigteres
Land sein, denn es hat, — auch wenn wir auf die alten fabel-
haften Berichte nicht Rücksicht nehmen, noch jetzt unter 61"
n. Br. Birken von 2 bis 3 Klafter Höhe und von der Dicke
eines Beins und Ebereschen unter ihnen. (Egede Nachricht
von der Grönländischen Mission S, 78.) Egede fand das
Korn, das er unter 64" Breite versuchsweise gesäet hatte, am
13. September nicht nur in Aehren, sondern schon mit klei-
nen Körnern (daselbst S. 106 und 112.). Da sieht es also
anders aus als in N o w a j a - S e m 1 j a und die Witterungs-Beob-
achtungen lehren hinlänglich, dafs dort viel mehr Wärme ist.
Aber auch Gegenden , welche eine viel geringere mittlere Jahres-
Temperatur haben, als Nowaja-Semlja, sind viel reicher
an Leben, wenn nur der Sommer mehr Wärme entwickelt.
Um ein weniger bekanntes Beispiel zu wählen, verweise ich
auf Nyshne-Kolymsk mit — 10" C. mittlerer Temperatur.
Nach Wrangells Beobachtungen ist die Gränze der hoch-
*) In einiger Tiefe bleiben die Leichname gefroren, aber auch
über der Erde verwesen sie aufserordentlich langsam.
11*
164
stämmigen WäMer nicht weit und vielleicht würde sie oline
die Nähe der Küste bis an diesen Ort reichen, denn noch giebt
es bei Nyshne-Kolymsk verkrüppelte Sibirische Cedern und
Gestrüppe in Menge. Die Mücken werden dort im kurzen
Sommer zu einer unleidlichen Plage.
Viel lebendiger als die Fläche des Landes ist die Küste
von Nowaja-Semlja durch die hier nistenden Seevögel. Ihre
Zalil und Mannigfaltigkeit ist freilich nicht so grofs als an
den Norwegischen Küsten oder einigen Inseln und Klippen
Islands, aber doch findet man auch dort die Küste an einzel-
nen Punkten dicht besetzt, bei deren Annäherung man mit
lautem Geschrei empfangen wird. Besonders lebt ein Lumme
(IJria Trolle), deren Zahl leicht so grofs sein könnte als die
aller übrigen V^ögel zusammen genommen, in solchen Colonien.
Dicht an einander geschaart und in vielen Reihen über ein-
ander auf kaum merklichen Vorsprüngen senkrechter Felswände
sitzend, machen sie Fronte, wenn man sich nähert imd lassen
die dunkle Felswand von ihren emporgehobenen weifsen Bäu-
chen fleckig erscheinen. Die Russen nennen einen solchen
Brüteplatz einen Basar. So ist dieses Persische Wort von
Russischen Wallrofsfängern in die Felsen des Eismeers ver-
pflanzt und in Ermangelung menschlicher Bewohner auf Vögel
angewendet. Auf den Spitzen isolirter Klippen, und keine
andern Vögel neben sich duldend, nistet die grofse graue Möwe
(^Larus glaucus), welche die Holländischen Wallfischfänger,
man weifs nicht, ob aus Respect oder aus Mangel an dem-
selben, den Bürgermeister genannt haben. Er scheint sich
selbst als den Herrn dieser Schöpfung zu fühlen, denn er ist
dreist genug, vor einer ganzen Gesellschaft von Fischern, von
den ans Ufer geworfeneu Fischen einen oder den andern zu
holen.
Diese Vögel sind die besten Zeugen , dafs aus der Tiefe
der See mehr zu holen ist, als vom Lande. In der That ist
hier die Summe des thierischen Lebens unter die Fläche des
Oceans gesunken. Besonders häufig sind kleine Krebse und
vor allen die Gammaren, die fast eben so dicht im Wasser
um ein hineingeworfenes Stück Fleisch sich sammeln, als in
Lappland die Mücken um ein warmblütiges Thier. Man kann
sie mit einem Siebe zu vielen Tausenden aufschöpfen. Als
166
wir in Matotschkin-Schar die Angeln auswarfen, versicher-
ten die Wallrofsfänger, die sich diese Mühe nie geben, das
würde ganz vergeblich sein, denn fürs erste gäbe es dort fast
gar keine Fische und dann würden die Kapschahi (so heifsen
die Gammaren), theils den Köder theils jeden Fisch, sobald
er abgestanden sei, in wenigen Stunden vollständig verzehren.
In der That wurde auch nur selten etwas Anderes als die
leeren Angeln aufgezogen.
So spärlich auch die Vegetation ist, so ernährt sie doch
eine Menge Lemuiinge. Sanfte Abhänge sind oft in allen Rich-
tungen von ihren Gängen durchgraben. So grofs ist die An-
zahl der Thiere freilich lange nicht, als man nach dieser Menge
von Gängen glauben könnte, denn bei weitem die meisten
sind leer, wie man sich leicht überzeugt, wenn man mit Hun-
den ihnen nachspürt — immer aber ist ihre Zahl so ansehn-
licli, dafs man sich fragen mufs, wie so viele Lemminge von
einer solchen Vegetation leben können. Es ist aber auch nicht
unmöglich, dafs die Vegetation dem Beobachter so gering er-
scheint, weil die Lemminge einen nicht unbedeutenden Theil
unsichtbar machen. Fräfsen sie die Wurzeln, so würde auch
wohl bald niclit viel von der Pflanzenwelt Nowaja-Semlja's
übrig bleiben, bis die Lemminge selbst aus Mangel an Nah-
rung umgekommen sein würden. Allein die von uns in der
Gefangenschaft gehaltenen waren auf keine Weise dahin zu
bringen, die geringste Wurzel zu verzehren. Da sie nun im
Freien gewifs auch nur die Blumen und die grünen Theile
fressen, die hiesigen Pflanzen aber wohl sämmtlich perennirend
sind , so treiben diese im nächsten Jahre wieder Stengel. Noch
auffallender war es mir, dafs sie auch im gröfsten Hunger
keine Cryptogamen anrührten. Schade, dafs die kleine Anzahl
von gefundenen Farrnkräutern den Versuch nicht erlaubte, ob
diese practischen Pflanzenphysiologen sich nach dem Vorhan-
densein der Spiralgefäfse richten, oder das Eintheilungsprincip
des Linneischen Systems befolgen. Sie sind von zweierlei Art.
Die eine scheint Mus groenlandicus Traill's oder Mus hud-
sonius Auct. Sie stimmt ganz mit der Beschreibung, welche
Richardson in der Fauna horeali-americana giebt, weni-
ger mit der von Pallas. Die andere Art scheint mir von
dem scandinavischen Leraminsr ebenfalls verschieden — in der
166
Färbung ist der Unterscbied sogar jiuffallencl. Pallas, der
aber nur junge Thiere vor Augen gehabt zu haben scheint,
hat sie als russische Varietät der scandinavischen Lemminge
aufgeführt. Die erstere zeichnet sich besonders durch ihre
Zahmheit aus, denn schon vier und zwanzig Stunden nach
dem Einfangen macht sie, frei auf der Hand gehalten, kaum
einen Versuch zum Entfliehen und nie sieht man zwei Indivi-
duen derselben Art mit einander in Streit gerathen. Die zweite,
gelbbraun gefärbte Art ist viel kampffertiger.
Nächst den Lemmingen sind die Eisfüchse noch zahlreich
genug. Sie finden in den eben genannten Thieren, den jun-
gen Vögeln und den ausgeworfenen. Seethieren reichliche Nah-
rung. Dagegen werden die Eisbären im Sommer sehr wenig
bemerkt, entweder weil sie die Orte vermeiden, wo sie Men-
schen wittern, oder weil sie nur an den Theilen der Küste
sich sammeln, wo sich Eis findet. Auch die Rennthiere schei-
nen durch zahlreiche Ueberwinterungen von Wallrofsfängern
der letzten Jahre, wenigstens an der Westküste, selten gewor-
den zu sein. Nicht nur wurden während unseres Aufenthaltes
nur sehr wenige erlegt, sondern eine von den Gesellschaften,
welche den Winter vorher in Nowaja-Semlja zugebracht
hatte und angewiesen worden war, ihre Fleisch-Nahrung durch
die Rennthier-Jagd sich zu verschaffen, hatte keine erhalten
können. Wölfe und gewöhnliche Füchse, die wenigstens in
der Südhälfte von Nowaja-Semlja auch zuweilen vorkom-
men, scheinen nie zahlreich daselbst gewesen zu sein. Mit
dieser Aufzählung würde das Verzeichnifs der Landsäugethiere
vollständig sein, wenn nicht die Herren Pachtussow und
Ziwolka während ihres Winteraufenthaltes innerhalb ihrer
Hütte ein weifses Thierchen gesehen hätten, das sie in ihrem
Tagebuche eine Maus nennen. Da das gesehene Thier nach
Herrn Ziwolka's Angabe gröfser als eine gewöhnliche Haus-
maus gewesen sein soll, also auch nicht ein zufällig mit einem
Schiffe herbeigeführtes Individuum der weifsen Spielart dieses
Thieres sein konnte, so bin ich über die Deutung desselben
zweifelhaft. Einerseits berichtet man von den Nordamerikani-
schen Lemmingen, dafs sie im Winter weifs würden, aber doch
nicht so vollständig weifs, als die Thiere aus dem Geschlechte
der Wiesel, andrerseits wäre es aber auch möglich, dafs das
1^7
gesehene Tliierchen ein Wiesel war. Auch in Spitzbergen hat
man ein kleines weifses Säugethier beobachtet, dessen syste-
matische Bestimmung ungewifs ist.
Wichtiger sind die See-Saugethiere, zu deren Fang jähr-
lich kostspielige Expeditionen von den Bewohnern der Küste
des Weifsen Meeres ausgerüstet werden, deren Erfolg aber
leider so unsicher ausfällt, dafs sie einem llazard- Spiele zu
vergleichen sind. Wenn das Meer ungewöhnlich eisfrei ist,
so sind die Verluste sehr grofs. Allein ein Tag kann den Ver-
lust eines ganzen Jahres ersetzen. Aus diesem Grunde werden
diese Jagdunternehmungen seit Jahrhunderten immer wieder
erneut, wenn sie auch zuweilen ganz ausfallen. Gewöhnlich
ist die Folge eines glücklichen Jahres, dafs in den nächsten
zu viele Schiffe nach Nowaja-Semlja gehen und diese mei-
stentheils gesellig lebenden Thiere entweder zu sehr vertilgen
oder wenigstens verscheuchen. So waren im Jahre 1834 einige
Jagdunternehmungen, nachdem vorher einige Ruhe gewesen
war, sehr glücklich, im Jahre 1835 gingen nun ungefähr 80
Schiffe nach Nowaja-Semlja, für welche njan wenigtens
1000 Menschen rechnen kann. Im Jahre 1836 sa]ik die Zahl
der Schiffe auf die Hälfte herab. Im laufenden Jahre waren
nicht viel über 20 Schiffe, aber nur eins das in das Karische
Meer einlief, hatte bedeutenden Gewinn, eins oder zwei ver-
schafften sich beinahe die Kosten der Ausrüstung, von den
übrigen haben die meisten weit über die Hälfte derselben ver-
loren.
Das wichtigste Thier für diese Jagdzüge ist das Wallrofs;
nächst dem Wallrosse der unter dem Namen des weifsen Wall-
fisches bekannte Delphin (Delphinus Leucas), der hier aber
Bjelucha oder Bjeluga heifst. Unter den Robben giebt der
See-Hsi&se (^Hlorskoi sa/az) Plioca leporina Lep. Ph. alhi-
gena Pall. , aber von Phoca harhata des Fabricius wohl
nicht verschieden, seiner Gröfse und seines Fettreichthums,
so wie seines dicken Felles wegen den reichsten Ertrag. Phoca
gioenlandica , welche nach Alter und Geschlecht sehr ver-
schiedene Namen bei den Russen führt {Luisan oder Luisun
heifst das alte ausgefärbte Männchen, Utjälga das Weibchen,
Sjäriinok und Sjärka lieifsen die noch nicht ausgefärbten jäh-
rigen TMere, Pljächanko, Chochlutschka, Bjäka die Jungen
168
nach ihren verschiedenen Färbungen). Doch ist man in der
Anwendung der Namen für die jungen Thiere nicht ganz ge-
nau, denn man wendet sie auch auf die Jungen einer dritten
Robben -Art an, die hier vorkommt und die im erwachsenen
Zustande (Nerpd) heifst. Diese überall an der Küste einzeln
vorkommende Robbe ist wohl Fabricius's Phoca Jiis^ida.
Eine vierte Art von Robben , welche diesen Meeren an-
gehört, aber nicht an der Küste von Nowaja-Semlja selbst,
sondern an der Timanischen Küste und im Eingange des Weifsen
Meeres und auch dort nicht häufig gesehen wird, der Tewfak,
soll mit einer Mütze das Gesicht bedecken können, ist also
■vvoht der Klappmüts der Holländer oder Phoca cristata ErxL,
Cystophora horealis Nilsson.
Von Cetaceen enthält dieses Meer vor allen Dingen eine
Art von Wallfischen, aus der Unterabtheilung der Finnfische
iBalaeiiopterd) mit sehr kurzen Barten, die ich in Archan-
gelsk sah. Sie zeigen sich selten in der Nähe von Nowaja-
Semlja, und von Strandungen an dieser Küste hört man nichts.
Näher nach der Nordküste von Lappland, wo sie fast jährlich
in der Motowsker Bucht stranden, sind sie so häufig, dafs ich
mich sehr verwundere, wie man frühere Versuche, diese aller-
dings schwer zu erlegenden Thiere, regelmäfsig zu verfolgen,
nicht wieder erneut und beharrlicher durchführt. Merkwürdig
ist es, dafs der Grönländische Wallfisch sich niemals in die
Gegend von Nowaja-Semlja zu verirren scheint. Um so
mehr mufs man glauben, dafs der Wallfischfang, den die Nor-
männer im neunten Jahrhundert nach Ohthere's Zeugnifs in
der Gegend des Nordkaps trieben, auf jenen Finnfisch gerich-
tet war. Sehr viel seltener ist der Narwal (^Monodon Mo-
lioceros) und nur in der Nähe des Eises. Von Delphinen
gehört diesem Meere aufser Delphinus Leucas noch Delphi-
nus Orca CKo/satkä) und eine kleine Art, welche die Russen
Morshaja smnja nennen, von der ich aber nicht habe erfahren
können ob sie Delphinus Delphis oder DelpJi. Phocaena ist.
Die See-Säugethiere in Nowaja-Semlja würden also
ganz dieselben sein, welche man aus dem Spitzbergisch- Grön-
ländischen Meere kennt, wenn der Grönländische Wallfisch
auch so weit ginge. Dagegen unterscheiden sich Spitzbergen
und Nowaja-Semlja auffallend in den geflügelten Bewohnern.
109
Das letztere Land beurkundet in seinen Vögeln die Nähe
des Festlandes. Es ist reicher an Arten, aber weniger inter-
essant für den Naturforscher, denn viele von diesen Arten
sind keine andern, als die jährlich bei uns durchziehen, ja
zum Theil bei uns bleiben, von denen aber ein anderer Theil
bis nach No waja-SemIja zieht, um sich ungestört dem Ge-
schäfte der Fortpflanzung zu widmen. Von Landvögeln fan-
den wir daselbst die Schnee - Eule (^Stiyx Nyctea'), die sogar
den Winter über dort bleibt, die Schnee-Ammer (P/ecfrop/;«-
nes nivalis), Strepsilas coUaris, Tringa maritima, und ei-
nen Falken, der in Kostin -Schar nicht ganz selten war, aber
nicht erlegt und näher untersucht werden konnte. Aelterc
Nachrichten sprechen auch von einem Adler, von dem aber
die Wallrofsfänger, die ich befragte, nichts wässen wollten.
Vielleicht ist er aber von jenem Falken nicht verschieden.
Unter den Schwimmvögeln, die die Saison hier zubringen,
sind wenigstens in der südlichen Insel die Saatgänse so ge-
mein, dafs das Einsammeln der ausgefallenen Schwungfedern
ein Gegenstand des Jagd-Erwerbes ist, die Eis -Enten (^Anas
glacialis) häufig und die Sing-Schwäne QCygnus miisicus^
nicht selten.
Nach den Angaben der Wallrofsfänger soll nur eine Art
von Gänsen nach Nowaja-Semlja kommen, und wir haben
in der That auch keine andere als die Saatgans, und die
Ringelgans (Anser torquatus), welche letztere aber im Rus-
sischen nicht für eine Gans gilt, zu Gesicht bekommen. Die
Eiderente oder Eidergans ist auch nicht selten. Viel zahlrei-
cher aber als in Nowaja-Semlja, wo die Vegetation zu
spärlich ist, sammeln sich die pflanzenfressenden Schwimm-
vögel auf der Insel Kolgujew, die man als bedeckt mit
Gänsen und Schwänen schildert. Man schickt daher zuweilen
Expeditionen hierher, um diese Vögel zu erschlagen und ein-
zusalzen. Einst wurden hier in zwei Jagden 15000 Gänse er-
legt, wie mir ein Archangelscher Kaufmann erzählte.
Zu den Schwimmvögeln Nowaja-Semlja's gehören noch
XJria Troile (in unsäglicher Menge), Uria Grylle, Colym-
hus septeiüTionalis, Sterna Hiruiido, Larus glaucus, Latus
canuSy Larus tridactylus, Lesiris catarractes, eine Pro-
cellaria, die wir^ins aber nicht verschaffen konnten. Soma-
170
teria spectahilis und Lai'us ehiinieus sollen nur an derNord-
kiiste vorkommen. Dort ist auch wohl Mormon Fratercula
und i]ferg-MZw,s^Z/e nach Beschreibungen, die man uns machte.
Sehr auffallend war es mir, dafs Niemand südlich von Kost in-
Schar emen Vogel aus der Familie der Alcadeen gesehen
haben wollte, da doch Alca Pica gar nicht zu den hochnor-
dischen Vögeln gehört und auch Mormon Fratercula an der
Norwegischen Küste vorkommt.
Von der gesammten Klasse der Amphibien ist keine Spur
in Nowaja-Semlja. Die Batrachier und Saurier können
offenbar aus Mangel an Insecten nicht bestehen.
Von Fischen enthält der hohe Norden, auch wo er sehr
reich an Individuen ist, gewöhnlich doch nur wenige Arten,
zum Theil schon deswegen, weil das süsse Wasser nicht seine
eigenen, in wärmeren Gegenden zahlreichen Formen hat, son-
dern nur Fische, die aus der See zu gewissen Zeiten auf-
steigen. So führt Scoresby von Spitzbergen und der be-
nachbarten See überhaupt nur vier Arten Fische auf. Mein
Verzeichnifs der Fische No waja-Semlja's besteht aus 10
Nummern, von denen wir nur den Omul {Salmo OmulPalL),
der an der Ostküste vorkommen soll^ nicht selbst gesehen
haben. Am wichtigsten ist unter diesen der Alpeulachs (Go-
lez, — Salmo alpinus Fabr.), der im Herbst in die Berg-
Seen steigt und in manchen Jahren in ungeheuren Quantitä-
ten gefangen und weit verfahren wird. Alle andern Fische
sind für den Erwerb unbedeutend oder nichtig, und auch für
dieOeconomie der Natur können nur Gadus Saida Lep. und
Cyclopterus Liparis einige Bedeutung haben.
Fossile Ueberreste von einem Affenscliädel.
Notiz
von Prof. A. Wagner.
(Gelehrte Anzeigen der Königl. baiersclien Academie der Wissen-
schaften 1839. No. 38.)
JMoch im Jahre 1832 miifste Herr von Meyer in seiner treff-
lichen Uebersicht der fossilen Wirbelthiere bei den Affen sich
mit der Bemerkung begnügen, dafs zur Zeit keine fossilen
Ueberreste von diesen Thieren entdeckt seyen. Dieses Feh-
len von fossilen Quadrumanen mufste um so befremdlicher
erscheinen, als von andern Säugethieren, welche wie z. B.
Elephant, Nashorn, Hyäne, Löwe u. s. w., in dem gegenwär-
tigen Zustande unserer Erde eine gleiche Heimath mit den
Affen haben, fossile Ueberreste an vielen Orten und in gros-
ser Menge gefunden werden, so dafs sie zu den gewöhnlichen
Vorkommnissen in den naturhistorischen Sammlungen gehö-
ren. Es erregte daher bei den Naturforschern das höchste In-
teresse , als vor zwei Jahren die Nachricht eintraf, dafs Baker
nnd Durand, Lieutenants beim ostindischen Geniekorps, das
fossile Oberkiefer -Fragment eines Affen aus den tertiären
Bildungen der Siwalik -Berge, am Fufse des Himalaya, ent-
deckt hätten. Ihren Vergleichungen zu Folge zeigt selbiger
manche Aehnlichkeit mit der Gattung der Schlankaffen, nur
mufs dieser urweltliche Affe eine bedeutendere Gröfse erreicht
haben, so dafs er in dieser Beziehung nicht hinter dem Orang-
Utang zurückgeblieben wäre. Bei weiteren Nachforscliungen
gelang es dem Kapitain Cautley und dem Dr. Falconer, die
sich beide um die Erforschung der urweltiichen Ueberreste in
Ostindien die gröfsten Verdienste erworben haben, in den ge-
nannten Lagerstätten auch noch ein fossiles Affen- Sprungbein
172
zu entdecken, in Gröfse und Form dem des Semnopithecus
Entellus ähnlich, doch wahrscheinlich einer andern Art an-
gehörig.
Diese Entdeckung hlieb nicht vereinzelt, sondern fast zu
gleicher Zeit fand Lartet in der tertiären Formation der Ge-
gend von Auch im Departement du Gers, einige fossile Qua-
drumanen - Fragmente auf, unter welchen namentlich eine
Kinnlade auf einen urweltlichen AflFen hinwies, der in näch-
ster Beziehimg zu unserm Siamang (Hylobates syndacfylus)
steht. Von einem einzelnen Zahn meint Blainville, dafs er
auf einen Sapajou hindeuten könnte.
Hiermit war also der Nachweis geliefert, dafs im urwelt-
lichen Zustande unsers Planeten Affen gleichzeitig mit andern
Säugthieren, mit denen sie noch gegenwärtig vergesellschaftet
sind, zusammengelebt haben, und zwar an sehr weit von ein-
ander entfernten Puncten, wie Ostindien und das südliche
Frankreich. Seit dieser Zeit ist mir jedoch ein dritter Fund-
ort für fossile Affenreste bekannt worden. Es überbrachte mir
nämlich im vorigen Jahre ein Mann, der in Griechenland ge-
dient hatte, eine Schachtel mit fossilen Knochen, welche ich
für die k. Sammlung acquirirte. Seiner Angabe nach hatte er
diese Fragmente am Fufse des Pentelikon, in einem von der
Küste um eine Stunde entfernten Thale, aus lehmigen Erd-
reiche, in welchem sie fest eingebacken sind, ausgegraben.
Als das werthvollste Stück unter diesen Trümmern erkannte
ich sogleich das fossile Schädelfragment eines Vierhänders, zu
dessen Beschreibung ich jetzt übergehe.
Es ist von demselben leider nicht mehr übrig, als der
Schnautzentheil des Schädels, der jedoch schon am Rande der
Augenhöhlen abgebrochen ist; der Z wisch enkiefer und der
knöcherne Gaumen ist fast vollständig, eben so die rechte
Seite des Oberkiefers, die linke dagegen ist in ihrer hintern
Hälfte defect. Von Zähnen hat nur der dritte und vierte
Backenzahn der rechten Seite seine Krone behalten; von den
andern ist sie abgebrochen oder der Zahn ist ganz ausgefal-
len, in welch letzterem Falle alsdann die Zahnhöhle mit ver-
härteter rother Erde ausgefüllt ist.
Ich beginne die Bestimmung mit Erörterung des Zahn-
baues. Die rechte Kieferhälfte giebt zu erkennen, dafs in
173
ilir fünf Backenzähne vorkommen; an den ersten schliefst sich
ohne Unterbrechung das tiefe Fach für den Eckzahn an. Nach
einer kleinen Lücke folgen die vier Fächer für eben so viele
Schneidezähne, dann das Fach für den linken Eckzahn, das
llebrige fehlt auf dieser Seite. Schon die Zahl und Form die-
ser Zähne lafst mit aller Evidenz erkennen, dafs wir es hier
mit einer Bildung zu thun haben, wie sie dem Menschen und
Affen eigen ist. Zu jenem kann sie indefs nicht gehören,
weil nicht blofs die zwei einzig erhaltenen Backenzähne vom
menschliclien Typus abweichen, sondern weil auch bei unserm
fossilen Fragment ein grofsös und tiefes Fach für einen Fang-
zahn, und eine Lücke zwischen diesem und dem ersten Schneide-
zahne sich findet, was Alles nicht beim Menschen, wohl aber
bei den Affen vorkommt. Wir haben hier also einen Vier-
händer vor uns, und wie die Zahl der Backenzähne ergiebt,
eine Art, die wir den Gattungen der alten Welt anreihen
müssen.
In dieser letzteren Zusammenstellung bestätigt uns auch
die Beschaffenheit der beiden Backenzähne, welche noch, und
zwar ganz vollständig und nicht abgenützt, erhalten sind.
Kein Affe der neuen Weit hat eine solche Form des dritten
und vierten Bakenzahns; sie kommt nur bei denen der alten
Welt vor. Diese beiden Zähne sind ziemlich grofs, auf ihrer
äufsern Fläche etwas breiter als auf ihrer innern, und der Län-
gendurchmesser jener Aufsenfläche (von vorne nach hinten ge-
rechnet) kommt fast dem Durchmesser der Breite (von aufsen
nach innen) gleich. Sie haben vier scharfe Zacken, wovon
die vordem etwas länger als die hintern sind, welche letztere
iiberdiefs mehr abgenützt erscheinen, so dafs ihre Spitzen,
zumal an dem vordem dieser Zähne, bereits abgeführt sind
und an ihrer Stellung eine Vertiefung sich zeigt. Der vor-
dere von beiden der genannten Backenzähne (der dritte der
Reihenfolge nach) ist etwas kleiner, als der folgende, nament-
lich auf der Innenseite schmäler; seine äufsere Fläche ist
3y'", seine innere nur 2-|'" breit; der andere (der vierte)
Backenzahn ist ungefähr um y'" breiter. An den Alveolen
wird es ersichtlich, dafs der hinterste oder fünfte Backen-
zahn an Gröfse seinem Vorgänger wenig oder nichts nachge-
geben hat; dagegen sind der zweite und erste Backenzahn
174
beträchtlich schmäler. Die Länge der ganzen Fachreihe der
fünf Backenzälnie anf der rechten Seite des Oberkiefers be-
trägt 1" 2\'". Das Fach für den Eckzahn ist ziemlich grofs;
von den Schneidezähnen sind die beiden mittlem Fächer et-
was gröfser als die seitlichen.
Vergleichen wir die Zähne unsers fossilen Fragments mit
denen der altweltlichen Affen, um den Platz ausfindig zu
machen, welcher nach der Structur derselben unserem ante-
diluvianischen Vierhänder anzuweisen seyn möchte, so sehen
wir, dafs der Orang-Utang durch die Grösse, wie durch die
mehr rundliche Contour senies dritten und vierten Backen-
zahns in keinen weitern Betracht kommen kann. Auch der
Gibbon, von dem wir drei Schädel besitzen (Hylohates con-
coloVy Lar und eine dritte unbestimmte Art), und der in der
Gröfse genannter Zähne sich annähern würde, zeigt erhebliche
Verschiedenheiten, indem die fraglichen Backenzähne bei ihm
etwas kleiner, zugleich gerundeter und etwas schiefer gestellt
sind; auch ist der fünfte Zahn merklich kleiner. So bleiben
uns denn noch die Gattungen Semnopithecus , Cercopithecus,
Inuus und Cynocephalus übrig, die im Bau dieser beiden
Zähne mehr unter sich übereinstimmen, und unter welchen
am nächsten den fossilen Zähnen die von Semnopithecus
{S. Maiirus und pruinosus) kommen möchten.
Was die übrigen Theile unsers fossilen Fragmentes anbe-
langt, so deutet Alles, was sich von der Schnauze erhalten
hat, auf den Gibbon hin. Der Schnautzentheil des Gibbon-
schädels zeichnet sich aus durch Kürze und geringes Vor-
springen, dann durch die kurze aber sehr breite Nasenöffnung,
wie sie bei keiner andern Gattung altweltlicher Affen gefun-
den wird; endlich durch den ungemein starken Vorsprung
der untern Augenhöhlenwand über den Kiefertheil. Alle diese
Merkmale finden wir nun bei unserm fossilen Schädelfrag-
mente und wir müssen es demnach der Gattung Hyloha-
tes annähern, obgleich es der verschiedenen Form der Backen-
zähne wegen derselben nicht eingereiht werden darf. Meiner
Meinung nach möchte das urweltliche Thier, in so weit wir
nach dem geringen Fragment, dafs uns von selbigem erhalten
ist, urtheilen können, in der Mitte gestanden haben zwischen
Hylohates und Semnopithecus, und defshalb gebe ich ihm
175
den Naineu MesopifJiecus , und fiigo von seinem Fundorte
den Trivalnauien bei, so dafs es einstweilen &\s Mesopithecus
penieliciis bezeichnet werden mag.
Dafs übrigens das beschriebene Schädelfragment wirklich
antodilnviaiiischen Ursprungs ist, erhellt nicht blofs daraus,
dafs es stark an der Zunge klebt, sondern dafs seine Höh-
lungen mit derselben rothen eisenschüssigen verhärteten Letten-
masse ausgefüllt sind, welche breccienartig manche andere
Knochenfragmente, die von demselben Fundorte stammen, 7W-
sammen gebacken hat , oder auch die Höhlungen von Röhren-
knochen ausfüllt, in welchen überdies bisweilen höchst feine
Thoneisenkörner sich ausgeschieden haben, oder selbst an den
Wandungen kleine Drusen von Bergkrystall sich angelegt ha-
ben. Dies ganze Gebilde gehört daher entweder den jüng-
sten tertiären oder den diluvianischen Ablagerungen an, wel-
che meiner schon früher ausgesprochenen Meinung gemäfs in
eine Formationsreihe zu rechnen sind.
Nocli einige Worte über Penpatus €iuild.
von
C. M o r i t z.
JL^as Interesse*), welches der früherhin von mir aus Vene-
zuela eingesandte paradoxe Peripatus erregte, veranlafste mich
jetzt nachträglich dem Herrn Herausgeber ein zweites Exem-
plar zuzustellen und zugleich pflichtmäfsig das wenn gleich
nur Wenige hier mitzutheilen, was ich über die Lebensweise
des Thieres habe bemerken können.
Es ging mir, als ich auf der Insel St. Thomas jenes da-
mals mir noch ganz unbekannte räthselhafte Geschöpf zum
ersten Male antraf, fast wie Guilding, d. h. ich glaubte
auf den ersten flüchtigen Blick des weifsen Schleimes wegen,
womit das Thier umgeben war, ein Mollusk, wie einen Li-
max vor mir zu sehen. Allein bald mufste bei näherer Be-
trachtung der nicht den Weg des Thieres bezeichnende, son-
dern zu beiden Seiten gleichsam in Fäden ausgeschossene
verdickte Saft und sodann die Extremitäten, nauientlich die
nicht einziehbaren Fühler mich von meinem augenblick-
*) Vergl. dies. Archiv 111. S. 195.
176
liehen Irrthiim sogleicli befreien, ohne jedoch über die sy-
stematische Stellung des Thieres Aufschlufs zu geben. Da
mir jenes erste Exemplar auf irgend eine Art verloren ging,
so war ich bemüht, ein neues aufzufinden, was nicht so ganz
leicht ist, da diese Thiere bei Tage sehr verborgen unter Stei-
nen oder Holzstücken leben und ganz die Farbe eines Erd-
klümpchens haben. Erst auf dem Festlande in den Thälern
von Aragua traf ich abermals den Peripatus und zwar nie im
Wasser, sondern stets nur auf dem Trocknen unter ei-
ner schützenden Decke, wo er regungslos liegt und sich nicht
^wollte zum Fortschreiten bewegen lassen, eine Erfahrung,
welcher freilich der Gattungsname wenig entspricht. In dem
Augenblicke, wo man die Schutzdecke aufhebt, pflegt das Thier
schon seinen Vertheidigungssaft auszuspritzen, so dafs man
gewöhnlich eher diesen Schleim, als das Thier selbst zu sehen
bekommt. Einmal glückte es mir indessen, da das Auge für
diesen Gegenstand geübter geworden war, den Peripatus noch
vor jenemAct des Schleimschiefsens zu überraschen; aber schon
im nächsten Moment zeigten sich die weifsen Schleimfäden,
ohne dafs ich das eigentliche blitzschnelle Hervorstofsen der-
selben wahrnehmen konnte, denn der Saft tritt farblos her-
aus und bekommt erst durch Einwirkung der Atmosphäre
Zähigkeit und damit die milchweifse Farbe. Er geht deutlich
in vielen Strählen von den Seiten des Körpers und zum
Tlieil daran hängenbleidend aus, so dafs mir Guildings Be-
merkung „ah ore j^espuit" ein unzweifelhafter Irrthum ist.*)
Da ich bei Tage den Peripatus nicht anders als in Ruhe
und im Versteck antraf, so schliefse ich, dafs er ein nächt-
liches Thier seyn mufs; da icli nun aber auch bei häufigen
späten Abendexcursionen ihn niemals beim Abköschern selbst
niedriger Kräuter und Gräser erhalten habe, so vermuthe ich
mit gröfster Wahrscheinlichkeit, dafs er überhaupt nicht vom
Erdreich emporsteigt, wozu ihn die steife Ungelenkigkeit sei-
ner unvollkommenen Bewegungsorgane ohnehin untauglich zu
machen scheint.
*) Letzteres gilt jedoch, beiläufig gesagt, von dem grofsen schwar-
zen Julus der Antillen, der oft in unsäglicher Menge das Gesträuch
bedeckt und bei den Creolen durch seinen Aetzsaft, den er bei Be-
rührung ausspeiet und wodurch er selbst liUndheit hervorbringen soll,
so beriichtigt ist.
lieber die Gattung Anipliipeplea JVilss.
von
Dr. F. II. Troschel.
(Mitgetheilt in der Gesellschaft naturforschender Freunde zu Berlin
den 21sten August 1838.)
(Hierzu Tab. V. Fig. 8.)
Als ich vor Kurzem auf den Flöfsen, welche fast immer bei
Strahlau einen grofsen Theil der Spree bedecken, und so
lange dort unverändert liegen bleiben, dafs zwischen ihnen
mancherlei Wasserpflanzen hervorwachsen, einige Schnecken
einsammelte, fiel mir in etwa sechs bis acht Exemplaren die
^mphipeplea glutinosa Nilss. in die Hände, welche meines
"Wissens bisher noch nicht als in der Mark vorkommend be-
kannt war. Mir war dies doppelt interessant, da schon im
vorigen Jahre (1837) der Professor Rofsmäfsler, welcher diese
Schnecke zuerst in Deutschland entdeckt hat, (Jconogr. I.
p. 93.) bei seiner Anwesenheit in Berlin behauptete, die Lo-
calität passe so gut für die in Rede stehende Schnecke, dafs
sie auch gewifs hier vorkommen würde. Ich zweifelte damals
sehr an dem Erfolge, weil ich seit mehreren Jahren alle Ge-
wässer der Umgegend oft genug durchsucht habe. Sie ist in-
dessen nun hier gefunden, und man kann sie daher fortan
als Bewohnerin der Mark betrachten, wenngleich es mir trotz
mehrfachen eifrigen Nachsuchens späterhin nicht gelungen ist,
sie wieder aufzufinden. Es mag daran die etwas veränderte
Localität Schuld sein, indem viele von den früher bei Strahlau
vorhandenen Holzflöfsen seitdem fortgeschafft worden sind.
V. Jahrg. i. Band. |2
178
Von O. F. Müller wurde sie zuerst als Biiccimim ghiti-
jiosum in seiner Naturgeschichte der Würmer II. p. 129 be-
schrieben; dann von Linne in seinem Systema naturae als
Helix glutinosa aufgeführt; später aber von Draparnaud p.
50 der Gattung Limnaeus zugezählt.
So lange man blofs die Schale betrachtet, welche sehr
zart, zerbrechlich und durchsichtig ist, aus nur drei Windun-
gen besteht, eine selir weite Apertur hat, und sich durch eine
sehr breite sogenannte Columellarplatte auf der vorletzten
Windung auszeichnet, so kann man freilich nicht anders, als
diese Schnecke zur Gattung Limnaeus stellen. Nimmt man
jedoch auch Rücksicht auf die Bildung des Thiers, so bemerkt
man auf den ersten Blick eine Beschaffenheit, welche keiner
einzigen andern Art der Gattung Limnaeus zukommt. Es ist
nämlich der Mantel gallertartig anzufühlen, und so weit, dafs
er sich auf allen Seiten um die Schalenränder umschlägt, in
der W^eise, dafs oft oben nur ein sehr kleiner runder Raum
von dem Gehäuse sichtbar bleibt. Der kleine Rand dieses Man-
tels ist zwar einiger Ausdehnung fähig, so dafs der kreisför-
mige Raum, an welchem man die unbedeckte Schale sieht,
bald kleiner, bald gröfser erscheint ; indessen ist das Thier doch
nicht im Stande, den Mantel ganz unter das Gehäuse zurück-
zuziehen. Dies geschieht nicht einmal, wenn man die Schnecke
mit den Fingern ergreift, oder wenn man sie in Weingeist
wirft, um sie zu tödten. Ein ähnliches Umschlagen des Man-
telrandes findet bei Physa fonünalis , die bei uns in grofser
Menge in allen fliessenden Gewässern vorkommt, statt, nur
mit dem Unterschiede, dafs bei ihr der Mantel in viele faden-
förmige Lappen zerschlitzt ist, und nur diese es sind, welche
sich an die äufsere Fläche der Schale anlegen.
Nilsson benutzte nun in seiner Fauna Sueciae p. 58.
diese Bildung des Mantels bei Limnaeus glutinosus zur Auf-
stellung einer neuen Gattung, der er ganz passend den Na-
men ^mphipeplea gab, und zu der er als einzige Species den
L. glutinosus als yimphipeplea glutinosa stellte. Man könnte
sich wundern, dafs er auf diesen Unterschied allein hin, ohne
Hinzuziehung anatomischer Gründe, nicht lieber die Art zu
der Gattung Physa gestellt hat, da doch in dieser Beispiele
einer ähnlichen Mantelbildung vorkommen. Hauptsächlich hat
179
ihn aber Avohl das Rechtsgeurmdensein der Schale abgehalten
(die Gattung P7/V*« besteht bis jetzt bekanntlich nur aus links-
gewundenen Arten); und dann sind auch bei Amphipeplea
glutinosa die Fühler wie bei Limnaeus platt gedrückt und
dreieckig, wogegen sie bei Pliysa lang und borstenförmig er-
scheinen.
Es fragt sich nun, ob die Mantelbildung bei der in Rede
stehenden Schnecke zur Aufstellung einer neuen Gattung be-
rechtigte? Zu der Gattung Physa gehörig finden wir bei uns
zwei Arten : Ph. J'ontmalis und P/2, hypnorum ; erstere hat
die übergeschlagenen Mantellappen, welche fast die ganze
Schale bedecken, letztere hat keine Spur davon, und dennoch
fällt es keinem Menschen ein, daraus zvv^ei Gattungen zu ma-
chen. Hieraus läfst es sich leicht erklären, dafs viele Zoolo-
gen nicht geneigt gewesen sind, so leichthin diese neue Gat-
tung Amphipeplea anzunehmen.
Im vorigen Jahre (1837) erschien ein Aufsatz über das
Nervensystem des Limnaeus glutinosus von A. J. Vanbene-
den in den Bulletins de VAcademie Royale de Bruxclles,
und daraus in den Annales des sciences naturelles, seconde
Serie tome VII. p. 112. Das Nervensystem weicht nach
Vanbeneden, was ich bestätigen kann, von dem der Limnaeen,
bei denen es aus einem einfachen Schlundringe besteht, ab.
(Vergl. dies Archiv. 1838. IL. p. 271.) Diefs mufs man noth-
wendig als ein Argianent mehr ansehen, das für die Trennung
dieser Art als eigene Gattung spricht.
Beiläufig schalte ich hier eine Bemerkung über das Ner-
vensystem von Physa hypnorum ein, wodurch sich einige
Analogie zwischen den Gattungen Physa und Amphipeplea
anzudeuten scheint. Es besteht aus einem Schlundringe von
sechs Ganglien. Die beiden vordem und untern sind ziemlich
grofs und entsenden die meisten Nervenfäden. Sie vereinigen
sich durch einen sehr kurzen Faden, oder vielmehr sie ver-
schmälern sich nach innen, und hängen an ihrem dünnsten
Theile unmittelbar an einander. Von dieser Verbindungsstelle
entspringen die beiden Enden eines Fadens von körniger
Oberfläche, der nach seiner Mitte zu dicker wird und eine
ziemlich weite Schlinge, oder wenn man will einen zweiten
Ring bildet. Die hintern und obern Knoten sind die gröfse-
12*
180
sten, sie entsenden weniger Nerven und sind durch unmittel-
bare Verwachsung verbunden. Zwischen ihnen und dem vor-
deren Knoten macht jederseits ein kleines Ganglion die Ver-
bindung, das den übrigen an Gröfse bei weitem nachsteht, und
als ein blofser das untere mit dem obern Ganglion verbinden-
der Nervenfaden angesehen werden könnte. Es bildet indes-
sen eine deutliche Anschwellung und entsendet auch nach
aufsen einen Nerv.
Im Jahre 1838 endlich erschien der Theil der Lamarck-
schen Histoire naturelle des animaux smis vertebres in
der zweiten von Deshayes besorgten Ausgabe, in welcher die
Land- und Süfswasserconchylien behandelt sind. Deshayes
giebt an, obgleich Vanbeneden einige Verschiedenheiten des
Nervensystems bei der Amphipeplea glutinosa nachgewiesen
habe, so sei weder dies noch der Mantelumschlag hinreichen-
der Grund eine neue Gattung aufzustellen, und läfst die Art
bei Limnaeus stehen.
So standen die Sachen, als ich die Schnecke hier lebend
fand, und es war wohl natürlich, dafs ich sogleich den Vor-
satz fafste, nun die Thiere, von denen ich bisher blofs die
Schalen gesehen hatte, nach meinen Merkmalen zu untersu-
chen, und wo möglich die Frage zu entscheiden.
Als besondeis wichtig für wissentschaftliche Scheidung
und Begrenzung der Gattungen halte ich durch mehrjährige
Beschäftigung mit den Mollusken belehrt, die Mundtheile.
Dafs die Mundtheile überhaupt in der Zoologie für wissen-
schaftliche Systematik als unentbehrlich betrachtet werden, darf
ich wohl kaum erinnern. In fast allen Thierklassen hat man
sie mit dem besten Erfolge zu Eintheiluugsgründen benutzt;
nur gerade in der Abtheilung der Mollusken ist bis jetzt
äufserst wenig Rücksicht auf sie genommen worden. Es mag
dies theils daher kommen, dafs man früher sein Hauptaugen-
merk immer auf die Schalen gerichtet hat, welche man wegen
ihrer Nettigkeit und wegen der leichten Aufbewahrung in
Sammlungen anhäufte, ohne sich weiter um die Bewohner der-
selben zu kümmern; theils aber liegt es auch wohl darin, dafs
die Beobachtung dieser äufserst kleinen und " feinen Theile
nicht eben zu den leichtesten gehört. Je stiefmütterlicher da-
her diese Thierklasse in dieser Beziehung behandelt ist, um
181
so mehr habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, diese Lücke
auszufüllen und so das System der Mollusken einem Prüfstein
zu unterwerfen, der über die Verwandschaft und Stellung der
Gattungen im System hoffentlich entscheiden wird. Ich habe
nicht nur die Mundtheile der meisten einheimischen Mollus-
ken, sondern auch bereits die einer Menge ausländischer Gat-
tungen untersucht, und bin wenigstens zu dem Resultate ge-
kommen, dafs wenn gleich in den meisten Fällen die bisherige
Anordnung durch diese Probe bestätigt wird, doch manche
Aenderung im System wird vorgenommen werden müssen,
wenn es ein natürliches werden soll.
Auf Grund dieser meiner Ueberzeugung habe ich denn
sogleich die Mundtheile der Amphipeplea gliitinosa unter-
sucht, und durch die Vergleichung mit den Mundtheilen der
Gatt.iugen Limnaeus und Physa gefunden, dafs die Gattung
eine gut begründete ist.
Um diesen Ausspruch zu rechtfertigen, muft ich jetzt eine
genauere Vergleichung der Mundtheile der drei in Rede ste-
henden Gattungen folgen lassen, und mich dabei auf das be-
ziehen, was ich bereits früher in einer kleinen Abhandlung
über die Mundtheile einheimischer Schnecken (S. dies Archiv
1836. I. p. 267.) hierüber gesagt habe. Die hinter der Mund-
öffnung im Kopfe liegende muskulöse Mundmasse (Ja masse
charraie Cuv.') hat im Allgemeinen bei ^mphipeplea glufi-
nosa dieselbe Beschaffenheit, wie bei sämmtlichen übrigen
Puhnonaten: die inneren Theile derselben weichen jedoch hin-
länglich ab, um aufser Zweifel zu sein, ob man das Thier als
selbstständige Gattung von Limnaeus und Physa trennen solle.
Was zuerst die Kiefer betrifft, so ist es bekannt, dafs den
Limnaeen drei hornige Kiefer, ein oberer und zwei seitliche
zukommen. Bei Physa verschwinden die beiden seitlichen
ganz, und der Oberkiefer ist nur als schmaler brauner Saum
vorhanden. Hierin kommt ^rnphipeplea glutinosa mit Physa
überein, denn beim gänzlichen Mangel der beiden seitlichen
Kiefer findet sich der Oberkiefer nur im Rudiment als ein
ebenfalls schmaler, brauner Saum von horniger (?) Beschaffen-
heit, den man mit der Loupe deutlich sieht, der aber so kloin
ist, dafs es mir nicht gelang, ihn von der Mundmasse loszu-
trennen und unter das Mikroskop zu bringen.
182
Im Innern der Mundniasse sind, wie bei den übrigen Pul-
raonaten, zwei weifse Knorpel verbanden, welche einer breiten,
pergamentartigen Membran, der Zunge, als Unterlage dienen.
Ob diese Membran die Knorpel überzieht, wie bei Limnaeus
oder wie bei Physa, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen;
denn bei der Kleinheit des Gegenstandes und bei der geringen
Anzahl von Exemplaren, die mir bis jetzt zur Untersuchung
zu Gebote standen, habe ich auf anatomischem Wege darüber
noch nicht klar werden können. Beim Fressen schien mir die
Schnecke mehr Aehnlichkeit mit Limnaeus zu haben, woraus
man auch auf gröfsere Aehnlichkeit der Mundtheile mit denen
dieser Gattung zu schliefsen geneigt sein könnte.
Von allen Organen des Mundes ist immer die Zunge das-
jenige, an welchem man die Unterschiede am schärfsten nach-
weisen kann, weil sie jedesmal harte Theile trägt, die eine
scharf begrenzte und constante Gestalt haben. Diese Zunge
ist bei allen Pulmonaten eine verhältnifsmäfsig breite und im
ausgespannten Zustande ziemlich rectanguläre Membran, welche
auf ihrer ganzen oberen Fläche mit Zähnen besetzt ist. Im
Bau dieser Zähne finden sich manche Unterschiede auch zwi-
schen den Gattungen der Landschnecken, Piipa, Helix, Claii-
silia, Biilimus u. s. w.; was jedoch weiter auszuführen jetzt
nicht meine Absicht ist, und worüber ich auch meine Beob-
achtungen noch nicht zu Ende gebracht habe. Sehr aufifallende
Unterschiede finden sich aber zwischen den Gattungen der
Wasser -Lungenschnecken. Bei Limnaeus \mA Planorhis sind
die Zähne, welche die Zunge bedecken, ganz einfach, kegel-
förmig inid nach hinten gekrümmt; bei der Gattung Physa
dagegen sind sie auf der einen Seite kammartig gesägt.
Die Zähne auf der Zunge von Physa fontinalis (vergl. dies
Archiv 1836. Tab. IX. fig. 10. 11.) so wie von Physa hy-
pnorum, welche ich ganz kürzlich zur Vergleichung unter-
sucht, und auf der ich die Zähne ganz ähnlich wie bei Ph.
fontinnlis, wenn gleich viel kleiner und in bei weitem
gröfserer Menge gefunden habe, sind unter einander auf den
verschiedenen Stellen der Membran gleich, oder zeigen doch
wenigstens keine auffallende Verschiedenheiten. Hierin spricht
sich bei einer gewissen Aehnlichkeit mit der Zunge von Am-
phipeplea glulinosa dennoch ein wichtiger Unterschied aus,
183
indem bei der oben genannten Sclinecke die Zähne von der
Mittellinie aus nach den Seiten sich sehr verändern. Zur
Verdeutlichung ist ein Stück der Zunge von Amph. glutinosa
auf Tab. V. Fig. 8. unter einer Vergröfsening von 280 mal
im Durchmesser dargestellt worden. In der Mitte der Zunge
findet sich eine Längsreihe kleiner kugelförmiger stumpfer
Zähnchen, die den übrigen an Gröfse sehr nachstehen. An
jedes dieser kleinen Zähuchen (a) schliefst sich jederseits eine
(^Jierreihe von etwa 25 Zähnen an. Der der Mittellinie zu-
nächst stehende Zahn ist halb kreisförmig, hat aber am Gipfel
einen Einschnitt, der ihn herzförmig macht, oder der ihm viel-
mehr das Ansehn zweier stumpfer Höcker verleiht. An der
Wurzel dieses Zahns findet sich jederseits ein ganz kleiner
stumpfer Höcker. Auf diesen ersten folgen noch sieben an-
dere, ganz ähnlich gebildete Zähne, die jedoch mit der Entfer-
nung von der Mitte an Breite ab-, und an Höhe zunehmen.
Alle haben am Grunde jederseits den vorhererwähnten kleinen
stumpfen Höcker neben sich, deren zwei zusammenstofsende
immer den Raum zwischen zwei benachbarten Zähnen erfüllen.
Der neunte und zehnte Zahn von der Mitte aus, werden schon
an Gestalt sehr abweichend. Sie sind etwas höher und enden
statt der stumpfen Gipfel in zwei ziemlich feinen Sj)itzen;
auch findet sich nicht mehr jederseits am Grunde ein Höcker,
sondern der Zahn trägt nur aufsen und unten noch einen klei-
nen spitzen zahnartigen V^orsprung. Letzteres haben alle fol-
genden mit einander gemein. Der elfte Zahn trägt zwischen
den beiden Spitzen des vorigen Zahnes noch eine kleinere
dritte; der zwölfte, dreizehnte und vierzehnte noch zwei, die
• folgenden drei oder vier kleinere Zähnchen zwischen den
beiden gröfseren, doch so, dafs vielmehr die äufsern Spitzen
jedes Zahns fast unverändert, die innere dagegen auf der nach
dem Rande der Zunge zu gelegenen Seite mit einem bis vier
kleinen Spitzen gesägt erscheint. Dabei werden die Zähne
nach dem Rande der Zunge zu immer schmäler.
Wer wollte nun leugnen, dafs zwischen den Gattungen
Limnaeus, Ainphipeplea und Physa Verschiedenheiten ob-
walten, welche eine Trennung der Gattungen bedingen? Je-
denfalls hat AinpJiipeplea noch mehr Verwandtschaft zn Physa,
der sie durch die Bildung des Mantels, durch das Fehlen der
184
seitlichen Kiefer und durcli die gesägten Zähne auf der Zunge
sich nähert; wogegen sie durch das Rechtsgewundensein der
Schale und durch die Bildung der Fühler wieder mehr mit
Limnaeus übereinstimmt. Dagegen schliefst sich gerade in den
letztem Punkten Vlanorhis an Fhysa an, während sie in den
Beziehungen, in welchen eine Verwandschaft zwischen Vhysa
und Amphipeplea hervorleuchtet, näher an Limnaeus hält.
Schade, dafs es mir noch nicht vergönnt war, ein Thier
der Gattung CJiUma Gray (vgl. Jahrg. 1838. II. S. 278.),
welche eljenfalls hierhergehört, zu untersuchen. Da dies je-
doch leider noch nicht hat geschehen können, so kann ich bei
der Eintheilung der Familie der Wasser - Lungenschnecken
(Liinnaeaceen) auch auf dasselbe noch nicht Rücksicht neh-
men. Soweit ich es jetzt übersehen kann, scheint es mir, als
liefse sich die Familie in folgendes Schema bringen,
Wasserlungenschnecken.
I. Nur ein oberer Kiefer; gesägte Zähne auf der Zunge;
der Mantel schlägt sich meist über die Schale. Thier rege,
reizbar.
1) Fühler fadenförmig; Sohle hinten zugespitzt; Ath-
mungs-, After- und Geschlechtsöffnung links. Physa.
2) Fühler dreieckig; Sohle hinten abgerundet; Athmungs-,
After- und Geschlechtsöffnuug reclits. Amphipeplea.
IL Ein oberer und zwei seitliche Kiefer; einfach kegel-
förmige Zähne auf der Zunge; der Mantel schlägt sich nicht
über die Schale. Thier träge, wenig reizbar.
3) Fühler fadenförmig; Sohle hinten zugespitzt; Athmungs-,
After- und Geschlechtsöffnuug links. Planorhis.
4) Fühler dreieckig; Sohle hinten abgerundet; Athmungs-,
After- und Geschlechtsöffnung rechts. Limnaeus.
Man bemerkt hiernach, dafs die Gattungen Physa und
Limnaeus die Grenzen der Familie nach beiden Seiten hin
bilden, und dafs es nicht einen einfachen Uebergang zwischen
beiden in der Gattung Planorhis gebe, wie ich es in meiner
Inauguraldissertation (De Limnaeaceis etc.) annehmen zu kön-
nen glaubte ; sondern dafs der Uebergang vielmehr ein doppel-
ter ist, einmal durch die Gattung Planorhis,' das andere mal
durch die Gattung Amphipeplea.
M o 1 o p U 8,
eine neue Gattung der Crinoiden
beschrieben von
A. d ' O r b i g n y.
(Hiezu Taf. V. Fig. 2 — 7.)
Uer uns hier beschäftigende Crinoid wurde zu Martinique
von Herrn Rang entdeckt, welcher ihn noch lebend, aber iui
contrahirten Zustande sah. Es ist auffallend, dafs die beiden
einzigen Crinoiden -Arten der Jetztwelt, welche den Zoologen
bekannt geworden sind, beide den heifsen Meeren der Antil-
len angehören, wo die Strahlthiere, die Steinkorallen und die
biegsamen Polypen so zahlreich sind. Sollte man nicht daraus
abnehmen können, dafs in den Epochen, in welchen die Cri-
noiden in so grofser Zahl lebten, das Meer eine Temperatur
besafs, welche wenigstens derjenigen der jetzigen Aequatorial-
Zonen gleich kam, und dafs die Thiere dieser Familie tiefe
und ruhige Gewässer bedürfen, welche zur Existenz der Cri-
noiden mit so dünnen und zarten Stielen, die sich nur im Bu-
sen der Höhlen zwischen Korallen und Felsen erhalten kön-
nen, unerläfslich sind? —
Die Art mufs ein neues Genus bilden, dem wir den Na-
men Holopus beilegen, ihn entlehnend von dem hervorstechend-
sten seiner Charactere. Wie alle dieser Familie ist es ein fest-
sitzendes Thier; an seinem Oberende mit gegliederten, dicho-
tomen Armen versehen, welche jederseits alternirend mit klei-
nen Aestchen besetzt sind, die jedenfalls beim Ergreifen kleinerer
Körper helfen. Zwei Charaktere unterscheiden den Holopus
aber von allen Familiengliedern auf das strengste. 1) Der uu-
186
gegliederte Fiifs, von welchem er den Namen erhalten, wäh-
rend dieser bei allen andern aus einer Menge Gliedern
besteht; 2) dafs dieser Fufs kurz und hohl ist und zum
Behälter der Eingeweide dient, während er bei den übrigen
Crinoiden immer sehr lang, kaum von einem engen Kanäle
durchbohrt, und an seinem oberen Theile mit einer grofsen
Anschwellung versehen ist, welche von steinigen Stücken ge-
schützt, den Magen und die übrigen Lebens- Organe enthält.
Es sind diese beiden positiven Charaktere, welche uns nöthi-
gen, diese Gattung von allen übrigen bekannten Gattungen zu
trennen. *)
Wir charakterisiren sie folgendermafsen:
„Thier dem Boden mit einer Wurzel angeheftet, welche
sich nach den festen Körpern, an denen sie fest sitzt, formt.
Von dieser Wurzel oder Basis erhebt sich ein Fufs oder Kör-
per, welcher aus einem Stücke besteht, kurz und hohl ist,
die Eingeweide enthält, und sich in einen Mund öffnet, wel-
cher zugleich als After dient, und im Grund einer unregel-
mäfsigen Höhle gelegen ist, welche durch die Vereinigung der
dichotomischen, dicken, steinigen, aufsen convexen, innen rin-
nenartig ausgehöhlten Arme gebildet wird, die in zahlreiche
Glieder getheilt und abwechselnd ihrer Länge nach mit klei-
nen konischen stark zusammengedrückten Aestchen besetzt
sind. "
Holopus Rangii d'Orh.
Beschreibung der äufseren Theile. Wurzel
ausgebreitet, nicht ästig, glatt oder oberhalb leichte W^achs-
thumslinien zeigend, mit unregelmäfsigem Rande, unterhalb
die Gestalt der Körper annehmend, an welchen sie festsitzt.
Fufs oder Körper dick, kurz, fast viereckig, mit klei-
nen rundlichen, an den Ecken mehr sichtbaren Tuberkeln be-
setzt, seine Oberfläche, wie die aller äufseren Theile der Arme
zeigen unter der Lupe überall ein fein gestreiftes odergenetz-
*) Dies, -wie der unten erwähnte Charakter, dafs der Mund zu-
gleich Auswurfsöffnung sei, machen es unumgänglich nöthig, die Gat-
tung Holopus in einer besonderen Familie von den übrigen Crinoiden
abzutrennen. Herausgeber.
187
tes Gewebe, selbst auf den Tuberkeln. Arme vier,*) an sei-
ner Basis jeder von einem dicken pentatjonen Stücke gebildet,
welches innerhalb irregulär nnd concav, oben convex ist, und
eine grofse tuberculöse Erhabenheit (jnamelon) bildet, deren
Ränder, an ihren Vereinignngsstellen mit den drei anderen
Stücken abgeplattet, sich dergestalt verl)inden, dafs sie ein gut
gefügtes Ganze darstellen. Am oberen Theile dieses ersten,
zwei Facetten zeigenden Stückes ist es, wo jeder Arm dicho-
tom wird nnd sich in zwei theilt, so dafs im Ganzen 8 Arme
vorhanden. Sie sind dick, stark, konisch, fast doppelt so lang
als der Fufs, abgerundet und auf ihrem Mitteltheile mit Hök-
kerchen besetzt, an ihrem Aufsenrande wie festonnirt, an ih-
rem Ende zusammengedrückt, aus 20 — 25 Kalkstücken beste-
hend; sowol rechts, wie links alternirend ein verlängert koni-
sches stark zusammengedrücktes, oberhalb runzliges, innerhalb
etwas concaves Aestchen tragend, welches aus vielen vierecki-
gen, mit ebenen Flächen artikulirenden Stücken gebildet wird.
Innere Theile. Die Ilölile des Fufses oder Körpers
nimmt dessen ganze Länge ein und enthält ohne Zweifel die
Eingeweide, welche wir an dem aufgetrockneten Exemplare
nicht untersuchen konnten. Der Mund ist von 4 beweglichen,
eckigen Kalkstücken beschützt, welche nach Willkür des Thiers
den Eingang schliefsen. Er öffnet sich in einem Vestibulum
des oberen Körpertheils, welches durch gewimperte unregel-
mäfsige Auswüchse am Grunde der Arme von einem weiten
Trichter getrennt ist, der anfangs von 4 tiefen Rinnen gebil-
det wird, welche, indem sie sich in zwei theilen, minder aus-
geprägt auf der ganzen Länge der Innenseite der Arme ver-
laufen.
Farbe. Eine grünliche fast schwarze Farbe bedeckt
alle Theile des getrockneten Thieres, nur blasser an den Ar-
men und an der Wurzel.
Maafse. In völliger Entfaltung beträgt die Länge des In-
dividuums 8 Centimeter; der Fufs hat 22 Millimeter; die Höhe
*) Die paarige Zahl der Arme ist bei den Crinoiden eine Ano-
malie, indem sonst immer die Fünfzahl herrscht.
Anm. des Verf.
188
der Wurzel ist 1 Centimeter; Durchmesser der Wurzel am
Grunde 18 Millimeter; Durchmesser des Fufses 13 Millimeter.
Erklärung der Figuren.
Fig. 2. Holopus Rangii, mit zusammengezogenen Armen.
Fig. 3. Längsdurchschnitt, auf welchem man die tiefe auf
der ganzen Länge der Arme verlaufende Furche, das Ve-
stibulum zwischen den Armen und dem Munde und die
Höhle des Fufses sieht.
Fig. 4. Ein Arm im Profil.
Fig. 5. Ein Aestchen vergröfsert.
Fig. 6. Ein Stück eines Aestchens, an dem man seine
geringe Dicke und seine Gelenkfläche sieht.
Fig. 7. Ein Stück des Armes.
a. Aeufsere Convexität.
b. Innere Längsrinne.
c. Der Theil, durch welchen es mit dem folgenden Stücke ar-
tikulirt.
lieber einige neue oder wenig bekannte Säuge-
thiere, besonders aus der Sammlung des
brittischen Museums.
von
L E. Gray.
(Aus London'! Magax. of Nat. Bist. Vol. I. New. Ser. p. 578.)
Paradoxurus.
Die Arten dieser Gattung lassen sich folgendermafsen
ordnen :
A. Wange mit einem weifsen Fleck unter
dem Auge,
a. Rücken einfarbig: P. larvatus, P. Crossii, P. Grayii,
P. Jourdanii.
1). Rücken bunt von braun und weifs: P. leitcopus.
189
c. Rücken dunkel (obscurely) gefleckt oder geLändert: P.
dulius, P. typicus, P. niger.
d. Rücken gestreift, Seiten gefleckt, Vorderkopf weifs: P.
Pallasii, P. musanga, P. duhius,*') P. musangoides,
P. prehensilis,
B. Gesicht ohne Flecke unter den Augen.
a. Vorderkopf und Nacken mit 3 schwarzen Streifen; Rük-
ken schwarz gefleckt, mit zwei gelblichen Flecken an der
Schulter: P. llamiltoni {Viverra hinotata Temm. und
Gray.)
b. Rücken mit Soder 5 schwarzen Streifen : P. trivirgatuSf
P. quinqiielineatus.
c. Schwanz geringelt.? P. Zebra.
d. Rücken einfarbig: P. leucomystax.
S. 578. Paradoxurus quinquelineatus. Braun; die
Haare mit schwarzer Spitze. Rücken mit 5 unterbrochenen
schwarzen Streifen, etwas gebogen über den Schultern. Die
beiden äufsern Streifen an jeder Seite endigen in eine Reihe
kleiner runder Flecke; der äufsere ist sehr kurz. Vorderkopf,
besonders die Augenbrauen röthlich weifs. — Eine Varietät
ist mehr gefleckt.
P. leucoinystax. Schwarzbraun mit langen schwarzen
glänzenden Haaren. Umkreis der Augen dunkelbraun. Ge-
eicht blafs, ohne Orbital -Flecke. Ein grofser Fleck an dem
unteren Winkel der Ohren und Ende des Schwanzes weifs.
Bartborsten lang, rigid, weifs. Ohren grofs, gerundet, nicht
bärtig. Wohnort unbekannt.
P. musangoides. Graubraun. Schnauze, Scheitel
(c/'0(vn), Nacken, Füfse, Schwanz, 3 continuirliche Striche auf dem
Rücken, und die kleinen runden Flecke der Seiten schwärz-
lich braun. Bauch, eine Binde quer über den Vorderkopf,
Fleck unter den Augen, und einer an der Spitze der Nase
weifs; die seitlichen Rückenstreifen setzen fort und bilden auf
der Seite der Basis des Schwanzes eine Reihe runder Flecke;
die oberen Reihen Flecke bilden eine fast continuirliche Linie
*) Dafs der P. dubius unter zwei Abtheilungen aufgeführt und
P. Derbyanus ausgelassen wird, ist wohl nur der Flüchtigkeit des
Verfassers zuzuschreiben. Herausgeber.
190
an den Seiten. — Asien. Dem P. musanga sehr ähnlich;
aber der Rücken hat 3 deutliche Streifen, während in jener Art
nur Reihen von Flecken sind.
P. Derby anus. Graubraun; ein Strich auf der Mitte der
Nase ; ein breiterer an jeder Seite des Gesichts zu den Au-
genhöhlen; ein Strich längs jeder Seite des Nackens; sieben
halbmondförmige Binden quer über Rücken und Schwanz,
schwarz; Stirn und Unterseite der Beine etwas dunkler. Füfse
braun. Ilaare blafs gelblich mit kurzer schwarzer Spitze. Va-
terland unbekannt. Im Cabinet der Zool. Gesellsch. und des
Lord Derby.*)
Paradoxurus? Zehra. Gelblich. Gesicht und Vorder-
kopf braun. Ein weifser Strich über jedem Auge; zwei schiefe
Striche oben auf dem Halse; ein zweiter kürzerer quer auf
der Scliulter; fünf Binden auf dem Rücken und die Ringel am
Schwänze sch\varz. Vaterland unbekannt. Mus. Lyons.
Parad. J ourdonii. Blafsgelb; Haare mit schwarzer
Spitze. Ein rautenförmiger Fleck oben auf dem Halse. Füfse und
'Schwanzende scliwarz. Rückenseite der Ohren, Seiten der
Nase und Vorderseite der Augenhöhle braun. Gesicht weifs-
lich. Ein Fleck auf den Schläfen und das Ende des Schwanzes
weifs. Beine gelbbraun, mit Weifs gesprenkelt. Vaterland un-
bekannt. Mus. Lyons.
H er p est es. (ebendaselbst S. 578.)
IL Smithii. Dunkel gesprenkelt, schwarz, weifs und grau.
Gesicht, Hals und Füfse**) (^feet) röthlich variirt. Füfse und
Schwanzende schwarz. Vaterland unbekannt.
H. Bennetlii. Rothbraun, schwach mit weifs gespren-
kelt. Schwanz etwas flach gedrückt; Unterseite blafsroth; Ende
mit schwarzem Pinsel. Madagaskar.
♦) Anm. In den Proc. Z. S. 1837. S. 67 giebt Hr. Gray folgende
Diagnose :
Paradoxurus Derhyamis. P. pallide ftiscescenti- albus, ro-
stri lateribus, striga siiperciliari, nota in medio fronte et in vtro-
que latere cajntis super aures nigris , nee non striga, ad utrumque
latus colli in Immeros obducta, vittis tribus, quatuor, vel quinque traiis-
versis in dorso (^ad latera angustioribus), antiuloque ad basin caudae,
cum Jmjus diinidio jjostico. Artubus einer escentifuscis.
Hub. in Peninsula Malayana.
''*) wohl Beine? Herausgeber.
191
H. nepalensis. Pelz schwärzlich, fein grau getüpfelt.
Haar schwarz, mit einem breiten gelben Bande nahe an der
Spitze. Schwanz abnehmend, Unterseite graulich. Sohlen f
kahl. Nördl. Indien. Dem IL griseus ähnlich, aber kleiner
und dunkler.
H. Iracliyurus. Schwarz. Haar gelb geringelt. Unter-
polz braun. Gesicht, Wangen, Seiten des Halses gelblicher.
Bauch und Schwanz dunkler. Kehle blafsgelbbraun. Vorder-
beine und Fiifse schwärzlich. Schwanz dick, etwa halb so
lang als der Körper. — Indische Inseln. Brittisch Museum.
Ma er opus — Halmatujus etc.
S. 582 giebt Hr. Gray folgende Uebersicht der von ihm
untersuchten Känguruh - Arten :
1. Macropiis Shaw, {ex parte) Muffel haarig mit ei-
ner nackten Linie über den Nasenlöchern und einem kleinen
nackten Fleck vorn. Keine Eckzähne. Die oberen Schneide-
zähne von fast gleicher Länge, gefurcht; der hinterste der
breiteste und aus 2 gegen einander gefalteten Lappen beste-
hend, die hintere Falte fast dreimal so lang als die vordere,
an ihrem Hintertheile gefurcht.
31 a er opus major. Shaw. Schwanz dick mit dicht-
stehenden weichen Haaren bedeckt.
2, Halmaturus F. Cuv, (e. p.) Muffel kahl, deutlich.
Keine Eckzähne. Die oberen Vorderzähne fast gleich lang;
das vordere Paar etwas gekrümmt mit einer Furche; die hin-
teren am breitesten, mit einer mehr oder weniger deutlichen
Falte. Schwanz dick an der Wurzel, schuppig, mehr oder
weniger mit Haar bedeckt, welches an der Unterseite am dich-
testen ist.
A. Die hintere Falte der hinteren oberen Schneidezähne
fast zweimal so lang als die vorderen, so dafs der Zahn des-
halb nahe der Mitte gekerbt erscheint.
Halmaturus ualahatus. Kangurus ualahatus?
Lefs. Schwanz mäfsig lang mit langem weichem dichtstehen-
den Haar, etwas buschig am Ende. Gesicht, ein Streif am
Vorderkopf, Füfse und Schwanzspitze schwärzlich. Wangen
grau. Die Falte der hinteren Schneidezähne fast hinten (jsuh
posterior). — Wird in England gewöhnlich JVallahee ge-
192
naiint. Eine andere Art im Museum der zoologischen Ge-
sellschaft pafst besser zu Lefson's Beschreibung, da sie dunkler,
mehr rostroth, und am Kopfe ringsum die Wurzel der Ohren
dunkelgelb (fulvous) ist, Sie kann H. Lessonii genannt
werden.
lialmaturus albus. Kangurus albus Gray. Sehr
ähnlich dem vorigen, aber weifsl.ich oder weifs. Schwanz mit
dicht stehendem Haar besetzt, etwas buschig am Ende, und
die Falte am hinteren Schneidezahn fast hinten.
Halmatujus dorsalis. Schwanz mittelmäfsig, mit sehr
kurzem dicht stehendem Haar. Der hintere obere Schneide-
zahn mit einer mittleren Falte und der vordere mit einer
Grube fast an der Vorderseite. Pelz schwarz, rothbraun und
grau gesprenkelt. Hals und Beine blafs rostroth. Fiifse und
ein Streif auf dem obern Theile des Rückens schwarz.
Halmatnrus Derbyanus. Schwanz etwas kurz, dick, mit
kurzen dicht anliegenden Haaren bedeckt. Hintere obere
Schneidezähne etwas klein mit einer sehr schwachen Falte fast
hinter der Mitte. Pelz schwarz, röthlich und grau gespren-
kelt. Hals und Beine röthlich, mit einem dunkeln Streif im
Nacken. — Ausgezeichnet durch die geringe Gröfse und Ein-
fachheit des hinteren Schneidezahnes.
lialmaturus Parryi. Macropus Parryi Benn.
Transact. Zool. Soc. Schwanz verlängert, zusammengedrückt,
oben mit kurzem dicht anliegenden Haare und einem Streif
längerer dicht anliegender Haare unterhalb; am Ende schwach
buschig. Hintere obere Schneidezähne mit einer deutlichen
fast mittelständigen Falte. Pelz grau. Gesicht schwärzlich,
mit einem breiten rein weifsen Streif durch die Wange.
var. pallida. Blafs röthlich grau. Gesicht, Rückseite
der Ohren, Mitte des Rückens etwas röther; Gesichtsstreif,
Lippen, Schwanz und Unterseite weifs. Füfse und Schwanz-
spitze dunkler. — Am Swan River, JVallaroo genannt.
B. Die hintere Falte des hinteren oberen Schneidezahns
kaum länger als die vordere, so dafs der Zahn nur hinten ge-
kerbt erscheint. Vorderer Schneidezahn kurz einfach Thy lo-
yale Gray.
Halmaturus Eugenii. Schinz. Kangurus Eugenii
Desm. Schwanz mittelmäfsig abnehmend, mit etwas kurzen
193
Ilaaren bedeckt, Ringe viereckiger Sclnippen zeigend, und un-
ten mit einem Streif diclitstehonder langer anliegender Haare.
Pelz Lraun, grau gesprenkelt. Nacken roströthlich. Schwanz
oberhalb dunkel (dark) unterhalb weifs. — Am Swan River.
3. Petrogale Gray, Muffel kahl, deutlich. Keine Eck-
zähne; die obern Schneidezähne ungleich; der vordere etwa
der längste und gekrümmt; der hintere beilförmig (JiatcheU
shaped) am Ende erweitert und in der Mitte gekerbt.
Schwanz cylindrisch, mit langen etwas steifen Haaren besetzt,
>velche am Ende einen Busch bilden.
P. penicillaius Gray. Macrop. peniciUaiiis Gray. Oh-
ren, Schultern, Lenden, Schwanz und ein Streif im Nacken
schwärzlich. Lippen und ein schmaler Streif auf der Brust
M-eifs. Wangen graulich. — Swan-River; Gunar (?) ge-
nannt. Sitzt mit zwischen die Schenkel gezogenem Schwänze.
Aufser diesem findet sich im Museum der zoologischen
Gesellschaft eine M. j-ußcollis benannte Art, welche sich
durch die Länge des Haares am Schwänze auszeichnet. Es
fehlt aber der Schädel, so dafs das Gebifs nicht untersucht
werden konnte.
4. Bettongia Gray. Muffel kahl, deutlich. Eckzähne
deutlich. Obere Schneidezähne ungleich; der vordere der
längste, der hintere klein, einfach. Schwanz schuppig, mit
kurzen Haaren bedeckt, welche an der Spitze länger sind und
hier einen Büschel bilden. Hinterbeine und Zehen verlängert;
die äufsern Zehen länger als die inneren.
B. setosus («c) Hypsiprymnus setosus Ogilb. Grau
gesprenkelt. Ende des Schwanzes schwärzlich, einen schwa-
chen Büschel bildend. Ohren mittelmäfsig. S^i' an -River.
B. penicillata. Grau und weifs variirt, unterhalb
weifslich. Unterpelz (inider fiii') bleifarbig. Schwanz grau,
das buschige Ende schwarz. Ohren klein, gerundet.
B. riifescens. Röthlich grau, schwach gesprenkelt;
unterhalb weifslich. Rücken roströthlich (jjifous). Ohren
etw^s lang. Schwanz weifslich (Ende einfach?).
5. Hypsiprymnus F. Cur. (e. p.) Muffel kahl, deut-
lich. Hundszähne deutlich; obere Schneidezähne ungleich, der
vorderste der längste; der hintere klein, einfach. Schwanz
V. Jahrg. 1. Band. 13
194
mit viereckigen Schuppen geringelt, und mit dicht stehenden
borstigen Haaren. Hinterbeine und Zehen kürzer; die äufsere
und innere Zehe von fast gleiclier Länge. Pelz starr.
Hypsiprymnus minor F. Cuv. Macropus minor S7i.
Sciuroptera. (Ebendaselbst S. 584.)
Sc. Turnhullii Gray. Pelz kurz, weich, schwärzlich;
Haare gegen die Spitze mit einem weifslichen Bande. Wangen,
Kinn imd Unterseite weifs. Augenkreis und Bart schwarz.
Schwanz schmal, abnehmend, schwarzbraun; unten etwas blas-
ser. Füfse klein; vordere Daumen rudimentär. Hinterfiifse an
der Aufsenseite kaum befranset. Sohlen klein, ohne Höcker
an der Mitte der Aufsenseite, aber mit einem Höcker vorn,
und mit zwei ungleichen hinten an der Innenseite. Länge 11^";
Schwanz 8". Indien.
Sc.fimhriata Gray. Pelz lang, weich, grau, schwarz
variirt; Haare oben bleifarbig, platt, hellbraun mit schwarzer
Spitze. Gesicht weifslich; Augenkreise schwarz; Bart sehr
lang, schwarz; Kinn und Unterseite weifs. Schwanz breit, et-
was abnehmend, am Grunde gelb (fulvous} mit schwarzen
Spitzen an den Haaren, an der Spitze schwarz. Füfse grofs;
vordere Daumen rudimentär. Aufsenrand der Hinterfüfse mit
breitem Haarbusch; die Sohlen der Hinterfüfse mit einem klei-
nen länglichen Höcker in der Mitte der Aufsenseite, ein Hök-
ker vorn, und zwei ungleiche hinten an der Innenseite. Länge
12"; Schwanz 11"; Hintersohlen 2". Indien.
Beobachtungen und Betrachtungen iibei' die Eut-
wickelung der Mysis vulgaris
von
Heinr. Rathke.
FI i e r z u Tafel VI.
§. 1. Die Morphologie hat in neuerer Zeit nachgewiesen,
dafs der formellen Entwickelung aller Wirbelthiere ein ge-
meinsamer Plan (Schema, Typus, Idee) zum Grunde liegt,
der sich bei der ersten Bildung dieser Wesen einerseits in der
Zusammensetzung derselben aus verschiedenen Strukturtheilen,
anderseits in der Form des Ganzen und der einzelnen Struk-
turtheile kund giebt, und dafs auf diesem Urplane die merk-
würdig-grofse Aehnlichkeit beruht, die alle unter einander ur-
sprünglich gewahr werden lassen; dafs aber derselbe für die
verschiedenen Ordnungen, Familien und Arten in seiner wei-
tern Ausfülirung auf mancherlei und gar verschiedene Wei-
sen modificirt wird, und dafs eben hierauf die Unähnlichkeiten
beruhen, die sich im Verlaufe der individuellen Entwickelung
bei den verschiedenen Wirbelthieren geltend machen. Unter
den Crustaceen dagegen, einer Classe von wirbellosen Thie-
ren, aus der bis dahin bei weitem mehr Arten, als aus ir-
gend einer andern Klasse dieser Wesen, auf ihre erste Ent-
wickelung untersucht worden sind, findet man gleich anfangs,
wenn sich die Frucht zu bilden beginnt, je nach den verschie-
denen Ordnungen und Familien sehr bedeutende Formverschie-
13*
196
rlcnheiton, so dafs man, wenn man dio Erfalirnngen zum Füh-
rer genommen liat, die über die Entwickolung der Wirbel-
thiere gewonnen \vorden sind, für den ersten Augenblick in
ein Labyrinth geleitet zu sein scheint, aus dem ein Ausweg
nur schwierig zu finden sein dürfte. So weit ich meinerseits
in diesem Labyrinthe mich zu rechte gefunden habe, glaube
ich mit Grund angeben zu dürfen, dafs sich bei den Crusta-
ceen für die Bildung von ihnen allen ein gemeinsamer Plan
nicht eigentlich in der Form, unter welcher die verschiedenen
Arten auftreten, zu erkennen giebt, sondern vielmehr nur in
der Zusammensetzung aus gewissen wesentlichen Strukturthei-
len. Es sind diefs eine mit der Bauchwand verbundene
Ganglien-Kette und mehrere mit dieser Wandung verbundene
Extremitäten bei einem Mangel an eingeweidigen Athemwerk-
zeugen. Die Belege für dieses Resultat meiner Untersuchun-
gen habe ich ausführlich in einem Werke, das ;den Titel führt:
jjZur Morphologie, Reisebemerkungen aus Taurien," kürzer
gefafst aber in der neuen Ausgabe von Burdachs Physiolo-
gie (B. IL S. 250 bis 276) angegeben *).
Einen neuen Belag dazu will ich jetzt durch die Entwik-
kelungsgeschichte einer Crustacee geben, die auch noch in
änderer Hinsicht interessant sein dürfte. — Durch die Güte
des Herrn Dr. C. T. von Siebold erhielt ich unlängst eine
Menge von Exemplaren eines kleinen, ohne seine Fühlhörner
höchstens S^ Linie langen krebsartigen Thieres, das bei Dan-
zig in der Ostsee zur Sommerzeit in grofsen Schaaren vor-
kommt, zur Gattung Mysis gehört, und der von Thomp-
son**) aufgestellten Art Mys. vulgaris beigezählt werden
darf.
