Aiteiiiv
FÜR
W
NATURGESCHICHTE.
IN VERBINDUNG MIT MEHREREN GELEHRTEN
ERAUSGEGEBEN
D» AR. FR. AUO. l/VIEOMANN,
AUSSERORD. PROFESSOR AN DER FRIEDRICH -^VILHELMS- UNIVERSITÄT
ZU BERLIN.
VIERTER JAHRGANG.
Erster Band.
MIT NEUN KÜPFERTAFELN.
I
BERLIN 1838.
[ IN DER NICOLAl'SCHEN BÜCHHANDLUNG
ti «I ii U»
Inhalt des>er&ten Ba»de«»
i»'Z o d'l <^ g^^ 'er "•>'{>•
1. Ucber den Manati jes Orinoko von Hrn. A.' v. Humboldt. 1
Hierzu Taf. I. und II.)
2. Znsatz vom Herausgeber . . . ... . . 10
3. Beiträge zur Kenntnifs der europäischen Spitamäusc von H.
Nathusius. Erster historischer Theil . .. ., . . 19
4. Nutzen der Spechtraelse durch Vertilgung der Bortenkäfer von
Siemuszowa-Pietruski . . . . . . 48
5. Uebcr zwei neue Käfergattungen aus M^j^f^s^ar von» Geh.
Jöi: Obermedizinalrath Prof. Klug . • Aj/,ji>;\i,» ,,j ,.'a .» 67
6. TJeber die FamiÜe der Karpfen vom Prof, Djt. L. Agassi z . 73
7. Zur geographischen Verbreitung der Springmäuse. Notiz . 82
8. Ueber die Gattungen der PlagIostomei]( vüQ< J^^M üUer und
Henle. Zweite Mittheilung . .• /,,..■' . .83
9. Ucber die Familie der Trograuschcln (J\lac;tradae) von J. E.
Gray . . ... . . . . . 86
10. Ueber fossile Quadruraancn. — Notiz ..... 95
11. Einige Bemerkungen über das caspischc Meer, vom Staatsrath
Prof. Eichwald 97
12. Ucber das Gebifs des "Wallrosscs, vom Herausgeber . . 113
13. Bemerkungen über den Schädel von Lutra und Spalax von
Herrn. Nathusius . 130
14. Gnathostema. Neues Genus der Entozoen von R. Owen . 131
15. Cheloniorum tabula analytica auctore Carolo L. Bonaparte 136
16. Evadne Nordmanni , ein bisher unbekanntes Entomoslrakon
von Löwen. (Hlezu Taf. V.) ...... 143
17. Ornithologische Beiträge aus dem zool. Museum zu Greifswald
von Dr. Hornschuch und Dr. Schilling 1) Uebcr X.«'-
mosa Meyerl Leisl. und L. rufa Brifs 167
18. Ueber die weiblichen Geschlechtsorgane der Tachincn von Dr.
C. T. V. Siebold .191
19. Zur Gattung Scarabus Montf. v. Dr. F. H. Troschel (Hier-
zu Taf. IV. 1—3.) 202
20. Ueber einige vaterländische Landschnecken von Dr. Aug. Mül-
ler (Hiezu Taf. IV. f. 4— 6) 209
21. Ichthyologische Beiträge zur scandlnavischcn Fauna von B.
Fr. Fries. 1. Theil. Das Geschlecht Syngnathus, (Hiezu
Taf. VI.) 236
22. Metamorphose der kleinen Meernadel (^Sy7ignathus lumhrici-
formis) von Demselben (Hierzu Taf. VI. fig. 7. 8.) . . 251
23. Betrachtungen über das Gcbifs der Raubthlere (JPerae) vom
Herausgeber. Erste Abhandlung. Das Gebiis der carnivo-
ren und Omnivoren Raubthicre' ...... 256
24. Ueber die weiblichen Geschlechts- W^erkzeugc des Aales {An-
guilla fluviatilii) von H. Rathke . . . . 299
25. Helminthologische Beitrüge. Vierter Beitrag. Ueber gcschlechts,
lose Neraatoideen von Dr. C. TJi. y. Siebold . . • 302
26. Entwrickelungsgeschichte mehrerer Insectengattungen aus der
Ordnung der Neuropteren v. Friedr, Stein (HiczuTaf. Vif.) 315
27. Einige Worte über die Grattung Lmi^/f/^ ron Prof, J. van
der Hoeven in Leiden . . .> •. . . . 334
28. Bemerkungen über den Hautungsprozefs der Krebse und Krab-
ben von J. C o u c h . . . . . . . . 337
29. Ueber Mytilus polytnorphus (Tichogonia Rofsm,) vom Heraus-
geber . . . . . ' 342
30. Zwei Arten Singschwäne in Deutschland von Joh. Friedr. Nau-
mann, nebst Zusätzen vom [Herausg. (Hierzu Taf. VIII. u. IX.) 361
31. Ornithologische Notiz von J. F. Naumann (JFiirdus pallidus
Fall. T. Seiffertit%ii Brehni betreffend^ . . . .372
32. Helminthologische Bemerkung von Dr. Creplin . . . 373
33. Entgegnung des Prof. B. Fr. Fries an den Herausgeber . 374
34. Zoologische Notizen von Dr. v. Siebold {Pelobates filSCUS-
Begattung der Libellen) 375
35. Bemerkung zu dem Aufsatze des Herausgebers über il/y/?'/?^* /?0-
Jymorjthus von Prof. van Beneden in Löwen . . 376
Botanik.
1. Botanische Notizen von Dr. M. J. Schieiden (Hierzu Taf.
III.) Bodenstetigkeit der Pflanzen — Inhalt des Pollen-
kornes — Grübchen In der Epidermis einiger Blätter — zur
Geschichte der Metamorphose • — Vorkommen der Spaltöff-
nungen — harmlose Bemerkungen über die Natur der
Spaltölfnungen — über die sogenannte Holzfaser der Chemiker 49
2. Ueber vegetabilische Spermatozoen von J. Meyen . . 212
3. Ueber die Bewegungen der Pflanzen von Dr. M. Dassen . 214
4. Ueber die Bildung der faserförmigen Zellen (Faser- Zellen)
oder Baströhreu der Pflanzen von J. Meyen . • • 297
5. Ueber die Bewegungen der Pflanzen von Dr. Dassen (Schi ufs.) 345
Berichtigung,
S. 287. Z. 18 V. u. sind die Worte Geocyotl Wagl zu streichen.
VN^agler erfand diesen Gattungsnamen für Proteles, licis dagegen Canis
pictus richtiger Weise in der Gattung der Hunde.
Ueber den Manati des Orinoko
von
Herrn A. v. Humboldt.
(Aus dessen französischen Manuscripten übersetzt vom Herausgeber *).
Hierzu Taf. I. und II.
jyian hat mit Recht den reisenden Naturforschern vorgewor-
fen, dafs sie mehrere Arten gröfserer Säugethiere verwechselt
hätten, während sie von Mollusken, Insecten und den klein-
sten froschartigen Amphibien die ausführlichsten Beschreibun-
gen geben. Es geht mit unserer Kenntnifs in der Zoologie
eben so, wie mit denen in der Botanik. Eine unzählige Menge
von Ixien, Cypripedien u. dergl. sind mit grofser Sorgfalt be-
schrieben, während dieselben tropischen Länder, welche diese
krautartigen Pflanzen verbergen, Bäume hervorbringen, deren
colossale Gröfse an die der Anacardien, Cavanillesien und Hy-
menaeen gränzt, und von welchen wir dennoch die Blüthen-
theile g^ nicht kennen. Und in der That, es ist eben so
schwer, die Blüthen dieser Bäume von 30 — 40 Meter Höhe
zu erreichen, als sich die grofsen Arten der Cetaceen, Amphi-
bien-Säugethiere und Pachydermen zu verschaffen. Es ist
noch nicht gar lange, dafs man den grofsöhrigen Elephanten
Afrikas von dem indischen Elephanten mit vertiefter Stirn
1) Herr v. Humboldt, dessen zoologische Tagebücher noch so
manche ungedruckte Notizen enthalten, hat lange angestanden, mir
dieses Fragment über den Manati des Orinoko mitzutheilen. Ein be-
sonderes Interesse wird aber diese sorgfältige Beschreibung noch
dadurch erhalten, dafs dieselbe in der Gestalt, in welcher wir sie hier
geben, vor fast 40 Jahren am Orinoko selbst entworfen wurde. Sie war
zu einer Abhandlung in dem Rec. d'Ohserv. d. Zool. bestimmt, und ist
es mithin, aufweiche sich Hr. v. Humboldt in seiner Voyag. mix
reg. equinox. VI. p. 235., als im zweiten Bande jenes Werkes er-
schienen, bezieht. Herausgeber.
IV. Jahrg. 1. Band. -^ 1
nicht zu unterscheiden wufste, und dafs man alle Krokodile,
welche die Flüsse der heifsen Zone bevölkern, unter zwei
Arten vereinigen zu müssen glaubte. Es ist eine der zahlrei-
chen Entdeckungen Cuyi er s, zuerst die Existenz von 12 — 15
Arten dieser raubgierigen Reptilien nachgewiesen zu haben.
Wie viel Ungewifsheit herrscht nicht noch immer in der Be-
stimmung der grofsen Phoken, Pottwalle, Wallfische und an-
derer Cetaceen, welche das hohe Meer bewohnen.
Mehrere reisende Botaniker hatten die genaue Prüfung
von Pflanzen der südlichen Hemisphäre vernachlässigt, von
denen sie annahmen, dafs es dieselben Pflanzen seien, welche
in Europa wachsen. Eben dieser Mangel an Sorgfalt ist es,
welcher die Irrthümer veranlafste, die sich in den Werken
über geographische Verbreitung der Gewächse fortpflanzten.
Man hat angegeben, dafs Pflanzen Läpplands auf den graniti-
schen Felsen des Feuerlandes oder auf dem Gipfel der Anden
wüchsen. Genauere Untersuchungen , welche man über diese
Pflanzen von europäischer Form, oder, wenn man so sagen
darf, von europäischer Physiognomie, anstellte, habfeh gezeigt,
dafs hier nur eine Analogie, nicht eine Identität der Arten ob-
waltet. Diese Quelle des Irrthumes war dieselbe für die Geo-
graphie der Pflanzen und der Thiere. Die reisöndön' Zoolo-
gen haben in den Thieren der heifsen Zone des neuen Con-
tinentf^ dieselben Arten zu erkennen geglaubt, welche von Na-
turforschern beschrieben wurden, die Afrika oder die Ufer des
Ganges durchforschten. Wenn die Cataloge, denen wir den
pomphaften Namen Systema naturae geben, für ein und das-
selbe Thier die Aequinoctial- Länder verschiedener Continente
als gemeinsames Vaterland angeben, dürfen wir mit gröfster
Wahrscheinlichkeit voraussetzen, dafs verschiedene Arten un-
ter demselben Namen verwechselt sind.
Das Thier, dessen Beschreibung der Hauptzweck dieser
Abhandlung ist, gehört zu den grofsen Saugethieren, welche
man in allen Reisebeschreibungen erwähnt findet, ohne dafs
man dahin gekommen wäre, es durch scharfe Charactere von
analogen Arten zu unterscheiden, welche dieselben Climate be-
wohnen. Der Manati, welchen Namen dies Thier in den
spanischen Colonien führt, wurde bekanntlich von Linne und
andern Naturforschern zu dem Wallrofs (Trichechus) ge-
stellt. «Er unterscheidet sich von ihm schon allein durch den
Mangel der lüntcrn Gliedmafsen. Das Wallrofs hat vier Glied-
mafsen und einen ähnlichen Hals wie die Robben; beide sind
fähig, ihren Kopf zu drehen. Der Manati hat nur vordere
Gliedmafsen und zeigt kaum eine Spur des Halses. Cuvier
wies ihm, wie dem Dugong, die richtige Stelle bei den Ceta-
ceen an. In Wahrheit ähnelt der Dugong, dessen zwei ge-
waltige Vorderzähne gleich Stofszähnen aus dem Munde her-
vortreten, dem Wallrofs noch mehr als der Manati, dessen
kahler Körper ganz die Gestalt eines zweihändigen Cetaceum^
darbietet. Beide verhalten sich in Beziehung zu den Robben
und dem Wallrofs gewissermafsen ebenso, wie die Siren la-
certina zu den Salamandern.
Während Robben und Wallrosse, sovVie die meisten der
beschriebenen Cetaceen, da§ Meer bewohnen, giebt es unter
den Manati eine Art, die sich nur in den Flüssen findet, welehe
das Innere des neuen Continents durchschneiden. Diese, der
Manati des Orinoko, scheint durchaus verschieden von Linnens
Trichechus manatus australis pedibus unguiculatis. Er
ist gemein im Orinoko bis zu Atures (unterhalb der Catarac-
ten, die er nicht zu übersteigen vermag), im Rio Meta, Apure
und besonders im Cano del Manati. W^ir zergliederten eines
der gröfsten Weibchen zu Carichana. Es hatte 9' 2" Länge, 2'
5" Breite. Die Länge des Schwanzes betrug 2' »3", die Breite
1' 1". Dieser ist sehr flach, am Rande kaum ^" dick, und
wo er am dicksten ist, hat er nur 2" Höhe. Die Entfernung
des Afters von der Schwanzwurzel beträgt 9", von dem After
zur Geschlechtsöffnung 6", von dieser zum Nabel, der in einer
Spalte offen bleibt, 2' 3", vom Nabel zu den Zitzen 1' 8",
von den Zitzen zur Spitze der Unterlippe 1' 5". Die Ober-
lippe ragt über die Unterlippe 4" hinaus. Die Breite der
Schnauze beträgt am Ende 6". Die Breite in der Gegend der
Flossen 1' 6", am Bauche 2' 5". Die Höhe des Thieres 1' 6"
am Bauche, an den Flossen aber 1' 1", die der abgestutzten
Schnauze 4". Der Körper hat eine eiförmig- oblonge Ge-
stalt, ist oberhalb convex, auf der Unterseite verflacht, der
wagerechte häutige Schwanz abgerundet. Die Farbe bläulich-
grau. Der Körper ist nackt, doch ganz und besonders um
den Mund, die Nasenlöcher und Flossen mit etwas steifen, f "
1*
langen, gelblichen Borsten besetzt, wahren Schvveins]>orsten.
Am Rücken stehen deren etwa kanm 5 — 6 anf einem QZoIl,
an der Schnauze aber 45 — 60. Das Aeufsere des Thieres ist
gleichsam ein Gemisch von Pachydermen- und Fischbildung.
Der Kopf gleicht etwas einem Schweinskopfe. Beim ersten
Anblick begreift man es kaum, wie ein so ungeheueres Thier
von 800 Pfd. Gewicht, gleichsam von einem Sacke umschlos-
sen und ohne Gliedmafsen schwimmen kann. Aber der hori-
zontale Schwanz, welcher mehr als 3' im Quadrat hält, und
die Flossen, deren Bewegung, unterstützt von starken Mus-
keln und Nerven, ungemein schnell ist, begünstigen sein
Schwimmen. Die Hände bieten übrigens wenig Oberfläche.
Es sind verkehrt eiförmige oder verkehrt keilförmige Flossen,
am Ende schief abgestutzt, welche höchstens 40 nZoll mes-
sen, da sie auf 1' 4" Länge höchstens 6" in der Breite haben.
Die vorragende bewegliche Schnauze gleicht in etwas eineni
Schweinsrüssel. Die Oberlippe ist quadratisch an ihrem Ende
abgestutzt, oberhalb convex, innen am Rande umgeschlagen,
so dafs sie hier fast gespalten erscheint (T. 1. F. 2. die Darstellung des
Thieres von der Unterseite, und die Vorderansicht des Kopfes T.2.
F. 1.) Die Oberlippe ist um 4" länger als die Unterlippe.
Die ganze Schnauze hat eine sehr zarte, mit Papillen und
Haaren besetzte Haut. Sie bildet einen zum Tasten taugli-
chen Rüssel, geschickt die umgebenden Körper zu unterschei-
den, ein Tastorgan, welches dem Manati äufserst nöthig ist,
da sein Körper in der Haut wie in einem Sacke steckt. Die
Nasenlöcher sind halbmondförmig. Man kann abwärts ,2 — 3"
tief in sie eindringen. Der Geruchsinn scheint recht fein zu
sein. Ich entdeckte nichts, was einem äufseren Ohre vergli-
chen werden könnte, auch keine äufsere Ohröffnung ^). Die
2) Nach Andern fehlt die äufsere Ohröffnnng nicht, sondern ist
nur sehr klein. De la Condamine bei Büffon (^Hist. nat. Tom.
XIII. p. 388.) ^iebt ihr bei einem 7.1 Fufs langen Exemplare die
GrÖfse eines Nadelstiches (trou d'ephigle\ und M'eiter unten giebt er
den Durchmesser auf höchstens eine halbe Linie an, und bemerkt,
dafs das Thier sie enger zusammenziehen könne, und daher Adan-
son sie beim Manati des Senegal übersehen habe. Auch G. Gutier
nennt sie in seiner Beschreibung un trou presque imperceptible.
Herausgeber.
MujkIIiöIiIg Ist sehr seltsam gebildet. Weder Vorder- noch
Eckzähne sind vorhanden. Sechs abgestutzte, dicht gedrängte,
wenig hervorragende Backenzäline finden sich jederseits im
Oberkiefer, im Unterkiefer nur 5. Im Unterkiefer crbHcfct
man eine röthliche, dicke, fleischige Zunge, von 5" Länge und
1" 5'" Breite ; sie ist aber ganz unbeweglich und durclil Liga-
mente befestigt. Sie ragt 'nach vorn |" über die Zähil^' hin-
aus. (T. II. F. 3. e. Durch g / sind die Gelenk fortä^ze des
Unterkiefers angedeutet.) i "1
Das Thier tastet und sucht das Gras, von dem es sich
nährt Qel camelote), mit den Lippen, die es verlängert, vor-
züglich mittelst der oberen. Es reifst das Gras mit «lern Gau-
men ab, der verflacht ist und eine^ ErhabeHheit, eine Art Pol-
ster, und eine Vertiefung bildet, welchen im Unterkiefer eine
Vertiefung und ein Polster entsprechen. Das fleischige Polr
ster der Oberkinnlade (T. II. F. 4. n und F. 2. de), von 2"
Länge, tritt in eine Aushöhlung des Unterkiefers («. h. T. II.
F. 3. oder o in F. 4.) Eben so tritt das Polster oder die Er-
habenheit des Unterkiefers (T. II. F. 3. h c oder p in F. 40
von 2\" Länge in eine Concavität (e f F. 2. oder q F. 4.).
Es findet sich mithin die Aushöhlung in der Unterkinnlade
vor der Erhabenheit, imd umgekehrt im Oberkiefer die Erha-
benheit vor der Vertiefung. Die Vertiefungen sind mit einel"
chagrinir ten Haut bekleidet, besonders die der oberen, welche
von kleinen Ritzen durchzogen ist. Das Polster der Unter-
kinnlade zeigt 3 — 4 Furchen. Die Länge von «bis g in
F. 3. (T. IL) beträgt 8". Die vielleicht etwas bewegliche Spitze
der Zunge, welch« ein wenig vor den Backenzähnen hervorragt,
verbirgt sich auch zum Theil in der Vertiefung cj\ aber ihr
gröfster Umfang entspricht dem nicht schwieligen Theile des
Gaumens (f h). Die weit nach hinten gerückten dicht gedräng-
ten Zähne (T. li. F. 2. Ä/ und F. 3 e gX welche 3" Länge
einnehmen, dienen nur zum Zermalmen. Die Augen sind sehr
klein, der Bulbus hat nur 2". Sie sind von Haaren umgeben
und besitzen nur eine Nickhaut.
Die beiden Zitzen sind Brustzitzen, erscheinen als 2;}'"
lange, runzlige Höcker (tiibcraäes), und stellen in der Ach-^
selgegeud an der Insertion der Flosse» Sie entsprechen einer
kleinen Drüsenmasse. Die Milch soll sehr gut und etwas
warm sein. Die -Lunge ist das, was am Manati am meisten
Erstaunen erregt. Man würde sie, wenn man das Thier vom
Rücken aus öffnete, unmittelbar zu oberst liegend finden.
Deriii sie liegt über dem Magen. UBd den Eingeweiden, indem
sie sich in zwei länglich-lanzettlichen Säcken jederseits neben
dem* Rückgrate unter den Rippen hin ersteckt. Man möchte
sie iÜrer Form und Lage nach für Schwimmblasen halten.
Die Liaftröhre hat da, wo sie sich in die «beiden Bronchen
theilt, 1 J" im Durchmesser. Jeder Lungenflügel mifst 3' in der
Länge bei %" Breite, und bildet einen sich gegen die Bron-
chen verengenden Sack. Bläst man Luft ein, so sieht man,
dafs diese Säcke sehr weite Zellen und fast 4" Höhe haben ^).
Der grofse leere Raum, welchen sie unter dem Rücken in der
ganzen Körperlänge bilden, begünstigt vielleicht das Schwim-
men des Manati.
% »In einer Entfernung von 2' 6" von der Unterlippe liegt
äin wahres Zwerchfell, welches anfangs auf dieselbe Weise,
wie bei den übrigen Säugethieren , die Ernährungsorgane von
den Respirationsorganen als vertikale Scheidewand trennt,
dann aber gegen den Rücken sich umschlägt und sich über
dem Magen und den Eingeweiden der Länge nach unterhalb
der Lunge hin erstreckt *). Die beigegebene ideelle Zeichnung
(T. IL F. 5.) wird dies näher erläutern. In 1 ist das Herz,
in 2 die Lunge, in 3 und 4 Magen und Darmkanal ^ in 5 das
Zwerchfell angedeutet. Die Respiration scheint nach der
Gröfse der Respirationsorgane und nach der Quantität des
3) In seinem Reiseberichte (^Voyag. aux reg. equin. VI. p.231.')
bemerkt Hr. v. Humboldt, dafs ihr Umfang, wenn sie mit Luft an-
gefüllt sind, über 1000 Kubikzoll (alt französ. Maafs) betrage.
Herausgeber.
4) Daubenton in seiner Anatomie des Manatifötus (Buff. hüt.
nat. Toni. XIII. ed. Ato und To?n. XXVII p. 277. ed. 8.) deutet auch
auf diese eigenthümliche Bildung hin : 11 m'a paru que le diaphragmc
se jjrolongeoit en arricre entre les poumons et les untres visceres — ainsi
l'ahdomen etoit smis une partie de la poitrine a l'endroit des fuus-
ses-cötes, qui etoit fort etendu — la partie qui etoit sous les vraies
cotfs avoit fort peu d'etendue, et ne contenoit que le coeur , la tra-
cliea arter e etc. Les poumons etoient en cntier sous les fausscs-cö-
tes au dess'ns de Taldomen.
Herausgeber,
sclir rotheil Blutes, die man überall antrifft, sehr vollkommen
zu sein. Auch vermag der Manati nicht lange Zeit unter dem
Wasser zu verweilen, jedoch tritt er über demselben nur mit
dem Rücken und dem Kopfe hervor. Sollten aber die Be-
wegungen der Lunge nicht durch die Verdauung behüidert
werden? Die Eingeweide s^nd von ungeheuerer Länge, wie
bei den Wiederkäuern, und starke Blutgefäfse verbreiten sich
auf ihnen. Es findet sich ein zweitheiliger Magen. Seine erste
Hälfte bildet einen oberhalb convexen Sack von 1' 4" im
Durchmesser, die zweite Hälfte hat nur 5" Weite. Kaum
kann man beide als einen durch Einschnürung getheilten
Magen betrachten, obwohl in beiden Hälften die innere Ober-
fläche von gleicher Art, nämlich etwas runzlig, aber ohne
Blätter oder netzförmige Maschen ist. Die dünnen Därme
haben 68' Länge bei einem Durchmesser von 2". Bei Oeflf-
nung des Magens fanden wir das in seinen beiden Hälften ent-
haltene Gras noch wenig verändert. In den dünnen Därmen
wurde es mehr stinkend und braun, und zwar um so mehr,
als es sich dem Dickdarme näherte. Dieser ist 40' lang, 4"
weit und aufgetrieben. Die Excremente bÄden Kugeln von 3"
Durchmesser. Sie sind stinkend und gleichen denen des Och-
sen. Man sieht sie öfter auf der Oberfläche des Wassers
schwimmen. Fast der ganze Speisekanal, der Magen und die
108' langen Därme waren ganz mit Camelote gefüllt, woraus
man sich von der ungeheueren Grasmenge, welche der
Manati auf einmal zu sich nimmt, einen ungefähren Begriff
machen kann. Der Magen hat sowohl an seiner linken Hälfte
als an seiner Einschnürung Anhänge; nur die beiden an letz-
terer befindlichen Anhänge sind einfache Blindsäcke, der An-
hang der linken Hälfte enthält dagegen eine harte Drüsen-
masse, die auf dem Durchschnitte der arhor vitae ähnelt.
Das Herz hat 6.}" Länge und 5" Breite. Es ist von vielen
Anhängen eines durchsichtigen Fettes umgeben, wodurch es
auf seiner Oberfläche höckerig, gleichsam mit Beeren besetzt
erscheint. Auch in seinem Innern zwischen den Muskelbal-
ken fanden wir wahres Fett. Die Flossen gleichen den Ru-
derfüfsen der Seeschildkröten, sind ganzrandig und zeigen
äufserlich keine Spur von Fingern. Im Imiern erscheinen sie als
vollkommene Hände.
Die Länge des Hunierus 7",
Vorderarmknochen
die ganze Hand .
die Handwurzel .
Mittelhand . . .
erste Phalanx
zweite Phalanx .
dritte Phalanx .
I
am längsten oder Mit-
telfinger gemessen.
6",
7",
1",
3" 5'",
2"
1"
— 0,7'
Die dritte Phalanx hat unläugbar ein Rudiment eines Nagels ^).
Der Daumen ist sehr klein, mifst von der Handwurzel ab 4".
Viele Ligamente gehen von einer Phalanx zur andern, denn
die Phalangen beugen sich nicht.
Im Ganzen findet sich nur wenig Muskelfleisch, das meiste
am Rücken und gegen den Schwanz hin. Die Haut, mit Ein-
schlufs des Fettes, zeigt eine Dicke von 1|".
Wir fanden 50 Wirbel^), nämlich:
7 sehr kleine Halswirbel,
40 Rücken- und Kreuzwirbel mit Apophysen, und
3 Schwanzwirbel ohne Apophysen.
26 sehr breite Rippen.
Das Fleisch ist vortrefflich und gleicht sehr dem Schin-
5) In seiner Reise (^Voyag.etc. VI. jt?.235.) hat sich Hr. v. Hum-
boldt noch bestimmter über die Nägel ausgedrückt: Nous n'avons
pas trouve des vestiges d'ongles mr la face exterieure et le hord des
nageolres, qui sont entiereinent llsses; mais de petits rudimens d'ong-
les paroissoient ä la troisieme phalange, lorsqu'on öte la peau des
nageoires. In einer Randnote zu diesem Manuscripte unterscheidet
der Hr. Verf. den Manati des Orinoko durch die schwächere Behaa-
rung und den Mangel äufserer Nägel vom Manatus austraUs.
Herausgeber.
$^ 6) Die Wirbelzahl scheint variabel. Daubenton giebt 6
Hals-, 16 Rücken- und 28 Kreuz- und Schwanzwirbel, also ebenfalls
50 an; Cuvier 6 Hals-, 16 Rücken- und 24 Kreuz- und Schwanzwir-
bel, im Ganzen also 46. E. Home zählt 7 Hals-, 17 Rücken- und
24 Schwanzwirbel, also 48. Die Zahl der Rippenpaare ist nachD aub en-
ton und Cuvier 16, nach Home 17, nach Robert beim Manatus
senegalensis 16; daher ich fast vermuthen möchte, dafs die bedeu-
tende Abweichung in Hrn. v. Humboldts Angabe auf einem Schreib-
fehler beruhe und statt 16 hier 26 verschrieben sei.
Herausgeber.
9
ken. Die Guamos und dio Otomakos sind am meisten da-
nach lüstern, und diese zwei Völker sind es auch, welche
sich vorzüglich mit der Manati- Fischerei abgeben. Die Pi-
raoos verabscheuen es; sie verbargen sich zu Carichana, um
es nicht zu berühren. Sie behaupten, dafs man nach
seinem Genüsse sterbe, und dafs es Fieber hervorbringe,
welche Erfahrung die Spanier nie gemacht haben. Das
Fleisch wird eingesalzcn und an der Sonne gedörrt, das
ganze Jahr aufbewahrt, und da die Geistlichkeit dieses
Säugethier unter die Fische zählt, so ist es während
der Fastenzeit sehr begehrt. Der Manati hat ein sehr zähes
Leben. Er wird, nachdem er harpunirt ist, gebunden, aber
man tödtet ihn nicht eher, als bis man ihn in die Piroge ge-
bracht. Dies geschieht, zumal wenn das Thier grofs ist, oft
mitten im Strome, indem man die Piroge zu zwei Drittheil
ihres Gehalts mit Wasser füllt, sie alsdann dem Thiere unter-
schiebt und das Wasser mittelst einer Schale von Crescenüa Cujete
wieder ausschöpft. Der Fang dieser Thiere ist zur Zeit, wo die
grofsen Ueberschwemmungen zu Ende gehen, am leichtesten:
der Manati geht dann aus den grofsen Flüssen in die umlie-
genden Seen und Sümpfe, und w^enn die W^asser nun schnell
fallen, so befindet er sich wie abgeschnitten in einem enge-
ren Räume. Zur Zeit der lesuiten- Herrschaft in den Mis-
sionen am unteren Orinoko, versammelten sich die lesuiten
alljährlich in Cabruta, unterhalb der Mündung des Apure, um
mit den Indiern ihrer Missionen, am Fufse des Berges, wel-
cher jetzt El Capuchino heifst, eine grofse Manati -Jagd anzu-
stellen. Das Fett des Thieres ist unter dem lü^am^ii Manteca
de Manati bekannt und wird zur Unterhaltung der Kirchen-
lampen benutzt. Man gebraucht es auch zur Zubereitung von
Speisen. Es hat nicht den widrigen Geruch des Thranes der
Wallfische oder anderer blasender Cetaceen. Die Haut der
Seekühe wird in Riemen geschnitten und, gleich den Streifen
der Ochsenhäute, zu vortrefflichen Stricken gebraucht, ist aber
im Wasser der Fäulnifs unterworfen. In den spanischen Co-
lonien werden Peitschen daraus verfertigt; auch sind die Worte
latigo und 7n«/i«// gleichbedeutend. Diese Peitschen sind ein
grausames Strafwerkzeug der unglücklichen Sklaven und selbst
auch der Indianer in den Missionen. — Mit den Manatikno- '^^
10
chen (den Felsenbeinen) treibt man viele Charletaneric. Das
Gehirn ist sehr klein. Die Mundhölile zeigt eine fühlbare
Wärme.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. I. Fig. 1. Der Manati des Orenoko im Profil.
Fig. 2. von unten gesehen.
Taf. II. Fig. 1. Kopf von oben.
Fig. 2. Ansicht der Oberkinnlade von innen.
Fig. 3. Ansiclit der IJnterkinnlade von innen.
Fig. 4. Maulöffnung im Profil.
Fig. 5. Ideeller Längsdurchschnitt des Rumpfes.
Zusatz vom Herausgeber.
Aufser den wichtigen Aufklärungen, welche uns Herr v.
Humboldt in vorstehender Beschreibung des südamerikani-
schen Manati über dessen innere Organisation und besonders
über die merkwürdige Bildung seiner Mundhöhle giebt, setzen
es auch seine nach sorgfältigen Messungen entworfenen Ab-
bildungen aufser Zweifel, dafs der Manati Südamerika's von
denen der westindischen Gewässer specifisch verscliieden ist.
Hr. V. Humboldt hat liierauf nicht nur im Eingange dieses
an Ort und Stelle verfafsten Manuscripts hingedeutet, sondern
es giebt sich diese seine Ansicht auch aus einer Anmerkung
zu S. 235. des 6. Bandes seiner Reise zu erkennen, wo er,
auf den 2. Band seines Rec. d'Ohserv. d. Zool. verweisend,
den Manati des Orinoko als vom westindischen Manati ver-
schieden aufführt ').
Freilich ist die Verschiedenheit beider Thiere schon frü-
7) Voyage mix reg. eqidn. etc. Tom. VI. p. 235. note: ,^ Vot/ez sur
le Lamantin de l'Orenoque et celui des Antilles" etc.
her ausgesprochen, aber sie gründete sich nur auf vage Ver-
muthungen, da man einen specirischon Unterschied nicht nachzu-
weisen vermochte. Zuerst scheint d e 1 a C o n d a m in e eine Ver-
schiedenheit beider Tliiere gealmet zu haben. Wenigstens deuten
seine Worte ^) darauf hin. „C'est le jnhnCy^^ setzt er zur
Bcsclircibung des Manati vom Amazonenstrome hinzu, „qu*on
nommoit autrefois manati, et qu'on nomme aujourdhui
Lamantin ä Cayennß et dans les iles francoises cTAme-
rique, mais je crois Vespece un peu di/ferente^^
Dies mag hauptsächlich Buffon bewogen • haben , einen gro-
fsen Manati der Antillen (grand Lamantin des Antil-
len), und einen kleinen Manati Amerika's (petit Laman-
tin dAmerique) anzunehmen {Suppl, Tom. VL), was Cut
vier geradezu umkehrt, wenn er dem Buffon einen petit
Lamantin des Antilles zuschreibt. Auch gründeteBuf-
fon nicht, wie Cuvier angiebt (Oss. foss. 4 edit. VllL p.
59.) , den Unterschied beider einzig und allein auf den ver-
nieintliclien Mangel der Backenzähne bei der kleineren Art,
sondern es war einerseits die verschiedene Gröfse, anderer-
seits die Verschiedenheit der Lebensweise, was bei ihm die
Vermuthung einer specifischen Differenz beider Thiere er-
weckte. Der gröfsere westindische Manati sollte mehr ein
Kiistentiiier sein, höchstens in den Mündungen der Flüsse sich
sehen lassen, dabei eine Länge von 12, 14, 15 — 20' erreichen;
der kleine Manati Südamerika's sollte um f kleiner sein (p.
404.), und sich nicht nur an den Küsten, sondern auch in den
Flüssen und Seen des Innern von Südamerika linden, im Ori-
noko, Oyapock, Amazonenstrom, in der Campeche-Bay und
an den kleineren südlich von Cuba belegenen Inseln. Buf-
fon's Angabe, dafs sich letztere Art vom Manati des Sene-
gal luid der Antillen durch den Mangel der Backenzähne un-
terscheide, steht mit seinen früheren Worten', in welchen er
alle 3 Manati- Arten durch den Besitz wahrer Backenzähne
vom Maiiatus horealis (Jiliyüna III.) unterscheidet, im ge-
raden Widerspruche. Dafs diese auf Mifsverständnifs unge-
nauer Angaben beruhenden Unterschiede vor G. Cuvier 's
strenger Kritik keine Anerkennung ünden konnten, leuchtet
8) Vo//agc dans d'intcr. de l'Ameriq. merid. 1770. 8. p. 152.
12
ein. Er verwarf sie mit Recht als Nominalarten. Ais indes-
sen dieser grofse Naturforsclier die zweite Ausgabe seiner
Recherches sur les Ossein, fossil, besorgte, lag ihm eine Ab-
bildung vor, welche ihn wohl eines anderen hätte belehren
können. Ich meine die Abbildung eines von Jamaica einge-
sandten Manati, welche Everard Home in Aqw P/ülos.
Transact. vom Jahre 1821 publicirt hatte. G. Cuvier kannte
und citirt sie; ja er lobt sie als eine gute Abbildnng. Dafs
aber die beigefügte Darstellung des Skelets in der Schädel-
form mehr mit seinem MarMtus senegalensis, als mit seinem
Manatus americanus übereinstimmte, entging ihm. Eben so
wenig ist neuerlich Fr. Guvier in seiner liist. nat. des Ce^
tac6s, Paris 1836, hierauf aufmerksam gewesen. Er betrach-
tet Home's Abbildung als die einzige gute Figur des süd-
amerikanischen Manati, und copirt sie auf der ersteh
Tafel seines Atlas, als den Manatus americanus (^Lamantin
de VAmerique mcridionale) vorstellend. Und doch hätte er
um so mehr das von Home abgebildete Skelet einer genauen
Prüfung unterwerfen müssen, als dieses nicht aus Südamerika,
sondern aus den westindischen Gewässern stammte, und in-
zwischen Harlan nach zwei Schädeln eine neue Art unter
dem Namen Manatus Z«/irOtV/m unterschieden hatte ^),! wel-
cher Art er Westindien als muthmafsliches Vaterland zuschreibt.
Nach Dr. Büro w's Mittheilungen an Harlan finden sich
nämlich diese Thiere in grofser Menge an den Mündungen
der Flüsse, in der Nähe der Vorgebirge von Ostflorida, unter
25** nördl. Br. Die Indianer tödten sie mit Harpunen wäh-
rend der Sommermonate. Sie messen 8 — 10' und haben
etwa das Gewicht eines fetten Ochsen. „Wir haben eini-
gen Grund, anzunehmen," setzt Harlan hinzu, „dafs
diese Art auch Westindien bewohnt, und wahrschein-
lich ist es dasselbe Thier, dessen Cap. Henderson in seinem
Account of tJie hritish settlement of Honduras erwähnt."
Harlan's Abhandlung war Hrn. F. Cuvier nicht unbekannt; er
führt dessen Art freilich auf, scheint jedoch in ihre specifische
Differenz noch einige Zweifel [zu setzen, aber gewifs ohne
10) Journ. of thc Äcad. of nat. sc. of Philad. IIL, % p. 390. u.
Phi/sic. medic. Research, p. 70.
13
Grnnd, denn rlio freilich nnr an zwei bepcliä^l Igten Scliädolii
genommenen Dimensionen beweisen hinreichend, dafs Har-
lan's M. lalirostris eben so wesentlich vom M. senegalen-
sis, wie vom südamerikanischen Manati verschieden ist. Ueber-
dies ist die Form der Naseuöffnung in allen 3 Arten eine an-
dere ; beim südamerikanischen Manati ist sie schmal und läng-
licli, bei M. latirostris breiter und länglich eiförmig, bei M,
senegaleusis l)reit eiförmig. Bei der erstgenannten und zwei-
ten Art bildet die Symphyse des Zwischenkiefers am vordem
Theil der Nasenöffnnng einen spitzen Winkel, bei M. sene-
galensis ist dieser abgerundet. Im Uebrigen nähert sich der
M. laürostris im Schädelbau mehr der westafrikanischen Art,
als dem südamerikanischen Manati. Ein Gleiches treffen wir
auch bei dem von Home abgebildeten Skelet, so viel sich
aus der Profilansicht entnehmen läfst, denn leider hat es der
englische Anatom weder für nöthig erachtet, seine Abbildung
mit einer wissenschaftlichen Beschreibung zu begleiten, noch
hat er den Schädel in verschiedenen Ansichten darstellen las-
sen. Der Kopf erscheint im Verhältnifs zu seiner Höhe kür-
zer, als beim brasilischen Mauati, was, wie beim M, senega-
lensls, vorzüglich der Verkürzung der Kieferregion beizu-
messen ist. Das Scheitelbein, welches am Schädel delr süd-
amerikanischen Art mit dem Stirnbeine in fast gleicher Ebene
liegt, bildet in Ilome's Abbildung mit dem Stirnbeine einen
stumpfen Winkel, indem es sich gegen das Hinterhaupt schräg
abdacht. Der Körper des Jochbeins ist kürzer und höher, als
bei jenem ; die Form des Zwischenkiefers ähnelt mehr dem
des M, senegalensis, daher zu erwarten steht, dafs die Form
der Nasenöflfnung, welche ungleich kürzer (vielleicht gar zu
kurz gezeichnet) ist, der des afrikanischen Manati ähnlicher
sein werde. Noch übereinstimmender mit dem des M. sene-
galensis zeigt sich der Unterkiefer. Der obere Rand seines
vorderen Thciles ist nämlich nicht geradlinig, wie beim süd-
amerikanischen Manati, sondern gekrümmt, wie beim M. sene-
galcnsis; der Unterrand seiner Aeste ist inicht fast gerade,
wie bei ersterem, sondern tief ausgebuchtet,, wenn auch nicht
ganz so stark, wie beim letzteren. Ueberdies ist, wie beim
M. senegalensis , der Unterkiefer im Verhältnisse zu seiner
Länge hölier, besonders an der Symphyse, wo er in der Pro-
filansicht eine fast beilförme Gestalt zeigt. Alles angegebene
finden wir auch am Schädel des M. latlrostvis ; nur zeigen
die Abbildungen einige Differenzen, welche vielleicht auf Rech-
nung der Zeichner zu stellen sind. So viel geht aber aus ei-
ner Vergleichung beider hervor, dafs der von Harlan abge-
bildete Schädel dem von Home dargestellten Manati zugehört,
mithin Home's Abbildung nicht Cu vier 's M. americanus,
sondern Harlan's ikf. latirostris darstellt. In dieser Ansicht,
welche sich mir bei Vergleichung der von Cu vier und Home
abgebildeten Skelete schon früher aufgedrängt, wurde ich auf
das überraschendste durch Hrn. v. Humboldt's Zeichnung
des Manati vom Orinoko bestärkt. Ein Blick auf die Zeich-
nung läfst keinen Zweifel an der specifischen Verschiedenheit
beider Thiere übrig; und wir müssen um so mehr bedauern,
dafs E. Home so gut wie gar nichts von der äufseren Ge-
stalt seines Thieres aufgezeichnet hat.^ Ueberhaupt hat er in
dieser Beschreibung des Manati einen glänzenden Beweis ge-
liefert, wie wenig er mit den Arbeiten seiner Vorgänger be-
kannt war. Er sagt nämlich: „die grofse und kleine Zehe
haben jede nur 2 Phalangen, die der grofsen Zehe zunächst
folgende hat 3, die folgende 4, die vierte 3." (Hierbei sind
müner 'die Mittelhandknochen als Phalangen mitgezählt.) Nun
aber trägt, nach Cuvier, der Mittelhandknochen des Daumen,
sowohl beim südamerikanischen Manati, als beim Dugong,
keine Phalanx, und sämmtliche übrige Finger besitzen de-
ren 3. Nimmt man auch an, dafs die oberste Phalanx des
zweiten und vierten Fingers in der Haut stecken geblieben
sei, so steht doch die vorhandene Phalanx des Daumens, als
dem Typus der Familie widersprechend, entgegen, und merk-
würdiger Weise finden sich in der von Home gegebenen Ab-
bildung des Dugong-Skelets dieselben Abweichungen. Ist dies
in beiden nur dem Zeichner zuzuschreiben? Und hat Home
erst nach dessen Zeichnungen seine Beschreibung entworfen?
Die Dürftigkeit der letzteren macht es fast glaublich. Eben
so fragt es sich, ob die Verschiedenheit in der relativen Länge
der Mittelhandknochen wirklich bei dem abgebildeten Manati-
Skelete vorhanden ist, da sie dann eine characteristische Ei-
genthümlichkeit der Art sein würde, oder ob man sie nur dem
Zeichner zuzuschreiben hat. Beim südamerikanischen Manati
15
nehmen nÜmlicli die Mittelhandknochen von der Radial- zur
lllnarseite allmälig an Länge zu, und zwar so, dafs der Mit-
telhandknochen des äufsern Fingers der längste, und fast dop-
pelt so lang als der des Daumens ist. Davon findet sich in
Home 's Zeichnung (nicht die geringste Andeutung, vielmehr
erscheinen hier sämmtliche Mittelhandknochen fast von glei-
cher Länge, und eher sind die des zweiten und Mittelfingers
etwas länger, als die übrigen. Es wäre zu wünschen, dafs
wir hierüber von einem englischen Zootomen näheren Auf-
schlufs erhielten. Endlich ist, wie ich bereits oben in der
Anmerkung erwähnte, in beiden Manati-Arten die Zahl der
Rückenwirbel und Rippen verschieden, nämlich bei der von
Home abgebildeten Art (M. laiirostris ?) 17, bei dem süd-
amerikanischen nach Cuvier und Dauben to-n 16.
Während so die Skeletbildung beider Arten auffallende
Unterschiede darbietet, wird es schwerer, specifische Charac-
tere nach der äufsern Gestalt beider Thiere festzusetzen; je-
doch nur deshalb, weil E. Home keine detaillirte Beschrei-
bung gegeben hat, und man nicht weifs, wie weit man sich
auf seine Abbildung verlassen darf. Nach dieser ist zunächst
die Bildung des Kopfes sehr verschieden. Während in Hrn.
v. Humboldt's Zeichnung der Kopf gestreckter und im Ver-
hältnifs zu seiner Länge niedriger ist, und hierin mit der Schä-
delform des Manati von Guiana und Brasilien übereinstimmt,
ist dagegen derJKopf des von Home abgebildeten Manati viel
kürzer und höher, besonders in seinem Schuauzentheile; die
Schnauze selbst erscheint breiter. Vorn schief abgestutzt.
Home sagt nur: jhe snout is flaltenedy'' und setzt hinzu,
dafs sich an den Flossen, am Ende der Finger, Nägel finden.
Die Abbildung zeigt ihrer 4, wie auch ältere Beschreiber vom
westindischen Manati angeben. Hr. v. Humboldt erwähnt in
seiner Beschreibung nur Rudimente der Nägel, und setzt in
der angeführten Stelle seines Reiseberichts hinzu, dafs sie nur
bei Wegnahme der Haut zum Vorscheine kommen. Auch legte
er in einer an den Rand geschriebenen Diagnose beider Ma-
nati hierauf besonders Gewicht. — Inzwischen bleibt es noch
zweifelhaft, ob dem südamerikanischen Manati äufserlicli sicht-
bare Nägel durchaus abzusprechen seien. D^ubeuton, in
seiner Beschreibung des Manati-Fötus von Guiana, sagt: „o/t
16
voyoit la naissance des ongles.^^ In einer von Eduard
Pasquet gezeichneten, von J. F. Schröter gestochenen Ab-
bildung eines Manati-Fötus , welche mir Hr. v. Humboldt
gütigst mittheilte, finden sich 4 Nägel angegeben, obwohl die
Kopfbildung melir zum südamerikanischen Manati pafst. Auch
G. Cuvier, welcher ein von Cayenne gesandtes, fast 4 Me-
ter langes Exemplar beschrieben, erwähnt 4 Nägel am Rande
der Flosse. {Son hord est garni de quatre ongles plats
et ajTondis, qui rten [depassent point la memhrane etc^
Ein jüngeres Individuum zeigte ihm nur die Spur von 2 Nä-
geln, und bei einem Fötus sah er an der einen Seite nur 3,
an der andern nur einen sehr kleinen vierten. Dagegen führt
Hr. V. Humboldt in seiner Reise VI. p. 235. eine Stelle des
Pater C aulin an, der ausdrücklich den Mangel der Nägel be-
merkt (Tiene dos hrazuelos sin dmsion de dedos y sin unasJ)
Auch sind sie in einer ziemlich rohen Abbildung eines Manati
vom Amazonenstrome in Smyih and Lowe Narrative of a
Journey from Lima to Para, London 1836. 8., auf wel-
che mich Hr. v. Humboldt gütigst aufmerksam machte, nicht
angegeben, und die Beschreibung gedenkt ihrer nicht. — Auch
die Behaarung des westindischen Manati möchte kaum dichter
sein, als bei der südamerikanischen Art. Buffon iührt (^Suppl.
VL p. 396;) eine Stelle aus Rochefort's Bist. nat. et mo-
ral. des Antill. an, in welcher die Haut parsemee de pe-
tits poils genannt wird. Auch spricht für eine nur schwache
Behaarung Home's Abbildung, da sie in dieser gar nicht an-
gedeutet ist. — Dagegen möchte die relative Länge des
Schwanzes und der Flossen Artunterschiede darbieten. Er-
sterer macht, nach übereinstimmenden Angaben von Hrn. v.
Humboldt, Cuvier, Smyth und Lowe, etwa den vierten
Theil der ganzen Körperlänge aus. Die Länge der Flossen
wird bei einem 9' 2" langen Thiere von Hrn. v. Humboldt
auf 1' 4", von Smyth und Lowe bei einem 7' 8" langen
Manati des Amazonenstromes auf 1' 3", und von de la Con-
damine bei einem Manati desselben Flusses, von 7' 6" Länge,
auf 1' 3" angegeben. Mithin hätten sie etwa \ der ganzen
Körperlänge, In Home's Abbildung mifst der Schwanz fast
-^ der; ganzen Körperlänge. Die Flossen sind im Verhältnifs
zur Totallänge des Körpers etwas länger, erscheinen aber kürzer,
da sie, besonders am Unterarme, viel dicker sind, als m Hrn.
V. Hiimboldt's Abbildimg. Alles dies iHfst auf erhebliche
Verschiedenheiten schliefsen, die, wenn sie erst vollständig ge-
kannt sind, eine sichere Charakteristik der westindischen Art
nach äufsern Merkmalen znlassen werden.
Es fragt sich noch, welche Benennung für die südamerikani-
sche Art anzunehmen ist, da si« von einigen Zoologen, so von G.
und Fr. C u V i e r , D e s m a r e s t u. A. M. americanus, von andern
Naturforschern, wie T i 1 e s i u s und J. B. F is c h e r M. australis
genannt wird, wobei jedoch immer der westindische Manati
als nicht specifisch unterschieden mit einbegriffen ist. Die er-
> stere Benennung wird minder bezeichnend, seit es kaum einem
Zweifel unterliegt, dafs noch eine zweite Art die amerikani-
schen Gewässer bewohnt. Der letztere Namen, aus Linne's
Varietät /?. australis entstanden, wird dagegen bezeichnender,
theils weil die südamerikanische Art, so weit unsere Kenntnifs
reicht, die einzige ist, welche sich in ihrer Verbreitung auf
die südliche Hemisphäre erstreckt, theils weil diese Benennung
zugleich ihr geographisches Verhältnifs zum westindischen Ma-
nati, Harlan's iJf. Z«firo^^n>, auf das bestimmteste ausdrückt.
Für die geographische Verbreitung der südamerikanischen
Art füge ich schliefslich noch eine von F. Cuvi er Über-
gangene Notiz hinzu, die, so viel mir bekannt ist, den süd-
lichsten Punkt ihres Vorkommens bezeichnen dürfte. Sr.
Durchlaucht der Prinz Maxim, von Neuwied, berichtet näm-
lich (Beitr. zur Naturgesch. v. Brasilien 2. p 602.), dafs der
Manati sich in den Umgebungen des Flusses St. Matthaeus,
sowohl in diesem selbst, als in einer grofsen mit ihm in Ver-
bindung stehenden grasreichen Lagoa finde. Ihre Verbreitung«^'
Sphäre würde demnach vom Stromgebiete des Orinoko bisr*
etwa zum 19*^ südl. Br. reichen.
Hinsichtlich der Etymologie des Wortes Manati finden wir
noch immer Oviedo's irrige Ansicht wiederholt, dafs es aus dem
spanischen Mano (Hand) gebildet sei und die bandförmige Be-
schafi'enheit der Flossen bezeichnen solle. Selbst G. Cuvi er
im Regn. anim. 1. p. 283. 2. edit. tritt noch dieser Ableitung
bei, obwohl es ihm nicht unbekannt war, dafs Hernandez
das Wort aus der Haitisprache, und La Condamine aus der
Caraiben- und Galibisprache ableiten (0^4. /oss. 4. edit. VlII.
IV. Jahrg. 1. Band, 2
2. p. 10.)> "iid obgleich Herr v. Humboldt (Voyäg* aux
r6g. eq, p. 235. not. 1.) die erstere Ableitung als ganz irrig
nachgewiesen hatte. Auch Roulin (^sur le Tapir p.l, note)
führt an, dafs der Name indisch sei und schon als ein solcher
von Fernando Colon, Sohn des Entdeckers, erwähnt werde.
Nach ihm bedeutet in mehreren Dialecten der Antillen und in
deir,,0aUbisprache von Guiana, . welche fein Gemisch dieser
Sprachen und der Guaranisprache sei, das Wort Manati so
viel, als Brüste (inamellesy. Er setzt noch hinzu: „Manati
de kßiroUy ses mamelles 'ne sont point encore abattues,
sagt P. Raymond Breton (J)ict. Car. p. 349.). Manattoui
ist nach diesem der Name des Thieres. Nach Harcourt trägt
es in der Sprache der Yaios von Guiaua den Namen Co/m"
merOy aber in dieser Sprache bezeichnet Manatii ebenfalls
die Brüste." — Nach Hrn. v. Humboldt (Z. c.) nennen
:g^ die Indianer am .Orinoko den Manati Apcia und \Avia,
Nachträgliche Bemerkung zu S. 8. Note 6.
Eben nach Abdruck des ersten Bogens erhalte ich durch die
Güte des Hrn. Prof. J. A. Wagner in München über die beiden dor-
tigen Manati-Skelete einige Mittheilungen, welche die in obiger Note
ausgesprochene Ansicht, dafs die Wirbelzah] des Manati variabel sei,
bestätigen. Nach Hrn. Wagner besitzen beide Skelete 6 Halswir-
bel, aber nur 15 Rückenwirbel und Rippenpaare, und das eine der-
selben 27 Lenden- und Schwanzwirbel, von denen die 6 letzten keine
Apophysen haben; bei den andern ist der -Schwanz defect. üeber
die Nägel schreibt mir derselbe: „Nägel der Flossen nehme ich an
unsern 3 ausgestopften Exemplaren nicht wahr. Da man indessen
bei der Präparation derselben, wie der Augenschein lehrt, nicht sehr
säuberlich verfahren sein mag, so können dieselben leicht ursprüng-
lich vorhanden gewesen sein."
OF
Beiträge zur Kenntnifs der europäischen Spitzmäuse
von
Herrn. Nathusius in Hundisbur^.
Erster, historischer Theü. " ^
JcLin Blick in die besten Handbücher der Zoaiogie genügt, i^in
sich zu überzeugen, dafs die Kenntnifs der kleinsten europäi-
schen Säugethiere noch' sehr unvollkommen ist. Keine Gatr-
tung aber ist weniger in der -Natur selbst studirt, als Sorexi
Noch mehr drängt sich diese Ansicht auf, wenn man die spe-
ciellen Arbeiten der letzten Jahre über diese Thijjjte prüfij^ir '
Als iclv vor 7 Jahren meinen Aufentlialt aui dem Lande
in einer ziemlich reichhaltigen Gegend nabm, stellte ich mir
unter Anderem die Aufgabe, die kleinen Säugethiere nach Kräf-
ten möglichst genau zu beobachten ; ich bemühte mich, aus be-
nachbarten Ländern und Gegenden möglichst viele Exemplare
von solchen Thieren zum Vergleich zu bekommen, und so isii
es mir denn mit Hülfe einiger Freunde gelungen, als Material
zu vorliegender Arbeit eine Sammlung von 6U0 Spitzmäusen
in Spiritus, von ungefähr 100 trocknen Häuten und^mehr als
50 osteologischen Präparaten um mich zu versammeln.. Ich
besitze aufserdem von allen Arten und von sehr verschiedenen
Alters- und Färbungszuständen höchst gelungene Abbildungen
durch die Güte des Hrn. Saxe«en in Clausthal und einiger
anderer bekannten Zeichner, welche ich, so wie die Fieder^?
mause und Nager, demnächst zu publiciren hoffe. nz'/l 'jfh-^
Für jetzt will ich mich darauf beschränken, die mir be-
kannt gewordenen eigenthümlichen Arbeiten über die Spita-^
mause durchzugehen, und demnächst das Resultat meiner eigei-
nen Beobachtungen mitzutheilen. .'b.unf/^ ;i'\o"v^\.v\ ':..'>^
Die wenigen Beobachtungen und die inanchörfei..7AimiTheH
2*
20
sinnigen Fabeln der altern Schriftsteller hat Gesner gesam-
melt, doch weder bei ihm noch seinen Nachfolgern wurden
verschiedene Arten getrennt, obgleich es klar wird, dafs we-
nigstens einige der jetzt bestimmten Arten schon früher gese-
hen sind.
Linne gab in der 1. Ausgabe der Fauna suecica (Stockh.
1746. n. 33.) unter dem Namen Sorex eine kurze Beschrei-
bung, welche ohne Zweifel allein auf die Art pafst, die erst
viel später wieder unter dem Namen tetragonurus unterschieden
wurde. Die Angabe des Gebisses kann sich nur auf diese
Art beziehen, obgleich Linne einen Lückzahn im Oberkiefer
zu wenig zählt, dieser Zahn ist aber so klein, dafs er fast nur an
rein präparirten Schädeln deutlich zu erkennen ist, und über-
haupt darf man in solchen Angaben aus jener Zeit nicht die
Genauigkeit erwarten, wie sie nach dem jetzigen Zustande der
beschreibenden Zoologie nöthig geworden ist. Auch Linnens
Beschreibung des Fledermausgebisses in jenem Buche pafst
auf keine Art. Dafs aber hier wirklich eine Art aus der
Gruppe deÄraunzähnigen Landspitzmäuse gemeint sei, geht
schon allein aus den Worten ^Jncisores 2 recti, serratV^
hervor, und dafs wir diese Art gerade auf die später tetra-
gonurus genannte beziehen, wird dadurch gerechtfertigt,
dafs die Exemplare, welche ich durch die Güte des Professor
Retzius und anderer Freunde aus der Umgegend von Stock-
holm erhielt, mit den deutschen vollkommen übereinstimmen,
und auch die leider noch nicht vollständigen Mittheilungen der
neuern schwedischen Zoologen beweisen schon hinlänglich die
Identität der schwedischen und deutschen Thiere.
Dieser iS'o reo: der I.Ausgabe wird nun zuerst von Linne
im Jähre 1754 (Mmä. Adolph. Frid. p. 10.) Sorex vulgaris
genannt, eine Name der zwar von Linne selbst wieder auf-
gegeben, aber nichts destoweniger der passendste ist und all-
gemeine Annahme verdient, da der viel spätere Hermann-
sche Name tetragonurus nicht einmal bezeichnend ist. — In
der 11. Auflage der Fauna ^suecica (Stockh. 1761. n. 24.)
wir4 die Beschreibung aus der ersten Ausgabe wörtlich wie-
do-holt, in der Diagnose der unglückliche Zusatz cauda cor-
pore longiore gemacht, und als Trivialname Araneus aufge-
nommen, welcher von da an bis auf die heutige Zeit überall mit
21
Linne's Autorität auftritt, obgleich es schon bei oberflächli-
cher Vergleichuiig klar werden mufste, dafs die von Buffon,
nach Daubenton's Untersuchung, und von Bech3tein so
benannte Art eine ganz andere ist.
Im Jahre 1756 machte zuerst Dauben ton (Ilist de
VAcad. edit. Amste\. 321. ed. princ. p. 203.) eine etwas aus-
führlichere Arbeit über die Spitzmäuse bekannt, unterschied 2
Arten, Musaraigne de terre und Mus. d'eau, und lieferte
von beiden rohe Abbildungen, welche später vielfach copirt
sind. Obgleich einige wesentliche Dinge, z. B. die eigenthüm-
liche Schwanzbehaarung bei der Landspitzmaus, nicht berück-
sichtigt sind, so ist es doch, namentlich nach Angabe des Ge-
bisses, keinem Zweifel unterworfen, dafs diese Daubenton-
sche Art die auch in Deutschland vorkommende und zuerst
vonBechstein ganz gut unter dem Namen «röf/i^w.s beschrie-
bene sei, und es scheint zweckmäfsig, diesen Namen mit
Schreber's Autorität für dieselbe beizubehalten, da auf
diese Weise keine weitere Confusion möglich ist, obgleich von
Linne selbst unter diesem Namen eine andere Art verstan-
den wurde, welche aber früher von ihm selbst, wie ich oben
auseinandersetzte, schon vulgaris benannt war. — Die zweite
Art, die Wasserspitzmaus, war z\V^ar schon früher beobachtet
(in Deutschland von Klein, Seh reber III. 573.; in England
von Merret), wurde aber auch hier zum erstenmale ausführ-
lich beschrieben, und einzelne Angaben später noch in der
grofsen Ausgabe des Buffon von Daubenton berichtigt.
Auf diese Arbeit Daubenton's bezogen sich fast alle Schrift-
steller ohne eigene Untersuchung. Die Wasserspitzmaus aber
wurde von Pallas bei Berlin im Jahre 1755 beobachtet; er
liefs sie auf einem einzelnen sehr seltenen Blatt in Kupfer
stechen und benannte sie iS*. fodiens, unter welchem Namen
wir sie zuerst bei Pennant {Synopsis. Chester, 1771.) und
dann bei Sehr eher QIIL 571.) finden. Wahrscheinlich ohne
diesen Namen zu kennen, nannte sie Erxleben 1777. (syst,
regn, anim, Leipz.^ S. Dauhentonii.
Im Jahre 1780 gab Zimmermann (geogr. Gesch. II.
382.) zuerst eine kurz^ Uebersicht der neuen Entdeckungen
Herrmann's, welche dieser selbst im Jahre 1783 publicirte
(Jabul. affinit Argent 79. not i/.), indem er sagt, dafs er
22
in' der Nähe von Strafsburg 5 Arten dieser Gattung gefunden
habe, welche er araneus, tetragonurus , leucodoriy carina-
tus und constrictus nannte, und durch kurze Diagnosen cha-
rakterisirt. Auf die erste hatte er diesen Namen auf Schre-
ber's Autorität angewandt, obgleich er wegen Kürze des
Schwanzes Zweifel hegte, und bei Zimmermann wird sie
deshalb S, russulus Herrn, genannt. Die 4te Art hielt er
gleich Anfangs selbst für Daubenton's Wasserspitzmaus.
Die kurzen Diagnosen gingen nun unverändert in meh-
rere Werke .über. Hermann selbst verwies auf das Schre-
b ersehe Werk, welchem er Abbildungen mitgetheilt habe; es
waren auch im 33. und 34. Hefte desselben (1781.) die drei
neuen Arten geliefert, der Text dazu ist jedoch nie erschie-
nen. Ausführlicher werden nun die bisher genannten 5 Arten
in dem nachgelassenen Werke Hermann's (Ohserv. zool.
ed. Hammer^ Argentor. et Paris. 1804. 4o. p. 46.) behan-
delt, führen dort die zuerst aufgeführten Namen, mit Aus-
nahme des zuerst araneus, dann russulus genannten Thieres,
welches zweifelhaft ohne Speciesnamen dasteht. Von allen die-
sen Arten blieb bei genauer Vergleichung mit der Natur allein
jS*. constrictus zweifelhaft, von welcher Art Hermann nur
ein Nest mit Jungen gesehen hatte. Dieser Zweifel ist nun
durch die neuere Arbeit Duvernoy's gehoben, indem ihm
die Untersuchung der noch in Strafsburg vorhandenen Origi-
nal-Exemplare gezeigt hat, dafs dieselben junge Individuen des
S. fodiens sind, Hermann's tetragonurus ist dÄ gemein-
ste Art: Linne's vulgaris-, leucodon eine vorher übersehene
Art; carinatus ist Daubenton's Wasserspitzmaus, und die
im nachgelassenen Werke zuletzt aufgeführte Art ohne Zwei-
fel Daubenton's Musaraigne de terre^ also araneus
Schreb.
Von selbstständigen Beobachtern ist nun ferner Bech-
stein zu nennen; in der 1. Ausgabe der gemeinnützigen Na-
turgeschichte (Leipzig 1789. 1. 388.) beschreibt er zuerst die
Musaraigne de terre Daubent. unter dem Namen Sorex ara-
neus (jedoch fälschlich mit Linne's Autorität) so gut und
ausführlich, wie diese Art weder vorher, noch nachher beschrie-
ben ist, und es hätte ferner kein Zweifel über dieselbe sein
können, wenn die französischen Autoren dieses Buch gekannt
hätten; dann die Wasserspitzmaus ebenfalls gut, und namient-
lich das Gebifs derselben ganz richtig. Ferner führt er die
3 neuen Hermannschen Arten nur namentlich auf, uhd ^agt
in einer Anmerkung, er halte dieselben für Veränderungen
der gemeinen Spitzmaus, und diese könne er noch vermehren;
auch erwähnt er eines maikäfergrofsen Thieres, welches neuer-
dings für S. pygmaeus Pallas erkannt ist. Hier hatte' 'er
aber offenbar nicht genug beobachtet, und er gesteht dies selbst
dadurch ein, dafs er bald darauf, im 3. Bande desselben Wer-
kes (1793./;. 746.) eine neue Art unter dem Namen: die grk-
bende Spitzmaus, Sorex fodiens (nicht Pallas^ welche er
Vieh er ßuviatilis oder Daubentonii genannt wissen will) be-
schreibt. Im Jahre 1796 nennt er dieselbe Art Eremita (Ge-
treue Abbildungen. Cent. 2. p. 22. und 14. F. 2.), und 1801.
legt er ihr sogar nochmals einen neuen Namen: S. cunicula-
j'ia bei (Gemeinnütz. Naturgesch. 2. Ausg. 879.). Diese Ab-
bildung stellt nun, obgleich ziemlich roh, doch nicht zu ver-
kennen, den iS*. vulgaris Linn. oder tetragonurus Herrn, dar,
die Beschreibung dagegen weicht nicht nur von dieser Art,
sondern auch von der dazu gehörenden Abbildung
selbst in wesentlichen Punkten ab: die Zähne sollen gelb,
aber nur 3 Eckzähne im Oberkiefer vorhanden sein, welches
nach allen bis jetzt bekannten Arten schon ein Widerspruch
in sich selbst ist; ferner soll der Schwanz mit einzelnen sträu-
bigen Borstenhaaren besetzt sein; hierunter könnten zwsrf" sol-
che Haare verstanden werden, wie sie der Gruppe Croci-
JwraWagl. eigenthümlich sind, obgleich diese nicht eigentlich
sträubig sind ; doch zeigt die Abbildung solche nicht nur nicht,
sondern ganz die Behaarung des S. vulgaris. Es ist fast tin-
Diöglich, über die kleinen Zähne ganz klar zu werden, wenn
man nicht die Schädel rein präparirt, und so dürfen wir wdlil
in diesem Punkte dem alten, sqnst so guten Beobachter einen
Irrthum vorwerfen, und schon das wiederholte Umtaufen kann
ein Mifstrauen rechtfertigen. Ich besitze durch die Güte mei-
mes Freundes Lenz gerade aus Bech st ein' s Vaterland meh-
rere Hunderte von Individuen, von denen zwei Drittheil ganz
auf die Abbildung Bechstein's passen und sämmtlich zu S.
vulgaris gehören, dahingegen dem unermüdlichen Eifer des
Dr. Lenz es seit mehreren Jahren nicht gelungen ist, eine
24
Spitzmaus zu fangen, auf welche die Bech st einsehe Beschrei-
bung gänzlich pafste, welcher das Thier doch selbst „gar nicht
selten" nennt. Ich glaube daher unbedingt, diese 3Bechstein-
, sehen Namen auf S. vulgaris Linn. zurückführen zu müssen.
Mit dem Jahre 1811 treten zwei gewichtige Namen in
der uns hier beschäftigenden Litteratur auf: Pallas undGeof-
froy St. Hilaire.
Der erste lieferte in der Zoogrophia rosso-asiatica {Fe-
irop. 1811. 130.) die Beschreibung von 6 iSor^o:- Arten, von
denen 4 in den erst neuerlich herausgegebenen Abbiklungen
enthalten sind. Die schon mehrfach getaufte Wasserspitzmaus
nennt er (vielleicht wegen Bechstein's Confusion?) S, hy-
drophylus, und sagt, sie sei bei uns gröfser, als im Osten. Die
als araneus aufgeführte Art gehört wahrscheinlich nicht hierzu,
denn die kurze Diagnose: ,,cauda nudiuscula obsolete tetra-
gona" widerspricht dem gänzlich, um so mehr, als Pallas bei
den folgenden Arten die einzelnen längern Schwanzhaare, wel-
che auch den araneus charakterisiren, besonders hervorhebt;
vielleicht ist darunter der iS*. vulgaris gemeint, welcher am
weitesten verbreitet zu sein scheint. Es ist um so mehr zu
bedauern, dafs wir hierüber keine Gewifsheit erlangen können,
da die Besclireibungen der folgenden 9 Arten sich zum Theil
auf diesen falschen Araneus bezielien. — Sorex Güldenstäd"
tu Pallas (F. 1.), welcher von Güldenstädt im südlichen
Cauc^sus häufig gefunden war, gehört nach der ^klaren Be-
schreibung zu der Gruppe Crocidura, und es pafst dieselbe,
so wie auch die angegebenen Ausmessungen durchaus in allen
Theilen auf unsern S, araneus (nicht so gut dagegen auf S,
leucodon, wie Gloger in der weiter unten zu nennenden Ab-
handlung angiebt). Auf die Abbildung ist kein Urtheil zu
gründen. — S. suaveolens (F. 2.) bleibt ein ganz zweifelhaf-
tes Thier: leider sind keine Gröfsenangaben vorhanden; unter
dem Schwänze soll sich eine nach aufsen mündende Drüse be-
finden, wodurch sich diese Art von allen andern bekannten
unterscheiden würde. — S. Gmelini (F. 3.) weicht nach der
kurzen Beschreibung ebenfalls in nichts von vin?,Qvm Araneus
ab, welcher auch häufig griseo-ferrugineus ist. Auch auf
diese Abbildung ist nicht wohl ein bestimmtes Urtheil zu grün-
den. Möchte uns doch recht bald über diese Arten eine Auf-
25
klärung von den thätigen Zoologen zukommen, denen jene Ge-
genden oder Pallas' sehe Exemplare zugänglich sind. — S.
pygmaeits (F. 5.), welcher jetzt in ganz Deutschland gefun-
den ist, wird, mit Ausnahme des Gebisses, ausfiilirlich und ge-
nau beschrieben, als Synonyme S. exilis Gmel. und S. minu-
ius Laxm. aufgeführt, welcher letzte Namen auf ein einziges
verstümmeltes Exemplar gegründet war, und angeführt, dafs
auch wahrsclieinlich S. coecuticns Laxm. dazu gehöre.
Die zweite wichtige Abhandliing lieferte Geoffroy St.
Hilaire in den Annales du Museum d'hist natur. (JParis.
t. XVIL 1811. 169.). Er handelt zuerst über die Gattung
im Allgemeinen, begränzt dieselbe schärfer, als es früher ge-
schehen war, indem alle Arten des neuen Continents, welche
Gmel in dazu rechnete, zu andern Gattungen gehören. Dann
folgen einige anatomische Eigenthümlichkeiten. Indem er zur
Beschreibung der Arten übergeht, führt er 1) den S. ara-
neus auf, w*elchen Daubenton gut charakterisirt habe; es
seien ihm aber mehrere Formen davon vorgekommen, welche
sich durch verschiedene Färbung und Schwanzlänge unterschei-
den, die er aber nicht für specifisch verschieden halte. 2) S,
Daubentonü. 3) S. tetragenurus Herrn., welche Art nach
der Beschreibung mit der schwedischen und deutschen zusam-
menfällt. 4) S. constrictus Herm. Durch Dunernoy sind
wir belehrt, dafs dieser Name gänzlich aus unsern Registern
zu streichen ist. Geoffroy citirt dazu die Bechst einsehe
Abbildung des S. cunicularius , giebt die Maafse etwas grö-
fser an, als bei S. tetvagonuruSy die Haare um die Nase stän-
den dichter, und gäben dem Kopf ein dickeres Ansehen, die
Zahl der Zähne sei dieselbe wie bei i^. tetragonurus — welchem
jedoch Geoffroy 's spätere Arbeit (Memoires d, Mus., 1.
308.) widerspricht — der Schädel unterscheide sich von dem
des tetragonurus: „la hoite cerebrale est sensiblement plus
large et moins hoinhee dans le constrictus, et le cJian-
frein plus arque dans rautie" Es ist möglich, dafs Geof-
froy ein Paar alte Exemplare des tetragonuriis vor sich ge-
habt hat, welche eben jene kammartige Bildung der Nasen^
haare zeigen; die Angaben der Gröfse und Farbe passen ganz
darauf; da aber die Schädelbildung als verschieden angegeben
wird, so darf man wohl den S, constrictus GeoS. (nicht Her-
26
inann*s) bis jetzt noch nicht unbedingt zu ^S*. tetragonurus
ziehen, und fernere Belehrung darüber erwarten. Wie schon
gesagt, widerspricht sichGeoffroy in zwei verschiedenen Ar-
beiten über diese Art in den wesentlichsten Punkten, und es
ist daher wohl möglich, dafs er zu verschiedenen Zeiten ver-
schiedene Thiere vor sich gehabt habe. Die Abbildung ist
für genauere Vergieichung unbrauchbar, wie es leider von allen
diesen gesagt sein mufs: sie sind von geübter Hand hübsch
und manierlich gemacht, aber durchaus ohne die nöthige Cha-
rakteristik. — Was die Angabe über die Schädel betrifft, so
kann ich mich nicht enthalten, im Allgemeinen in diesem Punkt
zur gröfsten Vorsicht zu ermahnen: die Schädel sind so klein
und zart, dafs ein geringer Druck, z. B. auf das Hinterhaupt,
wenn die Präparate in W^asser gelegen haben oder frisch aus
dem Kopfe genommen sind, schon hinreicht, die richtige Lage
der Schläfenbeine zu einander und zu andern Knochen für
immer zu verschieben. Eben so verändert schnelles Trock-
nen in der Sonne die Gestalt des Schädels gänzlich, indem
die äufserst dünnen Platten, welche nicht durch Nähte fest
verbunden sind, sich krümmen und unnatürliche Wölbungen
annehmen. — 5) iS'. leucodon Herm., welche Art ganz sicher
von Geoffroy nicht vollständig erkannt ist, indem er dem
ölten Thiere braune Zahnspitzen zuschreibt, welche dasselbe
in der That niemals hat. Dagegen pafst die als Hauptkenn-
zeichen angegebene charakteristische Farbenvertheilung voll-
kommen auf diese Art, und es scheint deshalb als wahrschein-
lich, dafs Geoffroy die ächte Hermann sehe Art gekannt
habe, und entweder durch oberflächliche Beobachtung am fri-
schen Thier — wo die feinen Zähnchen durch die hindurch-
scheinenden Zahngefäfse röthlich gefärbt sind — oder durch
Vermengung mit einer Art aus einer andern Gruppe, jene auf
keine bekannte Species passende Beschreibung entworfen habe.
Duvernoy hält dafür, er habe junge Wasserspitzmäuse vor
sich gehabt, was mir nicht wahrscheinlich ist, da sich diese
durch die plumpe Gestalt und Behaarung der Füfse so sehr
auszeichnen. Fischer und Andere nahmen Geoffroy 's
falsche Beschreibung ohne Prüfung auf, und verbreiteten die
Confusion immer mehr. — 6) S. lineaUis Geoff. Länge 76
Mill., des Schwanzes 40 MilL, aus der Umgegend von Paris.
27
Schlanker und mit längerem Rüssel als die vorigen, der runde
Schwanz unten stark carene, Farbe schwärzlich braun, Bauch
nur wenig heller, Kehle grau, besonders ausgezeichnet durch
eine schmale, weifse Linie, welche von der Stirn bis zu den
IXasenlöchern sich erstreckt und einen weifsen Fleck hinter
dem Ohr. Schneidezähne mit braunen Spitzen. Das Gebifs
ist leider nicht weiter beschrieben, und eine neuere Original-
beschreibung ist mir nicht bekannt geworden. Demnach ist
nicht einmal mit Bestimmtheit auszumitteln, zu welcher Gruppe
diese Art zu rechnen sei, obgleich es wahrscheinlich ist, dafs
sie zu den Wasserspitzmäusen gehört, da sie zunächst mit der
folgenden Art verglichen* wird. Einen weifsen Ohrflecjc haben
die jungen Individuen des S. fodiens liixifi^, und schon Her-
mann hat ihn beschrieben (ohserv, zool. p.^l.y, doch würde
es voreilig sein, diese Art deshalb schon jetzt zu streichen.
7) S, remifer. GeoflF. Länge 108 Mill., des Schwanzes 70
Mill. Er sah nur 2 Exemplare, welche sich von der vorigen
durch einen dicken und kurzen Rüssel unterscheiden und plum-
per seien; die Färbung sei ganz ähnlich, ohne den weifsen Zü-
gel, aber mit dem weifsen Ohrfleck. Die Zahnspitzen rost-
Ibraun. Die Schwanzform unterscheide die Art von allen an-
dern; derselbe ist an der ersten Hälfte vierseitig, die Seiten
sind eben, nur die untere gefurcht, und von dem Ende dieser
Furche entspringt auf der andern Hälfte ein Kiel, welcher sich
um so mehr nach unten verlängert, als der Schwanz dünner
wird; am Ende ist er zusammengedrückt und platt. — So ei-
genthümlich hiernach und wegen der bedeutenden Gröfse diese
Art zu sein scheint, so habe ich mich durch die Beobachtung
von beinahe 50 frischen Wasserspitzmäusen dennoch überzeugt,
dafs die beiden Exemplare, welche Geoffroy zur Aufstellung
derselben veranlafsten , nur alte Thiere der gemeinen Wasser-
spitzmaus gewesen sind, wie sie uns hier unter den andern
oft vorkommen. Auch von der hierzu gehörigen Abbildung
müfste ich mein Urtheil wiederholen. — Der Sphlufs der Ab-
handlung betrifft aufsereuropäische Formen, welche nicht hier-
her gehören.
Im Allgemeinen scheint, unbeschadet der Verdienste jenes
eigenthümlichen Forschers, das Urtheil wohl gerechtfertigt, dafs
diese Abhandlung nur die herrschende Verwirrung vergröfsert
28
habe, da nicht lebende oder frische Thiere, ^sondern mir eine
viel zu geringe Zahl ausgestopfter Bälge beobachtet sind, und
die verschiedenen Formen unter einander verglichen werden,
ohne einen absoluten Anhalt dem fremden Leser zu geben.
Einige Jahre später {Mein, du Mus» Paris 1815. I. 299.)
publicirte Geoffroy eine zweite Abhandlung, die zwar die
Kenntnifs der Formen nicht bereichert oder berichtigt, aber
von gröfserem Interesse ist. In der ersten Abhandlung hatte
er eines kahlen Fleckes an den Seiten gelegentlich erwähnt,
und ihn für eine pathologische Erscheinung gehalten ; hier wies
er nun nach, dafs alle Spitzmäuse an jener Stelle eigenthiim-
liche Drüsen haben, deren früher nur unvollkommen von Pal-
las Erwähnung geschehen sei. Er vergleicht diese Drüsen
mit den Seitenlinien der Fische. — Es liegt aufser dem Zwecke
dieser gegenwärtigen Mittheilung, die mehrfachen anatomischen
Eigenthümlichkeiten der Spitzmäuse zu behandeln und meine
ziemlich zahlreichen Untersuchungen zu erzählen; — hier nur
so viel, dafs sich mir die Vermuthung Geoffroy*s vollkom-
men bestätigt, jener Drüsenapparat stehe mit den Geschlechts-
funktionen in Verbindung; die Drüsen sind nur an erwachse-
nen Männchen vollkommen entwickelt und zur Zeit der Brunst
eigentlich secernirend, bei den Weibchen und jungen Thieren
nur in kaum zu erkennenden Rudimenten vorhanden, oder gar
nicht aufzufinden. — Im Verfolg der Abhandlung theilt Geof-
froy noch Ansichten über die Deutung der Spitzmauszähne
mit, und sonderte die Wasser- und Landspitzmäuse in 2 Grup-
pen; leider sind aber auch hier der Beobachtungen zu wenig,
als dafs es ihm gelungen wäre, die wesentlichen Unterschiede
der Gruppen festzustellen. Am Ende wird noch einer neuen,
vom Abbe Man esse in Holland gefundenen Art {Musaraigne
noire ä collier hlanc) ohne weitere Beschreibung gedacht.
Bis zum Jahre 1822 ist mir keine selbstständige Beobach-
tung bekannt geworden, wo Savi eine sehr ausgezeichnete
neue Art in Italien auffand, welche das Kleinste aller bekann-
ten Säugethiere ist. Er beschrieb sie unter dem Namen S.
etruscus (JSuov. Giorn d'lett No. 1. 60. pl. 1.).
G loger lieferte 1826 einen interessanten Beitrag zur
deutschen Fauna , indem er (Nov. Act. Caes. Leop. XIIL
2. 279.) den Sorex py^maeuSy welchen Pallas zuerst ge-
29
nau aus Sibirien beschrieben hatte, in Sclilesien auffand, um-
ständlich und genau beschrieb, und ihn mit der lebend häufig
vorkommenden braunzähnigen Spitzmaus verglich, welche er
mit allem Recht für S. tetragomirus Ilerm. liält. Im Anhang
wird noch berichtet, Gravenhorst habe dasselbe Thier in
Meklenburg gefunden, undBechstein habe es wahrscheinlich
schon früher in Thüringen gesehen (was ich schon oben er-
wähnte). Dieser Theil der Gl oger sehen Abhandlung ist eine
sehr schöne Bereicherung der Kenntnifs nicht nur dieser Art,
sondern auch der Gattung im Allgemeinen, und eine wieder-
holte Vergleichung der Beschreibung mit frischen Thieren hat
mir dieselbe als genau. und richtig erwiesen; mit dem fernem
Inhalt derselben kann ich mich aber desto weniger einverstan-
den erklären.
Gloger hat nämlich in Schlesien eine kleine Spitzmaus
gefunden, welche er für das Junge des S, leucodon Herm.,
zugleich aber für den S. etruscus Savi hält, indem diese Be-
schreibung ganz auf jene passe, und er spricht diese Ansicht
später (Schlesiens Wirbelthier-Fauna. Breslau 1833.) mit Be-
stimmtheit noch einmal aus.
Ich bin überzeugt, dafs das von Gloger erwähnte Thier
nicht die Savische Art ist, von welcher ich mehrere Original-
Exemplare besitze; jedenfalls aber ist diese nicht ein junger
leucodon, sondern von diesem so verschieden, wie nur irgend
zwei Species sein können. Gloger hat auch wahrscheinlich
unter S, leucodon in der ersten Abhandlung 2 Arten ver-
mischt, nämlich den Sehr eher sehen ^raneus und H er-
mann's leucodon; über erste Art ist er nicht ganz im Rei-
nen gewesen, sonst hätte er unbedenklich den etruscus hierzu
und nicht zu leucodon ziehen müssen, mit welchem er eine
viel gröfsere Aehnlichkeit hat. m--.
In demselben Jahre trat Brehm mit 4 Arten neuer Was-
serspitzmäuse auf {Ornis, Jena 1826. II. 26.). — i)S./odiens
Bechst. 2) amphihius Brehm. Diese Art hat mich sehr
lange in Zweifel gelassen, ich habe sie in grofser Anzahl be-
obachtet, und halte jetzt dafür, dafs mit diesem Namen keine
eigenthümliche Form, sondern der Jugendzustand der gemei-
nen Wasserspitzmaus bezeichnet ist; doch sind die Untersu-
chungen hierüber noch keinesweges als geschlossen anzusehen,
30
wie ich im zweiten Theil dieser Abhandlung weiter ausführen
werde. 3) iS*. natans. „Alle obern Zähne weifsgrau oder
grauweifs (!), die obern und untern Eckzähne haben vorn un-
deutliche, nicht getrennt stehende Spitzen." 4) .S". stagnalis
Br. „Die Eckzähne sind klein und, wie alle andern, weifs,
nur zuweilen hat ein oder der andere Zahn ein röthliches
Spitzclien." — • Später (Isis 1830. 1128.) fügt er noch eine
5te Art hinzu; rivalis Br. „Der Schwanz so lang, als der
Leib, die untern Schneidezähne nur ziemlich lang, wenig
gebogen, fast nicht eingeschnitten, nur an den Spitzen brand-
gelb, die obern Lückzähne undeutlich getrennt, ziemlich
stumpf, der zweite nicht, oder kaum länger, als der erste."
-i>... Es ist durchaus unmöglich, auf eine gröfsere Anzahl fri-
scher Exemplare solche Diagnosen anzuwenden, und sich durch
den Mückensch warm von „ziemlich, kaum, fast nicht, undeut-
lich, zuweilen, kaum merklich" u. dgl. hindurch zu finden; ich
besitze aber vom Prof. iW agier einige Original-Exemplare von
Brehm mit festgehefteten Etiketten seiner eigenen Hand-
schrift versehen, und. von Mehlis, dem Brehm einmal
sämmtliche Exemplare seiner Sammlung zur Ansicht zu-
schickte, eine höchst genaue Beschreibung jedes einzelnen In-
dividuums, und kann, hierauf gestützt, mit der gröfsten Zuver-
sicht behaupten, dafs diese sämmtlichen vermeintlichen Arten,
mit Ausnahme des iS*. amphibius, durchaus weiter nichts sind,
als die unbedeutendsten individuellen Modifikationen, mit mehr
oder weniger abgenutzten Zähnen, mehr oder weniger im Tode
eingetrockneten Schwänze u. dgl., und ich kann hierüber, wenn
es einmal nöthig sein sollte, ganz im Speciellen den Beweis
führen. Jede genauere Beobachtung mufs willkommen sein,
auch wenn sie gegen hergebrachte Formen und Ansichten ver-
stöfst, und es ist gewifs höchst einseitig, die sogenannte Tren-
nung der Arten zu verwerfen, wenn sie wirklich auf genauen
Beobachtungen beruht, und selbst nur Grnppen von indivi-
duellen Formen deutlicher erkennen lehrt, — und so ver-
kenne ich nicht, dafs Br eh m's Arbeiten auf einem andern Felde
theil weise interessant und gewifs fördernd sind. Wer aber
die eben erwähnte Arbeit mit der Natur selbst oder mit Ori-
ginal-Exemplaren des Verfassers vergleichen kann, wird gewifs
darin mit mir übereinstimmen, dafs in diesem Fall weder von
Sl
„Subspccics" noch climatischen Varietäten oder dergleichen
die Rede sein könne, sondern dafs es sich hier nur nm ein-
zelne getrocknete Häute mit verscliiedenem Namen liandelt.
Mi 11 et hat 1828. (JFaune de Maine et Loire. Parisy
eine Spitzmaus unter dem Namen S. coronatus beschrieben.
Ich habe dieses Buch auf keine Art erlangen können, und
kenne nur die im Ferussac Bulletin iXVllI. 97.) mitge-
theilte Diagnose-, welche ganz genau auf das alte Männchen
von S. vulgaris pafst, welchem Wagler später den Namen
»S. rhifiolophus beilegte. Zu dieser Art möchte ich das Sy-<
nonym denn vorläufig stellen. '.
Ich habe jetzt über einen .Mann zu berichten, von dem
zwar; keifne Arbeit über vorliegenden Gegenstand publicirt ist^
der aber von Allen, die seine Arbeiten zu würdigen wissen,
für einen der gründlichsten Beobachter gehalten werden niufe;
Mehlis, Bergmedicus in Clausthal am Harz^ hatte seine Aufn
merksamkeit ebenfalls den kleinen deutschen Säugethieren zu-
gewandt. Er konnte jedoch nur der Versammlung der Natur-
forscher zu Hamburg über eine für neu gehaltene Hwpudaeus-
Art eine Mittheilung machen; an der Vollendung ^er andern
Arbeiten verliinderte ihn ein früher Tod. Ich war in dersel^
ben Zeit eifrig mit diesen Thieren beschäftigt, und kam in den
Besitz des sämmtlichen Materials, welches sich darüber in sei^
nem Nachlafs befand. Es bestand dieses aus einer Sammlung^
von ungefähr 110 Exemplaren deutscher Spitzmäuse in Spiri-
tus und einem Dutzend Schädel, welche, mit wenigen Ausnah-
men, auf dem Harz, und von Lenz vin Thüringen gefangen
waren, — in einem sehr genauen Journal, worin jedes Exem-
plar mit Datum und Fundort aufgeführt wird, begleitet von
Messungen an frischen Thieren und andern Bemerkungen; —
ferner in zwei, nach lebenden Thieren gemachten Zeichnungen
von S.fodiens und tetragonurus, in einer höchst ausführli-
chen Kritik der vonBrehm ihm zugeschickten kleinen Samm-
lung, und in einer Zusammenstellung derjenigen Arten, wel-
che er damals, zum Theil nocli zweifelnd, als solche annahm.
Wenn ich auch in wesentlichen Punkten, bei Verfünffa-
chung des Materials und mehrere Jahre hindurch fortgesetzter
Beobachtung, andere Ansichten gewonnen habe, so gestehe ich
doch gern den Vorarbeiten dieses trefflichen Mannes den gröfs-
32
ten Theil an dem zu, was an meiner eigenen kleinen Arbeit
etwa Gutes sein möchte.
Die weiter unten anszufiihrende Gruppirung der Arten,
durch welche die Kenntnifs jedenfalls sehr erleichtert ist, hatte
Mehlis zwar auch erkannt, ohne sie jedoch so auszuführen,
wie es Wagler in derselben Zeit that. Die von ihm bezeich-
neten Species sind folgende:
1) S. Araneus Bechst, 2) leucodon Herm., 3) etruscus
Savi? „möglicherweise auch ein junges Thier von Araneus"^.''
Ein einziges im Mai 1832. auf dem Harz gefangenes Indivi-
duum hatte ihn zu dieser fragweisen Annahme vermocht, von
welchem eine Skizze von Hrn. Saxesen entworfen wurde,
welche mir derselbe später nach demselben Exemplar ausge-
führt hat. Ich hatte auch einigemal, und auch jedesmal im
Frühjahr oder Sommer, einige Thiere gefangen, welche offen-
bar nicht mehr im Wachsen begriffen und doch bedeutend
kleiner als Araneus waren, von welchem sie übrigens nicht
zu unterscheiden sind, als durch einen sonderbaren zwerghaf-
ten Habitus. Ich bin jetzt zu der Ueberzeugung gelangt, dafs
diese gar %)ht seltenen abnormen Thierchen solche sind, wel-
che von in Häusern lebenden, also dem Wechsel der Jahres-
zeiten weniger unterworfenen W^eibchen des Araneus im
Winter geworfen sind, und dann ihre volle Ausbildung nicht
haben erlangen können.
Der ächte S. etruscus war zu jener Zeit noch nicht in
deutschen Sammlungen, und Mehlis kannte die Savi sehe
Arbeit nur aus Schinz's Auszug.
4) Tetragonurus Herm., und also dieser sehr nahe ste-
hend, hatte er 10 Exemplare mit dem Namen: 5) S, macro-
trichuSy und 4 als 6) melanodon bezeichnet. Er theilte ei-
nigen Freunden diese Entdeckung brieflich mit, wo es sich
denn zeigte, dafs letzteres die Form sei, welche Wagler, un-
abhängig davon, mit demselben Namen bezeichnet hatte. Meh-
lis hegte selbst über die Selbstständigkeit dieser letzten Art
immer Zweifel, und sprach wiederholt die Vermuthung aus, es
könnten diese Thiere nur Junge des tetragonurus sein —
wovon ich mich später vollkommen überzeugt habe, nachdem
ich ein Weibchen mit noch saugenden, aber schon ganz aus-
gebildeten Jungen erhielt. — S, macrotrichus unterschied er
33
durch geringere Gröfse und vorzüglich dadurch, dafs die Kör-
perhaare um 1 bis i^'" länger seien, als bei tefragonurus:
„Schädel, Zahnbildung, Nase, Rüssel j Fiifse seien aber völlig
identisch." Das genaue Verzeichnifs der M e h 1 i s ' sehen Samm-
lung hat mich in den Stand gesetzt, zu ermitteln, dafs diese
Exemplare sämmtlich in den Wintermonaten, vom 25. Novem-
ver bis 4. April, gefangen sind , was die längere Behaarung
hinlänglich erklärt. Eine häufig wiederholte Vergleichung ei-
niger hundert frischer oder lebendiger Thiere hat mir die
Ueberzeugung aufgedrungen, dafs es keine Gränze zwischen
diesen beiden Formen gebe. — 7) S. pygmaeus Fall., wel^
chen Mehlis von Lenz aus Thüringen erhalten hatte. 8) S^
fodiens Fall. Er hatte sich nicht überzeugen können, dafs es
mehrere von dieser specifisch verschiedene Wasserspitzmäuse
gebe, obgleich ihn Brehm's amphibius und in geringerem
Grade auch dessen S. natans zu genauerer Vergleichung ver-
anlafst hatten; diesen hielt er zuletzt für ein grofses Indivi-
duum des fodiens; über jenen fand ich weder in seinem
Journal, noch in seiner Correspondenz ein entscheidendes
Urtheil.
Gleichzeitig mit diesem Freunde war Wagler in Mün-
chen mit den Spitzmäusen beschäftigt. In der Isis (1831. p.
53.) wurden von ihm sieben neue deutsche Arten benannt
und eine Monographie der Gattung angekündigt, welche indefs
nicht ausgearbeitet worden ist. Nach dem unglücklichen Tode
Waglers kam ich durch Vermittelung des seitdem in Nau-
plia verstorbenen Michahelles in den Besitz der sämmtli-
chen Spitzmäuse, welche W^ agier hinterlassen hatte, und ich
erhielt auch die angebliche Monographie, welche aber in wei-
ter nichts bestand, als in dem Manuscript jener Abdrücke in
der Isis. Die ebenfalls jetzt in meiner Bibliothek befindlichen,
dort erwähnten Abbildungen sind zwar von einem berülimten
Zeichner, aber für unsere Zwecke nur Wenig brauchbar, indem
sie nach schlecht conservirten Leichen in unnatürlichen Stel-
lungen gezeichnet und grell mit Deckfarben gemalt sind. Lei-
der hat sich auch hier Wagler verleiten lassen, nach einigen
wenigen Exemplaren, zum Theil sogar nach einem einzigen
unvollständigen Balge, eine Menge von neuen Namen als* Bal-
last einzuladen, von denen auch nicht einer beizubehalten ist^
lY. lahrg. I. Band, 3
34
wie ich mich bemühen werde, auf Grund der Original-Exem-
plare zu beweisen. Sehr verdienstlich ist dagegen die Bezeich-
nung der Gruppen, welche Wagler in demselben Jahrgang
der Isis (275.) lieferte, wodurch er die Kenntnifs der Arten
wesentlich befördert hat. Einen dritten Beitrag lieferte er ei-
nige Monate Sy)äter (l. c. 1218.) durch Aufstellung noch 3 neuer
Arten.
Er nennt die Gattung „Ordo" und theilt diese in folgende
H 3 ,,genera'':
I. Sorex Wagl. Dentes molares anteriores minores
(laniarii alior. aiit.^ maxillae quinque. Incisivi mandi-
hulae serrati. Dentium apex coloratus.
II. Crossopus Wagl. Dent.mol. ant maxillae qua-
tuor, Incisivi mandibulae angulo aucti. Dentium apex
plus minusve coloratus.
III. CrociduraWsLgl. Dent.mol ant maxillae treSy
incisivi integerrimi, omnes toto alhi. Cauda pilosa, pilis
longioribus sparsis, fluitantihus ßmhriata.
Das der ersten und dritten Gruppe hinzugefügte Kennzei-
chen: yglandula utrinque ad trunci latera maris" mufs
aber wegbleiben, da es der ganzen Gattung zukommt, und
nicht, wie W^ agier glaubt, den Wasserspitzmäusen fehlt; und
bei der dritten Gruppe wechselt die Zahl der Lückenzähne
zwischen 3 und 4. Abgesehen hiervon und davon, dafs auf
die ausländischen Arten bei dieser Gruppirung keine Rück-
sicht genommen ist, wozu es allerdings an hinreichendem Ma-
terial noch fehlt, ist dieselbe durchaus in der Natur begrün-
det. Hätte doch Wagler seine Mittheilung über die Spitz-
mäuse auf diese beschränkt, und den jetzt zu erwähnenden erst
eine gröfsere Reife gegönnt!
Die zuerst (Isis 1832. 54.) aufgestellten und die später
(p. 1218.) hinzugefügten 3 Arten will ich hier nach den Ori-
ginal-Exemplaren einzeln durchgehen und, hoffentlich für im-
mer, beseitigen.
1) S. Musculus Wagl. Notaeo murino, gastraeo albo,
cauda solidiuscula^ cylindrica, squamoso-setulosa; dentihus
incis. sup. nigj'is. Long. 3{" caudae 1^".
"A) S. psilurus Wagl. Notaeo atro, gastraeo alho;
35
cauda gracili, guadrangulari, squamososetulosay hicolore,
dent apice fusco-rvfis. Long. 3" 4'". caudae 1" 7'".
Von beiden Arten befinden sich wenig Exemplare in Wag-
ler's Sammlung, welche, wenn die Etiketten gelöst werden,
nicht von einander zu unterscheiden sind. Der einzige, schein-
bar vj^esentliche Unterschied beider Diagnosen ist auch nur bei
der einen der schlanke, vierseitige, bei der andern der runde,
dickere Schwanz. Dieser Unterschied ist lediglich auf indivi-
duelle Zufälligkeiten begründet, und ganz besonders auf ver-
schiedene Conservation des todten Thieres, wie weiter unten
bei Gelegenheit der Arbeit von Duvernoy noch einmal be-
sprochen wird. Beide Arten sind nach beiderseitigen Original-
Exemplaren gleichbedeutend mit S, amphibius Brehm (was
allerdings schwer zu glauben sein mag, wenn man nur die
Diagnosen beider Schriftsteller vergleichen kann), und bezeich-
nen folglich höchst wahrscheinlich nur die Jugendzeit des S.
fodiens Pallas.
3) S. concinnus Wagl. Notaeo velutino-fusco , lateri-
his fuscescentibus-rufescente^ gastraeo alhido, cauda tereti
annulato-setulosa, suhhicolore, dentihus ine. apice extimo
croceis. Long. 2" 11'". caud. 1" 5'".
4) S. rhinolophus Wagl.' N. velutino-fusco , lateribus
dilute fuscescente , gastraeo albido, cauda gracüi, teretiu-
scula, dense setulosa, hicolore; pilis supra nasi hasin in
morem cristulae erectis. Long. 2" 9'". caud. 1" 6^'".
5) S. melanodon Wagl. Not. velutino-fuscescente, la-
teribus dilutioribus ; gastraeo albo; cäuda crassiuscula, te-
reti, hicolore, apice penicillata setoso-pilosa ; dentihus apice
rufo-fuscis, primorihus ibidem fusco-nigris. Long, 2" 9'".
caud 1" 6J'".
Es befinden sich in Wagler's Nachlafs einige Dutzend
zu dieser Gruppe gehörende Spitzmäuse, von denen nur ein
Exemplar mit dem Namen Concinnus bezeichnet ist, und dies
ist Hermann's tetragonurus , also die gemeine Art in der
gewöhnlichen Form; \on rliinolophus finden sich zwei Indi-
viduen, welches Männchen mit entwickeltem Driisenapparat
sind, und bei denen allerdings die Haare auf der Nase gewöhn-
lich etwas aufwärts stehen und dem Thiere ein eigenes Anse-
hen geben ; dieses finde ich aber nicht nur bei fast allen männ-
3 *
36
liehen Thieren des S. vulgaris, sondern aucli bei S. pyg-
maeus und eben so bei den andern Gruppen. Da sich kein
anderer Unterschied findet, auch Wagler selbst in den Diagno-
sen einen wesentlichen nicht angeben konnte, so ist es
wohl unbedenklich, dafs der Name rhinolophus nicht beizu-
behalten, indem er die geschlechtsreifen Männchen AesS.vul-
garis bezeichnet. Dafs S. melanodon das junge Thier der-
selben Art ist, habe ich schon oben ausgesprochen. Es zeigt
sich bei den beiden Gruppen unserer einheimischen braunzäh-
nigen Spitzmäuse die . Eigenthümlichkeit, dafs diese Färbung
der Zahnspitzen bei den jüngsten Thieren, gleich nach dem
Dutchbruch der Zähne, sehr intensiv, und dann allerdings zu-
weilen schwarzbraun ist, und bei allen Thieren durch die Ab-
nutzung des ganzen Gebisses intensiv und extensiv immer
mehr abnimmt.
6) S. fiinbriatus Wagl. 2 Monate später (/. c. 275. An-
merk.) umgetauft und Crocidura moschata genannt, unter
welchem Namen sich in Wagl er 's Sammlung 7 Exemplare
befinden, von denen 3 junge S. leucodon Herm. sind; die 4
andern, welche Geschwister eines Wurfes sind, gehören als
junge nicht ausgewachsene Thiere zu S. j4raneus Sehr. Dafs
Wagler diese letztern mit dem neuen Namen bezeichnen
wollte, geht daraus hervor, dafs seine Abbildung, welche den-
selben trägt, nach einem dieser Exemplare gemacht ist; dann
ist aber die Länge des Schwanzes, welche die Diagnose zu 1"
1'" angiebt, entweder durch einen Druckfehler oder falsche
Messung nicht richtig, denn bei allen Exemplaren ist der
Schwanz 1" 5'" lang.
7) S. pumilio Wagl., später (Z. c. 1218. Anm.) für S.
pygmaeus Glog. erklärt, welcher von der Pal las 'sehen Art
verschieden sei, eine Behauptung, die nichts für sich hat, und
für welche jeder Beweis fehlt.
Die erste Art der dritten Mittheilung nennt er Crocidura
major j weil sie um ein Drittel gröfser sei als Cr. moschata;
aufserdem drehen sich die angegebenen Unterschiede um ge-
ringfügige und schwankende FarbendiiOferenzen, indem es von
Cr. moschata (^z=z S. ßmbriatus)]ieiM: „notaeo fuscOy gas-
traeo albido," \on Cr. major dagegen: „notaeo cinerascenti
fusco, gaslraeo griseo-albido.'^ Indem ich die angegebenen
37
Dimensionen (Körper 3" 4'", Schwanz 16 — 18i"') an den 6
aus Wagler's Naclilafs erhaltenen Exemplaren nachmesse,
fmde ich dieselben nicht genau: das gröfste mifst zwar 3" 4'",
der Schwanz desselben ist aber 1" 8'"; die übrigen Exemplare
sind bei 16 — 18'" SchwanzlUnge 3" lang. Diese Croc. major
ist demnach die gewöluiliche, ausgewachsene Form des von
Bech stein vor langer Zeit so gut beschriebenen S.Araneus
Schreb., und Cr. moschata das junge, nicht ausgewachsene
Thier; ich habe, während ich dies schreibe, aufser 11 Schädeln
und vielen Bälgen, 63 Exemplare in Spiritus von dieser Art
vor mir, und zwar von noch nackten, einige Tage alten Jun-
gen, alle Gröfsenverschiedenheiten bis zu den von Wagler
angegebenen Dimensionen der Croc. major und noch gröfsere.
— Die zweite Art: Croc. ritfa, wird beschrieben: ^'Tota fu-
sccscenti-rufa , gastraeo pariim palUdiore; cauda pedlida^
miicolore. Longit. cum cauda f er e^\ caudae 1" 7'". Ad
Rhcnum.^^ Ich fmde in dem W agier sehen Nachlafs nur zwei
Exemplare, welche sich von der gewöhnlichen Färbung des iS*.
Araneus durch auffallend rostrothe Haarspitzen unterscheiden,
aufserdem aber nicht den geringsten Unterschied von dieser
Art zeigen, und sich beide durch abgenutzte Spitzen der
Schneidezähne und deutliche Bauchwarzen als alte Weibchen
zu erkennen geben. Diese beiden Thiere sind sicher nur un-
gewöhidich gefärbte Exemplare des so häufigen und in der
Farbe mannichfach variirenden iS*. Araneus, und ich habe zu
verschiedenen Zeiten ungefähr ein Dutzend davon erhalten
und zum Theil im lebenden Zustand mit Individuen der etwas
mehr grauen, gewöhnlichen Färbung vergleichen können, ohne
im Stande zu sein, irgend einen andern Unterschied aufzufin-
den. Da nun aber die Wagl ersehen Exemplare im gestreck-
testen Zustande von der Nasenspitze lAxin After nur 3" und
3" 2'" messen, so findet zwischen dieser Köcperlänge mit der
von Wagler angegebenen (fast 6" — 1" T" =5 4" 5'") Qin
sehr bedeutender Unterschied Statt, und es wäre daher wohl
der Einwand möglich, die ächten Originale der Cr. rufa be-
fänden sich nicht mehr in W agier 's Sammlung^ Es ist aber
wohl keinem Zweifel unterworfen, dafs Wagler's Angabe
auf einem Irrthume oder einem Druckfehler beruht; denn 1)
befindet sich ein so ^rofses Thier nicht in Wagler's Samm-
38
lung; 2) würde er schwerlich eine bedeutend kleinere, zu
gleicher Zeit beschriebene Art major genannt haben, wenn
er wirklich eine so grofse vor sich gehabt hätte, indem diese
Cr. major nur 3" 4'" lang ist, also um den dritten Theil klei-
ner als die Angabe von C. rufa; 3) würde Cr. riifa, wenn
die Angabe richtig wäre, einen so kurzen Schwanz haben, wie
keine andere der deutschen, und überhaupt keine Art der gan-
zen Gattung, indem nur der amerikanische S. hrevicaiidus
Say. ein annäherndes Verhältnifs zeigt. Von allen deutschen
Arten hat »5*. leiicodon den kürzesten Schwanz, welcher sich
zur Körperlänge wie 1 : 2, 3. verhält, bei C. rufa würde
dagegen das Verhältnifs = 1 : 2, 8. sein. — Ich glaube da-
her, auch die Cr. rufa unbedenklich zu iS*. Araneus ziehen
zu müssen.
Was endlich die dritte Art dieser Gruppe betrifft, die A.
foliogastra AVagl. (jiotaeo mminOy gastraeo alhido, cctuda
unicolore. Long, cum cauda 3^" caudae fere 13'"), so be-
schränkt sich die Differenz von Cr. moschata allein auf ei-
nen Farbenunterschied, indem jene ,;notaeo fusco^^ diese „tz.
murino'^ bezeichnet ist. Diese Art hat Wagler nach einem
einzigen Balg, welchen er „vom Rhein" erhielt, aufgestellt, und
es zeigt derselbe wirklich nicht den kleinsten Unterschied von
den auf dem Lande in jedem Hause leicht zu erlangenden S.
Araneus, auch nicht einmal von den Exemplaren, welche
Wagler mit eigner Hand als Cr. moschata bezeichnet hat.
Wenn ich übrigens bei Reduction dieser 10 vermeintlichen
Arten der Ohren, Füfse, Zähne und anderer Theile, welche
gute Kennzeichen liefern, keine Erwähnung that, so geschah
es nur, weil eine möglichst genaue und oft wiederholte Ver-
gleichung auch nicht den mindesten Unterschied' ergeben hat.
1834 gab Zahle eine von Melchior hinterlassene
Schrift über die dänischen Säugethiere heraus {den danshe
Stats og Norges Fattcdyr Kjohenhavn 8.), in welcher 3
Spitzmäuse aufgeführt werden: 1) S. fodiens Fall., 2) S. ni-
gripes Melch., welcher Name höchst unnöthiger Weise dem
S. natans Br. beigelegt wird, weil derselbe sich \oi\ fodiens
durch schwarze Fufssohlen und weifsgraue Schwimmhaare un-
terscheiden soll, worüber ich mich schon früher in diesem
Archiv (II. 77.) ausgesprochen habe. Der 3) aufgeführte S.
' 39
Araneus ist zwar allerdings Linne's Art dieses Namens fn
der 2ten Ausgabe der Fauna sitccica, aber keineswegs der
später genau unter diesem Nanien bescliriebene ächte Ara-
neuSj und daher S. vulgaris Linn. ').
In demselben Jahre ilng Küster in den Oa'ctushecken
von Cagliari 4 Spitzmäuse, welclie er mir sämmtlich überlas-
sen und {Isis 18o5. 76.) mit dem Namen S. pachyurus ber-
legt hat. Sie unterscheiden sich nicht im Geringsten von klei-
nen Exemplaren des deutschen Araneus, denn der Schwanz
ist weder kürzer noch dicker, und da Küster die Schwanz-
länge zu 12^" angiebt, so hatte er wahrscheinlich nur die ein-
getrockneten beiden Häute gemessen, denn die beiden Exem-
plare in Spiritus, welche ich seiner Güte verdanke, haben über
15'" lange Schwänze.
Von allen Schriftstellern hat ohne Zweifel Lenz in
Schnepfenthal die umfassendste practische Kenntnifs der
deutschen Spitzmäuse. Ohne die wirklich aufserordentliche
Unterstützung dieses fleifsigen Freundes wäre es mir, so wi^
früher dem verstorbenen Mehlis, unmöglich gewesen, ein so
bedeutendes Material zusammenzubringen. Ich allein verdanke
f.einer Güte mehrere Hundert Spitzmäuse, welche er alle
selbst in der Gegend von Schnepfeuthal gefangen und mir
theils lebendig, theils in Häuten, gröfstentheils aber in Spiri-
tus zugescliickt hat. Für die Lebensart dieser Thiere ist dem-
nach auch seine Arbeit (Gemeinnütz. Naturgesch. Gotha '1835.
1. 75.) die wichtigste und, mit Ausnahme von Bechstein,
die einzige Quelle. Lenz hat in jenem Werku schon meirffe
1) Als ich Melchior's Werk in diesem Arohiv anzeigte, er-
wähnte ich beiläufig, die gemeinste braunzahnige Landspitzmaus sei
fälschlich für S.tetra^onurus Herrn, gehalten, um gerechten Ein-
würfen hierüber vorzubeugen, mufs ich diese Aeufserung erklären:
Ich hatte nämlich bei Abfassung jenes Berichts an meinen Freund
Wiegmann die kurze Anzeige der Duvernoy 'sehen Arbeit in Vln-
stitut gelesen, — die Memoires waren noch nicht, erschienen — , und
da Duvernoy den tetrag^onurns und den allbekannten ,/o<'7?'ew.v dem
Zahnbau nach in eine Gruppe vereinigt, mufste ich wohl nothwendi-
gerweisß den ächten tetragonurus anderwärts su:^hen. Die Duver-
noy'sehe Monographie hat nun darüber aber hinlängliche Aufklärung
'gegeben, indem sie zeigt, dafs Hr. Duvernoy das GTebifs ^qb Jodiens
gar nicht untersucht hat.
40
Ansicht über die deutschen Arten mitgetheilt, die sich durch
fortgesetzte Beobachtung seit 3 Jahren nicht hat verändern
können.
Wir gelangen nun in der befolgten chronologischen Ord-
nung zu der umfangreichsten Arbeit über die Spitzmäuse, wel-
che wortreicher als alle frühern zusammengenommen ist, zu
Duvernoy's Fragmens siir les Musaraignes (J\Iem. de
iStrashourg, IL 13.), gelesen im Juni und December 1834.
In der Zeitschrift Vlnstitut (Nr. 70. 13. Septbr. 1834.) war
schon ein Auszug dieser Arbeit mitgetheilt, worin aber von
den spätem abweichende Resultate vorgetragen werden, z. B.
dafs iS*. leucodon nur Varietät des S. Araneus sei. Wir hal-
ten uns natürlich hier an die vom Verfasser selbst vertretene,
gröfsere Abhandlung. Ehe ich zum Bericht über die einzel-
Den Theiie derselben gehe, mufs ich jedoch eines traurigen
Umstandes erwähnen, der die Confusion, welche in der Sache
herrscht, mehr als verdoppelt und leider schon Früchte getr^^-
gen hat:
Hr. Duvernoy hat nämlich ohne allen Zweifel
das Gebifs der gemeinen Wasserspit?maus nicht
gekannt, und schreibt daher dieser Art das Zahnsystem des
S, tetragonurus zu, Da er nun auf die Verschiedenheiten
des Gebisses Gruppen begründet und die Arten danach cha-
rakterisirt, so ist die ganze Arbeit, was diesen Hauptpunkt be-
trifft, vom Anfang bis zum Ende falsch.
Als Einleitung berichtet Hr. Duvernoy, dafs der nach-
mals berühmte Dr. Gall die Spitzmäuse gefangen habe, wel-
che Hermann beschrieb — dann spricht er über die Kenn-
zeichen, welche zur Unterscheidung der Arten dienlich seien:
die Farbe scheine nach Alter, Geschleolit und Jahreszeit nicht
nur in den Nuancen, sondern auch in deren gegenseitiger Ver-
theilung zu variiren ; der Schwanz sei bei jungen Thieren kür-
zer und dicker, als bei alten; die vierseitige Gestalt komme
fast allen Arten zu und sei nur im Alter vorhanden, eben so
sei es mit der Einschnürung an der Basis desselben, und es
könnten daher alle diese Kennzeichen nicht allein zur ßestim-
?nung der Arten dienen.
Meine eigenen Erfahrungen haben mir diese Aussprüche
yollkominen bestätigt, nur scheint mir die gegenseitige Vert]iei-
41
hing der Rücken- und Bauchfarben', ob dieselbe allmählig in
einander übergehen oder scliarf getrennt sind, im Allgemeinen
constant und demnacli ein gutes specifisches Unterscheidungs-
zeichen zu sein, und auch die Einschnürung der Schwanzbasis
ist als constant zu betrachten, wie die Beobachtung des S.
vulgaris in den verscliiedenen Lebensperioden, und, wo sie
am eigenthümlichsten ist, des S. pygmaeus, lehrt.
Nachdem der Verf. einige verschiedene Angaben über den
Zahncharakter der Gattung durchgegangen ist, stellt er 3 Ty-
pen auf und sucht die Hermann' sehen Arten genauer zu
bestimmen.
Gruppe A. Sorex Duvernoy.
Die beiden mittlem untern Schneidezähne mit einfacher
Schneide, die beiden obern halcig; 3 oder 4 folgende kleine
Zähne im Oberkiefer schnell vom ersten zum letzten an Gröfse
abnehmend. Kein Zalin gefärbt.
1) S. Araneus Linn., von Daubenton und Geoffroy
beschrieben. Linne habe wahrscheinlich die Wasserspitzmaus
darunter verstanden. Hr. Duvernoy erwähnt die ihm be-
kannt gewordenen 9 Individuen, wodurch auch die Ansicht,
dafs Hermann's S. russulus (welcher Name Hrn. Duver-
noy nicht bekannt geworden ist) wirklich der Araneus sei, ge-
rechtfertigt wird.
2) i5'. leucodon Herm. Aufser 3 Individuen, welche von
Hermann herrühren, erwähnt der Verfasser noch einiger an-
derer, und es geht aus der Beschreibung derselben klar her-
vor, dafs die in Deutschland verbreitete Art wirklich die H e r-
mannsche sei, woran nach dessen präciser Beschreibung oh-
nehin nicht zu zweifeln war.
Gruppe B. Hydrosorex Duv.
Untere Schneidezähne mit gezähnelter Schneide, die obem
gabelig, fünf kleinere obere Backzähne, unmerklich vom er-
sten zum letzten an Gröfse abnehmend. Alle Zähne an den
Spitzen gefärbt.
1) {Espece type.") S. fodiens Fall, et Gmel. =;: S. ca-
rinatus Herm. Es ist durchaus unrichtig, dafs fodiens das
hier beschriebene Gebifs hat, welclies nur der folgenden Art
zukommt, und es ist durchaus naturwidrig, diese beiden Arten
in eine Gruppe m vereinigen, welche durch Zahnbau, FufsbU-
42
düng und abweichende Lebensart mehr von einander verschieden
sind, als die beiden Gruppen der Landspitzmäuse unter sich.
2) S, tetragonunis Herrn. Davon besitzt das Strafsbur-
ger Museum 3 Exemplare und einen Albino. Wichtig ist nun
die Bemerkung Duvernoy's, dafs die Farbe dieser Original-
Exemplare nicht „splendide niger et atro einer eus"^ sei, wie
Hermann angab, und was nicht ganz auf die so häufige Art
pafst, und daher immer noch einen geringen Zweifel übrig
liefs, sondern dafs sie „schön braunroth" sei, wonach denn
die Identität dieser Arten aufser allen Zweifel gesetzt ist. —
Ein dazu gehöriges Exemplar habe Verf. aus dem Tübinger
Museum unter dem Namen ^S'. cunicidarius erhalten.
Für uns das wichtigste Ergebnifs dieser Arbeit ist die nun
folgende Erläuterung über i^. constricius Herm., welchen man
bisher nicht zu deuten wufste, und wonach denn auch diese
Art aus den Listen gänzlich zu streichen ist, indem von den
5 Original-Exemplaren drei ohne Zweifel junge Individuen des
Araneus , zwei dagegen des fodiens sein sollen , und höchst
wahrscheinlich hat wohl Hermann diese letztere beschrieben.
Gruppe C. Amphi-Sorex Duv.
Untere Schneidezähne einfach, obere hakig, die beiden ^-
sten kleinen Zähne gleich, der dritte ein wenig kleiner, der
vierte „rudimentaire.'^ Zahnspitzen ein wenig gefärbt.
1) iS*. Hermanni Duv. Mit diesem Namen bezeichnet
Verf. ein einziges w^eibliches Exemplar, welches er unter
dem Namen Araneus im Museum in Spiritus fand, — und
später habe er noch ein zweites aus Baiern erhalten. Länge
des ersten 0,078, des Schwanzes 0,052; bei dem zweiten sei
der Schwanz so lang als der Körper. Eine genaue Beschrei-
bung wird leider nicht gegeben, und eben so wenig befriedigt
die Abbildung (pl. I. f. I.). Ueber diese Art müssen wir da-
her fernere Belehrung erwarten, da keinem der bisherigen
Beobachter ein ähnliches Thier vorgekommen ist. Es sei je-
doch erlaubt, eine Vermuthung zu äufsern, wofür ich aller-
dings keinen Beweis liefern kann. Hr. Duvernoy hat das
Gebifs des so häufigen S. fodiens ganz unrichtig beschrieben,
wahrscheinlich aber doch wohl untersucht, da er eine Gruppe
darauf gründet, welcher er das Gebifs des S. tetragonunis
zusehreibt. Der fragliche S. Hermanni hat nun das Gebifs
43
des iS". fodieiis, denn nach der Abbildung ist die Schneide
der untern Schneidezähne nicht einfacli, sondern hat einen
kleinen Höcker, wie der Zeichner in diesem Falle sehr richtig
gesehen hätte, und die Abbildung des ganzen Thieres sieht so
ziemlich aus wie ein Araneus, den Wagler 7*z{/*M.y nennen
würde, besonders der Rüssel. Sollte da nicht eine Verwech-
selung der kleinen Schädel vorgegangen sein, und der iS*. Her-
manni ein gewöhnlicher yiraneus sein, welcher den Schädel
des fodlens nur einstweilen usurpirt?
In einer Nachschrift sagt Hr. Duvernoy: Menk^ aus
Pyrmont habe ihm in Stuttgart erzählt, dafs Wagler auch
schon Gruppen von Spitzmäusen aufgestellt habe, welche im
Jahrgang 1832. der Isis ständen, diese sei aber in der Thät
viel später erschienen. Wagler 's Gattung Sovex sei seine
Gruppe Ilydrösorex f es fehle aber darin der iS*. fodiens, und
die demselben zugeschriebenen Charaktere seien falsch. Auf
wessen Seite aber in diesem Fall der Irrthum ist, davon wird
sich Jeder überzeugen, der eine Wasserspitzmaus in die Hand
nehmen will.
Hr. Duvernoy liefert schliefslich noch interessante Frag-
mente über Anatomie und Physiologie der Spitzmäuse, mit de-
nen ich im zweiten Theile meines Versuchs die Resultate mei-
ner eigenen Beobachtungen vergleichen werde. Doch möchte
ich schon hier eine Differenz nicht mit Stillschweigen überge-
hen. Hr. Duvernoy behauptet nämlich, die Spitzmäuse hät-
ten keinen Zahnwechsel , was allerdings bis jetzt nicht direct
nachgewiesen werden kann; überhaupt aber sei die Verbindung
der Zähne mit den Kiefern eine andere als bei den übrigen
Säugethieren , die Wurzeln säfsen nämlich nicht eigentlich in
einer Alveole, sondern „penetrent une sorte de diplo'e ou de
tissu celluleux osseux, aucjuel elles adhhrent coinme par
sotidure,"^ und deshalb habe das Wachsthum der Spitzmaus-
zähne eine Analogie mit dem von Anarhichas Lupus,
Allerdings hat die Gestalt der Backzähne dieser Thiere
manches Eigenthümliche, und es fallt namentlich auf, dafs die
Basis der Zahnkrone sehr breit ist, und dafs die Wurzeln
nicht, wie es bei andern Backzähnen gewöhnlich der Fall ist,
mehr oder weniger alimälig in die Krone übergehen, sondern
hier gleichsam wie Nadeln aussehen, welche durch die unten
44
flache Zahnkrone gesteckt sind. Uebrigens hat aber jede Wur-
zel ihre Alveole, die man an frischen Thieren leicht bioslegen
und aus welchen man durch Maceration sehr leicht die Zähne
mit ihren feinen, leicht zerbrechlichen Wurzeln befreien kann.
Es scheint in der That ein wesentlicher Unterschied zwischen
der Verbindung dieser Zähne mit den Kiefern von der ge-
v^öhnlichen der Landsäugethiere nicht da zu sein, am wenig-
sten eine Aehnlichkeit mit den Verhältnissen bei Anarhichas
Lupus.
lieber den von Hrn. Schinz aufgestellten S. alpinus
(Froebel und Heer Mittheil.) kann ich mir kein Urtheil er-
lauben, da ich kein Exemplar davon erlangen konnte. Hr.
Schinz hat die Güte gehabt, mir eine Zeichnung seines ein-
zigen Exemplars zuzuschicken, wonach die Art durch unge-
meine Schwanzlänge und eine gleichmäfsige helle Schieferfarbe
ausgezeichnet zu sein scheint. Hr. Duvernoy hat dieselbe
neuerdings untersucht, und wird in den Strafsburger Memoi-
ren wohl genauere Mittheilungen darüber machen.
Die jüngste mir bekannt gewordene Arbeit ist ein sehr
gründlicher Aufsatz vonJenyns über die britischen Spitzmäuse
(Jardine, Selhy et Johnston Magaz. vol. IL Juni No. VIL
1837. London). Leider hat Duvernoy's unrichtige Angabe
über das Gebifs der Wasserspitzmäuse hier eine neue Verwir-
rung veranlafst.
Jenyns beweist ausführlich, dafs S. Araneus aller eng-
lischen Autoren nicht die von Daubenton beschriebene Art
sei, sondern »5*. tetragonurus Herrn., und findet es wahr-
scheinlich, dafs auch Linne diese Art gekannt habe, was mir
nach schwedischen Exemplaren und I^inne's ersten Angabe
keinem Zweifel mehr unterworfen zu sein scheint. S. Ara-
neus sei dagegen noch nicht in England gesehen, lieber die
englische Wasserspitzmaus kommt Jenyns aber nicht ins
Reine, da er sie, Duvernoy's Beschreibung folgend, für ver-
schieden von der auf dem Continent hält; er nennt sie daher,
mit Shaw, i^. hicolor. Aus seiner guten Beschreibung wird
aber klar, dafs beide nicht von einander abweichen.
Hr. Bujack (Naturgesch. und fauna prussica. Königs-
berg 1807. 60.) erklärt Mus minutus und 6'. pygmaeus Pa|l.
für Synonyme.
45
Zur leichtern Uebersicht will ich hier die zahlreichen Sy-
nonyme chronologisch ordnen, wobei ein ! andeutet, dafs Exem-
plare der Autoren untersucht und verglichen sind, — und dem-
nächst werde ich den Freunden der vaterländischen Thierkunde
die von mir entworfenen Beschreibungen und Bemerkungen
über Lebensart, Verbreitung u. dgl. vorlegen.
Erste Gruppe. Crocidura Wagl. 1832. (= Sorex Tixi-
vern. 1834.).
1) Sorex Araneus Schreb. ^
1756. Musaraigne de terre. Daubenton hist.de VAcad,
'203.ßg.
1780. S. Araneus Schreb. Säugeth. III. 373. T. 160.
— — russulus Eerm. Zimmerm. Geograph. Geschichte
II. 382.
1783. — Araneus Herm. tob. affin. 79. not.
1789. — — Bechst. Gem. Naturgesch. I. 388.
1804. — an Araneus? Herm. ohserv. 49.
1811. — Araneus Geoff. Annal. XVII. 169.
1832. — fimhriatus Wagl.! Isis 54. (juven.^
Crocidura moschata Wagl.! ih. 275. (fuven.^
— — major. Wagl.! ih. 1218. dadult.)
— — rufa Wagl.! ih. (fem. adult.)
— — poliogastra Wagl. ! ih, (juven.^
1835. iS*. pachyurus Kiist.! ih. 76.
2) Sorex leucodon Herm.
1780. S. leucodon Herm. Zimmerm. Geogr. Geschichte
II. 382.
1781. — leucodon Schreb. Säugeth. T. 159. D.
1783. — — Herm. tah. äff. 79. not.
1804. >- — . — ohserv. 49.
1832. Crocidura leucodon Wagl. Isis 275.
3) Sorex etruscus Savi.
1822. S. etruscus Savi. Nuov. Giom, No. I. 60.
1832. Crocidura etrusca Wagl.! Isis 275.
Zweite Gruppe. Sorex Wagl. (Hydrosorex Duvern.
zum Theil.)
4) Sorex vulgaris Linn.
1746. Sorex. Linne/aw/i. suec, I. ISo. 33.
1754. S, vulgaris Linn. Mus. Adolph. 10.
1761. — Araneus Linn. faun. suec. II. No. 24.
1780. — tetragonurus Herrn. Z immer m. Geogr. Gesell^.
II. 383.
1781. — — — Schreb. Säugth. T. 159. B.
1783. — — — Tah. äff. 79. not.
1793. ■— fodiens Beclist. Gem. Naturgesch. III. 746.
1796. — Eremita Bechst. Getr. Abbild. Cent IL 22.
1801. — Cunicularia Bechst. Gem. Naturg. ed. II. I. 879.
1804. — tetragonurus Herm. Ohserv. 48.
1811. — — GeoflF. Ann. XVII. 177.
1828. — Coronatus Millet. Faune de Loire^
1831. — ^^ tetragonurus Mehl.! in litt.
— — macrofricJius Mel>l.!
— — melanodon Mehl. ! (fuven.')
1832. — concinnus Wagl.! Isis 54.
— — • rhinolophus Wagl.! ih. (mas. adult.)
1832. — melanodon Wagl.! ib. (juven.)
1834. — Araneus Melch. danske Patt. 69.
1835. — ^ Nilss. Blum. Fig. Heft 16. 32.
5) Sorex pygmaeus Pall.
1811. S. pygmaeus Pall. Zoogr. I. 134. (mit den älteren
Synonymen).
1825. — — Glog. Nov. Act. Leop, XIB. 2. 481.
1832. — pumilio Wagl.! Isis 54.
Dritte Gruppe. Crossopus Wagl. (Hydrosorex Du-
vern. zum Theil.)
6) Sorex fodiens Pall.
1756. iS*. fodiens Pall. Ta&. «er. ??ic.
— Musaraigne deau Daubent. hist. d. Vac. 203.
1771. S. fodiens Penn. syst. 308.
1777. — Bauhentonii Erxleb. syst. 124.
1780. -^fodiens Schreb. Säugeth. HI. 571. T. 161.
— — carinatus Herrn. Zimmerm. Geogr. Gesch. II. 383.
— — constrictus Herm. ih. {pull. n. Duvern.)
1783. — — — Tah. äff 79. not.
1789. — Bauhentonii s. fodiens Bechst. Gem. Naturgesch.
I. 394.
47
1793. S. ßuviatilis Beclist. ib. III. 746.
1804. — carinaUis Herrn, ohs^ 46.
-^ — constrictus Herrn, l. c. (^pull. n. Duvern.)
\%\\, — hydropliilus Pall. zoogr. I. 130.
— — Dauhentonii Geoflf. Ann. XVII. 176.
— — remifer Geoff. ib. 182.
1826. —-fodicns Br.! Omw II. 25.
— — amphibius Br. ! i&. 38. (Juven.^
— — natans Br.! ib. 44.
— — stagnatilis Br, ! z6. 47.
1830. — rivalis Br.! /^w 1128..
1832. — Musculus Wagl.l Isw 54. (juven.)
— — psilurus Wagl.! ib.
— Crossopus fodiens Wagl.! ib. 275.
— — stagnatilis Wagl.! ib.
— — Musculus Wagl.! ib»
— — psilurus Wagl.! ib.
1834. S. nigripes Melch. Vanske Patt. 68,
1837. __ bicolor Shaw. Jenyns Jard. Selby Mag. VII.
Zweifelhafte Arten.
iS". constrictus GeofFroy (nicht Herrn.).
— leucodon Geoff. (nicht Herrn.).
— lineatus Geoff.
Musaraigne noire ä coUier blanc Geoff.
S. alpinus Schinz.
— liermanni Duvern.
2)*
48
Nutzen der Spechtmeise (Sitta europaea), durch die
Vertilgung der Borkenkäfer beobachtet
von
Stan. Konst. Ritter v. Siemuszowa-Pietruski.
Im Jahre 4834 sind fast alle Waldungen des Saraborer
und Stryier Kreises in Galizien mit der schrecklichen, durch
die verwüstenden Verheerungen der Borkenkäfer entstandenen,
Wurmtrocknifs behaftet gewesen. Dieses Uebel, welches der
Regierung und den dortigen Güterbesitzern viel Besorgnifs
verursachte, hätte wahrscheinlich die traurigsten Folgen nach
sich gezogen, wäre nicht die ungeheure Vermehrung dieses
Ungeziefers durch folgende interessante Begebenheit gehemmt
und mithin das Unglück im Keime erstickt. Im Juli dessel-
ben Jahres erschien daselbst eine fast unglaublich grofse An-
zahl von Spechtmeisen, alle Wälder und Lustgärten waren mit
diesen Vögeln angefüllt. Sie besuchten auch die Obstgärten
und flogen sogar bei offenen Fenstern in die Zimmer hinein.
Der Zug kam von Norden nach Süden. Sobald diese Vögel
eine Zeit lang in den Gärten herumgestrichen waren, bemerkte
ich, dafs sich ihre Anzahl daselbst bedeutend vermindert hatte ;
wie angenehm aber wurde ich überrascht, als ich diese nütz-
lichen Vögel in den von Borkenkäfern am meisten behafteten
Waldstrecken entdeckte. Sie flogen hier haufenweise itmher
und waren wenigstens in meiner Waldung so zahlreich, dafs
man beinahe auf einem jeden kranken Stamme 3 bis 4 her-
umklettern sah. Sie hackten zwar nicht tief ins Holz, konn-
ten deswegen selten die Larven und Eier bekommen, vertilg-
ten aber dafür Millionen der Käfer selbst, die gewöhnlich früh
und Abends auf der Oberfläche des Stammes umherkriechen.
Die Vögel hielten sich in dieser Gegend durch 4 Monate,
ohne dafs man eine merkliche Verminderung bemerken konnte,
erst Ende Oktobers fingen sie wieder an, einzeln wegzuziehen,
nachdem sie uns, mit Hülfe einer später eingetretenen nassen
Herbstwitterung, von einem Uebel befreiet, wodurch gewifs,
hätte dieses Unglück länger gedauert, alle hiesigen Gebirgs-
wälder zu Grunde gegangen wären.
Podhovodce in Galizien, den 26. Novbr. 1837-
Botanische Notizen
von
Dr. M. J. Schleidcn.
1) lieber Bodenstetigkeit der Pflanzen.
In Unger „über den Einflufs des Bodens auf die Verthei-
lung der Gewächse/* Seite 172, wird Euphorbia Cyparissias
als kalkstete Pflanze aufgeführt. — Eigenthümlich ist es, dafs,
während diese Pflanze in unermessener Menge die Sandheiden
in der Umgegend von Berlin bedeckt und mit unverminderter
Individuehzahl auch die Kalkberge von Rüdersdoriff überzieht,
dieselbe auf dem Muschelkalk in der Umgebung von Göttin-
gen gänzlich fehlt, dagegen sogleich auftritt, wenn man bei
Witzenhausen den Muschelkalk verläfst und den bunten Sand-
stein betritt. — Die Pflanze ist also bald kalkstet, bald sand-
stet, bald wieder gemeinschaftlich, was darauf hinzudeuten
scheint, dafs zwar allerdings der Boden einen wesentlichen
Einflufs auf das Vorkommen der Pflanzen ausübt, aber nur
neben einer anderen, dem Einflufs des Bodens noch überge-
ordneten, jedoch durch diesen wirksamen Ursache, die viel-
leicht climatisch, auf jeden Fall bis jetzt von uns nicht einmal
erkannt, noch weniger aber als Gesetz aufgefafst ist.
2) Ueber den Inhalt des Pollenkornes.
Im vorigen Jahrgang dieses Archivs (S. 428.) tadelt mich
Meyen, dafs ich behauptet: „der Inhalt des Pollens sei zum
gröfsten Theil Stärke." Meyen hat die Stelle, wo ich
das gesagt habensoll, nicht angeführt, und ich habe es in der
That nirgends gesagt. — Wahrscheinlich hat ihm indefs eine
Stelle (Wiegmann*s Archiv 1837. S. 315.) vorgeschwebt,
wo ich ziemlich beiläufig gesagt: „der Inhalt des Pollens be-
steht im Wesentlichen aus Stärke." Dafs beide Sätze
IV. Jalirg. 1. Band. 4
einen himmelweit verschiedenen Sinn haben, bedarf keiner
Nachweisung. — Indefs war jene Bemerkung von mir da-
mals nur im Vorbeigehen gemacht, indem ich auf Amylum
nur in sofern Werth legte, als es der uns^ekannteste bil-
dungsfähige Stoff in dem Pflanzenorganismus ist, und gern
will ich zugeben, dafs ich mich daselbst in incorrecter Kürze
ausgedrückt habe. Es lag nämlich schon damals mein Auf-
satz über Zellenbildung (s. Müller's Archiv f. Physiol. Bd.
1838. Heft 2.) fertig vor mir, und indem ich in der angeführ-
ten Stelle sagte: „es würde mich zu weit führen, wollte ich
auch die Zellenbildung daselbst ausführlich behandeln," bezog
ich dieses stillschweigend mit auf die Erläuterung des streiti-
gen Punktes.
Es will mich übrigens bedünken, als hätten die gründli-
jchen chemisch-mikroskopischen Untersuchungen vonFritsche
über den Pollen (Petersburg 1837.) den angeblichen Saamen-
thierchen so ziemlich das Garaus gemacht, denn es verträgt
sich doch schlecht mit der thierischen Natur, dafs die lebhaf-
ten, scheinbar infusoriellen Bewegungen nach Zusatz von
absolutem Alkohol, in welchem Jodine gelöst (ein Gift, wel-
ches alle Infusorien und thierischen Spermatozoen sogleich
tödtet), ungestört fortdauern, wie Pritsche ganz allgemein
angiebt und ich selbst in vielen Fällen beobachtet habe.
Bei den Oenotheren aber, auf die sich Meyen vorzugs-
weise beruft, habe ich durchaus nichts von Saamenthierchen
wahrnehmen können, und gerade bei ihnen besteht der Pollen-
inhalt quo ad solida auch zum gröfsten Theil aus Stärke.^
Ich habe wenigstens bei Oen. simsiana, grandiflora und cras-
sipes durchaus nichts anderes im Pollen finden können, als
Gummilösung und die von Brongniart als Saamenthierchen
beschriebenen, leicht kenntlichen, Spindel- oder halbmondför-
migen Körperchen. Diese sind aber bestimmt Stärke und
bleiben Stärke, selbst wenn der Pollenschlauch schon tief in
den nucleus des Eichens eingedrungen ist. Um die Stärke
aber hier durch Jod zu erkennen, mufs man sich der wässeri-
gen Solution bedienen, da bei der weingeistigen Tinktur ei-
nestheils das Gummi coagulirt, anderentheils aber die Stärke
so dunkel gefärbt wird, dafs man bei der Kleinheit der Körn-
chen nicht mehr über die Farbe urtheilen kann, und siewe-
51
gen des umhüllenden Gummi leicht für dunkelbraun ansieht.
Die Krümmungen dieser angeblichen Saamenthierchen, die von
Manchen beobachtet sein sollen, erklären sich übrigens sehr
leicht, da wenigstens viele von ihnen halbmondförmig gebogen
sind, und in Bewegung daher, je nach ihrer Stellung zum Auge,
bald rechts, bald links gekrümmt, bald gerade erscheinen.
Es ist übrigens nicht immer ganz leicht, das Stärkemehl
in den Pflanzen durch Jodine zu erkennen. Um nur ein Bei-
spiel anzuführen,' erwähne ich der in saftigen Pflanzen gar
nicht selten als Träger des Chlorophylls vorkommenden Stärke.
Hier ist es oft der Fall, dafs das durch absoluten Alkohol
oder Aether vom Chlorophyll befreite Amylum im ersten Au-
genblicke auf Tra. Jod. gar nicht reagirt, und erst nach län-
gerem Liegen (von 5 Minuten zuweilen) eine helle bläuliche
Färbung annimmt, welche noch viel später in ein dunkleres
Blau übergeht, wie ich es noch kürzlich unter anderem bei
Tradescantia hirsuta beobachtete.
3) üeber die Grübchen in der Epidermis ei-
niger Blätter.
Im so eben angeführten Bande dieses Archivs, S. 424, hat
Meyen eigenthümliche trichterförmige Vertiefungen auf den
Blättern \oi\' Fleurothallis ruscifolia beschrieben und abge-
bildet, und dieselben für Stellvertreter der Spaltöfi"nungen er-
klärt. — Ganz ähnliche Bildungen bei den Nymphaeaceen hat
Meyen schon in seiner Phytotomie S. 96. ohne sonderliches
Glück mit den Spaltöflfnungen zusammengestellt, und ih, T. II.
F. 4. eine Abbildung davon aus Nymphaea odorata gegeben.
— Ich verfolgte schon 1833. ihre Bildungsgeschichte, und fand
dadurch leicht das Verständnifs derselben. Es sollte überhaupt
nach gerade allgemeiner anerkannt werden, dafs wir mit un-
sern Erklärungen und Deutungen an dem beständig in leben-
diger Entwicklung begriffenen Organismus nur im Dunkel um-
hertappen, wenn wir ihn nicht eben als ein Werdendes, ewig
sich Veränderndes auffassen und nur in seiner Entwicklung
beurtheilen. Jede Speculation über eine einzelne, aus dem
Zusammenhange des Lebens herausgerissene Erscheinung spielt
wahrlich bei dem jetzigen Zustande der Naturwissenschaften
eine ziemlich undankbare Rolle.
4*
52
\
Was nun die erwähnten Organe an NympJiaea betriflft,
so will ich bei dieser Gelegenheit mittheilen, was ich früher
darüber niedergeschrieben, da sie noch immer, so viel ich
weifs, einer genauen Untersuchung entgangen sind. Betrachtet
man die Oberhaut der untern Blattfläche eines ausgewachse-
nen Nymphaeaceenblattes, z. B. von Nuphar luteum^ so zeigt
sie sich etwa so, wie ich sie in F. 1. dargestellt. — Die Ober-
hautzellen sind etwas länglich Geckig, und zwischen ihnen be-
merkt man einzelne, wie eingestreute runde Zellen erschei-
nende, Organe. Bei genauerer Betrachtung sind sie aber nicht
so einfach. — F. 2. stellt ein einzelnes solches Organ stärker
vergröfsert vor, und man erkennt nun leicht, dafs man ein
'Von einem wulstigen Rande umgebenes Grübchen vor sich hat,
in dessen Grunde sich ein kleines Löchlein befindet. Die zwi-
schen dem Rande und diesem Löchlein erscheinenden concen-
trischen Kreise erklären sich aber erst durch einen gelunge-
nen (Querschnitt, wie ihn Fig. 3. darstellt. Hier sieht man
nämlich, dafs die innere Fläche des Grübchens mit einigen
leistenartig vorspringenden Reifen besetzt ist, die bei der trich-
terförmigen Gestalt des Grübchens einer vor dem andern um
so mehr hervorragen, je tiefer sie liegen und so jene concen-
trischen Kreise bilden. Gehen wir nun auf den Ursprung des
Organs zurück, so finden wir, dafs die Blätter der Nymphäen
(wie das bei vielen Pflanzen der Fall ist, die vielleicht bei ge-
nauerer Untersuchung in dieser Beziehung ebenfalls interes-
sante Erscheinungen darbieten würden), so lange sie noch in
der Knospe ruhen, mit langen, weichen, seidenartigen Haaren
bekleidet sind, die bei der spätem Entwicklung der Blätter ab-
fallen. Diese Haare bestehen aus 3 oder mehreren länglichen,
cylindrischen, einfachen Zellen (ß), und einem Bulbus von 3
bis 4 scheibenförmigen Zellen (i), wie das Fig. 5. zeigt. Mit
diesem Bulbus sind nun die Haare in jenen Näpfchen festge-
wachsen (F. 4.), obwohl in der Jugend weder die Wandung,
noch der über die Fläche der Epidermis hervortretende wul-
stige Rand so stark entwickelt sind, wie es sich später zeigt.
Offenbar entsprechen nun die oben erwähnten Reifen auf der
Innern Fläche des Grübchens den Fugen zwischen den schei-
benförmigen Zellen des Bulbus. — Fast immer fand ich in
der Basis des Bulbus die in der Abbildung (F. 5. c) darge-
53
stellten Härchen, als seien sie eine Art von Wurzel für den-/'
selben. Ich darf indefs auf diese Beobactung nicht viel ge-
ben, da es mir nicht gelang, über die Natur der Fäserclien ins
Klare zu kommen, ich hatte damals nur ein kleines Tasclien-
mikroskop von Gary mit etwa 120 maliger linearer Vergröfse-
rung zu meiner Disposition, und andere Arbeiten haben mich
seitdem abgehalten, die Untersuchung wieder aufzunehmen.
^ In Grübchen befestigte Haare, die nach ihrem Abfallen
ähnlich erscheinende Narben zurücklassen, kommen übrigens
häufig vor. Ich führe hier noch zwei Beispiele an. Fig. 6.
stellt ein Stückchen Oberhaut von Acrostichum alcicome
vor, und a die Narben abgefallener Haare. Diese Haare sitzen
nämlich in einer kleinen Vertiefung der Oberhaut, und beste-
hen aus einer kurzen, stets grün gefärbten Zelle und einer
sehr langen cylindrischen, wasserhellen, wie es sich F. 7. a
an einem Querschnitte zeigt.
Eine zweite Form, bei der das Grübchen schon viel tie-
fer eingesenkt sich zeigt, findet sich bei Feperomia peresciae-
folia. Hier sitzt in dem sehr tiefen, trichterförmigen Grüb-
chen der Oberhaut ein Haar, welches aus zwei Zellen besteht,
einer sehr kleinen bauchig -cylindrischen und einer völlig
kugligen, der die vorige zum Stiel dient (vergl. F. 8. ci).
Ich wende mich nun noch mit einigen kurzen Bemerkun-
gen zu den Organen bei Fleurothallis , deren Eigenthümlich-
keiten durch die von Meyen gegebene Beschreibung keines-
weges erschöpft sind, wobei ich voraussetze, dafs auch er die
im hiesigen botanischen Garten unter dem Namen Pleujothal-
lis ruscifolia vorhandene Pflanze vor Augen hatte.
Erstlich sind nicht einige wenige von diesen Organen auf
der untern Blattfläche vorhanden, wie Meyen sagt, sondern
eben so viele, vielleicht mehr als auf der obern, da sie aber
auf beiden Flächen sehr unregelmäfsig vertheilt sind, so kann
man leicht zufällig zu einer falschen Ansicht darüber kommen,
wenn man nur ein kleines Stück, nicht gröfsere Flächen, zur
vergleichenden Untersuchung nimmt. Ich selbst hatte anfäng-
licli geglaubt, dafs sie der obern Blattfläche ganz abgingen.
Zweitens sind diese Grübchen nicht durchgehende Oefiimn-
gen, wie Meyen sie darstellt, sondern etwas über ihre Mitte
durch eine Membran geschlossen. Wegen der in die unter-
54
halb vorhandene Höhlung abgesonderten Stoffe ist aber die
ganze Umgebung verdunkelt und dadurch die Untersuchung
sehr erschwert; auch sind die Theile dadurch sehr brüchig ge-
worden, so dafs die Membran meist durch den Schnitt abge-
rissen wird; indefs sieht man, wenn der Schnitt genau die
Mitte des Grübchens traf, an beiden Seiten stets noch die
Reste derselben. — Durch passende Menstrua, z. B. ätheri-
sches Oel etc., gelingt es leicht, die Stoffe zu entfernen, und
dann stellt sich an einem genau die Mitte des Trichters tref-
fenden Querschnitt auch die verschliefsende Membran unver-
letzt dar (s. F. 9. c).
Drittens hatMeyen nicht erwähnt, dafs die diesem Grüb-
chen anliegenden Epidermiszellen eigenthümlich angeordnet sind,
wie es sich auf feinen Querschnitten deutlich zeigt (F. 9.).
Endlich hat M e y e n ebenfalls das höchst interessante Fac-
tum übergangen, dafs sowohl die regelmäfsig gestellten Spiral-
faserzellen der untern Blattfläche, als die meist keine Spiral-
fasern zeigenden Zellen, die unmittelbar unter der Epidermis
der obern Blattfläche liegen, in ihrer Wandung auf eine höchst
eigenthümliche Weise modificirt werden, wo sie mit den um
den erwähnten Trichter liegenden Zellen in Berührung treten,
indem sie daselbst, eben so wie die Wände dieser Zellen
selbst, netzförmig porös erscheinen (F. 9. d, 10. c).
Da es bei der Seltenheit der Pflanze für's erste nicht thun-
lichist, diese Organe in ihrer Entwicklung zu verfolgen, so
läfst sich über ihre eigentliche Bedeutung noch gar nichts mit
einiger Gewifsheit sagen, und ich würde auch gänzlich über
diese mir längst bekannten Bildungen geschwiegen haben, wenn
Meyen dieselben nicht zur Sprache gebracht hätte. Aus der
vergleichenden Zusammenstellung mit den vorher von mir be-
schriebenen Bildungen scheint mir indefs das Material zu einer
richtigem Deutung, als die von Meyen vorgeschlagene, gege-
ben zu sein *).
1) Es bedarf kaum der Erinnerung, dafs ich mit dem Obigen
keine Feindseligkeit gegen Meyen beabsichtige. Ich wollte nur zei-
gen, dafs vortreffliche Mikroskope, auf deren Besitz Meyen (l. c.
S. 418.) nicht ganz ohne Grund stolz ist, allein noch nicht genügen
den Besitzer vor allen Mifsgriffen zu schützen. — Ich achte im Ge-
gentheil Meyen für einen zu scharfsichtigen und unermüdlichen Be-
55
4) Zur Geschichte der Metamorphose.
In „Ernst von Berg 's Biologie der Zwiebelgewächse,
1837. S. 65." kommt folgende Stolle vor: „Von der Annahme,
dafs Sexualorgane sich in Corollenblätter, und diese sich in
Stengelblätter verwandeln sollen, halte ich, aufrichtig gesagt,
überhaupt nicht viel." Also Linne, Wolff, Göthe, Decan-
doUe, Brown, Liudley und noch so viele grofse, nament-
lich deutsche Botaniker haben den besten Theil ihrer Geistes-
kraft einem leeren Trugbild ihrer Phantasie zugewendet, wel-
ches der Herr Ernst v. Berg mit wenige;n Zeilen in sein
Nichts zerfliefsen macht? — Oder wollen wir lieber gestehen,
dafs wir sehr in Verlegenheit sind, ob wir einen solchen Aus-
spruch der unbegreiflichen Unkenntnifs der Thatsachen, oder
der noch unbegreiflichem Beschränktheit in Erklärung dersel-
ben beimessen sollen? Solche Männer arbeiten mit an der
Physiologie der Pflanzen, und ich habe auch sogar schon eine
sehr preisende Beurtheilung dieser Biologie (?) gelesen.
5) lieber das Vorkommen der Spaltöffnungen.
Ueber die Vertheilung der Spaltöffnungen auf der Epi-
dermis der Pflanzen sind unendlich viele vorgefafste Meimm-
gen lange vertheidigt und erst allmählig beseitigt worden. —
Nachdem man nach und nach allen Blütheutheileh das Recht,
Spaltöffnungen zu besitzen, vindicirt hat, nachdem man die
Spaltöffnungen den Parasiten zugestanden, ist man endlich dabei
stehen geblieben, dafs nur die (ihrer Natur nach) unter Was-
ser vegetirenden Pflanzen und die Saamen ohne Spaltöffnun-
gen seien. Da die Epidermis der Saamen -Integumente aber,
ihrer Entstehung nach, eine continuirliche Fortsetzung der Epi-
dermis der ganzen Pflanze ist, so ist ihr auch a priori das
Anrecht an Spaltöffnungen durchaus nicht abzusprechen. Frei-
lich fehlen sie, so viel mir bekannt, selbst an den lebhaft grün
gefärbten seminibus denudatis der Leontice-Arten, indessen
existirt doch ein Factum, welches bis jetzt, wie ich glaube.
ob acht er, als dafs ich nicht wünschen sollte, er möge seine scliöneu
Mittel lieber uugetheilt der solcher Arbeiten bedürftigen Wissenschau
znw enden, statt sie in mindestens unerquickliclicn literarischen Feh-
den zu zersplittern.
f
56
von keinem Botaniker angemerkt ist, und auch diesem Gebilde
sein angestammtes Recht gewissermafsen durch eine feierliche
reservatio ad acta sichert. Viele, wahrscheinlich alle Arten
des genus Camia zeigen nämlich wirkliche Spaltöffnungen auf
der sehr festen und brüchigen Oberhaut ihrer Saamen, und
vielleicht würden diese hartnäckigen Saamen ohne diese Or-
gane, die der Feuchtigkeit den Zugang ins Innere erleichtern,
gar nicht keimen; hat doch unser treuer Beobachter der Can-
nen, Bon che, gesehen, dafs ein Saame erst nach Verlauf von
3 Jahren keimte. In Fig. 11., 12. und 13. habe ich eine Dar-
stellung dieser Organe aus Canna maculata und patens ge-
geben, und zwar in der zweiten Figur von der Fläche gese-
hen, in der ersten und dritten aber im Durchschnitt.
6) HarmloseBemerkungen über die Natur der
Spaltöffnungen.
In allen jungen Pflanzentheilen bilden sich die sämmtli-
chen Zellen auf dieselbe Weise (vergl. meinen Aufsatz über
Thytogenesis in Müller's Archiv für Physiologie Bd. 1838.
Heft 2.), und sind anfänglich in Form, Inhalt und Funktion
völlig gleich. Alle Differenzen von Oberhaut, Parenchym und
Gefäfsbündel treten erst später ein, — Ich habe aber schon
am angeführten Orte bemerkt, dafs die Zellen der äufsern Lage
früher, als die darunter liegenden, aufhören, in ihrem Innern
neue Zellen [zu erzeugen, und diese Schicht ist es, welche
später die Oberhaut darstellt. Indessen sind hiervon einzelne
Zellen dieser Schicht ausgenommen, die sich schon hier, wo
die erste wesentliche, auf ihre Entwicklung begründete Diffe-
renz zwischen Oberhaut und Parenchym eintritt, von den Zel-
len der Oberhaut trennen und denen des Parenchyms sich
gleichstellen. Zur Zeit nämlich, wenn die Parenchymzellen
zum letzten Mal in ihrem Innern Zellen entwickeln (z.B. bei
einigen Cotyledonen erst bei der Keimung), zerfallen auch
jene Zellen noch einmal in zwei, und diese sind es, die nach
Resorption der Mutterzellen die Spaltöffnung bilden. So sind
diese in ihrer Entstehung schon den Zellen des Parenchyms
gleich, und bleiben es auch in ihrer Funktion während ihres
ganzen Lebens. Man hat diese beiden Zellen zusammen wohl
mit dem Namen Drüse bezeichnet. Wollen wir indefs" auf
57
wissenschaftlicliem Grunde bleiben, d h. aus den durch strenge
Prüfung geläuterten Thatsachen nach den strengen Gesetzen
der Logik Gesetze finden, so sehe ich zu dieser Benennung
keinen haltbaren Grund, noch wiifste ich, weshalb eben sie
mehr Drüsen sein sollten, als die ihnen ganz gleichen Paren-
chymzellen. Von diesen unterscheiden sie sich aber einzeln
genommen gar nicht, in ihrer Lagerung aber nur scheinbar,
indem diese dadurch bedingt ist, dafs nur zwei Zellen an der
Bildung eines Intercellularganges Theil nehmen, nicht drei oder
mehrere, ein Fall, der übrigens auch in den innern Theilen
der Pflanzen nicht ohne Beispiel ist. — Uebrigens enthalten
sie, wie das umliegende Parenchym, bald Gummi, bald Schleim-
kügelchen, bald Stärke, und diese letzteren Stoffe bald mit
Chlorophyll gefärbt, bald nicht, und zwar stets so, dafs ihr In-
halt mit dem der übrigen übereinstimmt, niemals aber, wie ich
glaube, findet man Stoffe in ihnen, die eigenthümlicher Natur
wären und den Ausdruck Drüse zu rechtfertigen vermöchten.
(Nur bei ^gavc lurida erinnere ich mich, einige Oeltropfen
darin gesehen zu haben.)
Schon der grofse Widerstreit der Angaben über das Ge-
öffnetsein der Spalte führt zu der Annahme, von deren Rich-
tigkeit sich ein Jeder leicht in jedem Augenblicke überzeugen
kann, dafs das Offenstehen durchaus nicht durch constante,
äufsere Einflüsse bedingt ist, sondern höchst wahrscheinlich
von der augenblicklichen Lebensthätigkeit der Pflanze, des
Organs oder auch nur der Parthie des Zellgewebes, wozu die
Spaltöffnung gehört, abhängig ist.
Man beruft sich auf die an und auf der Spaltöffnung ab-
gelagerten Stoffe, macht dann mit mehr oder weniger guten
Gründen wahrscheinlich, dafs diese Stoffe nicht von der Ober-
haut selbst abgesondert werden könnten, und zieht dann mit
einem halsbrechenden Salto mortale den Schlufs, folglich wer-
den diese Stoffe von den Zellen der Spaltöffnung secernirt. —
Vergebens indefs habe icli nach einer Thatsache geforscht,
wodurch man auch nui- wahrscheinlich machen könnte, dafs
jene Sekretionen mehr von den Ausdünstungen der angebli-
chen Drüsenzellen, als von denen der andern Parenchymzel-
len, besonders von denen herrühren, die unmittelbar an die
Höhlung grenzen, in welche die Spaltöffnung hineinführt, und
58
mir scheint die angebliche Funktion auf dem jetzigen Stand-
punkte der Wissenschaft eine blofse petitio prindpü zu sein.
Nehmen wir z. B. die Coniferen. Hier finde ich Harz auf
der Spaltöffnung; wenn ich dieses durch ätherisches Oel ent-
ferne, zeigt sich die Spaltöffnung immer weit klaffend, dann
finde ich darunter eine Höhle, die (die beiden Spaltzellen
eingeschlossen) von lauter Zellen umgeben ist, die Gummi,
Schleim, etwas Stärke, Chlorophyll, aber keine Spur von Harz
oder Terpentin enthalten, dagegen finde ich viel tiefer im
Parenchym grofse Terpentingänge, und schliefse nun, dafs das
flüchtige Terpentinöl aus jenen Gängen in Dunstform austritt,
den Intercellulargängen folgend in jene Höhlungen gelangt und
von hier sich vermittelst der Spaltöffnungen in die Atmosphäre
verflüchtigt, wobei es, wie seine Natur es mit sich bringt, eine
gewisse Quantität Harz zurückläfst. Dieser Schlufs scheint
mir natürlich ; wenn man dagegen mit einem Male ganz will-
kürlich von jenen ganz gleichen, mit Grün gefüllten Zellen zwei
auswählt und etwa, weil sie mehr nach aufsen liegen, zu Harz
absondernden Drüsen macht, so sehe ich eigentlich nicht ein,
mit welchem Handbuch der Logik man das rechtferti-
gen will.
Sind nun aber diese Zellen von den übrigen Parenchym-
zellen in nicl^ts verschieden, als dafs eben nur zwei und nicht
mehrere in einer Fläche liegen, wo sie einen Intercellular-
gang bilden sollen, so folgt daraus auch von selbst, dafs, da
das grüne Parenchym wohl in allen Pflanzen dieselbe Bedeu-
tung und Funktion hat, auch diese dem Parenchym angehöri-
gen Zellen bei allen auch noch so verschiedenen Pflan-
zen, bei denen doch gewifs auch die Ausdünstung qualitativ
und quantitativ verschieden ist, fast völlig gleich auftreten und
somit in physiologischer Hinsicht keine weitere Aufmerksam-
keit verdienen, als eben die andern auch.
Als das einzige Wesentliche an diesen Organen erscheint
mir daher die Oeffnung nach Aufsen, die freie Communica-
tion zwischen den im Innern der Pflanze ausgeschiedenen gas-
oder dunstförmigen Stoffe mit der Atmosphäre, oder mit dem
guten, gebräuchlichen terminus „die Spaltöffnung»" Diese we-
sentliche Qualität, in der die eigenthümliche Bedeutung dieser
Zellenanordnung gesucht werden mufs, wird daher auch bei den
99
verschiedenen Pflanzen mannichfaltig durch die verschiedene
Configiiration der diese Oeffnung umgebenden Oberhautzellen
modificirt. — Dafs gerade dies Verhältnifs in wichtiger Bezie-
hung zum eigenen Leben der Pflanze steht, geht daraus her-
vor, dafs gröfsere oder kleinere Gruppen von Pflanzen, die in
ihren Eigenschaften und ihrer Vegetation nahe verwandt sind,
auch leicht an der Bildung der Oberhaut in der Nähe der
Spaltöffnungen erkannt werden. Ich will hier nur die Cacteen,
Proteaceen, Coniferen, Piperaceen, Agaven mit einigen ihr nahe
stehenden Liliaceen, Tradescantien und Gräser als Beispiele
anführen,
7) Einige Bemerkungen über die sogenannte
Holzfaser der Chemiker.
In den Handbüchern, welche die organische Chemie ab-
handeln, findet man gewöhnlich unter den indifferenten Pflan-
zenstoffen neben Stärke, Gummi , Zucker etc. auch die Holz-
faser als einfachen Stoff aufgeführt. Die früheren Analysen
betreffen nur die Holzmasse.
Erst in neuerer Zeij; hat Reade (JLond. et Edhib. phil.
Mag. etc. Nov. 1837.) versucht, sich das Verdienst zu er-
werben, die verschiedenen Formen der organisirten Pflanzen-
substanz gesondert zu analysiren, indefs mufs ich bezweifeln,
dafs dadurch etwas auch nur irgend Brauchbares für die "Wissen-
schaft geliefert ist. Ich will keineswegs in Abrede stellen, dafs
Hr. Reade wirklick isolirte Spiralgefafse zur Analyse benutzt
habe, da er es ausdrücklich versichert, aber er erwähnt auch
nicht einmal des entferntesten Versuches, die Gefäfse und Zellen
vorher von ihrem Inhalt zu trennen, was doch nothwendig hätte
geschehen müssen, wenn auf das Ergebnifs der Elementar-
Analyse auch nur irgend einiger Werth gelegt werden
sollte.
Es entsteht aber wohl bei Jedem, dem es bekannt ist,
dafs der gröfste Theil des Pflanzengewebes aus einer wasser-
hellen Membran und den auf ihrer innern Fläche abgelagerten
Gebilden besteht, die Frage: sind denn auch jene Membran
und die späteren Ablagerungen aus denselben chemischen Sub-
stanzen gebildet? Ja, da wir durch Mohl und Meyen wis-
sen, dafs die Verdickung der Zellenwände aus verschiedenen
60
Scliicli teil besteht, dafs. selbst die Spiralfaser aus einer ursprüng-
lichen Faser und einer später um sie abgelagerten Hülle zu-
sammengesetzt ist (was ich in unzähligen Fällen bestätigt fand),
so fragt sich sogar noch: sind selbst die einzelnen Ver-
dickungsschichten, sind die Theile der Spiralfiber nicht noch
unter einander verschieden?
Da nun von einer mechanischen Trennung so eng ver-
bundener und durchaus mikroskopischer Theile nicht die Rede
sein kann, so bleibt nichts übrig, als auch bei der chemischen
Untersuchung das Mikroskop zur Hand zu nehmen und die
Wirkung der Reagentien auf die verschiedenen Elementartheile
des Pflanzenbaues auf diese Weise zu beobachten. Die Re-
sultate einiger Untersuchungen der Art, die ich vor Kurzem
anstellte, will ich hier mit wenigen Worten mittheilen, da ich
hoffe, dafs, wenn sie dadurch in geschicktere Hände als die
meinigen gerathen, sehr gewinnreiche Ergebnisse für die Che-
mie wie für die Pflanzenphysiologie zu erwarten sind.'
I. Ein in ganz anderer Absicht angestellter Versuch ver-
anlafste mich durch die dabei gemachte Beobachtung, diese
Untersuchungen zu beginnen. Ich hatte nämlich feine Ab-
schnitte aus einem zollstarken Internodium von Ariindo Do-
nax gemacht, und kochte dieselben einige Minuten lang in ei-
ner concentrirten Aetzkalilauge. Als ich darauf die Schnitte
wieder unter's Mikroskop brachte, wurde ich durch eine ei-
genthümliche Erscheinung überrascht. Einige Spiral- und Ring-
gefäfse waren nämlich so durchshnitten, dafs man deutlich die
Schnittflächen der hier sehr dicken Fiber sehen konnte. Durch
das Kochen in Aetzkali war nun das Spiral gefäfs in seinen
einzelnen Theilen auf ganz verschiedene Weise angegriffen.
Die äufsere umhüllende Membran (die ursprüngliche Zellen-
wand) war dem Anscheine nach völlig unverändert, fest, straff,
durchsichtig und wasserhell. Die Fiber selbst zeigte sich aus
zwei Bestandtheilen zusammengesetzt, nämlich aus einer (pri-
mären?) unmittelbar der Wandung anliegenden Fiber und einer
dieselbe auf den 3 freien Seiten nach Innen umhüllenden Rinde.
Diese letztere war durch das Aetzkali etwas dunkler gelb ge-
färbt, übrigens fest und scheinbar unverändert, die primäre Fi-
ber dagegen war in eine gelatinöse Masse verwandelt, so dafs
61
sie an den Schnittflächen in einer ziemlich bedeutenden Erhe-
bung hervorgequollen war. Leider verfolgte icli diese inter-
essante Beobachtung mit den gleich anzuführenden Modifica-
tionen erst dann, als ich schon den Rest der frischen Donax-
Stengel weggeworfen hatte.
II. Den nächsten Versuch stellte ich bei den Blättern
von Vleurothallis ruscifoUa an. Die Zellen derselben zeigen
gröfstentlieils schöne, breite Spiralfibern, die fest mit der Zel-
lenwand verwachsen zu sein scheinen. Diese Fibern sind alle
sehr breit und platt, bandartig, in der Dicke sind sie, je nach
ihrer Lage, verschieden. Die Zellen, welche unmittelbar un-
ter der Oberhaut der untern Blattfläche senkrecht aufgesetzt
sind, zeigen eine dickere Fiber, als die weniger regelmäfsig
geordneten Zellen, welche von den vorigen durch eine grüne
Pareuchymzellenschicht, und von der Oberhaut der obern Blatt-
fläche durch eine obwohl zuweilen unterbrochene Schicht farb-
loser Zellen mit meist einfachen (Ausnahme s. No. 3. dieser Notizen)
Wänden geschieden ist. — Nachdem ich nun feine Absclmitte des
Blattes^ einige Minuten in Aetzkali gekocht hatte und sie dann
wieder betrachtete, fand ich, dafs sich die Spiralfibern der
erst erwähnten Schicht ganz von der Zellenwand getrennt
hatten. Unt^r dem einfachen Mikroskop konnte ich leicht ein-
zelne Zellen mit der Nadel zerreifsen und die ganze Spiralfi-
ber unverletzt isoliren. Alle Fibern waren übrigens durch die
Behandlung mit Aetzkali aufgequollen und hatten ein gallert-
artiges Ansehen bekommen. Ich s"fetzte nun einen Tropfen
Schwefelsäure zu, wodurch sich das Kali unter heftigem Auf-
brausen neutralisirte, und fügte dann Auflösung von Jodine in
Alkohol hinzu.
Aufs angenehmste wurde ich überrascht, als ich nun wie-
der das Objekt unter's Mikroskop brachte. Alle Spiralfibern
erscliienen, je nach der Dicke des Schnittes (und daher der
verschiedenen Einwirkung des Aetzkali's) in den verschiedenen
Farbennuancen vom Weinroth bis in's tiefste Veilchenblau.
An den Stellen, wo der Schnitt nicht dicker als eine Zelle
war, zeigte sich zwischen den Fibern der beiden eben er-
wähnten Schicliten in sofern ein Unterschied, als die der untern
Blattfläche (die dickern), selbst wo sie am tiefsten gefär])t wa-
ren, kein reines Veilchenblau, sondern eine mehr röthliche
Färbung gaben, etwa wie durch eine schwache Beimischung
von Orange. Auch waren diese Fasern offenbar weniger auf-
gequollen und zeigten schärfere Begrenzung. Die in der Mitte
des Blattes dagegen erschienen ganz gelatinös und hellblau
gefärbt. Die Zellenmembran selbst aber war bei allen völlig
wasserhell und ungefärbt. Indefs war das nicht Alles. Dieje-
nigen Zellen, welche keine Spiralfibern enthalten und welche
vorher bei 230 maliger Vergröfserung mit ganz einfachen' Wän-
den erscheinen, selbst die des grünen Parenchyms, zeigten sich
jetzt völlig porös, und zwar so, dafs die ursprüngliche Zellen-
membran und somit die Poren, welche sie verschliefst, was-
serhell und farbelos waren, während die die Poren bildende
Verdickungsschicht ebenfalls veilchenblau gefärbt war.
III. Ich nahm nun zur Vergleichung einen holzigen Sten-
gel von Rosmarinus ofßcinalis, und behandelte ihn auf die
so eben angegebene Weise. Das Resultat wich von dem vo-
rigen in etwas ab. Die Markzellen sind hier nämlich sehr dick-
wandig porös, die Rindenzellen ebenfalls. Das Holz, besteht
aus der Markscheide von Spiralgefäfsen und aus Prosenchym-
zellen, die einen ähnlichen Bau der Wände zeigen, wie ganz
junge Coniferen- Holzzellen. Hier war nun an allen Theilen,
mit Ausnahme des jüngst gebildeten Jahresringes, die ursprüng-
liche Zellenmembran (auch bei den Spiralgefäfsen) ungefärbt,
die darauf abgelagerten Theile aber und selbst die Spiralfiber
tief orangegelb. Die Zellen des jüngsten Jahrringes dagegen
erschienen schwach porös und sehr blafs blau.
IV. Eine Species von Pelargonium, deren drittletzten
Trieb ich untersuchte, gab derselben Behandlung unterworfen
ähnliche Resultate, nur waren die dünnwandigen, aber porösen
Rindenzellen in ihren Verdickungsschichten ebenfalls blau
gefärbt.
V. Bei den Teltower Rübchen und bei der Mohrrübe
blieben die primitiven Zellenwandungen ungefärbt, die Ver-
dickungsschichten derselben wurden blau, die Fibern der Spi-
ral- und netzartigen Gefäfse dagegen dunkel orange.
63
V^ Bei einem Blatte von Onidium altissimum, das 7
Monate in schwachem Weingeist (von etwa 30") aufbewahrt
worden war, wurden die Spiralfasern der Blattzellen orange
gerarl)t. Die Spiral faser besteht aber hier aus zwei auf der
Scluiittfläche deutlich zu unterscheidenden Theilen, eben so wie
bei Ariindo Donax, und ich vermuthe, dafs die Spiralfiber
bei Pleurothallis nur der inneren ursprünglichen Fiber ent-
spricht. Mit frischen Blättern dieser Pflanze konnte ich keine
Versuche anstellen und deshalb diese Frage nicht mit Sicher-
heit entscheiden. Die ursprüngliche Zellenmembran blieb hier
wie bei den früheren ungefärbt, und die Verdickungsschichten
wurden auch hier noch blau.
VII. Opuntia monacantha gab dasselbe Resultat. An
allen vollständig verholzten Zellen wurden die Ablagerungen,
gleichviel ob spiralig oder porös, dunkel orange gefärbt. Am
der Mark- und Rindenzellen blau, und die primären Membra-
nen blieben auch hier wasserhell.
Ein Echinocactus gab dasselbe Resultat.
VIII. Das Holz von Betula alba und Populus tremula,
der angeführten Manipulation unterworfen, zeigten lauter po-
röse Gebilde, deren Primitivmembran ungefärbt blieb und de-
ren Verdickungsschichten sich dunkel orange zeigten.
IX. Ein etwa 5jähriger Stammtrieb von Pinus sylve-
stris gab in Bezug auf die ursprüngliche Zellenwand nur die
Bestätigung der constanten früheren Beobachtungen. Die Ver-
dickungsschichten wurden ebenfalls orange gefärbt, die Zellen
der Rinde und des jüngsten Holzringes hellblau.
Es versteht sich von selbst, dafs ich mich bei allen diesen
Pflanzen durch vergleichende Untersuchungen vorher von der
Abwesenheit des Stärkemehls in den betrefi'enden Zellen über-
zeugt hatte.
Es scheinen die vorstehenden, obwohl nur noch vorläufi-
gen Versuche folgende Resultate anzudeuten:
1) Die Pflanzensubstanz (yulgo Holzfaser, vegetabilischer
Faserstofi") besteht aus 3 chemisch verschiedenen Stofi'en:
64
a, die ursprüngliche Zellenmembran;
i. die primären Ablagerungen auf dieselbe;
c die secundären Ablagerungen.
2) Die erste Substanz (1. cl) wird durch kurzes Kochen
in Aetzkali scheinbar nicht wesentlich verändert.
3) Die zweite (1. V) wird durch kurzes Kochen in Aetz-
kali unter Bildung von Kohlensäure in Stärkemehl verwandelt
(vorausgesetzt, dafs Stärke der einzige Stoff ist, auf den Jodine
so charakteristisch reagirt).
4) Die dritte (1. c) wird durch Kochen in Aetzkali
in einen eigenthiimlichen, noch nicht bekannten (?) Pflan-
zenstoff verwandelt, der sich durch Jodine orangegelb
färbt. Ob hierbei ebenfalls Kohlensäuse gebildet wird, wage
ich nicht zu entscheiden; bei dem Versuche VIII. bemerkte
ich w^enigstens nach Zusatz von Schwefelsäure kein Aufbrau-
sen. Diese orangegelbe Farbe ist übrigens von der, welche
der vegetabilische Schleim durch Zusatz von Jodiue annimmt,
himmelweit verschieden.
Ob die gebildete Kohlensäure auf Kosten der Kohle der
Pflanzensubstanz durch den Sauerstoff der Luft, oder durch
Wasserzersetzung gebildet wird, ist noch zu untersuchen, so
wie ebenfalls zu erforschen ist, ob vielleicht diese Kohlensäure
bei längerem Kochen durch Aufnahme von noch mehr Kohle
in Oxalsäure übergeht.
Das interessanteste Resultat ist aber ohne Zweifel, dafs
ein Theil der Pflanzensubstanz, durch Einwirkung von Aetz-
kali, gleichsam in rückschreitender Metamorphose wieder in
Stärkemehl umgeändert wird, eine Entdeckung, deren weitere
Verfolgung für die organische Cliemie ohne Zweifel die inter-
essantesten Resultate hoffen läfst.
65
Erklärung der Abbildungen. Taf. III.
Fig. 1. Oberhaut der untern Blattfläche eines ausgewachse-
nen Blattes von Niiphar luteum, bei schwacher Ver-
gröfserung.
Fig. 2. Ein einzelnes rundes Grübchen auf Fig. 1., mit den
nächstliegenden Zellenstücken, vergröfsert.
Fig. 3. Das vorige im Querschnitt (senkrecht auf die Blatt-
fläche).
Fig. 4. Ein Stückchen Oberhaut von einem Blatte derselben
Pflanze, welches noch in der Knospe eingeschlossen
war. Man bemerkt die Grübchen und die in ihnen
befestigten Knospenhaare.
Fig. 5. Ein isolirtes Haar aus Fig. 4. a. cylindrische Zelle;
h, der aus 3 scheibenförmigen Zellen bestehende
Bulbus des Haares; c. Fäserchen an der Basis des
Bulbus.
Fig. 6. Oberhaut der untern Blattfläche von Acrostichum
alcicorne. a. Grübchen, in denen Haare sitzen, h.
Spaltöffnungen.
Fig. 7. Dieselbe im Querschnitt, a, Häärchen (oben abge-
schnitten), h. Spaltöffnung.
Fig. 8. Oberhaut von Peperomia peresciaefoUa im Quer-
schnitt, a. In einem trichterförmigen Grübchen be-
festigtes Haar; h. Zelle einer Spaltöffnung, die andere
Zelle war, weil der sehr dünne Schnitt gerade durch
die Mitte der Spaltöffnung traf, weggefallen.
Fig. 9. Trichterförmiges Organ an der untern Blattfläche von
Fleurothallls ruscifolia (die der obern Fläche sind
durchaus eben so gebaut), c. Membran, die den
Trichter verschliefst; d. Poröser Theil der Spiralfa-
serzellen, die unmittelbar unter der Oberhaut liegen;
e. Spiralfibern dieser Zellen.
Fig. 10. Ein dünner Schnitt, parallel der Blattfläche ebendaher
(die punktirten Linien a und h in F. 9. bezeichnen
die Richtung und ungefähre Dicke des Schnittes).
a.- Obere Enden der Spiralfaserzellen durch die Ober-
haut durchscheinend; h, Wandungen der Obcrhaut-
IV. Jahrg. 1. Band. 5
/
1)6
Zellen ; c. die dem trichterförmigen Organ anliegenden
netzförmig -porösen Obethautzellen. (Zuweilen sind
noch einige andere benachbarte Oberhautzellen auf
ihrer inneren, dem Blattparenchym zugekehrten Wand
eben so modificirt.)
Fig. 11. Theil der Saamen- Epidermis von Canna maculata.
a. Oberhautzellen; h. Spaltöffnung; c. Parenchym des
Saamen-Integuments.
Pig. 12. Dasselbe von der äufsern Fläche gesehen.
Fig. 13. Theil des Saamen-Integuments von Canna patens im
Querschnitt, a. Zellen der Oberhaut; h. Spaltöffnung;
c, äufsere Schicht des Samen-Integuments, deren Zel-
len grofse Poren haben; d. innere Schicht, deren Zel-
len einfache Wände zeigen.
^'
p?
Ueber zwei neue Käfergattungen aus Madagaskar
Gell. Obcrinedicinalrathe Prof. Klug,
Colohodera*
/zwischen die Gattungen Cebrio und Atopa auf der einen,
Cyphon auf der andern Seite, stellt sich, der natürlichen \(er-
wandtschaft folgend, die Gattung Fülodactyla lllig, De/.y und
es tritt auf solche Weise eine Gattung* mit anscheinend nur
4 Fufsgliedern fast in die Mitte der pentamerischen Coleop-
teren. Dieselbe merkwürdige Eigenthümlichkeit zeigt aufser-
dem nur noch eine, wenn gleich kurze, Reihe madagaskari-
scher Käfer, welche Fülodactyla auch sonst in der Form
sehr ähnlich und ein neues Beispiel der Uebereinstimmung raa-
dagaskarischer und brasilischer Arten, zusammen eine eigne,
deutlich neue Gattung bilden. Die Aehnlichkeit mit Ptiloda-
ctyla verräth sich, in Hinsicht einzelner Theile, besonders in
der Gestalt des Kopfes mit den langen, nur nicht gekämm-
ten, Fühlern und dem mit hautähnlichem Fortsatz versehenen
vorletzten Fufsgliede. Unterschiede dagegen ' bietet, aufser der
mehrentheils betrachtlicheren Gröfse, ansehnlicheren Länge
des Körpers, namentlich der Deckschilde, gröfseren Breite des
Halschildes am hintern Ende, den in allen Theilen längeren
Beinen, breiteren Fufsgliedern u. s. w., die Gestalt des haut-
ähnliclien Fortsatzes am vorletzten Fufsgliede und die Be-
schaffenheit der Klauen. Der genannte Fortsatz ist an
der Spitze, statt wie bei Ptilodactyla gerade zu sein, ge-
kerbt, die Klauen dagegen sind einfach, nicht, wie bei
Fülodactyla, gespalten. Das wichtigste Kennzeichen befindet
sich jedoch im Munde, und es reicht hin zu bemerken, dafs
das Endglied der Labialpalpen bei Ftilodactyla eirund
und zugespitzt, hier quer gezogen beilförmig ist. Aus
folgender ausführlichen Beschreibung der Mundtheile der Gat-
tungen, Ttilodactyla sowohl, als der neuen, für welche ich
wegen des hinten so kurz abgestutzten, in der Länge fast ver-
kümmerten Halsschildes die Benennung Colobodcra in Vor-
schlag bringe, wird sich die zwischen beiden Gattungen herr-
schende Verschiedenheit am vollständigsten ergeben.
Ptilodactyla.
Maxillae angustae, cor-
neaef lacinüs subaeqiialihus^
interna lanceolata, externa
lineari, suMongiori.
Palpi maxillares ma-
xillis longiores, quadriarti-
cidatif articulo primo reli-
qiiis hreviore, seciindo primo
plus duplo tertioque vix illo
longiori cylindricis, quarto
longitudineferc secundi ova-
tOy apice [oblique iruncato
eifere securiformi.
Mentum fere semicircu-
larey transverswn, apice
truncatum, corneum,
^ Ligula memhranacea,
subrotundata apice late et
profunde emarginata.
Palpi labiales ligula
duplo longiores, triarticu-
lati, articulo primo elongato
cylindrico, secundo breviori
conico, tertio longitudine
fere primi ovato acumi-
nato.
Colobodera,
Maxillae subelongatae,
compressae, corneae, lacinüs
ovatis aequalibus villosis.
Palpi maxillares ma-
xillis longiores, quadriarti-
culati, articulo primo bre-
vissimo, cylindrico, secundo
longissimo tertioque secundo
breviori conicis, quarto lon-
gitudine tertii securiformi.
Me ntum subquadratum,
transverswn, corneum, apice
truncatum, integrum.
Ligula magna, mejnbra-
nacea, apice rotundata, me-
dio acute emarginata.
Palpi labiales ligula
purum longiores, triarticu-
lati, articulo primo ovato,
tertioque transverso, secu-
riformi aequalibus, longio-
ribus, secundo breviori
conico.
Sämmtliche Arten stimmen in der Gestalt, Färbung und über-
liaupt im Aeufsern so überein, dafs sie beim ersten Anblick eine
einzige, nur in Hinsicht der Gröfse der Individuen unbeständige
69
und einigen geringfügigen Abänderungen unterworfene Art aus-
zumachen scheinen. Alle sind länglich, etwas flach gedrückt,
mit verhältnifsmäfsig kurzem, vorn gewölbtem, hinten breiteren
Halsschilde. Sie sind fast glatt, sehr fein und dünn behaart und
hierdurch einigermafsen seidenartig glänzend, schwarz mit einfar-
big hellbräunlichen Deckschilden, Fühlern und Beinen. Es ist
somit eine genaue Feststellung der Artunterschiede wohl schwie-
rig, wie dies jedoch bei der verwandten Gattung Ptilodactyla
nicht weniger der Fall ist. Anzuführen ist noch: dafs die
Mandibeln gekrümmt und einfach, die Fühler aber dünn, fa-
denförmig und mindestens so lang als die Deckschilde sind
und aus 11, mit Ausnahme des ersten und zweiten, fast gleich
langen Gliedern bestehen, indem nämlich das erste etwa halb
so lang als das dritte, zugleich etwas stärker, das zweite aber
viel kürzer als eins der übrigen ist; dafs das Kopfschild quer
gezogen, fast viereckig, an der Spitze schwach ausgerandet ist,
die Augen rund sind und etwas vortreten, das Halsschild vorn
gerade, an den Seiten gerundet, nach hinten erweitert, der hin-
tere Winkel nach innen gekrümmt, zugespitzt, der hintere
Rand in der Mitte und zu jeder Seite ausgebogen und überall
dicht gekerbt, das Rückenschildchen ziemlich grofs und herz-
förmig ist; dafs an den Beinen die Schienen mehren theils ver-
längert, die Dornen einfach und kurz, an dem verhältnifsmä-
fsig breiten Fufs die 2 ersten Glieder fast cylindrisch sind, das
erste an den hintersten Beinen verlängert, das dritte Glied
überall zweilappig, das vierte, versteckt, kurz und cylindrisch,
das fünfte lang, an der Spitze etwas verdickt und mit 2 ein-
fachen Klauen bewaffnet ist; dafs endlich die Deckschilde
mehr als 3 mal so lang als das Halsschild, vorn gerade, an
den Seiten fast gleichlaufend, an der Spitze (mehrentheils) ge-
meinschaftlich abgerundet sind.
Colohodera n. g.
Cololodera ovata n. sp. C, ihorace confertim
ptinctalo, ovala, siihdcpressa, puhescens, nigra, elytrisalu-
iaccis, dense piinclalis, ohsoletc striatis^ tcstaceiSj hasi ni-
gris. Long. 3.5— 4V".
Colohodera elongata /z. sp. C. tJiorace suhtills-
*70
sbrie dense punclato , elongata , puhescens, nigra ^ elytris
dense punctulatis, substriatis pedibusque testaceis. Long. S^^'".
' Colöhodera mucronata n. sp. C. thorace siibti-
lis^me confertunpunctato, elongata, puhescens nigra, ely-
tris subaluiaceisy confertbn punctatis, apice mucronatis pe-
dihiisque testaceis. Long. 2^-'". •
' Colöhodera nitida n. sp. C. thorace vage et siib-
iilissime punctato, latörihus depresso, elongata, puhescens,
nigra, elytris confertim punciatis pedibusque testaceis.
Long.r. ■ '
Colöhodera striata n. sp. C. thorace confertim
punctato, elongata, puhescens, nigra, elytris punctulatis,
punctato-striatis pedibusque testaceis. Long. 2"'.
IL
Aulonocneinis.
Noch ist hier- zweier, ziemlich kleiner, mattschwarzen
Aphoflien mit gestreiften Deckschilden, wie es deren mehrere,
namentlich feüd-afrikanische Arten giebt, beim ersten Anblick
nicht unähnlicher Käfer zu erwähnen, die zusammen eine in
viöler Hinsicht ausgezeichnete neue Gattung in der Familie der La-
mellicornen bilden. Sie haben, wie gesagt, die Gestalt der Apho-
dien, stehen überhaupt Aphodius, in mancher Hinsicht auch
Aegialia nalie, und geben nur bei einem in der Mitte gewölb-
ten, nach hinten verengten und reclitwinkligen, vorn seitswärts
Vorgezogenen und -erweiterten, am Rande flach gedrückten
Halsschilde, breitem, angedrücktem Kopfe, sehr verdickten Vor-
derschenkeln und in demselben Verhältnifs erweiterten, an der
Spitze abgestutzten, fast dreieckigen Vorderschienen mit anlie-
genden Tarsen, eine Annäherung an Opatrum zu erkennen,
die jedoch nur auf dem Habitus beruhet und durch eine nä-
here Untersuchung keineswegs bestätigt wird. Letztere ergiebt
vielmehr, dafs die Fufsglieder zwar kurz und wenig von ein-
ander abgesetzt, die Klauen einfach und klein, jedoch an allen
Beinen in der Zalil von 5 deutlich vorhanden sind. Es sind
aufserdem die Schiendornen sehr kurz, an den hintersten Bei-
71
neu kaum zu bemerken, die Schienen der hinteren Beine am
Aufsenrande gar niclit, die der vordersten scharf dreigezahnt.
Der erste Zahn bildet sicli nämlich an der'Spitze aus, der zweite
steht bald hinter dem ersten, der dritte etwas kürzere in glei-
cher Entfernung vom zweiten, kurz vor der Mitte der Schie-
nen, lieber letzteren Zahn hinweg erstreckt sich dicht am
Rande eine auf der inneren Fläche der Schienen
eingegrabene, nach hinten etwas gebogene, vorn
frei ausmlündende, bei dicht angezogenem Kopf und Bei-
nen für die Aufnahme des letzten Gliedes der Kinnladentaster
wohl passende geglättete Rinne. Was aber endlich die an
dem Kopfe befindlichen Theile, Augen, Fühler und Mundtheile
betrifft, so ist in dieser Hinsicht Folgendes zu bemerken: Von
den Augen ist oben nur ein kleiner Theil, der gTÖfsere Theii
an der unteren Seite kugelförmig hervortretend sichtbar. Die
Fühler überragen mit ihren Keulen seitwärts den Rand des
grofsen gerundeten Kopfschildes. Sie bestehen aus 9 Glie-
dern, von denen das erste sehr lang, cyliudrisch und etwas
gekrümmt ist. Ihm folgen ein zweites, verhältnifsmäfsig gro-
fses, kugelförmiges und hierauf dicht an einander gedrängt
4 sehr kurze Glieder. Dem letzten derselben ist die aus 3
mit ziemlich langen und breiten, einander dicht berührenden Fort-
sätzen verselienen Gliedern bestehende Keule aufgesetzt. Unter
dem Kopfschilde ist die cirkelförmig gerundete Lefze deutlich sicht-
bar. DieMandibeln sind grofs, flachgedrückt, fast dreieckig,
mit stumpfen, zweispitzigen Enden. Sie haben an der
inneren Seite einen breiten, scharf gerandeten, am
Rande gewimperten, membranösen Ansatz. Die Ma-
xillen theilen sich, wie immer, in 2 Hälften, von welchen
die xmtere länglich viereckig und hornhart, die vordere oder
die eigentliche Lade mehr lederähnlich , der äufsere Lappen
grofs und stumpf gerundet, der innere sehr kleiji und drei-
eckig ist. Die ziendich langen Kinnladentaster sind aus ' 4
Gliedern zusammengesetzt, von denen das erste sehr klein, das
zweite cylindrisch zusaunnengedrückt, etwas gekrümmter und
im Verhältnifs lang, das dritte klein, fast dreieckig, das letzte
fast länger noch als das zweite, länglich und an der Spitze
gerundet ist. Das hornartige Kinn (ineniiwi) ist quer gezo-
gen, von einer erhöl\eteu Leiste nach hinten begränzt, vorn
72
tief ausgerandet, seitwärts schräg abgestutzt. An jeder Seite
und ziemlich von einander entfernt tritt ein fast lanzettförmi-
ger membranöser Streifen der bis auf den Grund getheilten
Zunge (Jigula) vor, welche wieder die aus 3 kurzen, fast
viereckigen, gleich langen Gliedern bestehenden Lippentaster
noch etwas überragen.
Bei so vielfältig eigenthiimlicher Bildung kann darüber,
dafs aus diesen Käfern wirklich eine neue Gattung zu bilden,
"kein Zweifel mehr sein. Schon im Munde würden sich hinrei-
chende Unterschiede von den verwandten Gattungen, zunächst
/ von Aphodius in den zweispitzigen, noch mehr von Aegialla
in den mit membranösem Anhang versehenen Mandibeln, au-
fserdem in dem Verhältnifs der Palpenglieder, der Beschaf-
fenheit der Zunge u. s. w., bemerklich machen. Hiermit
übereinstimmend zeigt sich auch in der Bildung der äufsern
Theile, namentlich der Beine, die merkwürdige Eigenthümlich-
keit, dafs, ungerechnet die Kürze der Fufsglieder, den Mangel
der Bewaffnung des Randes der hinteren Schienen, die Schie-
nen der vordersten Beine auf ihrer inneren Fläche auf die
schon beschriebene Weise gefurcht sind. Mit Rücksicht auf dieses
unter den Lamellicornen ungewöhnliche Vorkommen erlaube
ich mir für die neue Gattung die Benennung Aulono cne-
inis, zusammengesetzt aus avlwv {canalis) und xvjjixlg, in
Vorschlag zu bringen.
Aulono cnemis n, g,
Aulono cneinis opatrina n. sp. A. nigra, capite
thoracecjue confertiih punctatis, elytris striatis, striis pun-
ctis transversa interruptis, interstitiis planis seriatim pun-
ctatis. Long. 2f"'.
Aulono cnemis exarata n. sp. A. nigra, capite
thoraceque iwpresso-punctatis , elytris obsolete sulcatis, in
sulcis punctatisy interstitiis elevatis, suh-costatis. Long. 2^'".
Ueber die Familie der Karpfen
vom
Prof. Dr. Louis Agassiz.
(Aus den Memoires de la Societe des Sciences naturelles de Neucha-
tel Tom. L p. 33.)
Die Familie der Karpfen ist für das Studium eine der schwie-
rigsten, sowohl wegen der grofsen Gleichförmigkeit der gene-
rischen Typen, die sie umfafst, als auch wegen der grofsen
Menge sehr ähnlicher Arten, welche man diesen zuzählen mufs.
Diese Umstände machen die Aufstellung mehrerer Gattungen
nothwendig, welche auf den ersten Anblick überflüssig erschei-
nen könnten. Indessen geht es mit demWerthe derGattungs-
merkmale wie mit allen Verschiedenheiten, welche zwischen
den Geschöpfen vorhanden sind: wie sehr sie zuweilen unbe-
deutend und relativ erscheinen, wenn man sie mit denen an-
derer verwandter oder analoger Gruppen vergleicht, so sehr
sind sie innerhalb derselben natürlichen Gränzen charakteri-
stisch und absolut.
Die Familie der Karpfen, in ihrer Gesammtheit betrach-
tet, scheint nur auf die Gattungen Cyprinus und Cohitis Linn.
begränzt werden zu müssen, dann ist sie sehr scharf durch
die Struktur der völlig zahnlosen Kiefer charakterisirt. Die
Zwischenkieferbeine, welche für sich allein den Oberrand des
Mundes bilden, und die Oberkieferbeine, welche an ihrem Un-
terende etwas breiter sind, bilden 2 concentrische, ähnliche,
hinter einander stehende Bogen; mit dem Unterkiefer, dem
Gaumenbogen und Schläfenbeine schliefsen sie die Seiten des
Mundes. Dieser ist klein, am häufigsten bogenförmig ge-
krümmt, und am Ende, oder zuweilen unterhalb und mehr
oder minder quer, von fleischigen mehr oder weniger dicken
Lippen umgeben, oft selbst mit mehr oder minder zahlreichen
74
llaiitaiihäiigeu in Gestalt von Bartfäden versehen. Der Gaumen,
besonders im Grunde des Mundes, ist mit einer dicken schwam-
migen Masse bekleidet, welche vielen Schleim absondert, im
gemeinen Leben Karpfenzunge genannt wird und für einen
sehr delikaten Bissen gilt. Die wahre Zunge ist klein und
glatt. Die unteren Schlundknochen sind mit einer oder meh-
reren Reihen starker, bald platter, bald konischer oder selbst
hakenförmiger Zähne bewehrt, die sich beständig an der Ober-
fläche und dem äufsern Rande des sie tragenden Knochens in
dem Maafse ersetzen, als die des iiinern Randes sich abnutzen
und abfallen. Ein besonderer Muskelapparat bewegt die bei-
den zahntragenden Knochenbogen gegen einander und drückt
sie zugleich gegen eine sehr harte Knorpelplatte, welche in
einer breiten Vertiefung des untern Dornfortsatzes des Os ha~
silare befestigt ist. • Diese Stücke bilden einen gewaltigen Kau-
apparat, auf welchem ein wenig erweiterter Magen folgt, /der
sich in einen dünnen kurzen Darmkanal ohne Coeca fort-
setzt Dieser macht nur 2 Windungen, und ist von einer sehr
verlängerten Leber umgeben, welche den Windungen des Darm-
kanales folgt. Die Milz liegt hinter dem Magen verborgen.
Die Schwimmblase ist grofs, durch eine Einschnürung in 2
Hälften getheilt, und steht durch eine sehr enge Röhre mit
dem Scldunde in Communication. Die Nieren sind sehr grofs,
besonders an der Einschnürung der Schwimmblase stark ent-
wickelt, und münden durch 2 Harnleiter in eine kleine Harn-
blase. Zur Laichzeit dehnen die Eierstöcke und Hoden die
Bkuchwände beträchtlich aus und lassen den Bauch viel mehr
als gewöhnlich hervorragen.
Der ganze Körper ist mit Schuppen bekleidet, die aus ei-
ner grofsen Menge ganzrandiger, glatter Zuwachslamellen ge-
bildet sind. Mehr oder weniger zahlreiche Furchen verbrei-
ten sich vom Mittelpunkte ihres Wachsthumes zum Rande der
Schuppen; an ihrem frei liegenden Theile sind diese Furchen
deutlicher, fächerförmig. Der Kopf mit Einschlufs der Kiemen-
deckelstücke ist immer glatt und frei von Schuppen. Alle ha-
ben nur 3 mehr oder minder platt gedrückte Strahlen in der
Kiemenhaut.
Die Karpfen leben in süfsen Gewässern; eine geringe Zahl
von ihnen findet sich auch an der Mündung der Flüsse im
75
salzigen Wasser. Man kennt mehrere fossile Formen, welche
den tertiären Süfswasserbildungen angehören und sehr den
jetzt lebenden gleichen. Die Mehrzahl der Karpfen nährt sich
ausschliefslich von in Zersetzung begriffenen organischen Sub-
stanzen, und selbst von Schlamm oder von Kräutern, Körnern,
Würmern und Insekten; nur einige machen Jagd auf kleine
Fische.
Aus dieser Charakteristik ergiebt sich, dafs alle Genera
in Cuvier's Regne animal, welche auf die eigentlichen
Schmerlen (Cohitis) folgen, als Andbleps, Poecilia, Lehias,
FunduluSf Molinesia und Gyprinodon, ausgeschlossen sind
und eine eigene Familie, die der Cyprinodonten, bilden.
Mit Unrecht trennt Fitzinger die Cohitis von den Karpfen,
denn sie unterscheiden sich wenig von Goibio und haben im
Ganzen alle Charaktere der Familie, selbst die seltsamen und
so wenig bekannten Nackenwirbel. Auch stellt man mit Un-
recht die wahren Karpfen an die Spitze der Familie, weil diese
sich einerseits durch Cohitis au die Gadi und Aale, anderer-
seits durch Aspius und Pelecus an die Häringe anschliefst.
Ich ordne die Genera folgendermafsen :
Acanthopsis Ag. (^Cohitis Taenia L.) — Cohitis
Rond. Ag. — Gohio Rond. Cuv. (Botia Gray.^ — Cir
rhinus Cuv. — Barhus Rond. Cuv. — Laheoharhus
Riipp. — Cyprinus Rond. Ag. {Cyprinus et Cyprinopsis
Fitz.) — Rhodeus Ag. (Cyprinus amarus Bl.) — Tinea
Rond. Cuv. — Phoxinus Rond. Ag. — Leuciscus Rond.
Klein. — V aricorhinus Riipp. — Chondrostoma Ag.
(^Cyprinus Nasus L.) — Laheo Cuv. QBangala Gray.) —
C at ast o mus Lesueur^). — Aspius A^. (^Cyprinus aspius
Bl.) — Ahramis Cuv. — Pelecus Ag. (^Cyprinus cultra-
tus L.) — Chela Buchan.
Man sieht, dafs Rondelet im Ganzen mehrere Genera
dieser Familie sehr gut festgestellt hat; er hat selbst die Mehr-
zahl derer, welche Cuvier wieder in ihre Rechte eingesetzt
hat, gut unterschieden. Bei der Charakteristik der Genera
beschränke ich mich auf diejenigen, von welchen Europa Re-
1) Rüppell hat sehr richtig bemerkt, dafs Lesueur's Cata-
Storni mit schmaler Rückenflosse ein besonderes Getms bilden müsse-
76
Präsentanten besitzt, und werde nur die diagnostisclien Merk-
male angeben. In meiner Naturgeschichte der Süfswasserfi-
sche Europa's, welche ich bald herauszugeben hoffe, werde ich
die Beschreibungen aller Genera geben, welche von der rela-
tiven Stellung der Flossen, ihrer Gestalt und der Struktur der
Schuppen hergenommen sind. Die Zahl der Strahlen, oder
vielmehr ihre allgemeine Formel ^), wird auch zu einem Gat-
tungscharakter, wenn die Genera auf ihre nattirlichen Grän-
zen zurückgeführt sind. Die absoluten Zahlen der Flossen-
strahlen bedeuten als Artunterschiede nichts. Für alle Genera
der Karpfen-Familie bieten die ganz vernachlässigten Schlund-
zähne vortreffliche Charaktere dar.
1. ACu^NTHOPSIS Agass. Körper zusammengedrückt.
Erster Suborbitalknochen scharf, gabiig, beweglich. Sclilund-
zähne sehr spitz und in einer Reihe. Sehr kurze Bartfäden
um den Mund. Schwanzflosse abgerundet.
Cohitis TaeniaL, und einige indische von Bucha-
nan beschriebene Arten. Eine fossil vonOeningen: A. an-
gustus Ag. Foiss. foss, Vol. 5. t 50. /. 2. u. 3.^
20 Folgendermafsen glaube ich, dafs man in Zukunft die Strah-
len der Flossen bei allen Fischen ausdrücken müsse. Brust- und
Bauchflossen xlx, Rücken- und Afterflosse xlx, wenn sie einfach,
oder xlx—xlx, wenn sie doppelt oder dreifach oder aus Strahlen ver-
schiedener Art gebildet sind; die kleine x bezeichnet die Zahl der
kleinen Strahlen, die sich am Vorderrande der Flossen finden, I der
grÖfste Strahl, welcher auf sie folgt, wenn er sich von den an-
dern unterscheidet, vmd die grofse X die Zahl der Strahlen, welche
den Haupttheü jeder Flosse bilden. Wenn sich am vorderen Rande
einer Flosse 2 oder 3 verschmolzene Strahlen befinden, so fügt mau
dieser Zahl einen Bruch hinzu, um es anzuzeigen, ^, f u. s. w. Hin-
sichtlich der Schwanzflosse bezeichnet xlx den oberen Lappen dieser
Flosse, xlx den unteren, der selten in Zahl und Beschaffenheit der
Flossen gleich ist: so kann es am oberen Lappen einen grofsen StraM
I geben und keinen am unteren Lappen, so wie die Zahlen der klei-
nen Strahlen am Rande der Flossen, und die der Strahlen» welche
den oberen und unteren Dornfortsätzen des letzten Wirbels angefügt
sind, selten dieselbe ist. Alle diese sehr wesentlichen Verschieden-
heiten gehen verloren, wenn man die Strahlen in runder Zahl angiebt;
andererseits vermeidet man bei diesen Formeln lange Beschrei-
bungen,
77
2. COBITIS Rond. Ag. Körper cylindrisch. Suborbi-
talbeino glatt. Scliluiulzälme meifselförmig. Zahlreiche Bart-
fäden um den Mund. Schwanzflosse abgerundet.
Cohitis harhatula L. — Cohitis fossilis L. —
Fitzinger entdeckte eine dritte Art in Oestreich, die er
C. Fürstenhergii nennt und Parreys unter dem Na-
men C variahilis versendet. Buch an an hat mehrere
ostindische Arten beschrieben. Es giebt 2 fossile zu Oenin-
gen. C. cephcdotes Ag. Poiss. foss. Vol. 5. t 50. /. 5. 6. 7.
und C centrochir hg, ibid. f. 1. u. 4. — Lacepede hatte
aus G. fossilis ein eigenes Genus gebildet, unter dem Na-
men Misgurn, in Rücksicht auf die beiden Kieferzähne, wel-
che ihm Bloch beilegt; Cuvier sagt (71.-^. F. 2. p. 278.),
dafs er sie vergeblich gesucht habe. Es findet hier ein dop-
pelter Irrthum statt. Diese Zälnie existiren wirklich, aber
in den Schlundkiefern, wo Cuvier sie nicht suchte, und die
Bloch schlechtweg Kiefer nennt; Lacepede hatte sie
durch zu wörtliche Uebertragung in die Kieferknochen
versetzt.
3. GOBIO Rond. Cuv. Körper spindelförmig. Schlund-
zähne konisch, an ihrer Spitze schwach gekrümmt, in zwei
Reihen. Zwei Bartfäden. Schwanzflosse gabelförmig.
G. fluviatilis Ag. (^Cyprinus Gohio L.) — G. ura-
noscopus Ag. IsisiS29. Eine illuminirte Abbildung werde
ich in meiner Naturgeschichte der europäischen Süfswasser-
fische geben. Güldenstädt, Buchanan und Rüppell
haben mehrere exotische beschrieben. — G. analis Ag.,
fossil, von Oeningen; Rech. Poiss. foss. Vol. 5. t. 54./.
1. 2. u. 3.
4. BARBUS Rond. Cuv. Körper spindelförmig. Schlund-
zähne konisch, verlängert, am Ende gekrümmt, in 3 Reihen.
Bartfäden. Schwanzflosse gabelförmig; Rücken- und After-
flosse kurz.
B.fluviatilis Ag. (Cyprinus Barlus L.) — Bar-
hus caninus Bon. — B. plehejus Vol. — B. equcs
F«Z.— Gülde;nstedt,Forskael, Pallas, GeoffroySt.
Hilaire, Buchanan, Rüssel und Rüppell haben eine
78
Menge exotischer Arten aus Asien und Afrika beschrieben.
Ich besitze eine neue Art, B. leptopogon Ag., aus den
Teichen in der Nähe der Maison cairee zu Algier. Cu-
vier citirt Arten aus Amerika. Ich kenne keine fossile.
5. CYPRINUS Rond. Ag. — Körper dick, mehr oder
minder breit und zusammengedrückt. Schlundzähne in einer
Reihe, mit flacher, gefurchter Krone. Rückenflosse sehr lang;
Schwanzflosse gabelförmig. (Die Gattung Carassius Nilfs. oder
Cyprinopsis Fitz, beruht nur auf dem Mangel der Bartfäden
und' scheint mir nicht beizubehalten; sie begreift wahre Karpfen.)
Cyprinus Carpio L. und seine Varietäten G. ma-
crolepidotus und nudus. — C. carassius L. — C.
Gihelio Bl. — ^ C. Moles Ag. eine neue Art des Donau-
beckens — China und Indien beherbergen andere Arten.
Ich kenne keine fossile.
6. RHODEÜS Ag. Körper breit, zusammengedrückt.
Schlundzähne meifselförmig. Rückenflosse mittelständig. Schwanz-
flosse gabelförmig. Cuvier vereint irrig die lebende Art mit
den eigentlichen Karpfen.
R7i. amarus Ag. (Cyprinus ajnarusBV) Icli kenne
zwei fossile Arten von Oeningen: Rh. latior. Ag. Poiss.
foss. Vol. 5. t 54./. 7. und Rh. elongatus A^. ih.f.^.
5. und 6.
■>
7. TIN CA Rond. Cuv. Körper plump. Schlundzähne
keulenförmig. Kleine Bartfäden. Schwanzflosse abgestutzt
oder wenig gabelförmig. Sehr feine Schuppen.
T. Chrysitis Ag. und eine Varietät; T. Chr. an-
rät a (^Cyprinus Tinea h.^. Ich kenne mehrere fossile Ar-
ten: T. furcata Ag. Poiss. foss. Vol. 5. t. 52. von Oe-
ningen. r. leptosoma Ag. T. 51. von Oeningen. T.
pygoptera Ag. von Steinheim. — Ich kenne keine exo-
tische.
8. PHOXINUS Rond. A^. — Körper cylindrisch, plump,
mit sehr kleinen Schuppen besetzt. Schlundzähne spitzig.
Schwanzflosse gabelförmig.
79
J?h, laevisAg. (Cyprinus phoxintish,) — P7i, Ln-
maireul (ßyprinus Lumaireid Bonn.) aus dem Po. — •
Pallas führt eine russische Art auf. Ich kenne weder exo-
tische, noch fossile Arten.
9. LEUCISCUS Rend. Klein. Körper spindelförmig,
mehr oder minder zusammengedrückt. Schlundzäluie fast ko-
nisch, an der Spitze etwas gekrünnnt, mehr oder weniger ab-
gestutzt und selbst gezähnelt an ihrem inneren Rande, in zwei
Reihen. Schwanzflosse gablig. Rücken- und Afterflosse- klipin
lind beide von gleicher Gestalt.
Man kann dieses Genus in zwei Sectionen theilen:
A. Rijndliche Arten: L. dohula Cuv. {Cypr. Do-
hula L.) — L. Aphya Nilss. (C Aphya L.).— Tj. Gr is-
la gine Cuv. {Cypr. Grislagine Art.) —r L. argenteus
Ag. (C. Leuciscus L. et Aut.) — L. rostratus Ag. ^
L. rodens Ag. — L. majalis Ag. {Cypr. lancastrien-
sis Shaw, (mit dem C. leuciscus verwechselte Arten.), —
Im Hegeri Ag.
B, Mehr oder minder zusammengedrückte Ar-
ten, tei denen die Schuppen hinter den Bauch-
flossen einen vorspringenden AVinkel bilden: L.
Orfus Cuv. (C. oifus El.) — L. Idits Cuv. (C. Idus
L. et C. Idharus L.!) — L. Jeses Cuv. {C.Jeses Bh) —
L. rutilus Cuv. (C. rutilus L.) — L. prasinus Ag.
(Jj, azureus Yarr.) — L. erythropIitJi almus Cuy. (6*.
eryilivophthalmus L.) — L. decipiens Ag.
Von allen diesen Arten werde ich Abbildungen und Be-
schreibungen in meiner Naturgeschichte der europäischen
Süfs wasserfische geben. Der Prinz von Musignano hat auch
mehrere Arten in den Flüssen Italiens entdeckt, welche von
den französischen und deutschen verschieden sind. Die exo-
tischen Arten sind zahlreich, aber die meisten noch nicht
abgebildet. Ich kenne mehrere fossile: L. oeningensis
Ag. Foiss. foss. Vol. 5. t. 58. u. 57. /. 4. u. 5. — L. pu-
sillus Ag. ihid. t. 57. /. 2. u. 3. -— L. Jieterurus Ag. ih.
f. 57./. 1. von Oening^n. L. papyr accus Bronn. Ag.
Foiss. foss. Vol. 5. t. 56. in den tertiären Ligniten. — L.
80
leptus Ag. ih. t 59. von Habichtswald. — L. gracilis
Ag. von Steinhoim. — C. Hartmanni Ag. ebendaher.
10. CHONDROSTOMA Ag. Körper verlängert, cylin-
drisch. Mund unterhalb, quer; Lippen knorplig, schneidend.
Schlundzähne sehr zusammengedrückt, an ihrem Innenrande schief
abgestutzt, in einer einzigen Reihe. Schwanzflosse gabelför-
mig. Rücken- und Afterflosse klein.
Chondrostoma Nasus Ag. (C. nasus L.) — Ch.
Rysela Ag. (Rysela Gess.) — Rüppell hat eine dritte
Art in Abyssinien entdeckt. Ich kenne keine fossile.
11. ASPIUS Ag. Körper zusammengedrückt. Unterkie-
fer länger als der obere. Schlundzähne verlängert, ein wenig
gekrümmt an der Spitze, in zwei Reihen. Rückenflosse klein.
Afterflosse verlängert. Schwanzflosse gabiig.
A. rapax Ag. (C aspius L.) — A. alburnus Ag.
(C. alburnus L.) — A. hipunctatus (C hipunctatus
L.) — A. ochrodon Fitz. — Ich kenne noch nicht den
Aspius Heckelii Fitz. . — Hr. v. Joannis hat neulich
2 Arten im Nil entdeckt und unter dem Namen Leucis-
cus niloticus und L. tJiehensis beschrieben. Man
kennt eine gröfsere Zahl aus Ostindien und Amerika. Ich
kenne zwei fossile Arten: A, gracilis Ag. Poiss. foss.
Vol. 5. t 55. /. 1. 2. u. 3. von Oeningen. — A, Bro-
gniarti Ag. ib. t. 55./. 4. von Menat.
12. ABRAMIS Cuy, Körper zusammengedrückt. Schlund-
zähne sehr zusammengedrückt, nach einwärts gebogen, schwach
gekrümmt, an ihrem Innenrande abgestutzt, in einer Reihe.
Rückenflosse klein. Afterflosse sehr lang. Schwanzflosse
gabiig; der untere Lappen ein wenig länger als der obere.
Abramis Brama Cuv. {Cypr. Brama L.) — A.
Blicca Cuv. (C Blicca BL C» latus Gm, C. B/'oerkna
Art.) — A. Ball er US Cuv. (C Ballerus L.) — A.fa-
rewM5 Nilss. {C. farenus kwi^ — A. BuggenJiagii
(C. Buggenhagii BL) — A. Wimba Cuv. (C. Wimba
L.) Eine Vergleichung der Arten des Rheines, der Donau
und der Rhone läfst mich noch unterscheiden: A. microle-
81
pidotus Ag. — A. halleropsis Ag. — ^. argyreus
Ag. — A. micropteryx Ag. — A. melaenus Ag. —
A, erythropterus Ag. — A. elongatus Ag., die ich
in meinem Werke abbilden werde. Es giebt Arten in Ost-
indien, aber ich kenne keine fossije.
43. PELECUS Ag. Körper sehr zusammengedrückt und
verlängert. Bauch schneidend. Rückenflosse der Afterflosse
entgegengesetzt, die sehr laug ist. Brustflossen sehr lang.
Seitenlinie durchbrochen.
P. cultratus Ag. (C. cultratus L.) Hr. v. Joan-
nis hat eine Art aus dem Nil beschrieben, als Leuciscus
Bihie. Ich kenne keine fossile. Man mufs noch die In-
dien eigenthümlichen Arten mit untersetztem Körper tren-
nen, dann begreift die Gattung Chela nur indische Arten
mit Bartfäden.
Die Familie der Karpfen ist von Cuvier in die zweite
Abtheilung der gewöhnlichen Fische, in die der Malacopte-
rygiij gesetzt, und zwar in die Ordnung der Malacopterygii
abdominales, welche genau der Ordnung der Ahdominales Lin-
ne's entspricht, da dieser nicht dieselbe Wichtigkeit auf die Be-
schaffenheit der Strahlen in den vertikalen Flossen, wie Ar-
tedi, legte. Cuvier hat mit seinem bekannten Scharfblicke
mehrere natürliche, im Allgemeinen sehr wohl begränzte Fa-
milien gebildet. Ich will jedoch bemerken, dafs die Beziehun-
gen, welche Mugil und Atherina mit den Cyprinen verbin-
den, ihm gänzlich entgangen sind, weil er auf die An- und Ab-
wesenheit der Stachelstrahlen in der Rückenflosse zu grofses
Gewicht legte. Die Karpfen entbehren sie allerdings völlig,
obwohl die Gattung Cyprinus s. str. und Barhus im
Anfange ihrer Rückenflosse Strahlen besitzen, welche in ihrer
Solidität und Steifheit beträchtlich die der Stachelflosser über-
treffen. In der Familie der Siluren, welche auch zu den Ma-
lacopterygien gestellt sind, giebt es noch auffallendere Bei-
spiele dieses Kontrastes. Andererseits besitzen Mugil und
AiJierina, wie grofs auch ihre Verwandtschaft zu den Cy-
prinen oder besonders zu den Cyprinodonten , von denen sie
sich kaum unterscheiden, ist, eine sehr deutliche stachelstrali-
IV. Jahrg, 1. Band. 6
lige Rückenflosse. Allein dieser Charakter kann die grofse
Kluft, welche man zwischen diesen Fischen gelassen, nicht
rechtfertigen, und um so weniger, als es zwischen. den Sta-
chelflossern mehrere giebt, welche keine Stachelstrahlen auf dem
Rücken haben, wie u4spidophorus und mehrere Scombe-
roiden. Es läfst sich indefs nicht läugnen, dafs Mugil, Athe-
rina und die Cyprinodonten die innigste Vervvandtsqliaft
zu den Karpfen darbieten, und dafs die Cyprinodonten das
beide verbindende Zwischenglied sind. Ich habe demnach nach
einem allen gemeinsamen Merkmale gesucht, unter welchem
sie sich vereinigen lassen, und habe dies in den Schuppen ge-
funden, die völlig aus ganzrandigen Zuwachsplatten bestehen.
Ich stelle sie deshalb in meiner Classification in die t)rdnung
der Cycloiden.
Zur geographischen Verbreitung der Springmäuse.
Notiz.
Nach Mittheilungen von Ogilby in der Linnean Society
(Dec. 5.) ist ein wahrer Dipus (D. Mitchelln Ogilb.) vom Ma-
jor Mitchell in den centralen Ebenen von Neuholland, nahe
bei der Vereinigung des Murray und Morrumbidgee, entdeckt
worden. Er unterscKeidet sich von den Springmäusen Asiens
und Afrika's dadurch, däfs er vier Zehen an den Hinterfüfsen
besitzt, nämlich drei normale Zehen und eine Afterzehe höher
an der Innenseite des Metatarsus. (Beiden vierzehigen Springmäu-
sen Afrika's, D. tetradactylus, ist es bekanntlich die Innenzehe,
welche gänzlicli fehlt. Wahrscheinlich werden auch hier sich
Verschiedenheiten im Schädelbau und Gebifs zeigen, welche es
rechtfertigen, aus Dipus, mit Ansschlufs der Gerbillen, eine
eigene Familie zu bilden. W.)
lieber die Gattungen der Plagiostomen
von
Job. Müller und Henle.
Zweite Mittheiluiig.
Unsere bereits im vorigen Jahrg-ange dieses Archivs Bd. 1.
S. 394. mitgetheilten systematisclien Arbeiten über die Fami-
lie der Plagiostomen erhielten durch eine nach England und
Holland in dieser Absicht unternommene Reise manche Erwei-
terungen und Zusätze, von denen wir hier vorläufig einige her-
ausheben, mit dem Bemerken, dafs noch in diesem Jahre die
ersten Lieferungen unserer Monographie erscheinen werden.
Von der Familie der Scyllien zeichnet sich die Gattung
Stegostoma, aufser den schon angegebenen Characteren, auch
dufch die eigenthiimliche Stellung der Flossen äu&, von denen
die erste Rückenflosse gerade über den Bauchflossen steht.
Zu derselben Familie kam die Gattung Hemiscyllimn
hinzu, welche in der Bildung der Naseidöcher, des Mauls und
der Stellung der Kiemenlöcher mit Scyllium übereinstimmt,
aber die zweite Rückenflosse vor der Afterflosse hat, wie CÄi-
loscylliuin (ßq. ocellatus).
Die Gattungen der zweiten, gröfsern Abtheilung der Hai-
fische, mit Afterflosse, bei denen die zweite Rückenflosse vor
den Bauchflossen steht, lassen sich nach der Nickhaut, den Spritz-
löchern, der Gestalt der Zähne und Flossen in folgende Grup-
pen zusammenfassen:
I. Mit einer Nickhaut und kleineii Kiemenspalten , von
denen immer die letzte oder die beiden letzten über der Brust-
flosse stehen.
A. Ohne Spritzlöcher.
öf. Mit schneidenden, gezähnelten oder glattnmdigen
6*
84
Zähnen. Hierher die Gattungen ScoUodorif Carcharias und
Zygaena.
h. Mit spitzen Zähnen und Nebenzacken an denselben,
nach Art der Scyllien, umfafst die Gattungen Triaenodoji N.
und Leptocharias Smith, die sich von Triaenodon durch den
Mangel der Sohwanzgrube , des untern Lappens der Schwanz-
flosse und durch einen Cirrus an der Nasenklappe unterschei-
det. Die Zähne haben 1 — 2 Nebenzacken jederseits.
B. Mit Spritzlöchern.
a. Mit schneidenden platten Zähnen mit oder ohne
Zähneluug, enthält die Gattungen Galeus, Galeocerdo und die
neue Gattung Loxodon N., die sich von Galeocerdo unter-
scheidet durch den Mangel der Zähnelung an den Zähnen
(welche wi« bei Scoliodon sind) und des zweiten Einschnitts
im obern Lappen der Schwanzflosse. Die Spritzlöcher sind
viel kleiner als bei den beiden anderen Gattungen.
h. Mit spitzen Zähnen, die neue Gattung TriaJtis N.
Zähne wie Triaenodon, Schwanzflosse wie Leptocharias,
Schwanzgrube fehlt.
^. Mit pflasterartigen Zähnen. Musielus.
IL Ohne Nickhaut, mit grofsen Kiemenlöchern, die sämmt-
lich vor den Brustflossen liegen, und sehr kleinen Spritzlö-
cliern, die bisher übersehen w^aren. Halbmondförmige Schwanz-
flosse mit seitlichem Kiel und deutlicher Schwanzgrube. Die
After- und zweite Rückenflosse einander gegenüber, klein. Fa-
milie der Lamnoiden; Gattungen: Lamna, Oxyrrhina, Car-
charodon, Selache, Rhineodon» Carcharodon Smith, Lamia
'Rond., Cuj'charias verus Ag. ist eine Lamna mit Carcharias-
zähnen. Der dritte Zahn des Oberkiefers ist kleiner als die
übrigen (Lückenzahn), Rhineodon Smith, zeichnet sich da-
durch aus, dafs das Maul am vorderen Ende der Schnauze
liegt. Die Zähne sind klein, spitz, hecheiförmig.
III. Kiemen- und Spritzlöcher wie bei den Lamnoiden,
ohne Nickhaut. Schwanzflosse wie bei Carcharias , ohne
Schwanzgrube. Zweite Rücken- «nd Afterflosse grofs, die letz-
tere hinter der erstem. Triglochis,
IV. Die hintern Kiemenlöcher über den Brustflossen. Sehr
kleine Spritzlöcher. Zweite Rückenflosse über der Afterflosse.
Gattungen: Alopecias, ^'
85
V. Kieraenlöcher wie bei den vorigen. Spritzlöcher klein.
Zweite Rückenflosse zwischen Bauch- und Afterflosse. Ein
Stachel vor den Rückenflossen. Gattungen: Cestralion.
Zur Abtheilung der Haifische mit nur einer Rückenflosse
und mehr als 5 Kiemeulöcliern, und zur Abtheiliuig der Hai-
lische ohne Afterflosse sind keine neuen Gattungen hinzuge-
kommen.
Die Gattungen der Familie Rhinohatus wurden in 2 Ab-
theilungen geordnet:
*- a. Erste Rückenflosce über den Bauchflossen. RJiina
und Rhynchohatns,
h. Beide Rückenflossen auf dem Schwänze. Gattungen:
Rhinohatus. Die obere Nasenklappe reicht nicht bis ans in-
nere Ende des Nasenlochs. Platyrrhinu N. die Nasenklappe
setzt sich über den innern Nasenwinkel bis fast zur Mittelli-
nie des Körpers fort. Die Verlängerung der Schnauze fehlt.
Die Verhältnisse der Scheibe nähern sich daher der Familie
Torpedo, Trygonorrhina N. Nahe der Trygon mit dem
Schwanz von Rhinohatus. Die beiden letzten Genera
sind neu.
Die Familie der Zitterrochen wurde um eine Gattung
vermehrt, Temera Gray, ohne Rückenflosse.
Die Familie Ra/'a wurde auf 3 Gattungen beschränkt, da
die Propterygia Otto sich als Monstrosität erwies.
Die Gattung Trygon zerfällt in 3 Untergattungen, Try-
gon s. s.j mit oberer und unterer Schwanzflosse, Hirnantura
ohne Schwanzflosse, und Hemitrygon N. (neu), wo nur eine
untere Schwanzflosse vorhanden ist. Diese Gattung bildet mit
den Gattungen Taeniura, IJypolophus und Üsolophus eine
Familie.
Die übrigen Familien der rochenartigen Plagiostomeu blie-
ben unverändert.
Ueber die Familie der Trogmuscheln
^»,*;o {Mactradae Gray)
von
John Edward Gray, F. R. S. eic.
Präsident der botanischen Gesellschaft zu London.
(Aus London' s Magaxine of Natural History. Vol. 1. new series p. 370.)
JJie Mantellappen am untern Vorderrande frei, vorn und
hinten verwachsen, und in zwei vereinigte retractile Röhren
verlängert. Der Fufs lancettförmig , nach vorn gerückt. Der
Schlofsknorpel innerlich, in einer dreieckigen Grube hinter
den Schlofszähnen. Schlofszähne zwei in jeder Schale ; der
jhintere klein, zusammengedrückt, oft rudimentär; der vordere
dreieckig, unten mehr oder weniger tief gefaltet. Die Seiten-
zähne der linken Schale einzeln, und zwischen zweien der
rechten Schale eingreifend. Die Einbucht der Mantelröhren
deutlich.
Die Gattungen sind leicht folgendermafsen an den Ver-
schiedenheiten des Ligaments kenntlich:
A. Ligament äufserlich.
1. Scliizodesma Gray. a. in einem Schlitz (slit).
2. Mactra Linn. h, in einer Grube des Randes.
B. Ligament fast äufserlich, am Rande, nicht getrennt von
dem Schlofsknorpel.
3. Spisula Gray, a, Hintere Seitenzähne doppelt und einzeln.
4. Lutraria Lam. &. Hintere Seitenzähne einzeln oder fehlend.
87
C. Ligament innerlich in derselben Vertiefung mit dem
Sciilüfsknorpel.
5. Mulinia Gray. a. Seitenzähne einfach.
6. Gnathodon Gray. h. Vorderer Seitenzahn beilförmig.
I. Schi2>odesma Gray.
Schale eiförmig, dreieckig, fast winklig an jedem Ende.
Schlofs- und Seitenzähne wie bei Mactra. Einbncht der
Mantelröhren eiförmig, deutlich. Ligament änfserlicli, in einer
schrägen dreieckigen Grube, die in den obern Rand der Ver-
tiefung des Schlofsknorpels sich öffnet.
1. Schlzodesma Spengleri; Mactra Spengleri Ljnn.
Gmel. ; Spengler Cat t 3./ 1—3. ; Chemn. VL /. 199 — 201.;
Enc. Meth. it. 252./. 3.; Sow. Gen. f. 1. Fundort: Cap der
guten Hoffnung.
2. Schizodesma nitida ; Mactra nitida Schrot. Einl. /. 8.
/. 2.; Mactra corallina Chemn. Fundort: die afrikanischen
Meere.
IL Mactra Linn.
Schale eiförmig dreieckig, fast winklig an jedem Ende.
Zwei Schlofszähne in jeder Schale, der vordere*) Zahn in der
linken, und beide in der rechten Schale, dünn, zusammenge-
drückt; der hintere der linken Schale dreieckig, gefaltet. Vor-
dere und hintere Seitenzähne deutlich. Einbucht der Mantel-
röhren oval, deutlich. Ligament äufserlich, in einer mehr oder
weniger schrägen Grube, die von der Vertiefung des Schlofs-
knorpels durch eine deutliche Scheidewand getrennt ist.
A. Die Seitenzähne fast gleich, lätiliilär, dtinn, mäfsig ent-
fernt von den Wirbeln und den Schlofszähnen. Schlofs am
Rande, doppelrandig (douhle-edged).
* Lunula und Area glatt.
1) Mactra glauca, M. helvacea Chemn.
2) Mactra stultorum Linn., weifse Varietät.
3) Mactra maculata Lam.
1) Offenbar verwechselt hier der Verfasser vorn und hinten, denn
der vordere Zahn der linken Schale ist gefaltet.
8»
** Liinula concentrisch gefurcht, ^rea glatt.
4) Mactra discors Gray. Schale eiförmig, dreieckig,
ziemlich fest, bauchig, weifs. Wirbel genähert, mit zwei diver-
girenden röthlichen Linien. Area ziemlich eben, runzlich> ge-
randet durch schwach erhabene Linien, mit zwei oder drei er-
habenen concentrischen Linien. Ligament sehr klein. Fund-
ort: — . Hat den Habitus einer Muliniaj aber vorn gefurcht.
*** Lunula und Area concentrisch gefurchte«
§, Schale dünn. Wirbel ziemlich entfernt. Ligament
divergirend.
5) Mactra tumida Chemn.; M. turgida Lam. Der
vordere Zahn T förmig, indem der vordere Theil von der Mitte
der Vorderseite des hintern Theils entspringt.
6) Mactra gxandis Lam.
7) Mactra ornata Gray. Röthlich, blafs gestreift und
weifs gefleckt. Wirbel hellroth. Vaterland: China.
8) Mactra Chemnitüi Gray; M. violacea australis
Chemn. /. 1954.
Ö) Mactra pulcJira Gray.
10) Mactra abhreviata Gray, King, Voy. N. H.
§§. Schale stark. Wirbel genähert. Ligament sehr
schief, fast am Rande. Seitenzähne glatt.
11) Mactra cygneaP Chemn. Fundort: China.
12) Mactra rufescens Lam. Der hintere Seitenzahn
ziemlich der kürzeste.
B. Der hintere Seitenzahn sehr klein, genähert; der vordere
verlängert. Schale dreieckig.
l'S) Mactra striatula Linn. ; M. carinata Lam.
14) Mactra exoleta n. sp. Schale dreieckig, weifs, dünn,
durchsichtig, schwach concentrisch gestreift; bedeckt mit einer
dünnen, blassen Oberhaut; die vordere Abdachung {slope) zu-
sammengedrückt, vorgezogen; die hintere Abdachung bauchig,
eben, gerandet, mit einem schwach erhabenen Kiel. Fund-
ort: — .
C. Die Seitenzähne fast gleich, ziemlich lang, sehr nahe
den Schlofszähnen. (Die vorderen nahe dem Wirbel, und mit
einem verdickten Fortsatze an ihrem obern Theile.) Schale
dünn, dreieckig. Schlofsrand doppelrandig.
89
15) Mactva pUcataria Chemn. VI./ 202. 204., Gmel.;
M. suhplicata Wood. Suppl. t. 1. /. 6.
16) Mactva Reevesii Gray. Schale keilförmig, dünn,
weifs, durchsichtig, gestreift; in der Nähe des Wirbels con-
centrisch gestreift. Fundort: China. (J. R. Reeves, Esq.)
17) Mactra suhplicata Lam., nicht Wood.
D. Der hintere Seitenzahn kurz, nahe den Schlofszähnen;
der vordere verlängert, zusammengedrückt, dünn, beträchtlich
unter dem Schlofszahn. Schale dünn. Schlofsrand doppelt.
18) Mactra violacea Chemn. VI. /. 213, 214.; Enc.
Method., f. 254. y. 1. Vaterland: Tranquebar.
E. Die Seitenzähne sehr klein, kurz, nahe an den Schlofs-
zähnen und kaum von ihnen getrennt. Schlofsrand doppelt.
Schale sehr dünn; Hintertheil gekielt.
19) Mactra elegans Sow, Tank. Cat f. Fundort:
Florida.
20) Mactra viti^ea Gray. 'Schale länglich dreieckig,
dünn, weifs, durchsichtig. Wirbel gekrümmt, etwas nach hin-
ten. Die vordere Abdachung eben; Rand wellenförmig. Lu~
nula vertieft, lancettförmig. Hintere Abdachung zusammenge-
drückt. Area verlängert, mit einem schwach erhabenen Rande.
Die Höhlung in der Vorderseite des Schlofsrandes sehr lang
und tief. Sie hat einige Verwandtschaft mit M, recurva und
M. suhplicata Lam. Vaterland: — .
III. Spisula Gray.
Schale eiförmig, dreieckig, fast winklig an jedem Ende.
Schofs-und Seitenzähne wie böi Mactra ; aber der Schlofszahn der
linken Schale klein. Mantelröhren Einbucht eiförmig, deut-
lich. Ligament genau in dem Sclilofsrande, über dem Schlofs-
knorpel, von demselben niclit durch eine Platte getrennt, und
zum Theil durch den obern Hinterrand verdecktr
A. Seitenzähne kurz, glatt.
a. Schale dick. Hintere Abdachung schwach angegeben.
1) Sp. striatella; Mactra striatella Lam.
2) Sp.fragilis; M. fragilis Chemn., VI. /. 235. ; M. bra-
siliana Lam., Nr. 27.
3) Sp. sinülis; M. similis Gray, Wood. Cat. Sup. t. L
f. 5. Schale länglich eiförmig, ziemlich dünn, blafs röthlich
weifs, mit einer dünnen olivenfarbenen Oberhaut. Die Seiten-
zähue kurz, dreieckig, genähert. Fundort: Van Diemensland.
Z>. Schale dünn. Hinterseite schwach runzlich. Die Sei-
tenzähne schief, und der vordere Schlofszahn der linken Seite
doppelt.
* Schale glatt.
4) S\). teuer a; 31. teuer a Humph., Wood. Cat. Sup.y
t, I. /. 4.; M, aspersa Sow. Tauk. Cat Nr. 117. Schale
zusammengedrückt, ziemlich fest; weifs, dunkel gefleckt, vorn
concentrisch gefurcht. Fundort: — .
5) iSp. elojigata; M. elougata Quoy Voy. Astrol.
Schale länglich-eiförmig, ziemlich fest, blafsbraun, mit einer
ziemlich dünnen, olivenfarbenen Oberhaut. Die Seitenzähne
genähert, ziemlich kurz; der vordere gekerbt (uotched), der
hintere ziemlich dreieckig. Vaterland: Neu Zeeland.
6) Sp, pellucida; M. pellucida Chemn., VI./. 234.; M.
depressa Lam., Nr. 29., nicht Desh.; M, dealbata Montag.,
T. B. t. 5. /. 1. Fundort: Brasilien.
** Schale strahlenförmig gerippt.
j7) Sp. nicoharica; M. uicobarica Gmel.; M. rugosci
var. Chemn., VI./. 237.; DiUwyn. 145.
8) Sp. Solanderi; M. Solanderi Gr.; M. carinata So-
lander MS. Hintere Abdachung stark gekielt.
9) Sp. aegyptiaca; M. aegyptiaca Chemn.; XI. /. 1955.
1956; Dillwyn. 145. Nr. 35.
C. Schale dick, fest. Hintere Abdachung runzlig, sehr
ähnlich den vorigen, aber der vordere Seitenzahn ist fast senk-
recht. Der vordere Schlofszahn der linken Schale zusammen-
gedrückt, geknickt (nickcd').
10) Sp. rugosa; Lutr. rugosa Lam. Nr. 3; M. rugosa
Gmel., Chemn., VI./ 236. 237.; Euc. Meth. 254.
11) Sp. LamarcM; Lutr. rugosa var. h. Lam. Fund-
ort: St. Domingo.
B. Seitenzähne verlängert, quer gerippt.
a. Vordere und hintere Abdachung glatt. ^ ^
12) Sp. solidissima; M. solidissima Chemn., X./1656,,
Dillw.; M. gigautea Lam. Nr. 1; Enc. Meth. t. 259. /l.
Fundort: Nordamerika. Sie heifst Clam und ist lebendig an-
gespült gefunden worden auf den Ufern von Long-lsland und
New- York. Sie wird als Leckerei betrachtet, und die Schalen
werden von den Milchmädchen als Rahmkellcn angewendet.
Sie sollen im Magen des Wallfisches gefunden sein. Mit-
chell in Silliman's Journal X, 288.
13) Sp. Sayilf M. Sayii Gray. Schale glatt, ziemlich
zusammengedrückt. Fundort: Florida.
h. Vordere und hintere Abdachung gefurcht.
14) Sp. solida-, M. solida Moutague,
15) Sp. cj-assa; M. crassa Turton.
16) Sp. subtruncata; M. subtruncata Montague.
17) Sp. triangidaris; D^f. triangularis Lam., E. M., t
253./. 3.
IV. Lutraria Lam. Lutricola Blainv.
Schale länglich, abgerundet, und an jedem Ende klaffend.
Zwei Schlofszähne in jeder Schale ; der vordere der linken Schale
dreieckig, unten gefaltet, der hintere oft fehlend. Seitenzähne
klein; der vordere einfach, kurz, fast senkrecht, nahe den
Schlofszähnen, oft fehlend an der rechten Schale; der hintere
schief, sehr dünn, rudimentär, oft beim zunehmenden Wachs-
thum verschwindend. Mantelröhreneinbucht sehr tief, eiför-
mig. Thier wie hei Mactr^a. Die Röhren verwachsen, breit —
Beim ersten Anblick könnte man L. hians als eigenes Genus
betrachten, aber in der Jugend sind die Seitenzähne so deut-
lich wie bei irgend einer andern Art; der Zahn und der Raum,
den er einnahm, verschwinden beim Wachsthum der Schale in
die Vertiefung des Scldofsknorpels.
a. Schale eiförmig, hinten etwas klaffend.
1) L. elUptica Lam., Sow. Gen.; M. Liäraria Linn.,
Lister, C. t. 415./. 259.; Chemn., C. VL / 240. 241. Fund-
ort: Sandküsten Europa's; fossil, Italien.
2) L. senegcdeiisis n. s. Schale schmäler. Fundort:
Afrikanische Küsten. Vergl. L. elUptica var. h. Lam. und
L. eiisis Quoy. Voy. Astrol. t 83. / 36.
3) L. planata; M. planata Chemn. VI./ 238.239. Hin-
tere Seitenzähne sehr deutlich, einer in jeder Schale.
b. Schale hinten wenig klaffend, mit deutlicher, von ei-
92
jier erliabenen Linie begrenzten ytrea. Hintere Seitenzähne
bei den alten verschwindend.
4) L. elongata n. sp. Schale verlängert, ei-lancettför-
mig, fest, weifs, hinten verschmälert, schief. Fundort: Insel
Prinz Wales.
5) L. cotnpressa Lam. Nr. 4.; Ligula compressa Leach,
Dacosta f. 13. /. 1. ; Enc. Meth. t. 257. /. 4. Lister Conch.
t. 253. /. 88.; ^ng. t. 4. /. 23.; Mactra piperita Gmel.,
Chemn., VI. /. 21.; Lutr. compressa Blainv. Man. t. 77. /. 2.;
Carinella Adanson Seneg., t. 17. /. 18. Vaterland: Nordsee,
Afrika, Senegal, Mittelmeer.
c. Schale hinten, weit klaffend. Area ohne eine hin-
tere Kante (fiidge), Seitenzähne deutlich.
6) Jj. solenoid^s Lam., Nr. 1., Sow. Gen., /. 1.; Mya
ohlonga Gmel., Chemn., VI. /. 12.; Mactra Juans Dillwyn;
Lutr, solenoides Blain., Malac. Seitenzähne fehlen im Alter.
In der Jugend mit einem deutlichen hintern Seitenzahn^ Be-
wohnt die Küsten Europa's, und fossil in der Nähe von Rom.
7) L. zealandica Gray. Schale zusammengedrückt, glatt,
grofs, unten an jedem Ende etwas abgestutzt. Die hintern
Seitenzähne fehlen im Alter. Fundort: Neu-Zeeland.
d. Schale länglich, hinten stark klaffend und umgebo-
gen, mit einer schiefen hintern Kante (liidge). Seitenzähne
deutlich.
8) L. recurva; Mactra recin^a Gray, Wood. Sup. t.
J. /. 2.; M. papyracea Lam. (nicht Syn.), Sow. Gen.,/. 1.
9) L. Cypjinus; M. Cyprinus Gray, Wood. Sup. t L
/. 1-
e. Schale dünn, hinten klaffend, mit einer Kante
(Ridge). Hintere Seitenzähne deutlich.
10) L. campechensis; M. campechensis Gray; List. t.
308./. 141.; Wood Sup. t L f. 3.
V. Mulinia.
Schale eiförmig, dreieckig, fast winklig an jedem Ende.
Schlofs- und Scitenzähne wie hoi Mactra. Mantelröhren-Ein-
bucht eiförmig, deutlich. Ligament innerlich! ganz in einer
dreieckigen Grube der obern Fläche der tiefen schiefen Schlofs-
knorpelgrube verborgen. Diese Gattung und Gnatliodou sind
93
die einzigen mir bekannten Bivalven, welche ein inneres Li-
gament haben. Bei allen andern Muscheln, auch bei denen,
die einen inneren Schlofsknorpel haben, ist das Ligament äu-
Iserlich , und findet sich auf dem äufsern Theile des Schlofs-
randcs der Schale. Die Schlofsränder der alten Muschel die-
ser Gattung sind zuweilen sehr verbreitert, indem die Wirbel
beträchtlich durch eine deutliche Area von einander getrennt
sind, wie bei der Gattung Area, Diese Area zeigt nichts
wie bei Area, die Grube des Ligaments , sondern ist nur mit
einer schwachen schiefen Linie bezeichnet, welche die Lage
desselben andeutet, und diese Linie ist oft so schwach, dafs
sie kaum zu bemerken ist. Diese Muschel kann als ein Bei-
spiel der letzten Form betrachtet werden, in der die obere
Fläche des Ligaments von einer Kalkplätte bedeckt wird.
a, Hintere Abdachung von einer erhabenen Linie
begrenzt.
1) MuL typica n. sp. Schale eiförmig, fast kreisförmig,
convex, fest. Wirbel sehr entfernt. Area rautenförmig. Sei-
tenzähue sehr kurz, hoch, dick, rund. Die Vertiefung des
Schlofsknorpels springt in die Höhle der Schale vor. Fund-
ort: — .
2) Mal. hicolor n. sp. Schale eiförmig, ziemlich convex,
stark, weifs. Wirbel und hintere Abdachung orange, bunt.
Seitenzähne kurz, zusammengedrückt, c^reieckig. Die Vertie-
fung des Schlofsknorpels springt in die Höhle der Schale vor.
In der Jugend ist die hintere Abdachung röthlich braun, von
einer deutlichen Linie begrenzt. Wirbel bräunlich.
Var.? eiförmig, dreieckig. Der vordere Seitenzahn et-
was breiter und dicker. Fundort: — .
h> Schale dreieckig. Hintere Abdachung eben.
3) Miil lateralis-, M. lateralis Say. (Fide Spec. Say.).
Vaterland : Nord-Amerika.
4) Mal. donaciformis n. sp. Schale dreieckig, bauchig,
weifs; überzogen mit einer dünnen Oberhaut. Hintere Abda-
chung eben, am Rande gekielt. Fundort: Südsee. — Capit.
Beechey's Expedition.
5) M. edulis\ M. edulis King, in Zool. Journ. v. 335.
Schale (jung?) eiförmig, dünn, weifs, glatt; mit einer dünnen,
M
olivenfarbigen oder röthlichen Oberhaut, die zwei erhabene
Ränder an der hintern Abdachung biklet. Hintere Abdachung
weifs; Seitenzähne kurz, dreieckig, Fundort: Port Famine. —
Capt. King.
c. Hintere Abdachung einfach.
6) M, Byronensis m sp. Schale eiförmig, schwach drei-
eckig, weifs, ziemlich stark. Seitenzähne dick, abgerundet, in
der Jugend dünner. Vaterland: Südamerika. — Capit Lord
Byron.
7) M, exalbida. Schale länglich eiförmig, weifs, ziemlich
dick. Wirbel etwas vorn. Die Seitenzähne kurz, dick. Der
vordere fast tubercular. Fundort: Südamerika. — Capit. P.
P. King.
VI. Gnathodon Gray, Rang, Sow. Rangia Desm.
Schale eiförmig, dreieckig, stark, weifs ; bedeckt mit einer
braunen knorpligen Oberhaut. Rand scharf, einfach. Wirbel
häufig zerfressen. Zwei Schlofszähne in jeder Schale; der vor-
dere der linken Schale breiter, zweispaltig; der hintere der
linken und die der rechten Schale gleich, klein, einfach. Hin-
tere Seitenzähne sehr lang, zusammengedrückt, quer gefurcht;
der vordere kürzer, runzlig, erweitert und oben fast dreieckig.
Mantelröhreneinbucht kurz, halb eiförmig. Schlofsknorpel in-
nerlich. Ligament innerlich, am obern Rande der sehr tiefen
Schlofsknorpelhöhlung, welche oft durch das Abreiben der
Wirbel oben offen ist. Thier: Mantelröhren kurz, getrennt.
Mantellappen vorn verwachsen. Sie gleicht Cyrena Cor in
der Gestalt der vordem Seitenzähne, und kommt mit MuU-
nia darin überein, dafs sie ein inneres Ligament hat.
1) Gnathodon cuneata Gray. Sow. Gen.; Rangia cy-
renoides Desmoulins Act Lin. Soc. Bord. IV. 58; Clathro-
don cuneata Conrad in Silliman's Journal, aus meinem
Manuscript.
Die Stadt Mobile in Nordamerika ist, wie uns Conrad
berichtet, auf weiten Lagern dieser Muschel erbaut, und sie
kommt überall auf der Alluvialküste des Golfs von Mexico,
zwischen Pensacola und Franklin, in Louisiana vor. Des-
95
m Olli ins sagt, sein Exemplar habe er aus tlcm See Pont-
chartrain, in Ost -Florida, nahe bei New -Orleans, der wahr-
scheinlich salzig ist, erhalten. Ich beschrieb mein Exemplar
nach zwei einzelnen Schalen, die aus einem Ballasthaufen in
Canada, wohin derselbe wahrscheinlich vom Golf gebracht war,
ausgesucht sind. Die Beschreibung wurde vor vielen Jahren
nach Amerika geschickt, aber nicht publicirt, w^eil die ameri-
kanischen Conchyliologen sie als eine Cyrena betrachte-
ten, und sie in ihren Sammlungen Cyrena truncata Lam.
nennen.
Fossile Quadrumanen.
Notiz.
An die bereits im vorigen Jahrgange Bd. 1. S. 376. mit-
getheilten Entdeckungen fossiler Affen, reiht sich eine neue,
durch welche unsere Kenntnifs fossiler Quadrumanen um eine
Art bereichert wird. Die Hrn. P. T. Cautley und H. Fal-
coner, denen wir bereits die Auffindung und Beschreibung
des Sivatherium verdanken, haben nämlich in der Te^tiärfor-
mation der Sewalik -Hügel, im nördlichen Hindostan, das
Sprungbein (^Astragalus) vom rechten Hinterfufsie eines Affen
gefunden, und dasselbe in einer genauen, bei der zoologischen
Gesellschaft zu London eingesandten Beschreibung mit dem
Sprungbeine eines Semnopithecus entellus verglichen. Ob-
wohl der fossile Knochen offenbar einer verschiedenen Art an-
gehört, so gleicht er doch dem Astragalus jener lebenden Art
sehr, sowohl in Gröfse, wie in der gesammten Gestalt. Er ist
vollkommen versteinert, hat ein specifisches Gewicht von etwa
2,8 , und scheint mit Eisenhydrat imprägnirt zu sein. Obgleich
nur dieser einzelne Fufsknochen gefunden war, so liefsen sich
doch an diesem die Beziehungen eben so sicher feststellen,
als wenn das ganze Skelet aufgefunden wäre. Indessen ver-
schoben die Entdecker die Mittheilung in der Hoffnung, auch
bald Schädel und Zähne zu finden ; letzteres ist inzwischen den
»6
Herren Baker und Durand geglückt, indem diese ein be-
trächtliches Fragment des Oberkieferknochens mit einer gan-
zen Reihe von Backenzähnen der einen Seite eines Quadruma-
nen entdeckten, welches indessen einer viel gröfseren Art an-
gehört, als das von Cautley und Fal coner aufgefundene
Sprungbein. Die Verfasser suchen die Seltenheit fossiler Af-
fenknochen daraus zu erklären, dafs die Ueberreste der Affen,
weil sie von Hyänen, Wölfen und Schakals so eilig fortge-
schleppt werden, noch jetzt in Indien, selbst da, wo grofse
Affengesellschaften die Mangobäume inne haben, höchst selten
gesehen werden, so dafs die Hindu meinen, die Affen beerdig-
ten ihre Todten bei Nacht. — In denselben Lagern mit dem
fossilen Sprungbeine fand sich Anoplotherium Sivalense F.
et C, Crocodilus hiporcatus und gangeticus, welche jetzt
noch den Ganges bewohnen. Mithin würden die Quadruma-
nen gleichzeitig mit einem Gliede des ältesten Pachydermen-
Geschlechts von Europa und noch jetzt lebenden Reptilien
existirt haben.
Aufserdem finden sich in denselben Lagern: Camelus si-
valensis F. C, eine Antilope, Elephant, Mastodon, Hippopo-
tamus sivalensis und dissimilis F, C, Rhinoceros, Schweine,
Pferde, zusammen mit dem Sivatherium giganteum, einem
riesenmäfsigen Wiederkäuer mit vier Hörnern, die wie bei den
Prunkhorn- Antilopen {Bicranoceras) getheilt und gelappt
waren. Ferner ein Moschusthier von Hasengröfse, Felis cri-
stata F» C, Hundearten, Hyäne, Vrsus sivalensis , ein Ra-
tel und andere Raubthiere. Von Vögeln: Stelzläufer, die noch
gröfser als Mycteria Argala sind. Aufser dem Gavial und
Magar (jCroc. hiporcatus^ andere Gaviale von enormer Gröfse
(JJ,j\ Leptorhynch. crassidens F. C), Schildkröten von ge-
wöhnlicher Gröfse aus den Gattungen Emys und Trionyx,
und dabei Oberarm- und Oberschenkelknochen, so wie Panzer-
fragmente einer Schildkröte, deren genannte Knochen so grofs
als die entsprechenden des indischen Rhinoceros sind. (Lond,
andEdinh Philos. Mag, OctoK 1837. Volii. p. 383.)
Einige Bemerkungen über das kaspische Meei*
vom
Staatsralh und Prof. E. Eichwald in Wilna*
JUiben damit beschäftigt, einen gröfsem Beitrag zur kaspisch-
kaukasischen Fauna erscheinen zu lassen, will ich unter-
dessen diesem Werke einige Bemerkungen über die Meeres-
bewohner des gröfsten Landsee's der alten Welt entnehmen
und sie vorläufig dem Publicum mittheilen.
Wenn gleich die gröfste Zahl der Fische des Meeres
Flufsfische sind, die jedoch als solche nicht an den Mündun-
gen der gröfsern Flüsse, also da, wo das Seewasser süfs Ist,
leben, so finden sich dennoch mehrere eigenthümliche Arten,
und zwar aus Gattungen, die bisher nur im salzigen Seewas-
ser beobachtet wurden, so dafs man schon daraus auf den Salz-
gehalt des Seewassers und auf die Selbstständigkeit des Mee-
res schliefsen darf. Dadurch wird die Ansicht derjenigen wi-
derlegt, welche sich das kaspische Meer vordem in Verbindung
mit dem schwarzen dachten und in beiden gleiche Seethiere
annahmen, wenigstens in jenem keine Arten, die sich nicht
auch in diesem finden sollten.
Wir wollen erst die Fische und, so viel es sich in der
Kürze thun läfst, auch die andern Meeresbewohner des kaspi-
schen Meeres namentlich aufführen, und dann den Unterschied
der Wasserbewohner beider Nachbarmeere zeigen, um die
Selbstständigkeit der kaspi sehen Fauna zu erweisen.
Die zahlreichste Fischgattung in diesem Meere bilden die
Cyprinen, von denen — aufser vielen Arten, die in der Wolga,
im Ural, Terek und Kurflusse leben — aucli einige nur die-
sem Meere und seinen Flüssen ganz eigenthümlich sind.
IV. Jahrg. 1. Band, 7
98
Zu diesen letztem gehören vorzüglich der Cypritms iny-
staceus Fall, (mursa Güld.), der C. capito Güld, und C.
fundulus Fall, (capo'eta Güld.\ welche aus dem Meere den
Kurflufs hinaufsteigen und selbst bei Tiflis und oberhalb der
Stadt im Kur gefangen werden; zu ihnen gesellt sich noch
der Cypr. chalcoides Güld. (cliipeoldes Fall.), der eben so
häufig, wenn nicht häufiger, den Terek hinaufsteigt und auch
im Kur lebt.
Alle diese Fische finden sich nicht im schwarzen Meere,
eben so wenig wie der Cypr. persn GmeL, der in der Süd-
hälfte des kaspischen Meeres in Gesellschaft des Cypr. cha-
lyheatus PalL (bulatmai Gmel.^ lebt und hier nur selten die
Mündungen der Flüsse hinaufsteigt.
Zu den häufigsten Fischen , die aber ^uch zugleich das '
schwarze Merr bewohnen, gehören der Cypj\ cephalus PalL
(kutum persisch genannt), der Cypr. cultratus Güld. (per-
sisch hilintschhalucTi) y der Cypr. rapax Fall. *) und car-
pio L.; vorzüglich sind die Karpfen durch ihre Gröfse (gar
nicht selten sind sie ellenlang) bemerkenswerth, worin sie de-
nen des schwarzen Meeres nicht nachstehen, so dafs sie viel-
leicht als eigne Art aufgestellt werden könnten.
Zu diesen Flufsfischen gesellen sich noch die gewöhnli-
chen Cyprinen,. wie C. hrama, vimba, dohula, grislagine,
nasus, idus, erythrophthalmus, hallerus, tinca u. a. ra.
Von Cobitis-Arten finden sich in der Wolga Coh. harha-
tula und taenia L., aber in einem Meerbusen im Norden von
Lenkoran lebt eine neue Art:
Cobitis caspia m.
E fusco nigroque nebulosa, media fascia e fusco violacea
longitudinali.
Corpus compressissimum, molle, squafiiarum loco regulä-
res impressiones ubique conspicuae, membrana branchiostega
subtus connexa, apertura branchialis ad latus utrinque hians;
1) Er findet sich im Kur sehr häufig und unterscheidet sich vor-
züglich durch eine gröfsere Anzahl aller Flossenstrahlen (von denen
die erste in den Brust- und Bauchflossen weichstachlig ist) und durch
Längsstreifung von Ci/pr. aspius L. {i'apax Pall?)\ daher hatte ich
ihn früher auch Cyjtr. taeniatus genannt (in meiner Zoolog, special.
T.IIlpag.idZ).
9Ö
aculeus sub oculo antrorsiim sitiis, incnrviis, ad basin divisus;
OS edentiilum , caput nigromaculatum; dorsiim e fusco iiigro^
qiie nebiilosum, maculis passiin evanidis, taenia longitudinalis
fusca cobaereiis, distincta nee interrupta. * '
Radii p. dors. 7, pect. 7, abdom. 6, anal. 6, caud. 15.
Radü pinnae dorsalis et analis longissimi, pinnis hisce nigro-
punctatis, pectorales vero et abdominales excoiores, caudalis
basi nigra.
Longitudo corporis 2 poll. 8 lin., ad extremam usque
caudam computata; altitudo 5 lin. accedit.
Aus der Gattung der Clupeen findet sich im kaspischen
Meere nur eine Art, die von Güldenstädt i\\v Clup. Alosa
und von Pallas für Clup. Filtschardus gehalten worden ist;
am nächsten steht sie der Clup, finta Cuv., unterscheidet sich
aber auch von ihr und bildet eine neue Art, die so zu cha-
racterisiren wäre:
Clupea caspia m.
Exaltata, pinnae dorsi radiis 13, caput maximura, maxilla
utraque aequali.
Macrolepidota, alta, squamae facile deciduae, abdomen
tenuiter serratum, aculeis serraturae inter pinnas pectorales et
abdominales paullo conspicuis, post abdominales magis emet*-
gentibus; habito corporis longitudinis relatu, europaearum spe-
cierum longe latissima.
Caput maximum, lamina subocularis osque tympanicum
serrata, dentes utriusque maxillae exigui, linguae nulli, at paullo
majores ossis vomeris et palatini; inferior maxilla medio sub-
tus late hians, foveam scilicet profundam, ovatam inter utrutn-
que ramum maxillarem offerens, maxilla superior apice pro-
funde excisa, quod solet in Alosis Cuv.; lamina subocularis
in antica praesertim parte inferiore serrata, at profundius ser-
ratum OS tympanicum ad inferiorem ejus partem ; lamina bran-
chialis superior striato-sulcata , veiuilosa, venulis ramosis cre-
brioribus huc illuc decurrentibus.
Quatuor pluresve maculae adesse videntur post operculum
branchiale, in servato specimine minus tamen conspicuae; os
nigro maculatum, nigra quoque macula ad juncturam posterio-
rem rami maxillae inferioris obvia, basis pinnarum pectoralium
100
et abdommalium nigerrima ; pinnae abdominales sub initio pin-
nae dorsalis fix,ae.
Pinn. D. 13, Pect. 15, Abd. 8, An. 18, Caud. 19. Lon-
gitudo corporis totius cum caudali pinna 7 polL, longitudo ca-
pitis a rostri apice ad extremam laminam branchialem 1 poll.
10 lin., altitudo capitis 1| poll., altitudo trunci ultra 2 poll.
«xcedit.
Dieser Art zunächst steht die Clupea des schwarzen
Meeres', die sich jedoch durch folgende Merkmale von ihr
und der Clup. finta Cuv., wofür ich sie früher ^) genommen
hatte, unterscheidet.
Clupea pontica m.
Elongata, pinna dorsi 15 radiata, caput mediocre, macula
post operculum nigra.
Caput quartam fere totius corporis partem tenet, non com-
putata cauda; dentes in utraque maxilla, majores in lingua,
longitudinali serie dispositi, et alii in vomere, osseque palatino
utroque ; maxillae superioris apex, illius instar, profunde emar-
giriatus, lamina opercularis superior radiätim sulcata, nigro-
punctata, nuUis venulis notata, simplex macula nigra major
post operculum branchiale obvia; inferioris maxillae ramus
uterque subtus connivens, nee foveam profundam ut in cas-
pia, inter se includens; abdomen serrato-acutum , cauda
bifurca.
Pinn. D. 15, Pect. 15, Abd. 9, An. 20, Caud. 19. Cor-
pus 7 poll. 8 Ijn. longum, solum caput 1 poll. 8 lin., pin.
abd. sub antica pinn. dorsal, parte sitae. Squamae minoresj
valde fluxae. ,,
Eben so besitzt auch die Gattung Atherina eine bishei
für hepsetus gehaltene Art, die aber von dieser sowohl, wie
auch von der im schwarzen Meere lebenden Art, verschieden
ist und sich von beiden durch folgende Merkmale unter-
scheidet:
Atherina caspia m.
Incrassata, caput laeve, oculus maximus, extrema caudf
eo multo angustior, anus profunda fovea ovali exceptus.
Dorsum rectum, frons vix declivis, granulata, nee ossi
2) Zoolog, special. IIL pag. 98,
[
loi
frontalia porosa, ut in p optica, apex maxillae iiiförioris pro-
ininulus, ad supremum fei'e orbitae marginem accedens, carina
frontalis inter oculos minus conspiciia, anteriora versus magis
cminens; uterque ramus maxillae inferioris subtus imbrieatim
tubulosus, postice ab invicem remotus foveamque vix conspi-
cuani anteriorem constituens. Iris aurea supra nigromaculata,
dentes numerosi maxillares exigui, alii mediae linguae majores,
alü in ossibus palatinis obvii.
Distantia ab antico oculi margine ad rostri apicem minor
diametro ipsius oculi ; altitudo caudae extr^mae vix superiorem
marginem lentis oculi accedens, ideoque u^a saltem linea mi-
nor ejus diametro.
Pin. abdom. ante p. dorsi priorem sitae, anaüs pinnam
dorsi secundam paullo excedens.
Longitudo corporis caudaeque 4'poll. 8 lin., altitudo ejus
supra p. abdom. 7 lin. et'crassities hoe loco 5^ lin. accedit.
Fovea anum excipiens 3 lin.: longa, et 1 lin* lata, pro-
funda^ squamis destituta. /
Fascia lateralis argentea, lata, recta, squamarum dorsar
lium margines nigro punctati*
Pin. D. 8. D. IL 12. Abdom. 6. cum appendice triangu-
lär! interna. An. 15 — 16.
Auch die Atherina des schwarzen Meeres ist von der
Ath. presbyter Cuv., für welche icli sie früher 3) gehalten
hatte, verschieden, und wird am füglichsten durch felgendje
Merkmale characterisirt :
Atherina pontica mi
, Minor, dorso abdomineque minus crassis, acutioribus,
anus nulla fovea exceptus.
Caput minus, quam in Atherina hepseto L., quocum
magis videtur congruere, quam cum Ath. presbytero Cuv.,
ideoque sexies cum dimidio totam corporis longitudinem ex-
cedit; carina frontalis a rostro inter orbitas decurrens, utra-
que carinae parte laterali excavata, ossa frontalia ibidem po-
rosa, laminae infra ocularis osseae instar subtiliter perforato-
porosae.
Distaötia apicis rostri ab antico oculi margine multo mi-
3) Zoalo'^. special Hl jmg. 1%
m
nor (saltem una linea) diametro ipsius oculi (in Ath. hepseto
utraque dimensio aequalis), altitudo caudalis extremae partis
multo quoque minor diametro oculi, licet paullo major quam
illa rostri distantia; in Ath. hepseto utraque caudalis partis
extremae et oculi dimensio subaequalis.
Maxillae inferioris uterque ramus subtus imbricatim tubu-
losus, posteriora versus subtus ex toto invicem clausus vel con-
nivens, anteriora versus inter utrumque ramum profundam fo-
veam includens.
In ceteris corpus magis compressum, dorso abdomineque
obtuso-acutiusculis, latitudo corporis non f, sed ^ altitudinem
accedit ideoque minus crassa, quam Ath. hepsetus; linea late-
ralis recta non incurva, ut in hac.
Pin. D. 8. D. IL 12. Abd. 15. An. 15 — 16.
Pinnae abdominales ante p. dorsi I. sitae, pin. analis dor-
salem secundam excedens.
Superior oculi pars, frons et os nigra.
Longitudo corporis cum cauda 3 poU. 7 lin., altitudo ^
poll., longitudo capitis inde ab apice maxillae superioris ad
extremam laminam branchialem 8 lin., altitudo capitis supra
oculum 4^ lin. accedit.
Quoad corporis formam potius conf. cum Ath. hepseto,
at Caput non ita declive, nee ipsum corpus ita longum et cras-
sum; quoad parvitatem accedit magis ad Ath. Mochonem Cuv.,
quam ad illam, altiore tamen cauda ab ea recedens.
Das kaspische Meer besitzt auch einige neue Gobiusarten (den
Gobius sulcatus m., affinis m. und caspius m.), ja sogar eine
neue Gattung aus der Familie der Gobien, die ich Bentho-
philus genannt habe*), und die im schwarzen Meere nicht
beobachtet wird, während in diesem viel zahlreichere, ganz ei-
genthümliche Formen von Gobien bemerkt werden.
Benthophilus m.
Caput depressum, dilatatum, alepidoti trunci instar verru-
cis aculeigeris undique obsitum, operculum branchiale aculeato-
verrucosum, apcrtura branchialis exigua lateralis, pinnae ab-
dominales sub pectoralibus infixae medio connatae, pinna Dorsi
duplex, priore 3 radiata.
4) In Nov. Act. Acad. sc. petrop. Vol. L p. 52.
103
lienthophilus macroceplialus m.
(Gobiiis macroceplialus Fall.) \
Verrucosus, verrucis aculeigeris per tres series longitudina-
les utrinque in truiico obviis, superne fuscus, subtus argenteo-
albus.
Caput postice dilatatum, antice sensim acuminatum, utra-
que maxilla aequali immer osissimis dentibus per plures series
obviis stipata, os latiusculum, semicirculare , at multo minus
amplum, quam quod ab ili. Pallasio describitur ac delinea-
tur ''), qua sc. figura propter latissimum caput alia, quod vi-
detur, species indicatur; frons impressa granulis aspera, genae
autem maxillaeque nuraerosis verrucis majoribus corneis acu-
leigeris obsitae, exiguum operculum et ipsum occupantibus, emi-
uentia cornea plana post oculum prominula, lateralis; radii
branchiostegi 5, gula et pectoralis regio ad anum usque laevis;
dehinc acuta cauda oborta.
Truncus post amplum occiput subito decrescens volmnine,
utrinque ad pinnam dorsi priorem profunde impressus, cauda
deinde compressa, nee lata, qualis apud ill. Pallasium de-
lineatur, tribus seriebus verrucarum, aculeis^ munitarum, obsi-
tus, media serie parum conspicua. Maxiüa superior scaber-
riraa, inferior longissima; oculi majores superL
Pin. D. I. rad. 3, D. IL 9 molliores, simpliees, illis bre-
viores, Pect, circiter 16, Abdom. bis 5, singulis radii» latis,
filamentosis , diremptis, utraque pinna^ media pellicula interce-
deute, connexa, acuto-ovata, analis elongata 6 radiata, caudalis
13 radiata. Pinnae abdominales sub pectoralibus sitae ad ana-
lem usque pedunculum pertingentes ; pectorales carnosae in-
fixae basi, ad aperturam branchialem semicircularem nee nisi
ad latus hiantem accedenti.
