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ARCHIV
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FÜR #
NATURGESCHICHTE.
GEGRÜNDET VON A. F. A. WIEGMANN,
FORTGESETZT VON W. F. ERICHSON.
IN VERBINDUNG MIT
PROF. DR- LEU CK ART IN GIESSEN
UND
PROF. DR R. WAGNER IN GÖTTINGEN
HERAUSGEGEBEN
Da. r. B. TROSCHEI.,
PROFESSOR AN DER FRIEDRICH-WILHELMS-UNIVERSITÄT ZU BONN.
NEUN UND ZWANZIGSTER JÄHRGANG.
£rister Band.
Mit zwölf Tafeln.
Berlin,
NicoLaische Verlagsbuchhandlung.
(G. Parthey.)
1863.
Inhalt des ersten Bandes.
Seite.
Ein zweites Bruchstück aus der Entwickelungsgeschichte der
Maulfüsser. Von F r i t z M ü 1 1 e r in Desterro (Hierzu Taf. I) 1
Die Verwandlung* der Garneelen . Erster Beitrag. Von Fritz
Müller. (Hierzu Taf. II) 8
Die zweite Entwickelungsstufe der Wurzelkrebse (Rhizocepha-
len). Von Fritz Müller. (Hierzu Taf. III. Fig. 1-7) 24
Ueber die Ursache der Strömungen in der Leibeshöhle der
Sertularinen. Von Fritz Müller 34
Beschreibung neuer oder wenig bekannter Anneliden. Von
Prof. Dr. E. Grub e in Breslau. Sechster Beitrag. (Hierzu
Taf. IV— VI ) (Polynoe longisetis, Euphrosyne mediterranea,
ZygolobuB Laurentianus , Glycera tesselata, Tetraglene
rosea, Syllis brevicornis, S. hyalina, S. lussinensis, S. ni-
gricirris, Amblyosyllis lineata, Heterocirrus multibranchis,
Sclerocheilus rainutus, Phyllochaetopterus gracilis, Clymene
digitata, Terebella compacta, T. lingulata, Sabellides ad-
spersa, Sabella viola, S. candela, S. fragilis, S. sticho-
phthalmos, S. polyzonos, S. imberbis, Serpula (Placostegus)
lima) ......... '67
Beschreibung der Edwardsia duodecimcirrata Sars aus der Kie-
ler Bucht. Von A. Meyer und K. M ö b i u s. (Hierzu
Taf. III. Fig. A - D) 70
Beitrag zur Kenntniss der Nematoden. Von Dr. Vix in Hof-
heim. (Hierzu Taf. VII) 75
Ueber Polytrema miniaceum, eine Polythalamie. Von Prof.
Max Schultze. (Hierzu Taf. VIII.) Im Texte steht
fälschlich Taf. IX . 81
Beitrag zur Orismologie der Formiciden. Von Dr. Gustav
Mayr in Wien 103
Beiträge zur Fauna von Peru. Von Philipp i und Land-
beck in Santiago. (Synallaxis striata, Chlorospiza erythro-
nota, Pitylus albociliaris, Sterna lorata, St. Frobeenii, St.
comata, Leistes albipes, Recurvirostra andina, Dasycephala
albicauda) 119
^20S^
IV Inhalt.
Seite.
Anatomie und Physiologie des Giftapparates bei den Hyme-
nopteren. Von Dr. H. F e n g e r in Bonn. (Hiej-zu Taf. IX) 139
lieber eigenthüraliche Gebilde in der Samenflüssigkeit von
Janthina. Von Fritz Müller in Desterro. (Hierzu Taf. X,
Fig. 1 — 10) . . . . . . . • . .179
Ueber die Chilenischen Gänse. Von Dr. R. A. Philippi
und Landbeck in Santiago 184
Beschreibung einer neuen Ente und einer neuen Seeschwalbe.
Von Denselben 202
Kurze Nachricht über ein Paar Chilenische Fische. Von R.
A. Philippi in Santiago (Petromyzon Anwandteri, Perca
Pocha, P. Segethi) 207
Monographie des Nandu oder südamerikanischen Strausses
(Rhea americana) . Von Dr. Adolph Böcking in Bonn 213
Ueber eine Brachiolaria des Kieler Hafens. Von Dr. V. Hen-
sen in Kiel .... ... . . 24'i
Ueber die Zusammensetzung des Kopfes und die Zahl der
Abdominalsegmente bei den Insekten. Von Professor H.
Schaum. (Hierzu Taf. XI) 247
Eine Frage an die Herren Botaniker über die Ursachen der
schönen Herbstfärbung der Baumvegetation im nördlichen
Amerika. Von Prinz M a x i m i 1 i a n z u W i e d . . 2G1
Ein Paar zoologische Bemerkungen aus unserer unmittelbaren
Umgebung. Von Prinz Maximilian zu Wied. (Circae-
tus gallicus legt nur ein Ei, Mus minutus Nest) . . 267
Ueber den Unterschied zwischen dem Schädel von Dicotyles
labiatus Cuv. und D. torquatus Cuv. Von Prof. Dr. Kr au s s
in Stuttgart 271
Ueber den Hering der pommerschen Küsten und die an den-
selben sich anschliessenden Industriezweige. Von Prof,
Dr. Munter in Greifs wald. (Hierzu Taf. XII) . . 281
Die Körnchenbewegung an den Pseudopodien der Polythala-
mien. Von Prof. Max Schul tze 361
Nachtrag zu dem Aufsatze über die Brachiolaria des Kieler
Hafens. Von Dr. V. Ilensen 363
Nachtrag zu dem Aufsatze über die Zusammensetzung des
Kopfes und die Zahl der Abdominalsegmente bei den In-
sekten. Von Prof. H. Schaum 365
Ein zweites Briiclistück aus der Entwickeluiigsge-
sehiclite der Klaulfässer.
Von
Fritz Müller
in Desterro.
(Hierzu Taf. I.)
Durcli die bei einer Art ungemein reich entwickel-
ten ;, Stäbchen'^ der inneren Fühler waren mir neuerdings
die Hyperion merkwürdig geworden. Ich fing daher ein
Thierchen ein^ das in seinen Umrissen und durch die Art,
wie es in einem Gewimmel anderer kleiner Krebsthiere
herumschwamm, an Hyperia erinnerte, und das mir durch
den grünen Schimmer seiner Augen und seine Durchsich-
tigkeit aufgefallen Avar. Schon die einfache Linse zeigte,
dass es nicht war w^ofür ich es gehalten, imd eine nähere
Untersuchung ergab Folgendes :
Das bis auf die Augen farblose Thier ist fast 2 Mm.
lang. Sein Leib lässt drei sehr verschieden ausgestattete,
nahezu gleich lange Abschnitte unterscheiden : der vor-
dere ist ungegliedert, trägt Augen, Fühler, Mundtheile
und ein ansehnliches Rückenschild, das von seiner hinte-
ren Grenze weit nach hinten vorspringt; der mittlere,
ganz von diesem Schilde bedeckt, besteht aus fünf Rin-
gen, die zweiästige Schwimmfüsse tragen ; der hintere
Abschnitt ist anhanglos, aus drei kui'zen Ringen und einem
grossen Schwanzblatte gebildet.
Die Mitte des geraden Stirnrandes trägt einen, ein wenig
abwärts gerichteten spitzen Fortsatz, dessen Länge etwa
Archiv f. Naturg. XXIX. Jahrg. 1. Bd. 1
2 Müller:
der halben Breite des Stlrnrandes gleichkommt. Seitlich,
vorn an den Stirnrand sich anschliessend, springen die
grossen, ungestielten und unbeweglichen, beinahe halbku-
gelig gewölbten Augen vor, deren Oberfläche in regel-
mässig sechsseitige Feldchen (von 0,025 Mm. Durchmesser)
getheilt ist, und deren grüner Schimmer schon erwähnt
wurde. Zwischen ihnen liegt auf der Unterfläche ein
kleiner scharf umschriebener schwarzer Augenfleck.
Hinter diesem entspringt ein kleiner vorwärts gerichteter
Dorn (Fig. 2, c). Noch etwas weiter nach hinten, doch
noch zwischen den Augen und ihnen genähert, stehen die
inneren Fühler (Fig. 2, a, Fig. 3) , die auf kurzem
dünnen Stiele ein längeres Endglied tragen und nur mit
ihrer äussersten Spitze den Stirnrand überragen. Ausser
drei Borsten an der Spitze und einer am Aussenrande
tragen sie oberhalb, nahe der Spitze, drei meist stark ge-
krümmte, einfach walzenförmige Stäbchen mit abgerun-
detem Ende. Die äusseren Fühler (Fig. 2. b) ent-
springen dicht hinter den Augen, nahe dem Seitenrande
des Körpers, sind dreigliedrig, reichen ein- und vorwärts
sich krümmend bis zur Mitte des Endgliedes der inneren
Fühler und tragen an der Spitze sechs gefiederte Borsten.
Den Mund, der etwas hinter der Mitte des vorderen
Leibesabschnittes gelegen ist, umgeben Oberlippe, Unter-
lippe, ein Paar Oberkiefer und ein einzigesPaar Unter-
kiefer. Die Oberlippe (Fig. 4, a) überdeckt vollständig
die Oberkiefer; ihr freier Rand erscheint bald sanft ge-
wölbt, bald (bei stärkerer Zusammenziehung der Fig. 4, m
gezeichneten Muskeln) in der Mitte ausgebuchtet. An
den Oberkiefern (Fig. 4, b) unterscheidet man einen
mehr oberflächlich nach hinten und innen mehr in der
Tiefe und nach vorn gelegenen Theil *), von denen jeder
mit mehreren Zähnen bewafl:net ist. Die beiden Hälften
der Unterlippe (Fig. 4, c. Fig. 5) stossen in der Mittel-
linie zusammen; ihr Rand ist dicht mit kurzen Haaren
*) Dieser tiefer gelegene Theil des Oberkiefers ist wahr-
scheinlich von mir bei der älteren nur einmal gesehenen Maulfüsser-
larve übersehen worden.
Bruclistück aus der Entwickelungsgeschichte der Maulfüsser. 3
besetzt. Der Unter ki ef er (Fig. 4^ d) hat zwei überein-
andergelegene mit einwärtsgerichteten Dornen bewaffnete
Vorsprünge ; der dem Körper nähere trägt vier kürzere,
der andere drei längere Dornen ; nach hinten von erste-
rem liegt ein kleiner ungegliederter Anhang (Fig. 4^ d'),
dessen Innenrand einige kurze Borsten trägt^ und der
wohl als äusserer Ast (fouet, M. Edw.) zu deuten ist.
Mit der Rückenfläche des vorderen Leibesabschnittes
ist das ansehnliche Schild verwachsen. Es beginnt
hinter den Augen und reicht bis über den mittleren
Leibesabschnitt hinaus^ je nach dessen verschiedener Zu-
sammenziehung noch einen bis drei Ringe des hinteren
Abschnittes bedeckend. Seine Breite ist vorn Vs der
Körperlänge (den Stirnfortsatz nicht mitgerechnet), hinten
etwas geringer. Es ist seitlich nur wenig abwärts gebogen.
Seine hinteren Ecken sind in zwei starke hinterwärts ge-
richtete Spitzen ausgezogen, (Länge = V3 des Stirnfort-
satzes) und einen (halb so langen) Stachel trägt die Mitte
des Hinterrandes. Ein winziges Höckerchen (Fig. 7, n)
findet sich in der Mittellinie des Schildes am Anfange
des letzten Drittels des unverwachsenen Theilcs. Der
(an den Seitenthcilen einwärts gekrümmte) Rand des
Schildes ist eingefasst mit einem schmalen, dünnen, fein
und unregelmässig gezähnelten Saume (Fig. 7, s).
Der mittlere Leibes abschnitt ist, w^ie gesagt,
aus fünf Ringen zusammengesetzt und trägt fünf Paar
z w e i ä s t i g e r F ü s s e (Fig. 4, e ; Fig. 6), die bis auf einige
Unterschiede in der Beborstung übereinstimmend gebildet
sind ; alle haben einen dicken zweigliedrigen Stamm, einen
stärkeren zweigliedrigen inneren und einen schwächeren
ungegliederten äusseren Ast, der von dem inneren um die
Länge seines kurzen Endgliedes überragt wird. Der äus-
sere Ast trägt vier längere gefiederte Borsten am Ende,
eine an seinem Aussenrande und beim vierten und fünften
Fusspaare ausserdem zwei kürzere Borsten an seinem
Grunde. Das Endglied des inneren Astes trägt beim
fünften Fusspaare drei, beim dritten und vierten vier lange
Borsten und ausser diesen bei den ersten beiden Fuss-
paaren einen am Ende schwach einwärts gekrümmten
4 Müller:
Dorn etwa von halber Länge des Astes. Kürzere Borsten
stellen am Innenrande des inneren Astes.
Die drei folgenden anhanglosen Ringe ma-
chen zusammen kaum Vg der Körperlänge aus und tragen
jederseits je ein winziges rückwärts gerichtetes Dörnchen.
Der Schwanz ist ein ansehnliches spateiförmiges
Blatt von 0^3 der Leibeslänge ; seine Breite kommt in der
Mitte der Länge fast gleich, ist hinten nur wenig gerin-
ger, vorn nur halb so gross. Der ziemlich gerade Hin-
terrand trägt vier grössere, schmale und spitze Zähne;
zwei davon nehmen die hinteren Ecken ein ; zwischen
jedem von diesen und dem nächsten der beiden mittleren
Zähne stehen vier, zwischen den beiden mittleren stehen
zwei halb so lange Zähnchen; vier bis fünf weit kleinere
Dörnchen stehen in jeder der so gebildeten 13 Buchten.
Jeder Seitenrand trägt in seiner hinteren Hälfte drei
schmale rückwärts gerichtete Zähne.
Das Verdau ungs röhr, von ziemlich gleichbleiben-
der Weite , steigt vom Munde schief nach vorn in die.
Höhe, um dann umbiegend gei'ade zum After zu laufen,
der am Anfange des Schwanzblattes gelegen ist. Im
hinteren Theile des vorderen Leibesabschnittes nimmt es
die farblose Absonderung von zwei vorderen und zwei
hinteren weiten Leber schlauchen (Fig. 7, 1) auf. Die
vorderen Leberschläuche sind kurz, schief nach vorn und
aussen gerichtet, die hinteren begleiten den Darm bis fast
zum Schwänze und haben vorn eine ansehnliche Erweite-
rung (Fig. 8, l'O.
Das dem Darme aufliegende Herz (Fig. 7, a) bildet
in den fusstragenden Ringen einen gleichmässig weiten
Schlauch, der im vorderen Leibesabschnitte, über der er-
w^ähnten Erweiterung der hinteren Leberschläuche, sich
aufs Doppelte erweitert und im hinteren Drittel dieses
Abschnittes endet. Hier, an seinem vorderen Ende, wird
es durch zwei ansehnliche dreieckige seitliche Muskel-
bündel (Fig. 7, i) an die Rückenwand befestigt. Für den
Eintritt des Blutes sind fünf Paar OefFnungen vorhanden,
ein Paar nahe dem hinteren Ende des vorderen Leibes-
abschnittes, die folgenden ungefähr den Grenzen der fünf
Bruchstück aus der Entwickelungsgescliichte der Maulfüsser. 5
fusstragenden Ringe entsprechend. Die vier vorderen Paare
(Fig. 7^ b) bilden anselinliclie mit Klappen versehene
Spalten; die des letzten Paares (Fig. 7, c) sah ich einmal
sehr deutlich kreisförmig; andere Male waren sie minder
deutlich zu erkennen und schienen den vorderen ähnlich
2u sein. — Innere balkenartige Muskeln fehlen dem Herzen.
Die vom Herzen abgehenden Gefässe beschränken
sich auf ein vorderes und ein hinteres. Am Eingange
des ersteren (Fig. 9) liegen ähnliche Klappen, wie an den
seitlichen Spalten. — Von diesem vorderen Gefässe geht
ein starker unpaarer Ast zwischen Schlund und Hirn nach
unten, ein anderer jederseits nahe dem Stirnrande bis zum
Auge, während der schwache Endast etwa in der Mitte
des Stirnfortsatzes sich öffnet. Das aus den Aesten des
vorderen Gefässes austretende Blut strömt in der Leibes-
höhle lebhaft nach hinten. Das Jiintere Gefäss endet mit
weiter OefFnung (Fig. 7, h) etwas hinter dem After.
Selbst durch schwachen Druck des Deckgläschens,
der eben hinreicht, das Thier festzuhalten, wird der Blut-
lauf im Schwanzblatte leicht gestört; die dem Gefässe
entströmenden Blutkörperchen zögern oder stocken ganz
in der Nähe der hinteren Ecken, und man hat dann
hier Gelegenheit, aufs Gemächlichste die merkwürdige
eigene Bewegung der Blutkörperchen (Fig. 10)
zu beobachten, die Lieber kühn bei den farblosen Blut-
zellen der Wirbelthiere kennen gelehrt hat. Sie besteht
bei unserem Krebschen hauptsächlich darin, dass das
Blutkörperchen einen oder zwei kurze spitze Fortsätze
ausschickt, und ist so langsam, dass man sie nur an der
nach einiger Zeit veränderten Gestalt des Blutkörperchens
erkennt. Man überzeugt sich leicht, dass diese Formver-
änderungen, und dass die unregelmässigen Gestalten der
Blutkörperchen nicht etwas Krankhaftes^ etwa eine Er-
scheinung des Absterbens sind, wie man wohl geglaubt hat;
denn dieselben mannichfachen Gestalten, die nach und
nach dasselbe im Schwanzblatte ruhende Blutkörperchen
annimmt, findet man wieder in dem kreisenden Blute des
eben eingefangenen lebensfrischen Thieres.
Meine lückenhafte und der Nachprüfung bedürftige
6 Müller:
Beobachtung über die Anordnung des Nervensystems
übergehe ich.
Ueber die Deutung des eben beschriebenen Krebs-
chens als Maulfüsserlarv e dürfte namentlich nach dem
Bau des Herzens kaum ein Zweifel sein. Ob sie zu der-
selben Art, oder [wenigstens in dieselbe Entwickelungs-
weise mit der älteren Larve gehört, die ich vor Kurzem
beschrieb, ist schwerer zu entscheiden. Doch vermuthe
ich es. Unter einer nicht unbedeutenden Zahl von Krebs-
larven, die ich kenne, sind diese beiden die einzigen, die
das kleine Dörnchen zwischen dem Ursprünge der Fühler
besitzen. Jedenfalls gehört die Larve einem in der Nähe
der Küsten lebenden Thiere an ; die sieben Exemplare,
die ich untersuchte, fing ich an drei aufeinander folgenden
Tagen bei anhaltendem Südwinde, bei dem niemals Thiere
der hohen See in unsere Bucht kommen.
Gehören beide Larven zusammen, so w^ird die Ent-
w^ickelung jener älteren aus dieser jüngeren kaum anders
vor sich gehen können, als dass die drei vorderen Fuss-
paare sich in das zweite Paar der Unterkiefer und die
zwei ersten Paare der Kieferfüsse umbilden, und dass
zwischen ihnen und den beiden hinteren Fusspaaren die
sechs anhanglosen Ringe der älteren Larve entstehen.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. I.
Fig. 1 ist 45mal, 2 bis 8 sind 90mal, 9 und 10 sind ISOmal
vergrössert.
Fig. 1. Stomatopodenlarve von Praia de fora bei Desterro, v. u.
„ 2. Die Fühler, in ihrer gegenseitigen Lage, v. u. a der rechte
innere , b der linke äussere Fühler ; c der kleine Dorn
zwischen ihnen.
„ 3. Spitze des vordem Fühlers, v. d. Seite.
„ 4. Mundtheile in natürlicher Lage ; a Oberlippe ; b Oberkiefer ;
c Unterlippe; d Unterkiefer; d' äusserer Ast desselben; e
Fuss des ersten Paares ; m Muskeln der Oberlippe.
„ 5. Unterlippe.
„ 6. Fuss des vierten Paares; a äusserer, i innerer Ast.
Bruchstück aus der Entwickelungsgeschichte der Maulfüsser. 7 '
Fig. 7. Herz und Gefässe von oben, a Herz; b Spalten zum Ein- ]
tritte des Blutes ; c runde Oeffnungen ohne Knappen ; d i
Klappen am Ursprünge des vorderen Gefässes ; e vorderes {
Gefäss; f Ast desselben, der zwischen Schlund und Hirn '
nach unten geht ; g hinteres Gefäss ; h dessen hintere Oeff- i
nung; i Flügelmuskeln des Herzens; j Muskeln, die den
Schlund an den Rücken heften; k Muskeln, die den After \
öffnen; 1 Leber; m Anheftungs stelle des Rückenschildes; '
n ein kleiner Dorn des Rückenschildes; s der gezähnelte
Saum desselben.
„ 8. Der vordere Theil der Leber, v. o. S Schlund; d Darm; J
1 vordere, 1' hintere Leberschläuche ; 1" Erweiterung der -
letzteren. j
„ 9. Ursprung des vorderen Gefässes aus dem Herzen, a eine ■
oft zu beobachtende doch nicht bleibende Einschnürung i
dieses Gefässes.
„ 10. Blutkörperchen. •;
Desterro; Mitte Febmar 1862. i
Die Verwandlung der Garneelen.
Erster Beitrag.
Von
Fritz Müller
in Desterro. '
(Hierzu Taf. II.)
Milne Edwards deutete als walirsclieinlicli der
Gattung Peneus zugehörige Garneelenlarve einen kleinen
Krebs, den man früher als eigene Gattung Cryptopus Latr.,
den Schizopoden zugezählt hatte. Krebschen, die im all-
gemeinen Ansehen noch enger den Schizopoden sich an-
schliessend im Besitze dreiei: Scheerenpaare mit Cryptopus
und Peneus übereinstimmen, beobachtete ich in mehreren
Arten und konnte sie zurück verfolgen zu scheerenloser
Mysisform, von da zur Gestalt einer Zoea, und eine Art
•weiter bis zur Gestalt eines Nauplius, zu jener jugendli-
chen Grundform also, die schon die Rhizocephalen und
Lernaeen mit den Rankenfüssern und der formenreichen
Gruppe der Cyclopen verbindet.
Von der Zoeaform wurden fünf verschiedene Arten
und einige derselben ziemlich häufig während des ganzen
Sommers beobachtet ; die unveränderte Naupliusform,
wahrscheinlich dieselbe, in der das Thier aus dem Eie
schlüpft, kam ein einziges Mal (13. December) zur Beob-
achtung ■"").
*) Dies beweist, dass wenigstens zur Zeit der Fortpflanzung
die Eltern eich nicht in der Nähe des Strandes aufhalten, da sonst
Müller: Die Yerwandlung der Gameelen. 9
Der Körper dieser jüngsten Larve (Fig. 1) ist
ungegliedert^ birnförmig^ 0^4 Mm. lang^ vorn abgerundet
und 0^2 Mm. breit, nach hinten bis auf Vs der Körperlänge
verjüngt, hinten abgestutzt und seicht ausgerandet. Nahe
dem Vorderrande steht ein kleines, schwarzes, scharfum-
schriebenes Auge. Der Hinterrand trägt jederseits eine
starke gerade Borste von halber Körperlänge und daneben
einen kurzen Dorn. Der Unterfläche des Leibes entsprin-
gen sechs schlanke, langbeborstete Füsse, von denen die
vorderen und mittleren Vs? die hinteren etwa die Hälfte
der Körperlänge erreichen. Die vorderen stehen dicht am
Stirnrande, die mittleren nahe dahinter, die hinteren etwa
in der Mitte des Körpers. Die vorderen sind einfach, die
mittleren und hinteren zweiästig; der hintere Ast er-
scheint als unmittelbare Fortsetzung des Stammes, und
ist stärker, bei den hinteren Füssen auch viel länger als
der vordere. Deutliche Gliederung ist nirgends an den
Füssen zu erkennen, eine Andeutung von vier bis fünf
Gliedern ist am hinteren Aste der mittleren Füsse zu se-
hen. Eine starke Borste von Körperlänge steht nebst
einigen kürzeren an der Spitze der vorderen Füsse, zwei
an der Sj)itze des vorderen Astes, sechs am vorderen
Rande und der Spitze des hinteren Astes der mittleren
Füsse ; je zwei Borsten an der Spitze und eine unter der-
selben an jedem Aste der hinteren Füsse.
Das Thierchen ist ziemlich undurchsichtig und von
bräunlicher Färbung, die besonders an der Spitze der
Füsse stärker hervortritt. Die Bildung des Mundes und
der inneren Theile wurde nicht beobachtet.
Die ziemlich biegsamen Füsse bilden mit ihren spar-
samen langen Borsten eben kein rasch förderndes Be-
wegungswerkzeug. Ein Mann, der senkrecht im Wasser
schwebend, mit weit ausgebreiteten Armen, schwanke
Weidengerten in der Hand, sich emporarbeiten wollte,
umgekeh.rt die jüngsten Larven die häufigsten sein müssten. Eine
dem Pcneus Caramote nahe stehende Art, die hier häufig unter dem
Namen Camarao verspeist wird, erscheint im Sommer überhaupt nur
spärlich und kaum je über mittelgross auf dem Markte.
10 Müller:
würde etwa ein Bild der eigenthümliclieii Bewegungsweise
geben^ an der man auf den ersten Blick unter Hunderten
anderer kleiner Kruster diese Nauplius und die daraus
hervorgehende Zoea erkennen kann *).
Bei einer wenig grösseren (0^5 Mm. langen) Larve
(Fig. 2), die in allgemeiner Körpergestalt, Bildung der
Füsse und Färbung mit der vorigen übereinstimmt (am
13. Januar gefangen), hat sich das Hinterende in zwei
dicke kegelförmige Zapfen ausgezogen ; an deren Spitze
jetzt die beiden langen Schwanzborsten stehen, begleitet
nach innen von je zw^ei, nach aussen von je drei kürzeren,
zum Theil noch dornartigen Borsten. Auch die Zahl der
Borsten an den mittleren Füssen hat sich vermehrt. Als
erste Andeutung des Rückenschildes zieht sich ziemlich
in der Mitte des Körpers eine Hautfalte quer über den
Rücken. Die hinteren Füsse sind mehr nach vorn und
näher an die Mittellinie, an den zwischen ihnen liegenden
Mund gerückt, vor welchem, zwischen den mittleren
Füssen eine grosse helmförmige Oberlippe („ Mundkapp e'^j
gelegen ist. Der kurze Stamm dieser Füsse hat sich fast
kuglig verdickt; offenbar bildet sich in seinem Inneren
irgend ein neuer Theil, dessen Umrisse aber noch nicht
deutlich hervortreten. Hinter dem Munde, das mittlere
Drittel der Körperlänge füllend, sind aus der Bauchfiäche
vier Paar langer plumper Zapfen hervorgesprosst, die
sich hinterwärts dem Körper anlegen. In der Gestalt
der ersten beiden Paare lassen sich schon die späteren
Unterkiefer erkennen.
Eng an diese Larve schliessen sich vier andere an,
die — wahrscheinlich demselben Schwärme entstammend
— gleichzeitig (^24. Januar) gefangen wurden. In der
*) An dieser Bewegungsweise hatte ich mit blossem Auge das
eben beschriebene Thierchen als Peneuslarve erkannt ; das Mikroskop
Hess diese Deutung, wenn nicht als irrig, so doch als höchst un-
wahrscheinlich erscheinen. Einen Monat später fanden sich Mit-
telformen, die dem unbewafifneten Auge gegen das Mikroskop Recht
gaben; letzteres allein hätte mich wahrscheinlich nie die wahre Na-
tur meines Nauplius ahnen lassen.
Die Verwandlung der Garneelen. Xt
Anschwellung am Grunde der hinteren Füsse (Fig. 3)
sind deutlich die Umrisse des späteren Oberkiefers zu
erkennen; aus dem hinteren Aste hat sich der lebende
Inhalt mehr oder weniger vollständig zurückgezogen;
der vordere Ast ist noch ziemlich gefüllt, aber schon zu
sehen, dass auch ihm nach der Häutung Borsten fehlen
werden. Von diesen Füssen wird also, ausser dem zum
Oberkiefer umgewandelten Stamme, nur ein kurzes bor-
stenloses Stummelchen übrig bleiben. — (Ein solches,
durch seine dunkle bräunliche Färbung sehr augenfällig,
wurde in der Tliat einmal, am 3. Januar, bei einer sehr
jungen Zoea beobachtet; sehr bald aber schwindet auch
dieses vollständig). ■ — ■ Zwischen dem Ursprünge der bei-
den vorderen Füsse sind jetzt schon zw^ei ansehnliche in
der Mittellinie zusammenstossende Ganglien zu unterschei-
den. Im vorderen Winkel zwischen diesen beiden Gan-
glien liegt das Auge, umgeben von mehreren kleinen
orangefarbenen Kügelchen (Oeltröpfchen?). Ueber dem
Auge^ es von oben verdeckend, hat sich ein trübes, fein-
körniges Gewebe gebildet, dem jederseits ein kleines,
durchsichtiges, halbkuglig über den Stirnrand vorsprin-
gendes Knöpfchen aufsitzt. Darm, Leber und Herz sind
schon in ähnlicher Form vorhanden, wie bei den jünge-
ren Zoea.
Wahrscheinlich schon mit der nächsten Häutung,
darauf deuten die bereits angelegten Borsten derselben
hin, treten die Fussstummel in Thätigkeit und aus dem
Nauplius wird eine Zoea, auf deren Anhänge sich schon
ungezwungener die für die erwachsenen Thiere üblichen
Namen anwenden lassen. Ich bezeichne also weiterhin
die beiden ersten Fusspaare des Nauplius als Fühler, das
dritte als Oberkiefer, von den vier neuen Fusspaaren die
beiden vorderen als Unterkiefer, die hinteren als Kie-
ferfüsse.
Als Zoea (Fig. 4 — 8) wurde unsere Larve von 0,8
bis 1,6 Mm. Länge beobachtet. Während dieses Lebens-
abschnittes entwickeln sich die paarigen Augen; es
bilden sich 10 oder 11 neue Ringe, an dem ersten der-
selben ein Fuss])aar und an den fünf folgenden die An-
12 Müller:
lagen von solchen, so wie endlicli die seitlichen Schwanz-
anhänge. Diese neuen Theile sind natürKch in sehr
wechselnder Gestalt zu finden ; im Uebrigen. erleiden die
Thiere keine erheblichen Veränderungen, — selbst nicht
in der Grösse; denn die Zunahme der Länge rührt fast
ausschliesslich von der wachsenden Ausdehnung der elf
neuen Ringe her.
Das Rückenschild, 0,4 bis 0,5 Mm. lang, ist an-
fangs fast kreisrund und flach ausgebreitet. Bald biegt
es sich herab und deckt von den Seiten die Mundtheile
und die Grundglieder der Füsse. Hinten erhält es, so
weit es dem Körper aufliegt, eine seichte Ausbuchtung.
Während es bei seinem ersten Auftreten (s. o.) hinter
dem jetzigen Oberkiefer von dem Körper sich abhebt,
geschieht dies hinter dem zweiten Paare der Kieferfüsse
und frei vorspringend deckt es noch 2 — 3 der neu sich
bildenden Ringe. Yorn ist es zuerst von den aneinander-
stossenden Augen bedeckt (Fig. 4) ; wenn diese später
auseinanderweichen, überdeckt es den Zwischenraum und
den Grund der Augenstiele mit einem dreieckigen Fort-
satze, der in einen bis 0,12 Mm. langen Stachel ausläuft
(Fig. 7). Andere stachelförmige Fortsätze fehlen ihm.
Unter diesem vordersten Theile des Rückenschildes
und den paarigen Augen liegt das unpaare Auge: die
ganze Breite (0,1 Mm.) zwischen dem Ursprünge der vor-
deren Fühler füllen zwei ansehnliche Ganglien, die in der
jVIittellinie zusammenstossen ; ihre vorderen Flächen sind
stark gewölbt und über beide spannt sich in einem ziem-
lich halbkreisförmig gewölbten Bogen die Leibeshaut.
Aus der Tiefe des so zwischen den Ganglien und der
Haut frei bleibenden Raumes erhebt sich ein keulenför-
miges Stäbchen („KrystallkegeP^), das fast die Haut er-
reicht und in seinem unteren Theile von schwarzen Farb-
körnchen umlagert ist. Die Haut schien mir bei dieser
Art ohne linsenförmige Verdickungen zu sein.
Die Fühler bilden noch das hauptsächlichste Be-
wegungswerkzeug, während sie bei allen anderen Zoea
(der Maulfüsser, Krabben, Porcellanen, Paguren und der
Die Verwandlung dei* Garneelen. %$
in Zoeaform das Ei verlassenden Garneelen) nichts mit
der Ortsbewegung zu thun haben.
Die vorderen (inneren) Fühler (0^ Mm. lang)
erscheinen jetzt in vier Glieder geschieden, von denen
das erste fast die Hälfte der Länge einnimmt ; die längste
der drei starken Endborsten hat fast die doppelte Länge
des Fühlers. Dicht an den Endborsten, nach aussen von
ihnen, stehen ein oder zwei zarte 0,09 Mm. lange Stäbchen,
und ein oder zwei andere etwas unter der Spitze an der
Aussenseite des Endgliedes. Die hinteren (äusseren)
Fühler sind jetzt dicht an die Seite der inneren gerückt
und erreichen nur etwa V3 von deren Länge ; ihr dicker
Stamm lässt 2, der innere (vordere) Ast 3, der äussere
(hintere) bis 10 Glieder unterscheiden. Wie früher ist
der innere Ast wenig kürzer aber viel schmächtiger als
der äussere. Die Zahl der gefiederten Borsten des äus-
seren Astes steigt bis auf 10, von denen 4 an der Spitze,
die anderen am Ende der sechs vorhergehenden Glieder
stehen.
Die grosse Oberlippe (L) hat etwa die Gestalt
eines preussischen Soldatenhelmes, den man sich nur
breiter und dessen Schirm man sich bedeutend vergrössert
und in der Mitte ausgerandet denken müsste. Der Helm,
dessen Spitze vorwärts gerichtet ist, ist unbeweglich und
von ihm gehen Muskeln in den beweglichen Schirm, der
sich deckend über den Mund und einen Theil der Ober-
kiefer legt.
Von den kräftigen Oberkiefern (HI) fällt bei
Betrachtung des unvorletzten Thieres von unten nur ein
langer 2- — 3-spitziger Zahn in die Augen, der weit über
die tiefer gelegene mit niedrigen Leisten und Höckern
besetzte Kaufläche vorspringt. Am Grunde des Zahnes,
nach der Kaufläclie zu, stehen mehrere derbe, mit kurzen
Dörnchen besetzte Borsten (Fig. 8). — Die Oberkiefer
sind taste r los. Es scheint dies eine Eigenthümlichkext
zu sein, in der alle Zoea mit den Insekten übereinstim-
men und die hier doppelt auffallend ist, da nicht nur das
erwachsene Thier lüefertaster besitzt, sondern auch die
U Müller:
Jüngern Larven an dieser Stelle zweiästige Füsse besitzen,
aus denen die Kiefer hervorgehen.
An den Unterkiefern ( IV, V) unterscheidet man
den Stamm mit Vorsprüngen an seiner Innenseite, die
fast das Ansehen von Gliedern haben und mit starken,
zum Theil dornartigen, zum Theil gezähnelten oder ge-
fiederten Borsten besetzt sind, — einen mehrgliedrigen
Endtheil (inneren Ast?), der an Innenseite und Spitze län-
gere und zartere Borsten trägt, — und einen kleinen
länglichen blattförmigen Anhang (äusseren Ast, fouet M.
Edw. Fig. 5, a, a), an dessen Rande einige wenige zarte
Borsten stehen. An den Unterkiefern des ersten Paares (IV)
hat der Stamm 2 längere, an denen des zweiten (V)
4 kürzere Vorsprünge, an jenen der Endtheil 3, an diesen
5 Glieder.
Die Kieferfüsse (VI, VII) scheinen wenig bei
der Ortsbewegung mitzuwirken. Sie bestehen aus einem,
namentlich am ersten Paare dicken Stamme, einem län-
geren 4— 5-gliedrigen inneren und einem kürzeren unge-
gliederten äusseren Aste. Ausser den Endborsten finden
sich Borsten von verschiedener Länge auch am Innen-
rande des Stammes und des inneren Astes, so wie am
Aussenrande des äusseren. Das erste Paar ist länger und
kräftiger als das zweite.
Diebeiden Aeste des Schwanzes treten jetzt, durch
eine halbkreisförmige Ausbucht getrennt, unter ungefähr
rechtem Winkel auseinander, erscheinen am Ende abge-
rundet und erhalten am inneren Bande zweimal eine neue
Borste, so dass deren Zahl erst auf 7, dann auf 8 an
jedem Aste steigt. Die älteste Borste bleibt durch grös-
sere Länge (0,4 Mm.) kenntlich, die äusserste, der eben-
falls schon beim jüngsten Nauplius vorhandene Dorn,
bleibt dadurch von den übrigen unterschieden, dass sie
glatt ist, während die anderen mit kurzen Dörnchen und
längeren Haaren fiedrig besetzt sind.
Das Verdauungsrohr hat nichts Besonderes; der
After, anfangs endständig (Fig. 4), rückt später auf die
Bauchseite bis fast zur Mitte des letzten Ringes (Fig. 7).
Die Leber, von gelblicher Farbe, besteht aus drei Paar
Die Verwandlung der Garneelen. 15
weiten Schläuchen^ einem vorderen oberen^ einem seitli-
chen, einem hinteren unteren), und hat in ihrem Baue
ebenfalls Nichts von anderen Zoea Abweichendes.
Die Lage des Herzens (h) ist die gewöhnliche, am
Ende des mit dem Rückenschilde verwachsenen Leibes-
abschnitts; mit fortschreitender Ausdehnung des Schildes
rückt auch das Herz alhnählich weiter nach hinten. So
liegt es bei den älteren Nauplius über dem dritten Fuss-
paare (Oberkiefer), jetzt über dem sechsten und siebenten
(Kieferfüssen). Der Bau des Herzens dagegen weicht
auffallend ab von dem der älteren Thiere ebenso, wie von
den anderen Decapodenlarven. Es gleicht dem vordersten
erweiterten Abschnitte des Herzens der kürzlich von mir
beschriebenen jüngeren Maulfüsserlarve. Es fehlen näm-
lich die sich kreuzenden Balken im Innern und die Zahl der
Spalten für den Eintritt des Blutes ist auf zwei beschränkt,
die im hinteren Theile des Herzens auf dessen Unterseite
liegen. Diese zwei Spalten sind ungemein augenfälb'g
und ich glaube die Angabe, dass sie die einzigen sind,
mit aller Bestimmtheit machen zu können. Oft und lange
habe ich bei dieser und verwandten Arten den Lauf der
Blutkügelchen durchs Herz und in dessen Nähe verfolgt,
und nie sie anders als hier eintreten sehen; von vorn her-
kommende Blutkörperchen sah ich einigemal dicht am
Herzen entlang gleiten, um zu diesen hinteren Spalten
zu gelangen. Auch dürften die später trotz des inneren
Balkenwerks leicht zu erkennenden übrigen Spalten jetzt
an dem einfachen Schlauche kaum zu übersehen sein. —
Ein Gefäss entspringt am Yorderende, ein zweites unter
dem abgerundeten Hinterende des Herzens. Am Ursprünge
des ersteren wurden Klappen gesehen. Andere Gefässe
scheinen noch zu fehlen. Ein grosser Theil des aus dem
vorderen Theile des Körpers zurückkehrenden Blutes
macht, wie bei anderen Zoea, einen Umweg durch das
Rückenschild.
Dies die Theile, die während dieses ganzen Zeitraums
sich ziemlich unverändert erhalten.
Von den neu auftretenden Theilen sind der Zeitfolge
nach zuerst die paarigen Augen zu betrachten; denn
1-6' Müller:
schon bei den ältesten Nauplius war ihre erste Spur zu
erkennen (s. o.). Sie bilden bald eine ansehnliche, über
dem vorderen Theile des Rückenschildes liegende, den
Stirnrand überragende, vorn ausgerandete Masse (Fig. 4).
Nahe ihrer äusseren, hinteren Ecke tritt ein schwarzer
Farbfleck auf, von dem aus sich bald strahlige Linien zur
Oberfläche des späteren eigentlichen Auges verfolgen
lassen (Fig. 6) ; nach vorn imd innen davon unterscheidet
man den verdickten Sehnerven, hinter dem ein freier,
später von einem Muskel durchsetzter Raum bleibt. Die
anfangs dicht zusammenstossenden Augen rücken nun rasch
auseinander, so dass das unpaare Auge und in ganzer
Breite die Ganglien, zwischen denen es liegt, wieder von
oben sichtbar werden.
Eigenthümliche Gebilde, die ich nicht zu deuten
weiss und die den anderen beobachteten Arten zu fehlen
scheinen, sind die beiden halbkugligen durchsichtigen
Knöpfchen, die schon bei den ältesten Nauplius am Stirn-
rande vorspringen. Sie verhalten sich anfangs als zarte
fast kuglige wasserhelle Bläschen (Fig. 4, o), später als
winzige mehr derbhäutige und undurchsichtige zitzenför-
mige Anhänge am Vorderrande der Augenstiele während
des ganzen Larvenlebens (Fig. 9, o).
Die neuen Ringe, an denen später die Brust- und
Afterfüsse sich entwickeln, bilden anfangs einen unge-
gliederten, weichen, kurzen, aber rasch sich verlängernden
Gürtel. Noch ehe dieser Gürtel die Länge des hinter
ihm liegenden Leibesabschnittes erreicht, lässt sich eine
anfangs freilich wenig deutliche Sonderung in 11 Ringe
wahrnehmen. Anfangs sind diese ziemlich gleich lang,
ja die vorderen länger und deutlicher geschieden; gegen
Ende dieses Zeitraumes aber bilden die fünf hinteren etwa
Vs der gesammten Körperlänge, von denen di e sechs vor-
deren kaum Vg ausmachen, während der Rest der Länge
halb vor und halb hinter diesen neuen Ringen liegt *).
'■) Ob der erste dieser 11 Ringe, wie ich glaube, schon bei
Beginn dieses Zeitraums vorbanden ist, ob also alle 14, oder nur
10 Ringe als wirklich neu zu bezeichnen sind, lasse ich unentschieden.
Die Verwandlung der Garneelen. 17
Die fünf hinteren neuen Ringe (Hinterleibsringe) erhal-
ten am hinteren Rande in der Mitte des Rückens ein
kurzes Dörnchen und der letzte derselben ausserdem eins
an jeder Seite. Von inneren Theilen ist in diesen neuen
Ringen anfangs nur der Darm deutlich unterscheidbar,
später bildet sich die Kette der Nervenknoten aus und
erst gegen Ende dieses Zeitraums sondern sich die Mus-
keln in scharf geschiedene Bündel.
Die neuen Anhänge sprossen an der Bauchseite
der entsprechenden Ringe als anfangs einfache Zapfen
hervor, die aber bald einen längeren äusseren und kür-
zeren inneren Ast unterscheiden lassen. Zuerst und schon,
wenn eben eine Sonderung der neuen Ringe sich bemerk-
lich zu machen anfängt, das dritte Paar der Kieferfüsse
und die Seitenblätter des Schwanzfächers, weit später auf
einmal die fünf Paare der Brustfüsse. Die Aeste der
Kieferfüsse erhalten vor Ablauf dieses Zeitraums aus-
gebildete Endborsten, bleiben aber noch ungegliedert, die
Brustfüsse bleiben borstenlose Stummel. Die seitlichen
Schwanzblätter, die unmittelbar (ohne Gelenk) dem Grund-
gliede aufsitzen, erhalten einzelne kurze Borstchen, beson-
ders die Spitze des längeren äusseren Blattes; die langen
Fiederborsten der späteren Zeit fehlen noch. Durch das
Hervorsprossen der Schwanzanhänge • an der Bauchseite
unterscheiden sich unsere Thiere nicht nur von den Por-
cellanen, sondern auch von denjenigen Garneelen, die in
Zoeaform das Ei verlassen und bei denen, wie bei Por-
cellana, diese seitlichen Schwanzblätter innerhalb der brei-
ten Schwanzflosse angelegt werden.
Den allmählichen Aenderungen, die das Ansehen des
Thieres durch die Ausbildung der paarigen Augen, der
In letzterem Falle hätte man: im ersten Zeitraum (Nauplius)
fünf ursprüngliche Kinge (Fühler, Oberkiefer, Schwanz) und die Bil-
dung von fünf neuen (für Unterkiefer und Kieferfüsse); im zweiten
Zeitraum (Zoen) Bildung von 2X5 neuen Ringen, von denen die
einen (Brustringe) jetzt, die andern (Hinterleibsringe) im dritten
Zeitraum (Mysisform) Fussstummel erhalten. Dies einfache Yer-
hältniss jedoch, weit entfernt, ein allgemeingültiges zu sein, würde
nicht einmal für alle Arten der Gattung Peneus passen.
Archiv f. Naturg. XXiX. Jahrg. 1. Bd. 2
iS Müller:
neuen Leibesringe und ihrer Anhänge erleidet, folgt,
wenn es eine Länge von etwa 1,6 Mm. erreicht hat, eine
neue tiefgreifende, plötzliche Verwandlung, der Uebergang
in die Mysisform (Fig. 9). Die Fühler hören auf der
Bewegung zu dienen; sie werden abgelöst durch den
langen Hinterleib, der eben noch wie eine nutzlose Last
mühsam nachgeschleppt wurde und dessen kräftige Mus-
keln jetzt das Thier in hüpfender Bewegimg weiter schnel-
len, — und durch die langbeborsteten Brustfüsse.
Das Rückenschild, mit noch ungezähneltem Stirn-
fortsatze, hat am Vorderrande jederseits zwei kurze Zähne
erhalten, einen über dem Auge, den anderen an der
unteren Ecke. Es deckt nach Kurzem die Brustringe
vollständig, von denen anfangs einige wenigstens oberhalb
noch unbedeckt bleiben.
Die vorderen Fühler (Fig. 12, I) haben ihre
langen Borsten verloren. Die drei ersten Glieder er-
scheinen jetzt als Stiel, indem nach innen von dem vier-
ten, stäbchentragenden Gliede ein zweiter anfangs unge-
gliederter, in eine einfache Borste auslaufender Ast sich
entwickelt.
Der äussere Ast der hinteren Fühler (Fig.
12, II a) ist zur Schuppe des Garneelcnfühlers geworden,
zu einem ungegliederten Blatte, dessen Aussenrand in
einen kurzen Zahn ausläuft, während die weiter vorsprin-
gende Spitze und der Innenrand mit langen Fiederborsten
besetzt sind. Neben diesem Blatte, nach innen und unten,
steht ein kurzer, borstenloser, ungegliederter Zapfen, aus
dem später die Geissei des Fühlers hervorgeht. Ob dieser
Zapfen aus dem inneren Aste des Zoeafühlers sich ent-
wickelt, oder neu sich bildet, während jener innere Ast
vollständig schwindet, lasse ich unentschieden; wahr-
scheinlich ist mir letzteres ; ich glaube, dass man die Geissei
des Garneelcnfühlers als mittleren Ast (palpe M. Edw.)
zu betrachten hat.
Die schon bei Zoea vorhandenen Füsse haben keine
auffallende Veränderung erlitten. Das dritte Paar der
Kieferfüsse gleicht jetzt den beiden vorhergehenden. Die
fünf neuen Fusspaare (Fig. 11) haben anfangs alle
Die Verwandlung der Garneelen. 19
dieselbe Bildung; der ungegliederte Stamm trägt einen
kurzen^ ebenfalls ungegliederten inneren Ast mit zwei
Endborsten und einen doppelt so langen, in seiner oberen
Hälfte geringelten und mit langen Borsten besetzten äus-
seren Ast, der in fast beständiger strudelnder Bewe-
gung ist.
Am Schwänze (Fig. 10) sind die Seitenblätter jetzt
auf kurzem Grundgliede beweglich eingelenkt und mit
langen Fiederborsten besetzt ; das Mittelstück (der siebente
Hinterleibsring) erscheint länger und schmäler, als wenn
man die beiden auseinanderweichenden Aeste bis zu fast
völliger Verschmelzung zusamraengeschoben hätte; die
Borsten der Zoea sind vollzählig erhalten, aber zu kurzen
Dornen zusammengeschrumpft. Der After liegt am Anfange
dieses letzten Ringes.
Um dieselbe Zeit findet eine bedeutende Verände-
rung des Herzens statt, das vier neue Spalten für den
Eintritt des Blutes und innere Muskelbalken erhält.
In dieser Mysis-ähnlichen Gestalt wurde unsere Larve
von kaum 2 bis 4,5 Mm. Länge beobachtet. Während
dieses Zeitraumes bilden sich die Gehörwerkzeuge, die
Scheeren und Gangfüsse aus, Oberkiefertaster, Afterfüsse
und Kiemen werden an2:ele2:t.
Die Geissein der Fühler verlängern und gliedern
sich ; bei Thieren von 4 bis 4,5 Mm. Länge sind die beiden
Geissein der inneren Fühler dreigliedrig; die äussere,
etwas kürzere, trägt etwa sieben Stäbchen; die Geissei
der äusseren Fühler erreicht fast die Länge der Schuppe.
Im Grundgliede des inneren Fühlers bildet sich das
Gehörwerkzeug. Das untere Drittel dieses Gliedes
erhält nach aussen eine Auftreibung, die oben durch einen
halbmondförmigen Ausschnitt begrenzt wird (Fig. 12).
Im Inneren dieser Auftreibung unterscheidet man bald
(bei Thieren von 3 Mm. Länge) eine längliche Höhle. In
der Höhle erscheint wenig später ein kugliger, stark
lichtbrechender Gehörstein und in der halbmondförmigen
Ausbucht drei bis vier kurze gefiederte unten kuglig ver-
dickte Borstchen (Fig. 15). Der Gehörstein scheint nicht
frei in der Höhle zu liegen, sondern (wie es im Schwänze
2Ö Müller:
der Mysis der Fall ist) durch zarte Fädchen gehalten zu
werden^ die von einem nach innen von der Hohle gele-
genen Nervenknoten ausgehen.
Der vorwärts gerichtete Dorn der Oberlippe be-
ginnt zu schwinden, ist aber noch bei 4p Mm. langen
Thieren als kleines Spitzchen zu erkennen. Am Ober-
kiefer erscheint etwa zur Zeit, wo die Gehörsteine sich
bilden, der Taster als kleine Warze, die sich bald ver-
längert, aber ungegliedert und borstenlos bleibt.
Die Scheeren zeigen sich schon bei 2,8 Mm. lan-
gen Thieren angedeutet, indem der noch ungegliederte
innere Ast der entsprechenden drei Fusspaare innen
unter der Spitze einen kleinen Vorsprung erhält. Bei
Thieren von 3,5 Mm. Länge sind diese Füsse schon wie
beim erwachsenen Thiere gegliedert und jener Yorsprung
(der unbewegliche Scheerenfinger) erreicht Vs der Länge
des Endgliedes (des beweglichen Fingers), das noch seine
beiden Endborsten trägt (Fig. 14). Auch am vierten und
fünften Paare der Brustfüsse (Fig. 15) ist jetzt der innere
Ast in fünf Griieder getheilt und übertrifft schon um etwas
die Länge des äusseren. Bei 4,5 Mm. langen Thieren sind
die Scheerenfinger gleich lang; am vierten und fünften
Fusspaare sieht man einen spitzen Vorsprung, die Klaue,
neben den Endborsten, und namentlich am vierten über-
trifft die Länge des eigentlichen Fusses schon weit die
des äusseren Astes.
Die Afterfüsse sind schon bei 2,8 Mm. langen
Thieren als kleine Warzen erkennbar: anfangs sind sie
einfach und es ist, wie bei den Brustfüssen, der äussere
Ast, der sich zuerst entwickelt. Bei Thieren von 4,5 Mm.
Länge sind sie schon recht ansehnlich (Fig. 16) , aber
noch ohne Gliederung und Borsten, und der innere Ast
erscheint nur als unbedeutender Anhang des äusseren.
Die Anfänge der Kiemen sind als kleine rundliche
Wucherungen am Grunde der Kieferfüsse und Scheeren-
füsse schon bei Thieren unter 4 Mm. Länge zu erkennen;
später auch am vierten Paare der Brustfüsse.
Von der 4,5 Mm. langen Mysis-artigen Larve ist nur
ein kleiner Schritt noch zur Garne elenfo rm. Die
Die Verwandlung der Garneelen. 21
jüngsten in dieser Gestalt beobachteten Thiere waren etwa
5 Mm. lang. Ihr Stirnhorn hatte oben drei Zähne. Die
Fühler hatten keine Veränderung erlitten. An den Augen
war der kleine Anhang nicht mehr zu sehen. Das un-
paare Auge war sehr undeutlich geworden. Die Ober-
lippe hatte ihren Dorn vollständig verloren, der Taster
des Oberkiefers zwei Glieder und kurze Borsten erhalten.
Die beiden vorderen Paare der Kieferfüsse haben sich
dem Munde dicht angelegt und sind weit kürzer als das
dritte. Die äusseren Aeste der Brustfüsse, die bei manchen
Peneus (als sog. palpus flagelliformis) sich lebenslänglich
erhalten, sind vollständig verschwunden. Die Afterfüsse
haben (am äusseren Astej Glieder und Borsten erhalten.
Das mittlere Blatt des Schwanzfächers ist nach hinten
verjüngt und trägt am gerade abgeschnittenen Hinter rande
10 Dornen, von denen die an den Ecken die längsten
sind; drei kürzere Dornen stehen an jedem Seitenrande.
Die Kiemen (eine über dem vierten Brustfusse, je zwei
über den vorhergehenden) sind noch ganzrandige längliche
Blätter (hederspaltig bei 9 Mm. langen Thieren). Die
Leber fängt an durch Bildung neuer Schläuche und Yer-
ästelung der älteren eine zusammengesetztere Form an-
zunehmen.
Ueber 9 — 10 Mm. lang wurde das Thier noch nicht
beobachtet.
Eine zweite Larvenart ist als ältere Zoea leicht
dadurch von der eben besprochenen zu unterscheiden,
dass der Vorderrand des Schildes ausser dem mittleren
noch jederseits einen kürzeren seitlichen schief nach vorn
und aussen gerichteten stachelförmigen Fortsatz hat. Dabei
ist sie auf gleicher Stufe der Entwickelung grösser und
wurde als Zoea bis 2,3 Mm. lang gesehen. Jüngere Zoea,
denen noch die Fortsätze des Schildes fehlen, sind denen
der ersten Art so ähnlich, dass es mich Mühe gekostet
hat, sie an der Bildung der Fühler u. s. w. unterscheiden
zu lernen. Am unpaaren Auge dieser zweiten Art (Fig. 17)
bildet die Haut meist zwei linsenförmige Verdickungen
22 Müller:
zu den Selten des Stäbchens; einmal sah ich eine einzige
grössere dem Stäbchen gegenüber. Zwischen den beiden
Nervensträngen der Bauchkette lässt sich- ein unpaares
von Knoten zu Knoten verkufendes Fädchen unterscheiden
(das den anderen Arten schwerlich fehlt, aber noch nicht
deutlich bei ihnen gesehen wurde). Trotz der ungemeinen
Aehnlichkeit mit der ersten Art ist der Gang der Ent-
wickelung ein etwas abweichender, indem das dritte Paar
der Kieferfüsse und die Schwanzanhänge nicht vor-, son-
dern gleichzeitig mit den Brustfüssen auftreten.
Eine dritte Art (Fig. 18 — 22) w^urde von jüngeren
1,2 Mm. langen Zoea, bei denen die neuen Ringe noch
von gleicher Länge waren und eben die ersten Stummel
des dritten Paares der Kieferfüsse und der Schwanzan-
hänge sich gebildet hatten, bis zu 3 Mm. langen, mit drei
unvollkommenen Scheerenpaaren und Afterfüsscn verse-
henen Mysis - ähnlichen Formen verfolgt. Sie ist ausge-
zeichnet durch sehr reiche Bewaffnung des Rückenschildes
und der Hinterleibsringe mit stachelförmigen Fortsätzen;
auch das mittlere Blatt des Schw^anzfächers ist bei der
Mysisform in zwei lange Spitzen ausgezogen (Fig. 21).
Der Gang der Entwickelung scheint ganz wie bei der
ersten Art zu sein; die Form des Grundgliedes der inne-
ren Fühler bei den ältesten zur Beobachtung gekommenen
Larven (Fig. 22) lässt vermuthen, dass auch hier ein dem
der ersten Art ähnliches Ohr sich bilden werde.
Von zw^ei weiteren Arten, deren Zoea in der Bildung
der Fühler, der dorntragenden Oberlippe, des vielgliedri-
gen zweiten Unterkiefers, des Schwanzes, des Herzens u. s. w.
sich eng an die drei anderen anschliessen, wurde die eine
bis jetzt nur bis zur scheerenlosen Mysisform verfolgt,
die andere aber, die drei Scheerenpaare erhält, entfernt
sich im Gange ihrer Entwickelung so weit von den übri-
gen, dass ich ihre Verwandlungsgeschichte einer beson-
deren Schilderung vorbehalte.
Die Verwandlung der Garneelen. 23
Erklärung der Abbildungen.
Die ganzen Tliiere, so wie Fig. 10 und 19, sind 45malj Fig. 3
und 17 sind 180mal, Fig. 20 bis 22 sind 25mal, alle übrigen 90mal
vergrössert. Die römischen Zahlen I bis XIX bezeichnen die den
19 Paaren des erwachsenen Thieres entsprechenden Anhänge, g Geis-
sei des zweiten Paares ; a äusserer, i innerer Ast der Anhänge ; L
Oberlippe; h Herz; 1 Leber; 1' vorderer, 1" mittlerer, 1'" hinterer
Leberschlauch; o Anhang am Auge von unbekannter Bedeutung;
s mittlerer Stirnfortsatz ; t orangefarbene Oeltröpfchen.
Fig. 1. Jüngerer Nauplius eines Peneus aus dem Meere von
Sta. Catharina v. o.
„ 2. Aelterer Nauplius desselben v. d. S.
„ 3. Drittes Fusspaar eines noch etwas älteren Nauplius mit der
Anlage der Oberkiefer, A v- u., B v. d. S.
„ 4. Jüngere Zoea desselben, v. o.
„ 5. Mundtheile derselben Zoea, v. u.
„ 6. Augen einer etwas älteren Zoea.
„ 7. AeltereZoea desselben, v. u.
„ 8. Oberkiefer einer älteren Zoea.
„ 9. Jüngere Mysisform desselben, v. d. S.
„ 10. Schwanz desselben Thieres, v. u.
„11. Fuss des 13ten Paares, von demselben Thiere.
„ 12. Fühler einer 8,3 Mm. langen Larve, v. u.
„ 13. Fuss des 12ten) ^ • ^ ~ i,r -,
^ , > Paares von einer 3,o Mm. langen Larve.
„ 14. Fuss des 13teu) ' "
„ 15. Theil vom Grundgliede der inneren Fühler mit ausgebilde-
tem Gehörwerkzeuge, von einer etwa 4 Mm. langen Larve.
„ 16. Füsse des 18ten Paares, von einer 4,5 Mm. langen Larve,
V. d. Seite.
„ 17. ünpaares Auge von der Zoea einer nahe verwandten Art,
von unten.
„ 18. Zoea einer dritten Art kurz vor der Verwandlung in
die Mysisform, v. d. S.
„ 19. Hinterer Theil des Rückenschildes derselben, v. o.
„ 20. Hinterer Theil des Rückenschildes von einer 3 Mm- langen
mysisförmigen Larve derselben Art, v. o.
„ 21. Schwanz derselben mysisförmigen Larve, v. u.
„ 22. Stirnfortsatz und innerer Fühler derselben, v. o.
Desterro^ im März 1862.
Die zweite Entwickeliingsstnfe der Wurzelkrebse
(Bhizocephaleu).
Von
Fritz Müller*)
in Desterro,
(Hierzu Taf. HI. Fig. 1-7.)
Drei Tage nngefälir^ nachdem die jungen Wurzel-
krebse in Naupliusform die Bruthöhle ihrer Mutter ver-
*) Der Verfasser bemerkt bei Uebersendung des hier folgen-
den Aufsatzes an den Unterzeichneten , dass er auf den i^bdruck
verzichte, wenn der in demselben beschriebene Cypris-ähnliche Ent-
wickelungszustand der Rhizocephalen bereits bekannt sei. Nun hat
allerdings Lilljeb org diesen Entwickelungszustand von Peltoga-
ster sulcatus gesehen (Ann. and Mag. of nat. history 3. ser. Vol. VII.
1861. p. 57}, auch ist die von Fritz Müller auf Grund seiner Unter-
suchungen ausgesprochene Ansicht, dass die Rhizocephalen Ran-
kenfüsser seien, nicht neu, vielmehr von Anderson und Lill-
jeborg bereits vorgebracht und begründet. AberLilljeborg sah
die Cypris-ähnlichen Jungen von ;Peltogaster nur als leere Schalen
an älteren Entwickelungsstufen desselben Thieres ansitzen, woraus
durchaus noch nicht mit Nothwendigkeit das Hervorgehen des einen
aus dem anderen geschlossen werden kann, wie auch Fr. Müller
hervorhebt, der eine ähnliche Beobachtung wie Lilljeborg machte ;
neu dagegen und eine wesentliche Lücke ausfüllend sind die Beob-
achtungen von Fritz Müller über die direkte Umwandlung der
aus dem Eie geschlüpften Jungen in die Cypris-Form. Danach und
wegen der mancherlei anderweitigen Beobachtungen und gehaltvol-
len Bemerkungen, welche in dem nachstehenden Aufsatze meines
geschätzten Freundes enthalten sind, glaube ich bei der verehrlichen
Redaction dieses Archives den unveränderten Abdruck desselben
beantragen zu dürfen. Max Schultze.
Müller: Die zweite Entwickelungsstufe d. Wurzelkrebse. 25
lassen, verwandeln sie sich, wie ich kürzlich an drei
verschiedenen Arten beobachtete, in eine neue von der
ersten sehr abweichende Gestalt, die sich aufs Allerengste
anschliesst an die zweite Entwickelungsstufe der Ranken-
füsser ^). Dieselbe Form des zu einer muschelähnlichen
Schale zusammengeklappten Rückenschildes, dieselbe Bil-
dung der in ähnlicher Weise nirgends sonst wiederkeh-
renden Haftfüsse, der zwölf langbeborsteten Schwimmfüsse
und der Schwanzanhänge, und natürlich also vollkommen
dieselbe Art der Bewegung. Nur die paarigen Augen
fehlen.
Da somit die Wurzelkrebse sich als nächste
Verwandte der Ranken füsser herausstellen, so
scheint es passend, auch auf die früheste Jugendform
beider Gruppen noch einmal vergleichend zurückzublicken.
Die Birnform des ungegliederten Leibes, die Zahl der
langborstigen Füsse, von denen die beiden vorderen ein-
fach, die vier hinteren zweiästig sind , und das selten
fehlende unpaare Auge haben sie gemein mit zahkeichen
anderen jungen Krebschen. Sie stimmen unter sich überein
und unterscheiden sich von anderen Nauplius durch die
seitlichen Hörner des breiten, wenig gewölbten Stirnran-
des und vielleicht durch die beiden zarten ungegliederten
Fäden (Riechfäden), die auf der Bauchseite neben dem
Auge entspringen ^). Im Gegensatze zu den jungen Ran-
1) Leider kann ich in meiner literarischen Einöde weder Dar-
win's ausführliche Darstellung dieser Larven, noch die Arbeiten
seiner Vorgänger vergleichen. Junge Balaniden hatte ich häufig
Gelegenheit %u untersuchen und konnte an ihnen die von Krohn
geschilderte Verwandlung des Nauplius in die sog. cypris ähnliche
Gestalt verfolgen.
2) Die Stirnhörner sind nicht blosse Fortsetzungen des Rük-
kenschildes, von dem sie bei den Wurzelkrebsen bald weit überragt,
bald nur am Grunde bedeckt werden; an der Spitze sind sie offen
und hier pflegt bei massigem Druck der Leibesinhalt der jungen
Wurzelkrebse auszutreten; wiederholt schienen sie mir bei Wurzel-
krebsen und Balaniden mit wurst- und birnförmigen Schläuchen in
Verbindung zu stehen. Die beiden Fäden an der Bauchfläche dürf-
ten allen jungen Wurzelkrebsen zukommen, sie finden sich auch bei
26 Müller:
kenfüssern mit ihrem wolilentwickelten Darmrohre, mit
den zaHreichen scharf geschiedenen Muskelbündeln der
Füsse 11. s. w. haben die jungen Wurzelkre]:)se ein weit
unreiferes Ansehen. Verdauungswerkzeuge scheinen voll-
ständig zu fehlen. Eine kleine^ wie es scheint, rings
geschlossene Höhlung, die dicht vor dem Schnabel gelegen
ist, und bei einer neuen Art, Feitogaster {?) socialisj durch
die lebhafte dunkelgrüne Farbe ihres aus 10 bis 12 Kü-
gelchen bestehenden Inhalts leicht in die Augen fällt, ist
vielleicht als erste Anlage der später der Ernährung
dienenden Theile zu betrachten. Die reichlichen Dotter-
reste, um die ich früher eine Hülle unterscheiden und
als Darm deuten zu können meinte , liegen frei in der
Leibeshöhle. Der Schnabel scheint ohne MundöfFnung
und ebensowenig ist ein After zu bemerken. Sicher
nehmen die Thierche'n keine feste Nahrung zu sich. Ebenso
fehlen die von den Rankenfüssern wohl als Fresswerkzeuge
benutzten Zacken, Haken und Dornen am Grunde der
Füsse. Endlich ist das Hinterende nicht schwanzförmig
ausgezogen und entbehrt des eigenthümlichen stachelför-
migen Fortsatzes.
Zur Schilderung der zweiten Entwicklungs-
stufe wähle ich Lernaeodücus Forcellanaej da ich hier
namentlich den Bau der SchAvimmfüsse vollständiger zu
erkennen vermochte. Die beiden anderen beobachteten
Arten weichen übrigens nur unerheblich von dieser ab.
Während der ersten beiden Tage pflegt sich der
Schwärm der jungen Wurzelkrebse nahe der Oberfläche
des Wassers, an der Lichtseite des Glases aufzuhalten.
Im Laufe des dritten Tages senkt er sich zu Boden und
noch vor Ablauf desselben pflegt ein grosser Theil sich
gehäutet und verwandelt zu haben.
Lernaeodiscus Porcellanae, wo ich sie früher vermisste; es fragt
sich jedoch, ob sie nicht auch bei anderen Nauplius nur bisher
übersehen sind. Sie gleichen den Anhängen an den inneren Fühlern
vieler Krebsthiere, die ich mit L e y d i g für Riechwerkzeuge halte,
und dürften dieselbe Verriclitung haben. Bei Balanideu sah ich sie
unmittelbar vom Gelhnit; enUpringen.
Die zweite Entwickelungsstufe d. Wurzelkrebse. 27
Der ziemlich flache Leib des Nanplius klappt sich
bei dieser Verwandlung so nach unten zusammen^ dass
die Seitenränder des Rückenschildes nur eine schmale
Spalte zwischen sich lassen^ wodurch das Thicr (Fig. 1)
die Gestalt eines 0,2 Mm. langen^ 0/J8 Mm. hohen imd
kaum 0^05 Mm. dicken Muschelchens bekommt. Die Mit-
tellinie des Rückens ist ziemlich gleichmässig ge^völbt
und bildet ungefähr einen Viertelkreis. Die freien Sei-
tenränder steigen vom vorderen Ende der Rückenlinie
bogig nach unten und hinten^ einen Sechstelkreis bildend,
dessen Mittelpunkt in die Rückenlinie fällt und dessen
Halbmesser sich zu dem der letzteren wie 3 zu 5 verhält ;
von da verlaufen sie ziemlich geradlinig (unbedeutend
nach innen sich wölbend), in gleicher Richtung mit der
Sehne der Rückenlinie, die sie um etwa V5 ihrer Länge
überragen; von den leicht abgestumpften Hinterecken
endlich steigen sie in fast gerader Linie nach oben und
vorn, um im hinteren Endpunkte der Rückenlinie wieder
zusammen zu stossen. In seiner vorderen Hälfte ist der
untere Rand mit etwa 10 kurzen schief hinterwärts gerich-
teten Borsten besetzt ; ähnliche Borsten sind bei Sacculina
purpurea über die ganze Oberfläche der Schale zerstreut.
So bedeutend diese Wandlung der Gestalt ist, so
ist sie doch gering gegen die Veränderungen, die die
Anhänge des Thieres erleiden. Vollständig verschwinden
die Stirnhörner, der dreieckige Schnabel und die beiden
hinteren Fusspaare; letztere werden bei der Häutung
unverändert, mit ihrem Inhalte abgeworfen ^}, wäh-
rend aus Schnabel und Stirnhörnern vor der Häutung
der lebende Inhalt sich zurückzieht und wie von allen
anderen Theilen nur die Chitinhülle abgestreift wird. Das
erste Fusspaar verwandelt sich in die eigenthümlichen
Haftfüsse. Ziemlich unverändert erhalten sich nur das
Auge und die Riechfäden. Das Auge hat in der Regel
an Umfang zugenommen, in verschiedenem Grade bei
1) Rankenfüsser sah ich noch nicht während der Häutung; ob
nicht bei ihnen, wie bei den Garneelen, aus dem dritten Fusspaare
sich die Oberkiefer hervorbilden?
28 Müller:
verschiedenen Exemplaren (in dem Fig. 1 gezeichneten
ist es von besonderer Grösse) ; seine Lage wechselt etwas
bei den Bewegungen des Thieres; es ist Qtwa V3 der
Länge vom Vorderende, V3 der Höhe vom Rücken ent-
fernt. Der Ursprung der Riech fä den (Fig. 2, r\ deren
Länge etwas zugenommen hat, liegt jetzt vor dem Auge,
zwischen den Haftfüssen, wie bei der sog. Cjprisform der
Rankenfüsser. Aeusserst selten nur sah ich bei unbehel-
ligten Thieren ihre Spitze vorn oder unten aus der Schale
hervortreten.
Die Haftfüsse gehen, wie erwähnt und wie für
die Rankenfüsser schon Krohn nachwies, aus dem
ersten Fusspaare hervor. Das von Anfang an
starke Grundglied beginnt sich bald gegen sein oberes
Ende noch mehr zu verdicken und springt dann nach
innen und unten bedeutend über das Endglied vor. In
diesem angeschwollenen Grundgliede bildet sich aus einem
feinkörnigen trüben Gewebe der ganze Haftfuss. (Was
Krohn bei einer der Häutung nahen Rankenfüsserlarve
dem verdickten Ende der vordersten Füsse ansitzen sah,
dürfte wohl eher das Endglied des Naupliusfusses, als das
des späteren Haftfusses gewesen sein.)
Die Haftfüsse (Fig. 2) sind dreigliedrig. Das
kräftige Grundglied ist vorwärts gerichtet, von Ve' der
Leibeslänge, am Grunde reichlich halb so hoch und gegen
die Spitze stark verjüngt; sein Unterrand ist etwas länger
als der obere. Das zweite Glied ist walzenförmig und
hat etwa V3 der Länge des Grundgliedes; seine Spitze
scheint durch weiche Haut geschlossen. Näher dem Grunde
als der Spitze entspringt von seiner unteren Seite das
schief abwärts gerichtete Endglied, das wenig kürzer,
aber viel dünner und kegelförmig zugespitzt ist. Dicht
am Grunde txägt jedes der beiden letzten Glieder unterhalb
einen zarthäutigen , zungenförmigen Anhang ; der des
zweiten Gliedes hat reichlich V3, der des dritten etwa
die Hälfte der Länge des Grundgliedes. Man sieht in
diesen Anhängen meist einige kleine stark lichtbrechende
Körnchen, die ich mich nicht in den Stäbchen an den
inneren Fühlern anderer Krebsthiere gesehen zu haben
Die zweite Entvsrickelungsstufe d. Wurzelkrebse. 29
entsinne. Das zweite Glied ist von dem Grundgliede
diircli einen vollständigen Ring weicher Haut geschieden.