Viele von den Exemplaren beherbergten in ihrer Brut-
*) Wie es mir scheinen will , läfst überhaupt , je niedriger eine
Klasse von Thieren steht, das Schema, welches der Bildung ihrer
Glieder zum Grunde liegt, nicht blos bei den schon ausgebildeten
GliedQi-n, sondern selbst schon bei den in erster Bildung begriffenen,
um desto gröfsere Variationen gewahr werden. Aufser den Crusta-
ceen sind es insbesondere noch die Mollusken, auf die ich mich hier
beziehen kann.
**) Zoological researches and illustrations hy John. V. Thomp-
son. Lork ohne Jahreszahl Vol. 1. P. 1,
- 197
höhle Eier, andere Junge: alle aber hatten durch die Einwir-
kung des Weingeistes, in dem sie aufbewahrt waren, nur erst
wenig gelitten, weshalb denn ihre Brut noch ziemich gut zu
einer Untersuchung geeignet erschien. Dafs sich jedoch au
ihnen für die Entwickelungsgeschichte niclit so umfassende
Untcrsucliungen anstellen liefsen, als wenn sie frisch aus dem
Meere gekommen wären, wird jedem Sachkenner einleuchtend
sein. Natürlicherweise kann ich hier also nicht eine ausfuhr-
liche Entwickelungsgeschichte des genannten Thieres geben,
sondern nur einige Bruchstücke. Wie geringe diese nun aber
auch sein mögen, so wird man doch aus ihnen entnehmen
kömien, dafs die Thiere aus der Gattung Mysis sich auf eine
ganz andre Weise entwickeln, als die Dekapoden, denen man
sonst sie beigezählt hat. Auch dürften diese Bemerkungen
wold noch insbesondere deshalb einige Berücksichtigung finden,
weil von allen übrigen Tlüeren aus der Ordnung der Stoma-
topodeii, denen Milne-Edwards neuerlich die Gattung i^ij-
sis beigesellt hat, die Entwickelungsgesclüclite bis jetzt noch
völlig unbekannt ist.
§. 2. Zum Verständnisse dessen, was ich über die Ent-
wickelung von M. vulgaris hier angeben will, dürfte es viel-
leicht nicht überflüssig sein, ihm einige Bemerkungen über den
Bau dieses Thieres im erwachsenen Zustande vorangehen zu
lassen.
Abgesehen von den Gliedmafsen, liaben Kopf, Brust und
Hinterleib viele Aehnlichkeit mit den gleichen Körperabsciuiit-
ten eines Crangon; und eben dasselbe gilt auch von den Fühl-
hörnern, den Augen und dem Fächer. Diejibeachtuugswer-
theste von diesen Theilen dargebotene Abweichung besteht
darin, dafs das Rückenschild rechts und links keine Höhle zur
Aufnahme von Kiemen unter sich liat. Anders dagegen sind
die Beine beschaffen, von denen 6 Paar vorkommen, und die
eine um so ansehnlichere Gröfse haben, wie sie von vorne
nach hinten auf einander folgen. Alle haben nämlich beinahe
dieselbe Form; ein jedes Bein aber besteht aus zwei an Länge
einander beinahe gleichen Gliedern oder Aesten, die an ein
gemeinschaftliches Hüftglied angehef^tct sind. Der eine Ast
liegt nach aufseu von dem andern, und dieser innere entspricht
dem eigentlicheu Beine der Dckapodea: der äufserc aber ent-
198
spricht seinem Sitze, nicht jedoch auch seiner Form', seiner
Richtung, und seiner Verrichtung nach einer Kieme der De-
hapoden. Er läuft nämlich mit dem andern Aste fast paral-
lel, indem auch er mit seiner Spitze nach unten gekehrt ist,
und stellt der Hauptsache nach eine dünne vielgliedrige Geifsel
dar, die an zwei Seiten mit einer Reihe langer und dtniner
Borsten besetzt ist. Milne-Edwards *) nennt ihn Palpe
und Thompson glaubt, dafs er zum Schwimmen, der innere
Ast dagegen zum Kriechen und Festhalten der ergriffenen Beute
dient. Wenngleich aber der innere Ast diese Verrichtung zu-
weilen üben mag, so wird er allem Anscheine nach doch weit
öfter zum Schwimmen benutzt, wozu er wegen seiner platt-
gedrückten Form besonders und weit besser, als der äufsere
Ast geeignet ist: ja es fragt sich noch sehr, ob die Thiere aus
der Gattung Mysis jemals kriechen. Das Wurzelglied des
äufsern Astes eines jeden Beines, das im Verhältnifs zu den
übrigen Gliedern desselben Astes bedeutend breit ist und eine
ziemlich dicke, aber an der Oberfläche ganz glatte Tafel dar-
stellt, soll nach Thompson das Athemwerkzeug enthalten.
Allein, wie Milne-Edwards, habe auch ich an diesem Theile
bei der genauesten Untersuchung Nichts bemerken können,
was man eiuigerraafsen für eine Kieme ausgeben könnte. Nach
' meinem Dafürhalten besitzt 31ysis eben so wenig eigentliche
Kiemen, als die Cyclopiden, Daphniiden und Lernaeaden.
Dicht vor den Beinen befinden sich 2 Paar Kieferbeine oder
Kieferfüfse, die etwas kleiner, als jene sind, aber in Hinsicht
der Form mit ihnen eine grofse Aehnlichkeit haben, indem sie
sich hauptsächlich nur dadurch unterscheiden, dafs der innere
Ast eines jeden stärker nach innen umgekrümmt und mehr
zum Ergreifen der Beute eingerichtet ist, und dafs das vordere
Kieferbein an dem äufsern Rande seines Hüftgliedes noch eine
kleine, schmale, längliclie Platte {Flagrinn) gewahr werden
läfst, deren eines Ende beweglich an ihm eingelenkt ist. Vor
den Kieferbeinen aber kommen jederseits 2 sehr kleine tafel-
förmige und mehrfach eingeschnittene Maxillen, und vor die-
sen eine kräftige Mandibel mit einer Palpe vor. Quer vor
*) Hist. naturelle des Crustaces. Tom. IL Paris 1837.
199
der Miindöffnuiig befindet sich eine ziemlich starke, einfache
Oberlippe,
AVie die weiblichen Individuen der Amphipoden und der
meisten Isopoden, sind auch die der Mysis vulgaris zur Zeit
der Geschlechtsreife mit einer Bruthöhle versehen. Dieselbe
wird gebildet von zwei Paar Tafeln oder Schuppen, die mit
der innern Seite der Hiiftglieder der beiden letzten Beinpaare
verbunden sind, und von denen das hintere Paar ungefähr um
das doppelte das vordere an Gröfse übertrifft. Alle haben
eine unregelmäfsig ovale Form, sind sehr stark ausgebuchtet,
also muschelförmig, und kehren ihre concave Seite der Bauch-
wand zu, mit der sie zusammen die Bruthöhle umschliefsen.
Ihr breiteres Ende, womit sie an die Beine angeheftet sind,
ist nach hinten, ihre Spitze nach vorne gerichtet. Von der
Bauchwand, und zwar von der Mitte der beiden hintersten
Ringel oder Glieder des Thorax hängen in der Bruthöhle zwei
mäfsig lange, dünne, weiche und biegsame Fäden herab, deren
Bedeutung mir räthselhaft ist, die vielleicht aber die eivveifs-
lialtige Flüssigkeit absondern mögen, welche man innerhalb
der erwähnten Höhle, wie in der Bruthöhle der Amphipoden
und Isopoden vorfindet, und welche vermuthlicli zur Nahrung
der schon reifern Jungen dient. — Bei den männlichen Indi-
viduen kommt statt solcher Schuppen ein Paar ganz anders
geformter Organe vor. Mit dem Hüftgliede des hintersten
Beines ist nämlich ein nur mäfsig langer, aber ziemlich dicker
fast urnenförmrger, und ein wenig gekrümmter Zapfen ver-
bunden, der mit seinem freien Ende nach vorne, innen und
unten sieht, und an demselben deutlich eine Oeffnung, an dem
nach innen gekehrten Rande von dieser aber vier dünne, mäfsig
lange, und hakenförmig etwas gekrümmte Dornen bemerken
läfst. Wahrscheinlich mündet sich durch einen jeden von die-
sen Zapfen ein Samenleiter. Beiläufig erwähnt, scheinen, was
schon Thompson angeführt hat, die männlichen Individuen
im Verhältnifs zu den weiblichen in nur geringer Zahl vor-
zukommen.
Mit Ausnahme des hintersten Schwanzgliedes, das den
Fächer trägt, besitzt ein jedes Glied des Schwanzes oder Hin-
terleibes bei den weiblichen Exemplaren ein Paar sehr kleiner
tafelförmiger, und mit kurzen \Yimpern versehener Afterbeine.
200
Dasselbe gilt auch von den meisten Schwanzgliedern der männ-
lichen Exemplare: das vierte Glied aber besitzt au deren Stelle
ein Paar ganz anders geformter und so bedeutend verlänger-
ter Gebilde, dafs diese ungefähr einem Drittel des ganzen
Schwanzes an Länge gleichkommen. Ein jedes solches Gebilde
besteht aus 2 Aesten, einem innern und einem äufseru. Der
erstere hat, im Verhältnifs zu dem letztern eine nur sehr ge-
ringe Länge, und erscheint als eine schmale, ellipsoidische
Platte. Der äufsere Ast aber stellt einen langen, dünnen Grif-
fel dar, besteht aus drei verschiedenen Gliedern, und läuft in
zwei ganz gerade, dünne, ungefälir halb so lange, beweglich
mit ilim verbundene und gleichfalls griffeiförmige Aeste aus,
die meistens kaum merklich von einander abstehen. Mit ihrem
freien Ende sind diese Gebilde nach vorne und unten gerich-
tet. Ohne Zweifel dienen sie, wie die ihnen in einiger Hin-
sicht ähnlichen Organe der Dekapoden, zur Aufregung des
andern Geschlechtes bei der Begattung, dürften aber wohl des-)
halb noch besonders merkwürdig sein, dafs sie nicht, wie die
ihnen entsprechenden Organe der Dekapoden, dem zweiten,
sondern dem vierten Gliede des Hinterleibes angehören. Uebri-
gens findet die von Milne-Edwards gemachte Angabe, dafs
bei den männlichen Individuen aus der Gattung Mysis mit-
unter das erste und das vierte Paar der Afterbeine eine sehr
bedeutende Entwickelung (Vergröfserung) erhalten, auf die
hier in Rede stehende Species in Betreff des ersten Paares
keine Anwendung.
Der Magen hat in seiner Form eine grofse Aehnlichkeit
mit dem des Flufskrebses ; und der Darm hat bei einer nur
geringen Dicke eine ansehnliche Länge. Die Leber und die
Innern Geschlechtswerkzeuge habe ich bei den mir übersende-
ten Exemplaren nicht mehr gehörig von einander trennen und
untersuchen können. Das Kerz und die bedeutenden Blut-
gefäfse sind von Thompson recht ausführlich beschrieben
worden.
§. 3. Die in die Bruthöhle gelangten Eier sind kugel-
rund, und enthalten einen goldgelb gefärbten, grobkörm'gen
Dotter: ein Eiweifs scheint zwischen diesem und dem sehr
dünnen, durchsichtigen Chorion nicht vorzukommen, vielmehr
scheinen beide Eitheile einander allenthalben zu berühren.
201
Die Frucht bleibt nicht, wie die der krebsartigen" Thiere aus der
Ordnung der Dekapoden, so lange in dem Eie, bis sie in
ihrer Form schon so vollständig entwickelt ist, dafs sie den
Eltern ähnlich aussieht, nnd bis sie den Dotter beinahe gänz-
lich verzehrt hat, sondern kommt, wie die einiger Isopoden,
z. B. des Asdliis aquaticus und des Bopyriis squdlarum,
oder wie die Frucht der Cyclopiden und Leniaeaden, höchst
unreif und noch beinahe allen Dotter in sich einschliefsend
aus dem Eie, worauf sie dann, wie die meisten Isopodenimi
die Amphipoden, so langfe in der Bruthöhle der Mutter zu-
rückbleibt, bis sie allen Dotter verzehrt und die Form der
Eltern angenoumien hat.
Die erste Bildung der Frucht geht nicht auf eine solche
Weise vor sich, wie die der DeJiapoden, namentlich aus den
Gattungen ylsfacus, Palaemon, Crangon und Eriphia, die
ich auf ihre Entwickeluug untersucht habe, sondern auf eine
ähnliche Weise, wie die erste Bildung der Isopoden im All-
gemeinen. Näher angegeben verhält sie sich folgendermafsen.
W^ährend die Keimhaut über den Dotter sich rasch ausbreitet,
bildet ein Theil von ihr, indem er sich stärker verdickt, einen
ziemlich breiten Gürtel (Primitivstreifen) von dem dann jeder-
seits in der Nähe des Seitenrandes zwei walzenförmige kleine
Zapfen, die Fühlhörner, hervorwachsen. Bald nachdem aber
diese erschienen sind, und ehe noch andere Gliedmafsen sich
bemerkbar machen, zerreifst das Chorion, und es liegt die
Frucht nun innerhalb der Bruthöhle ganz enthüllt da. Sie
hat dann die Form einer dickbauchigen, und mit einem nur
sehr kurzen, spitz auslaufenden und ziemlich stark gekrümm-
ten Halse versehene Retorte, und besteht der Hauptsache nach
aus einem zarten mit Dotter gc\nz vollgestopften, und aus den
beiden Blättern der Keimhaut zusammengesetzten Schlauche.
(Tali. VI. Fig. 1.)
Diejenige Wandung dieses Schlauches , oder eigentlich des
äufsern Blattes desselben, welche die convexe oder längere
Seite desselben ausmacht, ist dicker, als der übrige Theil, be-
steht aus dem oben erwähnten Primitivstreifen, und bezeich-
net die künftige Bauchseite des Thieres. Eine ähnliche Form
zeigt anfangs auch die Frucht derjenigen Isopoden, deren
Keimhaut eine Falte schlägt, >velche sich später zu der Rük-
202
kenseite aushildet, z. B. die von yisellus aquaticus, ojler von
Idothea, Leptosoina, Ligia, Janiia. Dessenungeachtet mufs
ich doch glauben, dafs in den Eiern der Mys'is die Keimhaut
nienmis eine solche Falte macht, und dafs sich also auch,
nachdem das Chorion gesprengt worden ist, die BVucht nicht
auseinanderzAiklappen nöthig hat: denn einestheils habe ich mich
nicht vom Dasein einer solchen Falte überzeugen können, an-
derntheils ist in den Eiern jener Isopoden das Scliwanzende
der Frucht anfangs nicht so scharf zugespitzt, wie das der
Frucht von Mysis, vielmehr beinahe so dick und breit, wie
das Kopfende. Ich vermuthe daher, dafs in den Eiern von
Mysis die künftige Bauchseite, bald nachdem sich die Keim-
haut geschlossen hat, nur einen Halbgürtel bildet, wae in den
Eiern von Cloporta und udrmadillo , dafs aber die Keimhaut
als Ganzes betrachtet, in der verlängerten Richtung dieses
Halbgürtels, indem derselbe an Läjige zunimmt, sich ähnlicher-
mafsen, wie die Frucht der Cyclopiden, an dem einen Ende
stark aussackt, und dadurch die hintere Hälfte der Frucht zu
Stande bringt. Wie dem aber nun auch sein mag, so findet
man, wenn die Eihaut geplatzt ist, die beiden Paare von Fühl-
hörnern in geraumer Entfernung von dem dickern Ende der
Retorte, von der nun die Frucht ein Abbild giebt, also auf-
fallend weit nach hinten (B'ig. 1.), nicht aber so weit nach
vorne, wie bei den Isopoden und ^inphipoden. Hieraus läfst
sich denn entnehmen, dafs für das Kopfstück des Thieres ein
verhältnifsmäfsig viel gröfserer Theil der Keimhaut verwendet
wird, als es bei jenen Crustaceen der Fall ist. Der verdickte
gürtelförmige Theil ferner, oder die künftige Bauchwand, stellt
einen tiefen Nachen dar, und es liegen daher die Fühlhörner,
die in der Nähe des Bordes von diesem Nachen ausgehen,
paarweise weit auseinander. Die Fühlhörner selber, von de-
nen das eine Paar dicht hinter dem andern angeheftet ist, und
von denen das vordere Paar eine etwas geringere Länge, als
das hintere hat, stellen kurze und verhältnifsmäfsig recht
dicke einfache Walzen dar, sind bogenförmig etwas gekrümmt,
und sind mit ihrem freien Ende nach hinten und auch nach
aufsen gerichtet, so dafs sie demnach von der Keimhaut et-
was abstehen.
Der retortenförmige Schlauch, den die Keimhaut darstellt,
203
wächst bedeutend in die Lange, und es wird dabei sein dün-
nerer Theil, der gerade derjenige ist, welcher sich verlängert,
Zugleich immer dicker: der dickere Theil dagegen wird nicht
blofs relativ, sondern auch absolut dünner, worauf denn das
Ganze nach einiger Zeit die Form einer mäfsig langen und
etwas gekrümmten Keule angenommen hat, noch immerfort
aber nach seiner ganzen Länge mit Dotter angefüllt ist
(Tab. VL Fig. 2). Auch dieser Vorgang ist wiederum
ganz in der Weise der Isopoden und Amphipoden, und hat
in der Entwickelung der Dekapoden nicht seines Gleichen.
— Während dessen schreitet die Verdickung der Keimhaut
zwar allenthalben immer weiter nach oben gegen die con-
cave Seite oder die künftige Rückenseite fort. Am meisten
aber geschieht dies einestheils vor den Fülilhörnern, oder an
dem vordem Ende der Frucht, anderntheils an der hintern
dünnern Hälfte der Frucht, welche sich zu dem Abdomen
ausbildet, so dafs in Folge davon diese letztere Hälfte nach
einiger Zeit eine allenthalben beinahe gleich dickwandige und
mit Dotter angefüllte Röhre darstellt. So wie aber die Frucht
in ihrer Entwickelung gröfsere Fortschritte macht, namentlich
an ihr auf Kosten des Dotters sich verschiedene Körpertheile
weiter ausbilden, schwindet der Dotter besonders aus dem ^6-
dome?i, das sich nun immer mehr verengert, häuft sich wie-
der stärker in dem Bruststücke an, von dem die Rückenwand
oder das künftige Rückenschild unter allen Theilen der gan-
zen Leibeswand am dünnsten geblieben war, und bildet hier
nunmehr einen recht grofsen Buckel (Tab. VL Fig. 3).
§. 4. Nehme ich die Wahrnehmungen, die ich an einer
ziemlich grofsen Anzahl anderer Crustaceen gemacht habe, zur
Richtschnur, so niuunt bei Mysis, wie bei den Isopoden,
den Amphipoden und den Lophyropoden, der ganze von
dem Schleimblatte der Keimhaut gebildete Schlauch oder der
ganze nachherige Darmkanal Dotter in sicli auf, nicht aber,
wie es bei den Dekapoden der Fall ist, nur ein Theil dieses
Schlauches, der dann einen besonderen, mit dem Darmkanale
zusammenhängenden und nachher spurlos verschwindenden
Dotiersack darstellte. Aufserdem aber hat es mir noch schei-
nen wollen, als entstände inueriialb des nachherigen Brust-
stückes aus jenem Schlauche jederseits, wie bei den Amphi-
204
jjoden und ihn meisten IsopoJen., eine Ausstülpung, die ei-
nen Theil des Dotters in sicli aufnälune, bedeutend sich ver-
gröfserte, hauptsächlich den oben erwähnten Buckel zu Wege
brächte, und sich nachher, wenn der Dotter aus ihr ver-
schwunden ist, zu einer Leber lun wandelte. Habe ich mich
hierin nicht getäuscht, so bildet sich bei Mysls auch die-4je-
ber auf eine durchaus andre Weise, als bei den DßZiöpo Jen.*)
§. 5. Wenn sich der retortenförmige Körper der Frucht
in einen keulenförmigen umzuwandeln beginnt, entsteht von
den äufserlich bemerkbaren Organen, nach den schon vorhan-
denen Fühlhörnern, zuerst der Fächer des Schwanzes. Zwar
erscheinen Anhängsel des Schwanzes auch bei vielen andern
Crustaceen schon sehr zeitig; bei keinem jedoch habe ich sie
so frühe schon so weit ausgebildet gesehen, wie bei Mysis.
Ist aber die erste Anlage des Fächers schon zu erkennen, so
fällt auch jederseits dicht vor den Fühlhörnern eine stärkere
Verdickung der Leibeswand auf, die den Boden oder die
Grundlage eines Auges bezeichnet, und ist dieses Organ in
seiner Entwickelung ein ^venig weiter vorgeschritten, so las-
sen sich auch schwache Anlagen für die Beine erkennen.
*) Bei den völlig erwachsenen Exemplaren von Mysis kommt
dicht hinter dem niäfsig grofsen, unregelmäfsig rundlichen und mit
einem aus zarten knöchernen Platten bestehenden Gestelle versehe-
nen Magen, zwischen diesem und dem grofsen, sehr muskulösen und
unregelmäfsig ovalen Herzen, eine ziemlich grofse, weiche, körnige
Masse vor, deren kleine rundliche Körner durch vieles Schleim-
gewebe unter einander verbunden sind. ^Vohl zum gröfsern Theile
macht dieselbe höchst wahrscheinlich die Leber, zum kleinein Theile
den Eierstock oder Hoden aus. Etwas Bestimmteres wird sich hier-
über nur durch die Untersuchung frisch gefangener Exemplare er-
mitteln lassen; jedenfalls aber besteht die Leber hei Mysis weder aus
einigen -wenigen langen und mit Fett getränkten blinddarmartigen An-
hängen des Dai-mkanales, wie liei den Isopoden und Amp/upoden, noch
aus einer Menge kleiner kurzer Blinddärmchen, wie bei den höhern
Dekapoden. — Der Darm geht theils unter jener Masse, mit der sein
Anfang zusammenhängt, theils unter dem Herzen, das gleichfalls im
Thorax seine Lage hat, geradesweges nach hinten fort, und erstreckt
sich darauf durch den ganzen sehr muskulösen Hinterleib. Vom Ma-
gen bis zu dem Hinterlcibe verjüngt er sich mäfslg stark, im Hin-
terleibe aber behält er allenthalben eine ziemlich gleiche Dicke: im
Ganzen jedoch ist er nur sehr dünne.
205
Für das Aucfe (Fig. 2 und 3 «i) wird an dor Scitcnwand
der Frucht ein recht breiter Boden angelegt. Es erhebt sich
dasselbe aus der erwähnten Wand , indem sich diese an einer
Stelle nach aufson verdickt, wächst, wie bei <len Dcliapodcn,
glieduiafsenartig hervor, nimmt in der letztern Hälfte des Frucht-
lobens die Form eines kurzen Kolben an, färbt sich darauf
an seiner dickorn oder äufsern Hälfte braun, wird an dieser
liälfte deutlich facettirt, und ist, selbst am Ende des Frucht-
lebens (ehe das junge Geschöpf die Bruthöhle der Mutter
verläfst), verhältnii'smäfsig bedeutend gröfser, jils bei den Er-
^vachsenen. Ehe es sich färbt, liegt es, wie das seitliche oder
gröfsere Auge des Branchipus und der Artemia, seitwärts,
und ist mit seinem freien Ende nach aufsen und oben gerich-
tet, wann aber aus dem Kopfstücke der Dotter verschwindet,
und dieser Körpertheil schmäler und dünner wird, nähert es
sich dem gleichen Organe der andern Seitenhälfto, von dem
es anfangs weit entfernt lag, immer mehr, kommt scheinbar
' nach vorne zu liegen, und richtet sich mit seinem freien Ende
nach vorne hin.
Die Fühlhörner, die von allen gliedmafsenartigen Orga-
nen zuerst entstehen, nehmen auch am raschesten und meisten
an Gröfse, besonders aber an Länge zu. Geraume Zeit er-
scheinen sie, in welchen Lagen man sie auch betrachten mag,
ganz einfach walzenförmig, nicht, wie etwa beim Flufskrebse,
kolbenförmig und an dem Ende mit einem Ausschnitte ver-
sehen: dann aber wächst seitwärts aus jedem ein Fortsatz
hervor, der sich nun an dem hintern Fühlhorne zu dem blatt-
artigen Anhängsel, an dem vordem zu der einer Geifsel um-
wandelt. Alle Fühlhörner rücken endlich aus derselben Ur-
sache, wie die Augen, paarweise einander näher und kommen
mit ihrer Grundfläche scheinbar mehr nach vorne zu liegen.
"Wie die Fühlhörner bilden sich paarweise in weiter Ent-
fernung von einander, nämlich an den Seitenwänden der Frucht,
jedoch ebenfalls näher der convexen, als der concaven Seite
des Körpers, mehrere andere Gliedmafsen. Sie alle haben ur-
sprünglich dieselbe Form, und zwar erscheint »eine jede anfangs
unter der Form von zwei gleich grofsen, überhaupt einander
ähnlichen Walzen, die von einem nur sehr kurzen dickern
Theile, wie von einer gemeinschaftlichen Basis, oder einem
206
Stiele, ansgohen. Die Stiele liegen an jeder Seitenhälfte in
einer Reihe dicht hinter einander, und es beginnt die Reihe
dicht hinter den Fühlhörnern. Die vordersten entstehen zu-
erst, die hintersten zuletzt, und wenn die Reihe vollzählig ge-
worden ist, so kommen jederseits acht solche Gliedmafsen vor.
Die sechs hintersten sind Beine, die übrigen aber Kieferfüfse.
Alle liegen in früherer Zeit nach ihrer ganzen Länge der Sei-
tenwand des Leibes dicht an, also nicht blofs mit ihren Stie-
len, oder den künftigen Hüftstücken, sondern auch mit ihren
walzenförmigen Fortsätzen oder Ae«ten, die paarweise von
je einem Stiele abgehen, und von denen übrigens der eine
nicht an der äufsern Seite des andern, wie bei den Erwach-
senen, seine Lage hat, sondern dicht hinter dem andern. Mit
ihren Enden sind sie schräg nach unten und hinten gekehrt.
Verlängern sie sich darauf, so krümmen sie sich bogenför-
mig ein wenig, wobei sie jedoch noch immer dicht an der
Leibeswand angeschlossen bleiben, und kommen mit ihren En-
den an der untern Seite des Leibes paarweise einander näher.
Etwas später aber spreizen sie sich auseinander und es rük-
ken dann ihre Hüftglieder, wenn gleich nicht wirklich, so doch
scheinbar einander näher, weil nämlich während der letzten
Zeit des Fruchtlebens die ßauchwand, wie überhaupt die ganze
Frucht, zwar bedeutend an Länge, jedoch nur wenig oder
gar nicht an Breite zunimmt. Inzwischen nehmen die beiden
walzenförmigen und lange Zeit ungegliederten Anhängsel oder
Aeste eines jeden Hüftgliedes auch eine verschiedene Form
an, und es wandelt sich das eine in ein Bein oder ein Kiefer-
bein , das andere in eine damit verbundene Geifsel um. Ueber-
dies erhalten auch die einzelnen Gyedmafsen in ihrer Tota-
lität betrachtet, etwas verschiedene Längen und Formen. Dem-
nach verhalten sich die Beine und Kieferbeine bei der 3fysis
zwar in ihrer ursprünglichen Lagerung ganz so, wie bei den
Isopoden und Amphipoden, nicht jedoch auch in Hinsicht
ihrer Form, da sie bei diesen Thieren ganz einfach, nicht aber
getheilt, entstehen und auch so verbleiben. In Ansehung der
Form sind ihnen die gleichnamigen Organe bei den Dekapo-
den einige Zeit nach ihrer .Entstehung ähnlicher, weil nämlich
an einigen von diesen Organen aus dem Hüftgliede noch ein
207
Anhängsel' liervorwächst, das sich zu einer Kieme oder aber
zu einem sogenannten Palpus flagellifonnis ausbildet.
Die Oberlippe wächst zwischen den Fühlhörnern als eine
dicke Warze hervor. Die MandHieln erscheinen etwas hinter
ihr, und zwar eine jede gleichfalls unter der Form einer Warze.
Ueber die Entstehung und Entwickelung der Maxillen habe
ich Nichts erfahren können. Walirscheinlich aber bilden sie
sich später, als alle oben genannten Gliedmafsen.
§. 6. Wenn die Beine schon eine mäfsig grofse Länge
erreicht haben, ist der Hinterleib oder Schwanz nur erst sehr
kurz, so dafs die Frucht auch dann noch hauptsächlich aus
dem Kopf- und Bruststücke besteht. In der letztern Hälfte
des Fruclitlebens aber gewinnt jene Abtheilung des Leibes
eine bedeutende Länge, erhält in Ansehung derselben das Ueber-
gewicht über die beiden andern Abtheilungen und gliedert sich
in sieben hinter einander liegende lang ausgezogene Ringel.
Gegen das Ende des Fruchtlebens entstellen dann auch die
kleinen dem Hinterleibe angehängten Afterbeine. Die äufsern
männlichen Geschlechtswerkzeuge dagegen, die gleichfalls mit
dem Hinterleibe verbunden sind, mögen sich, wie diefs über-
haupt bei den Crustaceen, wo sie vorkommen, der Fall ist,
erst sehr viel später bilden. W'ahrscheinlich geschielit diefs
durch gröfsere Entwickelung des einen Paares der Afterbeine.
Der Fächer des Hinterleibes kommt, wie bereits bemerkt
worden , schon sehr frühe zum Vorschein. Zuerst aber ent-
stehen seine beiden Seitentheile, und von diesen besteht ein
jeder aus zwei länglichen höchst zarten, ganz durchsichtigen,
und schon sehr frühe mit etliclien Borsten verseheneu Blättern,
die beide eine geraume Zeit einander so dicht anliegen, und
einander zum Theil so decken, dafs es schwierig ist, sie von
einander zu unterscheiden. Beide Seitentheile lassen recht
lange einen kleinen Ausschnitt zwischen sich bemerken, wie
das auch bei den Dekapoden eine geraume Zeit hindurch,
und bei vielen niedern Crustaceen zeitlebens der Fall ist. In
der letztern Hälfte des Fruchtlebens aber wächst da, wo sich
jener Ausschnitt befindet, aus dem Ende des Schwanzes ein
mittleres unpaares Blatt hervor, wodurch nun der Fächer ver-
vollständigt wird.
§. 7. Ehe die Frucht oder Larve die Bruthöhle der Mut-
208
ter verläfst, wird der Dotter bis auf den letzten Rest aufge-
zehrt. Nicht jedoch erhält sie innerhalb dieser Höhle den
Stoff zu ihrer Entwickelung nur allein aus dem Dotter, son-
dern auch, wie diefs gleichfalls bei andern mit einer solchen
Höhle versehenen Crustaceen geschieht, aus einem Sekrete,
das die Wandung der Höhle ausscheidet. Dafür spricht eines-
theils der Umstand, dafs man nach der Einwirkung von Wein-
geist innerhalb der Bruthöhle, aufser den Früchten, auch noch
eine grofse Menge von äufserst kleinen, unregelniäfsig geform-
ten, und anscheinend aus Eiwcifs bestehenden Körnern gewahr
wird, anderntheils die Erscheinung, dafs die reifen Früchte um
ein sehr bedeutendes gröfser sind, als die Eier, aus denen sie
ihre Entstehung nahmen.
Ist die Frucht so weit gereift, dafs sie die Bruthöhle der
Mutter verlassen kann, so sind mit Ausnahme der äufsern Ge-
schlechtsgiieder alle Organe, die bei den Erwachsenen äufser-
lich vorkommen, auch bei ihr schon vollzählig vorhanden, imd
es lassen sich dann in der Form des ganzen Körpers, wie in
der Form der einzelnen aufserlich sichtbaren Theile desselben,
zwischen den Jungen und den Erwachsenen nur sehr wenige,
und nur geringe Unterschiede auffinden.
§. 8. Dem Angegebenen zu Folge beginnt also die Ent-
wickelung von Mysis, wenn wir auf die Form der ganzen
Leibeswand und des ganzen Schleimblattes der Keimhaut, so
wie auf die hiedurch bedingten Lagerungsverhältnisse der ein-
zelnen Organe sehen, nach einem Plane, der weit mehr mit
dem der Isopoden, Awphipoden und LopJijropoden, als mit
dem den Dekapoden zürn Grunde liegenden übereinstimmt.
Die Form der einzelnen Organe dagegen richtet sich gleich
von Anfang an umgekehrt mehr nach dem für die Dekapoden,
als nach dem für die Isopoden, Amphipoden und Lophyro-
poden gültigen Plane. Und da nun späterhin, wenn der Dot-
ter verschwindet, bei allen Crustaceen die Lagerungsverhält-
nisse der einzelnen schon vorhandenen Organe, wie verschie-
den sie auch bei diesen verschiedenen Thieren ursprünglich
sein mochten, sich ausgleichen und einander ähnlich werden,
so läfst sich aus dem Angeführten erklären, woher es kommt,
dafs die Mysis-Arten im Zustande ihrer Reife den Dekapoden,
denen*sie ursprünglich im Ganzen genommen sehr unähnlich
209
waren, weit ähnliclior sind, als irgend welchen andern Crusta-
ceen. Wie dem nun auch sein mag, so geht aus der kurzen
und fragmentarischen Eutwickelungsgeschiclite, die ich hier
gegeben habe, so viel hervor, dafs Mihi e -Edwards und nach
ihm Latreille mit Recht die Gattinig Mysis von den Deka-
poden abgetrennt haben, üb sie al)er richtigerweise von die-
sen Gelehrten in die Ordnung der Slomatopoden übergeführt
worden ist, wird eine künftige Eutwickelungsgeschiclite der
Scjiiillen, die den Stamm der Slomatopoden ausmachen, der-
einst lehren. Mir will diese Ordnung, wie sie jetzt von Milne-
Edwards zusammengesetzt und hingestellt worden ist, nicht
ganz natürlich scheinen.
§. 8. Zum Schlüsse dieses Aufsatzes will ich noch aus
Thompson 's oben erwähntem Werke die Bemerkungen wört-
lich angeben, die sich auf die Entwickelung der Mysis vulgaris
beziehen, da sie einige der von mir hier mitgetheilten bestäti-
gen, jenes W^erk aber, das eine Menge höchst schätzbarer
Betrachtungen über niedere Crustaceen enthält, in Deutschland
nur wenig gekannt zu sein scheint,
The first change, which is perceptible in the ova aftcr
their reception into the maternal pouch, is a slight elongatioa
at one end, and the appearance of two short members at each
side; this elongation which proves te he the tail, increasing
in length, shortly after, becomes forked at the end, accom-
panied by a proportional growth in the four lateral members,
an which arc the rudiriients of the two pairs of antennae in
the perfect animal, the embryo going on thus with a progres-
sional developement from day to day, Legins to assume a more
complete form, and an approximation to that of the parent, in
which stage the divisions of the abdomen, the tail, the pedun-
culate eyes, and the various members are sufficiently distinct:
a still more close resemblance to the perfect animal is attain-
ed before the young are finally excluded: — the slight dif-
ferences which they now present — affect only the inner rows
of feet, the sub-abdominal fins, the outer antennae and te tail:
the first of these, in place of the mnlti-articulate termina-
tion — have but one or two short joints and a curved claw,
supperadded to the end of tibiae, and hence this division of
the liiub is shorter in proportion; the sub-abdominal fins
V. Jahrg. 2 Band. \Ar.
210
consist only of a linear Joint surmonnted by a few bristly
liairs; thc outer antennae differ in no other respect, than in
the ciliated seale, which is attached to tlieir base, he'ing sliorter
and less developed, as is also the brush of hair in themalcs;
the three intermediate scales of the tail are proportionably
shorter, but yet present the character peculair to the species,
in their form, indentations, and appendages.
Erklärung der Abbildungen.
Fig. 1. Eine sehr junge Frucht, die unlängst erst das Chorion
von sich abgestreift haben mochte.
aa. Die Bauchwand des Leibes;
bb. Fühlhörner;
c. Der Fächer des Schwanzes, der, von der Seite angesehen,
seiner Dünnheit wegen nur als ein sehr zarter Strich erscheint.
Fig. 2. Eine etwas ältere FVncht.
a—c. Wie in der vorigen Figur. Hinter den Fülilhörnern zeigten
sich bei einer Seitenansicht an der Bauchwand mehrere von
oben nach initen herablaufende sehr zarte Wülste, die ersten
Andeutungen der Kieferbeine und Beine.
Fig. 3. Eine noch ältere Frucht.
«. Auge ;
b. Oberlippe;
cc. Fühlhörner;
ddd. Beine und Kieferbeine;
e. Hinterleib ;
f. Fächer.
Fig. 4. Der Kopftheil der in Fig. 2 abgebildeten Frucht von
der untern Seite angesehen.
aa. Fühlhörner ;
b. Oberlippe;
cc. Kinnbacken in ihrer ersten Anlage.
Fig. 5. Der hinterste Theil des Hinterleibes.
a. Mit seinen warzenförmigen Enden;
bb. An denen sich die Seitenblättchen des Fächers cc. befinden.
Es gehörte dieser' Theil der in Fig.'2. abgebildeten Frucht an.
Botanische JV o t i z e ii
von
Dr. M. J. Schieiden.
(Hiezu Taf. VII.)
1. Ueber die Blüthe der LorantJiaceen.
Alle bisher in den Handbüchern gegebenen Beschreibungen
der wesentlichen Bliithentheile dieser Familie entsprechen so
durchaus nicht der Natur, dafs ich, da die Sache kürzlich von
Decaisne in der Pariser Akademie angeregt worden ist, auch
meine geringen Beiträge nicht zurückhalten will. —
Ich beginne mit der am genauesten von mir untersuchten
Art, nämlich Visciim alhum. — Es gehört bei dieser Pflanze
zur habituellen Eigenthümlichkeit, dafs sie an jeder Axe nur
ein Blattpaar und zwar von der Basis an gerechnet das zweite
vollkommen ausbildet; das untere Paar sind kleine kaum
sichtbare Schuppen, in deren Achseln neue Knospen entstehen,
die obern 1 — 2 Blattpaare dagegen bleiben rudimentär und
tragen als Bracteen in ihren Achseln kurz gestielte weibliche,
oder sitzende männliche Blüthen. Da aufserdem die Terminal-
knospe auch zu einer Blume wird, so besteht die Inflorescenz
aus einer drei- bis fünf-blüthigen Aehre. Indefs wird diese
Regelmäfsigkeit nicht selten durch Fehlschlagen einzelner Blu-
men , oder Blumenpaare (z. B. sehr oft des obersten Paares)
oder besonders bei den männlichen Blüthen, durch Verwachsung
mehrerer jBlüthen und andere Monstrositäten gestört. Jede
einzelne Blüthe selbst ist nun wohl die einfachste Form, in
der die Blume vorkommen kann, sie besteht aus zwei in einen
Kreis zusammengedrängten Blattpaaren, die in der männlichen
14*
212
Bliitlio in Antlioren nmgovvandolt sind, hol der weihliclien da-
gegen eine kelchartigc Beschaffenheit haben. Anfserden» findet
sich in der Mitte der weihlichen Blütlie das Ende der Axe
als ein kleines Wärzchen, einen nackten, atropen, nucleiis
darstellend. Der Embryosack bildet sich hier in dem durch
Farbe rmd Consistenz deutlich unterscheidbaren Marke des
Stengels {pedunculus). Die Pollenkörner, die hier natür-
lich unmittelbar auf den niicleus fallen, treten sehr häufig zu
mehreren ein und bilden so die mehreren Embryonen. Das
grüne Albumen ist endosperm, d. h. F^üllmasse des Embryo-
sacks. Die sogenannte Beere ist nichts als der saftig gewor-
dene pedunculus, dessen Gewebe stetig in das härtere der
scheinbaren Saamenhaut übergeht, welche zu äufserst ans einem
gar zierlichen Netz von zarten Spiralgefäfsbündeln gebildet
wird. — Ob man die vier Blattorgane der weiblichen Blüthe
nun offne Karpellblätter, abortirte Staubfäden, Blumenkrone
oder Kelch nennen will, ist am Ende ganz gleichgültig.
Alle diese Namen bezeichnen ohnehin gar nichts positives, was
man absolut oharacterisiren könnte, sondern immer nur eine
Relation auf ein anderes neben ihnen vorhandenes Organ. —
Krone oder Kelch sind aber nur da vorhanden, wo beide als
etwas verschiedenes neben einander vorkommen, einen anderen
durchgreifenden Unterschied, als den, der in dem räumlichen
Gegensatz liegt, giebt es gar nicht, und jede einfache Bluraen-
hiille ist weder Kelch noch Krone, sondern eben nichts als
eine einfache Blinnenhiille. Es tritt hier derselbe Fall ein
wie bei den Ausdrücken Tesla und memhrana interna. In
beiden Fällen hat man sich vergebens bemüht eine Definition
aufzustellen, wonach man entscheiden könnte, welcher von
beiden Theilen vorhanden sei, wenn einer fehlt. Die Natur
spottet aller dieser Versuche.
Die männliche Blume nun von Viscinn besteht, wie ge-
sagt, ebenfalls aus vier Blattorganen, die aber sämmtlich in
Antheren verwandelt sind. Die regelmäfsige Form der An-
there pflogt auch hier zweifächerig und vierzellig zu sein.
Jede Zelle' ist aber noch durch Querwände in eine Anzahl
kleinerer Fächer abgetheilt und in Folge der oben schon er-
wähnten Monstrositäten kommt selten eine ganz regelmäfsige
Anthere vor, indem sie häufig 3 — 5 Fächer neben einander
213
haben und auch wohl einzelne überzählige Zellen hinzukommen. —
Nach Vorstehendem wiinle aLso die liesehreibung der IJliithe
von Jisciim alhiim so lauten: (cf. Fig. 1 — 4.)
lii/l or esc eilt ia spica tcrm'malis paiicißüva, ßorihus
hraclea sijiiainaej'onni sufjullis^ rachi incrassata. Flui es
(liuici.
Fl OS fcmineus hreviler pcditncuJatiis. Verianlhium
tetramermn herhaceiun. Slamina 0. Ovarium i). Ovu-
lum uudum unicuin erecluin, alropum, ex luicleo nudo
cunslans.
Flos masculus sessilis. PciiantJiium 0. Stamina 4.
filamenta 0. Atiiherae, connectivo crasso hevhaceo, hilp-
cularcs, quadri-loceüalac, JoceUls septorum transversonnn
ope pluri-cellulalis- PoUinis membiana e.iierna muricata^
Irihus plicis poiisque noiafa.
Fructiis drupa spuria ex peduuculo succulenio for-
mata, supenie cicutriculis ßoris notala, semeu luiicum fo-
vens scminis integwnentum spurium ex stralo intevno
pedunculi formafum, ideoque albumen (^endospennium)
iiudum viride, emhryo cylindricus , dicutylis, ladicula
supera.
Von T^iscum album weicht nun die weibliche Bliithe
von ?^. verUcillatum aufser der Dreitheiligkeit des Ferianlhimn
eigentlich nur in der luflorescenz ab, da in gradem Gegen-
satze zu Viscum alhum hier niir die Axillarknospen, nie
die Terminalknospen zu Bliithenaliren werden. Ja selbst an
den einzelnen ßlüthenähren ist die Spitze der racliis steril,
also keine Terminalblume vorhanden. — Die Spica besteht
hier aus drei Paar Braefeeu, von denen das obere Paar nur
je eine Bliithe hat, die beiden andern aber je drei, die zu
Jjceren ausgewachsen grade wie die Blüthen der Labialen
einen verticillus spurius bilden. Alles übrige, auch die llolz-
struktnr dieser Pflanze, stimmt mit Vis cum album \ö\[ig über-
ein. Männliche Pflanzen standen mir indefs nicht zu Gebote.
Bei Loranihus Qdeppeauus) findet man nun zvvar eine
ganz gewöhnliche Holzstruktur, die Bliithe aber zeigt im We-
sentlichen die enge Verwandtschaft mit Viscum. Die Bliithe
ist hermaphroditisch, hat ein titheiliges Perianthiuni dessen
Lappeu 6 Anthereu auf kurzen Filamenten gegenüber stehen '
214
und angewachsen sind. Aufserdem ist noch ein obsoleter
Kelchrand vorhanden, — In dem Bau des Ovulums weicht
nur darin Loranthus von K. ab, dafs die Spitze des nucleus
{Mamelon d'impregnatioji Brog.^ hier so lang- ausgezogen
ist, dafs sie die Form eines Stylus sehr täuschend nachahmt.
Die Bliithe hat übrigens ebenfalls einen kurzen dicken pedwi-
culus, der als ovarium inferum erscheint, ohne es zu sein
und der später ebenfalls die falsche Frucht bildet, da in ihm
sich der Embryosack und später der Embryo entwickelt.
Vielleicht wäre bei dieser Familie der Ausdruck Ovulum
inferum, aut semiinferum zweckmäfsig, \\m die eigenthüm-
liche Bildung kurz auszudrücken.
Vergleicht man nun diesen höchst einfachen Bau der
Bliithentheile, namentlich das Ovulum nudum, die Antheren-
bildung bei Viscum und manche andere Eigenheiten, mit
den bekannten Pflanzenfamilien, so kann man sich nicht ver-
hehlen, dafs man nirgends gröfsere Analogien dafür findet, als
in der Familie der Coniferen, und dafs die Loranihacecn auf
diese Weise in einer parasitischen Form den Uebergang von
den Zapfentragenden zu höher entwickelten Familien ver-
mitteln.
2. lieber die morphologische Bedeutung der
Flacenta.
Ich habe in einem frühem Aufsatze (dieses Archiv 1837.
Bd. 1. pag. 303 sqq.) schon meine Ansicht ausgesprochen,
dafs die Placenta ganz allgemein als ein Avengebilde anzu-
sehen sei. Meyen hat in dieser Zeitschrift (1838.' Bd. IL
Jahresbericht pag. 146.) dagegen vier Arten der Placentation
aufgeführt, und nennt als die häufigste wiederum die Entwicke-
lung der Ovula am Rande des Carpellblattes. Beispiele hat
er keine angeführt, ich kann also auf seine Ansicht nicht näher
eingehen. Dagegen will ich hier etwas ausführlicher meine
Ansicht zu begründen suchen.
Zuerst mufs ich mich nochmals dafür aussprechen, dafs
(die Placentation, die eben streitig ist, bei Seite gesetzt) in
der phanerogamen Pflanzenwelt beim normalen Wachsthums-
procefs (einige ganz vereinzelte Ausnahmen abgerechnet) die
allgemoijie Regel ist: „dafs nur Axengebilde und nicht Blätter
215
Knospen erzeugen." Meyeii hat dem in der angeführten
Stelle widersprochen, iiber ebenfalls ohne Gründe dafür anzu-
geben. Ich glaube aber, dafs 'ich stets, mau möge nun Fa-
milien, oder Genera oder Specie» zählen, -^^ aller Phanero-
gamen für meine Behauptung in Ansprucli nehmen darf, selbst
wenn ich Meyen alle die Fälle noch zugestehe, wo das
Knospen der Blätter offenbar eine Abweichung von der nor-
njalen Entwickelung der Spedes ist, au der sie beobachtet
wurde, eine Abweichung, die sich übrigens, wie icli schon in
jenem frühern Aufsatze entwickelt, sehr gut aus einer richti-
gen Theorie der Fortpflanzung erklärt. Ich gehe also wohl
nicht mit Unrecht von der Ansicht aus, dafs bei vorurt heils-
freier Betrachtung die Präsumtion für die Axennatur der
Placenta spricht , so lauge man nämlich die Ovula als Knos-
pen betrachtet.
Untersuchen wir nun, in wiefern die Entwicklungsgeschichte
der Ovarien dieser Voraussetzung das Wort redet, so ünden
wir folgende Fälle:
1) Bei allen Familien mit ovidis hasilaribiis ist die
Placenta ohne Zweifel das Ende der Axe selbst. Hierher
gehören die Gramineae, bei denen das Ovulum nur schein-
bar lateral ist, die Cypeiaceae, Pistiaceae, Avoideae partim,
Piperaceae, Cupressineae, Tuxineac, Loranfhaceae, Myri-
ceae, Urticeae, luglandeae, Chenupodieae, Polygoncae,
Nyclagineae etc.
2) Bei allen Familien mit mehrfächerigen Ovarien, die
1 oder 2 Ovula im Innern Winkel der Fächer haben, kann
man das Entstehen der Placenta aus der Axe leicht verfol-
gen, z. B. bei den Aroideae partim, Alismaceae, Palmeae,
Boragineae, Lahiatae, Gerauiaceae, Limnanthaceae, Tro-
paeoleae, Phytolucceae, Euphorhiaceae, Malvaceae etc.
3) Alle Familien mit äcliter placenta centralis lihera
haben eine Placenta aus der Axe gebildet. Hierher gehören
Myrsineae, Primulaceae, Amarant haceae, Santalaceae,
lllecebreae, Alsineae, Sileneae, Portulaceae, Pluinhagi-
neae etc.
4) Bei denjenigen Familien, wo man bestimmt die Pla-
centa als einen von den Carpellblättern verschiedenen Theil
nachwachsen und gewöhnlich jene vereinigen sieht. Hierher
216
gehören rlie Resedaceae , Fwnanaceae, Cruäferae, Abie-
iineae etc., besonders für die Resodaceen kann ich mich hier
auch auf die schärfsten, riickschreitenden Metamorphosen be-
rufen, die mir grade vorliegen und beweisen, dafs die Placen-
ten hier die Axillarzweige der Carpellblätter sind, die sich
gleich bei ihrem Ursprünge seitwärts beugen und mit den
Rändern je zweier Carpellblätter verwachsen. — Dasselbe ist
nun aber auch für die Abietineen klar; die von Rob. Brown
fiir ein offenes Ovarium gehaltene Schuppe ist offenbar die
Axillarknospe des unter ihr stehenden zarteren Carpellblattes
und kann schon deshalb kein Blattorgan sein, weil ein Folium
in axilla folii in der ganzen Pflanzenwelt durchaus ohne
Beispiel ist.
5) Das ächte Ovarium infermn *) wird durchaus gar
nicht durch Carpellblätter gebildet, sondern einzig und allein
von der Axe, die hier eine ähnliche Form annimmt, wie bei
'Erciis. — Die Carpellblätter dienen hier allein dazu, den Siyliis
und das Stigma zu bilden, ja meist ist selbst die Eiliöhle bei
diesen Pflanzen schon ziemlich vollständig ausgebildet, ehe
noch eine Spur von den Carpellblättern zu entdecken ist.
Hierher gehören die Avarineae, UmheUiferae, Onagreae,
Compositae, Irideae, Amarillideae, Bydrocharideac etc.
Wahrscheinlich bei allen ovariis uiülocularihus infcris sind
die Placenten nicht abwechselnd mit den Stigmalappen, oder
was dasselbe ist, den Carpellblättern, sondern diesen antepo-
nirt, von Blatträndern kann also hier schon durchaus nicht
die Rede sein.
Wenn man nur die zu den vorstehenden Familien (die
sich noch viel vermehren liefsen, da ich nur solche angeführt
habe, von denen ich nach eigener Untersuchung der vollstän-
digen Entwicklungsgeschichte urtheilen konnte) gehörigen Spe-
cies zusammenzählt, so zweifle ich nicht, dafs man schon
über die Hälfte der phanerogamen Pflanzen erhält, bei denen
ohne Zweifel die Ovula aus der Axe entspringen. Es ist also
*) Sehr liiervon versrhieden ist die Epigynie der Pomaceae, wo
sich die Ovarien aus wahren CarpellbLättern bilden , wie bei Rosa.
Der Unterschied zwischen Rosa und Pi/rns etc. besteht nur darin,
dafs der hohle Stengel sich bei Pyrns noch fester schliefst, fleischig
Wird und mit den Carpellblättern wirklich verwächst.
217
klar, <lafs hier nicht von einigen Ausnahmen, sondern von
einer /lemlich durch greifenden Gesetzmäl'sigkeit im Pflanzen-
organisnms die Rede ist. Von den noch übrigen Familien
wird aber wohl ein grofser Theil wegen Gleichheit des Baues,
wegen inniger Verwandtschaft auch noch hierher gehören, nur
sind dieselben bis jetzt noch nicht in dieser Beziehung unter-
sucht worden.
Es bleiben aber immer noch einige Familien iil)rig, wo
sich bestimmt die Ovula an den Rändern eines scheinbaren
Carpellblattes bilden, sowohl bei centniler als bei parietaler
Placentation. — AVie will man aber nachweisen, dafs dieses
Blattorgane und nicht vielmehr blattartig ausgebreitete End-
zweige sind? Hier nun meine Gründe für die letzte Ansicht.
a. Erstlich spricht das Gesetz der Sparsamkeit, das
wichtigste, durchgreifendste und zwingendste in aller Nc*tur-
forschung dafür, soviel als möglich die Zahl der Erklärungs-
gründe zu beschränken und jede }lypothese zu verwerfen, wo
sie nicht unumgänglich nothwendig ist. — Nun ist aber in
den oben angeführten Fällen die Axennatur der Placenta
ganz aufser Zweifel und die meisten jener Fälle liefsen sich
auch nicht auf die aller erzwungenste Weise auf eine Blatt-
placentation zurückführen. In den noch übrigen Fällen dage-
gen sind beide Arten der Erklärung gleich an\vendbar und
möglich und deshalb ist schon aus den Gesetzen einer gesun-
den Naturphilosophie, die in Zweifel immer sich für Einheit
des Typus entscheiden wird, hier die Bedeutung der soge-
nannten Carpellblätter als blattartig gewordener Zweige an-
zunehmen.
1). Die wichtigste Frage, die sich dabei aufwirft, ist die;
Haben wir kein absolutes, überall anwendbares Unterschei-
dungsmerkmal zwischen Blatt und Axe?
Ein solches haben wir allerdings in der Entwicke-
lungsgeschichte und zwar dassell)e, welches schon eben so
geistreich, als glücklich von Rob. Brown bei Deutung der
männlichen Euphorbienblüthe angewendet ist. Die Entwicke-
lung des Blattes und des Stengels ergiebt nämlich als Resultat,
dafs bei ihnen das Wachsthum d. h. die Zellenbildung in einem
directen Gegensatze stehen , indem sie beim Blatte von der
Spitze zur Basis fortschreitet, bei ihm die bildende ThätigKcit
218
am frühesten in der Spitze erlischt, daher die Zellen der
Spitze die ältesten sind, während bei der Axe grade das Ge-
gentheil Statt findet. Nun spricht eigentlich schon die Ent-
wickelung der Ovula an dem schon ziemlich ausdebildeten Or-
gan zur Geniige für die Axennatur, da selbst blofse Einker-
bungen an Blättern sich früher entwickeln, gleich nämlich so
wie das ßlatt aus der Axe gleichsam hervorgeschoben wird,
nie aber hinterher. Aber mehr noch als das spricht dafür
ein anderer viel schlagenderer Umstand, auf den so viel ich
weifs, bis jetzt noch gar nicht aufmerksam gemacht ist. Bei
allen ächten Carpellblättern entwickelt sich erst das Stigma,
dann der Stylus und dann das Ovarium, und oft erst viel
später beginnt an der Piacent a die Eibildung, bei den schein-
baren Carpellblättern aber, mit denen wir es hier zu thun
haben, ist es grade umgekehrt; hier entwickelt sich erst das
Ovarium, dann beginnt die Eibildung, dann wächst allmälig
der Stylus aus und zuletzt entwickelt sich das Stigma; statt
vieler Beispiele beziehe ich mich hier nur kurz auf die voll-
ständige Eutwickelungsgeschichte bei Lupinus die Dr. Vogel
imd ich in einem Aufsatz in den Leopold. Carol. Akten
(Vol. XIX. P. 1. pag. 61 sqq.) geliefert haben. Ich sehe hierin
«len unabweisbarsten Grund; diese angeblichen Carpellblätter
für blattartige Zweige zu erklären.
c. Es könnte hier erstens ein sehr auffallendes Beispiel
als Einwurf von den Cycadccii hergenommen werden, denn
es ist hergebraclit, die Inflorescenz von Cycas für ein ver-
kümmertes Blatt zu erklären. Dieser Einwurf ist aber zur
Zeit noch ganz unbrauchbar. Es hatte sich nämlich von An-
fang an ein so blindes Vorurtheil für die Analogie mit den
B'arren inid die Zurückführung der weiblichen Blüthe auf einen
verkümmerten Wedel aller Botaniker bemächtigt, dafs leider
keiner, der Gelegenheit dazu hatte, sich die Mühe nahm, die
aller erste und wichtigste Frage zu entscheiden, ob das an-
gebliche verkünnnerte Blatt nicht aus der Achsel eines Blattes
hervorkonunt und somit seine Zweignatur ganz ohnzweifelhaft
zu erkennen giebt. Verhält os sich aber so, wie ich zuver-
sichtlich glaube und wofür allerwege die so nahe Verwandt-
schaft niit den Ahietinecn spricht, so ist dieses Vorkommen,
219
weit entfernt ein Einwand zu sein, vielmehr eines der glän-
zendsten Beispiele für die Richtigkeit meiner Ansicht.
Einen anderen Einwurf, der von den wenigen bekannt
gewordenen Beispielen einer riickschreitenden Metamorphose
bei den hierher gehörigen Familien hergenommen werden
könnte, niufs ich ebenfalls vorläufig ablehnen, da sie leider
keineswegs mit der Umsicht und Genauigkeit untersucht oder
doch beschrieben sind, um zu einer Entscheidung dieser Frage
dienen zu können und ebenso sehr Erklärungen in meinem
als in einem andern Sinne zulassen.
Ich will hier noch bemerken, obwohl es dem Vorstehenden
eigentlich fremd ist, dafs offenbar die Integumente des Eichens
nicht wie ich selbst früher annahm, als Blattorgane betrachtet
werden dürfen, sondern nur als Entwickelungen der Stengel-
substanz, schon deshalb weil sich niemals ein jüngeres Blatt
unterhalb eines älteren bildet, wie doch bei dem aufsern Inte-
gument im Verhältnifs zum inneren der Fall ist.
3. Andeutungen über die anatomisch-physiologi-
schen Verschiedenheiten der S t e n g e 1 g e b i 1 d e.
Ich habe mich stets gewundert, wenn ich die vielen
Streitschriften über die V^erschiedenheiten des monocotyledonen
oder dicotyledonen Holzstammes las und dabei fand, dafs man
fast immer nur den sogenannten Holzstamm der Palmen mit
dem Holzstamm der dicotjdedonen Waldbäume unserer Zone
verglichen hatte, und dafs meistentheils den Untersuchern ent-
gangen war, dafs hier ganz disparate Dinge zusammengestellt
sind, die sich so gar nicht vergleichen lassen. Der Palmen-
stamra entsteht nämlich aus unentwickelten Interfolieiitheilen,
unser dicotyledoner Holzstamm aber aus entwickelten, luid
dieser Unterschied ist besonders für die Pflanzen mit viel-
reihigen Holzbündeln so wichtig, dafs Nelkenstengel und Gras-
halm nicht so sehr verschieden sind, als letzterer und ein
Zwiebelstock. Es scheint mir, dafs man trotz aller Unter-
suchungen der ausgezeichnetsten Forscher für den Unterschied
zwischen den zwei grofsen Abtheilungen der Phanerogamen in
Bezug anf die Struktur ihres Stengels, wenn überall den rich-
tigen, doch gewifs noch nicht den kürzesten Ausdruck gefun-
den hat. Es kommen bei den Stengeln überhaupt folgende
220
Verschiedenheiten vor, die auf Entwicklung, Zahl und An-
ordnung, Riclitung und Struktur der Gefäfs- (Holz-) lüindel
beruhen.
1) Die Gefäfsbiindel, deren Entwicklung immer von In-
nen nach Aufsen vor sich gelit, sind entweder in ihrem Wachs-
tluim heschränkt oder unbeschränkt. Im allgemeinen besteht
jeder Gefäfsbiindel aus drei physiologisch versoljiedeneu Thei-
len, nämlich wesentlich aus einem höchst zartwandigen, ia
lebendiger Entwickelung begriffnen Gewebe in welchem sich
neue Zellen erzeugen, die denn nach zwei verschiedenen Seiten
sich in verschiedener Configuration anlagern, nämlich nach
Aufsen als ein eigeiiihümliches sehr dickwandiges länger oder
kürzer gestrecktes Zellgewebe (Bast) nach Innen in allmäliger
Folge (der allmäligen Längsdeluunig des Theils coordinirt) als
Kinggefäfse, Spiralgefäfse, netzförmige und poröse Gefäfse und
Ilolzzellen, letztere entweder gleichförmig oder unter einander
wiederum dif^erenzirt, das eigentlich sogenannte Holz bildend.
Bis zu einer gewissen Periode schreitet die Ausbildung der
nionocotyledonen und dicotyledonen Gefäfsbiindel gleichförmig
fort, dann aber verändert sich bei den Moiiocotyledoiien plötz-
lich jenes zartwandige lebendige Bildungszellgewebe, die Zellen
werden dickwandiger, ihre Fortpflanzungsfähigkeit hört auf,
und wenn alle umgebenden Zellen vollständig entwickelt sind,
so nehmen auch sie eine ganz eigenthiimliche Gestalt an und
hören auf Gummi, Schleim etc. kurz trübe (bildungsfähige)
Säfte zu führen. In der Periode vom Aufhören der Zellen-
entwickelungen sind sie von Mo hl vasa propria genannt.
Dadurch ist nun jede weitere Ausbildung des Gefäfsbündels
unmöglich gemacht, und ich nenne solche Gefäfsbündel des-
halb „geschlossen" oder „ begrenzte." Bei den Dicotyle-
donen dagegen behält jenes Gewebe, das hier dann Cainbiuin
(tuet., couche regencratrice Mirh. genannt wird, für das ganze
Leben des Pflanzentheils seine lebendige Zeugungskraft bei,
er fährt fort, neue Zellen zu entwickeln und vermehrt durch
diese Zellen, die sich immer theils der äufseren Portion
(Bast) theils der Innern (Holz) anschliefsen, die Masse
bis ins Unendliche. Dieses geschieht nun nach .Cüma und
J^atur der Pflanze entweder ziemlich stetig z. B. bei den
221
Cnctecn*') odor in Perioden ?;farker TVirdernng und fast gänz-
lichen Stillstandes, wie bei nnsern AValdhäninen. Auch hei
«liesen letzteren kann man sich mit Ausdauer und zarter Be-
handlunc: davon überzeugen, dafs der Stamm vom Mark bis
zur Rinde in iillen seinen Lebensperioden ein continuirliches
Gewebe bilde, und nie die Rinde vom Stamme getrennt ist;
was man so nennt, ist nur ein durch die Manipulation her-
vorgebrachtes Zerreifsen des zarten Bildungsgewebes, welches
grofsenthoils, obwohl plattgedrückt und mit Stärke, Gummi etc.
gefüllt, schon während des ^ViJlters als Grundlage des neuen
Jahresringes vorlianden ist, im Frühling aber durch den neuen
Saftzustrom ausgedehnt, aufgelockert und seines Inhaltes durch
Auflösung beraubt wird. Ueberall kann man sich überzeugen,
dafs sich das neue Zellgewebe stets innerhalb des schon vor-
handenen in Mutterzellen bildet, auch vermittelst Cytohlasteii
auf dieselbe ^Yeise, wie ich es früher für andere Zellen nach-
gewiesen habe. L'nd zwar bilden sich die jungen Zellen stets
an dem obern oder unteren (ich habe leider bis jetzt nicht
darauf geachtet) Ende der langgestreckten Mutterzellen und
wachsen bei ilirer Ausdehnung der Länge nach durch diese
hin und eben ihr Anstofs an das andere Ende der Zelle scheint
dann wieder an der entsprechenden Stelle in der nächst fol-
genden Zelle, das Entstehen einer neuen Zelle hervorzurufen.
Erst seit dem Herbt 1837 habe ich diesen Vorgang einer eig-
nen gründlichen Untersuchung unterworfen und mufs bitten
hiernach alles, was ich früher in Müllers Archiv 1838 (Bei-
träge zur Phytogenesis) den bisherigen Ansichten folgend über
die Entstehung des Cambium gesagt habe, zu verbessern;
obwohl in der Bedeutung des Holzstammes, wie ich sie
damals aufstellte, dadurch im Wesentlichen nichts geändert wird.
Diese Verschiedenheit zwischen begrenzten und unbe-
grenzten Gefäfsbündeln giebt nun den einzigen, durchgrei-
fend en Unterschied zw'isc\iQV\ Mono cotyledonen und Dicoty-
*) Aus diesem Grunde ist bei den Cacteen die Beobachtung des
ganzen Vorganges auch am leichtesten, üebrigens haben auch die
Cacteen Remissionen des Wachsthums, die aber durchaus nicht den
Jahrestrieben entsprechen, obwohl sie ähnliche Erscheinungen her-
vorbringen. Die Ursache ist noch völlig unbekannt.
222
Jedonen. Bei den einjährigen Bicotyledonen hat zwar der
durch den Tod der Pflanze in seiner weitern Entvvickelung
gehemmte Gefäfsbiindel in sofern einige Aehnlichkeit mit den
MonocoiyJedonen, doch zeigt sich der Unterschied deutlich
bei genauer Untersucluing, indem immer die Bildungsschicht
bis zum letzten Momente entwicklungsfähig bleibt, worauf eben
das Verholzen der annuae in Folge einer consequenten Ver-
Jiinderung Aes Bliihens z. B. bei Reseda odorata und Chei-
ranthus anniius beruht. Für diejenigen, die Fortschritte der
Wissenschaft niui einmal durchaus nur in der Einführung neuer
Wörter finden wollen und deshalb der guten alten Eintheilung
in Mono- et DicoiyJedonen *) längst überdrüssig siud, schlage
ich, statt der ganz unsinnigen Eintheilung in Endogenen et
Exogenen die auf Vorstehendes gegründeten Benennungen der
TeJeophyten für Mono cot yledonen et Synechophyten für
Dicotyledonen vor.
2) Der zweite Unterschied unter den verschiednen Sten-
gelgebilden ist in der Zahl und Anordnung der Gefäfsbündel
begründet, ob nämlich nur ein einfacher Kreis derselben vor-
handen ist, oder mehrere concentrische. Im ersten Falle drän-
gen sich die Gefäfsbündel in den meisten Fällen früher oder
später eng an einander und bilden so einen" geschlossenen
hohlen Cylinder, der nur durch einzelne gröfsere oder gerin-
gere Streifen zusammengedrückten Parenchyms von Innen
nach Aufsen durchgesetzt wird. Diese Letzteren werden
Markstrahlen genannt. Dieses Zusammenschliefsen findet aber
nicht immer bei einjährigen Stengeln statt, und daher läfst
sich zum Beispiel aufser der Natur der Gefäfsbündel selbst
zwischen dem Holzgerüst von Tropaeolum majus (unbegrenzte
Gefäfsbündel) und dem kriechenden Stengel von Polypodiuni
ramosum (begrenzte Gefäfsbündel) kein Unterschied angeben.
Nur in dem Falle, wo durch Einen Kreis von wenig-
stens ziemlich enge stehenden Gefäfsbündeln eine bestimmte
Grenze gegeben ist, kann von Rinde und Mark die Rede sein.
*) Uebrigens bleibt diese Eintheilung die allein richtige, weil sie
auf der Entwickeliingsgeschichte beruht,, und wird in ihrem Werth
selbst nicht durch einige Coniferen geschwächt, da das Wesentliche
nicht in der Zahl, sondern in der Verticillation der CotiiJedoxißjfk
besteht. . : . ,.: . .,..-;
223
Ursprünglich ist überall mir ein glcichfiirniigos Parenchym vor-
liandcn; erst durch die Entwickeluug eines Theils desselben
zu Gefäfsbündeln wird <ler Gegensatz von Eingeschlossncn»
(Mark) und nach Aufsen liegendem (Rinde) hervorgerufen,
wobei aber die Markstrahlen, die von schmalen Plättchen
durch alle Zwischenstufen bis zu einer ungetrennt- communi-
cirenden, nur von den Gefäfsbündeln, als einzelnen Fäden,
durchsetzten Parenchvmmasse verfolgen lassen, inuuer noch
die Verbindung unterhalten. Der Streit über Rinde und Nicht-
rinde der Monocofyledonen ist daher ganz thöricht, entweder
ein leerer Wortstreit, oder auf die Behauptung von etwas
entschieden Falschem begründet, indem das, was man bei vielen
MonocotylcJonen Rinde genannt hat, etwas seiner Entste-
hung, Struktur und physiologischen Bedeutung nach von der
Rinde der Dicotyledoncn himmelweit Verschiedenes ist.
Der Fall nun eines einfachen geschlossenen Gefäfsbündcl-
kreises kommt, so viel mir bekannt, nur bei Dicolyledonen-
Stengeln vor (bei den Monocofyledonen dagegen ist es, wie
ich glaube, der regelmäfsige Bau der Wurzeln),
Der andere Fall mehrerer Gefäfsbündelkreise ist dagegen
bei Monocofyledonen durchgängig vorhanden, und findet sich
unter den Dicofyledoneji bei den Piperaceae, Nycfagineae,
Amaranthaceae, Chenopodeae, und vielleicht noch bei meh-
reren andern, deren Stengelbildung nur noch nicht bekannt
geworden. Indefs tritt hierbei der Hauptunterschied zwischen
Monocofyledonen, der der geschlossenen und ungeschlossenen
Gefäfsbündel in Wirksamkeit, wodurch bei den genannten
Uicofyledonen ein ganz eigner Holzbau bedingt wird. Zuerst
machte mich hierauf Rob. Brown an einem P/50?2/ft-Stammo
(iinhnown Burmese free bei Lindley infrod. to hotany
pag. 80. Fig. 40.) aufmerksam. Da nämlich alle jene in ver-
schiedenen Kreisen stehenden Gefäfsbündel fortfahren sich zu
entwickeln, so schliefsen sie sich zuletzt fast zu einer gleich-
förmigen Masse an einander, das sie früher trennende Paren-
chym wird dabei auf einzelne kleine Inseln zusammengedrängt,
die dann das ausgebildete Holz scheinbar zerstreut in kleinen
verticalen Strängen durchziehen, die man in Bezug auf ihren
Ursprung mit vollem Recht verticale Markstrahlen nennen
könnte. Nach aufsen von diesen' Strängen tindet man dann
224
im Holze meist noch unveränderte Spiroiden, als die Anfänge
der Unfsern Gefäfs1)iin({el. Die ganze Entvvickelung dieses
eigenthiimlichen Baues verfolgte ich bei zwei Pisonia-Avten,
bei Amaranthiis viridis, Beta cicla, Atriplex hortensis,
Chenopodinin quinoa u. s. f. Viele andere Pflanzen der genann-
ten Familien, so wie der Piperaceen, die ich nur in einzelnen
Zuständen untersuchen konnte, bewiesen durch ihren Bau, dafs
diese Eigenheit für jene Familien ganz allgemein ist. —
Eine wunderbare Form des Holzes gehört wahrscheinlich
auch hierher (und vielleicht die ganze Familie der Crassu-
laceac), mir war aber eine Verfolgung der Entwickelungs-
gcschichte nicht vergönnt *). Bei einem alten unbestimmten
jEc//ßre;v« -Stamme fand ich nämlich eine ganz gleichförmige
Holzmasse aus Prosenchymzellen ohne Gefäfse gebildet, und
darin eingestreut kleine verticale Stränge eines sehr zartwan-
digen Parenchyms, in dessen Mitte ein meist noch abrollbares
Spiralgefäfs verlief.
W) Ein drittes Moment, aus dem wesentliche Stamm-
verschiedenheiten entspringen, ist nun das Verhältnifs >der
Axe zu den von seiner Peripherie abgehenden Theilen, den
Blättern und Knospen. Hieriier gehören nun mannigfache
Erscheinungen.
ui. Eine für die Dicolyledonen ganz allgemeine Erschei-
nung ist hier die Knolenbildung. Ein seitliches Organ näm-
lich entsteht bei den Dicotyledonen überall nur aus den Kno-
ten, nicht dem in der beschreibenden Botanik sogenannten
Theil (denn das ist überall nur eine rohe Wahrnehmung einer
ziemlich vereinzelten Erscheinungsform) sondern aus einer
eigenthümlichen, gtets anatomisch-nachweisbaren Anordnung der
*) Ich bemerke hier ausdrücklich, dafs mir die frühem Zustände
nicht zu Gebote standen, und protestire feiei-lich gegen den Vorwurf,
als hätte ich etwas übersehen, wenn die Entwickelung etwa ein an-
deres Resultat geben sollte. Ich würde das nicht erwähnen, wenn
mich nicht Meyen (Jahresbericht dieser Zeitschr. 1838. pag. 44)
eben so grundlos des Uebersehens bezüchtigt hätte, wo ich doch
ebenfalls ausdrücklich erklärt hatte, dafs frühere Zustände mir nicht
zu Gebote gestanden hätten, und wo noch dazu die Entwickelungs-
geschichte beweist, dafs meine Vermuthung über die Bedeutung des
fraglichen Gebildes durchaus die richtige gewesen war.
225
Gefäfsbündel. Es bildet sicli nämlicli aus zwei oder mehreren
Gefäfsbündeln durch einfaches Aneinauderlegen oder durch
anastomotische Verzweigungen eine Schlinge, ^nsa, und aus
diesem Plexus erst erhalten die peripherischen Organe ihre
Gefäfsbündel. Aus diesem W^rhältnifs in Verbindung mit der
Bildung der horizontalen Markstrahlen geht nun eine unend<
liehe Mannigfaltigkeit des Holzkörpers hervor. Diese Ansa
hat zugleich wesentlich die Bestimmung, das Parenchyma des
seitlichen Organs mit dem Marke (oder überhaupt dem leben-
jligen Parenchyma) der Axe in Verbindung zu setzen. Die
Gröfse der Schlinge ist daher wesentlich von der Dicke der
Basis der Blätter oder Seitenkuospen abhängig (oder richtiger
umgekehrt).
Bei den Monocofyledonen ist diese wahre Knotenbildung
wahrscheinlich viel seltener, wenn sie überhaupt daselbst vor-
kommt, denn mir ist noch zweifelhaft, ob in den sogenannten
Knoten der Gräser etc. wirklich eine Anastomose der Gefäfs-
bündel zum Behuf der Abgebung von Bündeln an die Seiten-
theile vorkommt. So viel ist wenigstens gewifs, dafs bei den
Monocofyledonen die Anastomose der Gefäfsbündel entschie-
den seltner vorkommt als bei den Dicotyledonen. Hieraus
würde sich denn, wenn man wirklich fände, dafs die oben
characterisirte Knotenbildung bei den Monocotyledonen nir-
gends vorkommt, allerdings auch ein durchgreifender und pri-
märer Unterschied zwischen den Mono- et Dicotyledonen
ergeben.
Bei den Acotyledonen tritt entschieden wieder die Bil-
dung der Dicotyledonen ein und man würde sich viel un-
nütze Worte über die angeblichen Abweichungen des Farren-
stammes erspart haben, wenn man die Bildungen, von denen
er abweichen soll (den Dicotyledonen- Stamm) nicht in ein-
seitiger Betrachtung einer Eiche oder Linde, sondern in den
verschiedenen Typen der einzelnen Familien studirt hätte.
Ich glaube es sollte mir nicht gar schwer werden, alle Modi-
ficationen des Holzkörpers der Farren , die nicht aus dem
Geschlossensein der Gefäfsbündel, sondern nur aus Zahl und
Lage und gegenseitiger Verbindung hervorgehen, im Wesent-
lichen auch bei den Euphorhiaceen , oder den Cacteen nach-
zuweisen. —
V. Jahrg. 1 Band. 4\
226
B. IJeberall wo Gefäfsbiiiidel zu einem peripherisclion
Organe abgehen , müssen sich diese mit den später entstande-
nen und zwar nacli Aufsen von der Abgangsstelle gebildeten
Theilen kreuzen. Das ist schon vor aller Untersuchung ein-
zusehen, und soweit entfernt eine Eigenthiimlichkeit im Wachs-
thum der Monocotyledonen zu sein, dafs man schon allein
daraus hätte mit Sicherheit schliefsen dürfen, dafs die ganze
angebliche Endogeneität nicht existire. Es ist aber bei den
getroiuiten, geschlossenen Gefäfsbündeln der Monocotyledonen
auffallender, obwohl auch recht gut anderweitig z.B. bei alten
Melocacten, Echinocacten et Mamillarien zu beobachten.
C Am allerwichtigsten aber wird hier der Umstand, ob
die Interfoliartheile in die Länge entwickelt sind oder nicht.
Im ersten Falle dienen natürlich alle neu an der Aufsenfläche
entstehenden Theile (seien es neue Gefäfsbündel oder die fort-
schreitende Entwickelung alter) zur Verdickung des ganzen
Stammes, ohne dafs durch diese neuen Theile seiner Länge
etwas zugesetzt würde.
Anders verhält es sich dagegen, Avenn sich die InterToliar-
theile nicht entwickeln. Hier tritt, soviel ich bis jetzt beob-
achten konnte, stets der Umstand ein, dafs vom ersten Inter-
foliartheile der keimenden Pflanze, oder der sich bildenden
Knospe, der Wachsthumstrieb, der sich nicht in der Längen-
richtung äufsern kann, jedes folgende Internodium bis zu
einer bestimmten Periode mehr in die Breite ausdehnt, so
dafs jedes spätere das frühere um etwas überragt und dadurch
die ursprüngliche Seitenfläche zur Unterfläche maclit. Als das
beste Beispiel nenne ich hier die Entwickelung der Zwieheln
und der Melocacten. Diese Vergröfserung der Intenwdien
dauert mdefs nur eine bestimmte Zeit, bis nämlich die Pflanze
sich auf diese Weise eine genügend breite Basis gebildet. Von
da an dehnt sich das neue Internodium nicht mehr über das
Alte aus und es entsteht durch fortgesetztes Aufeinanderlegen
der hohlen Kegeln gleichenden Interfoliartheile ein sich all-
mälig erhebender, aber gewöhnlich sich nicht weiter verdicken-
der Stamm. Eine Widerholung der eben beschriebenen all-
mäligen Erweiterung der Internodicn tritt ausnahmsweise bei
den bauchig angeschwollenen Palmenstämmen ein. Zum Studium
dieser Stanmiform bei Monocotyledonen sind für den, dem
227
Palmen nicht zu Gebote stehen, ylUimn sirictum et senescens
etc. zu empfehlen, die einen wirklichen kleinen Palmenstannn
bilden.
Aus dieser Bildungsweise folgt nun aber für Pflanzen mit
geschlossenen Gefäfsbiindeln , der bogenförmige Verlauf der
den peripherischen Theilen zukonunenden Gefäfsbiindel von
selbst, wie sich das leicht aus einer schematischen Construction
eines solchen Stammes (Fig. 5) ergiebt, wo die punctirten
Linien die Grenzen der jedem Interfoliartheil angehörigen
Masse (der hohlen Kegel) und der Pfeil die Richtung andeu-
tet, die nicht eigentlich der Richtung von Innen nach Aufsen
bei einem entwickelten Stengel entspricht, sondern zugleich
diese und die' Richtung von Unten nach Oben in sich verei-
nigt, indem jeder Kegel zugleich ein neues nach oben aufge-
setztes Infernodium und ein neuer nach aufsen angesetzter Theil
ist. Jedes Blatt nun («) hatte bei seiner Entstehung seinen
Stand auf der Spitze (j;) des mit ihm zugleich entstandenen
hohlen Kegels, in welchem die zu dem Blatte gehörigen Ge-
fäfsbiindel natürlich von der Peripherie schräg nach Innen und
Oben bis zu diesem Blatte also bis zur Axe des Stammes (.r)
verliefen. Von diesem Standpunkt wurde nun aber bei der
Fortbildung das Blatt ailmälig bis zur Peripherie geschoben,
welchem Wege seine Gefäfsbiindel folgen raufsten, indem sie
alle folgenden Kegel etwa eben so durchbohrten wie der Ast
eines unserer Waldbäume die spätem Jahresringe, wodurch
denn das zweite Stück des Bogens von Innen schräge nach
Aufsen und Oben gebildet wird. Ob nun der Bogen länger
oder kürzer, oder was dasselbe sagen will, mehr oder weniger
gekrümmt ist, hängt hauptsächlich von der Form der neu auf-
gesetzten Kegel d. h. von der Form des Terminaltriebs ab.