Longitudo totius corporis 2 poll. 2 lin., maxima capitis
versus posteriora latitudo 8 lin., oris 4 lin., ut itaque capite
oreque minus amplis praeprimis recedat a Gobio macrocephalo
Pall., multo majore.
Gobius %ulcatus m.
Incrassatus, fronte sulco semicirculari exarata, radiis
omnium pinnarum robustissimis , incrassatis, filamentosis.
Hab. cum insequente in sinn bolchanensi caspii maris.
Flavo-fuscus, nigromaculatus, macula pinnae dorsalis prio-
i04
ris maxima, basi secundae nigrescente; caput dilatatum, buc-
catum, regio interocularis transversam oculi diametrum acce-
dens, sulcus frontalis a naribus imius lateris ad illas alterius
excurrens, semicircularis, orificium pori glandulosi eidem post-
positum ac recessus profundior eidem antepo^itus, nares oculo
utrinqae propius sitae quam rostro, genae tumidissimae , in-
erassatae.
Pinnae pectorales latae elongatae, ad sextum usque pin-
nae dorsalis secundae radium pertingentes; abdominales con-
nexae multo breviores ad pedunculum usque analem acceden-
tes, anum contegentes ipseque pedunculus ibi lata basi ortus.
Longitudo totius corporis cum caudali pinna 3 poU. 9 lin.
accedit, caput 9 lin. ad operculum usque branchiale extensum,
una cum operculo, subpollicare; altitudo corporis supra pin-
nas abdominales 1^ lin. accedens, ut quintam, fere quartam cum
dimidia totius corporis (cum caudali pinna simul sumpta) ex-
hibeat; crassities hoc loco semipollicaris ; at regio buccalis 9
lin. erassa, altitudo partis caudalis 4 lin. Pinnae pectorales
41 lin., abdominales 8 lin. longae, eaeque expansae ab uno
radio extreme basali ad alterum prope pelliculam latam 4 lin.
hiant.
Omnes squamae longitudinaliter et subtilissime striatae,
pleraeque acutae, reliquae subrotundae.
Radii pinnarum eodem, quo in sequente, numero, at omnes
crassiores, dirempti, ramentosi.
Gobius affinis m.
Compressiusculus, superne passim nigro maculatus, maxilla
inferior paullo brevior superiore, pinnae pectorales et abdomi-
nales elongatae, maximae.
Caput anteriora versus obtuso-acuminatum, exiguum, ge-
nae non tumidae, nares oculo propius appositae, nee itaque
ut in G. nigro L. mediam distantiam inter eum et rostri api-
cem servantes; regio internasalis paullo elevata, prominula; la-
titudo regionis interocularis dimidiam diametrum transversam
oculi paullo excedens; sulcus Ä-ontalis transversus nullus.
Corpus fuscum, caput dorsumque nigro maculata, pinna
dorsi prior postice et basi pinnae pectoralis magna macula
nigra notata; utraque maxilla paullo carnosa, inferior paullo
brevior "superiore, latiore.
105
Latera corporis plana, 'cauda 'compressa, linea lateralis
nulla.
Longitudo corporis cum caudali pinna 3 poll. 5 lin., ca-
pitis ad operculum usque branchiale 81in., cum operculo vero
10| lin. acedens; crassities capitis maxima sub utraque ma-
xilla 4 lin., et quod excurrit; summa trunci altitudo sub pinna
dorsi priore 7 lin., crassities ejus hoc loco 5 lin., ideoque
alia omnino, quam inG. nigro, cujus altitudo eadem est cum
corporis crassitie.
Longitudo pinnarum pectoralium, basi earum carnosa non
computata, 9 lin. accedit, ut itaque supra 5 radios pinnae dor-
salis secundae et 3 pinnae analis priores expandantur; longi-
tudo pin. abdominalium connexarum 8 lin., eaeque supra anum
ad extremum apicem pedunculi tubuliformis excedunt, quintam
itaque partem totius corporis tenentes; pectorales vero pinnae
quartam et quod excurrit partem corporis adimplentes, nee
itaque ultra quintam, quod solent in G. nigro, longitudine cor-
poris prae nostro excellente. Squamae pleraeque subrotundae,
aliae acutiusculae, subtilissime striatae, margine passim serrato.
Radii p. D. I. 6, II. 46, Pect. 18, Abd. 12, Anal. 13,
caud. 15.
Gobius caspius ta,
Fusco-niger, pinnis atris, capite incrassato, genis tumidis-
simis, buccatis, corpore antice obeso.
Maxilla superior longior inferiore, oculi prominuli, labia
carnosa tumida, dentes, ut in antecedentibus , aciculares, mi-
nuti, numerosi.
Pinnae abdominales minores, ad duas lineas ab ano remo-
tae, ad apicem usque connatae, angusta pellicula eaque crassa
utrinque paullo excisa, pinnae pectorales latlssimae rotunda-
tae; omnium pinnarum radii incrassati, longiores, ramentosi. ,
Longitudo totius corporis 6 poll. accedit. Pinn. dors. I. 6,
IL 16, pector. 18 — 19, abdom. 12, anal. 13, caud. 13, ideo-
que radiorum numero a G. nigro L. recedit.
Ich will jetzt noch der übrigen Flufsfische erwähnen, wel-
che im kaspischen Meere an derMi'indung der gröfsern Flüsse
leben; dahin gehört die Perca ßuviatilis und Lucioperca San-
dra Ciw., die auch südlich im Murdofschen Golfe unfern Len-
korau vorkommen. Von Salmoncu ündeu sich vorzüglich S»
106
eriox L., solar L., leudchthys Güld., die weit häufiger im
Kur und Terek als in der Wolga angetroffen werden; liier
lebt auch S. hucho L.
Aufserdem bewohnen noch das Meer und dessen Flüsse:
Esox lucius L, , Silurus glanis L. , Petrojnyzon fluviatilis
L. und marmus L., so wie die grofse Schaar der Störe,
die weit und breit das Meer durchziehen, wie A. Gülden^
städtii BrdL, huso L., stellatus L., schypa Fall, und ru-
thenus L.
Endlich besitzt das kaspische Meer noch ein Paar neue
Arten Syngnathij die bisher mit Unrecht für S. acus L. und
pelagicus L. galten, nämlich:
Syngnathus nigrolineatus m.
E fusco cinereus, heptagonus, cauda tetragona, scuta ab-
dominal ia 15, caudalia 37, margines scutorum acuto-prominuli,
abdominali nigro.
Rostrum elongatura, carina inter orbitas ob via, occiput
supra branchias utrinque profunde impressum, membrana-
ceum; corpus feminae multo crassius illo maris, medio tumi-
dum, e fusco cinereum, scutellis singulis tenuissime nigrostria-
tis, margine laterali supra anum sensim adscendente, et post
pinnam dorsi in dorsalem illum caudae excurrente, cumque eo
itaque confluente.
Cauda tetragona, subtus latiore (feminae), at dilatata, ex-
cavata (maris), pro ovulis ibidem gestandis et evolvendis, ex-
trema cauda utriusque sexus quadrangulari, attenuata. Rostrum
maris brevius, tenuius, abdomen et ipsum, si non brevius, tamen
angustius, macilentum, at cauda in proliferis latior, tumidior.
Margo abdominis medius semper nigerrimus, speciei ,no-
men dedit; pinna dorsi 33 radiata, albida, inimaculata. Ro-
strum sextam circiter partem corporis tenet.
Syngnathus caspius m.
Rostrum brevissimum, truncus obtuse heptagonus, margo
lateralis post pinnam dorsr cum dorsali caudae margine con-
fluente, pinna anali nulla; scuta abdominis circiter 16, caudae
circiter 37.
Rostrum exiguum, teres, cauda tetragona, antica ejus pars
larainas subtus proliferas figens, brevior, quam reliqua extrema.
Caput minimum, uoüam fere totius corporis partem teuens.
i
, 107
oculi in medio rostro tumidiore et brevi infixi, antica parte
caudae dimidiae prolifera, tuniida, dilatata; proliferae laminae
incrassatae, nullis loculis instructae, prole jamjam egressa.
Vertex inter oculos carinatus, operciilum argenteum; ubi
duo corporis scuta conveniunt, id flavo^fuscum, quasi obscu-
rius fasciatuin.
Longitudo corporis 3 poll. 5 lin. accedit, minimum caput
1 poll. 2^ lin. ab ano remotum.
Pinna D. 33 mollis, excolor, transparens, Pect. 10, Caud.
10. Analis minima. ^
Dies sind also die Fische des Meeres, von denen die
neuen Arten nur diesem Meere angehören, und nur verwandte
Arten im schwarzen Meere beobachtet werden.
Weniger ausgezeichnet sind die Amphibien des Meeres;
unter ihnen ist die Clemmys caspia besonders bemerkens-
werth, da sie bisher noch nicht im schwarzen Meere aufgefun-
den ist und dem kaspischen Meere eigenthümlich wäre, wenn
nicht etwa dieselbe Art auch im adriatischen vorkäme, was um
so auffallender ist, da sie weder im schwarzen, noch im Mit-
telmeer bisher beobachtet wurde.
Der Tropidonotus hydrus galt vordem ebenfalls fiir eine
dem kaspischen Meere eigenthiimliche Schlangenart; allein da
ich sie auch bei Odessa im schwarzen Meere beobachtet habe,
so ist sie als beiden Meeren gemeinschaftlich anzusehen.
Der Tropidonotus scutatus Fall, ist zwar bisher nur ira
kaspischen Meere beobachtet worden; allein er scheint mir
eine schwarze Abart des Trop» Natrix zu sein und daher
nicht als eigne Art gelten zu können. Dasselbe gilt auch von
Trop. persa Fall, der offenbar dieselbe Art mit Trop. Na--
trix und murorum Fitz. ist.
Die Ufer des Meeres haben dagegen viele eigenthünjliche
Amphibienarten, von denen hier jedoch keine Rede sein kann;
dahin gehören vorzüglich Tomyris {Na/a) oxiana jn., Fsum-
mosaurus caspius m., der über 5 Fufs lang wird, die vielen
Phrynocephalen und Trapelen, der zierliche Gymnodactylus
caspius m., der Trigonocephalus halys^ van caragana
u. dgl. m.
Weniger ausgezeichnet sind die Krustenthiere als Bewoh-
ner des kaspischen Meeres ; dalün gehören vorzüglich ein neuer
108
Gammarus caspius Fall, und ein neues Stenosoma pusil-
Tum Tti. Aufserdem lebt aber im Meere und zwar an seinem
südwestlichen Ufer der Flu fs krebs des südlichen Rufslands,
Astacus leptodactylus Eschh., der sich jedocli auch im schwar-
zen Meere, im Dnjester u, a. Flüssen, wie in der Kama, Me-
scha, Wolga u. s. w. findet. Die kaspische Abart ist immer
klein und in jeder Hinsicht zierlicher, während die pontische
wenigstens 2 mal, oft 3mal so grofs wird, ihr jedoch in jeder
Hinsicht gleicht. Dieser Krebs gehört zu denjenigen Thieren,
die eben so gut im Flufswasser, als auch im salzigen Seewas-
ser leben.
An Schalthieren ist das Meer reicher, aber im Ver-
hältnifs zum schwarzen Meere auch darin sehr arm zu
nennen.
Aufser einigen sehr kleinen Paludinen und Neriten finden
sich gegenwärtig nur zweischalige Arten im Meere lebend; da-
hin gehören vorzüglich Cardien, wie das Card, edule L.,
das allein als lebende Art angesehen werden darf, da die übri-
gen, wie C incrassatum m., trigonoides Fall, und rusticum
L, nur in leeren Schalen fast alle Ufer des Meeres bedecken,
und jene zwei dem Meere eigenthümlich sind. Dazu gehört
auch die von mir als Corhula caspia aufgestellte Ait, die je-
doch eben so wenig lebt, sondern nur in ausgestorbenen Scha-
lenresten die Ufer bedeckt. Vielleicht finden sie sich noch
lebend in der Tiefe des Meeres, wo auch die Venus- und Do-
Daxarten vorkommen könnten, die unter allen am seltensten
einzelne Trümmer ihrer vormaligen Existenz in diesem Meere
an seinen Ufern zeigen.
Zu den lebenden Arten gehören ferner die Dreissena
polymorpha, der Myülus edulis, und endlich eine der Gly-
cymeris verwandte Gattung, Hypanis Fand., die mehrere neue
Arten im kaspischen Meere besitzt, so Hyp- plicata m., die
jedoch auch im Don, Dnjestr, Bug u. a. Flüssen, so wie im
asowschen und schwarzen Meere angetroffen wird, und eher
eine Seemuschel zu nennen wäre, die nur zufällig jene Flüsse
hinaufsteigt. Zu den andern bisher von mir nur im kaspischen
Meere beobachteten Hypanisarten gehört die Hyp- lacvluscula
und vitrea m,\ auch Pallas 's Mya edentula scUieM sich au
sie an.
I
109
Von niedern Seethieren hat Pallas noch eine Nercis
noctiluca in der nördlichen Hälfte des Meeres beobachtet.
Pflanzenthiere sah er nicht, eben so wenig wie ich, und
wenn liin und wieder in naturhistorischen Werken von einer
Corallina ^) oder einem ähnlichen Zoophyten, als einem Be-
wohner des kaspischen Meeres, die Bede ist, so wäre darun-
ter wohl, wie es scheint, eine Alge zu verstehen, wie ich de-
ren auch zwei Arten (die Chondria obtusa Ag, und die
Polysiphonia fruticulosa Grev. zuerst im Meere an der
Küste von Derbend und im balchanischen Meerbusen beobach-
tet habe, aufser der Ulva intestinalis, die auch im süfsen
Wasser lebt, während jene beiden nur Bewohner des Meer-
wassers sind. Sie finden sich sehr häufig im adriatischen
Meere, bei Venedig und Triest, und zeigen dadurch, dafs auch
ein ähnliches Vorkommen der Algen beide Meere einander nä-
hert; im baltischen Meere finden sie sich nicht: daher darf
man in dieser Hinsicht keine Verwandtschaft mit diesem Meere
und dem kaspischen annehmen, aber schon aus dem Vorkom-
men dieser Seöalgen auf den Salzgehalt des kaspischen Mee-
res schliefsen.
Die Armuth des kaspischen Meeres an Seethieren zeigt
sich vorzüglich, wenn man diese mit den so zahlreichen Be-
wohnern des schwarzen Meeres vergleicht. Hier finden sich
Delphine aufser den Phoken, die auch im kaspischen Meere
häufig sind, vorzüglich aber viele Fische, so die vielen Arten
von Rochen und Haien, welche gänzlich dem kaspischen Meere
fehlen; nächstdem eine Menge anderer Fische, so mannich-
fache Arten aus den Gattungen Blennius, Trachinus, Calliony-
mus, Pleuronectes, Scomber, Trigla, Sciaena, Scorpaena, Mul-
lus, Mugil, Cottus, Labrus, Spams, Belone, Engraulis u. v. a.,
die man vergebens im kaspischen Meere suchen würde.
Von Schalthieren finden sich noch mehr Gattungen
in den schönsten Formen, so Arten derOstrea, Solen, Teredo,
Mactra, Pecten, Tellina, Lucina, Chiton, Patella, Baianus, Tro-
chus, Turbo, Rissoa, Nassa, Buccinum, Conus, Mitra, Cerithium,
Spirorbis u. dgl. m. Auch Medusen beleben in vielfachen
^) Menetries, cafa/ogue raisonne des objets de Zoologie, re
cueiUis dans un voyage an Cavcase. Petersb. 1832. />. 75.
110
Arten das Meer, und Krebse ans den Gattungen der Or-
chestia, Cancer, Carcinus, Crangon, Pagurus, Palaemon, Bopy-
nis, Sphaeroma u. a. finden sich häufig an allen Küsten; zu
ihnen gesellen sich Nereiden, Celleporen und andere kleine
Phytozoen und mancherlei Fucusarten.
Dies mag als ein kleiner Beweis dienen, wie grofs die
Verschiedenheit der Fauna des schwarzen Meeres von der des
kaspischen ist, und wie wenig daraus eine ehemalige Verbin-
dung beider ^Meere angenommen werden kann.
Wenn gleich in der Steppe zwischen dem asowschen und
dem kaspischen Meere durch den Manytsch und den Kamaflufs
auf eine vormalige Verbindung beider Meere geschlossen wer-
den könnte, so darf sie doch nicht in den ersten Jahrhunder-
ten unserer Zeitrechnung angenommen werden, vielmehr miifste
eine Verbindung der Art noch lange vor Herodot stattge-
funden haben, da schon der Vater der Geschichte, so wie
Aristoteles, das kaspische Meer ein in sich geschlos-
senes nennt. War also je diese Verbindung zwischen beiden
Nachbarseen wirklich vorhanden, so kann sie nur in jene Zeit
der Tradition versetzt werden, in der die Argonautenfahrt un-
ternommen wurde, und zwar in der Richtung, wie sie der an-
gebliche Orpheus besungen hat. Er führt nämlich seine Aben-
theurer vom Phasis in das asowsche Meer und von da in den
Tanais, aus welchem sie in das Eismeer gelangen, — ein Was-
serweg, der damals vielleicht wegen höhern Standes des kas-
pischen Meeres, das sich weit nortwärts erstreckte, möglich
gewesen sein mochte. — Damals bildeten vielleicht alle die
ostwärts vom Ural liegenden Seen, bis zur barabinskischen
Steppe, mit dem Eismeere eine Wassermasse. Dies war aber
eine vorhistorische Zeit, die wohl mit der Deucalionischen
Wasserfluth zusammenfallen könnte.
Seitdem sank die Oberfläche des kaspischen Meeres, und
ist gegenwärtig um 100 Fufs niedriger als der Wasserstand
des schwarzen; aber auch diese engen Grenzen nahm das Meer
nach dem Absatz der Tertiärkuppen an den einzelnen Küsten
ein, so dafs auch sie in eine entfernte Periode der Erdbildung
fallen.
Daher finden sich in diesen Tertiärhügeln versteinerte Mu-
scheln und Schnecken, die jetzt nicht mehr als Bewohner des
< 111
Meeres vorkommen, obgleich sich mit ihnen ztigleich andere
Arten finden, die noch jetzt im Meere leben. Zu diesen ge-
hört vorzüglicli die Drcissena polymorpha ^ Mytilus cdulis,
Cardlum edulc oder eine verwandte Art, die schwerer zu
bestimmen ist, da sie nur stark zertrümmert vorkommt. Zu
den Arten, die als ausgestorbene Meeresbewohner angesehen
werden können, gehören vorzüglich einige zierliche Rissoen,
wie R, caspia, dimidiatay conus m. u. a. Unter ihnen finden
sich auch einige neue Paludinen, wie Pal. exigua m. und Pah
jmsilla m., selbst FaL impwa fossil, wie sie noch jetzt mit
einer neuen Art das Meer bewohnt.
An der Ostküste von Tükkaragan stehen dagegen die Ter-
tiärkuppen in höhern Hügelketten an, und enthalten in einer
sehr bröcklichen Kalkmasse, ohne alles Bindemittel, nichts als
Schalentrümmer einer undeutlichen Muschelart, die ich vorläu-
fig Crasatella caspia m, genannt habe. Weiterhin sieht man
einen andern Tertiärkalk, der ganz und gar aus kleinen, zier-
lich gewundenen Spirorben {Spir, serpulifovmis m.) besteht.
Auch hier finden sich Kalkkuppen, die meist aus Mytilen,
so wie aus Cardien und Venus-ähnlichen Gattungen bestehen,
aber so stark zerbrochen sind, dafs sie nicht näher bestimmt
werden können.
So geht denn auch aus der Betrachtung der nächsten Ter-
tiärgebirge der West- und Ostküste (au den andern Küsten
scheinen diese Ilügelkuppen gänzlich zu fehlen) deutlich hervor,
dafs selbst die vorweltliche Fauna des Meeres eben nicht rei-
cher war, als es die gegejiwärtige ist. Und sollte das schwarze
Meer damals dieselbe Fauna besessen haben und diese nicht
etwa späterhin, nach dem Durchbruch der Dardanellen aus dem
Mittolmeere, eingewandert sein, so wäre es allerdings nicht zu
begreifen, wie das kaspische Meer durch seine frühere Verbin-
dung mit dem schwarzen nicht zahlreichere Formen von Schal-
thieren erhalten hätte.
Eine frühere Verbindung der Art würde vielleicht auch
die Annahme voraussetzen, dais beide Meere ein gleich gesal-
zenes Wasser gehabt hätten und noch haben müfsten; allein
auch dies ist wenigstens gegenwärtig nicht der Fall, und läfst
sich auch für die Vorzeit durch nichts erweisen; im Gegen-
theil war bei Griechen und Römern (wie z. ß. Plinius und
112
Strabo versichern) die Annahme ziemlich allgemein, dafs das
Wasser des kaspischen Meeres süfs sei, wie man dies auf dem
Zuge Alexanders d. Gr. und des Cnejus Pompejus nach dem
kaspischen Meere erfahren haben wollte; man glaubte es um
so mehr, weil man in dem Meere Schlangen (den Tropido-
notus hydrus und Natrix, var. scutatus Fall.) in grofser
Menge beobachtet hatte. Allein neuere Beobachtungen lehren,
dafs Schlangen auch im salzigen Seewasser, selbst des gro-
fsen Oceans leben, und dann wäre es ja auch durch nichts
erklärbar, wie das Meer erst späterhin sich in einen Salzsee
umgewandelt hätte. An den Küsten hat das Meer noch jetzt
da, wo sich grofse Ströme in dasselbe ergiefsen, wie am Aus-
flusse der Wolga, des Ural, Terek und Kur, weit und breit
ein so süfses Wasser, dafs es getrunken werden kann, aber
weiterhin nimmt die bittersalzige Beschaffenheit des Wassers
so zu, dafs es für den Genufs durchaus untauglich wird und
daher vom Flufswasser völlig verschieden ist. Es ist jedoch
sehr wahrscheinlich, dafs im Laufe der Jahrhunderte das See-
wasser des kaspischen Meeres immer salziger geworden ist,
und dafs gerade dieser allmälig erhöhte Salzgehalt, vorzüglich
eine starke Anhäufung des Bittersalzes ^), die Ursache des Ab-
sterbens seiner Meeresbewohner wurde, wie eine ähnliche, nur
noch weit stärkere Anhäufung der Salze die völlige Thier-
armuth des todten Meeres bedingt; dies Meer ist nämlich so
reich an Salzen, dafs kein Fisch, keine Muschel, auch kein
anderes Seethier in ihm leben kann.
Da in der Nähe des kaspischen Meeres, vorzüglich um
Baku, Sallian und nach der Ostküste hin, auf der Insel Tsche-
lekän, so viele und so mächtige Salzniederlagen vorkommen,
so ist es sehr wahrscheinlich, dafs das Seewasser immer mehr
Salztheile auflöst und in sich aufnimmt; dadurch mufs es bei
steter Verdunstung des Seewassers in heifsen Sommern immer
salziger werden und mithin der Lebeuserhaltung der Seethiere
immer mehr gefährden: dies also wäre der Hauptgrund der
jetzigen Thierarmuth des Meeres.
6) S. meine Reise auf dem kaspischen Meere Bd. I. Abth. 1. p. 136.
Ueber das Gebifs des Wallrosses
vom
Herausgeber.
(Vorgetragen in der Gesellschaft naturforschender Freunde zu Berlin
im Juli 1833.)
Mit vollem Rechte hat die neuere Zoologie auf die Keniit-
nifs des Gebisses der Rückgratsthiere entschiedenen Werth ge-
legt und es zum Hauptkriterium natürlicher Gattungen, wie
nach seinen Allgemeinheiten zum Kriterium natürlicher Fami-
lien erhoben. Selbst in den unteren Klassen der Rückgrats-
thiere, die ihren Raub meist ohne ihn weiter zu verkleinem
verschlingen, bei den Amphibien und Fischen, wo man der
Gestaltung des Gebisses geringern Einflufs zuschreiben möchte,
treffen wir dennoch in den Arten kleiner natürlicher Genera
eine so grofse Uebereinstimmung, dafs auch hier die genaue
Untersuchung und Darstellung der Zähne den sichersten An-
halt zur Characteristik der Genera giebt. Ich brauche für die
Fische nur an Cuvier's Leistungen zu erinnern *). Eben
so ist es auch bei den Amphibien. In den Schlangen, nament-
lich den verschiedenartigen Formen, die Linne und seine
Nachfolger unter Coluber vereinigten, ist ohne Berücksichti-
gung des verschiedenartigen Gebisses kein Durchkommen, wäh-
rend sich bei dessen Berücksichtigung, neben wenig in's Auge
fallenden Merkmalen, die natürlichsten Genera herausstellen *).
*) Spätere Anmerk. Selbst die Schlund zahne der Karpfen
geben nach den interessanten Untersuchungen von Agassiz (S. 73.)
vortreffliche Unterschiede für die einzelnen Genera dieser Familie.
^) Spätere Anmerk. Ich kann deshalb mit Hrn. Schlegel
IV. Jahrg. 1. Band. 8
114
Wenn nun aber selbst in jenen Klassen der Zahnbau von sol-
chem Belang ist, um wie viel wichtiger mufs er nicht bei den
Säugethieren erscheinen, wo das Gebifs des Thiercs in so ge-
nauer Beziehung zu seiner Nahrungsweise steht, wo wir, wie
dies bei den Raubthieren der Fall ist, zugleieh mit unerheblich
scheinender Modifikation in der Zahl und Bildung der Backen-
zähne gleich eine bedeutende Verschiedenheit im Naturell des
Thieres gegeben sehen? Nicht mit Unrecht hat man daher
auf die Beschreibung des Gebisses der Säugethiere schon seit
längerer Zeit eine immer gröfsere Sorgfalt verwandt; nicht
mit Unrecht hat man bei sonst ähnlicher Organisation der Ge-
nera eine Uebereinstimmung des Gebisses gefordert, und an
der Abweichung desselben, wo sie sich zeigte, nicht geringen
Anstofs genommen. Einer jener wenigen Fälle, wo bei gro-
fser Aehnlichkeit der sonstigen Organisation das Gebifs sich
bedeutend verschieden von dem der übrigen Familienglieder
zeigt, ist das Wallrofs. Unkunde seines Gebisses liefs es
in der ersten Zeit der neueren Zoologie mit den Robben in eine
Gattung stellen ; nähere Bekanntschaft trennte es später weit von
ihnen. Allein die grofse Kluft, die sich nach der ersten nur
oberflächlichen Bekanntschaft zwischen ihm und den Robben
in der Systematik aufthat, zog sich immer mehr zu, je näher
man mit der wahren Beschaffenheit seines Zahnbaues und mit
dem Grunde jener Anomalie bekannt wurde. Merkwürdig ist
dieses Thier auch deshalb, weil es so lange Zeit bedurfte, ehe
sich die eigentliche Bedeutung seiner vorhandenen Zähne und
damit zugleich der genauere Zusammenhang dieses Thieres mit
den Robben vollständig herausstellte. Indem ich hoffe, dafs
ein Beitrag zur Kunde seines Gebisses, wenn er auch nur Ge-
ringes zu dem bereits bekannten hinzufügt, aus den eben an-
geführten Gründen nicht ohne Interesse sein dürfte, glaube ich,
dafs es zur Beseitigung der Widersprüche, welche wir über
nicht übereinstimmen, wenn derselbe in seiner sonst so verdienstli-
chen Physiognomie des Serpens, Amsterdam 1837, die Beschaffenheit
des Gebisses wieder in den Hintergrund stellt. Die rein habituellen
Genera, welche er annimmt, werden zu zahlreichen Mifsgriffen An-
lafs geben, um so mehr, als sehr oft die Gattungscharactere auf ein-
zelne der dazu gezogenen Arten keinesweges passen.
4i5^
dio Zahl der Wallrofszähne in den Schriften der Zoologen an-
treffen, nicht überflüssig sein wird, wenn ich die zunehmende
Bekauntscliaft mit dem Zahnbau dieses Tliieres nach ihrer hi-
storischen Entwicklung in möglichster Kürze vorausschicke.
In den ältesten zoologischen Schriften finden wir keine ei-
nigermafsen sorgfältige Beschreibung des Gebisses. Man be-
gnügte sich mit der Bemerkuiig, dafs aus dem Maule des Wall-
rosses zwei lange, gekrümmte Stofszähne hervorragten. Linne
selbst war mit dem Gebisse dieses Thieres bei Abfassung der
verschiedenen Ausgaben seines Systema naturae völlig unbe-
kannt, und indem er zugleich auf die Arbeiten Anderer wenig
Rücksicht nahm, so war er es vorzüglich, der die gröfsten
Irrthümer beging und veranlafste. Noch in der 10. Ausgabe
seines Systema naturae (1758) stellte er dies Thier, durch
seine äufsere Gestalt sehr richtig geleitet, als dritte Art zu
seiner Gattung Fhoca, als Fhoca RosmaruSy und mit den
Robben in seine Ordnung der Raubthiere Ferae, indem er es
von den übrigen Robben nur durch die Diagnose: dentibus
laniariis superioribus exsertis unterscheidet. Auch hier, wie
so oft in den Schriften dieses grofsen Mannes, dessen Genera
nicht gelten heutigen natürlichen Familien zu entsprechen pfle-
gen, finden wir denn die natürliche Beziehung des Wallrosses
vollkommen richtig aufgefafst. Dafs aber Linne, indem er
diesen glänzenden Beweis eines natürlichen Sinnes gab, die
Beschaffenheit der Zähne des Wallrosses nicht näher kannte,
geht wohl daraus hervor, dafs er als gemeinsamen Charakter
der Robben in der Gattungsdiagnose 5 — 6 dreispitzige Bak-
kenzähne (jnolares 5 — 6 tricuspidati) feststellt. Indessen
war schon von Vorstius die Gestalt der Backenzähne des
"Wallrosses angegeben. In dessen von John Ray (jSyn. Qua-
drup. 1693. p, 192.) und von Hasaeus {Dissert. phüolog,
1731. p. 468.) mitgetheilten Beschreibung heifst es; Os inte-
rius dentibus planis utrinque munitum. Auch hatte An-
derson 1747 in seinen Nachrichten von Island S. 231. ge-
sagt, dafs es 3 Zähne unten und 4 oben habe, und aus dem
obern Kiefer noch 2 lange, wenig gekrümmte Zäluie hervor-
ragen u. s. w. Eben so Klein {Quadnip. dispos. 1751.),
der hinzufügt, dafs er den ganzen Kopf des Thieres besessen
habe. Zwei Jahre vor Herausgabe der 10. Auflage des Syst.
8*
116
naturae war ferner Brisson's Regnum animale erschienen
(1756), der dem Wallrosse (S. 48.) 4 Backenzähne jederseits
in beiden Kiefern giebt, und ihm dabei die Vorderzähne gänz-
lich abspricht. Da er in seiner Anordnung der Säugethiere
vorzugsweise das Gebifs berücksichtigt, so stellt er es wegen
des Mangels der Vorderzähne als besondere Gattung Odohenus
hin, und vereinigt es mit dem Elephanten in seiner dritten
Ordnung der Quadrupedia dentibus mcisorihus nullis, cani-
nis et molaribiis praesentibus donata. Der Name Odohe-
nus hätte beibehalten werden müssen, da der ganz abge-
schmackte Name Trichechus gar nicht dem Wallrosse, sondern
ursprünglich dem Manati angehört, und von Artedi für die-
sen gebildet war, um die bei einem Fische oder vielmehr Wall-
fische auffallende Behaarung zu bezeichnen 3). In der zehn-
ten und den früheren Ausgaben des Syst, naturae wird auch
von Linne der Manati mit diesem Namen bezeichnet. Wäh-
rend, aber Linne in den früheren Ausgaben nach Artedi's
Vorgange den Manati mit den Cetaceen zu den Fischen ge-
stellt hatte, trennt er ihn in der 10. Ausgabe, wo er die Ce-
taceen zu den Säugethieren zog, von diesen ab und stellt ihn
zwischen den Elephanten und die Faulthiere in seine Ordnung
der B rata. Zugleich ändert er die von Arted»i gegebene Dia-
gnose dieser Gattung, entlehnt aus Leguat's Abbildung und
Beschreibung des Duyon (bei Ilasaeus Dissert. philol. p. 544.)
die Laniarii superiores solitarii,' aus St eller 's 1749 er-
schienenen Beschreibung der Rhytina die falsch verstandenen
Worte: Molares ex osse rugoso utrinque inferius duo —
und die Labia geminatay und ausKlein's von Brisson ge-
theilten Zweifeln über den Mangel der Ilinterfüfse beim Ma-
nati, die pedes posteriores cpadunati in pinnam. In diese
so fehlerhaft characterisirte Gattung Trichechus, welche zuerst
fiir den Manati gegründet und deren Diagnostik aus der Be-
schreibung dreier verschiedenen Thiere zusammengestückt
war, wird nun in der 12. Ausgabe 1766 auch das Wallrofs
als erste Art, Trichechus Rosmarus, aufgenommen; kein
Wunder, dafs die späteren Zoologen, vielleicht unkundig des
3) Phüos. Ichthyol. 1538. p. 14. Trichechus a dQi§ et 'lyßoq
(sie) ])iscis, quia solus inter pisces fere hirsutus stf.
Hergangs, ihm die Benennung TrichecTins liefsen, wodurch
denn der Manati des vvolil verdienten Namens verlustig wurde.
— Ein Jahr vor Erscheinen der 12. Ausgabe des Syst, na-
lurac hatte Daubenton (1765) inBuff.hist. nat XIII. das
Wallrofs beschrieben und, wieBrisson, 4 Backenzähne jeder-
seits oben und unten angegeben. Er, wie Buffon, der künst-
lichen Systematik fremd, handeln es mit den Robben ab, wäh-
rend Brisson und nach ihm Linne, nur auf den Mangel
der Vorderzähne fufsend, es gewaltsam von diesen losrissen.
Erst allmälig wurde diese Spaltung durch die Forschung der
Folgezeit völlig gehoben. Seh reber that 1775 den ersteh
Schritt hiezu (Säugeth. Bd. 2. p. 260.). Er war auch meines
Wissens der erste, welcher an dem Schädel eines jungen Wall-
rosses des Erlanger Kabinets zwei kleine Vorderzähne in der
obern Kinnlade beobachtete; er bemerkt, dafs sie wahrschein-
lich nicht aus dem Zahnfleische hervorragten, und vermuthet,
dafs sie bei zunehmendem . Alter des Thieres ausfallen und
nicht wieder wachsen. „Sie kommen also," setzt er hinzu,
„hier in keine weitere Betrachtung, als dafs sie ÜQm Sy-
stematiker einen Wink geben, dies Thier nicht zu
weit vom Robbengeschlechte zu entfernen." Backen-
zähne zählt er in jeder Kinnlade jederseits vier; indem er
aber von den drei ersten der Oberkinnlade angiebt, dafs sie
längs dem Eckzahne nach innen ständen und in der Seitenan-
sicht von diesem verdeckt würden, läfst er erkennen , dafs er
die beiden äufseren Vorderzähne als die ersten Backenzähne
ansieht, mithin, während er nur 2 Vorderzähne angiebt, in
Wahrheit 4 an seinem Schädel vorfand. Gm el in 's Verbes-
serung der generischen Diagnose in der 13. Ausgabe des Sy-
slema naturae p.b9.: Benies primores (^adultd) nulHuti-in-
quc ist von Seh reber entlehnt, desgleichen die nähere Be-
schreibung des Gebisses. — Göthe brachte, ohne dafs man
von ihm, dem Dichter, Notiz nahm, die Kenntnifs um einen
Schritt weiter. Er war es, welcher die vier von Schreber
bereits gesehenen Vorderzähne sämmtlich als solche erkannte.
Es geht dies aus einer Stelle in Peter Camper's kleineren
Schriften Bd. 3. S. 21. hervor, wo dieser in seiner bereits 1786
erschienenen Abhandlung über den Duyon sagt: „Das Wall-
rofs (Tz-icÄccÄ?/^) hat, was Linne auch davon sagen mag, zu-
il8
verlässig vier Sclineidezäline in den Zvvisclienbeinknochen, und .
im Oberkiefer vier, im Unterkiefer fünf, bisweilen nur vier
Backenzähne, welche alle, da sie einander ähnlich sind, mei-
stens aus Mangel an Kenntnifs, Backenzähne genannt werden.
Es ist der Hr. Göthe, sachsenweimarscher Geheimer Rath,
der mir zuerst die ossa interinaxillaria des Wallrosses und
die Schneidezähne desselben hat kennen lernen, indem er mir
«ine vortreffliche Abhandlung mit schönen Zeichnungen dieser
Knochen verschiedener Thiere *) zugeschickt hatte." — Diese
K^otiz ist nicht allein dem Herausgeber des Syst naturae un-
bekannt geblieben, sondern auch allen späteren Schriftstellern,
so dafs G. Guvier erst später selbstständig dieselbe Ent-
deckung machte. Nachdem er in seinem Tahleau eiern, und
in dem Leg. d'Anat. comp, nur 2 Vorderzähne und f Bak-
kenzähne angegeben hatte, sagt er sowohl in seinen Rech. s.
les oss. foss. IV. p. 280., wie im Regne anim. ed. 1. Vol. 1.
p. 168., dafs zwischen den beiden Eckzähnen zwei Backzahn-
ähnliche Vorderzähne vorhanden wären, welche, obwohl sie
im Zwischenkiefer ständen, gewöhnlich für die vordersten Bak-
kenzähne gehalten würden, und setzt hinzu, dafs sich zwischen
ihnen bei jungen Individuen noch zwei kleine spitzige Vorder-
zähne fänden. Als die Zahl der Backenzähne giebt er für beide
Kinnladen jederseits 4 an, indem er nicht, wie frühere Schrift-
steller, den äufsersten Vorderzahn der Oberkinnlade als Bak-
kenzahn mitzählt, so meint er unter dem vierten den bereits
von Camper erwähnten hintersten Backenzahn, von dem er
auch bemerkt, dafs er in einem gewissen Alter ausfalle. Fred.
Cuvier (Dens d. Mammif. p. 234.) giebt dieselbe Zahl an,
bemerkt aber, dafs im Unterkiefer bei ganz jungen Thieren
jederseits ein rudimentärer Vorderzahn vorhanden zu sein
scheine, der früh verschwinde. Auch er spricht noch dem
Wallrosse die unteren Eckzähne ab, und findet überhaupt im
Gebisse so viel Abweichendes, dafs ihm das Wallrofs bei al-
ler Aehnlichkeit seiner Extremitäten mit denen der Robben
ein ganz eigenthümliches Zahnsystem zu besitzen scheint, wel-
ches mehr zum Zermalmen vegetabilischer Substanzen, als zum
Zerschneiden einer animalischen Nahrung geeignet sei. Es bil-
4) Später publicirt zur Morphol. S. 211. und in den Act. Acad.
Caes. Leop. Carol. XV. i.
119
det nach ihm eine der isolirten Gruppen, welche die continuir-
liche Reihefolge unterbrechen, die man deshalb beliebig der einen
oder der anderen Gruppe des Systems anreihen könne, je
nach dem Gesichtspunkte, welchen man dabei vor Augen
habe (!) Er selbst handelt das Gebifs des Wallrosses .nach
dem der Wiederkäuer ab, und macht die Bemerkung, dafs mit
ihm die Reihe derjenigen Säugethiere beginne, bei welchen die^
Zahl der Zähne, wegen der bald verschwindenden rudimentä-
ren Zähne, nach den Individuen variire, so dafs man nicht
sowohl auf die Zahl derselben, als auf ihre Form und Struk-
tur zu sehen habe. — Beiden, indem sie die Zahl der Backen-
zähne auf { jeders^its angeben, scheint es entgangen zu sein,
dafs früher bereits 111 ig er und nach ihm Desmarest die
Zahl der Backenzähne auf f jederseits angegeben hatten. Letz-
terer schreibt hier lUiger's Diagnose ab; lUiger aber folgte,
wie es scheint, einer Angabe von Rudolphi, ohne jedoch
seine Quelle zu nennen. Rudolphi hatte nämlich 1802 (ana-
tomisch-physiologische Abhandlungen S. 145.) die Zahl der Bak-
kenzähne in beiden Kiefern auf jederseits 5 angegeben. Da
er indessen sagt, dafs der dritte Backenzahn der Oberkinnlade
doppelt so grofs, der vierte etwas gröfser als der zweite sei,
und dabei bemerkt, dafs die drei ersten Backenzähne mehr
nach innen stehen als die Hauer, so ergiebt sich, dafs auch er
den äufsersten bleibenden Vorderzahn des Zwischeukiefers für
einen Backenzahn mitzählte, mithin nur im Unterkiefer die Zahl
der Backenzähne um einen rudimentären Zahn vermehrt wird,
denselben, dessen bereits P. Camper gedenkt. Dieser fünfte
Backenzahn ist nach ihm gleichsam nur ein Analogon eines
Zahnes. Hinter dem vierten Zahne befinde sich eine kleine
Zelle von kaum 2'" Durchmesser, und in ihr liege ein Zähn-
chen von kaum 3'", doch sei dessen Substanz eben so hart^
und aufser dafs die Wurzel sehr dünn sei, stimme seine Form
mit der der übrigen Zähne überein; seine Krone stehe hervor
und man könne ihn nicht wohl mit den sogenannten Wolfs-
zähnen der Pferde vergleichen. Ueberdies ist Rudolphi der
erste, der die unteren Eckzähne erkennt. Er bemerkt näm-
lich, dafs der erste Backenzahn des Unterkiefers sich von den
übrigen durch seine Gröfse auszeichne, und wenn auch der
Form nach einem Backenzahne ähnlich, doch seiner Gröfse
120
nach beinahe für einen Eckzahn zu halten wäre, was später
durch Rapp, dem indessen diese Notiz unbekannt blieb, au-
fser Zweifel gesetzt ist. Von oberen Vorderzähnen schweigt
Rudolphi, und wenn I lüg er in seinem Prodroinus Den-
tes primores supra duo minuti erwähnt, so scheint er sie
aus Schreber's und Cu vi er 's früheren Angaben entnorti-
men zu haben, so wie er auch in die Zahl 4 oder 3 als die
gewöhnliche Zahl der Backenzähne in Parenthese zur obigen
hinzufügt.
So stand es um die Kenntnifs der Zähne des Wallrosses,
als Rapp so glücklich war, das Gebifs eines Fötus untersU'
chen zu können, und die Resultate seiner Forschungen in den
zu Stuttgard erschienenen naturwissenschaftlichen Abhandlun-
gen (Bd. 2. Heft 1.) mittheilte. Rapp beweist, dafs der erste
Zahn des Unterkiefers, den man bisher gewöhnlich als den er-
sten Backenzahn angesehen hatte, der dem Wallrosse früher
abgesprochene untere Eckzahn sei; dafs er sich selbst bei er-
wachsenen Thieren, wenn er auch noch so sehr abgenutzt sei,
durch gröfsere Länge und Dicke vor den Backenzähnen aus-
zeichne. — Er macht ferner darauf aufmerksam, dafs der Eck-r
zahn etwas mehr von den übrigen Backenzähnen entfernt sei,
als diese unter sich, dafs er dagegen dicht an dem frühzeitig
verschwindenden äufseren unteren Vorderzahn stehe, und auf
den äufseren oberen Schneidezahn passe. Beim fast reifen Fö-
tus fand er seine Krone sowohl am Milchzahne als am blei-
benden konisch zugespitzt und überall glatt; es fehle ihm die
flache, in die Quere gehende Vertiefung, die man an der in-
neren Seite der Krone der Backenzähne, bevor sie abgenutzt
sind, beim jungen Thiere bemerke. Von besonderer Wichtig-
keit war die Entdeckung der Vorderzähne des Unterkiefers,
da hierauf allein sich noch die Anomalie des Wallrofs-Gebisses
beschränkte. Rapp fand beim Fötus in der einen Hälfte des
Unterkiefers drei, in der anderen nur zwei Vorderzähne, ver^
muthet aber richtig, dafs sechs die Normalzahl der Vorder-
zähne sei und in diesem Falle nur einer in der Entwicklung
zurückgeblieben scheine. Im Zwischenkiefer fanden sich sechs
Vorderzähne. Noch war kein Zahn durch das Zahnfleisch
durchgebrochen; nach Entfernung des Zahnfleisches zeigten
sich aber sowohl die IMilchzähne, als die bleibenden, Erstere
121
waren im Verliältnifs zu den letzteren sehr klein, ohne getheilte
Wurzeln, und bei allen war die Krone stumpf kegelförmig.
Bei den früh ausfallenden Vorderzähnen des Unterkiefers, wie
bei den beiden ebenfalls früh verschwindenden mittleren Vor-
derzähnen der Oberkinnlade fand Rapp keine Ersatzzähne
dagegen hatte der vierte sehr kleine Backenzahn seinen Er-
satzzahn. Es begreift sich also, wie jene nur im ersten Ge-
bisse der Milchzähne vorhandenen Zähne selbst bei jungen
Thieren fast spurlos verschwunden sind. Der obere Eckzahn
war schon beim Fötus sehr dick und lag jetzt schon an der
äufseren Seite der Backenzahn-Reihe. Die Backenzähne waren
an der Krone von beiden Seiten zusammengedrückt und en-
digten mit einer einfachen stumpfen Spitze. An der inneren
Seite der Krone zeigten sie eine flache quergehende Vertie-
fung. Die Zahl der Backenzähne setzt Rapp mit G. und F.
Cuvier auf vier im Oberkiefer, und nach Abzug des unteren
Eckzahnes auf drei im Unterkiefer. — Durch diese interes-
sante Beobachtung ist dennoch die Sache noch nicht völlig
erschöpft, da im Fötus noch nicht alle Zähne vorhanden sind,
im Erwachsenen bereits einige verloren zu sein pflegen. Nur
an einem Schädel aus döm früheren Lebensalter läfst sich das
Gebifs vollständig ermitteln. Zwei solche Schädel des hiesi-
gen zootomischen Museums fielen mir daher besonders auf,
bevor ich noch P. Camper's und Rudolphi's ganz verges-
sene Angaben kannte, und gaben mir Gelegenheit, die normale
Zahl der Backenzähne festzustellen. Bei dem einen (Nr. 3951
sind die Alveolen der mittleren Vorderzähne des Zwischenkie-
fers noch sichtbar, aber schon völlig mit Knochenmasse aus-
gefüllt. Sowohl die bleibenden äufseren Vorderzähne des Zwi-
schenkiefers, wie die drei im erwachsenen Thiere vorhandenen
Backenzähne der Oberkinnlade zeigen noch ihre ursprüngliche,
zusammengedrückt -konische, stumpfspitzige Krone, sind aber
immer schon stark abgeschliffen und mit der flachen Vertie-
fung versehen, welche das Zusammentreffen mit den entgegen-
stehenden unt^jren Zähnen an ihrer hinteren Seite hervorbringt;
der dritte hat am meisten seine konische Gestalt bewahrt.
Hinter dem dritten Backenzähne bemerkt man jederseits 2 leere
Zahnfächer. Beide sind aber von ihrer Seitenwandung und
von ihrem Grunde aus fast völlig mit Knochenmasse ausge-
■\
I
122
füllt. Das vorderste dieser beiden Zahnfächer weniger, das
hinteVe fast gänzlich, so dafs kaum noch eine schwache^ Ver-"
tiefung in der Area der AusfiilJungsmasse zu erkennen ist.
Das vorderste dieser beiden Zahnfächer gehört dem vierten,
bereits von Cuvier und Rapp erwähnten, früh ausfallenden
Backenzahn an; das hinterste einem fünften, dessen meines
Wissens von keinem Schriftsteller Erwähnung geschieht ^).
Da die Ausfüllung dieses Alveolus vollständiger ist als bei dem
vierten, so ergiebt sich wohl, dafs der Zahn früher ausfiel als der
vierte, obgleich er glicht, wie dieser, im Milchzahngebisse vor-
handen war und demnach wohl erst später hervorbrach ®).
In der Unterkinnlade sind die Backenzähne von stumpf koni-
scher Gestalt, innen stark abgeschliffen, vorn an der Spitze,
wo sie mit den oberen Zähnen zusammentreffen, stark abge-
flacht. Die schon im ersten Zahnwechsel verschwindenden
Vorderzähne finden sich nicht, auch sind ihre Alveolen voll-
ständig ausgefüllt und schwer zu bemerken. Jedoch erkennt
man bei genauerer Ansicht vier kleine längliche, gegen die
übrige Knochenmasse ziemlich scharf begränzte Stellen, von
denen zwei dicht neben einander an der Symphyse liegen, als
Ueberbleibsel der Alveolen des innersten und äufsersten Paa-
res der Vorderzähne. Der früher als erster Backenzahn ge-
deutete Eckzahn des Unterkiefers giebt sich deutlich als Eck-
zahn zu erkennen, indem er sowohl höher als die übrigen
^'Backenzähne ist, als auch von diesen etwas entfernter steht,
I als diese unter sich, und eine mehr konische, minder breite
Gestalt hat. Aufser ihm finden sich die Alveolen der drei be-
kannten Backenzähne, und dicht hinter dem hintersten, nur
durch eine dünne Scheidewand von dessen Alveole geschieden,
ist jederseits ein sehr kleines Zahnfach vorhanden, welches ei-
nen vierten, dem vierten Backenzahne des Oberkiefers ent-
5) S. unte».
6) In einem Schädel eines jungen Wallrasses von etwa gleichem
Alter, der in der Sammlung der hiesigen .Gesellschaft naturforschen-
der Freunde vorhanden ist, findet sich das Zahnfach des vierten Bak-
kenzahnes völlig ausgefüllt, und das des fünften zeigt in der Mitte
seiner AusfüUungsmasse eine wenig tiefe trichf erförmige Grube, so dafs
also hier der vierte Backeßzahn früher ausgefallen scheint.
123
sprechenden, rudimentären Backenzahn enthielt. Nach der
BescRaflfenheit des Zaluifaches zu schliefsen, in vvelcliem man
keine Spur von Ausfüllung bemerkt, fiel dieser hinterste und
rudimentäre Backenzahn nicht bei Lebzeiten des Thieres, son-
dern erst später aus. Wirklich treffen wir auch im Unterkie-
fer eines andern Schädels des hiesigen Museums von etwa
gleichem Alter (Nr. 3952.) diesen vierten Backenzahn einer-
seits noch im Durchbruche begriffen, während er auf der an-
dern Seite noch nicht durchgebrochen ist. In diesem Unter-
kiefer sind auch die länglichen Alveolen aller Vorderzähne
äufserst deutlich, wenn gleich sämmtlich mit Knochenmasse
ausgefüllt, welche in dem äufsersten jederseits über den Rand
des Alveols fast 1'" hervorragt, wa'lirscheinlich fiel also der
äufserste Vorderzahn am spätesten aus. Uebrigens finden sich
noch manche individuelle Verschiedenheiten. So sind die bei-
den mittleren Alveolen des Zwischenkiefers in dem zuerst er-
wähnten Schädel, der den fünften Backenzahn-A^veolus so
deutlich zeigt, völlig verschwunden, während dochGöthe und
Cuvier und vor ihnen Seh reber noch diese Vorderzähne
fanden. Eben so ist in einem, nach Verwachsung der Nähte,
etwas älteren Schädel mit längeren Stofszähnen das Zahnfach
des mittleren Vorderzahnes der Oberkinnlade linkerseits noch
vorhanden, aber bis auf eine wenig tiefe trichterförmige Grube
bereits ausgefüllt, rechterseits völlig verschwunden '). An ei-
nem Unterkiefer eines . alten Schädels fand ich links vier,
rechts drei Alveolen; es hatte also dieses erwachsene Thier
links drei, rechts nur 2 Backenzähne. Dies würde zu den
älteren Angaben von Anderson und Cranz passen, nach
welchem, den Eckzahn mitgezählt, nur drei Backenzähne im
Unterkiefer vorhanden sein sollen. Es würde zu weit führen^
wenn ich hier mich in diese individuellen Verschiedenheiten
einlassen wollte, indem es hier nur darauf ankommt, festzu-
7) Umgekehrt ist bei dem oben en\ähnten jungen Wallrofsschä-
del der naturforschenden Gesellschaft im rechten Zwisehenkiefer
der noch sehr tiefe Alveolus des mittleren Vorderzahnes vorhanden,
und wenig von der Wandung aus ausgefüllt, der Zahn also erst spä-
ter am Schädel ausgefallen; linkerseits ist das entsprechende Zabn-
fach vollständig geschlossen, aber deutliche zu erkennen als die des
innersten Paares der Zwischenkieferzähne.,
124
stellen, dafs im früheren Lebensalter sowohl oben wie nnten
jederseits ein [freilich rudimentärer Backenzahn mein- vorhan-
den ist, als man gewöhnlich angiebt, und dafs er früh wie-
der ausfällt. Am frühesten hervorzubrechen scheint der vor-
dere (vierte) rudimentäre Backenzahn des Oberkiefers, der
nach Rapp schon im Milchzahngebifs vorhanden ist und sei-
nen Ersatzzahn hat, dann der fünfte obere, der noch früher
als der vierte ausfällt. Am spätesten, oder bald vor dem Aus-
fall der hinteren Backenzähne des Oberkiefers, würde der
vierte des Unterkiefers hervorbrechen, und scheint auch nur
sehr kurze Zeit zu bleiben, da er, aufser von Camper und
Rudolphi, von keinem Schrittsteller angeführt wird. Wir
sehen, dafs sich das Wallrofs bei dieser normalen Zahl der
Backenzähne, |^-|, noch weniger von der in der Familie der
Robben gewöhnlichen Anzahl der Backenzähne entfernt, als es
bei Betrachtung des Gebisses eines alten Thieres den Anschein
hat. Bei der Mehrzahl der Robben finden wir fünf Backen-
zähne jederseits oben und unten, oder oben jederseits sechs,
unten fünf, und auch diese letztere Anzahl würde nur eine neue
Verwandtschaft darbieten, indem wir daraus ersehen, dafs wo
die Zahl der Backenzähne in beiden Kiefern verschieden ist,
der Oberkiefer, wie beim Wallrofs, jederseits einen Zahn mehr
besitzt als der untere. Auch die gegenseitige Stellung der
Backenzähne beider Kiefer zeigt beim jüngeren Thier mit dem
Gebisse der Robben gröfsere Uebereinstimmung, indem die
Backenzähne so alterniren, dafs die oberen an ihrer Hinter-
seite, die unteren an der Vorderseite ihrer Spitze durch ge-
genseitige Berührung abgeschliffen erscheinen. Eben so wenig
entfremdet die Gestalt und Beschaffenheit der Backenzähne das
Wallrofs von den übrigen Robben. Seine sämmtlichen Backen-
zähne haben nur eine lange, fast einfache Wurzel, und nur eine
einfache, stumpf konische, etwas zusammengedrückte Krone ; eben
so finden wir bei mehreren Phoken Backenzähne mit einfacher Wur-
zel, und konischer, fast einfacher Krone. Eben so wenig steht das
Wallrofs durch die feste elfenbeinartige Substanz seiner Zähne
isolirt, denn auch bei den Robben mit einfachen konischen
Backenzähnen treffen wir eine äufserst feste Zahnsubstanz,
welche in dieser Hinsicht der des Wallrosses nur wenig nach-
stehen möchte. Die starke Abschleifung der ursprünglich
125
stiimpf-koiiisclien Krone der bleibenden Zahne durch das Ge-
geneinanderwirken auf feste Substanzen, begreift sich aus der
Nahrungsweise. Sehr richtig sagt F. Cuvicr {Dens d. Mam.
mif. 7^.233.): „Man möchte sagen, diese Zalme seien beson-
ders zum Zerstampfen, zum Zerbrechen harter Substanzen
bestinmit, denn sie wirken gegen einander wie der Stöfsel auf
den Mörser." Nach Anderson besteht die Nahrung des
Wallrosses in einer, wohl eine halbe Elle und tiefer im
Schlamme steckenden Muschel, welche sie mit ihren Hauern
herausarbeiten. Cranz sagt auch, dafs Muscheln und See-
kraut seine Hauptnahrung ausmachten. O. Fabricius be-
stimmt jene Muscheln näher als Mya. Somit fällt auch die
abweichende Gestalt der flachen Krone weg.
Dafs die Zahl der oberen Vorderzähne und ihr Mangel
im Unterkiefer nach Rapp's Untersuchungen keine Anomalie
übrig lasse, ist schon früher bemerkt. Wäre man früher dar-
auf bedacht gewesen, das Wallrofsgebifs auf das der Robben
zurückzuführen, man würde die Spuren der ausgefallenen un-
teren Vorderzähne sehr leicht bemerkt haben, da sie an jün-
geren Schädeln deutlich genug bemerkbar sind. Aber auch
selbst das Zahlenverhältnifs der bleibenden Vorderzähue hat
nichts Anomales. Da nämlich fast bei allen Phoken, ja schon
bei dem an sie mahnenden Gränzgliede der wahren Raubthiere,
bei ^er Seeotter, die Zahl der bleibenden unteren Vorder-
zähne um ein Paar geringer zu sein pflegt, als die der obe-
ren, so dafs sich theils J, theils, wie bei Steimnatopus und
Macrorhinus F. Cuv., nur ^ Vorderzähne finden, so kann
es kaum auffallen, wenn in demselben Verhältnis das Wall-
rofs bei zwei bleibenden oberen Vorderzähnen unten gär
keine bleibenden Vorderzähne besitzt. Da aber nach
Rapp beim Wallrofs, welches das Minimum bleibender Vor-
derzähne zeigt, sechs Vorderzähne im Milchgebisse in beiden
Kinnladen sich vorfinden, so leidet es wohl keinen Zweifel,
dafs ursprünglich dieselbe Zahl, wie im Milchzahngebisse der
Seeotter, so auch in dem aller Phoken vorhanden ist. Beim
Wallrosse werden nicht nur die beiden mittleren Vorderzähne
des Zwischenkiefers und sämmtliche Vorderzähne des Unter-
kiefers durch keine neue ersetzt, sondern auch das zweite Paar
der oberen, obwohl im bleibenden Gebisse anfangs vorhanden,
126
fällt früh ans, doch wahrscheinlich immer erst nach dem Aus-
fallen der beiden hinteren rudimentären Backenzähne der Ober-
kinnlade, von welchen nach Rapp nur der vordere (vierte)
im Milchzahngebisse vorhanden war. Beider Alveolen findet
man schon bei sehr jungen Thieren mit Knochenmasse ausge-
füllt. Merkwürdig ist noch, dafs diese Ausfüllung durch eine
von innen und unten angelagerte Knochenmasse, noch wäh-
rend die Zähne in den Alveolen sitzen, selbst bei den blei-
benden Zähnen stattfindet, so dafs sie, was besonders bei jün-
geren Thieren auffällt, wie mit einer Area umgeben scheinen,
die sich sehr deutlich gegen die Knochenmasse des Kiefers
abgränzt. Vielleicht findet diese Ablagerung in eben dem
Maafse statt, als die Wurzel resorbirt wird.
\
Späterer Zusatz.
Bald nach dem Vortrage dieser Abhandlung fand ich in der
reichen Dissertationen- Sammlung des Hrn. Theod. Müller
eine hierselbst vor meiner Zeit erschienene Dissertation von
K ersten (^Capitis Trichechi Rosmari descriptio osteolo-
gica. BeroUni 1821. 8.), in welcher der Schädel Nr. 3951.
des zootomischen Museums beschrieben und von unten und von
der Seite abgebildet wird. Das Gebifs ist kurz so angegeben,
<dafs fünf Backenzähne jederseits oben und unten, und aufser
«den Eckzähnen im Zwischenkiefer zwei backenzahnähnliche
Vorderzähne, im Unterkiefer aber weder Vorder- noch Eck-
zähne vorhanden seien. Die Abbildung der Seitenansicht zeigt
im Unterkiefer noch den hinteren Backenzahn jeder Seite, die
also beide damals noch im Schädel gesessen hatten, erst spä-
ter ausgefallen sind ; von den beiden hinteren Backenzähnen
j^der Oberkieferseite sind nur die Alveolen in der Abbildung
sichtbar. Eben so wurde mir später auch die Abhandlung
von de Fremery ®) in van Hall: Vrolik en Mulder By-
drayen tot de naturk. Wetensch. FL 1831. p. 360. bekannt,
8) In meinem Jahresberichte (1837. 2. S. 191.) habe ich aus ei-
wo ebenfalls vom Gebisse umständlich gehandelt und im Ober-
kiefer der fünfte Backenzahn erwähnt wird. Ich glaubte
demnach den Gegenstand vollständig erledigt, und hielt es für
unnöthig, meine Abhandlung zu publiciren. Da ich aber in
späteren zoologischen Schriften fuide, dafs man fast allgemein
weder Kersten's Dissertation, noch die erwähnte holländi-
sche Abhandlung kennt, auch Hr. v. Bär in seiner gelehr-
ten Abhandlung ^) über das Wallrofs äufsert, dafs noch jetzt
die ganze Geschichte der Veränderungen im Zahnsysteme
nicht vollständig bekannt sei, so schien es mir niclvt überflüs-
sig, hier mitzutheilen , was ich über diesen Gegenstand früher
niedergeschrieben. Bei der geringen Verbreitung der holländi-
schen Zeitschrift füge ich noch das Wichtigste aus der Abhand-
lung des Hrn. Fremery hinzu. Hauptzweck derselben ist,
nach dem Zahn- und Schädelbau zwei verschiedene Wallrofs-
Arten, >f worauf schon Fr. Cuvier Dens des Mammif. S.
235. hinweist, zu unterscheiden, wobei denn auch die Zahl
der Backenzähne einen Unterschied abgeben soll. Bei der ei-
nen Art, auf welche der Verf. den Namen Tr, Rosmarus an-
gewendet wissen will, sollen die starken divergirenden Stofs-
zähne reichlich die Hälfte des ganzen Kopfes haben, obwohl
die Länge nach den Individuen mehr oder minder variirt
Sie zeigen an der Aufsenseite schwache Furchen (sleuveii),
an der Innenseite zuweilen zwei Furchen; die Anzahl der
wahren Backenzähne beträgt fün^, von denen die beiden hin-
tersten sehr klein sind. Der unterste Rand der Nasenöffnung
soll wenig hervorstehend, der queere Kamm des Hinterhaupts
sehr entwickelt sein und die Knochen des Schädels eine grofse
specifische Schwere haben. Die gröfsere Entwicklung der Hin-
terhauptsleiste könne nicht als vom Alter herrührend angesehen
werden, da sie gerade bei jüngeren Schädeln, deren Nähte
noch sehr sichtbar waren, wahrgenommen werde. Bei der
anderen Art, Tr. longidens Frem. soll die Länge der Stofs-
nem Gedächtnifsfehler fälschlich Mulder als den Verfasser dieser
Abhandking genannt.
9) Mem. de VAcad. de St. Petersbourg. 1836. Scienc. niatliem.
phys. nat. Tom. IV. Part. II. Sc. nat. Sie ist erst nach Abfassung i
des Jahresberichts in meine Hände gekonunen und blieb deshalb un-/
erwähnt.
128
zahne mehr als -f- der ganzen Schädellänge messen, zuweilen
selbst ihre Länge die ganze Schädellänge übertreffen. Sie ha-
ben besonders an der Innenseite eine ziemlich tiefe Furche.
Die Zahl der wahren Backenzähne soll nur vier betragen und
der hinterste derselben sehr klein sein. Der untere Rand der
Nasenöffnung soll sehr hervortreten, aber die Hinterhauptslei-
ste selbst bei alten Thieren, deren Schädelnähte verschwunden
sind, weniger entwickelt und die specifische Schwere der Kno-
chen geringer sein. Die dritte Art, mit convergirenden Stofs-
zahnen, will Verfasser, wenn sie als eigene Art angenommen
zu werden verdiene, Tr. Cookii nennen, obwohl er auf Cook^s
Abbildung, nach welcher Shaw seine Art darstellte, keinen
besonderen Werth legte. Verf. hatte Gelegenheit, im Klinken-
bergischen Museum einen Schädel mit convergirenden Stofs-
zahnen zu untersuchen, an welchem allein der linke Zahn
von seiner Richtung abgewichen ist, indem der rechte Stofs-
zahn senkrecht vom Rande der Alveole hinabsteigt und der
linke erst ein wenig senkrecht fortläuft, dann allmälig nach
innen weicht, endlich sich mit der Spitze dem andern nähert
und diesen so vollständig erreicht, dafs sie an dieser Stelle
durch gegenseitige Reibung eine kleine platte Fläche haben.
Eine äufsere Beschädigung war an der Alveole nicht im ge-
ringsten wahrzunehmen. Die Stofszähne waren in diesem Schä-
del sehr lang und ziemlich dünn, aber der Beginn einer Spi-
raldrehung, wie sie Shaw angiebt, liefs sich durchaus nicht
wahrnehmen. Der Schädel stammte übrigens aus der Baffins-
bai, worauf Verf. einigen Werth legt, da auch Cook dieWall-
rofs-Heerde an der Nordwestküste von Amerika beim Eiskap
angetroffen habe (S. 376.). Im übrigen Bau stimmte dieser
Schädel mehr mit dem des langzahnigen Wallrosses überein
(S. 385.). — Ob wirklich die hier angegebenen Unterschiede
die Annahme zweier Arten rechtfertigen, will ich nach den
mir zu Gebote stehenden Hülfsmitteln nicht entscheiden,
möchte aber eher glauben, dafs dieselben tlieils individuelle,
theils sexuelle sind. Hr. Fremery führt an, dafs Hr. Tem-
minck einen (nach Deutlichkeit der Nähte) noch jungen Schä-
del des Reichsmuseums mit ausgezeichnet langen dünnen Stofs-
zähnen für den eines Weibchens gehalten habe. Ich erinnere
mich auch von Gröulandsfahrern gehört zu haben, dafsi sich
129
das Weibchen durch längere, dünnere, das Männchen durch
kürzere, aber viel dickere Stofszähne auszeichne. Die gerin-
gere Entwicklung der Ilinterhauptleiste, die geringere Schwere
der Knochen, selbst das Zurückbleiben des hintersten Backen-
zahnes im Oberkiefer könnte, wenn es wirklich nur sexuelle
Verschiedenheit sein sollte, mit Analogien belegt werden. Sol-
len doch auch beim menschlichen Weibe die hinteren Backen-
zähne (Weisheitszähne) am häufigsten fehlen und seine Kno-
chen geringere specifische Schwere zeigen. Die stärkere Ent-
wicklung der Hinterhauptsleiste dürfte bei bedeutenderer
Schwere des Schädels am wenigsten auffallend sein. Die mehr
oder minder starke Hervorragung des unteren Randes der Na-
senöffnung kann ich dagegen nur für eine individuelle Vei^-
schiedenheit halten, da ich sie bei einem Schädel mit kurzen
Stofszähnen, der die übrigen vom Verf. hervorgehobenen Merk-
male besitzt, sehr stark, und umgekehrt bei einem alten Schä-
del mit langen Stofszähnen kaum merklich finde.
Schwer erklärlich sind mir endlich des Verf. Zweifel über
die richtige Deutung der vorderen bleibenden Zähne des Un-
terkiefers, welche Rapp sehr richtig für Eckzähne erklärt hat.
W^ie Hr. de B^remery keine der von Rapp angegebenen Be-
sonderheiten dieser Zähne an den von ihm untersuchten Schä-
deln wahrnehmen konnte, begreife ich nicht. An jüngeren
Schädeln kann über die richtige Deutung des vordersten Un-
terkieferzahnes als Eckzahn kein Zweifel bleiben. Hrn. Fre-
mery's Bemerkung, dafs er an vier Schädeln vor den vier
Backenzähnen des Unterkiefers, nach vorn und von denselben
entfernt, kleine kegelförmige Spitzzähne (Jioektandeii) oder
deren Alveolen deutlich wahrgenommen habe, so\Vie dafs er
in einem Schädel einen auffallenden Spitzzahn (Jioektand) an-
traf, der aus einer breiteren Basis mit aufgesetztem dünneren
Kegel bestand, vermag ich nur auf den äufsersten unteren Vor-
derzahn zu deuten, welcher, wie bereits oben angedeutet wurde,
ziemlich spät auszufallen scheint, obgleich er einer der Wech-
selzähne ist. Sein, wenn auch etwas obliterirtes Zahnfach
macht sich am ersten bemerklich, daher denn auchF. Cuvier
das frühere Vorhandensein dieses Zahnes muthmafste, noch
IV. Jahrg. I. Band. 9
130
bevor Rapp im Fötus die sechs unteren Vorderzahno nach-
gewiesen hatte.
Bemerkungen über den Schädel von Lulra nnd Spalax
von
Herrn. Nathusius in Hundisbure.
Ti'
Berthold hat auf die merkwürdige Veränderung auf-
merksam geflacht, welche der Schädel der Lutra tmlgaris
nach der Geburt bei vorrückendem Alter erleidet, und gezeigt,
dafs namentlich der vordere Theil des Stirnbeins, welcher eine
Röhre zur Aufnahme der vordem Gehirnlappen bildet, bei dem
alten Thier absolut um \ schmäler und enger ist, als bei dem
Jüngern Tliier (Isis 1830. 570.).
Da selbst in bedeutenden Sammlungen Schädel einheimi-
scher Thiere im jugendlichen Zustande fehlen, scheint es nicht
überflüssig, einige Messungen in dieser Beziehung mitzuthei-
len. An zwei mit allen Nähten versehenen Schädeln der Lu-
tra vulgaris meiner Sammlung von jungen, noch im Zahn-
w^echsel begriffenen Thieren beträgt der Querdurchmesser der
Stirn an der schmälsten Stelle =0'",020; bei drei andern al-
tern Schädeln, an denen die Nähte meist verwachsen und die
cristae bereits entwickelt sind: 0,018 und 0,016, und endlich
bei dem Schädel eines sehr alten Thieres ohne alle Spur von
Suturen und mit sehr stark entwickelten Leisten: 0,012.
Unabhängig von dieser Umbildung scheint noch ein se-
xueller Unterschied Statt zu finden, indem vielleicht bei den
Weibchen diese Stelle der Stirn breiter ist, als bei den Männ-
chen. Darüber fehlen mir aber an dem hier immer seltener
werdenden Thier hinlängliche Erfahrungen.
Ein ähnliches Verhalten habe ich kürzlich durch Unter-
suchung einer gröfsern Menge von Exemplaren an Spalax
typhlus IlL erkannt. Auch bei diesem Thier sind die allge-
meinen Altersverschiedenheiten des Schädels ungewöhnlich
131
stark ausgeprägt, und der Durchmesser der Stirngegend ver-
mindert sich im Alter fast in dem Maafse, als bei der Fisch-
otter. Ein vollkommen erwachsenes Thier zeigt nämlich an
dieser Stelle einen Querdurchmesser von nur 0'",()06, während
dasselbe bei einem nur halb so grofsen jungen cr= 0,008
beträgt. Leider war bei meinen Exemplaren eine Untersu-
chung des Gehirns nicht mehr möglich.
Bekanntlich sind die verschiedenen Angaben über die
Ranz- und Setzzeit der Fischotter sehr widersprechend. Ich
habe eine ziemlich ausgetragene Frucht aus einem am 8. Ja-
nuar erlegten Weibchen erhalten *). Es wäre eine Reihe von
Beobachtungen über diesen Punkt zu wünschen, da die schö-
nen Untersuchungen über die' Rehbrunst gezeigt haben, wie
viel über die einheimischen Thieic noch aufzuklären ist.
Gnathostoma.
Ein neues Genus der Entozoen von Owen.
(Auszug aus den Proceed. of the Zool Soc, IV. p. 123.)
An der inneren Oberfläche des Magens eines jungen Ti-
gers fanden sich 5 — 6 Absscesse von runder oder oblonger
Form und in Gröfse von einem halben bis zwei Zoll im Quer-
durchmesser, welche für skrofulöse Geschwülste angesehen
wurden. Der gröfste ragte etwa einen halben Zoll über die
1) Döbel versetzt die Ranzzeit in den Februar und lafst die
Ottern 9 Wochen trächtig sein. Der Prediger L off 1er (preufs.
Provinzialbl. 1838. Bd. 19. S. 64.) erklärt sich fiir diese Angabe, und
führt an, dafs einer seiner Bekannten zwei sich paarende Fischottern
im Winter auf dem Eise mit einem Schusse getödtet habe. Er
selbst habe nicht allein unzahlige Male im Frühlinge die ganz jungen
Fischottern am Wasser gespürt und mehrmals gesehen, sondern An-
fangs Juni vier junge Ottern am Seo gefunden, die recht gut einen
Monat alt sein konnten.
Herausgeber.
9*
132
Ebene der inneren Oberfläche hervor; die Scldeimhant, welche
die kleineren Geschwülste bedeckte, war in kleine netzförmige
Runzeln gelegt, die Oberfläche der grofsen glatt. Nach Ab-
wischung der zähen, schleimigen Sekretion zeigte die Ober-
fläche der Geschwülste bei genauerer Untersuchung 3 oder 4
Oefi'nungen an der gröfseren, und eine einzige Oeffiiung an
jeder der kleineren Geschwülste. Die Oefi'nungen führten zu
unregelmäfsigen simis, den Nestern zweier verschiedenen Ne-
niatoiden-Formen, einige mafsen fast einen Zoll in der Länge
und eine Linie in der Dicke; die anderen waren kleiner, hat-
ten nicht mehr als 5 Linien in der Länge und etwa -^^ Zoll
im Durchmesser. Nur ein Paar der gröfseren Entozoen fand
sich in jedem der drei gröfsten Geschwülste; die kleineren
waren in zahlloser Menge vorhanden. Die Geschwülste be-
standen aus verdichteten Lagen des submucösen Zellstofi'es,
zeigten eine ebene Oberfläche zunächst der Muskelhaut, wel-
cher die grofse Geschwulst fest adhärirte, lyid traten mit einer
runden Convexität gegen die Magenhöhle vor, wo sich die si-
nus Öffneton. Sie enthielten nichts von dem käsigen Sekret,
welches so characteristisch für das Struma ist, sondern waren
wahrscheinlich durch den Reiz der Entczoen hervorgebracht.
Die oben angegebenen Maafse sind die der Weibchen, die
Alännchen sind etwa um ^ kleiner. In beiden Geschlechtern
ist der Körper an beiden Enden ein wenig verschmälert, das
Schwanzende ist mehr gekrümmt und stumpfer beim Männ-
chen; das Mundende bei beiden stumpf und abgestutzt. Die
Körperoberfläche erscheint dem blofsen Auge fein in die Quere
gestreift, und bunt von den durchscheinenden weilsen Ge-
schlechtstheilen und dem amberfarbigen Speisekanal. Mit einer
Linse von halbzölligem Fokus betrachtet, ersclrienen die vor-
deren zwei Drittheile des Körpers mit kleinen ringförmigen
Reihen feiner rückwärts gerichteter Stacheln bedeckt, welche
bei noch stärkerer Vergröfserung drei unterschiedene Spitzen,
eine gröfsere in der Mitte und zwei kleine seitliche, zeigten.
Der Mund ist von einer wulstigen kreisförmigen Lippe um-
geben, mit sechs oder sieben kreisförmigen Reihen sehr ent-
wickelter Stacheln von eben so complicirter Structur, als die
des Körpers. Die Mundöff/liing selbst hatte die Gestalt einer
vertikalen elliptischen Spalte, an jeder Seite von einer kiefer-
133
ähnliclieii Haiitfalte begrän/t, deren vorderer Rand in Gestalt
dreier gerader, liorniger, vorwärts gerichteter Spitzen oder
Fortsätze ausgezogen ist. Diese seitlichen Fortsätze können
aus der kreisförmigen Lippe dadurcli, dafs man die glatte dor-
nenlose Haut hinter der letzteren drückt, horvorgetrieben wer-
den, und die Elastioität der Structur bewirkt, dafs sie sich
beim Aufhören des Druckes zurückziehen. Die Vulva liegt an
der Gränze des mitfüren und hinteren Drittheils des Körpers.
Der After hat beim Weibcheu die Gestalt einer queren halb-
mondförmigen Spalte unmittelbar hinter dem stumpfen Hinter-
cnde und an der concaven Seite der Krümmung. Der After
des Männchens, aus dessen vorderem Theile ein einzelnes
schwach gekrümmtes spiculum hervorgeschoben wird, ist mit
acht deutlichen spitzigen Papillen umgeben, von denen drei in
vertikaler Reihe jederseits stehen, und zwei kleinere an der
unteren Gränze der gemeinschaftlichen Oeffnung des Mastdar-
mes und der männlichen Geschlechtstheile. Vergleicht man
diesen Nematoiden mit den bereits beschriebenen, so nähert
er sich am meisten einigen Arten von Strongyhis, wie Str.
Ivigonocephalus (Rud. Hist Entoz. IL 1. p. 23L), bei wel-
cher Art die Bursa maris siibglohosUj hiloha, inultiradiata
eine Annäherung zur Bildung der beschriebenen äufseren
männlichen Geschlechtstheile darbietet, an denen jene acht
Höcker die Oeffnung in etwas strahlenförmig umgeben. Bei
weiterer Vergleichung hört die Aehnlichkeit auf; es findet sich
keine fast kugelförmige, zweilappige Scheide am Begattungs-
organe des hier beschriebenen Wurms. Der Kopf ist nicht
mit einer dreieckigen, sondern von einer zirkeiförmigen Lippe
umgeben; der Str. trigonocephalas gehört zu Rudolphi's
Section c. ore nudo, während bei dieser Art die Bewaff-
nung des Mundes so merkwürdig ist, dafs sie mich veranlafst,
eine neue Gattung zu bilden.
GnatJio Stoma. Corpus teres, elasticum^ utrinque
attenuatum, Caput unilabiatum, lahio circulari tumido
integro; os einissile, processibus corneis viaxilUformibus
duobus laieralibus denticutatis. Genitale masculum spicu-
lum Simplex, basi papillis circumdatum.
Gn. spinig er um G. capite Iruncato, corpore Serie-
hus plurimis spinularum armato.
134
Die geiierische Verschiedenheit, welche durch die äufse-
reu Besonderheiten angedeutet ist, wird durch die Anatomie
bestätigt. Es findet sich nämlich ein deutlicher Speicheldrüsen-
apparat aus vier verlängerten, geraden, blinden Röhren, jede
von etwa 2 Linien Länge, welche in gleicher Entfernung rings
um den Anfang des Speisekanals gestellt sind, so dafs sie mit
ihrem schmalen, nach vorn gekehrten Ende sich an der Basis
der dreizähnigen Seitenfortsätze im Munde öffnen und mit ih-
rem geschlossenen stumpfen Ende nach hinten in die Leibes-
höhle übergehen. Mit einer Linse von ~ Zoll Fokus betrach-
tet, zeigen die Wände dieser Speichelröhren sehr deutlich
schiefe oder spirale, sich kreuzende Fasern. Ihr Inhalt ist
beim frischen Wurm halbdurchsichtig, wird aber im Weingeist
undurchsichtig. Die Existenz von Speicheldrüsen mit einem
Mundapparat, welcher mehr als alles bisher bei den Entozoeu
Entdeckte zum Kauen sich eignet, stimmt ganz mit den die
ExistensT und Beschaffenheit der Speicheldrüsen regelnden Ge-
setzen überein. Die einzige Analogie mit Speichelorganeii
finde ich in Cloquet's Anatomie der Ascaris lumbricoides,
wo, wie dieser glaubt, die verdickten drüsigen Wände des
Oesophagus zu einer analogen Sekretion dienen.
Der erste Theil des Speisekanals oder der Magen ist etwa
3 Linien lang, enthält eine milchweifse Substanz und ist durch
eine sehr merkliche Striktur gegen den übrigen Theil abge-
setzt, den man als Darmkanal ansehen kann; dieser ist mit
einer pulpösen ambrafarbigen Substanz erfüllt, die eine um so
dunklere Farbe erhält, je näher sie dem After ist. Der Darm
erweitert sich in seinem Verlaufe nach hinten gering; er ist
weit und gerade; unten nicht durch Mesenterialfilamente den
Körperwänden angeheftet, wie bei Strongylus gigas u. s. w. ;
seine Oberfläche ist unregelmäfsig und scheint eine spiralför-
mige Röhre oder Klappe zu enthalten. Indessen rührt dies
Ansehen von der Beschaffenheit der inneren Oberfläche der
Darmhaut her, welche mit breiten, regelmäfsigen, stumpfen,
rautenförmigen Fortsätzen in alternirenden Längsreihen besetzt
ist. Die Seitenlinien des Körpers bestehen deutlich aus zwei
Gefäfsen, welche ins Innere des Körpers hervortreten, indem
sie mit einem kleinen Theile ihres Umfanges angeheftet sind
und nahe dem Kopfe sehr weit und frei {free) werden. Der
/ 135
Nervenstrang (?) der Rücken- und Bauchseite sind in demMit-
telraume der Seitengcfäfse deutlich siclitbar. Die Muskelhäute
des Körpers sind wohl entwickelt, bestehen aus äufsereu
Quer- und inneren Längsfasern. Die letzteren sind mit einer
Lage von breiig-flockiger Substanz bedeckt. Die männlichen
CTeschlechtstheile bestehen in einem schwach gekrümmten, dün-
nen spiculum, welches aus dem Schwanzende des Körpers,
wie oben beschrieben ist, hervorragt. Die Basis desselben
communicirt mit einem erweiterten, zwei Linien langen Recep-
taculum von opaker weifser Farbe, welches durch eine schwa-
che Einschnürung von dem übrigen Samenkanale getrennt ist;
dieser ist wie gewöhnlich einfach, halbdurchsichtig, und wird
gegen sein blindes Ende, welches durch Zellgewebe an die
Mittellinie der Bauchseite mitten zwischen beiden Körperendeu
befestigt ist, allmälig schmäler; die ganze Länge des Samen-
kanals ist zehnmal länger als der ganze Wurm. Die weibli-
chen Geschlechtstheile bestehen in einer vulva, vagina, einem
Uterus hicornis und Ovidukten oder röhrenförmigen Eier-
stöcken. Von der vulva, deren Lage bereits erwähnt
ist, beginnt die vagina, anfangs weit, dann enger, und am
Ende wieder erweitert, um in den Uterus überzugehen. Sie
übertrifft einen Zoll {an incli) an Länge. Die beiden Hörner
des Uterus haben jeder etwa \ Linie im Durchmesser und 5
Linien Läng^; sie verengen sich und gehen ohne Einschnürung
in die Eierstockröhren über. Diese sind im Verhältnifs von
unmäfsiger Länge, indem jeder 30 mal die Körperläuge über-
trifft. Ihre verdünnten Enden oder Anfänge sind nicht den
Körperwandungen angeheftet. Obgleich das Gewinde der Eier-
stockröhren auf den ersten Anblick rund um den Darm un-
löslich verwebt erscheint, so bedecken sie diesen doch in Wirk-
lichkeit in dichtgedrängten Falten, welche sich leicht vom Darm-
kanal lösen und entwickeln lassen.
Die Präparate von den entwickelten männlichen und
weiblichen Geschlechtstheilen mit dem Darmkanale und dem
Speichelapparate sind im Museum des College of Surgeons
niedergelegt.
136
Clielonioriun Tabula Analytica
aiictore
Carolo L. Bonaparte, Muxiniani principe.
Chelonii (Testudines Wagl.) sunt Reptilia corpore inverso,
testeo; cute fornici dorsali et sterno adstricta: tetrapoda,
edentula.
Coiispectus familiarum et subfamiliarum,
I. TESTUDINIDAE. (Testiidinidae, Emydae, Chelydae Gray.
Chersites, Elodites Dum. Tylopoda, Steganopoda rostrata,
Steganopoda mandibulata Fitz.) Pedes ambulatorii, lon-
gitudiue pares. Thorax scutis corneis tectus. Labia
nulia.
1) Testudinina. ( Testudinidae Bell. Chersites Dum.
Tylopoda Fitz.) Pedes digitigradi, clavati, digitis in-
f distinctis. Os corneum. Collum retractile. Pelvis
mobilis.
2) Emydina. (Emydae Gray. Elodites cryptoderes Dum*
Steganopoda rostrata, part. Fitz.) Pedes plantigradi,
digitis distinctis, plerumque palmatis. Os corneum.
Collum retractile. Pelvis mobilis.
3) Hydraspidina. (Chelydae, part. Gray. Elodites
pleuroderes, part. Dum. Steganopoda rostrata, part.
Fitz.) Pedes plantigradi, digitis distinctis, palmatis.
Os corneum. Collum versatile. Pelvis immobilis.
4) Chelina. (Chelydae, part. Gray. Elodites pleurode-
res, part. Dum. Steganopoda mandibulata Fitz.)
Pedes plantigradi, digitis distinctis, palmatis. Os co-
riaceum. Collum versatile» Pelvis immobilis.
II. TRIONYCHIDAE. (Trionychidae Gray. Potamites Dum.
Steganopoda labiata Fitz.) Pedes ambulatorii, longitudine
pares. Thorax corio laevi indutus. Labia carnosa.
5) Tvionychina. (Trionychidae Gr. Potamites Dum.
137
Stegaiiopöda labiata Fitz.) Pedes plantigradi, digitis
distinctü^, palmatis. Os corneum. Collum versatile.
Pelvis immobilis.
Ui. CIIELONIDAE. (Chelonidae Gray. ThalassUes Dum.
Oiacopoda Fitz.) Pedes natatorii, compressi, longitudine
inaequales, digitis indistinctis. Labia nulla.
6) Chelonina. (Chelonidae Bell.) Thorax scutis cor-
neis tectus.
7) Sphargidina. (Sphargidae Bell.) Thorax corio ver-
rucoso indutus.
Coiispectus generum et subgenenim.
Familia I. Testudinidae.
Subfamilia 1. Testudinina.
1. Testitdo Dum. (Chersine Merr.) Metathorax inarticula-
tus: sternum antice inarticulatum : pedes peiitadactyli.
1. Chersus Wagl. Sternum postice articulatum.
Testudo marginata Schoepfe. Eur. As. Afr. 2.
2* Testudo Wagl. Sternum inarticulatum, scutis duodecim.
1) Testudo Fitz. Scutellum uuchale: scutellum
caudale bipartitum.
Testudo graeca Linn. Eur. m. As. 3.
2) Psammobates Fitz. Scutellum nuchale: scutel-
lum caudale integrum.
Testudo polyphemus Daud. Afr. Am. s. 4.
3) Geochelone Fitz. Sine scutello nuchali: testa
margine laterali angulata.
Testudo stellata Schweigg. As. Afr. Am. m. 6.
4) Chelonoidis Fitz. Sine scutello nuchali: testa
margine laterali rotundata.
Testudo tabulata Walb. Am. m. 3.
3. Chersina Gray. Sternum inarticulatum scutis undecim.
1) Cylindraspis Fitz. Sine scutello nuchali.
Testudo Vosmaeri Fitz. Afr. m. 3.
2) Chersina Fitz. Scutellum nuchale.
Testudo angulata Dum. Afr. m. i.
138
2. Ilomopus Dum. Motathorax inarticulatus : steriiuui iiiar-
ticulatum: pedcs tetradactyli. Testudo areolata Thuiib.
Afr. 111. 2.
3. Pyxis Bell. Methatliorax inarticulatus: steruum aiitice
iuarticulatuiu. Pyxis araclinoides Bell. As. m. Oc. 1. ,
4. Kiiiyxis Bell. (Ciuixys Wagl.) Metathorax postice arti-
culatus.
1. Ciuothorax Fitz. Scutella marginalia cum nucliali vi-
giuti quatuor.
Kinixys Homeana Bell. Am. m. 2.
2. Ciuixys Fitz. Scutella marginalia sine nuchali vi-
ginti tria.
Testudo crosa Schweigg. Am. m. 1.
Subfamilia 2. Emydina.
§ Gula sine papillis.
5. , Cisiudo Nah. (Terrapene, part. Bell. Cistudes clau^iles
Dum. Pyxidemys Fitz.) Sternum metathoraci ligameutis
adnexum ope scutorum abdominalium : sine scutellis axil-
laribus et iuguiualibus : testa gibba binis valvis sternalibus
undique obserabilis.
Testudo clausa Linh. Am. s. Oc. 3.
6. Emys Nob. (Cistudes baillantes Dum.) Sternum meta-
thoraci ligameutis adnexum ope scutorum pectoralium at-
que abdominalium: scutellis axillaribus et inguinalibus :
testa depressa non obserabilis.
1. Emys Wagl. Sternum articulatum.
Testudo lutaria Linn. Eur. As. Afr. 2.
2. Cyclemys Bell. Sternum inarticulatum.
Cistudo Diardi Dum. As. m. 1.
7. Terrapene Noh. (Emys Dum. Clemmys Wagl.) Ster-
num metathoraci per symphysin affixum, inarticulatum;
scutis sterno-costalibus duobus discretis non interjectis:
digiti palmati: ungues anteriorum pedum quinque, poste-
riorum quatuor: cauda gracilis.
1. Clemmys Fitz. Nasus prominulus.
T. lutaria Schweigg. nee Linn. (Sigriz Mich.) Eur.
As. Ajn. Oc. 36.
139
2. Rhinoclemmys Fitz. Nasus protractus.
T. verrucosa Walb. Am. m. 2.
8. Geoemys Gray. (Eiriys, part. Dum. Clemmys, part. Fitz.)
Sternum metathoraci per sympliysin affixum, inarticulatum :
digiti fissi: ungues anteriorum pedum quinque, posterio-
rum quatuor: cauda gracilis. Emys Spengleri Schweigg.
Afr, 1.
9. Tetraonyx Less. Sternum metathoraci per sympliysin af-
fixum, inarticulatum: digiti palmati: ungues undique qua-
tuor: cauda gracilis. Tetraonyx longicoUis Less. (Emys
Batagur Hardw.) As. or. 2.
10. Flatysternon Gray. Sternum metathoraci per symphysin
affixum, inarticulatum, latissimum: scutis sterno-costalibus
tribus: digiti palmati: ungues anteriorum pedum quinque,
posteriorum quatuor: cauda grandis et longa.
Platysternon megacephalum Gray. As or. 1.
§§ Gula cum papillis.
11. Chelydra Schweigg. (Chelonura Flem. Rapara Gray.
Saurochelys Latr. Emysaurus Dum.) Sternum metatho-
raci per synchondrosin . affixum ope scutorum abdomina-
lium, inarticulatum, angustum: scutis sterno-costalibus tri-
bus, uno tantum interposito: scutella marginalia viginti
quinque: scuta sterni duodecim: cauda grandis et longa,
cristata.
/T. serpentina Linn. Am. s. 1.
12. Staurotypus Wagl. (Sternotherus, part. Bell.) Sternum
metathoraci per symphysin ope scutorum pectoralium ab-
dominaliumque affixum, angustum, anticearticulatum: scu-
tis sterno-costalibus duobus contiguis interpositis: scutella
marginalia viginti tria: scuta sterni octo: cauda brevis.
Terrapene triporcata, Wiegm. Am. s. 1.
13. Kinostermnn JSob. (Cinosternum et Staurotypus, part.
Dum.) Sternum metathoraci per symphysin ope scuti
abdominalis afüxum, articulatum; scutis sterno-costalibus
duobus contiguis interpositis: scutella marginalia viginti
tria: scuta sterni undecim: cauda brevissima.
140
1. Sternotherus Fitz. (Staurotypus, pari. Dum.) Ster-
num angustiim, antice articulatum.
Testudo odorata Daud. Am. s. 1.
2. Cinostenion Wagl. Sternum latum, antice et postice
articulatum.
Testudo pensylvanica Gm. Am. 3.
Subfamilia 3. Hydraspidina.
§ Caput depressiusculum : oculi laterales.
14. Peltocephalus Dum. (Podocnemis Fitz, part.) Caput
scutellatum, grande: mandibulae incurvae: sine scutello
nuchali: pedes parum palmati: cauda unguiculata.
Emys tracaxa et macrocephala Spix. Am. m. 1.
15. Fodocneinis WagL Caput scutellatum, superne sulcatum :
sine scutello nuchali: mandibulae rectiusculae : pedes late
palmati: cauda mutica.
Emys expansa Schweigg. Am. m. 2.
16. Emydura IS oh. (Platemys, part. Dum.) Caput corio
tectum: scutellum nuchale.
" Emys Macquaria Cuv. Oc. 1.
§§ Caput depressum: oculi superi.
•j- Gula cum pajnlHs.
17. Velomedusa Wagl. (Pentonyx Dum.) Ungues undique
quinquc: sternum inarticulatum.
Testudo galeata Scboepf. Afr. 2.
18. Telusios Wagl. (Sternotherus Gray, Dum.) Ungues pe-
dum anteriorum quinque, posteriorum quatuor: sternum
articulatum.
Testudo subnigra Lacep. Madag. 3.
19. Hydraspis Gray. (Platemys Dum.) Ungues pedum an-
teriorum quinque, posteriorum quatuor: sternum inarti-
culatum.
1, Platemys Wagl. Caput scutellis tectum: nasus pro-
minulus: pedes scutellis contiguis.
Testudo planiceps Sehn. Am. m. 6.
141
2. Rhinemys Wagl. Caput scutellis tectum: nasus pro-
diictus: pedcs scutellis contiguis.
Emys nasuta Schweigg. Am. m. 4.
3. Phrynops Wagl. Caput corio tectum: nasus promi-
iiulus: pedes scutellis discretis.
Emys Geoffroana Schweigg. Am. m. 2.
ff Gtda sine papillfs.
20. Chehdina Dum. (Hydraspis Fitz.) Ungues undique
quatuor.
1. Chelodina Bell. Scutellum nucliale scutellis collari-
bus interpositum.
Testudo longicollis Shaw. Oc. 1.
2. Hydromedusa Wagl. Scutellum nuchale scuto verte-
brali primo et scutellis collaribus interpositum.
Emys Maximiliani Mikan. Am. m. 2.
Subfamilia 4. Chelina.
21. Chelys Dum. (Matamata Merr.)
Testudo fimbria Gm. Am. m. 1.
Familia II. Trionychidae..
Subfamilia 5. Trionychina.
22. Ainyda Schweigg. (Aspidonectes Wagl. Trionyx Gray^
Bell. Gymnopus Dum.) Testa margine cartilagineo : ster-
num angustum: pedes non retractiles.
f Ossa costalia postica contigua.
1. Aspidonectes Fitz. Os cervicale vertebralibus con-
junctum, in tota superficie rugosum.
Trionyx aegyptiacus Geoffr. As. Afr. 4.
2. Platypeltis Fitz. Os cervicale vertebralibus conjun-
ctum, in medio tantum rugosum.
Testudo ferox Gm. Am. s. 2.
3. Pelodiscus Fitz. Os cervicale a vertebralibus sepa-
ratum, m medio tantum rugosum.
Aspidonectes sinensis Wiegm. As. or. 1.
#
142
ff Ossa costalia postica interpositls vertebralibus discreta.
4. Amyda Fitz. Os cervicale a vertebralibus separatum,
in inedio tantum rugosum.
Trionyx subplanus Geoffr. As. m. 2.
23. Trionyx Wagl. (Emyda Gray, Bell. Cryptopus Dum.)
Testa ossiculis marginalibus aucta: sternum latum, lateri-
bus valvis munitum: pedes retractiles.
Testudo granosa Schoepf. As. m. Afr. 2.
Familia III. Chelonidae.
Subfamilia 6. Chelonina.
24. Chelonia Brongn. (Caretta Merr.) Sternum latum, scutis
tredecira scutello intergulari, ope scutorum humeralium,
pectoralium, abdominalium et femoralium metathoraci af-
fixum: scuta disci tredecim.
1. Chelonia Nob. (Chelonees franches Dum.) Scuta
disci postposita: nasus prominulus: mandibulae den-
ticulatae: gnathotheca tribus partibus constans.
Testudo mydas Linn. Atl. Pac. 3.
2. Caretta |Nob. (Chelonees imbriquees Dum.) Scuta
disci imbricata : nasus productus : mandibulae integrae :
gnathotheca individua.
Testudo imbricata Linn. Atl. Pac. 1.
25. Thalassochelys Fitz. (Chelone'es Caouanes Dum.) Ster-
num angustum, scutis duodecim sine scutello intergulari^
ope scutorum pectoralium, abdominalium et femoralium
methathoraci affixum: scuta disci quindecim.
Testudo caretta Linn. Med. Atl. Pac. 1.
Subfamilia 7. Sphargidina.
26. Sphargis Merr, (Coriudo Flem. Dermochelys Blainv.
Scytina Wagl. Dermatochelys Fitz.)
Testudo coriacea Linn. Med. Atl. Pac. 1.
Evadne N ordmanni ,
ein bisher unbekanntes Entomostracon.
Beschrieben
von
S. L. L o V e 11.
(Aus den K. Wetenslcaps-Academien^ Handlivgar für 1835.)
Hierzu Taf. V.
VV enn man an unserer westlichen Küste an einem hellen und
stillen Sommertage nur hundert Faden weit vom Strande in
das Meer fährt, und mit einem feinen Hamen von Kammer-
tuch die ebene Oberfläche abschäumt, besonders an solchen
Stellen, an welchen sich Strömungen finden, und mitunter den
Hamen in einem gläsernen Gefäfse mit klarem Meerwasser
abspült, sammelt man sogleich eine unzählbare Menge kleiner
Thiere, Crustaceen, Anneliden, Mollusken, und unter ihnen
minder zahlreiche Akalephen, Beroen, Oceanien u. s. w. Dies
Gewimmel ist es, von welchem die Küstenbewohner das be-
kannte Leuchten des Meeres herleiten, das man sonst mit dem
Namen der Phosphorescenz belegt und so oft beschrieben hat,
welches von jenen aber, nebst seiner vermuthlichen Ursache
selbst Mareld ^) genannt wird. Die Anneliden sind zum
gröfsern Theile bisher nicht beschrieben worden, mit Aus-
nahme der dunkel angedeuteten Nereis noctiluca und einiger
1) Entweder von Mar, synonym mit dem deutschen Meer, und
sonach bedeutend: Meer-Feuer, oder zusammengezogen aus Ma-
riae-Eld, ähnlich wie Mare-ßndrar (Älcyonium lobatuni L.J, m ^Ichies
die Fischer bei Kullen selbst als Jungfru Marias Fwgrar (Finger
der Jungfrau Maria) erklären.
144
Planarien, welche Müller ebenfalls unvollständig ausgemittelt
hat. Von Mollusken findet man beinahe nur eins, welches
mit Fabricius's Argonauta arctica nahe verwandt ist, ein
Thier von der schönsten Gestalt, obgleich ohne eine auch nur
entfernte Aehnlichkeit mit der Gattung, deren Namen es in
der Fauna groenlandica führt; Crustaceen aber machen da-
gegen eine grofse Anzahl aus. Am zahlreichsten sind die
Entomostraca, und unter ihnen, besonders Cyclops-Arten, dem-
nächst aber das Thier, dessen Untersuchung ich hier darlegen
werde, und endlich einige Zoea-Formen ^).
Die Evadne bildet eine neue Gattung unter den Ento-
mostraken, und die einzige Art, welche ich von ihr kenne,
führe den Namen eines der ausgezeichnetsten Forscher ^) neue-
ster Zeit in der Naturgeschichte der niederen Thiere, welcher -
von dem entfernten Strande her, zu welchem hin ihn die Wis-
senschaft gerufen hat, gewifs jener bis jetzt dunkelsten Seite
derselben neues Licht schenken wird
Divisio: Entomostraca.
Ördo: Lophyropoda Latreille.
Tribus: Cladocera Latr.
A. Epimera maxima, in formam valvae utrinque effusa; tergo
angustissimo, pedibus decem, occultis.
Genera: Daphnia, Lynceus etc.
B. Epimera angusta; tergo lato, domato, pedibus quattuor
liberis.
Genus 1. Polyphemus.
— 2. Evadne nobis.
Char. gen. Thorax capiti contiguus, palpi mandibulares
(Antennae Latr. Remi Straufs) bifidi, ramo antico 3-, postico
4- articulato.
2) Die Zoea erleidet wirklich bedeutende Veränderungen beim
Hautwechsel, wenn sie gleich wahrscheinlich nicht, wie Thompson
behauptet, am Ende zu einer vollkommenen Krabbe wird. Ich werde
hierüber in der Folge einige Beobachtungen mittheilen.
3) Alexander v. Nordmann, Professor am Lyceum Riche-
lieu in Odessa, gegen welchen der Verfasser dieser Zeilen die gröfs-
ten Verbindlichkeiten hat.
145
Speeres : E v a d n e N o r d m a n n i nob. E. thorace in gib-
bum maximum offlato. Magn. : cT 0,38 — 0,44 Milürn.
$ 0,45 — 0,52 —
Habitat in sinu codano.
Nach dieser kurzen Aufstellung der Kennzeichen, durch
welche sich die Evadne von den übrigen Entomostraken un-
terscheidet, will ich im Folgenden ihre Anatomie zu geben
suchen, so weit diese mit Hülfe des Mikroskopes ermittelt
werden konnte.
Die äufsere Bedeckung zeigt schon beim ersten An-
blick eine auffallende Unähnlichkeit der Formen mit denen,
welche wir bei Daphnia oder Polyphemus gewahr werden.
Die erstere Gattung hat, eben so wie Cypris und Limnadia,
bis zu dem Grade entwickelte Epimeren, dafs sie fast allein
die beiden ungeheuren Schalen bilden, welche, wie die der
Muscheln, beweglich sind *). Zugleich sind die Rückenstücke
entweder verschwunden, oder, bei Daphhia rudimentär, wie
zwei schmale Lamellen so ganz und gar mit den Epimeren
vereinigt, dafs die Naht zwischen ihnen nur durch einen er-
höhten Rand bezeichnet wird ^). Aufserdem findet sich bei
Limnadia, Cypris und Cythere keine Spur einer äufsern
Sonderung des Kopfes vom Thorax. Bei Daphnia und Lyn-
ceus dagegen ist diese Gränze bestimmt, und der Kopf wird
von einem eignen vorspringenden Schilde bedeckt, welcher
dort, wie bei den Dekapoden, deutlich durch die Vereinigung
mehrerer Glieder entstanden ist, deren eins die Oberhand
über alle übrigen gewonnen und sich so sehr nach vorn aus-
gedehnt hat, dafs er selbst das Auge mit bedeckt. Bei Foly-
phemus ist die Sonderung dieses Schildes vom Thorax noch
vollständiger, und der Kopf hat eigene Bewegung. Aber zu-
gleich sind die Rückentlieile der Bedeckung zu einer weit grö-
fseren Entwickelung gelangt; sie nehmen beinahe die ganze
Breite des Thieres ein, sind gewölbt, und die Epimeren, zurück-
4") Vergl. Milne Edwards Hist. nat. des Crustnces Tom. 1.
5) S. Mem. du Mus. d'Hist. nat. Tom. 5. pL 29. ßg\ 3. zu der Ab-
handlung über Daphnia von Straufs, Die Naht ist dort sogar nur
auf dem Kopfe und dem vordem Theile des Thorax recht deutlich.
ly. Jahrg. 1. Band. 10
146 /
gefiihrt zu ihrer ursprünglichen Function und Gröfse, sind
weit von einander getrennt.
Bei unserm Thiere ist die Bedeckung des Kopfes ganz
und gar mit dem Thorax vereinigt, und ihre Riickenstiicke sind
bis zu dem Grade ausgebildet, dafs sie einen Ungeheuern, ke-
gelförmigen, sich über des Thieres Rücken erhebenden Höcker
darstellen. Aber nun tritt hier das eigenthümliche Verhältnifs
ein, dafs die inneren Organe, welche dem Kopfe und dem Tho-
rax angehören, nicht, wie bei den übrigen Crustaceen, in einer
einzigen Strecke vom Munde bis zum After liegen , sondern
dafs der Darm und die übrigen Contenta des Thorax vom Ma-
gen gerade niederwärts in einer Richtung laufen, welche mit
der Achse des Kopfes einen spitzigen Winkel bildet. Dadurch
ist der Rücken, so zu sagen, gebrochen, und der ungeheure
Höcker, welcher bei gewöhnlicher Lage nach oben vorspringen
würde, liegt nach hinten und bildet mit dem Kopfschilde ein
vollkommen ebenes Gewölbe. Demzufolge tritt auch der be-
merkenswerthe Umstand ein, dafs die Längenachse der aufsern
Bedeckung länger ist, als die Achse des Körpers selbst, und
einen rechten Winkel mit ihr macht.
Der Kopfschild (Fig. 2. Ä:* A, &), welcher nur ein we-
nig mehr als ein Drittel so lang ist, wie der Thorax, kann in
Fig. 2. als von Ä* anfangend betrachtet werden. Von da an
geht er abschüssig vorwärts, ist oben abgerundet (Rückentheil)
und ohne Erhöhungen, umschliefst nach vorn das Auge {A)
und ist von den Seiten ein wenig zusammengedrückt (Fig. 1.).
Unterhalb des Auges wird er von einem Theile begränzt, wel-
cher zu dem Segmente gehört, welches die Antennen (Fig. 5.
Z»*) trägt und dem sogenannten Rostrum bei Daphnia analog
ist. Seine Seitenränder stofsen an die untere Fläche des Man-
dibularringes.
Den Anfang des Thorax kann man bei Ä* in Fig. 2. an-
nehmen, wo er mit dem Kopfschilde verschmilzt. Von da an
läuft er nach hinten in Form eines aufgeblasenen Kegels, nach
oben (Fig. 2. k*, B^ in eine Wölbung, die der des Kopf-
schildes entspricht, nach unten {B i) mehr gerade und etwas
buchtig aus. Seine Spitze *) liegt ein wenig unter der Län-
6) Natürlich kann diese unter keiner Bedingung als der langen
147
gcnachse <les ganzen Thicrcs und ist ganz kurz. Nach vorn
giebt der Thorax an jeder Seite ein einziges grofses Epime-
rum (Fig. 2. .B*) ab, welches sich gerade nach vorn begiebt,
abgerundet-dreieckig ist und an der Basis eine lotlirecht ver-
laufende Vertiefung hat — Andeutung einer verwachsenen
Nalit. Sein unterer, etwas geraderer Rand schliefst sich an
die Beine, und der obere convexere und vorwärts etwas aus-
gebogene nähert sich dem Seitenrande des Kopfschildes, mit
welcliem er eine nach innen, wo beide zusammentreten, etwas
erweiterte Bucht macht. Die unteren oder Sternaltheile des
Thorax sind sehr schwer zu bestimmen. Sie sind weich und,
wie es scheint, ohne bestimmte Abtheilungen, so fern man
nicht für solche die Stricturen halten will, welche man in Fig. 8
sieht, deren Zahl aber der der Beine nicht entspricht.
Die Bedeckung des Abdomens (Fig. 2. c) ist ohne eine
Spur von Ringen.
Hinsichtlich der Consistenz ist die ganze Bedeckung des
Thieres sehr dünn, elastisch, biegsam, ausdehnbar — vorzüg-
lich der Thorax — farblos und durchsichtig. Sie ist im höch-
sten Grade glatt, ermangelt ganz und gar der rautigen oder
gestreiften Eindrücke, welche man bei den Daphnien sieht, und
hat auf dem Thorax oder dem Kopfe keine Borste oder
dergleichen.
Innerhalb oder dicht unter dieser äufseren Schale liegt
das Corium als eine äufserst feine, farblose und durchsichtige
Haut, deren obere Fläche immerfort eine neue Epidermis ab-
sondert. Noch innerhalb dieser und an ihrer inneren Flache
müssen wir, wie wir in der Folge sehen werden, eine dünne
Muskelschicht annehmen, und nur mit dieser kann der grofse
cirkelrunde Muskel zusammenhängen, welcher seine Stelle mit-
ten auf der inneren Fläche des Kopfschildes hat (Fig. 1. 2.
5. //). Er ist an einem ringförmigen Eindrucke in der Schale
(Fig. 5. Ji) befestigt, und seine Fasern laufen strahlenförmig
von seinem Mittelpunkte aus.
Spina bei verschiedenen Daphnien analog betrachtet werden, obgleich
sie bei einer flüchtigen Ansicht denselben Platz, wie diese, einzuneh-
men scheint. Sie verändert sich auch nicht nach dem Alter, und
drückt nichts anderes aus, als die Vereinigung der Rückenstücke des
Thorax.
10*
148
Die Organe des Kopfes sind: das Auge, die Antennen,
die Miindtlieile, das Ganglion cepJialicum, die Speiseröhre
und der Magen; der Thorax hat vier Paar Beine und enthält
den Darm, das Herz, die Geschlechtstheile und ein blasenför-
miges Organ.
Das Auge (A) erscheint schon ohne Vergröfserungsglas
wie ein schwarzer Punkt. Es ist auch verhältnifsmäfsig be-
deutend gröfser, als bei Daphnia, und fast eben so grofs wie
das Auge des Polyphemus. Sein Apfel ist kugelförmig, nach
hinten zwar etwas abgeplattet, nach vorn aber mit völlig cir-
kelförmigen Durchschnitten, obgleich diese seine vordere Seite
sich nicht vollkommen an die Wölbung der Schale schliefst.
; Sein Bau ist folgender: Das Corium ^theilt sich vor ihm
in zwei Lamellen, deren äufsere der Schale zu folgen fortfährt,
wenn sie gleich sich von derselben wegen ihrer Feinheit nich
genau unterscheiden läfst. Die innere hingegen (Fig. 1.2. Ä*)
schlägt sich nach hinten und setzt sich an den Augapfel rund
um dessen mittelste lothrechte Durchschnittsstelle. Derjenige
Theil von ihm, welcher sich solchergestalt von der Schale
nach dem Auge begiebt, ist nicht angespannt, sondern schlaff,
so dafs sie allen Richtungen des letztern folgt. Die Anhef-
tungslinie dieser Haut macht zugleich die Gränze zwischen
der Hornhaut, welche, glatt und ohne Facetten, sich über die
vordere Hälfte und die hintere '), weniger gewölbte und, wie
es scheint, etwas festere und minder durchsichtige Bedeckung
hin wölbt. Durch diese hindurch schiefst von hinten ein um-
gekehrt-konischer, glänzend-schwarzer Kegel (Fig. 5. a^) ein,
dessen vorwärts gerichtete, etwas gewölbte Basis beinahe bis
zur Mitte des Auges reicht, und welches der mit Pigment
durchwebte Nervenbüschel ist. Auf jene Basis ist es , worauf
sich die dioptrischen Theile stützen. Diese sind eine grofse
Anzahl konischer Krystall-Linsen (a), welche mit den Spitzen
nach innen stehen und deren Basen sich gegen die Hornhaut
7) Es ist nicht unwahrscheinlich, dafs diese im Ganzen nnr eine
Fortsetzung der inneren Lamelle des Coriums ist. Dies kann zwar
nicht mit Sicherheit ausgemacht werden, würde aber mit dem Ver-
halten bei den höheren Crustaceen übereinstimmen, wie Milne Ed-
wards dasselbe angiebt a. a. O. Seite HS*
149
stützen und nacli aufsen strahlcnartig auf die Weise auslaufen,
dafs die äufsersten luid einander entsprechenden einen Winkel
von ungefähr 120® bilden. Sie sind alle fast gleich grofs, nur
die innersten sind unbedeutend länger als die äufseren, und
schliefsen sich dicht an einander an. Jede Krystall- Linse
(Fig. 4) gleicht, wie gesagt, aufs genaueste einem Kegel ; seine
etwas convexe Basis hat einen Durchmesser von \ seiner gan-
zen Länge, und vor der knopfförmig angeschwollenen Spitze
ist er etwas sclimäler, so dafs er dort ein mehr keulenförmi-
ges Ansehen bekommt. Er ist völlig krystallklar, biegsam und
kann ziemlich stark geprefst werden, die er zerspringt. Ich
beobachtete hierbei mehrere Male, dafs- der Spitzenknopf sich
ablöste, bevor noch der Conus selbst Sehaden genommen hätte.
Da jener zugleich einen andern Glanz hat als dieser, sa scheint
es glaublich, dafs er mit dem letztern niclit vollkommen zu-
sammenhänge und vielleicht auch von einer andern Dichtheit
sei. Da man indessen noch in anderen Augen nichts Aehnli-
ches von analogem Baue kennt, so ist es schwer, über seineu
Nutzen eine Vermuthung aufzustellen.
Die Bewegungen des Auges sind sehr mannichfaltig, be-
stehen aber nur in Umwälzungen um seinen Mittelpunkt, ohne
dafs dabei der Augapfel vorwärts oder rückwärts ginge. Sie
geschehen durch sechs paarweise gestellte Muskeln. Die bei-
den obersten, welche das Auge aufwärts richten («^), sind
nicht weit von einander mitten auf der obersten Oberfläche
des Augapfels gleich hinter der Stelle befestigt, an welcher
sich die innere Lamelle des Coriums mit ihm vereinigt, und
divergiren nacli hinten, um sich mit dem anderu Ende an die
innere Oberfläche derSdmle oben über den Insertionspunkten
der Bewegungsorgane zu heften. Diesem obern Paar ent-
spricht ein unteres («*), welches das Auge abwärts richtet^
Sie befestigen ihre vorderen Enden an der untern Oberfläche
des Augapfels, den oberen mitten gegenüber, und ihre hinte-
ren fast an derselben Stelle, wie die der vorigen. Während
sonach die oberen eine fast horizontale Lage haben, steigen
jene dagegen bedeutend aufwärts. Beide Paare machen das
Auge sehr beweglich um seine horizontale, gegen des Thieres
Längenachse transversale Achse, und führen es nach dieser
Richtung in einen Bogen von ungefähr 60®. Weniger frei ist
150
die Bewegung, welche das dritte Paar um die perpendiculäre
Augenaclise zu Wege bringt. Diese beiden (a^), kürzer als
die beschriebenen, befestigen sich, einer auf jeder Seite des
Augapfels, etwas hinter seiner Mitte, und erstrecken sich von
da aus rückwärts und aufwärts nach den Basen der Bewe-
gungsorgane, unter denen sie ihre Ansatzstellen haben. — Da
unter den wirbellosen Thieren die Entomostraken die einzigen
sind, bei denen der Augapfel für sich selbst, ohne Stiel, be-
weglich ist, und zwar durch Hülfe von Muskehi, so ist es be-
merkenswerth, dafs diese dieselbe Lage und dieselben Funk-
tionen haben, wie die vier geraden Muskeln bei den Wirbel-
thiereu, — eine Analogie, welche schon Straufs angemerkt
hat®). Uebrigens ist es einirrthum von Treviranus, wenn
dieser sagt ^), dafs jene Muskeln bei Daphnia nur dazu die-
nen, das Auge rückwärts zu ziehen, eine Art der Beweglich-
keit, welche dem innem Baue des Organs nicht entsprechen
würde.
Die Antennen. Fast mitten unter dem Auge erscheint
ein hervorragender Theil (Fig. 2. 5. 6. &), welcher als ent-
sprechend der unteren Seite des sogenannten Rostrums bei
Daphnia und Lynceus angesehen werden kann, und eigent-
lich ein Theil des ;unteren Segments des zweiten Kopfringes
ist, das einzige, was von demselben erscheint. Er gränzt nach
hinten an das Labium, nach vorn an den herabgebogenen Kopf-
schild, und bildet dort einen Absatz, welcher in der Mitte mit
einer geringen Biegung nach aufsen versehen ist (Fig. 6, h^).
An jeder Seite dieser Ausbiegung sitzt eine Reihe von fünf
sehr feinen Borsten (&^), welche man nur mit Hülfe der
stärksten Vergröfserung unterscheiden kann. Sie sind noch
kleiner als bei Daphnia, und beim Mäanchen nicht gröfser als
beim Weibchen. Bei dieser Gattung werden, so wie bei Lyn-
ceus, jene Borstenbüschel jeder von seinem starken Basal-
gliede, welches unter dem Rostrum articulirt, getragen. Aber
bei unserm Thierchen ist das Basalglied entweder von unbe-
merkbarer Kleinheit und, wie es scheint, unter der Kante des
Absatzes verborgen; oder der vorstehende Theil, in welchem
8) A. a. O. Seite 397.
9) Die Erschein, u. Gesetze des organ. Lebens II. 1. S. 81.
151
die Borsten befestigt sind, ist auch durch die beiden verwach-
senen Basalglieder entstanden. Eine Bewegung bin ich au
diesen rudimentären Antennen nicht gewalir geworden.
Das Nervensystem. Der gröfsere Theil desselben
wird durch andere Organe verdunkelt, so dafs man mit Deut-
lichkeit nur das Ganglion cepJiaUcum ( J) unterscheiden kann.
Dies ist von bedeutender Gröfse und liegt vor der Mitte der
fast lothrecht herabsteigenden Speiserölire , etwas oberhalb der
Längenachse des Auges. Seine Stellung ist nicht ganz auf-
recht, sondern etwas nach vom geneigt. Er ist nach hinten
platt, nach vorn mehr angeschwollen, und seine obere Fläche
wird fast ganz und gar von der Insertion der Sehnerven (J^)
eingenommen. Diese sind sehr stark, von den Seiten zusam-
mengedrückt und sonach mehr hoch als breit, gehen nach vorn
fast in einen rechten Winkel vom Ganglium aus, sind im An-
fange von einander getrennt*^), nachher in einen Bulbus ver-
einigt. Von der Seite gesehen bilden sie, nebst dem Bulbus,
einen ovalen Körper, an welchem eine geringe Strictur ((i*)
oben die Stelle zeigt, an welcher sie vereinigt werden. Der
Bulbus wird nach vorn schmäler, und giebt nach unten an die
obere Fläche des hintern Endes vom Pigmentkonus einen Bü-
schel von Nervenfäden ab (t?'*^).
Unten vorn geht aus dem vorragenden Vordertheile des
Gangliums ein feiner Nervenstrang (c/*), welcher von einem
kleinen zapfenförmigen Lappen ab sich gerade hinunter zu
dem Rostrum erstreckt, wo er sich wahrscheinlich zu den An-
tennen begiebt, wenn ich ihn gleich bis an sein Ende nicht
habe verfolgen können.
Nach hinten giebt das Ganglion cephalicum zwei schmä-
lere Stränge ab, welche die Speiseröhre umfassen. Die Com-
missur geht an das hinter der Speiseröhre liegende erste Ven-
traLGanglion. Aber weder dieses, noch die übrige Ausbrei-
tung, habe ich zu unterscheiden vermocht. Bei starkem durch-
10) Dafs die Sehnerven doppelt sind, habe ich mit der gröfsten
Gewifsheit noch bei einem andern, bis jetzt unbeschriebenen Ento-
mostracon aus dem Meere gesehen, welches zwischen Evadne und
Polyphemus steht. Bekanntlich findet dasselbe Verhalten auch bei
monströsen Monoculis Statt.
152
fallenden Lichte scheint er blofs ein dunkler, aber breiter
Streifen.
Die Substanz der sichtbaren Theile des Nervensystemes
zeigt das Mikroskop als halb undurchsichtig und feinkörnig.
Die Mundt heile. Hinter dem Schnabel (Jiostrmn)
und zwischen den beiden vordersten Beinen liegt das grofse
Labrum (c), derjenige Theil des Mundes, welcher zuerst in's
Auge fällt. Von der Seite angesehen ist er fast viereckig,
aber mit abgerundeten Ecken, und hängt unter dem Kopfe mit
der vordem Seite gerade niedersteigend in einem spitzigen
Winkel vom Schnabel, und mit der hintern von der Oeffnung
der Speiseröhre dicht aufsen am Sternum herab. Er ist an
der Basis sehr breit, nach unten zusammengedrückt. Seine
vordere Kante hat eine starke Schale und ist mit mehreren
Reihen von Stacheln besetzt; die hintere ist biegsam und glatt.
In dem Winkel, welchen es mit dem Schnabel bildet, ist es
wenig beweglich * *), denn nur bei dem durch Pressen fast ge-
tödteten Thiere sah ich, dafs jener sich veränderte, und das
Oeffnen des Mundes geschieht hauptsächlich durch das Zusam-
menziehen seiner inneren Seite. Drei Muskeln tragen dazu
bei, w^elclie sämmtlich in der Nähe der vordem und obern
Ecke befestigt sind. Der eine (c^) geht quer über nach der
entgegengesetzten innern und obersten Ecke und öflFnet den
Schlund selbst; ein anderes (c^) geht nach unten, um sich
unter der Mitte der hintern Seite des Labrums zu befestigen,
ist sehr kräftig und bewirkt durch seine Zusammenziehungen
eine tiefe Bucht. Das Labium hat dann das Anselien, als
wenn es einen Lappen hätte, wie bei Daphnia und Lynceus ^ *^).
Vereinigt sich mit diesem noch der dritte und unterste Mus-
11) Bei Daphnia hingegen ist es gerade [hier am beweglichsten;
eine Unälinliciikeit , welche mit der sonderbaren Abwärtsbiegung des
Thorax, die wir schon erwähnt haben, im Zusammenhange steht.
12) Dieser Lohe suspendu^ wie Straufs ihn nennt (a. a. O.
gehört dem Labrum eben sowohl an, wie der, welcher sich
bei unserem Thiere durch die Wirkung der Muskeln bildet. La-
treille's Ansicht {Regne miimal Tom. 4.), nach welcher er allein
das eigentliche Labrum sein würde, scheint defswegen der richtigem
Straufsischen, welcher zufolge diese ganze grofse Partie jene Be-
nennung bekommt, weichen zu müssen. •
153
kel, welches an die hintere und untere Ecke tritt (c3), so
öffnet sicli der Eingang zwisclien Labrum und Sternum völlig.
Die Mandibeln (Fig 5. *c und Fig. 7.) sind mit dem
obern schmälern Ende aufsen am Körper, gleich unter und
etwas hinter der Insertionsstelle der Bewegungsorgane, einge-
lenkt. Sie erstrecken sich von da divergirend nach unten und
etwas nach vorn bis zur Mitte des Mundes; hier biegen sie
sich plötzlich in einen etwas spitzigen Winkel gegen einander.
Sie sind mittelmäfsig stark, oben zugespitzt, darauf ein wenig
stärker und zusammengedrückt. Der eingebogene Theil ist
kürzer als der obere, docli nicht um so viel wie bei Daphnia,
schmal und am Ende in zwei verticale Kauränder ('c*),
welche durch eine kleine Bucht getrennt sind, ausgebreitet.
Von den letzteren hat der vordere drei, der hintere zwei un-
gleich grofse Zähne. — Die Bewegungen der Mandibeln sind
sehr frei, sowohl nach vorn, als auch nach hinten und gegen,
einander; aber die Muskeln, durch welche sie geschehen, sind
sehr schwer zu erblicken. Unterhalb der Biegung hat jede
Mandibel einen Eindruck ('c'*), welcher die Ansatzstelle ei-
nes gerade nach innen laufenden kurzen Anziehers sein mufs,
den ich gleichwohl nicht habe sehen können. Gleicherweise
befestigt sich zwischen den Muskeln der Bewegungsorgane
oben an der Schale zu jeder Seite ein schmaler Muskel (Fig.
1. 'c^), welcher abwärts läuft, dessen weiterer^ Verlauf aber
von anderen Theilen verdeckt wird. Dieser entspricht dem
doppelten Muscle relateur, welchen Straufs von Daphnia
beschreibt.
Bei Daphnia und Lynceus finden sich, aufser diesen Thei-
len, noch ein Paar Maxillen, welche horizontal nach hinten
liegen und mit mehreren Haken versehen sind. Die eifrigsten
Bemühungen haben mich nichts Vollständiges, als jenen ent-
sprechend, bei unserem Thiere sehen lassen. Vor der Bie-
gung der Mandibeln (s. Fig. 2.) springt zwar ein Organ her-
vor, welches ein Theil der Maxille sein dürfte, aber die ganze
Fortsetzung desselben nach hinten ist verdeckt. Dafs sich
wirklich Maxillen finden, dürfte man defswegen als ausge-
macht ansehen, auch dafs sie einfacher sein müssen als bei
Daphnia, weil eine einigermafsen zusammengesetzte Einrich-
tung sie bald vcrrathch haben würde.
154
Der Darmkanal kann bei unserra Thiere, wie bei den
meisten übrigen Crustaceen, deutlich in die Speiseröhre, den
Magen und den Darm getheilt werden. Die Speiseröhre
{Oesophagus) (jß) ist lang und dünn, geht von der Mundöff-
nung nacli oben und etwas nach hinten, zwischen den Scldin-
gen des Gangliuin cephallcum zum Magen (ß*), in welchen
sie an der untern und vordem Ecke desselben eintritt. Der
Magen hat seine Stelle gleich über den querlaufenden Incli-
natores palporum, und seine Längsrichtung ist etwas nach
vorn hin abschüssig. Seine obere Fläche ist platt (Fig. 1.);
aber nach vorn und an den Seiten, insonderheit nahe an der
Cardia, sind seine Wände ausgedehnt. Ihm fehlen ganz und
gar die blinden Anhänge, welche die Daphnien und Lynceen
besitzen. Von seiner obern Fläche gehen mehrere Bänder ab
(Fig. 1.), mittelst welcher er aufgehängt ist, nämlich: an je-
der Seite ein breiter Rand, welcher sich nachher in zwei theilt,
nach vorn zwei ebenfalls doppelte und nach hinten zwei ein-
fache. Am Pförtner ist der Magen, wenigstens nach aufsen,
nicht besonders zusammengezogen, aber der Darm (e^) geht
auch nicht in derselben Richtung ab, welche der Magen hat,
sondern gerade nach unten unter einem so spitzigen Winkel,
dafs er fast parallel mit der Speiseröhre geht. Er ist ziemlich
lang, gerade, fast gleich dick, nur in der Mitte ganz unbedeu-
tend erweitert, gegen den After zu aber ganz dünn. Auf sei-
ner Oberfläche kann man zwar keine Abtheilung für den Mast-
darm wahrnehmen, doch kann der unterste dünnere Theil
(Fig. 8. d'*) als der Funktion nach vom übrigen verschieden
betrachtet werden. Der Inhalt ist dort immer von einer an-
dern Gestalt und von rothbrauner Farbe (JPaeces), und die
Bewegungen, welche der übrige Darm macht, scheinen sich
nicht dahin zu erstrecken. Noch weiter naoh unten ist der
Mastdarm von mehreren Quermuskeln umgeben, welche sich
theils ringförmig um ihn legen {Sphincteres}, theils sich nach
umliegenden festen Theilen hinüber begeben (levatores). Der
After liegt zwischen den beiden Endspitzen des Abdomens. —
Die Leber habe ich nicht sehen können, obgleich ihre Gegen-
wart wohl kaum zu bezweifeln ist.
An den Mandibeln findet sich kein Taster befestigt; nicht
dafs er fehlte, sondern weil er eine ganz eigene Verrichtung
155
erhalten und sich von ilinen abgelöst hat. Die merkwürdigen
Theile (fi), welche wir bisher ßewcgungsorgane genannt ha-
ben, sind nämlich, unserer Meinung nach, nichts anderes als
Mandibularpalpen, so wie wir sie bei Cypris sehen, aber durch
eine, so zu sagen, abirrende Entwickelung zur ursprünglichen
Bestimmung aller Anhänge (^Appendices) — der Ortsbewegung
— wieder zurückgefülirt. Mit einem starken, nahe an der
Basis etwas dickeren, dann ganz unbedeutend zurückgebogenen
Basalgliede (Ji), welches an Länge ungefähr f der Breite des
Kopfes gleich kommt, sind sie dicht neben dem obern Ende
der Mandibeln zu innerst in der Bucht inserirt, welche zwi-
schen den Epimeren und dem Kopfschilde gebildet wird. An
der Spitze hat das Basalglied zwei Fortsätze (Ä:^), von denen
der vordere und obere etwas gröfser ist, als der hintere, nie-
driger liegende. Durch wenig bewegliche Artikulationen sind
an diese Fortsätze zwei Aeste gestellt (/t^), von denen der
vordere, welcher sich etwas nach vorn und oben erstreckt,
aus drei Gliedern besteht, von denen das erste das gröfste,
das letzte, äufserste, das kleinste ist. Dieses hat vier lange
Borsten (k^ und Fig. 3.) in einer Reihe schräg über einander
gestellt; die anderen beiden Glieder haben jedes nur eine,
nach unten und hinten gerichtete. Der hintere Ast, welcher
auf dem kleinern Gelenkknopfe articulirt, ist etwas kürzer als
der vordere, hat aber doch mehrere Glieder, nämlich vier.
Von diesen ist das erste sehr klein und unbewaffnet, die drei
folgenden dagegen denen des vorderen Astes gleicli, aufser
dafs das äufserste vor seinen vier Borsten noch einen kleinen
Stachel trägt. Alle Borsten sind mit feinen langen Haaren
besetzt, und das Ganze w^rd durch sie, so wie durch ihre
schräge Stellung, zu einem sehr starken Schwinimorgane.
Der ganze Taster kann seine Stellung gegen den Körper ver-
ändern und aufserdem sich auch etwas um seine Achse dre-
hen. Die letzteren Bewegungen geschehen durch zwei Mus-
keln, Levatores (A*), welche ganz nahe bei einander, oben
über und etwas hinter der Insertionsstelle der Taster, an der
Schale befestigt sind, dann divergirend herabsteigen, an Dicke
zunehmen und sich, jeder an seiner Seite, an das Basalglied
des Tasters legen. Durch abwechselndes Wirken drehen sie
das Glied um seine Achse; vereinigen sie sich, so richten sie
156
es auf. lu der letztörn Verrichtung entsprechen ihnen zwei
andere quere und horizontale, stärkere Muskeln, Inclinatores
(Ä^), welche, an der entgegengesetzten Seite der^ Schale gleich
über der Insertionsstelle der Taster und zwischen ihren Auf-
hebern befestigt, gerade zu der innern und untern Fläche der
Basalglieder hinüberlaufen und sich auf diesem Wege mit den
Inclinatoren der entgegengesetzten Seite kreuzen. Vereinigt
ziehen sie den Taster nach unten; wirkt nur einer von ihnen,
so richtet er jenen nach hinten oder vorn. Nach hinten ist
jedoch die Beweglichkeit durch die Kante des Epimers be-
schränkt, nach vorn ist sie frei. Die Bewegung der Aeste
gegen einander ist von geringer Bedeutung; doch können die
Borsten zusammengelegt und wiederum ausgespreizt werden.
Diese Organe wurden bei Daphnia von O. Fr. Müller
Antennen genannt, von Straufs als erstes Fufspaar, und von
Latreille wieder als Antennen angesehen. Die Antennen
des ersten Paares hat man schon in rudimentärem Zustande
beim Schnabel erkannt, dem einzigen Theile ihres Ringes, wel-
cher^ sich geltend gemacht hat. Das andere Paar ist dagegen
verschwunden und sein Ring ist mit dem Kopfschilde ver-
schmolzen. Der vierte oder Mandibulamng aber, welcher
durch seine übertriebene Entwickelung die Oberhand über alle
übrigen gewonnen hat, ist auch derjenige, dessen Anhänge am
meisten entwickelt sind; seine Mandibeln haben deshalb, wie
bei Cypris, grofse Taster.
Aufser diesen Bewegungsorganen hat unser Thierchen vier
Paar Beine (/ und Fig. 8.), welche am Thorax befestigt und
von einem weit einfachem Baue als bei Daphnia sind. Gleich-
wohl und obzwar sie hier nicht, wie bei jener Gattung einge-
schlossen liegen, sondern eine ziemlich freie Lage haben, wer-
den sie nie zur Ortsveränderung benutzt. Sie erscheinen viel,
mehr durch ihre beständige tappende Bewegung als zu den
Mundtheilen verwiesen, eine Funktion, welche sich uns bei
ihnen deutlich ergiebt, wenn wir ihre Stellung — zusammen-
gedrückt nach dem Munde zu, so dafs das Labrum zwischen
sie hinein springt — und ihre Zusammensetzung betrachten,
in welcher war die Appendices erkennen können, die denMa-
xillarfüfsen angehören.
Die drei ersten Paare bestehen aus drei Gliedern, das
157
vierte nur aus zweien. Alle haben ein grofses Basalglied
(Fig. 8. 1.) oder Femur, weiches umnittelbar mit dem Rum-
pfe articulirt. Das auf dieses folgende Glied hat an der au-
fseni Seite der Spitze einen Anhang, Tihia (2*), und bei
den zwei mittelsten Paaren finden wir überdies an der innern
Seite, jenem mitten gegenüber noch einen andern ähnlichen
(2**) von eirunder Gestalt. Das bei den drei ersten Paaren
auf dasselbe folgende dritte Glied trägt au der Spitze zwei
kleine Gliederchen (Tarsus^
Das erste Fufspaar. Das erste Glied grofs und stark,
das zweite sehr kurz aber stark, das dritte lang und schmal,
an der innern Seite zwei Dornen und an der Spitze zwei lange
Borsten tragend, welche, wie alle übrigen Borsten der Beine,
mit Stacheln (Fig. 10.) besetzt sind. Der Anhang des zwei-
ten Gliedes stark, mehr als halb so laug als das Fenmr, hin-
terwärts haarig, hat an der Basis einen kleinen Dorn und an
der Spitze zwei sehr lange Borsten. Die zwei kleinen End-
glieder des drittes Gliedes jedes mit zwei langen Borsten.
Beim Männchen sind hier (Fig. 11.), wie bei Daphnia, gewisse
Theile etwas anders gebildet. Das dritte Glied hat nur ein
kurzes Endglied-Glied mit zwei laugen Borsten; die äufserste
ist zu einem Haken (Fig. 11. 3^) verwandelt, welcher vermutli-
lich bei der Paarung angewendet wird. Ein schräg verlaufen-
der Muskel ist dazu geeignet, denselben einzubiegen.
Das zweite Fufspaar. Das erste Glied ist sehr kurz,
das zweite stark und mehr als doppelt so lang wie das des
ersten Paares. Das dritte Glied von derselben Länge wie das
zweite, stärker als beim ersten Paare, und an der innern Seite
mit vier gepaarten Stacheln. Der äufsere Anhang des zweiten
Gliedes, kürzer und schwächer als der des ersten Paares, trägt
zwei Borsten. Diesem mitten gegenüber sitzt an der innern
Seite ein anderer Anhang (2'* und Fig. 9.), von einem einzi-
gen kleinen, langgezogenen, eiförmigen Gliedchen, rund umher
besetzt mit steifen Haaren und hier und dort mit einem Sta-
chel. Endglieder zwei, jedes mit zwei langen Borsten.
Das dritte Fufspaar, dem zweiten ähnlich, etwas
schwächer, der äufsere Anhang mit einer einzigen Borste.
Das vierte Paar rudimentär. Das erste Glied etwas
gröfser als das der vorigen zwei Beine, das zweite stark. Der
158
äufsere Anhang klein, mit einer einzigen Borste, Borstenbii-
schel nach vorn und hinten, das dritte Glied verschwunden,
blofs angedeutet durch vier kurze Borsten.
Die Anhänge, welche ich beschrieben habe, scheinen die-
selben Theile zu sein, welche Milne Edwards (Hist. nat,
des Crustaces) als normale Theile der Beine bei den Crusta-
ceen ansieht; er nennt den einen Palpe, den andern Fouet
Bei den Dekapoden finden sie sich eigentlich nur an den Ma-
xillarfiifsen, an denen der Taster der äufsere Anhang ist, wel-
cher lange diesen Namen geführt hat, und le Fouet der in-
nere , welcher mir hier eine respiratorische Verrichtung zu
haben schien. Dieselbe Verrichtung hat auch dieser Theil bei
den Amphipoden, bei welchen er sich auch an den eigentli-
chen Beinen findet und die Gestalt einer mit Zellen angefüll-
ten Blase hat. Dieser Form nähert sich der innere Anhang
des zweiten und dritten Fufspaares bei unserm Thierchen eben
sowohl, als er zugleich die äufseren Spitzen beibehält, die er
bei den Dekapoden hat, wenn sie gleich nicht mehr kammför-
mig gestellt sind, wie bei mehreren von diesen.
Was das vierte Paar betrifft, so können wir aus dieser
Organisation schliefsen, dafs es nicht mehr ein maxillares ist,
sondern als ein rudimentäres Analogon des ersten Beinpaares
bei den Dekapoden angesehen werden mufs.
Noch weniger ausgebildet ist das ganze Abdomen (c
Fig. 8.). Es ist sehr kurz, konisch, gerade nach unten ge-
richtet und läuft in zwei Spitzen aus, zwischen denen sich
eine ausgerundete Bucht befindet. Seine vordere Oberfläche
ist mit kleinen schupp enförmigen Stacheln besetzt, und hinter-
wärts trägt er einen kurzen Knopf (c^), an welchem zwei
biegsame, lange, haarige Borsten (c*) befestigt sind.
Von den Kreislaufsorganen ist nur das Herz (Fig. 1. 2.
f) recht deutlich. Dieses liegt unter dem Thorax, nahe hin-
ter den Muskeln der Taster, von Gestalt wie eine liegende
eiförmige Blase mit vorwärts gerichtetem kurzen Halse, und
hinterwärts an jeder Seite mit einer schief laufenden Falte.
Diese Falte besteht in schiefen Oeffnungen, deren Seiten Klap-
pen sind, welche sich so gegen einander neigen, dafs zwischen
ihren inneren zusammenstofsenden Rändern eine lothrechte
Spalte entsteht. Wenn sich daher das Herz zusammenzieht,
159
nm durch den vorderen dünnen Hals, die Kopfarterie, das
Blut herauszutreiben, so wird die Spalte zwischen diesen Klap-
pen gesperrt; erweitert es sich aber, so strömt durch sie das
venöse Blut von hinten ein. Dieser Strom wird am besten
unter dem Thorax wahrgenonunen , kommt, hauptsächlich in
zwei Verzweigungen, aus den Körpertheilen und ist zuerst
rückwärts und dann, in gröfseren oder kleineren Bogen, auf-
wärts gerichtet, um sich durch die Klappen hineinzustürzen.
Ist das Thier frisch und gesund, so laufen die Blutkügelchen
mit der äufsersten Schnelligkeit; wird es aber schwächer, z. B.
durch Pressen, so sieht man sie ruckweise vorwärts treiben,
doch gleichzeitig mit dem Herzschlage. Man sieht dann auch,
dafs ihre Schnelligkeit geringer ist, wenn sie in der Mitte ih-
res Weges sind, und wiederum zunimmt, wenn sie sich dem
Herzen nähern. Die Kopfarterie mufs sehr kurz sein, und das
Gefäfs, welches zu den Organen im Thorax gehen mufs, habe
ich nicht deutlich sehen können. — Als die gröfste Geschwin-
digkeit der Pulsationen habe ich 150 bis 180 Schläge in der
Minute gezählt; sie waren dann völlig isochronisch. Die Pul-
sationen setzen sie fort, nachdem durch Pressung das Auge
schon herausgesprengt worden ist, doch gehen sie schwächer
und mit ungleichen Zwischenzeiten vor sich.
An jeder Seite des Herzens, unter den Levatores pal-
porum, befestigt sich durch einige feine Bänder ein blasen-
förmiges Organ (Fig. 1. 2. ^), welches von da schräg ab-
wärts in den Thorax hineinhängt. Es besteht aus fünf Bla-
sen, deren mittelste die gröfste ist, und die alle vollkommen
glashell und unter einander ohne Zwischenwände verbunden
sind. Nie sah ich es sich bewegen, nicht einmal sich zusam-
menziehen, und bei allen Individuen, welche ich untersucht
habe, hatte er dasselbe Ansehen. Nach vielen fruchtlosen Muth-
mafsungen mufs ich gestehen, dafs ich seine Bestimmung nicht
kenne; ich hoffe jedoch, diese in der Folge ausmitteln zu
können.
Die Geschlechtswerkzeuge (f, /) liegen bei beiden
Geschlechtern hinter dem Darmkanale, dem Abdomen nahe
und dem dritten Fufspaare ungefähr mitten gegenüber. Der
Uterus (0 fällt sogleich in die Augen. Wenn die Eier selir
klein sind, wie bei neugebornen weiblichen Jungen (Fig. 12.);,
160
so ist er stark gegen den Darmkanal hinaufgezogen; er dehnt
sich aber bei der Entwickelung immer mehr aus. Seine obere
Fläche wölbt sich, die untere legt sich aus der Schale heraus.
Er ist sehr elastisch, so dafs er sich in- diesem Zustande nach
den Formen der Jungen zieht (Fig. 14.), läuft nach hinten in
eine Spitze aus und hat nach vorn zwei Ecken (i*), welche
vermuthlich in Verbindung mit den äufseren Geschlechtsthei-
len oder mit den Ovarien stehen. Die Begränzung dieser letz-
teren, welche bei Daphnia so deutlich ist, ist hier sehr schwer
zu sehen; sie liegen eins zu jeder Seite des Darmkanals.
Beim Männchen haben die Hoden (Fig. 13.) eine jener
entsprechende Lage. Sie haben die Gestalt einer eirunden
Blase (7^^), welche an der Seite des Darmkanals schräg
aufgehängt ist und nach hinten etwas heraussteht, so dafs sie
dort eine Ausbiegung auf der Haut bewirkt, mit welcher sie
zu äufserst bekleidet ist. In der Blase, welche vermuthlich
muskulär und zugleich der Ejaculator ist, liegen die Samen-
kanäle um einander geschlungen, und von ihrer vordem und
untern Seite geht ein starker Ausffthrungsgang ab (j^), wel-
cher sich zuerst abwärts, dann vorwärts biegt und sich in den
Penis öffnet (Z'*). Dieser sitzt jederseits am Abdomen und
hat die Gestalt eines kurzen, abgestutzten, nach vorn und un-
ten gerichteten Kegels.
Jurine hat die Daphnien gepaart gesehen und ihre Fort-
pflanzung trefflich beobachtet. Die Paarung zu sehen ist mir
nicht beschieden worden; da es mir aber geglückt ist, die äu-
fsern Geschlechtstheile des Männchens zu finden, dürfte jener
Mangel einigermafsen ersetzt sein. Es ist mir auch nicht
möglich gewesen, die Entwickelung des Eies zu verfolgen,
denn ich habe nie ein einziges Exemplar 12 Stunden lang am
Leben erhalten können. Das Seewasser verdirbt, wenn man
es auch noch so oft wechselt, doch bald, und dann sterben die
Thierchen. Das Gebären aber ist mir nach mifslungenen Ver-
suchen geglückt, zu beobachten, und ich habe gefunden, [dafs
es auf folgende Weise vor sich geht:
13) Bei Daphm'a longispina ist diese Blase langgezogen, liegt
auswärts am Darmkanale und hat einen starken Ausführungsgang,
welcher sich ohne einen sichtbaren Penis hinten am Abdomen, dicht
am After zwischen den doppelten Stachelreihen, öffnet.
161
Gewöhnlich entwickeln sich auf einmal nur zwei Eier.
Sie zerplatzen, wie es scheint, in sehr kurzer Zeit, aber die
Jungen bleiben dennoch im Uterus eingeschlossen. Schon früh
kann man die Krystall- Linsen des Auges, die jedoch im An-
fange ohne Pigment sind, wahrnehmen. Dies zeigt sich erst
später, wenn man auch Taster und Beine unterscheidet. Es
ist im Anfange lichtbraun, dann nach hinten grün, nach vorn
braun, bis es allmälig durch zunehmende Menge eine dunkele,
endlich ganz schwarze Farbe bekommt. Zu der Zeit, in wel-
cher es beginnt sich zu färben, ist der Kopf oben noch nicht
völlig mit dem Thorax verwachsen, sondern man sieht deut-
lich eine Bucht an der Schale. Währenddem hat der Uterus
durch Vergröfserung der Jungen seine Gestalt verändert, ist
mehr lang als hoch geworden (Fig. 14), und ruht mit der
verlängerten Uuterfläche auf der Schale. Wenn das Pigment
im Auge schwarz geworden ist, ist das Junge nach allen sei-
nen vornehmsten Theilen ausgebildet, fängt an sich zu rühren,
und der Uterus wird immer mehr ausgedehnt. Nun öffnet er
sich durch eine Spalte an der obern Fläche, und die Jungen,
kommen aus ihr in den grofsen Raum unter der Schale. Die
Geburt ist dann eigentlich vollbracht, der Uterus ist im Au-
genblicke nachher wieder stark zusammengezogen und em-
pfängt zwei neue Eier aus dem Eierstocke. Wenn die Jun-
gen aus dem Uterus kommen (Fig. 12.), sind sie den alten
Thieren völlig gleich, ausgenommen dafs der Thorax nicht die
Gestalt eines konischen Höckers hat, sondern gewölbeähnlich
den Rücken bedeckt; er ist aber schon vollkommen mit dem
Kopfe vereinigt.
Wenn gleich eigentlich nun geboren, sind die Jungen
doch noch im Körper der Mutter, aber nur für eine kurze
Weile. Die Mutter wird unruhig — sie soll sich von ihrer
alten Schale befreien und zugleich ihre Jungen dem Element
überliefern, welchem sie angehören ; — so nahe verbunden mit
einander sind hier die Phänomen des Gebarens und des Haut-
wechsels. Das Corium hat schon die anzulegende neue Schale
abgesondert; sie ist weich und die Naht zwischen ihren Rük-
kenstücken noch nicht verwachsen. Diese ganze Haut beginnt
nun, sich von der alten Schale abzulösen und sich nach innen
zusammenzuziehen. Dies geschieht durch die Muskelschicht,
IV. Jahrg. I. Band. 11
162
welche ich annehmen mufs, aber nicht mit Bestimmtheit habe
sehen können, und die Ränder des Ringmiiskels werden wel
lenförmig. Je mehr diese Hant sich einwärts zieht, desto we-
niger Raum behalten die Jungen ; — aber eben sie giebt ihnen
nach und öffnet sich in der Rückennaht. Hinter dieser ausge-
schlüpft (Fig. 15.), liaben sie sonach nur noch die Schale zu
durchbrechen. Aber auch ihre eigene ISchale erleidet gleich-
zeitig mit der der Mutter eine bedeutende Veränderung; —
während einer Minute springt der grofse Höcker des Thorax
hervor. Dadurch verringert sich ihr Platz noch mehr; über-
dies schiefst nun die neue Schale der Mutter durch ihre
eigene Elasticität zurück, um ihre rechte Gestalt anzunehmen,
und die alte wird durch diese Spannung nach den Seiten hin
so ausgedehnt (Fig. 16.), dafs sie am Ende zerspringt. Wo
diese Oeffnung entstehe, kann ich nicht mit Gewifsheit sagen;
ich vermuthe aber, an der untern Seite in der Naht der Rük-
kenstücke. Einen Augenblick danach sind die Jungen heraus
und schwimmen frei umher; sind es Weibchen, so haben sie
zwei Eier im Uterus. Unterdessen befreiet sich die Mutter
von der alten Schale, deren Form und Platz die neue schnell
einnimmt.
Die Männchen sind hier, wie unter den Daphnien, weit
seltner als die Weibchen. Man trifft sie am meisten im Ju-
nius und Julius an. Aufser den Verschiedenheiten, welche
wir bei dem ersten Fufspaare von den äufseren Geschlechts-
theilen erwähnt haben, sind beide Geschlechter gleich. Die
Männchen sind zwar etwas kleiner als die Weibchen, doch
lange nicht um so viel, wie bei den Daphnien.
Die Evadne Nordmanni ist ein sehr lebendiges Thier-
chen, und ihre Bewegungen sind hurtig und ebenmäfsiger, als
die der Daphnien. Die Richtung ihrer gewöhnlichen Bewe-
gungen geht vorwärts und etwas auf- oder abwärts, nie ge-
rade vorwärts. Geht aber die Bewegung auch auf- oder ab-
wärts, so liegt dodi der Körper horizontal nach seiner Län-
genachse. Kommt die Evadne der Wasserfläche zu nahe, so
geräth sie bisweilen über dieselbe hinaus, ihre glatte Schale
schlägt sich aus einander und sie kann sich nicht wieder hin-
absenken. In diesem Falle pflegen die Thierchen, und eben
so auch, wenn sie auf dem Objektträger des Mikroskopes stiJl
163
liegen, die Taster nach vorn in die Bucht zwischen dem Kopf-
schilde und den Epimeren zu legen, was im letztern Falle für
die Untersuchung sehr unbequem ist. Hat man viele in ein
und demselben Glase, so bekommt man bald eine kleine Flo-
tille zu sehen, welclie auf jene Weise herumtreibt. Sie lieben
das Licht und schwimmen allezeit nach der Sonnenseite zu;
denn an der Meeresfläche, ihret eigentlichen Heimath, findet
sich niclits, was das Licht entzöge. Sie kommen auch dem
Strande nie näher, als auf etwa hundert Faden, und beim
stärksten Sturme habe ich sie vergebens in den Wogen ge-
sucht. Ist die See spiegelglatt und der Himmel hell, so kann
man eines guten Fanges gewifs sein; wenn aber der gelin-
deste Windeshauch die Oberfläche kräuselt, verschwinden sie
sogleich. Sie senken sich alsdann vermuthlich tief hinab, und
aus der Ursache werden sie wohl vom Sturme nicht herauf-
getrieben. Ihre Nahrung scheinen sie sich aus der Masse
feiner organischer Theilchen auszuwählen, welche an der Ober-
fläche des Meeres schwimmt. Sie finden sich vermuthlich an
unserer ganzen westlichen Küste, von Kullen an bis zum
Meerbusen von Christiania.
Die Ordnung der Entomostraca ist von allen Ordnungen
der Crustaceen die am wenigsten gekannte; aber nach der An-
zahl der Arten zu schliefsen, welche unsere eigenen Umgebun-
gen darbieten, dürfte sie sehr artenreich sein. Das Meer an
unseren Küsten enthält mehrere Gattungen und zahlreiche Ar-
ten, von denen durch O. F. Müller sehr wenige und zwar
mit einer Genauigkeit beschrieben worden sind, welche seiner
Zeit allerdings Ehre macht, aber in der unsrigen keineswegs
mehr befriedigt. Wie viel mehr haben wir dann zu erwarten,
wenn die Forschung einmal auch in diesem Theile der Zoolo-
gie die tropischen Länder erreicht haben wird! Denn wohl
ist das Glück, jene mächtigere Natur in der Nähe zu schauen,
Vielen bescheert w^orden; aber sie wurden, wie es den An-
schein hat, von der gröfsern, glänzendem geblendet und hatten
keine Augen für diese kleinen Thiere und ihre anspruchslose-
ren Formen. Wir müssen defswegen die Hoffnung aufgeben,
aus den wenigen, uns bekannt gewordenen, einen natürlichen
Platz im Systeme zu ermitteln, bekennend, dafs der Irrthum
11*
164
hier eben so nahe liegt, wie es bei der Lehre von den Infii-
sionsthieren der Fall war, bevor Ehrenberg sie iimschnf,
und dafs unsere Kenntnifs dort nicht gröfser ist, als sie ohne
einen Columbus und Vasco nur hätte sein können.
Jedoch so fruchtlos hier das Systeniatisiren auch erscheint,
ist es doch nothwendig, damit wir vor Augen legen, was wir wissen
und was noch zu thun ist; aber die Abtheilungen, welche nur
wenige, vielleicht sehr verschiedene Gattungen enthalten, müs-
sen dann auch nur wie Rubriken betrachtet werden, unter de-
nen man über Thiere gehandelt hat, für welche ein natürli-
cher Platz nicht vorhanden war. Eine solche Rubrik ist die
ganze Ordnung der Entomostraca, mag sie auch in noch so
viele Unterabtheilungen aufgelöst werden. Denn es ist un-
läugbar, dafs Gattungen, wie die von Daphnia und Cyclops, Cypris
und Apus sich einander so unähnlich sind, dafs si^ nothwendig
in einer künftigen Zeit, wenn wir mehr Arten werden kennen
gelernt haben, weit von einander zu trennen sein werden.
Die Evadne kann als ein Mittelglied angesehen werden und
steht dem Polyphemus Müll, am nächsten. So wie dieser
besitzt sie die Rückenstücke ihrer Bedeckung bedeutend aus-
gebildet, und Gröfse und Gestalt des Auges sind fast diesel-
ben. Aber bei Polyphemus ist der Kopf vom Thorax bestimmt
geschieden, welches bei Evadne nur bei den unausgebildeten
Jungen der Fall ist; die Aeste der Taster haben fünf Glieder
und die Füfse eine etwas abweichende Structur. Rücksicht-
lich des Habitus werden sie durch den Ungeheuern Thorax
der Evadne leicht unterschieden.
Die Verschiedenheiten unter Evadne, Daphnia und Lyn-
ceus habe ich schon im Vorhergehenden erwähnt, und die
übrigen Entomostraken entfernen sich von der erstem noch
mehr als die beiden letzteren.
Eine genaue Untersuchung des Polyphemus fehlt noch,
aber, nach dem Aeufsern zu schliefsen, dürfte diese Gattung
mit unserem Thierchen sehr übereinstimmen. Durch diese bei-
den Genera geschieht es auch, dafs eine Verwandtschaft zwi-
schen den Dekapoden und Cladoceren angedeutet wird, zu de-
ren vollständiger Darlegung nicht eben viele Glieder nöthig
zu sein scheinen — wenigstens steht die Reihe der Hedrio-
thalmen weit entfernter.
165
Der Name Podophtlialineii weist auf eine Bevvegliclikeit
des Auges hin, welclie sicli nur bei den Cladoceren wieder-
findet. Zwar hat es nicht nielir seine Pedicelli (Beine des
ersten Ringes), weil ein hinterwärts liegender Hing die Ober-
hand bekommen und sicli darüber ausgedelnit hat; aber die
Natur hat ihr Gesetz dennoch geltend gemacht und durch an-
dere Mittel, durch Muskeln, die Wendbarkeit , welche von
(lüfi Auges dioptrischer Einrichtung nicht zu trennen war, be-
werkstelligt; So wie diese Beweglichkeit bei Evadne gröfser
ist als bei Daphnia, sind auch die Krystall-Linseu hinsichtlich
der Form denen der Dekapoden ähnlicher.
Die Verkürzung des Thorax und des Kopfes, jene Zu-
sammendrückung von hinten nach vorn, so zu sagen, welche
so bestimmt bei den kurzschwänzigen Dekapoden ausgedrückt
ist, zeigt sich auch bei unserm Thierchen, eben so wie die
jene begleitende Eigenheit, dafs die normale Richtung^ der Orts-
veränderung nicht mehr mit der Längenachse des Körpers zu-
sammenfällt **). Ja, aus der Gestalt und Stellung der Beine,
welche hier deutlich bezeichnet, dafs sie eigentlich dem Munde
angehören, erhellt, dafs jene Verkürzung noch auf eine höhere
Stufe gebracht worden ist, als bei den Dekapoden. Zugleich
ist, so wie bei diesen, das Herz mehr central und nicht in die
Länge gezogen, wie bei den Hedriophthalmen, bei denen die
Trennung der Ringe von einander und die Verlängerung des
Thorax normal sind. Dafs die Rückenstücke des Thorax es
sind, welche seine Wölbung bilden, steht ebenfalJs in Ueber-
einstimmung mit dem Verhalten bei den ersteren, so wie die
Verkürzung des Abdomens, welches dort wie hier rudimentär,
nicht mehr die Bestimnmng hat, die Eier während ihrer Ent-
wickelung zu beherbergen, eine Fuuction, welche sich der Tho-
14) Bei den kurzschwänzigen Dekapoden wird die Breite des
Körpers immer gröfser im Verhältnifs zur Länge, ja, bei vielen be-
deutend gröfser. Zugleich müssen sie auch nach der Seite hin gehen,
weil die Längenachse des Körpers beständig auf die normale Bewe-
gung der Ortsveränderung hinweist. Es ist freilich wahr, dafs die
Langschwänze, bei denen die Längenachse ihre gewöhnliche Lage hat,
auch nach der Schräge gehen ; aber die Natur ruft, vermöge des Ver-
w«indtschaftsgesetzes , oft dergleichen Phänomene von neuem hervor,
selbst nachdem ihre ursprüngliche Ursache verschwunden ist.
166
rax zugeeignet hat. Alles, die Verkürzung des Abdomens, die
Weite des Thorax, die Wölbung des Kopfschildes bis selbst
über das Auge hinweg^ das Verschwinden von jeder Spur ei-
ner Sonderung der Bedeckungsringe, alles dies berechtigt uns,
anzunehmen, dafs die Cladoceren eine von den Dekapoden
abirrende Ordnung sind und von den Hedriophthalmen weit
abstehen. Die Zukunft wird lehren, wie weit die Verkettung
mit diesen durch Cyclops und die übrigen Entomostraca mit
sitzenden Augen und deutlicher Ringtheilung gehe.
Erklärung der Figuren.
Fig. 1. Evadne Nordmanni von oben in der Stellung, dafs
der Kopf bedeutend höher als die hinteren Theile
steht. Das Ganze ist der Deutlichkeit wegen sehr
vergröfsert.
Fig. 2. Das Thier von der Seite; die Taster k sind wegge-
lassen.
Fig. 3. Eine Tasterborste.
Fig. 4. Eine Krystall-Linse des Auges.
Fig. 5. Der Kopf; das Epimeron B^ ist weggenommen.
Fig. 6. Ein Theil des Kopfes von der unteren Seite; noch
stärker vergröfsert.
Fig. 7. Die Mandibeln.
Fig. 8. Die Beine und das Abdomen.
Fig. 9. Ein Flügel von der innern Seite des entsprechenden
Beines.
Fig. 10. Eine Beinborste.
Fig. 11. Vorderbein des Männchens.
Fig. 12. Ein neugebornes Junges, so wie es sich noch in der
Schale der Mutter eingeschlossen zeigt.
Fig. 13. Die männlichen Geschlechtstheile.
Fig. 14. Der Uterus von der Unterseite.
Fig. 15. Die zwischen der neuen und alten Schale hervorge-
kommenen Jungen.
Fig. 16. Die die alte Schale ausdehnenden Jungen, nachdem
der Thorax seine Gestalt angenommen hat.
Bei allen diesen Figuren bedeutet: A den Kopf, B den
Thorax, C das Abdomen, a das Auge, h die Antennen, c das
Labrum, 'c die Mandibeln, d das GangUuin cephalicum, e den
Darmkanal, / das Herz, g das blasenförmige Organ, h die all-
gemeine Körperbedeckung, i des Weibchens und j des Männ-
chens Geschlechtstheile, k die Taster, l die Beine.
Ornithologische Beitrüge aus dem zoologischen Museum
der Universität zu Greifswald.
Mitgetheilt
von
Dr. Horuschuch und Dr. Schiillug,
I. lieber Limosa Meyeri Leish und Limosa rufa Briss.
Im Jahre 1812 beschränkte Leisler in seinen Nachträgen')
die von Brisson aufgestellte Gattung Limosa naturgemäfs,
und stellte gleichzeitig unter dem Namen L. Meyeri eine
neue, dazu gehörende Art auf, die bis dahin, je nach iliren
verscliiedenen Zuständen, theils mit den beiden andern deut-
scheu Gattungsverwandten, theils mit Arten anderer nahver-
wandter Gattungen verwechselt worden war, indem er zu-
gieich die Irrthümer und Verwechselungen, welche mit den
drei deutschen Arten dieser Gattung bei den Ornithologen bis
dahin statt gefunden, mit vielem Scharfsinne aufdeckte und de-
ren Synonymik berichtigte.
Als Kennzeichen der von ihm aufgestellten neuen Art
führt er folgende an:
„Der nackte Theil des Beines ist 2J mal langer als wie
die Mittelzehe; der Schwanz hat viele schwarze Querbänder,
die auf den mittleren und Seitenfedern sich in die Lange
ziehen."
Am Schlüsse seiner Beschreibung der L. Meyeri stellt er
noch einmal, zur besseren Uebersicht, die von ihm für wesent-
1) Nachträge zu Bechstein's Naturgeschichte Deutschlands,
\on Dr. F. P. A. Leisler. L Heft. Hanau 1812. Mit 1 Kupfer. 8.
2Ü0 Seiten.
168
lieh gehaltenen Merkmale der L. rufa Briss. und seiner L,
Meyej'i neben einander, wie folgt:
Limosa rufa.
Der nackte Theil des Bei-
nes ist 2^ Zoll hoch.
Die Mittelzehe ist halb so
lang als der nackte Theil des
Beines.
Die Beine des alten Vogels
sind von gewöhnlicher Dicke,
Der Schnabel des alten Vo-
gels ist selten länger als 3
Zoll.
Der Schwanz mifst keine 3
Zoll.
Der alte Vogel ist im hoch-
zeitlichen Kleide auf dem gan-
zen Unterkörper schön rost_
roth.
Weder der alte noch der
junge Vogel haben auf der
Brust Querbänder, sondern
nur Längsstriche.
Die Brustfedern sind nicht
ungewöhnlich grofs.
Alle Schwanzfedern von
der Wurzel bis gegen die
Spitze mit regelmäfsigen Quer-
bändern, die auf der inneren
Fahne berühren den Schaft.
Limosa Meyeri,
Der nackte Theil der Beine
ist 3 Zoll hoch.
Der doppelten Länge der
Mittelzehe fehlen noch acht
Linien zur vollständigen Länge
des nackten Theils des Beines.
Die Beine des alten Vogels
sind ungewöhnlich dick.
Der Schnabel des alten Vo-
gels ist gewöhnlich 4 Zoll
lang.
Der Schwanz mifst gegen
3i Zoll.
Der alte Vogel ist im hoch-
zeitlichen Kleide auf dem Un-
terkörper schön hellgelb.
Der Vogel im Winterkleide,
wahrscheinlich auch im Ju-
gendkleide, hat nicht nur auf
der Brust, sondern auch auf
den Tragfedern schwarzbraune
Querbänder.
Die Brustfedern sehr grofs,
so dafs eine Brustfeder von
Limosa rufa nur halb so
viel Flächeninhalt hat, wie
eine an gleicher Stelle aus-
gerupfte Feder von Limosa
Meyeri.
Die Seitenfedern und mit<>-
leren Federn des Schwanzes
mit unregelmäfsigen Bändern,
die sich zum Theil der Länge
nach ziehen und vom Schaft
abstehen.
169
Die marmorirten Stellen Die marmorirten Stellen auf
auf der inneren Fahne der den inneren Fahnen der ersten
ersten Schwinge gehen nicht Schwingen ziehen fast bei al-
bis zum Rande , der einen len zum Rande hin, der einen
breiten weifsen Saum hat. weifsen Saum hat.
So sehr auch der Scharfblick Leislers, der ihn die
specifische Verschiedenheit beider Vögel erkennen liefs, Aner-
kennung verdient, so mufs man doch gestehen, dafs er in der
Wahl der Unterscheidungsmerkmale nicht glücklich war, denn
keines derselben ist beständig, alle wechseln vielmehr nach
Gröfse, Alter und Jahreszeit vielfältig, und eben so wenig sind
die jeder Art zugeschriebenen Farben, die Farbe des Unter-
körpers ausgenommen, dieser eigenthümlich , sondern finden
sich im Gegentheil bei beiden. Die Ursache dieser MifsgriflFe
mufs aber wohl darin gesucht werden, dafs Leislern nur
wenige Exemplare seiner L. Meyeri vorlagen, und unter die-
sen, wie wir mit Bestimmtheit versichern können, kein einzi-
ges ausgefärbtes Männchen im Sommerkleide. Es ist daher
um so mehr zu bewundern, dafs dessenungeachtet die specifi-
sche Verschiedenheit dieses Vogels von L. rufa Briss. seinem
Scharfblicke nicht entgangen ist.
Eben in dieser Unsicherheit der von Leisler aufgestell-
ten unterscheidenden Merkmale liegt unzweifelhaft auch die
Ursache, dafs man lange an der specifischen Verschiedenheit
der L. Meyeri Leisl. von L. rufa Briss. gezweifelt hat und
zum Theil jetzt noch daran zweifelt, um so mehr, als bis jetzt
noch von keinem Ornithologen sichere Kennzeichen aufgestellt
worden sind. Zwar hat Naumann in seiner vortrefflichen
Naturgeschichte der Vögel Deutschlands dergleichen angedeu-
tet, jedoch zu wenig Gewicht darauf gelegt. Temminck,
der in der ersten Ausgabe seines Manuel d! Ornithologie die
Art anerkannt hatte, vereinigte sie, wie Cuvier, später wie-
der mit \h. rufa Briss. y und nur Brehm und Naumann
vertheidigten, so viel uns bekannt, die specifische Verschieden-
heit derselben, obgleich, wie sich aus ihren Beschreibungen
mit Sicherheit ergiebt, auch ihnen kein ausgefärbtes altes
Männchen im Sommerkleide vorlag, und sie keine sicheren
170
Unterscheidungsmerkmale anzugeben vermochten. Brehm's ^)
aufgestellte Artkennzeichen beschränken sich, aufser dem der
h. rufa auch zukommenden gebänderten Schwänze, fast aus-
schliefslich auf die gröfsere Höhe der Fufswurzeln. Als un-
terscheidende Merkmale der L. Meyeri von L. rufa führt er
dann noch an: die beträchtlichere Gröfse, die höheren Fiifse
und den viel längeren Schnabel, die blassere Farbe — die er
vom Unterkörper in der Beschreibung des Ilochzeitkleides als
hellgelb, oder blofs rostgelb angiebt — und die an der ersten
Schwungfeder in der Mitte ihrer Länge bis auf den Rand mar-
morirte innere Fahne. Am Ende seiner ausführlichen Beschrei-
bung dieses Vogels stellt er die ihm wesentlich scheinenden
Merkmale vergleichend einander gegenüber. Es sind die von
Leisler angegebenen, mit Ausnahme des Verhältnisses der
Länge des nackten Beines zur Mittelzehe, der verschiedenen
Gröfse der Brustfedern, des Unterschiedes in Hinsicht der
Flecken und Striche am Vorderkörper und der regelmäfsigen
Schwanzbinden, da er diese Merkmale an 20 Stücken als nicht
standhaft erkannt habe. Hierauf folgt dann noch eine aus-
führliche Erläuterung und Beurtheilung der von ihnen für we-
sentlich gehaltenen Merkmale, wobei auch noch auf die Sel-
tenheit der L. Meyeri, so wie darauf, dafs dieselbe paarweise
und in kleinen Gesellschaften unter L. rufa Briss. vorkomme,
hingewiesen wird. Es lagen jedoch Br eh m damals nur Exem-
plare von Limosa Meyeri vor, deren ausgefärbte Männchen
im Sommerkleide von ihm irrthümlich für L. rufa gehalten
wurden. Brehm selbst sagt, dafs unter den 20 ihm vorlie-
genden Stücken nur ein Männchen im Winterkleide sei. Es
geht aus seiner Beschreibung dieses Vogels in seinem Lehr-
buche hervor, dafs auch da noch derselbe Fall stattgefunden,
denn es heifst: „der Unterkörper bis zum weifsen Bauche
blafs rost- oder hellgelb.*' Ein der Beschreibung hinzugefüg-
tes Raisonnement über die Verschiedenheit der L. Meyeri
von L. rufa, welches sich vorzugsweise auf die bedeutendere
Gröfse der ersteren stützt, ist nicht entscheidend; gleichzeitig
bemerkt aber der Verfasser, dafs er zwei Männchen der er-
steren Art besitze, ohne jedoch die Kleider derselben näher
2) Beiträge zur Vögelkmide. 3. Bd. S. 541.
171
anzugeben. Die Artkcnnzeichen werden von der Länge des
Schnabels und der Fufswurzel entnommen. Diesen wird in
dem Handbuche (1831) endlich noch als unterscheidendes
Merkmal hinzugefügt: „der Scheitel ist kaum höher als der
aufgeworfene, sanft aufsteigende Augenknochenrand," während
es hei L.ru/a heifst: „der Scheitel ist merklich höher als der
nicht aufgeworfene, etwas aufsteigende Augenknochenrand.*'
In der Beschreibung von L. Meyeri heifst es: „der Oberkopf
und Hinterhals rostroth mit braunen Längsstreifen," welches
nicht der Fall ist, und ferner: „der schön rostrothe Vorder-
körper" etc. Bei Aufzählung der unterscheidenden Merkmale
der Limosa rufa aber: „gewöhnlich ist auch die Zeichnung
der Weibchen im Sommer röther als bei dem vorhergehen-
den" (L. Meyeri). Aus diesen Aeufserungen müssen wir
schliefsen, dafe Brehm auch bei Abfassung dieser Beschrei-
bungen die L. rufa, wenigstens das ausgefärbte Sommerkleid
des alten Vogels, noch nicht kannte.
Meyer 3) citirt Leisler's L. Meyeri zu dem alten
Weibchen der Z/. rufa Briss., und fügt der Beschreibung
dieses in einer Note Folgendes hinzu: „Naumann, Boie
der Aeltere" (der jedoch später diese seine Ansicht änderte)
„und Brehm halten diesen Vogel für eine eigene Art, und
seiner Gröfse, der Länge seines Schnabels und der Länge sei-
ner Füfse nach, weicht er so sehr von der L. rufa ab, dafs ich
ebenfalls mehr geneigt bin, ihn als Art für verschieden von
dieser zu halten, als ihn für das Weibchen derselben auszu-
geben. Doch ich will die Entscheidung anderen Ornithologen
überlassen." Hieraus geht, was von Wichtigkeit ist, mit Be-
stimmtheit hervor, dafs Meyern bis dahin nur weibliche Vö-
gel dieser Art bekannt waren, wenigstens keine Männchen im
ausgefärbten Hochzeitskleide, denn dafs er diese mit denen
von L. rufa verwechselt haben sollte, ist wohl nicht anzu-
nehmen, indem, wenn man beide Vögel in diesem Kleide ne-
ben einander hat, eine Verwechselung derselben unmög-
lich ist.
Nilson ^) zieht die L. Meyeri zu L. rufa, und führt
3) Zusätze und Berichtigungen etc. S. 153.
4) Skandinavi'sk Fauna. Foglarne. Andre Bandet, p. 238.
172
an, dafs sie von schonischen Jägern Augustschnepfe, Kupfer-
sclmepfe genannt werde. Es ist aus der Beschreibung nicht
mit Sicherheit zu ermitteln, welche von beiden Arten, oder ob
beide ihm vorgelegen, allein wir möchten dafiir halten, dafs
es die L. Meyeri gewesen, um so mehr, als er sagt, sie zöge
zweimal im Jahre längs dem südlichen Schweden, und zwar
meist, wenn nicht allein, längs dessen östlichen Küsten. Auf
Gottland, Oeland und an der Ostseeküste bis herunter nach
Falsterbo finde sie sich im Herbste in nicht geringer Anzahl.
Die Weibchen begönnen ihren Durchzug schon im August,
und würden deshalb von den Schützen Augustschnepfen ge-
nannt; dieser währte aber fort im ganzen September und sie
schienen ihm besonders zahlreich im Anfang oder um die
Mitte dieses Monats; sie zögen haufenweise, allein oder in
Gesellschaft von ISumenius ar^quata. Von dem Frühlingszug
wird nichts Näheres mitgetheilt, was darauf hindeuten dürfte, dafs
dem Verf. nichts darüber bekannt und dafs sie im Frühling selte-
ner in Schweden sei. Diefs, so wie dafs sie vorzugsweise an
den östlichen Küsten vorkömmt, macht es wahrscheinlich, dafs
der Verf. die L. Meyeri vor sich gehabt, wofür auch noch
einiges Andere in der Beschreibung spricht. — Eben so ha-
ben wir Ursache zu vermuthen, dafs der von Ebel^) als L.
rvfa ßriss. beschriebene Vogel zu L. Meyeri gehört.
Am meisten hat in neuester Zeit der scharfsichtige Nau-
mann für die genauere Kenntnifs dieses Vogels in seiner vor-
trefflichen „Naturgeschichte der Vögel Deutschlands" ^) geleistet,
indem er daselbst aufs Neue als standhafter Vertheidiger der
Artrechte desselben auftritt und eine ausführliche Beschreibung
und sehr gelungene Abbildung davon liefert. Zwar setzt er
auch noch die unterscheidenden Merkmale der L. Meyeri
von L. rufa in die beträchtlichere Gröfse, den viel längeren
Schnabel und die stärkeren, daher scheinbar kürzeren Füfse
der ersteren, allein er fügt folgende, das geübte Auge bekun-
dende, wichtige Bemerkung hinzu: „die gestreckte Stirn, der
flache Scheitel, die weit vom Schnabel abstehenden Augen und
der lange dünne Schnabel geben diesen Theilen ein sehr lang-
5) Ornithologisches Taschenbuch etc.
<j) Achter Theil S. 428. T, 214.
173
gestrecktes Aussehen, wogegen die an sich zwar nicht kleinen
Fiifse, besonders mit dem Baue dieser Theile, nehst ihren Ver-
hältnissen zu einander, bei den andern Liinosen verglichen,
dennoch klein zu sein scheinen. An gewisse Formen und
Verhältnisse bei den nahverwandten Arten, unter Wasserläu-
fern, Uferschnepfen und anderen schlankeren Schnepfengestal-
ten gewöhnt, glaubt hier das Auge Mifsverhältnisse zu finden,
und diefs ist es eben, was diesen Vogel bei aller Aehnlichkcit
mit L. rufa dem geübten Blicke kenntlich maclit und diese
Art sogleich von jener unterscheiden läfst. Beim jungen Vo-
gel ist die gestreckte Form des Schnabels und Kopfes, mit
der Gröfse der Beine verglichen, zwar nicht so auffallend wie
am alten, doch fällt sie, sobald man den jungen Vogel der
rostrothen Uferschnepfe dagegen hält, ebenfalls sehr in die
Abgen." Wir können das hier Gesagte nur bestätigen, und nur
bedauern, dafs Naumann die gestreckte Form des Kopfes
und die dadurch bedingte Entfernung der Augen vom Schna-
bel, welche auch an den gelungenen Abbildungen deutlich her-
vortritt, nicht zu Artmerkmalen erhoben hat, so wie dafs ihm
kein ausgefärbtes altes Männchen im Hochzeitskleide vorlag,
indem wir dann in dieser Beziehung seiner trefiflichen Beschrei-
bung nichts hinzuzufügen gehabt hätten.
Dafs aber dem Verf. das Männchen im hochzeitlichen
oder Sommerkleide nicht bekannt war, ergiebt sich eben so-
wohl aus der Beschreibung, als aus der Abbildung des alten
Sommervogels, welche ganz bestimmt ein Weibchen darstellt,
obgleich Hr. Naumann nicht, wie er sonst jederzeit zu thun
pflegt, das Geschlecht desselben angiebt. Es beruht daher, so
weit es das Sommerkleid betriflft, auf einem Irrthume, wenn es
ferner heifst: „Zwischen beiden Geschlechtern scheint in der
Färbung so wenig Unterschied Statt zu finden, dafs es unmög-
lich wird, standhafte Unterscheidungsmerkmale anzugeben, denn
die jüngeren Männchen haben die Färbung der alten
Weibchen, und nur ganz alte Männchen zeichnen sich
durch eine auffallendere Steigerung derselben vor den übrigen
aus." Vollkommen wahr dagegen ist es, wenn er sagt: „im-
mer ist das Weibchen bedeutend gröfser und stets an der
blasseren Färbung zu unterscheiden, wenn man Individuen von
einerlei Alter mit einander vergleichen kann;" wir müssen aber
174
gestehen, clafs wir uns nicht erklären können, wie Hr. Nau-
mann zu flieser Ueberzeugung gelangt ist, da aus dem Vor-
hergehenden sich ganz bestimmt ergiebt, dafs er das alte Männ-
chen im Sommerkleide nicht kennt; wahrscheinlich hat er jün-
gere Männchen für alte gehalten. ,
Nachdem in der Beschreibung vom Sommerkleide gesagt
worden: „der Vorderhals und die Kropfgegend licht rostfarbig,
stark ins Rostgelbe ziehend, mit kleinen dunkelbraunen Schaft-
flecken; ([er übrige Unterkörper bis an den Bauch einfarbig,
hellgelblich rostfarbig oder röthlich rostgelb, nur an den Sei-
ten der Brust mit einzelnen dunkelbraunen Pfleilflecken," heifst
es später: „die Hauptfarbe des hochzeitlichen oder Sommer-
kleides ist bei dieser Art stets sehr viel heller als bei der
rostrothen Uferschnepfe; bei jungen Vögeln, welche
dies Kleid zum ersten Male tragen und bei welchen es immer
noch mit dem Winterkleide vermischt oder weniger rein vor-
kömmt, an der Brust und an dem Bauche ein gewöhnliches
Rostgelb, das von dem reinen Weifs neben und zwischen
sich wenig absticht; bei älteren ein dunkleres, schöneres
Rostgelb, und nur bei ganz alten jene beschriebene Farbe,
die aber selbst bei den ältesten immer noch mit mehrerem
Rechte rostgelb als Rostfarbe genannt werden kann. Diese
dunkelrostgelbe Befiederung besteht an der Brust aus gröfse-
ren, längeren, weniger dicht stehenden und nicht so pelzartig
anzufühlenden Federn als am Sommerkleide der folgenden
Art." (L. rw/iz.) Wir müssen diese letztere Angabe vernei-
nen, da wir in dieser Beziehung keinen Unterschied zwischen
beiden Arten auffinden können, und was die Angabe der Farbe
betrifft, wiederholt darauf aufmerksam machen, dafs Hrn. Nau-
mann kein altes ausgefärbtes Männchen im Sommerkleide
vorlag.
Diese Behauptung wird dadurch vollkommen bestätigt,
dafs der Verf. in der am Schlüsse hinzugefügten und durch
Gründe unterstützten Vertheidigung der specifischen Verschie-
denheit beider Arten, nämlich der L. Meyeri und L. rufay
mit rühmlicher, den ächten Forscher, dem es nur um Ermit-
telung der Wahrheit zu thun ist, charakterisirender Offenheit
gesteht, dafs er nicht zu den Glücklichen gehöre, welche sich
175
von dem männlichen Gcschlochte bei L. Mcyeri mit eigenen
Augen bei einer Zergliederung überzeugt liiitten.
Nach dieser Zusammenstellung der Ansi(;l»ten, welche die
Ornithologen bis jetzt über L, Meyeri LeisL und über deren
Verschiedenheit von L. rufa Briss. goäufsert, gehen wir zur
Mittheilung unserer Beobachtungen über die erstere und de-
ren Resultaten über.
Seit der Gründung des hiesigen zoologischen Museums
kam dieses in den Besitz einer nicht unbedeutenden Zahl von
Limosen, welche theils von dem Einen von uns, Schilling,
selbst erlegt, theils von Gönnern des Museums eingesendet
wurden. Es fanden sich darunter ältere Individuen mit dunk-
lerem und lichterem Unterkörper, aufserdem auch mehrere im
Jugendkleide und einige im sogenannten Winterkleide, Wir
hielten erstere wegen ihrer dunkleren Färbung und des kür-
zeren Schnabels für L. rufa, die lichteren aber, die auch im-
mer gröfser waren und einen längeren Schnabel hatten, für
Z/. Meyeri, wie dies nach den vorliegenden Beschreibungen
auch nicht anders möglich war. Später wurden wir darauf
aufmerksam, dafs die dunkler gefärbten, kleineren, mit kürze-
rem Schnabel, alles Männchen, die gröfseren, lichteren und
langschuäbligen aber Weibchen seien, da jeder für das Mu-
seum zu präparirende Vogel vorher in allen Beziehungen,
also auch in Hinsicht des Geschlechts, genau untersucht, das
Resultat dieser Untersuchung aber eben so. genau aufgezeich-
net wird. Wir kamen nun natürlich auf den Gedanken, dafs
L. Meyeri und L. rufa nicht specifisch verschieden, sondern
erstere nur das Weibchen von letzterer sei, und wollten eben
diese unsere vermeintliche Entdeckung bekannt maclien, als
wir bei Vergleichung der uns vorliegenden Vögel mit den
Naumann sehen Abbildungen') der X. rufa durch die grelle
rostrothe Farbe des Sommervogels, die von der unserer Vö-
gel bedeutend abweicht, auf's Neue in unserer Ansicht schwan-
kend gemacht wurden. Zwar zeigte sich der dort abgebildete ®)
Sonmiervogel von L. Meyeri, in dem wir sogleich unsere
Weibchen erkannten, ebenfalls etwas zu grell illuminirt, jedoch
7) A. a. O. T. 215. f. 1.
8) A. a. O. T. 214. f. 1
176
ist der Unterschied kein so grofser und der Grundton der
Farbe derselbe. Um die sich uns dadurch aufs Neue aufdrin-
genden Zweifel gründlich zu beseitigen, erbaten wir uns von
Hrn. Naumann ein altes ausgefärbtes Männchen der L. ruf a
zur Ansicht ; die gleiche Bitte richteten wir auch an die Direk-
tion des zoologischen Museums in Berlin, und von beiden er-
freuten wir uns einer gleich freundlichen Gewährung dersel-
ben, wofür wir uns um so mehr zu Dank verpflichtet fühlen,
als dadurch unsere Zweifel auf einmal gänzlich beseitigt
wurden.
Es ergab sich nämlich, dafs unter unseren Limosen kein
einziges Exemplar der L. rufa Briss. sei, in welcher wir auf
den ersten Blick einen ganz anderen Vogel erkannten, der
uns hier nie vorgekommen. Der Unterschied der L. Meyeri
zeigt sich in allen Alters- und Jahresverschiedenheiten derselben,
wie schon Naumann angegeben, in dem flacheren Scheitel,
der gestreckteren Stirn-, den weiter vom Schnabel entfernten
Augen, und aufserdem bei den Männchen im Sommerkleide in
einer ganz verschiedenen Färbung des Unterkörpers. Bei L.
rufa haben jene nämlich, und zwar selbst die jüngeren, wie
das Exemplar des Berliner Museums beweist, welches ein jün-
geres Männchen ist, einen rostrothen Unterkörper, dessen
Farbe der des Unterkörpers des sehr alten Männchens von
Tringa suharquata ganz gleich ist, bei L. Meyeri hingegen
einen rostfarbigen, wie die alten Vögel von Tringa islan-
dica im Hochzeitskleide. Zwar nennt Brehm den Unterkör-
per von T. suharquata und T. islandica hochrostroth, und
Naumann sagt, der des ersteren Vogels sei schön dunkel-
rostroth und der des letzteren herrlich rostroth, aber wenn
man die Farbe desselben bei beiden Vögeln vergleicht, ergiebt
sich ein ungeheurer Unterschied derselben, indem bei beiden
dieselbe in allen Nuancen einen ganz andern Grundton zeigt.
Gerade so ist es auch bei den beiden Limosen, und der Nicht-
beachtung dieses Unterschiedes ist wohl vorzüglich die häufige
Verwechselung beider Arten zuzuschreiben. Bei den Weib-
chen der L. Meyeri ist diese Rostfarbe heller, mehr lehm-
gelb, und geht bis ins Lichtrostgelbe über. Das Hochzeits-
kleid des Weibchens von L, rufa kennen wir nicht. Nau-
mann sagt davon, es sei blässer, werde viel später vollständig
177
und bleibe mit vielen Federn des Winterkleides, namentlich
auf dem Mantel, vermischt, von denen sogar noch im Sommer
einige vorhanden seien, wenn bereits eine neue Mauser be-
ginnt. Ein Gleiches findet, nach unseren Beobachtungen, auch
bei den Weibchen der L. Meyeri Statt. Um Mifsvcrständnis-
sen und Irrungen vorzubeugen, müssen wir noch bemerken,
dafs die Farbe des Unterkörpers von Triiiga islandica bei
der von Naumann gelieferten Abbildung dieses Vogels®)
ganz falsch, dagegen von Brehm^) ziemlich richtig darge-
stellt ist; auch die von T. siibarquata ist bei Naumann's
Abbildung*^) zu dunkelroth.
Dies sind die einzigen constanten Unterscheidungsmerk-
male der L. Meyeri, denen man den deutlich schwarzbraunen
Strich von dem Schnabel winkel bis zum Auge wohl noch hin-
zufügen dürfte, der bei L. rvfa nur angedeutet ist, durch die
man aber eistere von letzterer leicht unterscheiden wird. Alle
anderen von der Gröfse, der Länge des Schnabels, der Fufs-
wurzeln, der Mittelzehe im Verhältnifs zum nackten Beine,
des Schwanzes, der Gröfse der Brustfedern, den Bändern des
Schwanzes und den marmorirten Stellen auf der Innenfläche
der ersten Schwungfedern entlehnten Merkmale sind wan-
delbar und daher zu verwerfen. Zwar scheinen beide Ge-
schlechter der h. Meyeri die entsprechenden der L. rufa
an Gröfse zu übertreflfen, doch findet in dieser Hinsicht bei
den verschiedenen Individuen eine gröfse Verschiedenheit Statt,
und die Weibchen der letzteren sind jedenfalls gröfser als die
Männchen der ersteren.
Die L. Meyeri Leisl. kömmt zwar nicht regelmäfsig, doch
fast alljährlich, aber nicht immer in gleicher Anzahl, an den
Küsten von Pommern und der Insel Rügen in kleineren Flü-
gen auf dem Rückzug an, und zwar die alten Vögel in den
ersten Tagen 4es Monats August, die jüngeren während des
ganzen Herbstes bis in den November hinein, obgleich in der
späteren Jahreszeit nur einzeln. Im Frühjahr ist sie uns aber
niemals vorgekommen, woraus hervorgeht, dafs der Zug nach
8) A. a. 0. Th. VII. T. 183. F. 1.
9) Handbuch T.
10) A. a. O. T. 185. F. t.
IV. Jahrg. 1. Baud. 12
178
ihren Brutörtern über andere Gegenden geht, nnd da uns hier
niemals h. rufet vorgekommen, so wird es uns wahrschein-
lich, dafs alle an den Ufern der Ostsee, östlich von hier, be-
obachteten Limosen zu L. Mcyeri gehören, um so mehr, als
Naumann von der L. rufa sagt, dafs sie den bei der Ebbe
zurückweichenden Wellen nachgehe, um die von denselben
auf dem Strande zurückgelassenen kleinen Seethiere aufzule-
sen, von denen sie sich nähre; Ebbe aber in der Ostsee gar
nicht stattfindet. Wahrscheinlich zieht diese über das west-
liche Schw^eden und Norwegen nach Lappland und Finnland,
wo sie ja sehr gemein sein soll, während L, Meyeri ihre
Brutplätze wohl östlicher hat ftnd ihr Ilauptzug deshalb durch
mehr östliche Länder stattfindet, so dafs die an der Nordsee
vorkommenden Individuen dieser Art als die äufsersten, west-
lichsten Vorposten zu betrachten sind. Dadurch würde sich
auch die Seltenheit dieser Art erklären, von der nicht bekannt
ist, dafs sie in solcher Menge, wie L. rvfa, in Deutschland
vorkömmt, wo vielmehr die ausgefärbten alten Vögel zu den
gröfsten Seltenheiten zu gehören scheinen.
Durch die genauere Untersuchung der im hiesigen zoolo-
gischen Museum vorhandenen Exemplare von L. Meyeri wur-
den wir noch auf einen andern Umstand aufmerksam, der uns
nicht unwichtig zu sein scheint. Wir fanden nämlich, dafs bei
allen den Exemplaren mit rostfarbigem Unterkörper die rost-
farbigen Federn noch gar nicht oder nur äufserst
wenig abgetragen, ja zum Theil noch mit ihren Rän-
dern versehen sind, unter welchen sich bei den ausgefärb-
ten Exemplaren einzelne weifsgraue, blafs schwarzbraun gebän-
derte, alte, stark abgeriebene Federn finden, während bei an-
dern, wahrscheinlich jüngeren Vögeln diese Federn noch häu-
figer sind, bei einigen Weibchen aber sogar noch vorherrschen,
und bei diesen nur lichtrostgelb angeflogen oder mit einzelnen
rostgelben Federn, die zum Theil erst hervorzuspriefsen schie-
nen, untermischt sind. Die rostfarbigen Federn charakterisir-
ten sich in jeder Hinsicht eben so bestimmt als neue, wie die
weifsgrauen, blafsschwarzbraun gebänderten, als alte, dafs wir
anfangs geneigt waren, das rostfarbige Kleid für das Herbst-
kleid, in dessen Anlegung sie eben begriffen wären, zu halten.
Nach genauer Untersuchung glauben wir aber nunmehr arineh-
I
179
men zu «liirfen, dafs L, Meyeri nur einmal im Jahre,
und zwar im Frühling, mausert, dafs sie aber nicht
auf einmal, sondern nur allmälig das rostfarbige
Kleid des Unterkörpers erhält, und dafs, wenn sie
dies erst einmal erhalten, sie dasselbe nie und in
keiner Jahreszeit wieder ablegt, sondern alljähr-
lich und zwar mit immer gröfserer Reinheit und
steigender Intensität ^er Rostfarbe wieder neu
anlegt, und dafs das sogenannte Winterkleid der-
selben, wie es Naumann beschreibt und abbildet**),
das zweite auf das Jugendkleid folgende Kleid ist,
welches allmälig in das sogenannte Sommerkleid
mit dem rostfarbigen Unterkörper bei dem alten
Männchen, und dem rostgelben bei dem Weibchen
übergeht.
Wir sind übrigens weit entfernt, dies für eine erwiesene
Thatsache zu halten, 'sprechen es vielmehr nur als unsere An-
sicht aus, zu der wir durch die angeführten Umstände gelang-
ten, um die Aufmerksamkeit derjenigen Ornithologen, welchen
hierauf bezügliche Untersuchungen und Beobachtungen mög-
lich sind, darauf zu lenken.
Hienach würden wir diese Vögel wie folgt unterscheiden:
Artkennzeichen^
1) Limosa Meyeri Leisl Scheitel flach, Stirn gestreckt,
vom hintern Nasenlochwiukel bis zum vorderen Augenrande
beim Männchen 10 Linien, beim Weibchen 11 bis 12 Linien,
Zügel schwarzbraun, deutlich, der Schwanz w^eifs und schwarz-
braun gebändert.
2) Limosa rufa Briss. Solieitel hoch, Stirn kurz, vom
hinteren Nasenlochwinkel bis zum vorderen Augenrande beim
Männchen 8 Lin., beim Weibchen . . ., Zügel schwarzbraun,
nur angedeutet, der Schwanz weifs und schwarzbraun ge-
bändert.
Sommerkleid des alten Männchens.
L, Meyeri Leisl. Der ganze Unterkörper rostfarbig,
L. rufa Briss. Der ganze Unterkörper rostroth.
U) A. a. O. T. 214. Fig. 2.
12*
180
Sommerkleid des alten Weibchens.
L, Mcyeri Leisl. Hals und Kropf hell rostfarbig ange-
flogen, mit vielen scliwarzl)raunen Querbändern und Längsstri-
chen, Brust weifs, mit rostfarbigen grofsen Flecken, an den
Seiten mit schwarzbraunen Querbändern und Tropfen, Bauch
weifs, nach vorn rostfarbig gefleckt.
Wir lassen nun die vergleichende Beschreibung der 16
Exemplare von L. Meyeri, welche das hiesige zoologische
Museum besitzt, folgen, aus denen sich die verschiedene Fär-
bung und Gröfse dieses Vogels nach den Geschlechts- und Al-
ters-Verschiedenheiten deutlich ergeben wird.
Limosn Meyeri LeisL
1) Altes Männchen, geschossen am 3. August 1830. Nr.
1598. des Museums.
Länge 14" 7'", Breite 26" 9"'; die Flügel reichen 9'" über
die Schwanzspitze hinaus; die Länge des Schnabels vom hin-
tern Winkel des Nasenlochs bis zur Spitze beträgt 2" 9"', vom
Anfang der Stirnbefiederung bis zur Spitze 2" 11"'; die Ent-
fernung vom hinteren Nasenlochwinkel bis zum vorderen Au-
genrande 10'"; die Höhe der Fufswurzeln 1" 11"'; die Länge
des Darmkanals 28" 9"', die des Blinddarmes 3"'. Der Schna-
bel ist gegen die Spitze sanft aufwärts " gebogen , der Ober-
schnabel um 1"' länger als der Unterschnabel, an der Spitze
etwas löffeiförmig, im trockenen Zustande von der Basis bis
über die Hälfte schmutzig bräunlichgelb, gegen die Spitze
glänzend braunschwarz. Die Füfse im trockenen Zustande
schwarzbraun. Die Nägel glänzend schwarz. Stirn, Scheitel
und Hinterkopf schwarzbraun mit blafsrostgelben Längsstri-
chen, welche letztere durch die Federränder gebildet werden;
von der Basis des Oberschnabels läuft ein etwas über eine
Linie breiter, schmutzig hellrostgelber Streif über das Auge
gegen den Nacken; Zügel schwarzbraun mit rostgelben Feder-
chen untermischt. Wangen und Kehle rostgelb ^ erstere sehr
fein schwarzbraun gestrichelt. Der ganze Unterkörper, die un-
teren Schwanzdeckfedern mit eingeschlossen, schön rostfarbig,
Hals und Kropf bleicher, letzterer mit einzelnen weifsgrauen,
blafs schwarzbraun quergebänderten, alten, stark abgeriebenen
Federn, an den Seiten mit wenigen schwarzbraunen, etwas
181
breiten Längsstreifen. Auf dem ganzen Unterleib und an den
Schenkeln noch einzelne alte, sehr abgeriebene, weifse und
zwischen den rostfarbigen unteren Schwanzdcckfedern derglei-
chen weifsgraue, schwarzbraun gefleckte Federn. Der Nacken
sclimutzig gelblichgrau, fein graubraun gestrichelt. Der Ober-
' rücken und die laugen Schulterfedern schwarzbraun, oliven-
grün schillernd, weifsgrau und hellrostgelb betropft, indem jede
Rückenfeder an den Seiten 1 — 2 Paare, jede Schulterfeder
dagegen 3 — 4 Paare ursprünglich rostgelber Tropfen hat,
welche bei den unbedeckten ausbleichen und grau werden,
später aber sich ganz abstofsen, so dafs die Feder ausgezackt
erscheint, wodurch die rostgelben Tropfen der darunter lie-
genden sichtbar werden. Der Uuterrücken und Bürzel weifs,
crsterer mit kleinereu, letzterer mit gröfseren, bleichen, grau-
braunen Flecken. Die oberen Schwanzdeckfedern weifsgrau,
mit breiten graubraunen Querbändern, meist hie und da blafs-
rostgelb angeflogen , darunter eine ganz neue , eben hervorge-
brocliene, einfarbig lebhaft rostfarbige. Der Schwanz mit
schwarzbraunen und weifsen Querbändern, welche letztere an
den Aufsenkanten der 3 — 4 äufsern Federn in grofse unre-
gelmäfsige Längsflecke zusammenfliefsen. Die Schwungfedern
erster Ordnung von der Spitze bis zu ein Viertel der Länge
an der äufseren Fahne schwarzbraun, die innere Fahne weifs-
grau, blafs braungrau marmorirt. Die Schwungfedern zweiter
Ordnung grau, mit weifsen Schäften und Rändern. Die Flü-
geldeckfedern graubraun, gegen die Ränder schmutzig weifs-
grau; die längeren an den Seiten sehr stark abgestofsen und
deshalb gegen die Spitze schmal lanzettförmig.
2) Altes Männchen, geschossen am 3. August 1830. Nr.
1597. des Museums.
Länge 15", Breite 27" 3"', die angelegten Flügel reichen
10"' über die Schwanzspitze hinaus; Länge des Schnabels vom
hinteren Winkel des Nasenlochs bis zur Spitze 2" 10"', vom
Anfang der Stirnbefiederung bis zur Spitze 3"; von dem hin-
teren Winkel des Nasenloclis bis zum vorderen Augenrande
10"'; Höhe der Fufswurzelü 2"; Länge des Darmkanals 31",
des Blinddarms 4'".
182
Das Kleid stimmt im Allgemeinen mit dem von Nr. 1.
iiberein, jedoch zeigt es folgende Verschiedenheiten:
Die braune Farbe des Scheitels ist blasser und bildet we-
niger reine Längsstreifen; der hellrostgelbe Streif über dem
Auge ist blasser und hat, wie die Wangen, der Hals, beson-
ders die Seiten desselben und der Kropf, noch mehr schwarze
Strichelchen, welche theils dadurch entstehen, dafs sich an die-
sen Stellen noch mehr graue, schwarzgefleckte, alte Federn
finden, theils und namentlich am Halse, weil viele der neuen
rostfarbigen Federn noch mit zarten schwarzen Strichelchen
versehen sind. Der Unterleib und die Schenkel haben noch
mehr alte weifse Federn, und die unteren Schwanzdeckfedern
sind noch mit mehr alten gefleckten Federn gemischt. Die
schwarzbraune Farbe der Rücken- und Schulterfedern ist we-
niger tief und matter, die rostgelben Tropfen derselben sind
mehr abgestofsen, uhd wo sie noch vorhanden, mehr ausge-
bleicht. Die Flecken des Unterrückens sind zahlreicher und
gröfser.
3) Altes Männchen, am 3. August 1830 geschossen; Nr.
1596. des Museums.
Länge 13" 7'", Breite 25" 2'"," die angelegten Flügel rei-
chen 1" über die Schwanzspitze hinaus; Länge des Schnabels
von dem hinteren Winkel des Nasenlochs bis zur Spitze des
Oberschnabels 2" 8"', von der Stirnbefiederung 2" 9^"'; Entfer-
^nung des vorderen Augenrandes vom hinteren Winkel des
Nasenloches 10'"; 'Höhe der Fufswurzeln 2" 9j"; Länge des
Darmkanals 27", des Blinddarmes 3"'.
Gleicht dem vorigen, jedoch ist die Farbe des Schnabels,
besonders an der Basis desselben, lichter, die braune Farbe
des Scheitels schmutzig schwarzbraun, die Rostfarbe des Hal-
ses, Kropfes und der Brust noch lichter mit noch mehr schwar-
zen Strichen, besonders an den Seiten, an denen die Federn
noch mehr grau und nur rostfarbig angeflogen sind, unter-
mischt. Der Oberrücken und die Schultern lichter, matter
und weniger gefleckt, weil noch weniger neue Federn vorhan-
den. Die Aufsenkante der äufseren Schwanzfedern mit kürze-
ren, weniger zusammengeflossenen, braunen Längsflecken. Alle
183
Schwaiizfoderii mit hreiteii weifseu Spitzen, welche ein breites
weifses (^uerband bilden.
4) Altes Männchen, geschossen am 3. August 1830. Nr.
1599. des Museums.
Länge 15" 3'", Breite 27" 3"'; die angelegten Flügel ra-
gen 8'" über die Schw^nzspitze hinaus; Schnabellänge vom
hint<3ren Winkel des Nasenlochs bis zur Spitze 3" 2^"', von
der Stirnbefiederung 3" 4"'; vom hinteren Winkel des Nasen-
loches bis zum vorderen Augenrande beträgt die Entfernurig
10"'; Höhe der Fufswurzeln 2" 1"' ; Länge des Darmkanals 28"
7"', des Blinddarmes 6"'.
Die Farbe des Schnabels und xler Füfse wie bei Nr. 1.
und 2. Der Scheitel wie bei Nr. 3. Die Rostfarbe der Wan-
gen, Kehle, des Halses, Kropfes, der Brust und des Unterlei-
bes lichter als bei Nr. 3.; Wangen, Hals und Kropf noch mit
zahlreicheren schwarzbraunen Strichelchen und weifsgrauen
Flecken, indem theils die neuen licht rostfarbigen Federn mehr
schwarzbraun gestrichelt sind, theils sich dazwischen noch
viele weifsgraue, schwarzbraun gestrichelte und gefleckte, alte,
abgestofsene Federn finden, von denen häufig nur noch die
schwarzbraunen Schäfte sichtbar sind. Die Brust und der ganze
Unterleib durch gleichviel alte weifse, als n e u e rostfarbige Fe-
dern rostfarbig und weifs gefleckt ; unter den unteren Schwanz-
deckfedern mehr alte weifsgraue, schwarzbraun gefleckte. Der
Oberrücken und die Schultern erscheinen durch die mehr ab-
geriebenen hellen, tropfenartigen Flecken mehr gestreift als
betropft. Die äufseren Fahnen der fünf aufseren Schwanzfe-
dern von der Spitze einen Zoll aufwärts einfarbig braungrau.
Die Flügeldeckfedern sehr lichtgrau, verschossen und so sehr
abgestofsen, dafs von vielen gegen die Spitze nur noch die
langen kahlien Schäfte vorhanden sind.
5) Altes Weibchen, geschossen am 3. August 1830. Nr.
1600. des Museums.
Länge 16" 3"', Breite 28" 8"'; die angelegten Flügel rei-
chen 1 0"' über die Schwanzspitze hinaus. Schnabel vom hin-
teren Winkel des Nasenloches bis zur S])iti^e des Obers(;hna-
bels 3" 6"', von der Stirnbefiederung 3" 8"' lang; die Eutfer-
184
niing von dem hinteren Winkel des Nasenloches bis zum vor-
deren Augenrande 11'"; Höhe der Fufswurzeln 2" 2'"; Länge
des Darmkanales 22", der Blinddärme 3"'.
Die Farbe des Schnabels im getrockneten Zustande von
der Basis bis gegen die Mitte schmutzig graubraun, von da bis
zur Spitze, wie die Füfse, schwarzbraun.
Der Scheitel, Hinterkopf und die Zügel wie bei Nr. 1.,
der Strich über dem Auge lichter. Das Kinn weifs, besonders
gegen die Kehle mit liöhtrostgrauen neuen Federn vermischt
und dadurch rostgrau angeflogen erscheinend. Die Wangen
und der ganze Hals licht rostfarbig mit sehr vielen feinen,
schwarzbraunen Längsstrichen, welche gegen die Seiten des
Halses allmälig breiter werden; der Kropf ebenfalls rostfarbig
mit vielen schwarzbraunen, starken, schuppenförmigen Flecken,
welche an den Seiten hie und da Längsreihen bilden, und mit
fast gleich vielen alten, abgeriebenen, dunkelaschgrauen, von
der Mitte gegen die Spitze breit braungrau und weifs gebän-
derten Federn. Die Brust und der Bauch bis an die Schen-
kel, sammt diesen, einfarbig weifs, mit vielen neuen, hell rost-
farbigen Federn untermischt und dadurch gefleckt, der übrige
Theil des Bauches rein weifs, nur an den Seiten mit einfarbi-
gen rostgelben Federn untermischt. Die unteren Schwanz-
deckfedern schmutzig gelblichweifs mit 2 — 3 |dunkelbraunen
herzförmigen Querbändern, darunter einige neue schmutzig
rostfarbige Federn mit einem einzigen, herzförmigen, dunkel-
braunen Querband gegen die Spitze. Der Oberrücken und
die Schulterfedern wie bei Nr. 4., nur wegen der wenigen un-
termischten neuen Federn etwas mehr rostgelb gefleckt. Die
oberen Schwanzdeckfedern ohne eine Spur von neuen rostfar-
bigen Federn, sonst den unteren gleich. -,
6) Altes Weibchen, geschossen am 2. August 1835. Nr.
2146. des Museums.
Länge 16" 6'", Breite 28"; die ruhenden Flügel endigen
1" hinter der Schwanzspitze; Länge des Schnabels vom hinte-
ren Winkel des Nasenloches bis zur Spitze 3" 6^"'; vom An-
fange der Befiederung bis zur Spitze 3" 8"'; die Entfernung
vom hinteren Winkel des Nasenloches bis zum vorderen Au-
genrande beträgt 11"'; Höhe der Fufswurzeln 2" 1'".
185
Die Rostfarbe an allen Theilen viel matter und bleicher
als bei dem vorigen, sonst in gleicher Häufigkeit und Ausdeh-
nung, nur dafs an den Seiten des Kropfes noch etwas mehr
alte graue, von der Mitte gegen die Spitze graubraun und
weifs gebänderte Federn vorhanden sind, weshalb derselbe mehr
gefleckt erscheint. Die unteren Schwanzdeckfedern lichter
und mit weniger neuen rostgelben vermischt. Der Oberrük-
ken und die Schultern mehr rostgelb betropft. Die Schwung-
federn zweiter Ordnung hell braungrau mit schmutzig weifsen
Rändern. Die Farbe der dunklen Bänder der Schwanzfedern
in gleicher Ausdehnung an den Aufsenkanten derselben, jedoch
lichter, fast graubraun. Die beiden mittelsten Schwanzfedern
sehr ausgeblichen und abgestofsen und scheinen noch vom Ju-
gendkleide übrig zu sein;
7) Altes Weibchen, geschossen den 3. August 1830. Nr.
1601. des Museums.
Länge 15" 10'", Breite 27" 6"'; die ruhenden Flügel en-
digen 10'" hinter der Schwanzspitze; Länge des Schnabel von
dem hinteren Winkel des Nasenlochs 3" 5"', vom Anfange der
Befiederung 3" 7"'; der vordere Augenrand ist von dem hin-
teren Winkel des Nasenloches 11'" entfernt. Höhe der Fufs-
wurzeln 2" 2"'; Länge des Darmkanals 26" 7"', des Blinddar-
mes 4". Die Rostfarbe an allen Theilen, wo sie sich findet,
noch bleicher, und an der Kehle und dem Unterleibe seltener,
so dafs die weifse Farbe an diesen Theilen noch vorherrscht.
Die Seiten des Kropfes und der Brust mit wenigeren und min-
der grofsen braunen Flecken als bei dem vorigen. Die Farbe
des Oberrück'ens und der Schultern etwas lichter und' weniger
betropft.
8) Altes Weibchen, geschossen am 2. August 1835. Nr.
2147. des Museums.
Länge 17", Breite 29" 2"'; die ruhenden Flügel ragen T"
über den Schwanz hinaus; Länge des Schnabels vom hinteren
Nasenlochwinkel bis zur Spitze 3" 8"'; von der Befiederung
bis zur Spitze 3" 10^"'; der hintere Nasenlochwinkel ist vom
vorderen Augenrande 11"' entfernt; Höhe der Fufswurzeln
2" 2'".
186
Der Unterkiefer des Schnabels viel lichter, und das Gelb-
grau erstreckt sich an beiden Kiefern weiter nach der Spitze
zu. Die lichten Farben alle heller als bei den vorigen. Der
Streifen über dem Auge weifser mit weniger rostgelbem An-
fluge. Die Kehle wie bei Nr. 6., nämlich nur gegen das Kinn
mit einzelnen weifsen Federn, sonst einfarbig rostgelb, welclie
Farbe sich nur an der Vorderseite des Oberhalses mit glei-
cher Intensität fortsetzt, jedoch auch hier mit schwarzen Stri-
chelchen untermischt ist, die gegen den Ünterhals allmälig
immer zahlreicher werden. An den Seiten des Oberhalses
verliert sich allmälig die rostgelbe Farbe ganz und wird durch
Weifsgrau ersetzt; der ganze Nacken weifsgrau, schwarzbraun
gestreift. Der ünterhals und der Kropf weifsgrau, ersterer
schwarzbraun gestreift, letzterer mit dergleichen Querbändern,
beide mit geringem rostgelben Anfluge, welcher theils durch
einzelne matt und lichtrostgelbe neue Federn, theils durch einen
sehr zarten rostgelben Anflug der weifsgrauen Bänder der al-
ten Federn Jiervorgebracht wird. Die Brust und der Bauch
weifs, erstere nur hie und da durch einzelne, einfarbig rostgelbe,
gegen die Spitze blassere, neue Federn gefleckt. Die Flügel-
tragfedern sparsamer und matter graubraun gefleckt und eben-
falls nur mit einzelnen rostgelben neuen Federn untermischt.
Die unteren Schwanzdeckfedern, unter denen sich nur eine
einzige sehr lichtrostgelbe neue Feder findet, schmutzig weifs,
sparsam graubraun gefleckt und fein gestreift. Die Federn des
Oberrückens, der Schultern und die Schwungfedern zweiter
Ordnung, wie bei dem vorigen, sehr abgetragen; die dunklen
Bänder des Schwanzes dunkler.
9) Jüngeres Weibchen, geschossen am 10. Novbr. 1834.
Nr. 2112. des Museums.
Länge 15'', Breite 27''; die ruhenden Flügel überragen
die Schwanzspitze um 1"; Länge des Schnabels vom hinteren
Nasenlochwinkel bis zur Spitze 3" ^"', vom Anfang der Be-
fiederung bis zur Spitze 3" 2"; der vordere Augenrand vom
hinteren Nasenlochwinkel 11'" entfernt; Höhe der Fufswur-
zeln 2" 1'"; Länge, des Darmkanals 29", der Blinddärme 8'",
des Divertikels 9'".
Der Schnabel von der Wurzel zwei Drittheile seiner
' 187
Länge schmutzig fleischfarben, das äufserste Drittheil glänzend
hornschwarz. Die Füfse hell bleigrau. (Die Knochen we-
nig hart.)
Um die Wurzel des Oberkiefers hellrostgelb, gegen die
Stirn allmälig verlaufend. Die lichten Streifen über dem Auge
weifsgrau und undeutlich. Die durch die schwarzbraune Farbe
des Scheitels gebildeten Streifen sind schmäler, lichter und
matter, und erstrecken sich nicht so weit nach hinten. Die
Wangen weifsgrau, sparsamer gefleckt. Das Kinn schmutzig
weifs; die Kehle, der ganze Hals und Kropf, ja selbst der
obere Theil der Brust, an dieser jedoch allmälig verschwin-
dend, schmutzig weifsgrau mit zartem, isabellfarbigem Schim-
mer; die Seiten des Halses mit sehr feinen, nach hinten all-
mälig immer häufiger und stärker werdenden Schaftstrichen,
die auf dem Hinterhalse in Flecken übergehen; die Seiten des
Kropfes mit vielen ziemlich deutlichen Schaftstrichen. Der
ganze übrige Unterleib und die kürzeren mittleren, unteren
Schwanzdeckfedern rein weifs; die seitlichen der letzteren ge-
gen die Spitze an der Aufsenfahne mit einem grofsen schwarz-
braunen Querfleck. Die Tragfe^ern der Flügel gelblichweifs,
einige der längsten mit schmalen schwarzbraunen Schaftstri-
chen. Die wenig abgetragenen Oberrücken- und Schulterfedern
matt schwarzbraun, breit weifsgrau gerändert. Die Flügeldeck-
federn gefärbt, jedoch mit noch breiteren Rändern. Die
Schwungfedern zweiter Ordnung braungrau mit breiten wei-
fsen Rändern. Die Schwungfedern erster Ordnung, mit Aus-
nahme der drei längsten, weifsgerandet, und zwar mit zuneh-
mender Kürze immer breiter, so dafs die kürzesten die breir
testen Ränder haben* Der Schwanz mit breiten braunen und
schmälern, unrein weifsen Querbändern, die beiden mittelsten
Federn mit einem zarten, schmutzig rostgelben Anfluge.
10) Jüngeres Weibchen, geschossen in der ersten Hälfte
des Novembers 1822. Nr. 532. des Museums.
Länge des Schnabels von dem hinteren Nasenloch wink el
bis zur Spitze 3" 1'", vom Anfange der Befiederung bis zur
Spitze 3'' 1'"\ vom hinteren Winkel des Nasenloches bis zum
vorderen Augenrande beträgt die Entfernung i"\ HöIie der
Fufs wurzeln 2".
188
Der Schnabel von der Wurzel bis beinahe drei Viertlieile
seiner Länge schmutzig fleischfarbig, der übrige Theil glänzend
hornschvvarz ; die Füfse hell bleigrau.
Das lichte Rostgelb an der Schnabelwurzel heller und
von geringerer Ausbreitung als bei dem vorigen; die lichten
Streifen über den Augen mehr weifs und vor dem Auge stark
verbreitet. Scheitel, Wangen, Kehle und Kinn mit mehr Weifs
und deshalb lichter; der Oberhals mit schmutzig rostgelblichem
Anfluge. Der Kropf schmutzig weifs, nur an den Seiten mit
starken schwarzbraunen Längsstreifen. Die Brust, 'der ganze
Bauch und die mittleren, unteren Schwanzdeckfedern rein
weifs, erstere jedoch, wie der Kropf, stellenweise rostgrau an-
geflogen, welche Farbe auf einer Stelle an der Seite der Brust
ins Rostgelbe übergeht. Die Tragfedern mit sehr schmalen,
die äufseren unteren Schwanzdeckfedern mit breiteren schwarz-
braunen Schaftstrichen, und an der Aufsenfahne mit derglei-
chen Flecken. Die Federn des Oberrückens und der Schul-
tern wie bei der vorigen. Die Ränder der Flügeldeckfedern
und der Schwungfedern zweiter Ordnung weniger weifs; die
weifsen Bänder des Schwanzes breiter.
11) Junges Weibchen, geschossen in den ersten Tagen
des Septembers 1822. Nr. 497. des Museums.
Länge des Schnabels von dem hinteren Nasenlochwinkel
bis zur Spitze 3'' 1^"', von der Stirnbefiederung bis zur Spitze
3" 4'"; von dem hinteren Nasenloch winkel bis zum vorderen
Augenrande beträgt die Entfernung 11"'; Höhe der Fufswur-
?:eln %" 1\"'
Der Schnabel von der Basis bis gegen die Spitze fleisch-
farbig, allmälig in ein lichtes Hornbraun übergehend.
Die nächste Befiederung um die Schnabelwurzel graubraun
ohne eine Spur von Rostgelb. Die lichten Streifen über den
Augen vor denselben schmal, allmälig immer breiter werdend
und hinter denselben am breitesten, unreiner weifs als bei
der vorhergehenden. Der Scheitel dunkler, die Zügel stär-
ker, die Waiigen, das Kinn, die Kehle, der ganze Hals und
Kropf, die Seiten der Brust und die Tragfedern, deren Schaft-
striche blasser, isabellgrau angeflogen und zwar am Halse am
stärksten. Der mittlere Theil der Brust, der Bauch und die
^ 189
niittleron unteren Schwanzdeckfedern vveifs. Die lichten Rän-
der und Flecken der Federn des 0])errnckens und der Schul-
tern rostgelblich. Die Ränder der Fliigeldeckfedern und der
Schwungfedern zweiter Ordnung, so wie die lichten Bänder
des Schwanzes blafs rostgelb angeflogen.
i2) Junges Weibchen, geschossen in der Mitte des Sep-
tembers 1822. Nr. 504. des Museums.
Läns:e des Schnabels vom hinteren Nasenlochwinkel bis
zur Spitze 3'V vom Anfang der Stirnbefiederung bis zur Spitze
3" 2"'; der vordere Augenrand ist von dem hinteren Nasen-
lochwinkel 11'" entfernt; Höhe der Fufswurzeln 2" 1"'.
Der Schnabel nur gegen die Spitze licht hornbraun. Die
' lichten Streifen über den Augen hinter diesen undeutlicher,
schwarz gestrichelt. Die Befiederung um die Schnabelwurzel
dunkler. Kinn und Kelüe weifser; der isabellfarbige Anflug
erstreckt sich über die ganze Brust; die lichten Bänder des
Schwanzes schmäler und unregelmäfsiger, sonst wie bei dem
vorigen. An der Schenkelbefiederung noch einige Dunen votn
Nestkleide.
13) Junges Weibchen, geschossen in der Mitte September
1822. Nr. 505. des Museums.
Länge des Schnabels vom hinteren Nasenlochwinkel bis
zur Spitze 2" 9"', von der Befiederung der Stirn bis zur
Spitze 2" 10^*^''; die Entfernung des vorderen Augenrandes
von dem hinteren Winkel des Nasenlochs beträgt 1", die Höhe
der Fufswurzeln 2" 1'",
Die lichte Farbe des Schnabels etwas dunkler, nur ^'Q^^w
die Spitze rein lichthornbraun.
Die Befiederung um die Schnabelwurzel, die Streifen über
den Augen, die Stirne und die Wangen durch die mehr vor-
herrschende weifse Farbe lichter, beinahe wie bei Nr. 10., je-
doch ohne die rostgelbe Farbe um die Schnabelwurzel. Die
ganze übrige Befiederung wie bei Nr. 11., jedoch an den
Schenkeln ebenfalls noch Dunen vom Nestkleide.
14) Junges Männchen, am 8. September 1822 geschossen.
Nr. 499. des Museums.
Länge des Schnabels von dem hinteren Nasenlochwinkel
bis zur Spitze 2" 7'", vom Anfang der Befiederung bis zur
190
Spitze 2" 9'''; vom vorderen Augenrande bis zum hinteren
Nasenlochwinkel 10'"; Höhe der Fufswurzeln 2'' \"\
Die Befiederung um die Schnabelvvurzel, die Streifen über
den Augen und die Wangen wie bei Nr. 12.; die Kehle weni-
ger weifs und röthlich. Der Hals und Kropf mehr ins Rost-
graue ziehend und häufiger gestreift als bei dem vorigen; die
übrige Befiederung sonst wie bei jenem.
15) Junges Männchen, geschossen am 17. Septbr. 1826.
Nr. 1098. des Museums.
Länge 13'' 10'", Breite 25" 1'"; die ruhenden Flügel
überragen die Schwanzspitze um 4'"; Länge des Schnabels
vom hinteren Winkel des Nasenloches bis zur Spitze 2" 4'",
vom Anfang der Befiederung 2" 5'"; vom hinteren Nasenloch-
winkel bis zum vorderen Augenrande 10'"; Höhe der Fufs-
wurzeln 1" 9^"; Länge des Darmkanals 31" 6'", der Blind-
därme 6'", des Divertikels 6^.
Gleicht ganz dem vorigen, hat aber an der Schenkelbe-
fiederung noch Dunen vom Nestkleide.
16) Junges Männchen, geschossen am 17. Septbr. 1826.
Nr. 1099. des Museums.
Länge 14" 1'", Breite 25" 4'" ; die ruhenden Flügel über-
ragen die Schwanzspitze um 3^'"; Länge des Schnabels vom
hinteren Winkel des Nasenlochs bis zur Spitze 2" 5"', von
der Befiederung bis zur Spitze 2" 6^'"; der vordere Augen-
rand ist vom hinteren Nasenloch winkel 10'" entfernt; Höhe
der Fufswurzeln 1" 10"'; Länge des Darmkanals 29", des
Blinddarms 5'", des Divertikels 8'".
Gleicht ganz dem vorigen, nur sind die Längsstreifen am
Halse, Kropf und an den Tragfedern sparsamer, schmäler und
matter, und keine Dunen mehr vorhanden.
Ueber die weiblichen Geschlechtsorgane der Tacliinen
Dr. C. Th. V. Siebold.
Die Gattung Tachina hat das Schicksal gehabt, lange ver-
kannt zu werden; sie enthält auch in der That viele Arten,
welche auf den ersten Anblick anderen Museiden -Arten, be-
sonders aus der Gattung Sarcophaga, auffallend ähnlich se-
hen und fast nur mit entomologischem Auge betrachtet unter-
schieden werden können. Es ist daher nicht zu verwundern,
wenn ältere Naturforscher durch diese Aehnlichkeit, welche
einzelne Arten aus den verschiedensten Muscidengattungen
unter einander zeigeij, irregeleitet worden sind. Konnte man
sich nun in der Natur selbst mit den Museiden schwer zu-
recht finden, wie schwierig mufste es nicht sein, in den Schrif-
ten der älteren Naturforscher, welche mit den generischen Un-
terschieden der Museiden noch nicht vertraut waren, die von
ihnen beschriebenen Museiden nach Gattung und Art genau
zu bestimmen. Dafs man sich bei diesen Bemühungen zuwei-
len täuschte, lag in der Schwierigkeit der Sache, und so er-
ging es denn auch mit Reaumur's viviparen Museiden *).
Man hielt nämlich diejenige Fliege, welcher Reaumur nur
einen einzigen sehr langen, spiralförmig gewundenen Eierstock
und eine Brut von 20,000 Larven zuschreibt, für die Sarco-
phaga carnaria; es pflanzte sich dieser Irrthum bis auf die
neueste Zeit fort, und sowohl Burmeister ^) als Wagner^)
führen als Repräsentanten derjenigen Insekten, welche ein un-
1) Reaumur: Memoires pour servir a l'histoire des tnsectes,
T. IV. 10. 7nem. Des mouches vivipaires a deux msles.
2) Handbuch der Entomologie. Bd. I. S. "200.
3) Lehrbuch der vergleichenden Anatomie. S. 325.
192
gepaartes ovarium spirale besitzen sollen, die Sarcophaga
carnaria auf. Ich ahndete schon im Sommer vorigen Jahres,
als ich die Sajxophaga carnaria, haemorrJioldalis etc. einer
genaueren Zergliederung unterworfen und keineswegs die eben
erwähnte Bildung der weiblichen Geschlechtsorgane vorfand *),
dafs hier ein Irrthum oder eine Verwechselung obwalten müsse.
Im Herbste darauf, als ich meine Untersuchungen auch auf die
interessante Gattung Tachina ausdehnte, überzeugte ich mich,
dafs Reaumur nicht blofs die lebendig gebärende Sajxo-
phaga carnaria beschrieben, sondern dafs derselbe auch meh-
rere Tachinen- Arten zergliedert und ganz richtig als vivipare
Insekten erkannt habe. Succow hat die weiblichen Ge-
schlechtsorgane der Sarcophaga carnaria ziemlich gut ab-
gebildet ^), nur scheint ihm die sackförmige Erweiterung, in
welcher sich die Eier zu Maden entwickeln, nicht aufgefallen
zu sein. Aus dieser Abbildung wird man erkennen, dafs Sar-
cophaga carnaria (Fig. 43. n, ä) zwei Ovarien besitzt,
welche ganz mit den Eierstöcken, der meisten anderen Musei-
den übereinkommen. Die Organe /und g hält Succow ganz
unrichtig für Harngefäfse, nach aufmerksamer Betrachtung sei-
ner Abbildung wird man aber bei /, wenn auch undeutlich,
die drei nicht sehr lang gestielten dunkeln Samenkapseln,
welche die Sarcophagen besitzen, herausfinden; das gepaarte,
aus zwei farblosen Blinddärmchen bestehende Organ (^), wel-
ches bei den meisten Museiden zu beiden Seiten der Oefi*nung
der Samenkapseln in die Vagina einmündet, habe ich früher
zu der von mir bereits an einem andern Ort erwähnten drit-
ten Art der Anhänge der Vagina gerechnet ^.); seitdem ich
aber erkannt habe, dafs wenn die capsulae seminales bei
manchen Museiden eine andere, von der Vulva weiter entfern-
tere Stelle einnehmen, sie diese Anhänge stets zur Seite be-
halten, so mufs ich glauben, dafs dieselben mit den Samenkap-
seln in enger Beziehung stehen, und bin deshalb geneigt, diese
4) Froriep's neue Notizen. Bd. III. Nr. 66. Ueber die vivi-
paren Musciden.
6) Heiisinger's Zeitschrift für die organische Physik. Bd. II.
Heft 3. Tab. XIV. Fig. 43.
6) Müller's Archiv. 1837. S. 393. Nr. 3.
193
beiden blinddarraartigen Anhänge der glandula appendicu-
laris, welche bei den meisten Coleopteren sicli unmittelbar in
die Capsula seminalis öffnet '^), analog zu lialten. Bei allen
denjenigen Museiden, welche diese paarige Anhangsdriise be-
safsen, war dieselbe farbenlos und wasserklar, enthielt auch
niemals Spermatozoen.
Ich habe aus der auch in der Danziger Umgegend mit
sehr sahireichen Arten verbreiteten Gattung Tachina folgende
Arten zergliedert:
1) T. fera, 2) T. tessellata, 3) T. grossa, 4) T. haemor-
j'hoidalis, 5) T.vulpina, 6) T.nov. spec, 1) T. nov. spec ^^
ferner 8) T. flavescens, 9) T. flavescens (?), eine der wah-
ren T. flavescens sehr nahe verwandte Art, welche aber statt
eines gelblichen Schillers einen durchaus weifsen Schiller zeigt,
10) T. larvaruin, 11) T. larvarum (?), eine der vorigen
sehr ähnliclie Art, welche jedoch noch einmal so klein ist, kei-
nen Randdorn an den Flügeln besitzt, und deren Stirnborsten
sich nur etwas weniges über das zweite Fühlerglied hinaus am
Gesicht herab erstrecken; 12) T. tristis.
Aus den Untersuchungen, die ich mit diesen Tachinen
vorgenommen habe, geht hervor, dafs die weiblichen Geschlechts-
organe der Tachinen nicht nach einem gemeinschaftlichen Ty-
pus organisirt sind, sondern dafs sich hier die merkwürdigsten
Verschiedenheiten in der Organisation darbieten, und dafs fer-
ner die Tachina Nr. 1 — 7. lebendige Maden gebären.
Im Allgemeinen stimmen die weiblichen Geschlechtstheile
der Tachinen in Folgendem mit einander iiberein: Es sind im-
mer zwei Ovarien in Form von mehreren kurzen Röhren vor-
handen, welche sich in einem Punkte vereinigen und in z^vei
kurze Eierleiter übergehen; diese bilden alsdann einen bald
längeren, bald kürzeren gemeinschaftlichen Eiergang. Das j^e-
ceptaculum seminis besteht aus drei dunkel gefärbten Samen-
7) Ebendas. S. 397. c.
8) Diese beiden Tachinen -Arten Nr. 6. und 7., welche in M ei-
gen* s Abtheilung C. «. * gehören (s. dessen systemat. Beschreibung
d. zweiflügel. Insekten. Th. IV.), waren mir nicht möglich zu bestim-
men, und Hr. Dr. Erichs on, welcher die Güte hatte, dieselben mit
den in der Berliner königl. Sammlung aufbewahrten Tachinen zu ver-
gleichen, erklärte sie für zwei noch unbeschriebene Arteu.
IV. Jahrg. 1. Band. 13
194
kapseln (nur selten aus einer Samenkapsel); diese haben im-
mer zwei wasserhelle Blinddärmchen als glandulae appen-
diculares zur Seite, welche neben den drei engen Samen-
gängen mit zwei schmächtigen kurzen Kanälchen in die Scheide
einmünden. Nach der Begattung wimmelt es in den Samen-
kapseln von haarigen Spermatozoen , während die beiden An-
hangsdriisen niemals auch nur eine Spur von Spermatozoen
enthalten. Da, wo dieses receptaculinn seminis aus dem
i gemeinschaftlichen Eiergange entspringt, erweitert sich der
letztere sehr stark und bildet bald eine kurze, bald aber auch
eine aufserordentlich lange Vagina. Die Vagina ist es nun,
deren Gestalt sich in den verschiedenen Tachinen am meisten
verändert, und deren zuweilen ganz auffallende Form die
weiblichen Geschlechtstheile gewisser Tachinen so eigenthüm-
lich Charakter isirt. Man kann in dieser Hinsicht die Tachinen
füglich in zwei Gruppen theilen, und zu der ersten Gruppe
diejenigen Tachinen zählen, welche eine sehr lange Vagina
besitzen, während die zweite Gruppe die Tachinen mit kurzer
sackförmiger Vagina umfafst.
I. Gruppe. Es sammeln sich in der langen Vagina die-
ser Gruppe die Eier in ungeheurer Menge an und entwickeln
sich hier zu Maden, welche ihre Eihüllen, noch ehe sie von
den Weibchen gelegt werden, verlassen. Die Entwickelung
der Eier geht nur in der Vagina vor sich, also nachdem sie
an der Mündung der Samenkapseln, welche sich am hintersten
Ende der Vagina befindet, vorbeigeschlüpft sind. Diejenigen
Eier, welche, ganz gehörig ausgebildet, in den beiden Ovarien,
den beiden Eierleitern oder in dem gemeinschaftlichen Eier-
gange (oberhalb der Einmündung der capsulae seminctles) an-
getroflfen wurden, liefsen niemals eine auch nur im Beginnen
begriffene Entwicklung der Made erkennen. Die Eier und Ma-
den dieser Tachinen-Gruppe besafsen, immer im Verhältnisse
zur Gröfse des vollkommenen Insekts und im Vergleiche mit
den Eiern und Maden der Sarcophaga carnaria, eine be-
deutende Kleinheit.
Ich will jetzt zur Beschreibung der weiblichen Geschlechts-
organe der einzelnen Tachinen übergehen, und mit der T. /e7*a,
einer im Herbste auf Waldblumen hier sehr gemeinen Fliege,
195
den Anfang machen; sie kann zugleich als Repräsentant der
Tachinen aus der ersten Gruppe betrachtet werden.
1) Die Vagina der Tachinafera ist über 1^ Zoll rhn.
lang und in 3^ spiralförmigen Windungen aufgerollt. Wenn die-
selbe von Eiern strotzt, so füllt sie fast die ganze Hinterleibs-
höhle des Thieres aus. Im letzteren Falle ist die Höhle der
Scheide nicht cylindrisch, sondern da die Scheide ganz dicht
zusammengerollt ist, bildet sie vielmehr eine seitlich zusam-
mengedrückte (compresse) Röhre, deren Breite zuweilen eine
ganze Linie, und deren Dicke \ bis \ Linie beträgt. Die
dicht gedrängten Windungen der Scheide bilden auf der Rük-
kenseite eine etwas convexe Fläche, lassen auf der Bauchfläche
dagegen einen concaveu Raum, gleichsam einen weiten Nabel,
zwischen sich, in dessen tiefer Mitte sich das hinterste Ende
der Vagina befindet. Dieser hohle Raum dient zur Aufnahme
der übrigen zu den inneren Geschlechtsorganen gehörigen
Theile; es liegen hier, rechts und links, die beiden Eierstöcke
mit zwei kurzen Eierleitern, welche nach ihrer Vereinigung
einen sehr engen, eine Linie langen und gewundenen gemein-
schaftlichen Eiergang nach dem Ursprünge der Vagina hin-
schicken. Da, wo derselbe die Scheide durchbohrt, münden
sich auch die drei ovalen braunen Samenkapseln mit drei mä-
fsig langen engen Samengängen ein. Die beiden glandulae
appendiculares stellen hier zwei kurze glashelle Blinddärm-
chen dar. Die Vagina läuft, von der Vulva aus, anfangs ge-
rade am Bauche in die Höhe, trennt die beiden Ovarien von
einander und wendet sich hierauf zur Seite, um die Spiral-
windungen zu beginnen. Der Darmkanal ist ebenfalls auf der
Bauchfläche des Insekts gelegen. Die Zahl der Eier, welche
die Vagina enthält, ist ungeheuer. Da ich mir die Mühe ge-
nommen hatte, bei der Tachina tessellata die Brut zu zählen,
welche ich in der Vagina vorgefunden, und ich durch wirk-
liche Zählung 2386 Maden und Eier herausbrachte, so konnte
ich mich nicht entschliefsen , die Eier und Larven, welche die
Vagina der Tachina f er a beherbergten, zu zählen, indem ich
mich aus dem allgemeinen Ueberblicke derselben überzeugte,
dafs ich hier eine noch dreimal gröfsere Brut als bei T. tes-
sellata hätte überzählen müssen. Wenn daher Reaumur die
fast unglaubliche Zahl von 20,000 Larven in der Vagina eines
13*
196
Tachinen- Weibchen herausrechnete ^), so dürfte am Ende
eine solche Zahl nicht ganz übertrieben sein.
Die kleinen länglichen Eier liegen immer qner oder
schräge in der durchsichtigen Vagina, wodurch diese ein ge-
ripptes Ansehen erhält.
Haben sich die Maden der TacJiina fera in der Scheide
noch nicht zu entwickeln angefangen, so besitzen die Eier eine
weifsliche Farbe; beginnt die Entwickelung der Maden, so
nehmen sie eine bräunliche Farbe an, welche sich bei den
entwickelten Maden in eine schieferblaue Farbe verwandelt,
indem die vordere Körperhälfte der Maden schieferblau ge-
färbt ist. Da die Maden mit dieser Farbe durch die Scheide
hindurch scheinen, so kann man an dem Ansehen der Scheide
augenblicklich erkennen, ob sie bereits entwickelte Maden ent-
hält oder nicht. Bei vielen Weibchen dieser Tachina fand ich
gewölmlich die untere Hälfte der Vagina schieferblau, die obere
Hälfte weifslich gefärbt ; beide Farben gingen in der Mitte der
Scheide durch eine kurze Strecke brauner Färbung in einan-
der über. Eine ganz und gar schieferblau gefärbte, also eine
von vorn bis hinten mit entwickelten Maden angefüllte Scheide
traf ich nie an. Man sieht an lebenden Weibchen, wenn das
untere Ende der Vagina Maden enthält, die schieferblaue äu-
fsere Spirale der Scheide auf dem Rücken des rothbraunen
Leibes hindurchschimmern.
2) Die weiblichen Geschlechtstheile der Tachina tessel-
lata sind eben so wie die der T, fera organisirt, nur mit
dem Unterschiede, dafs die lange Vagina keine vollständige
Spirale bildet, sondern von der Vulva aus anfangs einige un-
regelmäfslge Windungen macht und sich dann erst spiralför-
mig aufrollt. Die entwickelten Maden fand ich ebenfalls schie-
ferblau gefärbt.
3) Bei Tachina grossa ist die Vagina weniger lang und
unregelmäfsig gewunden, die übrigen weiblichen Geschlechts-
theile wie bei den vorigen beiden Tachinen. Die Thiere,
welche ich zergliederte, hatten sich bereits ihrer Brut entle-
digt, denn ich fand in ihrer Scheide nur noch wenige blau-
graue Maden und gar keine Eier.
9) Reaumur a. a, O. Seite 417.
197
4) Die Taclnna haemorrhoidalis zeichnet sich durch
eine aufserordentlicli lange Vagina aus, welche zweimal in
Spiralforni aufgerollt ist und nacli ungefährer Schätzung meh-
rere tausend Eier enthält. Die übrigen weiblichen Geschlechts-
organe wie bei den vorigen.
5) In Tachitia vulpina erschien die lange, mit zahlloser
Brut angefüllte Scheide unregelmäfsig gewunden. Die drei
runden braungelben capsulae seminales hatten lange Samen-
gänge, und ihre beiden Anhangsdrüsen wurden von zwei kur-
zen Blinddärmchen gebildet. Die Eier dieser Tachiiia waren
in die Länge gezogen und sehr schlank; ihre Maden besafsen
mehrere schieferblaue Gürtel.
6) Die Tachina Nr. 6. hatte eine ziemlich lange Scheide,
welche nur in eine einzige Spirale gebogen war und 92 Eier
beherbergte. Ihre drei runden Samenkapseln waren mit lan-
gen Samengängen versehen, gleichsam lang gestielt, die beiden
glandulae appendiculares besafsen dagegen nur eiae mäfsige
Länge.
7) In der Tachina Nr. 7. war die Vagina ziemlich lang
und gewunden und enthielt mehrere hundert Eier oder Maden.
Das receptaciiliim seminis bestand aus drei braunen birnför-
rnigen und mäfsig langgestielten Samenkapseln,, und aus zwei
nicht langen Anlvangsdrüsen.
II. Gruppe» Die Tachinen-Werbchen dieser Grappe brin-
gen im Ganzen viel weniger Eier hervor als die Weibchen
der ersten Gruppe; ich entdeckte in ihrer kurzen weiten
Scheide gewöhnlich nur ein einziges grofses Ei, in welchem
niemals die Entwickelung der Made begonnen hatte, so dafs
ich wenigstens bis jetzt keine der hieher gehörigen Tachinen
als lebendiggebärend erkannt habe.
8) Die Tachina flavescens , eine um Danzig sehr ge-
meine Fliege kann fiiglich diese zweite Gruppe repräsentiren.
Die Scheide derselben ist ein kurzer weiter Sack, welcher ent-
weder leer ist oder nur ein grofees Ei enthält. Die beiden
Eierstöcke und Eierleiter verhalten sich wie bei den übrigen
Tachinen, münden aber mit einem äufsert kurzen gemeinschaft-
lichen Eiergange in die Vagina ein. Die drei birnförmigen,
mäfsig langgestielten Samenkapseln sind von zwei sehr langen
geschlängelten Anhangsdrüsen umgeben.
198
9) Die Tachina Nr. 9. ist im Baue der weiblichen Ge-
schlechtsorgane der vorigen sehr ähnlich.
10) Die Tachina larvarum zeichnet sich dadurch aus,
dafs sie nur eine einzige runde Samenkapsel nebst einem sehr
langen Samengange und zwei lange gewundene Anhangsdriisen
besitzt. Der aus den beiden Eierleitern hervorgetretene ge-
meinschaftliche Eiergang ist von mäfsiger Länge.
11) Die Tachina Nr. 11. verhält sich wie die vorhergehende.
12) Die T. tristis weicht von dem eben beschriebenen
Baue der weibliclien Zeugungstheile auffallend ab. Die Scheide
ist kurz und weit und bildet einen birnförmigen Sack, in des-
sen hinteres weiteres Ende sich aber nicht das receptaculum
seminis, sondern ein enger, nicht ganz kurzer Kanal einmün-
det, welcher die Fortsetzung des sehr langen und sehr engen
gemeinschaftlichen Eierganges ist; an der Stelle, an welcher
der ersterwähnte Kanal von dem gemeinschaftlichen Eiergange
durch eine Einschnürung deutlich abgesetzt ist, befinden sich
die Mündungen der drei kurzgestielten Samenkapseln und ih-
rer beiden sehr kurzen glandulae appendiciilares. In der
Scheide fand ich 70 bis 80 kleiae Eier; ob sich dieselben hier
zu Maden entwickeln', habe ich nicht ausfindig machen kön-
nen. Man könnte diese Organisation der Tachina tristis auch
so betrachten, als hätte man eine mäfsig lange Scheide vor
sich, deren unteres Ende zu einem Sacke erweitert ist, und es
bildete demnach diese Tachina ein vermittelndes Glied zwi-
schen der ersten und zweiten Tachinen- Gruppe.
Man wird jetzt einsehen, dafs Reaumur nicht blofs die
Sarcophaga carnaria, fondern auch vivipare Tachinen aus
der ersten Gruppe untersucht hat; schon die Beschreibung und
Abbildung, welche er von der äufseren Gestalt der einen le-
bendig gebärenden Fliege gegeben hat ^ ^), läfst vermuthen, dafs
' er von der Tachina fera oder ferox spricht. Seine Worte
lauten darüber: „Le.? mouches dune des especes que noiis
voulons faire connoitrey sont communement plus grosses
que les grosses mouches hleues de la viande; elles ont en~
core le corps plus renfle et aussi court que le leur. Leur
port dailes est le meine que celui des mouches hleues.
10) Reaumur a. a. O. Seite 412. PI. 29. Fig. 9.
199
mais leiirs antennes qui sont ä paleites lenticulaires , ap-
prennent que le genre de ces mouches riest pas le meine
quc celui des mouches hleues, qui a des antennes ä palet-
tes prismatiques. Pres de Vorigine de cliaque aile, elles
ont une tache de couleur feuille-mortej comme Vont ces
mouches ovipares iiuxquelles an ne trouve dans le corps
que deux gros oeufs ä la fois, et qui viennent de vers jau-
nes qui se nourissent de houze de vache (J\lesem}}rina me-
ridiana). Mais nos mouches vivipares plus grosses que
ces derniereSj en differtnt sensihlement par la couleur de
leur Corps j qui est tannee ou dun hrun /euille morte, ati
Heu que la couleur du corps des autres est noire; d'aiU
leurs leur corcelet, comme celui des autres, est noir/^
R e au mur 's Untersuchungen beziehen sich aber auch auf
andere grau gefärbte Tachinen, welche vielleicht mit der Ta-
china haemoi^rhoidalis verwandt sind, oder jedenfalls doch
zu den Tachinen der ersten Gruppe gehören. Dafs er selbst
sie nicht mit der Sarcophaga carnaria verwechselte, wird
man aus seinen eigenen Worten ersehen. Er sagt nämlich
von ihnen ^*): „J'ai ohserve deux autres especes de mou-
ches vivipares, qui toutes deux sont ä peu pres du mSme
genre que la precedente (Sarcophaga carnaria^, qui lui
ressemblent de plus par le port d'ailes et par la figure
des antennes, mais qui en different par la forme du corps \
la forme du leur est moins allongee, eile approche davantage
de Celle du corps des grosses mouches bleues. Ces dernieres
especes different encore de la premiere, parce qu^ elles sont
moins grandes.'' Reaumur begeht aber, als er zur näheren
Beschreibung der inneren weiblichen Geschleclitstheile schrei-
tet, das Versehen, dafs er (Seite 413.) bei den grauen Tachi-
nen auf Fig. 4. 5. 6. seiner 29. Tafel, also auf dieselben Ab-
bildungen verweist, welche er bereits als Sarcophaga carna-
ria (S. 408.) citirte. Dieses Versehen mag nun vielleicht die
Veranlassung gewesen sein, weshalb spätere Naturforscher,
auf Reaumur sich stützend, der Sarcophaga carnaria die
weiblichen Geschleohtstheile der Tachinen untergeschoben ha-
ll) Reaumur a. a. O. Seite 411.
200
ben *^, obgleich Reaumur selbst die Sarcophaga carnaria
eine moucJie grise, dont la matrice n'est pas roulee nennt
(S. 427.). Da mm bei den Taclünen die Scheide und nicht
der Eierstock spiralförmig aufgerollt ist, so wird man das
Ovarium Spirale als eine besondere Eierstocksform jetzt ganz
eingehen lassen müssen ^^). Die beiden Figuren, welche Reau-
m u r von der Vagina spiralis der Tachinen (Taf. 2.9. Fig. 7.
und 8.) gegeben hat, sind sehr undeutlich und unverbessert in
anderen naturhistorischen Werken kopirt worden; die wahren
Ovarien, die Eierleiter und das receptaculum seminis sind
überdies von Reaumur gänzlich übersehen worden.
Es ist der oben beschriebene Bau der Zeugungstheile der
Tachinen-Weibchen gewifs ein höchst merkwürdiger; die ganze
Anordnung der einzelnen Theile dieser Organe sowohl, als der
Umstand, dafs die Eier in dem gemeinschaftlichen Eiergange
der viviparen Tachinen (oberhalb der Einmündung des recep-
taculum seminis) nie weiter entwickelt gefunden wurden, als
i\\Q noch in den Ovarien befindlichen reifen Eier, und dafs bei
ihnen die Entwickelung der Maden begann, nachdem sie an
der SamenkapselöflFnung vorbei in die Vagina gelangt waren,
deutet hier wieder darauf hin, dafs die reifen Insekten -Eier
12) Von Linne und Gmelin {Systema naturae. Edit. XII.
T. I. P. IL pag: 990 und edit XIIL T. L P. V. pag. 2840) finde ich
bei Sarcophaga carnaria ganz richtig nur die Figuren 4. 5. 6. der
R e au mur' sehen 29sten Tafel citirt, M eigen dagegen fügt diesem
Citate (a. a. O, Thl. V. S. 19.) unrichtiger Weise noch die Figuren
7. und 8. Reaumur's hinzu, welche die vagina spiralis der Tachi-
nen vorstellen.
13) S. Burmeister und Wagner a. a. O. Burmeister be-
ging ein neues Versehen, indem er das eine von Eiern strotzende Ova-
rium einer Sarcophaga carnaria ganz naturgetreu abbildet (Taf. 14.
Fig. 10.), an welchem man natürlich das im Texte (Bd. I. S. 200.)
beschriebene ovarium Spirale, welches diese Fliege besitzen soll,
nicht erkennt. Demselben Naturforscher mufste es überdies aufge-
fallen sein, dafs sich bei allen wahren Insekten immer ein gepaarter
Eierstock vorfindet, da^ er das angebliche ovarium spirale folgender-
mafsen beschreibt: „es ist an jedem Eierstocke nur eine, aber sehr
lange Eierröhre vorhanden, welche sich am Ende bis zum Grunde hin
spiralig einrollt," obwohl Reaumur immer nur von einer einfachen,
spiralförmigen, mit Eiern oder Maden angefüllten Röhre spricht.
201
nur dann erst befruchtet und cntvvickelungsfahig werden, wenn
sie mit der Samenfeuchtigkeit in Berührung haben kommen
können. Man mufs es bewundern, wie es der Samenfeuchtig-
keit und den in ihr entlialtenen Spermatozoen möglich wird,
bei den Tachinen der ersten Gruppe in die von der Vulva so
weit entfernten Samenkapseln zu gelangen. Flinunerbewegun-
gen können den Samen vom vorderen Anfang der Scheide bis
in deren hinterstes Ende nicht schieben, da der Scheide sowohl als
den übrigen weiblichen Geschlechtstheilen die Flimmerorgane
durchaus fehlen, wie ich denn überhaupt in keinem Organe
der wahren Insekten bisher Flimmerorgane wahrgenommen
habe. Es wurde von mir versäumt, die zu jener Gruppe ge-
hörigen Tachinen-Männchen dahin zu untersuchen, ob sie viel-
leicht jener langen gewundenen Vagina entsprechende Be-
gattungswerkzeuge besäfsen, durch deren Vermittlung es beim
Coitus gelänge, die Samenfeuchtigkeit bis vor die Mündung
der Samenkapseln zu ergiefsen. Ich vermuthe indessen, dafs
die Tachinen, so wie die übrigen Museiden, nur mit einer kur-
zen Ruthe begabt sind, und es bleibt nichts anderes zu glau-
ben übrig, als dafs die Samenfeuchtigkeit durch Selbstthätig-
keit (?) und durch peristaltische Bewegung der Scheide bis zu
den Samenkapseln gelange.
Zur Gattung Scarabus Montf,
von
Dr. F. H. Tro^chel.
(Hierzu Tab. IV. Fig. 1 — 3.)
JJurch neuere Sendungen ostindischer Conchylien ist die
Sammlung des Berliner zoologischen Museums durch zwei Ar-
ten der Gattung Scarahus bereichert worden. Eine von ih-
nen ist schon bei einigen älteren Autoren als zu S. imhrium
Montf, gehörig abgebildet und von Ferussac iS*. plicatus
genannt. Die andere ist meines Wissens noch nirgends be-
^ schrieben ; ich halte sie daher für neu und nenne sie S.
trigonus.
Als ich zuerst durch die auffallende Zierlichkeit des
S. plicatus und trigonus bewogen wurde, sie abbilden zu
lassen, glaubte ich, dafs sie mit S, imhrium die einzigen bis
jetzt bekannten Arten der Gattung seien. Den S. Petiveria-
nus Fer. nämlich hielt ich nur für Varietät von S. plicatus,
da jedoch Bruguiere sagt, er sei tief genabelt, so kann man
man ihn wohl als eigene Art gelten lassen. Später fand ich, dafs
Menke zwei Scarabus- Arten aus Süd-Amerika in der zweiten
Ausgabe seiner Synopsis Molluscorum beschrieben hat. Lei-
der sind mir die Exemplare nicht zugänglich gewesen, was ich
um so mehr bedaure, da über die Bildung des Nabels und der
Apertur gar nichts bemerkt ist, obgleich aus den Diagnosen
und Maafsen hervorgeht, dafs sie sich sehr von den hier ab-
gebildeten Arten unterscheiden.
Unsere drei Arten sind etwas gedrückt und haben jeder-
seit<5 eine stumpfe Kante, welche von der Basis zum Apex ver-
läuft und die Gattung so sehr vor allen übrigen auszeichnet.
I
203
Schon Linne sonderte nach diesem Charakter seine H, sca-
rahaeus (iS*. imhriwn Montf.) von allen übrigen Helicibus,
Die Bildung dieser Kante hat oflfenbar ihren Grund in dem
regelmäfsigen Wachsthum der Schale. Jedesmal wenn genau
eine halbe Windung vollendet ist, bildet sich ein Labrum, und
es tritt dann ein Stillstand des Wachsens ein. Auf diese Weise
kommen alle AufsenrUnder der Mündung in zwei gegenüber-
liegende Längslinien der Schale zu liegen. Jedes Labrum wird
nun von einem folgenden zum Theil wieder verdeckt; da sich
dies aber auf den scharfen Rand des vorhergehenden Labrums
legt, so mufs sich nothwendig eine Kante bilden. Der obere
weifsgefärbte Theil des schrägen Labrums greift über die Kante
der vorigen W^indung über, und dadurch entsteht die sägen-
förmige Färbung an der einen Seite jeder Kante.
Etwas Analoges findet sich bei der Gattung Ranella, wo
auch bei Vollendung einer jeden halben Windung sich ein
Labrum bildet, wodurch die beiden Varices entstehen. Bei
Murex bildet sich jedesmal nach j, \ oder einem andern
Theile der Windung, zuweilen sehr regelmäfsig, ein neues La-
brnm, und es entstehen durch Aneinanderreihung derselben 3,
5 oder mehrere Varices. Dafs bei der Gattung Scarabus
nicht förmliche Varices stehen bleiben, ist eine Folge von der
einfachen Bildung des Lippenrandes.
Die Apertur unserer drei Arten, so wie auch der Peti-
ver 'sehen Abbildung \ on S. Petiverianus F.y zeigt eine grofse
Uebereinstimmung, obgleich sich kleinere und sehr constante
Unterschiede finden. Sie ist longitudinal, an der Basis aus-
gerundet und durch starke Zähne verengt. Die sogenannte
Columellarplatte fehlt entweder ganz, oder sie ist doch^nur
als dünner Anflug sichtbar. Im etwas vorgezogenen Labrum
findet sich eine starke Leiste, welche der einen Seitenkante
der Schale entspricht und drei bis fünf Zähne trägt, zwischen
denen kleinere rudimentäre Zähnchen stehen. Ihr gegenüber,
also auf dem Columellarrande , stehen drei sehr starke Zähne,
von denen der der Basis zunächst gelegene auf der Columella,
die beiden anderen auf der vorletzten Windung stehen. Der
mittlere Columellarzahn zieht sich tief in die Mündung hinein,
und bildet so eine sehr erhabene Leiste; der obere ist gefal-
tet und fast dreieckig.
204
Der Apertur nach könnte die Gattung Scarabus recht
wohl mit der Gattung Auricula, wie bei Lamarck, verei-
nigt bleiben, und es ist also die Kante an beiden Seiten der
einzige wesentliche Charakter der Gattung. Man hat bis jetzt
die Gattung noch nicht ganz allgemein als solche anerkannt,
obgleich man die aufserordentliche Bildung der Schale immer
als guten Gattungscharakter hat gelten lassen können. Nun
aber, da sich die Arten mehren, wird man durch die grofse
Uebereinstimmung des Schalenbaues gezwungen, sie als eigene
Gattung von Auricula zu trennen.
Da die Art -Diagnose, welche Lamarck von Aur. sca-
rahaeiis {S. hribriuin) giebt, so ziemlich auf alle inisere vor-
liegenden Arten pafst, derselbe auch noch nicht S. imhrimn
und iS*. plicatus als Arten trennt, so begnüge ich mich nicht,
unsere neue Art durch Abbildung und Beschreibung in die
Wissenschaft einzuführen, sondern ich füge neue Diagnosen
und Abbildungen von S. imhrimn und plicatus zur Erleichte-^
rung der Vergleichung hinzu, zumal da ich den S. plicatus
nur in den Händen weniger Conchyliologen vermuthen darf.
Die wesentlichsten Unterschiede liegen in der Gestalt der
Schale überhaupt, vorzugsweise in der Bildung des Nabels
und in einigen Verschiedenheiten der Apertur.
1. Scarahus imhrium Montf. (Tab. IV. Fig. 1.)
S. testa ovata longitudinaliter striata, umhilicata; dente
columellari medio suhsiinplice,
Helix scarahaeus Lin. Gmel. p. 3613. No. 1,
Helix pythia. Müller, Verm. S. 88. Nr. 286.
Bonanni, Mus. Kirch. Class.lW.fig.'dlQ.
Lister, Jiist conch. tah, ^11. ßg. 31.
Rumpf, Amboinische Raritätenkammer Tab. 27. Fig. 1.
Gual te r i, J/xJea: test. conch. tahAW. ß§.^.
d'Argenville, Conch. tah. IX. ßg. 7.
Seba, Mus. 3. tah. 60. in/ra ad dextram.
Born, Test. Mus. Caes. pag. 364. Vig.ßg.A.
Klein, Meth. ostrac. L §, 31. lit. e. No. 2. tal. h
ßg.2S., nach Lister copirt.
Chemn., Conch. IX. tah. 136./^. 1249— 12.50.
Bruguiere, Enc. meth. Fers Tom.l. p. 340. iVo. 74. ß*
Schröter, Einleit. IL S. 122.
205
Scarahus imhrium Moni/. Conchyl II. p. 306—307.
Auricula scavcibaeus. Lam., liist. des ylnim, s. verL
VI. p. 139.
Scarahus imhrium, Ferussac, Hist. ?iat, d. Moll p.
105. No. 1.
Chemnitz citirt hierher noch Adanson's Ilist. du Se-
negal tob. I. flg. IV. Das ist aber gar kein Scarahus, da die
seitlichen Kanten weder im Text, noch in der Abbildung aus-
gedrückt sind; die Apertur hat jedoch einige Aehnlichkeit
Es ist wahrscheinlich Auricula pedlpes (Tornatella pedipes
Lam.\ Vergl. T h o m s o n ' s Annais of pMosophy, New
serics Vol. IX. p. 415.
Die Schale dieser bekannten Schnecke ist eiförmig, an
der Basis gerundet, mit spitzem Apex, etwas gedrückt, und ist
daher häufig ganz passend mit einer Mandel verglichen wor-
den. Sie ist schwach längs gefurcht, besonders in der Nähe
der Nähte, etwas glänzend, weifslioh oder gelb mit braunen
Flecken, zuweilen auch fast einfarbig braun. Die letzte Win-
dung nimmt etwa zwei Drittel des ganzen Gehäuses ein. Der
Nabel ist deutlich hinter dem umgeschlagenen Columellarrande
sichtbar und sehr tief. Der untere Columellarzahn ist sehr
erhaben und bildet eine tief in die Mündung zu verfolgende
Leiste. Der mittlere ist fast noch starker und läfst sich sehr
tief in's Innere der Apertur als einfache Leiste verfolgen.
Vorn hat jedoch dieser Zahn nach unten zu eine merkliche
Längsfurche, welche die Andeutung zu einer Trennung in zwei
Zähne giebt. Der obere Columellarzahn ist weniger beträcht-
lich als die beiden andern, und dreieckig, lieber ihm steht
zuweilen ein sehr kleiner einfacher vierter Columellarzahn.
Das Labrum ist vorgezogen, erweitert, und am Rande etwas
umgelegt. Innen, den Columellarzähnen gegenüber, befindet
sich eine Leiste mit 5 Zähnen, welclie von der Basis der
Schale an Gröfse abnehmen, mit Ausnahme des zweiten Zah-
nes, der von allen der kleinste ist.
Länge bis 15'" ^), Breite 10''', Höhe 7^'", Länge der
Mündung 8}'".
Fundort: Ostindien.
1) Pariser Maafs.
206
2. Scarahus plicatus Fej\ (Tab. IV. Fig. 2.)
S. testa suhtrigona, suhtiliter striata, uinbilici loco plica
ciirva, tertiam testae latitudinis partem teiiente, instructa;
dente columellari medio suhsimpUci.
List er, Ilist. conch. tah-bll. fig. 32.
Klein, Meth. ostrac. Parsl. §.31. lit. e, No, 3, tah.h
fig. 24. , nach Lister copirt.
Bruguiere, Enc, meth. Vers. Tom. 1. p. 340. No.
74. A.
Chemn., Conch. IX. tal. 436.^^.1251 — 1253.
Ferussac, Hist. nat. des Moll. p. 105. No.2,
Die Schale hat eine fast dreieckige Gestalt, nähert sich
jedoch der eiförmigen weit mehr als S. trigonus. Der linke
Winkel an der Basis ist abgerundet, der rechte wegen des er-
weiterten Labrums weit vorgezogen. Die Schale ist weniger
flach gedrückt als bei S. imhrium und trigonus, weshalb auch
bei ihr die seitlichen Kanten mehr abgerundet sind. Sie ist
sehr fein längsgestreift, und alle vorhandenen Exemplare,
welche freilich nicht frisch und ohne das Thier gesammelt zu
sein scheinen, *sind matt und haben fast gar keinen Glanz.
Die Farbe ist grauröthlich. Obgleich die meisten Exemplare
fast einfarbig sihd, so zeigen sich doch bei einigen, besonders
bei jüngeren, unregelmäfsige Querbinden von dunklerem grau-
roth oder fast violett, die zuweilen so überhand nehmen, dafs
vielmehr auf dem dunkleren Grunde einzelne helle Querbinden
erscheinen, wie es Chemnitz IX. Tab. 136. Fig. 1251. und
1252. abgebildet hat. Die letzte Windung nimmt mehr als
zwei Drittel der Länge der Schale ein. Ein eigentlicher Na-
bel ist nicht vorhanden, sondern hinter der umgeschlagenen
Columella liegt eine gebogene, vertiefte Querfalte, welche etwa
ein Drittel der Breite der Schale einnimmt. Der untere Co-
lumellarzahn wie bei S. imhrium; der mittlere ist sehr erha-
ben und hat meist, besonders bei allen jüngeren Exemplaren,
an seinem unteren Grunde, noch einen kleinen Zahn neben
sich, der jedoch zuweilen fehlt, wie z. B. an dem gröfsesten
Exemplare, nach welchem die Abbildung gemacht ist. Der
obere Columellarzahn ist eine schräge, fast einfache Leiste,
hinter welcher zuweilen im Innern der Mündung noch eine
Leiste in der Längsrichtung der Schale Hegt, die wohl dem
I
207
Labnim einer früheren Windung entspricht. Das Lahrum ist
vorgezogen, erweitert, am Rande etwas umgelegt. Auf der den
Columellarzähnen gegenüber liegenden Leiste finden sich drei
deutliche Zähne, deren Zwischenräume durch mehr oder we-
niger deutliche Zähnchen crenulirt sind.
Länge bis 1^'", Breite 8^'", Höhe 6''', Länge der Mün-
dung 7'".
Gesammelt in Bengalen durch Herrn Lamare Picquot.
3. Scarabus Petiverianus Fer.
Cochlea Bengalejisis ore lacerato, an Cochlea com-
pressa variegaia, lateribus acutis, senis minimum dentibus
donata. (Petiver, Gazophylacium naturae et artisp.i.)
Diesen bei Petiver Tab. IV. Fig. 10. abgebildeten Sca-
rabus hält Ferussac für eine eigene Art, obgleich er ihn nie
gesehen hat, im Vertrauen auf Brugui ere 's Worte, der in der
Enc, meth. Vers. Tom. \. p. 341. sagt, er habe ihn einmal
gesehen, ohne eine Beschreibung davon zu machen. Obgleich
die Abbildung viel Aehnlichkeit mit S. plicatus zeigt, so ist
die Art doch wohl verschieden, denn die ganze Schale ist lang-
streckiger, die Mündung kürzer, und die letzte Windung
nimmt nur wenig über die Hälfte der Länge der Schale ein.
Nach. Bruguiere ist sie tief genabelt.
Fundort: Bengalen.
4. Scarabus trigonus nov. sp. (Tab. IV. Fig. 3.)
iS*. testa trigona suhtiliter striata ^ umhilici loco plica
recta, dimidiam fere testae latitudinis partem tenente, in-
structa; dente columellari medio duplice.
Die Schale ist dreieckig, sehr flach gedrückt und mit
ziemlich scharfen Seitenkanten und einer Kante an der Basis
versehen. Sie ist sehr fein längs gestreift und etwas glänzend.
Die Farbe ist gelbbraun, jedoch mit so vielen dunkelbraunen
Flecken übersäet, dafs der ganzen Schale ein ziemlich dunkles
Ansehen dadurch entsteht. Die letzte Windung nimmt nur
etwas mehr als die Hälfte der Länge der Schale ein. Der
Columellarrand ist nicht umgeschlagen, bildet aber eine ziem-
lich scharfe Kante, an der die Nabelfalte beginnt und sich als
gerade vertiefte Linie fast bis an die linke Kante der Schale
erstreckt, so dafs sie mehr als die Hälfte der Schalenbreite
einnimmt. Innen auf der Columella erhebt sich eine abge-
208
rundete L'angsschwiele, von welcher sich der untere Columel-
larzahn in das Innere der Mündung erstreckt. Der mittlere
ist durcli, eine tiefe und breite Längsfurche vollkommen und
bis auf den Grund in zwei Zähne getheilt, deren unterer der
kleinere ist. Der obere Columellarzahn besteht aus einer
schrägen wellenförmigen und einer kurzen einfachen Leiste,
welche sich wie die Schenkel eines Winkels an ihrem End-
punkte, der der höchste ist, vereinigen. Das Labrum ist vor-
gezogen, erweitert, am Rande etwas umgelegt. Auf der den
Columellarzähnen gegenüber liegenden Leiste finden sich fünf
Zähne ganz wie bei S. imhrium, zu denen noch ein sehr klei-
ner, sechster unten an der Basis hinzukommt.
Länge 9'^', Breite 9"', Höhe 5'", Länge der Mündung 5'''.