Die Beweglichkeit der Endglieder ist daher eine sehr
grosse. Aus demselben Grunde findet man an der Chi-
tinhülle abgestorbener Thiere die beiden letzten Glieder
der Haftfüsse stets abgefallen.
An die hintere untere Ecke des Grundgliedes setzt
sich, durch ein Gelenk mit ihm verbunden, eine hinter-
wärts gerichtete Chitinleiste (Fig. 2 u. 3, k'), die mit
dem Unterrande des Grundgliedes ziemlich gleiche Länge
hat, und mit dieser verbindet sich knieförmig eine zweite
aufwärts gerichtete Leiste (Fig. 2 u. 3, k") von derselben
Länge. Letztere ist oben in zwei gleichlaufende dünne
Aeste gespalten, einen äusseren und einen inneren, die
etwa V5 der Länge dieser Leiste ausmachen. Die oberen
gabiigen Enden der rechten und der linken Leiste liegen
dicht nebeneinander, nahe dem Rücken und ungefähr um
die Länge der Leiste vom Vorderende der Schale ent-
fernt. Diese Leisten dienen als Ansatzstellen für Muskeln,
die theils von ihnen in die Füsse gehen, theils sie nach
vorn und hinten an die Rückenwand befestigen.
Die Haftfüsse werden benutzt, wie bei den Ranken-
füssern. Zwar sah ich die jungen Wurzelkrebschen nie,
w^ie jene, an der Wand des Glases emporklimmen, son-
dern stets in der Nähe des Bodens bleiben ; allein, wenn
sie durch das Deckgläschen beengt, nicht bequem schwim-
men konnten, pflegten sie die beiden Haftfüsse abwech-
selnd vorzustrecken, um mit dem Ende des zweiten Glie-
des sich am Glase festzuheften und den Leib nachzuziehen.
Bisweilen schienen sie auch das Endglied wie einen Haken
zu benutzen.
Den hinteren Theil der Schale füllt der die S c h wim m-
fü s s e und S c h wanzanh an g e tragende Leibesabschnitt.
Als erste Anlage dieser Theile unterscheidet man in
einem an der Bauchfläche des Nauplius sich bildenden
körnigen, trüben Gewebe von unten eine tiefe Längsfurche
und schief nach innen und hinten verlaufende Trennungs-
linien der einzelnen Füsse, von oben eine Scheidung in
einzelne Abschnitte durch quere Linien. Durch diese
80 Müller:
Neubildungen ^vird eine zuletzt selir anselinliclie Auftrei-
bung gebildet^ die kielförmig nach unten und hinten vor-
springt und an ihrem Ende die beiden Spitzen des Hin-
terleibes mit emporhebt. Wahrscheinlich durch einen an
seiner vorderen oberen Ecke sich ansetzenden Muskel
wird der neue Leibesabschnitt mehr und mehr nach vorn
und oben gezogen, so dass kurz vor der Verwandlung
die hintere Hälfte des erwähnten Vorsprungs leer erscheint
und nur von den dicht zusammengelegten Borsten der
Schwimmfüsse durchsetzt wird.
Nach der Verwandlung erscheint dieser hinterste
Abschnitt des Leibes in der Seitenansicht (Fig. 4)
als stumpfwinkliges Dreieck. Der obere freie Rand, die
längste Seite des Dreiecks, liegt in der Ruhe dicht un-
ter dem Rückenschilde, ist fast 0,1 Mm. lang, leicht
gewölbt und geht durch abgerundete Ecken über in die
kürzeren Seiten, die vorn und unten unter einem Winkel
von etwa 120"^ zusammenstossen. Durch den vorderen
Rand steht dieser hintere Abschnitt mit dem vorderen
Theile des Leibes in Verbindung; der untere Rand, in
der Ruhe wagerecht etwas über dem Räude der Schale
liegend, trägt die Schwimmfüsse. Eine Scheidung in
einzelne Ringe ist nur angedeutet durch schmale Chitin-
leisten, die auf jeder Seite von den Füssen der oberen
vorderen Ecke zulaufen, ohne sie ganz zu erreichen, und
durch eine Einkerbung des oberen freien Randes, die die
hintere Ecke, den Schwanz, von dem fusstragenden Theile
scheidet. Die vorderste Leiste bildet den Vorderrand
dieses Leibesabschnitts; in geringer Entfernung von den
Füssen sind die Leisten jeder Seite unter sich durch
abwärts gew^ölbte Querleisten verbunden. Der ganze zwi-
schen den Leisten enthaltene Raum ist gefüllt von den
mächtigen Muskeln der Füsse ; ein starker und langer
Muskel entspringt von der vorderen oberen Ecke und
geht über das Auge und die gabiigen Chitinleisten der
Haftfüsse hinweg zur Rückenwand.
Die zwölf Schwimmfüsse ( Fig. 5 ) sind kurz
und bestehen aus einem stärkeren (etwa 0,012 Mm. langen)
Grundgliedc und zwei zw^cigliedrigen Aestcn, von denen
Die zweite Entwickelungs stufe d. Wurzelkrebse. 31
der äussere etw^s länger als der innere und als das Grund-
glied ist. Am Ende jedes Astes stehen drei lange gerade
steife Borsten^ deren Länge etwa der halben Höhe der
Schale gleichkommt ; eine ähnliche Borste steht am ersten
Gliede des inneren Astes, w^ährend das erste Glied des
äusseren Astes eine etwa dreimal kürzere Borste trägt.
Beim lebenden Thiere pflegen beide Aeste und die langen
Borsten so dicht an einander zu liegen, dass letztere wie
eine einzige starke Borste erscheinen.
Der Schwanz, die über den fusstragenden Theil
vorspringende, oberhalb durch eine seichte Kerbe geschie-
dene hinterste Ecke des Leibes, trägt jederseits einen
zweigliedrigen Anhang mit einer längeren und einer kür-
zeren Borste am Ende.
Darwin deutet bei den Eankcnfüssern den die
Schwimmfüsse und später die Ranken tragenden Leibes-
abschnitt als Thorax, den dahinterliegenden als Abdomen.
Letzteren darf man wohl, namentlich im Hinblicke auf
die Garneelen, als dem Schwänze (den beiden letzten
Leibesringen) der höheren Krebsthiere entsprechend an-
sehen. Ob auch erstcrer überhaupt bestimmten Kingen
der höheren Krebse entspricht, und welchen, wage ich
nicht zu entscheiden, möchte ihn aber eher dem Hinter-
leib, als der Brust derselben gleichsetzen.
•Versuche, die weiteren Schicksale der jungen Wur-
zelkrebse zu verfolgen, blieben bis jetzt ohne Erfolg,
selten überlebten einzelne, ohne weitere Veränderung, die
erste Woche. Eine einzige hierher gehörige Beobachtung
führte mir der Zufall zu.
An demselben Pagurus, in den die purpurrothe Sac-
culina ihre grünen Wurzeln treibt, lebt eine zweite Art
von Wurzelkrebsen, Feitogaster {f) socialis n. sp., in Ge-
stalt dottergelber, 5 Mm. langer Würste, die in der Mitte
festsitzen und an einem Ende die Oeffnung der Bruthöhle
haben. Es pflegen 4 bis 6 gleich alte Würstchen neben
einander zu sitzen. Vier solche beisammensitzende Würst-
chen, von nur 1,5 Mm. Länge, — die kleinsten, die ich
sah, — hatten das Ende, an dem später die Bruthöhle
sich Öffnet, trichterförmig eingezogen (Fig. 6) ; in der Mitte
32 Müller:
der Einsenkung sprang wieder ein kleiner, Hügel vor und
auf diesem sass die leere Cliitinliülle eines Krebschens
auf, das ganz den eben geschilderten glich. . Ausser der
Schale waren Schwimmfüsse und Schwanzanhänge mit
dem sie tragenden Leibesabschnitte erhalten; von den
Haftfüssen waren nur noch die oberen gabiigen Chitin-
leisten vorhanden^ die aus der Schale. hervorsahen und am
Rande jener Einsenkung festzusitzen schienen; zwischen
ihnen ging ein gerader Balken von der Schale zum Thiere,
vielleicht eine der unteren Leisten. Die Länge der Schäle
war 0,3 Mm.^ während sie gleich nach der Verwandlung;
wie bei Lernaeodiscus, nur 0^2 Mm. beträgt. — Ist es die
Haut desselben Thieres^ das jetzt in Wurmform festsitzt,
oder etwa die eines Männchens, das hier in seinem Berufe
sterbend hängen geblieben ist ?
Erklärung der Abbildungen.
Taf. in.
Fig. 1. Zweite Entwickelungsstufe von Lernueodiscvs PorceUanae,
nach einem am 14. April ausgeschwärmten Thiere am 19.
April gezeichnet.
„ 2. Die Haftfüsse und die zwischen ihnen liegenden Riechfäden (r)
einer solchen Larve, k', k" die knieförmig zusammenstos-
senden Chitinleisten, die den Muskeln dieser Füsse zum
Ansätze dienen.
„ 3. Die knieförmigen Leisten von einer Larve, deren Weich-
theile schon durch Verwesung zerstört waren.
„ 4. Der die Schwimmfüsse tragende Leib es ab schnitt,
„ 5. Einer der Schwimmfüsse. a äusserer, i innerer Ast.
Fig. 1 — 5 sind 360mal vergrössert.
„ 6. Chitinhülle einer ähnlichen Larve, dem Hinterrande eines
jungen Pellogaster socialis aufsitzend; IHOmal, vergr.
„ 7. Chitinring der Sacculina purpurea, 25mal vergr.
a ausserhalb der Leibeswand des Pagurus liegende Platte;
b der innerhalb des Pagurus sich ausbreitende Kranz.
Diese Figur soll die mangelhafte Fig. 6 meines ersten Auf-
satzes über die Rhizocephalen ersetzen.
D c s t e r r 0 , im Mai 1862.
Die zweite Eutwickelungsstufe d. Wurzelkrebse. 33
Nachschrift.
Auf die Frage, mit der ich vor weifigen Wochen
vorstehenden Aufsatz schloss, wurde mir heute unerwartet
Antwort.
Unter einer Gesellschaft von sechs jungen Peltogaster
socialis fand sich einer, dessen Hinterende die leeren Häute
von zwei Krebschen ansassen, während seine Genossen
je eine trugen. Jene Häute können nicht beide dem Pel-
togaster angehören, und wahrscheinlich also gehört ihm
keine ; denn für eine verschiedene Deutung der beiden ganz
gleichgebildeten Häute liegt kein Grund vor. Man wird
sie unbedenklich als Ueberreste von Männchen ansehen
können, die in Krebsgestalt dem wurmförmigen Weibchen
sich verbunden haben.
Desterro, 26. Mai 1862.
Berichtigung eines sinnentstellenden Druckfehlers.
Die erste Zeile des Aufsatzes über Cunina Köllikeri (dies
Archiv 1861. S. 42) muss lauten:
Eine der räthselhaftesten Thatsachen in der an Eäthseln
statt: Für die räthselhaftesten Thatsachen in der in Räthseln.
Arch. für Naturg. XXIX. Jahrg. 1. Bd.
(leber die Vrsaclie der Strömungen in der Leibeshöhle
der Sertularinen.
Von
Fritz Müller
in Desterro.
In seinen vortrefFliclien „Le^ons sur la pliysiologle
et l'anatomie comparee^ bezeichnet Milne Edwards,
wie ich so eben lese, die Strömungen in der Leibeshöhle
der Sertularinen als eine Erscheinung, über deren Ursachen
man noch nichts Sicheres wisse ^). Dies veranlasst mich
zur Mittheilung einiger vor längerer Zeit (1860) niederge-
schriebenen Bemerkungen, die mir geeignet scheinen,
diese Frage einer abschliessenden Entscheidung näher zu
führen.
Die Saftbewegung in der gemeinschaftlichen Höhle
des Polypenstockes der Hydroiden ist bald (Grant, van
ßeneden, Siebold-) einem Flimmerepithelium, bald
(Ehrenberg, Loven) einem Motus peristalticus der
Leibeshöhle zugeschrieben worden. Beide Ursachen wir-
ken gleichzeitig.
Dass die namentlich in jungen Knospen stets sehr
lebhaften wimmelnden Bewegungen der in der Leibesflüs-
sigkeit schwebenden Theilchen, und dass ähnliche tanzende
Bewegungen dieser Körnchen, die überall in der Leibes-
höhle vorkommen, von Flimmerhaaren bewirkt werden,
ist wohl kaum zu bezweifeln.
1) „On n'est pas encore bien fixe sur la cause de ces courants"
op. cit. Vol. III. p. 50.
2) Auch Milne Edwards schliesst sich dieser Ansicht an.
Müller: Ueb. d. Ursache d. Ström, in d. Leibesh. d. Sertul. 35
Aber neben diesen Bewegungen sieht man rascliere
oder langsamere Strömungen, die oft über weite Strecken
des Stammes in gleicher Richtung fortgehen und eine
Anhäufung der Leibesflüssigkeit an bestimmten Stellen
zur Folge haben, von welchen eine folgende Strömung
in entgegengesetzter Richtung sie wieder hinwegführt.
Bei langsameren Strömen lassen sich oft sehr deutlich
beiderlei Bewegungen neben einander beobachten, das
Fortströmen in der Mitte der Röhre und das Wirbeln
einzelner Körnchen am Rande ^}.
Für diese Strömungen nun bleibt kaum eine andere
Ursache denkbar, als Zusammenziehung der Leibeswand.
Direkte Beweise für eine solche fand ich bei Flumularia
laxa n. sp. -).
Hier sah ich einmal zwischen der Leibesröhre und
deren Chitinhülle einige lose Körnchen, die stets in
einer dem Strome innerhalb der Leibesröhre entgegenge-
setzten Richtung sich bewegten. Wenn der innere Strom
durch Zusammenziehung der Leibeswand erzeugt wird,
so ist natürlich dieser äussere ein nothwendiger Begleiter
desselben, so wie umgekehrt seine Anwesenheit für diese
Ursache des inneren beweisend ist. Es ist ganz dasselbe
Verhältniss, wie zwischen den beiden entgegengesetzten
Strömungen in den Füssen der Pycnogoniden, der des
Darminhalts innerhalb und der des Blutes ausserhalb des
sich zusammenziehenden Darmblindsacks.
1 ) Ein gleichzeitiges Aufwärtsströmen an einer Seite der Röhre
und Abwärtsströmen an der anderen, wie es Milne Edwards
(1. c. p. 49) beschreibt, entsinne ich mich nicht, bei einer der von
mir beobachteten Arten gesehen zu haben ; doch mögen andere Ar-
ten sich hierin anders verhalten.
2) Eine besonders zierliche und durchsichtige, hier ziemlich
seltene Art. Aus einer auf Tangen hinkriechenden Röhre erheben
sich senkrechte etwa 15 Mm. hohe Stämmchen mit 20- bis 30-fiedrig
gestellten bis über 2 Mm. langen Aesten, die in derselben Ebene
liegend, abwechselnd rechts und links vom Stamme abgehen. Jeder
Ast trägt auf seiner oberen Fläche 2 bis 3 ungestielte kegelförmige
Becherchen mit weiter kreisförmiger glattrandiger Oeffnung. Die
campanularienähnlichen Thiere können sich nicht ganz in diese
Becherchen zurückziehen.
36 Müller: Ueb. d. Ursache d. Ström, in d. LeibesH. d. Sertul.
Es lag nun nahe, an der Leibesröhre selbst den Nach-
weis der Zusammenziehnng zu versuchen. An einer Stelle,
wo durch den aufsteigenden Strom die Leibesflüssigkeit
sich angehäuft hatte, mass ich den Abstand der Leibeswand
von der Chitinhülle und fand ihn auf einer Seite zu
0,004 Mm., während sie sich auf der anderen dicht anlagen.
Es trat bald darauf ein absteigender Strom ein und als
derselbe aufhörte, war jener Abstand auf 0,01 Mm. ge-
stiegen. Der Durchmesser des Rohres war jetzt 0,042,
war also 0,048 gewesen und hatte sich folglich um Vs
vermindert.
Diese Beobachtung besteht sehr wohl mit der An-
gabe van Beneden's, nie Bewegungen an der Röhre
der Campanularien gesehen zu haben (wenn auch nicht
mit der von ihm behaupteten, „iramobilite absolue^') ; denn
dieser „motus peristalticus^^ fällt vollständig in das Gebiet
jener langsamen Bewegungen, die, wie das Fortschreiten
der Gestirne, nicht als solche unseren Sinnen sich be-
merklich machen, sondern aus vergleichenden Beobach-
tungen verschiedener Zeiten erschlossen werden müssen.
Desterro, Juni 1862.
Beschreibung neuer oder wenig bekannter Anneliden.
Von
Prof. Dr. Ed. Grube
in Breslau.
Sechster Beitrag (siehe dieses Archiv Jahrg. 1846.
1848. 1855. 1860).
(Hierzu Taf. lY-VI.)
Polynoe Sav.
P. longisetis (3ri\ Taf. lY. Fig. 1.
Corpus paiüo angustum, posteriora versus senslm at-
tenuatum, pinnis valde dilatatum^ albicans supra brimneo
cinnamomeo variegatum^ subtus splendore margaritaceo ;
segmentis 45, elytrigeris macula transversa brunnea media,
cirros dorsuales gerentihus vitta brunnea latiore, medio
interrupta distinctis. Elytra utrinque 15 magna, imbricata,
dorsum omnino, setas dorsuales ex parte tantum tegen-
tia, tenuissima, maxime caduca, rugulosa, hjalina, in-
terdum radiatim venosa, ad marginem fumida, laevia,
subcircularia, 5 ad 6 segmenta tegentia, paris Imi multo
minora. Lohns capitalis transverse ovalis, e longitudine
sulco bipartitus, margine anteriore utrinque processu mi-
nimo splniformi munitus, brunneus. Tentacula brunnea,
impar incisurae frontali insertum, sub apice albo filiformi
annulo nigro ornatum, vix inflatum, longitudine latcraiium
vel segmentorum 11, paulo floccosum, articulo basali
brevi, depresso globoso, lateralia crassa sensim acumi-
nata, ad basin crassitie fere 6-pla imparis, media Vs
longitudinis eins. Ocidi 4 marginales, anteriores paulo
maiores. CtVri tentacidares inferiores longitudine t.
38 Grube:
imparis, paulo crassiores, ceterum simlles. Pharynx ex-
sertilis brimneus margine antico papillis 18 digitiformibus
acutls. Cirri dorsnales floccosi, subbrunnei vel albidi sub
apice bis nigro - annulatl, inter anntilos albi, setis ventra-
libus longius prominentes, vent7^ales breves filiformes, albi,
vix apicem pinnae attingentes. Pinnae in labium longum
acute triangiilnm productae, saepins iam a segmento lOmo
latitudinem corporis aequantes, cum setis eam V3 superan-
tes,* Setae flavae, dorsicales difFusae, semilanceolatae, an-
gustissimae, per longitudinem densissime transverse striatae,
striis asperis, ventrales in flabellum angustum collectae,
vix longiores, V3 longius prominentes, lineares, apice sim-
plici vel breviter bidente, eum versus striis transversis
fere 30, spinulas ferentibus munitae, inde marginibus ser-
rulatae.
Long, corporis 34 milL, latit. media 3,5 mill., cum
pinnis setisque 12 mill.
Lussin grande, Lussin piccolo, Crivizza bei Lussin
piccolo.
Fast nur in einzelnen Bruchstücken gefunden, bloss
ein Exemplar mit allen Segmenten, doch nur mit wenigen
Elytren und Rückencirren und ohne Aftercirren. Diese
Art, welche zu Kinberg's Gattung Antinoe gehören
würde, muss neben P. cirrata gestellt werden, von der
sie sich durch die aufi'allende Länge der Ruder und ihrer
Borsten, so wie durch die Beschaffenheit und Grösse der
Elytren unterscheidet, welche trotzdem die Borsten we-
niger als bei P. cirrata bedecken; auch die Form der
letzteren ist eine andere, und die Zeichnung des Rückens
der Segmente nicht durchgehend dieselbe, sondern wech-
selnd, je nachdem diese Elytren oder Rückencirren tragen.
P. setosissima Sav., deren Elytren unbekannt sind, zeigt
mit unserer Art viel übereinstimmendes, hat aber einen
kürzeren unpaaren Fühler und 20 Rüsselpapillen.
Euphrosyne Sav.
E. mediterranea Gr. Taf. IV. Fig. 2.
Corpus oblongum, subtus planum, supra convexum
Beschreibung neuer oder wenig bekannter Anneliden. 39
Laetius pallidiusve latericium, raro croceum^ cute clorsi
plus minus rugulosa, segmentis 27 ad 32. Carimcula
oblonga, crista longitiidinali alta crassa ornata^ segmentis
4 anterioribus afiixa, 5 tegens, in taeniam angustam ad
labrum oris deciirrentem, supra hoc tentacula minima 2
ferentem continuata. Tentaculum impar crassum, cirris
dorsiialibus plerumque brevius. OguU ad basin eins insi-
dentis 2 (in nonnullis 4). Flabella setarum dorsuaimm
tripla fere inferiorum latitndine^ iis paulo breviora^ trimco
branchiarum 1 ab iis distenta, plerumque V5 tantum dorsi
liberum linquentia ; cirri setis plerumque breviores^ mter-
medius inter 2dum et 3ium truncum branchiarum locatus.
Branchiae coccineae vel pallidiores, setis humiliores^ ex
truncis 7 constantes retrorsum versis^ in ramos paucos
divisis, i-amulis extremis minime in foliola dilatatis. ßetae
albidae, apice inaequaliter bifurco.
Long, speciminis vivi segmentorum 32 : 15 mill., latit.
6 milL, corporis sine setis long. 13 milL_, latit. 4 mill.
Lussin piccolo, Crivizza, Neresine; Yilla franca.
Scheint kaum eine blosse Varietät von E. myrtosa
aus dem Rothen Meere, welche Savigny dunkel violet
und 10 bis 12 Linien lang beschreibt. Obwohl ich gewiss
gegen 20 Exemplare theils frisch, theils in Weingeist
aufbewahrt, unter Händen gehabt, habe ich doch nie an-
dere Farben als die oben genannten, und nie eine grössere
Länge als 17 mill. beobachtet. Savigny zählte bei der
myrtosa 36 Segmente, ich nie mehr als 32, meistens selbst
bei grösseren Exemplaren nur 29 bis 30. Im Uebrigen
herrscht grosse Uebereinstimmung, namentlich in der Zahl,
der einfacheren Verästelung und Kürze der Kiemenstämm-
chen, und der Stellung des mittleren Cirrus, in der Gestalt
des Körpers und, wie es scheint, auch in der Form der
Karunkel. Savigny giebt zwar an, dass die Endzweige
der Kiemen in ovale Blättchen auslaufen, doch sind diese
auf seiner Abbildung durchaus nicht zu bemerken; mir
ist ein solches Verhalten bei E. mediterranea nur einmal
begegnet. Die beiden Fühlerchen an dem schmalen
Längsstreif, der von der zweilappigen Oberlippe des Mun-
des zwischen den Seitentheilen des ersten Segments zur
40 Grube:
Karunkel hinaufsteigt, sind so schwer wahrzunehmen^
dass sie mir anfangs entgangen sind; es wäre möglich,
dass sie auch bei anderen Euphrosynen vorkommen. Bei
den ^leisten Exemplaren ist die Stelle, an der sie sitzen,
durch einen etwas zweitheiligen schwarzen Fleck be-
zeichnet, der wie ein verkümmertes Augenpaar aussieht.
Vergleicht man unsere Art mit E. foliosa Aud. Edw.,
mit der sie auch viele Aehnlichkeit hat und namentlich
in der Färbung mehr übereinstimmt, so finden wir doch
hier ein anderes Verhalten der Kiemen; sie bestehen aus
acht Stämmchen, ihre Endzweige verbreitern sich ent-
schieden in ovale Blättchen und die Abbildung zeigt, w^as
freilich im Texte nicht erwähnt w^ird, dass der mittlere
Cirrus zwischen dem 4ten und öten Kiemenstämmchen
steht: letzteres scheint mir von besonderem Gewicht.
Endlich wäre an E. armadillo Sars zu denken *"), die
ebenfalls Kiemen mit 7 Stämmchen besitzt, doch soll das
oberste und das vierte nur einfach sein und der unpaare
Fühler einen cylindrischen Basaltheil und der Leib bei
c. 9 Mill. Länge 16 Segmente haben. An der Basis des
Fühlers sollen zwei Paar Augen vorkommen ; wie ich sie
bei einzelnen meiner Exemplare auch bemerkt habe.
Zygolobiis Gr.
Corpus, pinnae, setae Lumbriconereidis generis, sed
segmentum hiiccale margine arteriore supra in foliola 2,
lobo capitali incumbentia productum.
Entweder eine eigene Gattung oder eine Untergat-
tung von Lumbriconereis. Es fehlt noch die Untersuchung
der Schlundkiefer.
Z. Laure7itia7i u s Gr. Taf. IV. Fig. 3.
Corpus speciminis alcohole servati ex brunneo cra-
neum iricolor, parte antica fusca splendore niaxime coeruleo
et viridi, segme?itis plus 170, latissimis (14to et proximis)
longitudinem segmentorum 4V2 aequantibus. Lohcs capitalis
*) Reise i Lofoten og Finnmarken p. 91.
Beschreibung neuer oder wenig bekannter Anneliden. 41
obtiise lateque lanceolatus, postIce trimcatus, crassuS; lon-
gitudine segmentorum proximorum 2. Segmentum huccale
biannulum, posteriora versus latlns^ dupla proximi longi-
tudine, setis nudum, margine anteriore medio trianguli obtusi
brevissimi instar producto, foliola ovalia tentacularia 2
ferente. Pinnae minimae, brevissimae, labiis obtusis 2,
posteriore longiore digitiformi^ setis simplicibus aciculisqne
munitae. Setae aiiteriorum fere 50 et capillares^ limbatae,
leniter flexae 5-nae, et imcinatae^ breviores^ uncino ro-
dundato limbato, aciciilae 3-nae, posterior um solae uncina-
tae^ 3-nae et aciculae 2-nae.
Long, speciminis incompleti c. 9 unc. (245 milL), latit.
max. fere 1,8 mill.
St. Martino bei Lussin piccolo; von Prof. Lorenz
gefunden.
Glycera Sav.
Gl. tesselata Gi\ Taf. IV. Fig. 4.
Corpus brevius vermiforme, teres, antice tumidius,
postice tenuissimum, supra j^allide cinnamomeum e longi-
tudine ordinibus 5 macularum brunnearum destinctum, ma-
culis alternantibus, impari cuiusque segmenti tota longi-
tudine, dimidia fere latitudine eius, ceteris maiore, medns
ad marginem anticum, lateralihus ad posticum segmenti sitis,
Ulis et has et imparem tangentibus, pictura quasi areolata
in posteriore corpore evanescente; segmentis 70 biannulis,
interdum triannulis. Lohus capitalis elongato-coniformis,
annulis 9 biannulis, fasciculum setarum minutissimum fe~
rentibus, constans, longitudine segmentorum contractorum
fere 6, tentaculis 4 aeque brevibus, macula minima nigra
triangula ad apicem inter superiora sita. Pharynx exser-
tilis papillis setaceis densissimis obsita maxillis uncinatis 4
armata, longitudinem segmentorum fere 17 aequans. Fin-
nae graciles in lobulos acutos 3 exeuntes, anteriores dimi-
dia corporis latitudine, posteriores totam latitudinem su-
perantes, lobulorum duo superiores, fasciculum setarum
amplectentes, tertius inferior, papilla digitiforinis, liacce
paulo brevior, supra ad pinnae basin affixa, setas brevis-
42 Grube:
simas 4 continens. Setae pinnarum tenerrimae , longe
prominentes, flabellnm bipartitum componentes, sub 12-nae,
(posteriorum 6-nae), superiores aliquot simplices capillares,
pleraeque spiniferae.
Long, animalis vivi c. 14 mill., latit. partis tumidae
(sine setis) 1,3 mill.
Lussin piccolo., Neresine bei Osero.
Die borstenförmigen Papillen mit denen der ganze
Rüssel dicht bedeckt ist, kommen bei keiner anderen Art
vor, ebenso wenig die schachbrettartig gefelderte Zeich-
nung des Rückens. GL Uouxiij die in mancher Hinsicht
unserer Art am meisten ähnelt, hat 2 vordere und 2 hin-
tere Lippenblätter an ihren Rudern, die winzigen Borst-
chen, die ich am lebenden Thiere an der oberen Papille
der Ruder bemerkte, konnte ich am todten ebenso wenig
wiederfinden, als die an den Ringeln des Kopf läpp ens
sitzenden.
Tetraglene Gr.
Corpus brevius vermiforme, segmentis brevibus, cir-
ris ani 2. Lotus capitalis transversus ocuUs maximis
utrinque 2, uno dorsuali altero ventrali, tentaculis nullis.
Segmenturn huccale ceteris simile. Finnae satis longae,
ramis coalitis cirrum dorsualem ventralemque, prope api-
cem sitos, gerentibus. Setae superiores simplices, infe-
riores compositae.
T. rosea Gl, Taf. IV. Fig. 6.
Corpus brevius vermiforme, angustum, pinnis valde
dilatatum, postice paulo attenuatum, cirris ani 2 digitifor-
mibus, ex carneo roseum, interdum serle dorsuali macu-
larum ornatum, maculis transversis, in iinibus segmentorum
sitis, ut basi pinnarum cerasinis, segmeritis 36, paulo la-
tioribus quam longis, posteriorihus quadratis, postremis
iterum brevioribus, ultimo interdum elongato. Lohns ca-
pitalis transverse ovalis, latitudine corporis, alterum tantum
latior quam longus, fronte media inci^a bilobus, oculis
utrinque 2, 1 dorsuali, 1 ventrali, globosis aurantiacis
Beschreibung neuer oder wenig bekannter Anneliden. 43
pnpilla mnnitis inferioribus maximis superioribus plus
dimidio diametri minoribus. Tentacula nulla. Segmentum
huccale proximo brevius, pinnis minoribus^ cirris dorsua-
libus albis. Finnae longae, latitudinem segmentorum sub-
aequantes, complanatae, biremes, ramis coalitis utroqiie
cirrum gerente, r. inferiore multo longiore ; anteriores 3
ceteris paulo breviores et tenuiores. Cirrus dorsualis
extremitati pinnae affixus^ pharetra setarum baud longior,
ut cirri ani anrantiacus plerumque incurvus, subarticulatus,
articulis brevibus basin versus longioribus 9 ad 13; c. ven-
tralis dorsuali brevior. Setae tenerae rami su'jperioris
simplices cultriformes, apice leniter recurvo, sub 25-nae
flabellum angustum componentes^ cirrum dorsualem supe-
z^antes, r. inferioris debiliores, multo breviores, compositae,
appendice brevi spiniformi, sub 5-nae. Cirri ani segmento
suo paulo longiores; proximis multo longiores et crassiores.
Long, animalis vivi 7,5 mill., latit. cum setis 2 mill.
Crivizza, Neresine.
Schwimmt mit unglaulicher Geschwindigkeit. Ein
Exemplar war voller Eier von rosenrother Farbe und in
einer anhaltend zitternden Bewegung. An der Spitze des
Ruders Flimmerbewegung.
Die Grösse der Augen theilt dieses Tbierchen mit
Alciope und Joida, die Vierzahl derselben und ihre Stel-
lung ist ihm eigenthümlich. Es gewinnt aber dadurch
noch eine besondere Bedeutung, dass es am Hinterende
einer wesentlich abweichend gebildeten Annelide entsteht,
welche die grösste Aehnhchkeit mit Syllis hat, obschon
sie auffallend kurze Fühler und Fühlercirren besitzt. Die
Beschreibung für diese Annelide, als deren hintere Knospe
unsere Tetraglene zu betrachten wäre, ist folgende :
Cor'pus brevius vermiforme hyalinum, intestino fusco
moniliformi perlucente, subteres, utrinque paene nihil at-
tenuatum segmeiitis 32 aeque longis, 3-plo fere latioribus
quam longis. Lotus capitalis rotundato-trapezoideus paene
rectangulus, Vg fere latior quam longus e longitudine sulco
bipartitus, toris frontalibus dimidio brevioribus, ovalibus
sibi adiacentibus, ocidis 4 parvis trapezium latissimum com-
ponentibus, utrinque sese tangentibus, anterioribus paulo
44 Grube:
maioribus magisque distantibiis. Teiitacula 3 brevissima, lon-
gitudine lobi capitalis, arcte articulata, impar ceteris vix lon-
gius articulis fere 1, ante oculos inserta. Segm'entiim huccale
brevissimum; pinnigernm, cirro dorsuali, ut proximi, prorsus
vergente^ latitiidinem segmenti fere aequante^ articulis bre-
vissimis 9 vel 10. Cirri dorsuales pinnarum ceterarum
paene fusiformes, obtusi, paulo breviores^ articulis totidem,
c. ventrales brevissimi, aegre distinguendi pinnas vix ex-
cedentes. Finnae brevissimae deorsum baud distinguen-
dae, oblique truncatae. Setae paucae, 5-nae^ falcigerae,
falce brevissima subrecta^ apice simplici attenuato, praeter
eas in pinnis nonnullis simplices, capillares 5-nae longis-
simae observatae, supra illas provenientes^ per se fascicu-
lum componentes.
Long, animalis, ut Tetraglenes ei adhaerentis fere
5 mill.
Diese Annelidenform ^ welche man der leichteren
Verständigung wegen ebenfalls wird mit einem eigenen
Namen bezeichnen müssen^ mag vorläufige bis sich die
genaueren Unterschiede von den eigentlichen Syllis her-
ausstellen, als Fseudosyllis hrevipennis (Taf. IV. Fig. 5)
aufgeführt werden.
Syllis Sav.
8. hr evicornis Gr. Taf. IV. Fig. 7.
Corpus brevius vermiforme, supra fulvum colore
Cheiranthi cheiri/ ordine 1 macularum albarum^ segmen-
tis 30 ad fines satis constrlctis^ supra utrinque linea trans-
versa nigra a cirro dorsuali medium finem posticum versus
proficiscente et altera media, in fine ipso sita ornatis, 3-plo
fere latioribus quam longis. Lohns capttalis transverse
ovalis fronte paulo biloba (toris frontalibus brevissimis
paene omnino connatis)^ ocidi parvi fusco rubri, figuram
rectangulam latlssimam componentes, anteriores paulo
transversi, posteriores punctiformes. Tentacula brevissima
longitudine lobi capitalis, aeque prominentia, haud articu-
lata, apice paulo seorso, brevi tenuissimo, impar cretaceum,
pfaria hyalina. Cirri tentaculares haud longius promincn-
Beschreibung- neuer oder wenig bekannter Anneliden. 45
tes (inferior paulo brcvlor)^ forma tentaculorum. Pinnae
graciles; . dimidia corporis latltudine paulo breviores, lin-
gula acuta munitae. Girrus dorsualis tentacjills similis
baud articulatus; apice ad basin nigro pinna neque ita'
tenuior nee longior, plerumque rectus; medii dimidiam
segmentorum latitudinem aequantes; c. ve^itralis stylifor-
mis^ acutus ad apicem pinnae oriens, eam vix excedens.
ßetae tenerrimae^ spinigerae^ spina brevi linearis 9-nae ad
12-nas. Cirri ani forma tentacularium^ latitudine segmenti
sui multo longiores, cirros d. paris antepenultimi aequantes.
Long, animalis vivi c. 5 mill.^ latit. cum setis 1 mill.
paulo minor.
Crivizza. Nur ein Exemplar.
S.liyal in a Gr. Taf. IV. Fig. 7.
Corpus vermiforme, byalinum; intestino pallide late-
ritio perlucente, cute densiore paulo splendente^ segmentis
115 ad 127^ latissimü ante medium sitis 4-plo, ceteris 3-plo
fere latioribus quam longis. Lohns capitalis transversus,
animalis vivi subpentagonus^ toris frontalibus profunde
seiunctis, elongatis^ rotundato triangulis paene alterum tan-
tum longioribus : ocidi 4 punctiformes trapezoideum latum
componentes^ posteriores anterioribus minus distantes. Ten-
tacula toros liaud ita excedentes; aeque prominentes, arti-
culis fere 20 brevibus. Segmentum huccale proximo vix
brevius; cirri tentaculares cum tentaculis lateralibus aeque
prominentes, latitudinem segmenti paulo superantes. Fin-
nae V4 fere latitudinis segmenti sui aequantes. Cirri dor-
suales crassi articulis brevibus 12 ad 16 plerumque latitu-
dinem corporis aequantes, nonnulli V3 vel V2 breviores,
crassitudine paene V2 longltudinis segmentorum respon-
dente, c. ventrales pinnam paulo excedentes. Setae falci-
gerae plerumque 10-nae, falce tenui elongata vix curvata,
segmentorum posteriorum 4-nae tantum vel 3-nae, paulo
fortiores minus prominentes falce brevissima paene aeque
lata ac longa. Cirri ani longi, longitudine segmentorum
proximorum 12, cirris dorsualibus proximis multo crasslores,
5-plo longiores.
46 Grube:
Long, speciminis alcohole servati 18 mill._, latit. cum
pinnis 1 mill.
Lussiji grande, Neresine^ Crivizza.
An den Weingeistexemplaren sind die Stirnpolster
viel kürzer und etwas breiter als am lebenden Tiiiere,
die Segmente minder gestreckt, die Rückencirren, die sich
fast in beständiger Bewegung hin und lier krümmten,
gerade oder wenig gebogen und meistens merklich kürzer
als ihr Segment breit. S. moniliformisj welche dieser Art
nahe steht, besitzt viel dünnere Rückencirren mit zahl-
reicheren Gliedern und Fühlern, welche über die schon
an sich kürzeren Stirnpolster weit hinausragen. Auf die
Stellung der Augen möchte ich kein zu grosses Gewicht
legen, denn sie stehen am lebenden Thiere der S. hyalina
bald mehr wie ein breites Trapez, bald in einem flachen
Bogen. Der zurückgezogene Rüssel reichte bis zum lOten,
der Magen vom lOten bis zum 19ten Ruder.
ß. lussinensis Gr. Taf . IV. Fig. 9.
Corpus speciminis alcohole servati albidum, alterius
fulvum, gracile utrinque satis attenuatum, segmentis plus
56 brevibus, mediis 3-plo vel 4-plo latioribus quam longis.
Lohus capitalis hexagono - rotundatus , Vs latior quam
longus, toris frontalibus satis inter se distantibus, basi
tantum coniunctis, parallelis oblongis rotundato rectangu-
lis , illo paulo longioribus, dimidio angustioribus ; oculi
punctiformes, fusco rubri, trapezoideum latum componen-
tes, anteriores vix magis distantes, paulo maiores. Ten-
tacula moniliformia toros frontales longo excedentia, impar
2^/2 longitudinis eorum aequans, paribus fere V3 longius,
cirris tentacularibus superioribus minus prominens, articu-
lis fere 30. Segmentum huccale proximo dimidio brevius,
cum eo longitudinem lobi capitalis adaequans. Finnae V4
fere latitudinis corporis aequantes. Cirri dorsuales linea-
res crassitie V4 tantum longitudines segmentorum aequante,
longissimi, latitudinem corporis saepe dimidio, anteriores
aliquot eam alterum tantum superantes, moniliformes, lon-
giores articulis 46, breviorum singuli interiecti a. 25, c.
Beschreibung neuer oder wenig bekannter Anneliden. 47
ventrales pinnam paulo superantes. Setae falcigerae 8-nae,
falce elongata recta apice bidente. Cirri ani longitudine
segmentorum proximorum 8^ c. dorsualibiis proximis duplo
longiores.
Long, animalls laesi 56 segmentorum, 8 milL, latit.
max. cmn pinnis 1 milL; cum cirrls dorsualibus 3 mill.
Neresine.
Diese nur nach einem Weingeistexemplare beschrie-
bene Art erinnert durch die Beschaffenheit der Fühler
und Rückencirren an B. latifrons Gr., Kr., die bei Callao
gefunden ist, aber eine andere Augenstellung und quer-
gestreifte Segmente, auch einen schmäleren Kopflappen
besitzt.
ß. nigricirris Gr. Taf. lY. Fig. 10.
Corpus speciminis alcohole servati utrinque satis
attenuatum; pallide carneum subbrunneum, cute densiore,
paulo splendente, splendore interdum violaceo ; segmentis
79 ad 118 brevissimis, medns 5-plo vel 6-plo latioribus
quam longis. Lobus capitalis transversus ellipticus, toris
frontalibus rotundato triangulis, infra sibi adiacentibus, vix
longioribus quam latis, longitudine eins; oculi 4 puncti-
formes arcum minus curvatum componentes, posteriores
inter se paulo magis quam ab anterioribus distantes. Ten-
tacula toris frontalibus haud ita longiora, longitudine seg-
mentorum proximorum fere 5, moniliformia, subfusca, impar
paribus paulo longius, articulis 17 ad 22. Segmentum
buccale proximo paulo brevius, cirri tentaculares superio-
res tentacula vix excedentes. Pinnae breves, oblique
truncatae, lingula brevi acuta. Cirri dorsuales nigri, ut
tentacula breviter articulati, longitudine plerumque latitu-
dinem corporis (cum setis) aequantes, nonnulli longiores,
articulis 20 ad 48, c. ventrales pinnam paulo excedentes.
ßetae 9 - nae, satis prominentes, tenerae, falcigerae, falce
paene recta, brevissima, praeter eas aciculae 3-nae. Cirri
ani 3 ; pares proximis multo longiores articulis fere 33,
impar brevissimus, simplex.
Long, speciminis alcohole servati maximi (118 seg-
48 Grube:
mentorum); 26 mill.; iatit. 1;5 mill.^ long, alterius (79 seg-
« mentorum) 20 mill.
Bei Val d' Arche von Professor Lorenz gefunden,
Neresine.
Das Auffallendste an dieser Species sind die schwar-
zen Rückencirren.
Amblyosyüis Gr. Oersd. '^).
Ä. lineata Gr. Taf. V. Fig. 1.
Corpus breviter vermiforme, utrinque satis attenuatum,
margine laterali grosse serrato^ albidum^ pinnas versus
roseum, intestino minus perlucente^, segmentis 16, (Imo et
postremis 5 exceptis) supra linea transversa nigra, a basi
cirrorum dorsualium Oriente ornatis, lOmum et llmum ver-
sus sensim maioribus, witeriorihus pinnigerorum paene
rectangulis, alterum tantum latioribus quam longis, sequen-
tihus postice dilatatis, trapezoideis, confiniis valde coarctatis,
lOmo vel llmo omnium maximis subquadratis, proximis
latitudine decrescentibus trapezoideis penultimo longiore
quam lato, ut segmento Imo et 2do dimidia mediorum la-
titudine, postremo eiusdem formae, dimidio breviore. Lohus
capitalis parvus hexagonus, vix latior quam longus fronte
truncata, toris frontalibus nullis, oculorum paribus 2; ociili
punicei, satis magni, rotundi, coniuncti fere Vg longitudi-
nis eins aequantes, arteriores marginem frontis proximi,
posteriores tangentes, vix iis magis distantes. Tentacula
frontalia 3, filiformia, haud articulata, impar dupla parium
longitudine (repositum paene usque ad segmentum 8vum
pertinens). Segmentum Imum seu huccale vix distinguen-
dum ; cirri tentaculares utrinque 2, iuxta oculos provenien-
tes, superiores cum tentaculis paribus fere aeque longe
prominentes, cirro dorsuali pinnae l^ae breviores. Pmnae
uniremes, labio acuto munitae. Cir?^i dorsuales longius
vel brevius articulati, longitudine variantes, plerique lati-
tudine segmenti sui dimidio d. pinnae postremae setis
*) Annul. Oerstediana Naturhist. Foren. Vidensk. Meddelelser
1857. p. 29 (des Separatabdrucks).
Beschreibung neuer oder wenig bekannter Anneliden. 49
carentls, miüto longiores^ c ventralis labium pharetrae
excedens^ v, pimiae postremae, ceterls longior. Cirri ani
c. dorsualibus proximis paulo crassiores^ iis haud longius
prominentes. Setae tenerrimae_, 15-nae ad 20-nas vel plu-
res^ spinigerae^ spIna brevissima.
Long, animalis vivi l,b mill. latit. cum setis 1 mill.
Lussln piccolo. 2 Exemplare.
Die Rückencirren gingen beim Tödten des Tbiercliens
fast alle verloren. Der Leib zerriss in zwei Stücke.
Die von Oersted lebend beobachtete AmblyosylUs
rJionibeata *); die er bei St. Croix fand^ soll nur zwei
aber sehr grosse ovale Augen besitzen. Bei dem einen
Weingeistexemplare erschienen die Rückencirren undeut-
licher und länger gegliedert als bei dem anderen^ wo sie
rosenkranzförmig aussehen; am lebenden Thiere habe ich
letztere Form nie bemerkt.
Heterocirrus Gr.
H. multihraiichis Gr. Taf. Y. Fig« 2.
Corpus vermiforme, subteres, medium versus sensim
crassiuS; pallide carneum, segmentis plus 65, ayiterioribus
6-pio vel 7-plo, mediis fere S-plo^ posteriorihus 2-plo
latioribus quam longis, postremo nudo, obtuso. Lohns
capitalis conicus obtusus , dimidio longior quam latus,
oculis parvis, nigris 2, transverse ovalibus. Segmentum
huccale eo alterum tantum longius, longitudine segmenta
proxima 5 aequante, setis nuUis; cirri tentaciilares 2 dor-
suales longissimi, satis crassi, sulco longitudinali exarati,
saepius in spiram planam contorti. Tubercula setigera
haud distinguenda ; fasciculi setarum utrinque distichi,
superiores tenuissimi, setae superiorwm capillares 3-nae
ad 6-nas, inferiores seriem transversam brevissimam com-
ponentes, paulo fortiores, 4-nae, segmentorum anteriorum
paulo magis prominentes, posteriorum breviores, apice
leniter curvato. Brancldae filiformes dorsuales, ad fasci-
*) Naturhist. Foren. Yedensk. Meddelelser 1. c.
Arohiv f. Natarg. XXIX. Jahrg. 1. Bd. 4
50 Grube:
culos setarum prope accedentes, cirris tentacularibus
saepius vix breviores, multo tenuiores^ in segmentis 2do et
proximis 11 Omnibus visae^ deinde rariores, segmentis sin-
gulis nudis interiectis.
Long, speciminis alcoliole servati 9 milL, cirrorum
tentacularium fere 3 milL, filorum brancliialium 2 ad 3 milL,
latit. corporis maxima fere 0,75 mill.
Neresine.
Diese Annelide hat durchaus das Ansehen der Cir-
ratulus, auch deren zahlreiche paarweise stehende Kiemen-
fäden, aber auf dem gestreckten Mundsegmente zwei
zusammenrollbare Fühlercirren nach Art der Spioden und
muss daher vorläufig der Gattung HeterocuTus zugeordnet
werden, deren bekannte beide Arten freilich nur an we-
nigen vorderen Segmenten Kiemenfäden tragen. Die Be-
schreibung nach einem Weingeistexemplare.
Scierocheilus Gr. *).
Corpus vermiforme, segmentis brevibus, postremo in
cirros 4 exeunte. Lobus capitalis parvus, tentaculis 2
brevibus lateralibus munitus, subtus ad os laminis 2 coriieis
armatus. Oculi haud observati. Segme)itum huccale setis
nudum. Fascicioli setarum ex pharetris brevibus prodeun-
tes, utrinque distichi, setae capillares, inferiores segmenti
2di aciculae. Branchiae nullae.
Sei. minutus Gr. Taf. V. Fig. 3.
Corpus subfusiforme elongatum, albidum, segmentis
39, medium versus longitudine crescentibus, mediis (ani-
maHs Ovis repleti) fere 3-plo latioribus quam longis, po-
stremo in cirros 4 exeunte. Lobus capitalis minutus,
transverse ovalis, subtus ad os laminis 2 nigris corneis
tricuspidibus armatus; tentacula 2, ex lateribus frontis
orientia, digitiformia plerumque deorsa, illo vix longiora.
ßegmentum buccale lobo capitali paulo longiiis, alterum
*} axXrjQog hart, x^^^^^ die Lippe.
Beschreibung neuer oder wenig bekannter Anneliden. 51
tantum Latius, setis nudum. Segmenium 2dum utrinque
fasciculo setariim et infra eum aciculis 3 vel 4 armatum,
acicidae setis 4-plo crassiores, apice leniter curvatae multo
minus prominentes^ seriem transversam componentes. Ce-
tera segmetiia fasciciüis setarnm utrinque disticliis mimita:
fasciculi flabella exhibentes^ ex pharetris brevibiis toro
piano ovali insidentibus procedentes, superiores comple-
tioreS; longiiis prominentes^ /. medii corjjoris dimidiam
fere segmentorum latitiidinem aeqnantes. Setae lineares,
tenerrimae_, superiores 20-nae vel plures. Cirri am digi-
tiformes, longitudine segmentorum proximorum fere 5.
Segmentum 4tum et pluria sequentium animalis alco-
hole necati sub fasciculo setarum superiore lobulo subcir-
culari decolore munita.
Long. 10 mill., latit. maxima ante medium (sine setis)
2 milL, alterius speciminis (segmentorum 46) long. 7,5 mill.,
lat. max. 1,5 mill.
Lussin piccolo, Crivizza, Neresine.
lieber die Stelle, welche die nach dieser einen Spe-
cies aufgestellte Gattung im Systeme einnehmen soll,
kann man zweifelhaft sein, und zwischen der Familie der
Pheruseen und Opheliaceen schwanken. Die Gestalt des
Kopflappens erinnert an Scalibregma, doch vermisst man
die hier so entwickelten Kiemen gänzlich; bei den Sipho-
nostomen sind wir zwar gewohnt, sie an den Segmenten
fehlen zu sehen, doch kommen blutreiche fadenförmige
Organe am Vorderende des Körpers vor, und die Haut
pflegt mit langen zum Theil fingerförmigen Papillen be-
setzt zu sein; unserer Annelide fehlt beides, ebenso
wenig habe ich in ihr das den Siphonostomen eigenthüm-
liche grüne Blut bemerken können. Da nun den Polyo-
phthalmus auch die Kiemen abgehen und diese doch wegen
ihrer sonstigen Uebereinstimmung mit Ophelia neben
diese Gattung hingehören, so könnte wohl Sclerocheilus
in einem ähnlichen Verhältnisse zu Scalibregma stehen.
Ganz eigenthümlich sind die in drei Zacken auslaufenden
hornigen Plättchen an der Unterfläche des Kopflappens.
52 Grube:
Phyllochaetopterus Gr.
PA. graoUis Gr. Taf. V. Fig..4.
Corpus vermiforme, album, postice intestino fusco
viridi perlucente, segmentis fere 29^ sectiones 3 componen-
tibnS; s. anterioris 11 (10)^ subquadrangulis ^ depressis,
3-plo fere latloribus quam longis, s. mediae 2 ut proximo
paulo longioribus^ s. posterioris 16 subteretibiis^ confiniis
constrictis (prioribus, elongatis exceptis), brevibus^ latitu-
dine corporis sensim decrescente. Lobus capitalis minutus
pyriformis, fronte obtuse rotundata libera, reliqua parte
acuminata, iiiter lobos segmenti buccalis laterales^ antror-
sum versos^ penitus impressa. Tentacula 2 brevia^ longi-
tudine lobi capitalis^ latltudlne frontls distantia^ apicem
versus sensim dilatata; oculi 2 punctiformes, nigri; sub
tentaculis siti. Segmenta anterioi^a 11 utrinque j)inna
alta, angusta, supra acutiloba^ flabellum setarum gerente
munita: setae simplices, albae fortiores (paleae), apice
lanceolato saepius incurvo vel uncinato, segmenti 4ti tum
bae tum breviores aliquot latitudine et colore fusciore
insignes; obtusae_, praeter eas nonnuUae capillares superio-
res tenerrimae.'; Segmentum 12^1^1^ et 13ium (Unum et
12mum) pinnula laterali uncinigera^ supra eum lobulo ro-
tundatO; in dorso ipso foliolis 2 ornata: foliola quasi
cordiformia, baud omnino symmetrice constructa, basi
angusta elongata, margine ciliis longis vibrantibus obsita.
Segmenta cetera utrinque processu minuto aciculari capi-
pitato; cute obducto, setas tenerrimas continente; sub eo
torulo paulo bilobo (uncinigero ?) munita.
Long, animalis vivi 8 milL, segmentorum anteriorum
13 fere 2 milL^ proximorum longiorum coniunctorum 4 mill.^
ceterorum 2mill.; latit. ad segmentum llnum fere 1 mill.
Crivizza bei Lussin j)iccolo.
Diese wegen ihrer Kleinheit und Zerreissbarkeit
schwer zu behandelnde Annelide , welche ich in stark
gewundenen zum Theil mit einer Rohre von Sandkörn-
chen ausgekleideten Gängen in einem hochgelben, theils
wachsartig zähen, theils brüchigen Schwämme fand, ge-
Beschreibung neuer oder wenig bekannter Anneliden. 53
hört ohne Zweifel in die Familie der Chaetopteriden : sie
trägt ganz deren Charakter an sich, indem sich die Seg-
mente des Körpers zu drei sowohl durch ihre eigene
Gestalt als durch die Beschaffenheit ihrer Borsten ver-
schiedenen Abschnitten gruppiren, von denen der erste
der kräftigste und durch Flösschen mit Plattborsten (Pa-
leen) ausgezeichnet ist, und erinnert zunächst so sehr an
den von Sars abgebildeten Spiochaetopterus typicus *),
dass ich anfänglich zweifelte, ob ich nicht bloss eine
andere Art derselben Gattung vor mir hätte. Namentlich
besitzt unsere Annelide am hintersten Körperabschnitte
auch jene seitliche Reihe stecknadelförmiger Fortsätze,
welche aus ein Paar sehr zarten mit einem so eigenthüm-
lich geformten Hautfuteral überzogenen Borsten bestehen,
sie besitzt ferner einen gestreckten Hinterkörper und
einen kleinen Kopflappen, dem freilich die fadenartig
langen mit einer Furche versehenen Fühler fehlen. Man
könnte vermuthen, dass sie, wie uns dies bei Spio-ähnlichen
Anneliden öfters begegnet, bloss zufällig abgerissen seien;
allein in solchem Falle pflegen sie gänzlich verloren zu
gehen, während ich hier sehr bestimmt begrenzte, an drei
Exemplaren gleich geformte kurze Fühler sehe, welche
keine Spur einer Verstümmelung zeigen. Ueberdies feh-
len Spiochaetopterus die Augen. Zwei von meinen Ex-
emplaren waren im Anfange des 3ten Körperabschnittes
zerrissen, das dritte aber schien vollständig und demnach
besässe unsere Annelide weit weniger Segmente und einen
durchaus nicht so verlängerten Körper als Spiochaetopte-
rus. Sehr auffallend sind die unten ganz schmalen nach
oben sich verbreiternden und hier durch einen mittleren
Einschnitt des Oberrandes in zwei Lappen auseinander
weichenden, etwas unsymmetrisch geformten Blätter des
12ten und loten Segments, die mit einem Saume langer
flimmender Cilien eingefasst sind und sich hin und her
bewegen und biegen können. Da jedes Paar derselben
auf dem Rücken selbst nahe dessen Mittellinie und abge-
rückt von dem seitlichen Lappen steht, der sich über dem
*) Fauna littoralis Norwegiae II. Livrais p. 1. pL 1. Fig. 8 — 21.
54 Grube:
Flösschen der Flanken erhebt, so imtersclieiden sie sich
dadurch von dem Lappen c beiSars (1. c. pl. 1. Fig. 16),
welche sich an die zweitheiligen Flösschen. der Flanken
anschliessen. Endlich ähnelt der vordere Körperabschnitt
mehr Chaetopterus als Spiochaetopterus, umfasst aber an
zwei Exemplaren 11 Segmente, ein drittes hatte 10 wie
Chaetopterus, während bei Spiochaetopterus typicus nur
9 vorkommen.
Dies alles zusammengenommen berechtigt, selbst,
wenn der hinterste Körperabschnitt noch mehr Segmente,
als beobachtet, zählen und merklich länger sein sollte, zur
Aufstellung einer eigenen Gattung, für die man vorläufig
folgende Charaktere aufstellen kann:
Pliyllochaetopterus. Corpics vermiforme sub-
teres, anteriora versus dilatatum depressum, ex sectionibus
3 compositum, anteriore pinnis altis ilabellum palearum
gerentibus munita, media pinnulis uncinigeris lateralibus
foliolisque paribus dorsualibus distincta, posteriore utrinque
ordinem processuum acicularium, sub iis toros laterales
gereute; processus capitati cutacei, setas paucas tenerrimas
continente. Segmenta sectionum diversarum diversae lon-
gitudinis. Lohus capitalis parvus, segmento buccali im-
pressus ; tentacula brevia simplicia 2, oculi punctiformes 2,
utraque lateralia.
Clymene Sav.
GL digitata Gr. Taf. V. Fig. 5.
Corpus vermiforme, teres, posteriora versus sensim
attenuatum, speciminis alcohole servati pallide carneum,
intestino olivaceo - griseo postice perlucente, segmentis 22,
(Inio et postremis 2 exceptis) setigeris, anterioribus 15
paulo tantum (V5 vel V4) longioribus quam latis, ad con-
finia haud coarctatis, 16to iam paulo tenuiore, paene alte-
rum tantum longiore quam lato, 17mo et 18mo 1/3 etiam
longioribus quam illo, ceteris longitudine decrescentibus,
longioribus tamen quam latis, ante finem posteriorem paulo
incrassatis. Lamina frontalis (lobus capitalis) paene ver-
ticalis, subcircularjs, taenia angusta longitudinali divisa,
Beschreibung neuer oder wenig bekannter Anneliden. 55
marglne integro, antice solum in lobuliim triangulum pro-
ducto. Segmentum postremum subconicum, infnndibulum
dentatnm gerens: dentes cirrive 18 inaequales, 7 longi
digitiformes longitudinc eins, 11 brevissimi sine lege al-
ternantes^ papillae internae band distinguendae. Fasciculi
setarum tenuissimi^ ex setis capillnribiis 5 ad 9 constantes,
in segmento 6to medium longitudinis tenentes, in antece-
dentibus ante medium, in sequentibus ad extremitatem
posteriorem segmenti inserti; tori uncinigeri minime tu-
midi, uncini pauci 6- vel 8-ni bamati, pro iis in segmento
2do^ 3io^ #0 Spina 1-na.
Long. 21 milL; latit. 1 mill. (sine setis).
Tuhus satis firmus, ex granulis arenae fulvae minimis
singiüisque polytbalamiis compositus, snbrectus, 24 mill.
longus; 1;3 mill. crassiis.
Die Bescbreibiing nacb einem in Weingeist aufbe-
wahrten, von Professor Lorenz bei Abbazia unweit Fiume
gefundenen Exemplare; ein zweites unvollständiges war
von Priluka eingesandt.
Terebella L. s. str. Sav.
T. compacta Gr. Taf. V. Fig. 6.
Corpus brevius vermiforme, postice citius attenuatum,
tetragonum, dorso concamerato, animalis vivi sordide brun-
neum, segmentis brevissimis 85, hranclnferis eorum lobo
laterali nullo dilatatis, pectinibus uncinorum limbo angusto
sanguineo vel amarantbo circumdatis. Scicta ventralia
fere 26 transversa, trapezoidea, latitudine sensim decre-
scentia, macula angulata <; formi a toris uncinigeris sepa-
rata, anteriora (primis 2 exceptis) brevissima, 5-plo latiora
quam longa 23ium subquadratum, proxima 3 longiora quam
lata, sulco ventrali a 26to incipiente. Tentacula fere 40,
alba, longiora extensa interdum longitudinem corporis di-
midio superantia. Fasciculi seiarum capillarium utrinque
23 (vel 22), a segmento 4.to^ tori uneinig er i a 5to incipien-
tes, pbaretrae illorum extus ad marginem superiorem
puncto fusco distinctae, pectines uncinoriom sectionis ante-
56 Grube:
rioris latisslmi, primis exceptis, latitudinem scutorum ven-
tralium alterum tantum^ tum duplo superantes, p. sect,
j)ost. angustiores, mox omnino ad yentrem descendenteS;
dorso corporis hie tumidiore. BrancJiiae ntrinque 3^ seg-
mento 2^0^ 3io^ 4to affixae^ sordide ex brunneo sanguineae,
quasi cirratae^ ramis fasciculatim ex trunco longiore pro-
vinientibus, per se brevibus_, plerumque semel vel bis bi-
furcis^ ramulis extremis ramos longitudine multo supe-
rantibus.
Long. corp. contract. anim. vivi 27 ad 40 milL, latit.
max. 5 ad 8 mill.; altit. 3 ad 4 milL Long, brancbiarum
anim. maioris 5 mill.
Bei Neresine und Crivizza.
Diese Art erinnert durcli die Zahl der Borstenbündel
lebhaft an die ebenfalls mit drei Paar Kiemen versehene
T. maltisetosa j aber der Körper der letzteren ist hinten
länger gestreckt, die Segmente nicht so gedrängt, daher
die hinteren Wülste der Hakenborsten von ihren Nachbaren
derselben Reihe weiter abstehend, auch hören die Bauch-
schilder entschieden am 20ten Segmente auf und nehmen
vorher schneller an Breite ab.
T, lingulata Gr. Taf. YL Fig. 1.
Corpus brevius vermiforme, subteres, antice paulo
tumidius, ovulis perlucentibus latericium, segmentis brevi-
bus 37, 2d.o branchiferorum lobo laterali alto lato, subtus
cum altero confluente, dilatato, l^^^o lobo humiliore minus
lato; scuta ventralia haud satis distinguenda. Tentacula
albida, extensa dimidio corporis longiora, fere 20. Fasci-
culi setarum ca'pillarium tenuissimi, pharetris longis angu-
stissimis inserti, utrinque 16, a segmento 3io (i. e. bran-
chifero 2do)^ tori uncinigeri a 5to incipientes, omnino la-
terales a s. 191^0 in pinnulas mutati. Betae capillares
argenteae sub 10-nae, fragiles, lineares haud limbatae, la-
bium pharetrae longissimum superantes, pectines uncino-
rum brevissimi, pinnulae longe prominentes utrinque 19,
pharetrarum paene longitudine, dimidiam segmentorum
mediorum latitudinem superantes; unovni fere 17-ni, sim-
Beschreibung neuer oder wenig bekannter Anneliden. 57
pllces^ rostriformes. Branchiae utrinque 3, br. paris 3ü
sese ad basin tangentes, anteriores latius distantes^ lingu-
latae^ angustissimae^ apice longo acuto a parte basilari
latiore (br. contractae) paulo seposito^ longitudinem seg-
mentorum fere 5 aequantes. Segmentum buccale pone
tentacula acervis punctorum nigrorum 3 ornatum.
Long. anim. vivi 10 mill.^ latit. anterior fere 1 mill.,
long, branchiarum 2 mill. vel paulo maior (anim. alcohole
servati 1 mill.).
Lussln piccolo.
Diese Annelide^ die im Uebrigen mit den Terebellen
so übereinstimmt, weicht doch durch die Form der Kie-
men, die in dieser ganzen Gattung aus gehäuften einfachen
oder verzweigten Fäden bestehen, so sehr ab, dass sie
wenigstens eine Untergattung bilden muss.
Sabellides Edw.
S, adspersaGT. Taf. YI. Fig. 2.
Corpus brevius vermiforme, antice crassum, poste-
riora versus sensim maxime attenuatum, carneum, inte-
stino griseo - viridi perlucente, segmentis 34, brevibus,
medns fere 5-plo latioribus quam longis, anteriorihus 10,
supra punctis cinnamomeis adspersis, posterioribus 18
puncto cinnamom^eo laterali supra pectinem uncinorum
distinctis, s. postremo in cirros 2 exeunte; sectione cor-
poris anteriore (setas, capillares gerente) plus dimidia
longitudine corporis, ventre cingulato, toris uncinigeris
interiectis, segmenta 18 continente. Teritacula fere 24
filiformia, haud pinnata albida, branchiis tenuiora longiora
usque ad segmentum llum pertinentia. Lobus capitalis
parvus, trapezoideus, densius cinnamomeo punctatus, sulcis
longitudinalibus tripartitus. Branchiae filiformes, basin
versus crassiores, laeves, utrinque 3 seriem transversam
componentes, plicae humili segmenti 2cli insertae, longiores
animalis vivi usque ad segmentum 8vum pertinentes, 9 vel
10-fariam cinnamomeo annulatae. Fasciculi setarum utrin-
que 17, a segmento 2do incipientes, erecti, tori uncinigeri
58 Grube:
utrinque 14; anteriores latisslmi ceteri latitudine repente
decrescentes; sub fasciculis prioribus 3 nulli; pinnulaej
eos sequentes 15; setae capillares fortiores, flavescentes,
angustissirae limbatae, posteriores V2 latitudinis corporis
aequanteS; sub 12-nae ; uncini plnnularum pectinatim incisi.
Long, corporis animalis vivi 17 milL, latit. 2,3 mill.,
branchiarum 3,5 mill.
Lussin piccolo.
Sahellides sexcirrata Sars, die auch nur 6 Kiemen-
fäden besitzt, und an der die Fühler nicht beobachtet
werden konnten, soll die Form, und Dimensionen von S.
horealis besitzen, ihr Körper und namentlich die hinte-
ren Segmente müssten also viel gestreckter als bei unserer
Art sein. Sars spricht ferner in der Beschreibung der
S. sexcirrata wie aller seiner Arten auch in der vorderen
Leibesabtheilung voii pinnae (Flösschen), während ich bei
meiner Art wahre Polster (tori) mit Hakenborsten sehe,
welche in der Richtung vom Rücken nach dem Bauche
viel breiter als die pinnae in der Abbildung von S. cri-
stata sind, aber weniger vorragen. Aftercirren und ge-
fleckte Zeichnung endlich, die bei S. adspersa noch nach
monatelanger Aufbewahrung in Weingeist nicht verschwun-
den sind, werden bei S. sexcirrata gar nicht erwähnt.
Als ich diese Annelide erhielt, hing aus ihrem Munde
ein 9 mill. langer scharlachrother Körper, vermuthlich ein
Rüssel, der aus einem kugligen Basaltheil und einem
scharf abgesetzten cylindrischen dünneren und etwa 3mal
so langen leicht gekrümmten, allmählich verjüngten und
wie es scheint, durchbohrten Endtheil bestand.
Sabella L. s. str. Sav.
S. Viola Gr. Taf.VI. Fig. 4.
Corpus brevius longiusve vermiforme, subtcres, antice
latius quadrangulum postice depressum, sensim attenuatum,
mollissimum, albidum, paulo viridicans, latitudine anteriore
fere Vte longitudinis corporis ( branchiis exceptis ) vel
maiore, segmentis 80 ad 200, anteriorihus supra fasciculum
Beschreibung neuer oder wenig bekannter Anneliden. 59
setaruni macnla minuta violacea^ infra pectinem uncinorum
puncto simlli distinctls^ scutis ventralibus sectionis ante-
rior is latitudine valde decrescentibus, {anter ioribus (con-
tractis) 5-plo latioribus quam longis), s. posterioris ple-
rumque V3 tantum latitudinis corporis aequantibus, divisis,
latioribus quam quadratis. Branchiae aeque longae^ speci-
minis brevioris dimidio corporis paulo longiores, alterius
paulo breviores ; fila brancJnalia ^Vi3 vel ^Viy; utrinque semi-
orbem componentia^barbata^ membrana basis humillima^ alba^
paene omnia vitta violacea inferiore (ad quadrantem longi-
tudinis, pauca tantum altera media vel sub apice sita ornata,
barbulis teneris crassitiem rhacliis duplo fere superantibus,
apice extremo tantum rhachis undo. Tentacula paene Vg
altitudinis branchiarum aequantia, violacea^ ad basin alba.
Collare humile, extus album, intus violaceum, utrinque
semel incisum^ lobis dorsualibus inter se valde distantibus,
erectis^ ventralibus maioribus refiexis, lobulis 2 laminae
branchiali collarique interiectis, erectis, violaceo limbatis.
Anus postremus. Setae argenteae vix limbatae et sinua-
tae, sectionis anterioris multo longiores, sub 12-nae; po-
sterioris sub 6-nae; pectines imcinorum breves a scutis
ventralibus satis distantes. Mutatio setarum ^Vjs vel ^Vig
(speciminis brevioris).
Long. 29 mill. (branchiarum 11 milL, corporis 18 mill.),
latit. 1^2 mill.; long. spec. longioris segmentorum fere 212
fere 78 mill. (branchiarum 17, corporis 61) latit. 4 mill.
(sine setis).
Tubus ex limo griseo confectus, maxime fragilis; ani-
malis supra descripti brevioris long. 61 mill., diametro
2 mill.
Crivizza.
Die Eigenthümlicbkeiten dieser Species, welche an
ihren Kiemenfäden weder Augen noch Rückenfiederchen
besitzt, sind: der so spät eintretende Borstenwechsel am
13ten oder gar 16ten Segmente; die Weichheit des Leibes,
seine weisse Farbe, die sammtartig-violeten sehr spärlichen
(bloss 2) und zum Theil unregelmässig fortlaufenden Bin-
den auf den ebenfalls weissen Kiemen, die Färbung der
60 Grube:
Fühler und des Halskragens und die Schmalheit der Baucli-
schilder in der hinteren Körperabtheilung.
S. candela Gr. Taf. VI. Fig. 8.
Corpus brevius vermiforme^ subdepressum, utrinque
attenuatum^ albidum, intestino aurantiaco perlucente^ lati-
tudine anteriore fere V9 longitudinis (branchiis exceptis),
segmentis 18 tantum, mediis maximis^ dimidio brevioribus
quam latis^ postremo triangulo aequilatero, scutis ventrali-
bus magnis^ sectionis anter ioris longitudine et latitiidine
crescentibus^ primis alterum. tantum latioribus quam longis,
postremis longioribus quadratis, sect. posterioris divisis
subovalibus tumidis, satis inter se distantibus, anterioribus
paulo longioribus quam latis, posterioribus multo latioribus
quam longis. Branchiae aeque longae, V5 totius longitu-
dinis aequantes , j^7a hrancliialia utrinque 17, semiorbem
componentia, barbata, flava paulo aurantiaca, membrana
nuUa coniuncta, apice subito maxime dilatato, flavo-viridi,
ad marginem supremum ferrugineo, foliolum latum, medio
supra incisum, semel in longitudinem plicatum referente,
dimidiis oblongis concameratis, intus concavis ; praeterea
flla aliquot imherhiay etiam longiora, more serpentum sese
moventia. Collare humillimum, membranaceum erectum,
nee dimidiatum nee lobatum. Anus posti-emus. ßetae ar-
genteae: capillares longius prominentes, sectionis ante-
rioris plus 15-nae, vix limbatae, posterioris sub 5-nae,
paleae nullae: pectines uncinorum breves, minus conspicui
toris distinctis nullis inserti. Mictatio setarum Vip.
Long. 19 mill. (branchiarum 7 milL, corporis 12 milL),
latit. 2 mill. (sine setis).
Lussin grande. Nur ein Exemplar beobachtet, wel-
ches sich bald mit Schleim bekleidete.
Bisher ist keine andere Sabella beschrieben, bei -wel-
cher sich die Spitzen der Kiemenfäden in ähnlicher Weise
in Blättchen verbreiterten; 8. vesiculosa^ die am meisten
verwandte Art, soll Bläschen an jener Stelle tragen, es
fehlen ihr auch die nackten Fäden, die eine viel grössere
Beweglichkeit als die gehärteten Kiemenfäden zeigen.
Beschreibung neuer oder wenig bekannter Anneliden. 61
Die BlättcKen unserer Art gehen übrigens leicht verloren
und existirten schon, als ich das Thier erhielt, nicht mehr
an allen Kiemenfäden.