Je spitzer die Terminalknospe zuläuft, desto länger der Bogen,
wie bei den meisten Palmen, je flacher die Terminalknospe,
desto kürzer und gekrümmter ist der Bogen, wie bei den mei-
sten Monocotyledonen Rhizomen.
Es geht hieraus aber schon hervor, dafs der bogenförmige
Verlauf der Gefäfsbündel nicht als primäre Unterscheidung
für die Mono- et Dicotyledonen gebraucht w^erden darf, denn
derselbe ist von zwei andern Verhältnissen „den geschlossenen
Gefäfsbündeln und den nicht entwickelten Intei nodien'' ab-
15*
228
liängig, müfsto also einmal bei Dicoiyledonen auch vorhanden
sein, wenn diese geschlossene Gefäfsbiindel hätten, und kommt
anderntheils nicht dem monocotyledonen Stengel überhaupt,
sondern nur dem mit unentwickelten Internodien zu.
D. Besonders nun aus dem Zusammentreffen der unter
A. und C. aufgeführten Momente entsteht bei einem ein-
fachen, geschlossenen Kreise von Gefäfsbündeln und verhält-
nifsmäfsig grofsen Blattbasen für die geschlossenen Gefcäfs-
biindel z. B. die Form des Farrenstammes, für die unge-
geschlossenen Gefäfsbiindel die des Cac^een-Stammes, welche
letztere fast alle Verhältnisse des Farrenstammes, nur stets
oberhalb der Erde, wiederholen.
4) Insbesondere für die D/cofyZeJonezi- Stengelgebilde
ergeben sich noch rtianche Verschiedenheiten aus der Hyper-
trophie des Markes, der Rinde oder beider, wie z. B.
bei Euphorhien, Cacteen, vielen Knollen, z, B. 15*0/«-
ninn tiihej'osum und besonders auch der Cycadeae, deren
Stammbildung mit der der Palmen nur die alleroberflächlichste
Aehnlichkeit hat, zwar näher als mit diesem mit dem Farren-
stamme verwandt ist, aber auch von diesem letztern sich durch
die unbegrenzten Gefäfsbündel ganz wesentlich unterscheidet
und bei weitem mehr sich den Cacteen -Stämmen nähert.
5) Endlich ist die Modification der Zellen, welche die
Holzbiindel primär oder in ihrer spätem Entwickelung zusam-
mensetzen, ganz unendlich verschieden und vielmehr, als man
bis jetzt glaubt. Das leichte PIolz der Avicennien besteht
fast nur aus porösen Gefäfsen, das gleichfalls leichte und
weiche Holz der Boinbax pentandra besteht fast ganz aus
ParencJiym, Spiral-, Ring- und Netzgefäfsen und sehr selten
im änfsern Theile der Jahrringe vorkommendem P rosenchym.
Das Holz der Melocacten, MamiUarien et Echinocacten
besteht ganz und gar aus eigenthümlichen kurzen, weiten, sehr
dünnwandigen, oben und unten stumpf conisch geendeten Zel-
len mit sehr dicken (mit der schmalen Kante aufgesetzten)
Spiral- oder Ringfibern -Zellen, wie sie Meyen in seiner
Pbytotomie aus Opuntia cylindrica abgebildet hat, wo sie,
wie bei den meisten Opuntien, obwohl in geringer Menge,
an den Coarctationen der Glieder vorkommen. Bekannt ist,
dafs hei Coniferen und Cycadeen die Zellen, welche das
229
Holz bilden, sich gleichföritiig ausbilden, und niclit, wie bei
vielen andern Holzarten, sicli in Proscnchytiia und Gefäfse
differenziren. In vielen Pflanzen werden die zuerst entstan-
denen Spiralgefäfso der Markscheide in Folge der grofsen
Längsdehnung der Zellen in Ringgefäfse umgewandelt, in wel-
cher Form sie dann bestehen bleiben, in anderen Pflanzen
aber haben die Spiralen ungeachtet grofser Ausdchiunig, die
sie leiden müssen, nicht die Tendenz dazu, dann werden sie
mit ihrer Zelle oft so in die Länge gezogen, dafs sie nur wie
ein Faden in einem Intercellulargang zu liegen scheinen und
hier auch häufig völlig resorbirt werden; dies kann man sehr
schön z. B. bei Opuntia monacaniha, cylindvica, Mamil-
laria simplex, Helleborus foetidus etc. beobachten. Sollte
dies nicht vielleicht der Grund sein, weshalb man in gar vie-
len Fällen am ausgewachsenen Stengel selbst in der Corona
medullaris keine ächten Spiroiden mehr autrifi"t?
Uebrigens ist das Studium der Stammbildung noch ein
unendliches Feld für tüchtige Forschung, noch hat, so viel ich
weifs, Niemand wahrhaft Aufschlufs gegeben über die in der
Familie der Sapindaceen so häufige Bildung, wo man näm-
lich in einem Stamme mehrere Centra für die Ilolzbildung
antrifl't, von denen nur eins die Axe des Stengels einnimmt.
Ebenso wenig ist irgend etwas Genügendes über die eigen-
thümliche Struktur des Stammes der Phytocrenc (Well) be-
kannt geworden, ebenfalls nicht über die analogen Formen
in der Familie der Bignoniaceae sehr häufig vorkommender
VerJiältnisse, — Bildungen, die sich mit Worten nicht wohl
beschreiben lassen, weshalb ich vorläufig nur auf Lindley
Introd. to Botany pag. 78. Fig. 36. verweise, wo ein ganz
gleichesVorkommen angeblich aus einer PassJßora abgebildet ist,
4. Ueber die weibliche Blüthe der Cannahineae,
Die Beschreibung der genera Cannahis und Ilumulus
in Endlichers genera plantarwn pag. 286. enthält einige
wesentliche Mängel. Beiden kommt ein von ihm und den
meisten Botanikern gänzlich übersehenes perianthium, mono-
pJtyllum, iirceolatinn, meinbranaccum zu, worauf auch schon
Kunth in seiner Flora lerolinensis (1838) aufmerksam ge-
230
macht hat (Fig. 6. und 7.) Das Ovulum ist aber keineswegs
wie Endlicher abweichend von allen bisherigen Beschrei-
bungen (vide z. B. Nees ab Esenbeck gener a plantarum
Flor. Germ.') behauptet ein Ovulum erectum, atropum, son-
dern ein Ovulum pendulum, campylotropum, wie Fig. 6. von
Cannahis sativa zeigt, womit JJumulus durchaus überein-
stimmt.
5. Einige Bemerkungen über die Hydropeltideac.
In den Annais of the Lyceum of natural history
New York 1837. Vol. 4. befindet sich ein Aufsatz von Asa
Gray remarks on the structure and affinities of Cerato-
phyllaceae, in welchem derselbe den von mir schon an einem
andern Orte aufgedeckten Irrthum über die radicula supera
Dec. rügt, übrigens aber unserer Kenntnifs dieser Familie
auch gar nichts Neues hinzufügt. Nur deutet er noch auf
eine Verwandtschaft mit Nclujnbium hin, deren Widerlegung
überflüssig ist, weil er dieselbe allein auf die von ihm gar
nicht begriffene Structur des Eichens und Saamens von Cera-
tophyllum bei Brogniart und seine singulare Ansichten
über den Saamen von Nelumbium, dessen richtige Analyse
doch schon C. L. Richard gegeben, gründet. Diese Ver-
wandtschaft dehnt er auch auf die Hydropeltideae aus. Asa
Gray war nun offenbar viel zu wenig in den Strukturverhält-
nissen des Eichens und der Saamen orientirt, um sich in diese
etwas schwierigem Verhältnisse zu finden und so macht er
denn mirahile dictu daraus ein Ovulum, pendulum, atropum
•und eine radicula infera (!!). Er meint nicht mit Unrecht,
«dafs dieser Bau bisher „wholly oveilooked" sei, denn auf
dergleichen konnte nicht leicht ein etwas gründlicher Kenner
der Saamen kommen undRichard hat bereits (mit Ausnahme
der falschen Deutung des kleinen Endosperms) in unübertreff-
licher Vollendung die Analyse des Saamens von Hydropeltis
und Cahomha gegeben. Wenn die Neuern doch lieber erst
die grofsen Heroen der Wissenschaft C. L. Richard und
Gaertner etwas gründlicher studiren wollten, ehe sie selbst
mit ihren unreifen Ansichten hervortreten, wir würden wahr-
lich viel Uimützes weniger haben. Untersucht man nun ein
Ovarium von Cahomha aquatica (Fig. 8. und 9.) (was Asa
231
Gray um so leichter hätte werden müssen, <la ihm, als Nord-
Amerikaner, doch gevvifs ohne grofse Mühe frische Exemplare
dieser interessantesten Pflanzen der nordamerikanischen Flor
zu Gebote standen) ^so findet man in demselben 2 — 3 Ovula
pendula. Jedes Ovulum besteht aus jiuclcus, integumen-
twn internum et extennnn, und ist anatropum, woraus
denn allein schon nothwendig die radicula supera folgt.
Zum Ueberflufs verweise ich noch auf eine Saamenanalyse
von Cahoinha aqualica in einem nächstens erscheinenden
Aufsatze von Dr. Vogel und mir (über das Alhwnen ins-
besondere der Leguminosen Ada Leop. Corol. Vol. XIX.
P. 2. 1839.) Der Bau von Hydropeltis weicht in keinem
Stücke ab.
Die Uydropelüdeen bieten noch manche höchst interes-
sante Puncte dar. — So war es mir wenigstens ohnmöglich
in den untergetauchten Theilen, sowohl bei Cahomha aqua-
tica als bei Hydropeltis peltata auch nur eine Spur von
Spiralgefäfsen zu entdecken*). Bei Hydropeltis zeigt sich
am Stengel, Blattstiel und der untern Blattfläche ein merk-
würdiger Bau der Oberhaut, welcher schon von Dr. Solan der
bemerkt wurde, weshalb er dem genus den nicht publicirten,
sehr passenden Namen Ixodia gab. Die Oberhaut besteht
nämlich aus einer sehr dicken Schicht, einer scharf begränz-
ten, in Wasser unlöslichen gelatina, in welcher die Oberhaut-
zellen alle in Form von Haaren unter einander unvervvachsen
hineinragen. Ihr Lumen ist zum Theil (m pl. sicc.^ mit einem
gelbbräunlichen, wie es scheint, harzartigen Stoff erfüllt.
6. Ueber einige eigenthümliche Bastzellen.
In Schott und Endliclier Meleteinata bot anica kommt
in der Hefinitio generica von Monstera Adans. (J^racon-
tium pertusum Mill.^ die auffallende Phrase vor „ovariis
rhaphidopJioris.^' Da mir nun fast keine Aroidee bekannt
ist, welche nicht in allen Theilen und grade besonders häufig
im Ovarium Rhaphidenbündel hätte, so war ich neugierig zu
erfahren, Avas denn hier so gar besonderes daran sei, dafs
*) Auch bei der so wunderbaren Mayaca fluviatilis Juhl. fehlen
Hl Blättern und Stengeln (mit Ausnahme des pedunculus) die Gefäfse
232
man es für zweckmäfsig gehalten, das Vorkommen in eine ge-
nerisclie Definition aufzunehmen. Bei genauer Untersuchung
fand ich denn, dafs hier gar nicht von ühaphiden, überhaupt
nicht von etwas unorganischen die Rede sein könne. Durch
das Carpellblatt dieser Gattung (wahrscheinlich auch bei Scin-
dapsus Schott, wo derselbe Ausdruck gebraucht wird) zie-
hen sich eine ganz eigenthümliche Art Bastzellen. Dieselben
haben etwa die Länge von 0,1 bis 0,13 P. Z. und die Dicke
von 0,004 bis 0,0042 P. Z., sind je nach ihrem Alter mit dün-
nem oder dickeren Wänden versehen ; diese letzteren sind
aus vielen deutlich unterscheidbaren Schichten zusammengesetzt
und von Poren durchbohrt, deren Lumen von den Seiten Jier
platt gedrückt ist. In dem Innern dieser Bastzellen, die meist
mit granulöser Substanz, Gummi etc. gefüllt sind, entwickeln
sich Cytoblasten und auf diesen zartwandige Zellen. .Diese
brechen hin und wieder an der Stelle der Poren durch. Viele
dieser Bastzellen haben kleinere oder gröfs.ere Seitenäste und
mir scheint es nicht ganz unwahrscheinlich, dafs dieselben
aus jenen zartwandigen Zellen entstehen, deren Lumen nach-
her durch Resorbtion der Scheidewand mit der Mutterzelle in
Communication tritt. Doch fehlte mir auch hier die Möglich-
keit die Entwickelungsgeschichte vollständig zu verfolgen.
(Vergleiche hierzu Fig. 10 — 13.) Ganz ähnliche Gebilde kom«
men in Mark und Rinde von Rhhophora Monyle zerstreut
vor (Fig. 14.) Sehr interessant und für die Lebensgeschichte
der Zelle wichtig würde es auch hier sein, wenn man das
Studium der Entwickelungsgeschichte genauer verfolgen könnte.
6. Ueber die sogenannten Luftwurzeln der tropi-
schen Oj'cliideen.
Wenn von der eigenthümliclien, weifsen Schicht an den
Wurzeln der tropischen Orchideen die Rede ist, so werden
dieselben gewöhnlich „Luftwurzeln" genannt. Dieselben bil-
den aber keineswegs einen Gegensatz gegen andere, etwa noch
vorhandene Wurzeln, sondern sind in der That die einzigen
Wurzeln, welche die Pflanze aufzuweisen hat lyid sind ganz
gleich organisirte, mögen sie nun, wie bei den auf Bäumen
vegetirenden (sogenannten Parasiten) sich an das Subject
anlegen, dasselbe umschlingen, oder frei in der Luft hängen,
233
oder eiullich wie bei den ganz in der Erde wurzelnden z. B.
Cysfopodium spcciosisslmum, nie mit Luft uud laicht in Be-
rührung kommen. Da sich nun bei den eigentlichen Luft-
wurzeln z. B. der Paudaims, Ficus etc. ein ähnlicher Bau
nicht findet und ebenso wenig bei den wirklichen Erdwurzeln
vorkommt, so mufs man jene "Wurzeln wohl den beiden letz-
ten als eine eigene dritte Art an die Seite stellen, und schlage
vor sie „radices velatae" zu nennen.
Erklärung der Tafel.
Fig. 1. Weibliche lufloresconz von Viscum alhum.
Fig. 2. Weibliche Bliithe desselben im Längsschnitt.
a. Perianthium.
b. Nucleus.
c. Pedmiculus.
d. Embryo sack.
Fig. 3. Mäunliche Inflorescenz derselben Pflanze.
Fig. 4. Männliche Bliithe im Längsschnitt.
Fig. 5. Schematische Darstellung des Verlaufs der Gefäfs-
biindel im Monocotyledonen-Stengel mit verkürzten
Internodien, vergl. oben den Text pag. 21.
Fig. 6. Weibliche Blüthe von Cannabis sativa (die Stigmata
sind abgeschnitten) unterhalb der punctirten Linie im
Längsschnitte dargestellt.
a. Periantliium.
h, Ovarium.
c. Ovulum pendulum, campylotropum.
Fig. 7. Weibliche Blüthe von liumulus Lupulus. Stigmate
sind abgeschnitten.
" «. und Ä. wie vor.
Fig. 8. Ein Carpell von Cahomha aquatica Aubl. durch
einen Längsschnitt geöffnet.
Fig. 9. Ein Oviduin aus dem Vorigen im Längsschnitt.
Fig. 10. Verschiedene Formen der Bastzellen aus dem Ova-
rium von Monstera pertusa Adans.
234
Fig. 11. Querschnitt einer solchen Bastzelle, der Schnitt hat
grade einen Porenkanal getroffen.
Fig. 12. Ein Stück einer einzelnen Bastzelle stark vergröfsert.
a. Cytoblasten.
h. Junge zartwandige Zellen.
c. Dergleichen im Begriff die Wand zu durchbrechen.
Fig. 13. Dasselbe wie vor, nur einmal beobachtet.
a. Zellen, die sich aus einer austretenden Zelle ent\\ickelt zu
haben scheinen.
Fig. 14. Mark mit den eigenthiiüilichen Bastzellen aus einem
jungen Triebe von Rhizophoia Monyle.
a. Abgeschnittner Seitenast einer solchen Bastzelle.
NB. Alle Figuren mit Ausnahme von Fig. 5. sind mehr oder
weniger vergröfsert.
lieber die geograpliische Verbreitung iiiul die
Lebensweise der südamerikanischen Singvögel.
Mitgetheilt aus d'Orbigny's Reise S. 141 — 158.
von
Friedrich Stein.
Wir theilen den Tlieil Siidamerika's, den wir durcliforsclit
haben, einerseits in drei Zonen der Breite, von denen
sich die erste vom 11. bis zum 28., die zweite vom 28. bis
34. und die dritte vom 34. bis zum 45. Grad südlicher Breite
erstreckt: andererseits in dreiZonen derErhebuug über
dem Meeres sp ie gel, welche im Allgemeinen den Breite-
zonen entsprechen, die erste von 0 — 5000 Fufs, die zweite von
5000— 11000 Fufs und die dritte jede Höhe über 11000 Fufc.
Von den 395 beobachteten Arten der Singvögel können
allein in der ersten Zone 354 Arten leben und die Zonen
der Erhebung entsprechen genau den Breitezonen, wie fol-
gende Uebersicht zeigt:
In den Ebenen vom 11. — 28. Grad südl. Br.
(erste Breiteuzone) 18.9 Arten.
In den Gebirgen von 0 — 5000 Fufs Höhe
(erste Zone der Erhebung) 32 —
Arten, welche sich in beiden Zonen zugleich
finden 51 —
In den Gebirgen von 5000 — 11000 Fufs Höhe
(zweite Zone der Erhebung, welche ihrer
Temperatur nach der zweiten Breitenzoue
vom 28"— 34'* südl. Br. entspricht). . . (JO —
In den Gebirgen, die über 11000 Fufs hoch
(dritte Zone der Erhebung, welche ihrer
Temperatur nach der dritten Breitenzone
von 34"— 45*^ südl. Br. entspricht). . 22 —
Summa 354 Art« ;n.
2^6
Erste Zone von H — 28*' siidl/Breite.
In dieser Zone leben 240 Arten. Vergleicht man diese
Zahl jnit der Totalsumme aller beobachteten Arten (395) so
erstaunt man, dafs diese fast zwei Drittheile beträgt, was in
der That sehr bedeutend ist, indefs weiter nicht wunderbar
erscheint, wenn man bedenkt, dafs dies in der Zone der Fall
ist, in der eine so mannichfache Natur herrscht, dafs die Ve-
getation hier ihre ganze Macht und Gröfse entfaltet, dafs hier
Tausende von Insecten erzeugt werden, welche dieser Menge
Insecten fressender Vögel zur Nahrung dienen, die mehr als
zwei Drittheile der Singvögel ausmachen; endlich dafs die
äufserste Verschiedenheit der Körner und Früchte auch den
übrigen überflüssige Nahrung gewährt. Von den 240 Arten
kommen 51 ebenso auf den Gebirgen bis zur Höhe von
5000 Fufs über dem Meeresspiegel vor, weil sie hier dieselben
Mittel ihrer Existenz antreffen, so dafs also 89 Arten Sing-
vögel den Ebenen dieser ersten Zone eigenthümlich sind.
Zweite Zone von 28» — 34" südl. Br.'
Wir haben in dieser Zone 72 Arten angetroffen, eine
Zahl die zeigt, wie sehr sie abnehmen, je mehr man nach Sü-
den geht; denn sie beträgt in der That nur wenig melir als
^ aller beobachteten, und etwas mehr als ^ der in der ersten
Zone vorkommenden Arten. Diese grofse Abnahme erklärt
sich aus der Veränderung des Bodens — nicht mehr die dich-
ten.Wälder, nicht mehr die Ebenen mit ihrer bunten Vegatation:
sondern der Boden nimmt jetzt einen einförmigen Character
an; die Zahl der Pflanzen und darum auch die der Insecten,
die sie umschwärmen, hat sich auf eine auffallendere Weise
vermindert, als das Mifsverhältnifs, das sich zwischen der er-
sten und dieser Zone herausstellt. Von den 72 Arten, kom-
men 29 auch bis zum 15" südl. Br. auf den Gebirgen von
50(00 — 11000 Fufs Höhe vor, welche hinsichtlich ihrer Tem-
peratur und des Weclisels, den die ganze Natur darbietet,
überhaupt der zweiten Breitenzone entsprechen.
Dritte Zone von 34" — 45" südl. Br.
Die Zahl der Arten vermindert sicli in dieser Zone noch
schneller, sie beläuft sich nur auf 37, also im Vergleich mit
237
der Totalsiimme nur auf -Jj-, im Vergleich mit der ersten Zone
nur etwas weniger als auf y, und iui Vorgloicli mit der zwei-
ten Zone etwa auf die Hälfte. Diese Abnahme ist eine Folge
des verhältnifsmäfsigen Wechsels der in der V'egetation unter
dieser Kreite statt findet: ein rauher Winter, eine unfrucht-
hare oder wenigstens viel einförmigere Natur als früher ver-
ringern allen Wesen ihren Unterhalt. Ueberhaupt richtet sich
die Abnahme der Zahl der Singvögel an allen Orten nach der
Alenge der Pflanzen und Insecten, und die Zahl der letztem
steht wieder im graden Verhältnifs zu der der Pflanzen. Auch
die insectivoreu und granivoreu Vögel müssen um so sel-
tener werden, je mehr man sich den kalten Regionen nähert.
Auffallend ist es, dafs man trotz der Entfernung vom 15. Grade
doch noch von den 37 Arten dieser Zone 8 auch in den Ge-
birgen, die über 11000 Fufs hoch sind, antrifft, was zum Beweise
dienen kann, dafs die Veränderungen, die in der'Natur statt
finden, wenn man sich von der heifsen Zone nach dem Pole
hin begiebt, sich in den Aequinoctialgegenden, indem man sich
vom Niveau des Meeres auf die Gebirge erhebt, wiederholen.
Es bleiben mithin dieser Zone 29 ihr eigenthümliche Arten.
Wir wollen nun die Anzahl der in den drei Zonen der
Erhebung beobachteten Arten mit Rücksicht auf die Breiten-
zonen angeben.
Erste Zone der Erhebung (von 0 — SOOOFufs über
dem Meeresspiegel bis zum IS^südl. Br.)
Die Summe der hier beobacliteten Arten beträgt nur 83,
welche mit der Zahl aller Arten verglichen etwas mehr als
\ und mit der der ersten Breitenzone verglichen fast j aus-
macht. Die waldigen und warmen Gebirge bieten also den
Singvögeln nicht so viele Mittel zur Erhaltung dar, als der
grofse Wechsel des Bodens, der die Ebenen auszeichnet, wo
eine Menge der verschiedensten Insecten, Gebüschen und
Sümpfen ihren UrsTprung verdanken, die dort in den grofsen,
feuchten und undurchdringlichen Gebirgswaldungen nicht solche
günstige Bedingungen vorfinden. Von den 83 Arten gehen
51 auch zu den Ebenen herab, so dafs den Bergen der war-
men Gegenden nicht mehr als 32 bleiben, eine im Verhältnifs
238
zu den 189 den Aequinoctialebenen eigenthümlichen Arten
sehr geringe Anzahl.
ZweiteZone derErhebung (von 5000 — 1 1000 Fufs
über dem Meeresspiegel bis zum 15" südl.Br,)
Wir haben hier 60 Arten angetroffen , also fast ^ der
beobachteten Singvögel, ^ der ersten Zone der Erhebung und
weniger als ~ der entsprechenden zweiten Breiten zone. Diese
Vergleichungen zeigen, dafs wenn es weniger Aehnlichkeit in
der stufenweisen Abnahme der Zahlen, in den beiden ersten
Zonen der Breite und der Erhebung giebt, eine sehr grofee in
den Zahlenverhältnissen dieser Zone und der ihr entsprechenden
Breitenzone statt jfindet. Denn der angegebene Wechsel in
der Beschaffenheit des Terrains zwischen der ersten und zwei-
ten Breitenzone findet in den Gebirgen statt, wie es das gleich-
zeitige Vorkommen von 29 Arten unter 60 in dieser und der
zweiten Breitenzone beweist. Mithin bleiben hier nur 31 Ar-
ten den Gebirgen eigenthümlich.
Dritte Zone der Erhebung (höher als 10000 Fufs
über dem Meeresspiegel bis zum 15° siidl. Br.)
Diese Zone hat uns 22 Arten dargeboten, also nur j\ aller
beobachteten Arten und ^ der in der ihr entsprechenden drit-
ten Breitenzone. Von diesen 22 Arten kommen auch acht in
unsrer dritten Breitenzone vor, woraus deutlich hervorgeht,
dafs die Erhebung im Gebirgsterrain Modificationen hervorruft,
die im Stande sind, zu Gunsten der Vögel Bedingungen zum
Lebensunterhalt zu vereinigen , die denen von Patagonien
gleich kommen; mithin bleiben nur 14 Arten diesen hohen
Gebirgen eigenthümlich.
Das Vorhergehende erklärt die Uebereinstimmung in den
Subsistenzmitteln, welche unsere Höhen- und Breitenzonen
darbieten, da nicht nur alle Arten, welche hier in den sich
entsprechenden Zonen leben einander nahe stehen, sondern
sogar mehr als ein Drittel der in den Gebirgen vorkommenden
Arten ganz dieselben sind,* als die in den südlicheren Breiten.
Dies begreift man leicht; denn das Gesetz der geographischen
Verbreitung der lebendigen Wesen über unsere Erde beruht
239
auf Uebereinstinimiing in den ToinporatnrverhäUnisson und be-
sonders in den Nahrungsniiüoln. Indem nun die mehr oder
minder bedeutende Erhebung der Gebirge durch die Verdiin-
nung der Luft einen ähnlichen Wechsel herbeiführt, als die
Abnahme der Wärme, wenn man sich vom Aequator dem Pol
nähert, so nniis man vermuthen, die ganze Natur bei diesen
Oertlichkeiten diesem Gesetze unterworfen zu finden. Die
Hochebenen der Anden vom 1^^ — 23" siidl. Br. bieten hin-
sichtlich der Vegetation und der verschiedenen Thierklassen
eine höchst merkwürdige Uebereinstimmung mit der Natur
Patagoniens dar. Dieselben Pflanzengattungen, dieselben Gat-
tungen Säugethiere, Vögel, Amphibien und Insecten. Diese
üebereinstimnuing der Producte und der Temperatur auf den
Hochebenen der Anden, ungeachtet ihrer ungeheuren Ent-
fernung von 22 Breitengraden oder 440 Seemeilen, die
sie von Patagonien trennen, mufs Thiere derselben Art mit
sich bringen, wie wir jezt an den Singvögeln nachweisen
wollen.
Die stetige Abnahme der Anzahl der Arten, je näher man
dem Siidpole kommt oder je höher man sich über den Mee-
resspiegel erhebt (bis zum 15° südl. Br.) kann mit der Ein-
theilung sämmtlicher Arten in drei Reihen verglichen werden,
von denen die erste die Arten der Ebenen und der waldigen
und feuchten Berge, die zweite die Arten der buschigen und
dürren Ebenen, die dritte die Arten der hohen und trockenen
Gebirge enthält.
So vertheilt zeigt uns die erste Reihe die Zahl 291, also
fast ^ der beobachteten Arten, die zweite die Zahl 109, also
vielmehr als ^ der ersten Reihe und die dritte die Zahl 85
also wenig mehr als ~ derselben Reihe.
Die folgende Tabelle enthält unsere drei Eintheilungs-
systeme und die allmählige Abnahme unserer 395 Singvögel-
Arten übersichtlich zusammengestellt.
240
Zonen.
Es würden also 349 Arten in den Ebenen und nur 165 Ar-
ten in den Gebirgen vorkommen, was unsere oben ausgespro-
chene Ansicht bestätigt, dafs die Gebirge Amerikas nicht so
viele verschiedene Arten aufzuweisen haben, als die Ebenen,
besonders in der heifsen Zone.
Wir haben schon oben bemerkt, dafs das gleichzeitige
Vorkonmien derselben Arten auf den Hochebenen der Anden
und in den südlichen Ebenen auf der grofsen Aehnlichkeit
der Temperatur und des Bodens beruht. Wir stützen uns
auf diese Thatsache; denn Analogien im Boden üben den gröfs-
ten Einflufs auf viele Thiere aus, und wir finden selbst unter
unseren Singvögeln einige Arten, welche ohne Rücksicht auf
die verschiedene Temperatur zu nehmen, dieser Uebereinstim-
mung im Boden folgen, von der heifsen Zone bis nach Pata-
gonien; in den Gebirgen des Rückens der Anden, unter den
Wendekreisen, bis zum Meere.sspiegel; oder mitten in den
Ebenen und auf den Gebirgen aller Zonen, wenn sie nur
irgend noch Mittel ihrer Existenz finden. Zum Beweis hier-
für können wir anführen: 1) für die erste Reihe Fluvicola
peT'spicillata , die die überschwemmten Ebenen durchstreift,
von den Ufern des Rio negro in Patagonien bis zu den hei-
fsen Sümpfen der Provinz Moxos; ferner Pepoazo pclyglotta,
Furnarms rufus xmAAninnbiiis vulgaris, welche imGegentheil
die von Gebüschen bedeckten Länder von Patagonien bis zur
heifsen Zone aufsuchen; 2) für die zweite Reihe Muscisaxi-
cola nificeps, welche bis zum 15° ebenso gern die Gipfel
der Anden, wie die Ufer des Meeres bewohnt, wenn der Bo-
den dort nur dürre und trocken ist; und endlich 3) für die
dritte Reihe Muscisaxicola mentalis, die eben sowohl alle
241
Gebirgszonon unter den Wendekreisen als die Meeresküsten
und Patagonien bewohnt, wenn sie nur einen trockenen und
unfruchtbaren Boden vorfindet; AntJms fiilvus, der so gut
an den LTern der Gewässer umherläuft, als auf dem Gipfel
der Anden, den Sümpfen von Patagonieii und denen der hei-
fsen Ebenen; w'6\\re\\A Certhilauda communis N ob. unXQv &\\Qn.
Temperaturverhältnissen der Breite und der Hölie die dürren,
von unfruchtbaren Strecken und einigen Gramineen bedeckten
Ebenen vorzieht. Nachdem wir diese, gegen die Temperatur
gleichgültigen Arten, die nur einen übereinstimmenden Boden
suchen, angeführt haben, glauben wir die Bemerkung machen
zu müssen, dafs sie nur eine Ausnalmie von der allgemeinen
Regel machen; denn die gröfste Anzahl von Arten ist auf be-
stimmte, mehr oder ^veniger weite Gränzen angewiesen, die
schon oft wieder in die festgesetzten Zonen gehen. Es wird
leicht sein, sich davon zu überzeugen, wenn man in der fol-
genden Uebersicht die Summe der beobachteten Arten mit der
der Ausnahmen vergleicht.
Arten, die allen Zonen der Temperatur gemein sind. 14
Arten, die der zweiten und dritten Temperaturzone
gemein sind 18
Arten, die der ersten und zweiten Temperaturzone ge-
mein sind 24
Arten, die unsern bestimmten Temperaturzonen eigen. 339
Mithin giebt es nur etwa \ unter den beobachteten Arten,
die nicht in unsern sich entsprechenden Zonen der Erhebung
und der Breite mit eingeschlossen sind.
Wenn wir nun die Zahlen der den beiden Seiten der
Anden eigenthümlichen Arten unter einander vergleichen, ohne
Rücksicht auf die verschiedenen Zonen der Höhe und der Breite
zu nehmen, so werden wir mit Verwunderung 374 Arten auf
der östlichen Seite finden, während auf der westlichen nur
46, also nur etwa \ von der vorigen Summe vorkominen.
25 Arten leben gleich häufig auf beiden Seiten der Anden, so
dafs also für den Osten nicht mehr als 352 und für den
Westen 20 Arten bleiben. Dieses ungeheure Mifsverhältnifs
hat seinen Grund in dem Wechsel, den die herrschenden, aus
V. Jahrg. 1. Band. 16
242
Noffl-Ost wehenden AVinde, die durch die Anden aufgehalten
werden, in der ganzen Natur Itervorbringen. Im Osten, unter
der heifsen Zone, sind Gebirge mit undurchdringlichen Wäl-
dern bedeckt, wo wohlthätige Regen beständig die kräftigste
Vegetation ernähren; am Fufs der Gebirge mit Wäldern be-
deckte Ebenen, die bald von Lustwäldchen und freien Strecken
unterbrochen werden, bald von stehenden Gewässern über-
schwemmt sind. Im Westen dagegen, unter derselben Breite,
welch ein Contrast! die Gebirge zeigen kaum einiges Gesträuch
oder verkrüppelte Cactus, welcjie zwischen dürren, öden Fel-
sen hervorwachsen, wo es niemals regnet: etwas tiefer mehr
natürliche Vegetation, Ströme gebildet von dem Schmelzen
des Schnees auf den Bergesgipfeln zertheilen sich ins Unend-
liche und bringen europäische, hierher verpflanzte Gewächse
hervor. Man sieht leicht, weldie Veränderung diese so auf-
fallende Verschiedenheit des Terrains in den Nahrungsmitteln
der Singvögel herbeiführen raufs; dennoch bietet Chili in dieser
Beziehung ein geringeres Mifsverhältnifs mit dem Osten dar,
als die Küste von Peru. Ueberhaupt stehen die Arten der
warmen Gegenden auf der Westseite in näherer Beziehung zu
den Arten der Gebirge oder der südlichen Zonen, als zu
denen der ^varmen ihnen entsprechenden Zonen im Osten der
Anden.
Wir wollen nun zum Vergleich die Zahl der Singvögel
bestimmter, und von einander der Breite nach entfernter 0er-
ter im Osten und Westen der Anden angeben, damit man
sieht, was für Arten jeder Oertlichkeit eigenthümlieh sind.
Ostseite.
Patagonien von 40" — 42"
südl. Breite .... 37 Art.
Buenos-Ayres U.Monte-
video v. 34»— SS^s.Br. 20Art.
Bolivia und Corientes,
vonll»— 28»süd].Br.
ohne Unterschied der
Höhe 354 Art.
Westseite.
Valparaiso bis Chili, bis
34° südl. Br 28Art.
Peru (Arica und Lima)
vonir— 18« südl.Br. 29 Art.
Nehmen wir von diesen Gegenden die entferntesten Puncte
im Osten und Westen der Anden, um vergleichend eine ver-
243
wandtschaftliche Beziehung aufzufinden, zwischen den sie
bewohnenden Arten der Singvögel, so wie denjenigen, welche
gleichmäfsig zu den wärmern Breitenzonen oder zu den ver-
schiedenen Zonen der Erhebung auf den Gebirgen gehören.
Patagonien, von 40°— 42° siidl. Breite.
Arten, welche sich finden:
in Valparaiso bis Chili 3
in Valparaiso bis Chili und in Bolivia (zweite Ilöhenzone) 2
in Valparaiso bis Chili und in Bolivia (dritte Ilöhenzone) . 3
in Valparaiso l)is Chili und in Bolivia (dritte Ilöhenzone)
so wie in Corientes 4
in Valparaiso bis Chili und Peru . . . . . ^ . . . . 1
in der zweiten Höhenzone und in Bolivia 5
in der zweiten Höhenzone, in Bolivia und Buenos -Ayrcs 4
in der ersten Höhenzoue, in Bolivia und Buenos-Ayres . 3
in Buenos-Ayres 2
Arten die nur Patagonien eigen sind 10
37"
Demnach finden sich von 37 Arten 13 auch in Chili unter
derselben Breitenzone und 21 in verschiedenen entsprechenden
Höhenzonen in Bolivia.
Valparaiso bis Chili, bis zum 33'' südl. Br.
Arten, die sich finden:
in Patagonien 3
in Patagouien und in Bolivia (dritte Höhenzone). ... 4
in Patagonien und in Bolivia (dritte Höhenzone) und
Buenos-Ayres 2
in Patagonien und in Bolivia (zweite Höhenzone) und in
Buenos-Ayres. 3
in Patagonien und Peru. 1
in Bolivia (zweite Höhenzone) "1
in Peru 2
in Buenos-Ayres 1
Arten die Chili allein hat - • 13
30
Demnach finden sich von den 30 Arten Chili's auch 13 in
Patagonien unter derselben Breitenzone und 10 in den ver-
schiedenen entsprechenden Höhenzonen in Bolivia.
16*
244
Von den 28 in Peru beobachteten Arten Singvögel, sind
10 ihm eigenthiwnlich und finden sich sonst nirgends.
Wir wollen nun eine Uebersicht von allen Gattungen der
Singvögel, die wir im südlichen Amerika von den kalten bis
zu den wärmern Zonen und von dem Niveau des Meeres an
bis zu den Gipfeln der Anden beobachtet haben, geben, indem
wir für jede die Gränzen der Breite und der Erhebung auf-
führen, und indem wir nach unsern eigenen Beobachtungen
ihren speciellen Standort in Südamerika zu ermitteln suchen.
Wir hielten für das beste Mittel zu einer schnellen Ein-
sicht in die geographische Verbreitung der Singvögel Amerikas,
eine Tabelle, die die Gränzen des Standorts einer jeden Gat-
tung, so wie für die Gattungen und Familien die Zahl der
Arten, die wir beobachteten, angäbe, imd welche in einer
Uebersicht alles das enthielte, was jeder Eintheilung vorausge-
schickt werden mufs und daneben auch einen Blick in unsere
Classificatien gewährte, die mit den zoologischen Characteren
unsere Beobachtungen über die Sitten und Lebensweise dieser
, Vögel vereinigte.
(Hier folgt nebenstehende Tabelle.)
Wir haben die Singvögel bisher nur nach der Zahl der
in unseren verschiedenen Zonen vertheilten Arten ohne Unter-
schied von Familie oder Gattung betrachtet; nachdem wir aber
in der vorstehenden Tabelle die Gesammtheit der Familien und
Gattungen dargestellt haben, können wir uns nicht enthalten
daraus Folgerungen, wie sie sich von selbst darbieten, zu
ziehen.
Das Erste ist die Vergleichung der von uns in der süd-
lichen Hemisphäre beobachteten Familien mit den europäischen.
Sie theilen sich in zwei verschiedene Reihen, von denen die
einen der alten und neuen Welt gemeinschaftlich angehören;,
die andern Südamerika allein eigen sind.
Aus der ersten Reihe bieten uns die Laniadeen eine sehr
kleine Anz^ahl Arten dar. Die Turdusineen halten den euro-
päischen Arten das Gleichgewicht; nicht aber findet dies bei
Sylviadeen statt, w^elche verliältnifsmäfsig viel mehr Arten in
Europa, als in den von uns besuchten Ländern aufzuweisen
haben, während bei den Muscicapideen grade das Gegentheil
Zu Seite 244.
Vergleichende Darstellung
Classification
der
Sinsvöf?el.
Erste Familie.
Laniadeae.
2. Familie.
Mi/ofheri'neae.
3. Familie.
'^ \Rhiiiomijdeae.
4. Familie.
[5 iTiirdusineae.
5. Familie,
Syh'iadeae.
6. Familie.
\T((uii'^;rideae.
7. Familie.
I \pipradeue.
8. Familie.
Coracineae.
9. Familie.
1 Durnicolue.
Humicoluc. •
^Syhücolae.
I Diimicolae. ■
^AnuidinicoUte.
'Sylvicolue.
Dunu'colae. .
Jiumkolue. .
'Syh'icolae.
^Dunticolae.
{IUI
)
Namen der Gattmi-
gen mul Unter-
gattungen.
ILft/t/'n^nt. ■ ■
Vireo
rThamnoph'dus. .
,} Formicivora. . ■
\.Myrmotltern.
(CoiiopojjJititi"- •
(Myothe/d. ■ • •
Rhinojnyn. ■ ■
Pteropiochos.
Tiirdiis. ■ ■
Orphens. . ■ .
DoHacohius. . .
f-Syfi'fa
Hyfophilus. .
Diicnis, ■ ■
iSynalhnvi's. .
iTroglodytes. .
. yAnthns. ■ •
iJSemosfa. ■ ■
Tachyphonns.
.\Euplwma. . .
1 Tauagrit. . .
Spyravga. . ■
l Ramphoce/iis.
JEmleniai^ra.
I Saltator. . .
\phytoto>/ia. .
Rvpicola. . .
Pipra. ■ . .
Cephalopterus.
Qucrula.
AmppUs.,
Tersina.
Granzen des Standorts üer ,
Gattungen. IZalü derl ^^^^^j ^^^^^
' i ^ l^dTd.Er- Arten derl .^^^^^ j^r
[nOst. od. Südliche hebung in Gattun- I .^ -:i:.„
Westen j3^.^it, K-?rrv1 ^'"•
d. Anden. la» s.Di. )
5000
-5000
-7000
-6O0O
—5000
-11000
-11000
-5000
-5000
11000
11000
18000
-5000
-5000
-5000
-11000
-5000
-5000
-8000
-11000
-11000
-3000
-5000
110—20
1
1
13
6
3
3
2
1
4
5
5
2
5
1
4
15
7
5
3
6
4
14
2
1
4
9
3
1
2
110^28" O-30U0
lio_23'' 1 — " " '
27
12
37
46
1
Classification
der
Singvögel.
(-i
10. Familie.
.^ i Miiscicapideae.
Fissi
rosfres
, 1. Familie.
\ssi- i Caprimulgideae.
I 2. Familie.
\Hiru7idmeae.
1. Familie.
Älaudineae.
2. Familie,
1 FringilUdeae.
Com
rostres
V
Tenui-<
rostres i
3. Familie.
Coroideae.
4. Familie.
Sturmdeae.
1. Familie.
Certhideae.
2. Familie.
I Sittadeae.
3. Familie.
Uppucerthideae,
4. Familie.
Coerebideae.
5. Familie.
Trochilideae.
Namen der Gattun-
gen und Unter-
gattungen.
Sylvicolae.
\Dumicolae.
^Humicolae. .
llIIIII
rDumi'colae imd
Graminicolae.
\ Sylvicolae.
{Sylvicolae.
Graminicolae.
I
TKletterer. . .
ypumicolae. .
rPsaris. . . .
I Pachyrhynchus
Tyrannns.
Hirundinea.
I Muscipeta.
Mtiscicapa.
Alecturus.
Tachuris. .
Culicivora,
Guhernetus,
Fluvicola. .
cMuscigralla.
Pepoaxo. .
Muscisa^vicola
Nyctibitis. .
Capiimulgus.
Hirundo. .
Cypselus. ,
Certhilauia.
E/nheriza.
\Passerina.
' Fringilla.
Carduelis.
Linaria.. .
Pitylus.
Pyrrhula.
G arm Ins.
CassicHs.
Icterus.
Xsturnella.
Dendrocolaptes,
Synda-i —
ctylae. \
{ = =
Xenops. . .
' Anahusitta. .
rAnahates. . .
l Anumbius.,
' Für nur ins,
IJppncerthia.
Coereba. . .
Serrirostrum.
Trochilus. . .
Oruismya,
Prionites. . .
Alcedo. . . .
Gränzen des Standorts der
Gattungen.
fn Ost. u.
Westen
d. Anden.
Südliche
Breite.
nach d.Er-
hebung in
Fufsen bis
15" s.Br.
Zahl der
Arten der
Gattun-
gen.
O.
O.
o.
o.
O. u. W,
O.
o.
O. u. W.
O. u. W.
O.
O.
W.
O. u. \V.
O. u. W.
O.
O.
O. u. W,
O. u. W.
O. u. W.
0. u. W.
O. u. \V.
O.
O.
O.
O.
O. u. W.
O
11«
11»
O. u. W. 11'-
O.
O. u. W,
110.
11»-
11«-
11»-
110.
11»-
11»-
31»-
11»-
11»-
11»-
18»-
110.
110.
110.
11»-
11»-
11»-
-23»
-23»
-45»
-28»
-34»
-34»
-34»
-34»
-45»
-23»
-45»
-45»
-45»
-28»
-41»
-45»
-23»
11»— 45»
11»-
11»-
11»-
11»-
11».
11»-
11»-
-34»
-45»
-34»
-45»
-23»
-28»
-23°
11»— 28»
28»
.45»
45»
O.
O.
O.
O.
O.
O.
O. u. W.
O.
O.
0. u. W.
O.
O.
O. u. W.
0-8000
0-8000
0—5000
0—8000
0—11000
0-11000
-18000
-18000
0—
0—
18000
18000
0-18000
-13000
-18000
-11000
-11000
-9000
-5000
0-5000
-5000
-18000
11»— 28» 0—5000
11»-
11»
11»-
11»-
110.
-28»
-28»
-45»
-45»
-34»
ll»-45°
:ii»-
11»-
11»-
11».
11»-
110.
-5000
-5000
-8000
-8000
0 - 18000
-28» 0
-21» ! 0
-34» j 0-
-28» I 0-
-23» , 0
-34» i 0
-5000
-7000
11000
11000
-5000
—8000
5
1
14
1
17
14
4
2
4
1
8
1
12
4
1
5
8
3
5
22
1
2
2
3
9
6
14
2
10
2
4
4
5
1
3
2
25
11
1
4
bunima 395
245
statt findet. Letztere Familie, die bei uns kaum in einzelnen
Arten ihre Repräsentauten hat, jnacht in Amerika allein weit
mehr als '- aller Singvögel aus, woraus deutlich hervorgeht,
dals dort die lusecten viel gemeiner als in unseren gemäfsig-
ten Erdstrichen sind. Die Caprimu lg Ideen sind zahlreicher
au Arten in den warmen Gegenden als in unserem Europa;
die Hirundineen zeigen verhältnifsmäfsig in beiden Gegenden
gleich viele Arten. Dasselbe läfst sich von den Alaudineen
und FringUlideen sagen. Die Arten der Corvideen sind im
südlichen Amerika nicht so zahlreich, wo einige kleine, den
Elstern ähnliche Arten kaum die Stelle der in unseren gemä-
isigtcn Ländern so gemeinen Vögel vertreten. Die StuTiiideen
bieten wieder ein entgegengesetztes Resultat. Europa besitzt
höchstens zwei Arten dieser die Gesellschaft liebender Vögel,
während grofse Schwärme von ihnen die Ebenen, Sümpfe
und Waldsäume der gemäfsigten, wie der heifsen Zonen Süd-
Amerika's bedecken. Die Certhldeen sind in jenen Ländern
viel häufiger, als in Europa; dasselbe gilt von den Sitiadeen;
aber die yllcyonideeii sind dort nicht sehr zahlreich, wiewohl
immer noch häufiger als 'bei uns.
Aus der zweiten Reihe sehen wir die Hhinomydcen auf
die südlichem Theile Amerikas, wo ihre düstern Earben gut
zu der durchgehends dürren Natur passen, angewiesen; während
die Tanagj'ideen, die Pipradeeii und die Ampelideen mit
ihrem prächtigen Gefieder und ihrem lebhaften Farbenschimmer
hauptsächlich die warmen Gegenden mit ihrer üppigen und
von der der heit^sen Zone so verschiedenen Vegetation be-
wohnen. Dasselbe gilt von den luftigen Trochilideen, die
meistens blofs über die warmen und gemäfsigten Erdstriche,
denen sie zu nicht geringer Zierde gereichen, verbreitet sind.
Betrachten wir nun die Familien mit Angabe der Zahl
der Arten, aus denen sie bestehen, so werden sie sich uns
in folgender Ordnung zeigen:
Muscicapideen. ... 88
Tanagrideen 46
Fringilüdeen . ... . 44
Sylviaccen 37
IrochiUdccn 3ö
XJppucerthiadeen. . . 7
Cciprbnulgideen. ... 6
yimpclidcen 5
Cörehideen. .... 5
lihynoinydccn. ... ^
24<)
Myrtheiineen. ... 22
Sturnideen 27
Sittadecn 16
Turdusineen 12
Hirundineen. . . . . 11
Cerihiadeen 10
Corvideen 4
AlcYonideen. . : . . 4
Plpradeen 3
Alaudineen 3
haniadeen 2
Coracineen 1
Fr'ioniten 1
Es bleibt uns noch übrig, die Singvögel unserer Tabelle
von dem letztern Gesichtspunct aus zu betrachten, nämlich
die Gattungen zu vergleichen, welche in Südamerika am tief-
sten nach Süden gehen, und die, welche sich noch höher in
den Anden, (bis zum 15" süd. Br.) erheben, wie folgende
Uebersicht zeigt:
Man sieht leicht
gemacht haben, dafs
Höhenzonen spricht ,
sehen den Gattungen,
wie wir auch schon oben bemorklich
wenn man von unsern Breiten- uuft
eine vollkommne üebereinstimmung zwi-
die die südlichen Theile des amerikani-
Waldvögel. 125 ,. , , ^ • -u
im Innern der Zweige. ... ob
247
sehen Continents bewohnen , und denen, welche sich am höch-
sten in den Anden erheben, statt findet. Zu den Gattungen der
Sino-vögel, die uns in einer bedeutenden Höhe über dem Mee-
resspiegel vorgekommen sind, gehören vorzüglich Uppucer-
ihia Icterus, Muscisaxicola imd Passcrhia, die man bis zu
den Regionen des ewigen Schnees und auf allen hohen Pla-
teaus antrifft.
Betrachten wir die Singvögel hinsichtlich ihrer Wohnplätze,
ihrer Sitten und ihres Aufenthalts in Wäldern oder buschigten
Ebenen, an Sümpfen, auf Felsen oder grasreichen Ebenen, so
haben sich uns folgende Resultate ergeben;
r auf den äufsern Zweigen. . . 67 Arten.
{aufd.Gipfelnd. Gebüsche. 149 —
im Innern der Gebüsche. 70 -
Sumpfvögel, auf Binsen oder Wasserpflanzen. . . 14 —
Felsen oder Gebäude liebende 11 —
In Ebenen lebende, hauptsächlich Gangvögel. . . 26 —
Aus diesen Zahlenverhältnissen sehen wir, dafs die mit
Gebüschen bedeckten Gegenden die meisten Arten beherbergen;
auch überwiegt, wie wir sahen, in den warmen Erdstrichen
die Zahl der in Ebenen lebenden Singvögel die der in Gebir-
gen vorkommenden Arten bedeutend, weil dort mehr Gebüsche
vorhanden sind, als sonst wo, und weil sich dort auch mehr
Insecten und zu ihrer Nahrung dienliche Körner vorfinden.
Die in Europa so regelmäfsig statt findenden Wanderungen
der Singvögel, sind in der südlichen Hemisphäre ganz verschieden.
Hier giebt es keine Zugvögel, die in einer Gegend zu einer
bestimmten Jahreszeit nisten, um sodann ein Gleiches in an-
dern Gegenden zu thun, die im Winter wärmer, im Sommer
gemäfsigter sind. Zwar ziehen die Singvögel des mittägigen
Amerika's auch, sei es der strengen Kälte zu entgehen, sei es
um Nahrungsmittel, die ihnen mangeln, aufzusuchen; aber
keiner wandert in dem Sinne, den wir mit diesem Worte
für Europa verbinden und wenn gleich eine dieser Ursachen
nothwendig die andere hier mit sich bringt, so ist dies doch
nicht in Amerika der Fall.
Die Wanderungen der Singvögel, die durch die Kälte
veranlafst werden, zwingt sie sich vom Süden nach Norden
248
zu begeben, wie dies auch Azarei in seiner Reise aiü'iilirt,
aber nicht ohne Ausnahme, wie der spanische Reisende be-
merkt, der nur die Länder der Ebene gesehen liat ; denn wenn
die Arten der kalten und geuüifsigten Striclie des platten Lan-
des diese Richtung einschlagen, indem sie die wärmern Zonen
suchen, findet für die Gebirgsbew^ohner gerade das Gegentheil
statt, die dann von ihren hohen Gipfeln in die Ebenen herab-
ziehen, indem sie auf der östlichen Seite der v^nden von We-
sten nach Osten, und auf der westlichen von Osten nach
Westen streichen. Man sieht hieraus deutlich, dafs die Rich-
tung der Wanderungen nicht beständig dem Laufe der Sonne
noch überhaupt einer feststehenden Richtung folgt. Abgesehen
von den sehr wenigen Standvögeln der kalten Gegenden, wie
Patagoniens (vom 41" — 45") ziehen wirklich alle andern kurz
nach der Brutzeit im März und April ab und begeben sich
nach Norden bis Buenos -Ay res bis zum 34"; während die
Zugvögel dieser Gegenden zu derselben Zeit wegziehen, um
in Corrientes, Chaco und im südlichen Brasilien bis zum 28"
südl. Br. die Stelle der Arten zu vertreten, die sich von hier
noch weiter nach Norden hinauf begeben. So sieht man in
diesen 3 Zonen bestimmte Arten sich periodisch Jahr aus Jahr
ein, die einen im Sommer die andern im Winter vertreten;
aber während der winterlichen Wanderungen nisten diese
Vögel nie, und wir haben sie immer, bald nachdem die Kälte
vorübergegangen war, im August und September schaarenweise,
wie sie sehr häufig kamen, wieder abreisen und zum Nisten
in die Gegenden zurückkehren sehen, die sie jährlich während
der heifsen Jahreszeit bewohnten. Diese Wanderungen kön-
nen in allen südlichen Tropenländern, in den Ebenen und
östlichen Abhängen der Anden, von Patagonien bis Brasilien
und Paraguay nicht regelmäfsiger sein ; aber auf der Westseite
der Anden haben wir nie eine vom Süden nach Norden
beobachtet, sondern immer nur die im Winter von den Ge-
birgen in die Thäler hinab.
Die Wanderungen der Gebirgsbewohner in die Ebenen
werden zu derselben Zeit und unter denselben Bedingungen, wie
die in den Ebenen, unternommen; diese Arten zielten auch
den ganisen Winter hindurch in gemäfsigtere Gegenden, aber
sie nisten hier nieht. So ziehen fast alle Arten von den Anden,
249
<lic «inen in dio Ebonon tlcr Pampas, von Chaco oder selbst
nördliclier in die von Santa Cruz de la Sierra', während
die Arten der entgegengesetzten Seite bis an dio Ufer des
Meeres , bis Chili und Peru streifen und sich von dort in ihre
Gebirge zurückwenden, um hier zu nisten. Die Gattungen
und Familien, welche am regelmäfsigsten diese jährlichen
Wanderungen unternehmen, sind: die Turdusinecn, die Syh
viadeen, Pipra, Enihcrnagra, fast alle Muscicapidecii, die
Caprimul ^ideell, die lUnindineen, alle Fringillideen, ^na-
hafes und die Alcyonideen. Man bemerkt wohl, dafs, da
insectivore und granivore Vögel in bestimmten Gegenden die
Stelle von Vögeln vertreten, die dieselbe Lebensart haben,
nicht immer der Mangel der Nahrung, wohl aber oft die Kälte
die Arten einer südlichen Breite zu den Wanderungen nach
Norden veranlafst. Daraus, dafs die neuen Ankömmlige wäh-
rend der kalten Jahreszeit Lebensunterhalt vorfmden, mufs
man schliefsen, dafs mehr die Abnahme der Temperatur der
Grund dieser Wanderungen ist, als der wirkliche Mangel der
Lebensmittel; oder man mufs doch wenigstens annehmen, dafs
einige Arten nicht an Körner oder bestimmte Thiere gebunden
sind, die in der kalten Jahreszeit auf eine Zeit lang ver-
schwinden.
Bei einer zweiten Classe von Zugvögeln werden die Wan-
derungen nicht durch die Abnahme der Temperatur, wohl aber
durch ihre Gebräuche oder durch das Bediirfnifs ihre Nah-
rung zu suchen, bedingt; hierher gehören die der heifsen
Zone. Einige ziehen periodisch, andere beständig, ohne stets
einer bestimmten Richtung zu folgen. Man könnte glauben,
dafs die periodisch erscheinenden das allgemeine Gesetz der
Wanderungen befolgen; mufs man aber die Gewohnheit zu-
ziehen bei den Arten, die nicht in bestimmten Perioden er-
scheinen , dem Einflufs der Jahreszeit auf die Reife der Körner
oder auf das Ausschliefsen dieser oder jener Insectenart zu
schreiben? Oder wird das unregelmäfsige Erscheinen von
localen, ganz besondern Umständen abhängig sein, durch die
an solchen Orten ein gänzlicher Mangel von Körnern und In-
secten herbeigeführt werden kann, was die davon lebenden
Singvögel zwingt, solche anderwärts zu suchen? Wir glauben,
dafs beide Umstände gleichen Einflufs auf diese Wanderungen
250
haben, fiie uns weniger merkliche Wanderungen als vielmehr
zufallige Ortsveränderungen zu sein scheinen.
Wie dem auch sei, so verhält sich die Zahl der Zugvögel
ZU) den Standvögeln wie 129 l 266; und zwar übertreffen in
den Theileu Siidamerika's, die wir durchforscht haben, die
Standvögel unter den Singvögeln, die Zugvögel etwas über
die Hälfte. Letztere leben vorzüglich in gemäfsigten und kal-
ten Erdstrichen; nichts desto weniger giebt es Standvögel
unter allen Breiten, und wenn wir in unserer Uebersicht gleich
die Gattungen aufgezählt haben, die diese verschiedenen Ge-
setze befolgen, so giebt es doch sehr häufig einzelne Arten,
welche beiden Kategorien angehören.
In einem Lande, wo die Insecten so zahlreich sind, mufs
es auch nothwendig mehr insectivore, als granivore oder fru-
givore Vögel geben, imd so haben wir es beobachtet; denn
von den gesaiumeiten Arten leben 267 von Insecten, während
sich nur 128 von Körnern oder Früchten nähren; so dafs also
die insectivoren die granivoren wenig mehr als um die Hälfte
überwiegen würden. Indessen ist Südamerika vielleicht das
einzige Land in der Weit, wo die Vögel am wenigsten eine
bestimmte Regel befolgen, auch sieht man viele granivore,
besonders frugivore nach Umständen Insecten nnd Mollusken
verzehren. Es wäre viel richtiger zu sagen, dafs viele von
ihnen im Winter omnivor sind; denn oft haben wir in der
Nähe von Meiereien insectivore und granivore Singvögel mit
Appetit das Rindfleisch verzehren sehen, welches man häufig
zum Behuf des Trocknens auf Klaftern ausbreitet. Eine
Elster (/« pie acahe), verschiedene Arten von Icterus, von
Tyrannus und andere Muscicapideen, eine Finkenart {le
fringille pavoare) stritten sich dann hartnäckig um Stücke
Fleisch, welche ihre gewöhnliche Nahrung vertraten.
Die Geselligkeit ist bei den Singvögeln verhältnifsmäfsig
seltener als bei den Hühnervögeln, Sumpf- und Schwimm-
vögeln, indefs vereinigen sich nicht nur viele von ihnen, wie
die Fringillideeji und einige Tanagrideen bald nach der
Paarung, sondern man sieht auch noch melirere andere Arten
aus den Gattungen Icterus und Cassicus sich zu dieser Zeit
näher an einander anschliefsen, was bei den andern Vögeln
gewöhnlich eine momentane Trennung in Paare zu Wege bringt.
251
Im Allgomoinen siiul die in der Ebene lebenden die gesellig-
j;ten, fast immer die granivoren, wolier die Minderzahl der
geselligen Vögel rührt; denn initer den insectivoren haben wir
nur einige Muscicapideen, die Jlirundineen und die Capri-
mulgideen gefunden, welche sich blofs zu den gröfsern
Wandennigen vereinigen.
Beohachtiingen über einen ungewöhnlich z.ahmeii
lind äufserst klugen 15 a n ni ni ar d c r
(^Mustela inarLcs).
Mitgetheilt von
St. K. V. Siemuszowa-Pi etruski.
Im Juni 1836 bekam ich einen sehr jungen Baummarder,
welcher in einer kurzen Zeitfrist so heimlich wurde, dafs er
die Bewunderung Aller, die ihn zu sehen die Gelegenheit hat-
ten, mit Recht verdiente. Dieses schöne Thierchen ging in
allen Zimmern frei herum, ohne Jemandem etwas Böses zu
thun, spielte auf dem Hofe mit meinen dänischen Doggen,
sprang denselben oft auf den Rücken, und ritt manchmal auf
den guten geduldigen Thieren sehr possierlich eine gute Strecke
nach Art der Affen. Die Hunde hatten aber auch den Marder
sehr gerne und zeigten nie Spuren des ihnen gegen solche
Thiere angebornen Hasses. Mit der Zeit wurde er an meine
Person so anhänglich, dafs er mich überall auf allen meinen
Spaziergängen, ja selbst in die benachbarten Dörfer, wie es
nur ein Hund oder Dachs thun kann, (siehe meine Beobach-
tungen über den Dachs inWiegmann's Archiv, dritter Jahr-
gang, zweites Heft) naclifolgten. Auf diesen Spaziergängen
war es sehr interessant zu beobachten, wie er seinen von
Natur eingebornen Trieb auf Bäume zu klettern zu bezwingen
wufste. Es traf sich nämlich sehr oft, dafs er Lust bekam
auf einen Baum zu klettern; doch als er bejuerkte, dafs ich
252
mich entfernte, so eilte mir das Thierchen augenblicklich nach.
Selbst auf grofsen Excursionen in die 3 — 4 Meilen entfernten
Urwälder der Karpathen war der Marder mein treuer Be-
gleiter; Flüsse und Bäche durchschwamm er mit besonderer
Fertigkeit, wie eine Fischotter; das Bewunderungswürdigste
war aber dabei, dafs er sich nie sehr weit von mir entfernte,
nur ein einziges Mal erinnere ich mich, ihn auf etliche Stun-
den verloren zu haben. Diefs geschah auf folgende Weise.
Den 30. August 1837 folgte mir auf einer Excursion in
den Theil der Karpathen, den man Potoninen nennt, der Edel-
marder wie immer nach. Auf einer reizenden Flur war ich
mit dem Einsammeln des schönen Carabus Sacheri beschäf-
tigt, und vergafs gänzlich den Marder, welcher in der Nähe
ein Nest mit jungen Singaraseln {Merula rnontana Brehm.)
auffand und dieselben ruhig verzehrte. Nach einer glücklichen
Coleopteen- Ausbeute, wollte ich noch einen hohen Berg Na-
mens Paraszka ersteigen, vermifste aber den Marder und setzte
meinen Weg ohne ihn fort. Wie grofs war meine Freude,
als ich das kluge Thier nach acht vollen Stunden bei meiner
Rückkehr auf derselben Wiese, wo ich es verloren hatte
wiederfand. —
Dieser Marder nahm, wenn ich von Hause abwesend war.
Tage lang keine Nahrung zu sich, und bezeigte, wenn ich
zurückkehrte, seine Freude durch fröhliche Sprünge und Lieb-
kosungen u. dgl.
Er frafs alles, was auf den Tisch kam: Brot, Früchte,
Käse, Milch, am liebsten eben rohes Fleisch; Wein trank er
sehr gern und viel. Dieses eben beschleunigte seinen Tod, in-
dem er einst so viel davon trank, dafs man ihn am folgenden
Tage todt auf dem Boden des Hauses fand.
Botauische Notizen
von
Dr. M. J. Schleidcn.
(Fortsetzung.)
(Hiezu Taf. VJII.)
1. lieber Bastarderzeuguug und Sexualität.
Jjei Gelegenheit sehr schätzbarer Mittheilungen über Bastarder-
zeugung in der Flora fragt Prof. Wiegmann in Braunschvveig
am Schlüsse, wie dieselbe im Verhältnifs zu meiner Theorie der
Fortpflanzung zu denken sei. Meine Antwort darauf könnte ein-
fach so lauten: „Durch das Pollenkorn, welches durch seine
Verlängerung (den Pollenschlauch) in das Innere des Eichens
eintritt, wird dem künftigen Embryo der Typus der mütterli-
chen (^vidgo väterlichen) Pflanze aufgedrückt und da die ganze
fernere Bildung, durch welche der eigentliche Embryo hervor-
geht, im Innern des Embryosacks (des männlichen Princips der
Pflanze, Wolffs nutrimentum magnum in minima mole)
statt findet, wo also der Embryo von der väterlichen (yulgo
mütterlichen) Pflanze ernährt wird, so wird die Erzeugung des
Bastards erklärlich."
Es haben aber auch andere und namentlich Meyen die
Bastarderzeugung gradezu, als einen genügenden Einwurf gegen
meine Theorie der Fortpflanzung betrachtet und der letzte
sagt (in seiner Physiol. Bd. III. pag. 320): „die Bastarderzcu-
gung allein war hinreichend, um die Hypothese des Hr. Schiei-
den zu beseitigen."
Es giebt eine Klasse von Naturphilosophen, die die ganze
Wissenschaft, das heifst, so viel sie grade in dem Augenblick
V. Jahrg. 1 Band. A n
254
«lavon gefafst haben, mit absoluter Nothwendigkeit in ewigen
Naturprincipien begründet nachweisen, morgen aber, wenn sie
vielleicht derweile etwas besseres gelernt, das directe Gegen-
theil mit derselben absoluten NothAveudigkeit aus denselben
Principien abzuleiten wissen. Von solchen komischen Leut-
chen, die mit dem gesunden Menschenverstand und der Logik
beständig über den Fufs gespannt sind, hätte ich mich wohl
eines solchen Einw' urfs versehen können, aber nicht von M e y e n,
der allem, was über das gesunde, hausbackne Denken hinaus-
geht, so feind ist, dafs er sogar alle Hypothesen vernichten
möchte ; freilich — ohne zu bedenken, dafs es ohne Hypothese
überall gar zu keiner "Wissenschaft kommen kann. Die Wissen-
schaft hat als Inhalt nicht ein beliebig geordnetes Aggregat von
Thatsachen, sondern ein System von Gesetzen und Regeln und
durch dieselben bestimmte Thatsachen. In Beobach-
tung und Erfahrung fallen aber nur die letzteren; das Gesetz
bringen wir allein durch Hypothesis (Voraussetzung) hinzu, —
Auch macht Meyen de facto keineswegs sehr sparsam Ge-
brauch von diesem Rechte, — Die Bastardzeugung anlangend
scheint es mir nun aber auch grade für den alltäglichen, ge-
sunden Menschenverstand ganz einerlei zu sein, ob a zu h,
oder h zua kommt, wenn sie nur überhaupt zusammen kommen.
Ja die Bastarderzeugung ist so wenig eine Widerlegung mei-
ner Ansicht über die Fortpflanzung, dafs sie vielmehr durch
dieselbe unendlich viel einfacher und ohne Hülfe der eigen-
thümlichen Lebenskraft (dieser Chauve-souris-Maske physio-
logischer Unbeholfenheit) erklärt wird, wie meine oben gegebne
Antwort auf Wiegmanns Frage beweist, welche übrigens
(^cuique suum) zufällig mit Auslassung eines für mich über-
flüssigen Zwischensatzes eben wörtlich die von Meyen (Phy-
siolog. III, pag, 320,) gegebne Erklärung ist. — Gegen M eyens
Verwerfung meiner Ansichten über Fortpflanzung kann ich
mich insbesondere eines bei ihm sehr beliebten Beweises be-
dienen, nämlich der Analogie mit der Thierwelt, da sich leicht
nachweisen läfst, dafs Meyen s Ansichten aller Analogie wider-
streiten, indem er gradezu die Vorbildung einer materiellen
Grundlage also die Präexistenz eines zu befruchtenden Ovw
lums ableugnet. Ich weifs nicht, was er mit seiner befruch-
tenden Substanz, die ihm zum Glück unter den Händen lebendig
255
wird und davon läuft, eigentlich iwi Ovavio anfangen wollte,
denn, wenn der Pollcnsclilanch im Ovario ankommt, findet er
nichts vor, was er befruchten könnte; selbst der Vorläufer des
Embryos, Meyens Embryobläschen, ist noch nicht einmal
vorhanden und bildet sich auch nach ihm weder im Embryo-
sack und ans dessen Substanz, noch aus dem Pollensclilauch
und dessen Substanz, sondern zwischen beiden und von beiden
uur berührt, als ein ganz neu entstandenes Ding, und keines-
wegs als die Um- und Ausbildung einer schon vorhandenen
Anlage (vgl. Physiol. Bd. III. Taf. XIII. Fig. 38 — 42*). Uebri-
gens ist die ganze Darstellung beiMeyen so vage und unklar,
daft kaum zu entscheiden ist, wie er sich eigentlich die Sache
denkt und, wie in dem ganzen Buche Thatsache und Räsonne-
ment, oft auch noch Geschichte und Poleuiik ohne Trennung
verwirrend durcheinander läuft zum grofsen Nachtheil des
mancherlei Guten, was darin steht, so ist es auch hier. Nir-
gends wird das Schlufsresultat der vielen zum Theil sich
widersprechenden Beobachtungen mitgetheilt. Etwas der Art
kommt dagegen im Jahresbericht von 1838 (Wiegmanns
Archiv Jahrgang 5. Bd. 2. pag. 33.) vor. Hier sagt Meyen:
Der Pollenschlauch giebt seine Membran bei der Bildung
des Embryos als materielles Substrat, aus welchem eine
Bildung im Innern des Nucleus des Eichens folgt, die sich
theilweise zum Embryo gestaltet. — Wenn dieser Satz etwas
anderes heifsen soll als „dafs der Embryo eine Umgestaltung
eines Theils des Pollenschlauchs (nämlich seines äufsersten
Endes im Nucleus) sei, so mufs ich gestehen, dafs der Satz
für mich gar keinen Sinn hat. Soll er aber so, wie eben
angegeben, verstanden werden, so ist es nichts als eine sehr
erkünstelte und schwerfällige Phrase für meinen einfachen
Satz: „Das Ende des Pollenschlauchs wird zum Embryo, folg-
lich ist dds Pollenkorn Ovulum."
'^) Ich berufe mich hier nur auf die Abbildungen, aus denen sich
die obige Erklärung natürlich ergiebt. Meyens Erklärung findet in
seinen eignen Abbildungen keine Stütze und beruht überhaupt nicht
auf Anschauung, sonst würde er grade hier, beim wichtigsten und fast
allein wesentlichen Punkte, wohl nicht verfehlt haben, die so sehr
nöthigen Abbildungen zu geben. —
17*
256
Meyens, aus viel zu wenigen, meist unvollständigen
Beobachtungen hervorgegangene Ansicht entbehrt also grade
da der von ihm stets hervorgehobnen Analogie des Thier-
reichs, wo nach den neuern Untersuchungen von Wagner,
Baer undSchwann ganz entschieden eine sehr specielle Ana-
logie existirt, nämlich in der Präexistenz des Embryos als ein-
zelner Zelle, aus welcher, bestimmt durch befruchtenden Ein-
flufs, das neue Individuum sich entwickelt. — Uebrigens mufs
ich eine ausführliche Nachweisung der Unzulänglichkeit der
Meyen sehen Untersuchungen, insbesondere soweit es einspe-
cielles Eingehen in die von ihm angeführten Beispiele betrifft,
für einen andern Ort aufsparen. — Als Andeutung, dafs mein
Urtheil über diesen Theil der Meyenschen Untersuchungen
flicht unbegründet ist, mag hier noch folgendes Platz finden.
Wenn derselbe z. B. den Lüiacecn den Embryosack abspricht
und sogar die Behauptung aufstellt, dafs sich bei ihnen eine
Höhle im Nucleus erst bei der Verstäubung der Antheren
bilde (Physiolog. Bd. III. pag. 306, 311), so ist das allein einer
-höchst mangelhaften Untersuchung des Entwicklungsganges und
einer höchst ungenügenden Zahl von Fällen und somit einer
Beschränktheit des Blickes zuzuschreiben. — Phonnium tenax
hat in allen Entwickelnngsstufen und namentlich schon zu
einer Zeit, wo die Knospe etwa 1" lang ist, einen Embryo-
sack, dessen Derl)heit dem Trivialnamen der Pflanze alle Ehre
maciit. Aber auch lange vor Oeffnung der Knospe (ja bei
den Tulipaceen lange, ehe die Eihäute deu Nucleus vollstän-
dig bedecken) ist der Einbryosak bei Tul'ipa sylvestris, gesneri-
ana, hreyniana, Fritillaria imperialis und pyrenaica, Scilla
sihirica, Eucoinis punctata, Hyacinthus oricntalis, Hemero-
callis flava, yillium Moly, Lilium candidum, camschaticwn,
tigrinwn, hulhiferum, Martagon und chalcedonicum deutlich
vorhanden. Grade Lilium candidum hätte Meyen den besten
Beweis von der Falschheit seiner Ansicht liefern können. Hier
zeigt nämlich jede Zelle des Nucleus einen sehr deutlichen
scharf gezeichneten Cytoblasten und so wie bei den andern
Zellen bleibt dieser Cytoblast auch in der Zelle persistent,
die sich zum Embryosack ausdehnt und so den Nucleus ver-
drängt. Als solche nur vergröfserte Zelle durch ihren Cyto-
blasten ganz ohnzweifelhaft characterisirt, zeigt sich nun der
257
Embryosack in der ^" langen Knospe, also fast 14 Tage vor
Verstaubung der Antheren. — Bei Allunn Moly ist der Eni-
bryosa(Ä': ebenfalls sehr derb und hat lange vor Aufbrechen
der Antheren schon den ganzen Nuclcns verdrängt und ist
an seine Stelle getreten, grade wie bei den Orchideen, denen
Meyen ebenfalls wegen mangelhafter Beobachtung den Em-
bryosack abspricht; denn auch hier characterisirt sich die
zarte, fast gallertartige, die Höhle des Nucleus anfanglich aus-
kleidende, später den letzteren ganz ersetzende Membran durch
einen oft sehr deutlich zu erkennenden Gytoblasten als selbst-
ständige Zelle. — In solchen Fällen wie bei Liliuni candichnn
inid den Orchideen haben wir nun ein Merkmal, wodurch
wir die Anerkennung des Embryosacks, als selbstständiger Zelle,
erzwingen können, welches leider in andern Fällen fehlt. —
Der Embryosack erleidet bef vielen Pflanzen eine sehr bedeu-
tende Ausdehiumg, ist deshalb zur Zeit der Befruchtung äufserst
zart, seine Substanz wird in gar vielen Fällen, z. B. nament-
lich bei Fritillaria iwperialis zur Zeit der Befruchtung sehr
weich, fast gallertartig, damit er der Ausdehnung seiner Mem-
bran durch den eindringenden Pollenschlauch um so viel weni-
ger Hiiuleruifs entgegensetze, zugleich adiiärirt er den übrigen
Zellen des Nucleus und wenn dieser schon verdrängt ist des
Integiunents, zimial in der Chataza-j-egion, woher er den Zu-
flufs der ernährenden Säfte auffiinmit, so fest, dafs er durch
die Behandlung mit unsern zartesten. Instrumenten entweder,
zerrissen wird, oder doch nicht isolirt werden kann. Doch ist
es mir auch durch Ausdauer mehrmals gelungen den Embryosack
grade aus Frifillaria imperialis, besonders in frühern Zustän-
den des ovuJwn inst unverletzt herauszupräpariren. — Wer
nun aber wie Meyen sich an der Betrachtung eines verein-
zelten Zustandes und einer einzelnen Pflanze aus einer so
grofsen Familie, wie die Liliaceen sind, geniigen läfst, mufs
deim wohl nothwendig zu dem Glauben kommen, dafs hier kein
Embryosack vorhanden sei, von dessen Existenz er sich durch
BeoI)achtung der vollständigen Entwickelungsgeschichte im ein-
zelnen Falle und durch den Schlufs aus der Analogie bei ge^
nauer Untersuchung der verwandten Pflanzen bald überzeugt
haben würde, — Wenigstens hätte er sich dann bestinmit da-
hin aussprechen müssen, dafs er Fritillaria für eine ganz
258
absonderliche Ausnahme, in .ihrer eignen Familie ansieht, was
Meyen, gestützt auf die weiche Substanz des Embryosacksj
auch wahrsclieinlich gethan haben würde. — Ueberall nämlich
scheint es ihm nur schwer zu gelingen, sich vom Individuellen,
Einzelnen, Thatsächlichen zum Begriff zu erheben; wie er hier
nach einer nicht ausgesprochenen dunkeln Vorstellung den
Begriff der Zelle von dem Mehr oder Minder der Festigkeit
der Membran abhängig machen möchte, eben so willkiihrlich
scheint er zum Begriff d^r, Spiralfiber eine gewisse, aber auch
nicht näher bestimmte Dicke zu fordern (Wiegmanns Archiv
Jahrgang 5. Bd. 2. pag-.,17 — 18.).
Ich kann nicht umhin, hier noch zu bemerken, dafs
Meyen s gesammte Beobachtungen, entweder directe meine
Beobachtungen bestätigen (z. B. Physiol. Bd. IH. Taf. XIII.
Fig. 21, 23. Taf. XV. Fig. 1 — 9) oder sich recht wohl als
unvollständige Reihen aus meiner Theorie erklären lassen, dafs
aber umgekehrt ein grolser Theil meiner Untersuchungen,
namentlich die ganz constante Erscheinung der Einstülpung
des Embryosacks*) und die Entstehung der ersten Zellen auf
Cytoblasten im Pollenschlauch, so wie die fernere Entwick-
*) Mir bei hat mir (^Notes pour servir a Vhistoire de Vemhryo-
genie vegetale, se'u/ice de l'acad. des Sc. du 18 mars 1839. pag. 12.)
vorgeworfen, dafs ich die Einstülpung des Embryosa^ks nirgends ab-
gebildet, und meint deshalb, das Ganze sei nur eine Einbildung von
mir. Er irrt aber darin sehr. Die Membran des Embryosacks ist
meist so zart, dafs man, wenn man verhältnifsmafsig zeichnen will,
ihn nur mit einer einfachen Linie bezeichnen darf. Ebenso verhält
es sich meist mit dem Ende des Pollenschlauches; wo nun beide fest
an einandcrliegen, ist die Duplicität der Wandung so wenig wie bei
zartwandigeni Parenchym darzustellen; wie man bei diesem aber an
den Intercellulargängen die Doppeltheit der Wände erkennt, so kann
man es bei jenem an der Stelle, wo der Pollenscblauch an den Em-
bryosack antritt, und das zeigt sich denn meist sehr deutlich und ist
auch überall, wo ich es in der Natur deutlich gesehen, von mir ab-,
gebildet worden (Siehe Ueber Bildung des Eichens etc. Acta Leopold.
Carol. Vol. XIX. P. 1. Taf. III. Flg. 10, 21. Taf. VI. Fig. 76. Taf. VII.
Fig. 10.3. Taf. VIII Fig. 129, 130,), Uebrigens ist mir selbst ein
Fall voi-gekommen, wo die Einstülpiuig des Embryosacks deutlich
vom Enibryonalende des Poüeiischlauchs zu luiterscheiden war, und
diesen Fall habe ich denn auch ganz naturgetreu dargestellt, nämlich
bei l'hormium tenax Taf. IV. Fisf. 48.
259
lung bis zum Embryo durch beständige Entwicklung von Zel-
len in Zellen, durchaus keine andre Erklärung als die von
mir gegebne zulassen, von der man sich nur befreien kann,
wenn man die von mir zum Grunde gelegten Thatsachen grade-
zu in Abrede stellt. —
Von mehreren Seiten ist meine Theorie der vegetabili-
schen Embryogenie mit dem Namen einer Antisexualtheorie
beehrt worden und als solche angefochten; so sagt unter an-
dern Meyen Physiol. Bd. III. pag. 282., dafs, wenn meine
Theorie richtig sei, nicht nur, wie ich gesagt, die Geschlech-
ter bei den Pflanzen falsch benannt seien, sondern dafs mau
alle Vorstellungen über das Vorkommen geschlechtlicher Dif-
ferenzirungen bei den Pflanzen aufgeben müsse*.) In meinem
Aufsatze: „Beiträge zur Phytogenesis," in Müllers Archiv
Jahrg. 1838, habe ich den Fehler vieler Naturforscher gerügt,
Ausdrücke aus einer Disciplin in die andere zu übertragen,
ohne sich erst gründlich mit der ursprünglichen Bedeutung
des Ausdrucks bekannt gemacht, oder seine volle Anwendbar-
keit, mit allen ihm anhängenden NebenbegriflFen an der neuen
Stelle tiefer durchdacht zu haben. Ich nahm damals als Bei-
spiel das Wort „Wachsen;" als ein eben so schlagendes kann
ich hier das Wort „Geschlecht, sexixs'^ ausführen. Wenn man
über die Behauptung, dafs meine Theorie die Sexualität der
Pflanzen leugne, nur einen Augenblick nachdenkt, so kann man
sich nicht wohl verhehlen, dafs jenen Männern durchaus ein
*) Wahrscheinlich von diesem Irrthiim ausgehend sagt Meyen
(Wiegmanns Archiv Jahrgang V., Jahresbericht pag. 36.) Endli-
eil er s Ansicht, so paradox sie scheint, sei schwieriger zu beseitigen,
als die IVl einige. — Ich hatte Umkehrung der Geschlechter behauptet,
grade wie Endlicher. Ich habe die Anthere für den Eierstock er-
klärt, grade wie Endlicher. Ich aber halte den Embryosack für
das männliche Organ, Endlicher das Stigma. Ich baue meine
Theorie auf beobachtete Thatsachen, Endlicher auf Räsonnement.