Gesammelt vom Missionär Hrn. Röttger auf Pululoz bei
Bintang.
Von den folgenden beiden Arten kann ich blofs die Dia-
gnosen von Menke, Synopsis Molluscorum^ editio altera
S. 130. und 131., abdrucken lassen:
5. Scarahus (?) lahrosus Menke.
S. testa ovato-fusiformi, subturrita (!), soUda, tuberculato-
rugosa, alhlda; spira exserta, apice truncata, consoUdata,
ar^ractihiis teretihus &, convexiuscuUs; aperturaovata; pe~
ristomate continiio, CJ^asso, divaricato, margine reßexo.
Long. 2 poll. 2y lin., laf. 9 lin.
Mab, terrestris, inter Rio et Cainpos, in Brasilia.
6. Scarahus (?) fusiformis Menke.
S. testa oblong a, fusiformi, turritaQ^j rugulosa, flave-
scente, corneo nebulosa, fascia interrupta fusca; spira ex-
serta, acuta ; anfractibus teretibus (!), convexiuscuUs ; aper-
turaovata;peristomatediscontinud; labropatulo, intus roseo.
Long, 11 lin.^ lat. 3 lin,
Hab. ad Rio de Janeiro.
Aufser diesen Arten finde ich noch bei Ferussac vier
Arten von Perry als especes incertaines augegeben; er sagt
jedoch von ihnen, sie hätten grofse Verwandtschaft zu S.
imhrium. Pa mir Perry 's Conchol. nicht zur Hand ist,
so mufs ich diese Species auch noch unter den unbestimmten
lassen. Die fünfte von Ferussac's especes incertaines ge-
hört gar nicht zur Gattung Scarabus.
Ue1)er eini«:e vaterländische Landschnecken
von
Dr. Aug. Müller,
praktischem Arzte zu Berlin.
(Hierzu Taf. IV. Fig. 4-6.)
1. Ilelix Scarhurgensis Turton^^.
(Tab. IV. Fig. 4.)
Uellx testa elevata, stj^üs transversis suhsericea, apertura
semihinari, peristomate sunpUci, umbilico apertOj angusto,
profundo; arifractlhus sex.
Höhe und Breite sind einander fast gleich; die Windun-
gen konvex, so dafs man die Schale mit dem oberen Theile
eines Bienenkorbes füglich vergleichen kann. Die Epidermis
erhebt sich in feine Blättchen oder Rippen, die von dem Na-
])cl radienartig auslaufen und so fein sind, dafs sie einen Sei-
dcnglanz über die Schale verbreiten, wie Turton treffend be-
1)W. Turton, a manual of the land and fresh-water shells
of the Brittish islands, London 1831. 8. p. 62. /. 48. , hat eine Helix
unter diesem Namen beschrieben und abgebildet, welche mit der
meinigen eine Art auszumachen scheint. Doch ist die Abbildung klein
und undeutlich, so dafs ich darüber nicht aufser allem Zweifel bin.
Anm. des Herausgebers. Sind, wie es scheint, beide iden-
tisch, so zeigt sich wieder das Unpassende der Benennung nach einem
speciellen Fundorte. Scarborough liegt, wie Kiel, hart an der Küste
und zwar ebenfalls an einer Ostküste. Das Vorkommen würde also
sehr ähnlich sein. Möchten unsere Naturforscher in Dan zig, wo
sich ähnliche Verhältnisse darbieten, auf das Vorkommen dieser
Schnecke aufmerksam sein und auch die preufsische Fauna durch
ihre Entdeckung bereichern,
IV.-JaLrg. 1. Band. 14
210
merkt. Die Oeflfniiiig ist halbmondförmig, also viel breiter als
hoch. Die ältesten Windungen oft abgeschabt, Farbe übri-
gens gelblichbraun. Höhe gleich der der Figur beigefügten
Andeutung.
Das Thier bewegt sich für eine Schnecke lebhaft und
schnell. Farbe weifslich, auf Rücken und Kopf in das Blau-
graue übergehend.
Sie ist meines Wissens auf deutschem Boden früher nicht
gefunden. Bei Kiel traf ich sie häufig in den Buchenvvaldun-
gen zwischen feuchtem Laube an, in Gesellschaft mit der II.
aculeala Drap, (spinulosa Leach.\ die jedoch dort viel sel-
tener ist (Düstern-Brook, im Holze bei Holdenau).
2. Vertigo plicata m.
(Tab. IV. F. 6.)
V. testa sinistrorsa, ovali, striata, lahro profunde pli~
catOf apertura inde coarctata, lahio dente majori, colu-
mella minorihus duohus instructa.
Die Schale hat sechs Windungen und ist deutlich gestreift.
Die äufsere Lippe der Oeffnung bildet eine starke Falte, wo-
durch aufsen auf der letzten Windung eine tiefe Furche ent-
steht. Innen in die Oeffnung hineinsehend bemerkt man auch
gewöhnlich einen kleinen Zahn auf dieser Falte. Diesem ge-
genüber, auf dem Spindelrande, sind zwei gröfsere, und an
der inneren Lippe der gröfste und breiteste.
Das Thier ist bläulich weifs, durchscheinend, die zwei
Fühler graublau mit schwarzen Augen an der Spitze, die auch
bei nicht entwickelten Fühlern durchscheinen. Von den Füh-
lern ziehen sich zwei eben so gefärbte Streifen nach dem
Rücken des Thieres. Gehäus aufrecht getragen. Das Athem-
loch fällt in den Winkel zwischen lahrum und columella.
Diese Art der Vertigo ist sehr häufig. So findet sie sich im
Magdeburgischen bei Neuhaldensleben auf Wiesen zwischen
verschiedenen Arten von Hypnum mit der Helix crystallina,
fulva und dem Carychium minimum in grofser Anzahl. Auch
in Sammlungen habe ich sie öfter gesehen, weshalb es zu ver-
wund^ern ist, dafs sie bisher von der V. pusilla 0. F. Müll
nicht unterschieden wur^e. Diese ist ebenfalls links gewun-
den und des Vergleiches wegen hier mit abgebildet.
211
3. Vertigo piisilla 0. F. Müller.
(Tab. IV. F. 5.)
V. testa sinistorsaj ovali, suhstriata, apertura subqiia-
drata, 6-dentata cum rudimento septimi.
Der am meisten in die Augen springende Unterschied von
der plicata ist, dafs die letzte Windung und also auch die
Oeffnung an der Stelle, wo bei der plicata die tiefe Falte
liegt, nur ein wenig abgeflacht ist, wodurch die Oeffnung fast
viereckig wird, während sie bei der vorigen die Contur einer
3 giebt. Die Zähne an der columeUa sind bei beiden ähn-
lich, während die am freien Rande der Oeffnung stehenden,
wie die Figur zeigt, an Zahl und Form ganz abweichen. Die
Schale ist auch bei der pusilla nicht so deutlich gestreift.
Diese Art ist in hiesiger Gegend weit seltener; ich habe
sie nur auf Sans-Souci bei Potsdam auf einer Gartenmauer mit
der Helix costata und Pupa muscorum gefunden. Auch O.
F. Müller sagt, sie sei selten.
Dafs diese und nicht die vorige Müller's pusilla sei,
darüber kann nach seiner Beschreibung kein Zweifel sein, denn
es heifst in der Vermium terrestrium et fluviatilium etc,
historia, Havniae et Lips. 1773. 4. V.U. p. 124.: Testa cy-
lindracea, Carychio prima fade haud absimills, at ventri-
cosior, sinistrorsa, tota obscure fulva etc. ^nfr actus qua-
tuor (zu wenig) vel quinque teretes glabri. Apertura suh-
quadrata, margine summo alho, arcuato ad anfractum
oppositum transverso. Dentes in ore aperturae sex mi-
jiimi cum rudimento septimi^ tres nempe in externo aper-
turae, tres in anfractu vidno In truncis putri-
diSy rara.
14
Ueber vegetabilische Spermatozoen
von
J. Mejen.
Vor kurzer Zeit ist es mir endlich geglückt, die geschwänz-
ten Spermatozoen auch in den Antheren der Marchantia po-
lymorpJm zu beobachten, und da diese Pflanze noch mehrere
Wochen hindurch Antheren entwickelt, so wünschte ich die
Physiologen zur rechten Zeit auf diesen Gegenstand aufmerk-
sam zu machen, damit sie sich durch eigene Beobachtungen
von einer so wichtigen Erscheinung überzeugen mögen. Hrn.
V. Mirbels Untersuchungen über die Structur der Marchan-
tien-Antheren haben diesen Gegenstand fast erschöpfend be-
handelt; die viereckigen Zellen, welche er zuerst in dem In-
neren jener Antheren beobachtet hat, erklärte derselbe für
Pollenkörner, und im Inneren dieser wären kleine Kügelchen,
welclie denen im Pollen der Phanerogamen ähnlich wären, nur
ohne eigene Bewegung. Die prachtvollsten Abbildungen auf
der 7. Tafel (Fig. 53 — 57) der berühmten Arbeit über die
Marchantia polymorpha sind jener Beschreibung durch Hrn.
von Mir bei beigegeben.
Anhaltende Beobachtung jener viereckigen Zellen, welche
das Innere der Marchantien- Antheren erfüllen, lehrte mich,
dafs dieselben aus einer sehr weichen, kaum erhärteten, schlei-
migen Substanz gebildet werden, dafs sie nicht kubisch, son-
dern ganz flach, d. h. tafelförmig zusammengedrückt sind, und
jene spermatischen Kügelchen, welche Hr. v. Mir bei in der
56. Figur abgebildet hat, nicht enthalten. Dagegen habe ich
bemerken können, dafs jede einzelne dieser viereckigen Zellen
ein einzelnes langgeschwänztes Samenthierchen enthält, wel-
ches sich nach der Befeuchtung mit Wasser aus seiner Um-
hüllung zu trennen sucht. Diese Samenthierchen der Mar-
chantia haben grofse Aehnlichkeit mit jenen der Sphagnum-^
Arten, welche von Hrn. ünger entdeckt wurden, doch sind'
sie noch um Vieles zarter; der Faden oder das Schwanzende
213
ist so fein, dafs man dasselbe nur bei 3 — 400maligcr Vcr-
gröfserung und ganz Iieller Beleuchtung vennittclst der neue-
sten Mikroskope bemerken kann; bei stärkerer Vergröfserung
ist die Beleuchtung schon nicht ^lelir hell genug, um den Fa-
den noch sichtbar zu machen. Der Leib oder das Kopf-
ende jener Thierchen, nämlich das verdickte Ende des Fa-
dens, womit sich derselbe stets voran bewegt, ist bei der Mar-
chantia um sehr Vieles kleiner, als der entsprechende Theil
bei den Samenthierchen von Sphagnum. Die Bewegungen die-
ser Samenthierchen sind denen der Moose ganz ähnlich, ja sie
sind auch denen der niederen und der höheren Thiere ganz
ähnlich, nur durch den stets spiralförmig gewundenen langen
Schwanz etwas modificirt; so wie jene sich endlich nach viel-
fachen Bemühungen von der umgebenden Schleimmasse ganz
frei machen und sich alsdann mit aufserordcntlicher Lebhaftig-
keit bewegen, so machen es auch diese der Laub- und Leber-
moose. Ausführlicher werde ich diesen Gegenstand im dritten
Theüe meiner Pflanzenphysiologie erörtern und mit Abbildun-
gen begleiten.
Sollte man diese Samenthierchen der Marchantia nicht
gleich finden können, was jedoch, wenn die Anthere ziemlich
vollständig ausgebildet ist, auf dem Querschnitte nicht schwer
ist, so schlage ich vor, dieselben durch Jodine zu töclten und
dann zwischen der Polleninasse aufzusuchen. Einmal lösen
sie sich unter diesen Verhältnissen, wqpn man auch noch so
genau beobachtet, nicht in Amylum auf, sondern ihr fadenför-
miger Schwanz wird gelb gefärbt, wahrscheinlich auch durch
die zusammenziehende Wirkung der JodinelÖsung in Alkohol
etwas verdickt und dabei verkürzt, so dafs er dann in den
verschiedensten Krünmunigen ruliig liegend walirgenonnnen
werden kann.
Schlielslich mache ich hier nochmals auf die Bildung die-
ser Samentliierchen in Zellen aufmerksam; sie ist nicht etwa
den Marchaiitien allein eigen, sondern den Laubmoosen ganz
allgemein zukommend ^), und eben so den Charen, deren so
höchst auffallende Anthorenbildung gegenwärtig ganz begreif-
lich erscheint.
1) S. dieses Archivs dritten Jahrgang. iS. 430.
Ueber die Bewegungen der Pflanzen
von
Dr. M. Dassen zu Hoogeveen in Drenlhe.
(Auszug aus dessen Preischrift in den Naturhundige Verhandelingen
van de Hollandsche Maatschappij der Wetenschapen te Harlem.
Tom. XXII. Haar lern 1835. Nachtrag zum Jahresberichte für 1836.)
-Die Schrift füllt 10 Bogen in 8., und behandelt den Gegen-
stand in 13 Kapiteln.
Erstes Kapitel. AllgemeineBetrachtung und unmit-
telbare Ursachen der täglichen Blattbewegungen.
Zuvörderst historische Nachrichten über die früheren Be-
obahtungen. PI in ins beobachtete, dafs die Blätter des Tri-
folium sich gegen Unwetter schliefsen. Garcius ab Ilorto
entdeckte die veränderte Richtung der Blätter bei Nacht au
Tamarindus. Cordus fand Bewegung der Blätter bei Gly-
cyrrhiza (1581), Dann, nachdem die Sache fast in Vergessen-
heit gerathen war, wurde sie durch Bonnet (1754) und Bre-
mer^) wieder aufgenommen. Verf. ist geneigt, nicht Linne,
sondern Bremer als Verfasser der letzteren Schrift anzu-
sehen, weil sie einige Unrichtigkeiten enthalte, unter anderen,
dafs die Entdeckung des Blätterschlafs, nachdem Linne zu
Upsala bereits Professor "war, von ihm gemacht sei, während
bereits mehrere Jahre früher in der Fauna lapponica Pflan-
zen genannt werden, von denen Linne sagt, dafs ihre Blätter
des Nachts eine andere Richtung als am Tage haben.
1) Somnus plantarum^ praes, Linnaeo propositus a. P. Bre-
mer. Upnai, 1755.
215
Obschon eine sehr ansehnliche Zal»l verschiedener Pflan-
zenarten, sowohl Kräuter als Sträucher und Bäume, Blätter
besitzen, die Nachts ilire Richtung verändern, so ist doch ihre
Anzahl in Vergleich zu der der übrigen Pflanzen gering, wie
solches schon daraus hervorgeht, dals beinahe allein in den Fami-
lien der Oxalideen und Leguminosen diese Erscheinung wahr-
genommen wird ^). Die Zeit, in welche der Uebergang von
der täglichen in die nächtliche Iliclitung und umgekehrt fällt,
richtet sich durchgehend nach dem Auf- und Untergange der Sonne,
und ist im Allgemeinen viel geregelter als das Oeflfnen und
Schliefsen der Blumen '*). Hierbei mufs man jedoch nicht au-
fser Acht lassen, dafs Pflanzen, die aus fremden Klimaten in
das unsrige übergeführt sind, im Allgemeinen fortfahren zu
der Zeit ihre Blätter zu öfinen und zu schliefsen, zu welcher
sie dies in ihrem Vaterlande zu thun gewohnt waren. Daher
sieht man in unseren Gewächshäusern Abends um 6 Uhr, mit-
ten im Sommer, einige Pflanzen ihre Blätter schliefsen, -ob-
gleich dann weder Licht noch Wärme verändert ist, während
sie auch im Winter dieselben des Morgens zu ihrer gewohn-
ten Zeit wieder öfi'nen, obwohl es noch völlig finster ist.
Unsere vaterländischen Pflanzen dagegen folgen der Sonne.
Genau hängen die Veränderungen in der Richtung der Blätter
mit der Gesundheit der Pflanze zusammen, und besonders mit
der der Blätter selbst; je kräftiger eine Pflanze ist, desto ge-
regelter und weniger abhängig von äufseren Einflüssen, finden
die täglichen Blattbewegungen Statt. Es ist daher natürlich,
dafs wenn gegen Herbst die Blätter alt werden, die Bewegun-
gen sich vermindern oder selbst ganz aufhören*); durchgän-
gig ist jedoch dann die Richtung der Blätter von der Art,
dafs sie weder mit der täglichen, noch mit der nächtlichen
übereinstimmt. Besonders gilt dies auch von den Pflanzen,
welche während des Winters in Häusern bewahrt werden, wo
dann deren Blätter meistens keine oder eine kaum merkbare
Verschiedenheit zwischen Tag und Nacht zeigen ^). Junge
2) Decand., Phys. veget. II. 857-^858.
3) Decand., Me'ni. pres. a f'bntit. I. p. 343.
4) G. Vrolik, Obs. de defoliat. p. 9.
5) Sprengel, Anleit. 1. 1. 30ti.
216
Blätter haben vor ihrer vollkommenen Entwicklung durchgän-
gig die Richtung, welche sie später allein des Nachts wieder
annehmen. In der ersten Zeit nach ihrer Entwickclung zei-
gen sie die Verschiedenheit der Bewegung im höchsten Maafse,
sow^ohl durch Schnelligkeit der Bew^egungen, als durch grö-
fsere Vollkommenheit in deren Ausführung. Während der
Entwickelung neuer Blätter werden die Bewegungen der nächst
beistehenden sehr ungeregelt und langsam, was auch bei eini-
gen Pflanzen zur Zeit der Entwickelung der Blumen und
Früchte der Fall ist, z. B. bei Lupinus. Bei anderen, z. B.
bei Oxalis, findet dies jedoch nicht Statt. Die bew^eglichen
Blätter zeigen, aufser der täglichen, noch eine besondere Be-
wegung, die von zufälligen Ursachen abzuhängen scheint. So
schliefsen sich nach PI in ins Angabe die Blätter von Trifo-
lium bei Unwetter, während dasselbe an anderen, Mittags bei
starkem Sonnenschein wahrgenommen ist, so bei Rohinia, Mi-
mosa pudica **). Oehme sah dagegen dieselbe Erscheinung
bei Mimosa sensUiva bei trockener Luft, und bei Unwetter
bei Robinia pseudo-acacia und einigen Lupinus-Arten ''),
während Verf. das Schliefsen der Blätter bei Oxalis- und Lo-
tus-Arten bei starkem Sonnenschein, und bei Mimosa deal-
hata, Caesalpinia pulcherrima etc. bei Unwetter wahrnahm.
Sehr metapliorisch haben Einige diese Veränderung in der
Richtung der Blätter Mittagsschlaf genannt.
Die Richtungen der beweglichen .Blätter sind sehr ver-
schieden; sie heben sich des Nachts in die Höhe, oder beugen
sich abwärts, oder bewegen sich seitlich. Vier Hauptrichtun-
gen zeigen demnach des Nachts die beweglichen Blätter, und
man könnte nocli viele andere zwischen zweien dieser Rich-
tungen unterscheiden, was aber ohne genaue Winkelmessun-
gen nicht thunlich ist. Nach Maafsgabe ihrer Zusammensetzung
können auch die zusammengesetzten Theile sich bewegen. So
können bei den gefiederten Blättern die Blättchen und der
gemeinsame Blattstiel, bei den doppelt gefiederten Blättern
auch noch die besonderen Blattstiele sich besonders bewegen.
Es sind jedoch nur wenige Beispiele von Blättern bekannt,
6) Sigwart, Archiv von Reil und Autenrieth. XII. 33 — 41.
7) Beschäftig, der Berlin. Gcsellsch. Bd. 2. 1776. 86.
217
(Uc mehr als einen beweglichen Theil haben. Verf. unter-
scheidet hienach folgende Gruppen:
1) Pflanzen, deren Blätter nur 'eine Bewegung
haben.
a. Das Blatt, oder dessen beweglicher Theil, erhc])t sich
Nachts in die Höhe, z. B. Faha vulgaris, Lotus, Trifolium,
Vicia, Laihyrus.
b. Die Blatter, oder deren bewegliche Theile, werden
Nachts abwärts gebeugt, z. B. Lupinus, Oxalis stricta, Ro-
hinia, Glycyrvhiza, Glycine, Ahrus.
c. Das Blatt, oder dessen bewegliche Theile, bewegen sich seit-
lich nach vorn, z. B. Tamarindus indica, MimosaArten etc.
d. Das Blatt, oder dessen bewegliche Theile, bewegen
sich seitlich rückwärts, z. B. Tephrosia caribaea (nach De-
cand. Fhys. I. 857.)
2) Pflanzen, deren Blätter zwei beweglifcheTheile
haben.
A, Der gemeinsame Blattstiel steigt etwas in die Höhe.
ö. Die Blättchen biegen sich abwärts: Iledysarum
gyroides, Cassia.
B. Der gemeinsame Blattstiel beugt sich etwas abwärts.
a. Die Blättchen beugen sich abwärts: Amorpha
fruticosa.
h. Die Blättchen bewegen sich seitlich nach vorn:
Glediischia tviacanthos.
Im Allgemeinen ist hierbei zu bemerken, dafs die Bewe-
gung des gemeinsamen Blattstieles, ausgenommen bei Iledy-
sarum gyroides, sehr gering ist, und dafs man dieselbe allein
im Vorsommer bei schönem Wetter einigermafsen deutlich
wahrnehmen kann.
3) Pflanzen mit Blättern, die drei bewegliche
Theile haben.
A. Der gemeinsame Blattstiel biegt sich abwärts.
h. Die besonderen Blattstiele nähern sich einander.
1. Die Blättchen heben sich in die Höhe: Mimosa
pudica, sensitiva.
Verf. beobachtete genau die Blattbewegungen der Mi-
mosa pudica in Mitte Juli von Naclnuittags 4 Uhr bis zum
folgenden Morgen, und suchte so genau als möglich den Win-
218
kel zu bestimmen, welchen der gemeinsame Blattstiel mit dem
Zweige nach unterhalb bildet. Es betrug derselbe gegen 120*^.
Um halb 6 Uhr fingen diese Winkel an merklich kleiner zu
werden, betrugen jedoch um 7 Uhr noch lüÜ**. Dann wurde
einiges Steigen an den dicht am Stamme sich befindenden
Blättchen wahrgenommen. Inzwischen begann der gemeinsame
Blattstiel etwas schneller zu sinken, so dafs der Winkel um
8 Uhr nur 90 '^ betrug. Um diese Zeit fingen alle Blättchen
eines Blattes mit einem Male an sich aufzurichten, von hinten
beginnend; einige Minuten darauf folgte auf dieselbe Weise
ein anderes Blatt, wo sich jedoch die Bewegung Anfangs al-
lein auf die Blättchen der vier besonderen Blattstiele erstreckte;
bei einem einzigen Blatte sah Verf. die Erhebung der Blätt-
chen nicht von hinten, sondern von der Mitte ihren Anfang
nehmen. Von Zeit zu Zeit folgten die Blättchen der übrigen
Blätter, was bis 9 Uhr dauerte, so dafs das Schliefsen der
Blättchen allein eine Verschiedenheit von 2 Stunden darbot.
Inzwischen näherten sich die besonderen Blattstiele einander,
und die gemeinsamen Blattstiele senkten sich immer mehr, so
dafs um 12 Uhr deren Winkel nur ungefähr 30^ betrugen.
Alsbald beginnt nun der gemeinsame Blattstiel wieder zu stei-
gen; gegen Sonnenaufgang weichen die besonderen Blattstiele
von einander, und etwas früher oder später als halb 6 Uhr
öffnen sich die Blättchen, welche Bewegung von hinten beginnt.
Die verschiedenen Bewegungen haben mit gröfserer Kraft
Statt, als eigentlich nöthig ist. Verf. stellte verschiedene Ver-
suche hierüber an.
1) Frisch abgeschnittene Zweige von Faha vulgaris^
Oxalis stricta, Lupinus albus und Rohlnia viscosa legte er
Abends um 6 Uhr auf Wasser, so dafs wenigstens einige ihrer
Blätter vollkommen mit der hinteren Fläche auf demselben
trieben. Alsbald schienen die Blätter ihre Kräfte anzustren-
gen, um die nächtliclie Riclitung anzunehmen. So krümmten
sich die Blätter der erstgenannten Art, um sich von der Ober-
fläche des Wassers loszumachen, konnten sich aber keineswe-
ges ganz aufheben. Die zweite Art machte dieselbe Bewe-
gung, durch welche die Blättchen auf die Seite fielen. Die
Blättchen der dritten Art konnten sich nicht vom Wasser los-
machen, drückten aber den Punkt, wo sie angeheftet waren,
219
I
so weit nach unten, dafs sie beinahe dieselbe Riclitung als au-
fser dem Wasser erhielten. Die letzte der genannten Arten
konnte we^m des Widerstandes des Wassers die Blättchen
nicht abwärts bewegien, aber hob durch Rückwirkung den ge-
meinsamen Blattstiel etwas in die Hölie.
2) L'm die Kraft, welche bei Annahme der nächtlichen
Richtung angewandt wird, näher zu bestimmen, befestigte
Verf. gegen Abend ,an den Mittelnerv einiger Blätter von
Faha vulgaris, in J ihrer Länge von unten, 2 Gran Medici-
nalgewicht, an anderen heftete er an derselben Stelle 4 Gran
fest. Die mit 2 Gran beschwerten erhoben sich wie gewöhn-
lich, die anderen aber, welche aufser ihrem eigenen Gewicht
4 Gran zu heben hatten, erhoben sich langsamer und erreich-
ten die vollkommene Höhe der übrigen Blätter während der
Nacht nicht. Es geht hieraus hervor, dafs jedes der Blätt-
chen mindestens 3 Gran mehr aufheben kann, als für die Be-
wegung zum Schliefsen des Blattes nöthig ist.
3) Um eben so die Kraft zu bestimmen, welche Morgens
beim Oeflfnen der Blätter unbenutzt bleibt, befestigte Verfasser
während der Nacht Gewichtchen an den Mittelnerven der
Blättchen von Rohinia viscosa, und sah, dafs jedes derselben
mindestens f Gran Medicinalgewicht des Morgens aufheben kann.
Die Stellung der Gefäfsbündel in dem Blattstiele ist ver-
schieden, durch welche Verschiedenheit verursacht wird, dafs
einige Blätter beinahe unbeweglich sind, andere sehr leicht
und ohne Hindernifs bewegt werden können. Letzteres gilt
von den Pflanzen mit beweglichen Blättern, bei denen die Ge-
fäfsbündel übrigens auf dieselbe Weise entstehen, als bei den
Pflanzen mit unbeweglichen Blättern ^). Die Stelle, wo das
Blatt mit dem Stamme oder Zweige zusammenhängt, ist durch-
gängig mit einer Anschwellung von der Bekleidung des Blatt-
stiels versehen. Bei den beweglichen Blättern fehlt diese
nie, und ist meist immer auffallend bei ihnen entwickelt.
Sichtbar geht diese Anschwellung in die Rinde über und be-
steht aus Zellgewebe. Da nun die vasa laticis im Blattstiele
um oder bei den Holzbündeln liegen, und diese im Stamme
meist in der Rinde gefunden werden, so folgt, dafs sie in oder
8) Link, krit. Bemerk. S. 2^1.
220
bei der Anschwellung rings um die Einlcnkung des Blattstie-
les von den Holzbündeln nach der Rinde und durch die An-
schwellung hindurch gehen müssen, lieber die Vereinigung
der Holzbündel des Blattstieles mit dem Zweige oder Stamme
herrschen verschiedene Ansichten. Verf. neigt sich, nach den
Blättern der Filices und Rhododendron, zu der Ansicht, dafs
die Holzbündel von Blatt und Stamm Fortsetzungen von ein-
ander sind. Um zu untersuchen, in welchem Theile des
Blattes die bewegende Kraft vorhanden sei, schnitt Verf. zuerst
an allen Blättchen eines zusammengesetzten Blattes von Lu- i
pinus albus die Blattausbreitung bis an den Mittelnerven, und
an einem anderen Blatte alle Blättchen bis auf l ihrer Länge
ab. Die so beschädigten Blätter hatten dennoch ganz dieselben
Bewegungen, wie die unverletzten. Bei Robinia- und Lotus-
Arten wurden diese Versuche mit gleichem Erfolge wieder-
holt. Bei Oxalis- Arten aber wurde das Blatt lahm, nach-
dem es einen oder- zwei Tage lang die gewöhnlichen Be-
wegungen ausgeführt hatte, was Verf. dem Substanzverluste
zuschreiben möchte. Demnächst wurde mit der Anschwellung
des Blattstieles, in welcher Dutrochet den Sitz der Beweg-
lichkeit bei Mimosa pudlca nachgewiesen hat, Versuche ge-
macht und mit einem feinen Messer, ohne die anderen Theile
des Blattstieles zu quetschen, die ganze Anschwellung bei
Faba vulgaris, Rohlnia viscosa, pseudo-acacia, Amorpha,
Cassia marylandica u. s. \v. abgeschält, wodurcli alle Beweg-
lichkeit verloren ging. Jedoch blieben die Blätter, der An-
schwellungen des Blattstieles ganz beraubt, einige Wochen am
Leben. — Um zu sehen, wie die Anschwellung diese Bewe-
gungen hervorbringe, schnitt Verf. an allen Blättchen eines
zusammengesetzten Blattes von Rohinia viscosa den oberen
Theil der Anschwellung bis auf die Gefäfsbündel weg, und
statt Abends die gewöhnliche Bewegung der Blätter nach ab-
wärts wahrzunehmen, sah er einige Erhebung Statt finden; es
war also nicht nur die natürliche Bewegung mit dem oberen
Theile der Anschwellung verloren gegangen, sondern dadurch
auch Gelegenheit zu einer obgleich geringen, doch merkbaren
entgegengesetzten Bewegung gegeben. Dieser Versuch wurde
mehrmals mit demselben Erfolge bei derselben Art und R,
pseudo-acacia wiederholt. Es geht daraus hervor, 1) dafs die
221
obere Anschwellung die Blattclicn sich abwärts senken läfst,
was also durch eine Ausdehnung (iiitzeiüng) Statt haben
uiufs. 2) Dafs auch die untere Anscliwellung eine ausdehnende
(^nit zettende) Kraft liat, weil sonst die Klättchen nach Weg-
naluiie der oberen Anschwellung ihre horizontale Richtung
hätten behalten müssen. Wurde der untere Theil der An-
schwellung bei den genanjiten Pflanzen weggeschnitten, so
senkten sich die Blättchen imd blieben unbeweglich in dieser
Haltung, und man konnte mit blofsem Auge, oder besser mit
einer Lupe, sehen, dafs der obere Theil der Anschwellung
stark geschwollen war. Gleichen Erfolg hatten auch die Ver-
suche an Pflanzen, deren Blätter sich Nachts erheben; so fand
Verfasser, dafs bei Vicia faha das Aufsteigen der Blätter
durch eine Ausdehnung (uitzetting) der unteren Anschwellung,
das Senken am Morgen dagegen durch eine Ausdehnung der
oberen verursacht wird. Auch die seitlichen Bewegungen wer-
den durch eine Ausdehnung des Theils der Anschwellung ver-
ursacht, welcher der Seite, nach der die Bewegung Statt fin-
det, entgegengesetzt ist, so an den besonderen Blattstielen der
Mimosa pudica. Auch die gemeinsamen Blattstiele bewegen
sich auf diese Weise, wie Verf. bei Hedysarum gyroides fand.
Das Dunkel, welches bisher über der Beweglichkeit der
Blätter schwebte, ist also verschwunden oder vielmehr auf die
Anschwellungen übertragen; denn dafs der eine Theil der An-
schwellung während einer Tageszeit den anderen Theil der
Anschwellung dadurch, dafs er sich mit mehr Kraft ausdehnt,
überwindet, ist eine eben so wunderbare Erscheinung, als frü-
her die Bewegung der Blätter, und die Erforschung der näch-
sten Ursache derselben bleibt die Aufgabe. Bevor Verf. hier-
auf eingeht, wirft er die Frage auf, wie es komme, dafs viele
Pflanzen, deren Blattstiele Anschwellungen besitzen, dennoch
keine Bewegungen äufsern, imd findet diese darin, dafs 1) die
Stellung der Holzgefafse alle Bewegung unmöglich mache;
2) die Anschwellungen zu klein sein können, und 3) die Kräfte
beider Anschwellungen gleich sein können, so dafs hierdurch
nothwendig aller Bewegung vorgebeugt werde.
Zweites Kapitel. Von der Verrichtung derBIätter,
als entfernteren Ursachen ihrer Bewegungen.
Im Allgemeinen hat man die Ursache der täglichen Blatt-
122
bewegimgen in deni Unterscliiede von Naclit und Tag gesucht,
und sie entweder ans der dann lierrsclienden Feuchtigkeit oder
Finsternils zu erklären versucht, aber nicht daran gedacht, die
Verschiedenheit der Verrichtungen der Blätter während des
Tages und der Nacht als entferntere Ursache der täglichen
Verrichtungen zu betrachten. Verf. stellte in dieser Hinsicht
Versuche an.
1. lieber den Einflufs der Entbindung vonSauer-
stoff aus den Blättern auf deren Beweg-
lichkeit.
Daraus, dafs nach heifsen Tagen, in denen die Sonnen-
strahlen ungehindert aufpflanzen eingewirkt haben, eine starke
Veränderung in der Richtung der Blätter eintritt und unmit-
telbares Sonnenlicht das vorzüglichste Mittel zur Entwickelung
des Sauerstoffs ist, scheint zu folgen, dafs je lebendiger diese
Entwickelung während des Tages war, desto lebendiger auch
die Bewegungen der Blätter gegen die Nacht sein müssen.
Verf. legte deshalb Zweige von Rob'nüa pseudo-acacia, vi"
scosa, Trifolium pratense, Lathyrus pratensis^ Oxalis stri-
cta und Medicago lupulina in verschiedenen Gläsern unter
Wasser, welches künstlich mit Kohlensäure geschwängert war,
stellte darauf diese Gläser von 10 Uhr Morgens bis Abends
in Sonnenschein; ferner dieselben Pflanzen in gleichen Glä-
sern unter gewöhnliches Wasser daneben, und endlich diesel-
ben Pflanzen unter gewöhnlichem Wasser im Schatten. Die
unter kohlensaurem Wasser entwickelten eine grofse Menge
Sauerstoff, weniger die unter gewöhnlichem Wasser, die im
Schatten gar keinen. Gegen Abend konnte Verf. jedoch nicht
bemerken, dafs die erstgenannten Zweige früher und stärker
eine nächtliche Richtung angenommen hätten, hält aber diese
Versuche, weil sie unter Wasser angestellt werden mufsten,
für ungenau, da Töpfe mit Oxalis stricta, welche er einige
Tage nach einander in den Sonnenschein setzte, die nächtliche
Richtung defr Blätter stärker zeigten, als andere im Schatten
stehende Töpfe.
2. Ueber den Einflufs der Kohlensäurebildung
auf die täglichen Blattbewegungen.
Sie ist allgemeiner bei Nacht als die Sauerstoff-Entbindung
bei Tage, indem Nachts die zu ersterer nöthigen äufseren Ein-
22a
fiiisse immer vorhanden sind, während die Möglichkeit zur
zweiten Thätigkeit am Tage oft fehlt. Einfache Beweise hie-
fiir sind Störung der Kohlensäurebildnng und deren Beförderung.
Um erstere zu bewirken, stellte Verf. gegen Abend Lotus Ja-
cobaea und Oxalls stricta unter eine mit reinem Stickstoff
gefüllte Glocke, imd zugleich in die freie Luft neben die
Glocke. Jedoch schien der Stickstoff vor dem Morgen keinen
Unterschied hervorzubringen, wo die Pflanzen unter der Glocke
ihre Blätter nur etwas später, als die aufser derselben stehen-
den, entfalteten. Ferner stellte Verf. L. tetragonolohus und 0.
stricta unter eine Glocke mit Hydrogen. In der ersten Nacht war
die nächtliche Richtung der Blätter vollkommen : am folgenden
Tage jedoch wurde die tägliche nur sehr unvollkommen wahr-
genommen, und die Blätter gingen Abends bereits früh wieder
in die nächtliche Richtung über. Gegen den folgenden Mor-
gen blieben die Blätter unveränderlich in der nächtlichen Rich-
tung stehen. Nun kehrte Verf. den Versuch um, indem er die
genannten Pflanzen unter eine mit Sauerstoff gefüllte Glocke
stellte. Hierdurch ward die Bewegung sehr schnell und kräf-
tig, doch konnten es die Pflanzen in dieser Gasart nicht län-
ger als 1 oder 2 Tage aushalten, ohne dafs ihre Gesundheit
merklich litt. Verf. folgert hieraus, dafs die Bildung von Koh-
lensäure während der Nacht für die beweglichen Blätter för-
derlich sei, um die tägliche Richtung zu erhalten.
3. Einflufs von Absorption und Verdunstung der
Feuchtigkeit auf die täglichen Bewegungen
der Blätter.
Bekanntlich steht die Absorption der Feuchtigkeit bei den
Pflanzen in wirklichem Zusanunenhange mit der Verdunstung,
die wieder mit Licht und Wärme genau zusammenhängt
und Nachts ganz verschwindet; die Absorption geht jedoch
noch etwas fort, obwohl die Verdunstung aufgehört hat. Ha-
1 e s sah die Pflanzen Nachts etwas an Gewicht zunehmen, und
Decandolle bestimmt selbst, wie viel ohne Einflufs des Lichts*
resorbirt wird. Es ist also offenbar, dafs bei Einbruch des
Abends, wenn die Blätter die nächtliche Richtung annehmen,
die rohen Säfte in den Pflanzen sicli mehren; gegen Morgen
aber, wenn die Blätter sich öffnen, mufs diese Gewichtsvermeh-
rung wieder abnehmen. Verf. setzte einen Topf mit Oxalis
224
stricta halb in Wasser, einem anderen gab er mäfsige Feuch-
tigkeit, einem dritten enthielt er alle Feuchtigkeit, bis die
Blatter zu vertrocknen drohten. Die erste Pflanze nahm eine
Richtung der Blätter an, die der nächtlichen sehr nahe kam,
welche während des ganzen Versuches beständig dieselbe blieb.
Die Blätter der beiden anderen bewegten sich regelmäfsig.
Derselbe Versuch mit Lotus jacohacus hatte denselben Er-
folg. Stärkere Pflanzen, wie strauchartige, konnte Verf. indes-
sen durch Feuchtigkeit nicht zur Annahme einer nächtlichen
Richtung der Blätter bringen. Auch Bonn et 's Versuch,
Blätter durch Aufhängung eines stets nassen Schwammes un-
ter denselben zur nächtlichen Richtung zu bringen, glückte ihm
weder bei Robinia- noch bei Mimosa-Arten. Nichts destowe-
niger glaubt Verf. aus seinen Versuchen bei Oxalis, Lotus etc.
annehmen zu können, dafs Ueberflufs an rohen Säften die
nächtliche Richtung, das Gegentheil aber die tägliche beför-
dert, und folgert aus allen diesen Versuchen, dafs die täglichen
Lebensverrichtungen der Blätter die Annahme der nächtlichen
Richtung, und die nächtlichen dagegen die Tagrichtung der
beweglichen Blätter befördern. Stimme dies mit dem überein,
was in der freien Natur geschieht, so erkläre sich hieraus, 1) wie
einige Blätter die nächtliche Richtung nach grofser Sonnenhitze
und Sonnenlicht annehmen, weil durch diese beiden Umstände
die täglichen Verrichtungen der Blätter sehr verstärkt werden;
2) warum die Blätter sich Morgens zur gewohnten Zeit, ob-
schon es noch dunkel ist, öffnen, denn die Bildung der Koh-
lensäure hängt allein von der Nacht ab, und kann also keines-
weges durch das frühere oder spätere Licht verändert werden,
sondern nur in so weit, dafs die Dunkelheit lange genug dauern
mufs, um diese Bildung zuzulassen. Da in jedem Blatte eine
bestimmte Quantität Kohlenstoff, der in Kohlensäure umgewan-
delt werden soll, vorhanden ist, so kann eine längere Dunkel-
kelheit keinen Einflufs auf die Lebensäufserung der Blätter ha-
ben. Endlich erklärt sich 3) warum die Blätter oft schon um
6 Uhr sich schliefsen, obwohl es noch vollkommen Tag ist.
Verf. gesteht schliefslich, dafs es aufserdem noch andere Ur-
sachen gebe, die auf diese Erscheinung zu wirken scheinen,
und dafs keineswegs in den Funktionen der Blätter allein die
entferntere Ursache der Bewegungen enthalten sei.
225
Drittes Kapitel. Einflufs des Lichts, der Wärme
und Feuchtigkeit auf die täglichen Bewegungen
der Blätter.
Die Pflanzen sind unaufhörlich verschiedenen äufseren
Einflüssen ausgesetzt, deren Wirkungen sich keinesweges theo-
retisch erklären lassen.
Licht. Alle Erfahrungen und Versuche über den Ein-
flufs des Lichts lassen sich in zwei Klassen theilen, in solche,
die dessen Einflufs auf die täglichen Bewegungen der Blätter
beweisen, und in solche, die zu beweisen scheinen, dafs es
keinen Einflufs auf diese Erscheinung übt. Hill sah die
Blätter ]des Ahrus precatorius um Mittag durch Aussetzen
in die Dunkelheit die nächtliche Richtung annehmen und
diese im Lichte sich wieder in die tägliche verändern; ferner
sah er in eine schwach erleuchtete Kanuner gestellte Pflanzen
eine Richtung der Blätter annehmen, die der nächtlichen nahe
kam. De Candolle setzte Mimosa pudica 4 Tage hinter
einander einem anhaltenden künstlichen Lichte aus, welches -|
des Sonnenlichts gleich kam, wodurch die Pflanze ihre Blätter
jeden Tag zwei Stunden früher öffnete, nachher dieselben aber
auch zwei Stunden früher schlofs. Eine andere Pflanze der-
selben Art setzte er Nachts dem Lichte, am Tage der Finster-
nifs aus, wodurch am dritten Tage eine vollkommene Umkeh-
rung der täglichen Bewegungen eintrat. Verf. selbst sah zu
wiederholten Malen bei Hedysarwn gyroideSy dafs die stärkere
Oeffnung der Blätter mit dem vermehrten Lichte gleichen
Schritt hielt, und umgekehrt, und zwar so genau, dafs man sie
als Lichtmesser hätte gebrauchen können. Oxalis siricta
stellte er Tags unter ein Futteral von steifem Papier, welches
alles Licht abhielt, und in einer halben Stunde waren alle
Blätter geschlossen. Zweifelhafter für den Einflufs des Lichts
sind die Beweise, dafs die Veränderungen der Blattrichtung
mit dem Einbruch der Nacht gleichzeitig fallen, da die Nacht
vom Tage auch durch verminderte Wärme und oft durch
Feuchtigkeit verschieden ist. Dazu kommt noch, dafs Pflan-
zen wärmerer Klimate Sommers schon um 6 oder 7 Uhr ihre
Blätter schliefsen, und sie des Winters öffnen, [wenn es noch
dunkel ist. Auch einige Versuche scheinen dafür zu sprechen,
dafs kein unmittelbarer Einflufs des Lichts auf die Richtungen
IV. Jahrg. 1. Band, 15
Ä6
<]er Blätter Siatt findet. Im Allgemeinen scheinen sich die be-
weglichen Blätter nicht durch eine blofse Beraubung des Lichts
zu schliefsen; so beobachtete dies Sprengel, als er bei Tage
ein Gewächshaus schlofs; Zinn, indem er Desmanlhus vir-
gatiis ins Finstere setzte, und Verfasser, indem er Mimosa,
Lotus, Lathyrus unter Papierfutterale setzte. Mangel des
Lichts bewirkt nicht, dafs Blätter Morgens geschlossen bleiben,
wie Duhamel, Sigwart u. A. bei Mimosa piidica 'gesehen
haben, und Verf. bei Galega officinalis, Lotus teiragonolo-
hus, L. jacohaeus^ Rohinia pseudo-acacia, Lathyrus- und
Vicia- Arten wahrnahm. Dazu kommt noch, dafs Pflanzen,
welchie man einige Tage hindurch des Lichts beraubt, nichts
destoweniger zuweilen fortfahren, zur gewohnten Zeit ihre
Blätter zu öffnen und zu schliefsen, so lange die Pflanze nicht
^merklich durch Mangel des Lichts leidet, wie Duhamel, Du-
trochet und Veff.i bei Mimosa pudica, und Verf. noch bei
einigen anderen Pflanzen beobachtete.
Die V^ersuche von De Candolle mit Mimosa pudlca
lassen sich nicht als allgemeine Beweise für den Einflufs des
Lichts anführen, denn unter denselben Verhältnissen entstand
an den Blättern der Mimosa leucocephala und Oxalis incar-
ndta nicht die geringste Veränderung; fügt man noch hinzu,
dafs viele Pflanzen Mittags beim stärksten Sonnenlichte ihre
Blätter schliefsen, so kann man folgern, dafs das Licht, aufser
bei sehr zarten Pflanzen, keinen besonderen Einflufs auf die
täglichen Richtungen der Blätter Wt, sondern allein insofern
als dasselbe der Gesundheit der Pflanzen unentbehrlich ist
und Einflufs übt auf die anderen Lebensverrichtungen der Blät-
ter, von welcher die täglichen Bewegungen derselben abhängig
scheinen. Ferner zeigen die oben angeführten Versuche mit
dem Lichte, dafs der Einflufs der Lebensverrichtungen, w-elche
ohne Licht nicht ausgeführt werden können, entbehrt werden
kann, ohne dafs dadurch die Blätter wirklich lahm werden.
Schliefsen sich die Blätter dem Licht entzogen, auch nur wäh-
rend 2 oder 3 Tagen, regelmäfsig gegen Abend, so beweist
dies genug, dafs die Entbindung des Sauerstofi"s und die Ver-
mehrung der rohen Säfte gegen Abend hierzu nicht durchaus
nothwendig sind. Oeffnen sich dieselben Blätter Morgens,
nachdem sie einige Tage im Dunkeln gestanden, so folgt hier-
227
aus, dafs die Bildung der Kaldensäure während der Nacht
und die Verminderung der rohen Säfte gegen Morgen nicht
als die einzige entferntere Ursache der täglichen Richtung an-
gesehen werden können.
Wärme. Im Allgemeinen ist eine mäfsige Wärme zur
Bewegung der Blätter nöthig; eine zu starke indessen, so wie
eine zu kalte Luft bringt eine nächtliche Richtung hervor ^).
Gegen diese allgemeine Regel streitet, dafs Bonnet durch ein
brennendes Schwefelholz oder ein glühendes Stückchen Eisen
die tägliche Richtung hervorbringen konnte, indem er es Nachts
in die Nähe der Blätter vonRobinia hielt; doch setzt er hinzu,
dafs die so geöffneten Blätter in Kurzem starben. Verf. hat
diesen Versuch wiederholt, glaubt aber, dafs dadurch im Klei-
nen dasselbe ausgeführt werde, was im Grofsen in Schiffs-
werften beim Biegen der Planken durch Feuer geschieht; denn
durch die Hitze entsteht eine Verdunstung in dem Blattstiele,
durch welche nothwendig eine Krümmung folgen niufs, da wo ,
die Verdunstung Statt findet. Dieser Versuch ist also nur
eine mechanische Veränderung der Blätterrichtung. Durchgän-
gig ist es gegen Abend, wenn sich die Blätter schliefsen, wär-
mer, als Morgens, wenn sie sich öffnen. So sah Du Fay Mi-
mosa pudica Abends bei 15 ** Reaum. die Blätter schliefsen,
und des Morgens bei 13** Reaum. öffnen. Hieraus kann
man folgern, dafs die Wärme das Schliefsen, die Kälte das
Oeffnen der Blätter befördert; auch beweist dies der Versuch
von De C and olle, welcher eine Mmiosa pudica des Abends
um 8 Uhr in einen Keller von 20^ Reaum. Temperatur setzte.
Am folgenden Tage öffneten sich die Blätter dieser Pflanze
zwei Stunden später als die einer anderen Mimosa pudica,
welche in einer Temperatur von 14® R. stand. Bereits um
6 Uhr schlofs di« erstere ihre Blätter und öffnete sie am fol-
genden Morgen idcht vollkommen. Eine andere Mimosa pu-
dica stellte derselbe Nachmittags um 2 Uhr in eine Wärme
von 37 '^ R. Sie schlofs und öffnete sich zu derselben Zeit,
wie die vorige; aber am folgenden Tage schlofs sie sich be-
reits Nachmittags gegen 1 Uhr, und als sie darauf einer Wärme
von 20** ausgesetzt wurde, öffneten sich die Blätter von neuem.
9) Ritter in Gehlen Journ. Bd. Vi. S. 472.
15*
228
Verf. will jedoch keinesvveges behaupten, dafs der Einflufs
der Wärme auf die Bewegungen unmittelbar (^dadelyk) wirke,
oder grofs genug sei, um als einzige Ursache die veränderte
Richtung hervorzubringen, denn um das erstere anzunehmen,
fehle es an Beweisen, und gegen das zweite sprechen vom
Verf. gemachte Versuche, indem er allein durch Verminderung
oder Erhöhung des Wärmegrades an einheimischen Pflanzen
keine wirkliche Veränderung in der Richtung der Blätter her-
vorbringen konnte.
Feuchtigkeit. Dieselbe Schwierigkeit, welche verhin-
dert, den eigentlichen Einflufs von Licht und Wärme auf die
Beweglichkeit der Blätter zu erkennen, trifft man auch bei
Erforschung des Einflusses der Feuchtigkeit. Zuvörderst ist
es nicht sicher, ob die Feuchtigkeit aufser ihrem allgemeinen
Einflufse noch einen besonderen auf die Pflanzen habe. Zwei-
tens kann man nicht sicher bestimmen, ob die Feuchtigkeit
durch ihren Einflufs auf das Leben der ganzen Pflanze oder
durch einen besonderen Einflufs auf die Bewegungen der Blät-
ter wirke. Verf. wagt dies nicht zu entscheiden. Dafs Ueber-
flufs an Feuchtigkeit die nächtliche Richtung befördert, ist durch
schon oben erwähnte Versuche bewiesen; doch dafs sie allein
dieselbe nicht immer fortdauern läfst, geht daraus hervor, dafs
S ig wart Blätter von Mimosa pudica, die aufs Wasser gelegt
waren, sich fast zur gewohnten Zeit öfi'nen und schliefsen sah,
während Peschier Zweige derselben Art unter Wasser nicht
vor 3 Uhr Nachmittags sich öffnen und bereits um 4 Uhr sich
schliefsen sah, doch waren sie am folgenden Tage um 11 Uhr
Vormittags bereits geöffnet *^). Du Fay dagegen fand, dafs
die Blätter an abgeschnittenen Zweigen derselben Mimosa
sich unter Wasser nicht öffneten, aber wohl als er die ganze
Pflanze unter Wasser setzte**). Sonderbar ist es, dafs bei
diesen Versuchen das Licht einen so grofsen Einflufs ausübt;
Verf., als er diese Versuche wiederholte, fand, dafs alle Be-
weglichkeit vernichtet wurde, wenn die Gläser, worin die
Pflanzen gesetzt waren, im Dunkeln standen. Waren sie da-
gegen ans Licht gestellt, so erhielt Verf. in der Hauptsache
10) Peschier, Jourti. de Phys. 1794. VoLII.p.2il.
11) Me'm. de l'Acad. d. Sc, ä Paris 1736. p. 89—90.
229
dieselben Resultate. Er glaubt daher feststellen zu können,
dafs Feuchtigkeit die nächtliche Richtung der Blätter beför-
dert, doch nicht allein bewirkt, obschon sie ihm unter den
äufseren Einflüssen der kräftigste zu sein scheint.
Viertes Kapitel. Wirkungen schädlicher Einflüsse
auf die täglichen Bewegungen der Blätter. Ver-
gleichung der Wirkungen von Giften auf Pflanzen
mit beweglichen und unbeweglichen Blättern.
Verf. stellte viele sich hierauf beziehende Versuche an,
die sich aber mehrentheils erfolglos erwiesen. Man hat ange-
geben, dafs die beweglichen Blätter einiger Pflanzen bei Unge-
witter eine nächtliche Richtung annehmen. Verf. ist deshalb
stets bei Gewitter auf die Richtung der Blätter aufmerksam
gewesen, und entdeckte dann wirklich bei Mimosa dealbata,
Caesalpinia pulcherrima, Oxalis stricta, Lotus jacohaeus
u. s. w. eine Annäherung an die nächtliche Richtung. Immer
fand jedoch diese Veränderung nicht eher Statt, als bis das
Unwetter ganz^ oder fast ganz vorbei war. Nie glückte es
ihm, einigen Einflufs des Gewitters auf baumartige Gewächse
mit beweglichen Blättern wahrzunehmen. Es scheint also nur
bei schwächeren Pflanzen jene Bewegungen hervorzubringen.
Schwer ist es aber, zu bestimmen, was während eines Ge-
witters auf die Blätter Einflufs ausübt, denn aufser den elek-
trischen Erscheinungen ist es durchgehends mit Temperaturver-
änderung, mit einer Bewegung .der Pflanze durch den Wind
und mit Regen verbunden, vori denen jedes die Ursache der
veränderten Blattrichtung sein kann. Verf. hält nicht dafür,
dafs Elektricität die Ursache der veränderten Blätterrichtung
bei Gewitter sei, denn wenn sich auch viele zu der Ansicht
neigten, dafs die Elektricität grofsen Einflufs auf das Pflanzen-
reich habe, ja Einige die Pflanzen zu einer galvanischen Säule
machten und das Leben mit Elektricität gleichbedeutend näh-
men, so seien doch die Beobachtungen, auf denen dergleichen
Meinungen beruhten, so vage *^), dafs maü nicht sicher dar-
aus schliefsen könne, besonders wenn man noch dazu nehme,
dafs nach den besten Beobachtern weder Electricität noch Gal-
12) De Candolle, Physiol veget vol. HL p. i096.
230
vanismus auf die Erscheinungen der drehenden und reizbaren
Blätter Einflufs haben. Auch ist es ihm nach dem im vori-
gen Kapitel Gesagten unwahrscheinlich, dafs die Verminde-
rung des Wärmegrades bei einem Gewitter die Ursaclie der
veränderten Blattrichtung sei. Doch machte er einen Versuch,
der zum wenigsten anzeigt, dafs dieses einigen Einflufs haben
kann. Lupinus albus , Oxalis stricta und Lotus jacobaeus
stellte Verf. in einen Schubkasten, in welchem sie 3 — 4 Tage
gestanden hatten, als ein kalter Ostwind zu wehen begann;
Verf. setzte sie nun mit einem Male in Nordosten, geschützt
gegen die Sonne und diesem kalten Winde blofsgestellt, und
in weniger als einer Stunde waren die Blätter geschlossen, ob-
schon sie bei denselben Pflanzen, welche bereits einige Zeit
an dieser Stelle gestanden hatten, ofi'en blieben. Der Ueber-
gang aus einer schwülen Atmosphäre in eine kalte scheint
also einigen Einflufs auf die Blattrichtungen zu haben.
Füge man noch den Einflufs des Regens hinzu, der bei-
nahe immer ein Gewitter zu begleiten pflege und die Annahme
der nächtlichen Richtung grofsentheils befördern müsse, so
scheine die Sache hinreichend erklärt, ohne dafs man zum
Einflufse der Electricität Zuflucht nehmen müsse. Auch ein
Schütteln der ganzen Pflanze durch den Wind hat fast durch-
gehends bei Gewitter statt. Um den Einflufs einer solchen
äufseren Bewegung, bei welcher Stamm und Blätter stets ge-
schüttelt würden, zu erproben, stellte er Lupinus albus, Oxalis
stricta und Lotus tetragonolobus in einer nahen Fabrik auf
ein sich stets umdrehendes Rad, wo sie 3 Tage hindurch in
steter Bewegung blieben. Obwohl Verf. die Richtungen der
Blätter fortwährend genau beobachtete, sah er doch durchaus
keine Abweidmng von den gewöhnlichen Veränderungen bei
denselben stattfinden, so dafs äufsere Bewegungen auf die täg-
lichen Bewegungen der Blätter keinen Einflufs haben. — Zu
den sehr allgemeinen und dadurch oft sehr ungenauen Wahr-
nehmungen gehört das, was Sprengel über die längere Dauer
der nächtlichen Richtungen der Blätter gegen den Herbst sagt.
Er versichert, dafs die Blätter bei Robinia und Gleditschia
einige Tage, bevor sie abfalle«, sich nicht melir öffnen, wor-
aus man abnehmen könnte, dafs die nächtliche Richtung der
Blätter eine Schwächung zu erkennen gebe, und dafs also die
231
alte Meinung, als ob die Blätter bei Nacht ansruhton und neue
Kraft sammelten, wohl etwas wahr sein könnte. Verf. bemerkt
im Allgemeinen, dafs es ungenau sei zu sagen, dafs gegen das
Abfallen der Blätter auch am Tage eine nächtliche Richtung
bei denselben wahrgenommen werde. Wahr sei es allerdings,
dafs man in dieser Zeit keine Robinia, Colutea, Caragana etc.
am Tage ihre Blättchen vollkommen ausbreiten sehe, doch eben
so wenig sehe man diese Blättchen die Richtungen, welche sie
des Nachts haben, behalten; die Verschiedenheit zwischen der
Tag- und Nachtrichtung sei dann minder stark, bis dafs end-
lich die Blättchen ganz verlahmen und sich gänzlich niclit
mehr bewegen. Die Lähmung- wird durch das Absterben der
Anschwellungen verursacht; geschieht nun dies Absterben bei
Nacht, so scheinen die Blättchen auch am Tage die nächtliche
Richtung zu behalten; geschieht es am Tage, so bleiben sie
auch des Nachts geöffnet. Fällt dies Absterben bei starkem
Winde vor, so dauert es nicht lange, dafs die Blättchen ab-
fallen; ist dagegen das Wetter günstig, wenig wind-g, so blei-
ben sie zuweilen noch 8 — 14 Tage in ihrem verlahmten Zu-
stande sitzen, und man sieht alsdann das eine Blatt mehr oder
weniger geöffnet, das andere geschlossen. Im Allgemeinen zei-
gen vergiftete Pflanzen dieselbe Erscheinung. Verf. stellte
Zweige von Mimosa lülotica und froiidosa in Flüssigkeit, die
TTö Hydrocyanas potassae et Ferri, oder ^ Jo -^«''- dcut.
Merc.y oder ^|^ Sulph. Morphii, oder y^ö ^cid. Arse-
nJcos. enthielten. Diese verschiedenen Gifte bewirkten, dafs
die Blätter der Pflanzen in einer oder zwei Stunden eine Rich-
tung annahmen, welche zwischen der täglichen und nächtli-
chen die Mitte hielt. Am folgenden Tage waren die Zweige
abgestorben, ohne dafs sich die Richtung der Blättchen verändert
hatte. Eben dies Resultat erhielt Verf., als er Oxaiis sfricia
Dämpfen von Kampher, Aether sulphinicus und ätherischen
Oelen aussetzte.
Um etwas genauer die W'irkung der Gifte auf die Beweg-
lichkeit der Blätter kennen zu lernen, nahm Verf. schwächere
Gifte und stärkere Pflanzen. Nämlich 1) Wasser mit \ acid.
aceüc. dilut., 2) Wasser, in welchem ^^^ Sulph. Ferri, und
3) Wasser, worin -^^ Uydrochlor. Sod, aufgelöst war. In jede
dieser Flüssigkeiten stellte er Nachts um 12 Uhr einen Zweig
232
von Rohinia pseudo-acacia. Es wurde hierdurch alle Be-
wegung vernichtet, und in einigen Tagen waren die Zweige
todt. Stellte Verf. dagegen ähnliche Zweige Mittags um 12
Uhr in dieselben Flüssigkeiten, so fand Abends noch eine kleine
Annäherung zum Schliefsen Statt. Derselbe Versuch mit Lu-
pimis albus und Lotus tetragonolobus hatte denselben Er-
folg; so auch die Versuche mit Pflanzen, welche Verf. giftigen
Dämpfen aussetzte. Die Blätter von Robinia- Arten hinderte
er durch Verdunstung von Kampher und Aether sulphuricus
sich zu öffnen, und das Schliefsen derselben Blätter gegen
Abend durch gas nitrosum. Es ward ihm dadurch deutlich,
dafs Gifte die Beweglichkeit veniichten und die Pflanzen töd-
ten, ohne dafs dadurch die Pflanzen eine nächtliche Richtung
annehmen. Auch Göppert ^^) scheint dieselben Resultate
bei seinen Versuchen erhalten zu haben. Er sah Zweige von
Mimosa pudica, in Gifte gestellt, irüher ihre Bewegungen ver-
lieren, als in reinem Wasser, und Acid. Iiydro-cyanicum ver-
nichtete alle Beweglichkeit, sobald es bis zur Anheftungsstelle
des Blattes drang. Verf. glaubt aus den Folgen der Vergif-
tungen und aus der Betrachtung des natürlichen Todes der
Blätter annehmen zu können, dafs die nächtliche Richtung der
Blätter nicht als Folge von verminderter Kraft zu betrachten
sei. Andere Beobachtungen zeigen dagegen deutlich, dafs je
gesunder und kräftiger eine Pflanze ist, um so kräftiger auch
die täglichen Bewegungen sind. Indefs leidet diese Regel
eine Ausnahme, sofern wenn sich neue Blätter oder Blumen
entwickeln, die Bewegungen der zunächst stehenden Blätter
vermindert werden, und zuweilen wohl ganz aufliören, wie
Verf. dies bei Lupinus-Arten sah. Dagegen bemerkt man bei
anderen Pflanzen, z. B. Oxalis, während der Bildung der Blume
oder Frucht kaum eine Spur von Verminderung. Verf. un^
tersucht dann kürzlich, wie sich die Blattrichtungen zu den
Functionen der Blätter verhalten. Diese bestehen vornehmlich
in Entbindung von Kohlensäure, in Bildung dieser Säure und
in Verdunstung. Die erste und letzte dieser Funktionen hat
während des Tages, die zweite während der Nacht Statt.
13) An7i. d. Sc. Natur. XVII. p. 224. und de Acidi Hydrocymüd
etc. p. 26.
233
Sehr natürlich sollte os also scheinen, dafs die täglichen Funk-
tionen die Tagrichtungen, die nächtlichen die Nachtrichtungen
erfordern. Dies fuidet jedoch nicht Statt. Senebier sah
die zusammengefalteten Blätter von Rohinia pseudo-acacia
unter Wasser Sauerstoff entwickeln, Verf. fand dasselbe bei
Rohinia vlscosa und Oxcdis stricta. Auch die Verdunstung
geht fort, wenn auch die Blätter geschlossen sind. Verf. hing
einen abgeschnittenen Zweig von Rohinia pseudo-acacia, des-
sen Blättchen um Mittag durch die starke Sonne geschlossen
waren, und einen anderen, dessen Blättchen durch eine tiefere
Stellung und Bedeckung gegen das Sonnenlicht offen geblieben
waren, in die Sonne, wodurch beide vertrockneten, ohne die
Richtung ihrer Blätter verändert zu haben. Schwieriger war
es dem Verf., zu erforschen, welche Verbindung zwischen der
nächtlichen Richtung und der Bildung von Kohlensäure be-
steht. Er nahm, einen Topf mit Lupinus- Pflanzen, beraubte
diese zum Theil ihrer Blätter, wodurch alsbald viele neue sich
zu entwickeln begannen. Nun hörten also auch die Bewegun-
gen auf, und die alten Blätter blieben des Nachts ganz offen.
Nun überdeckte Verf. diese Pflanzen mit einer Glasglocke,
unter welche eine kleine Schale mit Kalkwasser gestellt wurde,
worauf er am folgenden Morgen kohlensauren Kalk darin fand.
Um zu sehen, ob auch nicht etwa die Erde des Topfes einige
Kohlensäure entbinden könnte, stellte er neben den Topf mit
den Lupinen einen ohne Pflanzen, ebenfalls mit einer Glocke
verdeckt und mit einer Schale Kalkwasser, fand aber am Mor-
gen keinen kohlensauren Kalk, und folgert also, dafs dieser
nur durch die von den Lupinen entwickelte Kohlensäure ge-
bildet sei. Es scheint also, dafs die Richtung der Blätter auf-
ihre Funktionen keinen Einflufs habe, obschon diese einen
mächtigen Einflufs auf die Blattrichtungen äufsern (s. zweites
Hauptstück).
Schliefslich stellt Verf. eine allgemeine Vergleichung an
zwischen den Pflanzen mit beweglichen Blättern, und denen,
deren Blätter keine andere Bewegung als durch Krümmung ih-
rer selbst machen können. Die ersteren erseheinen feiner
gebauet. Die Holzbündel sind dünner, die Blätter beinahe im-
mer zusammengesetzt, die Blättchen selbst klein mit scharf
gezeichnetem Rande, durchgängig glatt oder wohl mit eigen-
IV. Jahrg. 1. Band. 16
234
thüralichcii, weit auseinander stehenden zarton Ilaareif besetzt;
die Oberhaut ist äiifserst fein, die Adern sind wenig ange-
schwollen und die Blattstiele überall artikulirt. Selbst die
Blüthentheile sind kleiner und feiner gebauet als bei den mei-
sten übrigen Dikotyledonen. Obschon es unter den Pflanzen
mit unbeweglichen Blättern wohl einzelne giebt, welche eben
so zart gebaut sind als die mit beweglichen Blättern, so ist
doch unter letzteren keine, welche nicht das eigenthiimliche
Aussehen besitzt. Verf. stellte Zweige beider Art Pflanzen in
Gifte, wobei er Sorge hatte, dafs die Blattflächen so viel wie
möglich gleich waren, da es bekannt ist, dafs die Aufnahme
der Feuchtigkeit in genauem Verhältnisse zu der Blattober-
fläche steht. Die angewandten Pflanzen waren Caragaiia
arhorescens , C. grand'ißora, Colutea media, C. fruticosa,
liobinia pseado-acacia, R. v/scosa, Mimosa nilotica^ M, fru-
ticosa, M. frondosa und Oxalis stricta, welche sämmtlich
bewegliche Blätter haben. Von der anderen Seite Praxiniis
excelsiov, Myrtus communis, Lonicera coerulea, Alnus
glutinös a, Quercus robur und Aspidium filix mas. Von
jeder dieser Arten stellte Verf. Zweige in folgende Gifte: Ace~
tas plumbi, IlydrocMor. deutox, mercur., Hydrocyan. pot.
et ferri, Acidum nitricum, Sulph. m.orphii und Oxydum
potassii. Nach der verschiedenen Kraft dieser Stoffe waren
1 — 5 Gran derselben in einer Unze Medicinalgewicht reinen
Wassers aufgelöst. Die Folgen waren, dafs 1) binnen 1 — 5 Tagen
die Zweige sämmtlich getödtet waren; 2) die Zweige der Pflan-
zen mit beweglichen Blättern vertrockneten, und ihre Blätter
zeigten weder durch Farbenveränderung, noch durch chemi-
sche Reagentien eine Spur von Gift; 3) alle Blätter der un-
beweglichen Pflanzen zeigten, dafs sie Gift in ihr Gewebe auf-
genommen hatten ; 4) die Zweige der Pflanzen mit beweglichen
Blätterh starben durchgehends durch ^, ~ oder | des Giftes,
welches zur Tödtung der Pflanzen mit unbeweglichen Blättern
nöthig war. Es folgt hieraus deutlich, dafs die Pflanzen mit
beweglichen Blättern starben, bevor das Gift bis in die Blät-
ter dringt, was dagegen wohl bei den anderen stattfindet.
Das Holzgeflifssystem (hoittstelsel) der ersteren wird also
durch einen Eiiiflufs getödtet, welcher die Lebensthätigkeit der
letzteren noch nicht vernichtet. Nimmt man dazu, dafs weni-
235
ger Gift zur Tödtung der Pflanzen mit beweglichen Blättern,
als zur Tödtung der mit unbeweglichen nöthig ist, so folgt hier-
aus notli wendig, dafs die ersteren ein zarteres Leben als die
anderen halK'ii.
Fünftes Ilauptstück. Verf. geht die verschiedenen
Erklärungen der täglichen lilattbewegungen durch, indem er
die Ansichten von Bonn et (^sw Vusage des feiiilles p. 131.
u. 132.), Linne (Amoen. acad. ZF.p. 338.), M u s t e I (Traif^
suT' la vegl'L p. 103.), Hill (the slccp qf plants, London
1757.), De Candolle (Princip. Mein, de Botan. vor der
Flore franc. 1. 199., und phys, v^get. Vol. IV, p. 860.),
Zinn (Jlamh. Mag. XXII. p. 40.), Hall er (piim. lin, phys.
p. 252.) , Senebier, Girtanner {Feschier, Journ. phys. IL
348.), Schrank, Kern er, Delametrie (Journ. de Phy-
siq. Tom. 56. 1812. p. 356 — 57.), Sprengel, Oken, C. H.
Schulz anführt und zu dem Resultate gelangt, dafs noch keine
Erklärung gegeben sei, welche mit den jetzt bekannten That-
sachen ganz übereinstimme. Er selbst verspricht eine Erklärung,
nach Betrachtung der drehenden und reizbaren Blätter,
von denen in den folgenden Kapiteln gehandelt wird, deron
Mittheilung wir den folgenden Heften vorbehalten.
16
Ichthyologische Beiträge zur skandinavischen Fauna
von
B. Fr. Fries.
Aus dem Schwedischen mitgetheilt durch Dr. Gans in Stockholm.
Erster Theil.
Das Geschlecht Syngnathus.
(Hierzu Taf. VI.)
JJurch die Entdeckung des merkwürdigen, zwischen den Ge-
schlechtern stattfindenden Verhältnisses", durch welches die
Männchen nicht allein zum Schutze der Eier und der Gebiirfc
bestimmt, sondern hiezu auch mit einem eigenen Organe be-
gabt wurden, worin die Eier niedergelegt, entwickelt und aus-
gebrütet werden, und worin die Jungen im zartesten Alter ei-
nen sicheren Zufluchtsort finden, hat dieses Geschlecht in
neuerer Zeit sich eine gröfsere Aufmerksamkeit zugezogen, als
dies sonst vielleicht der Fall gewesen wäre. Die königl. Aka-
demie der Wissenschaften bewahrt schon in ihren Akten diese
schöne Entdeckung des Hrn. C. U. Ekström ^), so wie die
anatomischen Untersuchungen des Hrn. A. Retzius ^), welche
nebst dem, dafs sie mehrere interessante Details im inneren
Bau dieser Fische aufklären, der genannten Entdeckung eine
noch gröfsere Stütze verleihen ^).
1) S. Jahrg. 1831. Seite 270.
2) S. Jahrg. 1833. Seite 146.
3) Späterhin hat Herr Yarrell aufgeklärt, dafs dieselbe Ent-
deckung schon 1785 von einem Engländer, Maniens W^alcott, ge-
macht und in einem Ton ihm verfafsten Manuscripte aufgezeichnet
237
Wenn ich jetzt bei der Akademie das Andenken an dieses
Geschlecht zurückrufe, so geschieht es in der Absicht, von
der systematischen Seite die Arten zu prüfen, weiche theils
unsere Fauna, theils die englisclie aufnimmt, durcli die Mit-
theilung der Resultate eigener Untersuchungen zu einer sichern
Kenntnifs der Arten beizutragen, und zu versuchen, die Syno-
nymik und Nomenclatur auf einen geordneteren Fufs, als ich
sie bei meinen Vorgangern gefunden habe, wieder herzustellen.
Ich erhalte dabei Gelegenheit, unserer eigenen Fauna zwei Ar-
ten einzuverleiben, die sich früher in dem Verzeichnisse nicht
vorftuiden, welche aber beide an unserer westlichen Küste ge-
funden wurden.
Es ist gewifs im Gebiete der Naturgeschichte nicht unge-
wöhnlich, einen und denselben Gegenstand unter mehreren
verschiedenen Namen beschrieben zu finden, und es kann dies
schwerlich bei der Entwickelung der Wissenschaft ganz ver-
mieden werden. Es ist dies auch von keinem besonderen Ge-
wichte, indem ein solches Verhältnifs ganz leicht entdeckt und
eben so bald berichtigt ist. Von gröfserer Bedeutung und
mehr irreleitend sind dagegen Verwechselungen schon bekann-
ter und allgemein angenommener Namen, indem solche Irrthü-
mer leichter der Aufmerksamkeit Anderer entgehen und einen
weitläuftigeren Schriftwechsel erfordern, wenn sie genau be-
richtigt werden sollen. Es ist indefs gerade im Geschlechte
Syngnathus, wo man mehrere solche Irrthümer nicht alieiil in
älteren Werken aufgenommen findet, sondern auch in den al-
lerneuesten, welches eine Revision der Arten dieses Geschlechts
um so nothwendiger macht.
Das Geschlecht Syngnathus, in der eigentlichen Bedeutung
mit Cuvier aufgefafst, zerfällt in zwei ganz natürliche Unter-
abtheihingen, welche man am leichtesten daran erkennt, dafs
die Arten, welche zu der einen gehören, Brustflossen be-
sitzen, während man diese hingegen bei allen den Arten ver-
mifst, welche die zweite Unterabtheilung ausmachen. Um die
ersten zu bezeichnen, will ich einen schwedischen Provinzial-
namen aufnehmen und sie Tangsnällor (deutsch Tang-
• "worden sei, welches zwar zur Herausgabe bestimmt war, aber nicht
: veröffentlicht worden ist.
238 ,
schnellen, die sich in Seetang schnell bewegen) nennen, und
für die letzteren die bisher für das ganze Geschlecht gebraiiclite
Benennung Meernadeln (Schvv. Hafsniilar) beibehalten.
Beide können auf folgende Weise charakterisirt werden.
I. Tangschncllen. SyngnaM marsupiales, pinnis pe-
ctoralibus instructi.
Corpore distincte angulato, pinnis caudae, ani pecio-
ralihusquc radialis; cauda natatoria. Marcs in folliculo,
inarsupii instar, rima longitudinali deltiscente, siih cauda
proxime infra anmn inserto ultraque medium caudae ex-
tenso ova fovent pullosque exclusos includunL
II. Meer nadeln (Hafsnälar). SyngnatJii ophidii, pinnis
pectoralihus carentes.
Corpore tereti, angulis saltem minus conspicuis, pin-
nis pectoralihus anique nullis; cauda prehensili, longa,
graciUinia, pinna aut nulla aut rudimentaria. Marcs in
superficie iriferiore ahdominis ova in cellulis apertis affixa
trahunt.
I. Tangschnellen (Tangsnällor).
Zu dieser Unterabtheilung gehören die beiden Arten iS*.
jicus und iS*. Typhle, welche Namen schon Linne in unsere
Fauna aufnahm. Es ist jedoch meiner Meinung nach sehr un-
sicher, ob Linne wirklich diese beiden Arten unterschieden
hat; mir scheint es, als hätte er sie verwechselt. Ich schliefse
dieses theils aus der Diagnose, welche Linne zwischen bei-
den Arten festsetzte, welche keineswegs die specifisch unter-
scheidende Differenz enthält, theils aus einem Umstände, wel-
her bisher der Aufmerksamkeit entgangen zu sein scheint, näm-
lich dem, dafs er in seinen Citaten Artedi's charakteristische
Beschreibungen beider Arten ganz verwechselt hat. Artedi
beschreibt nämlich unter Nr. 2. (s. dessen description. spec.)
ganz deutlich iS'. Typhle, und unter Nr. 3. S. Acus, aber
durch einen Irrthum, dessen Entsteluuig jetzt nicht crforsclit
werden kann, hat eine Verwechselung mit den kurzen Diagno-
sen, deren er sich bediente, stattgefunden, so dafs Nr. 2. in
den Beschreibungen die Diagnose erhalten hat, welche ei-
, 239
gentlicli Nr. 3. angehörte. Die Folge dieser Verwechselung
war, (lafs die Citate der Besclireibuiigen sowohl in Artedi's
Synonymik, als in dessen Genera fehlerliaft wurden. Was
nun die Diagnosen Linne's anbetrifft, welche das Kennzei-
chen corpore srpleni-angulalo für iS'. ylciis^ und corpore
sexangulalo für S. TypJile aufnehmen, so haben diese ver-
ursacht, dafs theils einige Schriftsteller, wie z. B. (irono-
vius, Pennant, beide Arten für blofse Varietäten einer
und derselben erklärt haben, theils dafs ein Jeder, der nicht
Gelegenheit hatte, selbst den wirklicheii Acus zu sehen und
kennen zu lernen, sich nothwendig in Betreff der Typhle ir-
ren mufbte, indem auch diese Art einen ganz deutlich sie-
beneckigen Körper hat und daher leicht für Acus gehalten
werden könnte. So ist im Allgemeinen aucli das Verhältnifs
bei uns gewesen. Die Art, welche man in unseren eiidieimi-
sclien Sammlungen als Acus bestimujt findet, ist keine andere
als Typhle. Herr C. IJ. Ekström, der einzige einheimische
Schriftsteller, der das Syngnathus-Gescldecht ausführlich be-
schrieben hat, nimmt nur^zwei Arten an, welche an Mörkös
Scheerenküste vorkommen, nändich Acus und Ophidion, aber
auch sein Acus ist S. Typlile. Ich vermuthe wegen der bei-
behaltenen Linne 'sehen Diagnose, dafs der in licizii fauna
Suecica und Nilsson's Syjiopsis aufgenommene Acus ebenfalls
nichts anderes sei. Was mich betritt, so hegte ich stets viele Be-
denklichkeit, irgend eine Art mit sechseckigem Körper anzu-
nehmen, indem eine solche mir nie vorgekommen war, und es
mir, trotz fleifsigen Nachsuchens, doch nie geglückt war, an
unseren Küsten mehr als eine einzige Art der Tangschnellen
aufzufinden. Icli bin daher bedacht gewesen, Typhle auszu-
schliefsen, in der falschen Vermuthung, dafs unsere skandina-
vische Art der wahrhafte Acus sei; als ich jedoch Yarrells
schönes Werk über die Fische Englands erhielt, ward ich
über diesen Irvthum sogleich aufgeklärt, und ich bin seitdem
zu dem Resultate gelangt, welches ich jetzt in Kürze darzu-
stellen gesucht habe. Die Diagnostik und Synonymie der bei-
den in Frage stehenden Arten stellt siclr folgendermafsen:
1) Die grofse Tangschnelle. Syngnathiis Actis.
Capite supra convcxoy crista media Ion giliidinali, fronte
240
declivi; rostro siihcylindrico , capite plus quam duplo an-
gustiori; pinna caudali apice rotundata.
Synoiiymie: Diese Art ist es, welche Rondelet unter
dem Namen Acus Aristotelis, secunda species, zuerst auf-
gestellt hat. Artedi beschreibt sie hierauf ganz richtig in
Descript spec. Seite 3. Nr. 3., und nimmt sie ferner in sei-
ner Synonym. S. 2. Nr. 3. und Gener, S. 1. Nr. 3. auf, ci-
tirt aber an beiden letztgenannten Stellen unrichtig Nr. 2. sei-
ner Descript Dafs dieses die Art sei, welche Linne im
System. JSat. I. p. 416. aufgenommen hat, mufs ich anneh-
men, glaube aber, dafs sein Acus in der Fauna Suec. nicht
diese, sondern die nächste Art sei, indem als Aufenthaltsort
die Ostsee angegeben wird, wo sie wenigstens an unseren Kü-
sten nach meiner und nach Ekströms Erfahrung nicht vor-
kommt. Bloch liefert auf seiner 91. Tafel nur von dieser
Art Figuren, nämlich Nr. 1. unter dem Namen Typhle, und
Nr. 2. unter dem Namen Acus-, die Beschreibungen zu diesen
beiden Figuren zeigen deutlich, dafs Bloch diese beiden Ar-
ten durchaus nicht unterschieden iiät. Mit Ausnahme von
Penn an t und Montagu scheinen alle Faunisten Englands
hinsichtlich der Benennung von S. Acus in Uebereinstimmung
zu sein, und ihnen mufs es zuerkannt werden, zuerst die rich-
tige Diagnose zwischen dieser und der nächsten Art angege-
ben zu haben (siehe Jenyns Man. p. 484. und YarrelTs
British. Fish. IL p. 325.
An merk. Wie oben erwähnt worden ist, so habe ich
nie diese Art an unseren Küsten gefunden, weder an der Ost-
see, noch in den Bohuslän'schen Scheeren, soviel ich auch
danach unter der Menge kleiner Tangschnellen gesucht habe,
welche ich theils selbst heraufgeholt habe, theils habe auffi-
schen sehen. Deshalb glaube ich mich jedoch noch nicht be-
rechtigt, das Vorkommen derselben bei uns bestimmt zu leug-
nen, sondern schliefse nur auf ihre gröfsere Seltenheit. Wie
das Verhältnifs an den norwegischen Küsten sein mag, weifs
ich nicht aus eigener Erfahrung. An Englands Küsten soll sie
sehr gemein sein und erreicht dort blofs eine Länge von 16
bis 18 engl. Zoll.
241
2) Die kleine Tangschnelle. Syngnathits TypJile.
Capite supra planiusculo, fronte excavata horizojiiall;
rostro valde compressOy altiiudlnefere capitis; pinna cou-
dali apice acutiuscida.
Synonomie: Acus Aristotelis, s. Acus secunda spe-
des. Willoughb. Ilist. Pisc, 158. nee non species al-
tera major. Id. p. 15. Artedi, Descript. Spec. p.2. iVr. 2.;
Syn. p. 1. Nr. 2.; Gen. p. 1. Nr. 4.
S. Typhle. Linne, Syst. Natur, p. 416; Faun. Suec.
Nr. 311.
S. Typhle. Retzius, Faun. Suec. Nr. 19; Nilsson's
Synops. p. 67.
S. TypJde. Jenyns Manual, p. 485; Yarrell. Brit.
Fish. IL p. 332.
S. Acus. Linne, Fauna Suec. Nr. 376 (?); Retz. Fn.
Suec. Nr. 20. (?)
S. Acus. Ekström, Verliandl. der k. Akad. d. Wissen-
schaft. 1831. S. 271. Taf.I. Fig. 1. u. 2.
An merk. Diese ist die allgemeinste Art, welche an den
schwedischen Küsten, sowohl in der Ostsee als im Kattegat vor-
kommt. Ihre gewöhnliche Länge an diesen Stellen beträgt
zwischen 9 — 10 schwed. Zoll. Man findet in beiden Meeren
zwei Farbenvarietäten ; eine grüne mit gelben Flecken und den
Bauch stark ins Messinggelbe ziehend; und eine olivenbraune,
mit einer Menge weifslicher Punkte und Flecke bestreut, so
wie mit weifslichem Bauche. Diese beiden sind gleichwohl
nicht constant, sondern zwischen beiden liegt eine Reihe von
tJebergängen. Auch stehen sie in keinem bestimmten Verhält-
nifs zu Alter und Geschlecht.
n. Meernadeln.
Haben schwedische Ichthyologen sich eine Namensverwech-
selung zwischen den Arten der vorigen Abtheilung zu Schul-
den kommen lassen, so liaben englische Schriftsteller ihrer-
seits auf eine merkwürdige Weise die Arten innerhalb dieser
verwechselt. Unsere Fauna hat bisher nur eine einzige Art,
nämlich S. OpJiidiony aufgenommen, während die englische
deren drei, nämlich aequoreus, ophidion und lumhriciformis,
aufzuweisen hatte. Jedoch weit davon entfernt, als hätte jeder
242
dieser Namen eine und dieselbe Art bei ungleichen Schrift-
stellern bezeichnet, so findet man im Gegentheil eine grofse
Verwirrung in dieser Hinsicht herrschend. Seitdem neue Un-
tersuchungen offenbart haben, dafs dieselben drei Arten auch
an unseren Küsten gefunden werden, so sehe ich mich im
Stande, den Zusanunenhang erklären zu können. Was zuerst
unser Ophidion betrifft, so ist es gewifs weniger unerwartet,
diesen Namen in der englischen Fauna auf eine ganz andere
Art, als die von ims hierunter bezeichnete, angewandt zu se-
hen,* da diese die seltenste zu sein scheint, welche an den
englischen Küsten vorkommt, und da die Engländer geringe
oder gar keine Aufmerksamkeit den Beschreibungen unseres
Artedi geschenkt haben, sondern sich nur an die kurzen
Art-Charakteristiken Linne's hielten, und da diese sich un-
zureichend erwiesen, bei Bloch Aufklärung suchten, der be-
sonders unglücklich in der Bestimmung der Syngnathus-Arteu
gewesen ist. Was man sich jedoch nicht vorgestellt hatte, ist
eingetroffen; in den neuesten Werken, worin die Fisch-Fauna
Englands abgehandelt wird, ist der Name Ophidion zuletzt da-
bei stehen geblieben, blofs das eine Geschlecht der ausge-
zeichnetsten Art dieser Unterabtheilung zu bezeichnen, wäh-
rend das andere unter dem richtigen Namen derselben Art,
S. aequoj'cus, aufgenommen worden ist. So verhält es sich
sowohl in Jenyns Manual of Brit, Verteh. Animals, als
in Yarrell's Bist of Brit Fish. Das Weibchen be-
schreiben Beide richtig als S. aequoreus Linn.f das Männ-
chen nennen sie aber S. Ophidion Bloch. Ich will gewifs
nicht behaupten, dafs Bloch unter seinem Ophidion nicht zu-
gleich aequoreus mit begriffen hätte; im Gegentheil möchte
ich Bloch 's Ophidion als synonym mit der ganzen Unterab-
theilung betrachten, indem die Beschreibung theils auf die eine,
theils auf die andere Art sich anwenden läfst. Das Exemplar,
welches zum Original für seine Figur diente,, ist vermuthlich
S. aequoreus Linn. gewesen '*). Es ist wohl eine ausge-
4) Das einzige Exemplar der Bio eh' sehen Sammlung, welches
in die des hiesigen Museums überging und wahrscheinlich als Origi-
nal zu der Abbildung diente, ist indessen S. ophidion, stimmt wenig-
stens in jeder Beziehung zu den Charakteren, welche der Herr Verf.
dieser Art weiter unten zuschreibt. Herausgeber.
243
machte Sache, dafe der Name Ophidiou für die Art beibehal-
ten werden müsse, der ihnLinne zuerst gegeben liat; welclie
diese gewesen sei, findet man unzweideutig ])ei Artedi, der
in seinen Desciipt. spec. eine ausfiilirliche Besclireibung der-
selben geliefert hat. (S. Seite 1. Nr. 1.) Sie ist auch spä-
terlün von allen einheimischen Schriftstellern ohne Ausnalime
unter demselben Namen beschrieben worden. Das einzige,
was man anmerken kann, ist, dafs Artedi und nach ihm
Linne die Synonymik zu weit ausdehnten, so dafs sie auch
eine kleine verschiedene Art umfafste, welche Willougliby
unter demNamen^icwi- lunibriciformis aufgenommen hat. Diese,
welche in England allgemeiner zu sein scheint, erliielt daher
von Pennant und den ihm folgenden den Namen Ophidiou,
bis Jenyns es für räthlich fand, diese Benennung auf das
Männchen von aequoreus zu übertragen. Der Name luinbri-
c'ifonnis wird dann wieder vom letztgenannten ScliriftsteUer
aufgenommen, aber nicht glücklicher angewandt, indem er,
ohne es zu merken, hierunter den wahren Linne 'sehen S,
ophidiou beschreibt. Dies ist die einzige sichere Aufklärung,
die ich habe finden können, dafs unser S. ophidiou auch in
England vorkommt. Nach Jenyns nimmt auchYarrel den-
selben Namen linnhriciformis an, und citirt dabei die Beschrei-
bung des ersteren, beschreibt aber selbst darunter ganz deut-
lich die ursprüngliclie Art, welcher mit Reclit der Name ange-
hört. Ungeaclitet daher keiner der genannten Schriftsteller J€-
der für sich mehr als zwei Arten Meernadeln kennt, so stellt
sich doch, wenn man die von ihnen aufgenommenen Arten zu-
sammenzählt, das Resultat heraus, dafs drei Arten in England
gefunden werden, und so verhält es sich auch, wie ich schon
erwähnt habe, an unseren Küsten. Irgend ein Grund, die Iden-
tität derselben mit den Englischen in Verdacht zu ziehen,
ist mir nicht vorgekommen.
Elie ich jetzt in die specielle Darstellung unserer einlici-
mischen Arten eingehe, will ich im Voraus die Aufmerksam-
keit auf gewisse allgemeine, für sie alle geltende Eigenheiten
lenken, hauptsächlich mit Rücksicht auf einige für die Artbe-
stimmung wichtige Momente.
1) Die Lage der Afteröffnung, im Verhältnifs zur
Entfernung von der Scluiauze, ist als Charakter zur Unter-
244
Scheidung der Arten benutzt worden. Wenn diese Unterschei-
dung durch Vergleichung innerhalb desselben Geschlechts ge-
wonnen wird, so erkenne ich die Richtigkeit derselben, sonst
nicht, denn für alle Meernadeln gilt als Regel, dafs die After-
öffnung beim Weibchen viel weiter von der Schnauze entfernt
liegt, als beim Männchen, \nid besonders bei S. aeqiioreus ist
dieser Unterschied zwischen beiden Geschlechtern auffallend
grofs. Auch das Alter mufs in Berechnung gezogen werden,
denn vergleicht man ein jüngeres Exemplar mit einem älteren,
beide von einem Geschlechte und einer Art, so findet man
an dem ersteren den Abstand von der Schnauze bis zur After-
öffnung im Verhältnifs zum Abstände dieser Oeffnung bis zur
Schwanzspitze etwas kürzer, als es bei den letzteren der
Fall ist.
2) Verdient bemerkt zu werden, dafs unerachtet die Af-
teröffnung an den Männchen der Schnauze näher liegt, als am
Weibchen, sich doch bei beiden Geschlechtern dieselbe An-
zahl Schilder und von diesen gebildete Ringe findet, sowohl
zwischen After und Kopf, als zwischen After und Schwanz-
spitze. Hieraus folgt, dafs die Anzahl der Schilder ganz gute
Kennzeichen für die Arten liefert, wäre nur nicht die Zählung
derselben mit Schwierigkeit und einiger Unsicherheit verbun-
den, indem sie theils viel zusammenschmelzen, theils unmög-
lich bei noch lebenden und ganz frischen Exemplaren unter-
schieden werden können.
3) Die Form des Körpers ist ganz ungleich bei un-
gleichen Geschlechtern. Als Regel gilt, daf? der Körper beim
Weibchen höher und breiter ist; dafs bei ihm sowohl längs
des Rückens als des Bauches sich ein Kiel oder eine Kante
erhebt, welcher das Männchen, das einen mehr cylindrischen
Rumpf hat, am Rücken ganz und gar entbelirt und wovon dies
nur Spuren am Bauche besitzt. Obgleich der Rumpf an leben-
den Exemplaren beider Geschlechter kaum eine schwache An-
deutung von drei auf jeder Seite verlaufenden Kanten zeigt,
mit Ausnahme einer Art, wo sie deutlicher ausgeprägt sind,
so finden sich doch solche bei ihnen allen vor, nachdem sie
einige Zeit in Spiritus gelegen oder aufgetrocknet wor-
den sind.
4) Die Länge des Kopfes im Verhältnifs zum übrigen
245
Köfper ist bei allen schmalen nnd langen Fischen nicht be-
ständig; unberechnet den Unterschied, den das Alter in dieser
Hinsicht mit sich führt. Da immer bei jüngeren Individuen der
Kopf relativ länger gefunden wird, so findet man bei den
Syngnathen bedeutende individuelle Verschiedenheiten.
5) Die Lage der Rjickenflosse steht immer zu der
Afteröflfnung in einem ziemlich constanten Verhältnisse, und
wenn man nur nicht dieselbe gar zu minutiös danach bestim-
men will, so erhält man einen ganz guten Charakter, der für
beide Geschlechter gilt.
6) Die Strahlen der Rückenflosse variiren gewifs
an Anzahl, wie es bei den meisten Fischen der Fall ist; aber
die Schwierigkeit, sie mit Sicherheit zu zählen, macht den
Charakter, welchen man hieraus ziehen könnte, weniger an-
wendbar und trägt gewifs die gröfste Schuld an der Verschie-
denheit der Angaben, die man hinsichtlich der Anzahl bei
verschiedenen Schriftstellern findet. Soll man die Zahl mit
Sicherheit bestimmen können, so mufs man die Flosse unter
Wasser ausbreiten und die Strahlen mit Hülfe der Loupe
zählen.
7) Die Farbe des Kfjrpers ist ganz charakteristisch
für unsere einheimischen Arten, wenn man sie lebend unter-
sucht, obgleich sie in Hinsicht auf Zeichnung und Ton ganz
grofsen Variationen, wie bei fast allen Fischen, unterworfen
ist. Diese Farbe erhält jedoch für die Diagnose einen unter-
geordneten Werth, da es, um. sie zu bestimmen, erforderlich
ist, die Exemplare lebendig ir\ der Hand zu haben. Von einem
in Spiritus gelegenen Exemplare auf die Farjie des lebenden
zu schliefsen, ist unmöglich.
8) Die Länge des Rostrum, im Verhältnifs theils zur
Länge, theils zur Höhe des Kopfes betrachte ich als das am
leichtesten fafsliche Kennzeichen zwischen den Arten, und will
mich daher besonders dieses Charakters bei den Diagnosen
bedienen. Der Unterschied ist ganz in die Augen fallend, und
um ihn aufzufassen, ist keineswegs ein Zirkel erforderlich;
aber um diesen Charakter sicher durch Termen bestimmen zu
können und um der Unschlüssigkeit hinsichtlich des Maafssta-
bes keinen Raum zu lassen, so will ich im Voraus erklären,
dafs ich die Länge des Rostrum von der Spitze desselben bis
246
zum Mittelpunkt des Auges annehme, und dafs ich 3iese
Länge mit dem Abstände vom Mittelpunkte des Auges bis
zum hinteren Rande des Opcrculum vergleiche. — Durch meh-
rere Vergleichungen habe ich mich überzeugt, dafs dieser Cha-
rakter bei beiden Geschlechtern constant ist und bei Exempla-
ren ungleicher Gröfse und ungleichen Alters derselben Art.
Wenn man unsere drei einheimischen Arten am leichte-
sten diagnosticircn will, so können sie in folgender Weise in zwei
Sektionen eingetheilt werden:
* Pinna caudali rudimeniaria e radiis ^ hrevis-
siinis cojnposita (Sparte majore pinnae dorsalis
ante latitudinem ani sita^.
Hierher gehört blofs eine Art:
3) Die grofse Meernadel, Syngnathus aeqiioreits
Linn.
Trunco sat distincte angulato; longitudine rostri di-
stantiam a centro oculi ad marginem operculi superante.
Synonymik: Linn., Syst Nat. I. p. 417; Montag.,
Werner, Mem. I. p, 85. tah. 4t. ßg. 1; Penn., Brit. Zool.
Vol. 111. tah. 23. Jßg. 61; Flemm., Brit. ^n. p. 176.
$ = iS*. aequoreus. Jenyns Manual, p. 486; Yar-
rell, Brit. Fish. 11. p. 335.
cT = iS". ophidion. Jenyns Man. p. 487; Yarr., Br.
F. 11. p. 336.
Stenaale (Steinaale) Nr. 2"; Ström., Söndm. heskrif.
Unter allen scandinavischen Arten des Syngnathus-Ge-
schlechtes ist diese die gröfste und ausgezeichnetste. Sie er-
reicht eine Länge von 2 Fufs. Die gewöhnliche Gröfse der
Weibchen beträgt zwischen 18 und 22 Zoll; die Männchen,
welche regelmäfsig kleiner zu sein scheinen, werden gewöhn-
lich zwischen 13 — 16 Zoll lang angetroffen. Die Farbe ist
schön brand- oder braungelb; längs den Seiten hin laufen et-
was wellenförmige, unter einander parallele, weifsliche Quer-
binden, die mit einem braunen Rahmen eingefafst sind. Zwi-
schen Kopf und Afteröffnung liegen 2,9 — 30 Schilder oder
Ringe, und zwischen letztgenannter Oeffnung und der Schwanz-
spitze ungefähr 70. Die Rückenflosse besteht aus 40 — 44
247
Strahlen und breitet sich ühor 12 Ringe und etwas über den
dreizehnten aus. — Der Rumpf des Weibchens ist ziemlich
deutlich 8 eckig; nämlich an jeder Seite verlaufen drei Kan-
ten, ein ziemlicl» scliarfer Kiel über den Bauch hin und längs
des Rückens erhebt sich einp kleinere Kante, welche gleichsam
in eine kleine liautfalte übergeht. Die Männchen haben einen
mein- gerandeten Rumpf; die Seitenkanten und der Kiel am
Bauche sind mehr ausgeebnet und der Rücken ganz plan, ohne
Si)ur weder einer Kante noch liautfalte. Die Afteröffnung ist
beim Weibchen ungefähr von der halben Körperlänge belegen;
beim Männchen dagegen ein gutes Stück weiter vorwärts. —
Die Männchen haben die Eier in mehreren Reihen am Bauche
befestigt (in 8 — 100.
Diese schöne Meernadel findet man früher in unsere
Fauna nicht aufgenommen. Hr. Ström scheint jedoch in sei-
ner Beschreibung von Söndmöv sie angedeutet zu haben. So
viel ich weifs, ward sie zum ersten Male an der schwedischen
Küste von* Hrn. W. v. Wright und dem Grafen N. Bon de
im Sommer 1833 während ihres Aufenthalts in Strömstad ge-
funden. Sie ist späterhin bei meinen und desHrn. v. Wright
wiederholten Besuchen der Bohuslänschen Scheerenküste oft
wiedergefunden worden. Sie kommt sparsam, wenn auch
nicht selten an den Ufern des äufseren Scheerenhofs unter den
dort wachsenden Seetangarten vor ^).
5) Bei meinem kurzen Aufenthalte an der Südküste Norwegens,
im Herbste 1836, kam dieser schöne Fisch zweimal in meine Hände.
Zuerst fing ich ihn im Cliristiania-Fjord in einer kleinen Bucht {Em-
vienstaae) südlich von DrÖback. Leider war dies das einzige Exem-
plar, welches ich heimbrachte ; das zw eite, w elches ich an der West-
küste der kleinen flachen Insel Jomfrueland, unweit Krageroe, mit
der Hand griff, entschlüpfte mir, w ährend ich es betrachtete, und ver-
schwand zwischen dem Tang der Küste. Da ich diese grofse Art
auf meinen wenigen Excursioncn zweimal fing, war es mir sehr auf-
fallend, sie nicht in der scandinavischen Fauna aufgeführt zu finden,
und ich freuete mich schon, diese mit einer neuen Art bereichem zu
können. An beiden von mir gefangenen Exemplaren war die Farbe
schön hochgelb, nach dem Rücken hin ins Olivengrüne übergehend;
die braun gerandeten Querbinden waren schön silberweifs, eine auf
der Gränze zweier SchiUler, und eine auf der Mitte jedes Schildes.
Der Schwanz ganz ohne alle Binden. Herausgeber.
248
* * Pinna caudali omnino nulla (parte majore
pinnae dorsalis pone latitudinein ani sita^.
Tax dieser Section gehören zwei verschiedene Arten, die
bisher mit einander verwechselt worden sind:
4) Die gewöhnliche Meernadel, Syngnathus Oplii-
dion Linn.
Corpore teretiusculo, gracili, fere Uneari; longitiidine
rostri distantiam a centro oculi ad marginem operculi
aeqiiante; ano circa medium corporis sito.
Synonymik: Artedi, Descript. Spec. p, I. iVr. 1; Sy~
non. p. 2. Nr. 4, Gener. p. 1. Nr. 2.
S. ophidion. Linn., Fn. Suec. iVr. 375; Syst. Nat.I.
p.417; Retz., Fn. Suec. p. 312. iVr. 21; Ekström, Abh. d.
Akad. d. Wiss. 1831. p. 280; Nils son, Synops. p.Ql.
S. lumhriciformis. Jenyns Manual, p, 488.
Der Körper ist sehr schmal und fast gleich breit, und
der Schwanz verschmälert sich allmählig und fast unmerklich
in die äufserst feine Spitze. Von allen Arten ist diese die
längste im Verhältnifs zur Höhe des Körpers, oder ungefähr
im Verhältnifs von 60 T 1. Die gewöhnliche Länge derselben
beträgt ungefähr 9 — 10 Zoll. Die Farbe ist oben olivengrün,
unten ins Gelbe spielend, mit einer Menge kleiner, blauwei-
fser, oft runder Flecke an den Seiten, und über dem Kiemen-
deckel mit einer Menge feiner, schön azurblauer Striche,
welche sich abgebrochen nach der Seite des Körpers fort-
setzen. Zwischen Kopf und Afteröffnung liegen 30 — 31 Ringe,
und von hier bis zur Schwanzspitze ungefähr 60 und darüber.
Die Rückenflosse besteht aus 34 — 38 Strahlen und breitet sich
über 10 Segmente des Körpers aus. Die Afteröffnung nimmt
bei den Männchen fast die Mitte der Körperlänge ein ; bei den
Weibchen befindet sie sich etwas hinter diesem Punkte. Die
Eier finden sich in 3 — 4 Reihen.
Durch seine längere, beinahe gerade auslaufende, etwas
zugespitzte Schnauze, welche an Länge (vom Mittelpunkte des
Auges an gerechnet) die gröfste Höhe des Kopfes um etwas
übersteigt, unterscheidet sich diese Art ganz leicht von der
folgenden.
Es ist diese Art, welche sehr allgemein an unseren Küsten,
249
sowohl in der Ostsee, als im Kattegat vorkömmt. Die Weib-
chen finden sicli zahlreicher vor, als die Männchen.
5) Die kleijie Meernadel. Syiignathus luinbrici-
fonnis. Yarr.
Corpore tereüusculo , crassiore-, rosfro aplce reßexo,
hreviorcj distantiam a centro öculi ad marginem opcrcnli
jion attingeate; ano circa anteriorem \longitudints cor-
poris sito. ' '. 'ruf
Synonym. Acus lumhriciform. Willoughh.'hht püst:
p. 160; Linie Pipe Fish Penn. Brit'Zool. p. 23. Nri 62.
S. lumhriciform. Tarrell. Brit. Fish. IL p. 340. ^
Im Vergleich mit der vorhergehenden Art, der diese am!
meisten ähnelt, ist der Körper etwas dicker im Verhältnifs
zn seiner Länge, imgefähr wie 1 zu 35 — 40; der Schwanz
ist auch etwas dicker. Durch seine kurze, etwas nach oben
gebogene und an den Spitzen ziemlich stumpfe Schnauze
hat dieser kteihe Fisch, der hur eine Länge von 5 — 6 Zoll
erreicht, ein leicht wiedererkennbares Aussehen erhalten. Die
gewöhnliche Grundfarbe ist kastanienbraun, welche bei einigen
heller, bei andern dunkler ist; längs des Riick^ens befinden
sich unregelmäfsige , gröfsere Flecke von weifsgrauer Farbe,
welche nach dem Schwänze zu in viele kleinere auslarifen und
dadurch diesem ein gleichsam marmorirtes Ansehen geben.
Der Abstand von der Nasenspitze bis zum Mittelpunkt des
Auges ist kürzer, als die gröfste Höhe des Kopfes und als
der Abstand vom Mittelpunkt des Auges bis zum hinteren
Stande des Kiemendeckels. Zwischen Kopf und Afteröffnurig
liegen 19 Segmente und zwischen dieser Oefi'nung und der
Schwanzspitze ungefähr 50. Die Rückenflosse besteht aus
26 Strahlen (bei allen Exemplaren, die ich bisher untersucht
habe, ist diese Anzahl constant gewesen) und breitet sich
nur über 7 Segmente aui. Die Analöflfnung ist am vorderen
Drittheil der Körperlänge beim Männchen gelegen. Die Eier
sitzen in vier Reihen.
Diesen kleinen Rekruten unserer Fauna entdeckte ich zu-
erst im vergangenen Monat in den äufseren Scheeren der
Bohusläner Küste. Ich habe später mehrere Exemplare ge-
funden, alle Männchen, unter ihnen 2 Rogen tragende. Ver-
IV. Jahrg. 1. Band. 17
?50
muthlich ist diese Meernadel nicht so selten; aber alle die
Exemplare die ich erhielt sind vom Grunde eines 16 Faden
tiefen Wassers aufgefischt, welches zu zeigen scheint, dafs
sie sich in der Tiefe aufhält; und dieses erschwert das Ertap-
pen eines so kleinen Fisches, der leicht einen Ausweg zum
Entkommen findet. An den Ufern habe ich ihn niemals auf-
fischen sehen. Das Weibchen ist mir unbekannt.
Um eine anschaulichere Uebersicht der Physionomie
unserer Syngnathus - Arten zu liefern, und dadurch ihr
Wiedererkennen zu erleichtern, füge ich eine von Herrn
Ferd. v. Wright gezeichnete Tafel bei, Taf. VI., welche
enthält:
Vig.i. denKoT^f \.Syngnathus^cus (copirt nach Yarc eil' s Fig.)
- 2. — — Typhle (nach der Natur).
- 3. — — y^ß^Mor^w^, in natürlicher Gröfse
nach einem 11^ Zoll langen
Individuum.
- 4. — — Ophidion, in natüiiicher Gröfse
nach einem 1\ Zoll langen
IndividuiTm.
- 5. Syngnathus lumbriciformis cT nach der Natur; natür-
liche Gröfse.
- 6. derselbe von der Bauchseite.
I
Metamorphose, bemerkt bei der kleinen Meernadel
{Syngna thus lumhriciformis)
von
Prof. Dr. B. Fries, mitgetheilt durch Dr. Gans.
(Hiezu Taf. VI. Fig. 7 und 8.)
Als ich vor einiger Zeit die Ehre hatte, der Königl. Akademie
der Wissenschaften einen Beitrag zur Kenntnifs der skandina-
vischen Arten des Geschlechtes Syngnathus zu liefern, so
ahnte ich nicht, so bald wieder eine fernere Veranlassung zu
erhalten, auf dasselbe Geschlecht zurückzukommen und von
einer neuen Seite zu zeigen, dafs es die Aufmerksamkeit der
Ichthyologen verdiene. Eine solche Veranlassung hat sich in-
dessen durch eine unerwartete Entdeckung einer Art Meta-
morphose ergeben, welche ich bei der kleinsten unserer Meer-
nadeln, Syngnathus lumhriciformis beobachtet habe. Aller
Wahrscheinlichkeit nach ist diese Art nicht die einzige im
Geschlechte, welche diese Metamorphose besteht, sondern ähn-
liche möchten wohl bei allen denen stattfinden, welche zu der
Abtheilung Syngnathi Ophidii gehören. Da ich noch nicht
Gelegenheit hatte, mich davon zu überzeugen, so möchte diese
vorhergehende Notiz dessen, was ich bemerkt habe, mitge-
theilt werden müssen, um die Aufmerksamkeit Anderer auf
denselben Gegenstand zu lenken.
Nachdem ich mich durch einige gelungene Versuche von
der Möglichkeit überzeugt hatte, Syngnathen eine kürzere
Zeit hindurch in kleinen, mit Wasser gefüllten Reservoiren
beim Leben erhalten zu können — was sonst bei den mei-
sten unserer Seefische nicht glücken will — so war es meine
Absicht, das Verhältnifs zu erforschen, worin die Jungen der
Meernadeln in ihrem zartesten Alter zu ihren Aeltem stehen.
17*
252
Ich wollte nämlich kennen lernen, ob auch die Meernadeln
ihren Jungen den Schutz und die Pflege angedeihen lassen,
welche, wie die Erfahrung gezeigt hat, die Tangschnellen
ihrer Nachgeburt schenken, und wenn dem so wäre, auf welche
Weise die Natur dies bewirkt hätte, da die ersteren nicht den
Marsupialsack erhalten haben, welcher bei den letzteren für
die Jungen einen so sichern Zufluchtsort abgiebt. Dafs ein
solches Vörhältnifs zwischen den Meernadeln und ihren Jun-
gen existiren müfste, schien die Analogie >zu erfordern und
die Mittel, wodurch dies bereitet würde, schien ein anderer
Umstand, den ich bemerkt habe, anzudeuten. Tangschnel-
len lind Meerii ad ein zeigen nämlich unter einander eine
grofse Verschiedenheit in Bewegungen und Orts Veränderung.
Die Tangschnelle, welche einen steifen, kurzen, mit einer
Flosse versehenen Schwanz hat, schwimmt gleich anderen Fi-
sclien hauptsächlich mit Hülfe der Schläge des Schwanzes.
Die Meernadel dagegen mit einem langen, rundlichen, sich
verschmälernden und sehr beweglichen Schwänze ohne Flosse
erhält für ihr Fortkommen im Wasser wenig oder gar keine
Hülfe von diesem Organe, welches gewöhnlich während des
Schwimmens still gehalten wird und eher für ein Steuer als
für ' ein Ruder angesehen werden kann. W^enn die Tang-
schnelie ruht oder! sich, stille hält, fällt sie ausgestreckt zu
Boden und liegt auf dem Bauche mit ausgestrecktem Schwänze,
wogegen die Meernadel ihren beweglichen Schwanz mit vieler
Behendigkeit um <lie grade zugegen seienden Gegenstände
schlingt und sich mit Hülfe desselben aufrecht im Wasser er-
hältw Man sieht sie, beständig auf diese Art sich festhalten,
so fenl'sie nur etwas findet, was umfafst werden kann und
sogar^ wenn ein solcher Gegenstand nicht vorhanden ist, aber
inehrere Individuen sich in demselben Gefäfse zusammen auf-
halten, so kann man sie oft die Schwänze zusammen schlingen
sehen und so Gruppen bilden, welche in gewisser Art den
alten Figuren ähneln, die man von den sogenannten „Ratten-
königen" sieht. Diese Eigenschaft bei den Meernadeln brachte
niich auf den Gedanken, dafs möglicherweise die Jungen in
noch höherem Grade diese Fähigkeit besäfsen und dafs sie
sich durch dieses Mittel an den Vater hefteten, wenn irgend
eine Gefahr iluien drohte. Um zu erfahren, ob es sich wirk-'
^ 253
lieh so verhielte, verschaffte ich mir ein lebendes Männchen
mit aip. Bauche angehefteten Eiern, brachte es in ein besonders,
mit frischem Wasser gefülltes Glasgefafs und beschlofs zu
versuchen, es so lange am Leben zu erhalten, bis die Eier
ausgebrütet wären und die Jungen hervorkämen. Der Zufall
wollte, dafs es gerade unsere seltenste Art S. luinbriciformis
war, welclie in einem dem Endzweck entsprechenden Zustande
zuerst in die Hände kam. Es war in den letzten Tagen des
Septembers, als der kleine Fisch in das mit Wasser gefüllte
Gefäfs gebracht wurde. Er schien im Anfang recht gut zu
gedeihen, obgleich alle Nahrung, von welcher Art ich sie ihm
anzubieten versuchte, verschmäht ward. Das W^asser ward
zweimal des Tages gewechselt und Morgens und Abends, wo
dies geschah, untersuchte ich genau meinen Gefangnen. Beim
Beginn der Beobachtungen waren die Eier schon so weit in
der Entwichelung gediehen, dafs man mit der Loupe deutlich
die Embryonen unterscheiden konnte; aber im Verlauf einiger
Tage wurden die äufseren Häute so opak, dafs die Veränderun-
gen, die innerhalb derselben vorgingen, nicht weiter bemerkt
werden konnten und da ich für diesen Fall blofs die Ausbrii-
tung der Jungen beabsichtigte und abwartete, so wagte ich
nicht, den Fisch gar zu stören und ihm einige Eier zur nähe-
ren Untersuchung wegzunelimen. Nach 6 Tagen ward mein
kleiner Fisch augenscheinlich ermattet und die Eier fingen an,
an mehreren Stellen ein verändertos krankhaftes Ansehen an-
zunehmen, so dafs ich für den Ausgang fürchtete. Indessen
erhielt sich das Leben noch einige Tage und als ich am 9ten
Tage der Gefangenschaft des Morgens die gewöhnliche Unter-
suchung anstellte, ward ich angenehm überrascht, an der Wasser-
oberfläche 3 ausgebrütete Jungen zu finden. Sie schwammen
in aufrechter Stellung, unbekümmert um einander und machten
sich noch weniger mit dem Vater zu thun, der ganz stille am
Boden lag. Den ganzen Vormittag folgte ich beständig allen
ihren Bewegungen, konnte aber bei ihnen nicht die geringste
Neigung wahrnehmen, sich zu nähern oder sich an dem Vater
zu halten; auch er schenkte ihnen nicht die geringste Auf-
merksamkeit. Sie waren mit einem Worte einander ganz
fremd. Etwas misgestimmt über diesen ihren Kaltsinn, der
mein« ganze im Voraus entworfene Theorie verstörte, nahm
254
ich eine Loupe und betrachtete die Jungen, während sie frei
im Wasser schwebten. Zu meinem grofsen Erstaunen ward
ich jetzt gewahr, dafs sie mit ganz ungleichen Bewegungs-
Organen ausgerüstet waren, als diejenigen sind, welche die
Aeltern besitzen. Der ganze Schwanz war nämlich von
einer flossenähnlichen Haut umgeben und ganz deut-
liche Brustflossen wurden unterschieden, welche beständig
in einer vibrirenden Bewegung waren, wie bei den Tang-
schnellen. Da keine unserer Meernadeln in ihrer völligen
Entwickelung, irgend eine Spur von Brustflossen besitzt und
auch alle der Schwanzflossen entbehren, so mufste diese Ent-
deckung, dafs jene Organe sich im zartesten Alter bei ihnen
vorfinden, mir höchst unerwartet vorkommen; indessen lag
das Factum selbst klar und unbestreitbar vor mir. Hieraus
folgt, dafs auch diese Fische wie die Froschlarven zu einer
gewissen, noch nicht bekannten Periode den Schwanz verlie-
ren, Brust und Schwanzflossen abfallen lassen müssen; etwas,
was meines Wissens noch nicht in der Klasse der Fische be-
merkt worden ist. Später am Nachmittage kam noch ein
4tes Junge hervor und den folgenden Morgen noch ein 5tes
und 6tes; mehrere wurden nicht ausgebrütet. Die ganze Eier-
masse zeigte sich jetzt in einem halb aufgelösten Zustande
löste sich nebst anhängendem Zellstoffe vom Körper ab und
zerfiel stückweis. Der Fisch starb noch am selbigen Tage
gegen Abend. Ich opferte jetzt 2 von den Jungen zur Un-
tersuchung auf und versuchte durch fleifsige Erneuerung des
Wassers die übrigen am Leben zu erhalten, um ihre Ver-
wandlung zu beobachten. Der Versuch misglückte jedoch.
Am 7ten Tage ihres Lebens starben sie einer kurz nach dem
anderen. Was ich jetzt während der kurzen Zeit, dafs sie
lebten, bemerkte, war nur ihr schnelles Wachsen von kaum
3 Schwed. Linien Länge bis auf 5 , aufserdem ging keine Ver-
änderung bei ihnen vor.
Auf der beigefügten Tafel hat Herr W. v. Wright mit
seiner bekannten Genauigkeit eins dieser Jungen abgebildet.
Fig. 1. zeigt es von der Seite vergröfsert. Fig. 2. von oben
her und die dazwischen stehende kleine Figur giebt die natür-
liche Gröfse an. Der ganze Körper ist weifs und durchsichtig,
so dafs die Wirbelsäule und der Darm in der Bauchhöhle
255
durchschimmern. Der Kopf, sehr grofs im Verhältnifs zum
übrigen Körper, nimmt ungefähr ein Sechstel der ganzen
Körperlänge ein, hat walire und distincte Augen und sodann
die nach aufwärts gebogene Schnauze, welche S. lumhrici-
formis auszeichnet. Die Länge der Schnauze ist jedoch im
Verhältnifs zum übrigen Theil des Kopfes bei dem jungen
Fische gröfser als bei den alten. Es verdient auch bemerkt
zu werden, dafs während der Stand des Kiemendeckels bei
allen älteren Syngnathen durch eine Membran und die allge-
meine Hautbedeckung mit dem Schulterringe verbunden ist
und auf beiden Seiten des Nackens blofs eme kleine Oeffnung,
wodurch die Respiration geschieht, zurückläfst, so besitzen
die Jungen denselben Kiemendeckelrand ganz und gar frei,
wodurch die Kiemenöffnungen grofs werden, wie es gewöhn--
lich bei den Fisclien der Fall ist. An der Fig. 8. sieht man
dies ganz deutlich. Die Analöffiumg, welche ihre rechte Stelle
im Verhältnifs zur Rückenflosse einnimmt, sitzt jedoch der
Schwanzesspitze etwas näher als bei den alten Individuen,
d. h. blofs ein Stück von der halben Körperlänge. Diese
Oeffnung ist noch beim jungen Fische mehr ausgezeichnet
durch die ausschiefsende, nach hinten eingeschnittene Ecke,
welche die Bauchlinie hier bildet. Die Schuppenplatten,
welche in Form von Ringen den ganzen Körper bei den altern
bedecken, scheinen noch nicht gebildet zu sein; sondern man
sieht, wenn man das Junge von oben her betrachtet, längs
der beiden Seiten des Körpers eine Reihe feiner Sägezähne
ausschiefsen, welche nichts anders sein können, als die von
den Wirbeln auslaufenden processus transver^si, welche bei
altern Syngnathen vorhanden sind und fiir die erwähnten
Hautringe directe Stützpunkte abgeben. Ich glaube an 18
solcher Spitzen zwischen Kopf und Anus und wenigstens 50
zwischen Anus und Schwanzesspitze gezählt zu haben. Die
Brustflossen, welche denselben Platz wie bei den Tangschnellen
einnehmen sind ganz klein, aber distinct; sie haben eine er-
weiterte, ^was abgerundete Spitze und blofs rudimentäre
Strahlen. Die Bewegungen dieser Organe sind besonders
lebhaft. Auch die Rückenflosse kann deutlich unterschieden
werden, obgleich die Strahlen derselben nur erst angedeutet
zu sein scheinen; von dieser Flosse läuft als eine Fortsetzung
256
sowohl nach vorn als wie nach hinten eine etwas niedri-
gere, flossenähnliche Haut ohne die geringste Spur von Strah-
len aus; die vordere Fortsetzung nimmt allmählig an Höhe
ab und verschwindet ungefähr in der halben Entfernung zwi-
schen Nacken und Rückenflosse; die hintere jedoch verläuft
längs des ganzen Schwanzrückens, mit derselben Höhe bis
zur Schwanzesspitze, schlägt sich um diese und erstreckt sich
sodann auf der unteren Seite des Schwanzes bis zum Anus.
Die Schwanzflosse hat also bei den Syngnatlius -Jungen die-
selbe Bildung und Form wie beim Aale und bildet eins seiner
vornehmsten Schwimmorgane.
So ungleich gebildete Bewegungsorgane wie man sie bei
der kleinen Meernadel, als jüngere und als ältere Individuen
antrifi"t, erklären die verschiedene Art der Ortsbewegung, deren
er sich in diesen verschiedenen Lebensaltern bedient und dies
scheint wiederum auf ganz ungleiche Lebensweise hinzudeuten.
Dies .genauer zu erforschen, sowie den Zeitpunkt und die Art
der werdenden Metamorphose zu bestimmen, bleibt fortgesetz-
ten Beobachtungen überlassen.
Im Vorbeigehen will ich erwähnen, dafs die zarten
Syngnathus - Jungen sich vielleicht am besten zu mikroskopi-
schen Untersuchungen über die Blutcirculation eignen.
Betrachtungen über das Gebifs der Raubthiere *)
{Ferae)
vom
Herausgeber.
Erste Abhandlung.
Das Gebifs der carnivoren und Omnivoren
Raubthiere.
-Uie Ordnung der Raubthiere ist so überaus interessant in
ihren Typen und Uebergängen, dafs sie unter allen Ordnungen
der Säugethiere am meisten zum Studium einladet, namentlich
was die Mannigfaltigkeit des Gebisses und dessen Umbildung
betriflPt. Welche Verdienste sich in dieser Hinsicht F.Cuvier
erworben, und wie auf die typische Verschiedenheit des Ge-
bisses fufsend, sein unsterblicher Bruder die Familiengruppen
meist so richtig bezeichnet hat, ist zu bekannt, als dafs ich
noch dessen weiter Erwähnung thun sollte. Wundern mufs
1) Diese Abhandlung ist ursprünglich ein Bruchstück aus meinen
„Grundzügen der allgemeinen Zoologie", einem Werke,
welches die Principien der zoologischen Systematik behandelt und
schon 1833 von mir (Berl. Jahrb. für wissenschaftl. Kritik. Febr. S.398.)
als bald erscheinend angekündigt wurde. Mangel an Mufse hat mich
an der Erfüllung dieses Versprechens gehindert; doch nicht zum
Nachtheile des Werkes, obschon meine Ansichten sich seitdem nur
befestigt, nicht geändert haben. Ich theile diesen Aufsatz hier, ob-
gleich er noch unreif ist, vorläufig mit, in der Hoffnung und mit der
Bitte, dafs die Naturforscher, welche in diesen Gegenstand einschla-
gende Beobachtungen, namentlich über das Milchzahngf4,ifs einzelner
Gattungen gemacht haben, diese meiner Zeitschrift nicht vorent-
halten.
258
man sich aber, wie dieser Meister, indem er Gebifs und Fufs-
bildung vorzugsweise berücksichtigte, bei der Masse des Ma-
terials, welches ihm vorlag, die Trennung der typischen Raub-
thiere in Plantigraden und Digitigraden noch beibehalten mochte,
da es ihm selbst nicht unbekannt w^ar, dafs mehrere der von
ihm als Zehengänger aufgeführten Thiere wesentlich plantigrad
sind, umgekehrt aber bedarf es keiner so genauen Ansicht
um sich zu überzeugen, dafs der nordische Vielfrafs {Gulo
horealis) gar nicht, und selbst der Dachs in geringerem Grade
plantigrad ist, als andere, welche G. Cuvier zu seinen
Zehengängern rechnet, z. B. Mydaus. Es ergiebt sich also, dafs
dieser Charakter wie jeder einzelne nicht unterscheidend ist
und in völliger Consequenz gebraucht, nur zu unnatürlicher
Zusammenstellung führt. Wenn nun aber die Fufsbildung keinen
durchgreifenden Unterschied darbietet, ist sie überhaupt von
Wichtigkeit? Allerdings; sie ist characteristisch für die beiden
Extreme der Ordnung, für die Bären die plantigrade, für die
Katzen die digitigrade, sonst aber finden wir in jeder der
typisch -digitigraden Familien abweichende Genera und selbst
nur Arten, wo die Sohle mehr oder weniger nackt ist, die
also schon in sofern eine Hinneigung zum Typus der Bären-
familie verrathen. Aber eben so wenig durchgreifend, wie
die Fufsbildung ist auch das Gebifs. Nur in den beiden Ex-
tremen (Katzen und Bären) scharf entgegengesetzt, bietet es
in jeder der zwischenliegenden Familien Uebergangsformen
dar, indem der Familientypus des Gebisses so modificirt und
zum andern Extreme, zu dem Typus des Bären -Gebisses hin-
übergeführt wird, dafs man zuweilen in Zweifel geräth, ob
man die Gattung nicht mit eben so vielem Rechte dieser Fa-
milie beigesellen könnte. Diese Umwandelung des Gebisses
mag denn auch Veranlassung gegeben haben , dafs man solche
abweichende Genera für Glieder der Bärenfamilie ansah, so z. B.
den Dachs, welcher, wie wir sehen werden, nicht dieser, son-
dern als Uebergangsglied entschieden der Marder -Familie zu-
gehört. Weder die Fufsbildung, noch das Gebifs ist also für
sich allein ein durchgreifender Character der Familien, indem
beide nur in den Extremen der Ordnung scharfe Gegensätze
darbieten, welche aber die Natur, wie überall, so auch hier
durch Mittelbildungen zu mildern und auszugleichen strebt.
259
Die zwischen beiden Extremen zwischenliegenden Familien
können aber deshalb weder einseitig durch die Fufsbildung,
noch allein durch das Gebifs characterisirt werden, sondern
der Typus der Familie ist in seiner Totalität zu fassen, und
die Abweichungen sind auf den Typus zurückzuführen. —
Hier sind es nur die Modificationen des Gebisses, welche
ich näher beleuchten will, um das Negative und Trügliche in
demselben hervorzuheben. Leider mufs dabei Manches zur
Verständigung wiederholt werden, was schon allgemein be-
kannt ist, aber manches des Bekannten möchte in der Weise,
wie es hier unter allgemeinen Gesichtspunkten aufgefafst wird,
neu erscheinen und neben dem Bekannten wird man auch
vieles Neue finden. Das Gebifs der Omnivoren und carnivoren
Raubthiere, welches uns als das typische der Ordnung hier
zunächst beschäftigt, bietet minder erheblichej Verschiedenheiten
in Vorder- und Eckzähnen dar, während die Hauptmodifica-
tionen die Backenzähne betreffen; umgekehrt ist es bei den
Insectivoren als einer aberranten Gruppe , welche von den
Raubthieren zu den Nagethieren hinüberführt. Da nämlich
die Abwesenheit der Eckzähne, die Gestalt und Zahl der Vor-
derzähne das Gebifs der Nagethiere von dem der Raubthiere
wesentlich unterscheiden, so mufs hier, soll dieser schroffe
Unterschied gemildert und aufgehoben werden, die Modification,
durch welche das Gebifs der abweichenden Raubthiere dem der
Nagethiere nahe gebracht werden soll , vorzugsweise die Zahl
und Form der Voiderzähne, und die Entwickelung der Eck-
zähne betreffen, und insofern ganz ähnliche Erscheinungen dar-
bieten, wie wir sie in der den Krallenthieren ^) parallelen Reihe
der ovoviviparen Säugethiere, nämlich in den frugivoren Beu-
telthieren, als einem Zwischengliede zwischen den carnivoren
und nagethierähnlichen Beutelthieren (Fhascolomys) antreffen.
Davon ein Näheres in der zweiten Abhandlung.
Der Typus der Raubthiere, den wir hinsichtlich der Zahl
der Vorderzähne nur in einer Gattung (bei der Seeotter) und
2) Mit dem gemeinsamen Namen der Krallenthiere bezeichne
ich die Ordnungen der Raubthiere, Nagethiere und Edentaten (letz-
tere mit Ausschlufs der Monotremen) und setze ihnen als parallele
ovovivipare Reihe die Ordnungen der Beutelthiere und Monotremen
entgegen. Berlin. Jahrb. für wissenschaftl. Kritik. Jahrg. 1831. S. 828.
260 .
auch hier nur im zweiten bleibenden Gebisse verändert finden,
zeigt, uns bekanntlich in der Ober- und Unterkinnlade 6 mehr
oder weniger schneidende Vorderzähne, und jederseits einen
stark entwickelten, verlängert konischen, mehr oder minder
gekrümmten Eckzahn oben wie unten, von denen der untere
jederseits vor dem Eckzahne des Oberkiefers in eine Lücke
zwischen ihm und dem äufseren Vorderzahne eingreift, währ
rend der obere den Raum zwischen dem Eckzahne des Unter-
kiefers und dessen erstem Lückenzahne ausfüllt. Vorderzähne,
wie Eckzähne haben stets nur eine einfache Wurzel.
Eine um so gröfsere Mannigfaltigkeit bieten dagegen die
Backenzähne, sowohl in Form und Zahl der Lückenzähne
oder falschen Backenzähne, wie in der Gestalt des ersten
wahren Backenzahnes oder Fleischzahnes und endlich noch in
der Zahl, Gestalt und Gröfse der auf den Fleischzahn folgenden
Höckerzähne.
Die Lückenzähne oder falschen Backenzähne sind
mit Ausnahme des vordem meist rudimentären, einwurzligen,
der konisch ist und oft früh ausfällt, in den beiden Extremen
der Gruppe sehr verschieden. Bei den entschieden fleisch-
fressenden Raubthieren erscheinen sie stark seitlich zusammen-
gedrückt, haben eine scharfe ein-, zwei- bis dreizackige Schneide,
ihre Zahl verringert sich in dem Maafse als die Kiefer mehr
verkürzt werden, was in dem Extreme der entschieden fleisch-
fressenden Raubthiere, bei den Katzen, sein Maximum erreicht.
Bei den Omnivoren oder bärenartigen Raubthieren, dem andern
Extreme dieser Gruppe sind die Lückenzähne stumpf konisch,
haben keine zusammengedrückte schneidende Krone und verlie-
ren an ihrer Wichtigkeit so sehr, dafs sie in der Gattung Ursus
rudimentär bleiben und früh ausfallen. Die Zahl der Lücken-
zähne ist in der Regel im Unterkiefer um einen jederseits
gröfser als im Oberkiefer.
Die ersten Backenzähne oder Fleischzähne beider Kiefer
bilden den Mittel- und Wendepunkt in der Reihe der Backen-
zähne. Sie bestimmen sowohl die Form der ihnen vorherge-
henden falschen Backenzähne oder Lückenzähne, wie der ihnen
folgenden Höckerzähne. Nur in wenigen Fällen (bei einigen
bärenartigen Thieren und Viverren) kann man zweifeln, welchen
Zahn man als Fleischzahn ansprechen soll. Als Kriterium
261
mag dann dienen, dafs der obere Fleischzahn stets etwas vor
dem unteren aufsen eingreift. — Der obere Fleischzahn ist um
so mehr nach hinten gerückt, je entschiedener fleischfressend
ein Raubthior ist. Daher denn auch im Milchzahngebisse,
welches hinsichtlich seiner Annäherung zum Extreme des Raub-
thiertypus um einen Grad tiefer steht, als das bleibende, der
Fleischzahn um eine Zahnlänge weiter nach vorn steht, d. h.
die Stelle einnimmt, welche im bleibenden Gebisse der ihn ver-
drängende letzte Lückenzahn inne hat.
Ich halte es nicht für zweckmäfsig, bei Betrachtung des
Fleischzahnös von der Form auszugehen,' welche uns das Ex-
trem der carnivoren Raubthiere in den Katzen darbietet, weil
hier nicht, wenigstens am Fleischzahne des Unterkiefers, beide
ihn constituirende Theile vorhanden sind. Eben so wenig eignet
sich das andere Extrem der bärenartigen Raubthiere dazu,
weil, wenn auch hier beide Theile vorhanden sind, doch der
zwisfchen ihilen obwaltende Gegensatz aufgehoben ist. Ein
Mittelglied zwischen beiden Extremen, das Gebifs der Hunde,
kann am besten als Grundlage des Studiums dienen; bei Ver-
gleichung eines Hunde-, Katzen- und Marderschädels wird
man, selbst ohne die Schädel aller Familien- oder Gruppen-
typen zu besitzen, leiclit diesa Zeilen verstehen. Um jedem
Misverständnifs vorzubeugen bemerke ich noch, dafs im Fol-
genden mit der Länge des Zahnes dessen Dimension von vorn
nach hinten, mit der Queere, dessen Dimension von aufsen
nach innen gemeint ist.
Die Fleischzähne der Carnivoren zeigen sich uns im Allge-
meinen als eine höhere Entwickelung des letzten Lückenzahnes,
was da, wo, wie bei den Hyänen die Lückfenzähne sehr ent-
wickelt erscheinen, leicht in die Augen fällt. Der obere
Fleischzahn unterscheidet sich aber selbst bei diesen und ganz
allgemöln' durch einen inneren Höckeransatz. Bei den ent-
schiedeirsten Fleischfressern ist dieser Ansatz spitziger, hat
am bleibenden Fleischzahne derselben immer seinen Platz
am vorderen Ende des langen Zahnes, während er am oberen
Fleischzahne des Wechselgebisses seinen Platz an der Mitte
der Innenseite einnimmt. Das Gebifs der minder carnivoren
Raubthiere, welche wir als abweichende Glieder in den typisch
cahiivorfen Familien antreffen, nähert sich nun darin dem
26^
Milchzahngebisse der typischen Gattungen, dafs jener Ansatz
mehr gegen oder selbst an die Mitte des Zahnes rückt und
am Umfange zunehmend meist stumpfer wird. Durch die
Umfangsvergröfserung des inneren Ansatzes, wird, indem der
Fleischzahn zugleich an Länge verliert und dadurch etwas zur
Form der Ilöckerzähne herabsinkt, seine Gestalt verändert,
nähert sich der eines gleichseitigen Dreiecks oder verschobe-
nen Vierecks. Wenn nun dabei seine äufsere Schneide min-
der zusammengedrückt wird, ihre Zacken stumpfer werden,
so geht er in die Form des Fleischzahnes 'der Onmivoren
über, wird fast zum Ilöckerzähne. — Bei den bärenartigen
oder typisch-omnivoren Raubthieren hat der obere Fleischzahn
seine Bedeutung als solcher ganz verloren. Die scharfkanti-
gen Zacken seiner äufseren Schneide sind zu stumpfen Höckern
geworden; der innere Höckeransatz ist fast von gleicher Gröfse
mit dem, der Schneide entsprechenden, äufseren Theile des Zahnes
{Procyon, Nasua), von denen der vordere, wie bei den ab-
weichenden Gattungen der typisch- carnivoren Raubthiere, der
mittleren Zacke (hier Höcker) der Schneide gegenübersteht
und dieser in Höhe wenig nachgiebt, — oder der Höckeransatz
ist kleiner, indem der vordere innere Höcker bei fehlender
vorderer Zacke der Schneide rudiRientär ist, und der hintere
mit dem hinteren Höcker der Schneide ziemlich in gleicher
Linie steht und fast gleiche Höhe hat (JJrsus^, Dies ist dann
auch die unvollkommenste Bildung des oberen Fleischzahnes.
Bei Umbildung des Fleischzahnes in den abweichenden
Gattungen der typisch -carnivoren Raubthierfamilien oder bei
Vergröfserung der Kaufläche ihrer Höckerzähne spielt Illiger's
Zahnkranz (cingulum) , der mehr oder weniger deutliche
Zwischenraum zwischen Wurzel und Krone, eine wichtige
Rolle. Während er z. ß. hinten an der Innenseite des obe-
ren Fleischzahnes der Hunde nur als eine wenig merkliche
Leiste auftritt und vorn ganz verschwindet, wird er an den
Fleischzähnen jener abweichenden Genera nicht selten bedeutend
dicker, verflacht sich und vergröfsert so den Umfang der
Krone des Zahnes, ja entwickelt, wie z. B. beim Dachs am
hinteren Rande des Zahnes einen Höcker, während der vor-
dere typische Höcker rudimentär wird. Zuweilen bleibt es
nur bei Verrücknng des inneren Höckers zur Mitte des Zah-
263
nes ohne dafs zugleicl» eine VergröCserung des Cingulum hin-
zutritt (^MepJiitis). Die Verrüokiing des inneren Höckers
sehen wir aber zugleich mit der Vergröfserung des folgenden
Höckerzalme^, qder Bait, VerDjiehrung der Zahl der hinteren
Ilöckerzähne eintreten.
Der Fleischzahn des Unterkiefers läfst sich ebenfalls als
ein mehr entwickelter Liickenzalin bezeichnen, in sofern diese,
wie sich aus dem Folgenden ergiebt, verkümmerte Wieder-
holungen des Fleischzahncs sind. . Der untere Flei?chzahn
läfst sich nodi weit weniger, als der obere in den Extremen
Studiren, sondern nur in einem <lcr Mittelglieder, wo er seine
beiden Theile, die Schneide und den Höckeransatz, voll-
ständig zeigt, also am besten im Gebisse des Hpndes. Auch
hier ist wieder die Aehnliclikeit mit den Lückenzähnen bei
den Raubthieren gröfser, bei welchen die Lückenzähne vollstän-
diger entwickelt, dreizackig sind, wie bei den Hyänen. Während
an dem hintersten Lückenzahne gewöhnlich die . vordere Zacke
der Schneide gänzlich verschwindet, ist sie ^n de^.Spjhi^ei4<5
des Fleischzahnes bedeutend vergröfsert und nach iojien ge-
wandt, die hintere mehr oder minder nach innen und vq^i^
gerückt. Der Höckeransatz ist am unteren Fleisch^ahnp nie
ein innerer, sondern immer ein hinterer. War <e$ beim
Fleischzahne des Oberkiefers minder deutlich, dafs der hiec
stets innere Höckeransatz eine Entwickeli^^g des Cingulum
ist, so ist es bei dem des Unterkiefers ^^ ijn ;die . Augeö fal-
lend, dafs es nicht in Abrede gestellt w^erden kann. Man
betrachte nur da« Gebifs des Hundes, und man wird leicht
sehen, dais es schon an dessen hintersten Lückenzahne an der
Hinterseite auffallend verdickt ist. Wird also dieser Lücken-
zahn in seinen Theilen als Fleischzahn mehr entwickelt, so
mufs sich nicht nur die Schneide, sondern auch jene hintere
Verdickung des Cingulum vergröfseren , letztere wird also
zu einem wahren Höckeransatze, der beim Hunde an seinem
Aufsenrande einen stumpfschneidigen Höcker, an seinem Innen-
raude ein kleineres Höckerpaar trägt. Der vordere Schneidentheil
des Fleischzahnes erleidet bei den entschiedensten Carnivoren
in sofern eine Umänderung als die hintere 2Lacke mehr ver-
kleinert wird (Marder), dann rudimentär wird und nur durch
eine erhabene Linie sich andeutet, (bei den Iltissen) und bei den
264
Katzen endlich zugleich mit dem hinteren Köckeransatze ganz
fehlt, so dafs sich bei letzterer Thiergattung der li'leischzahn
ganz auf die beiden vorderen Zacken der Schneide beschränkt.
Von grofsem Interesse ist es hier wieder, dafs diese hintere
Zacke, welche am bleibenden unteren Fleischzahne der Katze
fehlt, im Fleischzahne ihres Milchzahngebisses vorhanden, klei-
ner als die beiden vorderen, und ganz am Hinterrande des
Zahnes, nur wenig einwärts gelegen ist; so dafs also bei der
Katze die dreizackige Form des Fleischzahnes als eine vor-
übergehende auftritt, Während sie bei den übrigen sich «nehr
vom Extreme entfernenden Carnivoren eine bleibende wird.
Auch die wulstige Verdickung des Cingulum findet sich am
Hinterende der Krone des Wechsel -Fleischzahnes vor, so dafs
dieser dann in Gestalt dem ihn verdrängenden letzten Lücken-
zahne des bleibenden Gebisses sehr ähnlich ist. Es könnte
den Anschein haben, als ob der hintere Höcker des Wechsel-
Fleischzahnes der Katzen bei den Iltissen, den Mardern u. s. w.
zu dem Gradus oder Höckeransatze umgebildet wäre. Dafs
dem aber nicht so ist, lehrt die Vergleichung des letzten Lücken-
zahnes beim Marder; man findet hier ebenfalls die hintere
Zacke vor und das Cingulum erscheint am Hinterende des
Zahnes zu einer halbkreisförmigen Wulst verdickt, also als
ein Rudiment des hinteren Höckeransatzes, nur liegt hier die
hintere Zacke ganz am Hinterrande der Schneide, während
- sie- am Fleischzahne nach innen und vorn geschoben ist.
Ueberhaupt scheint diese hintere Zacke des Fleischzahnes um
so mehr vergröfsert und nach vorn und innen gerückt zu
werden , als sich das Gebifs vom Extreme der carnivoren
Raubthiere entfernt, und das Cingulum sich am Hinterrande
des Zahnes zu einem halbkreisförmigen oder fast vi^seitigen
Höckeransatze (^gradus) ausbildet. Leider fehlen über das
Wechselgebifs der meisten Raubthiere nähere Untersuchungen
und ebenso mangelt es in den Museen an dem nöthigen Ma-
terial, da man junge Thiere einzusenden selten der Mühe werth
hielt. Unter den Reisenden hat freilich der treffliche Rengger
dem Milchzahngebisse der Raubthiere einige Aufmerksamkeit
geschenkt; aber er begnügt sich mit Angabe der Zahl der
Zähne, ohne in die nähere Beschreibung derselben einzugehen.
Es wäre z. B, zu wünschen, dafs die Milchzähne des Iltisses
265
genauer betrachtet würden; wahrscheinlich findet sich an sei-
nem unteren Fleischzahne der innere Höcker, der am blei-
benden Fleischzahne felilt. Auch am unteren FleischzaJuie
im Wecliselgebisse des Hundes ist die dritte oder innere Zacke
der Schneide verhältnifsmäfsig gröfser und liegt ein wenig
mehr nach vorn, als am bleibenden Zahne.
Die hinter dem Fleischzahne des Oberkiefers fdgeudea
hinteren Höckerzähne sind nur Modificationen des Fleisch^
Zahnes, theils durch Verkürzung der äufseren Schneide, deren
Zacken in stumpfe nicht comprimirte Höcker umgewandelt
werden, theils durch Vergröfserung des inneren Höckeran-
satzes und eine gröfsere Ausbildung des Cingulum herbeige-
führt. Auch liier wird wieder eine genauere Kenntnifs des
Wechselgebisses der verschiedenen Familientypen wichtige Auf-
klärung geben. Wie es scheint, läfst sich immer der obere
llöckerzahn auf den Fleischzahn des Wechselgebisses zurück-
führen, an welchem bei den typischen Carnivoren der innere.
Höckeransatz seine Stelle an der mittleren Zacke der Zahn-
schneide hat, eine Stellung, welche er bei den aberrariteri
Gliedern dieser Familien auch am bleibenden Fleisclizahne
beibehält. Der obere Höckerzahn erscheint mir nämlicli als
eine Wiederholung der mittleren und hinteren Zacke des
Wechsel- Fleischzahnes und des der ersteren angehäiigtoii
Höckeransatzes. Er ist daher seiner Grundform nach drei-
eckig imd dreihöckrig. Die beiden äufseren Höcker gleich
hinter der Verdickung des Cingiilum entsprechen den beiden
hinteren Zacken der Zahnschneide, der innere dem inneren
Höckeransatze des Fleischzahnes. Diese einfache Form treffeil
wir z. B. bei den Genetten. Dadurch, dafs sich das Cingu-
lum am Aufsenrande verdickt, am Innenrande flach ausbreitet,
wird eine quer -längliche Gestalt der Kaufläche herbeigeführt,
so bei Mustelüy Futorius, oder eine quadratische, vier^-
höckerige (JVLepJiitis), indem sich das Cingulinn am Hinter-
rande des Zahnes mit einem vierten Höcker erhebt, oder es
tritt zu dem einfachen inneren Höcker noch ein mittleres Paar
hinzu, während das Cingiilum sich nach innen wulstig zu einem
wallförmigen Ansätze ausbildet (Hunde). — Dabei ist nun
nicht aufser Acht zu lassen, dafs alle diese Modificationen
beim Höckerzahne des Wechselgebisses gar nicht oder in ge-
IV. Jahrg. 1. Band. 18
ringerem Grade eintreten, als beim bleibenden Höckerzaline,
in sofern sich erst in diesem das Naturell des Thieres, soweit
es auf die Bildung der Zähne von Einflufs ist, entschiedener
ausspricht. Es ' bildet mithin der Höckerzahn des Wechselge-
bisses eine Zwischenforni zwischen dem Wechsel-Fleisclizahne
und dem bleibenden Höckerzahne, und wir können sagen, dafs
der hintere Höckerzahn des Wechselgebisses eine riiodificirte
Wiederholung des mittleren und hinteren Theiles vom Wechsel-
Fleischzahne, der bleibende Höckerzahn aber eine weitere
Ausbildung des vergänglichen Höckerzahnos ist, mit den Mo-
dificationen , welche das Naturell des Thieres erfordert. So
ist der obere Höckerzahn im Wechselgebisse der Katzen, da
er die mittlere und hintere Zacke des Wechsel -Fleischzahnes
und den der ersteren adhärirenden Höckeransatz wiederholt,
ein kleiner dreiseitiger, dreihöckeriger und dreiwurzliger Zahn.
Der ihn ersetzende Höckerzahn des bleibenden Gebisses, wird
aber nach dem Naturelle dieser Gattung modificirt; da dieses
enfechiedener carnivor ist, so mufs die Höckerbildung am
Weibenden Zahne verringert werden; es fällt also aufser der
bereits im Milchzahne verschwundenen vorderen Zacke, auch
noch der der hinteren Zacke entsprechende hintere Höcker
wi6g, lind der Zahn wird dadurch ein linearer, quer ste-
hen der, zwei wurzlig er Zahn, welcher demnach nur eine
Wiederholung der mittleren Zacke der Schneide und ihres
ihheren Höckeransatzes ist. Der entgegengesetzte Fall tritt
beim Gebisse der Hunde ein. Der Höckerzahn des Wechsel-
gebisses ist auch hier eine modificirte Wiederholung der beiden
hinteren Zacken des Wechsel-Fleischzahnes und des der mitt-
leren Zacke adhärirenden Höckeransatzes. Die Modification
betrifft die beiden Zacken der Schneide, welche verkürzt und
zu zwei stumpfen Höckern umgebildet sind, ferner das Cin-
giilinn, welches wulstiger geworden, und den inneren Höcker-
ansatz, welcher im Umfange vergröfsert ist; aber es fehlt
Him noch das innere Höckerpaar, welches am bleibenden Zahne,
der sich noch entschiedener ziun Höckerzahne auszubilden hat,
hinzutritt. Im hiesigen zootomischen Museum, dessen inibe-
schränkte Benutzung mir Herr Prof. Müller mit grofser
Liberalität gestattete, findet sich ein von Ehrenberg und
He mp rieh eingesandter jugendlicher Schädel einer Zo-
267
rille ^), welcher einen sehr lehrreichen Beweis für meine Theorie
liefern würde. An ihm sind noch sämmtliche Nähte sichtbar,
nnd der Fleischzahn und der Höckerzahn des Oberkiefers
noch nicht gewechselt; der untere Höckerzahn ist noch
nicht hervorgebrochen. Der obere Höckerzahn zeigt dieselbe
Modification, welche wir am Höckerzahn des Wechselgebisses
beim Hunde kennen gelernt haben; ja er gleicht diesem in
seinem Umrisse sehr, wenn auch nicht völlig. Er hat die Ge-
stalt eines gleichschenkligen, mit seiner Spitze nach innen
gekehrten Dreiecks, zeigt wie der Wechsel -Höckerzahn des
Hundes nur 3 Höcker, von denen der innere die Spitze des
Dreiecks einnimmt; es fehlt ihm also der vierte, am mehr
entwickelten Cinguluin gebildete Höcker, welcher den quer-
länglichen bleibenden Höckerzahn der Zorillen auszeichnet.
Ganz ähnlich ist die Umbildung, welche der obere Höckerzahn
im bleibenden Gebisse der Fischotter und Seeotter erleidet ; denn
auch hier fehlt dem Wechselzahn die innere wulstige Ausbrei-
tung des Cingulum und der vierte Höcker, so dafs die Form
dieses Wechselzahnes dieselbe dreiseitige ist, wie bei jener
Zorilla, nur sind die Höcker stumpfer.
Wenn nun dem bleibenden Höckerzahne der Fkdschzahn
des Milchzahngebisses als Typus zu Grunde liegt, jener mithin
diesem seiner Form nach ähnlicher ist, als dem bleibenden
Fleischzahne, so darf es uns nicht wundern, dafs die Ver-
schiedenheit zwischen dem bleibenden Fleischzahne und dem
bleibenden Höckerzahne bei den abweichenden Gliedern der
carnivoren Familien (Lutra^ Enhydris) oft geringer ist, als bei
3) Dieser Schädel ist obwohl offenbar einem ganz jungen Thiere
angehörig gröfser als der der capschen Zorille, zeichnet sich a^ch
noch durch einen breiteren kräftigeren Jochbogen aus, gehört mithin
einer bestimmt verschiedenen Art an. Ein anderer ebenfalls von
Hemprich und Ehrenberg stammender Schädel im zool. Museum
bei dem die Nähte verschwunden , die Zähne abgenutzt sind, zeichnet
sich, obwohl er hiernach einem erwachsenen Thiere angehörte, durch
bedeutend geringere Gröfse und einen stark entwickelten Postorbital-
fortsatz des Stirnbeins aus. Ich bin demnach der Ansicht, dafs es
3 Arten Zorillen in Afrika giebt, deren äufsere Charaktere festzu-
stellen sind. Wahrscheinlich bildet die Zorille der Umgegend von
Erzerum (S. dieses Archiv Jahrg. 11. 2. S. 281.) eine 4te Art und die
Zorille hat nicht ein so ausgedehntes Vaterland, wie man annimmt.
18*
268
den typischen Gattungen; denn es liat bei jenen anch der
bleibende Fleischzalm seinen inneren Höckeransatz an der
Mitte der Schneide, wie am Mikh -Fleischzahne, indem die Ge-
stalt, welche bei jenen nur als eine vorübergehende auftrat,
hier zur bleibenden geworden und mehr oder minder zum
Höckerzahne modificirt ist. Immer aber hat man dabei von
der Ent Wickelung des Cingulmn und der vermehrten Höcker-
bildung zu abstrahiren, welche, wie wir gesehen haben, erst
am bleibenden Höckerzahne in ihrem ganzen Umfange auf-
tritt. Daher erklärt sich denn auch, dafs die Höckerzähne
bei den typischen Gattungen der Carnivoren dem Fleischzahne
der aberranten Glieder ihrer Familie nicht selten ähnlicher
sind als dem eigenen Fleischzahne, denn sowohl den Höcker-
zähnen der ersteren, als dem Fleischzahne der letzteren liegt
der typische Fleischzahn des Wechselgebisses, welcher bei
den aberranten mit geringer Modification zum bleibenden
geworden, als Norm zu Grunde; auch ist die bei beiden ein-
tretende Modification, Verkürzung, Abstumpfung der Höcker
11. s. w. ziemlich dieselbe, höchstens graduell verschieden.
So ist denn z. B. der erste bleibende Höckerzahn der Hunde
seinem Umrisse nach ' dem Fleischzahne von Otocyon ähnli-
cher, als dem eigenen Fleischzahne. Ebenso erscheint der
bleibende Höckerzahn der Marder, wenn man sich die innere
Ausbreitung des Cingulum hin wegdenkt, dem Fleischzahne
des Dachses im Umrisse ähnlicher als dem eigenen Fleisch-
zahne, Noch gröfser aber ist die Aehnlichkeit zwischen dem
Wechsel -Höckerzahne der typischen Genera und dem blei-
benden Fleischzahne jener aaerranten Gattungen, weil bei
ersterem jene Umbildung zum Höckerzahne in geringerem
Grade eingetreten ist.
Viel leichter ist es die Höckerzähne des Unterkiefers auf
den ihnen vorhergehenden Fleischzahn zurückzuführen. Sie
sind Wiederholungen vom hinteren Höckeransatze des Fleisch-
zahnes, demnach wo ihrer mehrere sind, von vorn nach hin-
ten an Gröfse abnehmend, so wie die Lückenzähne, welche
Wiederholungen seiner Schneide sind, um so mehr an Gröfse
verlieren und rudimentär werden, als sie weiter nach vorn
stehen. Vom hinteren Höckeransatze zeigen sie noch z. B.
beim Hunde ein Rudiment in der hinteren Verdickung des
\ 269
Cingulum. Im Extreme der Fleischfresser, bei den Katzen,
wo der bleibende untere Fleischzalui keinen hinteren llöcker-
ansatz besitzt, fehlt auch der hintere Höckerzahn; ebenso fehlt
er bei den Hyänen, bei denen der hintere HöckeranFatz des
unteren Fieischzahnes wenig mehr entwickelt ist, als die hin-
tere Verdickung des Cingulum am letzten Liickenzahne. In
der Bärenfamilie dagegen, wo am unteren Fleischzahne der
Gegensatz zwischen Schneide und Höckeransatz, weil der
Dreizack der Schneide zu stumpfen Höckern umgewandelt ist,
ganz wegfällt, wiederholt sich in dem darauf folgenden Höcker-
zahne nicht der dem Höckeransatz entsprechende hintere Theil
des Zahnes, sondern es wiederholt sicli dieser ganz, da er
ganz zum Höckerzahne geworden ist.
Die Zahl der Höckerzähne, welche sowohl oben wie unten
auf den Fleischzahn folgen, ist von G. Cuvier zur Cha-
rakteristik der Familien oder Tribus seiner Digitigraden an-
gewandt worden. Er hat bekanntlich die Familie der Marder
durch einen Höckerzahn, die der Hunde durch 2 Höcker-
zähne, die der Viverren durch 2 obere und einen unteren,
die der Hyänen und Katzen durch den Mangel des unteren
Höckerzahnes charakterisirt. Es ist nicht zu läugnen, dafs
'die Zahl der Höckerzähne meist charakteristisch ist; aber sie
ist eben so wenig constant, als die Form der Backenzähne;
wie d^ese nur in den Extremen und den typischen Gattungen
der zwischenliegenden Familien beständig ist, in deren abwei-
chenden Gattungen dagegen zu dem Typus der Omnivoren
hinüber spielt, so schwankt auch die typische Zahl der hinteren
Höckerzähne in den abweichenden Gattungen der einzelnen
Familien. Es lassen sich demnach von ihr allein eben so
wenig sichere Charaktere entnehmen, wie von der Bildung der
Schneide des Fleischzahnes und der aus dieser abzuleitenden
Beschaffenheit der Lückenzähne. Soll also das Gebifs zur
Charakteristik der Familien benutzt werden, so ist es in der
Gesammtheit seines Typus so aufzufassen, dafs die Modifica-
tionen, welche es in den abweichenden Familiengliedern erlei-
det, sich leicht auf den Typus zurückführen lassen. Dazu
bedarf es nun emer solchen Zurückführung der einzelnen
Backeirzähne auf einander, wie ich sie im Vorhergehenden
bereits versuciit habe; und erst dann wird uns das Gebifs der
270
Raubthiere in allen seinen Modificationen vollständig klar wer-
den, wenn uns das Milchzahngebifs, die Durchgangsstufe
des bleibenden, in möglichst allen Gattungen der einzelnen
Familien genauer bekannt sein wird. Ich will versuchen im
Folgenden zu djieser Aufgabe einige Beiträge zu liefern ; be-
dauere aber, gerade in Hinsicht des Wechselgebisses nur ein
geringe^ Material benutzen zu können, weiches indessen für
den Typus der einzelnen Familien leidlich ausreicht.
Als die beiden Extreme der Raubthiere bezeichnet marf
mit Recht einersejits/ die Katzen und Hyänen, welche sich als
die entschiedensten Fleischfresser wie Falken und Geier zu
einander verhalten : — andrerseits die bärenartigen Omnivoren,
welche in Uebergangsgliedern die Raubthiere mit den gleich-
falls Omnivoren Quadrumanen (Halbaffen) verbinden. Die
Kluft zwischen beiden Extremen füllen als Zwischenglieder die
Familien der Marder, Hunde und Viverren, aber nicht, wie
man es gewöhnlich darstellt, in einer einfachen linearen Reihe,
sondern in einer doppelten, welche einerseits von den Katzen
duc«h die Marderfamilie, andrerseits von den Katzen durch
die Hyänen, Hunde und Viverren zu den Omnivoren bären-
artigen Raubthieren hinüberführt und so sich, wie jede natür-
liche Gruppe, kreisförmig in sich abschliefst. Jede dieser
typisch -carnivoren Zwischenreihen bleibt aber ebenfalls keine
einfache, sondern bildet in sich einen Gegensatz, indem sie
in einer Form oder Formenreihe den Zahn- Typus ihrer Fa-
milie rein bewahrt, in der anderen zum Höckerzahngebifs
des Omnivoren Raubthier- Typus mehr oder . minder umwan-
delt; ja sie mindert wieder, wenigstens in der Marderfamilie,
diesen Gegensatz durch eine (dritte) Zwischenreihe, welche
sich nicht nur im Gebisse, sondern auch im ganzen Habitus,
selb*st in der vorherrschenden Färbung, als ein Zwischenglied
beider Gegensätze ausweist. Betrachten wir nun die einzelnen
Familien näher.
Von den Katzen, als dem Ausgangspunkte unsrer Betrach-
tung brauche ich nicht Vieles zu sagen; denn das Characte-
ristische ihres Gebisses ist zum Theil schon im Obigen be-
rührt, zum Theil zu bekannt, um ausführlich beschrieben zu
werden. Die Katzen besitzen bekanntlich keinen Höckerzahn
hinter dem unteren Fleischzahne, der obere ist im bleibenden
271
Gebisse ein linearer, zwei würz liger Querzahn (s. S. 266.).
Ihrem unteren Fleischzahne fehlt die hintere innere Zacke und
der hintere Höckeransatz gänzlich. Am oberen, besonders in
seiner hinteren scharfschneidigen Zacke sehr langstreckigen
Fleischzahne hat der kleine innere Ansatz seinen Platz ganz
am Vorderende des Zahnes. Dabei ist dieser Zahn äufserst
weit nach hinten gerückt, ganz unter dem Hinterende des
Processus zygomaticiis vom Oberkiefer, mithin bleibt im Ober-
kiefer nur Raum für Entwicklung eines rudimentären zwei-
wurzligen Höckerzahnes. Chariakteristisch ist endlich bei der
starken Verkürzung der Kie^or die äufserst geringe Zahl der
Lückenzähne, J welche dafür stärker entwickelt sind (der hin-
tere des Unterkiefers deutlich dreizackig, der obere minder
deutlich dreizackig.)
An die Katzen, als die entschiedensten Carnivoren reiht
sich, wie oben bemerkt wurde, die Marderfamilie; sie ist in
ihren typischen Formen fleischfressend, führt aber durch eine
Reihe abweichender, mehr oder minder omnivorer Genera zu
den bärenartigen Raubthieren hinüber. Sie ist auch nicht mehr
blofs digitigrad, wie die der Katzen, sondern mehr oder weni-
ger plantigrade Gattungen treten an die Seite verwandter
Zehengänger. G. Cuvier charakterisirt seine Gruppe der
Verm'iformes durch den Besitz eines Höckerzahnes am Ende
beider Kiefer. Er rechnet dahin aufser Mustela und Puto-
rius noch Mephitis, Mydaus und Lutra, letztere mit Ein-
schlufs der Seeotter, deren Gebifs er nicht kannte, denn er
giebt an, dafs ihre Backenzähne, wie bei den übrigen Ottern
(^Lutra) gebildet seien. {R. A. sec. edit 1. p.l48.) Mit Aus-
nahme von Mephitis vereinigte also Cuvier in dieser Gruppe
Gattungen, welche Linne unter Mustela begriffen hatte.
Indem nun Cuvier Mephitis hieher zieht, betrachtet er ihr
Gebifs mit Recht als eine Modification des Iltisgebisses; aber
mit demselben Rechte wie Mephitis und Myddus gehört auch
der Dachs hieher; sein Gebifs ist ebenso eine Modification
des Mardergebisses, mufs aber natürlich um einen Grad mehr
zur Höckerzahnbildung der Omnivoren hinüberneigen, da das
Gebifs der Marder auf dessen Modification es sich gründet,
um einen Grad weiter vom Extrem der Carnivoren entfernt
ist, als das der Iltisse. Linne stellte mit Recht noch zu
272
seiner Gattung Mustela den Vielfrafs, Gulo horealis, als
Mustela gulo-, und man begreift nicht, wie er später so
weit von den Mardern getrennt werden konnte. Seinem Ge-
bisse nach bildet der Vielfrafs ein Mittelglied zwischen Mardern
und Iltissen. Er besitzt dieselbe Zahl der Lückenzähne, wie
die Marder. Der hintere Höckerzahn des Oberkiefers ist an
seinem inneren Theile etwas breiter als bei den Iltissen, aber
schmäler als beim Marder ; ebenso halt auch die Entwickelung
des inneren Ilöckeransatzes am oberen Fleischzahne die Mitte
zwischen den bei beiden obwaltenden Verhältnissen. Man
würde also dem Gebisse nach den Vielfrafs den Mardern zu-
gesellen können, wenn nicht, wie bei den Iltissen seinem un-
teren Fleischzahne die innere Zacke fehlte. Es findet sich an
ihrer Stelle nur eine scharfe Kante, welche innen an der
mittleren Zacke des Zahnes hinabsteigt. Schon bei den Mar-
dern ist €iber jene innere 21acke zuweilen äufserst klein, und
es könnte ihr Fehlen bei einer Art kaum uns allein bestim-
men, diese generisch zu trennen. Was die Fufsbildung anbe-
langt, so deutet diese auf einen wenig plantigraden Gang.
Sie ist ganz dieselbe, welche wir beim Steinmarder (M.
foina) antreffen und mit Recht als einen Hauptunterschied
zwiscl;en ihm und dem Baummarder hervorheben. F alias
{SpiciL Zool. XIV. S. 36.) beschreibt sie sehr richtig: Plan-
tae calcaneis incedentes — soleae pedum totae, praeter tuber
digitorum suh wiguibus, callumque renifoinnein transver-
swn ad digitorura ortum, villo denso, grosso Jiirtae.
Auch der treffliche Nilsson (J.lluminerade Figurer tili Scan-
dinavisk Fauna fasc. 13.), welcher dem Vielfrafs mit Recht
einen Platz in der Marderfamilie, zwischen den Ilti3sen und
Mardern, anweist und auf die Aehnlichkeit seiner Farben-
vertheilung- mit ersteren aufmerksam macht, erklärt sich dahin,
dafs jede Art der Marderfamilie beim Gange nicht blofs die
Zehen, sondern auch mehr oder weniger die Hand- und Fufs-
wurzel aufsetze.
Ihrem Gebisse nach gehören ferner zur Marderfamilie
die Vielfrafse der südlichen Hemisphäre {Galictis) *), welche
4) Die Gattung Galictis ist von Bell (Proc. Z. S. 1837. S.46.)
eigentlich nur für Gulo vütatus gemacht, indessen scheint es kaum
zulässig , die anderen beiden Arten generisch zu trennen.
273
Cuvier wegen ihrer wirklich kahlen Sohle mit seinen Planti-
gradeii vereinigte, Gulo orieiitalis Horsf., G. harhants
Dcsm.y (fi. canescens IlL) und G. vltiatus, Desm. Ihr
Gebifs stimmt in der Zahl der Lückenzähne ^ mit dem der
Iltisse überein; zeigt aber in den Arten dieselbe Verschieden-
heit, welche wir oben zwischen dem Gebisse des nordischen
Vielfrafses nnd dem der Marder eintreten sahen. Nichts desto-
weniger müssen wohl alle 3 Arten nur eine Gattung bilden,
da jene Verschiedenheiten im Gebisse sich hier deutlich als
blofs graduelle ausweisen. Bei G. hnrbarus findet sich
nämlich die innere Zacke am unteren Fleischzahne, bei G. oricn-
talis ist sie rudimentär, beim G. vittatus fehlt sie, wie bei
dQw Iltissen, ganz; bei G. vittatus ist dagegen der obere
Höckerzalm in seinem äufseren und inneren Theil gleich breit
und nichts destoweniger der Höckeransatz am oberen Fleisch-
zahne am gröfsten, viel gröfser als bei Mustela^ indem er
etwas weiter nach hinten, bis zur Mitte des Zahnes reicht,
bei G. harharus ist er kleiner und stumpf, am schmälsteil
und spitzhöckrig bei G. Orientalis, Beide letztere stimmen
noch darin mit einander überein, dafs der innere Theil des
oberen ilöckerzahnes breiter ist als der äufsere, und statt des
der Zackenschneide entsprechenden Doppelhöckers, welcher
sich bei G, vittatus findet, nur eine halbmondförmige wulstige
Falte vorhanden ist, die durch eine querstehende erhabene
Linie mit dem ebenfalls mehr einer schrägen Falte gleichen-
den hinteren Höcker zusammenhängt. Auch noch in andrer
Hinsicht zeigt sich bei ihnen eine geringere Entwickelung des
oberen Höckerzahnes, die nämlich, dafs er nur zweiwurzlig
ist, während sonst eine typische Eigenthümlichkeit des Marder-
gebisses darin besteht, dafs der obere quere Höckerzahn
dreiwurzlig ist, indem die beiden äufseren schwächeren Wur-
zeln die zweihöckrige Schneide tragen, während die innere,
äufserst starke Wurzel dem inneren Höckeransatze als Träger
dient. Letzterer ist durch Entwickelung des Cinguluin aus
der ursprünglich dreiseitigen Gestalt, welche er im Milchge-
bisse hatte, in die querlängliche übergeführt, indem sich das
Cingulum (bei den Iltissen weniger, bei den Mardern mehr)
zu einem halbkreisförmigen, flachen, gestreift -crenulirten
Kande um den dritten inneren Höcker ausdehnt, während es
274
sich an der Aufsenseite des Zahnes vor den beiden der Schneide
entsprechenden Höckern wulstig verdickt. Die bei den Viel-
frafsen der südlichen Hemisphäre eintretende geringere Ent-
wickelung des oberen Höckerzahnes erscheint als eine Hinnei-
gung zum Typus der Katzen, wo der hintere quere Höckerzahn
im bleibenden Gebisse ebenfalls zweiwurzlig ist; allein die
starke Entwickelung der inneren, den vergröfserten Höcker-
ansatz stützenden Wurzel bekundet genügend den Typus der
Marderfamilie.
Zu der Familie der Marder gehört noch der Ratel
(Griilo mellivorus aut. Viverra mellivora Sparnn. Sein
Gebifs konnte ich leider nicht vergleichen. Nach G. Cuvier
{Regn. anim. 1. S. 142.) [sollte man seinen oberen Höcker-
zahn dem der südlichen Vielfrafse ähnlich halten. Nach F. Cu-
vier's Beschreibung erscheint .er dagegen dem der Zorillen
ähnlicher. Er beschreibt ihn (Denis des Mammif. S. 84.)
folgendermalsen: La tuber culeuse s'est heaucoup agrandie
(nämlich im Vergleich zu der der Katzen) et est toujours
heaucoup plus large du cöte interne au cöte externe, que
d*avant en arriere, et dans ce dernier sejis, eile est plus
large ä sa partie interne qua sa partie externe. Cha-
cune de ces parties se compose de trois petits tuhercules
et elles sont separees Vune de Vautre par une cavite assez
profonde, und S. 87. bei Beschreibung des oberen Höcker-
zahnes der Marder, Iltisse und Zorillen: la tuherculeuse est
toutä-fait semhlahle ä celle du ratel sans aucune exception,
was wenig genau ist, da schon Marder, Iltisse und Zorillen
unter sich in der Bildung des hinteren Höckerzahnes manche
Verschiedenheit darbieten. Ebenso was er von dem unteren
Fleischzahne S. 85. sagt: La carnassiere est epaisse, prin-
cipalement ä sä partie postMeuj'e et garnie de trois tu-
hercules, un en avant, uri au milieu, et un autre en arriere.
Doch können wir aus S. 87. ^) entnehmen, dafs mit dem hin-
teren tuhercule der hintere Höckeransatz gemeint ist, dessen
Anwesenheit das Gebifs der Marderfamilie characteristisch von
.5) La carnassiere (im Unterkiefer der Marder etc.) est seinhlable
a Celle des chats a l'excejition d\i talon, qui s'est developpe a sa
partie posterieure, ainsi qiie 7ious l'avons de ja vu chez le
rateL
275
dem der Katzen unterscheidet. Es fehlt also dem Ratel, der
jedenfalls eine besondere Gattung bilden naifs, wie den Iltissen
die innere Zacke am unteren Fleischzahne. Endlich aber ist
der Ratel noch durch das Fehlen des unteren Höckerzalmes
ausgezeichnet, wodurch er wieder eine Annäherung an das
Gebifs ber Katzen zeigt, während eine solche bei Galictis am
oberen Höckerzahne bemerkt wurde.
Beide Genera, welche sich ungeachtet der geringen Unter-
schiede ihres Gebisses, genau entsprechen®), zeigen trotz ihrem
'plantigraden Gange ein entschieden carnivores Naturell, und
bestätigen dadurch einigermafsen, was man nach ilirem Gebisse
im Voraus vermuthete. Nach Rengger ist der G, harha-
rus, obschon er sich nur von jungen Rehen und schwächeren
Säugethieren nährt, blutdürstig und tödtet, wenn er kann, mehr
Thiere als er zu seiner Sättigung bedarf. Das Exemplar der
indischen Varietät (?) des Gulo melUvorus , welches in den
Gärten der zool. Gesellschaft gehalten wurde, beobachtete nach
Ben nett mit einer katzenähnlichen Aufregung die Bewegungen
kleinerer Thiere, welche in die Nahe seines Käfigs kamen.
General Hardwicke berichtet vom indischen Ratel, dafs er
selten am Tage erscheine. Nachts dagegen auf Raub gehe, die
Gräber jüngst begrabener Todten aufscharre, und dafs Fleisch
seine Nahrung sei, besonders das der Vögel und lebender
Ratten. Nach D e n h a m erzählt man sich in Centralafrika
vom afrikanischen Ratel, dafs er zu gewissen Zeiten sogar
einen Menschen angreife (?), welche Nachrichten freilich wenig
6) Interessant ist noch ihre geographische Wiederholung. Galictis
vittata ersetzt die Form der Ratele, denen sie in der Färbung auf-
fallend ähnelt in Südamerika, und ebenso entsprechen sich der süd-
amerikanische Gulo harharus und der indische G. orientalis, welche
sich -wiederum in der Färbung äufserst ähnlich sind. Ich meinerseits
kann unmöglich glauben, dafs der Ratel (G. mellivorus) in Afrika
und zugleich in Indien vorkomme. (S. Jahrg. IL 2. S. 281. und III. 2.
S. 160.) Ich vermuthe vielmehr, dafs beide bei näherer Vergleichun^r
der Schädel sich als verschiedene Arten ausweisen werden, wenn
auch ihre Färbung, wie bei denen ihnen entsprechenden Zorillen, sehr
übereinstimmend ist. Bennett giebt (Zool. Gard. and Menag. 1.
S. 16.) an , dafs den indischen Exemplaren der weifsliche Längsstreif
fehle, der bei den capechen die graue Rückenseite von der Bauch-
seite scheidet.
276
zu den älteren Berichten passen, die uns den südafrikanischen
Ratel als einen Bienen- und Honigjäger schildern.
In die Familie der Marder reiht sich endlich Melogale,
wie es Isid. Geoffroy, der erste Begründer dieser Gattung,
bereits richtig bemerkte.
Nachdem wir so den Bestand der Marderfamilie aufge-
führt haben, ist die systematische Beziehung der einzelnen
Genera näher zu erörtern. Schon oben ist darauf hingedeutet,
dafs sich 3 parallele Reihen in dieser Familie nachweisen
lassen, von denen die erste entschieden carnivore Raubthiere
umfafst, deren Gebifs den Typus der Familie in seiner gan-
zen Reinheit bewahrt, nur mit der Einschränkung, dafs es in
dem Gränzgliede, welches sich am engsten an das Extrem
der Carnivoren, d. h. an die Katzen, anschliefst, den oberen
Höckerzahn wie diese weniger entwickelt, zweiwurzlig, zeigt,
so bei Galictis '). Die Thiere dieser Reihe sind mit Aus-
nahme von Galictis Zehengänger; bei dieser sind die Vorder-
füfse unter den Zehen und bis zum Handgelenke nackt, die
Hinterfüfse bis fast zum Hacken. Vorherrschende Färbung des
Pelzes in dieser Reihe ist braun, in verschiedenen Nuancen,
selten fleckig gebändert, zuweilen findet sich, bei einigen Mar-
dern und bei Galictis (Gulo Orientalis und Gulo barharus)
am Hinterkopfe und Nacken eine greisgraue oder fahle Fär-
bung ein. Eine Ausnahme macht Gulo vittatus als Ueber-
gangsglied; ß. unten. Die Krallen der Vorderfüfse sind nicht,
oder doch kaum länger als die der Hinterfüfse. Das Gebifs
zeigt \ (bei Musteld) oder | Lückenzähne (bei Putorius und
Galictis). Am oberen bleibenden Fleischzahne sitzt der in-
nere Höckeransatz, ganz am Vorderende; hat (mit Ausnahme
von Galictis vittata, wo er bis zur Mitte des Zahnes reicht)
geringen Umfang. Der untere Fleis"chzahn besitzt, dem Typus
nach, eine dreizackige Schneide, an welcher die hintere Zacke
ganz nach innen und nur wenig nach vorn gerückt ist, so
dafs sie innen nahe am hinteren Rande der mittleren Zacke
ihren Platz hat. Sie ist bei den typischen Gattungen viel
kleiner als die vordere Zacke, schon bei einigen Mardern fast
7) In dem Sinne, wie wir die Gattung' hier fassen, mit Eiuschlufs
\on Gulo barbarus und G. orlentalis.
277
rncliinentär nnd fehlt den Iltissen und der Galictis vittata ganz.
Der hintere llöckeransatz ist nur von geringem Umfange, etwa
\ der Zahneslänge, trägt 2 Höcker, von denen der innere
klein, der äufsere gröfser, langstreckig, und scharfschneidig
ist, daher er, wo (wie bei den Iltissen und Galictis viltala)
die zur inneren gewordene hintere Zacke ganz fehlt, leicht
für diese angesehen werden kann. Im Oberkiefer und Unter-
kiefer findet sich ein Höckerzahn; der obere ist quergestellt,
d r e i w u r z 1 i g, gewöhnlich an seinem inneren llöckeransatz
durch eine halbkreisförmige, flache Ausbreitung des Cingulum ver-
gröfsert, demnach an seinem inneren Theile breiter als an seinem
äufseren Schneidentheile. Letzterer trägt hinter einem wulstig
verdickten Aufsenrande zwei kleine, den beiden Zacken der
Schneide entsprechende Höcker. Bei den Mardern ist die
innere Ausbreitung des Cingulum gröfser, bei den Iltissen
und Galictis vittata geringer, daher auch bei letzterer der
Zahn an seinem inneren Theile nicht breiter ist, als an sei-
nem äufseren. Der Höckerzahn des Unterkiefers ist ein klei-
ner rundlicher Zahn.
Die zweite Reihe ist eine Zwischenstufe zwischen den
typischen Carnivoren und der die mehr abweichenden Omni-
voren begreifenden dritten Reihe. Sie zeigt sich im äufse-
ren Habitus der dritten äufserst ähnlich, bleibt aber im Ge-
bifs der typischen ersten Reihe insofern ähnlicher, als die im
bleibenden Gebisse statt findenden Modificationeii beider Fleisch-
zähne und des Höckerzahnes in geringerem Grade eintreten,
so ddk, wenn sich auch in ihrem bleibenden Gebisse Ver-
hältnisse einstellen ^), welche bei den Gattungen der typischen
Reihe nur im Wechselgebisse angetroffen werden, doch die
in den Omnivoren auftretende Höckerbildung und Umfangs-
vergröfserung des Höckerzahnes in einem viel schwächeren
Grade statt findet. So bleibt im hinteren Höckerzahne des
Oberkiefers der Querdurchmesser immer gröfser, als der Läiigs-
durchmesser. Ja es compensirt sich jene geringe Umbildung
einigermafsen dadurch, dafs bald in den Lückenzähnen (Zorillen),
8) Dahin gehören, dafs der innere Höckeransatz des oberen
Fleischzahnes der mittleren Zacke gegenübersteht, dafs die innere
Zacke am untern Fleischzahn nicht nur yorhauden, sondern auch
stärker entwickelt ist.
278
bald im Fehlen des unteren Höckerzahnes (Ratel) Modifica-
tionen hervortreten, welche ihr Gebifs wieder dem Extreme
der Carnivoren, dem der Katzen, Hyänen näher bringen. D»-
gegen werden sie, wie gesagt, den ihnen entsprechenden Gat-
tungen der dritten Reihe im äufseren Habitus äufserst, zuwei-
len fast zum Verwechseln ähnlich (Zorillen). Die Krallen
ihrer Vorderfiifse sind sehr verlängert, wie bei diesen; ihr
Pelz nimmt dieselbe vorherrschende Farbe und Zeichnung an.
Ich rechne hieher die Gattungen: Melogale, die afrikanischen
Zorillen, welche von Cuvier mit den Iltissen, von Lich-
tenstein mit den Stinkthieren verbunden werden, und den
Ratel. Die Flufsottern {Lutra) gehören dem Gebisse nach
ebenfalls in diese Gruppe; ihre Fufsbildung ist aber insofern
vom Typus abweichend al& ihre Füfse zu wahren Schwimm-
füfsen umgestaltet sind.
Die dritte omnivore Reihe begreift diejenigen Gattungen
in deren Gebisse die Vergröfserung des hinteren Höckerzahnes
ihr Maximum erreicht, bei denen dieser aus der querläng-
lichen Gestalt in die quadratisch vierseitige umgewandelt wird,
und die Höckerbildung an ihm und dem Fleischzahne über-
wiegend wird. Letzteres ist natürlich um so mehr der Fall,
je mehr sich die Gattungen vom Extreme der fleischfressenden
Raubthiere entfernen. Ich rechne hieher: Meles, Mephitis
und Mydaus, von denen der erstgenannte am meisten zum
Typus der bärenartigen Raubthiere hinüberneigt.
Das gegenseitige Verhältnifs der Genera ist folgendes:
und für die Ottern, als Uebergangsglieder zu den Pinnipedien.
Lutra I PteronuraP \ Enhydris
9) Die Zorillen Afrika's, welche hier nur gemeint sind, haben
noch keinen systematischen Namen. Man könnte sie Rhabdogale
279
In der Querreihe A. finden wir stets ~ Lückenzähne; in
den Qiierreilien B. und C. |. F. Cuvier giebt dem Dachse
irrigerweise \\ der erste Lückenzahn des Oberkiefers ist aber
sehr klein und fällt früh aus. Das Gebifs von Melogale ist
von Isid. Geoffroy in Belanger's Voyage aux Indes
orlentaJes ausführlich beschrieben, welche Beschreibung ich
hier bei Vergleichung der Gebisse zu Grunde lege. Bei den
Mardern (Miistela) hat der stark zusammengedrückte lang-
streckige fast dreizackige Fleischzahn des Oberkiefers seinen in-
neren Höckeransatz ganz am Vorderende. Bei Melogale nähert
sich der obere Fleischzahn, schon mehr dem des Dachses.
Er hak. eine vierseitige Gestalt ist aber nach aufsen breiter,
als innen. Seine äufsere Schneide scheint der Beschreibung
nach etwa wie beim Dachse zu sein ; sein innerer Höckeransatz
trägt wie bei diesem 2 Höcker, nur mit dem Unterschiede,
dafs bei Melogale der vordere Höcker grofe, konisch, der
hintere sehr klein und rundlich ist, also umgekehrt wie beim
Dachse. Dadurch erweist sich aber Melogale als ein Mittel-
glied zwischen Dachs und Marder. Beidetzteren ist nur der
vordere Höcker vorhanden, bei Melogale tritt zu ihm ein
kleiner hinterer lünzu, beim Dachse endlich ist eben dieser
hintere Höcker stark entwickelt, der vordere rudimentär und
das sehr entwickelte Cingulum bildet an der Innenseite des
Zahnes einen nierenförmigen dritten Höcker. — Der obere
Höckerzahn der Marder ist schon oben (S. 277.) beschrieben.
Bei Melogale scheint derselse seiner Gestalt und Höckerbil-
dung nach sehr ähnlich. Die Gestalt seiner Kaufläclie nähert
sich einem Oval; seine Höckerbildung unterscheidet sich nur
dadurch von der der Marder, dafs zu dem dritten inneren
Höcker noch ein vierter kleinerer am Hinterrande des Zahnes
etwa in dessen Mitte hinzu tritt. Es verhält sich also der
obere Höckerzahn von Melogale zu dem der Marder, fast so,
wie der Höckerzahn der Zorillen zu dem der Iltisse. Unter-
schieden würden beide darin sein, dafs bei den Zorillen das
(gestreifte Wiesel) nennen, da allerdings die weifse Bindenzeichnung
auf schwarzer Grundfarbe für sie, wie für die ihnen entsprechenden
Stinkthiere charakteristisch ist. Auch Melogale (als vox hybrida^
utid Ratelus (als voa: bUrbara) warten noch auf die bessernde Hand
eines Namengebers.
280
Cingulum sich am Hinterrande des ebenfalJs länglichen Zahnes
in einem 4ten Höcker erhebt, der mithin ganz am Hinterrande
des Zahnes steht, während bei Melogale die Ausbreitung des
Cingulum weiter nach innen zu reichen, und der 4te Höcker auf
der Mitte des Zahnes zu stehen scheint *^). Beim Dachse
treffen wir auch das doppete Höckerpaar, aber das innere ist
zu einer dem äufseren Paare parallelen Längsleiste verschmol-
zen, und überdies tritt noch hinten zwischen beiden Höcker-
paaren ein neuer Höcker hinzu. Das Cingulum, welches bei
Mustela innen einen halbkreisförmigen Ansatz bildet, geht
beim Dachse in fast gerader Linie nach hinten, und breitet
sich am Hinterrande des Zahnes zu einem halbmondförmigen
Ansätze aus, wodurch die fast quadratische Gestalt der Kau-
fläche entsteht, die für den oberen Höckerzahn des Dachses
so charakteristisch ist, aber in dem quadratischen hinteren
Höckerzahn von Mydaus und Mephitis ihr Analogon hat.
Auch bei diesen breitet sich das Cingulum um den unpaaren
inneren Höcker weit nach innen und hinten aus und erhebt
sich an seiner inneren Hinterecke in einen vierten Höcker.
Es zeigt sich also, dafs der hintere Höckerzahn von Melogale
zu dem von Meles sich eben so verhält, wie der hintere
Höckerzahn des Oberkiefers der Zorillen zu dem von Mephitis.
Der Unterkiefer von Melogale zeigt dieselbe Zahl der
Lückenzähne wie beim Marder; der untere Fleischzahn hält
aber wieder genau zwischen dem des Dachses und Marders
die Mitte, und zeigt wieder dieselbe Analogie mit dem der
Zorillen. Bekanntlich unterscheidet sich der untere bleibende
Fleischzahn des Marders von dem der Iltisse dadurch, dafs
bei ersterem mitten an der Innenseite des Fleischzahnes die
dritte Zacke der Schneide als spitziger Höcker vorhanden ist,
bei letzterem aber, wie bei den Katzen fehlt. Wahrscheinlich
wird sie aber am Fleischzahne des Wechselgebisses vorhanden
sein. Bei den abweichenden Gattungen der dritten Reihe, bei
10) Ein vierter Höcker, fast in gleicher Linie mit dem dritten
aber sehr klein, kommt zuweilen auch bei den Mardern vor, so beim
Zobel, wo die innere Ausbreitung des Cinguluni nach vorn und
hinten ihr Maximum erreicht, so dafs der Zahn eine beilförmige
Gestalt erhält. Dies wäre also eine üebergangsform zu der bei
Melogale.
281
den Stinkthieren nlid dem Dachse, ebenso in der zweiten
Reihe bei Melogalc und den Zorillen bleibt jene Zacke, wie
im Wechselgebisse, und erscheint weiter nach vorn gerückt.
Bei Melogale und den Zorillen ist aber jene innere Zacke von
verschiedener Länge; bei letzteren, welche den Iltissen entspre-
chen, denen sie fehlt, ist sie kürzer als die mittlere Zacke, mit der
sie in gleicher Linie steht; bei Melogale ist die bei den Mardern
vorhandene Zacke, in gleichem Verhältnifs mehr entwickelt,
erreicht demnach dieselbe Länge wie die mittlere Zacke der
Zahnschneide. Wie oben bereits bemerkt wurde, erreicht die
tHöckerbildung und Umfangs-Vergröfserung an Fleisch- und
'Höckerzähnen bei den Gattungen der zweiten Reihe nicht den-
selben Grad, wie in den /entsprechenden Gattungen der dritten
Omnivoren Reihe; es behält also wie der obere Hock erzahn, so
auch der Höckeransatz des unteren Fleischzahnes ziemlich den-
selben Umfang wie bei den entsprechenden tj^-pischen Gattungen.
Es hat demnach Letzterer bei Melogale und den Zorillea nur
etwa -j der Zahneslänge, wäjirend er in den entsprechenden
Gattungen der dritten Reihe , bei Meles und Mephitis etwa
die Hälfte derselben einnimmt. Der hintere Höckerzahn des
Unterkiefers ist bei Melogale wie bei den Zorillen, Stinkthieren
und den Dachsen.
Es g«ht hieraus hervor, dafs das Gebifs \on Melogale sich
ebeh so zu dem der Marder einerseits und der Dachse andrerseits
verhält, wie das der Zorillen zu dem der Iltisse und d^m der
Stinkthiere. Nur eines vermisse ich, was für das bleibende
Gebifs der Zorillen charakteristisch ist, die stärkere Entwicke-
Inng der hinteren Lückenzähne, die zackige Schneide am zwei-
ten oberen, und den beiden letzten unteren Lückenzähnen,
welche F. Cuvier in den Recher eh. sur les Oss. fossiles
seines Bruders Tab. 178. Fig. IV. richtig dargestellt, aber in
der Beschreibung nicht erwähnt hat.
Wie im Gebisse zeigen Melogale und die Zorillen
auch im Habitus ein gleiches Verhältnifs zu den ihnen ent-
sprechenden Gattungen der dritten Reihe. Bei beiden sind
die Krallen der Vorderfüfse sehr verlängert, und der Schwanz
endigt mit einem weifsen Busche. Sonst unterscheiden sich
beide insofern , als sie in den äufseren Charakteren mit der
ihnen entspsechenden Gattung der dritten Reihe übereinkommen.
IV. Jahr^ 1. rSancl. 19
282
Bei Mclogale sind die Vorderfiilse ganz nackt, die Ilinter-
füfse mir an den Zehen und am Mittelf afse, wie beim Dachs;
wie bei diesem ist die Nase in einen kurzen Rüssel verlängert;
die für die Dachse charakteristische Binden- Zeichnung des
Kopfes, braun und weifs, findet sich auch bei Melogale,
welche deshalb von Geoffroy M. persoriata genannt ist,
und der ganze Pelz, aus reichem Wollhaar und starrem Con-
turhaar, zeigt wie schon I. Geoffroy bemerkt, in seiner
Farbenvertheilung Aehnlichkeit mit dem labradorischen Dachse.
Die Zorillen ihrerseits nähern sich im ganzen Aeufseren
den Stinkthieren aufs Täuschendste. Ihre Farbenvertheilung
(weifse Binden auf schwarzem Grunde), die langen Krallen
ihrer Vorderfüfse, der buschige Schwanz, Alles dies haben sie
mit den Stinkthieren geniein. An ihren Vorderfüfsen sind
Zehen und Mittelhand, an den Hinterfüfsen der Anfang des
Mittelfufses kahl, wie bei den minder plantigraden Stinkthie-
ren , denn in dieser Hinsicht wie in der relativen Verlängerung
der nackten Nasenkuppe zeigen die Arten der Stinkthiere
Verschiedenheit, welche Gray * ^) zur generischen Spaltung
der Stinkthiere benutzte. Die völlig plantigraden mit riissel-
artiger Nase und kürzerem Schwänze (JMarputius Gray)
machen den Uebergang zu den völlig plantigraden Stinkthieren
der alten Welt, Mydaus, denen sie auf der westlichen Hemi-
sphäre entsprechen, wie die minder plantigraden amerikani-
schea Stinkthiere den Zorillen.
Aehnlich wie zwischen Mustela, Melogale und Meles-,
zwischen Futorius, den afrikanischen Zorillen und den Stink-
thieren, scheint mir das Verhältnifs zwischen den plantigraden
Iltissen (Galictis), den Honigdachsen (Jiatel) und den fast
schwanzlosen, völlig plantigraden Stinkthieren der alten Welt
^Mydau^y Das Gebifs der typischen Formen (S. oben S.276.)
hat das Eigenthümliche, dafs sich bei gleicher Zahl der Lücken-
zähne wie bei Iltissen, die innere Zacke am Fleischzahne, wie
bei den Mardern findet, dagegen der hintere Höckerzahn des
Oberkiefers rudimentär wird. Bei den ersteren kurze Krallen,
bei den beiden letzteren lange Grabekrallen an den Vorder-
füfsen. Das Gebifs zeigt im Unterkiefer der Ratele nur insofern
11) Loud. Maga%. of N. H. New Ser. Vol. 1. p. 581.
283
eine Abweichung, als der untere llöckerzahn felilt. Er fehlt
iiberliaupt im Milchgebisse der typisclion Carnivoren und tritt
erst im bleibenden Gebisse auf. Sein Felden würde sich at>S
der oben (S.265. unten) ausgesprochenen Hegel erklären lassen,
und eine Annäherung zum Extreme des Carnivoren- Typus
sein, aber auch das Einzige, wie es scheint, was das Gebifs des
Ratel mit dem der Katzen gemein hat, während es sonst ganz
das der Iltisse geworden ist. Schon oben (S. 278.) ist diese
auf dieser Stufe allerdings auffallende Annäherung zum Car-
nivoren-Extreme beriihrt. Interessant ist es nocli, dafs bei
Galiciis vittata^ die mit den Ratelen in greisgrauer Färbung
des Hinterkopfes und Rückens bei schwarzer Farbe der Bauch-
seite und Extremitäten , so wie in Verkürzung des Schwanzes
übereinstimmt, ebenfalls die innere Zacke am unteren Fleisch-
zahne fehlt. Noch mehr verkürzt sich der Schwanz bei den
Ratelen und die Kahlheit der Sohlen reicht an den Hinter-
füfsen zum Hacken, während sie bei Galictis ^\Q\i nicht ganz
so weit erstreckt. In dieser völligen Nacktheit der Sohle,
so wie in den langen Grabeklauen der Vorderfüfse stimmen
die Ratele mit Mydaus überein, dessen Schwanz zu einem
Rudimente verkümmert, dessen Nase rüsselartig verlängert
ist, während sie bei den Ratelen, wie bei den afrikanischen
Zorillen, mit ihrer nackten Spitze nur etwas prominirt. Die
greisgraue Rückenfärbung der Ratele ist freilich bei dem schwarz-
braunen Mydaus verschwunden, oder hat sich nur auf einen
schmalen verloschenen Rückenstreif beschränkt, sie kommt
aber in einem weifslichen rhombischen Flecke am Hinterkopfe
und Nacken um so entschiedener zum Vorscheine. Alles dies,
wie die geographische Vertretung der Formen, deutet auf ihre
durchgreifende und innige Verwandtschaft und ich glaube nicht,
dafs irgend an den systematischen Beziehungen dieser oft so
weit getrennten Formen gezweifelt werden kann.
Ich wende mich schliefslich zu den Ottern, die ich nur
um auf die ähnliche Umbildung des Gebisses hinzudeuten im
obigen Schema hinzugefügt habe ; denn jener im Vorhergehenden
angedeutete Parallelismus wiederholt sich bei ihnen nicht in
gleicher Weise. Vielmehr bilden sie, wenn nicht eine eigene
Familie, doch eine abweichende Gruppe in der Marderfamilie.
Dem Gebisse nach gehört schon gleich Lutra nicht in unsere
19 *
284
erste Reihe, sondern vielmehr in die zweite, denn, hur ihr
Milchzahngebiis zeigt den Familien -Typus in seiner Reinheit.
Man komme mir nicht damit, dafs der Nörz {Miistela lu-
treolä) eine Otter sei, oder deren Stelle in erster Reihe ver^
trete. Was Gloger *^) auch sagen mag, der Nörz ist ganz
abgesehen vom Gebifs, ein Iltifs und keine Lutra, und das
zweite Höckerchen am inneren Ansatz des Fleischzahnes,
welches für sein Gebifs charakteristisch sein soll, finde ich
eben so wenig wie Nilfson ^^}. Eine kurze Bindehaut zwi-
schen den Zehen ist sehr gemein, wenn nicht allgemein bei
Mardern und Iltissen, und kommt dem nordischen Vielfrafs^*)
wie dem Gulo harharus ^ ^) zu. Die für die Ottern so
charakteristische Form und Behaarung des Schwanzes geht
dem Nörz ganz ab, der in dieser Beziehung, wie in der Fufs-
bildung, Behaarung des Körpers, und obenein im Gebifs ganz
Iltife ist.
. ,,. Die Gattung Lutra zeigt sich, ihrem Gebisse nach, als
ein abweichendes Glied der Marderfamilie. Der innere Höcker-
ansatz am Fleischzahn des Oberkiefers ist mittelständig und
bedeutend grofs, breitet sich stark nach hinten aus, wodurch
der Zahn einen verschoben vierseitigen Umrifs erhält. Der
hintere Höckerzahn zeigt den quer-oblongen Typus der Marder-
familie, mit einer Ausbreitung des crenulirten Cingulum am
hinteren Innenrande, welche ihn, wie den der Zorillen, vier-
höckrig erscheinen läfst. Im Wechselgebisse ist am oberen
Fleischzahne der Höckeransatz schmäler als die mittlere Zacke,
an welcher er, wie gewöhnlich, seinen Platz hat; es fehlt
mithin die grof^e Ausbreitung, welche den bleibenden Fleisch-
zahn so charakteristisch auszeichnet, gänzlich; eben so fehlt
die hintere Ausbreitung am Höckerzahne, so dafs dieser im
Wechselgebisse die Gestalt eines gleichschenkligen, seine Spize
nach innen kehrenden Dreiecks zeigt. Im Unterkiefer giebt man
drei bleibende Lückenzähne an, während oben ebenfalls drei
vorhanden sind. Es ist mir wahrscheinlich, dafs unten im frühe-
ren Lebensalter ein vorderer rudimentärer vierter Lückenzahn
12) Nov. Act. Acad. Leop. XIII 2. p. 503 seg.
13) Illuminer. Figur er tili Scandin. Fauna Fase. 2.
14) S. Pallas Spie. Z. l c. 36.
15) S. Rengger l. c. p. 121.
285
vorhanden ist, der, obwohl eigentlich dem bleibenden Gebisse
angehörig, dnrch den ihm folgenden verdrängt wird und aus-
fallt. Jedoch ist dies vorläufig nur Vermuthung, die sich nur
auf das Dichtstehen der Lückenzähne und ihr anomales Zahlen-
verhältnifs gründet. Im Unterkiefer hat der Höckeransatz des
bleibenden Fleischzahnes dasselbe Verhältnifs zum Umfange
des Zahnes wie bei Mardern und Zorillen; im Wechselgebifs
ein viel geringeres. Die innere oder dritte Zacke der Schneide
ist am bleibenden Fleischzahne fast von gleicher Höhe mit der
mittleren Zacke, mit welcher sie in gleicher Linie steht; am
Wechselzahne der hiesigen Fischotter finde ich ihn viel kürzer,
als die mittlere Zacke. Es geht hieraus hervor, dafs sich das
Gebifs der Lutra zn dem der typischen Glieder ebenso ver-
hält, wie das der abweichenden Gattungen zweiter Reihe.
Die etwas zu groteske Höckerbildung bei Enhydris läfst
uns vermnthen, dafs zwischen beiden eine Mittelform vorhan-
den sein mufs*^), obwohl sich das Gebifs der Seeotter auch
ohne dies vollständig auf das von Lutra zurückführen läfst,
da uns ihr Wechselgebifs zur Aushülfe vorliegt. In diesem
16) Gray hat jüngst ein neues Genus Pteronura (oder richtiger
Pterurä) aufgestellt, welches ein Mittelglied zwischen X/2«^r« und Ew-
hydris sein soll. (S. Jahresber. Band 2. des Jahrg. Carnivora) Die
zu kurzen Beschreibungen des Herrn Gray lassen uns leider seine
neuen Genera nicht gehörig würdigen, wenn sie auch in der Natur
begründet sind. Es geht mir auch diesmal so, wie so oft bei seinen
Reptilien -Gattungen; ich weifs nicht, was ich mit der neuen Gattung
machen soll. Verstehe ich Herrn Gray recht, so stimmt seine P^ero-
nura in der Bildung der Vorderfüfse mit Lutra, in der der Hinter-
füfse mit Enhydris überein; denn so mufs ich die Worte: Feet large;
toes 5:5 distinctj very largely webbed — und weiter unten Toes
elongate, ivith long acute claws ; the hinder toes very long; tivo ou-
ter ones longestj an the others gradually shorter to the inner ones
— letzteres wäre wie bei der Seeotter, während bei dieser die Zehen
der Vorderfüfse äufserst kurz, verwachsen, und mit ganz rudimen-
tären Krallen versehen sind. Vom Schwänze sagt Gray: Tail elon-
gate, suhcylindrical , with \a fin-Uhe dllatation on each side of the
hinder half. Soll mit diesen Worten nur eine behaarte cauda anceps
bezeichnet werden, so gilt es auch von der Seeotter, bei welcher
der Schwanz in seiner hintern Hälfte scharf zweischneidig ist. Vom
Gehisse heifst es: „Schneidezähne ^ — Backenzähne wie bei Lutra? '^
— Vcrf konnte also die Backenzähne nicht untersuchen.
286
gleicht der Fleischzahu im Umrisse dem Ilöckerzaluie des
Wechselgebisses von Lufra, aber die dort schneidenden Zacken
sind zu stumpfen rundlichen Höckern umgewandelt. Der hin-
tere Ilöckerzahn ist stumpf dreieckig, eine genaue Wiederho-
lung des stumpf dreihöckerigen Fleischzahnes, nur der innere
Ansatz im Umfange gröfser. Es finden sich ^ Lückenzähne,
der obere und der erste untere rudimentär. Im bleibenden
Gebisse tritt ein zweiwurzliger stumpf konischer Lückenzahn
zwischen den vorderen einwurzligen und den Fleischzahn.
Letzterer ist ganz dem ersten Höckerzahne des Wechselge-
bisses von Lutra ähnlich, nur der Höckeransatz innen melir
vortretend, die Zacken der Schneide sind zu Höckern umge-
wandelt. Der Zahn erscheint also stumpf dreihöckrig. Dem-
nach sind der Fleischzahn des Wechselgebisses und der blei-
bende ziemlich ähnlich. Der bleibende Höckerzahn gleicht
dem der Lutra, nur ist der der Schneide entsprechende Theil
mehr nach hinten gerichtet. Dabei bildet das Cingulum nicht
mir hinten, sondern auch vorn an der Innenseite einen wul-
stigen Rand um den dritten inneren Hocker, und es tritt auch
überdies vorn und hinten, etwa an der Mitte des Zahnes, ein
kleiner Höcker hinzu. Wir haben also hier wieder eine ähn-
liche Umwandlung wie bei Melogale und den Dachsen, nur
dafs die Höckerbildung bei der Seeotter wegen ihrer auf Schal-
thiere (Patellen, Muscheln) beschränkten Nahrungsweise aufs
Höchste überwiegend geworden ist. Bekanntlich entfernt sich
die Seeotter noch durch die Zahl der Vorderzähne f vom
Typus; aber im Milchzahngebisse sind -| vorhanden.
Wir haben nun noch die zwischenliegenden Familien zu
betrachten, durch welche die beiden Extreme der Raubthiere
auf der anderen Seite vermittelt werden, die Hyänen, Hunde
und Viverren. Nur indem man zu sehr an Einzelheiten fest-
hielt, hat man in neuerer Zeit die Hyänen von den Hunden
losgetrennt, und zu eng mit den Katzen verbunden. Richtiger
verfuhr Linne, indem er die Hyäne gerade zu unter den
Hunden als Canis Hyaena aufführte. Die Hyänen sind in
Wirklichkeit anomale Hunde, welche sich hinsichtlich ihres
Gebisses ähnlich, wie die Ratele zu den Katzen verhalten, d.h.
als Uebergangsglieder zu ihnen hinüberführen. Nichts ist wohl
verschiedener, als der Habitus der Hyänen und Katzen. Die
287
Scliädelbildiing, <lie retractileii Krallen, welclie bei den Jagd-
tiljern nur wegen der längeren Ligamente niclit vollständig
verborgen werden können, endlich aber das Gebifs unter-
scheiden die Katzen so wesentlich als eine in sich abgeschlos-
sene Gruppe, dafs an eine Vereinigung mit den Hyänen in
derselben Tribus, wie sie G. Cuvier machte nicht gedacht
werden kann. Mail wende mir nicht ein, dafs die Hyänen
eine scharfe Zunge haben. Auch die Zunge des Ratel ist
nach Bennett ^'^) scharf und da diese Schärfe nur in Ver-
dickung der die konischen Papillen überziehenden Epidermis
ihren Grund hat, so liefert sie einen Charakter, welcher an
und für sich graduell ist. Eben so wenig darf uns die Drii-
sentasche der Hyänen zwischen After und Schwanz bestim-
men, sie für verschieden von den Hunden zu halten. Auch
in der Marderfamilie findet sich eine solche beim nordischen
Vielfrafs*®), beim Gulo harbarus ^^X beim Dachs. Es sind
nur verschiedene Modificationen der bei den Raubthieren so
allgemeinen Afterdrüsen. — Die Hyänen haben freilich nur
4 Zehen an den Vorderfüfsen, aber auch das allerdings nagel-
lose Rudiment des Daumens; bei den Wölfen ist dieser schon
sehr hoch nach oben gerückt, und der Hyänenhund (jCanis
pictiis — Geocyon Wagl.^ hat vierzehige Vorderfüfse wie
die Hyänen. Das Gebifs endlich unterscheidet sich wesentlich
nur dadurch vom Hundegebisse, dafs es im Oberkiefer nur
einen queren Höckerzahn, im Unterkiefer gar keinen üöcker-
zahn hinter dem Fleischzahne besitzt, während bei den Hun-
den bekanntlich oben wie unten jederseits 2 Höckerzähne vor-
handen sind. Diese Abweichung vom Typus erklärt sich aber
aus der bereits oben ausgesprochenen Regel, dafs die im blei-
benden Gebisse eintretenden Modificationen des Wechselgebisses
durch das Naturell der Gattungen und deren natürliche Ver-
wandtschaften bedingt werden. Im Wechselgebisse der Car-
nivoren ist aber nur der obere Höckerzahn vorhanden, der
untere dagegen gehört überall dem bleibenden Gebisse an.
Er tritt also erst und zugleich mit den Modificationen auf,
welche die bereits im Wechselgebisse vorhandenen Fleischzähne
17) Zool. Gard. and Menag. 1. />. 15.
18) Pallas a. a. O. S. 37.
19) Hcnggcr a. a. O. S. 123 und 125. '
288
und der obere Höckerzahn im bleibenden Gebisse erleiden.
Die Hyänen sind nicht nur entschieden carnivore Thiere, son-
dern bilden ein Uebergangsglied zwischen Hunden und Katzen.
Es kann also nicht befremden, wenn in ihrem bleibenden Ge-
bisse Verhältnisse eintreten, welche es dem der Katzen ähn-
licher machen, d. h. wenn es hinsichtlich der Höckerzähne
auf der Stufe des Wechselgebisses der Hunde stehen bleibt
und seine Vervollkommnung zum Raubthier-Extreme sich, wie
bei den Katzen, lediglich auf gröfsere Entwickelung der Lücken-
zähne und des Schneidentheiles der Fleischzähne beschränkt.
Darauf beruht denn auch alle Verschiedenheit, welche wir
zwischen dem bleibenden Gebisse der Hyänen und Hunde ob-
walten sehen. Das Wechselgebifs der Hyänen wird hier ge-
wifs völlige Aufklärung geben. G. Cuvier bildet QOss. foss.
tob. 190. fig. 3.) einen Schädel mit den Wechselzähnen ab,
leider aber, ohne sie näher zu beschreiben. Danach sind wie
bei den Hunden im Unterkiefer 2 Lückenzähne und der Fleisch-
zahn vorhanden, während die Katzen aufser dem Fleischzahne
nur einen Lückenzahn besitzen. Im Oberkiefer weicht ferner
das Wechselgebifs der Hyänen von dem der Katzen darin ab,
dafs der dem Fleischzahne vorangehende Lückenzahn nicht
rudimentär und einwurzlig, sondern wie bei den Hunden zwei-
wurzlig ist. Cuvier bildet noch gleich hinter dem Eckzahne
einen kleinen rudimentären Lückenzahn ab, den ich im Wech-
selgebi^se der Hunde nicht finde. Der obere Wechsel-Höcker-
zahn erscheint allerdings kleiner, als der des Hundes, da in-
dessen der bleibende Höckerzahn der Hyänen mehr mit dem
der Hunde, als mit dem der Katzen übereinkommt, so steht
zu erwarten, dafs sich auch der ihm vorhergehende Wechsel-
zahn vom Typus der Hunde nicht entfernen werde. Im blei-
benden Gebisse liefert eben dieser Zahn einen entschiedenen
Beweis, dafs die Hyänen nicht zu den Katzen, dagegen aber
zu den Hunden gehören. Er ist nämlich wegen des weit nach
hinten gerückten Fleischzahnes nur ein rudimentärer Querzahn;
aber er ist nicht zwei wurzlig, wie der der Katzen, sondern
drei wurzlig, wie bei den Hunden, und wie bei diesen ist
seine innere Wurzel bedeutend stark. In Form und Höcker-/
bildung gleicht er, wie nach Obigem zu erwarten steht, dem
Höckerzahn des Wechselgebisses der Hunde; nur ist der der
289
Schneide entsprechende Theil mehr nach hinten und innen
geschoben, so dafs der vordere Höcker fast zum äufseren, der
hintere zum inneren geworden ist. Wie im Wechsel-Höcker-
/ahne der Hunde fehlen die beiden Höcker, welche an deren
bleibenden Höckerzähnen zwischen der Schneide und dem
Höcker des inneren Ansatzes stehen. Wir können also mit
Fug und Recht den einzigen queren Höckerzahn der Hyäne
für einen verschobenen Milch -Höckerzahn der Hunde erklären,
der eben nur durch die Verschiebung seines Schneidentheiles
die typisch dreiseitige Gestalt eingebüfst hat. Das übrige Ge-
bifs der Hyänen weicht zunächst darin von dem der Hunde
ab, dafs am oberen Fleischzahne die vordere Zacke vorhanden
ist, welche am Fleischzahne der Hunde fehlt oder nur als
Rudiment gefunden wird. Dieser stärkeren Entwickelung der
Schneide des Fleischzahnes entspricht auch die stärkere Ent-
wickelung der 3Liickenzähne, welche wir bereits im Eingange als
Wiederholungen der Schneide des Fleischzahnes erkannt haben.
Die beiden hinteren sind dreizackig, haben aber eine ganz stumpfe
Schneide. Nach (j. Cuvier hat der C. pictus ganz ähnliche
Liickenzähne und so finde ich sie auch bei einem Bullenbeifser.
Im Unterkiefer sind auch nur 3 stumpf - dreizackige , sehr kräf-
tige Liickenzähne vorhanden. Es fehlt also der vordere ein-
wurzlige Lückenzahn der,Hunde, wenn er nicht vielleicht gleich
nach dem Zahnwechsel vorhanden ist und nur früh ausfällt.
Der untere Fleischzahn zeigt, wenigstens bei Hyaena striata^
ganz den Typus der Hunde. Es ist ein hinterer Höcker-
ansatz wie bei den Hunden, nur in geringerem Umfange und
eben so auch die hintere Zacke der Schneide vorhanden.
Auch nimmt letztere dieselbe Stelle, wie bei den Hunden, ein.
In den anderen beiden Arten wird der untere Fleischzahn
schon dem der Katzen ähnlicher. Bei H. hrunnea Thunb.
(H. villosa Sin^ ist jene innere Zacke freilich vorhanden,
aber weniger hervorragend. (Cmv. Oss. foss, 4. edit. 7. p. 319.)
Bei den gefleckten Hyänen Südafrika's fehlt sie dagegen gänzlich,
auch der hintere Höckeransatz des Zahnes ist hier kaum an-
gedeutet. Es besteht also der Zahn bei ihr, wie bei den
Katzen, npr aus den beiden, sehr langgezogenen vorderen
Zacken der Schneide. Wir trefi"en also hier auf ganz ähn-
liche Uebergänge, wie oben bei Galicüs und den Ratelen.
290
Die Beziehung beider zu den Katzeu ist demnach die nandiche,
ohne dafs es deshalb einem Systematiker einfidlen darf, die
Extreme beider Familien mit den Katzen in eine Gruppe zu-
sammen zu werfen.
Sowie die Hyänen ein Mittelglied zwisclien Hunden und
Katzen bilden, so bildet der langöhrige Fuchs {CauLs mega-
lotis Desm, Otocyon caffer Licht Megalotis Lalandii
der franz. Schriftsteller) ein Mittelglied zwischen ilnien und
den Viverren. Wie jene vom Typus der Hunde in Vermin-
derung der Zahl der Höckerzähne abweichen, so dieser, der
dem Habitus nach ein kurzschnauziger, langöhriger Fuchs ist,
durch abnorme Vermehrung derselben. Dadurch charak-
terisirt er sich aber als ein nach der entgegengesetzten Seite
abweichendes Glied der Hundefamilie, und es treten bei ihvn
alle Modificationen ein, welche wir oben als Eigenthiimlich-
keiten jener aberranten Glieder kennen gelernt haben.
Das Gebifs der Gattung Otocyon gleicht hinsichtlich der
Vorderzähne ziemlich dem der Hunde, nur haben die mittleren
eine kürzere Krone, eine einfache, breitere Schneide und
schliefsen enger an einander. Der äufsere des Zwischenkie-
fers ist kürzer, konisch, doch weniger eckzahnähnlich; der
äufsere des Unterkiefers hat denselben Ausschnitt, wie
beim Fuchse, nur schwächer. Die Eckzähne sind kürzer und
minder gekrümmt als beim Fuchse. Die Zahl der oberen
Lückenzähne ist dieselbe, nur sind sie kürzer, weniger zu-
sammengedrückt, nähern sich mehr der konischen Form. Der
Fleischzahn zeigt dieselben Modificationen, welche wir bei den
Omnivoren Gliedern der Marderfamilie kennen lernten. Sein
Schneidentheil ist verkürzt, der innere Höckeransatz mehr
entwickelt, steht der mittleren Zacke gegenüber, tritt nach
innen stark hervor, und trägt einen stumpf konischen Höcker,
welcher von der mittleren Zacke der Schneide durch eine
kleine dreieckige Grube getrennt ist. Der ganze Zahn hat
hiedurch eine dreieckige Gestalt und ähnelt auffallend dem
Milch -Höckerzahne der Hunde (s. oben S. 268.) Er steht
ungemein weit nach vorn mit seiner vorderen Wurzel gerade unter
dem Foramen infraorhitale. Es zeigt denniach die Stelliuig
des oberen Fleischzahnes in der Hunde -Familie eine merk-
würdige Gradation. Bei den eigentlichen Hunden steht er
291
etwas mehr zurück, so, dafs der Hinterrand seiner hinteren
Zacke etwa in die Mitte zwischen dem Foramen iafraor-
hitale und dem Ilinterrande des Oberkiefers fällt; btji den
Hyänen ist er ganz weit nach hinten gerückt, steht gerade
unter dem Vorderendo des Jochbeins. Nacli dieser Stellung
des Fleischzahnes richtet sich die Zahl der oberen Höcker-
zähne. Bei den Hyänen, wo für sie kein Platz bleibt, fuidet
sioh nur ein, noch dazu rudimentärer j querer Höckerzahn,
bei den Hunden 2, bei Otocyon sogar 4, von denen die 3
ersten in Gestalt und Höckerbildung mit den Höckerzähnen
des Fuchses ziemlich übereinstimmen. Nur ist die schon bei
diesem an der vorderen Innenseite des Zahnes bemerkbare
Leiste des Cingulwn an den Höckerzähnen von Otocyon
mehr entwickelt, so dafs hier das mittlere Höckerpaar von
einer halbbogenförmigen wallartigen Leiste und einer zwischen
dieser liegenden grabenförmigen Furche umgeben ist. Der
hinterste vierte Höckerzahn ist klein, in Gestalt genau dem
hinteren Höckerzahne des Unterkiefers der Hunde entsprechend.
Die Hauptverschiedenheit im Gebisse des Oberkiefers besteht
also in der stärkeren Entwickelung des Höckeransatzes am
Fleischzahne und in Vermehrung der oberen Backenzähne um
zwei. Im Unterkiefer stimmen wieder die Lückenzähne in
Zahl und Form mit denen des Fuchses ziemlich überein; nur
sind auch sie kürzer bei gleicher Höhe. Der hinterste Lücken-
zahn nähert sich darin dem des Viverren- Gebisses, dafs das
CinguUnn an seinem Hinterrande sich stärker absetzt, und
durch einen , schon beim Fuchse angedeuteten Einschnitt einen
deutlich zweihöckerigen Ansatz gewinnt, welcher beim Fuchse
nur im Rudimente vorhanden ist. Joh. Müller ist hiedurch
veranlafst ^^), diesen Zahn als den unteren Fleischzahn zu
deuten; allein das oben angegebene Kriterium für die Fleisch-
zähne, dafs' der obere aufsen vor dem unteren eingreift, so
wie dieselbe wenn auch mehr rudimentäre Bildung dieses
Zahnes beim Fuchse, sprechen dafür, dafs er der letzte Lücken-
zahn ist. Der untere Fleischzahn ist noch mehr verändert,
ganz dem der Viverren ähnlich geworden. Der vordere Schnei-
dentheil ist dreizackig; aber die hintere ist weit nach innen
20) Müll er 's Archiv. 1836. Jahresbericht S. 50.
292
und vorn gerückt, steht mit der mittleren in gleicher Linie
und ist von so bedeutender Gröfse, dafs sie die vordere und
mittlere (hier äufsere) Zacke an Höhe übertrifft. Der ganze
Schneidentheii ist stumpfzackig. Der hintere Höckeransatz
verhältnifsmäfsig kleiner als am Fleischzahne des Fuchses,
zeigt nur 2 deutliche Höcker. Auf ihn folgen drei Höcker-
zähne. Die beiden ersten entsprechen in ihrer allgemeinen
Form dem ersten Höckerzahne der Hunde, nur dafs sie deut-
licher vierhöckrig, die Höcker spitzer, und dafs der innere
Höcker des vorderen Höckerpaares höher als 4er äufsere ist.
Der hinterste Backenzahn entspricht dem hintersten Backen-
zahne der Hunde, nur ist er zweihöckrig und das Cin^ulum
besonders hinten sehr ausgebildet.
Wir ersehen hieraus, dafs sich das Gebifs von Otocyon
freilich auf das der Hunde- zurückführen läfst, dafs es aber
auch andrerseits viele Eigenthümlichkeiten des Viverren-Ge-
bisses an sich trägt. Auch in der Zahl der hinteren Höcker-
zähne findet sich insofern eine Analogie, als im Oberkiefer
einer mehr vorhanden ist, als im Unterkiefer. Die übrige
Uebereinstimmung, welche wir im Gebisse des Otocyon und
mancher Viverren antreffen, beruht darauf, dafs bei beiden
dieselben Modificationen eintreten, welche wir schon im Ein-
gange dieser Abhandlung bei den abweichenden Gliedern der
Carnivoren statt linden sahen. Die Aehnlichkeit zwischen
dem Gebisse des Otocyon und der Viverren ist mithin eine
Aehnlichkeit der Analogie, und nicht auf Stammverwandtschaft
gegründet. Die Viverren sind zum Theile abweichende Fleisch-
fresser, bei denen jene Modificationen in einem so hohen
Grade eintreten, dafs ihr Gebifs in den ganz abweichenden
Gattungen dem der typischen Plantigraden ungemein ähnlich
wird. Nichts ist daher leichter, als das Gebifs der Hunde
(^Canis) und der Hyänen, sofern diese wahre Carnivoren sind,
vom Gebisse der Viverren zu unterscheiden; schwieriger aber
ist es zwischen letzterem und dem Gebisse des Otocyon einen
Unterschied zu finden, weil in diesem das Gebifs der Hunde
alle jene Mo.dificationen erlitt, durch welche das der Viverren
zu dem der Omnivoren Plantigraden umgebildet wird. Aufser
der Form und Höckerbildung der oberen Höckerzähne, welche
bei Otocyon^ fast ganz denen der Hunde gleichen, bleibt noch
293
die Zahl der Höckcrzäline, welche bei den Viverreu constaiU
^ ist, während sich bei Otocyon ^ finden. •
Leider sind die zahlreichen Gattungen der VivÄrreji-Fa-
iriilie, deren namentlich die neueste Zeit so viele herbeigeführt
hat, hinsichtlich ihres Gebisses sehr wenig bekannt; wenigstens
reichen die vorhandenen Beschreibungen für meinen Zweck
nicht aus, und um so weniger als- mir nur die Schädel der
älteren Genera, der Viverren, Genetten, Rhyzänen, Man-
gusten und des Paradoxiirus zu Gebote standen. Nach den
mir bekannten Extremen, der Genetten und Paradoxuren zweifle
ich nicht, dafs sich hier ein ähnlicher Parallelismus feststellen
wird, wie ich ihn in der Familie der Marder nachgewiesen
habe; d.h. dafs es entschieden carnivore Gattungen giebt, wie
z. B. die Genetten sintl, und entschieden frugivore (Para-
doxurus), und vielleicht noch eine Zwischenreihe zwischen
beiden, etwa mit einem Gebisse, wie das der eigentlichen Vi-
verren. Vor der Hand mufs ich mich nur darauf beschrän-
ken, die Eigenthiimlichkeiten des Viverren-Gebisses»festzusetzen,*
so weit sie sich aus den mir bekannten Gattungen entnehmen
lassen. — Die hintere Zacke des unteren Fleischzahnes, welche
bei den Hunden und den gestreiften Hyänen (Jf. striata und
villosa) sehr klein ist und ganz hinten an der Innenseite der
mittleren Zacke gelegen ist, finden wir bei iien minder car^
nivoren Viverren weit nach vorn geschoben, ganz innen, in
gleicher Linie mit der mittleren Zacke. Sie berührt unmittel-
bar die vordere Zacke, welche ebenfalls ganz nach innen ge-
schoben, zu einer inneren geworden ist. Es stehen also bei
diesen Viverren die Zacken der Schneide im Triangel näm-
lich zwei, die vordere und hintere nach innen und nur eine
die mittlere Zacke der Schneide nach aufsen. Dasselbe fanden
wir auch bei Otocyon; es ist eine Annäherung an eine bei
mehreren Plantigraden statt findende Bildung. Im Wechsel-
gebisse der Viverren ist dies weniger der Fall. Die innere
Zacke steht hier etwas hinter der Mitte der mittleren, und
demnach weit von der vorderen, die weniger nach innen ge-
' schoben ist, entfernt. Es ist also dies eine zum plantigraden
Typus führende Umwandlung, welche erst im bleibenden Gebisse
eintritt und auch bei den typisch-carnivoren Genetten nicht in
dem Grade vorkommt. Die hintere- Zacke ist bei diesen minder
2M
nach vorn geschoben, steht etwa so, wie am Milch -Fleisch-
zahne der Hunde, d. h. etwas hinter der Mitte der mittleren
Zacke. Auch ist die vordere Zacke bei ihnen weniger nach
innen gedrängt, sondern kehrt nnr ihre scharfe Schneide
schräg nach innen. Der hintere Höckeransatz des unteren
Fleischzahnes ist nur gering; gröfser im Verhältnifs zum
Schneidentheile bei den minder carnivoren Gattungen. Eine
zweite wesentliche Eigenthümlichkeit der mir bekannten Vi-
verren ist, dafs sich in ihrem unteren Höckerzahne nicht wie
in den Familien der Marder, Hunde, der hintere Ansatz in
vergröfsertem Maafsstabe und mit gröfserer Entwickelung sei-
ner Höcker wiederholt, sondern, wie bei den bärenartigen
Raubthieren, der ganze Fleischzahn. Dies gilt selbst von den
carnivoren Genetten. Auch hier ist der ganze Fleichzahn im
Höckerzahne wiederholt, nur verkürzt. Dieselbe an die Plantigra-
den mahnende Erscheinung trafen wir auch bei Otocyon. Daher
auch an seinen unteren Höckerzähnen die vorderen Höcker
^spitziger sind, und der innere des vorderen Paares, als der
inneren Schneiden-Zacke des Fleischzahnes entsprechend, höher
erscheint als der äufsere (S. oben S. 292.) Bei dieser Aehn-
lickkeit des unteren Fleischzahnes und des ihm folgenden
Höckerzahnes kann man bei den Viverren leicht irre werden,
ob der erstere wirklich als Fleischzahn anzusprechen ist,
um so mehr als der ihm vorhergehende Lückenzahn zuweilen
eben so viel oder mehr Aehnlichkeit mit einem Fleischzahne
zeigt. Das oben angegebene Kriterium und die Vergleichung
des Wechselgebisses beweisen die Richtigkeit der gewöluüiclien
Deutung. Aber man könnte sagen, dafs bei den Viverren
der hinterste Lückenzahn fleischzahn-ähnlich geworden ist, und
selbst bei einigen z. B. den Genetten, bei der schrägen Stel-
lung seiner scharfen Schneide wirklich als solcher fungiren
mag. Es besitzt dieser Lückenzahn oder vordere Fleischzahn
bald alle 3 Zacken (Genetten), bald nur die mittlere und hin-
tere Zacke, und zwar stehen, wie an dem letzten Lücken-
zahne andrer Carnivoren, alle beide oder alle 3 Zacken inu
gerader Linie hinter einander. Aufserdem hat dieser Zahn '
auch wie der Fleischzahn einen hinteren Höckeransatz von
verschiedenem Umfange. Wer nur das Gebifs von Rhyzaena
betrachtet, wird zweifeln, ob er au diesem Zahne wirklich
295
die genannten Zacken vor sich liabe, oder ob nicht die hin-
tere Zacke dem ebenfalls spitzigen vorderen Höcker am An-
sätze des Fleischzahnes entspreche. Die Vergleiclmng von
Fiverra und den Genetten, wo der laeischzahn-ähnliche Liicken-
zahn dreizackig ist und insbesondere das Wechselgebifs beider
bestätigt das oben gesagte. Der Lückenzalin des Wechselge-
bisses ist nämlich dem Wechsel-Fleischzahne in seinem Höcker-
ansatze fast völlig ähnlich, in der Schneide aber insofern un-
ähnlicl^ als deren Zacken an ihm in gleicher Linie hinter einander
stehen, im Fleischzahne aber die vordere und hintere, wie selbst
bei den typischen Carnivoren etwas, wenn auch weniger als
am bleibenden, nach innen geschoben sind. Dafs derselbe
Zahn im bleibenden Gebisse weniger Aehnlichkeit mit dem
Fleischzahne zeigt, liegt darin, dafs am letztern die Zacken
der Schneide so bedeutend verschoben sind. Auch im Ober-
kiefer zeigt der letzte Lückenzahn einen, wiewohl kleinen
Ansatz an der Innenseite der langen (mittleren) Zacke, auf
welche er meist allein reducirt ist, nur bei Paradoxurus
vermisse ich ihn, doch wird seine Stelle durch eine an der
Innenseite herabsteigende scharfe Kante vertreten. Die Bil-
dung des oberen Fleischzahnes ist in den verschiedenen Gat-
tungen sehr verschieden und wird wieder ein gutes Kriterium
für die typisch -carnivoren und abweichenden Genera geben
daher die Beschreiber auf seine Stellung im Kiefer, ob er
ganz vorn oder weit zurückgeschoben, auf die relative Länge
und Schärfe seiner Schneide, auf die Stellung und Bildung
seines Höckeransatzes, u. s. w. genau Rücksicht zu nehmen
haben. Das Gebifs der Genetten zeigt den Typus der eigentlich
carnivoren Viverren, nämlich sehr comprirairte scharfschneidige
Lückenzähne in beiden Kiefern, im Oberkiefer einen Fleisch-
zahn, dessen Schneide sehr laugstreckig , dreizackig und sehr
scharf, besonders in ihrem hinteren Theile ist. Sein innerer
Höckeransatz, wenn auch vom mittleren Theile des Zahnes
ausgehend und grofs, reicht ganz nach vorn, ist stark zusam-
mengedrückt und scharf schneidend. Bei den Viverren {s. str,}
sind die Lückenzähne stumpf, nicht zusammengedrückt, die
Schneide des Fleischzahnes ist noch freilich langstreckig, aber
stumpfer, der inunre Ansatz ist ein grofser schräg nach vorn
geschobener, stumpfer Höcker. Bei li/iyzaena sind die Lücken-
296
zahne stumpf konisch Junten schneidend. Die Schneide des
oberen Fleischzahnes ist freilich dreizackig, aber stumpf und
sehr verkürzt, und der in eine stumpfe Zacke sich erhebende
grofse innere Höcker steht der mittleren Zacke gegenüber, so
dafs der Fleischzahn ziemlich denselben Umrifs wie die ihm
folgenden Höckerzähne hat. Sämmtlich Eigenschaften, welche
wir schon früher als den abweichenden Carnivoren eigen ken-
nen gelernt haben. In RJiyzaena sehe ich ein Uebergangs-
glied zu den Insertivoren , da der hintere Ansatz des unteren
Fleischzahnes und der folgende Höckerzahn lange, ziemlich
spitzkonische Höcker zeigen, wie wir sie sonst bei den Insecti-
Yoren antreflfen. Andrerseits bilden die Viverren raiit mehr stümpf-
hÖckrigenßackenzähnen(F^ii;err« und besonders Paradoxurus}
üebergangsglieder zu den bärenartigen Omnivoren. Bei Fara-
doxurus tritt die Höckerbildung an Fleisch- und Höckerzähnen
am entschiedensten auf und zwar mit denselben Erscheinun-
gen, welche wir bereits in der Familie der Marder kennen
gelernt haben. Am Fleischzahne des Oberkiefers stumpfen
sich die Zacken der Schneide zu rundlichen Höckern ab, durch
Verdickung des Cingulum gewinnt der Zahn am Umfang ; und
es werden auch auf diese Weise die auf ihn folgenden Höcker-
zähne im Umfange vergröfsert. Am unteren Fleischzahne sind
die Zacken der Schneide ganz abgekürzt und abgestumpft, so
dafs, wie bei den bärenartigen Thieren, aller Unterschied zwi-
schen dem vorderen der Schneide entsprechenden Theile und
dem Höckeransatze aufgehoben ist. Auch am letzten Lücken-
zahn, der bei den Viverren schon im Wechselgebisse fleisch-
zahn-ähnlich auftritt, sind die Zacken der Schneide abgekürzt
und abgestumpft, so dafs in ihm ein wahrer Höckerzahn
mehr gewonnen ist. Bei Farädoxurus ist auch der obere
Fleischzahn am meisten nach vorn gerückt, indem seine vor-
dere Zacke sich gerade unter dem Foramen infraorhitale findet,
dagegen ist er bei den Genetten mehr nach hinten geschoben, steht
in der Mitte zwischen dem Foramen infraorhitale und dem Hin-
terrande des Processus zygomaticus. Erst wenn die Beschreiber
auf alle diese Verschiedenheiten gehörig Rücksicht genommen
haben, wird man im Stande sein, die natürlichen Beziehungen der
Viverren festzustellen. Soviel geht indessen schon aus dem Gesag-
ten hervor, dafs man hier ganz ähnliche Gradationen wie in der
Marderfamilie antriift. —
üeher die Bildung der faserfÖriuigeii Zellen
(Faser -Zellen) oder Baströhren der Pflanzen
von
J. M e y e D.
Als im vergangenen Winter Herr Professor Mitscherlich
und ich eine Reihe von Untersuchungen über die chemische
ZusammensetzAing verschiedener vegetabilischer Stoffe anstellten,
ergab sich die auffallende Erscheinung, dafs die gereinigten
Flachsfasern, so wie auch alte Leinen, wenn sie in Salzsäure
gekocht wurden, mehr oder weniger plötzlich ' in sehr kleine
glänzende Theilchen zerfielen, welche sich in der Flüssigkeit
bald zu Boden setzten. Die mikroskopische Untersuchung
zeigte", dafs diese Theilchen ziemlich von gleicher Länge wa-
ren, und durch ein sehr regelmäfsiges Zerfallen der Flachs-
fasern gebildet, so dafs jedes Theilchen in einem kleinen Ende
der 'cylindrischen oder prismatischen Röhre der Flachsfaser
bestand. Zuweilen waren einzelne Stücke bedeutend länger,
dann aber konnte man mehr oder weniger deutlich sehen,
dafs auch diese noch aus mehreren kleinen zusammengesetzt
waren, welche den vorigen in der Länge glichen; zuweilen
waren aber auch die einzelnen Schichten der dicken Membran,
woraus die Flachsfaser zusammengesetzt ist, durch den Ein-
flufs der kochenden Salzsäure von einander getrennt.
Die Untersuchung eines feinen, ungeleimten Leinen -Pa-^
pier's, welches durch anhaltendes Kochen im Wasser zu einer
gleichmäfsigen Masse aufgelöst war, zeigte ebenfalls eine viel-
fache Theilung der einzelnen Flachsfasern in kleinere Theil-
chen und deren Wände in einzelne Schichten, jedoch war
diese Zertheilung, worauf offenbar die Papier- Fabrikation be-
ruht, noch lange nicht mit jener vollkommenen, fast ganz
IV. Jahrg. 2. Band. 20
298
regelmäfsigen Zertheilung durch den Einflufs der kochenden
Salzsäure zu vergleichen.
Die spätere Untersuchung über die Entvvickelung der
Knospen lehrte mich, dafs diejenige Zellenschicht, welche sich
später zu Baströhren irnd zu sogenannten Holzfasern ausbildet,
und sich als eine ungefärbte Zone, unmittelbar über dem Mark-
hügel bis zum Kerne oder dem Keime der Knospe hinzieht,
aus äufserst zarten, etwas langgezogenen, prismatischen, mei-
stens 4-, 5- oder 6seitigen Parenchym- Zellen besteht, welche
mit ihren Enden genau über einander stehen und sich allmälig
durch Resorption ihrer Scheidewände in die langen Faser-
Zellen oder Baströhren umwandeln. Jene regelmäfsig abge-
stutzten cylindrischen Röhrchen, in welche die Flachsfasern
durch Kochen in Salzsäure zerfallen, haben auch fast genau
dieselbe Länge, welche diesen zarten Parenchym- Zellen in
ihrem ausgebildeten Zustande zukommen, und dafs auch diese
aus den zarten Zellen der Marksubstanz durch allmälige Deh^
nung entstehen, läfst sich an den terminalen Knospen der
Rofskastanie und der Esche sehr wohl beobachten. Mit der
Resorption der Scheidewände jener Zellen, verwachsen die
auf einander stehenden Ränder so innig, dafs man ihre Ver-
einigung noch nicht bemerkt hat, und die dadurch entstandene
Röhre bildet die erste oder ursprüngliche Schicht der Membran
der Faser -Zellen, deren Verdickung später durch Anlagerung
•neuer Schichten auf der inneren Fläche wie gewöhnlich erfolgt.
Diese kurzen Mittheilungen bringe ich zur öflfentlichen
Kuade, weil sie für die Erklärung über die Entstehung der
Muskel- und Nervenfaser der Thiere Andeutungen geben kön-
nen , wobei ich eine genaue Beachtung der spiralen Bildungen
empfehle, welche die Muskelfasern oftmals eben so deutlich,
als die Baströhren zeigen ; auch scheint es mir, dafs die Mem-
bran der Muskelfasern der Fische verschiedene Schichten wahr-
nehmen läfst.
lieber die weiblichen Geschlechts -Werkzeuge
des Aales {Anguüla ßuviaiilis)
von
Heinrich Rathke.
Ochon in meinen Beiträgen zur Geschichte der Thierwelt
(Abthoilniig III. Halle 1824) hatte ich mehrere Bemerkungen
über die weiblichen Geschlechts-Werkzeuge des Aales gegeben.
Ihre Richtigkeit wurde durch die Untersuchungen, die ich über
diesen Gegenstand wiederum im vorigen Herbste und jetzigen
Frühling anstellte, völlig bestätigt. Zugleich aber machte ich
noch einige Wahrnehmungen, durch die ich in den Stand gesetzt
bin, jenen Mittheilungen jetzt einen weitern Umfang geben
zu können. — Ueber die männlichen Geschlechtstheile des
Aales hoffe ich nächstens einmal ein Näheres angeben zn
können.
Die Weibchen des in Rede .stehenden Fisches besitzen
zweiEierstqcke, die nicht, wie bei den meisten Grätenfischen,
eben so viele häutige Säcke, sondern vielmehr, wie bei den
Lachsen und Stören, zwei Platten darstellen. Doch unter-
scheiden sie sich in der Form von diesen dadurch, dafs sie
im Vergleich zu ihrer Länge sehr dünn sind, und nicht eine
Menge von Blättern auf der einen Fläche gewahr werden
lassen, sondern wie eine Manschette oder Halskrause der
Quere nach gefaltet sind. Sie stellen nämlich zwei lange,
schmale, und in sehr viele Falten gebrochene Bänder dar, die
gegen ihre Enden schmäler auslaufen, und von dem vordem
Ende der Rumpfhöhle bis eine geraume Strecke über den After
in den Schwanz, so weit als jene Höhle sich in den Schwanz
erstreckt, hineinreichen. Ihr einer Rand ist durch eine schmale
Falte des Bauchfelles an die Rückenwand des Leibes und zum
20*
300
Theil auch an die Schwimmblase angeheftet, ihr anderer Rand
ist nach unten gege^i die Bauchwand gekehrt. Ihre Farbe ist
meistens ein blendendes Weifs und rührt von dem vielen flüs-
sigen Fette lier, das in den Eierstöcken vorkömmt, innerhalb
des zellstoffigen Gewebes derselben in lauter sehr kleinen,
doch verschiedentlich grofsen kugelrunden, und unter dem
Mikroskope durchsichtigen Tropfen abgelagert ist, und inso-
fern für den Aal eine merkwürdige Eigenthümlichkeit ausmacht,
als in den Eierstöcken anderer Fische, so weit meine Erfah-
rungen reichen, kein Fett besonders ausgeschieden vorkommt.
Auch die Eier, die zwischen diesen Fettkügelchen zerstreut
liegen und in unzählbarer Menge vorkommen, fand ich zu
jeder Jahreszeit, obgleich von verschiedenem, so doch sämmt-
lich nur von sehr geringem Umfange. Die gröfsern, die ich
jetzt im Mai und Juni gemessen habe, hatten einen Durch-
messer von ungefähr -^ Linie. Die kleinern sind im frischen
Zustande ganz durchsichtig und farblos, und lassen deutlich
ein Purkinjesches Bläschen in ihrem Innern erkennen: die
gröfsern aber sind weniger durchsichtig, und haben eine schwach
weifsliche Farbe, weil ihr Dotter mehr oder weniger reich
an äufserst kleinen Eiweifskörnern und Fettkügelchen ist.
Ganz undurchsichtig werden die Eier, wenn sie mehrere Stun-
den im Wasser gelegen haben, weil dann ihr Inhalt gerinnt.
Von Eierleitern kommt keine Spur vor. Dieserhalb und
weil die Eierstöcke nicht hohl sind, unterliegt es keinem
Zweifel, dafs die Eier, wenn sie sich von ihrer Bildungsstätte
ablösen, in den freien Raum der Bauchhöhle fallen, wie es
auch bei den Lachsen, den Stören und Petromyzen der Fall
ist. ' Nun fragt es sich aber, auf welchem Wege entweder sie
selber, oder die Jungen, die sich etwa im Mutterleibe ent-
wickelten, endlich aus der Bauchhöhle in's Freie gelangen?
Mehrmals habe ich nach einem solchen Wege ganz vergeblich
gesucht, obgleich ich ihn der Analogie nach da vermuthete,
wo er wirklich vorhanden ist. Endlich wurde ich in jeder
Seitenhälfte neben der Stelle, wo sich der Darm und die mit
der obern Seite desselben dicht verwachsene, mäfsig grofse,
und dünnhäutige Harnblase durch die Bauchwandung der
Rumpfliöhle wenden wollen, auf der Grenze zwischen jenen
Organen an der Innern Seite der Bauchwandung eine äufserst
301
kleine und mir wenig tiefe Grube gewahr. Aber der Versuch
mittelst einer Scliweinsborste oder feinen Sonde durch sie
nach aufsen hindurchzudringen, schlug bei dem Aale, den ich
unter Händen hatte, an dem ersten Tage nach seinem Tode
fehl. Am folgenden Tage jedoch, als die Todtenstarre ver-
schwunden war, vernioclite ich mittelst zweier Pinzetten die
Grube zu erweitern, und dann auch eine sehr dünne Sonde
durch sie nach aulsen hindurchzuschieben. Dasselbe geschah
späterhin auch bei andern Exemplaren, wenn erst die Todten-
starre vorübergegangen war. Es besitzt also der Aal zwei
besondere, aber äufserst enge Oeffnungen in der Bauchwan-
dung, durch welche man aus der Bauchhöhle nach aufsen ge-
langen kann. Eigentlich sind dieselben zwei kurze trichter-
förmige Kanäle, die nach aufsen und unten convergiren, und
sich in geringer Entfernung hinter dem After, der gleichfalls
nur sehr klein ist, in einer geringen Vertiefung der Hautbe-
deckung endigen, in welcher Vertiefung auch die Harnwerk-
zeuge ihren Ausgang haben. Wegen ihrer grofsen Enge ver-
hindern sie, dafs von aufsen Wasser in die Bauchhöhle eindringen
kann. Vermuthlich aber erweitern sie sich, wenn die Erzeug-
nisse der Eierstöcke aus dem Leibe herausgeschafft werden
sollen. Jedoch kann diese Erweiterung wohl schwerlieh eini-
germafsen bedeutend sein. Und deshalb glaube ich denn, dafs
durch jene Oeffnungen zwar die äufserst kleinen Eier einen
Ausweg finden können, nidit jedoch die Jungen, wenn diese
schon innerhalb der Bauchhöhle sich gebildet und sich einige
Zeit aufserhalb ihrer Eier entwickelt hätten. Aufserdem spricht
gegen das angebliche Lebendiggebären der Aale der Umstand,
dafs wenn aus der so höchst bedeutend grofsen Anzahl der
Eier beider Ovarien die Jungen schon innerhalb des Mutter-
leibes auskröchen, sie durch ihre Bewegungen vermuthlich
einen so grofsen Reiz auf die Eingeweide der Rumpfhöhle
ausüben würden, dafs dadurch für diese ein erheblicher Nach-
theil erwachsen würde. Ich halte demnach dafür, dafs der
Aal ein eierlegendes Thier ist.
Helmintliologische Beiträge.
Vierter Beitrag.
lieber geschlechtslose Neniatoideeii
von
Dr. Carl Theodor von Siebold in Danzig.
JUie Klasse der Helminthen enthält so verschieden organisirte
Thiere, dafs es noch immer schwer wird, sie durch einen
allgemeinen Charakter zu bezeichnen; nicht einmal das Kenn-
zeichen, dafs sie im Inneren anderer Thiere entstehen und
fortleben, pafst zuf alle Helminthen, seitdem man die Ati-
guillula fluviatilis, deren innere Organisation ganz mit der
mancher Nematoideen übereinstimmt, nothvvendiger Weise den
Helminthen beizählen mufs. Aus diesem Grunde bezeichnet
man auch diese ganze merkwürdige Thierklasse besser mit
dem Namen Helminthen als mit dem freilich älteren Namen
Entozoen, welcher letztere Namen schon deshalb nicht gut
pafst, weil auch mehrere Infusorien als Binnenwürmer vor-
kommen *). Wenn einige Naturforscher sich zu der Meinung
hinneigen, dafs der Gordius aquaticus ebenfalls mit den Ne-
matoideen verwandt wäre, so kann ich versichern, dafs er
weder hieher noch zu den Annulaten gehört ^) Auch die Sper-
matozoon schliefse ich von den Helminthen aus, so sehr auch
1) Wiegmann's Archiv. I.Jahrgang. S. 73.
2) In den meisten Handbüchern der Naturgeschichte wird ge-
wöhnlich vom Gordius behauptet, dafs er nur von den Nematoideen
durch seine Lebensweise verschieden wäre, und Burmeister (in
seinem Handbuche der Naturgeschichte. 1837. S. 535.) sagt sogar
ausdrücklich: ,,Gordius ganz wie Filaria." Ich habe diesen räthsel-
haften Wurm schon oft so genau als möglich zergliedert, und seinen
einige Naturforscher <1artiach strelieii, ihnen als organisirtft
Binnenuiirmer einen IMatz in der Reihe der Helininthen zu
verschaffen. Ich fürchte, man setzt, weil bei den Infnsorien
eine innere Organisation gefunden wurde, eine solche auch
bei den Spcrniatozoen voraus, oluie eine solche Annahme
reclitfertigen zu können; mir hat es wenigstens nie gelingen
wollen, sowohl an den Spermatozoen der wirbellosen Thiere,
als an solchen der Wirbelthiere und des Mehschen irgend ein
Organ zu entdecken, was mit einem Saugnapfe, einem Munde
oder eiiiem Magen zu vergleichen* gewes^h Wäre, ^iindltliU
stimme überhaupt Herrn Rudolph Wagner bei," welcher den
Satz aufstellt^): „Die Saamenthiercheh sind eben so wesent-
liche Elemente des Saame^ns, ' Wie die Blutkörperchen des
Bluts, beide Begriffe bedingen in beiden Fällen einander."
Sollte ich Charaktere angeben, welche allen erwachsenen
Helminthen gemein sind, so wären es Mut- fxiigeitde zwei nega-
tive Kennzeichen: 1) kein Helminthe ' besitzt- äufsere Flimmer-
organe, 2) bei allen Helminthen fehlen den primitiven Mus-
kelbündeln die bekannten Querstreifeu *). Blickt man auf die
OJl,.
inneren Bau 30 .einzig in seiner Art gefunden, df^f^ pr^mir nach sei-
ner Zergliederung fast noch räthselhafter erscheint als vorher. Nur
soviel sah ich ein, dafs sein Bau von dem der Nematoideen ganz
aufserordentlich abweicht. Ich konnte unter anderen an deni Öor-
dius aquaticus weder Maul noch After deutlich eirkennenv auch war
ich immer unschlüssig, welches von seinen inneren Organen ich für
den Verdauungsapparat nehmen sollte, Athmungsorgane, Blutgefafse
und Nervensystem fielen nirgends in die Augen, dagegen fand ich
immer ein sehr zusammengesetztes Hautsystem, einen deutlichen
Muskelapparat, dessen Muskelbündel keine Querstreifen besitzen,
und sehr ausgebildete Geschlechtsorgane mit Eiern und Spermatozoen
vor. Die Geschlechtsöffnung ist bisher immer für den After gehalten
worden; überdem habe ich einige Individuen immer nur. mit männ-
lichen, andere Individuen dagegen nur mit weiblichen Geschlechts-
Werkzeugen begabt gesehen; man kann das Geschlecht dieses Gordius
sehr leicht an der Gestalt des Schwanzendes erkennen, die Männchen
haben eiiien gabelförmig gespaltenen Schwanz, wogegen das Hinter-
ende des Weibchens etwas angeschwollen und sehr stumpf abgerundet
ist. Die Männchen scheinen häufiger zu sein als die Weibchen.
3) Fragmente zur Physiologie der Zeugung. S. 30. thcsis 8.
4) Dafs die Helminthen ungestreifte Muskelbündel besitzen, wurde
bereits von Rudolph AVagner beobachtet. (Müller's Archiv.
1835. S. 319.)
304
Entwicklungs - Geschichte der Helminthen, so läfst sich hier-
über eben so wenig etwas Allgemeines hervorheben, um es als
Charakterzeichen dieser Thierklasse hinstellen zu können, denn
man trifft hier Fortpflanzung durch Eier, durch Keimkörner
und durcli Sprossen an ^).
In Bezug auf die Einth eilung der Klasse selbst behalten
die von Rudolph i aufgestellten Ordnungen immer noch den
Vorzug. Man kann alle bis jetzt aufgefundenen Helminthen
ganz bequem in eine dieser fünf Ordnungen unterbringen,
ohne das Bedürfnifs zu fühlen, eine neue Ordnung hinzuzu-
fügen, nur müfsten die einzelnen Ordnungen noch etwas all-
gemeiner, etwa auf folgende Weise, charakterisirt werden.
I. Ordnung. Nematoidea, Thiere mit Mund und After
und getrennten Geschlechtsorganen.
II. Ordnung. AcantJiocephala, Thiere ohne Mund und
After, mit getrennten Geschlechtsorganen.
lU. Ordnung. Trematodaj Thiere, welche immer ein
Maul haben und Hermaphroditen sind.
IV. Ordnung. Cestoidea, Thiere ohne Mund und After,
welche Hermaphroditen sind.
a. Die Geschlechtstheile sind einfach vorhanden. (^Caiyo-
phyllaeus).
b. Die öeschlechtstheile sind vielfach wiederholt vorhanden.
of. Mit unvollkommener Gliederung des Leibes.
{Ligula. Triaenophorus. BothrioCephalus punc-
latus.')
ß. Mit vollkommener Gliederung des Leibes.
(BotJiriocephalus. Taenia.)
V. Ordnung. Cystica, Thiere, welche weder Mund und
After noch Geschlechtsorgane besitzen.
Ob die Gattung Pentastoma zur Aufstellung einer neuen
sechsten Ordnung, wie sie Diesing unter dem Namen ^c«n-
thotheca vorgeschlagen hat ''), berechtigt, will ich noch da-
hingestellt sein lassen, bis die Entwicklungs- Geschichte der
hiehergehörigen Thiere genauer bekannt sein wird. Wer wird
5) Ich verweise hier auf meinen Beitrag zur TEntwickelungs-
Geschichte der Helminthen in ßurdach's Physiologie. 2te Aufl.
B. IL 1837. S. 183. '
6) Annalen desWiener Museums d. Naturgeschichte. B.I. Abth.l.S.15.
305
nicht bei dem Anblick der von Leon Dufoiir abgebildeten
SphacnilariaBomhi '^) stutzen und überlegen, in welche der
fünf Ordnungen der lielniinthen dieser Binnenvvurm wohl passen
könnte? Ich bin so glücklich gewesen, diesen Wurm in der
Leibesliöhle des Bomhiis terrestris, muscorum nnd sylvarwn
mit ausgebildeten Jungen anzntreffen, und habe aus der Ge-
stalt und Entwicklungsweise der letzteren ersehen, dafs sich
dieser Schmarotzer nirgends besser als bei den Nematoideen
unterbringen läfst. Aufserdem stimmt der Bau der weiblichen
Geschlechtstheile von Sphaerularia Bomhi ganz mit dem von
Filaria überein, dagegen bietet das übrige Verhalten des
Wurms noch gar manches Eigenthümliche dar; es weicht sein
Verdauungsapparat auf merkwürdige Weise von dem der Ne-
matoideen ab, auch konnte ich an keinem Individiujm, welches
sämmtlich Weibchen waren, irgend eine Spur von Bewegung
bemerken, w^enn ich dasselbe auch noch so frisch untersuchte,
wogegen seine Brut sich lebhaft hin und her schlängelte. Es
tritt bei diesem Thiere wieder der interessante Fall ein, dafs
die Jungen dem erwachsenen Thiere gänzlich unähnlich sind,
ihre Hautoberfläche ist nämlich ganz glatt, während die des
Mutterthiers dicht mit blasenförmigen Erhabenheiten besetzt
ist, welches letztere übrigens einen sehr artigen Anblick gewährt.
Ich gestehe übrigens, dafs man mit der eben gegebenen
Charakterisiröng der fünf Helminthen -Ordnungen noch nicht
zufrieden sein kann, und mache mir selbst den Einwand, dafs
die I. und II. Ordnung Gattungen enthalten, welche geschlechts-
los sind ®), die Verhältnisse des Mundes und Afters dürften
sie indessen hinreichend von den übrigen Ordnungen unter-
scheiden. Zwei solcher geschlechtslosen Nematoideen wird
man durch nachfolgende Beschreibung näher kennen lernen.
1. Filaria piscium, Rud.
Mit diesem Namen hatRudolphi ^) vielerlei unter sich sehr
verschiedene Rundwürmer bezeichnet, welche in den verschie-
7) Annales des sciences naturelles. 1837. pag, 9. PI. I. F/g: 3.
8) Zu den geschlechtslosen Trematoden rechne ich die Gattung
Diplostomnm, Cercaria, ferner Distomum duplicatum und Bucephalus
polymorphus.
9) Synopsis entozoorum. pag. 10. und pag. 218.
306
densten Organen von Seefischen vorkommen. Einer dieser
Würmer findet sich ungemein häufig in der Leber des Dor-
sches (fiadus Callarias), eines der gemeinsten Seefische der
Ostsee, auch in der Leber des Cottus Scovpio habe ich ihn
angetroffen. Dieser Schmarotzer erreicht gewöhnlich die Gröfse
von 8 bis 10 Lin, rhl. Länge und wird dann auch \ Lin, dick,
man findet ihn aber oft weit unter dieser Gröfse. Bei kei-
nem Individuum, weder bei den gröfsten noch bei 'den klein-
sten, fand ich eine Verschiedenheit in der inneren Organisation.
Jeder Wurm steckt in einem langen, dünnhäutigen und röh-
renförmigen Schlauche, welcher an beiden Enden blind ge-
schlossen ist. Niemals sieht man zwei oder mehrere Würmer
in einem gemeinschaftlichen Schlauche eingeschlossen, wohl
aber traf ich schon mehrmals diesen Wurm frei in der Bauch-
höhle der genannten Seefische an. Diese Schläuche bilden
immer sehr unregelmäfsige Windungen. Sie liegen entweder
in der Lebersubstauz tief vergraben oder ragen mit dem
einen oder anderen Ende aus ihr hervor; nicht selten sind
beide Enden in der Leber verborgen, und ihr mittlerer Theil
hängt wie eine Schlinge oder Schleife von der Oberfläche der
Leber herab. Immer sind diese Hervorragungen der Schläuche
vom peritonaeum eingehüllt und es haben die Schlingen zu-
weilen ein förmliches mesenteriuin zwischen sich. Am häu-
figsten erblickt man einzelne bald gröfsere bald kleinere Win-
dungen der in der Leber versteckten Schläuche dicht unter
dem peritonaeum sich hinziehen, ohne dafs sie über die Ober-
fläche desselben hervortreten. Die Schläuche sind immer länger,
wie die in ihnen enthaltenen Würmer, auch lassen sie densel-
ben in llücksicht ihrer Weite nur sehr wenig Raum, zur Be-
wegung übrig; da die Schläuche entweder mit der Leber oder
deren peritonaemn fest verbunden sind, so sind die Schma-
rotzer bei ihren beschränkten Bewegungen nicht im Stande,
ihre Behälter mit zu bewegen. Gewöhnlich ragt der Schlauch
eines solchen Wurms über dessen oberes und unteres Ende
weit hinaus, der von dem Wurm nicht ausgefüllte Theil ist
dann meistens enger als der Quer -Durchmesser des Wurms,
und oft unregelmäfsig gestaltet, indem einzelne Stellen sack-
förmig erweitert, andere Stellen dagegen zu blinddarmartigen
Fortsätzen ausgestülpt sind, wodurch dieser Theil eines Schlau-
307
chßs zuweilen ein ästiges Ansehen erhält. Diese Verästelung,
des Schlauches trifift mau am häufigsten in deuijeuigeu Ende
desselben an, nach welchem das Kopfende des Wurms hinge-
richtet ist; hier ist auch die Hülle am zartesten und aufser-
ordeutlich leicht verletzbar, dalier ich glaube, dafs diejenigen
Würmer, welche man frei in der Bauchhöhle der Fische vor-
findet, an dieser Stelle aus ihrem Behälter hervorgebrochen
sind. Das Hinterende der Schläuche ist immer deutlich an
einer kolbenförmigen Erweiterung zu erkennen. Die Länge
der Schläuche ist verschieden, die Röhren der gröfseren Wür-
mer betragen zuweilen 13 Lin. an Länge und ^ Lin. an Dicke.
Es fallen zuweilen an den Wänden der Scldäuche blasenför-
mige Anschwellungen auf, welche ganz das Ansehen darbieten,
als wenn die beiden Lamellen, aus welchen die Schläuche zu
bestehen scheinen, in Blasenform von einander gewichen wären.
Aufser dem Schmarotzerwurme enthalten die Schläuche immer
viele krüniliche blasige Massen von blafsgelber Farbe, welche
bald mehr eine zähe wachsartige , bald mehr eine ölartige Be-
schaffenheit haben.
Aus ihren Behältern hervorgezogen bewegen sich die
Würmer zwar etwas stärker, aber nicht lebhafter, sie können
über acht Tage lang in gewöhnlichem Brunnenwasser fort-
leben, ohne zu platzen; sie liegen im Wasser häufig ganz bewe-
gungslos da, und äufeern dann nur nach einer Berührung ihr
noch vorhandenes Leben durch sehr träges Winden. Die Ge-
stalt dieser Rundwürmer ist im Verhältnifs zu ihrer Länge
gedrungen, die jüngeren Individuen dagegen besitzen eine
etwas schlankere Form. Beide Enden der Würmer sind ver-
schmächtigt, immer ist aber das Kopfende dünner als das
Schwanzende, welches letztere bei allen Individuen hinter dem
Afterwulste in eine kurze Spitze ausläuft. Die Farbe der
Würmer ist schmutzig gelbroth; einige Abweichungen von
dieser Farbe werden immer durch den Darm bedingt, dessen
vordere Hälfte bald graugelb bald graugrün und hintere Hälfte
dagegen grauroth aus dem Leibe hervorschimmert.
Die Leibeshöhle dieser Schmarotzer wird von ziemlich
dicken W^änden umschlossen, welche aus einer derben Cutis
und sehr deutlichen Längs- und Quermuskeln bestehen. Die
Cutis scheint aus Epidermis und Corium zusammengesetzt zu
308
sein, wie dies bei den meisten Nematoideen der Fall ist, nur
konnte ich mich hier nicht bestimmt davon überzeugen, iudem
auf der Oberfläche der Haut nur sehr undeutliche Querrun-
zeln zu erkennen waren, und nirgends die Epidermis vom
Corium abstand. Der Mund hat die bekannte dreieckige
Form. Die Erhabenheiten, welche den Mund umgeben werden
sich, wenn ich erst von dem Oesophagus gesprochen liaben
werde, anschaulicher beschreiben lassen.
Der Muskelapparat ist wie bei den meisten Nematoideen
beschaffen, und kann daher übergangen werden. Die eigen-
thümlichen birnförmigen Blasen, welche bei Ascaris Iwnbri-
coides auf der inneren Fläche der Leibeshöhle festsitzen, und
welche vielen anderen Nematoideen fehlen, vermifste ich auch
hier. Durch die ganze Länge der Leibeshöhle laufen zwei
eigenthümliche bandförmige Stränge herab, welche wir bei
den meisten Rundwürmern antreffen. Sie liegen einander ge-
genüber, stehen mit der Cutis in unmittelbarer Verbindung
und geben einen weifsen opalisirenden Glanz von sich. Beide
Bänder, auf deren innerer freien Fläche eine Rinne von oben
nach unten mitten herabläuft, haben sich gleichsam fest zwi-
schen die Längsmuskeln hineingedrängt und lassen nirgends
Quermuskeln über sich hinweggehen. Theilt man einen Wurm
in verschiedene ringförmige Querabschnitte und sieht man in
das Lumen dieser Ringe hinein, so erkennt man sogleich, dafs
die beiden Bänder da, wo sie der Cutis aufsitzen, schmäler
und an ihrer freien Fläche, welche über die Muskelschicht
hervorragt, breiter sind. Auf der äufseren Oberfläche der
Würmer sind die Stellen der Cutis, gegen welche die beiden
Bänder anliegen, durch eine herablaufende erhabene Linie oder
Naht angedeutet. An jedem ringförmigen Abschnitte der Wür-
mer dringen die beiden Bänder immer über die Ränder der
Schnittflächen hervor, was wahrscheinlich deshalb geschieht,
weil die sich contrahirende Längsmuskeln die Abschnitte ver-
kürzen, und die Bänder nicht contraktionsfähig sind. Die
Bänder sind nicht hohl, sondern bestehen durchgängig aus
einer zähen gleichförmigen Masse, in deren Innern man beim
Pressen viele helle Pünktchen und Querstriche bemerkt. Ueber
den Zweck dieser l^eiden Bänder bin ich noch gänzlich im
Unklaren; sie finden sich noch bei vielen anderen Nema-
309
toidecn vor, z. B. bei J^scaris lumhricoides , inflexa und
spiculigera.
An dem Verdauungsapparat läfst sich 1) der Oesophagus
oder Schiundkopf, 2) ein cigenthümlicher Anhang und 3) der
Darm nebst einem Coecinn deutlicli unterscheiden. 1) Der
Oesophagus, welcher einem sehr verlängerten Schlundkoi)fe
analog ist, zeigt den bekannten muskulösen Bau, ist ziemlich
schlank, bei den gröfsten Individuen etwa f Lin. lang und
besitzt an seinem unteren Ende keine kugelförmige Anschwel-
lung, wie sie bei Ascaris so häufig vorkönnnt. Die Höhle
des Oesophagus, welcher von drei muskulösen Längsbalkeii
gebildet wird, ist dreiseitig und scheint von einem festen Epi-
ieliuin ausgekleidet zu sein. Die drei Muskelbalken ragen nach
oben etwas über die Cutis hinaus, und sipd hier zweimal
sanft ausgebuchtet, wodurch an jedem Balken in der Mitte
eine gröfsere und zu beiden Seiten eine kleinere Hervorragung
gebildet wird. Diese Hervorragungen sind von einem zarten
Theile der Cutis, vielleicht blofs von der Epidermis umhüllt
und geben dem Maule das Ansehen, als wäre es mit drei grö-
fseren Warzen, zwischen welche je zwei kleinere Warzen
stehen, besetzt. Diese Warzen fallen nicht immer in die Au-
gen, indem das oberste Ende des Oesophagus zuweilen mehr
oder weniger in die Leibeshöhle zurückgezogen ist. Dieser
Bau des Oesophagus wiederholt sich in vielen anderen Ne-
matoideen. Kurz vor dem Uebertritt in den Darm erleidet
der Oesophagus eine seichte Einschnürung, von welcher 2) ein
Anhang herabsteigt, der ganz eigenthümlich organisirt ist.
Seine Länge beträgt etwa f Lin., und seine Gestalt gleicht
beim ersten Anblicke einem abgeplatteten nach unten breiter
werdenden Blindsacke. Bei genauerer Untersuchung enthält
dieser Anhang drei Höhlen; es befindet sich nämlich in jeder
Seite des Anhangs ein dünnhäutiger Blinddarm, der nicht ganz
bis zu dem freien Ende des Anhangs herabreicht, und fast
immer mit einer weifsen sehr feinkörnigen Masse gefüllt ist;
diese Masse läfst sich weder in die Höhle des Oesophagus
noch in den Darm hineindrücken. Der übrige Theil des An-
hangs besteht aus einer farblosen körnigen Substanz, in deren
Mitte die dritte Höhle sich befindet, welche sich von oben
nach unten in unregelmäfsigen, vielleicht auch in spiralförmi-
310
gen Windui^en herab erstreckt und stets leer zu sein scheint.
Ich konnte nicht erfahren, ob dieser Raum mit dem Oesopha-
gus in Verbindung steht oder nicht. Der eigentliche Darm
ist eine einfache weite Röhre, mit einem blinden Fortsatze,
welcher sich neben dem Oesophagus gerade in die Höhe er-
streckt, allmälig enger wird, und kurz vor der Spitze des
Leibes durch ein schmales Ligament mit dieser in Verbindung
steht. Der Darm ist dickwandig und zeigt, durchschnitten
nur ein enges Lumen, seine Wände bestehen aus einer fein-
körnigen sehr aufgelockerten Masse, welche äufserlich von
einer zarten Haut begränzt wird; auf der inneren Seite ist die
körnige Masse dagegen von keiner besonderen Haut abge-
schlossen. An den Querdurchschnitten des Darms stülpen sich
die Ränder nach aufsen um. Der Blinddarm verhält sich ganz
wie der Darm.
Von Geschlechtsvverkzeugen war niemals, selbst bei den
gröfsten Individuen, eine Spur aufzufinden. Dagegen fiel bei
allen Würmern, sowohl bei den gröfsten als bei den kleinsten,
-ein höchst sonderbares Organ auf, welches ich bis jetzt bei
keinem anderen Rundwurm angetroffen habe.