S. fr agil IS Gr. Taf. VI Fig. 6.
Corpus brevius vermiforme, semiteres, albidum, inte-
stino rubello vel croceo perlucente, latitudine anteriore
fere Vg longitudinis corporis aequante (branchiis exceptis);
segmentis c. 32, scutis ventralibus fuscescentibus, alterum
tantum latioribus quam longis, sectionis posterioris solius
sulco divisis. Brancldae aeque longae, V4 ad % totius
longitudinis aequantes, lamina basali humili, interdum
punctis 2 fuscis ornata; fila hranchialia utrinque 6 ad 8
barbata, orbem componentia, membrana nulla coniuncta,
albida vel flava, faciliter sese solventia, barbulis apice nudo
breyioribus, praeter ea fila aliquot (3 ad 8) iinherbia, ala-
criter sese moventia, in spiras convolvenda. Collare hu-
millimum. Anus postremus. Setae caj)illares, haud lim-
batae, ubique longius prominentes, sectionis anterioris
sub 6 - nae, praeter paleas 4 breviores obtusas, sect. poste-
rioris initio 7-nae, denique 3 -nae sine paleis. Fectmes
uncinorum brevissimi. Mutatio setarum %, sectione ante-
riore fere V3 corporis aequante.
Long. 12 mill. (branchiarum 3, corporis 9), latit.
1 mill.
Crivizza, Lussin piccolo.
Anfänglich glaubte ich verstümmelte, der Blättchen
an der Spitze der Kiemenfäden zufällig beraubte Exem-
plare der vorigen Art vor mir zu haben, da aber bei
jener keine Paleen zu entdecken sind, und bei dieser Art
in einem einzigen Exemplare die Blättchen an der Spitze
existirten, obschon ich doch fünf dieser Thierchen beob-
achtet, sich auch die gehärteten Kiemenfäden so leicht
ablösten, halte ich sie für eine eigene Species, die Thier-
chen zeichnen sich durch eine grosse Beweglichkeit aus,
kriechen munter umher und auch die abgerissenen Kie-
menfäden bewegen sich eine Zeit lang noch ganz lebhaft.
62 Grube:
Röiiren konnte ich ebenso wenig von dieser als von der
vorigen Art erhalten.
S. stiöhophtJialmos Gr. *). Taf. VI. Fig. 3.
Corpus vermiforme^ semiteres, parte anteriore ex
brunneo albicante^ dorso antice interdum figiira 0 0 ornato
posteriore cinnabarina^ latitudine anteriore Vis longitudinis
corporis aequante , segmentis c. 190^ longitudine minns^
latitudine postremum versus V3 fere decrescentibus^ scutis
ventralihus alterum tantum latioribus quam longis^ sectio-
nis posterioris solius sulco divisis. Branchiae aeque longae^
V4 totius animalis vel segmenta c. 50 aequantes, pallide
sulphureae albaeve vel grisescentes_, vel albae^ vittis vio-
laceis latioribus 4 ornatae ; ßla hrayichialia utrinque 13 ad
16^ semiorbem com'ponentia^ membrana basis humillima;
paene usque ad apicem extremum barbata_, ad Vg altitudinis
ordine simplici vel duplici punctorum nigrorum (oculorum)
ornata, altero profundius altero altius incipiente, illo puncta
3 ad 6^ hoc 7 ad 10 continente. Ocidi conici, rhachi filo-
rum profunde immersi. Barhulae filorum longitudine
4-plam vel 6-plani crassitiem rhachis aequante. Tentacula
2 albida Vs f^re longitudinis branchiarum aequantia, te-
nuissima. Collare humillimum^ bipartitum^ utrinque bilo-
bum^ lobo ventrali angustissimo, producto^ rotundato-trian-
gulo. Anus postremus. Setae argenteae^ tum lineares;
tum paleae obtusae, lineares sectionis ante7'ioris fortiores^
limbataC; ut paleae, ö-nae, sect. posterioris debilis, ple-
rumque S-nae, paleae 2-nae vel singulae. Pectines imci-
norum albo limbati, toris eos continentibus minus albis,
sectionis anterioris alterum tantum latiores quam p. poste-
rioris. Mutatio setaruvi %q vel ^%i.
Long. 47 mill. (branchiarum 11, corporis 36);.latit.
2 mill.
Tubus limo griseo confectus, filiformis, diam. 2 mill.
Lussin piccolo; Crivizza.
Die Art und Weise wie die Aeugelchen an den
*) ari/og die Reihe, 6(f&cc).u6g das Auge.
Beschreibung neuer oder wenig bekannter Anneliden. 68
Kiemenfäden sitzen, ist für diese Species liöchst charak-
teristisch, fast immer bildeten sie zwei Längsreihen am
Rücken des Schaftes derselben, von denen die längere
an der Hinterseite gelegene erst da anfing, wo die kür-
zere vordere aufhörte. Auch das Vorkommen von Platt-
borsten neben den Haarborsten an dem hinteren Körper-
abschnitte verdient Beachtung. Von dem fadenförmig
dünnen Leibe habe ich fast immer nur die vordere Hälfte
oder ein noch kürzeres Stück erhalten.
S. polyzonos Gr. Taf. VI. Fig. 5.
Corpus brcvius vermiforme ex croceo luteum vel
albidum semiteres, latitudine anteriore fere Vg longitudinis
corporis aequante, segmentis 60 ad 70 inter fasciculum
setarum pectinemque uncinorum puncto violaceo fuscove
distinctis, scutis ventralihiis sectionis anterioris alterum tan-
tum, posterioris totidem, vel duplo triplove latioribus quam
longis, sulco divisis. Branchiae aeque longae, V3 totius lon-
gitudinis longiores, lamina basis humillima, ochracea, corona
striolarum violacearum ornata; fila hranchialia utrinque 9
ad 20, semiorbem componentia, barbata, alba vittis ochra-
ceis vel croceis paribusque punctorum tumidulorum viola-
ceorum et pinnularum dorsualium numerosis (adultorum
fere 17-nis) ornata, quasi breviter articulata, apice nudo
albo, barbulis 3-plam fere filorum crassitiem aequantibus,
pinnulis dorsualibus subclavaeformibus albis supra viola-
ceis, multo brevioribus quam barbulis; membrana basis
brevissima. Tentacula 2 alba, fere 2/5 longitudinis bran-
chiarum aequantia. Collare humillimum, latere haud in-
cisum, lobis ventralibus haud productis. Setae capiUares
pallidae, leniter sinuatae, anguste limbatae, sectionis an-
terioris plus 15 - nae multo longiores, s. posterioris haud
minus numerosae ; pectmes uncinorum s. a7iterioris albo
limbati, primi latissimi, ceteri latutidine raptim decre-
scentes. Mutatio setarum % (rarius '/s).
Long, animalis maioris filorum branchialium 34,
48,5 mill. (branchiarum 18,5, corporis 30), latit. 5,5 mill.
•^ Grube:
Tuhus ex llmo griseo confectus, t. animalis etiam
niaioris long. 66 mill., crassit. 11 mill.
Lussin piccolo^ Crivizza, Ossero.
Dem ganzen Habitus wie der Beschaffenheit der
Kiemen nach ist dieser Art am meisten S, Luculiana
verwandt, doch habe ich von letzterer kein Exemplar
anders als weiss und violet gefärbt gefunden, und zwar
sind auch die Bauchschilder jederseits mit einem violeten
Flecken versehen, sie fehlen unserer S. polyzonos. Die
Rückenfiederchen derselben sind stumpf und kurz, bei
S. Luculiana dagegen zugespitzt und etwas länger.
S.imherlisGT. Taf. VI. Fig. 7.
Corj)us brevius vermiforme, semiteres, utrinque at-
tenuatum, subbrunneum (lente auctum subtilissime dense
fusce punctatum), dorso posteriore ex olivaceo subviolaceo,
latitudine anteriore fere Vjo longitudinis corporis (bran-
chiis exceptis), segmentis ÖO ad 80, inter fasciculum seta-
rum pectinemque uncinorum puncto violaceo distinctis,
scuiis ventralihus omnibus sulco longitudinali divisis, dimi-
diis anteriorum quadratis, ceterorum transversis, mediorum
per se longioribus, posteriorum multo brevioribus. Bran-
chiae aeque longae V? f^re totius longitudinis: ßla hran-
cldalia utrinque 7, semiorbem componentia, nee barbata
nee pinnulis dorsualibus oculisve munita, anguste limbata,
limbo quasi membranaceo paulo crenulato, alba vittis vio-
laceis 3, una ad basin, altera supra medium, tertia sub
apice ornata membrana basis humillima, apice ipso quasi cre-
taceo, plerumque arcte convoluto, quasi nodulum efficiente.
Teniacula alba, Vs fere longitudinis branchiarum aequan-
tia. Collare humillimum, lobis ventralibus rotundato-trian-
gulis , albidis , intus stria violacea transversa distinctis,
reflexis, segmenta 2 tegentibus. Anus postremus, bilobus
utrinque puncto violaceo munitus. Setae argenteae, se-
ctionis anterioris solae capillares, anguste limbatae, j)lus
8-nae, segmentorum posteriorum s. posterioris et capillares
(3-nae) et fortiores breviores late limbatae paleaeformes
(4-nae), segm. mediorum solae huiusce generis sed Ion-
Beschreibung neuer oder wenig bekannter Anneliden. 65
giores; in circiilum arctlssime compositae, usque ad limbum
Vagina cutacea coniunctae; pectines imcinorum breves,
uncinis fere 6-nis; tori albidi, sectionis anterloris violaceo
circumscriptl. Mictatio setarum % vel Vs«
Long. 9;3 mill. brancliiarum 2ß, corporis 1 , latit.
1,6 mill.
Tuhi animalium tenuissimi, longiores ad 76 mill.
longi, limo griseo confecti.
Crivizza.
An den Kiemen konnte ich während der freilich nicht
sehr langen Beobachtung keine Wimperbewegung wahr-
nehmen. Den Mangel der Bärteichen am Innenrande der
Kiemenfäden theilt diese Art bloss mit meiner 8. latisetosa,
von der sie sich zunächst durch die an allen Segmenten
von einer Längsfurche halbirten Bauchschilder unterschei-
det, hiezu tritt die verschiedene Beschaffenheit der Bor-
sten. Bei 8. adspersa Kr. soll zwar die Bauchfurche in
der vorderen Leibesabtheilung ebenfalls vorhanden sein,
aber diese Art besitzt gleich den anderen Sabellen gehär-
tete Kiemenfäden, an denen überdies noch Augen vor-
kommen.
Serpula L. s. str. Sav.
8. fPlacostegtisJ Lima Gr.*). Taf. VL Fig. 9.
Corpus brevius vermiforme (alcohole servatum) pal-
lide carneum, segmentis c. 77, sectione anteriore V3 corporis
paulo breviore. BrancMae aeque longae, sectione anteriore
corporis paulo longiores; ßla hranchialia utrinque 17 ad
27, orbem componentia, usque ad dimidiam longitudinem
membrana coniuncta, albida, apicem versus pallide coeru-
leo vittata, barbulis roseis, inferioribus longitudine apicis
nudi, crassitiem rhachis superantibus. 8tylus operculi
modo dexter modo sinister, crassus, utrinque membrana
lata antice laciniata alatus, coerulescens vittis ochraceo-
fulvis 3 cinctus, in aliis albicans. Operculum corneum
crassum, breviter cylindratum coerulescens vel album, in
*) Jabresber. d. schles. Gesellsch. für 1861. p.63.
Archiv f. Naturg. XXIX. Jahrg. 1. Bd. 5
66 Grube:
scyplii modum excavatum^ margine Integro. Collare trl-
lobum^ loho impari lato brevi triangulo^ lateralibus angu-
stloribus multo longioribus in laciniilas 3 exeimtibus.
Setae sectioms anterior is caplllares, fortiores^ angusto lim-
batae, aureae, fasciculos angustos componentes^ s. poste-
rioris tenerrimae plerumque 3-nae, breviores^ scalpratae^
acie obliqua quasi limbata in spinam lateralem excurrente.
Long, speciminis 77 segmentonim 19 mill. (operculi
stylique 6^ brancliiarum 4^5^ sectionis corporis anterioris 4,
posterioris 9 mill.).
Long. spec. maioris 30 mill. (operculi stylique 9 mill.).
Tuhus triqueter per longitudinem adnatus^ carinatus^
carina obtuse dentata^ costis arctissimis^ acutis subflexuose
ad latera decurrentibus ordinibusque utrinque 4 spinula-
rum minutarum scaber, limae similis^ roseus^ animalis
maioris 6 mill. latus_, diametro interno 4 mill.
Val d'Arche^ gefunden von Professor Lorenz.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. IV.
Fig. 1. Vordertlieil von PoZy-rtoe longisetis mit ausgestrecktem Rüs-
sel, von der Oberseite, 4mal vergrössert; es sind nur die
unteren Fühlercirren und wenige Elytren erhalten, mehrere
Eückencirren nach Analogie der wenigen erhaltenen zu-
gesetzt.
„ l.a Einige der mittleren Segmente, von unten gesehen.
„ 2. Kiemen, Girren und Borsten der linken Seite eines Seg-
ments von Euphrosyne mediterranea, von hinten gesehen,
lOmal vergrössert.
„ 2. a Die Karunkel desselben Thiers mit dem unpaaren Fühler
und den Augen.
„ 3. Vordertheil von Z^ygophijllus Laurentianus von oben gese-
hen , lOmal vergrössert (bloss nach einem Weingeistex-
emplare).
„ 3. a Borsten desselben Thiers bei GO-facher Vergrösserung.
„ 4. Yordertheil von Ghjcera lesselala mit halb ausgestrecktem
Rüssel, von oben gesehen, 12mal vergrössert.
Beschreibung neuer oder wenig- bekannter Anneliden. 67
Fig. 4.aEin Ruder der rechten Seite, von hinten und oben gese-
hen, stärker vergrössert.
n 5. Vordertheil von Pseudosyllis bretipinyiis, von oben gese-
hen, 16mal vergrössert.
„ 5. a Ein Ruder derselben (wie ich es einmal vollständig beob-
achtet, meistens waren die langen Borsten nicht bemerkbar),
stärker vergrössert.
„ 5. b Eine von den zusammengesetzten Borsten des unteren Bün-
dels, 60-fach vergrössert.
„ 6. Die an dem Hinterende der Fsendosyllis brevipinnis sich
entwickelnde Tetragletie rosea (und zwar ein frei herum-
schwimmendes Exemplar), mit Weglassung der mittleren
Segmente von oben gesehen, 16mal vergrössert.
„ 6. a Der Kopftheil von der linken Seite aufgenommen, um die
unteren (grösseren) und oberen Augen zu zeigen.
„ 6. b Ein Ruder derselben, stärker vergrössert.
„ 6. c Die beiderlei Borsten dieses Ruders, 60mal vergrössert.
„ 7. Vordertheil Yon Sijllis brevicornis^ von oben gesehen, 16mal
vergrössert.
„ 7. a Ein Ruder derselben, stärker vergrössert,
„ 7. b Eine Borste des Ruders, bei 60-fach er Vergrösserung.
„ 8. Vordertheil von Syllis hyalinn, von oben gesehen, 13mal
vergrössert (nach einem Exemplare in Weingeist).
„ 8. a Ein Ruder derselben, stärker vergrössert.
„ 8. b Eine Borste des Ruders bei ßümaiiger Vergrösserung.
„ 9. Vordertheil von Sijllis lussinensis, von oben gesehen, 16mal
vergrössert.
„ 9. a Borsten aus ihren Rudern, GOmal vergrössert.
„ 10. Vordertheil von Syllis niyricirris von oben gesehen, 12mal
vergrössert (bloss nach einem Weingeistexemplare).
„ 10. a Ein Ruder derselben, stärker vergrössert.
„ 10. b Eine Borste, 60mal vergrössert.
Taf. V.
Fig. 1. Amblyosyllis lineata Vordertheil, von oben gesehen, 12mal
vergrössert.
„ l.aDas Hinterende eines anderen Exemplars.
„ l.bEin Ruder, stärker vergrössert.
„ l.cEine Borste bei GOmaliger Vergrösserung.
„ 2. Vordertheil von Heterocirrns mullibranchisj seitlich gese-
hen, c. 12mal vergrössert, es ist nur der linke der beiden
Fühlercirren gezeichnet (bloss nach einem Weingeistex-
emplare).
„ 3. Sclerocheilus minutus , von der linken Seite, der hintere
Theil von unten gesehen.
68 Grube:
Fig. S.aDer Kopflappen und die nächsten Segmente von oben be-
trachtet, stärker vergrössert.
„ 3. b Dasselbe von unten gesehen, um die beiden, hornigen drei-
zackigen Plättchen an der ünterfläche des Kopflappens zu
zeigen.
„ 3. c Ein Bündel der Haarborsten, stärker vergrössert.
„ 3.dDer Fächer der stärkeren kürzeren geschweiften Borsten,
der bloss am 2ten Segmente statt des unteren Bündels von
Haarborsten vorkommt.
„ 4. rhyllochaetoplenis gracilis, der vordere Leib es ab schnitt halb
von oben, halb von der linken Seite, die hinteren Segmente
von der rechten Seite gesehen, etwa 12mal vergrössert^
(nach einem Weingeistexemplare). Ob alle Segmente des
hinteren Leibesabschnittes gleich beschaffen sind, habe ich
bisher nicht ermitteln können.
„ 4. a Der Kopftheil von der linken Seite, stärker vergrössert.
„ 4. bEin Paar von. den stärkeren schwarzbraunen stumpfen Bor-
sten des 4ten Segments, 60mal vergrössert.
„ 4. c Einige von den Borsten der vorderen Segmente der vor-
deren Leibesabtheilung.
„ 5. Clymene digitata, von der rechten Seite gesehen, fast ßmal
vergrössert (bloss nach einem Weingeistexemplare).
„ 5. aDer Trichter des Endsegments (Innenfläche), stärker ver-
grössert.
„ 5.b Eine der Hakenborsten bei GOfacher Yergrösserung.
„ 6. Vordertheil von Terebella compacta, von der Bauchseite,
etwa 4mal vergrössert.
„ 6. a Eine ihrer Kiemen, stärker vergrössert.
Taf. VI.
Fig. 1. Terebella lingulala^ vordere Körperhälfte, etwa 4mal ver-
grössert,
„ 2. Sahellides adspersa, von der Oberseite, desgleichen mit dem
aus dem Munde hervorgetretenen Theil des verdauenden
Kanals.
„ 3. Die untere Partie einiger Kiemenfäden von Sabella sticho-
phthalmus, etwa 8mal vergrössert, von der Aussenseite, da-
ran die je zwei Längsreihen von Augenpünktchen.
„ 3. a Ein Theil des Schaftes dieser Kiemenfäden, stärker ver-
grössert, um die Gestalt der Aeugelchen besser zu zeigen.
„ 4. Sabella viola, Vordertheil von der Bauchseite, Smal ver-
grössert.
„ 5. Ein Kiemenfaden von Sabella polyz^onos^ 6mal vergrössert.
„ 5. aEin Stück desselben, stärker vergrössert.
Beschreibung neuer oder wenig bekannter Anneliden. 69
Fig. 6. Sabella fragilis von der Baucbseite, 7mal vergrössert, ß die
bartlosen sich schlängelnden Fäden, welche neben den ge-
härteten Kiemenfäden vorkommen und dieser Art wie der
-S. candela eigenthümlich sind.
„ 6. a Eine derPaleen aus den Borstenbündeln der vorderen Lei-
besabtheilung, 60mal vergrössert.
„ 7. Sabella imbei-bis, von der Bauchseite, lOmal vergrössert.
„ 7. a Einer ihrer Kiemenfäden, SOmal vergrössert ; statt einzelner
Bärteichen, wie sonst, sieht man an ihm nur einen ganz
schmalen zarthäutigen Saum längs der Innenseite.
„ 7.bEin Borstenbiindelchen der vorderen Leibesabtheilung,
keine paleenartige Borsten enthaltend, vergrössert.
,5 7. c, d Borstenbündel der hinteren Leibesabtheilung, ebenso
vergrössert; c ein Borstenbündel der vorderen Segmente
dieser Abtheilung, bloss paleenartige Borsten enthaltend;
d eines der hintersten Segmente, solche und Haarborsten
enthaltend.
„ 8. Endtheil zweier Kiemenfäden von Sabella candela, auffal-
lend durch das breite einmal der Länge nach gefaltete
Endblättchen an ihrer Spitze, GOmal vergrössert.
„ 9. Das aus der Bohre hervorragende Kiemenbüschel mit dem
Deckel von Serpida (Placoslegiis) lima, die Röhre von der
Rückenseite gesehen, 2mal vergrössert (bloss nach einem
Weingeistexemplare).
„ 9. a Der Deckel mit dem durch zwei Säume geflügelten Stiel.
„ 9. b Eine von den schief- meisselförmigen Borsten des hinteren
Leibesabschnitts.
Beschreibung der Edwardsia dnodecimcirrata Sars
ans der Kieler Bnclit.
Von
Adolph leyer und Karl lobius
in Hamburg.
(Hierzu Taf. IH. Fig. A— D.)
Edwardsia Quatref. duodecimcirrata Sars.
Columna cylindracea^ laevis^ carnea^ pallide llneata.
Facies plana. Os duobus labiis rufis. Tentacula
8 — 12?, uniserialia, obtusa, pellucentia, 2 — 3 fa-
sciis fulvis.
Longit. 20 — 25 Mm. Crassit. 2—3 Mm.
Habit. In fimdo limoso sinus Kiliensis profunditate
6 — 9 orgyiariim.
Diese zierliclie Edwardsia entdeckten wir im Juni
d. J. im inneren Theile der Kieler Bucht nnd fanden
sie im Juli und August in Menge wieder. Sie bewohnt
6—9 Faden tiefe Stellen, wo verwesende Pflanzen auf
dunklem Schlamme liegen, in welchem sie dem Auge
leicht entgehen kann.
Zusammengezogen, wie man sie in dem aus der
Tiefe geholten Moder antrifft, ist sie ein dunkel fleisch-
rothes kugel- oder eiförmiges Kör^^erchen von wenigen
Millimetern Länge, aber gänzlich ausgedehnt, erreichen
die grösseren Exemplare 20 — 25 Mm. Länge bei 2 — 3 Mm.
Durchmesser, so dass der dann ziemlich walzenförmige
Körper (columna Gosse's) 8—10 Mal so lang als dick ist.
Meyer und Möbius: Edwardsii duodecimcirrata. 71
Der Vorderkörper (capitiilum) ist bei völliger
Ausstrecknng fast so lang wie Mittel- und Hinterkörper
zusammen und dann walzenförmig. In der Verkürzung
ist er unmittelbar unter dem Tentakelkranze etwas dünner
als weiter unten ^ wo er sich bisweilen vorübergehend
durch eine Einschnürung vom Mittelkörper (scapus)
absetzt. Dieser ist walzlich^ hat eine lederartig derbe
Haut und bedeckt sich gern mit einer feinhäutigen
Hülle und mit daranklebenden Schlammtheilen und Sand-
körnchen. Saugorgane haben wir wieder an ihm noch
an einem anderen Körpertheile bemerkt. Der Hinter-
körper (physa) ist im ausgedehnten Zustande dicker
als der Mittelkörper und läuft in eine stumpfe abgerun-
dete Spitze aus.
Da die beiden Endabtheilungen des Körpers in die
mittlere eingestülpt werden können^ so sind sie mannig-
fachen Formveränderungen unterworfen^ ganz besonders
die hintere^ die sich als durchsichtige Blase bald weit
über den gewöhnlichen Körperdurchmesser ausdehnt, bald
zu einem kleinen dünnabgeschnürten Bläschen zusammen-
zieht. Fig. 3. Bei unruhigen Thieren ziehen die Ein-
schnürungen nicht selten längere Zeit wellenartig von vorn
nach hinten.
Die Oberfläche ist durch seichte Längsfurchen in
ebenso viel ganz flachgewölbte Abschnitte getheilt^ als
Tentakel vorhanden sind. Bei zusammengezogenem Kör-
per ist sie efein quergerippt.
Die M u n d s c h e i b e ist kreisf örmig, die Tentakel
sind randständig, walzlich und am Ende stumpf abgerun-
det. Sie halten sich gewöhnlich etwas länger ausgestreckt
als der Scheibendurchmesscr gross ist und können ganz
zurückgezogen werden. Wir haben an unseren Exem-
plaren 8 bis 11 Tentakel beobachtet. Sars führt 12 an.
Der Mund ist länglich, zwischen zwei niedrigen lip-
penartigen Wülsten, die bei völliger Ausdehnung des
Thieres am deutlichsten hervortreten.
Der Körper ist fleischfarbig mit hellen Längs-
linien, welche den Scheidewänden zwischen Leibes- und
Magenwand entsprechen. Bei grösseren Exemplaren tre-
72 Meyer und M ö b i u s ;
ten in den abwechselnden breiten rotben Streifen nocb
Paare von feineren bellen Längslinien auf. Die Körper-
wand ist im ansgedebnten Zustande so diircbscbeinend,
dass die inneren Tbeile ziemlicb deutlicb siebtbar werden.
Am meisten durcbsicbtig ist der blasig aufgebläbete Hin-
terkörper.
Die Tentakel sind fast farblos durcbsicbtig mit
zwei oder drei rotbbraunen, zuweilen unterbrocbenen Quer-
binden, deren Ränder verwischt sind. An ihrer Basis
sind braunrothe Längsstreifen, aussen unter ihnen eine
helle Stelle und vor ihnen auf der Mundscheibe ein brau-
ner, zuweilen hell umsäumter Fleck.
Die Lippen sind braunroth und vom Munde gehen
helle Linien strahlig nach den Tentakelwinkeln.
In mittleren und grösseren Exemplaren fanden wir
im Juli Eierkeime.
Unter der dünnen flimmernden Oberhaut der Tenta-
kel ist eine dichte Schicht von walzenförmigen, an beiden
Enden abgerundeten Nesselkörpern, deren Wand ausser-
ordentlich dünn ist. Der dicht spiralig zusammengerollte
Nesselfaden füllt die ganze Höhlung aus und zeigt nach
der Entrollung keine Bewaffnung. Gosse beobachtete
eben solche Cnidae cochleatae, wie er sie nennt, bei Sa-
gartia parasitica, Tealia crassicornis und Cerianthus Loydii.
(British Sea-Anemones p. XXXHI.)
In der Höhlung der Tentakel kreist eine Körnchen
führende Flüssigkeit auf und nieder.
Edwardsia duodecimcirrata hält sich gut in Aquarien.
Auf reinem, glatten Boden hängt sie sich halb zusam-
mengezogen mit ihrem Hinterkörper fest. Setzt man sie
in ein Gefäss mit Schlamm- oder Sandgrund, so senkt
sie den Hinterkörper ein, streckt den Mittel- und Vorder-
körper frei ins Wasser und entfaltet die Tentakel zu
einem fast waagerecht ausgebreitet ruhenden Stern, der
sich bei der leisesten Berührung blitzschnell zusammen-
zieht und im Vorderkörper verschwindet.
Ihre Nahrung wird wohl nur aus kleinen organischen
Körperchen bestehen, welche sie sich durch W'iraper-
Edwardsia duodecimcirrata. 73
ströme zuführt. Thieren, die ihr gegenüber einige Kraft
entwickeln^ leistet sie keinen Widerstand.
Einst befanden sich in einem kleinen Gefässe meh-
rere Edwardsien^ die beobachtet und gemalt werden soll-
ten^ und neben ihnen einige junge Haarquallen (Cyanaea
capIUata) im Polypenzustande. Die Edwardsien wurden
öfter hin- und hergewendet, während die Haarquallen-
Polypen ungestört sitzen bleiben durften. Da geschah es,
dass eine Edwardsia zwischen die Fangarme eines solchen
gerieth und langsam an den Mund gezogen wurde. Der
Leib des Räubers war zwar kleiner als die zusammenge-
'zogene Edwardsia, aber dennoch stülpte er denselben
allmählich wie einen Sack über die Gefangene, deren
Mesenterialfalten hervorquollen, ehe sie, drei volle Stunden
nach dem Ergreifen, gänzlich verschlungen war.
Die Art E. duodecimcirrata stellte Sars in: Beret-
ning om en i Sommeren 1849 foretagen zoologisk Reise i
Lofoten og Finmarken, in Nyt Mag. for Naturvidenska-
berne Bd. 6. p. 142 auf. Alles, was er von derselben
sagt, ist Folgendes:
„Corpore cyllndrico-albido-hyalino, epidermide fusca :
tentaculis 12 uniseriatis, brevibus, apice rotundato-obtusis,
albo-hyalinis annulis 2 fuscis; ore haud prominente, ma-
culis 12 fuscis circumdato. — Bei Ure auf den Lofoten
in 20 Faden Tiefe, wie auch bei Bergen. Sie unterschei-
det sich von den anderen bekannten Arten dieser Gattung
durch die geringe Anzahl von Tentakeln.^
Dr. Lütken fand bei Hellebaek am Sund zwei
Exemplare einer kleinen Edwardsia, die er duodecimcir-
rata Sars mit einem Fragezeichen benennt. Nogle Be-
maerkninger om de danske Kyster iagttagne Arter af
Actiniernes Gruppe. (NaturhIst. Foren. Vidensk. Medde-
lelser. 14. Dec. 1860). Sein Material war zu einer genü-
genden Beschreibung nicht ausreichend. Dennoch ist aus
seinen Angaben zu erkennen, dass seine Thiere mit den
Bewohnern der Kieler Bucht specifisch übereinstimmen.
Er beobachtete 11 Tentakel, deren Zahl, wie uns Dutzende
von Thieren lehrten, nicht constant ist, sondern mit der
Grösse zunimmt, ob nur bis zu zwölfen, mag noch unent-
74 Meyer und Möbius: Edwardsia duodecimcirrata.
schieden bleiben, bis wir diese kleine Seerose durch alle
Jahreszeiten gefischt haben werden. Ihre mangelhaften
bisherigen Beschreibungen veranlassten uns. zu diesen er-
gänzenden Mittheilungen, zu denen wir später noch mehr
hinzuzufügen hoffen. Mit ihr bewohnen noch drei andere
Seerosen die Kieler Bucht, nämlich: Actinia plumosa,
Bunodes crassicornis und Sagartia viduata Müll.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. III.
Fig. A. Edwardsia 12-cirrata ausgestreckt, in natürl. Grösse.
„ B. Dieselbe zusammengezogen.
„ C. Dieselbe mit eingestülptem Tentakelkranze und abgeschnür-
tem Vorder- und Hinterkörper, 6-facli vergrössert.
„ D. Mundscheibe und Tentakelkranz von oben, etwas zusam-
gezogen, lO-fach vergrössert.
Beitrag zur Keuntniss der Nematoden.
Von
Dr. Vix
in Hof heim.
(Hierzu Taf. YH.)
Bereits vor mehreren Jahren fand ich an längere
Zeit in Wasser macerirten Haiitstücken von Ascaris lum-
bricoides^ mehrfach Stellen^ welche einen kokardenähnlich
pigmentirten Hof darstellten, der aus verschieden intensiv
gelb imd braun gefärbten Zonen zusammengesetzt erschien
(Fig. a u. b). Der Versuch, diesen Befund weiter zu
verfolgen, scheiterte damals an der Unmöglichkeit, solche
Pigmentflecken weiter zu Gesicht zu bekommen. Neuer-
dings kamen mir wiederum an einem, zwei Jahre hindurch,
bis zur vollständigen Auflösung in einen formlosen breii-
gen Trümmerhaufen macerirten, ausgewachsenen, weibli-
chen Exemplar von Ascar. lumbicoidesartige braun pigmen-
tirte Gebilde zu Gesicht, und zwar in der Mitte kleiner
isolirten Schollen der Haut. Auffallend war mir, dass
in diesem Falle das Centrum des Pigmentfleckens eine
Oeftnung aufwies, während früher das Centrum sich als
die am- dunkelsten gefärbte Partie des Ganzen darstellte
(Fig. IL a, b, c, d). Diese Yerschiedenheit zweier im
Uebrigen offenbar identischen Gebilde klärte sich auf,
als ich wahrnahm, dass für gewöhnlich der Innenfläche
der betreffenden Stelle der Haut ein eigenthümliches,
dunkel gefärbtes, hohles Gebilde anhaftet, mit welchem
das im Centrum des Haut -Pigmentflecks gelegene Loch
kommunicirt, so dass es sich gewissermassen als Mündung
76 Vix:
jenes Hohlraums darstellt. Trennt man jenes liohle Ge-
bilde, was unabsichtlich oft genug geschieht, von der
Haut, so erscheint diese an der früheren Haftstelle durch-
löchert, lässt man dasselbe ungelöst, oder klebt an der
Innenseite der Haut die daselbst vorhandene körnige Sub-
stanz, so erscheint die HautöfFnung geschlossen und un-
durchscheinend.
Die Oeifnungen liegen meist in den Zwischenräumen
zwischen den Gürtelstreifen der Haut und senden bisv^eilen
in der Richtung derselben Ausläufer aus (Fig H. c). Oft
finden sich die Oeffnungen auch da, wo ein Gürtelstreifen
seinen Ursprung hat oder zwei derselben sich theilen,
so dass alsdann (Fig. I. b) mehr Streifen auf der einen
Seite des Pigmentfleckens sich finden als auf der anderen
Seite zu ihm hintreten. Die Gürtelstreifen beschreiben
endlich meist leichte Bogen um die zwischenliegenden
Löcher und durchsetzen diese die Dicke der Haut biswei-
len in schräger Richtung.
Was die der Innenseite der Haut anhaftenden und
mit den Oeffnungen derselben in Verbindung stehenden
Gebilde betrifft, so haben diese bald die Form einer
kurzhalsigen Urne oder eines Napfes, bald die einer mehr
oder weniger tiefen Schale (Fig. III. a, b, c, d). — Gelingt
es die Napf-förmigen Gebilde durch Maceration zu isoli-
ren, was nicht schwer ist, so erblickt man oft denselben
am oberen Rande anhaftende, zarte, faserähnliche Streifen
und Züge. Es sind die unzerstört gebliebenen Gürtel-
streifen der Haut, in deren Interstitien die Mündungen
der Napf- Gebilde liegen. Nach Innen zu endigen die
Gebilde blind, und konnte ein Zusammenhang derselben
mit den bekannten gestielten Bläschen, den Muskeln oder
sonst w^elchem Organe der Leibeshöhle des Wurmes, we-
nigstens bis jetzt, nicht ermittelt w^erden. Reagentien
gegenüber zeigen dieselben endhch eine grosse Resistenz,
keine Formveränderung, höchstens eine Aufhellung der
dunkeln Farbe bei Anw^endung concentrirter Mineralsäu-
ren. Zerdrückt man sie, so kann man sich leicht davon
überzeugen, dass die Mündung einen gegen Druck resi-
stcntcren dunklen ringförmigen Rand trägt, (Fig. IV.
Beitrag zur Kenntniss der Nematoden. 77
a^ b); dass ferner das Ganze einen Hohlraum bildet^ dessen
wabrsclieinlicli kleinkörnigen Inhalt ich^ bei dem Alter
der Präparate^ nach seiner eigentlichen Natur nicht genau
bestimmen konnte. Die Grösse der napfförmigen Ge-
bilde (die bei einer Vergrösserung Ton 200 abgebildet
sind)^ beträgt für den Querdurchmesser im Maximum etwa
0^06 Mm.^ doch kommen derartige Körper häufig vor^ von
selbst um den vierten Theil geringerer Grösse. Auf der
Spinngeweb-ähnlichen^ zarten Membran der durch Mace-
ration isolirten, äusseren Haut erscheinen dieselben für
das unbewaffnete Auge als dunkle Staubkörnchen. Der
Querdurchmesser des Pigmenthofes misst bis zum äusser-
sten Contour 0^3 bis 0^1 Mm.^ so dass auch dieser_, unter
günstigen Verhältnissen;, ohne Vergrösserungsmittel, zu
Gesicht kommen kann. Die die Haut durchsetzenden
Löcher haben einen Durchmesser von Ofilb' — 0^030 Mm.;
doch scheinen sie in noch unendlich geringerer Grösse,
wenigstens der Anlage nach^ vorhanden zu sein (Fig. II. c).
Auffallend ist es, dass die vorstehend beschriebenen Ge-
bilde der Haut an frischen Präparaten nur mit grosser
Mühe zu Gesicht gebracht werden können. Ein Um-
stand;, der zugleich erklären muss^ warum ich über Funk-
tion und Verhältniss derselben zur Umgebung nichts Be-
stimmtes sagen kann. Es gelang mir, mit einiger Mühe,
an bestimmten Abschnitten des Thieres Hautpräparate
frei von der auf der Innenseite anklebenden Muskelschichte,
darzustellen, die in massigem Abstände von den Seiten-
linien der Haut, etwa der Mittellinie des Bauches und
Kückens entsprechend, zwei der Seitenlinien parallel lau-
fende Doppelreihen von Pigmentflecken zeigten. Diese
muss ich als die oben beschriebenen Gebilde aus folgen-
den Gründen ansehen:
Form, Grösse und Farbe zeigen keine Verschieden-
heit von Innen; sodann stimmt das Vorkommen jener
Gebilde, die ich meist in grosser Zahl durch Verfilzung
der verschlungenen Gürtelstreifen, an welchen sie fest-
haften, vereinigt fand, damit überein, dass an frischen
Hautpräparaten die Pigmentflecke in Doppelreihen ange-
ordnet sind. Es zeigt die frische Haut ferner an der be-
78 Vix:
treffenden Stelle Verdickung und Struktureigenthümliclikei-
ten^ die durch Bereitung grösserer Resistenz offenbar dem
Zustandekommen jener, in beinahe regelmässige Formen
bei Maceration auftretenden pigmentirten Hautschollen;
deren Centrum der Mündung der flaschenförmigen Körper
entspricht; zu Grunde liegen. — Schwieriger ist die Er-
klärung des UmstandeS; dass bei frischen Hautpräparaten
die Gürtelstreifen an dem besprochenen Punkte einander
stark genähert sind, einen der Centralöffnung zugekehr-
ten Bogen in ihrer Bahn bildend und zugleich die Haut
verdickend; während bei den aus Zerfall und Maceration
hervorgehenden kleinen Haut -Schollen älterer Präparate
die Gürtelstreifen an den pigmentirten Stellen um das
zwischenliegende centrale Loch einen nach Aussen vor-
springenden Bogen beschreiben; also eine Convexität ihrer
geraden Bahn bilden (Fig. Y. a, b; c und Fig.H; a; b; C; d).
Es klärte sich mir diese seltsame Erscheinung auf; als
ich wahrnahm; dass auf der Innenfläche der Haut an jenen
Punkten Faserzüge liegen; die quer oder etwas radiär
durch die pigmentirten Zonen hindurch laufen und von
den Centralöffnungen auszustrahlen scheinen (Fig. IL a, d
und V. a — c). Einige Mal beobachtete ich; dass jene fei-
nen Faserzüge im Zustande der Maceration ein wirres
Netz um den Pigmentfleck bildeten. In anderen Fallen
schien mir durch ihre Erweichung und Entspannung ein
Auseinanderweichen der Gürtelfasern zu entstehen. Mög-
lich; dass hierdurch jene erwähnte Verschiedenheit in der
Art der Aneinanderlagerung der Gürtelstreifen an den
pigmentirten Stellen der Haut entsteht. Ebenso liegt der
Gedanken nahC; es möchten die hier sichtbaren Faserzüge
eine Modifikation; oder einfache stärkere Anhäufung und
Ausbildung der normalen Faserzüge der inneren Haut-
schichten darstellen.
Was das Vorkommen unserer Gebilde an dem Wurm-
körper betrifft; so kann ich hierüber wenig Bestimmtes
sagen, da ich nicht im Stande war; dieselben an bestimm-
ten Abschnitten ^dcs Leibes des Thieres stets mit gleicher
Sicherheit nachzuweisen. Die Gründe hiervon können
darin liegen; dass die Gebilde bei der Entfernung der
Beitrag- zur Kenntniss der Nematoden. 79
Muskelscliicliten mit entfernt und zerstört werden; dass
sie ferner an frischen oder gut konservirten Präparaten,
bevor die Maceration alle NacLibarorgane zerstört und
erweicht hat, von diesen meist umschlossen, verhüllt und
vielleicht in anderen Formen gehalten werden ; dass sie
endlich nur an bestimmten, noch nicht ermittelten Ab-
schnitten des Leibes sich finden, oder an Anderen Me-
tamorphosen eingehen, die ihre Erkennung und richtige
Deutung verhindern. — Ob gewisse dendritische Figuren^
die ich nicht besser und kürzer als mit einer, an den
ausgespreitzten Beinen stark mit Haaren besetzten und
bei einer schwachen Vergrösserung betrachteten Spinne
vergleichen kann, ebenfalls als Produkte der Metamor-
phose unserer Gebilde anzusehen sind, wage ich nicht zu
entscheiden. Derartige Figuren finden sich in stufenwei-
ser Modifikation^ besonders an der Innenfläche der Haut
in der Nähe des Kopfendes des Thieres. Mehrmals gaben
Bilder (wie z. B. Fig. VI. a) zu der Vermuthung Veran-
lassung, es möchten sich bisweilen sehnenartige, vielleicht
auch mit einem Lumen versehene, nach dem Inneren des
V^urmkörpers laufende Faserzüge an die mich beschäfti-
genden Hautstellen inseriren. Ich hatte keine Gelegen-
heit, diese Frage weiter zu verfolgen, deren Lösung unter
Umständen ganz unerwartet Licht in das Ganze gebracht
haben würde.
Hinsichtlich der Function unserer Gebilde kann ich
nur wenige Vermuthungen hegen. Es dürften hiernach
dieselben als Analogen der Hautdrüsen im Thierreiche
höher stehender Thiere zu betrachten sein, mithin als
Secretionsorgane ; ihre Ausführungsgänge aber als Ana-
logen der Poren. Der V^^erth des Organs mag, wenn
diese Auffassung richtig ist^ darin liegen, dass es die Haut
feucht und schlüpfrig erhält. Vielleicht spielt dasselbe auch
eine Rolle bei der bekannten Fähigkeit des Ascaris lum-
bricoides, sich mit Wasser vollzusaugen. In der Literatur,
die mir übrigens nur theilweise zugänglich, finde ich nichts
hierher Einschlägiges aufgezeichnet, wenn man nicht als
solches die folgende Stelle in Bojanus' Aufsatz „En-
thelminthica^ (Isis 1821. S. 181) betrachten will: „Ich
80 Vix: Beitrag zur Kenntniss der Nematoden.
kann diesem noch^ aus spater gemachten und an mehreren
lebenden Individuen bewährten Beobachtungen^ zufügen,
dass im Ascaris acus des Hechtes der Mittelkanal dieser
Seitenlinie, in regelmässigen Abständen, eirunde Stigmata
hat, die sich bisweilen abwechselnd zu öffnen und zu
schliessen scheinen. Mit diesem Funde ging ich in der
Folge an wiederholte Untersuchung des Spulwurmes. Es
hat mir aber nicht geglückt, von solchen Oeffnungen bei
ihm die mindeste Spur zu entdecken.^
Von Siebold lässt (Lehrbuch der vergl. Anato-
mie I. S. 137) die von ßojanus bei Asc. acus erkannten
Stigmata nicht als solche gelten, „indem sie sich ihm
als unter der Haut gelegene zellenartige Körper dar-
stellten.^
lieber Polytrema miniaceiim,
eine Polythalamle. *''■)
Von
Prof. Max Schnitze.
(Hierzu Taf. ^) S
Unter dem Namen Polytrema corallina beschreibt
Risso^) kleine rothe, auf Seepflanzen^ Muschelschalen und
anderen Meeresprodukten schmarotzende korallenartige
Kalkgebilde^ welche im Mittelmeere ziemlich verbreitet
vorkommen. Es sind 3 bis 4 Millimeter im grössten
Durchmesser haltende, oft kleinere, schmutzig carminrothe,
auf der Oberfläche zackige Kalkkrusten, fest auf einer
meist ebenen Unterlage aufsitzend, manchmal auch ring-
förmig um dünne Algenstengel ausgebreitet.
Die Gebilde gleichen kleinen Milleporen, zu denen
sie auch früher gerechnet wurden. Linne's Millepora
miniacea ^) dürfte auf unsere Species zu beziehen sein.
Bei La mark findet sie sich aufgeführt als Millepora
*) Im Auszuge, nach einem am 4. December 1861 in der nie-
derrheinischen Ges. für Natur- und Heilkunde gehaltenen Vortrage,
in den Verhandl. d. naturhist. Vereins d. Eheinlande und Westpha-
lens Jahrg. 19. 1. Hälfte, Sitzungsber. S. 13 abgedruckt.
1) Histoire natur. des principales productions de l'Europe
meridionale et principalement de Celles des environs de Nice et des
Alpes maritimes 1826 et 1827. Tom. V. p. 340.
2) Systema naturae ed. 13 cura Gmelin Vol. VI. p. 3784.
Arch. für Naturg. XXIX. Jahrg. 1. BJ. 6
82 Schultze:
rubra ^), während Blainville^) den Ris so' sehen Gat-
tungsnamen Polytrema mit Linne's Speciesbezeichnung
mimacea (richtiger miniaceum) verband^ welcher Bezeich-
nung wir folgen.
Auf ihrer Oberfläche erkennt man mittelst einer
Loupe zahlreiche rundliche seichte Vertiefungen^ welche
sich ebenso auf die zackigen oder hahnenkammförmigen
Erhabenheiten erstrecken wie in den Thälern zwischen
diesen vorkommen (vergl. Fig. 1 bei lOmal. Vergr. gez.).
Die Vertiefungen sind meist sehr seicht und an ihrem
Grunde durch ganz dieselbe Masse ausgefüllt^ wie sie
zwischen den Vertiefungen liegt. Oft erhebt sich der
Grund der Vertiefungen in einer flach kugligen Wölbung
wie eine Bergkuppe aus der Tiefe eines Kraters aufstei-
gend und letztere allmählich ganz ausfüllend. Auch die
Spitzen der Zacken und Kämme der Oberfläche tragen
dieselben seichten Vertiefungen. Sehr häufig jedoch be-
merkt man hier tiefer in das Innere führende Löcher,
Anfänge von Canälen, die das Innere durchsetzen. Diese
Löcher halte ich nicht für natürliche_, sondern durch Ab-
brechen der Spitzen oder durch Erosion der Oberfläche
entstanden.
Dr. Krohn hatte die Güte, mir Polytremen , welche
er in Nizza an Algen gesammelt und im trockenen Zu-
stande mitgebracht hatte, zu übergeben, und wurde ich
durch den Anblick derselben lebhaft an die von mir als
Äcervulina acinosa ^) beschriebenen, von den Philippinen
stammenden Polythalamiengehäuse erinnert, die eine glei-
che Grösse und Farbe haben, unter sehr ähnlichen Ver-
hältnissen vorkommen, doch ein etwas abweichendes Re-
lief an der Oberfläche darbieten. Krohn hatte bereits
gefunden, dass auch die ^Polytrema ähnliche Struktur
der Kalkwände zeigen wie dickwandige Polythalamien-
schalen. Was aber Krohn's Aufmerksamkeit besonders
in Anspruch genommen hatte war, dass in den Polytre-
1) Hist. nat. des animaux sansvert. 2. edit. Tom. 1836. p. 309.
2) Man. d'Actinologie p. 410. Abbild, pl. 69. fig. 4.
3) üeber den Organismus der Polythalamien p. 68.
Ueber Polytrema miniaceum. 83
men^ wie es schien, constant Kieselnadeln wie bei
Spongien vorkommen, zum Tlieil aus den obenerwähn-
ten Oeffnungen an der Spitze der Zacken frei hervorra-
gen, anderen Theiles erst nach dem Zertrümmern der
Kalkschalen zur Beobachtung kommen.
Die Untersuchung der mir übergebenen trocknen
Exemplare bestätigte sofort die Aehnlichkeit der Struktur
der Kalkwände mit der dickwandiger Polythalamienscha-
len und zugleich das Vorkommen von Spongiennadeln im
Innern der Polytremen. Es waren vorzugsweise Kie-
se Inadeln, ganz von der Struktur gewöhnlicher Spon-
giennadeln, mit feinem Axenkanal, pfriemenförmig, an
beiden Seiten zugespitzt oder an einer geknöpft (vergl.
Fig. 10). Ihnen waren ausnahmsweise einzelne Kalk-
nadeln beigemischt, wie sofort und ohne chemische Prü-
fung durch den Polarisationsapparat ausgemittelt werden
konnte. Auch an beiden Enden hakenförmig umgebo-
gene, sehr kleine Nadeln kommen vor (Fig. 10, a). Von
einer organischen Erfüllung der inneren Hohlräume zeig-
ten die trocknen Exemplare nur Spuren.
Das Interesse an den in Rede stehenden Gebilden
musste sich ausserordentlich mehren, als sich bei weiterer
Nachforschung in der Literatur herausstellte, dass sehr
verwandte Gebilde von Dr. Gray in London untersucht
und als Zwischenglieder zwischen Rhizopoden (Fora-
miniferen) und Spongien aufgestellt waren. Gray
fand dem Polytrema ähnliche Gebilde an verschiedenen
ausländischen Seeprodukten, Korallen und Muschelschalen
aufsitzen und machte sie als zwei neue Genera Carpen-
teria und Dujardinia bekannt ^). Durch Untersuchung
von Schliffen der Kalkschale dieser parasitischen Orga-
nismen hatte Carpenter die Foraminiferen-Natur dersel-
ben erwiesen; da sich aber in den Kammern Spongien-
nadeln vorfanden, betrachtete Gray die Gebilde als U e-
ber gangsf ormen zwischen F or aminif er en und
Spongien. Das Polytrema miniaceum des Mittelmeeres
und fand übrigens Gray auch, lässt es aber zweifelhaft
1) Ann. and Mag. of nat. history III. ser. Vol IT. 1858. p.381.
84 Schultze:
ob es zu den Foramiiiiferen oder Bryozoen neben Cribril-
Hna zu stellen sei. Er benennt es mit einem neuen Na-
men Pustularia rosea ^).
Auf Gray's Veranlassung hat sich dann Carpen-
ter ausführlicher mit den der Gattung Carpenteria un-
tergeordneten Gebilden beschäftigt und eine Abhandlung
über dieselben in den Philosophical transactions 1860.
Vol. 150. p. 564 ff. veröffentlicht^ in welcher er auch des
Polytrema miniaceum von Blainville Erwähnung thut
als Organismen^ welche Foraminiferenstruktur der Kalk-
schale besitzen und der Gattung Tinoporus zunächst ver-
wandt seien (ebenda p. 561).
Carpenter fand die Spongiennadeln auch constant
in den Kammern der nach ihm benannten Polythalamie
und schliesst sich der Ansicht Gray's an, dass hier ein
üebergangsglied zwischen Foraminiferen und Spongien
vorliege.
Mag man die Spongien für Thiere oder für Pflanzen
halten, unter allen Umständen muss das Vorkommen von
Uebergangsformen zwischen ihnen und Polythalamien in
hohem Grade interessiren. Ein Organismus von der Natur
des Rhizopodenkörpers soll gleichzeitig eine äussere Kalk-
schale und ein inneres Kieselnadelskelet erzeugen. Die
Spongienstruktur, deren Charakteristisches in einer viel hö-
heren histiologischen Differenzirung der lebendigen Sub-
stanz beruht als bei Polythalamien vorzukommen scheint,
soll sich mit dem einfachen, nicht in Zellen zerlegbaren
Protoplasmakörper der kalkschaligen Rhizopoden paaren.
Die Angelegenheit verdiente offenbar die eingehendste
Berücksichtigung und sorgfältigste Prüfung, ihr war eine
fimdamentale Wichtigkeit beizulegen. So war es mir
sehr erwünscht unter den von Prof. von la Valette
im Sommer 1861 für das hiesige anatomische Museum
gesammelten Spirituosen einen Krebs und eine Vermetus-
Röhre zu finden, welche mit zahlreichen Exemplaren
desselben Polytrema miniaceum bedeckt waren, welches
ich im trocknen Zustande früher untersucht hatte. Da
1) Ebenda p. 386.
lieber Polytrema miniaceum. 85
auch diese Exemplare wieder Spongien nadeln ent-
hielten^ zugleich auch den organischen Inhalt der Kam-
mern sehr vollständig erhalten zeigten^ so beschloss ich
eine genauere Untersuchung sämmtlicher mir zu Gebote
stehender Exemplare auszuführen^ um zu entscheiden, ob
sich irgend eine Thatsache auffinden la&se, welche es
gewiss oder wahrscheinlich mache, dass die Kalkschale
mit ihrer organischen Erfüllung und die Kieselnadeln
zusammengehören, dass alle drei einen Organismus
bilden.
Offenbar waren hier drei verschiedene Möglichkeiten
in Betracht zu ziehen:
1) Polytrema konnte ein Schwamm sein mit netz-
förmigdurchbrochenem Kalkskelet, welches ein Maschen-
werk bildet wie die Hornsubstanz des Badeschwammes.
Innerhalb der Lücken dieses Maschenwerkes würde sich
die organische Schwammsubstanz befinden, welche Kiesel-
nadeln bildet.
2) Polytrema konnte einePoly thalamie sein. Die
organische Substanz im Innern des Kalkskelets wäre dann
ein Khizopodenkörper, die Kieselnadeln müssten zufällig
eingedrungen oder gefressen sein, oder von einem para-
sitisch in der Polythalamie angesiedelten Schwämme her-
rühren.
ß) Das Gebilde konnte, wie Carpenteria nach der
Ansicht von Gray und Carpenter, ein Uebergangs-
gebilde zwischen Spongien und Polythalamien darstellen,
insofern nämlich die Kalkwände Foraminiferenstruktur
besitzen, der Thierkörper aber in seiner Fähigkeit Kie-
selspikula in sich zu erzeugen den Spongien verwandt sei.
Wir gehen zunächst auf die erste Möglichkeit ein.
Die Anfertigung von Schliffen durch die Kalkmasse lehrt,
dass dieselbe nicht aus netzförmig anastomosirenden Kalk-
balken -wie das Hornskelet eines Badeschwammes besteht,
sondern aus Lamellen, welche ein System untereinander
anastomosirender, in Grösse und Form ziemlich gleicher
Kammern einschliessen, und weiter, dass diese Lamel-
len, die Wände der Kammern, wie bereits angeführt
wurde, exquisite Foraipiniferenstruktur besitzen. Fig. 3
86 Schultz e:
zeigt einen senkrecht auf die Oberfläche gefertigten dün-
nen Schliff von Polytrema, wie er bei durchfallendem
Lichte erscheint. Die Farbe der Kalkwände ist auch an
so dünnen Schliffen noch röthlich. Alle sind von den
bei Polythalamien gewöhnlichen Porenkanälen durchsetzt^
welche meist rechtwinklig und auf kürzestem Wege gegen
die Oberfläche verlaufen. Die Dicke der Kalkwände
wechselt, ohne dass ein bestimmtes Gesetz zu erkennen
wäre. Wie von a nach b auf der Oberfläche des Poly-
tremaschliffs (Fig. 3) eine dickere Kalkwand hinzieht_, so
findet man solche auch oft im Innern des Gebildes über
grössere Strecken. An sehr dünnen Schliffen ist nament-
lich an den dickeren Wänden eine Schichtung zu er-
kenneu; und dieser entsprechend zeigen die Porenkanäle
der Wand eine eigenthümliche Gliederung ^) , welche
sich auch noch nach dem Auflösen des Kalkes und zwar
jetzt besonders deutlich an der häutigen Röhre, welche
jeden Porenkanal auskleidet, wahrnehmen lässt (vergl.
Fig. 9). Die Porenkanäle der Oberfläche liegen sehr dicht
beisammen, im Durchschnitte 0,009 Mm. von einander
entfernt. In den inneren Scheidewänden dagegen liegen
sie oft viel weitläufiger. Die Weite der Porenkanäle
beträgt 0,004 — 0,006 Mm., was für die Bestimmung der
Species nicht unwichtig zu merken ist. So unterscheidet
sich z. B. Acervulina acinosa durch die grössere Weite
der Porenkanäle, welche gewöhnlich 0,012 Mm. beträgt,
sehr bestimmt von Polytrema miniaceum.
Löst man an in Spiritus aufbewahrten Exemplaren
den Kalk mit verdünnter Salzsäure auf, so erhält man
die die Kammern erfüllende organische Substanz als einen
getreuen Abguss des inneren Ilöhlensystemes im Zusam-
menhange frei. An diesen Abgüssen kann noch besser
als an Schliffen, welche ja immer nur eine Ebene frei
legen, constatirt werden, dass im Innern der Kalkschale
Kammerabtheilungen bestehen (Fig. 5, 6, 7), welche durch
Siphonen untereinander zusammenhängen. Namentlich
3) Aehnlich bei Caipenleria von Carpenter abgebildet
Philos. Transact. 1860. Taf.XXII. fig.15.
Ueber Polytrema miniaceum. 87
an der Basis und im Centrum der Polytremen sind die
Öiphonen von den Kammerhölilungen recht scharf abge-
setzt, während nach der äusseren Oberfläche hin sich oft
die »Siphonen so erweitern, dass sie den Durchmesser
der Kammerhöhlung erreichen, wie das in Fig. 4 gezeich-
nete Bikl des Abgusses einer kleinen Partie der inneren
Räume von der Rinde eines Polytrema zeigt. Während
in der Anordnung der Kammern im Allgemeinen durch-
aus keine Regelmässigkeit zu entdecken ist, verdient die
von mir in Fig. 6 gezeichnete Stelle eines natürlichen
Polytrema- Ausgusses besondere Berücksichtigung. Die-
selbe wurde durch Zerzupfen eines der mit Salzsäure
behandelten Präparate freigelegt. Indem die ganz unre-
gelmässig angeordneten Kammererfüllungen der Oberfläche
entfernt wurden, kamen in der Tiefe die unzweideutig
Spiral angeordneten zum Vorschein. Die Verbindung mit
der übrigen Masse war gelöst, so dass nur die gezeichne-
ten sechs Kammern in ihrem natürlichen Zusammenhange
übersehen werden konnten. Feinere Struktur der Haut
und des Inhaltes dieser Kammererfüllungen Hessen kei-
nen berechtigten Zweifel aufkommen, dass die in Fig. 6
gezeichneten regelmässiger gruppirten Massen und die
der Fig. 5 und 7 wirklich zusammengehörten. Es schliesst
sich dieser Befund dem von Carpenter bei Tinoporus
und Carpenieria 0 beschriebenen an.
Die durch Behandluug der in Spiritus aufbewahrten
Polytremen mit Salzsäure zurückbleibende organische
Substanz besteht aus einer äusseren Hülle und einer
zähen, ziemlich festen Zusammenhang zeigenden bräun-
lichrothen Substanz, reich an starklichtbrechenden Körn-
chen und Tröpfchen, welche sie undurchsichtig machen.
Beide Bestandtheile, die Hülle wie die Inhaltsmasse glei-
chen durchaus der ebenfalls braunrothen Kammererfüllung
vieler Polythalamien. Ich habe solche aufTaf. III. Fig. 11
u. 12, Taf. V. Fig. 12 u. 13 und an anderen Orten meines
Buches über den Organismus der Polythalamien abge-
1) Philosoph. Transactions 1880. Taf. XXI. fig. 11. Taf. XXII.
flg. 2, 3, 4.
88 Scliultze:
bildet und zwar zum Theil auch nach Spiritusexemplaren,
so dass die erwähnten Abbildungen direkt vergleichbar
sind mit den hier von Polytrema gegebenen. Die orga-
nische Hülle des Kammerinhaltes der Polythalamien habe
ich in dem erwähnten Buche S. 15 folgendermassen be-
schrieben: „der Kalkschale der Rhizopoden liegt innen
eine zarte organische Haut an. Löst man eine le-
bende oder mit ihrem thierischen Inhalte in Spiritus
conservirte oder mit demselben getrockneten Rotalia, Ro-
salina, Textilaria u. a. in verdünnter Säure auf, so bemerkt
man innerhalb der oben erwähnten organischen Grund-
lage der Kalkschale eine dünne aber scharf contourirte,
mehr oder weniger braun gefärbte, homogene Haut, wel-
che jener eng anliegt und wie sie mit Poren durchsetzt
ist. Dieselbe kleidet gleichmässig alle Kammern aus und
setzt sich durch den Sipho der Scheidewände von einer
zur anderen fort. Nur in den während des Lebens farb-
losen, letzten, jüngsten Kammern ist sie so zart, dass man
glauben könnte, sie bilde sich erst gleichzeitig mit der
Aufnahme von Farbestoffen in die thierische Erfüllung.^
Die Beschreibung passt vollständig auf die in Fig. 8 hier
abgebildete organische Auskleidung der Polytrema-Kam-
mern. Wir sehen in dieser Figur einen zarten bräunlich
gefärbten, leeren, nur an seiner unteren Partie mit kör-
nigen Resten des Thierkörpers gefüllten Schlauch, wel-
cher nach dem Auflösen des Kalkes zurückblieb , aber
nicht die organische Grundlage der Kalkschale selbst
ist. Diese enthält vielmehr so wenig organische Substanz,
dass es mir beim Auflösen derselben in Säuren nicht ge-
lang, einen zusammenhängenden Rest derselben zu erhal-
ten. Aber die Stelle, wo sie sich befand, und ihre Dicke
lässt sich an vorsichtig in Säuren gelösten Schalen doch
noch erkennen und zwar an den organischen Ausklei-
dungen der letztere durchsetzenden Porenkanäle. Wie
die Kammerhöhlung von einer dichten organischen Haut
begränzt wird, so sind auch die bei Polytrema ziemlich
weiten, die dicke Schale in gerader Richtung durch-
setzenden Röhren von einer solchen ausgekleidet. Einige
solcher durch Säuren isolirter zarter Röhren liegen theils
lieber Polytrema miniaceum. 89
auf, theils neben Fig. 8, andere und sehr zahlreiche
sind in Fig. 4 in natürlicher Lage erhalten gezeichnet,
endlich stellt Fig. 9 einige besonders lange solcher Röh-
ren dar. Sie entsprechen also den in Fig. 3 abgebildeten,
die Kalkschale durchsetzenden Porenkanälen. Sie zeigen
dieselbe Verschiedenheit der Länge, je nachdem die
Kalkschale dick oder dünn war, sie zeigen dieselbe ei-
genthümliche G 1 i e d e r u n g, welche mit der Schieb-
tenbildung der Schale zusammenzuhängen scheint.
Die braunrothe Kammererfüllung endlich lässt eine
andere Struktur, als ich sie bei der Inhaltsmasse der
Polythalamienschalen beschrieben habe , nicht erkennen.
Ist somit nach der Struktur der Kalkwände des Po-
lytrema und nach der Natur ihrer Inhaltsmasse der Ge-
danke, dass wir es hier mit einer Spongie mit netzför-
migem Kalkgerüste zu thun hätten, als beseitigt zu
betrachten, vielmehr nachgewiesen, dass Polytrema sich
in jeder Beziehung den Polythalamien anschliesst, so
handelt es sich weiter um die Entscheidung der Frage,
wie die Kieselnadeln in das Innere der Kammern gelang-
ten. Sind sie in dem Polytrema entstanden, haben w^r
es also im Sinne Gray's und Carpenter's mit einem
Uebergangsgebilde zwischen Rhizopoden und Schwämmen
zu thun, oder sind die Kieselnadeln fremde Körper in
der Polythalamie, entweder aufgenommene Nahrung oder
zu einer parasitischen Spongie gehörig? Mit Rücksicht
auf diese Frage ist Folgendes zu bemerken. Die Kie-
selnadeln finden sich nie in der beschriebenen gelbbrau-
nen, als Polythalamienkörper aufzufassenden thierischen
Erfüllung des Polytrema, sondern immer neben dieser
in einer äusserst vergänglichen, durchsichtigen, farblosen
wenig Zusammenhang zeigenden, feinkörnigen und von
jener ersten demnach verschiedenen Substanz. Beim
Auflösen eines mit thierischer Erfüllung wohlerhaltenen
Polytrema in verdünnter Säure fällt der Gegensatz zwi-
schen den beiden Substanzen, der dichten gelbbraunen
und derjenigen, welche die Spongiennadeln enthält, sofort
in die Augen. Letztere ist zudem meist in so äusserst
geringer Menge um die oft wie nackt daliegenden Kie-
90 Schultze:
seinadeln erhaltön^ dass an eine Darstellung derselben
im Zusammenhange nicht zu denken ist. Sie zerfällt
indem die Nadeln sich von einander lösen^ und nur Spu-
ren derselben haften einzelnen Nadeln oder Nadelgruppen
an (vergl. Fig. 10). Weiter ist von entscheidender Bedeu-
tung^ dass gar nicht alle Exemplare von P o 1 y-
trenia Spongi e n nadeln enthalte n^ imd dass_, YfO
letztere vorkommen^ sie gewöhnlich allein die peripheri-
schen Kammern erfüllen. Die zwölf Spiritusexemplare von
Polytrema^ welche ich mittelst verdünnter Säuren unter-
suchte, verhielten sich folgentlermassen. Zwei derselben
waren ohne jede SjDur von Kieselnadeln, alle Kammern
zeigten sich mit der gelbbraunen, nach der Peripherie
an Intensität der Farbe etwas abnehmenden Substanz
dicht erfüllt. Drei Exemplare enthielten nur in den tie-
feren Schichten noch Reste der gelbbraunen Substanz,
fast alle Kammern waren voll von Kieselnadeln und der
zu ihnen gehörigen geringen Menge farbloser organischer
Substanz. Die übrigen endlich enthielten auch alle Kie-
selnadeln, aber nur in den peripherischen Kammern
und oft nur in einem Tlieile derselben, der grössere Theil
des inneren Höhlensystemes bot eine Erfüllung mit der
braunen Substanz wie die Figuren 4, ö, 6, 7 darstellen.
Das Verhältniss ist also das, d-ass die Kieselnadeln ganz
fehlen können, und dass sie, wenn sie vorkommen, nie
in der eigentlichen Polythalamiensubstanz liegen, dass sie
sich vielmehr nur mit Verdrängung letzterer von der
Peripherie nach der Tiefe ausbreiten, und dass sie ferner
in einer organischen Substanz eingebettet liegen, welche
nicht zu dem Polythalamienkörper zu gehören scheint.
Allerdings ist die Natur dieser letzterwähnten Substanz
nicht mit Sicherheit zu bestimmen gewesen. Sie könnte
möglicherweise farblose Polythalamiensubstanz sein. Doch
spricht dagegen erstens ihre geringe Festigkeit, der Man-
gel inneren Zusammenhaltes nach dem Auflösen der
Kalkschale und sodann ihre in einzelnen Fällen beob-
achtete Verbreitung bis in die centralen Theile der Schale.
Polythalamien, welche eine gelbbraune Färbung ihres
Thierkörpers in den centralen Kammern darbieten, zeigen
üeber Polytrema miniaceum. 91
nach meinen bisherigen Erfahrungen stets dieselbe oder
nahezu dieselbe Farbe durch alle Kammern mit Ausnahme
allein weniger zuletzt gebildeter. So ist es auch bei
mehreren Polytremen gesehen worden^ welche keine
Kieselnadehi enthielten und an deren echter Polytha-
lamiennatur nicht gezweifelt werden kann. Sollte nun
nachträglich die ursprünglich braune Substanz mit dem
Auftreten der Kieselnadeln wieder farblos w^erden? Un-
sere bisherigen Erfahrungen geben uns keinen Grund zu
solcher Annahme^ daher werden wir uns auch hier^ so
lange ein Ausweg möglich ist, gegen dieselbe sträuben.
Ein solcher bietet sich aber noch nach dreifacher
Richtung dar. Entweder die Schwammnadeln sind zu-
fällig eingedrungen, oder sie sind aufgenommene Nahrung
oder endlich sie gehören einem parasitischen Schwämme
an. Ich erwähnte bereits oben, dass viele Polytremen
Erosionen der Oberfläche, namentlich an den Spitzen
der kämm- oder zackenförmigen Erhabenheiten zeigen,
Löcher, durch welche ein Einblick in das innere Höhlen-
system eröffnet ist. An solchen Stellen sind ganz con-
stant die Kieselnadeln in Menge in den zunächst vorlie-
genden Kammern zu rinden. Oft ragen, wie schon
K r o h n in Nizza beobachtete, die Nadeln frei aus den
Löchern hervor, dass sie bereits mit der Loupe erkannt
werden können. Sicherlich sind die Kieselöadeln, wenn
sie nicht in dem Polythalamienkörper entstanden, von den
Löchern aus eingedrungen. Es möchte vergeblich sein
den Gegenbeweis liefern zu wollen, dass sie nicht zu-
fällige Eindringlinge oder aufgenommene Nahrung seien.
Aber Wahrscheinlichkeitsgründe lassen sich für keine
von beiden Ansichten aufführen. Wie sollten SjDongien-
nadeln, wenn sie auch in noch so grosser Menge in dem
die Polytremen umgebenden Wasser enthalten wären, in
die innersten Kammern des noch dazu mit organischer
Substanz wenigstens zum Theil gefüllten labyrinthischen
Höhlensystemes gespült werden? Müsste nicht die Er-
füllung der peripherischen Kammern mit solchen kreuz
und quer liegenden Nadeln das Vordringen in die Tiefe
definitiv verhindern? Und wenn Spongien auch die Lieb-
92 Schnitze:
lingsspeise der Polytremen wären^ wie sollten festgewach-
sene Polythalaraien zu .festgewachsenen Spongien gelan-
gen um sie aufzuzehren ?
Somit haben wir wohl keinen Grund zu zögern uns
der letzten Möglichkeit in die Arme zu werfen und an-
zunehmen, dass die Polytremen von einem parasitischen
Schwämme heimgesucht worden. Dass Spongien sich
in mancherlei Kalkgebilde einbohren und gleich Parasiten
leben ist bekannt. Die Gattung Clione, über welche uns
zuletzt Lieb erkühn ^) genaue Beobachtungen mitge-
theilt hat, gehört zu diesen bohrenden Schwämmen. Die
enorme Verbreitung derselben erhellt aus der Thatsache,
dass es an manchen Küsten (Helgoland, Northumberland
nach H a n c 0 k) kaum möglich ist eine Austernschale
oder einen Kalkstein zu finden, w^elcher nicht von Clio-
nen ganz durchlöchert wäre. Jedenfalls ist danach der
Parasitismus eines Schwammes in den Polytremen nichts
Auffallendes mehr, und es fragt sich weiter, ob die Form
und x\.nordnung der Nadeln die Ansicht, dass sie einem
Clione-artigen Schwämme angehören, stützt. Lieb er-
kühn sagt von den Nadeln der Clione celata der Nord-
see, welche sich namentlich häufig in den Austernschalen
um Helgoland findet, dass sie an dem einen Ende ge-
knöpft seien ., öfter geht auch über den Knopf noch eine
sehr kurze Spitze hinaus, äusserst selten kommt auch
einmal eine Anschwellung in der Mitte der Nadel vor".
Das ist Alles was ich über die Nadelformen der Clionen
erfahren konnte. Leider reicht dasselbe zur Bestimmung
einer Kieselspongie nicht aus, denn geknöpfte Nadeln
sind bei vielen Species verbreitet und kommen oft mit
gewöhnlichen pfriemenförmigen zusammen vor. Der
grösste Theil der Nadeln unseres Polytremaschwammes
ist, wie Fig. 10 zeigt, an beiden Seiten pfriemenförmig
zugespitzt. Viele haben eine bogenförmige Krümmung,
selten sind die kleinen, einer Spange gleichenden Fig. 10, a.
Auch geknöpfte Nadeln kommen vor, in deren Knopf
der Axenkanal, welcher keiner Kieselnadel fehlt, eine
1) Archiv für Anatomie und Physiologie 1859. p. 515.
lieber Polytrema miniaceum. 93
Anschwellung besitzt. Alle Nadeln sind verhältnissmäs-
sig kiirz^ so dass sie höchstens durch zwei oder drei
Kammern des Polytrema hindurch ragen. Einige wenige
Bruchstücke grösserer Nadeln^ welche ich gesehen^ möchte
ich so wie die äusserst selten neben den Kieselnadeln
vorkommenden, auch nur in Bruchstücken zur Beobach-
tung gekommenen Kalknadeln für zufällige Beimi-
schungen halten. Die kurzen pfriemenförmigen Nadeln
liegen vielfach in Gruppen parallel neben einander, wie
man sie in Schwämmen in situ findet.