Da nun Endlich ers Ansicht über das Stigma sehr leiclit, wenn
auch nicht als falsch, doch als unbegründet darzustellen ist, so wüfste
ich wahrlich nicht, wie meine vielen Beobachtungen leichter zu be-
seitigen sein sollten, alsEndlichers nicht grade immer concluden-
ten Schlüsse-, man müfste denn die SpeciaUq, meiner Untersuchungen,
wie Meyen, ignoriren.
260
klarer Begriff bei flem Worte Sexualität mangelte und dafs sie
dabei entweder in sehr grofser Beschränktheit an der Linne-
schen Detitung der Organe kleben blieben, oder eine höchst
unklare Erinnerung aus der Zoologie zum Grunde legten. —
Worin liegt denn bei den Thieren das allgemein geltende
Merkmal der Sexualität? Offenbar nicht in der Form der Or-
gane, die so mannigfach von der höchsten Einfachheit zweier
Bläschen, bis zu der höchsten Complication abändern, nicht in
dem Complex der zu einem Sexijs gehörigen Organe, denn
Uterus, vag'nia, penis*\ scvötum etc, sind nur bei einzelnen
Thier-Faniilien vorhanden, endlich nicht in der Form des Pro-
cesses, denn die Befruchtung wie die Ausbildung des Befruch-
teten Ovulum geschieht bald an diesem bald an jenem Ort,
bald innerhalb bald aufserhalb des Orü-anismus. — Es bleibt
*) In Wiegmanns Archiv Jahi-gang V., Bd. II. Jahresbericht
pag. 38. sagt Meycn: „Ehvas anders mufs sich der Befruchtungsact
bei den Pflanzen darstellen, da ihnen der pew/.y fehlt. — Also glaubt
Meyen, dafs alle Thicre cwen penis besitzen. Wenn er einen sol-
chen bei den Acephalen, den Eehinodei-men, Polypen etc. entdeckt
hat, so ist es doch sehr tadelnswerth, dafs er eine so wichtige Ent-
deckung nicht längst bekannt gemacht. — Der Befruchtungsact mufs
sich bei den Pflanzen allerdings etwas anders darstellen, als bei den Thie-
ren ; daran hat aber der pem's nicht den geringsten Antheil, denn derselbe
fehlt auch einer grofsen Anzahl von Thieren. — Ibidem nennt Meyen
den Pollenschlauch ein in gewisser Hinsicht dem /;<?/</* zu verglei-
chendes Organ, sagt aber in seiner Physiologie ausdrücklich (p.3ll)
dafs das Keimbläschen aus der Substanz der Spitze des Pollen-
schlaachs (also gleichsam aus der gluns penis) gebildet wei-de. —
Wer in seinen eignen Ansichten noch so confus und unklar ist, wer
mit so oberflächlichen Bemerkungen: ,,dafs der Unterschied der thie-
rischen und pflanzlichen Zeugung im Dasein und Mangel des pQiüs
liegt", sich selbst zufrieden stellen kann, von dem kann man mit Ernst
verlaegen, dafs er sich solcher kahlen Machtsprüche, wie Wieg-
manns Archiv 1. c. pag. 30 („Schleidens Erklärung ist an und für
sich ungenügend und denn überhaupt ganz zurückzuweisen") enthält,
oder wenigstens mit Gründen belegt. Wenn Meyen als Berichter-
statter atiftreten will, so ist vor allem seine Pflicht unpartheiisch die
Thatsachen zu referiren, imd wenn er sich ein ürtheil erlaubt, das-
selbe zu begründen. Das wegwerfende Urtheil aber ohne alle Gründe
und sogar, ohne die verworfene Ansicht selbst nur anzuführen, hin-"
schreiben, ist ein Verfahren, bei welchem Meycu nur sich selbst
schaden kann. — ,
261
also für flen Begriff der Sexualität als allgemeiner phjsiologi-
sclier Differenz gar nichts übrig als die Bestimmung: „dafs
ein Individuum (oder bei Zwittern, ein Organ) einen Keim
liefert, der für sich nicht im Stande ist, sich zu einem neuen
Individuum zu entwickeln, sondern dazu durch den materiellen
Einflufs eines anderen Individuums (resp. Organs) bestitmrit
werden nuifs." Das erste Individuum (Organ) nennen wir das
Weibliche, das andere das Männliche. — Nun glaube icli durch
meine Beobachtungen nachgewiesen zu haben, dafs das Pollen-
korn der Keim des neuen Individuums ist. Ich habe iiber
nirgends behauptet, dafs dieser Keim sich für sich selbst zu
einer neuen Pflanze entwickeln könne*), sondern dazu bedarf
es nothwendig des Einflusses des Embryosacks, mit welchem
der Pollenschauch in Berührung kommt. Deshalb nenne ich
*) Wenn Meyen (Wiegm'aniis Archiv Jahrgang V., Jahresbe-
richt pag. 31)' sagt: „ich hätte aus meinen Beobachtungen gefolgert,
dafs die Anthere die Keime enthalte und dafs also gar kein B e-
friichtungsprocefs Statt finde, so mufs ich die Ehre eines so
unlogischen Schlusses, wie in dem also liegt, Meyen selbst über-
lassen. Das letzte ist aber auch gradezu unwahr imd ich niufs eine
schon früher ausgesprochne Bitte hier dringend wiederholen, dafs
Meyen weder nieine Worte verdrehen, noch mir die seinigen leihen
möge. — Ein anderes Beispiel der Art liefert Meyen (1. c. pag. 14, ,,Herr
Schieiden scheint also sehr entschieden sagen zu wollen, dafs sich
die Zellenmembran unmittelbar aus Gummi bildet,") Das habe ich
entschieden nicht sagen wollen und in meiner Arbeit scheint es
auch ganz entschieden nicht so. — Ich kann Meyen hier nur
die Wahl lassen zu gestehen, dafs er entweder nicht weifs, was Gummi
ist, oder meine Arbeit beurtheilt, ohne sie gelesen zu haben (wenig-
stens so, dafs er wüfste, was dariii steht). Gummi ist ein Stoff, der
sich unter andern entschieden dadurch characterisirt, dafs er durch
Alcohol körnig gefällt und durch Jod gelb gefärbt wird. — Die Stoffe,
die ich als Pflanzengallerte bezeichnet habe (eine Substanz, aus der
auch die neu gebildete Zelle zu bestehen scheint) sind von mir ent-
schieden dadurch characterisirt worden, dafs sie durch ^J/co/;o/' und
Jodine gar nicht verändert werden. — Ich habe also entschieden
nicht sagen wollen, dafs sich die Membran ^aus Gummi bildet, son-
dern aus einem Stoff, der von Gummi ebenso verochieden ist und zu
demselben in eben dem Verhältnisse steht, wie Gummi von Stärke»
Zucker und Membranenstoff selbst verschieden ist. Dabei bin ich.
aber viel zu bescheiden gewesen, um etwas als entschieden voi'-
zutragen^ was noch lange nicht spruchreif ist. —
262
die Antliere Eierstock, weibliches Organ, den Embryosack
männliches Organ (wenn man will, Saauienbläschen) der Pflanze.
Es scheint mir nun ziemlich klar, dafs wer daraus ein Leug-
nen der Sexualität ableitet, nur zeigt, wie mangelhaft logisch
er selbst orientirt ist. —
Was nun aber die Hauptsache, meine Theorie selbst be-
trifi't, so bin ich weit entfernt meine Beobachtungen für unfehl-
bar zu halten; ich kenne nur zu gut die breite Möglichkeit
des Irrthums bei microscopischen Untersuchungen (selbst mit
Plössl, Pistor oder Amicischen Instrumenten) besonders
bei der Anwendung stärkerer Vergröfserungen. Ich mufs
aber doch gestehen, dafs mir bei eifrig fortgesetzten Unter-
suchungen noch kein Factum vorgekommen ist, welches mich
in meiner Ansicht wankend gemacht, ja nicht vielmehr darin
befestigt hätte.
Einen Vorwurf Mirbels (a. a. O. pag. 16) mufs ich hier
zurückweisen, als hätte ich mir in der Untersuchung Sprünge
'/u Schulden kommen lassen und dadurch mich selbst zum
Irrthum verführt. Meine Ilandzeichnungen von Zea aliissima
enthalten von dem ersten Erscheinen des Nucleus bis zum
fast reifen Embryo, also von Mirbels 2. bis T.Stufe, 19 Ent-
wicklungsstufen, also 13 mehr als Mirbels Untersuchungen
lind meine Notizen füllen selbst noch die dazwischen fallen-
den Lücken aus; bei Seeale cereale umfafst dieselbe Periode
sogar 26 Entwicklungsstufen. — Zur Erläuterung meiner Ar-
beit wählte ich aus einigen 100 in der Entwicklung von mir
verfolgten Pflanzen 43 aus und zwar so, wie ich glaubte, dafs
sie am besten dienen würden, tlieils meine Ansichten klar zu
machen, theils aber auch durch Verschiedenheit der Entwick-
lungsformen für die Wissenschaft auch in anderer Hinsicht von
Interesse zu sein. Es giebt sich von selbst, dafs, wenn ich
diese alle in ihrer ganzen Vollständigkeit hätte mittheilen wol-
len, 80 Tafeln kaum gereicht hätten und der Aufsatz ein Werk
von mehreren Bänden geworden wäre. — UeberalL in meinen
kleinen Mittheilungen habe ich aber grade (und in dieser Ent-
schiedenheit und Allgemeinheit vielleicht zuerst) die conse-
quente Verfügung der Entwicklungsgeschichte als die allein
richtige Methode in jedem Zweige der Botanik dargestellt und
man wird mir nicht vorwerfen wollen^ dafs ich bei so richtiger
263
Kenntnifs des allein zum Ziele führenden Weges ihn bei mei-
nen eignen Untersuchungea nicht selbst sollte eingeschlagen
haben. Ich mufs aber den Vorwurf Mirb ein geradezu zu-
rückgeben. Die viel r.n grofsenZvvischenraume zwischen seinen
Entwicklungsstufen haben ihn verhindert, die Entwicklung des
Embryosacks zum Alhumen zu erkeiuien und sein gänzliches
Uebergehen des Pollenschlauchs und dessen Verlaufs im Ovu-
lum liaben es ihm unmöglich gemacht, dessen Eintritt in den
Embryosack und seine Umgestaltung zum Embryo zu ge-
wahren. —
Aber nach einer andern Seite hin mufs ich noch einmal
die Beobachtung selbst und ein consequentes Studium des Ent-
wicklungsganges als alleiniges Mittel des Fortschritts in der
Botanik vertheidigen und zwar gegen Endlichers „Versuch
einer neuen Theorie der Pflanzenerzeugung etc. Wien 1838."
Obwohl Endlicher in der Hauptsache meiner Ansicht bei-
tritt, so zwingt mich meine Offenheit doch eine Hülfe abzu-
lehnen, die so erwünscht sie mir wegen Endlichers wohl-
verdienten Ruhm und Namen auch an sich wäre, doch auf
Methoden beruht, die ich nun einmal für falsch und verderb-
lich halte. Durch blofses Räsonnement kann in dieser Ange-
legenheit fürs erste noch wenig, oder gar nichts ausgemacht
werden, dafür ist jene kleine Schrift*) ein sprechender Be-
weis. Endlicher baut auf ,die Richtung des Würzelchens
den Sclilufs, dafs der Embryo von Aufsen hineingekommen
sein müsse. Es folgt aber offenbar daraus gar noch nichts
positives für den Ursprung des Embryo, sondern nur die Ne-
gation, dafs er nicht als Knospe der Placenta angesehen w^er-
den könne. — Er scliliefst ferner: weil der Embryo von Aufsen
herein kommt, so mufs er aus dem Pollenschlauch entstehen^
was abermal nicht concludent ist, denn nach Meyens Ansicht
konuut der Embryo auch von Aufsen, wenigstens in den
*) Ich weifs nicht warum Endlicher ganz consequent 4 Eihäute-
abbildet, da doch bis jetzt 2 die höchste bekannte Zahl ist. Wollte-
man auch die innerste für den Nuc/evs gelten lassen, der aber doch
■\'or der Befruchtung an der Spitze nicht geöffnet ist, so bleibt doch
immer noch eine überflüssig, die auch wieder nicht für den An'llus
gelten kann, da Endlicher wohl kein Beispiel kennt, wo dieser vor
der Befruchtung vorhanden wäre.
264
Eiiibryosack liincin und soll doch nicht (oder nicht allein) ans
dein Pollcnsclilaiich entstehen. — Endlicher schliefst endlich
aus der Entwickelung der Pollenschläuche auf dem Stigma,
dafs das Stigma das männliche Organ sei; ein Schlufs, den
die Beobachtung mindestens als voreilig und unbegründet nach-
weist. Jede Absonderungsflüssigkeit der Blumen, besonders
der Nectarsaft veranlafst das Pollenkorn die schönsten Schläu-
che zu treiben z. B. der Saft im Spiegel der Fritilln riaarten,
der Honigsaft in der Blume von Uo/a carnosa etc., ja bei
manchen Pflanzen treiben die Pollenkörner ohne weiteres schon
in den Antheren die vollkommensten Schläuche z.B. bei^/-i-
stolochia clemalitis (vielleicht bei allen Arten dieses genus).
Auf der andern S-eite dringen viele Schläuche durch deuiS'fy-
lus ins Ovavium, erreichen die Placenla, ja treten selbt ins
Ovulinn ein, von allen aber bildet sich keiner zum Embryo'
aus, der nicht mit dem Embryosack in unoiittelbare Berüli-
rung tritt. — So liegt also bis jetzt offenbar gar kein Grund
vor, das Stigma für das männliche Organ zu erklären. Es
mag dies genügön um zu zeigen, dafs auf diesem Wege kein
Resultat gewonnen werden kann, das geeignet wäre, die Wis-
senschaft sicher und wesentlich zu fördern. —
2. Uebcr Crystalle in Cryptogamcn.
Die eigentliümlichen Crystalldrusen bei IJydnirns cry-
slallojjJiorus liegen nicht in Zellen eingeschlossen, sondern
zerstreut in der, die mit Chlorophyll erfüllten Zellen uiidiül-
lenden Gallerhnasse eingesenkt, (nniz auf dieselbe Weise
schliefson die Cluicf opJiör aarrteii oft eine unendliche Menge
sehr schöner Kalkspathcrystalle ein, meist in sehr vollkommnen
Rhomboedern, zuweilen auch in gröfsern unkenntlichen Dru-
sen. — Auch in Spirogyra priiiceps konnnen nicht gar sel-
ten kleine, sternförmige Drusen von Kalksalzen vor. — Con-
ferva glomerafa enthält, besonders wenn sie in kalkhaltigem
Wasser wächst, nicht selten Drusen und einzelne Crystalle. —
Wenn Treviranus (Physiolog. Bd. 1. pag. 48.) das, wie eben
gezeigt, keineswegs isolirt dastehende Vorkommen von Crystal-
len bei Ilydrunis deshalb so merkwürdig fuidet, weil sonst
bei cryptogamischen Gewächsen keine Spur von Säuren
265
oder Salzen wahrzAinolimen soi, so ist das wohl ein lapsus
calami des allgemein so gut orientirten Gelehrten.
Den gröfsten Tlieil der Potasche und Soda verdanken wir
Cryptogatnen, den Farren und Fucoiden, die letztern liefern
fiist ganz allein die jod- und bronisauren Alealien des Han-
dels. Bekannt ist die auflfallend grofse Menge freier Oxalsäure
Tuid Oxalsäuren Kalkes in den Flechten, besonders in den unvoll-
kommenen Formen der VaiioJaria und Lepraria-Arteu, eben-
falls auch ihr grofser Gehalt an anderen Salzen, z. B. Eisen-
salze bei Pannclia paricüna, auf Eisen oder Eisenschüssigem
Boden gewachsen. In allen chemischen Handbüchern findet
man Nachweisungen über den grofsen Gehalt der Equisetaceen
an Kieselsäure. Leicht zu beobachten ist die grofse Menge von
kohlensauren K alkkrystallen, die in dem Intercellularraumo
zwisclien dem Centralschlauch und den Rindenzellen bei Chara
vulgaris, hispida etc. liegen. Endlich enthalten viele Con-
ferven, namentlich die Spirogyren in der Substanz ihrer Mem-
bran eine grofse Menge von Kalkerde (auch Kieselerde ?), so
dafs z. B. bei Spirogyra pvinceps die Membran hörbar unter
dem Messer knirscht, wenn sie durchschnitten wird. Auch
stellt sich die Kalkerde, zum Theil deutlich die Form der
Conferve beibehaltend, in der Asche derselben dar. Hierbei
will ich noch ^anz die Kieselerde der zweifelhaften Diato-
meen etc. aus dem Spiele lassen, da hier schon Beispiele ge-
nug sind, um zu beweisen, dafs die unorganischen Stoffe bei
den Cryptogamen, vielleicht im Ganzen genommen, noch vor-
herrschender sind als bei den Phanerogamen.
3. Ueher das Verhältnifs des Cytoblasten zum Le-
bensprocefs der Pflanzenzelle.
Ich habe schon in meinen „Beiträgen zur Phytogenesis"
(Müllers Archiv 1S3S) darauf aufmerksam gemacht, dafs in
den Zellen, wo Cytoblasten und Saftbewegung zugleich vor-
kommen, der Erstere niemals aufserhalb der Strömchen liege,
sondern beständig umgeben von einem kleinen Hofe der schlei-
migen circulirenden Flüssigkeit, von dem aus die Strömchen
strahlig nach iillen Seiten ausgehen oder wohin sie zurück-
kehren. — In Wiegmanns Archiv Jahrg. V. Bd. 2. pag. 15.
behauptet Meyen, er habe die Gründe für einen Gegen-
266
beweis schon in seiner Pflanzenphysiologie ausgeführt. Was
die Ansicht betrifift, die Meyen an einem andern Orte mit-
theilt, dafs der Cytoblast zuweilen vom Strome mit fortgeris-
sen werde, oder dafs der Strom zwischen ihm und der Zel-
lenwand (nämlich der, an welcher er befestigt ist) durchgehe,
so beruht das auf einer Verwechselung eines beliebigen „Schleim-
ballen" mit dem Cytoblasten, oder meiner festen Ueberzeu-
gung nach auf mangelhafter Uutersuchung. — Ich darf behaup-
ten eine ziemlich genügende Menge von Fällen und zwar mit
der erforderlichen Ausdauer und Genauigkeit beobachtet zu
haben und habe von den so eben erwähnten beiden Thatsachen
auch nie eine Spur gesehen. Alles übrige dagegen, was
Meyen in der wirklich von ihm citirten Stelle anführt, sind
so vage Vermuthungen, dafs ich denselben gegen meine con-
stanten Beobachtungen durchaus die Macht eines Gegenbewei-
ses nicht zugestehen kann. — Ich glaube dagegen nicht unzwei-
deutige Nachweisungen liefern zu können, dafs Meyen diesen
Gegenstand zu wenig genau beobachtet hat, um mit irgend eini-
gem Rechte sich darin als entscheidende Autorität geltend zu
machen. — Noch im letzten Bande seiner Physiologie spricht
Meyen an mehreren Stellen von Schleimfäden, an denen der
Cytoblast im Innern der Zelle aufgehängt sein soll*). — Ich
mufs zuerst nochmals bemerken, dafs ich bei der allerscrupu-
lösesten Beobachtung nirgends (bei Phanerogamen) den Cyto-
blasten anders als an der Wand der Zellen befestigt gesehen
habe. — Die angeblichen Schleimfäden aber, an denen der-
selbe aufgehängt sein soll, sind nichts anderes als ganz zarte
Saftströmehen, die vom Cytoblasten ausgehen und zu ihm zu-
rückkehren. Dafs in diesen angeblichen Schleimfädeu eine deut-
liche, strömende Bewegung zu beobachten ist, hat Meyen
trotz seiner so hoch gepriesenen Microscope**) gänzlich über-
sehen. — Aus einer Menge von Beispielen erwähne ich kürz-
*) Hier wie an vielen andern Stellen hat Meyen die üble Ge-
wohnheit, statt die Pflanzen, bei denen er solche Beobachtungen ge-
macht, zu nennen, seine Leser mit der kahlen Notiz abzuspeisen:
„Ich könnte Hunderte von Pflanzen nennen." —
**) Mit sehr tadelnswerther Geflissentlichkeit übergeht Meyen
bei jeder Gelegenheit, wo er die neuern Microscope rühmt, den Na-
men Schick, einen Mann, gegen den nur ein Deutscher so undank-
267
lieh folgende, weil sie noch durch die Natur des Zellgewe-
bes, iu (lern sie vorkommen, interessant sind, und wo überall
die Saftströmehen, wegen grofser Homogeneität der Flüssig-
keit auf den ersten, flüchtigen Blick als blofse Schleimfaden
erscheinen. — Am deutlichsten ist die Bewegung in den sich
freiwillig isolirenden Zellen der piilpa in den Früciiten der
Mamillarien. Die circulirende Flüssigkeit ist hier, wie überall,
eine blafsgelbliche, schleimige Substanz mit eingemengten, ganz
zarten, dunkeln Körnchen, während der übrige Zelleninhalt
ein wässriger, säuerlicher, weinroth, blafsrosenroth, oder auch
blafsgelblicher Saft ist. — Fast eben so deutlich ist die Be-
wegung in den buchtig keulenförnügen Haaren auf dem Riik-
ken der Anthere von Stylidiwn adnatiim. — In zwei andern
Fällen ist die Bewegung schwerer zur Beobachtung zu brin-
gen, besonders da das zum Eloslegen der Zellen erforderte
Präpariren und wahrscheinlich auch das endosmotisch ein-
dringende Wasser, zu schnell die Bewegung stören, doch ist
es auch hier mit Gewandtheit und Schnelligkeit im Präpariren
und mit Ausdauer im Beobachten möglich, sich bald von der
Bewegung völlig zu überzeugen. Es sind dies die Endosperm-
bar sein kann, seine Verdienste um die Verbesserung der Microscope
zu ignoriren. Schick war es^ dessen zweckmäfsige Ajüstirung uns
zuerst von Frauenhofers messingnen Kanonen befreite, er Mar es,
der zuerst in Deutschland die S eil igne sehe Verbesserungen anwen-
dete, er war es, dem das physicalische Institut von Pistor, mit dem
er früher in Compagnie war, hinsichtlich der Microscope allein
seinen Ruf verdankt, und ich sollte denken, wenn wir die Resultate,
die in den letzten zehn Jahren durch Anwendung des Microscops ge-
wonnen sind, unter einander vergleichen, so wird das obige Beispiel nicht
das einzige sein, wo man mit einem Schiek sehen Instrument mehr
und besser gesehen hat, als mit den so sehr von Meyen gepriesenen
PlÖ ssl's, Amici's und Fi stör 's, und wenn Meyen dergleichen be-
säfse, würde er nicht verfehlt haben, die jungem Che valier 's und
die neuern englischen auch mit anzuführen, die ebenfalls wohl ver-
dienen mit den genannten in eine Reihe gestellt zu werden. — Uebri-
gens ist es nach meiner Ansicht thöricht zu behaupten, d^fs man mit
einem der genannten Instrumente etwas gesehen habe , was mit den
andern zu sehen unmöiglich sei, denn der Unterschied unter ihnen ist,
wenn er überall existirt, höchstens individuell, so wie auch vom sel-
ben Künstler ein Instrument etwas besser ist als das andre. — Das
Meiste aber kommt auf den Beobachter an. —
268
Zellen (Zellen im Embryosack) bei Niiphar luiemn und bei
Vedicularis palustris. —
Von der oben angegebnen Lage des Cytoblasten ist mir
überall bis jetzt nur eine einzige Ausnahme bekannt geworden,
nämlich bei den Spirogyren, wo derselbe wirklich im Innern
der Zelle frei schwebt und hier vielleicht allerdings durch die
ihn umgebende schleimige Flüssigkeit an seinem Ort festgehal-
ten wird. — Von dieser Schleimmasse gehen aber ebenfalls
nach allen Seiten Strömchen aus(Meyehs sogenannte Schleim-
fäden), und nicht allein in ihnen ist die Bewegung sehr deut-
lich zu beobachten, sondern bei kräftig vegetirenden Exempla-
ren auch auf der ganzen Wandung der Zelle, besonders aber
an den freien Enden, wo die grünen Spiralbänder aufhören
und dadurch die Zelle lichter und klarer wird. Die Bewe-
gung hat indessen hier offenbar nicht die geringste Aehnlich-
keit mit der Bewegung in den Charen etc., sondern ist ganz
die bei den Phanerogamen vorkommende in netzförmig ana-
stomosirenden Strömclien. Auch diese Zellensaftbewegung
scheint sich durch Meyens Instrumente nicht deutlich dar-
zustellen. Schieksche Microscope zeigen sie sehr deutlich.
Aeufserst fatal ist aber diese Beobachtung für Herrn C.
H. Schultz und würde abermals Gelegenheit geben, ihn von
der gänzlichen Unhaltbarkeit seiner Ansichten über Saftbewe-
gung zu überzeugen, wenn mit so vieler Selbstgefälligkeit ge-
hegte und gepflegte Ideen überhaupt durch Widerlegung zu
beseitigen wären. — Meyens schöne Beobachtungen, dafs
die kleinen Strömchen oft ihren Lauf verändern, oft sich plötz-
lich gabiig theilen, besonders aber auch, dafs die Strömchen
oft mitten durch das Lumen der Zelle laufen*), also gewifs
nicht in. Gefäfsen um die Zelle herum, hätten sonst Herrn
Schultz längst überzeugen müssen, dafs seine vasa laticis
contracla blofse phantasmata sind. Aber so wie er jene
Beobachtungen gänzlich ignorirt, so wird er auch nicht anstehen,
sobald er sich von dem eben mitgetheilten überzeugt hat, zu
erklären, dafs Spirogyra eine „heterorganische" Pflanze ist.
Meyen hat sich im 3. Bande seiner Physiologie p. 334 sq.
*) Ausgezeichnet dexUlich und leicht zu beobachten in den Haa-
ren des Fornix bei Ancliusa italtca.
269
gegen meine Ansicht von der Zellenhilflung ausgesprochen^
Wenn er meinen Aufsatz genauer durchgelesen hätte, so würde
er gesehen haben, dafs hier wenigstens nicht von einer Tau-
schung durch einseitige Betrachtung des Eiweifskörpers die
Rede seyn kann, sondern dafs ich den Verlauf der Zellenbii-
dung bei einer sehr grofsen Zahl Von Pflanzen in allen
ihren Theilen und in allen Stadien der Entwicklung
verfolgt habe und nachdem ich die Resultate einer nichrjälu'i-
gen Erforschung der Sache beisammen hatte, nun erst aus der
Zusammenstellung aller rein und vollständig beobachteten
Fälle mir das Gesetz abstrahirte, aus welchem ich dann, wie
mir scheint, mit gutem Rechte die unklaren Erscheinungen
oder unvollständigen Beobachtungen erklärte oder ergänzte.
Das ist überhaupt das, M'as ich unter Studium der Entwicke^
lungsgeschichte verstehe, nicht aber, wenn man einzelne frü^
here Zustände, wie sie der Zufall an die Hand giebt, betrach-
tet und was sich wegen der lückenhaften Beobachtung nicht
gleich Znsammenreihen läfst, als verschiedene Entwicklungsar-
ten hinstellt, ganz im ^Yiflerspruch mit dem höchsten Regula-
tiv in naturwissenschaftlichen Erklärungen, dem Gesetz der
Sparsamkeit, dem Gesetze, auf welchem allein die Berechtigung
zum Schlüsse nach Analogie beruht, der mit Verwerfung jenes
Gesetzes auch den geringen, fast möchte ich sagen Schein-
werth, verliert, den er sich nach dem gröblichsten Mifsbrauch
etwa noch erhalten.
Ich habe nun aber mein Gesetz der Zellenbildung grade
daraus abgeleitet, dafs die ersten Zellen des Embryos sich
auf einem Cytoblasten bilden und obgleich Meyen diese Bil-
dung zum Theil vor Augen gehabt und auch, wiewohl nicht
eben sonderlich, abgebildet hat (Phisiol. Bd. III. Taf. XIII. fig.
11, 14, 35, 42, 43.), so spricht er sich doch dagegen aus,
weil ihm die Menge der Fälle, die richtige Folge und
die Stätigkeit der Uebergangsstufen fehlten. Mein Schlufs
gestaltete sich im wesentlichen folgendermafsen: Das Gesetz,
was für die Entstehung und erste Bildung des Embryos (als
Prototyp's der ganzen Pflanze) gilt, wird wahrscheinlich auch
für die ganze Pflanze gelten. Finden wir nun aber gar in al-
len Theilen der Pflanze (wie ich nachgewiesen) überall entwe-
der den ganzen Verlauf desselben Processes, oder doch seine
V. Jahrg. 1. Band, j^§
270 •
cliaracteristischsten Momente wieder, so dürfen wir mit Recht
das Gesetz allgemein aussprechen. — Diese meine Ansicht
habe ich aber ausdrücklich vorläufig auf die Phanerogamen
beschränkt. — Sie würde sich aber (ohne der IMohlsc]\en
Zellentheilung zu nahe treten zu wollen) auch wohl noch auf
manche Vorgänge bei den Cryptogamen (z. B. die Sporonbil-
(kuig *) ausdehnen lassen , wozu in meiner oben erwälinten
Schrift schon einige Andeutungen gegeben sind.
Ich will hier mir noch eins erwähnen. Wahrsclieinlich
beruht nämlich die Bildung der Sporen bei den Spirogyren
auf demselben Procefs. — IIa der Cytoblast frei in der /.eile
liegt, so kann er eben niclit derjenige sein, dem die Zelle
selbst ihren Ursprung verdankt, wohl aber kann er der Bilder
der Sporenzelle sein, von welcher dann der aufgelöste Inhalt
der Mutterzelle nach und nach eingesogen luul in ylmylum
und Clorophyll u. s. w. verwandelt wird, bis sie zuletzt als
erwachsene Spore frei daliegt. Ich kann keineswegs behaupten,
dafs ich diesen Procefs schon vollständig beobachtet hätte,
ich habe aber mehrere Andeutungen der Art gefunden und bin
so weit gekommen, einzusehen, dafs die gewöhnliche Dar-
stellung nichts ist. — Meyen beruft sich bei einer Gelegen-
heit, wo er meine Untersuchungen über die Zellenbildung ver-
dächtigt, darauf, dafs er schon vor vielen Jahren eine ähnliche
Entstehung der Confervensporen nachgewiesen, wo sich um einen
condensirten Schleimballen eine Membran bilden soll, wie er
sich ausdrückt. Ich glaube aber nach meinen Untersuchungen,
obwohl sie noch lange nicht zum Resultate gediehen sind, be-
haupten zu können, dafs durch diesen Ausdruck kaum oben-
hin die scheinbare Sporenbildung bei den Spirogyren angedeu-
tet wird, während der eigentliche Vorgang viel tiefer liegt, und
dafs ohnehin die Microscope, mit denen Meyen damals ar-
*) Was die Cytoblasten in den Sporen der Helvellaceen
anbetrifft, so ist mir nirgends eingefallen zu behaupten, dafs sie zur
Bildung neuer Zellen beim Keimen thätig seien; es sind im Gegentheil
diejenigen, auf denen die Sporenzelle sich gebildet hat, was sich schon
aus ihrer Lage ergiebt. Abermals eine Behauptung, die Meyen fingirt
mir unterschiebt und sie hinterher bokämpl't. Ith wiifste überhaupt
nicht, dafs die Zellenbildung bei der Keimung der Helvellaceen schon
genügend beobachtet ist, um irgend eine Meinung darüber zu haben.
271
beitete *) durchaus einer solchen Aufgabe niclit genügen
konnten.
Gegen Meyen und für meine Theorie der Ze]IenI)ildung
will ich nur noch ein Argument beibringen, welches ich frei-
lich allemal von vorn herein zurückweisen würde, das Meyen
aber gegen sich gelten lajpen nnifs, weil er es beständig ge-
braucht und seine ganze Physiologie nicht eben zu ihrem Vor-
theil ^darauf gebaut hat, nämlich die Analogie mit den Thieren.
Nach Schvvann's ausgezeichneten Untersuchungen ist die
Zellenbildung bei diesen im wesentlichen ganz mit der von
mir entwickelten übereinstimmend und ich habe etwa nur noch
hinzuzufügen, dafs die unmittelbare Entwicklung des Cytobla-
sten zur Zelle durch Hohlwerden und spätere Ausdehnung, also
die Bildung sogenannter Zellen erster Ordmnig nach Seh wa n n
ebenfalls in einigen Fällen von mir beobachtet ist, aber bis
jetzt doch noch zu selten und vereinzelt, um irgend ein Ver-
hältnifs zwischen beiden Arten der Zellenbildung feststellen zu
können.
Meyen hat indessen viel zu viel untersucht, um sich
verhehlen zu können, dafs man einen so ganz allgemein nnd
scharf characterisirt auftretenden Körper doch nicht füglich
mit dem Namen eines zufälligen Schleimballen abfertigen könne,
sondern dafs ihm eine wichtigere Function in der Pflanze zu-
kommen müsse. — Defshalb läfst er aus ihm (aus seiner Auf-
lösung und Umwandlung) Amylum, Gummi u. e. w., kurz die
*) Nach Mayens eigner Angabe waren seine Microscope zu
schlecht, um die Spiroiden der Lemnaceen damit zu erkennen, also
noch viel schlechter als das Instrument von Treviranus, mit dem der-
selbe doch schon nach Meyens Angabe vor 7 Jahren die Spirale bei
L. poIyrhi:ia entdeckt hatte. Nun habe ich zufällig Gelegenheit ge-
habt in der Schiekschen Werkstatt in Berlin das Instrument, mit
welchem Treviranus beständig gearbeitet, sehen und beurtheilen zu
können und mufs gestehen, dafs meine Verehrung vor dem Manne
den höchsten Grad erreicht hat, als ich bedachte, mit wie schlechten
Werkzeugen er gearbeitet. Wahrlich im Verhältnisse zu seiner Zeit
xmd zu dem ihm Ueberlieferten hat Treviranus mit den schlechtesten
Instrumenten durch Talent und Ausdauer im Beobachten und durch
Geist in der Bearbeitung unendlich viel mehr für die Wissenschaft
geleistet, als wir Jüngere wahrscheinlich mit den ausgezeichnetsten
Instrumenten und getragen von so grofsen Vorgängern je leisten
werden.
18*
272
festen und flüssigen, assimilirten Stoffe der Pflanze entstehen.
Es kommt hierbei besonders die Frage nach der chemischen
Natur des Cytoblasten in Betracht. Es wird wohl noch für's
Erste eine chemische Analyse dieses Körpers unmöglich blei-
ben, wir haben aber eine ziemlich charactcristische Reaction,
die es wenigstens annehmlich ersqj||pinen läfst, dafs er aus
einer stickstoffhaltigen Substanz bestehe. In jungem lebens-
kräftigen Zuständen wird er nämlich durch concentrirte Sal-
petersäure citronengelb gefärbt, aber nicht aufgelöst. Stellen,
an denen die Sache leicht zu beobachten z. B. die Bildung
neuer Wiirzelchen in fleischigen, nicht zu mehligen Rhizomen,
wo auf einen kleinen Raum eine grofse Menge Cytoblasten
zusammengedrängt sind, zeigen diese characteristische Färbung
schon dem blofsen Auge. — Gehen wir nun von dieser An-
nahme aus, dafs der Cytoblast, aus einer stickstofilialtigen
Substanz bestehe, nehmen wir dazu die überwiegenden Gründe,
mit denen die neuere Chemie als Grund der lebendigen, me-
tamerischen Umwandlungen der verschiedenen Stoffe in der
Pflanze einen stickstoffhaltigen Körper vertheidigt hat, so wird
dadurch manches Verhältnifs aus dem Lebensprocefs der Zelle
von ihrer ersten Entstehung an klarer und es zeigt sich, dafs
besonders die metabolischen Kräfte (Schwann) in ihm sich
centriren.
Sobald sich die stickstoffhaltigen Stoffe zu einem Cytobla-
sten vereinigt haben, wirken sie auf dies Cytoblastem (die um-
gebende Flüssigkeit) und verwandeln diese im Bereiche ihrer
Kraft in Gallerte und diese dann in Membranenstoff. So-
bald diese Membran, die nun den Cytoblasten eng überzieht,
gebildet ist, beginnt auch sogleich der Procefs der Endosmose,
wodurch das umgebende Cytoblastem ins Innere der Zelle ge-
führt, die Membran ausgedehnt und durch Aufnahme neuer
schon assimilirter Molecule aus der umgebenden, durchströ-
menden, oder eingeschlossenen Flüssigkeit wächst. Sobald
aber durch die Ausdehnung der Membran und die Endosmose,
die eine oder die andere Seite des Cytoblasten frei wird und
aufs Neue mit dem Cytoblastem in Berührung kommt, mufs
er, wenn seine Kraft noch nicht erschöpft ist, seine metabo-
lische Thätigkeit wieder beginnen. Entweder ist hier seine
Kraft noch ganz dieselbe und die eingedrungene Flüssigkeit
273
ebenfalls dieselbe, dann bildet er sogleich auf seiner freien
Seite abermals Menibranenätoff und schliefst so sich selbst in
eine Duplicatur der Zellenvvand ein, dann ist er aber aucli
meist dem ferneren Lebensprocefs entzogen und ist persistent,
ohne ferner bedeutend auf den Inlialt der Zelle zu wirken.
Oder seine Kraft ist modificirt oder die Natur der eindringen-
den Fliifsigkeit ist eine andere als früher, daim können neue
chemische Kräfte seine Auflösung und Verwandlinig bewirken,
oder das Product seiner metabolischen Thätigkeit ist nicht
mehr Membranenstoff, sondern Stärke, Gummi, Schleim u. s. w.
woher denn sehr natürlich diese Stoffe auf ihm oder an sei-
nem Rande zuerst erscheinen, welche unverstandne Erschei-
nung Meyeu verführte eine Bildung der Stärke u. s. w. aus
ihm anzunehmen. — Dabei kann es aber, was Meyens An-
sicht am Besten widerlegt, vorkomnien, dafs er selbst entwe-
der durch neue wirkende Kräfte aufgelöst und resorbirt wird
(z. B. in der Kartoffel?) oder dafs er in der mit Stärke
gefüllten Zelle persistent bleibt, wie z. B. bei den
Cacteen, in der Zwiebel von ^maryllis formosissima, Mii-
scari rncemosum. — Daf« der Cytoblast mit der Bildun«^
des Stärkemehls u. s. w. in gar keiner directen, ursprünglichen
und hauptsächlichen Verbindung steht, wie Meyen aus eini-
gen vereinzelten Thatsachen geschlossen, geht schoji aus sei-
nem gesammten Vorkommen hervor, ijidem er bald persistent,
bald verschwindend ist, in einer Menge Zellen, in denen keine
Spur oder nur ein Minimum von Stärke vorkommt; indem er
oft lange vor der Bildung der Stärke resorbirt wird, oft die
Stärkebildung zwar hervorzurufen scheint, dabei aber auch zu-
weilen aufgelöst wird, zuweilen aber auch trotz der gebilde-
ten Stärke unverändert in der Zelle verharrt.
Indem ich das vorstehende niederschreibe bin ich mir
recht wohl bewufst, wie wenig wissenschaftlicher Werth einer
so schwach begründeten Ansicht zukommt, aber sie giebt inis,
wie mir scheint, Fingerzeige, auf welchem Wege d^r Wahr-
heit nachzuforschen, und ich würde mich unendlich freuen,
wenn es vielleiciit einem glücklicheren Forscher gelänge, die
"chemische Natur des Cytöblasten auf irgend einem Wege
aufser Zweifel zu setzen.
Auch werden vielleicht einmal darüber Versuche möglich
274
werden, in wie weit die Bewegung des Zellensafts aus der
chemischen Thätigkeit des Cytoblasten, der Adhäsion der von
ihm beständig neu gebildeten Fliifsigkeit an die Zellenwände
und ihrer Cohäsion in sich und endlich aus der physicalischeu
Differenz der circulirenden Fliifsigkeit von dem übrigen Zel-
lensaft zu erkläreji, möglich sey.
4. Ueber die Ausdehnung der vegetabilischen
Faser durch Feuchtigkeit.
Als Harun Alraschid eines Tages guter Laune war, legte
er seinen Weisen und Hofastrononien die Frage vor, wie es
doch zugehe, dafs ein Gefäfs mit Wasser, in das man einen
zehnpfiindigen Fisch gethan, nicht mehr wiege, als Gefäfs und
Wasser ohne den Fisch. Die Weisen eilten sogleich nach
Hause, schlugen alte Palmrollen nach, befragten die Sterne,
dachten scharf nach und rechneten und bei der nächsten Ver-
sammlung hatte jeder zur grofsen Genugthuung des Chalifen
eine vortreflfliche Erklärung vorräthig und die tiefsinnigeren
hatten sogar aus der Natur des Fisches sonnenklar bewiesen,
dafs sich die Sache gar nicht anders verhalten könne. Lächelnd
liefs der Chalif Wasser, Fisch und Waage bringen und zeigte
ihnen, dafs das so scharfsinnig erklärte Pliänomen gar nicht
existire. „Quid rides, muiato nomine de te narratur fa-
hula," könnte man mit Horaz den Weisen unserer Tage zu-
rufen. Beispiele sind zur Hand. —
Link {elem. phil. hot. pag. 366.) giebt als Unterschied
der vegetabilischen und thiertschen Faser an, dafs letztere sich
in feuchtem Zustande ausdehne, im trocknen verkürze, was
bei der vegetabilischen umgekehrt sei. Er macht bei der da-
für gesuchten Erklärung nun freilich gleich einen Sprung,
indem er statt von der Verkürzung der Membran selbst zu
reden, von der Verringerung der Länge einer geschlossenen
Zelle redet, was offenbar himmelweit verschieden ist. Denn
um die Saclie gleich mathematisch zu fassen, so mufs bei der
Ausdehnung einer fadenförmigen Zelle zur Kugel, wenn die
Länge der Fadenzelle weniger als 2^ Rad. der Kugel beträgt,
nothwendig eine Ausdehnung der Membran in der Rich-
tung der Meridiane statt finden, in der Richtung der Parallele
versteht sich die Ausdehnung ohnehin von selbst. — Oder
275
uingekelirt, man sieht aus diesem Boispielo, (hifs selbst bei all-
seitiger Ausdeliiumg der Zellen mombran eine Verkürzung der
Längsachse der Zelle statt linden kann und unter bestimmten
Voraussetzungen nothwendig statt finden mufs. Doch es ist
hier gar nicht der Ort diefs im Ganzen irrelevante Verhält-
nils weiter zu verfolgen. —
Meyen in seiner Physiol. Bd. I. pag. 3(). , fand diese
Erklärung, bei der Link offenbar nur das isolirte Factum des
Straffwerdens eines angefeuchteten Seiles vor Augen hatte,
lange nicht tiefsinnig genug und bewies aus seiner Theorie
der spiraligen Zusanmiensetzung der Zellenmembran, dafs sich
die Sache nothwendig so verhalten müsse. — Abgesehen
nun davon, dafs auch aus Meyen 's Theorie diese Folge gar
nicht mit logischer Nothwendigkeit abgeleitet werden kann,
(wer Lust hat, mag sich die im Buche gegebene Darstellung
selbst in vollständige Syllogismen auflösen) so bleibt es für
die Erklärung auch ewig schade, dafs diis zu erklärende Fa-
ctum hier eben so wenig existirt, als in dem Problem des
Harun Alraschid. — Jeder Handwerker, der mit Ilolz zu t\nin
hat, weifs seit Jahrhunderten, dafs das Holz beim Austrocknen
na eil allen Dimensionen sich verkürzt und beim I'eucht-
werden nach allen Dimension en ausdehnt, was respective
eine Verlängerung oder Verkürzung der Membran in irgend
einer Art ganz unbedingt ausschliefst. — Im Kleinen kann
man die Versuche ebenfalls sehr leicht anstellen , wenn man
von einer trockenen l'llanzensubstanz, die aber nicht wie Holz
so elastisch sein mufs, dafs sie sich schon in Folge des Schnit-
tes krümmt, und doch so dickwandige Zellen haben, dafs die
Feuchtigkeit nicht so schnell die ganze Masse durchdrijigt,
einen zarten Schnitt macht mid diesen vorsichtig auf eine
feuchte Glasplatte legt, wo sich dann augenblicklich das kleine
Blättchen krümmt. — Dabei ist stets die feuchte Seite in
Folge ihrer Ausdehnung die convexe. Sobald man luui auch
die concave Seite anfeuchtet, dehnt sicli diese ebenfalls aus
und der Schnitt wird wieder eben, die Krümnunig wieder aus-
geglichen. — Läfst mau emen Tropfen Wasser auf Papier fal-
len, so bildet das Papier eine blasige Erhebung, offenliar we-
gen allseitiger Ausdehnung der Ptlanzensul)Staiiz (hirch K'euch-
tigkeit. Dieselbe Erscheinung zeigen sogenannte fournirle d. h
276
mit einer dünnen Holzplatte belegte Schreinerarbeiten. In bei-
den Fällen kann man durch ein heifses Bügeleisen die Erhe-
bung wieder ausgleichen. „Im feuchten Zustande zeigt sich
die zarte Membran der voUkommnen *) Pflanzen straff ge-
spannt, doch ihrer Feuchtigkeit beraubt, dehnt sie sich aus
und zeigt Runzeln, welche wieder verschwinden, wenn man
sie abermals befeuchtet," so stellt Meyen das Factum dar,
welches er nachlier so scharfsinnig erklärt. Die Sache ver-
hält sich aber in der Wirklichkeit ganz anders. Zarte Pflan-
zentheile verringern ihr ganzes Volumen (man beobachte jede
welkende Pflanze) durch Austrocknen und ziehen sich auf einen
bedeutend kleineren Raum zusammen, dabei dehnt sich aber
die Membran nicht aus, sondern collabirt und bilden da-
durch Falten, eben so wie jede entleerte, thierische Blase auch,
weil ihre Straffheit zum gröfstentheil passiv und Folge der
Ausspannung durch den flüssigen Inhalt ist. —
Befestigt man aber irgend einen dünnwandigen Streifen
Zellgewebes mit Wachs auf einer Glasplatte und läfst ihn so
austrocknen, so zeigt derselbe, in der Längsrichtung befestigt,
keine Querfalten, in der queren Richtung befestigt, keine Längs-
falten selbst im trockensten Zustande. Wenn man dann aber
mit einem scharfen Rasirmesser den trocknen Streifen in der
Mitte durchschneidet, so entfernen sich die Schnittflächen plötz-
lich um ein bedeutendes von einander, ein Beweis, dafs die
Membran in einer ihr unnatürlichen Verlängerung erhalten
war. —
üebrigens sind die verschiedenen Pflanzengew^ebe hinsicht-
lich ihrer Ausdehnung im feuchten Zustande sehr verschieden.
Am wenigsten scheint sich das Gewebe der Bastfasern auszu-
dehnen und bei Linum usitatissimum schätze ich es nach
einigen Versuchen auf 0,0ÜÜ5 bis 0,0000, wobei aber die Mög-
lichkeit eines sehr bedeutenden Irrthums wegen der in den
Umständen begründeten Mangelliaftigkeit der Versuche gar nicht
ausgeschlossen ist. — Am stärksten und regelmäfsigsten ist die
Ausdehnung wohl bei dem gelatinösen Zellgewebe z. B. der
Fucoiden, weshalb man diese letzteren z. B. La/m'naria *öcä«-
rina, Scytosichon ßlitm seihst zu Hygrometern ange>Yendet hat.
*) Etwa der mivoUkommnen nicht?
277
Wenn man die Ansdeliniing im feuchten Znstande nicht
mit der gröfseren Dehnbarkeit verwechselt, so kann man
sich dabei durchaus nichts anderes denken, als eine Entfernung
der Molecule von einander durch Inteipositio der Molecule
des Wassers. — Darin kann natürlich die Natur des ange-
feuchteten Stoffes, ob er organisch oder unorganisch, thieriscli
oder pflanzlich sei, auch nicht den mindesten Unterschied be-
gründen, so weit nämlich das Wasser nur als eindringende
Feuchtigkeit, nicht chemisch oder organisch (etwa als Reizmit-
tel), wirkt. Daher war es auch schon abgesehen von aller
Erfahrung a priori einzusehen, dafs darin gar kein Unterschied
bei Thiereu und Pflanzen stattfinden könne. —
5. Ueber den Bau der Zellenraembran bei Moosen
und Lebermoosen.
Es ist ohne Zweifel interessant zu wissen, in wie fern die
Pflanzenzelle in ihren Lebenserscheinungen in allen Pflanzen
übereinstinunt und man daher zu dem Schlüsse berechtigt ist,
die Pflanzenzelle überall als ein und dasselbe physiologische
Element anzusprechen. — In dieser Beziehung sind auch ver-
einzelte Bemerkungen nicht ohne Werth und man wird den
folgenden Angaben ihren Platz gönnen. — Ist schon bekann-
tes darunter, so überschlage man das. — Bei der Sündfluth
der botanischen Literatur kann man selbst bei den besten
Hülfsmitteln nicht mehr alles neue im Einzelnen sogleich genau
kennen ; als ich diese Bemerkung niederschrieb, stand mir aber
ohnehin keine Bibliothek zu Gebote. —
Einer der wichtigsten und characteristischsten Momente
im Lebensprocefs der Pflanzenzelle ist die Verdickung der
Membran durch schichtenweise Auflagerung, deren ursprüngliche
spiralige Anordnung hoffentlich bald allgemein aufser Zweifel
gesetzt sein wird. — Sclion früh hat man den spiraligsn Bil-
dungen eine grofse Wichtigkeit beigelegt, fafste ihre Bedeu-
tung aber zu einseitig, indem man namentlich die porösen Ge-
bilde davon ausschlofs, die im Wesentlichen doch nach dem-
selben Gesetz gebildet sind. — Wenn man nun nach so vielen
neuern Untersuchungen die Idee, dafs wir an der Spiralbildung
ein absonderliches dem Zellensystem entgegengesetztes Elemen-
tarorgau besitzen, aufgeben und vielmehr annehmen mufs, dal»
278
die spiraligo Bildung cinscliliefsiic]i der porösen, mir ein clia-
ractoristisclier Zug im Lehensprocefs derPflanzenzelle überhaupt
ist, so wird uns dieselbe doch ein Mittel sein, um zu erken-
nen, ob wir unter dem Begriff Zellen nicht Elemente von ver-
schiedener Bedeutung zusanniienfassen und wir werden immer,
wo wir gleiche Entwicklungsstufen finden, einen wichtigen An-
haltspunct gewinnen, um die Identität der Elemente anzuneh-
men und dadurch uns für berechtigt halten dürfen, auch andere
Vorgänge im Leben der Pflanzenzelle ad analogiam auf die
Zellen zu übertragen, bei denen sie noch nicht direct beobach-
tet sind. —
So viel ich weifs, kennt man das Vorkommen spiraliger
Bildungen bis jetzt nur bei den Reproductionsorganen der Le-
bermoose in den Elateren und Fruchtklappen.*) Dieselben
sind aber bei den Marchantiaceen nicht weniger auffallend
in den vegetativen Organen entwickelt. Das Laubparenchyma
bei Marchantia polymorpha und Fegatclla coiiica besteht
fast ganz aus Zellen, deren Wandungen auf das deutlich.'ite
porös, oder (besonders bei M. polvin.^ sehr zierlich netzför-
mig verdickt erscheinen. Diese Verdickung der Zellenwan-
dung geht in älteren Theilen und in der Nähe der Mittelner-
ven soweit, dafs man auf Querschnitten deutlich die Poren-
kanäle erkennen kann. —
Unter den Laubmoosen zeichnen sich die ächten Dicrana,
z. B. J). Schraderi, spurhmi eic. durch Blattzellen aus, die
sehr dickwandig sind und deren aneinanderstolsende Seiten-
wände ebenfalls deutlich von oft selir weiten, oft trichterför-
migen Porenkanälen durchbohrt sind, ähnlich wie es die Ül)er-
haut so vieler Phanerogamen zeigt. Noch ausgezeichneter tre-
ten aber diese spiraligen und porösen Gebilde bei den
Sphagneae und der verwandten von Ilampe aufgestellten
sehr natürlichen Familie der Leiicophaneae auf. — Die Stru-
ctur der Zellen von Sphagnum, Leiicohryujn vulgare Hampe
{Dicranum glaitcttni) und OciohJcphannn alhldum ist durch
Mohl, wie mir scheint, zur Genüge erörtert; ich kann hier
also nur noch einige quantitative Beiträge liefern. — Die
*) Besoiulers scliöue und interessante Formen linden sich Iiior
bei l'ellia cj)/'jiki/lfa.
279
cigenthümliclien grofsen Poren, die in älteren Zuständon des
Blattes wirkliche Löcher werden (ähnlich wie bei den Scheide-
wänden der Gefäfse der Phaneroganien) finden sich aufser bei
den genannten noch bei Octohlepharuin cjlindricuin Schlinp.,
Didymodon sphagnoidcsUook nnd bei Leucohryinn minus,
alhidum, und longifoJium liampe.*) Alle von Ilampe zu
den Leucophaneac gezählten Moose characterisiren sich, eben
so wie die Sphagneae, sogleich durch die Eigenthiiirdiclikei-
ten des Blattbaues, indem ihre Blätter aus zwei verschiedenen
Arten von Zellen bestehen, aus schmalen mit Chlorophyll an-
gefüllten und aus weiteren, wasserhellen, von Poren, die spä-
ter in Löcher übergehen, durchbolu'ten Zellen. — Die Ver-
schiedenheiten beruhen mit Ausnahme des Baues der Zellen-
wände besonders in der Anordnung dieser beiden Zellenarten.
Bei den Sphagneae liegen beide mehr oder weniger in einer
Ebene und bilden so nur eine Schicht, aus der das ganze Blatt
besteht, bei den Leucoplianeae sind die grünen Zellen jedes-
mal auf beiden Seiten mit 1, 2 oder 3 Bogen der gröfsern
wasserhellen, durchlöcherten Zellen bedeckt. — Durch diese
Anordnung, wobei die grünen Zellen sehr zurücktreten, ist eben
der die ganze Familie auf den ersten Blick characterisirende
color glaucus und der eigenthümliche eben so schnell trok-
ken und zerbrechlich, als feucht und biegsam werdende habi-
tus bedingt. —
6. Zur Kenntnifs von Pellia epiphylla.
In vielfacher Beziehung ist diese kleine Pflanze eine der
interessantesten unter den Lebermoosen und da sie, wie mir
scheint, hauptsächlich den U ebergang von den Juugermannieu
zu den Marchantien vermittelt, letztere aber sich am nächsten
den Rhizocarpeen anzuschliefsen, und somit die Lebermoose
überhaupt über die Laubmoose zu erheben scheinen, so ver-
dient sie alle Beachtung. —
Nees spricht in seiner vortrefflichen Arbeit über die
europäischen Lebermoose noch sehr zweifelnd über die soge-
*) Die Bestimmung dieser Moose ist zuvorlässig, da si\' mir alle
mit bekannter Liebenswürdigkeit von Hampe selbst niitgctheilt
wurden. —
280
nannten Antheren dieser Pflanze, ohne dafs ich den Grnnd da-
von einsehe. Die Antheren genannten Gebilde, die auch ich
bei der var. aeruginosa am häufigsten fand, unterscheiden
sich von den gleichen Organen bei Fegatella conica allein
dadutcli, dafs sie noch vereinzelt und in unregelinäfsigen Grup-
pen stehen, während sie bei der letzteren Pflanze schon in ein
bestimmt gestaltetes Stück des Laubes vereinigt sind, jedoch
noch ohne sich wie bei Mavchantia polymorpha auf einer
aufrechten Verlängerung der Mittelrippe, als ein gesondertes
Stück des Laubes, über dasselbe zu erheben. — In Hinsicht
des sonstigen Baues sind die Unterschiede völlig unwesentlich,
indem sie bei Fegatella c. etwas länglich, bei P. epiph. rund
sind und bei der ersten Pflanze, der die Blattsubstanz durch-
bohrende ,'Ausführungsgang (richtiger die obere Oefi"nuug der
Einsenkung) wegen der gröfsern Masse des Zellgewebes bei
Fegaf. natürlich länger erscheint. Bei beiden besteht die
Anthere aus einem kurz gestielten Körper, dessen äufsere
Schicht (oder Haut) aus einer einfachen Lage gröfserer, mit
einzelnen Chlorophyllkörnern erfüllter Zellen gebildet wird,
während die innere Masse, wahrscheinlich noch durch eine
eigene grofse, zartwandige Zelle umschlossen, anfänglich aus
einer schleimigen mit kleinen, zarten Cytoblasten gemischten
Flüssigkeit, dann aus ganz lockeren, rundlichen, äufserst zart-
wandigen und endlich aus etwas gröfsern, polyedrischen Zel-
len ebenfjills aber noch mit zarten, fast gallertartigen Wänden
besteht, in denen sich die so berühmt gewordenen Spermato-
zoen (einzelne Spiralfibern?) bilden. Diese letztern habe ich
zwar bei Pellia noch nicht beobachtet, desto ausgezeichneter
und deutlicher aber bei Fegatella. Morphologisch dürften
diese sogenannten Antheren den Eichen der Phanerogamen
entsprechen. —
Pellia epiphylla zeigt aber noch eine anatomische Merk-
würdigkeit, die ich bei Nees nicht angewendet finde, die mir
gleichwohl bei einer so einfachen Pflanze von höchster Be-
deutsamkeit erscheint und sie doppelt interessant macht. Das"
ganze Laubpareuchym wird nämlich von einem ganz eigen-
tliümlichen Gefäfssystem durchzogen. Soviel mir bis jetzt zu
erkennen möglicli war, besitzen diese Gefäfse keine eignen
Wände und sind daher auch nur als eine höchst seltsame
281
Form der Interccllulargänge anzusclien. Sie entstehen nämlicli
nicht allein da, wo drei oder nielirere Zellen zusaninienstofsen,
wie bei gewöhnlichen Intercellulargängen, sondern älinlich, wie
bei einigen Arten des knrzstrahligen, sternförmigen Zellgewe-
bes (z. B. Meyen Phys. Bd. 1. Taf. II. Fig. 2, links, Fig. 4)
auch an der längern Seite zwischen je zwei aneinanderliegen-
den Zellen dm-ch Auseinanderweichen der Wände. Da die
Zellen hier aber nicht flächenförniig, sondern parencliymatös
aneinder liegen, so laufen diese Intercellulargänge wie Bänder
um die fast tonnenförmigen Zellen herum. Es ist schwer,
diese Bildung durch Worte deutlich zu machen und ich ver-
weise daher lieber auf die treu nach der Natur gemachte
Abbildung Taf. VIII. Fig. 1. Bei alle dem würde diese Struk-
tur eben nichts so sehr auffallendes haben, wenn die so ent-
standenen Gefäfse nicht einen eigenthündichen Saft führten, der
bei den grünen Varietäten blafrgclb, bei den dunklern z. B. bei
aeruginosa tief purpurroth ist und eben die eigenthümliche
Färbung der Pflanze bedingt. Ceber die physiologische Be-
deutung dieser Organe kann ich zur Zetk noch durchaus keine
Ansicht äulsern, da es mir noch an allen Analogien selbst in
den nächst verwandten Pflanzen fehlt, denn schon Aneura
pinguis zeigt keine Spur davon. —
7. lieber den Bau des Eichens bei den Ericeen,
Scleranihaceen, Raiiujiculaceeji und Typhaceen.
a. In vielen Handbüchern, z. B. bei Lindley nat. hisf.
of hot. findet man bei Beschreibung der Ericeeuformen, die
Worte radicula hilo opposifa. Oflfenbar ist das aus einer
Verwechselung von hilwn und Ghalaza bei einseitiger Be-
trachtung des reifen Saamens hervorgegangen, denn alle Ericeen,
die ich bis jetzt untersucht habe, zeigen ein anatropes Eichen
mit einfachem (?) Integument, woraus von selbst folgt, dafs
beim reifen Saamen eine radicula hilo proxima vorhanden
sein mufs, wie das auch von Kunth,^jO;-. herol. 1838 ganz
richtig angegeben wird. —
h. In Koch's Synopsis flor. genn. etc. heifst es bei
Scleranthus „ovariwn uniloculare, hioiulatum, ovidis in
apice funiculi e hasi ovarii aiti, altera ahortiente." In N e e s
V. Esenbeek gener a pl. fl. genn. etc. lautet die Beschreibung
282
dersolben Pflanze gennen hiloculare, loculis iiniovulatis
ovul'is pendulis und dies hiloculare ovarium mit zwei ovu-
lis Lst sogar abgebildet. Leider mufs ich hier abermals bemer
ken, dafs die angebliche Analyse aus dem Kopf nach einer
falschen Beschreibung gezeichnet ist. Denn nicht einmal die
Koch'sche noch weniger die letzte Beschreibung stimmen im
geringsten mit der Natur iiberein. — Bei Scleranthus ist nur
ein einziges ovulinn vorhanden, für welches man den von
Meyen vorgeschlagenen, äufserst zvveckmäfsigen Ausdruck
Ovulum ditiopum gebrauchen kann, äufserst zweckmäfsig des-
halb, um diese Ovula von einer andern von Meyen damit
zusammengeworfenen Form zu unterscheiden. — Es ist näm-
lich ein an sich gekrümmtes (bei Scleranthus freilich campy-
lotropes) Eichen, welches an einem langen funiculus (nicht
placenta ßliformis) hängt. Das Ovulum entsteht bei dieser
Pflanze als Ovulum atropum ereclum, sessile in der Basis
des Ovarium und erst nachher bei weiterer Entwicklung krümmt
es sich, indem sich zugleich der /i/mcM/w* so ausnehmend ver-
längert. Sehr von dieser Form (zu der unter andern auch
die Eichen der Chenopodeen gehören) verschieden ist die
ächte placenta centralis libera piliformis bei den Plumba-
gineen. Hier bildet sich nämlich zuerst die freie placenta
und erst später an der Spitze derselben das hängende anatrope
Eichen (cf. Wiegmanns Archiv Jahrgang 3. 1837. Taf. VII.
Fig. 19 — 23). Der Unterschied ergiebt sich bei diesem oi'ß/v'o
imiovulato nur aus der Entwicklungsgeschichte, während es
bei den mehreiigen Santalaceen von selbst klar ist, dafs der
fadenförmige Träger eine placenta und kein funiculus ist.
Die richtige Angabe über den Eibau bei Scleranthus findet
man übrigens ebenfalls in Kunths vortrefi"licher F/ora hero-
linensis. —
c. Linne setzte für die Beschreibung der Reproduktions-
organe einen bestimmten Zeitpunkt fest, nämlich für die Blüthen-
theile den der völlig entwickelten Blume im Moment der Aus-
streuung des Pollen, für die Frucht dagegen den Moment der
Reife, d. h. meist der natürlichen Trennung der Frucht von
der Mutterpflanze und daran that er sehr recht. Freilich hatte
Linne gut beschreiben, denn was er nicht mit blofsen Augen
oder höchstens mit einem mäfsigen Suchglase sah, das über-
283
ging er mit Stillschweigen. Es zeigte sich aber bald das
liedürinils, auf Theile lliicksiclit zu noluiien, die dem blo-
Isen Auge nicht erkennbar sind und besonders, seit man der
natiirJichi^'n Anordnung der IMlanzen den Vorzug gab, niufste
man nothucndig auch den Bau des oviiUim in Betracht ziehen.
Bis jetzt stellt nun freilich ziendich allgemein die Sache noch
so, dais niu" wenige mehr physiologische Botaniker sich mit
der Llntersuc^hung des Eibaues und der Entwicklung des Saa-
mens abgegeben haben, woher denn die mehr systematischen
Botaniker ihre Angaben auf Treu und Glauben entlehnen, oder
ohiie solche Vorgänger den Bau des reifen Saamens inutato
iwinhte auf das Ovuhini übertragen.*) Wer indessen nicht
ganz unwissend in der Entwicklungsgeschichte der Pflanzen
ist, Aveifs recht wohl, dafs die allniäligon Veräiulerungen in
Folge der Ausbildung oft so bedeutend sind, dals selbst die
Zuriickfidirung späterer Zustände auf die wirklich beobachte-
ten früheren, ohne stetige Verfolgung des Entwicklungsganges
ganz ohnmöglich wird. So nimmt es sich denn wunderlich
genug aus, wenn die Beschrciber mit ganz ernsthafter Miene,
als hätten sie's wirklich mit eignen Augen gesehen, z. B. bei
Viscwti von einem Ovario iiuilociilare, ovulo pandulo oder
bei Corylus von einem Gvario hiloadare, ovulis initio ere-
Clis mox pcndulis reden;**) zum Glück sind die Schüler gut-
müthig genug, es dem Lehrer aufs Wort zu glauben, denn sonst
würde einer leicht sein Leben vergebens daran setzen, um die
schöne Beschreibung in der Natur bestätigt zu finden. —
Hat man aber einmal und zwar sehr mit Recht auf die
Beschreibung der Eibildung einen wesentlichen Werth gelegt,
und sieht man auf der andern Seite täglich mehr ein, dafs die
*) Dafs aber auch dabei oft Zufall und Laune das meiste thun,
beweist unter andern die Stelhms der Nyniphaceeii in Kunths aus-
gezeichneter, sonst so durchweg nach eignen, neuen Untersuchungen
bearbeiteter Flora bej'olineiisis , Berlin 1838. Dafs daselbst die
^ympliucacene noch unter den Monocotyledonen stehen und zwar
als Butoineis yroxime tifßnes, dafs dabei die Untersuchungen von
Brogniart, Mirbel, Brown uridLindley gänzlich ignorirt wer-
den, ist nicht wohl zu begreifen. —
**) Versteht sich ovuritwi in dem Zustande zur Zeit der Blüthe
verstanden. —
284 .
Pflanze kein Crystall ist, den man heute liegen lassen und in
10 Jahren noch in derselben' Gestalt wiederfinden kann, son-
dern dafs sie in ewig reger, lebendiger Entwicklung der For-
men bald diese bald jene Seite ihres Lebens manifestirt, und
so dem BeobaclUer in jedem einzelnen Momente entschlüpfend,
überall niclit als ein im gegebnen Augenblick fertiges, sondern
nur als der Inbegriff vieler Entwicklungsstufen und als der Ge-
sammtausdruck eines ewig fortlaufenden Processes gefafst wer-
den kann, so ist auch klar, dafs mit der bisherigen Behand-
lungsweise nicht viel wissenschaftliches geschafft wird und dafs
im concreten Falle einestheils für die Beschreibung des Eibaus
nach Linneschem Priucip bestimmte Momente festgesetzt wer-
den müssen, anderntheils aber auch der Gang der Entwickhing
bezeichnet werden mufs, durch welchen etwa scheinbare Ver-
schiedenheiten in gegebnen Momenten zu einer höhern Einheit
ausgeglichen, oder scheinbare Gleichheiten wegen der Verschie-
denheit des Entwicklnngsprincips in ihre gehörigen Glieder
aufgelöst werden. Rob. Brown ist auch hier der Name, der
den rechten Weg zuerst betreten und die nöthigen Fingerzeige
gegeben hat, freilich hier wie in so vielen Fällen, ohne dafs
Einer die geistreichen Andeutungen benutzt und verfolgt hätte.
Rob. Brown, getroffen von dem scheinbaren Widerspruch in
einem genus (^Evonymus) zugleich hängende und aufrechte
Eichen zu finden, forschte weiter, fand das Gesetz, dafs die
raphe beim Ei stets an der der placenta zugekehrten Seite
verläuft, dafs bei den ovulis pendulis Evonyml dies nicht der
Fall ist, dafs sie aber oviila erecta werden, wenn man in
Gedanken die raphe wieder in die rechte Lage bringt, dafs
also die Ovula nur scheinbar hängend, eigentlich nur nieder-
gebogene, aufrechte Eichen seien. Die Richtigkeit dieser Er-
klärung wird durch die Entwicklungsgeschichte bestätigt. So-
viel ich weifs, hat Niemand diese Untersuchungen Browns
benutzt, um in würdiger Nacheiferung ähnliche die klare
Durchschauung der Verwandtschaft trübende Anomalien auf-
zulösen , wozu die Ranuuculaceen eine herrliche Gelegenheit
bieten. Man hat die einsaamigen Pflanzen dieser Familie nach
dem Unterschied der hängenden und aufrechten Eichen (?) in
Ratiunculeae und Anemoneae eingetheilt und sich übrigens
bei der so wichtigen Verschiedenheit in so nahe verwandten
285
Pflanzen beruhigt Bei beiden Abtheilungen ist aber das Ovu-
lum iu einem nicht gar zu frühen Zustande völlig gleich ge-
baut, ovulwn adscendens anatropwn Taf. VIII. Fig. 2 — 3, spä-
ter entwickelt es sich, bedingt durch die Entwicklung der
Eihöhle entweder allein nach oben und wird dann ein ovuhnn
erectwn anatropum Taf. VIII. Fig. 4, oder es wird gezwungen,
den Raum unter sich zur Entwicklung zu benutzen, es l)iegt
sich von der placenta ab nach unten und wird dann ein Ovu-
lum spurie pendulum, anatropum raphe aversa Taf. VIII.
Fig. 5. Bei vielen Arten ist zur Zeit der Bliithe im unbe-
fruchteten Zustande noch gar keine Differenz wahrzunehmen
(z. B. zwischen Ranunculus und Myosurus) und bei allen
übrigen gehen die Mittelformen so allmälig in einander über,
dafs dies Moment zur Zeit der Bliithe als Eintheilungsgrund
absolut unbrauchbar wird. Zur Zeit der Saamenreife liefert
er allerdings einen scharfen Unterschied. Da wir aberiuitrenn-
bare genera (Evonymus) haben, in. welchen diese doppelte
Form vorkommt, so darf dies Merkmal auf keinen Fall benutzt
werden, um eine Trennung zu begründen und zu rechtferti-
gen, wo dieselbe nicht schon anderweit evident von der Na-
tur ausgesprochen ist, und zwar um so w eniger, da die Natur
überhaupt auf den Eibau bei den Ranunculaceen gar keinen
Werth gelegt hat und Verhältnisse, die sonst innerhalb der
Grenzen einer Familie die constantesten sind, hier zu den aller-
variabelsten gehören. Hieher gehört namentlich auch die Zahl
der Eihäute, die sogar in demselben Genus variirt.
Integumentum simplex haben:
Thalvitrum, Anemone, Ilepatica, Ranunculus, Ficavia,
CaltJia, Hellehojus, Delphinium tricorne et chdense und die
Podophylleae.
Integumentum duplex haben:
Clematis, Adonis, Trollius, Isopyium, Aquilegia, Aco-
nitum, Paeonia, Delphinium ßssum, elatum, hicolor, Conso-
lida, Ajacis und die Magnoliaceae. Ich will gar nicht in
Abrede stellen, dafs bei der grofsen Schwierigkeit, die meisten
Pflanzen dieser Familie rücksichtlich ihres ursprünglichen Ei-
baues, der meist schon in der entwickelten Knospe nicht mehr
zu erkennen ist, zu untersuchen, sich in das vorstehende Ver-
zeichnifs (namentlich vielleicht bei Delphinium) nicht Fehler
V. Jalirg. 1 Band. 19
286
sollten eingeschlichen haben. Wenn aber, wie ich hoffe, nur
der gröfsere Theil richtig ist, so bleibt das Resultat gerecht-
fertigt, dafs die Zahl der Eihäute, die in den meisten andern
Familien von starrer Constanz ist, hier durchaus als veränderli-
ches und somit untergeordnetes Merkmal erscheint, nach wel-
chem allein die Familie weder beschränkt noch ausgedehnt
werden dürfte. —
d. Ein Beispiel ähnlicher Anomalien findet man in der
Familie der Aroideen, Hier ist nichts constant bei der Eibil-
dung als das allen Monocotyledonen zukommende Integiimen-
tiim duplex. Uebrigens findet man in dieser Familie ovula
erecta iArurri), pendula (Pothos), atropa (^Sauromatwn),
hemianatropa (Meconosügmd), anatropa {Calla\ und selbst
wenn man will hypertropa {Oroniium aquaticuin). Die
Typhaceae hatte Rob. Brown mit den Aroideen vereinigt,
Llndley hat sie wieder davon getrennt und wie es scheint
hauptsächlich auch wegen des hängenden Eichens. Abgesehen
davon, dafs bei den Aroideen hängende Eichen nicht selten
sind, was Lindley vergessen, so sind auch die ovula bei
den Typhaceae ebenfalls nur spurie pendula, denn aucli bei
ihnen findet man die laphe aversa. —
8. Ueber das Zerfallen der Conferven in ihre ein-
zelnen Glieder.
Meyen sagt in seiner Physiologie (Bd. IIL pag. 417)von
den Spirogyren, dafs die Glieder derselben so fest mit ein-
ander verwachsen seien, dafs sie sich niemals in ihren Ver-
wachsungsflächen lösen. Freilich spricht er schon auf dersel-
ben Seite etwa zehn Zeilen weiter von einem Zerfallen der-
selben in ihre einzelnen Glieder, es mufs also mit dem nie-
mals wohl nicht so ernst gemeint sein. Es ist in der That
auch nicht möglich, dafs Jemandem, der nur irgend genau Con-
ferven beobachtet, diese so ganz alltägliche Thatsache entgan-
gen sein sollte. Den eigentlichen Vorgang der Trennung finde
ich aber nirgends vollständig beschrieben und nur eine einzelne
Stufe derselben ist zwar richtig aber nicht im vollständigen
Zusammenhange aufgefafst bei Mohl (Vermehrung der Pflan-
zenzelle durch Theilung 1835 pag. 19) dargestellt, —
Ich will mich hier vorläufig auf Spirogyra quinina
287
beschränken, an welcher man drei verschiedene Arien der Thei-
lung des Fadens zu beobachten Gelegenheit hat. —
Die erste Art kommt vielleicht allen zelligen ConferVen
zu, wenigstens den frei schwimmenden, bei denen kein Wur-
zelende zu unterscheiden ist. Eigentlich gehört sie nicht
hierher, da sie eine pathologische Erscheinung ist. Wenn
nämlich irgend ein einzelnes Glied durch eirifeii Zufall einge-
knickt oder sonst verletzt wird, so stirbt es ab. Schon wenige
Minuten nach dem EingriflF zeigen sich die beiden Endeii der
angrenzenden Glieder, die vorher grade und eben wäret), ilacK
dem zerstörten Glied'e zu gewölbt und nehmen bald vollstän-
dig die abgerundeten Formen an, die man gewöhnlich an den
freien Enden der Confervenfäden sieht (Taf. VIII. Fig. 6). —
Die zweite und dritte Art der Trennung der Glieder ge-
hören aber zum gesunden Lebensprocefs der Pflanze und be-
sonders ist die zweite ein höchst complicirtes Wachsthums-
phänomen. Es entsteht hier nämlich in dem flachen, kreis-
förmigen Theile der Zellenmembran, welche mit dem glei-
chen Stück der anliegenden Zelle die Scheidewand zwischen
je zwei Gliedern bildet, eine kreisförmige Falte etwas vom
Rande der Scheidewand entfernt (Fig. 8, «.). Diese Falte er-
hebt sich ällmälig in das Innere der Zelle zu der berfeuteriden
Höhe ihres Durchmessers (fig. 8. b). Durch" diese Falte ist nun eine
Verlängerung der einzelnen Zelle bedingt, die aber noch nicht
in die Erscheinung tritt, weil sie noch in den Schlauch ein-
gestülpt ist. Bald aber fängt sie an sich auszustülpen und da-
durch die bis dahin sich noch berührenden Theile der Zellen-
wände von einander zu entfernen. Gewöhnlich zeigt ' sich 'da-
bei eine Zelle als die stärkere und schiebt sich zuerst hervor,
so dafs die andere so lange warten mufs^ bis die erste fertig
ist (Fig. 8, c.y, ja sie treibt selbst die andere Falte wohl noch
tiefer in den Schlauch hinein, soweit ihre Länge es erlaubt
(Fig. 9, ß.). Anfänglich dehnt sich dabei die gallertartige,
äufsere Membran, die gleichförmig alle Glieder überzieht, aus
(Fig. 8, c. Fig. 9, a.), nach und nach aber reifst sie ein uncl
die freien Lappen werden aufgelöst (Fig. 9, h. Fig. 10). Dicht
innerhalb der kreisförmigen Falte hängen die beiden Glieder
am längsten in einer kreisförmigen Linie zusammen (Fig. 10.),
indem sie sich in der Mitte des Kreises schon sehr früh
19* -
288
getrennt haben. Endlich löst sich auch diese Verbindung und
die nun freien Enden erscheinen wie Fig. 9, h., so wie sie
auch schon von Mohl a. a. O. sehr treu abgebildet sind.
Die dritte Art der Trennung ist viel einfacher. Sie be-
ginnt auch mit einer kreisförmigen Erhebung der Membran
(Fig. 7, «.). Aber ehe diese Erhebung noch weit fortgeschrit-
ten ist, entfernen sich die Wände in der Mitte des Kreises
vollständig von einander (Fig. 7, h.),' die Scheidewände bilden
eine Wölbung nach dem Innern jeder Zelle und werden all-
mälig, wie es scheint, durch Ausdehnung des äufsern Gallert-
schlauches von einander entfernt (Fig. 7, c). Endlich zerreifst
letztere und die Glieder sind isolirt. —
Diese letzte Form kommt am häufigsten bei den Gliedern
vor, die bereits eine SpoTe. enthalten, doch fand ich sie auch
an unbefruchteten Gliedern, so wie die erstem obwohl sehr
selten auch bei sporentragenden Gliedern vorkommt. Da ich
zuweilen beide Arten der Trennung an einem und demselben
Faden gefunden habe, so widerlegt sich mir dadurch eine
früher gehegte Meinung, dafs man die Art der Trennung zur
specifischen Diagnose benutzen könne. Ueberhaupt bin ich
nach jahrelangen genauen Beobachtungen ebenfalls zu der
Ansicht gekommen, dafs alle Conferven mit einem einfachen
Spiralbande nur einer Species angehören, die nach Alter,
Standort u. s. w. mannigfach abändert. —
Durch diese eben beschriebnen Arten der Trennung wird
nun aber der Faden keineswegs immer in alle seine Glieder
aufgelöst, sondern meist nur in mehrere kürzere Fäden. Es
werden nämlich, ohne dafs ich bis jetzt den Grund davon auf-
finden konnte, häufig ein oder mehrere Glieder übersprungen,
ja. es findet zuweilen in der ganzen Länge eines Fadens nur
eine einzige solche Trennung in der Mitte statt und ich kann
in diesem speciellen Falle Mohl's Ansicht von der Vermeh-
rung der Zellen durch Bildung von Scheidewänden nicht bei-
stimmen, da mir kein eigentlicher Grund dazu vorzuliegen
scheint. —
9. Ueber die Spiralzellenschicht in der Frucht der
Laurineen.