Neben dem Darmkanale erstreckt sich nämlich durch die ganze
Leibeshöhle ein weifses bandartiges ziemlich festes Organ, wel-
ches nach oben und unten sehr schmal zuläuft und sich in
beiden Leibesenden so verliert, dafs weder Ursprung noch
Ende dieses Organs deutlich in die Augen springt. Dieses
Band besitzt eine äufserst feinkörnige Struktur, und ist in der
Mitte seiner oberen Hälfte am breitesten. Hier bemerkt man
in seinem Inneren einen grofsen hellen rundlichen Fleck, wel-
cher von einer Höhle herrührt, in welcher ein blasenartiger
Körper eingeschlossen ist. Dieser Körper füllt nicht immer
den ganzen Raum der erwähnten Höhle aus, auch erkennt
man an ihm zuweilen Einschnürungen oder Einkerbungen, wo-
durch es überhaupt möglich wird, sein Dasein zu erkennen, denn
die Hülle, von welcher er gebildet wird, mufs aufserordent-
lich zart sein, da es mir niemals gelingen wollte, beim Zer-
reifsen des Bandes und Oeffnen der Höhle, in welcher der
Körper eingeschlossen steckte, diesen frei zu machen und zu
isoliren; hätte ich nicht seine scharfen Umrisse gesehen, so
würde ich eher geglaubt haben, es wäre nur ein feinkörniger
311
leicht zerfliefsbarer Inhalt in jener Hölile abgeschlossen. Noch^
nierkwürdiger ist ein sanft gewundener Kanal, welcher durch
die Mitte des ganzen Bandes herabläuft und einem Gefäfse
vollkommen ähnlich sieht. Da, wo das Band breit ist, gehen
von diesem Gefälse viele zarte Seitengefäfse ab, die sich
allmäh'g zu sehr kleinen kaum zu verfolgenden Aestchen in
der Substanz des Bandes verzweigen; kurz, man erkennt hier
ein deutliches Gefäfssystem. Ob dieses Gefafssystem mit dem
blasenartigen Körper der oben erwähnten Höhle des Bandes
in Verbindung steht, konnte ich nicht entdecken, ein bedeu-
tender Gefäfsast tritt aber gewifs nicht zu ihm über. Das
ganze Band befindet sich lose in der Leibeshöhle, ist wahr-
scheinlich an beiden Enden mit den benachbarten Theilen
stärker befestigt, während nur hier und da der übrige Theil
des Bandes mittelst sehr feiner Fäden mit dem Darme und
der inneren Fläche der Leibeshöhle in Verbindung zu stehen
scheint. Diese Verbindungsfäden sind mir jedoch noch nicht
klar geworden, daher ich am allerwenigsten die sonst nahe
liegende Frage, ob diese Fäden nicht etwa Gefäfsäste des
grofsen Längsgefäfses sind, beantworten kann. Niemals konnte
ich in den Gefäfsen des Bandes eine Strömung oder eine
Flimmerbewegung bemerken, eben so wenig sah ich den In-,
halt der Höhle im oben beschriebenen Bande sich unter mei-
nen Augen verändern. Dieses und nicht mehr weifs icli über
<las mir so räthselhafte Organ zu sagen ; gerne wünschte ich
durch diese Beschreibung die Aufmerksamkeit der Helmintho-
logen auf diesen merkwürdigen Schmarotzer zu lenken, viel-
leicht ist ein oder der andere Beobachter glücklicher als ich
und im Stande, das Dunkle hier aufzuhellen. Wem das Ge-
fäfssystem dieses Wurms röthlich ins Auge schimmern sollte,
den mache ich im Voraus darauf aufmerksam, dafs diese Farbe
nur von einer optischen Täuschung herrührt.
Man wird mir vielleicht einwenden, dafs dieser Wurm
ein noch nicht völlig entwickeltes Thier sei und deshalb noch
keine Geschlechtsorgane in ihm vorhanden wären. Diese Ein-
wendung habe ich mir selbst schon oft gemacht, und meine
Gegeneinwendung war dann, warum findet sich denn dieser
Wurm nie entwickelt, dafs heifst, nie mit Geschlechtstheilen
vor. Es bleibt nur noch die Frage übrig, ob nicht dieser
312
Wurm, wie der Bothriocephälus solidus^^^, in ein anderes
Thier übergehen müsse, um dort seine Entwickelung zu vol-
lenden? Ich fand auch wirklich im Oktober des vorigen Jahres
in dem Darme eines Delphinus Fhocaena mehrere lebende
Rundwürmer, welche sowohl im inneren als äufseren Baue
ganz mit unserer Filaria pisciinn übereinstimmten; im Magen
desselben Delphins befanden sich viele halbverdaute Fischgräten,
ich konnte daher nicht entnehmen, welchem Fische sie ange-
hörten; wahrscheinlich ist diese nur bei Seefischen einheimische
Wurmart durch einen aufgezehrten Gadus Callarias oder
Cottus Scorpio in den Darm des Delphins gerathen. Auch
in diesen übergepflanzten Würmern waren keine Spuren von
Geschlechtstheilen zu entdecken gewesen, und doch kann man
im Bothriocephälus solidus,. wenn er die Leibeshöhle des
Stichlings noch nicht verlassen hat, die künftigen Geschlechts-
organe schon in ihrem unentwickelten Zustande erkennen.
Man wird sich wirklich an den Gedanken gewöhnen müssen,
dafs es auch unter den Nematoideen geschlechtslose Thiere
giebt, was um so leichter gelingen wird, da diese Filaria pis-
cium nicht als einziges Beispiel dieser Art dasteht.
2. Trichina (spiralisp)
Ob der gleich zu beschreibende Wurm mit der Trichina
spiralis des Menschen ganz identisch ist, will ich nicht ver-
bürgen, da es mir bis jetzt noch nicht hat glücken wollen,
die echte Trichina spiralis zu erhalten und vergleichen zu
können; ich möchte aber nicht ohne Noth eine neue Species
aufstellen, und will daher gleich zur Beschreibung dieses
Schmarotzerwurms übergehen. Diejenigen, welche die Tri-
china spiralis genauer kennen, mögen beurtheilen, ob dieser
Wurm wirklich zu Trichina spiralis gehört oder nicht.
Der Wurm ist glashelle, mifst kaum eine Linie an Länge
und bewohnt immer eine bald mehr bald weniger festhäutige
Cystis; diese Cysten enthalten immer nur einen Wurm, sehr
selten stecken zwei W^ürmer in einer und derselben Cystis.
Man findet diese Cysten stets unter dem Peritonaeum oder
unter der Pleura der verschiedensten Thiere verborgen; ich
10) Siehe Creplin: novae obser^vationes de entoxoü. pag. 90.
313
habe sie in folgondoii Thieren angetroffen: in Vesperülio
auritus und Noctula, in Mustela enninea und Erinaceus
cuvopaeus, in Falco fiiscus, ilnnwiculus, St rix huho, otus
und ßammea, in Cypselus apiis , Lanius iniiior^ Sylvia
ruhecula, Vwiellus cristatus , Numenius arquatus, Larus
fuscus, ridihundus und argentatus und in Lacerta agilis.
Stecken die Cysten zwischen den Platten des Mesenteriums y
so fallen sie leicht in die Augen, sitzen sie auf dem Darm-
kanale, so bilden sie schwache Erhabenheiten von der Gröfse
eines kleinen Nadelknopfes; zuweilen sind sie auch von etwas
Fett umgeben, und werden dann leicht übersehen. Die Cysten
sind in einem Thiere bald sehr vereinzelt, bald in ungeheurer
Menge und haufenweise vorhanden. Sehr interessant ist es
mir, diesen unter den^drei oberen Wirbelthier- Klassen so
weit verbreiteten Wurm auch in der Insektenklasse anzutref-
fen, denn sowohl im vorigen als auch in diesem Jahre stiefs
ich bei Zergliederung des Scarahaeus stercorarius sehr oft
auf diesen Wurm. Er ist bei diesem Käfer ebenfalls in einer
Cystis eingeschlossen, welche aber nicht z>yischen den Häuten
des Darmes, sondern ziemlich lose zwischen den Darm Windun-
gen und Luftgefäfsen verborgen liegt. Die Cystis ist hier
leicht zerreifsbar, daher es kommen mag, dafs ich auch zu-
weilen in dem Cavwn dbdominis des Käfers freie Würmer
vorfand.
In der Cystis bewegt sich der Wijrm nur sehr träge,
meistens hat er sich in ihr spiralförmig aufgerollt; befreit man
ihn aus seiner Hülle, so windet er sich ziemlich lebhaft um-
her, rollt sich aber bei der Berührung sogleich wieder spiral-
förmig zusammen und behauptet eine längere Zeit hindurch
diese ruhige Lage. Der ganze Wurm ist im Verhältnifs zu
seiner Länge eher plump als schlank zu nennen ; die Oberfläche
seines Leibes zeigt undeutliche Querringel, Kopf- und Schwanz-
ende sind nur wenig verschmächtigt. Am Maule fallen im-
mer zwei kurze Hervorragungen auf, eine kleine Strecke un-_
terhalb des Maules bemerkt man an der einen Seite des Leibes
eine kurze leicht zu übersehende Papille. Hinter dem deut-
lichen After läuft der Leib des Wurms schnell in eine stumpfe
Spitze aus, an welcher sich eine knopfförmige Anschwellung
befindet. Diese Anschwellung ist rund umher mit kurzen
IV. Jahrg. 1. Band. 21
314
Stacheln besetzt, welche aber nur mit den stärkeren Vergrö-
fsernngen eines Mikroskops unterschieden werden können,
zuweilen konnte ich sie aber auch mittelst solcher Vergröfse-
ruDgen nicht auffinden, so dafs ich glaube, diese Stacheln
gehen leicht am Wurme verloren.
Vom Muskelapparate fiel(?n mir nur die Längsmuskeln
beim Pressen des Wurmes deutlich in die Augen, Quermus-
keln waren mit der gröfsten Mühe nicht zu erkennen. Ob
die beiden eigenthiimlichen bandförmigen Stränge, welche die
Filaria piscium besitzt, auch diesem Rundwurme zukommen,
konnte ich seiner Kleinheit wegen nicht bestimmt in Erfah-
rung bringen.
Der Verdauungsapparat wird durch drei Einschnürungen
in vier Abschnitte getheilt, von denen die drei oberen Ab-
schnitte einen derben muskulösen Bau besitzen und über die
Hälfte des ganzen Verdauungsschlauches einnehmen. Die bei-
den obersten Abschnitte sind sehr kurz und dünne, der dritte
Abschnitt dagegen hat eine bedeutende Länge und Dicke.
Der vierte Abschnitt besteht aus einer sehr düimhäutigen engen
Röhre und stellt den Darm selbst vor. Dieser Darm enthält
immer blasig -körnige Masse, und bildet zuweilen in der Nähe
des Afters eine kurze schlingenförmige Windung; in seltenen
Fällen zeigt auch das oberste Ende des Verdauungsapparates
eine sanfte Windung.
Geschlechtsorgane sucht man an diesem Schmarotzer eben-
falls vergebens. Ich könnte noch mehrere geschlechtslose
Rundwürmer hier aufführen, da dieselben aber fast durchweg
den Insekten angehören und ich nächstens einen Beitrag über die
Helminthen der Insekten zu geben gedenke, so werde ich die
Beschreibung der übrigen von mir als geschlechtslos erkannten
Nematoideeu bis dahin versparen.
Danzig, den 9ten Juni 1838.
1
Entwickluiigs-Gcscliichtc mehrerer Iiisectengat-
tungeu aus der Ordnung der Neuroplereu
von
Friedrich Stein.
(Hiezu Taf. VII.)
iLs ist bekannt, dafs trotz der trefflichen Werke, die in neuerer
Zeit im Gebiete der Entomologie erschienen sind, doch die
Neuropteren nur wenig zur Sprache kamen, wenigstens haben
wir im Verhältnifs zu anderen Insectenordnungen nur sehr
wenig Specielles über sie erhalten. Als Werke die ausschliefs-
lich über Neuropteren handeln, sind mir aus der neuern Zeit
nur P. L. van der Linden monographiae Libellularum
Europaearum specimen; Versuch einer genauen Beschreibung
der in Schlesien einheimischen Arten der Gattung Raphidia
von Th. E. Schummel, und Victet recher dies pour servir
ä Vhistoire des phryganides bekannt geworden. Auch in
periodischen Werken und Schriften vermischten Inhalts findet
sich nur wenig. Daher wird die Bekanntmachung der Ent-
wicklungs-Geschichte mehrerer hierher gehöriger Thiergattungen
um so willkommner sein, als sie gerade in den wenigen Schriften,
die diese Insectenordnung zum Gegenstande haben, fast ganz
übergangen und vernachlässigt wurde, und die oft dürftigen
Notizen, die die Handbücher darbieten, meistens noch aus
einer Zeit herstammen, die es sich zur eigentlichen Aufgabe
gemacht hatte, die Entwicklungs- Geschichte der Insecten zu
ergründen. Da ich früher den Neuropteren eine besondere
Sorgfalt widmete, so fand ich mehrfache. Gelegenheit, die Ent-
wicklungs-Geschichte fast aller einheimischen Gattungen zu
beobachten. Als Gattungen, deren Metamorphose mir mehr
oder minder bekannt geworden ist , kann ich anführen : Ephe-
21*
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jnera, y^grion, Libellula, Aesclinüy Verla, Flnygcinea,
Osmylns, llemejohlus , Panorpa, Raphidla und Mynnc-
coleon. Unter diesen befinden sich 3 Gattungen, von deren
Entvvicklungs- Geschichte man bisher noch gar keine oder
höchst nothdiirftige Kenntnifs hatte, die ich daher hier näher
schildern will. Zwar haben nur die Beobachtungen der ersten
von ihnen, der Gattung RapJildia, den Grad von Vollstän-
ständigkeit, dafs sie auch einem specielleren Bedürfnisse ge-
niigen werden, indefs hoffe ich doch auch, dafs die fragmenta-
rischen Mittheilungen über die beiden andern Gattungen, Pa-
norpa und Osmylus, so viel Lich^ über die Entwickelang
dieser Thiere verbreiten werden, als für die systematische
Naturgeschichte, in deren Dienst diese Untersuchungen zur
nähern Begründung einer genetischen Methode hauptsächlich
unternommen wurd'en, vollkommen ausreichend ist.
I. Verwandlungs -Geschichte der Gattung
Raphidla.
Ich habe im Ganzen 16 lebende Larven verglichen, 6 im
Freien gefundene Puppenhüllen (darunter 2 weibliche) und 2
lebende Puppen, von denen sich jedoch nur die eine, eine
weibliche von Raphidla crasslcornls Hartl entwickelte.
Indessen habe ich bei sorgfältiger Betrachtung der Larvenform,
an ihren Mundtheilen und Füfsen keinen wesentlichen Unter-
schied wahrgenommen, nur die Färbung war sowohl nacli
dem Altei-, als nach den verschiedenen Arten, die doch wahr-
scheinlich unter diesen vielen begriffen waren, sehr verschie-
den; worüber weiter unten das Nöthige gesagt werden wird.
Auch die im Freien gefundenen Puppenhüllen, die ich mit
meinen beiden erzogenen Puppen verglich , zeigten keinen for-
mellen Unterschied; die Färbung aber liefs sich bei den Pup-
penhüllen nicht erkennen, da die ausgekrochene Puppe weiter
nichts ist als eine feine, feste, gelbe Haut, an der Füfse,
Flügel und Mundtheile und der ganze Körperumrifs wohl
deutlich zu erkennen, die F^rbe aber mit Ausnahme der dunk-
lern Mundtheile durchweg dieselbe, ledergelbe ist. Dafs
aber diese Larven und Puppenhüllen nicht alle zu RapJildia
crasslcornls gehören konnten, das kann man leicht aus dem
sehr seltenen Vorkommen dieser Art schliefsen. Was daher
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in der Folge über den Bau der Miindtheile, Fühler und über-
Jiaiipt über den Habitus der Larven und Puppen, über ihre
Lebensart und die Verwandlungen die sie durchlaufen mit-
getheilt wird, kann eben so gut von der ganzen Gattung
Raphidia gesagt >verden.
1) Der Eizustand.
Im Freien habe ich nie Eier gefunden, nur RctpJiidia
opliiojjsis legte einst einige, als sie schon an der Nadel
steckte. Bevor sie sie legte, drehte sich erst der Legestachel
eine Zeit lang in schlangenförmigen Krümmungen, bis sich
zuletzt die kleinen eiförmigen Plättchen, in die sich der Lege-
stachel endigt, von einamler ♦baten und ein kleines niedliches
Ei von i\ Linien Länge herauskam, das walzenförmig, an
beiden Enden eiförmig zugespitzt und noch einmal so lang
als breit war. Die Farbe desselben ist milch weifs *). Wie
viel das Weibchen Eier lege und w^ldie Zeit bis zum Aus-
.schlüpfen derselben nöthig sei, kann ich nicht sagen, doch
lange währt es gewifs nicht, da idi schon im August kleine
Larven von einigen Linien fand, die vollkommenen Thiere sich
aber bei uns vom Mai bis in den August finden.
2) Der Larvenzustand (Fig. 2. 4. 7. und 8.)-
Beschreibung der Larve.
1) Characteristik der Larven der Gattung Raphidia
überhaupt.
Der Leib der Larvo besteht aus 13 Abschnitten , dem
Kopfe, den 3 Absclmitten, die den Brustkasten bilden und den
9 Leibesgliedern. Die 12 letzten Abschnitte sind von weicher
Bescliaffenheit und nehmen nur auf ihrer oberen Seite eine
mehr lederartige Verhärtung an.
1) Die Ansicht ist also falsch, als diene dieser Legestachel blofs
zum Ordnen und Anlieften der Eier an dem Orte, wo sie das Weib-
chen hinlegte. Dagegen spricht schon der hohle, weiter unten be-
schriebene Bau der Legeröhre, man kann sich aber auch leicht davon
überzeugen, wenn man den trächtigen Hinterleib eines Weibchens
stark drückt. Man sieht nämlich dann die Legeröhre sich wurm-
formig krümmen und erhält zuletzt, aus der äid'sersten Spitze der-
selben das eben beschriebene Ei.
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Der Kopf besteht aus einer festen, hornartigen Masse,
ist sehr platt, auf seiner obern Seite fast eine Ebene bildend,
die sich nur nach den Seiten hin etwas abplattet, fast vier-
eckig, nur an den beiden hintern Ecken wenig abgerundet,
und länger als breit. Die obere Fläche ist sehr glatt, aber
mit einzelnen borstigen Haaren, besonders nach den Seiten-
wänden hin besetzt, ohne alle Vertiefung und stark glänzend.
Die untere Fläche des Kopfes ist noch glatter und bildet eine
vollkommene Ebene, die sich nur nach den Mundtheilen zu
allmählich etwas senkt, und dicht vor ihnen eine halbkreis-
förmige, flache Grube bildet, die nach den [Mundtheilen zu
geradlinig begränzt ist. DieMundtheile bestehen aus einer
Oberlippe, zwei Oberkiefern, zwei Unterkiefern, einer Unter-
lippe, zwei Unterkiefertastern und zwei Lippentastern. 1) Die
bewegliche Oberlippe ist durch eine feine Naht von dem
übrigen Kopfe getrennt, trapezförmig indem sich die Seiten-
ränder nach vorn zu stetig verschmälern, und an den vordem
Ecken wenig abgerundet sind. 2) Der Oberkiefer (Fig. 4.)
hat unten eine ziemlich viereckige Gestalt, die sich aber nach
oben zu verschmälert und in einem spitzen und scharfen, ein-
wärts gebogenen Zahne endigt, ist sehr stark und kräftig, von
.hornartiger Structur, am Aufsenrande am dicksten und nach
Innen sich verdünnend, so dafs der Innenrand scharf wird und
noch dazu drei scharfe Zähne erhält, von denen der erste
der gröfste und dickste, die beiden andern a%er von gleicher
Gröfse und am Grunde verwachsen sind. Im Uebrigen ist
die Oberfläche des Oberkiefers durch viele kleine, nur unter
der Lupe wahr zu nehmender, rundlicher Punkte etwas run-
zelig, sonst glän;zend und unbehaart. 3) Der Unterkiefer
ist viel kleiner und viel schwächlicher aus einer krustenarti-
gen Masse gebaut, die mehrfach aber undeutlich und unregel-
mäfsig gesondert ist. Doch sind zwei Theile deutlich bemerk-
bar, von viereckiger, etwas abgerundeter Gestalt, von denen
das untere breiter und dicker, das obere schmäler ist und
in zwei kleine, etwas einwärts gebogene Spitzen endet. Auf
der Gränze beider Theile und der etwas heraustretenden Her-
vorragung des unteren Theiles stehen die Unterkiefertaster.
4) Die Unterlippe ist klein, viereckig, die Seitenränder
wenig eingebogen und die vordem Ecken etwas abgerundet.
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durcli eine piinktirte Naht in zwei Theile getheilt, an deren
Gränze die Lippentaster stehen. 5) Die Unterkiefertaster
sind borstenförmig, bestehen aus 5 deutlichen Gliedern fast
von gleicher Länge, nur das Wurzelglied ist kürzer und dicker
und das Endglied länger und zugespitzt. 6) Die Lippen-
taster sind eben so gestaltet als die üuterkiefertaster, haben
aber nur 3 Glieder. — Die Fühler (Fig. 7.) sind kurz, steif,
fast kegelförmig und liegen mit der Kopfplatte in einer Ebene.
Sie stehen auf einer deutlichen runden Erhöhung, die sich bis
an die Augen erstreckt und bestehen aus 3 Gliedern, von denen
das Wurzelglied das dickste, fast walzenförmig, das zweite
von gleicher Länge und Gestalt aber dünner, und das End-
glied kürzer und zugespitzt ist. — Die Augen sind sehr klein,
stehen ganz auf dem Kopfrande an der Gränze der Fühler
und sind aus mehreren grofsen länglichen Körnern von ver-
schiedener Bildung zusammengesetzt. Von Nebenaugen ist
keine Spur. —
Der Brustkasten unterscheidet sich bei der Larve
wenig von den übrigen Hinterleibsgliedern mit Ausnahme des
so merkwürdigen, diese Gattung charakterisirenden, zu einem
Halsschilde verlängerten Pro thorax. Dieser tritt auch schon
bei der Larve auffallend hervor und ist in seinem Umrisse
dem des vollkommenen Insects ziemlich gleich, doch sind die
Ränder nicht immer bei diesem auf der unteren Seite des Pro-
thorax, herumgebogen. Im Uebrigen ist er so lang, als der
Kopf, glatt, glänzend, sehr platt gedrückt und nur auf der
unteren Seite etwas aufgeschwollen; die Seitenränder ragen
etwas hervor und sind mit sehr wenigen einzelnen borstigen
Haaren » besetzt. Der Mesothorax ist deutlich vom Pro-
thorax getrennt, breiter als dieser und rund; gleichgebildet ist
der vom Mesothorax deutlich getrennte Metathorax. Beide
stimmen ihrem Baue nach mit den übrigen Hinterleibsgliedern
überein, nur sind sie kleiner und ftist kreisrund. Die öFüfse
unterscheiden sich in ihrem Baue nicht untereinander. Jeder
Fufs besteht nändich aus 3 Gliedern, (Fig. 8.) die zusammen-
gedrückt und fast gleich lang sind; das erste ist am längsten
und breitesten, fast eiförmig, das zweite ist ebenso, doch
schmäler, das dritte ist etwas kürzer und mehr viereckig und
trägt zwei sehr kleine hornartige Klauen. Weiter bieten die
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Füfse nichts Merkwürdiges dar, sie sind nur noch stark
horstig hehaart. Von Flügeln zeigt der Brustkasten noch
keine Spur.
Der Hinterleib besteht aus 9 deutlich von einan-
der getrennten Ringen, die einen über den Leib hervorragen-
den, runden Rand haben, wodurch der ganze Hinterleib mit
runden Schildchen bedeckt zu sein scheint. Alle diese Ringe
sind weich, nur die Schildchen mehr lederartig; die Trennung
des ganzen Hinterleibes vom Metathorax tritt nicht hervor,
sondern sie isi wie die jedes einzelnen Leibesringes; nur dafs
letztere, gleich vom ersten Ringe an breiter sind, als der
Metathorax. Die vier letzten Leibesglieder nehmen wieder
stetig ab, so dafs das Afterglied das kleinste Körperglied ist,
das sich auch noch durch seine längliche, viereckige, unge-
randete Gestalt von den übrigen Hinterleibsgliedern auszeich-
net, und auf ihnen fast senkrecht eingelenkt ist. Diese Be-
schaffenheit und Lage ist dem Thiere nothwendig, da es die
Stelle eines siebenten Fufses vertreten mufs, ohne den sich
die Larve wegen ihres langen und breiten Hinterleibes nur
schwerfällig würde bewegen können ^). Auch der Hinterleib
ist oben und besonders in den Seiten und am After mit vielen,
einzeln stehenden borstigen Haaren bewachsen, der Bauch
dagegen glatt und kahl; auch hat die Oberfläche des ganzen
Körpers einen ziemlich starken Glanz und über den Rücken
läuft noch bei manchen Larven eine flach eingedrückte Längs-
linie. Geschlechtsunterschied läfst sich bei den Larven noch
nicht wahrnehmen. — Die Länge des ganzen Leibes ist 8 bis
9 Linien. ^
2) Beschreibung der Larven verschiedener Arten.,
Vorstehende Characteristik der Gattung kommt allen Arten
zu, nur in der Farbe variiren sie nach den verschiedenen
Arten ungemein, -r- In der Jugend sind fast alle Larven am
ganzen Körper rothbraun, nur der Unterleib etwas heller,
graugelb. Im Herbste aber und noch mehr im Frühling, wo
sie gänzlich ausgewachsen sind, kann man in der Färbung ver-
2) Eine Analogie dieses Aftergliedes finden wir bei den bekann-
ten Larven von Hemerobms perla Z/., die überhaupt in ihrer äufsern
Form mit unserer Larve manche Aehnlichkeit hat.
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schiedeno Arten unterscheiden. Bei den meisten Arten ist
dann der Kopf glänzend schwarz, die Mundtheile braun, die
Fühler gelb, an den Spitzen jedes Gelenks verloschen braun;
die Fiifse sind eben so gelb und verschiedenartig braun schat-
tirt. Der Hinterleib ist sehr dunkelbraun, oft' schwarz mit
einer feinen gelben Längslinie auf dem Rücken und einer
eben solchen breiteren in jeder Seite, der Unterleib gelb und
der Brustkasten oben und unten wie die Grundfarbe des Ober-
leibes, schwarzbraun. — Bei einer andern Art ist der Hinter-
leib oben braun, mit vielen abgebrochenen, welligen Längs-
linien. — Bei einer dritten Art, der seltensten, ist Kopf,
Brustkasten, Hinterleib einfarbig rothbraun, Mundtheile und
Augen dunkler, mit einer matten Linie über dem Rücken,
nebst zwei dunklen Flecken daneben auf jedem Ringe, (diese
Art stellt unsere zweite Figur dar). Die vierte Art ist die
von Rophidia crassiconüs , die ich eben zur Verwandlung
brachte. Ich hatte davon drei übereinstimmende Exemplare.
Sie ist von allen am schönsten gefärbt, der Kopf schwarzbraun,
der Prothorax heller, braun; ebenso die Mundtheile ; die Füfse
hellgelb mit verwischten braunen Schattirungen ; die hornarti-
gen Klauen dunkelbraun. Der Meso- und Metathorax sehr
dunkelbraun, fast schwarz und matt gerandet. Der Hinterleib
hat dieselbe Grundfarbe wie der Metathorax und auf jedem
Ringe, nicht weit vom Hinterrande einen breiten, querliegen-
den, oblongen hochgelben Fleck, eine breite Längslinie in
jeder Seite und darüber eine feine etwas dunklere zu beiden
Seiten; der Bauch zitronengelb, nach den Rändern zu etwas
dunkler werdend; das Afterglied einfach gelb. — Die kurzen
borstigen Haare sind bei allen Arten gelbbraun und besonders
unter der Lupe deutlich zu sehen.
Da sich alle Varietäten der Larven unter diese 4 Haupt-
formen bringen lassen, so könnte man diese als die vier Lar-
venarten der vier bekannten Insectenarten betrachten. Dia
dritte der beschriebenen Arten ist vielleicht, als die seltenste
Raphidia xanthosügma. Seh., die zweite Uaph. notata
und die erste Raph. OpJnopsis, Doch ist das blofse Ver-
muthung; vielleicht gelingt es mir künftighin auch darüber
Aufklärung zu verscIiaflFen. Sollte es aber nicht sein, so wird
es der genauem Kenntuifs der Gattung Raphidia und der
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systematischen Entomologie eben nicht viel schaden, da doch
die vollständige Vervvandlungs - Geschichte einer Art gege-
ben wird.
Aufenthalt und Lebensart der Larven.
Sie leben in den Baumspalten der Eichen, Birken und
Rüstern, (wenigstens fand ich sie nur auf diesfen, auf den
beiden letztern nur selten, gewöhnlich auf Eichen) am lieb-
sten auf alten Eichen, deren Baumrinden recht aufgesprungen
und mit Flechten und Moosbüscheln bewachsen sind. Doch
lieben sie das Moos und die Flechten nur während des Herb-
stes und Winters, weil es gegen die Kälte schützt, im Früh-
jahr aber halten sie sich mehr in Baumspalten, die ganz glatt
sind und recht tiefe Höhlen haben. Auf diesen Baumstämmen
wohnen sie nicht zu hoch von der Erde, aber auch nicht
ganz am Boden, sondern etwa 2 Ellen über demselben. Sie
leben immer sehr einzeln, nur da, wo im Spätsommer Eier
hingelegt wurden, die erst im Herbste auskamen, leben an
einem Baumstamme mehrere, doch nie nahe bei einander, da
sie sich durchaus nicht vertragen. So fand ich einmal spät
im Herbste an einem Birkenstamme, ganz nahe am Boden,
3 junge Exemplare nicht weit von einander entfernt und noch
eines als Ausnahme auf einer, ein Stück über die Erde her-
vorragenden Baumwurzel; doch waren alle 4 Exemplare schon
im^ Winterschlafe. In diesen Baumritzen sind sie nun den
Spätsommer über in lebendiger Thätigkeit, mit grofser Schnel-
ligkeit und Gewandtheit, wie Bergleute in ihren Gruben, auf-
und absteigend. Kommt ihnen irgend etwas in den Weg, so
fahren sie gleich muthi^ mit ihrem scharfen Gebisse zu; tref-
fen sie aber auf einen mächtigen Feind, so sind sie plötzlich
in den feinsten Ritzen verschwunden: denn da sie ihren, ohne
dies schon dünnen Körper, noch ungemein zusammenpressen
können, so schlüpfen sie durch die feinsten Spalten. Bemerken
sie eine Fliege oder sonst ein Insect, dessen sie Herr werden
können, so stürzen sie schnell auf den Brustkasten desselben,
hauen sich mit ihrem scharfen Gebifs in diesen ein, und fres-
sen sich nun gierig weiter, bis weiter Nichts übrig bleibt als
Kopf, Beine und Flügel, die sie unberührt lassen. Im freien
Zustande fressen sie ohne Zweifel alle kleinen, weichen In-
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secten, die ihnen vorkommen, da sie ungemein gefräfsig sind
lind sie sogar reclit grofse Tliiere, die ich ihnen vorwarf, wi^
Tipitla rivosa schnell verzeln'tcn; auch mit Culex jnpieih'i,
Tipiila plumosa und einigen andern Fliegenarten nährte ich
sie und man sieht hieraus, dafs Latreille's Angabe^) als
niihrten sie sich blofs von sehr kleinen Insecten falsch ist.
Wenn ich ihnen die genannten Insfecten vorwarf, so hatte ich
ihnen vorher nur die Flügel durch Zusammenpressen der Brust
gelähmt, im Uebrigen aber lebten sie noch und waren mit i\Qi\
Füfscn in krampfhafter Bewegung. Nun war es sehr possir-
licli zu sehen wie sich unsere Larve ganz leise heranschlich
und dann mit einem schnellen Satze in den Brustkasten ein-
fiel. Ihre Gefräfsigkeit geht so weit, dafs sie einander selbst
fressen, wie ich selbst bei Larven in der Gefangenschaft beob-
achtete. Ich hatte nämlich eine schon ausgewachsene Larve
mit einer noch jungen zusammengesperrt, es aber dabei kei-
neswegs an dem nöthigen Futter für beide fehlen lassen.
Trotz dem hatte sich die gröfsere Larve doch lieber an ihres
Gleichen gemacht, sie bis auf den hornartigen Kopf ver-
zehrt und lieber ihr voriges Futter unberührt gelassen. In
einer Stunde frafs eine Larve 4 — 5 Stück von Tipula pra-
tensis, hortensis oder andere und jedesmal, wenn sie eins
verzehrt hatte, waren die Mundtheile eine Zeit lang in schneller
Bewegung, als wenn sie zu einem neuen Frafse geschärft
werden sollten. Im entgegengesetzten Falle können sie aber
auch sehr lange hungern, denn ich habe eine Larve vom Au-
gust bis Ende Mai des folgenden Jahres lebendig erhalten,
ohne ihr nur das Geringste vorzuwerfen, um zu sehen, wie
lange sie wohl hungern könne, aber dann starb sie, indem ihr
Körper fast ganz ausgezehrt und zusammengefallen war.
In ihrem Gebisse haben sie grofse Kraft: so hatte sich einst
eine Larve, die ich mit dem hintern Theile des Körpers, als
ich die Rinde mit einem Messer öffnete, eingeklemmt hatte
im Zorn so in ein vorgehaltenes weiches Stück Holz gebissen,
dafs ich sie dadurch bequem herausziehen konnte, und es war
um so mehr zu verwundern, dafs sie noch so viele Kraft
hatte, da doch der Hinterleib ganz zerquetscht war.
3) Vergleiche auch Schummers Versuch einer genauen Be-
schreibung der Arten der Gattung RaphiiUa etc. S. 9.
324
Sehr bewuliderungswerth ist auch ihte Schnelligkeit und
Gewandtheit, besonders in der Jugend, wo der Hinterleib
noch nicht so breit und schwer und ihr Bau überhaupt viel
schlanker ist. Denn wenn man sie aufserhalb einer Ritze auf
der Baumrinde antrifft, so hat man grofse Mühe, sie unver-
sehrt zu ereilen, da sie entweder schnell in eine enge Spalte
schlüpfen, oder durch schnelles Ergreifen zerquetscht werden.
Rückwärts kriechen sie eben so schnell als vorwärts, wobei
der Leib besonders durch das hornartige, oben schon beschrie-
bene Afterglied, das wie ein Fufs fast senkrecht unter dem
Leibe steht, ungemein unterstützt wird; ja durch dieses kön-
nen sie sich in der Jugend ziemlich hoch schnellen, so dafs
sie einem oft noch, w^enn man sie schon sicher in der Hand
zu haben glaubt, durch dieses Hülfsmittel entkommen.
Bei trübem Wetter und am späten Abend haben sie sich
in den tiefen Baumspalten oder in eiförmige Höhlen mit einer
sehr kleinen Oeffnung, die sie sich selbst bereiteten, zurück-
gezogen, liegen darinnen ganz ruhig und stecken gewöhnlich
mit ihrem Kopfe aus jener kleinen Oeffnung hervor, wahr-
scheinlich noch, wie kleine Raubritter aus ihren Burgen nach
Beute spähend. Ich habe sie Abends, namentlich wenn der
Himmel sehr bedeckt war, so mehrmals getroffen. Bei hellem
Sonnenschein, an heitern Tagen, besonders in den Mittags-
stunden sieht man sie gewöhnlich an den Bäumen herum-
klettern.
Zum Winter nagen sie sich gewöhnlich in der Baum-
rinde eiförmige, platte Höhlen, in denen sie sich bequem her-
umdrehen können, machen diese durch die abgebissenen Spähne
von Aufsen fast ganz unsichtbar, worin sie noch von dem,
gewöhnlich in der Nähe dicht wachsenden Moose, unterstützt
werden. Auch in der Gefangenschaft zeigen sie noch diesen
Trieb. Im folgenden Jahre sind die meisten zu Ende Mai
ausgewachsen, haben jedoch die Länge und die Gestalt die
sie zu Anfange des Winters hatten nicht verändert; nur die
Breite der ^interleibsglieder hat beträchtlich zugenommen,
besonders die 3 ersten Glieder, weil unter ihnen ein Theil
der Flügelstumpfe liegt, die sich zu dieser Zeit zuerst aus-
bilden.
Bei Raphidia crassicornis verbleicht einige Tage vor
325
dem Uebeftritt in den Pnppenstand die schwarzbraune Farbe
des Rückens in ein mattes Gran, die gelben Flecken werden
bläulich grau, der Prothorax wird hellei; braun, weich und
uneben, der gelbe Unterleib wird blaugrau und bekömmt noch
einige dunkle, unterbrochene Wellenlinien. Mehrere Stunden
lang vor der Verwandlung müht sich die Larve in grofser
Anstrengung, indem sie sich links und rechts schlangenförmig
windet und dann bisweilen erschöpft ausruht. Nun wird die
alte Haut schon etwas durchscheinend, durch den Meso- und
Metathorax sieht man schon hellere Flecke durchschimmern
und man nimmt unter der alten etwas durchscheinenden Haut
schon einige Bewegung wahr. Die Larve nagt nun krampf-
haft in das PIolz, schwingt sich mit dem übrigen Leibe hoch
und stützt sich wieder mit dem Aftergliede und so platzt
endlich der Kopf der Länge nach in zwei symmetrische Theile;
dann der Prothorax, doch nur oben, ebenfalls der Länge nach ;
zuletzt zerreifst der Meso- und Metathorax und die Puppe
windet sich durch schlangenförmige Krümmungen heraus.
3) Der Puppenzustand (Fig. 1, 3. 5. 6. 9.).
1) Beschreibung der Puppe.
Die Gestalt der Puppe nähert sich schon vielmehr dem
vollkommnen Insecte und es ist kein Theil an ihr vorwiegend
ausgebildet, sondern Alles steht im Verhältnifs.
Der Kopf gleicht seinem Umrisse nach dem vollkomm-
nen Thiere genau und besteht aus folgenden Theilen: 1) Die
Mund theile; sie bestehen aus dem Kopfschilde, der Ober-
lippe, den beiden Oberkiefern, den beiden Unterkiefern, der
Unterlippe, den beiden Unterkiefertastern und den beiden
Lippentastern, a) Die viereckige, bewegliche Oberlippe
(Fig. 5. a.) ist nur sehr wenig an den vordem Ecken gerundet
und durch eine feine Naht von dem übrigen Kopfe getrennt,
b) Die Oberkiefer endigen sich in einen langen und scharfen
Zahn und sind wie die gleichen Werkzeuge der LaKve gebaut,
nur haben sie an der scharfen Innenseite oft blofs zwei breite,
sägenförmige Zähne, c) Die krustenartigen Unterkiefer (Fig. 6. Z>.)
sind sehr schön geformt, unregelmäfsig, aber doch fast die
Walzenform darstellend, und bestehen aus 3 Theilen, die auf
L
326
einem linienförmig verlängerten Stiele sitzen, mit dem das
untere Stück zum Theil verwachsen ist. Dieses untere Stück
ist unregelmäfsig gebildet, dick, vorn von Curven begränzt
und wächst nach hinten in der Breite, so dafs die Kiefer von
unten gesehen, (wie sie unsere Figur darstellt) ein Stück der
hintern Verdeckung sehen lassen. Auf diesem untern Stücke
sitzt das zweite, ebenfalls gerundete, etwas schmälere und
längere, mittlere Stück, das sich auf der Aufsenseite durch
einen tiefen, bogigen Einschnitt mit einem Male verschmälert.
Auf der untern Hervorragung dieses Einschnittes stehen die
fünfgliedrigen Unterkiefertaster, die, wie bei der Larve
gestaltet, sonst nichts Merkwürdiges darbieten. Das dritte
Stück des Unterkiefers ist sehr klein und fast halbkugelförmig,
d) Die Unterlippe (Fig. 6. «.) ist fast viereckig, hat aber
zu beiden Seiten bogige Einschnitte und ist an der untern
Seite geradlinig, an der obern wenig bogenförmig begränzt.
Sie trägt fast an der Spitze die dreigliedrigen, wie bei der
Larve gestalteten Lippen taste r. Im Uebrigen bildet sie
keine Ebene, sondern erhebt sich allmälich nach hinten zu,
so wie dies auch bei dem unteren Stücke der Unterkiefer der
Fall ist, — An die Oberlippe stöfstnach den Fühlern zu 2) das
deutliche Kopfschild, (Fig. 5. h.) das eine fast regel-
mäfsig sechseckige Gestalt hat und mit der Oberlippe durch
eine feine Haut zusammenhängt. Es erhebt sich allmälich nach
hinten, wo es zuletzt durch eine bogenförmige, gepunktete
Naht von der übrigen Kopfplatte getrennt wird. Gleich hinter
ihm stehen nach den Seitenrändern zu 3) die Fühler. Sie
sind borstenförmig, kurz, bestehen aus mehrern 30 walzen-
förmigen Gelenken und gleichen fast durchweg den Fühlern
des vollkommnen Insects, nur sind die 3 dicken walzigen
"Wurzelglieder breiter und länger als die übrigen und alle sind
dichter an einander gedrängt und nicht so deutlich getrennt,
als beim vollkommnen Thiere; sie stehen überdies, wie bei
diesem, auf einer halbkreisförmigen Erhöhung. Noch ist an
ihnen ihre eigenthümliche Lage zu merken: sie stehen nämlich
nicht gerade aus, sondern liegen immer rückwärts über die
Kopfplatte gekrümmt. Sonst aber bieten sie kein Kennzeichen
dar, etwa an ihnen schon die künftige Art unterscheiden zu
können. 4) Die Augen sind nicht mehr, wie bei der Larve
327
zusammengesetzt, sondern einfach, viel gröfser und treten
stark halbkuglig über die Kopfränder hervor. Nebenaugen
sind auch bei der Puppe noch nicht vorhanden.
Der Brustkasten tritt bei der Puppe zuerst ganz
deutlich auf. Der Prothorax ist wie bei der Larve, und
also auch dem des vollkommnen Insects ganz ähnlicli; der
Meso- und Metathorax sind von gleicher Breite und Länge,
aber etwas kürzer und breiter als der Prothorax, beide un-
terscheiden sich deutlich von den llinterleibsringen durch ihre
viereckige Gestalt. Die Fiifse haben an der unteren Seite
des Brustkastens dieselbe Stellung, wie bei der Larve und
bestehen aus fünf plattgedrückten Gliedern: davon ist das erste
fast eiförmig und am breitesten, das zweite am längsten, wal-
zenförmig, nur nach unten etwas verdickt, das dritte noch
kürzer als das erste, und wie das zweite gestaltet, das vierte
ist sehr klein und umgekehrt herzförmig und das letzte von
der Gröfse und Gestalt. des dritten trägt zwei lange, scharfe,
hornartige Klauen. — Ueberdies trägt der Meso- und Meta-
thorax die vier kurzen, gleichlangen Flügelstumpfe. Sie sind
dicht an die Seiten des Leibes angelegt, doch frei und beweg-
lich. Beide Paare unterscheiden sich durch Gröfse und Ge-
stalt nicht von einander und sind ganz glatt, ohne Adern und
Randmahl.
Der Hinterleib besteht aus 9 abgerundeten Ringen,
ganz von der Gestalt und Lage der Larven; nur ein neues
Organ tritt hier auf, wodurch die weiblichen Puppen kennt-
lich werden, der Legestachel. Er besteht aus zwei hohlen
verbundenen, über der AfteröflFnung fest gewachsenen, wal-
zenförmigen, etwas breitgedrückten Röhren, die bis zum fünf-
ten Hinterleibsringe über den Rücken laufen, an diesem anliegen
und sich in zwei kleinen, kegelförmigen Spitzen endigen.
Im Uebrigen ist der ganze Körper noch viel dichter als
bei der Larve mit borstenartigen, kurzen Haaren bewachsen,
die besonders um die letzten Hinterleibsglieder und den After
sehr dicht stehen; nur die Flügelstumpfe sind ganz kahl. —
Da ich nur lebende Puppen ,von Raphidia cj'assicornis
besafs, so kann ich auch von ihnen nur die Färbung beschreiben.
Gleich nach der Verwandlung zur Puppe sind Kopf, Füfse,
Fühler und ProthorAX gelb, letzterer mit einigen kleinen ver-
328
loschenen, braunen Flecken, die aber bald verschwinden;
Mimdtheile und Augen rothbraun, Meso- und Metathorax
seh warb raun, dunkelgelb gerandet, sonst ungefleckt, Fliigel-
schciden einfach gelb. Der obere Theil des Hinterleibes hat
dieselbe lebhafte Farbe, als die Larve, der Unterleib ist gelb,
mit feinen verwischten Wellenlinien, der Legestachel gelb-
braun. Nach einigen Tagen werden die Mundtheile luid Augen
dunkler braun, zuletzt schwarz; auch Hinterkopf und Fliigel-
scheiden w^erden brauner; das Kopfschild wird durch seinen
breiten braunen Rand noch kenntlicher. Der ganze Brust-
kasten wird unten dunkelbraun und unterscheidet sich somit
auch durch seine Farbe deutlich von dem Hinterleibe.
2) Lebensart der Puppen.
Im Leben der Puppe sind zwei merkwürdige Perioden
zu unterscheiden. In den ersten zehn Tagen nämlich köunen
sie ihre Fiifse gar nicht zum Gehen gebrauchen, denn diese
sind wie gelähmt und liegen fast unbeweglich an dem Körper
angedrückt. Daher kann sich die Puppe nur auf der Seite
liegend durch schlangenförmige Krümmungen bewegen. In
dieser ersten Periode ruht sie immer in der Lage, die unsere
Fig. 3. darstellt und bewegt sich nur in heftigen Krümmungen,
Wenn sie von Aufsen her beunruhigt wird. In der zweiten,
viel kürzern Periode, die bis zur Verwandlung dauert, be-
kommen die Füfse ihre Kraft und Haltbarkeit, sie treten vom
Leibe ab , und das Thier liegt nicht mehr' auf der Seite , son-
dern immer auf dem Bauche. Mit dieser Periode ändert sich
auch die Färbung ungemein und die ganze Puppe wird dem
vollkommnen Insecte ganz ähnlich. Der Kopf wird dunkel-
schwarz, die Mundtheile braunroth, der Prothorax schwarz
mit braunen Rändern, der Meso- und Metathorax oben und
unten sehr dunkel violett, die Füfse und Flügel rostbraun,
Hinterleib dunkelschwarz mit den gewöhnlichen, oblongen,
gelben Flecken, die Seiten in beträchtlicher Breite gelb, durch
eine unterbrochene schwarze Linie in zwei Hälften getheilt,
die untere Seite des Hinterleibes dunkelschwarz, mit hellgel-
ben Hinterrändern an jedem Gliede. —
Die Puppe ist also eine ruhende und nimmt als solche
keine Nahrung mehr zu sich.
k
329
Zuletzt nehmen auch die Fliigelstumpfe eine andere Fär-
bung an, indem man auf etwas hellerm braunen Grunde
ganz deutlich die dunkeln Adern und einen kleinen, schwar-
zen Fleck an dem obern Ende der Flügel als Randmahl wahr-
nimmt. Endlich hatte die Puppe nach einem dreizehntägigen
Puppenstande ihre vollkommene Ausbildung erlangt; sie klam-
merte sich nun an die Seitenränder der Schachtel, in der ich
sie gefangen hielt, so, dafs ihr Körper senkrecht herunter-
hing, blieb hier ohngefähr acht Stunden hangen, während sie
versuchte mit ihren neuen Mundtheilen sich aus der alten
Kopflüille heraus zu beifsen; platzte dann am Kopfe bis zu
den Augen auf, und liefs den vordem Theil desselben, die
Hülle der Fühler, des Kopfschildes und der Mundtheile auf
die untere Seite des Prothorax sinken. Als nun noch der
Brustkasten auf der obern Seite gesprengt war, wurde das«
Insect ganz frei und erlangte in wenigen Augenblicken seine
vollendete Gestalt. Auf diese Weise erhielt ich aus^ einer
Larve, die am 30. Juni in den Puppenstand getreten war, am
12. Juli ein vollkommen ausgebildete« Weibchen von Raphidia
crassicornis, das gleich nach dem Auskriechen folgende Fär-
bung hatte: die zwei Wurzelglieder der Fühler hellgelb, Füfse
weifsgelb, Prothorax an der vordem Seite mit einer rostfar-
benen Binde, sonst stark glänzend schwarz, mit mehrern gelb-
braunen, haarförmigen , deutlichen Zeichnungen, (ähnliche
Zeichnungen, doch viel gröbere, stehen auch auf dem Meso-
thorax) Legestachel grau, Flügel mit einem starken violetten
und grauen Schiller, an der Einlenkung weifsgelb, die schwar-
zen Hinterleibsringe oben wie bei der Puppe, unten aber
jedes Glied in noch beträchtlicherer Breite am Hinterrande
gelb. —
Die Puppen die im Freien leben, kriechen aus ihrem
Verstecke auf ein hervorragendes Stück Baumrinde, das von
allem Moose und Flechten entblöfst ist, klammern sich hier
mit den Füfsen fest an, heben den Prothorax und Kopf empor,
während sie sich mit dem Unterleibe und den Flügelstumpfen
gegen den Baumstamm andrücken, worauf die Haut, wie oben,
platzt und die Mundtheile und das Kopfschild auf die untere
Seite des Prothorax herumsinken. In diesem Zustande fand
ich sechs ausgekrochene Puppen, worunter zwei weibliche
IV. Jahrg. 1. Baod. 22
130
waren, an denen man wohl den Habitus des Puppehkörpers,
aber keinen specifischen Unterschied bemerken konnte.
II. Verwandlungs-Geschichte der Gattung Panorpa.
(Fig. 10 — 13.)
^ ' Wenn ich gleich über den Larvenstand nichts Näheres
mittheilen kann und mich blofs auf die genauere Characteristik
der Puppe beschränken mufs, so glaube ich doch, dafs dieser
fragmentarische Beitrag für die Systematik der Neuroptern
mit Dank werde aufgenommen w^erden, da man sich ja bei
den meisten Thier^n dieser Ordnung, sobald der Puppenstand
bekannt ist, ein ziemlich richtiges Bild von der Larve ent-
werfen kann.
Der ganze Körper besteht aus 13 Segmenten, ganz wie
bei der Gattung Raphidia, eins bildet den Kopf, drei den
Brustkasten und die übrigen neun den Hinterleib. Der Kopf
(Fig. 11.) hat schon ziemliche Aehnlichkeit mit dem vollkomm-
nen Insecte (natürlich ist hier blofs Panorpa communis ge-
ifaemt), nur sind die Mundtheile bei weitem nicht so verlängert,
sondern kurz und breit. Die viereckige Oberlippe ist durch
eine deutliche Ouerfurche vom- Kopfschilde, das ebenfalls ein
deutliches vom übrigen Kopf gesondertes Stück bildet, getrennt,
ist am Rande bogenförmig ausgeschnitten und auf seiner Ober-
fläche mit vielen blasigen Runzeln bedeckt Die Unterlippe
ist ziemlich viereckig, mit zwei warzigen Erhöhungen, zwischen
denen sich ein schwarzer Punct befindet. An ihr haften die
dreigliedrigen Lippentaster, deren Glieder aber sehr verwachsen
und kegelförmig sind. Das Endglied ist schwarz und horn-
artig, während die übrigen Glieder weicher und gelbbraun
sind* Die Oberkiefer haben die gewöhnliche Form, sind auch
kräftig, aber nur mit einem Zahne an dem. scharfen Innen-
randö versehen. Sie haben einen starken Glanz, sind sehr
glatt und zugespitzt, schwarzbraun, nach unten gelb. Die
Unterkiefer sind ziemlich verwachsen, und scheinen aus 3 Thei- ,
len zu bestehen. Die Kiefertaster sitzen an der gewöhnlichen
Stelle, sind aus 5 Gliedern zusammengesetzt, die walzenförmig
und mit Ausnahme des schwarzen, hornartigen, etwas längern
Endgliedes, gleich grofs sind. Sonst sind die ganzen Mund-
331
theile gelblyraiin gefärbt und man sieht aus der gegebenen
Beschreibung, dafs sie schon sehr mit dem ausgebildeten In-
secte übereinstimmen. Ganz vorn auf dem eigentlichen Kopfe
stehen die sehr langen, borstigen Fühler, die über das Auge
hinvveggeleukt, idatt an beiden Seiten des Körpers,, über,, den
Flügeln anliegen und sich bis zum fünften Ilinterleibsgliede
erstrecken. Sie sind aus einigen 40 Gliedern zusammengesetzt,
von denen die einzelnen cylindrisch und' gleich grofs sind,
während das Endglied länger und konisch, das Wurzelglied
und das i^veite aber am dicksten und längsten sind. Ihre
Färbung ist glänzend schwarz, nur das Wurzelglied ist zur
Hälfte schwefelgelb, die andere Hälfte und das zweite Glied
stimmen mit den übrigen Gliedern überein. Die grofsen, zu-
sammengesetzten Augen, die zu beiden Seiten des Kopfes als
Halbkugeln hervorragen, sind rothbraun. Mitten auf dem
Scheitel stehen viele borstige Haare, zwischen denen sich drei
glatte, nicht sehr deutliche Nebenäugen befinden. ' '
Der Brustkasten besteht aus drei grofsen, deutlich
gesonderten Stücken. Der Prothorax ist schön glänzend schwe-
felgelb mit einzelnen schwarzen Flecken und Puncten und hat
auf dem Rücken zwei glänzend^ schwarze Querstreifen , die
sich bis in die Seiten erstrecken. Der Mesothorax! ist matter
gelb, auf dem Rücken dunkelgrau, ebenso der Metathorax.
D'er Hinterleib ist auf der Rückenseite dunkelbraun
mit gelben Rändern, unten glänzend schwefelgelb. Auf der
Oberseite stehen auf jedem Ringe regelmäfsig in Querlinien
stehende borstige Haare. Die Viter letzten Glieder verdünnen
sich stetig nach dem Ende zü; währönd die vorhergehenden
fast gleich grofs, alle aber eine ziemlich cylindrisehe Gestalt
haben. Das letzte Glied (Fig. 13.) endigt in einer abgestumpften,
aus zwei cylindrischen Stücken gebildeten Scheere. Die letzten
Leibesglieder tragen oben und unten Borsten. Die Luftlöcher
liegen nahe an der Eihlenkung der einzelnen Glieder in den
Seiten, sind etwas' erhaben, heller, die Vertiefung röthlich.
Die zu den Seiten des Leibes platt anliegenden Flügel lassen
schon die Zeichnungen des darunter liegenden erkennen. Die
Füfse (Fig. 12.) sind an der Einlenkung schmutzig grau, die
Tarsen glänzend schwarz.
Ich habe im Juni iKir eine einzige, ruhende Puppe, einige
22*
332
Zoll tief, im feuchten, moorigen Boden, um einen Erlenstamm
gefunden, ans der sich bald nachher ein Männchen von Pa-
norpa communis entwickelte.
III. Die Puppenhülle von Osmylus maculatus.
Noch dürftiger sind die Notizen, die ich von dieser Art
liefern kann, da ich zu der Zeit, wo ich an einer genauem
Beobachtung verhindert wurde, nicht einmal eine Zeichnung
entwarf. ludefs ist dieser Beitrag insofern wichtig, als er
einen Irrthum berichtigen hilft, den schon Latreille vermie-
den hat, indem er eine eigene Gattung aus dieser Art bildete,
die man sonst zu Hemerohius zählte, mit der sie doch in
der Entwickelung durchaus gar nichts gemein hat.
Die Puppe lebt an Wassergräben, wahrscheinlich wie die
vorige Art im feuchten Erdboden. Wenn sie sich verwandeln
will, kriecht sie auf das Gras hervor, wo ich sie fand, als
eben das Insect herauskroch.
Was den Kopf anbetrifft, so gilt davon dasselbe, was
schon bei der vorigen Gattung bemerkt wurde, dafs er schon
ganz dieselben Theile wie die erwachsenen Thiere zeigt, von
denen höchstens die feinern etwas verwachsen und nicht so
deutlich sind. Auch der Brustkasten ist schon ganz vollkom-
men ausgebildet, und die 9 Hinterleibsringe bilden einen
an der Spitze abgestumpften Kegel, indem das letzte Glied
abgestumpft, fast abgeschnitten ist und an den Seiten zwei
feine haarförmige Fortsätze trägt. Die Flügelscheiden sind um
die Seiten und den Bauch herumgeschlagen und überkreuzen
sich mit den äufsersten Spitzen etwas. Die Füfse weichen
etwas ab, indem nur die Wurzelglieder mit den ausgewach-
senen Exemplaren übereinkommen, die Tarsen aber ziemlich
verwachsen und nur aus 3 Theilen zusammengesetzt sind, davon
das letzte nur eine unvollkommene Klaue zeigt. Der ganze
Hinterleib ist mit regelmäfsigen Reihen borstiger Haare besetzt,
die sich am After so anhäufen, dafs sie zu beiden Seiten
einen langen Haarpinsel bilden. Der ganze Körper ist grau-
violett, die Flügelscheiden, etwas heller gelb mit einem schö-
nen in's Grüne und Blaue fallenden Schiller.
Die Puppe ist ruhend.
333
Erklärung der Zeichnungen.
Fig. 1. Ein sehr vergröfsertes Weibchen von RapJiidla cras-
sicornis. Ilarll. mit den* über den After gebogenen
und an den Rücken angelehnten Legestachel («.) im
Puppenzustande.
Fig. 2. Ausgevvaclisene, sehr vergröfserte Larve von RapJiidia
crassicornis.
Fig. 3. Eine Puppe von derselben Art in ihrer natürlichen
ruhenden Lage.
Fig. 4. Ein Oberkiefer derselben Art im Larvenzustande.
Fig. 5. Die obem Mundtheile derselben Art. (ö.) Die
Oberlippe. (&.) Das Kopfschild.
Fig. 6. Die untern Mundtheile. («.) Die Unterlippe. (J.) Der
Unterkiefer.
Fig. 7. und 8. Fühler und Fufs der Larve.
Fig. 9. Fufs der Puppe.
Fig. 10. Stark vergröfsertes Männchen von Fanorpa com-
munis im Puppenstande.
Fig. 11. Der Kopf desselben Thieres.
Fig. 12. Ein Fufs.
Fig. 13. Der Afterring mit seinem scheerenförmigen Fort-
satze. —
Einige Worte über die Gattung Limulus
von
Prof. X van der Hoevpn in Leiden.
(Schreiben an den Herausgeber.)
Oeit ich in Nro. 47. des Algemeene Kunst- en Letterbode
einjgß Bemerkungen über das Geschlecht L/mz//?/.? niittheilte,
die ich Ihnen vor wenig;en Tagen zusandte, erhielt ich von
meinem verehrten Freunde, dem Prof. Duvernoy in Strafsburg
Mittheilungen über die im Strafsburger Museum befindlichen
Limuli. Durch diese nun weifs ich, dafs bei Limulus Poly-
■phemus das männliche Geschlecht ein Paar pedes monodac-
tyli hat, und sind dadurch meine erste und dritte Frage am
Schlüsse jenes Aufsatzes beantwortet. Die erste war, ob bei
L. Folyphemus die Füfse der Männchen ebenso geformt sind,
als bei L. rotundicauda? Die dritte war, ob es Arten giebt,
bei denen nur ein Paar Füfse monodactyli sind? Es ist dies
nämlich gerade bei L. Polyphemus der Fall.
Wenn man auf diesen Unterschied der Füfse sieht, kann
man die bekannten Arten so classificiren:
Limulus Müll., Fabr.
^ntennae nullae.
Corpus testa coriacea, in dorso durissima tectum.
Scuta duo. Anterius e confluente capite et thorace
factum (^cephalotliorax), lunatum, angulis lateralibus
productis, postice truncatum, supra gibbum, carinis tribus
dorsal ibus.
Oculi duo compositi ovales aut reniformes, remoti, ad
externum latus carinae lateralis; ocelli duo approxi^
mati in antcriori cephalothoracis parte. Scutum pos-
terius s. scutum secundum {abdometi) sexangulare,
335
ad latera planum, postice excisum, spinisque sex mo-
bilibiis, dcpressis, acuminatis, lateralihiis, margine
denticulato, dcntibiis cum spinis alternantibus.
Ciiuda Cornea, elongata, acuminata, basi in sinu postico
scuti secundi recepta.
Pedes 12 in cephalothorace et totidem in abdomine,
5 paribus posticis branchiferis.
Species:
A) Pedes secundi et tertii paris in maribiis mono-
dactyli ; pedes omnes in feminis didactyli Cauda
trigona, carina dorsali aculeis reversis, acutis.
1. Limulus moluccaniis Latr. Spinae tres poste-
riores in margine scuti secundi in. feminis crassae,
breves, latae. Scutum primum in utroque nQXii
margine anterior! integro. (Icon. Rumph. Amb.
Rariteitk.) Habitat in Oceano indico.
2. Limulus longispina nob. Spinae tres posteriores
in margine scuti secundi in feminis crassae, bre-
ves, latae. Spinae tres anteriores in feminis, in
maribus omnes longissimae. Scutum primum in
maribus antice trilobum.
Habit, in Japönia, et ad insignem pervenit
magnitudinem.
B) Pedes secundi paris in maribus monodacfyli;
pedes omnes in feminis didactyli. DcwtQ ultimo
marginis lateralis scuti secundi elongato, reliquis
maiori.
3. Limulus Polyphemus Latr. Scutum secundum
angustum, subtriangulare. AculeL sex validis-
simi in medio dorso. Cauda trigona, corpore
brevior, carina superne aculeata. (Icones:
Des märest Crustaces, Guerin Iconogr. du
Regne an., Ilandhoek der Dierkunde enz.)
Habit, ad litora Americae septentrionalis et in
India occidentali.
C) Pedes omnes utroque in sexu didactyli. Dente
ultimo marginis lateralis scuti secundi reliquis non
maiori, spina mobili sexta ultra ipsum producta.
Cauda rotunda aut vix carinata, laevis.
336
4. Limulus rotundicauda Latr. Pedes secundi
et tertii paris utroque in sexu didactyli; in ma-
ribus chela inflata.
(Icon ?) Habit, in Oceano indico.
(Aculei parvi, numerosi in cephalothorace et
abdomine. L. moluccano minor et rarior esse
videtur *).
Meine zweite Frage, nämlich ob es Arten gebe, bei
denen in beiden Geschlechtern 4 Fiifse monodadyli sind,
bleibt noch unbeantwortet. Ich glaube es nicht und fürchte,
dafs sich das hierauf gründende Geschlecht TachypleusLeach.
Limulus heterodactylus Latr. wegfallen wird.
Es gereicht mir übrigens zur Befriedigung, dafs auch
Hr. Duvernoy bei allen von ihm untersuchten Exemplaren
nur zwei einfache Augen gefunden hat, und nicht drei, wie
viele Schriftsteller und noch unlängst Milne-Edwards be-
hauptet haben. Was einige Schriftsteller für ein drittes ein-
faches Auge nahmen, scheint nichts anderes, als die abge-
schliffene hornartige Spitze zu sein, welche zwischen und
hinter den 2 einfachen Augen steht, in der Linie, welche
mitten über ^qh Brustschild läuft, üebrigens ist es nicht der
bewegliche äufsere Finger (doigt mobile) der den Männchen
fehlt, sondern der innere unbewegliche, umgekehrt also, wie
es von Latreille {Cuvier le regne anim, nouv. edit.
lom. IV. p. 188.) angegeben wird.
1) Er scheint auf die gröfsere Nähe von Indien beschränkt und
dort nicht selten zu sein. Die Sammlung von Lamare-Picquot
enthielt ihn in grofser Anzahl; auch wurde er vom Missionär, Herrn
Pred. Röttger von Bintang eingesandt j scheint also auch längs der
Küste von Malacca hinabzugehen. Herausgeber.
Bemerkungen über den Häutungsprocefs der
Krebse und Krabben
von
Jonathan Couch.
(Aus Jardine, Selby and Johnston Magaxine ofZoology and Botany.
Band 1. S. 171. und 341.)
Xieaumur ist unsere einzige Autorität für die feineren Vor-
gänge im Häutungsprocefs der Flufskrabbe (^Potamohius
fluviatilis Leach.). Wenige Tage vor der Operation enthält
sich die Krabbe aller festen Nahrung, und die Rückenschale
und die Abdomina|segmente zeigen gegen den Druck des Fin-
gers geringeren Widerstand. Bald nachher erscheint die Krabbe
unruhig, reibt ihre Glieder gegen einander; legt sich dann
auf den Rücken, wirft ihren ganzen Körper hin und her,
dehnt ihn dann aus, wobei die Häute, welche das Rücken-
schild mit der Bauchdecke verbinden, bersten und das grofse
Rückenschild in die Höhe gehoben wird. Einige Ruhepunkte
folgen auf diese ersten Anstrengungen; bald aber setzt das
Thier wieder alle Organe in Bewegung; man sieht den Rücken-
panzer sich allmälig unten von den Beinen erheben, und in
weniger als einer halben Stunde hat sich das Thier von die-
sem Theile seiner Hülle losgemacht. Durch Zurückziehen
werden Kopf, Antennen, Augen und Beine wie aus einem
Futteral hervorgezogen; das Losmachen der letzteren ist als
die schwerste Operation, mit so vieler Mühe begleitet, dafs
die Anstrengung bisweilen den Verlust eines oder mehrerer
dieser Organe mit sich führt. Die hinteren Theile werden mit
geringerer Schwierigkeit losgemacht; während der Kopf unter
das Bruststück bewegt, und der Scliwanz mit einer Vorwärts-
bewegung, die zugleich schnell und dehnend ist, abgeworfen
338
wird, sieht man das Thicr aller seiner Last entledigt und die
abgestrerfte Hülle ist unverletzt. — Dieser Hergang scheint mit
dem übereinstimmend, welcher helmPalacjnoh serratus Leach
statt fnidet, obschon Verf. diesen nicht bei der Operation
beobachtete, sondern nur die abgestreifte Hülle. Diese ist
dünn, elastisch, durchsichtig; das Kopfbruststück mit dem
sägenartigen Fortsatz^e ist ganz, die Antennen vollständig bis
auf ihre kleinsten Enden, Palpen und Kiefer in die Höhle des
Thorax eingezogen und theilweise von der Sternalplatte los-
getrennt; letztere mit den Beinen noch in losem Zusammen-
hange, ohne Bruch, aber etwas %Q^e\\ die Höhle des Thorax
einwärts gezogen. Das Futteral und der Stiel des einen Au-
ges war innerhalb des Thorax, das andere nicht zu finden.
Die Beine vollständig. Die Schwanzplatten waren an ihren
Gelenken verbunden, aber an keinem Theile war eine Zwi-
schenmembran, so dafs dieser Theil nicht mit den solideren
Deckenstücken abgeworfen zu werden scheint: ein Umstand,
welcher dafür spricht, dafs die Augen nach Abstreifung der
Haut nicht lange an die angränzenden Theile angeheftet bleiben.
Anders ist es mit AQm]\nmmQv (^ Ast acuseuropaeusLeacK).
Nicht nur enthält er sich nicht des Fressens, sondern wird
sogar häufig in den Krebstöpfen mit dem gewöhnlichen Köder
gefangen; zuweilen entschlüpft er danti während ihn der Fi-
scher gefangen glaubt, indem er die leere Hülle zurückläfst,
durch eine enge Oefi'nung, die ihn mit fester Schale nicht
durchgelassen haben würde. Aufserordentliche Bewegungen
und Krümmungen scheinen bei der Häutung nicht statt zu
finden. An der abgestreiften Kruste war das Futteral der An-
tennen und Palpen bis zu seinen feinsten Enden vollkommen;
ebenso der Augenstiel und der durchsichtige Ueberzug der
Augen waren unverletzt, der erstere nur noch an seinem un-
teren Theile festgeheftet. Die Segmente des Hinterleibes mit
den Schwanzplatten waren miteinander verbunden, aber ohne
alle Zwischenmembran, die unteren Theile von der Schnauze
abwärts, Kiefer, Kieferfüfse, Sternalplatte, Oesophagus und
der innere Ueberzug des^ Magens hildeten eine zusammeniiän-
gende Portion, mit keiner weiteren Trennung, als die, welche
durch die Abwesenheit jedes Theiles der Zwischenmembran
entstand. Das Ganze dieser unteren Theile war beträchtlich
339
iu den Rückenpanzer einwärts gezogen; letzterer zeigte eine
Spur der Art und Weise, wie sich das Tliier von seiner Hülle
befreit liatte. Durch seine Mitte verlief, wie mit einem Messer
geschnitten , eine gerade Linie, durch die Spitze der Schnauze,
an deren Grunde sie sich zur Rechten wandte. Die geringste
Anstrengung mufste hinreichen dem Thiere den Ausgang zu
gestatten. Auch am lebenden Hummer ist eine dunkle Linie
wahrnehmbar, in welcher die Trennung statt findet. An einem
kleinen Hummer, bei dem der Häutungsprocefs eben begann,
hatte sich am Üufseren Theile, beinahe in der halben Länge
des Rückenpanzers, ein tiefer Kanal gebildet, während die in-
nere Portion noch fest blieb; hätte er wenige Tage länger
gelebt, so wäre die Trennung vollständig geworden. Das
Warhsthum der jungen langschwänzigen Krebse ist äufserst
schnell, und es wird daraus glaublich ,< dafs der Häutungs-
procefs 2- oder 3 mal im ersten Lebensjahre wiederholt werde.
Im Verlaufe des Sommers findet man unter mehreren Garneelen
(pj'mvns) immer einen oder zwei, welche diesen Procefs erst
eben bestanden, im October oder November scheinen sie alle
ihn zu, bestehen, die Brutzeit endet, und kein weiterer Scha-
leuwechgel findet bis zum Eintritte des Frühlings statt. Es ist
nicht unwahrscheinlich, dafs die allgemeine Meinung, welclie eine
einmalige Häutung der erwachsenen Thiere annimmt, richtig ist.
Nach Spuren alter Beschädigungen und Incrustationen parasi-
tischer Tiiiere zu schliefsen, scheint der Hummer im vorge-
rückten Lebensalter seine Kruste nicht regelmäfsig, vielleicht
selbst gar nicht abzuwerfen.
Die gemeine Krabbe (^Cancer pagurus L.\ wenn sie ihre
Schale abwerfen will, zieht sich an einsame Orte, besonders
unter den Schutz von Felsen zurück. Ihre gierige Efslust
scheint während dieser Zeit suspendirt, doch war das Exem-
plar, dessen abgestreifte Kruste Verf. beschrieb, in einen
Krabbentopf nach dem Köder gegangen. An der abgestreif-
ten Kruste betrug der längste Durchmesser des Brustpan-
zers 6J", der Umfang der gröfsten Scheere und die Länge
des Schwanzes 3J". Der Brustpanzer war unversehrt, aufser
an seiner ünterfläche da, wo im gewöhnlichen Zustande eine
krumme Linie von den Kiefern rückwärts zu dem Hintertheile
des Körpers geht."^^ Als sie das Tliier fingen, bemerkten die
340 ^
Fischer, dafs dieser Theil lose geworden sei, und ntin war der
zwisclien der welleiifärmigen Linie und der Sternalplatte be-
findliche Theil ganz getrennt und einwärts gefallen. Die Fut-
terale der Antennen und Palpen waren vollständig. Ein Auge
war verloren gegangen, das andere mit seinem durchsichtigen
Ueberzuge vollständig, der Stiel lose befestigt; der Schwanz
mit seinen Anhängen vollständig; die Sternalplatte im Begriff
in der Mitte quer durchzubrechen, so dafs sie jederseits auf
jeder Hälfte ein Paar Beine liefs; da dies aber keine voll->
ständige oder natürliche Trennung war, mag sie allein durch
das Gewicht der Beine oder die Anstrengungen des Thieres
hervorgebracht sein. Scheeren und Beine waren in allen ihren
Anhängen vollkommen, die Membran nicht zerrissen, die
flachen Fortsätze, welche die Mitte der Muskeln einnehmen,
und ihnen als Ansatzpunkte dienen, waren unbeschädigt und
an jedem Gelenke befestigt, ihre abstehenden Enden hingen
lose in der Höhle des Beinfutterals. Die Bedeckungen der
Kiemen waren bis in ihre kleinsten Enden vollständig; und
aufser der inneren Bekleidung des Magens, war auch das
ganze innere Skelet des Thieres ohne Bruch oder Verrückung
abgeworfen, mit Einschlufs der beiden Hebel, welche von den
Kiefern durch die Mitte des Körpers gehen, um sich innen
an der Rückenwand des Brustpanzers anzuheften; wo sie früher
angeheftet, lose hingen. Das sonderbare Zahngerüst des Ma-
rens, so wie die beiden kalkigen Körper (Krebssteine) am
Pylorus und alle kalkigen Scheidewände oder Kammern,
welche die Bewegungsmuskeln der Beine aufnehmen, waren
ohne Verrückung losgelöst. Der lebende Repräsentant dieses
wunderbaren Skelets mafs 7^" im längsten Durchmesser, der
Umfange der gröfsten Scheere und die Länge des Schwanzes
betrug 4", das Gewicht 24yUnze, 5 Unzen mehr als eine ge-
wöhnliche Krabber von gleicher Gröfse wiegt. Er war plump,
wie ein von einer Haut umschlossener Teigklumpen, weich,
mit wenig kräftiger Bewegung, zeigte sich nur empfindlich,
wenn er an der Unterseite des Bruststückes berührt wurde.
Die Farbe war oberhalb roth, unterhalb blafsgelb; der Schwanz
purpurfarbig; die Rauhigkeiten an den Beinen völlig ausge-
bildet, aber weich; dagegen ist Porcellana platycheles , bei
welcher die Behaarung characteristiach ist, ganz kahl, wenn
341
sie sich gehäutet. Beim Aufschneiden erschienen Beine und
Scheercn und die krustigen Platten der Miiskelansätze weich
wie Pergament. Als die gröfste Scheere abgebrochen wurde
an dem Gelenke, an welchem das Thier sie bei Verletzung
loszutrennen pflegt, legte sich die gewöhnliche Membran gegen
den Körper und kein Ausströmen fand statt: aber eine wässrige
Feuchtigkeit drang reichlich von der Oberfläche gegen den
Handy welcher bald so leer wurde, dafs er sich wie eine
Blase aufblasen liefs. Auch beim Aufschneiden des Körpers
flofs die Flüssigkeit in reichlicher Menge ab, in wenigen Mi-
nuten sank der Körper in eine unförmliche Masse zusammen.
An dem untern und inneren Theile jedes Gliedes der Schee-
ren und Beine blieb eine Oefi'nung, ein Schlitz, durch welchen
der flache Fortsatz, der sich in der leeren Schale fand, heraus
gezogen war. Diese Oeff^mmg mufs sich schliefsen, wenn die
Schale ganz erhärtet ist. Eine genauere Betrachtung ergiebt,
dafs die abgestreifte Haut des Hummers aus denselben Theilen,
wie die der Krabbe besteht, nur sind sie in der letzteren
wegen ihrer festeren Textur deutlicher.
An einer Krabbe, welche Spuren des beginnenden llau-
tungsprozesses zeigte, waren die Beine zu f des Volumens
ihrer Kruste eingeschrumpft, indem der weiche Inhalt der
Scheerenspitzen mehr vermindert war, als ihre Muskulatur.
Vor dem Eintritt der Häutung scheint noch eine gröfsere Ab-
nahme statt zu finden. Die eben ausgeschlüpfte Krabbe hat
finfangs Kraft genug zu einem Schlupfwinkel zu kriechen, von
oft so engem Eingange, dafs es auffällt, wie sie in ihrem
neuen Gröfsenzustande daraus wieder hervorkommen soll.
Nachdem sie einen Schlupfwinkel gewonnen, wird so viel
Flüssigkeit absorbirt, dafs die gemeinsame Bedeckung ihres
Körpers biegsam wie Sammet zur vollen Ausdehiumg ihrer
Capacität ausgedehnt wird; wodurch die Ablagerung von Kalk-
theilchen nach den neu erlangten Gröfsen- Dimensionen ge-
macht wird. In den ersten Wachsthumsstadien ist die Zu-
nahme der Gröfse im Verhältnifs beträchtlicher. Einige der
kleineren Individuen findet man in jedem Monate diesen Pro-
cefs bestehend; in einigen alten Individuen aber mufs die
Kruste für eine lange Zeit halten; Verf. sah ein Exemplar
mit Austern besetzt, welche 2^ " Länge hatten, an einem an-
342
dern fand er einen Mytilus von 1" Länge angeheftet. Ob
wie man sagt, die Krabbe ihre alte Schale verzehrt, mufs in
Zweifel gezogen werden ; Verf. kennt aber einen Fall, wo eine
Krabbe die andere bis auf die Beinspitzen verzehrte. Bei
einer Garueele, die sich eben gehäutet, fand er kleine Schal-
thiere im Magen, und ist geneigt in dieser Nahrung die Quelle
der neuen Kalkablagerung zu vermuthen.
Ueber Mytilus polymorphus {Tichogonia Mossm.)
Y o m
Herausgeber.
Herr Dr. v. Siebold hat in den preufs. Proviilzialblättern
(Band 19. Januar-Heft. S.57.) meinen Ausspruch, „dafs der üfy-
tilus polymorphus erst seit wenigen Jahren in der Umgegend
Berlins so ungemein zahlreich geworden, und vielleicht durch
das Flöfsholz aus Ostpreufsen .eingeschleppt sei," in Zweifei
gezogen. Er bemerkt, dafs er, diese Muschel im Jahre 1829
schon sehr häufig in. dem grofsen, mit der Havel zusammen-
hängenden Tegeler See angetroffen und dieselbe auch, was noch
stärker gegen obige Vermuthung spreche, in dem ganz abge-
schlossenen gröfseren See des Grunewalds unweit Berlin ^uf
den Schalen AerAnodonta ponderosa festsitzend gefunden habe.
Seit 1827 kenne auch ich diese Muschel als einen Bewohner
des Tegeler See's und es war Hr. Prof. Ehrenberg, welcher
sie dort zuerst auffand. Bald darauf erschien sie schon in grofser
Menge in den Havel-Seen bei den Picheisbergen, spater, vor etwa
drei Jahren, in grofser Anzahl bei der Pfauen -Insel, wo sie
Störungen in der Bewässerungs-Maschinerie hervorbrachte, und
deshalb als ein unbekannter Eindringling an Herrn Geh. Rath
Lichtenstein übersandt wurde.
Alle diese Facta machten es mir wahrscheinlich, dafs sie kein
ursprünglicher Bewohner unserer Gewässer, sondern durch die
Kanalverbindung von Osten her eingeschleppt sei; entweder über
Ostpreufsen oder direct ausPolen. Hr. Gray hat in den Annais
of Philosophy New Ser. Fol IX. p. 139. London 1825
die Mittheilung gemacht, dafs der Mytilus volgensis. (JM. po-
lymorphus Gm.) lange Zeit aufser dem Wasser zubringen
343
könne, und dafs er einen 3 Wochen hindurch gesund erhalten
habe. Er ist der Meinung,* dafs die Exemplare, welche sich
in den Cojmnercial Docks fänden, \vahrscheinlich mit Schiff-
bauholz von der Wolga eingeführt seien. Letzteres ist nun
wohl vsclnvcrlich der Fall; vielmehr mögen sie aus einem Ost-
seehafen eingeschleppt sein. Dieselbe Ansicht wiederholt Herr
Gray in den PJiilos. T r ans act i83o. IL: „der M. polymot-
phus ist erst jüngst :(reC6?/tf/j) im Harlemer See und den
Handelswerften van Rotherhithe eingeführt, ohne Zweifel mit
russischem Bauholze; denn er hat wie die AmpuHarien, Pala-
dinen, Neritinen des süfsen Wassers und die Littorinen, Mö-
nodönten und Cerithien des Seewassers, die Fähigkeit, langß
Zeit aufser Wasser zu leben. An beiden Orten vermehrt dr
sich mit grofser Schnelligkeit. Ich weifs, dafs Herr L y el 1 ^i^
Einführung auf andere Art erklärt; allein nach den Versuchen,
welche ich selbst über die Fähigkeit des Thieres aufser dem
Wasser zu leben angestellt habe, kann jeh keinen Anstand neh-
men, eher der f)bigen Erklärung den Vorzug zu geben, als
anzunehmen, dafs die Art am Kiel eines Schiffes quer durch
das Meer von einem Flusse zum andern verschleppt sei." —
Letzteres ist indessen nicht ganz unmöglich. Im dritten Jah-
resbericht des Manheimer Vereins für Naturkunde 1836. S. 15.
erzählt Hr. Prof. Kilian, dafs im Jahre 1835 ein grofses Ilhein-
sclüff unmittelbar von Rotterdam in Mäuheim ankam, dessen
Kiel besonders in den Fugen ganz mitMytilus polymorphuh
besetzt war. Hier wäre also das Festsitzen an einem FJufs-
schiffe constatirt. Hr. Dr. Aug. Müller fand unsere Muschel
häufig im Kieler Kauale und in der Eider, welchen Weg ■ be-
kanntlich viele kleinere Ostseeschiffe nehmen. Er fand sie selbst
in dem nahe liegenden TKeil der Ostsee, im Salzwasser. Ba^
gegen erklärt Hr. Dr. v. Siebold (a. a. O. S. 57.), dafs et
nie eine kiHcheTichogonia polymorpha in der Ostsee bei Danzig
bemerkt, oft aber die leeren Schalen derselben in der Nähe der
Weichsel-Mündung aufgelesen habe. — Er stellt ferner in Abi-
rede, dafs sie an Flöfsholz vorkomme; was ich indefs aus eige-
ner Erfahrung versichern kann. Auch Hr. Dr. Aug. Müller
hat in seinen mir gütigst mitgetheilten Notizen über Tichogonia
dasselbe angemerkt: „Sie findet sich bei Berlin sehr häufig am
Flöfsholz, welches damit oftmals an der W^asserseite wie mit
344
einer dicken Borke überzogen ist; auch sieht man an der ge-
wöhnlichen Aiislade-Stelle des Flofsholzes bei Monbijou die Erde
wohl handhoch mit den zufällig abgestreiften Thieren bedeckt.
Merkwürdig ist, dafs die Individuen, welche an einem Stamme
sitzen, eine bestimmte Gröfse nicht überschreiten; es finden sich
z. B. an einem Flöfse nur ganz kleine bis zur Gröfse eines
Weizenkornes, an einem anderen gröfsere, wie eine Buchnufs.
Nie aber fand ich an Flöfsholze Individuen erster Gröfse, wie
sie im Pichelsberger See an Pfählen vorkommen, welche seit
langer Zeit ruhig im Wasser stehen. Die Thiere selbst können
die Byssusfäden, wodurch sie sich befestigt, nicht wieder lösen ;
folglich können sich nur ganz junge Thiere mit ihrer ursprüiig-
licheu Befestigung an das Flöfsholz hängen und sie werden um
so gröfser werden, je länger das Flöfsholz im Wasser liegt.
Man könnte aus dem Zeitraum, während dessen sich das Holz
im Wasser befindet, auf die Schnelligkeit des Wachsthumes der
Muschel schliefsen." — Hr. Dr. Müller bemerkt ferner, dafs
er sie in der Elbe oftmals, aber niemals in der nicht schifi'ba-
ren Ohre gefunden habe, die sich kurz unter Magdeburg in
die Elbe ergiefst. Auch fand er sie nicht in dem isolirten Plöt-
zensee bei Berlin, sondern nur in den Seen, welche mit der
Havel und Spree in Verbindung stehen. Wir müssen daher
annehmen, dafs sie durch irgend einen Zufall in den Grune-
walder-See gerieth, wo sie Hr. Dr. v. Siebold fand. — Ich
halte mich also nach wie vor überzeugt, dafs der M.polymorphus
ursprünglich ein Bewohner der Flüsse Polens'und des südlichen
Rufslands ist, und dafs Preufsen und die Mark ihn zuerst durch
den Schifi'verkehr auf den Kanälen und durch die Holzflöfsen
erhielten. Im Jahre 1834 wurde er auch im Unions- Kanäle
bei Edinburg von Hrn. Stark entdeckt; im Jahre 1836 von
Berkeley undStreatfield iniNen. Hr.Berkeley sagt, dafs
er erst nach 1828 im Nen durch Bauholz von Wisbeach aus
eingeführt sein müsse, denn früher habe er mit seinem Freunde
Lowe mehrere Jahre hindurch diesen Flufs durchsucht, ohne
auch nur ein einziges Exemplar damals zu entdecken. — Alles
dies spricht für meine Ansicht. Möchten die Naturforscher
Polens uns über das dortige Vorkommen unserer Muschel bald
nähere Aufklärung geben; denn von dort aus scheint ihre
Verbreitung in unserer Gegend herzurühren.
IJeber die Bewegungen der Pflanzen
von i
Dr. M. Dassel!,.
(Schlufs). '
S e c'h s t e s Kapitel.
Betrachtung der schnellen, mehr oder minder unregel-
mäfsig geschehenden Bewegungen der sich drehenden
' ' Blätter.
JL)ie merkwürdigste Erscheinung, welche das Pflanzeureicli dar-
bietet, sind die stets sich bewegenden Blättchen des Hedysa-
rum gyrans und einiger mit diesem genau verwandter Arten,
wie H, vespertilionis , deren Blätter, sofern sie aus 3 Blätt-
chen bestehen, Bewegungen- in den beiden seitlichen zeigen sol^
len, obgleich viel schwächer als bei der erstgenannten Pöänze.
Verf; geht in die Beschreibung der ersteren Pflanze näher ein,
und führt die an derselben gemachten Beobachtungen früherer
Schriftsteller umständlich auf. Auch bei Hedysarum gyroides
glaubt Verf. eine solche Bewegung bemerkt zu haben, doch
nur dann, wenn sie im Sonnenlichte stand und reichlich mit
Wasser versehen war. Er bemerkt zugleich, dafs ihm keine
Pflanzen bekannt seien, deren Blätter sich so schnell dem Lichte
zuwenden, als die der genannten Hedysarum- Arten, womit die
besondere Zärtlichkeit ihres Lebens in Verbindung zu stehen
scheine. So sah er ein ik'^^x^QS Hedysarum gyrans ohne er-
sichtliche Ursache in zwei Tagen gesund und todt, und die'
Versuche mit Hedys. gyroides mifsglückten ihm fast allein
IV, Jahrg. 1. Band. ^ 23
#
346
, . * . ■ ■ .
deshalb, weil die Pflanzen zu früh abstarben. — Die ürsach
der Bewegungen des Iledys. gyrans ist in dem Punkte zu
suchen, wo die besonderen Blattstiele dem gemeinsamen ange-
fügt sind, wo man ähnliche Anschwellungen findet, wie bei den
beweglichen Blättern. Verf. konnte es nie weiter bringen, als
die Anschwellung der einen Seite abzuschneiden. Deutlich
hing dann das Blättchen nach der Seite hinüber, an welcher
die Anschwellung weggeschnitten war, ohne dafs es sich je
wieder aus dieser Ricjitung erheben kpnnte. Es geht hieraus
hervor, dafs auch hier die Anschwellung das eigentliche Werk-
zeug der Bewegung ist; das Aufsteigen der Blättchen wird
durch eine Ausdehnung der unteren, das Senken durch eine
Ausdehnung der oberen Anschwellung bewirkt. Es bleibt noch
die Ursache der abwechselnden Ausdehnung beider entgegen-
stehenden Anschwellungen zu untersuchen. Leider konnte Verf.
zu den Versuchen nur eine Pflanze von H. gyrans verwen-
den. Im Allgemeinen richtet sich die Schnelligkeit der Bewe-
gung nach der Gesundheit der Pflanze. Dies gilt jedoch nur
unmittelbar von den Theilen, zu denen die Blättchen gehören;
denn man kann einen Zweig abschneiden, und doch fahren die
Blättchen Anfangs eben so fort sich zu bewegen; setzt man
den Zweig in's Wasser, so dauert die Bewegung auch länger.
Merkwürdig ist, dafs die Bewegungen der seitlichen Blätter
aufhören, wenn das Terminalblatt durch den Wind bewegt
wird ; Broussonet erklärt diefs aus vermehrter Verdunstung,
wodurch die Säfte im Blatte selbst vermindert werden sollen,
was jedoch nicht wahrscheinlich ist, weil grofse trockne Wärme
die Bewegungen beschleunigt. Besser stimmt mit Brousso-
net's Ansicht überein, was v. Humboldt sagt, nämlich dafs,
wenn man ein Iled. gyrans 2 oder 3 Stunden lang in's Dun-
kel setzt, man alsdann, eine Beschleunigung der Bewegung wahr-
nimmt, wenn man es dem Lichte wieder aussetzt; denn wäh-
rend der Aussetzung in's Dunkle ist eine Vermehrung der
Feuchtigkeit in der Pflanze entstanden. Wärme ist eins der
unentbehrlichsten Erfordernisse zu den Bewegungen bei dieser
Pflanze; sie hören sogleich auf, wenn man kaltes Wasser über
die Zweige derselben giefst, lassen sich aber durch warme
Wasserdämpfe sogleich wieder herstellen. Auch wird die Pflanze
gleichsam gelähmt, wenn man sie aufser dem warmen Hause
347
der gewöhnlichen Temperatur aussetzt. Ueber den Einflufe der
Electricität und des Galvauismus ist viel gestritten worden;
allein viele der Versuche wurden von Naturforschern ange-
stellt, welche nicht Botaniker waren, und die grofse Zartheit
der Pflanze konnte leiclit zu falschen Resultaten führen. Auch
konnte leicht durch das Herbringen der Pflanze und durch das
Hinsetzen beim Versuche selbst Veränderung in der Bewe-
gung entstehen. Van Marum und v. Humboldt, von de-
nen Ersterer über den Einflufs der gewöhnlichen Electricität,
Letzterer über den des Galvanismus Versuche anstellten, fanden,
dafs sie keinen Einflufs darauf haben. Verf. geht nun die ver-
schiedenen Erklärungen des Phänomenes durch, findet aber keine
derselben ganz genügend.
Im siebenten Kapitel giebt Verf. eine allgemeine
Uebersicht der Pflanzen mit reizbaren Blättern.
I. Aus der Familie der Droseraceae.
1) Dionaea muscipula L. (Ellis Beschreibung der Dionaea etc.
Erlangen, 1780).
II. Aus der Familie der Oxalideae.
2) Averrhoa Bilimbi L. (Decand. Prodr. Syst. veg. Vol. I. p. 689.
— 3) A. Carambola L. (B. Bruce Philos. Trans. 1785. 356). — Oxa-
lis sensitiva (Houttuin Nat. Bist. 2. St. 8. p. 659 — 61).
III. Aus der Familie der Leguminosen.
6) Aspalathus persica Burm. J. C. D. Schreber bei Ellis 1. c.
p. V. — 5) Nauclea pudica Descourt. (Bullet, des Sc. natur. de Fe-
russac Tom. VI. p. 215). — 7) Aeschinomene sensitiva Swai-tz (De-
candoUe 1. c. Vol. II. p. 320). — 8) A. indica L. (Schreber 1. c. p. IV).
— 9) A. pumila L. (id. ib.) — 10) Smithia sensitiva Aiton (Decand.
1. c. Vol. n. S. 323). — 11) Miraosa casta L. (Hort. Cliffort. p. 208).
— 12) M. pernambucana (Schreber I.e.) — 13) M. asperataL. (Link
Elcm. phil. Botan. p. 431). — 14) M. pigra L. (Schreber 1. c.) —
15) M. quadrivalvis L. (ib.) — 16) M, pudica L. •— 17) M. sensitiva
L. — 18) M. Viva L. Willd. (Schreber 1. c.) — 19) Desnianthus la-
custris (Decand. 1. c. p. 444). — 20) D. natans Willd. ib. 21) D. sto-
lonifer. Dec. ib. 22) D. triquetris Dec. ib. 23) D. plenus Willd. ib.
24) D. polyphyllus. Willd. ib. 25) Ocacia acanthocarpa Willd. De-
cand. 1. c. p. 463.
Zu diesen Arten, von denen es genugsam bekannt ist,
müssen noch nach Schreber 2 Avio^w yleschinomcne gerech-
net werden, welche von Rheede nicht deutlich genug be-
23*
schrieben sind, nm bblanisch bestimmt werden zu können, des-
gleichen eine Acacia vom Senegal, deren Decandolle ge-
denkt, so dafs sich die Zahl dieser Pflanzen auf 28 belaufen
würde.' Alle gehören zu den Vascular- Pflanzen, und zwar zu
dei/ Exogenen. Betrachtet man ihr Verhältnifs zu allen an-
dern Vascularpflanzen, und nimmt deren Zahl mit Rob. Brown
auf 83,000 an, so folgt?, dais sich diese zu jenen wie 1178:1
verWalt^nj VerglevcÜt man die Familien, in 'denen Pflanzen mit
reizbaren Blättern vorkommen, deren Zahl nur 4 beträgt, zu
der 'ganzen Zahl der Familien der Vascularpflanzen, diese mit
Lindley zu 206 angenommen, so ergiebt sich ein Verhältnifs
von '66, 5:1. Vergleicht man endlich die Zahl der reizbaren
Pflanzen mit der Zahl der übrigen Pflanzen derselben Fami-
lien v^öi denen '^ieseEVs^heinung nicht vorkommt, so ergiebt
sich Folgendes: Die Familie der Droseraceae enthält 44 Ar-
ten ohne reizbare .Blätter und eine mit solchen; das Verhält-
nifs ist also wie 44:1; die Oxalideae 156 der erstem und
3 der letztern giebt 52 : 1 ; die Leguminosae 3869 und 24
giebt 161 : 1. Alle Pflanzen mit reizbaren Blättern, mit Aus-
nahme der Diojiaea, gehören der heifsen Zone an ; diese kommt
in ^en wärmeren Gegenden der gemäfsigten Zone in Nord-
amerika vor.
Nach den Welt.theilen: Asien besitzt 12, Afrika 3, Ame-
rika 13; Neuholland und Europa entbehren ihrer, soweit uns
bekannt, gänzlich. Im Allgemeinen lieben alle diese Pflanzen
die feuchtesten Oerter; einige, als die Desmanthus -Arten, ge-
hören sogar zu den Wasserpflanzen. Die meisten bei weitem sind
Kräuter, wenige Sträucher und Bäume ; letztere kommen allein
unter den asiatischen Pflanzen vor. Aus dieser allgemeinen
Betrachtung folgt: 1) die Reizbarkeit der Blätter ist eine sehr
beschränkte Erscheinung, sowohl im Vergleich zum ganzen
Pflanzenreiche, als zu d^n Familien, in denen sich solche Pflan-
zen finden; demnach hängt diese besondere Eigenschaft mit
der ganzen Organisation der Pflanze nicht genau zusammen.
2) Je höher die Familien, welche diese Erscheinung darbieten,
in der Reihe der Pflanzenentwickelung stehen, desto gröfser
die Zahl der Arten, welche reizbare Blätter besitzen. 3) Weil die
Pflanzender warmen Zone ein kräftigeres Leben und einen schnel-
leren Verlauf desselben besitzen, als die Pflanzen der kälteren
349
Zone, luid beinahe alle l^flanzeii mit röiülyareu Blättern iii, der
ersteren angetroffen werden, so niufs man genannten Pflanzen
ein kräftiges Lebeii zuerkennen. Endlich -4) weil die kraut-
artigen Pflanzen diircligängig einen beträchtlich rascheren und
kräftigeren Lebenslauf haben, als die Holzgewäclise, ,,^^nf|,,44»>
Pflanzen mit reizbaren Blättern beinahe allein der erst^eren
Klasse angehören, so folgt hieraus, dafs die Pflanzen mit reiz-
baren Blättern zu denen gezähUvverden müssen, in. welchen
die Lebenserscheinungen einen kräftigen. j9n^schaellen.,yjc«7^
lauf haben. i r i
Achtes Kapitel. ^
Von den Erscheinungen der reizbaren Blätter und den
äufseren Ursachen des Schliefsens und Oeffnens dieser
Pflanzen.
Die reizbaren Blätter nehmen durch , äufsere Heize ., ent-
weder die Richtung an, welche sie ohnedijes auch des NacKtS^
erhalten, oder eine Richtung^ welolie-. sie allein in ihrer .er^teft,
Jugend haben. Zu ersteren gehören die Oxalldeae und^L^-
gumiiiosae mit reizbaren Blättern; zu letzteren clag^gQ^^ i^^Pp,.
naea iriuscipula. — Verf.- geht' nun die besonderen ,^rschei-j
nungen der Bewegung bei Dioiiaea muscipula , uivßirjioßr
carambola, Mimosa pudica und sensitiv a durch. Nach D,e,7(
candolle sollen bereits die Saameülappen der jteimen^en ifcT^f
pudica reizbar sein, was Verf. nicht wahrnehmen konnte 5 viel-;
mehr blieben sie sowohl auf chemische als mechanische Reize
unbeweglich. Nach Link sollen die jungen Blätter mehr Reiz-
barkeit als die alten zeigen; Verf. fand dagegen, dafs die jun-
gen Blätter, bevor sie die dunkelgrüne Farbe der älteren er-
halten, wenig Beweglichkeit besitzen. Diese geringere Beweg-
lichkeit derselben schreibt Verf. mehr der grofsen Weichheit
der Theile zu, als einer geringeren Unabhängigkeit . von pel-
zen, denn er sah sie oft absterben unter Einwirkungen, welche
bei älteren nur Bewegungen hervorbrachten. Auch die gelb
gewordenen Blätter sind nicht sehr reizbar, \vas aber weniger
bei Anwendung mechanischer, als chemischer Reize bemerkbar
wird. Daraus ist vielleicht Peschier's Ausspruch zu erklä-
ren, dafs die gelben Blätter beinahe nichts von ihrer Beweg-
lichkeit verlieren. Bei Entwickelung neuer Blätter und beim -
Blühen vermindert sich die Beweglichkeit in den nächstste-
m
Iienden Blättern merklich ; beim Reifen der Früchte hören alle
Bewegungen auf.
Verf. kommt dann zur Betrachtung der äufseren Ursa-
chen (Reize), welche Bewegungen veranlassen. Giebt man
einem Blatte der Mhnosa pudica einen Stofs, sei es mit der
Hand, mit Wachs, Metall u. s. w., so nimmt es sogleich die
nächtliche Richtung an; diefs ist aber nicht Folge der Berüh-
rung, denn wenn man ein Stück Blei vorsichtig da auf den
allgemeinen Blattstiel legt, wo der besondere entspringt, so
kann man das Blatt beugen, ohne dafs Bewegungen entstehen;
läfst man aber dasselbe Stückchen Blei darauf fallen, so schliefst
sich das ganze Blatt. Auch kann man ein Blatt drücken, ohne
dafs Bewegung erfolgt. So schliefsen sich auch durch einen
Staubregen die Mimosenblätter nicht, während diefs ein stär-
kerer zu Wege bringt. Sehr merkwürdig ist, dafs sich Mi-
mosa pudica an diesen Reiz gewöhnen kann. Bekanntlich
nahm Desfontaines eine Pflanze im Wagen mit, durch des-
sen Bewegung sich die Blätter schlössen, dann aber öffneten
sie sich wieder und blieben in diesem Zustande, obschon die
Bewegung fortdauerte, und als der Wagen eine Zeit lang ge-
halten, schlössen sich die Blättchen, als die Bewegung wieder
begann, öffneten sich jedoch dann aufs neue. Verf. wieder-
holte diesen Versuch, indem er M. pudica 3 Viertelstunden
lang in eine schaukelnde Bewegung brachte, wobei die Blätter
sich schlössen, aber nach einer halben Stunde sich wieder öff-
neten. Nach Beendigung des Versuchs waren die Blätter eine
gute Stunde lang unbeweglich. Mit einem Male fingen alle
Blätter an sich zu senken, und als sie sich dann wieder auf-
richteten, war die Reizbarkeit in ihnen wieder hergestellt. Diese
Ge>vöhnung an den Reiz scheint jedoch bei den Blättern der Dion.
muscipula nicht Statt zu finden, da sie, durch Berührung eines
Insectes geschlossen, nicht geöffnet werden, so lange dasselbe
sich zwischen den Blattlappen befindet. Die mechanischen
Reize durch Verwundung haben keine Bewegungen zur Folge,
es sei denn, dafs sie mit Saftverlust oder Erschütterung ver-
bunden sind, wie man denn beim Einschneiden in ein Blatt
Bewegungen entstehen sieht, nicht aber, wenn diefs mit einer
feinen scharfen Scheere und nöthiger Vorsicht geschieht. Che-
mische Reize, Chlorine, ^mmonia liquida, ^cidum ni-
351
trosum, sulphuricum, sulphurosum , Aether sulphuricus,
ätherische Oele u. s. w., als Dampf oder Flüssigkeit mit den
Blättern der Mimosa pudica in Berührung gebracht, inachen,
dafs sie dio nächtliche Richtung annelimen. Campher hat keine
solclie Wirkung, vernichtet aber die Empfindlichkeit und tödtet
die Pflanze, ohne dafs die Blätter sich schliefsen. Diefs be-
weist, dafs jene Stoffe, welche zugleich starke Gifte für das
Pflanzenleben sind, nicht als solche wirken. Ein Gleiches beob-
achtete Verf. auch bei andern Giften, obwohl es andererseits
wahr ist, dafs die genannten Reize zuweilen mit dem Zusam-
menfalten der Blätter den Tod bringen, wie Verf. solchen bei
unvorsichtiger Anwendung des Gas acidum nitrosum eintre-
ten sah. Es mufs diefs aus einer zu starken Anwendung
der Reize erklärt werden, dafs sie zugleich ihren vergiftenden
Einflufs an den Pflanzen äufsern. Chemische Reize können
ihre Einwirl^ung sehr weit erstrecken. So kann man dadurch,
dafs man eine starke Säure vorsichtig auf ein Blättchen bringt,
ohne damit eine Erschütterung zu verbinden, bewirken, dafs
alle nahe stehenden Blätter sich schliefsen. Verbrennung
durch Feuer ist einer der kräftigsten Reize. Verf. wiederholte
die von Du Fay, Peschier und S ig wart angestellten Ver-
suche mit gleichem Erfolg. Er bediente sich dazu dünner, mit
Wachs getränkter Baumwollenfäden. Die sehr kleine Flamme
derselben blieb sich stets gleich, und lieferte daher mehr als
jedes andere Werkzeug einen gleich starken Reiz, welcher zu-
gleich des schädlichen Einflusses der chemischen Reize ent-
behrt. Verf. konnte mit ihnen junge Blätter zur Bewegung
bringen, welche auf keine andere Weise zu bewegen waren.
Mit Electricität und Galvanismus stellte er selbst keine Ver-
suche an, hält aber die Resultate von vanMarum und v. Hum-
boldt der Wahrheit gemäfs, weil Electricität am thierischen
Organismus auf die Contraction der Muskelfasern wirke, diese
aber den reizbaren Blättern fehlen, mithin die Beweginig der
letzteren durch Electricität eine ganz neue Erscheinung sein
würde.
Alle Reize bringen bei den reizbaren Blättern nur ein
Schliefsen, nie ein Oefi"iien hervor. Wenn S ig wart das Licht
als eUien das Oeffnen bewirkenden Reiz betrachtet, so ist diefs
unrichtig. Verf. nahm 2 ganz gleiche Exemplare von Mimosa
352
piidica , reizte sie auf gleiche Weise .und bedeckte dann die
eine ^gegen alle Einwirkung des Lichtes . mit steifem Papier.
Gleichwohl öffneten sich beide wieder gleich schnell, -so» dafs
das Oeffnen der Biättchen eine aus dem Innern der Pflanze
hervorgehende Lebenswirkung ist, zu der es keiner besonde-
ren äufseren Ursache bedarf. Je kräftiger eine Pflanze ist, um
so'»sohneller geschieht auch diefs Oeffuen, daher denn Tages.
mid Jahreszeit, wie andere Umstände, auf die Verschiedenheit
in deren Zeitdauer Einflufs äufsern. Im Allgemeinen ist die
Merbiei gebrauchte Kraft gröfser, als zum Oeffnen nöthig ist.
An dem allgemeinen Blattstiele am Ursprünge der besonderen
befestigte Gewichte hinderten weder die Schnelligkeit noch die
Kral6t::des:Deffnens, so lange sie nicht 'mehr als 9 Gran betru-
gen; war Letzteres der Fall, so wurde die Bewegung langsam
und das Blatt erreichte die vorige Höhe nicht wieder.
.■:/?rfI,ßb iiVA, >
.;..,:i: .. ■ Neuntes Kapitel.
Die unmittelbarenioder inneren Ursachen dieser Bewe-
^iiirJiti'* gungen.
•Wie Dutrochet fand, sind auch hier die Anschwellungen
der Sitz der Bewegungen, und zwar geschieht die Bewegung
durch Ausdehnung des Theils derselben, welcher der Rich-
tung der Bewegung entgegengesetzt ist. Schnitt Verf. den
oberen Theil der Anschwellung weg, so stieg das Blatt; schnitt
er die untere weg, sank es, ohne sich je wieder zu heben;
wurde einer der seitlichen Theile weggeschnitten, so bewegte
sich das Blatt nach der Seite, wo die Anschwellung weggenom-
men war. Die Bewegung geschieht also durch Ausdehnung
gerade umgekehrt wie im Thierreiche. Die entgegengesetzten
Theile der Anschwellungen haben also eine entgegengesetzte
Wirkung; sind beide gleich stark, so findet keine Bewegung
statt; es beträgt dann der Winkel des Blattstieles mit dem
Zweige 90 ''. Verf. schnitt die oberste Anschwellung weg und
beschwerte das Blatt mit 9 Gran, welche ein unversehrtes
Blatt leicht trägt; es erhob sich sehr langsam und unregel-
mäfsig, blieb 2 — 3 Tage in dieser Haltung und fiel dann schlaff
nieder. Mehr Gewicht konnte kein so behandeltes Blatt höher
als 90'^' bringen, sogleich sank es schlaff nieder, und die un-
tere Anschwellung verlor alle Kraft und AufgeschwoUenheit.
353
Die Wegnahme der entgegengesetzten Anschwellung vermehrt
also die Kraft der übrigbleibenden nicht, sondern vermindert
sie sogar. — Dafs nicht, wie Dutrochet früher glaubte, die
Krümmbarkeit des Gewebes der entgegengesetzten Anschwel-
lungen die nächste Ursache der Bewegungen ist, wenn anch^
wie er fand, dünne Lagen der entgegengesetzten Anschwel-
lungen, m Wasser geworfen, ..sich in entgegengesetzter Rich-
tung kreisförmig krümmen, folgert Verf. daraus, dafs 1) die^
aufsersto Lage der Anschwellung jene Krümmbarkeit entbehrt;
2) dafs die ganze Hälfte der Anschwellung, in's Wasser ge-
worfen, sich nicht krümmt, und dafs die Lagen, aufser durch
Wasser, -durch keine Reize zur Krümmung gebracht werden?
konnten. Er glaubt deshalb, dafs ihre Krümmbarkeit im Was-
ser nur der Wirkung des Wassers zuzuschreiben sei. Wäre'
die Krümmbarkeit des Gewebes die Ursache der Bewegung^
so müfste die Wegnahme der oberen Anschwellung das Blatt;
wie mit einem Stofse, steigen lassen, da alsdann nichts mehr
die untere Anschwellung hindern würde, aus ihrem gedrückten
Zustande, zur Ausdehnung überzugehen. Dilfs geschieht jedoch
nicht, sondern es dauert 3 — 5 Minuten, bis ein Blatt nach
Wegschneiden der oberen. Anschwellung seine vollständige Erl-
hebung vollführt; auch wird diese erst 10 — 20 Sekunden nach
dem Schnitte bemerkbar, so dafs die untere Anschwellung lang-
sam Kräfte zu sammeln scheint. Diefs wnirde dafür sprechen,
dafs die Anschwellungen durch Vermehrung und Verminderung
der Säfte in ihnen wirken. Um diefs näher zu untersuchen,
machte Verf. verschiedene Einschnitte in die obere Anschwel-
lung eines nach unten gesenkten Blattstieles. Im Ueberflufs
drang eine hell grün -gelbliche Flüssigkeit hervor, und in dem
Maafse stieg das Blatt; darauf war die Einlenkung einige Tage
nicht beweglich. An einer anderen Anschwellung machte er
nur eine Wunde durch W^egschneiden der obersten Lage ; die
Beweglichkeit ward dadurch nicht vermindert, doch so oft die
verwundete Anschwellung passiv wurde, bemerkte man einen
Safttropfen auf der Wunde. Da sich nun Flüssigkeiten wenig
zusammenpressen lassen, so mufs auch bei einer unverletzten
Anschwellung, wenn sie passiv wird, diese Flüssigkeit versetzt
werden. Am natürlichsten scheint es freilich, dafs die Säfte aus
der passiv werdenden Anschwellung in die activ werdende über-
354
treten. Verf. hob durcli Wegschneiden der seitlichen Anschwel-
lungen den Zusammenhang zwischen der oberen und unteren
auf; es erfolgte vollkommene Lähmung, die aber auch durch
den grofsen Saftverlust herbeigeführt sein kann. Deshalb un- '
terbrach Verf. bei einigen anderen Blättern nur mittelst eines
länglichen Schnittes durch die beiden seitlichen Anschwellun-
gen den Zusammenhang, und die Beweginig wurde nicht ver-
nichtet. Ferner brachte er eine Mimosa pudica in einen krank-
haften Zustand, indem er sie einige Tage hindurch in völlige
Dunkelheit stellte, so dafs die Blätter unbeweglich wurden;
alsdann machte er in einige der oberen Anschwellungen Ein-
schnitte, aus denen nur sehr wenig hellgriine und sehr dünne
Flüssigkeit hervortrat, und drückte dann die Blätter sehr stark
hinab, wodurch ebenfalls kein gröfserer Saftzuflufs entstand,
wie doch zu erwarten war, wenn die Säfte aus einer Anschwel-
lung in die andere strömen könnten. Die Säfte, welche sich
aus der passiv werdenden Anschwellung entleeren, können sich
nicht in den Blattstiel entleeren; denn die Anschwellung bleibt
reizbar, wenn auclf der Blattstiel ganz weggeschnitten ist. Sie
müssen demnach in den Zweig zurücktreten, aus welchem auch
die Saftmasse kommen mufs, welche die activ werdende An-
schwellung ausdehnt. Um diefs durch Versuche zu bekräfti-
gen, schnitt Verf. aus einem Stamme einer M. pudica ein
Scheibchen, an welchem ein Blatt safs, gerade so dick, als der
Platz der Einfügung des Blattstieles. Diefs Scheibchen befe-
stigte er sogleich zw^ischen 2 Stückchen Kork und hielt diese
stets feucht; aber alle Reizbarkeit des Blattstieles war ver-
schwunden. Dafs dieses nicht durch das Abschneiden entstan-
den sei, gehe genugsam daraus hervor, dafs abgeschnittene
Zweige im Wasser Tage und Wochen hindurch reizbar blei-
jjen. — Das Gewebe der Anschwellungen kann man mit der
tela erecülis der Thiere vergleichen; denn wie diese, werden
auch die Anschwellungen durcli Flüssigkeit ausgedehnt; wie
diese besitzt es viele Gefäfse (vasn laticis), und wie jenes
Gewebe sehr reizbar ist, so besitzt auch das der Anschwellun-
lungen besonders viel Reizbarkeit; und wie endlich in Folge
der Reize bei der tela erectilis deren AnfüUung durch Blut
zu Wege gebracht wird, so wird durch Reize das Gewebe der
Anschwellungen mit Säften erfüllt.
355
Zehntes Kapitel.
Von der Uebertragung der Reize.
Augewaiidte Reize dehnen bei Mimosa pud/ca ihre Wir-
kung oft weit über den Ort ihrer Anwendung aus. Besonders
deutlich ist diefs, wenn man ein lilättclien sachte brennt, denn
viel weiter, als sich die Wärme erstreckt, legen sich die Blät-
ter zusammen. Dutrochet nahm zur Erklärung dieses Phä-
nomens Nerven an, nämlich die kleinen Kügelchen, die, in den
Zellen eingeschlossen, überall gefunden werden. Diese sollten
aber die Reize nicht selbst leiten, sondern er schrieb dieses
den Ilolzgefäfsen zu, da er sich durch Versuche überzeugt
hatte, dafs diese allein die Uebertragung der Reize ausführen
können, und zwiir glaubte er, dafs der Saft, welchen sie füh-
ren, der Leiter sei. Um diese seltsame Annahme zu widerle-
gen, beraubte Verf. einen langen dicken Zweig in einer Länge
von 0,1 Ellen der Rinde, und prefste das Holzgerüst mit aller
Kraft zwischen zwei Ilolzblöckchen, so dafs es aller Flüssig-
keit beraubt wurde. Dann liefs er den Zw^eig einige Minuten
liegen, während welcher sich die Blätter einigermafsen öfiFne-
ten, und berührte hierauf das äufserste Ende des Zweiges mit
einer kleinen Flamme, worauf ein neues, stärkeres Zusammen-
legen folgte; keinesweges leiten also die Säfte die Reize, son-
dern die Holzgefäfse.
Bei Wiederholung der von Dutrochet angestellten Ver-
suche über die Schnelligkeit der Fortpflanzung der Reize, wel-
che nach diesem im Blatte 0,015 Ellen, im Stamme 0,003 El-
len während einer Sekunde betragen, und weder durch Tem-
peratur, noch gröfsere oder geringere Reizbarkeit der Pflanze
abgeändert werden soll, war Verf. nicht so glücklich feststel-
len zu können, wie viel Raum die Reiz^» m einer Sekunde
durchlaufen, da diefs theils unmerklich, theils ansehnlicher war,
als D. angiebt, obschon der Reiz stets gleich blieb. — Um zu
sehen, ob Rinde, Mark oder das Gewebe der Anschwellung,
wenn sie selbst gereizt werden, nicht im Stande sind, diefs
andern Theilen mitzutheilen, stellte Verf. folgende Versuche
an. Am Ende eines langen, sehr starken Zweiges der Mimosa
"pudica «chnitt er Alles aufser dem Marke weg, an einem an-
dern liefs er nur die Rinde in einer Länge von 0,1 Elle übrig,
stellte beide dann eine Zeit lang in's Wasser, damit sich die
Blätter entfalteten, und brannte hierauf das bei dem einen aus
Mark, bei dem andern aus Rinde bestehende Ende sehr stark.
Zwei andere, ebenso zubereitete Zweige brachte er mit dem
Marke und der Rinde in Acidum sulphuviciim, ohne dafs die
Reize eine Wirkung hervorbrachten. Dutrochet nimmt an,
dafs das ganze Holzgeriist zur Uebertragung der Reize geschickt
sei; nach ihm sollen selbst die Wurzeln leiten. Indefs wandte
•er, diefs zu beweisen, verdünnte Schwefelsäure an, die aber
auch sehr gut aufgesogen und in den Stamm übergeführt wer-
den konnte. Verf. nahm 2 Pflanzen aus ihren Töjjfen und
reinigte deren Wurzeln, stellte dann eine in reine Schwefel-
säure, welche wiegen ihrer zerstörenden Kraft nicht aufgesogen
werden kann, und verbrannte die Wurzel der anderen mit einer
kleinen Flamme. Durch keinen dieser Reize entstand die ge-
ringste Bewegung in den Blättern. Es sind also allein die
Holzgefäfse des Stammes, welche die Reize empfangen und
leiten, und es erklärt sich nun leicht, warum 4) die Blätter
so besonders reizba*- sind, denn in ihnen sind die feinsten Aus-
breitungen der Holzgefäfse nur von einer sehr dünnen Haut
bedeckt; 2) warum die Stacheln und Rinde der Pflanze gereizt
werden können, ohne Bewegungen hervorzubringen; 3) warum,
wenn ein Zrweig mitten durchgeschnitten und die Wundfläche
gereizt wird, hierdurch Bewegungen entstehen.
Elftes Kapitel.
Von der Einwirkung des Lichtes, der Wärme, Luft,
Feuchtigkeit und der Gifte auf diq künstlich erwcsckbare
Beweglichkeit der reizbaren Blätter.
Licht. Des Verf. Versuche mit Entziehung des Lichtes
stimmten ziemlicli mit denen von Dutrochet überein. Bei
16 ^ Temperatur zeigte eine mit steifem Papier überdeckte
Pflanze nach 4 Tagen Abnahme der Beweglichkeit; am 6ten
Tage waren die Blättchen so gut wie gelähmt, am 7ten war
auch die Einlenkung des gemeinsamen Blattstieles fast unbe-
weglich, am 8ten war allein in diesem letzteren noch einige
Beweglichkeit bei starken Reizen zu bemerken, am 9ten end-
lich war alle Beweglichkeit verschwunden. Damit waren aber
keinesweges die natürlichen Bewegungen vernichtet, welche
357
noch 3 Tage mehr oder weniger regelmäfsig fortdauerten. Verf.
folgert hieraus, dafs das Licht keinen unmittelbaren Ein-
flufs auf die Reizbarkeit der Blätter übt, sondern nur durch
seine Wirkung auf die ganze Pflanze, wie denn auch Majo
und Burnet die Anschwellungen mit Kienrufs bedeckten, ohne
dafs dadurch die mindeste Veränderung entstand.
Wärme. Verf. fand, dafs eine M. pudlca bei 10 — ll**
R. reizbar bleiben kann; doch leidet dann die ganze Pflanze
sichtlich und die Entwickelung neuer Zweige hört auf Bei
7 — 8" R. sah er alle Reizbarkeit aufhören. Auch eine zu
grofse Wärme (37 " 'R.) vernichtet sie. Verlähmung durch
grofse Wärme und Kälte möchte Verf. theilweise dem physi-
kalischen Einflüsse auf die Safte (durch Ausdehnung und Zu-
sammenziehung) zuschreiben, weil er an einer M. pudica, wel-
che er plötzlich einer Temperatur von 7® R. aussetzte, die
Reizbarkeit vernichtet sah.
Luft. Die Versuche von Du Fay werden angeführt.
In einem Glase, worin das Barometer auf 3'" gesunken war,
verloren Zweige von M. pudica am folgenden Tage ihre Reiz-
barkeit; eine ganze Pflanze verlor sie bei einem um eine
Linie höheren Barometerstande am 4ten Tage. Wahrscheinlich
sei diefs der starken Ausdehnung der Gefäfse bei verminder-
tem Luftdrucke zuzuschreiben.
Feuchtigkeit. Die Beweglichkeit der Blätter scheint
nicht mehr Feuchtigkeit zu erfordern, als für die Gesundheit
der Pflanze nöthig ist. Die Pflanzen starben dem Verf. stets,
wenn er ihnen die Nässe so entzog, dafs die Beweglichkeit
vernichtet wurde. Zu grofse Feuchtigkeit, der Wurzel gebo-
ten, hatte l^einen merklichen Einflufs. Ein stets tropfendnasser
Schwamm, 14 Tage lang an einen Zweig der M. pudica be-
festigt, gab kein sicheres Resultat; eben so wenig ein Versuch,
bei welchem eine Pflanze unter einer mit Wasserdunst erfüll-
ten Glasglocke stand. Bei einer M. pudica, wenn sie unter
Wasser steht, bleibt in der ersten Stunde die Reizbarkeit un-
verändert ; dann nimait sie bald ab und verschwindet gänzlich.
An abgeschnittenen, auf dem Wasser treibenden Zweigen fand
Verf., dafs alle die mit dem Wasser wirklich in Berührung
kommenden Gelenke die künstliche Beweglichkeit in sehr kur-
zer Zeit verloren.
Vergiftungen. Die Reizbarkeit der Blätter verschwin-
det, bevor die natürlichen Bewegungen aufhören; diese bleiben
noch bis einige Zeit vor dem Tode der Pflanze. Bei starken
Giften erlischt auch zuweilen das Leben der Pflanze gleich
mit Vernichtung ihrer Reizbarkeit. Wie die Gifte auf die Be-
wegungs-Werkzeuge wirken, läfst sich nicht leicht beantworten.
Gewifs dringen sie aber nicht bis zu den Anschwellungen hin-
durch; da diese nur absteigende, in den Blättern bereitete
Säfte enthalten, das Gift also erst in -die Blätter eindringen
miifste. Aber eine M. piidica wird getödtet, bevor die Blät-
ter durch das Gift erreicht werden, und so kann man dessen
Wirkung nur aus seiner Wirkung auf die ganze Pflanze erklä-
ren, die verschieden nach den Giften ist, da bei narkotischen
die Glieder schlaff, bei corrosiven Giften steif werden.
Bei allen jenen Einflüssen zeigt sich das Gesetz, dafs zuerst
die künstlich erweckbaren Bewegungen verschwinden, dann die
natürlichen und endlich das Leben selbst. Es folgt hieraus,
dafs die erstgenannte eine Lebenswirkung ist, die allein bei
ungestörter Gesundheit der Pflanze stattfindet, und nicht gleich-
bedeutend mit dem Leben genommen werden mufs.
Nachdem Verf. im 12ten Kapitel die verschiedenen Erklä-
rungen der Bew^egungen reizbarer Blätter aufgeführt, versucht
er im 13ten eine Erklärung der verschiedenen Blatt-
bewegungen. Als Grundursache derselben glaubt er die
'Bewegung der bereiteten Säfte annehmen zu müssen, weil er
im 9ten Kapitel bewiesen, dafs diese Säfte die Bewegungs-
werkzeuge der M. pudica in Bewegung bringen, und dafs die
beweglichen, drehenden und reizbaren Blätter durch dieselben
W' erkzeuge bewegt werden, glaubt er aus der Analogie schlie-
fsen zu können, dafs auch bei den beweglichen und drehenden
Blättern eine Versetzung der Säfte in den Anschwellungen die
Ursache der Bewegungen sei. Die allgemeine Ursache sei also
gleich, trotz der Verschiedenheit ihrer Wirkungen.
Das Drehen und die Reizbarkeit ist nichts Anderes als
eine erhöhte Beweglichkeit beweglicher Blätter. Hedysarmn
gyj^ans wiederholt durch dieselben Werkzeuge die Bewegun-
gen unaufhörlich, welche durch die beweglichen Blätter nur
1 oder 2 Mal täglich ausgeführt werden, während Mimosa
359
pudica die Bewegungen, welche sie des Abends wie alle be-
weglichen Blätter vollbringt, auch noch auf besondere Reize
wiederholt. Der besondere Bau der ersteren Pflanze giebt hin-
reichende Gründe für die stete Bewegung; während die beträcht-
liche Gröfse der Anschwellungen, die Menge von Säften und
die unläugbare Reizbarkeit des llolzgeriisies von Mimosa pu-
dica hinreichend die Reizbarkeit ihrer Blatter erklärend Nimmt
man für die Tagrichtung Gleichmäfsigkeit der Säftemasse in
beiden Anschwellungen, für die Nachtrichtung Ungleichmäfsig-
keit derselben an, ruft man sich dabei in's Gedächtnifs, dafs
im gewöhnlichen Zustande bei beweglichen und reizbaren Blät-
tern in den Anschwellungen mehr als hinreichende Kraft vor-
handen ist, um die Bewegungen zu vollführen; nimmt man die
grofse Verschiedenheit dazu zwischen den Pflanzen mit beweg-
lichen Blättern, so wird man in diesen Thatsachen die Ursache
der Erscheinung finden. Ist die Beweglichkeit der mit An-
schwellungen versehenen Blätter eine Folge der Bewegung der
bereiteten Säfte, so ist deutlich, dafs auf die Ausübung der
Lebensfunction Kälte, Feuchtigkeit, Wärme, Licht, Dunkelheit
und im Allgemeinen alle Veränderungen der äufseren Umstände
Einflufs haben können und müssen; haben jedoch verschiedene
äufsere Einflüsse in dieser Hinsicht nicht dieselbe Wirkung auf
verschiedene Pflanzen, so kann diefs uns nicht wundern, da
gleiche Einflüsse nicht auf alle Pflanzen gleich kräftig einwir-
ken. Fahren die Pflanzen eine Zeit lang fort, sich zu bestimm-
ten Zeiten zu bewegen, wenn ihnen die gewohnten Einflüsse
fehlen, welche die entfernteren Ursachen der Bewegung sind,
so thut diefs dem allgemeinen Gesetze keinen Eintrag; denn
während stets im natürlichen Zustande mehr Säftemasse in den
Anschwellungen vorhanden ist, als zu den Bewegungen erfor-
dert wird, so können, wenn z. B. eine Pflanze im Dunkeln
steht und deshalb keine neuen Säfte erzeugen kann, die An-
schwellungen noch einige Tage fortfahren, abwechselnd im
Verhältnifs zu einander gleich oder ungleich angefüllt zu sein,
obschon sie hierbei stets an Feuchtigkeit verlieren. Nimmt
man an, zu der täglichen Richtung eines Blattes ist das Gleich-
gewicht der Anschwellungen 2:2, in der nächtlichen 1:3 oder
3 : 2, dann wird im gewöhnlichen Lauf der Dinge das Gleich-
gewicht Morgens wieder 2:2 werden, bleibt aber die Pflanze
360
im Dunkeln stehen, 1|:1^, nothwendig folgt dann wieder die
tägliche Richtung. Entsteht dann wieder im Laufe von 12 Stun-
.den Ungleichraäfsigkeit, so dafs die Anschwellungen wie i : 1^
angefüllt sind, so folgt wieder die Nachtrichtung u. s. w. Nicht
zu verwundern ist es daher, weshalb man besonders bei reiz-
baren Blättern leichter die Nacht- als die Tagrichtung künst-
lich hervorbringen kann. Es mufs leichter sein, eine unbe-
stimmte als eine bestimmte Veränderung hervorzubringen; das
erste kann durch einen unbestimmten, das zweite nur durch
einen bestimmten Einflufs geschehen, und letzteres sollte für
die beweglichen Blätter allein in dem natürlichen Laufe der
Vegetation bestehen, wenn nicht die Anschwellungen mit mehr
als hinreichender Kraft versehen wären. Dieses liefert auch
noch eine gute Erklärung für die Bewegung der Blätter von
Hedysarum gyrans während der Nacht; denn auch bei die-
ser Pflanze müssen wir der Analogie nach annehmen, dafs mehr
Säftemasse in den Anschwellungen vorhanden, als zu den Be-
wegungen nöthig ist.
Der eigentliche Zweck der Bewegungen ist dem beschränk-
ten Verstände des Menschen verborgen. Der Nutzen, den man in
dem sogenannten Schlafe der Pflanzen gesucht hat, ist zu unbe-
deutend ; nur sehr selten werden durch die veränderte Richtung
(1er Blätter Blumen und junge Zweige bedeckt, ebenso berühren
sie sich einander meist nur sehr unvollkommen, so dafs eine
gegenseitige Bedeckung eben so wenig der Zweck jener Er-
scheinung sein kann.
Zwei Arten Singschwäne in Deutschland
von
Joh. Friedr. Naumann.
(Hierzu Taf. VUI.)
Wenn unter dieser Aufschrift der Ornitholog, welcher
Brehm's Naturgesch. der Vögel Deutschlands etc. kennt,
auch nichts Neues zu erwarten hat, so wird doch eine nähere
Beleuchtung jener 2 Arten hoffentlich nicht unwillkommen
sein, zumal eine ganz entgegengesetzte Meinung viele Ent-
deckungen jenes verdienstlichen Forschers verdächtig zu ma-
chen gesucht hat. Prüfet Alles und das Beste behaltet! Und
suum cuique!
Im harten Winter 18|| zeigten sich in Deutschland und
auch in hiesiger Gegend hin und wieder Singschwäne, an
denen uns schon im Fluge ihre geringere Gröfse, und meinem
Bruder, welcher die ersten 4 Stück sah, auch ihre verschie-
dene, so noch nicht gehörte Stimme auffiel. Ein solcher
wurde bei Meckern, unweit Leipzig, ein anderer hier, beides
alte ausgefärbte Individuen, geschossen, und der letzte kam
zum Ausstopfen in meine Hände. Er war völlig ausgefärbt
und, nach Zähigkeit des Fleisches und Harte der Knochen zu
urtheilen, wohl nicht unter 3 Jahre alt, noch dazu ein Männ-
chen; dabei mufste ich jedoch über die geringe Gröfse dieses
Vogels erstaunen, indem ich noch nie einen so kleinen alten
Schwan gesehen hatte, und mich noch sehr wohl der grofsen
stattlichen Singschwäne erinnerte, die wir in den 90 er Jahren in
Heerden (ein Mal 32 Stück beisammen) in der Nähe des Salz-
see's im Mannsfeldischen auf dem Durchzuge sahen; aber
IV. Jahrg. 1. Band. 24
362
noch deutlicher standen die in meinem Gedächtnifs, die in
einem Winter der erstem Jahre dieses Jahrhunderts bei Des-
sau geschossen waren, wovon 3 Stück, 2 Alte und i Junger,
flügellahm, im Besitze Sr. Durchlaucht des hochs. Erbprinzen
Friedrich, mehrere Jahre lebend unterhalten und von mir nach
dem Leben gemalt und beschrieben wurden. Diese waren
nach den genommenen und aufbewahrten Ausmessungen wahre
Riesen gegen jene beide; denn der bei Leipzig geschossene
war eben ein solcher kleiner, als die 13 Stück, von wel-
chen am 14. Mai 1823 der meinige erlegt wurde. Diese wa-
ren sämmtlich von einerlei Gröfse, oder doch so wenig von
einander verschieden, dafs dies auf Büchsenschufsweite wenig-
stens nicht bemerklich war, wohl aber dem Schützen, obgleich
gewöhnlicher Jäger (d. h. Nichtkenner) sogleich auffiel, dafs
sie überhaupt kleiner als andere Schwäne wären ^). Später
(das Jahr ist mir entfallen) wurde ein junger Schwan der
grofsen Art in hiesiger Gegend erlegt; ich erhielt ihn aber
erst, als er bereits einige Jahre, gut ausgestopft, aufbewahrt
war. Zwar noch im grauen Jugendkleide und wohl kaum
J Jahre alt, war er dennoch um so sehr viel gröfser als je-
ner alte Vogel, dafs ich sogleich zu einem nähern Vergleich
beider schritt, wo dann neben einem gewaltigen Abstände in
der Gröfse, zumal der Zehen, auch noch eine ganz verschie-
dene Schnabelbildung sich zeigte, die nicht blofs individuelle
Verschiedenheit sein konnte. Mir fohlten indessen mehrere
und namentlich frische Exemplare, um meine Vermuthung von
2 Arten in Gewifsheit zu bringen. Da erschien 1831 Brehm's
Naturgesch. a. Vög. Deutsch!., worin zwei, der nordöstliche
Singschwan, Cygnus musicus BechsL, und der isländi-
sche Singschwan, Cygnus islandicus Brehm, als zwei
verschiedene Gattungen (im Sinne des Verf. s. EinL S. XI.
u. f.) aufgestellt waren, deren äufsere Unterscheidungszeichen
mit den von mir gesejißnen völlig übereinstimmten. Immer
_________ Off) ifa# dool;.»; dot oHh.. .
1) Brehm erwähnt vom Jahre 1827 in der Isis 1830 S. 1125
ein Päärchen dieser kleinen Singschwäne, das (vielleicht auch im J.
1823) im Entenfange bei Mühlhausen gefangen und da lebend nach
Gotha geschickt und, weil es nicht am Leben blieb, ausgestopft
wurde.
363
noch fehlten mir frische Stücke der grofsen Art; da erschien
1836 Eyton history of the rarer british Birds, mit Be-
schreibung und Abbildung der kleinen Art Singschwan, unter
dem Namen: Bemck's Swan QCygji. Bemcküj Tarrell) *),
deren äufsere Unterscheidungszeichen alle auf meine kleine
Art und zwar auf das genaueste pafsten; dagegen entsprach
der Bau des Brustbeins und der Luftröhre, in Abbildung bei-
gefügt, durchaus nicht dem meines 1823 erhaltenen alten
Männchens, von dem ich diese Theile glücklicher Weise noch
besafs, wonach also Yarrell's C. Bemckii eine dritte,
auch von Brehm's C. islandiciis verschiedene, Art sein
müfste. Dies bewog mich zu einer vorläufigen kurzen Be-
kanntmachung meiner Beobachtungen in dieser geschätzten
Zeitschrift, zumal ich endlich so glücklich war, bei der stren-
gen Kälte im Februar dieses Jahres (1838) einen Alten der
grofsen Art, wovon in diesem Winter in Deutschland viele
vorkamen und in meiner Nähe 3 Stück erlegt wurden, frisch zu
erhalten, um ihn mit allen frühern Singschwänen vergleichen
zu können und, da ich ihn aber leider nicht selbst ausstopfen
konnte, froh sein mufste, durch besondere Güte des Aus-
stopfers zum Besitz des Brustbeins und der Luftröhre zu ge-
langen.
Was von der durch Eyton 1. c. S. 88 in Plolzschnitt
sauber und deutlich dargelegten Abweichung des Brustbein-
und Luftröhrenbaues seines Cygnus Bemckii von der des
C. islandicus Br., wie ich die letzte gefunden und in Abbil-
dung hier beifüge, in Bezug auf Artverschiedenheit zu halten
sei, überlasse ich den Einsichten geschickterer Anatomen. Ob
dieser Cygn, Bewickii schon in Deutschland vorgekommen
sei, weifs ich auch nicht, ersuche aber diejenigen Forscher,
welche ihn hier aufgefunden, um gütige Mittheilung ihrer Ent-
deckung in diesen Blättern ^). Was die von mir selbst in
2) Ci/gn. Bewiclcii wurde von Yarrell schon im Anfange des
Jahres 1830 aufgestellt; die Abhandlung in dem 16. Bande Aev Trans-
act. of the Lin. Society Part. IL erschien 1830, also früher als
Brehm's Handbuch. Herausgeber.
3) NachFr.Boje's Mittheilung in der Isis 1835111. S. 262 wurde
ein Exemplar von Cygii. Bewickii bei Dünnkirchen erlegt, was we-
24*
hiesiger Gegend beobachteten beiden Arten (wirkliche Species,
nicht Subspecies) betrifft, so belasse ich ihnen einstweilen die
von Hrn. Brehm ihnen beigelegten Namen, nenne also mit
ihm die grofse Art Singschwan: Cygn. musicus, die kleine
Art: Cygn. islandicus, weil wohl zu hoffen steht, dafs sich
Hr. Br. völlige Gewifsheit verschafft hat über das, was er vom
verschiedenen Aufenthalt beider, insbesondere der kleinen
Art, als allein isländisch, a. a. O. mit Bestimmtheit aus-
spricht.
Um auf diese Vogelarten aufmerksam zu machen, gebe
ich hier in aller Kürze die am meisten in die Augen fallenden
Kennzeichen, wodurch sich beide, C. musicus ^ind C. islandi-
cus, von einander unterscheiden; eine ausführlichere darf ich
wohl für mein gröfseres Werk (Naturgesch. d. Vög. Deuschl.)
aufsparen. Sie sind nach möglichst genauer Untersuchung an
vielen ausgestopften und frischen, auch mehreren lebenden
Exemplaren von mir selbst und stets so gefunden, und ich
habe die wichtigsten auf beigefügter Abbildung, in halber
natürlicher Gröfse, eigenhändig und treu nach der Natur ge-
zeichnet, dargestellt. Zu ihrer Erläuterung bedarf es nicht
vieler Worte. An den Schnäbeln sieht man die sehr verschie-
dene Gestaltung, namentlich in den Profilumrissen. Der Schna-
bel von C. musicus (Fig. 1) ist viel platter, der Nagel nicht
deutlich unterschieden, die Seitenrandleiste deutlich, fast dop-
pelt, der Unterschnabel nicht sehr tief in den oberen einge-
senkt, das von der Seite durchsichtige Nasenloch horizontal,
die gelbe (in der Jugend bleichröthliche) Farbe bis unter
dasselbe vorgehend, auch an der Wurzel des Unterschnabels
etwas Gelb oder Fleischfarbe, die ganz nackte Fläche vom
Auge und der Schnabelwurzel bis zum Schnabelende hat da-
her bei weitem mehr Gelb etc. als Schwarz ; — der des C. is-
landicus (Fig. 2) ist dagegen höher und walziger, der Nagel
deutlicher getrennt, die Seitenrandleiste kaum unterschieden,
der Unterschnabel tiefer in den obern einschlagend und ganz
schwarz, das Nasenloch etwas schräg gestellt, nur aus einem
nigstens sein Vorkommen im nordwestlichen Deutschland wahrschein-
lich macht.
Herausgeber.
365
Gesichtspunkte durchsichtig, die golbe oder bleichröthliche
Farbe lange nicht bis an das Nasenloch reichend, die
nackte Fläche vom Auge und der Schnabelwurzel bis zum
Schnabelende hat daher bei weitem mehr Schwarz als Gelb
oder Fleischfarbe. *
Das Brustbein nimmt bei beiden Arten in seinem hohlen^
Kamm oder Kiel den unteren Theil der Luftröhre auf, doch,
auf etwas verschiedene Weise, wie es denn auch schon yojy,
aufsen, seine ungewöhnliche Abweichung in der Gröfse unbe-
achtet, besonders auf seiner hinteren Fläche, am obern Rande
des Kammes hinsichtlich des bogenförmigen Ausschnittes, na-
mentlich aber im Längendurchschnitt, sehr wichtige Verschie-
denheiten darbietet. Unsere Abbildung zeigt in Fig. 1. d, wie
hier der ganze Kamm mit zelliger Knochensubstanz angefüllt
ist, bis auf die Höhle, worin sich die sehr starke oder weite
Luftröhre herab und wieder hinauf beugt, diese dazu an meh-
reren ihrer Ringe mit der äufserst dünnen hintern Knochen-
wand des Brustbeins in Eins verschmolzen und so in
den ihrer Beugung entsprechenden hohlen Raum gegen 1^ Zoll
lang festgehalten ist; — während bei Fig. 2. h der Durch-
schnitt, unterhalb der schwachen oder engen, zwar auf ähn-
liche Art gebogenen, aber nirgends mit dem Brustbein verwach-
senen, also völlig freien Luftröhre, noch einen langen, tief
herabgehenden, freien, hohlen Raum zeigt, eine Fortsetzung
des obern, mit eben so glatter, wie polirter Fläche, wodurch,
es wahrscheinlich wird, dafs die freie Bewegung der Luftröhre
in dieser Kapsel in manchen Fällen bis in die Spitze dieser
vordringt, jene dann also bei weitem tiefer hinabreicht, als bei
der grofsen Art. Andere, minder auffallende Verschiedenhei-
ten, darum aber fast eben so wichtig, werden die mit möglich-
ster Sorgfalt und Genauigkeit gefertigten Zeichnungen dar-
legen.
. Aufserdem bemerke ich noch Folgendes: Cygnus musi-
cus Bechst, dem viel schiankern C. islandicus Brehm ge-
genüber, ist um ein so Bedeutendes schwerer und grölser, dafs
an blofse Zufälligkeiten, wie sie wohl unter Individuen einer
Art, namentlich von grofsen Vögeln, vorzukommen pflegen,
hier niclvt gedacht werden kann. Ich stelle sie hier neben
einander.
366
Drei Jahre alte Vögel.
Die verschiedene Schuabelgröfse giebt die Abbildung.
Die Messungen sind frischen Exemplaren entnommen, nach
Leipziger Maafs.
Erklärung der Tafel.
Fig. 1. Cygnus m.usicus Bechst.
...ij«. Schnabel in der Seitenansicht.
j,,^. Derselbe gerade von oben gesehen.
c. Brustbein von hinten gesehen.
d. Dasselbe in der Mitte seines Kammes, sammt dem ihn auf-
nehmenden Theil der ab- und aufsteigenden Luftröhre, der
Länge nach durchschnitten. j
Fig. 2.
/
Cygnus islandicus Brehm:
Sbhnabel in der Seitenansicht.
Gerade von oben.
Brustbein von hinten.
Dasselbe in der Mitte des Kammes mit dem ihn aufnehmen-
den Theil der ab- und aufsteigenden Luftröhre der Länge
nach durchschnitten.
4>Nach Bechstein 25, nach Brehm 27 Pfd.
367
Zusatz : vom Herausgeber.
(Taf. IX.)
Eytoii's hisloiy of tlie rarer hriiish B'uds befindet
sich leider jiicht in den hiesigen Bibliotheken, und ich kann
4aher die dort gegebene Abbildung des Brustbeins vom Cj-
gnus BewicMi niclit selbst vergleichen. Ich kenne diesen
Schwan nur aus ,Yarri2irs Abhandlung in den Tr ansäet, of
ihe hin. Society. VqI XVI. Part. II. 1830 S. 445. Yar-
rell giebt dort drei Abbildungen des Brustbeins, aus denen
hervorgeht, dafs die Ausdehnung der Luftröhren- Krümmung
zwischen den Platten des Brustbeines nach dem Alter der In-,
dividuen bedeutend verschieden ist. Ich habe es <lemnach für,
uüt^lich erachtet, hier Yarrell's Abbildung auf Taf. IX. ko-
piren zu lassen, damit der Leser in den Stand gesetzt werde,
nach eigenen Vergleichungen über die Identität dieser Schwäne
ein Urtheil zu fällen. Brustbein und Luftröhre eines alten cf
des Bewick-Schwanes sind Fig. 3 dargestellt. Nach Yarrell
tritt die Luftröhre am Halse hinabsteigend in die Höhle des
hohlen Kieles ein, geht durch ihn seiner ganzen Länge nach
hindurch; am Ende des Kieles biegt sie sich dann allmählig
aufwärts und nach aufsen, tritt in eine zu ihrer Aufnahme
bestimmte Höhle des Brustbeines ein, welche durch die Tren-
nung der beiden horizontalen Platten des hinteren flachen Thei-
les vom Brustbeine gebildet wird und an dessen innerer
Fläche eine convexe Protuberanz hervorbringt. Indem so die
Luftröhre ihre vertikale Lage in eine horizontale abändert und
bis einen halben Zoll zu dem hinteren Rande reicht, wendet
sie sich rückwärts, nachdem sie eine starke Krümmung be-
schrieben, bis sie wieder den Kiel erreicht, welchen sie, in
einer Linie unmittelbar über ihrer ersten Portion liegend, durch-
läuft u. s. w. So ist es im vollkpmmensten Grade der Ent-
wicklung. In dem nächst angränzenden Stadium nimmt die
Krümmung nur die eine Seite der Höhle des Brustbeins ein
(Fig. 2). Bei einem noch jüngeren Vogel findet sich nur die
vertikale Insertion der Schlinge der Luftröhre (ozi/j the vertical
Insertion of the fold of the trachea\ jedoch selbst bei die-
sem Individuum existirt bereits die Höhle im hinteren Theile
des Brustbeines in beträchtlicher Ausdehnung (Fig. 3). Letz-
368
teres würde zu dem von Hrn. Naumann beschriebenen Brust-
beine einigermafsen passen, wenn nicht von diesem ausdrück-
lich bemerkt würde, dafs es von einem mindestens dreijähri-
gen Männchen sei. Indessen wäre es vielleicht möglich, dafs
die Luftröhre jene von Y. beschriebene vollkommenste Ent-
wicklung erst in einem späteren Alter erreicht, da z. B. der
hochnordische Trompeter-Schwan Amerika's, C. huccu
nator Richards., nach Yarrell {Tr ansäet, of the Linn,\Soc.
Vol. XVII S. 3) zu seiner vollkommenen Ausbildung 5 — 6
Jahre nöthig haben soll. Y. äufsere Beschreibung des C. Be-
mckii ist nur kurz, stimmt aber fast ganz zu dem hier in
Rede stehenden kleineren Singschwan. Das Gefieder soll in
der frühesten Jugend grau, später weifs sein, aber mit einem
rostfarbigen Anfluge am Kopfe und der Unterseite des Kör-
pers, endlich rein weifs; der Schnabel ist schwarz an der
Spitze und orangegelb an der Basis ; letztere Farbe erscheint
zuerst an den Seiten des Oberkiefers und bedeckt dann die
obere Fläche vorn am Vorderkopfe in einer Ausdehnung von
f Zoll, indem sie von dort in einer convexen Linie zum Mund-
winkel hingeht; die Nasenlöcher sind oblong, offen; die Iris
orangegelb; in den Flügeln sind die zweite und dritte
Schwungfeder am längsten und gleich lang, die erste und
vierte einen halben Zoll kürzer als die zweite und dritte und
ebenfalls gleich; der stufig -keilförmige Schwanz besteht aus
18 Steuerfedern ^); Beine, Zehen und Nägel sind schwarz. —
Nach S. 448 soll der Kopf der neuen Art in Vergleich mit
dem des gemeinen Singschwans (BTooper) kürzer, die Er-
hebung des Schädels im Verhältnifs gröfser, der Schnabel in
seiner Mitte schmal, an der Spitze breiter sein ; die angelegten
Flügel sollen nicht ganz so weit über die Wurzeln der Schwanz-
federn hinausreichen; die Zehen im Verhältnifs zur Länge des
Tarsus kürzer erscheinen. Beim C. musicus seien die Seiten
des Schnabels parallel, das Orangegelb am Oberkiefer reiche
5) Dafs diese von Yarrell angegebene Zahl unrichtig ist und
im Wahrheit 20 Schwanzfedern vorhanden sind, hat die spätere Zeit
gelehrt (s. dies Archiv I. 2, 318), [und das Maga%. of Zoolog, and Bo-
iany von Jardine, Selby und Johnston. 1837. Bd. 1 S. 462.
Herausgeber.
369
an den Seiten weiter, selbst über die Nasenlöcher hinaus,
nehme demnach einen verhältnifsmäfsig viel gröfseren Raum
ein, als in der neuen Art! — Nicht ganz stimmen die von
Yarrell ebendaselbst gegebenen Maafse mit denen des von
Hrn. Naumann beschriebenen Exemplares in Flugbreite und
Länge des Laufes iiberein, indessen zeigen sich in den von
beiden Naturforschern gegebenen Maafsen des' C. musiciis
ebenfalls Diflferenzen, weshalb ich Yarrell's Maafse zweier
alten Individuen beider Arten. Mec. beifüge:
>-.flMr. ^^^g ^^^ -Hooper.
Gewicht 13| Pfd. 24 Pfd.
Länge von der Schnabelspitze zum
Ende des Schwanzes ... 3' 9" 5' 0"
Fliigelbreite ..... 6' 1" 7' 10"
Von der Schnabelspitze zum Vorder-
kopfe 3V' 4|"
Von der Schnabelspitze zum Auge 4f" 5^^"
. — — Hinterkopfe 61" 7|"
Vom Carpus zürn Ende der Schwungfe-
dern . ■'t'^'-^^' . . . 201" 25r
Länge des Tarsus .... 3i" 4"
Länge der Mittelzehe . . . 5^" 6i"
Brustbein 6|" 8^"
Die Luftröhre steigt im Brustbein hinab 5f" 3"
„Die Schlinge der Luftröhre auf den Kiel des Brustbeins
beschränkt, entfernt sich • beim Hooper in keinem Alter von
der vertikalen Lage, und bei den ältesten Individuen zeigt sich
nicht die geringste Aushöhlung im Brustbeine selbst; bei der
neuen Art nimmt dagegen die Luftröhre bei alten Vögeln
stets die horizontale Richtung an, und selbst bei jungen ist
das Brustbein in gröfserer Tiefe ausgehöhlt, bereit die Schlinge
der Trachea aufzunehmen, die sich in einer späteren Periode
entwickelt" u. s. w.
Was nun die geographische Verbreitung anbelangt, so
macht das Vorkommen der kleineren Art in Island nach Brehm
es sehr wahrscheinlich, dafs sie im Winter das nur wenige
Längegrade östlicher gelegene Irland und England berührt.
Seit man auf das Vorhandensein einer zweiten Art aufmerk-
370
sam geworden, gehört auch ihr Vorkommen in Grofsbritanien
nicht mehr zu den gröfsten Seltenheiten. Im strengen Winter
4829 — 30 waren wilde Schwäne in England sehr zahlreich,
und unter ; einer beträchtlichen Anzahl fand Yarrell auf dem
Markte in London 5 Individuen der neuen Art von verschie-
denem Alter. Ungleich häufiger erscheint er in Irland, häufi-
ger selbst als der gemeine Singschwan (Thompson im
Mag, of Zool and Botany a. a. O. Seite 462 u. 465). „Im
Winter 1829 — 30 wurden 2, aus einem Schwärm von 7, flü-
gellahm geschossen und in Gefangenschaft gehalten; ihre Iris
war schwärzlich, statt orangegelb. Die Federn am Vorder-
kopfe und der Augengegend waren weifs, obwohl diese Theile,
als die Vögel gefangen wurden, rostfarbig w^ren. Bei einem
der Exemplare, welches ein Weibchen zu sein scheint, ist keine
Spur von Tuberkel an der Basis des Oberkiefers; sein Hals
erscheint durch seine Biegung kürzer als beim anderen ; das
Gelb der Schnabelwurzel ist blafs citronenfarbig, bei jenem
orange; sie haben 3' 10" .Länge von der Schnabelspitze
zum Ende des Schwanzes, ,6,', 4" Flugweite. Der Höcker an
der Schnabelwurzel des vermuthlichen Männchens hatte wäh-
rend 4 Jahren an Gröfse nicht zugenommen; bei dem ver-
muthlichen Weibchen ist die Firste des Oberkiefers {ridge)
von der Basis zur Spitze schwarz, ein kleiner unregelmäfsiger
Fleck von hellgelber Farbe erscheint allein an den Seiten des
Oberkiefers etwa 3'" von der Basis; bei allen 4 von Thomp-
son gesehenen Individuen erschien die gelbe Farbe an den
Schnäbeln verschieden vertheilt. — ' In jedem Frühlinge und
Herbste wurden sie während der Monate März und September
sehr unruhig, wenigstens 3 Wochen lang, gingen dann aus ih-
rem Verschlufs heraus, in welchem sie sich das ganze Jahr
hindurch hielten. Ihr Ruf, besonders zur Wanderzeit erschal-
lend, ist ein tieftönendes, einmal wiederholtes Pfeifen (^whistle).
Ihre Haltung auf dem Wasser hält die Mitte zwischen der des
stummen Schwanes und der gemeinen Gans; wenn sie aber
auch nicht die Grazie und Majestät des ersteren auf diesem
Elemente zeigen, so scheinen sie auf dem Lande, wo sie sich
die meiste Zeit auflialten, mehr im Vortheile zu sein (to much
TYiore advantage). — Im Januar 1836 erschienen Züge von
28 nud 19 Individuen bei Belfafs; auch im Februar und März
371
bei Dublin. Es schien fast, als ob sie sich auf dem Lough
Neagh vom Anfang Januar bis zu ihrer Frühlingswanderung
aufhielten."
Auch der Norden der westlichen Hemisphäre hat, wie
schon Hearne berichtet, zwei Arten Singschwäne, eine grö-
fsere und jene kleinere. Die gröfsere, der Trompeter-Schwan,
C. huccinator Richards., gröfser als der C. musicus^ mit ganz
schwarzem, im Verhältnifs längcrem Schnabel, 24 Steuerfedern,
liefert den gröfsten Theil der Schwanbälge, welche die Hud-
sons Bay Company einführt. Auch Pallas (Zoogr. 2 S. 214)
erwähnt eine gröfsere und kleinere Art in. Sibirien, von denen
letztere schwerlich der Cygn. BemcMi sein möchte. *
Da einmal von Schwänen hier die Rede ist, so mag hier
gleich erwähnt werden, dafs Hr. Yarrell im Febraar dieses
Jahres über eine zweite europäische Art stummer Schwäne
in der zoologischen Gesellschaft Mittheilungen gemacht hat.
Sie ist dem Hausschwane nahe verwandt, hat aber Läufe, Ze-
hen und Schwimmhaut von blafs aschgrauer Farbe, während
diese beim Hausschwane schwarz sind. Die Vogelhändler Lon-
don's sollen sie aus der Ostsee (??) empfangen und polni-
sche Schwäne nennen. Die Jungen sollen schon bei ihrer
Geburt rein weifs sein, daher sie Hr. Yarrell C. immutabilis
nennt. Im letzten strengen Winter zeigten sich Züge dieses
Schwanes in südlicher Richtung wandernd längs der Nord-
Ost-Küste von Schottland bis zur Mündung der Themse.
6) Dafs die voll Yarrell neu aufgestellte Airt nicht die Ostsee
bewohnt, unterliegt keinem Zweifel. Nilsson in seiner Scand. Fauna
{Foglarna IL S. 362) führt den wahren C. olor als Bewohner des
südlichen Schwedens auf. Es ist ferner der C. olor, welcher auf Use-
dom und Jasmund an der pommerschen Küste (Hornschuch und
Schilling, Greifswalder akad. Zeitschr. Heft 1 S. 50), und in Liv-
land (Meyer, Vögel des Liv- und Esthlands S. 421) brütet.
Or nit h ol ogi s che Notiz]
von
Job. Fr. NaumanD.
Z^u den grofsen Seltenheiten gehört wohl das Vorkommen
des Turdus pallidus Fall, oder T. Seyffertitzii Brehm in
Mitten von Deutschland. Die wenigen Exemplare, von wel-
chen dies bekannt geworden, beschränken sich deshalb auf
eine nur ganz kleine Anzahl. Es gereichte mir daher zur be-
sonderen Freude, am 27. Septbr. d. J. ein herrliches Männchen
jener seltenen Drossel von meinem Bruder, dem Herzogl.
Förster zu Klein-Zerbst, im Anhalt-Cöthenschen, zu erhalten,
welches er Tags zuvor in seinem Dohnenstege gefangen hatte,
in demselben Walde, welcher uns vor mehreren Jahren ein
schönes Männchen des Turdus minor, und früher sogar eins
von Turdus saxatilis lieferte. Unsere jetzt erhaltene seltene
Drossel ist in diesem Individuum noch besonders interessant,
weil es noch Spuren des Jugendkleides trägt, an den Kropf-
seiten und der Oberbrust nämlich noch nicht alle Federn
desselben gewechselt hat. Diese einzelnen Federn sind etwas
blasser gelb, als die neuen, und jede hat an der Spitze einen
runden oder ovalen mattschwarzen Fleck; der junge Vogel
dieser Art ist demnach an den unteren Theilen drosselar-
tig gefleckt. Diese Beobachtung scheint mir neu, wenig-
stens nicht allgemein bekannt.
^ Helinintkologische Bemerkung.
von
Dr. Creplin.
JDer vom Herrn Dr. von Siebold Seite 302 dieses Bandes
gelieferte, höchst dankenswerthe Aufsatz über geschlechts-
lose Nematoideen giebt mir Veranlassung, auf ein Gesetz
aufmerksam zu machen, welches ich, nach Anderer und meinen
eigenen vieljährigen Beobachtungen ohne Ausnahme bestehend,
wenngleich nirgends als solches ausgesprochen, gefunden habe,
dafs nämlich
• ein in einem ringsum geschlossenen Balge (^cystis) einzeln
- „für sich lebendes, oder auch in eine Membran eijg und ganz
eingehülltes ]S ematoideum niemals Geschlechtstheile besitzt
Rudolphi führt allenthalben, wo er von so eingeschlos-
senen Nematoideen spricht, an, dafs er bei ihnen keine Ge-
schlechtstheile gesehen habe. Bei der Ascaris (e mesenterio
Cotti Scorpii) angulata erwähnt er zwar einen Geschlechts-
unterschied (^Entoz. Jiist. naf. II. 1. p. 152), beweist aber mit
seinen Bemerkungen nicht die Richtigkeit der Behauptung, mvd
wenn Zeder (Naturgesch. §. 53 — 4) von einer Gebärmutter
und walirscheinlichen Saamengefäfsen bei seinen Capsulariis
redet, so hat auch er mit nichts bewiesen, dafs die beobachte-
ten Organe die von ihm ihnen beigelegte Function haben.
Ich beschränke mich hier auf diese kurze Notiz ohne na-
mentliche Angabe der in Rede stehenden und von mir Tintei"-
suchten Nematoideen, indem ich diese an einem anderen Orte
zu beschreiben denke, und erlaube mir nur noch die Bitte an
die Herren Helminthologen, die von ihnen in dieser Hinsicht
gemachten Erfahrungen zur Bestätigung oder Widerlegung der
374
Allgemeinheit des erwähnten Gesetzes ebenfalls hier mitthei-
len zu wollen.
Greifswald, den 19. Septbr. 1838.
Entgegnung an den Herausgeber.
von
Prof. ß. Fr. Fries. j
Sie "suchen im dritten Hefte Ihres Archives (p. 242 Note
dieses Bandes) meinen Ausspruch: „das Exemplar, welches zum
Originale für Bloch's Eigur diente, ist S. aequoreus gewe-
sen," durch die Angabe zu schwächen, dafs „das einzige Exem-
plar der Bloch'schen Sammlung mein S. ophidion sei." Ich
bedaure sehr, dafs Sie sich nicht zuerst die Mühe gegeben ha-
ben, das Bloch'sche Exemplar mit der Figur direct zu ver-
gleichen; dann wären Sie gewifs zu einer entgegengesetzten
Ansicht gekommen. Ich habe das Bloch'sche Exemplar nie
gesehen, doch bleibe ich dabei, dafs ein S. ophidion niemals
zum Originale der angegebenen Figur gedient habe, weil kein
S. ophidion solche Proportionen zeigen kann, wie die, welche
die Bloo4\'sche Figur angiebt. Bei keinem wahren S, ophi-
dion kann die Rückenflosse so gestellt sein im Verhältnifs zum
After; die Figur zeigt gerade die Verhältnisse an, die man bei
iS". aequoreus finden würde, weil kein S. ophidion so grofs
oder dick werden kann, weil kein S. ophidion ein solches
rostrum hat. Diese Sache kann wohl als Kleinigkeit erschei-
nen und einerseits ist es so, andererseits aber ist es für die
Aufklärung der Synonymie und aller daraus entstandener Irr-
thümer nichts weniger als Kleinigkeit, und ich fordere Sie also
auf, baldmöglichst in Ihrem Archiv eine Berichtigung zu liefern.
Stockholm, den 21. August.
Anm. Indem ich den Wunsch des geehrten Einsenders hiermit
erfülle, bemerke ich, dafs ich allerdings die Abbildung Bloch's, des-
sen Werk ich nicht zur Hand hatte, nicht verglich, in der falschen
Voraussetzung, dafs das einzige Exemplar seiner Sammlung auch von
ihm abgebildet sei. Es geht indefs hieraus hervor, dafs Bloch beide
Arten nicht unterschied. Herausgeber.
375
Zoologische Notizen.
von
Dr. V. Siebold.
(Aus dessen Briefen an den Herausgeber).
1) Pelohates fuscus wurde von mir schon öfters hier in
Preufsen in trockenen Löchern angetroffen, obgleich diese Kröte
sich mehr an sumpfigen Oertern aufhalten soll. Ich war neu-
gierig, zu sehen, wie dieses Thier seine beiden scharfen Platten
an den Hinterfüfsen zum Graben gebraucht, da ich mich nicht
erinnerte, etwas Näheres darüber gelesen zu haben. Zu die-
sem Zwecke setzte ich ein Paar lebende braune Kröten in ein
grofses Gefäfs, dessen Boden ich mit Schlamm angefüllt hatte.
Es währte nicht lange, so safsen die Thiere still und aufrecht,
und drückten mit angezogenen Hinterbeinen ihren Hinterleib
fest gegen den Schlamm, wobei die beiden Platten schräg nach
unten und aufsen gerichtet waren; hierauf rückten sie mit ih-
rem Steifse langsam hin und her, wodurch die Platten derHin-
terfüfse in den Schlamm einschnitten und diesen zertheilten;
unter diesem Manöver versanken die Kröten allmälich und
sahen binnen Kurzem nur noch mit ihren Köpfen aus dem
Schlamme hervor, in welchem sie zuletzt gänzlich rückwärts
verschwanden. Es hatte das ganze B^iehmen der Thiere bei
diesem Vergraben wirklich etwas sehr Komisches an sich.
2) Noch mufs ich Ihnen mittheilen, welche Streiche die
Libellen bei ihrer Begattung machen. Es ist bekannt, dafs
Rathke nachgewiesen, dafs das eigenthümliche Aneinanderhän-
gen der Libellen, welches die früheren Naturforscher für den
Coitus hielten, nicht der eigentliche Coitus sei, sondern nur
eine Vorbereitung dazu, weil bei den Männchen die Geschlechts-
organe sich am Hinterleibsende nach aufsen öffneten, und nicht
an der Brust. Dank sei den Alles belebenden Spermatozoen !
die Alten haben doch Recht. Es öffnen sich zwar die männ-
licheu Geschlechtsorgane am hinteren Leibesende; aber mira-
hile dictu, in dem Organe der Brust bei den Männchen findet
man, wenn sie in der Zeit des vermeintlichen Pseudo- Coitus
untersucht werden. Alles von Spermatozoen wimmelnd; es ist
dieses Organ also die von den übrigen Geschlechtsorganen ganz
getrennte vesicula seminaliSt welche sich das Männchen erst
376
füllen mufs, bevor es den Coitus beginnt. Ein Näheres werde
ich in Müller's Archive mittheilen.
Bemerkung zu des Herausgebers Aufsatz über My-
tilus polymorphus (S. 342).
,., vom
if)!! -iXK ji Professor Van Beneden in Löwen.
-. (Aus dem Französischen).
Aus dem letzten Stück Ihres Archivs ersehe ich, dafs Herr
V. S i e b o 1 d Ihre Ansicht über den Ursprung des Mytilus po-
lymorphus in der Umgegend Berlins in Zweifel gezogen hat.
Ich kann Ihnen indessen ein Factum mittheilen, welches Ihrem
Ausspruche zur Stütze dienen kann, und weit aufserordent-
lichor ist.
Ich habe durch Herrn Guerin Süfswasser-Mytili vom Se-
negal erhalten, welche noch an andern Mollusken dieses Flusses
festsafsen. Diese Miesmuscheln gehören zu derselben Art, wel-
che sich in dem Bassin von Antwerpen findet, und von Herrn
Kickx unter dem Namen M. cochleatus heschriehen*} ist. Es
ist diefs zugleich dieselbe Art, welche ich Dreissena africana
genannt habe. Die Individuen, welche ich Anfangs besafs, zei-
gen eine übermäfsige Entwickelung der beiden Reihen Lamel-
len auf der Aufsenseite jeder Schale. Unter den vielen Exem-
plaren, welche mir durch Hrn. Guerin mitgetheilt sind, fand
ich alle Uebergänge bis zum vollständigen Verschwinden beider
Linien. Wir haben diese Art nur in dem grofsen Bassin von
Antwerpen gefunden, und ich glaube, dafs man sie anderwärts
vergebens suchen wird. Es scheint mir keinem Zweifel unter-
worfen, dafs die Individuen zu Antwerpen afrikanischen Ur-
sprungs und durch HandelsschiflFe hinübergeführt sind.^ Diese
Reise ist sicher viel ungewöhnlicher, als die, welche Sie den
Mytilus polymorphus bis zur Umgegend Berlins machen lassen.
*) Fälschlich hatte ich diese Art früher auf M. polymorphus be-
zogen, wurde aber durch Exemplare, welche mir Herr Van Be-
neden gütigst mittheilte, von der specifischen Verschiedenheit beider
Arten überzeugt. Herausgeber.
Gedruflil bei den GoTir. ünger.
ARCHIV
FÜR
NATURGESCHICHTE.
IN VERBINDUNG MIT MEHREREN GELEHRTEN
HERAUSGEGEBEN
n^' AR. FR. AUG. l/VIEOMANN,
AUSSERORD. PROFESSOR AN DER FRIEDRICH - WILHELMS - UNIVERSITÄT
ZU BERLIN.
VIERTER JAHRGANG,
Zü euer Band«
BERICHT ÜBER DIE LEISTUNGEN IM GEBIETE DER NATUR-
GESCHICHTE WÄHREND DES JAHRES 1837
MIT EINER TAFEL.
I
BERLIN 1838,
IN DER NICOLAI'SCHEN BUCHHANDLUNG.
iTJiüHilO^ ^>.äutam
Inhalt des zweiten .Bandes.
Scit<
1. Jahresbericht über «lie Resultate der Arbeiten im Felde der
physiologlichen Botanik v. d. Jahre 1837. von J. Meyen 1
2. Bericht über die Leistungen in der Entomologie während des
Jahres 1837. von Dr. W. F. Erichson . . . .187
3. Bericht über die Leistungen In der Naturgeschichte der Mol-
lusken während des Jahres 1837, bearbeitet von Dr. F.
H. Troschel . . . . • 2a5
4. Bericht über die Leistungen im Gebiete der Helminthologie
während des Jahres 1837, von Dr. C. 'l'h. v. Siebold , 291
5. Bericht über die Leistungen in Bearbeitung der übrigen Thicr-
klasscn während des Jahres 1837, vora Herausgeber . . 309
Jahresbericht über die Resultate der Arbeiten im Felde
der physiologischen Botanik von dem Jahre 1837.
von
J. Meyen.
iVlit raschen Schritten geht die Bearbeitung der Pflanzen-
Physiologie vorwärts, alljährlich vermehrt sich die kleine Zahl
ihrer Bearbeiter, alljährlich gewinnet die Resultate ders^elben
an Wichtigkeit, und schon sehen wir der Zeit entgegen, in
welcher eine entschiedenere Trennung der Pflanzen-Physiologie
von der beschreibenden Botanik stattfinden mufs, denn es
scheint, dafs diese beiden Wissenschaften nicht mehr zu glei-
cher Zeit von einem und demselben Botaniker in dem Maafse
bearbeitet werden können, wie es die gegenwärtige Zeit ver-
langt. Die Zahl der anatomisch-physiologischen Arbeiten des
vergangenen Jahres ist überaus grofs, und vorzüglich ist es
die Morphologie, welche sich in diesem Zeitraum der regsten
Bearbeitung zu erfreuen hatte; ihr steht jetzt ein ähnlicher
Kampf bevor, wie er früher in der Anatomie der Pflanzen
durchgeführt wurde, wo auch nicht eine einzige Beobachtung
ohne Widerstand aufgenommen ist. Auch die Morphologie
darf nicht das Werk der Speculation sein, sondern auch sie
mufs einzig und allein auf die Beobachtung der Natur gegrün-
det werden; auf diese Weise bearbeitet, wird sie eine leicht
zu fassende Lehre sein, welche unsere Kenntnifs von dem We-
sen der Pflanze überaus erweitern wird.
Bei der regeren Theilnahme, welche die Pflanzen-Physio-
logie aufzuweisen hat, und bei der überaus grofsen Anhäufung
des Materials wird dieser Bericht von Jahr zu Jahr eine müh-
samere Arbeit; da derselbe aber auch von einigem Nutzen für
IV. Jahrg. 2. Band. 1
<Uc Verbroitnng der Wissenschaft ist, so möge man die Män-
gel gütigst iiberselien, welche ein solches undankbares Unter-
nehmen jedenfalls mit sich führen mufs. Die Theilnahme,
welche diesen Jahresberichten sowohl in England als in Frank-
reich durch Uebersetzungen derselben geschenkt wird, so wie
die gütigen Zusendungen einzelner Abhandlungen, welche uns
sonst nicht so leicht zur Ansicht gekommen wären, lassen uns
mit Bestimmtheit voraussehen, dafs die Gelehrten jener Län-
der auch von unseren sehr zahlreichen deutschen Arbeiten im
Gebiete der Pflanzen -Physiologie allgemeinere Kenntnifs neh-
men werden, als es bisher geschah.
Referent wird sich in der Folge bemühen, dafs der
Jahresbericht immer früher, vielleicht schon im Monat März
erscheinen kann, wobei freilich einige Zeitschriften, wel^
che stets im Rückstande sind, zurückbleiben werden. Auch
in dem vorliegenden Berichte sind die reichhaltigen ^n-
nales des sciences naturelles nur bis zum September -Hefte
4837 benutzt worden, indem wir bis zum 6. Mai 1838
die späteren Hefte noch nicht in Berlin besafsen. Schliefs-
lich bittet Ref. noch um Nachsicht, dafs über die gröfseren
allgemeineren Werke, welche im vergangenen Jahre über die
Pflanzen-Physiologie erschienen sind, nicht in derselben W^eise
Bericht erstattet worden ist, wie über die kleineren Schriften
und die einzelnen Abhandlungen; die Ursache liegt darin, dafs
die Arbeit alsdann über seine Kräfte gehen würde.
Von dem geistigen Leben der Pflanzen.
Herr v. Martius ^) hat seine Ansichten über die Seele
der Pflanzen bekannt gemacht, womit Ref. den diesjährigen
Bericht eröfi'nen möchte. Fast scheint es, sagt Hr. v. M., als
wäre man im Allgemeinen nicht geneigt, in dem Wiesen der
Pflanze diese beiden Sphären, Leib und Seele, anzuerkennen,
als wolle man nur den Thieren und den Menschen eine Seele
zugestehen. Man ist nändich gewohnt, die Empfindung, *so wie
sie sich im thierischen Leben darstellt, als wesentliches Prä-
dicat der Seele zu denken, und da man bei den Pflanzen nur
1) Reden und Beiträge über Gegenstände aus dem Gebiete der
Naturforschung, Stuttgart und Tübingen 1838.
sehr wenige Erscheinungen kennt, welche auf ein Empfindungs-
vermögen der Pflanzen schlicfsen lassen, so hat man diese auch
für seelenlos erklärt. Ilr. v. M. macht darauf aufmerksam,
wie auch die thierischen Gestalten so tief herabsinken, dafs
alle Eigenschaften des Thierlebens darin erlöschen, dagegen
die pflanzlichen Lebcnsäufserunpen hervortreten, und wo um-
gekehrt in den höher entwickelten Pflanzenformen Erscheinun-
gen auftreten, welche dem Thierleben angehören, als die viel-
fach verschiedenen Bewegungen, so bei den Pflanzen beobach-
tet werden. Kurz, das Thierleben und das Pflanzenleben schei-
nen keineswegs so scharf von einander getrennt zu sein, da-
her man denn auch nicht den Thieren allein die Seele zuspre-
chen und den Pflanzen absprechen kann. Auch das vorherr-
schende Wachsen und die Fortpflanzung der Gewächse scheint
zu zeigen, dafs sie dem Kreise starrer Nothwendigkeit entrückt
sind, und wir müssen in demselben eine Art von Vorausbe-
stimmung, eine Richtung auf das Ideelle, somit ein höheres
Lebensprincip , eine Seele erkennen. Die Seele der Pflanzen
ist vief einfacher als die der Thiere, ja sie trägt eine dunkele,
unklare Natur an sich. Wahrnehmung, Vorstellung, Empfin-
dung, Gefühl, Trieb, Wille scheinen hier in der Nacht eines
düsteren, verschlossenen Daseins untergegangen, und nur eine
Strecke weit ist der schmale Pfad der Analogie und Induction
gegen diesen, unserer Erforschung unnahbaren, Gegenstand hin
ofi'en. Die Pflanzen -Seele darf jedoch nicht sowoW mit der
Seele des Menschen oder der höheren Thiere, als vielmehr
nur mit dem Kern und Achsenpunkte verglichen werden, um
welchen sich das Leben der niedrigsten und einfachsten Thiere
dreht. Hr. v. M. meint zwar, dafs man bei den Pflanzen kein
Seelenorgan annehmen könne, doch unserer Zeit möchte es,
wie Ref. glaubt, vielleicht gelingen, dasselbe auch in den
Pflanzen aufzufinden; das Nervensystem in den Pflanzen ist
ja bekanntlich schon von einigen gelehrten Botanikern beob-
achtet worden, die übrigen haben sich davon freilich nicht
überzeugen können.
Eine Reihe von Erscheinungen werden ferner aufgeführt,
als die specifische Empfänglichkeit der Pflanzen für die Ein-
wirkungen des Lichts, der Wärme, der Luft, der Feuchtigkeit
u. s. w., welche, ohne einen gewissen Grad von Gemeingefühl
1*
und von Walirnehmung, ohne eine Art von Innenvverden , von
Bewufst werden, nicht möglich wären auszuführen. Vielleicht
fallen bei ihnen alle die verschiedenen Stufen geistiger Hand-
lung in eine einzige dunkele Vorstellung zusammen. Je all-
gemeiner und kräftiger der Reiz, welcher auf die Pflanzen
wirkt, um so mächtiger die Wahrnehmung. Das Schlafen und
Wachen der Pflanzen, so wie der Winterschlaf der Pflanzen,
sind jenen gleichnamigen Erscheinungen bei den Thieren ganz
entsprechend, nur dafs diese Zustände bei den Pflanzen unfrei-
willig sind. Die Pflanze hat ihr Seelenorgan überall, sofern
aber die pflanzliche Seele, ihrer Natur nach bildend, plastisch
wirkt, könne man sagen, dafs sie bei den höher organisirten
Pflanzen vorzugsweise am Knoten wohne, worin die pflanzli-
chen Möglichkeiten schlummern.
Diese letztere Lehre möchte wohl zu bestreiten sein, wie
überhaupt die ganze gegenwärtige Lehre von der Zusammen-
setzung der Pflanzen aus Internodien, worüber wir auch noch
späterhin Gelegenheit haben werden, ausführlicher zu sprechen.
Im Uebrigen stimmt Ref. Hrn. v. M. vollkommen bei, ja er findet
es unbegreiflich, wie man alle jene Erscheinungen der Vita
sensitiva der Pflanzen durch den unbestimmten Ausdruck von
Reizbarkeit erklären zu können glaubt.
Hr. V. M. führt nun auch die übrigen mannichfaltigen Ge-
schäfte auf, welchen die pflanzliche Seele vorzustehen hat,
wenn sick^ das Gewächs durch geschlechtlichen Gegensatz fort-
pflanzt, und schliefst eigentlich diese Betrachtungen mit fol-
genden Worten: „Unter verworrenen Wahrnehmungen und
Vorstellungen, ein dunkles Empfinden und Bewufstwerden, ein
Gemeingefühl, einen Trieb, eine Steigerung desselben zu Affect,
vielleicht auch eine Art von Erinnerung bei einer Wiederho-
lung gewisser physischer Thätigkeiten : dies Alles können wir
aus den verschiedenen Lebensarten der Pflanzen ableiten, wenn
wir analoge Beziehungen vom thierischen Leben herübertragen.
Jedoch eine höhere Sinnlichkeit, Verstand, Willkühr vermögen
wir hier nicht anzuerkennen."
An das Vorhergehende schliefst sich unmittelbar eine Ab-
handlung des Herrn v. Martius^), welche über die ünsterb-
2) L. c./?«^. 261-286.
lichkeit der Pflanze handelt. Der Gedanke an die l'nsterb-
lichkeit der Pflanzen liegt sehr nahe, sobald man das Dasein
einer Pflanzenseele erwiesen hat, aber Hr. v. M. selbst macht
in der Einleitung die Bemerkung, dafs gewifs manche Gelehrte,
denen das Vermögen, nach dem Uebersinnlichen zu
greifen, in niederem Grade zugetheilt ist, die Be-
trachtung eines solchen Gegenstandes fiir eine Abschweifung
halten werden; er glaubt jedoch, dafs die Mehrzahl der Men-
schen so organisirt ist, dafs sie sich Schlüsse aneignen und
sich mit Folgerungen befreunden, welche aus der Welt sinn-
licher Anschauungen mid Empfindungen in die höhere Welt
des Geistes hiniiberragen. Die Ueberzeugung von der Unsterb-
lichkeit der Pflanzen könne jedoch in keinem Falle durch
einen, von der Natur des Gewächses abzuleitenden Beweis er-
mittelt werden, sondern sie mufs eigentlich der Gewinn des
individuellen Gemüths sein.
„In dem leiblichen Leben der Pflanze ist Absicht, Zweck
und Mittel zur Erreichung desselben, ja wir sehen dieselben
eben so beherrscht von dem Geschicke der Zeitlichkeit, wie
dies bei den höher begabten Menschen der, Fall ist. Die
Pflanze wie das Thier hat Zwecke von innen heraus zu erfül-
len, erfüllt sie wie dieses und zwar, je nach den verschiede-
nen Verhältnissen, worin sie besteht, mohr oder weniger voll-
kommen wie dieses. Nur ein gradueller Unterschied tritt dem-
nach hervor zwischen der unbekannten Einheit^ welche alle
jene Thätigkeit beherrscht und beim Mensdien seine Seele
genannt wird, und der dieser Seele analogen spontanen Kraft,
welche das Gewächs in seinem ganzen Leben thätig zeigt"
u. s. w. Wir thuen daher der Pflanze Unrecht, wenn wir sie
betrachten als wäre sie nicht eben so, wie das Thier, mit einer
allgemeinen, alle Theile durchdringenden, sie alle zu gewissen
Thätigkeiten anleitenden Urkraft begabt. Aus diesen Ansich-
ten ergiebt sich aber auch, dafs alle unorganische Körper be-
seelt sind, ein Gedanke, welcher schon im hohen Aiterthume
ausgesprochen ist; ja Hr. v. M. kommt zu dem SdiJusse, dafs
alles Irdische und darum auch die Pflanze seine Seele hat, und
die zahllose Verbrüderung gleichartiger Geschöpfe, die eine so
wesentliche Stelle in dem Gesammtleben unseres Planeten
spielt, wird, nach ihrer Stufe, von einer sanften stillen Seele,
einer Anima hlandula, trepidula beherrscht.
lieber Ernährungs- und Wachsthums-Erscheinun-
gen bei den Pflanzen.
Herr E. Ohlert ^) hat Beobachtungen über die Structur
und das Wachsthum der Wurzelzasern bekannt gemacht, aber
besonders bemerkensvverth sind die Versuche, welche derselbe
über die Funktion der Spitze und der Seitenfläche der Wur-
zelzasern angestellt hat. Die Häutung der Wurzelspitzen hat
auch Hr. O. an verschiedenen Pflanzen wahrgenommen; sie
ist besonders deutlich an Wurzeln, welche im Wasser ent-
wickelt sind. In anderen Fällen zerreifsen diese Häute in
kleine Lappen, welche die Spitzen der Wurzeln noch einige
Zeit hindurch umfassen. Sehr richtig sagt Hr. O., dafs die
Häutung der Spitze am oberen Ende zuerst, dann weiter nach
unten beginnt; zuletzt sitzt die gelöste Haut nur noch an der
Spitze fest. Indessen Ref. kennt auch Fälle, wo die abgelöste
Oberhaut an der Spitze schon ganz gelöst und zerstört ist,
während sie weiter oben noch festsitzt; auch Hr. O. hat einen
solchen Fall beobahtet. Die Mützchen auf den Spitzen der
dicken Luftwurzeln der Pandanen, worauf zuerst Hr. DeCan-
dolle aufmerksam gemacht hat, sind im botanischen Garten
zu Berlin sehr oft zu sehen ; es sind meistens dicke, aus meh-
reren Zellenschichten bestehende Häute, welche hier durch das
schnelle Hervorwachsen der Spitze von dem hinteren Theile
der Wurzel abgerissen werden; nach einiger Zeit wiederholt
sich diese Häutung für die weiter hervorgewachsene Wurzel.
Hr. O. Versuche über die Verlängerung der Wurzelzasern ha-
ben Du Hamel's Entdeckung, dafs diese Verlängerung nur
an der Spitze geschieht, vollkommen bestätigt.
Hr. Ohlert hat durch Beobachtungen zu zeigen gesucht,
dafs die gangbare Meinung, als saugten die Wurzeln nur mit
den Spitzen und nicht mit den Seitenflächen ein, unrichtig ist
oder wenigstens die dafür angefülurten .Gründe nicht genügend
3) Einig!^ Bemerkungen über die Wurzelzasern der höheren
Pflanzen. — Linnaea 1837. ;>. 609 — 631.
sind. Es wurden junge Pflanzclieii von Fisum salivum, Lu-
pcnus luteus und Calendula ofjlcinalis genonmieu und mit
ihren Wurzeln so in Wasser gestellt, dafs nur die Wiirzel-
choT, etwa 3 Linien tief, ;von dem Wasser berührt wurden.
Schon nach wenigen Stunden waren die Wurzeln welk und
nach einigen Tagen ganz trocken; nur derjenige Theil der
Wurzel, welcher im W^asser befindlich war, erhielt sich tur-
gescirend. Hierauf wurden dann auch eine Menge von Pflan-
zen so in Wasser gestellt, dafs die Spitzen der W^urzelzasern
aus dem Wasser hervorragten, während die ganzen Seitenfllä-
chen der Wurzelzasern im Wasser befindlich waren. Auch
wenn die Wurzelspitze mit Lackfirnifs bestrichen war, wuch-
sen die Pflanzen vortrefflich, wenn nur die ganzen Flächen
der Wurzelfasern im Wasser befindlich waren. Aus diesen
Versuchen zieht Hr. O. den Schlufs, dafs die Wurzelzasern
die Feuchtigkeit nicht durch die Spitzen, sondern an den Sei-
ten, oder durch die ganze Oberfläche einsaugen. Diesem
Schlüsse möchte Ref. jedoch nicht ganz beistimmen, denn er
kann ebenfalls Versuche anführen, welche beweisen, dafs die
W^urzelspitze bei dem Einsaugungsgeschäft gleichfalls und zwar
sehr stark bethätigt ist; auch habe ich diesen Gegenstand, so
wie meine Untersuchungen über den Bau der Wurzelspitze,
im zweiten Th^ile meiner Pflanzen -Physiologie näher ausein-
ander gesetzt, worin auch die herkömmlichen Ansichten über
die sogenannten W^urzelschwämmchen, welche in der Na-
tur gar nicht vorhanden sind, widerlegt wurden. Man mufs
durchaus annehmen, dafs die Pflanzen mit der ganzen Ober-
fläche ihrer Wurzeln einsaugen, doch wird diese Oberfläche in
vielen Fällen und besonders an gewissen Stellen so verändert
dafs die Einsaugung daselbst vermindert und allmälich ganz
unterdrückt wird.
Auch Hr. V. Mirbel^) hat mit wenigen Worten über
die Structur der Wurzelspitzen gesprochen, und die Wurzel-
schwämmchen, als eigene Orgaue der Wurzelspitzen, ebenfalls
bestritten.
Herr Dutrochet ^) hat in der Gesammtausgabe seiner
4) L'lnstitut. d. 1837. p. 311.
5) Memoircs pour scrvir a Vkütoim anatomique et physiologique
8 ,
■^.
physiologischen Arbeiten einen sehr reichhaltigen Aufsatz über
die Endosmose gegeben, welcher durch seine äufserst wichti-
gen Resultate für die Pflanzen-Physiologie von der höchsten
Wichtigkeit ist.
Hr. Dutrochet suchte zuerst zu bestimmen, wie sich
die Endosmose einer und derselben Lösung unter verschiede-
nen Graden der Temperatur verhält. Es wurde das Coecuin
eines Huhnes auf einer Glasröhre befestigt, dieselbe mit einer
Lösung von Gummi in 10 Theilen Wasser gefüllt und in destil-
lirtes Wasser gestellt; bei einer Temperatur des Wassers von
4^ R. zog die Gummilösung innerhalb 1^ Stunden so viel
Wasser an, dafs die Vorrichtung eine Gewichtszunahme von
13 Gran zeigte, und in einem Wasser von 25 bis 26" betrug
die Gewichtszunahme in jener Zeit 23 Gran. Um nun die
Resultate von dergleichen Beobachtungen mit gröfster Bestimmt-
heit angeben zu können, verfertigte Hr. Dutrochet eine be-
sondere Vorrichtung, welche er Endosmometer nennt; ver-
mittelst dieses Instrumentes wurde die Geschwindigkeit der
Endosmose bei verschiedenen Stoffen gemessen, oder vielmehr
die Quantitäten der Flüssigkeiten, welche in einer gewissen Zeit
in den Endosmometer aufstiegen. Z. B. Zuckerwasser von
1,047 specifischer Schwere zog in 1^ Stunden so viel Wasser
in den Endosmometer, dafs das Instrument 3-} " zeigte. Dage-
gen zeigte eine Zuckerlösung, von 1,258 Dichtigkeit, in eben
derselben Zeit i.^\^. Das Resultat dieser Versuche war, dafs
die Schnelligkeit der Endosmose, erzeugt durch die verschie-
dene Dichtigkeit einer und derselben inneren Flüssigkeit, im
Verhältnisse steht zu dem Uebermaafs der Dichtigkeit der in-
neren Flüssigkeit über die Dichtigkeit des äufseren Wassers.
Hr. Dutrochet bestimmte auch durch eine Reihe von
Versuchen die Kraft, mit welcher die Endosmose bei verschie-
denen Stoffen und bei verschiedener Dichtigkeit dieser Stoffe
vor sich geht, und gerade die Resultate dieser Versuche sind
für die Pflanzen-Physiologie von besonderer Wichtigkeit. Der
Apparat, mit welchem diese Versuclie angestellt wurden, ähnelt
jenen doppelt gebogenen Glasröhren, deren sich Stephan
des vegetaux et des aiümaux. Avec un atlas de 30 planch. Paris
1837. 2 Vol.
9
Haies bediente, als er die Kraft zu bestimmen suchte, mit
welcher der rohe Saft im Weinstocke emporsteigt, doch mufs
das Ende des kleinen Schenkels trichter- oder glockenförmig
ausgeblasen sein, um auf diese Weise eine gröfsere Fläche
von Membran zur Endosmose darzubieten. In der ersten Bie-
gung der Röhre bringt man eine, durch einen Glasstöpsel zu
verschliefsende, Oeffnung an, um durch diese die verschiede*
nen Flüssigkeiten einzugiefsen, mit welcher man die Versuche
anstellen will, und an dem äufseren langen Schenkel befestigt
man einen Maafsstab. Wenn man nun in diesem Instrumente
die Endosmose eintreten läfst, so wird die Flüssigkeit in dem-
selben durch die Einziehung des äufseren W^assers emporstei-
gen, und hat man in den beiden äufseren Schenkeln der Glas-
röhre etwas Quecksilber eingegossen, so wird dieses Quecksil-
ber durch die emporgeschobene Luftsäule im inneren Schen-
kel niedergedrückt und im äufseren emporgehoben werden, was
man alsdann durch den beistehenden Maafsstab näher bestim-
men kann. Durch dergleichen Beobachtungen kam nun Herr
Dutrochet zu dem Resultate, dafs die Kraft, mit welcher
das Wasser bei der Endosmose eingesaugt wird, um so stär-
ker ist, je dichter die Flüssigkeit im Inneren des Instrumentes
im Verhältnisse zum äufseren Wasser ist. Es wurden dann
Zuckerlösungen von 1,035, 1,070 und von 1,140 specifischer
Schwere bereitet; letztere enthielt etwa ein Theil Zucker und
zwei Theile Wasser. Der Ueberschufs der Dichtigkeit dieser
Flüssigkeiten über die Dichtigkeit des Wassers verhielt sich
wie 1, 2, 4. Die Zuckerlösung von 1,035 Dichtigkeit saugte
in jenem Instrumente während 28 Stunden so viel Wasser ein,
dafs die Quecksilbersäule 10" 7'" gehoben wurde. Die zweite
Zuckerlösung hob die Quecksilbersäule in 36 Stunden auf
22" 10"' Höhe, und die dritte Lösung von 1,140 Dichtigkeit
in 48 Stunden bis auf 45" 9"' Die Beobachtungen geschahen
bei 16^° Reaum. Temperatur, und man sieht aus denselben,
dafs sich die Kraft der Endosmose ganz ähnlich verhält wie
die Schnelligkeit derselben. Aehnliche Versuche wurden mit
mehreren anderen Substanzen angestellt, und Hr. Dutrochet
kam dabei zu dem Resultate, dafs Eiweifslösung die stärkste
Endosmose zeige; hierauf folge der Zucker, dann das Gummi,
und am schwächsten zeige sich dabei die Gallerte; ja diese 4
10
Substanzen verhalten sich in Hinsicht der Stärke ihrer Endos-
mose, in Zahlen ausgedrückt, wie folgt: Eivveifslösung 12,
Zuckerlösung 11, Gummilösung 5,1 und Gallerte 3.
Nach diesen höchst interessanton Entdeckungen des Hrn.
Dutrochet darf man kaum noch zweifeln, dafs die Kraft,
mit welcher der rohe Saft im Weinstocke und in anderen
Pflanzen emporsteigt, nichts weiter als die Wirkung der En-
dosmose ist, welche durch die unzähligen Zellen der Wurzel-
spitzen und der Wurzelhärchen mit ihrem zuckerhaltigen Safte
auf die Feuchtigkeit des Bodens ausgeübt wird.
Hr. Dutrochet *') hat in einer folgenden Abhandlung
eine Aenderung seiner Ansichten über die Organe der Saft-
führung bekannt gemacht; früher hielt derselbe die Spiralröh-
ren für solche, gegenwärtig aber die fibrösen Holzzellen. Die
Structur dieser Elementarorgane, sagt Hr. Dutrochet, ist
ganz besonders geeignet, um dem Aufsteigen der Flüssigkeiten
zu dienen. Es sind diese fibrösen Röhren an beiden Enden
äufserst fein zugespitzt; ihre Höhlen sind die feinsten Haar-
röhrchen, und die Spitze der unteren Röhre ist mit der Spitze
der oberen Röhre in Articulation. Hr. D. will sich auch
überzeugt haben, dafs die Spitzen dieser Röhren freie Oeff-
nungen haben und auf diese Weise mit einander communici-
ren. Diese angeblichen Oeffnungen an den Enden der Holz-
röhren hat noch kein deutscher Phytotom bemerkt, und Ref.
glaubt auch, dafs dieselben gar nicht vorhanden sind; ja es
scheint sogar, dafs dergleichen Oefi'nungen auch ganz überflüs-
sig wären, denn es ist hinreichend bekannt, dafs der rohe
Nahrungssaft nicht nur von unten nach oben durch die Röh-
ren des Holzkörpers läuft, sondern dafs er sich auch, und
zwar fast eben so schnell, seitlich durchziehen kann, wo Hr.
Dutrochet jene Löcher noch nicht bemerkt hat.
Dagegen führe ich eine Stelle aus Hrn. Unger's Beiträ-
gen zur Kenntnifs der parasitischen Pflanzen ') an, worin
auch dieser ausgezeichnete Physiologe sein Glaubensbekennt-
6) Recherches sur les condaits de la seve et sur les causes de sa
progressmi. — Mem. pour servir a l'histoirc atiat. et phys. des vc-
get. et des anim, I. p. 368.
7) Aim. des Wiener Mubcums II. S. 25. '
11
nifs über die Funktion der Elementarorgane der Pflanzen ab-
gelegt hat, welches mit demjenigen des Referenten fast voll-
kommen übereinstimmt. Das Spiralgefüfs , sagt Hr. U., und
die mit ihm gewissermafsen verwandte Prosenchymzelle ist ur-
sprünglich gewifs eher dazu bestimmt, die Nahrungsflüssigkeit
zu leiten, als sie zu bewahren und für chemische Veränderun-
gen vorzubereiten, dagegen mufs man die Parenchymzellen
mehr als Nahrungsreservoire ansehen. Die Parenchymzellen
sind jedoch nach Ref. Meinung nicht blofse Reservoire für die
Nahrungsstoffe, sondern in ihnen werden die Nahrungsstoffe
gebildet, und von ihnen gehen wiederum alle Bildungen aus.
Auch Hr. A. Poiteau^) hat einige Bemerkungen über
das Ausfliefsen des Saftes aus dem durchschnittenen Stengel
der Lianen bekannt gemacht, welche sich nach dem heutigen
Zustande der AVissenschaft vollständig erklären lassen. Er
durchschnitt den Stengel einer Liane und sah, dafs an keiner
der beiden Schnittflächen Wasser hervortrat; wurden jedoch
4 Fufs lange Stücke des Stammes abgeschnitten, so lief das
Wasser, welches darin enthalten war, sogleich heraus. Ref.
hat schon oftmals angegeben, dafs jenes Wasser in den me-
tamorphosirten Spiralröhren enthalten sei, welche im Stamme
der Lianen, wie in der Weinrebe, so grofs sind, dafs sie nicht
als Haarröhrchen wirken können, daher unterliegt das Aus-
fliefsen des Saftes aus den abgeschnittenen Stengelenden solcher
Pflanzen ganz und gar dem Drucke der Atmosphäre; es ge-
schieht augenblicklich, wenn das Ende des abgeschnittenen
Stengels vertikal gestellt wird ; es geschieht dagegen sehr lang-
sam, wenn derselbe horizontal liegt. Trennt man dagegen
den oberen Theil des Stammes, welcher noch mit seinen Blät-
tern besetzt ist, von dem Wurzelende desselben, so kann auch
aus dem Ende des ersteren das Wasser nicht ausfliefsen, weil
die Transpiration der Blätter, wenn deren 2^ahl hinreicheiid
grofs ist, eine Kraft entwickelt, durch welclie das Wasser in
den grofsen Spiralröhren des abgeschnittenen Endes zurück-
gehalten wird. Es ist dieser Gegenstand im zweiten Theile
meiner Pflanzen -Physiologie durch verschiedene Experimente
8) Note sur la Liane des voyageurs. — Ann. des scienccs natu-
relles, Avril 1837. p. 233.
12
erwiesen. Endlich bleibt noch die Angabe zu erklären übrig,
weshalb auch aus der Schnittfläche des unteren Endes jener
Liane kein Wasser auslief, wie es Poiteau beobachtete. Es
ist durch viele Beobachtungen erwiesen, dafs das Thränen der
Gewächse, d. h. das Ausfliefsen ihres rohen Nahrungssaftes
über das Niveau der Verletzungen, welche dem Stamme jener
Gewächse beigebracht sind, ganz und gar der Endosmose der
Wurzelspitzen zuzuschreiben ist, und dafs diese Erscheinung
nur dann stattfindet, wenn die Pflanzen, wie bei dem Treiben
der Blätter und der Knospen, eine grofse Menge Nahrung
bedürfen.
Ueber die Saftbewegung iii den Charen haben wir eine
Arbeit von Hrn. Dutrochet^) erhalten, welche, nebst den
schon längst bekannten Erscheinungen, auch viele neue Beob-
achtungen enthält. Bei allen den vielen Untersuchungen, welche
über den Bau der Oharen in Deutschland erschienen sind, be-
ginnt Hr. D. mit einer Beschreibung dieser merkwürdigen
Pflanzengattung, aus welcher man sicherlich keinen richtigen
Begriff von derselben erhalten würde. Es ist von einem Cen-
tral- und von einem Rindensystem der Charen die Rede, letz-
teres müsse man abpräpariren, um bei der Chara flexilis die
Circulation im Centralsystem sehen zu können. Man sieht
hieraus, dafs Hr. Dutrochet eine doppelhäutige CA«?'«, wahr-
scheinlich Chara vulgaris ^ aber keineswegs Chara flexilis
vor sich gehabt hat, ein Fall, der auch einem berühmten phi-
losophischen Botaniker Deutschlands vorgekommen ist, wel-
cher Vieles über Circulation der Säfte in den Pflanzen ge-
schrieben hat.
Das künstliche Abziehen der äufseren Haut bei Chara
vulgaris ist ebenfalls schon lange bekannt, und hält man diese
Pflanzen zur Winterzeit im Zimmer, so pflegen sich gröfsten-
theils jene Häute von selbst aufzulösen, oder in grofsen Stük-
ken abzutrennen. Auch Hr. D. hat die Beobachtung gemacht,
9) Observation sur la Chara flexilis. Modification dans la cir-
culation de cette plante sous l'influence d'un changement de tempe-
rature, d'une irHtation mecanlque, de l'action des sels, des acldes et
des alcalls, de celle des narcotlques et de l'alcool. V. Comptes ren-
dus etc. Nr. 23. 4. Dec. 1837. p. 775.
13
dafs der Lauf des Saftstroms in den Schläuchen der Charen
durcli die Stelluii^^ der grünen Kiigelchen angedeutet wird,
welche auf der inneren Fläche der Charen-Schliiche linienförmig
aneinandergereiht sind, und theilt gegenwärtig mit Hrn. Am ici
die Ansicht, dafs jene grünen Kügelchen die Quelle der Be-
wegung enthalten, welche in den Schläuchen jener Pflanzen
beobachtet wird. Hr. Du tr och et hat aber auch gesehen, was
ebenfalls schon lange bekannt ist, dafs die Saftbewegung auch
an solchen Schläuchen der Charen vor sich geht, welche
keine grünen Kügelchen auf der inneren Fläche besitzen, und
dieses ist ja auch bei allen anderen Pflanzen der Fall, wo bis
jetzt diese Bewegungen im Safte der Zellen beobachtet sind,
also kann auch in jenen grünen Kiigelchen nicht die Quelle
der Bewegung gesucht werden. Auch hat Hr. D. ganz über-
sehen, dafs eine ähnliche Circulation in allen Zellen der soge-
nannten Rindenschicht der Charen vorkommt; aber es scheint,
als wenn derselbe von allen den unzähligen Arbeiten, welche
über die Charen und deren Saftbewegung erschienen sind,
nichts weiter als die des Hrn. Amici gelesen hat.
Auch Hr. Dutrochet unterband die Schläuche derChara
und sah die dadurch entstandene Theilung der allgemeinen
Strömung; ein Internodium, welches dreimal zusammenge-
schnürt wurde, zeigte vier besondere Kreisbewegungen, welche
sogar fortbestanden, als die angrenzenden Abtheilungen abge-
schnitten wurden.
Hr. D. untersuchte den Einflufs verschiedener Temperatu-
ren auf die Bewegung in den Charen, und sah ebenfalls, dafs
dieselbe noch bei dem Gefrierpunkte des Wassers bestehe,
aber nur sehr langsam vor sich gehe. Corti sah aber schon,
dafs eine Kälte von 2 — 5" die Pflanze tödte; doch im Allge-
meinen darf man nur sagen, dafs wirkliches Gefrieren die
Pflanze tödte und die Bewegung zum Aufhören bringt. Herr
D. sah, wie die Saftbewegung bei gröfseren Wärmegraden sich
beschleunigte, was bis zu 27° Cels. hinauf ging; er hat aber
nicht bemerkt, dafs nicht nur in den verschiedenen Schläiichen,
nach dem verschiedenen Alter derselben, bei einer und dersel-
ben Temperatur jene Bewegung sehr verschieden ist, sondei^n
dafs selbst in den Zellen der sogenannten Rinde und des in-
neren Schlauches die Schnelligkeit in der Saftbewegung ver-
14
^ schieden ist. Bei Anwendung höherer Wärmegrade, sagt Hf.
D., wurde iie Bewegung anfangs etwas langsamer, erhebt sich
jedoch wieder und kommt endlich zur gewöhnlichen Schnel-
ligkeit; aber ein Wasser von 45' Cels. tödtete die Pflanze,
welche sich aucli nicht mehr erholte.
Den Einflufs des Lichtes sucht Hr. D. als unumgänglich
nöthig für die Erhaltung der Strömung in den Charen darzu-
stellen, und zwar nach den Ansichten, wonach das Licht als
das Mittel zur Fixation der Kohle aus der Kohlensäure der
Luft angesehen wird. Das Licht scheint dem Referenten auf
die Bewegung des Saftes in den Schläuchen der Charen von
keinem unmittelbaren Einflüsse zu sein, denn er liefs Charen-
pflanzen mehrere Monate lang in einem dunkeln Räume genau
bedeckt stehen, sah aber in denselben, bei 7 — 8** R. Tempe-
ratur, noch eben so lebhafte Bewegungen, als eben dieselben
Pflanzen im Sommer und bei einer noch höheren Temperatur
zeigten. Hr. D. hat mehrere Charen in einen vollkommen fin-
steren Raum bei 14 — 22^ C. Temperatur gestellt und beob-
achtet, dafs die Bewegungen des Saftes in den meisten lang-
samer wurden, ja in den jüngeren Pflanzen sogar in 24 — 26
Tagen gänzlich aufhörten, wobei sie bleichsüchtig geworden
waren. Nach Ref. Beobachtung hat es jedoch mit jener Bleich-
sucht der Charen eine ganz eigene Bewandnifs; sie besteht
. nämlich darin, dafs sich die Zellen der äufseren Haut ablösen
und dann nur die innere Haut zurückbleibt, welche bei der
Chara vulgaris nur sehr wenige kleine grüne Kügelchen auf
der inneren Fläche aufzuweisen hat, daher denn auch ein blei-
ches Ansehen zeigt. Die Endglieder dieser Pflanzen sind je-
doch noch immer eben so schön grün, als die frischen Pflan-
zen, wenn sie auch noch so lange im Dunkeln stehen, und
die Bewegung in ihren Schläuchen hört nur mit dem eintre-
tenden Absterben auf.
Hr. D. setzte eine Chara in luftleeres Wasser und sperrte
die Röhre in Quecksilber ab; die Saftbewegung erhielt sich
auch in diesen Verhältnissen bis zum 22. Tage und endete
erst mit dem Leben der Pflanze, also ungefähr ähnlich wie bei
vollkommenem Lichtmangel. Auch Corti sah schon, dafs die
Bewegung des Saftes in den Charen langsamer wurde, wenn
die Pflanzen unter Oel oder unter Milch lagen. Corti
15
brachte Charcn in den Recipicnten einer Luftpumpe, verdünnte
die Luft so weit es ging und liefs die Pflanzen 48 Stunden
lang darin stehen. Die Saftbewegung hatte aufgehört, aber
nachdem die Pflanzen in frisches Wasser gelegt waren, begann
dieselbe im Verlauf von 8 --12 Stunden von Neuem.
Auch die Einflüsse der mechanischen Einwirkungen in
Bezug auf die Saftbewegung in den Charen hat Hr. Dutro-
chet aufmerksam beobachtet. Jeder Druck und jede mecha-
nische Reizung des Cliaren-Schlauches bewirkt ein augenblick-
liches Langsamwerden und selbst eine vollkommene Cessation
der Saftbewegung, welche sich aber bald wiederherstellt, ganz
im Verhältnisse der Stärke der Einwirkung. Wirkliche Ver-
letzung der Membran, und wenn auch nur mit der Spitze
einer Nadel, bringt augenblickliches Aufhören der Bewegung
hervor, welche nie wieder zurückkehrt. (Die Wirkung der
Verletzungen bei den Charen sind überhaupt ganz ähnlich, wie
bei den übrigen Pflanzen, in deren Zellen ähnliche Bewegun-
gen vor sich gehen. Schneidet man einzelne Aeste der Cha-
ren ab, so cessirt die Bewegung in den zunächst liegenden
Zellen auf längere Zeit, ja bei der Vallisneria dauert es oft
10 — 15 Minuten, bis die Bewegung in den Zellen des ange-
fertigten Schnittes wieder in voller Lebhaftigkeit vor sich geht.
Ref.). Hr. D. will auch beobachtet haben, dafs der einfache
Charen-Schlauch leichte convulsivische Bewegungen zeige, wenn
der eine Knoten eines Internodiums gestochen wird, und auch
wenn die äufsere Rindenhaut abgeschabt wird. Aach in die-
sen Fällen sollen Reihen grüner Kügelchen die Ursache der
Bewegung sein, denn sie sollen sich zuweilen im Zickzack
krümmen, ähnlich den Muskelfiebern, während die Membran
des Schlauches dabei keinen Antheil nimmt. Ref. hat sich
von der Richtigkeit dieser Angaben noch nicht überzeugen
können.
Interessant sind eine Reihe von Beobachtungen über die
Einwirkung verschiedener chemischer Stoffe auf die Saftbewe-
gung in den Charen, deren Wirkung auf die Excitabilität der
Thiere bekannt ist. Es wurde ein Ende einer Chara in eine
Lösung von kaustischem Kali gestellt, welche -^öVö^ desselben
enthielt; die Bewegung wurde zuerst langsam, doch 5 Minu-
ten später wurde sie wieder sehr stark. Nach 25 Minuten
16
wurde die Bewegung wieder langsamer, und nach 35 Minuten
hörte sie gänzlich auf. Kalkwasser hob die Bewegung in
den Charen Schläuchen in 2 — 3 Minuten auf; Ref. kann die-
ses auffallende Resultat bestätigen. Augenblickliches Eintau-
chen der Charen in Kalkwasser schadet denselben nichts, doch
blieben dieselben 4, 5 und 6 Minuten in dem Kalkwasser lie-
gen, so hörte die Bewegung auf.
In einer Lösung von Weinsteinsäure (1 Theil auf 50 Th.
Wasser) dauerte die Bewegung in den Charen -Schläuchen
nur 10 — 12 Minuten ; in einer schwächeren Lösung dieser
Säure (1 Theil auf 1000 Th. Wasser) wurde die Bewegung
sehr langsam, doch 5 Minuten später erlangte dieselbe wieder
ihre Lebendigkeit durch die Reaction der Lebensthätigkeit.
Nach ~ Stunden wurde die Bewegung wieder langsam, und
nach einer Stunde hörte sie ganz auf. Aehnlich verhielten sich
die Charen in einer Lösung von Meersalz, und Hr. D. kam
durch diese Beobachtungen zu dem Schlüsse, dafs starke Do-
sen von Salzen und von Säuren die Bewegung in den Charen
für immer aufheben, dafs aber eben dieselben Stoffe, in gerin-
geren Quantitäten, anfangs zwar eine Stockung in der Bewe-
gung des Safts veranlassen, dafs aber später diese schädliche
Einwirkung durch die Lebensthätigkeit der Pflanze v/ieder be-
kämpft wird, und die Bewegung nach wie vor zu beobachten
ist. Indessen ganz ähnlich verhält es sich auch mit dem Ve-
getations-Prozesse bei anderen Pflanzen.
In einem Charen-Schlauche, welcher in eine Lösung von
Opium -Extrakt (1 Theil auf 14 Th. Wasser) gestellt wurde,
hatte die Bewegung 6 Minuten nach der Einwirkung gänzlich
aufgehört. Nach einer Viertelstunde begann sie wieder ganz
langsam, doch nach einer halben Stunde hörte sie gänzlich
auf. In einer schwächeren Opium -Lösung (1 Th. auf 288
Th. Wasser) war die Wirkung ähnlich, doch nach 10 Minuten
kehrte die Bewegung wieder ein und dauerte mit, angeblich
noch gröfserer Schnelligkeit, noch 18 Stunden hindurch. In
einer halb so starken Opium-Lösung wurde die Bewegung nur
etwas langsamer und kehrte später mit noch gröfserer Leben-
digkeit zurück.
Die Einwirkung des Alkohols auf die Bewegung verhält
sich ähnlich der W^irkung des Opium's. Aehnliche Beobach-
17
tungcii hat man auch an anderen Pflanzen angestellt, vorzüg-
lich findet man dergleiclien in einer Dissertation von Schüb-
ler und Zell er: lieber die Einwirkung verschiedener Stoffe
auf die Vegetation etc. Tübingen 182(). —
Herr Becquerel ^) hat eine Reihe interessanter Ver-
suche angestellt, um die Natur der Kraft zu erforschen, welche
jene Kreisströmungen des Saftes in den Schläuchen der Cliaren
veranlasst. Herr Amici u. A, m. hielten jene Thatigkeit
für eine, der galvanischen Kraft ähnliche, welche durch die
Säulchen von grünen Kügelchen veranlafst würde, womit die
imiere Fläche der Charen- Schläuche bekleidet ist. Die Ent-
ladung kleiner Säulen durch schneckenförmig gewundene Cha-
ren brachte in der Saftbewegung derselben keine Veränderung
hervor, woraus der Schlufs gezogen wurde, dafs die Bewe-
gung in den Charen nicht durch die Electricität, sondern
durch eine andere, ihrer Natur nach ganz unbekannte Kraft
verursacht werde. Dagegen führten die Beobachtungen über
die Wirkung anhaltender Ströme auf die Bewegung in den
Cliaren zu anderen interessanten Resultaten. Die durchge-
hende Electricität bewirkt anfangs eine Erstarrung der Bewe-
gung, welche sich ganz nach der Stärke des Stromes rich-
tet, und zwar zu gleicher Zeit auf beide Ströme, d. h. auf, den
aufsteigenden und auf den herabsteigenden äufsert. Hat man
durch eine gewisse Plattenzahl die Säule so stark gemacht,
dals ihre Wirkung die Bewegung sogleicli aufhebt, so fängt
dieselbe, einige Augenblicke nachher, unter dem Einflüsse des
electrischen Stromes wieder an, und kehrt zu ihrer frühem
Lebhaftigkeit zurück. Vergröfsert man nochmals die Zahl
der Platten -Paare, so steht die Bewegung von Neuem still,
und das kann man in der Art fortsetzen, so dafs durch die
Wirkung einer starken Säule die Bewegung auf mehrere Stun-
den still steht. Durch allmählige Wegnahme der Platten-
Paare kann man die Bewegung wieder um so schneller zu-
rückführen, doch wird keine Desorganisation durch den
durchlaufenden electrischen Strom verursacht. So zeigte sich
also die Wirkung der Electricität auf die Saftbewegung in
10) hißuence de l'electricite sur la circulation du Chara. —
Compte rendu 1837. p. 784.
IV. Jahrg. 2. Band 2 x
18
den Chareu ähnlich der Wirkung der WHrme, nur eine Be-
schleunigmig derselben, konnte durch die I^ectricität nicht
verursacht worden, was docli bei der Einwirkung der Wärme
beobaclitet wird, indessen, wie Referent glaubt, doch nur mit-
telbar, indem die Vegetation der Pflanze dadurch erst an In-
tensität gewinnt; von dem Grade der Wärme hängt wenigstens
die Schnelligkeit der Bewegung in den Charen- Schläuchen
nicht ab.
Herr Morren**) hat einige Betrachtungen über die Be-
wegung des Saftes bei den Dicotyledonen bekannt gemacht,
wobei er die Bemerkung macht, dafs Herrn Mohl's Ent-
deckung einer Intercellularsubstanz zu einer richtigeren An-
sicht über die Organe der Saftbewegung führen müsse. In-
dessen schon viele Jahre früher war es, wie Ref. glaubt, von
mehreren Physiologen nachgewiesen, dafs die Intercellulargänge
der Pflanzen nur Luft führen, und diese kommen dann auch
in solchen Pflanzen vor, wo die innige Vereinigung verdickter
Zellenwände durch sogenannte Intercellularsubstanz vor sich
gehen soll. In vorigem Jahresbericht wurde sehr ausführlich
über diesen Gegenstand gehandelt, und ich habe mich durch
neue Beobachtungen noch deutlicher überzeugen können, dafs
die Intercellularsubstanz keine eigene Substanz ist, sondern
aus den verdickten, anliegenden Zellen wänden besteht. Ich
empfehle zu diesen Beobachtungen alte Blattstiele von Rheum-
Arten und den alten Stengel der Kürbifs- Pflanzen.
Herr Morren betrachtet die Pleurenchym- Zellen des
Holzkörpers als die Wege des aufsteigenden rohen Nahrungs-
safts, wozu Qjnige Erklärung nöthig sein möchte, indem diese
Benennung in Deutschland noch nicht allgemein adoptirt ist.
Ref. stellte das Wort: Pleurenchym als eine Benennung für
die Baströhren im Jahre 1830 auf, erkannte aber später, dafs
auch die sogenannten Holzzellen eine ähnliche Structur, wie
die Bastzellen besitzen, und unterschied dann im ersten Theile
seiner Pflanzen -Physiologie kurze Pleurenchym- Zellen und
langgestreckte Pleurenchym -Zellen, letztere umfassen die
Baströhren, erstere die Holzzellen, welche man in Deutsch-
11) Consideratloin snr le mouvement de la seve des dicotyledo-
nes. — Bullet, de lAcadem. des scietis. de BruxeUes. 1837. p. 300.
19
laud iiocli hünfiger mit dem Namon clor Prosenchym -Zollen
belegt, worunter Ref. die Ilolzzellen der Coniferen versteht.
Herr Alorren hat sehr richtig die Thatsache angeführt, dafs
der rohe Nahriingssaft im Holzkörper nicht nur von Unten
nach Oben steigt, sondern auch in horizontaler Richtung und
ebensowohl schräg durch das Holz, ganz wie es bei der Bewe-
gung des Saftes von Zelle zu Zelle imüiachym der verschiedenen
Organe vor sich geht. Herr Morren ist indessen auch der
Ansicht, dafs diese kurzen Pleurenchym- Zellen von derselben
Entstehuug und Bedeutung wie die übrigen Zellen sind, und
gleichsam aus sphärischen Zellen, dem sogenannten Mereu-
chyme hervorgehen, daher denn auch die Wurzelhärchen eben-
falls als solche Zellen zu betrachten wären, welche am Wur-
zelstamme emporsteigen u. s. w. Indessen gegen diese An-
sicht liefse sich Vieles einwenden; die Wurzelhärchen sind
äufserst zarte Parenchym- Zellen, und Parenchym und Pleu-
renchym unterscheidet sich nicht nur durch die Form der
Zellen, sondern auch durch die Function. Das Pleurenchym
dient mehr zur blofsen Fortführung der Säfte, das kurze
Pleurenchym führt den rohen Nahrungssaft in die Höhe und
das langgezogene Pleurenchym (die Baströhren) führen einen
verarbeiteten Bildungssaft von Oben nach Unten zurück. In
den Parenchym -Zellen geschieht indessen die Assimilation der
aufgenommenen Nahrungsstoffe; sie respiriren durch die In-
tercellulargänge , während die Respiration der Pleurenchym-
Zellen wegen Mangel an Intercellulargängen fehlen mufs.
Referent hat in seiner Pflanzen -Physiologie mehrere Fälle auf-
geführt, wo Intercellulargänge selbst zwischen den Baströhren
auftreten, wie z. B. bei Asclepiadeen und Apocyneen und dafs
in diesen Fällen diese Röhren zugleich eine milchartige Flüs-
sigkeit führen, welche reich an Kügelchen ist! Die Entste-
hung der Würzelhärcheu aus den Parenchym -Zellen ist auch
vollkommen zu beobachten.
Herr Morren giebt hierauf eine specielle Betrachtung
eines umgekehrt aufgepfropften Astes einer Camellia um zu
zeigen , dafs sich die Richtung in dem Steigen des Saftes nicht
nur für einzelne Stunden umdrehen könne, sondern selbst
während der ganzen Lebensdauer der Pflanze. Das Erstere
ward bekanntlich schon durch Stephan Haies wissenschaft-
2*
20
lieh erwiesen, und Ref. hat auch zu zeigen gesucht ''), daCs
das Steigen des Saftes in abgesclinittenen Zweigen ganz und
frar durch die Transpiration der Blätter u. s. vv. bewirkt werde,
deuuiach die Richtung in dem Verlaufe des Saftes ganz nach
Belieben des Experimentators abgeändert werden kann. Die
Begriffe aufsteigend und absteigend für die Bewegung des
rohen Nahrungssaftes sind offenbar niclit ganz riclitig; der
rohe Nahrungssaft wird stets denjenigen Theilen der Pflanze
zugeführt, welche desselben bedürfen, und somit wird er
auch der Knospe eines Schnittlinges zugeführt, selbst wenn
derselbe umgekehrt dem Subjekte aufgepfropft ist. Der luft-
leere Raum, welcher durch die Transpiration der jungen Knospe
und deren Blätter entstehen mufs, wird sogleich durch die
Feuchtigkeit ausgefüllt, welche demselben zunächst liegt, und
so steigt der rohe Saft aus dem Subjekt durch den Holzkör-
per des Pfropfreises in das Auge, was sich selbst durch Ex-
perimente erweisen läfst.
Herr v. Mirbel *^) hat eine höchst interessante Abhand-
lung über das Cambium und die Art der Zellen- und Gefäfs-
Bildung in den Pflanzen der Akademie zu Paris mitgetheilt.
Es werden darin die früheren Angaben, dafs das Cambium
eine zellige Schleimmasse von aufserordentlicher Zartheit ist
bestätigt, und Herr v. Mirbel ist der Meinung, dafs man
seine Lehre über die Entstehung der Gefäfse (wahrscheinlich
werden Spiralgefäfse darunter verstanden), welche aus Zellen
hervorgehen sollen, deren Querwände zerstört -werden, allge-
mein angenommen habe, was aber wohl keineswegs der Fall
ist. Ref. geht auf den Inhalt dieser Mittheilungen noch nicht
weiter ein, indem Herr v. Mirbel diese Arbeit wahrschein-
lich sehr bald und ausführlicher bekannt machen wird; es
finden sich darin ^iiberaus schöne Darstellungen über die Bil-
dungen der neuen Holzzellen aus dem Cambium, und die
Verdickung deren Wände durch Bildung neuer Schichten aus
Letzterem.
12) Pflanzen -Physiologie. II. Berlin 1838.
13) Observatfons sur , ie cambium et snr quelques Jiiodes de for-
mations utrlculaire ou vasculaires dans les vegetmix. — Compte
rendu 1837. ;> 295. V Institut de 1837. ;;. 311.
M
Herr Girou de IJiizareiiigues **) hat <iagegeji eine
Abhandlung über die Struktur und das Wachsthuni dor iieueH
Schichten des Holzes der Dicotyledoneii geliefert, welche zwar
voll von neuen Beobachtungen und Ansichten ist, die aber schwer-
lich grolsen Beifall fuiden werden; Ref. wenigstens, möchte
denselben in keinem einzigen Funkte beistimmen. Schon im
vorjahrigen Jahresberichte nuifste ich Gelegenheit nehmen eine
Arbeit des Herrn Girou anzuzeigen, worin die unrichtigsten
Beobachtungen und die irrigsten Ansicliten über die bekannte-
sten Gegenstände der Pflanzenphysiologie enthalten waren ;
ziemlich ähnlich verhält es sich mit der vorliegenden Abhand-
lung. Herr Girou schreibt und arbeitet beständig ohne die
Arbeiten seiner Vorgäjiger zu benutzen, und diese Nichtach-
tung der Beobachtungen Anderer ist die Veranlassung, dafs
die Resultate seiner Untersuchungen von der Art sind, als
wenn man die Pflanzenphysiologie erst im. vergangenen Jahre
zu bearbeiten angefangen hätte.
Herr Dutrochet * ^) hat in der Königl. Akad<»öiie der
Wissenschaften zu Paris einige Beobachtungen über die Natur
und die Entwickelung des Korkes bekannt gemacht, ohne die
Beobachtungen des Herrn Mo hl zu kennen, worüber im vori-
gen Jahresberichte pag. 58 gemeldet wurde. Herr D. führt
eine Eschen-Art an, deren Aeste, von 8 bis 10 Jahren Alter,
Kork entwickeln; nach dieser Zeit hört die Kork -Entwicke-
lung auf. Ref. hat ähnliche Beobachtungen an den Metrosi-
deren *^) bekannt gemacht, und den Bau, so wie die Entwicke-
lung der Korkschicht im Verhältnisse zu den übrigen Rinden-
schichten im Zusammenhange nachgewiesen.
Die übrigen Angaben des Herrn Dutrochet waren schon
bskannt.
Herr Decaisn*e *^) hat derAkadeiwe der Wissenschaften
ein Memoire über die Familie der Lardizabäleen. vorgelegt,
worin interessante Untersuchungen über die Struktur des Stän-
gels der Dicotyledonen, besonders in Bezug auf die Menisper-
14) Mcm. sur l'siccroissement en grossem- des exogenes. — Aan^
des sclenc. d'hist. nat. 1837. Mars p. 129 — 166. Avec 3 pl
15) L'Ivstitut de 1837. />. 10.
16) Püanzeu-Physiologie. I. p. 411 etc.
17) L'Instiiut d. 1837. ;>. 317.
22
raen und Aristolocliicn bekannt gemaclit sind. Da die Arbeit
wohl sehr bald erscheinen wird, so halten wir wnser Referat
noch zurück, denn die Mittheilungen im L'Institut sind hiezu
zu kurz. Von der auffallenden Struktur des Stammes der
Gattung Cissampelos, hat auch Ref. in seiner Pflanzen-Physio-
logie S. 374 u. s. w. gesprochen.
Herr Link hat das zweite Heft seiner anatomisch -bota-
nischen Abbildungen zur Erläuterung der Grundlehren der
Kräuterkunde ^®) herausgegeben, welche mit rleutschem und
lateinischem Texte begleitet sind. Ref. hat schon im vorigen
Jahresberichte auf dieses nützliche Unternehmen aufmerksam
gemacht, welches zur allgemeinen Verbreitung der phytoto-
mischen Kenntnisse Vieles beitragen mufs. Die Abbildungen
sind überaus sauber und schön in Stein ausgeführt, und im
vorliegenden Hefte befinden sich wiederum viele, welche die
Verschiedenheiten zwischen den Monocotyledonen , den Dico-
tyledonen, den Coniferen, Cycadeen u. s. w. vortrefflich her-
vorheben, und defshalb auch den Geognosten zu empfehlen sind.
Herr Morren * ^) sucht zu zeigen, dafs ihm die Priorität
in der Entdeckung der Zellenvermehrung durch blofse Thei-
lung zukomme, indem er schon im Jahre 1830 die Beobach-
tung bekannt gemacht habe, dafs sich ein jeder vierte Theil
seiner niedlichen Algen-Gattung Crucigenia bei der Vergröfse-
rung wiederum in 4 kleinere Zellen theile u. s. w. Im vo-
rigen Jahresberichte ward dieser Gegenstand S. 20 u. s. w.
besprochen und Referent führte Herrn Dumortier, als den
Entdecker dieser interessanten Thatsache an, welche 1832 pu-
blicirt wurde; Herr D. war wenigstens der erste Botaniker,
der sich der Bedeutung der Thatsachen bewufst war, aus wel-
chen man mit Bestimmtheit auf die Vermehrung der Zellen
durch Theilung schliefsen durfte, und Herr Mohl hat diesen
wichtigen Gegenstand an Conferva glomerata noch uraständ-
liclier erörtert. Vennuthungen und stille Voraussetzungen,
dafs sich die Zellen auf eine solche Art vermehren, sind schon
sehr oft geäufsert, aber es ist ein sehr grofser Unterschied
18) Berlin 1837, fol.
19) Bulletin de, l'Acadenüe royak d. science etc. de Bruxelles
1837. p. 300.
23
zwischen cler Dntsteliiing neuer Zellen auf dem angegebeneu
Wege lind zvvisclien der Bildung der Pollenbläsclu'n, welche
ähnlich den Zellen im Eiweifskörper der Saamen entstehen,
und Herr Morren darf wohl nicht die Priorität in der Ent-
<leckung jener Tliatsachen in Anspruch nehmen. Es war sehr
bekannt, dafs z. B. bei einer Conferve sämmtliche Zellen aus
der einzelnen Zelle der Spore hervorgehen, aber defshalb
wufste man noch nicht auf welche Weise diese Vermehrung
der Zellen entsteht. Man kannte die Abschnürung der Spo-
ren bei mehreren Faden- Pilzen, und man kannte die Verlän-
gerung dieser Sporen bei der Entwickelung der jungen Pflanze,
man hatte aber keine deutliche Vorstellung von dem Vorgange,
welcher dabei stattfindet.
Herr Morren hat seitdem seine Beobachtungen über die
Theijung der Zellen bei den Conferven fortgesetzt und glaubt
dalnn gekommen zu sein, dafs er an Conferva dissiliens alle
Momente bei der Bildung der Querwände erkannt habe; er
sah bei dieser Pflanze, dafs sich die Zellen verlängerten und
die Masse, welche darin enthalten war, in der Mitte durch
einen durchscheinend freien Raum in zwei Theile getheilt
wurde, der von einer schleimigen Flüssigkeit gebildet wurde,
die wegen ihrer Bestimmung eine Intercellular- Substanz sein
soll und Zwischen-Chromula genannt (Jnter oder meta-chro-
mulaire oder Metendochromique^ ward. Nun aber ge-
schieht die Condensation von der Peripherie dieser Substanz
ans, wodurch zugleich die Vereinigung mit ^der allgemeinen
Zelle ausgeführt wird, und indem dieselbe immer weiter nach
dem Centrum vorrückt, tritt die gebildete doppelte Membran
in die Stelle der durchsichtigen flüssigen Substanz, so dafs
alsdann jede einzelne Masse des Endochrom's ihre eigene
Membran besitzt.
Herrn Dutrochet's Memoir über die Respiration der
Pflanzen, worüber im vorigen Jahresberichte S. 56 nur mit
wenigen Worten berichtet werden koinite, ist gegenwärtig voll-
ständig publicirt '^"); die Resultate dieser Arbeit stimmen in-
20) S. Recherclies sur les organes iineumatiqucs et sur la respi-
ration des vegetaux — in der Gesammtausgabe der Memoiren des
Herrn Uutrochet. I. S. 320 — 364.
24
clessen sehr wenig mit den Ansichten vieler anderer Physio_
logen überein, und ebensowenig mit denen, welche ich selbst
über diesen Gegenstand zu verbreiten gesucht habe, so dafs eine
nähere Beleuchtung der Angaben nöthig wird, aus welchen jene
Resultate gezogen sind.
Auch Herr Dutrochet klagt gegen die Botaniker, welche
da glauben, dafs das Leben der Thiere mit demjenigen der
Pflanzen nichts gemein habe; nach seiner Ansicht, welcher
Ref. in dieser Hinsicht ganz beistimmt, ist das Leben bei allen
Wesen in seinen Grunderscheinungen nicht verschieden. Man
hat nicht selten angenommen, dafs die Erscheinungen, welche
man bei den Pflanzen unter der Respiration versteht, in ihren
Resultaten der Respiration der Thiere gerade entgegengesetzt
wären; auch Herr Dutrochet theilt diese Ansicht nicht, son-
dern nach ihm besteht die Respiration bei den Pflanzen, wie
bei den Thieren, in einer Fixation des Sauerstofigases, wäh-
rend Ref. in seiner Physiologie (IL S. 150) zu zeigen gesucht
hat, dafs die Respiration der Pflanzen wie die der Thiere in
einer Entkohlung der Substanz besteht, indem bei beiden Sau-
erstoff eingeathmet und Kohlensäure ausgeathmet wird.
Bei der Untersuchung über die Organe der Pflanzen,
welche dem Respirations- Prozesse vorstehen, führt Herr Du-
trochet die Meinungen der Herren Link und Amici an,
nach welchen man die Spiralröhren und deren Metamorpho-
senstufen, als die pneumatischen Apparate der Pflanzen an-
sehen mufs. Indessen Herr Link ist in seinen neuen Schrif-
ten keineswegs dieser Ansicht, er sagt vielmehr, dafs man auch
im Darmkanal der Thiere Luftanhäufungen flnde, derselbe wäre
aber doch zu anderen Zwecken vorhanden. Noch entschie-
dener zeigt sich das Luftführen in den Zellen des Markes,
und nichts kann bestimmter sein, als dafs dies Mark zur Saft-
führung und Verarbeitung des aufgenommenen Safts für den
jungen Trieb dient. Herr Dutrochet war früher der An-
sicht, dafs die grofsen Spiralröhren im Holze des Weinstoekes
den Nahrungssaft führen, er erkennt dieses zwar auch gegen-
wärtig noch für richtig, aber er glaubt, dafs dieses nur defs-
halb geschehe, weil der Weinstock, so lange die Blätter fehlen,
auch keine Transpiration zeige, und dafs sich defshalb der
Saft in den Spiralrölireu anhäufe.
25
Die Spiriilröhren sollen also die pneuinati-chen Organe
im Ilolzkörper der Pflanzen sein, während in der Rinde be-
sondere grolso Zellen vorkommen sollen, welche Luft führen,
im inneren der Rinde gelagert sind und mit einander commu-
niciren sollen. Referent mufs gestehen, dafs er keinen Be-
griff von diesen Zellen hat, welche im Inneren der Rinde der
Respiration vorstehen sollen, ganz abgesehen davon, dafs es
nicht wahrscheinlich ist, dafs die Natur zur Ausführung der
Respiration der Pflanzen im Holzkörper die Spiralröhre und
im Rindenkörper besondere Zellen benutzen werde.
In meiner Pflanzen -Physiologie habe ich dagegen zu zei-
gen gesucht, dafs das Intercellular-System in den Pflanzen der
Respiration vorstehe, und dafs nur dergleichen Elementaror-
gane der Pflanzen mit Intercellular- Gängen umgeben sind,
oder gröfseren Lufthöhlen zunächst liegen, in welchen wirk-
liche Assimilation der aufgenommenen Nahrung stattfindet,
denn so wie die Respiration bei den Thieren eine Verbesse-
rung des Blutes, d. i. des allgemeinen verarbeiteten Nahrungs-
und Bildun^ssaftes bewirkt, so veranlafst die Respiration in
den Pflanzen eine Verbesserung des Nahrungssaftes, welcher
in jeder Parenchym-Zelle verarbeitet wird; ja vergleicht man
die Zusammensetzung der Thiere und der Pflanzen, so wird
man schon hieraus ersehen, dafs eine Respiration, wenn sie
mit derjenigen in den Thieren in ihren Resultaten überein-
stimmend sein soll, auf keine andere Weise bei den Pflanzen
vor sich gehen kann. Verfolgt man den Zusammenhang,
welcher zwischen den Intercellulargängen und den Lufthöh-
len, Athemhöhlen und den Spiralöfi'nungen der Hautdrüsen
vorhanden ist, so wird die Ansicht, welche Ref. mit Herrn
Unger theilt, dafs die Intercellulargänge dem Respirations-
Prozesse der inneren Pflanzensubstanz vorstehen, wohl mehr
als wahrscheinlich. Sind die Hautdrüsen mit Harz bedeckt,
wie so häufig bei den Coniferen, so ist dieses nur als eine
zufällige Anhäufung des Excretes in der Grube der Epider-
mis anzusehen.
Die Blätter sind indessen diejenigen Organe, welche jene ge-
nannten Respirationsvorrichtungen in gröfster Anzahl besitzen.
Herr Dutrochet führt die Meinungsverschiedenheit über die
Bedeutung der Blätter in Hinsicht ihrer Funktion an; nach
26
einigen Botanikern sind dieselben, als Einsaiigungsorgane mit
den Luftwurzeln vergliclien worden, von anderen dagegen für
die Lungen der Pflanzen erklärt. Dieser letzteren Meinung
schliefst sich auch Herr Dutrochet an, und auch gewifs noch
viele andere Botaniker theilen dieselbe. Die Blätter der Pflan-
zen üben auf den in ihnen enthaltenen Nahrungssaft eine ähn-
liche Wirkung aus, wie der Respirations-Akt in den Lungen
der Thiere auf das Blut, und der aus den Blättern der Pflan-
zen zurücksteigende Saft, der Bildungssaft, ist es, welcher eini-
germafseri mit dem Blute der Thiere zu vergleichen sein
möchte, indem aus ihm die neuen Massen gebildet werden.
Die Beobachtungen haben schon lange gelehrt, dafs die
Pflanzen den gröfsten Theil der Tageszeit hindurch Sauerstoff
absorbiren; zur Erklärung dieser Erscheinung macht Herr
Dutrochet auf die wichtige Entdeckung des Herrn Theod.
de. Saussure aufmerksam, dafs poröse Körper und beson-
ders solche, welche reich an Kohlenstoff sind, das Vermögen
besitzen gewisse Gase anzuziehen und zu comprimiren; so
z. B. kann die Kohle das 9| fache ihres Volumens an Sauer-
stoff absorbiren. Es könnte wohl sein, dafs die Einsaugnng
des Sauerstoffes durch die Pflanzen auf eine ähnliche Weise
vor sich geht, wenigstens stimmt die Menge des verbrauchten
Sauerstofles mit der Menge der Spaltöffnungen und Luftbe-
hältern bei gewissen Pflanzen. Indessen nicht alle poröse
Körper besitzen jene Eigenschaft die Gase zu comprimiren,
die Magnesia und die Kalkerde machen z. B. Ausnahmen.
Der Inhalt des übrigen Theiles dieser Abhandlung ist theils
schon in früheren Arbeiten mitgetheilt, theils haben wir das
Wesentliche desselben schon im vorigen Jahresberichte auf-
geführt.
Herr S ch 1 e i d e n ^ ^ ) hat einige Beobachtungen über üppige
Entwickelung verschiedener Pflanzen in kohlensäurehaltigem
Wasser Q^ekannt gemacht. Die Quellen in dem Thale von
Göttingen sind reich an freier Kohlensäure, besonders in den
Bassins bei der Wehnder Papiermühle, und hierin zeigt sich
eine reiche und üppige Vegetation, welche im Frühling um
21) Notiz über die Einwirkung freier Kohlensäure auf die Er-
nährung der Pflanzen. — S. dieses Archiv, 3. Jahrg., 1. Theil, S.279.
27
ganze "Wochen früher erscheint und im Herbste länger dauert,
als an anderen Stellender Gegenden. Herr Seh leiden glaubt,
dafs hier die freie Kohlensäure im Wasser einen vortheilhafteu
Einflufs auf die Vegetation ausübt, was allerdings der Fall
sein könnte; denn Beobachtungen haben gelehrt, dafs bei der
Vegetation der Pflanzen im Sonnenlichte, der Zusatz einer
sehr kleinen Quantität von Kohlensäure in der umgebenden
Atmosphäre, eine viel stärkere Entwickelung von Sauerstoffgas
veranlafst, als dieses in gewöhnlicher Atmosphäre geschieht.
In der Abhandlung über die Seele der Pflanzen hat Herr
v.Martius^^) seine Ansichten über'die Ernährung derPflanzen
ausgesprochen. Die ganze Stärke des Pflanzenlebens giebt
sich nach seinen Aeufserungen in der Assimilation zu erken-
nen, indem hier Unorganisches zu Organischem gemacht und
gestaltet werden mufs. Es sei dieses ein wesentlicher Charac-
ter, durch welchen sich die Pflanzen vom Thiere unterschei-
den, indem dieses gröfstentheils nur organisirte Nahrung auf-
nimmt. Bekanntlich, sagt Herr v. Martins nährt sich das
Gewächs aus der Erde, aus dem Wasser und aus dem Luft-
kreise, doch Ref. glaubt mit vieler Bestimmtheit nachweisen
zu können, dafs sich auch die Pflanzen nur durch Aufnahme
von organischen Stoffen ernähren, und dafs sowohl die Auf-
nahme dieser, als auch die der anorganischen Stoffe, welche
den Wurzeln in gelöstem Zustande dargeboten werden, ganz
nach den festen Gesetzen der physischen Kräfte aufgeführt
werde. (Durch eine grofse Reihe von Versuchen ist es nach-
gewiesen, dafs Pflanzen in einem Boden von anorganischen
Stoffen nicht wachsen; werden ihnen aber organische Stoffe
zur Ernährung dargeboten, so wachsen sie und fixiren in ihren
grüngefärbten Pflanzentheilen durch den Einflufs des Sonnen-
lichtes die Kohle aus der Kohlensäure der Luft, und haupt-
sächlich sind es die Blätter, welche diesem Geschäfte vorste-
hen. Nach dem Abfallen der Blätter werden dieselben zu
Humus verwandelt, und dieser giebt den Wurzeln der Pflanzen
wieder die nöthige Nahrung. Ref.)
Herr v. Martins meint, dafs die Pflanzen bei allen Ge-
schäften ihres vegctabilen Lebens nach einer gewissen Wahl,
I
22) Reden und Vorträge etc. S. 244.
28
also mit demjenigen Vermögen handelt, welches im menschli-
chen Geiste Wille wird. Die Pflanzen sollen dadurch aus den
mannigfaltig dargebotenen Nahrungsstoff'en diejenigen auswäh-
len, welche ihnen besonders befreundet sind, indessen Ref.
glaubt, dafs alle richtig angestellten Beobachtungen, von wel-
chen man doch so lange ausgehen mufs, bis neuere etwas An-
deres erweisen, dahin zeigen, dafs die Pflanzen ihre Nahrung
nicht auswählen.
Herr J, B. Reade ^^) hat verschiedene Elementar-Analysen
bekannt gemacht, aus welchen auf eine sehr auffallende Ver-
schiedenheit in der chemischen Zusammensetzung der Zellen-
membran und der Spiralgefafse in einer und derselben Pflanze
zu schliefsen wäre. Die Analysen wurden im Laboratorium
des Herrn Rob. Rigg zu Walworth ausgeführt, doch ist die
Methode leider nicht angegeben. Aus den Wurzeln der Hya-
cinthe trennte Herr Reade die Spiralgefafse von dem umge-
benden Zellengewebe durch Reiben zwischen den Fingern, und
dann wurden beide Substanzen für sich allein analysirt. Es
enthielten hiernach :
100 100
Diese Resultate sind in mehrfacher Hinsicht so auffallend von
Allem abweichend, was wir bis gegenwärtig über ähnliche
Gegenstände kennen, dafs wir ihre Richtigkeit gleich von
Vorne herein bezweifeln müssen. Der geringe Kohlengehalt
jener Substanzen, der ja nach diesen Angaben kleiner, als der
im Amylum und Gummi wäre, ist schon sehr unwahrschein-
lich, selbst wenn noch keine ähnliche Analysen ausgeführt
wären. Nach jenen Angaben soll aber das Zellengewebe
23) On the Chemical Cotnposition of Vegctablc Membrane and
Fibre; with a Rephj to the Objections ofProf.Hefislaiv and Lindley.
— The London and 'Edinburgh VhHosophical Maga%ine and Journal
of Science. Nov. 1837. ;>. 418—421.
29
Sauerstoflfgas und tue Spiralgefäfse Wasserstoffgas überschüssig
enthalten, was aber durch Analysen in deutschen Laboratorien
nicht bestätigt wird. Auch soll Herr Rigg schon seit längerer
Zeit gefunden haben, dafs das Perigonium der Ilyacinthe über-
schüssiges Sauerstoffgas enthalte, während das Pistill und der
Pollen einen Ueberschufs an Wasserstoffgas zeige, so dafs Herr
Reade dadurch zu dem Schlüsse kommt, dafs die Fiber
(wahrscheinlich wird Spiralfaser*darunter verstanden!) Wasser-
stoff und die Zellenmembran Sauerstoffgas überschüssig enthalte,
und zwar in solchem Verhältnisse, dafs diese Gase Wasser bil-
den, wenn jene Organe zusammen analysirt werden.
Was nun die Analysen der Spiralgefäfse und des Zellen-
gewebes aus den Wurzeln der Hyacinthe betrifft, so mufs ich
bemerken, dafs es zu den schwierigsten, bei der Hyacinthe
sogar zu den unaiisführlichsten Arbeiten gehört, die Spiral-
gefäfse dieser Pflanze in so grofser Menge, d. h. vollkommen
von Zellengewebe jeder Art getrennt darzustellen, als zu
irgend einer Elementar-Analyse DÖthig ist; auch zerreifsen die
Spiralgefäfse bei der Hyacinthe sehr leicht, und höchstens
könnte man etwas Fasern rein darstellen. Auch erhalten wir
gar keine Mittheilungen, auf welche W^eise sich Herr Reade
über die Reinheit der angewendeten Substanzen überzeugt
hat. Eine jede einzelne Zelle des Zellengewebes mufs zer-
stückelt und dann durch Alkalien, Säuren, Alkohol, Aether
und Wasser mehrfach ausgelaugt werden, wenn man ein Re-
sultat über die Zusammensetzung der Membran erhalten will.
So ist auch der bedeutende Gehalt an Stickstoff, welchen jene
Analysen zeigen, wohl nur den stickstoffhaltigen Substanzen
zuzuschreiben, welche in den Zellen enthalten sind; denn die
vielen sorgfältigen Analysen des Zelleugewebes, des Holzes
u. s. w., welche bisher schon angestellt waren , liefern mei-
stens gar kein Stickstoffgas, oder doch nur so viel, dafs man
es als einem fremdartigen Bestandtheile zugehörig betrachten
mufs. Herr Rigg hat sogar über die verschiedene Theile des
Blüthenschaftes der Hyacinthen verschiedene Analysen ausge-
führt; so trennte er die Epidermis, ferner das Zellengewebe,
M'elches dicht unter der Epidermis liegt, die Spiralgefäfse und
die längeren Zellen, welche bündeiförmig durch das Paren-
chym verlaufen, und unterwarf eine jede dieser 4 Substanzen
30
einer besonderen Analyse welche, auffallend genug, Resultate
gegeben haben, die den Erwartungen ganz entsprechen. Man
möge es indessen dem Referenten verzeihen, wenn er über
jene Theilung des Biiithenscliaftes in die genannten 4 Sub-
stanzen seine wahre Meinung ausspricht^ nach welcher dieselbe
zur Erlangung so grofser Massen, als 2:ur Analyse nöthig sind,
in keiner Hinsicht vollkommen auszuführen ist, selbst dann
nicht, wenn man diesft Theilung unter dem Mikroskope vor-
nimmt und ein ganzes Jahr Zeit dazu verwenden könnte. Hat
man aber die genannten Substanzen nicht vollkommen getrennt
von einander zur Analyse angewendet, so folgt schon hieraus,
dafs die Analysen y selbst wenn sie richtig ausgeführt sind,
ihrem Zwecke nicht entsprechen. Vor Allem ist aber jener
Gegensatz in der Zusammensetzung der Zellenmembran und
der Spiralfaser, welcher sich durch vorherrschendes Wasser-
stoffgas und Sauerstoffgas darstellen soll, nicht anzuerkennen.
Zu einiger Bestätigung der vorangeschickten Vermuthun-
gen, führe ich hier einige Elementar- Analysen an, welche
Herr Prof. Mit scher lieh mit gröfster Genauigkeit ausge-
führt hat; es wurde die Flachsfaser, das reine Zellengewebe
aus dem Innersten des Hollundermarkes, und die reine Spiral-
faser aus dem Blüthenschafte einer Musa angewendet. Alle
diese Substanzen waren vorher verkleinert, dann in jeder
Rücksicht von fremdartigen Beimischungen gereinigt und stets
mikroskopisch controUirt worden, so dafs man ganz sicher
war diejenige Substanz möglichst rein vor sich zu haben,
welche analysirt werden sollte. Nach diesen Analysen ent-'
hielt die Flachsfaser in 100 Theilen 45,98 Kohle; die reine
Spiralfaser des Pisang's 48,88 und das Zellengewebe des Hol-
lundermarkes 50,65 Kohle. Wasserstoff und Sauerstoff waren '^
im Verhältnisse wie im W^asser vorhanden, doch zeigten leider
.sämmtliche Analysen etwas überflüssigen Wasserstoff, welcher aber
um so geringer war, je genauer die Analyse ausgeführt wurde.
Von überschüssigem Sauerstoff und von Stickstoff wurde nichts
beobachtet. Die vollkommene Verbrennung der Substanzen
mufste mit durchgefüliHen Sauerstoffgase bewirkt werden, in-'
dem eine genaue Mengung derselben mit dem Kupferoxyde
nicht ausfiilirbar war, und vielleicht ist gerade dieser Methode
das Vorkommen des überschüssigen 'Wasserstoffgases zuzu-
31
schreiben, was noch durch fernere Untersuchungen zur Ent-
scheidung gebraclit werden soll.
In einer anderen Abhandlung hat Herr Reade **) zu be-
weisen gesucht, dafs Totasche, Kalk und Kieselerde als orga-
nisirbare Substanzen in die Structur der Pflanzen eingehen.
Die («runde, welche Herr Reade dafür anführt, bestehen
eigentlich nur in der Beobachtung, dafs man in der weifsen
Asche der Kohle die Form der Elementar -Organe derjenigen
Pflanzentheile wiederfindet^ welche man verbrannt hat, und
dafs dieses Gerüste theils aus Kali, Kalk und Kieselerde be-
steht. Es hat schon vor 2 Jahren Herr Goeppert^*) von
einem Kali- und Kalk- Skelette gesprochen, welches nach dem
Verbrennnn der Pflanzen zurückbleibt und die Form der Zel-
len, so wie der übrigen Elementar- Organe der Pflanzen voll-
ständig nachweist. Dieses Auftreten des Kali's und des
Kalkes in Form der Elementar -Organe nach dem Verbrennen
derselben, ist aber wohl keineswegs von der Bedeutung des
Kieselpanzers, welcher bei manchen Land- und Wasserpflan-
zen so sehr ausgezeichnet ist, denn wenn jene Alkalien und
Erden in dem Innern der Elementar- Organe vorhanden sind,
so müssen sie sich bei dem Verdunsten der Feuchtigkeit auf
die Wände derselben niederschlagen und nach dem Verbren-
nen derselben die Form der Zellen, Spiralröhren u. s. w. bei-
behalten. Je genauer man die Zellen der Pflanzen zerstückelt
und durch Säuren, Alkalien u. s. w. reinigt, um so weniger
Asche liefern die Membranen und Fasern nach dem Verbren-
nen, wie es mehrfach wiederholte Beobachtungen zeigen; in-
dessen, wenn auch in jeder Hinsicht die anhängenden Alkalien
und Erden abgeschieden sind, so zeigen dennoch alle Zellen-
membranen und selbst die äufserst zarten Spiralfasern eine
Spur von Asche, und diese stellt sich ebenfalls in Form der
verbrannten Elementar- Organe dar. So fand Herr Mitsch er-
lich, dafs die zarten Flachsfasern, welche ich auf jede mög-
liche Weise zertheiltund gereinigt hatte, fast jö^ Procent solcher
24) Fiirther Observations on the Structure of the Solid Mate-
riah fovnd in the Ashes of recent mid Fossil Plmits. — The London
ftnd Edinburgh Philos. ßagax. and Journ. of Scienc. Nov. 1837.
;>. 413 — 417.
25) Poggendorff's Annalen. Bd. XXXVllI. p. 568. ^
32
Asche lieferten, die sicli in Fprm Uufserst zarter Membranen
darstellt, welche zum Theil die Form der Fasern andeuten.
Das Zellengewebe des Hollundermarkes, welches nicht so
leicht gereinigt werden kann, indem sich die einzelnen Zellen
nicht zerreiben lassen, gab dagegen eine viel gröfsere Quan-
tität Asche, denn 0,5945 Theile Mark gaben 0,0105 Asche.
In der Asche des Flachses fand Herr Mitscher lieh eine
Spur von Kieselerde und aufserdem Kali und Kalk; die Asche
des Hollundermarkes enthielt dagegen keine Kieselerde sondern
viel Kalk und Spuren von Kali und Thonerde. Man kann es
also gegenwärtig als ziemlich ganz gewifs annehmen, dafs die
genannten Alkalien und Erden auch in der Substanz der Wände
der Elementar-Organe auftreten, hieraus folgt aber wohl noch
nicht, wie Herr Reade glaubt, dafs man diese Substanzen
ebenfalls als constituirende Theile der Elementar-Organe an-
sehen müfse. Schon Herr Morren hat vor einigen Jahren
(1830) die Ansicht aufgestellt, dafs die Kieselerde als consti-
tuirende Substanz der Zellenmembran anzusehen sei; doch
dieselbe hat keinen Beifall gefunden, denn man kann sehr
wohl einsehen, dafs das Auftreten oder das Fehlen dieser
Erden und Alkalien in der Membran ganz von dem Gehalte
der Flüssigkeiten abhängt, welche darin eingeschlossen waren.
Ueber das Auftreten der Krystalle in den Pflanzen
möchte gegenwärtig wohl das Wichtigste bekannt sein; eine
sehr ausführliche Bearbeitung dieses Gegenstandes hat Re-
ferent ^^) mitgetheilt, und auch Herr Unger^*^) hat eine
Abhandlung über ebendenselben Gegenstand, begleitet mit
einer Tafel schöner Zeichnungen, bekannt gemacht. Herr
Unger hat die Angabe, dafs die Krystalle nicht in den Inter-
cellulargängen , sondern im Inneren der Zellen gebildet wer-
den, bestätigt gefunden. Ref. hat dagegen mehrere Fälle be-
obachtet, in welchen Ausnahmen von dieser Regel vorkom-
men^®). Herr Unger giebt z. B. an, dafs die Krystalldru-
sen, welche auf den Wänden der Lufthöhlen von Myriophyl-
26) Neues System der Pflanzen-Physiologie I. S. 212 — 246.
27) Ueber Krystallbildungen in den Pflanzenzellen. — Araialeu
des Wiener Musemus. III. S. 1.
28) S. 1. c. S. 242 u. s. w.
33
lum spicatum vorkommen, ebenfalls in einzelnen hervorra-
genden Zellen enthalten sind, und bildet auch diese Zellen-
wiinde ab; Ref. konnte dagegen, selbst mit den neuesten In-
strumenten, jene Zellenvvände, welche die Krystalldrusen ein-
!^chliefsen, in allen ihm vorgekommenen Fällen nicht sehen,
und ebenso ist es den Herren Treviranus und v. Mirbel
ergangen. Da ich aber mit meinen Instrumenten selbst die
einzelnen Krystalle, woraus jene Drusen bestehen, viel rich-
tiger sehen kann, als sie Herr Unger dargestellt hat, so bin
ich doch der Meinung, dafs jene von Herrn Unger gezeich-
nete Zellenhaut rundum die Krystalldrusen, nicht vorhanden ist.
Ref. hat in seiner angefühtten Schrift noch mehrere ähn-
liche Fälle aufgeführt, wo die Ablagerung der krystallinischen
Massen aufserhalb der Zellen vor sich geht und auch darauf
aufmerksam gemacht, in welcher Art man sich die Bildung
dieser Krystallö vorzustellen habe. In einigen Fällen, wie bei
Charen, bilden sich Krystalle äufserlich, durch blofses Nieder-
fallen der basischen kohlensauren Kalkerde, indem die Koh-
lensäure, welche dieselbe in gelöstem Zustande erhielt, von
der Pflanze eingesaugt wird. Legt man dagegen Conferven
in Kalkwasser, so bilden sich auf ihrer Oberfläche kleine
Kalkkrystalle, indem die Kohlensäure der Pflanze herausge-
zogen wird und sich mit dem Kalke verbindet. Alle diejeni-
gen Fälle, wo es noch zweifelhaft bleiben kann, ob die ein-
zelnen vorkommenden Krystalle mit oder ohne Zellenhaut um-
schlossen sind, hat Ref. sehr umständlich erörtert, es würde
aber zu grofsen Raum in diesem beengten Berichte einneh-
men, wollte ich die neuen Thatsachen aus den im vergange-
nen Jahre von mir publicirten Schriften aufführen; ich werde
meine eigenen Arbeiten vom vergangenen Jahre überhaupt nur
dann berühren, wenn die darin enthaltenen Thatsachen mit
anderen Beobachtungen im Widerspruche stehen.
Bei Gelegenheit, wo Herr Unger von der Frequenz der
Krystalle in den Pflanzen spricht, macht. derselbe die Bemer-
kung, dafs es noch nicht näher bestimmt sei, ob hierbei das
Alter der Pflanzen lind der Standort wesentlich beitragen,
obgleich man es wohl annehmen könne. Ref. glaubt jedoch,
dafs die Physiologie gegenwärtig über diesen Punkt ziemlich
im Reinen ist, denn wir wissen, dafs die Pflanzen Alles auf-
IV. Jahrg. 2. Band. 3
34
nehmen, was ihnen der Boden im gelösten Znstande dar-
bietet, dafs sich aber die Mengen der verschiedenen Stoffe,
welche aufgenommen werden, ganz nach dem Grade der Lö-
sung verhalten, in welchen sich dieselben befanden, und dann
nach der Menge jener Lösung, welche durch die Pflanzen
hindurchgehen. Die festen Stoffe bleiben in den Pflanzen zu-
rück, denn das Wasser wird verdunstet; nun können die ver-
schiedenen Säuren, welche in der Pflanze erzeugt sind, so wie
jene, welche von den Pflanzen aufgenommen wurden, das Spiel
ihrer Verwandtschaft treiben. Das Alter der Pflanze, das
Alter und der Lebenszustand der einzelnen Theile der Pflanze,
die Transpiration, welche an verschiedenen Theilen der Pflanze
verschieden ist, und der Grad der Lösbarkeit der zu krystal-
lisirenden Substanzen, das Alles sind Momente, welche das
verschiedenartige Auftreten der Krystalle in den Pflanzen er-
klären. In den Zellen, worin Sauerkleesäure enthalten ist, da
werden sich die sauerkleesauren Kalkkrystalle bilden; das
Amylujn mufs hier fehlen, wenn die Kleesäure schon vor
dem Eintritte der Kalkerde in der Zelle enthalten war, denn
dasselbe wird durch! langsame Einwirkung von Säuren in Zucker
u. s. w. umgewandelt. So möchte man die bewunderungs-
würdige Erscheinung erklären können, w^elche Herr Unger
(1. c. p. 5.) anführt: „yimylum, grüngefärbte Zellensaftkügel-
chen, gefärbter Zellensaft, Zellen mit Krystallen u. s. w. Alles
dieses tritt häufig in den einzelnen, aber neben einander lie-
genden Zellen auf, und in den Zellen selbst sieht man nicht
den Grund dieser verschiedenen Bildungen."
Herr Unger gedenkt der grofsen Schwierigkeiten, welche
sich dem Beobachten der Krystallformen entgegensetzen, hat
aber von mehreren Pflanzen, als der Strelitzia Regina , Pa-
pyrus antiquorum, Rheiim midulatum, Yucca gloriosa,
Musa paradisiaca und M. coccinea und der Maranta z,e-
hrina die verschiedenen Formen der darin enthaltenen Kry-
stalle abgebildet und diesen Punkt mehr krystallographisch
behandelt. Mehrere dieser Angaben stimmen mit meinen Be-
obachtungen nicht überein, die nächste Zeit wird die Richtig-
keit der einen oder der anderen zeigen, mir scheint es aber,
dafs sich hier ein reiches Feld für den Krystallographen er-
öffiiet, daim unzählbar sind oftmals die schönsten KrystalJe
35
mit allen ihren Abänrleriingen in einer imd derselben Pflanze.
Die Krystalle von geschobener Form, welche Herr Unger
aus der StrelUzia Regina abgebildet hat, so wie die meisten
in Mnranthe zebrina und im Marko der Peperomien und
Piper-Arten bestehen aus Gyps; in letzteren Pflanzen fand sie
Referent neben den Krystallen von kleesaurem Kalke.
Als Anhang zu der Abhandlung über Krystallbildungen
in den Pflanzen, hat Herr Unger auch Einiges über die
Milchsafts- oder Lebenssafts-Gefäfse der Pflanzen mitgetheilt,
und er verspricht dabei gelegentlich zu zeigen, was es über-
haupt mit der Art von Saftbewegung, welche in jenen Ge-
fafsen stattfindet, für eine Bewandtnifs habe. Wahrscheinlich
wird Herr Unger diese noch immer unbegreiflich gebliebene
Erscheinung zu erklären im Stande sein. Auch glaubt Herr
Unger durch seine Beobachtungen den Streit über die Selbst-
ständigkeit der Milchsaftgefäfse beendet zu haben und zwar
durch folgende Angaben. „Die Milchsaftgefäfse sind nur ein
Theil der Gefäfsbündel (es werden danmter jene Bündel von
Elementarorganen verstanden, welche bei den meisten Pflanzen
verholzen und deshalb auch Holzbündel heifsen), sie bilden
zwar ein, durch häufige Anastomosen zusammenhängendes Sy-
stem von saftführenden Kanälen, sie scheinen jedoch näher
dem Parenchyme, als dem Systeme der Gefäfsbündel verwandt
zu sein." Für diese Ansicht sollen sprechen : einmal die Lage
dieser Gefäfse im Rinden- und im Markkörper, und zweitens
die Genesis der eigenen Gefäfse. Die Genesis dieser Gefäfse
beruht jedoch auf folgenden Beobachtungen: Herr Unger hat
auf einem Längenschnitte aus dem Marke von Ficus henga-
Icnsis, welcher auch in Fig. 1. zu der Abhandlung über die
Krystallbildungen in den Pflanzen dargestellt ist, mehrere, per-
pendiculär übereinander gestellte Parenchymzellen beobachtet,
welche sich durch ihren Inhalt, der dem der übrigen Milch-
saftgefäfse dieser Pflanze glich, von den angrenzenden Zellen
imterschied. Offenbar, sagt Herr Unger, kann man dieses
für nichts anderes, als für den Anfang eines Lebenssaftgefäfses,
das wahrscheinlich in diesem Falle eine neue Anastomose zwi-
schen zwei, der Länge nach verlaufenden Stämmen zu bewerk-
stelligen sucht, halten, und die, noch als zarte Zwischenwände
3*
36
erscheinenden horizontalen Zell wände, als jene Theile, welche
im weiteren Fortgange der Entwickelnng nach und nacli obli-
teriren. Bald darauf nennt Herr Unger diese Angaben und
Vermuthungen eine Entwickelungsgeschichte der Lebenssaftge-
fäfse^ und glaubt, dafs sich die Bildung der Spiralröhren eben
so verhalten.
. Ref. Beobachtungen über diesen Gegenstand stehen den
Vermuthungen des Herrn Unger ganz entgegen; in der frü-
hesten Zeit sind die Wände jener Gefäfse noch nicht wahr-
nehmbar, und in ununterbrochenen Strömen befindet sich c>er
Milchsaft gleichsam zwischen den Zellen: später erst werden
die Wände dieser Gefäfse unmer dicker und unterscheiden
sich dadurch immer deutlicher von den angrenzenden Zellen-
wänden, ja in einzelnen Theilen der Pflanzen, wie z. B. im
Wurzelstocke u. s. w., werden sie durch die angrenzenden
Zellen mit mehr oder weniger starken Einschnürungen verse-
henen, so dafs dadurch selbst solche Formen entstehen, welche
Herr C. H. Schultz unter gegliederten Gefäfsen versteht.
.„Da sich diese Lebensgefäfse," sagt Herr Unger, „aus
•Zellen heranbilden, so müssen nothwendig auch die Eigentliüm-
lichkeiten in Betreff der Struktur der Wände derselben auf
diese Gefäfse Anwendung finden. So wie man nun die Zell-
wand aus zwei, mehr oder weniger verwachsenen Lamellen
(oder nach meiner Ansicht aus einem ursprünglich einfachen
allmälig in zwei Lamellen zerfallenden Membran) ansehen
kann, so kann man auch den Lebenssaftgefäfsen einen nur die-
sen zukommenden Bestandtheil seiner äufseren Umgrenzung
kaum absprechen u. s. w."
Ref. hat sich in seinen Schriften: Ueber die Secretions-
organe der Pflanzen (Berlin 1837 4.), und in der Pflanzen-
Physiologie (U. S. 370 — 428.), über diesen Gegenstand etwas
deutlicher ausgedrückt; er glaubt, dafs die Botaniker die eige-
nen Wände der Milchsaftgefäfse anerkennen müssen, weil die-
selben in der Natur vorhanden sind, und sich Jedem sichtbar
zeigen, der darnach sucht; hat aber Herr Unger die Bewe-
gung des Saftes innerhalb der Gefäfse von Ficus hengalensis
noch nicht gesehen, so wird er dieselbe wohl noch künftig
bemerken, denn sie ist darin wirklich vorhanden.
37
Herr Mandl *^) hat einige Resultate seiner Untersuchun-
gen über den Milchsaft der Pflanzen bekannt gemacht, welche
die Aufmerksamkeit der Gelehrten . im hohen Grade auf sich
ziehen müssen. Herr Mandl will nämlich gefunden haben,
dafs der Milchsaft fast aller. Pflanzen Infusorien von verschie-
<lener Form enthalte. In den Euphorbien sollen diese Infu-
sorien sehr ausgebildet sein, doch aus der Beschreibung der-
selben geht leider hervor, dafs Herr Mandl nicht Infusorien,
sondern die, schon von R ahn ^^) entdeckten Stäbchen, welche
meistens aus Amylura bestehen, gesehen hat. Die Bewegun-
gen dieser Amylum-Stäbchen und Krümmungen, welche Herr
Mandl beobachtet haben will, sind aber in der Natur nicht
vorhanden. Ref. hat kürzlich die auffallendsten Formen die-
ser Amylum-Stäbchen der Euphorbien abgebildet ^^).
üeber den Milchsaft des berühmten Kuhbaums von Süd-
amerika sind durch Herrn Solly jun. ^^) neuere Nachrich-
ten publicirt worden. Man fand in der Nahe von Caracas
riesenhafte Kuhbäume, deren glatter Stamm 60 Fufs Höhe
zeigte, während sich die Krone, 40 Fufs hoch erhebend, mit
24 Fufs langen Aesten nach allen Seiten hin ausbreitete.
Machte man Einschnitte in die Rinde, welche bis zum Holze
eittdrangen, so strömte die schneeweise Flüssigkeit aufseror-
dentlich schnell hervor, so dafs in einer Viertelstunde eine
ganze Flasche mit Saft gefüllt wurde. Die Gefäfse, welche
diese Milch führen, sitzen in der inneren braunen Schicht der
Rinde. Die Milch jenes Baumes war nach England gesendet
und durch Herrn Solly näher untersucht; sie war aber offen-
bar gröfstentheils verdorben, und bestand aus 62 Theilen Was-
ser und Essigsäure, 30,5 Galactin und etwas Gummi, Gluten
u. s. w. Mit dem Namen Galactin hat Herr Solly jene
wachsartige Substanz belegt, welche in der Milch des Kuli-
baumes in so grofser Menge enthalten ist; man hielt dieselbe
für gewöhnliches Pflanzen wachs , sie unterscheidet sich aber
29) L. Institut, de 1837. jmg. 127.