Das Voranstehende genügt, wie ich glaube, zu be-
weisen, dass, wo Kieselnadeln in Polythalamienschalen
neben organischer Erfüllung der Kammern vorkommen,
die Ansicht, dass in solchem Falle ein IJebergangsgebilde
zwischen Foraminiferen und Poriferen vorliege, wenig
Wahrscheinlichkeit für sich hat. Es fragt sich nun ob
— und davon ist unsere Untersuchung eigentlich ausge-
gangen — bei Carpeyiteria, wo nach Gray und Car-
penter, auch Foraminiferenstruktur der Kalkschale und
Erfüllung der Kammern mit Kieselnadeln vorkommt, mehr
Grund vorhanden ist, die von den englischen Zoologen
vertheidigte Ansicht aufrechtzuhalten. Carpenter's Be-
schreibung der nach ihm benannten Polythalamie, welche
parasitisch auf verschiedenen Meeresprodukten, nament-
lich zahlreich auf einem Stück einer Koralle, Porites, ge-
funden wurde, ist wie alle seine Arbeiten über Polytha-
lamlcn, so genau und sorgfältig, dass wir uns eine voll-
ständig klare Vorstellung von den in Rede stehenden
Gebilden machen können. Um so sicherer glaube ich
meine Ansicht aussprechen zu können, dass mir nicht der
geringste Grund vorzuliegen scheint, die Verbindung von
Spongiennadeln und Kalkgehäuse bei Carpeyiteria in
einer anderen Weise aufzufassen als bei Polytrema.
Die Kalkschale ist dort wie hier durchaus foraminiferen-
artig. Die Kieselnadeln liegen zerstreut in den Kammern
und sind von wenig Resten organischer Substanz umhüllt.
Die centralen Kammern, und darauf ist ein besonde-
rer Werth zu legen, fanden sich auch bei Carpenteria
mit einer keine Nadeln enthaltenden festeren.
94 Schultze:
gelbbraunen Substanz erfüllt^ also gerade so wie bei
Polytrema. Die Form der Nadeln endlich stimmt nach
Carpenter's Abbildung 1. c. Tab. XXII. Fig. 16 mit
den bei Polyfcrema gefundenen fast genau überein^ in-
sofern sie doppelseitig zugespitzt oder auf einer Seite
geknöpft^ bogenförmig gekrümmt und endlich von ge-
ringer Grösse sind.
Wie sich nicht anders erwarten lässt^ hat sich auch
Carpenter die Frage vorgelegt, ob die Spongiennadeln
nicht auf einen parasitisch die Polythalamie bewohnenden
Schwamm zurückzuführen seien. Indem er aber sich
schliesslich für die Ansicht entscheidet, dass beide zu
einem Organismus gehören, legt er besonderes Gewicht
auf die Auffindung der erwähnten braungelben organi-
schen Substanz in den Höhlungen der centralen Kammern,
indem er meint, diese sei gerade echte Spongiensubstanz,
zwar ohne Spicula aber zu dicht und fest, um als Sarko-
dekörper einer Polythalamie zu gelten. Hier befindet
sich Carpenter im Irrthume. Wie ich oben auf Grund
unzähliger Untersuchungen trockner und in Spiritus auf-
bewahrter Polythalamien und mehrerer Schwammarten
ausgesprochen habe, ist die Polythalamiensubstanz viel
dichter, fester, resistenter als die organische Substanz der
Spongien. Die Ilornsubstanz der Hornschwämme natür-
lich ausgenommen, zerfällt die organische Umhüllung der
Spongiennadeln so ausserordentlich leicht, geht so schnell
in Zersetzung über, dass es mir nie gelungen ist an
Spiritusexem.plaren von Schwämmen, die ich selbst frisch
in Spiritus gesetzt hatte, irgendwie fest zusammenhän-
gende grossere Partieen der organischen Substanz zu
isoliren oder über deren Natur überhaupt noch Unter-
suchungen anzustellen. Bei Polythalamien dagegen, bei
denen die organische Substanz eine solche Resistenz hat,
dass sie sich inmitten faulender Substanzen wochenlang
lebensfähig erhält, dass es leichter als bei irgend einem
anderen Seethiere gelingt, sie viele Monate lang in der
Gefangenschaft lebendig zu erhalten, tritt durch die Ein-
wirkung des Spiritus oder durch Trocknen eine solche
Erhärtung ein, dass die Kammererfüllung sich jetzt gerade
Ueber Polytrema miniaceum. 95
in dem Zustande^ den Ccarpenter gegen die Polytlia-
lamiennatur anführt^ isoliren lässt.
Ich bin nach diesem nicht im Stande, die Verhält-
nisse bei Carpenteria anders anzusehen als bei Polytrema
und glaube danach die Grenze zwischen Polythalamien
und Spongien, welche bis dahin als eine recht scharfe
galt, auch noch fernerhin so aufrecht erhalten zu müssen.
Nachtrag.
Dr. Carpenter hat so eben in Verbindung mit
William Parker und Rupert Jones, zwei For-
schern, welche sich durch ihre Arbeiten über Foramini-
feren bereits rühmlichst bekannt gemacht haben, ein
neues grosses Werk veröffentlicht, welches die Ray societj
in London herausgegeben hat, betitelt: Introduction to
the study of the Foraminifera. In demselben ist auf
p. 235 ff. Folytrema, dessen Carpenter in seinen frü-
heren Arbeiten nur gelegentlich Erwähnung gethan hatte,
ausführlicher beschrieben und durch Abbildungen auf
Tab. XIII. Fig 18—20 erläutert. Dr. Carpenter hatte
die Güte mir bei einem Besuche, den ich ihm vor Kurzem
in London abstattete, seine reiche Sammlung und in
dieser auch seine Präparate von Polytrema zu zeigen.
Obgleich seine Exemplare aus der Südsse, meine aus dem
Mittelmeere stammen, seine eine grössere Variation der
äusseren Formen darbieten als die meinigen, so glaube
ich doch, dass über die Identität der Species kein Zwei-
fel herrschen kann. Carpenter ist zu demselben Re-
sultate gekommen wie ich, dass Polytrema eine Polytha-
lamie sei. Seine Uatersuchungen sind aber nur an trocknen
Exemplaren angestellt und beziehen sich nicht auf den
organischen Inhalt der Kammern. Die Frage, ob Poly-
trema Spongiennadeln erzeuge und dadurch Carpenteria
verwandt sei, hat Carpenter zu discutiren überhaupt
keine Veranlassung gehabt, da seine Exemplare keine
Spikula im Innern enthielten. Doch erwähnt er
96 Scliultze:
Exemplare gehabt zu haben, deren Oberfläche ganz
mit einer parasitischen Spongie b e d e c k t gewesen sei,
deren Nadeln aber nicht oder kaum in das Innere der
Kammern eingedrungen seien. So statuirt Carpenter
einen scharfen Unterschied zwischen Polytrema und Car-
penteria. Wenn bei ersterer die parasitische Natur der
Spongie keinem Zweifel unterliegen konnte, so bleibt
Carpenter für die zweite auch jetzt noch der Ansicht
Gray's zugethan, dass die Spongiennadeln im Innern ent-
standen seien und Carpenteria demnach ein Uebergangs-
glied zwischen Spongien und Foraminiferen darstelle.
Vielleicht dass meine Beobachtungen über Polytrema,
welche die ausserordentlich nahe Verwandtschaft zwischen
letzterer und Carpenteria bekunden, geeignet sind Car-
penter in seiner Auffassung wankend zu machen.
Ueber die systematische Stellung des Polytrema
unter den Polythalamien habe ich mich oben nicht aus-
gesprochen , sondern nur die nahe Verwandtschaft im
Aussehen mit der von mir aufgestellten Gattung Acervu-
Iwa erwähnt. Die Acervuliniden , welche in meinem
Systeme der Polythalamien, wie ich es 1854 aufstellte,
eine eigene Familie bilden, sind charakterisirt namentlich
durch die Unregelmässigkeit ihres Wachsthums, wodurch
sie wie ein unförmlicher Haufen ohne bestimmtes System
aneinandergelagerter Kammern aussehen. Mir war zwar
bekannt, dass in mehreren Familien, namentlich der der
Rotallden, aus einer anfangs regelmässig spiralen Poly-
thalamie eine unregelmässig fortwachsende Form entste-
hen kann, doch waren letztere immer bei verhältnissmässig
grosser Durchsichtigkeit so leicht auf den Rotaliden-Ty-
pus zurückzuführen, während bei den von mir Acervulina
genannten kein solcher spiraler Kern sich hatte erkennen
lassen, dass ich — , ohne zu verkennen, dass die Ab-
grenzung der Polythalamienfamilien überhaupt sehr viel
Künstliches habe und wie jedes System nicht nach jeder
Richtung genügen könne, nicht anstand, der vorläufigen
Uebersicht wiegen eine besondere Familie zu bilden. Un-
terdess hat sich herausgestellt, dass das unregelmässige
Fortwachsen im Alter häufiger als bisher angenommen
Ueber Polytrema miniaceum. 97
wurde bei Arten eintritt, regelmässig spirale Schalen zeigte,
und dass im Centrnm mancher scheinbar ganz unregel-
mässig angeordneter Kammeransammlungen, also echter
Acervulinen, ein spiraler Kern zu erkennen sei. Danach
würde denn passender, \vie Carp enter thut, das unre-
gelmässige Fortwachsen nur in die Gattungs - oder Spe-
cies-Diagnose aufzunehmen sein, die Familie der Acervu-
linidcn aber eingehen. Ich stimme dem vollkommen bei,"
bemerke nur, dass es bei Acervulina acinosa, der typi-
schen Form, auf welche die Gattung von mir gegründet
wurde, noch nicht gelungen ist einen spiralen oder irgend
welchen regelmässigen Anfang aufzufinden, und dass für
alle solche Formen die Gattung Acervulina vorläufig noch
wird bestehen bleiben müssen. Polytrema käme nach
Carpenter's System wegen des auch schon von dem
eben genannten Forscher andeutungsweise gesehenen Spi-
ralen Anfanges und wegen seiner Schalenstruktur in die
Familie der Qlohigerhiiden neben Tinoporus. Carpenteria
dürfte dann auch zu den nächsten Verwandten zu rech-
nen sein.
Wenn ich schliesslich noch einige Worte über die
systematische Eintheilung der Foraminiferen sagen soll,
welche Carpenter vorgeschlagen hat, so kann ich der-
selben im Allgemeinen nur Beifall zollen. Dieselbe un-
terscheidet sich von den bisherigen ähnlichen Yersuchen
vorzugsweise dadurch, dass sie gewisse Merkmale der
Schalenstruktur, welche bis dahin entweder nur für die
Gattungs- und Artbestimmung verwerthet oder noch gar
nicht hinreichend bekannt waren, zur Abgrenzung der
Hauptgruppen und Familien in den Vordergrund stellt,
dagegen der Anordnung der Kammern, ob in gerader
Linie übereinander gebaut ob spiral gestellt oder allseitig
fortwachsend u. s. w., dem bisherigen Haupteintheilungs-
merkmal, nur eine secundäre Bedeutung beigelegt. Es
ist nicht zu verkennen, dass die beiden Unterordnungen,
die Carpenter bildet, Foraminifera imperforata und
jperforata scharf von einander abgegränzte und in sich
zusammenhängende Gruppen sind. Nur darf nicht er-
wartet werden, dass bei aller Natürlichkeit der Einthei-
Arch. für Naturg. XXIX. Jahrg. 1. Brl. 7
98 Schultze:
lung im Allgemeinen, im Einzelnen niclit doch auch Man-
chem vielleicht unnatürlich erscheinende Sonderungen
eintreten. Ich erwähne nur das Auseinanderreissen der
Gattung Cornuspira, deren eine Art eine braundurch-
scheinende undurchborte, die andere eine glasartige durch-
bohrte Schale hat bei sonst vollkommen gleicher Beschaf-
fenheit in Bezug auf Kammerhöhlung, Windungsrichtung,
Grösse u. s. w., so dass die beiden Arten natürlich miit
verschiedenen Gattungsnr.men jetzt in zwei verschiedenen
Unterordnungen stehen.
Die sechs Familien, welche Carpenter unterschei-
det, sind innerhalb der Imperforata : 1) Gromida mit mem-
branöser ; 2) Miliolida mit kalkiger porcellanartiger ; 3)
Lituolida mit kalkig kieseliger, Sandkörnchen einschlies-
sender Schale ; innerhalb der Perforata : 4) Lagenida mit
sehr feinen Porenkanälen ; 5) Glohigerinida mit grösse-
ren Porenkanälen; 6) Nummulinida, bei wxlchen zu den
gewöhnlichen und hier meist sehr feinen Porenkanälen
noch ein System eigenthümlicher Kanäle und Hohlräume
tritt, welche der Schale eine grosse Complication der
Bildung geben. Die Familien sind zum Theil sehr gross
und liessen sich wohl noch in Unterfamilien trennen, wel-
che dann etwa mit den von mir aufgestellten Familien
übereinstimmen würden, z.B. die Milioliden Carpen-
ter's in die eigentlichen Milioliden, die Penero-
pliden, die Soritine n (^Orbitulitinen), Alveoliniden
u. dgl. mehr. Bei der bewunderungswürdigen Ausdauer
und dem grossen Geschick, welche Carpenter in seinen
viele Jahre hindurch fortgesetzten Arbeiten über die Po-
lytlialamienschalen bewiesen hat und in Anschauung des
ungeheuren Materiales, bestehend aus den verschiedensten
Formen aller Zonen, welche ihm zur Disposition standen,
ist es erklärlich, dass er etwas geringschätzig von den
Arbeiten seiner Vorgänger, namentlich den meinigen, so
weit sie die Schalenstruktur betreffen, spricht. In
der That war es Hauptzweck meiner Arbeit den T hier-
kör per, welcher die Schale bewohnt und bildet, genau
kennen zu lernen, wesshalb ich mich zunächst auf die
von mir lebend beobachteten Formen und ihre nächsten
lieber Polytrema miniaceum. 99
Verwandten beschränkte. Auch war es mir, trotzdem
mich viele befreundete Forscher unterstützten, nicht mög-
lich alle Arten wie ich wünschte und für die Bearbei-
tung einer systematischen Uebersicht brauchte, zusammen
zu bringen. Mir fehlten z. B. die Arten der Carpen-
ter'schen Nummuliniden, so weit sie noch lebend
vorkommen, fast ganz, wesshalb ich auch nicht Gelegen-
heit hatte das von Carter zuerst beschriebene verzweigte
Röhrensystem wiederzusehen, wie ich p. 15 meines Buches
angeführt habe. Dennoch sind die von mir über Schalen-
struktur gemachten Beobachtungen nicht so wenig zahl-
reich als Carpenter anzunehmen scheint. Seiner an
verschiedenen Orten ^) wiederholten x\eusserung gegen-
über, dass ich die Untersuchung der Schalenstruktur über
Gebühr vernachlässigt und mich allein auf die Erforschung
der Tbl er e beschränkt hätte, sei es mir gestattet, darauf
hinzuweisen, dass sich, abgesehen von den Darstellungen
über die Schalenstruktur der von mir lebend beobacbteten
Arten, z. B. Polystomella strigillata (Taf. IV, Y. Fig. 2, 6
7, 9, 10) Pol. gibba, Stella borealis und venusta (Taf. VI.
Fig. 2, 5, 8), von denen ich glaube behaupten zu dürfen,
dass sie auch von Carpenter nicht übertroffen sind,
an verschiedenen Stellen meines Werkes namentlich in
dem Capitel „über die Schale der Seerhizopoden'^ p. 9
und im Abschnitt III. p. 37 eine grosse Zahl von auf
.eigene Beobachtungen gestützter Bemerkungen über den
Bau zahlreicher ausländischer Rhizopodenschalen findet,
wie der Soritinen (Orbitolitinen), Orbiculinen, Alveolinen,
Siderolites, Calcarinen, Fusulinen u.a., welche Carpen-
ter freilich nirgendwo citirt hat. Auch die Grundlagen
zu C a rp en t e r's neuem System der Foraminiferen finden
sich in meinem Buche p. 12 ausgesprochen in den Wor-
ten: .,In Bezug auf die feinere Struktur der Schale lassen
sich die kalkigen Foraminiferen in zwei Reihen son-
dern, in solche, deren Schale durchweg von zahlreichen
feinen Löchern oder Kanälen durchbohrt ist, und andere,
1) Philosopliical transactions 1856. p. 187. Introduction to tlie
study of the Foraminifera p. 10.
100 Schultze:
deren Schale homogen und solide erscheint.^ ;, Hinreichend
durchsichtige Formen oder dünne Schliffe undurchsichtiger^
bei durchfallendem Lichte unter dem Mikroskope untersucht,
erscheinen entweder farblos wie G 1 a s^ oder zeigen eine
braune Färbung. Zu letzteren gehören alle so-
lide n^ nicht fein porösen Schalen, also sämmtli-
che Milioliden, die Ovulinen, Cornuspira planorbis, die Pe-
neropliden/^ Auch Orbiculina und Sorites (Orbitolites)
rechnete ich dazu, obgleich ich in dem Punkte irrte, dass ich
ihre Schale von kleinen Oeffnungen durchbohrt hielt, wel-
che sie, wie Carp enter mit Recht behauptet, nicht besit-
zen. Diesen kalksc haiigen Rhizopoden setzte ich gegen-
über die einzige bis dahin bekannte von mir bei Ancona
beobachtete kieselschalige Species, die Polymorphina
silicea'^), Carpent er hatte somit für seine Familie der
LituoUden die erste sichere Grundlage ebenfalls in meine
Beobachtungen zu verlegen, die ihm freilich gänzlich un-
bekannt geblieben zu sein scheinen, ebenso wie meine spä-
teren Mittheilungen über eine Nonionina ähnliche Form mit
körniger Kieselschale -j, w^elche ein besonderes Interesse
dadurch darbot, dass sie zahlreiche kleine kuglige Schalen
im Innern enthielt, deren Struktur mit der der grossen
Schale übereinstimmte, und welche in Hinblick auf meine
Beobachtungen über die Fortpflanzung der Milioliden
und Rotalien als Junge gedeutet werden mussten. Wenn
diese also schon im Mutterleibe eine Kieselschale bilden,
so würde Carpenter's Ansicht, dass die Kieselpartikel-
chen der Foraminiferenschalen immer aus dem umgeben-
den Sande ^) stammen, zu modificiren sein. Uebrigens
1) üeber den Organismus d. Polythalamien p. 9, 11, Gl. Reuss
hat später mit Recht darauf aufmerkam gemacht (Sitzber. d. böhmi-
schen Ges. d. Wiss. zu Prag 28. Nov. 1859), dass die Art besser der
Gattung Bvlimina zuzurechnen sei, in welcher sich mancherlei kie-
selig sandige Formen finden. Ich überlasse es hiernach Reuss ihr
einen passenden Namen zu geben.
2) Nonionina silicea in dem Archiv f. Anat. Physiol. etc. 1856.
p. 17]. Taf. VI. Fig. 4, wird ebenfalls umzutaufen sein und dürfte der
Gattung Lituola oder Haplophragmium (Reuss) zufallen.
3) Introduction etc. p. 47, 140.
Ueber Polytrema miniaceum. 101
wiederhole ich^ dass ich die von Carpenter vorge-
schlagene Classification der Foraminiferen als einen wirk-
lichen Fortschritt freudig begrüsse. Dass sie ein natur-
gemässer Ausdruck unserer in dem letzten Jahrzehnt so
bedeutend fortgeschrittenen Kenntniss der Foraminiferen
sei, bewahrheitet sich schlagend dadurch, dass der kun-
digste unserer deutschen Foraminiferen-Kenner, Professor
Reu SS in Prag, in seinen neuesten einschlägigen Arbei-
ten eine systematische Eintheilung der genannten Thiere
nach ganz gleichen Principien wie Carpenter in Vor-
schlag bringt. Die Hauptarbeit von Reuss „Entwurf
einer systematischen Zusammenstellung der Foraminiferen^
ist schon im Oktoberheft der aus dem Jahre 1861 stam-
menden Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaf-
ten zu Wien gedruckt, wird auch von Carpenter in
der literarischen Uebersicht seines letzten Werkes p.XXI.
Nr. XCIa angeführt, scheint aber dem Verfasser erst nach
dem Drucke des Textes zugekommen zu sein, da sie sich
in letzterem nirgends citirt findet. In derselben (siehe
namentlich die „Nachschrift" p. 394) werden die Forami-
niferen wie bei Carpenter in solche mit porenloser
und solche mit poröser Schale abgetheilt, und da er
die Gromiden ausscheidet, bleiben in der ersten Abthei-
lung zwei Gruppen : 1) die mit sandig kieseliger Schale,
2) die mit compakter porcellanartigcr. In der zweiten
Gruppe unterscheidet Reuss 1) die mit feinporöser gla-
siger Kalkschale , 2) die mit mehrfach (?) poröser Kalk-
schale, 3) die mit kalkiger, von verzweigten Kanalsyste-
men durchzogener Schale. Man sieht, dass Carpenter's
und Reuss's System vollkommen übereinstimmen. Im
weiteren Ausbau glaube ich aber dem von Reuss den
Vorzug geben zu müssen, indem er den Bedürfnissen des
Zoologen und den bisherigen systematischen Arbeiten sich
enger anschliessend und, wie ich glaube der Natur ent-
sprechender, kleinere Familien unterscheidet.
102 Schultze: üeber Polytrema mimaceum.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. VIII *).
Fig. 1. Ein Exemplar von Polylreina miniaceum von der Oberfläche
einer Krabbe, 15mal vergrössert.
„ 2. Theil der Oberfläche desselben Polytrema bei oOOmal. Ver-
grösserung um die Oeffnungen der Porenkanäle zu zeigen.
„ 3. Dünner Schliff durch die Kalkwände von Polytrema bei
öOOmal. Vergrösserung.
„ 4. Theil eines durch Salzsäure blossgelegten Thierkörpers von
einem in Spiritus aufbewahrten Polytrema. An der Stelle
der dicken Kalkwände sind bloss die häutigen Auskleidun-
gen der Porenkanäle in situ erhalten ;
„ 5, G, 7 ebenso dargestellte Theile des Thierkörpers, fig. 6 mit
spiraler Anordnung der Kammern, wahrscheinlich der zu-
erst gebildete Theil des Polytrema.
„ 8. Häutige Auskleidung der Kammern ohne Thierkörper oder
nur mit wenigen Resten desselben ; durch Säure isolirt.
„ 9. Zwei häutige Auskleidungen von Porenkanälen mit vielen
Gliederungen.
„ 10. Kieselnadeln aus verschiedenen Kammern von Polytrema.
^■) Bei der Ueb er Schrift dieses Aufsatzes ist irrthümlich Taf. IX
angegeben.
Beitrag zur Orismologie der Formiciden,
Von
Dr. Gustay Rayr
in Wien.
Von jeher hatte ich für generische Untersuchungen
der Formiciden ein grösseres Interesse, als für Abgren-
zungen der Arten, wesshalb ich auch die Orismologie,
da sie zu solchen Arbeiten die Grundlage bildet, stets
einer besondern Würdigung unterzog. In meinen Abhand-
lungen: „Formicina austriaca" im V. Bande der Verhand-
lungen des zoologisch -botanischen Vereines in Wien, so
wie in den „Europäischen Formiciden", im Jahre 1861
bei Gerold in Wien erschienen, habe ich einen Abriss
der Orismologie der Ameisen, insofern er für die Syste-
matik nöthig war, geliefert.
Mit grosser Freude begrüsste ich daher in diesem
Archive im 1. Bande des 28. Jahrganges Dr. Fenger's
„Allgemeine Orismologie der Ameisen, mit besonderer Be-
rücksichtigung des Werthes der Classificationsmerkmale".
Ich werde mir erlauben, im Nachfolgenden meine
Ansichten über diese Abhandlung mitzutheilen und Eini-
ges zur Vervollständigung der Orismologie der Ameisen
beizufügen.
Die Durchsicht obiger Abhandlung zeigt, dass der
Autor viele Mühe und grossen Fleiss verwandte und auch
eine gute Kenntniss der europäischen Ameisen hatte,
doch glaube ich, mir die Bemerkung erlauben zu müssen,
dass er die vorhandene Literatur zu sehr vernachläs-
sigte, da ihm von neueren systematischen Arbeiten nur
104 Mayr:
Förster's Hymenopterologische Studien und meine For-
micina austriaca bekannt sind^ wodurch er in mancher
Hinsicht mit seiner Orismologie im Rückstande geblieben
ist. Hätte der geehrte Autor seine Abhandlung im Jahre
1856 oder kurze Zeit später veröffentlicht^ so würde die-
selbe den Systematikern der Formiciden von grossem
Werthe zu ihren Studien gewesen sein, und sie hätte
voraussichtlich in mancher Arbeit grosse Fehler nicht zu
Stande kommen lassen.
Meine zwei jüngsten Arbeiten: ;,Die Europäischen
Formiciden^ und ^^die Myrmecologischen Studien", welche
letztere wohl vor zu kurzer Zeit erschienen sind, als dass
man Herrn Dr. F eng er die Nichtkenntniss derselben als
Fehler anrechnen könnte, da dieselben im vorigen Jahre
in den Verhandlungen der k. k. zoologisch- botanischen
Gesellschaft zu Wien erschienen sind, würden Herrn Dr.
F enger ein nicht geringes Material zu seinen orismolo-
gischen Studien geboten haben, da in denselben vorzüg-
lich auf eine scharfe und natürliche Abgrenzung der Ge-
nera, basirt auf die Yerschiedenheiten der einzelnen Theile
des Chitinskeletes , Bedacht genommen wurde. — ■ Dies
hielt ich für nöthig, im Allgemeinen über Dr. Fenger's
Orismologie anzuführen.
Im Besonderen erlaube ich mir, folgendes herauszu-
heben und meine Bemerkungen beizufügen. Im obigen
Aufsatze wird im Anfange bemerkt, dass das Hautskelet
des Camponotus ligniperdus Ltr. (daselbst noch als For-
mica ligniperda aufgeführt) eine besondere Festigkeit habe.
Wenn ich nur die europäischen Ameisen in Betracht
ziehe, so sind es insbesondere die Gattungen Myrmica,
Tetramorium , Cremastogaster, w^elche ein viel härteres
Chitinskelet besitzen als Camp, ligniperdus ; bei exotischen
Formiciden giebt es jedoch Beispiele von ganz besonderer
Festig-keit des Hautskeletes, wie z. B. die Arbeiter von
Occodoma Ltr., deren Hautpanzer kaum mit selbst starken
Nadeln zu durchstechen sind und deren Dornen vielleicht
eine grössere Festigkeit haben als die stachligen Neben-
blätter der Robinia Pseudacacia L. ; die Myrmiciden und
Poneriden sind es vorzüglich, die sich hierin fast insge-
Beitrag zur Orismologie der Formiciden. 105
sammt auszeichnen, während bei der Subfamilie Formici-
dae fast nur die Arbeiter der Gattung Polyrhachis diese
Eigenschaft zeigen, und die Odontomachiden in dieser
Beziehung die Mitte halten. Dass der Hinterleib durch-
gängig eine geringere Härte besitzt als der Kopf und
Thorax, liegt wohl nebst dem vom Autor Angeführten
auch darin, dass der Hinterleib aus einzelnen Chitinplat-
tea besteht, welche mittelst einer feinen elastischen Haut
verbunden sind, doch findet sich daselbst bei jenen Amei-
sen, bei denen die Rückenplatte des ersten Abdominal-
segmentes die anderen an Grösse weit übertrifft, eine
ziemliche Festigkeit vor.
In Bezug des Glanzes wären als eklatante Beispiele
mehrere Polyrhachis-Arten, wie die Arbeiter von P. pres-
sus m. und P. Frauenfeldi m. mit stark glänzender Chi-
tinhülle des Hinterleibes, und Caraponotus sericeiventris
Guer. ($ und $), bei welchem der grösste Theil des Kör-
pers, besonders aber der Hinterleib einen sehr schönen
Seidenglanz zeigt, der von der sehr dichten, feinen, an-
liegenden Pubescenz erzeugt wird, zu erwähnen. Mit
grossem Vergnügen finde ich von Dr. F enger angeführt,
dass der Glanz des Skeletes so wie die Pubescenz ein vor-
treffliches Unterscheidungsmerkmal der Arten abgeben.
Hinsichtlich der Rüge, welche mir Dr. F enger in
Bezug des zu hohen Gewichtes, welches ich auf die Kör-
perfarbe in meinen Formic. austr. legte, zukommen
lässt, kann ich nicht umhin, zu erwiedern, dass ich schon
damals recht wohl fühlte, dass die Farbe so wenig als
möglich zur Unterscheidung der Arten zu verwenden sei
(und ich habe auch manche Arten, die nur durch die
Farbe unterschieden waren und deren Zwischenglieder ich
fand, zusammengezogen), doch war es mir oft unmöglich,
die Arten auf andere Weise zu unterscheiden, wenn ich
nicht ganz ungerechtfertigt die Arten zusammenziehen
wollte ; hingegen ist es mir gelungen, in den „Europäi-
schen Formiciden'^ die Arten nach genauerer Untersuchung
so viel als möglich durch andere Charaktere zu unter-
scheiden.
Eine ganz besondere Form der Haare findet sich
106 Mayr:
bei den Arbeitern der Gattung Leptothorax m., bei denen
die Oberseite des Körpers mit aufrechten, keulenförmi-
gen Haaren versehen ist, eine Bildung, die ich bisher bei
keiner anderen Ameisengattung gefunden habe.
Die Grösse der Ameisen ist bei vielen exotischen
Arten viel bedeutender als bei den Europäern; so zeich-
net sich hiedurcJi die Gattung Myrmecia F. aus , wovon
M. spadicea m. eine Länge von 26 Mm. hat.
Dr. Fenger hält Schraffirung und Behaarung für
weit bessere Charaktere als die Färbung, welcher Ansicht
ich vollkommen beistimme, doch muss man auch bei diesen
Merkmalen vorsichtig zu Werke gehen, da es Öfters vor-
kommt, dass auch diese variiren. Als Beispiel ist in Bezug
der Behaarung Formica rufa L. 2 zu erwähnen, deren
Thorax wohl meistens die Borstenhaare fehlen, hingegen
finden sich auch ' solche Exemplare (Formica piniphila
Schenck), bei welchen der Thorax abstehend behaart ist.
Die Schraffirung der Körperoberfläche ist in den meisten
Fällen sehr charakteristisch, doch giebt es auch hier[Aus-
nahmen, z. B. Lobopelta diminuta Sm., Odontomachus
haematodes L., mehrere Arten von Myrmecia F. u. s. w.
Die Oberkiefer der europäischen Ameisen (in so
weit sie Herrn Dr. Fenger bekannt sind) zeigen wohl
wenig Abweichungen, wenn man aber mehrere neu ent-
deckte europäische Arten, besonders aber die Exoten hin-
zuzieht, so findet man sowohl in der Form als auch in der
Einlenkung derselben grosse Abweichungen, üeber die
Einlenkung der Mandibeln in den Kopf bei den Odonto-
machiden, habe ich mich in meinen „Europ. Formic.^ p. 1
und hinreichend in den „Myrmec. Studien'* p. 708 ausge-
sprochen, so dass ich nur darauf verweisen zu dürfen glaube.
Was nun die Form der Oberkiefer betrifft, so mache ich
besonders auf diejenigen der $ und $ der Odontomachiden
(von denen die Gattung Anochetus m. auch in Europa
vorkommt), ferner die Gattungen Myrmecia F., Drepa-
nognathus Sm., Labidogenys Rog., Pyramica Bog.- und die
Soldaten von Eciton Ltr. aufmerksam ; die spiralig ge-
drehten Mandibeln sind am höchsten bei Mystrium Rog.
ausgebildet, die sichelförmig gekrümmten, fast drehrun-
Beitrap;^ zur Orisraologie der Formiciden. 107
den Mandibeln, welche unter den enropäischen Ameisen
bei Polyergus Ltr. und Strongylognatlius m. vorkommen,
sind am schönsten bei Leptogenys Rog. zu finden. Die
Zahl der Zähne an den Oberkiefern übersteigt die von
Dr. F eng er angenommene Zahl 10 oft nicht unbeträcht-
lich, wie z. B. bei Myrmecia. Auch die Form der Mandibeln
zeigt bei demselben Geschlechte einer Art manchmal
grosse Verschiedenheiten, wie dies am stärksten bei Ca-
taglvphis bombycina Rog. $ der Fall ist, bei den gröss-
ten 2 sind nämlich die Mandibeln länger als der Kopf,
sie sind schmal, spitz, säbelförmig mit schneidigem con-
caven Rande, der nur ein winziges Zähnchen hat, wäh-
rend sie bei den kleinsten $ so wie bei den anderen Ca-
taglyphis - Arten gebildet sind , nämlich dreieckig, sehr
kurz und am Kaurande mit 5 bis 6 Zähnen bewaffnet. —
Dr. Fenger's Ansicht, dass „jede Ameisenspecies eine
ganz bestimmte, constante Anzahl Zähne besitzt*^, dürfte
sich nach meinen Erfahrungen wohl nicht als so sehr
präcis herausstellen, denn ich habe so oft hierüber Un-
tersuchungen angestellt und fast immer Schwankungen
gefunden.
Die Oberlippe konnte ich bisher kaum als generi-
schen Charakter benutzen, da sie einerseits zu formenarm
ist, andererseits bei einer und derselben Art kleinen Form-
änderungen unterworfen ist. So z. B. konnte ich die
zwei von mir beschriebenen Arten Aphaenogaster senilis
und A. sardous (beide jetzt als Atta testaceopilosa Luc.
bekannt) nicht als eigene Arten aufrecht crlaalten , ob-
schon ich bei Aph. sardous die Lappen der Oberlippe
fast kreisförmig gerundet, bei Aph. senilis stumpfwinklig
fand (überdies ist A. sardous gelb und A. senilis schwarz
gefärbt).^
DerPalpus m axillaris der Mundtheile ist wohl
bei den meisten Gattungen der Subfamilie Formicidae
sechsgliedrig, doch hat, ausser Polyergus mit viergliedri-
gen Palp. maxilL, auch Oecophylla Sm. einen nur fünf-
gliedrigen Palpus maxilL, während Acanthomyops m. nur
einen dreigliedrigen Maxillartaster zu haben scheint. Bei
den Odontomachiden ist er, so weit dies bis jetzt bekannt
108 Mayr:
ist, vierglfedrig. Bei den Poneriden haben die $ und $
nach den bis jetzt noch ziemlich mangelhaften Untersu-
chungen der Mundtheile ein- bis vicrgliedrige Maxillar-
taster, und besonders ist hierin die Gattung Ponera (sensu
strictissimo, vide Myrmec. Stud.) merkwürdig, dass sich
in derselben bei verschiedenen Arten ein- bis dreiglie-
drige Maxillartaster vorfinden, obschon sich an den übrigen
Theilen des Körpers durchaus keine wesentlichen Unter-
scheidungsmerkmalc; welche zu einer generischen Tren-
nung Veranlassung geben könnten, vorfinden. Aehnliches
findet sich bei der Gattung Atta F., in welche ich meine
im J. 1853 beschriebene Gattung Aphaenogaster einbezie-
hen musste, da ich dieselbe, trotz des fünfgliedrigen Pal-
pus maxill. (während die anderen Atta -Arten nur vicr-
gliedrige Palpi maxill. haben) nicht als eigene Gattung
wegen des Mangels von hinreichenden Charakteren auf-
recht erhalten konnte.
In Bezug der Lippentaster ist zu Dr. Fenger's
Angaben hinzuzufügen, dass bei den Poneriden - Gattun-
gen: Trapeziopelta m., Streblognathus m. und Dinoponera
Rog. die Maxillar- und Lippentaster viergliedrig, so wie
bei Nycteresia Rog., die Maxillartaster zwei-, die Lippen-
taster dreigliedrig sind.
Zum Schlüsse der Mundtheile füge ich noch hinzu,
dass in der Ruhe die Lappen der Unterkiefer und die
Zunge nach oben gebogen und von der Oberlippe be-
deckt sind.
Der Clypeus zeigt bei den Herrn Dr. F enger
bekannten Ameisen wenige Verchiedenheiten, obschon er
bei den Ameisen grossen Aenderungen unterworfen ist,
ich habe daher demselben bei der Charakteristik der Ge-
nera ein besonderes Augenmerk geschenkt. Der kleine
dreieckige Clypeus der Odontomachiden, der hinten zwi-
schen dem Ursprünge der Fühler sich fortsetzende, in
eine feine Spitze endende Clypeus vieler Poneriden, der
nur als schmale Leiste auftretende kaum sichtbare Cly-
peus von Anomma Shuck. und Typhlopone Westw., der
nach vorne lappig erweiterte Clypeus von Lobopelta m.,
der eigenthümlich geformte Clypeus von Trapeziopelta m.,
Beitrag zur Orismologie der Formiciden. 109
Paltothyreus m. u. s. w._, calle diese Formen geben nebst
anderen ausgezeichnete und sichere Unterscheidungsmerk-
male zur Aufstellung von Gattungen, welche selbst den
Feinden der Genusfabrikation jedenfalls erwünschter sein
müssen und die Bestimmung mehr erleichtern, als wenn
man den grössten Thell der Formiciden und Poneriden in
den Gattungen Formica, Polyrhachls und Ponera unter-
bringt und fast nur auf Farbe, Behaarung und kaum auf
die mannigfachen Formen des Chltlnskeletes Rücksicht
nimmt. — Der von Dr. Fenger angegebene Fall, dass
die Arbeiter von Formica marglnata Ltr. einen gekielten
und die Weibchen einen ungeklelten Clypeus haben, be-
ruht auf einer Reproduction eines Fehlers, welchen ich
mir in den Formic. austr. zu Schulden kommen Hess,
und welcher in der Berliner entomologischen Zeltschrift
vom J. 1859. p. 225 von Herrn Dr. Roger aufgedeckt
wurde. Der Vorderrand des Clypeus zeigt besonders bei
Myrmecia einen tiefen dreieckigen Ausschnitt und bei den
Poneridengattungen Streblognathus m. , Odontoponera m.,
Stigmatomma Rog., DInoponera Rog., Mystrium Rog. und
Myopopone Rog. Ist er mit zwei oder mehreren grossen oder
kleinen Zähnen versehen. In Bezug des Hinterrandes des
Clypeus findet sich ebenfalls eine grosse Mannigfaltigkeit,
und vorzüglich ist in dieser Beziehung die Subfamllle Po-
neridae ausgezeichnet. Dass der Vorder- und Hinterrand
des Clypeus keinen Gattungscharakter abgeben, wie Dr.
Fenger erklärt, ist hinreichend durch meine oben mehr-
mals citirten neueren Abhandlungen widerlegt.
Das Stirnfeld trägt öfters zur scharfen Unter-
scheidung der Gattungen bei, wie dies z. B. bei Atta F.
und Myrmica der Fall ist, und ist jedenfalls nicht ausser
Acht zu lassen.
Dass Dr. Fenger den Stirnleisten eine so ge-
ringfügige Rolle bei der Charakteristik der Genera zuer-
kennt, scheint sich bloss darauf zu basiren, dass er meine
Formicina austriaca für ein unumstössliches Werk hält,
in welchem auf die Stirnleisten viel zu wenig Gewicht
gelegt wurde, denn sonst hätte er bei seinen orismologi-
schcn Studien die Arten, welche ich damals In der Gat-
110 Mayr:
tung Formica vereinigte^ in mehrere Genera trennen müs-
sen. (Sehr bedeutend ausgebildete Stirnleisten finden
sich bei Cryptoceriis Ltr. und Cyphomyrmex m.)
Ebenso hat er auch die Schild- und Fühler grübe,
welche letztere er nur nebenbei als Furche^ die den Cly-
peus von der Seite begrenzt^ er^vähnt^ zu wenig berück-
sichtigt, und das U-ebergehen oder Nichtübergehen der
Schild- in die Fühlergrube ausser Acht gelassen.
Die F ü h 1 e r g r u b e n wechseln enorm in ihrer
Grösse, sie sind z. B. bei Pachycondyla ^ sehr klein,
können aber auch bis zu den Hinterecken des Kopfes
sich erstrecken, wie z. B. bei Cryptocerus.
Die Stelle der Fühlereinlenkung ist von Dr. F en-
ger (so wie dies auch in meinen Formic. austr. der Fall
ist) nicht in Betracht gezogen, obschon dieselbe werth-
volle Unterscheidiingsmerkinale bei den Formiciden bietet.
Die Fühler entspringen bei Camponotus m., Colobopsis m.,
Polyrhachis Sm., Hemioptica Rog. und Oecophylla Sm.
von dem Hinterrande des Clypeus entfernt, während sie
bei den übrigen Formiciden am Rande des Clypeus ein-
gelenkt sind.
Der Fühler Schaft ist meistens an der Basis dün-
ner als am peripherischen Ende, doch findet sich bei Ce-
ratobasis Sm. ein eklatantes Beispiel des Gegentheiles.
Die Länge desselben ist sehr verschieden, er überragt,
zurückgelegt, bedeutend den Hinterrand des Kopfes, kann
aber auch, wie z. B. bei den Männchen von rachycon-
dyla Sm. nur etwas länger als breit sein.
Ueber die Gestalt der Fühler geis sei, so wie in
Bezug der Form und Grösse der Glieder derselben, liesse
sich Yieles anführen, ich beschränke mich aber nur, auf
die Taf. I in der Berliner entomologischen Zeitschrift
vom J. 1862 aufmerksam zu machen, und die Gattung
Solenopsis Westw. (Diplorhoptrum m.) sowohl in Bezug
der Arbeiter als auch der Männchen zu erwähnen. Die
Zahl der Geisselglieder sinkt bei den Gattungen Strumi-
genys Sm., Labidogenys Rog. und Pyramica Rog. auf die
Zahl fünf, bei Heptacondylus Sm. ist die Geissei sechs-,
bei Typhlatta Sm. neungliedrig.
Beitrag zur Orismologie der Formiciden. 111
Die Stirn rinne ist in ihrer höclisten Entwicke
lung bei den 2 ^^^ $ ^''^^ Oecodoma Ltr. und bei den
Soldaten der Gattung Pheidole Westw. (Oecophthora Heer),
bei denen sie sich über den Scheitel bis zum Hinter-
hauptloche verlängert; von grossem diagnostischenWerthe
ist sie bei den Gattungen der Odontomachiden (siehe
Myrmec. Studien p. 710—712).
Die Oc eilen bilden in Plfnsicht ihres Vorhanden-
seins oder Fehlens ein nur mit Vorsicht zu berücksichti-
gendes Merkmal ; so z. B. fehlen sie bei manchen Indi-
viduen von Streblognathus aethiopicus Sm., während sie
bei anderen vorkommen.
Die Netzaugen fehlen bei den Poneridengattungen
Syscia Rog._, Typhlomyrmex m., Nycteresia Rog.^ Typhlo-
pone Westw. und Anomma Shuck., bei anderen Poneri-
den sind sie sehr klein, obwohl es auch solche Genera
giebt, die sehr grosse Netzaugen haben. Das Vorhan-
densein oder Fehlen der Netzaugen, die Stellung dersel-
ben an den Seiten des Kopfes oder an dessen Oberseite,
so wie vor oder hinter der Mitte des Kopfes giebt gute
Unterscheidungsmerkmale. Eigenthümlich halbgestielte
Augen hat der Arbeiter von Hemioptica Rog.
Ich war sehr erstaunt, als ich inDr. Fenger's Ab-
handlung p. 311 las, dass die Ameisen viereckige Facet-
tenaugen haben, da ich doch stets sechseckige fand. Ich
untersuchte daher die Augen einiger Arten, wie z. B.
Camponotus ligniperdus Ltr. und Cataglyphis viaticus F.,
konnte aber nur sechseckige Facetten sehen. Wenn man
vom Auge eine dünne Platte abschneidet, so sieht man
unter dem Mikroskope augenblicklich die Sechsecke. Es
wäre nur möglich, dass Dr. F enger mit einer gewöhn-
lichen Loupe die Augen betrachtete, wo die zickzackartig
verlaufenden hornigen Begrenzungslinien der Facetten
wegen der nicht hinreichenden Vergrösserung als gerade
Linien erscheinen und daher die Facetten von ihm vier-
eckig gesehen wurden. Ich kann mir nicht denken, dass
Dr. F enger, der in seiner Dissertation den Beweis ge-
liefert hat, dass er mit mikroskopischen Arbeiten hinrei-
chend vertraut ist, Beobachtungen auf eine so primitive
112 Mayr:
Weise macht, und ich erwarte mit Zuversicht, dass er
hierüber bald Aufklärungen geben wird *).
Die Wangen sind in Bezug ihrer Ausbreitung sehr
verschieden, da als deren hintere Grenze die Augen an-
genommen werden: diese aber wechseln ungemein ihre
Lage, so dass sie ganz nahe dem Oberkiefergelenke, aber
auch fast an den Hinterecken des Kopfes liegen können,
ja, durch ihr Fehlen bleibt sogar die Wange nach hinten
unbegrenzt. Sie kann nur an die Seiten des Kopfes be-
schränkt bleiben, wenn die Stirnleisten sehr weit von ein-
ander abstehen (Cvphomyrmex m., Cryptocerus Ltr.), sie
kann aber auch bei sehr nahen Stirnleisten vorzüglich
auf der oberen Seite des Kopfes ihre Ausbreitung finden.
Eine Leiste, welche vom Mandibelgelenke über die Wange
zum Netzauge zieht, ist einigen Poneriden eigenthümlioh,
ohne dass ich dieses Merkmal als Gattungscharakter be-
nutzen konnte.
Sehr bedeutende Ausbuchtungen des Hinterko-
pfes finden sich unter den europäischen Ameisen bei
Formica exsecta Nyl., pressilabris Nyl., Strongylognathus
testaceus Schenck, besonders aber bei den Arbeitern der
exotischen Gattung Oecodoma, wo auch der Hinterkopf
mit Dornen versehen und derselbe in der Mitte in der
Weise ausgeschnitten ist, dass der Kopf herzförmig er-
scheint. Auch bei Typhlopone, Anomma, Ectatomma me-
tallicum Sm., Daceton cordatum F., bei den Soldaten von
Pheidole, bei den Arbeitern von Pheidologeton, bei den
Soldaten und Arbeitern von Eciton u. s. w. kommen starke
Ausbuchtungen vor.
Von diagnostischem Werthe sind auch die Gruben
am Kopfe bei den Odontomachiden.
Dr. F e n g e r beginnt auf p. 315 den Thorax zu
beschreiben und führt an, dass derselbe den für die Clas-
"""; Nach eingeholter Erkundigung bei Hrn. Dr. F eng er er-
giebt sich, dass in der ganzen citirten Stelle irrthümlich vier- und
sechseckig verwechselt. Auch er fand überall sechseckige, nur an
dem einen nicht näher zu bestimmenden Exemplare viereckige Fa-
cetten. Der Herausgeber.
Beitrag zur Orismologie der Formiciden. 113
sifikation wichtigsten Körpertheil der Ameisen bildet,
welcher Ansicht ich aber entgegenzutreten gezwungen
bin. Je weiter meine Studien der Ameisen vorschreiten,
desto mehr ersehe ich, dass der Thorax bei einer und
derselben Gattung grossen Variationen unterworfen ist,
während die Theile des Kopfes die sichersten Merkmale
bieten. Ich erinnere an die Gattungen Camponotus und
Hypoclinea, und verweise auf die Europ. Form., beson-
ders aber auf die Myrmecol. Studien. Ferner ist der
letzte Absatz in Dr. Fenger's Abhandlung p. 315 voll-
kommen unrichtig, denn er verweist das Pro-, Meso- und
Metasternum bloss auf die Unterseite des Thorax, wäh-
rend das Sternum auch an der Begrenzung der Seiten
des Thorax Antheil nimmt; überhaupt scheint Dr. F en-
ger, auf das Detail vom Pro-, Meso- und Metasternum
zufällig vergessen zu haben, so wie auch die Seitentheile
des Thorax, z. B. die Scapula keine Berücksichtigung
fanden, obschon dieselben der genauen Bearbeitung eines
Orismologen werth wären, da sich bei den Weibchen
und Männchen manche Abänderungen vorfinden, die ich
bisher wohl erkannt, aber noch nicht als scharfe Unter-
scheidungsmerkmale benutzen konnte; ich zweifle aber
nicht, dass dies seiner Zeit gelingen wird, da die Ab-
weichungen zu bedeutend sind. Ueber die Seitentheile des
Thorax finden sich Andeutungen in meinen Europ. For-
miciden p. 5. Die Form des Thorax und die Einschnitte
zwischen den Segmenten desselben sind besonders bei
den Arbeitern sehr verschieden (z. B. der Einschnitt bei
Hemioptica Rog. und das Fehlen einzelner Nähte am
Thorax), doch stellt sich als Grundform des Thorax bei
den meisten Ameisen die liegende vierseitige Säule her-
aus, deren zwei obere Kanten meist abgerundet sind.
Doch finden sich auch bedeutende Abweichungen, wie
bei den Arbeitern von Oecophylla, Pheidolo etc.
In Bezug desPronotum mache ich auf die eigen-
thümlichen Kanten bei Cryptocerus flavomaculatus m.
und angustus m., ferner auf die Dornen bei Polyrha-
chis, Hypoclinea, Paraponera , Oecodoma, Podomyrma
u. s. w. aufmerksam, so wie auch die Grösse des Prono-
Arch. für Naturg. XXIX. Jahrg. 1. Bd. 8
114 Mayr:
tum im Verhältnisse zum übrigen Thorax eine sehr wech-
selnde ist.
Das Schilde hon ist wohl bei den Arbeitern im
Allgemeinen nicht entwickelt, doch findet man auch hierin
eine Abweichung, da bei den grösseren Arbeitern von
Pheidologeton ein abgegrenztes erhabenes Schildchen
auftritt.
Die Parapsidenlinien habe ich zur Unterschei-
dung der Männchen der Myrmiciden benutzt, da deren
Vorhandensein oder Fehlen ein gutes Merkmal zur Un-
terscheidung der Gattungen bildet.
Ich vermisse in Dr. Fenger's Abhandlung die
Erwähnung der in meinen „Europäischen Ameisen^ Sei-
tenlappen genannten Stücke des Mesonotum, die Aen-
derungen unterworfen sind und auf einen Orismologen
warten, um sich als Charakter benutzen zu lassen.
Das Mesonotum ist nur manchmal mit Dornen
bewaffnet, wie z. B. bei Polyrhachis bihamatus Drury
und P. bellicosus Sm., so wie bei den Gattungen Mera-
noplus Sm. und Oecodoma Ltr.
In Bezug des Metanotum ist Campono tus (bei
F enger Formica) lateralis OL, bei Dr. Fenger nur
nebenbei erwähnt und mit dem von Ponera, Camponotus
marginatus und Lasius (Formica) niger zusammengestellt,
obschon bei ersterem das Metanotum sehr abweichend
gebildet ist; das Metanotum hat nämlich eine kubische
Form, ähnlich wie diese auch bei der Gattung Hypocli-
nea, die sich durch ein vielgestaltiges Metanotum aus-
zeichnet, vorkommt. — Dr. Fenger führt an, dass das
Längenverhältniss der basal- und abschüssigen Fläche des
Metanotum von grösserer Wichtigkeit ist und giebt als
Beispiel Formica polyctena Schenck und F. rufa Nyl. an,
obschon ich vor fast 8 Jahren in den Formic. austr. p. 59
diese zwei Arten vereinigen musste, da keine Grenze
zwischen denselben auffindbar war und sich durch die
zahlreichen Ucbergänge erwiesen hat, dass die Länge der
basal- und abschüssigen Fläche wenigstens bei diesen kein
charakteristisches Merkmal abgiebt.
Die Organe, welche Dr. Fenger auf der Taf. Xll.
Beitrag zur Orismologie der Formiciden. 115
Fig. 36 abbildet, und welche ich in den ^^Europäischen
Formiciden^ unter dem Namen Sporne als Unterschei-
dungsmerkmal öfters benutzt habe^ kenne ich in Betreff
ihrer Verrichtung hinlänglich und ich sah den Thierchen
stets mit Vergnügen zu, wenn sie mit diesen Kämmen
ihre Toilette machten. Ich glaubte, dass ich in einer mei-
nen Publikationen davon Erwähnung gemacht habe, doch
scheint dies, wie ich nach der Durchsicht derselben er-
sehe, nicht der Fall zu sein. Als Merkmal zur Unter-
scheidung der Genera ist dasselbe jedoch nicht besonders
.empfehlenswei'th , da die Sporne der Mittel- und Hinter-
beine Uebergänge von der Kamm- zur einfachen Dorn-
form zeigen. Die Sporne der Mittel- und Hinterbeine
dienen nicht bloss zum Reinigen der Beine als auch zum
Putzen der hinteren Theile des Körpers.
.> Ueber jenen Theil von Dr. Fenger's Abhandlung,
welcher die Flügel erläutert, habe ich nichts zu erwäh-
nen, da er meine schon in den Formic. austr. aufgestellte
und bis jetzt bewährte Eintheilung der Rippenvertheilung
angenommen hat. Gegen die Abweichung in Betreff der
Costa cubitalis am Hinterflügel habe ich nichts zu be-
merken.
Sehr interessant ist Dr. Fenger's Beobachtung^
dass die Arbeiter den sich entpuppenden Ameisen Heb-
ammendienste leisten; leider hatte ich noch nicht Gele-
genheit , Augenzeuge einer so meisterhaft ausgeführten
Entbindung zu sein.
Dr. Fenger's Ansichten über entwickelte und un-
entwickelte Schuppen am Petiolus gestatten, vom mor-
phologischen Standpunkte betrachtet , keine besondere
Widerrede; ich betrachtete von jeher den Knoten von
Cataglyphis (Monocombus) viaticus F. 2 "^<^^ Hypoclinea
quadripunctata L. cT für eine unentwickelte Schuppe oder
besser für einen anders entwickelten Fortsatz des Stiel-
chens nach oben. Ganz anders verhält sich aber die
Sache bei einer analytischen Bestimmungstabelle, welche
bloss die Aufgabe hat, auf die leichteste und bequemste
Weise die Bestimmung einer Art zu vermitteln, sie macht
also keinen Anspruch auf Korrektheit in physiologischer
116 Mayr:
und morphologischer Hinsicht. Geradezu unrichtig ist
es, wenn Dr. Fenger allen drei Geschlechtern von Ca-
taglyphis (Monocombus) eine mit dem Stielchen verwach-
sene Schuppe vindlclrt, denn das Männchen hat eine auf-
rechte Schuppe; ebenso unrichtig ist es, wenn er Cata-
glyphis und Hypoclinea v/egen dem Stielchen für nahe
verwandte Genera hält, die Charaktere, welche hierüber
sicheren Aufschluss geben, finden sich in meinen Europ.
Formic. angeführt. Dass Dr. Fenger auf das Stielchen
ein so grosses Gewicht legt, ist mir vollkommen begreif-
lich, denn auch bei mir war dies seiner Zeit, wo ich fast
nur europäische Ameisen kannte, der Fall, orismologische
Studien setzen aber ein sehr reiches Material aus allen
Erdtheilen als Grundlage voraus. Dr. F enge r legt auf
die Form, die Hö-he und die Breite der Schuppe zu gros-
sen Werth, denn selbst bei europäischen Arten ist die
Schuppe bei derselben Species Schwankungen in obiger
Beziehung in gewissen Grenzen unterworfen, wesshalb
die Form der Schuppe nur mit Vorsicht als Artcharakter
aufzunehmen ist. Vom morphologischen Standpunkte aus
wage ich zu behaupten, dass auch das erste Stielchenglied
der Myrmiciden, welches dem Stielchen der Formiciden
und Poneriden entspricht, die Anlage zur Schuppenbil-
dung hat, indem bei den meisten Gattungen als kleine
senkrechte Schuppe eine quere Leiste auftritt.
Des genannten Verfasser's aufgestellten Satz: ^der
Plinterleib der Myrmiciden ist stets völlig glatt^, ist
leicht durch eine gute Loupe bei vielen Myrmiciden zu
widerlegen. Einen ganz glatten Hinterleib erinnere ich
mich nie bei Ameisen gesehen zu haben, wenigstens fin-
den sich Punkte vor, aus denen Borstenhaare entspringen.
Bei der Skulptur hat sich Dr. Fenger mehrmals geirrt,
so verleiht er der Myrmica rugulosa Nyl. ganz glatte Füh-
ler_^ruben, während sie dicht fingerhutartig punktirt sind,
dieselbe Art soll nach ihm nur fein granulirt gerunzelte
Wangen haben, während ich auch starke Längsrunzeln
finde. Ueberhaupt wird von ihm die Myrmica rugulosa
so oft herausgehoben, dass man meinen sollte, sie unter-
scheide sich auf den ersten Blick mit Leichtigkeit von
Beitrag zur Orismologie der Formiciden. 117
den übrigen Myrmica- Arten, während ich stets eine gute
Loupe zur Hand nehmen muss, um sie sicher zu bestim-
men. Dass die Einschnürung zwischen dem Isten und
2ten Hinterleibssegmente kein sicheres Unterscheidungs-
merkmal zur Abtrennung der Poneriden abgiebt, beweist
z. B. die Gattung Odontoponera m., welche ich in mei-
nen Myrmec. Studien beschrieben habe, so wie es Gat-
tungen giebt (z. B. Pachycondyla) , bei denen einige
Arten eine massige, andere, die eine kaum merkliche
Einschnürung haben. Eine scharfe, sichere Charakteristik
der Poneriden ist noch immer ein pium desiderium der
Myrmecologen 5 ich habe viele Zeit darauf verwendet,
konnte aber zu keinem sicheren Resultate gelangen. Bis-
her glaubte ich, dass das Vorhandensein des Stachels am
Hinterleibe die Poneriden von den Formiciden unterschei-
det, nun aber lese ich in Dr. Fenger's so eben erschie-
nenen und mir freundlichst zugesendeten Dissertatio : „De
Hymenopterorum aculei anatomica et physiologia", dass
Polyergus ebenfalls einen Stachel hat, wodurch obiges
Merkmal wegfällt, da Polyergus eine sichere Formicide
ist. Die Puppen der Poneriden, in so weit man sie kennt,
sind so wie die Formiciden und Odontomachiden in einen
Cocon eingeschlossen, während die Myrmiciden denselben
entbehren, nun aber giebt es bei gewissen Formiciden,
in deren Kolonien nebst in Cocons eingeschlossenen Pup-
pen auch solche ohne Cocon, wie ich in den Formic. austr.
p. 12 bereits angeführt habe, so dass auch dieses Merk-
mal, welches im Allgemeinen annehmbar ist, kein siche-
res ist. Ob die Gattung Myrmeica F. zu den Poneriden
oder Myrmiciden gehört, ist noch nicht sicher entschie-
den, doch scheint sie nach der Organisation der Männ-
chen, die mit den Poneriden sehr verwandt sind, zu diesen
zu gehören. Eine Berichtigung eines Druckfehlers in Dr.
Fenger's Aufsatz p. 348 möge hier eine Berichtigung
finden. In der 6. und 11. Zeile von oben soll es nämlich
statt Fig. 39 heissen: Fig. 31.
Die Würdigung der Verschiedenheiten der äusseren
Generationsorgane der Männchen in meinen Europ.
118 Mayr: Beitrag zur Orismologie der Formiciden.
Formiciden und Myrmecol. Studien, nicht zur Unterschei-
dung der Arten, sondern zu den der Gattungen , wird
Herr Dr. F enger bei der Durchsicht dieser Abhandlun-
gen mit Befriedigung aufnehmen. Ich vermuthe übrigens,
dass man dieselben auch als Merkmal zur Unterscheidung
der Arten seiner Zeit benutzen wird, denn ich habe bei
verschiedenen Arten einer Gattung einige, obschon geringe
Formverschiedenheiten der äusseren Generationsorgane
gefunden.
Beiträge zur Fauna von Peru.
^ Von
Philippi und Landbeck
in Santiago.
1. Sytiallaxis striata Ph. et Ldb.
^- ' Artkennzeichen.
Köpf, Hals^ Rücken und th eilweise die Unterseite
gestreift.
Beschreibung.
Länge (Altparis. Maass) ... 6" ■ —
Schnabel — 5'"
Schwanz : längste Mittelfeder . 3 7
kürzeste Seitenfeder . 1 3
Flügel vom Bug bis Spitze . . 2 2
Tarsus — 10
Aussenzehe sammt Nagel ... — ■ 5
Mittelzehe — 7
Innenzehe — 5
Hinterzehe — 5V2
Schnabel schlank^ seitwärts stark comprimirt^ Ober-
schnabel sanft abwärts gebogen, hornschwarz; Unterschna-
bel an der Basalhälfte gelb, Fuss braunschwarz, die
Schildränder weisslich. Von den Nasenlöchern zieht sich
eine weissliche Binde über das Auge hin bis zum Genick ;
Oberseite des Kopfes bis zum Genick schön rothbraun
mit schwarzen Längsstreifen ; Hinterhals fahlweisslich mit
schwärzlichen Federrändern; auf Rücken und Schultern
jede Feder in der Mitte mit breitem röthlichweissen
Längsstreif und schwarzbraunen Seitenrändern; Bürzel
und Oberschwanzdeckfedern olivenbräunlich mit weissli-
120 Philipp i und Landbeck:
chem Mittelstrich. Der Schwanz ist stuffig^ schwarzbraun,
die zwei Mittelfedern mit lichtfahlbräunlichen Rändern,
welche bei den drei äusseren Federn jeder Seite noch
heller sind. Auf den Spitzen dieser drei Federn befindet
sich auf der Innenfahne ein graubräunlicher Keilfleck,
welcher wiederum schwärzlich gefleckt ist. Der Flügel
ist braunschwarz, sämmtliche Deck- und hintere Schwung-
federn breit hellrostgelblich eingefasst. Die meisten
Schwung- und Fittigfedern haben auf der Basalhälfte
lebhaft rostrothe breite Kanten auf der Aussenfahne, wo-
durch auf dem Flügel ein hufeisenförmiger Fleck ent-
steht, dessen hohle Seite durch einen schwarzen Spiegel-
fleck ausgefüllt ist. Ausserdem sind viele dieser Federn
an der Wurzel rostroth gefärbt. Kehle und Brust weiss
mit kleinen schwarzen Tüpfeln an den Seiten der einzelnen
Federn. Magengegend weiss mit breiten olivengrauen
Seitenrändern. Bauch, After und Unterschwanzdeckfedern
licht gelbbräunlich , Unterflügeldeckfedern hellgelblich
weiss.
Dieses niedliche Vögelchen stammt aus der Frobeen'-
schen Sammlung in Arica in Peru und wurde ohne Zwei-
fel in der Cordillere daselbst erbeutet; es ist jedoch nicht
näher bezeichnet.
Syn. striata nob. hat mit verschiedenen seiner Art-
Verwandten grosse Aehnlichkeit, wesshalb hier die unter-
scheidenden Merkmale angegeben werden.
1) Syn. aegythaloidcs Kittlitz. In Grösse, Gestalt,
Schwanzbau 'und Färbung des Kopfes und der Flügel
stimmt er mit unserem Vogel ziemlich überein, allein
Rücken und Bauch sind ungefleckt und die Schwanzfedern
sind weit schärfer zugespitzt. Diese Art ist über ganz
Chili verbreitet und sehr gemein.
2) Syn. maluroides d'Orb. In Grösse, Gestalt und
Hauptfärbung, besonders aber in der gestreiften Rücken-
zeichnung sehr ähnlich, unterscheidet er sich durch un-
gefleckten, rostrothen Scheitel, rostfarbigen Schwanz und
ungefleckte Unterseite.
Beiträge zur Fauna von Peru. ^ 121
2. Chlorospiza erythro7iota Ph. et Ldb.
Art kenn zeichen.
Kehle weiss^ Rücken rostroth.
Beschreibung.
Länge 5" 8'"
Schnabel lang — 6
hoch — 3V2
breit — 31/4
Schwanz 2 3
Flügel vom Bug bis zur Spitze . 3 9
Tarsus — 11
Aussenzehe sammt Nagel ... — 6V2
Mittelzehe — 9
Innenzehe — 6
Hinterzehe — 7^2
Oberschnabel gewölbt, mit bemerkbarem Grat auf
der Firste, sanft gebogen, am Rande stark eingezogen,
horngrau, Unterschnabel hellhornbräunlich. Iris braun,
Tarsus und Nägel hellbraun. Oberseite des Kopfes, Ohren,
Hinter- und Seitenhals, Oberrücken, Bürzel und Ober-
schwanzdeckfedern , Brust und Magengegend aschgrau,
auf dem Kopfe lichtbräunlich überlaufen und in der Mitte
jeder Feder etwas dunkler gestreift, die Zügel-, Backen-
und kurzen Ohrfedern mit weissen Spitzen, die unteren
Augenliedfederchen weiss, Kinn und Kehle, so wie die
ganze Unterseite, auch die Unterseite der Flügel und die
Unterschwanzdeckfedern weiss, die Seiten rostgelb, Schien-
beinbefiederung grau. Rücken und Schultern sind rost-
roth, jede Feder in der Mitte mit grauem Längsstriche
oder Flecke. Der Flügel ist mattgrau- oder bräunlich-
schwarz, die kleinsten Deckfedern hellaschgrau gerandet,
die Schwungfedern erster Ordnung auf den Aussenfahnen
mit breiten weissen Säumen, die letzten zweiter Ordnung
sind auf der schmalen Fahne breit rostgelb eingcfasst.
Schwanz verblichen braunschwarz mit hellaschgrauen
Aussenkanten.
Die Struktur des Gefieders hat grosse Aehnlichkeit
122 Philip pi und Landbeck:
mit der von F. diuca Mol. und E. speculifera d'Orb., aucK
die Zeichnung und Färbung von Kopf^ Hals; Kehle und
Brust gleicht der dieser beiden Vögel; eine weitere Aehn-
lichkeit ist jedoch nicht zu bemerken; indem unser Vogel
einen rothen Rücken hat; während dieser Theil bei den
anderen erwähnten Vögein aschgrau ist^ sodann ist der
Schnabel gänzlich verschieden von den Schnäbeln dieser,
auch sind beide bedeutend grösser als unser Vogel.
Dieser Vogel stammt aus der Frobeen'schen Samm-
lung und wurde von dem Eigenthümer in Putre oder
Parunicota 10 — 14000' hoch in der Cordillera von Peru
erlegt. Das Geschlecht ist leider nicht bekannt ; aber der
Vogel wurde im Juni erbeutet und ist also jedenfalls ein
reifer Vogel. — Weder d'Orbigny noch v. Tschudi
erwähnen dieses Vogels in ihren Schriften.
3. Pitylus alhocüiaris Ph. et Ldb.
Artkennzeichen.
lieber dem Auge entspringt ein weisses Band, wel-
ches sich bis zum Nacken verlängert ; der Schnabel ist
weisslich.
Beschreibung.
Länge 8" 7'
Schnabel lang — 9
hoch — 7
breit — 6
Schwanz 3 6
Flügel vom Bug bis zur Spitze . 3 10
Tarsus 1 1
Aussenzehe sammt Nagel ... — 7
Mittelzehe — H
///
Innenzehe — < /;
Hinterzehe — 8
Schnabel stark, Oberschnabel gewölbt, der Rand auf
der Spitzenhälfte nach unten ausgebogen, an der Basalhälfte
ausgeschnitten und eine Ecke bildend; gelblichweiss. Iris
dunkelbraun. Fuss sammt den Klauen dunkelhornbraun.
Das Gesicht, nämlich Stirn, Zügel, Augen -Umgebung,
Beiträge zur Fauna von Peru. 123
Wangen und Ohren, Kehle und Oberbrust kohlschwarz^
vom Kinn bis zur Kehle ein breiter weisser Längsstreif,
welcher das Ende der schwarzen Oberbrustfärbung nicht
erreicht. Ueber der Mitte des Auges beginnt ein 2'"
breiter weisser Streif, welcher sich über die Ohrfedern
zum Genicke hinzieht und sehr auffallend ist. Die ganze
Oberseite ist dunkelbleigrau mit olivenbräunlichen Feder-
rändern. Die Oberseite des Kopfes ist am dunkelsten.
Die Fittig- und Schwungfedern sind grauschwarz, die
letztern Schwungfedern mit breiter bleigrauer Einfassung
der Aussenfahnen, welche bei den drei letzten fast die
ganze Aussenfahne einnehmen. Die Fittigfedern haben
an der Aussenfahne der Basalhälfte hellgraue, an der
Spitzenhälfte röthlichgraue, scharf markirte Ränder. (Erste
Fittigfeder gleich lang mit der siebenten, die zweite mit
der sechsten, die dritte mit der fünften, die vierte ist die
längste.) Schwanz etwas abgerundet, mattschwarz. Die
äusserste Feder auf der Innenfahne der Spitze mit einem
1 Zoll langen weissen Fleck, welcher die ganze Breite
der Innenfahne einnimmt und nach oben abgerundet ist;
die zweite hat an derselben Stelle einen nach der Wurzel
hin zugespitzten 9'" langen weissen Keilfleck. Die Rän-
der der Aussenfahnen der Basalhälfte sind lichtblaugrau-
lich, übrigens der ganze Schwanz, besonders die Mittel-
federn, mit graulichen und schwärzlichen Schattenbändern,
wie gewässert. Unterseite des Flügels weissgelblich,
Unterseite des Schwanzes atlasgrau und schwärzlich deut-
licher gewässert als auf der Oberseite 5 Unterseite des
Körpers ockergelb, welche Farbe an den Unterschwanz-
deckfedern, dem After und Bauche am schärfsten und rein-
sten ist, an den Seiten und in der Magengegend mit
Grau gemischt erscheint, an der Brust aber in gelblich-
grau übergeht, so dass sich diese Farbe der der Oberseite
nähert.
Der hier beschriebene Vogel ist ein altes Männchen
aus der Sammlung des in Arica verstorbenen Frobeen
und wurde im Juli 1853 in Socoroma in Peru — etwa
5000' über dem stillen Ocean — geschossen. Ueber die
Lebensart u. s. w. dieses Voo^els ist nichts bekannt.
124 Philipp! und Landbeck:
Unser Yogel hat einige Aehnlichkeit mit einigen
verwandten Arten ans Brasilien, z. B. mit P. grossus,
atrochalybaeus, Gnatho und jugularis, allein letzterer hat
einen orangegelben, erstere rothe Schnäbel, während der
unserige einen weissen hat.
4. Steriia lorata Ph. et Ldb.
Artkennzeichen.
Gesicht weiss, die Zügel schwarz.
Beschreibung.
Länge 9" —
Schnabel von der Stirn bis zur Spitze 1 2'"
von der Mundspalte . . 1 6
hoch — 3
breit — 4^2
Schwanz: kürzeste Feder .... 1 5
längste Feder 3 5
Flügel vom Bug bis zur Spitze . . 6 6
Tarsus — T
Aussenzehe sammt Nagel .... — 7
Mittelzehe — 9
Innenzehe — 5
Hinterzehe — 2
Nagel der Mittelzehe allein .... — 3
Schnabel schwach, seitlich stark zusammengedrückt^
ziemlich gerade, sehr spitzig, das Nasenloch beginnt V"
vor der Stirn und die Nasenrinne verlängert sich nicht
über dasselbe hinaus, Nagel wenig hervorstehend, in der
Mitte des Unterschnabels ; Basalhälfte des Schnabels hörn-
grau und gelb gemischt, letztere Farbe an den Schnabel-
rändern am deutlichsten und schönsten, Spitzenhälfte
hornschwarz ; Ii'is dunkelbraun ; Fuss roth, Nägel schwarz.