/■ ■
Man hat wohl die eigenthiimliche Schicht von Spiralzellen
289
in der Fruclit <ler Cassytha als einen Hiilfsgrimd angeführt,
um die Cassythaceae als eigne Abtheilung von den Lauri-
neae zu trennen. So wenig nun ein anderer Grund meiner
Ansicht nach eine solche Trennung rechtfertigt, so wenig ist
dieser im Stande eine solche Spaltung zu begünstigen. Dafs
man jene Zellenschicht bisher nur bei Cassytha gefunden,
beruht allein auf mangelhafter Untersuchung der Laurineen-
frucht. *) Da mir von Laurus nohilis nur ganz alte Offizin-
Exemplare zu Gebote standen, habe ich bei dieser Art freilich
nicht klar darüber werden können, ob die Spiralzellen vor-
handen sind oder nicht. Ich vermuthe aber, dafs sie auch hier
vorlianden sind, was an frischen Exemplaren leicht auszu-
machen wäre. Sehr schön entwickelt ist diese Zetlenscliicht
dagegen bei Sassafras, Benzoin und Laurus (?) gcniculata
Wall. Es ist noch nicht eigentlich ausgemacht, welchem Theile
der Frucht diese Spiralzellen bei Cassytha sowohl als bei
den Laurineen angehören. Leider stand mir keine vollständige
Entwicklungsgeschiclite, ja nicht einmal ein einzelner Mitt0-
zustand frisch zu Gebote. Ich mufs mich daher begnügen,,
mitzutheilen, was sich aus den von mir trocken untersuchten
Früchten ergiebt. Bei Sassafras (womit die beiden andern
Laurineen übereinstimmen), zeigt die Lage der placeiifa, dafs
die auf die lederartige, äufsere Hülle folgende, dünne Haut,
die aus gelbraunen etwas flachen, nach Aufsen und Innen stark
verdickten Zellen besteht (1), die äufserste den Saamenintegu-
menten angehörige Membran ist. Auf dieselbe nach Innen
folgt eine Lage in die Länge gestreckter, dickwandiger, auf-
rechtstehender Zellen (2), dann mehrere Schichten braungelber,
sehr flaclier, ebenfalls dickwandiger Zellen (3) und nun die
Spiralzellenschicht (4), zwischen welcher und dem Embryosack
noch eine Lage flacher, grofser Parenchymzellen (5) liegt.
Wendet man auf diese Verhältnisse die Analogie der Thyma-
leen an, so ist die erste Lage (1) das ganze integumentwn
cxternum in zusammengedrängtem Zustande, (2) die epider^
viis externa integumenti interni, (3) das Parenchyma der-
*) Icl> bemerke ausdrücklich, dafs ich bis jetzt uoch nicht Gele-
geiiheiit und Zeit hatte, Esenbecks Monographie der Laurineen
durchzuarbeiten. —
290
selben, (4) die epidermis interna integ. int. und (5) die
memhrana niicJei. —
Die vielen Verwandscliaftsbezielmngen zwischen Tliyma-
leen und Laurineen, so wie diese Gleichheit in der Ausbil-
dung der Saamenintegumente scheinen sich recht gut gegen-
seitig zu unterstützen. —
Eine sehr schöne Spiralzellenschicht in der epidermis
der memhi'ana interna, besonders merkwürdig wegen ihrer
Entwicklungsgeschichte findet sich auch noch bei Sparrman-
nia africana. Meyen wird sie wahrscheinlich (nach seiner
Aeufserung Wiegmanns Arcliiv Jahrg. 5. Bd. 2. p. 17 — 18)
nicht für Spiralfibern gelten lassen, indefs mufs ich bei der
Unbestimmtheit seiner Worte vorläufig warten, bis es ihm ge-
fällt, ein Gesetz über die erforderliche Dicke der legitimen
Spiralfaser zu erlassen. Besser hätte er freilich gethan und
der Wissenschaft mehr genützt, wenn er statt dieses unerfreu-
lichen Zanks über die Dicke der Fiber lieber genau bestimmt
lüi|te,. welchem Theil des Saamens die Spiralfibern helPunica
angehören, was er ja wissen mufs, da er sie untersucht hat;
ich selbst hatte hierzu noch keine Gelegenheit. —
10. Spaltöffnungen auf Saamenintegumenten.
Bei genauer Untersuchung einer reifen Frucht von Ne-
lumhium speciosum fand ich an einer dünnen Membran, die
ohne Zweifel eine der Eihäute war, eine zahllose Menge
Spaltöffnungen, deren Bau auch nicht im geringsten von dem
an den Blättern abwich. Auch konnte ich deutlich wahrneh-
men, dafs das Zellgewebe unter diesen Spaltöffnungen den ge-
wöhnlichen Bau, nämlich grofse Intercellularräume, zeigte, in
welche die Spaltöffnungen einmündeten. Wer Gelegenheit hat
einen etwas früheren Zustand des Saamens frisch zu unter-
suchen, würde leicht entscheiden können, welcher Eihaut jene
Spaltöfi'nungen angehören. —
Um absichtlichen Mifsverständnissen vorzubeugen, be-
merke icli noch, dafs ich recht gut weifs, dafs die Nufs von
Nelwnbiwn aufsen noch mit dem Pericarp bekleidet ist. Die-
ses hat eine sehr dicke, harte Oberhaut aus engen, langge-
streckten, stehenden Zellen gebildet. Auch diese Haut hat
Spaltöffnungen, die ganz auffallende Achnlichkeit mit den au
291
der Memhrana externa der Can/iasaämen ton inir beschrieb-
neu haben. —
11. Ueber den Familiencharacter der Elaeagneae.
Die Darstellung des Familiencharacters dieser Gruppe bei
Endlicher gener. plant, womit die meisten andern über-
einstimmen, oder doch nur durch ihre Dürftigkeit abweichen,
scheint mir einige Ungenauigkeiten zu enthalten. Zuerst ist es
auffallend, dafs hier wie in allen übrigen (auch generischen)
Beschreibungen der Hippopha'e der ioriis abgesprochen wird.
Ich finde denselben relativ eben so stark entwickelt wie bei
Elaeagnus und noch dazu durch zwei von ihm entspringende
dicke Haarbüschel ausgezeichnet, welche die faiix tubi eben
so verschliefsen, wie der kegelförmige Fortsatz bei Elaeagnus.
Es scheint mir auch die Anwesenheit des torus ganz noth-
wendig mit zur Characteristik der Familie zu gehören. Da-
gegen ist die Schilderung des Frucht- und Saamenbaues wie-
der einseitig von Elaeagnus entlehnt, und pafst durchaus nicht
auf Uippopha'e, mufs also, um in den Familiencharacter auf-
genommen werden zu können, bedeutend modificirt werden.
Zuerst pafst der dicke funiculus , von dem Endlicher spricht,
wohl auf Elaeagnus aber nicht auf Hippopha'e, wo das Ovu-
lum so eigentlich sessile ist, wie irgend wo. Bei der Beschrei-
bung der Frucht endlich pafst das epicarpium longitudinaliter
coslatum einestheils ebenfalls nicht auf Hippopha'^, andern-
theils involvirt es selbst einen Irrthum, der aus einseitiger
Untersuchung der reifen Frucht ohne Berücksichtigung der
Entwicklungsgeschichte hervorgegangen ist. Das Pericarpiwn
ist nämlich zur Zeit der Reife bei Elaeagnus tenuissime
memhranaceum semini arctissime adhaerens. Der tubus-
perigonii aber tronnt sich bei seiner Entwicklung in zwei
strata, wovon das Aeufsere durch Trennung der einzelnen
rundlichen Zellen von einander eine mehlige Beschaffenheit
annimmt, während das Innere mehr verholzt und zusammen-
hängend die Frucht umschliefst; die Trennung beider Schich-
ten geschieht grade in der Richtung der acht den hibus peri-
gonü durchziehenden Gefäfsbündel, und zwar so, dafs von die-
sen nur je ein dickes nach innen liegendes Bastbündel dem in-
iicrn Stratum verbunden bleibt, und dadurch eben die Rippen dar-
292
stellt. Da übrigens auch die innere Flächt des tuhits mit den
eigenthiimlichen Schülfern bedeckt ist, die auch noch in der
reifen Frucht die Grenze desselben gegen das Pericarpium
hin bezeichnen, so ist bei recht genauer Untersuchung selbst
der reifen Frucht der Irrthum doch zu vermeiden. —
Juli 1839.
Erklärung der Abbildungen, Taf. VIII.
Fig. 1. Pellia epiphylla. Längsschnitt aus Aqxa frons paral-
lel der Fläche.
a. Querdurchschnittne Intercellulargefäfse.
l. Diirchscheinende Gefäfse. Vergl. pag. 279 — 281.
Fig. 2. Adonis vernalis. Unterer Theil des Ovarii im Längs-
schnitt kurz vor dem Aufbrechen der Blumen.
a. flacenta. (Bei der völlig entwickelten Blume hat sich die Form
des Eichens noch fast gar nicht geändert.
Fig. 3. Ranunculus repeiis. Ebenso.
Fig. 4. — — Kurz nach Oeffnung der Blume.
a. placenfccj
6. raphe.
Fig. 5. Anemone nemorosa kurz nach Oeffnung der Blume
a. und h. w. i. d. v. F.
Zu Fig. 2 — 5 vergl. pag. 285.
Fig. 6 — 10. Spirogyra qiiinina. Vergl. hierzu den Text
pag. 287 — 288.
Fig. 11. Hippophae rhamnoides Längsschnitt der weiblichen
Bliithe.
a. Freier Rand des torus.
Uebersiclit der Gattuiigs- uud ArtcLaraktere
der
europäischen Fledermäuse.
von
A. Graf v. Keyserling und Prof. I. H. Blasius
in Braunschweig.
JJie Ordnung der Fledermäuse ist mehr als jede andere der
Säugetbiere durch Mannichfaltigkeit der Körperformen und
äufsere Organe ausgezeichnet. In keiner einzigen sind die Ar-
ten schärfer von der Natur abgegränzt, und doch in keiner
länger verkannt oder übersehen worden. Noch auffallender
jedoch als dies lange Uebersehen, ist die Verwirrung und Ver-
wechselung, die die Zoologen unter den einmal bekannten Ar-
ten haben einreifsen lassen. Man überzeugt sich davon leicht
beim Durchsehen fast aller neueren Faunisten, die nicht blofse
Copisten sind. Diese Verwirrung hat natürlich ihren nächsten
Grund in der Mangelhaftigkeit der ursprünglichen Beschrei-
bungen und Unterscheidungen gefunden. Daher rührt es z. B.,
dafs sich nicht einmal mehr fesstellen läfst, was Linne unter
seiner einzigen Art Vesp. miirinus verstanden hat, dafs ferner
bekannte Arten, wie V. Schreihersü et Kuhlii Natt. jetzt
wieder unter neuen Namen auftauchen, dafs umgekehrt wirk-
liche neue Arten, wie V. Kuhlii Nils, unter Namen von äl-
teren wieder beschrieben werden, dafs endlich Namen, wie
V. emarginatus, den Geoffroy an die Spitze einer etwas
inhaltslosen Beschreibung und mäfsig guten Abbildung stellte,
sich wie Gespenster unter den verschiedensten Species wie
V. Naltei'crl KuJil, V. mystacimis , et Dauhentonii Leisl.
herumtreiben. Von einem einzigen Falle abgesehen, der aus
der faktischen üeberzeugung hervorgegangen, dafs die Natui
294
mit der Färbung des Pelzes sclion Alles abgetlian, kann man nicht
sagen, dafs die Zoologen in der Aufstellung von Arten zu leicht-
sinnig zu Werke gegangen seien. Nur das kann man bestimmt
aussprechen, dafs in den Diagnosen und Beschreibungen die ar-
chitektonischen Charactere der Arten meist zu wenig hervor-
gehoben sind, um bei den Bestimmungen Irrthümer zu ver-
meiden. Die Darstellungen in der Kuhischen Monographie
zeichnen sich in dieser Beziehung schon vortheilhaft vor den
Beschreibungen und Reflexionen Geoffroy's aus, obschon
sie auch durch eine vielseitige Mangelhaftigkeit inid durch di-
recte Beobachtungsfeiiler noch hinreichenden Spielraum zu Ir-
rungen frei liefsen. Ohne Vergleich umfassender sind die
neueren Beschreibungen von Nilsson und Bon aparte. Sie
beschränken sich jedoch bis jetzt nur auf einzelne Arten
einer bestimmten Fauna, und so ist seit Kühl undGeoffroy
eine Sonderung und Begränzung der europäischen Arten im
Zusammenhange nicht versucht. Wir sehen den Hauptgrund
dieser bei der jetzigen Vermehrung der Arten immer mehr
fühlbar werdenden Unbequemlichkeit darin, dafs es dem Ein-
zelnen so schwer wird, alle Formen in gehöriger Auswahl und
im passenden Zustande zusammen zu bringen.
Mehrere neue von Bonaparte in den letzten Lieferun-
gen der Iconograjia della fauna ilalica aufgestellte Arten
ausgenommen, ist es uns möglich gewesen sämmtliche euro-
päische Arten entweder lebend oder in Spiritus, so wie in
trocknen Bälgen und Skeletten in grofser Auswahl untersuchen
zu können. Durch das Berliner Museum standen uns alle von
Kühl beschriebenen Arten in Originalexemplaren von Kühl zu
Gebote; durch die Gefälligkeit Natterer's erhielten wir seine
Origiual-exemplare von V. Schreihersii und Kuhl'd Natt, die
uns besonders angenehme Aufschlüsse gewährten, wo die
Kubische Monographie uns im Stich liefs. Die schöne Samm-
lung des Professor Nitzsch gab uns vielfache Anhaltspunkte
zur Untersuchung. Am meisten gefördert wurden wir jedoch
durch unsern Freund Herrmann Nathusius in Hundisburg.
Seine reiche Sammlung verschafi"te uns nicht allein die Origi-
nalexemplare von Diiiops Ceslonü Savi, V. dasycnemus
Boie, alboliiiibatus Küst., von Rhinolophus clivosus und
fcnuin ecjuinum, sondern auch sämmtliche vorhin erwähnte
295
Arten in einer Auswahl von Schädeln und Spiritusexemplaren,
die uns über die Beständigkeit der Formen, die Natürlichkeit
und scharfe Sonderung der Gattungen, so wie über die Ab-
griinzung und die Charactere der Arten eine erfreuliche Be-
ruhigung gewährt. Sie enthielt ausserdem eine Reihe von
Exemplaren verschiedenen Alters vom Harz, die wir gemein-
schaftlich als eine neue Art erkannten, und sie, nachdem wir
die bei Nilsson unter dem Namen von V. Kuhlii Natt. be-
schriebene Art in ihr wiederfanden, unter dem Namen Vespe-
rugo Nilssonii aufgeführt haben. Wenn wir hiermit öffentlich
unsern Dank für die so unbedingt freie Benutzung dieses rei-
chen Materials aussprechen, so wollen wir damit blofs vor
dem zoologischen Publicum gerechtfertigt erscheinen, aber nicht
im entferntesten \o\\ dem innigen Dankgefühl gegen den Freund
entbunden sein, mit dem wir in gemeinschaftlicher Untersu-
chung so viele heitere Stunden verlebten. Dafs wir eine seit
der Zeit in Berlin gefangene ausgezeichnete neue Art, die wir
auch aus Halle besitzen, mit dem Namen unseres Freundes
beehrten, mag ein kleines Zeichen sein, wie sehr wir geneigt
sind, die Erinnerung an diese Tage im Gedächtnifs aufzube-
wahren.
Im Ganzen beträgt die Zahl der von uns untersuchten
Arten der europäischen Fauna 22; die übrigen von Bona-
parte aufgestellten Arten P. hrevimanus, V. Capacciiiii,
Saiii, heucippe, Aristippe und Alcythoe können wir nur
nach seinen eigenen Angaben beurtheilen: über T^. cornutus
Faber und F\ Otus Boie, von denen wir nur die Besclirei-
bungen haben auftreiben können, erlauben wir uns gar kein
Urtheil. Schon lauge hatte sich die Nothwendigkeit einer Son-
derung der alten Gattung Vespertilio herausgestellt. In der
Weise, wie es hier geschehen, sind die Arten nicht allein in
ihrem natürlichen Zusammenhang geblieben, sondern auch die
Gattungen künstlich möglichst scharf characterisirbar. Geof-
froy liatte aufser der Hufeisenuase, der Gattung RhinolopJius,
noch die mit verwachsenen Ohren unter dem Namen Flecotus
von den übrigen Arten gesondert. Damit wurde auch allmä-
lig eine Sonderung beider unter diesen letzten Namen begrif-
feneu Arten noth wendig, die denn auch Gray durch Aufstel-
lung seiner Gattung Barhastellus (jSynotus) bewerkstelligte.
296
Die (laclnrch festgestellten beiden Gattungen finden ihre Ana-
logien nnter den zahlreichen, noch unter der Gattung Vesper^
tilio begriffenen Arten, von denen die den Barbastellen ent-
sprechenden Formen (die Gattung V^esperugo) zuerst von
Gloger unter der Bezeichnung der dicköhrigen Fledermäuse
vereint wurden und später durch Gray, mit andern fremdar-
tigen Formen vereinigt, als Genus Scotophilus auftraten.
Auch diese noch zeigen eine Verschiedenheit des Gebisses,
der aber nur wenige andere Charaktere, parallel durchgreifend
und natürliche Gruppen begründend, entsprechen, so dafs sie
nur als Untergattungen anzusehen sind, die wir mit den Na-
men Vesperugo und Vesperus bezeichneten. Zu diesen
kommt nun noch eine neuerdings von Bonaparte aufgestellte
Gruppe, Mlniopterus, hinzu, die von den beiden Hauptgrup-
pen der J^espej'tilionen mit freien Ohren ebenso sehr abwei-
chend, als in anderer Hinsicht sie verbindend, jedenfalls als
eine ausgezeichnete Gattung angesehen werden mufs. Mehr
aber, als, Khinolophus ausgenommen, all die genannten Gat-
tungen unter einander abweichen, steht die von Sa vi aufge-
stellte Gattung Diiiops ihnen fern.
Was nun die künstlichen Charactere der sieben hier un-
terschiedenen Gattungen betrifft, so tritt zuvördrrst das Ge-
bifs als entscheidend auf. Man hat den Zahnbau mit Unrecht
als Gattungs- oder Artcharacter verwerfen wollen, insofern
man einen Wechsel desselben nach dem Alter beobachtet ha-
ben will. Mag sich dieser, besonders bei einigen ausländischen
Arten, auch immerhin auf die Vorderzähne beziehen; so ist
uns doch kein Beispiel bekannt, dafs ein solcher Wechsel in
den von uns untersuchten Arten auf Eckzähne, Lückenzähne
und Backzähne auszudehnen wäre. Dagegen liegen Beispiele,
wo ein kleiner, von den übrigen verdrängter und scheinbar
ganz versteckter Lückenzahn übersehen worden, hinreichend
vor, woraus man aber nicht schlicfsen mufs, dafs ein kleiner
Zahn, eben weil er so klein ist, zuweilen auch ganz fehlen
könne. Haben die Beobachter es niclit immer so ganz genau
genommen, so darf man das die Fledermäuse nicht entgelten
lassen. Weder die Zahl noch die Stellung, noch die relativen
Dimensionen derselben, noch die Bildung der Ränder, Höcker
und Spitzen haben wir auch bei der ausgedehntesten Verglei-
297
clmng von Individuen derselben Art abweichend gefunden. —
Mit der Zahl und Stellung der Zähne ist zugleich auch <lie
Bildung der Gaumenfalten in constantem Zusammenhang, ob-
wohl liier der Spielraum möglicher Modificationen nicht in
dem Maafse zu beschränken ist. Die Zahl der Falten ist
ebenso wie die der Zähne, nur unter den verschiedenen Arten
von Rhinolophus nicht übereinstimmend, wie denn auch in den
Gaumenfalten V. dasycnemus von den übrigen Gattungsver-
wandten abweicht. Eine Abweichung nach der Zahl, Stellung,
Theilung und Verbreitung innerhalb ein und derselben Spe-
cies ist uns bis jetzt nicht bekannt. So wird denn dieser
Charakter, wo er aufhört, ein generischer zu sein, um so auf-
fallender ein speciflscher. — Die Zahl der Vorderzähne kann
man füglich zur Charakteristik der Gattungen entbehren, ob-
schon wir auch hier, die Gattung Dino^s ausgenommen,
keine Abweichung von der allgemein ausgesprochenen Bildung
kennen. Die Stellung und das gegenseitige yerhält^liifs der-
selben ist jedoch immer wichtig und constant, so dafs ancli
hier der Fall aus der Pflanzenwelt eintrifft, dafs die absolute
Zahl nicht allein, und oft am wenigsten entscheidet. So son-
dert sich die Gattung Rhinolophus von allen übrigen ab, in-
dem der Zwischenkiefer mit den obern Vorderzähnen seine
gewöhnliche Stellung zwischen den Oberkieferästen verläfst
und als bevt-egliche Platte in den Gaumen tritt. — Mit den
Abweichungen im Zahnbau geht die Bildung des Schädels eine
parallele P.eihe von Unterschieden ein, die augenscheinlich für
die Natürlichkeit der Gattungen spricht. Als hauptsächlich
unterscheidend fällt die Art der Schädel wölbung, die Sonde-
rung des Scheitels von Hinterhaupt und Nase, der Winkel,
unter dem die Scheitelbeine mit dem Hinterhauptsbein zusam-
mentreten, der Verlauf der Oberkieferäste, das Verhältnifs der
Breite derselben zu der Einschnürung zwischen den Augen-
höhleu und die Configuration des Nasenrückens auf. Die
gröfsten Gegenfätze finden hier zwischen den Gattungen Ves~
pertilio und Vesperugo statt, und wenn sich Miniopterus
in äufserer Bildung der letzten anschliefst, so steht sie in Hin-
sicht der Schädelbildung der ersten Gattung näher. Bei Ple-
cotits und Synotus ist der kurze, breite und flache Nasen-
rücken besonders auffallend. —
298
Wie das Gebifs und der Schädelbau innerlich begründend,
so stellt sich äufserlich die Bilduug des Ohrs und des Tragus
als hinreichend l)ezeichnend für die Abgrenzung der Gattungen
dar. Nicht allein der Umrifs des Ohrs, sondern auch beson-
ders der Verlauf der Ränder, die Bildung des Kiels, die An-
heftung des Vorderrandes am Kiel, der Verlauf des Aufseu-
randes in Bezug auf Mundspalte und Tragus, endlich die Ver-
wachsung der Ohren über dem Scheitel, zeigt sich entschei-
dend. Der Verlauf beider Ränder in Bezug auf Kiel und
Tragus sondert die Gattungen Vesperiilio und Vesperugo,
Plecotus und Synotus auf den ersten Blick, so wie die Ver-
wachsung über dem Scheitel die beiden letzten Gattungen nebst
Diiiops von allen übrigen trennt. — Beim Tragus zeigt sich
der Verlauf der Ränder, die Richtung der Spitze, die Ausbil-
dung des Zahns an der äufsern Basis höchst bezeichnend.
Bei Rhinolophus fehlt der Tragus ganz; bei Dinops und Mi-
niopterus ist er in einem Minimum und ohne Zahn vorhan-
den; bei Vesperugo ist die Spitze entschieden nach Innen
gebogen, bei Vespeitilio entweder grade oder sichelförmig
nach Aufsen gerichtet; seine gröfste Entwickelung erreicht er
bei Plecotus und Synotus.
Mit diesen angegebenen Charakteren verbinden sich nun
noch andere äufserliche, die den Habitus bestimmen, wie die
Consistenz und die Dimensionsverhältnisse der Ohren und
Flughäute, die Umrisse der Schnauze, die Art der Behaarung,
sogar die Färbung und anderweitige Beschaffenheit des Pel-
zes, was sich aber alles weniger in einfache, begriffsmäfsig be-
stimmte Ausdrücke pressen läfst.
Was die den' Gattungen beigelegten Namen betrifft, so ha-
ben wir uns nur über zwei derselben zu erklären. Offenbar
bildet die Species die Grundeinheit aller systematischen Zu-
sammenstellungen; sie ist das allein bleibende im Wechsel sy-
stematischer Ansichten. Die Gattungen sind in weit höherem
Grade Resultat individueller Ueberzeugungen und Richtungen.
So sollte man nun auch in den Benennungen beider wenig-
stens den Artnamen als ein historisch überliefertes Heiligthum
ansehen und von allem Wechfel entfernt halten. Dadurch al-
lein kann die Verwirrung unter den Synonymen verhindert wer-
den. Wird unter andern der alte Speciesname Barbastellus
299
beibehalten, so weifs man sieber, welcbe Art gemeint ist, ob
sie dieser zu VespertUio oder ein Anderer zu Flecotus oder
Synotiis stellt. Es ist nur ein BarhastcJhis und dem ist
der Gattungsname unschädlich. Diese Bestimmung würde nur
für diejenigen unangenehm werden, die sicli mit der Combina-
tion zoologischer Namen beschäftigen, und gern einem jeden
Tliier ein communis, vulgaris oder syUtistvis etc. anliängen.
Wollte man zugleich mit dieser Bestinunung die Einrichtung
treffen, dafs die Autoritäten der ursprünglichen Speciesnameri
festgelialten und von den Autoritäten der Gattungsnamen ge-
sondert würden; so Wäre damit eine für unsere Zeit sehr an-
zuempfehlende Sicherheitsmafsregel gegen die alles historische
Herkommen verheerende Eitelkeitspest der nobis und mihis
so vieler neueren Namen-Combinationszoologen in s Leben ein-
geführt. Es kann so unendlich wenig daran gelegen sein, ob
ein Gattungsname, das willkührliche Zeichen eines willkürli-
chen Begriffs, der Vergessenheit anheim gegeben wird; aber
jes ist weniger gleichgültig ob man mit dem Zeichen für die
Art, für das in der Natur feststehende, Unwandelbare, ein
so leichtes Spiel treibt! Und vollends soll der Autoritätsname
des Schriftstellers nur ein Mittel sein, die lu'sprüngliche Art-
bestimmung festzuhalten! Es ist aber nicht einzusehn, wie
aus der blofsen Zusammenstellung zweier Namen ein Auf-
schlufs über die Art gegeben werden soll. Und billig sollte
jeder Unbefangene sich in sein Gewissen hinein schämen, sein
mihi einem Thiere aufzubürden, an dem er keinen weitern
Theil hat, als höchstens dessen hergebrachten guten Namen
in einen Schimpfnamen verwandelt zu haben. So wie der
Speciesname einen Begriff, unabhängig von dem der Gattung
bezeichnet, so kann auch dessen Existenz und Autorität äufser-
lieh von dem zufälligen Schicksal seines unglücklichen Gat-
tungsgefährten gesondert und in seiner historischen Würde
aufrecht erhalten werden. Vor allen Dingen aber wird diefs
rathsam, wenn damit der. immer mehr überhand nehmenden An-
häufung und Verwirrung der Synonyme vorgebeugt wird. So
haben wir es denn auch hier mit der Einführung zweier neuer
Gattungsnamen gehalten, weil wir es für das Beste hielten,
zudem auch nicht gern den Verdacht einer Befangenheit auf
uns laden möchten, an der wir nicht Theil haben. Dafs wir
300
den von Gray angewandten Namen Barbastellus, und den
■ von Bonaparte vorgeschlagenen, aber nicht bestimmt in An-
wendung gebrachten Noctula und Piptstrellus niclit anwen-
den mochten, findet im Obigen seine Erklärung. In Bezug
auf die Gattung Ves^erugo mufs noch bemerkt werden, dafs
Gray auf viele Arten derselben den von Kühl für ein ganz
abweichendes, der Familie der Noctilionen zugehöriges Thier
(Scotophilus Kuhlii) gegebenen Namen Scotophilus ausgedehnt
hat, indem er beiderlei Formen als zu derselben Gattung gehörig
erklärte. Gray kann nur dadurch auf diese Idee gekommen
sein, dafs er die Zahl der Backzähne für ganz unwesentlich
hält, indem Leach diese als durchaus abwesend angiebt, dem
Cray auch nicht widerspricht. Da man vorläufig der Beob-
achtung von Leach mindestens eben so viel Werth beilegen
mufs, als der Ansicht von Gray; so wird es unrathsam, durch
Ausdehnung des Namens Scotophilus auf unsere europäischen
Formen eine voreilige Veränderung der Artnamen herbeizufüh-
ren, die natürlich eintreten mufs, sobald Sc. Kuhlii Leach,
und V. Kuhlii Natt. in einer Gattung zusammentrefi"en. Noch
bedenklicher scheint uns die Anwendung des fraglichen Na-
mens, wenn wir berücksichtigen, dafs aufserdem noch zwei
Eulengattungen, von Swainson und von Jardine, um den-
selben Krieg führen, und wir den Kampf nicht noch gern un-
nützer Weise vergröfsern und verwirren möchten.
Als Charaktere, durch welche die Arten sich gegenseitig
von einander absondern, treten zunächst Modificationen der-
selben Organe 'ein, die für die Gattungen entscheidend wer-
den. Die meisten Charaktere bieten die Umrisse, Dimensions-
verhältnisse und der Verlauf der Ohren und des Tragus dar,
und wir kennen kein Beispiel, dafs wir bei frischen oder Spi-
ritus-Exemplaren eine wesentliche Abweichung innerhalb der
Species gefunden hätten. Am Vorderrande des Ohrs ist die
Art der Biegung entscheidend: bei V. auritus zeigt sich ein
zungenförmiger Vorsprung an der Basis, der allen übrigen
fehlt; bei V. murinus, Bechsteinii und ISattereri verläuft
der Innenrand ziemlich gleichmäfsig nach Innen convex gerun-
det; bei V. mystacinus, Umibentonii und Dasycnemus ist
er gegen die Mitte stärker, in einen abgerundeten Winkel
nach Aufsen gebogen ; in der Gattung Vesperugo nähert sich
301
(lieser Winkel immer mehr einem rechten, und wird bei Mi-
iiioptcrus endlich ein spitzer, woher es dann auch erklärlich
wird, dafs Kühl angiebt, die Spitze sei bei V. Schjcibersii
nach Innen gerichtet, obschoji sie hier mehr als bei jeder andern
Art nach Aufsen gekehrt ist. An der Richtung des Innenran-
des nimmt meist auch der Kiel Theil, so dafs durch die Ge-
stalt der Ohrfläche zwischen Innenrand und Kiel diese Cha-
raktere um so auffallender hervortreten. Der Auisenrand
zeigt an einer jedesmal constanten Stelle eine mehr oder we-
niger deutliche concave Einbucht. Ihr Maximum erreicht sie
bei V. inystacinus und Daiibentonü, wogegen sie bei da-
sycne Jims fast ganz fehlt; bei den genannten 3 Arten liegt die
Einbur;ht gegen die Mitte, bei P'. murinus, Bechsteinii und
Nattereri über der Mitte. Bei Vesperugo wird der Verlauf
des Aufsenrandes, der Höhe desselben, in Bezug auf die Mund-
spalte, die Entfernung des Endes vom Mundwinkel durchgän-
gig specifisch. So unterscheidet sich K, serotinus durch ein
Anschliefsen an Vespertilio von allen übrigen; V. IS'dsso-
nii von discolor dadurch, dafs der Aufsenrand der erstem in
gleicher Höhe mit der Mundspalte endet, ohne den Mundwin-
kel zu erreichen; und in derselben Weise auch T^. alholim-
hatus von Kuhlii, und V^. Nathusii von Fipistrellus. In ei-
nigen Fällen, wie bei V . serotinus wird auch der Ursprung
des Innenrands specifisch wichtig. Ferner unterscjieidet die
Zahl der Querfalten im Ohr V^. murinus und Bechsteinii von
den übrigen Gattungsverwandten. Auch das Verhältnifs der
Ohrlängeu zum Kopfe beim Aulegen an der Kopfseite kann
specifisch werden, obwohl sich dasselbe nur mit grofser Vor-
sicht anwenden läfst.
Nächst dem Ohr bietet der Tragus mannichfache Charaktere
für die Arten dar. In der Gattung Kespertilio zunächst durch
seine Länge, wie bei Nattereri und inystacinus, wo derselbe
über die Mitte des Ohrs hinausragt, die er bei den iibrigen
Arten nicht erreicht. Die Spitze des Tragus ist sichelförmig
nach Aufsen gekrümrat bei f^. Bechsteinii, Nattereri und
mystacinus, abweichend bei den übrigen, sogar scheinbar nach
Innen gebogen bei dasycnemus. Durch die Verschmälerung
des Tragus unterscheidet sich mystacinus , Daubentonii und
dasycnemus auf den ersten Blick untereinander. In der Gat-
V. Jahrg. 1. Band. 20
302
tung Vesperugo zeigen sich zwei ILuiptverschiedeiiheiton, in-
' softem der Tragus entweder in der End- oder Wurzelhälfte
seine gröfste Breite erreicht; diese kehren in beiden Unter-
gattungen einander entsprechend und parallel mit mehreren
andren Charakteren auf. Insofern man die gröfste Breite an-
statt auf die Längenmitte des Tragus auf die Mitte des ln~
nenrandes bezieht, zeigen sich sogar noch innerhalb dieser
beiden Gruppen Verschiedenheiten, wie zwischen K. discolor
und JSUssonii. —
Auch das Verhältnifs der einzelnen Glieder der vordem
Extremitäten zeigt sich bei vollständig ausgebildeten Exem-
plaren constant und charakteristisch, z. B. unter den Arten von
RJnnoJophus, bei Miniopterus, bei 1^\ myslacinus , bei T.
Noclula und Leisleri, die durch sehr schmale Flughäute aus-
gezeiclmet sind, so wie zwischen V. discolor und JSUssonii.
Für die Ilinterfiifse ist besonders die Beschaffenheit der Sohle
und der Grad der Verwachsung des Schienbeins oder Fufses
in der Flughaut bezeichnend. — In den am hintern Rande der
Schwanzflughaut befindlichen Anhängen, auf die Bonaparte
so viel Werth legt, haben wir weniger Entscheidendes finden
können.
Mehr als bei allen übrigen Säugethierordnungen zeigt hier
das Gebifs mannichfaltige specifische Unterschiede. Die auffal-
lendsten "Ghäraktere sehen wir in der Stellung der untern Vor-
derzähne, besonders bei der Gattung Vespern go. Bei eini-
gen schliefst sich die Richtung der Schneide und der breite-
ren, nach Atifsen oder vorn gerichtetl?n Zahnflächen der huf-
eisenförmigen Biegung dos Unterkiefers an, so dafs die Zähne
einander nur seitlich mit den scharfen Kanten berühren; bei
den andern sind dieselben mit der Schneide und der breitern
Querrichtung einander parallel gestellt, so dafs der 2te und
noch mehr der 3te jederseits quer zur Richtung des Kiefers
zu stehen kommt, und die innere Hälfte der hintern von vom
gesehen jedesmal von der äufsern Hälfte der vordem Zähne
verdeckt wird. Diese Stellung giebt einen auffallenden un-
wandelbaren Unterschied grade zwischen den übrigens minder
nahe verwandten Arten, wie zwischen discolor und Ndssonii,
'/wischen Noclula und Leisleri, und besonders bei alholim-
hatus und Kuhlü gegenüber den nahestehenden ISaihusn und
303
Pipisfrelhts. — Nachstdem wird das Verliältnifs der obern
Vordcrzäiine untereinander und zu den Eckzälinen, die Bil-
dung der Höcker oder etwaiger Spitzen derselben, die Bil-
dung und Stellung des ersten Liickenzahns z. B. bei Kuhlii
und alholimhatus gegenüber JSathvsü und Pipistrellus, dann
auch das Verhältnils der Dimensionen der Querschnitte aller
Vorderzähne wichtig. — Auch die eigentlichen Backzähne zei-
gen Unterschiede , die jedoch weniger auffallend hervortreten,
und bei der Menge der übrigen Charaktere diagnostisch ent-
behrlich werden. — Sämmtliche von uns zur Diagnostik an-
gewandten Gebifscharaktere haben wir nie einer Veränderung
unterworfen gefunden; wir behaupten jedoch nicht, dafs die
Zähne in anderer Beziehung nicht wirklich abändern können,
wie sie z. B. durch das Alter abgenutzt werden, wie man es
oft bei V^. murinus, Noctula und seroiinus sieht. Daraus
kann aber im Allgemeinen keine Verdächtigung der Anwen-
dung von Gebifsunterschieden zu specifischen Trennungen und
Abgränzungen folgen. — Sogar die mit dem Gebifs in einigem
Zusammenhang stehenden weichen Theile, die Gaumenfalten,
ferner die Ausfiihrungswarzen der Kieferdriisen, die sämmtlich
an der Wurzel der Liickenzähne hervortreten , zeigen sich als
constante^ Charaktere.
Hat man in dieser Weise in der Bildung der Häute, der
Extremitäten und der Zähne eine Reihe von gleichsam archi-
tectonischen Unterschieden festgestellt, so wird man sich bald
überzeugen, dafs die vagen Farbebestimmungen entbehrlich
werden. Was von der Beschaffenheit des Pelzes gleichsam
auch noch als architektonischer Charakter, eine specifische
Ueberzeugung gewährt, ist die Verbreitung der Haare auf den
Flughäuten und im Gesicht, so wie die Farbenvertheilung der
einzelnen Haare. Die Behaarung des Gesichts erleidet eine An-
wendung unter den Arten von Verpertilio; die der Flughäute
eine ausgedehntere auf Vcsperugo z. B. in der Behaarung
längs dem Unterarm bei Noctula und Leisleri, in der Behaa-
rung der Schwanzflughaut zwischen discolor und Nihsonii,
zwischen Nathusii und Pipistrellus, — Auch in der Farbenver-
theilung der einzelnen Haare sahen 'wir nie Abweichungen und
haben demnach, freilich nur als leichte Hülfscharaktere, die ent-
sprechenden Eigenschaften als Unterschiede zwischen discolor
20*
304
und Nilssonii, swischen Nathusil und Pipistrellus, zwischen
JS^octula und Leisleri in Anwendung gebracht, ohne darauf
weiteren specifischen Werth legen zu wollen. — Was endlich
die Qualität der Farben betrifft, so scheint sie uns in allen
Fällen unwesentlich, und nur mit der gröfsten Vorsicht an-
wendbar. — In Bezug auf die absolute Gröfse haben wir
nie bedeutende Abweichungen innerhalb der Arten gefunden.
Für eine ausführliche Beschreibung, zu der wir bald in
einer vollständigen Charakteristik der europäischen Wirbel-
thiere Gelegenheit finden werden, dürfen freilich noch manche
andere Beziehungen nicht vernachlässigt werden. Die vorlie-
gende Uebersicht soll jedoch nur eine hinreichende Anzahl von
diagnostischen Charakteren zur Unterscheidung der Arten
liefern.
Uebersicht der Gattungen und Arten.
Erste Gruppe: Fledermäuse mit einfacher Nase.
Nase ohne häutige Erweiterungen und Aufsätze; Ohr mit
einem häutigen Tragus versehen ; das erste Glied des fünften
Fingers ist kürzer als das erste Glied des dritten Fingers;
die obern Vorderzähne jederseits in den gesonderten Aesten
des Zwischenkiefers eingefügt, in der Mitte durch eine Lücke
getrennt.
1. Dinojys Savi.
Gebifs : ,t-f; • T • —r— • t ' ^ = 30 Zähne ; mit sieben
3«2 14 1 i'o
Gaumenfalten; die Ohren dickhäutig über dem Scheitel mit
einander verwachsen; der Aufsenrand des Ohrs läuft etwas
über den Mundwinkel hinaus vor und endet an der Oberlippe,
der Kiel ist in einen Hautlappen vorgezogen ; Tragus sehr
klein, versteckt, stumpf abgerundet, an der Basis des Aulsen-
randes ohne Zahn; Nasenlöcher vorn unter der Schnauze
seitlich geöffnet; der Schwanz steht aus der Flughaut zur
Hälfte frei vor. —
305
Schädel hinten flach, seitlich stark erweitert, in der
Verengung zwischen den Augenhöhlen ungefähr eben so
breit wie die Kiefer an den Eckzälinen, so dafs der Schnau-
zentheil nach vorn fast glcicli breit erscheint; Nasen-
rücken gradlinig; Nase vorn gewölbt, nach der Stirn flach,
mit Scheitel und Hinterhaupt in derselben Richtung; eine
deutliche Einbucht zwischen Hinterhaupt und Scheitel.
1. J). Cestonii Savi.
Oberlippe dick und fleischig, über die Unterlippe hinaus
abwärts verlängert ; Körper graubraun, in's Gelbliclie, auf dein
Rücken dunkler; die Flügelhaut endet vor der Fufswurzel;
Ohr mit 12 bis 14 Querfalten. — Körper: 3" 2"'; Schwanz
1" 8'"; Flugweite 14"; Unterarm 2" 3'"; der 3te Finger 4"
2,5'"; der 5te Finger 2" 1,5'"; Kopf 1" 2,5'"; gröfste Ohr-
länge 1" 0,4'" ; Tragus längs dem Innenrande 1'".
Im mittlem und südlichen Italien.
IL Syjiotus.
Gebifs: zr—i • t * ,. • -r • n-r, = 32 Zähne; mit sieben
Gaumsnfalten; die Ohren dickhäutig, über dem Scheitel mit einan-
der verwachsen; der Aufsenrand des Ohrs erstreckt sich über
den Mundwinkel hinaus bis vor die Augen vor und endet zwi-
schen Auge und Oberlippe; der Innenrand ziemlich gleich-
mäfsig abgerundet, in der Mitte etwas stärker nach Aufsen
gebogen; Tragus stark verschmälert, fast gerade, an der Basis
des Aufsenrandes init deutlichem Zahn, Nasenlöcher oben auf
der Schnauze geöffnet; Schwanz von der Schenkelflughaut
umschlossen. —
Schädel etwas gewölbt, an der Verengung zwischen
den Augenhöhlen etwas breiter als die Kiefer an den Eck-
zähnen; der längs der Mitte flachgehohlte breite Na-
senrücken nach vorn verschmälert, etwas erniedrigt, fast
gradlinig, sehr kurz; Schädel von der Mitte an nach hin-
ten und vorn ziemlich gleichmäfsig abfcillend.
1. S. B avhastcllus l)auh. (ß chreh.^
Oberseite bräunlich schwarz mit fahlbraun grauen Haar-
spitzen; Unterseite tief graubraun; Flughaut längs dem Kör-
per bis zur Mitte des Oberarms und bis zum Knie behaart;
306
Gesicht von der Stirn im über die Augen hin und nach der
Schnauzenspitze zu nackt; Ohr mit 4 bis 5 Querfalten. —
Körper 1" 7'"; Schwanz 1" 10'"; Flugweite 10"; Unterarm 1"
5,5"'; der 3te Finger 2" 7,2'"; der 5te Finger 2"; Kopf 7,2"';
gröfste Ohrlänge 7,4'"; Tragus längs dem Innenrande 2,6'".
In Schweden, England, Deutschland, Frankreich und
Italien.
111. Plecotus Geoffr.
Gebifs: ~r, • t • —r- — • t • rr~, ==■ 36 Zähne; mit sieben
Gaumenfalten; die Ohren dünnhäutig, über dem Scheitel mit
einander verwachsen; der Aufsenrand des Ohrs endet unter
dem Tragus, erreicht den Mundwinkel nicht; der Innenrand
ist über der Basis mit einem gesonderten, zungenförmig vor-
stehenden Lappen versehen; Tragus nacli der Spitze verschmä-
lert, fast grade, an der Basis des Aufsenrandes mit deutlichem
Zahn; Nasenlöcher oben auf der Schnauze geöffnet; Schwanz
von der Schenkelfiughaut umschlossen. —
Schädel gewölbt, an der Verengung zwischen den Au-
genhöhlen ebenso breit wie die Kiefer an den Eckzähnen;
von der Mitte aus nach dem hinten gewölbten Hinterhaupt
und nach der Nase fast gleichmäfsig abfallend; Nasenrücken
an der Basis stark abfallend, nach deu\ Zwischenkiefer
wieder etwas ansteigend; Nase kurz und ziemlich breit,
flach, kaum gewölbt; Nasenrücken und Scheitel ungefähr
in derselben Richtung.
1. P. auritus L.
Ohren über zweimal so lang wie der Kopf; Tragus kür-
zer als das halbe Ohr, nicht halb so lang wie die Breite des
Ohrs, Unterarm und Schwanz kaum länger als die Ohren,
weit kürzer als der fünfte Fünger; Pelz graubraun, unten et-
was blasser; das Haar von der Basis an bis über die Mitte
hinaus schwärzlich; Flughäute braun; Ohr mit 22 bis 24 Quer-
falten. — Körper 1" 7'"; Schwanz 1" 7'"; Flugweite 9"; Un-
terarm 1" 4,5"'; der 3te Finger 2" 4,8'"; der 5te Finger 1",
10,4'"; Kopf 8'"; gröfste Ohrlänge 1" 2,5'"; Tragus längs dem
Iimenrande 5,6".
307
Durch ganz Europa bis zu dem 60stei) Breitengrade ge-
Uieiii: im Kaukasus und in Georgien.
Flecotus hrevijnanu.s Jcnyns ist nach Verglei-
chuj)g des Originaiexemplars durch Gray nicht von P. auri-
tus L. verschieden.
2, P. hrevimanus Bonaparte. *
Ohr nicht zweimal so lang wie der Kopf; der Tragus über
halbe Ohrlänge, länger als die Breite des Ohrs; Unterarm und
Schwanz weit länger als das Ohr, nur wenig kürzer als der
fünfte Finger; Pelz grauröthlich, unten weifslich; das Haar
nur am liJrunde dunkelbräiuilich ; Flughäute röthlich. — Kör-
per 1" 8'"; Schwanz 1" 6,5'"; Flugweite 9" 9'"; Unterarm 1"
4,5'"; Höhe der Fh;ghaut 1"9"'; Kopf 8"'; Ohr 1" 1'". ^Bo-
iiap. Icon. d. f. it. fasc. XXL fol. 98.)
Aus Sicilien.
V espertilio cornutus Faher beruht auf einem
einzigen, unvollkommen besciiriebenen und verloren gegange-
nen Exemplare aus Jütland.
IV. Vespertilio L.
Gebifs: -^ . — • -~ - • T • Ö-5 = 38 Zähne; mit acht
(oder neun) Gaumenfalten; Oliren dünnhäutig, gesondert; der
Aufsenrand des Ohrs endet unter dem Tragus; der Innenrand
steht an der Basis winkelig nach vorn hin vor, und nähert
sich nach der Spitze hin allmählig dem Kiel; Traguß mit der
Spitze mehr oder weniger nach Aufsen gebogen bis fast grade,
längs dem Innenrande mehr oder weniger convex, an der Ba-
sis des Aufsenrandes mit deutlichem Zahn, nach dem Ende
verschmälert zugespitzt: iSasenlöcher vorn unter der Schnauze
etwas seitlich geöffnet; Schwanz von der Schenkelflughaut um-
schlofsen. i
Schädel gewölbt, hinten kugelig aufgeblasen und erwei-
tert, in der Verengung zwischen den Augenhöhlen brei-
ter als die Kiefer an den Eckzähnen, so dafs sich der
Kopf nach vorn verschmälert; das hinten gewölbte Hin-
terhaupt nicht höiier als der Scheitel; Scheitel und Hin-
terhaupt durch eine schwache Einbucht von einander ge-
308
trennt; der Scheitel erreicht seine gröfste Höhe in der
Mitte; der Nasenrücken ist vom Scheitel durch eine deut-
liche Bucht abgesetzt, so dafs der Scheitel über der Ba-
sis der Nase schräg ansteigt: der Nasenrücken schmal,
der Länge nach gewölbt, nach dem Zwischenkiefer wie-
der etwas ansteigend, so dafs er in der Mitte am nie-
drigsten.
Erste Rotte: Langöhrige.
Ohr länger als der Kopf, mehr oder weniger über die
Schuauzenspitze und mit der Endhälfte über die Scheitelhaare
hinausragend, oval, die gröfste Breite in der Mitte; Innenrand
und Kiel gleichmäfsig convex nach Aufsen gebogen: der Aufsen-
rand von der Basis au bis über die Mitte hinaus convex; Un-
terlippe, Mundwinkel und Kinn weifs behaart; (acht Gaumeu-
falten :) das dritte Glied des dritten Fingers kleiner als dessen
zweites Glied.
1. V. viurinus Schi eh.
Ohr wenig länger als der Kopf, nicht \ der Länge über
die Schuauzenspitze vortretend, mit 9 Querfalten, am Aufsen-
rande gegen die Spitze schwach concav eingebuchtet; Tragus
erreicht die Mitte des Ohrs nicht, grade, in der Mitte über halb
so breit wie an der Basis; Schenkelfliigliaut ungewimpert; Flii-
gelhaut bis zu -f des Mittelfufses angewaclisen; Gesicht von der
Stirn bis zur Mitte des Schnauzenrückens dicht wollig behaart;
Oberseite rauchbraun mit roströthlichen Hiarspitzen, die Jün-
gern aschgrau; Unterseite schmutzig weifslich; der dritte un-
tere Vorderzahn im Querschnitt ebenso lang wie breit; die
ausgehöhlte Seite des zweiten obern Vorderzahns schräg nach
Junten und Aufsen gekehrt. — Körper 2" 8"'; Schwanz 2";
Flugweite 14"; Unterarm 2" 3/2'"; der 3te Finger 3" 8"';
der, 5te Finger 2" 11,5"'; Kopf 11,8'"; gröfste Ohrlänge
11/6 ; Tragus längs dem Innenrande 4"'.
In Deutschland, England, Frankreich, Italien, Dalmatien,
Ungarn und Morea.
2. J^\ Bechsteiiiii Leisler.
Ohr ungefähr anderthalb mal so lang wie der Kopf, zur
309
Hälfte über die Schnaiizcnspitze vorstehend, mit 10 Querfalten,
am Aufsenrande convex ohne Einbucht; Tragus erreicht die
Mitte des Ohrs nicht, bis zur Mitte grade, in der Endhälfte
etwas sichelförmig nach Aufsen gebogen, in der Mitte mehr
als halb so breit wie an der Basis: Schenkelfiughaut ungewim-
pert; Fliigelhaut bis zur Zehenwurzel angewachsen; Gesicht
vom Scheitel an spärlich behaart, fast kahl; Oberseite röthlich-
grau, ohne roströthliche Spitzen; Unterseite schmutzig weifs-
lich; der dritte untere Vorderzahn im Querschnitt oval, etwas
länger als breit ; die ausgehöhlte Seite des zweiten obern Vor-
derzahns nach hinten gekehrt. — Körper: l" 11'"; Schwanz
1" 6'"; Flugweite 9" 9'"; Unterarm 2" 6,6'"; der dritte Fin-
ger 2" 6,9"'; der fünfte Finger 2" l'"; Kopf 8,8'"; die
gröfste Ohrlänge 11,4'"; Tragus längs dem Innenrande 4,6'".
Im nördlichen und mittlem Deutschland, selten in England,
3. V. Nattereri Kühl
Ohr etwas länger als der Kopf, ungefähr \ der Länge
über die Schnauzenspitze vorragend, mit 4 Querfalten, am
Aufsenrande im Enddrittel schwach eingebuchtet, so dafs sich
die Spitze nach Aufsen richtet; Tragus ragt über die Mitte
des Ohrs hinaus, der ganzen Länge nach sichelförmig
nach Aufsen gebogen, stark verschmälert, so dafs die
Mitte kaum halb so breit wie die Basis; Schenkelflughaut
hinten mit starren Wimpern besetzt; Flügelhaut bis zu | des
Mittelfufses angewachsen; Gesicht vom Scheitel an über die
Mitte des Nasenrückens hinaus bis dicht vor die Schnauzen-
spitze dicht behaart; über der Oberlippe ein aus langen Haa-
ren gebildeter Schnurrbart; Oberseite rauchbraun mit fahlgelb-
lichen Haarspitzen; Unterseite schmutzig weifslich; der dritte
untere Vorderzahn im Querschnitt ebenso breit wie lang; die
hohle Seite des zweiten obern Vorderzahns ganz nach hinten
gerichtet. Körper 1" 8,5'"; Schwanz l" 7,5'"; Flugweite 9"
6"'; Unterarm V 5,8''^ der 3te Finger 2" 7,8'"; der 5te
Finger 2" 0,3"'; Kopf 8'"; gröiste Ohrlänge 7,8'"; Tragus
längs dem Innenrande 4,2'". —
In Deutschland, im mittlem Schweden, England und um Rom.
Vespevtilio emarginatus Boiiap. Icon. d. f. iL fasc.
XX. fol. 98. gehört zu dieser Art.
310
Zweite Rotte: Kurz öhrige.
Ohr nicht über die Schnauzenspitze vorragend, von rhon\-
boidalor Gestalt, die Spitze nach Aufsen gerichtet, so dafs sie
nicht über die erhabenen Scheitelhaare vorsteht; cler Innen-
rand des Ohrs und Kiels in der Mitte stärker, knieförmig nach
Aufsen gebogen ; der Aufsenrand gegen die Mitte concav, iiiehr
oder weniger eingebuchtet, so dafs die gröfste Ohrbreite unter
der Mitte liegt, und die untere Hälfte als stumpfer Lappen vor-
steht; Unterlippe, Mundwinkel und Kinn mit braunen Haaren
besetzt; (Schenkelflughaut nie mit starren Wimpern besetzt^
Gesicht bis über die Mitte der Schnauze dicht behaart).
4. T^. mjstacinus Leisler.
Das Ohr erreicht die Schnauzenspitze, 4 Querfalten, in
der Mitte des Aufsenrandes stark eingebuchtet, so dafs die
untere Hälfte deutlich als ein eingeschlagener Lappen vorsteht,
Tragus ragt etwas über die Mitte der Olirspalte hinaus, von
der Wurzel an stark verschmälert, so dafs <lie Mitte halb so
breit wie die Basis, mit der Spitze schwach nach Aufsen gebo-
gen, Flügelhaut bis fast zur Zehenwurzel angeheftet; das 2. und
3. Glied des 3. Fingers einander gleich; die dichtstehenden
schwarzen Haare über der Oberlippe bilden einen Schnurrbart.
Oberseite fahl rostbraun; Unterseite blaf-^grau; Gebifs sehr
schwach und scharf; der dritte untere V'orderzahn im Quer-
schnitt länger als breit; die Eckzähne deutlich vorragend, die
untern höher als die Backzähne; mit 8 Gaumenfalten. — Kör-
per 1" 7'"; Schwanz 1" 5'"; Flugweite 8"; Unterarm!" 4,4'";
der 3. Finger 2" O;^'"; der 5. Finger 1" 7,7"'; Kopf 7,2'";
gröfste Ohrlänge 6,6"; Tragus längs dem Innenrande 2,9"'.
In Deutschland, im mittlem Schweden, und in England.
Ist von Mac-Gillivray (brilish quadnip. p. 116) als
Vcsperiilio emarginatus beschrieben.
Vesperiilio emarginatus Geoffr. Anvales du Mus.
T. Flu. p. 198. 11. 7. wäre nach| der unvollkommenen Be-
schreibung und der Abbildung des Kopfes ebenfalls zu dieser
Art zu stellen; indefs verhält sich die Flugweite, wie die An-
heftung der Flügelhäute au den Füfsen (nach der Abbildung),
wie bei V. Dauhcntonä Leisler.
311
5. V. Daiihenionii Leisler
Das Ohr erreicht die Schnauzenspitzc nicht ganz, mit
4 Querfalten, in der Mitte des Aufsenrandes deutlich einge-
buchtet, so dafs die untere Hälfte vorsteht und sich etwas ein-
schlägt; Tragus erreicht die Mitte des Ohrs nicht ganz, blos
in der Endhälfte verschmälert, in der Mitte eben so breit wie
an der Basis über dem Zahn, im Enddrittel stark" verschmälert,
die Spitze schwach nach aufsen gebogen, der Aufsenrand con-
vex, im Enddrittel grade, der Innenrand grade, im Enddrittel
schwach convex; die Fliigelhaut wenig über die Fufswurzel
hinaus, bei weitem nicht bis zur Hälfte des Mittelfufses ange-
wachsen; das 3. Glied des 3. Fingers kleiner als das 2. Glied
desselben Fingers; Oberseite röthlichgrau; Unterseite weifslich-
grau ; Gebifs schwach und scharf, mit wenig vortretenden Eck-
zähnen; der Eckzahn im Unterkiefer nicht höher als die Back-
zähne, bei weitem nicht halb so stark wie der obere; der
3. untere Vorderzahn im Querschnitt fast zweimal so laug wie
breit; 8 Gaumenfalten. — Körper l" 9"'; Schwanz 1" 5,6'";
Flugweite 9"; Unterarm 1" 5,5'"; der S.Finger 2" 4,5'"; der
5. Finger l" 10,5"'; Kopf 7,8'"; gröfste Ohrlänge 6,3'"; Tra-
gus längs dem Innenrande 2,5"'. —
In Deutschland, im südlichen und mittlem Schweden, und
Sicilien.
Vespertilio emarginatus Jcnyns hiitish T^ert, p. 26.
71. 34. ist zu dieser Art zu zählen. Vespertilio Daiibentonii
Bonap. Icon. d. f. it. fasc. XX. fol. 105. weicht etwas iu
der Färbung der Unterseite ab.
6. V. dasycnemus Boie.
Das Ohr erreicht die Schnauzenspitze nicht, mit 4 Quer-
falten, in der Mitte des Aufsenrandes fast grade, nicht merk-
lich eingebuchtet; Tragus erreicht die Mitte des Ohrs nicht,
blos im Enddrittel und wenig verschmälert, in der Mitte eben
so breit wie an der Basis über dem Zahn, längs dem Aufsen-
rande convex, längs dem Innenrande gradlinig, daher grade,
und scheinbar mit dem Ende sehr wenig nach Innen gebogen;
Fliigelhaut bis dicht an die Handwurzel angewachsen, so dafs
der ganze Fufs frei vorsteht; Schenkelflughaut oben und unten
\ dicht behaart, längs dem Schienbein auf der Unterseite iu
312
einem Streifen bis zum Rande fortgesetzt; das 3. Glied des
3. Fingers kleiner^ als das 2. Glied desselben Fingers: die
Färbung der vorhergehenden Art; Gebifs stark mit deutlich
vorstehenden Eckzähnen, von denen die untern hölier als die
Backzähne; der dritte untere Vorderzahn im Querschnitt ab-
gerundet dreiseitig, ebenso lang wie breit; neun Gaumenfalten.
Körper 2" 3'"; Schwanz l" 10'"; Flugweite 11",* Ujiterarm
1" 8,5'"; der 3. Finger 2" 9,6'"; der 5. Finger 2" 2,2'" ; Schien-
bein 9"'; Fuls 5,5'"; Kopf 9'"; die gröfste Ohrlänge 8,2"';
Tragus längs dem Innenrande 2,6'". —
In Dänemark, Oldenburg und Schlesien.
7. V. Capaccinii Bonap. *
Ohr um 4 kürzer als der Kopf, mit sehr seichter Ein-
bucht am Aufsenrande, lanzettlich oval; Tragus erreicht die
Mitte des Ohrs nicht, sehr schmal; das Sclnenbein nur tbeil-
weise in die Flugliäute eingewachsen; Schenkelflughaut oben
und unten bis zur Mitte dicht wollig behaart; Oberseite blafs
grauröihlich; Unterseite graugelblich. — Körper 1" 8'"; Schwanz
1" 6'"; Flugweite 10"; Unterarm 1" 6'"; die Höhe der Flug-
häute 2"; Schienbein 8'"; Fufs 6'"; Kopf 8"'; Ohr 5,5'". —
Aus Sicilien. Bonap. Icon. d. f. it. fasc. XX. fol. 99.
Gebifs: .-r-^t • "7
oder: n— 7 • -, • — - — • — • ^"^ = 32 Zähne; mit sie-
3-21 b 12-3
ben Gaumenfalten; Ohren dickhäutig, gesondert, rhomboi-
dal oder trapezoidisch abgerundet; der Aufsenrand des Ohrs
geht unter dem Tragus hinaus gegen den Mundwinkel hin vor;
der Innenrand ist an der Basis stumpf abgerundet, und, nach
unten allmählich mit dem Kiel verschmolzen, erreicht seine
gröfste Entfernung vom Kiel in einiger Höhe über der Basis
und nähert sich darauf durch eine knieförmige Biegung nach
Aufsen dem Kiel wieder plötzlich stärker; der Tragus mit
dem abgerundeten Ende nach Iruien gebogen, längs dem
Innenrande concav an der Basis des Aufsenrandes mit deut-
lichem Zahn; Nasenlöcher vorn unter der Schnauze beitlich
i-eöilnet.
313
Schädel hinten flach, kaum gewölbt; der kleinste Brciten-
durchmesser liegt zwischen den Angenhöhlen; die Ober-
kiefer treten nach vorn stark auseinander, so dafs die Breite
an den Eckzähnen gröl'ser als die zwisclien den Augen-
liöhlen; Nase breit und ziemlich flach; das Hinterhaupt
nach hinten kaum gewölbt, höher als der Scheitel; «ler
Schädel nach vorn bis zum Zwischenkiefer gleichmäfsig
abfallend, so dafs das Profil oben gradlinig erscheint.
Erste Untergattung: Jespcrus.
Mit 32 Zähnen; im Oberkiefer 4 Backzähne ohne Liik-
kenzahn, im Unterkiefer 3 Backzähne und 2 Liickenzähne; die
beiden letzten Schwanzglieder stehen ungefähr um die Länge
des Daumens frei aus der Flughaut hervor; Fufssohle mit
rundlichen Schwielen,
Erste Rotte: Mit verschmälertem Tragus.
Der Tragus erreicht seine gröfste Breite unter der Mitte
des Aufsenrandes; die Mundspalte ragt unter dem hintern
Augenwinkel hinaus vor; der Aufsenrand des Ohrs endet dicht
vor dem Tragus in gleicher Höhe mit dem Mundwinkel; der
Innenrand des Ohrs löset sich in der Höhe der Linie, die das
Nasenloch mit dem Auge verbindet, vom Kiel ab; die Flug-
häute breit, die Wurzelglieder des 3. bis 5. Fingers wenig ver-
schieden; das 2. Glied des 5. Fingers ragt weit über das Ge-
lenk des 1. und 2. Gliedes des 3. Fingers hinaus; Fliigelhaut
bis zur Zehemvurzel angewachsen.
1. V. serotiniis D auh. {S chreh.^
Oberseite rauchbraun, die Haare des Rückens mit hellerer
Spitze und hellerer Basis, die seitlichen einfarbig; Unterseite
heller bräunlich grau, mit einfarbigem Haar; Gebifs sehr stark;
die untern Vorderzähne quer zur Richtung der Kiefer gestellt,
so dafs die letzten von den ersten theilweise verdeckt werden;
der erste obere Vorderzahn zweispitzig, weit über 2mal so lang
und so dick wie der zweite; der 2. obere Vorderzahn mit der
ausgehöhlten Fläche nach hinten gekehrt; der 2. Lückenzahn im
Unterkiefe ungefähr doppelt so stark wie der erste. — Körper
2" 6'"; Schwanz 2"; Flugweite 13"; Unterarm 1" 11'"; der
314
3. Finger 3" 5'"; der 5. Finger 2" 6,3'"; Kopf 11'"; gröfste
Ohrlänge 9"'; Tragus längs dem Innenrando 2,8'". —
In Deutschland, Frankreich, im südlichen England, im süd-
lichen Italien, Dalmatien, im südlichen Rufsland und am Ural.
F'espertiiio mm'inus Pall. Zoogr. 1. pag.i2i, n. 4t6.
V. ISocUda Geoffr. Jnn. du Mus. T. VllL p. 193. n. 3.
V. Ohemi et Wiedä Brehm Ornis, V. rufcscens Brehm
Isis. 1829.
Zweite Rotte: Mit erweitertem Tragus.
Der Tragus erreicht seine gröfste Breite über der Mitte
des Aufsenrandes ; Mundspalte ragt bis unter die Mitte der
Augen; der Aufsenrand des Ohrs geht unter dem Tragus hin-
aus deutlich nach vorn vor, und endet zwischen Tragus und
Mundwinkel; der Innenrand des Ohrs löset sich über der Höhe
der Linie, die das Auge mit dem Nasenloch verbindet vom
Kiel ab; die Flughaut ziemlich breit, die Wurzelglieder des
3. bis 5. Fingers wenig von einander verschieden ; das 2. Glied
des 5. Fingers ragt weit über das Gelenk des 1. und 2. Glie-
des des 3. Fingers hinaus; Flügelhaut bis zur Zehenwurzcl
angewachsen.
2. V. discolor Natterer
Der Aufsenrand des Ohrs geht bis tief unter die Linie
der Mundspalte hinab und endet dicht am Mundwinkel; die
gröfste Breite des Tragus liegt etwas über der Mitte des Innen-
randes; der angedrückte Unterarm ragt bis zur Mitte der Mund-
spalte vor; das 2. Glied des 5. Fingers ragt nicht bis an die
Mitte desselben Gliedes des 4. Fingers vor; die Oberseite der
Schwanzflughaut nur dicht an der Basis behaart; Unterseite
sämmtlicher Flughäute rings um den' Körper mit einfarbig
weifsen Haaren bedeckt; die Haare der Oberhaut sind von der
Basis an über f braun, mit fahlweifslichen Spitzen; die der
Unterseite bis zur Mitte braun mit weifser Spitzenhälfte; ein
brauner Fleck am Kinn und einfarbig weifse Haare an der
Kehle und zwischen den Hinterbeinen; — der erste obere Vor-
derzahn weit gröfser und im Querschnitt breiter als der zweite;
die untern Vorderzähne stehen mit der Schneide in der Richtung
der Kiefer, so dafs sie sich seitlich berühren; der 3. derselben im
315
Querschnitt ebenso breit wie lang, fast dreiseitig, mit einer
scharfen naeli Anfseii und Innen weit vorstehenden Spit/e in
der hintern Hälfte; der 1. untere Backzahn ist kaum halb so
hoch und bei weitem nicht halb so stark wie der zweite; die
Ausfiihrungswarze der Unterkiefordriise ist kugelig gerundet
und dick. — Körper 2" 1"'; Schwanz 1" 6,5'"; Flugweite 10" 6"';
Unterarm 1" 7'"; der 3. Finger 2" 9,5'"; der 5. Finger 1" 10,4'";
Kopf 8'"; grfifste Ohrlänge 7,4'"; Tragus längs dem Innen-
rande 2'". —
In Deuiscliland, im südlichen Scliweden, in England, der
Schweiz, in der Krinun und in Daurien.
Vespertilio serotina Fall. Zoogr. I. p, 123. n. 47.
3. V. A^il.ssonii iiov. spcc.
Der Aufsenrand des Ohrs endet in gleicher Höhe mit
der Linie der Minuispalte, etwa If" hinter dem Mundwin-
kel; die gröfste Breite des Tragus liegt deutlich unter der
Mitte des Innenrandes; der angedrückte Unterarm ragt nur bis
zum Mundwinkel vor; das 2. Glied des 5. Fingers ragt weit
über die Mitte desselben Gliedes des 4. Fingers hinaus; die
Schwanzflughaut ist bis zur Mitte -mit langen Haaren dicht
bedeckt; die Unterseite sämmtlicher Flughäute rings um Aen
Körper braun behaart; die Haare der Oberseite von der Basis
an bis zu y der Länge dunkelbraun, an den Spitzen brauen
weifslich; die der Unterseite durchgehend» von der Wurzel bis
zu I der Länge dunkelbraun mit hellbraunen Spitzen, auch an
der Kehle und zwischen den Hinterbeinen; ein hellerer, braun-
gelblicher Fleck unter dem Ohr; — der 1. obere Vorderzahn
fast ebenso grofs, und im Querschnitt ebenso breit wie der 2,;
die untern Vorderzähne mit der Schneide einander parallel,
quer zur Richtung der Kiefer gestellt, so dafs die hintern von
den vonlern theilweise verdeckt werden; der 3. derselben im
Querschnitt oval, länger als breit, mit stumpfen, niedrigen Hö-
kern; der 1. untere Backzahn fast eben so hoch und so stark
wie der 2.; die Ausfiihrungswarze der Unterkieferdrüse ist
konisch zugespitzt. — Körper 2" 1'"; Schwanz 1" 9'"; Flug-
weite 10"; Unterarm 1" 6'"; der 3. Finger 2" 6,6'"; der 5. Fin-
ger 1" 11,4'"; Kopf 8,3'"; gröfste Ohrlänge 7,5'"; Tragus längs
dem Ißnenrande 2"'. —
316
Auf dem Harz und auf den Höhen der skandinavischen
Halbinsel, wahrscheinlich bis in die Nähe des Polarkreises.
Ist von Nilsson (Jlum. Fig. V. f 01.2.) als Vesperülio
Kuhlü Natt. beschrieben.
4. F. Savii Bonap. *
Ohr kürzer ajs der Kopf, breitherzförmig; Tragus niercn-
förmig; der angedrückte Unterarm ragt bis zur Schnauzenspitze
vor; fast kein einziges Haar auf der Oberfläche irgend einer
Flughaut; Oberseite des Körpers rauchbraun in's Umberbraune,
das einzelne Haar an der Basis schwärzlich mit braungelbli-
cher Spitze; der Unterkiefer und die ganze Unterseite grau-
weifslich, das einzelne Haar an der Basis niattschwarz mit
"weifslicher Spitze; Kinn schwärzlich; — der 1. Vorderzahn im
Oberkiefer fast so grofs wie der zweite. — Körper 1" 11'";
Schwanz 1" 3'"; Flugweite 8" 2'"; Unterarm 1" 3'"; Höhe der
Flughaut 1" 7'"; Kopf 8'"; Ohr 5'". —
In Toskana, Rom und Sicilien.
Bonap. Icon. d. /. it. fasc. XX. fol. 100.
5. V. Leucippe Bonap. *
Schnauze flach und gerundet, fast halbkreisförmig; Ohr
um Y kürzer als der Kopf, etwas gerundet, über der Mitte
aufsen etwas eingebuchtet; Tragus halbrund, kaum -g- Ohrlänge ;
der angedrückte Unterarm ragt kaum bis zijm Mundwinkel
vor; Füfse sehr klein, kaum aus der Flughaut hervortretend;
Oberseite zimmtfarbig; Unterseite seidenweifs; die Basis der
Haare dunkel. — Körper 1" 9'"; Schwanz 1" 3"'; Flugweite
8"10"'; Unterarm 1" 3"'; die Höhe der Flughaut 1" 7'"; Kopf
7"'; Ohr 5'". —
Aus Sicilien.
Bonap. Icon. d. f. it. fasc. XXI. fol. 107.
6, V. ^ristippe Bonap. *
Schnauze zusammengedrückt, spitz; Ohren \ kürzer als
der Kopf, etwas gerundet, am Aufsenrande unter der Mitte
kaum merklich eingebuchtet; Tragus halbelliptisch, über -j der
Ohrlänge ; der angedrückte Unterarm ragt über die Schnauzen-
spitze hinaus; Füfse klein, wenig frei; Oberseite blafs grau-
317
gelblich; Unterseite grau werfslich; die Basis der Haare dun-
kelbraun. -- Körperl" 7'"; Schwanz 1" 3'"; Fingweite 8" 3'";
Unterarm 1" 3"'; Höhe derFlughaui 1"5"'; Kopf?'"; Ohr 5,5'".
Ans Sicilien.
Bonap. Icon. d. /. it. fasc. XXL fol. 107.
Zweite Untergattung: Vesperugo. •'
Mit 34 Zähnen; im Oberkiefer 4 Backzähne und 1 Lücken-
zahn, im Unterkiefer 3 Backzähne und 2 Liickenzähne; nur das
letzte rudimentäre Schvvanzglied, nicht halb so lang wie der Dau-
men, steht frei aus der Flughaut hervor; Fufssohle runzelig, ohne
Schwielen.
Dritte Rotte: mit erweitertem Tragus.
Der Tragus erreicht seine gröfste Breite über der Mitte;
Mund bis unter die Augen gespalten ; der Aufsenrand des Ohrs
geht unter den Tragus hinaus Aveit nach vorn vor; der Innen-
rand des Ohrs löset sich über der Höhe der Linie, die das
Nasenloch mit dem Auge verbindet, vom Kiel ab; Flughäute
sehr schmal; der 5. Finger ragt nur wenig über das Gelenk
des i. und 2. Gliedes am 3. Finger hinaus; das 2. Glied des
5. erreicht kaum das Gelenk des 1. und 2. Gliedes des 3. Fin-
gers; die Unterseite der Flughäute längs dem ganzen Arm, und
längs der Wurzel des 5. Fingers bis zu der Mitte desselben
dicht behaart; nur die erste Gaumenfalte ungetheilt; Flügelhaut
bis zur Fufswurzel angewachsen.
7. F. Nociula Dauh. (Schrei.}
Der Unterarm ragt bis zur Schnauzenspitze vor; die Haare
der Ober- und Unterseite einfarbig, gelbröthlichbraun, ohne
hellere Spitzen; die Unterseite etwas heller als die obere;
die Schneiden der untern Vorderzähne einander parallel
und quer zur Richtung der Kiefer gestellt, so dafs die
hintern von den vordem theilweise verdeckt werden; der
2. obere Vorderzahn im Querschnitt über doppelt so grofs
wie der einspitzige erste; die obern Eckzähne kaum länger als
die untern; der 2. Lückenzahn im Unterkiefer kaum höher als
der erste, und ungefähr halb so hoch wie der Eckzahn. — Kör-
per 2" ,9'"; Schwanz 1" 6'"; Flugweite 13"; Unterarm 1" 11,6'";
der 3. Finger 3" 7,6"'; der 5. Finger 2" 0,4'"; Kopf 9,8'";
gröfste Ohrlänge 8,6'"; Tragus längs dem Innenrande 2'". —
V. Jahrg. 1 Band. 21
318
In Deutscliland, der Schweiz, Frankreich, England, Ober-
italien, Dalmatien, im gemäfsigten Rufsland und um das kas-
pische Meer.
V. proterus KiJil Weit. Ann. IV. p. 41. n. 5. F. se-
roimus Geoffr. Ann. du Mus. T. VIII. p. 194. n. 4. V. fer-
rugineus BreJim Ornis.
8. V. Leisleri KuJil.
Der angedrückte Unterarm ragt ungefähr bis zur Mitte
der Mundspalte vor; das Haar der Ober- und Unterseite zwei-
farbig; an der Wurzel dunkelbraun, oben heller als unten; die
Spitzen fahlrothbraun, unten mehr graugelblich und etwas hel-
ler als oben; die Schneiden der untern Vorderzähne in die
Richtung der Kiefer gestellt, so dafs sie nur mit den Kanten
einander berühren; der 2. obere Vorderzahn im Querschnitt
ungefähr so grofs wie der einspitzige erste ; die obern Eckzähne
doppelt so lang wie die untern; der 2. Lückenzahn im Unter-
kiefer nur wenig höher als der erste, und fast so hoch wie der
Eckzahn. — Körper 2" 1'"; Schwanz 1" 5'"; Flugweite 10" 6'";
Unterarm 1" 7'"; der 3. Finger 2" 10,6'"; der 5. Finger 1" 9,8'";
Kopf 8,5"'; gröfste Länge des Ohrs 7"'; Tragus längs dem
Innenrande 1,8"'. —
Bis jetzt nur selten in Deutschland gefunden.
Vierte Rotte: mit verschmälertem Tragus.
Der Tragus erreicht seine gröfste Breite unter der Mitte;
Mund bis unter die Augen gespalten; der Aufsenrand des Ohrs
geht unter den Tragus hinaus weit nach vorn vor; der Innen-
rand des Ohrs löset sich über der Höhe der Linie, die das
Nasenloch mit dem Auge verbindet, vom Kiel ab; Flughäute
ziemlich breit; der 5. Finger ragt bis zum Gelenk des 2. und
«nd 3. Gliedes des 3. Fingers; das 2. Glied des 5. ragt unge-
fähr bis zur Mitte des 2. Gliedes des 3. Fingers; Unterseite
der Flughäute längs dem Unterarm und an der Handwurzel
nackt; die zwei ersten Gaumenfalten ungetheilt; Flügelhaut bis
zur Zehenwurzel angewachsen.
a. Die Schneide der untern Vorderzähne einander parallel
quer zur Richtung der Kiefer gestellt, so dafs die innere Hälfte
der hintern von der äufsern Hälfte der vordem jedesmal ver-
319
deckt wird; der 1. obere V^orderzalm einspitzig, der hintoro
Rand dessell)eu erhebt sich zu einem von vorn verdeckten,
von der Hauptspitze aus nach hinten gerichteten Höcker,
bei weitem nicht lialb so lang wie der obere Eckzahn;
der Eckzalin und der erste eigentliche Backzahn im Ober-
kiefer dicht zusammengedrückt, so dafs der ganz kleine
Liickenzahn nach Innen gedrängt wird und von Aufsen nichf
sichtbar ist; Flughaut am Rande zwischen dem Fufs und dem
5. Finger hell gefärbt.
9. V. Kuhlii IS älterer.
Der Aufsenrand des Ohrs endet in gleicher Höbe mit der
■Mundspalte, ungefähr y"' hinter dem Mundwinkel; das Ohr
ebenso breit wie die Länge des Inneurandes, so dafs der vor-
stehende Theil gleichseitig dreieckig erscheint; Schnauze breit
und stumpf, vorn fast halbkreisförmig begränzt; nur die
äufserste Kante der Flughaut am hintern Rande gelblich ge-
färbt und gegen den Fufs hin körnig; die iibr<ige Flugliaut dun-
kelgraubraun; Schwanzfiughaut bis zur Mitte dicht behaart;
Oberseite des Körpers dunkelbraun; Unterseite heller braun,
mit Grau überflogen; die Körperhaare oben und unten an der
Wurzel braunschwarz mit hellereu Spitzen; — der 1. obere
Vorderzahn einspitzig, nach hinten mit hökerartig vorgezognem,
nicht so hoch wie die Spitze des 2. Zahns aufsteigendem Rande,
bei weitem nicht halb so lang aus den Alveolen oder dem Zahn-
fleisch vorstehend wie der obere Eckzahn; die Schneide der
untern Vorderzähne einander parallel, quer zur Richtung der
Kiefer gestellt; der Lückenzahn im Oberkiefer sehr klein und
niedrig, nach Innen gerückt, von Aufsen nicht sichtbar, indem
der 1. eigentliche Backzahn und der Eckzahn mit den Rändern
dicht zusammentreten; Gebifs ziemlich stark, mit dicken, stura.
pfen Zähnen. — Körper 1" 8'"; Schwanz 1" 4'"; Flugweite 8" 4'";
Unterarm 1" 3,5'"; der 3. Finger 2" 3,1'"; der 5. Finger 1" 8,3'";
Kopf 7'"; gröfste Ohrlänge 5,8'"-' Tragus längs dem Innen-
rande 1,8'". —
In Ragusa, Triest, Turin, Toskana, um Rom und in Neapel.
Vesperülio Vispistrcllus Bonap. Icon. d. f. it.fasc. XX.
fol. 100. weicht nach dei- Beschreibung nicht von dem Ori-
ginalexemplare des V. Kuhlii Natt. ab.
21*
320
10. V. alholijAhatus Küster.
Der Aufsenrand des Ohrs endet unterhalb der Linie der
Mundspalte, etwa 1'" hinter dem Mundwinkel; das Ohr eben-
so breit wie die Länge des Innenrandes, so dafs der vorstehende
Theil gleichseitig dreieckig erscheint; Schnauze breit und stumpf,
vorn fast halbkreisförmig begränzt; der hintere Rand der Flug-
haut milchweifs, ungekörnelt; die Flughaut besonders nach dem
5. Finger hin weiter über den Rand hinaus hell durchschei-
nend, farblos, übrigens graubraun; Schwanzflughaut bis zur
Mitte dicht behaart; Oberseite des Körpers hell fahlbraun;
Unterseite weifsgrau mit gelblichem Anflug; die Haare an der
Basis braunschwarz mit helleren Spitzen; der 1. obere Vor-
derzahn einspitzig, der hintere Rand desselben deutlich als ein
gesonderter Höcker von der Höhe des 2. Vorderzahns vorge-
zogen; die Vorderzähne bei weitem nicht halb so hoch vor-
stehend wieder Eckzahn; die Schneide der untern Vorderzähne
einander parallel und quer zur Richtung der Kiefer gestellt;
der Lückenzahn im Oberkiefer sehr niedrig, nach Innen gedrängt
und von Aufsen nicht sichtbar, indem der Eckzahn mit dem
ersten eigentlichen Backzahn ziemlich dicht zusammentritt; Ge-
bifs ziemlich stark, mit dicken, stumpfen Zähnen. — Körper
1" 7,5'"; Schwanz 1" 4'"; Flugweite 8"; Unterarm 1" 2,8'";
der 3. Finger 2" 2,8"'; der 5. Finger 1" 7,6"'; Kopf 7'"; gröfste
Ohrlänge 6,4'"; Tragus längs dem Innenrande 2'". —
In Sardinien, Oran und Algier.
b. Die Schneide der untern Vorderzähne in der Richtung
der Kiefer gestellt^ so dafs die Zähne einander nur mit den
seitlichen Kanten berühren, einander nicht verdecken; der 1. obere
Vorderzahn zweispitzig, ungefähr halb so lang wie der Eckzahn
aus den Alveolen oder dem Zahnfleisch vortretend ; die 2. Spitze
des 1. Vorderzahns schräg nach Aufsen, fast nach dem 2. Zahn'
hingestellt, fast so hoch wie die 1. Spitze, und von vorn und
von der Seite deutlich sichtbar; der Lückenzahn im Oberkiefer
ist von Aufsen deutlich sichtbar, in der Richtung der Zahn-
reihe eingefügt; der Eckzahn im Oberkiefer vom 1. eigentlichen
Backzahn entfernt; Flughaut gleichfarbig, ohne hellere Ränder.