30) S. unscrn zweiten Jahresbericht S. 32.
31) S. dessen Pflanzen-Physiologie IL Tab. IX,
32) On the Pah de Vaca or Cow Tree of South America —
TAe London and Edinh. Philos. Magaxine 1837. //. pa^r. 452.
38
vom Bienenwachs durch mehrere sehr auffallende Erscheinun-
gen. Galactin wird durch kalte Schwefelsäure aufgelöst und
durch heifse sogar zersetzt; es bildet mit Salpetersäure keine
Kleesäure.
Herr Aug. de Saint-Hilaire ^ ^} hat einen Auszug aus
Herrn C H. Schultz Schrift über die Lebenssaft-Gefäfse,
welche die Akademie der Wissenschaften zu Paris im Jahre
1833 mit dem Preise beehrte, bekannt gemacht; der Auszug
enthält wenig Neues, was nicht schon früher von Herrn
Schultz publicirt wäre, und da wir dem Erscheinen jener
berühmten Originalarbeit noch in diesem Jahre entgegen sehen
können, so halte ich es für zweckmäfsigen, erst im nächsten
Berichte meine Ansichten über "die Resultate derselben vor-
zulegen.
Es ist bekannt, welchen hohen Werth Herr Schultz den
Milchsaft- oder Lebenssaft- Gefäfsen der Pflanzen beilegt; es
ist aber noch bekannter, dafs die übrigen Botaniker diesen
Ansichten nicht beistimmen, ja wir wissen, dafs selbst die aus-
gezeichnetsten Physiologen unserer Zeit die wichtigsten Punkte
der Lehren des Herrn Schultz über den genannten Gegen-
stand gänzliöh bestritten haben. Referent war bisher der ein-
zige Beobachter, welcher die Angaben über die Bewegung diBS
Milchsaftes und über das Vorhandensein eines eigenthümlichen
Gefäfssystems, wie es Herr Schultz, und mehrere Andere vor
ihm gelehrt haben, gegen ungerechte AngrilBfe vertheidigt hat;
weiter ging derselbe in jene Lehre von der Circulation in den
Pflanzen nicht ein, denn seine eigenen Beobachtungen weichen
fast beständig von jenen des Herrn Schultz ab. Bei diesem
so ganz allgemeinen Widerstände der Physiologen, welche sich
mit ähnlichen Untersuchungen beschäftigen, lehrt Herr Schultz
dennoch immer, dafs man die Pflanzen eigentlich erst nach
seinen Entdeckungen über das Circulations-System naturgemäfs
eintheilen könne, wie dieses denn auch in seinem Systeme der
Pflanzen ausgeführt worden ist. Referent ersieht dieses wenig-
stens aus einer Lobpreisung jenes Systemes, welche ein Schü-
ler des Herrn Schultz, ein Studierender aus England, Ch.
S n mit Namen, in Form einer sogenannten Recension
33) A/m. des scicnc. naturelles 1837 /. pag. 257.
f , 39
'S
von Meyen's Neuem System der Pflanzen-Physio-
logie I. Berlin 1837, im Noveniber-IIefte der Jahrbücher
für wissenschaftliche Kritik von 1837 public irt hat. In dieser
Arbeit des Ungenannten wird ziemlich deutlich ausgesprochen,
dafs des Ref. System der Pflanzen-Physiologie eigentlich deshalb
seinem Zwecke nicht entspreche, weil es von der Anwendung
der Entdeckungen des Herrn Schultz auf die Begründung
eines natürlichen Pflanzen-Systems keine Notiz nimmt. Als
erklärenden Zusatz führe ich zu Obigem nichts weiter an, als
dafs Herr Schultz bei der Redaction der genannten Jahrbü-
cher bedeutenden Antheil hat.
Ueber die Brauchbarkeit eines Systemes der Pflanzen^
mag es auf wirkliche oder auf angebliche anatomische oder
physiologische Entdeckungen begründet sein, kann nur das
ürtheil der Systematiker gelten, und diese, ich führe nur Herrn
De CandoUe an, haben sich gänzlich gegen jenes System des
Herrn Schultz ausgesprochen.
Anatomische Beobachtungen über die Elementar-
Organe der Pflanzen.
Herr ünger^*) hat in den Gattungen Helosis undLangs-
dorfia äufsert dickwandige Parenchym-Zellen mit grofsen und
verästelten Tüpfelkanälen beobachtet; bei Helosis hrasäiensis
wurden in solchen verdickten Zellenwänden 13 Schichten ge-
zäldt, und bei Langsdorßa hypogaea sogar 30 verschiedene
Schichten, welche von den Tüpfelkanälen, deren Durchmesser
von 0,0017 — 0,0652 Wiener Linien gemessen, durchschnitten,
sehr zierlich abgebildet worden sind. Die Verästelung solcher
Tüpfelkanäle ist jedoch schon früher durch Referenten bekannt
geworden. Herr Unger ist der Meinung, dafs solche dick-
wandige Zellen in den meisten Pflanzen vorkommen, w^ährend
Referent dieselben nur bei einem, verhältnifsmäfsig sehr klei-
nen Theile von Pflanzen finden kann. Einige Fälle, wo diese
dickwandigen Parenchym-Zellen unter sehr auffallenden Ver-
hältnissen auftreten, sollen hier aufgeführt werden. Refe-
34) Beiträge zur Kenntnifs der parasitischen Gewächse. — Amia-
len des Wiener Museums IL S. 38.
40
rcnt ^^) machte die Beobachtung, dafs die harten Massen der
sogenannten Versteinerungen im Innern der Birnen, aus melir
oder weniger grolsen Anhäufungen solcher dickwandigen Zel-
len bestehen, ähnlich denjenigen, welche Herr Mo hl in der
Hoya carnosa entdeckte. Die Wände dieser Zellen verdik-
ken sich zuweilen so stark, dafs die Höhle in denselben fast
ganz verschwindet , und die Masse wird mehr als hornartig
hart, und ist für Menschen unverdaulich. Schon Du Hamel
{Buch 111. Cap. 2.) hat über das Vorkommen der Steine in
den Birnen einen sehr weitläuftigen aber sehr reichhaltigen
Bericht gegeben; es sind hiernach die Steine durch die ganze
Substanz der Birne verbreitet, aber ihr Auftreten soll niclit
zufällig sein, -©as Auftreteu dieser harten Massen wird von
Du Hamel sehr umständlich beschrieben, doch, wie ich glaube,
genauer als es sich in der Natur zeigt. Diese Substanz, sagt
Du Hamel scheint sich in feine weifse Körner zu theilen, die
etwas durchsichtig bleiben, so dafs man einige Gefäfse wahr-
nehmen kann, die sich in denselben verästeln. Diese feinen
Körner sind nun die einzelnen Zellen mit verdickten Wänden,
und die verästelten Gefäfse in denselben zeigen sich mit un-
seren gegenwärtigen Mikroskopen als verästelte Kanäle in der
Substanz der Zellwände. Besonders beachtenswerth möchte es
jedoch sein, dafs das weiche Zellgewebe rund um die gröfse-
ren harten Massen mehr oder weniger strahlenförmig anein-
ander gereiht ist.
Die Parenchym-Zellen von Eriophorum vaginatiim sind
an ausgewachsenen Exemplaren zur Herbstzeit schon im All-
gemeinen sehr dickwandig, aber an den Enden der Strahlen
des sternförmigen Zellengewebes, welches die Querwände in
den Luftkanälen dieser Pflanze bildet, treten noch ganz beson-
dere Verdickungen auf, durch welche sich' die Enden der
Strahlen gegenseitg verbinden ^^), und auch in diesen Ver-
dickungen sind eine Menge von einfachen und verästelten
Tüpfelkanälen vorhanden, durch welche die Communication in
den aneinander grenzenden Zellen erleichtert wird. Die For-
35) Neues System der Pflanzenphysiologie. Berlin 1837. I.
^. 25.
36) S. ebendaselbst I. S. 305. Tab. II. F. 5-8.
r . 41
men dieses steriiföniiigen Zollengewebes, welche durch diese
Verdickungen der Strahlenenden entstehen, gehören zu den
interessantesten, welche bis jetzt beobachtet sind.
Selbst in den ]5hinienblättern treten verdickte Parenchym-
Zellen im Innern der weichen Substanz auf, und diese sind,
wie z. 13. bei der Magiiolia graiidifloray überaus reich an
Tüpfel und oft sehr unregelniäfsig geformt.
Dergleichen Zellen mit verdickten Wänden, nur etwas
langgezogen, fand Herr Unger an den Rändern der llolzbün-
del von Ilelosis und Langsdorfia; er nennt sie Prosenchym-
Zellen, doch ich glaube, dafs es nur langgestreckte, dickhäu-
tige Parenchym-Zellen sind, ganz ebenso wie diejenigen, welche
an den Seiten der llolzbündel gewöhnlicher Monocotyledonen
vorkomujen, die ich aber ebenfalls nicht für Bastzellen halten
kann. Bei Langsdorfia sind nur 5 — 8 solcher dickwandigen
Zellen zu einem Bündel vereinigt, doch bei Ilelosis sind sie
halbmondförmig an der innern Seite des Bündels gela-
gert, während bei Langsdorfia der ganze Schaft, sowohl in-
nerhalb als aufserhalb des Gefäfskreises von denselben zahl-
reich durchsetzt wird. Herr Unger glaubt, dafs hierdurch
eine Aehnlichkeit in der Struktur des Stammes von Helosis
und Langsdorfia mit derjenigen des Farrnstammes zu begrün-
den sei. Anastomosirende Holzbündel, welche diesen Parasi-
ten zukommen, findet Referent aber auch im Pandanus-
Stamme.
Das Vorkommen der Spiralröhren in allen wahren Para-
siten ist gegenwärtig schon bekannt, und Herr Unger hat sich
von ihrem Vorkommen ebenfalls überzeugt. Die Spiralröhren
der Rhizantheen gehören meistens zu den netzförmigen und
getüpfelten und sie sind kurzgegliedert.
Referent lieferte eine Abhandlung: Ueber die Epidermis
der Gewächse^''), worin er hauptsächlich dasjenige zusam-
menstellte, was wir heutigen Tages über die Struktur dieses
Gegenstandes wirklich wissen. Es wurde nachgewiesen, dafs
schon Ludwig die Cuticula kannte und zuerst diesen Namen
aufstellte; dafs ferner dieser Begriflf in der Pflanzen-Anatomie
zwar beibehalten werden müsse, dafs aber die Cuticula durch-
37) Siehe dieses Archiv's 3ten Jahrganges Iten Band, S. 211— 228-
42 ,
aus keine eigene Membran ist, welche etwa die Oberfläche
der Epidermis-Zrellen überziehe oder gar, wie es Herr Va-
lentin darzustellen sich bemühte, für eine Intercellularsub-
stanz zu erklären sei. Ref. wies Fälle nach, in welchen man
deutlich sehen könne, dafs auch die Cuticula, möge sie noch
so dick sein, aus den oberen Wänden der Epidermis-Zellen
zusammengesetzt sei, denn man sieht die seitliche Vereinigungs-
linie jener Epidermis-Zellen durch die Cuticula durchlaufen,
und zwar ganz genau bis zur Oberfläche. Am ausgezeichnet-
sten ist dieses auf jedem gut geführten Querschnitte der Blät-
ter von Aloe candicans zu sehen. Auch hat Referent auf eine
Spaltöffnung aufmerksam gemacht ^^), welche der Cuticula
angehört und unmittelbar über der rechten Spaltöffnung der
Hautdrüse gelagert ist. Bei den Gattungen Aloe und Agave
findet sich diese eigenthümliche Bildung ganz allgemein, ich
nenne sie die Vorspalte; zwischen ihr und der wahren Spalte
der Hautdrüse ist noch ein, mehr oder weniger grofser Raum
befindlich, der ebenfalls mit Luft gefüllt ist und sich durch
die Spaltöffnung in die Athemhöhle fortsetzt.
Referent ^ ^) machte auf einige Eigenthümlichkeiten in
der Epidermis verschiedenen Orchiden aufmerksam. Bei Pleu-
rothallis und Stelis zeigt die Epidermis der Blätter eigenthüm-
lich gestaltete trichterförmige Grübchen, welche durch die
ganze Schicht der Epidermis-Zellen durchgehen und zuweilen
noch eben so tief in darunter liegende Zellenmasse hineinra-
gen. Pleurothallis und Stelis zeigen nur auf der unteren Blatt-
fläche Hautdrüsen mit Spaltöffnungen, jene Grübchen kommen
jedoch auf beiden Blattflächen vor; auf der oberen Fläche
häufiger als auf der unteren. Die Zellen, welche zunächst
bei der Bildung dieser Grübchen Antheil haben, sind meistens
mit grofsen Oeltröpfchen versehen, zuweilen finden sich solche
Oeltröpfchen fast in allen Zellen der Epidermis der oberen
Blattfläche. Da Referent beobachtet zu haben glaubte, dafs
jene Grübchen nicht geschlossen, sondern offen wären, und
also eine offene Communication zwischen der atmosphärischen
38) Siehe Pflanzen-Physiologie. Tab. V. Fig. 1. bei o. und Fig. 3.
bei n.
39) Siehe dieses Arclüv's dritten Jalirganges Isten Theil S. 421.
43
Luft und dem Diachyme des Blattes veranlassen könnten, so
wollte er dieselben, als Stellvertreter der Spaltöffnungen an-
sehen. Herr Seh leiden hat aber im darauf folgenden Hefte
dieses Archiv's, welches freilich schon in diesem laufenden
Jahre erschienen ist, nachgewiesen, dafs die meisten jener
Beobachtungen theils unrichtig, theils unvollständig sind. Herr
Seh. sah nämlich, dafs die Grübchen nicht offen, sondern etwas
über ihrer Mitte durch eine Membran geschlossen sind. Fer-
ner sah Herr Seh;, dafs die dem Grübchen anliegenden Epi-
dermiszellen eigenthümlich angeordnet sind, und endlich, dafs
diese, dem trichterförmigen Grübchen zunächst liegenden Zel-
lenwände ein netzförmig poröses Ansehen erhalten, was durch
Abbildungen verdeutlicht wird.
Herr Seh. bringt diese Gebilde in Verbindung mit den
Grübchen, welche bei verschiedenen Pflanzen durch das Ab-
fallen der Haare entstehen, womit die Blätter so häufig in der
Knospe bekleidet sAid. Ganz ähnliche Bildungen, meint Herr
Seh., hätte Ref. schon früher auf der unteren Blattfläche der
Nymphaea odorata gefunden, wozu aber von ihm schon
1833 die Bildungsgeschichte verfolgt wäre. Herr Seh. fand
nämlich, dafs die Blätter von Nuphar luteum so lange sie
in der Knospe ruhen mit langen seidenartigen Haaren beklei-
det sind, welche später abfallen und dann offene Grübchen
zeigen, welche wie eingestreute runde Zellen erscheinen. Ref.
hat gegenwärtig keine Blätter jener Pflanze zur Hand, doch
an den Bälttern der von ihm untersuchten Nymphaeen, d. iV.
odorata y coerulea, alba (auch die kleine Varietät), findet
jene gegebene Erklärung des Herrn Seh. leider nicht Anwen-
dung. Jene runden Zellen auf der unteren Blattfläche der
genannten Nymphaeen sind schon in den Knospen zu bemer-
ken und ihre äufsere Wand ragt etwas gewölbt über der
Fläche der Epidermis hervor ; eine ähnlich geformte Zelle liegt
unmittelbar unter jeder dieser runden tafelförmigen Zellen,
und beide zusammen haben gewöhnlich einen gleichen Ilöhen-
durchmesser, als die angrenzenden Epidermis-Zellen. Jene
runden Zellen auf den Nymphaen-Blättern vergleicht Ref. mit
den von ihm auf den Blätteru von Zea Mays *''), von Sac-
40) Physiologie I. Tab. V. F. 20.
44
charwn officinarum u. s. w. beobachteten ähnlichen Zellen,
welche zuweilen in Haare aus wachsen, in den meisten Fällen
aber unausgewachsen zurückbleiben. Auch .muls es sich bei
den Nymphaeen ähnlich verhalten, denn einige derselben zei-
gen auch im ausgebildeten Zustande behaarte untere Blatt-
flächen.
Die Untersuchung der Blätter von Fleurothallls ruscU
folla in verschiedenen Entwickelungs-Stufen, welche erst kürz-
lich möglich wurde, lehrte meinen Irrthum verbessern, zeigte
aber auch, dafs Herr Schi ei den bei seinen, sonst sehr rühm-
lichen Beobachtungen ebenfalls übersehen kann. Jene eigen-
thümlichen Bildungen auf der Epidermis der Blätter von
Fleufothallis , deren Schliefsung durch eine Querwand Ref.
übersehen und daher auch falsch gedeutet hatte, erhalten ih-
ren Ursprung durch einfache gestielte Drüschen, welche zuerst
als einfache Zellen aus der, dicht unter Jer Epidermis gele-
genen Zellenschicht hervortreten. Die Epidermis ist in die-
sen Fällen wirklich durchbrochen, ja die Cuticula begleitet
die Fläche der trichterförmigen Vertiefung, welche durch
diese Durchbrechung entstanden ist, bis weit in die Tiefe
hinab, aber nicht bis auf den Grund, wie es Herr Schieiden
dargestellt hat. So wie nun in anderen Fällen dergleichen
Durchbrechungen der Epidermis -Zellenschicht durch diellaut-
drüsen mit ihren Spaltöffnungen verschlossen werden, so ge-
schieht bei Fleurothallls die Schliefsung jener trichterförmi-
gen Durchbrechung vermittelst der einfachen Drüschen. Bei
dem ersten Auftreten im ganz jungen Blatte, zeigt sich das
Drüschen, als eine einfache Zelle, welche nur wenig länger,
als die vertikale Höhe der Epidermis -Zellen ist, und an dem
über die Fläche der Epidermis hinausragenden Ende stark
keulenförmig angeschwollen ist; die Form derselben ist dann
ähnlich den Drüsen auf Hellehorus foetidiis. Etwas später
schnürt sich, durch Bildung einer Querwand, die keulenför-
mige Anwellung ab, welche noch längere Zeit hindurch als
eine blasenförmige Zelle sitzen bleibt, zuweilen sich auch
durch eine Längenschei*lewand nochmals theilt, später aber
immer abfällt, worauf dann der Stiel in der trichterförmigen
Durchbrechung der Epidermis zurückbleibt, dessen Zellenwand
mit der umschliefsendcn Fläche der Cuticula später sehr innig
45
verwächst. Nicht seiton theilt sich diese als Stiel gediente
Zelle durch Bildung von Querwänden nochmals in zwei oder
auch in drei kleinere Zellen, was jedoch sehr selten ist. Die
Absonderung eines öligen Stoffes fuidet in dem zurückblei-
cendcn Stiele, wie auch in den angrenzenden Zellen, bald
mehr, bald weniger reich statt, und die eigenthümliche Stel-
lung einiger kleinen Zellen um den Grund des Drüsenstiel-
chens (welche stets durch spätere Theilung der gröfseren
entstehen), ist ähnlich, wie an der Basis vieler Haare, welche
sich mit derselben über die Oberfläche der Pflanzen erheben.
Auch fand Ref. auf einem ganz jungen Blatte einen solchen
ganzen Drüsen -Apparat, wie er gewöhnlich zwischen den
Epidermis-Zellen von PleurothalUs sitzt, über die Fläche des
Blattes hinausgeschoben.
Herr Mo hl hat eine Abhandlung: Ueber den Bau der
porösen Gefäfse der Dicotyledonen '*^) geliefert und über den-
selben Gegenstand hat Ref. im fünften Capitel seiner Pflanzen-
Physiologie gehandelt, doch werden jene porösen Gefäfse von
Letzterem getüpfelte Spiralröhren genannt.
Herr Mo hl stellt zwei Abarten von getüpfelten Spiral-
röhren auf; bei der einen derselben finden sich die Wände
gleichmäfsig auf allen Seiten mit Tüpfel besetzt, oder mit Po-
ren, wie Herr Mo hl sagt; die Eiche, der Hollunder u. s. w.
geben hiezu Beispiele, während bei der anderen Abart jene
Röhren an verschiedenen Stellen einen gänzlich verschiedenen
Bau zeigen, wie bei der Linde, der italienischen Pappel und
überhaupt bei sehr vielen anderen Hölzern. Bei der Linde
zeigen diejenigen Wände dieser Röhren, welche an die Holz-
z<?llen anstofsen das Ansehen abrollbarer Spiralröhren, wäh-
rend die anderen Wände, womit diese Gefäfse unter sich zu-
sammenstofsen, die Tüpfelreihen zeigen, welche jedesmal
zwischen zwei Spiralfaserwindungen liegen. Es erhellt also
aus diesen Beobachtungen, sagt Herr Mohl, dafs die getüp-
felten Spiralröhren zum Systeme der Spiralröhren gehören,
und dafs das Wesentliche ihrer Bildung darin besteht^ dafs
zwischen den Windungen der Spiralfaser eine Haut ausge-
41) S. Abhandlungen der mathem. physik. Klasse der Akad. dier
Wissensch. zu München. 1837. I. S. 445 — 462 mit einer Tafel.
46 *
spannt ist, auf welcher zwischen je zwei Fasern eine Reihe
von Tüpfeln liegt. Nach Ref. Ansicht sind jedoch alle die
Windungen der Spiralfasern von einer feinen Haut umkleidet
und |an der Bildung der Tüpfel nehmen die Spiralfaserwin-
dungen durch gegenseitiges Verwachsen einigen Antheil. Zur
Beweisführung, dafs die getüpfelten Spiralröhren zu dem Sys-
tem der wirklichen Spiralröhren gehören, hat Ref. einen Fall
aus dem Kürbifs- Stengel angeführt, wo zuweilen diese gro-
fsen Spiralröhren nicht in getüpfelte metamorphosiren, was
sie sonst ganz gewöhnlich daselbst thuen.
Die Verdickung der Membran der Spiralgefafse durch An-
lagerung neuer Schichten auf ihrer inneren Fläche, ähnlich
wie bei der Verdickung der Zellenmembran, findet HerrMohl
nicht unwahrscheinlich, und dieselbe ist auch durch Ref. in
mehreren Fällen wirklich beobachtet, wozu die Abbildungen
in Fig. 15. und 16. Tab. III. der Physiologie Belege geben.
Auch in der Erklärung des Baues der Tüpfel, dafs dieselben
nämlich ganz ebenso wie die grofsen Tüpfel im Coniferen-
und Cycadeen- Holze gebildet sind, stimmt Herr Mohl und
Ref. ganz überein, wie es auch, bei der Anwendung so voll-
kommener Mikroskope, nicht anders zu erwarten ist, denn
die meisten der fehlerhaften Beobachtungen aus früheren Zei-
ten sind nur d6n schlechten Mikro^open damaliger Zeit zu-
zuschreiben.
Herr Mohl vergleicht die Entwickelung der porösen
Gefäfse mit der Entwickelung der Zellen, indem Reihen von
dünnwandigen, zellenähnlichen Schläuchen die Grundlage der-
selben ausmachen, w^orin öich dann die Spiralfasern bilden. Herr
v. Mirbel hat schon eine ähnliche Ansicht, dafs sich nämlich
Gefäfse aus Zellen bilden, aufgestellt, und die Beobachtung
der porösen Röhren in den frühesten Zeiten ihrer Entwicke-
lung soll es erweisen; um diese Zeit finden sich häufig die
einzelnen Schläuche vollkommen geschlossen, und es ver-
schwinden die dünnhäutigen Querwände erst später, während
sie sich in manchen Fällen für die ganze Lebensdauer der
Pflanze erhalten, aber eine, von dem Baue der Seitenwände
verschiedene Structur annehmen, wie es schon bei verschie-
denen Pflanzen nachgewiesen worden ist. Ref. kennt sehr
wohl die Fälle, welche die Beobachter zu den obigen Ansich-
47
ten bringen können, aber er kennt auch sehr viele Fälle, in
welchen sich eigentlich das Gegentlicil bcobacliten lädst, wo
nämlich sowohl die einfachen, als die metamorphosirten, unun-
terbrochenen Spiralröhren im Verlaufe der Ausbildung durch
Einschnürungen und Abschnürungen sich mehr oder weniger
vollständig theilen und aneinandergereihte Glieder bilden.
Die Querwände der einzelnen Glieder der metamorpho-
sirten Spiralröhren sind entweder durch eine sehr grofse Oeflf-
nung durchbrochen oder durch eine Menge von Spalten und
länglichen Poren; ja selbst die schiefen Querwände der gro-
fsen getüpfelten Röhren im Holze der Ephedra- Arten sind
durchbrochen und zwar durch die grofsen runden Löcher,
welche auf denselben meistens in zwei parallel gestellten Rei-
hen vorkommen. Herr Mo hl macht darauf aufmerksam, dals
die Phytotomen diese Querwände für Seitenwände jener Röh-
ren angesehen haben, woran aber ebenfalls nur die schlechten
Instrumente Schuld sein möchten, denn die Neigung dieser
Querwände zu den Seitenwänden ist so äufserst gering, dafs
man sie ebensowohl als schräg verlaufende Endflächen dieser
Prosemchym- Zellen ansehen kann, womit die übereinander-
gestellten Zellen in Verbindung stehen; Ref. hat sich wenig-
stens für diese letztere Ansicht -erklärt. Das Verschwinden
der Querwände in den getüpfelten Spiralröhren sei, wie Herr
Mo hl glaubt, mit der Bilchmg der Milchsaft -Gefälse zu ver-
gleichen, welche ebenfalls aus übereinander stehenden Zellen
entstehen sollen, wie es Herr € n ger (S. oben S. 35) selbst durch
eine Abbildung wahrscheinlich izu machen gesucht hat. Ueber
diesen Gegenstand herrschen nun aber die verschiedensten
Ansichten, welche sich ebenso schroff entgegenstehen wie die
über die Metamorphose der Spiralröhren. Nach Herrn C. H.
Schultz entstehen Abschnürungen und Gliederungen der
Milchsaft- Gefäfse mit vorschreitendem Alter der Pflanze; in
der Jugend wären diese Gefäfse jedoch .ungegliedert. Nach
meinen Untersuchungen sind die Milchsaft- Gefäfse weder in
der Jugend noch im Alter mit Querwänden versehen, zeigen
aber im letzteren Zustande einige Einschnürungen, welche
von äufseren Verhältnissen abhängig sind. Nach Herrn Mohl
entstehen die continuirlichcn Milchsaft -Gefäfse aus Zellen,
deren Querwände verschwinden, wogegen sich jedoch Referent
48
in Folge vieler Untersuchungen dieses Gegenstandes gauz ent-
schieden erklärt.
Der Unterschied zwischen den getüpfelten und den netz-
förmigen Spiralröhren besteht nach Herrn Möhl darin, dafs
bei den Letzteren der zur weiteren Ausbildung der Gefäfse
verwendete organische Stoff sich nicht als Haut zwischen den
Windungen des Spiralfadens ablagert, sondern dafs derselbe
zur Vergröfserung des Spiralfadens selbst, sowohl in Hinsicht
auf seine Dicke, als auch auf seine Breite verwendet wird.
15ei den getüpfelten (porösen) Spiralröhren der Dicotyledonen
dagegen wird dieser Stoff unter der Form einer Membran
zw\schen den Windungen"^ der Spiralfaser auf die ursprüngliche
Haut des Gefäfses abgelagert.
Auch diesen Angaben kann Ref. nicht beistimmen, die Ver-
dickung der Wände jener beiden Metamorphosenstufen der
Spiralröhren geschieht auf ganz gleiche Weise, nur in der
Lagerung der einzelnen Windungen der Spiralfaser zu ein-
ander findet sich der hauptsächlichste Grund zu der Umwand-
lung in netzförmige Spiralröhren und in getüpfelte. Liegen
die Windungen der Spiralfasern weit auseinander, so können
dieselben nur in Ringröhren zerfallen oder sich in netzförmige
Spiralröhren metamorphosiren; liegen dagegen die Windungen
der Spiralfasern dicht neben einander, so können keine netz-
förmigen, sondern nur gestreifte und getüpfelte Spiralröhren
entstehen. Im Stamme der Cactus- Gewächse, im Blüthen-
schafte der Musa u. s. w. ist dieses ganz leicht zu bestätigen.
Ueber das Vorkommen von Spiralfasern und von Poren
in den Zellenwänden der Sphagnum- Blätter ist bekanntlich
schon sehr viel geschrieben und, wie es scheint, so wird sich
dieser Gegenstand erst im laufenden Jahre aufklären, und
zwar nur dadurch, dafs Ref. gegenwärtig die Ursache aufge-
funden hat, durch welche die verschiedenen Ansichten über
diesen Gegenstand bei verschiedenen Beobachtern hervorgeru-
fen worden sind. Es herrschte nämlich schon seit vielen Jah-
ren eine grofse Verschiedenheit in den Beobachtungen und in
den Ansichten über die Structur der Sphagnum -Blätter; Ref.
und viele andere Botaniker, hatten die faserartigen Gebilde,
welche auf der inneren Fläche der Zellenwände jener Pflan-
zen vorkommen für Spiralfasern, ähnlich denjenigen, welche
49
in (Ion Antheron-Zellen vorkommen. Herr M oh 1 dagegen er-
klärte jene Spiralfasern für partielle Verdickungen der Zellen-
wände, Imt jedoch gegenwärtig wohl ebenfalls die obige An-
sicht angenommen, woran anch nicht mehr zn zweifeln ist.
Anders verhält es sich jedoch mit den Beobachtungen über
das Vorkommen grofser runder Löcher auf den Wänden der
Sphagnum-Zellen; Moldenhaver hatte sie zuerst beobachtet,
Ref. dagegen bestritt ihr Vorkommen, welches aber durch
Ilerni Mohl von Neuem bestätigt wurde. Obgleich ich nun
immer von Neuem meine Sphagnum- Pflanzen vornahm und
selbst mit dem neuern Mikroskope von Ploessl beobachtete,
so konnte ich doch niemals die angegebenen Poren, wohl aber
entweder vollkommen gleichmäfsige Zellenwände sehen , wie
ich dieselben auch ganz richtig in meiner Pflanzen-Physiologie
I. Tab. III. Fig. 10 und 11. abgebildet habe, oder solche,
welche kreisrunde, warzenförmige Erhabenheiten besafsen, die
von der Seite gesehen ihre Hervorragung über die Fläche der
Zellen zeigten, aber von Oben gesehen blofse Kreise wahr-
nehiijen liefsen, welche den Umfang jener warzenförmigeJi
Erhabenheiten andeuteten. Diese Kreise wurden von Molden-
hawer und von Mohl für offene Löcher erklärt, während
ich dieselben stets geschlossen gesehen hatte, selbst wenn ich
die Zellenwände durch Jodine gelbbraun färbte. Gegen diese
Angaben hat Herr Mohl in einer besonderen Inaugural- Dis-
sertation *^) sehr umständlich und kräftig geantwortet und die
Gegenwart der Poren in den Zellenwänden des Sphagnum
abermals behauptet, indessen, wie ich es im vergangenen
Sommer zuerst bemerkte, so haben beide streitende Parteien
Recht und Unrecht. Eine sehr grofse Menge von Sphagnum-
Formen, und zu diesen gehört hauptsächlich das Sphagnum
acutifolium^ welches bei Berlin in so äufserst schönen Exem-
plaren wächst, zeigen ganz glatte und undurchbrochene Zel-
lenwände, und niemals habe ich in denselben Poren gefunden,
42) Anatomische Untersuchnngen über die porösen Zellen von
Sphagnum. Inaug. Dissertation von Ph. Schlayer. Juli 1837.
Tübingen 1837. Ich habe sowohl in dieser Dissertation , ajs in allen
den übrigen, welche in diesem, wie im vorigen Jahresberichte auf-
geführt sind, Herrn Prof Mohl als den Verfasser derselben an-
gesehen. Ref /
IV. Jahrg. 1. Ban.l. 4
50
obgleich ich sie wahrlich sehr oft beobachtet habe. Andere
Formen zeigen dagegen die warzenförmigen kreisrunden Erhe-
bungen auf den Zellenwänden und noch andere, wozu das
gewöhnliche Sphagmnn palustrc gehört, zeigen grofse kreis-
runde Poren in den Zellenwänden, welche durch Abspringen
jener Wärzchen entstehen '^^). Wenn man Spagnum-Pflänz-
€hen vor sich hat, welche jene Poren besitzen, so mufs man
im höchsten Grade ungeschickt im Beobachten sein, wenn
man diese grofsen Löcher der Zellenwände übersehen wollte.
Es geht also aus dem Vorhergehenden hervor, dafs man nicht
allgemein sagen dürfe, dafs die Zellenwände der Sphagnum
Pflanzen mit grofsen Poren durchbrochen sind, denn es giebt
dergleichen, welche bis zum Ende ihres Lebens ganz ohne
alle Poren bleiben.
Am Schlüsse der angeführten Abhandlung hat Herr Mo hl
noch verschiedene Bemerkungen gegen die Umwandlung der
Spiralfaser in Ringfasern mitgetheilt, eine Erscheinung, welche
er eine, durch keine Thatsache unterstützte, durchaus will-
kührliche Hypothese nennt, während diese angebliche Hypo-
these durch Ref. wieder von Neuem vertheidigt ist. Die ring-
förmigen Spiralröhren entstehen nur aus solclien einfachen
Spiralröhren, deren Wände aus einer einzelnen Spiralfaser
oder aus einigen wenigen bestehen; so sah Ref. bei einer ge-
meinen Bohnen -Pflanze eine Ringröhre, welche einer Spiral-
röhre von 2 Spiralfasern angehörte. Um das Unwahrschein-
liche jenes Zerfallen der Spiralfaser in bestimmte Enden,
welche die einzelnen Ringe darstellen können, nachzuweisen,
fragt Herr Mo hl, durch welche Kraft wohl ein solches Zer-
fallen der Spiralfaser vor sich gehen sollte. Indessen diese
Frage wäre wohl zu beseitigen, denn ein solches Zerfallen
einfacher fadenartiger Gebilde in gleich grofse Stücken, be-
sonders aber das Abschnüren derselben zu Glieder und zu
Sporen, können wir noch in Tausend anderen Fällen wirklich
beobachten. Aber auch das Zerfallen der Spiralfaser ist an
einzelnen Stellen wirklich zu sehen, wie z. B. im Cactus
cylindricus, wo die Spiralfasern, welche daselbst meistens
in Ringe zerfallen auftreten, sehr grofs sind; hier darf man
43) S. meine Pflanzen -Physiologie II. S.52.
51
nur mit den Spitzen eines Messers etwas nachhelfen und die
Spiralfaser zerroifst oder zerfallt in der dazu geeigneten Stelle,
welche stets dem anderen freien Ende entspricht, um damit
einen vollkommenen geschlossenen Ring zu bilden. Dafs das
Zerfallen der Spiralfaser nicht so unter unseren Augen vor
sich geht, wie so viele andere ähnliche Erscheinungen, das
liegt offenbar nur darin, dafs dieser Prozefs schon bei der
frühesten Bildung der Spiralröhren vor ^ich geht, und die
Bildung der Spiralfaser hat Auch noch Niemand beobachtet.
Wenn man die schönen einfachen Spirah'öhren im Stengel
der Tradescantien und der gemeinen Bolme QVicia Faba)
auf lange Strecken hin untersudit, so wird man sehen, dafs
im Verlaufe der vollkommenen Spiralrohre einzelne kleine
Stellen vorkommen, wo die Spiralfoser in Ringe umgewandelt
ist; ja uHter diesen Ringen sind oftmals wieder einige, welche
noch aus 2 oder 3 Windungen der Spiralfaser bestehen, und
man kann es ihnen beinahe anseheU, dafs sie sich durch Ab-
lösen von der allgemeilfen Spifalfaser ^bildet haben.
Herr Cor da**) hat die interessante Entdeckung ge-
macht, dafs die Sporenträger der Gattung Trichiu mit den
Schleuderern der Lebermoose einen und denselben Bau haben,
dafs es also lange Zellen sind, auf deren inneren Wand sich
Spiralfaser winden; bisher kannte man bei den Pilzen noch
keine Bildungen von Spiralfasern. Diese Schleuderer bilden
das Haargeflechte der Gattung Trichia und sind zwischen den
geballten Sporenmassen gelagert. Die Zahl der Spiralfasern
in den Schleudern ist bei verschiedenen Arten der genannten
Gattung sehr verschieden; bei Tr. variä ist sie einfach oder
auch .doppelt, bei Tn niiens sind mehr als 10 Fasern, bei
Tr. clirysospenna 10-— 11, bei Tr./allax und Tr. clavata
6 — 7, bei Tr. Lorinseriana und rubiformis 5 solcher Fa-
sern parallel spiralförmig gewunden. Die Haut der Schleu-
derer-Zelle ist einfach, glatt, gefaltet oder mit Wärzchen
versehen, welche manchmal bei der Sporenreife versehwinden.
Von diesen Mittheilungen kommt Herr Cor da zu allge-
gemeinen Betrachtungen über die Formenähnlichkeit der Spi-
44) üeber Spiralfaserzellen in dfem Haargeflechte der Trichien.
Ein Schreiben an Seine Excellenz den hochgcbornen Herrn Freiherrn
Alexander von Humboldt. Prag, 1837. 4to. Mit einer Steintafel.
4*
52
ralfoserzollen und jJes Spiralgefäfses; sinnige Ncaturanschaunng,
sagt derselbe, wird mit uns in der Spiralfiberzelle niederer
Qebiide das erstarrte Traumbild einer in ihren höheren Glie-
dern (den Spiralgefäfsen) stätigen und nothvvendigen Organen-
form erkennen. In Nepenthes desüUatojia fand Herr Co vda.
die Spiralfaserzelle, als solche, auf der höchsten Stufe ihrer
Entwickelung; sie ist dem Parenchyme aller Theile dieser
Pflanze in zahlloser Menge eingestreut und führt Luft ! Diese
>yichtige Entdeckung ist, aber nur eine Bestätigung der An-
sicht, nach welcher die Zellenmembran aus Spiralfasern zu-
sammengesetzt ist, wofür dem Ref. gegenwärtig schon Hun-
derte von Thatsacheu bekannt sind. Herr Cortla irret aber
sehr, wenn er glaubt, dafs die kurzgegliederten Spiralröhren
ohne umschliefsende Haut sind, ein Gegenstand worüber in^
Ref. Pflanzen -Physiologie. I. S. 139 etc. etc. sehr ausführlich
gehandelt ist. Auch über die Bedeutung der getüpfelten Röh-
ren beginnt Herr Corda wieder die Fehde, denn er glaubte
auf seiner deutschen Reise bewiesen zu haben, dafs jene Röh-
ren Gefäfse sind, indem er Menschenhaare durch die Höhlen
derselben führte (!?). Leider giebt H.err Corda keine Defi-
nition von Gefäfs und von Zelle; wär^ sie gegeben, so würde
man sogleich zeigen können, dafs es sich hier nur um einen
Wortstreit handelt, dessen Beilegung Ref. in seiner Physio-
logie (L S. 78 etc.) versucht hat.
Herr Biot *^)'hat die Blumen weifser Hyacinthen durch
Einsaugung des Saftes der Phytolacca decandra roth ge-
färbt, ein Versuch, welcher schon seit mehr als 100 Jahren
angestellt und seitdem auch von verschiedenen Beobachtern
wiederholt worden ist, aber auch nicht immer glückt.
Anatomisch -physiologische und chemische Unter-
suchungen über die Pfanzenfarben.
Auch zur Lehre von den Pflanzenfarben haben wir im
vergangenen Jahre sehr wichtige Beiträge erhalten. Herr
Mohl**') hat vorzüglich die winterlichen Farben derjenigen
45) L'Institut de 1837. p. 1.
46) Untersuchungen über die winterliche Färbung der Blätter.
Eine Inaugural-Dissert. Tübingen 1837.
I
m
Pflaiizoii in anatomisciier und pliysiologisclier Hinsicht unter-
tersncht, welclie den Winter hindurch ihre Blätter behalten^
er theilt diese Pflanzen in Beziehung anf die lu'lialtung ihrer
]5Jätter in meln-ere, wennauch jiiclit ganz scharf getrennte
O'rnppen. Bei einem Theile der bei Tübingen wild wachsen-
den, oder häufig cnltivirten l*flanzen erhalten sich säniintlichc*
oder wenigstens die meisten im Sounner entwickelten Jilätter
nicht nur den Winter über, sondern auch den folgenden oder
auch mehrere Sommer hindurch. Diese Pflanzen bilden die
erste Gruppe und es gehören dahin die meisten Coniferen,
Iledera Helix, Iberis sempervirens, Sempervivum , die- mei-
sten Sedtijn-AriQn , Empetrwn nigruiriy Azalea wwA alle die
übrigen Pflanzen mit lederartigen und immergrünenden Blättern.'
Eine zweite Klasse von Blättern, welelie sich im Winter
grün erhalten, gehört zweijährigen oder auch ausdauernden
Pflanzen an, welche aus sogenannten Wurzelblättern gebildete
Blattrosetten besitzen, die sich im Laufe des vorausgehenderi
Sommers und Herbstes bei den aus Saamen gewachsenen
Pflanzen, oder aus Knospen, welche aus dem Mittelstocke
ausschlagen, entwickeln. Die Blattrosetten erhalten sich den
Winter über frisch, sterben aber im Frühjahr, und zwar geht
dieses Absterben von Aufsen nach Innen vor sich ; die Inneren
sterben oft nur theilweise. Die Lebensdauer dieser Blätter
währt nur bis zur nächsten Vegetationsperiode und es gehören
zu dieser Gruppe z. B. Plant ago - Arten , Dipsacus- Arten,
Echium vulgare, Vej'hascumLychnitis,Thapsus, nigrum etc.
Viele Syngenesisten und Lmbellaten, Lychnis und Potentilla-
Arten, Fragaria vesca u. s. w.
Die dritte Klasse enthält theils einjährige Pflanzen, welche
noch im Herbste gekeimt haben, aber erst im nächsten Früh-
jahre zur Blüthe kommen, theils ausdauernde Pflanzen, welche
im Herbste neue Aeste entwickelt haben. Sie unterscheiden
sich von den Pflanzen der zweiten Abtheilung eigentlich nur
dadurch, dafs ihre im Herbste gebildeten Blätter keine Ro-
setten bilden, welche auf dem Boden ausgebreitet sind, son-
dern dafs bereits ein längerer Stengel getrieben ist, welcher
mit Blättern von jeder Stufe der Ausbildung besetzt ist. Zu
dieser Abtheilung rechnet Herr Mohl einen grofsen Theil der
Gräser, z. B. Bromus mollisj manche Euphorbien, Vero-
54
nicen, Anthirrhimim majus, Cerinthe minor , Senecia vul-
s^ariSj Sonchus oler accus, Hypericum perforatum etc. Die
Blätter dieser Pflanzen leben wohl nur in seltenen Fällen ein
ganzes Jahr hindurch.
Herr Mo hl sucht nun vor Allem die Frage zn entschei-
den, ob die rothe Färbung der Blätter im Winter eine von
der herbstlichen Färbung der absterbenden Blätter und von
der rothen Färbung der sich entwickelnden Blätter unabhän-
gige Erscheinung, oder ob sie nicht vielmehr bald der einen,
bald der andern dieser Ursachen zuzuschreiben sei? Es wer-
den eine Menge von Pflanzen aufgeführt, deren Blätter im
Sommer vollkommen grün sind, sich den Winter über mehr
oder weniger tief roth färben und im Sommer wieder grün
werden, was z. B. bei Sedum- und Sempervivum- Arten, so
wie am Epheu zu beobachten ist. Bei den Blättern der Pflan-
zen der zweiten und dritten Abtheilung ist man ebenfalls ge-
nöthigt, die Entstehung der rothen Färbung dem Einflüsse der
Winterkälte zuzuschreiben, da hier die Blätter von allen Stufen
der Entwickelung jene röthliche oder bräunliche Färbung an-
nehmen. Da wir nun, sagt Herr Mohl, bei denselben Pflanzen
Blätter finden, \velche sich im Winter roth färben und im
Frühjahre absterben, während andere Blätter sich auf gleiche
Weise roth färben, aber im Frühlinge nicht absterben, son-
dern wieder grün werden und weiter wachsen u. s. w. , so
wird man berechtigt, jeden Zusammenhang zwischen der Er-
zeugung einer rothen Farbe und zwischen dem Absterben der
Blätter zu läugn^n und anzunehmen, dafs die Erzeugung der
rothen Farbe der Blätter im Herbste und Winter Folge der
in dieser Jahreszeit eintretenden Veränderung der physiologi-
schen Functionen des Blattes ist, dafs aber das Absterben der
Blätter nur zufälliger Weise bei einer Anzahl von Pflanzen
mit dieser Periode zusammentrifft, während es bei anderen
erst Monate lang nachher eintritt u. s. w. Auch durch In-
sektenstiche und durch Entwickelung von Entophyten wird
gewöhnlich die rothe Farbe hervorgerufen, wobei das Blatt
nur eine Störung an der normalen Entwickelungsweise er-
leidet, aber nicht dem Absterben zugeführt wird.
Herr Mohl deutet dagegen auf eine Parallele j welche
zwischen der Erzeugung des rothen Pigments in den Blättern
55
uiul (lorjeiiigeii in clt'U Friicliteii vürliaiidon zu sein soliciiit;
es wäre dieselbe vielleiclit mit dem lleifungsprozesse der saf-
tigen Fruchthiille zu vergleichen. Herr Mo hl meint, dafs
die Bildung des rothen Pigmentes in den Früchten, unabhän-
gig von der Ernährung ist, weil auch Früchte zur Reife kom-
men, die schon im unreifen Zustande von. der Pflanze ge-
trennt sind, doch gegen diese Annahme liefse sich wohl Vieles
sagen und Ref. stinunt derselben nicht hei.
liei den Blättern, sagt Herr Mohl, ist es die Kälte,
welche ihren Vegetationsprozefs unterbricht und veranlalst,
dafs sich, 'wenn Lieht auf die Blätter einwirkt, rothes Pigment
in ihnen bildet. Bei den Pericarpien dagegen, deren Entwik-
kelung ein zusammengesetzterer Prozefs ist, ist es die
Wärme, welche die vollkonnnene Entwickelung begünstigt
und somit den Eintritt der letzten Lebensperiode derselben
beschleunigt. Als Resultat der Untersuchungen kann man an-
nehmen, dafs die Pigmentbildung die Begleiterinn verschieden-
artiger Störungen des normalen Vegetationsprozesses der
Blätter und ihrer Verarbeitung vom roheren Safte ist, dage-
gen nnifs man es für zufällig halten, dafs sie in diesen Fällen
in einem dem Absterben nahen Organe eintritt, indem sie, wie
ich schon oben anführte, häufig genug in Blättern auftritt,
welclie noch lange Zeit leben und wieder grün werden.
Wenn die im Winter roth gewordenen Blätter untersucht
werden, so wird man das Chorophyll . wenig oder gar nicht
verändert finden, dagegen neben demselben noch rothes
Pigment in den Zellen wahrnehmen, und meistens sitzt dieses
nur in den Epidermis- Zellen. Ref. hat jedoch schon häufig
rothgefärhten Zellensaft ,init darin enthaltenen grüugefärbten
Kügelchen, selbst in der grünen Schicht der Rinde beobachtet.
Seltener ist es, dafs sich rother Zellensaft nur in den äufseren
Schichten des üiachym's der Blätter entwickelt, auch hier,
sagt Herr Mohl, findet es sich in Blättern, welche im Früh-
jahre ihre Vegetation wieder beginnen, mehr auf die äufseren
Zellen beschränkt, z. B. bei Chelidoiüiiin majus, Hedera
Helix u. s. w., wogegen bei Blättern, die im Frühjahre ab-
sterben, die Pigmeutbildung beinahe alle Zellen des Diachym's
ergreift, z. B. bei Isatis tiiiciorla.
Mit allem Rechte bezweifelt Herr M o h 1 an einer anderen
56
Stelle, ob man die Entstehung des rothen Zellensaftes aus
einer Lösung und ümvvandelung des Chloropliyirs in den vor-
hin angeführten Fällen erklären dürfe, da die grüngefärbten
Zellensaftkügelchen in diesem roth gefärbten Safte eben so
schön gefärbt auftreten, als in gewöhnlichen Fällen.
Herr v. Berzelius '''^) hat die herbstliche Farbe der
Pflanzen in chemischer Hinsicht untersucht, auch er sah rothe
Blätter nur an solchen Bäumen und Sträuchern, deren Früchte
roth sind, indessen diese Annahme gilt nicht allgemein für das
ganze Pflanzenreich, auch hat schon Herr Mo hl u. A. m. ver-
schiedene Pflanzen aufgeführt, wo roth gefärbte Blätter mit
anders gefärbten Früchten vorkommen. Herr v. Berzelius
untersuchte das Laub des Kirschbaumes und besonders das
der rothen Johannisbeeren, welches oft so roth wie ihre rei-
fen Beeren aussieht. Der Farbestoff wurde mit Alkohol aus-
gezogen, welcher nach dem Abdestilliren eine rothe Flüssig-
keit zurückliefs, die erst vom gefällten Harze und Fette ab-
filtirt werden mufste. Der Farbestoff ist in Wasser löslich
und stimmt also wohl mit dem rothen Extractivstoffe Uberein,
welchen Herr Marquart aus den rothen Blumen zog und
für ein gesäuertes Blumenblau erklärte. Herr v. Berzelius
nennt jenen rothen Farbestoff Erythrophyll , Blattroth, und
spricht sich gegen die Ansicht aus, nach welcher diese rothe
Farbe immer nur ein gesäuertes Blau wäre, indessen er fand
denselben auch in den Früchten des Kirschbaumes und der
schwarzen Johannisbeere, so dafs dieser Farbestoff mit Herrn
Marquart's gesäuertem Blumenblau offenbar in nächster
Verwandtschaft steht.
Ganz besonders interessant sind, Herrn v. Berzelius
Untersuchungen über die gelbe Farbe der Blätter zur Herbst-
zeit; dieser Farbestoff-stimmt nicht mit dem Blumengelb des
Herrn Marquart überein, sondern es ist ein eigenthümliches
Fett, ein Mittelkörper zwischen fettem Oele und Harz, wel-
ches, mit Beibehaltung seiner Eigenschaft, in Alkohol schwer
löslich, schmierig und fettig zu sein, ausgebleicht werden
47) Ueber die gelbe Farbe der Blätter im Herbste mid über den
rothen Farbestoff der Beeren und Blätter im Herbste. — S. Annalen
der Pharmacie. Bd. XXL Heidelb. 1837. S. 257-264.
57
kann. Herr v. Berzelius nennt diesen Stoff Xanthophyll,
Blattgell), lind stellte ihn durch kalte Infusion der gelben
Blatter in starkem Alkohol dar, welche 48 Stunden lang an-
hielt. Wird die erhaltene Infusion bis auf ^ abdestillirt, so
.setzt sich bei dem Erkalten eine körnige Substanz ab und bei
fortgesetzter Destillation erhält man eine gelbe, weiche, schmie-
rige Substanz, welche, gleich wie die obigen Körner, die far-
bige Substanz der gelben Blätter darstellen. Die Lösung
dieses Stoffes in Alkohol wird durch Wasser so gefällt, dafs
eine blafsgelbe Milch entsteht. Vom Aether wird Xanthophyll
aufgelöst und in coucentrirter Schwefelsäure wird es braun,
lieber die Bildung des XanthophylFs aus dem Chlorophyll
sagt Herr v. Berzelius: «Man hat allen Grund zu vermu-
theu, dafs beim Verschwinden der grünen Farbe und V-er-
wandlung dieser in Gelb, das Blattgelb durch eine von der
Kälte bewirkte Veränderung der Organisation des Blattes und
dadurch veranlafsten veränderten organischen Prozefs, aus dem
Blattgrün hervorgebracht werde.« Doch vergebens wurde es
versucht, diese Umwandelung künstlich zu veranlassen.
Die braune Farbe des Laubes, sagt Herr v. Berzelius,
hat mit der gelben keine Gemeinschaft; sie wird darin von
einem anfangs farbelosen Extracte hervorgebracht, welches
durch Einwirkung des Sauerstoffes braun wird , doch kann
man in diesem letzteren Falle auch beobachten, dafs alle Zel-
lenmembranen des Blattes eine braune Farbe erhalten haben,
die selbst durch Digestion mit schwacher Alkalilösung nicht
ausgezogen werden kann. Die verschiedenen Verhältnisse, in
welchen dieser braunwerdende Extractivstoff mit dem Blatt-
gelb auftritt, geben den herbstlichen Farben der Blätter eine
Menge von Nuancen.
Bei allen diesen schönen Untersuchungen, welche wir in
den letzteren Jahren über die Farbenbildung in den Pflanzen,
sowohl in anatomischer, als in chemischer Hinsicht erhalten
haben, sind wir dennoch sehr weit von der Lösung dieser Räthsel
entfernt, wie wir es gleich in den folgenden Untersuchungen
kennen lernen werden.
Herr J. Decaisne*®) zu Paris hat eine sehr ausführ-
18) Recher c hei anatomiqttes et phymlogiques sur la Garance,
68
liehe Untersuchung der Ruhia tinctorum und der damit ver-
wandten Arten gegeben, welche zur Gewinnung des Krapp's
oder der Färberröthe cuitivirt werden. Ref. wird dieses
Werkes noch mehrmals erwähnen, doch hier wollen wir nur
die Beobachtungen, welche auf die Bildung des bekannten Far-
benstoffes dieser Pflanzen Bezug haben, aufführen.
Herr Decaisne hat sich durch ; vielfache Beobachtungen
überzeugt, dafs der Farbestoff in der Ruhia tinctorum und
überhaupt in den Krapppflanzen nicht in besonderen Gefäfsen
oder eigenthümlichen Secretionsbehältern vorkommt, sondern
im Inneren der Elementarorgane. Bekanntlich wird nur die
Wurzel jener Pflanzen zur Bereitung des Farbestoffes benutzt
und in derselben befindet sich der Farbestoff in sehr grofser
Menge, wenn man jedoch den Stengel ausgewachsener Pflan-
zen untersucht,', so findet man in demselben auch hie und da
mehr oder weniger grofse Stellen, wo Zellen und Spiralröh-
ren mit Farbestoff gefüllt sind.
In der lebendigen Wurzel der Krapppflanze findet sich
nur gelber Farbestoff, welcher im gelösten Zustande die ver-
schiedenen Elementarorgane erfüllt. In ganz jungen Wurzeln
ist diese gelbe Farbe noch sehr schwach, sie wird aber im-
mer intensiver, je älter die Pflanze wird. liier finden wir
also den gelben Farbestoff im Zellensafte gelöst, eine Beob-
achtung, welche auch Ref. schon vor mehreren Jahren bei
einer anderen Pflanze im jungen Zustande gemacht hat. Die-
ser gelbe Farbestoff ist aber offenbar von ganz anderer Natur
als das Blumengelb des Herrn Marquart, welches meistens
ein sehr schwer löslicher harziger Extractivstoff ist. Sobald
der gelbe Saft der Krappwurzel mit der atmosphärischen Luft
in Berührung kommt, nimmt derselbe eine rothe Farbe an,
und es bildet sich eine gekörnte Substanz in diesem roth ge-
färbten Safte. Selbst die Cotyledonen, sobald das junge Pflänz-
chen hervorgebrochen ist, enthalten in ihrem Zellengewebe
einen gelbgefärbten Saft, welcher nach dem Durchschneiden
derselben sehr bald eine tiefrothe Farbe annahm. Dieses Um-
wandeln des gelben Zellensaftes in feinen Schnitten, welche zur
sur le developpement de la matiere colorante dans cette plante, sur
sa culture et sa prepraration, siävies de l'examen hotanique du genre
Ruba et de ses cspeces. Bruxelles 1837. Äo. X. pl. Ato.
I
59
Beobachtung unter das Mikroskop gelegt wurden, hat Hr. De-
caisne durch eine Menge von Abbildungen verdeutlicht. Mau
sieht auf denselben die Zellen mit mehr oder weniger tief gelb ge-
färbtem Safte; man sieht, dafs in anderen Zellen dieser Saft ganz
schwach rosenroth gefärbt ist, während dazwischen oft nocli ein-
zehie gelbe Zellen enthalten sind; an anderen Stellen ist der
rothe Zellensaft schon dunkeler geworden, und es hat sich eine
gekörnte Masse in demselben niedergeschlagen. Wurden die
frischen Wurzeln der Krapppflanze vollkommen getrocknet
und dann mikroskopisch untersucht, so bemerkte Herr D.,
dafs, obgleich alle Flüssigkeit verschwunden war, die Zelle»
dennoch eine gelbe Farbe zeigten, woraus er folgerte > dafs
der FarbestoflF eine feste Substanz ist , welche vorher im Zel-
lensafte gelöst war, doch er könnte dieselbe nicht als einen
besonderen Körper wahrnehmen. Ref. hat zwar die Wurzeln
der Krapppflanze noch nicht untersucht, aber in den gelbge-
färbten Zellen des Stengels ist ganz dasselbe wahrzunehmen,
und hier wird der gelbe Farbestoff, nachdem das Wasser des
Zellensaftes verdunstet ist, theils von den Zellenwänden ein-
gesaugt, theils auf der Oberfläche derselben abgelagert.
Herr Decaisne stellte auch verschiedene Versuche an,
um die Ursachen naher zu erkennen, durch welche der gelbe
Saft der frischen Krapppflanze bei der Berührung mit der
atmosphärischen Luft roth gefärbt wird. Er legte feine Schnitte
der Wurzel in ausgekochtes Wasser und sah, dafs dieselben
in vollkommen geschlossenen Gefäfsen ihre gelbe Farbe voll-
kommen erhielten. Hierauf wurden andere Stücke dem di-
rekten Einflüsse verschiedener Gasarten ausgesetzt und unter
Quecksilber abgesperrt; es ergab sich aus diesen Versuchen,
dafs das Sauerstoffgas und etwas Feuchtigkeit als die Ursachen
anzusehen sind, durch welche die Umwandelung des gelben
Farbestoffes in den rothen verursacht wird; Sauerstoff allein,
d. h. ohne Feuchtigkeit, veranlafste keinen Farbenwechsel.
Die rothe Farbe des Krapps's ist also, wie Herr Decaisne
sagt, ein chemisches Produkt, ganz und gar unabhängig von
dem Leben der Pflanze, dagegen gehöre die Bildung der gel-
ben Farbe dieser! an. Aus diesen interessanten Beobachtun-
gen geht wenigstens hervor, dafs es mit unserer Kenntuifs
der Basen der Pflanzeiifarbe noch nicht sehr weit gekommen
60
ist. Wir sehen hier den Uebergang einer vollkommen gelben
Farbe in das schönste Roth und dieses erfolgt durch denEin-
flufs des Sauerstoffs bei vorhandenem Wasser.
Die Wurzeln junger Krapppflanzen geben nur wenig Far-
bestoff; von 18 Monaten Alter kann man dieselben mit Vor-
theil zu benutzen anfangen, ihre färbende Substanz nimmt
aber bis zu einem Alter von 3 Jahren beständig zu.
Herr Decaisne stellte auch eine Reihe von Versuchen
an, um den Einflufs des Lichtes auf- die Erzeugung des Far-
bestoffes in der Krapppllanze zu erforchen; er liefs zu die-
sem Zwecke junge Pflanzen unter verschiedenen Graden von
Beleuchtung wachsen. Die Pflanzen wurden in Glaskasten
gestellt, welche mit Baumwolle bedeckt wurden; andere wur-
den unter gefärbte Gläser gestellt, als unter rothes, gelbes
und grünes Glas. Eine andere Pflanze wuchs unter weifsem
Glase; eine blieb in freier Luft und eine wurde in Erde ge-
legt und 3 Fufs hoch mit leichter Erde bedeckt. Die Pflanzen,
welche mit Baumwolle verdeckt waren, hatten in 8 Tagen ihre
Farbe so weit verloren, dafs sie blafs erschienen; die Pflanze
unter dem rothen Glase zeigte diesen Farbenwechsel in einem
noch höheren Grade, und die unter den anderen Gläsern be-
fanden sich in einem ähnlichen Zustande. Im Allgemeinen
gaben diese Versuche mit dem Wachsen der Pflanzen unter
gefärbten Gläsern eben so wenig Resultate, als jene, deren
wir im ersten Jahresberichte (1835. S. 189.) aufgeführt haben.
Nach O sann 's Beobachtungen gehen nur 34 Lichtstrahlen
durch rothes Glas, während 966 darin zurückgehalten werden,
hellgrünes Glas läfst 630 durchgehen und hält 340 zurück.
Man sieht hieraus wie verschieden die Menge des Lichtes ist,
welches den Pflanzen zukommt, die unter solchen verschieden
gefärbten Gläsern wachsen, aber wir wissen auch schon durch
andere Versuche von Herrn Alexander von Hu^nboldt,
De Candolle u. A. m. mit welcher geringen Menge von
Licht die Pflanzen vorlieb nehmen, und dafs die Bildung der
Pflanzenfarben nicht aus der unmittelbaren Einwirkung des
Lichtes hervorgehen.
Die eine der Krapppflanzen, welche unter der Erde wuchs,
zeigte llmwandelung des grünen Farbestofls, nämlich der mit
Chlorophyll gefärbten Zellensaftkügelchen in die gelbe Farbe,
61
welolio im Zellensafto gelöst war; ja Herr Decaisne hat
(lioso Ihiiwandeliiiig- dos ChlorophyU's in verscluedeiioii Zoitpc-
riodeii beobachtet und dadurcli um so genauer verfoli^eii kön-
nen, auch hat er diese Beobachtungen durch mehrere sehr
instructiv colorirte Abbihhiiigen nachgewiesen. Ref. hat diese
IJmwandelung des ChlorophyU's in gelben, im Zellensafte lös-
lichen Farbestoff an jungen Pflänzchen der Vicia Faha beob-
achtet, welche gleich nach ihrem Hervortreten im Dunkeln
wachsen mufsten; daneben traten aber auch Zellen mit roth
gefärbtem Safte auf. Alle diese Farben verschwinden wieder,
wenn diese Pflanzen einige Zeit im Lichte wachsen.
Schliefslich haben wir Herrn MohPs*^) Beobachtungen
über das Auftreten des ChlorophilFs in den grün gefärbten
Zellensaft-Kügelchen mitzutheilen, ein Gegenstand, welcher in
dieser Abhandlung zum erstenmal speciell- erörtert ist. Zu
gleicher Zeit wurde über denselben Gegentand ein besonderer
Abschnitt: Auftreten der gefärbten Zellensaft-Kügelchen, in
des Referenten Pflanzen -Physiologie (1. S. 200 — 209.) pu-
blicirt. Die Resultate dieser Arbeiten sind folgende: Herr
Mohl und Ref. stimmen darin überein, dafs das Clüorophyll
in den Zellen der Pflanzen theils in formloser, theils in ge-
körnter Gestalt erscheint, auch hat Ref. dieses und noch man-
ches Andere über den fraglichen Gegenstand schon vor eini-
gen Jahren publicirt ^®), um gegen Herrn Treviranus An-
sicht zu zeigen, dafs der Zellensaft niemals grün gefärbt ist, was
nun auch von Herrn Mohl bestätigt wird. Das Auftreten der
formlosen ChlorophyU's in den Schläuchen der Conferven
giebt auch Herr Mohl an, und es werden auch eine Menge
von vollkommenen Pflanzen genannt, worin formloses Chloro-
phyll mit gekörntem Chlorophyll iu den Zellen vorkommt.
„Bei den Phanerogamen , sagt Herr Mohl, trifft man ge-
wöhnlich das formlose Chlorophyll zugleich mit Chlorophyll-
Körnern in denselben Zellen, indem es einen Anhang dieser
Körner bildet oder gröfsere Massen einer formlosen Gallerte
49) Untersuchungen über die anatomischen Verhältnisse des Chlo-
rophyU's. Eine Inaugural- Dissertation, der öffentlichen Prüfung vor-
gelegt von W. Mi chlor. Tübingen 1837. Mai.
50) S. den Jahresbericht von 1835. S. 90 u. s. w.
62
darstellt, in welchen die Chlorophyllkörner eingesenkt sind
u. s. w." Diese verscliiedene Form trifft man z. ß. in den
Parenchymzellen der Blätter vieler Zeil-Pflanzen , wie bei Se~
dinn Sempervlvinn, Pinus Strohus etc. Ref. zeigte^*), dafs
diese iingeformten Massen an den inneren Wänden der Pflan-
zenzellen ausgebreitet sind, und oftmals auch von gewöhnli-
chen grün gefärbten Kiigelchen begleitet werden. In den Zellen
der vertikalen Schicht der Blätter ist dieses Auftreten des un-
geformten Chlorophylls besonders allgemein, so dafs, wie z. B.
bei den Cycadeen, die ganzen Wände jener Zeilen zuweilen
damit bekleidet sind.
Herr Mo hl sucht t/nterschiede zwischen Körnern aufzu-
stellen, welche im Chlorophyll liegen und den Chlorophyll-
körnern selbst, obgleich es auch ihm wahrscheinlich ist, dafs
dieselben in einer näheren Verbindung mit einander stehen.
Hier stimmen Herrn M o h 1' s und des Ref. Beobachtungen nicht
mit einander überein, denn das Chlorophyll (1. c. S. 201.) ist
eigentlich weder gekörnt, noch formlos, sondern es haftet bei den
Körnern an einer ungefärbten, halb erhärteten Masse, welche von
demselben durchdrungen wird, und ebenso ist das sogenannte
formlose Chlorophyll nur eine durch Chlorophyll mehr oder
weniger stark gefärbte schleimige, halb geronnene Substanz.
Woraus diese schleimige Substanz, die Basis des formlosen
Chlorophyll's besteht, das ist schwer auszumachen. Da die
Massen zu gering sind, mit welchen man hier zu operiren
hat. Anders verhält es sich dagegen- mit der Substanz, welche
den durch Chlorophyll gefärbten Körnern zum Substrat dient,
welche Herr Mo hl fälschlich Chlorophyll -Körner nennt. So-
wohl Herr Mo hl als Herr Schieiden ^^) suchen gegen den
Referenten zu zeigen, dfs jene Körner nicht Bläschen, sondern
feste Massen sind, was derselbe aber schon vor 2 Jahren pu-
blicirt hat. ^^).
Der Fall, dafs man körnige Massen für Bläschen ge-
halten hat, ist noch bis vor wenigen Jahren sehr häufig vor-
gekommen, und nur die Mikroskope waren daran Schuld,
51) Physiologie. I. S. 202.
52) Beiträge zur Kenntnifs der Ceratophylleeti - Linnaca von
1837. S. 331.
53) S. den Jahresbericht von 1835. S. 90 etc.
63
welc^be, bei einigen solclier Kiigelchcn, einen so starken Schat-
tonring zeigton, dafs man daraus auf das Vorhandensein einer
eigenen, umschliefsendon Membran schliefsen zu müssen glaubte,
wie es ja Herrn Mohl selbst mit den Amylum- Kiigelchcn in
jener; Zeit ergangen ist.
Doch wir kommen jetzt zu dem wichtigsten Gegenstände,
welcher in Herrn Mohl's Abhandlung dargestellt ist. Der-
selbe beobachtete nämlich bei Cliara flexilis, dafs im Inneren
eines jeden griingefärbten Körperchens, welche die innere
Fläche dieser Schläuche bekleiden , ein bis 4 scharf begrenzte
Körner lagen, welche durch Jodine blau gefärbt wurden, und
also aus Amylum bestanden; die umschliefsende grüne Hülle
wurde dagegen bräunlich gefärbt. Diese Beobachtung bestä-
tigt Ref., der sie im' vergangenen Jahre zufällig an Chara
tmlgaj'is machte, luid zwar an Schläuchen, welche sigli in
einem vergeilten Zustande befanden, aber er fand auch, dafs
sich dieses an verschiedenen Individuen nicht nur bei der
Chara vulgaris ^ sondern auch bei den einhäutigen Charen,
welche in seinem Zimmer seit Jahren wuchsen, sehr verschie-
den verhielt. In den meisten Fällen wurden die grüngefärbten
Zellensaft -Kügelchen durch Jodine bräunlich gefärbt, ganz
besonders in den jungen, kräftig wachsenden Aestcheu; bei
anderen Individuen, und selbst an einzelnen Schläuchen älte-
rer Individuen, sah man eine, oftmals sehr regelmäfsige Thei-
lung jener grünen elliptischen Körperchen in 2 bis 3 kleinere,
mehr runde Körperchen, wobei die grüne einhüllende Masse,
woraus anfangs das Ganze bestand, immer mehr zurücktre-
tend verschwand und nun zeigte es sich, dafs die neu ent-
standenen Körperchen durch Jodine blau gefärbt wurden.
Obgleich ich beständig Charen in meinem Zimmer ziehe, so
habe ich doch die Verhältnisse, durch welche die Bildung
der Amylum -Körner in den grünen Körperchen, welche die
innere Fläche der Charen -Schläuche bekleiden, noch nicht
erkennen können; bei der Chara vulgaris zeigte es sich
sehr häufig bei alten, im Dunkel wachsenden Schläuchen, von
deren Oberfläche sich die äufsere Zellenschicht durch Fäulnifs
alJtrennt. Wir wissen aber auch, dafs sich aus den Achseln
solcher alten Pflanzen neue Aeste entwickeln, durch welche
dann das Individuum fortlebt, daher scheint mir das Auftreten
64
des Amylum's in solclieii Schläuchen zur Ernährung der jun-
gen Pflanzen bestimmt zu sein, aber keineswegs darf man den
alJgemeinen Satz aufstellen, dafs die grünen Zellensaft -Kiigel-
chen der Charen Amylum-Kügelchen als Kerne aufzuweisen
haben. Ref. kann zu jeder Zeit Charen zeigen, deren grüne
Kiigelchen keine Spur von Amylum enthalten.
Herr Mo hl fand auch, dafs die gröfseren grüngefärbten
Kügelchen, welche so häufig in verschiedenen Conferven auf-
treten, einen Kern enthalten, der durch Jodine blau gefärbt
wird; aber auch dieses findet bei den Conferven nicht zu
allen Zeiten statt, was Ref. durch wiederholte Beobachtungen
nachgewiesen hat ^^). Herrn M oh l's fernere Untersuchungen
gingen dahin, auch in den grüngefärbten Zellensaft- Kügelchen
der höheren Pflanzen das Vorkommen des Amylums nachzu-
weisen, was denn auch bei vielen Wassergewächsen und auch
bei einigen saftigen Landpflanzen sehr leicht ist; so wurde
denn die Erscheinung bei ValUsneria spiralis und der Tra-
descantia discolor beobachtet, wo ein jedes solcher Kügelchen
einen grofsen Amylum- Kern zeigt. Herr Schlei den (1. c. S.531)
beobchtete die Zellensaft -Körner von Ceratophyllura und
giebt an, dafs sie aus Stärkemehl bestehen, welches mit Chlo-
rophyll überzogen ist. Dergleichen Beobachtungen sind aber
von dem Ref. schon vor 11 Jahren an Vallisneria und seit
3 Jahren an der Tiadescantia, ZanichelUa u. s. w. angestellt
uijd publicirt, aber auf eine andere Weise gedeutet und, wie
es scheint, ist diese die richtigere. Ich habe nämlich bemerkt,
dafs die Amylum- Körner in der Vallisneria und in den an-
deren genannten Pflanzen, wo sie in denjenigen, der Ober-
fläche näher liegenden Zellen auftreten, durch Chlorophyll ge-
färbt werden, und zwar beginnt diese Umwandlung des Amylum's
in Chlorophyll auf der Oberfläche und wird immer bedeuten-
der, je mehr diese Kügelchen dem Einflüsse des Lichtes oder
überhaupt dem Herde eines stärkeren Carbonisations- Prozesses
ausgesetzt werden. So verhält es sich mit dem Auftreten der
54) Anmerk. Zuweilen zeigt sich das Amylum unter ähnlichen
Vnrhältnissen auch in den Closterien, wo ich einigemal die grÖfseren
grünen Kügelchen und auch zuweilen alle die kleineren, womit das
ganze Closterium gefüllt war, durch Jodine blau und blauviolett färbte.
Ref.
65
Amyluni-Körner in den sogenannten Chlorophyll-Körnern, welche
in der Natur gar nicht vorhanden sind; wie denn auch Herr
Seh leiden sehr richtig bemerkt hat, dafe das Chlorophyll
immer eine homogene, formlose, wachsartige Masse ist; aber
keineswegs kann ich dem Nachsatze beistimmen, dafs sie
Amylum- Körner und Zellenwände überzieht. Das Chlorophyll,
diese wachsartige Substanz, wird von der Pflanze auf sehr
verschiedene Weise gebildet, bald aus Amylum, bald aus halb-
flüssigen, schleimigen Substanzen, welche sich im Zellensaft
bilden, bald aus jenen festeren Stoffen, welche am Allge-
meinsten die Basis der grüngefärbten Zellensaft- Kügelchen
ausmachen, mit Jodine bräunlich gefärbt werden und, wie Ref.
vermuthet, aus geronnenen stickstoffhaltigen Nahrungsstoffen
bestehen. Diese Substrate bilden sich auch in jenen Fällen,
wo man die Bildung des Chlorophylls unterdrückt, aber auch
sie selbst können unter solchen Verhältnissen aufgelöst und
zu anderen Stoffen umgewandelt werden.
Solche Amylum- haltende Chlorophyll- Kügelchen, welche
sich durch Jod blau färben, hat nun Herr Mo hl in einzelnen
Theilen vieler Pflanzen gefunden, z. B. in den Zellen der
Hautdrüsen (Porenzellen von Herrn Mohl genannt), in den
Epidermis- Zellen \ on Aspidiwn exaltatum, yow Calla aethio-
picttf im Diachym von Ahies pectinata, Plnus alha^ Ca-
mellia fiponica u. s. w. und Ref. ^ ^) hat sie in den Elementar-
Organen der Markscheide und in den Zellen der Markstrahlen
verschiedener Bäume und Schlingpflanzen beobachtet.
Eine zweite, an die eben beschriebene Form sich unmit-
telbar anschliefsende Abänderung von Chlorophyll- Körnern,
sagt Herr Mohl, welche mit den vorhergehenden den scharf-
begrenzten ümrifs gemein hcxt, unterscheidet sich von ihr blofs
dadurch, dafs jedes Chlorophyll-Korn mehrere Amylum-Körner
enthält. Die Hülle dieser Körner erscheint theils ganzrandig,
theils, wenn dieselbe dem Umfang der einzelnen Amylum-
Körner sich anschliefst, crenulirt. Solche Körner finden sich
im Diachym von Aspidkim exaltaünn, Sempervivum tecio-
rum, in den Markzellen der Stapelia maculosa u. s. w.
Eine andere Form von solchen Chlorophyll -Körnern
55) Physiologie. I. S. oll etc.
IV. .lalirg. 2. Band.
66
schliefet mehrere, aber sehr kleine Amyhim-Kü gelchen ein,
<|eren blaue Färbung bei der Verbindung mit Jod nicht mehr
leicht zu erkennen ist, indem die gebräunte Hülle des Chlo-
rophyll's zu dick ist. Es finden sich, sagt IlerrMohl, solche
Chlorophyll- Körner theils zwischen denen der vorigen Form
durch mainiichfache Mittelstufen in sie übergehend, z. B. im
Blattstiele von PoiJios lanceolata, theils in anderen Zellen-
schichten, als hei 0 rontium /aponicuin, Sediim anglicum u.s.vv.
Die letzte Form jener Chlorophyll -Körner bilden dieje-
nigen, welche in der Regel ziemlich grofs, aber weniger scharf
begrenzt sind, als die beschriebenen; bei starker Vergröfserung
findet man in ihnen eine Menge sehr kleiner Pünktchen, die
sich durch Jod tief braungelb färben. Dessen ungeachtet glaubt
Herr Mo hl, dafs diese feinen Körner ebenfalls aus Amylum
bestehen, worin Ref. nicht beistimmen kann, denn nach vor-
hergegangener Entziehung des Chlorophyll's mit Aether bleibt
eine gelblichweifse Masse zurück, welche durch Jodine braun
gefärbt wird, und eben in dieser Form treten die durch Chlo-
rophyll gefärbten Zellensaft -Kügelchen in den meisten Pflan-
zen auf.
Herr Mo hl stellt nun die Frage, ob sich die Amylum-
Körner zuerst bilden und die Hülle sich erst später um die-
selben anlegt, oder ob umgekehrt das Chlorophyll sich zuerst
bildet, und erst später die Körner in ihm entstehen. Herr
Mohl entscheidet die Frage, wie es die Beobachtungen der
Natur lehren ; in einigen Fällen nämlich tritt zuerst Chlorphyll
auf, und später erst zeigen sich Amylum- Körner, wie z. B.
bei den Spiro gyren Lk. und den Charen, wie ich es schon
vorher anführte, aber in anderen Fällen findet sich zuerst das
Amylum und dann tritt erst die Bildung des Chlorophyll's ein.
Den dritten Fall, welcher aber wohl gerade der häufigste ist, hat
Herr Mohl nicht aufgeführt, wo nämlich die Bildung des
Chlorophylfs weder vorher noch nachher mit Amylum-Bildung
in Verbindung steht, wo dasselbe eine halbfeste gelblich
weifse, durch Jod braun zu färbende Substanz zum Sub-
strat hat.
Aber auch bei den Conferven und den Spirogyren kann
man zieiwlich allgemein annehmen, dafs die Bildung des Chlo-
rophyll's aus dem Amylum hervorgeht, denn die Amylum-Kü-
67
gelchen sind es, welclie bei der Bildung des Saamens der
Spirogyren aufgel(")st werden, mit der vorlmndenen grünger
färbten Substanz, zusannnenschmelzen imd den Stoff zur Bil-
dung der beiden Häute hergeben, welche jedes Saamenkorn
dieser Pflanzen nmschliefsen, sich dann wieder condensiren
und selbst im Saanien eine spiralförmige Stellung annehmen,
bei dem Hervorkeimen der jungen Pflanze, welche aus einer
Verlängerung der dritten oder innersten Haut hervorgeht, aber
wieder verbraucht werden, um den Stoff zur Bildung der
formlosen durch Chlorophyll gefärbten Masse herzugeben.
Fragt man nach dem physiologischen Zwecke, welchen
wold die Natur durch diesen Absatz von Amylum in den
Blättern erreicht, so möchte Herr Mohl darauf antworten,
dafs es eine Reservenahrung ist, dazu bestimmt um bei den
nur einmal blühenden Gewächsen zur Entwickelung der Frucht
verwendet zu werden, und um bei den ausdauernden, im Winter
ihre Blätter verlierenden Gewächsen im Herbste in den Stamm
übergeführt und daselbst als Material niedergelegt zu werden (?),
auf dessen Kosten sich im nächsten Frühjahre die Knospen
entwickeln sollen.
HerrPayen*^) hat Flechtenstärke aus dem Isländischen
Moose dargestellt und nachdem dieselbe bei 100® getrocknet
war, einer Elementar-Analyse unterworfen, die C. * * H. * ® O. *
ergab, eine Zusammensetzung, welche der des Amylum's der
höheren Pflanzen ganz nahe steht Grofse Verschiedenheiten
in der Zusammensetzung zwischen Stärke und Moosstärke
waren nicht zu erwarten, es wurde jedoch bisher allgemein
angenommen, dafs letztere durch Jodine gelbbraun, erstere da-
gegen blau gefärbt werde; Ref. hat jedoch mehrmals gefun-
den, dafs auch die Stärke in frischen Flechten durch Jodine
blau gefärbt wird, und zwar besteht die Flechtenstärke nicht
etwa in Form von Kügelchen in den Flechten, sondern sie
bildet die Membranen und den Inhalt der Elementar- Organe
derselben.
In einer späteren Note, welche Herr Payen der Philo-
raatischen Gesellschaft zu Paris vorgetragen hat *'), macht
derselbe die Bemerkung, dafs er die Stärke des Isländischen
56) L'Institut de 1837. p. 128.
57) L'Institut de 1837. p. 145.
5*
Mooses unmittelbar unter dem Mikroskope habe sehen kön-
nen, und zwar zu kleinen Ballen vereinigt; Herr Payen hat
aber nicht bemerkt, dafs die Wände der Zellen jener Pflanze
ebenfalls blau gefärbt werden.
Monographische Bearbeitungen verschiedener
Pflanzen-Familien in physiologischer Hinsicht.
Von Herrn Unger^®) haben wir eine sehr reichhaltige
Arbeit über die parasitischen Gewächse erhalten, welche be-
sonders die Einwurzelung der Parasiten aufi hren Mutterpflanzen
sehr umständlich erörtert. Es ist hier die Rede von ächten
Parasiten, welche selbstständige und individualisirte Gewächse
sind, welche, wenngleich nicht in ihrer Entstehung, so doch
in ihrer Lebensdauer von andern Gewächsen, in welche sie
sich gleichsam einpfropfen und von denen sie fast ausschliefs-
lich ihre Nahrung ziehen, abhängig sind. Durch diese eigen-
thümliche Lebensäufserung , aber weniger durch ilire Form
und durch ihren Bau, werden diese Gewächse zu einer eigen-
thümlichen Gruppe vereint. Ein gröfserer oder geringerer
Grad des Mangels an Wurzeln oder wurzelähnlichen Organen
ist allen Parasiten mehr oder weniger eigen und, sagt Herr
Unger, wenn wir auch bei einigen vollkommen gebildeten
ein förmliches Rhizom, ja sogar verzweigte und verästelte
Wurzeln wahrnehmen, so zeigt dieses weniger eine Abwei-
chung von der allgemeinen Regel, als von dem überall sich
offenbarenden Streben der Natur, innerhalb der Grenzen ge-
wisser Lebensnormen auf alle mögliche Weise sich in Bildungs-
V<Bränderungen zu versuchen.
Das überaus reiche Material, welches Herrn Unger zur
Untersuchung dargeboten wurde, veranlafste denselben eine
Eintheilung der parasitischen Gewächse in verschiedene Gruppen
aufzustellen, welche auf der Art der Verbindung zwischen
den Parasiten und dessen Mutterpflanze, begründet wurde. Es
sind 9 solcher Gruppen aufgestellt, die dazu gehörenden Gat-
tungen angegeben, und deren Einwurzelung in den Mutter-
pflanzen mehr oder weniger vollständig beschrieben. Diese
Gruppen sind folgende:
58) Annalen des Wiener Museums B. II. S. 1.
69
1) Der Parasit eiitsprkigt unmittelbar über dem Ilolzkörper
seines Trägers und anastomosirt durch sein Gefäfssystem mit
dem Gefäfssystem der Nährpflanze, lliezu gehören: Küfflesia,
Brugmansia, Vilostyles, ^podanthes, Cyünus?
2) Der Parasit sucht eine Art von Wurzelstock zu bil-
den, wodurch er der Nährpflanze anhängt, und aus dem er
mehrere bliitlientragendc Schäfte treibt. Dahin gehören lly-
dnora , Scyhalium.
3) Durcli verstärkte Reactio^ (wahrscheinlicli in der Art
der Keimung gegründet) wird ein Theil des Gefäfssystems der
Nährpflanze in den Wurzelstock des Parasiten aufgenommen,
und dadurch ein Körper gebildet, der sowohl diesem als der
Nährpflanze angehört. Es gehören hiezu die Gattungen: Ba-
lanophora, Cynopsole , Sarcpphyte, Cynomorium, Lopho-
phytum {?), Ombrophyium (.^).
4) Der Parasit bildet einen Wurzelstock, dessen Zasern
sich an die Nährpflanze anheften. Es gehören hiezu: llelosis,
Langsdorßa.
5) Kein Rhizom, sondern stark verästelte Wurzeln, welche
durch Saugwärzchen mit der Mutterpflanze verbunden sindl
Lathraea.
6) Einpflanzung des Parasiten wie im ersten Grade, dabei
noch Wurzeln, die bald mit Saugwärzchen versehen sind, bald
ohne dieselben erscheinen. Es gehören hiezu die Gattungen
Orobanche, Vhelipaea, Conop/wlis, HyohancJie , Epipha-
gus, ^eginetia, Oholaria.
7) Die Wurzeln des Parasiten sind mit den Wurzeln der
Nährpflanze in einem knollenförmigen Filz verwoben. Es
gehören hiezu Monotropa und Corallophyllum.
8) Der Parasit entwickelt sich ziemlich selbstständig und
schickt nur hie und da vom Stamme aus Haustellen in die
Nährpflanze, wie ber Cuscuta und Cassytha.
9) Stark verästelte Wurzeln die sich bald unter der Rinde
der Nährpflanzen hinziehen, und in diese gleichsam infiltriren.
Viscuniy Lovanthus und Misodendron gehören zu dieser
Gruppe.
In dieser Reihenfolge glaubt Herr Unger zugleich ein
Gesetz ausgesprochen zu haben, nach welchem die minder
oder höher entwickelte Natur der Parasiten, parallel mit der
70
Stufenfolge ihres Abhängigkeits- Verhältnisses in der Einwurz-
lung, sich immer fort zu gröfserer Unabhängigkeit und Frei-
heit emporrichtet.
Die sogienannten falschen Parasiten theilt Herr Unger
in Hinsicht ihrer Verbindung mit dem Boden ebenfalls in ver-
schiedene Gruppen ein. Zu der ersteren gehören Hedera
Helix, Ampelopsis i^miiquefölia, Bignonia radicans u. s. w.
Diese Pflanzen klammern sich vermittelst kleiner Haftvvurzeln
aii verschiedene ihnen zunächst stehende Gegenstände an, ohne
von ihnen ihre Nahrung zu ziehen. Aehnliche Haftvvurzeln
bemerkt man auch bei einigen halbparasitischen Gewächsen,
als bei Cuscuta xxwA Cassytha, ja Herr Unger glaubt, dafs
auch die Saugwärzchen bei Lathraea, Orohanche u. s. w.
als ähnliche Gebilde anzusehen sind-, worin Ref. nicht bei-
stimmen kann.
Zu der zweiten Gruppe vöil falschen Parasiten Werden
Brojnelien, Tillandsien^ Epidendreen und andere Orcliideen,
sowie Moose und Licheen gebracht; die Wurzeln dieser
Pflanzen, sofern s?e dergleichen besitzen, vermögen nur im
Pflanzenmoder oder in dem nach Aufsen immerfort absterben-
den Rindenkörper holzartiger Gewächse zu vegetiren. Zu der
dritten Gruppe der falschen Parasiten, wo die letzte Beschrän-
kting stattfindet, werden die Schlingpflanzen gerechnet.
Die aufgeführte Gruppirung der wahren Parasiten nach
Herrn Unger, scheint dem Referenten zu sehr zertheilt zu
sein, derselbe würde z. B. die drei ersten Gruppen zusam-
menfassen und mehrere andere Aenderungen vorschlagen. Ref.
kann hier nur das Wesentlichste von den neuen Beobach-
tungen hervorheben, wornach Herr Unger seine Eintheilung
aufstellte.
Bei der Entwickelungsgesohichte der Parasiten der ersten
Gruppe werden Herrn Blume's Untersuchungen über das
Keimen der Bntgmansia angeführt, aber es scheint mir, als
wenn diese Untersuchungen später angestellt sind, als bis zu
jener Zeit, in welcher mir Herr Blume eine Brugmansia-
Knospe zur Untersuchung übergab. Herr Unger glaubt, dafs
Herrn R. Brown's Meinung von einem Zwischenprodukte,
hervorgegangen aus der Wurzel des Cissus, worauf die Raf-
fles'm Arnoldi sitzt, irriq wäre, indessen hier ist wohl der
71
frrtliiiiii auf S(!ite de.^ Ki'fttorew. Bi'i fler Bi^ugmaiiHiaj- Avolche
auf »lur Wurzel (k*s CV.svsrM' Inherctihilä sitzt, fand ich aber
iluvsou Zwi.scl»eiiköri)or, <lor ganz aus der Substanz (l(^r Wurzel
litTvorgogangen ist, so bedeutend, wie ich denselben in der
Flora Javae Tal>. VI. Ivig. 1. nach einem (Querschnitte abge-
bildet habe. Dieser Z,>vischenkörper bildet mit seinem pareii-
chyuiatoesen Rande eineii ßecher, wotin die Aufgebrochene
Blume wie in einem Kelche sitzt. Hieraus folgt schon, dafs
wenigstens die beiden ersten Gruppen der Parasiten nach
Herrn ünger zusanimenfallen'V 'ob« der Mittelkörper etwas
mehr oder etwas weniger grofs ist, darauf koumit hierböi
nichts an. . .
Bei Lüihraea kommt keine Rhizom vor, feott^tii 'sfeii^k
verästelte Wurzeln, welche durch Saugwärzcliön nüt der
Mutterpflanze verbunden sind. Herr Unger wird diesen
Gegenstand nächstens in einer besonderen Abhandlung be-^
kannt machen.
Interessant ist die eigen thümliche Verbindung, weiöhe vli^
Wurzeln der Mojwtropa hypopythis mit deil Wurzelii d^r
Mutterpflanze {Vinus Ahies L.} zeigt. Es ist nach Herrn
VJnger's Entdeckung ein Rhizom -ähnlicher, knollenförmiger,
unregelmäfsiger Körper, woraus die Bliithenschafte dies«*
Pflanze entspringen, und dieser Körper besteht aus einem Con-
volnt von innig verfilzten W^irzelfasern , welche zürn Theil
dem Parasiten, mm Theil der Nährpflanze angehören. Dieser
Wurzelfiiz ist von auisen etwas lockerer, von erdigen Theileu
durchdrungen, nimmt aber gegen die Mitte so an Dichtigkeit
zu, dhfs diese beinahe ganz verschwinden, und ein Gewebe
von Wurzeln, welches auf keine Weise zu entwirren is*,
übrig bleibt. Der Contact der beiderseitigen, in Farbe, Form
und Consistenz leicht zu unterscheidenden Wurzeln ist innig,
ohne dafs jedoch Saugwärzchen oder ähnliche Organe vor-
handen sind, wodurch eine unmittelbare Vereinigung, eine
Durchdringung beider, bewirkt würde. Dör Parasit ernährt
sich also hier aus den Ausschwitzungen der Wurzelspitzen.
Man glaube aber nicht, dafs diese Nahrung in den Excrementen
der Pflanzenwurzeln bestehe, denn Referent glaubt gezeigt zu
haben, dafs es sich mit jenen augeblichen Excrementen ganz
ebenso vorhält, wie mit der gesammten Lehre von den Wur-
72
zelschwämmclien und den Wurzelschwammwülstchen, von wel-
chen in der Natur gar nichts vorhanden ist.
Auch über das Wachsthum der Cuscuta -Pflanze hat Hr.
Unger einige sehr interessante Beobachtungen bekannt ge-
macht. Man erzieht diese Pflänzchen sehr leicht, wenn man
ihre Saamen unter schon gebildete grünende Pflänzchen säet^
In der ersten Zeit verlängerte sich die junge Pflanze täglich
fast um einen Zoll, doch der ursprüngliche Embryo vertrocknet
bis zu demjenigen Punkte des Stengels, wo die ersten Saug-
wärzchen auftreten. An den Blättern von Sedum alhinn
wollten die kleinen Keime nicht fortkommen, obgleich die
Saugwärzchen der Cuscuta daran hafteten. Eine junge Cus-
cuta-Pflanze mit ihrer Nährpflanze wurde unter ein Glas ge-
stellt und durch Wasserdämpfe feucht erhalten; drei Tage
lang vergröfserte sie sich, dann schlang sie sich in 1^ Win-
dungen um sich selbst und trieb sogar an dieser Stelle Saug-
wärzchen. Der untere Theil der Pflanze blieb nun zurück,
wälirend jene Saugwärzchen an den umschlungenen Stellen
in der Substanz ohne eigene Pflege hervordrangen. Auch sah
Herr Unger die Umwandelung eines der ursprünglichen Saug-
wärzchen in einen Trieb. Auch über das Keimen und die
Wurzelbildung der Viscum- Pflanze hat Herr Unger eigene
Beobachtungen angestellt, doch über diesen Gegenstand ist
nach den Beobachtungen von Du Hamel, Gaspard u. A. m.
wohl nur Weniges unbekannt geblieben. Bei mehreren tro-
pischen Loranthus-Arten hat jedoch Herr Unger beobachtet,
dafs die horizontal -verlaufenden Wurzeln nicht in der Rinde
des fremden Astes, sondern über derselben befindlich sind,
die Zweige innig umstricken und sich mit ihren Enden sogar
an denselben befestigen.
In einer zweiten Abtheilung giebt Herr Unger die ana-
tomische Untersuchung der Parasiten, deren Einwurzelung in
die Mutterpflanzen vorher erörtert wurde; er folgert aus der-
selben, dafs sämmtliche parasitische Pflanzen in systematischer
Hinsicht, in drei Abtheilungen zerfallen. Die erste umfafst
jene Parasiten, deren unvollkommene Gefäfsbündel nach dem
Prototype der Langsdorfia in einen Kreis gestellt und durch
Anastomosen unter sich verbunden sind. Diese Abtheilung
wird der Bildung des Farrnstammes parallelisirt. Eine zweito
73
Gruppe bilden jene Parasiten, wo gleichfalls die Gefafsbündel
noch unvollkommen sind, aber zu der früher allein bestande-
nen Endsprossung, wie es scheint, auch eine peripherische hin-
zutritt. Es gehören hieher die Gattungen Orohmiche, La-
thraea, Monotvopa, Cuscuta, Cassyiha und Herr Unger
glaubt, dafs diese Gewächse in Hinsicht ihrer anatomischen
Znsammensetzung und der Wachsthumsweise mit keiner der
grofsen Abtheilungen der Pflanzen zu vergleichen sind, wäh-
rend die Gattungen T iscum, Loraiühus u. s. w. zur dritten
Abtheilung gehören, vollkommene Gefafsbündel besitzen und
ähnlich den Dicotyledonen wachsen.
Diese Eiutheilung der parasitischen Gewächse möchte je-
doch wenig Beifall fniden, Referent weifs in der That nichts,
wodurch man beweisen will, dafs z. B. Orohanche, Lathraea,
Monotropa, Cuscuta u. s. w. in ihrem Baue und Wachsthume
von anderen Dicotyledonen wesentlich verschieden sind. Wohl
aber zeigt sich bei Rafflesia und Brugmansia ein ähnliches
Aneinanderlagern von Holzbündeln, oder Gefäfsbündeln, wie
man sie hier nennt, wie bei den Farrn, aber Referent kann
auch Cactus- Stämme vorzeigen, an welchen so etwas vor-
kommt, und daher ist man nicht berechtigt, jene Gattungen
parasitischer Gewächse mit den Farrn in Analogie zu bringen.
Herr Unger glaubt seine Ansichten über die Reihenfolge der
Parasiten durch den Bau ihres Saamens bekräftigen zu kön-
nen, doch diese Annahme ist eben so irrig, als die grundlose
Lehre von dem Hervor wachsen wahrer parasitischer Wurzel-
Pflanzen ohne wirkliche Saamen, welche Referent als eine
seiner Jugendsünden schon seit vielen Jahren bereuet. Herrn
Blume's Brugmansia hat Referent untersucht, das Exemplar,
welches reife Saamen haben sollte, war mehr als halb ver-
fault, daher die Faden- Pilze in und neben jenen Saamen auf
der Abbildung, und vielleicht fehlte auch der Embryo, doch
die Formveränderung des Saamens (Fig. 17.) liefs auf einen
befruchteten Zustand schliefsen. An der jungen, noch nicht
aufgebrochenen Blume hat dagegen Ref. den Saamen ganz nor-
mal mit seinem Nucleus und einer einfachen Saamenhülle beob-
achtet, und in Fig. 16. Tab. 6. der Flora Javae abgebildet. Man
bedenke jedoch, dafs diese Untersuchungen im Februar 1827
geschahen, zu einer Zeit, in welcher die berühmten Arbeiten
^4
über das Pflanzen -Eiclien noch nicht bekannt waren, gegeii-
wärtii^ aber, selbst wenn Herr II. Brown auch noch nicht
den Embrvo in dem Saanien <ler Ilafflesia beobachtet liätte
-(was Hrn. ünger unbekannt geblieben ist), würde ich, schon
nach dem blofsen Ansehen des Saamens im Vergleiche zum
unbefruchteten Eichen, das Felilen des Embryo's nicht mehr
annehmen. Die Rhizantheen haben ateo einen Embryo in ihrem
Saamen aufzuweisen, und die Form und die Entwickelung des-
selben wird sicherlich auf das Bestimmteste nachweisen, dafs
Isie' zu den t)icotyledonen gehören.
Man möchte glauben, sagt Hr. Unger, dafs die Piirasi-
tenformen gleichsam nur die Schatten von Vorbildern seien,
die sich edler, selbstständiger und vollendeter in einer anderen
'Richtung des Gewächsreiches darstellten; aber hätte Hr. Unger
die verschiedenen Parasitenformen den natürliciieu Familien
angereiliet, welche jene Vorbilder darstellen, so würde der
organographische Theil dieser, an Material so reichen Arbeit
für die Systematik von noch dauerndem Werthe geworden sein.
Die 6 lithograp/hirten Quarttafeln, welche dieser Abhand-
lung beigegeben sind, enthalten eine Menge von schönen und
getreuen Darstellungen aus dem reichen Material, welches
Herrn Unger zur Untersuchung zu Gebote stand.
In der musterhaften Monographie der Riccieen, welche Hr.
Dr. Lindenberg ^^) publicirt hat, befindet sich ein Abschnitt,
der vom Bau, Wachsthum und der Fortpflanzung der Riccieen
handelt, worin überaus reiche und schätzenswerthe Beiträge
für die Pflanzen -Physiologie enthalten sind. Herr Linden-
berg giebt an, dafs nur diejenigen Arten von Riccien wur-
zellos sind, welche ganz im Wasser wachsen, und auch diese
nur so lange, als sie ganz von diesem Elemente umgeben
45ind; sie treiben dagegen Wurzeln, wenn sie mit der Erde in
Berührung kommen. Die Wurzeln der Riccieen sind einfach,
sehr selten verästelt und ihre Anzahl ist hier wie bei anderen
Pflanzen bei verschiedenen Individuen sehr verschieden. Diese
Wurzeln der Riccieen bestehen in blofsen einfachen Wurzel-
härchen, wie es bei allen Laubmoosen der Fall ißt, doch bei
59) Nova Acta Acad. C.L. C. nat. curios. T.XVIIL PL Vratis-
iuviae et Bonnae 1837. j). 361—501 c. tab. XIX.
75
Rlccia natans, wo sclion so manches Abweichende in der
Form zu Ixjmerken ist, da sind diese Wnrzclhärchen, die sich
in der Erde entwickeln, gegliedert und auch ungegliedert.
Solche kleine Abweichungen kommen auch bei den Wurzel-
haaren der Iiöheren Pflanzen vor, ja dann und wann sieht
man selbst verästelte Wiirzeihärchen. Aber aufser diesen
zarten Wiirzelchen hat Hr. L. bei einigen Arten, z. B. bei
R.-^mrpitrascens und natans, noch stärkere und straffere
Wiirzelchen beobachtet, die an ihrem Ende in eine eirunde,
keulen- oder kugelförmige Anschwellung verdickt sind, und
überall wiederum kleine, dünne Zasern treiben. Hr. L. nennt
diese Wurzeln sprossende Wurzdn, ühd die verdickten Köpfe
der Wurzelenden entwickeln sich nach seinen Beobachtungen
zu neuen Manzen, doch mit Unrecht werden sie Wurzel-
knospen genannt; es sind offenbar Gemmen, deren Vorkom-
men an den Wurzelspitzen so niederer Pflanzen etwas höchst
bemerk enswertheSi^t und nur bei der Lemna ist etwas Aehn-
liches beobachtet worden. Bei R. natans bilden sie sich
sogar an der Spitze des einfachen Wurzelhärchen, doch ist
das Nähere hierbei durch Herrn Lindenberg noch nicht
vollständig nachgewiesen.
Herr Lindenberg sieht die Riccieen als diejenigen nie^
deren Pflanzen an, bei welchen zuerst vollkommenes Zellen-
gewebe auftritt, worin man nur in gewisser Beziehung bei-
stimmen kann, denn sowohl bei Pilzen, als bei Algen finden
sich nicht nur sehr regelmässig geformte Zellen, sondern auch
regelmäfsige Aneinanderlagerung dieser Zellen, ganz ebenso
wie bei den höheren Pflanzen ; nur in dem Inhalte und in der
Festigkeit der Wände sind diese Zellen von denen des voll-
kommenen Zellengewebes verschwinden. Herr Lindenberg
glaubt an der Struktur der Riccieen eine Bestätigung der
Theorie des Herrn Kies er gefunden zu haben, „dafs die
ideale Urform der ihre ursprüngliche Gestalt als Kugel oder
Ellipsoid in Folge des Zusammentretens zu einem ununterbro-
chenen Gewebe zu verlassen genöthigten Pflanzenzelleu das
Rhombendodekaeder sei." Alle Zellen, sagt Herr L., sind in
dem Parenchym der Riccieen von dieser Form oder lassen
sich darauf reduciren, wiewohl dabei das stete Bestreben der
Zellen nicht zu verkennen ist, von ihrer ursprünglichen Ku-
76
gelform so viel beizubehalten oder so sehr dahin zurückzu-
kehren, als der gegenseitige Druck u. s. w. gestatten.
Diese Annahme erfordert wenigstens, dafs jene Zc^llen
des Parenchym's der Riccien im Anfange kugelförmig sind
und dann durch Zusammendrücken aneinander geprefst wür-
den. Ist das aber wohl bei den Riccien zu beobachten? Ref.
glaubt diese Frage verneinend beantworten zu können, denn
bei den Marchantien , wo sich das Zellengewebe ganz so wie
bei den Riccien verhält, da kann man beobachten, dafs die
Bildung der Zellenformen nicht auf die soeben angegebene
Weise vor sich geht. Die mathematische Entwickelung der
Kieser'schen Hypothese über die Entstehung der Zellenform
ist übrigens ganz richtig, und schon Stephan Haies erwies
es auf eine sehr bündige Weise, dafs gleichgrofse runde Kör-
per, wie z. B. gewöhnliche Erbsen, wenn sie in einem fest
verschlossenen Räume, der damit angefüllt ist, zum Aufquel-
len gebracht werden!, durch gegenseitigen Druck in 12 flächige
Körper umgewandelt werden. Diese durch äufsere Verhält-
nisse herbeigeführte Form kann man aber doch nicht als die
ideale Grundform jener ursprünglich runden Körper ansehen,
und es beruht auf ganz unrichtigen ßeobaclitungen, wenn man
annimmt, dafs sich die angeblich rhombendodekaedrischen Zel-
len an ihren Kanten und Ecken abrunden und in die ver-
schiedenen anderen Formen umwandeln können. Hört der
gegenseitige Druck auf, was zuweilen bei starker Ausdehnung
einzelner Pflanzentheile vorkommt, so nehmen die getrennten
Zellen wieder eine sphärische Form an, von welcher sie aus-
gegangen waren. Herr Lindenberg hat über den fraglichen
Gegenstand eine sehr ausführliche Anmerkung eingerückt,
worin sich auch die Bemerkung findet, „dafs auf den Zellen-
durchschnitten neben den Gseitigen auch andere Figuren vor;:
banden sind, beweiset niclit gegen, sondern für Kieser's An-
sicht," d. h. nämlich, dafs die Form der Zellen die des Rhom-
bendodekaeders ist. Indessen ist Referent durch fortgesetzte
Beobachtungen in seinen Annahmen über diesen Gegenstand
(S. Phytotomie pag* 216) nur bestärkt worden, ja er könnte
hierüber gegenwärtig noch ausführlichere Mittheilungen ma-
chen als damals. Man mufs sich auch in der That wundern,
dafs noch immer in so vielen botanischen Lehrbüchern von
77
«lor Rhomboiulodckai'clorform der Zellen die Rede ist, wäh-
rend gutgeführte Lüngenschnitte und Querschnitte die wahre
Form der Zellen sogleich vor Augen stellen; auch erkläre
ich hiebei, dafs mir noch niemals Zellen des continuirlichen
Parenchym's vorgekommen sind, deren Form einem regelmä-
fsigen Rhombendodekaeder glich; ich habe dabei auf wirkliche
Gleichheit noch gar keine Ansprüche gemacht.
Die Riccien wie alle aus mehrschichtigem Gewebe beste-
henden Pflanzen haben eine Oberhaut, d. h. eine obere Zel-
lenlage, und Herr L. bemerkt sehr richtig, dafs es nur ein
Wortstreit ist, ob man die Epidermis als ein besonderes Or-
gan betrachten will oder nur als die obere Zellenlage des
Parenchyms. Die Form der Epidermiszellen der Riccien sei
mehr oder weniger regelmäfsig dodekaedrisch , wovon sich
jedoch Ref. nicht überzeugen konnte. Die Zellen der Epi-
dermis sind mit grün gefärbten Saftkügelchen gefüllt, wenn
das Laub ganz dünn ist, sie sind jedoch ungefärbt, wenn das
Laub mehr massig ist, und dann scheinen die grünen Zellen
aus dem Innern des Laubes durch und es entsteht auf diese
Weise die graugrüne, im trockenen Zustande die silbergraue
Farbe, welche z. B. der Kiccia glauca eigen ist. Zuweilen
sind die Randzellen mit gefärbtem Zellensafte versehen und
\ auch Amylum - Kügelchen kommen in diesen Zellen vor.
Durch kleine warzenförmige Anschwellungen der oberen Zel-
lenwände erhalten die Riccien ihre rauhe Oberfläche. „Oft
sind und bleiben, sagt Herr Lindenberg, diese blasenartigen
Hervorragungen geschlossen; nicht selten aber öffnen sie sich
bei fernerer Entwickelung der Pflanze, und zwar entweder
ganz unregelmäfsig, wie bei Riccia hortorum, crystallina,
indem die obere Zellenwand fast ganz verschwindet, und da-
durch unregelmäfsige , oben offene Höhlen von sehr verschie-
dener Gröfse entstehen, oder indem durch das Auseinander-
treten einiger Zellen runde oder ovale Spalten sich bilden,
wie bei Corsinia marchantioides, oder endlich, indem ein-
zelne Zellen höher und warzenartig sich erheben und diese
scheinbaren Papillen sich oben öffnen , wie bei Riccia ßm-
hriata.'^ Bei Oxymitra werden diese Oeffnungen durch
kleinere runde Zellen regelmäfsig umgeben. Alle diese Beob-
achtungen sind überaus interessant, besonders der ähnlichen
78
Erscheinungen wegen, welche hie und da schon bei anderen
Pflanzen beobachtet worden sind. Ref. vergleicht jene OeflV
nungen mit und ohne papillenartige Hervorragungen der an-
grenzenden Epidernüs-Zellen, welche Herr L. beobachtet hat,
mit den sogenannten Spaltöffnungen der Marchantien; beson-
ders haben die Papillen der RicciaßmJbriata die gröfsteAehn-
lichkeit mit den geöffneten Hervorragungen auf dem Laube
der Marchantien, denen die wahren Hautdrüsen, welche in der
Mitte ihrer beiden halbmondförmigen Zellen die Spaltöffnung
zeigen, durchaus fehlen, worüber Ref. einige Bemerkungen®'^)
kürzlich mitgetheilt hat. Es scheint, als wenn diese Oeffnun-
gen zum Durchgange der Feuchtigkeit der Luft in das Innere
des Gewebes dieser Pflanzen dienten; die Riccien wachsen
unter ähnlichen Verhältnissen wie die Marchantien; bald ha-
ben sie zu viel, bald zu wenig Feuchtigkeit, und jene Vor-
richtungen könnten in beiden Fällen behülflich sein die Ver-
hältnisse zu reguliren. Auch öffnen sich jene blasenartigen
Hervorragungen auf der Oberfläche der Riccien nicht immer,
eine Erscheinung, welche sich ganz ähnlich verhält, wie das
Auftreten der, schon so oft besprochenen Löcher an den Zel-
lenwänden der Sphagnum-Arten , worüber bald nachher spe-
cieller die Rede sein wird.
Obgleich das Zellengewebe der Riccien sehr dicht ist, i
ganz in der Art, wie bei den Marchantien, so dafs nur äufserst '
selten wirkliche Intercellulargänge zwischen den Zellen des-
selben auftreten, so ist doch die Substanz des Laubes sehr
reich mit Lufthöhlen durchzogen, wenn dasselbe etwas mas-
sig auftritt. Sie entstehen durch allmähliges Auseinandertre-
ten der Zellen, oft sind sie nur hie und da im Laube vor-
handen und oftmals ganz unregelmäfsig, und bei den im Was-
ser lebenden Arten finden sie sich stets, Ist das Laub dick,
so entstehen mehrere Reihen solcher Lufthöhlen übereinander,
ähnlich wie in der Wulst der Lemna gihha.
Alle Riccien-Arten , die ein fleischigeres Laub besitzen,
zeigen in der Mitte noch eine dichtere, aus horizontal ge-
streckten Zellen bestehende Schicht. Bei mehreren Arten ist
60) S. üeber einige Eigenthümlichkeiten in der Epidermis ver-
schiedenen Orchideen. — Wiegmann's Archiv 1837, I. S. 423.
lue Untorfläcbe noch mit ciiior gefürhten Haut überzogen,
wolclie aus einer einfac^hen oder zuwc^ilnu auch mehrfachen
Zellenlage von kleinen, gefärbten Zellen besteht; im Alter
löst sich diese Haut zuweilen von selbst, und nicht selten be-
wirkt sie durch blofses Durchscheinen eine Färbung der Ober-
flache. IJcberhaupt,. sagt Herr L., ist diese gefärbte Zellen-
schicht die Ursache aller rothen und violetten Färbung der
Iliccien, mit Ausnahme des Randes, der in einzelnen Fälleji
selbstständig gefärbt ist. Wo der Rand eingerollt ist, da
kommt diese gefärbte untere Fläche nach oben.
Bei den meisten Riccien-Arten findet sich keine Spur ei-
nes Blattnerven, bei einigen aber bilden sich allmählig Bün-
del pleurenchymatischen Zellengewebes. Diese durchziehen
dann das Laub der Länge nach und schicken zu beiden Sei-«
ten Aeste aus; sie ^werden bei keiner Art angetroffen, die
nicht mit Lufthölilen versehen ist. Ref. bedauert, dafs Herr
Lindenberg diesen Gegenstand nicht genauer dargestellt und
durch Abbildungen erklärt hat, indem uns gegenwärtig derglei-
chen frische Riccien nicht zur Hand sind, es scheint demsel-
ben aber, als wenn diese Nerven nur aus gestreckten Paren-
chym- Zellen bestehen und als solche die Wände der Luft-
höhlen bilden, welche durch die oberen Zellenschichten durch
schimmern. Bei der Corsinia, sagt jedoch Herr L., ist ein
starkes Bündel solcher Faserzellen vorhanden, die dicht zu-
sammenstehen, nur hie und da von langgestreckten, fast pros-
enchymatischen Zellen durchwebt sind und wirkliche, gleich-
falls aus mehreren Zellenreihen bestehende Aeste aussenden.
Das Auftreten solcher Blattnerven bei den Riccieen wäre
äufserst bemerkenswerth, indem die Marchantiacoen offenbar
hedeutend höher stehen und noch keine solche Nerven aufzu-
weisen haben; hier. wird nämlich die Stelle derselben durch
Bündel von niedlichen Wurzelhärcheu versehen, welche änfser-
lich, nur umschlossen durch kammartige Hervorragungen
verlaufen.
Herr Nees von Esenbeck hatte die Güte mir ein
Exemplar der Corsinia zur Untersuchung zu übersenden, das-
selbe war zwar getrocknet, aber es schien mir ganz deutlich
zu zeigen, dafs jene Bündel von braunen Faserzellen ebenso-
wenig den Corsinien, als den übrigen Riccieen zukommen.
80 '
Wohl aber fand ich an einem Exemplare zwischen den zarten
Wurzelhärchen einen braunen Faden, welcher mit der von
Herr L. gegebenen Beschreibung jener Faserzellen überein-
stimmte; .ich kann aber versichern, dafs dieser Faden, der
selbst Aestchen zeigte, nicht zur Corsinia gehörte. Doch die
Untersuchung frischer Exemplare kann darüber nur ent-
scheiden.
Sonst sind die Riccieen in Hinsicht des Auftretens ih-
rer Fructifications- Organe mit den Marchantien so nahe ver-
wandt, dafs sie kaum zu einer eigenen natürlichen Familie
gezählt werden dürften.
Herr Schieiden ^^) hat eine monographische Arbeit
über die Gattung Ceratophyllum geliefert, worin viel Neues
enthalten ist, obgleich über diesen Gegenstand schon sehr viel
geschrieben ist. Es wird ziemlich bestimmt nachgewiesen,
dafs Ceratophyllum von den Najaden getrennt «nd zu den
Dicotyledonen gezählt werden mufs. Der Embryo hat ^wei
grofse fleischige Cotyledonen und eine sehr entwickelte PIu-
mula; sie wird von Eiweifskörper umschlossen und besteht
aus einem Blattkreis, der zuweilen durch ein bemerkbares In-
ternodium von den Cotyledonen entfernt ist, aus einem Wir-
tel von 6 ungetheilten Blättern und endlich aus 2 — 3 W'ir-
teln gabelig getheilter Blätter. Herr Seh. sah den Em-
bryosack in der Axe des Nucleus, schon lange vor der Be-
fruchtung, als eine cylindrische Zelle, in deren Spitze (Mi-
cropyleende) einige kleine Zellen enthalten waren. Das Ey-
chen ist hängend und mit einem Integumente versehen; der
Pollenschlauch wurde bis zur Mikropyle verfolgt, er tritt hier
in die Oeffnung des Integumentes und schwillt dann in eine
unregelmäfsige, bald gröfsere, bald kleinere sackförmige Erwei-
terung, an und tritt von dieser aus in den Nucleus ein, bis
er den Embryosack erreicht, und gleich darauf zeigt sich in
demselben die erste Spur des Embryo. Während dieser Zeit
dehnen sich die Endospermzellen bedeutend aus, bis sie das
Chalazaende des Embryosacks erreichen und diesen ganz an-
füllen. In diesen Endospermzellen entdeckte Herr Seh. das
61) Beiträge zur Kenntnifs der Ceratophylleen. — Linnaea XL
pag. 513 — 542.
^ w 81
interessante Phänomen der Rotationsstrcimiing, welche in jeder
Zelle stattfand; es war eine gelbliche, schleimige mit feinen
Kügelchen gemischte Flüssigkeit, welche sich hier bewegte.
Der Strom stieg von dem Grmide der Zelle auf, und zwar
in ihrer Axe, gleich einem Springbrunnen bis zur Decke der
Zelle, wo er sich in unzählige feine, kaum siclitbare Stämm-
chen vertheilte, welche an den Wänden nach allen Seiten hin
niederfielen, um sich unten wieder mit dem Hauptstrome zu
vereinigen. Die Richtung des centralen Stromes ist in allen
Fällen gleich, nämlich vom Embryo her gegen die Chalaza.
Durch den sich ausbildenden Embryo, .so wie durch die
Vergröfserung der unteren Zellen, werden die oberen zusam-
mengedrückt und sterben von oben nach unten ab.
Der Stamm der Ceratophylleen besteht aus Rinde, mit Ober-
haut überzogen, aus einem Kreise von Bündeln langgestreck-
ter Zellen und aus Mark. Die Spiralröhren fehlen der Gat-
tung Ceratophyllum, wobei Herr Seh. die Bemerkung macht,
dafs er die Spiralgefässe in Lemna schon 1835 entdeckt habe.
Indessen Herr L. Treviranus hat die Spiralgefässe in der
Lemna -Wurzel schon vor vielen Jahren abgebildet; ich selbst
bestritt das Factum, indem ich mit meinem älteren Mikro-
skope dasselbe nicht bestätigen konnte ^ doch mit dem Instru-
mente von Ploessl sah ich ebenfalls die Spiralröhren. Bei
Zanichellia sollen die Spiralgefässe in den älteren Gliedern
verschwinden. Ref. erinnert sich im Sommer 1835 sowohl in
jungen, als in älteren Internodien dieser Pflanze Spiralgefäfse
gesehen zu haben.
Ob die Ceratophylleen perennirend sind oder nicht,
ist noch nicht ausgemacht; sie blühen vom Juli bis Mitte
September. Im Anfange des Septembers findet man Blüthen
und fast reife Früchte an einem und demselben Stengel. Die
Pflanzen enthielten fast 90 Procent Wasser, und die Asche
enthielt f Thonerde, | Kieselerde u. s. w.
Die geographische Verbreitung der Gattung Ceratophyllum
ist sehr allgemein, sie ist aber nicht nur auf die nördliche He-
misphäre beschränkt, denn ich selbst sah Ceratophylleen in
Chile **) und auch andere Reisende haben diese Pflanzen daselbst
gesehen.
62) S. Mcyen's Reise etc. I. pag. 370.
IV. Jahrg. 1. Band. Q
82
Herr Schieiden erkennt nur eine Art von Ceratophyl-
lum an nnd nennt dieselbe C. vulgare; eine grofse Reihe von
Beobachtunjjen wird aufgeführt, um diese Ansicht zu erweisen.
Auch Herr Asa Gray^^) hat über die Affinität der Gat-
tung Ceratophyllum geschrieben; es scheint demselben, defs
zwischen dem Embryo der Gattungen Ceratophyllum und Ne-
lumbium eine grofse Aehnlichkeit stattfindet, welche er auch
speciell darzuthun sucht, und dann die Ceratophylleen in un-
mittelbare Nachbarschaft der Cabombaceen und Nelumbiaceen
setzt. Neue Beobachtungen sind iu dieser Abhandlung nicht
enthalten, auch über die Structur der Ceratophylleen findet
Ref. darin nichts.
üeber Fortpflanzung der Gewächse und die dabei
thätigen Organe.
Herr Felix Dunal^'*) zu Montpellier hat uns in-
teressante Beobachtungen über die Fructificationsorgane ei-
ner Marsilea mitgetheilt, welche der Gärtner W. d'E-
sprit Fahre mit vieler Genauigkeit ausgeführt hat. Man
hat dieser Marsilea den Beinamen Fabri gegeben, doch es
möchte wohl nur noch geringem Zweifel unterliegen, dafs es
dieselbe Species ist, die von Teuere als Marsilea puhescens
beschrieben ist, daher mufs dieser letztere Name beibehal-
ten werden!
Die Fructificationsorgane dieser Marsilea puhescens sind
in einiger Hinsicht abweichend von denen unserer gewöhnli-
chen Marsilea gebauet, ihre Bedeutung ist aber leichter zu
erkennen, als bei dieser* An der Basis der Blattstiele sitzen
die Fruchtkapseln und zwar jede auf der nach innen ge-
krümmten :Seite des Endes eines konisch zugespitzten Blü-
thenstieles, welcher zum Theif von den unteren Rändern der
63) Remarks on the structure and affinlties of the order Cera-
tophyllaceae. — Ann. of the Lyceum of natur, hist. of New- York.
IV. New- York 1837. pag. 41 — 60.
64) Ohservations d'Esprit Fahre sur la structure, le develop-
pemaiit et les organes generateurs d'une espece de Marsilea trouvee
dans les environs d'Jgde. — Afinal, des scienc. naturelles, Avril 1837
pag. 221—232. Avec planche XII et XIIL
83
beiden Valveln eingeschlossen wird, die das kapseiförmige In-
volucnim der Bliitho od'i'r der Fructificationsorgane bilden;
daher bildet der eingeschlossene Theil das eigentliche Recep-
taculnm, von welchem nach beiden Seiten Gefäfsbiindel abge-
hen, welche sämmtliche Fructificationsorgane nmschliefsen.
Sobald sich das Involucrum geöffnet hat, tritt ein schleimiger
Faden hervor, welcher 6 — 10 ungestielte, traubenartige, el-
liptisch geformte Körper zur Seite trägt und in Form eines
Ringes oder einer Schlinge zusammengekrümmt ist. Bei ei-
nem noch unvollkommen entwickelten Zustande dieses Faden's
sieht man, dafs die Gefäfsbiindel, welche von den Seiten des
Receptaculum's ausgingen , um den Faden herumlaufen und
mit jenen trauben förmigen Körpern in Verbindung stehen,
welche nichts Anderes, als die wirklichen männlichen und
weiblichen Fructificationsorgane der Pflanze sind. Alle diese
Angaben, welche bis auf die Entwickelung und die Structur
jenes schleimigen Fadens ziemlich ganz vollständig sind, wer-
den durch vortreffliche Abbildungen nachgewiesen. [Mit der
weiteren Entwickelung der Blüthe verläfst auch die Spitze des
Fadens das Involucrum und rollt sich zu einem geraden, auf-
recht stehenden Faden auseinander, welcher auf jeder Seite
3 — 5 jener Fructificationsorgane trägt. Das Ende dieses Fa-
dens ist stets nackt; er ist zusammengesetzt aus einem äufserst
zarten und fast durchsichtigen Zellengewebe, dessen Zellen
reich an Schleim und mit einigen äufserst feinen sphärischen
Kii gelchen versehen sind.
Die Fructificationsorgane sind 2 — 3 Linien lang und eine
Linie dick, und sind von einer schleimigen Membran einge-
hüllt; sie enthalten zwei verschiedene Arten von Körpern, wel-
che für Eyer oder Saamen und für Antheren erklärt werden.
Meistens kommen Eychen und Antheren in einem und dem-
selben Organe zusammen vor, die Eychen nämlich auf der
einen Seite und die Antheren auf der anderen Seite, aber die
Stellung derselben ist von der Art, dafs die Eychen stets oben
und die Antheren unmittelbar darunter gelagert sind. In je-
dem einzelnen Fructificationsorgane sind 10 — 15 Eychen, wel-
che auf dem einen Ende ein schmales gelbes Wärzchen zei-
gen, das noch von einer kreisförmig hervorragenden Kappe
umschlossen wird. Die Eychen sind mit einer halb durch-
6*
'^84
sichtigen Flüssigkeit gefüllt, in welcher sehr zahlreiche Kugel-
chcn schwimmen; das Wärzchen eines jeden Eychens ist je-
doch immer nach den Antheren gerichtet. Die Antheren wer-
den durch einen durchsichtigen membranösen Sack gebildet,
worin man zahlreiche Pollenkörnchen sieht, welche von sphä-
rischer und von elliptischer Form sind und spermatische Kü-
gelchen von aufserordentlicher Feinheit ausstreuen. Die ge-
schlechtliche Differenz zwischen den beiden ersten beschrie-
benen Körperchen, den Eychen nämlich und den Antheren,
ist durch Fabre's Beobachtungen vollständig bestätigt. Eie
befruchteten Eychen treiben Wurzeln und keimen mit einem
Cotyledon hervor.
Diese Beobachtungen von Marsilea pubescens sind beson-
ders gegenwärtig von besonderem Interesse; es kann nämlich,
wie! Ref. glaubt, keinem Zweifel unterliegen, dafs diese Fructi-
ficationsorgane , als modificirte Blättchen anzusehen sind, und
dafs also hier, wo auf naturgemäfsem Wege Sporen und Pol-
ienbläschen in einem und demselben Blatte gebildet werden,
und eine wirkliche Befruchtung vor sich geht, obgleich jene Dif-
ferenzirung nicht vorhanden ist, welche die übrigen höheren
Pflanzen zwischen Stengel und Blättern zeigen. Zugleich be-
stätigen diese Beobachtungen Herrn Mohl's Ansicht, dafs die
Sporen bei den Cryptoganen und niederen Pflanzen überhaupt,
ähnlich den Pollenkörnern der höheren Pflanzen aus modifi-
cirter Blattsubstanz hervorgehen.
Herr Link®^) hat den zweiten Theil seiner Grundlehren
der Kräuterkunde herausgegeben, worin gröfstentheils, von pag.
44 — 331, die wichtigen Capitel von der Blüthe und der
Frucht der Pflanzen abgehandelt werden. Auch dieser zweite
Theil ist eben so reichhaltig an Beobachtungen, als der er-
stere, und vor Allem mufs Ref. auf die morphologischen An-
sichten des Herrn Link aufmerksam machen, welche in je-
nem Buche ausgesprochen sind; sie sind das Resultat vieljäh-
riger Naturanschauung.
Die Untersuchungen des Herrn Fritzsche®**) über den Bau
65) Elementa philosophiae hotanicae Tom. IL Edit. altera ^ Be-
rolini 1837.
66) üeber den Pollen. Mit 13 colorirten Steindrucken. St. Pe-
85
des PoUen's der Pflanzen, worüber im vorigen Jahresberichte
die Rede war, haben wir gegenwärtig vollständig erhal-
ten. Die Arbeit zerfällt in zwei Abschnitte: der erstere
handelt vom Baue des PoUen's im Allgemeinen, der zweite
von den Hüllen des PoUen's. Das Ganze ist ohne Angabe
der dazu gehörigen Litteratur geschrieben, da die Deutlicl^-
keit des schwierigen Gegenstandes, wie Herr F. meint, dadurch
gefährdet werden würde.
Die Darstellung der ersten Abhandlung über den Bau des
PoUen's im Allgemeinen, beginnt mit der Untersuchung der
Charen-Antheren, welche bekanntlich sehr viel Abweichendes
von der allgemeinen Regel besitzen. Die AntherenhüUe der
Charen ist in der Regel aus 8 plattgedrückten, dreieckigen
Zellen zusammengesetzt, deren je 4 eine Halbkugel bilden;
die obere Halbkugel ist geschlossen, die untere hat dagegen
an jener Stelle, mit welcher sie befestigt ist, eine runde Oeff-
nung, welche durch bogenförmige Ausschnitte der dabei be-
theiligten Dreiecke gebildet wird. Der Bau dieser Seckigen
Zellen wird sehr ausführlich beschrieben; sie sind mit einem
wasserhellen ungefärbten (wahrscheinlich ist durch einen X)rupk-
fehler dieser Schleim als gefärbt angegebeu) Schleime gefüllt,
und die innere Fläche der, nach dem Mittelpunkte der Anthe-
ren zu gelegenen Wand ist mit einer Schicht von rothen Kör-
nern bekleidet, welche in ihrer Substanz noch eine Menge
von sehr kleinen, dunkeln Körperchen zeigen. Durch 4iese
Anordnung des gefärbten und des ungefärbten Theiles jener
dreieckigen Antherenzellen wird das Auftreten des jiriUus
diaphanus erklärlich, mit welchem die Charen-Antheren um-
geben sind. Auch wird der Scheidewände gedacht, welche^
sich in jenen dreieckigen Zellen vom Umfange bis zu, einem '
Drittel des Durchmessers hineinerstrecken. Die Scheidewände
stehen vertikal zwischen der oberen und der unteren Fläche
des Dreieckes und bestehen aus zwei Zellenwänden (weil es
blofse Einfaltungen sind, Ref.), wodurch diese vielfach ge-
theilte Zelle einige Aehnlichkeit mit einer sternförmigen Zelle
erhält, nur dafs dort die Interstitia fehlen. Bei den Charen
tersburg 1S37 4to. — Besonders abgedruckt aus den Schriften der
Kais. Akad für fremde Gelehrte.
86 *
mit doppelten Häuten, z. B. bei Chara tomentosa u. s. w.
hat Herr F. kleine stabförmige Körperchen entdeckt, welche
zwischen den beiden Membranen jener Scheidewände in re-
gelmäfsig^n Entfernungen gestellt sind. Auch hat Herr F. im
Inneren jeder Charen-Anthere einen flaschenförmigen Körper,
bestehend aus einzelnen Zellen, entdeckt, welcher bis in die
Mitte der Anthere hineinragt und alle übrigen Theile daselbst
trägt; dieses Gebilde ist bisher von allen Beobachtern über-
sehen, doch ist der Zusammenhang der übrigen Schläuche und
der Pollenfäden zu der umschliefsenden Hülle schon lange
vorher erkannt worden, und schon seit 1832 und 33 besitzen
wir die schönsten Abbildungen von den confervenartigen Pol-
lenfädeii der Charen-Antheren, obgleich Herr F. glaubt, dafs
sie noch niemals richtig abgebildet sind. Es giebt überhaupt
nichts, was durch die neueren Mikroskope leichter zu erken-
nen wärö, als eben diese, so ganz durchsichtigen feinen Fä-
den; aber alle früheren Vergröfserungen waren hiezu imzu-
reichend, obgleich doch auch damit die merkwürdige Bewe-
gung der Saamenthierchen dieser Pflanzen schon durch Bi-
söhö ff entdeckt wurde, worüber auch schon im vorigen Jah-
resberichte die Rede war.
Die Bildung der Charen-Antheren hat Herr F. aus einer
einfachen Zelle beobachtet, welche mit einem durchsichtigen
ungefärbten Inhalte versehen war, was Ref. auch bestätigen
könnte, aber die Bildung von Scheidewänden, welche dann er-
folgen soll, beschränkt sich nur auf die Dicke der dreiecki-
gen Zellen, welche später die Hülle des ganzen Organes bil-
deUj und diese Bildung fand Ref. ganz ähnlich jener der äufse-
ren Zellenschicht auf den doppelhäutigen Charen.
Nach diesen Mittheilungen über den Bau der Charen-An-
theren spricht Herr Fritzsche über den Inhalt des Pollens
der Pflanzen im Allgemeinen; es werden hiebei die, von dem-
selben schon früher mehrmals niitgetheilten Beobachtungen
und Ansichten gegen die Saamenthierchen oder spermatischen
Körperchen vorgetragen, welche Amylum oder Oeltröpfchen
sein sollen, worin Ref. nicht derselben Ansicht ist, auch schon
im vorigen Jahresberichte hierüber seine Meinung ausge-
sprochen hat. Das Amylum kommt nur in unvollkommen
ausgebildeten Pollenbläschen vor; bei einigen Pflanzen, wie
87
z. B. bei den Coniferen und einigen Wasserpflanzen gerade
niclit selten. Bei Muscari moschatum habe ich auch beob-»
achten können, dafs in solchen unvollkommen entwickelten
PoUenbliischen die Amylum- Massen, welche darin auftreten,
in eine gummiartige Substanz umgewandelt wurden und in
kleine Moleküle zerfielen, welche sich äufserst lebhaft beweg-
ten, ganz ähnlich jener Erscheinung in den Zellen der Mar^
chantia polymorpJia, welche Ref. in dem ersten Theile dßs\
dritten Jahrganges dieses Archivs pag. 428 u. s. w. beschrie-
ben hat. In einigen Zellen der Marchanüa polymorpJm
kommen statt der gewöhnlichen grünen Zellensaftkügelchen
einzelne grofse Ballen einer gelbbräunlichen Substanz vor,
welche schon von Herr v. Mir bei beobachtet und abgebildet
ist. Ref. verfolgte die Bildung dieser Massen aus Amylum-
Kügelchen, welche zusammenfliefsen und dabei in eine gum-
miartige Substanz umgewandelt werden. Sind diese Ballen
vollkommen ausgebildet und von braungelblicher Farbe ^ so
zerfallen sie bei der geringsten Berührung in unzählbare kleine
bräunliche Moleküle, welche ganze Tage lang die lebhaftesten
Bewegungen zeigen, die aber doch ganz ähnlich der Bewe-
gung der Moleküle in Indigo-, Gummigutt-Auflösungeu u. s. w.
erscheinen, nur etwas lebhafter sind.
Die zweite Abtheilung handelt von der Hülle des Pollen's.
Man unterscheidet an den Pollenbläschen eine einfache Meni-
bran und eine von zusammengesetzterem Baue. Einige Pflan-
zen haben nur eine Pollenhaut aufzuweisen, andere dagegen
3 und selbst 4. In den häufigsten Fällen kommen nur 2 Pol- '
lenhäute vor, und hier nennt man sie (!ie innere und die
äufsere Haut, wo aber die Verdoppelungen einer oder beider
jener Häute, wie Herr F. sagt, vorkommt, da reichen jene Be-
nennungen nicht aus, und es werden defshalb für die ganze
Reihenfolge dieser Häute, wenn sie alle vier vorkommeu, die
Benennungen Intiney Exinüne, Intexine und Exine in Vor-
schlag gebracht, welche jedoch nicht angenommen werden
können, denn die Sache verhält sich ganz anders, als Herr F.
glaubt. Die innere Pollenhaut ist wegen ihrer Einfachheit
sehr leicht von der äufseren Haut zu unterscheiden, und die
chemischen Reagentien geben selbst sehr gute Mittel an die
Hand, um dieselben von einander zu trennen. Concentrirte
88 ^
Schwefelsäure zerstört die innere Haut, aber die äufsere mit
ihren Anliängen wird durch Einwirkung derselben gefärbt, oft
mit einer purpurrothen Farbe. In der Regel verhält sich die
Membran und deren Ueberzug dabei gleich, doch in einigen
Fällen, wie z. B. bei Beloperone oblongatüy wird die Mem-
bran durch Schwefelsäure purpurroth und der Ueberzug gelb-
braun gefärbt. Die äufsere Haut wird durch Jodine tief dun-
kelbraun gefärbt, und die innere Haut soll durch Jodlösung
keine Färbung annehmen, wie die Zellenmembran überhaupt
(was nicht allgemein gesagt werden darf. Ref.). Die Mem-
bran der äufseren Pollenhülle ist bald von gröfserer, bald von
geringerer Dicke, nicht nur bei verschiedenen Pflanzen, son-
dern auch zuweilen an verschiedenen Stellen eines und dessel-
ben Bläschens, z. B. an den Oeffnungen, aber sehr verschie-
den sind die Bekleidungen, mit welchen die Membran überzo-
gen ist. Dieser Gegenstand ist sehr speciell behandelt und
durch die Anwendung starker Vergröfserungen, vermittelst der
neuen Mikroskope, ist es denn auch Herrn F. gelungen, eine
sehr grofse Zahl von neuen und interessanten Thatsachen über
denselben aufzufinden, welche auf den beigegebenen Tafeln in
grofsen und sehr glänzenden Abbildungen nachgewiesen wer-
den. Es ist nicht möglich, dafs Ref. in diesem kurzen Be-
richte die wesentlichsten Thatsachen über diese Bekleidungen
der äufseren Pollenhaut aufi'ühren kann, nur das Wichtigste
kann mitgetheilt werden und im üebrigen mufs auf die Schrift
selbst verwiesen werden.
Bei mehreren Malvaceen ist die äufsere Membran gleich-
mäfsig mit einer Schicht von klaren, cylindrischen, scheinbar
soliden, aufrecht nebeneinanderstehenden Körperchen dicht
bedeckt, welche denselben ein körniges Ansehen geben; auch
scheinen die Körperchen durch eine besondere Masse verbun-
den zu sein, bei anderen Pflanzen jedoch wieder nicht. Bei
Chrysanthemum, carinatum tritt ein von den Körnern ge~
tremiter hautartiger Ueberzug auf. Zuweilen bedecken die
Körner nicht die ganze Fläche der Membran, bald sind sie
regelmäfsig gestellt und unter einander mit Bändern verbun-
den, bald sind sie freistehend und mehr oder weniger regel-
mäfsig. Bei Flantago capensls sind die Körner unregel-
mäfsig und auch in uin-egelmäfsiger Stellung, Freistehende
gröfsero Körner in regelmäfsigen Abständen werden bei Ja-
tvopha pandurae/olia beobachtet. Sind die Körner durch
Bänder verbunden, so entstehen pollenartige Verbindungen
auf der Oberfläche der äufseren Haut, wie bei Ruellia
formosa.
Im Zusammenhange mit dem kömigen üeberzuge der
Membran steht auch das Vorkommen der Stacheln auf der-
selben. Bei den Malvaceen sitzen zuweilen die Stacheln auf
jenen cylindrischen Körnern und lassen sich von ihnen tren-
nen; [ja sie haben mit der äufseren Pollenhaut vielleicht gar
keinen direkten Zusammenhang. In einigen Fällen wurden
Höhlen oder Kanäle in den gröfseren Stacheln entdeckt und
es wird die Vermuthung MohTs bestätigt, dafs es zellenar-
tige Gebilde sind, welche einer Absonderung vom Oel vor-
stehen. Am merkwürdigsten sind diese stachelartigen Gebilde
in der Gruppe der Cichoraceen; sie stehen in einfachen re-
gelmäfsigen Reihen, und nur von der Seite aus kann man
dieselben mit Erfolg beobachten. Unter diesen Stacheln der
Cichoraceen findet noch ein Zusammenhang statt und dieser
scheint durch eine hautartige Masse bewirkt zu werden, wel-
che die Membran bekleidet; dadurch jerscheinen die Stachel-
reihen als breite Bänder und geben ein regenschirmartiges
Ansehen, wenn sie von den Seiten her betrachtet werden.
Bei einer anderen Reihe von Gewächsen erheben sich auf der
äufseren Pollenhaut regelmäfsige, fünf- und sechseckige Figuren
umschreibende Wände, welche wieder durchbrochen sind, z. B.
bei Cohaea scandens, und wie Pfeilerbrücken erscheinen.
Bei Geranium und Pelargonium stehen auf diesen, die Pfei-
ler verbindenden Bogen warzenförmige Körper, gleichsam wie
Bildsäulen. (Die Bildungsgeschichte, zuweilen auch einzelne,
unvollkommen ausgebildete Pollenkörner dieser Pflanzen leh-
ren, dafs alle diese, so äufserst niedlichen Bildungen auf der
Oberfläche der Pollenkörner aus ähnlichen aufrecht aneinandei*
stehenden Körperchen hervorgehen, wie sie bei den Malva-
ceen so oft vorkommen. Ref.)
Bei einigen Pflanzen zeigte die Oberfläche der äufseren
Pollenhaut das Ansehen eines Fiechtwerks , wie z. B. bei Po-
lemonium coeruleum, Gilia tricolor, Metrodorea nigra
u. s. w.
90
Ein besonderre Abschnitt handelt von den Zwischenkör-
pern, welche zwischen der inneren und der äufseren Pollen-
haut vorkommen. Sie sind am leichtesten bei Astrapaea
nachzuweisen, haben daselbst im isolirten Zustande die Form
einer planconvexen Linse, wovon die der äufseren Hülle zu-
gewendete Seite mit Körnern besetzt ist, gleich der äufseren
Fläche der äufseren Hülle. Bei anderen Pflanzen fehlt die
Gegenwart jener Körner auf der äufseren Fläche des Zwi-
schenkörpers, oder es ist nur ein einfacher Ring von solchen
vorhanden, wie bei Rucllia formosa. Die Zwischenkörper
liegen im Allgemeinen an denjenigen Stellen, wo in der äufse-
ren Pollenhaut Oeffnungen vorhanden sind, welche durch die-
selben geschlossen werden, und diese Zwischenkörper haben
eine viel gröfsere Ausdehnung, als die Oeffnungen, wefshalb
sie nicht als der äufseren Haut zugehörig angesehen werden
dürfen. Bei Alcea roseUj wo sehr viele Oeffnungen in der
äufseren Haut vorkommen, da zeigt sich die innere Fläche
derselben mit dicht nebeneinander stehenden", kugelförmigen
Körpern bekleidet, welche diese Zwischenkörper sein sollen.
Bei Campanula Medium und bei Cucuihita Pepo finden
sich ebenfalls jene Zwischenkörper, und Herr F. stellt die An-
sicht auf, dafs diese Zwischenkörper wohl für verkümmerte
Pollenkörner zu halten wären. Bei Scabiosa puhesceiis fand
Herr F. zwei solcher Zwischenkörper, welche gleichsam in
einander gesteckt zu sein schienen (Diese Zwischenkörper
des Herrn F. sind Zellen und deren Inhalt, welche in den
Pollenbläschen sehr vieler Pflanzen vorkommen und von Herrn
F. übersehen sind. Haben diese Zellen im Inneren der Pol-
lenbläschen grofse Zellenkerne, wie z. B. bei so vielen Li-
liaceen, so wird ein solcher Fall erklärlich, wie er bei Sca-
hiosa pubcscens aufgeführt ist. Ref.)
Die Zwischenkörper kommen aber auch bei einigen Pol-
lenformen vor, welche keine Oeffnungen besitzen, wie z. B.
bei Pinus und harix, wo das Pollenbläschen zwei äufsere
Hüllen hat. Die Abbildung des Pollen's von Pinus sylve-
stris, welche Herr F. gegeben hat, gehört zu den am wenig-
sten gelungenen; in der Natur sieht derselbe ganz anders aus.
Die zweite Abtheilung der Arbeit des Herrn Fritz sehe
handelt von den Formen des Pollen's. Zuerst ist von den
91
Pollenniassen die Rede und dann von den Pollenkörneru; er-
stere kommen bei den Orchideen, Asclepiadeen und der Gat-
tung Inga vor , was früher schon bekannt war. Die einzel-
nen Körner, aus denen die PolJenmasse der Orchideen be-
steht, besitzen nur eine Haut, also die innere, wie Herr F.
sagt, doch die Structur dieser Haut zeigt nur zu deutlich, dafs
sie mit der äufseren anderer Pollenarten verwandt ist. Bei
den Pollenkörnern der Gattung Asclepias hat Herr F. nicht
nur 2w«i Haute beobachtet, sondern noch eine Exintine.
Hierauf folgt eine natürliche Eiutheilung der Pollenkör-
ner nach der Z,ahl der Häute:
1) Pollenkörner mit einer Haut. Es gehören hie-
her Caulinia fvagilis , ZanicJiellia pedunculata, Zostei a
und Najas major. Den fadicnförmigen Pollen bei Zosteia,
welchen Herr F. beschreibt, hat mein verewigter Freund Nees
von Esenbeck schon vor vielen Jahren entdeckt, beschrie-
ben und abgebildet.
2) Pollenkörner mit zwei Häuten. Hieher gehö-
ren denn fast alle Pollenformen, und man kann eigentlich die
anderen Fälle, wo weniger oder mehr als zwei Häute vor-
kommen, als Ausnahmen betrachten. Sie zerfallen in 2 Grup-
pen, je nachdem die Oeflfnungen in der äufseren Haut vor-
handen sind oder fehlen, und in beiden Fällen kommen Ver-
wachsungen vor.
a. Pollenkörner ohne Oeflfnungen. Die eigen thümlichen
knieförmig gebogenen Pollenkörner von Ruppia werden hier
beschrieben. Dann kommt die ellipsoidische Form vieler
Monocotyledoneu, welche Herr M. mit einer Falte bezeich-
nete, z. B. bei Liliiim, Pancratium. Verwachsungen zu 2,
wie bei Liüum candidum^ und zu 4, wie bei Fhyllidrum
laniiginosum und Anona tripetala werden angegeben. Sel-
tener kommen 2 gegenüberstehende Falten vor, wie bei Ti-
gridia Pavonia^ häufiger dagegen drei symmetrische Län-
genfurchen, wie bei Plumbago capensis. Die kugelrunden
Pollenformen sind seltener. Sfrelitzia zeigt dieselbe mit ei-
ner gleichförmigen äufseren Hülle; Canna zeigt kleine Sta-
cheln und regelmäfsige Warzen kommen bei Jatropha paii-
duraefolia vor. Bei Sowerhaea juncea geht die Furche
ruüd um das Bläschen, daher die äufsere Haut in zwei Hälften
92
zu theilen ist. Hiemit verwandt ist die interessante Pollen-
form von Thunhergia /ragraiis und mehrere Berberis- Ar-
ten. Bei Commelina coelestis löst sich ein grofses tellerför-
miges Stück, welches der OeflFnung als Deckel aufsitzt, und
mehrere solcher Deckel kommen bei der Gattung Passiflora
vor, wo wieder durch die Zertheilung des Deckels eine Menge
von Verschiedenheiten entstehen, welche sämmtlich näher be-
schrieben und abgebildet worden sind. Denjenigen Theil der
äufseren Pollenhaut, dessen OeflFnungen durch besondre Dek-
kel verschlossen werden, nennt Herr F. das Skelet der Pol-
lenhaut. Bei Scahiosa erschien es Herrn F. als wenn der
Deckel nur durch den körnigen üeberzug der äufseren Pol-
lenhaut gebildet werden.
b. Pollenkörner mit Oeffnungen. Diese Formen werden
wiederum in 2 Abtheilungen gebracht, je nachdem die Oeff-
nungen bald in Spalten von verschiedener Länge bestehen, bald
kreisrunde Löcher bilden. Drei Spalten, wie bei Geissomeria
longiflorat ist die kleinste Anzahl derselben , welche Hr. F.
beobachtete. Unsymmetrisch finden sich 4 — 5 Spalten bei
vielen Cyperaceen; die Form von Carex praecox ist abge-
bildet, wo die innere Haut eigenthümliche Verdickungen zeigt.
Sehr bemerkenswerth ist die Lage der Spalten auf tetraeder-
artiger Pollenform der Corydalis-Arten und Basella. 12 Spalten
zeigt der Pollen von Talinum patens, und noch mehr hat Poly-
gonum ainphihiwn aufzuweisen, dessen äufsere Haut 12 re-
gelmäfsige fünfeckige Felder bildet, deren jedes durch 5 re-
gelmäfsige Spalten umgeben ist.
Eine gröfsere Zahl von Formen zeigt diese Abtheilung der
Pollenkörner mit runden Oeflnungen. Eine Oeffnung bei den
Gramineen, zwei Oeffnungen bei Banksia und Justicia Ad-
hatota. Drei Oeffnungen sind hier am häufigsten und kom^
men bei vielen Pflanzen in Verbindung mit 3 Längenfurchen
vor, welche gewöhnlicli die Oeffnung verbergen. Selten
sind drei Oeffnungen ohne Furchen, wie bei Morina per-
sica. Eine Menge von eigenthümlichen Formen werden hier
speciell beschrieben, welche zum Theil schon früher bekannt
gemacht worden sind. Auch werden Fälle aufgeführt, wo
nicht alle Furchen mit Oeffnungen versehen sind, doch stehen
93
hier die undiirchlöchertcn Furchen zu jenen durchlöcherten
in einem bestimmten Verhältnisse.
Es finden sich endlich noch Formen mit einer zelligen (?)
Textur der äufseren Pollen - Membran ; in einigen Fällen sind
nur einige dieser Felder, welche das zellige Ansehen geben,
mit Oeffnungen't versehen , wie bei VJilox, in anderen dagegen
besitzen alle Felder Oefl'nungen, wie bei Gomphrena glohosa.
3) Pollenkörner mit drei Häuten. Wo eme grös-
sere Zahl von Pollenhäuten, als in der zweiten Abtheilung
auftritt, da soll man die hinzugekommenen nicht als neue
Häute, sondern nur als Verdoppelungen der einen oder
der anderen ansehen. Bei dem Pollen der Coniferen ist
die innere Haut verdoppelt, bei den Onagreen dagegen
die äufsere, ja bei Clarkia elegans will Herr F. auch
eine Verdoppelung der inneren Haut bemerkt haben. (Wenn
man den Pollen von Pinus, von Larix, Taxus und Junipe-
rus in dieser Hinsicht vergleichend beobachtet, so wird man
sich wohl überzeugen, dals zu den Annahmen solcher Ver-
doppelungen der Häute eigentlich gar kein Grund vorhanden
ist. Ref.)
4) Pollenkörner mit vier Häuten. Hieher gehö-
rig werden Clarkia elegans, Oenothera- Arten und Encha-
ridiuni concmraiin aufgeführt.
Referent hat einige Beobachtungen über die Saamenthier-
chen der Laubmoose bekannt gemacht®'), welche jenen, von
Herrn Unger in den Antheren der Gattung Sphagnum be-
schriebenen ganz ähnlich sind. Ich beobachtete das Auftre»
ten dieser Saamenthierchen der Laubmoose im Inneren von
linsenförmig zusammengedrückten Bläschen (Zellen?); in je-
dem Bläschen befand sich ein einzelnes wurmförmiges Gebilde
mit dickem Kopfende und feinem Schwänze, und zwar ganz
am Rande des Bläschens, so dafs das fadenförmige Schwanz-
ende in dem Rande des ganzen Bläschens herumläuft und wie-
der das Kopfende berührt. Diese Saamenthierchen - führenden
Zellen sind in den Moos -Antheren einiger Gattungen sehr
grofs und in bedeutender Menge vorhanden, sie sind darin in
einem zähen Schleime eingehüllt, der durch schnelles Ein-
67) S. Wiegmann's Archiv für Naturgeschichte. 1837. I. p.430.
94
saugen von Wasser anschwillt, die Antheren zum OeflFnen
bringt und die ganze Masse zur Anthere hinaustreibt. Durch
die Auflösung des Schleimes im Wasser werden jene Zellen
frei und beginnen nun eine fortwährende Drehung in ihrer
Achse, bald nach der einen, bald nach der änderten Seite hin.
Zuweilen schien das umhüllende Bläschen zu felilen und dann
glaubte Ref. zu sehen, dafs sich das Saamenthierchen in einer
Spirallinie bewegte. Da jene Beobachtungen auf einer Reise
in Tyrol ausgeführt wurden, so konnte der letztere Umstand
nicht ganz gehörig ins Reine gebracht werden, später hat sich
jedoch Referent überzeugt, dafs sowohl bei den Laub- als
auch bei den Lebermoosen die Saamenthierchen zu einer be-
stimmten Zeit ihrer Entwickelung die Zellen verlassen, und
sich dann in mannigfacher Weise bewegen', meistens aber
hierin durch die spiralförmige Drehung ihres Schwanzes be-
stimmt werden. Auch die Saamenthierchen der Sphagnum-
Arten, welche Herr Unger trefflich beobachtet hat, entwik-
keln sich, wie ich beobachtet habe, ebenfalls in Zellen; aber
die Theilung derselben, wie sie Herr Unger angiebt, konnte
ich nicht sehen, habe dieselbe aber bei den Saamenthierchen
der Thiere wahrgenommen.
In der schönen Arbeit des Herrn Lindenberg '^®) ist
auch eine Entwickelungsgeschichte der weiblichen Fructifica-
tionsorgane der Riccieen mitgetheilt, woraus gefolgert wird:
„Die Riccieen haben keinen besonderen, permanenten Frucht-
boden, sondern das ganze Laub ist vielmehr als Fruchtboden
zu betrachten, und die letzte Zellenschicht unter der Epider-
mis ist diejenige Stelle, wo die Frucht zur Zeit der Reife
augenblicklich verweilt oder, wie bei den Corsinieen schon
früher zur Ruhe kommt. Die Bildung der Frucht beginnt
ganz in der Tiefe, unmittelbar über der Unterhaut des Lau-
bes; es entsteht ein kleiner dunkeler Fleck, der als eine
Höhle erscheint, um welche das Zellengewebe zusammenge-
drängt wird. Jener Fleck zeigt alsbald eine eigene gelblich-
weifse Haut, die einen kugelförmigen Sack bildet und mit ei-
ner Spitze versehen ist. In diesem Sacke bilden sich schei-
benförmige Körperchen, woraus {die Sporen entstehen. Die
68) /. c. pa^. 392-404.
95
Frnclit steigt aber mit der weiteren Ausbildung allmalig auf-
wärts, wobei die Hoble im Zellengewebe, welche sie in ihren
tieferen Ständen ausfüllte, durch Ausdehnung des Zellengewe-
bes wieder geschlossen wird. Die Riccieen- Frucht besteht
aus zwei Häuten, einer inneren, dem eigentlichen Sporan-
^iinn, und einer äufseren, dem Fericarpium, welche zur Zeit
der Sporenreife, ähnlich einer Calyptra abfällt. Bei Sphae-
rocavpus und Oxymifra sondert sich die äufsere Hülle gänz-
lich, sie wird zu einer besonderen Hülle, und die Calyptra
erscheint dann wieder als eine mit dem Sporangium ver-
wachsene Haut im Inneren jener Hülle. Bei der Sporenbil-
dung der Riccieen fand Herr Lindenberg die dreifache Zahl
als vorherrschend, während Herr Mo hl die vierfache Zahl als
Regel annimmt.
Heber die Keimung der Sporen von Riccia crystallina,
glauca und fluitans hat Herr L. Folgendes beobachtet: In
den ersten 14 Tagen war blofs eine Anschwellung des Randes
der Sporen zu beobachten; zwischen den 14. und 20. Tage
dehnte sich dieser Rand an einer oder an mehreren Stellen
zugleich aus. Die Auswüchse endlich bildeten Zellen, doch
die weitere Entwickelung konnte nicht beobachtet w^erden.
Die Befruchtung der Sporen geschieht durch die trübe
Flüssigkeit, welche aus den Oeflfi^ungen der antherenartigen
Organe hervortritt, und sich über die Oberfläche des Laubes
ergiefst.
Herr Martens ®^) hat im botanischen Garten zu Loewen
einen Bastard zwischen Gymnogramma calomelanos und G,
chrysophylla beobachtet, welchem Herr Bory de St. Vin-
cent'^") den Namen 6r. Martensii beizulegen vorschlägt.
Zugleich macht Hr. B. darauf aufmerksam, dafs diese Bastard-
Bildung in der Natur ganz allgemein zu sein scheine, denn
er habe wohl erhaltene Exemplare dieser Pflanze durch L 'Her-
mini er von Guadeloupe erhalten, wo sie zwischen den bei-
den genannten Gymnogrammen in der Natur wächst. Hr. B.
führt auch noch andere Farrn an, welche man für Bastarde
halten könnte, was allerdings nur auf Vermuthungen begründet
69) Hyhridite dans les Fongeres — L'Imtfttit de 1837. p. 228.
70) L'lnstitut de 1837. p. 280.
96
ist, jedoch auf Vermuthungen , welchen Ref. zum Theile bei-
pflichten möchte.
Die Erfahrungen über künstliche Vermehrung der Pflanzen
durch Blätter sind ebenfalls erweitert worden. In einer Ab-
handlung der Herren E. Otto, W.Brackenridge, C.Plasch-
nick und C. Bouche'*), Gärtnern des Königl. botanisch.
Gartens zu Berlin, finden sich mehrere neue Beobachtungen
der Art angegeben; die Arbeit wurde veranlafst durch eine
Preisfrage, welche der Gartenbau -Verein, schon seit mehre-
ren Jahren, über das beste Verfahren, Pflanzen durch Steck-
linge zu vermehren ausgesetzt hatte, und sie erhielt, als die
beste der eingegangenen Beantwortungen den Preis. Die Ab-
handlung zerfällt in 4 Abschnitte, welche handeln von der
Vermehrung der Pflanzen durch wirkliche Stecklinge, durch
Wurzel -Stecklinge, durch Augen-Stecklinge und durch Blätter-
Stecklinge. In dem letztern Abschnitte heifst es, dafs sich
mehrere Theophrasta- , Aloe-, Echeveria-, Gloxinia und
mehrere Cotyledon- Arien durch Blätter vermehren lassen;
man wählt gesunde Blätter dieser Pflanzen , schneidet sie dicht
am Stamme ab, und steckt sie einzeln in kleine Töpfe, in
eine leichte sandige Lauberde. Die Blätter werden mit einer
Glocke, die oben offen sein muls, bedeckt. Nach Verlauf
von 8 Wochen verknorpel^i sich die Blätter, treiben Wurzeln
und bald darauf erscheint eine junge Pflanze auf der Erde.
Es wäre zu wünschen, dafs dieser Gegenstand recht bald
ausführlicher beobachtet würde, denn wir wissen gegenwärtig,
dafs das Hervorsprossen junger Pflanzen aus den Blättern auf
verschiedene Weise vor sich gehen kann, einmal nämlich
durch Hervortreiben von wirklichen Knospen, wie bei Bryo-
phyllum und zum Theil 4iuch bei Ceratopteris, und zweitens
durch vorhergehende Gemmenbilduug , wie sie bei Ornithola-
gum thyrsoides, Ranunculus hulhosus, den Kohlblättern
u. s w. beobachtet ist. In Herrn De Candolle's Pflanzen-
Physiologie (II. S. 113) hat Herr Roeper noch andere Fälle
der Art zusammengestellt.
71) S. Verhandlungen des Vereins zur Beförderung des Garten-
baues in den Königl. Freufs. Staaten. XIII. Is Heft. Berlin 1837.
S. 7-45.
97
Auch hat Referent ''*) auf die Vermehrung der Laub-
moose durch Brutknospen nochmals aufmerksam gemaclit, auf
welche Weise sich wenigstens einige Arten von Laubmoosen
ebenso stark vermehren als durch wirkliche Sporen; Mnium
androgynum L. ist in dieser Hinsicht am bekanntesten. Eine
hinzugefügte Abbildung der Spitze eines solchen Gemmenstieles
zeigt eine Menge von gestielten Gemmen, welche später ab-
fallen und die braunvverdenden Gemmenstielchen zurücklassen.
Ueber ebendenselben Gegenstand hat auch Hr. G. Dickie''^)
verschiedene Beobachtungen bekannt gemacht; er sah, dafs die
Gemmen von Bryum QMniiim) androgynum bei ihrem ersten
Auftreten nichts weiter, als einfache kleine durchsichtige Bläschen
von ovaler Form sind. Ref. sah darin, gleich nach ihrem ersten
Erscheinen, anferst zarte griingefärbte Massen, welche sich spä-
ter zu Kügelchen umbildeten, theils auch wiederum zur Bil-
dung neuer Zellen wände im Inneren verbraucht wurden. Hr.
D. sagt, dafs diese Gemmen im reifen Zustande eine Substanz
von körnigem Ansehen enthalten, aber von ihrer zelligen
Structur wird nichts erwähnt; die Abbildungen sind leider
kaum kenntlich zu nennen. Nach des Ref. nachträglichen
Beobachtungen bilden sich in dem einfachen länglichen Bläs-
chen, welches als erster Zustand der Gemme auftritt, zuerst
eine oder mehrere horizontale Scheidewände, und dann erst
werden diese neu entstandenen Zellen, mehr oder weniger
regelmäfsig, durch auftretende Längenscheidewände in kleinere
Zellen getheilt, wobei sich ihr Umfang beständig vergröfsert, bis
die ganze Bildung vollendet ist. Hr. D. wiederholte ebenfalls
die Keimungsversuche jener Gemmen, welche in Deutsc|iland
schon seit längerer Zeit angestellt, beschrieben und abgebildet
sind; er sah das erste Wiirzelchen zur Seite des einen Endes
hervortreten, und es schien, als käme dasselbe aus dem In-
nern hervor und hätte die Membran durchbrochen.
72) Einige Worte über das Vorkommen von Brutknospen bei
den Laubmoosen. -- S. dieses Archiv's 3ten Jahrganges Isten Band.
S. 424.
73) Observations on the Gemmae of .Brymn androgynum. —-
Jardine, Selby and Johnston, Magaxine of Zoology andBotany.
Vol. IL 1837. p. 226.
IV. Jahrg. 2. Band. 7
98
Herrn Berkeley's '*) Beobachtungen über die zweite
Membran in den Sporenschläuchen einiger Pilze, z. B. der
Sphaeria populijia, pedunculata u. s. w. werden zu neuen
Untersuchungen dieses Gegenstandes mit Hülfe der neueren
Mikroskope auffordern.
Herr Th. Schwann'^*) hat eine Reihe interessanter
Versuche über die Weingährung bekannt gemacht, welche der
Beantwortung der Frage über die Generatio aequivoca eine
andere Richtung zu geben scheinen. Hr. Schwann machte
die Entdeckung, dafs die Weingährung stets mit der Ent Wicke-
lung eines eigenthümlichen Pilzes, welchen er Zuckerpilz zu
nennen vorschlägt, verbunden ist. Auch in der Bierhefe hatte
Hr. Schwann die Entwickelung eines ähnlichen Pilzes genau
beobachtet, als dieser Gegenstand im L* Institut de 23 Nov.
1836 durch Hrn. Cogniard-Latour publicirt wurde. Ref.
führte diese letzteren Beobachtungen im vorigen Jahresberichte
noch nicht auf, um sie nämlich gleichzeitig mit Hrn. Seh wann 's
zusammenstellen ^vl können, da offenbar beiden genannten Ge-
lehrten diese interessanten Entdehkungen zukommen, von welchen
sogleich die Rede sein soll. Ör. Cogniard-Latour beob-
achtete, dafs die Maische, eine Stunde nach dem Zusätze der
Hefe einzelne Kugel chen zeige, welche denen ähnlich waren,
die in der Hefe enthalten sind; eine Stunde später hatten sich
einige jener Kügelchen verdoppelt, wobei es schien, als wäre
das zweite Kügelchen aus dem ersteren hervorgetrieben. Das
zweite Kügelchen wurde alsbald gleichgrofs mit dem ersteren
und später fand man gar keine einfachen Kügelchen, ja zuletzt
sah man stets 3, 4 und mehr solcher Kügelchen aneinander
hängen. Hr. Cogniard-Latour kam schon zu dem Schlüsse,
dafs die Kügelchen der Maische durch Saamen aus den Kügel-
chen des Hefen entstanden wären, auch will derselbe zweimal
das Hervorströmen von etwas Flüssigkeit aus jenen Kügelchen
des Hefens beobachtet haben. Herrn Schwann's Beobach-
tungen über diesen Gegenstand sind dagegen viel genauer und
74) Ort the existence of a second membrane in the Asd of Fungi.
— Ebendaselbst. IL S. 222.
75") Vorläufige Mittheilungen, betreffend Versuche über dieWein-
gähruKff und Fäulnifs. — Poggendorf's Annal. der Phys. und Chemie.
41ter Bd. S. 184 — 195.
99
Ref. könnte dieselben bestätigen, wenn es dessen noch be-
dürfte. Hr. Schwann sah in dem Bierhefen die meisten Kü-
gelclien in Reihen zusammenhängen; es waren theils runde,
gröfstentheils aber ovale Körnchen von gelblichweifser Farbe
(sie sind im achromatischen Instrumente vollkommen unge-
färbt. Ref.), die theils einzeln vorkommen, gröfstentheils aber
in Reihen, von 2 — 8 oder mehreren zusammenhängen. Auf
einer solchen Reihe stehen gewöhnlich ein oder mehrere an-
dere Reihen schief auf. Kurz das ganze ist ein gegliedertes
und verästeltes Pflänzchen. Hr. Schwann sah schon, dafs
die neuen Glieder an den Spitzen der Endglieder hervorwach-
sen, so wie die Glieder zu neuen Aesten seitlich hervorsprossen.
Bei der Gährung des ausgeprefsten Traubensaftes wurden ähn-
liche Pflänzchen beobachtet, die nur geringe Verschiedenheit
von jenen der Bierhefe zeigten, nur solche lange Fäden, wie
in dieser, wurden bei der Weingährung nicht beobachtet. Im
frisch ausgeprefsten Traubensafte ist noch nichts von diesen
Pflänzchen zu sehen; bei 20*^ Wärme, zeigen sie sich jedoch
schon nach 36 Stunden, und Hr. Schwann konnte die Ver-
gröfserung ihres Volumens unter dem Mikroskope In Zeit von
einer halben bis ganzen Stunde beobachten; sie sind hier mehr
kugelförmig und meistens hängen nur 2 Kügelchen neben-
einander.
Auch Ref. hat das Hervorwachsen neuer Glieder aus
den Spitzen der älteren sowohl bei den Pflänzchen der Bier-
hefe, als bei der Wein- und Apfelgährung beobachten können.
Der Vorgang dabei ist äufserst interessant und vollständig zu
verfolgen; die einzelnen Glieder trennen sich später wieder
und wachsen unter günstigen Verhältnissen abermals weiter.
Ein jedes Glied jener Pflänzchen ist ein eigenes, für sich be-
stehendes Pflänzchen, welches sogleich weiter fortwächst^ wenn
es aus seinem Zusammenhange getrennt ist; oder man mufs
jedes Glied, als eine Spore des Pflänzchen betrachten. Werden
die einzelnen Glieder, in welche die Pflänzchen in der dicken
Bierhefe meistens zerfallen sind, in die Maische eingerührt
so wachsen sie weiter fort, und in dünneren Flüssigkeiten
werden die Pflänzchen sehr grofs; ihre Aeste breiten sich fast
strahlig nach allen Richtungen aus. Ref. liefs diese Pflänz-
chen aus der Bierhefe 10 Minuten lang kochen und dennoch
7*
10()
beobachtete er ihre weitere Entwickelung, so wie sie wieder
unter das Mikroskop gebracht worder waren, und Hr.Cogniard-
Latour'^®) setzte sie verschiedenen Kältegraden aus, wobei
sie aber, selbst nach der Einwirkung von 90" C. Kälte, die
Eigenschaft den Zucker zu zersetzen immer beibehielten.
Bei der Cidergährung kommen ähnliche Pflänzchen zum
Vorschein; sie sind auf dieselbe Weise gegliedert und ver-
ästeU, wie die der Bierhefe, aber ihre Glieder sind meistens
3 mal >so lang als br^it, und an ihnen beobachtete Ref. auch
die Vermehrung durch blofse Theilung, jedoch selten.
Herr Schwann zeigt den Zusammenhang zwischen dem
beseliriebenen Pilze und der Weingährung, doch möchte es
woiil noch zu früh sein die Erscheinungen der Gährung durch
die Entwickelung desselben zu erklären, einmal nämlich zeigt
sieh die Bildung des Pilzes viel früher, als die Entwickelung
der Kohlensäure in der gährenden Flüssigkeit, dann aber giebt
es noch mehrere andere Pflänzchen, welche sich in der gäh-
readeji Flüssigkeit, mehr oder weniger zu gleicher Zeit mit
jenen entwickeln, wovon mehrere, mit den vorhergehenden in
Verbindung, unter der unhaltbaren Gattung Mycodej-ma Per-
soou und Desmazier es heschriehen sind; ja wären die angeb-
lichen. Myco derma -Arten nicht von Desmaüeres'''^^ abge-
bildet, so würde man wohl niemals über dieselben auf das
Reine gekommen sein. Desmazieres beschrieb ein My-
co derma villi, glutinis, farinulaey malti-juniperi, malti-cere-
visiae und cerevisiae, aber immer sind hier 2 ganz verschie-
dene Sachen mit einander vereinigt, welche gar nicht mit ein-
ander zusammengehören. Nämlich jener kleine gegliederte
Pilz, von welchem im Vorhergehenden die Rede war, den wir
SaccharomyceSj Zuckerpilz, nach Hrn. Seh wann' s Vorschlag
nennen und bis jetzt die Arten Saccharomyces vini, cerevi-
siae uiid pomorum aufstellen, kommt in allen gährenden Sub-
stanzen neben einem gröfseren fadenförmigen vor, dessen Bil-
dung in vieler Hinsicht ebenfalls sehr merkwürdig ist. Es
gehört hieher jener Fadenpilz, welchen Herr Amici im Safte
des thräneuden Weinstockes beobachtete, dessen Wachsthum
76) L'Imlit. de iSL Fehr. 1837. Ar. 199. ;?. 73.
77) iS'. Ann. des sciens d'Hist. nat. T. X.
i
im
ebenfalls so .schnell vor sich geht, dafs man die Verlängerung
in wenigen Minuten bemerken kann. Dieser fadenförmige Pilz
ist in verschiedenen gührenden Flüssigkeiten mehr oder weni-
ger kurz gegliedert, oft auf lange Strecken ungegliedert und
verästelt, und dann bilden sich die Glieder an den Aesten, oft
über den ganzen Faden in mehr oder weniger regelmäfsigen
Entfernungen, und alsbald, besonders gegen das Ende der
Aeste hin, schwellen die Glieder kugelförmig an, lösen sich
später ab und wachsen wieder zu neuen Pflanzen aus; doch
wird man selten 2 Flüssigkeiten finden, worin sich diese Pflänz-
chen ganz gleich verhalten. In dem ausgeprefsten Safte eines
Borsdorfer Apfels bildete sich neben dem Saccharomyces
auch ein Fadenpilz der Art von ausgezeichneter Schönheit;
es zeigten sich mehr oder weniger grofse, fast kugelrunde,
oft erbsengrofse Flocken in jener Flüssigkeit, welche von
einander getrennt waren und jedesmal aus einem sehr grofsen,
ja unzählbaren Convolut von solchen einzelnen, an der Basis wahr-
scheinlich zusammenhängenden Fadenpilzen bestanden. Ich be-
obachtete diese sehr interessante Bildung viele Wochen huidurch,
und legte einen einzelnen solcher Flocken in ein Uhrgläschen
mit reinem Wasser, so dafs die Aeste desselben dicht an die
Oberfläche des Wassers zu liegen kamen; um die Verdun-
stung des Wassers zu verhindern, wurde das Ganze mit einer
Glasplatte verdeckt. In Zeit von 6-— 8 Tagen zeigten sich
neue, strahlenförmig auslaufende Bündel und unter diesen
konnte man noch sehr viele beobachten, welche aus den ku-
gelförmig abgeschnürten Gliedern des ursprünglichen Fadenpil-
zes hervorwuchsen, während andere schon bis zur Frucht
entwickelt waren und nichts Anderes darstellten, als Mucor
Mucedo, wenn man denselben in Wasser wachsen läfst.
Diese in Wasser wachsende Form des Mucor' s ist nur
sehr wenig von jener gewöhnlichen Luftform verschieden, und
selbst die äufsere Kaut des Sporangium's kann man daran
noch bemerken. Herr Berkeley''®) hat die Entstehung die-
ses Fadenpilzes im Rosinenweine beobachtet, und dann auch
bemerkt, dafs derselbe die Fructificatious-Organe von Mucor
78) On a Confervoid State of Mucor clavatus LJc. — J ardine,
Selby and Johnston's Magaxine ofZoology and Botany for i^l
Vol. IL p. 390.
102
clavatus Lh. entwickelte. Die Abbildungen, welche Herr B.
beigefügt hat, beweisen mir vollständig, dafs wir in beiden
Fällen eine und dieselbe Pflanzen -Art beobachtet haben, ich
halte jedoch den Mucor für M, Mucedo und bin in Folge
wirklicher, sehr häufig wiederholter Beobachtungen der Mei-
nung, dafs M. clavatus nur eine geringe Formverschiedenheit
von M. Mucedo ist, und nicht als eigene Art angesehen wer-
den kann.
Aus dieser Beobachtung, welche ich wiederholte, ziehe
ich den Schlufs, dafs die Mycodermen unentwickelte Pflanzen-
formen sind, und wie einige andere Beobachtungen zeigen,
den Gattungen Mucor, Pennicillium und Aspergillus ange-
hören'^). Und hieher gehört denn auch die gröfste Zahl der
Arten von Agardh's angegebener Gattung Hygrocrocis, als
H. acida, vini, rosae, atramenti, salviae u. s. w.
In den gährenden Flüssigkeiten kommen aber auch noch
mehrere andere schwer zu bestimmende Sachen vor; so be-
merke ich in der Bierhefe äufserst feine fadenartige Gebilde, welche
meistens etwas länger, als die einzelnen Glieder des Zucker-
pilzes sind, aber höchstens nur —0 ^^^ Breitendimension zei-
gen; sie sind nicht gleich lang und vermehren sich durch
Zertheilung in noch kleinere Fäden. Nur bei 300 maliger
Vergröfserung werden sie hinreichend bemerbar. In dem aus-
geprefsten Safte der Trauben beobachtete ich aufser den, schon
vorher beschriebenen 2 Gewächsen, noch einen zarten weifsen
Absatz, welcher sich am Rande der Flüssigkeit dem Glase
ansetzte; derselbe wurde aus unzähligen, vollkommen runden
und gleichgrofsen Körper chen gebildet, welche etwa —ö so
grofs als die Glieder des Zuckerpilzes waren und nach Verlauf
von 3 — 4 Tagen gänzlich verschwanden.
Die Anzahl der vegetabilischen Gebilde, welche sich in
den gährenden Fruchtsäften zeigen, ist also nicht gering, und
ob die Gährungs-Erscheinungen von dem einem oder von dem
79) Anmerk. Hiebei möchte ich die Botaniker dringend auf-
fordern, endlich auch auf die Entwickelung der niederen Pilzformen
ihre Beobachtungen zu lenken, ein Gegenstand, welcher im höchsten
Grade belohnend sein wird, wenngleich auch die Zahl der sogenann-
ten Arten und Gattungen der neuesten Zeit furchtbar zusammen-
schmelzen mufs.
1U3
alliieren abhä^igig sind, ist nicht zq entscheiden. lir. Schvvai,in
stellte Beobachtungen mit derWeingährung an, ans welclicni «»r
den Schlufs zog, dafs bei derWeingälirung, wie bei der Fänlnjf^,
nicht der Sauerstoff der atmosphärischen Luft es ist, welcher
dieselbe veranlafst, sondern dafs es ein in der atmosphärischen
Luft enthaltener, durch Hitze zerstörbarer Stoff ist. Es wur<le
eine Auflösung von Zucker mit Bierhefe vermischt, 10 Minu-
ten lang der Temperatur des siedenden Wassers ausgesetzt,
dann in kleinen Ffäschchen unter Quecksilber umgestülpt und
etwas ausgeglühte Luft (\ — \ des Volums der Flüssigkeit)
hineingeleitet. Die Fläschchen mit der ausgeglühten Luft wurden
dann verkorkt und bei 10 — 14" II. Temperatur hingestellt,
zeigten aber keine Gährungs- Erscheinungen, während andere
Fläschchen , mit jener gekochten Flüssigkeit, worin keine aus-
geglühte Luft geleitet worden war, nach 4 — 6 Wochen durch
die Gas -Ent Wickelung weggeschleudert wurden. Die Erchei-
nungeu, welche Herr Schwann bei diesen Versuchen beob-
achtet hat, sind in der That sehr auffallend, sie liefsen sich
aber doch wohl noch auf eine andere Weise erklären; die
Temperatur des siedenden Wassers tödtet allerdings den Zucjier-
pilz nicht, was Ref. vorhin schon angab, aber wir wissen
doch auch, dafs selbst das Keimen der Saamen höherer Pflanzen
in vollkommen ausgekochtem Wasser nicht vor sich geht, wenn
dasselbe auch der Atmosphäre ausgesetzt wird.
Herr Trog ^°) zu Thun hat einige allgemeine Bemer-
kungen über die Fortpflanzung der Schwämme durch Myceüum
und durch Sporen bekannt gemacht, wodurch manche, schon
hie und da über diesen Gegenstand vorgetragene Angaben be-
stätigt werden. Die neueren Beobachtungen über das Auftre-
ten der Sporen bei den höheren Pilzen sind Herrn Trog noch
nicht bekannt gewesen. Die Frage, wie die Aussaat der Pilz-
Sporen in der Natur geschieht, wird durch den Verfasser aus-
führlich behandelt; es ist demselben sehr wahrscheinlich, dafs
die Sporen der Jlymenomyccten zum Theil in der Luft sus-
pendirt sind, durch den Wind überall herumgetragen werden,
sich an allerlei Körper hängen oder durch den Regen au§ der
80) lieber das Wachsthuin der Schwämme. — Flora von 1837.
Nro. 39. ^
104
Luft gleichsam niedergeschlagen werden. So sehe man z. B.
nach einigen Regentagen eine Menge von Mycenen, Mist-
schwämmen u. s. w. hervorschiefsen , welche wohl zum Theil
auf diese Weise gesäet wurden. Auch werden Beispiele an-
geführt, welche der Annahme, dafs die Sporen der Schwämme
zum Theil in der Luft schweben einiges Gewicht geben sol-
len; als: Wenn man die abgeschnittene Haut eines Blätter-
schwammes mit den Lamellen nach Unten auf Papier legt,
so fallen, wie es bekannt ist, die Sporen auf das Papier; so-
bald aber, sagt Herr Trog die Lamellen durch Sinuosität
oder W^ölbung das Papier nicht berühren, so erscheinen diese
Stellen auf dem Papier von Sporen entblöfst, weil daselbst
der Luftzug hinreichend ist (selbt in verschlossenen Zimmern)
um selbige fortzutreiben. Ref. hat dieses Experiment wieder-
holt, fand aber die Erklärung näher liegend ; das Herunterfallen
der Sporen wird nämlich mechanisch verhindert, wenn die
Lamellen mit ihren Seitenflächen zusammengedrückt sind. Die
zweite Angabe ist sehr beachtungswerth. Man lege eine Peziza
oder eine Helvella auf ein dunkeles Papier und man wird
von Zeit zu Zeit, besonders bei einer leichten Erschütterung
gewahr werden, wie mehrere Schläuche auf einmal mit Schnell-
kraft sich ihrer Sporen entledigen, indem man einen Rauch
\on ihrem Hymeniujn aufsteigen sieht, der aber auch sogleich
verschwindet, ohne dafs man um den Schwamm herum, selbst
nach mehreren Stunden, bedeutende Spuren ihres Herabfalles
bemerken könnte; mithin sind sie in der Luft geblieben, oder
von derselben weggeführt. Die übrigen Angaben sind schon
längst als unzureichend nachgewiesen.
Herr Schwabe®^) hat Beobachtungen über die Oscilla-
torien der Karlsbader warmen Quellen bekannt gemacht, w^elche
die Arbeiten seiner Vorgänger in vielen Punkten berichtigen.
Auch fühlt Herr Schwabe den grofsen Mangel, welchen die
systematische Bestimmung dieser Gattung und ihrer Arten
heutigen Tages aufzuweisen hat, denn die verschiedenartigsten
Sachen hat man unter der Aufschrift der Oscillatorien beschrie-
ben, und oft wieder die ähnlichsten Formen , als verschiedene
81) üeber die Algen der Karlsbader warmen Quellen. Mit 2 Ta-
feln Abbildungen. — Li?maea v. 1837. S. 109 — 127.
105
Arten jener Gattung angegeben. Wenn man Jahrelang das
Wachstlium der Oscillatorien fast täglich in seinem Studier-
zimmer beobachtet, und die mannigfachste Form-Veränderung
an einer und derselben Art bemerkt hat, dann begreift man
wahrlich nicht, wie Reisende es wagen können, während eines
kurzen Aufenthalts zu Karlbad 20, 30 und noch mehr neue
Arten dieser Gattung zu beschreiben, wie es neuerlichst wirk-
lich vorgekommen ist.
Herr Schwabe hat seine Beobachtungen nur auf einige
wenige, jener Pflänzchen der Karlsbader Quellen beschränkt,
daher es ihm auch gelungen ist über die Structur und die
Fortpflanzung derselben etwas Brauchbares zu beobachten.
Die Trennung der Gattung Mastigonema von Oscillatoria,
welche Herr Schwabe vorgeschlagen hat, kann aber nicht
angenommen werden, denn gerade die dahin gehörige Pflanze
ist als Repräsentant der wahren Oscillatorien anzusehen. In-
teressant ist es zu sehen, dafs man die Sporangien, oder Sporen-
fäden von Nostoc anisococcum Spr. als 4 verschiedene Ar-
ten von Sphaerozyga beschrieben und abgebildet hat; es stehen
dieit^ angeblichen Sphaeroz^yga- Arten zu jenem Nostoc in
demselben Verhältnifs, wie die Oscillatoria Flos aguae zu
unseren gewöhnlichen kleinen Nostoc -Individuen. Die voll-
ständige Entwickelungs - Geschichte derjenigen Alge, welche
Herr Schwabe als Fischer a thermalis beschrieben und ab-
gebildet hat, möchte von besonderem Interesse sein; vielleicht
giebt uns dieselbe Herr Fischer, dem die Naturwissenschaft
eine der interessantesten Entdeckungen der neueren Zeit
verdankt.
Herr Morren ®*) giebt bei einer genaueren Beschreibung
der Structur der Covferva dissiliens seine Ansichten über
verschiedenartige Geschlechts -Vorrichtungen, welche dieser
Pflanze zukommen sollen. Er sagt, dafs die Zellen dieser
Conferve eine fast gleichmäfsige Masse, ein Endochrom enthiel-
ten, in welcher einige besondere Kügelchen vorkommen, welche
zu helleren Bläschen werden, die mehr gelb als die übrige
Masse sind, und im Inneren dunkele Pünktchen von brauner
oder rother Farbe zeigen. Diese gröfseren Kügelchen, welche
82) Bulletin de l'Acad, des sciensc. de ßnuelles. 1837. p. 303.
106
bekanntlich bei allen wahren Conferven vorkommen und bisher
wie die Zellensaft -Kiigelchen in anderen Pflanzen betrachtet
wurden, hält Herr Morren für männliche Geschlechts-
Apparate, welche auf den übrigen Theil des Endochromes
eine wahre Befruchtung ausüben. Diese Ansicht möchte in-
dessen nur als Hypothese erscheinen, wenn man die Sporen-
Bildung bei den Spirogyren in Folge der Conjugation beob-
achtet, indem bei diesen Pflanzen in allen Zellen jene gröfse-
ren Kugel chen enthalten sind, welche Hr.Morren für männliche
Geschlechts -Apparate ansieht, und dennoch nur in den con-
jugirten Zellen die keimfähigen Saamen gebildet werden.
Referent ^®) hat einige Beobachtungen über die bräun-
lichen Bläschen bekannt gemacht, welche die Höhlen in den
Spitzen der Closterien durch ihre lebhafte Molekular-Bewegung
auszeichnen. Gruithuisen hatte diese Bewegung schon vor
26 Jahren aufgefunden , und später beobachtete derselbe eine
Strömung zarter Kügelchen, welche an den Rändern der Clos-
terien vorkommen und mit dem Charen -Phänomen zu ver-
gleichen sei. Ref. verfolgte diese Bewegungen etwas weiter,
er bemerkte, dafs sie in zwei, nach entgegengesetzter |Rch-
tung verlaufenden Strömen einzelner kleiner Kügelchen be-
stehen, und sich sowohl auf der concaven, als auf der con-
vexen" Seite der Closterien zeigen. Andere Beobachtungen
zeigten, dafs jene bräunlichen Bläschen aus den Höhlen in den
Spitzen der Hörner heraustreten und aus ihrer beständigen
und sehr lebhaften Molekular-Bewegung in eine rein vor-
schreitende übergehen können, und so auch umgekehrt, denn
sie nehmen ihre Molekular-Bewegung wieder an, so bald sie
aus ihrer vorschreitenden Bewegung in die Höhle der Spitze
zurückgekehrt sind. Die Beobachtungen für diese Annahme
sind am angeführten Orte speciell aufgezeichnet und Referent
hat später mehrere ähnliche Beobachtungen an den Zellensaft-
Kügelchen höherer Pflanzen gemacht, welche im zweiten Bande
seiner Pflanzen- Physiologie, in dem Capitel über die Rotations-
Strömung in den Zellen aufgezeichnet sind.
Ueber die Ausdauer der Keimkraft der Saamen, worüber
in den letzteren Jahren verschiedene, oft ganz unglaublich
83) S. Wiegmann 's Archiv. 1837. 1. S. 426.
107
erscheinende Nachrichten bekannt geworden sind, hat Herr
Hooker ®*) verschiedene Beobachtungen zusammengestellt,
welche von hohem Interesse sind. Zuerst werden die Mitthei-
lungen des Hrn. Ch. de^ Moulins aus den Schriften der
Linnaeischen Gesellschaft zu Bourdeaux (welche dem Ref.
zii Berlin leider nicht zu Gebote stehen) ausgeführt, wonach
in- der Commune de la Mouzie- Saint Martin, Canton La-
force (Dordogne) Römergräber eröffnet wurden, welche in
ihren Särgen Saamen von verschiedenen Pflanzen enthielten,
welche fast sämmtlich ihre Keimkraft beibehalten hatten ; es waren
Saamen von Ileliotvopium europaeum, Medicago lupulina
und Centaurea Cyanus, Hierauf wird auf die Beobachtungen
von Diireau de la Malle aufmerksam gemacht, wonach Saa-
men von Birken, Espen, Genisten, Digitalis u. s. w. unter
der Erde nach hundert und noch mehreren Jahren ihre Keim-
kraft beibehalten können, und dafs Birken- und Senf- Saamen
20 und 30 Jahre lang unter Wasser liegen können, ohne ihre
Keimkraft zu verlieren. Schliefslich theilt Herr Hook er ein
Schreiben von Herrn Wm. Burroughes mit, worin gemeldet
wird, dafs Saamen von Centranthus ruher in einem alten
Grabmale der Wymondham-Abtey gefunden wurden, welche
keimten und blühende Pflanzen erzeugten. Man fand den Saa-
men in einem kleinen, luftdicht verschlossenen Ziegel- Sarge;
sie waren nebst Kochsalz und wohlriechenden Holzspänen mit
einem Foetus zusammengepackt und in Leinewand eingebun-
den, welche mit Harz verkittet war. Das Grabmal stammte, aller
Wahrscheinlichkeit nach, aus der Mitte des 12ten Jahrhunderts.
Im October 1834 ward auch in London 's Garde ner's
Magazine über die Eröffnung eines britischen Grabmales Mit-
theilung gemacht, wobei man in einer Portion des Inhaltes
des Magens eine Menge kleiner Saamen fand, welche für die
Saamen der Himbeere erklärt wurden. Diese Saamen keimten und
schon im Jahre 1836 trugen sie herrliche Früchte®^). Hr.Lindley
schlofs hieraus zugleich, dafs die Himbeere zu jener Zeit, als
84) Information respecting seeds which have heen found in roman
tombs, arid which have retained their powers of germination etc. —
Companion to the Botanical Maga:^ne for 1827. Vol. II. /». 293—299.
85) The Gardeiier's Magazifie, conducted by London. London
1836. p. 695.
108
jenes Grahmahl gesetzt wurde, etwa vor 2000 Jaliren, in Eng-
land wild wuchs.
Die Herren Ed ward's und Collin^^) haben eine Reihe
von Versuchen über den Einflufs des Wasserdanipfes auf die
Vegetation angestellt; sie legten verschiedene Saamen unter
ganz gleichen Verhältnissen zum Keimen aus, nur der Gehalt
an Wasserdampf in den umgebenden Medien war hiebei ver-
schieden, um die Einwirkung desselben auf die Vegetation
unmittelbar wahrzunehmen. Man erkannte, dafs der Einflufs
des Wasserdampfes ganz aufserordentlich war, und dafs der-
selbe die Vegetation in dieser ersten Periode sehr beschleu-
nige. Die günstigsten Verhältnisse, durch welche die Kei-
mung der Saamen beschleunigt wird, sind: Das Vorhandensein
von so viel Feuchtigkeit, als die Saamen zur Einsaugung
nöthig haben, und eine Luft, welche fast vollkommen mit
Wasserdampf gesättigt ist. Dasselbe findet auch für die übri-
gen Perioden der Vegetation Anwendung (wie es ja auch die
Vegetation in den feuchten tropischen Wäldern lehrt. Ref.)
und es folgt daraus, dafs man in den warmen Gewächshäu-
sern unserer Gärten die Einwirkung der Wasserdämpfe auf
die Pflanzen in weit gröfserem Maafse in Anwendung setzen
sollte, als es bisher wirklich geschieht.
Im Feuilleton du Temps. ISt. AvASS7 sind ausführlichere
Mittheilungen über jene Arbeit der Herren Ed ward's und
Co Hin enthalten, woraus Ref. noch einige der erhaltenen
Resultate aufführt. In freier Luft, wenn dieselbe auch ziem-
lich feucht ist, sollen die Saamen der Pflanzen nicht keimen.
Ref. hat dagegen nur im vorigen Jahresbericht Ausnahmen
gegen diese Regel aufgeführt. Die Saamen der Getreide-Arten
keimen nur in einer mit Feuchtigkeit gesättigten Luft, unter
Wasser bedürfen sie dazu einer 8 mal länr^eren Zeit. Bei
gleichzeitiger Einwirkung von AVasser und Wasserdampf, kei-
men die Saamen in dem Falle stets früher, wo die Luft mit
Feuchtigkeit gesättigt ist.
86) Influetice de la vapeur siir la Vegetation. -^ L' Institut de
1837. p. 193.
109
ZurMorphologie.
Aus der grofsen Menge von Schriften, worin im vergan-
geneu Jahre die Morphologie der Pflanzen bearbeitet wurde,
hebe ich die des Herrn V^ Martins®') zuerst hervor, weil
in derselben dieser Gegenstand ganz alJgemein behandelt ist.
Erste Vorlesung.
Die Pflanze, sagt Herr v. M., ist ein zwischen Licht und
Erde gespannter", iiach üben freier, nach unten in die Banden
des Irdischen versenkter Organismus. Die Pflanze wächst
nach unten und nach oben, und differenzirt in diesem gedop-
pelten Wachsthume den Niederwuchs und den Aufwuchs so
vollständig, dafs die Erscheinung ihrer beiden grofsen Systeme
ganz verschiedene Gestaltung mit sich bringt und einhüllt.
Die Wurzel ist das, gleichsam in sich verschlossene, das we-
sentlich Einfache und Einförmige an der Pflanze. Unwandel-
bar verharrt sie stets in ihrer Richtung nach unten; sie wächst
in die Länge und Breite, vermag sich durch Theilung zu ver-
zweigen, ist aber weder im Ganzen, noch in einzelnen Thei-
len einer Umgestaltung fähig. Der Aufwuchs der Pflanze ist
das Liicht und Luftsystem derselben; es ist der Wurzel dia-
metral entgegengesetzt und wächst also nach oben. Dieser
Aufwuchs tritt in allen höher organisirten Pflanzen alsbald in
zwei, wesentlich von einander verschiedene Bildungen ausein-
ander, welche, in stetiger Wechselbeziehung vielfach verändert,
das ganze oberirdische Leben des Gewächses an sich dar-
stellen. Diese verschiedenen Gebilde sind die Achse oder
der Stamm (Stengel) und das Blatt. Der Stamm ist der be-
harrende Theil [aller oberirdischen Bildungen, er setzt sich
dem Blatte als Tragendes entgegen; er bildet das Centrale,
die Achse; das Blatt dagegen erscheint als ein peripherisch
abgeschiedener Theil, welcher hie und da von dem Stamme
getrennt gedacht werden kann. Herr v. M. glaubt, dafs das
Blatt auch als eine secundäre und wiederum verzweigte Ach-
senbildung betrachtet werden könne, dafs es aber in Hinsicht
seiner inneren Gestaltung unsymmetriscli sei.
87) Die Metamorphose der Pflanzen. Vier Vorlesungen, gehal-
ten vor einem häuslichen Kreise \on Freunden. — Reden und Vor-
träge etc. S. 111-223.
110
Das Achsengebilde vergröfsert sich nach der Länge nnd
Dicke und verzweigt sich nach und nach, also ganz ähnlich
dem Niederwuchs. Es soll aber ein wesentlicher Unterschied
zwischen dem Wachsthum des 'Stengels und dem der Wur-
zel darin bestehen, dafs ersterer nach gewissen Perioden sich
in die Länge entwickelt, während die Wurzel der Perioden
des Erdenlebens weniger unterworfen ist, und daher auch in
allen Jahreszeiten stetiger fortwächst.
Das Blatt entwickelt sich, indem es sich entfaltet;
es ist nicht nur ein Strecken und Wachsen in die Länge,
sondern ein Wachsthum in^ die Breite, und dieser Le-
bensrichtung gemafs weicht es von der senkrechten Stellung
des Achsengebildes ab. Die gewöhnlichen oder Laubblätter
sind vorzugsweise bestimmt, durch Ein- und Ausathmung luft-
förmiger Flüssigkeiten die Säfte der Pflanzen zu vermehren
und zu verbessern. Anders verhält es sich aber, wenn die
Blätter umgestaltet, verwandelt (metamorphosirt) werden, eine
Erscheinung, welche die Erzeugung des Keimes stets beglei-
tet. An der Spitze aller Blattmetamorphose steht eine ge-
schlechtliche Function; das Stempelblatt weiblicher Seite und
das Staubblatt oder der Staubfaden männlicherseits schliefsen
das schöne Spiel der Metamorphose ab. Diese geschlechtli-
chen Blätter folgen nicht unmittelbar auf die grüne, sondern
es gehen ihnen eine Reihe von Umwandlungen anderer Blät-
ter voran, welche aber ebenfalls schon dem Fortpflanzungs-
systeme angehören; sie zeichnen sich von den Laubblättern
durch Gestalt und Farbe aus und man kann sie gefärbte Blät-
ter nennen. Die Verwandelung der Laubblätter zu farbigen
und zu geschlechtlichen Blättern nennt man die aufsteigende
Metamorphose; die rückschreitende Metamorphose dagegen
bezeichnet die Umgestaltung der metamojphosiften Blätter in
grüne Laubblätter.
In der Blüthe schwindet das Achsengebilde scheinbar
gänzlich und tritt als Blüthenboden auf. Die metamorphosir-
ten Blätter stehen nun nicht mehr über, sondern neben einan-
der und daher entwickeln sie sich fast gleichzeitig.
Im Aufwüchse erscheinen drei wesentliche Punkte, in de-
ren Entfaltung derselbe seine gesammte Bildungsthätigkeit dar-
stellt: Knoten, Blatt und Internodium. Wenn man den Ur-
I
111
Sprung der Blätter untersucht, so findet man eine Verdich-
tung der Achse und Verschlingung ihrer Gefäfse im Knoten,
unmittelbar seitlich unter dem Blatte. Oberhalb eines Kno-
tens nehmen die Gefäfse wieder einen regelmäfsigen Verlauf
nach oben an; sie kehren zu vollkommener Ordnung und
Symmetrie zurück, bis es am Ende des Internodium's wieder
zu Knoten und Blattbildung kommt, und soweit stellen sich
im Achsengebilde mehrere Intcrnodicn übereinander. Bei der
Bildung einer jeden Nebenachse soll auch die Vorbildung von
Knoten und Blatt bedingt sein.
Zweite Vorlesung.
Blätter mit gesondertem Scheidentheile, mit Blattstiel und
mit der eigentlichen Blatt-artigen Ausbreitung sieht Herr v.
M. als vollständige Blätter an; doch nicht alle Blätter be-
sitzen die drei Theile, sondern bald zeigt der eine, bald der
andere derselben eine vorherrschende Ausbildung. Nach die-
sen Verschiedenheiten könne man drei Arten von Blätter un-
terscheiden; Scheidenblätter (^Coelophylld) , Stielblätter (^Ste-
leophylld) und Flächen- oder Breitenblätter (Flacophylla).
Die Succession der grünen Blätter von der Wurzel bis zu
den Blüthenblättern ist von besonderer Bedeutung für die Le-
bensgeschichte der Pflanze. Gewöhnlich beginnt die Blattbil-
dung mit Scheidenblättern; weiter oben am Aufwüchse treten
auch die beiden anderen Dimensionen des Blattes auf, und
kommt es zur Verzweigung der Achse, so verliert sich wie-
der die eine oder die andere der Formationsstufen des Blat-
tes. Noch auffallender zeigen sich die Veränderungen des
Blattes, wenn aus ihrer Achsel statt des Laubzweiges eine
Blüthe hervortritt. Es sind dieses die Bracteen, Vor- oder
auch Tragblatt genannt, deren Funktion noch mit derjenigen
der grünen Blätter übereinstimmt. Aber noch weit entschie-
dener sind die Veränderungen in Gestaltung und Färbung,
welche die Blumenblätter und die geschlechtlichen Blätter zei-
gen. Mit der ümwandelung des Blattes zum Staubblatte
(^Stameri) erscheint die Bildung des Blüthenstaubes in seinem
Inneren. Diese Metamorphose findet im obersten oder Flä-
chentheile des Blattes statt, welcher sich zur Anthere umge-
staltet, während das Filamentum dem Blattstiele des Laub-
blattes entspricht. Das Fruchtblatt ist die oberste und letzte
112
Stufe der Blattmetamorphose und hier sind die drei Dimen-
sionen des Blattes, jede auf eine eigenthümliche Weise umge-
staltet: der Scheidentheil ist in den Fruchtknoten (fiennen),
der Blattstiel in den Griflfel {Stylus), und die Blattfläche in
die Narbe {Stigma) verwandelt.
Das Fruchtblatt steht gemeinlich nicht an und neben der
Achse, sondern geradezu auf der Achse und daher wird die
Verlängerung der Achse ganz abgeschlossen. Das Achsenge-
bilde nimmt an der Fruchtbildung nur soweit Theil, als es
sich nicht selten längs der Naht, welche durch die Verwach-
sung der Ränder der Blattscheide gebildet wird, heraufzieht
und mit derselben verschmilzt, was besonders sichtlich ist,
wenn die Fruclit aus mehreren Blättern gebildet wird. Ver-
wachsen die Ränder eines jeden einzelnen Blattes unter sich
und mit der zwischen ihnen aufsteigenden Substanz der Achse,
so entstehen mehrere Höhlungen im Fruchtknoten; aber ver-
wachsen die Ränder jedes einzelnen Fruchtblattes nicht un-
ter sich , sondern mit den Rändern des benachbarten Blattes,
so entsteht eine Höhlung des Fruchtknotens.
Die Bliithe bezweckt nicht die Entstehung von Neben-
achsen, welche an der Pflanze haften bleiben, sondern sie er-
zeugt Achsen von eigener Struktur, welche sich von der müt-
terlichen Achse trennen und ein selbstständiges Lehen begin-
nen; es sind dieses die Saamen, deren Entwickelung, vor und
nach der Befruchtung, nach den bisher bekannten Thatsachen
etwas specieller angegeben wird.
Die Blätter, welche zur Kelch- und Kronenbildung ge-
hören, sind lals Blätter zweier, dicht auf einander folgenden
Triebe zu betrachten. Sie sind die peripherischen Theile
zweier unmittelbar in einander fortgesetzten Stücke des Auf-
wuchses, der hier seine Metamorphose einerseits in der be-
trächtlichen Zusammenziehung der Achse, anderseits in der
Form- und Farbeveränderung seiner Blätter beurkundet.''
Der Kelch besteht meistens aus Blättern, welche nur den un-
tersten oder Scheidentheil darstellen; sie verhalten sich zu
den darauf folgenden feiner organisirten Blättern etwa so,
wie sich die Schuppten der Blattknospen zu ihren Blättern
verhalten. Auf einer höheren Entwickelungsstufe wird mm
das Batt gefärbt; in der jungen Blumenknospe ist die Farbe
113
der Kronenblätter meistens ein lichtes Grün. Das Kronen-
blatt ist aber kein in allen seinen drei Haupttheilen umgestal-
tetes Blatt, sondern hier ist es vorzugsweise der vorderste
oder Breitentheil des Blattes,* welcher besonders ausgebildet
wird, und der Blattstiel bleibt als Nagel in seiner Entwicke-
iung ganz zurück. Sind die Kronenblätter zu einem einzigen
Stücke verbunden , so bilden die Nägel die Röhre (Tuhiis),
die Platten aber den Saum (JLiimbus) der einblättrigen Krone.
So haben wir denn gesehen, schliefst Herr v. Martins: die
Bliithe ist derjenige Theil des Auswuchses, in welchem das
Blatt, vierfach verklärt und verwandelt, zu der Spitze seiner
Bestimmung gleichsam staflfelartig emporklimmt. Sie ist ein
vierfach verwandelter, verkürzter Zweig, der die Natur und
die Geschichte des Laubzweiges verläfst u. s, w.
Dritte Vorlesung.
Bei der näheren Betrachtung des Bildungsprocesses der
Blüthen sind mehrere Gesetze in die Augen fallend, alsi;
1. Die Aufeinanderfolge der vier grofsen Bildungsstufen,
Kelch-, Kronen-, Staubblatt-, Fruchtblatt - Wirtel. , Dem zwei-
ten Gesetze gemäfs bestehen Kelch und Krone aus je einem
Wirtel von Blättern, dagegen die Formation des Staubblattes
in zwei Wirtein vorhanden ist. Das dritte Gesetz ist in der
Blüthenbauzahl begründet, indem in der regelmäfsigen Blüthe
die Zahl der Glieder aller Wirtel gleich ist. Die 3 und die
5 Zahl erscheinen am häufigsten in den Wirtein der Blüthe;
die 3 herrscht bei den Monocotyledonen , die 5 bei den Dico-
tyledonen. Kelch und Krone bleiben sich in dieser Zahl am
meisten getreu, d. h. sie lassen nur selten Verdoppelungen
eintreten. Bestehen diese Wirtel aus wenigeren Gliedern, so
kann man den Fall als Ausnahme betrachten. Häufiger ist
dagegen die Vervielfältigung der Staubblattkreise. Das Zah-
lenverhältniss des letzten oder Fruchtblatt- Wirteis erleidet
häufige Reductionen, besonders bei den Dicotyledonen , wo
statt 5 oft nur 1 oder 2 Fruchtblätter vorhanden sind, zuwöi-
len wird es aber auch vermehrt. Die Mannigfaltigkeit in
dem Zahlenverhältnisse in den Wirtcln und den Gliedern der
Blüthen-Wirtel ist bei verschiedenen Pflanzen unendlich grofs,
indem sich die typischen Grundzahlen einmal vom Kelche bis
zum Frucht -W'irtel gleichbleiben, oder gegen den Mittelpunkt
IV. Jahi-p'. 2. ßa.ul. . 8
114
der IMiithe hin zunehmen, oder auch in dieser Richtung ab-
neluiien. Nach der Betrachtung- des Zahlengesetzes in der
Blüthe kommt die der Stellung der Glieder in den verschie-
denen Bliithen-Wirteln. Es heifst: die Glieder der zunächst
aufeinanderfolgenden Wirtel sind so geordnet, dafs sie mit
einander abwechseln, woraus sich ergiebt, dafs die Stellung
eines jeden Blattes in der Blüthe eine gesetzmäfsige ist. Durch
zwei Diagramme' werden die allgemeinsten Typen der Blüthe,
nämlich für die der Monocotyledonen und für die der Dico-
tyledonen bildlich dargestellt, und Herr v. Martins geht dann
zur Betrachtung über, wie sich diese Bildung mit dem Her-
gange in der' Blatterzengung und der Zweigbildung verglei^
chen lasse, denn es wurde erwiesen, dafs die Blüthenblätter
nur Blätter und dafs die Blüthe ein verkürzter Zweig ist. '
Da die Blätter an dem Stengel entweder entgegengesetzt
oder spiralig zu einander gestellt sind, so lassen sich diese
beiden Typen auch im Blüthenbildungsprocesse annehmen,
nämlich die Bildung durch Wirtel und durch Spirale, Der
letztere Fall ist der häufigste, und durch Darlegung der Lehre
von der Blattstellung wird erwiesen, dafs die Natur auch bei
dem Blüthcnbildungs-Processe nach denselben Gesetzen handelt.
Da nun die Blüthe ein verkürzter Zweig ist, so können die
zu einem Wirtel vereinten Blätter nicht immer so neben ein-
ander stehen', dafs sie sich nach der Succession einander be-
rühren, denn sollte dieses bei einem Sgliedrigen Wirtel der
Fall sein, so müfste ein jedes Blatt vom nächsten nur den
fünften Theil des Kreises entfernt sein, während sie ~ oder f
des Kreises von einander entfernt stehen. Die Ordnung der
Blüthenblätter wird meistens auch durch die Deckung erkannt,
indem nämlich diejenigen Blätter die überliegenden sind, wel-
che sich zuerst vom Stengel getrennt haben, ganz ähnlich wie
bei der Blattknospe. Wir haben aber schon kennen gelernt,
dafs die Glieder an den auf einander folgenden Wirtein der
Blume mit einander abwechseln, und dieses kann man durch
die Annahme erklären, dafs ein anderes Maafs zwischen den
einzelnen Wirtein wirksam ist, ein Maafs, welches um die
Hälfte gröfser ist, als das, welches zwischen den einzelnen
Gliedern einer und derselben Periode herrscht.
Wenn die Zahl der Glieder in den einzelnen Wirtein
115
nicht durch die ganze Bliithe hindurch gleich bleibt, so kann
man zwei Möglichkeiten annehmen, nm dieses Verhäbnifs zu
erklären? entweder ereignet sich eine Reduction an den Glie-
dern eines oder mehrerer Wirtel, welche in ihrem Maafse
mit den übrigen übereinkommen, oder die verschiedenen For-
mationen der Bliithe folgen verschiedenen Maafsen. In beiden
Fällen tritt Ungleichlieit des Zahlenverhältnisses, und häufig
damit verbunden auch Unregelmäfsigkeit der Form ein; Letz-
tere geht durch ungleiche Ausbreitung und Verlängerung liervor.
Vierte Vorlesung.
Herr v. Martins sucht in dieser letzten Vorlesung die
allgemeinen morphologischen Gesetze, welche im Vorhergehen-
den entwickelt wurden, auch in speciellen Verhältnissen nach-
zuweisen; die Verhältnisse des Blüthenstandes werden zuerst
erörtert und dann über das Oben und Unten, das Vorn, Hin-
ten, Rechts und Links der Pflanze gehandelt. Specieller wird
aber die Zugestaltung des Fruchtblattes zur Frucht nachge-
wiesen, worauf ich nur hindeuten möchte.
Während des Druckes dieser Bogen erhielt ich durch die
Güte des Herrn Alexander von Humboldt das angekün-
digte Prachtwerk über die Metamorphose der Pflanzen, wel-
ches Herr Turpin®®) kürzlich publicirt hat. Diese Schrift
zählt mir 79 Seiten, aber im gröfsten Folio -Format und bei
sehr kleinem Drucke; drei grofse Kupfertafeln, mit 3, 4 und
5 bezeichnet mid von Herrn Turpin selbst gezeichnet, be-
gleiten dieselbe, derentwegen auch wohl das sehr unbequeme
gröfste Folio -Format gewählt ist.
Schon aus der Iconographia vdgetale kennen wir Herrn
Turpin, als einen Botaniker, der über die Metamorphose
der Pflanze seine eigenen Ansichten hat, welche aber, beson-
ders in Deutschland grofsen Widerstand fanden. In dem vor-
liegenden Werke hat Herr T. fast eben dieselben Ansichten
88) Esquisse d'organographie vegetale, fondee sur le jirincipe
d'unite de coniposition organique et d'evolution rayonnante ou cen-
trifvge pour servir a prouver l'identite des organes appendiculaire
des reget aux et la Metamorphose des j)Iantes de (Goethe. Paris
1837. foL
8* .
119
von Neuem, nur in einer etwas anderen Form aufgestellt,
ohne die vielen gründlichen Einwendungen zu beachten, wel-
che einst Herr E. Meyer im 7ten Bande der Linnaea dage-
gen , gemacht hat.
Auf der ersten Tafel stellt Herr Turpin eine typische
oder ideale Pflanze dar, um die „Unite de composition or-
ganiqe/' so wie die strahlige oder centrifugale Entwickelung
und die ursprüngliche Identität aller appendikulären Theile
daran nachzuweisen. Sie zerfällt in ein Systeme terrestre
und in ein Systeme aeiien, ersteres scheint dem Ref. beson-
dersjipnvollständig , obgleich es ganz richtig als eine unmit-
telbare Fortsetzung des Stammes dargestellt wird. Das Mark
des Stammes setzt sich durch die ganze Hauptwurzel bis zu
deren Spitze fort, während die Nebenwurzeln aus dem Holz-
körper hervorgehen. Die Achse des Systeme a^rien der idea-
len Pflanze wird durch den Embryo geschlossen, der in ei-
nem Falle mit seiner Wurzelspitze darauf sitzt und in dem
zweiten Falle erst vermittelst einer Art von Nabelschnur daran
befestigt ist! Auf der zweiten Tafel hat Herr Turpin eine
schöne Reihe der ausgezeichnetsten Monstrositäten verschiede-
ner Blüthentheile, von denen viele noch ganz neu sein möch-
ten, dargestellt und wovon Ref. später einige anführen wird,
obn^ der Deutung derselben beizustimmen.
!^j Auf der letzten Tafel sind drei schöne proliferirende Cen-
tifolien-Rosen mit grofser Kunst dargestellt; die Kelchblätter
derselben sind in gewöhnliche Blätter umgewandelt, und aufser-
dem wird die allmälige Umwandlung des Blumenblattes in
Staubfäden nachgewiesen. Ref. bedauert wegen Mangel an
Platz nicht ausführlicher in die Lehre dieses Werkes einge-
hen zu, können, was jedoch im nächsten Jahresberichte ge-
schehen soll, wenn sich bis dahin Niemand von meinen Herren
Collegen mit dieser Arbeit befafst haben sollte.
Die gelehrten Arbeiten der Herren L. und A. Bravais ®*)
über die Stellung der Blätter haben im vergangenen Jahre
gröfses Aufsehen erregt, besonders wegen der Verschiedenheit
in der Darstellunpr und den Resultaten von den ähnlichen Ar-
88) Esscu sur la disposition de feuilles curvheriees. — Annal. des
scienc. »at. 1837. Part. bot. I. pa^. 42 — 120,
117
beiteil unserer dentschen Botaniker. Zu der, in Bezug auf
diesen Gegenstand schon vorhandenen Nomemclatur hat man
noch verschiedene Ausdrücke hinzugefügt, welche Ref. hier
voranschicken mufs. Secundäre Spirallinien nennen
jene Gelehrten die vielfachen parallelen Spiralen, welche durch
ihre Vereinigung alle Blätter umfassen können; die Zahl der
Spiralen wird die secundäre Zahl genannt, und die Diver-
genz, welche zwei auf einander folgende Blätter von einer
dieser Spiralen trennt, wird die secundäre Divergenz ge-
nannt; so wird, wenn 8 parallele und gleich weit entfernte
Spiralen hinreichen, um alle Blätter zu umfassen, 8 die se-
cundäreZahl dieser Spiralen sein. Unter encyclische Zahl
wird die Zahl der Umläufe verstanden, welche für die Grund-
spirale (spire generatrice) nöthig sind, um von einem Blatte
zu dem folgenden Blatte einer secundären Spirale zu gelan-
gen. Der Kürze wegen werden die Ausdrücke Dextrorsum
und Sinistrorsum oft durch ihre Anfangsbuchstaben D und S
ersetzt, so stellen 2 S ein System von 2 parallelen Spiralen
dar, welche alle Blätter umfassen, und von der Rechten zur
Linken gehen, 3 D stellen ein System von 3 rechtsgehenden
Spiralen dar u. s. w.
Obgleich das Blatt und der Lebensknoten, welcher durch
dasselbe beschützt wird, zwei sehr verschiedene Organe sind,
so werden sie hier doch nicht getrennt, und es wird oft das
Wort Einfügung gebraucht, welches den Vortheil darbietet,
einerseits gleichgut auf das Blatt und auf die verschiedenen
Blattorgane angewendet werden zu können, welche sind:
Schuppe, Bracteen u. s. w., andererseits auf den Lebensknoten
und auf die Knospen, Zweige, Stiele u. s. w., welche davon
ausgehen. Mutterblatt wird dasjenige Blatt bezeichnet, in
dessen Winkel einer dieser genannten Theile entstanden ist.
Schliefslich theilen die Herreu Bravais die Blätter in 2 ver-
schiedene Gruppen: 1) krummreihige Blätter, welche auf allen
Seiten nach Spirallinien geordnet sind, und welche niemals
vertikale Reihen bilden, indem sich jedes durchaus allein auf
der Vertikallinie befindet, welche es enthält. 2) In geraderei-
hige Blätter, welche Reihen bilden können, die der Achse des
Stengels parallel laufen.
Die Abliandlung zerfällt in 2 Kapitel; in dem ersteren
418
werden die geometrischen Gesetze der Spiralen entwickelt,
uikI in dem zweiten die Stellung der krumiiireiliigen Blätter
erörtert, beide sind von solchem Umfange und gehen überall
so in das Specielle ein, dafs wir uns hier mit der Mittheilung
der Resultate begnügen müssen, welche die Herren selbst aus
ihren Untersuchungen gezogen haben.
Im Anfange des ersteren Kapitels werden zur genauen
Erörterung der Frage über die vielfachen Spiralen die Voraus-
setzungen aufgestellt: der Ort der Insertionen bildet einen
Cylinder; die secundaren Spiralen sind geometrische Schnek-
kenlinien und diese Schneckenlinien sind alle unter sich pa-
rallel und gleichweit auseinanderstehend. In dem Resume
lieifst es ferner, dafs es sich oft ereignet, dafs die Spiralen
einer Anhäufung von Blättern oder Lebensknoten sich zu glei-
cher Zeit in verschiedenen Theilen dieser Anhäufung erhöhen
oder niederdrücken, und dafs in Folge dessen sie aufhören
Spirallinien in der strengsten Bedeutung des Wortes zu sein.
Doch diese Einrichtung könne doch wohl nicht die allgemei-
nen Resultate entkräften?
Es ist ganz gewifs, dafs eine unbekannte Ursache zuwei-
len mehr oder weniger die Gleichheit der auf einander fol-
genden Internodien stört; wodurch aber doch noch nicht die
Divergenz gestört wird. So wie die gedrücktesten Spiralen,
z. B. die Grundspiralen, am günstigsten eingerichtet sind, um
uns durch ihre Biegungen die geringste Variation in den ver-
tikalen Höhen der Einfügungen würdigen zu lassen, eben so
werden auch die höchsten Schneckenwindungen diejenigen,
welche sich am meisten der Verticallinie nähern, die sich in
ganz umgekehrten Verhältnissen befinden, welche am günstig-
sten gelegen sind, um uns die geringste Variation in den se-
cundaren Divergenzen würdigen zu lassen, indem diese Va-
riationen von verschiedener Natur in jedem der beiden Falle
stattfinden, zufolge einer Linie, welche der Spirallinie fast per-
pendikulär ist. Nur finden wir als eine beständige Thatsache
die Beobachtung, dafs je mehr die Spiralen von einer höhereu
Ordnung sind, desto regelmäfsiger werden ihre Formen und
Richtungen. Wenn eine Einfügung zu sehr rechts oder zu
sehr links ausgetrieben ist, durch irgend eine nachtheilige Ver-
änderung der vegetativen Kraft, so ist es eine lokale Thatsache,
119
oiiie scheinbare Abweichung von dem Gesetz, inid die folgen-
den iMnfiigungen nelnnon im Allgemeinen an dieser Verriickung
keinen Tbeil. Nehmen wir nun an, dails der Ort der Einfii-
gung nicht mehr ein Cylinder sei, sondern eine konische Flache,
was aiicli der Natur gemäfser ist, so werden die secundären
Si)iralen zu archimedischen Spirallinien auf der Aufrollungs-
fläche werden. Es wird sich aber auch ereignen können, dafs
die S})iralen niclit genau d(Mn oben ausgedrückten Gesetze der
Schiu'ckenlinie folgen, dafs sie entweder zu lioch oder zu tief
in verschiedenen Thcilen ihres Verlaufes sind. Es wird sich
mit dieser gewöhnlich nicht sehr beträchtlichen Beugung eben
so verhalten, wie mit der, von welcher früher für den Fall
des Cylinders gehandelt wurde, und man wird noch in Allem
berechtigt sein, auf die Beständigkeit der erzeugenden Diver-
genz nach der der secundären Divergenz zu schliefsen. End-
lich in den' allgemeinen Fällen, wo der Ort der Einfügung ir-
gend eine kegelartige Fläche bildet, hindert nichts ihn als ge-
theilt in horizontale Scheiben zu denken, wovon eine jede
verschiedenen Kegeln angehören würde, und unsere Resultate,
welche für jeden Schnitt im Besonderen bestehen, müssen auch
für das Ganze bestehen.
Was den Parallelismus und die Gleichständigkeit der se-
cundären Spiralen unter sich anbetrifft, so ist es eine Voraus-
setzung, welche durch direkte Beobachtung der Pflanze hinrei-
chend deutlich gemacht wird; sie wird gelegentlich nur durch
dieselbe Kraft verändert, welche zuweilen die normale Höhe
der Einfügung stört, doch so wie man die normale Höhe wie-
der lierstellt, erscheint auch der Parallelismus wieder.
Man kann also die Resultate (der vorangehende Paragra-
phen nämlich !) als allgemein und von der geometrischen Form
des Ortes der Einfügung und selbst von der Regelmäfsigkeit
der secundären Spiralen unabhängig betrachten.
Die Drehung des Stengels darf aber auch nicht mehr verr
nachlässigt werden; bald findet sie nach der entgegengesetzten
Seite der Grundspirale statt, und dann vermindert sie schein-
bar ihre Divergenz, bald wird sie nach derselben Seite hinge-
lenkt und daiHi wird die Grund-Divergenz noch vermehrt.
Diese Kraft bringt selten, wie die Herren ,B. glauben, kräftige
Wirkung hervor, aber nichts desto weniger ist sie wichtig, um
120
in allen Fallen, wo sie möglich ist, Rechenschaft von dieser
L-rsache des Irrthums zu geben.
Das zweite Capitel dieser Abhandlung der Herren Bra-
vais enthält die specielle Betrachtung aller der Fälle, welche
die krummreihig gestellten Blätter aufzuweisen haben, worauf
Ref. den geneigten Leser verweisen niufs. Die Hauptresultate
dieser Arbeit sind jedoch folgende;,
1) Wenn eine Anhäufung (^aggregalion') mehrfache
Spirale zeigt, deren secundäre Zahl die ersten unter sich «ind,
so sind die Einfügungen auf eine einzige Grundspirale ange-
ordnet, und werden unter sich durch eine beständige Diver-
genz von dem einen Ende der Grundspirale bis zum anderen
getrennt.
2) Wenn die secundären Zahlen 2, 3 und 4 zum gemein-
schaftlichen Divisor haben, so sind die Einfiigiuigen winkelför-
mig von 2, 3 und 4 Blätter angeordnet, und die Winkel durch-
kreuzen sich unter einander von dem einen Ende der Aggre-
gation bis zum anderen.
3) Bei dem gröfseren Theile der Pflanzen mit alterniren-
der Einfügung ist die Divergenz der Gnuidspirale ein ir ra-
tionell er Winkel gleich 137" 30' 28", welche nichts Ande-
res ist, als ein kleines Segment des Umfangs, eingetheilt in
mittleres und äufserstes Verhältnifs; dieser Winkel entspricht
der Reihe 1, 2, 3, 5, 8, 13 etc.
4) Es können auch andere, viel seltnere Anordnungen
statt finden, in welchen die Divergenz, immer irrationell, gleich
sein kann, zu ^^^ 30' 60", und entsprechen der Reihe 1, 3,
4, 7, 11 etc.; zu 77*^ 57' 19" und entsprechen der Reihe 1,
4, 5, 9 etc.; zu 151" 8' 8" und entsprechen der Reihe 2, 5,
7, 12 etc.
5) Die Beständigkeit eines jeden dieser Winkel wird nicht
verändert, wenigstens in ihrem mittlerem Werthe, durch die
Ungleichheit in der Höhe des darauf folgenden Internodinm's
und durch die anderen lokalen Ursachen der Störung.
6) Die Einfügungen können falsche Winkel darstellen,
wenn sie sich zu zwei und zwei, oder zu drei und drei in
gleicher Höhe des Stengels gruppiren.
7) Die Grundspirale verlängert sich bis zum unterirdischen
m
Stengel, stets dieselbe unveränderliche Divergenz beibehaltend,
und zuweilen sogar bis in die Organe der Blüthe.
8) Die Seite der Spirale scheint im Allgemeinen indiffe-
rent auf den Centralstengel und auf den Ast; sie scheint ohne
bestimmtere Beziehung auf der AufroUungsseite der sich win-
denden Stengel zu sein, oder mit der Drehung der Fasern um
sich selbst; aber an den Aesten wird diese Seite durch die
Stellung ihres ersten Blattes zur Rechten oder zur Linken des
Mutterblattes bestimmt.
9) Alle die aufgeführten Reihen können zu zweijochigen,
mehr oder weniger seiteneu Systemen Veranlassung geben,
welche sich öfters an Pflanzen mit entgegengesetzten Stengel-
blättern darstellen werden. Diesem entsprechend, kann auch
das gewöhnliche System Gelegenheit zu dreijochigen Zusam-
menstellungen geben.
10) Das Phänomen der Convergenz zweier Spiralen in
eine einzige, ist durch das theil weise Fehlschlagen der einen
dieser Spiralen zu erklären, oder auch, wenn man will, durch
Zusammenfliefsen beider Spiralen in eine; eine ganze Reihe
kann auch vollkommen abortiren, und diese Wahrnehmung
macht die Existenz der meisten rücklaufenden Reihen, welche
nicht in die genannten hineinzupassen scheinen, sehr zwei-
felhaft.
Ein zweites Memoire der Herren Bravais ^°) handelt
über die symmetrische Anordnung der Inflorescenzen ; eine
Arbeit, welche noch umfangreicher als erstere ist. Des be-
schränkten Raumes wegen, kann Ref. auch von dieser Arbeit
nur das Resume mittheilen, welches die Herren Bravais an
dem Schlüsse der einzelnen Paragraphen dargestellt haben,
glaubend, dafs auf diese Weise am besten die Resultate her-
vortreten, welche die Verfasser jener mühsamen Arbeit daraus
ziehen zu können glauben. *
In Bezug auf die Untersuchungen über die einknotige
Afterdolde der Monocotyledonen stellt sich folgendes Resume:
1) Die einknotige Afterdolde ist der Typus der After-
dolden, welche die Monocotyledonen darbieten.
90) Essai sur la disposition symmetrique de inflorescences. — An-
nat, des scieiis. nat. 1834. Part. bot. I. pag: 193 — 221^ 291 — 348. IL
pag: 11 — 42.
122
2) Der Stiel einer jeden Bliithe ist alsdann mit einer ein-
zigen Bractee versehen, welche geneigt ist, fehlzuschlagen, wor-
aus dann ein zweiter Blumenstiel entsteht oder doch entste-
hen kann.
3) Diese Bractee zeigt die spirale Stellung der Blumen-
stiele an.
4) Die Afterdolde kann sein schneckenförmig, scorpions-
schwanzförmig oder zweizeilig, je nachdem die Bliithenstiele ho-
modrom oder antidrom oder zweizeilig sind.
5) Sie kann sein verlängert oder zusammengezogen , je
nach dem Zustande des falschen Gliedes, mit sitzenden Blu-
men oder mit gestielten, einfach oder doppelt, indem dieser
letztere Fall statt findet, wenn sie bei ihrer Entstehung gabel-
förmig verzweigt waren.
6) Sie können endständig oder achselständig sein und
in dem zweiten Falle ist der Blüthenstand ein Thyrsus; je-
doch haben wir noch kein Beispiel von der terminalen After-
cjolde unter scorpionsschwanzförmigen.
7) Die beiden Hälften der schneckenförmigen doppelten
Afterdolde sind homodrom.
8) Die scorpionsschwanzförmigen doppelten Afterdolden
scheinen im Gegentheil ihre ersten Blumenstiele antidromisch un-
ter sich zu haben.
Aus den Paragraphen über die Afterblätter der dicotyledo-
nischen Bliithen sind folgende Resultate gezogen:
1) Bei der gröfsten Anzahl von dicotyledonischen Bliithen
sind die Blumenstiele mit 2 Afterblättern versehen, welche bald
entwickelt sind, bald mehr oder weniger fehlgeschlagen.
2) Diese beiden Bracteen sind am häufigsten die ersten
Blätter einer Spirale, welche von dem Mutterblatte ausgeht,
und sich mit den Kelchblättern fortsetzt; und wenn sie zu
ungleicher Höhe eingefügt sind, so reicht der Umstand hin
um anzuzeigen , ob der Blumenstiel rechtsläufig oder links-
läufig ist.
3) In den Kelchen mit freien Blättchen, ist es oft leicht,
die Kelch - Spirale zu erkennen und aus ihrer Aestivation
konmit man dahin, auf die Seite der Blumenstiel-Spirale zu
schliefsen.
4) Bei den Leguminosen ist das erste Kelchblättchcn mehr
123
der Mittellinie näher, als gewöhnlich, welches die Form der
Blüthe niodificirt, ohne ihre allgemeinen Organisations-Verhält-
nisse zu stören.
6) Die beiden Bractoen können entgegengesetzt gekreuzt
sein, sie können auch nicht vorhanden sein.
Im 5. und 6. Paragraphen wird die schneckenförmige
und die scorpionsschwanzförmige unipare Afterdolde abgehan-
delt und schliefslich folgender summarischer Inhalt mitgetheilt:
1) Die unipare zweiknotige Afterdolde ist bei den Dico
tyledonen gewöhnlich.
2) Zu den oberen Bracteen gehört oder scheint zu gehö-
ren der Fruchtknoten.
3) Diese Afterdolde kann sein schneckenförmig und scor-
pionsschwanzförmig, je nachdem die Bliithenstiele homotropisch
oder heterotropisch sind; sie ist zweizeilig, wenn die zweizei-
lige Ordnung bei den Blumenstielen herrscht.
4) Sie kann wiederum verlängert und auch zusammenge-
zogen sein, je nach dem Zustande des falschen Gliedes ; sitzend
oder gestielt, mit sitzenden oder mit gestielten Bliithen, ein-
fach oder doppelt.
5) Sie kann sein axillär oder terminal; in dem letzteren
Falle kann man sie betrachten als gebildet aus einer oder aus
zwei partiellen axillären Afterdoldeu oder aus einer termina-
len axillären Blüthe.
6) In einer scorpionsschwanzförmigen Afterdolde haben die
Aestivationen der Bliithen jeder Reihe ein festes Verhältnifs,
welches geeignet ist, die Natur der Afterdolde anzuzeigen.
7) Das Aufgerolltsein ist eine nöthige Folge des axillären
Winkels.
8) Die Blüthenreihen sind den Reihen der fruchtbaren
Bracteen organisch entgegengesetzt, aber die excentrische Un-
gleichheit nähert sie, und entfernt im Gegentheil die Letzteren
von einander.
9) Die zweite Bractee ist häufig sehr klein gegen die frucht-
tragenden Bracteen, oft schlägt sie fehl; auch können beide
abortiren.
10) Die Mutterbractee verwächst auch sehr oft mit ihrem
axillären Bliitlienstiele.
11) Die 'AM der Bliithen ist oft veränderlich; sie ver-
124
mindert sich oben an dem Thyrsus, und die Afterdolde kann
wieder einblüthig werden.
12) Die Blüthenstengel haben zuweilen eine Drehung nach
der Seite der secundären Divergenz der fruchttragenden Brac-
teen; die Drehung giebt daher Veranlassung, die Ebenen der
Blüthen-Symmetrie auf den Parallelismus zurückzuführen.
13) Es kann unter dem Blüthenstiele noch ein accessori-
scher Ast entstehen, analog dem Centralstengel: es kann ein
Ast* entstehen, analog der Achsel der ersten Bractee.
14) Die zufälligen Ausnahmen von den vorhergehenden
Regeln zeigen sich bald hier bald dort, die Pflanzen, an wel-
chen diese Ausnahme constant ist, sind jedoch sehr selten.
Das Resume der 4 folgenden Paragraphen lautet:
1) Die zweigliedrige (hipare) Afterdolde ist wesentlich
absteigend oder aufsteigend; die beiden Modificati'onen sehei-
nen nicht zugleich in einer und derselben natürlichen Gruppe
(tribu) angetrofifen zu werden.
2) Die zweigliedrige Afterdolde ist gerade oder verkehrt.
3) Der zweigliedrigen Afterdolde gelingt es oft, auf ihren
letzten Aesten eingliedrig zu werden. Die absteigende gerade
Afterdolde und die aufsteigende verkehrte gehen dadurch in
scorpionsschwanzartigen Zustand über. Die absteigende ver-
kehrte und die aufsteigende gerade Afterdolde gehen im Ge-
gentheil in den schneckenartigen Zustand über.
4) Die eingliedrige doppelte Afterdolde ist ein besonderer
Fall dieser Modificationen.
5) Die Centralblume einer doppelten scorpionsschw^anzför-
migen Afterdolde gehört der concentrischcn Reihe an, die dem
Mutterblatte am nächsten steht.
6) Die beiden partiellen axillären Afterdolden einer dop-
pelten terminalen Afterdolde fangen mit unter sich gleichläufigen
Blüthenstengeln an. Bei den Borragineen ist es der letzte
Knoten, welclier den gleichläufigen Blüthenstengel giebt.
7) Die Stellung des terminalen Blütlienstielchen bei der
gabelförmigen Verzweigung ist durch den Werth der comple-
mentaren Divergenz bestimnrt und durch den, mehr oder we-
niger excentrischen Zustand der gleichlaufenden Blüthenstiele.
8) Die gerade aufsteigende Afterdolde ist nicht selten in
der Familie der Apocyneen und Polemoniaceeft.
125
9) Die aufsteigende verkehrte Afterdolde scheint der Fa-
milie der Raniinciilaceen zu characterisiren. Mehrere Ranun-
culus- Arten machen- unter den dicotyledonen Pflanzen durch
ihre einknotige Afterdolde eine Ausnahme.
10) Die rechtvvinklichte Afterdolde (c/'me orthogojie) ist
gewöhnlich zweigliedrig, aber zuweilen kann sie eingliedrig sein.
11) Die dreiknotige Afterdolde ist oft nichts als eine Va-
riation der zweiknotigen, worin ein Knoten, der über dem
zweiten liegt und mit ihm verschiedenläufig ist, der Terminai-
blüthe vorangehen würde.
In Paragraph 11, 12 und 13 wird die vielknotige After-
dolde und die seriale Afterdolde abgehandelt, so wie die Art der
Afterdolde fiir die hauptsächlichsten natürlichen Familien aufge-
zählt und schliefslich nachstehende Folgerungen angezeigt werden:
1) Die Nebenknospe, welche zwischen einem Aste und
seinem Mutterblatte entstanden istj wächst aus diesem Aste
auf dieselbe Weise hervor, wie dieser aus dem Centraistarame,
und ihre Grundspirale hat dasselbe Mittelblatt zum Aus-
gangspunkte.
2) Die anderen unteren Nebenknospen wachsen ebenso,
die einen aus den anderen; dasselbe Blatt dient ihnen zum
Mutterblatte.
3) Die Knospe, w^elche zwischen dem Aste und dem
Mutterblatte entstanden ist, kann aus einem Lebeiisknoten
hervorgehen, welcher an der Basis des Astes sitzt und normal
entgegengesetzt ist demjenigen des Blattwinkels; oder auch
der Ast ist der Knospe accessorisch, indem dieser melir oder
weniger stationär bleibt oder abortirt.
4) Die Centralachse des Hauptastes und der Nebenäste
könijen verschiedentlicli unter sich verwachsen.
5) Die seriale Afterdolde besteht aus so übereinander-
gestellten Blüthenstielen; wenn diese unfruchtbare Lebenskno-
ten haben, so ist die seriale Afterdolde einfach, im entgegen-
Falle ist sie zusammengesetzt.
6) Der accessorische Blüthenstiel hat immer wenigstens
eben so viele Lebensknoten unter seiner Blüthe, als die Blii-
thenstengol, welche aus dem ersten und zweiten Knoten des
Central -Blüthenstengels entstanden sind, unter der ihrigen
haben; wenn die Zahl der Knoten sehr bedeutend wird, so
126
kann sie betrachtet werden als ein Blätter -Ast (jameau ä
feuillesy »
7) Die mehrfachen axillaren Embryonen wachsen mittelbar
oder unmittelbar aus einem central - axillaren Embryo hervor;
dieser letztere ist einzeln in dem Blattwinkel.
In den Paragraphen 14, 15 und 16 endlich, sind der Thyr-
sus, das Sirmentide und die Gesetze der Homodromie und
der Antidromie erörtert, woraus folgende Resultate her-
vorgehen.
1) Wenn die aufeinander folgenden Aclisen der centri-
fugalen Inflorescenz eine kleine Anzahl von Seitenknoten
haben, gewöhnlich 2 oder 4, so ist der zweite Knoten anti-
dromisch mit dem ersteren, der dritte mit dem zweiten, der
vierte mit dem dritten, und so fort; diese Antidromien sind
um so weniger feststehend, als man zu Axillarknospen ge-
langt, deren Ordnungszahl weit höher ist.
2) Hieraus gehen 2 bestimmte Stellungen hervor, jenach-
dem der erstere Knoten homodromisch oder antidromisch ist.
Durch diese beiden Arten theilen sich die Pflanzen in 2 ungleiche,
im Allgemeinen sehr natürliche Gruppen, aber sie können
auch in sehr verwandten Pflanzen angetroffen werden, oder
selbst in einer und derselben nach den Umständen der Ve-
getation.
3) Die vegetative Verästelung bietet kein allgemeines Ge-
setz dar, welches dem Vorhergehenden ähnlich wäre, aber in
den seltenen Fällen, in welchen sich einige Bestimmtheit in
der Ordnung der Spirale findet, bestimmen die vorhergehenden
Gesetze die Ordnung der ersteren Knoten und man mufs
ihnen die drei folgenden hinzufügen. 3*) Die entgegengesetz-
ten Knospen scheinen unter sich antidromisch; vielleicht ist
das erstere Gesetz nur eine Zugabe von diesem. 3^) Die
aufeinanderfolgenden zweizeilgen Knospen sind unter sich
antidromisch, oft einseitig ausgestofsen. 3*^) Auf den alter-
nirenden krumreihigen Achsen, in einer hinreichend bedeu-
tenden Entfernung von den ersteren Knoten, streben die Knos-
pen unter sich homodromisch zu werden, bald homodromisch,
bald antidromisch zum Centralstengel.
4) Die accessorischen Knospen sind am öftersten antidro-
misch mit demjenigen, welcher denselben unmittelbar darüber
127
steht: diese Regel ist weniger einer Ausnahme unterworfen,
indem die Knospen liliithenstiele haben die mit einer kleinen
Zahl von Knoten versehen sind.
5) Die rechtläufigen accessorischen Knospen treten ge-
wöhnlich rechts aus, und die linksläufigen links ; dieselbe Wir-
kung wird zuweilen auch bei nicht accessorisclien Knospen
hervorgebracht.
Schliefslich niufs Ref. um Nachsicht bitten, wenn er ver-
schiedene Ausdrücke nicht dem Sinne der Herrn Bravais
entsprechend wiedergegeben hat, denn er gesteht es frei her-
aus, dafs ihm Vieles von dem Inhalte jener grofsen Arbeiten
sehr unklar geblieben ist, und wie man sagt, geht es vie-
len anderen Botanikern ebenso.
Besondere Freude mufs es den Deutschen machen, dafs
die Herren Ch. Martins und A. Bravais ^*) in einer be-
sonderen Abhandlung die Resultate der Untersuchungen dar-
gestellt haben, welche die Herren Schimper und Alex.
Braun aus ihren Arbeiten über die Blattstellung der Pflanzen
bekannt gemacht haben.
Herr Zuccarini^*) hat eine sehr interessante Abhand-
lung über die Blatt- und Knospen -Bildung bei den Cacteen
geliefert, welche einen grofsen Schatz positiver Beobachtungen
enthält; es ist diese Arbeit um so erwünschter, da wir neuer-
lichst diese Familie von Pflanzen auch in systematischer Hin-
sicht so vollständig bearbeitet erhalten haben. Die Cacteen
sind, sagt Hr. Z., entweder mit wirklichen Blättern (Feireskid)
oder deren Rudimenten (^Opuntia, Rhipsalis, Epiphylhan,
Hariota, hepismium, viele Cerei) versehen, oder wirklich
blattlos (jyiammillaria y Melocactus^ Echinocactus, die übri-
gen Cerci). Aus den Achseln der Blätter, oder wo diese
fehlen, an denjenigen Orten, welche ihnen nach den Gesetzen der
Blattstellung zukommen, entwickeln sich mannigfach gestaltete
Dornbüschel, welche man, der Analogie gemäfs, für Knospen
und die Dornen für Dornschuppen halten kann. Bei den Pei-
91) Resume des travuux.de M. M. Schimper et Braun snr
la düposition spirale des organes uppeudiculuires. — Jim. des sa'ens.
nat. 1837. Vart. bat. If. p. 161 — 182.
92) Knospen und Blätter der Cacteen. — Allgemejnie Garten-
Zeitung von Otto und Dietrich. Nio.25. 1837.
128
reskien, wo allein wirkliche Blätter vorkommen, ist der Blatt-
stiel von der Blattfläche getrennt nnd wird regelmäfsig abge-
stofsen. Bei den Opuntien sind die Btätter nur stielrunde,
ungegliederte, spitzige oder stumpfe Gebilde, eigentlich nur
Blattrudimente, welche allmälig vertrockenen. Bei Rhipsalis^
Epiphyllum u. s. w. sind es nur kleine, angedrückte, am
Rande gewimperte Schüppchen, welche später ebenfalls ver-
trockenen. Die Ausbildung des Blattkissens {pulvinus) steht
dagegen mit dem Auftreten der Blätter bei den Cacteen im
umgekehrten Verhältnisse; sie ist also bei den Peireskien fast
unkenntlich, tritt dagegen sehr auffallend hervor, wo alle
Blattbildung fehlt. Die Mammillen und Stengelkanten hält
Hr. Z. für Entwickelungen des Blattkissens bei unterdrückter
Blattbildung.
Die Dornen oder Stachelbüschel stehen in oder etwas
über der Achsel der Blätter, mögen diese vorkommen oder
fehlen; im letzteren Falle erkennt man es aus der den Blät-
tern eigenen Spiralen Anordnung. An dem Skelette der Opun-
tien kann man auch deutlich bemerken, dafs die Holzbündel
zu den Dornbüscheln ganz in derselben Art verlaufen, wie
zu den Knospen anderer Pflanzen. Auch wird auf Barleria
lupulina, eine Acanthacee^ aufmerksam gemacht, wo ganz
ähnliche dornige Knospen neben gewöhnlichen vorkommen.
Die Syngenesisten haben aber noch viele solche Fälle aufzu-
weisen.
Die Dornen der Cacteen, welche man also als metamor-
phosirte Bracteen zu betrachten hat, sind nie hohl, sondern
stets solide und von festem hornartigem iGefüge. Sie sind glatt
oder fein und weich behaart. Bei Opunfia exuviata, tuni-
cata u. s. w.) löst sich die obere Zellenschicht vom Grunde
des Dornes an ab und bedeckt denselben als eine leicht ab-
ziehbare Scheide. Die Dornen wachsen oft viele Jahre hin-
durch, jedesmal an der Basis etwas vorschiebend, wobei der
neugetriebene Theil leicht erkennbar ist. Bei vielen Cereen,
Opuntien und Peireskien vergröfsert sich die Zahl der Dor-
nen in jedem Büschel mit dem Alter, indem jährlich neue
aus der Mitte hervorsprossen. Bei einigen, besonders bei
Echinocacten ist oft noch ein Mitteldorn vorhanden, welcher
das \yachsthum abzuschliefsen scheint, und bei diesem ist aucli
.^29
die Zahl der Dornen fast durchgängig qonstant, sobald die
Pflanze ausgewachsen ist. Die Dornen sind in den Büscheln
nicht immer kreisförmig gestellt, sondern bei den Echinocac-
ten mit scharfen Kanten stehen sie in -Form einer langge;zo-
genen Ellipse, an deren oberen Ende allmälig die letzten Dor-
nen und endlich die Blüthen zum Vorschein konimen. Die
lUüthen und Holztriebe kommen fast immer oberhalb des Dorn-
büschels zum Vorschein, werden also von diesen nicht rings-
undier umgeben, was selbst bei Mammillaria prolifera der
Fall ist. Die Dornbüschel der Mammillarien treiben gewöhn-
lich weder Blüthen noch Zweige, und schlagen also mit Aus-
nahme weniger Arten {Mammillaria vivipara^ parvimamma^,
welche aus den Mamillen sprossen aber :nicht blühen, constant
fehl, dagegen treten bei den Mamillarien aus dem Stamme,
dicht oberhalb des Blattkissens die Blüthen hervor.,, ßs treten
hier also sterile oder abortirende Knospen und Holz- und
Blüthenknospen auf dem Stamme auf, und Hr. Z. weist noch,
dafs diese doppelte Knosipenbildung ja auch bei anderea Pflaiv
zen bekannt ist. • j- ;.:; ■ '. -
Eine sehr ausführliche Abhandlung über die Natur des
Stengels in physiologischer tind morphologischer Hinsicht haben
wir von Herrn J. W ttewaall^'^) erhalten. Die Arbeit zer-
fallt in vier Abschnitte, der erste handelt von der Ent Wicke-
lung des einjährigen Stengels, der zweite von dem f^ne,ren
Wachsthume des Stengels; der dritte von dem unterirdi-
schen Stengel und der vierte von dem Unterschiede zwischen
Wurzel und Stengel ; sie sind sämmtlich mit grofser Sachkennt-
nifs und litterarischer Umsicht geschrieben und werden fer-
neren Bearbeitern der Morphologie der Gewächse von sehr
grofsem Nutzen sein. Bei der Betrachtung der Entwickelung
des einjährigen Stengels geht Hr. W. von einer Ansicht aus,
welche auch bei uns in Deutschland sehr beliebt ist, nämlich
von der Zusammensetzung des Cauliculiis aus den verwach-
senen Blattstielen der Cotyledonen, eine Ansicht, .welche
durch wirkliche Beobachtung der Entwickelung; jener einzel-
nen Theile durchaus ganz beseitigt wird. Man wird nun frei-
93) Jets over het ontstaan, den grbei, en de vormveranderin-
geu van den Stengel. — Tijdschrift voor natuurlijke geschiedesiis aa
Physiologie. Vierde Deel 2e steek. 1837. /?. 42 — 105. i.fY?,' fj«jh r •
IV. Jahrg. 2, Band. 9
130
lidi (\ie Einwendung machen, dafs ich den Beweis hiezu noch
schuldig bin, indessen ich verspreche denselben recht bald zu
führen, auch ist derselbe zum Theil schon in den neueren
Arbeiten des Herrn Schieiden gegeben worden.
Was Hr. W. für den Cauliculus annahm, soll auch für die
einzelnen Internodien des Stengels gelten, denn jedes dersel-
ben soll aus den verwachsen gebliebenen Blattstielen der hö-
her freiwerdenden Blättör entstanden sein. Die Unhaltbarkeit
dieser Angaben wird schon hinreichend durch die Beobach-
tung über die Vertheilung der Holzbündel des Stengels und
deren Abgang zu den wirklichen Blättern nachgewiesen, doch
man mufs hiebei den jungen und den alten Stengel unter-
suchen, und zwar gleich von seinem Hervortreten zwischen
den Cotyledonen an bis zur Blüthe u. s. w. Aber auch die
Entwickelungs- Geschichte des Stengels und der daraus her-
vorsprossenden Blätter, welche hier stets auf ähnliche Weise
wie bei der Bildung der Cotyledonen erfolgt, wiederlegt jene
Grundansicht der Herrn Wttewaall, auf welche derselbe die
ganze Entwickelungs- Geschichte des Stengels gegründet hat.
Der Gegenstand ist ziemlich in derselben Weise behandelt,
wie wir denselben aus Herrn E. Meyer's berühmten Abhand-
lung im 7ten Bande der Linnaea kennen.
' 'v In-' der zweiten Abhandlung : Ueber das fernere Wachsen
<les '^Bt%ngels , zeit Hetr Wttewaall ebenfalls die gröfste
Umsieht und Bekanntschaft mit der Literatur über diesen Ge-
genstand, doch hält er sich mehr auf der Seite der französi-
sclien Physiologie. Besondere Beachtung verdient die dritte
Abtheilung, worin über den unterirdischen Stengel gehandelt
wird. Der unterirdische Stengel kommt sowohl bei krautarti-
gen Pflanzen, als bei Sträuchern und Bäumen vor; er ist
dünner als der Luftstengel und die Blätter desselben treten
iü' For'm von rudimentären Schuppen auf, welche dieselbe
Stellung haben wie die Blätter am Luftstengel. Ist dieser mit
Streifen von den übriggebliebenen Blattstielen , wie Herr W.
sa^t;' versehen, so finden sich dieselben auch am unterirdischen
Stengfel. Wahre unterirdische Stengel findet man Corchorus
olitorius L. Spiraea sorhifolia, Syvinga, Rosa, Clefhra
alnifoliaf wo sie noch unlängst für wahre Wurzeln gehalten
worden sind. Obgleich auch die kriechende Wurzel von Bäumen
131
und Sträiichern die Eigenschaft besitzt, unter günstigen Um-
standen Knospen zu entwickeln, so ist dieses doch in weit
höherem Grade dem unterirdischen Stengel eigen, denn alle
Schuppen desselben haben Knospen in iliren Achseln. Nicht
selten findet man bei genannten ßaumarten einige, deren Stämme
mit Ausläufern umgeben sind, während andere keine zeigen,
die ersteren scheinen durch Stecklinge, die letzteren durch
Saamen gezogen zu sein.
Der unterirdische krautartige Stengel weicht viel mehr
von dem Luftstengel ab, als es bei dem vorhergenannten holz-
artigen der Fall war; es werden hiezu die Anamorphos^n des
Stengels gerechnet, welche man unter RJiizom, Radix repenSy
Bulbus, Tuher u. s. w. bisher beschrieben hat. Herr W.
stellt 3 Arten dieses unterirdischen krautartigen Stengels auf,
bei der ersten Art nimmt der kriechende Stengel nicht in der
Dicke zu; bei der zweiten verdickt er sich, und bei der drit-
ten ist der Stengel aufrecht gestellt. Auch macht Herr W.
darauf aufmerksam, wie zuweilen bei dem unterirdischen Sten-
gel die Endknospe horizontal weiter wächst, während die Sei-
tenknospen sich als Luftstengel in vertikaler Richtung ent-
wickeln, so wie denn auch der Luftstengel nicht, so selten
eine horizontale Richtung nimmt. Für alle die atifgestellten
Sätze werden eine Menge der trefflichsten Beispiele angeführt.
Die Untersuchungen über deu Unterschied zwischen Wurzel
und Stengel sind ebenfalls sehr reichhaltig an interessanten
Beobachtungen.
Zwischen den Herren Ernst Meyer®*) undH. Mohl ^'^).
hat ein gelehrter Briefwechsel begonnen, welcher über manche
sehr schwierige Punkte der Morphologie Aufklärung zu geben
verspricht; derselbe betrifft nämlich die morphologische Bedeu-
tung der Zasern, welche Herr Meyer aus ihrer Stellung mit
den Zweigen in Analogie stellt.
In Hinsicht der Entstehung des Stengels der Pflanzen aus
den Blättern, wie sie Hr. Meyer gelehrt hat, stimmt Hr. Mo hl
vollkommen bei, doch nimmt Letzterer die Meyer' sehe An-
sicht über die Bildung der Knoten nicht an, so wie audi die
94) Linnaea von 1837. S. 106 — 108.
95) Linnaea von 1837. S. 487 — 508.
9*
132
Annafeme, als sei der Hals der Pflanze als der erste Knoten
zu betrachten, nnd es gehöre zu jedem Internodium der an
seinem tmteren Ende liegende ' Knoten, siegreich bestritten
wird. Dem Ref. bleibt es rathselhaft, wie Herr Mohl diese
letztere Annahme bestreitet, wenn er der ersteren, über die
Entstehung des Stengels ans Blättern beistimmt, denn es scheintr,
dafs die eine aus der anderen folgt ; meinem Erachten nach
lehrt die Beobachtung, dafs die Blätter aus dem Stengel her-
vorwachsen, daher dieser nicht aus verwachsenen Blättern
oder Blattstielen bestehen kann.
Herr Mohl erklärt die Zaser für eine Achse, welche
durch einen abwärts gehenden Saftstrom entsteht und nur den
unteren Theil der Gefäfsbündel einer vollständigen Achse re-
präsentirt; wie umgekehrt die Knospe, welche aus einem auf-
war tsgehendera Saftstrome entsteht, nur den oberen Theil der
Achse darstellt. „Ich kann aber nicht, sagt Herr Mohl, wie
Sie, die Zaser als eine Reihe von Internodien betrachten und
nicW; dei* A*nsicht sein, dafs eine Zaser je einen. Zweig ver-
treten könne, sondern glaube, dafs Zaser und Augen zusam-
men eine vollständige Achse bilden, dafs sie aber nur im
dicotylen Embryo wirklich verbunden , bei der seitlichen Stel-
lung auf der primären Achse dagegen von einander getrennt
sind, dafs die eine Hälfte an dem oberen Ende des Stammes,
die aridere an seinem unteren Ende inserirt ist."
Herr ünger hat die Resultate seiner fortgesetzten Un-
suchungen über die Entwickelung und Bedeutung der Lenti-
cellen bekannt gemacht ^^), worüber im vorigen Jahresberichte
S. 64 die Rede ^ar. Di^e Untersuchungen haben Hrn. Unger
gelehrt, dafs in allen Fällen, wo sich später eine Lenticelle
bildet, in dem noch grünen Zweige eine Spaltöffnung vor-
handen war. Selbst bei Ulmus suherosa hat Hr. Unger beob-
achtet, dafs die oblitterirte Hautpore immer in eine Lenticelle
überging; bei den Jahrestrieben der Bignonia Catalpa sehe
man dagegen alle Uebergange von der normalen Pore durch
alle Grade der Erweiterung derselben bis zum Einrisse in
die Oberhaut. Herr Unger stimmt Herrn Mohl bei und be-
trachtet die Lenticelle als partielle Wucherung der Korkschicht
96) Flora von 1837. S. 236-237.
133
der Rinde; Ref. hat dagegen m seiner Physiologie und um-
ständlicher noeli im vorjährigen Berichte die Entstehung der
Lenticelien ans der griinon Zellenschiclit nachgewiesen. Die
Lenticellen darclibreclien die Korkschiclit der Rinde, Und die
Beobaclitung giebt gewifs keine Gründe an, aus welclien mau
dieselbe für ein Analogen von ursprünglicher Gemmenl)ildung
erklären könnte, welche Meinung Herr Unger am Schlüsse
jener Mittheilung nochmals aufstellt.
Von Herrn E. von Berg^'') haben wir ein kleines, aber
in vieler Hinsicht sehr reichhaltiges Werkchen über die Natur
der Zwiebeln erhalten; die erste Abtheilung desselben umfafst
die Beobachtungen und Ansichten, welche der Verfasser über
die Zwiebeln in morphologischer Hinsicht gesammelt hat, aber
besonders reichhaltig sind die Beobachtungen über die Ver-
mehrung der Zwiebeln, ein Gegenstand, welcher zwar schon
vielfach bearbeitet ist, aber noch täglich neue Resultate liefern
kann. Die Zwiebeln werden eingetheilt in einjährige und in
mehrjährige ; bei der Betrachtung der ersteren » rd die Ent-
wickelungs- Geschichte und die Fortpfla'nzung der Zeitlose, der
Tylpe, der Kaiserkrone, des Crocus, der Küchenzwiebel u. s. w.
mit gröfster Genauigkeit beschrieben. Für die Lebensgeschichte
der Zwiebeln von mehrjähriger Dauer wird die Hyacinthe
gleichsam als Muster dargestellt, und die Entwickelung ihrer
Zwiebeln sehr speciell beschrieben. Aehnlich der Hyacinthe
verhalten sich die Gattungen Muscavi, Ornithogalum^ Uro-
petalum, Ainaryllis, Narcissus, Pancratiuin, Galanthus
u. s. w. Das Verhalten der Zwiebel von Amaryllis formo-
sissima wird speciell beschrieben. Die Lilien bilden eine
zweite Hauptform der ausdauernden Zwiebelgewächse, insofern
sie schuppige Zwiebeln haben; eine grofse Anzahl von Lilien-
Arten, welche meistens zu unseren Prachtpflanzen gehören,
sind von Herrn v. Berg eine Reihe von Jahren hindurch beob-
achtet und die Entwickelung ihrer Zwiebeln ausführlich be-
schrieben. Von den Allien sind Allium Cepa, descendens,
frag? ans, moly, iiigrum, sativum, Scorodoprasum und vi-'
ncale einjährig und Alliwn acutangulum , Jistulosum, sene-
97) Die Biologie der Zwiebelgewächse oder Versuch die merk-
würdigsten Erscheinungen in dem Leben der Zwiebelpflaiizeu zu er-
klärend Neust rclitz und Neubrandenburg 1837, 8vo.
134
scens und Victoriale perenireiid , und ebenso gehören auch
von Iris, Gladiolus, Oxalis und Scilla einige Arten und diese
und andere in jene Categorie, Alle diese Beobachtungen sind
nicht nur den Botanikern sehr lehrreich, sondern müssen auch
den Freunden der Gartenkultur höchst erwünscht sein.
Die zweite Abtheilung dieser Schrift enthält allgemeine
Bemerkungen über die Zwiebelgewächse, woraus Ref. Folgendes
hervorheben möchte. Die regelmäfsige , mehr oder weniger
runde Form aller Zwiebeln hat ihren Grund, wie Hr. v. Berg
sagt, vornehmlich darin, dafs bei diesen Pflanzen, mehr als
bei allen übrigen, der Gegensatz zwischen innerer Bildung
und äufserer Entfaltung stark hervortritt, und dafs beide Thä-
tigkeiten gleichzeitig beginnen und fast in einen Akt zusam-
menfallen! Eine interessante Beobachtung hat Herr v. Berg an
einer Zwiebel der Zeitlose angestellt, welche Blätter von hell-
violetter Farbe, wie die der Blumen, zu entwickeln anfing;
später verlängerten sie sich bedeutend, doch die colorirten
Spitzen ver ' ockneten , während die gröfseren unteren Theile
durchaus blattartig blieben.
In einem besonderen Abschnitte handelt Herr v. Berg noch
über die Individualität und den Tod der Pflanzen; er handelt
darin die Frage ab, ob die Pflanzen den Alterstod sterben,
oder ob ihr Lebensende durch Zufälligkeiten herbeigeführt
wird, und spricht sich dabei für erstere Ansicht aus, welche
aber doch, wenigstens nach Ref. Ansicht, sehr einzuschränken
sein möchte. Ja Hr. v. Berg selbst lehrt am Schlüsse seiner
Schrift, dafs die Zwiebel als ein Symbol der Unsterblichkeit
zu betrachten sei, ebenso wie das sterbende Saamenkorn zu
einem allgemeinem Beweise von der Fortdauer im Tode die-
nen könne.
Sehr interessante Bemerkungen hat Herr Ohlert^^) zu
Königsberg über die Stellung und fernere Entwickelung der
Knospen unserer gewöhnlichen Bäume und Sträucher bekannt
gemacht. Mit dem Erscheinen der jungen Blättchen bei dem
Aufbrechen der Knospen erscheinen fast gleichzeitig in ihren
Achseln die jungen Knospen für das nächste Jahr, welche
sicli dann im Sommer und Herbste weiter ausbilden ; die Knos-
98) Einige Bemerkungen über die Knospen imserer Bäume und
Sträucher. — Linnaea v. 1837. S. 632 — 640.
135
peiischuppeii sind bald vollendet, die eingeschlossenen Blättchen
scheinen sich aber noch im Winter zu vermehren, was auch,
wie Ref. beobachtet hat, wenigstens bei einigen Pflanzen der
Fall ist. Die Zahl der Schuppen ist für jede Art ganz be-
stimmt, und bei ihrem Aufbrechen haben die Knospen im Früh-
jahr gleichviel Blättchen. In der Zahl der Internodien, weiche
der Jahrestrieb, d. i. die entwickelte Knospe zeigt, findet sich
eine relative Bestimmtheit, indem die Anzahl der Internodien
bei verschiedenen Arten nie ein gewisses Maximum über-
schreitet; auch stimmt sie oft mit der Zahl der Blätter oder
Blattpaare überein, welche m der Knospe vorgebildet sind. .
In einer Tabelle giebt Herr Ohlert hiezu schöne Belege. So
haben: Fraxin US excelsiov 2 Schuppen -Paare, 5 Blattpaare
und höchstens 3 Internodien im Jahrestriebe. Aesculus Hip-
pocast. 7 Seh. P. 5 ßl. P. 5. Internod. Acer campestre 6 Seh.
P. 5 Blatt P. 10 Internodien. Sorhus aucuparia 3 Schuppen,
5 Blätter, 8 Jahresglieder u. s. w.
Herr Ohlert macht darauf wiederum aufmerksam, dafs
zuweilen, wue bei Tilia u. s. w. die Achselknospe zur schein-
baren Endknospe wird, dafs es aber besonders bei dem Durch- ^
schnitte leicht zu erkennen sei.
In den Knospen einiger Bäume und Sträucher sind schon
in der Knospe mehr Blätter vorgebildet, als zur Entwickeluug
kommen sollten, worauf dann die Blättchen an der Spitze des
Zweiges vertrockenen und nach einiger Zeit abfallen, z. B.
bei Syringa u. s. w. daher hier keine Endknospen entstehen.
In anderen Fällen sind in der Knospe weniger Blättchen, als
der junge Zweig Glieder entwickelt, wie bei Ulrnus campes-
tris, Tilia europaea u. s. w. wo ebenfalls keine Endknospen
entwickelt werden, oder wie bei Fraxinus, Acer, CornuSy
Quercus u. s. w., wo Endknospen zur Entwickeluug kommen.
Endlich giebt^ es auch Bäume und Sträucher, deren Knospen
schon eben so viel Blättchen enthalten, als der zukünftige
Zweig Glieder haben soll, wie bei Cytisus, Aesculus.
Von den Herren A.Henry und C 1. M a r q u a r t in Bonn * *)
99) üeber abnorme Bildungen des Fruchtknotens der SaHx cine-
rea L. Mit einer Tafel Abbildungen. — S. Ersten Jahresbericht des |
botanischen Vereines am Mittel- und Niederrhein. Herausgegeben
von der Direction des Vereines. Bonn bei Henry et Cohen 1837.
136
sind Beschreibungen verschiedener Mifsbildungen des CarpelFs
von Salix cinerea gegeben, welche sich nach der so eben
vorgetragenen Ansicht über die Bedeutung des Carpell's am
ungezwungensten erklären lassen. Es sind diese und ähnliche
Mifsbildungen an dem Carpelle der Weide schon mehrfach
beobachtet und fast eben so vielfach gedeutet. Die Trennung
der Carpellarblätter und deren Umwandelung in Antheren,
während das Achsengebilde noch die Eychen erzeugt, möchte
das Wesentlichste sein, was aus den gegebenen Beschreibungen
der Abbildungen hervorgeht.
Aufserdem wird die Abbildung eines Kätzchen eben der-
selben Weidenart mitgetheilt, dessen Carpelle die Rückbildung
der Eychen in Blätter zeigen sollen. Die Höhle der Carpelle
ist nämlich mit einer Anzahl von lünglichen, zusammengefalteten
und mannigfach am Rande zerschnittenen Blättchen gefüllt,
was die Abbildung zeigt; die Eychen werden als fehlend an-
gegeben , aber defshalb läfst das Auftreten der Blätter auch
noch eine andere Deutung zu und man darf noch nicht an-
nehmen, dafs die Eychen zu Blättern umgewandelt sind.
Auch Herr Du tr och et *°") hat einige neue Beobach-
tungen über abnorme Bildungen verschiedener Pflanzentheile
bekannt gemacht und mit einigen ähnlichen anderer Botaniker
zusammengestellt, welche für die Lehre von der Metamorphose
der Pflanzen von manchem Interesse sind, doch müssen wir
den geneigten Leser auf die Abhandlung selbst verweisen, da
die einzelnen Gegenstände derselben uns hier zu speciell er-
scheinen. Auch findet man daselbst die Bemerkung, dafs man
zu der Annahme, dafs das Blumenblatt oder der Staubfaden
ein metamorphosirtes Blatt ist, nicht mehr Grund habe, als
zu der entgegengesetzten, nach welcher man das Laubblatt
als ein in der Form verändertes Blumenblatt oder Staubfaden
ansehen kann!
Herr D ut röchet ^^*) hat in der neuen Ausgabe seiner
Abhandlung über die Zeugung der Pflanzen verschiedene Zu-
100) Olservations sur les transformatioiis vegetales. — Mem.
foiir serv. a l'hist. anatom. et physiol. des vegetaux IL p. 163 -- 172.
10t) De la generation sexuelle des jtlantes et de l'enibr'yologie
vegetale. — V. Metn. p. s. a l'hist. ant. et pkys. des vegetaux etc.
IL p. 115—162.
137
Sätze gemaoht, welche in mancher Hinsicht bemerkenswertli
sind. Es ist bekannt, dafsGrew schon 1672 ein kleines Loch
in (1er äufseren Saamenhaut verschiedener Leguminosen be-
schrieben hat, welches nach seiner Ansicht dazu bestimmt sei
dem Embryo Luft zuzuführen und das Durchbrechen des Wür-
zelcliens zu erleichtern. Spätere Beobachter erkannten jenes
kleine Loch für die Oeffnung, durch welche das Eychen be-
fruchtet werde, ohne jedoch positive Beobachtungen iiber die-
sen Gegenstand anzugeben. Im Jahre 1806 stellte Herr T u rp in
eine Ansicht auf, welche dem runden Loche in den Saamen-
hüUen ebenfalls das Geschäft der Aufnahme der befruchtenden
Substanz zuertheilte und er nannte diesen Punkt der Eyhäute
die Micropyle , eine Benennung, welche man allgemein ange-
nommen hat, obgleich sie, bei dem gegenwärtigen Zustande
dieser Wissenschaft, ebenfalls den rationelleren Benennungen
wird weichen müssen. In der angeführten Abhandlung des
Herrn Dutrochet erfahren wir nun, dafs HerrTurpin seine
frühere Ansicht über die Bestimmung der Micropyle verlassen
habe, und gegenwärtig glaube, dafs es eine Oeffnung ohne
alle physiologische Function sei *"^).