Stirn bis hinter das Auge, Kinn, Kehle, Wangen und
Ohren bis zum Genick weiss, der Zügel — ein V/2" breiter
Streif vom Nasenloche bis vor das Auge — • und die ganze
übrige Oberseite des Kopfes sammt Nacken kohlschwarz,
der ganze übrige Körper sowohl auf der Ober- als Un-
terseite schön bläulich aschgrau, auf der Oberseite dunkler
Beiträge zur Fauna von Peru. 125
und mehr ins Bleigraue, auf der Unterseite lichter und
mehr ins Silbergraue spielend. Der Vorderrand des Un-
terarms breit weiss eingefasst; die Fittigfedern auf der
Aussenfahne und einem Streif längs des Schaftes auf der
Innenfahne und an den Spitzen schwarzgrau, der Best
der Innenfahne weiss; die Schwungfedern aussen grau,
innen und an den Spitzen weiss. Schwanz auf den Aus-
senfahnen aschgrau, auf den inneren graulichweiss ; äus-
serste Schwanzfeder auf der Aussenfahne hellgraulich-
weiss.
Diese niedliche kleine Seeschwalbe, welche in Ge-
stalt und Grösse mit der europäischen Sterna minuta Linn.
Aehnlichkeit hat, wurde in der Bay von Arica im Sept.
1851 durch Forbeen erlegt. Es war ein Weibchen.
5. Sierna Froheenii Ph. et Ldb.
Artkennzeichen.
Schnabel purpurschwarz, Fuss orangegelb.
Beschreibung.
Länge r 3" 3'"
Schnabel lang von der Stirn — 15
vom Winkel — 2 —
hoch — — 5
breit _ _ 51/^
Schwanz: kürzeste Feder . — 2 4
längste Feder . . — 5 6
Flügel vom Bug bis zur Spitze — 9 9
Tarsus — — 9
Aussenzehe sammt Nagel . . — — 9
Mittelzehe ~ 1 —
Innenzehe — — 7^2
Hinterzehe — — 3
Nagel der Mittelzehe ... — — 4
Schnabel seitwärts stark comprimirt, auffallend ab-
wärts gebogen ; das kurze Nasenloch beginnt 4'" vor der
Stirnbefiederung, der Nagel wenig vorstehend; purpur-
schwarz mit hornweisslicher Spitze. Iris dunkelbraun.
Füsse sammt Schwimmhäuten orangegelb, Nägel hörn-
126 Philipp! und Landbeck:
schwarz mit hellbräunliclien Spitzen. Vor dem x\uge ein
aus feinen Punkten zusammengesetzter schwarzer Fleck;
die Augenumgebung von derselben Farbe; Hinterkopf.
Genick und Hinterhals auf weissem Grunde dicht schwarz
gefleckt; Gesicht^ Stirn^ Scheitel^ Wangen, Halsseiten,
Kinn, Kehle, Brust, Bauch, After, Unterflügel- und Un-
terschwanzdeckfedern so Avie der Flügelrand und die
Schienbeinbefiederung schneeweiss; die ganze übrige Ober-
seite prächtig aschblau oder siibergrau. Schwanz sammt
Oberdeckfedern weiss. Die äusserste Schwanzfeder (1'^ 8'"
länger als die zw^eite) auf der Aussenfahne tiefschwarz-
grau, an dem Enddrittel der Innenfahne blaugrau, welche
Farbe auch die zweite und dritte Feder auf der x\ussen-
fahne zeigen: die Schäfte sind weiss. Die Fittigfedern
sind auf den Aussenfahnen, einem Längsstreif auf den In-
nenfahnen zunächst dem Schafte und auf der nicht von der
nachfolgenden Feder bedeckten Spitze schwarzgrau, an
den Spitzen weiss eingefasst und auf dem übrigen Theile
der Innenfahne ebenfalls weiss. Die Schwungfedern licht
blaugrau mit breiten weissen Einfassungen. Der Eckflügel
ist aschgrau mit weisser Aussenfahne.
Vorstehende Beschreibung ist einem im August 1851
in der Bay von Arica in Peru erlegten alten Weibchen
aus der Sammlung vonFrobeen in Arica entnommen.
6. Sterjia comata Ph. et Ldb.
Artkennzeichen.
Schnabel sehr lang, stark gebogen, gelb; Fuss braun-
schwarz ; Genickfedern verlängert.
Beschreibung.
Altes Männchen im November.
Länge 1' 4" —
Schnabel : lang von der Stirn — 2 4V2'"
vom Mundwinkel . — 3 1
hoch _ _ 6
breit — — 8
Schwanz: kürzeste Feder . . — 2 10
Beiträge zur Fauna von Peru. 127
Schwanz: längste Feder . . — 5" 7'"
Flügel vom Bug bis zur Spitze — 11 8
Tarsus — 1 1
x\ussenzelie sammt Nagel . . — 1 —
Mittelzehe — 1 IV2
Innenzehe — — 9
Hinterzehe — — 3
Nagel der Mittelzehe allein . — — 6
Schnabel am Mundwinkel breit^ von der Mitte der
Nasenlöcher an seitwärts stark comprimirt^ auffallend ab-
wärts gebogen^ mit ziemlich vortretendem Nagel in der
Mitte des Unterschnabels^ Nasenrinne 11'" lang, Nasen-
löcher 5'" lang y schmal^ der ganze Schnabel hellgelb.
Iris braun. Der nackte Theil des Fusses sammt Schwimm-
häuten braunschw\arz oder schwarzbraun, die Nägel von
derselben Farbe mit hellbraunen Spitzen. Der Nagel der
Mittelzehe lang, sanft gekrümmt, an der Innenseite ge-
kämmt. Yorderstirn, Zügel, Wangen, Ohren, oder mit
einem Worte: das Gesicht, Kinn, Kehle, Hals, Brust,
Bauch, After, Unterflügel- und Unterschwanzdeckfedern
schneeweiss. Vor dem Auge, die Umgebung desselben,
der Oberrand der Ohrfedern, Scheitel, Hinterkopf und
Genick schwarz. Die Federn des letztern sind 1" 4'"
lang, zugespitzt und bilden einen herabhängenden spitzi-
gen Schopf; Hinterstirn und Vordertheil des Scheitels
weiss und dunkelaschgrau gefleckt, indem die Federn an
Wurzel und Rand weiss und am Ende mit einem grauen
Fleck versehen sind. Der schwarze Halbmond vor dem
Auge ist ebenfalls weiss gefleckt. Die Oberseite des
Körpers schön silbergrau, Avovon die Oberschwanzdeck-
federn am hellsten, beinahe schneeweiss sind. Der Schwanz
ist ebenfalls sehr licht silberweiss, die äusseren Schwanz-
federn, besonders vor den Spitzen am dunkelsten. Die
äusserste, -welche 1" länger als die zweite ist, dürfte durch
Abreiben der atlasglänzenden hellen Nebenfähnchen am
Enddrittel grauschwarz werden, während die übrigen Vstel
weiss bleiben; die folgenden vier Schwanzfedern jeder
Seite sind auf der ganzen Aussenfahne und einem Fleck
der Innenfahne nach der Spitze zu dunkelaschgrau,
128 Philipp! und Landbeck:
sämmtliche Schäfte weiss. Die kürzesten Deckfedern am
Rande des Vorderarmes so wie der Rand des Handge-
lenkes weiss. Deck- und Eckflügelfedern dunkel silber-
blaugrau. Die Fittigfedern bei frisch vermauserten Exem-
plaren prachtvoll atlasglänzend silbergrau mit weissen
Schäften; werden jedoch — längere Zeit nach der Mau-
ser — die seidenartigen Häärchen der Nebenfähnchen ab-
gerieben^ dann erscheinen die Fittigfedern schwarz und
weiss gestreift: bei der ersten und zweiten Feder ist die
ganze Aussenfahne und ein breiter Streif zunächst dem
Schafte auf der Innenfahne von der Wurzel bis zur Spitze
schwarz und der übrige Theil der Innenfahne weiss ; bei
den übrigen ist die dunkle Färbung breiter, jede Feder
hat an der Innenfahne einen breiten weissen Rand, wel-
cher sich bis zur Spitze erstreckt und der breite weisse
Längsstreif, welcher an der Wurzel auf der Innenfahne
beginnt, endigt in eine keilförmige Spitze im dunkeln End-
drittel jeder Feder; die Schwungfedern sind weiss mit
aschgrauer Aussenfahne.
Altes Weibchen im November.
Der Schnabel ist um 4'" kürzer, ebenso der Schwanz.
Der ganze Vogel etwas kleiner, der Scheitel dunkler ge-
fleckt ; Fittig- und Schwanzfedern ebenfalls dunkler grau ;
die Füsse etwas lichter; sonst keinerlei Verschiedenheit.
Diese hübsche, durch ihren langen gebogenen Schna-
bel auffallende Seeschwalbe wurde ohne Zweifel in der
Bay von Arica erlegt. Sie stammt aus der Sammlung
des verstorbenen Dr. Frobeen.
7. Leistes albipes Ph. et Ldb. (Chato in Peru.)
Artkennzeichen.
Die Befiederung des Schienbeins ist auf der Vor-
derseite rein weiss, auf der Hinterseite schwarz gestreift;
Tarsus hornweiss.
Beschreibung.
Totallänge von der Schnabel- bis
Schwanzspitze 8" —
Beiträge zur Fauna von Peru. 129
Schnabel : lang 1" 1 V2'"
Umfang desselben an
der Wurzel .... 1 TVg
hoch — 7
Schwanz 2 10
Flügel vom Bug bis zur Spitze . 4 AVz
Schienbein 1 8
Ferse 1 5
Mittelzehe 1 1
Aussenzehe — 10
Innenzehe — IOV2
Hinterzehe — IIV2
Die Spitze des ganzen und die Oberseite des Oher-
schnabels schwarz, das Uebrige hornbräunlich, an der Wur-
zel des ünterschnabels violett bläulich. Bei jüngeren und
vielleicht im Winterkleide der ganze Schnabel horngrau
und gelblich, an der Spitze und Wurzel des Oberschna-
bels braun. Iris dunkelbraun. Tarsus hornbräunlich-
weiss, die Nägel lichthornbraun. lieber dem Auge vom
Nasenloche bis über die Mitte des Auges ein hochrothes
Streifchen , welches in Weiss übergeht und als breiter
weisser Streif sich bis zum Genick hinzieht. Oberseite
des Kopfes, Wangen, Ohren, Halsseiten, Hinterhals kohl-
schwarz mit einzelnen weissen Federspitzchen, welche
längs der Mitte des Scheitels zu einer Längsbinde sich
vereinigen. Ganze übrige Oberseite braunschwarz, jede
Feder mit mehr oder weniger breitem hellbraunen oder
braungrauen Rande; die hinteren Schwungfedern der
Flügel, die Schwanzoberdeck- und die Spitzen der Schwanz-
federn auf graubraunem Grunde schwarz quer gebändert.
Kinn, Kehle, Brust bis Mitte des Bauches, Schulter und
Vorderrand des Flügels prachtvoll hochmennigroth, bei-
nahe scharlachroth. Die ganze übrige Unterseite schwarz,
die Seiten- und Unterschwanzdeck federn weissgrau ein-
gefasst. Unterflügeldeckfedern weiss, Schienbeinbefiede-
rung milchweiss, auf der Rückseite etwas schwarzgefleckt
oder gestreift.
Dieser Vogel gleicht auf den ersten Anblick der
chilenischen Loyca (Leistes americanus Gray) so sehr, dass
Archiv f. Naturg. XXIX. Jahrg. 1. Bd. 9
130 Philipp! und Landbeck:
er bisher mit derselben verwechselt und nicht als beson-
dere Art erkannt wurde: allein näher betrachtet^ unter-
scheidet er sich auch ohne Berücksichtigung der weissen
Füsse durch mehrere Abweichungen in Zeichnung und
Färbung sowohl als in den plastischen Verhältnissen. Das
Roth der Loyca ist im ausgefärbten Sommerkleide ein
reines Zinnoberroth ^ während das Roth unseres Yogels
lichter, gelblicher, ein reines Hochmennigroth ist. Das
Schwarz der Wangen beginnt in der ganzen Breite der
Wurzel der Unterkinnlade, ja geht sogar noch etwas nach
dem Kinn, während bei der Loyca am Mundwinkel eine
weissliche Linie beginnt, welche das schmälere Schwär^
vom rothen Kinn scheidet. Der Schnabel selbst ist im
Verhältnisse kürzer und an der Wurzel dicker als bei der
Loyca, auch auf der Firste mehr abgeplattet, fast wie bei
Cassicus; auch bilden die Unterkieferäste einen stärke-
ren Winkel als bei der Loyca. Der Schwanz unseres
Vogels ist um V2" kürzer als bei der Loyca und gew^öhn-
lich nur an den Spitzen quer gebändert, während bei
letzterer die beiden Mittelfedern durchaus quer gebändert
sind. Das Hauptunterscheidungsmerkmal bildet jedoch
die Farbe der Füsse ; während bei L. albipes das Schien-
bein weiss befiedert ist, ist es bei der Loyca dunkel-
schwarzbraun, welche Farbe auch der Tarsus sammt den
Zehen hat, während diese Theile bei unserem Vogel horn-
weiss sind. Ebenso sind auch die Nägel der Loyca weit
dunkler, überdies ist der Tarsus der Loyca um 3'" kürzer
als bei unserem Vogel.
Im Herbstkleide sind die lichten Federränder breiter
und das Roth der Brust alsdann weiss geschuppt.
Das Weibchen und die Jungen werden ohne Zwei-
fel auf dieselbe Weise vom Männchen abweichen, wie
dieses bei der Loyca der Fall ist.
Ueber die Lebensart dieses Vogels ist uns nichts
Näheres bekannt. Landbeck erhielt denselben früher
von A. Frobeen in Arieaals einen Vogel, welcher dem
europäischen Staar gegenüber zu stellen sei, wonach er
in der Lebensweise von der Loyca weniger abweichen
dürfte ; später acquirirte das Museum in Santiago mit der
Beiträge zur Fauna von Peru. 131
ganzen Sammlung des Verstorbenen zwei weitere alte
Männchen.
V. Tschudi, in seinen ^Untersuchimgen über die
Fauna peruana^ St. Gallen 1844—46.^ p. 228 beschreibt
unter dem Namen : Stiirnella militaris Vieill. unsere ge-
meine Loyca — allerdings in den Massen zu klein — er-
wähnt aber Nichts von der weissen Schienbeinbefiederung.
Ob in Peru unsere neue Art und die längstbekannte Lojca
nebeneinander vorkommen oder ob Herrn v. Tschudi
die auffallenden Abw^eichungen heiter Vögel entgangen
sind , vermögen wir nicht zu entscheiden. TJebrigens
theilt er über das Vorkommen seines Vogels folgen-
des mit:
„Vorzüglich an der Küstenregion in den Klee- und
Maisfeldern^ wo er auch nistet. Am Morgen, vor Tages-
anbruch beginnt er seinen angenehmen Gesang, der fast
den ganzen Tag andauert. Bei Surco, zwischen 6 — 7000'
üb. d. M., haben wir die letzten Exemplare dieser Species
gesehen ; höher in das Gebirge hinauf kommt sie nicht
mehr vor. Die Brütezeit ist im Juni. Die Eingebornen
nennen diesen Vogel Picho und halten ihn häufig in
Käfigen.^
8. Becurvirostra andina Ph. et Ldb.
., ,/,. Artkennzeichen.
Kopf und Hals weiss, Mantel, Flügel und Schwanz
schwarz, Füsse bleigrau.
Beschreibung,
Länge von der Schnabel- bis
zur Schwanzspitze ... 1' 6" 9"'
Schnabel — 3 2
Schwanz — 4 —
Flügel vom Bug bis zur Spitze — 9 6
Schienbein — 4 —
Tarsus — 3 4
Mittelzehe .......— 1 7
Aussenzehe — 1 5
Innenzehe — 1 2
Hinterzehe — — 3
132 Philipp! und Landbeck:
Die Flügelspitzen erreichen niclit ganz die Schwanz-
spitze nnd vom Schienbein sind 1" 3"' nackt. Schnabel
hornschwarz an der Spitze in hornbraun übergehend ; Iris
hochroth; nackter Fuss blaugrau, Nägel schwarz. Kopf
Hals, Brust, Bauch, Unterflügel, Unterschwanzdeckfedern,
Unterrücken, Bürzel, Steiss und Schenkelfedern rein
schneeweiss ; Oberrücken, Schultern, Flügel, Schwanz und
dessen grosse Deckfedern braunschwarz, an den grossen
Fliigeldeck- und Schwungfedern mit grünschwarzem
Schimmer, aber ohnft alles Weiss.
Diese hübsche Avocette, welche mit keiner verwand-
ten Art zu verwechseln ist, wurde vom verstorbenen A.
F r 0 b e e n von Arica in einem 16,000' üb. d. M. gelegenen
Andensee in Parunicota entdeckt und nur ein Exemplar —
im Juni 1853 — erlegt. Die Yögel waren sehr scheu und
die Luft so kalt und dünn, dass das Jagen mit den gross-
ten Beschwerden verbunden war.
Dasycephala Swainson.
In der Sammlung peruanischer Yögel, welche das
National-Museum in Santiago aus dem Nachlasse des in
Arica verstorbenen Alfred Frobeen acquirirte, befand
sich auch ein Yogel aus oben benannter Gattung, welchen
wir für eine neue, noch unbeschriebene Art halten; wess-
halb wir in Nachfolgendem eine Beschreibung desselben
unter genauer Yergleichung mit seinen hiesigen Arts-Yer-
wandten mittheilen.
9. Dasycephala alhicaicda Ph. et Ldb.
Artkennzeichen.
Die zwei äussersten Schwanzfedern weiss, auf der
Innenfahne mit braunem Längsstreif, welcher die Feder-
spitzen nicht erreicht ; die letzten Flügelfedern ohne weisse
Einfassung.
B eschr eibung.
Ganze Länge 280 Mm.
Sclmabellänge 26 „
Beiträge zur Fauna von Peru. 133
Schnabelhöhe 9 Mm.
Schnabelbreite 14
Flügel vom Bug bis zur Spitze . 130
Schwanz 97
Tarsus 36
Mittelzehe sammt Nagel .... 26 „
Aussenzehe 20 _^
Innenzehe 19 ;?
Hinterzehe 20 ^
Die erste Schwungfeder gleich lang mit der sechsten,
Schnabel ziemlich autfallend aufwärts gebogen, mit stum-
pfer über den Unterschnabel etwas herabgebogener Spitze,
im Ganzen so plump und stark wie bei Dasyceph. livida;
Oberschnabel horngrauschwarz , an der Wurzel etwas
lichter; Unterschnabel licht horngelblich; Iris dunkel-
braun; Fuss sammt Nägeln braunschwarz. Die ganze
Oberseite sammt den zwei mittleren Federn des Schwan-
zes erdbraun, auf dem Rücken etwas dunkler quergebän-
dert oder gewellt, indem jede einzelne Feder etwa sieben
dunklere Querbinden hat, auf Kopf und Hals etwas fuch-
sigbraun überlaufen. Die Schwungfedern sind fahlbräun-
lich gerändert. Die zwei mittleren Schwanzfedern sind,
wie schon erwähnt, einfarbig erdbraun mit fahlbräunlichem
Rande, die fünfte hat dieselbe Farbe, aber auf Vstel der
Länge befindet sich in der Spitze ein fahlweisser, keil-
förmiger Fleck, welcher auf der Innenfahne w^eiter hin-
aufreicht als auf der äusseren; die vierte ist der fünften
ähnlich gefärbt und gezeichnet, der Keilfleck nimmt jedoch
die Spitzenhälfte der Feder ein und die Spitze desselben
ist auf beiden Fahnenseiten ziemlich gleich; bei der dritten
bedeckt der weisse Keilfleck V4tel der Feder, und ist
dieselbe über dieses auch an der Wurzel weiss; bei der
zweiten und ersten dominirt das Weiss vollständig und
das Erdbraun ist auf einen Streif von Vstel der Feder-
breite beschränkt, welcher sich auf dem Rande der In-
nenfahne von der Wurzel bis auf V^tel der Federlänge
erstreckt. — Vom Nasenloche bis ans Ende der Ohrfedern
zieht sich über das Auge hin ein fahlbrauner lichter Streif
als Augenbraue; der Zügel ist noch etwas lichter, gelb-
134 Philipp! und Landbeck:
lieh ; die Halsseiten fahlgelblicli mit braunen Längsflecken
in der Mitte, die Ohrfedern mehr rötUichbraun. Kinn und
Kehle -weiss, jede Feder mit schwarzem Mittelstrich, wel-
che nach tmten breiter mid lichter w^erden; Brust und
Seiten graubraun mit fahlen Rändern, an den Seiten etwas
trübe rostgelb überlaufen. Die übrige Unterseite, Magen-
gegend, Bauch, Unterschwanzdeckfedern, Unterflügeldeck-
federn und die Schienbeinbefiederung trübweiss mit ocker-
gelblichem Anfluge, welcher an den Afterfedern am in-
tensivsten erscheint, pie Unterseite des Schwanzes zeigt
genau die Zeichnung der Oberseite, nur sind die Farben
kräftiger und die Fleckung deutlicher abgegränzt.
Da dieser Yogel leider keine Etikette enthielt, so
ist weder dessen Greschlecht, Alter, Fundort, noch Jah-
reszeit der Erlegung bekannt; aus einer brieflichen Mit-
theilung Frobeen's an Landbeck geht aber hervor,
dass ersterer diesen Vogel in einem Cordillerenthale er-
legt hatte. — Da übrigens die Geschlechter bei dieser
Vogelgattung äusserlich nicht zu unterscheiden sind, so
ist der Mangel der Kenntniss desselben von untergeord-
neter Bedeutung, und dass der Vogel alt und ausgefärbt
ist, lehrt die Beschafi'enheit seines Gefieders.
d'Orbigny beschreibt in seinem Werke: „Voyage
dans l'Amerique meridionale, Tome quatrieme 3. Partie:
Oiseaux 1835 — 44. S. 351 sq.^ unter dem Gattungsnamen :
Pepoaza vier Arten von Dasycephala, mit welchen unser
Vogel mehr oder weniger Aehnlichkeit hat und mit dem
einen oder anderen verwechselt werden könnte. Wir
wollen desshalb diese vier Arts-Verwandten einzeln be-
trachten und die unterscheidenden Merkmale hervorheben.
Die erste Art ist der in ganz Chile verbreitete
„Zorzal mero'^: No. 247. Pepoaza ä gorge varie. Pepoaza
livida d'Orb. (Dasycephala livida Swainson.)
Dieser Vogel hat mit dem unserigen in Beziehung
auf Grösse, Körperverhältnisse, Schnabel und Färbung
grosse Aehnlichkeit; unterscheidet sich jedoch auffallend
durch das lebhafte Rostroth, welches über Magen, Bauch,
After und Unterseite des Schwanzes, so wie die Scliien-
beinbefiederung verbreitet ist, vor allem aber durch sei-
Beiträge zur Fauna von Peru. 135
nen einfarbigen braunschwarzen Schwanz^ welcher mir
an den Spitzen und der Aussenfahne der ersten Feder rost-
röthlich gesäumt ist.
Nr. 278: Fepoaza des Ändes, Pep. andecola d'Orb.,
Pepoaza gutturalis d'Orb. et Lafr. Syn. No. 9. p. 64.
Dieser Vogel ist etwas kleiner und zeigt andere
Körperverhältnisse, die Färbung hat aber ebenfalls grosse
Aehnlichkeit mit unserer neuen Art. Dagegen weicht
derselbe in folgenden Stücken ab: die Flügel und deren
Deckfedern sind bei P. andecola schwärzlich, weisslich
gerändert, der Schwanz schwarz an der Aussenfahne der
äussersten Feder, so wie an den Spitzen der übrigen
Schwanzfedern w^eisslich gerändert: also ziemlich wie beim
vorigen, mit dem er von Gay auch vereinigt wurde,
obgleich er nicht nur in Grösse und Färbung genugsam
abweicht, sondern auch in einer Höhe von 5000 Met. lebt,
wo D. livida niemals gefunden wird; da er kaum in die
Verberge der Cordillere auf 2 — 3000' sich versteigt.
No. 279 : Fepoaza des montagneSj Pepoaza montana
d'Orb., Pep. mont. d'Orb. et Lafr. Syn. No. 10. p. 64.
Dieser Vogel hat die grösste Aehnlichkeit mit dem
unserigen, zeigt jedoch verschiedene Körperverhältnisse :
Er ist um 30 Millimeter kürzer, hat aber längere Flügel
und Schwanz ; dagegen wiederum auffallend kleineren
Schnabel. In, der Färbung des Körpers stimmt er fast
ganz mit unserer Art, weicht aber in der Zeichnung des
Schwanzes sehr bedeutend ab. Schwanz schwai'z, sämmt-
liche Steuerfedern sind auf ihrem Enddrittel schön weiss,
welche Farbe auch die Aussenseite der äussersten Schwanz-
feder trägt. Bei unserem Vogel dagegen verläuft das
Weiss, im Enddrittel der fünften Feder beginnend, pro-
gressiv bis zur äussersten, welche so wie die zwei fol-
genden nicht nur auf der Aussenfahne, sondern fast ganz
weiss ist.
No. 280: Fepoaza maritima, Pepoaza maritima d'Orb.,
Pep. marit. d'Orb. et Lafr. Syn. No. 9. p. 65.
Dieser hübsche Vogel ist bedeutend kleiner, hat
einen schlanken, spitzigen, ganz schwarzen Schnabel, auf
der Oberseite ein tiefes Graubraun, die Schwungfedern
136 Philippi und Landbeck:
mit breiten weissen Rändern, die ersten zwei der-
selben stark ausgeschnitten*), rostfarbigen Bauch
und ganz verschiedene Schwanzzeichnung, -indem das Weiss
der Innenfahne im Dritttheile vor der Spitze durch das
dunkle Schwarz des übrigen Theiles derselben scharf ab-
geschnitten ist, ersteres auch auf allen Innenfahnen sich
gleich weit erstreckt, wodurch eine breite weisse End-
binde entsteht.
Nachträgliche Bemerkungen über die in
Chile vorkommenden D asy c ephala -ilrten.
Der Gattungsname Dasycephala ist von Swainson
nicht übel gewählt, denn der Kopf dieser Vögel erscheint
im Leben auffallend dick und struppig, so wie auch der
Schnabel auffallend dick und plump ist. Dasycephala livida
ist sowohl im Süden als im Norden Chlle's verbreitet und
kommt in den geeigneten Lokalitäten nicht selten, jedoch
nicht in Truppen, wie die Drosseln, Toodos, sondern im-
mer nur einzeln oder paarweise vor. In der Provinz
Yaldivia lebt derselbe nicht in den zusammenhängenden
oder grösseren Waldungen, sondern in den Pampas, wo
er sich auf den Reisscerco's aufhält und in der Nähe der
Ranc^io's, auf deren Dächern er seine Nahrung sucht. Er
wird selten auf Bäumen gesehen, wo er auch nichts zu
suchen hat, da seine Nahrung vorzüglich aus kleinen Mäu-
sen, Eidechsen, Fröschen, Spinnen und Käfern besteht,
welche er meist auf der Erde erbeutet, indem er wie die
Wüx'ger und Fliegenfänger auf erhöhten Gegenständen
diesen Thieren auflauert und theils fliegend, thells lau-
fend dieselben hascht. Seine Bewegungen sind etwas
plump und geräuschvoll, aber rasch, und er hüpft auf der
Erde so schnell wie eine Drossel. Im Norden oder im
■■) D'Orbigny betrachtet diese eigenthümliche Federbildung,
als charakteristisches Hauptunterscheidungs -Merkmal ; wir müssen
aber bemerken, dass sich dasselbe wahrscheinlich nur im hohen Alter
entwickelt, denn wir fanden es unter 10 Vögeln kaum bei einem
einzigen.
Beiträge zur Fauna von Peru. 137
Centrum von Chile lebt dieser Vogel zietnlich häufig an
den steilen Bergabhängen der Meeresküste oder auf den
etwa 20üO — 3000' hohen Vorbergen der Cordlllera, wo
er sich am liebsten auf die Spitzen der Chagnalstengel
setzt, um eine weite Aussicht auf die Umgebung zu haben,
lieber die angegebene Höhe fanden wir ihn nirgends in
der Cordillera, in welcher er durch eine andere Art, die
DasycepJtala maritima vertreten wird.
Diese hübsche Art, weniger plump als die vorige,
etwas kleiner imd schlanker mit dünnerem Schnabel und
ausgezeichnet durch das viele Weiss auf der Spitzenhälfte
des Schwanzes, so wie die breiten weissen Einfassungen
der letzten Schwungfedern, beginnt im Centrum von Chile
in einer Höhe von 5000' und erhebt sich bis auf 10,000'
und darüber, ist in der Cordillera von Santiago nicht
selten, jedoch auch nur in einzelnen Paaren, hauptsäch-
lich in den Gegenden, wo Minen geöffnet oder die Fel-
sengipfel zerfallen und zerklüftet sind. So lebte in den
Minen von Arancar seit vielen Jahren ein Päärchen, wo-
von vor ein paar Jahren das Weibchen und die Jungen
geschossen wurden, so dass das Männchen allein übrig
blieb. Dieses lebt seit dieser Zeit ganz allein als Witt-
wer, übernachtet im Schachte einer Mine, setzt sich bei
Tage auf das Dach des Wohngebäudes und ist so zahm,
dass es sich auf fünf Schritte betrachten lässt.
Im hellen Sonnenscheine putzt und ordnet es sein
schönes Gefieder und in seinem Wohlbehagen schreit oder
pfeift es wie ein Arricro : heijoh! heijoh! laut und
kräftig, und uns scheint, dass dieser Gesang dem Vogel
die Gunst der Mineros und Arricros, welche ihn „Gaucho'^
nennen, zugewendet hat. In einer anderen Mine übernach-
ten, wahrscheinlich schon seit Jahren, sieben Stück dieser
Vögel, und da sie stets genau auf derselben Stelle sich
niederlassen, befindet sich neben jeder dieser sieben Schlaf-
stellen ein Guanohäufchen von etwa zwei Fäusten gross.
Dieser Dünger wird von den Mineros als Remedio bei
Beinbrüchen sehr geschätzt.
Der Vogel brütet i{n den Felsenritzen und in Minen,
und legt weisse, mit einzelnen braunen Fleckchen be-
138 Pliilippi u. Landbeck: Beiträge zur Fauna von Peru.
zeichnete Eier^ welche die. grösste Aehnlichkeit mit denen
der Papamosca (Taenioptera Pyrope Kittl.) haben.
Im Allgemeinen ist Das. marit. weniger zahm und
zutraulich als Das. livida, welches einer der zahmsten und
einfältigsten Vögel Chilis ist ; allein jener weiss seine
Freunde von den Feinden wohl zu unterscheiden. Dasyc.
maritima ist sehr weit verbreitet^ denn er wird sowohl
in Magallan als auch in Bolivia, am Rande der Wüste von
Alacama^ in der Nähe der hohen felsigen Meeresufer und
ohne Zweifel in der ganzen Andenkette zwischen den be-
nannten Endpunkten gefunden.
Die Gattung Dasycephala steht nach Habitus^ Be-
tragen, Nestbau u. s. w. ziemlich zwischen Turdus, La-
nius, Tyrannus und Muscicapa im weiteren Sinne in der
Mitte, schliesst sich jedoch an keine dieser Gattungen
enge an und bildet desshalb mit vollem Rechte eine eigene
Gattung.
Santiago, im September 1861.
Anatomie uud Fbjsiologic des diftapparates bei den
Uymenoptereu.
Von
Dr. H. Fenger
in Bonn.
(Hierzu Taf. IX.)
Unter den Hymenopteren (Aderflüglern), jener Ord-
nung der Insekten, welche wegen der eigentMmlich bio-
logischen Erscheinungen der zu ihr gehörigen Geschöpfe
im höchsten Grade interessant und merkwürdig erscheint,
sind es besonders die Bienen, Wespen und Ameisen, die
in neuester Zeit die Aufmerksamkeit der Entomologen
in dem Maasse auf sich gezogen haben, dass sie nicht
allein in systmatischer, sondern auch in anatomischer Hin-
sicht recht genauen und umfangreichen Untersuchungen
unterworfen werden. Mit Recht muss es desshalb son-
derbar erscheinen, dass ein Organ jener Insekten, welches
durch seine Thätigkeit dem Beschauer sogleich in die
Augen fällt und mit mehreren, sehr wichtigen Theilen
des Körpers in engem Zusammenhange steht, — ich meine
den Giftapparat — bisher nicht einer schärferen Unter-»
suchung gewürdigt worden ist. Zwar ist der eigenthüm-
liche und überaus kunstvolle Bau des Giftapparates von
den Entomologen früherer Zeiten bereits beschrieben wor-
den; aber, wenn es als ein charakteristisches Merkmal
unseres Zeitalters angesehen werden darf, dass man frü-
her angestellte Untersuchungen mit aller Schärfe einer
nochmaligen Prüfung unterwirft, so bleibt es immerhin^
merkwürdig, dass dies mit dem Giftapparate der Hyme-/
nopteren bis jetzt noch nicht geschehen ist, zumal man
140 Fenger:
anderen Organen, wie z. B. den Geschlechtstheilen, wel-
che mit dem Giftapparate in immittelbarer Verbindung
stehen, bereits die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt
hat. Freilich fehlt es uns auch nicht an Schriften, wel-
che den Giftapparat jener Insekten behandeln *) , von
denen einzelne sogar in dem Zeiträume der letzten Jahre
erschienen sind ; aber nirgendw^o in der ganzen Lite-
ratur findet man ein Werk, welches auf eine genaue
und richtige Anatomie jenes Organes Anspruch erheben
dürfte.
Dieser allgemeine Irrthum der Anatomen scheint
daher entstanden zu sein, dass alle ohne Ausnahme, wel-
che über den Giftapparat der Hymenopteren geschrieben
haben , das, Avas sie berichten, nicht durch eigene An-
schauung gefunden, sondern von früheren Schriftstellern
entlehnt haben, auf deren Autorität sie sich ohne Wei-
teres verlassen. Diese Autorität bildet Swammer-
damm, dessen vortreffliches Werk sich ebenso sehr durch
gewichtige Untersuchungen auszeichnet, als durch Wahr-
heit, Umfang, Sorgfalt und Gründlichkeit, so dass es in
der That noch für viele neuere zoologische Untersu-
chungen als Grundlage angesehen werden kann, und dass
ihm mit vollem Rechte der Titel zukommt, den der un-
sterbliche Verfasser ihm gegeben hat : „die Bibel der
Natur."
*) S wammerdamm, Bibel der Natur p. 183. Taf.Sv. Apis.
— Brandt und Ratz e bürg. Medizinische Zoologie, Bd. IL p. 203.
Taf. 25. Fig. 39 — 42. v. Apis. — Ramdolir, Abhandlung über die
Verdauungswerkzeuge, Taf. 14. Fig. 5 v. Pompilus. — Suckow, in
Heusingers Zeitschrift, Bd. IL Taf. 14. Fig. 38' und 46 v. Apis und
Crabro. — C. Th. v. Siebold, Lehrbuch der vergleichenden Ana-
tomie der wirbellosen Thiere p. 629. — M. Lacaze Duthiers,.
Recherches sur l'armure genitale des insectes dans les annales des
Sciences naturelles. Paris 1850. Ausserdem giebt es noch manche
andere Schriften, welche weniger wichtig sind, wie z. B. : »Die Ho-
nigbiene, ihre Naturgeschichte, Lebensweise und mikroskopische
Schönheit u. s. w. von James Samuelson, aus dem Englischen
übersetzt von Ed. Müller 1862", auf welche wir hier desshalb
keine Rücksicht nehmen können, weil sie nur eine Recapitulation
dessen enthalten, was man bisher gefunden und geschrieben hat.
Anat. u. Physiol. d. Giftapparates b. d. Hymenopteren. 141
Doch selbst derjenige^ welclier mit der grössten Ge-
lehrsamkeit und Geistesschärfe ausgerüstet ist, ist nicht
von jedem Irrthimie frei, und desshalb werden stets der
Wahrheit in der Wissenschaft Unwahrheiten beigemengt
sein, von denen viele vielleicht nie aufgedeckt werden;
aber je mehr Verehrer für die W^issenschaft erstehen,
welche sie in Wahrheit und durch die That pflegen, um
so schöner wird sie emporblühen, um so mehr werden
die Irrthümer aus ihr entfernt werden und um so mehr
wird sie das sein, was sie sein soll, die reine Wahrheit.
Auch Swammerdamm hat sich in der Anatomie
des Giftapparates geirrt; doch dieser Irrthum wäre sicher-
lich schon lange an den Tag gekommen, wenn nicht die
Schriftsteiler späterer Zelt sich auf seine Autorität allzu
sehr gestützt und sich der eigenen genauen Untersuchung
überhoben hätten.
Indem mir nun die Erklärung S wammerdam m's
über den Bau des Giftapparates bei sorgfältiger Verglei-
chung mit dem Objekte selber unrichtig zu sein schien,
so entschloss ich mich auf die Aufmunterung des Herrn
Professor Dr. T r o s c h e 1 , meines hochverehrten Lehrers,
hin, jenes in Rede stehende Organ der Hymenopteren
selbst einer genaueren Untersuchung zu unterwerfen und
war bald; so glücklich zu erkennen, dass die Zwei-
fel, welche ich in die Richtigkeit der Anatomie S wam-
mer dam m's gesetzt hatte, wohl begründet seien. Weil
nun Swammerdamm, auf dessen Ueberlieferung sich
die übrigen Schriftsteller berufen, den Giftapparat der
Bienen und Wespen anatomirt hat, so werde ich auch
in meinen Auseinandersetzungen jene Insekten zunächst
behandeln und sodann ausserdem noch das Wichtigste
über das Yertheidigungsorgan der Ameisen hinzufügen.
1. Heber den Giftapparat der Honigbiene (Apis mellifica ^) .
Um vorerst die Lage des Giftapparates im Körper
der Honigbiene zu bestimmen, schneidet man am besten
vorsichtig den Hinterleib der Biene mittelst einer feinen
142 Fenger:
Scheere vom Rücken her der Länge nach auf. Dann
sieht man gegen die Spitze desselben hin zwischen den
letzten Körperringen an der Bauchseite den Giftapparat
liegen. Derselbe ist mit allen zugehörigen Theilen in
Fig. 20 so dargestellt^ wie er sich in seiner natürlichen
Lage von der Seite betrachtet im Körper vorfindet. Der
eigentliche Stachel (in dem Sinne der gewöhnlichen Um-
gangssprache) ist in dieser Figur nicht zu erkennen^ aus-
ser an seiner äussersten Spitze (Fig. 20 1)^ weil er von
verschiedenen anderen Theilen des Organes bedeckt ward.
Ausserdem wird der Giftapparat in jener Zeichnung so
vorgeführt, dass gegen den linken Rand der Tafel hin
die Rückensegmente, der entgegengesetzten Richtung zu
die Bauchsegmente des Thieres zu liegen kommen, wel-
che hier jedoch der Deutlichkeit halber weggelassen sind.
Diese natürliche Lage des Giftapparates möge wohl be-
achtet werden, weil sie bisher auf eine unerklärliche Weise
von fast allen Anatomen unrichtig dargestellt worden ist,
wie sich dies im Verlaufe dieser Arbeit noch näher er-
geben wdrd.
Die einzelnen Theile des Giftapparates kann man
zweckmässig in innere und äussere unterscheiden. Unter
den inneren Theilen verstehe ich diejenigen, welche unter
natürlichen Yerhältnissen niemals aus dem Hinterleibe
des Thieres hervortreten; die äusseren hingegen sind
solche, die, wenn das Insekt sticht, zur Kraftäusserung
des ganzen Organes aus dem Körper hervorgeschnellt
werden. Wenn die Biene sich nicht in einem gereizten
Zustande befindet, so liegt der Giftapparat mit allen seinen
Theilen ganz im Hinterleibe verborgen.
Die äusseren Theile des Giftapparates, welche wir
nunmehr zuerst betrachten wollen, fasse ich unter dem
gemeinsamen Namen des Stachels zusammen. Der Zweck
dieses Stachels ist ein zweifacher ; zunächst bohrt er beim
Stechen eine Wunde; dann leitet er das Gift aus seinen
inneren Behältern in diese Wunde hinein. Diesem dop-
pelten Zwecke des Stachels entspricht vollkommen der
Bau und die Form seiner einzelnen Theile.
Der Stachel ist ein rothbrauner, horniger Theil des
Anat. u. Physiol. d. Giftapparates b. d. Hymenopteren. 143
Giftappcarates von ziemlich beträchtlicher Dicke und gros-
ser Festigkeit, der sich beim Hin- und Herzerren nicht
spröde^ sondern äusserst biegsam erweist Wenn man
denselben von der Seite oder vom Rücken des Thieres
her betrachtet, so ist es nicht möglich, seine zusammen-
gesetzte Construktion zu erkennen; wenn er aber vom
Bauche des Thieres her angesehen wird, so bemerkt man
sofort, dass er aus verschiedenen Theilen besteht (Fig. 19).
An demselben können nämlich drei Theile unterschieden
werden, der Köcher (Fig. 19, b g) und zwei gleichgestal-
tete Schieber *) (Fig. 19, f).
Was die Construktion des Köchers anbetrifft, so
ist dieselbe von allen Anatomen und selbst von Swam-
merdamm unrichtig dargestellt worden. Man glaubte
nämlich bisher allgemein, dass der Köcher eine einfache
Rinne bilde, deren Ränder sich gegen die Mitte hin etwas
einwärts biegen und vor demjenigen Ende, welches nach
dem Kopfe des Thieres hin gerichtet ist, sich so sehr nach
Innen wölben, dass sie hier einander ganz nahe treten,
und der Köcher fast geschlossen wird. Wenn man den
Köcher von seiner Oberseite, d. h. vom Rücken des Thieres
her betrachtet, so erscheint er glatt und gewölbt und
lässt weiter nichts Bemerkenswerthes an sich erkennen.
Ganz anders jedoch gestaltet sich die Ansicht desselben
von der Unterseite her und bei oberflächlicher Betrach-
tung dieser Lage sollte man fast glauben, dass die bishe-
rige Erklärung seines Baues die richtige sei. In dieser
letzteren Lage wird der Köcher durch Fig. 7 dargestellt,
nachdem er von allen übrigen Theilen des Giftapparates
losgetrennt worden ist. Man bemerkt an demselben in
der Mitte einen durchscheinenden, ziemlich breiten Ka-
*) Absichtlicli übergehe ich die übrigen Bezeichnungen, wel-
che man bisher für unsern „Schieber'* angewandt hat, insofern z. B.
das Wort ,. Schenkel" durchaus nicht dem Zwecke und der Form
jener Theile entspricht, und die Bezeichnung „Borste" auf einer ganz
unrichtigen, wenn auch bisher allgemeinen Vorstellung von dem
Baue jener Theile beruht. Unsere Bezeichnung „Schieber" hingegen
entspricht sowohl der Form als dem Zwecke jener Theile voll-
kommen.
144 F e n g e r :
nal (a), der sicli der Länge nach durch denselben hin-
zieht. An den beiden Seiten dieses Kanales treten die
fast undurchsichtigen^ sich herüberwölbenden Ränder auf
(Fig. 1, h), die sich an dem einen Ende in eine Spitze
vereinigen (Fig. 1, c), während sie nach entgegengesetzter
Richtung aUmählich etwas breiter werden und sich end-
lich an der Basis des Köchers (Fig. 7 von g bis h) so
sehr einander nähern, dass die Köcherrinne an dieser
Stelle fast geschlossen erscheint. An dieser letzteren
Stelle wölben sich die Wände des Köchers nach den Sei-
ten und besonders nach dem Rücken hin so sehr aus,
dass der Köcher hier gleichsam wie aufgeblasen anzuse-
hen ist (wie die Seitenansicht Fig. 16 bei g zeigt), wess-
halb dieser Theil nicht unpassend ;,der Köcherbuckel"
genannt wird.
Wenn wir nunmehr den Köcher etwas genauer be-
trachten , so sehen wir besonders bei Anwendung von
Balsam jederseits von der mittleren Köcherrinne (Fig. 7, a)
auf den sich nach der Mitte herüberneigenden Wänden eine
nicht eben schmale, durchscheinende streifenförmige Stelle,
welche beiderseits von einer dunklen Linie begrenzt wird
und sich der ganzen Länge des Köchers nach hinzieht,
besonders aber deutlich gegen die Spitze desselben hin be-
merkt werden kann (Fig. 7 die hell schattirte Stelle zwi-
schen f und b). Indem sich dieser helle Streifen durch
die Beleuchtung des Mikroskop es eben so ausnimmt, wie
die mittlere Köcherrinne, so liegt es sehr nahe zu glau-
ben, dass der Köcher ausser dem mittleren, breiten Ka-
näle jederseits noch eine schmale Rinne besitze, welche
nach Aussen hin durch die Köcherwand selbst, nach Innen
aber von einer im Kanäle des Köchers auftretenden, erha-
benen Leiste begrenzt werde. Diese Ansicht haben zw.ar die
Anatomen bisher nicht aufgestellt; aber jene Anschauung
ist so täuschend, dass ich mich selber im Anfange mei-
ner Untersuchungen sehr geneigt fühlte, jene Erklä-
rung zu geben. Jedoch bald nachher, als ich Querschnitte
des Köchers anfertigte, erkannte ich, dass jene Erklärung
unrichtig sei, fand aber auch den Bau des Köchers durch-
aus nicht so einfach, wie die Anatomen ihn bisher dar-
Anat. u. Physiol. d. Giftapparates b. d. Hymenopteren. 145
gestellt haben. Wie aus den Querschnitten (Fig. 8^ 9),
welche ich an verschiedenen Stellen des Köchers gemacht
habe^ ersichtlich ist^ kann man denselben ansehen als
eine allseitig geschlossene Röhre^ welche sich nach ihrem
einen Ende (der Basis des Köchers) hin allmählich er-
weitert (Fig. 1, g — h)^ während sie sich dem entgegenge-
setzten Ende zu in- eine geschlossene Spitze zusammen-
zieht. Auf der einen Seite (der Unterseite des Köchers)
ist diese Röhre der Länge nach eingedrückt^ so dass diese
niedergedrückte Wandung die entgegenstehende^ regel-
mässig gewölbte (welche die Rückenseitc des Köchers bil-
det) in der Mitte des Köchers fast berührt und mit der-
selben gegen die Spitze hin ganz zusammenwächst. Auf
diese Weise wird in der Mitte des Köchers nach Aussen
hin ein Kanal gebildet (Fig. 8 u. 9^ a)^ während im Innern
desselben eine allseitig geschlossene Höhle bestehen bleibt
(Fig. 8 u. 9, i) , welche die grösste Ausdehnung an der
Basis des Köchers besitzt und gegen die Spitze hin völlig
verschwindet. Die Wände dieser Höhle sind dick und
nur in der Mitte der Köcherrinne werden sie dünn und
fast membranartig (Fig. 8 u. 9^ a). Die eingedrückte Un-
terseite des Köchers ist nun in einer ganz eigenthümlichen
und überaus kunstvollen Weise gestaltet. Zunächst finden
wir, wenn wir die Bildung derselben von Aussen nach
dem Innern des Köcherkanales hin verfolgen, eine erha-
bene Ueberwallung (Fig. 8 u. 9, b) ; an diese schliesst sich
eine gewölbte Leiste an (Fig. 8 u. 9, f) , unter der eine
sehr enge Furche gebildet wird, die ihre OefFnung der
Mitte des Köchers zuwendet, und endlich tritt dann der
eigentliche Kanal des Köchers selber auf (Fig. 8 u. 9, a).
Jene Leiste ist für den Mechanismus des Giftapparates
von der grössten Wichtigkeit und verdient desshalb ge-
wiss mit einem besonderen Namen belegt zu werden. Aus
Gründen, welche im Verlaufe dieser Arbeit ersichtlich
werden, nenne ich sie wohl nicht unpassend „die Schiene
des Köchers'^. Der äussere Wall so wie die Schiene
laufen in einander und endigen sich unmittelbar vor der
Spitze des Köchers (Fig. 7, c) , während sie in der ent-
gegengesetzten Richtung über den Köcherbuckel hinaus
Arch. für Naturg. XXIX. Jahrg. 1. Bd. 10
146 Fenger:
sich noch auf zwei Fortsätze des Köchers erstrecken,
welche die umgekehrte Form des Buchstaben S besitzen
(Fig. 1, i, f; Fig. 16, m, b). Dieser Bau des Köchers bleibt
in seiner ganzen Ausdehnung derselbe; nur wird die
innere Höhlung (i) gegen die Spitze hin stets enger, bis
sie endlich durch das Zusammentreten der Köcherwände
gänzlich verschwindet.
Die Anatomen haben diesen wundervollen Bau des
Köchers bisher ganz übersehen; ausserdem behaupten sie
(ausser Lacaze-Duthiers), dass derselbe an seiner
Oberseite, dem Rücken des Thieres zu offen sei, während
doch in Wirklichkeit die Oeönung des Kanales sich an
der Unterseite befindet und dem Bauche des Insektes
zugewendet ist.
Dem Köcher sind nun noch einzelne Horntheile an-
gewachsen, welche von Wichtigkeit sind. Von diesen
erwähne ich zunächst diejenigen, welche mit seiner Rücken-
scite so zusammenhängen, dass sie auf dem Buckel der-
selben winklig auseinanderstehen, während sie sich an
der Spitze mit einander vereinigen und also eine ähnliche
Form darbieten, wie die zum sogenannten Gabelbeine
verwachsenen Schlüsselbeine an der Brust der Vögel
(Fig. 16, n und für sich dargestellt Fig. 12, b, wo a den
Köcherbuckel andeutet). Sodann sind noch jene beiden
Fortsätze zu berücksichtigen, von welchen oben bereits
bemerkt wurde, dass sie die umgekehrte Form des Buch-
staben S besitzen (Fig. 7, i, f ; Fig. IG, m, b). Auf diese
Fortsätze treten die Schienen des Köchers über, und ich
nenne sie desshalb „die Schienenfortsätze des Köchers".
Einstweilen genüge es zu erwähnen, dass jeder dieser
Fortsätze einen Kanal bildet, der gegen den Köcherbuckel
hin geöffnet ist und dessen äussere Seitenwand eine stär-
kere Krümmung besitzt als die innere (wie man aus den
Querschnitten Fig. 10a und lOb^ und aus Fig. 15 ersehen
kann, welche letztere Figur den Schienenfortsatz des
Wespenstachels darstellt, und in der b die äussere, b' die
innere Wandung des Kanales bezeichnet; f bedeutet den
Querschnitt der Schiene).
An der Aussenseite dieser Schienenfortsätze treten
Anat. n. Physiol. d. Giftapparates b. d. Hymenopteren. 147
da^ wo sie die stärkste Krllmmimg bilden, sehr kurze
und kaum bemerkbare Borsten auf, welche so in eine
doppelte Reihe gestellt sind; dass sie 'mit einander ab-
wechseln, und die aus kleinen, runden Grübchen hervor-
kommen (Fig. 7, k; Fig. 15 u. 16, k). Diese ganz unschein-
, baren Borstenhaare versehen in dem Mechanismus des
Giftapparates einen sehr wichtigen Zweck, wie später
näher erläutert werden soll. Bisher hat man diese Bor-
sten ganz übersehen, wiewohl bereits Swammerdamm
von jenen Grübchen Erwähnung thut , ohne jedoch zu
wissen, welche Bedeutung denselben zukommt, indem die
aus ihnen entstehenden Borsten seiner Beobachtung ent-
gangen waren. Jene Grübchen vergleicht er mit Knöpf-
chen und glaubt, dass sie von einem Theile des Giftes
herrühren, der durch die Luft zersetzt worden sei. Ich
habe jedoch niemals in jenen Theilen des Stachels Gift
gefunden, und dass sich überhaupt dort kein Gift vorfin-
den kann, geht schon aus dem Baue der Schienenfort-
sätze hervor, insofern sie eine offene Rinne bilden. Wenn
man den Stachel nebst seiner Schienenfortsätze mit Bal-
sam behandelt, so sieht man jene Grübchen sehr deutlich,
und die aus ihnen entspringenden Borsten treten bei
starker Yergrösserung wie Strahlen auf, welche sich in
der Substanz der Schienenfortsätze zu befinden scheinen.
Hierdurch wurde ich selber in der Deutung der ganzen
Erscheinung anfangs irre geleitet und kam erst zur klaren
Erkenntniss, als ich die Schienenfortsätze vom Köcher
lostrennte und Querschnitte derselben an jener Stelle an-
fertigte.
Ausserdem muss ich hier noch auf einige Wider-
haken aufmerksam machen, welche sich auf dem Rücken
des Köchers unmittelbar vor der Spitze desselben vor-
finden. Ihre Anzahl beträgt bei der Biene sechs, und sie
stehen zu je dreien in einer Reihe (Fig. 7, d, d; Fig.
16, dd). Auch diese sind der Beobachtung der Anatomen
bisher entgangen. Welchen Zweck sie an dem Stachel
versehen, kann man dann erst entscheiden, wenn man
sich über die Bedeutung seiner Haupttheile klar gewor-
den ist. Sie sind nicht etwa dazu bestimmt, die Wunde
148 Fenger:
zu vergrössern^ — das wird durch andere Theile des
Stachels erreicht — sondern^ indem sie in der Wunde
hängen bleiben^ bewirken sie , dass das Insekt mit desto
grösserer Energie diejenigen Theile des Stachels vor-
wärts drängen kann, durch welche eigentlich die Wunde
hervorgebracht wird.
Bevor wir nunmehr den Bau der Schieber ausein-
andersetzen, wollen wir kurz die Beschreibungen der
Anatomen von denselben anführen, damit desto leichter
ersichtlich sei, welcher wesentliche Unterschied zwischen
ihrer und unserer Erklärung herrscht. Zunächst berichtet
Swammerdamm ") über dieselben Folgendes: ;,Die
Angel (nach unserer Bezeichnung der Stachel) ist zu-
sammengesetzt aus zwei Schenkeln (unseren Schiebern) und
einem Köcher, in welchem jene fast wie in einer Scheide
eingeschlossen sind und aufbehalten werden.^ — „Jeder
dieser Schenkel hat die eine Seite eingekimmt, oder
mit einer Furche gezeichnet; an der anderen Seite aber
hat er Widerhaken.^ — ;?Voii beiden Seiten schlägt oder
krümmt sich der Köcher ein wenig einwärts ein, und mit
solchen Leistchen schliessen und passen dann die Geleise
oder Furchen der Schenkel der Angel, die wie der
Deckel von einer Schublade daselbst gemächlich und
leicht auf- und niederrutschen und zwar so, dass die
Spitze der Angel in der offenen Höhle des Köchers liegt,
die Widerhaken aber draussen stehen, es wäre dann, dass
die Angel sich über das äusserste Ende des Köchers hin-
aus erstreckte. Die Schenkel der Angel liegen folglich
allzeit mit ihrer einen Seite, oder von unten in der Höhle
des Köchers, mit der anderen, oder von oben ragen sie
aus ihr hervor. Beide mit Widerhaken gewappnete Sei-
ten hängen und schieben sich über und längs des Kö-
chers und mit ihren Geleisen oder Furchen auf den in-
neren Federn oder Leisten des Köchers.'^ — .'jDer Kö-
cher bildet nicht eine gerade Oeffnung, sondern, wo er
am weitesten ist, läuft er beinahe ganz zusammen, und
die Schenkel kommen dann darunter hervor.'^
^) Bibel der Natur p. 184.
Anat. u. Physiol. d. Giftapparates b. d. Hymenopteren. 149
Swammerdamm glaubt also^ dass die Schieber
von dem hinteren, buckeiförmigen Theile des Köchers
umschlossen würden, dann aus dem Köcherbuckel her-
vortreten und nunmehr mit der unteren Seite in dem
Kanäle des Köchers lägen, während sie mit der oberen
aus demselben hervorragten. In dieser Anschauung liegt,
nebenbei bemerkt, schon der angedeutete Irrthum in Bezug
auf die natürliche Lage des Giftapparates in dem Körper
des Insektes verborgen, wenn er auch nicht mit so deut-
lichen Worten ausgesprochen ist, wie dies andere Anato-
men gethan haben. Was die Befestigung und die Be-
wegung der Schieber an dem Köcher anbelangt, so glaubt
der in Rede stehende Schriftsteller, dass die Schieber an
ihrer einen Seite mit einer Furche versehen seien, in
welche der Rand des Köchers einträte, und dass jene auf
diesem Köcherrande hin- und herliefen. Endlich folgt
sowohl aus seinen Worten, als auch besonders aus den
Abbildungen, die er von dem Giftapparate giebt, dass er
die Schieber als solide Borsten ansieht.
Derselben Ansicht über den Bau der Schieber sind
unter Anderen auch Brandt und Ratzeburg. Sie
drücken sich in folgender Weise hierüber aus*): „Dieser
(nämlich der Stachel) besteht aus einer hornigen, brau-
nen, am Grunde stark verdickten, am Ende aber eng zu-
gehenden, oben offenen Scheide, in welcher zwei hornige,
steife Borsten enthalten sind, deren Ende an der einen
Seite 9 — 12 sehr spitze, rückwärts gekrümmte Säge-
zähne zeigt. ^
Diese Anatomen also sprechen mit direkten Worten
jenen Irrthum in Bezug auf die natürliche Lage des
Giftapparates im Körper des Insektes aus, der in der
Abhandlung Swammerdamm' s implicite enthalten ist,
indem sie behaupten, dass der Stachel von oben, näm-
lich vom Rücken her offen sei, während er doch in
Wirklichkeit, wie man sich leicht überzeugen kann, seine
offene Seite nach unten kehrt. Schon hieraus allein kann
man wohl mit Gewissheit entnehmen, dass jene Forscher
*) Medizinische Zoologie Bd, IL p. 203.
150 F enger:
den Giftapparat nicht durch eigene Anschauung kennen
gelernt haben.
Ebenso unrichtig wird die Construktion des Stachels
in dem Lehrbuche von C. T h. v. Siebold dargestellt.
Man findet nämlich hier folgende Beschreibung dessel-
ben *) : ^jDieser letztere (der Stachel) wird von zwei dicht
unter einander verbundenen seitlichen Hälften zusammen-
gesetzt^ welche häufig an der Spitze mit rückwärts ge-
richteten Zähnchen besetzt sind und sich in einer gespal-
tenen Hornscheide hin und her bewegen lassen.^ Durch
das Wort ^Hälfte'' kann C. Th. v. Siebold doch wohl
nichts Anderes bezeichnen wollen, als was Brandt und
Ratzeburg durch die Bezeichnung ^Borste''', oder was
Swammerdamm durch die Benennung „ Schenkel^
ausdrückt. Was er aber unter der dichten Verbindung
jener Hälften versteht, ist gar nicht einzusehen, insofern
jene Theile selber ihrer ganzen Ausdehnung nach in
keiner direkten Yerbindung mit einander stehen. Aus-
serdem ist die Bezeichnung „gespaltene Hornscheide^^ eine
sehr unglücklich gewählte, indem sie dem Baue des Sta-
chels durchaus nicht entspricht.
Der Irrthum also, in welchen Swammerdamm
und die übrigen Anatomen, die sich auf seine Autorität
stützen, verfallen sind, bezieht sich zunächst auf den Bau
der Schieber, die von ihnen als solide, mit einer Furche
versehenen Borsten angesehen werden. Es ist mir ge-
lungen, jene vermeintlichen Borsten von dem Köcher
loszutrennen und ihre wahre Gestalt, ihren Zusammenhang
mit dem Köcher, so wie den Mechanismus des Stachels,
der hauptsächlich in der Bewegung der Schieber besteht,
zu erkennen. Einen solchen Schieber habe ich mit allen
seinen Theilen in Fig. 1 dargestellt, wie er von seiner
Unterseite her anzusehen ist. Er bildet einen dünnen,
hornigen und in die Länge gezogenen Theil, dessen
Länge fast so gross ist, wie diejenige des Köchers mit
den Schienenfortsätzen zusammengenommen.
*) Lelu'buch der vergleicheuden Anatomie der wirbellosen
Thiere, Berlin 1848. p. 630.
Anat. u. Physiol. d- Giftapparates b. d. Hymenopteren. 151
Man kann sich denselben ans zwei gleich langen
Röhren znsammengesetzt denken^ von denen die eine
(Fig. 1, h dunkel schattirt) enger ist^ als die andere
(Fig. 1, i\ Diese beiden Röhren sind an der einen, ein-
ander zugekehrten Seite mit einander verwachsen, und
laufen gegen das Ende des Stachels hin in eine gemein-
same Spitze aus. Die Röhre (i) ist in ihrer grössten
Ausdehnung bis über die Mitte des Schiebers hinaus weit^
wird dann nach und nach enger und bleibt eng bis zum
äussersten entgegengesetzten Ende. Wenn der Schieber
auf dem Köcher liegt, so reicht der weitere Theil der
Röhre (i) von der Spitze desselben bis zum Anfange des
Köcherbuckels (Fig. 7, c — g); der übrige engere Theil
derselben erstreckt sich vom Anfange des Köcherbuckels
bis zum Ende des Schienenfortsatzes (Fig. 1, g — 1), wobei
er dieselbe Biegung annimmt, wie letzterer. Der Kanal
der Röhre (h) ist da am weitesten, wo sich auch die
Röhre (i) am meisten ausdehnt, während er gegen die
Spitze des Schiebers hin immer enger wird und in der
entgegengesetzten Richtung ungefähr von der Stelle an
verschwindet, wo der Schieber dem Köcherbuckel aufzu-
liegen kommt (Fig. 1 ungefähr von b bis zum Ende).
Letztere Röhre ist ihrer ganzen Ausdehnung nach geschlos-
sen; erstere (i) hingegen besitzt sowohl unmittelbar vor
der Spitze (Fig. 1, a) eine sehr kleine, runde OelFnung,
als auch an derjenigen Stelle, welche beim Aufliegen vor
dem Anfange, des Köcherbuckels sich befindet^ und wo
die Röhre selbst anfängt enger zu werden (Fig. 1 vor b) ;
diese Oeffnung ist spaltenförmig, wie man deutlich aus dem
Querschnitte des Schiebers an der betreffenden Stelle
(Fig. 4) erkennen kann, indem die Wände der Röhre dort
auseinanderklaffen. Die obere Wandung des Schiebers
(wenn wir Fig. 1 berücksichtigen; sie ward in der natür-
lichen Lage des (jiftapparates im Körper des Thieres
zur unteren) ist bedeutend dicker gestaltet als die entge-
gengesetzte, welche im Zusammenhange desselben mit
dem Köcher diesem aufliegt^ so dass letztere gegen er-
stere bei derselben hornigen Beschaffenheit fast membran-
artig erscheint (Fig. 2—4). Was nun die Befestigung des
152 Fenger:
Schiebers auf dem Köcher anbetrifft, so ist dieselbe ebenso
kimstvoll, wie einfach. Man findet nämlich auf derjenigen
Seite des Schiebers, welche dem Köcher aufliegt, der
Länge nach eine enge Furche (Fig. 1, k durch Punkte
angedeutet ; Fig. 2 — 6 , k), welche ihre Oeffnung dem
Köcher zuwendet und die in Weite und Gestalt der Leiste
des letzteren vollkommen enspricht. Die Leiste des Kö-
chers tritt nun in jene Furche des Schiebers ein, so dass
der Schieber auf jener auf- und ablaufen kann. Wenn
wir nunmehr uns den Giftapparat in seine natiirliche Lage
versetzt denken, so sehen wir ein , dass der Schieber
durch jene Leiste an den Köcher gleichsam aufgehangen
ist, insofern der Querschnitt der Leiste in der natürlichen
Stellung sich in der Form eines aufwärts gerichteten
Hakens darstellt. Der Schieber bleibt seiner ganzen Aus-
dehnung nach auf der Leiste des Köchers liegen und nur
unmittelbar vor der Spitze tritt er von derselben ab, indem
die Spitze selber gegen die Mitte des Köcherkanales ein-
gebogen ist (Fig. 11, c, d).
Ganz in derselben Weise liegt der andere Schieber
der entgegengesetzten Seite des Köchers auf, so dass bei
aufliegenden Schiebern der mittlere Kanal des Köchers
bedeutend enger gemacht wird (Fig. 19 und Fig. 11 ; letz-
tere Figur zeigt ausserdem im Querschnitte die Art und
Weise des Zusammenhanges zwischen dem Köcher und
den beiden Schiebern).
Die Bildung der engeren Röhre des Schiebers ist
einzig und allein dadurch bemerkenswerth, dass an ihrer
Aussenseite vor der Spitze mehrere Widerhaken auftreten
(Fig. 1, g) , die bei einer und derselben Species stets in
constanter Anzahl vorhanden sind. Bei der Honigbiene (5)
habe ich immer zehn Widerhaken vorgefunden "*•). Diese
Widerhaken sind an ihrer Spitze fast durchsichtig und
*) Die Angabe von Dr. Brandt und Dr. Ratzeburg, dass
der Stacliel der Honigbiene (2) 9 — 12 "Widerhaken besitze, ist un-
richtig (Mediz. Zool. ßd. II. p. 203). Ebenso ist die Aufzählung der
Widerhaken von Treviranus, der 6 angiebt, so wie diejenige von
Swammerdamm, der 13 aufgefunden haben will, zu verwerfen.
Anat. u. Physiol. d. Giftapparates b. d. Hymenopteren. 153
stehen von dem End^ des Schiebers an nach entgegen-
gesetzter Richtung hin in nach und nach wachsenden
Zwischenräumen von einander, wobei sie selber an Grösse
etwas zunehmen. Die Aufzählung der Widerhaken ist
nicht so leicht, wie man wohl glauben könnte, insofern
dieselben in einer Reihe stehen und nur in einer einzigen,
bestimmten Lage des Schiebers vollständig gesehen wer-
den können, so dass sie, wenn das Objekt nur etwas aus
dieser Lage herausgebracht wird, theilweise unsichtbar
werden. Diese Lage des Schiebers ist durch Fig. 1 an-
gedeutet. Unmittelbar hinter jedem Haken bemerkt man
eine durchsichtige , etwas gekrümmte Linie Fig. 1, f),
welche die engere Röhre des Schiebers quer durchsetzt.
Diese hellen Linien enden da, wo die weitere Röhre ihren
Anfang nimmt, und man könnte sich bei Berücksichtigung
des ganzen Baues des Schiebers leicht zu der Ansicht
verleiten lassen, dass sie feine Kanäle darstellten, welche
eine Verbindung zwischen der weiteren Röhre und der
engeren bewerkstelligten. Ich selber war anfangs dieser
Meinung und vermuthete ausserdem, dass der Schieber
vor jedem Haken durchbrochen sei und eine OefFnung
nach Aussen besitze, überzeugte mich jedoch bald durch
Querschnitte, welche ich an den betreffenden Stellen an-
fertigte, dass eine derartige Oeffnung nicht vorhanden
ist, wesshalb ich auch nicht glaube, dass jene durchschei-
nenden Linien feine Kanäle bilden.
Dem Schieber ist ferner an derjenigen Stelle, wo
er der Unterseite des Köcherbuckels aufliegt, ein eigen-
thümlich geformter Horntheil angewachsen (Fig. 1, n),
dessen wahren Bau man bisher unvollständig angegeben
hat. Dieser Horntheil besteht aus einem kurzen Horn-
balken, der an seiner Spitze mit einer Hornfläche ver-
bunden ist, welche aus vielen, mit einander verwachse-
nen, divergirenden Hornfäden entstanden zu sein scheint,
wie man besonders deutlich an Objekten, die lange Zeit
in Balsam gelegen haben, erkennen kann. Diese ganze
Vorrichtung senkt sich in die Höhlung des Köcherbuckels
hinab. Welchen Zweck sie eigentlich an dem Stachel
versieht, habe ich bisher nicht erkennen können; davon
154 Fenger:
jedoch glaube ich mich überzeugt zu haben^ dass sie mit
der inneren Wand des Köchers nicht verwachsen ist,
sondern bei der Bewegung der Schieber selber mit hin
und her bewegt wird.
Ueber den Hornfortsatz (Fig. 1; e"), welcher sich am
äussersten Ende des Schiebers vorfindet, werden wir ge-
eigneten Ortes Näheres angeben.
Die beiden Schieber liegen so den Seiten des Kö-
chers auf, dass die Widerhaken nach Aussen gerichtet
sind. Ausserdem überragt der rechte Schieber vor der
Spitze des Köchers den linken (Fig. 19; Fig. 11, c, d), so
dass es den Anschein gewinnt, als seien dieselben von
verschiedener Länge; allein dieses ungleiche Vortreten
wird nicht durch eine ungleiche Länge der Schieber
hervorgerufen, sondern dadurch, dass dieselben in den
Hinterleib des Thieres ungleich weit hineinragen (Fig. 16
und 19).
Es möge hier nochmals ganz besonders darauf auf-
merksam gemacht werden, dass die Schieber nicht, wie
man bisher annahm, in dem Kanäle des Köchers sich
befinden, sondern der Wandung desselben aufliegen,
mithin auch nicht in dem Köcher hin und her geschoben
werden, sondern über denselben, und ich betrachte dess-
halb die Bezeichnung „Köcher^ für jenen Theil des Sta-
chels als durchaus unpassend. Es ist daher nothwendig,
dass eine andere passendere Benennung für jenen Theil
aufgestellt w^ird, welche sowohl seiner Form als dem
Zusammenhange mit den Schiebern Rechnung trägt. In
dieser zweifachen Hinsicht möchte wohl die Bezeichnung
„Schienenrinne^ als geeignet erscheinen, deren wir uns
auch nunmehr im Verlaufe dieser Arbeit bedienen wollen.
Aus dem Bisherigen lässt sich schon erkennen, wie
überaus schön und kunstvoll der Schöpfer jenes Organ
der Insekten gebaut hat, und diese Schönheit der Ein-
richtung verbunden mit der grössten Zweckmässigkeit
wird noch mehr hervortreten, wenn wir die inneren Theile
des Giftapparates beschreiben werden, so dass wir uns
gestehen müssen, dass Swammerdamm sich gewiss
nicht übertrieben ausdrückt, wenn er den Giftapparat als
Anat. u. Physiol. d. Giftapparates b. d. Hymenopteren. 155
^das Wunderwerk der Natur ^', ;,das Kunstwerk des gros-
sen Meisters" bezeichnet. Zugleich geht aus dem Ge-
sagten hervor, dass die Schienenrinne einen dreifachen
Zweck erfüllt, nämlich :
1) dient sie zur Befestigung und zum Schutze des Ap-
parates von der Rückenseite her;
2) lenkt sie die Bewegung der Schieber ;
3) vermöge der Widerhaken, welche sich auf ihrer
Rückenseite vorlinden, befähigt sie das Insekt mit
desto grösserer Kraft und Energie die Schieber in
die Wunde hineinzudrängen.
Wenn w^ir nunmehr die inneren Theile des Giftap-
parates betrachten, d. h. diejenigen, welche unter natür-
lichen Verhältnissen nicht aus dem Hinterleibe des Insek-
tes hervortreten, so unterscheide ich zunächst unter den-
selben zwei sogenannte Seitenwände, von denen die eine
in Fig 20 durch die Buchstaben e, 1, m, k, n, o, r bezeichnet
ist; die andere, ihr vollkommen entsprechende, wird von
jener überdeckt, insofern sie sich auf der entgegenge-
setzten Seite des Stachels befindet; beide Seitenwände sind
jedoch in Fig. 19 auseinandergelegt imd durch dieselben
Buchstaben bezeichnet.