11. V. JSathusii jiov. spec.
Der Aufsenrand des Ohrs endet unter der Linie der Mund-
321
spalte, gegen 1,2'" hinter dem Mundwinkel, ohne den Mund-
winkel zu erreichen; das Ohr eben so breit wie die Länge des
Inneurandes, so dafs der vorstehende Theii desselben als eiii
gleichseitiges Dreieck erscheint; Abstand der innern Ohrränder
unter einander grölser als ihre Entfernung von der Schnauzen-
spitze; Schnauze breit und stumpf, vorn fast halbkreisförmig
begränzt; Fhigliäute rauchschwarz; Oberseite der Schenkelflug-
haut bis zur Mitte und längs dem ganzen Schienbein dicht be-
haart, Oberseite düster rauchbraun; die Unterseite düster gelb-
grau, nach den Flughäuten mehr rostfarbig; von den Schultern
unter dem Ohr hin seitlich auf den Unterkiefer ein dunklerer
brauner Fleck; das Haar der Ober- und Unterseite gleichmäfsig
von der Basis an über f der Länge braunschwarz mit helleren
Spitzen; der 1. obere Vorderzahn zweispitzig, etwas mehr als
lialb so weit wie der Eckzahn vorstehend, nur wenig höher als
der 2. Vorderzahn; die 2. Spitze des 1. Vorderzahns schräg
nachAufsen gestellt, etwas niedriger als der 2. Vorderzahn und
von Aufsen deutlich sichtbar; stark vortretende Eckzähne, der
obere nur wenig länger als -der untere, der untere entschieden
höher als die Backzähne; der nach Innen vorgezogene Rand
des untern Eckzahns liegt innerhalb des Wurzeldrittels; der
Lückenzahn im Oberkiefer in die Richtung der Zahnreihe ge-
stellt, von Aufsen sichtbar; der Eckzahn und der 1. eigentliche
Backzahn im Oberkiefer von einander entfernt gestellt; Gebifs
ziemlich stark; Zähne ziemlich spitz. — Körper 1" 10"';
Schwanz 1" 3'"; Flugweite 8" 10'"; Unterarm 1" 3"'; der 3. Fin-
ger 2" 4,5'"; der 5. Finger 1" 1,6'"; Kopf 7'"; gröfste Ohr-
länge 6"'; gröfste Ohrbreite 4,4"'; Tragus längs dem Innen-
rande 1,8'"; Abstand der innern Ohrränder 3,2'" ; Entfernung
des innern Ohrrandes von der Schnauze 2,5'"; Abstand der
Basis des äufsern Ohrrandes vom Mundwinkel 1,2'"* —
In Berlin und Halle.
12. V. Pipistrellus Dauh.
Der Aufsenrand des Ohrs endet in der Höhe der Mund-
spalte, dicht am Mundwinkel; das Ohr weniger breit als die
Länge des Innenrandes; der Abstand der innern Ohrränder
unter einander kleiner als ihre Entfernung von der Schnauzen-
spitze; Schnauze vorn verschmälert und an den Nasenlöchern
322
im Umrifs winkelig abgeschnitten; Flughäute ranehschwarz;
Oberseite der Schenkelflughaut nicht bis ^ der Länge - behaart,
und längs dem Schienbein mehr als zur Hälfte kahl; Oberseite
gelblich rostbraun; Unterseite fahl rostbräunlich, mit etwas
Grau gemischt; ohne dunklen Schulterfleck; Haar der Oberseite
fast einfarbig rostbräunlich, nur an der Wurzelhälfte etwas
dunkler braungrau; das Haar der Unterseite deutlicher zwei-
farbig, an der Wurzel braunschwarz mit fahl gelbbräunlichen
Spitzen; der 1. obere Vorderzahn zweispitzig; ungefähr halb
so lang wie der Eckzahn vorstehend, zwei oder mehrmal so
hoch als der 2. Vorderzahn; die 2. Spitze des 1. Vorderzahns
schräg nach Aufsen gestellt, etwas höher als der 2. Vorder-
zahn, und von Aufsen deutlich sichtbar; Eckzähne ziemlich
sehwach, wenig über die übrigen hinausragend, der obere stark
doppelt so lang wie der untere, der untere nicht merklich höher
als die Backzähne; der nach Innen vorgezogene Rand des
untern Eckzahns steigt bis zur Mitte des Zahns hin auf; der
Liickenzahn im Oberkiefer in die Richtung der Zahnreihe ge-
stellt, von Aufsen sichtbar, indem der Eckzahn entfernt vom
ersten eigentlichen Backzahn steht; Gebifs schwach; die Zähne
sehr. spitz. Körper 1" 4,5'"; Schwanz 1" 2,5"'; Flugweite
7"; Unterarm 1" 1'"; der 3. Finger 1" 11,3'"; der 5. Finger
1" 4,9"'; Kopf 6'"; gröfste Ohrlänge 5,2'"; gröfste Ohrbreite
3,2'"; Tragus längs dem Innenrande 1,6"'; Abstand des innem
Ohrrandes 2,1'"; des Innern Ohrrandes von der Schnauze 2,5"'.
Im. südlichen und mittlem Schweden, gemäfsigten Rufs-
land, England, Deutschland, Frankreich, Spanien und Morea (?).
T^. Alcythoe Bonap. Icon. d. f. it.fasc. XXI. fol. 107.
Diese Art würde nach der von Bonaparte angegebenen
Zahl der Zähne in die erste Untergattung gehören. Nach der
Gestalt des Ohrs, des Tragus und des Schwanzes gehört sie
indefs dieser letzten Rotte an, zu der ungefähr Bonaparte sie
auch selbst gestellt wissen will. Vermuthlich ist hier, wie in der
Beschreibung des F". VispistrcUus und der ursprünglichen
Beschreibung des V. Kuhin JSatt. der Lückenzahn im Ober-
kiefer übersehen, wozu auch dessen Stellung und geringe Gröfse
hinreichende Veranlassung giebt. Bouaparte charaktcrisirt
sie folgenderweise :
323
Ohren viel kürzer als .der Kopf, oval, etwas zugespitzt,
ganzrandig; Tragus grade, halbherzförinig, etwas zugespitzt,
fast langer als das halbe Ohr; Fiifse selir klein, wenig aus der
Schwanzflughaut vortretend; Pelz graugelblich, mit brauner
Haarwurzel; 32 Zähne (?). — Körperl" 8'"; Schwanz 1" 3'";
Flugweite 8" 2'"; Unterarm 1" 3'"; Höhe der Flughäute 1"
8,5'"; Kopf 7'"; Ohr 5,5'". —
Aus Sicilien.
VI. Mhiiopterus Bon aparte.
Gebifs: x-;t • — • — :; — • -T • ^—; =. 36 Zähne; mit 8 Gau-
o-d 1 b 1 O'ö
meufalten, von denen die 3 ersten und die letzte ungetheilt;
Ohren dickhäutig, gesondert, rhombisch, fast rechtwinkelig; der
Aufsenrand des Obrs geht unter den Tragus hinaus bis gegen
den Mundwinkel hin vor; der Inneurand an der Basis stumpf
abgerundet und alimählich mit dem Kiel verschmolzen, erreicht
seine gröfste Entfernung vom Kiel in bedeutender Höhe über
der Basis und biegt sich dann mit dem Kiel fast spitzwinkelig
knieförmig nach Aufsen; der Tragus mit dem abgerundeten
Ende nach Innen gerichtet, längs dem Innenrande concav, längs
dem Aufsenrande convex, der ganzen Länge nach ziemlich
gleich breit, an der Basis des Aufsenrandes schwach eingebuch-
tet, ohne deutlich vorspringenden Zahn; Nasenlöcher vorn unter
der Schnauze seitlich geöffnet.
Schädel hinten* sehr gewölbt, aufgehlasen, nach jeder
Richtung stark erweitert; Oberkiefer fast gleichbreit, indem
die Entfernung an den Eckzähnen eben so grofs wie die
Breite der Verengung zwischen den Augenhöhlen; das
Hinterhaupt durch eine Einschnürung vom übrigen Schä-
del abgesetzt, niedriger als der Scheitel; der Scliädel fällt
vorn steil nach dem Nasenrücken hin ab, durch eine tiefe
Einbucht vom Nasenrücken gesondert; Nasenrücken ge-
* wölbt, enge, nach vorn wenig abfallend, bis zum Zwischen-
kiefer fast gradlinig.
1. M. ScJneihersii Natterer.
Der Aufsenrand des Ohrs endet in gleicher Höhe mit der
Linie der Mundspalte, dicht hinter dem Mundwinkel j der Innen-
324
rand löset sich über der Linie, die das Auge mit dem Nasen-
loch verbindet, vom Kiel ab, fast unter einem spitzen Winkel
knieförmig nach Aufsen gebogen; Tragus ragt fast bis zur
Mitte des Ohrs, ziemlich gleichbreit, aufsen an der Basis und
gegen die Mitte kaum merklich eingebuchtet; Schwanz länger
als der Körper, ganz von der Flughaut umschlossen; Fliigel-
haut am Fufs nach Innen taschenförmig umgeschlagen; der
Fufs frei vorstehend; das 3. Glied des 3. Fingers fast 3mal
so lang wie das zweite; der angedrückte Unterarm ragt etwas
über die Schnauzenspitze hinaus; Oberseite braungrau; Unter-
seite hell aschgrau; die obern Vorderzähne gleich grofs; die
untern mit der Schneide in die Richtung der Kiefer gestellt,
so dafs die Zähne einander nur mit den seitlichen Kanten be-
rühren. — Körper 1^' 11,5'"; Schwanz 2" 1,5"'; Flugweite 11";
Unterarm 1" 7,7'"; der 3. Finger 3" 2,5'"; dessen 2. Glied
4,9'"; dessen 3. Glied 1" 0,6'"; der 5. Finger 1" 11,7'";
Kopf 7,6'"; gröfste Ohrlänge 5'"; gröfste Ohrbreite 4,8"';
Tragus längs dem Innenrande 1,7'".
Aus der Columbaczer und Veteranenhöhle bei Mehadia
im Bannat, bei Ascoli im Kirchenstaat, und von Algier.
Miniopterus Ursinii Bonap. Icon. d. f. it. fasc. XX/,
fol. 106. stimmt ganz genau mit dem Originalexemplare der
Vespertilio Schreibersii Natterer überein, was nach der Be-
schreibung in der Kuhischen Monographie freilich nur zu ver-
jnuthen war.
Zweite Gruppe: Hufeisennasen.
Nase mit einem häutigen, hufeisenförmigen Aufsatz über
der trichterförmigen Vertiefung, in der die Nasenlöcher sich
öffnen ; Ohr ohne Tragus, durch einen von der Basis des Aufsen-
randes durch einen Einschnitt abgesonderten Lappen verschliefs-
bar; das 1. Glied des 5. Fingers gröfser als das 1. Glied des
dritten; die obern Vorderzähne im abortiven, nicht mit den
Oberkieferästen' verwachsenen, beweglichen Zwischenkiefer in
der Fläche des Gaumens eingefügt.
VII. RhinolopJnis Geoffr.
^ ,.. 4.1 11-1 1 1.4 .-,„ ,
Gebifs: 37^ • -j • -j- . -j • 273 = 30, oder
4 \ 1 1 1 4
5—^ • T • — :; — • "7 • 5-5 = 28 Zähne; mit 6 oder
325
7 Gamnenfalten ; Ohren ziemlich dünnhäutig, gesondert, fast
halbherzförmig, in eine lange, nach Aufsen gebogene Spitze
auslaufend, unter derselben am Aufsenrande soluvach ausge-
schweift, unter der Mitte tief eingescluiitten, so dafs der untere
Theil des Aufsenrandes als mehr oder weniger gesonderter
Lappen vorsteht und nach Innen sich einschlagend, das Ohr
schliefst; der Iiuienrand löset sich weit unter der Linie, die
das Auge mit dem Nasenloch verbindet, vom Kiel ab; der
Aufsenrand verläuft zwischen dieser Stelle und dem Auge über
der Linie der Mundspalte; Tragus fehlt. —
Schädel stark gewölbt, ziemlich schmal; die Breite der
Verengung zwischen den Augenhöhlen weit geringer als
die der Kiefer an den Eckzähnen; Hinterhaupt seitlich
stark verschmälert, vom Scheitel an stark erniedrigt, über
das Hinterhauptsloch weit nach hinten vorspringend; das
Hinterhaupt durch eine deutliche Einbucht vom Schädel
getrennt; der Scheitel fällt vorn nach der Nase noch stei-
ler als nach dem Hinterhaupt ab ; Nasenrücken nach vorn
ziemlich gleich breit, an der Basis gewölbt und durch eine
deutliche Einbucht von der Stirn getrennt. Zwischen-
kiefer am Gaumenbein befestigt, nicht mit den Aesten des
Oberkiefers verwachsen,
1. Rh. Hippocrepis Hermann.
Der Einschnitt am Aufsenrande des Ohrs spitzwinkelig
und tief, so dafs der untere Theil des Ohrs deutlich gesondert
hervortritt; die nach der Mitte gerichtete Ecke des Wurzel-
lappens spitzwinklig abgerundet, die nach der Basis gekehrte
stumpfwinklig abgerundet; die Hufeisenhaut von 3 parallelen
deutlichen Falten gebildet; die vordere quergestellte Fläche
des Längskamms oder Sattels dicht hinter den Nasenlöchern,
ist nach der Spitze gleichmäfsig verschmälert; die nach hinten
gegen die Stirn vor der Lanzette sich erhebende Spitze des
Längskamms ist niedrig, abgerundet und kaum über die vor-
dere Querfläche erhaben; die vor der Stirn aufgerichtete quer-
stehende Lanzette nach der Basis gleichmäfsig erweitert, bis
zur Stirn gerecluiet weit länger als breit und länger als das
Hufeisen; die, Schwanzflughaut hinten fast rechtwinkelig zuge-
spitzt, und nur sparsam mit weichen Haaren gewinipert; der
326
Schwanz beträgt f des Unterarms und des Körpers; Fliigel-
haut bis zur Fufswurzel angewachsen, das I.Glied des 4. Fin-
gers etwas gröfser als das 1. Glied des 5. Fingers; das 3. Glied
des 5. Fingers ungefähr anderthalb mal so lang wie das zweite;
im Oberkiefer ein Liickenzahn, der fast halb so grofs wie der
1. Backzahn ist und sich deutlich über die Ränder der anlie-
genden Zähne erhebt; 7 Gaumenfalten, von denen die erste unge-
theilt ist. — Körper 1'' 5,5'"; Schwanz 1" 1,5'"; Flugweite
8" 6'"; Unterarm 1" 5'"; der 3. Finger 2" 2,3'"; der 5. Fin-
ger 1" 10,6'"; Kopf 7,8'"; Ohrhöhe vom Scheitel an 6'"; des-
sen Breite am Einschnitt des Aufsenrandes 5,2'". —
In Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Südengland,
Triest, Kaukasus.
Rhinolophus hihastatus Geoffr. Rh. Hipposideros Leach.
Rh. Hipposideros et ferrum equinuin Bechst.
2. Rh. ferrum equinum D auh. {Schrei).')
Der Einschnitt am Aufsenrande des Ohrs flachwinkelig,
so dafs der untere Theil des Ohrs wenig vortritt; die nach
der Mitte gekehrte Ecke des Wurzellappens weniger stumpf
abgerundet als die der Basis; die Hufeisenhaut von 3 deutli-
chen Falten gebildet; die vordere quer gestellte Fläche des
Längskamms hinter den Nasenlöchern ist in der Mitte am
schmälsten und erweitert sich nach der Basis und Spitze hin;
die nach hinten gegen die Stirn vor der Lanzette sich erhe-
bende Spitze des Längskamms ist kurz, abgerundet und kaum
über die vordere Querfläche erhaben; die an der Stirn quer
stehende Lanzette jederseits nach der Basis stärker, lappen-
förmig erweitert, bis zur Stirn gemessen breiter als lang und
etwas kürzer als das Hufeisen; die Schenkelflughaut an der
Schwanzspitze fast rechtwinkelig begränzt und sparsam weich-
haarig gewimpert; der Schwanz beträgt f der Länge des Unter-
arms und Körpers; Fliigelhaut bis zur Fufswurzel festgewach-
sen; das 1. Glied des 4. Fingers etwas kleiner als das 1. Glied
des 5. Fingers; das S.Glied des 5. Fingers eben so lang wie
das zweite; im Oberkiefer kein Lückenzdhn; daher 28 Zähne;
7 getheilte Gaumenfalten. — Körper 2" 2'"; Schwanz 1" 4,6'";
Flugweite 12" 6'"; Unterarm 2" 0,6'"; der 3. Finger 3"
2,8'"; der 5. Finger 2" 7,8'"; Kopf 11'"; Ohrhöhe vom
327
Scheitel an 8,5'"; Ohrbreite am Einschnitt im Aufsen-
rande 7,5'". —
Im gemäfsigten Europa bis ins mittlere Deutschland und
südliche England, in der Krimni.
Rhinolophus unihastatus Geoffr.
3. Rh. clivosus Rüppell, Cretschmar.
Der Einschnitt am Aufsenrande des Ohrs ganz flach
stumpfwinklig, so dafs der Ohrlappen wenig gesondert vortritt;
die beiden Ecken des Wurzellappens gleichmäfsig abgerundet;
Hnfeisenhaut aus 3 Falten gebildet, von denen die mittlere
flach und undeutlich; die vordere Querfläche des Längskamms
hinter den Nasenlöchern nach der Spitze allmählig gleich-
mäfsig verschmälert; die nach hinten gegen die Stirn vor der
Lanzette sich erhebende Spitze des Längskamms ist lang aus-
gezogen, etwa doppelt so hoch wie die vordere Querfläche des-
selben; die auf der Stirn sich erhebende quergestellte Lanzette
nach der Basis ziemlich gleichmäfsig jederseits erweitert, ohne
seitlich vorspringende Lappen, bis zur Stirn etwas länger als
breit, und ungefähr so lang wie der Bogen des Hufeisens; die
Schenkelfliighaut hinten fast gradlinig abgeschnitten und mit
dichtstehenden weichen Haaren gewimpert; der Schwanz halb
so lang wie der Unterarm und ungefähr von halber Körper-
länge; die Flughaut endet vor der Fufswurzel, so dafs ein
Theil des Schienbeins frei vorsteht; das 1. Glied des 4. Fin-
gers ragt nicht so weit vor, wie das 1. Glied des 5. Fingers ;
das 3. Glied des 5. Fingers ist eben so lang wie das 2. Glied;
im Oberkiefer ein sehr kleiner Lückenzahn, der sich nicht
über die Ränder der anliegenden erhebt; mit 6 getheilten
Gaumenfalten. — Körper 2"; Schwanz 11,5'"; Flugweite 10"
6"'; Unterarm 1" 9,2'"; der 3. Finger 2" 7,2'"; der 5. Fin-
ger 2" 1,3"'; Kopf 9,8'"; Ohrhöhe vom Scheitel an 6,8'";
Ohrbreite am Einschnitt des Aufsenrandes 6'". —
In Dalmatien, der Levante und Egypten.
Temmink stellt sehr mit Unrecht RhinolopJius ca-
pensis Lichtenstein. Douhl. pag. 4. n. 55. zu dieser Art.
Sie ist eine bestimmt von beiden grofsen europäischen
Hufeisennasen verschiedene Art, die in vieler Hinsicht das
328
Mittel zwischen beiden hält, indem 'sie in manchen Charakte-
ren sowohl mit der einen, als mit der andern übereinstimmt,
in manchen aucli von beiden abweicht. Da nirgends eine ge-
nauere Angabe ihrer Charaktere existirt, so wollen wir das
Wesentliche derselben nach Vergleichung von Originalexem-
plaren mittheiien.
Rh. capensis Lichtenstein.
Der Einschnitt unter der Mitte des äufsern Ohrrandes
stumpf und niedrig, stumpfer als bei Rh. f er tum equinum,
doch schärfer als bei cUvosiis; der vorstehende Ohrlappen an
der Basis nach beiden Seiten gleiclnnäfsig abgerundet, wie bei
clivosns; Hufeisen aus drei deutlichen parallelen Falten gebil-
det, von denen die innere weniger scharf als die nach beiden
Rändern hervortritt; die vordere Querfläche des Längskamms
diclit hinter den Nasenlöchern ist in der Mitte verschmälert,
nach der Spitze und Basis gleichstark erweitert, wie beiyer-
ruin equinwn; die nach hinten gegen die Stirn vor der Lan-
zette sich erhebende Spitze des Längskamms ist wenig über
die vordere Querfläche desselben erhaben und abgerundet, wie
beiyb/TMm equinum; die auf der Stirn sich erhebende quer-
gestellte Lanzette verschmälert sich über der Mitte dicht hin-
ter dem letzten Zellenpaar derselben plötzlich, so dafs, wie
hex ferrum equinum, die Basis jederseits lappenförmig erwei-
tert hervortritt; die Schenkelflughaut hinten fast gradlinig be-
grenzt und dicht mit kurzen weifsen Häärchen gewimpert, wie
bei clivosus; ebenso der Schwanz halb so lang als der Unter-
arm und ungefähr von halber Körperlänge; die Flughäute las-
sen, wie bei clivosus, den ganzen Fufs und einen Thoil des
Schienbeins frei; das Iste Glied des 4ten Fingers nicht ganz
so weit vorragend, wie das Iste Glied des 5ten; das 3te Glied
des 5ten Fingers nur wenig länger als das 2te Glied dessel-
ben Fingers; Gebifs sehr stark, im allgemeinen mit dem von
ferrum equinum übereinstimmend; 28 Zähne; im Oberkiefer
4 eigentliche Backzähne, ohne Lückenzahn; im Unterkiefer 2
einspitzige Lückenzähne und 3 Backzähne; die Eckzähne, be-
sonders die oberen sehr stark und dick, bedeutend vortretend,
so wie die hohen Spitzen des ersten Backzahns; die Schnei-
dezähne im Oberkiefer sehr kurz und etwas dick; 7 getheilte
329
Gaumenfalten, im Ganzen äliniidi denen \on fcrrinn cqii'minn;
die 3 ersten hedoutend stärker und besondiTS die Isten und
2ten weiter von einander entfernt als die folgenden; die Iste
fällt vorn zwischen die Eckzähne; die 2te entspringt zwischen
dem Eckzahn und ersten Backzahn ; die 3te geht mitten vom
Isten Backzahn aus; zw'ichen dem Isten und 2ten Backzahn
liegt eine sehr schmale, nicht nach Innen durchgeliende kleine
Querfalte, die allen übrigen Arten fehlt; die 4te vollständige
Falte fällt dicht vor, und die 5te dicht hinter die Mitte des
2ten Backzahns; die 6te nicht so weit als die beiden anliegen-
den nach der Mitte des Gaumens verlaufende Falte zwischen
dem 2ten und 3ten Backzahn ; die 7te dicht vor der Mitte des
3ten Backzahns; hinter dieser beginnt gegen die Mitte des 3ten
Backzahn die ungefaltete Gaumenfläclie mit einem in der Mitte
ungetheilten etw-as erhöht vorstehenden Querrande; — der
Schädel ist wenig verschieden von dem des fcrruin equiimm,
nur etwas kleiner, verhältnifsmäfsig mehr gestreckt und zwi-
schen den Augenhöhlen mehr verschmälert; Behaarung und
Färbung ähnlich der von cltvosus, nur etwas dunkler rauch-
braun überflogen, besonders auf der Oberseite; Ohren und
Flughäute ebenfalls rauchbraun.
Zur Vergleichung mögen die wesentlichsten Dimensionen
der drei Arten nach Pariser Maafs hier zusammenstehen;
330
Eh.
Breite derselben in der Mitte
Breite derselben in der Mitte der
obern Hälfte
Entfernung der Nasenlöcher
Höhe des Ohrs vom Schsitel an
Entfernung der Spitze vom Ein-
schnitt am Aufsenrande
Ohrbreite am Einschnitt des
Aufsenrandes
Breite des Wurzellappens
Tiefe des Einschnitts am Aufsen-
rande
Oberarm
Unterarm
Der Daumen ohne Nagel
Der Dauraennagel
Das Iste Glied des 2ten Fingers
Der 3te Finger
dessen Istes Glied
dessen 2tes Glied
dessen 3tes Glied
dessen Nagelglied
Der 4te Finger
dessen Istes Glied
dessen 2tes Glied
dessen 3tes Glied
dessen Nagelglied
Der 5te Finger
dessen Istes Glied
dessen 2tes Glied
dessen 3tes Glied
dessen Nagelglied
Schenkel
Schienbein
Fufs
Schädellänge vom obern Rande
des Hinterhauptslochs zur Wur-
zel der Eckzähne
Schädellänge vom obern Rande des
Hinterhauptslochs bis zur Spal-
tung der Oberkieferäste
Zwischen dem untern Rande des
Hinterhauptslochs und der Ein-
bucht im vordem Gaumenbeine
GrÖfster Durchmesser des Hinter-
hauptsbeins
7,5'"
6,5'"
331
Gröfster Diirohmesscr der Schä-
dehvölbung in der Mitte des
Schädels
Entfernung der Mitte der Gelenk-
flächen im Oberkiefer
Gröfste Entfernung der Jochbogen
von Aufsen
Der kleinste Durchmesser der Ver-
engung zwischen den Augen-
höhlen
Durchmesser des Oberkiefers an
den Eckzähnen
Durchmesser an den vordem Au-
genhöhlenrändern
Entfernung der Oberkieferäste an
den Eckzahnen
Höhe des Hinterhauptslochs
Breite des Hinterhauptslochs
Die Exemplare, von denen die Maafse entlehnt, sind drei
ausgewachsene Weibchen, das von Rh. ferrum e(/umwii aus
Turin, von Rh. cUvosus aus Triest, und von Rh. capensis
vom Cap. Die letztere scheint bis jetzt nur am Cap gefun-
den. Dafs Temniink den Standort von Rh. divosus bis zum
Cap. ausdehnt, bedarf wohl einer genauem Kritik der zu
Grunde gelegten Exemplare, da seine Angabe sehr leicht auf
seiner irrigen Ansicht von beiden Arten beruhen könnte.
üeber ein zoologisches Kennzeichen der Ordnnng
der Sperlingsartigen- oder Singvögel.
. von
Denselben.
VV älireiul die übrigen Orrlniingen der Vögel so ausgezeich-
nete Physiognomien und Charaktere an sich tragen, dafs nur
selten ungeschicktere Systeinatiker einzelne Fehlgriffe bei ih-
rer Begrenzung gethan, hat mit Ausnahme Wiegmanns
(auch Gloger für die europäischen Gattungen) kein Syste-
niatiker die Ordnung der Sperlingsartigen- oder Singvögel na-
turgemäfs zusammengestellt; durchaus Niemand aber für sie
einen zoologischen Charakter angegeben. Cuvier z. B., der
die Ordnung der Kletterer künstlich auf die Wendezehe ba-
sirte, und dadurch viel Fremdartiges in seine Ordnung der
Vassereaux brachte, sagte fast nichts anderes Allgemeines von
den Vögein der letzten Ordnung als: Sie gehörten in keine
andere Ordnung, zeigton bei Vergleichung grofse Structurähnlich-
keit, und besonders IJebergänge, die das Geschäft generischer
Spaltung sehr erschwerten. In der That läfst der blofse Ha-
bitus hier auch den Gewandtesten im Stich; die abstechenden,
unvermittelten Verschiedenheiten in Körperverhältnissen, Schna-
bel- und Fufsbau, die in anderen Ordnungen überraschen, feh-
len durchaus. Es ist zwar auch hier der äufsere Habitus
ein interessanter liebenswürdiger Führer, indefs in vielen
Stücken hat er etwas von einem humoristischen Kobold, dem
es eine Freude ist, Freunde, die ihm unbedingt zugethan, auf
Irrwegen zu sehen. Die Systematik der Singvögel stände auf
einer anderen Stufe, wenn sich nicht so viele Ornithologen
bei dem Habitus beruhigten, was doch nicht ihres Amtes. So
mufs noch immer ein Schwärm Vögel über die eigentlich uu-
333
zugänglichen Grenzen der Singvögel- Ordnung, besonders ge-
gen die Kletterer, hin und her schweifen und wo immer ein
Systematiker ihnen Ruhe gegönnt, der nachfolgende verscheuchte
sie unfehlbar. Nitzsch hat durch anatomische Begründung
der Ordnung der Singvögel das Ilauptverdienst um diese Ilei-
mathlosen sich erworben. Eine andere überraschende Begrün-
dung verscliaffte Wagner dieser Ordnung durch Entdeckung
ihrer eigenthiimlichen sonderbaren, vorn einem Korkzieher
ähnlichen Saameuthierchen. Dennoch blieb es mit den meisten
besonders ausländischen Ornithologen beim Alten, weil jeder
zoologische Ordnungscharakter fehlte. Erfreulich war es des-
halb in der Bekleidung der hinteren Seite des Lau-
fes, der Sohle, ein ausgezeichnetes Kennzeichen der Ord-
nung zu finden, das sich uns in mehr als jahrelanger Anwen-
dung bewährt hat. Bei allen Vögeln, die mit dem Singmus-
kelapparat versehen, i^nd nur bei ihnen ist die Sohle gröfsten-
theils von einer umfassenden Ilorndecke bekleidet, die, mit
einer einzigen Ausnahme (bei den Lerchen), ohne alle Querthei-
lung ist. Dicht über der Einlenkung der Hinterzehe und un-
ter deui Hacken finden sich einige feine Maschen, bei stärke-
reu Vögeln mehr. Bei den Lerchen setzen sich die Grenzen
der vordem Schilder in feinen Eindrücken über den Stiefel
der Sohle fort und bilden dadurch sehr undeutliche, den vor-
deren an Zahl und Stellung entsprechende hintere umfassende
Schildchen. Aber auch dieser Fall ist verschieden von allem,
was wir bei Kletterern und ihren Verwandten finden. Bei
letzteren herrscht grofse Mannichfaltigkeit in der Beschaffenheit
der Sohlenbekleidung, die wir gegen v.-ärtig nicht durchgehen wol-
len; besonders da wir Gelegenheit haben werden, durch alle
Ordnungen diese systematisch wichtigen Bildungsverschieden-
heiten umfassender darzustellen. Hier sei es genug anzuge-
ben, dafs bei der Mehrzahl der Kletterer die Sohle nur genetzt
ist, entweder sehr grob z. B. bei Caprlmulgus, Coracias u.
and. oder feiner schuppig und oft rauh z. B. bei den Psittaci-
nis, oder mehr häutig z.B. bei den MaciocMres und den meisten
Sipoglossls von Nitzsch. Ein anderer Fall, der am meisten
mit dem der Lerchen vergleichbar, findet sich bei den Picinis
Nitzsch, am ausgezeichnetsten bei liamphastos. Hier ist
eine verticale Reihe scharf gesonderter eckiger Täfelchen auf
V. Jahrg. 1. Band. 22
334
der Sohle zu bemerken, die aber, weit kleiner als die vorde-
ren Schilder, diesen niclit entsprechend und an Zahl iiberlegeii
sind; auch finden sich daneben immer mehr oder weniger
Maschenreihen und es wird die genetzte "Bekleidung nirgends
ganz verdrängt. Bei Musophaga ist diese Tafelreihe innen
längs den Läufen auffallend, die hinten genetzt sind. Doch wir
begnügen uns damit einen Charakter der Singvögel -Ordnung
angegeben zu haben, der sie in dem Umfange, wie Nitzsch
sie begründete, begrenzt und der es möglich macht, unbekann-
ten Vögeln die Singwerkzeuge an den Beinen anzusehen.
lieber Helix rosacea und H. liicnna Mulleri, nebst
Diagnosen einiger neuen Concbjlien.
von
Dr. I. H. Jonas in Hamburg.
(Hierzu Taf. IX und X.)
"Wenn gleich es nicht geleugnet werden kann, dafs die
Naturgeschichte durch neue Entdeckungen und deren öffent-
liche Mittheilungen auf eine erfreuliche Weise immer mehr
bereichert wird, so ist dieser Gewinn für die Wissenschaft
dennoch nicht gröfser, als derjenige, den wir durch das Be-
stimmen zweifelhafter naturhistorischer Gegenstände erhalten
würden ; derjenigen Formen nämlich, welche ältere Schriftstel-
ler vorzüglich bei den Beschreibungen vor sich hatten, welche
sie entweder nicht mit Abbildungen begleiteten, oder, im Fall
sie dies thaten, selbige durch keine naturhistorische Benen-
nung kenntlich machten. Durch dergleichen critische Arbei-
ten würden Irrthümer beseitigt werden, welche sich in die
"Wissenschaft eingeschlichen und fortgeerbt haben, und dieselbe
wird intensiv gewinnen; aber auch das Studium wird nach
Hebung vieler Zweifel vereinfacht und erleichtert werden, statt
dafs das jetzige immer mehr überhand nehmende Streben nach
335
Einführung neuer Geschlechter, sogar auf Kosten der Arten,*)
und das Bilden neuer Arten aus Varietäten die Verwirrung
immer vergröfsert und das Studium erschwert.
Oken's Preisaufgabe für die Bestimmungen der Schmet-
terlinge des Reaumur war deshalb allen Freunden der Wis-
senschaft gewifs sehr willkonnucn, ebenso wie die herrlichen
Arbeiten es waren, welche den Preis errangen.
Ganz besonders aber bedarf die Molluskenlehre einer stren-
gen Revision; hier sollte vorzüglich dem blos auf die Srhalen
begründeten Geschlechterbilden Einhalt geschehen, da die Ar-
beiten der neueren Zeit es iiiuner fühlbarer machen, dafs hierzu
anatomische Untersuchungen der Thiere inierlafsliehe Bedin-
gung sind, und dals daher dieses Feld einer noch stärkeren
Bearbeitung bedarf, weil nur auf dem Baue des Thieres die
Haupteintheilungen beruhen können.
Die Conchyliologie als ein wiohtigerTheil der Mollusken-
lehre kann aus derselben gewifs nicht verdrängt werden, darf
sich aber auch durchaus nicht über ihre Sphäre erheben, und
sich Rechte allein anmafsen, welche ihr nur gemeinschaftlich
mit der Lehre von den Bewohnern der Schalen oder dieser
Lehre allein zukommen. Die Gehäuse können und dürfen nur
der Artenbildung dienen. Sehr zweifelhaft sind aber viele von
Linne und O. F. Müller aufgestellte Arten, weil diese bei-
den Naturforscher ihre Arbeiten selten durch Abbildungen er-
läutert haben, und die Urtypen des ersteren nach dessen Tode
zerstreuet worden sind. Müller 's Sammlung soll zw^ar noch
in Copenhagen existiren, aber für dieselbe hat sich noch kein
Kiener gefunden.
Daher hoffe ich, dafs die hier folgende Bestimmung zweier
von Müller beschriebenen Ilelices, welche, o_bgleich dessen
Beschreibungen derselben classisch genannt werden können,
dennoch unbegreiflicher Weise verwechselt worden sind, den
Freunden der Wissenschaft nicht ganz unwillkommen sein
wird; und wenn dieser Beitrag nur unbedeutend ist, so wird
er vielleicht Veranlassung zu Untersuchungen vieler anderci
von beiden grofsen Autoren aufgestellten Arten geben. Zu-
gleich liefert dieser schon so lange bestehende Irrthuni einen
*) Man denke nur an Gray 's Mactradae.
22*
336
Beweis für die Mifslichkeit des Absclireibens, ohne hinreichende
Untersuchung der Urbeschreibung.
Die Helix rosacea Mull, ist nemlich immer für dessen
IT. lucana gehalten worden, unter welcher Benennung sie sich
in sehr vielen Sammlungen befindet, auch öfter beschrieben
und abgebildet ist. Von der wahren H. lucana des Müller
finden wir nirgends eine Abbildung, und nur wenige unvoll-
kommene Beschreibungen; sie scheint sehr selten zu sein.
Ohne Zweifel hat der sonst so sorgfältige I. S. Schröter
Veranlassung zu dieser Verwechselung gegeben; denn im 2ten
Bande seiner Einleitung Seite 253 beschreibt er offenbar, wie
wir diefs weiter unten aus Müllers Diagnosen und Descri-
ptionen sehen werden, die IL rosacea, und liefert Tab. IV.
fig. 9. eine Abbildung derselben, sagt aber: „das ist die
Schnecke, die der Herr Conferenzrath Müller JJ. lucana
nennt, von der Ich aber nicht glaube, dafs sie Argenville
in seiner Conchyliologie T. 28. fig. 7. abbilde." Dies ist um
so auffallender, da Schröter auch im Besitze der wahren ff.
lucana war; denn einige Zeilen vorher finden wir die Worte:
„Ich besitze von dieser Erdschnecke zwei Abänderungen. Die
eine ist ganz weifs, der "Wirbel mehr gedrückt, und sie hat
bald den Bau der Waldschnecke, der Nabel ist ganz offen,
und man kann durch ihn alle Windungen sehen; der Mün-
dungssaum ist inwendig versilbert." Unstreitig Müller 's U.
lucana, welche Schröter für eine Varietät der so höchst
verschiedenen IL rosacea hält, die er als die lucana beschreibt.
Zwei Jahre später (1786) giebt Chemnitz (Conchylien-
Cabinet Bd. IX. Abtheil. II. Seite 124) eine Diagnose der H.
lucana Mülleri, liefert aber dazu (t. 130. f. 1155.) eine Ab-
bildung, welche in Farbe und Gröfse der H. rosacea gleich
kommt, in ihrer Form aber sich der H. lucana nähert; und
da sie nicht von der Müudungsseite gezeichnet ist, so war sie
nicht im Stande, den von Schröter begangenen Irrthum zu
verbessern.
1788 beschreibt Gmelin (Lin. S. N. ed. Xlll 1. p.
3636), indem er Müller's Diagnosen abschreibt, und dessen
Descriptionen excerpirt, beide Schnecken, mit der Veränderung
dafs er die H. lucana, H. lucena nennt, welcher letzteren er
die Schrötersche Figur als Synonym beifügt, da sie doch, wie
337
ich vorhiii gezeigt liabc, und später beweisen werde, der H.
rasacca zukommt. Allein Gmelin hat ja bekaantlicli durch
sein uncritisches Abschreiben die gröfsten Unprdnungen in der
Wissenschaft veranlafst. —
Das herrliche Werk des Ferussac kenne ich nicht. La-
ma rck (Just. nat. d. anim. saus vert. T. VI. p, 71. N. 19)
giebt ebenfalls unter der Benennung //. liicana eine Beschrei-
bung der H. rosacea. Dasselbe thut einige Jahre später Des-
hayes (Encyclop. meth. vers T.2. p. 247. iVr. 98) indem er
Lamarck's Diagnose wiederholt, und eine herrliche üescription
der II. j'osacea hinzufügt, aber immer wähnend, er habe die
H. lucana vor sich. Und derselbe Verfasser liefert uns nach-
her in der von ilmi besorgten 2ten Ausgabe des Lamarckschen
Werkes (T. Vlll. p. 94. Nr, 142) abermahls eine Diagnose
derselben Schnecke aber unter ihrem wahren Namen, statt
dafs er in einer Anmerkung zu der von Lamarck aufgestellten
Diagnose (wie er es bei andern Gelegenheiten zu thun pflegte)
hätte sagen können, dafs diese die eigentliche rosacea sei,
welche wir in diesem Werke also 2 mal beschrieben finden.
Seiner Diagnose fügt er folgende Worte bei: „M. Beck nous
a fait observer, que cette espece de Müller etait la meme
que Celle nommee H. lucana par M. de Ferussac," (also
auch Ferussac hat denselben Irrthum begangen) „cette indi-
cation d'un savant aussi recommandable que M. Beck est im-
portante en ce qu'elle met a meme de rectifier lasynonymie
des deux especes. Ce qui est cause de l'erreur, c'est que
Ion n'a ordinairement daus les coUections que des individus
decolores de l'H. rosacea, et couune la forme est a-peu-pres
semblable a eelle du lucana" (das ist nicht der Fall, sie sind
beide himmelweit verschieden, welches deutlich aus Müllers
Descriptionen zu ersehen ist) „on a pris une espece pour
l'autre."
Dafs aberDeshayes die ächte £f. ZMCan« nicht beschreibt,
ebenso wenig wie Ferussac, beweist, dafs beide sie nicht
kannten.
In Rofsmäfsler's vortrefflicher Iconographie erhalten
wir unter Nr. 293 eine Abbildung der II. rosacea nat der
Bezeichnung IL lucana autor. (Müll.?) Der Verfasser fügt
aber hinzu: „es niufs, wenn die abgebildete Form Müllers IL
338
hicana (irrthiimlicli steht 77, luconim) wirklich ist, eine vveifs-
lippige Form geben, die dann, als die vom Autor beschriebene,
die Hauptform ist." Allein der Unterschied beider Schnecken
liegt nicht in der Farbe der Lippe, dies würde sie in der That
nur zu Abänderungen einer und derselben Art machen. Wo
wir--die 77. rosacea mit weifser Lippe finden, <la können wir
sicher sein, dafs wir ein abgebleichtes Exemplar vor uns ha»
ben; so erging es dem Schröter, dessen Abbildung nach einem
solchenExemplare gezeichnet zu sein scheint , und wodurch
zum Theil der Irrthum entstanden sein mag.
Auch in meiner Sammlung lag die 77. rosacea lange als
H. lucana; ich erhielt sie von Hrn. Dr. Eklon, welcher sie
vom Cap der guten Hoffnung mitgebracht hatte. Nach Ver-
gleichung mit Müllers Beschreibung fand ich mich veranlafst
ein Fragezeichen auf die Etiquette zu setzen; hätte ich gleich
damals etwas weiter gelesen, so würde ich erfahren haben,
was ich vor mir habe; diefs gewahrte ich aber erst, als mir
die Bemerkung des Desha^yes zu Gesichte gekommen war, und
ich nach abermaliger Vergleichung Beck's. Aussage bestä-
tigt fand..
Später erhielt ich von einem hiesigen Händler eine Helix,
zwar ohne Namen, aber auf der Etiquette standen die Worte:
vom Elephantenflusse. Es war mir nicht möglich eine Abbil-
dung oder Beschreibung dieser Schnecke aufzufinden, bis ich
mich wieder an den Müller wandte, und zu meiner grofsen
Freude fand, dafs ich ein Exemplar seiner H. hicana vor mir
habe. Jetzt war ich im Reinen, und im Stande, gegenwärti-
gen kleinen Beitrag zur Kenntnifs beider Schnecken zu liefern ;
bin aber gezwungen, da diefs mein erster conchyliologischer
Versuch ist, um Nachsicht mit dieser kleinen Arbeit zu bitten.
Ich werde jetzt eine Diagnose beider Helices nach meinen
Exemplaren aufstellen, und als Beweis für die Richtigkeit mei-
ner Behauptung jedesmal Müllers Diagnose und Description
hinzufügen.
Helix lucana Müll Taf. IX. fig. 1. 2.
77. testa depresso-glohosa, apcvte nmhilicaia, suhpellu-
cida, niiida, supra luteo-fuJvescenfe, suhtus et in sutiiiis
alba; apertuva lunari, peristomale solido, albo, le/iexo,
extremitalihus convergenlihus.
339
Die beiden Querdiirdimesser lOf ' und 8.]''', vom Wir-
bel bis zur tiefsten Stelle des Mundsaumes, 9^"'. Axe (vom
Wirbel bis zum Nabel) 6|'".
Vaterland: Südafrika, beim Elepbantenflusse.
0. F. Müller, verm. terrestr. et fluviatil. etc. liistoria
Vol. IL Seite 75. Nr. 270. f.:o^.,(
1. S. Schröter, Einleitung Band II. Seite 253. Nr. 265.
Erste Abänderung.
Chemnitz, Gonch. Cab. Band IX. 2te Abtheilung.i Seite
124. IL lucana. — (Tab. 130. f. 1155?)
IL lucena Gmelin, L. S. N. I. Seite 3636.f Nr. -78. syno-
nymis exclusis. (lonas.)
IL lucana. ,':2,/i
H. testa subglobosa, umbilicata, subtus gibba, hibro re-
flexo, candido. Argenv, conch. I. t. 28. f. 7.
Diam. 13'".
H. nemoralem refert, ^t diversissima. Testa globosa, gla-
bra, pellucida, absque striis, fasciis autmaculis, vertice obtuso.
Anfractibus quinque, extunus valde convexus, elatior ma-
gisque eflfusus, quam in neuiorali. Centrum ad apicetn usqpe
pervium. ümbilicus distinctus anfractibus in eo conspicuisi.
Apertura lunata. Labrum crassum, reflexum, politissiraum, et
quasi argeutatum, labio anfractui incumbente.
Testa variat tota Candida, vel supra lutea, subtus et in
junctura spirarum alba, labro candido. .,;,;
Vertex in figura nimis acuminatus. ■.•:
In niuseo Spengleriano. (Müller.) ,. ;o
W'ir sehen hieraus, dafs selbst Müller die Figur des d'Ar-
genville nicht ganz ähnlich findet, daher bin auch ich der Mi^i-
nung des Chemnitz, welcher glaubt, dafs d'Argenville eine
ganz andere Schnecke vor sich gehabt habe.
HeUx rosacea Mulleri. Taf. IX. ßg. 3. 4.
IL lesta subglobosa, semi- ohtecte umbilicata, solida,
opaca, supra ex einer eo saturate rubescente, infra jtflbida;
apertura rotundato-ovata, intus politissima, fusco-purpu-
rea; perisiomatc reflexo, purpurascente -, in calluni colu-
melläre fuscwn transeunte.
Die beiden Querdurchmesser 13'" und 11'". Vom W^ir-
340
bei bis zur tiefsten Stelle des Mundsaumes 13|'". Axe, 10^"'.
Inwendig und an der Spindel ist sie von Ueberresten einer
sehr zarten, durchsichtigen, sUbervveifsen Haut, wie angeflogen.
.Vaterland: Cap der guten Hofi'nurig.j
' 'o)<0. F. Müller, 1. c. Seite 76. Nr. 272.
I. S. Schröter, 1. c. Seite 253. Nr. 265. Die andere
Abänderung. Taf. IV. f. 9.
Gmelin, 1. c. Seite 3636. Nr. 80.
H. lucanä, Lamarck, bist. nat. des anim. s. v. t. VI. p. 71.
Nr. 19.
' Encycl. meth. vers. T. IL p. 247. Nr. 98.
Helix rosacea, Lamarck bist. nat. d. a. s. v. edit. II cn-
rante Deshayes. T. VIIL p. 94. Nr. 142,
H. lucana autor. (Mull.?), Rofsmäfsler, Iconogr. I. Heft V
und VI. Seite 4. und Abbildungen Nn 293. (lonas.)
Helix rosacea.
H. testa subglobosa, subumbilicata, incarnata, transversin»
striata, labfö reflexo, fusco.
Diam. 19"'.
H. pomatiam statura refert, at major et fere umbilicata
est. Testa ventricosa intus et extus candide incarnata, striis
transversis subtilissimis, in majori anfractu suturam versus al-
bis et magis conspicuis. Anfractus quinque. Foramen centri
largum, profundum, ad verticem usque penetrans, ut jure um-
bilicus dici possit, at unicus tantum anfractus conspicuus, qui
in ipso foramine rugosus est. Apertura lunata, rosea, paries
oppositus fuscus, politissimus, rudimento argentato membranu-
läe incumbentis distinctus. Labrum reüexum, supra album. —
In museo. (Müller.)
"':'' Die jff. rö<?acca zeigt entfernt stehende deutliche Wachs-
thumsstreifen, weshalb Müller sie in der Diagnose als^r«7z<$-
versiin striata bezeichnet; die H. lucana ist aber sehr fein,
dicht und regelmäfsig gestreift, wodurch ihr Glanz fast seiden-
artig wird ; daher Müller sie glahra nennt. Letztere ist un-
ten convex, jedoch nicht so aufgetrieben, als die H. rosacea,
was Müller bewogen haben mag, diese mit der //. pornaiia
zu vergleichen; und wenn gleich beide Schnecken der ne-
inoralis und pomaiia nicht sehr ähnlich sind, so stehen sie
doch ihren Ilauptfürmcn nach in demselben Verhältnisse zu
341
einander, wie die nemoralis zur pomatia, wodurch das Er-
kennen beider sehr erleichtert wird.
Auch mufs noch bemerkt werden, dafs dena Müller wahtr
scheinlich zwei sehr grofse Exemplare vorlagen, und dafe der
Unterschied der Grüfsen seiner Schnecken von den meinigen
nicht so bedeutend ist, als es scheint; denn Müller hat sich
des Dänischen (des kleinsten) Maaftstabcs bedient, und ich
habe mit dem französischen (dem gröfsten) gemessen.
Diagnosen einiger neuen Concbjlien- Arten.
Helix calomorpha. n. sp. Taf.X. Fig. 3. 4.
II. testa imperforata, orhiculata, teniiiuscula, siipra con-
vexa, castaiiea, subtus turgida, alhescente ; spira obtusä, an-
fructibus senis planis, tenuitev oblique stricitis : siriis elcgan-
tissime granulosis, ultimo nnfractu obtuse augulato: an-
gulo fascia alba circumdato; apertura effusa, suhcjuadran-
gulari; labio castaneo , valde expauso, reflexo, juxta axin
incrassato, inferne denle albo instructo.
Diam. 2"; Axis 1" 2'"\ Aperturae altitudo, iV"; Apert.
latitudo 1". — ^
Patriam ignoro.
Helicina linguifera. n. sp.
IL testa orbiculato - discoidea , deprcssa, supra aeque
ac infra convexiuscula, glabra, nitida, alba; callu basali
circulari; anfractibus senis planulatis, suturis purum dl-
stinctis; ultimo anfractu obtuse carinato; apertura semi-
lunarii transversa, denlibus quinque linguiformibus intus
coarctata; labro simplici acuto.
Diam. 3'''.
Patriam ignoro.
Diese niedliche Schnecke, welche durch den stumpfen
Kiel des letzten Umganges in zwei gleiche Hälften getheilt
wird, ist wegen der zungenförmigen Fortsätze innerhiilb der
Mündung ausgezeichnet. Der erste derselben befindet sich
au der unteren Vereinigung des Lippenrandes mit der Spin-
342
del, bildet wie die übrigen einen plattgedrückten zungenfönni-
gen Zahn, welcher schräg in die Höhe steigt; etwas tiefer in
der Mündung auf der untern Fläche des vorletzten Umganges,
gleichweit von beiden Insertionspunkten der Miindränder ent-
fernt, liegt der zweite Zahn, welcher, wie die folgenden drei,
horizontal verläuft; der dritte schwächere Zahn beginnt an
derselben Seite, 1^^ Linien tief im Schlünde, eben so weit vom
zweiten wie dieser vom ersten abstehend. Diesen drei Zähnen
gegenüber, an der inneren Fläche des letzten Umganges, er-
scheinen der vierte und fünfte Zahn ; der obere gröfsere steht
etwas mehr nach vorne, als der untere kleinere, und beide ha-
ben eine solche Stellung, dafs sie, wären sie um ein weniges
gröfser, in die Zwischenräume der drei Zähne der entgegen-
gesetzten Seite eingreifen würden.
Ampiillaria piirpurea. n. sp. Taf. X. f. 1.
^. testa sinistrorsa^ solidiuscula , ovata, exile trans-
versim striata, atro-viridi; spira elata, anfractibus quinis
aiit senis convexis, duohus aiit triBus supremis erosis, id~
timo veiitricoso; aperiura ovali, intus violaceo-purpurea,
laJjio aciito, simplici, lahio subreflexo callo columellari
continuo.
Longit. \" ^'"; Latitudo V 3'"; AperturaQ altit. 11'^';
Apert. latit. 1'".
Schwanenflufs in Australien.
Von dieser Schnecke habe ich ungefähr 20 Exemplare ge-
sehen, von denen die Meisten von der angegebenen Gröfse
waren, nur eine war zwei Zoll lang. Sie waren alle ohne
Deckel, welches um so mehr zu bewundern ist, da diese Con-
chylie sich sehr zur Faludiuenform hinneigt.
Ebendaher habe ich später eine Abänderung dieser Schnecke
erhalten. Var: testa majori, a«fractibus senis, supremis inte-
gris (haud nempe erosis); colore extus luteo-viridi, intus fu-
sco-purpureo. Sie mifst 2" 3'" franz. M.
StrutMolaria sulcata. n. sp. Taf. IX. f. 5.
St. testa elongato-conica, ochracea, sulcis latiusculis
regulariter cingulata; anfractibus octonis convexis » infc-
viorihus superne unica granulorum scrie obsolete rotun-
343
dato siih-angiilatis, ultimo dimidiam testae partem tcnente;
spiia siihtuviita , acummafa; apertura ovata, intus luteo-
fuscescente, callo labiorum albo circumdata.
Longit. 3" 3'''
Latit. \" 9'"
Patria: mare chinense.
Diese bis jetzt unbekannte Art unterscheidet sich von
der Str. nodulosa dadurch, dafs sie gestreckter und mehr
thurinförnjig ist, dafs die Umgänge des Gewindes convex, nicht
quergestreift, wohl aber mit regelmäfsigen Reifen umgeben
sind, welche, \ — f Linien breit, Zwischenräume von fast der-
selben Breite bilden. Derjenige Reif, welcher auf der gröfsten
Convexität der drei untersten Umgänge sich befindet, ist etwas
breiter als die übrigen; und trägt eine Reihe kleiner runder
stumpfer Tuberkeln.
Cassis hicarinata n. sp. Tqf. X. f. 2.
C. testa ovafo-turgida, tenui, longitudinalitei^ j'ugosö-
plicata; spii'a conoidea, airfractibus septenis vaiicosis, su-
~ p remis planiusculis, penultimo ad suturain inferiorem no-
duli/ero, ultimo superne hicarinato : carinis nodosis, inferne
striis transversis cancellato; coloreluteo-fulvo,lineis trans-
versalibus rubris, interruptis, distantihus ornata; apertura
ohlonga, lutea, labro reflexo, fusco-maculato.
Diam. longit. 1" 10'''
Patria: mare chinense.
Thracia tetragona. n. sp. Taf. X. f. 5. a. h. c.
Thr. testa corhulaeformi,inaequivalvi, transversa, qua-
drangulari, fragili, pellucida, alba, transversim tenuissime
striata; anticc rotundata, postice truncata et angulata;
umhonihus parvis, postice vergentihus; valva sinistra con~
vexiuscula, dextra inflata, gibha, margine alter am su-
perante.
Diamet. transvers. V.
— longitud. 9"'
Patriam igrioro.
Die Gattung Thracia Leach wird durch das Schlofs sa
gut charactorisirt, dafs es unmöglich ist, ein vollständiges Exem-
plar zu verkennen. Am oberen und hinteren Winkel eut-
344
springt innerhalb jeder Sclialo, dicht unter den Wirbeln, ein
horizontal liegender ziemlich grofscr löflFelföruniger Zahn, wo-
durch das Ligament seine Anheftungspunkte erhält. Zwischen
jedem LöfTel und dem oberen Schalenrande bleibt ein freier
Raum, der das Ende eines losen halbringförmigen Knöchelchens
aufnimmt, welches beiden Schalen beim Oeffnen und Schliefsen
zum Drehpunkte dient.
Taf. X. flg. 5. b. die rechte Schale.
a. der Löffel.
— c. die linke Schale.
ß. der Löffel.
/. das halbringförmige Knöchelcheu in
seiner natürlichen Lage.
Venus pachyphylla. n. sjj. Tab. IX. fig. 6. 7.
V. testa oblique cordata, iiiaequilatera, posticc sub-
angulata, Crassa, tuinida, luteo-fidva, obscuve fusco-tiira-
diata, transversUn riigoso-striata: rugis inferne et antice
in lamellas ci'assas, erectas transeuniibus; natibus tumidis,
umbonibus parvis, fere contigiiis et ad lunidam vergcnti-
hus; lunula ovato-lanceoJata, depressa, striata et linea itn-
pressa circumscripta; intus lactea, margrnibus tenuissime
crenatis, cardine utriusque valvue dentibus tribus diver-
gentibus; impressio?iibus muscularibus pro/undis.
Diam. longit. 1" IV"
— transvers. 2" 3'".
Patria: raare chinense.
Diese Venus ist in Gröfse, Form und Zeichnung der
Crassatella tumida (Ven^ ponderosa Gmel. Chen). VII. t.
69. lit. a — d.) sehr älinlich; doch sowohl die gcnerischen Cha-
raktere, als auch die stärkere (^uerstreifung und die Lamelleu
unterscheiden sie.
N a c h t r a i^.
In Knorr's Vergnügen der Augen und des Gemüths,
13.3. Taf. 3. f. 1. ist enie Schnecke abgebildet, deren später
von keinem Autor Erwähnung gescliieht; sie ist nicht von der
Müudungsseite gezeichnet, und daher die Gattung derselben
345
schwor 7,11 bestimmen. Wahrsohoinlich cxistirte damals nur
<las eine Exemplar, das der Zeichnung diente; jetzt aber hat
man mehrere gefunden, von denen ich zwei besitze, welche
der Knorrschen Figur so ähnlich sind, als sei dieselbe nach
ihnen gezeichnet. Die Mündung zeigt die Gattungs-Charaktere
der Achatinen.
Eine Diagnose derselben hier liefernd, nenne ich sie
Achatina Knorrii.
A. testa ovafa, ventricosa, decussata, siipernc intense
rosea, inferne ex loseo alhescente, flammis longitudinalibiis
fiiscis inferne latiorihus, ad hasin confluentihus , ibique ni-
gresceTitihus eleganter picta; anfractihus senis convexis
duolnis infimis infra suturam linea impressa circumdatis,
idtimo spira longiorc, spira conica, ohtusa; apertura oh~
longo -ovata, intus alba, lahjo liniho fusco marginafo; co-
Jumella arcnata, calJosa, nitida, alba.
Longit. 2" 11'".
Latit. 1'' 8"'.
Aperturae altitudo i" 10'''
Epidermis viridi- flava est.
Patriam ignoro.
Knorr, Vergn. d. Aug. u. d. Gem. Theil III. Taf. III.
Fi?. 1.
Bericht über die Ergebnisse meiner Reise nach
Cuba im Winter 1838 — 1839.
Von
Dr. Louis Pfeiffer in Kassel.
Als ich im Frühjahr 1S3S den Plan zu einer naturhistorischen
Reise nach Cuba entwarf, lag demselben die Ansicht zum
Grunde, es werde bei der unbedeutenden Gröfse der Insel
möglich sein, dieselbe in einer verhältnifsraäfsig kurzen Zeit
vollständig zu bereisen und ihre botanischen und zoologischen
Schätze möglichst zu ergründen. Als ich mich einiger Vor-
. Studien wegen im Sommer in Berlin befand, wurde der Zweck
meiner Reise von hochgestellten und hochverehrten Personen,
vorzugsweise Herrn Minister v. Altenstein und Herrn Alex.
V. Humboldt, für so wichtig erkannt, dafs von Seiten der
k. preufsischen Regierung mein Freund, Hr. Eduard Otto,
ein mit allen erforderlichen Eigenschaften in reichem Maafse
ausgestatteter Mann, zu gleichem Zwecke ausgesandt wurde.
Zugleich veranlafste ich Hrn. Doktor Gundlach, der im näch-
sten Jahre eine naturhistorische Actienreise nach Surinam beab-
sichtigte, sich vorerst uns anzuschliefsen, um dann später von
Cuba aus seine Reise fortzusetzen. — Von der Mitte Septem-
bers an reisefertig konnten wir leider erst gegen Ende Okto-
bers von Hamburg abfahren, und hatten das Mifsgeschick einer
durch widrige Winde und schlechtes Wetter bis zu 70 Tagen
verlängerten Fahrt. Dadurch wurde es nöthig, dafs ich fiir
meine Person, durch Familienverhältnisse gebunden und auf
eine nun sehr verkürzte Frist beschränkt, meinen Plan einer
völligen Durchstreifung der Insel von vorn herein aufgeben und
mich damit begnügen mufste, von allen verschiedenartigen Lo-
kalitäten Etwas zu sehen und einige einzelne Gegenden gründ-
347
licher zu durchforschen. — Die einzelnen Zweige der Natur-
wissenschaft unter uns vertheilend, arbeiteten wir 3 Reisege-
fährten uini die nächsten Monate hindurch gemeinschaftlich,
und, wie ich hoflfe, nicht ohne genügenden Erfolg. Im März
konnte ich dann, völlig befriedigt durch die allgeuieinen Kennt-
nisse und Naturgegenstände, welche der kurze Aufenthalt im
Tropengebiete mir dargeboten hatte, meine Rückreise antreten,
weniger bedauernd, dafs ich selbst allem Herrlichen so bald
den Rücken zuwenden mufste, da ich treue Mitarbeiter zurück-
liefs, die das angefangene Werk der gründlicheren Erforschung
der Insel Cuba kräftig fortsetzen, und da mich der befriedi-
gende Gedanke begleitete, dafs alle durch diese Unternehmung
gewonnenen Bereicherungen unsrer Kenntnisse wenigstens durch
mich veranlafst worden seien.
Was nun die bisherige Ausbeute in den einzelnen Thei-
len der Naturwissenschaft betrifltt, so. lag es in den Umständen,
dafs speciellere Forschungen im Gebiete der Pflanzenwelt mir
durch die beschränkte Zeit verboten wurden; und da gerade
diese der Hauptzweck meines Freundes Otto waren, so habe'
ich, um die Kräfte nicht zu zersplittern, und damit alles Neue
und Seltene, was vorerst gefunden wurde, vereinigt bleiben
möchte, nur diesen in seinen Bemühungen zu unterstützen
gesucht. Nothwendig wird dadurch die Uebersicht über das
Ganze erleichtert.
Au Säugethieren ist die Insel bekanntlich sehr arm; doch
bot das interessajite Genus Capromys einige beraerkenswerthe,
und die Familie der Chiropteren auch ganz neue Arten dar;
was in diesem Fache, so wie in den reichen Gebieten der
Ornithologie und Amphibiologie geleistet worden ist, darüber
wird erst dann Rechenschaft abgelegt werden können, wenn
die auf unbegreifliche Weise verzögerte Ankunft eines Theiles
von meinen und Doktor Gundlach's Sammlungen erfolgt
sein wird. '
An Insecten, Crustaceen, Anneliden, Medusinen u. s. w.
war die Ausbeute schon in der ersten kurzen Zeit nicht unbe-
deutend. Die Ergebnisse werden seiner Zeit V9n kundigerer
Hand publicirt werden.
Dagegen kann ich es mir nicht versagen, schon jetzt, ob-
gleich auch in dieser Beziehung durch jenen Unfall noch '
348
gehemmt, über die von mir mit besonderer Vorliebe beobach-
teten und gesammelten Mollusken einige vorläufige Notizen
zu geben, da in diesem Felde ein überraschender Reichthum
von neuen und interessanten Erscheinungen sich darbot. Vie-»
les ist schon bekannt und beschrieben, wie mich genaue Ver-
gleichung mit den trefflichen Werken von Ferussac (durch
Herrn Hofraths Menke Gefälligkeit mir zugänglich geworden),
Deshayes, Lea etc., so wie mit einigen ausgezeichneten
Sammlungen, überzeugt hat; von vielen Arten aber, namentlich
den kleineren, habe ich nirgends eine Notiz finden können.
Von mexicanischen Land- und Süfswasserkonchylien besitze
ich selbst eine nicht unbedeutende Anzahl, habe aber nirgends
eine Uebereinstimmung der Formen entdecken können. Da-
gegen fehlen in meinem Verzeichnisse mehrere interessante
Arten, von denen ich gewifs weifs, dafs sie aufCuba vorkom-
men, die ich aber nicht selbst gefunden habe. Durch weitere
Untersuchungen wird sich vielleicht allmälig eine vollständige
Monographie der cubanischen Mollusken begründen lassen. —
Einstweilen möge hier folgen eine:
Uebersicht der im Januar, Februar und März 1839 auf Cuba
gesannnelten Mollusken.
Unter den reichen Naturschätzen, welche die meisten tro-
pischen Gegenden uns bieten, nehmen die Mollusken durch
Manchfaltigkeit und Schönheit der Formen keinen der gering-
sten Plätze ein. Namentlich bieten die westindischen Inseln
eine grofse Menge von Land- und SüfswassermoUusken dar,
die noch lange nicht vollständig beobachtet worden sind, vor-
züglich, da es scheint, dafs jede der gröfsern Inseln ihre eigen-
thiimlichen Bewohner hat, die sich mit wenigen (zweifelhaften)
Ausnahmen auf den übrigen nicht wiederfinden. Weniger ist
dies der Fall mit den Seeconchylien, welche überhaupt nicht
so zahlreich und schön wie in den ostindischen Gewässern,
mehr oder minder allen tropischen amerikanischen Küsten ge-
meinschaftlich, ja theilweise dieselben sind, die im Mittelmeere
und in den asiatischen und australischen Meeren gefunden
werden. Die Landschnecken hingegen, die ich auf Cuba ge-
sammelt habe, sind durchgängig Arten, welche von denen der
übrigen schon vielseitiger ausgebeuteten westindischen Inseln
349
specifisch verschieden sind,, oder, wo man äliiiliclie Formen
auf verschiedenen Inseln findet, unterscheiden sie sich wenig-
stens als konstante Varietäten. Ebenso weichen sie auch, so weit
meine Kenntnifs geht, völlig von den im benachbarten Mexico
lebenden Arten ab, und ich glaube, wo die älteren Autoren
als Vaterland irgend einer Art die Antillen überhaupt angeben,
da wird in der Regel nur eine einzige Insel, ja vielleicht nur
eii)e kleine Gegend einer Insel der wahre Fundort sein. Auch
sind häufig die Nachrichten über den Fundort der meist von
Schifl'skapitänen oder Matrosen nach Europa gebrachten Con-
cliylien unzuverlässig, und namentlich die Angaben der älteren
Sammler, weil man sich mit allgemeinen Notizen begnügte,
und auf specielle Kenntnifs der Fundorte wenig oder gar kei-
nen Werth legte.
Da ich Gelegenheit gehabt habe, eine ziemliche Menge
von Arten mit den lebenden Bewohnern zu beobachten, so bin
ich im Stande, nicht allein über manche der schon bekannten
Berichtigungen zu geben, sondern auch eine Anzahl von neuen
bisher unbeschriebenen Arten aufzustellen, welche ich dem-
nächst in einer besondern Schrift ausführlicher beschreiben
und abbilden werde. Doch wird eine vorläufige Uebersicht
der hauptsächlichsten von mir selbst an der Nordküsta von
Cuba beobachteten Mollusken jener, gröfsere Mufse und ge-
nauere Vergleichung aller literarischen Ilülfsmittel erfordernden
Arbeit nicht unzweckmäfsig vorangehen. Dabei kann ich frei-
lich auf Vollständigkeit nicht den geringsten Anspruch machen,
indem mein eigner Aufenthalt auf der Insel zu kurz, auch viel-
leicht die Jahrszeit nicht die günstigste war: dies ist jedoch
ein Mangel, welchen die weiteren Forschungen meines noch
auf Cuba verweilenden Reisegefährten, Dr. Gundlach, all-
mälig verringern werden.
Ich werde die von mir gefundenen Arten nach der in
Menke's geschätzter Synopsis angenommenen Reihenfolge
aufzählen, von den neu aufzustellenden Arten eine kurze
Diagnose hinzufügen, aber alle weiteren Beobachtungen über
die Thiere, wie auch die ausführlichere Beschreibung der Ge-
häuse, jener gröfsern Arbeit vorbehalten.
Cl. I. Cephalopoda.
1. Spirula Peronii Lam. — Aufserdem mehrere noch
V. Jahrg. 1 Band. 23
350
genauerer Untersuchung bedürfende mikroskopische Arten
der dritten Ordnung.
Cl. III. Gasteropoda.
2. Ancylus havanensis Pfr. — Testa subelliptica, tenui,
albida; mucrone obtuso, obliquo, sublaterali. -— Long. 3,
lat. 2, alt. i\"'.
3. Aplysia sp.
4. Bulla ampulla L.
5. — striata Br.
6. — sp. pygmaea.
7. Onchidium sp.
8. Helix auricoma Fer. (microstoma Lara.)
a. maxima Fer. t. 46. A. f. 9.
ß. media Fer. t. 46. f. 7. 8.
y. minima (Hei. noscibilis Fer. t. 46. A. f. 8?)
9. Helix Bonplan dii Lam. — Fer. t. 26. A. f. 2. Be-
schreibung und Abbildung nach ausgeblichenen Exemplaren.
10. Helix circumtexta Fer. (multistria'ta Desh. 158.)
«. major Fer. t. 27. A. f. 4. 5.
ß. minor Fer. t. 27. A. f. 6.
11. Helix punctulata Sow.? c. varietatibus.
12. Helix fragilis Pfr. — Testa subdepressa, tenuissima,
laete cornea, oblique costata, umbilicata; anfract. 4 con-
vexiusculis; labro acuto, simplice, versus umbilicumreflexo;
apertura suborbiculari. — Diam. 4, alt. 3'". — Hat Aehn-
lichkeit mit jungen Exemplaren der Hei. Bonplandii, welche
ebenfalls eine Andeutung von Querfalten haben, aber viel
platter und ein wenig gekielt sind.
13. Helix turbiniformis Pfr. — Testa trochiformi, corneo-
albida, tenuissime striata, anguste umbilicata; anfract. 5;
vertice acuto, albo; apertura ovata. — Diam. bas. 8^^
alt. 2i'^'. — Nahe verwandt mit H. pyramidata Dr.
14. Helix paludasa Pfr.— Testa depressa, umbilicata, Cor-
nea ; anfract. 5, oblique rugulosis, superne planulatis, inferne
ventrosis; labro angulatim expanso ; apertura obliqua lunata,
dente parvulo albo calloso labri medio opposito. — Diam. 4^,
alt. 2'^'. — Von unten sind nur die beiden äufsersten con-
vexen Windungen zu sehen, die übrigen verlieren sich in
dem bis zur Spitze gehenden engen Nabel. — Am nächsten
351
verwandt mit Hei. corcyreas, und übrigens im Habitus, ab-
gesehen von der Mündung, mit auriculata Say und triodonta
Jan. (texasiana Moric.?). — Im Sumpfe des botanischen
Gartens zu Havana.
15. Helix tichostoma Pfr. — Testa valde depressa, hyalina,
late umbilicata, tenuissirae striata; anfract. 5; apertura trian-
gnlato-ovali, Jamiiia callosa horizontali aufractus penultimi
dimidiata. — Diam. 2^ — 3, alt. 1"^ — Unterscheidet sich
von allen mir bekannten Arten durch den demJMundsaume
entgegenstehenden, sich in die Mündung hineinerstreckenden
Zahn, wodurch die verletzte Windung scharf gekielt er-
scheint.
16. Helix vor t ex Pfr. — Testa subdepressa, hyalina, anguste
umbilicata, subcarinata; anfract. 5 obsolete oblique striatis;
sutura profunda; labro simplice, acuto, ad umbilicum sub-
reflexo; apertura lunari. — Diam. 3 — StV, alt. 1 — l^V"'.
17. Helix Boothiana Pfr. — Testa conoidea, hyalina, an-
guste umbilicata, minutissinie striata; anfract. 5 convexis;*
labro acuto ad umbilicum reflexo; apertura suborbiculari.
Diam.3, alt. 2|--2^'". — • Amico Don Carlos Booth
dicata!
18. Helix pusilla Pfr, — Testa turbinato-depressa, angustis-
sime umbilicata, fulva, nitida; anfract. 5, ultimo basi pla-
niusculo; apertura depressa, lunata; labro simplice, acuto.
Diam, 1-|, alt. 1'^'. — Von Hei. fulva kaum zu unterschei-
den, nur etwas gröfser, merklicher genabelt, das Gewinde
etwas höher und die Basis flacher.
19. Bulimus canimensis Pfr. — Testa ovato-turrita, tenui,
obsolete striata, albida, strigis longitudinalibus pallide cor-
neis ornata; sutura crenulata; anfract. 10 planiusculis, ul-
timo carina alba obtusa instructo, basi subperforato; peri-
stomate albido, patente, ad umbilicum subreflexo, orbicu-
lari. — Long. 7 — 8, diam. 3'". Aperturae diam. 2'".
20. Bulimus turricula Pfr. — Testa ovato-acuta tenui,
confertissime striata, albo corneoque marmorata; spira co-
nica, acuminata; anfract. 8 — 9 convexiusculis, ultimo obso-
lete carinato, vix umbilicato; peristomate albo reflexo, or-
biculari.
of. major. Long. 4\, diam. 2'". Aperturae diam. 1^'",
23*
352
ß. minor. Long. 3, diam. If '". Apert diam. ly.
21. Bulimus nitidulus Pfr. — Testa parvula, oblonga, so-
lida, nitidula, fulva; sutura profunda; anfract. 5 convexis,
scalariformibus, ultimo subperforato ; labro albo, incrassato,
reflexo, niarginibus approximatis ; apertura ovata. — Long. 2,
diam. I'".
22. Achatina vexilliim Lara.
a. alba, viridi-lineata (Achat, crenata Svvains.) Fer. 1. 121,
fig. 1. 2.
ß. varie picta, apice rosea.
23. Achat in a octona Menke (Bulimus Er., Lara.)
24. Achat ina subula Pfr. — Testa turrito-subulata, diaphane
cerea; anfract. 7 planiusculis, ultimo subperforato; colu-
mella obsolete truncatula; labro acuto; apertura oblonga. —
Long. 4— 5, diam. 1^ — 1^'". — Apertura 1^"' longa, f"
lata. — Nahe verwandt mit A. octona. Die Spindolsäule
ist so wenig abgestumpft, dafs der Uebergang zu Bulimus
auch hier unverkennbar ist.
25. Achatina gracillima Pfr. — Testa subuliformi imper-
forata, sordide alba, longitudinaliter costata; costis regula-
ribus subconfertis, vix obliquis; anfract. 7 — 8 planulatis;
columella ad basin usque protracta; labro inferne expanso,
apertura subtriangulari. Long. 3^, diam. 1'". Apertura 2^"
longa, basi -V'" lata.
26. Achatina exilis Pfr. — Testa exili, imperforata, acicu-
lari, hyalina, sub lente longitudinaliter striata; anfract. 8 con-
fertis planulatis; labro acuto ; apertura ovato-oblonga. —
Long. 3, diam. |'". Apertura -^"' longa, ^'" lata.
27. Polyphemus*) oleaceus Pfr. (Achat, oleacea Fer.
Desh. 23. — Guerin magas. de Conchyl. 1830, t. 3.)
28. Polyphemus subulatus Pfr. — Testa cylindrica, utrin-
que attenuata, cornea, pellucida; anfract. 6 planulatis, infra
suturam linea opaca notatis; labro sinuato; apertura angusta,
oblonga, spira breviore. — Long. 6, diam. If '". Apert. 2Y^^
longa.
*) Nicht allein wegen dei- Gestalt der Spindelsäule, sondern vor-
züglich wegen der abweichenden Bildung des Thieres, welches einen
2theiligen Rüssel hat, mufs diese Gattung von Achatina wohl unbe-
dingt getrennt werden. (Vgl. Fer. t. 136. f. 1 — 4.)
353
29. Pol\ itliemus sutur^lis Pfr. — Testa ovata, virenti- .
Cornea; spira bievi, conica; sirtiira profunda, livida vel rii-
gricante; aufract. 5 convexis, ultimo spiram longe superante,
apertnra oblonga. — Long. 4^, diani. 2'". — Apert. 3'"
longa.
30. Clausilia elogans Pfr. — Testa dextrorsa, terete, trun-
cata, pyjlucida, albida, superne fulvicante; anfract. 12 — 13
conferüssinie oblique striatis, ultimo protracto, cylindrico,
non carinato; peristomate albo, expanso, suborbiculari.
^or. major. Long. 9 — 9^, diam. 2'".
ß. minor ventrosa. — Long. 5 — 6, diam. 2}'".
Diese ausgezeichnete Form, die ich Anfangs nach Ferus-
sac's Abbildung (t. 163. f. 10.) für gracilicoUis zu halteu
geneigt war, unterscheidet sich durch ihre Mündung und
Skulptur so auffallend von der vergröfserten Abbildung, dafs
man sie wohl nicht für dieselbe halten kann.
31. Clausilia perplicata Fer, t. 163, f. 9. Desh. 42.
32. — subula Fer. t. 163. f. 8. Desh. 41. (?)
33. — crispula Pfr. — Testa dextrorsa subcylin-
drica truncata, pallide coruea; anfract. 11 angustis con-
vexis, costulas crispo-lamellosas confertas gerentibus, ultimo
parum protracto; peristomate expanso circulari. — Long. 7,
diam. If".
34. Pupa Chrysalis Fer. 1. 153. f. 1. — Desh.29.
ß. var. Fer. 1. 153. f. 5. (Pupa Mumia Lam. 1 ?).
35. Pupa maritima Pfr. — Testa cylindraceo-conica alba;
anfract. 10 irregularibus, planiusculis, coufertim suboblique
rugosis, ultimo basi obsolete angulato, perforato, rugis ad
umbilicum confertissimis confluentibus; la])ro albo reflexo;
apertura semiorbiculari, biplicata, intus Cornea. — Loug. 16,
diam. 7"'.
ß. Plicis anfractuum 5 — 6 inferiorum obsoletis vel nuUis.
Beide sehr häufig am trocknen Seestrande bis zur Gränze
der Brandung, dicht neben Litorina muricata.
36. Pupa striatella Fer. Desh. 30?
37. Pupa Mumiola Pfr. — Testa ovata, apice depresso-co-
nica, fusco alboque variegata; aufract. 9 distanter plicatis,
ultimo basi gibberulo, subperforato; apertura ampliata, ovata.
354
intus livida, bidentata; labro calloso subreflcxo* — Long. 10,
diam. 5"'.
38. Auricula nitens Lam.
39. Auricula monile Lam.
ß. oblonga.
40. Auricula nov. spec. ?
41. Planorbis havanensis Pfr. — Testa discoidea, inferne
parum, superne magis concava, pallide cornea ; anfract, 4 re-
gulariter crescentibus, teretibus ; apertura lunata. — Diam. 5,
alt. li'"»
42. Planorbis lucidus Pfr, — Testa orbiculari, superne
convexa, subtus concava, fragili, lucide cornea; anfract. 4
subax3qualiter crescentibus, ultimo ad basin obsolete angu-
lato. — Diam. 3, alt. 1"'.
43. Planorbis albicans Pfr. — Testa orbiculari, utrinque
umbilicata, solidula, albicante vel pallide fulvicante, anfract.
3 teretibus ; labro subincrassato albo; apertura subovata. —
Diam. 2\, alt. 1'". — Dem PI. albus (hispidus) am nächsten
vervtandt.
44. Planorbis tumidus Pfr. — Speciraina incompleta, PI.
fragili affinia.
45. Physa cubensis Pfr. — Testa sinistrorsa ovali, solidula
fusco-cornea; anfract. 5 striatis, intcrdum subvaricosis, ul-
timo inflato; columellacallosa, torta; apertura ovato-oblonga.
Long. 6, diam. 3f'". — Sehr ähnlich unsrer europäischen
Ph. acuta Dr.