102) An merk. In der neuesten Schrift des Herrn Tiirpin
(Esquisse d'nrgmiogra/phie etc. p.'i2.) finden wir diese Angaben in der
That bestätigt; die Micropyle des Herrn Tiirp in ist nichts weiter, als
die Oeffnung, welche ein zusammengerolltes und mit den Rändern ver-
wachsenes Blatt an seinen Enden zeigt, es ist dieselbe also durch
imvoUkommene Verwachsung entstanden. Man kann diese Mängel der
Verwachsung, wie Herr Turpin sagt, eintheilen in: ^jtUcropyle f6-
liaire, M. bracteen, M. antherifere, M. Ovarien, M. carpellaire et
M. ovulaire'^ u. s. w. Die Oeffnung des Schlauches der Nepenthes-
Blätter, hält Hr. T. für etwas Aehnliches, möchte sie aber Macropyle
nennen; dafs aber diese Oeffnung mit einem Deckel versehen ist, daran
wird nicht gedacht. Nach diesen und vielen ähnlichen Erklärungen
des Herrn Turpin mochte man wohl das Recht haben die Benen-
nung Micropyle für den Befruchftmgspunkt des Eychens zu verdrän-
gen, denn die Oeffnung in dem Eychen, durch welche die befruch-
tende Substanz in dasselbe zuerst eintritt, wird bald durch dieEybüllen,
und hier wieder bald durch die äufsere, bald durch die innere ge-
bildet, bald durph die Spitze des Kern's, welcher zuweilen höchst
auffallend hervorwächst, bald aber auch durch die Spitze des Em-
bryosackes gebildet, welche zuweilen aus dem Kern oder dem runden
Loche der Hüllen weit hervorwächst und so der befruchtenden Sub-
stanz, dem Pollenschlauche mit semem Inhalte entgegenwächst.
138
Herr Dutrochet erklärt dagegen die Micropyle für eine
pneumatische Röhre, welche dem Inneren des Saamens die
nöthige Luft zur Respiration zuführe; kurz Hr. D. hat Grew's
alte Ansicht über die Bestimmung der Micropyle angenommen.
Ref. hielt es für seine Pflicht diese kurze historische Nach-
vveisung über den fraglichen Gegenstand vorauszuschicken, aber
es mufs jedem Botaniker, welcher nicht durch eigene Beob-
achtungen mit diesem Gegenstande bekannt ist, im höchsten
Grade auffallen, dafs heutigen Tages von einem Mitgliede der
berühmten Akademie der Wissenschaften zu Paris eine solche
Ansicht aufgestellt werden kann, nachdem in eben derselben
Akademie die herrlichsten Arbeiten vorgetragen sind, welche
über die Function der Micropyle und den Bau des Saamens
ziemlich vollständigen Aufschlufs gaben; wir brauchen nicht
einmal an die Arbeiten von RobertBrown zu erinnern. Es
ist zwar noch Vieles im Speciellen über diesen Gegenstand
zu beobachten, aber im Allgemeinen sind wir über denselben
vollständig im Reinen, so dafs uns eine solche Nichtachtung
fremder Beobachtungen sehr befremden mufs.
Herr Dutrochet beschreibt in der zweiten Abtheilung
der angeführten Abhandlung das Eychen von verschiedenen
Pflanzen, z. B. von amygdalus communis, Evonymus euro-
paeuSf Fisum, sativum, Fagus castanea, Galium Spanne,
Spinacea oleracea, Mirahilis Jalappa, Nymphaea lutea
und Seeale cereale und zeigt dabei, dafs ihm eine Verschie-
denheit in der Zahl der Hüllen des Saamens bei verschiedenen
Pflanzen sehr wohl bekannt ist, aber nichts desto weniger ge-
braucht er die Benennungen dieser Theile nach Hrn. v. Mir bei,
welche nach dem gegenwärtigen Zustande der Beobachtungen
nicht mehr passend sind. Herr v. Mir bei hat uns das Vor-
trefflichste über den Bau des Saamen vor und nach der Be-
fruchtung geliefert, wie es jeder Botaniker anerkennen wird,
und wenn Ref. die Benennungen , welche jener grofse Gelehrte
zur Verständigung über diesen Gegenstand aufstellte, nicht
mehr anerkennen möchte, so darf dieses nicht etwa als ein
Tadel gegen jene herrliche Arbeiten angesehen werden.
Am Schlüsse der Abhandlung führt Herr Dutrochet seine
Beobachtungen über die ^Bildung des Mutterkorns an; er hält
dasselbe nicht für einen Pilz, sondern für eine krankhafte
139
Enhvickelung des Roggen-Saamens. Es ist aber Hrn. D. sehr
wahrscheinlich, flafs diese krankhafte EntwickeJung des Saa-
mens zum Mutterkorn die Folge der Gegenwart und Vermeh-
rung eines mikroskopischen Pilzes ist, welche einem Uredo
zur Seite zu stellen wäre. Dieser letzteren Ansicht kann
jedoch Referent in Folge von Beobachtungen über diesen Ge-
genstand nicht beistimmen.
Eine andere reichhaltige Arbeit des Herrn Mohl *®^)
beschäftigt sich mit der morphologischen Deutung der Fort-
pflanzungs- Organe der mit Blättern versehenen Cryptogamen.
Herr Mohl geht bei diesen Untersuchungen von folgenden
zwei morphologischen Grundsätzen aus, da deren Richtigkeit
auf jede Deutung ider cryptogamischen Fructifications-Organe
von höchster Wichtigkeit ist. Diese Sätze sind:
1) Dafs die Anthere der Phanerogamen nicht durch Ein-
rollung eines Blattes gebildel ist und dafs die Pollenkörner
daher auch nicht aus der Oberfläche des Blattes hervorgehen,
sondern dafs sie in Mutterzcllen, welche im Inneren des me-
tamorphosirten Blattes liegen und später wieder verschwinden,
entstehen. Die Lehre wurde schon im vorjährigen Berichte
als vollkommen begründet dargethan, und auch im vorliegen-
den sind Herrn Schleiden's Untersuchungen für diese An-
sicht sprechend.
2) Dafs das Carpell ebenfalls, wie die Anthere, nur aus
der Metamorphose eines Blattes hervorgeht, und dafs das Ach-
sensystem keinen Beitrag zu derselben liefert, sondern dafs
die Eyer immer aus der oberen Fläche und aus dem Rande des
Carpellarblattes hervorsprossen. Dieser zweite Satz ist nun
keineswegs als erwiesen anzusehen, ja wir werden einige
Seiten später die Beobachtungen kennen lernen, durch welche
derselbe umgestofsen werden möchte, und demnach könnten
mehrere der Erklärungen, welche Herr Mohl in der ange-
führten Schrift über das Spornngium gegeben hat, auch noch
auf andere Weise ausgeführt werden.
Der grofsen Verschiedenheit wegen , welche das Sporan-
gium in Hinsicht seines Baues bei verschiedenen Familien auf-
103) Morphologische Betrachtungen über das Sporangium dor
mit Gefäfsen versehenen Cryptogamen. Eine Inaiigural -Dissertation
vom Juni 1837. Tübingen 1837. 8vo.
140
zuweisen hat, müssen die einzelnen Familien abgesondert be-
trachtet werden, und Hr.Mohl beginnt mit den Equisetaceen.
Die Sporen dieser Pflanzen werden wegen ihrer Entstehung
in Mutterzellen, theils wegen ihrer Zusammensetzung aus einer
doppelten Haut mit den Pollenkörnern der phanerogamen Pflan-
zen in Parallele gestellt, und" auch in der Structur des Spo-
raugiums wird eine Aehnlichkeit mit der Structur der Anthere
vermuthet. Auch beseitigt Hr. Mohl die Ansicht, nach welcher
jeder der eckigen Fruchtböden bei Equisetum aus der Ver-
wachsung eines Blätterkreises erklärt wird; es werden hiezu
Beobachtungen an fruchttragenden Schäften von Equisetum
Telmateja angeführt, welche Uebergänge von den verticillirten
und zu Scheiden verwachsenen Schaftblättern zu Quirlen des
Fruchtstandes zeigten und welche keinen Zweifel darüber lie-
fsen, dafs das mit Sporangien besetzte, sogenannte Recepta-
culum von Equisetum nicht aus einer Verwachsung eines von
einem Aste abstammenden Blätterbüschels, sondern dafs es
aus einem Blatte des Schaftes selbst abstammt, dafs dasselbe
gleichsam das zu ungewöhnlicher Gröfse angewachsene Con-
nectiv einer Anthere repräsentirt, und das die auf seiner unte-
ren Seite stehenden Sporangien den einzelnen Loculamenten
einer Anthere entsprechen.
Bei der Betrachtung des Sporangium's der Farrn führt
zuerst Hr.Mohl den Beweis, dafs die Frons der Farrn ebenso
als ein wahres Blatt angesehen werden mufs, wie das Blatt
der Cycadeen und Palmen, und das Fehlen der Knospen in
den Achseln der Farrn -Blätter, verhält sich ähnlich wie bei
den Moosen den Lycopodineen und Cycadeen. (Bei diesen
letzteren Pflanzen kommen nicht selten an der Basis des
Stammes kleine Knospen zwischen den Schuppen vor. Ref.)
Bei den Ophioglosseen vergleicht Hr. Mohl die ganze Aehre
in Beziehung auf ihre Organisation mit der Anthere einer pha-
nerogamen Pflanze. Die Spitze stellt nämlich mehr oder we-
niger deutlich eine Blattspitze dar und die Sporenfächer sind
blofse Aushöhlungen im Gewebe des Blattes, und die Achse
der Aehre entspricht dem zum Connectiv zusammengezogenen
mittleren Theile eines Staubgefäfsblattes.
Bei Botrychium gewinnen die Sporangien schon mehr
Selbstständigkeit; sie sind vollkommen von einander getrennt,
141
ein Fall für den Herr Mohl die Antherenbildnng bei der
Gattung Geonoma in Parallele stellt. Ebenso erblickt der
Verfasser auch in den Sporangien aller anderen Farrn, welche
ihre Früchte anf der unteren Blattfläche entwickeln, eine ana-
loge Bildung mit der Theca der Anthere. Wenigstens wird
ganz bündig bewiesen, dafs die bisher gegebenen morphologi-
schen Deutungen der Farrnkapsel unrichtig sind, und einen
anderen Grund für seine Ansicht findet Herr Mohl in der
Bildung der Sporen in Mutterzellen, die später wieder resor-
birt werden. Dieser leztere Grund kann freilich nicht von
Gewicht sein, denn es sind gegenwärtig schon mehrere andere
Pralle bekannt, wo die Bildung neuer Zellen in Mutterzellen
erfolgt. Eine Reihe von Gründen, welche man allenfalls ge-
gen die Analogie eines Farrn- Sporangium's mit einer Antheren-
theca aufführen könnte, werden ausführlich widerlegt.
Die geistreiche Idee, dafs die Farrnkapseln aus meta-
morphosirten Blättern bestehn, deren Mittelrippe den Ring
des Sporangium's bildet, scheint Hr. C. H. Schultz zuerst
aufgestellt zu haben; überhaupt scheint auch Hr. Mohl auf die
Arbeiten jenes philosophischen Botanikers zu wenig Rücksicht
zu nehmen, worin die Sporangien der niederen Pflanzen schon
vor langer Zeit ihre morphologische Deutung erhalten haben.
Hiernach sind z. B die Sporangien bei Equisetuin durch Me-
tamorphose der blattlichen Stengelglieder wie die der Polypo-
dien durch Metamorphose der Blätter entstanden, und darum
entsprechen erstere auch der Stengelgliederung, deren Knoten
die Kapselschilder und deren Blattscheiden die Kapselfächer
gebildet haben!
• Die Deutung des Sporangium's bei Lycopodlum findet
gröfsere Schwierigkeiten, doch Hr. M o h 1 nimmt hier die Ver-
wandtschaft fn Anspruch , welche zwischen Lycopodiuin und
Isoetes existirt, uiid da bei Isoetes die Sporangien entschieden
nicht in der Achsel des Blattes, sondern auf dieser selbst
stehen , da ferner bei Psilotum und noch deutlicher bei Tmesip-
teris das Sporan^ium auf dem Blatte steht, so wird es wahr-
scheinlich, dafs auch bei Lycopodium der axilläre Stand der
Sporangien nur scheinbar ist und dafs dieselben eher ein Pro-
dukt des Blattes, als des Stengels Siin^^ -Poch diese Angaben
sind nur gewagte Vermuthungen, *deun Hr. Mohl fand, dafs
142
die Basis des Sporangium's eben sowohl mit dem Mittelnerven
des Blattes, in dessen Achsel dasselbe sitzt, als mit dem Stengel
in V^erbindung steht, so dafs man über seinen wahren Inser-
tionspunkt zweifelhaft bleibt. Auch läfst sich das Sporangium
von Lycopodiuni mit dem von Botrychium sowohl in Be-
ziehung auf die Form und die Art des Aufspringens viel eher
vergleichen, als mit einem Carpell phanerogamer Pflanzen.
Nach diesen Untersuchungen ist nun die Frage aufzu-
stellen, ob man die Sporangien der höheren Cryptogamen
wirklich für dasselbe Organ, wie die Anthere der Phanero-
gamen, und die Sporen für dasselbe Organ, wie die Pollen-
körnerhalten könne. Diese Ansicht wurde schon für verschiedene
Cryptogamen durch den scharfsüinigen Hrn. Agardh aufgestellt,
und zwar auf die Keimungsart der Sporen gegründet, worin
man einen ähnlichen Prozefs, wie bei der Bildung des Pollen-
schlauches erkennen will. Hr. Mo hl hat diese Ansicht schon
früher bestritten, glaubte aber, dafs das Hervorwachsen des
Pollenschlauches ein rein mechanischer Akt sei, bedingt durch
die Endosmose und die eigenthümliche Structur des Pollen-
kornes. Diese Schläuche sollten nämlich sowohl an jahrelang
getrockneten Pollenkörnern, als an frischen hervortreten, welche
mit Säure und Alkohol Übergossen werden, Angaben, welche
zwar fast von allen Botanikern aufgenommen sind, deren Un-
richtigkeit Referent aber schon vor 10 Jahren nachgewiesen hat,
und dabei zugleich gegen Herrn Brongniart Ansicht zeigte,
dafs der Pollenschlauch nicht aus einer blofsen Ausdehnung
der inneren Pollenhaut hervorgehe, sondern durch ein wirk-
liches \Vachsthum.
Eine reichhaltige und sehr wichtige Arbeit des Herrn
Sohl ei den ^^'*) schliefst sich unmittelbar an das Vorherge-
hende an; Hr. Schieiden beginnt mit der Mahnung, dafs
die Lehre von der Metamorphose der Pflanzenorgane nur
allein auf dem Wege der Beobachtung bearbeitet werden dürfe.
Die Entwicklungs- Geschichte, welche man von dem frühesten
Auftreten an verfolgen mufs, giebt allein den richtigen Auf-
104) Einige Blicke auf die Entwickelungs - Geschichte des vege-
tabilischen Organismus bei den Phanerogamen. — S. dieses Archiv's
3ten Jahrganges Isten Band, S. 289 — 319.
143
schinfs über die Bedeutung der verschiedenen Organe der
Pflanze.
Der Embryo im Saamen der Pflanzen, sagt Hr. Seh., tritt
als ein Axengebilde auf, welches nach oben geschlossen, nach
unten aber nicht begrenzt ist; das obere Ende schwillt kugel-
förmig an und aus den Seiten dieser Kugel wachsen die Co-
tyledouen hervor, während die Spitze derselben zur Knospe
wird. So wie hier im Embryo, so wiederholt sich das Her-
vorwachsen der Blätter auch am späteren Stengel, daher dieser
nicht aus verwachsenen Blattstielen bestehen kann. Ja Hr. Seh.
ist der Meinung, dafs man bei der Verfolgung der Gesetze
der Blattstellung von der ursprünglich opponirten, wie sie die
Cotyledonen zeigen, ausgehen müsse. Dafs Kelch- und Blu-
menkronen-Blätter als Blattorgaue zu betrachten sind, ist
allgemein anerkannt, und auch Hr. Seh. hat beobachtet, dafs
die einblätterigen Kelche und Corollen im früheren Zustande
noch unverwachsen sind, so wie auch, dafs jede Blume in
ihrer ersten Anlage regelmäfsig erscheint. Als ein höchst auf-
fallendes Beispiel werden die Gräser aufgeführt, deren Fruc-
tifications- Organe man bekanntlich sehr verschieden gedeutet
hat, da hier durch ungleichzeitige Entwickelung, Verwachsung
und Unterdrückung einzelner die ursprüngliche Regelmäfsigkeit
ganz entstellt wird. Auch über die Entstehung und Bedeu-
tung der Staubfäden kann heutigen Tages kein Zweifel mehr
obwalten, es sind modificirte Blätter, in deren Diachym, als
Norm 4 mit Pollen gefüllte Höhlen auftreten. Nur selten er-
scheint die ursprünglich mittlere Schicht nicht entwickelt, dami
ist auch die Trennung in je 2 seitliche Antherenhöhleu nicht
vorhanden , und sie tritt alsdann 2 höblig auf.
Die Bildung des Pollens geschieht nun in jenen Höhlen,
und zwar im Inneren von JMutterz eilen, worin sich wahr-
scheinlich meist vier andere Zellen bilden, worin dann die
einzelnen Pollenkörner erzeugt werden. ..Die Vierzahl ist hier
der allgemeinere Fall, doch zuweilen wie bei Podostemon
Ceratophyllum, finden sich nur 2 Pollenkörner in der gröfse-
ren Mutterzelle. Nach der Ausbildung des Pollens geschieht
die Resorbtion der Mutterzellen, welche bei einigen Pflanzen
ganz, bei anderen weniger vollständig erfolgt. Ja auch in
Hinsicht der Resorption der grofsen und der kleinen Mutter-
144
Zellen finden bei verschiedenen Pflanzen bedeutende Verschie-
denlieiten statt, bei Picea findet man noch im März und im
April die grofsen in 4 besondere Fächer getheilte Mutterzellen.
Herr Link *^^) giebt dem Gewebe dieser Mutterzellen einen
eigenen Namen; er nennt es Collenchym, wegen seiner Aehn-
lichkeit mit dem Kleber. Die bekannten Fäden in den Antheren
der Oenotheren hält Hr, Link ebenfalls für zurückgebliebene
Ueberbleibsel der Membranen der Mutterzellen.
Herr Schieiden erklärt die Placenta für ein Achsenge-
bikle und die Carpellblätter für modificirte wirkliche Blätter,
welche im Anfange noch getrennt sind und erst später auf
mannigfaltige Weise verwachsen um die verschiedenen Ovarien
zu bilden. Bei den Gräsern und Cyperaceen besteht das
Ovarium aus einem einzelnen Blatte, bei den Coniferen bleibt
es offen, bei den Resedaceen sind drei Carpellblätter zu einer
oben offenen Becherform vereinigt. Oft sind die Carpellblätter
gegen die Achse hin eingebogen und dann wieder rückwärts
geschlagen. Bei den Palmen ist ursprünglich, bald nach der
Befruchtung der Embryo vollständig erect; die innere Seite
des Ovarium's wächst aber beim reifenden Saamen nicht mit
in die Höhe, daher wird die Spitze des Embryo's fixirt und
zum Mittelpunkt, um den die Radicula bei der einseitigen
Entwickelung einen Quadranten beschreibt, so dafs auf diese
Weise der Embryo horizontalis lateralis entsteht.
Die Betrachtungen der Eychen und der Placenta beginnt
Hr. Schieiden mit der Darstellung der weiblichen Blüthe
von Taxus, welche nichts anderes, als die terminale Blatt-
knospe der Nebenachse ist; die Achse endet mit einem Wärz-
chen, welches der Nucleus des Eychen's ist, und da später
bei dem Befruchtungsakte eine Vereinigung dieses Achsenge-
bildes mit dem Pollen stattfindet, der in einem blattartigen
Organe ausgebildet wird, so besteht die Befruchtung in Nichts,
als in einem Zusammentreten und Ausgleichen der beiden
wichtigsten Difi'erenzen, welche in der Pflanze gegeben sind,
nämlich der horizontalen (Blätter) und der vertikalen (Achse)
Gebilde! ' .
Der Nucleus ist das W^esentlichste des Eychen's; die Hülle
105) Phtlos, bot. Ed. alt. IL p. 199.
145
desselben, welche Eihäute genannt werden, sind nur als Ne-
bengebilde zu betrachten und Herr Schi, sieht sie als stengel-
umfassende Hiillblättchen an, welche hier zu einer scheidenar-
tigen Hülle zusamuienfliefsen. Der Nucleus bleibt nun entwe-
der nakt, oder er wird mit einer einfachen, oder auch mit
doppelten Hüllen umkleidet. Da die alten Benennungen Testa
und Membrana interna für diese Saamenhüllen in der That
nicht passen, so schlägt Herr Schi, die Benennungen Integu-
mentum simplex für den einen Fall, und hitegumentujn ex-
ternum et internum für den andern Fall vor, wo der Kern
mit zwei Hüllen umschlossen wird. Das Studium des Pflan-
zen-Eichen's wird aber hauptsächlich dadurch erschwert, dafs
sich dasselbe, schon lange vor der Befruchtung in der gröfsten
Zahl von Pflanze^ krümmt, und diese Krümmung erfolgt bei
den nackten Eichen, wie bei denen mit einfacher und mit dop-
pelter Hülle. Herr Schi, schreibt alle Krümmungen der Pflan-
zensaamen dem Axengebilde, also dem Nucleus zu, worin Ref.
nicht beistimmen kann, auch stellt Herr Schi, nur die beiden
Fälle auf, wo nämlich die Axe gerade bleibt (^Ovulum atro-
pum) und den anderen, wo sich die Axe krümmt und der
gegenläufige Saamen (^Ovulum anatropmn) entsteht. In phy-
siologischer Hinsicht sind diese Krümmungen sehr unwichtig,
denn bei sehr verschiedenen Pflanzen fand Ref. einzelne Ei-
chen ungekrümmt und dennoch vollständig befruchtet, aber für
die systematische Botanik sind jene Krümmungen der Eichen
sehr wichtig, und die dritte Abtheilung, welche schon frühere
Botaniker aufgestellt haben, nämlich die der krumndäufigen
Saamen durchaus unentbehrlich, auch werde ich an einem an-
deren Orte zu zeigen suchen, dafs der krummläufige Saame
nicht nur als eine Uebergangsform zwischen dem geradeläufi-
gen und dem gegenläufigen zu betrachten ist; auch müssen
wohl die nochmaligen Umkehrungen der Eichen durch nach-
herige Krümmung der Nabelschnur mit besonderen Benen-
nungen bezeichnet werden. Die Bildung der Integumente des
Nucleus wird durch Herrn Schi, sehr genau und sehr speciell
angegeben, und was Ref. über diesen Gegenstand beobachtet
hat, stimmt mit diesen Angaben vollkommen überein, auch
stimme ich Herrn Schi, darin vollkommen bei, dafs Herrn Mi r-
bel's Quartine als eine eigene Haut gar nicht vorhanden ist.
IV. Jahrg. 2. Band. 10
146
So leicht man in Fällen mit ächter placenta centralis
libera, oder wie hei den Polygoneen, bei Taxus u. s. w. den
Nucleus des Eichens nur als Spitze der Axe erklären kann,
so schwer möchte dieses vielen Botanikern bei der wandstän-
digen Placenta werden, doch Herr Schi, führt viele Beispiele
an, welche dieser Ansicht einen hohen Grad von Wahrschein-
lichkeit geben sollen; man betrachte nur die Ovarien der Fu-
mariaceen und Cruciferen und die Fruchtzapfen der Abie-
tineen.
Diese Ansichten des Herrn Schi, werden sicherlich grofse
Opposition finden, bisher wurde ziemlich ganz allgemein ange-
nommen, dafs das Ovarium aus Knospen bestehe, welche sich
an den Rändern von Blättern bilden. Herr Seh. hält diese
Erklärung für eine ganz ungegründete Annahme und glaubt es
als ein durchgreifendes Gesetz aufstellen zu können, dafs sich
niemals eine Knospe aus einem Blatte bildet. Dieses Gesetz
wird aber durch die Beobachtung der Natur sehr leicht als
nicht existirend erkannt werden; die Annahme desselben ist
der schwächste Punkt in Herrn Seh. glänzender Arbeit, und
sie hat ihn zu vielen gewaltsamen Erklärungen veranlafst.
Ref. glaubt beweisen zu können, dafs, wenn man die morpho-
logische Deutung des Ovarium's auf vorurtheilsfreie Beobach-
tung gründet, und die Beobachtungen nicht nach den Ansich-
ten erklärt, dafs man dann die Entstehung der Eychen auf vier-
fache Weise angeben mufs; sie entstehen nämlich am häufig-
sten an den Rändern der Carpellblätter, dann an den Seiten
der Mittelrippe der Carpellblätter, in selteneren Fällen auf
der ganzen inneren Fläche der Carpellblätter, und endlich auch
aus der Axe, wo sie entweder als das Ende des Axengebildes
auftreten oder zur Seite der, oft sehr verkürzten Axe er-
scheinen.
Ref. macht hier auf einige der kostbaren Mifsbildungen
aufmerksam, welche HerrTurpin ^^®) auf der zweiten Tafel
seiner schon früher aufgeführten Schrift abgebildet und erklärt
hat; die Erklärung steht freilicl^ gar nicht selten ganz im Wi-
derspruch mit den abgebildeten Beobachtungen. In Fig. 1,9. ist
eine monströse Frucht der Aquilegia vulgaris abgebildet ; die
106) Esquisse d'organo^r. veget, etc. VI. 4,
'l47
5 CarpellblUtter sind fast ganz aufgerollt und ihre Seiten-
vvände sind mit Eychen und Blättchen ])esetzt. In Fig. 28. und
29. sind monströse Hüllen, von Trifolium repens dargestellt;
in dem einen Falle sind die Eyer-tragenden Ränder der Car-
pellblätter unverwachsen und mit 6 kleinen Blättchen beklei-
det, in dem andern Falle sind theils Eychen, theils Blättchen
aus den Rändern hervorgevvachsen. unmittelbar darüber, in
Fig. 20 — 22., giebt aber Herr T. seine Erklärung über die
Bildung des Legumen's durch Verwachsung der zusammenge-
schlagenen Blättchen.
Wie nun, sagt H. Schi., in den pollentragenden Organen das
Zellengewebe durch eine besondere Modification zum Pollen um-
gewandelt wurde, so findet sich auch in der Spitze der Axe,
dem Nucleus nämlich, eine besondere Modification des Zellen-
gewebes. Es bildet sich nämlich in demselben eine einzelne
lange Zelle aus, welche sich zum Embryosack gestaltet, und
zwar geschieht dieses lange vor der sogenannten Befruchtung. -
Die grofsen Verschiedenheiten, welche der Embryosack bei
verschiedenen Pflanzen aufzuweisen hat, sind zum Theil be-
kannt; bei Lathraea Squamaria wurde derselbe als formlose
Aussackungen beobachtet. Indessen nach Ref. Beobachtungen
"liegt der Embryosack nicht immer im Innern des Nucleus,
überhaupt ist jene von Herrn Seh. gegebene Darstellung über
den Bau des Eichens bis zur Befruchtung nur als allgemeine
Norm anzusehen, durch deren Auffassung jeder abweichende
Fall sehr leicht erklärlich erscheinen wird. In vielen Fällen
bildet sich der Embryosack erst nach der Befruchtung nnd in
anderen Fällen, wo der Nucleus, schon von sehr früher Zeit
an, als ein hohler Sack aus einer einfachen Zellenscliicht be-
stehend auftritt, da vertritt er selbst die Stelle des Embryo-
sackes.
Schliefslich J^ommt Herr Schi, zur Betrachtung des wirk-
lichen Befruchtnngsactes, dessen plastische Vorgänge in den
Schriften von Amici, Brongniart, Rob. Brown und
Corda bisher beschrieben waren. Am 31. Juli 1833 publi-
cirte Herr Robert Brown, dafs er die Pollenschläuche bei
Asclcpias phytolaccoklis bis zur Spitze des Eychens verfolgt
habe, das ist also bis zur Spitze des Nucleus, da dieser bei
Asclepias vollkommen nackt ist, was Herr R. Brown damals
10*
148
noch nicht wagte auszusprechen: To ihis point, heifst es in
jener kleinen Schrift, theTiibe adhercs so finnly, that J am
inclincd to th'nik it aciiially penetrates, to some deptJi at
Icast, inio thc substance of the Ovulum ; etc. Als sich aber
Herr B. in den ersten Tagen des Septembers 1833 zu Berlin,
befand, war er schon etwas weiter bei dieser Untersuchung
gekommen, denn er zeigte dem Ref. mit seiner bekannten
Freundlichkeit, das Hineintreten der Schläuche in die Spitze
des Kern's, was man dann auch zu Breslau zu sehen bekom-
men hat, wenngleich auch Herr Cor da später davon keine
Kenntnifs nahm. In einer Abhandlung, welche Herr Cor da
im September 1834 der Kais. Leopold. Akademie eingeschickt
hatte ^^'), gab derselbe seine Beobachtungen über den Be-
fruchtungsact bei den Coniferen; er sah die Pollenschläuche
durch die Höhle der Secundine zur Mündung der Nucula
steigen, durch dieselbe eintreten, im Räume derselben dünner
werden, und ihren Inhalt als trübe, flüssige Masse entleeren.
Diese entleerte Füllung sah Herr Corda bald darauf gestaltet,
indem sie den Embryosack bildete, die Verbindung der Pollen-
schläuche mit dem Embryosack bestehe aber noch lange nach
der Befruchtung.
Ich habe diese historischen Angaben vorausgeschickt, um
die neue Ansicht, welche Herr Schieiden über den Befruch-
tungsakt der Pflanzen aufgestellt hat, um so mehr hervorzu-
heben. Herr Seh. glaubt, dafs der Verlauf der Pollenschläuche
vom Stigma bis zum Ovulum der allgemeine Vorgang bei der
Befruchtung der Phanerogamen sei, dafs ferner einer, selten
mehrere dieser Schläuche die Intercellulargänge des Nucleus
durchkriechen. Der Schlauch, welcher den Embryosack er-
reicht, drängt diesen vor sich her, stülpt ihn ein und erscheint
als ein cylindrischer Schlauch, welcher den Anfang des Em-
bryo bildet, der auf diese Weise nichts anderes ist, als eine
auf die Spitze der Axe gepfropfte Zelle des Blattparenchym's ;
er wird also durch die Haut des Pollenschlauches und durch
den eingestülpten Embryosack gebildet. (So sehr ich die Beo-
bachtungen meines CoUegen schätze und mich freue, dafs durch
107) S. den Jahresbericht von 1835 dieses Archiv's 2ten Jahrg.
2ter Band.
149
scin^ kräftigen Arbeiten viele Gegenstände der Tflanzen-Phy-
siologio einer schnelleren Lösung entgegen gehen, als es sonst
der Fall gewesen wäre, so niuls ich doch erklären, dafs diese
Angaben nicht ganz richtig sind. Der Enibryosack wird ge-
wifs niemals durch den eindringenden Pollenschlauch einge-
stülpt, ja der Embryo ist oft schon bedeutend grofs, während
noch keine Spur des Enibryosackes vorhanden ist. Ref.) Bei
Pflanzen, welche mehrere Embryonen haben, sind gerade eben
so viele Pollenschläuche vorhanden, als sich Embryonen zeigen.
Aus diesen Beobachtungen, sagt Herr Seh., geht die wichtige
Folge hervor, dafs man die beiden Geschlechter bei den Pflan
zen geradezu falsch benannt hat, indem jedes Pollenkorn der
Kern [eines neuen Individuums ist und dag^^gen der Embryo-
sack, als das männliche Prinzip zu betrachten wäre, welcher
nur dynamisch die Organisation der materiellen Grundlage \
bestimmt. \^
Man wird hieraus ersehen, dafs die Angaben der Herren
Corda und Schieiden über die plastischen Vorgänge bei
der Befruchtung im Innern des Eykernes ganz verschieden
sind; die ersteren sind bis auf das Hineindringen der Pollen-
schläuche in den Kern, was schon durch Herrn R ob. Brown
beobachtet war, gänzlich unrichtig; dieses sagt nicUt nur Herr
Seh., sondern auch Rob. Brown, und Ref. hat sich ebenfalls
bald nach dem Erscheinen jener Beobachtungen davon überzeugt;
ja Herr Corda hat das Wesentlichste im Baue des Eychens ,
vor und nach der Befruchtung, selbst »ach den, schon damals
vorhandenen guten Beobachtungen ganz verkannt.
Es fragt sich nun, ob die Beobachtungen des Herrn Seh.
über den Befruchtungsakt die richtigen sind, und ob wir in
Folge deVselben unsere alten ehrwürdigen Ansichten über das
Geschlecht der Pflanzen aufgeben müssen.
Ref. ist der Ansicht (und wird dieselbe im dritten Theile
seiner Physiologie der Pflanzen beweisen), dafs Herrn Seh.
Beobachtungen unsere Kenntnisse über den plastischen Prozefs
bei der Befruchtung der Pflanzen um einen sehr bedeutenden
Schritt weiter gebracht haben, es wird sich aber zeigen lassen,
dafs die alten Ansichten über das Geschlecht der Pflanzen
nach wie vor beibehalten werden müssen, ganz abgesehen von
der Bildung der Bastarde, welche schon durch jene neue Leh-
150
ren, wonach die Anthere als ein weibliclier Eyerstock anzuse-
hen ist, nicht zu erklären sind.
Wir kommen jetzt wieder zurück zur Betrachtung des
Embryo.
Bei dem ersten Auftreten, sagt Herr Schi., erscheint der
Embryo als ein membranöser Cylinder, nach oben abgerundet
und geschlossen, nach unten offen e,tc. und erfüilt mit organi-
sirbarer Masse, die sich von oben nach unten in Zellen ver-
wandelt, wobei sich die, bei der Zellenbildung überall eine
höchst wichtige Rolle spielenden Zellenkerne zeigen ^^®).
Diesen Cylinder betrachtet nun Herr Schi, als ein Axenge-
bilde, dessen oberes Ende zu einer Kugel anschwillt, woraus
die Cotyledonen mit mehr oder weniger deutlichen Freiblei-
ben der Spitze (der Axe nämlich) hervorwachsen, wodurch
denn erwiesen wird, dafs die Axe früher als die Blätter
da ist.
Das erste Auftreten des Embryo's und die Bildung seiner
Theile ist natürlich für die morphologische Deutung der ver-
schiedenen Theile der ausgewachsenen Pflanze von höchster
Wichtigkeit, daher Ref. die Resultate seiner Beobachtungen
hierüber mittheilt, welche von denen des Herrn Schi, etwas
verschieden sind. Jener raembranöse Cylinder, von dem Herr
Schi, ausgeht, ist nicht immer vorhanden, wo er aber vor-
108) In Hinsicht der Bedeutung des Zellenkernes sind in diesem
laufenden Jahre sehr wichtige Entdeckungen gemacht, welche über
die Bildung des Zellengewebes der Pflanzen in vielen Fällen vollkom-
menen Aufschlufs geben. Ref. hat auch in vielen Fällen beobachtet,
dafs der Zellenkern ursprünglich ebenfalls als einfache kugelförmige
Schleimzelle mit einem festen sphärischen Kerne versehen, auftritt
uud. sich später erst zum scheibenförmigen Gebilde umwandelt, wel-
ches sehr häufig durch äufserst zarte und zuweilen auch verästelte
Fäden an der inneren Fläcl\e der Zelle befestigt ist. Aus der Sub-
stanz dieser Scheibe bilden sich die ersten Anfänge (die Kerne) der
Amyluni-Kügelchen und der übrigen Zellensaft-Kügelchen, welche noch
einige Zeit hindurch in der Scheibe festsitzen und einen Kreis um
den festeren Kern herum bilden. Später verschwindet die schleimige
Substanz der Scheibe, die Amykim-Kügelchen u. s. w. vergröfsern sich
imd bleiben noch einige Zeit hindurch in jener kreisförmigen Stellung
worin man auch nicht selten die grünen Zellensaft-Kügelchen in den
Epidermis Zellen findet. In ganz jungen Kartoffeln und in Cact HS- Ar-
ten habe ich diese Bildung verfolgen können. Ref.
151
koiiinit, da bilden sich in demselben Zellenkenie, um diese die
Zellenwäude, und somit zerfallt der Cylindcr in Zellen: die
Kndzclle aber schwillt kugelförmig an, und aus dieser bildet
sich der ganze Embryo, welcher sich, bald früher bald später,
von dem gegliederten Faden trennt, der aus dem älteren Theile
des Cylinders entstand und von Herrn v. Mirbel Träger ge-
nannt wurde, er gehöJt, wie es mir scheint, nicht zu den we-
sentlichen Theilen des Embryo. Somit erscheint der Embryo
bei seinem ersten Auftreten, als ein einfache kugelrunde Zelle,
also in der Form der einfachsten Pflänzchen. . Diese kugel-
förmige Zelle bildet sich von Innen heraus zu einer Zellen-
masse, und erst bei einer gewissen Gröfse derselben wachsen
die Cotyledonen hervor, wobei abei* auch sogleich ei« Au^
wachsen der Kugel nach dem entgegengesetzten Ende, ' also
die Bildung einer wirklichen Axe erfolgt, ich gestehe jedoch;
obgleich ich den Stengel als denjenigen Xbeil betrachte, aus
welchem die Blätter hervorwachsen und dieses auch änatOr
misch naqhgevviesen habe, dafs ich das Freibleiben der Spitze
<ler Embryokugel (punctum vegetaüonisWolfßs), zwischen
den sich hervorschiebenden Cotyledonen nicht bemerke, später
erst sah ich das Hervortreten der Ersten Spur der künftigen
Plumula.
Herr Kunth ^*'°) hat durch Beobachtungen an den Saa-
nien der Cruciferen nachgewiesen, dafs der l^mbryo dieser Pflan-
zen erst beim Reifwerden des Saamens in Folge Uufserer Ur-
sachen die verschiedenen Formen annimmt, welche er im voll-
kommen ausgebildeten Zustande zeigt, und dafs jene Verschie-
denheiten, da die Ursachen, welche sie erzeugen, bei derselben
Pflanze jederzeit wieder eintreten müssen, sehr beständige und
wichtig« Charaktere liefern. Bei Erysimum clwiranthoidcs
L. und E. ofjicinale L. z. B. fand Herr K. im jungeii Saa-
inen die Radicula jederzeit den Cotyledonen seitlich gelegen
und erst bei, vorschreitender Reife wurden die Cotyledonen
incuuihentes. Im jungen Saamen von liaphanus sativus fand
sich der Embryo noch fast gerade , blofs an der Radicula ge-
109) Ueber den Embryo der Cruciferen. — Dieses Archiv'» aten
Jahrganges Itcn Theil S. 232.
152
krümmt; die Cotyledoiien flach ausgebreitet und von ungleicher
Gröfse, wodurch dann spätere Verhältnisse erklärlich werden.
Eine ähnliche Veränderung der ursprünglichen Lage der
Theile während des Reifwerdens, beobachtete HerrKunth auch
an den Früchten der Cruciferen. Das Ovarium liegt nämlich
bei diesen Gewächsen jederzeit so zur Achse, dafs diese der
Scheidewand entspricht; bei Früchten aber, wo sich das Dis-
sepimentum ausbreitet, kommt es der Axe seitlich zu liegen.
Herr Mohl '^^) hat eine ausführliche Beschreibung einer
Mifsbildung hermaphroditischer Blüthenkätzchen von Pinus
alba gegeben, wodurch verschiedene Punkte in der morpholo-
gischen Deutung der Coniferen-Blüthen auf eine sehr entschie-
dene Weise erklärt werden, und die Meinungsverschiedenheit,
welche über diesen Gegenstand bei verschiedenen Botanikern
herrscht, ofienbar ausgeglichen werden mufs. Herr M. fand
diese Mifsbildungen an mehreren weiblichen Blüthenkätzchen
von Pinus alba, an deren unterer Hälfte die Blüthen mehr
oder weniger vollständige Uebergänge zu männlichen Blüthen
bildeten, während die obere Hälfte mit vollkommen normalen
weiblichen Blüthen besetzt war, die sich auch bei denjenigen
Exemplaren, welche längere Zeit am Baume stehen bleiben, sehr
regelmäfsig zur Frucht zu entwickeln anfingen. Alle diejeni-
gen Blüthen, welche einen Uebergang zu männlichen Blüthen
bildeten, bestanden, wie die normalen weiblichen Blüthen, aus
zwei Organen, der Bractee und dem in ihrer Achsel stehen-
den Carpellarblatte ; jeder dieser Theile wich vom normalen
Typus ab, die Bractee war nämlich mehr oder weniger voll-
ständig in einen Staubfaden verwandelt und das Carpellarblatt
war, je vollständiger diese Umwandlung der ihm zugehörigen
Bracteen vor sich gegangen war, desto kleiner und weniger
entwickelt. Die untersten Blüthen dieser Kätzchen waren klei-
ner und die Ovula hatten sich an ihrem Carpellarblatte nicht
entwickelt. Bei den höher stehenden Blüthen war das Car-
pellarblatt kleiner, es schlug sich etwas nach oben um und
erhielt eine Zungenform. Bei den höchsten Blüthen stellt es
eine zusammengefaltete Schuppe dar und war fast ganz grün.
In demselben Maafse, wie sich das Carpell verkleinerte, bildete
110) üeber die männlichen Blüthen der Coniferen. Tübingen 1837,
153
sich fUeBractee mehr ans, nicht sowohl irv Hinsicht rlerGröfse,
als vielmehr in Hinsicht clor Structur. Bei den untern Blü-
then zeigte sich auf der äufsern Seite der Bractee über ihrer
Basis eine rundliche Anschwellung von gelblich grüner Farbe,
welche in ihrem Innern eine mit Pollenkörnern gefüllte Höh-
lung besafs; der obere Theil der Bractee stand wie das Car-
pellarblatt senkrecht in der Höhe. Auf der oberen Seite die-
ser Bracteen verlief, von ihrem Insertionspunkte aus bis gegen
die Spitze, längs ihrer Mittellinie, ein etwas erhabener Kiel,
welcher dem Connective der normalen Anthere entsprach. An
der Basis war die ganze Bractee zwar etwas contrahirt, aber
nicht so stark, dafs man diesen Theil ein wirkliches Filament
nennen konnte. Bei denjenigen Bracteen, welche sich den nor-
malen Antheren noch mehr näherten, und dieses war bei den
meisten der Fall, da fanden sich auf der äufseren Seite zwei
pollenenthaltende Anschwellungen von länglicher, ovaler Form
und gelber Farbe, die an ihrem hintern Ende zum Theil von
den Bracteen losgelöst waren, ähnlich wie bei Araucaria. Diese
Bildungen unterschieden sich von den normalen Antheren nur
dadurch, dafs sie kleiner waren, eine stärkere Leiste aufzuwei-
sen hatten und gänzlichen Mangel des Filamentes zeigten. Ein
Theil dieser Antheren sprang in den Suturen der Länge nach
auf, streute den Pollen aus und vertrocknete alsdann; andere
blieben dagegen geschlossen, und erhielten sich mehrere Wo-
chen lang frisch, wodurch sie wieder ihre Natur als Bracteen
zeigten.
Aus diesen Erscheinungen, welche die Untersuchung jener
hermaphroditischen Blüthenkätzchen darbot, zieht Herr Mohl
folgende Schlüsse:
1) Jede zweifächerige Anthere von Pinus und den ver-
wandten Gattungen ist aus der Metamorphose eines einzelnen
Blattes hervorgegangen, wie es auch von Robert Brown
und Lindley gelehrt wurde.
2) Die Antheren von Pinus entstehen aus Blättern, welche
der Axe des männlichen Blüthenkätzchens selbst angehören
und sind nicht, wie dieses Herr Lindley annahm, als laterale,
monandrische Blüthen zu betrachten, und sind daher auch
nicht den Carpellarblättern des weiblichen Kätzchens analog.
So erscheint es nun auch nothwendig, dafs man die mehr-
154
fächrigeii Antliereii anderer Coniferen-Gattungen ebenfalls, als
hervorgegangen aus der Metamorphose eines emzelnen Blattes
betrachtet. Mit allem Rechte erklärt Herr Mo hl, dafs das
Vorhandensein einer gröfseren Anzahl von Antheren-Locula-
mente nicht als Grund gegen jene Ansicht aufgestellt werden
kann, denn es sei nicht abzusehen, warum nicht eben so gut
aiu zwanzig verschiedenen Stellen im Innern eines Blattes sich
Pollen bilden könne, als an einem, an zwei, oder an vier Stellen.
Auch zeigte das männliche Blüthen- Kätzchen von Juniperus
iu der Zahl der Antheren-Loculamente wahre Uebergänge zu
verschiedenen anderen Coniferen-Gattungen. Es besitzen näm-
lich die untersten Schuppen des Blüthen -Kätzchens von Ju-
niperus sehr häufig nur zwei Antheren-Loculamente, worin sie
mit Pinus übereinstimmen; die dreifächerigen sind tlenen von
Cunninghainia ähnlich und sie machen den Uebergang zu den
4 und mehrfächerigen Antheren anderer Gattungen. Hiebei
kommt Herr Mo hl auch auf die I^irklärung der vielfächerigen
Antheren mancher Cycadeen, welche offenbar ganz auf die-
selbe Weise zu erklären sind.
Schliefslich sucht Herr Mohl auf eine sehr scharfsinnige
Weise die Frage zu entscheiden^ ob man das männliche Coni-
feren- Kätzchen als eine Blüthe oder als einen B]üthenstand zu
betrachten habe. Das männliche Coniferen-Kätzchen, sagt Herr
Mohl, hat nur im äufseren Ansehen und darin, dafs alle seine
Staubfäden mit der Achse, auf welcher sie stehen, abfallen,
Aehnlichkeit mit einem wahren Amentum und ist daher viel-
mehr mit einer Blüthe zu vergleichen. Die Beweisführung
dieser letzteren Annahme hat allerdings weit gröfsere Schwie-
rigkeiten aufzuweisen, als • die Beweisführung, dafs die An-
sicht, nach welcher das Coniferen-Kätzchen als Blüthenstand
zu'betrachten sei, unrichtig ist. Indessen die Betrachtung des
weiblichen Coniferen-Kätzchens in allen Üebergangsstufen, führt
Hr. Mohl zu der Ansicht, dafs die männliche Coniferenblüthe
eben sowohl eine Annäherung der Blüthenbiidung zur Inflo-
rescenz, als zum vegetativen Theile der Gewächse zeige. Die
niedere Stufe der Ausbildung, auf welcher die männliche Co-
niferenblüthe steht, ist aus dem Mangel einer BlüthenhüUe und
aus der schwachen Verkürzung ihrer Achse zu erkennen, und
die einzige Absonderung von der vegetativen Achse beruht
155
auf einem kurzen Bliitlienstiele. (Bei jungen Kiefern (^Pimts
sylvestris) f welche /um erstenmale blühen, sieht man selir
häufig, dafs ein oder mehrere Nadelpaare an der untersten
Stelle der neuen Schöfslinge in Antheren verwandelt sind,
eine Erscheinung welche sehr Vieles erklärt. Ref.)
Von besonderem Interesse sind noch die Betrachtungen
über die weibliche Cycas-Bliithe, wo die innige Verwandtschaft
zwischen Stammblättern und Carpellarblättern noch weit auf-
fallender hervortritt, als bei den Coniferen-Bliithen, denn bei
Cycas, sagt Hr. Mo hl ist bei denjenigen Arten, bei welchen
das CarpcUarblatt noch Fiederblättchen trägt, die Form von
beiden auffallend ähnlich, und e^ l?ehalten die Carpellarblätter
auch noch in sofern die Natur dejr Stammblätter bei, als sie
sich nicht enge aneinander schliefsen und mit ihrer Production
der Stamm das Vermögen, weiter z^i wjichsen u^d neue Blä.tter
zu erzeugen, nicht verliert, vvefshalb der mit FructificatipjiS7
blättern besetzte Theil der Achse seiner Natur nach zwischen
Fructifications- und Vegetatious -Achse schwankt.
Herrn Schleiden's '* ^) Ansichten über di^ morpholo-
gische Deutung des weiblichen Coniferen- Kätzchen sincl von
Aqw vorgetragenen sehr abweichend; derselbe erklärt das, was
man seit R. Brown als offenes Ovarium betrachtete, für eine
schuppenförmig ausgebreitete Placenta und hält R. Brown 's
Bractee für das wirkliche Carpellarblatt. TJeberhaupt zeige
sich die Placenta, als ein von dem Carpellarblatt in seinem
Wachsthum völlig unabhängiger Theil bei den Abietineen
aufserordentlich deutlich. Ja sie entwickelt sich hier, wo sie
durch nichts gehindert ist, so sehr, dafs sie zuletzt selbst das
Carpellarblatt (Bractee der übrigen Aut.) nur als einen unter-
geordneten Nebentheil erscheinen läfst. Die ausführliche Aus-
einandersetzung dieses sehr schwierigen Gegenstandes wird
Herr Schieiden in der Folge geben. "^Auch Hr. Schieiden
hat ein hermaphroditisches Kätzchen von Pinus alba gefunden
und sagt, dafs jene Ansichten durch diese Mifsbildung auf das
glänzendste bestätigt werden.
Bei Pinus Larix hat Referent dergleichen hermaphrodi-
tische Kätzchen sehr häufig gefunden, und an ihnen ist die
Ul) Einige Blicke auf die Entwickelungs- Geschichte etc. S.310.
156
Umbildung der wirklichen nadeiförmigen Blätter in Carpellar-
blätter oder in Bracteen der Autoren wohl am deutlichsten
zu verfolgen, so wie auch die Entstehung der Antheren aus
den Blättern, welche die Basis des Kätzchens umfassen.
lieber Erscheinungen von Sensibilität und Irrita-
bilität der Pflanzen.
In einer Abhandlung unter dem Titel: De la tendance
des vegctaux ä se d'uiger vers la lumiere et de leur ten-
dance ä la fuir, welche Herr Dutrochet in der Gesammt-
ausgabe seiner Memoiren * * ^) publicirt hat, sind verschiedene
sehr dunkele Erscheinungen über die Richtung und Bewegun-
gen einzelner Pflanzen und deren Theile bearbeitet worden.
Der gelehrte Verfasser jener Arbeit beginnt zuerst mit der
Betrachtung über die Richtung der Wurzeln bei der keimenden
Mistel iViscum album), und kommt hiebei zu bekannten Re-
sultaten. Den gröfsten Theil der Abhandlung nimmt jedoch
die Betrachtung über die Richtung des Stengels der rankenden
Pflanzen und deren Ursachen ein; Herr Dutrochet hat die
Beobachtung gemacht, dafs einige Pflanzen, wie z. B. Uumu-
lus lupulus und Convolvulus Sepium das Licht fliehen, wäh-
rend andere sich stets dem Lichte zuwenden. Die Stengel
der beiden genannten Pflanzen wurden in ein Glas mit
Wasser gestellt, und in der Nähe eines kleinen Fensters beob-
achtet. Die Spitzen der Stengel waren des Morgens gegen
das Fenster gestellt, doch im Verlaufe des Tages drehten sie
sich vom Fenster ab, während sie des Nachts zu ihrer ursprüng-
lichen Stellung wieder zurückkehrten. Mit dem Welkwerden
der Stengel verloren dieselben auch ihr Vermögen das Licht
zu fliehen. Die entgegengesetzte Riclitung in der Bewegung
bei Tag und bei Nacht wurde früher schon von Bonnet
beobachtet. Herr Dutrochet zieht aus jenen Beobachtungen
folgende Schlüsse : 1) .Gewisse Pflanzen fliehen das Licht, und
zwar geschieht dieses um sich festec und undurchsichtigen
Körpern anzulegen. 2) Die Biegung des Stengels gegen das
Licht, ebenso wie die vom Lichte ab, also in entgegengesetzter
112) IL S. 16 — 140.
157
Riclitniig, ist das Resultat einer physiologischen Action und nicht
einer übermäfsigen Verlängerung der einen Seite des Stengels,
wodurch einige Botaniker dieselbe haben erklären wollen.
Die Wurzeln zeigen keine Neigung, weder nach dem Lichte
zu, noch vom Lichte abzuwachsen.
Bei der Erklärung der Ursachen, welche das Winden und
Krümmen der Pflanzenstengel bewirken, ist Herr Dutrochet
sehr ausführlich, er geht aber dabei von Annahmen aus, welche
wohl rein hypothetisch sind, und schon im vorigen Jahres-
berichte (S. 93) als solche bezeichnet wurden. Alle Krüm-
mungen der Pflanzen, werden nämlich, wie Herr Dutrochet
glaul)t erwiesen zu haben, durch die Thätigkeit zweier Arten
von Geweben hervorgerufen, welche sowohl durch ihre Textur
als durchlas Princip ihrer Thätigkeit voneinander verschieden
sind; diese beiden krümmungsfähigen Gewebe sind das Zellen-
gewebe und das Fasergewebe. Das Zellengewebe krümmt sich
durch die Wirkung der Endosmose und das Fasergewebe durch
die Füllung mit Sauerstoffgas u. s. w. Herr Dutrochet glaubt
beobachtet zu haben, dafs die innere Zellenschicht der Rinde
im Allgemeinen bei denjenigen Pflanzen die dickere ist, welche
sich dem Lichte zu winden, und hält letzteres für eine natür-
liche Folge, dafs die bei solcher Rinde vorherrschenden, von
Aufsen nach Innen kleiner werden Zellen durch Endosmose
anschwellen. Die entgegengesetzte Erscheinung sollen nun
diejenigen Pflanzen zeigen, welche sich vom Lichte abwenden;
hier soll nämlich die äufsere Rindenschicht die stärkere sein.
Von dieser Annahme ausgehend, hat Hr. Dutrochet versucht
alle die schwierigen Punkte des fraglichen Gegenstandes sehr
vollständig zu erklären, wobei auch eine Menge specieller
Beobachtungen über denselben aufgeführt werden, welche aber
sämmtlich sehr leicht zu widerlegen sein möchten.
Herr Brunner *^^) zu Bern sucht das Winden der Pflan-
zen nach verschiedenen Seiten durch den verschiedenen Grad
von Reizbarkeit zu erklären,
Gesetzt eine Pflanze A stehe
B, C.
A,
welcher denselben eigen ist.
in gleicher Entfernung von
113) Ganz anspruchsloser Versuch, das Links- und Rechts-
Winden der vorkommenden Pflanzen zu erklären. — Flora von 1837.
Nro. 41.
158
zwei vorwärts, nach Mittag zu befindlichen Stützen; die Ver-
längerung der jungen Zweige wird sich ziemlich allgemein in
dem Bogen zwischen B und C bewegen. (Wie verhält es sich
denn aber bei denjenigen Pflanzen, welche sich dem Lichte
abwenden? Ref.) Besitzt nur die Pflanze hohe Reizbarkeit,
so wird sie den frühen Strahlen der Sonne sich zuwenden und
links eine Stütze suchen, bedarf die Pflanze aber eines länge-
ren Einflusses des Lichtes, um sich zu einer Richtung zu be-
stinmien, so wird sich die Pflanze rechts winden.
Wenn diese Erklärung die richtige wäre, so würde man
vielleicht im Stande sein das Drehen oder Winden der Pflanzen
nach Belieben zu bestimmen, man brauchte nur diejenigen
Stützen zu entfernen, nach welcher sich die Pflanze hinziehen
will, oder die Stützen nach der entgegengesetzten Seite zu
näheren, doch wie die Beobachtung lehrt, so hilft dieses Alles
nicht. Wie wollte man aber das Rechts- und Links -Drehen
an einer und derselben Ranke erklären, wie es z. B. die
Bryonia zeigt?
In M. A. Cur iis 'Enumeration of the plants gromng
spontaneously around Wilmingtou in North Carolina ^ ^ *)
findet man eine ßeschreibung der merkwürdigen Blätter der
Dionaea muscipula, wovon auch schon an verschiedenen Or-
ten instructive Abbildungen erschienen sind. Zuweilen fand
Hr. C. dafs die gefangene Fliege in einer schleimigen Substanz
eingehüllt war, welche als ein auflösendes Mittel auf die-
selbe zu wirken schien, wodurch er auf die Vermuthung kam,
dafs das gefangene Insekt zur Ernährung der Pflanze verwen-
det werden möchte, lieber die Absonderung der Flüssigkeit,
welche in den verschlossenen Blättern beobachtet ist, erlaubt
sich Ref. nur die Bemerkung, dafs sie eine Folge des durch
die Transpiration des Blattes angesammelten und in dem ver-
schlossenen Räume niedergeschlagenen Wassers ist, und dieses
Wasser ist in einem so warmen Klima, wie das von Süd -Ca-
rolina die Veranlassung der Auflösung des gefangenen In-
sektes.
lieber die Catalepsie der Blüthen von Dracocephalum
114) S. Hook er' s Companion to the Botanical Maga:^me etc.
Vol. IL London 1836. i>. 5.
159
austriacnm iiml moldavicinn hat Herr Morrcn^^^) aber-
innls einige lieobachtmigen bekannt gemacht, welche sich an
diejenigen anschliefsen, worüber im vorigen Jahresbericht Nach-
riclit gegeben wurde. Ilr. Morren beobachtete jene Erschei-
nimg bisher an: DracocepJialum vh^gmianum , austriacum
nnd an Ynoldaviciim; bei der ersten Art ist die sogenannte
Catalepsie in einem hohen Grade bemerkbar, bei der zweiten
ist dieselbe weniger bedeutend, und bei Dracocephalum moU
davicum findet sie in noch geringerem Grade statt. Es sind, in
der genannten Abhandlung, die äufseren Verhältnisse sehr
ausführlich und genau beö<!;hrieben , durch welche bei den ge-
nannten Arten die Erscheinung hervorgerufen wird, welche
man mit dem Namen der Catalepsie belegt hat, und Herr
Morren kommt abermals zu dem* Schlüsse, dafs jene Er-
scheinung nicht etwa in einer besonderen Eigenschaft des
Zellengewebes, oder in einem Mangel an Elasticität der Blii-
thenstiele beruhe, sondern ganz und gar, als ein mechanisches
Resultat, abhängig von der Stellung der Theile anzusehen ist.
Herr M. Dassen ^^^X welcher die schöne Arbeit über
die Bewegung der Blätter der Phanzen publicirt hat, wovon
Herr Wiegmann im laufenden Jahrgange dieses Archiv's
einen Auszug mittheilte, hat die Aufmerksamkeit der Botaniker
auf eine minder beachtete Erscheinung der Blattbewegung ge-
richtet. Die Blätter der Pflanzen, welche sich bewegen, sind
häufig mit Anschwellungen der Basis versehen, andere Blätter
bewegen sich aber auch ohne solche Anschwellungen. Die
Bewegung dieser letzteren Blätter bietet wiederum bei ver-
schiedenen Pflanzen grofse Verschiedenheiten dar, w^elche in
angefiHirter Abhandlung näher beschrieben werden; sie besteht
in dem Umdrehen ihrer natürlichen Stellung, welches bald im
Verlauf von einem Tage, bald in längerer Zeit ausgeführt wird.
Hr. D. entfernte Aeste von Bäumen und verschiedene andere
Pflanzen aus ihrer natürlichen Stellung und band sie in der
115) Notes sur la Catalepsie des Dracocephalum austriacum et
moldavlcum. — Bullet, d' VÄcadem. des scienc. de Bruxelles 4837,
pag: 390.
116) Oiiderxoeh aaiigaande de Bladbewegingeu , die niet door
a(m%wellingen ontsiaan, — Tijdsckrift voor Natuurlijke Geschiedenis
cn Phys. 1837. /T' 1. 2 /?._106~131.
160
Art an den Stamm fest, dafs dieselben nach Unten hingen,
worauf sie sich nach Verlauf von einigen Tagen wieder mehr
ausbreiteten, so dafs die oberste Oberfläche der Blätter wie-
der nach Oben gekehrt wurde. Diese Versuche wurden im
Juni angestellt, als die Vegetation in voller Kraft war, und
ihr Erfolg war in allen Fällen gleich; die Versuche Wurden
dann im October wiederholt, wobei die meisten Aeste unbe-
weglich blieben, nur die Aeste von Rosen, Robinien und den
krautartigen Pflanzen suchten ihre frühere Stellung wieder
einzunehmen. Es fragte sich nun, wodurch die Bewegung
der Aeste veranlafst wurde, ob durch eine ihnen selbst ein-
wohnende Ursache, oder durch die Blätter, Zur Entscheidung
dieser Frage wiederholte Hr. D. diese Versuche an Aesten
mit und ohne Blättern und es zeigte sich, dafs diejenigen Aeste,
denen die Blätter abgenommen waren, in ihrer unnatürlichen
Lage blieben, so dafs also die Blätter als die Ursache jener
Bewegung der Aeste anzusehen waren. Hierauf wurden Ver-
suche angestellt um den Mechanismus bei der Bewegung der
Blätter kennen zu lernen, ob die Blattnerven dabei aktiv
oder passiv wären, u. s. w. und es kam zu den Resultaten,
dafs Blätter mit einfachen Nerven und ohne Blattstiele ihre
Stellung aus der unnatürlichsten in die natürliche eben sowohl
veränderen, als solche mit Blattstielen und 2) dafs das Paren-
chym und nicht die Blattnerven die Ursache hievon sei. Die
ferneren Beobachtungen über den Mechanismus bei der Be-
wegung der Blätter mit und ohne Blattstiele gaben folgende
Resultate: 1) Alle die Blätter mit einfachen Adern können
sich in sich selbst umkehren. 2) Die scheinbar ungestielten
Blätter, in welchen die Adern auf eine andere Weise ausge-
breitet sind, bewegen sich durch eine Biegung in ihrem An-
heftungspunkte. 3) Die kurzen steifen, so wie die langen und
schlaffen Blattstiele, sind der Bewegung nachtheilig. 4) Ist der
Blattstiel nicht übermäfsig steif und lang, so folgt die Um-
drehung der Blätter sowohl durch eine halbe Umdrehung in
der Länge, als auch durch eine Biegung von dem Blattstiele.
5) Bei Folia peltata geschieht die Bewegung theils durch
Biegung des Blattstieles selbst, theils durch eine Veränderung
in der Richtung des Blattes zum Blattstiele.
Herr Dassen kommt hierauf zur Untersuchung der Ur-
Sachen, welche die Bewegung der Blätter veranlassen; es wur-
den verschiedene Pflanzen, die in Töpfen befindlicli waren,
umgekehrt dem Lichte und auch ohne Licht, in vollkommen
geschlossenen Kasten, dem Wachsthum überlassen. Das Re-
sultat war sehr auffallend; die Blätter der Pflanzen, welche
sich nicht umdrehen konnten, starben ab, aber im Finstern
drehten sich die übrigen ebenso schnell um, als im Lichte,
woraus Hr. D. überhaupt zu dem Schlüsse kam, dafs das Licht
ebenso wenig die Ursache der Richtung der Blätter nach oben
ist, als die Finsternifs die Ursache der Richtung der Wurzeln
nach unten. Ebenso ist weder die Wirkung der Wärme «och
die der Feuchtigkeit als Ursache jener Bewegung anzusehen.
Schliefslich geht Hr. D. zur Betrachtung derjenigen Blatt-
bewegungen über, welche durchgehends im Verlaufe von einem
Tage geschehen, und zwar ebenfalls ohne Anschwellungeji;
es sind dieses Erscheinungen, welche, wie es bekannt ist,
von Linnee unter Pflanzenschlaf verstanden wurden. Herr
Dassen hält diese Deutung L in ne 's für einen IrrthumCmw^Zö^),
in welchen der grofse Mann verfallen sei, so wie alle Andere,
welche demselben in diesem Punkte fast wörtlich nachgeschrie-
ben haben. Vorzüglich wird Hr. E.Meyer wegen der Arbeit
über den Pflanzenschlaf angegriffen, welche Ref. in seinem
Isten Jahresberichte (1835) als eine höchst interessante uod
geistreiche bezeichnete. Ref. kann hierin Herrn Dassen nicht
beistimmen, denn alle die sehr guten Beobachtungen, welche
Letzterer über diese Erscheinung aufgezeichnet hat, lassen sich
noch auf anderem Wege deuten und zwar, wenn man vom
allgemeinen Gesichtspunkte ausgeht, durch die periodische Er-
scheinung des Schlafes, welche allen belebten Wesen zuzu-
kommen scheint, mehr naturgemäfs. Hr. D. stellte einen Topf mit
Impatiens Noli längere während der Nacht in einen finstern
Raum, und dieses hatte zur Folge , dafs die Blätter auch wäh-
rend des folgenden Tages dieselbe Richtung behielten. Eine
andere Pflanze wurde bei Tage in einen finstern Raum ge-
stellt und während ganzer zwei Tage behielten die Blätter ihre
gewöhnliche Richtung, welche ihnen bei Tage zukommt. Aus
diesen und einigen anderen Versuchen schliefst Hr. Dassen,
dafs die Bewegungen der Blätter ohne Anschvvellungen allein
durch den gewöhnlichen Gang der Vegetation bewirkt werden,
IV. Jahrg. 2. Band. 11
162
und dafs sich dieses offenbart, sobald die Blätter unnatürlichen
äufsereu Einflössen blofsgestellt sind.
Referent stellt hiezu die Frage, ob denn aus den ange-
führten Beispielen die Erscheinung des Pflanzenschlafes zu
bestreiten sei? Es lassen sich im Gegentheile ganz ähnliche
Erscheinungen auch bei Thieren nachweisen,
''' Pflanzen- Krankheiten.
>■ Referent gab Beobachtungen: IJeber die Entwicke-
lung des Getreidebrandes in der Mays-Pflanze**''),
welche das Entstehen dieser unheilbaren Pflanzen -Krankheit
im Inneren der Zellen des erkrankten Theiles nachweisen.
Ref. erkennt es als eine ausgemachte Thatsache, dafs der Ge-
treidebrand (UstUago Link^ keine ansteckende Krankheit
ist, sondern zu den erblichen gehört, welche aber durch .eine
Stockung der Säfte, herbeigefiiht durch übermäfsige und der
Natur der Pflanze fremdartige Düngung veranlafst wird. An
einer oder an mehreren Stellen der inneren Fläche der er-
krankenden Zelle erzeugen sich kleine Schleimablagerungen,
aus welchen fadenartige, sich verästelnde Gebilde hervorwach-
sen, welche ungefärbt und fast durchsichtig sind, aber eine
Menge ' kleiner Moleküle enthalten, welche aus einem etwas
festeren Stoffe bestehen. Diese schleimigen Fäden im Inneren
der Zellen zeigen alsbald an verschiedenen Stellen Abschnü-
rungen, meistens an den Spitzen der kleinen Seitenäste zu-
erst, und diese abgeschnürten Endchen nehmen eine ellipsoi- ^
dische, endlich -eine Kugelform an, färben sich gelblich und
wandeln sich in jene kleine braune Bläschen um. Woraus der
Getreidebrand besteht. Mit der Anhäufung dieser Brandbläs-
chen in den erkrankten Zellen beginnt die Zerstörung der
Zellenwände durch Auflösung, und dann findet man die Bläs-
chen in grofsen Massen neben einanderliegend , das ganze In-
nere des erkrankten Organes ausfüllend, oft ohne eine Spur
der ursprünglichen Zellenwände dazwischen zu zeigen.
'^'^ Herr Leveille **^) hat in der philomatischen Gesell-
il?)'.^! dieses Archiv's 3ten Jahrganges Isten Band, S. 419.
■'HS) Vhtstttut de 1837. ;?. I91.
163
Schaft zu Paris einen Vortrag über die Uredines gehalten,
worin er sowohl die Ansicht des Herrn Tu rpin, so wie die-
jenige des Herrn Unger über die Entstehung und Bedeutung
dieser Bildungen bestritten hat. HerrLeveille hält diellredines
für wirkliche parasitische Pilze und nicht für Krankheiten der
Pflanzen , worauf dieselben vorkommen ; sie sollen aus einem
byssoidischeri Gewebe unter der Epidermis der Gewächse ent-
stehen. Wahrscheinlich wird uns Hr. L. ausführlichere Mitthei-
lungen über diesen Gegenstand bekannt machen, um seine
Angaben zu erweisen, welchen, so weit dieselben mitgetheilt
sind, Referent nicht beistimmen kann, dessen Untersuchungen
aber auch lehren, dafs die von Hrn. Unger aufgestellte An-
sicht, als wären jene Gewächse als Krankheiten der Respirations-
Organe zu betrachten, nicht richtig ist, denn sie alle nehmen
ihren Ursprung in den Zellen.
Herr v. Voith ^^^) zu Regensburg hat gewisse abnorme
Gebilde beschrieben, welche er im Holze der Rüster (JJlmiis)
beobachtet hat; es sind dreieckige, einer zusammengedrückten
Krämertute nicht unähnliche Gebilde, welche von der Rinde
aus in das Innere des Holzes hineingehen. Da bei der Beob-
achtung dieser Gebilde das Mikroskop gar nicht angewendet
ist, und Ref. dieselben in unserem, bei Berlin vorkommenden
Rüsterholze nicht findet, so kann er aus der mitgetheilten Be-
schreibung zu keiner richtigen Vorstellung darüber gelangen,
denn es wird dabei nicht einmal bemerkt, ob der fremdartige
Körper aus Rinden -Substanz oder aus Holz besteht. Wohl
möchte ich vermuthen, dafs diese krankhaften Bildungen aus
der Rinden -Substanz gebildet werden, und dafs die Ursache
dieser Deformität, wie e^ Hr. v. Voith vermuthet, in dem
Besteigen der Bäume mit Steigeisen zu suchen sei, wodurch
die Rinde in das Holz hineingequetsclit, aber nicht zerstört
wird. Die neuen Jahresringe des Holzkörpers drängen sich
später um die Spitze der eingedrückten Rinden durch , il. s. w.
Sind des Referenten Voraussetzungen richtig, so ist alles
Uebrige leicht zu erklären.
I
119) Ueber ein sonderbares Gebilde in der Ulme. — Flora von
1837. Nro. 17.
- 11*
164
Herrn D iitro che t's- Mittheilungen über die Bildung des
Mutterkorns wurden schon S. 159 aufgeführt.
lieber die Wirkung der Gifte auf die Pflanzen sind durch
Herrn F. A. W. Miquel ^^") wiederum sehr zahlreiche Ver-
suche angestellt worden; es wurden gröfstentheils abgeschnit-
tene Pflanzentheile in Anwendung gesetzt, und kaustisches
Ammonium, essigsaures Blei, Galläpfel -Tinctur, Campher,
Kirschlorbeer -Wasser, Opium- und Jfyo.se/a7nw5-Extrakt in
Hinsicht ihrer Wirkung auf dieselben beobachtet. Bei dem
Ammonium und dem Carapher wurde auch die Wirkung die-
ser Stoffe in Dampfform beobachtet, und Hr. M. erhielt im
Allgemeinen bei allen seinen zahlreichen Versuchen ganz ähn-
liche Resultate, als schon von seinen Vorgängern aufgestellt
waren. Referent fügt jedoch noch die Bemerkung hinzu, dafs
die Schnelligkeit, mit welcher die verschiedenen Gifte auf die
abgeschnittenen Pflanzentheile einwirken, ganz und gar von
der Verdunstung derselben abhängt, denn nur in Folge dieser
saugt der abgeschnittene Pflanzentheil das dargebotene Wasser
mit dem Gifte ein u. s. w.; man mufs also bei solchen Beob-
achtungen, wenn man künftig übereinstimmende Resultate er-
halten will, auch den Feuchtigkeits - Zustand und die Wärme
der Luft beobachten.
Zur Pflanzen-Geographie.
T)ie interessanten Mittheilungen, welche Herr Alexander
von Humboldt '^^) über seine Besteigung des Chimborazo's
gegeben hat, enthalten auch wichtige Thatsachen für die Pflan-
zengeographie, welche zugleich als berichtigend für die Anga-
ben des Obersten Hall angesehen werden müssen, die im er-
sten Jahrgange dieses Archives mitgetheilt wurden, lieber die
Höhe von 9720 Fufs hinaus fand Hr. Alexander vonHum-
boldt den Chimborazo mit grofsen Ebenen umgeben, welche
stufenweise über einander liegen; die erste Stufe ist 10200,
120) Proeven over de Werlcing van Vergiften of Planten. —
Tijdschrift voor Natuurlijke Geschiedenis en Physiologie. 1837. IV.
1. 2. pag.ibi — 2Q^.
121) üeber zwei Versuche den Chimborazo zu besteigen. —
Schumacher' s Jahrbuch für 1837. S. 176 — 206.
165
die zweite 11700 Fufs hoch, und sie sind so horizontal, dafs
man einen Seeboden zu sehen glaubt. Die weit ausgedehnten
Grasfluren (las Fajonales) sind am Chimborazo, wie überall
um die hohen Gipfel der Andeskette, so einförmig, dafs die
Familie der Gräser (Arten von Paspalum, ^ndropogon,
Bromus, Dejeuxia, Stipd) selten von dicotyledonischen Pflan-
zen unterworfen werben, wodurch die Vegetation grofse Aehn-
lichkeit mit der Steppennatur des nördlichen Asien's zeigt.
NurCalceolarien, Compositen und Gentianen, worunter G. ceiniia
mit purpurrothen Blüthen, erheben sich in jenen Hochebenen
zwischen den gesellig wachsenden Gräsern, welche der gröfsten
Zahl nach nordeuropäischen Geschlechtern angehören. Auch
stimmt die mittlere Temperatur dieser Höhen ungefähr mit
derjenigen des nördlichen Deutschland's, z. B. von Lüneburg
in 53° 15'Breite. Der höchste Punkt, welchenHerr Alexander
von Humboldt auf der Spitze des Chimborazo erreichte,
lag in der Höhe von 18097 Pariser Fufs; nur einige Stein-
flechten waren bis über die Grenze des ewigen Schnee's ge-
folgt. Die letzten, welche gesammelt wurden, waren Lecidea
atrovirens und Gyrophora rugosa Achar. ungefähr in
2820 Toisen Höhe. Das letzte Moos, Grimmia longirostris,
grünt 400 Toisen tiefer.
Herrn v.Baer's denkwürdige Reise nachNowaja-Semlja* *^)
hat eine der gröfsten Lücken in den Quellen für das Studium
der wahren Pflanzen- Geographie ausgefüllt. Alles, was wir
früher über die Vegetation in der Polarzone, über die Grenzen
Europa's hinaus wufsten, das beschränkte sich auf ganz ver-
einzelte Nachrichten, jetzt aber, nachdem ein Gelehrter, wie
Herr v. Baer das unbekannte' Nowaja-Semlja besucht hat,
haben wir eine Schilderung der Vegetations-Verhältnisse dieser
Zone erhalten, wie sie nur wenige Gegenden aufzuweisen haben.
Es hat sich neuerlichst ergeben, dafs Nowaja-Semlja als
eine Fortsetzung des nördlichen üraFs zu betrachten ist, wo-
durch es schon im Voraus wahrscheinlich wurde, dafs die Ve-
getation jener Inseln mit derjenigen in der Region der Alpen-
kräuter des südlichen Ural's übereinstimmen möchte. Doch
122) S. Bulletin sdentlf. publie par VAcademie imperiale des
Sciences de Saint -Petersbourg. Tome III. p. 171.
166
wir gehen zu Herrn v. Baer's Schilderungen über das Klima
und die Vegetation von Novaja-Semlja über. Nirgends sah
man zusammenhängende Grasdecken, welche den Namen einer
Wiese verdient hätten, ja nicht einmal eine zusammenhängende
Moosdecke; selbst die laubförmigen Flechten gedeihen auf
Nowaja-Semlja nur kümmerlich, während die krustenförmigen
Flechten jeden Block von Augitporphyr überziehen und auch
auf den anderen Gesteinen, doch weniger häufig vorkommen.
Dryas octopetala dagegen überzieht in zusammenhängenden
falben Rasen trockene Bergabhänge die von Schutt gebildet
sind. Das Heidekraut fehlt daselbst, sowie Einpetrum jiigrum,
Arhutus alpina, Betula nana, Ledum palustre, Ruhus
Chamaemorus u. s. w., kurz alle diejenigen Pflanzen fehlen
hier, welche Ref. in seiner Pflanzen -Geographie als characte-
ristisch für den südlicheren Theil der Polar -Zone angeführt
hat, die er als arktische Zone von der Polar -Zone zu
trennen versuchte. Abwesenheit der Vegetation, sagt Herr
V. Baer, ist der Character der Nowaja-Semljaer Wüsten;
einzeln stehende Individuen der Gattung Draba findet man
daselbst. Die Trümmerhaufen der festen Gesteine zeigen die
incrustirenden Flechten, Verrucaria geographica ist die ge-
wöhnlichste, das Stereocaulon paschale und vereinzelt ste-
hende Exemplare von Cochlearia und Papaver nudicaule.
Der Felsenschutt ein mehr verwittertes Gestein zeigt rasen-
förmig ausgedehnte Pflanzen, wie Silene acaulis, Saxifraga
oppositifolia, Arenaria rubella. Dazwischen wachsen Draba
alpina und andere Arten, Arenaria ciliata, Myosotis vil~
losa, Dryas octopetala. Der Lehmboden, welcher im Som-
mer austrocknet und in 1 — 3 Zoll breiten Rissen in den be-
kannten, mehr oder weniger regelmäfsigen Polygonen auf-
springt, zeigt Platypetalum purpurascens, Saxifr aga- Avien,
als S. Hirculus, Draba verna in vereinzelt stehenden Exem-
plaren. In den Furchen sammeln sich allmälich Moose und
in diesen wächst Salix polaris, der gemeinste der hiesigen
Sträucher, dessen Aestchen ganz kurz sind und nur 2 Blätter
mit dem Kätzchen aus der schützenden Decke erheben, neben
Eriophorum - Arten.
Als Pflanzen des sterilsten Bodens werden angeführt
Rhodiola rosea, Erigeron coniflorwn, ein Vaccinium, da?;
167
mit dem holzigen Stamme in engen Felsenritzen sitzt und nur
die Blätter hervortreibt, Papaver nudicaule, Ranunculus
nivalis y der nur Schneevvasser verlangt und schon in Bliithe
steht, wenn der Boden noch nicht über 1*^ erwärmt ist. Fast
ebenso genügsam ist Oxyria renifonnis.
Aber es giebt auch schön geschmückte Stellen in Nowaja-
Semlja, wo die Vegetation alle Farbenpracht gleichsam auf
den Boden ausgeschüttet hat, denn die schönen Blumen er-
heben sich nur wenige Zoll. Die purpurfarbigen Blumen der
Silene acaulis und Saxifraga oppositi/olia, die blauen Blu-
men der Rasen von Myosotis villosa waren bunt mit gold-
gelben Ranunkeln und Drapa alpina, mit pfirsichblüthigen
Parryen, weifsen Cerastien, blauen Polemonen und dem nied-
lichen Vergifsmeinnicht gemischt, und machten den Eindruck
eines bunten Teppichs. Obgleich diese Vegetation offenbar
mit derjenigen der Alpenregion südlicherer Gebirge überein-
stimmt, so macht doch Hr. v. Baer die Bemerkung, dafs hier
die einzelnen Gewächse in gröfseren Massen, auf Nowaja-
Semlja dagegen viel bunter durch einander stehen, so dafs
man auf einem Spaziergange von einer halben Werst fast die
halbe Flor von Nowaja-Semlja vereint fand.
Besonders begünstigte Stellen Init einer ziemlich dichten
Pflanzendecke völlig bekleidet, sind auf Nowaja-Semlja sehr
selten; die Ranunkeln, jufser Ranunculus nivalis, sind fast
nur auf diese humusreichen Stellen beschränkt.
Wie soll aber auch auf jenen unwirthbaren Inseln eine
bedeutendere Vegetation vorkommen, da der wärmste Monat in
Nowaja-Semlja nur so viel Wärme zeigt, als der October in
Drontheim, der December in Edinburgh und der Januar im
mittleren Frankreich. Hr. v. Baer zeigt nun, dafs jene An-
sicht, als gehe im hohen Norden die Vegetation äufserst rasch
vor sich, wenigstens für den höchsten Norden nicht richtig
ist, denn bei einem 3 wöchentlichen Aufenthalt in einer und
derselben Gegend fand man den Fortgang der Vegetation weit
langsamer als in niederen Breiten, dort kommen aber nur
solche Pflanzen vor, welche eine sehr kurze Vegetationszeit
bedürfen, etwa wie bei uns die Frühlingsblumen. Die gemeine
Kresse wurde im Mai zu St. Petersburg und im Juli in der
Breite von Matotschkin - Schar ausgesäet und die Entwickelung
168
derselben an letzterem Orte ging dreimal so langsam vor. sich
als an ersterem Orte; daher ist es denn auch wirklich
erklärlich, dafs man beim Eintritt des Winters fast nirgends
reife Saamen auf Nowaja-Semlja fand. Pflanzen wie Tussilago
frigida, Salix Brayi und das angeführte F^«r;d«iw//i schei-
nen sogar nicht einmal zur Bliithe zu kommen, woraus man
vielleicht auf ihre Einwanderung von den Küsten der Nach-
barschaft schliefsen zu können glaubt. Obgleich auch Herr
V. Baer die Annahme einer solchen Einwanderung der Pflanzen
als fetwas schwer Annehmbares bezeichnet, so bemerkt er doch,
dafs wer diese Gegenden selbst bereist hat, gewifs für dieselben
gestimmt sein werde. Die Küsten sind im Allgemeinen immer
reicher an Pflanzen, als entferntere Gegenden, und das Eis
möchte Herr v. Baer für das beste Mittel zur Strandung der
wandernden Saamen ansehen. Die Pflanzen Spitzbergens sind
fast ohne Ausnahme in Nowaja-Semlja gefunden, aber auch
einige andere Pflanzen sind daselbst, welche man bisher nur
in Nordamerika angetroffen hat, und daher auch als eingewan-
derte auf Nowaja-Semlja betrachten möchte.
Herr v. Baer handelt hierauf sehr ausführlich über die
Höhe der ewigen Schneegrenze auf Nowaja-Semlja, kommt
aber zu dem Resultate , dafs es unmöglich ist eine allgemeine
Bestimmung dafür anzugeben, indem der Einflufs der Locali-
täten dabei auffallend grofs sei. T^jotz der geringen Wärme
schmilzt gegen Ende des Juli aller Schnee in der Ebene, doch
in allen Buchten und Vertiefungen wird der Schnee nicht zum
gänzlichen Schmelzen gebracht. In einem so kalten Lande,
wo die mittlere Temperatur der Luft so aufserordentlich niedrig
ist, da mufs die höhere Erwärmung des Bodens durch die
Sonnenstrahlen auf das Vorkommen der Vegetation von höch-
ster Wirkung sein, und Hr. v. Baer hat diesem Gegenstande
die umsichtigste Beachtung geschenkt. Durch diese höhere
Erwärmung der Oberfläche des Bodens wird einmal die unterste
Luftschicht und zweitens die der Oberfläche zunächt liegende
Erde erwärmt, und wie die Beobachtungen lehren, so findet
auch auf Nowaja-Semlja die ganze Vegetation in diesen klei-
nen Regionen statt. Nur ganz kurze Wurzeln steigen daselbst
in die Tiefe, aber jede längere Wurzel läuft unter der Ober-
fläche des Bodens fort. Meistens läuft die Wurzel fast hori-
169
zontal fort und bildet mit dem Stamme einen rechten Winkel.
Die Riesenform unter den Sträuchern von Nowaja-Semlja ist
Salix lanata ; sie wird spannhoch, während die Wurzeln, oder
vielleicht richtiger der unterirdische Stamm die Dicke eines
Zolles beträgt, und bis auf 10 — 12 Fufs Länge entblöfst wurde
ohne das Ende zu zeigen.
Wegen der geringen Erwärmung der Luft, welche sich
eigentlich nur auf die unterste Schicht beschränkt, erheben
sich die Pflanzen daselbst nur auf 2 — 3 Zoll, die von 4 — 5 Zoll
Höhe sind schon seltener, und von 6 Zoll sehr selten. Salix
Brayi scheint recht anschaulich zu machen, dafs die Luft in
8 Zoll Höhe nicht mehr genug Wärme erhält um eine Knospe
zu entwickeln.
Aehnliche interessante Nachrichten verdanken wir Herrn
V. Baer*^^) über die Vegetation an verschiedenen Punkten
der Küsten des weifsen Meeres, welche mit derjenigen 'von
Lappland, die uns so genau bekannt ist, die gröfste Ueber-
einstimmung zeigt. An der Ostküste des weifsen Meeres in
65^ 20' n.Br. waren die Abhänge der Winterberge reich mit Bäu-
men und Sträuchern besetzt und prangten mit üppigen Paeonien
(P. intermedia Meyer), Aconiten, Rosa spinosissima, He-
dysarum neglectum^ Polemoniwn coerulium, doch in den
Höhen von 150 — 200 Fufs trat wiederum ganz der nordische
Character. ein. An der Südküste von Lappland (66*^ 10' n.Br.)
war die Vegetation sehr verschieden von der vorher geschil-
derten. Hier traten die Ebenen mit Flechten und Moosen
bedeckt auf, mit Ruhus Chamaemorus und Vaccinium uligi-
nosum durchwachsen. Bei 67" Breite fand Herr v.Baer raseri-
förmig sich ausdehnende Wucherungen von Diapensia lappo-
nica, Arhutus alpina, Azalea procumbens,Empetrum nigrum
und Heidekraut. Doch in der Nähe der Küste sieht man an
einzelnen Punkten auch etwas ßaumwuchs. Kornbau findet
in diesen Gegenden nicht statt.
Aus Herrn A. Erman's **'*) Reisebericht entnehmen wir
folgende Beiträge für die Pflanzen-Geographie : In der Nähe Von
123) S. Bullet, scientif. de l'Acad. de St. Petersbourg. IL
pag. 132 — 144.
124) Heise um die Erde durch Nord-Asien und der beiden Oceane
in deö Jahren 1828—1830. U, Iste Abtheilung.
470
Tobolsk, in 58® n. Breite sind die hügeligen Gegenden mit dichten
Wäldern aus Tannen, Fichten, Pappeln und sehr hohen Birken
bedeckt. Bei Irkuzk und der nächsten Umgebung (52® n. Br.),
wächst Pyrus haccata mit Erbsen - grofsen Früchten ; bei
Kjachta sind sie von der Grölse einer Kirsche. Auch wächst
bei Neotschinck die wahre Aprikose mit saftloser Fruchthülle
aber wohlschmeckenden Mandeln, und dicht daneben die sibi-
rische Zirbelfichte.
lieber Jakuzk unter 62® Breite giebt uns Herr Er man
sehr interessante klimatologische Nachrichten, welche für die
Pflanzen-Geographie ganz besonders wichtig sind. Die Boden-
Temperatur daselbst zeigte in 50 F. Tiefe — 6® R. und hiemit
übereinstimmend ist auch die mittlere Wärme der Luft^^*).
In jedem Jahre fällt daselbst die Temperatur unter — 40® R.;
den 25. Jan. 1829 sogar bis — 46,4® R. Der letzte Nacht-
frost fällt auf den 12. Mai und nun währt der Sommer bis
zur Mitte des September. Die mittlere Wärme zu Jakuzk ist
im Juni, Juli und August, 11, 15 und 13® R. und oft sieht
man daselbst das Thermometer im Schatten unter 20® R. stei-
gen. Mehrere Getraidearten , als Sommerwaizen und Roggen
werden in der Nähe der Stadt gesäet und tragen 15- bis in
einzelnen Fällen selbst 40faches Korn, obgleich der Boden
nur 3 Fufs tief ungefroren ist. In den Gärten werden Kar-
toffeln, Kohl, Rüben, Radieser und in Mistbeeten auch Gurken
gezogen.
Selbst von der Lena aus erstrecken sich die Isothermen
nicht gerade nach Osten, sondern steigen auch stark nach
Norden. BeiAnfscha einen Grad nördlicher als Petersburg und
2244 Par. Fufs über dem Meere, war die Vegetation üppiger
als am Brockenkri%e im Harze. Hochstämmiges Laubholz
zierte daselbst die Wälder. Bei der Reise über das Aldami-
sche Gebirge wurde Betula nana häufig gefunden, welche
aber gegen die kalte ;Bergluft empfindlicher ist als die Lärche.
Bei 3444 Par. Fufs am Ende des Antscha-Thales standen noch
viele Lärchen, wodurch sich die Temperatur -Verhältnisse im
östlichen Theile des Aldamischen Gebirges günstiger zeigen als
125) Anmerk. Das Bodeneis soll daselbst nach gang neuen
Mittheilungen 382 Fufs Mächtigkeit haben.
171
im westlichen , wo die Baumgränze um lÜOO Fufs niedriger
sein soll. Auf dem Kapitanberge standen noch in 3780 Fufs
Höhe Lärchenbäume, in 4000 Fufs Höhe waren nur Flechten
zu finden. Herr Errwan bemerkt, dafs die Lärche kein
Knieholz bildet, wie die Nadelhölzer unserer deutschen Ge-
birge. In der Nähe der Arka beobachtete Hr. Er man eine
eigenthiimliche Conifere, deren Stamm 3 Zoll im Durchmesser
und 10 — 12 Fufs Länge hat, sie wächst ganz gerade und schlank
zu mehreren Stämmen aus einer Wurzel, findet sich aber im
Winter so stark zur Erde gebogen, dafs sie vom Schnee ein-
gehüllt wird . so dafs man darüber hinreitet ohne es zu ahnen.
Die Zapfen sollen nur halb so grofs werden, als die der sibi-
rischen Ceder, enthalten aber ebenfalls wohlschmeckende
Saamen.
lu dem Reisebericht des Herrn G. Rose*^^) finden wir
die, für die Pflanzen- Geographie sehr wichtige Nachricht, dafs
Herr Feder off die Gipfel des nördlichen Ural zu 8 und
9000 Fufs Höhe gemessen hat, wobei dieselben selbst unter dem
66^ n. Br. frei von Schnee sind. Der Schnee findet sich da-
selbst nur in den sattelförmigen Vertiefungen zwischen den
einzelnen Gipfeln und an den östlichen und nördlichen Ab-
hängen.
Herr Goeppert^^') hat die Vegetation auf einem in
der Tiefe brennenden Kohlenflötze bei Plaenitz unweit Zwickau
beobachtet. An einigen Punkten kommt das Flötz daselbst
zu Tage und das Ausstreichen desselben bezeichnet im Winter
ein von Schnee entblöfster grüner Rasen, im Sommer dagegen
ein verdorrter Rasen. An den Hauptausgangspunkten der
heifsen Dämpfe beobachtete Herr Goeppert 50 — 54^ R., auf
den vorzüglich mit Moos bedeckten hügeligen Erhabenheiten
35 — 36®, in dem mit Gras bewachsenen Theile 14 — 30® R.
Hr. Goeppert führt eine grofse Menge von Pflanzen auf, welche
auf diesem heifsen Boden wuchsen ; dieselben fanden sich aller-
126) Reise nach dem Ural, dem Altai und dem Kaspischen Meere,
ausgeführt im Jahre 1829 von A. v. Humboldt, Ehrenburg und
G. Rose. Berlin 1837. S. 381.
127) Bemerkungen über das Vorkommen von Pflanzen in heifsen
Quellen und in ungewöhnlich wannen Boden. — Dieses Arehiv's
3ten Jahrgang, isten Band. S. 101.
172
dings auch in der nächsten Umgegend aber weniger entwickelt
und nicht in voller Vegetation. Der wärmste Punkt war eine
mit 6 Zoll dicken Rasen bedeckte Stelle, welche noch in 3 Zoll
Tiefe 45^ R. zeigte. So ausgezeichnet diese hohe Boden-
Temperatur auch für unsere Gegenden sind, so sind doch
ähnliche für gewisse tropische Gegenden sehr gewöhnlicli. An
der Küste der Insel Lantao (China) habe ich im August Nach-
mittags 3i Uhr, das Wasser einiger Reisfelder zu 36 '^ R. ge-
messen, offenbar war der danebenliegende Sand, der ganz mit
Pflanzen bedeckt war, noch höher erwärmt, denn zur Mittags-
zeit hatte ich die schwarzen Wände des Schiffes bis auf 49,2*^ R.
erwärmt beobachtet.
Als Einleitung zu dieser Arbeit hat Hr. Goeppert sehr
ausführliche historische Nachweisungen über das Vorkommen
der Pflanzen in heifsen Quellen und in ungewöhnlich warmen
Boden gegeben, welche für künftige Bearbeiter dieses Gegen-
standes sehr erwünscht sein müssen.
Ueber die geographische Verbreitung der Cacteen hat
Herr Zuccarini '^^) bei seiner Bearbeitung dieser Familie
sehr ausführlich gehandelt. Das Vorkommen der Cactus-Ge-
wächse ist in der neuen Welt vom 49' n. Breite bis zu den süd-
lichsten Theilen von Chile beobachtet, und es läfst sich erwar-
ten, dafs diese Pflanzen in der südlichen Hemisphäre eben so
tief nach Süden hinabgehen, als sie in der nördlichen nach
Norden hinaufsteigen. Ihre vertikale Verbreitung geht durch
alle Regionen hindurch, «aus der heifsen Ebene der Tropen bis
in die Nähe der ewigeu Schneegrenzen. Auf der Westseite
von Nordamerika wurden in 44 — 45 '^ Breite noch in bedeu-
tenden Höhen einige Arten dieser Familie gesammelt, und
Nut t all hat in gleichen Breiten mehrere Cacteen auf den
hohen Bergen im Mandan-Districte entdeckt. Auf der Ostseite
von Nordamerika sind Opuntien bis zu 41° Breite beobachtet.
„Eine so ausgedehnte Verbreitung der Familie, sagt Herr Zuc-
carini, läfst natürlich auch eine grofse Mannigfaltigkeit der
eigenthümlichen Standorte einzelner Arten erwarten. Es mufs
128) Denkschriften der mathematisch -physikalischen Classe der
Königl. Akademie der Wissenschaften zu München. Bd. II. 1837.
Auch in der Allgemeinen Gartenzeitung von Otto und Dietrich.
Nro. 8, 9 und 10. 1837. mitgetheilt.
173
aber hiebei bemerkt werden, dafs mit Ausnahme der cnltivir-
ten Opuntien und Cereen alle übrigen Si)ecies nur auf kleine
Distrikte in ihrem Vorkommen beschränkt sind, und dafs des-
halb Angaben, wie z. B. von Meyen über das Vorkommen
des mexikanischen Cereus senilis auf den Anden von Chili
wahrscheinlich auf durch Mangel an Vergleichung herbeige-
führten Irrungen beruhen." Ref. freut sich hierüber einigen
Aufschlufs geben zu können. Ich habe den Cereus senilis
auf den Anden von Chili nicht gesehen, weifs also auch nicht,
wie Herr Z. zu jener sonderbaren Angabe kommt; dagegen
sah ich einen Cereus in den Cordillern des südlichen Peru,
welcher dem Habitus nach dem Cereus senilis unserer Ge-
wächshäuser gleich erschien , ja ich habe denselben auf meiner
schnellen Reise nicht einmal ganz in der Nähe gesehen, viel
weniger näher betrachtet, so dafs er sehr wohl eine andere
Species sein kann, doch mufs man dieses nicht zu früh be-
haupten, denn die climatischeu Verhältnisse, worin der Cereus
senilis in Mexico vorkommt, und die im südlichen Peru, in
jener Höhe, wo ich diese Pflanzen fand, sind sich äufserst
ähnlich. Auch hat ja Hr. Ljehmann einen Cereus Bradypus
aus Brasilien beschrieben, welchen Hr. Pfeiffer mit Cereus
senilis Haw. für synonym erklärt. Diese Angaben müssen
aber auf wirklichen Vergleichungen beruhen, und dann wäre
es am Ende doch noch irrig, wenn man den Cacteen-Arten
ganz allgemein ein sehr beschränktes Vorkommen zuschreiben
wollte. Ueberhaupt eigenen sich Pflanzen von sehr beschränk-
ten Stationen nur selten zu grofser künstlicher Verbreitung,
\^as wir doch bei den Cacteen sehen.
„ Die Unterlage des Bodens scheint bei den Cacteen ziem-
lich gleichgültig zu sein, denn es werden die einzelnen Arten
ohne Unterschied auf Kalk, Sandstein, Urgebirge und auf
vulkanisch - alterirten Gebirgsarten gefunden." Selbst am See-
strande sind sie nicht selten zu finden, besonders Cereen und
Opuntien , doch kann Ref. nicht beistimmen, wenn Hr. Z. sagt,
dafs sämmtliche Cacteen, mit Ausnahme der Peireskien freien
sonnigen Stand verlangen. Alle diejenigen Cacteen, welche
ein anhaltend heifses und feuchtes Clima verlangen, und nicht
selten parasitisch, d. h. auf den Rinden anderer Bäume vor-
kommen, als die Epiphylleen nach Herrmann's Annahme,
174
lind auch viele Rhipsalis- Arten, wuchern am kräftigsten im
Schatten ; die Peireskien dagegen, welche mir in ihrem Vater-
lande vorkamen, standen ganz frei der Sonne ausgesetzt. Es
werden ferner durch Hrn. Z u c c a r i n i eine Reihe von Beobachtun-
gen aufgeführt, aus welchen sich ergiebt, dafs das Clima, welches
den verschiedenen Cacteen zusagt, von der Hitze der Tropen-
länder bis zur Temperatur der kälteren gemäfsigten Zone
durchgeht, dafs es also auch für die Cultur unmöglich sei,
alle Arten unter gleichen aufseren Einflüssen naturgemäfs zu
erhalten, wenngleich auch den meisten Arten eine bedeutende
Schmiegsamkeit nicht abzusprechen ist. Für eine grofse An-
zahl von mexikanischen Cacteen hat Herr v. Karwinski die
natürlichen Standörter und die Höhen, worin dieselben vor-
kommen, angegeben und sie in dieser Arbeit des Hrn.Zuccarini
publiciren lassen. Der Echinocactus macrodiscus kommt
dort noch zwischen 9 und 10000 Fufs Höhe vor.
Bei der Betrachtung über die Verbreitung der Cacteen
aufserhalb Amerika , neigt sich Hr. Zuccarini zu der Ansicht,
dafs Rhipsalis Cassytha auch auf Isle de France und Bourbon,
sowäe Cereus ßageUiformis auch in Arabien einheimisch sind,
und daselbst nicht etwa in einem verwilderten Zustand über-
gegangen sind. Dafs in Indien Opuntien vorkommen, ist
als eine ganz ausgemachte Sache zu betrachten, doch über
die Verbreitung der Opuntien in Afrika und dem südlichen
Europa sind wenig sichere Nachrichten vorhanden. Desfon-
taines führt die gelbblühende Opuntia für die Barbarei an;
in Griechenland ist sie sehr häufig. In Tyrol kommen die
Opuntien bis zu 47" Breite; im nördlichen Italien wachsen nur
Opuntia italica Tenore und 0. vulgaris Mülle?', im süd-
lichen Italien dagegen mehrere Arten. In Spanien sind die
Opuntien so zu Hause, dafs hier zum Theil die Frage ent-
steht, ob nicht einige Arten von Spanien nach Amerika, oder
von Amerika nach Spanien gekommen sind. Die Opuntia
Tuna de Castilla wird in Amerika ganz vorzüglich der
schönen Früchte wegen gebauet.
Audi über die Benutzung der verschiedenen Cacteen giebt
Hr. Zuccarini eine ausführliche Uebersicht. Die Opuntien
und die hohen stachelichen Cereen werden zu Hecken und
zur Befestigung von Verschanzungen benutzt; dafs Holz der
f
175
Cactcen liefert ein vortreflfliches BrennmateriaJ, welches in holz-
armen Gegenden vielfach benutzt wird, ja in der Umgegend
von Copiapo selbst zum Kupferschmelzen. Ref. hat öfters
das trockene Holz der Cereen und Opuntien zum Brennen be-
nutzt und fand es nur defshalb vortrefflich, weil es im trocke-
nem Zustande sehr schnell brennt; das Kupferschmelzen in
der Provinz Copiapo, dem nördlichsten Chile, vermittelst Cactus-
Holz ist aber nicht mehr im Gange, ja man kann daselbst mitunter
Tage lang reisen, ohne einen einzigen Cactus zu Gesicht zu
bekommen. Vielleicht hat man diese Gewächse so schonungslos
ausgerottet, als man vor 100 Jahren die Bearbeitung der Ku-
pfererze daselbst mit dem gröfsten Enthusiasmus anfing. Auf
der mexikanischen Hochebene gewähren die stundenlangen Ge-
biisclte von Cereen, Opuntien und Echinocacten in der trocke-
nen Jahreszeit den Heerden von Hornvieh ein Mittel den Durst
zu löschen. In Mexico werden die zarten Triebe der Opuntia
Nopalilio wie Kohl als Gemüse gegessen und das Fleicsh des
Echino cactus cornigeus u. A. m. wird wie Kürbisschnitte in
Zucker eingekocht. Die Früchte der Opuntien werden be-
kanntlich überall gegessen und in manchen Gegenden mit gro-
fser Leidenschaft. Die beliebtesten Arten sind in Mexiko der
Alfajayuca und die Tuna de Castilla. Erstere hat Früchte
von dem Umfange einer starken Mannsfaust: sie ist grün oder
gelblich von Farbe, fast dornenlos und enthält ein süfses
weiches Fleisch. Die Früchte der Cereen werden auch in
verschiedenen Gegenden gegessen (die Früchte des Cereus
chilensis schmecken sehr fade, werden aber vom Volke viel
gegessen. Ref.) Durch Cultur werden auch diese Früchte
sehr veredelt.
Eine ähnliche Arbeit haben wir auch durch Herrn Jas
Bateman*^^) über die Verbreitung der Orchideen erhalten.
Diese prachtvolle Pflanzen 7 Familie hatte zu Linne's Zeiten
nur 100 Arten aufzuweisen und gegenwärtig haben sich die-
f selben bis auf 2000 vermehrt. Europa hat nur wenige Orchi-
deen, dieselben treten erst zahlreicher und schöner auf, je
^mehr man sich der heifsen Zone nähert, in deren feuchten
Gegenden sie in bewunderungswürdiger Artenzahl und Farben-
129) The Orchidaceae of Mexico et Guatemala. I. Fase, fol
176
pracht der Blumen auftreten, und hierin alle anderen Pflan-
zenfamilien übertreflfen. Afrika, Asien und Amerika werden sich
wahrscheinlich in die vorhandene Zahl der Orchideen gleich-
mäfsig theilen; aber einen jeden dieser Erdtheile scheinen ei-
nige characteristische Formen eigen zu sein, so dafs der Ken-
ner schon aus der Physiognomie der Pflanze deren Vaterland
angeben könnte. Die Formen mit hängenden Stengeln und
reizend schönen Blumen vieler Dendrobien, Aerides und deren
Verwandte geben den Character der schönen Orchideen-Flor
Indien's, welche stark contrastirt gegen die Form der Bulbo-
phyllen, oder der langen Anhängsel der Angraaeum-Arten von
Afrika. Amerika zeigt dagegen die aufrechtstehenden Formen
der Epidendrum-Arten, die langen, einzeln stehenden Blüthen-
Aehren vieler Orchideen und eine grofse Mannigfaltigkeit von
grofsartigen und wunderbaren Formen, mehr als irgend eine
andere Gegend der Welt.
In eine weitere statistische Untersuchung über die Ver-
theilung dieser verschiedenen Orchideen-Formen kann man ge-
genwärtig wohl noch nicht eingehen.
lieber die pflanzengeographischen Verhältnisse der preu-
fsischen Rheinprovinz hatHerrPh. Wirtgen ^^^) eine schätzens-
werthe Arbeit geliefert. Zuerst werden die physikalischen Ver-
hältnisse der Oberfläche jenes Landes erörtert, als Lage, Grän-
zen, Gröfse, Klima, Vertheilung der Gebirge mit Angabe de-
ren höchsten Punkte, wozu eine sehr grofse Anzahl von ge-
messenen Höhen aufgeführt werden. Nach dem Culturzustande
zerfällt die Oberfläche der Rheniproviuz in:
Morgen Morgen
Aecker . . . 4,337,691, Wild- und Schiffelland 673,467
Waldungen . . 3,148,713, Wege und Flüsse . 297,573
Wiesen und Weiden 905,313, Gärten und Baumplätze 240,841
Oede Ländereien 870,396, Weinbergen . . . 44,756
In Summa 10,217,450
Man wird aus diesen Angaben leicht ersehen, dafs die
preufsische Rheinprovinz, worin gegenwärtig mehr als die
Hälfte der Oberfläche in sorgfältig cultivirtem Boden besteht,
130) Erster Jahresbericht des botanischen Vereins am Mittel-
und Niederrhein, Bonn 1837. S. 63-133.
/ 177
worin nur noch -j mit ziemlich lichten Waldungen bedeckt ist
und nur j~ der Ländereien öde liegt, dafs ein solches Land
in früheren Jahrtausenden etwas anders ausgesehen haben mufs,
als gegenwärtig, und dais demnach durch das Lichten der Wäl-
der und das Austrocknen der Sümpfe auch der Charakter der
Vegetation selbst im Wesentlichsten etwas verändert sein mufs.
13ei der Betrachtung der Vegetation der Rheinprovinz in
statistischer Hinsicht giebt Herr Writgen eine Tabelle über
die Anzahl und die arithmetischen Verhältnisse der wildwach-
senden Pflanzen, woraus ich einige Angaben über die hauptsäch-
lichsten Familien entnehme. Die Anzahl der Phanerogamen beträgt
1480; die Dikotyledonen verhalten sich zur Gesammtzahl
= 1 ; 1,29, die Ranunculaceae =: 1 :30,8, die Papaveraceae
und Polygaleae = 1 : 296, die Cruciferen z=^ 1 : 18,5, die Rit>-
saceen = 1 I 30,8, die Leguminosen z^ 1 : 18,7, die ümbelli-
feren = 1 l 24,3, die Compositae = 1 : 10, wobei sich die Ci-
chorinae = 1 : 28 verleiten. Die Labiaten = 1 : 21,1, die-
Scrofularinen = 1 : 26,8. Die Monocotyledonen rs 1 : 4,1, die
Gramineen = 1 1 12,9 und die Cypera<5een =11 18. Zu al-
len diesen Angaben hat Herr W. noch Vergleichungen mit d«n
Verhältnifszahlen derselben Familien anderer benachbarter Län-
der angegeben. Auch ist eine Tabelle über die Lebensdauer
der rheinischen Pflanzen mitgetheilt ; die 1480 Phaneroganen
zerfallen darnach in 307 einjährige, 117 zweijährige, 913 pe-
rennirende und in 143 Holz-Gewächse u. s. w.
In dem dritten Abschnitte wird die Physiognomie der Ve-
getation der Rheinprovinz characterisirt; es sind fast durch-
gängig Laubhölzer, welche die dortigen Waldungen ausmachen,
und zwar die Rothbuche, die Eiche und Birke, während die
Weifsbuche, die Ulme, die Eiche, der Spitzahorn u. A. m. meist
nur vereinzelt auftreten. Unter den Gesträuchen sind zu nen-
nen: der Haselstrauch, die Erle, vorzüglich Alnus glutinosa,
der blutrothe Hartriegel, der Mefsholder (Acer campestre).
Einen eigenthümlichen Anblick gewähren die Felsen des Mo-
selthales durch die ungeheure Menge des Buxbaumes (ßuxus
sempervirens), welcher mit seinem dunkeln Braungrün die
Abhänge bekleidet und der Gegend ein fremdes Ansehen giebt.
Am kräftigsten zeigt sich der Baumwuchs auf basaltischem Bo-
den. Wegen der geringen Erhebungen, welche die Rheinpro-
IV. Jahrg. 2. Band. -[2
178
vinz aufzuweisen hat, da der höchste Punkt, die Spitze des
Hochwaldes 2405 rli. F. erreicht, fehlen alle eigentliche Ge-
birgspflanzen, nur die Schatten-liebenden Waldpflanzen, als Co-
rydalis hulbosa und tuberosa, Anemone ranunculoides,
Vinca minor, Dentaria hulbifera u. s. w. zieren den Boden
der höhern Gebirgsabhänge, wie auch die Wälder der Ebene.
Nadelhölzer zeigen sich eigentlich nur auf den höchsten Spitzen
des Hundesrücken, können aber hier, wegen der Beschaffenheit
des Bodens zu keiner grofsen Ausdehnung gelangen. Herr W.
unterscheidet die Vegetation jener Gegenden in die einer un-
teren und einer oberen Region ; die obere Grenze des W ein-
baues (c. 800 Fufs absolute Höhe) wird hier als Grenze fest-
gesetzt und viele Pflanzen werden aufgeführt, welche, wie es
scheint, über diese Grenze nicht hinausgehen.
Bei den Untersuchungen über den Einflufs der geognosti-
schen Beschaffenheit des Bodens auf die Vegetation kommt
auch Herr Writgen zu dem Schlüsse, dafs man der Tempe-
ratur, der Feuchtigkeit und dem Aggregatzustande des Bodens
wichtigern Einflufs zuschreiben müsse, als seiner geognosti-
schen Beschaffenheit. Es werden Beobachtungen angeführt
wie verschieden Kalk und Schiefer, in Verbindung mit Licht,
Wärme und Feuchtigkeit auf die Entvvickelung der Vegetation
einwirken. Auf den Schieferbergen am Rhein wurde auch
CypTipedium Calceolus beobachtet!! In der Eifel, auf der
Grenze des Thonschiefers und des Kalkes, wird nur auf Letz-
terem Spelz und auf Ersterem Roggen gebauet, und der Land-
mann unterscheidet daher Spelz- und Roggenboden; in dem
Rheinthale aber, wo das Clima und die äufsere Beschaffenheit
des Bodens das Gedeihen der Feldfrüchte so besonders begün-
stigt, kennt man diesen Unterschied nicht.
Auch über die eigenthümliche Verbreitung einiger Pflan-
zenspecies finden sich in dieser Arbeit interessante Mitthei-
lungen.
Herr Siegmund Graf^*^^) hat ähnliche Untersuchun-
gen über die Vegetations- Verhältnisse des Herzogthums Krain
131) Versuch einer gedrängten Zusammenstellung der Vegetations-
Verhältnisse des Herzogthums Krain. Laibach 1837. 8. ~ Auch
enthalten in der Linnaea von 1837.
iiütgetheilt und obgleich auch dieses Land keine auggezeichnete
natürliche Grenze besitzt, so geben doch dergleichen specielle
Jiearbeitungen kleiner Ländertheile, immer mehr oder weniger
>vichtige Thatsachen für das grofse Gebäude, welches die Pflan-
zen-Geographie aufzurichten sich bestrebt. Krain ist bekannt-
lich ein sehr unebenes Land und umfalst 1,735,694 Wiener
Joche (zu iöOO nKlafter) Oberfläche, wovon fast y mit! Wal-
dungen bedeckt ist, -i- cultivirt wird, etwa ^ in Wiesen und
Weiden besteht und welches nur weniges unproductives Land
aufzuweisen hat. Der höchste Berg in Krain, der Terglon, ist
9036 W^ Fufs hoch und mit ewigen Schnee bekleidet.
In der Ebene von Krain sind Weinberge und Obstgärten
vorhanden, im wärmeren Innerkrain selbst Feigen, Granatäpfel
und Lauras nohilis, Zyz'iphus vulgaris u. s. w« wachsen
hier. Die Hauptmassen der Wälder in Krain bestehen dagegen
ganz aus eben denselben Laubhölzern, welche in unserm Deutsch-
land die Wälder zieren ; es fehlen freilich die Höhenangaben für
diese Wälder ganz und gar, obgleich es das Wichtigste ist,
doch möchte Ref. vermuthen, dafs dieselben über 15 — 1600
Fufs hinaus gelegen sind, weil die gröfste Menge der gemes-
senen Höhen dieses Landes zwischen 2 und 3000 Fufs liegen,
daher mufs auch hier, nach den von mir tiuf^estellten Grund-
sätzen, die Region der Laubhölzer herrsbhen und der Character
der Vegetation mufs demnach ähnlich demjenigen auf der nörd-
lichen Seite der Alpen sein. Auch die Unterhölzer, d. h. die
Gesträucher, sind ganz dieselben, welche überhaupt in den
Eb'^nen Deutschlands vorkommen. *
In den Gärten von Laibach (46*;2' -Nv B.) überwintern
eine Menge von Pflanzen der subtropischen Zone, als Magno-
lien, Laur US Sassafras, yiucuha j'aponica u. s. w. Krain ist
so reich an Pflanzen, dafs Herr Graf fast -j der gesammten
Pflanzen Deutschland's daselbst gefunden hat, nämlich 1654
Arten. Die Familie der Compositeji enthält 8j7 der gesamm-
ten Artenzahl; die Gramineen 13,8, die Papilionaceen 15,6, und
die ersteren sind auch an Anzahl der Individuen die reichhal-
tigsten. Die Umbelliferen betragen 19,2 der Artenzahl; die
Cruciferen 20,4, die Personaten 21,0, die Labiaten 21,2, die
Rosaceen 23,0, die Cyperoideen 25,4, die Ranunculaceen 27,1
und die Cargophyllacccn 27,5.
12*
180 / . ,
Herr Graf *^^) hat auch eine Menge von Pflanze aiifge-
fiilirt, welche in verschiedenen Monaten auf dem Grofskahlen-
berg bei Laibach blühen.
Eine überaus werthe Arbeit haben wir von Herrn Au-
guste de Saint-Hilaire ' ^^) über die ursprüngliche Vege-
tation eines Theiles von Brasilien erhalten, dessen botanische
Schätze derselbe so sorgfältig erforscht hat. So wie die Ve-
getation in den kultivirtesten Ländern von Europa gegenwärtig
ein ganz anderes Ansehen haben mufs, als vor einigen tau-
send Jahren, so bemerkt man auch schon gegenwärtig, in ver-
schiedenen Gegenden Brasilien, eine grofse Veränderung in
dem Character der Vegetation durch den Einflufs der Cultur
des Bodens.
Eine weit ausgedehnte Strecke des brasilianischen Amerika's,
sagt Herr v.Saint-Hilaire hat beseits ihre Physiognomie
geändert; ein grofses Farrnkraut (Pteris caudatd) und Sac~
charum, Sape ersetzen die grotesken Wälder, und in den
unermefslichen Räumen scheinen alle Pflanzen vor dem Ca-
pim godura {Melinis minutiflorä) zu fliehen. Europäische,
afrikanische und nordamerikanische Pflanzen folgen dagegen
den Schritten des Menschen. Doch auch die primitive Vege-
tation zeigt in der Provinz Minus geraes so grofse Verschie-
denheiten, dafe man denselben besondere Bezeichnungen bei-
gelegt hat. Das ganze Land zerfällt in Matos und in Campos.
Die Wälder sind entweder primitiv (JMatos virgens) oder sie
sind durch die Menschen angelegt. Die Catingas sind weni-
ger üppige Wälder, welche jährlich ihre Blätter abwerfen; sie
sind durch Herrn v. Martins vortrefi"lich geschildert. Die
Carrascos bedeuten niederes Gehölz , welches aus 3 — 4 Fufs
hohen Sträuchern besteht; die Carrasquenos dagegen bilden
einen Uebergang zwischen den Carrascos und den Catingas,
ihre Bäume sind höher als im Ersteren. Die Campos sind
Ebenen, welche, mit Kräutern bedeckt, rund umher die Matos
einfassen; sie sind ursprünglich und durch die Menschen her-
vorgerufen auf dem Boden der zerstörten Wälder. Man glaube
132) DerGrofskahlenbergbeiLaibach. — F/om von 1837. Nro. 42.
133) Tahleau geograj)hique de la Vegetation primitive dans la
Vrovince de Minas Geraes. Paris 1837. Hvo. — Extr. des Notiv.
Ann. des Voyages.
181
jedoch nicht, dafs die aufgeführten Verschiedenheiten der bra-
silianischen Vegetation so genau begrenzt sind, wie es in deil
Schriften angegeben wird, überall wird man fmden, dafs lieber^
gänge ans de^n einen in die anderen dazwischen liegen, so
auch von den Carrascos bis zu dem wirklichen Campos.
Herr v. Saint-llilaire giebt hierauf eine interessante
Schilderung von der Physiognomie der Vegetation, welche
dieselben in den verschiedenen, vorhin aufgeführten Zuständen
der Provinz Minas geraes darbietet, worüber auch unsere
deutschen Naturforscher, welche jene Gegenden bereisten, so
herrliche Arbeiten geliefert haben.
In Herrn llooker's Companion to the Botanicul Ma-
gazine findet man auch in dem Jahrgange 1837 sehr^ wichtige
Arbeiten für die Pflanzen-Geographie, welche Ref. jedoch nur
den Namen nach anführen kann, da dieselben zu sehr in das
Specielle eingehen, um hier im Kurzen wiedergegeben werden
zu können. Vor Allem ist die schöne Abhandlung von Allan
Cunningham *^*) anzuführen, welche eine Zusammenstellung
sämmtliclier, bisher auf Neu Zeeland gefundenen Pflanzen nach
natürliclien Familien enthält. Ferner James Backhouse ^^^)
Bemerkungen über die efsbaren Pflanzen von Van Diemen's
Land, worunter die Wurzehi von Pterh escideiita eine Haupt-
rolle spielen; sie sind oft von der Dicke eines Mannes Dau-
men und ziehen sich dicht unter der Oberfläche der Erde hin.
Die Wurzelknollen einiger Orchideen, wie z. B. die Gasirodia
sesamoides bilden die dortigen Kartofi'eln u. s. w. Von Cy-
hotimn Bdlardieri und Alsophüa australis essen die Einge^
bornen das Herz. Die übrigen Nahrungs- Pflanzen sind wahr-
lich ohne Bedeutung und können nur dem Hunger einige
Abhülfe thuen. —
Des unglücklichen Douglas *^^) literarischen Nachlafs,
134) Florae Insularum Novae Zelandiae precursor: or a specimen
of the Botany of the islands of neio Zealand. — Companion etc. IL
p. 222', 327 und 358.
135) Sofne Remarks on the Roots aud otJier indigenous Esculeiits
of Van Diemen's Land. — Companion. IL p. 39.
136) Memoir of the Ufe of David Douglas with aportrait. —
His sketsch of a Journey to the N. Western parts of Atnerica, His
letters from the Columbia, his Journey across the Rocky Mountaifis
182
bestehend in Briefen, welche er an seine Freunde nach Eng-
land gesandt hat, finden wir ebenfalls in Hook er 's Com-
panion mitgetheilt. Es finden sich viele, für die Pflanzen-
Geograpliie sehr brauchbare Mittheilungen darin zerstreut ;
die auffallendste von Allen sqjieint mir die Nachricht von
einem riesenartigen Cactus, welchen Du glas auf den Galla-
pagos beobachtete; der Stamm desselben ist 2 — 3Fufs im Durch-
messer und 40 bis 50 Fufs hoch. Der Cactus gehört zur
Gattung Opunüa und hat lange und breite gelbe Blumen und
sehr lange flexible Stacheln.
Herr Beilschmid ^^'^) dem die Botanik und haupt-
sächlich die Pflanzen- Geographie die gröfsere Verbreitung
vieler der interessantesten Schriften verdankt, hat W atson* s
Remarks on the geogr. Distribution o/ British plants,
chießy in connection with Latitude, Elevation and Climate.
London 1835; übersetzt und mit interessanten Beilagen und
Anmerkungen versehen; auch dieses Werk ist durch Herrn
Beilschmied gleichsam neu herausgegeben, denn bisher haben
wir dasselbe nicht einmal in Berlin gekannt.
Als eine Folge der Publication des vorhergenannten Werkes
ist die Arbeit des Herrn R. Schneider ^^^) zu betrachten,
worin eine sehr hübsche Vergleichung der Vegetation von
Schlesien mit derjenigen von Grofsbritannien vorgenommen
ist, wobei besonders die Zahlenverhältnisse zwischen den briti-
schen und den schlesichen Pflanzen, welche in Tabellen neben
einandergestellt sind, in die Augen fallen. Herr Schneider
hat im vergangenen Jahre auch Beiträge zur schlesischen
Pflanzenkunde (Breslau 1837) herausgegeben, welche aber Ref.
nicht zu sehen erhalten konnte.
-In einer ausführlichen Abhandlung: Ueber die Eigenthüm-
lichkeiten der Flora der Torfmoore in der Umgegend von
to Hudson's Baij. etc. etc. — Companion etc. IL p. 19, 82^ 98^ 105^
107, 113, 124-178.
137) Bemerkungen über die geographische Vertheilung mid Ver-
breitung der Gewächse Grofsbritanniens, besonders nach ihrer Ab-
hängigkeit von der geographischen Breite, der Höhe und dem Klima
Breslau 1837.
138) Vergleichung der schlesischen Flpra mit der britischen nach
Watson's Angaben. — Flora v. 1837. Nro. 33 und 31
183
Oreifswald '^^) hat Herr llornschuch alle die Pflanzen spe-
ciell aufgeführt, welche sowohl bei der Torf Bildung in dortiger
Gegend Antheil haben, als auch diejenigen, welche auf einem
solclien Moorboden vorzüglich gern wachsen. Die verschie-
denen Torfmoore jener Gegend zeigen in ihrer Beschaffenheit
grofse Verschiedenheiten und jedes derselben hat etwas Eigen-
thiimliches, was sich auch in der Flora derselben ausdrückt,
lieber die Bildung des Torfes in den Torfgruben giebt Hr. H.
folgende Mittheilung: Das Sphagnum ciispidatum überzieht
allmählig die ganze Oberfläche des Wassers der Grube, sinkt
durch seine eigene Schwere mit den darauf wachsenden an-
deren Pflanzen unter und füllt jene aus oder bildet schwim-
mende Inseln, und seine Stelle vertritt alsdann Sphagnum
acuü/oliiim. Diese allmählige Umwandlung der Vegetation
in diesen Gruben wird durch folgende Stufen bezeichnet. Das
Sphagnum cuspidatum, setzt sich an einer Seite der Grube
fest und dicht zusammen, schwimmt aber noch in Wasser und
wird von Wasser umgeben, in welchem Equisetum limosum
und Carex filiformis vegetiren, während an den übrigen Sei-
ten der Gruben von den Wänden derselben aus Juncus uligi-
nosus die Wasserfläche zu überziehen beginnt. In älteren-
Gruben überzieht Sphagnum die ganze Oberfläche, auf und
zwischen ihm siedeln sich Schoenus albus, Eriophorum va-
ginatum, Comarum palustre in einzelnen Stücken, Drosera
intermedia an und die unter dem Wasser schwimmenden
Rhizome \on Equisetum limosum durchbrechen jene Pflanzen-
decke mit ihren Halmen u. s. w.'
Herr Unger*'*^) hat bei der Versammlung der Natur-
forscher zu Prag einen Vortrag gehalten, worin er neue An-
gaben aufgeführt hat, um seine Ansicht über die Abhängigkeit
gewisser Pflanzenformen von der Qualität des Bodens zu ver-
theidigen ***). Herr Unger hat seine neuen Beobachtungen
in der Umgegend von Grätz in Steiermark gesammelt; er
hat daselbst eine Menge von Pflanzen aufgefunden, welche er
als kalkstete bezeichnet und wiederum andere, welche zu den
139) S. Flora von 1837. Nro. 47 und 48.
140) Flora von 1837. Nro. 40.
141) S. den vorjährigen Jahresbericht S. 113.
184
kalk -holden gehören. Es ist hinreichend bekannt wie ver-
schieden die Ansichten der Botaniker über diesen Gegenstand
sind; die Gegner der von Herrn Unger vertheidigten Mei-
nung können indessen ebenso viele Thatsachen gegen jene Ab-
hängigkeit der Pflanzen von dem geognostischen Character des
Bodens aufführen, als Herr Unger dafür ausgesprochen hat.
Eine selir reichhaltige und äufserst fleifsige Arbeit des
Herrn Sauter v. Bregenz: Ueber die Vegetations-Verhält-
nisse in der Gegend um den Bodensee und in einem Theil
Vorarlbergs ^*^), so wie die Schilderungen der Herren Tom-
masini ^*^) und Brunner ***) kann Ref. leider nur an-
führen, da sie mehr von lokalem Interesse sind imd ihre vielen
speciellen Angaben eine allgemeine Darstellung ihrer Resultate
nicht wohl erlauben.
Sehr wichtig für eine künftige Bearbeitung der Pflanzen-
Geographie der Südsee-Inseln ist Herrn Guillemin's ^'*^)
Zephyritis Taitensis; in Verbindung mit Herrn Endlich er's
Bemerkungen über die Flora der Südsee-Inseln, und der schö-
nen Arbeit über Neu-Zeeland, welche S. 181 angezeigt wurde,
eignet sie sich ganz besonders in einer speciellen Bearbeitung
in statistischer Hinsicht.
Herr F. A. W. Miquel ^*''') hat eine Abhandlung über
das Auftreten des Sargasso in dem danach benannten Sar-
gasso- Meere gegeben, worin einige Punkte sind, welche die
Pflanzen-Geographie zunächst berühren. Hr. M. hat sich eben-
falls überzeugt, dafs die h&iAQn Sargassum-Avien Agardh's,
iS*. vulgare nämlich und iS". hacciferum zusammengehören und
nur eine Art bilden, für welche Hr. M. den Namen Sargassum
Columbi vorschlägt, indem dieser kühne Seefahrer am 16. Sept.
142) Flora von 1837. I. Beiblätter. S. 1.
143) Ausflug von Görz auf die Krön -Alpe und iu das Reibler-
Thal in Kärnthen. — Flora von 1837. Nro. 5 und 6.
144) Ausflug in's Zermatt-Thal im Julius 1836. — Flora von '1837.
Nro. 10.
145) Enumeration des jtlantes decouvertes pur les voyageurs
daus les Isles de la Societe principalement dans celle de Taiti. —
Ann. des sclenc. natur. 1837. /.
146) Over het Sargasso ofZeehroos. — Tijdschrift voor Natnur-
lijice Geschiedenis en Physiologie uitgeg. door v. d. Hoeven en d.
Vriese 1837. IV. 1 en % p. 25—41.
485
1492 (Ue Sargasso - See berührte. Nach dem unter den Bota-
nikern gebräuclilichon Gesetzen, dürfte indessen eine solche
Naniens-Umänderung nicht allgemein Beifall finden ; die Pflanze,
welche in der Sargasso-See undierschwimmt, ward von L i n n e e
Fuchs natans genannt und ist mit Fucus natans Tum.
identisch; Gmelin that gewifs unrecht, als er obige Pflanzen
Fucus Sargasso nannte. Der Gattungname ist nun zwar
verändert, aber es ist kein Grund vorhanden den Linn ee 'sehen
Speciesnamen umzuändern, daher inufs dieser Tang Sargassum
natans heifsen, obgleich man spater gefunden hat, dafs die-
selbe Art auch festsitzend angetroffen wird.
Herr Miquel kommt zu der Frage über den Urprung
jenes herumschwimmenden Tanges und meint, dafs wenn mau
annimmt, dafs derselbe losgerissen ist und nur einige Zeit
hindurch leben bleibt, man nicht sehr von der Analogie ab-
weicht. Hierauf werden verschiedene Zweifel gegen die An-
sicht des Referenten aufgestellt, welcher beobachtet hat, dafs
die umherschwimmenden kleinen Exemplare jenes Tanges ganz
deutlich zeigen, dafs sie niemals festgesessen haben, dafs man
also auch nicht nach dem Boden zu suchen habe, worauf sie
entstanden sein möchten, sondern da(s die Oberfläche des
Wassers, worauf sie schwimmen, als solcher zu betrachten
sei. Die Zweifel, welche Hr. M. gegen des Ref. wirkliche Beob-
achtung aufstellt, sind jedoch sehr leicht zu beseitigen; überall
wo Hr. M. glaubt, dafs meine Beobachtung (Ich habe über
jenen Gegenstand nicht eine blofse Ansicht aufgestellt, son-
dern wirkliche Beobachtungen mitgetheilt! Ref.) ohne Analogie
ist, da habe ich wirkliche analoge Fälle aufgeführt und spätere
Beobachtungen haben meine Kenntnisse hierin noch erweitert.
Alle Exemplare jenes schwimmenden Tanges, welche Hr. M.
aus dem Sargasso-See erhalten hat, haben einen kurzen Hanp<>-
stengel, was Ref. sehr erklärlich findet, denn jener Tang
schwimmt in mehr oder weniger grofsen Massen umher, wo-
von einzelne die Länge von 2, 3, 5 Fufs und darüber errei-
chen, und jeder derselben hat Hunderte und selbst Tausende
von Stengel, Aesten und Zweigen '*') aufzuweisen. Diese
147) An merk. Man darf aber nicht übersehen, dafs alle diese
Theile nur blattartige Gebilde sind, und dafs ein Tang weder einen
186
grofsen Exemplare sind es aber, welche die Seefahrer auffi-
schen, um ihren Freunden in der Heimat dergleichen Pflanzen
mitzubringen , und ganz nach ihrem Belieben werden die Sten-
gel und Aeste von dem aufgefangenen Exemplare aufgefischt.
Ref. überzeugte sich sehr bald , dafs die Untersuchung jener
grofsen Exemplare nicht zum Ziele führen kann; er fischte
defshalb nach den kleineren und nach den kleinsten, welche
das Räthsel sehr bald lösten, und die von ihm mitgebrachten
Exemplare beweisen seine Angaben. Absterbende oder abge-
storbene Exemplare jenes Tanges hat Ref. in der Sargasso-
See nicht bemerkt, sie können demnach nur sehr selten sein.
Da sich nun die Frage über den schwimmenden Tang
in der Sargasso-See alljährlich wiederholt, und besonders häufig
in der Akademie der Wissenschaften zu Paris zur Sprache
gebracht wird, so Übersand Ref. ein Exemplar jener Pflanze
an diese berühmte gelehrte Gesellschaft, damit doch wenig-
stens ein Factum festgestellt werde, dafs nämlich diese Pflanze
nie festgesessen habe. Obgleich nun dieser Gegenstand an
den übersendeten Exemplare ganz leicht zu entscheiden ist,
so hat doch ein gelehrtes Mitglied der Akademie, ofiTenbar
ohne das Exemplar zu untersuchen, gemeint, dafs es dennoch
wohl abgerissen sein könne.
Nach Feststellung jenes Factums, dafs die umherschwim-
menden vollständigen Tangen in der Sargasso-See, nicht fest-
gesessen haben, kommt man allerdings zu der Frage, woher
denn die Saamen jener Pflanzen gekommen sind, diese Frage
ist aber wohl nicht schwer zu beantworten, wenn man die
starken Strömungen berücksichtigt, welche in und um die
Sargasso-See herum herrschend sind; besonders da wir wissenv
dafs die festsitzenden Exemplare des Sargassum natans an
der amerikanischen Küste und wahrscheinlich auch an den
Ufern der Azoren u. s. w. Früchte tragen.
Stengel noch eine Wurzel in der Bedeutung der höheren Pflanjjen
hat^ wefshalb schon gar keiue Gründe für Herrn MiquePs Ansicht
sind, dafs jener Tang nicht herumschwimmend gebildet sein könne,
sondern mUsse aufrecht gewachsen sein.
ISericIlt über tlie Leistungen in der Entoinologio ^
während des Jahres 1837
von
Dr. W. F. Erichson.
Uiirch eine lebhafte Thätigkeit in allen Zweigen der Ento-
mologie wird der Umfang dieser Wissenschaft jährlich bedeu-
tend erweitert: wetteifernd haben aucl\ im vergangenen Jahre
die meisten Länder Europa's ihre Beiträge zu diesem Zwecke
geleistet. Die besonderen, der Entomologie ausschliefslich ge-
widmeten Vereine in Frankreich und England haben ihre Schriften
in derselben Weise wie in früheren Jahren erscheinen lassen,
nämlich die Amiales de la Societe entomologique de France,
t VI., die Transactions of ihe Entomogical Society of Lon-
don, Fol. II. p.I., und The Entomogical Magazine, VoL
'IV, (Letzteres konnte Ref., aller Bemühungen ungeachtet,
unglücklicher Weise nicht zur Benutzung erlangen, und zu
seinem eigenen gröfsten Mifsbehagen sieht er sich genöthigt,
die mannigfachen interessanten Beiträge, die es enthält, unbe-
rücksichtigt zu lassen.) In Rufsland ist die entomologische
Thätigkeit in nicht geringerem Grade lebendig, und mit Recht
besonders auf die Erforschung der eigenen höchst interessan-
ten und reichhaltigen Fauna (vorzugsweise der Käfer) gerich-
tet, und fehlt auch ein besonderes entomologisches Blatt in
diesem Reiche, so ist doch in dem Bull, de la Societd Impe-
riale des Naturalistes de Moscou der der Entomologie zu-
gehörende Inhalt so reich und fast überwiegend, dafs man es
wohl für eine entomologische Zeitschrift ansprechen kann, der
es bei so reichen Beiträgen, wo unter Anderen einer der er-
sten Entomologen, Hr. Graf Mannerheim, seine Theilnahme
IV. Jahrg, 2. Band. 13
188
an derselben bekundet, an wissenschaftlichem Gewicht nicht
mangelt. Deutschland und Schweden, beide im vergangenen
Jahre ohne eigene periodische Schrift, sind in der Förderung
besonderer entomologischer Werke nicht zurückgeblieben. Letz-
teres besonders hat in der Schön her r'schen Bearbeitung der
Rüsselkäfer einen Punkt zur Vereinigung seiner Kräfte ge-
funden.
^ Von einem allgemeineren Interesse ist ein Werkchen,
welches Herr A. Keferstein über die Naturgeschichte
der schädlichen Insecten, und zwar zunächst der den
Menschen und den Thieren schädlichen Insecten
herausgegeben hat, und worin mit ungemeiner Belesenheit alle
hierauf Bezug habenden Beobachtungen zusammengetragen sind.
Gleichfalls für einen weiteren Kreis von Lesern bestimmt
ist: Kort Underrättehe om Scandinaviska Insecters, all-
männarc Shada och Nytta i Ilushallningen. En Handbok
för Landtbrukare och N aturforskare af G. Dahlhom,
worin der treffliche und durch seine hymenopterologischen Ar-
beiten bereits rühmlich bekannte Verfasser entomologische
Kenntnisse unter seinen Landsleuten zu verbreiten bemüht ist,
und sowohl eine allgemeine Einleitung in das Studium der
Entomologie, eine Charakteristik der verschiedenen Ordnungen
und Familien und der bekanntesten und gewöhnlichsten Arten
derselben zugleich mit ihrer ganzen Naturgeschichte giebt, als
auch das specielle Interresse seiner Leser in der Art berück-
sichtigt, als er die theils durch ihre eigene Naturgeschichte,
theils für unsere Oekonomie merkwürdigen Arten zur Schil-
derung besonders auserwählt hat, und den Nutzen und Scha-
den der letzteren namentlich erwägt.
lieber die Entozoen und parasitischen Larven in
den Orthopteren und Hymenopteren theilt Leon-Du-
four eine interessante Zusammenstellung seiner Beobachtun-
gen in den Annal. d. scienc. nat. Ser. IL Vll. Zool. p. 5
mit. Die Entozoen sind bei den Hymenopteren selten, weni-
ger bei den Orthopteren, und zwar gehören sie dea Gattungen
Fllaria, Oxyuris? Sphaerularia und Gregarina an; die
erste und dritte leben in der Bauchhöhle, die anderen beiden
im Darmkanal. Bei Hymenopteren finden sich nur eine Fila-
ria in Sphccodes gibbus^ und die Sphaerularia Bombi i\\
189
Hummeln. Von Gregarina kommen mehrere Arten in Heu-
scbrecken verschiedener Familien vor. — Von parasitischen
Insectenlarven bildet Leon Dufour mehrere ab, die er in
Heuschrecken und Bienen gefunden und die offenbar Dipteren,
zum Theil wohl Tachinen angehören, die ja bekanntlich auch
in vollkommenen Insecten anderer Ordnungen vorkommen.
Sonst ist das Factum auch bei Ocyptera und Conops be-
kannt, und Hr. L. D. vermuthet, dafs auch Pangonia margi-
nata in solcher Beziehung zu Dasypoda plumipes stehe,
welche sie hitzig verfolgt. Endlich giebt Hr. L. D. noch Ab-
bildungen von den Puppen zweier Rhipipteren, und zwar au-
fser der des bekannten Xenos Rossii aus Polistes gallica,
noch die einer neuen Art aus Sphex sahulosa, die sich durch
^as, nur mit einem dünnen Stiel mit dem übrigen Körper zu-
sammenhängende hornige Vordertheil sehr auszeichnet, von
der es Hrn. L. D. bisher nicht gelungen, das vollkommene In-
sekt aufzufinden, dessen Bekanntmachung wir aber durch Hrn.
V. Siebold, der ein ähnliches auch bei Danzig entdeckte, Jiiit
Nächstem entgegensehen dürfen.
Bei Gelegenheit seiner Beobachtungen über die Sperma-
tozoen, die bei den Insecten, wie bei allen niederen Thieren,
haarförraig sind, hat Hr. Dr. v. Siebold in Müller's Archiv
für Physiologie u. s. w. sehr interessante Mittheilungen über
den Bau der weiblichen inneren Geschlechtswege
gemacht. Bekanntlich finden sich an der Scheide mehrere,,
meist vier, seltener weniger Anhänge von verschiedener Ge-
stalt, die von den Anatomen gewöhnlich gar nicht oder nur
willkürlich gedeutet sind, bis Audouin bemerkte, dafs einer
derselben zur Aufnahme des Penis während der Begattung
diene. Diese Bursa copiilatrix ist nun bei den Insecten
selir allgemein vorhanden, und nach der Begattung bleibt in
ihr der weiche erectile Theil des Penis in Gestalt einer mit
einer körnigen Masse angefüllten Blase zurück, und da, wo
mehrere Begattungen Statt fanden, lassen sich noch immer die
durch die später eingedrungenen Penis sehr zurückgedrängten
lleberreste der früher zurückgebliebenen erkennen. Ein zwei-
ter, selten paariger, oft schlauchförmiger Anbang mit nicht sel-
ten hornigen Wänden, der mit einem darmartigen Anhange
versehen zu sein pflegt, dient nun zur Aufnahme des mäunli-
13*
190
clieii Samens, wio aus dem Umstände hervorgeht, dafe er nach
der Begattung mit Spermatozoen angefüllt ist, und zwar so
sehr, dafs dieselben eine zusammenhängende Masse zu bilden
scheinen und erst bei weiterer Verdünnung erkennbar sind
während in den übrigen Theilen der Geschlechtswege, selbst
in der Begattungstasche, nur immer einzelne Spermatozoen
sich finden. Ein drittes paariges und symmetrisches Absonde-
rungsorgan, welches der Sclieide angehängt ist, dient wahr-
scheinlich dazu, einen Ueberzug für die Eier zu bereiten, und
ein viertes, ebenfalls paariges, oft gefärbtes, welches erst diclit
vor dem Ausgang der Scheide sich öfi'net, vielleicht eine Flüs-
sigkeit zum Anlocken der Männchen abzusondern. Nicht im-
mer aber kommen alle vier Arten von Anhängen gleichzeitig
vor, am meisten fehlt die letzte Art, wo sie nicht ihrer Lage
und Kleinheit wegen übersehen wurde, dann die dritte, selten
die erste, und die zweite vielleicht nie. Das Receptaculum
seminis ist immer dem inneren Ende oder Anfange des Eier-
gangs zunächst gelegen, steht zuweilen mit der Bursa copu-
latrix in besonderer Verbindung, und ist bald von ganz ein-
fachem, zuweilen auch von sehr zusammengesetztem Bau.
Bei Coleopteren läfst sich der Samenbehälter bei al-
len vorkommenden Abweichungen immer in die drei Theile,
den Samengang, die eigentliche Samenkapsel und die Anhangs-
drüse zerlegen. Letztere hat die gewöhnliche schlauchförmige
Form der Absonderungsorgane der Insecten, und dient viel-
leicht, die Spermatozoen in der Samenkapsel lebend zu erhal-
ten. Durch einen sehr langen, schraubenförmig gedrehten Sa-
menkanal zeichnet sich die Samenkapsel bei Cassida aus. Die
Begattungstasche ist bei Käfern häufig eine einfache Aussak-
kung der Scheide (jChrysomela etc.), zuweilen zu einer Blase
verlängert {Melolontha etc.), zuweilen gestielt (^Ceramhjx
etc.), mitunter aber auch nur durch eine örtliche Erweiterung
der Scheide angedeutet. Bei Orthopteren fehlt die Bursa co-
pulatrix durchweg, die Samenkapsel ist meist einfach, mit ei-
nem gewundenen Samenkanal, aber ohne Anhangsdrüse, nur
bei Blatta finden sich vier gestielte QBl. germanica^ oder
zwei darmförmige Samenkapseln. Bei Psocus sind die von
einem besonderen häutigen Sacke umgebenen Bläschen mit ge-
wundenen Stielen, die sich gemeinschaftlich in die Vagina öflf-
i9i
nen, Samenkapseln. Unter Neuropterqn haben Panorpa com-
munis und llemerobius Verla dasselbe Organ in Gestalt
einer lang gestielten ßlase, sehr zusammengesetzt fand sich
aber der Bau bei Phryganaa, ganz verschieden von der
von Pictet gegebenen Darstellung desselben. Bei Hymeno-
pteren kam bei mehreren untersuchten Gattungen von Ichneu-
monen, Wespen und Bienen das Receptaculum seminis yov,
und bei den Honigbienen mufs dies Organ von besonderer
Wichtigkeit sein, da sich nur aus seiner Anwesenheit die That-
sache erklären läfst, dafs eine Königin in Folge einer einzigen
Begattung mehrere Jahre hinter einander fruchtbare* Eier legt
Von den Hemipteren haben die Cicaden (z. B. Aphroph, spu-
jnarid) eine Begattungstasche und einen paarigen Samenbe-
hälter, bei den Wanzen dagegen fehlt die Begattungstasche zu-
gleich mit der Anhangsdrüse der Samenkapsel. Bei mehreren
Arten von Phytocoris liefs sich keine Samenkapsel, die durch
Erweiterung des Endes des Samenkanals entstanden wäre,
wahrnehmen, sondern dieser Kanal, zwar lang und verschlun-
gen, endete blind ohne Anschwellung, und höchstens zeigte
sich bei einigen Arten eine Erweiterung an seiner Mündung.
Bei Pachymerus ist eine förmliche Samenkapsel mit einem
längeren oder kürzeren Eingangskanal vorhanden, die bei meh-
reren Arten mehr oder weniger eingeschnürt ist, bei Pyrrhoco-
ris apterus ist der Kanal selbst in der Mitte zu einer weiten
Blase erweitert. Ein ^ehr merkwürdiger Bau findet sich bei
den Schildwanzen (fiimex, Aelia, Tetyra F.). Der Samen-
kanal erweitert sich hier ebenfalls in eine weite Blase, in der-
selben ist ein horniger Stiel enthalten, der, genauer betrachtet,
aus zwei in einander steckenden Röhren besteht, die mit ih-
rem unteren Ende eng verbunden sind und genau in den trich-
terförmigen unteren Ausgang der Erweiterung des Samenka-
uals hineinpassen; am oberen Ende geht der Rand der äufse-
ren Röhre in die Wandung der Erweiterung des Samenkanals
über, die innere setzt sich noch eine kurze Strecke weit fort,
und erweitert sich dann zur Samenkapsel. Bei Cydnus fehlt
die Doppelrölire, und die Erweiterung des Samenkanals ist
auch nur gering. Bei Tetyra {Odonloscelis) scarabacoides
ist die Doppclröhre vorhanden, aber kurz, und scheinbar un-
mittelbar in die Scheide mündend. Anhänge an der Samen-
192
kapsei finden sich bei mehreren Cimex- Arten (drei bei C.
rnfipes) und in gröfserer Anzahl bei Coreus (jnarginatus).
Bei pipteren ist das Receptaculum seminis oft übersehen
worden, es kommt aber ganz allgemein vor: Anhangsdriise
derselben aber und Begattungstasche fehlen, die dritte Art der
Anhänge von paarigen blinddarmähnlichen Organen ist meist
vorhanden. Abweichungen in der Form und Zahl der Samen-
behälter sind sehr mannigfaltig, bei einigen Asiliden enden die
Samenkanäle sogar blind. Bei Hippoboscen hat LeonDufour
keine Samenkapseln dargestellt, wahrscheinlich aber übersehen,
da Melophagus ovinus ein vor dem sogenannten Uterus gele-
genes Organ dieser Art zeigte. Das paarige Absonderungsor-
gan fand sich auch hier, wie bei Hippobosca, ästig zertheilt,
und enthielt eine weifse körnige Masse, die wahrscheinlich
zur Ernährung der im Uterus aufwachsenden Larve diente.
Bei den Lepidopteren kommen die drei ersten Arten der Ne-
benorgane der weiblichen Geschlechtsorgane überall vor, der
Samenbehälter hat seine Anhangsdrüse wie bei den Käfern,
die Begattungstasche ist immer vorhanden, zuweilen sehr lang
gestielt (wie bei Wicklern), und sie hat eine besondere äu-
fsere Oeffnung, so dafs die Schmetterlingsweibchen drei
Ausgänge am Hinterleibsende haben, den After, die Oeffnung
des Eiergangs und den Eingang zur Begattungstasche.
Der Zweck des besonderen Behältnisses für die Aufnahme
des männlichen Samens ist unverkennbar der, dafs die Eier,
durch den Contact mit demselben, beim Durchgange durch den
Eierleiter befruchtet werden, welche Wirkung dem Samen so
lange zuzukommen scheint, als die in demselben enthaltenen
Spermatozoen noch lebendig sind. Bei der allmähligen Ent-
wickelung der Eier im Eierstocke und dem allmähligen Able-
gen derselben kann bei dieser Vorrichtung eine einmalige Be-
gattung lange hinreichen, und bei der Einmündung des Samen-
behälters am Anfange des gemeinschaftlichen Eierleiters kann
die Befruchtung aus demselben auch da Statt finden, wo sich
das Ei schon im Eierleiter entwickelt (bei Viviparen). Da
der erectile Theil des Penis der Männchen in der weiblichen
Begattungstasche zurückbleibt, ist es nicht glaublich, dafs solche
Männchen mehr als einmal zur Begattung gelangen, während
das öftere Vorkommen zweier und mehrerer Penisblasen in
193
der Bursa copidatrix nachweist, dafs die Weibchen nicht
so zur Monogamie genötlügt sind.
An diese Untersuchungen schliefst sich die Darstelhnig
der Anatomie der weiblichen Geschlechtstheile der Cicaden,
die llr. Doyere in den Annal. des Scienc. Nat. Ser. 11:
t. VII. p. 200 gegeben hat. Die Weibchen der Cicaden ha-
ben auf dieselbe Weise drei Oeffnungen am Hinterleibsende,
wie Hr. v. Siebold es bei den Schmetterlingen gefunden
hat, indem der Eingang für die männlichen Geschlechtstheile
ein anderer ist, als der Ausgang der Eier. Die Be-
gattungstasche ist sehr grofs, blasenförmig, und der Zugang
zu derselben bildet an der Stelle, wo er den engen röhren-
förmigen Einleiter unterbricht, eine Erweiterung, die Herr
Doyere Vestihulum nennt. Die Samenbehälter sind paarig,
blinddarmähnlich, ohne kapseiförmige Erweiterung an ihrem
Ende, und münden unmittelbar neben den besonderen Eier-
leitern der einzelnen Ovarien in das innere Ende des gemein-
schaftlichen Eierleiter. In das äufsere trichterförmige Ende
des gemeinschaftlichen Eierleiters münden noch zwei Secre-
tionsorgane, von denen das eine paarig ist, und aus einem je-
decseits gelegenen langen Gange von der Stärke eines feinen
Haares besteht, von der sich jeder in die Seite eines Säck-
chens einsenkt, das mit dem Eierleiter selbst kommunicirt.
Das andere unpaarige ist viel weiter, blinddarmartig, lang, und
an seinem Ende in einer fast muskulösen Schicht versteckt.
In der Physiologie der Insecten ist besonders in dem Ka-
pitel über die Laute , welche die Insecten hören lassen , Viel
geleistet worden, und die von Burmeister an verschiedenen
Orten entwickelte Theorie, dafs das Ausblasen der Luft aus
dem Stigma des Metathorax die Hauptquelle dieser Töne sei,
namentlich da, wo ein förmliches Musiciren Statt findet, durch
Beobachtungen an lebenden Thieren in dem Grade widerlegt,
dafs der Respiration nicht einmal überall noch ein Einilufs auf
etwanige Modificationcn des Tones beigemessen werden kann.
Es sind die Beobachtungen, welche hier näher anzugeben von
Interesse sein wird, in den Armal. d. la Soc. Entom. de Fr.
VI. niedergelegt, und rühren von den Herren Goureau und
So Her her. Ersterer hatte schon früher in einer in Sil b er-
mann's Revue Entomologique enthalteneii Abhandlung der
194 '
von Burmeister ausgesprochene Idee, dafs das Summen der
Bienen und Fliegen ein Blasen mit dem Stigma des Metatho-
rax sei, sich entgegengestellt, weil das Summen bei verklebtem
Stigma nicht behindert werde, wovon Burmeister zwar das
Gegentheil beobachtet haben will, welches Ref. indefs bestätti-
gen mufs und hinzufügen kann, dafs er sich von dem Nicht-
betheiligtsein des genannten Stigma beim Summen aufserdem
noch dadurch überzeugte, dafs eine dicht vor dasselbe gehal-
tene Flaumfaser auch während des Summens gar nicht durch
einen ausgestofsenen Luftstrom abgeweht wurde, und er mit
der Lupe das Stigma sich während des Summens eben so ge-
mächlich abwechselnd verengern und erweitern sah, als auf-
serdem. Hr. G. ist demnach der Meinung, dafs bei diesem
Summen die Schwingungen der Flügel, die Schwingungen der
Horndecke des Thorax und die Schwingung der aus den bei-
den vorderen Stigmaten des Thorax ausströmenden Luft zu-
sammenwirkten. Man sieht aber nicht ein, weshalb die vor-
deren Stigmaten einen Einflufs auf diesen Ton haben sollten,
der den hintersten versagt ist, und kann sich durch Kürzen
und Abschneiden der Flügel leicht überzeugen, wie wenig der
summende Ton durch die geminderte oder aufhörende Mitwir-
kung der Flügel geschwächt wird: dafs aber die ganze Per-
gamentschale des Thorax in eine zitternde oder vibrirende Be-
wegung geräth, sobald und so lange das Thier summt, fühlt
man, wenn man ein solches zwischen den Fingern hält. So
hatte Herr G. auch schon früher das Summen erklärt, und
wenn Burmeister in einem früheren Jahresbericht (für J 835)
dieses Archivs ihm die Meinung unterlegt, dafs es Reibung
der Abschnitte des Thorax gegen einander sei, kann er ihn
nur mifs verstanden haben, denn G. nennt diese Bewegung
Vibration. Muskelaction ist offenbar die Ursache dieser Be-
wegung, daher das Summen während des Fluges, und die
Schwingung der Flügel während des Summens.
Aufserdem, bemerkt Hr. G., lassen die Dipteren zuweilen
noch einen anderen Ton hören, der zwar gleiche Quelle mit
dem gewöhnlichen Summen zu haben scheint, sich aber we-
sentlich darin unterscheidet, dafs er viel höher, schärfer und
pfeifender ist. Aufser bei dem Syrphus pipiens F. hatte G.
ihn bei Chrysotoofum arcuatum und einem Merodon wahr-
J95
genommen, und er scheint zu dem Kosen vor der Begattung zu
gehören. Er wird nur während des Stillsitzens hervorgehracht,
und zwar von beiden Geschlechtern, entweder gleichzeitig oder
wechselweise. Auch merkt Herr G. an, dafs die bekannten
Signale der Honigbienen Töne dieser Art seien.
Besonders verdienstlich sind auch Hrn. Goureau's Be-
obachtungen über das Schwirren der Heuschrecken, aus denen
ebenfalls hervorgeht, dafs die von Burmeister auch hier
angenommene ursprüngliche und hauptsächliche Thätigkeit des
Metathorax-Stigma wirklich nirgends Statt finde. Aus der Fa-
milie der Gryllen (^Acheta F.) beobachtete Hr. G. zunächst
das Feldheimchen. Es ist in der Freiheit sehr scheu und
nicht leicht zu belauschen. Sperrt man aber ein Männchen
mit einem Weibchen zusammen in eine Schachtel, so fängt
das erstere bald an zu musiciren, und man kann es bequem
sehen. Es spreizt die Beine, drückt die Brust gegen den Bo-
den, hebt den Hintern ein wenig in die Höhe, und reibt in
dieser Stellung eine Flügeldecke heftig gegen die andere. Je
heftiger die Bewegung der Flügeldecken, um so lebhafter und
stärker wird der Ton. Dafs weiter nichts als die Reibung der
Flügeldecken gegen einander denselben hervorbringt, zeigte
sich dadurch, dafs er ganz aufhörte, als eine Flügeldecke ab-
geschnitten wurde, obschon die andere die frühere Bewegung
fortsetzte. Bei Gryllus sylvestris sind die Flügeldecken viel
kürzer und einfacher gebaut, es wird derselbe in demselben
Maafse weniger hell schwirren als das Feld- und das Haus-
heimchen. Von der Maulwurfsgrylle hat Hr. G. nicht Gele-
genheit gehabt, ein lebendes Exemplar musiciren zu hören,
konnte aber einen ähnlichen Ton durch Reiben der Flügel-
decken gegen einander künstlich hervorbringen. Bei Xya
spricht die ganze Bildung der Flügeldecken gegen die Mög-
lichkeit des Schwirrens, und Hr. G. hat es auch nie beobach-
tet. Die Locusten haben ziemlich dieselbe Vorrichtung w^e
die Gryllen, mit trommelartigen' Feldern auf den Flügeldecken,
die ebenfalls nur den Männchen zukommen; nur sind die
Trommelfelder so eingericlitet, dafs nothwendig die linke Flü-
geldecke die obere sein mufs, wenn durch das Zusammenrei-
ben beider ein Ton entstehen soll. Eine Ausnaluiie davon
machen die Arten der Gattung Epliippiger Latr.j wo es
196
nicht nur gleicligültig ist, ob die rechte oder linke Seite
der kurzen, fast blasigen Überflügel iiberliegt, sondern
wo auch die^ Weibchen sich der Fähigkeit des Gesanges in
fast eben so hohem Grade als ihre Männchen erfreuen. Ge-
rade diese Gattung zeicluiet sich, wie Hr. G, zu beobachten
Gelegenheit hatte, durch ihre helles und lautes Schwirren aus,
welches wohl aus der besonderen Beschaffenheit der Flügel-
decken erklärt werden mag; diese sind dabei aber so kurz,
dafs sie von einem Luftstrom aus den Stigmen des Metatho-
rax nicht berührt werden können, der, nach Burmeister's
Annahme, bei den Locusten gegen die Trommelfelder der Flü-
gel spielen und diese in Schwingungen setzen und ertönen
lassen 50II. Das Metathorax-Stigma ist auch bei den Locusten
so klein und einfach, dafs man ihnen ohnehin solches Talent
gar nicht zutrauen möchte. Die Acrydien {Latv.^ haben mehr
zirpende Laute, auch we^niger anhaltende als die Gryllen und
Locusten, und die Einrichtung der Flügeldecken ist eine ganz
andere. Bei allen Arten, welche Töne hören lassen, sind die
Seiten glasartig-häutig, von einem vorspringenden Längsnerven
und eben so vorspringenden Quernerven durchsetzt. Diese
Nerven sind es, und besonders der Längsnerv, die durch Rei-
bung das linke Seitenfeld des Flügels in tönende Schwingun-
gen setzen, und zwar geschieht der Strich des Schenkels gegen
den Flügel zunächst vermittelst einer an seiner Innenseite vor-
springenden Längsleiste, die bei allen Arten, die vornehmlich
zirpen, feilenartig gekerbt ist. Die ganze Vorrichtung ist mit
einer Geige zu vergleichen. Der beste Musicus unter den
Acrydien ist, nach Hrn. Goureau's Angabe, A. grossum:
bei ihm sieht man auch die Organe dazu am meisten ausge-
bildet. Den Weibchen aller, und auch vielen Männchen, nament-
lich solchen mit farbigen Unterflügeln, ferner denen mit ver-
kürzten oder verkümmerten Flügeldecken, fehlen die Einker-
bungen der Leiste des Schenkels, die den Violinbogen vor-
stellt; bei ihnen sind die Seiten der Flügeldecken auch mehr
von lederartiger Beschafi'enheit und augenscheinlich nicht zum
Tönen eingerichtet; auch hört man von ihnen keine Laute,
und nichts destoweniger sah Hr. G. diese Thiere oft und wie-
derholt eben so eifrig mit den Schenkeln die Flügeldecken,
streichen, als jene, bei denen mau auf dies Maueuver auch im-
197
mer den Ton erfolgen hört. Er nimmt daher an und spricht
sich in einem besonderen Schreiben an die entomologische
Gesellschaft in Paris {Ann. VI. p. 407) noch nälier darüber
ans, dafs es Töne geben möchte, die unserem unbewaffneten
Ohre völlig entgingen, und hätten wir nur Instrumente, das
Gehör zu schärfen, wie wir sie fiir's Gesicht haben, würden
wir am Ende auch von diesen Heuschrecken, wie von manchen
anderen Insecten, die uns jetzt lautlos erscheinen, Töne wahr-
nehmen. An den Arten von Tettix Latv. {Acrydium F.) hat
Hr. G. nie ein Zirpen bemerkt, auch fand er Schenkel und
Flügel nicht dazu eingerichtet, konnte auch künstlich durch
Reiben der Schenkel gegen die Flügel keinen Ton hervor-
bringen. Die Töne, die man bei, wenn auch todten, doch
noch frischen oder weichen Exemplaren, wo die Gelenke bieg-
sam sind, bei Gryllen vlvlA Locusten durch Reiben der Flü-
geldecken gegen einander, bei Acrydien durch Reiben der
Schenkel gegen die Flügel, herausbringt, sind hinreichend, um
glauben zu machen, dafs nichts weiteres als diese Bewegung
zum Musiciren nothwendig ist, und wenn auch die Töne, die
wir auf diese Weise nachmachen, unvollkommen genug gera-
then, wie können wir erwarten, es auf diesen Instrumenten
ihren natürlichen Inhabern gleich zu thun zu vermögen?
Bei den Acrydien ist bekanntlich das Stigma des Meta-
thorax sehr grofs und mit einer trommelartig ausgespannten
Membran verschlossen. Dies scheint Burmeister darauf ge-
leitet zu haben, anzunehmen, dafs, wie bei den Cicaden, hier der
eigentliche Sitz der Stimme sei. Wäre dies der Fall, so müfste, dabei
allen Acridien, selbst den ungeflügelten, die Einrichtung dieses
Stigma nur mit sehr geringen Modificationen, dieselbe ist, die
Fähigkeit, Töne hervorzubringen, allen Acrydien in ziemlich
gleichem Maafse gemein sein. Goureau's Beobachtungen
lebender Thiere thun jetzt aber das Gegentheil dar. Dafs
diese Trommelmembran bei dem oben beschriebenen Zirpen
nicht in Theilnahme sei, meint Goureau dadui:ch erwiesen zu
haben, dafs er diese Membran zerstören konnte, ohne darauf
eine Modification im Ton wahrzunehmen. Dafs dieser beson-
deren Einrichtung des Stigma des Metathorax eine besonde-
ren Function desselben zum Grunde liege, ist wohl nicht zu
bezweifeln,, künftigen Erfahrungen mufs es aber verbleiben zu
198
ermitteln, welche. Herr G. spricht sich, ohne J. Müller's
früher geäufserte gleiche Ansicht zu kennen, für die Idee aus,
dafs es als Gehörorgan diene, und glaubt bei den Locusten
in dem trichterförmig erweiterten Stigma des Prothorax, und
bei den Heimchen in einer, mit einer Membran geschlossenen
Oeffnung der Vorderschienen das entsprechende Organ wieder
zu finden. Allein abgesehen davon, dafs dieselben Oeffnungen
an der Basis der Vorderschienen auch sehr allgemein bei den
Locusten vorkommen, die dann zwei verschiedene Orgai^e für
dieselbe Funktion hätten, ist es nicht wohl anzunehmen, dafs
ein so wesentliches Organ, als das des Gehörs, bei verschie-
denen nahe verwandten Thieren seine Stelle wechseln, dafs
ein so allgemein verbreiteter Sinn nicht allgemein deutlich
entwickelt sein, und dafs er so versteckt als in den Stigmen,
oder so entlegen als in den Schienen, angebracht sein sollte.
Die Beobachtungen Hrn. Solier 's an den Cicaden bestät-
tigen im Allgemeinen das, was Reaiimur schon darüber aus-
gesprochen hatte. Der eigentliche Sitz des Tons ist in der
gefalteten Membran, die in der Höhle am Grunde des Hinter-
leibs auf jeder Seite liegt, und die durch einen starken Mus-
kel, der von der unteren Seite des Metathorax entspringt und
sich mittelst einer Sehne an sie befestigt, in Schwingungen ge-
setzt wird. So wie die Membran beschädigt oder zerstört
wird, wird der Ton augenblicklich geschwächt oder aufgeho-
ben. Wurden dagegen die zum Theil trommelartig gespannten
Häute, die die Wände der umschliefsenden Höhle bilden, eine
nach der andern zerstört, so ward der Ton zwar verändert und
geschwächt, dauerte aber trotz dieser Verstümmelungen fort.
Am wenigsten litt die Stärke des Tons dadurch, dafs die obere
hornige Klappe der Höhle weggenommen wurde, indem dann
die tönende Membran biosgelegt ward, und der Ton dadurch
noch stärker ausfiel. Diese Klappen scheinen den Klappen auf
Blasinstrumenten vergleichbar zu sein, nur dafs hier die Klap-
pen feststehen, während das Instrument sich bewegt, denn Cic.
pleheia wenigstens zieht beim Singen den Hinterleib beständig
aus und ein; bei Cic. orni indefs, wo diese Klappen so viel
kleiner sind, findet diese Bewegung des Hinterleibs nicht statt.
Hr. Soli er war jedoch nicht im Staude zu bemerken, dafs
bei C. plebeia hiermit eine Modulation im Tone verbunden
199
gewesen wäre. Gleichzeitig aber mit dom Gesänge gorathen
bei beiden genannten Cicaden der Rücken des Thorax und
die Flügel in zitternde Bewegung, und es ist wohl anzuneh-
men, dafs dies von der Theilnahme der Bewegungsmuskeln
der Flügel an der Thätigkeit der Singmuskeln ausgehe. Eine
Mitwirkung des Metathorax-Stigma beim Gesänge nimmt Herr
Soli er auch an, er glaubt eine lebhaftere Bewegung dessel-
ben in diesem Zustande gesehen zu haben, und schreibt dem
Ausströmen der während des Gesanges eingezogenen Luft
ein sausendes Geräusch zu, welche C. plebeia jedesmal hören
läfst, wenn sie eine Pause macht, oder mit dem Gesänge ganz
aufhört. Es scheint aber doch noch sehr zu erweisen zu
sein, wie und ob überhaupt das Stigma an dem Tönen Theil
nimmt, denn lebhaftere Respiration ist ja mit jeder Muskelan-
strengung verbunden. G, orni läfst jenes Sausen nicht hören.
Hr. Soli er bestättigt ein merkvvürdiges Factum, dafs näm-
lich die sonst sehr scheuen Cicaden, wenn man, während man
sich ihnen nähert, eine monotone Melodie, ähnlich ihrem Ge-
sänge, pfeift, ganz zutraulich werden, und zwar so sehr, dafs
sie sich selbst auf dem Zweige, auf dem sie sitzen, dem Pfei-
fenden nähern, und hält man ihnen behutsam ein Rohr hin,
sie sich auf dasselbe setzen, und, immer rückwärts nä-
her kommend, zuletzt selbst bis zu ihrem Beobachter ge-
langen.
Eine sehr eigenthümliche musikalische Vorrichtung be-
schreibt auch Hr. Soli er an der Chelonia pudica. Schon
im ersten Bande der Annal. d. l, Soc. Ent. de Fr. hat Hr.
V. Villiers bemerkt, dafs dieser Schmetterling besondere
Töne hören lasse, und dafs er ein Paar mit einer Haut ver-
schlossene Gruben auf der Brust zu diesem Zwecke habe.
Diese Organe, berichtigt Hr. Sol., liegen eigentlich in der
Hinterhüfte, und bestehen aus einer häutigen Blase mit ver-
schiedenen Längsrippen, die der Mittelhüfte zugerichtet sind.
Diese ist an den entsprechenden Stellen mit kleinen Haar-
bürsten besetzt, und Hr. S. vermuthet, dafs durch eine Rei-
bung der Hinterhüften vermittelst der Blase gegen die Mittel-
liüften — denn diese scheinen unbeweglich zu sein, — der
Ton hervorgebracht werde. Zwar läfst das Insekt den Ton
besonders beim Fluge hören, indefs scheint es doch vollkom-
200
men Herr desselben zu sein, indem die Fliigelbewegnng auch
ohne diesen Ton stattfinden kann.
Auch das Geschrei des Todtenkopfschwärmers (^Acherontia
Atropos^ ist von Hrn. Goureau näher untersucht worden.
Er konnte sich nicht überzeugen, dafs es vom Kopfe ausgehe,
am wenigsten , dafs es durch Reibung des Rüssels gegen die
Taster hervorgebracht werde. Dagegen bestättigte sich die von
Hrn. Lorey gemachte Beobachtung, dafs es vom Hinterleibe,
und zwar von den Gruben neben den beiden ersten Stig-
nienparen desselben ausgehe, nur nicht, dafs es das Ausblasen
der Luft aus diesen sei, denn diese Stellen, die Hr. L. für
Stigmen genommen hat, sind mit einer trommelartig ausge-
spannten Membran völlig verschlossen. Herr Goureau fand
bei näherer Untersuchung, dafs diese Membran mit einem be-
deutenden Muskel in Verbindung stehe, durch dessen Action also
diese Trommeln wahrscheinlich in Schwingungen gesetzt werden.
Hr. Göüreau spricht endlich noch das Resultat aus, dafs
es überall Membranen seien, die bei den Insecten die Töne
hervorbringen, die zu dem Zwecke entweder durch Reibung
oder durch die Thätigkeit eines besonderen Muskels in Schwin-
gungen gesetzt werden. Ofi'enbar ist die Ursache dieser Töne
nicht so einfach, als man sich in der neuesten Zeit vorgestellt
hat, und es läfst sich erwarten, dafs fortgesetzte vorurtheilsfreie
Beobachtungen unser Wissen darüber immer mehr aufklären
werden, wobei dem Professor Burmeister jedenfalls das
Verdienst bleibt; durch seine geistreichen Arbeiten das In-
teresse für diesen Gegenstand angeregt zu haben.
Sehr wichtig für die Physiologie sind ferner die Beob-
achtungen die Hr. Newport über die Temperatur der In-
secten gemacht, und in den Philosoph. Transactions of the
Royal Society of Lond. 1837. p. 259. niedergelegt hat. Eine
erhöhte Temperatur hatte man bei zusammen eingeschlossenen
Insecten langst gefunden, eine eigene Temperatur, höher als
die der umgebenden Luft, war den Insecten aber abgesprochen
worden. Dr. Berthold in Göttihgen hatte indefs ermittelt,
dafs die Wärme der Insecten die des umgebenden Mediums
überstiege, Hr. Newport ist indefs nicht allein zu demselben
Resultate gekommen, sondern, wie in Deutschland auch Hr. Prof.
S c h u 1 z e (s. d. Jahresb. v. 1836 p. 135) , noch zu dem weiteren, d a f s
201
sich die eigene Temperatur des Insect.^ nach dem
Grade seiner Activität erhöhe, und dafs sie fer-
ner nach dem Zustande des Insects verschieden,
dafs nämlich die Temperatur der Larve niedriger
sei, als die des vollko mmen en Insects, und höher
als die der Nymphe. Die Wärme der Oberfläche ist von
der Wärme im Innern des Körpers nur wenig abweichend,
und zwar, wenn das Insect in Thätigkeit ist, höchstens um
ein Paar Grade, ist es ruhfg, aber etwa um einen halben. Die
umfangreichen Untersuchungen des Hrn. Newport örstf ecken
sich über die verschiedenen Verwandlungsstufen, Zustände und
Ordnungen der Insebten. Das Verhältnifs der oben schdn be-
merkten Verschiedenlieit der Temperatur der Larve und des
vollkommenen Insects ist bei Hymehopteren (Bienen) von
2 — 4 zu 3 — 10 Gr. Fahr, über der Temperatur der Luft, in-
defs ist bei Hymenopteren die eigene Wärme am berfeute^ndsten,
bei Dipteren (Fliegen) übertrifft die eigene Temperatur der
Larve, die der umgebenden Luft nicht leicht um 1, 5 Gr: und
die des vollkommenen Insects um 2, 5 Gr. Fahr. Auch grofse
Schmetterlingsraupen, als die von Sphinx Jltropos, Lignstri,
Bomh. hucephala zeigten nur einen Unterschied von der Tem-
peratur der Luft, der' diesen um einen einzigen Grad überstieg,
ja im Schlafe sank das Thermometer, das die Bauchseite der
Raupe berührte, ganz zu der der umgebenden Luft herab, stieg
aber augenblicklich ein wenig, sobald das Thier nur im Ge-
ringsten aufgestört wurde. Der Puppenzustand ist dem des
Schlafs wohl sehr analog, und daher ganz in Uebereinstimmnng
mit den oben erwähnten Beobachtungen an Larven, die Puppe
so lange sie still liegt, fast' nur die Temperatur des umgeben-
den Mediums hat, nur wenn sie eben erst diese Verwandlung'
überstanden hat, ebenso wenn das vollkommene Insect aus-
kriechen will, und gleicher Weise, wenn die Puppe beunruhigt
wird, das in Contact gebrachte Thermometer um einige Grade
steigt. Dipterenpuppen (von Musca vomitorid), um die Ku-
gel des Thermometers angehäuft, äiifserten nicht den mindestefi
Einfliifs auf dasselbe. Bienen -Nymphen fanden sich aber im-'
mer um einige Grade wärmer als die Luft. Das aus der Puppe
kriechende Insect zeigt anfangs nur eine geringe Zunahme an
Wärme, aber so wie es anfängt thätig zu werden, steigt seine
202
eigene Temperatur rasch um mehrere Grade. Dies ist selbst
bei den Bienen der Fall, die nicht nur im Puppenzustande
eigene Wärme erkennen lassen, sondern die auch im Stocke
schon eine Temperatur vorfinden, welche über der der äufse-
ren Luft ist.
Die gleich im Anfange genannte Thatsache, dafs die ei-
gene Temperatur der Insecten mit dem Grade ihrer Activitat
übereinstimmt, hat nicht allein auf die äufsere Thatigkeit, sgn-
dern.auch auf die innere Anwendung: verdauende Individuen
sind wärmer, als fastende. Es zeigt sich auch immer ein Ver-
hältnifs zwischen der Beschleunigung der Respiration und der
Zunahme der Wärme. Bei äufserer Ruhe sinkt die eigene
Temperatur des Insects bis auf ein geringes Mehr über dem
des umgebenden Mediums, und im Schlafe ist auf der Ober-
fläche des Insects schon gar kein Unterschied mehr wahrzu-
nehmen, lieber den Winterschlaf der Insecten hat Herr N.
zwar noch keine umfassende Beobachtungen angestellt, sehr
richtig aber schon die Fettanhäufung in überwinternden In-
secten, als etwas für denselben Wichtiges und Wesentliches
erkannt und beurtheilt.
Die Verschiedenheit der Temperatur bei verschiedenen In-
sectenordnungen betreffend, haben die Hymenopteren die be-
deutendste eigene Wärme und nächst ihnen die Schmetterlinge.
Auch bei den Heuschrecken ist sie nicht gering. Im Allge-
meinen scheint sie bei den Insecten, die am Tage, besonders
im Sonnenschein in Thatigkeit sind, am bedeutendsten zu sein,
weniger bei solchen die erst am Abend in Bewegung kommen,
wie denn die Maikäfer eine geringere Temperatur zeigen, als
spanische Fliegen und Coccinellen, und am geringsten bei sol-
chen die erst in der Nacht ihr Wesen treiben, und bei Tage
an dunklen feuchten Orten im Verstecke bleiben, wie Caraben
und Staphylinen, selbst wenn sie munter gemacht wurden, nur
ein Steigen des Thermometers um höchstens 1 Gr. Fahr, verur-
sachten, während z.B. Bienen in gleicher Lage dasselbe gleich
um 10 Gr. und mehr in die Höhe brachten. Blaps ist noch
kälter, selbst in voller Munterkeit machte er das Thermometer
nur um yV ^^' Fahr, steigen.
Eine besondere Betrachtung ist mit Recht den Nestern
der gesellschaftlichen Insecten geworden, und es fand sich, dafs
203
die Temperatur derselben eine höliere ist als im Freien, und
dafs sie noch stie^, wenn die Gesellschaft in Allarm gerieth.
In Iluiiiniclnestern betrug- die Differenz 3 — 6 Gr. Fahr., und
stieg- um einige Grad, wenn die Hummeln beunruhigt wur-
den. In einem Wespenneste war die Luft um 10 Gr. wär-
mer als draufsen, und bei der Beunruhigung der Wespen
stieg sie noch um 5 Gr. In einem Ameisenneste (von F.
Jierculeana) fand sich die Temperatur gleichfalls um 10
Gr. höher als draufsen, und stieg hier selbst über das Dop-
pelte. Dabei hat indefs jedes Individuum der Gesellschaft
seine eigene Wärme, die noch etwas höher ist, als die des
Nestes im Allgemeinen. Daher ein in einem Bienenkorbe be-
festigtes Thermometer sogleich um etwas steigt, sobald sich
eine Biene auf die Kugel desselben setzt. Und es kann auch
jedes einzelne Individuum seine eigene Wärme willkürlich ver-
mehren, welches die Brutbienen thun, und zwar durch be-
schleunigtes Athmen. Während bei einer gewöhnlichen Biene
nur 40 Inspirationen in der Minute stattfinden, beobachtete
Herr N. bei Brutbienen 120 — 130. Das Thermometer, an den
Bauch solcher Individuen gehalten , stieg noch 12 — 15 Gr.
Fahr, über die Warme" im Stocke. Im Winter, wo sich die
Bienen ruhig verhalten, und das Athmen sehr schwach ist, sinkt
die Temperatur im Bienenstöcke auch sehr bedeutend, sie steigt
aber augenblicklich einige Grade, wenn die Bienen gestört an-
fangen sich zu bewegen und. zugleich lebhafter zu athmen^
Auf die W'eise erklärt Herr N. es, wenn Huber die Tempe-
ratur im Stocke während des Winters höher angiebt als sie
wirklich ist. Ebenso erklärt sich das Factum, dafs die freie
Wärme im Stocke bedeutender im Sommer ist, als im Winter,
und am Bedeutendsten zur Zeit des Schwärmens, wo die gröfste
Aufregung im Stocke herrscht.
Als Fortsetzung seiner vorigjährigen Untersuchungen 4iber
die Bernsteininsecten hat Herr Hope im ersten Hefte des
zweiten Bandes der Tr ansäet, of tlie Entomol. Soc. o/Lonä»
die im Anime- Gummi eingeschlossen gefundenen Insectei^
genauer behandelt, und sehr schätzbare Mittheilungen über die-
sen Gegenstand gemacht. Man nennt das Gummiharz welches
diese Insecten enthält, gemeiniglich Kopal, indessen aufser ei-
nigen chemischen Differenzen kommt der eigentliche Kopal
IV, Jahrg. 2. Baud. "14 ' ''■
204
stets aus Südamerika, nnrl ist das Prodiict von Bäumen der
Gattung Hyrnenaea, namentlich nach Piso der llym. Curharil,
und es enthält niemals Insecten. Das Anime- Gummi dagegen
ist Ostindischen Ursprungs, und wird unter dem Namen Sund-
roos auf die Indischen Märkte gebracht. Es ist das Harz von
Vatcria Indica, und auch das des Trachylohiwn Gaertne-
rianum kommt unter gleichem Namen in den Handel. Den
Namen Anime leitet Herr Hope aus dem Portugiesischen her,
und vermuthet dafs das häufige Vorkommen von Insecten in
diesem Harze die Veranlassung dazu gegeben habe, indefs
möchte Ref. seinem gelehrten Freunde in dieser Etymologie
nicht beistimmen, da der Kunstname nicht Gummi animatum,
sondern Gummi animae ist, welches auf eine ganz andere
Deutung führt.
Unter der grofsen Anzahl von Insecten die in diesem
Gummiharze vorkommen, theilt Herr H. von folgenden, die
sich meist in der bedeutenden Sammlung des Lackfabrikanten
Hrn. Strong befinden, die Beschreibungen und Abbildungen mit.
Osorius Irtmnicornis , Temnodera testacea, ein Pselaphus , der
sich der Gattung nach wenig von Batrisus zu unterscheiden
scheint, Mecynocantluis unicolor, ein Elater mit scharf vorspringen-
den Vorderecken des Halsschildes, Cteniceras eximiiis, ebenfalls ein
Water, der aber seiner grofsen Aehnlichkeit mit einigen Madagas-
carischen Arten nach zu urtheilen eher zur Gattung Hemirhipus ge-
hören möchte, Elater Wallisü, eine kleinere Art, in der Ref. einen
CardiopJiorus vermuthet, Tillus ^maculatus, Stigmatm?n Ifasciatum^
ebenfalls ein Tz7/?/.P-artiger Käfer, Brenthiis nasalis, EumorpJms casta-
neus, Catotelea aurantia, ein kleines Hymenopterum, vielleicht mit
Platygaster Boscü in eine Gattung gehörend, wenigstens hat das
Weibchen einen ganz ähnlichen keulförmigen Fortsatz auf dem er-
sten Hinterleibssegment, Calyoxa st upliy Unoides , eine mit Bethy-
lus verwandte Gattung mit kammformigen Fühlern, und Cercopis
Strongü.
Von ähnlichem grofsen Interesse sind die Darstellungen
der Abdrücke vorweltlicher Insecten in der Braunkohle, welche
Hr. Prof. Germar theils nach Exemplaren aus der Samm-
lung des Grafen Münster, theils und zwar gröfstentheils aus
der Universitätssammlung zu Bonn gemacht, und im 1.9. Hefte
seiner Fauna Insectorum Europae mitgetheilt hat. Es sind
die Spuren dieser Insecten zum Theil zwar sehr wenig voll-
ständig, indefs hat Hr. G. mit vielem Scharfsinne, und wie es
205
scheint, mit vielem Glucke ihre Deutung unternommen. Es
sind folgende Insecten aus den verschiedensten Ordnungen:
1. Eine Larve^ muthmafslich von einem Dytiscus, 2 — 4. Bupre-
steiiy von denen zw ei fast nicht vollständig ausgebildet zu sein schei-
nen, als ob sie von der Katastrophe, die ihre ganze Mitwelt vernich-
tete, in dem Augenblicke überrascht wären, wo sie eben im Begriff
waren, sich zu entwickeln, sonst aber zu den deutlichsten Stücken
der ganzen Sammlung gehören, vielleicht weil sich die Thiere noch
im Innern des Holzes befanden. 5. Eine Silpha, ähnlich aS*. littoralis.
6. Ein Geotrupes {Scarahaens /.)» ähnlich dem sylvaticus. 7. Ein
Platycertis. 8. Ein Tenebrio. 9. Eine sehr deutliche Trogosita. 10.
Ein BrucJms? 11. Ein sehr kleiner länglicher Brachycerus. 12. Ein
Prionus. 13. Eine Saperda. 14. Ein Molorchus (Hinterleib fehlt).
15. Eine Cocdnella? 16. Eine Locusta. 17. Ein ziemlich grofses
Belostoma. 18. Ein Alydus. 19. Eine Formica (man sieht aber von
der Schuppe des Hinterleibes nichts). 20. Ein Ypsolophus. 21. Eine
Empis. 22. und 23. Zwei Bihio, 24. Eine Phthiria. 25. Ein Helio-
philus? Bei den Zweiflüglern scheint die Deutung am mifslichsten
zu sein , natürlich, da sie bei ihrer Weichheit am Wenigsten in ihrer
Gestalt blieben.
Von Faunen, die sich iiber alle Ordnungen verbreiten,
ist von:
Panzers Deutschlands Insecten, fortgesetzt von
Dr. Herrich - Seh äff er,
das 140--146ste Heft, und von den
Insecten der Schweiz, die vorzüglichsten Gat-
tungen je durch eine Art bildlich dargestellt
von J. D. Labram, nach Anleitung und mit Text
von Dr. Im Hof
ein zweites Bändchen als Fortsetzung erschienen.
Als einen Beitrag zur Kenntnifs der geographischen Ver-
breitung der Insecten hat Hr. Lherrainier seine Beobach-
tungen über die Insectenfauna der Insel Guadeloupe in den
^rmal. d. l. Soc. Entomol, de France. T. VI. p. 497. mit-
getheilt, die sich weniger auf eine Aufzählung der Arten, als
auf Bemerkungen über ihre Lebensweise, besonders auf eine
Auszeichnung der Schädlichen bezieht. Bekanntlich fallen in
den Tropen die schädlichen Insecten dem Menschen mehr zur
Last als bei uns. Auf Guadeloupe ist den Büchersammlungen
die Larve eines Käfers verderblich, die Hr. Lh. für Dcrme-
stes Chmensis hält; Denn. Chinensis F. ist nichts als Ano-
14*
206
hhnn paniceinn^ und diesem kann die frcaglicho Larve nicht
angehören, es bleibt also ungewifs, welcher Art dieser Käfer
sei. Ohrwürmer kommen auf der Insel nicht vor, Blatten aber
in grofser Zahl, doch sind es nur lU. gigantea und orientalis,
die lästig werden, andere, als Bl. Surinamensls ^ ^Jmericana,
nivea und Brasiliensi^, fanden sich nur im Freien. Die Nym-
phen der Libellen, wenn sie von Pferden, Maulthieren und
Rindern verschluckt werden, veranlassen diesen Thieren tödt-
liehe Magenentzündungen. Termiten und Ameisen zeigen sich
auf Guadeloupe nicht weniger zerstörend, als in anderen Ge-
genden des wärmeren Amerika. Beachtenswerth ist die Beo-
bachtung an einer Lainia^ die hier Saperda hhermiiiieri ge-
nannt ist, die mit ihren Mandibeln zolldicke Zweige, indem
sie sich im Fluge um diese herumdreht, abschneidet. Sie
gehört in eine eigene Gruppe, die Graf Dejean mit dem Gat-
tungsnamen Oncideres versehen hat, in welche auch ha-
mia amputator F. gehört, die nach derselben Eigenthümlich-
keit schon benannt ist. Es ist möglich, dafs alle Arten dieser
Abtheilung darin überein kommen. Dafs der Herkuleskäfer es
ähnlich mache, führt Hr. Lh. zwar an: es ist diese Meinimg
wohl unter den westindischen Kreolen allgemein, Hr. Lh. hat
es aber gewifs nicht selbst gesehen, obgleich er diesen Käfer in
sehr grofser Menge fing.
C o l e o p t e r a.
Der Fortsetzungen einiger Werke über diese Ordnung wird
bei den einzelnen Familien, mit denen sie sich bescliäftigen,
nähere Erwähnung geschehen, es bleiben hier im Allgemeinen
nur zwei in Berlin erschienene Arbeiten zu berücksichtigen:
1. Die Forstinsecten, od-er Abbildung und Be-
schreibung der in den Wäldern Preussens und der
Nachbarstaaten als schädlich oder nützlich bekannt
gewordenen Insecten; in systematischer Folge und
mit besonderer Rücksicht auf die Vertilgung der
Schädlichen. Von J. Th. Ch. Ratzeburg. Erster TheiJ.
Die Käfer.
Es wäre unmöglich, für diesen Bericht alles Neue auszu-
zeichnen, womit dies umfassende Werk die Wissenschaft be-
reichert hat. Natürlich ist der Lebensweise und den oecono-
207
mischen Verhältnissen der fraglichen Insccten die hauptsäch-
lichste Betrachtung gevvi(hnet, und hier hat sich aus der Zu-
saruinenstellung einer grofsen Menge eigener und fremder Er-
fiihningeii sehr viel Neues, und häufige liericlitigung älterer
Meinungen ergeben. Die früheren Zustände zu ermitteln war
von desto gröfserer Nothvvendigkeit, als die meisten der hier
in Betracht kommenden Insecten als Larven ihre hauptsäch-
ste Wirksamkeit zeigen. Sehr interessant, auch für den Ento-
mologen, ist es, bei allen Holz- und Rindenkäfern auch die
Form des Frafses durch Holzschnitte oder Steindrucke vor-
trefiflich abgebildet zu sehen. Neue Arten haben sich be-
sonders bei den Bupresten {Agrilus'), den Anobien und Be-
strichen aufzuführen gefunden, deren genauere Beschreibung
wohl aufser dem I^lane- des Werkes lag, die aber doch mit
wenigen Worten charakterisirt, und besonders die Bostrichen
durch sehr genaue Abbildungen kenntlich gemacht sind.
2. Die Käfer der Mark Brandenburg, beschrie-
ben von W. F. Erichson.
Das ganze Werk ist auf drei Bande berechnet. Die hier
erschienene erste Abtheilung Enthält die Familien der Caraben,
Dytiscen, Gyrinen, Hydrophilen, Silphen, Pselaphen und von
den Staphylinen die Gruppe der Aleocharen. Mit Ausnahme
der letzten sind im Ganzen wohl wenig neue Arten beschrie-
ben, es ist dies aber auch gerade das, was Ref. sigh bei seiner
Arbeit am Wenigsten zum Zwecke gemacht hatte»
Einige neue Käferarten, die von Karelin und Zablotzky
an den östlichen Ufern des Kaspischen Meeres entdeckt sind,
hat Hr. Zoubkoff in dem Bulletin de la Sociale Imp. des
Natuvalistes de Moscou 1837. iV. V. p. 59. beschrieben und
auf den Tafeln 3 und 4 abgebildet. Es sind:
Cymindis impcriaUs, Scarites impresslcollis (nach der Ansicht des
lief, ein sehr grofses Expl. des in der Grofse sehr veränderlichen
Sc. s<i(üius)y Vrocnistes luctuusus, Carahns Strogamtvü , Cephulntes >
KarcUni, Euncctes pitnctatiis (vom -weit verbreiteten E. gnseus wohl
nicht zu unterscheiden) , Jkis ZnhIouUi, Akts dcpressa, Mylabris.
elcf^antissitna und Cleonis imperialis.
In demselben Hefte dei-selben Schrift fmdet sich ein aus
Briefen an Hrn. Zoubkoff gezogener Bericht des Hrn. N.
MotschouUky, Russischen üfllciers, über eine Reise durch
208
Europa, in welchem folgende Arten kleiner Europäischen Käfer
geschildert und abgebildet werden.
1. Thoraxopliorus cortidnus, eine mit Micropeplus verwandte
Gattung der Staphylinen, die weniger eine Annäherung an die Pse-
laphen, wie Hr. M. will, als an die Lycten, z. B. Monotoma zeigt,
und die zuerst in Gesellschaft des Prof. Waga von ihm bei Warschau
unter Baumrinden entdeckt, und später in Paris auch in der Sammlung
des Dr. Aube gefunden Avurde. Der Gattungsname ist indefs nicht nur
falsch gebildet, sondern auch, da Thorax der terminus eines Theils
geworden ist, der allen Insecten ohne Unterschied zukommt, ganz
unzulässig, daher Ref. den dieser Gattung von ihm bereits zugedach-
ten Namen Glyptoma eingehen zu lassen sich nicht entschliefsen kann.
— 2. Entdeckte Hr. M. bei Warschau ein Insect, welches Villa Mo-
notoma Rondam benannt hat, welches ihm aber heteromerisch
und dann mit Coxelus und Diodesma verwandt zu sein schien: der
für diesen Käfer vorgeschlagene Gattungsname Spartyceriis wird
^ber eben so wenig Aufnahme finden können, da er richtig geschrie-
ben Spartecerus heifsen würde, wie von Schönherr bekanntlich
eine Rüsselkäfergattung genannt, und welcher Name fast gleichlautend
und aus denselben Wurzeln zusammengesetzt, von Laporte und
Burmeister für eine Hemipteren- Gattung gebraucht worden ist.
— 3. Monotoma Afoveolata, welches von Aube in Paris entdeckt
ist, und welches Hr. M. auch in Daghestan gefunden zu haben
glaubt; und 4. der von Hrn. Schmidt in Laybach dem Verf. zu
Ehren benannte Scydmaenus MotschouhUi , der bei uns bereits auch
schon von Hrn. Sturm bekannt gemacht worden ist.
Einer zweiten Art von Manticora ist unter dem Namen M,
laiipennis im Magaz. of Nat. liist New, Ser, I. p. 503
von Waterhouse erwähnt worden. Sie ist der bekannten
M, maxillosa gevvifs nahe verwandt, soll sich aber durch
breitere Flügeldecken, und weniger vorspringende Tuberkeln
derselben, welche die Mitte ganz freilassen, unterscheiden. Sie
gehört zu den Entdeckungen des Dr. Andr. Smith im Innern
des Caplandes.
Die von dem grofsen Werke über die Reise des Hrn.
d'Orbigny erschienenen Anfänge der von Hrn. Brülle über-
nommenen Beschreibung der entomologischen Ausbeute enthält
die auf der Reise gesammelten Cicindelen und einen Theil
der Caraben.
Megacephala 10 Arten, unter denen die bekannte M. aequinoctia-
lis unter dem Namen M. hifasdata aufgeführt wird, weil nicht sie,
sondern Bradiinus complanatus F. die Cidndela aequinoctlalls Lin. sei.
So richtig dies auch ist, so hätte doch in Rücksicht auf die C. aequi-
209
noctialis F., da der Linncischc Käfer zu einer so sehr verschiedenen Gat-
tung gehört, der Name M. aeqiiiiioctiaUs erhalten werden müssen. Neu
sind: M. cruciatiiy der vorigen verwandt, von Corrientes, M. Spixii
aus Bolivia (nicht recht von M. MartU Verty verschieden, die dem
lief, nach einer sehr aufmerksamen Untersuchung einer sehr grofsen
Anzahl von Exemplaren von der in verschiedenen, aber nicht immer
streng gesonderten Formen über den gröfsten Theil von Amerika
verbreiteten M. Carolina eben so wenig als M. Brasillensis als Art
unterschieden erscheint) und M. spinosa, von Moxos. — Oxycheila,
eine neue Art, 0. lahiata, von Chiquitos in Bolivia. — Cicindela, un-
ter denen C. annuUcornis, Apunctata^ speculffera^ der ersten, C. Pa-
ta^omcttj 7'amosa, intricata, sinuo^a und crihrata der sechsten Fami-
lie nach der Dejeanschen Eintheilung angehören. — Von eigentlicheren
Carahen sind von Agra: J. Klugn und A. erythrocera^ von Galerita.-
G. Orhignyi und gracilis , von Dromius: Dr. hicolor, aptinoides und
flavipes, von Calleida: C. tristis, cyanescens, aeneipennis ; fusca und
tihiaUs (letztere aus Chile) und von Lebia: L. rugiceps als neue Ar-
ten beschrieben.
Neue Carabcii beschrieben Graf Mannerheim im zwei-
ten und Baron Chaudoir im dritten und siebenten Hefte des
Bulletill de la Societe Imperiale des NaturaUstes de Mos-
cou, an. 1837.
Die vom Ersteren beschriebenen neuen Arten und Gattungen sind
folgende: Megacephala mfuscata aus Puerto Rico (eine der vielfa-
chen Abänderungen der M. Carolina') ^ Iresia Besckii aus Brasilien,
grÖfser als die übrigen bekannten Arten dieser Gattung, glänzend
grünlich-blau mit rothen Schenkeln. Odontocheila chrysochloris , der
O. nodicornis gleich, von ihr aber durch fehlenden Schulterfleck, von
O. simplicicornis durch gelbliche Schenkel und Schienen unterschie-
den, und Odontocheila rvgipeyinis, der C. curvidens verwandt, beide
aus Brasilien, Cicindela Tatarica (nicht Tartarica) aus der grofsen
Tatarei , der C. campestris sehr nahe stehend, in der Form zwischen
ihr und C. Maroccana die Mitte haltend, oben kupferroth, die Flü-
geldecken mit drei weifsen Puncten am Rande und einem schmalen
Querfleck an der Spitze. C, Sommeri^ eine ausgezeichnete Art aus
Mexico, C. Madagascariensis (einerlei mit C. quadraticollis Chaud,
und, wie Uebergänge es nachweisen, Abänderung von C. abhreviata
Kl.'), C. Dregei vom Cap, C. chlorocephala von Puerto Rico (mit
C. trifasciata F. tortuosa Dej. übereinstimmend). Oxygonia ^ eine
neue Gattung, in der Form sich an Therates und Euprosopus annä-
hernd, mit sehr kleinem Zahn in der Ausrandung des Kinnes, sehr
langen Maxillartastern , einzeln in eine scharfe Spitze auslaufenden
Flügeldecken, besonders ausgezeichnet aber durch die nach Art von
Stenocoren an der Spitze in Dornen oder Zähne auslaufenden Schen-
kel, und zwar die Vorderschenkel in einen, die hinteren in zwei
210
O. Schönherr it^ dunkel erzfarbig, die Flügeldecken pimctirt, mit sechs
gelben Flecken, aus x^Lntioquia in Columbien. Ctenostoma hreviu-
scnlum aus Brasilien (wohl nicht verschieden von Ct. umfasciatum
Dej.'). Galerita Moritxü aus Cohimbien, (die wahre G. Americana
Kl. Cur ab. Ämericanus /..). Galerita carhonaria, eine Art aus dem
Innern Brasilien. Cymindis aplcalis aus Süd-Rufsland, die der Verf.
selbst geneigt ist für eine Abänderung der C. binotata mit verlänger-
tem Schülterfleck und breit rostrother Spitze der Flügeldecken zu
lialtcvi. Calleida subaenea und lacimosa^ zwei neue Arten aus dem
Innern Brasilien, Stenocnemus eine neu aufgestellte Gat., die vielleicht
mit Dyscolus sehr übereinstimmen möchte, St. Jaegeri aus St. Do-
mingo. Chelonodema elegans, eine neue Lebia aus Brasilien, Lebia
geniculata aus Armenien, der L. cyunocephala sehr ähnlich. L. ha-
stata aus Brasilien , L. LebasU Dej. von Carthagena in Columbien,
L. contaniinata aus Brasilien. Helliiomorpha coracina aus Brasilien.
Brachinus AegyptiacuSj vom Br. Africanus gewifs nicht hinreichend
unterschieden, Br. genicularis aus Brasilien, Br. ventralis aus Co-
lumbien (wahrscheinlich einerlei mit B. geniculatiis Dej., es sind
aber die Kniee selten bräunlich), B. atramentarius aus Brasilien, B,
gilvipes von St. Thomas (nicht Puerto Rico). Ilololissus lucanoides,
(wie im vorigen Jahresberichte schon bemerkt worden, einerlei mit
Basoleia BrasiUensls Westw. und zweite Art der Gattung Catajnesis
Sol.'), Dyscolus coeruleo - margmatus aus Mexico, Catascopus auratiis^
ebendaher, und Anthia cruoricollis vom Cap (m ohl nur eine der viel-
fachen Abänderungen Aqv A. iOguttata). Aufserdem bemerkt Graf M.,
dafs die von Klug der Gattung Morrnolyce angewiesene Stellung ne-
ben ^^rc? ihm viel natürlicher erscheine als die von Latreille und
Dejean in der Nähe \om Sphodrus, und dafs i\xv Cyjnindis bisignata
Dej., die ihrer einfachen Klauen wegeu mit Cymindis nicht vereinigt
bleiben kann, der von Schönherr vorgeschlagene Name PAüYo^ecww*
dem Lap ort eschen Cynmidoidea schon aus sprachlichen Gründen
vorzuziehen sei.
Baron Ch au doir beschreibt: Cicindela Dregei dieselbe mit der
gleichnamigen Mannerheimschen, Calleida affinis vom Cap, rostroth,
mit grünen Flügeldecken, Coptoptera, neue Gattung zwischen Dro-
mius und Demetrias, mit gezähnten Klauen, starkem und scharfem
Zahn in der Ausrandung des Kinnes, eiförmigem etwas gestutztem
letzten Tastergliede und einfachen Füfsen, C. brimnea von der Form
des Dromiiis longiceps, mit gekerbt gestreiften Flügeldecken, vom Cap.
Aptinus Halter i, dem Br mgripennis F. ähnlich, mit etwas länge-
rem schwarzgerandetem Halsschilde, vom Cap. Brachinus convexiis,
von Br. mexicanus durch einige un peu plus unterschieden, und Bra~
chinus cinctipennis Chevr., beide aus Mexico. Dyscolus nitidus eben-
daher, Catascopus rufifemoratus vom Cap. Axinopsophus Asignatus
ebendaher, schon vor mehreren Jahren von Lap orte unter dem Na-
men Arsinoe 4guftata, freilich mit der irrthüralichen Vaterlandsan-
211
gäbe Madagascar, beschrieben und abgebildet. TInjrcopterus macii^
latus, ebenfalls vom Cap, vom Senegalschen Th. Jfavosignatus Dej.
sclnverlich verschieden. Graphqnerns recttlineatus , vom Cap, (der
Graph, trivittatiis Gory^ Scan' f es taiiricns, mit laevi^atus vergli-
chen. Mario cordatus , aus Mexico (ob vom weit verbreiteten M. mo-
mJicornis wirklich verschieden?). Cychrus pygmaeus von den Car-
patlien, eine montane Abänderung des C. rostrati/s, Cychrus Schinidtli,
eine sehr hübsche, wahrscheinlich schon in den meisten Sammlungen
verbreitete Art aus Kärnthen. Carahus Bugtiiojm, von den Schwei-
zer Alpen, und zwar vom Gipfel des Faulhorn, unbedenklich eine äl-
l)ine Ausartung des C. FahricU. Nebria Lugdunensis, mit N. Irevi-
coUis verglichen, von Lyon. N. cordicollis^ N.planiuscula, beide vom
Monte Rosa. Faiiagaeus pretiosns vom Cap. Chlaenius gratiosiis
aus dem südlichen Rufsland, (dessen Unterschiede vom Chi. Schran-
kii, dem er sich anschliefsen soll, aus der Beschreibung nicht ersicht-
lich sind. Oodes similis aus Deutschland, sonst unter dem Namen
O. 7iotatus Meg. bekannt^ und wahrscheinlich wirklich eine eigene
Art. Badister dilatatus, aus Deutschland, ein Individuum des B.pel-
tatus mit ums Schildchen eingedrückten Flügeldecken, wie sie bei
den Anchomenen häufig, und auch bei Budister nicht selten vor-
kommen.
Die im siebenten Hefte des Moskauer Bulletins vom Baron ChaUr
doir beschriebenen Caraben sind: Cicindcia Feruviana (nichts anderes
als die weit verbreitete C. trifasciata F. tortuosa Dej.') Cicindela
tenuipicta vom Cap (gewifs nur Abänderung der C. lurida), Cymin-
dis nigrita aus Mexico, Glyphodactyla femoralis, eine neue mit Ony-
pterygia verglichene Gattung vom Cap. Stenocnemus Chevrolati aus
Mexico, (ein Dyscoius), Onypterygia apicalis, Dyscoius cyanipemiis,
nehrloidis , variahilis , hrunnipennis , Ciivina Mexicana, labialis aus
Mexico, Melanotns Chilensis, Calathus viexicanus aus Mexico und C.
obscuricollis von den Piemonteser Alpen; Anchomenus nigerrimus aus
Volhynien (der A. uliginosus des Ref.), A. Brullei, Agonum alcyo-
neum aus Mexico; Agonum Lelunanni aus Liefland (möglicherweise
A. micans Germ, pelidnum Dej.); Eucamptognuthus Chevrolatii aus
Madagascar; Omaseus tenebrosus aus Nordamerika; Feronia funesta,
opaca aus Mexico; Pterostichus Italicus aus Oberitalien; Pt. Pyre-
itaeus ; Zührus curtoides, letzterer muthmafslich aus Südeuropa; Bra-
dytus niger aus Schlesien (eine sehr zweifelhafte Art); Br. aeneomi-
ca/is aus dem östlichen Rufsland; Leirus Esehscholtxii aus Kam-
schatka; wzo?j/aww* aus lllyrien; Antarctia lurida aus Brasilien;
Daptotnorphus Caj^ensis, (die Gattung ist identisch mit Cratognathns
Dej. der ebenfalls am Cap einheimisch ist, sich aber von Harpalus,
womit es durch unmerkliche Uebergänge verbunden wird, nicht we-
sentlich genug unterscheidet). AnisotarsuSj die erweiterten Tarsen
wie bei Anisodaclyba, von diesem aber durch einen spitzen Zahn
im Kinn abweichend: hierher zwei Arten A- brevicoUis und lueviu^
212
sculus aus Mexico; Gynandropns Drasiliensis , ' 0/>/tofii(s anyiulatns,
Harpalus Mexicamis (schon von Dejean gebrauchter Artname);
Wilkensü und pallipes, letztere beide aus Brasilien. — Eine grofse
Anzahl der vom Baron Chaudoir beschriebenen Arten ist nach
den Beschreibungen, die grofsentheils nur vergleichend sind, durch-
aus nicht zu ermitteln : wie sehr auch passende Vergleichungen mit
ähnlichen Arten das Erkennen einer beschriebenen Art erleichtern,
können dieselben zur hinreichenden Bezeichnung derselben, besonders
wenn, wie hier, nur einzelne Arten beschrieben werden, nicht wohl
genügen, denn abgesehen davon, ob die zum Vergleich dienende Art
richtig bestimmt ist, wie kann man, wenn nichts gesagt wird,
als länger, breiter, gewölbter u. s. w. wissen, wie viel da-
von als wesentlich betrachtet wird. Jedenfalls setzt der Verf. sol-
cher Beschreibungen sich dem Verdachte aus, individuelle Abweichun-
gen zu Artunterschieden erhoben zu haben.
Ein neuer Procrustes, Pr. Duponchelii aus Aegypten,
ist von Hrn. Barthelemy in den AnnaL de Soc. Ent. de
Trance. Vol. VI. p. 245 beschrieben. Er ist in den I^liigel-
decken schmäler als die übrigen Arten, und zeichnet sich
aufserdem durch die in zahlreichen Furchen punktirten Flügel-
decken aus.
Ein neuer Apotomus , A. rufithorax, ist eben daselbst
p. 445 durch Hrn. Pecchioli bekannt gemacht worden.
Vom A. rufus unterscheidet es sich durch eine stärkere
Längsfurche auf dem Halsschilde und weniger tief punctirte
bläulich -schwarze Flügeldecken. Ein einzelnes Exemplar
ist in einer Maremne Toskana's gefunden worden.
Die Gattung Pteroloma ist vom Ref. aus der Familie
der Caraben entfernt und ihr ihre Stelle in der Familie der
Silphen, zwischen Agyrtes und Catops angewiesen worden.
(S. dieses Archiv HI. p. 119).
Die Europäischen Hydocantharen werden gegenwärtig
sehr sorgfältig von Hrn. Aube in der Iconographie et hi-
stoire naturelle des Colcopteres dEurope, die Boisduval
unter den Anspielen des Grafen Dejean begonnen hatte, und
die, war sie früher auch als blofser Auszug des gröfseren
Dejeanschen Werkes von untergeordneterem Interesse, jetzt,
wo nach dem Schlüsse der Caraben Dr. Aube die Bearbei-
tung übernommen, aus den Händen dieses, durch eine in
Frankreich fast beispiellose Schärfe und Gründlichkeit der
Beobachtung ausgezeichneten Entomologen, als eine der ver-
213
dienstvo^Ilsten wissenschaftlichen Erscheinungen hervorgeht.
Grofse Vollständigkeit kann dem Werke um so weniger ab-
gehen, als der Verf. die reichen Pariser Sammlungen und na-
mentlich auch die Dejeansche benutzt. Die Eintheilung der
Ilydrocantharen betrefTend, hat Ilr. Aube die in den yGenera
Dyticeorum** vom Ref. aufgestellten Gattungen angenommen,
und einige Neue, die dem Ref. damals noch) nicht bekannt
waren, eingeschaltet, in der Anordnung weicht er indefs darin
ab, dafs er die lialiplen an die Spitze der Familie stellt.
Von Haliplus sind 13 Arten beschrieben, die auch bis auf zwei
in den „Käfern der Mark," des Ref. aufgeführt sind, jene zwei sind:
//. aequatus aus dem nördlichen Italien, dem //. elevatus ähnlich,
aber ohne erhabene Rippe auf den Flügeldecken, und H. badius durch
länglichere Gestalt und gröfseren Kopf von //. ferugineus u. a. unter-
schieden: von Cnemidotus aufser caesus^ eme zweite im südlichen
Europa verbreitete Art, C. rotundatus Dalil.
Die Gruppe der Dytisddes beginnt hier mit Paelohius (richtiger
Velohius, wie Pelophila) Ilermanni^ dann folgt Cyhister mit zwei Ar-
ten, Roeselii und dem auf den Italienischen Inseln häufig vorkommen-
den C. Jfricanus Lap. der sich zwar in der nämlichen Form über
ganz Africa bis zum Vorgebirge der guten Hoffnung verbreitet', aber
vom gewöhnlich kleineren, und oft auch etwas weniger länglichen
südasiatischen C. lateralis (^Dyt. lateralis J^.), nicht wesentlich ver-
schieden zu sein scheint. Dytiscus, 12 Arten, unter denen vielleicht
der Südeuropäische D. Pisanus Lajwrte weniger allgemein bekannt
sein mag, und deren Zahl sich noch etwas verringert, wenn man die
beständig unter zwei Arten aufgeführten Weibchen mit glatten und
gefurchten Flügeldecken vereinigt. Hr. Aube weiset die vom Ref.
aufgestellte Ansicht zweier Formen vom Weibchen bei einzelnen
Arten zurück, weil nicht bei allen, namentlich D. latissimns, punctu-
latus und dimidiatus diese Eigenthümlichkeit bekannt ist; Ref. scheint
es dagegen schon sehr viel zu sein, dafs so ausgezeichnete Arten,
wie D. lapponicus und D. circumßexus (der auch von Aube als be-
sondere Art beschriebene D. perplexus Dej. ist die Form der Weib-
chen mit gefurchten Flügeldecken), darin mit dem D. marginalis und
circumcinctus übereinkommen. Acilius mit drei Arten, von denen aber
die zweite A. hrevis blos durch ihre kürzere Gestalt und abgekürzte
innere Flügeldeckenfurche der Weibchen vom A. sulcatus nicht gut
unterschieden werden kann, da der ümrifs des Körpers bei den Wasser-
käfern nicht selten in gewissem Grade variirt, und häufig sowohl
schmälere als kürzere Individuen, als die gewöhnliche Form ist, sich
finden, und da die innere Furche der Flügeldecken beim Weibchen des
A. sulcatus nicht inimer bis zur Spitze herabreicht, und also auch
leicht einmal bald hinter der Mitte aufhören kann. Eunectes griseus
214
mit dem Hr. Aube, wie es auch schon früher von Brülle (lilst.nat.
d. Ins. V. p. 222. iiot.^ geschehen ist, die in den Si/mO. F/tys. von
Klug beschriebenen Nubischen Arten E, hehohis und succinctus, die
sich nicht nur durch ihre Zeichnungen, sondern auch durch die damit
zusammentreffenden abweichenden Längenverhältnifse des Halsschil-
des vom jK. griseiis beständig unterscheiden, mit zu wenig Rücksicht
auf die Umsicht ihres Gründers als blofse Abarten verbindet, liyda-
ticus, zehn bekannte irrten enthaltend, unter denen zu der beim //,
verructfer ausgesprochenen Ansicht, dafs den Männchen dieser Art
die erweiterten Tarsen deshalb abgingen, weil sie deren zum Festhal-
ten auf der rauhen Oberfläche der Weibchen nicht bedürften, be-
merkt werden mufs, dafs das, was uns aus SchMxnlen als Männchen
vom //. verrucifcr zugeschickt wird, und was Gyilenhal und Aube
als solches beschreiben, nur Weibchen des H. zonatus sind, und dafs
H. verruc/fer wahrscheinlich auch nur eine besondere Form oder
Ausartung des Weibchen des H. %onatus ist, die sich selten unter
den gewöhnlichen findet, und die vielleicht auch noch einmal bei uns
aufgefunden wird, wenigstens nicht ganz auf den Norden beschränkt ist:
Ehrenberg sammelte z. B. ein Exemplar unter anderen des //. %ona-
tus auf dem südlichen Ural, Colymbetes beginnt Hr. Aube mit zwei
Arten, wo das vierte Fufsglied nicht zusammengedrückt ist: C. coria-
ceus und jmstulatus; unter den folgenden hat Hr. A. sich bewogen
gefühlt, die Namen der beiden Paykulschen Arten striatus und fuscus
zu vertauschen, Ref. hat aber in seinem oben angeführten Werke
nachgewiesen, dafs der Dyt. striatus L. und F. der Gyllenhalsche D.
JJogefnaiwi, dafs der Dyt. fuscus L. und F. der allgemein unter die-
sem Namen bekannte, ( C. striatus Aube, mit dem der folgende C.
Dahuricus leicht einerlei sein möchte), und dafs der Paykulsche 1).
striatus, sowohl Linne als Fabricius unbekannt, von Degeer mit dem
C. fuscus unter dem Namen Dyt. transverse- striatus zusammenge-
worfen war, und der von Ref. dort unter dem Namen C. Payhuli auf-
geführt ist. Unter den übrigen Arten wird für den C. conspersus der
Name pulverosus vorzuziehen sein, weil der Dyt. conspersus Marsh.
eine andere, unten noch zu nennende Art ist, und aus ähnlichem
Grunde hat Ref. für den C. agilis den alten Bergsträfserschen Namen
Listriatus aufgenommen, weil der D. agilis F. sich als einerlei mit
dem llligerschen D. ohlongus ausgewiesen hat. Endlich ist der C.
7iotalicollis Aule identisch mit dem C. infuscatus des Ref. — lly-
hius enthält aufser den bekannten Arten ater, Aguttatus, fenestratus,
gültiger j angustior, fuliginosus und dem J. Pi'escotii Maunerh. aus
der Gegend von St. Petersburg, (dem /. fenestratus sehr ähnlich, und,
wie es scheint, weniger von diesem als vom /. suhacjieus des Ref.
verschieden) eine neue, ./. ineridionalis, aus Süd -Europa, dem J. fu-
liginosus verwandt, und in helleren Exemplaren, mo der braune Rand
des Körpers breiter ist, auch von der Färbung desselben, so dafs er
sich nur durch gröfsere, flachere, hinten weniger zugespitzte Form
/ 215
unterschoidet. Jp;nhus mit 38 Arten, unter denen (Nr. 6") J. Retchci\
ebenso wenig als (Nr. 7), A-dsshmlis St. von J. iih'<>üwsm (Nr. 5) we-
sentlich verschieden zu sein scheint, (Nr. 13) A. sinuatus aus Arme-
nien, von der Gestalt des A. inamfatus ^ (Nr. 12) und Zeichnung der
Flügeldecken, wie sie wohl Exemplare desselben mit ziemlich viel
Schwarz haben könnten, aber mit schwarzem Kopfe und Halsschilde
(Nr. 19), A. suhnehulosus (^Cofynihet.siihnehidosus Steph.^, nach Spen-
ce's Mittheilung der wahre Dytiscus conspersus Marsh., indefs wohl
kaum mehr als Abänderung des A. hqnmctutKs (Nr. 18). Dann (Nr. 21)
A. m^ricol/is Zoubk.; (Nr. 22) A. bmotatiis; (Nr. 23) A. Goryi; (Nr.
25) A. dilatatvs Brüll, und (Nr. 27) A. melas aus dem Süden, be-
sonders dem Südosten von Europa, alle mehr oder weniger dem 4-
guttatus (Nr. 24) und A. biguttatm {Ihjt. biguttatns OL Nr. 26) ver-
wandt, von denen Ref. A. Goryi für hellere Abart des A. dilatatus,
und A, melas durch seine schmälere Form kaum für hinreichend ver-
schieden vom A. biguttatns halten möchte; endlich noch als neue
Arten zu erwähnen, (Nr. 28) A. adpressus aus Daurien; (Nr. 29) jh
Haeffneri aus Schweden; (Nr. 31) A. opacus aus Finnland; alle drei
von Mannerheim benannt' und dem Verf. mitgetheilt; (Nr. 36) A. we-
lanarius aus Rufsland, nach Dejeans Sammlung und (Nr, *38) A. So-
lieri \ov\ Grenoble, die zu erkennen dem Ref. nicht geglückt, wenn
A. Solieri, vom A. bipustulatus (Nr. 37) besonders durch kürzere,
schmälere und an den Seiten mehr gerundete Form des Halsschildes
unterschieden, nicht auf eine sonst auf der Höhe der Alpen vor-
kommende, offenbar durch locale Einflüfse verkümmerte Form des-
selben zu beziehen wäre. Copelatus, der Kenntnifs der nur auf exo-
tische Arten gegründeten Gattung wegen durch die Cayennische Art
C, siilcipennis Lap. (zu der als Weibchen C. strigipennis Lap. mit
nadelrissiger Oberfläche, mit Recht gezogen wird) dargestellt, wo-
bei Ref. darin, dafs die Gattung durch die von ihm aufgestellten, und
auch von Aube sehr richtig aufgefafsten Merkmale (namentlich sehr
leicht durch die platte, nicht kielförmig zusammengedrückte Proster-
numspitze), nicht aber durch die gestreiften Flügeldecken zu cha-
rakterisiren sei, dem Verf. um so mehr bestimmen mufs, als eine
Anzahl von Arten, unter die namentlich Colymbetcs Veruvianus und
maculatus Laporte gehören, sowohl in der breiteren Form als auch
in der. ganz glatten Oberseite vollkommen mit Agabns übereinkom-
men. Matus Aube, eine neue Ga'ttung von Colymbetes , mit der sie
im Verhältnifs der Klauen der Hinterfüfse übereinkommt, durch dop-
pelt gefurchtes prosternum, und durch tief ausgerandetes Kopfschild
unterschieden, auf den Nordamerikanischen Colymbetes bicarinatus
Say gegründet. Coptotomus Say, von den vorigen Gattungen durch
ausgerandete Tasterspitze abweichend, ebenfalls nur eine Nordameri-
kanische Art, den Dyt. interrogatus F. enthaltend. Anisomera hi-
striata Brülle aus Chile, eine nach einem defecten weiblichen Exem-
plar nur mangelhaft charakterisirte Gattung, die jedenfalls noch anders
216
benannt werden mufs^ da bekanntlich eine Zweiflüglergattung längst
im Besitz des Namens ist. Noterus die drei bekannten Arten, cras-
sicornis, sparsus (vom Ref. als Dijt. semtpimctatus F. nachgewiesen)
und laevis. Hydrocanthus Say , durchaus exotisch, mit Noterus,
im Habitus vollkommen übereinstimmend, durch einfache Fühler,
stark beilförmiges Endglied der Lippentaster, und nach hinten sehr
erweitertes und abgestutztes Prosternum unterschieden, durch H,
grandis {Noterus grandis Lajmrtc^ vom Senegal erläutert. SujyJiis
mit Hydrocanthus verwandt, aber viel gedrungener und kugliger,
durch zweispitziges Endglied der Maxillartaster ausgezeichnet: S.
cimicoides aus verschiedenen Gegenden Südamerika's, Laccojthllus,
dahin L. mterruptus (£>. minutus F.), minutus {D. hyalinus Degeer'),
testaceus, von Rambur in Andalusien entdeckt, den Ref. aber nicht
vom ersten unterscheiden kann, und variegatus. Ueber die Hydropo-
riden, von denen auch der Anfang vorliegt, soll im nächsten Jahr-
gange im Zusammenhange berichtet werden.
Ueber die Staphylinen im engeren Sinne hat Prof. Nord-
mann in Odessa in den Memoires presentes ä VAcademie
imperiale des Sciences de Saint-Fetershourg par divers sa-
sans t. IF". unter dem Titel Synibolae ad Monographiam
Staphylinorum eine Abhandlung veröffentlicht, die er schon
vor mehreren Jahren bei seinem Aufenthalte in Berlin haupt-
sächlich entworfen, und die sich gröfstentheils auf die hiesige
Sammlung bezieht. Bei der so verspäteten Publication war
es unvermeidlich, dafs vom Verf. als neu aufgestellte Gattun-
gen und Arten inzwischen unter anderen Namen bekannt ge-
macht oder die hier benutzten Namen auf andere Gegenstände
angewendet wurden. Ref. dankt aber seinem Freunde, diese
Arbeit nicht noch länger zurückgehalten zu haben, weil er
selbst im Begriff steht, seine Bearbeitung der ganzen Familie
dem Druck zu übergeben, auf welche Arbeit er sich dann auch
bei der näheren Anzeige der Nordmann' sehen beziehen zu
dürfen glaubt. Letztere umfafst die eigentlichen Staphylinen
mit den zunächst verwandten Gattungen, und zwar die Abthei-
lung, die Latreille unter der Section Fissilahra begriff. N,
theilt diese Abtheilung in sechs Familien, nämlich Staphyli-
niformeSf Platycnemidi/ormes, Tachyporiniforines, Lathro-
hiiformes, Pinophilifonnes und Agraeform.es , welche nicht
näher characterisirt sind, von deren jeder eine analytische
Uebersicht der darin enthaltenen Gattungen gegeben ist. Der
Gattungen sind überhaupt 30, von denen auf die erste Fami-
217
lie allein 19 kommen, zu deren Unterscheidung besonders die
Gestalt der Lippentaster und Vorderfüfse, die Einlenkung und
Form der Fühler, und selbst die Form und Pnnctirung des
Halsschildes benutzt werden. Was letztere betrifft, die auch
in der Stephens 'sehen Eintheilung eine grofse Rolle spielt,
so kann ihr Gebrauch als systematischer Charakter wohl über-
haupt nicht gerechtfertigt werden. Die Einlcnkung der Fühler
ist in der ganzen Abtheilung am Vorderrande des Kopfes, und
nur darin verschieden, dafs sie entweder weiter, oder nur eben
so weit von einander abstehen als von den Augen, ein Unter-
schied der Einlenkung aber, wie Hr. N. ihn nach Mannerheim
annimmt, in der Art, dafs sie entweder zwischen oder vor den
Augen Statt finde, ist so wenig anzunehmen, dafs die den bei-
den Abtheilungen angehörenden Gattungen Gyrohypnus. und
Eulissns sich durchaus nicht unterscheiden lassen. Die Form
der Fühler ferner betreffend, erlauben sich einige Gattungen
in dieser Hinsicht sehr merkliche Abweichungen, die theils in
einer Reihe von Arten allmählig sich entwickeln, theils bei an-
deren schroff dastehen, aber in der Art, dafs man bei dem ge-
hörigen Ueberblick des Ganzen am Ende zu dem Resultate ge-
langt, dafs die Form der Fühler (geknickte und gerade ausge-
nommen) hier nicht Verschiedenheit der Gattung bedingt, son-
dern nur als Eigenthümlichkeit der Art auftritt, daher Ref.
z. B. auch Velleius nicht mehr als eigene Gattung anerken-
nen kann. Eben so ist bei manchen Gattungen der allmäh-
lige Uebergang in der Form des letzten Gliedes der Lippen-
taster aus der cylindrischen zur beilförmigen zu merklich, um
ihr den Werth durchgreifender Wichtigkeit zugestehen zu
können. Die erweiterte oder einfache Form der Vorderfüfse
endlich ist oft so wenig characteristisch für die Gattung, dafs
alle möglichen Verschiedenheiten des Grades der Erweiterung
in manchen natürlichen Gattungen sich vereinigt finden, ja selbst
nächst verwandte Arten sehr bedeutende Verschiedenheiten
in dieser Hinsicht zeigen. Von den 19 Gattungen der Sta-
phylinen hat Ref. die Gattungen TngonopJiorus, Tympano-
pliorus, Triacrus, Creophüus und Brachydirus mit Staphy-
linus (jijythropterus) als Staphylinus, Anodus und Physe-
tops mit anderen Arten von Staphylinus {olciis etc.), die.
durch aus einander gerückte Hüften der Mittelbeine von den
218
vorigen abweichen, als Ocypus, Velleius mit den drei Pun-
cten in den Rückenreihen dos Halsschildes fiilirenden Philon-
'then als QuediuSy Gyrohypnus und Eulissus nnter dem äl-
teren Namen Xanthollniis vereinigt. Oxyporus hat Ref. aus
derselben Rücksicht, wie die Lathrobien und Pinophilen, von
der Gruppe der eigentlichen Staphylinen ausgeschlossen, die,
in Uebereinstimmung mit der allgemeinen Körperform, ein sehr
wesentlicher Character den Paederen mehr annähert. Den
Xantholinen aufs Nächste verwandt ist die letzte Familie des
Verf., die die beiden Gattungen Agrodes und Araeocnemus
enthält, die aber durch die Form der Taster nicht bestimmt
genug verschieden, und die vereinigt mit Sterculia Laporte
identisch sind.
Im Einzelnen mochte noch zu berichten sein, dafs Hr. N. gröfs-
tentheils mir die neueren Gattungen und Arten genauer beschreibt,
die übrigen mit den Haupt-Citaten anführt, und zwar 1. Oxyjiorus,
4 Arten ; 2. Trigonophoriis (s. c), eine neue Art,' T. myrtilUnus, aus
Brasilien; 3. Tympanophorus (s. o), ebenfalls eine neue Art T. ca-
ll aticulatus ^ ebendaher; 4 Änodus (s. o.), Staph. morio Gr. und
2 neue, die aber nur die beiden Geschlechter einer Art sind; 5) Pe-
lecyphorus (dieser Name ist indessen einer Heteromeren- Gattung
zu Thcil geworden), den Oxyporus picipes Payk. enthaltend ; 6) Phy-
setops (s. o.) tataricus Mannerh. \Staph. tataricus Pall?); 7) Astra-
paeiis lllmi Gr.; 8) Velleius dilatatus (s. c); 9) Cordylapsis, eine
Art enthaltend, C. tuherculatus genannt, wo \ielleicht durch Schreib-
fehler Sumatra statt Surinam als Vaterland angegeben ist. Dieser
Käfer ist aber nicht neu, sondern er ist Staph. pllosus F. Ol, auch
von Laporte unter dem Namen Smilax americanus beschrieben,
da aber Smilax als Pflanzenname gar zu famös ist, um in der Ento-
mologie angenommen werden zu können, wird uns wenigstens der
von Nordmann gegebene Gattungsname noch immer zu Statten kom-
men. 10. Triacrus (s. o.), eine durch etwas gesägte Fühler und na-
mentlich durch dreispitziges Endglied derselben ausgezeichnete Form
der Gattung Staphylinus aus Brasilien, die Hr. Pr. N. durch ein
Wunderliches Mifsverständnifs einer aus der Langsdorf 'sehen -Samm-
lung herrührenden, dem Käfer untergesteckten Notiz, die augenschein-
lich nur an den Velleius dilatatus Leach (durch Schreibfehler stand
dilatus auf dem Zettel) erinnern sollte, dilatus Leach nennt; 11.
Creophilus (s. o.) mit 8 Arten, unter denen 3 (brasilische) neu; 12.
Staphyliims , worunter 83 Arten angeführt sind, von denen Ref die
ersten 49 gröfstentheils unter Staphylinus , die folgenden unter Ocy-
jpw* begreift, und aufserdem noch u. a. bemerkt, dafs St. infuscatu^
aus Mexico nicht verschieden ist vom St. versicolor, dafs St. atrox^
nicht aus Mexico , sondern aus Brasilien, der St. Buquetä Lap., und
219
St. velutinus der St. dimidiatus Lap. ist, und dafs das beim St. jiU
cipemiis angegebene Vaterland Ausiralia in Austria zu verbessern ist,
der Name piapennis auch dieser Art nicht erlialten -werden kann, da
der verwandte St. aeneoccpliabis Def^eer der St. p/'c/peiutis F. ist. Die
folgende Gattung Fhilonthus enthält 102 Arten, zweckmäfsig auf
die Gyllenhalsche Art nach den Puncten auf dem Halsschilde ge-
ordnet, über die hier nur die Bemerkungen herausgehoben werden
kiinnen, dafs der als Fh. laininatus beschriebene der St. intermedius
Dej., der PÄ. viridanns Esc/i. des Verf. aber der eigentliche laminatus
ist, dafs PA. coervleipetmis Mannerh. aus Nordamerika wirklich einerlei
mit dem Europäischen Stnph. cyanipennis F. ist, und dafs die Ver-
schiedenheit des Vaterlandes dieser Identität nicht entgegensteht, da
eine sehr bedeutende Anzahl von Staphylinen aller Abtheilungen und
fast aller beträchtlicheren Gattungen, namentlich auch eine nicht ge-
ringe Anzahl PhilontUen, unter denen z. B. PA. aeiiens ebenso häufig in
Nordamerika als in Europa vorzukommen scheint, beiden Erdtheilen ge-
mein ist. 14. Gyrohypnus , worunter 32 Arten aufgeführt, von de-
nen aber 6'. procerulus und die ganze Abtheilung der G. pkilonthi-
formes, nämlich xanthoJoma, nanus, splendidulus, aterrivms, nigritulus
richtiger unter Philoiithus stehen, und von denen man den ersten um
so weniger hier suchen würde, als der nächst verwandte fucicola
Leach unter Fhilonthus beschrieben ist. 15. AcyJophorus, eine sehr
ausgezeichnete neue Gattung mit gebrochenen Fühlern und mehr Ta-
chyporenartiger Gestalt, von der eine einheimische und eine Brasili-
sche Art beschrieben sind, die erstere A. Ahrensü Nordin. aber der
in der Lacordeireschen Fauna von Paris beschriebene Staph. glabri-
collis Dej. ist. 16. Eulissus (s. o.). 17. Belonuchus eine neue, von
N. auf den Staph. haemorrholduVis F. gegründete Gattung, der Ref.
aber eine etwas weitere Ausdehnung gegeben, indem er darunter eine
Anzahl exotischer, namentlich Amerikanischer Staphylinen begreift,
die in der Stellung der Mittelbeine wohl mit dem Staph. rufipennis
Grav. übereinkommen, und von Fhilonthus sich fast ^nur durch
die Bedornung der Schenkel unterscheiden. 18. Brachydirus (s.
o.) eine £///w*artige Form von Staphylinus mit besonders breiten
Vorderfüfsen , hier nur noch eine einzige Art B. xanthocerus aus
Brasilien zählend. 19. Flatyprosopus , aufser dem P. elongatus
ist noch eine zweite, Fl. nubicus Kl., senegalensis Dcj. imter dem
Namen Fl. Beduinus beschrieben. 20. Flatycnenuis lateritius, eine
auffallende Form, die indefs mit Cordylaspis in der nächsten Verwandt-
schaft steht, und die bereits von Laporte unter dem Namen Haemato-
des bicolor bekannt gemacht ist. 21'. Trichopygvs , eine neue, auf
Staph. sulmliformis Gyll. gegründete Gattung, die aber mit Hetero-
tops Steph. zusammenfallen wird, und der Tachinus dissimilis und
Apunctulus Gr. tngehÖren, ersterer mit dem Staph. subuliformis Gyll.
letzterer mit dem Tr. pujnilio Nord/n. identisch. 22. Adelobium bra-
chypteruin vom Cap, seitdem auch durch Laporte als Dolicaou luthro-
IV. Jahrg. 2. Band. ^"^
220
hioides bekannt geworden. 23. Lathrobinm , unter denen das Nord-
amerikanische L. lovgfusculum der Knochschcn Sammlung wirklich
■von dem Portugiesischen der Hoffmannseggschen verschieden ist, das
folgende L. hicolor Gr. zu Cryptobium, die letzten, L. obsoletum,
rufiventre, beide von Berlin, und h. rnfescens aus Nordamerika mehr
zünden Paederen, und ZM^ar zur Gattung Lithocharis gehören, das
letztgenannte sogar vom Paedervs corticinns Grav. nicht verschieden
ist. 24. Cryptobium, aufs er dem Cr.fracHcorne die beiden Nordame-
rikanischen Lathr. palUpes Grav. und Cr. latebricola N. enthaltend,
welche von Dejean mit eben so wenig Recht von Cryptobium abge-
sondert, als mit dem Latreilleschen Namen Stiliais belegt werden.
25. Achenium mit den Arten A. depreasum und anale. 26. Pinophi-
lus latipes und eine neue Brasilische Art P. palmatus. 25 Araeo-
cerus, von der vorigen Gattung durchaus nicht verschieden, A. niger
aus Südbrasilien. 28. Gymmirus, wohl ohne Zweifel identisch mit
Taenodema Laporte, zwei neue Arten aus Para, 29. Agrodes elegans
(eben daher) endlich, von der 30sten Gattung Araeocnemus (Stercu-
lia Lap^ eben so wenig wie die aufser dem A. fulgens {Staph. ful-
gens F.') beschriebenen Arten A. flagelUcornis und pubescens unter
sich und von Sterculia formicaria Laporte zu unterscheiden.
Die vorliegenden Hefte der Histoii'e naturelle et Icono-
graphie des Insectes Coleopteres der Herren De Laporte,
Grafen von Gast ein au und Gory enthalten Fortsetzungen
ihrer Monographie der Bupresten und zwar mit einem Reich-
thum von Arten die Gattungen Belionota, Stigmodera, Po-
lycesta, Chrysodema und den Anfang von Buprestis.
Von Belionota sind sechs Arten aufgeführt, unter denen zwei,
B. Westermanni aus Guinea und B. sumptuosa von Java neu; Sti-
gmodera in mehrere Untergattungen getheilt, nämlich 1. Stigmodera
mit sechs grofsen Neuhoiländischen Arten, z. B. grandis und macu-
laria. 2. Temiiognatha mit 14 Arten aus Neuholland, bis auf einige
der St. variabilis nahe verwandt, zum Theil auch gewifs nichts als
•weniger gewöhnliche Abarten derselben (als St. YarelUi, nigripennis,
sanguinipennis , limbata, Donovani und unifasdata, vielleicht auch
amabilis und Spencei und Reichet, wo die rothe Farbe an den Seiten
des Halsschildes ganz geschwunden wäre). 3. Castiarina, 36 kleinere
bunte Arten aus Neuholland, unter denen, wenn man erst grÖfsere
Reihen von Individuen vor Augen hat, sich gleichfalls viele als blofse
Varietäten nachweisen lassen werden. 4. Curis drei Neuholländische
Arten, 5. Conognatha^ 28 grÖfstentheils Brasilische Arten, von de-
nen indefs *SY. gracilis das Männchen von St. amoena, so wie St.
haemorrhoidalis das der St. equestris , ferner St. covsimilis eine Ab-
änderung von St. excellens, St. patricia eine neue Art, und die St.
trizonata des Vörf die von Klug beschriebene Bup. patricia, ferner
221
\ *
St. fasdata Abänderung; von Bt. miles, St. punctifera und superba
von St. principalis, St. Mac- Leayi yon St.vuhierata sind, St. auricoU
lis endlicirnicht in St. Domingo, sondern ebenfalls in Brasilien ein-
heimisch ist. 6. Calodema, eine prächtige Neuholländische Art. —
Von Polycesta sind sieben Arten aufgeführt, von denen die beiden
ersten allgemein bekannt, und zwar die erste die Westindische Art,
die hier P.porcata heifst, in unserem Museum aber crihrosa genannt
ist, weil B. porcata F. einerlei ist mit der zweiten Cayenneschen,
Bupr. depressa L. Von den übrigen Arten sind zwei von Mexiko,
eine aus Brasilien, eine aus Aegypten und eine aus Madagaskar. —
Die Gattung Cfirysodema enthält 33 Arten gröfstentheils von den Sun-
da- Inseln und Neu -Guinea, unter denen Bupr. elegans, smaragdula
und farinosa F. und B. sulcata Thunh. die vier Hauptformen re-
präsentiren, die sich wohl als Gattungen trennen lassen möchten,
von den Verf. aber nicht einmal als Abtheilungen erkannt sind. Chr.
Sonner ati ist gewifs nichts anderes als Bupr. mutahilis Ol. (eine
Chrysochroa), Chr. Rouxi scheint die Bupr. Dahnanni Esch. zu sein,
und Chr. farinosa der Verf. ist nicht die Fabricische Bupr. farinosa,
die mit seiner Bup. ventricosa einerlei ist, mit der auch die Chr.
ventricosa, seniipurpurea, auro-impressa und Timorensis der Verf. zu-
sammenfallen. Bup. corrusca F. aus Jamaica kann nur ihrer brillan-
ten Farbe wegen von den Verf. in diese Gesellschaft gebracht wor-
den sein. Von Buprestis kommen die drei Untergattungen Eu- ~
chroma, Chalcophora und Psiloptera vor. Euchroma hat aufser der
Bupr. gigantea L. eine zweite Art, E. Goliath aus Mexico; Chal-
cophora hat 10 Arten, unter denen B. liberta nur Abänderung von
B. Virginensis, B. borealis aber die wahre B. liberta Germ., ebenso
B. Lefebvrei Abänderung von B. stigmatica, und B. bisulcata die
B. fusca von Herbst und auch wohl die von Fabricius und Olivier
ist. Von Psiloptera sind die Südamerikanischen und Capensischert
Arten abgehandelt, unter denen B. morbillosa schwerlich die gleich-
namige Fabricische, B. equestris wohl die Oliviersche, aber ebenfalls
nicht die Fabricische: dagegen B. fulgidu die B. equestris F.
und B. Reichei nur eine kleine Abänderung derselben ist. B Hoff-^
manni hat viel Aehnlichkeit mit einem kleinen ExempK '-.von B. at-
tenuata; ferner ist B, aurifera der Verf. schwerlich von der fol-
genden B. torquata Dalm. verschieden, während B. aniethystlpes
der Verf. die eigentliche B, aurifera F. OL ist.
Ein wichtiger Beitrag zur Kenntnifs der Familie der Bu-
presten ist ferner die vom Grafen Manner heim im achten
Hefte des Bulletin de la Societe Imperiale des Tilaturalistes
de Moscou, Ann. 1837, gegebene Aufzählung der Bupre-
sten. Die Gattungseintheilung vonDejean und Solier ist zum
Grunde gelegt, doch läfst der Verf. die Gattungsunterschiede
15*
222
auf. sich beruhen. Nene Arten dagegen sind mit Genauigkeit
beschrieben.
Aufgeführt sind von Sternocera 5 Arten, von Julodls 20, und in ei-
nem Nachtrage noch 2 Arten, darunter neu /. Laporti vom Cap (indefs
wohl kaum von /. Klngii Laporte verschieden), .7. Faldermanni aus
ArAienien, J. Bohemanni aus Syrien, /. Jveiiii aus Candien, /. Kö-
w/^'zV aus Nord africa (Bona), und /. ÄV/re/zV// aus Turkestan. Jcniaeo-
dera, 1*2 Arten, darunter A. scalaris und implnvüita aus Mexico und
die aufserdem im Anhange beschriebene Ä. Versica von Astrabad
neu. Catoxaniha 1 Art. Chry.sochroa 3 Arten. Cyria 2 i\rten. aSV^-
rmpis 3 Arten. Euchrofria 2 Arten, darunter die E. Colmnhica aus
Venezuela identisch mit Bup. Goliath Lap. et Gory aus Mexico.
Stlgmodera 7 Arten, darunter St. obscuripennis aus Neuholland, und
St. Lebasll aus Neu -Granada neu; St. muHcollls unter demselben
Namen von Laporte und Gory beschrieben; St. carlnata identisch
mit B. vulnerata Perty. Polycesta 1 Art. Conognatha 3 Arten, dar-
unter C. sfmgulnipennis einerlei mit der St. Nero der Laporte-
Goryschen Monographie. Chalcophora 4 Arten. Lampetis 3 Arten.
Evides eine Art, Bupr, Dalmanni Esch. Frlstlptera 3 Arten, davon
P. subsimills und irldea aus Brasilien neu. Chrysesthes 3 Arten. Psi-
loptera 10 Arten, darunter P, unrißua die Bup. dlves Germ., P. va-
riabilis als P. instubüls Kl. von Laporte und Gory beschrieben. P.
Würtemberf^ü , die Bup. aurifera F. Ol., P. pilo.so -maculata und P.
seriata, beide, auch die letztere, bei der fragvs^eise Sibirien als Vaterland
angegeben, aus Brasilien und die im Anhange beschriebene P. Cor^wrica
von den Comorischen Inseln, wohl neu. Capnodis 6 Arten. Dlcerca
14 Arten, unter denen D. scabrosa aus Sicilien vielleicht die B. car-
violica F. ist. Poecilonota 4 Arten. Polybothrys 5 Arten. Buprestis
{Ancylochira) 19 Arten, davon B. argentata aus Turkestan, B. sa-
ginata aus Mexico, B. Mannerheimü Dej. von St. Domingo, neu; B.
Dalmatina, nur Abänderung der B. pimctata. Selagis eine neue Art
S. Spencei aus Neuholland. Melanopkila 10 Arten, davon M. longipes
Say aus Nordamerica, M. aequalis Koll. aus Dalmatien, M. chryso-
lonia und i»/. prasina, beide aus dem Innern Brasiliens, neu. Cliry-
sobothrys 21 Arten, darunter C. rugosa, fraterna, hexastigma (aus
Turkestan), bellula, fulgurata (aus Moxico) und Goryi als neu be-
schrieben , C. rugosa indefs die Bup. impressa F. und C. fraterna
Abänderung derselben, C. Goryi die aurolineata von Laporte und
Gory. Colobogaster 2 Arten, darunter C. multistigmosa aus Mexico,
neu. Belionota 2 Arten. Cratomerus 1 Art. Anthaxia 22 Arten,
darunter A, contempta vom Cap , A, praeclara aus Dalmatien und
A. podolica aus Podolien neu. Cyphonotu 1 Art. Sphenoptera 17
Arten, darunter .S'. hypocrita vom Caucasus neu, S. cupraria gewifs
nur Abart der vorhergehenden S. Karelini, welche Pallas' Sammlung
zufolge Bupr. aurichalcea Pall. ist. Ptoüma eine Art. Strigoptera
1 Art. Polychroma 1 Art, 1 -maculata aus Neuholland. Hyper-
V 223
untha, 2 neue Arten aus Brasilien» //. Menetrtesü und H. sufigni-
noaa, letztere aber, obgleich der an der Spitze scharf gesägten Flü-
geldecken keine Erwähnung geschieht, unbedenklich einerlei mit der
B. cnrdinafis Don., Langsdorjil Klu}>-, speculigera Verty. Lasionota
1 neue Art, L,. ifasciata aus Brasilien. Aniorphoaoma 1 Art. Steno-
f^astdtr 3 Arten, davon .SV. nuhila aus Neu Granada und St. murina
aus Brasilien neu. Ägriliis 32 Arten, von denen A. caudatiis B^pr.
imütisidnosa Kl.f A. argutulus Bupr. chrysosticta Klug, A. flavoU-
neatus Bupr. hilineata Weher: A. niendax von Petersburg, A. Sahl-
bergii aus Finnland, A. laetefrons aus Georigen, A. suhuliformis aus
Volhynien, und A. nanulua als neu beschrieben sind. Brachys 4 Ar-
ten, davon B. ßoccosa aus Mexico und B. guttuluta aus Brasilien,
neu. Tracliys 4 Arten. Aphanisticus 1 Art.
Herr Marchese Max. Spinola, stellt in den Annail. d.
l. Soc. Eni. de France VI, p. 101 Untersuchungen über die
Gattung Latipalpis Sol. an, und löfst sie in die Gattungen
Dicerca {Bupr. aenea, etc.\ Latipalpis (B, Pisaria), Lam-
pra {B. conspersa und rutilans), Perotis QB. luguhrisX
Lampetis {B. hioculata), Polyhothrys {B. sumptuosa) und
Apateum {B. Luczoüi) auf. Charactere dieser Gattungen ge-
ben die feinen Unterschiede in der Gestalt der Fiihlerglieder,
des Schildchens, des Halsschildes, der Endigung der Flügel-
decken und der Hinterleibsspitze bei beiden Geschlechtern,
Charactere, denen man nur Zutrauen abgewinnen kann, wenn
man wenige Arten kennt, an denen man aber verzweifeln mufs,
wenn sie auf eine grössere Zahl angewendet werden sollen.
Lampra ist die einzige, deren Trennungsich rechtfertigen läfst.
Neue Arten sind näher beschrieben, nämlich Perotis striata aus
Africa, Verotis Buqaetii aus Chile (nicht Cayenne), welche freilich
manche Eigenthümlichkeiten zeigt, und für welche auch Herr Sp.
eine eigene Gattung Ectinogofiia vorzuschlagen nicht verfelüt, Poly-
bothrys ancora und Q-foveolota beide aus Madagascar.
Eine neue Anthaxia, ähnlich in der Färbung der A. Sa-
licis, aber von mehr cylindrischer Form, in der Gegend von
Florenz auf Chamillen -Blumen gefangen, ist unter den Na-
men A. Passeriniiy in den Annal. de l. Soc. Ent. de France
\ol. VI. p. 441 von Herrn Pecchioli beschrieben worden.
Ueber die ersten Stände einer dem Agrilus viridis ver-
wandten Art berichtet Herr Aube in den Annal. d. l. Soc.
Ent. de France VI. p. 189. Er fand im März die Rinde
junger Birken, die zum Theil schon zu Grunde gegangen vva-
224
ren, ganz ^unterminirt von Käferlarven, die sich im Juni in
den oben bezeichneten Jigrilus verwandelten. "Wir sind in-
zwischen von der Naturgeschichte und der Wirksamkeit dieser
Thiere zwar durch Ratzeburg unterrichtet worden, es ist aber
doch nicht uninteressant, die forstliche Wichtigkeit dieser Thier-
clien auch von anderen Seiten her bestätigt zu sehen. Aus
dem Vorkommen in Birken ist es wahrscheinlich, dafs die
von Hrn. Aube beobachtete Art die sei, der Ratzeburg unter
dem Namen B. Betiäeti gedenkt.
Ueber die Cehrionen hatte man die Bemerkung gemacht,
dafs sie beständig nach einem Gewitter zum Vorschein kamen.
Hr. Graells in Barcelona berichtet näher, dafs es weniger
die Gewitter sind, als die sie begleitenden Regengüsse, die das
Erscheinen der Käfer bedingen, indem im Spätsommer, wo die
Cebrion.en sich entwickeln , durch die vorangegangene Hitze
und Dürre die Erdrinde zu fest ist, um von den unter den-
selben verwandelten Thieren durchdrungen zu werden, die
also erwarten, bis der Boden vom Regen erweicht ist, um in
grofser Masse zum Vorschein zu kommen. Gewöhnlich kom-
men diese Gewitterregen und unmittelbar nach ihnen die Ce-
brionen im August, indefs verzögert sich das Erscheinen der
letzteren öfter bis in den September, und selbst in den Octo-
ber, wenn die Dürre so lange anhält, und es können die
Thiere in einem Jahre wohl ganz ausbleiben, wo die Gewitter
ohne hinreichenden Regen vorüberziehen. In so grofser Menge
die Cebrionen auch nach einem Regengusse erscheinen, sind
sie doch in sehr kurzer Zeit ganz wieder verschwunden. Die
Weibchen halten sich auf dem Boden versteckt und sindüberhaupt
seltener als die Männchen, man kann sie aber leicht auffinden,
wenn man die sie aufsuchenden Männchen beachtet. Häufig
sitzen die Weibchen so versteckt in ihren Löchern, dafs nur
das Hinterleibsende hervorsieht, und die Copula erfolgt, ohne
dafs die beiden Individuen einander ansichtig werden.
Die deutschen Arten der P'amilien der Tillen und Ptinen hat
Hr. J. Sturm im elften und zwölften Bändchen seiner treff-
lichen Fauna Deutschlands mit grofser Genauigkeit und Sorg-
falt abgehandelt, und Gattungen sowohl als bisher unabgebildete
Arten, wie in den früheren Bänden, mit wohlbekannter Meister-
hand abgebildet.
225
Von Tilins sind 5 Alten aufgeführt, von denen T. amhulans
wohl unbedenklich als Männclien des T. eUmi^atus angenommen wer-
den kann, T. hyalinus eine neue, aber ungewifs (-) wirklich deutsche
Art, T. albofasciatus Cliarp. endlich allem Anschein nach ein Cylidjus.
Notoxus, 3 Arten, darunter eine dem N. niollis ähnliche neue N. do-
mesU'ciis St. Trickodcs, 3 Arten. Cfenis, 4 Arten. Corynetes, 5 Arten,
darunter zwei neue, C. rujicornis und chalybeus, indefs ist der
hier beschriebene C. violaceiis einerlei mit chalybeus ^ nicht aber
der ächte C. violaceiis, wie ihn Gyllenhall beschreibt. EnojjUum,
Lymexylon, Hylecoetus, je eine Art. VtiUnus, 2 Arten. Xyletinus, 5
Arten, darunter eine A. nmrinus noch unbeschrieben. Ochina, 2 Ar-
ten. Anobitun, 22 Arten, AsLXxxwieT fidviconie, Vini, lo?igtcor?ie und
nigrinum neu, dagegen A. paniceum und miimtum, und ebenso A.
cinnamomeum und brunr.eum identisch, üorcatoma mit 6 Arten,
unter denen D. ajjivis ganz neu, D. chrysomelina und ßavicornis
{Bruchus ßavicojnis F.) früher meist mit D. Dresdens/s verwechselt.
Hedobia mit 3 Arten, indem die Gattung an Pt. imyerialis und re-
galis einen Zuwachs erhalten. (Jibbrnm, 1 neue Art. Me%iu?u (nicht
wesentlich von Gibblum unterschieden) mit einer Art, die mit Curtis
irrig für Pt. sulcatus F. gehalten wird, und für die man besser den Nia-
men offne Ullrich annimmt. Ptinus endlich mit 16, darunter 9 neuen
Arten, von denen indefs Pt. coarticollis einerlei mit dem Pt. germa-
ims llligers, und Pt. subpilosus Abänderung von Pt. pallipes ist.
Unter dem Titel The Colcopter ist's Manuel containing
ihe Lamellicorn heetles of Liniieus and Fabricius hat Hr.
Hope einige Mittheilungen über die Familie der Lamellicor-
nen gemacht, die sich zunächst auf eine Revision der von
Linne und Fabricius aufgeführten Arten beziehen, mit An-
gabe der jetzigen Gattungen, denen sie angehören, wobei man
über Arten der Bankschen und anderer englischen Sammlun-
gen nicht so viel Aufschlufs erhält, als es bei manchen zwei-
felhaften zu wünschen gewesen. Die gegebene Zusammen-
stellung ist indefs nicht nur sehr übersichtlich, sondern auch
noch durch manche interessante Bemerkungen näher erläutert.
In einer zweiten Abtheilung des Werkes giebt Herr H. die
Charactere einer Anzahl neuer Gattungen der Gruppen der
Dynastiden, Melolonthiden und Sericiden, und zwar ganz in
der Weise seines berühmten Landsmannes Mac Leay, indem
er einzelne ausgezeichnete Formen als Genera hervorhebt,
und den Systematikern zur Disposition stellt. Die Gruppe
der Dynastiden ist bisher wenig genauer untersucht, bietet aber
sehr merkliche Verschiedenheiten in Bau des Mundes dar.
226
die bei der Anordnung im hiesigen Museum durch Hrn. Geh.
Rath Klug in der ganzen Abtheilung aufs genaueste verfolgt,
und die auch vom Verf. unter den Characteren der neu auf-
gestellten Gattungen beständig benutzt sind. Diese sind hier
1) Megaceras {Geotrup. Chorinaeus). 2) Enema (^Geotr,
Enema F., von Kirby Enema infundihuliim genannt, ferner
6r. Pan und quadrispinosus F.y 3) Cheiroplatys (^Geotr.
truncatus F.). 4) Chalcosoma (Geotr. ^tfas und Cauca-
sus F., Dyn. Hesperus Er. und Sc. Chiron OL). 5) Stra-
tegus (G. uiloeus mit einer grölseren Anzald verwandter Ar-
ten). ()) Coelosis (G. hilohus F.). 7) Xyloryctes (0. Sa-
iyriis F. ). 8) Syrichihus ( G. Syrichtus und Aries F.).
9) Temnorhynchus {G. retusus F.). 10) Bothynus (G,
Cuniculus F.) und 11) Isodon (wohin eine neue Art J. Au-
stralasiae aus Neuhoiiand). Aus der Gruppe der Melolon-
thiden sind die Gattungen: 1) Lepldiofa (ilf. Stigma, rorida
und tomentosa F.). 2) Holotrichia (M. serrata F. — Der
von Kirby vorgeschlagene Gattungsname kann nicht wohl be-
nutzt werden, weil seitdem von Burmeister eine Reduviengat-
tung Ilolotrichius benannt wurde). 3) Lachnosterna (M.
fervida F.). 4) Aplidia {M. transversa F.). 5) Cephalo-
trichia {M. alopex F.). ()) Macrophylla {M. longicornis
Hbt). 7) Stethaspis {M. suturalis F.). 8) Microdonta
(M. Pini F. Auch dieser Name wäre des lange vorhandenen
Microdon wegen zu vermeiden gewesen). 9) Rhomhonyx (^M.
holoscericea F.) und endlich aus der Gruppe der Sericiden
die Gattungen: 1) Calonota {M.festiva F.). 2) Liparetra
M. Sylvicola F.) und 3) Macrosoma {M. glacialis F.) nä-
her beschrieben. Die Gattungen unter den Melolonthiden sind
schwerer festzustellen, als es den Anschein hat, und es nützt
wenig, wenn man, wie die Engländer es machen, einzelne
Arten als Typen von Gattungen heraushebt. Hier finden sich
freilich Gattungsunterschiede, die evident genug sind, aber un-
tersucht man eine Menge von Arten auf diese Charactere, so
sind dieselben leider sehr wenig beständig, und es wird oft
unmöglich, zwischen zwei und mehreren solchen Gattungen
natürliche Grenzen zu finden, da Merkmale als ein langer
spiefsförmiger Fortsatz zwischen den Mittelbeinen, verschie-
dene Zahl von Blättern und gar von Gliedern an den Fühlern
227
u. dergl., hier nicht immer mehr bedeuten als Artunter-
schiede, und selbst die Diflferenzen in den Mundtheilen, die
hi^uptsächlich auf der verschiedenen Insertion der Lippentaster
beruhen, mit den sonstigen augenscheinlichen Verwandtschaf-
ten der Arten in keiner Beziehung zu stehen scheinen. Auch
der Bildung der Klauen darf man keine zu grofse Wichtigkeit
beilegen, wenn man Gattungen ermitteln will, die in der Na-
tur begründet sind. Die oben aufgeführte Gattung Rhoiribo-
nyx, sondert nicht nur die M. holosericea, sondern auch die
M. aiiraia F. und selbst M. Junil Duft, von den öfter zum
Verwechseln ähnlichen Arten ächter Anomala ab, und sind
die Klauen abgebrochen, weifs man auch nicht am geringsten
Merkmal, ist die Art eine Anomala oder Rhombonyx. Da
dürfte freilich der Unterschied zwischen Euchlora und Ano-
mala wichtig genug erscheinen, wenn neben der sonstigen
vollkommensten Uebereinstimmung eine Anomala, wenn sie
nur eine gewifse hellgrüne Farbe hat, keine Anomala mehr,
sondern eine Euchloi^a ist. Die Charactere, die in einer Fa-
milie Alles bedeuten, haben oft in einer anderen gar keinen
Werth, und nicht wohl ist recht zu bestimmen, ehe man eine
Abtheilung im vollen Zusammenhange untersucht hat,
welche Merkmale in derselben von entscheidender Wichtigkeit
sind. Es ist also zu hoffen, dafs weitere Forschungen am
Ende auch die wesentlichen systematischen Unterschiede zwi-
schen den verschiedenen Formen der Melolonthen aufdecken
werden.
Zuletzt beleuchtet Hr. Hope noch die kleine Gruppe der
Goliathe und neben der Beschreibung einer neuen Art dieser
riesenhaften Form, Gol. Princeps Hope, mit dessen schöner
Abbildung das Werkchen geziert ist, des zweiten bekannt ge-
wordenen Weibchen, beschränkt er die Gattung Goliathus auf
die gigantischen Guineischen Arten, und stellt für G, Poly-
phemus die Gattung MecynojJiina, für G. micans: Dicrano-
rliina und für G, Heros Latr. u. s. w. : Rhomhorhlna auf.
Es ist sehr augenscheinlich, besonders in dieser Parthie die
Anordnung der Arten bei Gory und Percheron wenig ge-
rathen, es bedarf aber die Benutzung der sich darbietenden
Unterschiede der Cetonien wohl einer besonderen Vorsicht,
228 ^ .
wenn, bei einseitigem Verfahren z. B. Cetoiila aurata und
fastuosa als Gattungen getrennt werden niiifsten.
In der Transact. of the Eniomol. Soc. of Lond. IL p.
42 hat Hr. Hope aus der eigenthiimlichen Form des Geotrii-
pes claviger F. die Gattung Golofa gebildet und 7 Arten
derselben aufgeführt.
Am ausgezeichnetsten ist die aus dem United Service Museum unter
dem Namen G. Porfe/7 beschriebene und abgebildete, sowohl wegen ih-
rer Gröfse als wegen ihres langen aufrechten Kopf- und Halsschildhornes.
Sie ist auch von L e b a s bei Bogota aufgefunden und es geschieht ihrer
in den Annal. de l Soc. Eut. de France VI. p. XL VIII. unter dem
Namen Scarabaeus Dejeani Buq. Erwähnung: wenn auch bis jetzt
noch unbenannt, läfst sich diese merkMÜrdige Art doch nicht als neu
betrachten, denn Petiver hat sie bereits abgebildet {Oj). Hist. nat.
sp. L pl 139 f. 4). Sollte es nicht passender sein , sie Petiveri zu
nennen?
Wenn man bedenkt, wie verschieden entwickelt die Männchen
der Geotrupen sind^ könnte man vielleicht auf den Gedanken kom-
men, diesen Käfer für ein besonders stark ausgebildetes Männchen
des G. Aegeon F., der in denselben Gegenden einheimisch ist, zu
halten, w^ogegen jedoch Vieles, namentlich auch die Richtung des
Kopfhorns, welches hier fast gerade, dort je länger, desto mehr ge-
krümmt ist, und die Behaarung der Unterseite, hier sparsamer ab-
stehend und fuchsig, dort dichte anliegend und greis, spricht.
"Was die zweite Art, G. Incas, mit kurzem aufrechtem spitzem
Hörn desHalsschildes betrifft, so ist sehr zweifelhaft ob darunter die viel
aus Mexico kommende Art, die meist für G. hastatus F. gilt, verstanden
wird, zumal bei dieser die Färbung des Weibchen ganz schwarz zu
sein pflegt. Dann folgen G. Aegeon, claviger und hastatus, letzterer
gewifs eine Abart des vorigen mit minder ausgebildetem Hörn des
Halsschildes, dann G. Fizarro Hope aus Mexico, dem Claviger ver-
wandt, aber kleiner, mit senkrecht aufsteigendem Hörn des Halsschil-
des, und endlich G. Guildinii aus St. Vincent, vom vorigen durch
sparsamere Behaarung der ünterseife verschieden. — Der Name 6*0-
lafa ist spanisch, und soll nach der Hrn. Hope gewordenen Angabe
zur Bezeichnung der ersten Art in Venezuela gebräuchlich sein. Nach
Hrn. Moritz Bemerkung aber wird daselbst nichts Anderes so ge-
nannt als Stechfliegen. Es wäre daher wohl sehr gut, wenn man
diese vox harbara wieder aufgäbe.
Durch Hrn. Baron Feisthamel ist in den Annal. d. L
Soc. Ent. de France VI. p. 257 das Weibchen des Pachy-
pus excavatus bekannt gemacht, und mit seinem Männchen
t. S.f. 14. 15 abgebildet. Es ist sehr merkwürdig durch den
vollkommenen Mangel von Flügeln und Flügeldecken und
229
steht hierin dem des Drüus zur Seite, ohne dessen Larvenähn-
lichkeit zu theilen. Ausserdem unterscheidet es sich von
dem Männchen, aufser in der Gestalt der Fühler und Beine,
durch ein mehr halbkreisförmiges und nicht ausgehöhltes Ilals-
schild. Es ist hier von dem Corsischen Pachypiis, der Art,
dieOlivier abgebildet hat, die Rede. Der Fabriciusclie Geo-
trupes dxcavatus scheint mehr mit der Sardinischen überein-
zustimmen, und ist- also von jenem verschieden. Eine dritte
gröfsere ganz schwarze Art ist in Sicilien zu Hause, und von
dieser soll auch schon das dem des Corsischen ganz entspre-
chende Weibchen gefunden worden sein.
In einem Bericht über die Melasomen, der sich auf die
Leistungen der Hrn. So Her und Guerin bezieht, beschreibt
Hr. Fischer von Wald beim folgende neue Arten:
Sternodes KareUni eine neue, aus ^&m Tenehrio caspicus des
Pallas gebildete Gattung, die mit Pimelia zwar nahe verwandt, aber
durch das breite nach hinten vorspringende Prosternum ausgezeichnet
ist. Der Käfer hat auf jeder Flügeldecke zwei breite, aus einem
weifsen Anhauch entstandene Längsbinden die dem Pallaschen Exem-
plaren verloren* gegangen waren. Da aber trotzdem Herr F. die
Identität des von Herrn Karelin wieder aufgefundenen Käfers mit
dem Pallaschen entdeckte, ist um so mehr zu verwundern, dafs
der Pallasche Artname nicht respectirt blieb. — Ferner Pimelia
intermedia aus Turkestan, und Ahis Otoes, Acisba Wiedemamu,
Brachyscelis nmricatiis , Pimelia interstincta, coordinata, jtlinthota
und inaequalis vom Dr. Wiedemann in Natolien gesammelt.
Eine sehr ausgezeichnete Gattung, die sich zwar den Pi-
melien zunächst anreiht, und namentlich durch die zweizeilig
behaarten Tarsen einigen Formen derselben sich mehr annä-
hert als den Erodien, denen sie sich anschliessen sollte, sonst
aber durch die geringere Ausdehnung des Mentum von den
Pimelien uiid durch den Mangel des hornigen Hakens an der
inneren Maxillarlade, von den Melasomen Latreilles überhaupt
sich entfernt, während völlige Flügellosigkeit und die Form
der Fühler für die zuerst angedeutete Stelle sprechen, — ist
von Hrn. Guerin in seinem Magaz. d. Zool. Cl. IX. p.
172 unter dem Namen Calognathus Chevrolatü abgebildet
und beschrieben. Aufserdem sind die lang vorragenden Man-
dibeln in dieser Abtheilung etwas ganz Ungewöhnliches, mit
denen zugleich niit seiner kurzen flacl\en Gestalt der Käfer eine
230
auffallende Aehnlichkeit mit einer Ameisenlöwen -Larve hat.
Die Art, bräunlich erzfarben, die Seiten des Halsschildes
und die Nath- und eine Längsbinde auf den Flügeldecken
von dichtem feinem Filz weifs, ist von der Weihnachtsbai in
Südafrica, und befindet sich in Hrn. Chevrolats Sammlung.
Ref. war so glücklich in Hamburg von dem. Entdecker der
Art, Hrn. Drege, ein Päarchen für das hiesige Museum zu er-
werben, und kann hinzufügen, dafs das Weibcheji sich durch
einen kleineren Kopf und kurze, ganz eingeschlagene Mandi-
beln unterscheidet. In Dejeans neuestem Katalog ist dieser
Käfer unter dem Namen Ancylognatlius Dregei aufgeführt
und vielleicht nicht ganz unpassend hinter die Sepidien
gestellt.