Diese Seitenwände hängen nirgendwo direkt mit
einander zusammen, ausser an ihrem oberen, vorderen
Theile (Fig. 20, r), der nach dem Stachel hin gerichtet ist,
wo sie durch hornige Leisten mit einander in Verbindung
treten. An der Bauchseite des Thieres stehen sie winklis?
o
von einander ab, so dass sie also eine Höhle bilden, wel~
che auf der Seite, die dem Stachel zugekehrt ist, durch
eine dünne, den Rändern der Seitenwände angewachsene
Haut geschlossen wird. Dieser Haut (welche in Fig. 20
nicht zu sehen, in Fig. 19 der Deutlichkeit halber wegge-
lassen ist) ist jener gabelbeinförmige Horntheil (Fig. 16 n-
Fig. 12, b), der zur Schienenrinne gehört, aufgewachsen,
und auf diese Weise wird letztere mit den inneren Theilen
des Giftapparates verbunden. Wenn der Stachel ruht,
liegt der gabelbeinförmige Horntheil dem Buckel der
Schienenrinne auf; sticht das Insekt jedoch, und wird der
Stachel aus dem Körper hervorgeschnellt, so tritt er
156 Fenger:
vermöge semer Befestigung und Elasticität vom Buckel
der Schienenrinne zurück. Indem nun die beiden Seiten-
■wände nach unten winklig auseinander st-elien, kann der
Buckel der Schienenrinne in die durch sie gebildete Höhle
zurückgezogen werden^ Ts^enn die Seitenwände selber sich
nach dem Stachel zu herüberlegen^ wie dies vermöge der
Biegung und Elasticität der Schienenfortsätze (Fig. 16, m, b)
bei der natürlichen Lage des Giftapparates der Fall ist.
An der entgegengesetzten Seite, w^elche dem Kopfe des
Thieres zugewandt ist, wird die Höhle der Seitenwände
nicht, wie in der eben besprochenen Weise, durch eine
eigentliche Membran geschlossen, sondern hier ist die
Oeffnung mit einer weichen, schwammigen Fettmasse
ausgefüllt, welche ausserdem die Seitenwände von Innen
überzieht.
Jede Seitenwand wird gebildet aus einer weissgel-
ben, sehr festen und fast hornartigen Membran, die nach
Aussen hin convex gewölbt ist (in Fig. 19 und 20 ist sie
hell schattirt) ; sie besteht zudem aus zwei getrennten
Hälften, von denen die eine, untere (Fig. 20, 1, k, m) dem
Bauche des Insektes zunächst liegt, die andere, obere
(Fig. 20, n, o) gegen den Rücken des Thieres hin gewendet
ist; letztere schiebt sich in der natürlichen Lage etwas
über erstere hin und ist mit derselben durch eine schmale
Membran verbunden, w-elche sich an die Hornstreifen m
und o Fig. 20 ansetzt. Der hornartigen Membran der
Seitenwände sind von Aussen mehrere verdickte, braune
und verschieden gestaltete Hornstreifen aufgewachsen, von
denen einzelne (Fig. 20 und 19, 1, k, m) zu der unteren
Hälfte der Seitenwand gehören, andere (Fig. 19u. 20,n, o)
auf die obere Hälfte zu beziehen sind. Derjenige Horn-
streifen, welcher der Basis der Schienenrinne zunächst
liegt (Fig. 19 u. 20, k), ist fast bogenförmig gekrümmt;
er bildet den unteren Rand der unteren Hälfte der Sci-
tenwand und läuft nach, dem Stachel zu fast in einen Horn-
faden aus, "während er in entgegengesetzter Richtung
einen Hornzweig (Fig. 19 und 20, 1) entsendet , der mit
dem Schienenfortsatze der Schienenrinne in Verbindung
tritt. Dieser letztere Hornzweig ist ziemlich fest gebaut
Anat. u. Physiol. d. Giftapparates b. d. Hymenopteren. 157
und für den Mechanismus des Giftapparates insofern von
der grössten Wichtigkeit^ als er bei der Bewegung der
Schieber eine Stütze bildet für die Schienenfortsätze.
Desshalb nenne ich ihn wohl nicht unpassend „das Stütz-
bein^. An derselben Stelle^ wo der Hornstreifen (k) das
Stützbein entsendet, steht er noch mit einem anderen
Hornstreifen (Fig. 19 und 20, m, der hier punktirt ist,
w^eil er von der oberen Hälfte .der Seitenwand bedeckt
wirdj in Verbindung , der die untere Wandhälfte nach
oben abgrenzt. Zur oberen Wandhälfte gehören zwei
Hornstreifen (Fig. 19 und 20, o, n), welche ebenfalls zur
Begrenzung und Befestigung derselben dienen. Die bei-
den Hälften der Seitenwand stehen nun ausser durch
jene Membran, die sich, wie bereits erwähnt wurde, an
die Hornstreifen m und o ansetzt, noch durch ein sehr
wichtiges Hornbeinchen (Fig. 19 und 20, e) mit einander
in Verbindung, welches seinerseits mit dem äussersten
Ende des Schiebers verwachsen ist und zu letzterem gehört
(Fig.l, e). Dieses Hornbeinchen ist das festeste und stärkste
von allen in der Seitenw^and und biegt sich an seinem einen
Ende in zwei sehr kurze, abgerundete Ecken aus, von denen
die innere durch eine häutige Commissur mit den Hornstrei-
fen der oberen Wandhälfte in "Verbindung tritt (Fig. 19
und 20, h), während die andere auf dieselbe Weise mit
den Hornstreifen der unteren Wandhälfte im Zusammen-
hange steht (Fig. 19 und 20, i). Das Stützbein und jenes
Hornbeinchen, von welchem zuletzt die Rede w^ar, sind
für den Mechanismus des Giftapparates die wichtigsten
von allen Horntheilen der Seitenwand. Auf jenes stützt
sich gleichsam der Schienenfortsatz; dieses befestigt nicht
nur den Schieber an die Seitenwände, sondern vermittelt
und lenkt auch seine Bewegungen und bewirkt, dass
derselbe nicht von der Schiene abweiche und zu weit
beim Stechen vorschreite.
Die andere Seitenwand (welche in Fig. 19 rechts
vom Stachel zu sehen ist) ist genau ebenso zusammen-
gesetzt, wae diejenige, von der wir eben gesprochen
haben.
Ausserdem hängt mit den Seitenwänden an derjeni-
158 Fenger:
gen Stelle^ wo sie mit einander verwachsen sind (Fig. 20^r)
eine weisse^ fettartige^ nacli oben gewölbte Membran zu-
sammen (Fig. 19 und 20^ q; in ersterer Figur ausgebrei-
tet). Diese Membran ist an ihrer Aussenseite mit zerstreu-
ten kvirzen Haaren besetzt und hat den Zweck, den Stachel,
wenn er in den Körper des Insektes zurückgezogen ist,
von oben her zu decken, damit nicht durch Druck andere,
zarte Organe des Thieres verletzt werden. Sehr merk-
würdig ist es, dass weder von S warn m er dämm, noch
von irgend einem anderen Anatomen jene Membran er-
wähnt wird.
Bemerkenswerth sind noch zwei gleichgestaltete,
hautartige Gebilde (Fig. 19 und 20, p) , welche mit den
Hornstreifen der unteren Wandhälfte in Verbindung ste-
hen und nach der Spitze des Stachels lün gerichtet sind.
S w a m m e r d a m m hat dieselben ebenfalls aufgefunden,
weiss jedoch nicht, wozu sie bestimmt sind, sondern
glaubt, dass sie dem Giftapparate zur blossen Zierde ge-
reichen *). Es bedarf jedoch keines Beweises, dass eine
solche Deutung zu verwerfen ist, da kein Theil des Or-
ganismus bloss zum Schmucke geschaffen ist, sondern
jedes Theilchen desselben seinen ganz bestimmten Zweck
hat, wenn auch unsere Kurzsichtigkeit denselben nicht
aufzufinden vermag.
Jene in Rede stehenden, eigenthümlichen Gebilde
stehen an ihrer Basis, wo sie mit den Hornstreifen der
unteren Wandhälfte zusammenhangen, etwas von einander
entfernt. Sie bestehen ans einer weichen Haut, welche
in Wasser oder Balsam leicht aufgelöst wird, und die mit
vereinzelten, langen, ästig verzweigten Haaren besetzt ist ;
letztere entspringen aus kleinen runden Grübchen. Dabei
haben jene Gebilde die Gestalt einer spitz zulaufenden,
lang gezogenen Hülle, welche an der dem Stachel zuge-
kehrten Seite geöffnet ersclieint (Fig. 19 und 20, wo ihre
Ränder durch Punkte angedeutet sind ; Fig. 27, wo p die
äussere, a die innere Oberfläche bezeichnet). Wenn der
•"■) Diese Ansicht findet man bei der Erklärung seiner Figuren
ausgesprochen unter der Rubrik q.
Anat. u. Physiol. d. Giftapparates b. d. Hymenopteren. 159
Stachel in den Hinterleib zurückgezogen wird^ so legen
sich jene Gebilde rechts und links den Seiten desselben
an, so dass sie den Stachel bis zu seiner Spitze hin ganz
einhüllen. Auf diese Weise verhindern sie^ dass das In-
sekt sich durch die Widerhaken^ welche die Seiten der
Schienenrinne etwas überragen, an seinen inneren Theilen
verletze. Wegen dieses Schutzes, den sie dem Thiere
gewähren , nenne ich sie wohl nicht unpassend ,, Hüll-
schuppen" *).
Die Seitenwände werden in ihrer natürlichen Lage
durch gewisse Muskeln erhalten, welche dieselben mit
den Seiten des Hinterleibes verbinden und den bereits
besprochenen Hornstreifen angewachsen sind. Ausser
diesen expandircnden Muskeln findet man noch andere,
welche die Seitenwände beim Stechen gQ^^n einander
ziehen. Zu diesen Muskeln, welche unmittelbar bei der
Bewegung des Stachels thätig sind, gehören besonders
zwei, die einerseits der Basis der Schienenrinne ange-
wachsen sind, andererseits mit jenem Hornbeinchen in
Verbindung treten, das die beiden Hälften der Seiten-
wände mit einander vereinigt und dem Schieber angehört
(Fig. 19 und 20, e). Wenn letztere Muskeln sich zusam-
menziehen, drängt jenes Hornbeinchen den Schieber über
die Spitze des Stachels hinaus, wesshalb ich es wohl
zweckmässig „Treibbein" nennen kann. Durch diese Be-
wegung der Schieber, Avelche sich auch den S-förmig
gekrümmten Schienenfortsätzen anlegen, würde an der
Stelle, wo letztere sich am stärksten ausbiegen, eine be-
trächtliche Eeibung hervorgerufen werden, wenn dies nicht
eben jene kurzen Borsten verhinderten, welche sich un-
mittelbar unter der Schiene an den Schienenfortsätzen
vorfinden, und über welche die Schieber bei ihrer Bewe-
gung hinweggehen (Fig. 7, k; Fig. 16, k).
Die verschiedenen Hornstreifen der Seitenlage wech-
seln bei den verschiedenen Species der Hymenopteren
*) Sie haben die grösste Aehnlichkeit in der Gestalt und den-
selben Zweck, wie die sogenannten Blüthenspelzen in der Familie
der Gräser.
IGO Fenger:
sowohl in Bezug auf ihr Vorkommen als in ihrer Gestalt ;
das Treib- und Stützbein jedoch werden überall^ und zwar
stets in derselben Form vorgefunden.
Es erübrigt nunmehr noch die Beschreibung derje-
nigen inneren Theile des Giftapparates zu geben^ welche
das Gift bereiten, aufsammeln und in den Stachel über-
führen. Alle diese verschiedenen Theile liegen in der
Höhle^ welche durch die Seitenwände gebildet wird, ver-
borgen, und können bei Anwendung von Vorsicht aus
derselben hervorgeholt werden; sie sind dargestellt in
Fig. 19 durch r, s, t, u, v. Derjenige Theil, in welchem
das Gift bereitet wird, stellt bei der Honigbiene einen
langen, dünnen, verworrenen Schlauch dar (t), welcher
sich an seinem Ende in zwei kleine Schläuche theilt (u, v) ;
er besteht aus einer weissen, drüsigen Masse (Fig. 28, a)
die leicht aufgelöst und entfernt werden kann, und in
der sich ein durchsichtiges, häutiges, überaus feines
Röhrchen von sehr grosser Festigkeit befindet (Fig. 28, b).
In jener drüsigen Masse wird das Gift zubereitet und
gelangt dann wahrscheinlich auf endosmotischem Wege
in jenes feine Haarröhrchen. Die kurzen Aeste des Drü-
senschlauches (u, v) sind an ihrem Ende geschlossen und
keulenförmig verdickt. Die Windungen des Giftschlau-
ches sind bei der Honigbiene nicht, wie Swammer-
damm angiebt, durch Fett und Tracheenverzweigungen
fest mit einander verbunden, sondern liegen ganz frei in
der Höhle der Seitenwände. Ausserdem berichten die
Anatomen bisher unrichtig über die Länge des eigentlichen
Giftschlauches im Verhältnisse zu seinen Verzweigungen,
indem sie behaupten, dass die Verzweigungen sehr lang
seien und sich in einen kurzen Hauptschlauch vereinig-
ten, während doch gerade das Umgekehrte der Fall ist.
Der Giftschlauch geht über in die Giftblase, welche
bei der Biene eine birnförmige Gestalt besitzt, weiss und
fast durchsichtig ist. Die Membran dieser Giftblase zeich-
net sich durch eine solche Festigkeit aus, dass sie beim
Hin- und Herzerren mit Stahlnadeln nur mit beträchtli-
cher Mühe zerrissen werden kann. Wenn wir dieselbe
bei starker Vergrösserung betrachten, so sehen wir, dass
Anat. u. Physiol. d. Giftapparates b, d. Hymenopteren. 161
sie von unzähligen mit einander vielfacli anastomosiren-
den^ dunklen Aederclien durchzogen ist, welche wahr-
scheinlich für Gefässe zu halten sind.
Die Giftblase selbst besteht aus zwei Membranen,
aus einer inneren, glatten, überaus starken und durchsich-
tigen, und aus einer äusseren, muskulösen mit vielen dicht
gedrängten und zwischen einander geschobenen Quer-
streifen, welche auf derjenigen Hälfte der Blase, die dem
Stachel zunächst liegt (Fig. 19 bis zum Buchstaben s),
breiter sind, als auf der anderen, wo sie eine fadenförmige
Gestalt annehmen und nicht so dicht in einander gescho-
ben erscheinen. Durch diese muskulöse Struktur wird
die ausnehmende Festigkeit der Giftblase bedingt, so dass
dieselbe, selbst wenn sie ganz mit Gift angefüllt ist und
mit grosser Kraft contrahirt wird, keine Gefahr leidet zu
zerspringen. Swammerdamm, der wie die übrigen
Anatomen diese doppelte Wandung der Giftblase über-
sehen hat, behauptet, dass sich um die Blase in ihrer
Mitte ein grosser Muskel lege, den ich jedoch nie vorge-
funden habe.
Durch die Contraktionen der Giftblase wird nun das
Gift in den Stachel getrieben und gelangt sodann durch
diesen in die Wunde. Die Giftblase nämlich geht an
ihrem engeren Theile in eine halsförmige Verlängerung
aus (Fig. 19, r), die in die Schienenrinne eintritt. Dieser
halsförmige Theil der Blase ist in der Mitte etwas ange-
schwollen und zeigt ganz dieselbe muskulöse BeschafFen-
heft, wie letztere; er hängt so fest mit der Schienenrinne
zusammen, dass, wenn man die Giftblase erfasst und auf
diese Weise den Giftapparat aus dem Körper des Thie-
res herauszuziehen versucht, dies völlig gelingt, ohne
dass der Hals der Blase von der Schienenrinne losreisst.
Die Gewalt, mit welcher auf diese Weise der Giftapparat
aus dem Hinterleibe hervorgezogen wird, ist eine ganz
bedeutende, insofern derselbe nicht frei im Körper des
Thieres liegt, sondern durch Muskeln an die Hinterleibs-
segmente befestigt ist. Swammerdamm "war wohl der
Erste, welcher auf diese W^eise die ausserordentliche Fe-
stigkeit der häutigen Theile des Giftapparates erprobte.
Archiv f. Naturg. XXIX. Jahrg. 1. Bd. 11
162 Fenger:
Seinen Versuch habe ich bei meinen Untersnchnngen
oftmals wiederholt und stets mit demselben Erfolge, so
dass ich seine Angabe vollkommen bestätigen kann.
Ausserdem habe ich die Stärke und den festen Zusam-
menhang der übrigen Theile des Stachels noch auf die
Weise erprobt, dass ich den ganzen Giftapparat der Biene
vermittelst des Stachels oftmals aus dem Körper hervor-
gezogen habe, ohne dass jemals auch nur ein Theilchen
desselben im Hinterleibe zurückgeblieben wäre.
Durch diese beiden sich gegenseitig ergänzenden
Versuche ist hinreichend bewiesen, welche Stärke und
welcher feste Zusammenhang die einzelnen Theile des
Giftapparates auszeichnet. Dass diese Eigenschaften für
den Mechanismus des Apparates unumgänglich nothwen-
dig sind, sieht' man sofort ein, wenn man berücksichtigt,
wie sehr die einzelnen Theile beim Stechen zusammen-
gezogen und ausgedehnt werden, und welchen Aufwand
von Kraft es dem Thiere kostet, eine Wunde hervorzu-
bringen. Der Giftapparat der Hymenopteren ist also
nicht allein wegen seiner kunstvollen Einrichtung, son-
dern auch wegen seiner Stärke und des festen Zusam-
menhanges seiner Theile ein höchst merkwürdiges Organ
des Thierkörpers.
Die Vortrefflichkeit des in Rede stehenden Appara-
tes wird vollends hervortreten, wenn wir nunmehr den
Mechanismus desselben auseinandersetzen. Zu diesem
Zwecke denken wir uns den ganzen Apparat in Ruhe
versetzt, so dass also die Seitenwände, welche die häuti-
gen Theile umhüllen, über den Stachel theilweise her-
überhängen und der Buckel der Schienenrinne in die
durch sie gebildete Höhle zurückgetreten ist, während
der übrige Theil des Stachels von den Hüllschuppen be-
deckt wird (welche Lage Fig. 20 andeutet). In dieser
Lage biegt sich der hintere Theil des Schiebers (Fig. 1,
von c — e), welcher über die Schienenrinne hinausragt und
den Schienenfortsätzen aufliegt (Fig. 20, von m bis e),
wie letztere nach oben, wodurch die Spitzen der Schie-
ber in die Schienenrinne zurückgezogen werden (Fig. 11).
Nunmehr werde die Biene gereizt und beginne zu stechen.
Anat. u. Physiol. d. Griftapparates b. d. Hymenopteren. 163
Die Muskeln; durch welche die Seitenwände miteinander
zusammenhängen, contrahiren sich, und die Folge dieser
Contraktion ist, dass der Buckel der Schienenrinne aus
der Höhle der Seitenwände und gleichzeitig der Stachel
ausd em Hinterleibe hervortreten. Diese Contraktionen der
Muskeln, welche von den Seiten des Körpers nach seiner
Mitte gerichtet sind, kann man auch ausserhalb am leben-
den Thiere beobachten. Insofern nämlich die inneren
Theile des Giftapparates mit den Seiten des Hinterleibes
zusammenhängen, müssen letztere jenen Contraktionen
in derselben Richtung folgen. Man sieht desshalb, dass
sich der Hinterleib der Biene, wenn sie sticht, seitlich
zusammenzieht.
Gleichzeitig wird auch die Giftblase contrahirt und
das Gift aus derselben durch die halsförmlge Verlänge-
rung in den Stachel hineingedrängt. Während nun die
Contraktionen der Giftblase anhalten, muss dieselbe an der
Stelle, wo der Giftdrüsenschlauch in sie einmündet, ver-
schlossen sein, damit das Gift nicht theilweise wieder in
jenen Schlauch zurücktrete. Auf welche Weise dieser
Verschluss bewerkstelligt wird, ob durch eine Klappe,
oder auf irgend eine andere Art, kann ich nicht be-
stimmen *).
So gelangt also das Gift bis in den Buckel der
Schienenrinne. Wie aber der Hals der Giftblase sich
innerhalb des Buckels endet, und auf welchem Wege das
Gift durch den Stachel w^eiter geführt wird, das sind
Fragen, welche man bisher unrichtig beantwortet hat.
Swammerdamm, auf dessen Autorität sich die übri-
gen Anatomen auch in diesem Punkte stützen, sagt hier-
über Folgendes **): „Aus diesem Bläschen (er meint
nämlich die Giftblase) geht ein dünnes Röhrchen nach
dem Köcher hin, schlägt zwischen die zwei von einander
stehenden Schenkel des Stachels ein und endigt sich in
dem dicksten Theile des Köchers. Durch diesen Weg
*) In den bisherigen Beschreibungen des Giftapparates habe
ich nichts über einen solchen Verschluss vorgefunden.
**) Bibel der Natur p. 184.
164 Fenger:
läuft das Gift aus dem Bläschen durch den Köcher nach
dem Stachel zu und aus der Höhle des Köchers des
Stachels geht es, wenn die Biene sticht/ zwischen ihren
beiden Schenkeln hin auf die Wunde zu, die der Stachel
macht und drängt sich in selbige hinein.'^ Swammer-
damm glaubt also, dass der Hals der Giftblase zwischen
den Schiebern in die Schienenrinne eintrete, und dass
das Gift durch diese hindurch in die Wunde fliesse.
Doch dies ist unrichtig.
Erstens nämlich, wenn die Ansicht Swammer-
damm's über den W^eg des Giftes die richtige wäre,
würde durch den ziemlich weiten Kanal der Schienen-
rinne mehr Gift ausfiiessen als nothwendig wäre ; aber eine
solche Verschwendung ist naturwidrig. Sodann würde das
Gift, wenn es -ai!if jene Weise ausflösse, schwerlich bis
zur Spitze der Schienenrinne gelangen, da dieselbe an
ihrer unteren Seite der ganzen Länge nach geöffnet ist;
das Gift würde vielmehr vermöge seiner eignen Schwere
•und der Attraktion der Schienenrinnenwände auf seinem
Wege aufgehalten werden.
Die Erklärung der Anatomen über den Weg des
Giftes ist desshalb entstanden, weil man bei der Ansicht,
die Schieber seien solide, keinen anderen Ausfluss für das-
selbe auffinden konnte, als durch den Kanal der Schie-
nenrinne. Diese Vorstellung rief natürlich auch die Er-
klärung hervor, dass die Schienenrinne an ihrer Oberseite
offen sei, während sie in Wirklichkeit ihre Oeffnung nach
Tinten kehrt. Swammerdamm fühlt jedoch selber, wie
unwahrscheinlich seine Angabe sei; denn er fährt fort:
„Ist die Angel (Schieber) über den Köcher hinausgescho-
ben und die Biene lässt dann das Gift aus, so geht das-
selbe nicht weiter als der Köcher geht, es wäre dann,
dass die Angel selbst vom Gifte befeuchtet würde." Aber,
selbst wenn sich dies so verhielte , so würde das Gift,
nachdem es zu den Spitzen der Schieber, welche die
Schienenrinne weit überragen , gelangt w^äre, fast alle
Wirkung verloren haben. Das Bienengift besitzt nämlich
die Swammerdamm schon bekannte Eigenschaft, dass
es, sobald es an die atmosphärische Luft gelangt, gerinnt.
Anat. u. Physiol. d. Giftapparates b. d. Hymenopteren. 165
Wenn also das Gift durch die ganze offene Schienenrinne
hindurch dem Einflüsse der Luft ausgesetzt wäre , so
würde jene Veränderung in seinem Aggregatzustande
bereits eingetreten sein, ehe es zur Spitze des Kanales
hingelangte. Es würde also in seinem geronnenen Zu-
stande auf seinem Wege aufgehalten werden ; der Kanal
der Schienenrinne würde sich nach und nach mit geron-
nenem Gifte anfüllen, und das flüssige, nachströmende
Gift würde nicht mehr in die Wunde gelangen können.
Jene Eigenschaft des Giftes also spricht besonders gegen
die Ansichts S wammerdamm's über den Weg, den
es durch den Stachel nehmen soll.
Endlich möge man bedenken, wie oft nicht eine
gereizte Biene ihren Stachel hervorstreckt, ohne wirklich
stechen zu können. Bei solchen Versuchen habe ich stets
beobachtet, dass ein Theil des Giftes durch den Stachel
ausfliesst. Dieses Gift, welches in keine Wunde eindrin-
gen kann, würde in erstarrtem Zustande in dem Kanäle
der Schienenrinne zurückbleiben und denselben bald aus-
füllen. Eine solche Biene könnte also ihr Gift beim
wirklichen Stechen nicht mehr in die Wunde ergiessen,
da dasselbe durch jenen geronnenen Theil am Weiter-
fliessen gehindert wäre ; es würde somit für ein solches
Thier unmöglich sein, eine Geschwulst hervorzurufen,
wie sie nur durch das in die Wunde eingedrungene Gift
erzeugt wird. Doch durch den Versuch habe ich gefun-
den, dass dies unter den erwähnten Verhältnissen den-
noch der Fall ist. Ich reizte nämlich eine Biene, die ich
mit den Flügeln erfasst hatte, wiederholt vermittelst einer
Nadel, so dass sie fortwährend ihren Stachel hervor-
streckte und zu stechen versuchte. Bei diesem Versuche
bemerkte ich, dass bei jedem Hervorstrecken des Stachels
ein Tropfen Gift an der Spitze der Schieber haftete.
Nachdem ich dies nun eine Zeit lang gethan hatte, liess
ich die Biene in meine Hand stechen und wurde hierbei
von demselben Schmerze getroffen, den man unter ge-
wöhnlichen Umständen empfindet, und es entstand auch
in Folge eingedrungenen Giftes ganz dieselbe Geschwulst,
welche zu entstehen pflegt, wenn die Biene ohne Wei-
166 Fenger:
teres sticht. Durch jenen Versuch wird also klar darge-
than, dass der Kanal der Schienenrinne beim Stechen
rein gewesen sein muss, was nicht der Fall hätte sein
können, wenn das Gift durch denselben ausgeflossen wäre.
Alle diese Umstände gelten als gewichtige Beweise
gegen die Ansicht, welche man bisher über den Weg
des Giftes festgehalten hat. In jener Ansicht liegt eine
UnZweckmässigkeit, welche sich mit der kunstvollen, ja
bewunderungswürdigen Einrichtung des ganzen Apparates
nicht vereinigen lässt. i <^
Doch der Weg, welchen das Gift durch den Stachel
nimmt, ist ein ganz anderer. Es wird nicht durch den
Kanal der Schienenrinne geführt, sondern fliesst durch
die Schieber selber und zwar durch die weitere Röhre
derselben (Fig. 1^ i) aus. Auf diesem Wege kommt das
Gift durchaus nicht mit der Luft in Berührung; es ge-
langt unverdorben in die W^unde, und alle jene Uebel-
stände, welche sich bei Festhaltung der früheren An-
schauungsweise einstellten, fallen weg. Eine geringere
Menge des Giftes fliesst aus, aber dennoch so viel, als
nothwendig ist, um den Zweck des Stechens zu errei-
chen; nichts geht von demselben verloren, sondern, was
nicht zur Wunde verbraucht wird, bleibt unversehrt und
unverdorben zurück.
Dass das Gift aber wirklich durch die Schieber aus-
fliesse, kann man an der lebenden Biene unter demYer-
grösserungsglase erkennen, insofern sich nirgendwo am
Stachel ausser an der Spitze der Schieber, welche über das
Ende der Schienenrinne hinausgeschoben sind, Gift zeigt.
Es muss sich also auch der Hals der Giftblase in-
nerhalb des Buckels der Schienenrinne in zwei Arme
theilen, welche in die weitere Röhre der Schieber ein-
treten. Obgleich ich schon anfangs, nachdem ich den
wahren Bau des Stachels erkannt hatte, eine solche Thei-
lung des Giftblasenhalses innerhalb des Buckels der Schie-
nenrinne vermuthete, so überzeugte ich mich doch erst
später von der Richtigkeit meiner Ansicht. Indem ich
nämlich sowohl bei der Honigbiene als bei der Hummel
den Buckel der Schicaenrinne in zwei Hälften theilte,
Anat. u. Physiol. d. Giftapparates b. d. Hymenopteren. 167
um die Endignng des Giftblasenhalses genauer zu unter-
suchen^ fand ich zu meiner Freude der Innenwand jeder
Hälfte jene vermutheten Arme des Halses aufliegen; diese
Arme verzweigten sich selber wiederum vielfach^ und diese
Nebenverzweiguügen standen meist mit einander in Ver-
bindung (Fig. 24^ a). Indem ich nun meine Aufmerksam-
keit auch auf das Innere der weiteren Röhre des Schie-
bers hinlenkte^ fand ich auch in dieser Stücke von jenen
Armen, welche sich in Windungen gegQri- die Spitze hin-
zogen (Fig. 1, m). Die Arme des Giftblasenhalses treten
wahrscheinlich da in die Röhre des Schiebers ein, wo
dieselbe anfängt enger zu werden und sich in einer Spalte
öffnet (Fig. 1 beib; Fig. 4) *). Dass jene Verzweigungen
wirklich zu der Giftblase gehören, beweist aufs Unzwei-
deutigste ihre Struktur, insofern sie dieselbe muskulöse
Membran mit denselben Querstreifen besitzen, durch
welche sich diese auszeichnet. Durch die Arme des
Giftblasenhalses fliesst also das Gift in die Schieber
hinein und aus diesen gelangt es durch eine kleine, vor
ihrer Spitze befindliche, seitliche Oeffnung in die Wunde
(Fig.l,a).
Es bleibt uns nunmehr noch in Bezug auf den Me-
chanismus des Giftapparates übrig zu erklären, wesshalb
die Schieberspitzen ungleichmässig vom Ende der Schie-
nenrinne abstehen. In dem Vorhergehenden haben wir
bereits bemerkt, dass dies nicht durch eine verschiedene
Länge der Schieber hervorgerufen werde, sondern da-
durch, dass die beiden Schienenfortsätze ungleich weit in
den Hinterleib hineinragen (Fig. 16). Der linke Schieber,
welcher von der Spitze der Schienenrinne am weitesten
zurücksteht, tritt auch am weitesten in den Körper des
Thieres vor; das Umgekehrte gilt für den rechten Schie-
ber. Diese eigenthümliche Bauart der Schienenfortsätze
*) Vielleicht dient der eigenthümliche Fortsatz der Schiebers
(Fig. 1, b), der sich in den Kanal der Schienenrinne hinabsenkt,
dazu, diese Arme des Giftblasenhalses in nöthiger Entfernung von
einander zu halten.
168 Fenger:
ist nicht etwa als Irregularität zu betrachten, sondern sie
findet sich bei allen Hymenopteren, welche einen Stachel
besitzen, und sie muss desshalb auch einen ganz bestimm-
ten Zweck haben. Obgleich nämlich, wenn die Biene zu
stechen beginnt, durch die Contraktion derjenigen Mus-
keln, welche sowohl der Basis der Schienenrinne als dem
Treibbeine angewachsen sind, beide Schieber gleichzeitig
vorgeschnellt werden, so gelangt doch der rechte, dessen
Spitze dem Ende der Schienenrinne zunächst liegt, eher
auf dem zu verwundenden Gegenstande an, als der linke,
und jener ist bereits in denselben eingedrungen, wenn
dieser erst aufgesetzt wird.
Sodann strebt die Biene den rechten Schieber, der
bereits in den zu verwundenden Gegenstand eingedrun-
gen ist, wieder herauszuziehen; dies gelingt ihr jedoch
nicht mehr, insofern derselbe vermöge seiner Widerhaken
sich in der Wunde festgesetzt hat. Nunmehr drängt sie
den linken Schieber vor und zwar vermag sie dies mit
um so grösserer Gewalt zu thun, als der rechte festsitzende
ihr gleichsam als Stütze dient. Nachdem der linke Schie-
ber an dem rechten vorbei noch tiefer als dieser, in die
Wunde eingedrungen ist, will das Insekt auch diesen
wieder hervorziehen; aber dies geht ebenfalls aus schon
bekanntem Grunde nicht mehr an. Auf diese Weise drängt
das Thier abwechselnd die beiden Schieber vor und macht
dadurch die Wunde stots tiefer und tiefer. Dieses Tie-
ferbohren der Wunde ist nur durch die ungleiche Auf-
hängung der Schieber im Hinterleibe, wenn ich mich so
ausdrücken darf, ermöglicht. Denn, wären die Schieber
in dem Körper gleichmässig aufgehangen, so würden
auch ihre Spitzen gleichweit vom Ende der Schieneminne
abstehen; sie würden gleichzeitig dem zu verwundenden
Gegenstande aufgesetzt, gleichzeitig in denselben hinein-
getrieben werden, und es wäre nicht möglich, dass die
Biene mit solcher Gewalt und Energie die Wunde tiefer
machen könnte, wie sie dies wirklich dadurch vermag,
dass der eine Schieber dem anderen den Weg öffnet und
der eine sich auf den anderen gleichsam stützt. Diese
Wirkung der Schieber wird ausserdem noch dadurch ge-
Anat. u. Püysiol. d. Giftapparates b. d. Hymenopteren. 169
fördert, dass auch die Schienenrinne vermöge ihrer Wi-
derhaken sich in der Wunde festsetzt.
Diese verschiedenen Contraktionen der Muskeln,
durch welche einestheils der Stachel aus dem Hinterleibe
her vorgeschnellt wird, anderntheils die Schieber vorwärts
bewegt werden, kann man an dem aus dem Körper her-
vorgezogenen Giftapparate in der Weise nachahmen, dass
man sowohl die Seitenwände gegen einander drückt, als
auch die Treibbeine gegen die Spitze des Stachels hin-
bewegt.
Wenn der Schieber vorwärts gedrängt wird, gleitet
das Treibbein mit seinem unteren Theile an dem Stütz-
beine vorbei, so dass die beiden letzt genannten Hörn-
leisten sich kreuzen.
Nachdem nun die Biene ihren Stachel, so weit es
ihr nur möglich war, in die Wunde hineingetrieben hat,
dann strebt sie mit aller Gewalt denselben wieder her-
vorzuziehen. Aber vergebens. Der Stachel hängt mit
26 Haken in der Wunde fest, und je mehr das Thier
sich anstrengt, denselben auszulösen, um so fester setzen
sich die Haken in den verwundeten Gegenstand ein. Die
Folge von dieser Anstrengung ist, dass die Muskeln,
welche den Giftapparat an die Seiten des Hinterleibes
befestigen, zerreissen. Wenn nun der Stachel nicht so
fest mit den inneren Theilen des Apparates zusammen-
hinge, so würde er allein sich von diesen trennen und
in der Wunde zurückbleiben, aber wegen des festen Zu-
sammenhanges aller Theile unter einander wird der ganze
Giftapparat aus dem Körper hervorgezogen. Ja sogar
der Darm mit den Rudimenten der Eierstöcke (j), selbst
der Magen des Thieres folgen dem Zuge des Giftappa-
rates, insofern diese Organe mit letzteren im Zusammen-
hange stehen. Die unausbleibliche Folge hiervon ist na-
türlich der Tod des Insektes.
S w a m m e r d a mm glaubt, dass der aus dem Körper
des Thieres herausgerissene und in der Wunde festsitzende
Giftapparat noch immer tiefer in dieselbe eindringe, und
vergleicht denselben desshalb mit einem Otterkopfe, der
ebenfalls vom Körper abgeschnitten noch zu beissen
170 Fenger:
strebe. Obgleich ich weit entfernt bin, eine solche Wir-
kung der Muskeln nach ihrer Trennung vom Organismus
zu leugnen, wie ich sie selber an einem • ausgenommenen
Froschherzen lange Zeit hindurch bemerkt habe, so muss
ich doch gerechten Zw^eifel in eine solche Thatsache
beim Giftapparate setzen. Die Kraft, welche erfordert
wird, die Schieber in die Wunde einzudrängen, ist doch
eine zu bedeutende, als dass sie von den abgerissenen
Muskeln hervorgebracht werden könnte. Zwar fühlt man
in jenem Theile des Fleisches, wo der Stachel eingedrun-
gen ist, lange nachher noch einen stechenden Schmerz;
aber dieser Schmerz wird nicht, wie ich glaube, durch
die weiter vordringenden Schieber verursacht, sondern
man empfindet ihn überhaupt so lange, als der Giftapparat
in der Wunde stecken bleibt. Wenn man von diesem
Schmerze befreit sein will, so muss man den Giftapparat
unmittelbar vor seinen inneren Theilen erfassen und vor-
sichtig aus der Wunde hervorziehen,
11. Das Wichtigste über den Giftapparat der Bienenkönigin.
Wenngleich der Giftapparat der Bienenkönigin in
Bezug auf den Bau und die Anordnung des Ganzen we-
sentlich derselbe ist, wie derjenige der Neutra, so unter-
scheidet er sich doch von diesem auf ganz bestimmte
Weise. Zunächst ist der Stachel der w^eiblichen Biene
nicht gerade, sondern gegen den Rücken des Thieres hin
aufgebogen, wie Swammerdamm angiebt. Ich selber
kann hierüber nichts bestimmen, w^eil ich trotz aller Be-
mühung bisher keine Bienenkönigin erhalten konnte. Doch
scheint mir die Angabe S w a m m e r d a m m's zuverlässig
zu sein, insofern ich dieselbe Gestalt des Stachels auch
bei der Hummel vorgefunden habe. Reaumur bemerkte
dasselbe ebenfalls bei der Hummel *). Diese aufwärts
gebogene Stellung des Stachels soll nach Angabe der
Anatomen mit dem Coitus im Zusammenhange stehen *).
*) Reaumur, p. 28.
**J Brandt und Ratzeburg. Medizinische Zool, Bd. IL p. 203.
Anat. u. Physiol. d. Giftapparates b. d. Hymenopteren. 171
Treviranus 'giebt ferner an , dass die Schieber
der weiblichen Biene mir mit 4 Haken versehen seien *).
Diesem Autor jedoch ist desshalb in seiner Angabe nicht
unbedingtes Zutrauen zu schenken^ weil er sich auch in
der Aufzählung der Widerhaken bei der geschlechtlosen
Biene geirrt hat. Dasjenige, was Swammerdamm
über die Giftdrüsenschläuchc; so wie über die Giftblase
der Bienenkönigin berichtet, ist ebenfalls in Zweifel zu
ziehen, da er über dieselben Theile der Neutra Unrich-
tigkeiten vorbringt.
III. Heber der Giftapparat der Uummei (Bombus terrestris).
Bei dem Giftapparate der Hummel finden wir in
allen Theilen ganz denselben Bau, wie bei der Honigbiene
(Apis mellifica). Indem ich also eine genaue Beschrei-
bung desselben für überflüssig erachte, erwähne ich nur,
dass der Giftapparat der Biene und derjenige der Hum-
mel sich besonders durch die Form der Hornstreifen in
den Seitenwänden unterscheiden. Die Hornstreifen sind
bei der Hummel nicht so fest und so breit, wie bei der
Honigbiene. Jede Seitenwand selbst besteht auch hier
aus zwei Hälften, deren Membran hornartig, fest und
durchsichtig ist.
Die Hüllschuppen sind insofern eigenthümlich ge-
staltet, als sie an ihrer Basis eng sind und gegen die
Spitze hin breiter werden. Ihre Haare sind sehr lang
und ebenfalls ästig verzweigt.
Dass der Stachel der weiblichen Hummel gegen den
Rücken des Thieres aufgebogen ist, habe ich bereits er-
wähnt (Fig. 18). Auf der Schienenrinne fand ich vier
Widerhaken, die zu je zwei in eine Reihe gestellt sind
(Fig. 18, d).
Die Schieber haben natürlich dieselbe aufgebogene
Form wie die Schienenrinne und besitzen bloss viey
Widerhaken ($).
*) Treviranus, p. 227.
172 Fenger:
Jene inneren Theile endlicli, welche das Gift zube-
reiten, aufbewahren und in den Stachel überführen, zei-
gen auch hier dieselbe Gestalt, wie bei der Honigbiene;
die Giefblase fand ich jedoch von vielen Tracheenver-
zweigungen umstrickt, nach deren Entfernung ich be-
merkte, dass sie dieselbe Beschaffenheit der Oberfläche
besitze, wie diejenige der Honigbiene.
IV. lieber den Giftapparat der Wespen (Vespa vulgaris
und Vespa Crabro).
Obgleich der Wespenstachel in allen seinen wesent-
lichen Theilen dieselbe Bauart bekundet, wie der Bienen-
stachel, so unterscheidet er sich doch von letzterem auf
folgende Weise. Zunächst ist die Rückenfläche der Schie-
nenrinne etwas anders gestaltet. Der Buckel derselben
ist in seiner Mitte eingedrückt (Fig. 17, h) ; dann folgt
gegen die Spitze hin eine kleine Erhöhung (i), an welche
sich der verlängerte Theil der Schienenrinne anschliesst.
Diese Vertiefung und Erhöhung der Bückenfläche der
Schienenrinne treten besonders deutlich bei dem Stachel
der Hornisse (Vespa Crabro) hervor (Fig. 17), während
sie nicht so scharf bei der gewöhnlichen Wespe (Vespa
vulgaris) ausgeprägt erscheinen. Ausserdem ist der Sta-
chel der Hornisse an seiner Spitze etwas nach abwärts
gebogen (Fig. 17, k), und weder er, noch derjenige der
gewöhnlichen Wespe besitzt auf der Rückenfläche Wider-
haken. Im Uebrigen ist der Wespenstachel in Hinsicht
seiner Gestalt einem Jagdgewehre durchaus nicht un-
ähnlich.
Das gabelförmige Hornbeinchen, welches der Basis
des Buckels angewachsen ist und den Stachel an die Sei-
tenwände befestigen hilft, läuft an seiner Spitze in einen
kurzen hornigen Fortsatz aus (Fig. 17, c; Fig. 13, c), wel-
cher in die Membran, die die beiden Seitenwände mit
einander verbindet, eingewachsen ist.
Die Schieber besitzen bei der gewöhnlichen Wespe 9,
bei der Hornisse G Widerhaken.
Anat. u. Physiol. d. Giftapparates b. d. Hymenopteren. 173
In Bezug auf seine inneren Theile imtersclieidet sich
der Wespenstachel ebenfalls mehrfach von demjenigen
der Bienen. Zunächst bestehen die Seitenwände^ deren
Membran hornartig^ glatt, glänzend und überaus fest ist,
aus drei verschiedenen Theilen, welche nach Aussen ge-
v^^ölbt erscheinen und sich gegenseitig mit ihren Rändern
theilweise decken (Fig. 21 ; der untere Theil erstreckt
sich von g — f, der mittlere von e — b und der obere von
b — a). Die Wandung eines jeden dieser Theile zeichnet
sich durch dicht gedrängte, sechsseitige Zellen aus, wel-
che oft undeutlich ausgeprägt sind, so dass sie nur ge-
knickte Querlinien darstellen. Ihre Ränder sind hornig
verdickt, braun, sehr fest und entsprechen den Hornstrei-
fen der Seitenlagen bei der Biene. Ausserdem sind der
mittlere und obere Theil der Seitenlagen (Fig. 21, e b
und a b) gegen den Stachel hin mit einander verwachsen,
während die unteren Theile winklig auseinander stehen,
damit der Buckel der Schienenrinne in die Höhle der
Seitenlagen eintreten könne. Der mittlere und obere
Theil der Seitenlage werden noch von besonderen Horn-
streifen durchsetzt, von denen derjenige des oberen Thei-
les in der Mitte seiner Länge mit einem kleinen Horn-
ringe versehen ist (Fig. 21 bei c, der hier jedoch nicht
ausgeprägt erscheint). Das Treibbein ist bei der Wespe
nicht so stark gebaut, wie bei der Biene, und steht mit
dem mittleren Theile der Seitenwand durch Commissuren
in Verbindung (Fig. 21, k).
Zu letzterem Theile der Seitenwände gehört noch
eine dachförmig gestaltete, weisse, sparsam behaarte Mem-
bran (Fig. 21, q), welche den Stachel von oben überdeckt,
und die sich nur durch ihre Form von der entsprechen-
den Vorrichtung bei der Biene unterscheidet.
Die Hüllschuppen sind der Länge des Stachels an-
gemessen und ihre Haare sind nicht verzweigt.
Die Giftblase (Fig. 22a) ist sehr gross, eiförmig und
besteht ebenfalls aus zwei Membranen, von denen die äus-
sere stark muskulös ist Die Muskelbänder, aus denen die
äussere Membran zusammengesetzt ist, zeichnen sich durch
Querlinien aus ; sie gehen von der Mittellinie der Blase, in
174 F enger:
der sie "winklig zusammenstossen^ in schiefer Ricttung ab-
wärts und umhüllen so die ganze Blase^ während sie dem
Halse vollständig fehlen (Fig. 22a^ c). Der Hals besitzt
dieselbe Länge wie die Giftblase^ und seine Membran ist
weiss und durchsichtige wie die innere Haut der Giftblase
selber. S wamm e r damm's Beschreibung von der Gift-
blase der Wespen ist ganz abweichend von der unsrigen.
Ohne hierauf näher einzugehen^ erwähne ich nur als das
Merkwürdigste, dass er von zwei Giftdrüsenschläuchen
spricht, welche er bei den Wespen gefunden haben will,
und die denjenigen der Biene entsprechen sollen *). Auch
C. Th. V. Siebold erwähnt dieselben in seinem Lehr-
buche der vergleichenden Anatomie der wirbellosen Thiere
p. 630 Anmerk. 9. Ich habe diese Schläuche bei keinem
Exemplare trotz aller Aufmerksamkeit auffinden können,
sondern sah st^ts die Giftblase an ihrem Ende geschlos-
sen. Wenn meine Beobachtung nicht auf irgend einem
Fehler beruht, so muss das Gift auf eine andere Weise bei
der Wespe zubereitet werden, als bei der Biene. Ich
bemerkte in dieser Beziehung auf der inneren Membran
der Giftblase, welche sich durch höchst feine Querlinien
auszeichnet (Fig. 22b), vier drüsenartig aussehende Strei-
fen (von denen drei in Fig. 22b zu sehen sind b, d, e),
welche von einem Ende der Blase zum anderen verlau-
fen; ausserdem fand ich im Inneren der Giftblase selber
unmittelbar unter der Spitze eine ganz sonderbare Vor-
richtung , welche gelblichbraun und ebenfalls drüsig er-
scheint und die umgekehrte Gestalt eines Herzens besitzt
(Fig. 22b^ f ; Fig. 22c). Dieses eigenthümliche Organ ist
lederartig anzusehen und von sich verzweigenden feinen
Aederchen durchzogen. Yon diesen drüsigen Theilen
glaube ich, dass das Gift der Wespen abgesondert wdrd.
Diese Behauptung sei jedoch nicht als durchaus zuver-
lässig hingestellt, da, wie gesagt, meine Beobachtung,
wenn sie auch mit der grössten Sorgfalt angestellt wor-
den ist, auf irgend einer Täuschung beruhen kann, und
es wäre desshalb zu wünschen, dass die Anatomen diesem
*) Bibel der Natur, p. 184.
Anat. u. Physiol. d. Giftapparates b. d. Hymenopteren. 175
Gegenstande ihre besondere Aufmerksamkeit zuwendeten.
Im Falle sich durch anderweitige Untersuchungen ein
anderes Resultat herausstellen sollte^ würde es mich
freuen^ hiervon Mittheilung zu erhalten, insofern ich in
nächster Zeit durch eigene Untersuchung auf diesen Ge-
genstand nicht zurückkommen kann.
V. lieber den Oiftapparat der Ameisen.
Was endlich die Ameisen anbelangt, so finden wir
bei allen ($ $) ein Organ, welches in der Art des Gift-
apparates dem Thiere zur Vertheidigung dient. Dieses
Organ besitzt entweder einen einfachen Ausführungsgang
ohne Stachel (wie es bei allen Formiciden *), ausser der
Gattung Poljergum Ltr. **) vorkommt), oder es ist mit
einem Stachel versehen (was der Fall ist bei allen Myr-
miciden***), Poneriden f) und bei der Gattung Polyergum
unter den Formiciden). Dieser Stachel besitzt dieselbe
Zusammensetzimg, wie wir sie bei den übrigen Hyme-
nopteren beschrieben haben. In Bezug auf seine Gestalt
gleicht er besonders dem Stachel der Hummel- und Bie-
nenkönigin, insofern er gegen den Rücken hin aufgebo-
gen ist (Fig. 25). Er unterscheidet sich jedoch von dem-
*) Unter den Formiciden begreift man diejenigen Ameisen,
welche zwischen Brast und Hinterleib ein eingliederiges Stielchen
besitzen, das entweder eine knotenförmige oder aufwärts gerichtete
Schuppe trägt, und deren Hinterleib zwischen dem Iten und 2ten
Segmente keine Einschnürung zeigt,
**) Die Charakteristik der Gatt. Polyergus besteht darin, dass
die Oberkiefer bogenförmig gekrümmt, sehr schmal, zugespitzt und
ohne Zähne sind.
■'•■""■■•) Unter den Myrmiciden begreift man alle Ameisen, welche
zwischen Brust und Hinterleib ein zweigliederiges Stielchen tragen,
dessen jedes Glied knotenförmig verdickt ist.
i) Die Poneriden sind Ameisen, deren Hinterleibstielchen ein-
gliederig ist und eine Schuppe trägt, und bei denen ausserdem der
Hinterleib zwischen dem ersten und zweiten Segmente eingeschnürt
erscheint.
176 Fenger:
selben dadurch, dass die Scliienenrmne nicht in einen
Buckel anschwillt, sondern von der Spitze aus sich nach
und nach regelmässig gegen die Basis hin erweitert. Ferner
ist jene hornige Vorrichtung, welche wir hei der Biene
und Wespe mit dem Gabelheine der Vögel verglichen
haben, bei den Ameisen etwas complicirter gestaltet
(Fig. 25, bb, c, dd; Fig. 14). Zunächst schliessen sich
nämlich an die Basis der Schienenrinne zwei etwas con-
vergirende Hornbeinchen (b, b) an, die sich jedoch nicht,
wie bei der Biene und Wespe in eine Spitze vereinigen,
sondern durch ein horniges Querbeinchen mit einander
verbunden werden (c) ; an letzteres setzt sich nun noch
ein, aus zwei mit einander verwachsenen Stücken beste-
hendes Horntheilchen (dd) an, mit dem die ganze Vor-
richtung schliesst.
Weder auf der Schienenrinne noch an den Schiebern
habe ich Widerhaken gefunden, und man kann es dess-
halb nicht wunderlich linden , dass die Ameisen so oft
stechen können, als sie nur wollen, ohne jemals die üblen
Folgen hervorzurufen , welche die Bienen und Wespen
sofort nach geschehener That ereilen.
Die Giftblase der Ameisen (Fig. 26) ist weiss, sehr
durchsichtig und rund; ihre äussere Membran ist durch
sehr feine, kurze, verschiedenartig gekrümmte und sich
kreuzende Linien ausgezeichnet. Eben so merkwürdig,
wie es bei der Betrachtung der Giftdrüsenschläuche der
Wespen war, dass die Anatomen dort zwei solcher Schläuche
vorgefunden haben wollen, die ich niemals gesehen habe,
ebenso merkwürdig erscheint es, dass sie in Bezug auf
die Ameisen behaupten, diese hätten nur einen Giftdrü-
senschlauch *), während ich derselben stets zwei vorge-
funden habe, welche an verschiedenen Stellen etwas an-
geschwollen sind (Fig. 26, b, d).
Der Hals der Giftblase (Fig. 26, c) ist ebenfalls
insofern eigenthümlich gestaltet, als er an vielen Stellen
*) Leon Dufour, Reclierclies sur les Orthopteres, p. 413.
Ferner C. Th. v. Siebold, Lehrbuch der vergleichenden Anatomie
der wirbellosen Thiere p. G29.
Anat. u. Physiol. d. Giftapparates b. d. Hymenopteren. 177
regelmässig zusammengeschnürt erscheint^ so dass er fast
das Ansehen gewährt^ als bestehe er aus einzelnen anein-
ander gereihten Bläschen.
Diese wären also kurz die Resultate meiner Unter-
suchungen über den Giftapparat der Hymenopteren, ein
Organ, welches gewiss zu den merkwürdigsten des Thier-
organismus gehört, weil es eine solche bewunderungswür-
dige Kunst und Zweckmässigkeit in seinem Baue bekun-
det, dass man sich gestehen muss, kein Theilchen des-
selben hätte die Weisheit des grossen Schöpfers schöner
und zweckdienlicher einrichten können.
Ausser bei den Bienen, Wespen und Ameisen kommt
unter den Hymenopteren noch ein Giftapparat vor bei
den Fossores und Andreniden, welche ich bisher einer
Untersuchung nicht unterwerfen konnte. Ich zweifle
jedoch durchaus nicht, dass auch dieser Apparat mit dem
besprochenen im Wesentlichen übereinstimmt.
Schliesslich fühle ich mich verpflichtet, meinem
Freunde, Herrn Ritterbecks, für die Bereitwilligkeit,
mit der er mir stets in der Beschaffung von Material zur
Seite gestanden hat, öffentlich meinen Dank zu bekunden.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. IX.
Fig. 1. Der rechte Schieber des Stachels von der Honigbiene.
„ 2, 3, 4, 5, 6. Querschnitte an verschiedenen Stellen dieses
Schiebers,
„ 7. Die Schienenrinne des Bienenstachels.
„ 8 und 9. Querschnitte derselben.
„ 10a und IQh. Querschnitte des linken und rechten Schienen-
fortsatzes.
„ 11. Vorderer Theil der Schienenrinne mit aufliegenden Schiebern.
„ 12. Gabelb einförmige Hornbeinchen der Schienenrinne bei der
Honigbiene und Hummel.
„ 13. Dieselben bei der Wespe.
„ 14. Dieselben bei der Ameise.
„ 15. Schienenfortsatz der Wespe.
Arohiv f. Naturg. XXIX. Jahrg. 1. Bd. 12
«
178 Fenger: Anat. u. Physiol. d. Giftapparates b. d, Hymenopt.
Fig. 16. Stacliel der Honigbiene von der Seite gesehen.
17. Derselbe von der Wespe.
18. Derselbe von der Hummelkönigin.
19. Untere Ansicht des Giftapparates von der Honigbiene.
20. Derselbe von der Seite gesehen in seiner natürlichen Lage,
21. Seitenansicht des Giftapparates von der Wespe.
22a. Giftblase der Wespe mit ihrer Muskelhaut.
22l>. Dieselbe ohne äussere Muskelhaut.
22c. Die umgekehrt herzförmige Drüsenmasse im Inneren der-
selben.
23. Querschnitt der Schienenrinne von einem Hornissenstachel.
24. Ansicht der Hälfte des Schienenrinnenbuckels von der
Biene.
25. Der Stachel einer Ameise.
26. Die Giftblase der Ameise nebst ihrem Halse und den bei-
den Giftdrüsenschläuchen.
27. Eine Hüllschuppe vom Giftapparate der Biene.
28. Längsschnitt eines Giftdrüsenschlauches der Biene.
lieber eigenthümlielie Gebilde in der Samenflüssigkeit
von Janthina.
Von
Fritz fflüUer
in Desterro.
(Hierzu Taf. X. Fig. 1—10.)
Selten nur verirren sich in den buchtenreichen Mee-
resarm; der die Insel Santa Catharina von dem südameri-
kanischen Festlande scheidet, Thiere des hohen Meeres.
Zu diesen bisweilen Jahre lang vermissten Gästen gehören
auch zwei Arten von Janthina , die als Begleiter von
Yelellaschwärmen zu erscheinen pflegen. Die eine, mit
spitzerem Gewinde (J. exigua Lam.), von der ausser leeren
Schalen nur einmal einige Weibchen gesehen wurden,
trägt ihre Eier an dem schaumigen Anhange des Fusses ;
die andere, wiederholt gefundene, mit flacherem Gewinde
(J. pallida Harv.) ist lebendig gebärend, und bei ihr konnte
ich mich üb erzeugen, dass der schaumige Anhang in ga nz
gleicher Weise beiden Geschlechtern zukommt.
In der Samenflüssigkeit der letzteren Art finden sich
sehr eigenthümliche Gebilde, auf die ich die Aufmerk-
samkeit der Besucher des Mittelmeeres und Anderer len-
ken möchte, die Gelegenheit haben zur Untersuchung
dieser merkwürdigen Schnecken. Mir selbst bietet sich
vielleicht in Jahren eine solche Gelegenheit nicht wieder,
und dies möge mich entschuldigen, wenn ich abgerissen
und unfertig, wie sie sind, meine Beobachtungen über
jene Gebilde mittheile.
Schon mit blossem Auge gewahrt man in der Sa-
180 Müller:
menflüssigkeit der Janthina *) zahlreiche weisse wurmför-
mige Gebilde, die darin lebhaft herumschwimmen. Ihre
Länge beträgt etwa 0,5 Mm. (ohne das unten zu erwäh-
nende Schwimmwerkzeug). Das bewaffnete Auge unter-
scheidet an ihnen zunächst zwei scharf abgesetzte Ab-
schnitte, die der Kürze wegen als Kopf und Schwanz
bezeichnet werden mögen. Der Kopf nimmt etwa ein
Viertel der Länge ein, ist bald ziemlich regelmässig ke-
gelförmig (Fig. 7), bald in seinem hinteren, dickeren Theile
mit unregelmässigen Yorsprüngen versehen (Fig. 8, 9),
und vorn bisweilen statt der einfachen in eine doppelte
Spitze auslaufend (Fig. 9). Es sind ihm zahlreiche dun-
kelgerandete Körnchen von verschiedener Grösse einge-
lagert, die ihn ziemlich undurchsichtig machen; eine be-
sondere Haut liess sich um ihn nicht unterscheiden. Der
Schwanz, von etwa dreifacher Länge des Kopfes, ist vorn
weit schmäler als der hintere Kopfrand, verbreitert sich
nach hinten allmählich und endet abgerundet; er ist fast
ganz undurchsichtig und dicht mit etwa 0,03 Mm. langen
zarten Haaren besetzt (Fig. 7, 8, 9). Diese Haare sieht
man lebhaft sich bewegen, aber nicht regelmässig in
gleicher Richtung schlagen, wie Flimmerhaare thun, son-
dern unregelmässig durcheinander wallen und wimmeln,
so dass man in ihnen nicht die Ursache der raschen Be-
wegung suchen kann, mit der die Gebilde in weiten Bo-
gen durch das Wasser ziehen. Kopf und Schwanz schei-
nen bei dieser Bewegung als träge Masse von einer
ausser ihnen liegenden Kraft fortgeschleift zu werden;
und so ist es in der That. Fast um die doppelte Länge
des Kopfes von dessen Spitze entfernt, geht demselben
bahnbrechend eine kegelförmige Spitze voraus, mit zarten
aber scharfen Umrissen, von der aus, wie ein flatternder
Schleier, eine vollkommen durchsichtige zarte Haut etwa
bis zur Mitte des Kopfes niederwallt. Bisweilen konnte
ich in dieser Haut eine äussert zarte Längsstreifung er-
*) Wahrscheinlich nicht während des ganzen Jahres ; meine
Beobachtungen vor zwei Jahren fielen, wie die diesjährigen, in den
Oktober, dem im Mittelmere der April entsprechen würde.
üeber eigenth. Gebilde in d. Samenflüssigkeit d. Janthina. 181
kennen. Ihre Umrisse werden nacli hinten zu verschwin-
dend zart^ so dass ich sie fast nie bis zum hinteren Rande
verfolgen konnte ; ein einziges Mal bei einem jüngeren
Exemplare (Fig. 6)^ sah ich deutlich den hinteren Rand,
an dem sich die Haut in zarte Fasern aufzulösen schien.
Yom Vorderende des Kopfes liess sich einigemal (Fig. 5, 7)
ein schmaler, nicht scharf umrandeter Strang bis in die
Nähe der kegelförmigen Spitze verfolgen. Ob diese wal-
lende Haut (,,undulirende Membran'^) eine kegelförmige
Hülle bildet, die durch einen mittleren freien Stiel mit
dem Kopfe in Verbindung steht, oder ob sie flächenhaft
sich ausbreitet und unmittelbar dem Kopfe angeheftet
ist, muss ich unentschieden lassen; als ich eben dieser
Frage meine Aufmerksamkeit zuwandte, raubte mir die
schwarze Wolkenwand • eines heraufziehenden Gewitters
das zur Fortsetzung gerade dieser Untersuchung so un-
entbehrliche Licht, und als ich dieselbe wieder aufnehmen
konnte, fand ich meinen ganzen Vorrath durch begin-
nende Zersetzung unbrauchbar geworden. In der Nähe
der kegelförmigen Spitze lösen sich von der Haut meh-
rere schmale Flimmerhaaren ähnliche Zipfel ab. Während
des Schwimmens nun schwingen diese Zipfel rasch und
kräftig und die ganze Haut ist in lebhafter wallender Be-
wegung. Im Schlepptau dieses eigenthümlichen Schwimm-
werkzeuges fortgezogen, schien mir der Schwanz sich stets
völlig ruhig zu verhalten; das ganze Gebilde, von der
kegelförmigen Spitze der wallenden Haut bis zum abgerun-
deten Ende des Schwanzes bildet dann einen schwach ge-
krümmten Bogen (Fig. 4, 5, 7, 8), und ähnlich gekrümmt ist
die Bahn, die es durchzieht. Ruht die Haut und mit ihr
der Kopf, so sieht man den Schwanz langsam sich winden
und krümmen (Fig. 9), ohne dass dadurch eine merkliche
Ortsveränderung bewirkt würde.
Getäuscht durch so mannichfache Bewegungen hatte
ich vor zwei Jahren unsere Gebilde für Schmarotzer-
thiere gehalten, an denen ich freilich vergeblich mich
abmühte, Spuren von Mund, Darm u. s. w. zu entdecken.
Als ich kürzlich wieder eine männliche Janthina unter-
suchen konnte, fand ich in deren Samen meine Schma-
182 Müller:
rotzer so dicht gedrängt, dass mir schon dadurch Zweifel
aufstiegen, ob ich es nicht vielmehr mit einem wesentli-
chen Bestandtheile des Samens zu thun habe. Und nun
fiel mir dann auch sofort die Aehnlichkeit auf zwischen
den wimmelnden Haaren des Schwanzes imd Samenfäden,
die, der Reife nahe, sich noch nicht von ihrer Bildungs-
stätte gelöst haben, — und bald gelang es, mehrere
Schwänze in Gruppen unverkennbarer Samenfäden zu
zerdrücken, die aufs Haar den in der Samenflüssigkeit
frei umherschwärmenden glichen (Fig. 10).
Somit war die Bedeutung unserer Gebilde als we-
sentlicher Bestandtheil des Samens festgestellt; aber sind
es die Bildungsstätten der Samenfäden, von denen diese
später, gereift, sich ablösen, oder sind es Samenträger
(„Spermatophoren^), um die sich die reifen Samenfäden
gesammelt haben? Erstere Annahme ist mir die wahr-
scheinlichere; es sprechen für sie namentlich mehrfach
beobachtete Exemplare (Fig. 6), an denen die Samenfäden
nicht nur regungslos waren, sondern mir auch kürzer
erschienen. Ausser diesen wurden zahlreiche andere,
noch jüngere Formen gesehen; die jüngsten, die zur
Beobachtung kamen (Fig. 1), hatten die Gestalt eines lang-
gezogenen Eies von etwa 0,2 Mm. Länge und 0,1 Mm.
Dicke. Der grösste Theil dieser eiförmigen Körper er-
scheint vollkommen durchsichtig, leer; nur das dickere
Ende ist von einer rundlichen Masse gefüllt, die durch
dicht eingelagerte Körnchen undurchsichtig wird. Sie
erscheint dunkler auf der der Spitze des Eies zugewand-
ten Seite, heller auf der entgegengesetzten, ohne dass
jedoch eine scharfe Grenze zwischen dem dunkleren und
dem helleren Theile zu erkennen wäre. Eine solche
Grenze hat sich ausgebildet, wenn die Körper zu etwa
0,3 Mm. Länge herangewachsen sind (Fig. 2) ; der hellere
und dunklere Theil erscheinen jetzt etwa wie eine Eichel
und der sie umfassende Becher. Später verlängert sich
der hellere Theil und wächst aus in den Schwanztheil
unserer Gebilde (Fig. 3, 4, 5), während der dunklere Kopf-
theil allmählich Kegelform annimmt (Fig. 4, 5), und der
vorderste häutige Theil seine bewegende Thätigk^it be-
Ueber eigenth. Gebilde in d. Samenflüssigkeit d. Jantbina. 183
ginnt; noch aber unterscheidet sich der Schwanz_, im
Gegensatze zu späterer Zeit^ von dem Kopfe durch sein
weit helleres Aussehen und seine Oberfläche ist^ statt mit
Samenfäden, bedeckt mit kleinen, rundlichen, durchsich-
tigen Körnchen (Bläschen ?) und erinnert dadurch an die
kugHgen oder länglichen Körper, an denen z. B. in der
Leibeshöhle der Ringelwürmer die Samenfäden sich ent-
wickeln.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. X.
Fig. 1 — 9. Eigenthümliche Gebilde aus der Samenflüssigkeit von
Janthina, auf verschiedenen Entwickelungs stufen; 90mal
vergrössert.
Fig. 1—3 u. 9 ruhend ; Fig. 4—8 schwimmend ; in Fig 9
der Schwanz in langsam windender Bewegung.
„ 10. Samenfäden, durch Druck vom Schwanztheile dieser Gebilde
abgelöst, 360mal vergrössert.
Desterro, Anfang November 1862.
Heber die Chilenischen Gänse.
Von
Dr. R. A. Philippi und Ludw. Landbeck
in Santiago.
In der Liste der Chilenisclien Vögel, welclie Hart-
laub in der Naumannia von 1853 bekannt gemacht bat,
werden nur zwei Gänse erwähnt, nämlich Chloephaga
mageilanica Gm. "und Bernicla melanoptera Ejt. — In
der von G o u 1 d verfassten Ornithologie des Voyage of
the Beagle sind drei Chilenische Gänse erwähnt: 1) An-
ser melanopterus Eyt., 2) Chloephaga mageilanica Gm.,
3) Bernicla antarctica Steph. — In der United States
Naval astronomical Exped. führt Cassin ebenfalls Ber-
nicla antarctica Gm., B. mageilanica Gm. und B. mela-
noptera Eyt. auf; endlich finden wir in dem Werke von
Gay, dassDesmurs vier Chilenische Gänse beschreibt,
nämlich ausser den drei genannten noch B. inornata King.
Es ist sicher, dass in Chile vier Arten Gänse vor-
kommen, die sehr leicht von einander zu unterscheiden
und den Einwohnern wohl bekannt sind, der Piuquen
(spr. Piukehe), der Gansillo (spr. Ganssiljo), der Canquen
(spr. Kankehn) und der Cague (spr. Kage), allein in dem
bewohnten Theile Chile' s existirt weder Chloephaga ma-
geilanica noch Bernicla inornata. Zwei von diesen Arten
leben im Sommer auf der hohen Cordillere der mittleren
und nördlichen Provinzen, steigen im Winter in die Ebene
derselben herab, aber finden sich nie im Süden, weder in
Valdivia noch in Chiloe; es sind der Piuquen und Gan-
sillo; zwei andere Arten finden sich nur im Süden, auf
Chiloe, den Guaytecas-Inseln und bis zur Magellanstrasse ;
Pliilippi und Landbeck: Ueber Chilenisclie Gänse. 185
sie gehen im Winter höctistens nach der Provinz Valdivia
vielleicht nach dem Araukanerland, sind aber kaum je in
den mittleren Provinzen angetroffen^ nämlich der Canqnen
und der Cagiie. Zwei dieser Arten lassen keine grosse
Verschiedenheit je nach den Geschlechtern wahrnehmen,
der Piuqiien und der Canquen, bei den anderen beiden
Arten aber sind Männchen und Weibchen auffallend ver-
schieden, nämlich beim Gansillo und beim Cague. Das
Museum in Santiago besitzt diese Gänse in beiden Ge-
schlechtern und ausgefärbt, und halten wir es für der
Mühe werth, sie hier vollständig zu beschreiben, womit
hoffentlich die Verwirrung und Confusion, die bisher über
die Chilenischen Gänse geherrscht hat, ein Ende erreichen
wird. Wir bemerken, dass alle vier Arten ziemlich die-
selben Flügel und einen stumpfen Sporn am Flügelbuge
haben, so dass von den Flügeln kein unterscheidendes
Merkmal hergenommen werden kann , endlich dass wir
alle vier Arten zu Bernicla rechnen, indem wir keinen
Grund einsehen, weshalb Gould die Piuquen lieber zu
einem Anser machen will. ObGmelin's Anas magella-
nica verdient ein eigenes Genus, Chloephaga, zu bilden,
müssen wir dahin gestellt sein lassen, da wir diese Art
nicht in natura kennen.
1. Bernicla melanoptera Eyton.
Weiss, Oberrücken und Schultern mit grossen, schwar-
zen Längsflecken; Schnabel und Füsse roth.
Otis chilensis Molina Saggio sulla storia naturale del
Chili. 1782. p.260.
Anser melanopterus Eyton 1838 Monogr. Anat. p. 93.
Anser melaiiopterus Gould 1841 Voyage of theBeagle.
Birds. p. 133. tab. 50.
Anser anticola Tschudi Conspect, avium etc. nr. 342.
Anser montanus Tschudi Wiegm. Arch. 1843. p. 390.
— Fauna peruana. p. 308.
Berniola melanoptera Desmurs 1847 bei Gay hist.
de Chile Zool. I. p. 443.
Helsst bei den Chilenen Piuquen, bei den Peruauera
Huacha.
186
PhiliXjpi und Landbeck:
Beschreibung,
Fuss
Zoll
6
1
1
Linie
11
6
10
10
Ganze Länge (des Männchens)
Länge des Schnabels
Höhe des Schnabels
Breite des Schnabels
Länge des Schwanzes ... — 6
Ausdehnung der Flügel
Länge des Flügels vom Bug
bis zur Spitze ..... 1
Länge des Tarsus
Länge der Aussenzehe
Länge der Mittelzehe
Länge der Innenzehe
Länge der Hinterzehe
Der Schnabel ist hell zinnoberroth , sein Nagel
schwarz; der nackte Theii des Fusses ebenfalls schön
zinnoberroth; die Nägel schwarz; die Iris graubraun. —
Der ganze Vogel ist bis auf folgende Ausnahmen weiss.
Der Eckflügel, die zehn Schwungfedern erster Ordnung,
die sechs bis acht letzten Schwungfedern, die grossen
Oberflügeldeckfedern und der Schwanz sind schwarz mit
grünem Metallschimmer; die vordem grossen Deckfedern
der Schwungfedern zweiter Ordnung sind purpurroth und
bilden einen prachtvoll metallisch glänzenden Spiegel.
Die kleineren Schulterfedern sind weiss mit breitem,
schwarzen Mittelfleck geflammt, der sich bei der grösse-
ren dieser Federn immer mehr ausdehnt, so dass die
letzten und längsten die Farbe der hinteren Schwungfe-
dern zeigen. Am Flügelbug befindet sich ein stumpfer
Höcker , welcher wohl zum Kampfe und zum Klettern
gebraucht wird.
Männchen und Weibchen sind im Ganzen gleichge-
färbt, letzteres ist aber merklich kleiner und hat weisse
Eckflügel. Unmittelbar nach der Mauser zeigt die Brust
— besonders aufiPallend beim Weibchen — eine schmutzig
graubräunliche Färbung, welche genau so aussieht, als
-eb - sie ein- durch thonhaltiges Wasser hervorgebrachter
Schmutz wäre; im Verlaufe des Sommers reiben sich aber
Ueber die Chilenischen Gänse. 187
die bräunlichen Ränder der Federn ab und erscheint dann
eine rein weisse Farbe. Auch die ausgewachsenen Jungen
sind den Alten sehr ähnlich gefärbt; beim Männchen ist
der Eckflügel und die grossen Deckfedern der Sch^vung-
federn erster Ordnung schwarz an der Spitze weiss ge-
fleckt, und bei beiden Geschlechtern ist der Spiegel klein
und weniger glänzend. Auch ist der Schnabel braun-
schwarz mit röthlichem Schimmer, die Füsse roth mit dunk-
ler Schattirung und mit horngrauen Nägeln. Die kleinen
Jungen im Dunenkleide sind sehr hübsch. Schnabel und
Füsse sind schwarz, ersterer an der Wurzel des Unter-
schnabels roth, letztere mit roth em Schimmer imd orange-
gelber Sohle. Die Iris ist dunkelgrau. Der ganze
Vogel ist weiss mit gelblichem Anfluge an den Halssei-
ten und auf dem Rücken. Von der Stirn beginnt ein
schwarzer Streif, welcher, bald breiter, bald schmaler,
sich über Hals und Rücken bis zum Schwänze hinabzieht.