4ö. Limnaeus cubensis Pfr. — Testa ovato-conica, pallide
cinerco-fulvescente, minutissime decussatim striata; anfract.
5 convexiusculis, ultimo subperforato; labro acuto, ad um-
bilicum reflexo, marginibus callo albo junctis; fauce fulva.
— Long, 5, diam. 3'". — Stellt der Form nach zwischen
L. pereger und minutus in der Mitte.
47. .Helicina adspersa Pfr. — Testa depresso-globosa, so-
lida, albida, fasciis irregulariter rufo adspersis ornata; an-
fract. 5 vix convcxis; callo columellae lato, albo, ad angu-
lum inferiorem labri mcrassato et in peristoma album pa-
tulum transeunte; apertura subtriangulari, intus rufa. —
Diam. 8, alt. 6'^'. — Operculum purpureo-rufum, margine
pallidiore.
355
ß. uuicolor Candida.
y. — citrina.
In einigen Saumilungen sah ich eine dieser Art sehr ähn-
liche, kleinere Form unter dem Namen II. variabilis.
Unmöglich kann es aber die von Deshayes Nr. 20 ange-
führte sein, da diese 2 stumpfe Carinen hat.
48. Ilelicina rubra Pfr. — Testa globoso-depressa, subpellu-
cida, superne decussatim striata, aurantio-rubra, linea pur-
purascente infra suturam et cingulo albo ornata; anfract.
5 planiusculis, ultimo basi pallidiore; callo columellarialbo;
labro albo, parum incrassato; apertura subtriangulari, intus
pallide rubra. — Diam. 9, alt. 5'".
Scheint der auf Jamaica wohnenden Hei. Brownii Gray
nahe verwandt zu sein.
49. Ilelicina nitida Pfr. — Testa subdepressa, tcnui, glabra,
saturate incarnata, supra subtusque convexiuscula, apice
niucronata; anfract. 5 ad suturam rainutissime striatis; colu-
niella vix calloso; labro simplice acuto, sinuato, ad angu-
liim columellarem acute dentato. — Diam. 4, alt. 3'". —
Operculum tenue, pallide riibens.
5ü. Ilelicina hispida Pfr. — Testa globuloso-depressa, te-
nui, rufa, hispida; anfract. 4 convexiusculis; callo columel-
lari tenui; angulo columellari acute dentato; labro crassiu-
sculo juxta dentem acute inciso; apertura sublunata. —
Diam. 3, alt. 2|'".
51. Ilelicina conica Pfr. — Testa conica acuminata, subtus
convexiuscula, pallide rufa; anfract. 6 planiusculis spiraliter
confertira striatis, ultimo spiram subaequänte, ad basin sub-
angulato; callo columellari angusto; labro albo expanso
acuto ; apertura integra subriangulari. — Diam. et alt. 3^'".
— Operculum testaceum, pallidum.
52. Helicina rupestris Pfr. — Testa conica, subtus Con-
vexiuscula, citrina, spiraliter striata; anfract. 5 disjunctis,
ultimis subangulatis ; callo columellari obsoleto; apertura
integra, ovata. — Diam. bas. et alt. 2"'. — Operc. tenuissi-
nium, flavum.
ß. fuscidula.
53. Helicina rugosa Pfr. — Testa depressa, subtus con-
^cxiuscula, rubello-succinea; anfract. 5 elegantissiuie oblique
356
rugosis; callo colnmellari tenui, albido; labro albido, incras-
sato, prope angulum colnmellarem subdentato; apertura
ov^a. — Diam. 2, alt. 1"'.
54. Cyclostoma pictum Pfr. — Testa cylindrico-conica,
unibilicata, apice tnincata, tenui, pellucida, fulvo-lutea; an-
fract. 4 ventrosis, spiraliter striatis, interrupte rufo-fasciatis;
fasciis latioribus 3 — 4, reliquis linearibus; peristomate re-
flexo, incrassato, ovali. •— Long. 10, diam. 6 — V". — • Oper-
culura membranaceum, sordide albidum.
a. major fasciis punctatis.
ß. minor fasciis vix interruptis, 1'" long. 4'" diam.
55. Cyclostoma crenulatum Pfr Testa conico-oblonga
perforata, truncata, minutissime decussata, griseo-fulva, fa-
sciis vel Jineolis interruptis rufis ornataj anfract. 5 vix con-
vexis, ad suturam confertim crenulatis, peristomate cras-
siusculo, interdum duplicato; apertura ovali. — Long. 6,
diam. bas. S"'. — Operc. tenue, testaceum.
ß. minor, fascia lata rufa vel nigricante per omnes an-
fractus ornata.
56. Cyclostoma rugulosum Pfr. — Testa turrita, umbili-
cata, truncata, tenui, diaphane grisea, longitudinaliter con-
fertim rugulosa; anfract. 4 convexis, ad suturam subtilissime
crenulatis; peristomate duplice, lamina exteriore latiore, ex-
pansa. — Long. 5, diam. 2\'". — Operculum calcareum
crassura, convexum, medio ex orificio prominens.
57. Truncatella costata Pfr. — Testa imperforata, scala-
riformi, solida, nitide fulvescente; anfract. 4 convexis, re-
motecostatis; peristomate continuo, incrassato, subelliptico.
— Long. 24-, diam. \'".
58. Truncatella pulchellaPfr.— Testa imperforata ovato-
cylindrica, gracili, pellucide fulva; anfract. 4 minutissime
striatis, ad suturam subcrenulatis, ultimo semistriato ; peri-
stomate crasso, albido; apertura subelliptica. — Long. 2,
diam. \'". — Operculum tenue, corneum.
Mit Uebergehung der folgenden Gattungen, unter welcJien
sich noch eine grofse Menge von ganz neuen kleinen Arten
befindet, deren Beschreibung ohne Abbildung kaum geniigen
würde, erwähne ich für jetzt nur noch einige neue Arten
von «allerem Interesse.
59. Pedipes quadridens Pfr. — Testa ovato-globosa, iin-
perforata, solida, nitide fusca; anfract. 4 spiraliter sulcatis,
ultimo ventroso; labio columellari calloso, albo, siip^rne la-
iiiina majore dentiformi, iuferno dentibus 2 acutis instructo;
labro marfiine acute, deute uuico obtuso uotato; apertura
oblonga, juigusta. — Long. 2^, diara. 2'".
Diese an den cubanischen lausten von mir gefundene Art
der bisher räthselhaften Gattung Pe'pi^s ist offenbar nicht
dieselbe, welche Adanson bei der Insel Gorea entdeckte,
und Cp. 11, t. 1, f. IV.) so trefflich beschrieb und abbildete.
Letztere, welcher Blainville mit Recht den Namen des
Entdeckers ertheilt hat, scheint nach Rang's und Des-
liayes's Aeufserungea seit jener Zeit nicht wiedergefunden
worden zu sein; es ergiebt sich aber die völlige Richtig-
keit von Adansons Genus aus der Analogie mit der von
mir beschriebenen verwandten Art.
60. Potamides iostomus Pfr. — Testa turrita solida, nigro-
fnsca, varicibus sparsim interrupta; anfract. 11 planis, lon-
gitudinaliter plicatis, striis transversis subdecussatis, ultimo
basi striis spiralibus notato; labro incrassato, extus fusces-
cente, basi subcanaliculato; apertura integra subquadran-
gulari, intus violacea. — Long. 1", diam. bas. 6"'. -r- Oper-
culum corneum, suborbiculare, anguste spiratum.
ß. Testa nigricante, cingulo pellucide corneo ornata.
61. Potamides tenuis Pfr. — Testa turrita, tenui, longitu-
dinaliter plicata, unicolore albida, vel violaceo-fusco fa-
sciata; anfract. 11 convexis, supra suturam linea impressa
notatis, ultimo ad basin concentrice sulcato; columella basi
subcanaliculata; peristomate aeuto, tenui, patulo, dilatato;
apertura suborbiculari, intus alba vel fasciata. — Long. 13"'',
diam. 5"^
62. Litorina nodulosaPfr. (Troch. nodulosus Gm. — Ma1r-
-tinitom. V. f. 1545, 46.) — Testa oblongo-conica nigricante,
nodulis albis seriatis instructa; anfract. 5 convexis, sehe
media nodulorum subcarinatis; columella concava, fusco-
nigra, non protracta; labro acuto undulato; apertura sub-
orbiculari, intus nigra. — Long. 9, diam. 7 — S'". — Oper-
culuni tenue, corneum, anguste spiratum.
Diese, so wie die übrigen westindischen Litorinen, wozu
358
aufser der am häufigsten vorkommenden Lit. muricata auch
Phasianella angulifera, lineata, niauritiana etc. Lam. gehören,
leben fast immer im Trocknen, in den Aushöhlungen der nack-
ten Korallenfelsen, welche die Nordkiiste der Insel Cuba bil-
den, wohl 300 Schritte von der gewöhnlichen Flutligränze, wo
sie nur bei Stürmen von der See iiberspritzt werden und übri-
gens der brennenden Sonne exponirt sind. Doch macht die
Litor. tuberculata Menke eine Ausnahme; diese fand ich nur
im Wasser und überhaupt scheint der Bau ihrer Mündung
mehr einem Turbo als einer Litorina anzugehören. —
Die Fortsetzung dieser Uebersicht werde ich baldmöglichst
nachfolgen lassen.
Die dänischen Austerbänke.
von
H. Kröyer.
De danslce Osfersbanker et Bidrag til Kundskab om Danmarks
Fiskerier af Henrik Kröyer. Kjöbenhavn 1837. 8.
Anzeige vom Herausgeber.
Der thätige Herausgeber der naturhistorisk TidsJcrIff,
dem wir schon so viele werthvoUe Beiträge zu Dänemarks
Fauna verdanken, giebt uns in diesem Werkchen ausführliche
Nachricht über den Zustand der dänischen Austerbänke. W^enn
nun auch diese Schrift vorzugsweise ein staatswirthschaftliches
Interesse hat und gerade im Zeitpunkte seines Erscheinens für
Dänemark von doppeltem Interesse sein mufste, weil die Pacht-
zeit der als Regal geltenden Bänke theils abgelaufen war,
theils deren Ablauf bevorstand, und sich in Jütland mehrere
Stimmen für Freigabe der Austerfischerei erhoben hatten, so
ist doch diese Schrift auch für die Naturgeschichte der Austern
nicht ohne Wichtigkeit. Sie giebt uus ein anschauliches Bild
vom dortigen Vorkommen dieser Muschelthiere, entkräftet und
widerlegt manche bis dahin geltende Vorurtheile über ihre
Lebensweise und bietet selbst in ihrem statistisch-historischeu
Theile dem Naturforscher angenehme Unterhaltung und mannich-
359
fache Belehrung dar. Verf. beginnt in der ersten Abtheilnng
mit dem Natiirgeschichtlichen der Auster, handelt dann in der
zweiten Abtheilung von den dänischen Austerbänken, von dem
dortigen Fange und den dabei übliclien Geräthschaften, vom
schlesvvigschen und jiitländischen Austerhandel und den Auster-
dämmen. Dann folgen in der 3. Abtheilung des Werkchens
lustorlsche Nachrichten über die schleswigschcn und jiitländi-
schen Austerbänke u. dgl. Eine Kupfertafel versinnlicht die
verschiedeneu Fanggeräthe, und eine besonders erfreuliche Zu-
gabe ist eine Charte Dänemarks und der lierzogthiimer, auf
welcher sowohl die noch benutzbaren, als auch die jetzt aufge-
gebenen Bänke verzeichnet sind. Da Hr. Kröyer nicht nur die
verschiedenen Austerplätze selbst besucht und manche Notizen
an Ort und Stelle gesanunelt hat, sondern auch bei Abfassung
seiner Schrift die Register und Akten der königl. dänischen
Rentekammer benutzte, so sind die Resultate seiner Forschun-
gen gewifs so zuverlässig, wie es nur von einer solchen Arbeit
in statistischer Hinsicht gefordert werden kann, wenn sie auch
dem Staatshaushalte, wie den Freunden des Austeressens eben
keine günstige Aussicht eröffnen. Doch wenden wir uns zu
den einzelnen Abtheilungen der Schrift, so weit sie für unsere
Zwecke von Interesse snid.
Die erste, der Naturgeschichte der Auster gewidmete Ab-
theilung enthält neben vielem Bekannten auch manches Neue,
wodurch frühere Angaben ergänzt, beschränkt und theilweise
berichtigt werden. Bei einer jütländischen Auster fand Verf»
sechs Perlen, zwei von Erbsengröfse, die übrigen wie Vogel-
hagel; sonst sind sie selten, klein und von geringer Anzahl.
An den schleswigschcn Bänken findet sich neben Ostrea edu~
Vis auch 0. Iiippopus; da sie aber im Wohlgeschmacke jener
nachsteht, wird sie auch im Handel geringer geachtet. Ueber
die Geschlechtsorgane erhalten wir keinen Aufschlufs. Hin-
sichtlich der Fortpfianzungszeit ergab sich dem Verf., dafs sie
nicht gleichzeitig statt zn finden scheine. Er fand im Juli und
August Exemplare, welclie beim Oeffncn der Schale eine mil-
chige Flüssigkeit enthielten, die unter dem Mikroskope sehr
kleine, aber vollkommen ausgebildete, mit einer dünnen Schale
versehene Junge zeigten, aber solche Austern waren im Gan-
zen selten, unter 10 fand sich kaum eine. Die Meinung, dafs
360
Austflrn zur FortpHanzungszolt mager und von sclileclitem
vvässrigen Gescluiiacke seien, wird für irrig erklärt; frisch aus
der See genommen seien sie iu) Sommer eben so wohlschmek-
kend als im Winter; eben so wonig gegründet sclieint ihm die
Meinung, dafs der Genufs der Austern im Sommer ungesund
sei. Die Angabe, dafs die Austern sich nur an solchen Stel-
len aufhielten, welche nie, selbst nicht bei der stärksten Ebbe,
entblöfst werden, wird vom Verf. eingeschränkt. In den nörd-
lichen Gegenden können sie die Winterkälte im niederen Was-
ser nicht ertragen, und halten sich deshalb in gröfserer Tiefe.
Von den schleswigschen Austerbänken haben aber verschiedene
einen so niedrigen Wasserstand, dafs sie bei starker Ebbe und
gewissen Winden blofsliegen. Gleiche Erfabrungen machte
Verf. an der norwegischen Küste. An der schleswigschen
Westküste hat man öfter erfahren, dafs sich Austern im Som-
mer auf solchen Stellen ansetzen, die sogar oft bei Ebbezeit
hlols gelegt werden und dafs die Austern an diesei^ Stel-
len längere Zeit gedeihen können, wenn die Winter sehr
milde sind; tritt aber Frost ein, so unterliegen sie sogleich.
Dafs die Austern vorzugsweise an den Mündungen der Flüsse
gedeihen, wird wenigstens durch die Lage' der jutländ'schen und
schleswigschen Austerbänke nicht bekräftigt. Sehr richtig be-
merkt Verf., dafs man sich die Austerbänke nicht als Erhebun-
gen des Meeresbodens, als Klippen, Sandbänke u. s. \v. zu den-
ken habe, an denen die Austern mit ihrer gewölbten Schalen-
hälfte festsitzen, sondern darunter nur solche Stellen des Mee-
resbodens zu verstehen habe, auf denen sich die Austern in
gröfserer Anzahl vorfinden. Wo der Meeresgrund aus Klip-
pen und losen Steinen besteht, sitzen die Austern wohl theil-
vveise an den Hervorragungen der Klippen und an einzelnen
Steinen, aber viele liegen auch lose am Boden; letzteres ist
natürlich immer der Fall, wo der Boden aus Lehm, Sand oder
Schlamm besteht, aufser dafs einige in unregelmäfsigen Haufen
von 3, 4 oder 5 Individuen zusammengewachsen sind. Mehrere
als 5 — 6 finden sich nicbt vereinigt, da wenn sie in zu gro-
fsen Massen anwachsen, die untersten nicht nur in ihrer Ent-
wicklung, sondern auch im Oeffuen ilirer Schale gehindert wür-
den. Auch dafs sie immer auf der abwärts gekehrten gewölbten
Schale ruhen, ist nicht richtig. Verf. ist geneigt den Umstand,
361
dafs man auf den dortigen Bankett nicht eine weit gröfsere
Anzahl junger Individuen antriflEt, den zahlreichen Feinden der
Austern zuzuschreiben, unter denen die gefräfsigen Seesterne die
schlimmsten sind. CUona celata Graut ist insofern den Austern
nachlheilig, als durch ihre Gruppen die Schalen durchhöhlt
und durchlöchert und dadurch mürbe und zerbrecldich
werden, so dafs ihr Inwohner seines Schutzes beraubt und sei-
nen Feinden mehr blofsgegeben wird. Solche angebohrte Au-
stern werden auch von den Händlern nicht gern geuommen, weil
sie beim Einpacken leicht zerbrechen. Verf. geht noch die zum
Gedeihen der Austern günstigen und ungünstigen Umstände durch
und erklärt einen ebenen festen Grund bei 5 — 15 Faden Tiefe, wo
die Strömung nicht reifsend ist, für den geeignetsten Ort zu ihrer
Entwicklung. Zu starke Strömung entführt die junge Brut;
ebener Grund und geringere Tiefe erleichtern dAs Fischen.
Die zweite Abtheilung handelt von den dänischen Auster-
bänken insbesondere. Die Benennung dänis die ist übrigens
im dänischen Sinne gehraucht, insofern unter derselben die
schleswigschen Bänke mit einbegriffen werden, deren Austern
wir im nördlichen Deutschland nur unter dem Namen der hol-
steinschen kennen. Auch werden die Bewohner der Schles-
wig-holsteinschen Herzogthüuier nicht ganz damit zufrieden
sein» und ihre Provinzialstände lassen vielleicht unseres Ver-
fassers Schrift als Verunglimpfung ihrer Nationalität eben so
entrüstet zu den Acten legen, wie jüngst Capt. O I s e n s Charte,
welche das Herzogthum Schleswig dem Königreich Dänemark
als Provinz einverleibt und als Söderjütland bezeichnet hatte.
Doch Scherz bei Seite! Verf. mag dies bei den Schleswigern
verantworten. Uns kann es ganz gleichgültig sein, ob man
diese Bänke dänische oder schleswigsche nennt, wenn sie uns
nur fernerhin gute holsteinische Austern liefern, und wenn
wir nur wissen, dafs sie unter den jetzt der dänischen Krone
gehörigen Bänken die ergiebigsten und zahlreichsten sind. Ihre
Zahl betrug 53; aber mehrere derselben sind eingegangen, theils
versandet, theils ausgebeutet, so dais jetzt nur etwa 40 brauch-
bar sind. Sie liegen an der Westküste des Herzogthumes
Schleswig, etwa der Küstenstrecke zwischen Tondern und Hu-
sum gegenüber, zwischen den kleinen Inseln Sylt, Amrom,
Föhr, Pelworm, Nordstrand u. s. w. Fast alle diese Inseln sind
von Untiefen, den sogenannten Watten umgeben, die zur Ebbe-
362
zeit trocken liegen. Diese Watten smd von tiefen Rinnen durch-
zogen, in denen oder an deren schrägen Rändern die Austern
sitzen. Die gröfste und reichste unter den noch brauchbaren
Bänken ist Huntje oder Huncke, östlich von der Insel Sylt;
auch sind ihre Austern von vorzüglicher Güte. Leider aber
hat diese Bank ziemlich niederen Wasserstand und leidet in
strengen Wintern. Im Winter von 1829 — 1830 sollen auf dieser
Bank allein mehr als 10,000 Tonnen Austern, also circa 8 Mil-
lionen Stück erfroren sein, welche Angabe vielleicht übertrieben
ist, da sie von einem im Dienste des Austerpächters stehendeh
Aufseher herrührte. * '
Die sensu proprio dänischen Bänke, die sogenannten
fladstranske Banker liegen an der Ostseite der nördlichen Spitze
Jütlands, Skagen gegenüber. Man kann sagen, sie streichen
mit der Ostküste der Halbinsel Skagen parallel, von dereii
Nordspitze bis Hirtsholmen, und zwar so, dafs der Fischerort
Aalbeck etwa ihrer Mitte gegenüber liegt. Man nimmt drei
Bänke an, von denen die untern am meisten nördlich, Skagen
gegenüber, die mittelste vor Aalbeck, die obere südlicher gele-
gen ist. Nach einigen Angaben sollen diese Bänke bei Hirts-
holmen vorbei östlich und westlich um Läsö nach Anholt zu
hinabreichen. Auch an der Westküste Jütlands scheinen sich
nach Angaben Austerbäuke bis Hirtshals hinzuziehen. Ver-
pachtet und befischt werden aber nur die östlichen, Skagen
gegenüber liegenden Bänke. Ihr Ertrag ist sehr viel geringer^
als der der schleswigschen Bänke und ihr Absatz beschränkt
sich nur auf Jütland selbst und auf Kopenhagen, während die;
schleswigschen Aiistern nach Hamburg und von dort aus in
das nördliche Deutschland verführt werden, früher auch nach
sämmtlichen Ostseehäfen bis Reval und Petersburg versandt
wurden. In neuerer Zeit haben ihnen die englischen und hol-
ländischen Austern bedeutenden Abbruch gethan, selbst in
Hamburg, wo jetzt der Hauptstapelplatz des .schleswigschen
Austerhandels ist. Die Benennung Deputataustern, womit
man bei uns die beste schleswigsche Sorte zu bezeichnen pflegt,
rührt daher, dafs der Austerpächter verpflichtet war, nicht nur
25 Tonnen an die königl. Küche, sondern noch an die Geheimen-
räthe, Kanzlei- und Kammerpräsidenten, Kanzleiräthe u. s. w.
Deputate von 1000 — 3000 Stück zu liefern, welche sich
auf 56000 St. oder 70 Tonnen belaufen, und auf deren Güte
363
ebenfalls gehörig gehalten wurde, denn wir sehen ans dem hi-
storischen Theile des Werkes, dafs einem Pächter die Pacht
nicht verlängert wurde, weil er schlechte Deputataustern nach
Kopenhagen geliefert hatte. Kein Wunder also, dafs der
Name Deputataus tern zur Bezeichnung der besten Sorte üb-
lich wurde. Der Auster- Pächter ist verpflichtet, die Bänke
in einem eben so guten Zustande abzugeben wie er sie über-
nommen hat. Zu dem Ende werden die Bänke bei der Ue-
bergabe von einer Beamtencommission revidirt, indem sie von
beeidigten Fischern an drei bestimmten Stellen befischt wer-
den, woraus denn durch Zählung des Fanges der Zustand der
Bank abgeschätzt wird. Die Ergebnisse der verschiedenen
Revisionen von 1709 — 1830 hat Verf. in zwei Tabellen zu-
sammengestellt. Sie führen zu dem Resultate, dafs der Reich-
thum der Bänke aufserordentlich abgenommen hat, und dafs,
wenn er künftig in demselben Verhältnisse abnehmen sollte,
bald keine Bänke mehr vorhanden sein würden.
Anatomie der Apleryx australis
von
R. O w e n.
Fortsetzung von pag. 90.
(Proc. Zool. Soc. VI. Nr. 66. p. 71.)
JJa.s Respirationssystem der Vögel steht gewöhnlich in ge-
nauer Beziehung zu ilirer Flugfähigkeit; insofern mufste die
Untersuchung von Apteryx, wo die Flügel zum niedrigsten
Grade der Entwicklung reducirt sind, von Interesse sein. Nach
vorsichtiger Entfernung der Baucheingeweide fand sich keine
Spur von Luftzellen in der Bauclihöhle; das Diapliragma
war vollständig, nur zum Durchtritte des Oesophagus und
der grofsen Blutgefäfse durchbohrt, wie bei den Säugthiereu.
Die Lage des 'Diaphragma war fast horizontal, wie beim Du-
gOTig; nur in Hinsicht des Herzens und Herzbeutels verschie-
den, welche wie durch einen Bruchsack in die Bauchhöhle
hinabragten, indem sich die Aponeurose des Zwerchfelles über
das Pej'icardium fortsetzte. Im Ursprünge des Diaphragma
zeigten die Schenkel des kleinen Muskels einen höhern Grad
der Entwicklung als bei irgend einem andern Vogel ; die Schen-
kel sind durchaus sehnig und entspringen von schwachen Vor-
sprüngen an den Seiten der letzten Rückenwirbel; indem sich
ihre Fasern ausbreiten und in dem breiten aponeurotischen
Centrum verlieren ; an dem Punkte ihrer Ausbreitung zur Ver-
einigung mit der Aponeurose bemerkt man eine kleine Portion
Muskelfibern.
Die Abdominalfläche des Diaphragma ist wie bei den
Säugethieren hauptsächlich mit der convexen Fläche der Le-
ber in Berührung, die der Brust zugekehrte Fläche desselben
365
ist dagegen von den Lungen durch eine Reihe kleiner, aber
wohl bcgränzter Luftzellen getrennt, von denen eine etwas
durch die vordere Apertur der Brust -Bauchhöhle an der Ba-
sis des Halses hervortritt. Die Aptejyx behält also noch
den Typus der Vogelstruktur bei, obgleich sie der einzige be-
kannte Vogel ist, bei welchem die Luftbehälter der Lunge sich
nicht in das Abdomen erstrecken. Die Lungen sind jede von
uuregelmäfsiger etwas zusauiniengedriickter triedrischer Ge-
stalt, vorn breiter und am hintern Theile zusammengezogen.
Sie sind dcjn hinteren Theile des Brustkastens in einer der
Axe des Rumpfes fast parallelen Ebene angeheftet und von
grofsen Oeflfnungen zum Durchtritte der Li'-ft in die Luftzellen
durclibohrt. Die Bronchen treten etwa ~ ihrer Länge von
dem vorderen Ende in die Lunge ein und bilden sogleich 4
Hauptzweige, von denen 2 die respiratorische Portion der
Lunge versehen, während die beiden andern in die vorerwähn-
ten Oeffnungen für die Luftzellen endigen. In der Einfachheit
ihres Baues gleicht die Luftröhre der der straufsartigen Vö-
gel, zeigt aber keine Spur der erweiterten häutigen Tasche
wie beim Erneu. Die Luftröhre besteht aus 120 kleinen Rin-
gen, welche bis zu den letzten 20 allmälig kleiner werden.
Der obere Kehlkopf ist weder mit einem Rudiment der Epi-
glottis, noch mit rückwärts gerichteten Papillen versehen; ein
kleiner Fortsatz tritt von ihrem vordem Theile zur Hälfte
über den Kehlkopf vor. Ein unterer Larynx findet sich nicht;
die Ringe der Bronchen setzen nur mit geringer Abnahme
der Dicke von den beiden letzten der Trachee fort, welche
letztere in Gröfse zunehmen. Die Luftröhre ist nnten durch
eine Membran geschlossen, welche die Bronchialknorpel an
ihrer unteren Seite ergänzt und die Halbringe der Bronchen
sind durch eine Membrana tympaniformis oben und unten ver-
vollständigt. Es finden sich 2 Sternotracheal- Muskeln, die
von der Innern Fläche eines jeden Os coracoidewn entsprin-
gen. Die befestigte Lage der Lungen und die Existenz von
Luftzellen zwischen Lunge und Zwerchfell beweisen, dafs die
Inspiration nicht allein durch die Wirkung des Zwerchfells
bewerkstelligt werden kann, sondern wie bei den übrigen Vö-
geln dadurch, dafs das Brustbein hinabgedrückt und der Win-
kel zwischen den Wirbel- und Brustrippen vergröfsert wird.
V, Jahrg. 1 Band. 24
366
Die Knochen der ^pteryx sind nicht pneninatisch und
zeigen nicht die rein weifse Farbe, welche das Skelett ande-
rer Vögel charakterisirt. Ihre feste und etwas grobe Textur
gleicht eher denen der Saurerknochen. Die Wirbelsäule be-
steht aus 15 Hals-, 9 Rücken- und 22 Lenden-, Sacral und
Schwanz wirbeln. Der 3tfe bis incl. 6te Rückenwirbel zeigen
eine schwache Anchylose durch die einander berührenden
Ränder ihrer Dornfortsätze; doch glaubt Hr. Owen, dafs un-
geachtet dieser Anchylose eine nachgiebige elastische Bewe-
gung zwischen diesen Wirbeln doch statt finden kann. Ein
kurzer stumpfer Fortsatz geht schief nacli vorn ab, von der
unteren Fläche des Körpers der 4 ersten Rückenwirbel; die
Artikulation zwischen den Körpern geschieht durch Einfügung
einer in vertikaler Richtung schwach concaven, in querer Rich-
tung convexen Fläche am hinteren Ende eines Wirbels in die
entgegengesetzte gekrümmte Fläche am vorderen Ende der
Folgenden. Nahe der vorderen Fläche an jeder Seite ist eine
kleine hemisphärische Grube zur Aufnahme des runden Kopfes
der Rippe. Die Querfortsätze sind breit, flach, viereckig,
mit schief abgestutztem vorderen Winkel zur Aufnahme der
angrenzenden Tuberkeln der Rippen. Sie sind nicht unterein-
ander durch knöcherne Fortsätze verbunden, sondern ganz
frei wie bei den straufsartigen Vögeln. Der Dornfortsatz
entspringt von der ganzen Länge des Bogens eines jeden W'ir-
bels, ist oben abgestutzt und mit Ausnahme des ersten durch-
weg von gleicher Breite. Alle Dornfortsätze sind sehr zusam-
mengedrückt, die mittleren die dünnsten, an ihren abgestutzten
Enden schwach ausgebreitet. Die Länge der Dorsalregion be-
trägt 4". Die Länge der Wirbelsäule hinter den Rückenwir-
beln mit Einschlufs des Zwischenraumes der Ossa innominata
3". Die ersten 4 und der neunte und zehnte Kreuzwirbel
senden auswärts untere Querfortsätze. Die Löcher für die
Nerven durchbohren die Basis der Bogen der Kreuzwirbel, sie
sind doppelt in den vorderen aber einfach in den hinteren
zusammengedrückten Wirbeln, wo sie nahe dem hinteren Rande
liegen. Die Halswirbel zeigen alle Besonderheiten des Vogel-
typus, der einwärts gekehrte Knochenbogen zum Schutz der
Carotiden zeigt sich zuerst entwickelt von der inneren Seite
der unteren Querfortsätze des zwölften Halswirbels, aber die
367
beiden Seiten des Bogens sind niclit durch Anchylose verbnn-
den. Der Dornforlsatz ist dick und stark in der Vevtebra
deniala, ninnnt aber progressive bis zum Tten Wirbel ab, wo
er zu einem blofsen Höcker verkleinert ist; er erscheint ara
Uten Wirbel wieder und nimmt progressive bis zu denRiicken-
uirbeln zu. Der breite Kanal an jeder Seite für die Verte-
bralarterie und den sympathischen Nerven wird durch Anchy-
lose einer rudimentären Rippe an die Enden eines oberen und
unteren Querfortsatzes gebildet. Das Rückenmark ist am we-
nigsten geschützt durch die Wirbel in der Mitte des Hajses,
wo die IJewegung am meisten ausgedehnt ist. Die Länge der
Halsregion beträgt 7". In den ersten 15 Wirbeln sind die
Rippenanhänge anchylosirt; in den 9 folgenden Wirbeln schei-
nen die Rippen beweglich zu bleiben; die erste ist ein dü^-
ner Stiel von etwa 1" Länge, die übrigen zeichnen sich durch
ihre Breite aus, die relativ gröfser als bei jedeni andern Vo-
gel ist. Die zweite, dritte, vierte und fünfte Rippe artikuliren
mit dem Brustbein durch einen zierlichen Sternaltheil. Die
Fortsätze der Vertebralrippen sind in der 2ten — incl. 8ten
entwickelt; sie articuliren mit breiter Basis mit einer Spalte
im vorderen Rande dieser Vertebralrippen ein wenig unter ih-
rer Mitte; die der 3ten, 4ten, 5ten und 6ten Rippe sind die
längsten und überragen die folgende Rippe; diese Fortsätze
waren in dem beschriebenen Exemplare nicht anchylosirt.
Die vier ersten Sternalrippen sind in die Quere ausgebrei-
tet an ihrem Brustbeinende, welches eine concave mit weichem
Knorpel und Synovialhaut ausgekleidete Oberfläche darbietet
und an einer entsprechenden glatten Convexität in dem Co-
stalrande des Sternums spielt, welches auf diese Weise 4
wahre Enarthrodialverbindungen mit Kapselligamenten an jeder
Seite darbietet. Das Brustbein ist auf den niedrigsten Grad
der Entwicklung reducirt. In seiner geringen Gröfse und in
der völligen Abwesenheit des Kiels gleicht es dem der stranfs-
artigen Vögel, unterscheidet sich aber durch Anwesenlieit zweier
fast kreisförmiger Löcher jederseits der Mittellinie, so wie
durch den weiten vorderen Ausschnitt und die viel gröfsere
Ausdehnung der beiden hinteren Fissuren. Der vordere Rand
zeigt keine Spur eines Manubrialfortsrizes wie beim Straufs,
vielmehr ist der Zwischenraum zwischen den Geleukhühlen
24*
3G8
<\er O. coracoidea tief concav. Die Gclenkfläclio filr din O.
coracoidea^Ki eine offene Grube, an welcher aufserhalb die
vorderen Winkel des Brustbeins in zwei starken dreieckigen
Fortsätzen mit stumpfer Spitze hervortreten. Der Costalrand
ist verdickt und zeigt von vorn gesehen eine wellenförmige
Contour; die Breite jeder seitlichen Perforation ist fast so
grofs wie die des knochigen Zwischenraumes; bei dem beschrie-
benen Individuum hatten sie nicht ganz symmetrische Lage.
Die Ausdelinung der hinteren Ecken ist gleich der Hälfte der
ganzen Länge des Brustbeins.
Das Schulterblatt und das Os coracoideum sind durch
Anchylose verbunden. Eine kleine Perforation vor der Ge-
lenkfläche des Huinerus zeigt die Trennung zwischen dem
O. coracoideum und dem rudimentären Schlüsselbein an, von
welcher sonst nicht die geringste Spur ist. Das 0. coracoU
deuin ist der stärkste Knochen; sein unteres ausgebreitetes
Ende zeigt eine Gelenkconvexität, die zu der zuvor beschrie-
benen Grube pafst. Die Scapula reicht zur dritten Rippe;
ist schwach gekrümmt und an beiden Enden, besonders aber
am Gelenke ausgebreitet. Der Ilumerus ist ein schlanker, cy-
lindrischer, stylförmiger Knochen, schwach gekrümmt, 1" 5"'
lang, ausgebreitet an beiden Enden, besonders am vordem
Ende, welches einen queren ovalen Gelenkhöcker trägt, der
mit glattem Knorpel bedeckt und durch eine Synovial- und
Capsularmembran der Schul ter-höckerknochen-ArtikuIation an-
gefügt ist. Ein kleiner Höcker steht an jedem Ende der
Oberarm -Gelenkfläche. Das untere und schmalere Ende des
Ilumerus ist durch eine wahre, aber seichte Ginglymus- Ver-
bindung mit den rudimentären Vorderarmknochen verbunden
und beide Condyli sind schwach entwickelt. Der Radius und
die JJlna sind gerade, dünne, stylförmige Beine, jeder von 9'"
Länge; ein schwaches Olecranon tritt über der Gelenkfläche
der Uliia hervor; es ist ein kleiner Handwurzelknochen vor-
handen, zwei Mittelhandknochen und ein einzelner Phalanx,
welcher den langen, gekrümmten, stumpfen Flügelnagel trägt,
die ganze Länge dieser rudimentären Hand ist 7'", mit Ein-
schlufs des ^\ Linien langen Nagels. Einige wenige starke und
kurze Schwungfedern sind durch ein Ligament der Ulna und
dem Metücarpus angeheftet. Die Darmbeine zeigen ia Grofse
369
iiiitl Gestalt den Cliaraclcr der StraufsvÖgel. Das Schambein
ist ein dünner Knochenstiel durch ein Ligament dem Sitzbeiu-
ende verbundoii, aber an seinem Acetabularende allein durch
Knochen verbunden. Ein kurzer, spitziger Fortsatz dehnt sich
vom vorderen Rande des Schambeinursprungs aus. Das Ace-
tahiihim ist vorn in eine stumpfe Leiste verlängert. Das Ober-
schenkelbein ist 3" 9'" lang, schwach gebogen. Der Gelenk-
kopf zeigt eine breite Vertiefung für das starke ligamentuin
tercs. Die Coudyli «les Oberschenkelbeines sind vorn durch
eine weite und tiefe Grube getrennt, hinten durch eine drei-
eckige X'ertiefung. Die iihia ist 5 Zoll lang. Zwei eckige
und starke Leisten von dem vorderen Theile des erweiterten
Kopfes der iihia\ der äufsere dient zum Ansätze Aqt fascia
und zu der ausgebreiteten Sehne des rectus feinoris latissi-
ntus; dem inneren ist das Ligament der kleinen knorpeli-
gen Kniescheibe angeheftet. Die Jibula ist einen halben Zoll
unter ihrem Kopf mit der iihia verwachsen, welche Verbin-
dung sich etwa 10'" weit erstreckt, nach einem Zwischenräume
von 9'" ist sie wieder verwachsen und verschwhidet alimälig
gegen das untere Drittheil der iihia. Das untere Ende der
iihia zeigt die gewöhuliclie RoUenbiMung, aber die vordere
Concavität über der Gelenkflache ist gröfstentheils voji einer
uiu'egelmäfsigeu knöchernen Hervorragung eingenommen. Ein
kleiner keilförmiger Knochen ist in die äufsere und hintere
Seite »les Knöchelgelenks eingefügt.
Die verwachsenen Fufswurzel-Mittelfufsknochen bilden einen
starken 2 Zoll 3 Linien langen Knochen; er breitet sich seit-
lich aus und theilt sich an seinem untern Ende in 3 Theile
mit den Geleukköpfcn für die 3 Hauptzehen. Die Gelenk-
fläche für die kleine vierte Zehe ist etwa einen halben Zoll
über dem untern Ende in der inneren und hinteren Fläche
des Knochen. Ein kleines durcli starke Ligamente dieser Fläche
angeheftetes Knöchelchen trägt eine kurze Phalanx, welche mit;
dem längeren Nagelgliede artikulirt. Die Zahl der Phalangen
der anderen Zehen folgt dem gewöhnlichen Gesetze.
Rs ergiebt sich hieraus, dafs, soweit die natürlichen Ver-
wandtschaften eines Vogels ua Skelet sich kund geben, die
Gattung Aptevyx aufs engste mit der Straufsgruppe verwandt
ist. In dem kleineu, kiellosen Brustbein stimmt sie nur allein
370
mit ihnen iiberein. Die beiden hinteren Ansschnitte, welche
am Brustbein des Straufses beobachtet werden, finden sich bei
Apteryx in einem noch höheren Grade; aber die geringe Ent-
wicklung der vorderen Extremitäten, deren Muskeln das Ster-
liuiri vorzugsweise zum Anheftungspunkte dient, ist der Grund
eines besonders unvollkommenen Zustandes der Verknöche-
rung dieses Knochens der Apteryx, und die beiden fast kreis-
förmigen Lö'cher, welche ztvisfcTien dem Ursprünge des Brust-
muskels einerseits und dem des Dermo -Cervicalmuskels ande-
rerseits sich finden, bilden eine der besonderen Eigenthiim-
lichkeiten in der Anatomie dieses Vogels. Der Charakter der
straufsar'tigen Vögel zeigt sich in der Atrophie der Fliigelkno-
chen und dem Mangel der Schlüsselbeine , wie beim Erneu
und der Rhea. Beim Straufs sind die Schlüsselbeine ohne
Zweifel vorhanden, aber mit der scapula und den 0. cora-
coideis verwachsen und getrennt von einander. Im Casuar
existiren sie als getrennte kurze stylförmige Knochen. Cha-
rakteristisch für einen straufsartigen Vogel sind ferner die
expansive Entwicklung der Darm- und Sacralbeine, das breite
Ischium, das schlanke Schambein, und die lange und schmale
Form des Beckens. Wir finden eine Abweichung vom Typus
der Straufsvögel in der Länge des fcmur, und eine Neigung
zum Hühnertypus in der Kürze der Mittelfufsregion; die Ent-
wicklung der 4. oder Innenzehe nuifs gleichfalls als Abwei-
chung vom Typus betrachtet vverden; doch ist zu bemerken,
dafs in Gröfse und Lage jeuer Zehe die Apteryx genau mit
dem erloschenen Dodo übereinkommt. Man hat den Nagel
der Innenzehe fälschlich dem Sporn gewisser Hühnervögel ver-
glichen, indessen ist er in Gestalt kaum von den Nägeln der
Vorderzehen verschieden.
In den breiten Rippen (man vergleiche den Kasuar) in
dem allgemeinen Mangel von Anchylose in der Rückenregion
der Wirbelsäule, in den zahlreichen Halswirbeln finden wir
■wieder <len Charakter der Straufsvögel. Beim Casuar gehen
19 Wirbel dem vorher, welcher eine dem Brustbeine verbun-
dene Rippe trägt und von diesen 19 können wir 16 als analog
den Halswirbeln anderer Vögel betrachten. Bei Rhea sind
auch 16 Halswirbel, nicht 14, wie Cuvier angiebt. Beim
Straufs finden sich 18, beim Erneu 19 Halswirbel. Bei Apte-
371
ryx köuiie» wir IG Halswirbel reclinoii, mit Einschlufs dessen,
welcher das kurze rudimentäre, aber bewegliche Rippcupaar
trägt. Von den 22 wahren Ilidüiervögein, welche inCuvier's
Tabelle über die Wirbelzahl aufgeführt sind, haben nur 9 mehr
;ds 14 Halswirbel, während ylpieryx mit 15 Halswirbeln, als
StraJifsvogel betrachtet, die geringste Zahl in seiner Ordnung
luit. Die freien Knochenanhänge der Rippen und die gänzliche
Abwcsonlicit der Luftzcllen im Skelet sind Punkte, in denen
^pteryx mit jiplcnodytes übereinstimmt, aber damit hört
auch alle Aehnlichkeit beider auf. Die Stellung, in welcher
^fjleryx ursprünglich von Shaw abgebildet wurde, ist mit
seiner Organisation unverträglich.
Die Modificationen des Schädels der Aplevyx sind in
Uebereinstiuunung mit der Structur des Schnabels, die zur Auf-
lindung des passenden Futters erforderlich ist, ohne Zweifel
aufserordentlich ; indessen finden wir in der Wachshaut der
Aplciyx eine Structur, welche bei allen Straufsvügeln vorhan-
<len ist, und die vordere Lage der Nasenlöcher beim Kasuar ist
offenbar eine Annäherung zu der sehr sonderbaren, welche für
ylpieryx charakteristisch ist. Die verdickten Muskelwände des
Magens der Körner fressenden Straufsvögel zeigen nicht den
Apparat distinkter Musculi digastrici und laterales, welche
für den Magen der Hühnervögel charakteristisch sind; ylpieryx
stimmt in Gestalt und Structur des Magens mit den Straufsen
überein. Er unterscheidet sich ferner von den Hühnern im
Mangel eines Kropfes. Die bei den Hühnern langen Coeca
sind bei Straufsen und Stelzvögeln der gröfsten Variation unter-
worfen. Ihre grofse Länge und complicirte Structur bei Stj-u-
ih'io und lihea bildet eine nur bei ihnen vorkommende Beson-
derheit. Beim Kasuar sollen die Coeca nach den französischen
Akademikern ganz fehlen, nach Cuvier beim Enieu nur ein
einziges vorhanden sein. Owen fand bei diesen Vögeln
immer zwei normale, aber kleine Coeca, beim Erneu 5" lang
luid von -^ Zoll Durchmesser; beim Kasuar ungefähr 4" lang.
Die Anwesenheit zweier mäfsig entwickelter Coeca bei ylpie-
ryx ist also keine Abweichung vom Typus der Straufsvögel;
diese Coeca entsprechen, wie bei den andern Straufsvögeln der
Natur der Nahrungsmittel. Bei den Wadvögeln (/tw), welche
der ylpieryx in der Structur des Schnabels und der Nahrangs-
372
weise gleichen, liaben die Coeca fast dieselbe relative Gröfse.
Das Zeugungssystem der yipteryx zeigt in einer wohl ent-
wickelten, unterhalb gefurchten, subspiralen Ruthe unzweideu-
tige Verwandtschaft zu den Straufs vögeln; dies sowie die Mo-
dificationen des Gefieders und die Eigenthiimlichkeiten des Ske-
lets führen zu dem Schlufs, dafs die Gattung ^pfer/jj zu den
Straufsvögeln gestellt werden mufs, und dafs sie in ihrer Ab-
weichung vom Typus dieser Ordnung einerseits, wie in den
Fiifsen eine Annäherung zu den Hühnern andrerseits, so im
Schnabel zu den Wadvögeln zeigt, aber ohne der Natürlichkeit
Gewalt anzuthun, mit keiner dieser Ordnungen verbunden
werden kann.
Uebersicht der im Jalire 1837 neu aufgestellten
Genera und Arten
der Raubvögel, Singvögel
und Klettervögel,
welche iui Jahresberichte des vorigen Jahrganges unerwähnt
bleiben mufsten.
(Nachtrag zum zweiten Bande des vor. Jahrganges)
/. Raptatores.
Jcracidea Gould. Gen. nov. (Pr. Z. S. 140).
Rostrum, ut in genere Falco dicto; alis attamen minus rigi-
dis, remige tertio longissimo, tarsis longioribus, gracilioribus, et
antice squamis hexagonalibus tectis; digitis gracuioribus, digilo
poslico breviore, unguibus minus robustis.
Typus: Falco Berigora Vig. et Horsf.
Haliaetus sphenurus Gould. (Pr. Z. 8.-1.38). H. capite,
nucba, guttureque paUide cervlnis, corpore supra alisque intense
fuscis, singulis plumis ad apicem pallide cervinis, cauda cuneiformi,
ad basin albescenti-cervina, apicem versus fusca, ad apicem
alba; pectore fusco, plumis cervino-marginatis; abdomlne cer-
vino fuscoque picto, crisso, caudaque subtus albis; rostro fusco;
tarsis flavis. Long. tot. 32 unc; rostri, 2; alae, 25; caudae 14A;
tarsi, .3.;. Hab. in terra Van Diemen.
H. leucosternus Gould. ibid. H. capite, collo, pectore,
abdomineque summo niveis; dorso, alis, abdomlne imo, fcinoribus
crissoque laete castaneis, primariis ad apicem nigris; cauda casta-
nea, subtus pallidlore, rectricibus sex intern>ediis ad apicem cine-
rescentibus; rostro ad basin plumbaceo, ad apicem flavescente,
pcdibus flavescenti-plumbaceis. Long. tot. 22i nnc. ; rostri, 1|;
alae, 154; caudae, 9; tarsi, 2. Hab. in Australia.
Pandion leucocephahis Gould. (Pr. Z. S. 1.39). P. ver-
tice, nucha, gula, abdomine, femoribus crissoqne albis, plumis
pectoris fusco ad apicem notatis ; plumis auricularibus fuscescenti-
nigris; colli latcribus fuscis; dorso, alis, caudaque brunncis, sin-
gulis plumis nota alba angusta apicali ornatis; primariis nigris;
rostro nigro, tarsis olivaceo-plumbaceis. Long. tot. 21 unc;
rostri, 1^; alae, 16^; caudae, 8; tarsi 21. Hab. in Australia.
374
Lcpidogcnys subcrislaliis Gould. (Genus LooholcsLess.
Pr, Z. S. V. p. 140). L. vcrlicc, genis, pliimis auricularibiis, dor-
soqiie superlore fuscesccnti-cincreis; occipile, crisiaqiie occipitali
Jifgrescentl-fuscis; dorso, scapularlbusque fuscis, alis siipra fuscc-
scenti-cincreis, suhtus argenleo-cinerels, primarüs secundariisqiic
fasciis duabus nigris notatis; uropygio, teclriclbusqne caudae su-
periorlLus fuscis; caiida fuscesccr.U-cinerea, iiigro fasciata, et ad
apicem large nigra; gula, pcctore, luimerl parle, crissoqne eine-
reis rufo tinctis; corpore subUis pallide cervi'no, caslaneo fa-
sciato; rostro paliide plumbco, larsis fiavis. Long. tot. 18 unc.:
roslri, ll; alae, J3; caudae, 8^; larsi, li. Hab. in Nova Canibrla
auslral;.
Polyborus galap agoensis Gould. (Pr. Z. S. 9). P. in-
tense fuscus, priniarils nigris; secuudariarum pogoniis internis
albo et fusco transversim striatis; cauda cinerascenti-fusca, trans-
versim lineis angiistis et frequentibus intense fuscis notata; rostro
obscure cornco; pedibus olivaceo-llavis. Long. tot. 20unc. ; ro-
stri, Ij; alae, 114; caudae, 9; tarsi, 3~.
Fem. jun. Capite et corpore intense stramineis fuscoque
varlegatis; illo in pectore et abdomine praevalente; primarlls
fusco-nigris; caudae rcctricum pogoniis cxternis cinerascenti-fu-
scls, internis palllde-rosaceis; utrisque Jineis angustis et frequen-
tibus fuscis transversim striatis, apicibus sordide albis, rostro ni-
grescenti-fusco; pedlbiis olivaceo-flavis. Long. tot. 22 imc. ; ro-
slri, 11; alae, 17; caudae, IO2 ; tarsi, 3^.
P. (Phalcobaenus) albogularis. P. fuscescentl-niger, margl-
nlbus plumarum inter scapulos fulvis; primarlls secundarlisque
albo ad apicem notatis; gula, pcctore, corporeque sublus albis; late-
ribus fusco sparsis; rostro livido, cera flava; tarsis olivaceis. Long.
tof,20unc.; roslri, 1|; alae, 184; caudae, 9; tarsi, 3. Santa Cruz.
Falco bruuneus Gould. (Pr. Z. S.V. p. 1.3.9). F. capite
corporeque superlore intense fuscis; primariis intus notis albis
triangularlbus ornatls; cauda llnels fuscescentibus seplem obscure
et angusle fasciatis; gula notaque ante oculos cervinis; pectore
pallide cervino, piumls linea fusca cenlrali notatis; corpore sub-
tus albo fuscoque commIxLis ornato; irldlbus Havis; rostro nigro;
pedibus plumbaceis. Long. tot. 16 unc; rostri, 1-^-; alae, 10;
caudae, 7^; tarsi, 24. Hab. In Nova Zealandla.
Falco melanogenys Gould. Mas. (Pr. Z. S.V. p. 1.39.)
F. capite toto fuscescenti-nigro, corpore supra, alis, caudaque
cinereo fuscoque akernatim fasciatis, primariis exlus intense fu-
scis. Intus cervino fasciatis; gula pectoreque cervinis; abdomine
rufesc«ntI-cInereo, gutlls ovalibus Intense fuscis ornato ; laterlbus
crissoque rufescenli-cinercis, fasciis inlense fuscis contorlim no-
tatis; roslro ad apicem plumbaceo, ad basin llavo; cera pedibus-
que llavis.
Fem. A mare differt slatura majore, necnon colore gulae,
pectoris, abdonilnisque Intensiore. Mas. Long. tot. 15 unc; ro-
slri, 1'; alae, 11 1; caudae, 51; larsi, 1,'. Fem. Long. toi. 17 unc. ;
rostri, 1| ; alae, 13^; caudae, 6.', ; tarsi, l^. Hab. per lotam Auslraliaui.
Falco fron latus Gould, (Pr. Z. S.V. p. 1.39)- F. fronte
375
cIneresccnlJ; vertice, genis, plumis auricularibus, corporcque su-
pra cIiicrescenti-pliiniDaceis; priinariis intus maculis ovallbus
ccrvlnis ornatis; rectricibus caiulac duabus intermcdiis cinerois,
nigro obscurc fascialis, reliquis cinereo et rufesccntc altcrnatim
fasciatis; gula, pectorcque pallide cervinis, hiijiis plumis in nicdio
Jinea fusca notatls; corpore subtiis obscure rnfescenti-aurantiaco;
rostro plunibaceo, rera pedibusque llavis. Long. tot. 12 iinc. ;
rostri,Z;alae,9vJ;caudae,5T;tarsi,li. Hab. iu Nova Cambria anstrali.
Buteo variiis Gould. (Pr. Z. S. 10)- I>. vertice corpore-
quesiipraintensefuscis,pliimisfulvoniarginatis vel guttatls; primariis
secundariisqiie cinereis, lineis fuscis frequcntibus t.ransversim stri-
atis, caiida cinerea, lineis angustis et frequentibus fuscis trans-
versim notata; singulis plumis flavcscenli albo ad apicem notalis;
gula fuliglnosa; pectore fulvo llnea internipta nigrescenle
circumdata a gula tendente; abdomineimo latcribusquc stramineo
et rufescenti-fusco variegatis; femoribus crissoque stramineis li-
neis transversalibus anfractis rufescentl-fusco ornatis; rostro ni-
gro; cera tarsisque olivaceis. Long. tot. 211 unc; alae, 16i.
Santa Cruz.
Buteo ventralis Gould. B. vertice corporeqne Intcnse et
nitide-fuscis, plumis dorsalibus purpurescentibus ; primariis nigris;
cauda fusca lineis frequcntibus obscurioribus, cancellata ad api-
cem sordide alba; gula, abdomine medio crissoque slramiuco-al-
bis; latcribus pectoris corporisque fasciaque abdominali necnon
femoribus flavcscentl-albis fusco notatis, notis in femoribus ru-
fescenlibus; tarsis per mediam partem aniice plumosis, rostro ni-
gro; cera tarsisque flavis. Long. tot. 21^ unc; alae, 151; ro-
slri, 9^\ tarsi, .34^. Santa Cruz.
Milvus affinis Gould. (Pr. Z. S.V. p. 140). M. plumis
capitis, nucbae, collique laterum rufescenti-cervinis, slrlga cen-
trali fusca notatis; corpore supra brunneo, tectricibus alarum
rufescenlibus, singulis plumis nigra linea centrall notatis et ad
apicem pallide brunneis; primariis nigris, secundariis nigrescenli-
bus; cauda fusca, nigrescenti-fasciata, et ad apicem cinerea; gula
fuscesccnti-cervina, singulis plumis linea centrali nigra ; corpore sub-
tus rufescenti-fusco, singulis plumis lluea centrali fusca apud pe-
ctorales maxime conspicua ornatis; rosiro nigro; pedibus flave-
scentibus. Long. tot. 21 unc.; rostri, H; alae, 15|; caudac, 101;
tarsi, 2. Hab. in Australia.
M. Isurus Gould. (Pr. Z. S.V. p. 140). M. fronte, line-
aque supraocuiari cervinis; singulis ])lumis, apice liueaque cen-
trali nigris notatis; vertice, dorso, lateribus colli, gulLure, lunne-
ris supra et subtus, corporeque subtus rufescenti-auranliacis; plu-
mis singulis verticis, occipitis, et praecipue pectoris notam longi-
tudinalem apicalemque nigram babentihus; dorso superiorc, plu-
misque scapuiaribus intensc fuscis; primariis ad apicem fuscis,
nigro obscure fasciatis, ad basin intus cerineis; secundariis in-
tense fuscis, nigro fasciatis; uropygio crissoque albis, nigro cer-
vinoque fasciatis; cauda fere quadrata, et cerineo-fusca; rectrici-
bus, duabis externis utrinquc exceptis, obscure fasciis qualuor
angustis nigris ornatis; omnibus ad apicem nigris; rosiro fusco ^
376
cera, tarsisque flavis. Lonj^. lol. 20 «nc. ; rosiri, 1|; alac, 81,J;
caudae, S] ; tarsi, 1;^. ll;ilj. in Aiislialla.
Elan US nolatus Goiild. (Pi-, Z. S.V. p. 141). E. ociilis
iiigro aiignstc circumdatis; fronte, lolcribiis facici corporcque suh-
iusalbls ; nucha dorso,scapiilariljus,lcclricibusqiie caiidac majorJbiis
dclicale cinerels; alls maxiiuis ex parlibus nigris, liumcris subtus
albis; prlmariis supra nigrescenti-cinereis, subtus fusco-nigrJs;
cauda cinerescenti-alba; rostro nigro; cera pedibusque auranliaco-
llavis. Long. tot. unc. 14, alae, 41^; caudae, C|; tarsi, 1|. Hab.
in Nova Cambria australi.
Circus megaspilus Gould.(Pr. Z. S. p.lO). C. vertice cor-
poreque supra intense fuscis, linea straminea a naribus supra oculos
ad occiput teadente; boc rufescenti-fusco, prlmariis intense fuscis
ad basin cinereis, linels nigris cancellatis; tcctricibus caudae albis;
rectricibus inlermediis cinerels, externis cinereo-stramineis; Om-
nibus lincIs latis fuscis transversim notatis; linea ultima lalissima
apice sordide stramineo; gula et pectorc straniineis, fusco sparsis;
corpore subtus stramineo; plumls pectoris et laterum strIa centrali
fusco notatis; rostro nIgro; cera tarslsque flavis. Long. tot. 21 unc. ;
rostri, 1^; alae, 17; caudae, 10^; tarsi, .3i. America.
Circus Jardinci Gould. Mas. (]. vertice, genis, plumis-
que aiiricularibus intense castaneis, fusco longitudiualller notatis -
disco fasciali, nucha, dorso superiore, pectore necnon dorso imo,
scapularibusque intense cinereis, bis albo leviter notatis; bume-
jis, alis subtus, abdomine, fcmoribus crlssoque castaneis, albo
perpulcbre notatis, tectricibus alaruni fusco-cineracels, Irregulari-
ter albo notatis, fasciaque lata terniiuali: prlmariis ad basin cer-
vinis, per reliquas partes nigris; tectricibus caudae superiorlbus
fuscis, fascias albas ap'cemque album oslendentibus; cauda ciue-
reo fuscoque alternatim fasciala; rostro nigro; pedibus flavis.
Long. tot. 19 unc. alae, IC; caudae, 10; tarsi, ,3|. Hab. in Nova
Cambria australi. Circus assimilis Jard. et Selb. 111. Ornitb. Vol. 1,
tab. 51 feni.V
Athene erythroptera Gould. (Pi-. Z. S. 136). A. disco
faclali, capite corporcque linels fuscis et fulvesccntl- albis alter-
natim fasciatis; latcribus gülae, femoribus crlssoque cinerescentl-
albls; priniariis secundariisqiie rufis et fuscis fasciis distinctis,
latiorlbus quam corporis; cauda caryophyllacea fasciis anguslis
albis crebrc notala, rostro pedibusque Havescenti-ollvaceis. Long,
tot. 9^ unc; alae, 4'.; caudae, 3; tarsi, i\. Himalava.
Athene? fort'ls Gould. (Pr. Z. S. V. p. 141). A. facie
guiaque cinerescenti-albis; vertice, corporeque supra fuscis, pur-
pureo tinctis; scapularlbus, secundarlls tcctricibusque alae majori-
bus albo guttatls; prlmariis alternatim fusco griseoque fasciatis;
fasciis paliidls ad marglnem externum albescentlbus; cauda fusca
linels sex vel scptem cinerescentibus transversim fasciatis, apice
cincrescentc; corpore subtus brunneo alboque niarmoralo, hoc
colore marglnem plumarum ornantc; tarsis ad digltos vcstitis,
fusco ccrvinoque marmoratis; rostro flavesccnli-corneo; digitis
Icngis, flavis, pllisque lectis. Long. tot. ISi unc; alae, 11^; cau-
dae, 7'i; tarsi, 1|. Hab, in Nova Cambria australi.
377
Athene? stronua (ioul.l. (Pr. Z. S. V. p. 1 12). A. verlicc,
corpore siipra, alls, caudaquc intonsc Hiscis, iasclls piirpurGsccnli-
brumieis traiisveisiin ornalls; liis majoril)us pallidiorihiisque ad
iniiim (lorsuni; sociindariis, rectrlriljusfiuc candao ad inarglncin
intcrmim, facie, gida, peclorcque sn])criore Ijadiis, piiimii »ar-
tliini hanim nota hninnca ccnlrali ornalis; corpore sid)lns alho,
leviter badio lavato, et fusco fasciato; rostro cornco ad basin,
ail apicem nigro; podIbus flavis. Long;, tot. 24 luic. ; rostri, 2;
alae, 15; caudae, 10!; larsl, 21. Hab. in Nova Canibria aiislrali.
Otus (Piracbyotus)galapai^oensis Goidd. (Pr. Z. S. p.lO).
O, fascia circa oculos tullginosa; striga siiper'ciliari pliiniis iiares
langen libus et circa anguUin» oris, gula et disci fascialis margine
albis; vertice corporeque supra intense stramineo fuscoqiie varie-
gatis; priniariis intense fuscis ad apicem, stramineo fascialis ad
basin; corpore subtns stramineo nolis irregularibiis fasciisqiic
fuscis ornato; femoribus tarsisque pUimosis rufesccnti-stramineis;
rostro et ungjiibus nigris. Long. tot. 131; rostri, 1; alae, 11;
caudae, 6; tarsi, 2. Ins. Galapagos.
//. Insessoi'cs.
1. Ganor i V. Passerini.
T b a m n o p h 1 1 u s f u 1 1 g I n o s u s Gould. (Pr. Z. S. SO). T. j\Jas.
Capite, crista, genis, guttu-e et pectore nigerrimis. Dorso, alis,
corpore sidjtus, caudaque cinerescenti-fullglnosls, linjus pogoniis
internis linels angustis transversis albis fasciatls; rostro pedibus-
qiie nigris.
Fem. Summo capite, doi-so allsque castaneo-fascis; loro,
linea super oculos, phniiis auricularibus, colli laterlbus, guUnre,
corpore subtus et cauda Intense cineracco-coerulels; pluuiis sln-
gulis lineis cinerescentl-albis fasciatls; pogoniis internis rectricum
albis llnels fasciatls; rostro pedibusque nigro-brunneis. Long. tot.
7.^unc. ; rostri, 1 j ; alae, .3^; caudae, 3; tarsi, IJ. Hab. Demerara.
Falcunculus leucogaster Gould. (Pr. Z. S. 1 14). F. fronte
alba, crista occipitall nigra; genis albis linea nigra notatls ad
nucbam extendente; dorso, buinerls, tectricibusque caudae et uro
pygio olivaceo-flavls; priniariis secundarlisque brunneis, ollvaceo
marglnatls; rectricibus caudae duabus externis albis, duabus In-
terniedlis olivaceis, rellquls brunneis, ollvaceo-marglnatls ; gula
ollvaceo-virldl; pectere tectricibusque caudae Inferioribus nitidc
sulpluireo-flavis; abdomine femorlbusque albis; rostro nigro ; pe-
dibus plumbacels. Long. tot. unc. 6; rostri, |; alae, 3t; cau-
dae, 2|; tarsi, |. Hab. in Australia.
F. flavigulus Gould. Ib. F. loro albo; vertice et striga
ab oculo usque ad latus colli nigrescenti-brunnels, supra Infraque
strigis albis; dorso, tectricibusque superiorlbus caudae vlrlde-
scenti-albls, gula olivaceo-vlridi; alis fuscis, palllde brunneo mar-
glnatls; cauda fusca, rectricibus tribus utrinque plus minusve aU
bonotatls; mento macula alba; gula, pectore, abdomine, tectrici-
busque inferioribus caudae nitide ilavls; rostro pedibusque c} aneo-
378 ,
nigrls. Long. tot. unc. 5^; alae, ,3|; caudae, 2|; tarsi, ?. Hab.
in Australia.
Oreoica Gould. Gen. nov. incert. sed. (Pr. Z. S. 151).
Rostrum capite Lrevlus, lobusluni, lateribus compressis, ad apl-
cem emarginatuni; maxilla inferior, superiorem in robore fere
aequans; nares basales, rotundatae, teniiibus, brevibiis, capillaribus
plumis (paiicis elongatis intermixtis) fere tectae; alae subelonga-
tae, remige Inio brevi, .3tio longissimo; terliariis perlongis, pri-
raarias fere aequantibus; cauda brevis et subrotuudata; tarsi siib-
longi et rouusti, postice integri, antice scutcllis duris munili;
pedes ambulatorii; digiti perbreves, posticus brevissimus, externo
subbrevior internus; ungiies breves et fere recti. Typ. Falcun-
culus gutturalis Vig. Horsf.
Ceblepyris humeralis Gould. (Pr. Z. S. V. p. 143). Mas.
C fronte, vertice, nucha dorsoque nitide viridescenti-nigris; hu-
meris, tectricibusque supcrloribus caudae; alis nigris secundariis
albo marginatis; dorso inferiore et uropygio cinereis; cauda ob-
scure nigra, plumis duabus externis utrinque apicibus albis; gida,
pectore, corporeque subtus, rcstro pedibusque nigris.
Fem. vertice, nucha dorsoque superiore brunneis; dorso
inferiore, uropygio caudaque ut in mare; tectricibus majoribus
minoribusque caudae badio marginatis; secundariis mare latiori-
bus albo marginatis; gula corporeque subtus fusco-albis; rostro
pedibusque nigris. Long. tot. unc. 6|; rostri, |; alae, 4; cau-
dae, ön tarsi, |. Hab. in Nova Cambria australi. affinis Ceblep.
leucomelaenae (Campepliaga leucom. Vig. Horsf., Lanius Karu
Less.), sed minor, macula scapular. niaiori.
Graucalus p arvirostris Gould. (Pr. Z. S. 143). G. fronte,
facie, lateribus colli, gulaque nigris; vertice supra, alisque in
medio cinereis; primariis secundariisque intus nigrescentibus,
griseo marginatis; cauda nigrescente, ad. basin cinerea, ad apicem
large alba, rectricibus intermediis exceptis; pectore cinereo; ab-
domine imo, ala interna, crissoque albis; lateribus, fenioribusque
pallide cinereis; rostro pedibusque nigrescenti-fuscis. Long. tot.
12 unc. ; rostri, 1^; alae, 7^; caudae, 6; tarsi, 1. Hab. in Nova
Cambria australi.
G. melanotis Gould. (Pr. Z. S.V. p. 14-3). G. loro, linea
infraoculari, plumisque auricularibus nigris; vertice, nucha, colli-
que lateribus, dorso, uropygio, caudae tectricibus, humerisque
palUde cinereis; primariis, secundariisque intus nigrescenti-fuscis,
cinereo marginatis; rectricibus caudae nigrescenti-fuscis, ad basin
cinereis, ad apicem large albis; gula, pectore, lateribusque cine-
reis, fusco fasciatis; abdomine imo, femoribus crissoque albis;
rostro nigrescente ad apicem, ad basin rufescente; pedibus fuscis.
Long. tot. 13 unc; rostri, 1|; alae, 71; caudae, 6^; tarsi, 1^.
Hab. in Nova Cambria australi.
Tyrannula divaricata, Bonap. (Pr. Z. S. 112). T. cri-
stata, cinereo-olivacea, niento orbitisque albicantibus ; dorso alis-
que olivaceo-rufescentibus; alis acuniinatis; remigibus Imo et 5to
subaeqnalibus; 2do, 3tio, et 4to omnium longissimis; cauda diva-
ricata, corpore longiore; rectricibus quatuor niediis dorso cunco-
379
lorlbus ; duabus liinc inde niffricnntlbiis, cxllnils dnabiis iitrinque
dimidiato-rincrciji. Roslro brcvissiino uigorrimo. Long. 8"; ro-
stri 8'"; al. 6"; caud. 4"; tars. 1'". llinsilo Mexic. — Mexico.
Myia^ra nitida Gould. (Pr. Z. S. V, p. 142). M. nigre-
sconti-viridi, fnigore metallico; abdoniine teclricibnsque caudac
intcrioribiis albis; rostro ad apiccm nigro, lioc colorc versus ba-
sin in coeriileum Iransounte; pedibus fusco-nigris. Long. tot.
nnc. 6^: rostri, ^ j alae, 31; caudao, 31; tarsi, |, Hab. in Nova
Cambria auslrali et terra Van Diemen.
Turdus Grayi ßonap. T. olivarco-fuscus, snbtiis flavo-
cinnan^oineus, gula tantiim vix fiiseesceiiii striata; tectricibiis ala-
runi inferioribus remigumque mnrgiiic inlerno aurantio-rinnanio-
meis, remigiim prlnio sextam aequaute, 4to et oto oninium lon-
gissimis, lertiani et sextam vix snperanlibus; caiida aequali, duo
pollices ultra alas praetensa; rectricibiis submiicronatis. Long,
tot. 8"; rostr. 1"; al. 4"3'"; caud. 3" 3'"; tars. 1"1'". Guatimala.
Turdus uni color Gould. T. cinereus; abdoniine niedio
crissoquc albis; bwmeris subtus rufis, rostro pedibusque livido-
fuscis. Long. tot. 9junc.; rostri,!; alae, 3:^; caudae, 3|; tarsi, 1|.
Hinialaya.
Orpheus trifasciatus Gould. (Pr. Z, S. V. p. 27). O. ver-
tice, nucha, et dorso nigrescentibus; uropygio rufo, pailide lavato;
alis nigrescentibus; tectricibus nota albescente terniinali, fascias
tres transversas facientibus; rectricibus caudae duabus intermcdiis
nigrescentibus, rcliquis ad apiceni pallidioribus; plumis auricula-
nbus striga supcrciliarl, gula, et corpore subtus albis, lateribus
notis guttisque fuscis ornatis; rostro pedibusque nigris. Long,
tot. 104 unc; rostri, 1^^.; alae, 5; caudae, 5^; tarsi, If. Galapagos.
O. nielanotus Gould. O. vertice, nucha, dorsoque pai-
lide fuscis; plumis capitis et dorsi ad medium colore saturatiore;
alis intense fuscis, singulls plumis ad marginem pallidioribus, se-
cundariis, tectricibusque majoribus nota alba terniinali, fascias
duas transversas facientibus; caudae rectricibus nigrescentl-fuscis;
Literum plumis nota fusca centrall, abdoniine albo; rostro pedi-
busgue nigris. Long. tot. 9i unc; rostri, Ü; alae, 4\; caudae, 4i;
tarsi, If- Galapagos.
O. parvulus Gould. ibid. O. vertice, nucha, caudaque in-
tense fuscis, hujus rectricibus ad apicem albo notatis; alis fuscis;
secundariis tectritibuspue nota alba apicall fascias duas transver-
sas facientibus; loro plumisque auricularlbus nigrescentibus,
gula, colli lateribus, pectore, et abdomine albescentibus; plumis
laterum notis fuscis per medium longitudlnaliter excurrenJibus.
Long. tot. 8i unc; rostri, 1; alae, 3|; caudae, 31; tarsi, 1^. —
Galapagos.
Oreocincla Gould. Gen. nov. (Pr. Z, S. p. 145). Ro-
strum capitis longitudinem aequans vel superans, subincurvatum,
lateraliter conipressum, mandibula superiore apice prominente,
denticula ab apice longe amota, gonide acute; rictus setis paii-
cis brevibus instruclus; alae medlocres, rlgidae, remige Inio bre-
vjssimo, 4to et 5to fere aequalibus et longissiniis, cauda subbre-
vis, quadrata, plumis rigidis; tarsi mcdiocres, squamis inlegris;
380
digiti graciles, posticus praeclpiie, digltis lateralibus ferc aequa-
liljus, interno brcviore; pluniae sericcac. Typl sunt, Orcoclncla
Novae Hoüandiae et Turdus varius, Horsf.
O. macrorhyncha Gould. O. summo capite, corpore
supra ollvacco-brunneis, singulis plumis nigro ad apicem levitcr
margiuatis; cauda alisque olivaceo-brimneis; secundariis badio
levitcr marginatis; rectricibus duabus externis iitrinqiie ad apicem
albis; gula corporeque subtus cervino-albis, singulis pliinils, ma-
cidis nigris lanceolalis ad apicem notatis; rostro alaqiie spunosa
ad apicem nigiescenti-brunneis; pedibus pallide brunneis. Long-
tot, unc. 10^; rostri, 1|; alae, 5|,' caudae ^; tarsi, l.{. Hab. in
Nova Zealandia.
O. parvirostrls Gould. 0. capite, nucba, pectorc,
lateribus corporeque supra olivaceo-fuscls; singulis plumis
versus apicem nitide cervino lavalis, etnigro-fusco late margina-
tis; prlmarils obscure fuscis, pogoniis externis nitide cervino mar-
ginatis, pogonlis internis ad bases cervino-albis; tectricibus ma-
joribus alarum obscure cervinis; ala spuriosa eodem colore ex-
terne marginata; caada fiisca margine subfusco, apiceque clne-
rescentl-albo; gula, abdomine medio, uropygio, crissoque albis;
rostro pedibusque corneo- fuscis. Long. tot. 10 unc; rostri, i;
alae, 5|; caudae, 4; tarsi, 1|. Himalaya. — Affinis O. varlae et
O. Whitel, differt statiira minore rostroque perparvo.
Eopsaltria parvula Gould. (Pr. Z. S.V. p. 144). E.vcr-
ilce auricularlbus, nucha dorsoque cinereis; gula pecloreque In-
feriore grisels; uropygio olivaceo; alis brunneis; cauda brunnea,
rectricibus apicibus grlseis; pectore corporeque subtus nitide Ha-
vls; rostro nigro; pedibus brunneis. Long. tot. unc. 5'; rostri,*.;
alae, 3; caudae, 2r; tarsi, 1. Hab. in Nova Cambria australi.
E. griseo-gularls Gould. Ib. Vertice, auricularlbus, nu-
cha dorsoque grlseis; gula pectoreque cinerescentl-albis; abdo-
mine, uropygio, tectricibusque superlorlbus et Inferloribus cau-
dae nitide Havis; alis caudaque fuscis; cauda ad extremum api-
cem alba; rostro pedibusque nigrescentl-brunnels. Long. tot.
unc. 6; rostri, l; alae, 31; caudae, 2|; tarsi, ^. Hab. in Austra-
lla apud Humen Cygnorum.
Sericulus magnirostris Gould. (Pr. Z. S. 145). S. fronte,
gula, lateribus, corporeque subtus grlseis, singulis plumis brun-
neo marginatis; macula occipitall nigra et quadrata ; linea nigra
irrcgularl in gutture centrali; nucha, dorso, scapullsque cinere-
scenti-albls, margine brunneo circumdatls; alis, uropygio, cauda-
que ollvaceo-brunneis; rostro pedibusque nigris. Long. tot.
unc. 11'; rostri, 1|; alae, 5^; caudae, 4|; tarsi, 1^. Hab. In terra
Van Diemen?
Petroica modesta Gould.(Pr. Z. S. V.p.l47). P- summo ca-
fiite,corpore supra, alis caudaque rufo-brnnnels; gula alba, brunneo
avata; pectore et abdomine centrali coccineo iavatls; abdomine
inferior!, crissoque albis; lateribus brunneis; rostro nigrescentl-
brunnco; pedibus flavesccnll-brunnels. Long. tot. 5 unc. ; rostri, i;
al.2f ; caud.2; tars.B Hab. In Nova Hollandla apud oram orientalem.
Sylvicola decurtata Bonap. (Pr. Z, S. 118). S. laete
381
viridis, subtus, cum tectricibus alariim, albo-vlrescens; capite rol-
loque supra plumbeis, subtus albis; alis majusculis; remlglbus
suufuscis, supra externe viridi-marginatis, subtus interne albo-lim-
baiis. Prirao dimidium, secundo aequalis duodecimi, 3, 4, 5, Gtoque
omniuni longisslniis. Cauda parva, angusta, aequali, rectricibus
virescentlbus. Long. 4"; rostri, 7'"; alae, 2"; caudae, 1" 3'";
tarsi, T". Guatiniala.
Dasyornis? brunneus Goiild. (Pr. Z. S. V. p. 150).
D. summo capite, corpore supra, alis, lateribus caudaque flavo-
brunneis; gutture, lateribus faciei et abdomine niedio fusco-
albis; rostro ad ajpicem obscure fusco, ad basin pallidiore; pe-
dibus branneis. Long. tot. unc. 5!; rostri, |; alae, 2i; caudae, 3;
tarsi, |. Hab. in Australia.
Cysticola ruficeps Gould. (Pr. Z. S. V. p.l50)- C suninio
capite, nucha, pectore, lateribus, femoribus uropygioque delicate
cervinis, hoc colore in fronte et uropygio praevalentej dorso
superiore, secundariis caudaque obscure fusco-nigris, singulis
plumis niarginibus badiis circumdatis; gulture et abdomine cen-
trali albis; rostro brunneo; pedibus flavo-brunneis. Long. tot.
unc. 4; rostri, \] alae, 1^; caudae, 1|; tarsi, f. Hab. in Nova
Cambria australi.
Cinclidia Gould. Genus novum. (Pr. Z. S. 137). Rostrura
Caput longitudine aequans, leviter arcuatum, ad apicem emargi-
natum, ad latera conipressum; nares basales, laterales, in fossa
tribus vel qualuor setis ad basem instructa; alae brevlssimae,
concavae, rotundatae: reraigibiis 6to et 7mo longioribus; cauda
mediocris, rotundata; tarsi majusculi; pedes elongati; digito po-
stico, medio longiore; digitis lateralibus aequalibus et fere usque
ad articulum prinmm conjunctis.
C punctata. C. summo capite et nucha rufis, singulis
plumis stemmatibus alblcantibus; loro, plumis super-ocularibus
cerviuo-albis ad apices nrgris; auricularibus, lateribus colli, cor-
pore supra, alis caudaque rufo-fuscis; pectore corporeque subtus
cervinis, singulis plumis macula fusca apicem versu?. longitudina-
llter notatis; rostro pedibusque pallide fuscis. Long. tot. 65 unc;
rostri, i'y alae, 2|; caudae, 3; tarsi, 1. — Himalaya.
Psiiopus. Gen. nov. Sylviadarum. Rostrum capite bre-
vius, tumidum ad apicem dentatum, tomiis rectls; narcs basales,
laterales, ovales; rlctus setis paucis gracilibus obsitus; alae me-
dlocres, remige primo fere spurio, secundo elongato, tertio,
quarto, quintoque longissimls et inter se aequalibus; cauda bre-
vis et aequalis; tarsi laeves, graciles, mediocres; diglti perbreves
et debiles, externi utrinque aequales et intermedio adjuncti fere
ad articulum primum; ungues Incurvl. Typus: Psiiopus albo-
gularis.
Ps. brevirostris Gould. (Pr. Z. S. 147). P. rostro per-
brevi, pallide fusco; striga superciliari flavescente; vertice fu-
scescentl-cinereo; nucha olivacea; dorso, uropygio tectricibusque
caudae ollvaceis; plumis auricularibus genisque pallide rufo-
brunnels; gula pectoreque albis, ollvaceo lavatis, strlgisque fu-
scis longiludinalibus leviter ornatls; abdomine pallide citrino;
V. Jahrg. 1 Band. • 25
382
rectricibus caiidae JnlerniCfliis duabus fuscis; reliquls ad basin fu-
scis dein nigrescenti-fascialis, et interne albo notatis, apicibus
pailide fuscis; pedidus nigrescentibiis. Long. tot. ^^ unc. ; ro-
stri, f ; alae, 2; caudae, 1^; tarsi, ^. Hab. in Nova Cambria
australi.
P. fuscus Gould. ib. P. vertice corporeque toto superne
salurate fuscis, leviter olivaceo tinctis; rectricibus caudae duabus
intermediis fuscis; reliquis ad basin albis, dein nigrescenti-fusco
lata fasciatis, exinde albo notatis, apicibus paliide fuscis; gula,
pectoreque cinereis; abdomine crissoque albis; rostro pediDus-
que intense fuscis. Long. tot. ,3f unc; rostri, |; alae, 2:}; cau-
dae, 1|; tarsi, |. Hab. in Australia.
P. olivaceus Gould. ib. P. striga superciliari a basi mandi-
bulae flava; vertice corporeque supra olivaceis; alis fuscis, plu-
mis extus olivaceo-marginatis; rectricibus caudae duabus inter-
mediis fuscis; reliquis ad basin fuscis, dein albo, nigrescenti-fusco,
iterurnque albo fasciatis, apicibus fuscis; rostro pedibusque fuscis.
Long. tot. 4^ unc; rostri, |; alae, 2i; caudae, 1|; tarsi, |. Hab.
in Nova Cambria australi.