Aus der Abtheilung der Collapteriden behandelt Hr. Solier
im sechsten Jahrgange der Annalen der entomologischen Ge-
sellschaft zu Paris S. 151 die Familie der Adelostomiten, die
nur die Gattungen Eurychora, Pogonohasis und Adelostoma
enthält. Eurychora und Adelostoma sind bekannt und hin-
reichend begründet; Pogonohasis wird von Eurychora durch
ungerandete Flügeldecken, den Mangel eines Höckers an der
Basis des Schildchens, weniger abgesetztes Halsschild, endlich
durch das Verhältnifs der Länge des dritten Fühlergliedes,
welches bei Eurychora länger, bei Pogonohasis kürzer als
die beiden folgenden ist unterschieden. Im Uebrigen bieten
der Bau des Körpers, wie die Mundtheile keine wesentlichen
Verschiedenheiten dar.
Von Eurychora sind Arten mit abgerundeten Schultern:
E. ciliata F., maior SoL, cinerea SoL und mit vorspringen-
den Schultern: E. ci^enata SoL, alle vom Cap. Unter Po-
gonohasis stehen opatroides und ornata, die erste vom Se-
negal, die zweite aus Aegypten; die letztere von Klug Eu-
rychora onusta benannt, und unter diesen Namen verschickt,
scheint mit ihrem Namen in Frankreich mifsverstanden zu
sein, denn in Dejeans Catalog wird sie als E. musta KL
aufgeführt, und in Duponts Sammlung fand Solier sie als
E. ornata KL aufbewahrt. — Von Adelostoma sind Arten
mit gerippten Flügeldecken: A. sulcatum Duponchel aus Spa-
nien, A. carinatum SoL aus Aegypten (Dejean vereinigt
beide unter dem Namen A. carinatum) und A. cordatum
231
unbekannten Vaterlandes, — mit stark gerunzelten ungeripp-
ten Flügeldecken: A. rus^osmn Gory vom Senegal, und
A. parvujn, dessen V^aterland dem Verf. wieder unbekannt
geblieben. '
Eine neue, EurycJiora nahe verwandte Gattung, Sfeira
wurde von Hrn. West wo od in Guerins Magaz. d Zool,
Gl. IX. t. 176. aufgestellt. Die breite rundliche flache Körper-
form ist die von Eiirychora, nur ist das Kopfschild vorn
nicht ausgeschnitten, und der stark buchtige Ilinterrand des
Ilalsschildes schliefst sich in seiner ganzen Breite genau an
die Basis der Flügeldecken. Die Zunge ist an der Spitze
gerade abgeschnitten, das dritte Fühlerglied zeichnet sich vor
den übrigen kaum durch seine Gröfse aus. Die einzige Art,
Steira costafa, ist mattschwarz, tief punctirt, Kopf mit einer,
Halsschild mit zwei erhöhten Längslinien, Flügeldecken flach,
mit erhöhter Nath und einer Rippe nahe dem Aufsenrande,
drei bis beinahe vier Linien lang, aus dem südlichen Africa
(aber nicht von dem Continente, sondern der Insel Mauritius
oder Isle de France).
Die früheren Zustände des Helops lanipes JP. sind
von Hrn. Blanchard in Guerins Mag. d. Zool. Gl. IX.
pl. 11 0 dargestellt worden.
Das grofse Schönherr'sche Werk über die Rüssel-
käfer QGeneret et species Gurculionidum) ist mit dem vier-
ten Bande vollendet worden. Es enthält im Ganzen in 404
Gattungen 4089 Arten. Dafs Herr Seh. jetzt schon ein Sup-
plement mit 1500 neuen Arten anzukündigen im Stande ist,
wird Niemanden wundern, der von der unermefslichen Monge
von Insecten auf unserer Erde eine Idee gewonnen hat. Es
ist diese Arbeit ein seltenes Beispiel, wie viel durch das Zu-
sammenwirken Mehrerer zu einem gemeinschaftlichen Zwecke
geleistet werden kann, und so, wie das Ganze vom Hrn. Seh.
selbst geleitet ist, läfst sich doch so wenig eine Ungleichmäfsig-
keit in der Bearbeitung bemerken, dafs nur die verschiedenen
Zifi'ern unter den einzelnen Beschreibungen die verschiedenen
Verfasser erkennen lassen. Es hat freilich auch die Anferti-
gung der einzelnen Artbeschreibungen nach einer vorgeschrie-
benen Norm den Uebelstand mit sich geführt, dafs bei aller
Ausführlichkeit und Umständlichkeit der Beschreibung häufig
232
gerade das Characteristische nicht berührt und noch weniger
hervorgehoben ist. Dies mag aber auch in der mangelnden
Möglichkeit, die zu beschreibenden Arten mit ihren verwand-
ten jederzeit vergleichen zu können, gelegen haben, wenigstens
kann Ref. aus diesem Umstände, und aus dem, dafs nicht im-
mer hinreichende Reihen von Individuen zur Vergleichung
vorgelegen haben, leicht erklärlich finden, dafs einzelne Arten
und verschiedene Abarten derselben unter verschiedenen Na-
men öfter beschrieben sind, und er ist eben so entfernt dieses
als eine Blöfse des Werkes aufdecken zu wollen , als ohnehin
jeder Einsichtige aus dem Werke schon erkannt haben mufs,
wie Grofses durch dasselbe von Schwedens tüchtigen Ento-
mologen geleistet worden ist. Im Systematischen wird selbst
der, dem die Natürlichkeit mancher Gattungen und höheren
Abtheilungen nicht überall einleuchten will, der Schärfe der
Beobachtung und dem Umfange der Untersuchungen des gro-
fsen Meisters seine volle Anerkennung nicht versagen können.
In Hamburg wurde eine Art der Gattung Calandra le-
bend und in allen Zuständen in einem Stamme von Eiice-
phalarctus Altensteinii gefunden, und von Hrn. Sommer
an Hrn. Burmeister mitgetheilt, der in derselben eine neue
Art erkannte, und deren Beschreibung, besonders mit genauer
anatomischer Schilderung der Larve, zu einer Gelegenheits-
schrift benutzte, die unter dem Titel : „Zur Naturgeschichte
der Gattung Calandra, nebst Beschreibung einer
neuen Art, Calandra Sommeri" in den Buchhandel
gegeben ist. Bemerkenswerth ist die Uebereinstimmung der
Larve mit denen der Melolonthen in dem Aneinanderrücken
sämmtlicher Ganglien. Hr. B. giebt auch eine Uebersicht über
die geographische Verbreitung der Gattung, bei welchen Un-
tersuchungen er den Dejeanschen Catalog und die hiesige
Sammlung zum Grunde legt. Es ist zwar unwesentlich, aber
im Interesse der hiesigen königlichen Sammlung glaubt Re-
ferent es doch nicht unterlassen zu dürfen , zu bemerken,
dafs dieselbe der Dejean'schen Sammlung auch in der Gat-
tung Calandra an Arten -Reichthum nicht nachsteht, dafs aber
die aus den hier gemachten Angaben hervorgehende Differenz
zum Nachtheil der hiesigen Sammlung darin ihren Grund hat,
dafs einige Abtheilungen der Gattung, zur Zeit noch nicht
233
mit eingeordnet, von Hrn. B. ganz unberücksichtigt geblie-
ben sind.
Im vorigen Jahresbericht war von dem grofsen Schaden
die Rede, den der Scolytus pygmaeus im Walde von Vin-
cennes angerichtet haben sollte. Im sechsten Jahrgange der
y4nnal. de la Soc. Ent, de France p. 393 bringt Hr. Baron
Feiithamel denselben Gegenstand noch einmal znr Sprache,
und zeigt, dafs das Absterben der Bäume nicht von jenem In-
sect, sondern wahrscheinlich von der ungewöhnlichen Trocken-
heit des Stromes 1835 verursacht sei, indem nur auf trocken
gelegenen Strichen des Waldes die Bäume erkrankten, während
sie in den tiefer und feuchter gelegenen gesund bleiben; dafs
man, wenn der Baum zu kränkeln anfing, noch keine Spur
des Käfers bemerkte; dafs 20,000 der abgestorbenen Bäume
überhaupt gar nicht von ihm angegangen wurden, und endlich
dafs junge kräftige Bäume, in deren Nähe das abgestandene
Holz aufgeschichtet war, aus dem sich der Käfer in unge-
heurer Anzahl entwickelte, unberührt blieben.
Die Gattung iHo/iofomrt ist von Hrn. Aube in einer sehr
genauen Monographie, die in den ^nn. d. L Soc Ent. Fr,
VI. p. 449 enthalten ist, behandelt worden. Es werden 9 Ar-
ten beschrieben, davon M. brevicollis, ^mericana, spinicol-
lis, quadrifoveolata und wahrscheinlich auch M, quadricol-
lis neu. M. americana ist die eihzige aufsereuropäische Art.
Hr. Prof. Jle ich beschreibt in den Tr ansäet, of the Ent.
Soc. of Lond. IL p. 9 t. 2 f. i-^3 eine sehr ausgezeichnete
Gattung Torneates , die unverkennbar zur Gruppe der Prio-
nen gehört, obgleich sie mehr, nur in gigantischen Verhältnis-
sen, die Form eines Lyctus hat. Der Körper ist schmal,
gleich breit, cylmdrisch, das Halsschild nicht kürzer als breit,
völlig unbewehrt. Hr. R. ist daher geneigt, diesen Käfer -an
die Spitze der Prionen zu stellen und dadurch den üeber-
gang zu Parandra zu vermitteln. Er erhielt die einzige Art,
T. pallidipennis , 3 Zoll lang und 7 — 9 Linien breit, pech-
schwarz mit gelben Flügeldecken, aus der Provinz Entre-Rios
des a,rgentinischen Freistaats.
Ein neuer Purpuricenus ist unter dem Namen P. Lo-
reyi von Hrn. Duponchel in den Ann. de la Soc. Ent. de
France VI. p. 309 beschrieben und 1. 12 /. 4 abgebildet wor-
234
den. Er ist etwas gestreckter als P. Koehleri, schwarz, die
Flügeldecken roth, Nath und Spitze breit, schwarz. Er ist zu
Marseille auf einem Holzplatze gefangen und vielleicht mit
Holz aus dem Orient eingebracht.
Die Verwandlungsgeschichte der Cassida ohsoleta ist
von Gardiner in Loud. Magaz. of Nat. Ilist. I. new ser.
p. 276 beschrieben. Sie hat vor den anderen einlieimischcn
Cassiden nichts Ausgezeichnetes. Die Larve lebt auf Ceii-
taurea nigra und besonders häufig auf Cnicus arvensis.
Ein neuer Luperüs, von Isle de France, mit einem horn-
artigen Fortsatz zwischen den Fühlern, daher L. nasutus ge-
nannt, ist von Hrn. Westwood in Guerin's Magaz. d.
Zool. Cl. IX. pl. 177 beschrieben.
Haltica nemorum ist von Hrn. Le Keux in allen ihren
Ständen beobachtet und in den Transact. of the Entomol.
Soc. of Lond. IL p. 24 dargestellt worden. Sie ist den Tur-
nips-Feldern sehr nachtheilig.
Orthoptera,
Einige ausgezeichnete Formen dieser Ordnung sind von
Herrn Gray in London Mag. of Nat. Ilist I. new. ser,
p. 141 beschrieben. Die erste ist die schon aus dem Animal
Kingdom bekannte, langgestreckte, ungeflügelte, der Maul-
wurfsgrylle verwandte Gattung Cylindrodes, deren einzige
Art auf Melville- Island bei Neuholland einheimisch ist. Ein
.zweites Genus, welches Hr. G. hier aufstellt, ist y^nostosfoma,
eine ungeflügelte Locuste mit sehr vorragenden Mandibeln,
wovon eine Art, ^. aüstralasiae, aus Neuholland, beschrie-
ben wird, und wohin Hr. G. auch noch die Locusta mon-
strosa Herhst unter dem Namen ^. Herhstü rechnet. Ver-
wandt ist auch noch die von Stoll unter den Cicaden abge-
bildete Locuste, für die der Name Ilenicus Stollü in Vor-
schlag kommt.
Ein mexicanischer Ohrwurm mit sehr langen, parallelen,
erst an der äufsersten Spitze einwärts gekrümmten, zwischen
der Mitte und der Basis mit einem schwachen Zahne besetz-
ten Zangen ist von Hrn. West wo od unter dem Namen For-
ficula parallela in Guerin's Magaz. d. Zool. Ol. IX. pl.
178 abgebildet worden.
235
Kine sehr hübsche Monographie der Blattengattung Pho-
rapsis hat Ilr. Blanchard in den Ann. d. l. Soc. Eni. d.
France Vol. VI. p. 270 gegeben.
Die erste Abtheilung mit geradem Hinteyande des Halsschildes
enthält nur eine Art, Ph. palleiis Serv. aus Ostindien; die der zwei-
ten mit gerundetem Hinterrande des Halsschildes sind alle america-
nisch, und zwar Fh. atomar ia von Guadeloupe, Pä. pantherina von
St. Domingo, die übrigen aus Brasilien, von denen Fh. luteola, flavi-
pes, Jastuosa und nigra neu, Fh. conspersa von Brülle, leucogramma
von Perty, picta von Fabricius und Drury, und cassidea von
Dal man schon vorher beschrieben waren, die letzte, obschon
eben nicht selten, Herrn Bl. nur aus der Beschreibung bekannt ge-
worden.
Eine sehr merkwürdige Form der Mantiden ist von Hrn.
Serville in den Annal. d. l. Soc. Ent. de France Voh
VI. p. 25 pl. 2 bekannt gemacht worden. Die Augen sind
seitwärts in eine scharfe Spitze ausgezogen. Die vier hinteren
Schenkel sind nach beiden Seiten blattartig und lappig erweitert;
die Spitze bleibt jedoch davon frei, dagegen ist die Einlenkung
der Schiene mit vier langen spitzen Stacheln umstellt. Die
blattartig breitgedrückten Anhänge am After deuten auf eine
Annäherung an Thespis. Auch ist die Form ziemlich lang-
streckig, und die Flügel lassen das hintere Ende des Leibes
ziemlich weit unbedeckt. Die nach dem sanftgebogenen Halse
Toxodera genannte Gattung enthält eine Art T. denticulata
von ziemlich bedeutender Gröfse, auf Java einheimisch.
Eine üebersicht der Gra y 'sehen Eintheilung derPhasmen
hat Hr. Fischer von Waldheim in dem Bull, de la Soc.
Imp. d. Nat. de Möscou A. 1837 no. VI. gegeben.
Zwei schöne neue Arten der Acrydien-Gattung Xiphicera,
X. Caternaitltii Feisthamel aus Cayenne und X Pierretii
Blanchard aus Brasilien, finden sich in Guerin's Mag. d.
Zool. Cl. IX. pl. 184 u. 185 abgebildet.
lieber die Libellen *) der Umgegend von Aix hat Herr
Boy er de Fonscolombe eine sehr genaue Monographie
begonnen QAnnal. de la Soc. Ent. de France Vol. VL
p. 129).
*) Die Ansicht, nach welcher Ref. die Libellen zu den Orthopte-
ren rechnet, findet der Leser in dem kürzlich erschienenen ersten
Hefte von Germar's „Zeitschrift für die Entomologie'* entwickelt.
JV. Jahrg. 2. Band. |ß
236
Die daselbst zuerst erörterte Gattung Lihellula enthält folgende
Arten: />. depressu , Amaculata, cancellata (dafs dies L. Uneolata
Charp. ist, ist dem Verf. entgangen), coerulescens , olympia, hrunnea
(zwei neue, von L. coerulescens vielleicht nicht beständig genug zu
unterscheidende Arten) , ferruginea, ßaveola, nitens (eine neue aus-
gezeichnete Art, die auch in Portugal vorkommt), vulgata.
IJymenoptera.
lieber diese Ordnung ist schon im Jahre 1836 ein Werk
erschienen, das dem Ref. erst jetzt zugänglich gewesen ist, und
worüber zu berichten er hier nachholt, weniger des Einflusses
dieser Arbeit auf die Wissenschaft, als der Curiosität wegen.
Es gehört dies Buch zu den Suites ä Buffon, und heifst:
Histoire naturelle des Insectes Hymenopteres par M, le
comte Lepellefier de Saint Fargeau. Tom. I. Der Name
des Verf. ist hinreichend bekannt, es wird aber doch schwer
sein einzusehen, wie es demselben mit seinem System Ernst
sein kann. Je nachdem nämlich die Eier neben die Nahrung
hingelegt, oder in andere mehr oder weniger feste Körper ein-
gebohrt werden, theilt er die ganze Ordnung in die beiden
Unterordnungen, Ovithers und Oviscapters. Die ersteren
werden in zwei Abtheilungen geschieden: Phyiiphages, die ihre
Larven mit Honig und Pflanzensäften, und Zoophages, die sie
mit Insecten und Spinnen füttern. Die Ovithers Fhytophages
zerfallen ferner, je nachdem sie eigene Nester bauen oder ihre
Brut in fremde Nester eintragen, in zwei Unterabtheilungen.
Von diesen sind die Nesterbauer {Nidifiens) entweder ge-
sellschaftlich oder einsam, und die Gesellschaften der
ersteren entweder dauernd oder jährig. Um eine Ueber-
sicht über die Oeoonomie der Hymenopteren zu erhalten, ist
solch Schema gewifs verdienstlich, aber Hr. L. ordnet Gattun-
gen und Arten danach ganz rigoros. So wird denn folgende
Anordnung gewonnen:
Die dauernd geselligen Nesterbauer enthalten nämlich
1) die Familie Heterogynides mit den Gruppen : I. Myrmicites und den
Gattungen Cryptocerus , Atta, Oecodonia QAtta cephalotes F.'), Eci-
ton {Form, curvfdentata Latr.^, Myrmica. II. Ponerides, mit Odon-
tomachns, Potiera. III. Formicites mit Polyergus und lormica. Die
beiden ersten Gruppen haben einen Stachel, die erste 2, die zweite
1 Knoten am Hinterleibsstiel. Angehängt werden dieser Familie die
beiden Gattungen Doryfus und Labidus. Arten werden nur aus La-
237
treille und Fabricius bekannte beschrieben. — 2) Die Familie
Ajilurides enthält in 2 Gruppen Jjnai'iles und Meliponites die beiden
Gattungen u\jns und Melipona. Von Apis werden 12 (gröfstentheils
Abänderungen der A. viellifica)^ von Melipona 35, mit wenigen Aus-
nahmen neue Arten beschrieben, die aber zum Theil schwer zu er
mittein sind.
Die Abtheilung der nesterbauenden Hymenopteren mit
jährigen Gesellschaften enthält die dritte Familie Bombides in
der Gattung Bomhus (25 A.), — von der natürlich die Arten ausge-
schlossen werden, deren Weibchen keine Schienkörbe haben und die
daher vermuthlich parasitische (Kuckuks-) Hummeln sind, deren
Männchen sich aber von den ächten Hummeln durch kein einziges
Merkmal unterscheiden lassen, — und die vierte Familie Polistides mit
den Gattungen Vespa (15 A.), Polistes (Hinterleib ungestielt, 20 A.),
Polyhia (Hinterleib gestielt, der Stiel kurz, aus \ des ersten Segments
bestehend — P. liliacea F. und P. fulvo-fasciata Degeer); Agelaia
(Hinterleib gestielt, der Stiel aus dem ganzen ersten Segment beste-
hend.—Eine neue Art); xipoica (Hinterleib gestielt aus mehr als der
Hälfte des ersten Segments gebildet — 2 Arten aus Südamerica),
Rhopalidia (Hinterleib gestielt, der Stiel aus dem ersten Segment be-
stehend, keulförmig — 2 Arten aus Südamerica); Epipona (Hinterleib
gestielt, der Stiel aus dem ersten Segment bestehend, von der Länge
des übrigen Theils des Hinterleibes — 3 Arten); Chatergus (Hinter-
leib angeblich ungestielt. — P. nidulans Latr., also eigentlich Epi-
pone Latr.').
Einen Gegensatz zu dem eben besprochenen Werke bil-
det in der Verwerfung aller hohlen Speculation eine in unse-
rer Mitte erschienene Arbeit: „Die Familien der Blatt- und
Holzwespen," auch unter dem weiteren Titel: „Die Aderfliig-
1er Deutschlands mit besonderer Berücksichtigung ihres Larven-
zustandes und ihres Wirkens in Wäldern und Garten, von Dr.
Th. Hart ig." Es ist nicht allein in der Naturgeschichte einer
grofsen Menge von Arten, über welche hier Hr. H. seine Ent-
deckungen niederlegt, es ist auch in der Untersuchung der
systematischen Charactere, worin Herr H. viel geleistet hat,
und wenn auch die Anordnung der Gattungen im Allgemeinen
mehr gewaltsam als natürlich erscheinen mag, werden doch
die hier gemachten Zusammenstellungen immer sehr die Beach-
tung künftiger systematischer Bearbeiter verdienen. Im Ein-
gange theilt Herr H. die ganze Ordnung der Hymenopteren
sehr glücklich in zwei grofse Abtheilungen, in H. ditrocha
mit doppelten (zweigliedrigen), nind monotrocha mit einfachen
Trochanteren. In die erste Abtheilung bringt Hr. H. sämmt-
16*
238
liehe Blatt-, Holz- und Schlupfwnspeii, mit Einschlufs der Gall-
wespen ; in die zweite nur die Aculeata Lntr. Bei weite-
ren Untersucluingen würde er aber auch gefunden haben, dafs
die Chrysiden, Chalciden und Proctotrupier in die zweite 7\b-
theilung gehören, während die Cynipse ganz richtig in der
ersten Abtheilung stehen. In der ersten Ilauptabtheilung wird
nacli der Anheftung des Hinterleibes die Familie der Schlupf-
wespen von den Blatt- und Holzwespen geschieden.
Die Blattwespen beginnen mit Cwihex, womit Abia als Unter-
p;attmig;, Tricliiosoma^ ClaveUaria^ Zuraea und Amasis als blofse Un-
terabtheilungen vereinigt werden. — Blasticotoma, Hylotoma mit der
.Untergattung Schizocera. — Dann folgt Lophyrus, welcher Gattung
in Gemäfsheit ihrer forstlichen Wichtigkeit eine besondere Ausführ-
lichkeit zu Theil geworden ist. Eine eigene Unterabtheilung, der Ge-
stalt der Fühler in beiden Geschlechtern nach, bildet L. 7iemorum.
Von den übrigen machen eine zweite Unterabtheilung die aus, bei
denen der innere Enddorn der Schienen an der Spitze erweitert ist,
als L. vir 6718 xxviA pallidus KL, Hercyniae und polyto?mis Hart., und
für eine dritte bleiben die mit einfachem innerem Enddorn_e der Schie-
nen, namentlich L. laricls , frutetorum , pini, rufus, socius und elon-
gatuhis KL, und variegatus ^ similis und Pineti Hartig. Von den
neuen Arten gleicht Hercyniae dem L. virens, hat aber in beiden
Geschlechtern schwarze Schenkel und lebt auf Rothtannen, während
dieser auf die Kiefer angewiesen ist. L. polytomus, ebenfalls auf Roth-
tannen, ähnelt mehr dem L. Pini. L. variegatus ist als Wespe in
beiden Geschlechtern sehr schwer von L. frutetorum zu unterschei-
den. Eben so ist von L. similis das Weibchen dem des L. Pini
ziemlich gleich, das Männchen jedoch in der Färbung deutlich ver-
schieden. L. pineti endlich, nur im weiblichen Geschlechte noch be-
kannt, aus Kärnthen in der hiesigen kön. Sammlung vorhanden, steht
dem L, rufus nahe. Die im Wespenzustande oft ungemein ähnlichen
Arten sind als Larven viel sicherer unterschieden, und es ist Hrn. H.
gelungen, mit Ausnahme von L. politus und elongatulus, die früheren
Stände aller Arten kennen zu lernen. Für die Larve ist die Grund-
farbe des Kopfes ein wesentliches Kennzeichen, und zwar haben
schwarze Köpfe: L. similis und rufus ^ die erstere durch eigelbe
Zeichnungen des Körpers ausgezeichnet-, grüne Köpfe: L. fruteto-
rum mit einfachem, L. virens und frutetorum mit doppeltem Rücken-
streif, und diese beiden, so verschieden die Wespen sind, vollkommen
einander gleich; braune Köpfe: P. Pini, pallidus, socius und va-
riegatus, unter einander durch abweichende dunklere Zeichnungen
des Kopfes unterschieden; bunte Köpfe endlich: polytomus und
nemorum. Alle Larven fressen auf Nadelholz, und zwar, aufser
den beiden oben erwähnten, auf Rothtannen lebenden, auf Kiefern.
Gesellig fand Hr. H. : JL. Pini, pullidus , socius und rufus. Als Un-
239
tergattiing Monoctenus Duhlb. ist noch der. auf Wärhhohler lebende
L. Junqieri betrachtet worden^ dem Hr. II. noch eine zweite Art zu-
gesellt, />. ohscunttus , die Kef. einmal in grofser Menge auf einem
Warhholderstrauche schwärmend antraf, aber trotz der allen diesen
Individuen gemeinsamen dunkleren Färbung, die beim Weibchen auch
die gelben Hinterleibsseiten verdrängte, doch noch nicht als hinläng-
lich in ihrer specifischen Verschiedenheit von L. Jimiperl begründet
ansehen möchte.
Die folgende Gattung ClaiUus theilt sich in drei Sectionen: 67«-
dius, Trichiocampus und Friophorus. Nctnatus, von welcher schwieri-
gen Gattung eine grofse Reihe von neuen Arten beschrieben ist, mit
den Untergattungen Nematus (wovon eine Art, wegen der verschie-
den gebildeten lanzettförmigen Zelle neben dem Hinterrandc des Flü-
gels, mit dem Sectionsnamen Leptopns, die mit erweiterten Hinter-
füfsen unter dem Tribus -Namen Craesiis abgesondert werden, und
Cryptocampus , deren Larven in Gallen oder im Mark von Zweigen
leben, und von denen einige Arten, mit weniger gestrecktem Körper,
mit dem Sectionsnamen. Dlpliadrus getrennt werden). — Dineura
(Körperbildung der Nemuten, aber Flügelbildung der Allunteii) mit
den Sectionen Dineura (T. De^ee?'t', sttlata, testaceipes u. s. w.)
Leptocerca (T. Alni^ ^*'(/«) und Mesoneura (T. oiia4:a, venia KL und
eine neue, D. palUpes^ von der vorigen nur in der Färbung verschie-
den). Dolerus, von denen die ganz schwarzen um 12 Arten vermehrt
sind, und dem eine Untergattung Velmatopus (ein bei Käfern lange
benutzter Name) angehängt ist, die eine kleine, den kleinsten Allan-
ten in der Form ähnliche Art mit sehr ausgezeichneten Flügelgeäder
enthält. Eftiphyttis mit den Untergattungen.- Emphytus — diese wieder
mit den Sectionen Kmjthytus (z. B. cincins), Uarpiplior^is {lepidus
KL\ Aneug-menus {coronatus Ä7.), — Fhyllotoma (T. ochropoda Kl.^
und Fenusa (T. hortolana, jninnla und pygmaeay Tentliredo mit
den Untergattungen Seiandria, Athalia, Macrpphya, Allantus und
Tenthredo, von denen die Eintheilung von Seiandria besonders nach
der Form der lanzettförmigen Zelle am Ilinderrande der Vorderflü-
gel sehr beachtenswerth und folgende ist: Sect. I. Blennoca?/ipa ^')
mit gestielter lanzettförmiger Zelle. Trio. 1. Blennocampa ohne Mit-
telzelle im Unterflügel (T. nana, pnsilla, tenuicornis, hetuleti, ae-
I liiops , fnli^inosa, alternipes, cinereipes, uncta, elongatnla, lineolata^
ifihippium, alhida, alhiventris, hyalina, tenella Kl.y Trib. 2. Mono-
phadnus mit einer Mittelzelle im Unterflügel. Suhtrib. A. Monophad-
nus mit kurzen fadenförmigen Fühlern (T. melanocephala , luteiven-
tris, Spinolae, Inridiventris, nigripes, croceiventris, albipes, bipunctata,
funerula, ßagatina, plana, micans , nigerrima KL und einige neue
2) Die Voraussetzung, in welcher diese und ähnliche Namen ge-
wählt worden sind, dafs nämlich in diesen Abtheilungen die übrigen
Arten mit den einzelnen, deren Verwandlung bekannt geworden, in der
Form der Larve übereinstimmen werden, ist doch vielleicht zu gewagt.
240 ' ,
Arten). Subtrih. B. Phymatocera Dalilh. mit langen borstenförmil
gen Fühlern (T. aterrima Kl?). Sectio II. Hoplocampa mit in der
Mitte zusammengezogener lanzettförmiger Zelle (T. testudinea, hrun-
nea, hrevis , plagiüta, Crataegi , rutilicornis , chrysorrlioea, fulvicor-
nis Kl.) Sectio IIJ. EriQcampa mit schräger Querader in der lan-
zettförmigen Zelle (T. repaiida, anmdipes , varipes , cinxia, adum-
bratd, timhratica^ ovata, luteola KL, die erste ohne, die letzte mit
einer, die übrigen mit zwei Mittelzellen im Unterflügel). Sect, IV.
mit in die Schulter gemündeter lanzettförmiger Zelle ohne Querader
im Ober-, und mit zwei Mittelzellen im Unterflügel {T. serva, flavens,
socia, stramineipes und 7norio KL). Macrophya hat zwei Sectionen
in der ersten, gleichnamigen, der dritten Familie bei Klug entspre-
chend, hat die lanzettförmige Zelle bei T. Sturmii eine schräge, bei
T. blanda und neglecta eine gerade Querader, bei den übrigen ist
sie in der Mitte zusammengezogen; in der zweiten, Pachyprotasis,
Tenthr. All. Farn. IV. Kl. verhält sich dieselbe Zelle wie zuletzt, mit
Ausnahme der T. discolor, mo sie wie bei T. blanda beschaffen ist.
Die Untergattung Tenthredo endlich zerfällt in die Sectionen: I. Ta-
xonus, lanzettförmige Zelle mit schräger Querader, Unterflügel ohne
Mittelzelle (T. nitida, stictica, bicolor, coxalis, agilis KL). \h Stron-
gylogaster. Unterflügel mit zwei Mittelzellen, lanzettförmige Zelle
mit schräger {T. filicis , caHnata) oder ohne Querader {cingulata,
linearis, mixta, macula, ehorina KL). III. Poecilostoma. Lanzett-
förmige Zelle mit schräger Querader, Unterflügel mit einer Mittel-
zelle (T. obesa, obtusa, impressa KL). IV. Perineura. Lanzettför-
mige Zelle in der Mitte zusammengezogen, Unterflügel ohne Mittel-
zellen (T. Rubi Pan%.). V. Tenthredo. Lanzettförmige Zelle mit ge-
rader Qnerader, Unterflügel mit zwei Mittelzellen Fam. VI. KL).
VL Synairema. Die lanzettförmige Zelle in der Mitte zusammenge-
zogen, Unterflügel mit zwei Mittelzellen {T. delicatula KL). Es scheint
etwas störend zu sein , dafs alle Sectionen und meist auch die Tri-
bus ihre eigenen Namen wie Gattungen erhalten haben, denn es ist
nicht glaublich, dafs sie, besonders wo sie auf blofsen Abweichungen
im Flügelgeäder beruhen, als besondere Gattungen angesprochen
werden möchten. Sonst bezeichnet Gattungs- und Artname die Art,
bei so grofsen Gattungen, als den Tenthredo, konnte es sehr zweck-
mäfsig sein, eine Art Tenthredo {Ällantus) aterrima zu nennen; die-
selbe würde jetzt nach H artig Tenthredo Seiandria Blennocampa
Monophadnns Phymatocera aterrima heifsen!
Den Schlufs der Tenthreden machen die drei Gattungen Tarpa,
Lyda und Xyela; Lyda, mit seinen Larven ohne [Bauchfüfse, hat
durch manche Arten wieder einiges forstliches Interesse, namentlich
ist es die Rothtanne, die eine Reihe von zum Theil neuen Arten auf-
zuweisen hat, als L. Kliigii, hypotrophica, saxicola, erythrogaster, al-
pitia, abietina, annulata (das Männchen der vorigen), annuUcornis,
svffusa, stramineipes. Die Kiefeni haben nur L. erythrocephala, pra-
241
tensis, campestrts, wahrscheinlich auch reticulata und ci/anea, die
übrigen scheinen auf Laubholz angewiesen zu sein. L. enjthroce-
pliala, cyanea und yrateiisis bilden eine eigene Abtheihing mit einem
Seitendorn an den vorderen Schienen, der den übrigen fehlt, von de-
nen sich L. syhaticn , inanis und stranu'neipes wieder durch ein
nicht verlängertes viertes Fühlerglied absondern. Xyela ist wegen
der zwei Enddornen der Vorderschienen noch zu den Tenthreden ge-
rechnet. — Die Holzwespen (Sirtces') unterscheidet Ilr. H artig von
den Blattwespen durch das Vorhandensein eines einzigen Enddorns
an den Vorderschienen. Die aufgeführten Gattungen sind: Cephus,
Oryssus, Xlphydria und Sirex , letztere mit der Untergattung Xylote-
rus (iV. magiis und fnscicorm's) , die wohl erst während des Druckes
aufgestellt worden ist, da es sonst, unmöglich Herrn H. entgangen
sein würde, dafs Jurine dieselbe schon (Tremex) benajint hat.
Im dritten Hefte des vorigen Jahrganges dieses Archivs
(heilte lir. Hartig höchst interessante Beobachtungen über
die gestielten Eier der Schlupfwespen mit. Es ist
bekannt, dafs einzelne Arten von Tryphonen ganze Trauben
von Eiern am Bauche mit sich herumtragen, andere, z. B. Ti\
rutilator, haben jedesmal nur ein einzelnes Ei am Legesta-
chel sitzen, das mit einer knopfförmigen Verdickung am Ende
seines Stiels im Rohre des Legestachels festgehalten wird. Es
haben diese Eier eine vollkommene birnförmige Gestalt und
enthalten eine schon vollständig ausgebildete Larve, die, wenn
das Ei langer von der Mutter herumgetragen wird, auch schon
den Eideckel abstöfst und mit dem Kopf aus der Eischale her- .
vorsieht.
Eine in den Nouveaux Memoires de VAcademie Royale
des Sciences et helles lettres de Bruxelles erschienene Fort-
setzung der sorgfältigen Monographie des Braconides de
Belgiquc von Herrn Wesmael enthält die von ihm aufge-
stellte Gruppe der Areolaires, nämlich die Gattungen:
Microdus mit 10 Arten, von denen die vier letzten, M, rufipes,
tumidtdus, civgnUpcs Nees und co?ispicuus W., wo die erste Cubital-
zelle mit der äufseren Discoidalzelle zusammenfliefst, eine besondere
Abtheilung bilden, für die der Untergattungsname TherophiluK in Vor-
schlag kommt. — Ischius^ eine neue, aus Microdus Sect. 2 Nees (mit
2 Cubitalzellen) gebildete Gattung mit einer Art, /. obscurator, Mi-
crodus obscurator Nees, mit der nämlich M. annulator , laevi^ator
und punctniator N. als muthmafsliche Abänderungen vereinigt wer-
den. — Jgathis nüt 4 Arten. — Microgaster mit 40 Arten. — Ädelins
Haliday (durch 20gliedrige Fühler von Microgaster unterschieden)
mit einer Art.
242
Eine neue Braconen-Gattung ist von lirn. Schiödte im
sechsten Hefte von Kröyer's NaturhistorisTi Tidsskrifi un-
ter dem Namen Copisura (richtiger Copidurd) beschrieben.
Der Hinterleib ist gestreckt, gestielt, beim Männchen linien-
förmig, beim Weibchen messerförmig zusammengedriickt, mit
sehr kurzem Stachel. Die Flügel haben zwei Ciibitalzellen,
von denen die hintere offen ist. Die bei Kopenhagen einhei-
mische Art, schwarz mit rothemf Hinterleibe, 3 — 4 Lin. lang,
ist C. rimator genannt.
Hr. Walter EUiot berichtet in den Transact. of the
Ent. Soc, of Lond. V. H. p. 14, dafs die berühmte Poma
sodomitica , die, nach den Angaben älterer Schriftsteller und
orientalischer Dichter, bei dem lockendsten Aeufsern innen
bittere Asche enthielten, und über welche bisher die Meinun-
gen der Reisenden und Naturforscher so getheilt waren, die
Gallen einer Gynipsart wären, die mit denen decQuercus infecto-
ria in naher Beziehung ständen und ebenfalls auf Eichen vor-
kämen, wo sich, wenn der Cynips ausgekrochen, das schwam-
mige Fleisch in Pulver umwandle. Eine Pimpla der Unter-
gattung Ephialtes, die aus einem solchen Sodoms- Apfel her-
vorgekommen war, wird an derselben Stelle von Hrn. West-
wood unter dem Namen Eph. Sodomiticus beschrieben.
Drei Insecten der Familie derCynipse hat Hr. Westwood
aus der hiesigen königl. Sammlung beschrieben und in Gue-
rin's Mag. qle Zool. Cl. IX. /;/. 179 bekannt gemacht.
Das erste ist das aus Perty's Darstellung nur unvollkommen
bekannte Leiopteron compressum aus Brasilien, von dem Hr. W. hier
eine genaue Zeichnung, und namentlich auch von dem von Hrn. Geh.-R.
Klug zergliederten Munde giebt. Das zweite ist eine der vorigen und
auch Änacharis nahe verwandte Gattung, Perus, von der Hr. L a c o r-
daire eine Art, P. nigra, aus Cayenne einsandte. Das dritte ist eine
zweite Art von Ihalia, I. scalpellator, aus Georgien in Nordamerica.
Hr. Spinola stellt ebendaselbst p. 180 eine neue Chalciden- Gat-
tung Conura auf, die sich von Chalcis nur durch den in eine lange
kegelförmige Spitze ausgezogenen Hinterleib unterscheidet. So be-
sonders dadurch auch die Gestalt des Hinterleibes geworden ist, wird
sich diese Form der Chalcis doch nicht gut als eigene Gattung be-
trachten lassen, nicht nur weil die Männchen ganz ächte Chalcis bleiben,
sondern auch weil sich bei einer Reihe verwandter Arten nachweisen
läfst, dafs diese kegelförmige Spitze, die bei der beschriebenen neuen
brasilischen Art, C. ßavicans , uoch von mäfsger Länge ist, ganr all-
243
mälig entsteht, und eben so allmäjig zu einem langen schwerdförmi-
gen Bohrer sich umwandelt.
Eine neue G,attung von parasitischen Hymenopteren hat
Hr. West wo od in Loudon's Magazine of Nat. Illstory
Vol. L n. ser. p. 257 beschrieben. Es ist eine der mannig-
fachen Formen von Encyrtus^ eine mit strahligen Fühlern, die
Hr. W. nach der Anzahl der Strahlen Tetracnemus genannt
hat. Die Art T. divevsicornis hat in ihrer dunkel metalli-
schen Färbung nichts besonders bemcrkenswerthes weiter. Hr.
W. hat sie in England auf Eichen entdeckt, Ref hat sie auch
bei Berlin gefunden, sie mag indefs wohl zu den seltensten
Encyrten gehören.
Eine Monographie der Dänischen Pompilen von
Hrn. Schiödte ist in Kröyers Naturhistorisk Tidsskri/t,
Hft. 4 enthalten. Es ist diese Arbeit sehr beachtenswerth
als ein Versuch, die grofse Gattung Fompilus in mehrere zu
zerlegen, und es verdient der Muth, dies mit so wenigen Ar-
ten zu unternehmen, so wie die Genauigkeit der Untersuchung
^lle Anerkennung. Die Mundtheile bieten keine wesentlichen
Unterschiede dar, ausgenommen beim P. rußpes^ der sich
durch sein^ die Zunge an Länge übertreffenden Paraglossen,
und durch in der Mitte eingeschnittene Oberlippe auszeichnet.
Die Verschiedenheit der Gestalt der dritten Cubitalzelle ist
mit Recht unter den Gattungscharacteren aus der Betrachtung
geblieben, und die Verschiedenheit in der Bildung der Klauen
vielleicht nicht bemerkt worden. Die Verschiedenheit der
Bewaffnung der Hinterschienen, und das Vorhandensein oder
Fehlen der Borsten an den Vor^erfüfsen der Weibchen sind
hauptsächlich zur Bestimmung der Gattungen benutzt. Ab-
gesehen davon, dafs der letztere Character nur dem einen
Geschlechte zukommt, scheint er, betrachtet man eine grofse
Reihe von Arten, nicht bestimmt genug und auch für die Oe-
conomie der Thiere nicht so wesentlich zu sein, als Hr. Le-
pelletier, der ihn zuerst aufnahm, sich vorstellte. Und die
Dörnchen mit denen die Hinterschienen besetzt zu sein pflegen,
gehen nicht nur gleichfalls allmälig in die Form von Häärchen
über, sondern auch die Natur selbst sclieint dieser Verschie-
denheit so wenig Bedeutung beigelegt zu haben, dafs Arten
mit glatten und Arten mit bedornten Hinterschienen zuweilen
244
fast einzig dadurch zu unterscheiden sind. Selbst die Tren-
nung des Pojnp. variegatus vom exaltatiis könnte! wohl
aus gleichem Gesichtspunct betrachtet werden. Character
non constituit genus, sed genus characterem sagt Linne.
Die Danischen Arten sind auf folgende Weise in die Gattungen
vertheilt. Von Ceropales kommt nur maculata vor. Die Gattung
Agenia ohne Dörnchen an den Hinterschienen, und ohne Borsten an
den Vorderfüfsen enthalt Pomp, variegatus und hifasciatus. Vriocne-
mis mit kurzen Borsten an den Vorderfüfsen und bedornten, bei Weib-
chen sägeartig gekerbten Hinterschienen: P. hyalinaUis, notatus (vom
Sph. notata Ross. u. P. gutta Spin, verschieden, und daher P. femoralis
Dahlb. zu nennen) pusillus ti. sp. (wahrscheinlich nicht verschieden
vom P. nudipes Dahlb.^ fiisciis (^Pomp. fuscus F. serripes Dahlh^
fasciatellus , obtusiventris (P. exaltat. var. v. d. Lind, und Dahlb.,
aber wohl mit Recht als eigene Art betrachtet) exaltatus. Pompilus
mit bedornten Hinterschienen, und beim Weibchen mit langen Bor-
sten an den. Vorderfüfsen: P. cinctellus (aber von dem Spinolaschen
verschieden, daher der Dahlbomsche Name P. clypeatus wohl aufzu-
nehmen) sericeus, nige?' , crassicornis , spissus (zwei, dem folg. ver-
wandte Arten) gibbus (aber nicht der Fabricisclie , denn dieser ist
einerlei mit der Linneischen Sj)hex gibba, eine Dic/iroa), chali/bea-
tus, difformis (wieder mit dem vor. verwandt), fuscus (P. viaticus F.
hier als Sphex fusca Lin. betrachtet) cingulatus. Episyron: Beine
wie bei Pompilus, durch den oben erwähnten Einschnitt in der Lefze
kenntlich: P. rufipes F.
Hr. Shuckard hat unter dem Titel: Essay on the
Indigenous Fossorial Hymenoptera eine ausführliche Mono-
graphie der Englischen Grabvvespen erscheinen lassen, in der
es auf Fesstelluug und sichere Unterscheidung nicht nur der
Arten, sondern auch der Gattungen ankommt. Die Untersu-
chung der Mundtheile hat lir. Sh. als zu schwierig unter-
lassen: Ref. hat bereits im vorigen Jahresberichte bei (Gele-
genheit der Shuckard sehen Monographie der Englischen
Chrysiden seine Ansicht darüber zu Tage gebracht. Die Flü-
gelzellen, denen Hr. Sh. eine besondere Rücksicht widmet,
können nur secundäre Merkmale .abgeben und niemals für
sich eine naturgemäfse Trennung begründen. Hr. Sh. ist in-
defs selbst bei dem Streben, Gattungen möglichst zu sondern,
noch immer auf einer soliden Basis geblieben, und auch bei
Crahro und Gorytes auf die L ep eil etier sehen Maxi-
men nicht eingegangen. Die Anordnung ist im ganzen die
Latreillesche, doch sind die Ameisen zur Zeit noch über-
245
gangen, es ist diese Fcamilie aber auch zu sehr gesondert, um
mit den hier abgehandelten Gattungen in einer Reihe betrach-
tet zu werden. Im Allgemeinen scheint die Englische Fauna
nicht besonders reich in dieser Parthie zu sein.
Von Mutilla kommen vor 3 Arten; Myrmosa 1 Art; Methaca 1 Art;
Tiphia 3 Arten (keine Scolia, keine Elis, keine Meria); Sapyga 2
Arten, von denen Hr. Sh. bemerkt, dafs S. prisma KL die Linneische
Apis clavicornis ist. Vompilus 18 Arten, von denen Nr. 1 P. pulcher
nicht der gleichnamige Fabricische, sondern Splex plumheu F. ist. —
Nr. 3 P. hifüsciatus , Sphex variegata L. Fonijh hircanus F., und
Nr. 4 P. vnriegatus mithin eine besondere, anders noch zu benen-
nende Art ist, die auch bei Berlin , aber sehr selten vorkommt. Bei
Nr. 5 P. petiolatus wird die Richtigkeit der Annahme von v. d. Lin-
den bestritten, dafs Cerop. punctum F. das Männchen dieser Art sei^
welches doch dieselbe Flügeibildung hat; das hier beschriebene Männ-
chen ohne weifse Streifen im Gesicht und ohne weifsen Punct
am After kennt Ref. nicht. Ein von ihm auf Rügen gefangener männ-
licher Pomp, stimmt zu der Beschreibung, mit Ausnahme des wei-
fsen Afterpunctes , den er besitzt, aber wegen seines kürzeren Hin-
terrückens und der viel engeren Cubitalzelle kann er nicht wohl Männ-
chen zum P. petiolatus sein. — Nr. 6 P. cinctellus ist der von v. d.
Linden, aber nicht der von Spinola, dem der Name bleiben mufs.
Nr. 10 P. notatus ist P. femoralis Dahlh. Nr. 11 P. sericans und
Nt. 14 P. crassicornis sind dem P. fuscus in der Färbung ähnliche
neue Arten. — Ceropales mit 2 Arten; Aporus 1 Art, es ist jedoch
aus der Beschreibung nicht hinreichend ersichtlich, ob die Spino-
la sehe Art A. bicolor, oder der bei Berlin vorkommende A. piillus
N. der sich von jenem durch längeren Prothorax, blank schwarze
Stirn und an der Basis nicht schwarzen Hinterleib unterscheidet. —
Ammophila 3 Arten. — Misctis 1 Art. — Sphex 1 Art. — Dolichurus
1 Art. — Larra 1 Art. — Tachytes 2 Arten. — Miscophus 1 Art. —
Dinetus 1 Art. — Astata 1 Art. — Nysson 5 Arten, von denen Nr. 2
A. interruptus anders zu benennen sein möchte, da der Fabricische
Melliniis interruptus ein Nysson ist. Diese Art war von Fab. mit
dem N. spinosus vereinigt, wie aus der Ent. syst, sich ergiebt, in der
ersten Beschreibung im Syst. Ent. ist von ihr noch nicht die Rede.
N. scalaris IlL, der von Hrn. Sh. citirt wird, ist eine verschiedene
Art. — Nr. 4 N. guttatus Ol. ist Pompilus maculatus F. und zwar
das Weibchen. — Oxyhelus 8 Arten, von denen Nr. 2 ferox Sh.
Männchen von O. urgent atus Curt, mucronatus Enc. Nr. 4 helUco-
sns nicht ein Weibchen, sondern Männchen, und zwar von O. linea-
ins F. — Nr. 6 Wguttatus Abänderung von O. mucronatus F. ist.
Trypoxylon 3 Arten, von denen aber Nr. 2 T. aurifrons, gewifs keine
Englische, sondern eine gewöhnliche Brasilische Art ist. — Crahro
35 Arten, von denen besonders unter den kleinen ungefleckten viele
246
neue, unter denen aber wohl nicht immer die Geschlechter richtig
erkannt sind, wie z. B. C. elottgatulus nicht Männchen, sondern Weib-
chen und zwar vom folgenden C. luteqmlpis sein -wird. — Stigmus 1-
Art. — Celia (so ist von Zimmermann eine Abtheilung der Ama-
ren benannt) neue Gattung, von Stignms durch die mehr quadratische
zweite Cubitalzelle unterschieden, auf Stigmus troglodytes v. d. Lind,
gegründet^ dessen Männchen sich durch gelbgezeichnetes Gesicht sehr
auszeichnet.— DiodontusCurt. 3A., von denen die erste nicht Pe?np/ire-
don minutus F. ist, welcher einerlei mit Stig7uus jiendulus ist. — Fassa-
loecus, neue auf Pemphredon insignis v.d. Lind, gegründete Gattung, 3A.
enthaltend. PempJiredon 3 A. — Cemonus 2 A. — Mellinus 2 A. —
Alyson 1 Art. — Gorytes 5 Arten. — Ärpactus 2 Arten. — Vsen 2
Arten. — Miinesa neue Gattung, durch die beide rücklaufenden Ner-
ven aufnehmende zweite Radialzelle von Psen unterschieden, 3 Arten
nämlich Ps. equestris, bicolor und unicolor. — Cerceris 6 Arten, von
denen Nr. 3 C. interrupta, von der Panzerschen C. interrupta mit
weifsen Zeichnungen verschieden, und in der hiesigen Sammlung von
Uli g er C. nasuta benannt, mit C. lahiata die gröfste Uebereinstim-
mung hat, so dafs nur der Umstand, dafs die verschiedene Bildung
des Clypeus bei beiden durch keine üebergänge vermittelt zu werden
scheint, für Artverschiedenheit sprechen möchte. — Philanthus 1 Art.
In den Transact. of the Ent. Soc. of Lond. Vol. IL
p. 68 beschreibt Hr. Shukard eine Anzahl verschiedener exo-
tischer Arten von Aculeaten und zwar:
Psamatha chalyhea aus Neuholland, eine neue Mutillen- Gattung,
in männlichen Geschlechte bekannt; von der Form eines Mellinus, der
Bildung des Kopfschildes einer Cerceris, und im Flügelgeäder durch
die beide rücklaufende Nerven aufnehmende zweite Cubitalzelle ausr
gezeichnet, eine 6 Linien lange stahlblaue Art, mit rothen Beinen,
weifsem Kragenrande, und weifsen Flecken an den Seiten des Hinter-
leibes. — Ceropales picta vom Cap, Ceropales anomalipes aus Brasi-
lien, ein Männchen mit sehr verlängerten Hinterbeinen, dessen Weib-
chen aber, wie sie in der hiesigen Sammlung vorhanden sind, nichts
von andern Ceropalen abweichendes haben. Exeirus wieder eine
neue Neuholländische Gattung, die Hr. Sh. zu den Pompiliden, aber
auf dem Uebergange zu Sphex, rechnet, die aber von den erstem sich
durch das kurze bogenförmige collare sehr entfernt, und eher in der
Mitte zwischen Sphex und Larra stehen möchte. Eigenthümlich ist
das Flügelgeäder dadurch, dafs die zweite der vier Cubitalzellen ober-
wärts kurz gestielt ist, und beide rücklaufenden Nerven aufnimmt.
Der Hinterleib hat keinen abgesetzten Stiel. Die beschriebene Art,
E. lateritius ist 1 Zoll lang, schwarz, die Fühler, der gröfste Theil
des Kopfes, der Beine und des Hinterleibes gelbroth (bei einem sehr
wohl erhaltenen Ex. unseres Musei mehr goldgelb ). — Astata Au-
slralasiae. — Von Pison zählt Hr. Sh. 9 Arten auf, und beschreibt
247
7 neue: P. olscurns vom Cap? Spinolae aus Neiiholland, puncHfrons
von St. Helena, Hl'.v^wo^y^// aus Van Diemens Land, «///y///^y vom Cap?
riifipes von Van Diemens Land; ar^entntus von Isle de France. Die
beiden letzten Arten miterscheiden sich dadurch, dafs die rücklaufen-
den Nerven nicht beide in die gestielte Zelle, sondern der erste in
die erste Cubitalzelle münden: den für sie in Vorschlag gebrachten
Namen Pisoiiitus steht Hr. Sh. mit Recht an, geltend machen zu wol-
len, da keine habituelle Abweichung dieser Trennung den Schein der
Rechtmäfsigkeit leihen will. Die beiden schon früher ])eschriebenen
Arten sind P. ater Spin, und xanthopus (Nephridla xanthopus Brülle^
Gorytes Brasfliensis aus Brasilien — und endlich noch eine neue
Neuholländische Gattung aus der Familie der Wespen, Paragia, die
sich durch nicht nierenförmige Augen und zwei Cubitalzellen aus-
zeichnet. Die Art P. decipiens ist von sehr gedrungenem Körperbau,
9 Linien lang, schwarz mit schmutzig gelbem Hinterleibe.
Eine neue Englische Wespe ist von Hrn. Shuckard in
Loiid, Magaz. of Nat. Hist Vol. I. n. s. p. 490 beschrie-
ben worden.
Sie ward in Pfählen entdeckt, in denen Osmia leucomelaena ihre Ne-
ster hatte, und es ist nicht unwahrscheinlich, dafs eins dieser Insecten
die verlassenen Baue des andern benutzt, um seine eigenen Nester darin
anzulegen. Sie gehört zur Gattung Odynerus und zwar zu der Form
welche die Engländer Epipone, Wesmael Oplopus nennen, wo nämlich
beim Männchen das letzte Fühlerglied aufgerollt ist, in ein^r anderen
Eigenthümlichkeit stimmt die neue Art aber nicht mit der bisher be-
kannten Vespa spinipes L. F. überein, in den gezähnelten ^ Mittel-
schenkeln, daher sie Hr. Sh. O. laevipes nennt. Sie ist kleiner und
gedrungener als O. spinipes. In ihren Nestern wurde bemerkt, dafs
die äufseren Zellen Männchen, die inneren, Weibchen enthielten, so
dafs diese ihren W^g durch die Zellen der Männchen nehmen mufs-
ten, und also erst auskriechen konnten, wenn jene schon ausgekro-
chen waren.
Lepidoptera.
Als Fortsetzungen von bereits bekannten Schriften über
diese Ordnung sind erschienen:
Boisduval Icones historique des LepidopW'es d'Eu-
rope, nouveaux ou peu coniius. Livr. 39 — 42.
Boisduval, Ramhur et Graslin, Collection icono-
graphigue et historique des Chenilles d'Europe, avec Vhi-
stoire de leur vietamorphoses et des applications sur Va-
griculture. Livr. 39 — 42.
Fischer, Edler von Röslerstamm, Abbildungen zur
Berichtigung und Ergänzung der Schmetterlingskunde, beson-
248
ders der Microlepidopterologie, als Supplement zu Treitschke
und Hiibn. Europ. Schmetterling. Heft 7, 8.
Frey er, Neue Beiträge zur Schmetterlingskunde, mit Ab-
bildungen nach der Natur. Heft 35 — 37.
Geyer, Zuträge zur Sammlung exotischer Schmetterlinge^
(Fortsetzung des Hiibnerschen Werkes). Fünftes Hundert.
Hr. G. beschliefst mit dieser Lieferung das Werk in dieser
Form, wo die einzelnen Arten ohne systematische Ordnung
auf einander folgen, um ein ähnliches Werk, mit Berücksich-
tigung des systematischen Zusammenhanges wieder aufzuneh-
men. Behufs der Benennung der Arten hat Hr. G. sich jetzt
mit Boisduval geeinigt.
Der Anfang eines neuen Werkes ähnlicher Art, erschien
in Berlin unter dem Titel:
Neue Schmetterlinge der Insecten- Sammlung des Königl.
Zool. Musei der Universität zu Berlin, beschrieben von Klug,
nach der Natur abgebildet und herausgegeben von B. Wien-
ker. I. Heft.
Die fünf Tafeln enthalten folgende Arten: Papilio Alcinous von
Japan; Ärgynnis Euryale, Nymphälis Harrnonia, Sphinx Typhon,
Sphinx Ochus von Mexico; Euprepia Thetis, Neda und Lycaste aus
Brasilien; Saturnia Maia vom Cap, und S. Pandora aus Brasilien,
sämmtlich von Hrn. Geh. Rath Klug benannt und genau beschrieben.
Die Abbildungen sind von grofsem künstlerischen Werth.
Etymologische Untersuchungen über die Gat-
tungsnamen der S chmetterlinge hat Hr. Dr. Sodoffsky
in Riga, im 7. Hefte des Bull. d. l. Soc- Imp. des Nat. de
Moscou, a. 1837 mitgetheilt, die sich indefs nur auf die von
Ochsenheimer und Treitschke beschränken.
Von einigem Interesse für die geographische Verbreitung
mag die Aufzählung der in Livland vorkommenden
Schmetterlinge sein, die Hr. Dr. Sodoffsky im 7. Hefte
des Moscauer Bulletin bekannt macht. Es kommen danach
von 2231 Europäischen, in Livland 693 Arten vor, und zwar
85 Tagfalter, 21 Sphinges, 74 Spinner, 142 Eulen, ebensoviel
Spanner, 38 Zünsler, 82 Wickler, 100 Tinen und 9 Aluciten.
Ein ähnliches Verzeichnifs der in Dänemark,
Schleswig, Holstein undLauenburg vorkommenden
Schmetterlinge, bis zu den Eulen incl., hat Hr. Boye in
249
Kroyers NalurliistorisTi Tidsshrift IJ/t, 5, 6 mitgetheilt,
und sind daselbst 67 Tagvögel, 26 Abendfalter, 10 Spinner
und 222 Noctnen aufgefiilirt, denen manche Bemerkungen, na-
mentlich über die Futterpflanze der Raupen beigefügt sind.
Sehr wichtig für unsere bisher noch geringe Kenntnifs der
Naturgeschichte Russischer Schmetterlinge sind die Belehrun-
gen, die Hr. Prof. Eversmann in Kasan unter der Ueber-
schrift „Kurze Notizen über einige Schmetterlinge Russlands,"
in dem Bulletin d. l. Soc. Irnp. d. Nat d. Moscou gegeben
hat. Das erste Heft, enthält die Tag- und Abendfalter, und
die Spinner, mit reichen Bemerkungen über die Verhältnifse
ihres dortigen Vorkommens, und der Entwicklui^g der Unter-
scliiede schwierig zu unterscheidender, und zum Theil mehr-
fach verwechselter Arten, das sechste Heft die Eulen und
Spanner, aufserdem noch mit der Beschreibung zahlreicher
neuer Arten.
Beschrieben sind überhaupt folgende als neu: Jrgynnis Seiemi.
Lycaena Cyane, Bavius, Jgrotis Fenmca, trifurca, Noctua elegans,
Tripliaena Hetaira, Hadena dentigera, leucodon, actinohola, Polia
leuconota, Leucania furcata, Xanthia ferrago, Cucullia fraudatrix,
Pltisia Zosimi (Hübn. t. l42. f. 651), Heliothis Cora^ Erastria pusilla,
Ellopia advolata, Geometra prasinaria, Aspilates formosaria , Fido-
nia hemifusaria, emucidaria (Hübn. t. 82. f. 425), loricaria, Minoa
dupUcaria (Hübn. t. 40. f. 208), infuscata, Idaea exalbata (Hübn. t.
92. f. 474 — 476), exornata.
üeber die Südamericanischen Brenn- und Gift-
raupen sind von Hrn. Moritz einige Erörterungen in diesem
Archive p. 183 mitgetheilt worden. Diese giftigen Raupen,
deren Berührung Entzündung und in Folge davon Fieber mit
sich bringt, sind theils Stachel-, theils Ha^rraupen. Bei bei-
den scheint die Absonderung einer besonderen Schärfe statt
zufmden, indem selbst bei den Haarraupen der brennende
Schmerz, den die Berührung zur unmittelbaren Folge hat, auf
keine Weise mit dem Jucken verglichen werden kann, welches
bei mehreren unserer Raupen das blofse Eindringen der Haare
in die Haut veranlafst.
Hr. Donzel macht in den yinnal. d. l. Soc. Eni, de
France VI. p. 11 auf das verschiedene Verhalten der beiden
durch copula vereinigten Geschlechter von Tagschmetterlin-
gen während des Fluges aufmerksam. Bei Thais, Thecla,
250
^rgynnis, Melitaea, Satyriis tragt das Weibchen in diesem
Zustande das Männchen, bei Vieris, Colias, Argus das Männ-
chen das Weibchen. P. Cratacgi allein zeigt sich von den
übrigen Pieriden hierin abweichend, und dies führt Hrn. D.
darauf, diese Art als Gattung zu sondern: Leuconea, die sich
in die Mitte zwischen Parnassius und Pieris stellen , und in
den von 10 Längsnerven (indem der oben von der Discoidal-
zelle ausgehende sich nicht wie bei Pieris in zwei, sondern
in drei Zweige theilt) ein systematisches Kennzeichen finden
möchte.
Eine Eigenthiimlichkeit der Raupe des Charaxes Jasius
berichtet Hr. Duponchel in den Annal. d. l. Soc. Ent. d.
France VI. p. 193, welche darin besteht, dafs bei der Häu-
tung die dicke Kopfschale nicht mit der übrigen Haut im Zu-
sammenhange abgelegt wird, sondern, ohne/ zu platzen, sich
von der Haut des Körpers absondert, sich immer mehr und
mehr vornüber neigt, bis die Raupe endlich den darin stecken-
den Theil herauszieht, worauf sich dann eine neue Kopfschale
bildet, die viermal gröfser ist als die alte, anfangs einfach er-
scheint, auf der aber bald die vier Hörner auf dem Scheitel
sich entwickeln, die die alte hatte.
Hr. Westwood theilt in den Transact. of the Ento-
mol, Soc. of Lond. IL p. 1. t. 1. die von Hrn. King in
Madras gemachte Beobachtung über die Verwandlungsgeschichte
einer Art der Gattung Tliecla, der Hesp. Isocrates u. Pan F.
(Männchen und Weibchen) mit. Die Raupen leben im Inne-
ren der Pomgranaten, und fressen das Fleisch der^ Frucht aus.
Diese, dadurch lose, würde vor der Zeit abfallen und am Bo-
den verfaulen: das zu verhüten, bohren die Raupen sich jede
durch die Schaale der Frucht durch, und weben gemeinschaft-
lich ein Gespinst um den Stiel, durch welches der Apfel fest-
gehalten wird. Die Art, wie die Eier in die Frucht gelegt
werden, und die Raupe selbst, sind unbekannt. Sieben oder
acht kommen in einem Apfel vor. Die Puppe wird durch ei-
nen um den Leib befestigten Faden in horizontaler Lage ge-
halten. Das von der Raupe in die Schale gemachte Loch be-
nutzt der Schmetterling zum Ausclilüpfen aus dem. Apfel, ehe
sich seine Flügel entfaltet haben, weil dasselbe ihn sonst na-
türlich wicht mehr durchlassen würde.
251
lieber die Gattungen Erycina, Biorhia und Zeonia hat
Ilr. Mo risse in den Ann. d. l. Soc. Ent. de France Vh
p. 417 eine kleine systematische Abhandlung bekannt gemacht.
Von Erycina ist Fap. Licarsis F. der Typus, dem sich zwei
neue Arten, E. Thla Boisd. aus Mexico und E. Äristodorus B. aus
Cayenne, anschliefsen. Diorina enthalt nur eine Art, D. Laonome
Boisd., der Schmetterling, der in der Encyclopedie als Männchen der
Eri/citia Iphinoe beschrieben ist. Zu Zeonia gehören als Arten mit
undurchsichtigen Flügeln: F. Periander Cr. (Erycin, Iphinoe God.
fem?), P. Anlest es Cr., P. Tedea Cr., P. Lysippvs L., P. Meliboeus
F., und mit mehr oder weniger durchsichtigen Flügeln: P. Octavius
F., Eryc. Morissei Isabelle und Zeonia Heliconides Swains.
Von Argynnis Selenis, dieselbe, die auch von Herrn
Eversmann am oben erwähnten Orte beschrieben wurde,
theilt Herr Lefebvre in den Annal. de la Soc. Ent. de
France VI. p. 15 pl. 1 /. 3, 4 eine Abbildung mit. Die Ober-
seite ist im Wesentlichen mit der von A. Selene übereinstim-
mend, auf der Unterseite fehlen aber die Perlmutterflecke eben
so beständig, als sie bei allen Abänderungen von A. Selene
sich finden.
Ebendaselbst S. 299 macht Herr Baron Feisthamel drei
neue südeuropäische Schmetterlinge bekannt:
Cleophana serrata Treitschke und Acontia Gra^llsii, zwei ausge-
zeichnete Eulen, die erste von Cadix, aufserdem aber auch in Sici-
lien einheimisch, die zweite von Barcelona. Anthocharis Damone,
aus Sicilien, von Eupheno durch die weitere Ausbreitung des Roth
auf den Vorderflügeln, bis über das schwarze Möndchen fort, wel-
ches sonst auf der Gränzie zu liegen pflegt, und die zahlreicheren und
grünlichen Marmorzeichnungen der Unterseite der Hinterflügel abwei-
chend, und so gewissermafsen in der Mitte stehend zwischen JEw/>īwo
und Cardamines. Ref. hat noch kein sicilisches Exemplar von Eu-
pheno gesehen, hat aber von Cardamines zwei unter sich vollkom-
men übereinstimmende Päärchen aus Sicilien vor Augen, die ihrerseits
wieder eine Annäherung an Eupheno machen, indem das Orange auf
den Vorderflügeln sich nur gerade bis an das schwarze Möndchen
erstreckt und die Marmorzeichnungen der Unterseite der Hinterflügel
merklich bestimmter sind, und der dazwischen liegende Grund rei-
ner ist als bei den sonst vorkommenden Exemplaren. Diese Form
des Cardamines könnte eben so gut die Rechte einer eigenen Art in
Anspruch nehmen, aber auch mit Grund?
Ebendaselbst beschreibt Herr Pierret p. 303 zwei neue
Arten der Gattung Satyrus:
17
252
* Die eine, S. Prieun\ ist mit Briseis sehr nahe verwandt, auf der
Unterseite sind die Binden der Unterflügel weniger bestimmt und wol-
kiger als beim Männchen , und bestimmter und weniger verwaschen
als beim Weibchen von Briseis, und hierin sollen beide Geschlechter
der neuen Art übereinstimmen. Die Oberseite gleicht mehr der von
Anthe, doch reicht die weifse Binde der Hinterflügel nicht an den In-
uenrand. Die andere, S. Arcanioides, ist in der Gestalt und Färbung
der Oberseite dem Arcanius völlig gleich, die Unterseite ist mehr
braun gefärbt, die weifse Binde der Hinterflügel schmäler und gera-
der und weiter vom Aufsenrande entfernt, und das einzelne obere
Auge innerhalb der weifsen Binde fehlt ganz. Beide Arten sind aus
der Berberei.
S. 13 drei neue Schmetterlinge: Satyriis Abdel-Kader, ähnlich
der Cordula und auf der Oberseite kaum verschieden, unten hat auf
dem Vorderflügel das vordere Auge keinen gelben Umkreis, auf den,
wie es scheint^ gestreckteren Hinterflügeln ist die innen schM^arze,
aufsen graue Binde auf der Mitte weniger gezackt, aber viel stärker
gebogen, so dafs sie in der Mitte fast einen Winkel bildet. Lycaen^
Ahencerragtis, gleicht dem Hylas, die Oberseite ist eben so, auf der
Unterseite fehlen die rothen Flecken am Rande, und die schwarzen
Puncte, zwar eben so gestellt, sind kleiner. Zygaena Zuleima, mit
Bri%ae zu vergleichen , aber kleiner , die mittlere Längsbinde länger,
schmäler, am Ende geschwungen. Alle drei von Oran, die letzte auch
von Bona.
S. 177 eine neue Hadena, H. Latenai, deren Diagnose wörtlich
so lautet: H. Dentinae affinis, statura maior, alae obscuriores, li-
7ieamenta maculaque odontoidea mcbgis conspicua. Patria Helvetia.
S. 449 eine Noctua unter dem Namen Gortyna Borelii , die mit
G. flavago verglichen w'ird, sich aber doch sehr von ihr unterschei-
det und, so viel sich aus der hübschen Abbildung ersehen läfst, eher
zu Cosmia zu zählen sein nröchte und vielleicht nichts weiter als eine
schöne Abänderung von C. Oo ist; wenigstens besitzt das hiesige
Museum eine solche, die mit der hier beschriebenen Eule sehr viel
Uebereinstimmung hat.
Einige neue Noctiien-Gattungen sind ^nnal. de la Soc.
Enf. d. Fr\ VL p. 219 von Hrn. G u e n e e aufgestellt worden, und
zwar 1) Syntomopus für iV. cinnamomea, 2) Basycampa
für iV. ruhiginea, 3) Mecoptera für N. satellitia, und 4) Xj-
locampa für N. lithoriza und ramosa. Die Noctuen zei-
gen einegrofse Einförmigkeit ihrer Bildung, und es ist ge-
wifs eine schwierige Aufgabe, dieselben in natürliche und si-
chere Gattungen zu zerlegen. Hr. G., ein eifriger und auf-
merksamer Beobachter ihrer Naturgeschichte, benutzt jeden
Zug zur Begründung der Gattungen, so dafs die von ihm aufge-
253
stellten Merkmale Alles, nur keine systematischen Charactere
enthalten. Müssen nämlich die früheren Zustände, so wesent-
lich sie zur Naturgeschichte der Insecten gehören, eigentlich
von den systematischen Characteren ausgeschlossen sein, so
können Umstände, z. B. ob sie auf niederen Pflanzen oder
Bäumen leben, ob sie sich über oder unter der Erde einspin-
nen, noch viel weniger Berücksichtigung finden als die Fär-
bung und Zeichnung sowohl der Raupen, als der Schmetter-
linge. Es ist in systematischer Hinsicht keine Insectenord-
nung so wenig vorgeschritten als gerade die, in Hinsicht der
Kenntnifs der Arten und der Naturgeschichte am meisten kulti-
virte, die der Schmetterlinge, nicht allein hinsichtlich der Cha-
ractere der Gattungen, als auch hinsichtlich der Grundsätze, die
dieselben zu gewinnen, angewendet werden sollen. Um so er-
freulicher ist es, einen der geachtetsten Lepidopterologen Frank-
reichs, Hrn. Duponchel, auch für die Ordnung der Schmet-
terlinge das systematische Grundgesetz verfechten zu sehen,
dafs alle Charactere nur am vollkommenen Insect aufzusuchen
seien, und dafs die Verhältnisse der Verwandlung diesen un-
tergeordnet betrachtet werden müssen (^Annal. de la Soc.
de France VI. p. 411).
Aunal de la Soc. Ent. d. France VI. p. 123 berichtigt Hr. Güe-
nee eine früher von ihm gemachte Mittheilung, dafs Bryophila AI-
gae im Innern von Zweigen lebe, dahin, dafs die Raupe sich nur dort
versteckt halte, dafs sie aber eben so, wie ihre Gattun^sgenossen,
von Flechten sich nähre.
Die ebendaselbst S. 173 von Hrn. Guenee beschriebene Agrotis
VüUersii ist nichts als A. ruris Hübn. O.
Hr. Donzel beschreibt ebendaselbst
S. 471 fünf Eulen und zwei Spanner aus dem Departement der Nie-
deralpen, nämlic^ Agrotis telifera, die viel Uebereinstimmung mit
A. rectangula zu haben scheint, A. gilva, A. Honnoratiana, beide
der A. decora sehr ähnlich, Polia dumosa, Apamea aquila, Melanthia
breviculuta und Larentia muscosata.
S. 13 einen Spanner, CrocalUs hntiscata aus Südfrankreich, von
der Gröfse der C. elinguaria, die Flügel aber ganzrandig und mit
schwarzen Atomen bestreut.
Hr. Bugnion beschreibt ebendaselbst
S. 439 vier neue Schmetterlinge: Syntomis Mestralii aus S3rrien, Epu
sema Pierreti aus AegjT)ten, Ophmsa Syriaca aus Sjrien, und XyUna
Lefebvrei aus Aegypten.
17*
254 '
Ueber die Verwandlungsgescliiclite der Urapteiyx sam-
hiicafa berichtet Hr. Bottin-Desylles:
dafs die Raupe, aufser Hollunder, auch auf Ahorn sich findet, dafs
sie bei Nacht frifst, bei Tage nicht leicht sich regt, und dafs sie zur
Verpuppung ein schwebendes Gespinnst verfertigt. Zu diesem Zweck
spinnt sie, auf den 4 Hinterfüfsen stehend, 2 Fäden, den einen 18 Li-
nien^ den andern 2 Zoll lang, heftet an dieselben eine grofse Menge
■von Blattstücken, etwa 10 Lin. vom Anheftungspuncte entfernt, steigt
die beiden Fäden hinab und spinnt dort ein loses Netz, welchem die
Blattstücke eingewebt werden. Das an den beiden Fäden hängende
birnförmige Gespinnst gleicht so einem Haufen trockener Blätter (^An-
nal. de la Soc. Ent. de France VI. p. 401).
CucuUia Solidaginis ist mit ihrer Raupe in den Trans-
act of tJie Entomol. Soc. of Lond. II. p. 57 pl. 3 f. 7 von
Hrn. Stephens beschrieben und abgebildet worden.
Die Verwandlungsgeschichte von Trochilium (^Sesid) cra-
hroni/orme ist von Herrn Bree in Loud, Mag. of Nat.
Hist. I. iV. Ser. p. 19 dargestellt worden.
In England hatte man die Eier eines Seidenspinners aus
China eingeführt, dessen Seide vollkommen weifs ist. Die
Raupen unterscheiden sich von den gewöhnlichen durch die
Anwesenheit eines schwarzen Flecks zu jeder Seite des Ko-
pfes, die Schmetterlinge aber nur durch etwas tiefere Färbung
der dunklen Linien auf den Flügeln. — Seils in den Trans-
act. of the Ent. Soc. of Lond. II. p. 40.
Hr. Boyer de Fonscolombe giebt in den Annal. de
la Soc. Ent. de France VI. p. 179 Nachricht über zwei Ti-
neen des Oelbaums, von denen die eine, T. oleella, als Mi-
nirraupe in den Blättern, die andere, T. olivella, in den Oli-
ven lebt. Die erste erscheint im März und verwandelt sich
im April, die andere ist Ende August erwachsen, und die
Motte erscheint im September. Der hauptsächlichste Unter-
schied zwischen beiden Arten liegt weniger im Schmetterling,
als in der Lebensweise der Raupe, daher Hr. Benard die An-
sicht aufgestellt hatte, dafs von derselben Oelbaum-Schabe jähr-
lich zwei Generationen vorkämen, von denen die eine in den
Blättern, die andere in den Früchten sich entwickele, der aber
Hr. V. Fonsc. sich aus allen Kräften widersetzt.
Hr. Desjdrdins, auf der Insel Mauritius wohnhaft, be-
richtet, dafs Kohl, Rüben und Kohlrüben in seinen Gärten
255
von einem Räupchen sehr litten, welches er fiir das von Alu-
c'da Xylostella {Ypsoloph. Xylosiei F., Plutella xylostella
Treitsch.) hält {Arinal. de In Soc Enf. d. Fr. VI. p. 229).
Die Richtigkeit der Bestimmung wird von Hrn. Duponchel
(ebendaselbst p. 235) bestättigt, und so scheint [dieser Fall
nicht nur ein Beispiel weiter Verbreitung einer einzelnen Art,
sondern aucli davon abzugeben, dafs dieselbe in verschiedenen
Verhältnissen sich eine verschiedene Futterpflanze suchen
könne.
D i p t e r a.
Mit der Beschreibung brittischer Dipteren fährt
Hr. J. Duncan in Jardine's Magaz. of Zool. and Bot. I,
p. 453 fort.
Von Chrysojts kommen in England dir, coecutiens, rellctus und
jüctus, von Uaematopata H. pluvialis vor.
In den Annal. de la Soc. Ent. de France VI. p. 429
geht Herr Macquard die Gattungscharactere von Pangonia
durch, und verfolgt alle Verschiedenheiten, wie sie die Länge
und Richtung des Rüssels, die Gestalt der Taster und Fühler,
die Form der Stirn, die Bekleidung der Augen, das Vorhan-
densein der Ocellen, der Umrifs des Hinterleibes und das Flü-
gelgeäder darbieten, und bemerkt, dafs, aufser dem Sringligen
dritten Fühlergliede, das Vorhandensein von Spornen an den
Hinterschienen der einzige beständige Unterschied von Taba-
'nus sei. Es ist diese Arbeit von Werth, in einer Zeit, wa.
man nach jeder Abweichung in der Bildung irgend eines Kör^ .
pertheils mit so wenig Umständen neue Gattungen creirt.
Einen Nachtrag zu seiner schönen Monographie von
Diopsis gab Hr. West wo od in den Tr ansäet of the Linn.
Soc. XVII. p. 543 t. 28, aufser einigen von Guerin abgebil-
deten oder von Macquard beschriebenen, Arten enthaltend,
die er auf seiner Reise in Deutschland und vorzüglich im hie-
sigen Museum zu untersuchen Gelegenheit hatte. Die Zahl
der bekannten Arten ist dadurch um 10 vermehrt, und die
Zalil der eigentlichen Diopsis (mit Ausschlufs von Achias')
auf 3(X erhöht worden, die alle der alten Welt, besonders
dem tropischen Africa (Senegal und Guinea), aber auch dem
256
Cap, Arabien und verschiedenen Gegenden Ostindiens ange-
hören.
Hr. L. Dufour berichtet in den Annal. de la Soc. Ent.
d. Fra'iiceVl. p. 83 über eine Art Gallen, die auf den Spitzen
der Erica scoparia in den Landes von Bordeaux vorkom-
men und schon vor drittehalb hundert Jahren vom Botaniker
Clusius beschrieben sind. Das Insect, welches sie hervor-
bringt, ist eine Cecidomyia, unter dem Namen C. Ericae sco-
pariae von Hrn. L. D. beschrieben. Parasitisch lebt darin ein
kleiner schwarzer jEulophus mit gelben Beinen und schwarzen
Schenkeln: E, Ericae L. D.
H e m i p t e r a.
Von „Herrich- Sc häffer, die wanzenartigen Insecten,
getreu nach der Natur abgebildet und beschrieben," ist das 6te
Heft des 3ten, und das Iste Heft des 4ten Bandes erschienen.
Eine Aufzählung der zwischen der Wolga und dem Ural-
gebirge vorkommenden Insecten dieser Ordnung hat Herr
Eversmann im Bull, de la Soc. Imp. des Nat. a. 1837
p. 33 mitgetheilt.
Ein weitläuftigeres systematisches Werk über Hern. He-
teroptera hat Herr M. Spinola zu Genua unter dem Ti-
tel: Essai sur les genres d'Insectes appartenants ä Vordre
des Hemipteres Lin. ou Rhyngotes Fah. et ä la section
des HeUropteres Dufour herausgegeben, welches besonders
"^ine weitere Ausführung der ähnlichen Laporte'schen Arbeit
ist, und dieser um so mehr folgt, als Hrn. Sp. die B ur mei-
st er'sche Bearbeitung der Hemipteren unbekannt geblieben
war. Ausführlicher als sein Vorgänger führt Hr. Sp. eine An-
zahl neuer Gattungen ein, die weniger, als man es vermuthen
würde, mit den von Burmeister errichteten identisch sind,
und bei deren Feststellung mehr die Absicht vorgelegen zu
haben scheint, die bei einer genaueren Untersuchung sich er-
gebenden Unterschiede möglichst an's Licht zu stellen, als sie
ihrem Werthe nach zu prüfen.
Die ganze Abtheilung der Heteroptera theilt sich bei Hrn.
Sp. in 5 Tribus:
l. NepideSj \on den übrigen durch Athmung vermittels Afterröh-
257
ren abweichend, Nepa und Ranatra. II. Hydrocorixes mit Sclnvimm-
füfscn an den hinteren Beinen : Belost oma, DiylonycJms, Sphaerodetna
Lap., Naucoris, Corixa, Aiiüops (Stirn beim Männchen in Form einer
Spitze vorspringend — Nototiecta nlvea F.), Vlea, üi^ara, Notonecta,
Enithares (von Notonecta dadurch verschieden, dafs die seitlichen
Gruben auf der Unterseite des Halsschildes sich auf dem Rücken
fortsetzen, und dafs das letzte Glied der Fühler mit dem vorletzten
von gleicher Länge ist — Notonecta indica F. und eine neue Art E.
Brusiliensis). — Hl. GalguUtes mit unter und hinter den Augen ein-
gelenkten Fühlern: Galgulus und Monouyx. IV. Aniphibicorixes mit
fadenförmigen Beinen und zugleich über den flachen Theil des Meso-
thorax vor dem Schildchen und d$is Schildchen selbst fortgesetztem
Hinterrande des Halsschildes: Hydrometra, Ilülobates, Gerris, Velia,
V. Geocorixes, welche in 9 Familien zerfallen.
A. Reduvites (an den Gelenken des Rüssels ist einz-eln nur Fle-
ction möglich). Ochetopus Hahn. (Stenopoda Lap.^ Felego?ius Latr.
Acanthia F. Leptopus Duf. Mac?'opht kttlmus Lap, Uoloptilus Serv^
Hammocerns Lop. Ectrichodla Lap. Cymbus Hahn, Floiaria Scop,
Emesodema (Floiar. domestica Scop. — durch den nicht über das
Schildchen erweiterten Hinterrand des Halsschildes von Floiaria,
und die nicht verkürzten Schienen und Füfse der Vorderbeine
von Efnesa unterschieden). Emesa (die hier beschriebene E. Se-
rvillei ist wahrscheinlich dieselbe Art, die Bur meist er als E.
praecatoria F. beschreibt. Fäbricius spricht aber von Flügeln,
und die von B. dafür angenommenen Exemplare der hiesigen Samm-
lung sind ungeflügelt und keine Larven. Die von Fab. und Spin,
erwähnten Exemplare mit aufgetriebener Spitze des Hinterleibs sind
das andere Geschlecht). Frostemma , Pachynomus (wo F. brunneus
Lap. mit Unrecht mit F. picipes Kl. vereinigt ist). Cymbides (Tim-o-
des Burm.). Feirates, Sirthenea (eine eigene Gattung, besoifders da-
durch ausgezeichnet, dafs die Sohlen an den Mittelschienen fehlen,
während sie an den Vorderschienen vorhanden sind — Red. carina-
tus F.y Oncocephalus , Myodocha, Fachymerus, Nabis, Conorhimts,
Jpiomerus, Heniartes (die Schienen zusammengedrückt und bogen-
förmig, die vorderen ohne Furche zur Aufnahme der Füfse — zwei
neue Arten aus Brasilien, von denen die eine, H. erythromerus , mit
Red. Stollii Enc. identisch zu sein scheint). Hiranetis (Schienen ein-
fach, Fühler zwischen den Augen eingelenkt, durch den nicht aufge-
triebenen Vorderrücken von der folgenden Gattung unterschieden —
eine neue Art H. membranacea aus Brasilien). Saccoderus (Notocy?'-
tus Uffi>\), Frionotus, Sthicnera {Red. angulosns Ena. — ein Arilus
ühn.\ llarpactorj Fetulochirus, Reduvius).
B. Coreites. Gelenke des Rüssels mit freier Bewegung, Kopf un-
gerandet, Fühler an der Spitze des Kopfes eingelenkt, Halsschild den
vorderen Theil des Mittelrücken bedeckend, Unterseite des Kopfes
ohne Rinne zur Aufnahme des Rüssels : Corynomertis (eine Rinne auf
258
der Unterseite des Hinterschenkels zum Einschlagen der Schiene, die
jedoch zu unbestimmt ist, um hei der ungemeinen Verwandtschaft des
Thiers mit Cor. Äcrydioldes F., wo von dieser Rinne keine Spur
vorhanden ist, eine natürliche Trennung zu begründen. Die unter
dem Namen C. elevatus beschriebene Art ist Mer, tristis Perty , die
wohl wegen der fehlenden Angabe der natürlichen Gröfse auf der Per-
tyschen Tafel nicht erkannt wurde, und die von Burm. unter Crino-
coris aufgeführt wird). Meropachus Lap. (die beschriebene zweite
Art, M. Buqiietii, ist M. gracUis Bnrm,^ Pachymeria Lap. (von den
beiden aufgeführten Arten wird die erste, Anisoscelis ruficriis Perty,
von Burm. zu Nematopus Latr. gerechnet, die zweite, P. trianguhim
Spin., ist Pachymeria armata Lap., bei Burm. die Gattung Ärclii-
merus). Cerhus Hahn., Myctis Leach., Pachylis Enc. (P. rnfitarsis
Spin, ist laticornis F.') Acanthocephala Lap. {Lyg. femoratus F.,
nicht aus Ostindien, sondern aus Nordamerica und Mexico, Diactor
Burm.') Physomerus (JineatocoUis Sp. ist Cerhus phyllocnemus Bur-
meist.) PlaxiseeUs (P. fusca Spin, aus Brasilien, ein Diactor nach
Burm., dem D. paganus B. ganz verwandt). Nyttum (von der folgen-
den Gatt, durch einfaches drittes Fühlerglied und ungedornte Schenkel
unterschieden — eine neue Art, N. limbatum aus Brasilien). Cha-
riesterus Lap. Verlusia {Cor. quadratus F. und F. rotundiventris Spin.,
aus Italien, letztere aber wohl nichts anderes als Cor. sulcicornis i^.).
Coryxoplatus (identisch mit Discogaster Burm., und die Art C. pal-
lens Sp. mit D. pallens Burm?). Coreocoris Hahn, Menenotus Lap.,
Syromastes Lap., Coreus F. {scapha und spiniger).
C. Phymatites, von der vorigen Familie durch die Rinne auf
der Unterseite des Kopfes zur Aufnahme des ersten Gelenkes des
Rüssels unterschieden, Seitenlappen des Kopfes den Mittellappen über-
ragend: Phymata ißystis F.) und Macrocephalus.
D. Aradites, wie die vorige Familie, aber das Verhältnifs der
Lappen des Kopfes umgekehrt: Aradus, Aneurus , Dysodius.
E. Tingidites. Der Rücken des Halsschildes bedeckt den gan-
zen Mesothorax : Galeatus Curt., Dyctionota Curt., Derephysia (Füh-
ler kurz behaart, mit länglich-eiförmigem Endgliede — T. foliacea
Fall.), Tingis, Monanthia (T. Echii F. ist sowohl bei dieser als der
vor. Gattung aufgezählt), Eurycera, Catoplatus (Metasternum ohne
Rinne — T. costata F.), Serenthia (übereinstimmend mit Piesma
Lap., da es kein Zweifel ist, dafs Lap. den anders gefärbten hinteren
Lappen des Halsschildes für das Schildchen genommen hat, ein Irr-
thum, den nicht erst Brülle, sondern schon Burmeister nachge-
wiesen hat.
F. Cimicites. Der Hinterrand des Halsschildes greift nicht über
den Mesothorax: Cimex lectularius L.
G. Astemmites. Fühler hinter der Spitze des Kopfes eingelenkt;
keine Nebenaugen: Macroceraea (erstes Fühlerglied doppelt so lang
als der Kopf — M. longicornis Lefehvr. aus Ostindien), Pyrrhocoris,
Odontopus Lap. (Ref. kann an der von Lap. beschriebenen Art keine
259
Dornen an den Tarsen finden), Astemma, Largns^ Theraneis (die Au-
genhöcker nicht so abgesetzt, und der Körper über der Basis des
Halsschildes am breitesten — Th. vittata, eine neue Art aus Brasi-
lien), Rcsthenia (Flügeldecken mit dem Nagelfleck, Hinterrand des
Metasternum über die Hinterhüften verlängert — R, scutata Sp. aus
Brasilien"), Mlris, Phytocoris , Capsus , Glohiceps Enc, Byrsoptera
(identisch mit Orthonottis Steph. und die Art B. erythrocephala mit
Caps, rufifrons Fall), Eurycephala Lap.
H. Anisoscelides. Fühler über oder auf der Mittellinie vom Auge
zur Spitze des Seitenlappens des Kopfes eingelenkt: Leptocorisa Lap.,
Stenocephalus , Setherina (die ersten Fühlerglieder dick, das zweite
und dritte gefurcht, Flügeldecken von gevröhnlicher Bildung — S. te-
stacea Sp. aus Brasilien), Holymenia, Diactor {Lyg. hiUneatus F.),
Anlsoscelis {Lyg. phylloptcs F.), Hypseloiiotus , Clavigralla (keulför-
mige Schenkel — Cl. gihbosa Sp. von Bombay), Neides, Alydus, Mi-
crelytra, Vhyllomorpha, Atractus Lap. (entspricht Pseudophloeus
Burm.\ Cymodera (Rand des Hinterleibes von den Flügeldecken be-
deckt, diese mit 4 Nerven in der Membran — C. tahida aus Sardi-
nien), Merocoris Bahn (entspricht Coreus Burm.\ Leptoscelis, Nema-
topus, Gonocerus, Micropus (eine eigenthümliche, sehr langstreckige
Form, die in der nächsten Verwandtschaft mit Vachymerus steht, und
sich in den verschiedensten Weltgegenden wiederholt. Von Burm.
ist sie übergangen und auch sonst noch nirgend unterschieden. Die
Ton Sp, beschriebene Art, M. Genei aus Sardinien, ist vom Ref. auch
bei Berlin aufgefunden, und zwar nicht blos in ungeflügelten Individuen
mit verkümmerten Flügeldecken, sondern auch in vollständig geflü-
gelten). Chaerosoma, Acinocoris, Naeogeus Lap. (Jlebrus Westw.),
Coryzns.
I. Lygaeites. Fühler unter der Mittellinie zwischen Augen und
der Spitze der Seitenlappen des Kopfes eingelenkt: Salda, Henesta-
ris (enspricht Cymus Fam. B. Burm.^, Piesma, Xylocoris, Anthoco-
Tis, Aphanus (Pachymerus Latr.), Niesthrea (Coreus Sidae F.), Se-
rinetha (^Leptocoris rufus Hahn) ^ Rhopalus, Artheneis, Lygaeosotna
(beide Gattungen auf kleine sardinische Arten gegründet, die sich
vielleicht unter Heterogaster begreifen liefsen), Arocatus (Lyg- me-
lanocephalus F. — von Lygaeus wegen des in einer Rinne aufgenom-
menen ersten Gelenkes des Rüssels unterschieden), Lygaeus, Cymus.
K. Pentatomites. Kopf gerandet. Von den zahlreichen Gattun-
gen dieser Familie sind folgende neue zu nennen: Symjriexorhincus,
Macropygium, Chlorocoris, alle drei auf einzelhe brasilische Arten
gegründet, zwischen Empicoris Hahn (Jlalys variolosa F.) und Ate-
locera Lap.; Ochlerus {cinctus Sp. aus Brasilien, einerlei mit Cim.
inaiginutus F.), Erthesina {Halys mucorea F., wegen den erweiter-
ten Vorderschienen von Halys getrennt), Apodiphus (Jlalys .spinulosus
und Uellenicus Lefelvr.), Dichelops (von Pentatoma durch die über den
Mittellappeii hinaus verlängerten Seitcnlappen des Kopfes unterschic-
260
den, auf eine neue brasilische Art gegründet), Spongipodiutn (JLdessa
obscura F.\ Phyllocheirus für Heteroscelis Lap., welches der gleich-
namigen Käfergattung halber nicht beibehalten werden konnte. Dyro-
deres {Cimex iimbraculatus F.), Epipedus , Ärocera (zwei mit Fen-
tatoma ganz nahe verwandte Gattungen, jede mit einer brasilischen
Art), Proxys {Cini. victor F.), Jgonoscelis {indica Sp. aus Ostindien,
gleicht der Ilalys nubila F., Wolf, weicht aber durch den fast bis zum
Ende des Hinterleibes reichenden Rüssel ab). Heteropus Lefebvrei Sp.
von Java, von Jalla und Ärma Hahn durch erweiterte Vorderschienen
gesondert), Cataulax {Pent. macraspis Perty), Arvelius (C. gladia-
tor F.), Vulsirea {Cimex l. B. Burm.'), Catacanthus {Cimex I. Ä.
Burm.y Coryxorhaphis eine neue Art aus Brasilien, nur durch
den mangelnden Dorn an den Vorderschenkeln von der folgenden
Gattung Oplomus (^Asopus A. b. Burm.^ unterschieden. Stirethrosoma,
die Arten von Stirethrus mit erweiterten Vorderschenkeln. Elvisura,
eine neue Tetyrengattung, wo die Rüsselfurche bis zum Ende des
Hinterleibes reicht (E. irrorata vom Senegal), Solenost hedium {Coe-
loglossa Germ., Tetyra furcifera und lyncea F.).
Die Folge, die Hr. Sp. gewählt hat, kann wohl weder im Kleine-
ren, noch im GrÖfseren überall für natürlich gelten, und es scheint,
als ob namentlich in der Stellung und Unterscheidung der Coreen
und Lygaeen die deutschen Bearbeiter dieser Familie auf einer viel
sicherern Bahn gingen; indefs hat Hr. Sp. gewifs dadurch, dafs er
seinen eigenen Weg verfolgte, künftigen Bearbeitern neue Gesichts-
puncte der Anordnung eröffnet, und es wird seine Arbeit, bei aller
Befangenheit der systematischen Ansichten, durch die Genauigkeit ih-
rer Untersuchungen noch lange ein Gegenstand des Studiums bleiben.
Hinsichtlich der neugebildeten Gattungsnamen wäre es besser gewe-
sen, Hr. Sp. hätte sich Hrn. Laporte nicht so sehr zum Muster genom-
men, dessen Namen auf Pseudo- und- dema selbst Hr. Dejean ver-
werfen konnte, und fast noch weniger L e a c h , der durch blofse Ver-
setzung der Buchstaben ganz bequem wohlklingende Namen fertigte.
Wirklich hat Hr. Sp. nahe an 20 Namen aus den beiden Wörtern
Valerius und Theresina so gewonnen. Es mag wohl gleichgültig er-
scheinen, ob die Namen, die einen naturhistorischen Gegenstand be-
zeichnen sollen, gut oder schlecht sind, wenn sie ihn nur bezeichnen,
und die Weise der Namengebung betrifft nicht sowohl das Wesen der
Wissenschaft, als ihre Form; aber auch die wissenschaftliche Form
ist so ganz unwesentlich nicht, und sollte blofser Bequemlichkeit we-
gen nicht aufgegeben werden, wäre es auch allein, damit unsere
Wissenschaft den Anschein entbehrte, als sei sie nur ein Zeitver-
treib für müfsige Leute.
A Catalogue of Hemiptera in the collection of the
Rev. F. W. Uope, mth short latin descriptions of the new
species, enthält bisher die Familie der Schild wauzen, und ver-
I
I
261
meidet einen Nachtheil anderer Verzeichnisse, welche die
aufgeführten neuen Arten unbekannt lassen. Die im Anhange
gegebene Charakteristik von mehr als dritthalb hundert Ar-
ten, in der Form der Mitte zwischen Diagnose und Beschrei-
bung haltend, mag häufig für die Erkennung der Art ungenü-
gend erscheinen, indessen, wo die Gattungen genau bestimmt
sind, läfst sich oft mit wenigen Worten eine Art deutlich kennt-
licii machen. Die Gattungs- Sonderungen aller neueren Auto-
ren, namentlich von Hahn, Laporte und Burmeister, sind
in diesem Verzeichnisse benutzt, so dafs die folgenden neuen
Gattungen, die hier' aufgestellt werden, gröfstentheils auch ganz
neue Formen sind:
HopUstodera, zwischen Stirethrus und Sciocoris gestellt, mit einer
Art aus Java. Jplosterna scheint eine ähnliche Form des Metaster-
num wie Edessa zu haben, Hinterleib mit einem kurzen Stachel an
der Basis, 1 Art aus Gambien. Lyraniorpha, Mesosternum gekielt,
Stachel am Grunde des Hinterleibes bis zum Mesosternum reichend;
2 Arten aus Neuholland. RJiynchocoris , auf Ed. hamata F. gegrün-
det. Urolabida, sehr lange Fühler, das Männchen miH zwei zangen-
förmigen Griffeln und einem Stachel zwischen ihnen, das Weibchen
mit einem hornigen gekrümmten Anhang fast von der Länge des Hin-
terleibes am After; 1 Art aus Ostindien. Vrostylis, ähnlich der eben
erwähnten Gattung, aber das Männchen ohne Zange, das Weibchen
mit an der Spitze gespaltenem Fortsatz am After; 2 Arten aus
Ostindien.
Eine Anzahl neuer exotischer Hemipteren-Arten beschreibt
Herr Westwood in den Tr ansäet, of the Ent Soc. of
Lond. H. p. 18.
Eumttopm, eine neue Tetyren- Gattung, yvo das Schildchen den
Hinterleib gröfstentheils bedeckt und wo der Kopf sich vorn in drei
Lappen theilt, daher die einzige südamericanische Art E. ßssiceps
heifst. Oncoscelis, in der Form mit Oticomeris sehr übereinstimmend,
doch durch Abwesenheit des Stachels an der Hinterleibswurzei unter-
schieden : 0. Anstralasiae aus Neuholland. Cyclogaster, eine sehr ei-
genthümliche, fast ^rarfw*- artige Form von Schildwanzen mit 4s;lie-
drigen Fühlern, durch einfaches Sternum und kurzen Rüssel von Tes-
saratoma und Äradus abweichend: C. palUdus aus Gambien. Euce-
rocoris, neue Gattung der Capsiden, durch besonders lange Fühler
bemerkbar: E. nigriceps, i^^bekannten Vaterlandes, und endlich Eni-
coceplialus, eine neue Reduvien-Gattung von kleinerer Gestalt, durch
eingeschnürten Kopf, zweimal eingeschnürten Thorax und besonders
262
durch eingliedrige Vordertarsen ausgezeichnet, wovon 4 Arten: K
ßavicolUs aus Westindien, E hasalis aus Bengalen, ]E. fulvescens, in
Kopal eingeschlossen, und E. Tasmanicus aus Van Diemensland.
Herr Desjardins auf Isle de France macht in den An-
naJ. de la Soc. Ent. d. France VI. p. 239 ein dort einheimi-
sches neues Hemipterum bekannt, welches er für eine Art der
Gattung Naucoris erkannte, in der er jedoch, nach der ganz
abweichenden Lebensweise (unter Steinen) eine neue Gattung
vermuthet, welche Vermuthung von Hrn. Serville (ebendas.
S. 241) dahin beslättigt wird, dafs die fragliche Art der La-
porteschen Gattung Mononyx angehöre.
Unter dem Titel: Genera Inseetorum iconibus illustra-
vit et descripsit Herrm. Burmeister. Vol. I. Rhynchota,
hat Hr. Prof. B. ein Werk begonnen, welches im Gebiet der
Entomologie nur mit den Curtisschen und Percheron-Guerin-
schen in Vergleich zu stellen ist, und welches, während es
sich nicht wie das erstere auf eine Fauna beschränkt, demsel-
ben weder an Eleganz noch Genauigkeit der Ausführung nach-
steht, vor dem zweiten (bereits, wie es scheint, eingegangenen)
den Vorzug sorgfältigerer Bearbeitung und mehreren inneren
Zusammenhanges schon dadurch hat, dafs nur näher stehende
Gattungen mit einander dargestellt werden, und die vorausge-
gangene Arbeit des Verf. über die ganze auf dem Titel ge-
nannte Ordnung (im Handbuche der Entomologie) der gegen-
wärtigen zur Grundlage dienen kann. Das vorliegende erste
Heft enthält Gattungen der Cicaden, nämlich:
Lystra, mit 7 durch Diagnosen bezeichneten Arten, erläutert durch
L. auricoma aus Mexico, die im Aeufseren eine grofse Uebercinstim-
mung mit Phenax hat, der zweiten hier beschriebenen Gattung, de-
ren Analysen auf der Tafel der vorigen Gattung beigefügt sind. Aco^
cephalus, durch A. costatus Germ, repräsentirt. Bythoscopiis, in 4
subgenera zerlegt: mit an der Spitze überschlagenden Flügelderken,
Bythoscopus {Flata varia jP.) mit in beiden Geschlechtern einfacher,
Idloceriis Lewis (z. B. Jassus fidgidus F.) mit beim Männchen vor
der Spitze blattartig zusammengedrückter Fühlerborste, und mit ganz
gerader Naht der Flügeldecken, Oncopsis (?.. B. B. lanid) mit gewölb-
ter, und Pediopsis {B. tiliae Germ?) mit flacher Stirn. Etirymela
mit 5 Arten, unter denen die bekanntestfe,^iE. fenestrata, für die Dar-
stellung angewendet ist.
Herr Guerin bildet in seinem Mag, de Zool. Cl, IX.
263
pl. 173 eine mexicanische Fiilgora Castresü ab. Sie ist klei-
ner als die südamoricanischen Arten, deren, anfser F. later-
naria, Herr G. noch einer zweiten erwähnt, die von Herrn
Brülle beschrieben werden soll, die vielleicht F. luci/era
Germ. ist. Es mag hier wohl die Bemerkung an ihrem Orte
sein, dafs das gegenwärtig allgemein als F. laiernaria ange-
nommene brasilische Insect, von welchem auch Hr. G. auf pL
174 im Vergleich mit F. Castresü einen Umrifs giebt, eine
von der von der Merian beobachteten, von ihr und von StolL.
abgebildeten und von der ächten Linneischen F. laternaria
verschiedene Art ist, die in Surinam einheimisch ist und sich
durch längere, weniger aufgetriebene Kopfblase und durch dop-
pelte Pupille im Augenfleck der Unterflügel (wie bei F. Cas-
tresü) von jenen besonders unterscheidet. Aufserdem enthält
das hiesige Museum noch eine dritte brasilische Art, so dafs
Ref. 5 Arten dieser Gruppe vor sich hat.
Eine neue, von allen verwandten Arten des südlichen Eu-
ropa wohl unterschiedene Cicada ist unter dem Namen C,
Steveni von Herrn Krynicki in den Bull, de la Soc. Imp,
des Nat. d. Moscou a. 1837. V. p. 86 beschrieben und t III.
abgebildet. Sie ist der C. sanguinea QTettigonia sanguinea
Fab.) am nächsten verwandt, sowohl in der Gestalt als in
der Färbung der Fliigelrippen, weicht aber von ihr und allen
ähnlichen Arten durch einen beträchtlich breiten gelben Hin-
terrand des Prothorax ab.
Ueber den Legestachel der Cicaden bemerkt Herr
Doyere {Aniial. d. Sciens nat. Ser. II. t. VII. p. 193),
dafs die Ansicht von Reaumur — wonach die beiden Sei-
tentheile desselben durch Bewegung auf und ab, und an der
Spitze gezähnelt zugleich als Feile wirkend, das Einbohren
bewerkstelligten, und dafs das Mittelstück nur zum Zusam-
menhalten der Seitenstücke diene — nicht richtig sein könne,
indem eines Theils die Feilzähne der Seitenstücke zu stumpf
seien, andererseits das ganze Instrument eines Stützpunctes
entbehren würde, da nur auf den vorderen Theil des Körpers
das ganze Gewicht falle. Er stellt daher die Ansicht auf,
dafs die Seitentheile mehr als Klammern gebraucht würden,
und dem Bohrer zum Stützpunct dienten, und dafs der Vor-
264
gang etwa der sein möchte, dafs diese Klammern jedesmal in
die kleine, vom Mittelstück gemachte OeflFnung eingesenkt und
diese dadurch erweitert würden, dafs das Mittelsti'ick, wieder
vortretend, sie nach Art eines Keils aus einander triebe. Da
die Clcaden, nach Reaumur, nur kleine abgestorbene Zweige
zum Einbohren der Eier benutzten, würde die Stärke des Le-
gestachels zu diesem Verfahren ausreichen.
Bericht über die Leistungen in der Naturgeschichte
der Mollusken während des Jahres 1837.
^ Bearbeitet
von
Dr. F. H. Troschel.
L'nter allen hierher gehörigen Werken verdient wohl Aleide
d^Orhignys Voyage dans VAmerique meridionale zuerst
erwähnt zu werden, wovon im Laufe des verflossenen Jahres
die 26 — 34ste Lieferung erschienen ist. Das Werk ist mit
so vieler Pracht ausgestattet und enthält so viele schätzbare
Beobachtungen, dafs es zu den interessantesten Erscheinungen
in der zoologischen Literatur gerechnet werden mufs. Des
Neuen werden wir bei den einzelnen Abtheilungen der Mol-»
lusken genug mitzutheilen haben. Die Diagnosen der neuen
Conchylien sind bereits zum Theil in Guerin's Magazin de
Zoologie 1835 al%edruckt, weshalb wir sie hier fortlassen.
Von L. C. Kiener's Species gener al et Iconographie
des Coquilles Vivantes sind wieder als Fortsetzung mehrere
Lieferungen erschienen, die sich, wie die frühem, durch Treue
der Abbildungen auszeichnen. Bei dem raschen Fortgange
dieses Werkes möchte die durch H. C. Küster in Erlangen
besorgte neue Auflage der Martini-Chemnitzschen Gonchylien-
abbildungen mit neuem Texte (Martini und Chemnitz:
systematisches Conchylien- Cabinet. Neu herausgegeben und
vervollständigt von Prof. H. C. Küster) als ein ziemlich über-
flüssiges Unternehmen erscheinen, um so mehr, als die Abbil-
dungen den Ansprüchen, welche man jetzt an Abbildungen zu
machen gewohnt ist, nicht völlig genügen.
266
Von E. A. Rofsmäfsler's Iconographie der Land- und
SüfswassermoUusken erschien das 5te und 6te Heft, mit wel-
chen der erste Band beschlossen wird. Ein vollständiges Rer
gister, das sich auf Gattungen, Arten, Synonyme und die ter-
minologischen Bezeichnungen bezieht, ist beigegeben. Die Ab-
bildungen sind, wie früher, sauber und naturgetreu ausgeführt.
Viele, früher weder beschriebene noch abgebildete, Arten von
Ziegler und v. Mühlfeldt machen das Werk sehr nütz-
lich; eben so sind einige neue Arten des Berliner Museums
hier bekannt gemacht.
Von anatomischen Arbeiten, welche sich über die ganze
Klasse der Mollusken erstrecken, ist folgende anzuführen:
Robert Garner nämlich giebt eine interessante Abhand-
lung über das Nervensystem der Mollusken {Transacüons
of the Linnean Society of London 1837 p. 485 t. 24—27),
welche von 4 instructiven Kupfertafeln begleitet ist.
Bei den Tunicaten besteht das Nervensystem aus einem
Ganglion zwischen den beiden Oeffnungen; es entspricht dem
hinteren oder Kiemen-Ganglion der Conchiferen. Die Lippen-
und Fufsganglien der Conchiferen fehlen, da diese Organe nicht
vorhanden sind. M e c k e 1 ' s Abdominalganglion erkennt Verf. nicht
an. — Bei den Conchiferen finden sich, mit Ausnahme derer, bei
welchen der Fufs verkümmert ist, drei Ganglienpaare. Bei Ostrea
fehlt das untere oder Fufsganglion. Das hintere Ganglionpaar
liegt am hinteren Muskel zwischen den Kiemen und ist Kie-
menganglion. In den Gattungen, wo die Kiemen vereinigt
sind {Ostrea^ Cardium, Unio, ^nomia, Venus, Pholas, Te-
redo, Solen, Mya, Mactrd), sind auch die beiden Ganglien
in eins verschmolzen, aber bei Mytilus, Modiola, Vecten,
wo die Kiemen getrennt sind, sind auch die Ganglien getrennt.
Das vordere oder Lippenganglienpaar ist nie vereint, sondern
durch einen über den Mund gekrümmten NervenJFaden verbun-
den. Die vorderen Ganglien sieht Verf. als dem Gehirn ent-
sprechend an, weil die anderen Ganglienpaare mit ihm durch
Fäden verbunden sind, obgleich sie unter einander nicht com-
municiren. Bei Pecten, Spondylus und Ostrea finden sich
kleine glänzende, smaragd-ähnliche Augenpuncte (?), welche einen
kleinen Nerv, Pupille, Pigment, einen gestreiften Körper und
eine Linse haben, die am Rande des Mantels stehen und also
2Ö7
Sehorgane sein müssen. — Ebenso wie die Gasteropoden
grofse Verschiedenheiten in der Form darbieten, zeigen sie
auch Unterscliiede im Nervensystem. Ueberall ist bekannt-
lich das Nervensystem ein Scldiindring, der aber eine ver^
schiedene Lage hat, bei llelix ganz vor, bei Eolidia hinter
der Mundmasse, bei Buccinum weiter hinten am Oesopliagus,
bei einer Species von Purpura selbst hinter dem Magen. — -
Das Nervensystem von Patella bildet den Uebergang von den
Gasteropoden, theils zu den Conchiferen, theils zu den Cepha-
lopoden. Zwei vordere Ganglien stehen durch 4 Fäden mit
4 hinteren unter sich verbundenen, in Verbindung, deren innere
Verf. als den Fufsganglien der Conchiferen, die äufseren den
Kiemenganglien entsprechend ansieht. Bei den Gasteropoden
findet sich meist noch ein Band oder zwei Ganglien unter dem
Schlünde, die die Mundmasse mit Nerven versehen. Bei Pa-
tella steht dies Band mit zwei Ganglien in Verbindung, welche
der Lippe des Thiers angehören, nicht aber mit dem Haupt-
ganglienpaare. Dies sieht Verf. als den Uebergang zu den Ce-
jjhalopoden an. — Bei Chiton, wo Augen und Fühler fehlen^
sind auch die oberen Ganglien nicht entwickelt. -»- Bei Scyl-
laea pelagica besteht der Schlundring aus 4 oberhalb des
Oesophagus liegenden Ganglien, an deren beiden obersten zwei
kleine schwarze Punkte sich finden, die Verf. als die Rudi-
mente der Augen ansieht. Bei Bullaca sind die Fufsganglien
von denen des Mantels getrennt; das Kiemenganglion liegt
wie bei Aplysia hinten im Thier. — Die gewundenen Gaste-
ropoden zeigen beträchtliche Verschiedenheiten in ihrem Ner-
vensystem. Man beobachtet in der. Regel 4 Nerven, die von
den oberen Lappen entspringen, w^enn die Ganglien des Schlund-
ringes sehr getrennt bleiben, bei den höheren Gasteropoden
aber hinten von dem unteren ausg'ebroiteten Theil des Ringes.
Die beiden äufseren sind Mantelnerven, entsprechend den Man-
telnerven bei Sepia, die beiden inneren entsprechen den Brau-
chiovisceral-l^erwen derselben. Von diesen gehen Fäden zu den
Eingeweiden und bilden oft ein Ganglion in der Nähe des
Magens. Die Nerven des Mantels entspringen aufserhalb der
vorhergehenden und führen zuweilen ganz oder zum Theil zu
den Kiemen. Die Schalenmuskeln empfangen ihre Nerven
zum Theil von diesen Paaren, zum Theil von dem Fufsganglion.
IV. Jahrg. 2. Band. |<j
«.
268
Von den Gattungen Janthina, Pahidina, Turbo, Neritina,
Planoj'his, Carocolla, Bulimus und eben so von den in die-
ser Hinsicht sehr übereinstimmenden Natica, Buccinum, Pur-
pura, MitrUy Columhella und Oliva ist das Nervensystem
beschrieben und abgebildet. — Das Nervensystem der Cepha-
lopoden nähert sich von der einen Seite dem der Gasteropo-
den, ivon der anderen dem der Fische. Das der Sepien ist
abgebildet, genau beschrieben und mit dem von Loligo und
Octopus verglichen.
Serres betrachtet {Ann. d. sc. nat. 1837 II. /?. 168;
Inst. HO. 221 suppl. p. 370) die Anatomie der Mollusken im
Vergleich zur Entwickelung des Embryo der Rückgrats thiere,
um ihnen dadurch eine Stellung im Systeme zu sichern. Er
betrachtet die Mollusken als bleibende Embryonen {einbryons
permanens) der Rückgratsthiere und des Menschen, bei denen
die Organe der Ernährung und Fortpflanzung vorherrschen.
Er vergleicht die Schale mit einer bleibenden Caduca, die
Kiemen mit einer bleibenden Allantois, den Mantel mit einem
bleibenden Chorion, den Verdauungskanal mit einem bleiben-
den Vitellus. S -.
Ueber die geogr^pjiische Verbreitung, finden >^ir manche
Mittheilungen.. , «i>ia<! ü., jü nohifüisüii aii%:
-1-- Deshayes bemerkt {Inst. no. 195 p. 41), dafs gegen die
Pole hin, wo die Continente sich näheren, beiden mehrere
Species gemeinschaftlich seien, dafs jedoch nach Süden zu die
Gleichheit sich verringere und bald ganz aufhöre.
Einen Beitrag zur Fauna der Schweiz giebt J. de Char-
pentier (Neue Denkschr. d. allgem. Schweiz. Gesellsch. f. d.
gesammten Naturwissensch. Bd. I.) durch eine Aufzählung von
135 Land- und Süfswasserconchylien. Es werden mehrere
neue Arten beschrieben, und sowohl von diesen als von Va-
rietäten schon bekannter Arten, deren eine grofse Menge auf-
gezählt wird, sind recht hübsche schwarze Abbildungen auf
zwei Quarttafeln beigegeben.
Helix pomatia findet sich bis auf 5000 Fufs über der Meeres-
fläche, und wird um so grÖfser, je höher sie sich erhebt. Am höch-
sten erhebt sich eine Varietät von Helix arhustorum, nämlich bis auf
7000 Fufs; sie ist sehr klein. Eben so ist eine Varietät von Helix
sylvatica Drap. (var. alpicola Charp.') nur halb so grofs als gewöhn-
lich und erhebt sich eben so hoch.
Auch Edward Forbes theilt Bemerkungen über die Er-
hebung der Schnecken in den Schweizeralpen mit (Jardine,
Sclhy and Johnston Magazine 1837 p. 257).
Am höchsten erheben sich, und zwar über 7000 Fufs auf dem
Faulhorn, Vitrina glaciaUs Forbes (in Holzschnitt abgebildet) und
Helix arhustorum var. alplna Fer.^ was mit Charpentier's Angabe
übereinstimmt.
Von den 256 Pulmonaten, welche d'Orbigny l, c. als
südamericanische aufzählt, sind nur 28 Flufsconchylien. In
Beziehung auf die geographische Verbreitung nimmt er drei
Zonen an: a. von 11 bis 28^ südl. Br. mit 131 Arten, b. von
28 bis 34« mit 28, und c. von 34 bis 45« mit 13 Arten. —
Zwischen dem 12 — 18® südl. Br. finden sich unter 5000 Fufs
Erhebung 126, von 5000 — 11000' nur 4, und über 11,000'
wieder 6 Arten.
Ueberhaupt sind bergige Gegenden ;reicher an Arten und Indivi-
duen, als weite Ebenen. Auffallend ist es, dafs auf dem östlichen
Abhänge der Andes, auf diesen weiten Länderstrecken (Peru, Bolivia,
Argentine bis Patagonien und einem Theil von Brasilien) nur 109 Ar-
ten, dagegen auf dem westlichen Abhänge, einem Streifen von nur
20 — 30 Heues marines Breite, 55 Arten sich finden. Von diesen sind
8 Arten beiden Abhängen gemein. Dies geringe Mifsverhältnifs ist
um so auffallender, als auf der Ostseiü'e häufiges Regnen die Vegeta-
tion begünstigt, wogegen durch übermäfsige Trockenheit auf der West-
seite die Vegetation aufserordentlich gehemmt wird. Aber gerade
•wenig bewachsene und felsige Berge und Hügel scheinen die Entwick-
lung einer grofsen Anzahl von Pulmonaten zu begünstigen. In Be-
ziehung auf Vertheilung der Gattungen giebt Verf. an, dafs die Vagi-
nulus nur in den beiden oben angegebenen wärmeren Zonen beider
Abhänge der Andes leben; die Limax in der heifsen Zone in allen
Höhen; Helix, Planorbis, Limnaeus, Physa, Ancylus überall; dafs je-
doch die Arten der Gattung Dombeya {Chilina Gray) nur auf den
südlichen Theilen beider Abhänge vorkommen (sie vertreten in Süd-
america die Stelle, welche die Limnaeen in Nordamerica einnehmen),
die der Gattung Auricula auf den nördlichen Westabhang beschränkt
sind. Am höchsten (4400 Metres) erheben sich Bulimus culmineus
und BuUmus nivalis. Die Gattung Succinea scheint eine der verbrei-
tetsten auf der Erde zu sein, namentlich findet sich S. ohlonga, aufser
Europa, am Cap der guten Hoffnung, auf Guadeloupe und in ganz
Südamerica.
Conrad giebt in dem Journal of PliiladelpJüa eine
Aufzählung der Mollusken aus Ober- und Unter -Californien,
18*
270
mit vielen neuen Untergattungen und abgebildeten Arten.
Diese sollen unten angeführt werden.
Boullet's Caialogiie des especes et vaiietes de MoU
lusques terrestres et ßuviatiles ohservees jusqiiä ce jour ä
VMat vivant dans la Haute et Basse uduvergne. 8. 1837.
ist mir nicht zu Händen gekommen, ebenso:
Kickx Synopsis Molluscorum Bralantiae in 8.
Anton in Halle beschrieb einige neue Conchylien (s. die-
ses Archiv 1837. I. p. 281).
Ref. beschrieb, als Beitrag zur Fauna von Bengalen, einige
neue Conchylien aus dem Ganges (s. dieses Archiv 1837
S. 166).
I. Cephalopoda.
Duges theilt seine Beobachtungen über die Entwickelung
des Embryo bei den Cephalopoden mit {Annal. d. sc. iiat.
1837 n. p. 107; Inst. no. 221 p. 349). Die Hüllen des Eies
beschreibt Verf. wie Carus. Die äufsere ist etwa 1'" dick»
von Ansehen und Consistenz eines erweichten Kautschuk; die
innere ist braun, lederart'T, aber dünn. Was Carus als Amnion
nimmt, wird vom Verf. wohl richtiger als Dotterhaut ange-
sprochen. Dagegen betrachtet er als Amnion, welches ,Cu-
vier läugnet, eine wolkige Areole Qaur^eole nuageuse')^
welche den Kontur des minder entwickelten Embryo begränzt
und sich nach allen Hervorragungen desselben modelt. Der
Embryo der Sepie zeigt schon früh die Anlage zu fast allen
Theilen des künftigen Thieres. Der Kopf ist am meisten ent-
wickelt. Die Kiemen hängen frei. Rechts und links zeigt
sich eine flügelartige Ausdehnung, die sich bis zu den Armen
erstreckt; es sind die beiden Hälften des künftigen Trichters,
den sie in der Mittellinie ver^^ achsend später bilden. Die
Arme sind im Halbkreise gestellt und noch sehr kurz, aber
die beiden längeren sind schon ausgezeichnet, nach aufseu ge-
richtet und gekrümmt. Zwischen den langen Armen und dem
Flügel des künftigen Trichters liegt das Auge. Vorn, von
den Armen umgeben und gegen die Bauchseite von einem
Wulst begränzt, findet sich ein grofses rundes Loch, in wel-
271
dies ein Fortsatz des Dotters bis in den Hinterleib eindringt.
An der Riickenseite dieses Nabelloches sieht man einen birn-
förmigen Körper, die Mundmasse. Die Einsenkung des Dot-
ters findet also parallel mit dem Oesophagus statt, wie Cu-
vier bereits in einer späteren Epoche augiebt. Bilden die
Arme nicht mehr einen Halbkreis, sondern einen vollständigeu
Kreis, indem die äufseren kurzen Arme mehr nach unten ge-
rückt sind. Der Dotterkanal senkt sich in der Mitte der Arme
ein und verläuft unter dem Oesophagus. Den hornigen Schna-
bel kann man schon mittelst einer Loupe unterscheiden; der
Trichter ist ausgebildet, der Mantel reicht bis an den Trichter,
und es scheint durch ihn mitten am Bauche ein durch den
Tintensack gebildeter schwarzer Fleck; die. Augen sind deut-
lich, die Schale besteht schon aus mehreren Kalkschichten.
Sehr grofses Aufsehen machten die Beobachtungen von Rang;
über die Argonauta, und wurden in fast allen Journalen be-
sprochen (siehe besonders Guerin's Magasüi de Zoologie
1837). Das Wesentlichste über diesen Gegenstand ist schon
in diesem Archiv 1837 I. S. 286 mitgetheilt. Nachdem Vieles
für und wider den Parasitismus dieses Thieres geschrieben,
ist, scheint es doch, als müfste man dasselbe für den eigentlichen
Urheber der Schale halten. Von Wichtigkeit ist die Beobach^
tung über die Functionen der lappigen Arme, welche zum
Festhalten der Schale dienen.
li. .'G a s t e r o p o d a.
1) Pulmonata.
Das von der Gattung Limnaeus abweichende Nervensystem
Aqt Amphipeplea glultnosa JSilss. beschreibt A. J. Vanb-ener
den {Bullet, de VAc. Roy. de Briixelles; Ann. d. sc. nat.
1837). Es besteht aus zwei Nervenringen,! dessen oberer, aus
drei Ganglienpaaren bestehend, den Sclilund umfafst, dessen
unterer durch die beiden vorderen Ganglien des oberen Rin-
ges und durch drei andere Ganglien gebildet wird. Dicht un-
ter der Mundmasse liegen nooh drei kleine Ganglien (jieifs
stomalo-gastriques), welche mit den übrigen in Verbindung
272
stehen und aufserdem zwei lange Nerven bis zum Magen
schicken.
Zur Embryogenie müssen wir hier zweier Aufsätze Er-
wähnung thun:
' Dujardin {Lettre sur les pJienomenes -presentees paj*
des oeufs de Limace pondus depuis peu de temps. Ann. d.
sc. nat 1837 p. 374; Inst. p.SOl) sah an einem Embryo aus
einem Tags zuvor gelegten Ei von Limax cinereus, den er
zwischen' zwei Glasplatten prefste, 6 — 8 durchsichtige, rund-
liche, etwa -5*0 ^^1^- lange Vorspriinge entstehen, die sich ab-
wechselnd vorstreckten und zurückzogen, indem sie jeden Au-
genblick ihre Gestalt veränderten, wie bei Proteus. Nach
zwei Stunden löste sich der Embryo, wie ein Infusionsthier,
in Körnern auf. Er will daraus auf eine den Infusionsthiereri
ähnliche Entstehung des Schneckenembryo schliefsen.
B. C. Dumortier behandelt in einer ausführlichen Ab-
handhmg (JMemoire sur les evolutions de Vemhryon dans
les Moliusques gasteropodes ; Nouveaux memoires de
VAcad. Roy. de Bruxelles X.) die Entwickelungsgeschichte
von Limnaeus ovalis. Er unterscheidet drei Entwicklungspe-
rioden: 1) Inertie {Genne\ 2) Mohilite (EmhvyoxC), 3) Sen-
timent {Fetus'). Da die Temperatur grolsen Einflufs auf die
Entwickelung hat, so wählte Verf. zu seinen Beobachtungen
die erste Zeit des Frühlings, um beim langsamen Fortschreiten
um so genauer beobachten zu können. Die Zeit von dem
Ablegen des Eies bis zum Auskriechen der jungen Schnecke
betrug 30 Tage. Von diesen gehörten 7, in denen keine Be-
wegung statt fand, zur ersten Periode; die dritte Periode be-
ginnt mit dem Auftreten der Augen, und somit des Nervensy-
stems, am 17ten Tage. Die Entwickelung der allgemeinen
Hülle gehört in die erste, die des Secretions-, des Intestinal-
und des Muskularsystems in die zweite, und endlich die des
Respirations-, des Circulations- und des Nervensystems in die
dritte dieser Perioden.
Mit Beschreibungen einiger neuen Gattungen und vieler
meuen Arten dieser Abtheilung sind wir namentlich von d' Or-
big ny in seiner Voyage versehen worden
Vaginuluß soha d'Orh. l. c. dick, runzlig, oben roth gefleckt, im-
ten gelblich. 15 cent. Boliviaj Corrientes.
273
Umax andecohts (VOrb. graulich blau, oberhalb gestreift, Man-
tel rundlich, glatt, Kiel kurz. 2 cent. Bolivia 3700 met. über der
Meeresfläche. — L. aequinoctialis d'Orb. schwärzlich, nacli hinten
verlängert, konisch zugespitzt, Mantel länglich, etwas runzlich, Kiel
fehlt. 15 — 20 mill, Columbia.
Vitrina p^lacialis Forbes 1. c. testa hyalina, supra plana, spiris
duabus; apertura patentissiina, ovato-oblonga. Long, i poll. LIat. |.
Animal nigrum ; capite , cauda , tentaculisque obtusis. Verwandt nrit
V. clongata. Schweiz. "' ■ ' •' " ■'
D'Örbigny theilt die Gattung Suicciiiea in Äwei Abthei-
liingen, deren erste sich durch die gedrückte, offene Schale^
mit kaum merklicher Spira auszeichnet, in welche sich das
doppelt so grofse Thier nicht zurückziehen kann^ Verf. schlägt
für dieses sous-genre den Namen Omalonyx vor; dazu
O. imguis (VOrb. Schale sehr gedrückt, fast wellig, bernstein-
farbig, ohne Spira, Spindel glatt. Im ganzen heifsen Südamerica am
Wasser. — 0. gayana d'Orb. Schale gedrückt, platt, braun, ohne
Spira, Spindel erhaben. 17 MilÜm. lang, 7 breit. Insel Juan' Fer-
nandez.
Succinea aequinoctialis d'Orh. (^Morimfidj, ^i ^i^äiidt mit S. pütri's,
abet aufgeblasener, Spira kürzer, Windungen wehiger yertieft. 12 M.
lang. Columbia.
'Zur Gattung Helix viele Arten Voii d'Orljigny.
^Telicodonta comboides, leicht kenntlich an der Uriregelmäfsigkeit
der Spira und dem gezähnten Munde. — H.triodönta, verwandt mit
H. Lamarchii Fer., aber genabelt und mit 3 Zähnen statt 2. Insel
Puna — H. cheilostropha, sehr gedrückt, genabelt, hellgelb, 3 Zähne.
— U. pfiff odonta, weifslich, 1 Zahn, und nach \ der Windung 4 an-
dere. Beide aus Bolivia. — //. hplig f/ioidea. ^ehr gedrückt, platt,
gelblich weifs, genabelt, lÖ Windungen, 2 Zähne. Columbia.
HeUcogena Audoninii, vervvandt mit H.' sepulcralis und IL %oiia-
n'ö'.,: unterscheidet sich durch die n6tz form ige 'Textur der Schale uniJ
den weniger offenen Nabel, -f- jtf. <we.s7g-ewep r.othbrauuf mit 3 pui^ur-
nen Binden; vielleicht Varietät von H. Audouinii. — M.. Estella, kug-
lig, bräunlichgelb mit einer rothbraunen Binde, Mundsaum weife, in-
nen hellviolett. — //, tr/gramtnepho/'a scheibenförmig, genabelt, gelb-
lich weifs, mit 3 gelbbraunen Linien; verwandt mit H. trifüsciata:
Mke. — Jl. heliacu, verwandt mit //. serpen^ \m'\ pellis scrjrcjiHs; \n\-
terscheidet sich von beiden durch die Zickzackbinden des oberen
Theils. Alle aus Bolivia.
HeltceUa helicycloidcs , ähnlich der JL poJygyrata Chefiin., aber
nur ein Fünftel so grofs und mit bogigem Munde. — H. ammonifor-
wi>^ der Rand bildet einö kleine" Bucht aii der vorletzten Windung. —
IL omalomorpha scheibenförmig, convex, ^gelbbraun, verwandt mit
274
H. incerta Drap, und H. oUvetorum F^r. — * Ä sh'aphila sehr ver-
wandt mit der vorigen, weifslich. — H. orhicula scheibenförmig, ge-
nabelt, glatt, graugelblich, 8 Windungen, Mündung halbmondförmig.
— jff. chalicopMla scheibenförmig, genabelt, grau hornfarbig; 6 Win-
dungen, Mündung rund. — IL trochilioneides scheibenförmig -convex,
genabelt, weifslich, 6 Windungen, Mündung rund. — //. huonohaena
scheibenförmig convex, genabelt, weifslich, 6 Windungen, Mündung
gedrückt, schief. — H.hylepkila (mc\. ochthephüa als Varietät mit nur
5 Windungen), scheibenförmig convex, genabelt, gestreift, weifslich,
Mündung rundlich, schief. Alle aus Bolivia. — H. dissimilis scheiben-
förmig, geritzt, hellbraun, roth gefleckt, 5 Windungen, Mündung rund.
Chili. — H. insigniSj verwandt mit //. cellaria, aber der Nabel ist
nicht 'trichterförmig, sondern nur geritzt, nur 4 Windungen, Mündung
rund, Columbia. — H. costellata scheibenförmig convex, genabelt,
braun, 5 Windungen, Miindung rund. — //. elevata scheibenföcmig,
genabelt, bernsteinfarbig, 6 Windungen, ßeide aas Paraguay. — //.
jtrogastor aus Brasilien.. ,.. . ■
'**' Helix cenisla Charpentie?: )i. p. testa calcarea, crässa, depressa,
subcarinata, superiie sulcato-rugos^; peristomate subincrassato ; um-
bilico patente. Auf dem Gipfel des Mont Cenis. — Derselbe will H.
nemoralis und IL hortensis als Varietäten einer Art betrachten, was
jedoch bestimmt nicht der Fall ist. — H. foetens Stud. betrachtet er
als Varietät von H. %onata Stud.
J. E. Gray trennt (Jjoudoris Magazine new. series 1.
p. 484) eine Gattung unter dem Namen Streptaxis von Helix.
Die Schale ist eiförmig oder länglich, in der Jugend fast ku-
gelförmig, tief genabelt, mit schnell erweiterten Windungen.
Im ausgewachseneli Zustande ist die vorletzte Windung nach'
reclits und der Rücke^nseite der Axe gekrümnit, der Nabel
wird zusammengedrückt und fast verschlossen, Mündung mond-
förmig, der Mundsaum etwas verdickt und umgelegt, und oft
mit einem einzelnen '2iahne an der äufsern Seite der Innern
Lippe. Die Arten leben in den tropischen Theilen vonAfrica
und Südarher^ca. ^
Verf. rechnet hierher: Helix comhoides d'Orb. — Strep-
taxis Mau g er ae no.Y' ^.Pr testa oblonga, alba, tenui, pellucida,
nitida; anfractibus .prio^ibus tnbus regularibus, ultima et pen-
ultima distortis; apertüra unidentata. Sierra Leone. — He-
liv contusa Fer. — IJelix deformis Fer. — Str. nohilis nov.
sp. testa ovata, tenui, albida, pellucida; anfractibus senis, re-
gulariter transverse sulcata; umbilico lin^ari, clauso; apertura
edentula, Sierra Leone. ^ Helix Pagoda Fer.?
275f
Neue Arten zur Gattung AchatTna: '
Ä. davata Gray testa laiiceolata, teniii, pelliicida, alba, anfracti-
bus 11 — 12, con-vexiiisculis, dcnse sulcatis, ultimo subcarinato; apice
clavato (cJub-schaped); apicis sulris remotioribus, acutioribus et ele-
vatioribus. Sierra Leone. (Loiidon's Mägaz. new ser. I. p. 487.) —
A. phlo^era d'Orb. (Var. B. Regina Fe'r) länglich, ^latt, weifslich-
roth, mit violettbrauncn, eine breite Binde bildenden Flecken, Apex
stumpf, sclnvarz, Columella schwärzlich. — J. hacterionides d'Orb.
thurmformig, glatt, weifslich, neun Windungeii',J Mündung fast vier-
ekig, ungenabelt. Beide aus Bolivia.
Neue Arten zur Gattung Bulimus, von d^Orbigny:
a) Mit scharfem Labrum: . o
B micra thurmformig, fast genabelt, stark gestreift, weifslich,'
acht Windungen, Mündung oval. — B. viimosarum thurmformig, fast
genabelt, gramveifslirh , 12 Windungen, Mündung oval. — B. canihd
thurmformig, geritzt, sehr zart gestreift, hellgrau, 9 Windungen, La-
brum violett — B. Uclienorum thurmformig, genabelt, weifslich,
graugelblich marmorirt, 11 — 12 Windungen, Mündung oval, weifs-
lich.— B. poecilvs (^Var. intertexta Fer.') etwas bauchig, konisch,
genabelt, glatt, gelblichweifs, mit schwarzem Apex, Mündung oval. —
B. sporadicus länglich, etwas geritzt, weifslich, rothgelblich oder
längs gebändert, acht Windungen , Mündung länglich, oval. — B. he-
Joicus länglich , glatt , weifslichgelb , Mündung länglich. — B. turri-
tella länglich, bauchig, geritzt, glatt, weifslichgrau , mit sehr kleinen'
weifsen Längslinien, Apex rosenfarbig, 6 Windungen. — B. crepundia
länglich, glatt, braungrau, 8 Windungen, Mündung länglich. — B. Ri-
vasii glatt, graubraun mit braunen Längslinien, 8 Windungen. —
B. trichodes länglich, haarig, graugelb, 8 Windungen. — B. Roca-
yanus länglich, konisch, ungenabelt, weifslichgrau mit unregelmäfsi-
gen weifsen Längslinien, 9 Wiudungen. — B. a^odemetes eiförmig,
bauchig, glatt^ weifslichgelb, grau marmorirt oder braun gefleckt. —
B. Umonoicus länglich, glatt, weifslichroth mit braunen Längslinien,
8 Windungen. — B. Torallyi länglich, spitz, glatt, weifslich mit lan-
gen braunen Längsflammen, kleinen, Binden bildenden Querflecken,
8 Windungen, A])ex schwarz. — B. Moiitag7iei genabelt, glatt, mit
feinen. Binden bildenden Querlinien. — B. Pa:daiius länglich - pyra-
midal, fast genabelt, weifslich mit braunen Längsflammen, Apex ro-
senfarbig, 7 Windungen, Mündung vierseitig. — B. nivalis eiförmig,
glatt, gelbbraun, Naht crenulirt, 5 Windungen, lebt 5CÜ0 Metre_s über
der INleeresfläche, — B. //Mo/w* länglich, imgenabelt dünn, unregel-
mäfsig netzartig, gelb, 6 Windungen, Naht crenulirt. — B. culnilncus
länglich, ungenabelt,, dick, weiljslich, 6 Windungen, lebt 4 — 5000 Me-
tres über der Meeresfläche. Sämmtlich aus Bolivia. — B. oreades
anglich, glatt, glänzend, gelb, iinten mit braunen Längsbinden, 8 Win-
dungen. — B Fvurniierä kuiz , bauchig , glatt, graugelb, 5 Winduu-
276
gen, Naht eingedrückt. -- B. montiva^us verlängert konisch, nicht
genabelt, weifslich mit gelben Längslini^ Apex braun, 9 Windungen.
Aus Argentina. — B. jPp?i^«m« länglich, genabelt, graugell), 7 Win-
dungen. Columbia. -- B. jpolyrnorphus oval, kurz, dick, fast gena-.
belt, weifsgrau, mit 4 breiten, brauuviolettcn Binden, Naht crenu-
lirt. Peru.
b) Mit verdicktem Labrum.
B. thamnolmis oval, fast genabelt, gelbbraun, violett, mit 3 oder
5 braunen Binden, 7 Windungen. — B. Tupacli länglich, dick, gena-
belt, braun, oder mit 5 braunen Binden, 8 Windungen. — B. Inca
länglich, ungenabelt, dick, glatt, braunschw arz, 8 Windungen. — E. oro-
haeniis etwas genabelt, der Länge nach unregelmäfsig runzlig gestreift,
gelbbraun, 8 Windungen. — B. on^a länglich, etwas bauchig, bräun-
lich oder braunviolett, mit unregelmäfsigen braunen Flecken, 5 Win-
dungen, Mündung oval, schief, roth, 62 Mill. lang. — B. pindatmus
bauchig, braunroth gefleckt, 5 Windungen, Mündung oval, schief, braun-
violett. — B. cremholcus länglich, dick, fein gekörnt, braunroth, ge-
bändert, Apex gestreift, 7 Windungen; verwandt mit ovata Liun. und
christiana Fer, — B. Santa Cru%n länglich, glatt, braun, Apex ge-
streift, braunroth, 7 Windungen. — B. lacunosus sehr lang, dick, fein
quer gekörnelt, braunroth mit Längslinien, 6 Windungen. Sämmtlich
aus Bolivia.— B. brephoides genabelt, dick, rothbraun, 6 Windungen,
Mündung oval, weifsbraun, Labrum sehr dick; verwandt mit B. Fa-
vanii Fer. — B. MathiusU eiförmig, dick, braun, Apex roth, tief ge-
streift, 6 Windungen, Naht weifslich. 'Beide aus Peru.
c) Mit zurückgeschlagenem Labrum.
B. Cora geritzt, höckerig, weifslich- rosenroth, oder mit 4 brau-
nen Querbinden, Naht glatt, Mündung grofs, seitlich, Labrum braun.
Peru. — B. abyssorum bauchig, etwas runzlig, weifslich, mit breiten,
unregelmäfsigen, braunrothen Längsflecken geädert, 7 Windungen, kein
Nabel, Mündung oval, weifslich ; verwandt mit H. Domheyana Fer. —
B. Bolivarii bauchig, mit 3 braunen Binden, und bräunlichwcifs mar-
morirt, innen weifslich^ 7 Windungen, Mündung grofs, gelb; ebenfalls
verwandt mit H. Domhey ana Fer. — B. hrachysoma kurz, bauchig,
fast genabelt, glatt, hellbraun, in 3 Linien braunroth gefleckt, 7 Win-
dungen. — B. marmarinus länglich, bauchig, dick, rothbraun, mit
brauneren Flecken genabelt, mit 4 unterbrochenen Binden und unre-
gelmäfsigen braunen Flecken, 7 Windungen, Mündung unregelmäfsig,
weit. — B. hygrokylaeus länglich, dick, glatt, genabelt, weifslich,
rothbraun gefleckt, 7 Windungen, Mündung länglich, weifslich, La-
brum sehr breit. — B. xdntliostoma länglich, dick, fast runzlig, hell-
rosenroth, braun gefleckt, mit 3 Binden, 8 Windungen, Apex roth,
Mündung länglich, rosenroth. — B. zoographicus länglich, bauchig,
ungenabelt, glatt, schmutzig -weifs, mit breiten braimen Längsflecken
marmorirt, 7 Windungen, Mündung purpurfarbig. — B. Unosloma läng-
277
lieh, bauchig, nicht genabelt, weifslich, mit braunviolctten, schiefen
Flecken, 6 Windungen, Mündung sehr breit, purpurfarbig oder rosen-
roth. — B. fnsoides sehr verlängert, glatt, hellrosenroth, mit braun-
rothen Längslinien, 7 Windungen. — B. Yun^ascnsis länglich, gena-
belt, runzlig, grauviolett, braun marmorirt, 3 Binden brauner Flecke,
6 Windungen. — B. lophoicus länglich, runzlig, hellgrau, oder rosen-
roth mit bräunen Linien ^ 8 Windungen, Mündung gelb. Sämmtlich
aus Bolivia. — B. rhodinostoma länglich, runzlig, hellgrau mit brau-
nen Längslinien, Apex und Mündung rosenroth. Brasilien.
d) Zähnfe' in der Mündung (Cochlodonta Fer).
B. Guarani länglich, genabelt, graubraun, Nabel runzlig, 9 Win-
dungen , ein Zahn auf der Columella. — B. Alvarexii länglich , fast
genabelt, dick, glatt, weifslich, 7 Windungen, 7 Zähne in der Mün-
dung. Beide in Argentina.
Aufserdem finden wir bei Rofsmäl^sler 1. c. zwei neue
Arten:
B. suhtiUs walzenförmig, Mündung spitz eiförmig, derMundsaum
mit einer deutlichen weifsen Lippe. Griechische Inseln? — B. siihu-
latus mit Pupit obtusa Tetwandt, aschgrau, dicht bräunlich gestreift.
Taurien ? .,•,,,
Neue Arten zur Gattung Pupa:
P. Paradesü d'Orh. walzenförmig, braun, 6 Windungen, Mündung
sehr weit, weifslich, ohne Zähne. Bolivia und Peru. — P. nodoso-
ria d'Orh, länglich, glatt, gelbbraun, 6 Windungen, Mündung mit 2 Zäh-
nen und einer Lamelle. Bolivia. — P. miliola d'Orh. kurz, glatt,
weifslich, 5 Windungen, Mündung rundlich mit 3 Zähnen. Brasilien. —
P. infandihuliforviis d'Orh. konisch, gestreift, grau, klein, sehr aus-
gezeichnet durch den trichterförmigen weiten Nabel, 6 Windungen,
Mündung seitlich, schief, mit einem Zahne; verwandt m\i P. Moricandt
Fer. Bolivia. — P. Sempronii Charp. testa cornea, nitida, cylin-
drica, ohtusa; aperttira unidentata; peristomate alho, reflexo, planö;
umhilico patulo. Aehnlich der P. vmhilicata Drap., aber halb so
grofs. Auf Granitfelsen am südlichen Abhänge des Simplon. — P. al-
picola Charp. ist ohne Diagnose, welche sich nach der Abbildung
etwa so stellen würde: testa cylindrica, ohtusa, an fr actihus sex, su-
turis profundissiwis ; apertura svhrotunda, non dentnta. Etwas grö-
fser als P. mar^inata', %^\\x selten Mont Gedro%; vallee de Bagne. —
P. conica Roßf/i. mit P. doliu?n Drap, sehr verv\ andt, aber mehr ke-
gelförmig, und mit vertiefteren Nähten; derMundsaum nicht verdickt.
Steiermark, Kärnthen, Krain. — P. gu/aris Rofsrn. ebenfalls verwandt
P. dofium, aber schlanker, und in der Apertur etwas verschieden.
Kärnthen. — P. Kolceilii Rofs?n. an der Basis kugelförmig, Spita ke-
gelförmig, Mündung rundlich, klein, mit vielen Zähnen. Krain.
278
Die zur Gattung Vertigo von Charpentier beschrie-
bene Art V, Venetzii ist durchsichtiger und glänzender als
Vertigo pusilla Midier, und sclieint nach der Abbildung Ver-
tigo plicata ^ug. Müller zu sein (s. dieses Archiv. 1838. L
p. 210. Tab. IV.^Fig. 6).
Zur Gattung Auricula lernen wir durch d'Orbigny
drei neue Arten kennen:
A. stagnaUs weifslich, 6 Windungen, 3 Falten auf der Spindel,
Apex stumpf. Columbia. — A. acuta hornfarbig, 6 Windungen, 3 Fal-
ten auf der Spindel, Apex spitz. Columbia. — A. reßexilahris roth-
braun, 7 Windungen, 2 Falten auf der Spindel, Mundsaum uragelelegt.
Aus der Beobachtung, dafs die Limnaeaceen im Winter
lange Zeit unter dem Wasser leben, ohne zu athmen, will
d'Orbigny den Schluls ziehen, sie besäfsen kiemenartige Or-
gane, mit denen sie die Luft aus dem Wasser abzusondern im
Stande wären. Als Kiemen will er nun die Verlängerung der
Lungenöffnung, welche diese Thiere beim Athmen röhrehartig
vorstrecken, ansehen; das ist jedoch jedenfalls eine unglück-
liche Vermuthung. Ref. hat selbst oft genug Versuche dar-
über angestellt, und gefunden, dafs ein Thier dieser Gruppe
höchstens 48 Stunden leben kann, ohne an der Oberfläche des
Wassers Luft einzunehmen. Anders mag das freilich im Win-
ter sein, wo man diesen Thieren, wenngleich sie nicht völlig
erstarren, doch in sofern einen Winterschlaf zuschreiben mufs,
als alle Lebensfunctionen an Lebendigkeit verlieren, so dafs
das Athmungsbedürfnifs und die Einnahme von Speise, so wie
jede Geschlechtsthätigkeit aufhört.
Das Thier der Gattung Chilina Gray {Auricula Dom-
heyana Lam.^ lernen wir durch d'Orbigny kennen. Wenn-
gleich es wohl zur Familie der Limnaeaceen wird gezählt
werden müssen, so unterscheidet es sich doch wesentlich von
den bisher bekannten Gattungen dieser Familie. Es hat zwei
platte, winklige Fühler, an deren Mitte die Augen sitzen;
der Mund hat zwei starke Seitenanhänge; die Oeffnung der
Kiemenhöhle rechts, mit sehr lang vorstehendem Kanal verse-.
hen, der in dem hinteren W^inkel der Apertur liegt; Geschlechts-
Organe wie bei den Limnäen. Verf. beschreibt aucli einige neue
Arten zu dieser Gattung, so wie zu 4eu Gattungen Limnaem
und Flanorlfis:
279
Ch. hulloides kuglig, braimgrün mit zwei braungefleckten Quer-
binden, Spira kurz, 5 Windungen, Spindel breit, weifslich, mit einer
Falte, Mündung weifslich, innen -violett, Nabel offen. Insel Chiloe. —
Ch. tehneJcha braun, mit Querstroifen, ungonabelt. Patafronien. —
Ch. puelcha etwas bauchig mit wellenförmigen Längslinien. Patago-
nien. — Ch. Varchapjm braun, mit 4 braungefleckten Querbinden,
Spira sehr ausgezogen, 6 Windungen, Nabel offen. Sie nähert sich
den Limnaeen. Argentina.
Limnaeus viator, die einzige bis jetzt bekannte südamerikanische
Art, verwandt mit L. inmutiis Drap., aber weniger ausgezogen, viel
weniger genabelt, fast ganz glatt, wogegen L. mimitus ein wenig ge-
streift ist. Peru, Patagonien, Chili.
Plaiiorbis moiitaiuis weifslich, weit genabelt, 4 Windungen, Mün-
dung rund, verwandt mit PI. peruviamis Frod., aber mehr gedrückt,
weniger gestreift, mit winkliger Apertur. — PL andecolus mehr kug-
lig, die Kiele mehr markirt, Nabel trichterförmig, 4 Windungen, Mün-
dung weit, fünfeckig. Mit dem Vorigen im Titicaca-See in Bolivia,
3911 Metres über der Meeresfläche. — PL tenagophilns rothbraun,
auf beiden Seiten gekielt, unten trichterförmig genabelt, 5 Windun-
gen, Mündung schief, halbmondförmig. Argentina, Boli^da. — PL pe-
regrimis horniggrün, fast glatt, unten trichterförmig weit genabelt,
5 Windungen; verwandt mit PL sjnrorbis. Fast ganz Südamerika. —
PL helophilus halb so grofs als der Vorige, fast weifs, 4 Windungen.
Peru. — PL heloicus hornig, sehr gedrückt, 5 Windungen, Mündung
rund. Uruguay. — PL kermatoides hornig, oben planconvex, unten
planconcav, gekielt, 7 Windungen; verwandt mit PL carinatus. Peru. —
PL imropseides selir flach, hornig, oben planconcav, unten eben, ge-
kielt, 7 Windungen; verwandt mit PL vortex. Peru. — PL anatinus
fast kuglig, glatt, hornig, oben und unten vonvex, nur im Centrum
genabelt, 4 Windungen, die die vorigen stark umfassen. Argentina.
Charpentier zieht Limnaeus fontinalis Sind., L. auricularius
Drap., L. acronicus Stud., L. Hartmanni Stud. als Varietäten zu
L. ovatus, was gewifs wenigstens zum Theil ein Mifsgriff ist. L. au-
ricularius ist ohne Zweifel gut von ovatus unterschieden, und walir-
scheinlich auch die andern.
Zur Gattung Cyclostoma macht R o f s m ä f s 1 e r 1. c. Heft VI.
p. 51 eine Anmerkung, in der er die Vermuthung ausspricht,
'OS lebe eine Gruppe der Gattung, namentlich Cyclostoma
Volvidus, nicht auf dem Lande, sondern im Wasser, und ge-
höre in die Nähe von Valvata. Diese Vermuthung ist jedoch
wenig begründet. Ebenso spricht er die Crattung Slcganoiomay
welche Ref. (s. dieses Archiv 1837. I. p. 163) aufstellte, als
VVassersclmecke an, weil au den vorhandenen Deckeln zwi-
schen den spiralförmigen Lamellen Sandkörnchen eingeklemmt
280
gefunden wurden. Mufs sie deshalb im Wasser leben? Dafs
er den Deckel anders, als es Ref. zuerst beschrieb, am Thiere
sitzend, nämlich mit der convexen Seite nach aufsen, betrach-
tet, mag wohl eine richtige Ansicht sein, der Ref. beizustim-
men nicht abgeneigt ist. Eine neue Art:
Cyclostoma einer ascens Rofsm., verwandt mit C. patulum, aber
verschieden durch feinere weitläufigere, graue Rippen auf bräunlichem
Grunde, durch den einfachen, ungeöhrten Mundsaum, und durch die
schiefere Mündung.
Zur Gattung Helicina beschreibt d'Orbigny vier neue
Arten:
H.fulva_,ThierYoth\ Schale konisch-scheibenförmig, gelb, 5 Win-
dungen, Mündung halbmondförmig; verwandt mit H. variaUUs Wag-
ner, aber ohne Kiel, und stärker gestreift. — H. oresigena scheiben-
förmig, kleiner, gelblich, 4 Windungen; Thier gelb, rothgefleckt, Füh-
ler schwarz. — //. sylvatica noch kleiner, oberhalb gestreift, unter-
halb glatt, gelblich, 5 Windungen; Thier weifs. — H. carinata ge-
drückt, mit starkem Kiel, gestreift, gelb, 5 Windungen, Mündung drei-
eckig. Sämmtlich aus Bolivia.
2) Ctenobranchia {Vectinihranches Cuv^.
, A. Krohn beschreibt (Müller's Archiv für Anat. und
Phys. 1837. p. 478) das Auge von Faludina vivipara, und
weist dadurch nach, dafs die Augen der Schnecken sehr hoch
organisirt sind.
J. E. Gray theilt (^Loudon^s Magazine of nat. Jiist.
new series I. p. 247; Ann. des sc. nat. 1837 p. 375) die
Bemerkung mit, dafs bei Buccinum undatum von den vielen
Eiern, welche in einer lederartigen Hülse eingeschlossen sind
und y — \ Linie im Durchmesser haben, nur etwa 4 — 5 zur
Entwickelung kommen, weil diese durch ihre Vergröfserung
bis 1 Linie Durchmesser die übrigen in ihrer Entwickelung
hemmen.
Zwei neue Arten der im Calcutta Journal of science-
von Benson zuerst beschriebenen Gattung Nematura macht
G. B. Sowerby (London* s Magazine new series \. p. 217)
bekannt. Den Gattungscharakter stellt Verf. folgendermafsen:
Schale fast oval, etwas zusammengedrückt, ziemlich spitz, ge-
fwunden, die letzte der wenigen Windungen sehr breit und
bauchig, Apertur fast rund, schief, verengt, und sehr klein iui
•281
Verhältnifs zur letzten Windung; Mundsaum zusammenhän-
gend; Deckel spiral, hornig, mit wenigen Windungen, aufsen
etwas concav. Thier unbekannt. Verf. vergleicht die Gattung
mit Cyclostoma lucidum Lowe-, jedenfalls findet sie auch ihre
Stellung im System zwischen Cyclostoma, ^Valv ata und Pa-
ludina. Hierher gehören nur drei Arten:
N. deltae Bens. \ Zoll lang, gelb, nicht glänzend. Ausflufs des
Ganges. — A'. minima Sow. jK Zoll lang, durchscheinend, glatt, schwach
genabelt, hellbraun. Westiudien. — N. fossilis Sow.
■D'Qrbigny reiht I.e. die Gattung -^mpw//anV/ unmittel-
bar an die .Ordnung der Pulmonaten, indem er mit Quoy
{Voy. de V /Istrolahe) behauptet, sie besäfsen doppelte Ath-
mungsorgane: kammartige Kiemen und eine Lungenhöhle, wor-
aus er auch die Thatsache erklart, dafs die Ampullarien im
Stande seien, viele Monate, selbst ein Jahr lang ohne Wasser
zu leben. Ob mit Recht, kann ich nicht entscheiden, doch
kann ich einige Zweifel nicht unterdrücken: Verf. theilt dann
die Gattung in zwei Sous-genres: ^mpullaria mit einem lan-
gen linksgewundenen Sipho, und Asolene (a und otoli^v) ohne
den Sipho. Die Gattung Cerafodes Guild. zieht er, als nur
der Form nach verschieden , zur Untergattung Ampullaria. '
Neue Arten: A. (Ceratodes) Cldquitensis d'Orb. verwandt mit Ce-
ratodes cornu nrietis , aber mit vorspringender Spira. — A. scalaris
d'Orb. Spira ausgezogen, innen bläulich. Beide aus Boli^ia. — A. nie-
rimides d'Orb. letzte Windung sehr grofs, Spira kurz, stumpf. Uru-
guay. — ; A. insular um d'Orb. verwandt mit A. canaliculuta Lam.;
das Thier braun mit kürzern Mundanhängen; Schale netzförmig ge-
streift, dick, Mündung gelbroth. — A. austratis d'Orb. Spira ausge-
zogen, spitz, ohne Rinne, wodurch sie sich von A. canaliculata un-
terscheidet. — A. Spixii d'Orb. (in Guerin's Magaz. als A. xonata
aufgeführt) Spira kurz, nur 4 Windungen. Die drei letzten aus Ar-
gentina.
Bei Conrad finden wir 1. c. einige hierher gehörige Ar-
ten: Scalaria turlinata. — Cerastoma Nuttalli, Untergat-
tung von Murex, zu der sie sich verhält, wie Monoceros zu
Purpura, indem sie einen Zahn wie Monoceros hat. — Mo-
noceros engonata, hrevidens, Nuttalli, Floridana, Iiarpa,
hulhiformis, dumosa, macrostoma, foliacea. Sämmtlich aus
Californien.
Samuel Stute hbury trennt (Loudon's Magazine new
282
seriesl. p, 214) unter dem Namen Cypraecassis einige Arten
von Cassis Brug. als eigene Gattung ab, nämlich: . C r/z/a,
C. Massejiae, C. coarctaia und C. testiculus, wozu er durch
den Mangel der V^arices, der Epidermis und des Deckels be-
wogen wird. G. B. Sowerby spricht sich {ibid. p. 366 und,
p. 431) gegen diese Trennung aus, da das Vorhandensein der
Varices sehr variirt, und also hier nicht als Gattungscharakter
genommen w^erden darf, da ei* ferner durch Cum in g erfah-
ren, dafs C. coarctata einen Deckel besitze, und da er end-
lich an einem Exemplare von C. rufa Spuren von Epidermis
wahrgenommen. Stutchbury behauptet {ibid. p. 470), dafs
er an zwei Exemplaren von G. testiculus keine Spur eines
Deckels gefunden habe, was allerdings auf Gattungsverschieden-
heit hindeuten würde. Durch Untersuchung der Mundtheile des
Thieres würde sich der Streit leicht entscheiden.
1* : . . ,
3) P om ato.br an chia (Tectibranches Cuv.').
D'Orbigny stellt 1. c. eine -neue Gattung,. yon ^amfito-
hranchen unter dem Namen Postßvobvajichaßa auf, welche
sich von allen übrigen dadurch unterscheidet, . dafs die Kieiuen,
die Geschlechtsorgane und der After; an der linken Seite lipr
gen. Der Füfs ist der Qnere nach in zwei Theile getheilt;
der vordere Theil gleicht dem Fufse der [Aceren, de^- hintere
dem Aqv Aplysien, denn er erhebt sich hinten in Lappen, welche
die Kiemen bedecken. Der Kopf hat'iWödeT' Fühte'noch An-
Tiange. Kiemen undGeschlechtstheile wie hei Aplysia, aber liid<s.
Der Mantel breit jyie bei PleurobrancJms, aber ohne Schale,
und vom Kopf nuf:, di^r^ ,eine geringe Einschnürung getrennt.
Eine Art: , ■.,, - ., ■... . .• -
P. maculata d'Orb. corpore crasso, sftbrotundo; pede oblonge,
bipartito, nigrescente; lobis posterioribus elevatis, viridi-nigrescenti-
bus, lutescente maculatis ; pallio dilatato, viridi-nigre,sjp^jite,.lutescente
maciilato. Long. 3 cent. lat. 2 cent. Chili.
Aufserdem finden yv'ii: Jplysia livida d'Orb. cöfpöreeievato, an-
tice elongato, viridi, lutescente maculato; lobis pedalibus dilatatis,
intus quadrangulariter flavo-maculatis ; pede gracili , postice acuto.
Testa oblonga, depressa, tenui, diaphana, laevigata, luteola. Long,
13 — 16 cent. Brasilien. — A. Inca d'Orb. corpore elongato, ven^
tricoso, \'iolacco, antice elongato, neo non macula alba signato; lobis
pedis dilatissimis, oris rugosis intus largis albidis maculis väriegatis;
appendicibus buccalibus rugosis, dilatissimis. Testa ovata, apcrta,
283
dcprcssa, subconlca, vertice elongato. Long. 20 cent. Insel San Lo-
renzo. — A. m'^ra d'Orb. corporo elevatissimo, rugoso, nigro, an-
tice brevi'; lobis pedis brevibiis, strictis, postice sacclformibus ; pallio
in orbem cristato, elevato; pede antice truncato, postice subacumi-
nato. Testa ovata, depressa, succinea, striis siipra radiata; vertice
subelongato. Long. 25 cent. 10 Pfd. schwer. Insel San Lorenzo. — •
A. Rangiana d'Orb. corpore brevi, elevato, laevigato, nigro; antice
brevi; lobis brevibus postice sacciformibus ; pallio postice in orbem
altius cristato; pede antice truncato, postice rotundo. Testa ovata,
gibbosa, cretacea, sublaevigata ; vertice arcuato. Long. 3 — 4 cent. Peru.
Pleurohranchus j}atag'onicus d'Orb. corpore quadrilaterali, de-
presso, succineo; pallio oblongo, laevigato; pede dilatato, subquadri-
laterali, appendicibus buccalibus nuUis; tentaculis subcanaliculatis duo-
bus. Testa oblonga, depressa, tenui, succinea. Long. 2 cent., lat«
15 mill., long, testae 8 mill. Patagonien.
Bulla peruviana d'Orb. corpore elongato, oblongo, crasso, fla-
vescente, nigropunctato. Testa ovato-rotundata, tenui, diaphana, flavo-
viridi, striis traiisversis exilissimis ; vertice subumbilicato , columella
elevata, antice ab epidermisecantelamina separata. Long.20mill. Peru.
4) Gymnobränchia {Nudibranches Cup.').
Sars beobachtete (JnsU No, 218. suppl. p, 273) an 4er
Norwegischen Küste, dafs mehrere Nudihrqnchlen im Embryo-
nenzustaiule und auch einige Zeit nach ihrer Geburt eine Schale
haben. Sie ist äufserlich, nautilusähnlich, dünn, hornig und
durchscheinend {EoUdia, Boris und Tritonia). Diese Thiere
unterscheiden sich dann durch die Form von dei) ausgewach-
senen derselben Art. Sie schwimmen mit Schnelligkeit mit-
telst zweier flügelartiger Anhänge, die mit vibrirendeu Fäden
besetzt sind; ihr rudimentärer Fufs trägt einen kleinen Deckel.
Die Apiysien, welche im erwachsenen Zustande eine Schale
haben, gleichen bei der Geburt sehr den Jungen der erwähn-
ten Gattungen (Vergl. dieses Archiv. 1837. I. p. 402).
Durch d'Orbigny erhielten wir folgende neue Arten:
Doris variolata d'Orb. corpore crasso, oblongo, roseo; pallio
supra violaceo, maculato, tuberculis perinaequalibus operto explana-
tis, quorum crassiora supra concava; pede dilatato; ostio tentaculo-
rum claviculatorum fimbriato ; lobis branchialibus sex, ramosis. Long.
9 — 10 cent. lat. 6. — D. punctuolata d'Orb. corpore depresso,
ovato ; pallio flavescente, parvulissimis punctis elevatis, rotundis, pro-
pius admotis, distincto; pede dilatato; ostio tcntaculorum claviculato-
rum elevato, ciliato ; lobis branchialibus sex, ramosis. Long. 5— 6 cent.
lat. 3 — 4. — D. hispida d'Orb. corpore ovato, crasso; pallio al-
JV. Jahrg, 2. Band. j()
284>
bido, papillis penicillatis, propius admoüs operto ; pede dilatato ; ostio
tentaculoruin tubulari, eminente, papillär!; lobis branchialibus sex
ramosis. Long. 4 cent. lat. 2 — 3. — D. Fontainii d'Orb. corpore
ovato, crasso ; pallio dilatato, supra grandibus verrucis rotundis, ses-
silibus, inaequalibus operto, appendicibus buccalibus brevibus ; tenta-
culo ex tubo emicante, limbis integris praetexto ; lobis branchialibus
Septem ramosis. Long. 7 cent., lat. 4 — 5 cent., alt. 3 — 4 cent., diam.
verrucorum maximorum 4 mill. Alle von Chili. — D. peruvtaHa
d'Orb. corpore ovato, depressissimo, albido, pallio medio supra
brunneo, verrupulis aequalibus niinime eminentibus operto; duabus
buccalibus appendicibus; tentaculis basi intubulatis; lobis branchiali-
bus sex ramosis. Long. 5 cent., lat. 3. Peru.
Glaucus distichoicus d'Orb. corpore decurtato, cruciformi, sa-
lurc? coeruleo; pede retro curti; branchiis ex utraque dorsi parte tri-
pardto glomeratis, quorum priora duabus loborum branchialium 11-
neis composita; dorso flavo. Long. 3 cent. Im grofsen Ocean, iSOLieues
vc^, 4er Peruanischen Küste.
• Die Gattungen' Crtt;o///m Brug. und Eolidia Cuv. uiid.
Blainv. vereinigt d'Orb. zu einer, der er den B r u g u i e r ' sehen
Namen Cavolina bewahrt, indem er angiebt, die Gattung Eo-
lidia sei nur durch Mifsdeutung der in Weingeist veränderten
Kiemen entstanden. Er charakterisirt die Gattung so: Körper
verlängert, weich; Fufsdick, oft hinten zugespitzt, vorn abge-
stutzt oder seitlich in zwei fiihlerförmige Anhänge verlängert.
(Cuvier und Blainville geben der Gattung 6 Fühler, welche
sind: 1) die vordem fiihlerförhiigen Anhänge des Fufses; 2) die
beiden MundMhler; 3) die beiden eigentlichen Fühler. Die
fühlerförniigen Fufsanhänge fehlen bei den amerikanischen Ar-
ten, und es bleiben dann also nur 4 Fühler). Kopf wenig
deutlich, vorn zwei konische, meist sehr verlängerte Mundfüh-
1er, und auf dem obern Theile z\vei eigentliche Fühler tra-
gend; letztere gewöhnlich fleischig, in Blätter getheilt oder
ganz; an dem hinteren Grunde derselben stehen die Augen,
wenn sie vorhanden sind; die an beiden Seiten des Rückens
liegenden Kiemen bestehen aus zahlreichen cylindrischen oder
conischen Lappen, die meist in Querlinien oder paarigen Grup-
pen geordnet ^ind; Geschlechts- und AfteröflFnungen in Form
von Höckern an der rechten Seite vor oder unter den ersten
Kiemenlappen. Hierher drei neue Arten:
C. patagonica d'Orb. corpore elongatissimo , roseo, pede lon-
gissimo, absque appendicibus anterioribus, tentaculis claviculatis, fo-
liatis; lineis decem octo transversalibus loborum branchialium, cylin.
085
draceorum, violaceorum, rubro terminatoriim. Long. 4 cent. Pata-
gonien. — C. Inca d'Orb. corporo mcdiocriter elongato, rosco; pede
elongato^ absque appendicibus anterioribiis j tcntaculis claviciilatis, fo-
liatis; viginti lineis transversalibus loborum branchialium cylindra-
ceoriim, violaceoruin, anniilo rubro alboque terminatoriim. Long.
8 — 9 cent. Küsten von Chili mid Peru. — C. natans d'Orb. cor-
pore elongato, viridescente; jjede gracili, absque appendicibus ante-
rioribus, tentaculis cylindraceis, indivisis; branchiis inultis, lobis spar-
sis, conicis viridescentibus utraque. Long. 25 mill. Im grofsen Ocean,
40 Lieues von der Peruanischen Küste.
5) Hypobranchia (Jnferolranches Cuv.").
D'Orbigny berichtigt 1. c. den Gattuiigscharakter von
Diphyllidia in Beziehung auf die Kiemen. Nicht alle Falten,
welche sich zwischen Fufs und Mantel befinden, sind, wie es
Cuvier meinte, Kiemen, sondern nur die vordem, welche in
der Längsrichtung des Thieres liegen. Die ändern Qnerfalten
gehören zur Muskulatur. Eine neue Art wird beschrieben:
Diphyllidia Cuvieri d'Orb. corpore oblongo, depresso, postice
acuminato, nigrescente; pallio longitudinaliter sulcato, flavo, supra
radiato; subtus transversim striato; appendicibus buccalibus dilatatis,
llavo limbatis; branchiis ante ostiiim genitalium utrinque positis
Long. 3—4 cent. Chili. ^
Die Gattung ^ncylus wird von d'Orb. nach Ferus-
rac's Vorgange zu den Pulmonaten gestellt, was unbedingt
falsch ist, da die Mundtheile, in denen imraec so schön das
Verwandtschaftsverhältnifs ausgesprochen ist, himmelweit von
denen der Pulmonaten verschieden sind. Auch sind ja Kie-
men an der linken Seite unter einer Falte des Mantels vor-
handen, und sie kommen nie zum Athmen an die Oberflache
des Wassers. Verf. besclireibt drei neue Arten:
Ancylus concentricus gedrückt, nur vorn sehr fein radienartig ge-
streift, weifslich, Apex seitlich, rechts stark gekrümmt, spitz. Uru-
guay. — A. culicoides gedrückt, weifslich, glatt, Apex fast in der Mitte,
erhaben, stumpf. Columbia. — A. Gayanus (in Guerin's Mag. frü-
her als A. radiatus aufgeführt) mülzenförmig, rundlicli, erhaben, grün-
lich, radienartig gestreift; Apex hinten seitlich, erhaben. Chili.
II L Conchifera.
Philippi in Kassel beschreibt (dies Arch. 1837. I. p. 385)
eine zwischen Ostrea und Anomia in der Mitte stehende
19*
286
neue Gattoiig nnter dem Namen Pododesmus , und nennt die
einzige Art P. dedpiens.
Owen theilt Beobaohtnngen fiber die Stnictur der Schale
des Spondylus varius Brod. mit (Froc. of the zool. soc. of
London. 1837. p. 63), in der sich bekanntlich mit Wasser er-
füllte Höhlungen finden, die er mit den Kammern der Cephalo-
poden vergleicht. Er sägte ein sauberes Exemplar, welches 8 Zoll
lang war, der Länge nach senkrecht durch. In der Masse der conca-
ven Schale, welche 2y Zoll dick war, fanden sich an der dick-
sten Stelle 14 Kammern eingeschlossen, die durch sehr regel-
mäfsig gebildete, starke, perlmutterartige Scheidewände getrennt
waren. Diese waren etwas wellig, keine verlief frei quer durch
die Schale, aber jede setzte sich bis zum Muskeleindruck fort.
Meist entsprangen die Scheidewände einfach vom Schlofsrande
der Scliale, und theilten sich ungefähr beim Viertel ihrer Länge
nach dem Unterrande in zwei. Die Dicke der ungetheilten
Scheidewände war gleich, oder stärker als die beiden Platten
zusammengenommen, in welche sie sich spalteten. Da der
Schliefsmuskel immer an der Schale festgeheftet bleibt, so sind
dort natürlich die Scheidewände vereinigt. Auch in der obe-
ren Schale findet sich die Neigung zur Kammerbildung. In
dem beschriebenen Exemplar fanden sich hier drei Kammern
mit engeren Zwischenräumen und dickeren Wänden. Diese
fliefsen am Muskeleindruck ebenfalls zusammen, und jede Schei-
dewand dehnt sich von dieser Anheftung trichterförmig aus,
was an das Ineinanderfügen {emhoitemeni) der Kalktheile des
SipJio bei Spirula erinnert. Da die Zwischenräume nicht mit
einander communiciren, so können sie nicht zu einem hydro-
statischen Zweck mit Beziehung auf die Ortsbewegung dienen,
sondern da diese Thiere mit einer Schale angeheftet sind, so
können die Scheidewände nur als häutige Absonderungen, die
am Thiere hängen bleiben, angesehen werden. Es ist sehr
wahrscheinlich, dafs alle Kammern ursprünglich mit einer Flüs-
sigkeit erfüllt sind.
Bo stock hat (jMdein) diese Flüssigkeit einer chemischen
Untersuchung unterworfen. Sie war trübe, hatte einen sauer-
salzigen Geschmack, und einen ranzigen, unangenehmen Geruch.
Nach 24 Stunden setzte sie einen weifslichen, dicken Nieder-
schlag ab, lind wurde klar und durchsichtig. Die Idare Flüs-
287
sigkeit bestand fast ganz in einer Auflösung von reinem Koch-
salz ; der Niederschlag schien aus birnförmigen Körpern, wahr-
scheinlich organischen Ursprungs zu bestehen.
A. Ro einer theilt die Gattung Pccte/z (dies Archiv. 1837.
I. p. 379) in Unterabtheilungen, was bei der grofsen Anzahl
von Arten gewifs nützlich sein wird.
IL E. Strickland {London* s Magaz. new seriesl. p. 23)
beobachtete während seines Aufenthalts in Malta die schwim-
mende Bewegung mehrerer Exemplare einer Lima. Die Schale
öffnet sich sehr weit, und wenn sie mit Wasser gefüllt ist, wird
dasselbe durch starke Contraction des Schliefsmuskels so schnell
ausgetrieben, dafs eine beträchtliche Bewegung in entgegenge-
setzter Richtung erfolgt. Durch schnelle Wiederholung dieser
Ausdehnungen und Zusammenziehungen schwimmt das Thier
in gerader Richtung fort. Das Zusammenschlagen der Scha-
len bringt ein deutlich hörbares klapperndes Geräusch hervor.
An den beobachteten Exemplaren fand sich keine Spur eines
Byssus.
Freminville beschreibt eine neue Art der Gattung Nu-
cula ilnst No. 206. p. 128):
Nucula tellinaeformis , testa oblonga, glabra, dcpressiuscula; an-
tico latere lanceolato, postico latiore, obtuso, subsiniiato, colore oli-
vaceo, intus alba, margaritacea. 2 Zoll breit, 10 Linien lang. Ge-
funden im Magen eines Pleuronectes h'ppogiossus in der Meerenge
von Belle -Ile, zwischen der Küste von Labrador und dem nördlichen
Theil der Insel Terre-Neuve. — Zugleich werden als Fundort von
N. lanceolata Lam. die Antillen angegeben.
Von T. A. Conrad's Monography of tliefamily Vnio-
nidae or Najades of Lamarck of North America, Phi-
ladelphia 8, wovon die erste Lieferung im December 1835
erschien, die nächsten sechs im Laufe des Jahres 1836, ist
Referenten nur eine Lieferung, No. 8 vom Februar 1837, be-
kannt geworden. Sie enthält, wie die frühern, sehr schöne
Abbildungen der beschriebenen Arten. Nur eine neue Art:
Unio collinus Conrad, Schale elliptisch, ziemlich dünn, mit rau-
hen concentrischen Linien; die Wirbel -Abdachung gerundet; die hin-
tere Seite schwach vorgezogen, nach dem gerundeten Ende zu ver-
schmälert; Unterrand in der Mitte gerade; Wirbel klein, schwach
verspringend, genähert, wellig, mit zwei oder drei Ideificn Höckern
hinter der Mitte; Epidermis gelbbraun, dunkel gestrahlt; innen weifs
288
oder hell rosenfarbig; Schlofszähne schief, stark. Die Art ist beson-
ders kenntlich durch die kleinen Höcker auf den Wirbeln. Virginia.
Auf dem ünischlage dieser achten Lieferung wird eine
neue Anodonta beschrieben:
Anodonta carinifera Conrad, Schale klein, elliptisch, zusam-
mengedrückt, dünn und zerbrechlich; Vorderseite klein, am Ende ge-
rundet, Hinterseite vorgezogen, fast keilförmig, am Ende abgestutzt;
Schlofsrand lang, gerade, vom vordem Ende nach hinten zu schwach
aufsteigend; Wirbel nicht über die Rückenlinie erhoben; ünterrand
in der Mitte gerade; Farbe der Epidermis unterhalb oliv en grün, ober-
halb dunkler; Schlofsrand aufsen schwielig. Länge 1\ Zoll, Höhe
1^ Zoll. Kentucky
Von Unionen bildet Rofsmäfsler L c. einige sehr in-
teressante Formen ab, die er als Varietäten zu U. aassus
setzt. Unter diesen ist eine, welche dem Verf. vom Ref. mit-
getheilt war. Ref. glaubt später die Entdeckung gemacht zu
haben, dafs diese Formen nichts Anderes sind, als ganz alte
Exemplare von {7. hatavus, so dafs wahrscheinlich U. cras-
sus und U. hatavus zusammenfallen werden.
C. Th. V. Siebold giebt Notizen über die Sexualität der
Muscheltliiere (dies Archiv. 1837. L p. 51), und bestätigt den
Unterschied in der Schalenbildung bei den männlichen und
weiblichen Anodonten (ibid. p. 415).
P. J. Vanbeneden beschreibt (^Bullet de VAcad. Roy.
de Bruxelles. Tome HI; ^nii. des sc. nat. seconde serie,
Tome VIL p. 126) eine neue Art seiner Gattung Dreissena
(Tichogonia Rofsm.^ Dr. cyanea Vaiib., deren Schale läng-
lich, höher als breit, fein gestreift und im Innern blau ist; sie
stammt vermuthlich aus dem Senegal. Hieran schliefst er eine
Beschreibung des Nervensystems der Dr. polymorplia. Es
besteht nach dem Verf. aus drei Paaren von Ganglien, deren
erstes vorn zu den Seiten des Mundes liegt, und oben durch
einen Nervenfaden verbunden ist. Das zweite liegt am Fufse,
ist in eins verschmolzen, und steht durch zwei Fäden mit dem
vordem in Verbindung; das dritte liegt unter dem hintern
Schliefsmuskel, und ist ebenfalls in eine Masse verschmolzen.
In dieser Abhandlung nähert sich Verf. den Beobachtungen
Aug. MÜH er' s, der einer frühern Abhandlung Vanbene-
den's über diesen Gegenstand vom Jahre 1835 Manches ent-
gegenzusetzen hatte. Vergl. dieses Archiv. 1837. I. p. 40.
F. C antra ine behandelt in einer Abhandlung (Illstoire
naturelle et anatomie du Systeme nerveux du genre My-
tillna, Ann. des sc. nat. 1837 p. 302) denselben Gegenstand,
ludeiri er sein Prioritätsrecht gegen Vanbeneden und Rofs-
mäfsler dadurch behaupten will, dafs er angiebt, er habe die
Gattung scljon 1834 in einem Briefe an M. Quetelet auf-
gestellt, erschwert er durch den neuen Namen Mytilina die
Synonymik nur noch mehr. Jedenfalls mufs dieser Name ab-
gewiesen werden, da ein Brief nichts publicirt. Das Nerven-
system wird im Wesentlichen fast ebenso beschrieben und ab-
gebildet, wie durch Vanbeneden, gegen den er etwas erbit-
tert scheint. Die beiden hierher gezogenen Arten sind alt^^und
erhalten nur neue Namen. .,
Eine vollständige llebersicht über die bekannten Arten der
Gattung Tichogonia Ro/sm. giebt A. F. A. Wiegmann, in-
dem er den Mytilus hilocularis hierherzieht, und zwei neue
Arten, T. excisa und T. virgata, beschreibt (vergl. dies Aiv
chiv. 1837. I. p. 47).
J. E. Gray giebt eine Eintheilung und ein Verzeichnifs
der Arten der Familie Mactradae {Londons Mag. Vol. \.
Tiew series p. 370). — Die Gattung Gnathodon wird hier-
hergezogen, gehört aber nach Rang in die Nähe von Cyclas
und Galathea. Dieser Aufsatz ist in der üebersetzung in die-
sem Archiv 1838. I. p. 86 mitgetheilt.
Es bleibt nur noch übrig, die schon oben erwähnten, von
Conrad beschriebenen Conchylien aus Californien aufzuzählen.
Leider kann eine nähere Bezeichnung der Arten hier nicht ge-
geben werden, da die Abhandlung dem Ref. nur auf aufseist
kurze Zeit zur Benutzung stand.
Pandora punctata. — Cardium substriatimi. — C. Nuttallii. —
C. Californianum. — C. quad ragen arium. — Sanguinolaria Nuttallii. —
S. Californiana. — Solecurtus (Blainv.) lucidus. — S. Nuttallii.
Von Solecurtus trennt Verf. ein Subgenus unter dem
Namen Cultellus: Schale convex, Schlofsrand und L'nterrand
parallel; fast gleich an den Enden: 2 Zähne in jeder Schale,
keine deutlichen inneren Rippen. Dieses Subgenus ist auffal-
lend unähnlich dem eigentlichen Solecurtus im Umrifs, und
dadurch, dafs es an den Enden mehr klafft. Hierher gehören
»S*. caribaeus, Dombeii, strigillatus und andere. Neu wer-
290
den als hierher gehörig beschrieben iS*. subteres; S. califor-
nianus.
Sphaema (Turton) Califomica. — Cumingia (Sow.) Cali-
fornica.
Zu Lutrmia Lam. das Subgemis Cryptodon Conrad.
Schale im Allgemeinen wie bei Liitraria, aber längs des Scblofs-
randes mit einem tiefen Kanal; das Thier hat zwei Röhren,
welche am Ende zwei hornige klappen artige Anhänge tragen,
die die Röhrenöffnungen verschliefseu. Hierher gehören L. Nut-
taliii Conr.
Zur Gattung Mj« Lam. das Subgenus Platyodon Conr.
Schale ähnlich der ächten Mya, aber mit wenigen vorsprin-
genden und breiteren Zälinen ; Manteleindruck vorn schwach
bogig, hinten tief ausgebuchtet; das Thier hat zwei Röhren,
welche am Ende vier schalige Anhänge tragen, die die Röh-
renöffnungen klappenartig verschliefsen. Hierher M. cancel-
lata Conr.
Cyiiricardia Californica. — Pholas Californica. — Ph. penita. --
Periploma (Schum) argentaria. — Pecten latiauratus. — P. Monoti-
itieris. — Amphidesma riibrolineata. — A. decisa. — A. bellastriata. —
Mactra californica. — M. planiilata. — Psammobia pacifica. — My-
tilus bifurcatus. — M. Califoriiianus. — M. crebristriatiis. — Modiola
capax. — M. recta. — M. Carolinensis. — M. semicostata. — Pinna
Nuttallii. — P. semicostata. — Perna incisa. — P. Californica. —
P. costellata. (Wahrscheinlich ist P. quadrata Anton., dies Archiv.
1838. I. p. 285., gleich einer von diesen Arten.) — Avicula pallida. —
A. nebulosa.
Mytylimeria Conr. nov. gen. Schale gleichklappig, fast
eiförmig, dünn, Wii-bel fast spiral, Schlofs zahnlos, mit einer
schwachen linienartigen Höhlung unter den Wirbeln; zwei ziem-
lich kleine Muskeleindriicke; Manteleindruck mit einem brei-
ten stumpfen Sinus. Hierlier M. Nuttallii Conr,
Lima dehiscens. — Thracia curia. — Lyonsia (Turton) in-
flata. — L. Californica.
Saxidomus Conrad, nov. gen., verwandt mit Pallastra
Sow. Schale gleichklappig, hinten klaffend; in der rechten
Schale 4 — 5 zusammengedrückte Schlofszähne, in der linken
vier; zwei breite runde Muskeleindrücke; Manteleindruck mit
tiefem Sinus. Hierher S. Nuttallii.
Venus Nuttallii. — V. staminea. — V. lamellifera. — V. Mor-
toni.'— Cytherea callosa. — C. prora. — C.hyeroglyphica. — C. cras-
satelloides, (woraus Verf. ein Subgenus Trigonella macht), -r- Donax
Californica. — Lucitia bella. — L. ^Californica. — L. Nuttallii. — Sa-
xicava (Blainv.) carditoides. — S, Californica.— Chama iostoma. —
Ch. exogyra. — Vulsella Nuttallii. — Tellina secta. — T. alta. —
T. nasuta. — T. dispar. — T. obliquilineata. — V. lintea. — Hmnita
rDef.) Nuttallii. — Anatifa carinata. — A. engonata. — A. substriata. —
A. hirsuta.
Bericht über die Leistungen im Gebiete der Hel-
minthologie während des Jahres 1837.
von
Dr. C. Th. V. Siebold.
JJie Systematik der Entozoen hat in Burmeister's Handbuche
der Naturgeschichte manche Modificationen erlitten. Verf. ver-
einigt nämlich unter der zweiten Hauptgruppe seines Syste-
mes, den Gliederthieren, die Entozoen in einer Klasse, Ver-
mes, mit den Rothwürmern, Strudelwürmern und Plattwürmern;
vereinigt also in dieser Thiere von sehr verschiedener Orga-
nisation. Als Ordnungen dieser Klasse nimmt er drei an: 1.
Binnenwürmer, Helminthes, 2. Saugwürmer, Tre-
matodeSj 3. Rundwürmer Annulati. Die erste Ord-
nung zerfällt in zwei Zünfte. 1. Laccocephali (mit den
Familien Cystici und Cestodes) und 2. Acanthocephali
{Ecliinorhynchus). Die zweite Ordnung enthält drei Zünfte:
1. Dicranocoeli (die eigentlichen Trematoden) 2. Den-
drocoeli (Planarien) 3. Ascocoeli die Hirudines nebst
Gyrodactylus Nordm. Die Dicranocoeli zerfallen in zwei
Familien: Malacohothrii, die Trematoden mit Ausschlufs
von A spido gaster f Tristomuiriy Octohothrium, Diplozoon,
Hectocotyle, Cyclocotyle, Nitzschia, Axine, welche zusam-
men die Familie der Pectohothrii bilden. Dafs die hie-
her gehörigen Thiere als Aufsenparasiten an den Kiemen der
Fische und Mollusken leben sollen, pafst aber weder auf Aspi-
dogaster conchicola Baer, noch auf A. limacoides Dies., noch
^\gQi\i\\c\\ 2i\xi Hectocotyle octopodis Ciiv. und Cyclo cotyle Bel-
lones Otto. Die dritte Ordnung begreift aufscr den eigentlichen
IV. Jahrg. 2. Band. 20
292
Aniiulaten in drei Zünften, nocli als 4te Zunft die Gpiinoderini,
welche in der Farn. Acanthotheci Dies, die Gattung Penta-
stoma, in der Farn. Nematodes die bekannten Rundwürmer
mit Goidius und Angiiillula und in der Farn. Turhellar^ü
Ehrenbergs Strudelwürmer umfafst» lieber die unpassende
Stellung des Gordius aquaticus zu den Nematoiden habe ich
mich bereits früher ausgesprochen (d. Arch. IV. I. S. 302.)
Auch Ehrenberg wiederholt seinen früheren Ausspruch, dafs
Gordius durch getrenntes Geschlecht, so wie durch Stellung
und Form der weiblichen Geschlechtsorgane und (Jeren Oeff-
nung in der Körpermitte, auch der männlichen Spicula unter
der Endspitze, den Ascarideu sehr gleich gebildet sei^); im
Darme des Gordius findet derselbe jedoch jetzt mehr Aehn-
lichkeit mit dem des Echinorhynchus, da er blind zu enden
scheint. Den Gordius aquaticus kann E. hiemit unmöglich
meinen. Leon Dufour erklärt sich wohl mit Recht gegen die
Zusammenstellung des Gordius aquaticus mit Filaria und
gegen die Vereinigung jenes Thieres mit den Helminthen über-
haupt {Ann. d. Sc. nat. IL ser. T. VII. p. 7.)
Für eine Vereinigung der Cystica mit den Cestoideen,
so wie für eine vorläufige Zusammenstellung der Annulaten,
Turbellarien, Nematoideen, Trematoden und Cestoideen spricht
sich auch Joh. Müller aus. (Gedächtnifsrede auf C. A. Rudol-
phi. Schriften der Academie zu Berlin. 1837. p. XXV.)
Nematoidea.
Nathusius hat uns mit einer genauen Beschreibung
zweier Schmarotzer des schwarzen Storches erfreut^). Es
wurde nämlich von ihm die Filaria lahiata Crepl. aus den
Lungen und Luftzellen jenes Vogels untersucht. Die weib-
liche Geschlechtsöfln^ung sah derselbe am Kopfe, dicht neben
der Mundöffnung.
Es ist diese Lage der vuIva dieser Filaria nicht eigenthümlich,
sondern wahrscheinlich ein Character des ganzen Genus, ich fand
wenigstens bei allen Filarien -Arten, welche ich bis jetzt untersucht
1) Ehrenberg: die Acalephen des rothen Meeres. • S. Abhandl.
der Akademie zu Berlin. 1837. pag. 219.
2) Dieses Archiv. 1837. I. pag. 53,
293
habe, immer die weibliche Gcschlerhtsöffnung sehr nahe am Kopfe,
so bei Filaria atteniiuta und impillosa^ einige Linien vom Kopfende
entfernt sah ich die vulva bei einer Filaria aus der Brusthöhle einer
Ardea cinerea, und bei einer anderen Filaria, welche ich unter der
cutis am Oberschenkel desselben Reihers fand. Dicht neben dem
Maule erkannte ich die weibliche GeschlechtsöiTnung bei einer Fila-
ria aus den Lungen -Tuberkeln des Delphinns Vhocaena, Gurlt hat,
so viel ich weifs, bei der Filaria jyapillosa zuerst auf diese Stellung
der Vulva aufmerksam gemacht QS. dessen Lehrbuch der patholog.
Anatomie der Haus-Säugethiere. Th. L pag. 348.)- Interessant ist die
von Nathusius bei Filaria labiata aufgefundene Theilung des anfangs
einfachen Uterus in fünf HÖrner, ich kannte bisher nur eine dreifache
Zersplitterung des Uterus bei einer 6 — 7 Zoll langen Ascaris aus
dem Darme von Grus cinerea. Nathusius hat keine Spermatozoen
in den Samengefäfsen dieser Filaria bemerken können, auch ich habe
bisher in den Nematoideen überhaupt vergebens nach beweglichen
Spermatozoen gesucht, obgleich Nordmann von Samenthierchen der
Ascariden redet (S. dessen Micrographische Beiträge, Th. 11. pag.
141.), ich bin aber überzeugt dafs die Samenfeuchtigkeit der Nema-
toideen keine formlose Masse ist, sondern dafs dieselbe ebenfalls be-
stimmt geformte Molekularkörper enthält, bei welchen die Kugelform
vorzuherrschen scheint.
Der zweite Wurm, welchen Nathusius mit gleicher Sorg-
falt beschrieben hat, ist der Stvongylus trachealis aus der
Luftröhre desselben schwarzen Storchs, wobei er die vom Ref.^)
aufgestellte Gattung Syngamus als irrthümlich nachweist.
Dr. Eellingham theilt über Trichocephalus die Be-
obachtung mit, dafs dieser Wurm, obgleich er in sehr vie-
len Menschen angetroffen werde, keine schlimmen Zufälle her-
vorbringe *). Dasselbe bezeugte mir Dr. Baum hierselbst,
welcher zuweilen in Leichen des hiesigen Stadtlazareths eine
grofse Menge Peitschenwürmer ganz unerwartet angetroffen,
ohne dafs sich dieselben durch irgend ein Symptom vorher
bemerkbar gemacht hätten.
Rapp giebt die Gehörsinus des DelpJiinus Phocaena als
den gewöhnlichen Wohnort von Stvongylus inflexus an*),
3) Ebend. pag. 60.
4) The Atheuaeum. London 1837. 7ir. 617. pag. Ö97. Seventh
meeting of the british association for the udvancement of science,
oder Froriep's neue Not. VL nr. 18. pag. 288. oder l'Iustitut. 1838.
nr. 246. pag. 303.
5) Rapp: die Cetaceen, zoologisch -anatciulsch dargestellt. 1837.
pag. 100.
20*
294
und tritt dadurch mit Creplin in Widerspruch, welcher mit
Rosenthal behauptet, dafs dieser Parasit nicht eigentlich die
Trommelhöhle, sondern die venösen Geflechte des Kopfes be-
wohne, (s. dessen Novae ohservationes. j)og. 15.) So viel
ist,vgewifs, dafs der Strongyliis inflexus nicht allein in den
Bronchien seinen Sitz hat, was auch Rapp bestätigt (p«g-. 150.),
sondern dafs er auch in den Blutgefäfsen des Delphins lebt,
worüber Rapp keine Erfahrungen gemacht zu haben scheint.
Ich selbst habe sogar mehrere Individuen dieses Wurms in
dem rechten Herzen eines erwachsenen Delphins angetroffen.
Von einem Wurme im Auge eines Pferdes berichtet Jeaf-
freson aus Ostindien ^), dafs er denselben (gewifs Filaria pa-
j)illosa) durch einen Kreuzschnitt in die Hornhaut entfernt
habe, ohne dafs das Sehvermögen des Pferdes verletzt wor-
den war; das Auge thrante vor der Operation, war aber von
sichtlicher Entzündung frei gewesen. Diese Operation hat
derselbe Augenarzt in Ostindien, wo diese Erscheinung häufig
vorkommen soll, noch einige Male vorgenommen.
Die Trichina spiralis scheint in England s^hr häufig zu
sein. Dr. Crosse besitzt ein Muskelstück von einem Quadrat-
zoll, welches 1000 bis 2000 Individuen dieses Schmarotzers
enthält''), in Deutschland ist derselbe bis jetzt noch wenig be-
obachtet worden. Henle's Beobachtungen sind vielleicht die
einzigen dieser Art (s. Müllers Archiv für Physiologie. 1835.
pag. 528.). Dr. Creplin theilte mir auf meiner Anfrage ge-
fälligst mit, dafs die Trichina spiralis in Greifswalde bis jetzt
noch nicht gefunden worden wäre, ebenso ist sie dem Dr. Baum
bei den Sektionen der im Danziger Stadtlazarethe verstorbe-
nen Personen, so sehr derselbe auch darauf geachtet hat,
noch nie aufgefallen. Sehr interessant ist Rathke's Beobach-
tung mehrerer mikroskopischer JFi/ör/^Ai in dem Gehirne eines
1^- Linie langen Embryo's von Lacerta agilis^^.
Von Würmern in der Urinblase eines Menschen wird
durch Dr. Brigham aus Amerika ein Fall mitgetheilt ^), in wel-
6) Froriep's neue Notizen. IV. nr. 3. pag. 47.
7) The medico-chirurgical review. nr. 51. 1837. pag. 147.
8) Dieses Archiv. 1837. I. pag. 335.
.9) S. den Auszug aus the american Journal of the niedical science,
1837. ^the medico-chirurgical review. 1837. nr. 54. pag. 495., auch
295
chem eine 35 Jahr alte Dame zu Hartlaiid an Symptomen
eines Blasensteins zu leiden schien, und diese Symptome ver-
lor, nachdem ein weifser runder Wurm von 6 Zoll Länge ab-
gegangen war; dieselbe Person hatte in ihrem 14ten Jahre
schon einmal an Harnverhaltung gelitten, welche aufhörte,
nachdem zwei, 1 Zoll lange Würmer aus der Harnblase ent-
leert waren. Es ist zu bedauern, dafs wir nichts näheres vhelf
die Beschaffenheit dieser bei Menschen so äufserst selten vö*»^'
kommenden Schmarotzer erfahreh habetK' ' ■ ' • •** •J>'v'.o\%
Ueber einen Abgang von 56 Spulwürmern durch eine spoB^
tane Oeffnung am Nabel eines siebenjährigen Knaben berich-
tet Lini in dem Filiatre sebezio, Juni, 1837 ***). Einen die-
sem verwandten Fall, in welchem die Entleerung der Würmer
aus einem Abscesse unterhalb des Nabels geschah, erzählt'
Guastamacchia ebenda**). ' . /-'i \* j >r<llj>«
Ueber Filaria theilte Hope mehrere Bemerkungen in der
siebenten Versammlung der hritish associaiion for the ad-"
vancement of science mit, aus denen ich folgendes hervor-»'^
hebe**). Derselbe fand sehr verschiedene Insekten-Arten mit'
diesem Schmarotzer behaftet. 'Et i\\\\vt\Aciliiis^ Colynibetes
und Pliryganea an. Hope erklärt die Filarien, welche er fti^
Fhryganiden gefunden hat, für eigenthümliche Arten, und äufs^i*lf'
die Meinung, dafs die beiden Gattungen Ascaris wr\A Filariä
sich in verschiedene andere Gattungen zerfallen liefsen, worin
ich ihm in mancher Hinsicht beistinunen, möchte,. ,pjefself>e
glaubt ferner, dafs jede Insekten-Gattung ihre bestimmten Pa^^.
rasiten besäfse, und dafs man an den verschiedenen Parasitftar
der Insekten erkennen könnte, zu welcherÖrdnuii^ irgend ' ein -
Insekt gehörte. " , . *' ' .'^
Leon Dufour machte mehrere fn.InseHt.^^Vpfundene iy^-
matoideen bekannt, ohne dafs er slck. auf die- Untersuchung;
iijuoa
in Froriep's neuen Notizen, 1838, VII. nr. 14. pag. 224., und fiü^ifc^'l
Zeitschrift für die gesammte Medizin von Dieffenbach, Frick« üW*
Oppenheim, 1837. Bd. VI. Hft. 2. pag. 240. " ^ '"*'*f '
10) S. den Auszug in der Zeitschr. für die gesammte Medif'^iKr'^^VV
O. pag. 240.
11) Froriep's neue Notizen. III. nr. 19. pag. '304.;
12) the Athcnaetim. 1837. nr. 516. pag. 680, auch l Institut. liJ38.
nr. 246. pag. 302. '\
i
296
ihrer inneren Organisation eingelassen hat*^), nämlich: Fila-
via locustae Rud., in verschiedenen Orthopteren, Filaria?
sphecodes Duf. (Pl.l. Fig.l.) aus der Leibeshöhle \on SpJie-
Codes gihbuSj Oxymis? Gryllotalpae Duf. (Pl.l. Fig. 2.) ans
dem Magen der Gryllotalpa vulgaris. Wenn Leon Dufonr
behauptet (a. a. O. pag. 6. Note.), dafs die Neuropteren durch-
aus keine Helminthen besäfsen, so mufs ich dieser Behauptung
bestimmt widersprechen. Schon Rudolphi {entozoovum hi-
storia. IL 1. pag. 81.) beruft sich in dieser Hinsicht auf
Degeer, welcher in den Larven der Phiygaiieen öfters Fila-
rien gefunden habe, siehe auch ,die vorhin erwähnten Bemer-
kungen von Hope, ferner hat Nordmann im Darmkanale einer
Neuropteren-Larve eine Nemafoideen-V orm aufgefunden (s.
dessen micrograph. Beiträge. H. pag. 140.), endlich kann ich
selbst bezeugen, dafs die Neuropteren reicher an Schmarotzern
sind, als man glaubt, denn sowohl in Vhryganiden, Fsoci-
den als auch in Lihelluliden entdeckte ich verschiedene Ar-
ten von Distomum und Gregarina, welche ich nächstens zu
beschreiben gedenke.
Durch Owen ist die Ordnung der Nematoideen mit ei-
nem neuen Genus, welches er Gnathostoma nennt, bereichert
worden*'*), deren einzige Species, G. spinigerum, sich in
Abscessen des Magens eines Tigers vorfand.
: Die an diesem Schmarotzer gelmigene Affinrlung eines deutlichen
Speicheldrüsen-Apparats mufs unser Interesse erregen; ich bin über-
zeugt, dafs man dieses Organ noch bei vielen anderen Nematoideen
antreffen wird, und dafs dasselbe bisher nur übersehen wurde, ob-
gleich schon Mehlis das Vorhandensein eines Speichelorgans bei Stron-
gylus armatus angedeutet hat (Isis, 1831. pag. 81.). Derselbe be-
schreibt nämlich zwei weifse strangförmige Körper von 3 bis 4 Li-
nien Länge, welche dem Vorderende der Speiseröhre innig anhängen
und sichtlich eine durch ihre ganze Länge verlaufende Höhlung ent-
halten, in welcher sich eine Flüssigkeit hin und her schieben läfst.
Deutliche Spuren analoger Organe fand Mehlis auch bei Strongyliis hy-
jto^tomus und tetracantlms.. In meinem Tagebuche habe ich über
Stroiigylus striatm unter anderen folgendes angemerkt: „ein sonder-
bares Organ liegt bei beiden Geschlechtern oben neben dem Oeso-
phagus ^ welches aus zwei Blinddärmchen besteht, in deren Mitte sich
13) Ännales des sciences naturelles, a. a. O. pag. 7.
14) Dieses Archiv. 1838. 1. pag. 131., auch Vinstitut 1837. nr. 220.
pag. 328.
207
ein heller Fleck vorfindet," Es ist dies gcwifs ein den S]icicheldrü-
sen analofjer Apparat. Sollte nicht der iblinddarmartige Anhang des
unteren Endes der Speiseröhre, welcher hei Ascaris mnc.ronata, la-
biuta, Acus, micta, osculata^ spicull'^era etc. vorhanden ist,, einen
ähnlichen Zweck haben? Die dreizackigen Stacheln, mit welchen die
Haut des Vnatliostoma sphrrjermji bewaffnet ist, scheinen nicht aus-
schliefsliches Eigenthiim dieses Thieres zu sein, da ich am Halse der
Spiroptera crnssicauda CrepL öfters zwei einander gcffenüborstehende
nach rückwärts gerichtete Stacheln fand, welche ebenfalls in drei ein-
zelne Spitzen ausliefen,,.^ ,.^,,,\.,y
Leon Dufoiir giebt uns unter dem Namen Sphaerularia
Bojnbi die Beschreibung und Abbildung eines sehr sonderba-
ren Schmarotzers^^), den er in der Leibeshöhle des Bomhus
ierrestris und Jiortqrum gefunden hat; auf den inneren' Bau
dieses Thieres ist er nicht eingegangen. Ich habe diesen Schma-
rotzer in verschiedenen Bomhiii>'-ArtQn um Danzig nicht sel-
ten angetroffen, und aus der Gestalt der Jungen, der Art ih-
rer Entvvickelung und aus dem Bau der weiblicheil Geschlechts-
organe erkannt, daf$ diese Sphaerularia zu den Nernatoi-
deen zu rechnen ist (S. dieses Archiv. 1838. I. pag. 305.).
Ehrenberg hat an einem frei lebenden, der Anguillula ährf-
lichen Seethierchen der Ostsee, welches er Enchelidium ina-
rinuin benannt und für einerlei mit Vibrio marinus Müll.
hält, Augen und Nerven gefunden*"); das rothe Auge ist der
Körperdicke gleich und hat einen markigen Knoten als Stütz-
punkt, den Ehrenberg bei wahren Ascariden ohne das Pigment
an derselben Stelle beobachtet hat. Diese Entdeckung erii|-
nert an die mit einem brennend rothen Auge versehene Ner
matoideen -F orm , welche Nordmann in dem Darmkanale der
ober erwähnten Neu roptej'CJi- Larve angetroffen hat.
Zur Entwicklungsgeschichte der Nematoideen hat Ref.
einige Beiträge geliefert * '), aus welchen hervorgeht, dafs das
Keimbläschen mit dem Kleimflecke in den Eiern der Nema-
toideen allgemein verbreitet zu sein scheint, und dafs diesel-
ben, wenn sie nicht immer in den reifen Eiern erkannt wer-
den, in den Eierkeimen der Ovarien um so deutlicher gese-
15) Annales des sciences natiirelleS. a. a. O: pag-. 9. PI. i. fg: 3.
16) Ehrenberg: die Acalephen. a. a. O. pag. 218.
17) Burdach: die Physiologie als Erfahrungswissenschaft. Bd. II.
zweite Auflage. 1837. pag. 208.
298
hen werden. Im Uterus werden die Eidotter, wenn das Keim-
bläschen verschwunden ist, nach einer bestimmten Regel, wie
die Dotter der Batrachier durchfurcht, und erst, nachdem die
Dotter in unendlich viele Theile durchschnürt sind, bildet sich
der Embryo aus, in welchem der muskulöse Oesophagus von
den inneren Organen zuerst zum Vorschein kommt. Diese
Durchfurchungen des Dotters habe ich jetzt auch bei Ascaris
•pulmonum Coluhris natricis, Filaria e tuherculis pulmonum
Delphini Phocaenae und bei Sphaerularia Bomhi wahrge-
nommen.
üeber Pentastomum iaenioides haben wir durch Valen-
tin einige wichtige Mittheilungen erhalten ^^).
Derselbe sah in einem scheinbar weiblichen Individuum das
weifse Ovarium mit vielen Ausstülpungen versehen, diese Organisation
erinnert an die Eierstöcke der Trematoden\ durch die Angabe Valen-
tin's wird auch Diesing's Beschreibung des Eierstocks der Pentasto-
men aufgehellt, da der letztere höchst wahrscheinlich die vielen Aus-
stülpungen des Eierstocks als eben so viele Eier betrachtet hat, wo-
durch einige Undeutlichkeit in seine Darstellung der w^eiblichen Ge-
schlechtsorgane sich eingeschlichen hat (S. Diesing's Monographie
der Gattung Fentastomum in den Wiener Annalen. I. 1835. pag. 10.).
Leider habe ich bis jetzt noch keine Gelegenheit gehabt, frische Pe«-
tastomen zu untersuchen, und mufs ich mich deshalb einer genauem
Kritik über diesen Gegenstand enthalten. Valentin sah in den Eiern
des P. taenioides das Keimbläschen mit dem Keimflecke. In den bei-
den Blindsäckchen an der ürsprungsstelle der Eileiter, von welchen
Diesing glaubt, dafs sie zur Bildung des Eiweifses und der aufsersten
Eihülle bestimmt sein möchten, erkannte Valentin die schönsten Bün-
del von fadenförmigen, theils gedrillten Spermatozoen und bestättigt
hiemit bei diesem Schmarotzer die Anwesenheit von Spermatozoen,
welche Nordmann schon gesehen haben wäll (S. dessen microgr. Bei-
träge IL pag. 141.). Es entsteht nun die Frage, ob diese Spermato-
zoen-Bündel sich in diesen beiden Organen ursprünglich ausgebildet
haben, oder ob sie durch Begattung dahin gelangt sind. Da in der
neueren Zeit von mehreren Helminthologen das getrennte Geschlecht
dieses Parasiten dargethan worden ist, so wären vielleicht diese bei-
den mit Spermatozoen gefüllten Organe des weiblichen Thieres den
Samenbehältern analog, welche Ref. bei den Insekten-Weibchen kürz-
lich nachgewiesen hat (S. MüUer's Archiv. 1837. pag. 392.).
18) Valentin'« Kepertoriumf 1837. II. 1. pag. 135.
299
Acanthocephala.
Ueber die Bildung und das Legen der Eier der Echino-
rhynchen hat Ref. seine Beobachtungen bekannt gemacht*®),
von welchen in diesem Archive (1837. II. pag. 259.) bereits
gesprochen wurde. Nur folgendes will ich noch daraus her-
vorheben. Ein eigentlicher Eierstock und Uterus scheint den
Echinorhynchen zu fehlen. Man trifft aber in der Leibes-
höhle zwischen den Eiern eigenthümliche Körper an, welche
mau als lose Eierstöcke betrachten kann. Er fragt sich, wo
und wie diese Körper entstehen? Mir schien es, als ob diesel-
ben von dem Ugamentujti Suspensorium , an welchem das
glockenförmige Legeorgan befestigt ist, hervorsprofsten.
T r e m a t o d a,
Heber die Gattung Distomum hat Creplin eine ausführ-
liche und gediegene Arbeit geliefert ^°).
Verf. hat das Wichtigste und bisher Bekannte über diese Gattung
und über die mit derselben verwandten Trematoden ir.it vorurtheils-
freier Kritik zusammenges-tellt, und viele neue Beobachtungen hinzu-
gefügt. In Bezug auf die Gröfse der Distomen erwähnt Verf. einer
neuen Art, Dist. veliporu?». Crepl. aus Squalus griseus, welche 3 Zoll
lang und 3 Linien breit ist. Verf. äufsert die Meinung 2*), dafs der
Stachclkranz am Maule, welcher mehreren Distomen eigenthümlich
ist, sich nicht so leicht ablöste, als die zarten Stacheln, mit welchen
der Leib \ieler Doppellöcher nach Art einer Raspe besetzt ist; ich
habe aber schon oft stachelköpfige Distomen angetroffen, bei denen
der Stachelkranz durch einen Verlust von mehr oder weniger Stacheln
unterbrochen war; auch habe ich, wie Mehlis, schon mehrmals ganz
unbewaffnete Individuen von Dist. eddnatum beobachtet, so dafs es
doch sehr wahrscheinlich wird, dafs diese Bewaffnung eben so häufig
verloren geht, wie der Hakenkranz am rostellum vieler Taenien. Bei
Dist, hrachysomum Crepl. (pag. 314.) aus Haematopns ostralegus
läuft die Speiseröhre beinahe bis zur Mitte des ganzen Körpers herab.
Die Ausnahme, welche nach Jurine bei Dist. tereticolle statt finden
soll, dafs nämlich die beiden Enden des Doppeldarmes im Schwanz-
19) Burdach's Physiologie, a. a. O. pag. 195.
20) Ersch und Gruber, allgemeine Eucyklopädie L Sektion. 29ster
Theil. 1837. pag. 309. Distoma.
21) Ebenda, pag. 312.
300
ende unter einem Bogen sich vereinigen und in einander übergehen
(pag. 314.), kann ich nicht gelten lassen, denn das Dist. tereticolle
hat wie fast alle übrigen Distomen zwei einfache blinde Darmenden.
Verf. beschreibt ein merkwürdiges Gefäfsnetz von weifser Farbe (p.
316.), welches er in dem von ihm entdeckten Distomum picturn aus
der Kloake des gemeinen Storchs antraf, spricht aber von keinem
Porus, mit welchem sich dasselbe nach aufsen öffnet, so dafs man
daraus nicht ersehen kann, ob dieses Gefäfsnetz mit dem Exkretions-
organe, weches Bojanus, Mchlis und Andere aus verschiedenen Disto-
men beschrieben haben, identisch ist oder nicht. Derselbe mag viel-
leicht die dazu gehörige nach aufsen mündende Oeffnung übersehen
haben, wie er auch, keine solche am Schwanzende des Dist. eleßmis
und clatigerum gesehen hat, welche aber bei letzterem, nach meinen
Beobachtungen, bestimmt vorhanden ist. Ich mufs es hier nochmals
aussprechen, dafs ich das Excretionsorgan mit seinem nach aufsen
mündenden jtorus fast bei keinem Distomum bis jetzt vermifst habe,
da wo ich dasselbe nicht sah, fehlte es nicht, sondern war dann nur
leer. Dieses Organ ist, mag es einfach oder verästelt sein, kräftiger
peristaltischer Bewegung fähig, und kann seinen Inhalt, welcher im-
mer aus glashellen Kügelchen besteht, vor und rückwärts • treiben ;
■wenn es diesen Inhalt aus seinem porus heraustreibt, so zieht es sich
in der Nähe desselben so eng zusammen, dafs es dem Auge ganz
verschwindet. Bei Distomum echinatum , militare, oxycephahim und
anderen, in welchen das Excretionsorgan ein über den ganzen Kör-
per verbreitetes Gefäfsnetz bildet, sah ich nur selten das Organ mit
jenen glashellen Kügelchen vollständig angefüllt; es fielen gewöhnlich
mir einzelne gefüllte Gefäfsnetz- Gruppen auf, während die anderen
Gefäfse verschwunden zu sein schienen und nur dann hervortraten,
wenn die peristaltischen Bewegungen des Organs seinen Excretions-
Stoff in sie hineintrieben. Aufserdem besitzen die Distomen und viele
andere Trematoden noch ein besonderes Gefäfssystem , welches von
Creplin nicht recht hervorgehoben worden ist. Dieses Gefäfssystem
enthält niemals körnige oder blasige Körper, und ist bei manchen
Trematoden mit schönen Flimmerorganen verschen, welche das Ex-
cretionsorgan nie besitzt, und welche zuweilen als klappenartige Fal-
ten in oscillirender Thätigkeit zu erkennen sind, wie solches Ehreni
berg ganz richtig gesehen hat 2"^). Da dieses Gefäfssystem in dem
ganzen Körper der Distomen verbreitet ist und sowohl an den Darm-
kanal als auch zu dem Excretionsorgane tritt, so wird man dasselbe
wohl nicht mit Unrecht mit dem Blutgefäfssysteme der höhern Thiere
vergleichen dürfen. Burmeister unterscheidet übrigens das Excre-
tionsorgan von dem Gefäfssysteme der Trematoden eben so wenig 2').
Creplin bestätigt (pag. 324) die von Nordmann über die infusorien-
22) Ehrenberg: die Acalephen. a. a. O. pag. 218.
23) Burmeister's Handbuch, a. a. O. pag. 528.
artigen Jungen des Dist07nnm nodulomm gemachten Beobachtungen
und tlioilt zwei neue interessante Beobaclitungcn dieser Art mit. Er
sah nämlich aus den Eiern von Dist, glühiporuw., av eiche in Wasser
gelegt wordeu waren, infusorienautige Junge hervorschlüpfen. Diese
schwammen im Wasser umher, hatten eine sehr veränderliche Ge-
stalt, waren ohne Augenfleck und von aschgrauer Farbe. An den be-
wimperten kugelförmigen Jungen des Distom. hepaticum sah derselbe
Helmintholog ein ansehnliches dunkles Auge, bisweilen auch zwei
derselben.
Unbekannt mit diesen Untersuchungen, welche seit 1831 [durch
Mehlis in Deutschland in Gang gebracht sind, beschreibt Dujardin
die infusorienartigen Jungen von Dist. ci/gnoides '^ *} ^ und bestätigt
liiemit die von Ref. bereits darüber bekannt gemachten Beobachtun-
gen (S. dieses Archiv. 1835. 1. pag. 66.\
Ehrenberg glaubt grofse Aeliiilichkeit im Baue der Tre-
uiatodeii und polygastrischen Infusorien zu finden ^^), und
stellt darüber in Bezug auf die Sexualsysteme Vergleichungen
an, zu welchem Zwecke derselbe das Distominn glohiporwn
sehr detaillirt abbildet.
Bei dieser Gelegenheit spricht sich derselbe in folgender Weise
über die Bedeutung der Organe dieses Doppelloches aus (pag. 179.):
die kleinere gelappte Drüse, welche nach den Untersuchungen des*
Ref. die Keimbläschen enthält, nimmt derselbe mit Bunneister für'
einen dritten Hoden. Das Fortlaufen des Endes des Eileiters nach
vorne bis neben die männliche Sexualöffnung möchten, nach Ehren-
berg's Meinung, Burmeister und Ref. durch Druck zur Anschauung
gebracht haben. Dies ist aber bestimmt nicht der Fall. Ebenso ge-
wifs gehört der breite Kanal, welcher in der Kcrpermitte verläuft
und am Schwanzende nach aufsen mündet, zu dem oben besproche-
nen Excretionsorgane und ist nicht Fortsetzung des Eierleiters, wie
Ehrenberg glauben möchte. So viel mich meine Untersuchungen bis
jetzt belehrt haben, kann ich behaupten, dafs der Eierleiter sich im-
mer dicht neben dem Ausfülu:ungsgange der männlichen Geschlechts-
theile nach aufsen mündet, und dafs daher, wenn der sogenannte Cir-
rus aus seiner gewöhnlichen Stelle vor dem Bauchnapfe hiuwegrückt,
diefem der Eierleiter mitfolgt. So sehen wir es bei D/st. ovatum
und davigerum, wo die Geschlechtsöffnungen an der Seite des Mund-
napfes sich befinden, und so beobachtete es Ref. an Distom. holosto-
mum (aus dem rectum von KdUiis aquaticus) , wo die beiden Ge-
24) Annales des sdences naturelles. T. VIIL pag, 304.. PI, IX.,
fg. 3. a. b. c. s. auch l'institut. 1838. nr. 224. pag. AI.
25) Ehrenberg: Zusätze zur Erkenntnifs grofser organischer Aus-
bildung in den kleinsten thicrischen Organismen. S. AbhandL der
Akademie zu Berlin. 1837. pag. 167.
302
schleclitsöffnungen sonderbarer Weise am Schwanzende angetroffen
werden.
Späterhin hat Ehrenberg über das Eierlegen des Dist. glohiporum
mittelst einer besonderen Legeröhre und über ein wahrscheinliches
Respirations- Organ Beobachtungen mitgetheilt ^^).
Ein Distojnum, welches von Bist. Jiians verschieden zu
sein scheint, hat Nathusius zwischen den Magenhäuten des
schwarzen Storchs gefunden*'). Eine neue Hexacotyle ent-
deckte Sars an den Kiemen von Lampris guttatus'^^^. Cer-
carien mit ihren Schläuchen fand Ref. in Cyclas rivicola und
Tellina laltica''^^.
Ueber die Entwicklung der Cercarien und Cercarien-
Schläuche hat Ref. Beobachtungen mitgetheilt^").
Es wurden eben so viele specifisch verschiedene Keimschläuche
erkannt, als Cercamw- Arten, beobachtet wurden. Die Cercaria ar-
mata Sieb, entwickelt sich aus einem überall geschlossenen leblosen
Schlauche; die beweglichen Schläuche Aer Cercaria ephemer a Nitxsck
und Cercaria echinata Sieb, sind mit einer Mundöffnung, einem Schlund-
kopfe und einem einfachen Blinddarme versehen. In den Keimschläu-
chen der Cerc. ephemer a und echinata entwickeln sich neben den
Cercarien auch junge Reimschläuche. Der bei der Verpuppung der
Cercarien sich lostrennende Schweif zerfällt allmählig in runde und
ovale Körperchen. Bei Cerc. armata geht die Hülle, mit welcher
sich dieselbe bei der Verpuppung umgiebt, nicht durch Ausschwitzung,
■wie bei Cerc. ephemer a, sondern durch eine deutliche Häutung des
Thieres hervor, wobei die hornige Pfeilspitze, mit welcher das Thier
am Kopfende bewaffnet ist, sich ablöst und in die Hülle mit einge-
schlossen wird.
Cestoidea.
Zur genaueren Kenntnifs der Cestoideen werden gewifs
die Untersuchungen Eschricht's beitragen, welche derselbe zur
Lösung einer von der Königl. Akademie der Wissenschaften
zu Berlin gestellten Preisaufgabe vorgenommen hat. Durch
26) Froriep's neue Not. L 1837. ur. 13. pag. 199., s. besonders:
Mittheilungen aus den Verhandlungen der Gesellschaft naturforschen-
der Freunde zu Berlin. 1837. Ist mir noch nicht zu Händen gekom-
men. (Es steht auch nichts Näheres darin. W.)
27) S. dieses Archiv. 1837. I. pag. 65.
28) Annales des sc. nat. T. VII. 1837. pag. 247.
29) Müller's Archiv. 1837. pag. 388.
30) Burdach's Physiologie, a. a, O. pag. 185.
303
den vorläufigen Bericht, welchen die Berliner Akademie über
diese Arbeit abgestattet^*), sind die Helminthologen auf die
Veröflfentlichung derselben, gewifs höchst neugierig gemacht
Die Arbeit enthält nämlich eine sehr specielle Anatomie des
Bolhriocephalus latus mit ergänzenden Details aus der Ana-
tomie des Bot/ir, puncfatus, wobei der allgemeine Bau der
Glieder und die feinere Anatomie ihrer Schichten nebst Mus-
kelsystem und Struktur der Haut berücksichtigt und die voll-
ständigsten Aufschlüsse über die Geschlechtsorgane gegeben
worden sind.
Elirenberg erwähnt beiläufig, die bei Bandwürmern bald
einfach bald doppelt vorhandenen, vorn anastomosirenden
und durch alle Glieder ziehenden Ernährungskanäle oft detail-
lirt gezeichnet zu haben ^^). Ich kann das Anastomosiren die-
ser Kanäle bestätigen. Niemals sah ich dieselben sich mit
den Saugnäpfen oder mit dem Rüssel des Taenien-Koi^fes ver-
einigen. Am häufigsten traf ich auf jeder Seite der Glieder
zwei solcher farblosen Kanäle an, welche sich durch den Hals
bis zum Kopfe hinaufschlängelten und hier durch Anastomosen
ein abgeschlossenes Gefäfssystem bildeten. Bei Taenia cya-
ihiformis konnte ich dasselbe äufserst deutlich erkennen; die
vier Kanäle vereinigten sich hier zh einem Ringe, der den
eingezogenen Rüssel gleichförmig umgab. Bei einer rüssello-
sen Taenia (Jiongicollis?) aus dem Darme des Gasierosteus
pungitius so wie bei Botin iocephalus claviceps erkannte ich
viele Anastomosen, welche die vier Gefäfse im Halse unter-
einander eingingen.
Prof. Mayer theilt über die Geschlechtsorgane der Tae-
nia denticulata eine kurze Notiz mit'^^), und dafs der Bo-
triocepJi. latus nicht nur durch den Bau seines Kopfes, son-
dern auch durch die Anatomie seiner Glieder von der Taenia
verschieden sei, was eine längst bekannte Thatsache ist.
Delongchamps erhebt gegen die Existenz des ^mphi-
Stoma ropalo'i'des Lehlond, welches einen Tetrarhynchus als
31) Bericht üi)er die zur Bekanntmachung geeigneten Verhandlun-
gen der KÖnigl. Preufs. Akademie der Wissenschaften zu Berlin. 2ter
Jahrg. 1837. pag. 98.
32) Ehrenberg: die Acalephen, a. a. O. pag. 218.
33) Mayer : Froriep's neue Not. I. 1837. nr. 14. pag. 209.
304
Schmarotzer beherbergen soll, ähnliche Zweifel*), wie sie
Ref. bereits geäufsert hat (S. dieses Archiv. 1837. II. pag.
264.). Leblond vertheidigt sich gegen die Bemerkungen des
Delongchamps, giebt uns aber über das fragliche AmphistoTna
dieselben ungenügenden Aufschlüfse wie früher ^^).
Den von Nordmann als Gryporhynchus piisillusheschvie^
benen Schmarotzer (S. dessen micrograph. Beitr. I. päd. 101.
Taf. VIII.) erklärt Burmeister wohl mit Reclit für eine junge
Taenia^^}, bei aufmerksamer Betrachtung der Abbildung er-
kennt man bald, dafs die vier so sonderbar gestellten Saug-
näpfe des Kopfes wahrscheinlich durch Pressen aus ihrer ei-
gentlichen Lage verschoben sind.
Eine Scolex- Art hat Sars im Magen einer Beroe, der
Mnemia norvegica Sars gefunden ^ '^).
lieber die verschiedene Gestalt der Cestoideen -Eier hat
Ref. seine Beobachtungen aufgeführt '*®).
Die Mannigfaltigkeit in Rücksicht auf Zahl und Gestalt der Ei-
hüUen ist hier so grofs, dafs man es beinah für möglich halten könnte,
die einzelnen Species der Cestotdee7i-G?Lttungen nach der Form ihrer
Eier zu unterscheiden. Das Purkinje'sche Keimbläschen habe ich bis
jetzt m keinem dieser Eier entdecken können. An den lebenden Em-
bryonen, welche Ref. in sehr verschiedenen Cesteideen-Eiern beobach-
tet hat, denen er jetzt auch die Eier der Taenia crateriformis hin-
zufügen kann, liefs sich weder Kopf, Hals noch Gliederung erkennen,
auch war es bis jetzt nicht möglich, aufser den 6 kleinen Häkchen,
welche auch Creplin gesehen hat, ^^), im Innern der Embryonen et-
was von Organen herauszufinden. Die kleinste Brut, welche Ref. frei
angetroffen hat, gehörte dem BotJu'ioceph. pi^ohoscideus und der Tae-
nia ocellata an, die kleinsten beobachteten Jungen waren ^ Lin. rhi.
lang, an denen die sechs Haken durchaus nicht mehr zu sehen waren,
ebensowenig besafsen dieselben Glieder, nur bei den gröfseren Jun-
gen bemerkte man Einkerbungen, die sich erst bei einer Leibeslänge
von 3 Linien in Glieder verwandelten. Allen Embryonen und Jun-
gen der Cestoideen, welche ich bis jetzt beobachtet habe, fehlten die
Flimmerorgane; ich bemerke dies deshalb, weil Creplin die aus Bo-
thrlocephaliis ditremus Crepl Ligula interrupta und uniserialis be-
34) Annales des sc. nat. T. VIL pag: 249.
35) Ebenda, pag. 264.
36) S. dessen Kandb. a. a. O. pag. ,526.
37) Ann, des sc. nat. T. VIL pag: 247.
38) Burdach's Physiologie, a. a. O. pag. 200.
39) Ersch und Gruber's Encyclopaedie, a. a. O. pag. 328.
305
obachteteii Jungen infusoricUe Thiero nennt*"), derselbe ist aber mit
dem Verhalten derselben, wie er selbst gesteht, noch nicht ganz aufs
Keine gekommen, und es bleibt seine obige Aeufserung nur Ver-
muthung.
In Bezug auf geographische Verbreitung der Eingeweide-
würmer giebt die Beobachtung des Dr. v. liaselberg in Stral-
sund einen neuen Beweis, dafs die Erzeugung des Bothrio-
ceph. latus an einen bestimmten Boden Europa's gebun-
den ist*^).
r. Verf. trieb nämlich einer Dame einen 16 Fufs 9^ Zoll langen,
mit dem Kopfende versehenen BotJwioceph. latus ab, nachdem der-
selben Patientin im Jahre 1836 schon mehrere Fufs eines Bandwur-
mes, von dessen Existenz sie bisher nichts geahndet hatte, abgegan-
gen waren. Es fiel diese Erscheinung auf, da in Neupommern dieser
Bandwurm bis jetzt nicht beobachtet wurde, und es ergab sich denn,
dafs die Dame, welche diesen Bothriocephalus bei sich führte, zwar
in Stralsund gel)oren und daselbst oder in Greifs^yalde bis zum Jahre
1811 gelebt hatte, dafs sie aber in diesem Jahre nach Kussland zog
und bis 18.32 in Dorpat lebte, und dann nach der Schweiz reiste, von
wo sie 1834 nach Pommern zurückkehrte. Sie hat ^mithin 23 Jahre
in zwei Ländern gelebt, welche als Hauptvaterland des Dothrioce-
phalus latus bezeichnet werden. Wenn Haselbprg Polen, Kufsland,
die Schweiz und einige Gegenden Frankreichs als ausschliefsendes
Vaterland des Botlirioceph. latus angiebt^ so mufs ich diesen Ländern
* noch die Provinz Preufsen hinzufügen. Vielleicht macht der Weich-
selstrom die westliehe Grenze seiner Ausbreitung, denn hier in Dan-
zig kömmt schon Taenia soUum vor, während ich in Königsberg nur
Bothrioceplialns latus antraf. Meines Wissens ist der Botlir. latus
bis jetzt nur als Schmarotzer des Menschen bekannt gewesen, und es
war mir daher bei meinem Aufenthalte in Ostpreufsen doppelt inte-
ressant, einen ziemlich ansehnlichen Bothr. latus zu erhalten, wel-
cher einem kleinen weifsen Spitzhunde in Braunsberg abgegangen
war. — Aus Birmingham meldet Dr. Ogier Ward*"^), dafs die Zahl
der Personen, besonders der Frauenzimmer, welche in dieser Stadt
am tapewortu (doch wohl Taenia soUuni) leiden, zum Erstaunen grofs
sei, ohne dafs eine Ursache dieser Erscheinung aufzufinden sei. Dr.
Behr theilt eine ähnliche Beobachtung über Taenia solium mit; nach
ihm soll in Bernburg dieser Bandwurm sehr häufig, besonders bei
40) Ebenda, pag. 328.
41) Medizinische Zeitung. 6ter Jahr. 1837. nr. 32. pag. 158. S.
auch Provinzial- Sanitätsbericht des Medicinalkollegiums von Pom-
mern für das 2te Semester 1836. Stettin 1838. pag. 77.
42) tJie niedico-chirurgical review. a. a. O. nr. 53. April 1837.
pag 285.
306
Frauen und noch häufiger, im Verhältnifse gegen andere Orte, bei
Kindern vorkommen* 3).
C y s t i c a.
Die Blasenwürmer hat Tschudi als Monographie bear-
beitet, in welcher wir mit vielem Fleifse alles über diese
Schmarotzer bisher bekannte zusammengestellt finden, und
welcher von Leuckart einige Bemerkungen hinzugefügt wor-
den sind**). Diese Arbeit ist keines Auszugs fähig, daher ich
nur wenige Punkte daraus besprechen will.
Die Eier, welche Tschudi in Cysticercus fasciolaris gesehen zu
haben glaubt (pag. 24.) sind nichts anderes als die den Cestoideen
und Cysticen eigenthümlichen glasartigen Parenchynikörper. Die
Acephalocysten hat Tschudi als besondere Gattung aufgestellt, mir
scheinen die Acephalocysten nichts anderes als die gewöhnlichen aber
leeren Mutterblasen der Eckinococcen zu sein, man findet sehr oft
sogenannte Acephalocysten und mit Echinococcen gefüllte Mutterblasen
dicht neben einander, so dafs beide Blasenarten wohl nur verschie-
dene Entwicklungsstufen eines und desselben Blasenwurms sind. Die
unter dem Namen Polycephalus vorgenommene Vereinigung der Gattun-
gen Echinococcus und Coenurus mifsbilligt Leuckart gewifs mit Recht
(pag. 77.), auch die Vereinigung der bisher bekannten drei EcAmococ-
CMJ- Arten zu einer species bedarf wohl noch einer sorgfältigen Prü-
fung; Echinococcus hominis und veterinorum haben sich mir immer
sehr verschieden von einander gezeigt, ersterer kommt sehr häufig
ineinandergeschachtelt vor, was ich an Echinococcus veterinorum
noch nie beobachtet habe. Als neu Mdrd von Tschudi der Cysticer-
cus cordatus beschrieben und abgebildet (pag. 59.) welchen Leuckart
im grofsen Netze der Mustela Putorius gefunden hat.
Die dem Werke beigegebenen Tafeln zeigen aufser mehrere Co-
pien nach Bojanus und Bremser auch einige Original -Abbildungen,
bei welchen man jedoch, wenn man die neueren verbesserten Mikro-
skope in Anschlag bringt, eine gröfsere Genauigkeit hätte erwarten
können.
Gluge hat in den Echinococcus-BlviSQn eine unendliche
Anzahl weifslicher krystallinischer rechtwinkliger Blätter ab-
gelagert gefunden*^), was ich vollkommen bestätigen kann.
43) Casper's Wochenschrift für die gesammte Heilkunde. 1837. nr.
40. pag. 634.
44) Tschudi: die Blasenwürmer. Ein monographischer Versuch:
Freiburg. 1837.
45) Müller's Archiv. 1837. pag. 466.
307
Derselbe Iheilt aufsordem noch mehrere andere Beobachtungen
über Echinococcen und deren Mutterblase mit*®), vün denen
ich besonders folgende hervorhebe. G. fand nämlich die Mem-
bran, aus welcher die von Echinococcen leeren Hydatiden
(^Acephalocysten^ bestehen, ganz übereinstimmend mit derje-
nigen Membran gebildet, aus welcher die mit Echhiococcen
gefüllten Hydatiden zusammengesetzt sind.
ßerthold macht auf den Verkalkungsprocefs aufmerksam,
durch welchen die Natur die Blasenwürmer zu vertilgen
suche *^), wobei derselbe die Frage aufwirft, ob eine solche
Verkalkung dieser Schmarotzer nicht durch Darreichen kalk-
haltiger Nahrungs- oder Arzneimittel absichtlich herbeigeführt
werden könnte? Gegen ein solches Heilverfahren dürfte sich
jedoch, meines Eraehtens, gar mancherlei einwenden lassen.
Ueber die Entwicklung des Echinococcus hominis und
veterinorum hat Ref. einige Beobachtungen geliefert * ®), welche
hier füglich übergangen werden können, da sie bereits in die-
sem Archive (1837. pag. 266.) erwähnt worden sind.
Ueber das Vorkommen des Echinococcus hominis sind
wieder mehrere neue Fälle bekannt gemacht worden, von de-
nen ich die merkwürdigsten hier kurz anführen will. Einen
Fall, in welchem Acephalo Cysten aus den Lungen ausgewor-
fen wurden, beobachtete Dr. Höring in Ludwigsburg *^); über
jicephalo Cysten, welche sich im Zahnfleische ausgebildet ha-
ben, berichtet Lefoulon zu Paris *^).
Eine Abhandlung von Bright: Ohservations on abdomi-
nal tumors and intumescence , illustrated hy some cases
qf acephalocyst hydatids enthält mehrere sehr interessante
Fälle, in welchen der Echinococcus hominis auf den mensch-
lichen Organismus auf das fürchterlichste zerstörend eingewirkt
46) Annales des sc. nat, T. VIII. pag. 314.
47) Göttingische gelehrte Anzeigen. 198. .199. Stück. 14 Dec. 1837
pag. 1969. S. auch: Ammon's Monatsschrift für Medizin, Augenheil-
kunde und Chirurgie. Bd. I. 1838. pag. 183.
48) Burdach's Physiologie, a. a. O. Pag. 183.
49) Schmidts Jahrbücher der gesammten Medizin. Bd. 16. Heft. 1.
pag. 24. aus dem Würtenberg, Correspond. Blatt. B. 6. nr, 21. mit-
getheilt.
50) Froriep's neue Not. Bd. I. nr. 9. pag. 143.
IV. Jahrg. 2. Band. 21
308
hat**). Die wahren Strukturverhältnisse dieser Würmer schei-
ilien aber von Bright kaum geahndet zu werden, denn die Ab-
bildungen, welche auf der 4ten Tafel die verschiedenen klei-
hen Hydatiden {Echinococcen) durch ein Amici'sches Mikro-
skop vergröfsert darstellen sollen, deuten auf ein gänzliches
Verkennen des untersuchten Gegenstandes hin.
Durch Leon Dufour lernen wir wiederum sechs neue Ar-
ti^Hi'^vön Gregarijia, einem von diesem Naturforscher zu-
erst entdeckten höchst räthselhaften Schmarotzer- Geschlechte
kennen*^),
• •• Ve^f: fand diese Schmarotzer sämmtlich im Verdauungskanale
von Cofeopteren vmd Orthopteren und nur eine Art im Darme eines
Hemipteron. Ich habe lange angestanden, diese Gregarinen^ welche
ich auch im Darme von Libelluliden, Psociden und Tipularien ange-
troffen, habe, für thierische Wesen anzusehen, bis mich erst vor kur-
zem die selbsständige Bewegung derselben von ihrer thierischen Na-
tur überzeugte. Ein Maul welches ihnen Leon Dufour zuschreibt,
habe ich niemals sehen können. Auch kann ich sie nicht zu den
Trematoden stellen. Da sie weder Maul noch After, weder Darm-
kanal, Geschlechtstheile, noch sonst deutliche Organe besitzen, so
müssen sie offenbar die niedrigste Stelle unter den Helminthen ein-
nehmen. Nach meinen Beobachtungen bestehen die Gregarinen aus
einer harten glatten den Eihüllen der Insekten -Eier ähnlichen Haut,
welche nichts anderes in sich schliefst, als eine äufserst feinkörnige
weifse Masse, in der ein wasserhelles mit einem körnigen Kerne ver-
sehenes Bläschen verborgen steckt. Daher sprach ich diese Wesen
früher nur für Insekten- Eier an ^3), indem ich das Bläschen mit sei-
nem Kerne für ein Keimbläschen hielt; ein Irrthum, in den man um
so leichter verfallen konnte, als die Gregarinen meistentheils in un-
beweglicher Starrheit verharren. Sie sitzen mit ihrem Kopfe, der
gewöhnlich durch einen engen Hals, wie bei Echinorhynchus y vom
Körper abgeschnürt ist, an dem Epithelium, des Darmkanals so fest,
dafs der Kopf sehr leicht abreifst, und an seiner Anheftungsstelle
sitzen bleibt. Uebersieht man dieses, so bekömmt man von der
wahren Gestalt mancher Gregarinen einen falschen Begriff, wie
dies die von Leon Dufour gegebene 7te Figur a. auf PI. I. beweist,
denn hier ist der Kopf des Thieres nicht eingezogen, sondern offen-
bar abgerissen.
Folgende helminthologischen Arbeiten sind noch anzufüh-
ren, die Ref. aber bis jetzt noch nicht zur Durchsicht hat er-
.51) Guy's hospital redorts. nr. V. 1837. pag. 432.
52) Anneies des sc nat. T. VIII. jmg. 10.
53) MüUer's Archiv. 1837. pag. 408.
halten können, «lerselbe behält eSj ^ic^ ^yqr, J)ei späterer . Gele-
genheit einen IJericht über sie nachzuholen:
1. Bremser:, Tratte %oologique et jthysiolo^rique snr les vers inte-
stinaux de V komme, iraduit de l'allemand yar Grundler, revu et
augmente de notes.jmr Blainville, enrichi d'un nouvel atlas de 15
jdanches in 4° avec im texte expL revfermant plusieurs observations
ined, par C. Lehlond. Paris. 1837.
(Der Atlas der älteren Ausgabe enthält nur 12 Kupfertafeln.)
2. O'vi'en: Entozbä. Iri der Cyclopäedia of anatomy and phy^io-
logy, edited hy Todd. T. X London. 1837.
Danzig den Isten December 1838.
Bericht über die Leistungen iii Bearbeitung der
übrigen Thierklassen^ während des Jahres 1837.
vom
Herausgeber.
Indem ich hiemit, leider sehr spät, den Bericht über die zoo-
logischen Arbeiten im Jahre 1837 abstatte, mufs ich bedauern,
dafs meine Herren Mitarbeiter, indem sie während meiner Krank-
heit an meiner Statt früher einzutreten die Gxxi^ hatten, mir
nur einen kleinen Raum für meinen Bericht übrig gelassen,
und dafs ich selbst jetzt noch nicht im Stande bin, die Hülfs-
mittel, welche mir meine hiesige Stellung in der zoologischen
Sammlung und den Bibliotheken darbietet, vollständig benutzen
zu können. Ich sehe mich deshalb genöthigt, über die neu auf-
gestellten Genera und Arten, überhaupt über Specialarbeiten
sehr oft von jeder Kritik abzustehen. Indem ich um Ent-
schuldigung der hieraus erwachsenden Mängel bitte, behalte ich
mir vor, was sich etwa späterhin an solchen Bemerkungen mir
aufdringen möchte, in den folgenden Stücken der Zeitschrift
gelegentlich nachzuholen, oder den wichtigeren Specialwerken
einen besonderen Artikel zu widmen.
Unter den allgemeinen Arbeiten sind besonders erfreulich
21*
m
diö zahlreichen Untersuchungen über Entwicklungsgeschichte,
deren bereits einige oben bei den Mollusken namhaft gemacht
vvürden. Vorzüglich machte sich H. Rathke durch eine Masse
von Untersuchungen verdient, welche er in seinem Werke:
Zu^ Mörpliologie , Reisebemerl^ungen aus Taurien. Riga und
Leipzig. 1837. 4to. — niedergelegt hat (Zur Entwickelungsge-
schichtü der.iAktinien, des Skorpions, mehrerer Crustaceen und
4eJ:,s^yngnathen.). Da Verf. selbst im 2ten Bande der zwei-
ten Aufl. von Burdach's Physiologie (Leipzig. 1837.) das Wich-
tigste daraus mitgetheilt hat, so kann füglich hier auf letzteres
Werk verwiesen werden.
Auch in England hat das Studium der Entwicklungsge-
schichte Eingang gefunden. Dr. M. Barry hat in zwei Ab-
handlungen (^On the unity of structure in the anhnalKmg-
dom. Edinh. new. phil. Journ. vol. ÄXI1.\ in welchen er
eine genaue Bekanntschaft mit unserer Literatur entwickelt,
die Aufmerksamkeit seiner Landsleute auf die Ergebnisse der
deutschen Forschungen gelenkt und dadurch eine Abhandlung
von Will. B. Carpenter: on Unity of Function in orga-
nized Beings (ibid. vol. XXIII. S. 92.) hervorgerufen.
Rudolph Wagner und C. Th. v. Siebold haben ihre
Untersuchungen über die Samenthierchen fortgesetzt.
Der erstere giebt in der Äbhandl. der mathem. physik. Klasse
der Akacl. zu München die Abbildungen der Spermatozoen mehrerer
Säugethiere, Vogel, Amphibien und Fische, aufserdem von Evertebra-
len die von Agrion, Cypris^ Faludina im-pura, Limneus, Succinea, Li-
max, Cyclas. Diese verschiedenen Typen sind theils schon von ihm selbst
in diesem Archive in den brieflichen Mittheilungen (Jahrg. 1836. 1.369.)
• beschrieben, theils ergeben sie sich aus des Verf. späteren Mitthei-
luhgen (d. Arch. 1839. 1. S.41.). v. Siebold hat in Müllers Archiv 1837.
S. 381. die Spermatozoen mehrer Bivalven und Insekten, ferner die
Von Medusa aurita (welche denen von Cyclas am meisten ähneln)
beschrieben und auf Taf. XX. abgebildet. Auch hier zeigt sich wie-
der Form - Verschiedenheit nach den verschiedenen Familien; die
Spermatozoen von Mytilus edtilis und Tichogonia jjolymorpha stim-
men am meisten in der Form überein. Ihr Körper ist vorn -wie ab-
gestutzt und breiter als hinten. Die der Najaden (JJiiio, Anodonta)
•sind ihnen ähnlicher, als denen der Cycladen, aber oval, walzig, nicht
platt, wie Prevost meint; die der Cycladen haben einen länglichen
vorn verschmälerten Körper. Bei einigen war der Körper kürzer, so
wie ihn Wagner abbildet; diese hält v. S. für weniger entwickelt.
Der haarförmige Schweif aller Muschel -Spermatozoen ist sehr zart,
und (?^her leicht zu übersehen. — Aufserdcm enthält diese Abhand-
lung noch viele Einzelheiten über die Geschlechtstlieile der Muscheln,
welche der Raum hier anzuführen niciit gestattet.
Auch Diijardin hat über die Spermatozoon Untersuchun-
gen angestellt und die vom Menschen, Esel, Meersdm'eluch9^i.j
und der Hausmaus sehr vergröfsert abgebildet./ ji^^ii.nflfiM«ffö^l
71«/. VIII. S. 291 Taf. 9. " '■
Die Basis des Schwanzfadens erschien bei den menschlichen
Spermatozoen zuweilen knotig, zuweilen zeigten sich an ihr Lappen,
welche das Ansehen einer abgestreiften Hülle des Körpers hatten.
Bei den Samenthierchen des Meerschweinchens war eine solche
äufsere gallertartige Hülle des Körpers deutlich und zeigte sich in
Ammoniak löslich, auch streifte sie sich durch Einwirkung des WaS^'
sers wie ein Sack ab. Die Gestalt der Mäuse - Spermatozoen schiltl»
dert D. anders als Wagner; ihr Körper soll nach ihiVi ohne Hüll«/'
aber an einer Seite concav sein, und der Schwanzfaden sich «in dict'
ser inseriren; von der Seite gesehen erscheint ihr Körper dann aller*^
dings, wie ihn Wagner beschreibt, der Klinge eines Radirmessers älttJ<-
lich. Die kugelförmigen anfangs unbeweglichen Spermatozoen d^r Kar-
pfen schwellen beim Contacte mit Wasser an und bewegen sich'»\ktt
mit gröfster Schnelligkeit; alsdann bemerkt man auch einen langen
Schwanzfaden, den einige bald darauf ösenartig zusammendrillen.
Auch verkürzt sich der Schwänz dicker werdend und zieht sich zu-
letzt sogar bis auf ein Wärzchen ein. (Auch R. Wagner verdutliet
dies a. a. O.) Später nimmt der Körper verschiedene Gestalten an,
wird theils unregelmäfsig, theils kugelförrnig. Auch sah D. siö öfters
sich mit dem Schwanzende oder mit einer Verlängerung des Körpers
anheften und hin und herschwingen. {Während er früher (S.291.) den
Spermatozoen im Allgemeinen die Animalität abspricht, sagt er des-
halb von denen der Fische: ils ont de plus ia mQut>etMntspdnt0w;
qui est l'indice le plus certmn de la vie. ß!» iodo./ ,)■uW^^^■p'*n ^si
Schulze und Schwann publicirteri iliire fhlher Bereif s
beiläufig erwähnten Versuche über Generatio aequivoca. Der
Erstere in Poggend. Annal. 39. S. 487, der Letztere Isis. /183.7»
S. 524.
Schulze füllte einen gläsernen Kolben zur Hälfte mit destillir-
tem Wasser, dem er verschiedene animalische und vegetabilische
Substanzen beigemischt hatte, verschlofs ihn mit einem Korke, der
von zwei luftdicht eingepafsten Glasröhren durchbohrt war. Nachdem
er durch heftiges Kochen des Wassers alles etwa lebendige im Keime
zerstört glaubte, befestigte er an jede der Glasröhren den Apparat,
dessen sich die Chemiker zur Absorption der Kohlensäure bei orga-
nischen Analysen bedienen. Der zur Linken wurde mit conccntrirter
Schwefelsäure, der zur Rechten mit einer Auflösung von Kali-Hydrat
gefüllt, und so der Zutritt der atmosph. Luft abgesperrt. Die Luft
312
in dem Apparat, welcher während der Sommermonate am Fenster
dem Lichte ausgesetzt war, wurde mehrmals täglich erneuet, so näm-
lich, daüs am offenen Ende des mit Kali erfüllten Apparates gesogen
wurde, wodurch die Luft aus dem Kolben heraus durch die kaustische
Flüssigkeit in den Mund und von aufsen atmosphärische Luft in den
Kolben trat, in welcher bei ihrem Durchtritt durch die Schwefelsäürej
alle organischen Keime vernichtet sein mufsten. Bei täglicher Unter-,
suchung des Randes der Flüssigkeit zeigte sich keine Spur von thie-
rischen oder vegetabilischen Organismen, auch nicht als der Apparat
aus einander genommen wurde. Dagegen zeigten sich Conferven und
Infusorien schon in einigen Tagen, nachdem der Kolben offen gestan-
den, in reichlicher Menge; eben so enthielt auch ein offenes Gefäfs,-
welches mit denselben Substanzen gleichzeitig neben jenem xApparate
dem Lichte ausgesetzt war, schon am folgenden Tage Vibrionen und
Monaden, denen sich bald gröfsere polj^gastrische Infusorien und spä-
ter selbst Räderthiere zugesellten. — Schwann brachte theils ein
wenig von einer organischen Infusion in eine Glaskugel, doch so dafs
der gröfste Theil der Kugel mit atmosphärischer Luft erfüllt blieb,
und brachte dann die Kugel, nachdem er sie zugeschmolzen, in Sied.
hitze, — theils stellte er, um dem Einwurfe zu entgehen, als habe
beim Kochen die organische Materie den Sauerstoff der Luft in Koh-
lensäure verwandelt, den Versuch folgendermafsen an: der Hals des
Kölbchens wurde abwärts gesenkt knieförmig umgebogen, so dafs
der andere Schenkel wieder in die Höhe stieg. Hier wurde noch ein
kleines Kugel chen angeblasen und dann der übrige Theil der Glas-
röhre in eine Spitze ausgezogen und abgebrochen. Das Knie wurde
mit Quecksilber gefüllt, und darüber eine organische Infusion in das
kleine Kügelclien gegossen, wovon die Spitze zugeblasen. Während
des Kochens wurde die Flüssigkeit durch das Quecksilber von der
Luft des Kölbchens abgesperrt, nach dem Kochen aber der Appa-
rat umgekehrt, wobei das Quecksilber herabsank und die Infusion
mit der atmosphärischen Luft des Kölbchens in Berührung trat. In
beiden Versuchen zeigten sich keine Infusorien. — Die Anhänger
der Generatio aequivoca werden den von beiden Naturforschern
sinnreich genug angestellten Versuchen keine volle Beweiskraft zuge-
stehen. Es fragt sich, ob die concentrirte Schwefelsäure in der durch
sie hindurch tretenden Luft nur jede organischen Keime zerstört,
sonst aber ihre Tauglichkeit zu deren Entwickelung nicht beeinträch-
tigt, und ob überhaupt die Exhalation der concentrirten Schwefel-
säure in jenem, die des Quecksilbers in diesem Versuche nicht nach-
theilig auf die Entwicklung niederer Organismen einwirkt. Giebt
man eine Panspermie zu, worauf jene Versuche hinweisen , so wird
man auch zugeben müssen, dafs aus den in der atmosphärischen Luft
verbreiteten Eiern nach Umständen verschiedenartiges werden kann,
was aber, hält mannicht an der ide eilen Praeformation des Keimes im
Ei fest, von der Annahme einer Genei^atio aequivoca nicht so gar fern
liegt. Jene Eier werden im Wesentlichen aus dem Keimbläschen und
313
Keimflecke bestehen, aus einer Zelle mit ihrem Zellenkerne (nach
Schwann) und ebenso lösen sich die infundirten organischen Sub-
stanzen in analoge Zellen auf. In l)eiden Fallen würde die organi-
sche Zelle durch Lebensbedingungen befähigt aus ihrem Zellenkerne
einen neuen Organismus zu entwickeln. So lange die Genesis der
Entozoen und Spermatozoen, wenn auch letztere Thiere sein sollten,
nicht gehörig erklärt ist ; hat die Ge?ieratio aequlvoca in diesen ihre
Hauptstütze; aber sehr wünschenswerth ist es, dafs mehr ähnliche
Versuche angestellt und möglichst so ersonnen werden, dafs den
Vertheidigern der Urzeugung keine Ausflucht weiter bleibt.
Ueber das Meeresleuchten sandten G. Bennett
und F. De Bell Ben nett der zool. Gesellschaft ihre zur See
geraachten Beobachtungen ein.
Der Erstere (Proc. Z. S. p. 1.) unterscheidet ein Leuchten von zwei-
erlei Art. Das eine, ein lebhaftes Funkensprühen, besonders sichtbar
wenn die Wellen durch heftigen Wind oder den Lauf des Schiffes
gebrochen werden, und bei electrischem Verhalten der Atmosphäre,
rührt wahrscheinlich von so kleinen Thieren her, dafs das Licht,
welches sie ausströmen, das einzige Zeichen ihres Daseins ist — ■ das
andere erscheint wie Feuerklumpen imd Feuerschweife, und rührt
her von Arten der Gattung Salpa, Beröe u.s.w. Das Meeresleuchten
erscheint oft in gröfserer Beständigkeit und Pracht zwischen den 3"
und 4" nördl. und südlicher Breite vom Aequator, w^ahrscheinlich
weil hier durch die Meeresströmung die Zahl der Leuchthiere sehr
vermehrt werde. Das Leuchten hängt nicht allein von Beunruhigung
der Thiere ab, denn oft sieht man ganz ohne dies eine Leuchtmasse
stufenweise ihr glänzendes Licht verbreiten, oder bemerkt in ruhigen
Nächten einen Lichtglanz über das Wasser ergossen, ohne dafs ihn Wel-
lenbewegung hervorbringt, und entsteht dann ein schwacher Wind, so
läfst das Schiff keine leuchtende Spur hinter sich, obwohl dieselbe will-
kürliehe Lichtentwicklung in einiger Entfernung wie zuvor fortdauert.
Dagegen war auch zuweilen weiter kein Leuchten im Meere sichtbar, als
in der Schiffsspur. Zuweilen zeigte das Meer plötzlich ein glänzen-
des Leuchten, so bei heftigem Regen, welches eben so plötzlich auf-
hörte, zuweilen war nur eine constante Folge von Funkenspruhen
sichtbar. Die Intensität des Lichtes der mit dem Schleppnetze ge-
fangenen Thiere nimmt mit der Kräftigkeit derselben ab. Oft wur-
den beim glänzenden Meeresleuchten aufser den Leuchthieren Cru-
staceen und kleine Fische in Menge gefangen, welche vielleicht durch
das Licht angelockt werden, — Die Erfahrungen von F. Debell
Ben nett (Pr. Z. S. p. 51.) stimmen ganz mit denen seines Bruders
überein. Er beobachtete auch bei Cleodora cuspidata, welche in ver-
schiedenen Theilen des stillen Meeres in grofser Zahl an der Ober-
fläche schwamm, einen zartblauen Lichtfleck, welcher durch die
Spitze ihrer äufserst dünnen Schale hindurchschien. — Contact mit
süfsem Wasser ruft bei Leuchtthieren das Leuchten hervor, beson-
314
(lere bei Pyrosomen^ bei diesen sogar, wenn sie verstümmelt oder
dem Tode nahe kein Licht mehr ausstrahlen können. Verf. giebt
auch, wie Meyen, die kleinen braunen Körper (also die, welche Sa-
vigny als Leber deutete) für das Leuchtorgan der einzelnen Thier-
chen an. Schneidet man das Pyrosom auf, und taucht es ins Wasser,
dafs jene braunen Partikeln heraustreten, so vertheilen sie sich {dif-
fuse them&elves) in der Flüfsigkeit und glänzen wie zahlreiche Fun-
ken. Auch die Contraction der sphincterähnlichen Membran am of-
fenen Ende des gemeinsamen Thierstocks erwähnt Verf., konnte aber
sonst in diesem keine Bewegungskraft (motive power) wahrnehmen.
Von den Reisen von Bär 's an den Küsten Lapplands
und nach Nowaja Semlja (Bullet sc. de VAcad. de St. Pe-
tei'sh. II und III.^ und v. Nordmanns (ebend. IL S. 91.)
an der Ostküste des schwarzen Meeres und im Kaukasus haben
wir erst vorläufige Mittheilungen erhalten, welche indessen für
die speciellere Publikation der zoologischen Ausbeute lebhaf-
tes Interesse erwecken.
Ein allgemeines Bild von der Fauna des russischen Lapplands
nebst Bemerkungen über das weifse Meer hat v. Bär (a. a. O.) ge-
geben. Obwohl vom Lande fast ganz umschlossen, hat letzteres doch
nicht den Character eines Binnenmeeres, denn Ebbe und Fluth sind
ansehnlich genug, um weit in die Dwina hinein kenntlich zu bleiben.
Der Salzgehalt scheint dem Geschmacke nach nicht verschieden von
dem des Eismeeres, viel reicher als in der Ostsee, daher denn auch
das weifse Meer an animalischem Leben reicher ist als die Ostsee,
wenn es auch dem Mittelmeere weit nachsteht. An der Dwinamün-
dung ist es dagegen durch die von dieser zugeführte Wassermasse
so süfs, dafs Unionen darin gedeihen. Als ein besonders günstiger
Punkt für zool. Forschungen wird Tri Ostrowa (an der Ostküste un-
ter 67° Br.) bezeichnet. Die Tundra von Lappland scheint nur von
wenigen Thieren bewohnt, selbst Lemminge schienen seltener als
auf Nowaja Zemlja. An Eisfüchsen fehlt es nicht; ihre Felle bilden
mit Biber- und Fischotterfellen einen Ausfuhrartikel. Die SeevÖgel
nehmen zu, wo die Küste felsig wird, besonders Urm grylle; aber
Zahl und Mannigfaltigkeit ist in keinem Vergleich zu denen der nor-
wegischen Küsten. Auf der Tundia giebt es wenige Landvögel. Schon
die Wälder von Archangelks zeigen eine so auffallende Abnahme von
Singvögeln, dafs sie an einem schönen Frühlingsmorgen dem Wande-
rer fast lautlos erscheinen. Der Ruf des Kuckucks läfst sich bis jen-
seits des 66° Br. hören. Die Zahl der Hühnervögel ist aber in dem
Archangelschen Wäldern noch ansehnlich; in Lappland scheint sie
mit Ausnahme der Schneehühner sehr abgenommen zu haben. Von
Amphibien wurde nur Lacerta crocea gesehen, Lacerta agilis gar
nicht. Schlangen sind an der ganzen Westküste des weifsen Meeres
bekannt, ob sie auch in russisch Lappland vorkommen, hat v, B. nicht
315
erfahren können; Frösche wurden nicht gesehen. SüfswassemaoUus-
ken äufserst wenig. Die Insektenjagd fiel reichlicher aus. Am Ende
des Winters, wenn das Eis in Bewegung geräth, sammeln sich viel
Robben an der Südküste Lapplands; besonders kommt Vh. Groen-
landica in ungeheuren Schaaren aus dem Eismeere. Im Frühlinge
steigt der nordische Lachs {ßalmo nobilis Fall..) in dichten Haufen in
die Flüsse und im Sommer liefert die Nordküste von Lappland viele
Stockfische und Heiligbutten,
Unter clen Schriften, welche sich über (Jas Gesammtgebiet
unserer Wissenschaft verbreiten, ist Burmeisfcer's Hand-
buch der Naturgeschichte 2te Abthl. Zoologie. Berlin
1837. hier auszuzeichnen. Es ist reich an neuen systemati-
schen Ansichten, scheint mir aber dadurch, dafs der Verf. zu
viel spaltet und zu viel neue Beneiuuuigen schafft, als Hand-
buch für den Anfänger an Brauchbarkeit zu verlieren. Das
vom Verf. gegebene System ist in den 3 Hauptabtheilungen
und den 12 Klassen ganz dasselbe, welches ich seit 1829 mei-
nen Vorlesungen zu Grunde lege, welches ich 1830 in den
Berlin. Jahrb. f. wissentschaftl. Kritik in seinen Grundgedan-
ken angedeutet und im Wintersemester 18f| in einer beson-
deren Vorlesung ausführlicher entwickelt habe. Sonach hoffe
ich es auch noch mein Eigeuthum nennen zu können, wenn
ich es im Besonderen durchgeführt und wissenschaftlich be-
gründet dem Publicum demnächst vorlegen werde. In dem
Gehalte der einzelnen Klassen, besonders aber in deren Be-
gründung weichen unsere Ansichten oft weit von einander ab.
Anm. Künftigen Verfassern neuer Handbücher: mochte ich nachstehende
Worte unseres geistreichen Landsmannes K. E. v* Bär zur Beherzi-
gung empfehlen, um so mehr, als ich selbst mich bereits 1832 in der
Vorrede zu meinem Handbuche in gleichem Sinne aussprach, und in
diesem Buche meine abweichenden systematischen Ansichten geflis-
sentlich zurückhielt. v.Bär sagt Preufs. ProvinzialbL Bd. XI. 1834. S. 114.:
,,Während die Deutschen im Allgemeinen geneigt sind, ihren Nachba-
ren nachzuahmen, wollen doch die deutschen Gelehrten gern alle ori-
ginell erscheinen, und sollten sie die Originalität auch nur darin be-
weisen, dafs sie ein Ding dafs bisher der Länge nach lag, in die
Quere stellen, oder Etwas, das andere Leute bisher A zu nennen
pflegten, von jetzt ab B genannt wissen wollen. In den zoologischen
Handbüchern zeigt sich dieses Streben nach Originalität darin, dafs sie
die einzelnen gröfseren und kleineren Gruppen anders benennen, als
es sonst gebräuchlich ist. Jene Namen für die Gruppen sind
aber nur erfunden, um sich gegenseitig verständlich zu
316
So setzt Verf. das Wesen und den gemeinsamen Charakter der
Quallen und Radiaten, welche er, wie Lamark und ich, in ein er Klasse
vereinigt, in die reguläre d. h. radiäre Körpergestalt. Theils aber
haben sie diei^e mit den Polypen gemein, theils zeigen auch die nie-
deren Formen beider Gruppen (Siphonophoren und Thalassemen) eine
nicht radiäre, unregelmäfsige Gestalt. So wenig also hierin das Wesen
der Klasse liegen kann, so wenig entspringt hieraus die Nothwendigkeit
einer Vereinigung beider. Daher fehlt es auch dem Verfasser an ei-
nem gemeinsamen Charakter, um eine aus beiden geschaffene Klasse
dem Afänger zu bezeichnen. Auch Ref. erkannte diese Schwierigkeit
und zog es deshalb vor, den Anfängern jede der beiden Gruppen für
sich zu charakterisiren, beide aber als Ausdruck desselben Begriffes,
mithin als dem Begriffe nach eine Klasse bildend zu bezeichnen.
Ebenso wenig kann man die Vereinigung der Räderthiere mit den Cru-
staceen gut heifsen, obwohl auch Ehrenberg öfter auf die Aehnlich-
keit jener mit den Entomostraceen hinweist. Nicht nur wird damit
dem Typus der Crustaceen Gewalt angethan, sondern auch die na-
iti-achen. Nun denke man sich, welche Verwirrung entstehen würde,
wenn in den Grammatiken, die für den Unterricht bestimmt sind, Je-
dermann willkürlich die gebräuchlichen Benennungen für die Klassen
und ümbeugungen der Wörter verändern wollte, wenn Einer es
geistreicher fände, das Perfectum ein Exactum und ein Andrer es ein
Absolutum zu nennen. Es sind aber unter den Zoologen nächst den
Linneischen Benennungen die Cuvier'schen am allgemeinsten bekannt
imd, im Gebrauche. Ich sehe nicht ein , welchen Nutzen es bringen
soll, in die Schulen andere einzuführen und glaube, dafs ein Leitfa-
den um so mejir an Brauchbarkeit verliert, je mehr er sich von
diesen entfernt." Was hier vom Schulbuche gesagt ist, hat auch für
die dem akademischen Studium bestimmten Handbücher seine Gel-
tung. Nicht besser kann man die Früchte jener Namenverwirrung
kennen lernen, als wenn man die armen Studenten mit ihren verschie-
denen Compendien und Heften das hies. zoologische Museum benutzen
sieht. Da soll man nun sagen, wo die Myxo%oa, Oo%oa, Carpexoa,
Gastroxoa, wo die Pelecypoda, Cormopoda^ Crepidopoda, und wie die
obscuren Zoa und Poda alle heifsen mögen, stehen, und man mufs
mit Bedauern nicht selten seine eigene Unwissenheit eingestehen;
denn dafs der Zoolog neben den schon zahllosen Namen und Syno-
nymen der Wissenschaft noch ganz überflüssige Compendiennamen
behalten soll, wird doch im Ernst wohl Niemand verlangen. Was
soll aber der Anfänger von unserer Wissenschaft denken, wenn er
sich mit solchem gut eingelernten Krame nicht einmal einem Zoo-
logen vom Fache verständlich machen kann? Sollte nicht die Ab-
nahme des Interesses für Zoologie durch diesen Mifsbrauch theilweis
befördert werden? Möchten diese wohlgemeinten Worte, welche Nie-
manden beleidigen sollen, nicht vergeblich ausgesprochen sein!
317
türllt^he Beziehung der Raderthiere zu den ungegliederten Würmern,
zu den Plattwürmern (den Trematoden und Dendrocoelen Ehrb.) und
den Turbeilarien zurückgesetzt. Selbst die, einem Gefäfsstamme ad-
härirenden Flimmerorgane der Raderthiere, welche ihr Entdecker als
innere Kiemen deutete, sprechen vielleicht dafür. Sie scheinen mir den
wahrscheinlich auch niu: excernirenden Flimmerorganen der Branchiob-
dellen und Lumbricinen und das Gefäfssystem, dem sie ansitzen, dem ge-
fäfsartigen Excretionsorgane der Trematoden zu entsprechen*). Letz-
teres, wie Burmeister (Handb. S. 528) als ein (Wasser-) Athmungs-
organ zu bezeichnen, welche Ansicht auch Ehrenberg in Bezug
auf Distomum globipormn in der hies. Gesellsch. naturf. Freunde ausr
sprach, halte ich für etwas gewagt, zumal da nach Siebold dieses Organ
keine Flimmerbewegung zeigt. Soll ein Organ bei den Räderthieren
Respirationsorgan sein, so pafst gewifs das sogenannte Räderorgan
am besten dazu, welches auf einer höheren Stufe, bei den Annulaten,
in analoger Form und Stellung, wenn auch fadenförmig zerschlitzt,
in den lebhaft flimmernden Kiemen der Serpulen und Sabellen wieder
auftritt. Auch spricht dafür, dafs neuerlich (Zus. zur Erkenntn. gr.