Er ist auf der Stirn am schmälsten, wird auf dem Schei-
tel breiter, verschmälert sich auf dem Hinterhals, breitet
sich auf dem Unterhals in zwei Spitzen aus , beginnt
sehr breit auf dem Oberrücken, dehnt sich seitAvärts über
die Hälfte der Breite der Flügel aus, yerschmälert sich
wieder vor der Schwanzwurzel, um dann, wieder breiter
werdend, die ganze Oberfläche des Schwanzes zu bedecken.
Vom Hüft- bis zum Fersengelenke zieht sich auf der Hin-
terseite der Beine ebenfalls ein breites schwarzes Band
hinunter. Endlich befindet sich am Ohrende ein kleines
schwarzes Fleckchen.
Peruanische Exemplare weichen von den Chileni-
schen Exemplaren nicht ab. Ueber Verbreitung und
Fortpflanzung der Piuquenes sind die Nachrichten sehr
verschieden und zum Theil widersprechend. So sagt
V. Tschudi in seinen Untersuchungen über die Fauna
peruana p. 309 von dieser Gans: „die Indianer nennen
diese Gans Huacha. Sie lebt in Peru paarweise auf dem
Hochgebirge, besonders in den sumpfigen Gegenden
der Puna- Region, wo sie das kurze Rietgras abwei-
det. Jung eingefangen lässt sie sich sehr leicht zähmen,
pflanzt sich in der Gefangenschaft aber nicht fort. Im
188 Philippi und Landbeck:
Zustande der Freiheit legt das Weibclien vier Eier
und macht sein Nest auf steilen Felsen, gewöhnlich in
der Nähe eines Flüsschens. Sobald die Jungen fi.\iggQ
sind, wirft sie das Weibchen aus dem Neste. Diejenigen,
welche nicht stark genug sind um zu fliegen, werden
gewöhnlich an den Felsen zerschellt. Das Fleisch der
Huacha ist dunkelroth, hart und zähe. Nur wenn es
einige Tage in der Erde eingegraben ist, wird es weich,
und beim Kochen schmackhaft." So weit Herr von
Tschudi.
Was die Verbreitung anbelangt, so ist Folgendes zu
bemerken. Diese Gans scheint nicht weit nach Süden zu
gehn, und dürfte in der Provinz Yaldivia höchstens ein-
mal als verirrter- Yogel vorkommen , dagegen erstreckt
sich ihre Verbreitung unzweifelhaft über Bolivien und
Peru, und erreicht fast die brasilianische Grenze. Im
höheren Norden lebt sie im Sommer an den Hochseen
der Anden bis zu einer Höhe von 16,000 Fuss über dem
stillen Ocean, in Chile bewohnt sie um diese Zeit viele
der kleinen Seen der Cordillere bis zu einer Höhe von
etwa 10,000 Fuss, wo wir selbst sie brütend fanden. Sie
lebt daselbst nur in einzelnen Paaren, nie in grösserer
Gesellschaft wie manche andere Gänse. Nach vollbrach-
ter Brut kommt sie herab in die sumpfigen Ebenen, und
lebt während des Winkers gewöhnlich in Familien, oft
aber auch in grösseren Schaaren in den Sümpfen und am
Bande der Seen, wo die von ihr beliebten Gräser wach-
sen. Sie ist in Chile sehr gemein und viele Seen der
Cordillere sind nach ihr „Laguna de los Piuquenes*'
benannt.
In Betreff der Fortpflanzung hat Herr v. Tschudi
den Indianern von Peru zu viel Glauben geschenkt, denn
erstens ist an und für sich unwahrscheinlich, dass eine Gans
ihre Jungen aus dem Kröpfe, wie Raubvögel, Kernbeisser
und Tauben füttert, und dies wäre doch nöthig, wenn die
Jungen so lange im Neste blieben, bis sie üügge sind,
wozu eine Zeit von mindestens acht bis zehn Wochen
nöthig wäre; zweitens klingt es höchst abenteuerlich,
dass die alten Gänse ihre grossen Jungen aus dem Neste
lieber die Chilenischen Gänse. 189
werfen sollten^ und drittens wäre es für die Aeltern wohl
iinmögllcli_, so Tiel Futter zu sammeln, um die Jungen
gross zu ziehen, da ihre Nahrung mühsam abgeweidet
und Halm für Halm abgebissen wird, so dass die x\lten
mit ihrer eigenen Ernährung vollauf zu thun haben. Nach
unseren eigenen Beobachtungen, die mit den Angaben
glaubwürdiger Cordillerenjäger vollkommen übereinstim-
men, verhält es sich mit dem Brutgeschäft folgendermas-
sen. Im November oder December, je nach der Witte-
rung des Jahres, erscheint diese Gans in einzelnen Paaren
an den höchstgelegenen Cordillerenseen, deren Ufer felsig
und zum Theil noch mit Schnee bedeckt sind und an de-
ren Ausflüssen sich ein dichter, grüner Rasen von kurzen
Grasarten bildet. An diesen Ufern sucht sie zwischen
Steinen ein bequem.es Plätzchen aus, räumt den Schutt
hinweg und bildet sich eine flache, muldenförmige Ver-
tiefung, die sie mit feinen Reisern und Grashalmen be-
legt und mit aus Brust und Bauch ausgerauften Federn
und Flaum bedeckt, so dass das Nest warm ausgefüttert
ist. Auf diese weiche Unterlage werden sodann acht bis
zehn (nicht bloss vier wie Tschudi angiebt) weisse,
denen anderer Gänse ähnliche Eier gelegt und wohl
grösstentheils allein vom Weibchen ausgebrütet. Sobald
die Jungen ausgeschlüpft und so weit erstarkt sind, dass
sich das Bedürfniss nach Nahrung bei ihnen einstellt,
sollen sie den Rücken der Alten besteigen und sich an
das Ufer des Sees auf die Weide tragen lassen, oder, wo
keine Hindernisse im Wege sind, selbst hingehn. Obgleich
wir diesen Transport nicht gesehen haben, so ist er doch
nicht gerade unglaublich, da es den zarten Gänschen
schwer fallen dürfte , die Reise über die rauhen Stein-
trümmer zu machen. Man bemerkt vom Weideplatze oder
vom Uferrande bis zum Neste bald eine ziemlich betre-
tene Strasse, woraus mit grosser Wahrscheinlichkeit fol-
gen dürfte, dass Alte und Junge gewöhnlich die Nächte
im warmen Neste zubringen, also Abends dahin zurück
und Morgens wieder herunterspazieren dürften. Sind die
Jungen einmal mit Federn bedeckt, dann suchen sie das
Nest nicht mehr auf, welches auch dann viel zu klein
190 Pliilippi und Landbeck:
wärest da es ja keinen grösseren Umfang hat, als der
Körper der alten Gans; sie bleiben vielnlehr in Gesell-
schaft der Alten im Wasser oder an dessen Ufern, gehen
und fliegen von einem Cordillersee nach dem andern,
kehren aber gewöhnlich Abends nach ihrer Heimath
zurück.
Sie brüten, wie oben bemerkt, nicht alle Jahre zur
nämlichen Zeit, weil durch bedeutenden Schneefall nicht
selten ihre heimathlichen Felsen, ja selbst die Seen voll-
ständig bedeckt sind. So fanden wir z. B. in der näm-
lichen Laguna de los Piuquenes im Vallelargo in einer
ungefähren Höhe von 10,000 Fuss im Anfang des Februars
1861 eine Brut halberwachsener Jungen, welche am 13.
März von den Alten kaum zu unterscheiden waren,
während die acht Jungen desselben alten Paares zu An-
fang des Februar 1862 kaum das Ei verlassen hatten.
Ihre Jagd hat an kleinen Seen, welche von einem
Ufer zum anderen beschossen w^erden können, keine be-
sondere Schwierigkeit, besonders wenn die Gänse noch
nicht dem Jagen mit Schiessgewehr ausgesetzt waren, in
welchem Falle sie sich nicht mehr schussgerecht ankom-
men lassen; auf grösseren Seen dagegen flüchten sie sich
auf die Mitte, wo sie von Schüssen mit Hagel nicht mehr
erreicht werden können. Uebrigens interessirt ihre Er-
legung nur den Naturforscher, da ihr Fleisch einen unan-
genehmen Geschmack hat und als sehr mittelmässiges
Wildbrät bezeichnet werden muss.
Man hat diese sehr hübsche Gans in Chile öfters
gezähmt und Jahre lang auf dem Geflügelhofe unterhal-
ten, sie hat sich aber nicht so weit domesticiren lassen,
dass sie in der Gefangenschaft Eier gelegt und gebrü-
tet hätte.
2. Bernicla dispar Ph. et Ldb.
Männchen: Schnabel und Füsse schwarz, Unterseite
weiss mit schwarzen Querbändern. Weibchen: Schnabel
schwarz, Füsse roth; Unterseite schwarz mit weisslichen
Querbänder.
B, magellatiica Cabanis United States Naval Astr.
lieber die Chilenischen Gänse.
191
Exp. Vol. II. p. 201. t. 24 mas et fem., non B. m^gella-
nica Gm., Lesson etc.
Bei den Chilenen lieisst diese Gans Gansillo.
B eschr eibung.
Gesammte Länge des Männcliens
Länge des Schnabels
Breite des Schnabels
Höhe des Schnabels
Länge des Schwanzes
Länge des Flügels vom Bng bis
zur Spitze . . .
Länge des Tarsus . . . .
Länge der Aussenzelie, inclus.
ihres Nagels
Länge der Mittelzehe .
Länge der Innenzehe .
Länge der Hinterzehe .
Das Weibchen ist um 4 Zoll kürzer und die Länge
seines Flügels vom Flügelbuge an beträgt nur 1 Fuss
2 Zoll 10 Linien. Die beiden Geschlechter sind in Farbe
und Zeichnung so verschieden, dass man sie leicht für
verschiedene Arten halten könnte.
Altes Männchen im Winter kleid e. Schnabel
und Füsse sind glänzend schwarz, ebenso die starken Nä-
gel; die Iris ist dunkelbraun. Kopf, Hals, Oberrücken,
Schulter, sämmtliche kleine Oberflügeldeckfedern und
sämmtliche Unterflügeldeckfedern mit Ausnahme der vier
bis fünf letzten, sämmtliche Schwungfedern zweiter Ord-
nung, der Unterrücken, Bürzel und Ob er schwanzd eckfe-
dern, die äussere Schwanzfeder jederseits, die Schien-
beinbefiederung und die ganze Unterseite sind weiss, auf
der Hinterseite des Halses fein grau gewellt, auf Ober-
rücken, Schultern, Brust, Magen, Bauch, Seiten zeigen
die Federn schöne schwarze, breite Querbänder, so dass
auf der Unterseite nur die Mitte des Bauches, die After-
gegend und die Unterschwanzdeckfedern rein weiss sind.
Die grossen Deckfedern der Flügel sind prachtvoll atlas-
192 Philipp! und Landbeck:
artig grau mit röthlicliem Metallschimmer, und haben
an den Spitzen eine breite, weisse Einfassung. Der Eck-
flügel, die grossen Deckfedern der Schwingen erster
Ordnung, diese selbst und der Schwanz mit Ausnahme
der äussersten Feder, welche theils ganz, theils nur auf
der inneren Fahne weiss ist, sind graubraun mit grün-
lichem Bronceschimmer, und fast von derselben Farbe
ebenfalls mit Bronceschimmer aber reiner grau sind die
sämmtlichen grösseren Schulterfedern, so wie die letzten
Schwungfedern zweiter Ordnung.
Altes Weibchen im Winterkleide. Der
Schnabel ist schwarz, an der Wurzel mit röthlichem
Schimmer ; die Füsse mennigroth mit schwarzen Nägeln.
Kopf und Hals siiid matt graubraun ; Brust, Magen, Seiten,
Bauch, Aftergegend und Unterschwanzdeckfedern sind
schwarz mit ziemlich schmalen, rostbräunlichen, weiter
nach dem Bauche zu weisslichen, in der Aftergegend rein
weissen Querbändern. Dieselben schwarzen und weissen
Querbinden zeigt auch die Schienbeinbefiederung. Die
ganze Oberseite ist bräunlichgrau mit grünlichem Metall-
schimmer, und auf Oberrücken und Schultern zeigen sich
vor den rostfarbigen Binden an der Spitze der Federn ein
bis zwei dunkle Querbinden. Der Unterrücken, die Bür-
zel- und Oberschwanzdeckfedern so wie der Schwanz
selbst sind schwarz mit grünem Metallglanze. Der Flügel
hat genau dieselbe Zeichnung und Färbung wie beim
Männchen.
Das Sommerkleid dieser Gans ist uns nicht be-
kannt, es scheint aber nach den alten, zerriebenen und
verbleichten Federn, welche ein Exemplar des Museums
noch besitzt, vom Winterkleid wenig verschieden zu sein,
und das einzig Bemerkenswerthe ist, dass die After- und
Unterschwanzfedern des Weibchens weiss und graubräun-
lich gewellt und getüpfelt sind. Ebenso wenig können
wir bis jetzt vom Jugendkleide mittheilen.
Diese sehr schön gefärbte Gans scheint nicht so
weit verbreitet zu sein, wie die vorhergehende, sie scheint
kaum die nördlichen Gränzen Chile's zu erreichen, und
auch ihre Ausbreitung nach Süden ist beschränkt, indem
üeber die Chilenisclien Gänse. 193
sie sdiwerlich südlicli von Biobio vorkommen dürfte. Sie
brütet in den mittleren Provinzen Chile's an den Cordil-
lereseen^ z. B. an der Lagima de CanqueneS; in Gesell-
schaft der Flamingos und anderer Wasservögel^ erscheint
aber im Winter wie die Piuquenes auf den Vegos (sum-
pfigen Wiesen) der Ebene, deren Gras sie abweidet.
üeber die -Fortpflanzung ist uns nichts Näheres be-
kannt, doch besitzt das hiesige Museum ein Ei des Gansilla.
Dasselbe ist 2 Zoll 4 Linien lang und 1 Zoll 11 Linien dick;
es ist hübsch eiförmig, auf beiden Seiten ziemlich zuge-
spitzt, die Schale äusserst feinkörnig mit kaum bemerk-
baren Poren, mattem Glänze und milchweisser Farbe ; ge-
gen das Licht gehalten scheint das Lmere gelb durch.
Der Gansillo ist leicht zu zähmen und wir wissen,
dass er mehrere Jahre in einem grossen Garten bei San-
tiago in Gefangenschaft gelebt hat, aber ohne sich fort-
zupflanzen.
Es ist sonderbar, dass diese im Winter bei Santiago
gemeine Gans den meisten Naturforschern, welche Chile
besucht haben, entgangen ist. Gay scheint sie nicht ge-
kannt zu haben. Cassin giebt eine gute Figur vom
Männchen und Weibchen a. a. 0., aber nimmt sie wun-
derbarer Weise für die Bernicla magellanica oder leuco-
ptera, von welcher beide Geschlechter himmelweit ver-
schieden sind. Er sagt: „Gancillo. Gemein in Chile,
obgleich wahrscheinlich nur während seiner Wanderun-
gen. (Er scheint also zu glauben, dass sie im Winter
von der Magellanstrasse komme, was ganz falsch ist.)
Die Exemplare der Sammlung haben die Bezeichnung
„vom Lmern^. Alle Weibchen der Sammlung unter-
scheiden sich auf dieselbe Weise von den Männchen. Ein
Exemplar, welches wir für ein junges Männchen halten,
hat die Brust und Seiten mit bräunlichem Schwarz ge-
streift, wie die oberen Theilo des Körpers.^
Da die Magellanische Gans unstreitig bei der Chile-
nischen Colonie in der Magellanstrasse vorkommt, so sei
es erlaubt, hier ein paar Worte über dieselbe zu sagen,
wodurch zugleich der grosse Unterschied von unserer
dispar klar werden wird.
Aroh. für Naturg. XXIX. Jahrg. 1. Bd. 13
194 Philipp! und Lau db eck:
Bermöla leucoptera Gm.
Bei dieser x\rt sind die beiden Geschlechter eben-
falls sehr abweichend von einander^ wie beim Gansillo
und beim Cague^ so dass die Naturforscher sie als zwei
verschiedene Arten beschrieben haben: B. leucoptera ist
das Männchen, B. magellanica Gm. das Weibchen, und
scheint uns, dass der Name des Männchens für die Art
vorzuziehen ist. Es ist dasselbe in „le Regne animal etc.
parG. Cuvier, edition accompagnee de planches gravees
tab. 96^ nach einem Exemplare des Pariser Museums ab-
gebildet, und die flüchtigste Vergleichung dieser Abbil-
dung mit der von Cassin gegebenen Figur des Gansillo
zeigt auf den ersten Blick, dass beide Arten total ver-
schieden sind. -
Die Herrn Lesson und Gar not haben Gelegen-
heit und Müsse gehabt, diese Gans auf den Falklandsin-
seln zu studiren. In dem „Voyage autour du monde de
la Coquille Zool. 1826^ sagen sie p. 735 : „die Bernicla
leucoptera oder magellanica lebt in grossen Schaaren, die
es lieben sich auf den kleinen Seen und Teichen aufzu-
halten. Wir tödteten eine enorme Quantität derselben
und fanden ihr Fleisch köstlich. Das Männchen die-
ser Artist grösser als das Weibchen; sein Gefieder ist
rein weiss, aber der Rücken und die Deckfedern der
Flügel sind grau mit schwarzen Schuppen (oder Rändern
der Federn). Das Weibchen im Gegentheil, schlanker
von Gestalt, hat Kopf und Hals lebhaft kastanien-
braun, den Körper grau und die Brust braun geschuppt,
und von letzterer Farbe ist die Iris^. Von der Farbe
des Schnabels und der Füsse sagen die Verfasser nichts,
und ist es überhaupt zu bedauern, dass sie diese Gans,
von der sie enorme Quantitäten getödtet und gegessen,
so kurz, man möchte fast sagen ungenügend, beschrie-
ben haben.
HerrDesmurs, welcher die Ornithologie in Gaj's
historia de Chile bearbeitet hat, begnügt sich p. 443 damit,
die eben angeführten wenigen Worte zu copiren, und
Herr Gay fügt hinzu, die Magellanischen Gänse hiessen
üeber die Chilenisclien Gänse.
195
Canquenes, seien häufig in Chiloe etc., und verwech-
selt also die folgende Art, unsere Bernicla chiloensis, mit
der B. leucoptera. — Darwin sagt (Zool. of theVoyage
of H. M. S. Beagle. Ornitliology p. 134) : ,,die Magellani-
schen Gänse finden sich auf dem Feuerlande und auf den
Falklands-Insehi und sind sehr gemein auf den letzteren.
Sie leben paarweise oder in kleinen Schwärmen im
Innei'n der Inseln, und finden sich selten oder nie am
Ufer des Meeres und auch nur selten an den Süsswasser-
seen. Die Matrosen nennen sie Upland-Guse (also In-
landgänse). Ich glaube, dass dieser Yogel nicht von den
Falklands-Inseln fortwandert ; er macht sein Nest auf den
kleinen Inseln, welche die Hauptinsel umgeben.'^
3. Bernicla chiloensis Ph. et Ldb.
Der Schnabel ist schwarz, Kopf und Ober hals
aschgrau, Unterhals, Brust und Unter schwänz deck fe-
dern rostroth; die Füsse schwarz, orangegelb gestreift.
Bernicla in ornataT>Qsm.\n:s, das Weibchen, Gayhist.
Chile, Zool. I. p. 440, nicht B. inornata King.
Diese Gans ist im südlichen Chile, namentlich in
Chiloe, unter dem Namen Canquen sehr bekannt.
Bes ehre ibung.
Gesammt-Länge des Männchens
Länge des Schnabels . .
Höhe des Schnabels . .
Breite des Schnabels . .
Länge des Schwanzes . .
Flügelspannung ....
Länge des Flügels vom Bug
zur Spitze
Länge des Tarsus . . .
Länge der Aussenzehe
Länge der Mittel zehe . .
Länge der Innenzehe . .
Länge der Hinterzehe . .
— 5 -
bis
196 Philipp! und Landbeck:
Männchen. Der Schnabel ist vorn an der Spitze
sanft abgerundet, an der Wurzel etwas hoch, glänzend
schwarz; die Iris ist braun; der genetzte Tarsus ist auf
der Vorder- und Innenseite so wie die Zehen und die
Schwimmhaut schwarz; auf der Aussen- und Hinterseite
dagegen so wie die Aussenseite der Aussenzehe schön
orangegelb; die stumpfen Nägel sind schwarz. — Kopf
und Oberhals sind aschgrau, unten dunkler als oben; die
Stirn ist weiss, welche Färbung auf dem Scheitel allmäh-
lich in Grau übergeht; auch die Umgebung der Augen
ist weiss. Im Genick stehen verlängert rostgraue Federn.
Unterhals und Brust sind lebhaft rostroth, unten und oben
mit einigen schwarzen Querbinden; Rücken und Mantel
so wie die vier letzten Schwungfedern sind bräunlich grau,
auf den Schultern mit bräunlich weissen Rändern der
Federn, vor welchen je eine schmale, schwarze, zackige
Querbinde ist, sonst sind diese Theile ohne weitere Zeich-
nung. Unterrücken, Bürzel und Schwanz sind glänzend
schwarz mit metallisch grünem Schimmer. Der Flügel
ist mit Ausnahme der grossen Schwung- und Deckfedern
rein weiss. Die Daumenfedern und die zehn Schwung-
federn erster Ordnung, von denen die zweite die längste
ist, sind grauschwarz; die elf Schwungfedern zweiter
Ordnung sind schnceweiss; die Deckfedern der Schwung-
federn erster Ordnung schwarzgrün , die der übrigen
Schwungfedern metallisch grün mit prächtigem Atlasglanz,
wodurch ein sehr schöner Spiegel entsteht. Die ganze
Unterseite des Flügels mit Ausnahme der zehn Schwung-
federn erster Ordnung, welche auch unten schw^arz sind,
ist einfach weiss. Die Unterseite des Körpers ist eben-
falls weiss; die Seiten sind in der Breite von vier Zoll
mit schönen, schwarzen Querbändern verziert. Die Be-
fiederung der Schienbeine ist innen und vorn weiss, hin-
ten und aussen schwarz. After- und Schwanzdeckfedern
sind rostroth, seitwärts schwarz eingefasst.
Das Weibchen ist bedeutend kleiner als das Männ-
chen, aber ganz ähnlich gefärbt, und unterscheidet sich
hauptsächlich dadurch von diesem, dass Unterhals, Brust,
Oberrücken und Schultern mehr kastanienbraun und durch-
üeber die Chilenischen Gänse. 197
aus schwarz gebändert sind^ während diese Tlieile beim
Männchen einfarbig rostroth sind. Bei jüngeren Vögehi
sind diese Binden häufiger, breiter und schwärzer.
Das Sommer- und Winterkleid scheint nicht zu dif-
feriren , w^enigstens zeigen Yögel vom Februar, April
und November keinen Unterschied.
An der Luftröhre befindet sich bei beiden Geschlech-
tern eine häutige durchsichtige Blase von der Grösse
einer gewöhnlichen Wallnuss.
Diese Gans ist auf der ganzen Insel Chiloe sehr
häufig, imter dem Namen Canquen allgemein bekannt,
oft domesticirt, und es ist mir im hohen Grade wahr-
scheinlich, dass das, was Gay p. 444 von der Lebensart
seiner B. magellanica sagt, unsere Art betrifft. Es heisst
daselbst: .,die Canquenes finden sich in der Magellan-
strasse (hierfür haben wir kein Zeugniss auffinden kön-
nen, und Herr Gay ist bekanntlich dort nicht gewesen;
diese Behauptung beruht w^ohl nur darauf, dass er die
Art verkannt imd den Canquen mit der Magellanischen
Gans verwechselt hat), und gehen zuweilen nach Norden
bis zum Rio-Rapel (34'^ S. B.). Sie sind häufig in Chiloe
und man sieht sie in Flügen von mehr als hundert. Sie
nähren sich von Kräutern, machen grossen Schaden am
grünen Waizen, fressen aber auch Körner. Das Weib-
chen ist etwas kleiner als das Männchen, legt zehn bis
fünfzehn Eier am Ufer der Seen zwischen den Binsen
und Gräsern, die denen der Hühnereier gleich sind und
von den Landleuten sehr gesucht werden, um sie den
Hühnern zum Bebrüten unterzulegen. Das Huhn, welches
sie ausbrütet, sorgt für sie und beschützt sie wie ihre
eigenen Küchlein. Auch hält man die genannten Vögel
in vielen Häusern, nicht nur wegen der Eleganz ihrer
Gestalt und ihres Gefieders, sondern noch mehr wegen
ihres vortrefi'lichen Fleisches. Man füttert sie mit Waizen,
aber wiegen ihres Schnabels (!) sind sie nicht so geschickt,
wie die Hühner und erfassen w^enig Körner ; so sind sie
gezwungen, zu Kräutern ihre Zuflucht zu nehmen, welche
sie den ganzen Tag abweiden. Wenn sie böse werden
werfen sie Kopf und Hals nach hinten und schreien
198 Philipp! und Landbeck:
schwach und wiederholt piö pio. Es wäre dies ein sehr
nützlicher Vogel für die Hühnerhöfe, denn er wird leicht
zahm lind ist so wenig scheu, dass man ihm auch auf dem
Felde nahe kommen kann.'^ Man sieht häufig in den
Strassen der Stadt Ancud zahme Canquenes herumlaufen.
Herr Dr. Segeth hat mehrere Jahre hindurch zahme
Canquenes in Santiago gehalten und sie haben sich fort-
gepflanzt. Als er sie einem Chilenischen Gutsbesitzer
gab, wurden sie bald durch die Nachlässigkeit desselben
von dessen Hofhunden zerrissen.
Diese Gans, unstreitig die schönste unter den Chi-
lenischen Gänsen, kommt auch ab und zu nach der Pro-
vinz Valdivia, wir haben einzelne Exemplare derselben
von Februar bis April in der Nähe der Stadt gesehen;
auf den feuchten Wiesen im Innern der Provinz ist sie
häufiger, namentlich im Winter und schadet den Waizen-
und Hafersaaten. (Man säet dort nämlich auch den Hafer
im Herbst.)
Die Eier sind denen der vorigen Art ähnlich, 3 Zoll
lang, 2 Zoll dick, regelmässig eiförmig, am breiten Ende
sanft abgerundet; die Schale ist äusserst feinkörnig, matt-
glänzend, kalkweiss mit bläulichem Sbhimmer.
Wir haben oben gesehen, dass im Gay' sehen Werke
der Canquen mit der B. magellanica oder leucoptera ver-
wechselt ist, und derselbe Canquen wird in dem erwähn-
ten Werke von Herrn Desmurs als B. inornata King
beschrieben. Es heisst nämlich daselbst p. 445: ;,King
entdeckte das Männchen dieser Art in der Magellan-
Strasse, und von Chile haben wir das Weibchen gebracht,
deren Beschreibung wir hier geben," folgt nun die Be-
schreibung der weiblichen B. chiloensis. King ist das
Weibchen seiner B. inornata unbekannt geblieben; wo-
her konnte also Herr Desmurs wissen, dass ein aus
Chile, also etwa 17 Breitengrade und 255 deutsche Meilen
von der Magellanstrasse entfernt, hergebrachtes Weib-
chen zu dieser Art gehöre? Es war eine rein willkühr-
liche, auf kein Faktum gegründete und durchaus falsche
Annahme.
üeber die Chilenisclien Gänse. 199
Bernicla inornata King.
Von diesem Vogel existirt nur die sehr kurze Be-
schreibimg des Männchens von King^ welche D esmurs
bei Gay übersetzt hat. Sie lautet: ., Ausgewachsenes
Männchen. Weiss, mit schwarzen Flecken im Nak-
ken, im oberen Theile des Rückens und der ganzen
Länge der Seiten, wo die sclnvarzen Flecken die Gestalt
grosser Schu2)pen annehmen; der untere Theil des Rückens
ebenfalls schwarz; Schwungfedern schwarz mit metallisch
grünem Schimmer; Deckfedern der Flügel und Spitze
der Schwungfedern zweiter Ordnung weiss, einen bronce-
schimmernden Spiegel umgebend. Gesammtlänge drei
Zoll (!)^ Diese Beschreibung stimmt vollkommen mit der
der B. leucoptera, wie sie L e s s o n giebt, und mit der
Abbildung bei Cuvier, bis auf die schwarzen Flecken
im Nacken. Sollte es ein junges, noch nicht vollständig
ausgefärbtes Individuum der magellanischen Gans gewe-
sen sein? In der Ornithologie des Voyage of the Beagle
wird diese Art mit keiner Silbe erwähnt.
Bernicla antarctica Gm. *).
Füsse gelb; Rücken, Bürzel, Schwanz, Bauch, After-
gegend und Schienbeinbefiederung schneeweiss ; das Weib-
chen grösstentheils schwarz mit weissen Querbändern.
Anas hybrida Molina Saggio suUa storia del Chili.
1782. p.241. Cague.
Anas antarctica Gmel. Sjstema natur. I. p. 505. 1788.
Anser antarcticus Less. et Garn. Voy. de la Coq.
t. 50. femina.
Bernicla antarctica Steph. Voyage of the Beagle,
Ornith. p. 134.
Bernicla antarctica Gay p. 443.
Bernicla antarctica Cassin United States N. A. Exp.
p. 200. t. XXIII. mas et femina.
*) Da Molina diese Gans sechs Jahre vor Gmelin benannt
und vollkommen kenntlich beschrieben hat, so sollte man sie billig
Bernicla hybrida Mol. nennen.
200 Philipp! und Landbeck:-
Anas ganta Forst. Descr. anim. 1844. p. 336.
In CKile^ namentlich auf Cliiloe^ unter dem Namen
Cague bekannt.
Beschreibung.
Fuss. Zoll. Linien.
Gesammt-Länge des Männchens 2 5 —
Länge des Schnabels .... — 1 7
Höhe des Schnabels .... — — 10
Breite des Schnabels .... — — 9
Länge des Schwanzes .... — 5 6
Länge des Flügels vom Bug bis
zur Spitze 1 2 —
Länge des Tarsus — 2 8
Länge der, Aussenzehe ... — 2 9
Länge der Mittelzehe .... — 3 1
Länge der Innenzehe .... — 2 3
Der Schnabel ist schwarzroth^ die Füsse orangegelb,
die Nägel bläulich hornfarben, die Iris dunkelbraun. Das
ganze Gefieder ist schneeweiss.
Das Weibchen ist um drei Zoll kürzer und in
allen Körpertheilen verhältnissmässig kleiner. Auch der
Schnabel ist bei ihr orangegelb^, Füsse und Iris sind wie
beim Männchen. Die Augenlieder sind weiss. Die Haube
bis zum Genick ist von einem schmutzigen, hellen Grau-
braun wie verblichen, auf der Stirn, die mehr ins Braune
zieht, mit schwai'zen und weissen Querwellen und Binden.
Das Uebrige des Kopfes, Zügel, Wangen, Kinn, Kehle,
der ganze Hals, Brust, Oberrücken, Magengegend, Seiten
tief sammtschwarz, im Gesicht und Hals mit sehr feinen
weissen Querwellen, welche auf Hinterhals und Ober-
rücken fehlen, auf dem unteren Theile des Vorderhalses
aber grösser werden, und auf Brust, Magengegend und
Seiten in zollbreite, weisse Querbinden übergehen. Jede
Feder besitzt ungefähr drei solcher Querbinden. Sämmt-
liche kleine Flügeldeckfedern, die Schwungfedern zweiter
Ordnung mit Ausnahme der letzten, Bauch, Aftergegend,
die untern Schwanzdeckfedern, fast der ganze Rücken
sind sammtschwarz. Die Befiederung der Schienbeine
lieber die Chilenischen Gänse. 201
ist scbneeweiss. DieScliiilterfedern zweiter Ordnung^ so
wie die Schwungfedern erster Ordnung^ deren Deckfe-
dern und die Eckflügel sind rostbraun mit schwachem
Bronceschimmer ; fast sämmtliche grosse Deckfedern der
Schwungfedern zweiter Ordnung sind schön metallisch
grün und atlasglänzend.
Diese in beiden Geschlechtern so auffallend verschie-
den gefärbte Gans ist eigentlich ein antarktischer Vogel,
der jedoch im Winter ziemlich ausgedehnte Reisen nach
dem Norden macht. Lesson sagt im Yojage de la Co-
quille Zool. p.735: ^die antarktische Gans kam ersteinige
Tage vor unserer Abreise (gegen den 10. December un-
gefähr) auf den Falklands -Inseln an, was, vorausgesetzt,
dass sie von Staatenland und den Ufern der Magellan-
strasse während des Sommers dieser Klimate kommt,
um gegen den März, welcher unserem Herbstanfänge ent-
spricht, wieder fortzugehn'^. Gay bemerkt p. 443 das
Gegentheil. „Sie findet sich an der Südspitze Amerika's
und auf der Wanderung während des Winters auf den
Falklandsinseln und an den Ufern der Magellanstrasse
im Sommer. Sie ist einsam, scheu, nährt sich von Mee-
resmollusken und Tang, weshalb ihr Fleisch abscheulich
und von schlechtem Geschmack ist." Darwin sagt von
dieser Art a. a. 0.: „Diese Gans ist gemein auf dem
Feuerlande, auf den Falklands -Inseln und der West-
küste Amerikas bis Chiloe. (Hiernach klärt sich der
Widerspruch zwischen Lesson und Gay auf: wir kön-
nen bestätigen, dass sie sich bis zu dieser Insel findet
und auch auf derselben brütet.j Die Matrosen nennen
sie Rock-goose, Felsengans, weil sie ausschliesslich an den
felsigen Theilen der Küste lebt. In den tiefen und zu-
rückgezogenen Kanälen des Feuerlandes sieht man häufig
das schneeweisse Männchen auf einem entfernten Felsen
sitzen, begleitet von seiner dunkeln Gattin.'*'
Sie erscheint gewöhnlich zu Anfang des Winters
im Hafen von Corral und bei Arique in der Provinz Val-
divia, wir bemerkten z. B. im Jahre 1857 eine Truppe
von sieben Stück vom 6ten Juni bis Ende August auf
dem Callecallefliissc bei Coilico oberhalb Valdivia. Wir
202 Philipp! und Landbeck:
iiaben keine Nacliriclit_, dass sie weiter im Norden gese-
hen wird. Zu verscliiedenen Malen haben wir versucht
auf diese Gänse Jagd zu machen, sie aber stets sehr
scheu gefunden, so dass sie uns, wenn wir im Bote wa-
ren, nicht auf schussmässige Entfernung herankommen
Messen, und auch stets sich so weit vom Ufer entfernt
hielten, dass wir ihnen nichts anhaben konnten. In Ancud
haben wir ein Paar gezähmt gesehen.
Das Ei ist 2 Zoll 8 Linien lang und 1 Zoll 11 Li-
nien dick, im Ganzen mehr gewölbt und abgerundet als
die Eier der vorhin beschriebenen Gänse; die Schale ist
sehr feinkörnig, milchweiss, mit mattem Glänze. Ueber
das Brutgeschäft ist uns nichts Näheres bekannt.
Beschreibung eiuer ueuen Ente und einer neuen
Seeschwalbe,
von Denselben.
Querquedula angustirostris Ph. et Ldb.
Der Qu. creccoides ähnlich, aber der Schnabel lang,
schlank, gelb, mit schwarzem Rückenstreifen; die Flügel
länger, der Spiegel weit grösser.
Beschreib, einer neuen Ente u. einer neuen Seeschwalbe. 203
Dimensionen der Qu. angustirostris. l^CJ' creccoides.
Länge der Aussenzehe . — 1" 7'" — 1" 7'"
Länge des Hinterzehe . — — 6V2 — — ^
Länge des goldgrünen
Spiegels der Flügel . — 3 — — 1 11
Der Schnabel ist sehr schlank und bildet am unte-
ren Rande einen sehr flachen Bogenabschnitt; der Rücken
erhebt sich^ vor dem Nasenloch beginnend^ ziemlich steil
gegen die Stirn^ so dass die Oberseite des Schnabels
einen stumpfen Winkel zeigt; er ist gelb, der Schnabel-
rücken aber schwarz mit scharfer Begrenzimg, ebenso
sind Nagel und Vorderrand schwarz. Der Unterschnabel
ist gelb mit schwärzlicher Spitze, die Iris dunkelbraun,
die Füsse licht grüngelb mit grauen Schwimmhäuten. Der
Kopf und die obere Hälfte des Halses sind fein blassbraun,
weiss und schwarz in die Quere gewellt. Unterhals,
Brust, Bauch, Seiten, Aftergegend, die unteren Deckfe-
dern des Schwanzes sind graulich weiss, an Hals und
Brust licht hellbräunlich überflogen. Sämmtliche Federn
des Halses, der Brust und Magengegend haben in der
Mitte einen halbmondförmigen, schwarzbraunen Fleck,
wodurch diese Theile schwarz geperlt erscheinen. Die
Befiederung der Schienbeine ist licht grau. Oberrücken-
und Schulterfedern sind hell rostfarbig mit einem runden
schwarzen Fleck vor der Spitze. Die langen Schulter-
federn sind mattgrün mit Metallglanz und haben eine
breite, rostgelbliche Einfassung. Sämmtliche Oberflügel-
deckfedern sind bräunlich grau, die grossen mit hell rost-
farbiger Binde vor der Spitze. Die Schwungfedern erster
Ordnung sind schwarzgrau, an den dunkleren Spitzen mit
grünlichem Metallschimmer ; die Schwungfedern zweiter
Ordnung sind bis auf die acht letzten auf der Aussen-
fahne sammetschwarz mit breiter bräunlichweisser Spitze;
die Innenfahnen sind dunkelgrau. Hierauf folgen zwei
bis drei Federn mit prachtvollen goldgrünen Aussenfah-
nen, wogegen die letzten dieselbe Färbung zeigen, wie
die langen Schulterfedern. Auf diese Weise zeigt der
Flügel einen herrlichen Spiegel, dessen eine Hälfte sammt-
schwarz, die andere grün ist und die beide von rostweiss-
204 Philipp! und Laiidbeck:
liehen Qiierbinden am Anfange und Ende begränzt sind.
Die grossen Federn der Unterseite des Flügels sind hell-
grau, die Deckfedern weiss, zum Theil schwärzlich ge-
bändert. Der Unterrücken, der Bürzel, die oberen De ck-
fedex'n des Schwanzes und die Schwanzfedern selbst sind
schmutzig aschgrau mit dunkleren Mittelstrichen und
Flecken.
Diese Ente hat grosse Aehnlichkeit mit Qu. oxyptera
oder creccoides, ist aber grösser, der Schnabel länger,
schlanker, weniger hoch und durch die scharf begränzte
schwarze Färbung des Rückens verschieden; der Tarsus
ist länger, der nackte Fuss anders gefärbt; der Flügel
ist vom Bug bis zur Spitze um 1 Zoll 2 Linien länger,
der grüne Spiegel ist um einen vollen Zoll länger, end-
lich ist die gan^e Färbung lichter, Brust- und BauchÜecke
sind kleiner und blasser, der Bauch und die Aftergegend
ebenfalls heller.
Das im Vorstehenden beschriebene Exemplar ist ein
altes Männchen und Avurde im Juli 1852 an der peruani-
schen Lagune Cucullata vom verstorbenen Frobeen in
Tacna erlegt. Ueber das Aveitere Vorkommen desselben
oder dessen Lebensweise können w^ir nichts mittheilen,
auch weissen wir nicht, ob von Tschudi in seiner Fauna
peruana unter dem Namen Anas oxyptera vielleicht diesen
Vogel gemeint hat, da er keine Beschreibung dieser Ente
mittheiit.
Sterna atrofasciata Ph. et Ldb.
Schnabel schwarz, Iiis dunkelbraun, Fuss dunkelroth.
Der Vorderrand des Unterarms hat eine weisse und
schwarze Längsbinde.
Dimensionen.
Zoll. Linien.
Länge des ganzen Vogels .... 10 6
Länge des Schnabels von der Spitze
bis zur Stirn 1 —
Länge des Schnabels von der Spitze
bis zum Mundwinkel ..... 1 6
Beschreib, einer neuen Ente u. einer neuen Seeschwalbe. 205
Zoll. Linien.
Höhe des Schnabels — 4
Breite desselben — 3
Länge der Mittelfedern des Schwanzes 2 4
Länge der Aussenfedern desselben . 4 —
Länge der Flügel vom Bug bis zur
Spitze 9 -—
Länge des Tarsus — 7
Länge der Lmenzelie nebst Nagel . — 6
Länge der Mittelzehe — 9
Länge der Aiissenzehe — 8
Länge der Hinterzehe — 2V2
Der Schnabel ist sanft gebogen^ vom Nasenloch an
stark seitlich zusammengedrückt^ die Spitze scharf, der
Schnabelrücken scharfkantig, die Schnabelränder stark
eingezogen. Das Nasenloch liegt nahe an der Stirn, ist
drei Linien lang, oval. Der Schnabel ist schwarz, an
der Wurzel roth, an der Spitze hornfarbig, durchsichtig;
die L'is dunkelbraun, die Augenliedränder schwarz 5 die
Füsse dunkelroth. — Die Stirn bis hinter die Augen,
die Mitte des Scheitels bis zum Hinterhaupte, die Seiten
des Halses und die ganze Unterseite sind weiss ; dieselbe
Farbe zeigt der Bürzel, die oberen Schwanzdeckfedern,
die mittleren Schwanzfedern und sämmtliche untere Deck-
federn des Flügels. Die Umgebung des Auges, die
Wangen, die Seiten des Kopfes, das Genick und der
Hinterhals sind matt kohlschwarz, die übrige Oberseite
ist dunkel aschgrau; die oberen Deckfedern der Flügel
haben einen dunkeln Mittelstrich und weissliche Kanten.
Der Vorderrand des Unterarmes ist weiss, und dahinter
folgt eine mattschwarze, breite Binde. Die Schäfte der
Schwungfedern erster Ordnung sind weiss , die Barte
dunkel aschgrau, doch ist der grösste Theil der Lmen-
fahne weiss und die weisse Färbung scharf abgeschnitten.
Die Schwungfedern zweiter Ordnung sind hell aschgrau
mit weissen, graubraun gesprenkelten Spitzen. Die Eck-
flügel und die grossen Deckfedern der Schwungfedern
erster Ordnung sind dunkelgrau. Die drei äussern Schwanz-
206 Philipp! undLandbeck: Beschreib, einer neuen Ente etc.
deckfedern jeder Seite sind auf der Aussenfahne schwarz-
graU; auf der Innenfahne weiss.
Dieser Vogel ist ein junges Weibchen und wurde
am 4ten December 1861 in Llico (Prov. Colchagua) zwi-
schen dem Ausflusse des grossen Salzsees von Vichuquen
und dem Meere erlegt; er gehörte einer grossen Schaar
an^ welche sehr scheu war und nach dem Schusse aus
der Gegend verschwand.
Da uns keine Seeschwalbe bekannt ist^ zu welcher
dieser Vogel gehören könnte^ so müssen wir denselben
für neu halten und bemerken schliesslich, dass derselbe
wahrscheinlich das erste Herbstkleid trägt, und dass dem-
nach vermuthlich im Sommerkleide die Oberseite des
Kopfes ganz schwarz sein dürfte.
Santiago, den 27. December 1862.
Kurze Nachricht über ein paar Chilenische Fische.
Von
Br. R. A. Philipp!
in Santiago.
(Hierzu Taf. X. Fig. a und b.)
Meine im Jahre 1857 ausgesprochene Hoffnung von
Yelasia chilensis mehrere Exemplare zu erhalten und eins
zergliedern zu können, ist nicht in Erfüllung gegangen.
Weder aus der Provinz Yaldivia noch aus hiesiger Pro-
vinz (Santiago), wo gleichfalls Angviillas, sicherlich keine
Aale, sondern Neunaugen, vorkommen, habe ich, trotz
vielfacher Versprechen, keins dieser Thiere erhalten kön-
nen. Erst vor nicht langer Zeit sandte mir Herr Apo-
theker A n w a n d t e r zur Ansicht zwei Valdivische Neun-
augen; die eine war Velasia chilensis, die andere aber
eine neue Art, die ich vorläufig Petromyzon Anwandteri
nenne; die Europäischen Ichthyologen, welche mehr Er-
fahrung in diesem Zweige der Zoologie besitzen als ich,
und über Bücher und Sammlungen zum Vergleichen ge-
bieten können, mögen den Namen berichtigen, wenn es
nöthig ist.
Petromyzon Anwandteri Ph.
Das Exemplar ist in sehr starkem Weingeiste auf-
bewahrt; und demzufolge sehr runzelig geworden. Es
ist einfach schiefergrau und auf dem Rücken dunkler.
Seine gesammte Länge beträgt 10% Zoll, die Höhe in der
Gegend des letzten Kiemenloches TVx Linien, die Dicke
des Körpers im Allgemeinen 5 Linien ; die Entfernung des
Auges von der Spitze der Schnauze beträgt 14 Linien,
208 - Philippi:
die Entfernung des hintersten Kiemenloches 3 Zoll 11 Li-
nien; die Entfernung des Afters von der Schwanzsj^itze
IV2 Zoll. Die erste Rückenflosse beginnt ziemlich genau
in der halben Körperlänge; sie ist 10 Linien lang, 3 Linien
hoch, verhältnissmässig etwas kürzer und höher als bei
Yelasia chiiensis. Nach einem Zwischenräume von 10 Li-
nien beginnt die zweite Rückenflosse, welche sich anfangs
ebenso hoch erhebt wie die erste, dann aber bald senkt
und immer niedriger werdend mit der Schwanzspitze en-
digt. Die Afterflosse beginnt erst etwa 3% Linie hinter
dem After, erreicht höchstens wie der hintere Theil der
Rückenflosse IV2 Linie Höhe und senkt sich ebenfalls
allmählich gegen die Schwanzspitze, so dass die hintere
Extremität des Thieres verjüngt, nicht — wie bei Valesia
chiiensis — verbreitert erscheint. Der Kopf ist stumpf,
schräg nach unten und hinten geneigt, und ragt unten
weiter hervor als der Rumpf, dann folgt eine sackförmige
Erweiterung der Kehle, welche bis zur sechsten Kiemen-
öflnung reicht. Es sind sieben Kiemenöfi'nungen vorhanden.
Die Lage der Augen und die Nasenröhre sind wie bei
Velasia. Vor jedem Auge ist eine Reihe von fünf war-
zenförmigen Drüsen, vermuthlich Schleimdrüsen, die von
der Mitte des unteren Augenrandes schräg nach vorn und
oben verläuft und die ich bei Yelasia chiiensis nicht an-
getrofi:en habe.
Der Mund bildet eine Längsspalte. Die Lippen ha-
ben einen scharfen Rand, der aussen mit einer Reihe
kurzer Girren, etwa 20 bis 24 jederseits, besetzt ist, und
es ist keine der quergestellten, gefranzten Lamellen vor-
handen, die das Maul von Yelasia so auffallend machen.
Oeff'net man unserer neuen Art das Maul, so sieht man un-
ten im Schlünde eine Querreihe von neun, vollständig?
von einander getrennten Zähnen, dann eine Querreihe
Falten und ganz nach innen zwei starke Schlundzähne
wie bei Yelasia, allein statt der vier in Bogen gestellten
Gaumenzähne der letzteren erblickt man jederseits drei
sehr spitze, fast hakenförmige, gleichgrosse Zähne, die
im Dreiecke, zwei oben, eine unten, stehen. Zwischen
allen erwähnten Zähnen und den Lippenzähnen ist ein
Kurze Nachricht über ein paar Chilenische Fische. 209
ziemlich weiter^ zahnloser Raum. Die Lippenzälme neh-
men von innen nach dem Rande hin an Grösse ab und
an Zahl zn, auch sind die oberen weit grösser als die
unteren. Zu inner st steht ein Kranz von vier Reihen^
welcher im unteren Theile des Maules innen und aussen
von einer Furche eingefasst und durch strahlenförmige
Furchen gleichsam in Felder getheilt ist. Zwischen die-
sen vier Reihen und dem Lippenrande sind zahlreiche,
kleine und spitze Zähnchen^ die in der Zeichnung nicht
sichtbar sind.
Der Unterschied im Gebiss beider Arten wird durch
beifolgende Zeichnung noch deutlicher werden, a ist der
geöffnete Mund von Velasia chilensis, b von Petromyzon
Anwandteri.
Heber zwei ueue Chilenische Barsch-Arten.
Unter den verschiedenen kleinen Seen oder Teichen
der Provinz Santiago^ welche im Winter der Aufenthalt
zahlloser Enten und anderer Wasservögel sind, und an
deren grasigen Ufern alsdann die Cordilleren- Gänse,
Bernicla melanoptera, der Piuquen und der Gansillo,
B. dispar Ph. et Ldb. (B. magellanica Cassin non Gm.)
weiden, zeichnet sich der von Peine aus, welcher einen
ziemlich rasch strömenden, von Wasserpflanzen, nament-
lich dem hohen Senecio Hualtata, eingefassten Abfluss
hat. In diesem kleinen Bach kommen in ungeheurer An-
zahl kleine Fische vor, welche Pocha und Carmelita ge-
nannt, wegen ihrer Kleinheit aber nicht gegessen wer-
den. Um sie zu fangen genügt es, in dem Wasser mit
einem Korb in der Hand herumzuwaden und die Ufer-
pflanzen über dem Korbe stark zu schütteln, in kurzer
Zeit hat man den Korb voll Fische. Vor ein paar Wo-
chen brachte mir mein Freund, der Dr. Segeth, eine
Partie* dieser auf solche Weise gefangener Fische und
die Untersuchung derselben ergab, dass es zwei neue
Arten Perca sind. Es ist wohl überflüssig zu bemerken,
dass sie nicht allein in dem erwähnten Bach vorkommen,
Archiv f. Naturg. XXIX. Jahrg. l.Bd. 14
210 Philippi:
sondern an allen geeigneten Lokalitäten der Provinz an-
getroffen werden.
Perca Poclia Ph.
P. qnadri- vel quinquepollicaris, leviter elongata,
dorso fusco-grisea^ abdomine albicans ; infraorbitali nudo,
margine distincte serrulato; rostro supra valde scrobicu-
lato ; linea laterali dorso subparallela ; alis omnibus basi
albidis, apice nigricantibus ; dorsalis anticae spina maiore
mediam corporis altitudinem siiperante. — D. 9 — 1 . 10.
A. 3 . 9. C. 15. P.. 15. V. 1 . 5.
Frequens in prov. Santiago, incolis Pocha.
Man kann diesen Fisch leicht für eine junge Trucha,
Perca trucha (Trucha heisst eigentlich Forelle !), halten, er
soll aber niemals grösser als 5 Zoll werden. Das von mir
genauer untersuchte und abgezeichnete Exemplar ist 4 Zoll
4Lin. lang, 13 Lin. hoch und 6^/2 hime dick. Die Flossen
sind am Grunde beinah farblos, nach der Spitze hin schwärz-
lich, während sie umgekehrt bei der Trucha am Grunde
schwärzlich und nach der Spitze hin hell sind. Der Bauch
ist bei der Trucha mehr gelb, bei der Pocha mehr grau;
die Schwanzflosse ist bei der Pocha nur am Grunde
beschuppt , bei der Trucha geht die Beschuppung viel
weiter; das Suborbitale ist bei der Trucha beschuppt, bei
der Pocha unbeschuppt und die Gruben desselben daher
auffallender. Der auffallendste Unterschied ist indessen
die Höhe der Rücken- und xlfterfl.osse. Bei einer 9V2 Zoll
langen Trucha ist der zweite Strahl der ersten Rücken-
flosse nur I2V3 Lin. lang, während die Höhe des Kör-
pers 27 Linien beträgt; bei der kaum halb so langen
Pocha misst dieser Sti*ahl 8 Linien und die Höhe des
Körpers nur 13. Ebenso misst bei demselben Exemplare
der Trucha der zweite 'Strahl der Afterflosse 7 Linien,
bei der Pocha 5 Linien. — Der Hinterrand des Praeoper-
culum ist sehr deutlich, wenn auch fein und dicht gesägt.
Der ganze Fisch ist mit feinen, schwarzen Pünktchen ge-
tüpfelt, die auf der hellen Bauchseite besonders deutlich
sind. Die Schuppen sind im Vei'hältnisse weit länger als
bei der Trucha, und auch sonst etwas abweichend, ich
Kurze Nachricht über ein paar Chilenische Fische. 21 1
miiss aber bekennen, dass ich niclit weiss und niclit un-
tersucht habe; ob die Schuppen von verschiedenen Kör-
pertheilen desselben Fisches wesentliche Verschiedenhei-
ten in der Gestalt zeigen. Ein anderes unterscheidendes
Merkmal bietet die Oberfläche des Kopfes und das vor-
dere Nasenloch dar. Bei P. trucha ist die Oberseite des
Kopfes glatt; ohne Leisten und Gruben, und bis zum
Nasenloch beschuppt; das vordere Nasenloch zeigt eine
trichter- oder trompetenförmige Erweiterung und Verlän-
gerung seines Randes. Bei P. pocha ist nur der Hinter-
kopf deutlich beschuppt; zwischen den Augen verlaufen
nach vorn zwei LängskielC; die in der Höhe des hinteren
Augenrandes beginnen^ parallel verlaufen bis sie die Höhe
des vorderen Augenrandes erreichen, dann etwas diver-
giren und sich wieder in der Höhe des vorderen Nasen-
loches vereinigen, so dass drei Längsgruben entstehen,
eine zwischen den Kielen und eine jederseits zwischen
Kiel und Auge. Der Rand des vorderen Nasenloches ist
einfach, kaum vorspringend.
Perca SegethiVh.
P. tripoUicaris, leviter elongata, dorso fusco-grisea,
ventre flavescens, squamis nonnullis subaeneis; linea dor-
sal! cum dorso fere parallela; infraorbitali nudo, margine
mutico, pinna dorsali grisea, ad apicem spinarum rubra,
aliquis rubris; margine infraorbitalis, membranae bran-
chiostegae, labiisque rubris. — D. 7 — 1 . 10. A. 3.8. C. 15.
P. 13. V. 1.5.
Frequens in prov. Santiago, incolis Carmelita.
Bei einer Länge von 2 Zoll jlO Linien beträgt die
Höhe 9 Linien, die Dicke 4V2 Linien. — Auf den ersten
Blick unterscheidet sich dies Fischchen durch seine rothen
Flossen, rothen Lippen, rothen Rand der Kiemenhaut und
des Infraorbitalknochens, so wie durch die geringere Zahl
von Stachehi in der ersten Rückenflosse. Die Stacheln
derselben so wie die der Afterflosse sind wie bei der
Pocha im Verhältnisse weit länger als bei der Trucha.
Die Schuppen sind nicht nur relativ sondern sogar abso-
212 Philippi: Kurze Nachr. üb. ein paar Chilenisclie Fische.
lut grösser als bei der Poclia^ und während bei dieser
z. B. wenigstens fünf Reihen Schuppen zwischen Rücken-
flosse und Seitenlinie stehen ^ stehen bei der Carmelita
deren nur drei. Auch die Gestalt der Schuppen ist an-
ders. Nicht nur der vordere Theil des Kopfes^ sondern
auch das Hinterhaupt sind schuppenlos; es fehlen dem
Kopf die Längsleisten und Gruben^ die bei der Pocha so
auffallend sind; der Rand des Infraorbitalknochens ist
ungezähnt^ auch der Hinterrand des Praeoperculum ist
ungezähnt und nur der Winkel desselben zeigt feine
Sägezähne^ während der Unterrand die gewöhnlichen,
nach vorn gerichteten Zähne besitzt. Der Stachel des
Kiemendeckels ist wenig merklich. Endlich zeigt der
Rand des vorderen Nasenloches keine Verlängerung und
trichterförmige Erweiterung.
Santiago, den 27. December 1862.
Monographie des Nandu oder südamerikanischen
Strausses (Rhea americana).
Von
Dr. Adolph Böcking
in Bonn.
In dem ungelieuren Ländercomplex Südamerika' s,
welcher zwischen dem atlantischen Ocean und den Cor-
dilleras liegt, sich von den Urwäldern Bolivias, des Gran
Chaco, Paraguays und Brasiliens in unabsehbarer Ebene
bis weit nach Patagonien hinein erstreckt und unter dem
Sammelnamen der Staaten des Rio de la Plata bekannt
ist, lebt, wenige Orte ausgenommen, der amerikanische
Strauss.
Die Indianer nennen denselben ononartopöetisch
Nandu, nach dem weit hörbaren Rufe, welchen zur Balz-
zeit der Hahn hören lässt.
Er ist nur in einer Species vertreten. Die tief im
kalten Süden vorkommende nach dem berühmten Dar-
win zu Anfang dieses Jahrhunderts von Gould zuerst
Rhea Darwinii, später von d'Orbigny Rhea pennata
genannte (Avestruz petiso heisst er bei den Gauchos), ist
nach meinem Dafürhalten nur als klimatische Subspecies
anzusehen.
Für die ganze Pampa der freien Indianer, des argen-
tinischen Staatenbundes, der südlichen Provinzen des
brasilianischen Kaiserreiches und der ganzen Banda oriental
Uruguay, bleibt er in der ornithologischen Fauna weit-
aus die charakteristischste Erscheinung.
Seine Morphologie und Systematik darf ich, als all-
gemein bekannt, voraussetzen, denn, obgleich zu Anfang
dieses Jahrhunderts in Europa noch so gut wie fremd,
214 Böcking:
fehlt er docli jetzt kaum mehr Irgend einem Cabinette
oder zoologischen Garten.
Speciiischer Steppenvogel, der er ist_, vermeidet der
Nandu sowohl -wirkliche Berge als den tropischen Urwald.
Die lichten Algarrobenwälder, so wie die inselartig in
dem Grasmeere liegenden Myrthen-, Quebracho- oder Pal-
menbosquets besucht er sehr gern, und nimmt aufge-
scheucht vorzugsweise seine Flucht dahin.
Der Mittelpunkt seiner klimatischen Heimath ist
etwa da zu suchen, wo der 32. Breitengrad südlicher Breite
den 63. und 64. Längengrad durchschneidet und von hier
aus verbreitet er sich bis in die Tropen wie in die eisi-
gen Steppen um die Magellanstrasse.
Einzelne Beobachter wollen ihn auf den Vorcordille-
ren gesehen haben, auf dem Paso de Cumbre z. B., wel-
cher über Uspallata für diejenigen führt, welche von
Mendoza nach Santiago de Chile gehen. Dieser Pass
jedoch ist nach des schottischen Arztes Gillies Baro-
metermessungen 12,530, nach Miers Messung 11,930 Fuss
über dem Spiegel des Pacific gelegen; auf der Höhe des
Passes kömmt sicher kein Nandu mehr vor, auf dem Wege
zu diesem Passe mögen dieselben bis zu einer massigen
Höhe dann und wann sein, unrichtig aber jedenfalls ist der
in Berghaus physicalischem Atlas angedeutete Verbrei-
tungsbezirk über den 7^ n. B. hinaus; der Strauss er-
reicht in nördlicher Richtung gewiss den Aequator nicht,
weil ihm dort sein wahres Element, die Steppe fehlt. Er
überschreitet die Pampagrenze nördlich und westlich zwar
hie und da, aber selten, und dann nur in vereinzelten
kleinen Trupps.
Im Osten geht er an die Küste des atlantischen
Oceans, lebt sogar mit Vorliebe hier, und im Süden bildet
die Grenze der Grasvegetation auch seine Grenze.
Zwischen der Rhea americana und pennata ziehe ich
keine Verbreitungsgrenze, weil ich, wie bereits berührt,
die zweite nur als klimatische Varietät ansehe, und der
Uebergang der einen in die andere ein sehr allmählicher
ist. Sie unterscheiden sich wesentlicher nicht von einan-
der als die Perdix cinerea mit grauen und mit gelben
Monographie des Nandu. 215
Füssen, welche wir im Moselthale antreffen. Will man
durchaus eine Grenze haben, so wird diese der Cusu
Leubu oder Rio Negro bilden, in der ungefähren Breite
von Valdivia in Chile, also 40*^ s. B.
Auf dem oben genannten Räume finden sich wenige
Striche, wo der Nandu ganz fehlte, er ist überall, wo
seine Hauptnahrung, die Gräser, zu finden sind, selbst an
den Ufern der von Salz wie von Schnee weissen Sali-
trales des Urre-Lauquen.
Der Hahn lebt mit fünf bis sieben, selten mehr oder
weniger Hennen in gesonderter Familiengruppe innerhalb
des vom Männchen gewählten und gegen andere behaup-
teten Standes; die übrige Zeit des Jahres thun sie sich
in Heerden bis sechzig und mehr Individuen zusammen;
so fest der Familienverband für das kontraktmässige Jahr
ist, so losen Zusammenhang haben die grossen Zusammen-
rottimgen. Die erste beste Zufälligkeit, wie ein Nacht-
raubthier, ein Pampero u. s. w. , trennt diese Schwärme,
und schlagen sich deren Theile mit dem nächsten wei-
denden Trupp wieder zusammen. So scheinbar planlos
dies Umherziehen ist, so entfernen sie sich doch nie sehr
weit von ihrem Geburtsorte, höchstens zwei Leguas, was
ich sehr genau an einem verwundeten aber wieder ver-
heilten Exemplare controlliren konnte, welchem der rechte
Flügel ganz herunterhing. Dieser von den Peonen „el
lastimado" genannte Strauss war oft tagelang von meinem
Beobachtungsorte aus nicht zu sehen, wurde aber dafür
dann in dem Reviere unserer Nachbarn auf zwei Leguas
in die Runde bemerkt und kam mit viel oder wenig Ge-
sellschaft doch immer wieder zurück.
Sie sind durchaus inoffensive Thiere, die Männchen
kämpfen zur Balzzeit zwar heftig unter einander mit
Schnabel und Flügel, welch letztere zum Schlagen und
Pariren zugleich dienen, auch wissen sie sich im Laufen
ihrer Ständer durch Ausschlagen vortrefflich zu bedienen,
aber gegen den Menschen vertheidigen sie siclx ange-
schossen höchstens durch einen leicht zu vermeidenden
Schnabelhieb.
• Ihre bemerkenswertheste Eigenthümlichkeit ist ihr
216 Böcking:
mit Recht sprüchw örtlich gewordener Appetit, denn man
sieht sie selten anders als weidend.
Im Frühlinge, wenn der vorherrschend graubraune
Ton, welcher den kurzen Wachsthumsstillstand der dorti-
gen Vegetation kennzeichnet, dem jungen Grün Platz
macht und der „trebol^ oder Klee in seinen verschiede-
nen Arten noch das Uebergewicht über die monokotyle-
donischen Kräuter hat, geniesst er vorzugsweise diesen
und Insekten, es ist der Zeitpunkt, wo sein Gefieder am
schönsten, sein Gang am stolzesten ist, und wo der Hahn
den tiefen besonders in stillen Nächten leguaweit ver-
nehmbaren sonoren Kehlton in minutenlangen Pausen
erschallen lässt, ein Locklaut für seinem Weibchen, eine
Herausforderung für den kühnen Nebenbuhler und ein
Warnungsruf für den altersschwachen oder noch unzu-
rechnungsfähigen Ritter !
Dieser tiefe schwermüthige Laut verfehlte seines
Eindrucks nie auf mich, wenn ich allein, nur meine Thiere
um mich, im Camp übernachtete.
Er war die Aeusserung einer lebendigen und zu-
gleich friedlichen Natur rings in der unemnesslichen Stille.
So lange dieser Ruf, der selbst noch im Schlafe vernehm-
bar ist, die Nacht durchhallt, ist man sicher vor jedwedem
Ueberfall. Der Nandu ist von allen wachsamen Pampa-
geschöpfen das wachsamste, verstummt derselbe, so spitzt
das Pferd die Ohren und hört auf zu weiden und die
Hunde schnüffeln in die Luft, um zu sichern.
Sobald die Paarzeit vorüber, hört man von beiden
Geschlechtern einen etwa einen halben Ton langen cres-
cendo und decrescendo gehaltenen und wie ein Pfeifen
klingenden Ruf, an welchem keine andere Modulation
wahrzunehmen ist als diejenige, welche durch die ver-
schiedene Körperstärke der einzelnen Individuen bedingt ist.
Man hört diesen Ton nicht häufig, besonders nicht in der
heissesten Zeit, und dann meistens nur, wenn die Heerde
in den Espinillowäldern weidet als Sammellaut. Die jun-
gen piepen wie die Truthühner. Einen Schmerzens- oder
Schrecklaut habe ich unter keinen Umständen vernommen.
Ein zahmer fauchte im Zorne wie ein Puter. Im Früh-
Monographie des Nandu. 217
llng- ist der Strauss äusserst lebhaft und Tag und Nacht
am Wandern ; im Sommer^ wo er, wie alles Wild und Vieh,
Mittags drei bis vier Stunden Ruhe hält, holt er diese Zeit
in den erfrischenden Nächten nach, übrigens ist er ein
echtes Tagthier, und in der kalten Zeit habe ich ihn nie
Nachts ein Lebenszeichen geben hören.
Alle seine Sinne, den Geschmack bedingt ausgenom-
men, sind sehr scharf, ich hatte oft Gelegenheit sie auf
die Probe zu stellen, und der Jäger muss den Wind und
jeden Terrainvortheil benutzen, so wie jedes Geräusch ver-
meiden, wenn er ihm ankommen will, sein Schleichen wird
in den meisten Fällen dennoch ein vergebliches sein. Im
Sommer frisst der Nandu Gras und mit Vorliebe Blumen-
knospen, selbst die unentwickelteren der verschiedenen
Distelarten, besonders der wilden Artichocke, ob ihres Nah-
rungsgehaltes wegen oder als Beförderungsmittel für Ver-
dauung, bleibe dahingestellt, ich fand dieselben aber in
allen Mägen, welche ich zu dieser Zeit untersucht habe,
vermischt mit den Resten von Heuschrecken und hart-
flügeligen Coleopteren.
Im Herbste sucht er gern die mit Saliceen und
Lorbeeren bewachsenen Stromufer oder „bajos^^, Niede-
rungen, auf, der Myrthen- und anderer Beeren wegen,
die ei- dann neben seiner Hauptnahrung, den Gräsern,
liebt, oder er zieht sich, wo kein Strauchwerk existirt,
in die „Cardales'* Distelwälder zurück. Die Distel (Cy-
nara cardunculus) von den Spaniern als Küchen- und
Gartengewächs schon zur Zeit der Conquista nach Süd-
amerika gebracht, ist dort verwildert und bedeckt jetzt
in der Pampa viele tausend Quadratmeilen Landes dicht
mit ihren stachligen Blättern und über manneshohen
Blüthenschäften. Auf der ebenen Fläche wehen die
Stürme den mit einem Pappus versehenen Samen grosse
Strecken fort, so wachsen die Cardales von Jahr zu Jahr
an Ausdehnung und beschränken auf diese Weise den
Raum, welchen nützlichere Futterpflanzen ohnedies ein-
nehmen würden. Die Distelblätter werden bloss hier und
da zur Abwechselung von Pferden oder Maulthieren ge-
fressen, das übrige Vieh verschmäht sie hartnäckig. Ist
218 Bock
mg:
der Reisende genöthigt tagelang dtircK ein Cardal zu
reiten, so muss er den Pferden um Brust und Beine
Schaffelle wickeln; den Strauss hingegen hindern die
tausend und aber tausend Spitzen nicht, welche sich an
ihn hängen, er ist durch seine Brustfedern und dichte
Haut, unter welcher sich zu dieser Zeit ausserdem eine
ziemliche Fettlage zu bilden anfängt, hinlänglich geschützt.
Im Hochsommer verdorrt in der offenen Pampa das Gras
oft zu einer zerreiblichen braunen Masse, welche auch
später der Wind fortfegt, dieses Heu nun frisst das Weide-
vieh so lange nur noch welches existirt, sehr gern, und
nimmt dabei an Körperumfang sogar zu, wenn, was häufig
genug geschieht, nicht auch Wassermangel in den Cana-
das und Lagunas oder Sanjas eintritt und dann jene
schrecklichen Auswanderungen der Heerden veranlasst,
welche den Estanciero in die grössteNoth versetzen, und
wovon vorzugsweise Entre Rios heimgesucht zu werden
scheint.
Im Distelwalde dagegen giebts immer noch grüne
Weide, sein Schatten auf dem Boden giebt Schutz für
allerlei niedrige Kräuter und desshalb ist er denn auch
voll von Straussen, welchen grüne Nahrung Naturbedürf-
niss zu sein scheint.
Zur Winterszeit aest der Nandu alles was grün ist,
besonders gerne steht er dann auf von Yiehheerden re-
gelmässig befressenen Strichen, wo das Gras immer kurz
gehalten und darum zarter ist; sein Lieblingsstand vor
allen sind verlassene Rodeos, d. h. Stellen, auf welchen
früher das Vieh von allen Richtungen her der Controle
halber täglich zusammengetrieben wurde und auf denen
der grossen Anhäufung thierischen Düngers wegen die
Vegetation üppiger ist.
Vieh und Wild lieben nicht den Pasto, welcher aus
Dünger, vor allem wenn er der ihrer eigenen Art war,
entspriesst, der Strauss zieht ihn allem übrigen vor. —
Zu allen Zeiten findet man in dem Magen des Nandu
Steinchen, nie aber habe ich Reptilien oder überhaujit
Lurche irgend welcher Art darin entdeckt, obgleich mich
alle Gauchos auf das Bestimmteste versichert haben, das«
Monographie des Nandu. 219
er kleine Schlangen fresse. Ferner beobachtete ich^ dass
er nur die Blätter und unreifen Stengel der Gräser liebt,
nicht aber die Samen, welche zu ihrer Reifezeit das Yieh
der Ansiedler so fett machen. Selbst zahme Nandus, die
sich übrigens gerne allem Futter anpassen, habe ich nie-
mals rohe Maiskörner fressen gesehen.
Für viele euroj^äische Culturgewächse zeigt er eine
seinen Geschmack ehrende aber dennoch unmoralische
Vorliebe, und hat ein Trupp die Alfalfafelder oder den
Gemüsegarten eines Colonisten entdeckt, so giebts zu hü-
ten, wenn noch ein grünes Blatt übrig bleiben soll.
Diese Liebhaberei an ausländischer Kost theilt er übrigens
mit allem Wilde ; wer weiss nicht, welche Schwierigkei-
ten seiner Zeit durch Yerbeissen der Robinia pseudacacia
das Rothwild dem Förster gemacht hat, und welchen Ge-
schmack findet nicht unser gewöhnliches Kaninchen an
der Gartennelke ? Der Nandu trinkt selten, nur zur Zeit
der grössten Hitze habe ich einzelne Individuen dies thun
gesehen, niemals ganze Trupps, wie dies bei anderen
gesellig lebenden Vögeln jener Länder vorkömmt.
Den grössten Theil des Jahres hindurch genügt der
Regen und Thau auf und das Wasser in seinen Nähr-
pflanzen, ihm das benöthigte Feuchtigkeitsquantum zu
liefern. Säuft er, so schöpft er mit dem Schnabel und
lässt das Wasser durch Emporhalten des Kopfes in den
Schlund hinabfliessen, wie dies bei der Mehrzahl der Vögel
geschieht. Er badet sich niemals im Wasser, sondern
hudert sich im Staube wie ein echter Hühnervogel. Die
einzige Abkühlung, welche er bei aussergewöhnlich hoher
Temperatur nimmt, ist: dass er das Gefieder lockert, die
Flügel hoch ausbreitet und lechzend den Schnabel nach
der Richtung zu, woher der Wind kommt, weit aufsperrt.
Nicht gerne lässt er sich den Luftzug in die Federn
blasen, desshalb weidet er auch meistens und zugleich
aus nimmer ruhender Wachsamkeit, gegen den Wind.