P. albogularis Gould. ib. P. vertice, plumis auricula-
ribus corporeque supra olivaceo-fuscis; gula alba; pectore cor-
poreque subtus laete citrinis; rectricibus caudae duabus interme-
diis fuscis, reliquis ad basin fuscis, albo, dein late nigrescenti-
fusco fasciatis, et interne ad apicem cervinis; rostro pedibusque
intense fuscis. Long. tot. 4| unc; rostri, 5; alae, 2|; caudae, If;
tarsi, 1^. Hab. in Nova Cambria australi.
Calamantbus Gould. Gen. nov. (Pr. Z. S. V. p. 150).
Rostrum capite brevius, ad basin tumidum versus apicem iatera-
liter corapressum, culmine prominente et acuto; nares laterales,
magnae, ovales et operculo tectae; rictus sine setis; alae breves,
rotundatae, remige 4to longissimo, 3to, 5to, 6to et 7mo inter
se aequalibus; cauda perbrevis et rotunda; tarsi mediocres, scu-
tellis indistinctis antice instructi; halluicsubelongatus, ungue elon-
gato munitus; digiti laterales inaequales, externus brevior. Typ.
Änthus fuliginosus Vig. Horsf.
ein cloramphus Gould. Gen. nov. (Pr. Z. S.V. p. 150).
Rostrum capite subbrevius; culmen leviter arcuatum, apice emar-
ginato; commissura ad basin subangulata, incurvata per reliquam
totam longitudinem; nares laterales, ovales, alae mediocres, ri-
gidae; remige Imo longo, 2do et .3tio longissimis; cauda sub-
parva, *cuneiformis; tarsi robusti antice scutellati; digiti elongati,
robusti, praecipue posticus, qui ad basin tarsi est articulatus.
Typus: Megalurus cruralis. Vig. Horsf.
Origma Gould. Gen. nov. (Pr. Z. S. 148). Rostrum, Ca-
put quoad longitudinem fere aequans, incurvatum, carinatum, ad
apicem denticulatum; nares ovales, laterales, basales operculoque
fere tectae ; alae mediocres, remige Imo brevissimo, 4to, 5to, 6to
Tmoque longissimis et inter se fere aequalibus; cauda mediocris
et subrotundata ; tarsi mediocres, digiti breves, interne longior
externus. Typus: Saxicola solitaria Horsf. Vig. Rock- Warbier
Le.win tab. XVI-
383
Pomatorhlnus leucogaster Gould. (Pr. Z. S. V. p.l37).
P. striga alba super ocularl, a rostro per coUum excurrente; loro,
li'nea infra oculari auricularlbusque ni'gris; summo capite, cor-
pore supra, alis crissoque olivaceo-fuscis; cauda fusca; laterlbus
colli, pectoris, corporisqiie nitiderufis; gula, pectore, abdomine-
que medio albis; rostro Havo; pedibus plumbaceis. Long. tot.
9 unc; rostri, 1^; alae, 3l\ caudae, 4; tarsi, 1^. — Himalaya.
Mal ums longicaudus Gould. Mas. M. suninio capite,
striga infra aures, dorsoquc anteriore obscure cyaneis; nucba,
scapulis, dorso uropygioque obscure nigris; gutture pectoreque
azureo-nlgris; corpore inu'a cinerescenti-albo, lateribus brunne-
scentibus; rectricibus caudae obscure cyaneis, pallidioribus apici-
bus; rostro nigro; tarsis brunneis.
Fem. Corpore supra, alis caudaque rufo leviter tinctis;
linea in fronte et super oculos, rostro pedibusque rufescenti-
fuscis. Long, tot, unc. 5; rostri, 4; alae, 2; caudae, 2| ; tarsi,!.
Hab. in terra Van Diemen.
Pachycepbala xanthoprocta Gould. (Pr. Z. S.V.
p. 149). P. vertice, corporeque supra ollvaceis, hoc colore ad
crissura, et ad marginem remigum alae, rectricumque caudae
laetiore; abdomlne palllde fusco; crisso flavo; rostro ad apicem
nigro, ad basin brunneo; pedibus fuscis. Long. tot. 6unc. ; ro-
stri, |; alae, 3^; caudae, 3; tarsi, |. Hab. In Novae Cambriae
australis ora orientali.
P. louglrostris Gould. ib. P. vertice, corpore superlore
allsque ollvaceis, primariis, secundarlls, tectricibus rectricibusque
caudae ad marginem nitide ollvaceo-aureis; gula pectoreque pal-
llde cinerescentl-fuscis; crisso flavo; rostro nlgrescentl fusco ; pe-
dibus brunneis. Long. tot. 7 unc; rostri, |; alae, 4; caudae, 3i;
tarsi, 1. Hab. in Novae Cambriae australis ora orientali.
Scolopaclnus Bonap. Acontlstes Sundev. (Pr. Z. S. 119).
Rostrum louglsslmum, basi trigonum, gracile, rectlsslmum; man-
dibulls aequalibus, superlore apice extimo subcurvato, subblanti-
bus: nares fossa majuscula, membranula fere omnino clausae.
Pedes elongatl; tarso digito medio sesquilonglore: digiti omnes
a basi fissl, valde Inaequales, postico valldlore, ungue robusto
valde arcuato. Alae maxime rotundatae ; remigibus Imo , 2do,
3tIo sensün longlorlbus; 4to caeteris vlx longiore, omnIbus latls.
Cauda breviuscula, valde gradata.
S. rufiventrls B. Sc. brunneo-olivaceus; genis et subtus
aurantlo-cinnamomels; gula alba Inferne strils nigris; remigibus fu-
scis; cauda nigra, rectrice extima macula transversall, 2nda macula
interna aplcall,terlia apice tantum albis. Rostrum fuscum subtus basi
album. Long.4"6'"; alae, 2"; caudae, 1" 6'"; tarsi, 10'". Guatimala.
Acanthiza magnirostra Gould. (Pr. Z. S. 146). A. ver-
tice, corpore superlore, alis caudaque olivaceo-fuscis; hac, fron-
teque rufescentibus; gula pectoreque cinerels; lateribus ollvaceis;
rostro nigro ; pedibus brunneis. Long, tot, 4| unc. ; rostri, ^ ;
alae, 2^; caudae, 1|; tarsi, |. Hab in Nova Cambria auslrali.^
A. uropygialis Gould. ib. A. capite, corpore supra alis-
que fuscis, leviter oHvaceo lavatls; uropygio tectrlclbusque caudae
25*
384
laele castaneis; cauda nigrescenti-fusca, late ad apicem albo-no-
tata; gula, pectore abdomineque medio grisels ; lateribus crisso-
que palllde cervinis; rostro pedibiisque nigris. Long. tot. 3| unc;
rostri, ^; alae, 2; caudae, 1|; tarsi, |. Hab. in Nova Cambrla
ausirali.
A. diemenenjsis Gould. ib. A. fronte rufo-briinneo, notis
semilunaribus cervinis, fusco queadspersis, corpore superiore ah'sqiie
intcnse olivaceo-fuscis; tectricibus caudae fuscis, castaneo lavatis;
rectricibus olivaceis, nigrescenti-fusco fasciatis; genis, gula, pe-
ctoreque cinereis, irregulariter fusco adspersis; abdomine, crisso-
que cinerescenti-albis rufo tinctis, hoc^colore in crisso lateribus-
que praevalente; rostro pedibusque pallide brunneis. Long. tot.
4unc. ; rostri, x^^; alae, 2^; caudae, 2; tarsi, i. Hab. in terra Van
Diemen.
A. lineata Gould. ib. A. vertice fusco-olivaceo, albo de-
licate striato; dorso, aus caudaque olivaceis; bac apicem versus
nigrescente fasciata, ad apicem cinerescente-fusca; gula, pectore-
que cinereis, olivaceo lavatis et irregulariter fusco guttatis; ro-
stro pedibusque fuscis. Long. tot. 3f unc; rostri, |; alae, 2;
caudae, l^; tarsi, f. Hab. in Nova Cambria australi.
Sericornis Gould. (Pr. Z. S. 1.3.3). Rostrum robustum,
rectum, caputque quoad longitudinem fere aequans, apice com-
pressuni, indentatum. Nares basales, laterales, ovales, et oper-
culo tectae. Alae mediocres, rotundatae; remige primo perbrevi,
quarto, quinto sextoque longissimis et inter se fere aequalibus.
Cauda mediocris et aequalis. Tarsi elongati, digitus posticus
cum ungue validus, digitum intermedium fere aequans; digitis
externis aequalibus. Plumae molles et sericeae. Typus: Acan-
thiza frontalis Vig. et Horsf.
S. humilis Gould. S. loro nigrescenti-fusco, et super boc
strlga indistiricta alba; vertice, corpore supra, alis caudaque oli-
vaceis, rubro lavatis; ala spuria nigrescente; plumis singulis albo
niarginatis; gula cinerea fusco guttata; pectore abdomineque me-
dio, fusccsc€nti-flavis, illo fusco indistincte guttato; lateribus ca-
staneis; rostro nigrescente; pedibus fuscis. Long. tot. 5 unc;
rostri, |; alae, 2|; caudae, 2^; tarsi, 1. Hab. Terra Van Diemen.
S. citreogularis Gould. Mas. S. loro, annulo circumo-
culari plumisque auricularibus intense nigrescenti-fuscis; linea
flavescente a naribus super oculos excurrente; vertice, corpore-
que supra, rectricibus secundariisque alarum, caudaque rufo-
brunneis; primariis ad marginem externum olivaceis; ala spuria
nigrescente; gula citrina; pectore lateribusque olivaceo-fuscis; ab-
domine medio albo; rostro nigro; pedibus brunneis. Long. tot.
5^ unc; rostri, ^; alae, 2|; caudae, 2|; tarsi, Ij. Hab. Nova
Cambria australi.
S. parvul US Gould. (Pr. Z. S. 1.34). S. loro pallide fusco,
et super hoc striga cinerea; vertice, corpore supra, alis caudaque
olivaceo-fuscis, rubro lavatis; ala spuria nigrescente, plumis sin-
gulis albo marginatis; pectore abdomineque medio citrinis, la-
teribus olivaceo-fuscis j rostro nigrescente; pedibus luteis. Long.
385
tot. 4 unc.-, rostri, ^; alae, 1|-, caudae^ 1|; larsl, '. Hab in ora
orJenlali Novae HoUandian.
Eplithianura Gould. Gen. nov. (Pr, Z. S.148). Roslrum ca-
ptle breviiis, fore rectum, lateraliter compressum, aJ aplccm in-
dcntatum; nares basales, lineares, menibrana teciae; alac elon-
gatae, rcniige Imo spurlose, 2do longo, 3to et 4to longissimis
et Inier se acqualibiis; terliarils longis; cauda brevis ettruncata;
tarsi fntegrl, niediocrcs, graclles; digiti graciles, posticus cum
ungue nicdio brevior; digiliis internus extei'no brevior. Typus:
Acanlbiza aibifrons Jard. et Selb.
E. aurifrons. E. ca,pite, tectricibus superiorlbus caudae,
lateribus nucbae, pectore corporeque nitida aurantiacis, boc co-
lore in fronte et centrali abdoniine praevalente; dorso ollvaceo;
alis brunneis olivaceo niarginatis; cauda obscure fusca, singulis
rectricibus, duabus intermediis exceptis, ad apicem interne albo
maculatis", mento et gula centrali nigris; rostro nigro; pedibus
brunneis. Long. tot. unc. 4; rostri, |; alae, 2}; caudae, 14; tarsi, 1.
Hab. in Nova Cambria australi.
Acantborhyncbus Gould. (Pr. Z. S. 24). Rostrum elon-
galum, gracile et acutum, ad latera compressum; tomiis incurva-
tis; culmine acuto et elevato. Nares basales elongatae et oper-
culo tectae. Lingua ut in Gen. Melipbaga. Alae mediocres et
sub-rotundatac, remigibus primls et quintis fere aequalibus; ter-
tiis et quartis intense aequalibus et longissimis. Cauda medio-
cris, et paululum furcata. Tarsi elougati, fortes, balluce digito
medio longiore et robustiore; digito externo medium superante.
Ungues curvati. Typus: Certbia tenuirostris auct.
A. sup erciliosus. A. summo capite, coi'pore superlore,
alis caudaeque rectricibus sex intermediis cinerascenli-fuscis,
rectricibus reliquis nigris albo ample terminatis; loro plumisque
auricularibus nigrescenti-fuscis; gutture summo, genis lineaque
superciliari albis; gutture coUoque nitide et pallide castaneis;
iilius colore vitta alba infra circumdato, ciii vitta nigra accedit;
abdomine crissoque pallide cinerascentl-fuscis; rostro pedibusque
nigris. Long. tot. 5i: unc; rostri, Ü; alae, 24; caudae, 2i; tarsi, 4.
Hab. in terra Van Diemen.
A. dubius. A. summo capite intense cinerascenti-viridi;
loro, plumis auricularibus, lunnla in utroque pectoris latere, re-
ctricibusque caudae sex intermediis nigrescenti-fuscis, rectricibus
reliquis nigris ad apicem albls; nucha obscure rufa; secundariis,
tectricibus alae majoribus et uropygio cinereis; gula pectoreque
cinerescenti-albis, illa rufo tlncla; abdomine crissoque nitide at
pallide castaneis; rostro pedibusque nigris. Long. tot. 54 «nc;
rostri, 1; alae, 2|; caudae, 2|; tarsi, |.
Acanthogenys Gould. Genus novum. Rostrum caput
aequans, compressum, leviter arcuatum, ad apicem acutum nari-
bus subbasalibus, mandibulae superiorls tomiis ad apicem inden-
tatis, et delicate serratis; plaga nuda a basi mandibulae infra
oculos excurrente; genis infra plagam spinis subrigidis tectis;
alae mediocres; remige primo brevissimo, tcrtio, quarto et quinto
aequalibus ceterosque excellentibus; cauda mediocris subaequalis;
386
f>edes validi; digito postico forti, digitumque intermedium excel-
cnte; externo ad intermedium basaliler adjuncto; unguibus incur-
vatis. Anthochaerae generi proximum, differt cauda aequali,
plaga faciali nuda genisque spinosis.
A. rufogularis (Pr. Z. S. 153). A, capite siiperiore dorso
alisque fuscis, plumls ad marginem pallidiorlbus; uropygio, te-
ctricibusque caudae albis, in medio fusco tinctis; striga post ocu-
ios, et ad latera colli nigrescente; super strigam lateralem colli,
linea albescente, fusco adspersa; setis genarum albis, et infra
ad basin mandibulae inferloris linea plumarum, albo nigroque
fasciatarum-, gula pectoreque summo pallide rufis; corpore sub-
tus sordide albo, plumis fusco notatis; cauda nigrescenti-fusca,
apice albo; plaga fasciali nuda, rostroque basi aurantiacis; rostri
apice pedibusque nigris. Long. tot. 9|unc.; rostri, 1|; alae, 4^;
caudae, 4^; tarsi, 1. Hab. in Nova Cambria australi.
Anthochaera lunulata Gould. (Pr. Z. S.V. p. 153)-
A. summo capite, nucha dorsoque anteriore olivaceo-brunneis;
dorso inferiore uropygioque olivaceo-brunneis, singulis plumis,
stemmatibus albis; tectricibus superioribus caudae olivaceo-brun-
neis, ad apices albis; primarils brunneis; secundariis tertiariisque
brunneis, cinereo marginatis; rectricibus caudae intermediis dua-
bas, cinereo-fuseis; reliquis obscure fuscis, apicibus albis; plumis
nucbae lateralibus, elongatis, acutls, cinereis; gula et nucna an-
teriore, pectore corporeque infra cinereo-brunneis; macula obli-
qua nivea ad latera; rostro nigrescenti-fusco; pedibus rnfo-brun-
neis. Long. tot. unc. 12; rostri, 1|; caudae, 6i; alae, 51; tarsi,l4-
Hab. in Australia, apud Fliimen Cygnorum.
Glyciphila? ocularis Gould. G, summo capite, corpore
supra, alis caudaque obscure olivaceo-brunneis, hoc colore ad
uropygium et rectrices caudales In luteum transeunte; pone oculos
plumis paucis parvis nitide brunneo-flavis; gula pectoreque cine-
reo-fuscis; abdomlne crissoque olivaceo-clnerels; rostro pedibus-
que nigro-brunneis. Long. tot. unc. 5i; rostri, i; alae, 21» cau-
dae, 2i; tarsi, |. Hab. in terra Van Diemen.
Meliphaga sericeola Gould. (Pr. Z. S.V. p. 152).
M. summo capite, loro, orbitls guttureque nigris; fascia indi-
stincta super oculos et in fronte alba; genis, plumis capillaribus
albis; nucha, dorso, uropygio, nigro- fuscis, singulis plumis brun-
nescenti-albo marginatis; hoc colore ad nucham praevalente; alis
caudaque nigro-fuscis; primarils, secundariis fla vis; rectricibus ad
partes basales flavo-marglnatis et ad apices cinereo-albis, dua-
bus intermediis exceptls; pectore corporeque subtus albis, singu-
lis plumis, lineis centralibus fusco-nigris; rostro nigro ; pedibus
obscure brunneis. Long. tot. unc. 5'; rostri, l; Jilae, 2i; cau-
dae, 2^; tarsi, |. Hab. in Australia. M. sericeae affinis at
minor.
M. inornata Gould. ib. M. summo capite, corpore supra,
alis caudaque obscure olivaceo-brunneis; primarils, secundariis et
rectricibus caudae, duabus intermediis exceptls, ad bases flavo
marginatis; gutlure pectoreque superlore brunneis; abdomine
centrali brunnescenti-albo; lateribus brunneis ; rostro pedibusque
387
brunneo-nigris. Long. tot. unc. 54; roslri, ,; aU>e, 2-1; caudae, 2^;
tarsi, l- Hab. lii terra Van Diemen.
Symmorplius Gould. (Pr, Z. S. 145.) incertae sedis.
Rostruni subbreve, tumidum; inandibula superiore ad apicem le-
viter emarginata; entmine commissuraque subarcuatis ; nares ba-
sales, ovales et plumis frontalibus fere occnltatae; alae medio-
cres, remige Imo breviore, 2do per dimidium; 3tio, 4to et 5to
longissimis et inter se fere aequalibus; cauda mediocris, rectrice
externa utrinque per partem quartam caeteris breviore; tarsi et
pedes mediocres, illl antice scutellali; digito postico cum ungue,
medio breriore; digitis lateralibus inaeqiialibus, interno brevissimo.
S. lencopygus Gould. S. loro nigrescenti-brunneo; linea
supra-oculari cervino-alba; summo capite, nucha dorsoque in-
tense rufo-fuscis; humeris, tectricibus majoribus alarum ad apl-
ces, uropygio, gula corporeque subtus albis , badio pallide lava-
lis; primariis secundariisque nigrescenti-brunneis, badio obscure
marginatis; rectricibus caudae quatuor mediis brunneis, ad apices
cinerescenti-albis, tribus externis utrinque ad basin per dimidiaui
partem brunneis, per reliquam partem albis; rostro pedibusque
nigris. Long. tot. unc. 7t ; rostri, |; alae, .31; caudae, 31; tarsi, 1.
Hab. in Nova Cambria australi.
Spiza versicolor Bonap. S. violaceo-cyanea purpureoque
varia: uropygio cyaneo: capistro nigro: alis caudaque fuscis.
Temascallepec.
Jcterus Parisorum Bonap. (Pr. Z. S. HO). J. niger,
tergo, abdomine, tectricibus minoribus alarum, rectricibusque la-
teralibus a basi ad medium flavo-olivaceis; tectricibus alarum majo-
ribus remigibusque secundarlisapice albis. CalandriaMexic. Mexico.
Dendrocitta rufi gaster Gould. (Pr. Z. S.V. p. 80).
D. facie, summo capite, plumis auricularibus, gutture pectoreque
brunneis, hoc colore gradatim in rufo-brunneum transeunte apud
abdomen; laleribus crissoque nitide castaneis; occipite et nucha
cinerescenti-albis, dorso rufo-brunneo; uropygio tectricibusque
caudae superioribus cinerescentibus; rectricibus caudae duabus
intermediis nigrescenti-griseis, ad apicem nigris, utrisque proxi-
mis nigris, ad basin nigrescenti-griseis; rectricibus caeteris nigris;
alis nigerrirais, primariis omnibus adi basin (externis exceptis)
albis, iu|l color notam conspicuam In alis medlls efficit; femorl-
bus gnseis; rostro nigro; pedibus brunneis. Long. tot. löi unc;
rostri, 14^; alae, 71; caudae, 114; tarsi, 1|. Hab. India.
Corvus nobilis Gould. (Pr. Z. S. 79). C corpore toto
nitide nigro, non sine fulgore purpureo ac viridi praecipue ad
alas ac scapulas, necnon ad gulam pectusque, ubi plumae sunt
elongatae et lanceolatae; cauda lata et gradata; rostro pedibus-
que nigris. Long. tot. 25 unc; rostri, 3{; alae, 18; caudae, 11;
tarsi, .3. Hab. Mexico.
Entomophila Gould. (Pr. Z. S. 154). Rostrum fere ca-
pitis longitudinem aequans, ad basin latiusculum, dein compres-
sum, et ad apicem acutum; mandibulae superloris tomiis arcuatis,
et apicem versus leviter indentatls; nares basales, ovales, in
merabrana positae, et operculo tectae; alae longiusculae; remige
388
prlmo spurlo, secT-ndo tertium fere aequante, hoc longissimo;
cauJa brevis, subqtiadrata; tarsi breves, et subdebiles; digito po-
steriore brevi, forti; digitis externis band aequalibus, interne paulu-
lum breviore.
E, picta Mas. E. capilc, genis corporeque supra nigris;
plumls auriciilaribus postice albo fimbriatis; alis nigris, priniariis
secundariisqiie extus nitide flavis; caudae rectricibus nigris, extus
flavo niarginatis, omnibiisque (Jtiabus internis exceptis) plus
ininusve extus albo ad apiceni notatis; gula corporeque subtus
albis, hoc ad latera notis subfuscis longltudinalibus sparse ornato;
rostro flavescente; pedibus nigrescentibus.
Fem. vel mas junior? Differt partibus fuscis, quae in mare
adulto nigrae; in caeteris mari simillima, flavo colore minus ni-
tido, rostroque ad apicem fusco. Long. tot. 54 unc. ; rostri, |;
alae, 3^; caudae, 2|; tarsi, |. Hab. in Nova Cambria australi.
Plectorhyncha Gould. Gen. nov. (Pr. Z. S. 153). Ro-
strum capite brevius, leviter arcuatum, fere conicum et acutum,
naribus basalibus, operculo tectis; mandibula superiore obsolete
ad apicem indentata; alae niediocres, remige primo brevissimo,
tertio quartoque longissimis; cauda mediocris et aequalis: tarsi
validi; diglto postico cum ungue forti, et dlgitum intermedium
anticum excellente; digitis lateralibus inaequalibus, externo lon-
giore, et intermedio basaliter conjuncto.
P. lanceolata. P. vertice, plumis auricularibus nuchaque
albo fuscoque variegatis; gula corporeque subtus cinerescenti-
albis; plumis pectoralibus sublanceolatis et albis; corpore toto,
caudaque superne pallide fuscis; rostro fuscescenti-corneo; pedi-
bls nigris. Long. tot. 9 unc. ; rostri, 1; alae, 4^; caudae, 4^;
tarsi, 1. Hab. in Nova Cambria australi.
Geospiza Gould. (Pr. Z. S. 5). Corporis figura brevissl-
ma, robusta. Rostrum magnum, robustum, validum, altitudine
longitudinem praestante; culmine arcuato, capitis verticem supe-
rante; apice sine denticulo, lateribus tumidis. Naribus basalibus,
semitectis plumis frontalibus. Mandibulae superiorls tomiis me-
diinn versus sinum exliibentibus, ad nianilibulae inferioris proces-
sum recipiendum. Mandibula inferior basi lata, hoc infra oculos
tendente. Alae medioci^s remige primo panlo breviore secundo,
hoc longissimo. Cauda brevissima, aequalis. Tarsi nia^i, va-
lidi, diglto postico cum ungue robusto ei digito intermedio bre-
viore; digitis externis inter se aequalibus, digito postico brevi-
oribus. Color in maribus niger, in fem. fuscus. Lisularum
Galapagos incolae,
G. m agnirostris. (Spec. typ.) G. fuliginosa, crisso cine-
rascenti-albo; rostro nigro brunnescente lavato; pedibus nigris.
Long. tot. 6 unc; alae, 34; caudae, 2; tarsi,!; rostri, |; alt. rost.l.
Fem. vel Mas. jun.; corpore intense fusco, singulis plumis
olivaceo cinctis; abdomine pallidiore; crisso cinerascenti-albo ;
pedibus et rostro, ut in mare adulto.
G. strenua. G. fuliginosa, crisso albo, rostro fusco et nl-
fro tincto; pedibus nigris. Long. tot. 51 unc; alae, 3» cau-
se, l-J; tarsi, i; rostri, f; alt. rost. -J.
389
Fem. Summo corpore fusco, singiilis pluniis nee non illls
alarum caudaeque pallide cInerascenti-oHvaceo cinctis; gula et
pectore fuscis; abdoniine lateribus et crisso pallide cinerascenti-
fiiscis; rostro bninnescenti.
G. fortis. G. inlense fullginosa, crisso albo: rostro rufe-
scentl-briinueo, tincto nigro; pedibus nigris.
Fem. (vel Mas. jim.) Corpore supra, pectore et guthire in-
tense fuscis, singiills plurais cinerascentl-ollvaceo marglnatls; ab-
domlne crlssoque pallide clnerascentl-brunnels; rostro rufescenti-
fusco, apice flavescente; pedibus ut In mare.
G. nebnlosa. G. summo capite et corpore nigrescentl-
fuscls; singulis plumis cinerascentl-ollvaceo marginatis; corpore
subtus pallldiore, abdomlne Imo crlssoque cinerascentibus; rostro
et pedibus Intense fuscis. Long. tot. 5unc.; alae, 2|; caudae, 1|;
tarsi, i; rostri, |; alt. rost. \
G. fullginosa. G. Intense fuliglnosa, crisso albo, rostro
fusco; pedibus nigrescentl-fuscis. Long. tot. 4^ unc. ; alae, 24;
tarsi, i; caudae, lA; rostri, 14; alt. rostri, |.
Fem. Summo corpore, alis caudaque intense fuscis; singulis
plumis cinerascenti-ferrugineo marginatis; corpore Infra cincreo,
singulis plumis medium versus obscurlorlbus; rostro brunneo;
pedibns nlgrescentl-brunnels.
G. dentlrostris. (Fem. Mas. Ignotus.) (Pr. Z. S. 6). Man-
dibulae superlorls margine In dentem producto; vertice corpore-
que supra fuscis; singulis plumis medium versus obscurloribus ;
secundarlis tectricibusque alarum ad marginem straminels ; gut-
ture et pectore pallide brunneis, singulis plumis medium versus ob-
scurloribus, Imo abdomlne crlssoque cinerascenti-albis; rostro
rufo-fusco; pedibus obscure plumbels. Long. tot. 4|; alae, 2^;
caudae, 1|; rostri, .}; alt. rost. f.
G. parvula (Mas.). G. capite, gutture et dorso fuliglno-
sls; uropygio cinerascenti-ollvaceo; caudaetalls nlgrescentl-brun-
nels; singulis plumis caudae et alarum cinereo-marglnatis; lateri-
bus ollvacels fusco gutlatls; abdomlne et crisso albis, rostro et
pedibus nigrescentl-brunnels. Long. tot. 4 unc; alae, 2|; cau-
dae, li; tarsl. |; rostri, |; alt. rosl. ' .
Fem. Summo capite et dorso cinerascentl-brunnels , gut-
ture, pectore, abdomlne crlssoque pallide cinerels, stramlneo tinctis.
G. dubia (Fem. Mas Ignot.). G. summo capite et corpore
supra fuscis, singulis plumis cinerascentl-ollvaceo marginatis;
striga supercillarl, genis, gutture corporeque Infra cinerascenti-oll-
vaceis, singulis plumis nota centrall fusca; alis caudaque brun-
neis, singulis pluuiis olivaceo-clnereo marginatis; rostro sordide
albo, pedibus obscure fuscis. Long. tot. ,3| unc, alae, 2^; cau-
dae, II; tarsi, |; rostri, |; altltud. rostri, |.
Camarhynchus (subgenus). C aniarliyn c bus differt
a gencre Geospiza rostro debiliore, margine mandibulae superlo-
rls minus Indeutato;' ciilmlne minus, elevato In frontem et plus
arcuato ; lateribus tumidioribus; mandibula Inferiore minus in
genas tendente. Insularum Galapagos incolae.
C. psittacula (Spec. typ.). C. summo capite corporeque
390
superiore fuscis; alis caudaque obscurioribus; gulture corporequc
inferiore cinerascenti-albis, straniineo tinctis; rostro pallide fla-
vescenti-fusco; pedibus fuscis. Long. tot. 4|unc. ; alae, 2|; cau-
dae, 1|; tarsi, |; rostri, ,V; alt. rostri, ^.
C crassirostris Fem. C. corpore superiore intense brun-
neo, singulis plumis cinerascenfi-olivaceo marglnatis; gutture pe-
ctoreque cinerascenti-olivaceis,_sIngulis in medio plumis obscuri-
oribus; abdomine, lateribus crissoque cinereis tinctis stramineo.
Long, tot, Stuhc.; alae, .3|; caudae, 2; tarsi, H; rostri, j; alt. rostri,!.
Cactornis (subgenus) (Pr. Z. S. 6). Cactornis differt
a genere Geospiza rostro elongato, acuto, compresso, longitu-
dine altiludinem cxcellente; mandibulae superioris margine vix in-
dentato; naribus basalibus etvixtectis; tarsis brevioribus, ungui-
bus niajoribus et plus curvatis.
(]. scandens. (Spec. typ.) C. intense fuliginosa, crissoalbo;
rostro et pedibus nigrescentl-brunneis. Long. tot. 5 unc; rostri, |j
alae, 2|; caudae, 1|; tarsi, |.
Fem. vel Mas. jun. Corpore superiore, gutture pectoreque
intense brunneis, singulis plumis pallldlus marglnatls; abdomine
crissoque cinereis, stramineo tinctis; rostro palhde fusco; pedibus
nigrescentl-fuscis.
C assimllls (Mas. jun?) C. corpore supra fullginoso, nee
non gutture abdomlneque, Illorum plumis cinereo marginatis;
rostro pallide rufescenti-brunneo; pedibus nigrescentl-brunneis.
Long. tot. 5^ unc; rostri, ^■, alae, 2|; caudae, 1|; tarsi, |.
Certhidea (subgenus). C differt a genere Geospiza rostro
gracillore et acutlore; naribus basalibus et non tectis; mandibu-
lae superiorisimarglne recto; tarsis longlorlbus et graclllorlbus.
C. ollvacea. C. summo capite, corpore superiore, alis
caudaque olivaceo-brunneis; gutture et corpore infra cinereis;
rostro pedibusque pallide brunneis. Long. tot. 4 unc; rostri, ^J
alae, 2; caudae, 1^; tarsi, |. Insulae Galapagos.
Sphenostoma Gould. Gen. nov. (Pr. Z, S. V. p. 149).
Rostrum breve, durum, laterallter compressum et cuneiforme;
nares basales, rotundatae, opertae; rictus rectus; mandibula supe-
riore band dentata; setis dellcatls ad basin sparsis; alae perbreves
et rotundatae, remigibus quarto, quinto et sexto fere aequalibus
et longissimls; cauda elongata et gradata; tarsi mediocres, ro-
busti, antice squamls tecti, postice laeves; pedes breves; diglto
postico valldo, digltls externis inaequalibus, interno brevissimo.
Struthideae proximum.
S. cristatum. S. capite plumis anguslls acutis, antice cur-
vatis cristato; corpore supra et subtus omnino fusco; abdomine
medio cinerescenti-albo ; cauda fusca; rectricibus tribus utrinque
ad apicem albis; rostro nigrescente; pedibus plumbeis. Long.
tot. 8 unc; rostri, ^; alae, .3i; caudae, 4{; tarsi, |. Hab. in
Nova Cambria australl, apud oram orientaleni.
Guiraca magnirostris, Bonap. (Pr. Z. S. 120). G. ^ri-
seo-flavida, nigro maculata; subtus cum supercilils flavis: cnsso
albo; remigibus rectricibusque fuscis: tectricibus alarum majoribus
scapularibusque apice albo notatis. Brasilia. Ignotae speciei femina.
391
Cardinalls Virginianus Bonap. (Pr. Z. S. 111). C. ru-
ber; gula et capistro nigris; cauda valdc rotundata; rostro co-
nico, subdentato. Hab. per totam Americ. septemtr.
C. phoeniceus Gould. C. ruberrimus; capistro tenuis-
simo nigricante; cauda rotundata; rostro robustissimo conico-
turgescentl sinuato-dentato. — Hondurasbay.
C. sinuatus Bonap. C rubro cinereoque varius; gula et
capistro coccineis; cauda vix rotundata; rostro compresso tur-
gido sinuato. Im Westen Mexiko's.
Carduelis Burtoni Gould. (Pr. Z. S. 90). C. fronte et
regione circum-oculari pulcbre roseis; vertice genisque nigris;
corpore obscure fuscescenti-roseo, alis externe nigris, singulis
plumis plus minusve albo ad apicem notatis; ala spuria alba;
rectricibus caudae nigris; duabus intermediis ad apicem albis,
duabus proxiniis Jongius ad apicem albis, reliquis alba nota in-
terne ad basin excurrente ornatis; rostro pedibusque pallide
fuscis. Long. tot. 6| unc; rostri, |; alae, 31; caudae, 24; tarsi, |.
Hab. Himalaja.
Fringilla sanguinea Gould. (Pr. Z. S. 127). F. brunnea,
summo capite nigro; remigum pogonils externjs sanguineo lava-
tis; primariis nigris, secundariis nigris, ad apices albis; tectricibus
caudae et regione circum-oculari sanguineo lavatis; rectricibus cau-
dae duabus intermediis nigris, reliquis plus minusve albo notatis,
externa utrinque fere alba; rostro flavo; pedibus fuscis. Long. tot.
6| unc; alae, 4; caudae, 2^; rostri, 1; tarsi, i- Hab. Erzerum,
AI au da penicillata Gould. (Pr. Z. S. 126). A. fronte,
mento, auricularibus, abdomine, pectore alisque subtus albis;
fascia super frontem, penicillis capitis lateralibns et linea super
nares late per genas excurrente, colloque anteriori nigris; summo
capite et nucha vinaceo-cinereis; corpore supra cinereo; remigi-
bus alarum cinereo-fuscis, remige primo externe albo; rectrici-
bus caudae duabus intermediis fuscis, ad marginem pallidioribus;
reliquis nigrescentibus, externa utrinque albo marginata, rostro
pedibusque nigris. Long. tot. unc. 8; alae, 4^; caudae, 3; ro-
stri, I; tarsi, 1. Hab. Erzerum.
Aegialitis? canus Gould. A. fronte, linea supra-oculari,
genis, gula corporeque subtus albis; summo capite corporeque
supra cinereo-fuscis; primariis obscure brunneis, stemmatibus al-
bis; cauda brunnea, singulis plumis marginibus albis; rostro pe-
dibusque nigris, olivaceo tinctis. Long. tot. unc. 7^; rostri, |;
alae, .3|; caudae, 2{; tarsi, Ü. Hab. in Nova Cambria auslraU.
Sittella plicata Gould. (Pr. Z. S. V. p. 151). S. fronte,
striga superciliari, gula, pectore abdomineque medio albis; vertice
nigro; plumis auricularibus, nucha dorsoque cinerescenti-fuscis;
hujus linea saturatiore per medias plumas excurrente; uropygio
albo; tectricibus caudae crissoque cinerescenti-fuscis, fusco albo-
que variegatis; cauda nigra ad apicem alba; alis nigrescenti-fus-
cis, nota rufa centrali; lateribus et vpntre cinerescenti-fuscis; rostro
ad basin flavo, ad apicem nigro; pedibus flavis. Long. tot. 4? unc;
rostri, |; alae, 3^; caudae, 1|; tarsi, ~. Hab, in Australia, apud
Flumen Cygnorum.
392
S. niclanocepliala Gould. (Pr. Z. S. 152). S. vertlce,
occipite plumisfjiie aurlculan'Lus iiigris; dorso plumisque scapu-
laribus cinerescenti-fuscis; alis nigris, primariis secuiidarüsque
plus niinusve riifo notatis; uropygio leclricibusque caudae albis;
cauda nigra, ad apicem albo notala; crisso albo, fusco fasciato;
palpebris aurantiacis; roslro ad basin carneo, ad apicem nigro;
pedibus flavis. Long. tot. 41 unc; rostri, |; alae, 3^; caudae, 1|;
tarsi, i. Hab. in Austraba, apud Flumen Cygaorum.
S. leucöcephala Gould. ib. S. capile, gula corporeque
subtus albescenlibus, hoc lineis cinereo-fuscis longltudinalibus
notato; corpore supra cinerescenti-fusco; uropygio albo; cauda
fusca, albo terminata; alis fuscis; primariis secundariisque late
rufo fasciatis; crisso fusco, albo variegato; rostro aurantiaco, ad
apicem fusco; pedibus Havis. Long. tot. 4^ unc; rostri, s ; alae, 2|j
caudae, l^; tarsi, 4« Hab. in Australia.
Pardalotus quadragintus Gould. (Pr. Z. S. p. 148).
P. vertice corporeque supra olivaceis, plumis fusco Icvitcr mar-
glnatis; alis nigresccntibus, remigibus (primo et sccundo exceptis),
ad apicem albis; genis crissoque llavescenti-olivaceis; corpore
subtus cinerescenli-albo; rostro intense fusco; pedibus fiiscis.
Long. tot. 3| unc; rostri, |; alae, 21; caudae, 1^; tarsi, ^. Hab.
in terra Van Diemen. ,,Forty-spot a Colonis propter macularum
albarnm multltudinem dictus.
P. melanocephalus Gould. (Pr. Z. S. 149). P. vertlce,
loro, plumisque auricularibus nigris; strlga superciliari aurantiaca
Oriente, alba desinente, genis coUIque lateribus albis; nucha dor-
soque cinerescenti-olivacels; rectricibus caudae fuscesceiili-cervl-
nis; cauda nigra, ad apicem alba; alis nigrescentl-fuscis; remigi-
bus tertio, quarto, quinto, sexto, septimoque albis; secundariis
albo marginatis atque termlnatls; Ihiea alba oblique per bumeros
abducta; ala spurla coccineo terminata; linea gutturall, pectore
abdomineque medio laete Havis; crisso cervino; rostro nigro;
pedibus fuscis. Long. tot. 4 unc; rostri, ^ ; alae, 2i; caudae,!^;
tarsi, 4. Hab. in Nova Cambria australi, apud oram orlentalem.
P. rubricatus Gould. ib. P. fascia frontal! angusta sor-
dide alba; vertice et occipite nigris, albo gutta tis; nucha, dorso,
uropygio tectricibusque alarum cinerels; alis intense fuscis; ala
spurla, primariis ad basin, secundariisque ad marginem externum
laete aurantiacis; nota flammea ante oculos; striga super-oculari
cervina; tectricibus caudae olivaceis; cauda intense fusca, ad api-
cem alba; gula abdomineque cinerels; pectore flavo; mandibula
superiore fusca, inferiore cinerea; pedibus fuscis. Long. tot.
4 unc; rostri, 1; alae, 21; caudae, 14; tarsi,?. Hab. in Australia.
P. affinis Gould. (Pr. Z. S. p. 25). P. fronte nigra; ver-
tice nigro, singulls plumis linea centrali alba; linea superciliari
flava ad basin rostri Oriente, cum linea alba conjuncta occiput
versus tendente; nucha dorsoque sordide olivaceo-fuscis; uropy-
gio tectricibusque caudae flavide olivaceo-fuscis; alis nigris, pri-
mariis nota alba apicali ornatls, pluma tertia albescente ad mar-
ginem externum; secundariis albo rufoque marginatis; ala spuria
ad apicem flava; caudae rectricibus nigresceuti-fuscis transversim
393
albo ad apiccm notatls; auriculls genisque cincrescontibus; g«la
flava, pectore abdomiiieque mediis pallide flavis; albo interniix-
lis; laleribus flavide olivaceo-fuscis; rostro nigro; pcdibus fuscis.
Long. tot. 31"; rostri, |"; alac, 21; caudae, 1^; tarsi, ji. Hab.
in terra Van Diemen.
Pipra striolata Bonap. (Pr. Z. S. 122). P. ollvacea,
subtus rufa, albo striata ; pileo cristato coccineo. Brasilia. (P. slrl-
gilatae Pr. Max. proxima.)
P. elegan tissima Bonap. (Pr. Z. S. p.'il2). P. purpureo-
nigra; fronte castanco-fiisca ; vertice, nucba et cervice pulcbrc
cyaneis; pectore abdoniinequc fulvo-aeruginosis. Mexico.
P. linearis Bonap. ib. P. capite, alis caudaque nigris; ver-
tice cristato coccineo; reclricibns duabus intermcdiis lineari-acu-
minatis, nigris, caeteris triplo longioribus.
Mas. Niger; dorso coeriileo. Fem. Olivacea. Mexico.
Tanagra Darwinii Bonap, (Pr. Z. S. 121). T. oliva-
cea, capite, collo alarumque tectricibus coeruleis; subtus ex tote
cum iiropygio ilavis, femoribus cinereis. Chili.
Aglaia nigro-cincta Bonap. (Pr. Z. S. 121). A. viridi-
cyanea, dorso, pectore renilgibus caudaque nigi'is, abdominc albo.
Brasilia.
Eupbonia hirundinacea Bonap. (Pr. Z. S. 117). E. oli-
vaceo-flava, fronte et subtus Hava, vertice genisque nigro-cbaly-
beis, reniigibus reclricibusque nigricantibus, margine externo oli-
vaceis; rostro nigro, valde uncinato, subhirundineo. Guatimala.
Arremon giganteus Bonap. (Pr. Z. S. p. 117). A. laete
ollvaceus; rostro robustissinio, nigerrimo, capite nigro; gula me-
dia alba (unde nigro-cincta); pectore abdomineque plurabeo,
crlsso flavo, aeruginoso; remigibus nigris, cauda olivacea, valde
rotundata. Long. tot. 9" 6'"; rostr. ±" ; al. 4" 6'"; caud. '4" 6'";
tars. 1". Guatimala.
Icteria Velasquezi Bonap. (Pr. Z. S. 117). I. viridis;
pectore flavo-aurantiaco; rostro nigricante, mandibula albicante.
Guatimala.
I. viridis Bonap. (Pipra polyglotta Wils. Icteria dumicola
Vieil.) L viridis, pectore flavo; rostro ex tote nigro.
2. Hiantes.
Bracbypus plumlfera Gould. (Pr. Z. S. V. p. 1,37). B. ca-
pite, pectore, lateribus colli gulaque nitida viridescentl-nigrls;
corpore alisque olivaceo-flavis; primariis fuscis, olivaceo-Havo
marginatis; secundariis, pogonils internis fuscis; cauda fusca;
rostro pedibusque nigris. Long. tot. 74unc. ; rostri, |; alae, 3i ;
caudae, 3^; tarsi, 4^. — Himalaya.
Caprimulgus monticolus Franklin*) (Burton in Pr. Z.
S.V. p. 8.9). Femina? C. pallidior mari: remigibus macula no-
tatis rufa, ubi mas gaudet alba; jugulo rufo tincto; cauda rufa,
nigro fasciata et inspcrsa, rufo rectrices apud exteriores doml-
*) Proceedings of ihe Coramittee of Science and Correspondence
(Zeel. Soc.) 1830—1831.
394
nante, caudaque externa maris albo omnino carente. Forma et sta-.
tura mar! .simi'llima. Hab. in India septentrlonali. In Museo
Medico-militari, Chatham.
Amblypterus anomalus Gould. (vgl. d. Archiv. Jahr-
gang IV. S. .'iSO). A. summo capite, corpore supra etalis cinereo-
fuscis, singulis pluuils nigro irregulantcr sparsis et maculatis;
primariis nigiis, basi rubrescenti-cervinis, apice albis; secundariis
cervinis, nigrescenti-fusco irregulariter fasciatis; rectricibus cau-
dae cervinis, nigrescenti-fusco irregulariter fasciatis et maculatis;
duabus centralibus cinereo-fuscis; gutture, pectore et abdomine
ad partem superiorem nigrescenti-fuscis, singulis plumis cervlno
maculatis; abdomine imo pallide cervino, singulis plumis nigre-
scenti-fusco transversim fasciatis; rostro fusco; pedibus pallide
fuscis. Long. tot. 6j; rostri, 1; alae, 5|; caudae, 3; tarsi, |.
Demerara.
Podargus stellatus Gould. (Pr, Z. S. 43). P.'corporis plu-
mis, alis caudaque crebre guttulis notisque irregulariter interruptis,
bis pallide brunneis, illis fuscis, ornatis, colli plumis linea angusta
nigra fasciatis ad apicem latis, et albescentibus lunulam facienti-
bus; post oculos plumis pilosis elongatis orientibus, et postice
directis tectricibus alarum ad apicem marginis interioris nota
albescente, nigro postice cincta, ornatis scapularibus inferioribus
pallidioribus; pectoris plumis nonnuUis flavescenti-albo guttatis;
rostro pedibusque pallide fuscis. Long. tot. 8 unc. ; rostri, 1^]
alae, 4; tarsi, +. Hab. Java.
3. Syndactyli.
Halcyon incinctus Gould. (Pr. Z. S. V. p. 142). H. fronte
media et vertice nigrescenti-fuscis, leviter coeruleo tinctis; fronte
in J.ateribus strigis nadiis notata; occipite et nucha cyaneis; loro,
linea infra-oculari auricularibusque nigris; plumis in fronte levi-
ter badio marginatis; dorso medio lilacino viridi nitente; hume-
ris, caudae tectricibus majoribus et minoribus viridesceiiti-coeru-
leis; alis spuriosis secundariisque cyaneis; primariis brunneis ad
bases niveis, et coeruleo-viride externe marginatis; tectricibus
superioribus caudae viridi-coeruleis, fulgore metallico; cauda
cyanea; gula alba; pectore corporeque subtus pallide badiis;
mandibula superiore nigra; mandibula inferiore ad marginem api-
cemque nigra, ad basin carnea; pedibus carneis. Long. tot. unc. 8;
rostri, If; alae, 3|; caudae, 2{; tarsi,?. Hab. in Nova Cambria
australi. Affinis Haie. Mac Leayii Jard. Selb.
Ceryle torquata Bonap. (Pr. Z. S. 108). C. subcristata,
cano-coerulescens, torque albo; subtus castanea; alis caudaque
albo maculatis.
Mas. Pectore cano-coerulescente, crisso ferrugineo. Fem. Pec-
tore castaneo, crisso albo. Buff. PI. Eni. 284. Alcedo cinerea
Vieill. — Mexico.
Ceyx microsoma Burton (Pr. Z. S. V. p. 89). C. subcri-
stata, capite caudaque supra, nucha et humerls rufis; striga ab
oculis ad nucham (pone oculos leviter, apud nucham intense)
dorso et uropygio hyaline splendentibus; alis brunneis, pogonUs
395
remigiim Internis rufo marglnatis, tectricibus pimrtis liyalinis
ornatis: infia pallide ruta hoc rolorc apu«l veiitrein diliitiore;
niento, gula et striga auriculaii albiilis; rostro praegraiulJ, auran-
tiaco. Pedibiis ruLris. Long. corp. 44 unc; capitis, 2, rostri ab
apice ad rectum In; caudae 1. Hab. in India Maderaspalana.
4. Zygodaetyli s. Scansores.
Cuciilus micropterus Gould. (Fror. Z. S. V. p. 1.37).
E. summe capite, corpore supra alisque obscure pliinibaceis; cauda
nigrescenti-plunibacea, plus minnsve albo nolata; primariis interne
ad bases maculis oblongis albisque notatis; gutlure pectoreque
cinereis; corpore subtus albo, nigro crebre iasciato; rostro ad
apicem nigro, ad basin carneo. Long. toi. 12 unc. ; rostri, 1;
alae, 7^; caudae, 64; tarsi, |. — Himalaya.
Pteroglossus Gouldii Natterer. (Pr. Z. S.44). S. sumnio
capite, nucha, gutture, pectore abdomineque nigris; plumis auri-
cularibus aurantiaco-flavis ad apicem stramineis; fascia semilunari
nuchali flava; dorso, alis caudaque olivaceo-fuscis ; hujus rectrici-
bus sex intermediis apice castaneo; latcrlbus aurantiaco-flavis;
femoribus castaneis, crisso coccineo, cute circa oculos viridi;
rostri mandibula superiore nigra, apicem versus livide Cornea,
apice albo, fasciaque angusta alba ad basin; mandibula inferiore
alba, fascia nigra apiceque livide corneo, pedibus plumbeis.
Femina differt partibus, quae in mare nigrae, in illa casta-
neis, et lateribus plumisque auricularibus pallidioribus. Long. tot.
11 unc; rostri, 2i; alae, 5; caudae, 4|; tarsi, li.
Platycerciis haematonotus Gould. (Pr- Z. S. 88 u. 151).
P. summo capite, fronte, genis, nucha pectoreque smaragdino-
viridibus; dorso fuscescenti- viridi; uropygio coccineo; articulo
humerali, ala spuria et pogoniis externis primariorum ad partem
basalem nitide coeruleo-nigris; nota sillphurea humerali. Remi-
gibus majoribus et minoribus, rectricibusque caudae duabus inter-
mediis viridibus, hoc colore in coeruleum transeunte ad apicem,
apicibus ipsis nigro-fuscis; rectricibus reliquis ad bases viridibus,
ad apices et ad pogonia externa cineraceo-albis; abdomine medio
flavo; femoribus obscure coeruleo-viridibus; crisso cineraceo-albo;
rostro corneo; pedibus fuscis. Long. tot. 11 unc; alae, 5; cau-
dae, 6^; tarsi, |.
Pullus intra annum primum ab ave adulta differt partibus,
quae in hac smaragdino-viridibus, in illo cinerescenti-viridibus;
necnon crisso haud coccineo, abdomine haud flavo; at primariis
nonnullis secundariisque ad bases albis. Hab. in Nova Cambria
australi.
P. haematogaster Gould. (Pr. Z. S. 89). P. fronte facie-
que coeruleis; summo capite, nucha plumisque auricularibus
flavescenti-cinereis; pectore cinereo tincto brunneo; plumis auri-
cularibus ad partem superiorem stramineis; uropygio tectricibus-
que superioribus caudae cerinis articulo humerali pallide coeruleo;
f»rimariis intense fuscis; secundariis tectricibusque majoribus vio-
aceo-coeruleis; tectricibus minoribus alisque ad partem supe-
riorem intense coccineis; lateribus tectricibusque inferioriDus
396
pallide flavis; abdomlne medio nitidc coccineo, plumls duabus In-
termediis caudae ad Lases pallide olivaceo-viridlbus, ad apices in
coeruleum transeuntibiis. Rellquis plumis ad bases intense coe-
ruleis, ad apices in album transeuntibiis; rostro corneo; pedibus
fuscis. Long. tot. 12unc.; alae. 5|; caudae, 7; tarsi, |. Hab. in
Nova Cambria australi.
P. fiaveolus. P. fronte coccineo; biiccis pallide coeruleis;
summo capite, nucha et dorsö, uropygio, tectricihus caudae su-
perioribus corporeque inferne pallide Havidis, plumis dorsi par-
teque inferiori tectricum alae niajorum centris nigris, externe fla-
vescentibus; alis mediis cyaneis; ^la spuria primariisque externe
ad basin saturate violaceis; reliquis primariorum saturate brunneis;
rectricibus duabus interniediis caudae ad basin viridescentibus, ad
apicem coeruleis; reliquis recticum ad basin exterioreni saturate
coeruleis, apicibus pallidioribus, plumis interne fere per totam
longitudinem brunneis, apicibus extremis albis; rostro livido;
pedibus fuscis. Long. tot. 13|unc.; alae, 7 i caudae, 71; tarsi, |.
Hab. in Nova Cambria australi.
P. ignitus Leadb. P. capite summo, auriculis, uropygio
frectore corporeque subtus coccineis, buccis albis; plumis singu-
is dorsi ad medium nigris, marginibus coccineo et flavo inter-
mixtis; ala media coerulea, primariis quintis ad basin alljis, api-
cibus brunneis; rectricibus quatuor interniediis albis coccineo pal-
lide tinctis; rectricibus reliquis coeruleis ad basin albis, ad api-
cem albescentibus ; rostro livido; pedibus saturate fuscis. Long,
tot. 12 unc. ; alae, 6; caudae, 6§; tarsi, |. Hab. Australia.
Calvptorhynchus xantbonotus Gould. (Pr. Z. S.V.
p. 151 )• C. summo capite, genis, gutture corporeque supra et
infra fusco-nigris; plumis pectoralibus, apicibus olivaceis; auricu-
laribus flavis; rectricibus caudae duabus intermedlis nigro-fuscis;
reliquis ad bases et apices nigris, in mediis pallide flavis, inter-
dum plus minusve brunneo notatis; rostro albo vel nigrescenti-
brunneo; pedibus obscure fuscis. Long. tot. unc. 24; alae, iV^;
caudae, 12; tarsi, 1. Hab. in terra Van Diemen.
Nanodes elegans. Mas. (Pr. Z. S.26)._ N. vitta frontall
purpiirea, supra linea metallice coerulea marginata ad auriculas
tendente; loro splendide flavo; capite, genis, dorso, tectrlcibus-
que caudae olivaceo-virldibus, aureo lavatis; bumeris coeruleis;
primariis nigris, primis quatuor ad marginem viridescentibus;
secundarils alaque spuria nigris; gnla pectorcque vlridescenll-
flavis; boc colore abdomine crlssoque in flavum transeunte; ab-
domlne centrall pallide aurantiaco; rectricibus caudae duabus in-
termedlis vlrldescenti-coeruleis, reliquis ad basin coeruleis, ample
flavo termlnatis; rostro pedibusque Intense fuscis.
Fem. vel Mas junior vitta frontali caret, et colorem habet
indistinctiorem. Long. tot. 9 unc; alae, 4|; caudae, 5i; tarsi, ^.
Hab. in terra Van Diemen?
Centurus (Picus) subelegans Bonap. (Pr. Z. S. 109).
C. albo nlgroque fasciatns; subtus cum capite dilute cinerescens;
vertice rubre, fronte et cervice subauratls. Mexico.
C. Santa Criizi. Bonap. ibid. p. 116. C albo nlgroque
397
slrialiis capite et corpore subtus griseo-oKvaceis; vertice corvice-
qiie rubris; fronte et abflomliie aureisj uropygio albo; remigILus
rectricibusque nigris. Giiatimala.
Asthenurus ru fiventris Bonap. (Pr. Z. S. 120). A. fuscus,
subtus cum gcnis rufis, pileo nigro, rubro maculato. Brasilia.
Ei'jthrogoiijs Goiild.
Neue Gattung der Wadvögel.
(Pr. Z. S. V. 1837. 155.)
Rostrum capite longius, rectum, paulo depressum; nares
basales, lineares; alae elongatae, remige primo longissimo; ter-
tialibus fere ad apicem remigum tendentibus; cauda brevis, et
fere aequalis; tarsi elongati; digiti quatuor, postico parvulo ; an-
ticis inter se conjunctis, usque lad articulum primum; tibiae ex
parte nudae.
iL. cinctus. E. capite, plumis auricularibus, nucha, pecto-
reque nigris; gula, abdomine medio, crlssoque albls; boc fusco
adsperso; dorso, alis mediis, scapularlbusque olivaceis, brunneo
melalllce lavatis; uropygio, rectricibus caudae duabus intermediis
fuscis, rectricibus rellquis albis; laterlbus castaneis; tibia parte
iiuda, cum articulo , coccinea; tarsis ollvaceo-fuscis; rostro ad
Lasin rubro, ad apicem nigro. Long. tot. 7 unc; rostrl, Ij
alae, 4i;, caudae, 1|; tarsI, i. Hab. in Nova Cambria australi.
Berichtigung.
Aegialitis? canus Gould., zu Charadrius gehörig, ist beim
Ordnen der Diagnosen aus Versehen unter die Singvögel (s. oben
S. 391)gerathen, und an seinem Orte (Jahrg. IV. Band 2. p. 672) aus-
gelassen, was ich gütigst zu entschuldigen bitte.
Herausgeber,
V. Jahrg. l Band. 26
Lepidosiren ist kein Reptil.
(Aus den Froc. of the Linn. Soc. 1839. April 2.)
llr. Richard O wen, welcher eine zweite neue Art dieser Gat-
tung einer sorgfältigen anatomischen Untersuchung unterwarf,
hat am 2, April in der Linnean Society, mit überzeugenden
Gründen dargethan, dafs dies paradoxe Thier, welches Fi tzin-
ger und Natterer zu den Reptilien mit bleibenden Kiemen stell-
ten (s. Archiv III. 2 p. 232 u. IV. 2 p. 361 .), in Wahrheit der Klasse
der Fische angehört, und somit die Zweifel bestätigt, welche
ich, wenn ich sie auch gegen die Autorität der Wiener Naturfor-
scher nicht öffentlich auszusprechen wagte, doch gegen meine
hiesigen Freunde nicht unterdrücken konnte, und in denen die
schöne Abbildung des Thieres in den Annalen des Wiener
Museums mich nur bestärkte. Die Kopfform, die Beschuppung,
die fadenförmigen Extremitäten, die inneren Kiemen, die Lage
und die Gestalt des Afters sind so durchaus fremdartig, dafs
nur die Behauptung der Wiener Gelehrten, dafs durchgehende
Nasenlöcher vorhanden seien, mich in meinen Zweifeln irre
machen konnte. Ilr. Owen hatte seit Juni 1837 jenes Thier
unter dem Namen Protopterus in dem Kataloge des Museums
of the College of Souvgeons aufgeführt und wegen der Schup-
peubekleidung und der sackförmigen Nasenhöhlen in die Klasse
der Fische unter die Malacopteryg'd abdominales gestellt, in>
welcher Ordnung es ihm durch die ganz rudimentäre Beschaf-
fenheit der Flossen einen Uebergang zu den Apoden zu bahnen
schien. Die Hauptbesonderheiten des Skelets bestehen in des-
sen unvollkommener oder partieller Verknöcherung und der
grünen Farbe der verknöcherten Partien, ähnlich wie beim
Hornhechte. Die stets im Knorpelzustande verharrenden Theile
sind die Felsentheile der Schläfenbeine, welche den Gehör-
399
labyrinth entlialten, ein Tlieil des Oelenkstielcs der Unterkiiin-
kde, die Kiemenbogou und die Wirbclkürper; diese sind aufsor-
dem nicht getrtMint, so dal's sie den Apophyson des Riicken-
niarkskanals und den Rippen entsprachen, wie bei den Plagio-
stonien, sondern sie behalten ihre ursprüngliche Verschnielznng
lei, einem runden, ununterbrochenen, vom Kopfe zum Scliwanz-
ende reichenden Strange gleichend. Diese chorda dorsalis
besteht ans einer äulsern festen, elastischen, gelblichen Kapsel,
die eine weichere, fast gallertartige Masse einschliefst. Die
entsprechenden Basilartheile der Scliädelwirbel waren ver-
knöchert. Die 3G Paar Rippen sind kurze, schwachgekrümmte,
dünne Stiele, etwa ein Sechstheil der Bauchhöhle umfassend.
Sie sind unter der Seite der Fasersclieide der centralen Chorda
dorsalis angeheftet, ihre spitzen, freien Enden sind den Inter-
nuiscular-Ligamenten angeheftet. Die oberen Dornfortsätze
sind von den den Rückenmarkskanal bildenden Fortsätzen ganz
getrennt und diese sind an ihrem obern Ende nicht durch Anchy-
lose verbunden. Die unteren den Blutgefälskanal bildenden Apo-
physen sind in der Schwanzregion entwickelt, und beiden Apo-
physen, diesen und denen des Rückenmarkkanals sind llaut-
knochengräten angefügt von gleicher Länge, deren oberes aus-
gebreitetes Ende die durchsichtigen elastisch-hornigen Strahlen
der Schwanzflosse stützen. Die rudimentären, fadenförmigen
Brust- nnd Bauchflossen sind jede von einem aus vielen Glie-
dern bestehenden Strahle gestützt. Das Muskelsystem des
Körpers besteht aus fast vertikalen Lagen schiefer Fasern, die
in kurzen Zwischenräumen von aponeurotischen Zwischenlagen
getrennt sind. Zwei lange, schwach gekrümmte, schlanke,
scharfspitzige Zähne treten aus den beweglichen Zwischenkie-
ferbeinen hervor. Die Oberkiefer tragen jeder eine einzige,
durch zwei schiefe von aufsen eindringende Einschnitte in drei
schneidende Lappen getheilte Zahnplatte; der Unterkiefer ist
mit einer ähnlich gebildeten Zahnplatte bewaffnet, deren schnei-
dende Enden in die oberen Einschnitte eingreifen. Diese Kie-
ferzähne gleichen in et\vas der Zahnplatte des vorweltlichen
Geschlechts Ceratodns ylgass. Die fleischigen und sensitiven
Theile der Zunge sind mehr entwickelt, als es bei den Fischen
gewöhnlich der Fall ist. Die Kiefer sind zu feiner Zerthei-
luiig und Verkleinerung der Nahrungsmittel geeignet. Die
400
Schlundöffniing ist verengt; der Eingang zum Sclilunde durch
eine weiche, halbkreisförmige Klappe geschützt. Die Speise-
röhre kurz, gerade, eng, aber der Länge nacli gefaltet. Der
Magen einfach, gerade, mit dicken Wänden, in Geräumigkeit
mit dem Oesophagus iibereinstin)mend; Pylorus klappenartig
mit einem geschweiften (scalloped) Rande in den Darm vor-
tretend. Weder Pankreas, noch Milz. Leber sehr entwickele,
in 2 Lappen getheilt. Eine Gallenblase und ein weiter dii-
etus choledochus, der sich durch ein klappenartiges Ende nahe
am Pylorus öffnet. Darm gerade, zuerst von gleichem Durch-
messer wie der Magen, aber nach dem After zu allniälig ver-
engt, mit dicken Wänden; im Innern von einer sechs Win-
dungen beschreibenden Spiralklappe durchsetzt. Die Respira-
tionsorgane bestehen in Kiemen und einer doppelten verlän-
gerten Schwimmblase, von einer gefäfsreichen zelligen Struk-
tur, wie sie sonst in den Lungen eines Reptils gewöhnlich ist.
Die Kiemen bestehen in verlängerten, etwas zusammengedrück-
ten, weichen, hängenden Filamenten, wel'^ihe knorpeligen Kie-
menbögen angeheftet sind. Diese sind nicht miteinander ver-
bunden, oder dem Zungenbeine durch eine zwischenliegende
Kette von Knorpel oder Knochen unten angefügt, noch oben
dem Schädel articulirt. Es finden sich jederseits 6 Kiemen-
bögen und 5 Zwischenräume zum Durchtritte des Wassers
vom Munde zum Kiemensacke. Nicht alle Kiemenbögen tra-
gen Kiemenfäden, sondern nur der erste, vierte, fünfte und
sechte. Der erste und letzte tragen jeder eine einfache Reihe,
der vierte und fünfte jeder eine doppelte. Der zweite und
dritte Bogen haben ihre vollständigen Proportionen, zeigen
aber nicht tlie geringste Spur von Kiemen. Der Kiemensaek
ist ziemlieh weit, öffnet sieh aufsen mit einer kleinen vertika-
len Spalte dicht vor den rudimentären Brustflossen. Das Herz
liegt unter dem Oesophagus in einem starken Perikardium; es
besteht aus einem einzigen Vorhofe und Ventrikel und einem-
gewundenen Bulbus arteriosus, mit einem longitudinalen,
klappenförmigen Fortsatze wie bei Siren. Die beiden Kiemen-
arterien, welche sich um die kiemenlosen Bögen winden, ver-
binden sich jederseits mit einander und geben Zweige ab,
Avelche die Lungenarterien oder die zu den Schwimmblasen
gehenden bilden. Dieser Ai)parat für Luftrespiration beginnt
401
mit einer kurzen einfachen, liäutigen Luftröhre, welche mit
einem longitudinalen Laryngeal-Schlitze vön^Ausdelnuing einer
Linie, und 3 Linien hinter der SchlundüfTnung beginnt. Eine
einzelne Knorpelplatte geht von dieser Laryngealöffnung nach
vorn zu der des Schlundes; sie ist so breit als der Boden des
Schlundes und sclieint dazu bestimmt, das Zusammenfallen der
Röhre zu verhindern und der Luft einen freien Zugang zur
Trachea zu erhalten. Diese Röhre erweitert sich an ihrem
unteren Ende in einem Sack mit sehr dünnen Wänden, wel-
cher direct mit einer jeden Abtlieilung der Schwimmblase com-
municirt. Diese Lappen oder Lungen- sind theilweise an ihrem
vorderen breiteren Theile weiter in kleinere Lappen getheilt,
und gehen dann einfach und verflacht inid allmälig zu einer
stumpfen Spitze abnehmend fort bis hinter das hintere Ende
der Kloake. Die ganzen Wände der Linigen sind zellig, die
Zellen sind am weitesten, tiefsten, gefäfsreichsten imd weiter
getheilt am vorderen breiten Ende der Lungen, Die Lun-
gen liegen hinter -^en Ovarien, Nieren und dem Perito-
neum, welches allein den Theil ihrer glatten Bauchoberfläche
berührt, der nicht von andern Eingeweiden bedeckt ist. Die
beiden Nieren sind ganz gesondert, sehr lang und schmal, am
breitesten gegen die Kloake. Die Lreteren communiciren mit
dem hinteren Theile der gemeinsamen Endigung der Oviducte.
Weder Nebennieren noch Milz sind vorhanden. Die Ovarien
sind zwei lange, flache Körper mit Eiersäcken und Eiern von
verschiedener Gröfse, einige von 2 — 3 Linien in Durchmesser
zwischen Haufen von kleinen Eiern zerstreut. Die Eierleiter
sind getrennte gewundene Röhren, welche mit einem sehr wei-
ten und dünnhäutigen Theile, der sich mit einem 3 Linien
weiten Schlitze öfi'net, beginnen, 3 Linien weit an ihrem vor-
deren Ende und nicht mit einander vor ihrem Eintritte in die
Peritonealhöhle communicirend, wie bei den Plagiostomen. Die
Oviducte verengern sich und bilden mehrere kurze der Eier-
stockskapsel adhärirende Windungen. Ihre Wände werden
dicker und schiefe, spirale Falten sind an ihrer inneren Ober-
fläche entwickelt. Die Weite des Oviducts nimmt vor seinem
Ende zu, welches in einer einzigen vorragenden beiden Ovi-
ducten gemeinsamen Oefl'nung im hinteren Tlieile der Kloake
besteht. Eine kleine Allantois liegt zwischen dem Oviduct
402
und Mastdarm. Die Kloake nimmt die oben genannten Organe
in folgender Ordnung auf, zuerst am meisten nach vorn die
gemeinsame Oeffnung der Feritonealkanäle: zweitens den After;
drittens die Allantoisblase; viertens die Oviducte, mit den Ure-
teren, welche sich in dem hinteren Theile der Oviducte u>iin-
den. Das Gehirn besteht aus 2 verlängerten etwas zusammenge-
drückten getrennten Hiruhemisphären; einem elliptischen lobus
Ojo/icM.y, Repräsentant der Vierhiigel; einer einfachen queren Ce-
rebellarfalte, welche nicht die weitgeöffnete vierte Hirnhöhle be-
deckt, sehr entwickelten Pineal- und Fituitardriisen: imd einem
einzelnen corpus vunnillarc. Die vom Hirn abgegebenen Ner-
ven sind der 01/actoriits, die Optici, welche von demselben
Punkte an der Mittellinie zwischen den Cnti'a cerehri ent-
springen und sich nicht kreuzen; das fünfte Paar: die Hörner-
ven; die Pneumogastrici; Zungennerven; vom 3., 4. und 6. Ner-
venpaare findet sich keine Spur, da keine Muskeln des Aug-
apfels vorhanden sind. Die Augen sind selir klein, adhäriren
der Haut, welche über ihnen hingeht, ohne irgend eine Her-
vorragung zu bilflon ; sie haben eine kleine sphärische Linse
und keine Choroidaldriise. — Das Gehörorgan besteht 'aus
einem in einer dicken Knorpelhöhle eingeschlossenen Vorhofe,
ohne Connunnication nach aufsen als die Foraminn, welche
die Portio mollis durchliissen. Es besteht aus 2 Ohrstein-
säcken, deren jeder eine weifse Kalkmasse enthält; der äufsere
6 mal so grofs als der dem Hirn zunächst liegende; aufserdcm
finden sich 3 kleine, halbzirkelförmige Kanäle. Keine Spur
von Paukenhöhle oder tuba Eustachü ist vorhanden. Das
Geruchsorgan besteht in zwei ovalen innerhalb gefalteten Haut-
säcken, deren jeder eine einzige äufsere Oelfnung an der Ober-
lippe hat, aber ohne Communikation mit dem Munde, welches,
wie Verf. bemerkt, vielleicht das einzige Merkmahl ist, das ohne
Ausnahme die Lepidosiren als einen wahren Fisch darthut.
Die weitere Evidenz ihrer Fischnatur beruht im Zusammen-
treffen folgender minder entscheidender Charactere, Diese sind:
die Hautbedeckung von breiten, runden Schuppen; die Schleim-
kanäle . des Kopfes und der Seitenlinie; der vielgliedrige
weiche Strahl, welcher die rudimentären Brust- und JBauch-
flossen stützt; die knorplige Iliickgr^itssaite, welche vorn dem
ganzen Basi-Occipitalknochen, nicht aber wie bei den Batra-
403
chicrn zweien Oclciikhöckern verbunden ist ; ein Pracopercnlar-
knochen; der bewegliche Zwis(rbenkieler; der Unterkiefer, des-
sen beide Aeste nur aus dem Postmandibular- und Zahntheile
bestehen; die doppelte Reihe von Dornfortsätzen oben und
unten am Rückgrat; die grüne Farbe der verknöcherten Theilo
des Skelets; der gerade Darm mit seiner Spiralklappe; die
Abwesenheit des Pankreas und der Milz; die einzige Perito-
nealöffnung; die Lage des Afters; das einfaclie Ilerzohr; die
Zahl der Kiemenbogen und die innere Lage der Kietnen; ein
langer Lateralnerv; das Gehörlabyrinth mit grofseu Otolithen.
— In der Klasse der Fische bildet sie ein Zwischenglied zwi-
schen den Knorpelfischen und Weichflossern , besonders den
Sauroiden-Gattmigen Folypterus und Lepidosteiis, zugleich eine
Annäherung der Fische an die Amphibien. Die Art aus dem Flusse
Gambia in Afrika nennt Hr. Owen Lepidosircn aniiectciis.
Im Jahre 1837 neu aufgestellte
Säugetliierarten,
deren Diagnosen im Jahresberichte des vierten .Jahrganges aus
Mangel an Raum wegbleiben mufsten.
y4, Quadriivianu.
Galago Allenl Walerhoiise (Pr. Z. S. 87). G, auribus
fierniagiiis, (ligilis perlongis; vellere inlense plunibeo, iiifosceiile
avalo; corpore suhtus llavo lavato.
iinc. Hn.
Longltudo ab apice rostri aJ caudae basin 8 1
— caudae 10 0
— auris 1 21
Latitiido auris . » . 0 11
Longiludo polllcis antipeikmi 0 6
— digitl longissiiui 1 1
— pollicls pe<lum posticorum ..07
— digitl longissimi 1 2
— pedis posticl a calce ad apicem
digitorum 2 11
Hab. Fernando Po^
404
B. Chiroplera.
Rhino lophus Landeri Martin (Pr. Z. S. 101). R. vellere
molli, pulchre castaneo-rufesceute; aiiribus acutis, patulis, ere-
rtis, ad latus exterius emarginatis, et lobo rotunduto accessorio
instructis; prostheraate duplice; anteriore bidentato cum scypho
parvulo ad basin anticam, hoc ferro-equino membranaceo cir-
cuindato; prosthemate posteriore ad basin transversim sinuato,
ad apicem acuto; ferro equino membranaceo, lato, margine libero
antice bifido; pollice brevl, gracili, in mernbrana subtus per dii
midium incluso: ungue parvulo; anti-brachiis robustis; cruribus
gracilibus; patagiis iiigricantibus.
unc. lin.
Longitudo corporis cum capite 1 4?
— caudae 9
— aurium 7^
— antibrachii 11^
— cruris 8
— calcanei in
Prosthematis longitudo 2
Alarum amplitudo . . * 9
Ilabitat in Insula Fernando Po.
C Carnivora.
a. Insectivora.
Erinaceus concolor Martin. (Pr. Z. S. 103). E. obscure
fuscus, spinis in frontem, et super oculos obductis: spinis rigidis
flavescenti-fuscis ad basin, apicem versus intense fuscis, apice ex-
tremo paüide ru-fescenti-brunueo; auribus parvis, rotundatis; ro-
stro breviusculo; in frontem nota alba, necnon ante aures; pe-
ctore sordide albo, vellere corporis subtus nigrescenti-fusco, pilis
longis albis ad humeros sparsim intermixtis.
uiir. lin.
Longitudo corporis, a rostro ad caudae
basin, super dorsum .... 9 6
— pedls postici a calce ad apicem
digiti intermedii ungue excluso 1 7^
Hab. apud Treuizond.
b. Carnivora s. str.
Tulpes fulvipes Martin. (Pr. Z. S. 11). T. robustus, ar-
tubus brevibus; cauda raediocri; corpore colore cano nlgroque
commixtis; hoc in dorso praevalente; capite sordide fulvescente,
cano irrorato, rostro fusco, labiis superioribus ad marginem sor-
dide albis, mento fuliginoso, auribus externe castaneis; brachiis
interne, tarsis digitisque fulvis; genis, gula, corporeque subtus,
sordide albis ; cauda vellere breviore per terliam partem induta,
apice floccoso et fuliginoso.
ped. nnc. lin.
Longitudo corporis ad basin caudae »...20 0
~ caudae ad apicem velleris .... 0 9 0
405
ped, unc. Hn.
Longitudo rostri ad oculos 0 1 4
— aurium 0 1 3
— tarsorum ad plantam digitalem .024
Altitudo apud hunieros . 0 10 0
Hab. in Insula Chilöe. An Culpeu Molinae?
Vulpes Magellanicus Gray. Loud Mag. 2V. ä. I. p. 578.
Graulich mit schwarz variirt auf dem Rücken. Queerbinde
am Nacken, und Oberseite des Schwanzes schwarz. Kopf hell
gelblich. Hinterseite der Ohren, Nacken und Seite der Len-
den, Unterseite des Schwanzes hell rothgelb (fulvous). Kinn,
Hals, Brust, Bauch und Vorderseite der Beine weifs. Haare
des Rückens lang, mit einer breiten weilsen Binde vor dem
Ende. Unterpelz sehr dick, silberfarbig. Länge des Kopfs 8",
Körper 20", Schwanz 12". Magellanstr.
Vulpes griseus Gray. ib. Blafs grau, mit schwärzlichen
Haarspitzen. Beine blafs rothgelb. Lippen, Kehle, Bauch, Vor-
derseite der Lenden weifs. Schwanz schwärzlich an der Basis
der Oberseite und am Ende. Magellanstr.
Vulpes Hodgsonii Gray. ib. Pelz etwas wollig; oben
bläulich grau. Vorderkopf, Nacken, Mitte des Rückens gelblich
braun. Schwanzende schwarz. Kinn u. Unterseite weifs. Nepal.
Cani« chrysurus Gray. ib. Pelz blafs fuchsfarbig, mit
schwarzspitzigen weilsen Haaren untermischt, welche häufiger
an den Seiten, und nur an der Hinterseite des Rückens zer-
streut sind. Unterpelz weich, seidenartig; des Rückens roth-
gelb, an den Seiten weifslich; bleifarbig an der Basis der Haare.
Wangen, Kinn, Kehle und Bauch weifs, Seiten der Brust,
Innenseite der Beine gelblich weifs. Oberseite der Beine und
Afterregion hell röthlich rostgelb. Schwanz cylindrisch, bis fast
zur Erde reichend; blafs gelb mit dunkel brauner Spitze und
einem reichlichen Büschel etwas steifer Haare an seiner Ober-
seite zunächst der Basis. Ohren etwas grofs, spitz, grau, aufsen
mit Schwarz gerandet; innen weifslich. Die langen Haare des
Rückens dünn an der Basis, weifs, dicker und steif an der
Spitze, jedes mit einem breiten schwärzlichen Ring und brau-
ner Spitze, die sich an den Haaren der Seite am weitesten er-
streckt. Länge 23^", Schwanz 10". Indien.
Lutra indica Gray. ib. Nasenspitze (Muffel) kahl. Sohlen
der Hinterfüfse vorn kahl, auf der hinteren Hälfte behaart.
Pelz blafs braun, mit weifs variirt. Haare kurz, längere zer-
streut. Lippen und Unterseite des Körpers blafs bräunlich weifs.
Unterpelz kurz. — Var. mit weifser Schwanzspitze. — Bombay.
L. californica Gray. Muffel kahl; Sohlen der Hinterfüfse
vorn kahl, hinten behaart. Pelz dunkel braun, mit zerstreuten
weifsspitzigen Haaren. Seiten, Lippen, Unterseite blafs braun.
Die Schwimmhäute mit vereinzelten Haaren. Californien.
L. chinensis Gray ibid. Muffel kahl. Sohlen der Hin-
terfüfse wie bei der vorigen. Pelz blafs braun. Enden der Ohren,
Lippen, Wangen, Kinn, Kehle, Unterseite des Körpers, Hinter-
V, Jahrg. Bd. 1. 27
406
selte der Beine, Unterseite der Schwanzwurzel blafs gelb.
China.
Pteronura Gray. Kopf breit, niedergedrückt. Nasen-
spitze behaart. Füfse breit; Zehen 5-5. getrennt, mit sehr brei-
ten Schwimmhäuten. Schwanz verlängert, fast cylindrisch, mit
einer flossenartigen Erweiterung jederseits an seiner Hinter-
hälfte. Vorderz. -|; die vier mittleren oben breiter, gleich grofs,
lancetförmig; die äufseren klein, konisch; Eckzähne lang; Bak-
kenzähne? — Nasenlöcher nur mit einem kleinen nackten Fleck
an ihrem oberem Bande. Augen klein. Ohren klein, rund, u.
innen sehr behaart. Füfse sehr grofs, die Mitte haltend zwi-
schen denen der Ottern und Enchydris. Zehen verlängert, mit
langen spitzen Nägeln, die Hinterzehen sehr lang, die beiden
äufseren die längsten, die anderen nach innen kürzer werdend.
P. Sandbachii. Pelz weich, leberfarbig braun; Augen-
rand blafser. Lippen, Kinn, Kehle gelblich; letztere braun ge-
fleckt. Länge des Kopfs 6^", Körper 10", Schwanz 12".
Breite des Kopfs von Ohr zu Ohr 47^-", Vorderfüfse 3t}" im
Durchmesser, Hinterfüfse 4" lang, .3" breit. Demarara.
S. die Abbildung im IV. Jahrgange Bd. IL Taf. X.
Druckfehler.
Seite 5 Anm. Zeile 2 v. u. hepati st. hepate
„ 24 Zeile 9 v. u. parallele st. paralle.
„ 47 „ 11 V. o. Magellan-Str. st. Magallen
— „ 4 v. u. entfalten st. enthalten
213 „ 20 nudum, viride
216 „ 3 schönsten st. schärfsten
216 „ 21 Asarineae st. Avarineae
218 „ 22 Grund, diese
229 „ 24 (Wall.) st. (Well)
234 ;', h\ ^^""^^^ ^*- ^^^^y'^
233 „ 2 Cyrtopodium st. Cystopodium
233 „ 4 Pandanus st. Paudanus
228 „ 5 V. u. ist — Zellen zu streichen
260 „ 12 V. 0. befruchteten st. Befruchteten
285 „ 12 V. u Thalictrum st. Thalvitrum
300 „ 12 V. o. abweichend st. abwesend
333 „ 4 V. u. Lipoglossis st. Sipoglossis
365 „ 16 V. u. seinem st. ihrem
537 „ 8 V. o. Pedipes st. Pepides
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