Organis, im kl. Räume, p. 18.) Ehrenberg neben anderen Details
des Gefäfssystemes ein kranzartiges zartes Gefäfsnetz am Kopfe vie-
ler Raderthiere entdeckt hat, welches nur im ausgedehnten Zustande
des Räderorganes , dicht hinter dem Wimperkranze erkannt wird,
und von welchem einfache Fäden, Längsgefäfse, zu einigen, vielleicht
allen Quergefäfsen des Rückens zu verlaufen schienen. Dagegen
erklärt E. ebendort das Längsgefäfs auf der Rückenmitte jetzt für
einen Längsmuskel, weil es Contractionen zeige. Arth. Farre
{Transact of the Royal Soc. 1837. S. 398.) behauptet dasselbe von
den Quergefäfsen und erklärt sie für Antagonisten der Längsmuskeln,
weil sie durch ihre Contraction die Seite, an welcher sie angeheftet
sind, bei Verlängerung des Körpers in Längsfalten zögen, bei dessen
Verkürzung aber sich ausdehnten.
1. Polygastrica iifttf^'tyrtölö:
Ehrenberg setzte seine Untersuchungen Aber fossile In-
fusorien fort. Einige Resultate derselben finden sich im er-
sten Bande des 3ten Jahrgangs dieser Zeitschrift mitgetheilt.
Eine Gcsammtübersicht der Ergebnisse seiner Entdeckungen
hat Ehrenberg in einer Abhandlung zusammengestellt, in wel-
cher er zugleich aus dem Massenverhältuifs der jetzt lebenden
Kieselinfusorien die Bildung des Kieseiguhr, Bergmehls u. dgl.
*) Für eine solche Deutung spricht auch^ dafs nach dem Ent-
decker der Durchmesser der angeblichen Kiemen (Flimmerorgane)
oft kleiner ist, als der des Gefäfses, dem sie ansitzen.
318
Substanzen erklärt, in denen sich nach seinen Forschungen
jene Infusorien als Hauptbestandtheil erwiesen haben. (Die
fossilen Infus, u. die lebendige Dammerde. Berlin 1837.)
Im Ganzen sind 79 — 80 Arten von Infusorien im fossilen Zu-
stande beobachtet, welche 16 verschiedenen Generibus angehören.*
Von diesen Sippen finden sich 14 in der Jetzwelt, und nur zwei sind
in dieser unbekannt. Von den 79 Arten, die sie umfassen^ gehören
34 der Jetztwelt, so dafs fast die Hälfte noch lebend ist. Die mei-
sten fossilen Infusorien haben einen Kieselpanzer, dem sie ihre Er-
haltung verdanken, die Peridinien und Xanthidien dagegen eine
weichere, hornartige, verbrennliche Hülle, und finden sich nur umla-
gert und durchdrungen von einer Kieselmasse, die ihnen ursprünglich
fremd ist. Von den ersteren gehören alle Gattungen ohne Ausnahme
in die Familie der Bacillarien, und zwar ist besonders auffallend das
Vorherrschen der Gattung Navicula (mit 24 Arten, von denen 13 den
jetzt lebenden unverkennbar gleich sind), dann folgt Eunotia mit 11
(2 lebend) und Gallionella mit 7 Arten (von denen 4 noch lebend),
u. s. w. Den neuesten Erdablagerungen und Tertiärgebilden gehören
71, den Feuersteinen der Kreide gehören 9 Infusorien-Arten an. Auf-
fallend ist, dafs nicht die der Tertiärformation eigenen Polirschiefer
die meistert jetzt seltenen oder ausgestorbenen Formen enthalten, son-
dern oft gerade die mehr lockere erdige Masse (Bergmehl, Kiesel-
guhr) , die man zu den neuesten Bildungen zu rechnen geneigt ist.
Doch darf man wohl auf diese Verhältnisse noch nicht zu viel Ge-
wicht legen, da Ehrenberg die Synedra capitata, welche im Berg-
mehl von 8t. Fiora die Hauptform ist, und eben so die Gallionella
distans, welche den Biliner Polirschiefer bildet,^ erst vor kurzem bei
Berlin lebend fand. Die grofsen Massen, in welchen die fossilen In-
fusorien sich finden, erklären sich hinreichend aus ihrem jetzigen
Vorkommen. Nicht nur bedeckten Miliarden derselben im Sommer
1837 handdick die ganze Oberfläche der stehenden Gewässer des Ber-
liner Thiergartens , so dafs sie mit Rechen abgeräumt werden mufs-
ten, aber in einem oder 2 Tagen wieder eben so zahlreich vorhan-
den waren (was Ehrenberg mehr dem Aufsteigen vom Grunde nach
Wegräumung der oberen das Licht abhaltenden Schicht, als schneller
Fortpflanzung zuschreiben möchte), — sondern es zeigte sich auch
beim Vertiefen eines Bassins, dafs die Moorerde im Grunde dessel-
ben, welche mehrere Tage lang schubkarrenweis weggefahren war,
zu zwei Drittheilen ihres Volumens aus lebenden Kieselinfusorien
bestand. So dafs sich leichter erklärt, wie sich Bergmehl- und kie-
selguhrartige Massen bilden konnten, als wohin sich die jährlich sich
erneuenden enormen Massen absterbender Kieselinfusorien verlieren.
Die Polirschiefer- oder Tripel -Lager und die Kieseiguhr- und Berg-
mehllager hält E. für Süfswasserbildungen, von denen erstere durch
Ablagerung der Kieselschalen in ruhiger Schichtung in vulkanischen
Gegenden gebildet scheinen, wobei das Wasser durch Veränderung
319
des Bodens einen raschen Abflufs erhielt. Die Bergmehllager
scheinen ihm dagegen durch einfaches Austrocknen von Teichen und
Sümpfen entstanden zu sein. Die Halbopale glaubt E. aus der Ver-
änderung der mehlartigen Masse in ein festes Gestein hervorgegan-
gen, indem aus den Kieselinfusorien durch Auflösung eine glasige
oder hornsteinartige Masse gebildet ist, welche die gröberen Frag-
mente oder die ganzen Schalen umschliefst. Die Feuersteine der
Kreide, welche auf ähnliche Weise aus einem sie meist umgeben-
den Kieselmehle aus Kieselinfusorien und Kiesel -Spongien gebildet
scheinen, sind ein Produkt des Meeres und enthalten Formen, welche
im Meere leben, wenn sie auch das süfse Wasser nicht scheuen. Sie
lebten mit überwiegenden Kalkthierchen, deren Fragmente noch in
der Kreide erkennbar sind. Vielleicht geben die Pflanzen und kali-
haltigen Tange das Auflösungsmittel ab, Molche das allmälige Vergla-
sen der Kieselinfusorien ohne Zutritt von Feuer einleitete.
Jene Beobachtung noch lebender Infusorien in einer gröfsten-
theils aus ihnen bestehenden Dammerde, welche nachdem sie Monate
lang in der Sommerhitze trocken gelegen, doch noch, mit Wasser be-
feuchtet, zahllose, sich bewegende Thierchen zeigt, spricht für eine
grofse Lebenszähigkeit jener Wesen. Eben dort p. 7 und dies Ar-
chiv III. 1. 273 weist Ehrenberg auch Turpin's Meinung zurück, dafs
die in den Feuersteinen eingeschlossenen Xanthidien Cristatellen-Eier
seien. Die Abbildungen, welche in der Theilung begriffene fossile
Xanthidien neben lebenden Xanthidien darstellen, sprechen, abgesehen
von der bedeutenden Gröfsen- und Formverschiedenheit der Crista-
tellen-Eier von den Xanthidien, aufs entschiedenste gegen Turpins
Ansicht.
Ehrenberg's Entdeckungen über die Organisation der
Bacillarien sind theils schon früher in diesem Archive (Jahrgg.
III. 1. p. 377.) angezeigt, theils in dem oben angeführten
Werke enthalten.
An 7 Arten der Gattung Navicula fand E. 4 — 20 kleine Magen-
zellen in der hellen Mitte des Körpers. Von den 6 Oeffnungen der
Naviculfie scheint eine der 2 mittleren die Mundöffnung, die ihr ge-
genüberliegende die weibliche Geschlechtsöffnung der gleichzeitig mit
2 kugelförmigen Hoden versehenen Thiere. Die vier Endöffnungen
scheinen nur für die Rewegungsorgane zu dienen. Abbildungen auf
Tafel I. flg. 18. 19. erläutern dieses.
Dujardin beschreibt {^nn, d. Sc. rill. S. 306) Infu-
sorien mit 2 Fäden, das eine unter dem Namen Diselmis vi-
ridis, indem er bestreitet, dafs es Rüssel seien, weil sie dem
Thiere zum Festheften und zur Bewegung dienen.
Auch Ehrenberg war die Duplicität dieses Fadens nicht ent-
gangen, (Zusätze zur Erkenntnifs grofser Organis, im kleinen Räume.
Berlin 1836. S, 21; erschien dann in den Schriften der Akadem. für
320
1837.) Vielmehr bezeichnet er sie dort als vielen Infusorien eigen
und stellt dort eine Gattung Vhacelomonas (P. pulvisculus) auf,
welche viele » meist 10 solcher Fäden um die Mundöffnung zeigt,
welche wirbelnd zur Bewegung und zum Fange dienen; mit Recht
bemerkend, dafs hiedurch eine etwaige Eintheilung der Infusorien in
Rüsselinfusorien und rüssellose (gewimperte) wie sie jetzt Dujardin
anräth, an Schärfe verliere, zumal da einrüsselige Infusorien, wenn
ihnen Längstheilung bevorsteht, periodisch 2 Rüssel zeigen, wie die
zweirüsseligen.
In derselben Schrift machte Ehrenberg eine Monas vivipara
bekannt (S. 6 und 22.), welche lebendige, bewegte Junge mit sich
führt. Die eben dort beschriebenen drüsigen Organe, welche E. für
Hoden erklärt, sind bald kugelförmig, bald ei-nieren-band-perlschnur-
stäbchen- oder ringförmig. Hinsichtlich der contractilen Organe erklärt
sich Verf. für seine frühere Deutung. Das parasitische Infusorium im
Darm der Frösche (Opalina ranarum PurJc. et Val.^ hat E. für eine
Form seiner Gattung Frontonia erkannt.
Im Innern der Kugel des lebenden Volvox globator finden sich
nach Ehrenberg parasitische Raderthiere, welche seine Knospenhau-
fen aufzehren, ein Beweis dafür, dafs es nicht ein Thier, sondern ein
Haufe von Thieren nach Art der Polypenstöcke ist. (Mittheil, aus
den Verhandl. der ges. naturf. Fr. S. 24.)
Dujardin machte zwei neue Thierformen bekannt, durch
'iitrölche der Zusammenhang seiner Rhizopodien mit Ehrenberg's
wechselfüfsigen Infusorien allerdings wahrscheinlicher wird.
{^Ann, d. Sc. nat. VllL S. 310.)
Bei der einen, Difßugia globosa Duj.^ welche zu der letzteren
Gruppe gehört und eine hornartige, fast kuglige Schale besitzt, wer-
den die fufsartigen Verlängerungen zuweilen am Ende schon ästig,
bleiben aber gleich dick mit stumpfer Spitze. Bei der zweiten einer
nackten Rhizopode des süfsen Wassers {Gromia ßuviatilis
Duj.) zeigten sich dagegen jene Fortsätze fadenförmig, mehr verä-
stelt und mit verdünnten Enden, also ganz so wie sie Dujardin frü-
her bei Gromia oviformis des Meeres und den Polythalamien gefun-
den hatte.
Ehrenberg erklärte sich gegen eine Verbindung der Polythalamien
mit den Infusorien, weil bei keinem der zahlreichen Panzerinfusorien
eine Kalkschale vorkomme und er selbst dergleichen Thiere im ro-
then Meere beobachtet habe, welche den Flüstern ähnlich schienen,
(Die foss. Infus, etc. S. 6. Anm.) später (Bericht über d. Vers, der
naturf. Freunde. Berliner Voss. Zeitg. 1839. v. 23 Febr.) erkannte er
indessen beim Auflösen kleiner Polythalamien-Schalen durch schwache
Säuren, welches Mittel schon Dujardin benutzte, vielgelappte
Thierleiber; also ähnlich wie sie dieser 1835 schilderte.
3!2J
2. P o l y p i.
Die sclion im vorjährigen Berichte ausgesprochene Be-
morkiing, dafs sich die Bearbeitung der Naturforscher jetzt
vorzugsweise der Ordnung der Bryozoen zuzuwenden scheine,
dringt sich auch bei üebersicht der Arbeiten von 1837 auf. Wäh-
rend noch vor wenigen Jahren Ehrenberg sich wegen Man-
gel an Material genöthigt sah, diese Gruppe im Rohen zu las-
sen, mehren sich jetzt die Untersuchungen und gestatten schon
eine einigermafsen natürliche Systematik der zahlreichen For-
men. Besonders hat Milne-Edwards, welcher schon 1828 imt
Audouin auf die verschiedene Organisation der Polypengruppen
aufmerksam machte, sich mit genauerer Untersuchung dieser
Thiere beschäftigt und entwirft bereits mehrere anscheinend
natürliche Familien derselben. Minder glücklich ist er in der
Systematik der gesammten Klasse. (^Classif, naturelle des Po-
lypes. Instit. Nr, 212. p. 178.)
Indem er seinem Freunde und sich die Priorität jener Entdeckung
nochmals vindicirt, nin^.mt auch er wie Ehrenberg 2 Hauptgruppen
an, bezeichnet die Bryozoen mit dem Namen Tuniciens in Rück-
sicht auf ihre Aehnlichkeit mit den Ascidien (Tunicata Lam^, ver-
einigt aber mit ihnen auch die Vorticellen (Tuniciens cilies). Die
zweite Hauptgruppe, Ehrenbergs Anthoxoa, nennt er Polypters par-
enchymateux , und theilt sie in drei Familien. 1, Sertulariens (Oli-
gactinia Ehrenb.^^ 2. Zoanthaires Blainv. {Polyactinia und Do-
decactinia Ehrb.^ und 3. Alcyoniens. Letztere begreift die Octactinia
Ehrb., zu denen er aber auch in der ersten Tribus A. pierreux noch
Favosites und Catenipora (Ehrenberg'sche Dodecactinieii) stellt, und
die Familie durch 8 oder 6 am Rande gefiederte Tentakeln, und 8
oder 6 Ovarienlamellen characterisirt. — Wie mir scheint, hätte Verf.
besser daran gethan, wenn er mit Weglassung der ersten die Spon-
gien etc. enthaltenden Familie, die übrigen 3 seines früher mit Au-
douin aufgestellten Systemes als Ordnungen beibehalten hätte. Offen-
bar sind diese, neuerdings auch von Arthur Farre Phüos. Trans-
act. of the R, Soc. 1837. //. S. 414. aufgestellten Typen, die Grund-
typen der Klasse; doch wird wohl Niemand gut heifsen, wenn der
letztere danach die Polypen in 3 verschiedene Klassen spalten und
diese getrennt von einander an verschiedenen Stellen zwischen den
übrigen Klassen der Cuvier'schen Zoophyten einreihen will. Ebenso
wenig bedarf es der von ihm gemachten neuen Namen. Da Audouin
und Edwards ihre Gruppen unbenannt liefsen; so haben die von Eh-
renberg eingeführten Namen das Recht der Priorität, selbst wenn
auch seine Benennungen Bryoxoa und Oligactinia den wesentlichen
022
Charakter dieser Gruppen nicht bezeichnen. Farre*s Ciliohra-
chiata sind Ehrenberg's Bryoxoa, und entsprechen der 4ten Fami-
lie von Audouin und Edwards, seine Nudibrachiata sind Ehren-
berg's Oligactinia und entsprechen deren zweiter Farn.; seine An-
thoxoa begreifen Ehrenbergs Octactinien, Dodecactinien und Poly-
actinien, welche jene franz. Zoologen in ihrer dritten Familie verei-
nigten. Man mufs gestehen, dafs diesen, wenn auch mit veränderter
Fühler- und Lamellenzahl, derselbe Typus zu Grunde liegt, ja in
den Dodecactinien und Polyactinien selbst die Grundzahl (6) dieselbe
sein möchte.
Weil man in den Actinien eine stete Bewegung von Flüssigkeit
aus den Fächern der Körperhöhle in die hohlen Fühler und zurück
in die Fächer bemerke, ist Farre geneigt, den Fühlern noch die
Function von Respirationsorganen beizulegen. Da ferner bei einigen
Actinienformen die einfachen Fühler auf halbmondförmigen Lappen
stehen, so will er letzteren, die 8 blattförmigen Fühler der Octacti-
nien und deren seitliche Fortsätze (Franzen) den Fühlern jener Acti-
nien vergleichen.
G. Johnston giebt am Schlüsse seines langen, aber eben nichts
Neues enthaltenden Aufsatzes , (Maga%. of Zool. and Botan. I. 447.)
sein System der Polypen, in welchem er, ohne sie zu kennen, Ehren-
bergs Gruppen unter anderem Namen wiederholt. Seine beiden Un-
terklassen: Radiated Zoophytes und Molluscan Zoophytes
entsprechen Ehrenbergs Anthozoen und Bryozoen. Erstere theilt er
in 3 Ordnungen: Hydroidea Q=z Oligactinia Ehrb.')^ Aster oidea
(==: Octactinia Ehrb.^ und Helianthoidea (=: Dodecactinia und
Polyactinia Ehrb.). Ein Beweis, dafs diese von so verschiedenen
Seiten anerkannten Gruppen in der Natur begründet sind; nur dürfen
sie nicht der Beschaffenheit des Polypenstocks, ob er frei oder an-
gewachsen, wie in Ehrenbergs Zoocorallia und Phytocorallia,
subordinirt werden, vielmehr mufs sich die Beschaffenheit des Poly-
penstocks dem Typus der ihn bildenden Thiere unterordnen; dieser
mufs die Ordnungen, jene kann höchstens die Tribus bestimmen.
a. B r y o z o a Ehrb.
Milne- Edwards entwirft folgende Familien in dieser
Gruppe :
1. Plumatelliens. Tentakel bilateral und symmetrisch.
2. Eschariens. Tentakel kreisförmig gestellt, der Labialrand der
Hautzelle {cellule tegumentaire^ transversal, symmetrisch, mit
Opercuhim. Die Tribus: a. Eschariens lamelleux (Eschara^
Flustrd) b. Es eh. moniliaires (Catenicella^ Hippothod) c. Es eh.
phytoides (Cellaria, Acamarchio).
3. Myriaporiens Tentakelstellung wie bei den Escharinen, nach
della Chiaje der Labialrand der Hauptzelle kreisförmig und gedeckelt
(Myriapora truncata).
^ 323
4. Tu6 uh'p or/ens Teiaiakel kreisförmig, Labialrand der Haut-
zelle kreisrund, deckellos; Basis treibt keine Stolonen. {TubuU-
pora, Crisia, Homer a^ Frondipord).
5. Vesiculariens: Tentakel kreisförmig, Zellen mit runder
Oeffnung ohne Deckel, von stoloniferirenden Stielen getragen ; die Tribus :
a. V. tuhulaires {Serialaria, Vesicularia,,Daedale) h. V. iwceoles {Lu^
sia). — Hier würde sich denn in einer besonderen Familie Alcyo-
niuvi gelatinosum (üalodactylus Favre) anschliefsen. Ferner
würde noch eine besondere, den Uebergang zu den Vorticellen ver-
mittelnde Familie die Gattung Pedicellina San bilden (f. d. Arch.
Jahrg II. 2. S. 190.)
In einer früheren Arbeit (^Annal. desJSc'nat. V.S. 5 fg.),
welche im vorigen Berichte nur dem Titel nach angeführt wer-
den konnte, hatte Edwards dieOrganisation der Gattung Escha^
ra geschildert.
Er hatte nachgewiesen, dafs die sogenannten Kalkzellen, aus
welchen der Polypenstock der Escharen besteht, nichts als ein Theil
der Körperhaut des Polypen sind, der durch Ablagerung von Kalk-
substanz in seinem Gewebe, etwa wie die Knorpel der höheren Thiere,
verknöchert. Durch verdünnte Salpetersäure von dem kohlensauren
Kalke befreiet, erscheinet die Zelle als ein den retractilen Theil des
Polypen und seine inneren Organe bergender Hautsack, dessen Mün-
dung sich unmittelbar in die sogenannte Fühlerscheide {gaine tentucu-
laire\ d. h. den oberen retractilen Theil des Polypen fortsetzt. Aufsen
erscheint dieser Zellensack zottig , d. 1. dicht mit einer Menge cylin-
drischer Fäden besetzt, zwischen welchen sich die Kalktheilchen ab-
lagern. Daraus erklären sich auch die sonst unerklärlichen Veräti-
derungen, welche der kalkige Polypenstock der Escharen im w^eiteren
Wachsthum an sein er Oberfläch e erleidet, dafs an seinen jünge-
ren Theilen die Zellen deutlicher begränzt ergeheinen, während sich
an dem älteren Theile des Stocks, an der Basis, die vertieften
Zwischenräume zwischen den einzelnen Zellen ausfüllen und so eine
ebene Oberfläche bilden , w^as nicht Statt haben könnte , wenn die
kalkigen Zellenwände nicht von jenen zottenähnlichen Fortsätzen der
Haut durchdrungen wären. Zieht man durch ätzende Kalilauge den
thierischen Theil aus dem Polypenstocke heraus, so zeigt die äußere
Oberfläche der Zellen eine grofse Menge feiner Poren, welche früher
von den weichen thierischen Theilen erfüllt und verborgen w^aren.
Verf. hält selbst eine Absorption nährender Substanzen von aufsen
hiedurch möglich, wenn die Zellenöffnung obliterirt sey (?); denn
auch die Apertur wird mit zunehmendem Alter der Zellen in Form
und Grösse bedeutend verändert, wird immer enger und obli-
terirt zuletzt ganz. — Das Muskelsystem besteht in 2 Paar Muskeln^
von denen das eine von der Innenseito der Hautzelle entspringend,
sich unter der Fühlerkrone inserirt , bestimmt den retractilen Theil
V. Jahrg. 2. Band. 22
324
des Pol}i>en (die sogen, gaine tentaculaire) ztirückzuziehen. Dafs
diese Muskeln Qiieerstreifen zeigen sollen, widerspricht der Ana-
logie und den Angaben \ox\. Arthur Farre (s. unten), Das anderePaar,
ebenfalls vcn der Zellenwandung entfpringend , inserirt sich an der
Innenseite des hornigen Deckels, eines verhärteten Fortfatzes des
Labialrandes der Hautzelle, und schliefst deren Mündung. Im
erweiterten Schlundtheile des Speiseschlauches will Verf. bei einigen.
Bryozoen Längs- und Queergefäfse wahrgenommen haben, was, wenn
es wirklich der Fall ist, eine bedeutende Uebereinstimmung mit dem
Athemsacke der Ascidien darlegen würde. Unter diesem oberen Theile
verengt sich der Speisekanal etwas, erweitert sich aber sogleich von
neuem, ist hier mit fadenförmigen Anhängen besetzt; dann folgt auf
eine zweite Einschnürung ein fast kugelförmiger Magen und dann der
Darm. Wo sich letzterer nach aufwärts umbiegt, adhärirt ihm ein
Organ von weicher membranöser Textur unter der Gestalt eines
Blinddarms, welches sich aber mit dem Darmkanale nach oben fort-
zusetzen scheint. Verf. deutet es alsOvarium. Mehrere Arten zeigen aus-
ser der grofsen Zellen-Apertur und gewöhnlich unterhalb derselben noch
eine kleine acoessorische Oeffnung der Zelle. Verf. vermuthet, dafs
sie zur Respiration diene, indem sie dem Wasser einen Zutritt zum
Inneren der Zelle gestatte, allein es erklärte sich dann die nöthige
Erneuerung des Wassers nicht , da durch Zurückziehung des Polypen
höchstens ein kleiner Theil des Wassers durch dies Loch herausgedrängt
werden mochte. Zudem fehlt die accessörische Oeffnung bei ganz
jungen Zellen der E lichenoides und umgekehrt entstehen ähnliche
Oeffnungen durch das Abfallen dornahnlicher oder birnförmiger Aus-
wüchse an den Zellen (z.B. bei E. decussata), welche höchst wahr-
scheinlich mit der Fortpflanzung in Zusammenhang stehen. Sie wach-
sen meist an bestimmten Stellen der Zelle hervor, vergröfsern sich
allmälig und erhalten zuweilen einen so bedeutenden Umfang, dafs
sie (z. B. bei E. sulcata, lobata) die Zellenmündung ganz verdecken.
Oberhalb zeigen sie ein horniges dreieckiges Plättchen. Sie werden
auch vom Verfasser als Keimbehälter gedeutet.
In einer zweiten Abhandlung v. 1837 (^Ann. d. Sc. Vlll.
p. 321) behandelt Milne-Edwards die Gattung Tuhulipora.
— Die lebenden und fossilen Arten werden beschrieben und
zum Tlieil abgebildet.
Verfasser beobachtete zwei sehr verschiedene Formen der T.
verrucaria, eine kreissrunde mit strahlenförmigen Zellen, und
eine unregelmäfsige mit queergestellten Zellen, indem er letztere
nur durch ein beschränktes Wachsthum hervorgerufen glaubt. Auch
ich beobachtete beide sonst sehr ähnliche Formen lebend an,
der Küste Norwegens , und zwar erstere auf ebenen breiten Flächen
letztere auf schmalen Stengeln der Tange, so dafs ich dieser AnnaTi-^
me beistimmen möchte. Hinsichtlich der Fühlerzahl scheint ein Irr-
thum obzuwalten; Verf. giebt 8 Fühler an, bildet aber 12 ab; in
l
325
meinen Notaten finde ich: „Fühler zahlreich'* und glaube daher, daf^
mindestens 10 vorhanden seyn -werden. Uebrigens traten die Polypen
so wenig aus ihren rührigen Zellen hervor, dafs ich mich nur von
ihrer Bryozoen- Natur und dem Mangel des Deckels überzeugen
konnte, der retractile obere Theil des Polypen scheint sich bei der
Kctraction ziemlich so zu veriialtcn, wie ihn A. Farre im Folgenden
bei Bowerhankia u. s. w. beschreibt. — Tm b u lip o ra pate/lata
Lam ist ein Störschild nach Valenciennes. Instit, 202, was Edwards
bestätigt.
An die erwähnten Arbeiten von Mihie-Edwards: reiht sich
eine gehaltreiche Abhandlung von Arthur Farre. (0&-
servaiions on the minule structure of some of ihe higher
/onus of Folypi etc. Philosoph. Transact. of the lioy.
Soc. of London 1837. P. 11. p. 387.)"
Seine Untersuchungen betreffen eine neue Gattung Bowerbaiikia
densa (welche der Serialaria sehr ähnlich ist) Vesicularia sjn'nosa
Thonipf. (ßertularia spinosa Gmel. Valkeria spinosa Flemm.^ Valkeria^
cuscntfiFlemm.{CuscutariacuscutaBlainv), Lagenella repens Farre,
Ilalodactybis diaphanus Farre {Alcyonium gelatinosum. Müll.) Mem-
hrnnipora pilosa {Flu^tra pilosa LGm.") Notamia loriculuta Flemtn.
{ßertularia loriculata Gm.) Sämmtliche vom Verf beschsriebene
Genera haben eine kreisförmige Fühlerstellung und kein eigentli-
ch e s 0/>erc?/7/w«. Freilich spricht Hr. Farre an mehreren Stellen von
einem Operculum, versteht aber darunter den obern flexibeln Theil
der Zelle, der beim Rücktritte des Thieres über demselben durch
Muskeln zusammengefaltet wird und so die Zellenöffnung vollstän-
dig schliest. Sehr häufig geht der obere Rand der Zelle in Borsten
aus, so bei Bowerbanh'a, Vesicularia , Halodacti/lus.
Beim Hervortreten des retractilen Theiles der Polypen werden
diese Borsten natürlich vor den Fühlern hervorgetrieben. Bei Bower-
hankia fand Verf. diese Borsten durch eine äuserst dünne Membran
unter einander verbunden. Bei Lagenella ist der obere flexible Rand
mibewehrt, gekerbt, bei Notamia und Memhranipora, bei denen das
Thier seitlich aus der Zelle hervortritt, ganzrandig. Dafs bei allen die-
sen Formen die sogen. Zelle nur der untere rigide Theil des Poly-
pen ist, in welchen sich der obere Theil einstülpt, leidet keinen
Zweifel, obwohl Verf sich dieses Verhältnifs nicht klar gemacht hat.
— Die Zahl der Fühler ist in den genannten Gattungen sehr verschieden,
bei Boirerbankia und Notamia finden sich 10, bei Vesicularia spinosa
und Valkeria cuscwta 8, bei Lagenella repens und Membranipora
pilosa 12, bei Halodactylus 16. Bei Halodacti/lus und Membra?iipora
überzeugte sich Verf., dafs die Fühler hohl sind und eine Oeffnung
an der Spitze haben. Letztere soll überaus klein sein und bei der Seiten-
ansicht zuweilen nur als eine schwache Kerbe erscheinen. Die Oeff-
nung an der Basis sei deutlicher zu sehen. Hier findet sich ein
22*
326
ringförmiger Kanal, dor die Kanäle der einzelnen Fühler aufnimmt,
'^-^ 'Eine noch bedeutendere Verschiedenheit zeigt sich in der Bildung
des Speisekatials , sowohl in dessen relativer Lange, als auch beson-
ders in der An- oder Abwesenheit eines kugelförmigen, dickwandigen
Vormagens, der dann mit Recht ein Kaumagen genannt werden kann,
da er nicht nur 2 runde einander entgegengesetzte Körper zeigt, von
deren jedem dunkle Linien ausstrahlen, sondern auch mit dicht-
stehenden spitzigen Zähnchen an seiner inneren Oberfläche beset2^
ist. Er findet sich nur bei Bowerhanlda und Vesicularia und fehlt
den übrigen Gattungen. Wieder ein Beweis, wie nothwendig die
Kenntnifs der inneren Organisation sonst nahe verwandter Formen
ist, denn bei Valkeria fehlt er, während er bei Vesicularia spinosu,
die Flemming mit jener in derselben Gattung vereint, vorhanden ist.
Allen Gattungen gemeinsam ist der oblonge eigentliche Magen. Er
ist mit braunen Flecken besetzt, welche Verf. für Leberfolliculi hält^
die ein Secret bereiten, durch welches der Magen wie sein Inhalt
braun gefärbt erscheinen. Auffallend dabei ist, dass bei Thieren,
welche gefastet haben, die Wände des Magens blass und durchsichtig
werden, w^ährend jene Folliculi sich zu feinen Punkten reduciren.
Die schon an andern Bryozoen bemerkte rotirende Bewegung der
Speisepartikel im Pylorus wurde auch vom Verf. beobachtet, und er
konnte sich deutlich von der Anwesenheit der sie veranlassenden Ci-
lien überzeugen. — Das Muskelsystem besteht in Retractoren von
zweierlei Art. Einer geht von der Basis des Magens zum Grunde
der Zelle bis zum Pharynx, wo dieser an den Fühlerkranz gränzt.
Beide retrahiren also den Speiseschlauch. Die andere Art Retracto-
ren, deren Zahl variabel ist , falten, wenn durch jene Retractoren
Speiseschlauch und Fühlerkranz zurückgezogen ist, den obern Theii
der^ Zelle (also den mittleren Theil des Thieres) zusammen. Die ^
Muskelfasern sind wie bei allen Zoophyten ohne Queerstreifung, er-
scheinen in der Verkürzung weit dicker und dann macht sich auch
ein Knoten in ihrer Mitte merklicher. An den Wandungen des obern
Theiles des Körpers zeigen sich Queerfasern, durch deren Action of-
fenbar die Ausstülpung des Polypen bewirkt wird, indem sie die in
der Leibeshöhle vorhandene Flüssigkeit zusammenpressen, was natür-
licher Weise den Erfolg hat, dafs der Körper in der Direction, nach
welcher er am freisten zu bewegen ist, verlängert wird, den beweg-
lichen Contrahirten Mitteltheil (das operculuni des Verf.) vor sich
herschiebt nnd so aus seinem rigiden Untertheile (der Zelle) hervor-
taucht. Aehnlich ist es bei unsern Alcyonellen. Es scheint mir da-
her nicht nöthig mit dem Verf. anzunehmen, dafs der in der Retra-
ction S-förmig gebogene Speiseschlauch das Vermögen besitze, sich
gerade zu machen und dadurch zur Ausstülpung desPolypen mit wir-
ke. Eine fortgesetzte Untersuchung verdienen noch zwei vom Ver-
fasser in Anregung gebrachte Punkte, welche den Zusammenhang der
einzelnen Polypen unter einander betreffen. Bei Bowerbankia^ wo
327
die Zellen von einein gemeinsamen Stamme ausgehen, S(ih Verf. ein
Filament, ähnlich einer Ucihre, von der Basis des Magens in dea
kurzen die Zelle mit dem Stamme verbindenden Mals herabstei-
gen , konnte es aber nicht über diesen hinaus verfolgen. Ferner
sah er bei Vesicularia spinosa eine schon yowEllis beobachtete fa-
denförmige Substanz im Innern des gemeinsamen röhrenförmigen
Stammes, an dessen innerer Fläche unmittelbar unter den Zellen ver^
laufen, durch welche die einzelnen Polypen dem Anscheine nach zu-
sammenzuhängen scheinen; von der Richtigkeit der Ellis'schen
Angabe, dafs die geringsten Bewegungen der Thiere durch diese
Substanz mitgetheilt würden, konnte sich indessen Verf. nicht über-
zeugen. — üeber die Fortpflanzuugsorgano blieb Verf. ebenfalls im
Zweifel. Zwei von ihm beobachtete Erscheinungen scheinen aber da-
mit im genauen Zusammenhange. Von den braunen und weifscn Kör-
pern, welche Verf. im Innern der Leibeshöhle der meisten von ihm
beobachteten Thiere antraf, vermuthet er es selbst, dafs es Ovarien
oder Eier seien. Von Cercarien, die er in lebhaftem Gewimmel
in der Leibeshöhle der Polypen der Valkeria cuscuta und des lla-
lodartylus antraf und für Parasiten hielt, möchte ich vermuthen, dass
sie Spermatozoen sind. Sie bestehen aus einem langen dünnen Fa-
den mit rundlichem Ende , mittelst welchem sie sich gelegentlich an-
heften sollen, und schwimmen munter in der die Leibeshöhle erfül-
lenden Flüssigkeit umher. Woher aber Spermatozoen, wenn es keine
Hoden giebt? Deutet die Duplicität von weissen und braunen, Kör-
pern, welche Verf. in der Leibeshöhle der Polypen von Bowerbaiu
A/«und Valkeria theils lose, theils der Innern Vvand der Leibeshöhle
ansitzend, fand, auf Duplicität der Geschlechtsorgane hin?*) Oder
(deutet .ein flaschenförmiger Körper , den Verf. an einzelnen, nicht
' allen Polypen von Halodactylus und Memhranipora jedesmal zwischen
zweien Fühlern sitzend -und an den Fühlerring mit einem kurzen
^tielcheu festgeheftet antraf, auf einen Sexualunterschied ? Die Höhle
im Innern dieses Körpers ist mit schwingenden Cilien bekleidet, auch
seine weite Mündung ist mit einer Reihe zarter, stets spielender
Wimpern umgeben. — Von besonderem Interesse ist die genauere
Beschreibung des Alcyoninm gelatinofum, w^elches nach den frühe-
ren Beschreibungen räthselhaft blieb und felbst zu den Pflanzen ge-
rechnet wurde. Mit Recht wählt Verf. einen neuen Namen, Ualo^.
dactylus^ da der^ämeAkyo/ii'diuf/i, den ihmLamouroux ertheilte, von
Milne-Edwards inzwischen einem wahven Aicyom'de?i gegeben ist. Der
cylind erförmige gallertartige Polypenstock besteht in seinem Um-
'') Anm. Von den braunen Körpern heisst es S. 416. T/iese J
found sometimes, aßer being kept several days, converted into mere
(ysts füll of i/vi/tg- aninmkules, which however bore no rcsemblunce
to the maturc geminules/* Schade, ä afs Verf. sich hiernicht deutlicher
ausgedrückt hat.
328
kreise aus Zellen, seine Axe nimmt ein zelliges mit klarer Flüssig-
keit erfülltes Gewebe ein. Die sog. Zellen der einzelnen Polypen
stehen parallel über einander, ihr oberes Ende ist biegsam und von
kurzen steifen Borsten am Rande umgeben. Der Körper des Thie-
res kann ungewöhnlich weit hervorgestülpt werden. Auf diese Poly-
pen-Gattung ist also auch zu beziehen, was Graham Dalyell von
der Entwickelung der Eier eines Alcyonium berichtet, in welchem
man nur ein Bryozoon zu erkennen vermochte. (Jahrg. 1837. Bd. 2,
S. 278). Seine Beobachtungen ergänzen nun die des Hr.Farre. Letz-
terer beobachtete nur die Keimbehälter {gemmulae), welche im Früh-
linge als kleine weisse^ zuweilen dunkle Punkte dicht unter der Ober-
fläche des Stockes erscheinen, und in einer durchsichtigen Hülle 4
bis 6 Keime enthalten. Diese, von ovaler oder rundlicher Form,
oberhalb convex, unterhalb ganz flach, schwimmen, wenn die Hülle
zerreifst, mittelst der Wimpern munter umher, wie dies bereits frü-
her Dalyell sah und beschrieb. Letzterem glückte es auch, die Ent-
wickelung zu beobachten. {Neiv. Edlnb. Journ. XX. 1836 S. 90.)
Wenn sie nämlich sich festgeheftet haben, breitet sich ein Rand
ringsum aus, die Mitte wird durchsichtiger und zeigt einen unreifen Po-
lypen, der sich in 9 bis 11 Tagen vollkommen aus seiner Zelle ent-
faltet und nun an seinen Fühlern mit schwingenden Cilien besetzt ist.
Weitere Ausbreitung der festsitzenden Basis bildet neue Polypenzel-
len. — Hinsichtlich seiner sj^stematischen Stellung scheint sich Ilalo-
dactylus den Cristatellen zunächst anzureihen, mit denen er jedoch
wegen der kreisförmigen Stellung der Tentakeln nicht in einer Fa-
milie verbunden werden kann. Es giebt aber unter unsern Süfswasser-
Polypen eine Form mit kreisförmiger Fühlerstellung, nämlich die Tu-
bulär ia sultana, (Blumenb. Handb. der Naturg. Taf. I. Fig. 9,
Trembley übers, von Götze S. 300.), welche sich auser der geringe-
ren Fühlerzahl (20) noch durch eine Reihe von Faden, die dicht an
den Armen anliegen, (vielleicht den Borsten, welche Farre an seinem
sog. Operculum beschreibt, vergleichbar) unterscheiden soll. Man
muss sich wundern, dass in neuerer Zeit kein Naturforscher diesem
Polypen im Göttinger Stadtgraben, wo er sich nach Blumenbach fin-
den soll, nachgespürt hat. Auch den von Dumortier unter dem
Namen Lophopus cristalUnus beschriebenen Polypen, welchen ich
im vorigen Berichte (S. 280) für eine Älcyonella hielt, wage ich,
nachdem mir die Original -Abhandlung des Verf. {Bullet de l'Äcade-
mie roy. de BruxeUes IL S. 42'j) zu Händen gekommen, nicht auf
einen der beschriebenen Polypen zu beziehen. Irrig spricht aber der
Verf. den Tentakeln die Cilien ab; er übersah sie nur bei einer zu
schwachen Vergröfserung, da er die Strudelbewegung am Fühler-
kranze richtig beschreibt. Die Gattung steht zwischen Cristatella
und Älcyonella in der Mitte, näher der ersteren, der lappig -ästige
Polypenstock, von einer lederartigen Haut (inemhrane coriace^ ge-
bildet, und bestehend aus den mit einander communicirenden unteren
329
Theilen der Polypen, ist bis dahin, wo sich der obere rctractUe
Theil der Polypen aus der Spitze der Aeste hervorstülpt, von einer
gallertartigen Masse umhüllt, welche das Sekret des Polypenstok-
kes seyn mufs. Auch sollen die Tentakeln des zweiarmigen hufeisen-
förmigen Trichters bis etwa zum dritten Theile ihrer Länge durch
eine zar/e Haut verbunden sein.
Von Tiirpin (u4nn. d. Senat. VII. 65.) und Gervais
(^ihid. S. 74.) erschienen Abhanrllungen über die hartschaligen,
stachlij;en Eier der Cristatella niucedo Cuv., welche der letz-
tere Mitte Novembers zwischen Wasserpflanzen gefunden
hatte.
Es war beiden imbekannt, dafs bereits Mayen (1830) und, Gra-
ham Dalyell (1834) die Eier und letzterer auch das Ausschlüpfen der
Jungen beschrieben hatten. Beide beobachteten das Ausschlüpfen des
jungen Polypen Mitte Decembers. Indessen hat dies wahrscheinlich
nur die Zimmerwärme hervorgerufen, indem schwerlich in der freien
Natur um diese Jahreszeit die Jungen das Ei verlassen möchten.
Auch sagt Graham Dalyell ausdrücklick, dafs die Eier im Herbst
beim Zergehen des Polypenstockes entleert würden, und nach 5
oder 6 M.onaten wie Austerschalen aufklafften (d. Arch. 1835.
S. 307.) Beide Verf. geben eine Beschreibung des Polypen, welche
indessen auf die anatomische Struktur nicht so eingeht, wie es
wünschenswcrth wäre , und es namentlich bei dieser Gattung gesche-
hen kann. Der von Turpin abgebildete Polyp hatte 2 minder ent-
wickelte an seinen Seiten. Die von Gervais beobachteten Ex. pro-
ducirten diese Sprösslinge später. Dafs die des ersteren nicht be-
reits beim Ausschlüpfen vorhanden waren, bezweifelt Gervais; auch
sagt ja T. nicht, dafs er den Polypen im Acte des Ausschlüprens,\
sondern bereits ausgeschlüpft gesehen habe. Auch sprechen Dalyells
Beobachtungen für das Ausschlüpfen eines Embryo, obwohl eine
Duplicität des Embryo nach Meyen und Dumortier bei AL
cyonella vorkommt. Turpin entdeckte am Tage nach dem Ausschlüp-
fen 3 eiförmige braune , von einer helleren Einfassung umgebene,
aber stachellose Körper, welche in der Nähe des ganz isolirten Po-
lypen im Wasser schwammen und nur von ihm herrühren konnten.
Wegen ihrer Verschiedenheit von denen, aus welchen der Polyp her-
vorging, glaubt Turpin, dafs dies noch unreife Eier seien, welche
erst aufserhalb des Mutterkörpers im weiteren Wachsthum jene lin-
senförmige Gestalt und stachlige Schale erhielten. Dagegen spricht
aber Dalyell's Beobachtung, der die stachligen im Herbst in der Sub-
stanz des Polyjjenstockes antraf. Vielleicht giebt es auch hier
Sommer- und Wintereier.— Gervais hat auch eine Synonymik und
Characteristik der Fedetbuschpolypen seinem Aufsatze vorausge-
schickt. Er giebt unter den beiden von Lamarck für e i n e Thierform
gegebenen 'tarnen Alcyonella und Flumatella, dem letzteren den Vor-
330
zug, und lafst nur eine Art P. cam'pamilata gelten, wohin er sowohl
Tubularia reptaiis (den Federbuschpolypen Trembleys und Rösels)
und Dumortier's LopJioptis, als auch Alcyonella stagnorum zieht.
Ich kann mich mit dieser Ansicht nicht befreunden. Mit Recht trennt
er Tubularia sultana Blumenb. und verweist sie in eine eigene an-
dere Abtheilung, die er im Gegensatz der Polypiaria hypocrepia
{sie!). Polyp, infundibulati (sie/) nennt, und in welcher er alleBryo-
zoen mit kreisförmig gestellten Fühlern vereinigt.
b. Änthoxoa EJirenb.
In Rathke's Schrift „zur Morphologie" etc. finden wir Ei-
niges über Actinien (S. 9 fg. 179. vergl. Burdachs Ph^siol.
2. Aufl. 2. Bd. S. 213.)
Im Verdauungsorgane von A. mesembryanthemum Risso fand
Verf. von Mitte März bis Ende Juni Eier und Junge in geringer An-
zahl, und es hatte den Anschein, als sei das Organ, wenn es Junge
enthält, durch eine starke Einschnürung in eine obere grÖfsere, und
in eine untere kleinere, für die Ausbrütung der Eier bestimmte Hälfte
getheilt. In keinem' solcher Exemplare wurden gröbere Nahrungs-
stoffe in dem Verdauungsorgane wahrgenommen. — Durch die vom
Verf. gegebene Schilderung der Keime werden die von Graham Da-
lyell (S. Jahrg. III. 1. 2. p. 276.) gegebenen Mittheilungen ergänzt
und- erweitert. Dafs die vom Verf. geschilderten Körper nicht so-
wohl Eier, als vielmehr Keime waren, geht wohl aus R. Wagner's
Beschreibung der Eier (d. Arch, I. 2. S. 216.) hervor und wird auch
TomVerf. inBurd.Phys. angenommen. Die jüngeren Keime sind linsen-
förmig rund; die grösseren unregelmäfsig, oval, am Rande mit schwa-
chen, nicht die Mitte erreichenden Furchen, zeigten die früher bereits
(Jahrg. I. 1. S. 27.) beschriebenen Bewegungen, aber bei SOOmaliger
VergrÖfserung keine Wimpern, die Dalyell fand. Verf. bezweifelt
aber ihr Vorhandenseyn in Burdachs Phys. nicht, üeberhaupt ist
auf letztere Darstellung, als die unbezweifelt richtigere, zu verwei-
sen. Das zweite Stadium, wo der Embryo pomeranzenähnlich und
unbeweglich wird, entspricht dem, wo sie Dalyell dem abgeschnitte-
nen Ende eines Zuckerhutes vergleicht. In diesem bildet sich an dem
einen Ende des pomeranzenförmigen Körpers eine Mundöffnung, und
gleichzeitig theilt sich die Keimhaut in 2 Schichten, von denen die
aufsere zur Leibeswand, die innere zum Magen wird; später ent-
stehen zwischen beiden die Lamellen und Fühler in geringerer Zahl
als bei Erwachsenen. Das H'ervorsprossen der Fühler kennen wir
durqh Dalyell. Vgl. Harvey Loud Mag. N. S. 1. p. ili, .welcher
ganz junge Actinien mit 6, 8 und 12 Fühlern abbildet.
Die Eier der Armpolypen, welche seit Rösel und Pallas
nicht beobahtet waren und deren Existenz man bereits be-
331
zweifelte, hat Ehrenberg besch riehen und abgebildet. (Die
fossilen Infusorien u. s. w. S. 9- Taf. 2.)
Während die Eier der Cristatellen linsenförmig und nach Gervais
nur neben dem Kandwulste mit Stacheln besetzt sind, sind die der
Armpolypen kuüelförmig, und wie Kletten überall mit Stachelborsten
besetzt, deren Spitzen sich in krumme Haken spalten. Die Eier
entwickeln sich an der Basis des Fufses, da wo die Magenhöhle auf-
hört, im Parenchym des. Körpws, an einer dann weifslichen drüsigen
Stelle, dem periodisch entwickelten Eierstocke, und sind von der aus-
gedehnten Oberhaut umhüllt, welche bei ihrem Austritte platzt.
Elirenberg sah an einem Individuum 4 nach einander bilden, und be-
obachtete diefes im Juny. Interressant ist, dafs dieses nur an dieser
Stelle an der Basis des Fufses oder am Grunde des Magens vor sich
geht, mithin Blainville Recht hatte, wenn er die Knospenbildung auf
eine bestimmte Stelle beschränkt erklärte. Wo es anders zu sein
scheint, täuscht die Contraction oder Ausdehnung des Körpers oder
Fufses über den Ort der Anheftung. Wo E. 4 Knospen sah, waren
sie allemal kreuzartig in gleicher Ebene. In der dieser Schrift bei-
gefügten Abbildung hat Ehrenberg in 60mal vergröfserter Abbil-
dung ^Qv Hydra vulgaris seine schönen, schon im vorigen Berichte
erwähnten Entdeckungen dargestellt. Wenn man dieses Bild mit der
von Corda (^Act. Acad. Caes. Leop. Car, Tom. XVIfl.) publicirten
Abbildung und dessen dort mitgetheilten Entdeckungen zusammenhält,
mufs man über die Divergenz in den Darstellungen zweier Mikro-
graphen erstaunen, und Leute, welche in das Mikroskop mehr Mis-
trauen setzen, als in die Wahrheitsliebe eines Naturforschers, kön-
nen dieses Factum sehr passend zum Thema einer Controverspredigt
gegen die Mikroskopie erwählen.
J. B. Harwey bildet Loud. Mag: N. S, 1, 475. das Thier voa
CaryophylUa Smithii ab.
HL Quallen.
Bei einer leuchtenden Meduse bemerkte G^Bennett nicht,
dafs das Licht von einem besonderen Punkte ausging, sondern
es fing an verschiedenen Punkten an und verbreitete sich allinä-
lig über den ganzen Körper; zuweilen verschwand es plötzlicli,
zuweilen starb es langsam ab. Drückte B. das Thier, so wurden
seine Hände mit einem leuchtenden Schleime bedeckt, welcher
sich auch auf andere Gegenstände übertragen liefs. (Proc.
Z. S. pag. 3.) Damit stimmen sowol die Angaben früherer
Schriftsteller, als auch seines Bruders Fr. Debell Bennet über-
ein (JProc. Z. S. p. 51). Aus einer von Brandt mitgetheil-
ten Notiz aus Heinrich Mertens Manuscript geht hervor,
dafs dieser wie Suriray und Ehreuberg di(^. Noctiluca als Ur-
332
lieber! n des Meeresleiiclitens erkannte. {Bullet, de V^cad.
de St. Petersh. 11. S. 353.) Auch wird dort anf frühere
Mittheihingen von Mertens über das Leuchten von Callianira
und Calymna Trevirani aufmerksam gemacht.
Auf seiner Reise nach Sydney stellte G. Bennet Versuche
mit Fhysalia pela^ica an. (Proc. Z. S. 1837 i5'. 43).
Die längeren Anhänge, deren sie «ich zum Ergreifen ihrer Beute
bedient, sah er sie zu einer Länge von einem halben Zoll zusam-
menziehen und mit erstaunlicher Schnelligkeit 12 bis 18 F. weit "weg-
schnellen, um einen kleinen Fisch zu umwickeln und zu paralysiren.
Auch er läfst die kurzen, mit Oeffnungen versehenen röhrenförmigen
Anhänge die Stelle der Magen vertreten. Eine Communication zwi-
schen ihnen und der Luftblase, deren innere Portion mittelst eines
muskulösen Bandes (?) angeheftet sein soll, konnte B. nicht entdecken;
auch nicht die Oeffnung am spitzeren Ende der Blase, aus welcher
auch er keine Luft hervordrücken konnte. Theilweise Entlee-
rung der Luft durch Anstechen der Blase beeinträchtigte die Schwimm-
fähigkeit durchaus nicht, selbst wenn sie ganz zusammengefallen war,
schwamm das Thier noch an der Oberfläche. Wurde die Blase ganz
abgeschnitten, so sank die Tentakelmasse auf den Boden und alle
Locomotivität (actioii) war aufgehoben, wenn gleich die Vitalität
noch blieb. B. setzt die paralysirende "Wirkung der Fangfäden in
ihr saueres Secret (welches nach Anderen, z. B. v. Olfers alkali-
scher Natur ist), dagegen hat P.W.Korthals, wie früher Tilesius,
doch ohne diesen als Vorgänger zu kennen, die brennende Eigen-
schaft der Fangfäden kleinen Härchen zugeschrieben, welche mit
Widerhäkchen versehen zu sein scheinen. Diese Härchen sollen bündel-
weise in 2 bis 8 Bündeln an den kleinen Kügelchen (Jkogeltjes) der
Fangfäden sitzen. (Wahrscheinlich meint Verf mit den Kügelchen,
aus welchen nach ihm die Fangfäden bestehen sollen {zij bestaan uit
eene menigte kleine kog-eltJes\ die nierenförmigen Knöpfchen am
am Rande der Senkfäden. Davon, dafs die Härchen das Brennen
hervorbringen, überzeugte ihn die Beobachtung, dafs er wiederum
ein Brennen verspürte , als er sich einige Wochen später mit einem
Tuche die Hand rieb, mit welchem er sich beim Fange der Thiere
die Hände abgewischt hatte. Durch vorsichtiges Ausziehen der Haare
liefs sich der Schmerz beschwichtigen. Das Tuch brachte ihn aber
noch nach ein paar Monaten beim Reiben wieder hervor. (v.d,Hoe-
ven et Vriese Tijdschrift voor natuurlijke Geschied. A^o.209.) Auch
J. B Peacock g^ebt in Loud. Maga%. N. S. 1.598 Einiges über Phy-
salia. Wasser, in welchem man Physalien macerirt hat, nimmt, sagt
er, nichts von der brennenden Eigenschaft an, wohl aber bringen
Handtücher, in welchen man sich nach der Berührung die Hände ab-
gewischt hat, noch nach mehreren Tagen einen Hautreiz hervor.
Von hohem Interesse sind Sars Beobachtungen über die
333
Fortpflanzung der Cytaeis und anderer Akalephen (d. Archiv
III. S. 406) durch Knospenbildung. Ein Beweis, dafs diese
Klasse keinesweges allein auf geschlechtliche Vermehrung be-
schränkt ist. Die Bestätigung der Solbsttheilung durch Da-
lyell (S. Jahrg. III. 2. S.), die Sars zuerst bei seiner Strohila
beobachtete, welche er jetzt (Jahrg. III. 1. S. 406) für die Brut
der Medusa aurita erklärt, dürfte auch die gegen diese Be-
obachtung erhobenen Zweifel schwächen.
IV. Echinodermata.
Auch für diese Gruppe haben wir durch Sars die erste
Kenntnifs von der Entwickelungsgeschichte eines hierher ge-
hörigen Thieres erhalten, nämlich die der Asterias sangui-
nolenta (d. Archiv III. 1. S. 404.) Sie zeigt, welche abwei-
chende Vorgänge wir in der Entwickelungsgeschichte der un-
teren Thierklassen zu erwarten haben, und wie wenig wir
die bekannten Thatsachen über die Entwickelung anderer Thier-
klassen hier zum Maafsstabe nehmen können. — Die Entdek-
kung des Keimbläschens, nahe der convexen Seite der runden,
einerseits flachen Eier ist ebenfalls neu , wenn sie auch vor-
auszusehen war. Joh. Müller fand Keimbläschen und Keim-
fleck auch hei den Eiern der Comatulen und Ophiuren (Arch.
1837. Jahresb. XCVII.)
Philippi unterschied in diesem Archiv III. S. J93. meh-
rere mit Asterias aurantiaca nahe verwandten Arten des
Mittelmeeres.
Volk mann theilte Einiges über das Gefäfssystem der
Seesterne mit.
Drei Gefäfskreise. Der erste unmittelbar um den Mund, der
zweite kleidet die innere Seite des den Mund umgebenden Kalkringes
aus; der dritte und gröfste liegt an der Decke der Bauchhöhle. Das
Herz, eine dünnhäutige Blase, liefs an lebenden Ex. keine Pulsation
bemerken, hat innen einen auffallend vorspringenden Längsmus-
kel, und steigt vom Deckel der Bauchhöhle bis in die Mundgegend,
wo es sich in den ersten Gefäfskreis einsenkt. Dieser schickt zu je-
dem Strahle des Thieres einen Ast, der Zweige an die Füfschen giebt;
eben so giebt der zweite Gefäfskreis Aeste an die Strahlen, aber
innerlich, und Aestchen an die Füfschen, die mit den Höhlungen der
letzteren frei communiciren, ferner starke Verbindungsäste zum drit-
ten Gefäfskreise, welcher sich dadurch schliefst, dafs er von zwei
Seiten in das Herz eintritt. Der Blutlauf ist wahrscheinlich so : Aus
dem Herzen in den ersten Gefäfskreis, aus diesem in die einzelnen
strahlen und in di'e Röhlcn der Füfschen. Letztere sind durch ihre
Contractilität gewisserraafsen so viele Venenherzen, welche das Blut
dem zweiten Gefäfskreise zutreiben, aus dem es nach oben in den
dritten Gefäfskreis und so in das Herz zurück gelangt. Die von Eh-
renberg entdeckten Angenpunkte bestehen aus zarten Längsfasern und
einzelnen Flecken, welche durch ein rothes Pigment hervorgebracht
■werden.
Joh. Müller hat sehr reichhaltige Beiträge zur Anato-
mie des Pentracinus caput Mcdusae in den Mittheilungen
aus den Verhandlungen der Ges. uaturf. Freunde 1837 S. 25.
fg. bekannt gemacht. Da Verf. auch in seinem Jahresb. 1837
XCIII. das "Wichtigste aufgenommen, darf hier wohl auf den
letzteren verwiesen werden.
Beschreibung eines neuen Crinoiden (?) TIolopus Ran-
gii, von Rang bei den Antillen entdeckt, nebst Abbildung er-
hielten wir von d^Orhigny. {Giier. Mag, d. Zool, 1837. X.
3 _ Compt rend. 1. 329. Instit. n. 199. p. 69. ^nn. d. Sc\
VII. 123. Fror. iV. Not 1. p, 247. geben nur die der Aka-
demie vorläufig gemachte Mittheilung.) Die in Guerin's Mag.
gegebene Abbildung habe ich im 5. Jahrg. Taf. 5. copiren
lassen und dort auch einen Auszug der Abhandlung gegeben,
worauf ich hier verweise.
Philippi hat in diesem Archiv (III. l.S. 241) zwei mifsge-
hUdete Seeigel beschrieben und daran interessante Bemerkun-
gen über das Wachsthum der Echiniden geknüpft, die a. a. O.
nachzusehen sind.
Duvernoy sprach seine Ansichten über die sog. Testa
der Echinen aus. {Insiit. S. 208.)
Mit Recht tadelt er die Benennung Schale, testa, w^eil sie nicht
durch Juxtaposition, sondern durch Intussusception, wie die Kno-
chen, wachse. Er will sie als ein aus regelmäfsigen Reihen unbeweg-
lich verwachsener Wirbel und Rippen bestehendes Skelet betrachtet
wissen, und zwar als ein oberflächlich gcM^ordenes inneres, welches
er dem ebenfalls peripherisch gewordenen Skelette der Schildkröten
vergleicht. Er behauptet, dafs es nicht einen Theil der Haut aus-
mache, sondern nur unter ihr liege, und stützt sich hierbei auf die
seröse Natur der die innere Höhle der Schale auskleidenden Haut
und darauf, dafs sich an die Basis der Stacheln ein Kreis von Faser-
bündeln inserire, die er als Muskeln betrachten zu müssen glaubt,
welche sich einerseits an die Haut befestigten. Dafs die sogenannte
335
Schale ein Skelet genannt werden könne, wird man dem Verf. gern
ziiffcben, wohl aber nicht, daft sie kein Theil der Haut sei, zwi-
schen deren beiden Schichten sie hier, wie bei den Seesternen liegt
und sonach als ein dem sehr entwickelten Hautsysteme zugehorendes
Hautskelet angesehen werden mufs. Verf. betrachtet ferner die Echi-
nodermes pedicelles Cnvier's als bestehend aus Verwachsung mehre-
rer symmetrischen Thiere, deren Körper entweder ihrer ganzen Länge
nach verwachsen (Seeigel, Holothurien) oder in ihrem hinteren End©.
mehr oder weniger frei sind, vergleicht die Seeigel -mit den Schild-
kröten, die Seesterne mit mehrkörpcrigen Schlangen uj s. w., Ver,-
gleichc, die zur Aufhellung deä Wesens der Klasse von \teiiie'm Be-
lange sind/ ' » .' . .
Sars fand den Priapiihis an^ der Westküste Norwegens,
bestätigt, dafs er den Sipunkeln nahe steht, dafs sein Rüssel,
wie bei diesem, mit vielen kleinen in Quincunx stehenden Ha-
ken besetzt ist, nnd ist geneigt, seinen schwanzförmigen An-
liang als ein Respirationsorgan zu betrachten. (Instit. 273.)
Eine ausführliche Anatomie des Sipunculus erhielten wir
von Grube. (Müllers Archiv S. 237.)
V, Mollusca.
Zu dem von Hr. Dr. Troschel gegebenen Berichte wird
noch von ihm hinzugefügt, dafs von Jacquemin über die Ent-
wickelungsgeschichte des Flanorhis corneus eine ausführliche
Arbeit erschien .(^Nov.Acad. Caes. Leop. XVIU. P.2., und
dafs F.Held über die Weichthiere Baierns (Isis. 1837) 2 Ab-
handlungen publicirte. In der ersten S. 303 sind einige neue
Arten aufgestellt, in der zweiten S. 904. fg. mehrere neue Genera
auf Kosten der Genera Ilelix, Bulimus, Fupa. S. 903. wird
die Vermuthung ausgesprochen, dafs die S cut ellig er a
Amcrlandia Spix nicht zu den Schnecken, sondern zu
den Gliederthieren gehöre. Zur Entscheidung dieser Frage
ist eine zuverlässige Anatomie des räthselhaften Thieres un-
erlässlich.
In dem letzten uns erst spät zugekommenen Stücke von
Guerins Mag, de Zool. 1837 Classe F. pl, 102 — 109 hat
d'Orbigny einige an der französischen Küste beobachtete Nackt-
kiemer beschrieben.
Es werden hier aufser einigen neuen Arten {Doris rubra, Ter-
fiipes corouata {Tritonia coronata Cuv., Latn.\ Tergipes afjhih\ l'o-
hjcera Lessonit, pwiciilucens und ornata auch zwei neue Gattungen
aufgestellt. Die erstere CaUiopaea gehört in die Nähe von Cavolma
und unterscheidet sich von dieser durch das Fehlen wahrer Fühler,
sowie durch die Stellung birnförmiger Kiemenlappen in Läiigsreihen
auf dem Rücken. Die Art C. hellula lebt in der Umgegend von Brest.
Die zweite VilUer&i?i, mufs zwischen Doris und Folycera gestellt
werden, von denen sie sich besonders durch ein ovales unter dem
Mantel verborgenes Kalkstück, unterscheidet. Die kxiVilliersia sctiti-
gexa bewohnt die Korallenriffe an den Küsten des Oceans.
Endlich darf eine Abhandlung von C. G. Carus über
Magilus antiquus Moni/, im Mus. Senhenherg. Vol. IL
1837. p. 191. nicht übergangen werden. Nach einer genauen
Beschreibung der Schale, w^elche sich von Verinetus beson-
ders durch das Vorhandensein eines Deckels und eines Sipho
unterscheidet, giebt Verf. eine Anatomie des Thieres, in wel-
chem sich eine grofse Aehnlichkeit mit Veimetus zeigt. Der
Fufs ist sehr klein und liegt in einem kleinen hornigen Dek-
kel. Der Kopf ist ganz wie bei Buccinum. gebildet und ent-
hält einen vorstülpbaren Rüssel, der beim Verinetus nicht
vorhanden ist. Hiernach läfst sich vermuthen, dafs die Gat-
tung ilfa^i/w^ zu den mit einem Sipho begabten Kiemenschnek-
p Ifen in demselben Verhältnifs steht, wie die Gattung Verme-
to zq denen ohne Sipho. Unglaublich ist die Anmerk. pag.
197., dafs sich von einer Zahnbewaffnung der Zunge im Rüs-
sel nichts zeigen sollte. Hätte Verf. das nur genau untersucht,
so würde das unbedingt einen Aufschluss über die Stellung im
System gegeben haben. Am Rücken unter dem Mantel liegt
die grofse Kiemenhöhle mit einer grofsen links nach hinten
verlaufenden kammförmigen Kieme, an welche sich hinten das
Herz anschliefst. Ueber die Geschlechtsorgane wird nichts
entschieden. Der After mündet rechts in der Kiemenhöhle.
Mit vorschreitendem Alter verläfst das Thier den älteren Theil
der Schale und füllt denselben mit Kalkmasse vollkommen
aus, und zwar so gleichförmig, dafs nur hier und da Absätze
im Wachsthum sich bemerklich machen. Die chemische Ana-
lyse ergab keine wesentliche Verschiedenheit dieser Ausfül-
lungsmasse von der Substanz, aus welcher die Schalen der
Mollusken überhaupt bestehen.
Rang's reichhaltige Abhandlung über Cephalopoden (Guer.
Mag. Cl. V.\ die uns ebenfalls sehr spät zukam, soll gele-
gentlich ausführlicher besprochen werden.
337
VI. V e r m e 9.
a. Tiirbellaria Ehrenb.
G. Johns ton hat unter dem CoUectivnamen Nemer-
les mehrere Turbellarien beschrieben, — welche indessen nicht
zuNewerfes in Ehrenbergs Sinne gehören, — und über deren
Anatomie einiges mitgetheilt. (Mag. of Zoot am\ Botany
Vol. 1. S. 529.) Schade nur, dafs dieses im Allgemeinen
ausgesprochen ist: da es offenbar sehr verschiedenartigen Gat-
tungen entnommen wurde.
Mund und After liegen bei den vom Verf. untersuchten Arten an
den beiden Körperendcn , doch ist der einfache runde Mund schwer
zu bemerken. Der Speisekanal steigt in der Mitte des Körpers her-
ab als eine cylindrische Röhre von fester Textur und von fast durchweg
gleichem Kaliber, obwohl partiellen und temporären Einschnürungen
unterworfen. Auch ist sein Verlauf nach Willkühr des Thieres ge-
rade oder gewunden, in gewundene Falten zusammengelegt bei völ-
liger Contrrtction des Körpers und ganz gerade bei dessen gröfster
Ausdehnung. Die Structur bietet in zwei Gruppen, von denen die
eine Aemertes^ die andere Borlasia vom Verf. genannt wird, einige
Verschiedenheit dar. Der Speisekanal der ersteren zeigt etwa in der
Mitte seines Verlaufs eine Art Bewaffnung, die dem gleichförmigen
Darme der zweiten Gruppe fehlt. Man bemerkt nämlich bei jenen,
wenn der Wurm geprefst wird, an jeder Seite des Darmes in der
Mitte seines Verlaufs einen kleinen runden Fleck oder eine Höhle,
deren jede 3 mit ihrer Spitze nach aufsen gerichtete Dornen zeigt,
unter diesen findet sich ein becherförmiges (cup-shajted) Organ, un-
ten von einer schwach gefalteten Membran umgeben, und in seiner
Mitte mit einem starken Stachel bewehrt, der sich am besten einer
Schusterahle mit ihrer Handhabe vergleichen läfst. Der Theil des
Speisekanals über dieser einem Magen vergleichbaren Stelle, die
lange Speiseröhre, ist einfach, der untere Theil zeigt dagegen innen
eine faltige Structur. Bei der Untersuchung wurde zuweilen ein be-
deutender Theil des Speisekanals gleich einem langen Rüssel aus dem
Munde hcrvorgerollt, welches Verf. indefs mehr dem Zusammenpres-
sen des Wurmes zuschreiben möchte, da er weder im natürlichen
Zustande, noch bei Reizen, z. B. Eintauchen in Süfswasser oder
Weingeist dasselbe erfolgen sah. — Der Darm liegt lose in einer
deutlichen Leibeshöhle, welche aufser dem Darme eine grumÖse
Flüssigkeit enthält, die man bei der Contraction des Wurmes auf-
und abwärts in unregelmäfsig strömender Bewegung sielit. (Ist viel-
leicht hiermit die grumöse Masse gemeint, welche man am Darm
anderer Strudelwürmer erblickt, und mit Recht als Analogen der Le-
ber deutet; und die strömende Bewegung nur eine durch die lebhaf
ten Contractionen des Wurmes hervorgerufene Täuschung?) Die
Leibeshöhle ist noch jederscits mit einer dichten Reihe von Blasen
338
oder Zellen besetzt, welche hei der ersten (iVeOTC/7ef benannten) Gruppe
augensoheiniich von den Falten einer Membran gebildet werden, bei
der zweiten (^Borlasia benannten) Gruppe wie im Parenchym des Kör-
pers ausgehöhlt erscheinen. Sie sind bei Nemertcs mit einer opaken
Materie erfüllt, und Verf. glaubt gefunden zu haben, dafs die Intensität
ihrer Färbung mit der Natur der eingenommenen Nahrung in Bezug steht,
woraus er schliefst, dafs sie zum Verdauungssysteme gehören, während
die Eier offenbar in den Zwischenräumen zwischen ihnen und der Haut
entwickelt würden. Dagegen spricht aber, dafs jene Säckchen in
keiner Verbindung mit dem Speisekanal stehen, an dessen Bewe-
gungen keinen Theil nehmen und bei seiner Entfernung im Körper
zurückbleiben, besonders aber, dafs sie bei des Verf. Borlasien, bei
welchen die Säckchen deutlicher blasenartig und isolirt sind, und
obgleich die Tiefe ihrer Färbung ebenfalls variirte, doch stets
heller und klarer als das umgebende Parenchym waren, oft ei-
förmige Körper enthielten, welche Verf. dann nicht in den Zwischen-
räumen entdeckte. Es scheint demnach, dafs diese Organe Geschlechts-
organe. Eierstöcke oder Hoden sind, oder vielleicht nur Ovarien in ver-
schiedenen Stadien der Entwickelung, Vielleicht sind jene in den
Interstitien vorkommenden Eier bereits gereifte Eier, die aus den
Ovarien in die Körperhöhle getreten sind, wie es auch bei andern
Würmern der Fall ist. — Vom Nervensystem konnte Verf. nur bei
seiner Nemertes octociilata eine Spur finden, nämlich ein über dem
Schlünde gelegenes oblonges Ganglion, von welchem Nervenfäden
ausgingen. Das Gefäfssystem erschien vollständig, obwohl sehr ein-
fach. Gleich hinter den Augen zeigte sich nämlich jederseits ein Or-
gan als ein rundlicher Fleck von röthlicher Farbe, wahrscheinlich
ein Herz. Beide Herzen stehen durch ein Quergefäfs unter einander
in Verbindung, und von ihrem unteren Ende ging ein Gefäfsstamm
aus, welcher an jeder Seite bis zum Körperende in gleichem Kaliber
zwischen Haut und Darmkanal verläuft. Es blieb unentschieden, ob
diese Seitengcfäfse durch Queergefäfse in Verbindung ständen; doch
ist Verf. geneigt, als solche die Queerlinien anzusehen, welche man
bei einigen Arten in kurzen regelmäfsigen Zwischenräumen wahr-
nimn^t. Bei N. melanocephala sieht man an der Oberseite {surface)
des Darmkanals ein geschlängeltes Gefäfs in der Mittellinie hin-
absteigen; doch konnte Verf. weder eine Verbindung desselben mit
den Herzen oder Seitengefäfsen, noch seinen Ursprung und sein Ende
ermitteln, noch irgend ein Gefäfs von ihm ausgehen sehen. Auch
konnte er in keinem der Gefäfse die geringste Spur einer Blutbewe-
guns: entdecken. Die Arten leben unter Steinen und im Schlamme j
sie meiden das Licht und lieben das Dunkel. Zu gewissen Zeiten
fand Verf. in ihrer Körperhöhle kleine runde eiähnliche Körper ohne
allen Zusammenhang mit irgend einem besonderen Organ, was für
meine oben geäufserte Vermuthung spricht; auch fand er zuweilen
Individuen, deren Körper eine begir.ncndeTheilung in zwei oder meh-
339
rere Individuen zeigte. Diese Thiere haben eine grofse Lebenszähig-
keit. Schneidet man sie in verschiedene) Stücke, so lebt und bewegt
sich jedes derselben und wächst wahrscheinlich zu einem vollkom-
menen Wurme aus. Wirft man sie in siifses Wasser, so zeigen sie
sogleich durch Windungen, wie schmerzhaft ihnen die Berührung mit
diesem ist; sie zerfallen in Stücke , würgen Theile ihrer Eingeweide
aus und sterben bald, indem sie sich in eine Gallerte auflösen. Die
unter den oben erwähnten beiden Gruppen beschriebenen Arten,
sämmtlich von Berwich Bai, wurden theils vom Verf. frülier im Zoo-
lo^fi^ical- Journal als Planarien aufgestellt, theils sind sie neu, wie
Nemertes gracil/s, melanocephala , pulchra, purjmrea, rufifrons.
Colorirte Abbildungen aller sind beigefügt. Es ist sehr zu wünschen,
dafs spätere genauere üntersuchnngen diesen Gegenstand weiter auf-
klären mögen. /
h, Annulata. Cuv.
Die Anatomie der Gliederwürmer erhielt manche wichtige
Bereicherungen durch Rathke, Grube, Milne-Edwards,
Henle, Duges. Von den beiden ersteren erhielten wir ana-
tomische Monographien von N er eis und Pleione.
H. Rathke de Bopyro et Nereide commentatwnes anatomtco-
physiologicae duae. Rigae et Dorpati. 1837. 4tto c. tah. IIL aen.
Rud. Eduardi Grube de Pleione carunculata dissQrtatio xooto-
mica. Regiomontii. 1837. c. tah. aen.
Rathke hat seine Untersuchungen vorzüglich an Nereis {Lycoris)
pulsatoria gemacht. Sie liegt unter Tags im Seetange verborgen, ge-
gen Abend kommt sie hervor. Von den Fühlern können nur die dik-
ken zweigliedrigen zusammen gezogen werden. Verf. betrachtet die
Fufsstummel als zu den Kiemen gehörig, als deren inneren oder Stamm-
Theil; eine Deutung, in welcher man ihm nicht beistimmen kann,
weil sie kaum hier Anwendung findet, wo die rudimentären Kiemen-
läppchen mit den Fufsstumpfen wie verwachsen erscheinen, durchaus
aber wegfallen mufs, wo beiderlei Organe vollständig getrennt auf-
treten. Die Verkürzung des Körpers wird durch 6 Längsmuskelbüu-
del bewerkstelligt, von denen ein Paar an der Rücken-, ein Paar an
der Bauchseite, und eine Muskel an jeder der beiden Seiten verläuft.
Der Pharynx ist auf seinerinnern Haut mit kleinen kegelförmigen Hök-
kern besetzt, durch welche in seinem Anfange mehrere dicke Falten ge-
bildet werden. Die beiden hornigen Kiefern, welche er enthält, wei-
chen , indem sie mit ihm hervorgestülpt werden, irni so mehr mit ih-
ren Spitzen auseinander, je weiter die Ausstülpung vorrückt. Zwei
Muskelpaare im hintern Theile des Pharynx dienen zu ihrer Bewe-
gung, das eine entfernt sie von einander, das andere nähert sie. Auf
den Schlund folgt nach einer kurzen Einschnürung der Magen; auf
diesen der weite Darm, welcher durch eine Menge dünnhäutiger senk-
V. Jahrg. 2. Band. 23
340
rechter Scheidewände hindurch geht, die, indem sie sich einerseits
dem Darme, anderseits der Haut und ihren Muskeln anheften, eine
Menge Fächer der Leibeshöhle zwischen je 2 Körperringeln vom 8.
bis zum vorletzten Ringe bilden. Dem Darme fehlen alle drüsige^
Organe; aber in den Magen münden die Ausfiihrungsgänge eines Paares
eiförmiger Drüsen von beryllgrüner Farbe (Leber). Mit Ausnahme der
3 ersten und der 3 letzten Körperringe enthalten alle an der Bauch-
seite 2 kleine gelbliche häutige Schläuche, an deren Oberfläche sich
zarte Rlutgefäfse netzartig verzweigen. Bei trächtigen Thieren er-
schienen sie noch einmal so grofs, enthielten ein einzelnes Ei, wel-
ches kleiner war, als die frei in der ganzen Bauchhöhle liegenden,
weshalb sie vom Verf. als Eierstöcke gedeutet werden, deren jeder
zur Zeit nur ein Ei ausbildet; aus der grofsen Anzahl der in der
Bauchhöhle befindlichen mufs man jedoch schliefsen, dlfs sich dies
öfters wiederholt. Durch eine kleine Oeffnung zwischen den beiden
Aesten der Kiemen (Fufsstummel) gelangen die Eier aus dem Kör-
per. Ei)! anderes Paar, den Eierstöcken gegenüber in jedem Ringel
befindlicher Schläuche deutet Verf. als Hoden. — Das fast vierlappige
Gehirn ist wenig gröfser als das erste Ganglion des Bauchstranges.
Die aus seinen vordem Lappen zu den gröfseren Fühlern gehenden
Nerven bilden am Ende ein ziemlich bedeutendes Ganglion. Unmit-
telbar über den Lappen des Gehirns liegen die vier Augen, so dicht,
dafs die Sehnerven ganz zu fehlen scheinen. Sie bestehen aus einer
häutigen Hülle und dem Kerne (nucleus). Erstere umschliefst den
Kern vollständig und besteht aus zwei Schichten, von denen die äu-
fsere ein schwarzes oder violettes Pigment enthält und der Cho-
roidea zu entsprechen scheint, doch ohne eine Pupille zu bilden, (die
indefs Verf. hei N. Dumertlü und Grube bei den Augen der Fleione
fand) die innere aber viel zarter, milchfarbig, erscheint und in den
Sehnerven übergeht, demnach als Netzhaut zu deuten ist. Der Kern
besteht aus einer zerreiblichen Substanz. Verf. glaubt, dafs sie der
eiweifsigen Feuchtigkeit in den Augen der Wirbelthier-Embryonen zu
vergleichen sei, aus welcher Glaskörper und Krystallinse sich bilden.
Mit solchen Augen mögen die Nereiden wohl die Wirkung und ver-
schiedenen Grade des Lichts wahrnehmen, aber nicht Gestalt und Farbe
der Gegenstände unterscheiden. Das Gefäfssystem besteht in einem
einfachen RÜckengefäfsstamme, dessen helleres Blut von hinten nach
vorn bewegt wird, und in einem weiteren Bauchgefäfsstamme, in wel-
chem die Blutbewegung in entgegengesetzter Richtung geht. Beide
geben Aeste zu dem Darm, den Kiemen u. s. w. Im Vordertheile
des Körpers finden sich noch als zum Gefäfssysteme gehörig 4 blatt-
förmige , fast dreieckige Organe, von denen zwei dicht zusammen an
der Bauchseite, zwei seitlich, eins an jeder Seite des Pharynx lie-
gen. Sie bestehen aus zwei übereinander liegenden Häuten, zwischen
denen die eintretenden Blutgefäfse ein grofses Netz der feinsten Ver-
zweigungen bilden, daher sie Verf. Organa reticulata nennt. Die re-
341
gclmäfsige Blutbeweg:iing ist nach dem Verf. folgende. Das Blut gelit,
aus dem Rückengefäfse durch einige gröfstentheils im Kopfe liegende
Zweige in die vier netzförmigen Organe, und aus diesen in den
Bauchstamm, durch -welchen es theilS zum hintern Körpertheile ge-
trieben , theils durch seine Zweige in die Kiemen und zum Darm ge-
führt wird, von welchen Organen es durch die entsprechenden Zweige
dos Rückengefäfsstammes aufgenommen und in diesen übcrgefühii;
wird, um in demselben von neuem nach vorn getrieben zu werden.
Das in das Rückengefäfs eintretende Blut wäre hienach in den Kie-
men dem Sauerstoff ausgesetzt gewesen, hätte aber auch zugleich
am Darme den Chylus aufgenommen. "DieOrgafia reticulata erschei-
nen dem Verf. als^Blutbehälter, die vielleicht die Vermischung des
Chylus mit dem oxydirten Blute vermitteln.
In Grube's anatomischer Beschreibüug der Pleione carunculata
finden wir die vonStannius bei P. rostrata entdeckte Triplicität der
Ganglienkette bestätigt Aufser dem mittleren, aus zwei Strängen
bestehenden Bauchstrange, welcher allein den mit dem Hirnknoten zu-
sammenhangenden Schlundring bildet, finden sich noch zwei seitliche
Ganglienketten, die in jedem Körpersegmente aus einem kleineren
mit der mittleren Kette durch Queerfäden verbundenen Ganglion be^
stehen. Auch hier sitzen die Augen fast unmittelbar auf den Seiten
des Hirnknotens; von deffen hinterem Theile zwei Schlundnerven aus-
gehen. — Die Queerrunzeln des kieferloseh Schlundes sind auf mitt-
leren Erhabenheiten mit kleinen Zähnchen besetzt. — Von einem
leberähnlichen Organe fand Verf. keine Spur; nur an der innern Wan-
dung des vorderen sehr gefäfsreichen Darmtheiles viele gelbliche ^a-
rmliy die ihm Secretionsorgane zu seyn scheinen. Sehr ausführlich
ist die Beschreibung des Gefäfssystems , welches durch vier Bauch-
stämme und drei Dorsalstämme (zwei seitliche und einen mittleren)
ausgezeichnet ist. Die Seitenstämme empfangen das Blut aus den
contractilen büschelförmigen Kiemen, Auch finden sich den corpo^
rihus reticulatis der Nereiden ähnliche Wundernetze.
lieber das Gefäfssystem der Gliederwürmer wurde eine
gröfsere Abhandlung von Milne- Edwards der französ. Aca-
demie überreicht, von welcher 1837 Auszüge bekannt gemacht
wurden (Instit. S. 340. S. 376 und 77.)
Das Blut der Gliederwürmer ist nicht immer roth, bei Polyno'e
gelblich, bei SigaUon farblos, bei einer grofsen Sahella olivengrün.
Andrerseits hat Cerehrattilus mtir^inatus des Mittelmeeres,
ein in Organisation mit den Planarien übereinstimmender Wurm, ro-
thes Blut. Es lassen sich zwei Gefufssysteme bei den Gliederwür-
mern unterscheiden; ein dorsales und ein ventrales. Zuweilmi
sind sie in zwei getrennte laterale Hälften zerfallen, deren Vereinigung
in der Mittellinie bei einigen z. B. Eunicc inniger wird; bei andern
verschwindet die Duplicität völlig, indem die beiden paiallelen Ge-
32*
342
fäfse durch ein unpaares in der Mittellinie gelegenes Gefäfs vertreten
' werden. Bei den Hermellen besteht das Rückengefäfssystem aus zwei
Längsgefäfsen , welche die Seiten des Körpers einnehmen und nur
an den Enden in einen Stamm vereinigt sind. Auch das Bauchgefäfs-
system ist Ijei ihnen, aber nur in der Körpermitte in zwei Gefäfs-
stämme zerfallen, bei allen andern vom Verf. untersuchten Gattungen
ist es einfach und verläuft in der Mittellinie. Die Bewegung des
Bluts geht im Dorsalgefäfse von hinten nach vorn, im Bauchgefäfs-
stamme in entgegengesetzter Richtung. Die Blutbewegung wird durch
Contraction gewisser Partieen der Blutbahn hervorgebracht. Bei den
Nereiden ist das Rückengefäfs in seiner ganzen Länge contractu und
das Hauptorgan der Blutsbewegung; bei den Terebellen treibt der
Rückengefäfsstamm das Blut in die Kiemen , welche es durch ihre
Contractron in den Bauchgefäfsstamm treiben. Bei den Arenicolen
sind es ebenfalls die gefäfsreichen , baumförmigen Kiemen, welche
durch ihre Contraction auf den Blutlauf im Rückengefäfsstamme ein-
wirken; und der Lauf des Blutes im Bauchgefäfsstamme wird durch
die Pulsation zweier contractiler Blutbehälter bestimmt, welche in
jeder Hinsicht den Namen zweier Herzen verdienen. Bei Euni'ce wir-
ken die Kiemen nicht als Motoren der Blutbewegung, sondern Oß wirkt
als solche eine Reihe contractiler Blasen , Anschwellungen der Queer-
äste des Bauchgefäfsstammes , der Zahl nach oft mehrere Hundert,
welche jederseits neben dem Bauchgefafse fast in jedem Körperringe
gelegen, den zuführenden Gefäfsen der Kiemen Entstehen geben, mit-
hin Kiemenherzen sind, insofern sie das Blut in die Kiemen entsen-
den. Bei Uej^mella können die büschelweise neben dem Munde ge-
legenen Barteln, welche man gewöhnlich als Kiemen betrachtet, nicht
als solche gelten, da sie nur eine geringe Blutmenge enthalten. Die
wahren Kiemen sind die kleinen an der Basis der Füfse längs dem
Rücken gelegenen Hautläppchen, welche man bisher für Girren ge-
nommen. Beim lebenden Thier strotzen sie von Blut , haben dadurch
eine intensiv rothe Farbe und communiciren mit dem Rückengefäfse
und dem Bauchgefäfsstamme. Verf. vermuthet, dafs eine solche Con-
traction der Kiemen wie bei Terehella auch bei Amphinome und Eu-.
phrosyne stattfinde. Mehrere der hier genannten Gattungen finden wir
auch in Grube 's trefflicher Schrift; Zur Anatomie und Phy-
siologie der Kiem en würmer. Königsberg 1838. 4. mit 2 Ku-
pfertfln. — genauer beschrieben, deren Analyse dem nächsten Jah-
resberichte vorbehalten bleiben mufs.
Einige Bemerkungen über Guilding's Perlpatus theilte
Ref. in diesem Archiv IH. 1. S. 195 mit. Vergl. die Zusätze
des Hrn. C. Moritz. Jahrg. V. 1. S. 175.
Duges hat Ann. des Sc, nat, Tom. VIU. S. 17.) 35 Arten
der Gattung Lumhricus unterschieden, indem er von der Zahl
der das CJitellum bildenden Ringel, von der Lage der weib-
343
liehen Geschlechtsöflfniingon, ob sie am 16. oder 14. Segmente
und vom Ende des Clitellum, ob es am 32., 33., oder 53
Ringel u. s.w. aufhört, die Charactere entnimmt. Ich fürchte
aber, dafs dergleiclien Merkmale dem Abändern zu leicht
unterworfen sind, um zur Unterscheidung der Arten siclier
angewandt werden zu können.
Derselbe giebt ferner anatom. Details über die Respirations-
mid die weiblichen Fortpflanzungsorgane cbendas. S. 25.
Ueber den bekannten darinförmigen Luftbläschen findet sich nach
ihm eine weifsliche Hautausbreitung, welche mit der der andern Seite
in der Höhle jedes Segments zwischen den beiden muskulösen Scheide-
wänden der angränzenden Segmente eine unvollständige Scheidewand
bilden. Sie werden als Kiemen von dem die Leibeshöhle erfüllenden
Wasser, welches zugleich mit dem gefärbten Safte aus den Rücken-
poren hervordringt, bespült und es verläuft an ihrem freien Innen-
rande ein Zweig der Bauchvene, der auf der Hautlamelle Queeräste
abgiebt, welche von den Hautzweigen aufgenommen werden und so
das in jenen Kiemen und den Hauptcapillargefäfsen oxydirte Blut
dem Rückengefäfse zurückführen. Die sogen. Lungenbläschen ent-
halten nur Wasser, nie dringt unter Wasser ein Luftbläschen aus ih-
nen heryor. Verf. folgert hieraus, dafs die Regenwürmer nur mit-
telst der Haut Luft respiriren, durch jene inneren Kiemen und Bläs-
chen aber die im Wasser aufgelöste Luft athmen.
Ferner gab Duges folgende systematische Uebersicht der
Lumbricinen, die ich hier mittheile, obwol sie von willkühr-
lichen Annahmen nicht ganz frei ist. Kaum irgend ein Zweig
der Zoologie erheischt mehr eine strenge Revision der Arten,
als eben dieser, weil die von früheren Autoren beschriebenen
Thiere zum Theil zu vage characterisirt sind, um jetzt mit
Sicherheit gedeutet zu werden. Dies gilt z. B. von des Verf.
Behauptung, dafs Henle's Enchylraeus , der nach Müller
nur mit zwei Borstenreihen versehene Li/wZ^Wa/Ä vermicula-
ris sei. Diese Zahl Borstenreihen hat Verf. bei seinem Bero-
Stoma laüceps gefunden, welches nicht eine Plana? ia, wie er
früher angab, sondern ein echter Gliederwurm ist, der den
Naiden zunächst steht. Die Körperglieder sind nicht recht
deutlich, die Seitenborsten sehr kurz, jederseits nur eine Reihe
bildend. — Verf. nimmt ferner mit einiger Kühnheit an, dafs
ein bis 2^' langer rother Wurm mit 4 Reihen kurzer Borsten
Müller's Lumbricus tuhi/ex sei, obgleich dieser ihm nur zwei
Borstenreihen beilegt.
344
Mund un
be-
waffnet.
(
I. Borsten
in
2 Reihen.
IL Bor-
sten in
4 Reihen.
lang
kurz
lang
kurz
V
II r. Borsten in 6 Reihen?
IV. Borsten in 8 Reihen
V. Borsten in 9 Reihen
\Mund bewaffnet
Nttis eUnguis Müll.
Na/sF equisetina Di(g,
Nais prohoscidea Müll. Stylaria
Lam.
Nais serjjentina Müll.
Nais? laticeps. Dug\
Nais vermicularis Müll.
Linnhxicns arenarins Müller. Cli-
tellio Sav.
Nais barbata Müll.
itata. Müll. Proto Okeii.
filiformis Blainv.
' Trophonia. Aud. Edw.
Ttibifex? gentilianus Dug., Tab.
pallidus Dug.
Lumbricus vermicularis Müll.
^Tiibifex? unQ.inarius Dug.
Lumbricus variegatus Bonnet.
{Nais bar
Nais digi
Nais filil
Lumbricus L.
Hypogeon Sav.
Clymene Sav,
Heule stellte den kleinen weifsen Wurm, welcher sich
oft in feuchter Erde der Blumentöpfe findet, als eigene Gat-
tung EncJiytT^aeus auf, indem er eine sehr sorgfältige Be-
schreibung und Abbildung des äufsern und innern Baues gab.
Müll. Archiv 1837. S. 74.
Der Wurm ist von 2 — 6'" lang; das Vorderende lancettförmig
zugespitzt, das Hinterende abgestutzt; am hinteren Ende des vorde-
ren Drittels bemerkt man bei gröfseren Individuen zu gewissen Zei-
ten weifse punktförmige Körperchen, die angefüllten Geschlechts-
theile. Die Zahl der Körpersegraente variirt zwischen 19 und 61,
ist aber bei Würmern von gleicher Länge ziemlich gleich; die Geni-
talien nehmen aber immer den 11. und 12. Ring, vom Kopfe abge-
rechnet, ein, woraus hervorgeht» dafs die Würmer durch Ansatz
neuer Ringel oder durch Theilung der Ringel am hintern Körperende
wachsen. Den Kopf bilden zwei Ringel, ein von oben dreiseitiger
(Oberlippe) und ein schmaler, aber vollständiger. Jeder der folgen-
den Ringle trägt in einer Queerreihe 4 Gruppen steifer Borsten, de-
ren jede Gruppe aus 2 bis 4, selten aus 5 oder 6 Borsten besteht,
die gerade, nadeiförmig zugespitzt und am dickeren Ende mit einem
queeren Fortsatze zum Ansatz der Muskeln versehen, zuweilen durch
eine dünne Haut unter einander verbunden sind. Am 11. von der
Geschlechtsöffnung durchbohrten Ringe fehlen zur Brunstzeit die bei-
d^ mittleren Borstengruppen. Der After liegt im Grunde einer trich-
terförmigen Vertiefung des Hinterendes. Die- inneren Organe beste-
345
hen iii einem kufrelförini|ij;cn Schlmulkojjf, 4 Paar wasserhellen Bla-
sen, welche vor einer iiia|^enähnliehcn Erweiterung in den Speise-
kanal münden, dem mit zahlreichen gelblichen Blinddärmchen hd-
besetzten, und dadurch aufsen ganz zottig erscheinenden Darme, der
den muskulösen Scheidewänden der Körper&egmente entsprechende
Einschnürungen zeigt; in einem Gefäfssysteme aus einem pulsirendeii
Kückenstammc der, vorn mit 2 den Schlund umfassenden Aesten in den
Bauchstamm übergeht und durch 3 qucere Verbindungszweige mit die-
sem communicirt; in sogen. Lungenblasen, die fast in jedem Körper-
gliede dicht über den mittleren Borstengruppen nach aufsen münden,
und Flimmerbewegung zeigen. "Verf. sah übrigens weder ein Sekret,
noch unter Wasser Luft aus ihnen hervortreten, während nach ihm
bei Liimüiicus die schleifenförmigen Körper neben dem flimmernden
Kanal noch einen besondern Schleimkanal enthalten. In den Ge-
schlechtsorganen zeigt sicji Verschiedenheit, insofern bei einigen In-
dividuen die äufsere Geschlechtsöffnung mitten an der Bauchfläche,
auf einer kegelförmigen Papille, bei andern auf einer Cylindrischen
Hervorragung seitlich neben dem Nervenstrange liegt; bei jenen führt
von ihr ein feiner, geschlängelter Gang zu drüsigen Körpern, welche
ihrem Contentum nach offenbar Hoden sind; bei diesen finden sich
dickwandige Blasen und lappige Drüsen, welche mehr oder minder
reife Eier mit Keimbläschen und Keimfleck und Dotter enthalten.
Dies würde für getrenntes Geschlecht sprechen , wenn nicht in ande-
ren Indivi(iuen reife Keime und bewegliche Fäden neben einander
vorkämen.
Nach Henle ebend. S. 88. ist' bei Heltuo die Begattung nicht
eine gegenseitige, wie beim Blutegel, sondern ein Individuum spieH
immer die Rolle des Männchens, das andere die des Weibchens.
Der doppelte Penis des cT ^^i** ^^r Begattungszeit auf der linken
Seite des Rückens etwas weiter hinten, als die weibliche Oeffnung
am Bauche, hervor; er wird in die vordere am Bauche gelegene
Geschlechtsöffnung des andern Thieres, welche gewöhnlich als männlich
gilt, eingeführt; dieses streckt aber nicht selten einen doppelten, dem
Rückenpenis des cf ganz ähnlichen Penis, am Bauche vor der den
Rückenpenis des cT aufnehmenden Oeffnung hervor. Die inneren Ge-
schlechtstheile beider in der iJegattung begriffenen Thiere enthalten
sowohl Eier als bewegliche Fäden.
Sats bemerkt (Instit. 273), dafs drei Arten Spw an der West-
küste Norwegens vorkommen, zwei ohne, die andere mit sehr klei-
nen Antennen; »lie cirrenartigen Fortsätze sind weder wahre Anten-
nen, nocli Kiejuen, sondern cirri tentaciilares. — Die Gattung Ophe-
lia soll nach ihm von S.'wigny verkehrt beschriel^en sein, das Hiuter-
ende als Vorderende, die Bauchseite als Rückenseite, die Afteran-
hänge als Fühler. Die Ophelien haben nach Sars einen kleinen Rüs-
sel: und Augen, keine Antennen; müssen zu den fühlerlosen Nereiden
gestellt werdeu. — Die Tuüellaria stellaris Fabr. {Fabricia Blainv.)
346
soll nach Sars zwei Augenpunkte am Vorder- und Hinterende haben,
und wenn sie aus ihrer Röhre hervorgeht, zuweilen rückwärts krie-
chen. Sagte nicht S. ausdrücklich, dafs er an Fabricius Beschrei-
bung nichts zu erinnern habe, so möchte man fdst glauben, er habe
EhvenhergAmphicore iürFabricia gehalten, auf welche beides angege-
bene, aber nicht Fabricius Beschreibung der Kiemen pafst.
VIL M y r i a p o d a.
Von P. Gervais erhielten wir eine gröfsere Arbeit über
diese ThiergTiippe, in welcher eine historische Uebersicht der
früheren Bearbeitungen, eine Aufzählung aller bekannten und
einiger neu vom Verf. aufgestellten Arten und einige neue
Beobachtungen über die Metamorphose gegeben werden. (Ann.
d. Sc. nat. VlI. p. 35 — 60. Taf. IV.) Hrn. Fr. Stein,
welcher sich mit dem Studium der Myriapoden eifrig beschäf-
tigt hat, verdanke ich hierüber folgende Notizen:
Verf. betrachtet die Myriapoden als eine besondere Klasse, wel-
che er einerseits an Oniscus ^ andrerseits an die Chätopoden an Pe-
ripatus granzen läfst; ihr also zwischen den Annulaten und Crusta-
ceen ihre Stellung anweist, wogegen aber das Respirationssystem der
Myriapoden spricht. Die Klasse zerfällt Verf. in die Ordnungen Chi-
logriatha uud Chilopoda; die Genera sind von LeacJi angenom-
men; einige neue Genera sind nur dem Namen nach neu. Zephro-
nia Gray enthält die Gen. Sphaerotherium und Sphaeropoeus Br.,
deren Vereinigung man nur billigen kann. Die Gattung Blaniu-
lus Gerv. ist nichts weiter, als der bei uns gemeine /. pulchellus
Leach, der mit Julus in allen Beziehungen übereinstimmt, und sich
nur durch die verloschenen und fehlenden Augen von den übrigen
Arten der Gattung unterscheidet, daher seine Trennung unnöthig er-
scheint. Die nur kurz characterisirten Gen. Platyulus Gerv. und
Cambala Gray scheinen Brandt's Gattungen Polyxonium und Sipho-
nophora (s. Arch. 111. 1. 238.) Die eine Art PI. Audouinimms Gerv.
lebt um Paris und hat sechs Augen. Brandt giebt gar von seinem
Pol. germanicum nur 4 Augen an , indefs habe ich viele Exemplare
dieser Art verglichen und gefunden, dafs die Augen dieser Gattung,
wie die aller Myriapoden mit dem Alter an Zahl zunehmen und voll-
kommen ausgewachsene nicht 4 , sondern 6 zeigen. — Die Chilogna-
then trennt Verf. in die zwei Farn. Oniscoidea (PoUyxenus , Zephro-
nia und Glonieris) und Juloidea {Polydesmus , Julus , Crmpedosoma,
Platyulus und Cambala'); die Chilopoden in die bekannten Fam. Scu-
tigeridea und Scolopendroidea: — Die Arten sind ohne scharfe Kri-
tik zusammengestellt, und weder die früher von Brandt aufüestelU
ten Arten, noch die vom Verf. hinzugefügten werden sieh alle bei-
behalten lassen. Wer zu beobachten Gelegenheit gehabt hat, dafs
die Metamorphose schon in dt^r Farbe und Zeichnung (die anderen
1
347
Unterschiede gar nicht berücksichtigt) je nach dem Alter ungemeine
Verschiedenheit bewirkt, der wird sich einen Begriff von der hier
herrschenden Verwirrung machen können. — Bei der Gattung G/ome-
ris sollen die männlichen Geschlechtstheile hinter dem letzten Fufs-
paare eingefügt sein. Ich kann zwar aus eigener Beobachtung be-
stätigen, dafs die sonderbaren Organe, die sich hinter dem verletzten
Fufspaare befinden, sehr grofs^ dick und angeschwollen sind, sonst
aber nur, ähnlich wie bei Cryptops und einigen Geophilen riesenmä-
fsig ausgebildete Füfse zu seyn scheinen, die aber auf jeden Fall in
Beziehung zur Begattung stehen. Dagegen, dafs es Genitalien sein
sollen, spricht die Analogie dieser Gruppe. Der dritte Abschnitt der
Abhandlung bestätigt De Geerj Beobachtungen über die Metamarphose
der Gattung Jtdus und widerlegt Savi, welcher die Jungen ohne
alle Füfse gesehen haben will. Auch ich kann De Geer's Beobach-
tungen bestätigen. Neu ist des Verf. Beobachtung, dafs mit der Zahl
der Körperringel auch die Zahl der einzelnen Augen wächst. Es ist
auffallend, dafs diese so leicht zu machende Beobachtung allen frü-
heren Beobachtern entgangen ist. Uebrigens hat Verf. keine eben
aus dem Ei geschlüpfte Junge gesehen; diese haben nicht sechs Au-
gen jederseits, sondern nur 3, erhalten nach der ersten Häutung
eins mehr und bekommen dann erst die vom Verf angegebene Zahl.
Ebenfalls neu ist des Verf. Angabe, dafs auch die Arten der Gattung
Lithohius eine Verwandlung bestehen, in welcher die Zahl der Au-
gen, Körperringe, Fufspaare und Fühlerglieder mit wachsendem Al-
ter zunimmt. Auch diese Beobachtung kann ich bestätigen, sowie
ich denn hier im Voraus bemerken will, dafs ich die Verwandlung
bei allen Myriapoden, die ich zu beobachten das Glück hatte,
wrahrgenommen habe. Sie erstreckt sich immer auf die Anzahl der
Körpersegmente, Fufspaare, Augen, Fühlerglieder, erfolgt nach ganz
bestimmten Gesetzen und ist ein durchgreifender Character der My-
riapoden, wie ich später in einer ausführlichen Arbeit auseinander
setzen werde.
Eine Anatomie der Gattung Glomeris gab Brandt
(Müll. Arch. 1837. S. 322) nach aufgeweichten Exemplaren.
Der innere Bau ist mit dem von Julus sehr übereinstimmend,
■weicht aber durch die sehr kurzen Speichelgefäfse, durch den dop-
pelt gekrümmten Darm, das deutlich in 2 Lappen getheilte Gehirn
und die mehr nach dem Typus der eigentlichen Insecten gebildeten
Tracheen ab,
F III. A r a c h n i d a e.
Von allgemeinen Schriften erschienen:
Koch, Deutschlands Crustaceen, Myriapoden und Arachniden. Ein
Beitrag zur deutschen Fauna. Herausgegeben von Dr. Herrich-
Schäffer. 4~9tcs Heft. Regeusburg.
\
348
Koch, Uebersicht des Arachnidensystems. Heft 1. Nürnberg. 8.
— dieArachniden getreu nach der Natur abgebiklet und beschrie-
ben. Band 3. Heft ö und 6 und Bd. 4. Heft 1—3.
a. Milben.
lieber die Fortpflanzungsweise des Fteroptus V es-
pertilionis vergl. Nitzsch in ds. Archiv HI. 1. S. 327.
b. Spinnen.
V. Audouin beschreibt das Nest einer Mygale, welches
er aus Neu- Grauada erhalten und welclies im wesentlichen
mit denen der europäischen Arten (M. cementaria und cor-
sicd) übereinstimmt. (^Ann. d. Sc. nat. tom. VII. pag. 227 )
Lucas berichtigt in den Ann. d. l. Soc. Entom. de France
VI. p. 369., dafs seine 'Gattung F achyloscelis mit Acti-
nopus Perty und Sphodrus Walk identisch sei, und
dafs dem Perty'schen Namen wohl der Vorrätig gebühre.
Die Männchen haben nicht 5, sondern 6 Glieder an den Tastern,
in dieser Hinsicht mit Hersilia zu vergleichen, wo auch an den Bei-
nen ein Glied hinzukommt. Bei Äctinopus sowohl als bei Hev-
silla ist das hinzugekommene Glied das vorletzte. An einem in Wein-
geist aufbewahrten Ex. bemerkte L., dafs 4 Paar Spinnwarzen und 4
Lungensäcke vorhanden seien, das erste Paar der letzteren mehr am
Rande, nahe an der Anheftung des Unterleibes gelegen sei. Eine neue
Art Ä. Audulnii aus Nordamerika wird beschrieben.
Krynicki beschreibt russische Spninen Bull, de la Soc,
Imp. dies Nat. de Moscou. 1837. V. p. 73.
Tegenaria Scolaris, Drassus cinereus, Latrodectus b-guftatus
eine neue Art, schwarz auf dem Hinterleibe, oben an der Basis mit
3 , unten an den Spinnwarzen mit 2 rothen Punkten , deren Bifs für
tödtlich gilt; Epeira speciosa; E. lohata, E. Lepechini Kr, (Ara-
nea hicornis Lep^, E. meto Kr.; E. Ancora; Thofnisus deUcatulus
Walk; Lycosa 'Rossica, die über ganz Süd- Russland verbreitete Ta-
rantel und L. chersonensis,
Brants hat neue Untersuchungen der Spinnenaugen an
gestellt. Tijdschrift voor Nat. Gesch. T. V. 1. 2.
Der Glaskörper ist convex-concav. Verf. hat hinter demselben
innerhalb der Pigmentschicht Röhren bemerkt, die er den .durchsich-
tigen Kegeln der Insectenaugen vergleicht, so dafs diese Augen eine
Combination der zusammengesetzten Insecten- Augen und der Augen
der Wirbelthiere wären. Nach Joh. Müllers wiederholten Untersu-
chungen sind aber jene angeblichen Röhren keulenförmige Anschwel-
lungen der Fasern des Sehnerven, welche durch fadenförmige Pigment-
349
körper getrennt sind, und ähnliches findet sich auch in den Augen
der Sepien. Vergl. dessen Jahresb. Jahrg. 1838. CXXXIX.
IX. C r u s t a c c a.
a. Cirripedia,
Portio ck wies nach, dafs die Anatifa vitrea Lam,'
(Jjcpas fascicularis Ell. Moni. Lepas dilatata Don.} an der
ganzen Westküste Irlands sich finde. Gemein ist Anaiifa
laevls. Aufserdem finden sich an den irischen Küsten nach
Ball: Anatifa sulcata {Lepas sulcata Moni.} A. striata
Lam.t Pollicipes scalpelluvi Lam und Cineras viitata Leach.
Lam. (Instit. S. 397.)
b. Entomostraca.
H. Kröyer setzte seine Untersuchungen über Schmarotzer-
krebse fort {NaturUst. TijdsshriU. 1. 5. S. 375., 6. S. 650.)
Hofi'entlich wird ein Auszug aus dieser reichhaltigen Abhand-
lung im 5. Jahrgange dieses Archivs erscheinen.
Robert Tehipleton gab eine sehr sorgfältige Beschrei-
bung und Abbildung von einer neuen Lophyropodengattung^
Anomalocera, der irischen Küste. Transact. qf the entomol.
Soc. of London. Vol. IL, 1. 1837. S. 34 Taf. 5.)
Der Körper ist länglich, nach hinten verdünnt, mehrgliedrig, das
gröfste Segment bildet der dreiseitige Kopf; 5 Glieder bilden das
Bruststück, der Hinterleib, aus 3 ©der 4 Gliedern, endigt mit 2 spa-
telformigen , borstentragenden Lamellen. Antennen 2 Paar; das obere
viel länger, bei den muthraafslichen (^ ungleich, indem die linke
peitschenförmig, undeutlich -vielgliedrig, einseitig mit Borsten be-
setzt; die rechte neungliedrig in der Mitte und am vorletzten Grund-
gliede auffallend angeschwollen; das zweite Paar kurz, tasterähnlich
dreigliedrig, mit einem-borstentragenden Anhange an der Basis und
Borsten am breiten Endgliede. Das einfache Auge bei den (^ lang-
gestielt, zwischen den beiden hakenförmig herabgebogenen Spitzen
der Stirn hervortretend, bei den 9 auf einem konischen Vorsprunge
fest sitzend. Die Mundtheile bestehen in einer dicken haarigen Ober-
lippe, einem rundlichen, borstigen Oberkieferpaar neben der Mund-
Öffnung mit 5-gliedrigem Taster an ihrer Basis, und, wie es scheint,
aus einem Maxillenpaar und einem grofsen nach vorn gekrümmten
und mit langen Borsten tragenden Vorsprüngen versehene Kieferfufs-
paare. Einfache mit Borsten besetzte Schwimmfüfse finden sich
4 Paar, und ein Paar Füfse, die in den beiden Geschlechtern im-
gleich sind. Beim ij zeigt der linke 4 Glieder aufserhalb des Pan-
zers, von denen das 4te sehr klein ist und einen kleinen dreiklauigcu
350
Anhang trägt; der rechte zeigt aiifsen nur 3 Glieder und ein gekrümm-
tes Klauenglied, welches gegen einen fingerförmigen Vorsprung des
flachen vorletzten Gliedes bewegt werden kann. Bei den $ ist das
]etzte Fufspaar sehr abweichend, trägt auf seinem zweigliedrigen
Grundtheile ein undeutlich dreigliedriges, mit einem sägeähnlichen
Fortsatz neben den Spitzen des Endgliedes versehenes Bein, und
neben dessen Grundgliede einen sehr kleinen gabiigen rctractilen
Anhang. Einen zweigliedrigen spateiförmigen Anhang, welchen Verf.
linkerseits am Grundgliede des Hinterleibes fand, hält er für einen
verschrumpften Eierbehälter.
Guerin machte in seinem Mag. de Zöol. Taf. 21. eine
neue Limnadia , L, Mauritiona, von der Insel Mauritius be-
kannt. Sie hat ISPaar Kiemenfüfse, so dafs die Zahl 22 bei
Hermanni nicht mehr als generischer Character gelten kann.
Straufs Dnrkheim beschrieb in dem Museum Senckenh,
Bd. 2. S. 119 ein neues Genus der Daphniden Estheria,
Rüpp. E. dahalacensis Rüpp., welches sich zwischen den
Lynceen und Limnadien einreiht, und von ihm folgeudermafsen
characterisirt wird.
„Kopf in die Schalen ganz einschliefsbar; diese beweglich, an
ihrem ürtheil, wie bei den meisten Acephalen, mit einwärts geboge-
nen Wirbeln (Nates) versehen. Der Hinterleib (Schwanz) ausgestreckt,
am Ende nicht abwärts gekrümmt. Zwei ganz dicht neben einander
liegende zusammengesetzte Augen. Zwei einfache Fühlhörner unter
dem vorderen Hocker des Kopfschildes, oben vom hinteren Rande
der abwärts gerichteten Lamelle des Kopfes, w^elche dem Schnabel
der Daphnien entspricht, herabhängend. Die vielgliedrig- zweiästigen
Bewegungsorgane neben dem Kopfe, welche man bei Daplinia
als Antennen betrachtet, gelten dem Verf, wie dort, als erstes Fufs-
paar (Ruder). — Von den Lynceen und Limnadien unterscheiden sie
sich durch die Anwesenheit der Wirbel {Nates) an den Schalen, von
den Limnadien durch den Kopf, der noch zum Theil vortritt, durch
den Mangel des Kopfzapfens, mit dem die Limnadien sich anhängen
können. Die Schalen der cf sind 4'" lang, 2'" breit, bei derf
9 -} kleiner, Acephalen-Schalen ähnlich, mit deutlichen Wachsthum-
streifen. Aufser dem Ruderpaare beim (^ 2 Paar mit einem Haken
und einem Tastorgan versehene Fangfüfse zum Festhalten der $ und
22 Paar Kiemenfüfse, beim $ 24 Paar Kiemenfüfse. Das Schwanz-
ende heider Geschlechter mit 4 Klauen. Audouin erwähnt ver-
wandte Arten aus Oran und dem südlichen Rufsland (Instit. 192. und
195. S. 40.)
c. Hedriophthalma Leach.
II. Rathke gab eine ausgezeichnete Monographie des Bo-
351
pyrus squillarmn (De Bopyro et Nereide. Bis^ae et Bor-
patl 1837. 4^0.)
Der Bopijrus findet sich nur bei Palaemon- Arten, nicht bei
Crfi7ig-o?i, und merkwürdiger Weise traf ihn Verf. nur bei den Weib-
chen der ersteren, deren Eier dann stets in der Reife sehr zurück
waren, woraus Verf, schliefet, dafs der Bopyrus auf die Functionen
des Wohnthieres sehr störend einwirke. Fast immer findet sich ein
Pärchen zusammen, nie aber fanden sich 2 Weibchen in einem Pa-
Uiemon. Immer bewohnt das i?o/>yn<*- Pärchen nur eine der beiden
Kiemenhöhlen, und zwar so, dafs das Weibchen mit nach hin-
ten gerichtetem Kopfe seine Bauchseite der Kiemendecke, seinen Rük-
ken den Kiemen zukehrt, und aus der die Kiemenhöhle auskleiden-
den inneren Haut seine Nahrung saugt, die nur flüssig seyn kann, da
Kiefern dem sehr kleinen Munde in beiden Geschlechtern gänzlich
fehlen. Das symmetrische J* verläfst nicht freiwillig seine Stelle
unter dem Hinterleibe seines $, zwischen dessen platten dreieckigen
Kiemen es sich aufhält und sich wahrscheinlich von dessen Kothe
nährt. Die 9 sind unsymmetrisch, so dafs die rechte oder linke
Seite viel länger ist, je nachdem sich das Thier in der rechten oder
linken Kiemenhöhle des Palaemon aufhält; immer ist nämlich die
Seite kürzer, welche dem Rücken des Wohnthieres zugewandt ist.
Im frühsten Lebensalter sind die Jungen beider Geschlechter symme-
trisch, ihr Rumpf hat nur 4 im Verhältnifs längere mit Krallen ver-
sehene Fufspaare, und ihre Kiemen sind so bedeutend entwickelt,
dafs sie ihnen als Schwimm organe zu dienen scheinen. Auch die
Fühler des zweiten Paares sind bei den Jungen sehr lang, bei den
Erwachsenen dagegen rudimentär. Die Augen, welche bei den Jungen
und den cf vorhanden sind, verschwinden bei den $ nach Beginn
des Schmarotzerlebens. Die Anatomie und äufsere Beschreibung
beider Geschlechter ist im Werke selbst nachzusehen. Jene zeigt ei-
nen kleinen rundlichen im Kopfsegmente gelegenen Magen, einen ge-
rade zum After verlaufenden Darm, an welchem 7 Paar Leberlappen
bis fast zum Ende sich erstrecken, ein dreifächrig Herz- und einen
grofsen, die ganze Rumpfeshöble erfüllenden doppelten Eierstock.
d. Podophthalma, Leach,
Den Rost der Brachyuren, sämmtliche Macrourjn und
die Storiiatopoden sind im zweiten, 1837 erschienenen Bande
von Mi Ine Edwards Hw^o/rß naturelle des Crustaces ab-
gehandelt. Bei dein Reichthum des Inhalts mufs hier auf eine
Analyse verzichtet werden.
Milne-Edwards beschrieb aufserdem ein neues Genus
aus der Familie der C^arnelen, Rhynchocinetes, in den ^nn,
d. Sc. nat, VIL p. 165.
352
Sie zeichnet sich durch eine bewegliche Stirnplatte aus , welche
vermöge eines Cliarniergelenkes zwischen den Fühlern nieder gebo-
gen und zu fast senkrechter Stellung aufgerichtet werden kann. Sie
entspricht der abgesonderten Schnauzenplatte der Squillen. Ob sich
mehr daraus folgern läfst^ wie Verf. will, mufs ich dahin gestellt
sein lassen.
Duvernoy gab Beiträge zur Anatomie der Gattung Squilla.
AnJt, d. Sc. nat. VIII. S. 41.
Vertebrata.
Allgemeines:
C, Reichert über die Visceralbogen (d. i. Kiemenbogen) der
Wirbelthiere im Allgemeinen und deren Metamorphosen bei den Vö-
geln und Säugethieren. Müllers Archiv. 1837. S. 120 mit 3 Tafeln
Retzius Übel* den inneren Bau der Zähne, ebend. S. 486.
Bujack, Naturgeschichte der höheren Thiere. (Rück-
gratsthiere) mit besonderer Berücksichtigung derFmma P?'uss/'ca, Ein
Handbuch für Lehrer der Jugend, Oekonomen, angehende Forstmän-
ner und Freunde der Natur. Mit 2 Kpfrn. Königsberg, gr. 8. (Be-
merkungen dazu von H. Rathke (preufs, Provinzbl. Bd. 18. S. 467.
und von Dr. v. Siebold (ebend. S. 598.) Bemerkungen zu Lorek's
Fauna primica von Dr. v. Siebold preufs. Provinz. Bl. Bd. 17
S. 433.
H. R. Schinz, Verzeichnifs der in der Schweiz vorkommenden
Wirbelthiere, als erster Theil der auf Veranstaltung der allg. schwei-
zerischen Ges. für die gesammten Naturwissenschaften entworfenen
Fauna Helvetica. Neuchatel 1837. 4to. Besonders abgedruckt aus
den: neuen Denkschriften der allg. schweizer. Gesellschaft für d. ges.
Naturwissenschaften. Bd. 1. Neuchatel 1837. 4to.
Von C. L. Bonap arte's, Prinzen von Musignano, Fauna ita-
lica gelangten zu uns Lieferung 16 — 18 (noch im Jahre 1836 erschie-
nen) und 19, 20 und 21 (1837). Sie enthalten Abbildungen und Be-
schreibungen von vielen bekannten, aber auch von vielen neuen Ar-
ten, deren specielle Betrachtung dem 5. Jahrgange vorbehalten blei-
ben mufs.
Robert Templeton: Irish Vertehrate Animah; selected from.
the papers of the late J. Te?npletow, Esq. in Loud. Mag. o/ Nat.
Eist. New. Ser, 1. S. 403.
Zur Fauna üngarn's finden wir manche werthvoUe Notizen in Be-
zug auf Vögel und Säugethiere in Fr. Naumann's ornith. Reise nach
und durch Ungarn, d. Arch. III. 1. S. 69.
Wichtige Aufklärungen über die Wirbelthier- Fauna Grönlands,
besonders dessen Fische, erhielten wir von J. Reinhard in dessen
Ichthyologishe Bidrag til den Grönlandslce Fauna. 1. Heft mit 8
Kpfrn. Kopenhagen 1837. 4to. Wegen ihrer Reichhaltigkeit mufs ich
einen ausführlichen Auszug dem 5. Jahrgange vorbehalten.
353
Klippels neue Wirb elthiere zur Fanua AbysSiniens Lief. 10 und
11. beschränken sich auf Vö^el und Fische, s. u.
Ueber das Leuchten der Augen bei Säugethieren und Vögehi theilto
Dr. Hassenstein (Isis. 1837. S. 514) Versuche mit.
Bei den Herbivoren strahlt ein bläulich -grüner, bei den Carni,
voren ein grünlich - weifser Lichtschimmer aus der Tiefe des Aiiges
durch die Pupille hervor, stärker bei Carnivoren, als bei Herbivo-
ren, stärker bei Thieren mit hoher Muskelkraft und Reizbarkeit, als
bei schwächlichen, stärker bei gereizten Thieren, als im ungereizten
Zustande, am schönsten an einem ziemlich dunklen Orte, wenn ein-
zelne Lichtstrahlen in ihr Auge fallen können; bei völliger Dunkel-
heit findet kein Leuchten statt und verschwindet gleich bei gänzlicher
Absperrung der Lichtstrahlen. Bei Kakerlaken von Frettchen, Ka-
ninchen leuchtet das ganze Auge mit rothem Lichte unter gleichen
Umständen, und eben so bei den Eulen mit rother Iris, bei denen
ein rotlier stark glänzender Ring in der vorderen Augenkammer er-
scheint, der sich mit der Bewegung der Iris vergröfsert und verklei-
nert. Immer ist es nur der Reflex des ins Auge fallenden Lichtes
vom Tapetum lucidum, oder von der ganzen pigmentlosen Choroidea
bei den Kakerlaken) oder von der Iris (Eulen); denn Augen todter
Thiere geben in günstiger Stellung und Beleuchtung dieselben Er-
scheinungen.
X. P i s c e s.
Allgemeines.
Ichthyologie francoise ou histoire des poissons d' cau douce de la
France par Vallot. 8.
Von Scandinaviens Fiskar, malade efter lefvande Fxemjüar och
ritade pa sten af W. v. Wright med text af B. Fr. Fries och C.
U. Ekström. Stockhohn 1837. 4to. erschienen Heft 2 und 3.
Transact of the Cambridge Philos. Soc. 1837. Vol. VI. Pars IL
enthält die Abbildungen der im vorigen Berichte erwähnten Fische
von Mader a von Low«, von welchem wir nach Proc. of the Zool.
Soc. pag. 37 eine St/?iopsis der Fische von Madera zu erwarten ha-
ben. Aufser dem Aal fehlen Süfswasserfische dieser Insel gänzlich,
wegen Mangel der Seen und Sümpfe und weil es nur reifsende Berg-
ströme giebt. Madera hat von Seefischen eben so viele Arten mit
dem mittelländischen Meere als mit Grofsbritanien gemein; aber im
Verhältnifs der Acanthopterygier zu den Malacopterygiern zeigt sich
Verschiedenheit. In der Fauna Grofsbritaniens verhalten sich die mari-
nen Acanthopterygier wie i{ : 1 . im Mittelmeer wie 2f zu 1 , in der
Fauna von Madera wie 3^ ; 1. (Proc. Z. S. 1837. S. 37.^
Ein Verzeichnifs der Fische, welche das Wiener Museum aus
Rumelien empfing, giebt Heckel in den Aunalen des Wiener Museums
II. 1. S. 155. Es finden sich dort :
354
Perca ßuvlatiUs var. mgrescens, Golius semilunatus H., Cypri-
nus carpioL., C. carassius, Barbus communis var. cydolepis, Tinea
vulgaris Cuv., Gobio vulgaris; Rhodeus amarus Jg.; Abramis mela-
nops H.; Leuciscus 'Dobula, rutihis, erythrophthalmus ^ aphya —
Chondrostoma Nasus Jg. — Acanthopsis Taenia Jg., Esox Lucius
Ls, Salmo fario L.
Mehrere Notizen zur Fischfaima Irlands gab W. Thompson
Proc. Z. S. 1837. S. 55.
J. systematic and itratigraphical catalogne of the fossil ßsh by
Philipp Grey Egerton. London 1837 Ato.
Ueber den Darmkanal der Fische s. H. Rathke zur Anatomie
der Fische in Müllers Archiv f. Anatom. 1837. S. 335. mit Abbild.
^, Acanthopterygii,
J.Heck eis ichthyologische Beiträge in den Annalen des
Wiener Museums II. 1. S. 143. betreflfen aus der Abtheilung
der Acanthopterygii die Familien der Cottoiden, Scorpaenoi-
derip Gohioidem Zwei neue Genera und mehrere neue Ar-
ten werden beschrieben.
Co'ttus poecilopus Hechel (T. 8. f. 1. 2.)! pinnis pectoralibus
Omnibus indivisis, ventralilus variegatis; aus einem Gebirgsbache
Ungarns.
C. microstomus H. (Taf. 8. f. 3. 4.) oris latitudine intervallum
marginum suborbitalium aequante, cauda attenuata; ^aus [der Umge-
gend von Krakau; 4.'"
C. gracilis H. Pinnae ventralis radiis 4, linea laterali cau-
dam non attingente. Neu -York. 31 ." — Verf. giebt schliefslich fol-
gende Ueber sieht:
Pinnis
ventrali-
bus
radiis 5.
. . Pinnis pector. (Oris latitudine in-
mdivisis radiis superio-Uervall. margi?ium
ribus divisis j supertital. super an-
^te ^ cauda crassa.
iOris latitudine in-
tervall. marg. sub-
orbital, aequante
cauda attenuata.
{Pinnis ventral, va-
riegatis, dors. ra-
diis 9 — 16.
{Pinn. ventral, uni-
coloribus, dors. ra-
diis 8 — 18.
Pinnis ventralibus radiis quatuor
C. Gobio Cuv.
Val
C. microsto^
mus Hechel.
Cott. poecilo-
pus Hech.
Richards.
C. affin. Hech.
(C. Gobio
Echstr.}
C. gracilis
Hechel.
355
Gobius Quagga Heck. (Taf. 9. f. 5. 6.) Maxilla inferiore lon-
gitndine siiperiorem siiperante, operculo pharyngem tegente; fasciis
brunneis capitis 3, trunci 4. Palermo.
G. semilunaris (Taf. 8. f. 5. 6.) Macula somilunari utrinque ad
pinnam dorsalem, ano papillis acuminatis 10 clauso.
Die beiden neuen Genera sind Scorpaenojisis Heckel und
Trachydermus.
Scorpaenopsis. Dentibus in utraque maxilla et in vomere;
in palato nuUis; capite compresso, spinoso alepidoto; corpore squa-
mato, appendicibus cutaneis lateralibus et in capite; pinna dorsali
unica; radiis brachiostegis 7.
Sc. nesogallica H. (Scorpaena nesogallica Cuv. Val.^ Fronte in-
ter oculos dimidium oculi diametrum aequante; ossibus frontralibus
posterioribus impressis.
Sc. neglecta H. fronte inter oculos diametrum oculi aequante;
ossibus frontalibus posterioribus planis. 5^' wahrscheinlich aus dem
indischen Meere.
Trachydermus Heck. Corpore fusiformi; capite depresso, spi-
nis variis instructo, appendicibus membranaceis nullis; dentibus in
maxilla utraque, in vomere et in palato; radiis branchiost. 6; pinn.
dorsalib. 2, aut separatis aut basi coniunctis; pinnis ventralibus ra-
diis 5, sub pectoralibus sitis; squamis nullis, cute aspera. .Von Cot-
tus durch die Gaumenzähne unterschieden.
Tr. efasciatus H. (T. 9. 1. 2.) Pinn. dorsalibus separatis; ma-
xilla superiore inferiorem longitudine superante. Philippinen.
Tr. llichardsonii Heck. (Cottus asper. Richards.) Pinnis dor-
salibus coniunctis, maxilla inferiore superiorem longitudine superante
Die Iconograßa della fauna italica enthält:
Smaris gagarella , vulgaris, mauvü (Lief. 16.) —
AtJiQrina hepsetus, mochon, lacustris, Bayeri (Lief. 17.) —
Trigla ohscura, gumardus (Lief. 20.)
In Fries und Eckströms trefflfichem Werke über die scan-
dinavischen Fische Heft 2 und 3 finden wir aus dieser Ab-
theilung schöne Abbildungen und Beschreibungen von:
Cottus quadricornis L., C. Gobio L., .Zoarccus viviparus Cuv.,
Jnarrhichas lupus Z,., Lahrus rupestris L. und L. exoletus L, — La-
brus rupestris wurde von Linne zuerst in der westgothischen Reise
beschrieben, wo durch einen Druckfehler spinis dors. 9 statt 19
steht, welches Linne selbst veranlasste, diesen von ihm L. suilhis
in der Faun. suec. benannten Fisch im System als verschieden von
L. rupestris (seiner Sciaena rupestris Mus. Ad. Frid.) anzusehen.
In Reinhardts Beiträgen zur grönländischen Fauna sind die Ge-
nera Ly Codes und Bythites (d. Arch. 111. 1. S. 236) besclirioben
und abgebildet.
W. Thompson weist nach, dafs Gohiusniger Montagu
IV. Jahrg. 2. Bd. 24
356
und G. niger Ciiv. Val. spccifisch vcrschioflen sind, nnd
schlägt für jenen den Namen G. hriitanicus vor. Der G.
niger Cuv. Val. kommt im Mittelmeere bis Corfu nnd an
der Westküste Irlands vor. Pro'z. Z, S. 61.
Bei G. niger Montag, ist der Unterkiefer länger, bei dem an-
dern die Kiefer gleichlang. Bei jenem mehrere iinregelmäfsige Rei-
hen Zähne in beiden Kiefern und die der äufseren Reihe nicht \iel
gröfser als die übrigen und gleich diesen gerade, mit abgestutzter
Spitze; bei G. niger C. V. ist die äufsere Zahnreihe viel gröfser und
einwärts gekrümmt; bei G. brittanicvs verläuft eine Furche vom
Kopf zur Rückenflosse, die beim andern fehlt; die Papillen beim
britischen so zahlreich am Kopf, dafs dieser fein gravirt erscheint,
bei G. niger C. V. halb so zahlreich; beim britischen Z). 6 — 14.
P. 18. F. 1 — 5. A. 12. C. 15. und einige kurze; bei G. niger Ciiv.Q—iQ.
P. 20 — 21. F. 5. J. 13. C. 14. — G. niger Don. Flemm. sei G.
Ruthensparii Eiq^hr. (G. bipunctatus Yarr.^ G. niger JJl. sei von
allen genannten verschieden. Auch G. niger Riss, weiche von G.
niger C. V. in der Zahl der Flossenstrahlen ab.'
Kröyer gab eine Notiz über den Blennius lumpenns Ström.
Naturh. Tidsh 1. 5. S. 519. vgl. Fries, d. Archiv 1839. 1. S. 38.
Eine neue Gattung der Tänioiden Echiodon wurde von
Thompson in den Proz.Z. iS*. 1837. S. 55. so characterisirt :
Kopf oval; Körper sehr verlängert, zusammengedrückt, schmal,
lancetförmig, Schnauze mäfsig lang; Maul schief gespalten, beide
Kiefer mit grofsen cylindrischen Zähnen am Ende; keine Bauchflos-
sen noch Schuppen statt derselben; alle Flossenstrahlen w-eich: Rük-
ken- und Afterflosse erstreckten sich fast über rfie ganze Länge, Kie-
menhaut mit 7 Strahlen. — Die Art C. Drumondii 11" lang an
der irischen Küste.
B. Malacopterygii,
Von He ekel /. c. S. 154. wurden iolgoude Gyprinoiden
beschrieben :
Abramis melanops H. (T. 8. f. 3) Rostro incrassato, obtuso;
squamarum serieb. 10 supra, 6 infra lineam lateralem; pinna anali
pone pinnam dorsalem, radiis 21.
Cärassius humilis H. (T. 9. f. 4) Basi pinnae dorsalis cor-
poris altitudinem aequante; squam. seriebus 6 supra, 5 infra lineam
lateralem. Palermo.
Carass. bucephalus. Capite incrassato, valde obtuso, dorso
subelevato; pinna caudae capite breviori, linea laterali in medio cor-
poris evanescente, squam. seriebus 8 supra et 5*infra lineam latera-
lem. Macedonien.
Mehrere Cyprinoiden der italienischen Fauna finden wir
in der Iconograßa della F. I. von C. L. Bonaparte.
Cyprinns regina, elatus; Tinea italica, chrysitis; (Lief. 18.^
357
Leuciscus squabts, ruhilio^ scardafa (Lief. 19.) Leudscus ruhella,
viutlcellus, trasimem'cus (Lief. 20.)
Ueber die Familie der Karpfen erhalten wir manche in-
teressante Bemerkungen in den Scandinavisk Fiskar von
B. Fr. Fries und C. U. Eckström.
Verf. zählen 18 Arten der scandinavischen Fauna. Cyprinus Fa-
renits soll nach ihnen ein junger C. lirama, imd C. phoxinus
Ntlfs. von C. aphya nicht specifisch unterschieden sein. Oh Idh ar-
btis L. zu C. Idiis oder C. rutihis zu beziehen sei, lasse sich aus
Linne's kurzer Diagnose nicht bestimmen. Cypr. microl epidotus
X Ehstr. sey C. Idus im Jugendzustande. Cypr. Jeses Bl. halten Verf.
für C. Idus L.\ nicht nur stimme dazu seine Abbildung von C. Jeses
(Jaf. VL), welche auch Cuvier zu C. Idus citirt, keinesweges aber
(^ XXXVI.^, sondern auch in seiner Beschreibung, dafs die „Seiten-
linie mit 58 gelbbraunen Punkten besetzt sei," was auf die für C. Idus
charakteristische Schuppenzahl der Seitenlinie (58) hindeute. — Ar-
tedi beschrieb Cypr. Blicca Bl. zuerst als C. Björkna, unkundig,
dafs dieser Fisch von älteren ausländischen Ichthyologen C. B allem s
und Blicca genannt sei, citirte diese zu seinem Blicca^ wel-
chem Linne dann den Namen B aller tis liefs. Dieser kannte Arte-
di's C. Björkna nicht, sondern beschrieb als solchen in der Fau7ia
Siiec. Nr. 371, wie aus der angegebenen Strahlenzahl 35 hervorgeht,
einen jüngeren C. B allem s. Dagegen ist C. Blicca Bl. identisch
mit Artedi's Björlna. — C. cephalüs L. ist identisch mit C. Do-
hula Nilfs. Syn. und wahrscheinlich auch mit C. Dobula Retmus
F. Suec. p, 3.i6. Von Bloches Abbildungen pafst C. Idus Bl. taf. 36.
am besten hieher. Es ist dieselbe Art, welche die englischen Ichthy-
ologen von Willugby an als Chub oder Clievin beschrieben und
für welche der Name C. cephalüs L. mit Recht in England ange-
nommen ist. — Von C. Idus, C. Blicca, (Heft 2) von C. cephalüs
L., C. Grislagiiie Art., C. rutilus L., C. erythrophthalmus L. (Heft 3)
sind vortreffliche Abbildungen gegeben, eben so finden wir von Weich-
flossern noch Esox lucius (Heft 2) und Gadus minutus L. (G. luscus
Nilfs.) und G. merlavgns L. (Heft 3) abgebildet.
Pred. Löffler erzählt zwei an sich und seiner Familie beobach-
tete Fälle, in denen der Roggen der Barbe (C. äö^^wj Z..) hef-
tiges Erbrechen erregte; Pr. Provinz. BL 18. S. 545; giebt eben da-
selbst einige Bemerkungen zu Fetromyxon hranchialis , Esox lucius,
C. phoxinus, Colitis Barhatula , Salnio Fario, S. thymallus — und
besonders über den Aal, unterscheidet eine zweite Art desselben, ohne
sie genauer als durch auffallend kurzen Körper, geringere Schwere (2
t)is 3 Pfd.) und nicht schlangonformige Bewegungen zu characterisi-
ren, und erzählt Erfahrungen über seine Winterruhe. Im Frühlinge
sah er einst gegen 200 Aale in dem Sumpfe eines geringen Grabens
fangen , welche in dem Schlamme desselben überwintert hatten.
Aus der Familie der Schollen finden wir in der Icognogr. F. ituh
24 *
358
Livr. 19. eine neue Art PI. Grohmanni Bon. neben PI. passer auf-
gestellt, und eine für die britische Fauna neue Art, Monochirus
minutus Parnel von diesem in Mag. of Zool and Bot an 1. S. 528
beschrieb en.
V. Bär fand bei Gadiis Nowaga die Querfortsätze der Bauch-
"wirbel aufserordentlich entwickelt, hohl und dafs in diese Höhlungen
seitliche Fortsätze der fiederförmigen Schwimmblase eingehen. Buf-
let. scientif. de St. Petersb, U.p. 317 und ebend. ///. Nr. 23. Beschrei-
bung des Skelets.
Echeneis sedecimlamellata Eyd. Gerv.. rute coriacea, dis-
ci lamelUs 16; pinnae dors. rad 28, p, 21, ventr. 5, an. 25, caud. 18
Ind. Oc? Guer. Mag. Zool. CL IV. taf. 16.
Syngnathus Bainvilleamis Eyd. Gerv. appendiculis nullts;
pinna dors. ano opposita; thoraco - ah domine elevato punctis asperso;
squamis radiatis. Mare indic. Gner. Mag. Zool. Cl. IV. t. 17.
RüppeTs Wirbelthiere beschreiben Arten der Gattungen Beto-
ne, Hemiramplms , Bagrus , Clupea, EngrauUs; ferner von Sclero-
dermen: Batistes, Monacantkus, Tetrodon.
C. Cartilaginei.
In derselben Lieferung giebt Rüppell eine Uebersicht
der von ihm im rotheu Meere beobachteten Plagiostomen.
Eine neue Gattung Nebrius und mehrere neue Arten werden auf-
gestellt. Erstere ist mit Ginglymo Stoma Müll, und Henle identisch
und da deren vorläufige Mittheilungen bereits im July erschienen;
Rüppell's Lieferung aber erst im Herbste ausgegeben wurde, bleibt
jenen die Priorität. Die beschriebenen und abgebildeten neuen
Arten, sind: Scyltium heptagonum, von Müller und Henle als Varie-
tät 3 zu Stego.<stofna fasciatum gezogen , Carcharias albimarginatus,
C. obesus, C. acutidens, C. acutus, Zygaena Mokarran, Pastinachus
JJarnak und Myliobatis Eettenkee. In C. L. Bonaparte's Iconogr. Lief.
17. Adpenser sturio, naccari. Chimaera monstrosa. Ueber das Ge-
fäfssystem der letzteren vgl. Duvernoy Ann. d. Sc. nat. VIII.
Joh. Müller's und Henle's vorläufige Mittheilungen über die Ge-
nera der Plagiostomen erschienen in diesem Archiv Jahrgang III. 1.
S. 394. vgl. die Nachträge ebend. IV. 1. S. und Müllers Archiv 1837
Jahresb. S. L
Joh. Müller beoabchtete bei der Haifisch -Gattung iS^c o-
liodon Müll, und Henle, die schon von Aristoteles gekannte
Verbindung des Eies mit dem Uterus. Dieser bildet an der
Anheftungsstelle einen ansehnlichen Mutterkuchen mit unzäh-
ligen Fältchen und Buc-Uen, zwischen welchen entsprechende
Falten und Buchten der Dotterhaut, einen cotyledo foetalis
359
bildend, eingeschoben sind. Jaliresb. für 1837. LXIX., [wo
kurz vorher inelirere Bemerkungen über die Fötuskienien der
Ilaye in Bezug auf Leuckart's in unserm vor. Berichte über-
gangene: Untersuchungen über die äufseren Kiemen der Em-
bryonen von Rochen und Haien. Stuttgard 1836. 8. gegeben
sind.
Matteucci hat seine Versuche und Ansichten über die
Electricität des Zitterrocliens in einer ausführlichen Abhand-
lung zusanunengestellt. (vgl. Biblioth. univers. 1837. Novbr.
und banales des Sc. nat. Vlll. 193.)
Des Verf. Folgerungen der Beurtheiliing der Physiologen über-
lassend, heben wir nur folgende Resultate seiner Versuche heraus:
■Während der Entladung tritt keine Volumen -Veränderung im Kör-
per des Fisches ein. — Man erhält keinen electrischen Strom, wenn
man den Körper nicht gleichzeitig an 2 Punkten berührt; ein isolir-
ter Frosch, welcher mit einem einzigen Nervenfaden den Körper des
Rochen berührt, erleidet keine Contraction. — Der Roche besitzt
nicht die Fähigkeit, seinen Entladungen eine beliebige Richtung zu
geben. Während er eine grofse Vitalität besitzt, erhält man Entla-
dungen an der ganzen Oberfläche seines Körpers, und nach und nach
beschränkt sich dies nur auf die über den beiden electrisclien Orga-
nen gelegene Gegend. Bei grofser Vitalität des Thieres geht der ele-
ctrische Strom durch eine lange Strecke Salzwassers hindurch. Bei
Verw undung der 3 oberen Lappen des Gehirns findet keine Entladung
statt, man kann sie selbst, so wie das verlängerte Mark und Rük-
kenmark hinwegnehnien, ohne dafs die Entladung wegfällt. Nur den
vierten Hirnlappen kann man nicht berühren, ohne dafs eine Entla-
<lung statt fände. Nach seiner Entfernung hört das ganze Phänomen
auf; doch kann man durch Zerren der Nerven des electrischen Orga-
nes unmittelbar nach Wegnahme des Gehirns noch einige Entladungen
hervorbringen. Wenn bei dem Rochen das electriseliß Vermögen er-
loschen ist, erhält man durch Berührung jenes Hirnlappens noch
heftige Entladungen und zwar in dem Organe der rechten Seite, wenn
man die rechte Hälfte des Lappens berührt u. s. w.
XI. A rn p li i b i a.
H. Schlegel begann die Herausgabe seiner sdiöneii Ab-
bildungen neuer oder unvollständig bekannterAm-
phibien. Fol. mit Text in 8. Das Werk soll nur Figuren ent-
halten, welche nach der Natur gezeichnet luid gröfstentheils
nach lebenden Exemplaren colorirt sind, indem dabei die vie-
len vortrefflichen Zeichnungen, welche unter der Aufsicht von
360
Reinwardt, Kühl uii^ van Hasselt, Boje und Macklot gemacht
wurden, sowie deren Manuscripte benutzt werden sollten. Lei-
der aber scheint es diesem so nützlichen Unternehmen, wie
allen herpetologischen Originalwerken zu ergehen. Es sclieint
ebenfalls an der Theilnahmlosigkeit des naturh. Publikums zu
scheitern. Alle drei Monate sollte eine Lieferung von 10 co-
lorirten Tafeln zum Preise von 3 Thlr. erscheinen, wenn die
Zahl der sich auf 10 Lieferungen verpflichtenden Subscriben-
ten die Kosten deckten. Wahrscheinlich war aber letzteres
nicht der Fall, da es bisher nur bei der ersten Lieferung
blieb. Ueber ihren Inhalt, so wie über den der gleich zu er-
wähnenden speciellen herpetologischen Werke behalte ich mir
eine ausführliche kritische Mittheilung vor.
a. Batrachia.
M. Rusconi's Ohservations anatomiques sur la Si-
rene mise en parallele avec le Protee et le tStard de la
Salamandre aquatiqiie. Avec 6 planches. Pavie chez, Fusi
et Comp. 1837. fol. kenne ich nur aus Rud. Wagner's we-
nig günstiger Beurtheilung in den Münchener Gelehrten An-
zeigen, 1838. Nr. 18. Wagner giebt dort, sowie in denProc.
Zool. Soc. of London,, S. 107. seine Untersuchungen der
Blutkörperchen und Eierstöcke des Proteus anguinus»
Er hat nach diesen wirklich unter allen Thieren die gröfsten
Blutkörperchen, ^V — A '" l^"g u»d Jö — y^ö'" breit, sie sind sehr
länglich eirund und schmal, schon dem blofsen Auge als kleino
Pünktchen sichtbar; die Kerne messen ^oo— ^lo'"- Die Structur der
Ovarien imd derOva ist ganz wie bei den Salamandern; wie bei die-
sen zeigt das Keimbläschen (yV" bei einem |'" grofsen Ei) mehr-
fache (zahlreihe) granulirte Keimflecken.
L V. d. Hoeven machte die interessante Entdeckung,
<lafs der sogenannte grofse Salamander von Japan, Salaman-
dra max'nna ScJdegel ein Proteide sey, will ihn aber mit
Cryptohranchus Leuch.{Menopoma Harl.) verbunden wissen.
(^Jets over den grooten zoogenoemden Salamander van Ja-
pan. Leiden 18')8. bes. abgedruckt aus der Tijdschr. voor
Naturg. en Physiol 1837.) Wieder ein Beweis, dafs Hr. Schle-
gel bei seinem^ Verfahren auf die Organisation wenig Rück-
sicht nimmt.
Dafs dies Thier nicht zu Salammidra oder Triton gehören
kann, sondern eine den Proteiden zugehörige Gattung bilden mufs,
361
dafür spricht allerdings schon des Verfassers Bemerkunjr, dafs die
Jileinen Augen der Lider entbehren, und dafür von dünner durch-
sichtiger Haut umgeben sind. Auch weicht der Schädel vom Sa-
lamanderschadel in gleichem Grade ab, wie er mit dem Schädel
von Menopoma übereinstimmt. Die Wirbel haben dieselbe Bildung
wie die von Siren^ Proteus. Kurz, dafs das Thier zu den Proteiden
geliürt, leuchtet ein, aber mit Cryptobrunchus Leuck, welcher Name
weil er auf eine falsche Voraussetzung sich gründet, zu verwerfen
ist, kann sie trotz ihrer nahen Veirwandtschaft nicht generisch ver-
bunden werden, da jener die Kiemenspalte zeitlebens behält. T s c h udi
hat sie als besondere Gattung Megalobatruchus hingestellt, was mir
gebilligt werden kann. Beiläufig die Bemerkung, dafs die Proteiden
oder Ichthyoden einem z\iiefachen Typus zu folgen scheinen; zu dem
ersteren gehört Proteus, Seren, Amphiuma — zu dem zweiten Meiio-
branchus, der Axolotl, Menopoma und wie es scheint ebie der Siren
entsj^rechende neue Gattung, die man nach einem Briefe des Ilerra
Koch im Missisippi gefunden hat. „Der Kopf ist hienach flach, nacM
der Mitte eingedrückt, zeigt zwei sichtbare Nasenlöcher^
die Vorderextremitäten haben 4 Nägel (?) tragende Finger; \ Zoll larige
Kiemen; der Hintertheil des Körpers ohne alle Spur von Föfseili
aalförmig. Es liefs eine klägliche Stimme hören und strich öfters
seine Kiemenfranzen durch die Finger.« . ra
Von der paradoxen Gattung Lepidosiren (s. d. Ardi.'iffi
2. S. 232.) haben wir iiiin eine ausführliche Beschreibung' uind
vortreffliche Abbildung erhalten (Annalen des Wiener Mu-
seums II. 1. S. 165) und dürfen ebendort bald eine ausfülur-r
liehe anatomische Beschreibung von Prof. Th. Bisch off in
Heidelberg erwarten.
Nach Natter er ist der Kehlkopf sowie die sehr kurzd tuftröhrci
häutig. Die Lungen bilden zwei lange weit in die Bauchhöhle bis
zur Aftergegend reichende blasige Säcke. Ein eigentlicher Magen
liefs sich nicht unterscheiden; der beinahe gleich dicke Darmkanal ist
in seinem Innern mit einer Spiralklappe versehen. Die Bauchblase
(Harnblase?) länglich eiförmig. Das Thier wurde nicht, wie früher
angege])en wurde, im Amazonenstrom selbst, sondern in einem Was-
sergraben am Madeira -Fl. und in einem Sumpfe am Amazonenstrome
gefunden. Das gröfste Ex. mifst 3 F. 9'"!
Die Iconogr. d. Faun. Italic. Livr. 19. enthält: Sala-
viandra maculosa, atra, perspkillata ^ fitsca.
Tschudi theilte interessante Beobachtungen über den Ge-
burtshelfer-Frosch (^Alytes ohstetricans Wagl.) mit. (/.siy.
1837. 702.)
Die Begattung selbst sah er leider nicht, glaubt aber, dafs sie,
wie Demours angab, auf dem Trocknen vor sich gehe und von selur
362
kurzer Dauer sei. Er vermuthet, dafs sie jährlich zweimal im Früh-
ling und Herbst stattfinde, weil er gegen Ende Octobers cf fand, die
reife Eier um den Schenkeln trugen, und weil $ im Juni so weit
vorgeschrittene Eier am Ovarium zeigten, dafs sie unmöglich erst im
kommenden Frühjahr gelegt werden konnten. Nach der Begattung
trennen sich die 9 sogleich von den cf und machen ihre Löcher in
einiger Entfernung von diesen. Die Löcher der r^ werden nicht
verstopft, wie Wagler angieht, sondern die <^ verlasssn alle Abend
mit den Eiern beladen ihre Schlupfwinkel, um ihre, wie eine feine
Glocke tönende Stimme hören zu lassen. Sie können sich äufserst
schnell rückwärts eingraben, indem sie mit den Hinterfüfsen die Erde
wegscharren. Die Röhren haben zuweilen 37 F, Länge und einige
Nebenröhren, 6 — 1 ^ bewohnen gewöhnlich ein Loch. Die Eier»
jedes ringsum von Gallerte umgeben, befinden sich in einem äufserst
dünnen durchsichtigen, sehr elastischen Schlauche, welchen bekannt-
lich das cf um seine Schenkel geschlungen trägt, und der bei 73
Eiern 65 F. (?) Länge hat. Ihre Lage am Schenkel des cf ist so,
dafs dessen Harn sie immer feucht erhält; vom Thiere genommen
schrumpfen sie bald zusammen und verderben. Bei völliger Reife
der Embryonen entledigt sich das (^ der Eier. Eier, in welchem
schon der ganze Fötus sichtbar war, entwickelten sich noch, nach-
dem sie 2 Stunden in starkem Weingeiste gelegen. Das $ geht ab-
solut, nie ins Wasser,- das cT höchstens für wenige Stunden.
Oth bildet mit Recht aus einem südeuropäischen Frosche, wel-
cher von Wien aus unter dem unpassenden Namen Pseudes pi-
et US versandt zu werden pflegt, eine eigene, scharf unterschiedene
Gattung Discoglossus mit der Diagnose:
'•■•■ Similis Ranae, sedcaput minus minusque distinctum, rostrum sub-
acutum; trmicus ovatus, depressus; antipedcs breves digitis 4 libe-
ris, Schildes breviores digitis 5 palmatis, secundo longissimo, tribus
interioribus sensim minoribus; tympanum iatens; palpebra inferior
conspicua; dentes maxillae et palati, mandibulae nulli; lingua circu-
laris int<?gra, mento tota adnata, margine solum soluta. — D. pictus
Sicilien, Spanien. Tschudi beschreibt eben dort eine zweite Art:
D. sardus. Neue Denkschr. der allg. Schweizer. Gesellschaft Bd. 1.
h. Serpentes.
H. Schlegel's Essai sur la Physiognomie des Serpens,
Amsterdam 8. mit Atlas.
Höchst wichtig, wenn gleich des Verf. Principien in Zusammen-
ziehung der Genera und Arten mir für die Systematik nicht eben er-
sprieslith erscheinen, üeber dieses Werk, sowie über die demnächst
zw erwähnenden mit einem f bezeichneten Arbeiten aus dieser und
der folgenden Ordnung mufs ich wegen Mangel an Raum und Benuz-
zung der hies. Hilfsmittel einem späteren Stücke des Archivs eine
specielle Analyse vorbehalten.
363
•J- Reptiles de Ja Voijuge de la Favorit e decr. jtar F. Eydonx et
P. Gervais in Guer. Mag. 1837. meist Schlangen.
Xenodermus ReinJi. nov. Gen. dieses Arch. III. 1. S. 136.
Unsere Sammlung empfing bald nach Publication meiner Beschrei-
bung ein zweites Ex. ebenfalls aus Java.'
Stephanohydra, J. /, Tschudi. d. Arch. HI. 1. S. 331. Die
Icon, d. Fauna Ital. enthält Abbildungen von Rhabdodoti {Coelo-
pcltis) Livr. 19 Tarhopliis fallax (-welcher Name .die Pnorität hat)
(Livr. 20) und Coluh, leopardinus jung.
c. S a u r i.
-^ D unter il und Bibron Erpetologie generale. J5d. IV. Paris
1837. 8. umfafst die dickzüngigen Eidechsen.
•j- Gravenhorst^ Beiträge zur genaueren Kenntnifs einiger Ei-
dechsen-Gattungen mit 3 Tafeln. Act. kcad. Caes. Leop.Nät^yCtik Vol.
XVin. P. IL S. 713. • ' ^
Wiegmann, herpetologische Notizen, d. Arch; III. 1. S. 123. fg.
Scinkoiden und Ophiops (^Amystes Wiegm.) aus der Familie der
Lacerten. V;^ •'' '"■- ^ ' fu<o r^.^a
üebei- die S 6 Ü w e i' z e r Echsen' erhielten wir eine vortreff-
liche Monographie von Tschudi. (Neue Denkschr. dei^ allgemeinen
Schweizerischen Ges. Ncuchatel 1837. 4to.) Die in der Schweiz be-
obachteten Saurer sind: Lacerta viridis, agilis, Zootoca pyrrhogastra
Wagl. {Lac. crocea Wolf.) und Z. montana Tsch. (Lac. montana
Mik.) wohinVerf, L«c. wz^ra TFo/^. als Varietät zieht, Podarcis mura-
lis Wagl. MVi^Anguis fragilis. — Dafs Lac. montana sich hinsicht-
lich der Fortpflanzung fast wie Lacerta crocea verhält, hat Reichen-
bach nachgewiesen, Isis. 1837. S. 512, nur scheinen die Jungen etwas
später auszuschlüpfen; denn bei Lac. crocea verlassen sie in 5 — 10 Mi-
nuten nach Tschudi die Eihüllen. Ein $ der ersteren legte 7 schwarze
Eier, die in Gröfse und Form von denen der Lac. agiJis ganz ver-
schieden waren. Am andern Morgen fanden sich statt der Eier 7
schwarze Junge mit durch ochergelbe Punktreihen angedeuteten Rük-
kenstreifen und erMiescn sich als Lac. nigra y womit der Beweis ge-
führt wird, dafs diese nur Varietät von L. montana ist.
Die Icon. d. Faun. ital. enthält: Lacerta viridis in ihren ver-
schiedenen Zuständen {Livr. 16.^ Podarcis muralis {Livr. 17.) An-
guis fragilis und Pseudopus serpentinus jung (Livr. 20.J
Memoire sur le Poceilopleuron Bucklandi, grand sauricn fos-
sile etc. par Endes -Deslongscha?nps. Cäen in 4to mit 8 Tafeln.
L. Z. Fitzinger über Palaeosaurus Stern bergii. Annalen des Wie-
ner Museums. Bd. II. 1. S. 171.
d. C h e l 0 n i i.
Abbildung von Sphargis. Icon. d. Fauna ital. Lief. 19. Eine
lebende Seesciiildkröte, nach v. Siebold Chclonia Cauana Schw., wurde
im November 1835 bei Zoppot an die Ostseeküste geworfen. Ob sie vou
364
einem Schiffe entkommen, bleibt freilich unentschieden, doch wird
es wahrscheinlich dadurch, dafs Magen und Därme von genossenem
Futter und Speisebrei völlig leer und die Eingeweide von Fettmassen
ziemlich entblöfst waren. Pr. Provinz. Bl. 18. S. 495.
XU. A V e s.
Allgemeines.
Deutsche Ornithologie od. Naturg. aller Vogel Deutschlands in
naturgetreuen Abbildungen und Beschreibungen herausgegeben von
Dr. Bekker, Lichthammer, C. W. Bekker und Lembcke. Neue Aus-
gabe. Heft T. (XXII. der Sammlung) mit 6 Abbild, von C. Susemihl.
Darmstadt \ Roy. fol.
H o r n s ch u ch und Schilling, Verzeichnifs der in Pommern vor-
kommenden Vögel. Greifswald. gr. 8.
E. F. Homeyer, systematische Uebersicht der Vögel Pommerns,
mit Rücksicht auf den allgemeinen Character des Landes, das ört-
liche und quantitative Vorkommen der Vögel u. s. w. Anclam. gr. 8,
H. D. F. Zander, Naturgeschichte der Vögel Mecklenburgs.
Th. 1. Hft. 1. Wismar, in 8.
Systematische Darstellung der Fortpflanzung der Vögel Europa's
mit Abbildung der Eier; im Vereine mit Pastor L. Brehm und A. W.
Thieneraann herausgegeben von Dr. Fr. Aug. Ludw. Thienemann. 5te
Abtheil. Wasservögel. Mit 10 ill. Tafeln. Leipzig. 4to.
Lemaire histoire nat. des Oheaiix d' Europe 1 part.
Mittheilungen über europäische Vögel von Küppell im Mm: Senk-
kenberg, IL 2. S. 177.
Enthält Beschreibung und Abbild, eines neuen, dem Falco cyancus
nahe stehenden Circus^ C. dalmatinus Rujip., welcher in Dalmatien
sehr häufig sein soll. Er unterscheidet sich von der Kornweihe durch et-
was grÖfsere Länge der Flügelspitzen, welche bei sonst gleicher Körper-
grÖfse \ " mehr beträgt, und dafs dieselben durch die dritte Schwungfe-
der gebildet werden, während bei der Kornweihe die 4te Schwinge die
längste ist. — Die Bemerkung, dafs Alauda bifasciata Licht. hcrGits 1814
in dem Appendix zu Salts Reise als A. desertorum von Stanley beschrie-
ben sei, dafs T emmink ]da?tch. col. f. 393 sie im Jugendkleide abgebildet
habe, und dafs ihr eigentliches Vaterland die Steppengegenden Nordafri-
ka's seien. Die Bemerkung über Sylvia Ruppellü Tem?n.(S. cupistrata
Rüpp.), dafs beide Geschlechter des ausgefärbten Vogels in schwarzer
Färbung der Kehle und des Vorderhalses einander gleich seien undTem-
mink das Jugendkleid als Weibchen abgebildet habe. — üeber die in
Europa lebenden weifsen Reiher. Zwei grofse schwarzlufsige Arten
A. eg-retta Z.., mit schwarzem Schnabel 3 F. 4", Schnabel 6",
Tarsus 6" 7'"und^. alhaL. mit gelbem Schnabel, 3 F. 1", Schna-
bel 5" \."' Tarsus 6" im südlichen Europa, Abyssinien und wie es
Bcheint bis zum Cap — werden unterschieden. — Ai^dea lentiginofa
369
Mont. wird, weil sie in Irland öfter gesehen, als zur ciirop. Fauna
gehörig, aufgeführt — über die europ. Pelckane.
William Swainson: Jiirds of Wastern \Africii. Edinburg.
1837. 2 Vbl. 8. erschien als der VII. und VIII. Band der Ornitholo-
gie in W. Jardine's naUiralisfs Library. Ungemein reichhaltig, mit
vielen hübschen Stahlstichen.
Synopsis avium ab Aleide d'Orbiguy, in eins per Americam me-
ridionalein itinere collectarum, ab ipso viatore et de Lafresnaye in
ordinem redactarum. (Raub- und Singvögel) erschien in Guerins]^iay^.
d. Zool. 1837. Cl. JLj ist auch als besonderer Abdruck käuflich.
L 'Herrn inier gab durch die Anatomie mehrerer seltenen Vögel-
gattungen Atm. d. Sc. nat. VlIL S. 97. über deren systematische
Stellung wichtige Aufklärung.
Opisthocoftius cristatus Ill.-Palamedea cornuta L. und chavaria
— lieinipodius Te?nm. — Rupicola. Der erstere ist durch einen
enormen Kropfs einen dünnwandigen Vormagen und einen überaus
kleinen Magen von der Gröfse einer Olive und mit wenig dicken
Wänden ausgezeichnet. In dem Zwischenräume zwischen Kropf und
Magen zeigt die Speiseröhre eine 5" lange, verschiedentlich gewun-
dene Erweiterung mit Einschnürungen. Die Blinddärme sind cylin-
drisch, ziemlich dick, 1" lang. Es geht hieraus hervor, dafs dieser
Vogel nicht, wie Nitzsch wollte, mit den Musophagen zusammenge-
stellt werden kann. Wenn gleich sein Sternuni einige Eigenthümlich-
keiten zeigt, stimmt es doch im Wesentlichen mit dem der Hühner-
vögel, und da der Vogel sich nur von Blättern nähren soll, so mufs
man ihn wohl mit den Hühnervögeln als abweichende Form verbin^
den. Valamedea besitzt eine kropfartige Erweiterung der Speise^
röhre zwischen dem Vormagen und dem eigentlichen Magen (!) und
enorme Blinddärme. — liemipodius hat keinen Kropf; der Be-
schreibung nach stimmt sein Brustbein sehr mit dem der Crypturen
und ich möchte ihn mit diesen in einer Familie zusammen las-
sen, wie ich es in meinem Handbuche that, und beide als abwei-
chende Glieder der Hühner ansehen. Rupicola vei^hält sich wie Pijira,
a. Natatores.
Brandt hat fernere Beiträge zur Kenntnifs der ruder-
füfsigen Schwimmvögel gegeben {Bull, scienti/. de St. Peters-
hourg II. Nr/ 20.), indem er nach ihrer Skeletbildung ihre^
natürlichen Beziehungen entwickelt.
Er unterscheidet 3 Gruppen, in der einen die Scharben, Anhin-
gas, Tölpel und Kropfgänse verbindend, während die zweite nur die
Fregatten -, die dritte nur die Tropikvögel (Vhaethon) begreift. Ich
möchte indessen in diesen keine besonderen Gruppen, sondern nur
die abweichenden (üebergangs-) Gattungen der Scharben-Familie er-
kennen , wie ich denn auch in meinem Handbuche die Tropikvögel
a66
als üebergangsglieder zu den Sccschwalben , die Fregatten in meinen
Vorlesungen als Üebergangsglieder zu den Seeadlern bezeichnet habe,
r- Vodiceps und Eudytes will Verf. als zwei besondere Typen der
Schwimmvögel betrachten, von denen sich die erstere mehr an Fu-
lica und Podoa, die letztere mehr an die Alken reihen soll. Wir müs-
sen hierüber des Verf. ausführliche Arbeit erwarten.
Ebendaselbst S. 344. giebt Brandt eine monographische
Uebersicht der Alkenfamilie;
Fam. Alcadeae.
Trib. 1. Pterorhines. Nares pennulis.brevissimis plus minus-
ve tectae.
->■■' Gen. 1. AI ca. Brifs. Linn. e. p. Rostrum transvcrsim sulcatum,
a latere inspectum ovale, compressum. A. torda L. — A. impennis L.
Gen. 2, Uria. Brunn. Lath. llostrum csulcatum, subconicum, com-
pressum, Caput longitudine subacquans. Nares supra totae pennu-
lis tectae. Pedes fortiores.
a. Subg. Lomvia. Rostrum altius et latius:
■ '■; i, U. Troile Lath. (U. Lomvia Brunn.) 2. U, Brünnichii Sab.
(ü. Francsii Leach; ü. troile Brunn.) — 3. U. Ringvia Brunn, (ü.
lacrimans La Pyl.)
b. Subg. Grylle Rostrum angustiüs, subconium:
4. U. Grylle Lath. — 5. U. Mandtii Licht.— 6. ü. carbo. Br.
Cepphus Carbo Pall. Zoogr. tota nigra, p«dibus rubris, orbitis et
Stria ab orbitis pone oculos ducta albi's. a
Gen. 3. Brachyramphus. Brandt. Rostrum capite multo bre-
\lUs apice adunco, lateribus fortius compresso. Narium dimidia pars
pennulis tecta. Pedes debiliores.
a. Subg, Apobapton. Br. Rostrum minus elevatum, angustiüs.
Sp. 1. Br. marmoratus Br. (Uria marmorata Lath. Cepphus perdix
Pall. Zoogr.) Sp. 2. Br. Wr angelii Br. Rostrum capitis dimidii circi-
ter longitudine. Caput supra, nucha et dorsum e nigricante grisea
Alae et cauda nigrae. Reliquae partes, nee non Stria longitudinalis su-
pra.alam albae. Tarsi digito medio breviores. Longit. tot. 9V' Patria:
3nsuL Aleuticae. Sp. 3. Br. brachypterus Br. (Uria brachyptera
Kittl. Ms.) supra cinerea, alis caudaque nigricautibus. Collum sub-
tus et in lateribus, pectus et abdomen alba. Rostrum capitis dimi-
dii circiter longitudine. Tarsi digito medio longiores. Longitudo a
rostri apice ad caudae apicem 9." Patria Unalaschka. Sp.4. Brach.
Kittlitzii. Br. Supra cinerea nigricante et pallide e fusco-flaves-
centc undulata et submaculata; subtus alba, subfuscescente tenuis-
sime lavata, nigro et quidem in pectore frequentius undulata. Alae
e cinerascente et fusco nigrae. Rostrum brevissimum, capitis lon-
gitudinis } circiter adaequans. Tarsi digito medio breviores. Long,
tot. 9". Kamschatka.
,^ b. Subg. Synthliborhamphus Br. Rostrum breve, altum,
dilatatum, a latere inspectum fcre ovale. Sp. 5. S. antiquus Br.
.367
(Alca antiqiia Lath. üria antiqiia Pall.) Sp. (5. S. Temminckii
Br. (U. Wumizusume Tem. PI. col. t. 579.)
4. Gen. Mort^ulus Ray (Uria Briss. e. p. Ccphu.s Cuv.) Sp. i,
Mcrg. mclan olcurus Kay (M. Alle Vieill. gal. t. 295. Uria mi-
nor IJrifs. Alca alle L.)
Tril). II. Gymnorhincs s. Aptcrorhines, Nares pennulig
haud obtcctae.
5. Gen. Ptychorham phus. Br. Rostrum conirum, subacutum.
modice elongatum. Maxillae pars basalis supra plicis nonnullis tran.s-
versis, angustis, cutaneis tecta. Sp. 1. Pt. aleuticus Br. üria
aleutica Pall. Zoogr.)
6. Gen. P li a 1 e r i s Temm. Rostrum breve fere trianguläre. Ma-
xiila basi sine appcndice, apice aduiico. Mandibula margine supc-
riore recto vel subrecto.
Sp. 1. Ph. tetracula (Alca tetracula Pall. Spicil. üria tetracu-
la Pall. Zoogr.) — Sp. 2. P. dubia Br. (U. dubia Pall. Zoogr.) —
Sp. 3. Pb. pygmaca (Alca pygmaca Gm. s. n. üria pusilla Pall.
Zoogr.) Sp. 4. Pb. microceros Br. similis habitu Ph. pygmaeae,
sed paulo minor. Rostrum rubrum. Maxillae dorsum basi comiculo
auctum. Caput cristula destitutum. Pectus nigro undulatum vel lavatum.
Sp. 5. Ph. camtschatica Br. (Alca camtschatica Lepechin Nov.
Act. Potrop. XII. t. 8. üria mystacea Pall. Zoogr.) — Phaleris cri-
statella Tem. pl. col. t. 200. (Mormon superciliosa Licht. Doubl. Verz.)
Gen. 7. Tyloramphus Br. Maxiila ba.si prope angulum oris
tuberculo aucta. Mandibulae ßuperior margo emarginatus. Sp. 1.
T. er is tateil US Br. (Alca cristatella PalL Spie, üria cristatella
Pall. Zoogr.)
Gen. 8. Ombria Eschsch. Rostrum valde corapressum et al-
tum a latere inspectum fere ovale. Maxilla sub^pice emarginata scal-
pello, mandibula apice suo acutissimo sursum directo falci similis.
gpec. 1. O. psittacula Eschsch. Atl. t. 17. (Alca psittacula PalL
Spie. Z. Lunda psittacula Pall. Zoogr.)
Gen. 9. Cerorhina Bonap. (Chimerina Eschsch.) Rostrum
comprcssum , altum , a latere inspectum fere ovale. Maxilla adunca
in partis dorsalis basi corniculo compresso aucta; mandibula adunca,
apice deorsum directo. Spec. C. oricntalis. (aliis Cerorliyncha
Orient.) Bonap. Ann. d. Lyc. de New -York; Ch. cornuta Eschsch.
Atl. 12. Alca monocerata Pall. Zoogr.)
Gen. 10. Fratercula Brifs. (Lunda Gessn. Mormon 111.)
Rostrum altissimum, lateribus valde compressum et ovale, apice sul-
cis transversis parallelis, Ceroma tumidum, incrassatum.
a, Subg. Ceratoblepharum Br. Supra palpebram superiorem
appendiculus triangularis comeus. Sulci in rostri apice obvii retror-
sum arcuati. Ab ocuHs ad nucham sulcus elongatus in ptilosi.
Spec. 1. Fr. (Ccratobl.) arctira. Alca arctica L.
Spec. 2. ¥ r. (Ceratobl.) corniculata Br .Mormon Comic. Auct.
36B
\). Subg. Gymnoblcphariim. Siipra palpcbram siipcriorem
appendiculus corncus nullus. Sulci in rostro antrorsum arcuati. Ab
oculis ad niicham, ubf sulcus in subgenere antecedente, penicillus
pennarum elongatus. Spec* 3. Fr. (Gymnobl.) cirrata. AIca cirrata
Fall. Spie. Z. Fase. V. p. 7.
Brandt untersebied 8 neue Arten der Gattung Cur ho. Bullet,
de l'Acad. d. St. Pctersb. III. 55. fg.
A. Caput crista destitutum.
a. Maiores vel mediae.
1) C. penicillatus. Caput totum, collum, dorsum, pectus, abdo-
men, crissmn et femora atra; capite et colli superiore parte e viola-
scenti et viridi; colli inferiore parte, dorso pectore, abdomine, crisso
et femoribus e viridi nitentibus. Tectrices alarum ex atro-viridi
splendentes anguste atro marginatae. Gula e fuscescente alba. In
regione parotica, nee non supra humeros pennae angustissimae, clonga-
tae, albae, rectae, subsetaceae, subpenicillatae. Cauda breviuscula,
atra, scapis aterrimis. Pedes atri. Longit. (a rostri apice ad caudae
apicem) %' 1'' 4'" Patria?
2. C. cincinatus Br. Caput, Collum, dorsum, pecius, abdomen
crissum, uropygium et femora atrosericea, virescentia. Cauda me-
diocris, atra, nitida. Tectrices alarum e subfuscescente griseae, atro
marginatae. Supra ociilum in quovis latere linea e pennis albis for-
mata, quarum posteriores valde elongatae, raro ' radiolatae , subri-
gi^ulae, retrorsum et deorsum cincinni instar directae et lateraliter
subpatentes. Pedes atri. Long. tot. 2' 11" 10'". Insula Kodiak.
3. C. hypoleucos Br. caput et Collum supra, dorsum uropy-
gium, hypochondria et femora atra ex viridi sericea. Tectrices ala-
rum griseae ex atro viresccnti anguste marginatae. Cauda quadrata,
breviuscula cum tectricibus atra. C^itis latera, gula, colli anterior
pars et latera, pectus, abdomen et crissum Candida. Angulus oris et
mandibulae basis nuda. Pedes atri. Long. 2' 2" 9"' Patria?
4. C. purpurascens Br. Caput, cervix et colli latera, dor-
sum et femora atra e violascente viride nitentia. Tectrices alarum et
hurtieri atra e purpurascente et viridi nitentia. Cauda breviuscula
quadrata, atra, scapis basi albis, dein atris. Gulae media et colli
inferior pars, pectus, abdomen et crissum, fascia transversa pone
alae interiorem marginem alba. Pedes, ut videtur, e fusco-flaves-
centes. Long. tot. 2' 3V Patria ignota.
b. minores habitu et magnitudine ad C. pygmaeum plus minus-
ve accedentes..
5. C. mexicanus Br. Rostrum e flavescente et fusco variega-
tum caput longitudine paullo superans. Maxilla supra glabra, nigii-
cans. Gulae pars nuda postice arcuatim pennulis albidis terminata.
Caput, Collum, dorsum, pectus, abdomen, uropygium et crissum
aterrima, vix paulisper virescentia. Tectrices alarum mediae nee
«lon humerales e fuscescente griseae, atro marginatae. Cauda
angusta, cuneato - elongata trunco dimidio longior. In capite
369
et coHo ponnul.io sparsae albidae. Long. tot. 2 ' 1 '" Patria Me-
xico (?)
6. C. sulcirostris Br. Rostrum fere ut in antecedonte» sed
brevius et in maxillac dorso siilcis pluribus parallelis, regularibus
instriictum. Pcnnanim mar^o giilae partem nudam postice terminans
antrorsum angiiliim acutum efficicns. Color fere ut in antecedente, sed
Collum sericeo - virescens. Pennulae humerales , tectrices alarum supe-
riores et mediae apice rotundatae. Cauda latior, brevis, tertiam trunci
longitudinis partem sua longitudine aequans. Long. tot. 23". Südsee,
7. C. melanognathos. Br. (C. pygmaeus Gray. Ind. Zool.)
Rostrum capite ])revius, excepto apice fere totum nigrum. Pennarum
margo gulae partem nudam postice terminans e medio angulum acu-
tum antrorsum emittens. Caput, collum, dorsum, pectus, abdomen,
iiropygium et crissum aterrima, nitidula, vix virescentia, Caput pen-
nulis tenuissimis albo striatum. In nuchae lateribus pennae subseta-
ceac, elongatae, flexuosae. Pennulae humerales acutissimae, rigidulae,
radiolis subsetaceis. Tectricum alarum minorum superiores e vires-
cente atrae, reliquae acutissimae, griseae, nigro margin atae. Cauda
trunco dimidio paulo brevior, atra, gradata. A rostri apice ad cau.
dae apicem 21" 4"'. Südsee.
B. Caput cristatum.
8. C. albigula. Br. Caput totum, gulae latera, collum, dorsi
media pars cum uropygio hypochondriorum superior pars et femora
e fuscescente atra, subviolascentia et e viridi nitentia. Humeri et
tectrices alarum atro-fuscae, vix paulisper virescentes, margine ob-
scuriores. Cauda brevis, cuneata, supra cum tectricibus inferioribus
atra, scapis supra totis atris', infra obscure fusca. Gulae medium et ^
colli anterioris inferior pars, pectus, abdomen totum et hypochondrio-
rum posterior pars Candida. Long. 2 '4^". Chile. — Der Schopf
fehlt zuweilen, wahrscheinlich nach der Jahreszeit. Von C. sarmen-
tionus King durch die schwarze Farbe der Waagen und der obern
Tkeile der Schenkel verschieden.
Andere Arten beschrieb Gould.
Phalacrocorax brevirostris.: Gould. Pr. Z. 26. P. rostro
flavo culmine basique nigrescenti-fuscis; gutture, plumis' auricularibus
genisfque albis. Nucha pectore corporeque subtus cum cauda nitida
nigris, dorsi alarumque plumis intense cinereis, nigro marginatis, pe-
dibus nigris. Long. tot. 23"; rostro 2|; alae 9^; caudae 7^;
tarsi 1^.
Phalacrocorax carboides Gould. P. gula et faciei lateri-
bus albis; summo capite, nucha, corpore infrä, uropygio, caudäque
nitide nigro -viridibus; rectricibus caudae 14; dorso alis, lateribus
superioribus nigro - brunneis, singulis plumis nitide nigro - viridibus
late marginatis; nucha plumis gracilibus lanceolatis albis ornatä, pau-
cis apud femora externa; rostro corneo; pedibus nigris. Long. tot.
unc. 34; rostri 4; alae li; caudae 3, tarsi 2|.
Hab. in terra Van Diemen. Pr. Z. S. 156.
370
P. leucogastcr. Gould. P. fronte, siimmo capite, ntichäuropy-
gioque viridi-nigris; dorso tectricibusque alae viridibus, singulis plu-
mis nigro marginatis, primariis secimdariisque nigris, gutture, lateri-
bus nuchae, corporeque infra albis; rostro nigro, rubro tincto; pedi-
bus nigris. Long, tot unc. 26; rostri 3; alae, 11 1; caudae 5t;
tarsi 2i. Hab. in Nova Cambriä Australi. Pr. Z. S.156.
P. flavirhynchiis. Gould. P. summo capite, nucha, dorso,
uropygio, crissoque nigris, tectricibus alae et scapularibus cinereo-
nigris; lineä supraoculari, gutture, corporeque infra albis rostro ni-
tide aurantiaco, culmine fusco; pedibus fuscis. Long. tot. unc.
23; rostri 2| , alae 9|; caudae 6^; tarsi 1^. Hab. in Nova Cam-
briä australi. Pr. Z S. 157.
Sula rubripes. Gould. S. capite, pectore, gutture, abdomine
crissoque fusco albis; dorso, rectricibusque caudae caryophyllaceis,
fusco -cinereis irroratis ; primariis secundariisque nigro fuscis, rostro
flavescenti carneo, apice nigro, pedibus nitide rubro - aurantiacis.
Long. tot. unc. 23, rostri, 4, alae 14, caudae 7; tarsi 1|. Hab. in
Nova Cambria Australi. Proc. Z. S. 156.
'Brandt hat ferner genauere Diagnosen der 3 Phaethon-Artdn
P, aethereus L., pho^nicurus Gm. und Ph. (Lepturus) candidus Brijs.
gegeben. Bullet, scient. de St. Petersb. IL S. 349. , für letzteren schlägt
er den Namen ßavirostris vor, weil dieser die Art besser characteri-
sire. Wie ich schon im vor. Berichte aussprach, halte ich derglei-
chen Abänderungen für unzulässig, soll nicht der Zweck der Namen-
gebung verfehlt werden.
Derselbe hat ib. S. 314. eine neue Art Catarractes
Bri/s. aufgestellt und characterisirt beide Arten der Gattung
folgendermafsen:
1. C. chry socome. "(Aptenodytes chrysocome Forst.) Crista
intus nigra, extrinsecus sulphurea anguste in rostri basi incipiens
postice dependens. Color nigricans in gula truncatus. Tectrices cau-
dae superiores omnes dorso concolores.
2. C. chrysolpphus Br. Crista in media fronte incipiens ma-
xima ex parte e pennis vitellinis composita. Color niger in gula
triangularis. Tectricum caudae ^uperiorum mediae albido - flavicantes.
Puff in US assimilis. Gould. P. summo capite', corpore suprä
alis caudaque fuliginosis; lateribus faciei, gula corporeque infra al-
bis; rostro fuscescenticorneo, tarsis digitisque viridescentiflavis; mcm-
branä inter-digitali aurantiaca. Long. tot. unc. 41; rostri 2|; alae
64; caudae 3; tarsi 1|. Hab. in Nova Cambriä Australi. Proc.
Z. S. 156.
Sterna melanura. Gould. S. summo capite corporeque suprä
brunneis; primariis caudaque nigro - fuscis ; caudä furcatä; fronte,
guttiue corporeque infra albis; rostro pedibusque nigris. Long.
371
tot. unc. 11; rostri, Ij; alae 9; Icaiidae 4|; tarsi, |. Hab in Nova
Cambriä Australi.
Sterna poliocerca. Gould. Pr. Z. S. 26. S. fronte cinera-
scenti-albo in nigrum ad occiput mergente; gutture, collo antice et
postice^ corporeque subtus albis; corpore supra alis caudaque cine-
rascentibus ; rostro flavo; pedibus nigris. Long. tot. 17^ unc; ro-
stri 2|; alae 12|; caudae 7 ; tarsi 1. Terra Van Diemen.
S. macrotarsa Gould. S. vertice et nucba nigris; corpore su-
pra primariisque argenteo-cinerascentibus; partibus reliquis corporis
albis, rostro pedibusque nigris. Long. tot. 15"; rostri 2^; alae 12,
caudae 51; tarsi, 1|. Terra Van Diemen.
Larus sabini wurde dreimal und zwar im Herbste in Irland
geschossen, desgleichen Sterna stolida s. Mag. Zool. Botan. l
S. 159. Sterna casjtia nach H. Rathke in Ostpreufsen. Pr. Prov
Bl. 18. S. 498.
B. Grallatores.
Höchst interessant ist die Mittheilung des Pfarrers Köhler in
Ostpreufsen, dafs sein zahmer weifser Storch schwimmend
über den 30 F. breiten und mannstiefen Elskeflufs setzt, wobei er
den Ko|)f in die Schultern zieht und diese etM^as hebt, sonst den An-
stand eines Schwans zeigend. Preufs. Prov. BL Bd. 18. S. 376.
V. Nordmann hat den Charadrius spinosiis ^ den man bisher
als einen Bewohner Senegambiens, Nubiens und Aegyptens kannte,
im südwestlichen Rufsland geschossen, und vermuthet, dafs er dort
brüte. Bullet, de St. Petersb. IL p. 350. Ein $ der nordamerikani-
schen Ti'inga pectoralis wurde im October 1830 bei Yarmouth, und
Tringa platyrhyncha Temm. im Sommerkleide im Mai 1836 eben-
falls dort geschossen. Hoy im Loiid. Mag. N. S. 1. p. 115, der
ebendort p. 117. über das Vorkommen der Ardea purpurea in Suf-
folk Einiges mittheilt.
E. Rüppell gab eine Monographie der Gattung Otis mit Ab-
bildungen der Otis Kort Burch.^ 0. Ludvigii Rüpp. und 0. Rhaad
Lath. (Mus. Senckeub. IL S. 207.) Verf. begreift unter der Gruppe
der trappenartigen Vögel die Genera: Oedicnemus Temm. Curso-
rius Lath. und Otis Lin. Aus der ersten Gattung beschreibt er
eine neue, Kordafan, Nubien und Abyssinien bewohnende Art, O.af-
finis R., welche von Temminck mit dem O. capensis verwechselt
ist, wenn er behauptete, der letztere finde sich auch im östlichen
Afrika. Eigentliche Trappen werden 16 wohlbegründete Arten be-
schrieben, und aufserdem 3 ungenügend bekannte, hinsichtlich der
geograph. Verbreitung, der Synonymik und Beschreibung derselben
mufs auf des Verf. gründliche Abhandlung verwiesen werden. Eben
dort S. 208. bildet Hr. R. eine eigene Gattung Cheilodromas für
Charadrius melanocephalus Lath., (Cursor charadrioides IVagl.), über
dessen Lebensweise er Einzelnes mittheiit,
IV. Jahrg, 2. Bd. 25
372
Haematopus Australasiatius. Gould. H. capite, nuchä, pe-
ct ore, dorso alisqiie obscure viridi - nigris ; rectricibus caiidae basi
niveis ; tectricibus, alae apice, abdomine^ uropygio et tectrieibus cau-
dae superioribus inferioribiisque nheis; rostro obscure aiirantiaco.
pedibus riibris. Long. tot. iinc. 17; rostri, 3^; alae 10|; caiidae,
4^; tarsi, 2|. Nova Cambria Aiistrali. Proc. Z. S. 155.
Himantopus leuco cephalus. Goiild. Pr. Z. S. 26. albus;
michä, dorso, alisque rigris, nitore viridi; rostro nigro; pedibus ru-
fis. Long. tot. 15" rostri 2|; alae 8|; caudae 3; tarsi ad primum
articulum 4 ; spatii nudi super eum 2^. Australiä, Java, Sumatra.
Numenius australis. Gould. N. summo capite nuchäque
nigro - fuscis , singulis plumis cervino marginatis; dorso nigrescenti-
fusco singulis plumis rubrescenti - cervino ad marginem irregula-
riter maculatis; tectricibus alae nigro - fuscis , cinereo marginatis;
tertiariis brunneis, marginibus pallidioribus irregulariter maculatis;
uropygio tectricibusque superioribus caudae nigro - fuscis , singulis
plumis cinerescenti- cervino ad marginem fasciatis; tectricibus ma-
joribus alarum nigro - fuscis, ad apicem albis; 1, 2, 3, 4 et 5
primariis brunneis stemmatibus albis, reliquis secundariis irregulariter
albo -fasciatis; lateribus faciei, gutture, corporeque infrä pallide cer-
vinis, singulis plumis, linea centrali nigrescenti-fusca; rostro ad ba-
sin flavescenti-brunneo, ad apicem nigrescenti-brunneo, pedibus oli-
vaceis. Long. tot. unc. 20; rostri 5 |; alae 11; caudae 4^; tar-
si f. Nov. Cambr. Aust. Proz. Z. S. 155.
Rhynochaea australis Gould. R. striga brevi pone oculum
alba, nuchä castanea, fasciis angustis indistinctis^ viridi -brunneis,
summo capite obscure brunneo; genis lateribus, nuchae nigro -brun-
neis; mento albo; dorso olivaceo -viridi, cinereo tincto et obscure
brunneo irrorato; pectore corporeque subtus albis, rostro rufo-brun-
neo; pedibus obscure fuscis. Long. tot. unc. 8|; rostri 2; alae 5^;
caudae 2^; tarsi 1^. N ov. Cambria Aus tr. Proz. Z. S. 155.
Ardea calceolata Dubus. A. corpore nigro; crista occipi-
tali sparsa, longa, pendula, cöUo infimo et tergo plumis subulatis
longis ornatis, cauda et remigibus nigro -ardesiacis pulverulentis ; ti-
biae parte nuda, tarso unguibus, rostro lorisque nigris, digitis et po-
darthris flavo-ochraceis. — Guinea. Gehört zu der Abtheilung der
Nachtraben {CraUers), scheint vielmehr ein wahrer Reiher. Länge
48 Centimeter, Schnabel %\ centim., der nackte Theil der Tihia ih
centim., Tarsus 8 Centim. Mittelzehe ohne Nagel 5 Centim. Bullet,
de BruxelL Tom. IV. p. 39. mit color. Abbildungen.
Ibis olivacea Dubus. Bullet, de Brux. IV. S. 105, aus Guinea
mufs mit L chalcoptera Vieill. näher verglichen werden, denen er min-
destens sehr n,ahe zu stehen scheint. L facie cum fronte nudis nigris;
occipite cristato; plumis cristae longiusculis, supra violaceis, subtus
fuscis; regione parotica fuscescenti- fulva; collo et pectore ex fus-
cescenti-olivaceis; tergo et scapularibus olivaceo -virentibus; abdo-
373
mino obsciire-bninneo-olivaceo, uropygio tectrioibusqiie caudae ob-
sciire vircscenti- cupreis, cauda, remigibus tecfricibusqiie alatiim ma-
joribus nigro-violaceis; alarum tcctricibus mediis minoribusque ni~
iide viridibiis in violaceum vergentibus ; rostro brunneo-rubescenti;
pedibus lividis. Long. tot. 67 centim., rostri 11 C, cnemid. 3 C, tar-
si 7 C, digiti med. 6. C. Guinea.
I. strictipennis. Gould. 1. capite et collo superiore nudis, et
nigrescenti-fuscis, coenileo lavatis; corpore toto et alis albis, cer-
-vino lavatis; plumis in gula longis, angustis, lanceolatis et rigidis;
primariis ad apices coeruleo-viridibus ; tertiariis valde productis et
nigro coeruleis, albo sparsis; tarsis et spatio nudo sub alä rufo-
fuscis. Long, tot unc. 30; rostri 6; alae 14^; caudae 6; tarsi 4.
Australiä. Pr. Z. S. 106.
L erythorhyncha. Gould. L dorso, alis caudäque metallice
viridibus; capite coUoque superiore nigrescenti-cinereis albo sparsis;
corpore subtus nigrescenti-cinereo; rostro pedibusque rubris; rostro
basi nigro. Hayti. Pr. Z. S. 127.
Ibis cnrunculata Rupp. Neue Wirbelth. Abyss. Vögel S. 49. zu-
gleich Uebersicht der geographischen Verbreitung der in Ostafrica
vorkommenden Ibisarten.
Platalea regia. Gould. Proc. S. 106. P. crista occipitali pen-
dente et corpore toto, pectore excepto , albo; pectore flavo parum
lavato; fronte facie anteriori et gulä plumis prorsus nudis, notä super
oculos atque in occipite medio aurantiacä. Long. tot. unc. 39;
rostri 8^; alae 15; caudae 5^, tarsi 5^; Nov. Cambr, Austr.
Foem. differt a mare adulto, statura minore,
P. flavipes Gould. P. corpore toto albo; parte faciei nudä an-
gustiore quam in P. regia; parte nudä et rostro aurantiacis, pedibus
flavis. Long. tot. 28"; rostri 7:^"; alae 14^"; caudae 5^"; tarsi 4|,
Nov. Cambr. Austr.
C, C u r s 0 r e s.
Darwin entdeckte gleichzeitig mit d' Orbig ny eine neue
Art Rhea, welche Gould. (^Proz. Z, S» 35) mit dem Namen
Rh. Darwinü, d'Orbigny mit dem Namen Rh. pennata be-
legte; vgl. d. Archiv Jahrg. V. I. S. 56.
Nach Gould's Beschreibung ist die Art } kleiner, als die bekannte
Rhea americana, welche man nun R. major nennen sollte, hat ei-
nen kürzeren Schnabel und ihre Tarsen sind vorn nicht geschildet,
wie bei jener, sondern genetzt und die Befiederung reicht an den
Beinen einige Zoll unter die Knie (Hacken-) beuge hinab. Bei den
Gduchos Nordpatagoniens heifst sieAvestrux Petise. Ihre blafsblauen
Eier sind kleiner mid länglicher, als die der gröfscrn Art. Beim
schnellen Laufe breitet sie nicht wie diese die Flügel aus. Sie ist ziem-
lich häufig 1*2 " südlich vom Rio Negro und ersetzt im südlichen Pa-
tagonien die Rh. americajiay welche in den Ebenen vom la Plata
25*
374
und des nördlichen Patagonien häufig ist. Zweimal sah Darwin die
letztere Art über den Santa Cruz-FIufs schwimmen; wo der Strom
400 Yards hreit und reifsend war. Sie machten dabei nur langsame
Fortschritte, streckten die Hälse wenig vorwärts und nur wenig wJtr
vom Körper über dem Wasser sichtbar. Die Eier der R. americana
findet man im October und September theils zerstreut, theils in ei-
nem seiehtvertieften Nest zusammen; die zerstreueten (lluachos von
den Spaniern genannt) werden nie bebrütet. Das Zusammenlegen
mehrerer Weibchen in einem Neste schreibt D. dem langsamen Rei-
fen der Eier zu, weil, wenn die W^eibchen erst brüteten, nachdem
sie das letzte gelegt hätten, das erste verdorben sein würde; so aber
sind die Eier in einem Neste ziemlich von gleichem Alter, und wer-
den von den (/ ausgebrütet.
Thomas Keir Short schrieb der zool. Gesellschaft, dafs die
Schnelligkeit der Jpteryx beträchtlich grofs sei. Die Eingebornen
jagen sie entweder mit sehr schnellen Hunden, oder ahmen ihren
Ruf bei Nacht nach, und blenden sie dann, wenn sie heran kommen,
durch ein starkes Licht; denn der Vogel ist ganz nächtlich, geht nur
Nachts seiner in Würmern und Insecten bestehenden Nahrung nach.
Seine gewöhnliche Stellung ist mit zwischen die Schultern eingezoge-
nem Kopfe und abwärts gerichtetem Schnabel. Proc. Z. S. 24. Vgl.
Jahrg. V. r. S. 90.
D. Rasores vel Gallinacei.
In dem Mag. of Zool. and Botany Voi, 1. S. 450 fg. erhielten
wir wieder eine ausführliche Beschreibung eines im wilden Zustande
erzeugten Bastards vom Fhasianus colcJücus und Tetrao Tetrix.
Neue Arten:
Lyurus Derbianus. Gould. (Tetrao) L. vertice, coUo, corpo-
reque suprä nietallice nigrescenti-cyaneis, nitide brunneo fasciatis et
irroratis; tectricibus alae majoribus basi apiceque albis; cauda nigra,
rectricibus externis brunneo irroratis; corpore subtus nigrescenti-
brunneo, albo brunneoque irrorato ; crisso albo; femoribus albis; tar-
sis obscure brunneis; rostro digitisque brunneis. Long, tot» unc. 15;
rostri 1; alae 9; caudae 7; tarsi 2.
Hemipodius melanogaster. Gould. Pr. Z. S. 7. H. capite,
auriculis, gulä abdomineque nigris'; lineä super oculum ad nucham ex-
currente, plumis singulis macula ad apicem alba, nuchae plumis ni-
gris et castaneis, maculis pluribus albis; dorso superiore castaneo-
fusco, plumis singulis macula alba, jlineis duabus nigris cum fasciä
unica nigra apicali, scapulis, tectricibus primariis secundariisque
rufo- brunneis, plumis singulis macula alba nigro circumdatä; reiai-
gibus pvimariis saturate brunneis ; femoribus et tectricibus superiori-
bus et inferioribus caudae brunneis nigro fasciatis et irroratis ; rostro
375
pallide brunneo, pedibus carneis. Long. tot. 8^ iinc; rostri 1; alae
4^; caudae 1|; tarsi 1|. Nov. Cambr. Austr. vel Terra Van Diemeu-
H. melanotus. Gould. Pr. Z. S. 8. H. capite nigro plumis api-
cibus briinneis; loro, linea supra- oculari, buccisque pallide flavo-
brunneis;, plumis buccarum apicibus extremis nigris, nuchä laete ca-
staneo -riifa , plumis singulis fascia lata nigra centrali lineaque cer-
-vina ad latera externa; dorso supcriore uropygio et tectricibus cau-
dae superioribus nigris, singulis, plumis brunneo minute variegatis,
nee lion maculis obscure fulvis; caudae tectricibus externe, et ala-
rum tectricibus majoribus minoribusque stramineis, harum plumis
singulis maculä nigra centrali; ' rectricibus brunneis, gula albe-
scenti; collo antice pectoreque saturate stramineis; lateribus colli et
corporis pallide stramineis, vitta oblonga transversa nigra centrali;
abdomine tectricibusque inferioribus caudae flavo-albidis; rostro
pedibusque fuscis. Long. tot. 6^"; rostri |; alae 3{; caudae f ;
tarsi l. Terra Van Diemen.
Coturnix pectoralis. Gould. Proc. Z. S. p. 8. C. loro, au-
riculis gulaque fulvis: summo capite nuchaque saturate brunneis, lineis
duabus stramineis super oculum; lineä straminea a rostro ad nu-
cham excurrente; nucha brunneä, jplumis singulis lanceolatä centrali
straminea, et ad latera nigro guttatis ; dorso tectricibusque superiori-
bus caudae fuscis, lineis angularibus nigris transversim notatis,
strigäque lanceolatä centrali straminea ; alis fuscis lineis angularibus
griseis et nigris transversim fasciatis remigibus primariis cum maculä
pectorali nigris, lateribus pectoris brunneis; abdomine albo, plumis
singulis linea centrali nigra ; lateribus corporis saturate brunneis, plu-
mis singulis strigis tribus, quarum exteriores nigrae, intermedia alba,
rostro nigrescenti; pedibus fusco - carneis. Long. tot. 6| unc; rostri
^ ; alae 3« ; tarsi |. Hab. Nov. Cambr. austr.
Ortyx plumifera. Gould. Pr. Z. S. 42. O. capite, nuchä,
pectoreque intense cinereis; plumis duabus gracilibus et subpenden-
tibus e vertice nigris; gulä intense castaneä ad latera lineä alba, in-
fra oculos notä nigra; loro sordide albo; corpore superiore oliva-
ceo- fusco; rectricibus caudae fuscis, nigro irroratis; alae primariis
brunneis, pogoniis externis pallidioribus ; abdominis lateribus intense
castaneis; supra lineä alba marginatis; infra fasciis nigris atque al-
bis ornatis; abdomine medio crissoque castaneis; rostro nigro; pedi-
bus pallide -brunnescentibus. Long. tot. 9| unc,; rostri |; alae 5^;
caudae 3^; tarsi If. Hab. California.
Foem. vel mas junior a mare adulto differt, corpore minore, co-
loribus obscurioribus, plumisque capitis brevioribus.
Ortyx guttata. Gould. Proz. Z. S. 79. O. capite cristato;
summo capite nigrescenti -brunneo; fronte et lineä supra- oculari us-
que ad occiput tendente pallide brunneis, singulis plumis ad apicem
376
pallidioribus ; guttiire nigro in longum lineis albis exiguis striato. Plu-
mis auricularibus, lineä utriusque colli lateris ad nucham coalescente,
castaneo - brunneis ; dorso rufo - brunneo, plumis singulis lineis ob-
scuris subfuscis delicatö fasciatis, strigä centrali albescenti - cervinä
interpositä. Scapularibus alaeque tectricibus majoribus magis brun-
neis, notis conspicuis nigerrimis, transversim et irregulariter striatis,
interspatiis guttulis undulatis repletis: plumis scapularibus, tectrici-
Ibusque majoribus et minoribus notapi triangulärem cervinam ad
apicem ostendei^tibus; uropygio pallide luteo obscure guttato; caudä
fuscescenti- nigra notis fasciisque rufescenti-cervinis irregulariter or-
natä; pectore abdomineque intense fuscis, hoc colore in rufura ad
latera transeunte; singulis plumis ad apicem notam albam triangu-
lärem plus minusve nigro cinctam exhibentibus; rostro nigro; pedi-
bus nigrescenti- brunneis. Long. tot. 10 unc. rostri l; alae 5|j cau-
dae 3, tarsi 1|. fg.
Die Columha nicobarica bauet in den Gärten der Lond. zool.
Gesellschaft nicht auf ebener Erde, sondern einige Fufs hoch über dem
Boden und legt nur 2 Eier. Edw. Blyth in Loud. Mag. N.S. 1. S.442
Da aber die Taube dort an unimpregnated female genannt wird,
möchte sich aus der hier beobachteten Eierzahl nicht viel gegen die
frühern Angaben folgern lassen. Vgl. G. Bennett d. Arch. Jahrgang I. 2.
S. 312.
Neue Arten Abyssiniens Col. albitorques R., C. lugens R.
C. bronxina R.j C. semitorquata R., nebst Uebersicht der von
ihm im nordöstlichen Afrika beobachteten Arten erhielten wir in
RüppeU's trefflichem Werke über die abyff. Wirbelthiere. Vögel
S. 63.
E. Insessores Vig.
a. Canori s. Passerinl.
Ungemein zahlreich sind die Mittheilungen über diese Vögel-
gruppe, so dafs es unmöglig wird, ins Einzelne einzugehen. Von
einem sprechenden Kanarienvogel, im Besitze einer Dame zu
London erzählte uns E. Charles wo rth, jetziger Herausgeber von
Londons Mag., welcher den Vogel in Gesellschaft des Herrn Yarr eil
Worte und ganze Sätze wiederholen hörte, imd zwar so deutlich,
wie man es von einem Papagei nur hören könnte. Die Dame hatte
den Vogel, ein Männchen, auferzogen, imd bemerkte einst, als sie
ihm Zärtlichkeiten sagte , mit Verwunderung, dafs er die Worte nach-
sprach, worauf sie etwa 6 Monate lang sich täglich mit ihm unter-
hielt. {Loud. Mag. N. S. 1. S. 548.) Da sich zwei so achtbare Na-
turforscher auf die Aufforderung jener Dame von der Wahrheit die-
ser ungewöhnlichen Thatsache überzeugten, müssen wir wohl jeden
Zweifel daran unterdrücken. Ob aber bei diesem Individuum, wie
377
bei denjenigen iSingvögeln, welche sprechen lernen, die membrana
semilunuris des untern Kehlkopfes individuell eine grofsere Enhvik-
kelung zeigt, wäre der Untersuchung werth. — Minder selten sind
die ebendort S. 279 und 8. 445. als Vetitriloquismus .beschriebenen
Singweisen, wo Singvögel, namentlich dort Rothkehlchen {Sylv.
rubeculä) eine Stimme, wie aus der Ferne, bei geschlossenem Schna-
bel hören lassen , wahrend eine Bewegung der Brust sichtbar ist. —
Ebendort, S. 54, finden wir vom späten Singen der Feldlerche und
des Goldamraers im November, des Stieglitz gegen Ende des Decem-
bers (am 21.) Bei.spiele von N e v. Wood erzählt. . Eben derselbe be-
richtet, dafs einer seiner Freunde am 14. Nov. in der Nähe seines
Wohnortes bei Doncaster ein frischgelegtes Ei eines Dompfaffen ge-
funden und ihm gezeigt habe. — Ausgefärbte Exemplare der rosen-
farbigen Staa ramsei (Tiirdus roseus Gm.) wurden in Belgien
(Instit. 221) und bei Yarmouth (^Loud. Mag. p. 54.) beobachtet. Er-
steres wurde beim Plündern eines Kirschbaumes geschossen.
Manche Mittheilungen über inländische Singvögel in Bezug auf Ost-
preufsen (so über Meisen, Piper, Sylvia atricapilla, Accentor modu-
larius, Certhia faniiliaris) gab der Pred. Löffler. Preufs. Prov.
Bl. 18, S. 65 fg. '' ^
Eine höchst ausgezeichnete Abhandlung über die geographische i
Verbreitung der Singvögel in Südamerika erhielten wir von D'Or- /^/■
bigny in seiner Reise. Eine Uebersetzung derselben wird der 5te
Jahrgang dieser Zeitschrift liefern.
Viele wichtige Beiträge zur Naturgeschichte der ostafrikanischen
Singvögel finden wir in Rüppels Wirbelthieren Abyffiniens, Vögel ^
S. 73. f. Besonders reich ist die Gattung Saxicola bedacht, zu
welcher Verf. auch die Steindrosseln (T. cyaneus xmiS. saxatilis)
wiegen übereinstimmender Lebensweise gestellt wissen will, mit Ein-
schlufs welcher er 21 Arten Steinschmätzer in Nordostafrika beob-
achtete; dabei mehrere der von Ehrenberg aufgestellten Arten
nicht anerkennend. Beschrieben und abgebildet werden S. serimufa
R., S. albiscapulata R., S. sordida R., S. rufocinerea R., S. lugubris
R., S. melaena R., S. alUfrons R. — Es folgen dann die Drosseln
(ßlerula simeitsis R.; Petrocinda semiriifa R. ; Ixos leucopygos nebst
einer Uebersicht der geogr. Verbreitung der drosselartigen Vögel,
Bachstelzen {Motaa'lla) und Ammern im nordöstlichen Afrika. Be-
schrieben und abgebildet werden Motacilla longicauda R. (Abyssi-
nien^ und Emberixa septemstriata R. (ebendaher). Von Cinnyris
wuraen 8 Arten beobachtet, welche theils mit west- und südafrika-
nischen Arten identisch, theils neu sind, so C. affinis R. und C.
gularis R. (ob C. ahyssinicus Ehrb. im Winterkleide?)
Ch. Bon aparte, Pr. v. Musignano, sprach in der zool. Ges.
zu London über viele südamerikanische und mexikanische Singvögel,
Klettervögel und Syndactylen. Prox. Z. S. p. 108.
Viele neue Genera beschrieb G o u 1 d. in den Proc. of the Z.
378
S. als: Geospixa, Cafnarhynckus , Cactornis, CertJädea, Acantho-
rhynchus, Oreocinda, SymmorpJms ^ Psilopus, Origma, Ephthiamira,
Sphenostoma, Cinctorhamphus , Calamantlius ^ Äcanthogenys , Plec-
trorhyncha, EntomopJäla, Deren Diagnosen im 5. Jahrgange Bd. 1.
mitgetheilt werden sollen, wo ich auch die Diagnosen der neuen Ar-
ten dieser und der folgenden Abtheilungen abdrucken lassen werde.
Rüppel stellt im Mus. Senkenb. IL S. 187 eine neue Gattung
der Rabenartjgen Vögel, Psilorhinus, P. mexicahus auf.
b. Zygodactyli seu Scansores.
Ueber die Klettervögel des nordöstlichen Afrika's verdanken wir
Hrn. Rüppell viele werthvoUe Mittheilungen (Wirbelthiere Abyssiniens
9. Lieferung, Vögel. S. 50 fg.)
Verf. beschreibt aufser ^QvaPogonias rubrifrons Siüainf.(Bttc-
co Saltü Sta7iL) eine zweite abyssinische Art P. undatus. Von
hohem Interesse ist die allerdings wahrscheinliche Vermuthung, dafs
die räthselhafto Phytotoma tridactyla Daiid. aus einem Individuum
der ersteren Art, welches zufällig eine seiner Hinterzehen verloren
hatte, entstanden sei. Auch Verf. erlegte ein Ex., an welchem eine
der hintern Zehen (ob an beiden Füfsen, wird nicht gesagt) fehlte.
Ferner Centropns monachus Rüpp. in den Thälern der Kulla in Nord-
Abyssinien. — Von P. aethiopicus Ehr. undP. Hemprichii Ehr.
wird genauere Beschreibung der verschiedenen Geschlechter und
Alter gegeben, — Die S. 62. gegebene üebersicht der vom Verf. im
iiordöstl. Afrika beobachteten Klettervögel zeigt, dafs Abyssinien ne-
ben eigenthümlichen Formen manche Arten mit dem westlichen Afri-
ka so Pogonias Brucci Ä., Cuculus afer Leach (falschlich von Eh-
renberg als neue Art C.pica beschrieben), Psittacus torquatus Brifs.,
andere mit Südafrika Trogon Narina, Cuculus cupreus j andere wie
Cuadus auratus , Klasici, Jndicator minor mit beiden gemein hat.
Trogon resplendens Gould. ist nach Ch. Bon aparte 's Mit-
theilungen (JProc. Z. S. 101.) nur auf einen Theil des gebirgigen
Districts von Vera Pax in der Provinz v. Central -Amerika gleichen
Namens beschränkt. — Er bauet ein tonnen- (barrel) oder sack-
{bag) förmiges, an beiden Enden offenes Nest, wodurch seine
langen Schwanzfedern vor Schaden bewahrt werden. Man erinnert
sich nur eines Falls , dafs er domesticirt wurde. — Eine diesem und
dem TV. pavonmus Sp. sehr nahe verwandte, gleich prachtvolle Art
Boliviens, Tr. antisianus, welche im Osten der Anden die feuchten
Wälder der Provinz Yungas bewohnt, wird von A. d'Orbigny in
Guer. Mag. CI. IL beschrieben und t. 85. abgebildet.
Gould stellte mehrere neue Papageien -Arten Australiens auf:
Platycercus fgnitus Leadb. {Proc. Z. S. 8.) PI, flaveolus ib p. 26
PI. haemutonotus Gould. ib p. 88. PL haemotogaster id. ib. p. 89.
— Nattodes elegans ib. p. 25. — Natter er beschrieb ebendort
S. 44. einen neuen Pteroglossus, P. Gouldii. \on Bourjot Sl^
379
Hilaire's Collection de Pcrroqnets erschienen Lief. 6 — 11. Auch
Küster's ornithologisclier Atlas 9. und 11. Heft enthalten Papageien.
10. Heft spechtartige Vögel.
c. Syndactyli.
Von Merops apiaster wurde wahrend des Spätsommers 1837
ein Pärchen zu Grofs-Dirschkeim in Ostpreufsen geschossen und drei
andere Ex. gesehen, die man für Junge hielt. Rathke, preufs. Pro-
vinzbl. 18. S. 498., so dafs also Kl ein 's Angabe über sein Vorkom-
men in Preufsen bestätigt ist.
Rüppel giebt in seinen Wirbelthieren Abyssiniens eine üeber-
sicht der von ihm im nordöstlichen Afrika beobachteten Syndactylen.
S. 71. folgende 8 Eisvögel; Alcedo chelicuti Stanley (Dacelo pygmaea
Cretxsch.) A. setnicoerulea Forsk.^ häufig in Abyssinien, A. maxu
ma L. einzeln in Abyssinien, A. ispida L. häufig in unter- Egypten^
einzeln längs der Küste des rothen Meeres; A. rildü L. häufig in
ganz Egypten, Nubien, Abyssinien; A. caerulea Kühl ziemlich häu-
fig in Abyssinien; A. cyanostigma Rüpp. häufig am Zana- See in Abys-
sinien, der A. cristata, und besonders der A. vintsioides Eyd. voii
Madagascar sehr ähnlich, welche letztere Verf. nicht erwähnt. Eine
Vergleichung wäre wünschenswerth. Sie w^ie A. semicoerulea sind
beschrieben imd abgebildet. Die 7 in Nordostafrika vorkommenden
Merops- kview sind sämmtlich bekannte: M. apiaster L- Frühlings in
grofsen Schaaren in Egypten und Arabien, M. superdliosus Lath.,
coeruleocejihalus Lath., M. viridis Lath., M. erythropterus Lath., M.
tariegatus Vieill. und M. Bulloch'i Le Vaill. Aufserdem finden sicK
Epimachus erythrorhynchus und E. cyanomelas Cuv. Upupa epops
L. zeigt sich Winters häufig in Egypten.
d. H i a n t e s.
de Lafresnaye hat die Gattungscharactere der Caprimulgiden
gründlich auseinandergesetzt, und hoffentlich weiteren Fehlgriffen
ein Ende gemacht, die sogar nachdem der (xMÄc/mro wieder entdeckt,
und V. Humboldt's Characteristik seiner Gattg. Steatornis vollkommen
richtig befunden war, nicht ausgeblieben sind. Bekanntlich haben Stea-
tornis (s. d. Archiv I. 2. S. 304) Podargus \x. Ae gotheles ganz
getrennte Zehen, Cap rimulg us und Ny c ti bin s dagegen sogenannte
pedes insidentes mit kurzen Bindehäuten zw^ischen den Zehen. Inso-
fern war immer noch die frühere Ansicht Temminck's und Lefsons,
dafs Steatornis mit Podargus generisch zu verbinden sei, damals eher
zu rechtfertigen, als neuerlich Burmeister's Meinung, dafs Steatornis
zur Gattung Nyctibius gehöre. Die Wahrheit ist, dafs Steatornis
sich in Schnabel- und Flügelbildung den Nyctibien, in der Fufsbil-
dung den Podargen nähert, aber als wohl begründete Gattung
380
zwischen beiden in der Mitte steht. Dafs die gezähnelte Kralle
der Mittelzehe Eigenthümlichkeit der eigentlichen Caprimulgen, da-
gegen die Kralle der Nyctibien ganzrandig ist, habe ich schon in
meinem Handbuche angegeben. Zu weit geht aber wohl Verf., wenn er
hienach und nach der Stellung der Hinterzehe die Farn, in 2 Gruppen
zerfällt, von denen die eine Engonleverts humicoles nur die Gattung
Caprimulgns; die andere Eng. -prelienseurs die übrigen Gewer« be-
greifen soll; denn, wenn auch bei Caprimulgus s. str. die Hinterzehe
mehr nach innen gerückt und zur Vorderzehe geworden ist, so gilt
dasselbe nach Vilerniinier auch von Steatornis, deren Mittelzehen-
kralle aber nicht kammförmig eingeschnitten ist, und eine neue Gat-
tung Gould's Amblypterus 5oll eine kammförmig eingeschnittene
Kralle der Mittelzehe s^bex pedes amhulatoriü {fissP.') besitzen,
Gould's neues Ge7ius Eurp stop odus Proc. Z. S. 142. auf Capr.
guttatus und C. alhogularis gegründet, ist nicht wesentlich von Ca-
primulgus verschieden. Dagegen ist Gould's Gattung .^i^T^/y/?/^ er m*
\ih p. 1()5) auf^er in der Fufsbildung noch in Flügelbildung durch-
aus von Caprimulgus verschieden. Da indef& zur Entzifferung der
letzteren in des Verf. Beschreibung.» meine geringe Kenntnifs der la-
teinischen Sprache nicht ausreicht , müssen des Verf. Worte hier
Platz finden:
Amblypterus. Gould. Zool. Soc. 105. Rostrum debile, elon-
gatum. Nares elevatae et rotundatae. Rictus setis robustis instructus,
rostro longioribus. Alae truncatae; remigibus externis sextis fere
aequalibus et falcatis; remigibus 2., 3., 4. ad externum pogoniura
emarginatis, 7., 8., 9. ad apices elongatis et attenuatis, 10. abrupte
brevi; secundariis brevissimis, rotundatis et ab tertiariis tectis, his
longissimis. Cauda brevissima et quadrata. Pedes ambulatorii. Tarsi
elongati, graciles, squamis indistintis, antice et postice fasciati; digi-
to intermedio longissimo et gracillimo; digitis lateralibus brevibus et
aequalibus; digito postico parvo, debili et libero; unguibus elon-
gatis, ungue raedio pectinato. 1. Art. Ä. anomalus (Domerara ?)
F. Raptatoreslll
Falco hrachydacttjlus B. ist auch in der Nähe Königsbergs
geschossen, tlathke, pr. Prov. Bl. Bd. 18. S. 498.;
Ueber die geogr. Verbreitung der Nachtraubvögel in Südamerika
erhielten wir treffliche Mittheilungen von d'Orbigny in dessen
Reise. Mehrere , der südamerikanischen Eulen erscheinen ihm , wie
auch H^rn. Glpger, nur als klimatische Varietäten der europäischen,
so Strix {Scops) Choliba Vieill. Str. perlata Licht. (Var. der S. nyc-
tea) und die nord- und südamerikanische 5. brachyotus hält er
unbedingt für identisch mit der europäischen, ebenso fand er Exem-
plare von den Marianen, den Sandwichsinseln und Bengalen von der
381
europäischen nicht specifisch verschieden. In Bolivia» Peni, Chili,
und Patagonien findet sie sich in den steinigen, dürren oder mit
Gras bewachsenen Ebenen, und bis zu 14000 F. auf den Cordilleren,
Mährend bekanntlich unsere europäische niedere feuchte Felder,
Wiesen und Rümpfe den hohen trockenen Gegenden vorzieht, und im
Gebirge kaum angetroffen wird. S. per lata findet sich nur in^
Osten der Anden, in der Ebene und bis 12000 F. auf den Anden;
ihre Verbreitungsgränzen werden aber vom Verf. zu eng (v. 1.3 — 42*
Br.) angegeben, da sie auch in Cayenne vorkommt. —Sie findet sich
aus weiter Ferne ein , wo der Mensch höhere Bauwerke , Kirchthür-
me u. s. w. aufführt u. s, w. — Wie sich Gould's neue Art Otus
(^Brachyotus^ Gallopagoensis Proc. Z. S. S. 10 verhält, mufs ich
dahin gestellt sein lassen. ^
Die von Audubon und A. sehr herabgesetzte Schärfe des Gei^ucbsr
Sinnes der Aasvögel {Cathartes aura) hat W. Seils wieder in Schutz
genommen. Vroc. Z. 8. S. 33 und Loud. Mag. N. S. I. S. 638. Er er-
zählt, dafs während er eine Section eines Leichnams 20 Stunden
nach dessen Tode machte, das Hausdach dicht mit diesen Vögeln be-
setzt war. Auch in einem andern Falle fanden sie sich auf dem
Dache und in der Nachbarschaft eines Hauses zahlreich ein, wo eine
Leiche 36 Stunden unbeerdigt lag (vgl. d. Archiv L 2. S. 301). Ob
aber dieses zahlreiche Einfinden der Geier in beiden Fällen nicht
rein zufällig w^ar, ist eine andere Frage. R. Owen, welchen Verf.
zu einer anatomischen Untersuchung des Geruchsorganes aufforderte^
findet dieses sehr entwickelt und beschreibt es im Vergleiche zu
dem des Truthahns, bemerkt aber mit Recht, dafs nur Versuche dar-
über entscheiden könnten, ob der Aasvogel beim Auffinden seines
Frafses durch den Geruch allein geleitet werde.
Viele neue Arten südamerikanischer (Proc. Z. S. S. 9) und au-
stralischer Cilf 138J Raubvögel wurden von Gould beschrieben, so
wie derselbe a. a. O. S. 96 vergleichende Bemerkungen über die
Raubvögel Australiens mittheilt. Geier fehlen ganz; sonstige Raub-
vögel kennt man 26 Arten, darunter 8 Eulen, 4 Seeadler, ein eigent-
licher Adler (Aqui/a) ein Pandion, 4 Falken, 3 Habichte, 3 Gabel-
Weihen (Milbus und Elanus), eine der Pernis verwandte Form, ein
Circus,
XIII, Mammalia.
Von Schreber's Säugethieren, fortgesetzt von Prof,
A. Wagner, erschienen Heft 85 — 88.
Der Text, dessen Gründlichkeit und Vollständigkeit dem deut-
schen Fleifse zur Ehre gereicht, behandelt die Gattungen Camelus
und Lama. Die gegebenen Abbih^mgen sind zum Theil Original-
zeichnungen, wie Cynocephalus Ai^tbis F. Cuv., Dasyprocta pryiU'
382
nolopha Wagl.y Mus. silvaticus L. und Hypudaeus hercynicus (beide
letzteren von Saxesen in Clausthal, und gelungen, wenn gleich der
Stich hinter der Originalzeichnung dieses trefflichen Zeichners gewifs
weit zuriickgöbliehen ist), theils sind sie Copieen aus Richardson's
Fauna boreali-americana. So finden vf'ir de&sen Neotoma Drumfnon-
dti 2i\s,Myoxus Drummondii abgebildet. Durch die Güte Sr. Durchl. des
Prinzen Max zu Wied hatte ich Gelegenheit, dieses interessante Thier
zu untersuchen, und kann versichern^ dafs es im Gebisse, welches
Richardson ganz richtig beschreibt, wie in der Fufsbildung von Myo-
xus ganz verschieden ist, aber darin mehr mit Hypudaeus überein-
stimmt. Das Gebifs zeigt die nächste Familien - Verwandschaft zu
Hypudaeus und namentlich durch die beginnende Wurzelbildung der
Backenzähne zu Hypudaeus hercynicus und das Thier kann nur in
dieser Familie Platz finden. Wer am Habitus, namentlich am zotti-
gen Schwänze Anstofs nimmt, wird durch die Analogie bewogen
werden, mir beizustimmen, wenn ich sage, Neotoma verhält sich zu
Hypuda£us incl. Lemmus , wie Spermophilus zu Arctomys ; denn da-
zu, um sich die systematische Stellung und Beziehung der Gat-
tungen verschiedener Familien anschaulich zumachen, giebt
die Analogie, wie ich andern Orts noch zu zeigen hoffe, den besten
Schlüssel.
a. C e t a c e a.
Die Ce^ßceew. zoologisch-anatomisch dargestellt, von Wilhelm
Rapp. Stuttgart und Tübingen 1837. 8. Mit Abb.
Nach einer kurzen Characteristik der Gattungen und Arten, wel-
cher eine geschichtliche Darstellung der Bearbeitung dieser Ordnung
Torausgeschickt ist, folgt in der zweiten (anatomischen) Abtheilung
eine gedrängte, auf eigene Untersuchungen gestützte, überaus reiche
Schilderung der Anatomie. Die Tafeln geben Abbildungen von einem
Dugong - Fötus , von Delphinus capensis und hastatus, der Skelette
von D. delphis und phocaena und einiger Eingeweide.
Anatomische Bemerkungen über den nordischen Finnfisch {Ba-
la£noptera rostrata), welcher 1835 zu Wijk aan Zee strandete, machte
W. Vrolik bekannt (Tijdschr. voor naturl. Gesch. en Physiolog. IV.
S. 1. fg.)
De Bell Bennets Beobachtungen über den Pottwall (Proc. Z.
S. p. 39.) bestätigen viele Angaben früherer Schriftsteller, enthalten
aber auch Manches Neue.
Die Schnelligkeit eines aufgeschreckten Cachelots schätzt Verf.
auf 8 — 10 engl. Meilen in einer Stunde. Das Auswerfen des angeb-
lichen Wasserstrahls aus den Nasenlöchern ist auch nach ihm ein
blofses Ausathmen, und der Strahl selbst läfst sich eher einem
383
leichten Nebel vergleichen, wie er sich initer einer niederen Tempe-
ratur beim Ausathmen der Landtliicre zeigt, hat aber keinesweges
die Dichtigkeit des Wassers (cöw in wo way be comjiared to a volU'
me nf water). Matrosen versichern, dafs dieser Athem stinkend und
scharf {acrid) sei. Der Gehörsinn des Pottwalls erscheint dem Verf.
nur gering, dagegen hält er den Gefühlssinn der Haut für sehr voll-
kommen. Es scheine, dafs sie hiedurch in sehr weiter Ferne Mit-
theilungen mittelst Erschütterung des Wassers erhalten, denn wenn
ein Pottwall verwundet werde, sollen andere in meilenweiter Ent-
fernung sogleich durch ihre Bewegung eine Kunde des Geschehenen
blicken lassen. — Der Pottwall ist im allgemeinen von furchtsamem
Naturell, flieht vor der geringsten Gefahr, in deren Besorgnifs er be-
wegungslos, M'ie lauschend liegt, gelegentlich sein Athmen zurückhal-
tend, und sich auf die Seite kehrend um die Sehaxe auf ein Object
über ihm zu bringen. Plötzlich von einem Boote überrascht, ohne
dafs er verwundet ist, sieht man ihn seinen halb flüssigen, stinken-
den, wie KafTeegrund aussehenden Koth entleeren. Otion Cuvieri
sitzt zuweilen an seiner Unterlippe, in seinem Fett finden sich die
Cysten von einer Cysticercus. Axt, einzelne Onisci gelegentlich auf
der Haut (wahrscheinlich Cyamus).
b, Pachyderniata.
Der Kopf des Dinotherium giganteum (vgl. Jahrg. III. 2. S. 177),
welchen seine Entdecker in Paris zeigten, veranlafste Blainville
zur Aeufserung seiner Ansicht über dessen systematische Stellung.
Es gehört nach ihm zu den herbivoren Cetaceen, welche ein Be-
standtheil einer Ordnung der Gravigraden sind. Es stand nach ihm
an der Spitze der Wasser -Gravigraden vor dem Dugong und folgte
auf Tetracaulodon , das Endglied der Elephantenfamilie. Diese An-
sicht gründet er auf die Gestalt der Backenzähne, welche mit denen
des Manati (aber auch mit denen des Tapirs) übereinstimmen, auf
den Mangel der falschen Backenzähne und Eckzähne, wodurch eine
grofse Zahnlücke zwischen Back- und Vorderzähnen entsteht, auf
die Lage der Condyli occipitales ganz am Ende in der Längsaxe des
Kopfes, auf die schräge Neigung der Occipitalfläche nach vorn, deren
mittlere Vertiefung auf ein starkes Nackenband deutet. Den Jochbo-
gen nennt er breit, stark und dick; leider aber ist er in seinem
mittleren Theile beschädigt. Aus der Gröfse des Foramen injraor-
bitale, welche vielleicht geringer als beim Dugong sei, folge noch
nicht, dafs das Thier einen Rüssel gehabt habe, sondern eher, dafs
die Oberlippe beträchtlich entwickelt gewesen, und die (nach den
ünterkieferlöchern zu schliefsen) kleine Unterlippe, sowie die Ba-
sis der abwärts gekrümmten stofszahnähnlichen Vorderzähne bedeckt
habe. Instit. 203, S. 101.
Offenbar verwandt dem Dinotherium war eine riesige Pachy-
384
derineh - Gattung, deren Schädel Darwin im tertiären Thone Süd-
amcriica^s entdeckte, R. Owen nannte sie Toxodon, gab die erste
Anzeige in d. Proc. of the Gcol. Soc. April. 1837. 19. nnd demnächst
eine ausfiilirliche Beschreibung und herrliche Abbildungen (eine so-
gar in Naturgröfse) in Charles Darwin's Zoology of the Voyage of
II. M. S. Beagle. London 1838. 4to.
Der Schädel hat etwa die GrÖfse eines Flufspferdsschädels, mifst
2 F. 4" in Länge und 1 F. 4" in seiner gröfsten Breite. Er ist ver-
längert, niedergedrückt, besonders durch die Stärke und grofse Wöl-
bung der Jochbogen, durch den schmalen seitlich zusammengedrück-
ten Kiefertheil, und den grofsen am Ende etwas breiter werdenden
Zwischenldefer auszeichnet. In der Bildung des Hinterhauptsloches,
in der Lage der Condyli und der schräg nach vorn geneigten Lage
der Hinterhauptsfläche nähert es sich dem Diiiotliermm und den her-
bivoren Cetaceen. Die Entwickelung der Nasenhöhle und das Vor-
handensein von Stirnhöhlen machen es unwahrscheinlich, dafs es aus-
schliefslich ein Wasserthier und ohne Hinterextremitäten gewesen söä
Interressant ist ferner das Gebifs, sofern es einige Annäherung zu
dem der herbivoren Nagethiere, namentlich der Cavien zeigt. Es
finden sich oben 4 Vorderzähne , von denen die beiden mittleren sehr
klein, die beiden äufsern sehr grofs und gekrümmt sind, und mit ih-
rem gleichdicken Grundtheile durch den Zwischenkiefer hindurch bis
in den Oberkiefer reichen, wo ihr bleibender Zahnbulbus dicht vor
den Backenzähnen gelegen war. Backenzähne waren oben jederseits
7 vorhanden. Sie sind von den Vorderzähnen durch eine grofse Lücke
getrennt, wie die der herbivoren Nager, ohne eigentliche Wurzel,
bogenförmig gekrümmt, aber ihre Convexität nach aufsen kehrend.
Die Kaufläche der drei hintersten ist schief, ungleichseitig -herzför-
mig, aber die stumpfe Spitze nach aufsen, die durch die Schmelz-
falte veranlafste Einbucht nach innen kehrend. Die 3 vorderen klei-
neren Backenzähne hatten eine mehr abgerundete Kaufläche, an wel-
cher die innere Einbucht nur seicht ist, ja am vordersten ganz fehlt.
Nach den später von Owen in Darwin's Reise beschriebenen, muth-
mafslich derselben Gattung angehörenden Unterkiefer-Fragmenten hatte
dieser 6 ziemlich gleich grofse Vorderzähne, und mindestens 6, viel-
leicht selbst wie die Oberkinnlade, 7 Backenzähne. Die Vorderzähne
sind nach vorn gerichtet, aufwärts gekrümmt, und wie die untern Vor-
derzähne der Nagethiere im Wurzeltheile hohl, mithin wie diese stets
nachwachsend, was auch hinsichtlich der obern und untern Backen-
zähne gilt. Die unteren Backenzähne weichen von den oberen sehr
ab. Ihre Kaufläche ist länglich, zeigt an den 3 hintersten innen 2,
aufsen eine Falte; von den vorderen kleineren haben der 2te und 3te
Zahn von vorn nur die äufsere Falte, der erste gar keine.
In den Annalen des Sc. 7iat. VII. S. 20 finden wir von G. Vro-
lik den Beweifs geführt, dafs auch bei RJunoceros africanus min-
destens im Unterkiefer die Vorderzähne nicht fehlen; sondern rudi-
mentär und unter dem Zahnfleisch verborgen bleiben. Im Zwischen-
kiefer fand sich keine Spur von Zähnen oder deren Alveolen, selbst
nicht bei jüngeren Schädeln und an dem eines neugcbornen Thieres.
Bei dem afrikanischen Rhinozeros scheint die Zahl der Rippen 20
oder 21 zu seyn, und somit kann die Rippenzahl 19 nicht allgemein
für alle gelten. Durch A. Smith's Exi)edition nach Centralafrika
vom Cap aus haben wir vorläufige Nachrichten über drei sämmtlich
zwcihörnige Rhinozeros -Arten Südafrika's (Rh. Ketloa africanus und
Rh. Slmus White Rhtnoceros') erhalten (^ Catalogue of the South
African Miiseum. London 1837. 8.)- Die erste Art findet sich nörd-
lich von Lataku, sie ist dem R. africanus ähnlicher, unterscheidet
sich durch die grofse Länge des zweiten Horns, einen längeren und
schmälern Kopf, durch die Form des Schulterhöckers und durch ein
verschiedenes Gebifs. Die lange Oberlippe ist wie bei R. africanus;
es nährt sich auch, wie dieses, vom Gestrüpp (imder -wood)^ indem
es dessen düiaie Zweige mit der Oberlippe abrupft. Selbst mehr ge-
gen Norden, wo es häufiger vorkommt, zeigt es sich nicht in so
grofser Zahl, wie beide andere Arten, nur einmal sah man 7 bei-
sammen. Jm Ganzen sah man während der Reise 68 Individuen des
Ketloa, während man von den beiden andern an geeigneten Stellen
wohl 100 — 150 täglich sah. Das weifse (White) Nashorn (Ä. si-
mus) hält sich mehr in den offenen Ebenen auf und nährt sich von Gras,
seine Oberlippe ist nicht spitz, sondern quadratisch {square). Es
ist grofser als die beiden anderen, doch weniger gefürchtet. Im
Inneren soll es aufserdem noch zwei andere Arten geben, eine
dem R. Ketloa ähnliche, zweihörnige und ei«e mit nur einem Hörn.
Oberst Syk es sucht nachzuw^eisen, dafs der Dziggetai (Eqiius
hemionus Pall.') vom Wildesel von üutch nicht verschieden sei.
Er hat sich indessen hierbei (wie auch früher ich, Jahresbericht für
1835 d. Arch. II. 1. 288) durch Isidor Geoffroy ine leiten lassen, wel-
cher fälschlich den Kulan oder Wildesel (Equus asinüs ß ona-
ger') für den Dschiggetai genommen ' und als solchen in den Nouv.
Ann. d Mus. IV. beschrieben und abgebildet hat. Vergleicht man
die sorgfältige Beschreibung einer Kulan -Stute von Pallas und
dessen in Schrebers Säugeth. taf. 312. copirte Abbildung , so wird
man beide mit Isid - Geoffroy's Beschsreibung der Pariser Stute und
den Bemerkungen von Sykes über die beiden Hengste des Londoner
zool. Gartens übereinstimmend finden. Selbst die von beiden Schrift
stellern erwähnten Querstreifen an den Schenkeln finden sich in
Pallas Abb. angedeutet, wenn sie auch in der Beschreibung über-
gangen sind. Die Maafse der Pariser und der von Pallas beschriebe-
nen Stute stimmen fast ganz überein. An dem Fehlen des Quer-
streifens auf der Schulter der Pariser Stute wird Niemand Anstofs
nehmen, da er auch der von Pallas beschriebenen Stute, sowie den
beiden Hengsten des zool. Gartens fehlte, dagegen bei Pallas Hengste
und einem Hengste der Crofs'schen Menagerie vorhanden war! Dieser
396
Character ist, wie auch Geoffroy und Sykes eingestehen, nicht be-
ständig. Vergleicht man nun Pallas sorgfältige Beschreibung des
Dschiggetai (J5. Hemionus) so wird man die üeberzeugung gewin-
nen, dafs dies ein specifisch verschiedenes Thier ist und wird sich
wundern wie Isid. Geoffroy sie auf die Pariser Wildesel -Stute pas-
send finden konnte.
T. C. Eyton hat in den Proc. Z. S. p. 23. einige Verschieden-
heiten im Skelet verschiedener Schweine - Racen angegeben:
Engl. Afrikanisches Chinesisches Wild- Haus-
Schwein cf Schwein 2 Schwein cf schwein schwein.
Halswirbel 7 7
Rückenwirbel 15 13
Lendenwirbel 6 6
Kreuz Wirbel 5 5
Schwanzwirbel 21 13
Summa 54 44 49 50 53.
Das englische Schwein gehört der sogenannten long- - legged
sort an:
c. Rumznantza.
J. G. Bujack, Naturgeschichte des Elchwildes oder Elens, mit
Rücksicht auf die neueren Beobachtungen in den Forsten Ostpreu-
fsens. Aus den preufs. Provinzialbl. 1837 Bd. 18 S. 33 besonders
abgedruckt.
Rüp p eil entdeckte auch bei emer jungen Atitilope pt/garga weibl.
Geschlechts rudimentäre Eckzähne, wie bei dem jungen (J" seiner
J. montana (s. Jahrg. III. S. 180) und fragt an, ob sich nicht auch
bei andern Antilopen - Arten Aehnliches im Jugendalter finde, Mus,
Senclcenb. IL 303. Ebendaselbst beschreibt er das Jugendkleid der A.
pygarga, bei welchem die Grundfarbe des ganzen Körpers röthlich
isabell ist. Rund um die Augen findet sich ein breiter weifser
Ring; unfern des vordem Augenwinkels ein kleiner schwärzlicher
unbehaarter Fleck, Andeutung einer Thränengrube; die vordere Ge-
gend an der Basis der Ohren, die zu den Seiten des Kopfes hinter
und unter dem Mundwinkel, und ein Flecken zwischen den Nasenlö-
chern sind schmutzig weifs, eben so der Bauch, die obere Innen-
seite der Schenkel und ein Streif längs der inneren Seite der Schie-
nen. Die Schwanzrübe ist ziemlich behaart, isabellfarbig, an der
Endspitze schwarz. Das Thier kann höchstens einige Wochen alt sein,
seine ganze Körperlänge bis zum Schwanzende beträgt 3 F. ^\" und
die Höhe am Kreuze 1 F. 9''. Verf. fragt, oh A. per Sonata Wood
Zool. Journ.) nicht etwa ein Junges der A. pygarga sei.
Ogilby zeigte in der zool. Gesellschaft Proc. Z. S. 81 2 Arten
seiner Gattung Kernas (Typus derselben ist A. Ghoral\ welche er
387
als ein Mittelglied zwischen Oryx und den Ziegen betrachtet^ mit
letzteren in dem Gebirs:slebcn und allgemeinem Körperbau , mit er-
steren im Besitz einer kleinen nackten Muffel und 4 Zitzen überein-
stimmend. Die eine Art war ein rf des Iharal, die andere eine
neue Art {K. Hylocrlus Og.) von den Neilgherry- Bergen, den Jä-
gern von Madras \und Bombay unter dem Namen loutigle Sheep be-
kannt. In Gestalt und Habitus, sowie in Hinsicht der Hörner steht
sie zwischen dem Iharal und (ihoral in der Mitte. Der Körper ist
mit einförmigem kurzen, wie bei den meisten Hirschen dunkel ge-
ringeltem Haar bedeckt. Die Hörner sind einförmig rückwärts ge-
bogen, von zahlreichen kleinen Ringeln umgeben, etwas flach ge-
drückt an den Seiten, mit einer kleinen Längsleiste an der innern
Vorderecke; die Ohren sind mäfsig lang, der Schwanz sehr kurz. —
Die vom Verf. ebendort gegebene Ableitung des griechischen Wortes
Kenias vom deutschen Gems ist sicher die richtige.
J. E. Gray stellte nach einem von Clapperton aus Centralafrica
mitgebrachten Schädel eine neue Büffelart B. brachyceros aus Cen-
tralafrika auf Loud, Mag. N. S. 1. S. 587 vgl. Jnnal. of N. H. ISS^i
Bd. n. S. 285, wo nun auch auf Taf. XIII. eine Abbildung erschien. Im
Sommer 1838 erhielt nämlich Fr. Crofs ein Exemplar aus Sierra Leo-
ne unter dem Namen Busch -Kuh {Busch- Cow). Vorderkopf breit,
flach. Hörner kurz, sehr stark, vorn an der Basis zusammengedrückt,
hinten abgerundet, seitlich divergirend, kaum rückwärts gebeugt;
die Spitzen nach vorn und schwach einwärts gekrümmt. Fell braun.
Wamme fehlt ganz. Ohren sehr grofs, innen mit 2 Reihen langer
Haare und einem Büschel langer Haare an der Spitze. Der Rumpf
ist kurz, tonnenförmigj der Schwanz reicht mit seiner Quaste bis
zum Ilackengelenke.
d. E d e 71 t a t a.
Herrn. Fried r. Jäger gab unter Rapp's Auspicien als Inaugu-
raldissertation »Anatomische Untersuchung des Orycteropus capen-
si's.*'. Stuttgart bei C. Erhard 1837 in 4to. mit einer Abbildung, wel-
che das Thier ruhend und auf den Hinterbeinen aufrecht sitzend
darstellt. Eine Beschreibung des Thieres und seiner Sitten geht der
ausführlichen anatomischen Beschreibung voraus, welche für die Zoo-
tomie von grofser Wichtigkeit ist,
Martin giebt Proc. Z. S. S. 13 eine Beschreibung des D. hy-
bridus, indem er die früheren Beschreibungen der syst. Schriftstel-
ler für ungenau erklärt; die Ohren seien keinesweges grofs, sondern
viel kleiner als bei D. jteba und nur wenig gröfser als bei D. minu-
tus^ fein, bei D. peba grob granulirt; die Schnauze im Verhältnifs
kürzer als bei D. peba. Der Körperbau kurz und plump, die Glied-
mafsen robust. Die Schildchcn des Helmes mittelmäfsig grofs, die
in der Mitte des oberen Theiles verlängert und oft fast dreieckig, die
IV. Jahrg. 2. Bd. 26
3/
388
übrigen zwischen den Augen und abwärts von unregelmäfsigcr Ge-
stalt, einige fast vierseitig, anderd fünf- oder sechsecldg; bei D. pe-
ba dagegen nicht nur viel gröfser, sondern auch von bestimmterer
Gestalt, meist ungleichseitig sechseckig. Die Schildchen des Schul-
terpanzers bestehen bei D. hyhridns aus erhabenen ovalen in Quer-
reihen gestellten Höckern, deren Zwischenräume mit kleineren sehr
unregelmäfsigen , minder erhabenen Körnchen erfüllt sind. Dasselbe
gilt von dem Kreuzpanzer, in welchem die erhabenen ovalen scutella
auffallend entfernt und grofs sind, während etwas kleinere und flachere
Scutella eine Rosette um ihn bilden. Länge zur Schwanzwiurzel
13'' 3'", Ohren 10'". Schwanz 6" 9'". Rückengürtel 7.
e. G l i r e s.
Hr. Prediger Löffler bestätigt in den Preufs. Prov. Bl. 18 p. 66
V. Siebolds Angaben, dafs der Hamster in Ost- und Westpreufsen
nicht vorkomme, und zwar wegen Beschaffenheit des Bodens, der
niedrig und den ganzen Frühling und Herbst hindurch anhaltend
feucht sei. üeberhaupt meide er sandigen, steinigen oder schweren
zähen Thonboden, halte sich dagegen da^ wo der Untergrund immer
wenigstens einige Ellen tief aus gelblich braunem Lehm besteht. Die
Bemerkung, dafs er diesseits (Östlich) der Elbe auf leichtem, san-
digen Boden fehle, ist nicht ganz richtig. Er findet sich nach Mit-
theilungen des Hrn. Fr. Stein im südöstlichen Theile der Mark Bran-
denburg, da wo diese an die preufs. Provinz Sachsen gränzt, und
hat noch im vergangenen Jahre in der Gegend von Nimegk, Treuen-
briezen und Beizig viel Schaden angerichtet. Herr Löffler hat also
Recht, wenn er seinen Ausspruch durch die Worte: »wenigstens bis
herunter nach Burg« restringirt.
Ogilby beschrieb m den Linn. Soc, 2 australische Nagethier-
formen, bemerkend, dafs Neu -Holland aufser dem wilden Hunde,
den er für eingeführt hält, nur Marsupialien und Nager ernähre. Das
eine Nagethier- Geschlecht: Conilurus Ogilby (y.ovilog) soll hei-
fsen : » geschwänztes Kaninchen, « soll nach Gray mit Hajtalotis Licht.
identisch sein. Der andern Gattung, einer Dipus-Form ist schon in
diesem Archiv IV. 1. S. 82 Erwähnung gethan. Auf beide werde ich im
Jahresb. über 1838 aurückkommen.
F. Cuvier stellte eine neue Nagethiergattung Elygmodovtia
auf. Ami. d. Sc. nat, VII. pag\ 169, S. Jahrg. III. S. 407, Sie gehört
zur Fam. der eigentlichen Mäuse, unterscheidet sich von Mus schon
durch gröfsere Länge der Hinterextremitäten.
W. Thompson stellte Proc. Z. S. S. 52 eine neue Ratte Irlands
Mus hibernicus auf. Sie unterscheidet sich von M. rattus durch
kürzere besser behaarte Ohren, kürzeren behaarteren Schwanz, wei-
cheres Körperhaar, einen fast dreieckigen reinweifsen* Fleck auf der
Brust und wetfse Füfse. Länge des Körpers 7" 6'", Kopf 1" 10'",
Ohren 9 '", Schwanz 5" 6'", von der Ohrwiurzel zur Schnauze 1" 6'".
389
Watethouse beschrieb eine südafrikanische Art der Gattung
Mus, M. subspinosus Proc. Z. S. lOi und mehrere südamerikan
Arten derselben Gattunjj; ib. S. 15 und 27 und stellt ibid. S. 29 und
30 zwei neue Genera: Reithrodon und Abrocoma auf S. Jahr-
gang V. I.
Gray beschrieb indische Mäuse: M. rvfescens , Mus Kor. {Ar-
vicola iniUca Gray I/L) Mus. Hfi?'dmckü , M. usiaticug u, s. "nv., indem
er die Gattung Mus nach der Krone der Zähne in 3 Gattungen, Mu .y,
Le^gada und Golnnda trennen will. Die Unterschiede derselben
müssen aber genauer festgesetzt werden; mit dem bei den engl. Zoo-
logen beliebten, höchst zweideutigen ^>rather«^ (rather high, rather
convex u. s. w.) kann man unmöglich zufrieden sein, denn die Un-
terschiede sind dadurch so durchaus graduell, dafs feie so gut wie
gar nicht angegeben sind. Loud. Mag. N. S. 1. 584.
Gray beschrieb a. a. O. S. 586 3 Hasenarten Amerika*s Lepus
Douglassü yon Californien, Texas? (Marschhase d«rt genannt) L
longicaudatus vom Magellanland und L. californicus v. Californien;
die Beschreibungen dieser, sowie der von demselben Zoologen in
den Proc. Z. S. p. 67 et 68 und Loud. Mag. S. 584 beschriebenen
Nager : Vteromys melanotis, P. albiventer, Leachii, Sciu?U)ptera Turn-
bullH,fimhriata (Proc. Z. S. 68) hoffe ich im 5. Jahrg. Bd. 1. mitzuthei-
len, desgleichen die von .^teromys Horsfildii Water h. Proc. Z. S. 87
Jourdan unterschiPP eine neue Art Hydromys, ff. ßdvogaster,
vom Swan-rlver, die sich durch gelben Bauch und mehr schwärzli-
chen Rücken auszeichnet. Instit. 351. Compt. rend. V. 523.
Unter dem Namen Nejomys trennt derselbe (ibid.) einen Theil
der Stachelratten, Echy?nys, als besondere Gattung, deren Typus
E. cristatus ist und beschreibt eine neue Art N. Blainvillii aus Brasilien.
Sie hat 4 Backenzähne jederseits, die oberen haben 4 Querhügel, die
unteren ein doppeltes nach innen gewandtes und hinten eingebogenes
V auf der Kaufläche; welches Gebifs nach F. Cuvier (Ann. d. Sc.
VHI. 370) auch E. cristatus besitzen soll. Sonst unterscheidet sich
die Gattung Nelomys noch im Aeufseren durch abgerundete wenig
entwickelte Ohren , einen behaarten (bei Echymys nackten und schup-
pigen) Schwanz ; kurze Tarsen , gedrungene Gliedmafsen und plumpe
Rörpergestalt. Sie bat zahlreiche lange schwarze Bartborsten; ihr Kör-
per ist theils mit gewöhnlichem Haar, theils mit Stacheln bekleidet.
Bei iV. ^/«/Wf?Y/« ist Kopf, Hals, die oberen KÖrpertheile und Aufsen-
seite der Gliedmafsen goldroth, Maul, Gurgel, Brust, Bauch und In-
nenseite der Gliedm. weifs; Schwanz braun, Füfse rothgrau. Gz
Länge 45 centim.; von der Schnauze zur Schwanzwurzel 25 centim.,
Schwanz 20 centim.; das Ex, wurde auf eüier kleinen Insel bei Brasi-
lien getödtet.
f. Mars u p i a l i a.
Von Richard Owen haben wir eine ausgezeichnete Arbeit über
das Gehirn der Beutclthiere erhalten, welches sich nach seüier Ent-
26*
390
deckung von dem der übrigen Säiigethiere durch den Mangel des
(^Corpus callosum) auszeichnet. Wieder ein Beweifs, dafs die
Beutelthiere und Monotremen als ein Zwischenglied zwischen den
viviparen Mammalien und den Oviparen Vertebraten zu betrach-
ten sind. Ueber das Nähere mufs auf des Verf. mit vielen Ab-
bildungen ausgestattete Abhandlung in den Thilos. Traiisact. 1837 /.
und einen Auszug in den Ann. des Selens, nat. To?n. VIII. 175. ver-
wiesen werden.
Derselbe fand ferner , dafs auch dem Ei der Marsupialen die Al-
lantois nicht fehle, Proc, Z. S. 82. und Loudo?is Mag. 481, Uebers.
Jnn. d. Sc. nat. VII. 372, wo eine skizzirte Abbildung eines reiferen
Känguruh - Eies gegeben- ist, welche unter dem sehr grofsen, von Ver-
zweigungen der Vasa omphalo -meseraica gefäfsreichen Dottersacke
eine kleine birnförmige Allantois mit zahlreichen Verzweigungen der
Hüftnabelgefäfse zeigte. Hr. Coste vindicirt sich dieselbe Entdeckung.
Indessen dürfen wir Deutsche es nicht mit Stillschweigen übergehen,
dafs Otto bereits 1830 bei der Versammlung der Naturforscher er_
klärte, dafs er bei einem Känguruhfötus Nabelarterien, Nabelvenen
und Vasa omphalo -meseraica gefunden habe. (Isis 1831. S. 877, wo-
raus sich die Existenz einer Allantois schon mit Bestimmtheit folgern
Jiefs. Die Arbeiten yon Laurent t Guer. Mag. 1837 u. 38 Cl. 1. über
Marsupialien werde ich im nächsten Jahresberichte besprechen.
J. E. Gray 's Bemerkungen über die -^li ihm beobachteten Kän-
guruh- und Hypsipryninus-Pixien in Londons Mag. N. S. 1. 582, sowie
die Diagnosen seiner neuen Genera Bettongia, Petrogale sind
im 5. Jahrg. d. Arch. Bd. 1. S. 191 mitgetheilt
Hr. Jourdan stellte ein neues Genus der Marsupialien, unter dem
bereits bei den Saurem verbrauchten Namen Heteropus auf.
Diese trattung unterscheidet sich von Macropus und Ualmaturus
durch dieFufsbildung, während sie im Ge\>\^s,e mit Halmaturus über-
einstimmt. Die Beine sind von mittelmäfsiger Länge; die Tarsen
kurz, dick, mit Haaren bekleidet, ihre weithin nackte 'Sohlenseite
zeigt eine grofse Menge platter, schwarzer, hornartiger Papillen,
die dritte und 4te Zehe sind nicht von den Nägeln schubförmig um-
geben {emhoites), sondern die Nägel sind klein, kurz, stumpf und
schwach gekrümmt, den Krallen der Hunde vergleichbar. Bei der
Art H. alhogtilaris J. ist die Sohlenfläche der Vorderfüfse runzlig,
was dafür spricht, dafs sie oft auf dem Boden ruhen {qu'z'ls doivent
souvent reposer sur le sol). Der Schwanz ist gleich stark entwickelt
an der Basis , und wie an der Spitze stark und mit harten Haaren
bekleidet. Pelz wollig, ausgenommen an den Gliedmafsen. Kopf mit
einer braunen Längslinie, Wangen weifslich, Ohren aufsen schwarz,
innen gelblich; Gurgel weifs, Brust und Bauch rostroth {roux) Hals
und Obertheil des Rückens grau; Hinterbacken röthlich gelb; Ende
(extremite) der Gliedmafsen und Schwanz dunkelbraun, letzterer am
Ende weifs. Ganze Länge von der Schnauzenspitze zum Schwanz^
391
endo? (sommet) 1 met,, 30; Vorderbeine 12 rew^, Hinterbeine 30
Centim. Rumpf 60 cejit., Schwanz 56 ceiit., Tarsen 8 cent. — Sein
Vaterland sind die Bergö im Südwesten von Sidney; man sagt, dafs
es mehr pehe als springe, Instit. S. 351. Com.pt. rend. V, 521. Atin.
d. Sc. VIII. 368.
Derselbe beschrieb eine neue Art Half naturus, H.Irma. Compt.
rend. V. 523, Ann. d Sc. \III 371.
Waterhouse unterschied einen neuen Macropus, M. Bennet-
tu. Proc. Z. S. 103.
Ogilby unterschied Proc. Z. S. S. 131 eine neue Art Phalan-
giita, P. viverrina von Van Diemensland, die früher mit JPA.
Cookii verwechselt wurde. Sie unterscheidet sicji von dieser, wel-
che nur auf den Continent Neuhollands beschränkt scheint, durch
eine dunkel aschbraune Farbe, bedeutendere Gröfse, welfse Ohren,
durch Mangel des hellröthlichen Anfluges, der an der Kehle, den
Seiten und den Gliedmafsen jener Art so auffallend ist.
g. Carnivora.
a. Carnivora, s. str.
üeber die Lebensart und Begattungsweise des Dachses theilte
Siemuszowa-Pietruski in d. Archiv III. 1. S. 160. seine Beob-
tungen mit.
Ref. gab ebendas. S. 253. eine vorläufige Monographie der Gat-
tung Procyon mit Beschreibung 2 neuer Arten der hies. Sammlung-
Gray 's Procyon nivea (.0 von Texas. London Mag. N.S. I.
S. 580 ist vielleicht Albino-varietat meines P. obscurus, da nach
Gray die Weichheit seines Pelzes ihn von P. lotor unterscheiden soll.
Reichlich bedacht wurden wir mit neuen Gattungen derViverren-
Familie von Isidor Geoffroy St. Hilaire (Galidia, Ichneumia Ann. d.
Sc. nat. VIII. S. 251) xmd Jourdan fHemi'galus {siel) und Afn 6 lio-
don. (Compt. rend. F.) Ich mufs gestehen^ dafs mir ihre Chara-
cteristik aus den von mir Jahrg. IV. 1. S. 293 und 296 ausgesproche-
nen Gründen nicht genügt. — Hinsichtlich der ersteren mufs auf die
Abhandlung selbst, hinsichtlich der letzteren auf F. Cuvier's Bemer-
kungen in den Ann. d. Sc. VIII. S. 372 und Blainville ib. 270 verwie-
sen werden.
Letzterer hat an letzterem Orte S. 280 eine neue Gattung Lami-
ctis beschrieben, bleibt aber selbst im Zweifel, ob sie mit Gray's
Cynogale (Loud. Mag. N.S.i. p. 579) identisch ist, was auch wirk-
lich nach Hrn. Gray's wie gewöhnlich zu kurzer Beschreibung nicht
zu entscheiden ist.
Aus gleichem Grunde habe ich in dessen Gtg. He lictis Proc. S.49.
oftheCommit.Z. S. 1830 — 31. Part. 1. Isid. Geoffroy's Gtg. Melogale
nicht wieder erkannt, wie es richtig von Blainville a. a. O. S. 278.
geschehen. Gray's Bemerkung, dafs der Gulo orientalis hieher ge-
392
höre, und die Beschreibung des Schwanzes {cauda cyl.') leitete mich
irre. Nach brieflichen Mittheilungendes Hrn. Gray ist Helictls und
Me/o^ö/e wirklich ge wer e identisch, und der erstere Name hat
die Priorität.
Hr. Gray 's Characteristik seiner Gattung Pteronura oder rich-
tiger Pterura hatte ich aber richtig verstanden; vgl. Bd. 1. S. 285.,
aber für das Gebifs reichte sie zu meinem Zwecke nicht aus. Die
beigefügte Skizze auf Taf. X., welche mir Hr. Gray zu übersenden
die Güte hatte und später auch in den Afin. of Nat. Rist, publicirte,
mufs allen Zweifel heben. Die Fig. a. stellt den Vorderfufs, b. den
Hinterfufs, c. den Schwanz dar.
Die von Bell Proc. Z. S. S. 46 unterschiedene Gattung Gale-
ctis für Gulo vlttatus halte ich für unzulässig, vgl. Bd. 1. 272. Läfst
man sie aber mit den Gulonen der südl. Hemisphäre zusammen, so
mufs der Gattungsname Euro Isid. Geoffr. für die Grisons die Prio-
rität haben.
% Neue Arten: s. d. Nachtrag im 5. Jahrg. Bd. 1.
Paradoxurus Philippensis Jourd. Backenzähne mit stum-
pferen. Höckern als bei P. typus\ statt der Binden auf Seiten und
Rücken findet sich eine grofse Menge falber und weifslicher Flecken ;
Beine braun, ' Philippinen auf Luxon und Mindanno. ComjJtes rend.
V. 523.
Das Skelet von Otocyon C. megalotis hat nach Blainville Compt.
rend. V. 425. alle Charactere vom Hunde, 13 Rücken-, 3 Lendenwir-
bel, durchaus keine Schlüsselbeine, nicht einmal im Rudimente.
Die fossile Gattimg Ämphicyon Lartet hat 7 obere Backen-
zähne, nämlich 3Lückenzälme, einen sehr entwickelten Fleischzahn und
3 hintere Höckerzähne ; mithin die nächste Verwandtschaft mit Ütucyon
Licht.^ wie Blainv. a. a. O. sehr richtig bemerkt.
ß. Insectivora.
Neue Gattung: Ericulus J. Geoffroy. Ann. d. Sc. VIII. S. 60.
Körper unterhalb mit Haaren, oberhalb mit spitzen Stacheln ohne
eingemengtes Haar bedeckt. Gliedmafsen kurz, fünfzehig, mit star-
ken ziemlich langen, etwas zusammengedrückten Nägeln. Schwanz
sehr kurz. Kopf verlängert. Sechs Backenzähne jederseits oben
und unten, nämlich fünf Backzähne und ein Lückenzahn. In jedem
Kiefer ein wenig vorstehender, wenig vom Lückenzahn verschiedener
Eckzahn. Vier Schneidezähne oben und unten. Madagaskar.
Centetes armatas id. ib.
Cent et es variegatus Gray. Loud. Mag. 1.
h. Chiroptera.
Blainville hat in den Compt. rend. V. p.807. fg. seine Ansich-
ten über die Classification der Fledermäuse mitgetheilt, als Probe ei-
393
nes zoolodschen Systemes, welches wir von ihm zu erwarten ba^
ben. Uafs dabei jede der Gruppen zur Erleichterung d(?s Gedächt-
nisses (!) einen neueu Namen erhalten mufs, dafs die Koussettes ildfiö»
^lütycteres, die Vampire Phyllouijcteres, die eiffentlichen Fledermäuse
Normonycteres u. s. w. heifsen müssen, verstdit sich von selbst, denn
wie sollte eine neue Classification in Wahrheit neu sein, wenn »i«
nicht auch neue Namen schaffte! Noch mehr aber wird die übliche
Nomenclatur durch das Princip der Sippenvereinigung, welches VerfL
wie in andern Zweigen der Zoologie, so auch hier befolgt, gefähr-
det, indem die meisten der unterschiedenen Genera als Subgeiiera
einem Genus subsummirt werden, was man nur billigen kann, wenn
einer solchen die nächst verwandten Genera begreifenden Gruppe die
Geltung einer Familie oder Tribus , nicht die eines Genus verliehen
wird , denn dadurch werden wieder eine Menge von Namenverän-
derungen ncithig gemacht, welche wie ein Fluch auf der Wissenschaft
lasten. Die dort entwickelten Principien der Classification hier aus-
führlicher zu beleuchten, würde zu weit führen, um so mehr^ als die
Reihenfolge ziemlich dieselbe wie die zeither beobachtete ist.
Fledermäuse existirten vor der mittleren Tertiärformation. Eiu
ropa's (avant la formation des terraius tertiaires moyens de nos
contrees septentrionale). Man findet sie in der Gypsform. v. Paris; sie
waren wahrscheinlich Zeitgenossen des Anoplotlierium, Paläotherium.
Sie existirten von dieser Zeit an, bis zu der unsrigen ohne Unter-
brechung, Mcil man Ueberreste in den Diluvialhöhlen imd Knochen'-
breccien findet; diese so alten Flederm. waren von den jetziin^detr
selben Gegend lebenden wenig verschieden. '.iMrMaa
Mehrere neue südeuropäische Fledermäuse wurden von Ch. B ör
n aparte in der Iconograßa della fauna Italic. Lief. 20 nnd 21 bo-
schrieben, auf welche ich gelegentlich zurückkommen werde. i • .i
TjCmminck gab in seinen Monograp/ues de Mammalo^ie Vol. II.
Livr. 2. S. 50 eine ausführliche Monographie der frugivoren Chiro-
pteren, welche zu reichhaltig ist, um hier analysirt zu werden.— .Des^
gleichen Zusätze zu seiner Monographie der Gattung Rhinolophus:
R. Nippon, von Japan^ dem europäischen R. unifer verwandt,
und eine indische Art R. Rouxii — und Zusätze zu R. lucius be-
treffend das Gebifs und den Geschlechtsunterschied, welcher bei die-
ser Art nicht existirt. Das Gebifs zeigte einen kleinen, sechsten
stumpfen Zahn im Unterkiefer zwischen dem Lückenzahno und dem
ersten Backenzahne, ohne dafs sich im Oberkiefer ein entsprechen-
der fände. v rroot-'l
Rhinolophus L ändert Martin, neue Art \o\\ FerOanSo Po
s, Proc. Z. S. 101. und dies Arch. Jahrg. V. 1. =' '
i. Q u a d r u m a n a.
Ogilby hat seine bereits im vorigen Berichte erwähnte Eritdek-
Icung einer mangelliaften Mautbildung an den Vordergliedmafsen der
iieuweltlichen Affen ausführlicher mitgethcilt und seine darauf be-
394
gründeten systematischen Ansichten vollständiger entwickelt. Loud.
Mag. N. S. 1. Dafs mit letzteren aller Natürlichkeit der Ordnungen
der Hals gebrochen wird, glaube ich bereits im vor. Berichte III. ge-
zeigt zu haben.
«. Pro si mtl. Gallacho Aletio Waterh. neue Art von Fer-
nando Po. Proc. Z. S. S. 87.
ß. Simiae. Von hoher Wichtigkeit sind die bereits in ds. Ar-
chiv erwähnten Entdeckungen fossiler Affen von Cautley und Falconer^
Bei dieser Gelegenheit kam in der franz. Academie die Frage zur
Sprache, ob es bei Gibraltar wirklich Affen gebe. Compt. rend. V.
S. 75. 450. 452. 487. 488. Allerdings giebt es ihrer dort, und ihr
Vorkommen im äufsersten Süden Europas kann, wie Bory St. Vin-
cent bemerkte, gar nicht befremden, da das Chamäleon in Spanien
und Sicilien, nordafrikanische Amphisbänen in Spanien, Gekkonen
im südl. Frankreich, Italien, Spanien getroffen werden, wohin sie
sicherlich Niemand hinüber gebracht hat, wie man vom Affen in Gi-
braltar allgemein meint. Der Magot, S. sylvanus, zeigt sich bei Gi-
braltar in Trupps von 30—50 Indiv. Bei feuchtem Ostwinde ziehen
sie auf die Westseite der Felsen. Nach Dumeril sind diese Affen der
Seekrankheit unterw^orfen. In der Regentschaft Algier finden sie sich
nur in Bugia; sind gemein in Marokko und auf den hohen Gebirgen
zwischen Ccuta und Tanger.
Ogilby zeigte in der zool. Gesellschaft einen neuen glänzend
schwarzen Colobus^ C. leucof/ieros, für welchen er wegen der weifsen
Farbe seiner Schenkel den Namen vorschlug. Pr. Z. S. 69. Derselbe
unterscheidet dort einen neuen Hylobates, H. Chorumandus , welcher
sich vor dem Hoolok durch gröfsere Höhe der Stirn und stärkeres
Vorragen der Nase, sowie durch aschbraune Farbe und star-
ken schwarzen Backenbart ausgezeichnet.
Martin hat nachgewiesen, dafs der Nasenaffe Simia nasica
im inneren Bau mit den Schlankaffen völlig überein kommt, er hat
deren complicirte Magenbildung und nicht die geringste Spur von Bak-
kentaschen; aber wie schon Wurmb angab, einen enormen bis zum
Schlüsselbein reichenden KehlsaCk. Da nun heiNasalis recurvus
Vig, Hors. die Nase bereits kürzer ist, so wird dadurch der Abstand
zwischen dem langnasigen Nasenaffen und den übrigen Schlank-
affen gemildert und man hat keinen Grund mehr, jenen in einer be-
sonderen Gattung zu trennen. (Proc. Z. S, 70.)
Eine Beschreibung des weibl. Chimpanze im Jardin des Plantes
haben wir von Hrn. de Blainville erhalten. (Instit. Nr. 225. Suppl. S.385.
In Temmincks Monographies de Mammalogie {II. Livr. 2. Monogr.
XII. S. 113. fg.) erhielten wir ausführliche Beschreibungen und Ab-
bildungen von alten und jungen Orangutangs (ßimia satyrus), sowie
deren Skeletten. Hiervon, sowie von Owen's Bemerkungen über den
Schädel des Simia Wurmhii werde ich im nächsten Jahresberichte
bei Gelegenheit der Heusinger'schen Schrift ein Näheres sagen.
Zu Jahrgang IV. Bd. 2.
Während meiner Abwesenheit von Berlin sind folgende,
zum Theil sinnentstellende Druckfehler im letzten Bogen deä
Jahresberichtes stehen geblieben, welche ich gütigst zu entschul-
digen und zu verbessern bitte.
Seite 371 Zeile 12 von oben lies Sabini statt sabini
25 V. o. 1. Rhynchaea st. Rhynochaea
14 V. o. 1. erythrorhyncha st. erythorhyncha
19 V. o. I modularis st. modularius
15 V. unten 1. semirufa st. serimufa
20 V. u. 1. Brucei st. Brucci
17 V. u. I. Klaassii st. Klasici
6 V. o. 1. Engoulevents st. Engonleverts
19 V. u. 1. seiner st. einer
8 V. o. fehlt das Komma hinter Ketloa
18 V. o. ist das Kolon hinter an zu streichen
6 V. o. 1. Jungle Sheep st. Joungle Sheep
10 V. u. 1. Eligmodontia st. Elygmodontia
14 V. u. fehlt das Zeichen der Parenthese.
l V. u. 1. Echimys st. Echymys
» 392 » 21 V. 0. 1. Mindanao si. Mindanno
» 392 » 4 V. u. 1. armatus st. armatas
)> 393 » 2 V. u. 1. Handbildupg st. Hautbildung /
» 394 » 5 V. o. 1. Galago Allen ii st. Gallacho Aleno
Erklärung* der Abbildung auf TafX.: Pteronura Sanbachii
Gray, s. S. 392 u. den Nachtrag in Jahrg. 5. B. 1.
Der Herausgeber.
^m
M38.
Ta.b.jr.
51.
3.
AleaceU^iumboUtt cUl .
ffu^o ThoacfveLsc:
Tab.ni.
N;idi dflT-Mat goz.vDr.Schlcidert.
liUi.v.C.P.SchnniH.
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ah.IY
1 liigoTiosriialoi.CK. hJchxiäcitgez
C.F.Sciomctt lalli
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T/^I».V
Evadjii' Nnrdiiiamii ,Li
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Tab.VJI
Fi^.l
Yi^9..
FigS
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Yi^A. Ti^.b Fi^.d. Fi^ 7. Fig. 8.
b.
Yi^.9. Yi^.lO. Yi^.n f'^g.J2 Yi^.n.
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