Die Excremente sind seiner Gefrässigkeit angemessen,
aber selbst im Verhältnisse zu seinem enormen Körper
voluminös, sie sind sehr kalkhaltig, besonders um den
härteren ersten Theil und viel Unverdautes und nicht
220 Böcking:
Assimilirbares enthaltend. Er urinirt nicht wie sein grös-
serer afrikanischer Vetter.
Der Nandu kann sehr fett werden; aber im. Frühling
ist er mager, wegen der Substanzlosigkeit seiner Winter-
nahrung und weil die Paarung und das Eierlegen ihn
sehr erschöpfte. Sobald der Oktober kömmt, der Lenz
der südlichen Hemisphäre; sammelt das Männchen, wel-
ches wie das Weibchen erst nach Ablauf des zweiten
Jahres fortpllanzungsfähig wird, drei bis sieben, in selte-
nen Fällen mehr Hennen um sich, bekämpft die anderen
Hähne durch Schnabelhiebe und Flügelschläge aus seinem
Bereiche, und das Eierlegen beginnt dann von Mitte
December ab.
Die nicht zur Begattung kommenden Individuen, also
die zu alten oder unreifen Männchen und die gelten
Weibchen, bilden zu dieser Zeit gesonderte Trupps, wel-
che planlos umherschweifen und allerseits von den wirkli-
chen Familienvätern umhergejagt werden.
Ganz alte Hennen bekommen durch Virilescenz eine
Andeutung der schwarzen Na c kenplatte und der Brust-
federn des Hahnes, welche Theile sonst schief er grau sind.
Die ersten Eier, welche die Reiter einzeln mit nach
Hause bringen, sind die sogenannten Guachos, Stiefkin-
der oder Findlinge, man findet sie da und dort im Camp,
und legen sie die zuerst brünstig gewordenen Hennen so
lange dahin, wo die Geburt sie gerade überrascht, bis
das Männchen sich für einen Nestplatz entschieden hat
und die ganze Familie das regelmässige Legegeschäft
beginnt.
Das Nest ist stets eine flache Aushöhlung an einem
der Üeberschwemmung nicht ausgesetzten und auch übri-
gens trockenen Orte, welcher möglichst verborgen seit-
lich von Disteln oder hoher „Paja'' geschützt wird.
Allermeist sind es die Löcher, welche die wilden
Stiere machen, indem sie sich mit dem Schulterblatte
auflegen und vermittels der Hinterbeine um ersteres als
Centrum herumbewegen, in der Absicht, sich der Oestrus-
larven in ihrer Haut zu entledigen. Eine solche Stelle
derart von ihrer Grasnarbe entblösst, benutzt das Vieh
Monographie deS Nandu. 221
gerne regelmässig als Staubbad so lange^ bis dieselbe
anderthalb oder zwei Fiiss tief geworden^ diesem Behufe
nicht mehr entspricht und eine neue angelegt werden
muss. Diese Vertiefungen haben gewöhnlich 4V2bis5Fuss
Durchmesser, bewachsen durch Öamenanflug bald wieder,
und man findet dieselben zahllos im Camp zerstreut.
Sie verändern unter ihrer Vegetationsdecke nie wie-
der ihre Form und bieten dem Nandu ein Nest, an wel-
chem die grösste Arbeit bereits gethan; findet das Thier
kein derartiges Stierbad vor, so scharrt es nur an einer
ihm zusagenden Stelle den Pflanzenüberzug weg, füttert
dieselbe sehr nothdürftig am Boden und Rande mit eini-
gen Grashalmen aus und lässt seine Weibchen 7 bis 23 Eier
hineinlegen.
Die Gauchos behaupten, es gäbe Gelege bis zu
50 Stücken, ich habe selbst nie mehr Eier als 23 ge-
zählt und im Durchschnitte 13 bis 17 gefunden, auch
wüsste ich nicht, wie obige Zahl in dem zur Grösse der
Eier verhältnissmässig engen Räume Platz finden sollte.
Sieben Hennen mögen mit den „Guachos" gerne zusam-
men fünfzig Eier legen, diese Anzahl aber im Neste allein
halte ich für übertrieben und für ein Produkt der sehr
fruchtbaren Gauchophantasie. Die Eier sind von sehr ver-
schiedener Dimension, von Gänseeiergrösse an bis zum
Durchmesser von 5 Zoll nach der Längenaxe. Sieben
bis acht gehören zum Gewichte einer spanischen Arrobe.
Um das Nest herum, von seinem Rande an bis zum
Abstände von 50 Schritten, findet man stets „Guachos^,
welche von jüngerem Datum sind als die Nesteier. Man
kann dies leicht an der Farbe der Schale erkennen.
Frisch ist das Straussenei gelblichweiss mit kleinen
unregelmässigen grüngelben Pünktchen um die übrigens
sehr grossen Poren; hat dasselbe aber auch nur einen
einzigen Tag der Sonne ausgesetzt gelegen, so bleicht es
schon an der Oberseite, und ist nach acht Tagen bereits
schneeweiss. Man findet aber, nachdem die Nesteier be-
reits vollständig verbleicht sind, noch ganz frische „Gua-
chos^. Der Grund hierzu scheint mir darin zu liegen,
dass diese spät zur Reife gediehenen Eier desshalb
222 Böcking:
nicht mehr im Neste zugelasseii werden, damit das Aus-
schlüpfen der Jungen, Avelches ohnehin schon mehrere
Tage währt, nicht noch verzögert werde. Oder es sind
Versuche verwittweter Hühner, ihre Eier einer anderen
FamiKe anzuvertrauen, welche aber zurückgewiesen wer-
den müssen; oder aber endlich es sind, bei übergrosser
Zahl von Weibchen zum Verhältnisse der männlichen In-
dividuen, gar nicht befruchtete Eier, welche der Instinkt
ihre Erzeugerinnen wenigstens in den Schatten eines Fa-
milienlebens legen heisst. — Dass diese letzten ,jGuachos'^
den jungen als erste Nahrung dienen sollen, halte ich
aus dem Grunde für eine unmotivirte Ansicht, weil einmal
weder ein Naturforscher noch besonderer Beobachter als
Zeuge dafür einstehen kann, gesehen zu haben, wie der
Hahn die Findlinge zertreten oder aufgepickt hätte und
die kleinen „Pollos ^ sich über den Inhalt hergemacht hät-
ten. Die Jungen fressen sobald sie stehen können Insekten,
an denen wahrlich kein Mangel zu dieser Zeit ist!
Dann aber auch muss obige Conjektur, denn weiter
ist sie nichts, desshalb verlassen werden, weil während des
zum mindesten 6 — 7 Wochen dauernden Lege- und Brüte-
prozesses alle Guachos, welche nicht inzwischen von den
kleineren Raubthieren zerstört worden sind, durch den
vollen Einfluss der in diesen Landstrichen sehr schroff
wirkenden Atmosphärilien und plötzlichen Temperatur-
abstände sicher durch Fäulniss verdorben sind. Dass seit
Lichtenstein's afrikanischer Reise diese Ansicht die
allgemein verbreitete geworden ist, und ich dieselbe im
Lande selbst da und dort von Eingeborenen als solche
habe äussern hören, ist immer noch kein Beweis und
fehlt in der ganzen befiederten Welt für solchen Canni-
balismus jegliche Analogie. Die Natur lässt in ihren
sämmtlichen organischen Schöpfungen bei weitem mehr
Keime, welche nie zur Entwickelung kommen, entstehen
als sie Existenzen duldet, die Welt wäre sonst für alle
dies Leben zu klein, und wer kann wissen wesshalb sie
dies thut ? Doch zurück zum Nandu! Nachdem das Nest
seine Eierzahl voll hat, besorgt das Männchen das Brut-
geschäft allein. Die Hennen entfernen sich sorglich von
Monographie des Nandu. 223
demselben^ bleiben aber zusammen und innerhalb des vom
Hahne behaupteten Revieres. Letzterer sitzt die Nacht
über und am Morgen so lange, bis der Thau abgetrock-
net ist, fest, verlässt aber dann in unregelmässigen Ab-
ständen, welche sich nach der Temperatur richten, das
Nest um zu weiden, jedoch sind diese Zwischenräume
ohne Schaden für die Entwickelung des Fötus sehr gross.
Vom Rande eines Flusses aus, in welchem ich fischte,
beobachtete ich einst eine vierstündige Abwesenheit des
Strausses vom Neste, vor Abend verjagte ich ihn, zählte
die Eier nach und ein paar Wochen darauf war die junge
Schaar, ohne dass ein faules Ei im Neste liegen geblieben
wäre, lustig ausgekrochen.
Anfangs sitzt der Hahn nur lose und schleicht sich
beim geringsten verdächtigen Geräusche stille abseits biß
die Gefahr vorüber ist, später sitzt er dagegen sehr fest
und schnellt oft erst dicht vor dem Reiter zum grossen
Schrecken des Pferdes empor. Es kann dies für den
noch nicht zum vollständigen „Gaucho'^ gewordenen Euro-
päer leicht unangenehme Folgen haben, denn wird er
von dem bäumenden Gaule abgesetzt, so läuft dieser
seinem Weideplatze zu, sprengt Sattelgurt und Zaum und
der Reiter zu Fusse ist den Angriffen des wilden Viehes,
welches aller Orten weidet, besonders der fetten Stiere
und derjenigen Kühe, welche noch junge Kälber haben,
ausgesetzt. Selbst sein Renommee leidet darunter, denn
kömmt er auch glücklich bis zu einem Rancho, so werden
ihn die braunen Gesichter höhnend anblicken , für sie
giebt es keinen verächtlicheren Menschen als einen Fuss-
gänger, und glaubt man ihm auch schliesslich sein Aben-
teuer, so kann er doch sicher sein wegen seiner Unge-
schicklichkeit im Reiten ausgelacht zu werden.
Behält der Reiter Schluss, so sieht er, dass der
Strauss im Aufspringen nicht schonend mit seinen Eiern
verfahren ist, einige davon wird er zertreten haben, an-
dere werden aus dem Neste geschnellt sein; dabei stellt
er sich eine kurze Zeit gegen den Reiter mit ausgebreite-
ten Flügeln und krausem Gefieder, wodurch er scheinbar
noch einmal so gross wie gewöhnlich aussieht. Er be-
224 Böcking:
sinnt sich aber bald und läuft im Zickzack und hinkend
langsam weg, um die Aufmerksamkeit von seiner Brut
ab auf sich hin zu lenken , wollte man ihm folgen, so
würde er diese Verstellung bald müde werden. Es ist
dies ein Kniff, den man sehr viele Vögel im Instinkt der
Elternliebe anwenden sieht, und wahrlich sie werden an
den denkenden Menschen nie vergebens appelliren.
Das öftere Besuchen sieht er zwar nicht gerne,
lässt sich selbst einzelne Eier fortnehmen, verlässt aber
das Nest ohne wirkliche Zerstörung desselben nicht. Ein
zweites Gelege, wenn das erste geraubt worden, findet
nicht statt, und die Nester, welche nur drei bis sieben
Eier enthalten, rühren stets von jungen Hähnen her, wel-
che noch nicht mehr Weibchen zusammenbringen kannten.
Ob einzelne Eier, welche der Mensch fortnimmt, durch
andere ersetzt werden, kann ich nicht sagen, weil, wenn
ich dieses selbst gethan, es an Orten geschehen ist, wo
mir nachträgliche Beobachtungen nicht möglich waren.
Gegen Stinkthiere, Beutelratten und Schlangen soll
er seine Proles vertheidigen und sogar erstere tödten,
ich habe aber ebensowenig je ein todtes Raubthier oder
Reptil in der Umgebung seines Nestes bemerkt, wohl
aber dicht daneben, also im Bereiche seines Schnabels,
zerstörte „Guachos'* gefunden.
Die Gauchos haben unter den vielen eigenthümlichen
zu ihrer Lebensweise nothwendigen Kunstgriffen auch
den, ein ganzes Straussennest seiner Eier zu berauben
und dieselben, ohne dass ein einziges zerbräche, nach
Hause zu bringen, ein Geschenk, welches von den hüb-
schen „Chinas'"' stets mit Dank aufgenommen wird; ich
theile dasselbe mit, weil es dem naturhistorischen Samm-
ler vielleicht von Interesse ist. Der Gaucho legt die Eier
mit deren Seiten neben einander auf den „Sobrepuesto^
die oberste dünne Decke seines Sattels, rollt dieselben
dann in letzterem zusammen und schnürt den so gebil-
deten Wulst mit Riemchen von rohem Füllenleder, welche
er stets in den Taschen hat, um Schäden an seinem Reitzeug
sogleich ausbessern zu können, so zusammen, damit zwi-
schen die einzelnen Eier so viel Abstand kömmt, dass
Monographie des Nandu. 225
sie sIcTi nicht berühren können^ legt sich das ganze gleich
einem Gürtel dann um die ^veichen Hüften und bindet
denselben vorne wieder mit „lonja de potro'^ zusammen.
Auf solche Weise kann bei den 5 wildesten Bewegungen
des Pferdes kein Ei zerbrechen und der Reiter bleibt voller
Herr seiner Bewegungen.
Mit Anfang Februar erscheinen die ersten jungen
Nandu^ im Norden früher^ im Süden später. Sie sind
nach zwei Wochen schon IV2 Fuss hoch und sehn in
ihrem gestreiften Flaumkleide niedlich aus. Den dritten,
vierten Tag nach der Geburt ist bereits kein Mensch mehr
im Stande sie im freien Felde einzuholen, vorher ist dies
möglich, aber schon schwierig und muss man acht haben
dieselben nicht todt zu treten, weil sie, wenn beinahe
erreicht, sich plötzlich platt an den Boden drücken. Sie
folgen dem Vater ungefähr fünf Wochen lang in die ge-
schütztesten Orte des Reviers, besonders gegen Abend hört
man in den Cardales dann ihr Locken, und nach und nach
gesellen sich auch die Weibchen wieder dazu. Im Herbste,
also April und Mai, hat der junge Ave Struz sein Flaum-
kleid schon mit einem Federkleide vertauscht, welches
aber noch schmutzig gelbgrau ist. Das Gefieder der
Alten sieht aus einiger Entfernung schön bläulichaschgrau
aus und wird dasselbe zu der Zeit gewechselt, wo die
jungen im Flaum herumlaufen.
In einem Trupp junger Individuen lassen sich schon
sehr bald die jungen Hähne an ihrem stärkeren Wüchse
unterscheiden; und, merkwürdig genug, in jeder jungen
Heerde findet man einzelne verkümmerte Individuen. Ich
konnte nicht erforschen, ob dies Junge aus mangelhaft
gebildeten Eiern waren, oder während des Brütegeschäfts
durch irgend einen unglücklichen Zufall im Fötuszustande
Einbusse erlitten hatten, ob sie durch Insekten verküm-
mert waren, an denen das Gras überreich ist, oder ob sie
durch ein Raubthier verwundet im Wüchse den Uebrigen
nicht im Stande waren zu folgen. Die Thatsache steht
fest, und ebenso, dass man nach dem Winter keine be-
sonders auffallenden Grössenunterschiede mehr bemerkt,
die Kranken haben dann also entweder ihr Siechthum
Archiv f. Naturg. XXIX. Jahrg. 1. Bd. 15
226 Böcking:
überstanden, oder sind den „Temporales^ Winterstürmen
erlegen.
Besondere Grössen- und Farbenvarietäten oder Mon-
struositäten sind mir nicht bekannt geworden, anch habe
ich Nachts an den Lagerfeuern, wo oft Straussenjagden
verhandelt und besungen werden, niemals von Kakerlaken
gehört, nicht einmal Schecken scheinen vorzukommen,
sonst wüssten die auf solche Merkmale äusserst aufmerk-
samen Eingebornen, welche mehr als 300 specielle Be-
nennungen für die Farben der Pferde haben, sicherlich
davon zu berichten. Darwin's Nandu unterscheidet sich
durch seine geringere Grösse und dichtere Federbedeckung
von dem gewöhnlichen, er ist durch Nahrungsarmuth und
Witterungsunbill (hat er doch kaum zwei Monate Zeit vom
ebengebornen bis zum harten Winter) unter den Straus-
sen geworden, was der Pescheref im Vergleiche zu dem
muskelstarken und grossen Patagonier ist.
lieber das Alter des Nandu lassen sich nur Schlüsse
ziehen, nichts Bestimmtes sagen, will man die Lebens-
dauer auf das Siebenfache seiner Entwickelung zum reifen
Individuum annehmen, so kommen 14 bis 15 Jahre her-
aus, und dies stimmt mit den Nachrichten, welche ich an
Ort und Stelle eingezogen habe.
Zur Winterszeit habeich öfters Strausse noch lebend
im Camp liegend gefunden, welche keine Spur äusserer
.Verletzung oder innerer Vergiftung an sich trugen, meine
Peone sagten von ihnen: „que tenian las patas pasmadas
de frio,^ dass sie die Beine erfroren hätten. So leicht
dieser Fall bei plötzlichem Sinken der Temperatur ein-
treten mag, so konnte dies an den eben berührten Bei-
spielen dennoch keine Anwendung finden, weil eine
solche Differenz der Thermometerstände nicht statthatte,
und neige ich mich zu der Ansicht hin, dass dies alters-
schwache Exemplare waren, welche ihrem Greisenthume
erlagen.
In der Thierwelt hat der Nandu so zu sagen keine
Feinde, hier amd da wird ein Erwachsener die Beute des
Cuguars, Aguarä's oder Simarons, oder ein junger wird
von einem Adler oder Fuchse weggeschnappt, diese Fälle
Monographie des Nandu. 227
sind aber bei seiner Waclisanikeit jedenfalls selten. Oefter
trifft man seine Eier von einem Zorillo oder Comadreja
ansgesoffen^ seine Hanptfeinde aber bleiben der Mensch
und die Steppenbrände^ besonders die letzteren.
Der Campbewohner sammelt ohne Rücksicht alle
Nandueier; deren er habhaft werden kann^ der Mensch ist
überall undankbar^ oft habe ich bei Pueperos und Ran-
cheros Vorräthe von mehreren hundert Stück Eiern gese-
hen. Ein einziges Ei ist an Substanz und Nährkraft 15
bis 20 Hühnereiern gleich zu achten, und gehören zwei
gute Magen dazu ein ganzes, das Weisse mit dem Gelben,
zu verzehren.
Gewöhnlich öffnet man eine Spitze, giesst das Weisse,
welches ziemlich grob schmeckt, ab, macht eine geringe
Zuthat von Fett, Pimiente und Salz, kocht es dann in der
eigenen Schaale unter stetem Umrühren, so giebt das-
selbe eine kräftige und kräftigende Nahrung. Dies ist die
gemeinste Art, wie die Eingebornen sie zubereiten. Um
ein Ei im Wasser hart zu sieden, bedarf es guter 40 Mi-
nuten, dies thun die Europäer meistens und gemessen es
dann mit Citronensaft, weil es so gesunder und leichter
verdaulich ist. Uebrigens ist es zu allen Küchenzw^ecken,
zu welchen man Hühnereier gebraucht, ebenso dienlich.
Die Eier halten sich nicht lange, gehen rasch inFäulniss
über und platzen dann entweder mit einem Knall, oder
das Innere vertrocknet und kleine dünne Würmer, w^elche
man nach Aussen imd Innen durch die porösen Schalen
circuliren sehen kann , fressen die organische Substanz
heraus. In. dem leichten Luftzutritt ist auch jedenfalls
diese schnelle Auflösung zu suchen; in Kalkwasser oder
unter hermetischem Luftabschlüsse werden sie sich sicher
länger (warum nicht selbst zu einem Transporte nach
Europa?) conserviren lassen.
Alle Zerstörung der Eier durch Menschen und Thiere
ist jedoch nichts im Vergleiche zu der destructiven Ver-
heerung durch das Feuer. Zur Zeit gerade, wenn die
Vögel brüten, pflegen die Estancieros den Pasto an Ta-
gen, wo frischer Wind weht, in langer Linie, und wobei
die ganze Peonada mithilft, anzuzünden. Der Zweck
228 Böcking:
dabei ist theils das vorjährige trockne , theils das noch
zurückgebliebene nicht abgeweidete^ also . schlechte oder
überflüssige Futter zu entfernen. Ich habe dies oft selbst
gethan aus ökonomischen Rücksichten und in dem wenig
bewohnten Innern sogar der blossen Jagd wegen, denn
vor einem solchen ^^Quemazon'^ flieht Alles in die stets
feuchten Niederungen, Cuguar wie Hirsch und Strauss.
Für das Studium der Adler-, Falken- und Geierarten der
Pampa ist das Feuer ebenfalls ein prächtiges Hülfsmittel,
denn bei der geringsten Rauchwolke finden dieselben sich
ein und schweben vor der Flamme her, reichlicher Beute
gewiss; 'gegen den Wind brennt das Feuer nie so schnell,
dass Gefahr für den Jäger wäre, und er hat hier Gele-
genheit Thiere zu sehen, welche er ohne dies schwerlich
erblicken würde, wie den schlauen Aguarä. Die Asche,
welche nach einem solchen Feuer zurückbleibt, macht den
Humus für die in wenigen Tagen wieder sich erhebende
Vegetation löslicher , es werden viele nutzlose Pflanzon
verbrannt, die nutzbareren, weil schnellwüchsigeren be-
kommen das Uebergewicht und so ist es im Interesse des
Landbesitzers, diese Manipulation jährlich zu wiederholen,
er zerstört dadurch gleichzeitig massenhaft schädliche
Thiere (Heuschrecken, Fliegen und Schlangen), aber
leider auch alle Vogelnester. Wie viele solcher ihren
Untergang finden, möge aus der Ausdehnung des Quema-
zöns von 1854 hervorgehen.
Das Feuer kam aus der Gegend des oberen Uruguay
um die Wasserscheide zwischen den Flüssen Jacuhy und
Ybicuy, in der brasilianischen Provinz Sau Paulo her,
dehnte sich rasch bis an den unteren Theil der Laguna
Dos patos und den Uruguay aus und brannte, durch keine
menschliche Macht aufzuhalten, Flüsse, wie den Rio Negro
überspringend, durch die ganze Banda oriental bis wenige
Leguas von Montevideo, also auf mehr als fünfzehn Qua-
dratbreitengraden. Solche ungeheure Feuer sind Gottlob
selten, und existiren Reglerungsverbote gegen das soge-
nannte Campbrennen, unter Androhung von harten Stra-
fen, allein es geschieht dennoch immer wieder.
Von Schmarotzerthieren des Nandu kenne ich nur
Monographie des Nandu. 229
die „Agarrapata", Straiissenzecke^ eine ihm eigenthümliche
Ricinus- Art ^ und ein wnrmförmiges Entozoon^ welches
man zu jeder Zeit des Jahres bei ihm zwischen Haut und
Muskelfleisch über seinen RijDpen und unter den Flügeln,
in concentrischen Ringen, bündelförmig^ wie Suppennu-
deln zusammengeballt findet, diese Würmer haben die
Farbe des Straussenwildprets und fühlen sich beim Drücken
an, wie die Luftröhre eines kleinen warmblütigen Thieres.
Schaden richtet der Strauss , mit Ausnahme seiner
Liebhabereien an weissen Rüben und Luzernklce, durch-
aus nicht an, wohl aber ist er in mannigfacher Hinsicht
nützlich durch das Verzehren vieler Lisekten, so wie
verschiedener klettenartiger Samen, so lange dieselben
noch grün sind. Die Abrojo und Caretilla sind solche
Samen, und durch ihre Häufigkeit in manchen Gegenden
für den Viehzüchter ein wahrer Fluch, sie setzen sich
in Mähnen und Schweife der Pferde und das Vliess der
Schafe, filzen sich durch die Bewegungen des Thieres
darin fest und machen die Wolle dadurch total unbrauch-
bar. Nicht selten führen sie den Tod des Thieres her-
bei, der Reiz auf der Haut veranlasst dasselbe sich am
ersten besten Gegenstande zu reiben und kömmt bei fort-
gesetztem Scheuern Blut, so ist es verloren, Fliegen le-
gen ihre Eier in die kleine W\mde, die Maden derselben
„guganos^, fressen sich darin fest, neue Eier und neue
Maden kommen hinzu und wenn nicht schleunige Hülfe
geschafft wird, erliegt das gequälte Thier schon nach we-
nigen Tagen. Wer einen einzigen Straussenmagen im
December untersucht hat, weiss in welchen Massen der
Strauss diese Samen verzehrt, und schon dieserhalb allein
verdiente er die Schonung allgemein, welche man ihm
von den denkenden Landbesitzern auch bereits angedei-
hen lässt.
Sein Wildpret ist grob wie Pferdefleisch und auch
von der Farbe dieses, wird aber von den Indianern ge-
gessen, die Europäer essen nur die Jungen, welche recht
gut schmecken und von erwachsenen Exemplaren das den
Flügelknochen umgebende Fleisch ; meinen Hühnerhunden
warf ich oft Straussenfleisch vor, sie verschmähten es
230 Böcking:
aber selbst beim gvössten Hunger und markirten niclit
einmal die Fährte des Nandu. Schweine fressen dasselbe
gerne, jedoch muss man vorher dann die Haut abziehen,
weil, wenn sie Federn mit verschlucken, ihnen Gefahr
daraus erwächst.
Das Fett ist sehr reichlich und ölig dünnflüssig, es
eignet sich frisch vortrefflich zum Küchengebrauche, hält
sich aber nicht lange und ist, erst ranzig geworden, nicht
einmal mehr tauglich zur Lederschmiere. Ueberhaupt
hüte man sich selbst mit frischem zur Sommerzeit lohgah-
res Sattel- oder Riemenzeug, welches der Sonnenhitze
ausgesetzt werden muss, einzureiben, dasselbe wird rissig
und brüchig darnach. Zum Fettgahrmachen frischer
Thierhäute, worin die Eingebornen sehr geschickt sind,
ist das Schmalz des Nandu dagegen das beliebteste. —
Das Leder der Nandu hat, obgleich es ziemlich wider-
standsfähig ist, in dem an Häuten so reichen Lande kei-
nen Gebrauchswert!!, nur aus der Halshaut machen die
Gauchos sehr weiche kleine Säcke zu verschiedenen Haus-
zwecken. Aus den sehr biegsamen des Bartes entkleide-
ten Federschäften fertigen die Knaben ihre Schlingen,
mit welchen sie auf verschiedene Weise die Rebhühner
(Tinamii, perdig grande j chice) fangen. Die Erwachse-
nen flechten daraus sehr zierliche und starke Reitzäume,
und die Frauen weben davon in allerlei Zeichnungen
schöne Fussteppiche, welche sehr theuer sind.
Wozu man die Federn in Europa gebraucht, ist
allbekannt, der Preis in den diesseitigen Häfen variirt
nach der Nachfrage, die gewöhnlichen grauen zur Fa-
brikation der Staubwedel dienenden sind äusserst wohl-
feil, die besten und längsten schwarzen wde w^eissen aber,
die das Männchen allein liefert, sind stets theuer. Ein
mir vorliegender Coursbericht Hävre 16. Juni 1859 ergiebt
10 pesos de plata für das spanische Pfund.
Dem Naturfreunde gewährt der Strauss einen grossen
Genuss, schon der alleinigen Beobachtung wegen, beson-
ders in seinen Beziehungen zum wilden Indianer, zum
rohen Gaucho, zum civilisirten weissen Menschen und zu
den wilden und zahmen Thieren seiner Heimath.
Monographie des Nandu. 231
Er ist feiner Beobachter und weiss sich nach den
Umständen zu richten. Um die Wohnungen friedlicher
Ansiedler, welche ihm Ruhe lassen, wird er so vertraut,
dass er sich unter die an der „Palenka^ angebundenen
Pferde und Milchkühe mengt und Menschen und Hunden
eben gerade nur aus dem Wege geht. Er weidet da
mitten unter den Heerden der Einwanderer unbekümmert
und sorglos, selbst ein halbes Hausthier. So sehr er den
Reiter meidet, so flieht er den Weissen, wenn derselbe
nicht von Hunden gefolgt ist, höchstens ein Paar hundert
Schritte und blickt demselben neugierig nach.
Der Gaucho, der sich einzig und allein nur um
seine Pferde und sein „Ganado'^ bekümmert, erweist dem
Nandu und wenigen anderen grösseren Vogel -Arten die
Ehre ihn „Ave" „einen wirklichen Vogel*^ zu nennen,
wenn er sich collectiv ausdrückt , die übrige gefiederte
Welt sind für ihn nur „Päjaro's", Sperlinge. Er jagt den
Nandu häufig, und desshalb meidet derselbe jenen wo er
nur kann und wendet alle ihm nur zu Gebote stehenden
Listen an, der Aufmerksamkeit seines Feindes zu entge-
hen. Man sieht den Nandu niemals um die Ranchos eines
Eingeborenen, unter dessen Vieh nur in angemessener
Entfernung, am häufigsten noch zwischen den Rudeln der
scheuen „Venados'* (Cervus campestris), und man kann
dann beobachten, wie bald das eine bald das andere In-
dividuum beider Thiergattungen sichernd den Kopf empor-
hebt, immer misstrauisch und beim leisesten Anscheine
von Gefahr schnell wie der Wind beide zusammen nach
einer Richtung hin entfliehen.
Eine Horde Indianer flieht er als wenn der jüngste
Tag anbräche in der äussersten Angst. Stunden weit läuft
er dann gerade aus, theilt seine Bestürzung anderen
Trupps mit, welche mitfliehen, Pferde- und Rinderheerden
galoppiren auf ihren „Rodeo" zu, und fegt eine solche
tolle Jagd an einer Grenzerwohnung vorbei , so flattert
selbst das Federvieh wie vor 'einem Raubvogel auf und
versteckt sich unter kläglichem Geschrei. Reisende und
Colonisten kennen diese Anzeichen genau und nehmen
ihre Vorsichtsmassregeln demgemäss.
232 Böcking:
Spasshaft ist die Abneigung, welche der kleine Teru-
teru (Yanellus ayanus) gegen den Strauss hat, obschon
dieser ihm gewiss niemals ein Leid zufügt. Nähert sich
nämlich ein Nandu dem Stande eines solchen Kiebitz-
paares, so stossen diese auf ihn unter unaufhörlichem
Geschrei, wie die Krähen auf einen Falken; eine Zeit
lang amusirt dies den Riesen, indem er durch Seiten-
sprünge und Flügelschwenken den Stössen ausweicht, bis
er nach und nach der Hartnäckigkeit seiner kleinen Quäler
nachgiebt und sich entfernt, nicht ohne von ihnen noch
eine Strecke Weges höhnend verfogt zu werden.
Die Jagd auf Strausse wird auf verschiedene Weise
ausgeübt. Die Indios und Gauchos erlegen sie mittels
der „Bolas'^, und hetzen sie durch Hunde, weniger der zu
erlangenden Beute selbst wegen, als vielmehr um die
Schnelligkeit und Ausdauer ihrer herrlichen Pferde und
die eigene Geschicklichkeit in Handhabung ihrer Wurf-
kugeln auf die Probe zu stellen.
Zu solcher Jagd versammeln sich mehrere Reiter,
die Bolas am Recado hängend, sie suchen unter Wind
die Strausse auf und nähern sich im Schritte denselben
so viel sie. können; werden die Thiere unruhig, so lösen
sich die Jäger in eine Linie auf und das Rennen beginnt.
Aus der Heerde sucht man ein Lidividuum zu trennen,
und sobald dies gelungen, gilt diesem allein die Verfol-
gung. Der Strauss, dessen gewöhnliche Schrittweite im
Schritte 20—24 Zoll beträgt, lüftet dann die Flügel ganz
so wie die Schwäne, wenn sie damit den Wind fangen,
trabt scheinbar nachlässig, in Wahrheit aber schon 3V2 Fuss
Terrain bei jedem Niedertreten gewinnend vorwärts, Hals
und Kopf noch hoch erhoben.
Sieht er, dass es Ernst wird, so greift er mit weit
vorgestrecktem Halse aus und macht dann Sätze von
5 Fuss, wobei man der Geschwindigkeit seiner Bewegun-
gen halber seine Beine nicht mehr erkennen kann. Oft
weicht er plötzlich mitten im Jagen von der geraden Li-
nie bis zu einem Winkel von 25 bis 30 Graden ab, wobei
er einen Flügel hoch aufhebt und den andern andrückt,
aber diese Listen helfen ihm wenig. In kürzerer Zeit als
Monographie des Nandu. 233
die Beschreibung dieser Jagd erfordert, sind die Gauchos
dicht hinter ihm und der Reiter, welcher dann seine linke
Seite hat, schleudert ihm die Kugeln über, welche Hals
und Beine zusammenschnürend ihn einem riesigen rollen-
den Federklumpen ähnlich machen und durch die Gewalt
des eigenen Laufes tödten.
Es ist ein poetischer Moment, wenn in dem pfeilge-
schwinden Laufe die Bolas fliegen, in der Luft einigemale
umherwirbeln und das eine Secunde vorher noch so stolze
schlanke Thier sich im Sturze fortwältzt Fehlt, was
selten geschieht, die eine Bola, so tritt ein anderer Reiter
für den zurückbleibenden ein, und gelingt es dem Thiere
nicht einen Sumpf zu erreichen, worin die Pferde stecken
bleiben, oder ein Gebüsch, wo die Wurf kugeln am
Strauchwerk hängen bleiben, so ist es jedesmal verloren.
Als ganz kleine Knaben schon machen sich die
Eingebornen Waffen ihren Kräften angemessen, und er-
wachsen ist ihre Fertigkeit im Gebrauche derselben Stau-
nen erregend. Auch nicht bloss die Menschen sind lei-
denschaftliche Liebhaber dieser Wettkämpfe, sondern auch
die Pferde, und sind mir dort zu Lande oft solche „Pa-
rejeros^ zu Gesichte gekommen, welche beim Anblicke
eines Nandu gleich im Galoppe ansetzten und beim Ver-
folgen durchaus nicht zu pariren waren.
Aus Freude an der Jagd, habe ich oft derartige
Rennen mitgemacht und dabei beobachtet, dass der Nandu
nicht eben wählerisch in der Richtung seiner Flucht ist ;
ist Buschwerk in der Nähe, so nimmt er allemal seinen
Lauf dahin, und in Sümpfe und flache Gewässer stürzt
er sich unbedenklich. „Barancas^ (Erdrisse) und Bäche
von zehn Fuss Breite überspringt er mit Leichtigkeit,
wobei er einen Augenblick mit den Flügeln flattert, steile
Ufer aber und tiefe Gewässer meidet er sorgfältig. Nie-
mals habe ich, wie Pöppig dies behauptet, Nandu's
schwimmen sehen, ganz im Gegentheile, alle Mühe, wel-
che wir zum öftern uns in der Absicht gegeben haben,
ihn mit Gewalt in einen tiefen wenn schon nicht breiten
Strom zu jagen, war vergeblich. Er überwand eher seine
Schüchternheit und durchbrach unsere Linie, als dass er
234 Böcking:
sicli zu einem Schwimmversuch entschlossen hätte, oder
auch nur bis an den Hals ins Wasser gegangen wäre.
Das Vieh zeigt dem Reisenden, welcher an einen Fluss
kömmt und keine Fuhrt darin kennt, stets dieselbe, er
braucht dasselbe nur rege zu machen, und wo dasselbe
durchgeht, können seine Packpferde ohne Schaden in den
meisten Fällen nachgehen; der Strauss ist hierzu nicht
zu gebrauchen, er weicht dem Wasser aus und niemals
habe ich einen auf den unzähligen Inseln im Uruguay
oder Parana gesehen, mochten dieselben dem Ufer auch
noch so nahe liegen und der Wasserstand so niedrig wie
möglich sein.
Um den Nandu zu hetzen bedient man sich einer
Blendlingsrace von grossen Metzger- oder Schäferhunden
mit Windhunden. In dem hohen und dichten Grase
müssen die Hunde gewölbtere Sprünge machen, als der
Windhund bei seinen flachen und gestreckten Sätzen
von Natur thut. Gebraucht man reine Windhunde zu
dieser Jagdart, so werden dieselben bald buglahm, auch
aus einem anderen Grunde taugen sie wenig dazu, weil
sie nicht viel Geruchsvermögen noch Ortssinn haben, ihr
Lauf sie aber nicht selten weit wegführt, wo sie sich dann
verirren und entweder umkommen oder einer Rotte Si-
marones (verwilderte Hunde) beigesellen und arge Schaf-
räuber werden.
Für den Unkundigen ist beim Hetzen auf Nandu's
noch zu beobachten, dass man junge Hunde nie ohne
Assistenz eines alten erfahrenen die ersten Male auf einen
erwachsenen Strauss laufen lässt, weil diese Neulinge im
Augenblicke des Greifens so von der Klaue des Strausses
werden berührt werden, dass sie hintenüberschlagen und
entweder sich beschädigen, oder so eingeschüchtert wer-
den, dass sie für ihren eigentlichen Zweck leicht auf
immer unbrauchbar bleiben. Bei der Erlegung mittelst
Schiessgewehr habe ich beobachtet, dass die Achillesferse
des Nandu sein Abdominaltheil ist, dort getroffene Thiere
sind mir nie mehr entgangen. Im Allgemeinen ist er ein
rauher Bursche und äusserst zählebig.
Mit der Büchse angeschossenen Nandu's liabe ich
Monographie des Nandu, 235
oft noch leguawelt nachreiten müssen, ehe ich ihrer hab-
haft werden konnte, es scheint, dass die Kugel auf dem,
dem äusseren Anscheine nach lockeren Gefieder, dennoch
abmattet oder abgleitet; besonders meine ersten Versuche,
wo ich auf den Schultertheil visirte, liefen aus diesem
Grunde und dann auch, weil in diesen endlosen Ebenen
mein Auge noch nicht an eine richtige Distancenschätzung
gewöhnt war, sämmtlich unglücklich ab. Tage lang nach-
her fand ich von meinem Wilde bloss noch die herum
zerstreuten Federn, welche die Füchse und Aasgeier übrig
gelassen hatten. Später versuchte ich es mit grobem
Schrot und hier bemerkte ich, dass der Erfolg wirksa-
mer w^ar.
In entfernten Gegenden, wo der Nandu selten Men-
schen zu sehen bekommt, ist er zwar scheu vor dem
Reiter, nicht aber vor dem Fussgänger, den er ebenso
wie das Venado gar nicht zu kennen scheint, und hierauf
basirt sich eine eigenthümliche Jagdmethode. Hat der
Jäger eine Heerde Strausse über dem Winde, so kriecht
derselbe auf Händen und Füssen möglichst unbemerkt
durchs Gras so nahe an sie als er kann, dann setzt er
oder legt sich auf den Bauch, schwenkt mit einem Tuche,
welches er an den Ladestock gebunden, einigemale hin
und her, bis er sieht, dass die INandu's aufmerksam dar-
auf geworden sind, dann w^artet er das Gewehr im An-
schlag ruhig den Erfolg seines Manövers ab. Der Strauss
ist äusserst neugierig, er kann der Verlockung nicht wi-
derstehen, sich von der ihm unbekannten Erscheinung
persönlich zu vergewissern ; sein Misstrauen bleibt aller-
dings stets wach, aber die Neugierde überwiegt; bald wird
der Jäger die ganze Gesellschaft, den Hahn voran, mit
langen Hälsen und vorsichtig auftretend als fürchteten sie
Geräusch zu machen, sich nähern sehen. Dabei gehen sie
hin und her, bleiben kurze Pausen lang stehen, weiden
selbst, aber wenn der Schütze die Geduld nicht verliert,
so werden sie ihm, der Wind müsste denn umspringen
und ihn so verrathen, bis vor die Flinte kommen.
Fällt auf den Schuss einer aus der Compagnie und
zappelt noch, so umspringen die üebrigen ihren verenden-
236 Böckiiig:
den Cameraden unter den sonderbarsten Capriolen y als
wenn sie Zuckungen in Flügeln und Beinen hätten, noch
eine Weile, so dass der Schütze Zeit hat einen zweiten
Schuss abzugeben wenn er will.
Hat hingegen auf den ersten Schuss einer der ande-
ren Blei mitbekommen, so reisst er aus und alle folgen.
Der Knall an und für sich erschreckt sie gar nicht,
denn hat man total gefehlt, so fliehen sie nicht nur nicht,
sondern kommen noch näher, bis sie den Menschen er-
kannt haben.
Der verwundete Strauss folgt seinem Rudel so lange
er dies vermag, schlägt sich dann aber abseits und veren-
det allein.
Ein sogenanntes Zeichnen nach dem Schusse, woraus
man an den Körperbewegungen sogleich auf die etwa
getroffene Stelle schliessen könnte, habe ich nie bemerkt,
wohl aber, dass letal getroffene Individuen gleich als
wenn ihnen nichts fehle, mit den gesunden flüchteten und
erst nach einiger Zeit plötzlich zusammenbrachen.
Jung eingefangen, wird der Nandu äusserst zahm
und ist er so als halbes Hausthier allerorten in seiner
Heimath zu sehen, man sperrt ihn nie ein, denn wenn er
sich auch einmal entfernt hat, vor Abend ist er immer
wieder da.
Mir brachte einst ein Peon vier Stück, welche er so
eben gefangen hatte, sie mochten zwei Tage alt sein, ich
sperrte dieselben in eine Kammer und hier liefen sie laut
rufend mit dem Kopfe wider die Wände , so dass ich
nicht übel Lust hatte, sie der Freiheit wiederzugeben.
Am anderen Morgen aber war ihre Wildheit schon voll-
ständig gebrochen und kamen sie mir, als ich ihnen eine
Straussenhaut vorhielt, entgegen. Sie pickten das gehackte
Fleisch, welches ihnen vorgestreut wurde, gierig auf und
wurden äusserst zahm, folgten mir, wenn ich zu Fusse
war, überall hin, selbst wenn ich ums Haus herum Reb-
hühner jagte und gewöhnten sich an fast alles Essbare ;
frisches rohes Fleisch zogen sie aber jedem anderen Fut-
ter vor", und als sie einmal die „Dispensa'' (Fleischkam-
mer) kennen gelernt liatten, musste ich die Fenster der-
Monographie des Nandu. 237
selben enger vergittern lassen, um ihren Diebereien
zuvorzukommen. Mit dem zahlreichen Federvieh jeder
Gattung lebten sie im friedlichsten Einvernehmen ; oft
lagen sie mitten unter den Hunden, um sich wie diese
zu sonnen, wenn eine kalte Nacht gewesen w^ar, auch
liessen sie sich von einem zahmen Papageien geduldig
so lange das Gefieder krauen, bis dieser einmal einen
gebissen hatte. Von da an mieden sie ihn und wichen
aus, w^enn ich denselben auf der Hand hatte, auch liebten
sie es nicht, wenn die Menschen sie mit den Händen
anfassten.
Zahme Nandu's muss man nicht ins Haus gewöhnen
ihres Unrathes wegen und weil sie mit Allem was zer-
brechlich ist w^enig schonend umgehen. War ich von
Hause abwesend, so genügte es zwei Stäbe auf zwei und
drei Fuss Höhe quer in der Thüre zu befestigen, um sie
vom Eintritte abzuhalten. Zahme Nandu's haben, wie die
Rabenarten, Liebhaberei an glänzenden Sachen, sie ver-
schleppen dieselben um damit zu spielen, verschlucken
auch wohl Glasknöpfe, w^elche sie im Kehricht finden,
verstecken aber nie etwas, sondern lassen alles fallen,
was ihr Interesse nicht mehr hat, wo dies gerade ist.
Ihre Vermehrung im zahmen Zustande ist in ihrer
Heimath sicher, zum Nestbau kommt es dabei allerdings
nicht, w^eil man ihnen die nöthige Buhe nicht lässt und
die Eier gleich fortnimmt, sie legen desshalb nur „Gu^-
chos'^, würden aber unzweifelhaft bei gehöriger Vorsorge
naturgemässe Reproduktion der Species liefern.
In europäischen zoologischen Gärten habe ich kein
Exemplar gesehen, Avelches seine normale körperliche
Entwickelung erlangt hätte, wahrscheinlich unzureichen-
den Futters wiegen. Wollte man einen ernsten Versuch
der Acclimatisirung in englischen Parks machen, so würde
dieser sehr wenig Ausgaben verursachen und, falls er
gelänge, unsere eingebürgerten Thiere um ein schönes
und nicht wie so manches andere eingeführte Geschöpf,
ganz nutzlose, vermehrt werden. Climatisch ist die ganze
südliche Hälfte von Europa der südlicheren Verbreitung
des Nandu in seiner Heimath gewiss sehr ähnlich. Der
238 Böcking:
VersTicli wäre in grösseren Gehegen leicht gemacht und
gelänge seine Vermehrung darin^ so bekämen "wir viel-
leicht eine Yarietas: Rhea europaea^ welche unserem
Dammwild das Monopol^ als Staffage zur Landschaft zu
dienen^ streitig machen könnte ; und würde ein gemäste-
ter Straussenkapaun auf der ausgesuchtesten Tafel nicht
einen imposanten Braten abgeben? Erst seine Vermeh-
rung bei uns gesichert, so würde die heutige englische
Thierzucht und die französische Küche schnell beides
erreicht haben. ^
Bei dem löblichen Streben unserer Zeit , fremde
Nutzungsthiere bei uns einzuführen, wäre es wissenswerth
generelle Zusammenstellungen und Ueb ersichten zu be-
sitzen, welche es uns erleichterten, bei Verfolgung dieses
Zweckes, der Natur ihre Geheimnisse abzulauschen. Sind
Analogie des Climas und der Nahrung, wie dies allge-
mein angenommen wird, die beiden Hauptfaktoren bei
der Möglichkeit, Fremdlinge bei uns reproductiv anzu-
siedeln? Eine Gegenfrage möge dazu beitragen, dies
Problem seiner Lösung zuzuführen ! Meine Rhea euro-
paea wird vielleicht einst Nutzen davon haben. Als ich
noch im Lande der Strausse war, machte einer meiner
Freunde den Acclimatisationsversuch Fringilla canariensis
und domestica um seine Wohnung herum anzusiedeln.
Der Ort war wie dazu gemacht und das Clima dasjenige
der canarischen Liseln. Die Vögel lebten in voller Frei-
heit, der Canarienvogel hatte sein Bosquet und die ihm
von der Natur zugetheilte mehlige Körnernahrung rings
in der Pampa, der Sperling piepte ums Haus imd zwi-
schen dem Geflügel auf dem Miste herum und hielt sich
drei Jahre daselbst; aber Nachkommen hatte keiner er-
zielt. Die Hänflinge verloren sogar im zweiten Jahre
ihren Gesang. Der Versuch war eben wie alle von so
vielen schon vorher in der Stube angestellte misslungen.
Was ist der Grund zu dieser Erscheinung? dass das
Vaterland durch den Aequator und den ersten Meridian
von der künstlich zu schaffenden Heimath getrennt, ist
kein Grund. Alle Hausthiere und der Mensch selbst
liefern in den südlich gemässigten Zonen der westlichen
Monographie des Nandu. 239
Hemlspliäre den eclatantesten Beweis einer en gros
schaffenden Natur; warum misslang' es bis jetzt stets den
eifrigsten Naturfreunden daselbst als freundliche Erinne-
rung an die alte Heimatli den Spatz um ihre Gehöfte zu
haben^ oder die sonst fast über die ganze Erde verbrei-
teten Rabenarten?
Doch genug hiervon!
Die Existenz des Strausses als Art wird in seinem
Vaterlande trotz Verfolgung seitens des Menschen und
trotz der Steppenbrände immer noch so lange gesichert
sein^ als das Land in der jetzigen Weise als blosses Weide-
land benutzt wird. So dünn bevölkert aber die Laplata-
staaten auch noch sein mögen und so grosse politische
Unsicherheit bis jetzt auch dort geherrscht haben mag,
so ist doch bei den überreich gebotenen allseitigen Hülfs-
quellen und bei dem üebergewichte^ welches von Anfang
an bis auf unsere verkehrsschnelle Zeit das civilisirende
europäische Blut gehabt hat, leicht abzusehen, dass ge-
setzliche Ordnung die politischen Zustände daselbst bald
consolidiren und die Einwanderung hiermit in Masse
provociren muss.
Bei einer Bevölkerungsdichtigkeit von noch nicht
drei Seelen auf die Quadratlegua ist Viehzucht für den
Grundbesitzer in der Pampa, vor Allem für den grossen,
ein Geschäft , welches ihm im Vergleiche zum Preise
seines Grundes und Bodens unverhältnissmässig grossen
Gewinn einträgt, steigt aber durch eine stärkere Bevöl-
kerung der Preis des Landes progressiv so fort, wie er
seit den letzten zehn Jahren gestiegen ist, so wird der
Ackerbau zur gründlicheren Ausbeutung zu Hülfe genom-
men werden müssen. Ist dieser nicht ferne Zeitpunkt
erst gekommen, dann fahre wohl Nandu I Wie die Ori-
gines menschlicher Race wirst du nur mehr ein Asil auf
den entfernteren und werthloseren Landstrichen finden,
man wird dich immer mehr und mehr restringiren, bis
dich unsere Enkel einst auf der allerwerthlosesten Qua-
dratmeile, vielleicht wie den Wisent im bialowitzer Walde,
als naturhistorisches Curiosum noch so lange hegen, bis
240 B ö c k i n g :
irgend eine Catastroplie deinem Geschleclite ein scKliess-
liches Ende macht.
Wenn der Pflug einst als Haupternälirer des An-
siedlers den tausendjährigen Grashumus deiner Heimath
umwühlt, dann ist deine Zeit gekommen, für den iVcker-
bau ist dein Magen und Fuss zu gross, dein persönlicher
Nutzungswerth zu klein. Jahrhunderte mögen vielleicht
noch darüber hingehen, und ich weiss nicht, ob mein
Wunsch den Augenblick beschleunigen oder ferner rücken
soll, dein Geschick aber ist bestimmt, dein Untergang
gewiss, mit Civilisation und Cultur verträgst du dich
nicht, wenn deine Natur sich nicht der Dienstbarkeit unter
die Herrschaft des Menschen anbequemen kann.
Die Diluvialschichten der Pampa -Ebenen sind das
Grab vieler Geschöpfe früherer geologischer Perioden,
deren Untersuchung bis jetzt nur erst oberflächlich statt-
finden konnte, das Land ist noch zu wild, unter den bis
jetzt bestimmten fossilen Ueberresten ist der Nandu noch
nicht aufgeführt, auch habe ich selbst ihn an mir zugäng-
lich gewesenen Fundorten von Versteinerungen nicht an-
getroffen.
In den abenteuerlichen nur improvisirten nicht
überlieferten (wenigstens was die Form angeht) Gesängen,
welche die Gauchos zum eigenen Ruhme oder zur Ver-
herrlichung irgend eines berühmten Helden 'der „cam-
pana" Abends zur Guitarre singen, spielt der Nandu oft
eine Rolle.
Bald hat er den „Guapo'^ beim Verfolgen in weite
Ferne verführt, woraus erst nach langer Zeit Rückkehr
möglich war, oder er hat ihn auf jene trügerischen grünen
Teppiche verlockt, die lachend den Tod in der Tiefe ver-
bergen und wovon ihn nur mit genauer Noth die Tüch-
tigkeit seines Pferdes errettet hat ; oder er verleitete auf
Veranlassung eines beliebigen Santo einen bösen Gaucho
bis an den Rand einer „Barranca," wo es diesem nicht
mehr möglich war umzukehren, er also herabstürzen
musste und das von Rechtswegen. Dann und wann, aber
selten, thut die „purisima Virgen^ oder der „poderoso
San Ramon^ ein Mirakel und lässt zu einer Zeit, wo es
Monogi'aphie des Nandu. 241
sonst deren keine giebt^ einen armen Schelm ein Straus-
sennest neben sicli finden^ um ihn^ da er mit dem Pferde
gestürzt und ein Bein gebrochen bat, vor dem Verhun-
gern zu retten.
Auch in den Ortsbenennungen findet man den in-
dianischen wie spanischen Namen des Nandu öfter wieder
und dann ist gewöhnlich auch in roher Ausführung eine
Feder oder Klaue oder der Kopf des Strausses die ange-
erbte Marke, welche, als heilig gehaltenes Symbol des
Eigenthums, der Estanciero seinen Pferden oder Kühen
aufbrennt.
Und nun lebe wohl, geneigter Leser! Im Leben ist
alles nur durch Vergleich mit anderem gross oder klein.
Einst schoss ich auf einem Stande einen Strauss und einen
Colibri, letzteren befestigte ich mit einer Stecknadel an
meinen Hut wie einen Käfer, und ersterer reichte, als ich
ihn zu meinem Gaul schleppte, mir mit seinem Kopfe vorne
an die Kniee und berührte mit seinen Beinen noch hinter
mir den Boden.
Stelle nach Durchlesung meiner Zeilen keine Ver-
gleiche an ! Was ich beabsichtigte, war. Dir meine Beob-
achtungen, welche ich an Ort und Stelle über die Rhea
zu machen Gelegenheit hatte, mitzutheilen. Hast Du eini-
ges Dir vorher Unbekanntes darin gefunden und verwirfst
meine Arbeit nicht ganz, so macht mir dies Freude I !>
Besseres und Anschaulicheres über denselben Ge-
genstand findest Du in:
Hammer: Ann. du Mus. XIL 1808. p. 427—433.
Cuvier: K. anim. PL IV. fig. 5. R. anim. ed. ill. Ois.
PL 67. fig. 2.
Gould: Proceed. of the zooL Soc. 1837. p.35,
Gray: Gen.* of birdsJPI. CXXXVIIL
Arohiy f. Nalurg. XXIX. Jahrg. 1. Bd. 16
lieber eine Brachiolaria des Kieler Hafens.
Von
Dr. y. Hensen.
Nachfolgende BeobacKtungen vom Sommer 1862 er-
laube ich mir zu veröffentlichen ; sie sind noch unvollstän-
dig ; einen Abschluss darin zu machen soll zwar in diesem
Jahre versucht werden, steht aber nicht in sicherer Aus-
sicht. Die Detailbeobachtungen halte ich vorläufig zurück.
Anfang Juni geriethen in das dichte Netz sehr häufig
junge Formen einer Bipinnaria, welche durch die
Schönheit ihrer Färbung und Gestalt, bald auch durch
ihre bis 0,11 Zoll gehende Grösse meine ganze Aufmerk-
samkeit erregten. Schon am 18. Mai hatte ich kleine
kuglige Thiere gefunden, welche aus einer mit etwas
sternförmigen Zellen versehenen Gallertkugel und einer
diese einhüllenden blasscitronengelben wimpernden Zel-
lenschicht bestanden. Von letzterer ging an einer Stelle
ein langer mit geschwollenem Knopfe versehener Zellen-
zapfen in die Gallertmasse hinein. Damals wusste ich
diese Thierchen gar nicht unterzubringen, trotz dem, dass
ich sie oft und genau untersuchte. Sie zogen nämlich die
Aufmerksamkeit durch ihre zellige Gallertsubstanz sehr
an, denn dieselbe hatte nur sehr wenig Zellen, aber ich
beobachtete, dass von dem Zapfen aus sich Zellen vor-
buchteten und in die Gallertsubstanz hineindrängten, zu-
letzt nur noch durch einen langen Faden mit dem Zapfen
in Continuität stehend. Während dieser, wiederholt ge-
machten, Beobachtung, die nie länger als V2 Stunde ge-
lang, änderten auch die anderen Zellen der ^Gallertsub-
stanz ihren Platz und ihre Gestalt. Letzteres Verhalten
ist, meine ich, für die Zellen der Medusengallerte schon
beobachtet und jedenfalls leicht auch bei diesen zu con-
Hensen: lieber eine BracMolaria des Kieler Hafens. 243
statiren^ die Loslösung aber der Zellen von der Epitbel-
schicht schien gerade von Gewicht mit Rücksicht auf die
Genese der Gallertscheibe Jener. So kam es, dass ich eifrig
jüngeren Formen nachspürte die etwa zellenfreie Gallert-
substanz hätten, aber die Kugeln wurden überhaupt immer
seltener und statt dessen traf ich auf kleine Bipinnarien
noch ohne Wimpel von derselben Färbung, namentlich
der Wimpersäume, und mächtiger Gallertsubstanz mit
reichlichen sternförmigen Zellen. Damals dachte ich gar
nicht an einen Zusammenhang dieser beiden Thierformen
und habe wohl deshalb keine Uebergangsstadien gefunden,
doch glaube ich, wenn ich alle Umstände und die betref-
fenden Beobachtungen Anderer in Betracht ziehe, nicht zu
irren, wenn ich beide Formen auf einander beziehe. Doch
die Sache hat kein grosses Gewicht.
Die schöne Bipinnaria nun verfolgte und zeichnete
ich zu meiner Uebung, indem ich mich zugleich eifrigst
nach dem muthmasslichen Urheber derselben umsah.
An den Thieren entwickelten sich allmählich zehn
Wimpel, die Wassergefässe verschmolzen oberhalb des
Schlundes und höhlten den Körper mehr und mehr aus,
aber noch immer legte sich der Seestern nicht an.
Da bemerkte ich, dass an der Spitze des vorderen
Flimmersaumes ein besonderer etwas dunklerer Fleck
entstand, und dass auf dem oberen Rande der obersten
Wimpel eine Yerwulstung auftrat. Bald wuchsen an die-
sen drei Stellen rundliche Arme mif elf Höckern an ihrer
Spitze hervor, vom Aussehen wie diejenigen der älteren
Brachiolarien von Joh. Müller^), während die Körper-
wand zwischen dem ersten einer- und den beiden anderen
Armen andererseits eine tiefe Einbuchtung bildete. Im
Grunde dieser Bucht entstand nun eine dunkle Platte und
nachdem diese gebildet war, bog das Thier beim Schwim-
men sein Vorderende so stark zurück, dass die Einbuch-
tung ganz verstrich und jene (auch von Müll er gezeich-
nete Platte) das Yorderende des Thieres bildete. Zwischen
der früheren Spitze und dieser Platte hatte sich noch der
1) Abhandlungen der Berliner Akademie 1848. Taf. IIL
244 H e n s e n :
Wimpersaiim erhalten, war aber durch 3 — 4 kleinere
Höcker unterbrochen, so dass unsere Form in dieser Be-
ziehung mit der merkwürdigen Brachiolaria von Messina ^)
eine gewisse Aehnlichkeit hatte. Jedenfalls war so viel
klar, dass unsere Bipinnaria zu einer Brachiolaria sich
umgewandelt hatte, und zwar zu einer solchen, die sich
sehr nahe an die von Joh. Müller im Sunde beobach-
teten Formen anschliesst. Das ganze Thier hat unter
seinem Epithel Muskulatur und zieht sich auf Berührung
klumpig zusammen, es könnte wohl sein, dass darauf die
Unterschiede in Form und Haltung der Thiere von Joh.
Müller und mir sich zurückführen Hessen.
Die charakteristischen Höcker und Platten tragen
auf ihrer Spitze feine, steife und unbewegliche Häärchen,
von jener Art, wie sie ähnlich jetzt schon von so vielen
niederen Thieren als nervöse Apparate beschrieben wer-
den, die Platte tritt nicht in Beziehung zum Wassersystem
und es dürfte nichts im "Wege sein, die ganze Bildung als
Sinnesapparat des Thieres aufzufassen. Für den Fall läge
gar nichts besonders Wunderbares in der Metamorphose
der Bipinnaria in eine Brachiolaria, dass aber dieselbe
faktisch geschieht, scheint doch unzweifelhaft. Ich habe
nämlich während des Juni fast täglich diese Thiere beob-
achtet und erstlich in unserem larvenarmen Wasser wäh-
rend der Zeit nie eine zweite Larve von Echinodermen
gefunden, dann aber hat nie eine der Bipinnarien
die Anlage des Seesterns gezeigt, während
ich andererseits nie kleine Brachiolarien ge-
sehen habe. Dass es Bipinnarien giebt, die den Stern
entwickeln, ist ja völlig gewiss, aber das müssen eben
andere Genera sein.
Kehren wir nun zur Verfolgung unserer Brachiolaria
zurück. Gleichzeitig mit der Entwicklung der Arme legt
sich schräg zur Medianebene der Seestern an; es ent-
wickeln sich abgerundete Saugfüsschen und eine fünfstrah-
lige Scheibe, die bald auf sich vier Wärzchen entwickelt^
gleichzeitig erscheint das Netz von Kalkstäbchen. Er-
1) Joh. Müller Abhandl. d. Berl. Akad. 1854. Taf.LX.Fig.8.
üeber eine Brachiolaria des Kieler Hafens. 245
wähnt mag werden, dass gerade über dem Eintritte des
Oesophagus in das Thier ein Herzschlauch 5—6 Mal in
der Minute pulsirt. Die letzten Stadien, die ich an der
Larve sah, zeigten, dass auch auf der Rückenfläche des
Sterns sich kleine Wärzchen entwickelten. Dann fand
ich, nachdem die ältesten Larven einige Tage gehalten
waren , am Boden der Schüssel festhaftend ganz junge
freie Sterne ohne Larvenreste, oder doch nur mit einem
hervorhängenden Stück des Oesophagus versehen, die un-
zweifelhaft zur Brachiolaria gehörten ; von diesen habe ich
nur noch notirt, dass ihre Unterfläche durch eine grosse
Menge von Saugfüsschen ganz dicht besetzt war. Dauern-
des Unwetter schnitt plötzlich jede weitere Beobachtung ab.
Wir dürfen billig fragen, zu welchem Thiere gehört
unsere Brachiolaria? Meyer und Möbius^) berichten
in ihrem Ueb erblicke der Kieler Bucht nur von Astera-
cathion rubens, die zoologische Sammlung besitzt aus un-
serem Hafen nur diesen Seestern, ich habe sehr viel ge-
fragt, gefischt und von einem intelligenten Bootführer
fischen lassen, um einen zweiten Seestern aufzufinden, aber
trotzdem, dass keine Terrainschwierigkeiten vorhanden
waren, alles ohne Erfolg. Andertheils war die Bipinnaria
in grosser Menge vorhanden, ich habe davon an einem
Waschstege der Stadt -), an dem ich stets fische, oft über
40 in einer Viertelstunde fangen können und habe sie wäh-
rend der langen Zeit eines Monats nie dort vermisst.
Es war im Jahre 1856 meine ich, da fischten mein
Freund C. S e m p e r und i ch an derselben Stelle im Spät-
herbste regelmässig einen Pluteus ; die Thiere sind sehr
klein, so dass über ihre Menge zu urtheilen schwer war,
doch sind sie nicht so reichlich wie die Bipinnaria vor-
handen gewesen. Die Thiere entwickelten sich ganz voll-
ständig, was uns sehr wunderbar erschien, da wir von
keiner Ophiure im Hafen wussten. Damals wurde von
mehreren Seiten versichert, dass sie vom Sunde und Kat-
tegat hierher getrieben würden. Später nun habe ich und
1) Troschel's Arctiiv f. Naturgeschichte 1862.1.
2) Der Schlosstreppe.
246 Hensen: lieber eine Brachiolaria des Kieler Hafens.
ebenso Mob ins und Meyer Opliiolepis ciliata M. T.,
aber anch nur diese Opliiure in solcher Menge eine halbe
Stunde von der Stadt entfernt angetroffen, dass jeder Qua-
dratfuss des Bodens fast eine Ophiure beherbergen muss.
Es ist zu bemerken, dass im Spätherbste 1856, wo wir
fast jeden Abend fischten, im Ganzen auch 2 — 3 Seeigel-
larven vorkamen. Auch ein Seeigel findet sich ganz
vereinzelt im Hafen.
Ich glaube an Strömungen, welche auch nur vom
hohen Meere her bis an die Oberfläche des innersten
Theiles unseres Hafens Tag für Tag bei Ost- und West-
wind die jüngsten Bipinnarien wie die ältesten Brachiola-
rien, die sich wegen des Gewichtes ihres Sterns kaum
noch oben erhalten können, in grosser Menge hineintrei-
ben, durchaus -nicht. Dass ein zweiter Seestern sich hier
im Hafen in nur irgend nennenswerther Menge finde, ist
wirklich, wie die Sachen jetzt liegen, gar nicht anzuneh-
men, es bleibt nur übrig zu glauben, dass der Asteracan-
thiön sich in zwei Weisen fortpflanze. Wie das nun ist,
wird sich hoffentlich noch aufklären, doch will ich auf Fol-
gendes aufmerksam machen.
Es ist gewiss eine höchst aufiallende Thatsache, dass
nach Koren und Danielsen ^) Pteraster militaris nur
8 — 20 Junge zeugen, während doch sonst bei den niederen
Thieren, und irre ich nicht, auch bei den Echinodermen
die Brut sich zu Tausenden zählt. Ferner ist es doch
wohl sehr bemerkenswerth, dass Opidolejpis sqiiamata nach
Schnitze lebendig gebärt, während unser Pluteus doch
wohl nur auf Ojphiolepis ciliata zu beziehen ist. Gar
gerne hätte ich in dieser Beziehung direkte Beobachtun-
gen gegeben, aber Anderes hat mir alle Zeit dazu geraubt.
Schliesslich will ich doch noch erwähnen, dass eine
direkte Vergleichung sehr kleiner Asteracanthien keinen
Unterschied in der Form der Höcker und der Anordnung
der kleinen Kalkstrahlen von den Brachiolariasternen er-
geben wollte.
Kiel, den 31. Januar 1863.
1) Fauna litt/ Norweg. II.
lieber die Zusammensetzung des Kopfes und die Zahl
der Abdominalsegmente bei den Insekten.
Von
Prof. H. Schaum.
(Aus The Annais and Mag. of nat. bist. 1863. no. 3 vom Verf.
übersetzt.)
(Hierzu Taf. XI.)
Die Ansicht, dass der Kopf der Arthropoden aus
einer Anzahl von Segmenten zusammengesetzt ist, hat bei
den englischen vergleichenden Anatomen besonders durch
Huxley's embryologische Untersuchungen ^) Eingang
gefunden. Ich beabsichtige hier auf einige Thatsachen
hinzuweisen, die mit dieser Annahme nicht wohl verein-
bar sind.
Mit Rücksicht auf die grösste Zahl der Anhänge,
die am Kopfe der Podophthalmen Crustaceen angebracht
sind, nimmt Huxley an, dass sechs Segmente bei den
Arthropoden in die Bildung des Kopfes eingehen, von
denen das Iste die Augen, das 2te und 3te die beiden
Fühlerpaare, das 4te bis 6ste die drei Kieferpaare (deren
drittes bei den Insekten zur Unterlippe verwachsen ist)
trägt. Für die Insekten reducirt er die Zahl auf fünf,
da hier nie mehr als ein Fühlerpaar vorhanden ist.
Bei der Darlegung der Gründe, die gegen diese
Auffassung sprechen, gehe ich, indem die Behauptung,
dass jedes Paar beweglicher Anhänge auf ein besonderes
Segment zurückzuführen sei, erst zu beweisen ist, nicht
1) On the agamic reproduction and morphology of Aphis.
Trans. Linn. Soc. XXU. p. 229 sq.
248 Schaum: ]
von dem Kopfe der Crustaceen mit der grössten Zahl :
bewegliclier Anhänge^ sondern von dem Kopfe der In-
sekten aus^ weil unter den Arthropoden nur bei den In- i
sekten der Kopf einen Abschnitt des Körpers für sich l
allein bildet. Bei den Myriapoden und Crustaceen ist
ein Theil des Thorax (bei Isopoden, Amphipoden) oder i
selbst der ganze Thorax (Decapoden) mit dem Kopfe zu
einem Abschnitte verschmolzen^ und bei den Arachniden
existirt ein selbstständiger Kopf gar nicht. ]
Am Kopfe der Insekten treten fünf Paare von An-
hängen auf^ wenn wir mit Rücksicht auf die beweglichen ^
Augen der Podophthalmen die festsitzenden Augen als i
Anhänge des Kopfes betrachten, die mit den Fühlern und
Maxillen auf eine Linie zu stellen sind. Man könnte zu- S
nächst, da der zweite und dritte Thoraxring den Beweis j
liefert, dass dasselbe Körpersegment ein Paar Anhänge j
an der Rücken- und ein anderes Paar an der Brustfläche
tragen kann, die Augen und Fühler für die Rückenanhänge ^
derselben Segmente halten, deren Brustanhänge wir in ■
den Kiefern vor uns haben. Wir würden auf diese Weise '
zu drei Segmenten des Kopfes gelangen, die in der That ;
auch von manchen Forschern angenommen werden ^). !
Huxley hat aber aus seinen Beobachtungen über die ;
embryonale Entwickelung von Aphis den Schluss gezo- •
gen, dass sowohl die Augen als die Fühler nicht tergale, '
sondern sternale Anhänge des Kopfes sind. Ein schwieri-
geres Objekt, um diese Thatsache zu ermitteln, dürfte aber \
kaum zu finden sein, als gerade die Gattung Aphis, deren "
Entwickelung fast ganz eine embryonale ist, insofern sie
nach den Auskriechen fast gar keine Metamorphose mehr ,
durchmacht, und bei der die Stirn und selbst der Scheitel
ganz nach unten umgebogen sind, und geradezu die untere \
1) Die Oberlippe ist hier gar nicht in Betracht gezogen) weil
Brulle's Annahme (Ann. de scienc. nat. 1844. p. 345), dass sie als
ein verwachsenes über den Mandibeln liegendes Kieferpaar aufzu-
fassen sei, durch Huxley's Beobachtung (a. a. 0. p. 2o2, q), dass
sie sich in der Mittellinie des Körpers entwickelt, als völlig wider-
legt zu betrachten ist.
üeber d. Zusammensetzung: d. Kopfes b. d. Insekten. 249
Fläche des Kopfes einnehmen. Wie ist es bei einem
solchen Embryo festzustellen^ welches der Tergal- und
Sternaltheil der b eiden S egm en te ist, die nach
Huxley vor dem Munde liegen sollen? Ohne
aber hier weiter auf die Frage einzugehen, ob die Augen
und Fühler tergale oder sternale Anhänge sind, ist die
Annahme an sich, dass jedes Paar von Anhängen der
Exponent eines Segments ist, mit den Thatsachen nicht
vereinbar. Es ist ein ganz allgemeines Gesetz, dass die
Insekten das Ei mit der vollen Zahl ihrer Segmente ver-
lassen, und dass dieselbe sich nie während des Wachs-
thums oder der Metamorphose vermehrt, während umge-
kehrt einige Segmente des Hinterleibes am vollkommenen
Insekte verschwinden können. Eine grosse Zahl von Lar-
ven verlässt aber das Ei ohne Augen, einige selbst ohne
Fühler und Mundtheile, mit einem Kopfe, an dem nicht
eine Spur einer Abtheilung in Subsegmente zu erkennen
ist. Wie können in diesem Falle die sich erst während
des Puppenstadiums bildenden Augen, Fühler ^) und Mund-
theile als Anhänge besonderer Subsegmente aufgefasst
werden, die im Larvenstadium so wenig als sonst nach-
weisbar waren? Und wie ist das Auftreten der Ocellen
zu erklären, die, wie die Flügel der Insekten, erst im
Imago-Zustande erscheinen, die aber nicht, wie jedes der
Flügelpaare , an einem besonderen bereits existirenden
Segmente sich ausbilden? ^) Die Abdominalsegmente der
Juliden liefern weiter einen Beweis, dass dasselbe Seg-
ment mit mehr als einem Paare selbst ventraler Anhänge
ausgestattet sein kann. Man hat diese Thatsache mit der
Annahme entkräften wollen, dass hier je zwei Segmente
zu einem verschmolzen sind, aber keine Beobachtung über
die Bildung dieser Segmente während des Wachsthums
1) In diesem Falle sind die Augen und Fühler ganz bestimmt
Tergal-Anhänge.
2) Auf die Ocellen der Larven und der Myriapoden, die in
Mehrzahl an jeder Seite des Kopfes auftreten, nimmt die Ansicht,
dass ein besonderes Augensegment bei den Arthropoden existire,
gar keine Rücksicht.
250 Schaum:
des Thieres begründet diese Theorie, Newporfs Beob-
achtungen und Abbildungen beweisen im Gegentheile dass
die neu dem Abdomen hinzutretenden Segmente von An-
fang an zwei Beinpaare tragen und keine Theilung in
zwei Subsegmente erkennen lassen. Wenn somit die Zahl
der Anhänge nicht den Massstab für die Zahl der Segmente
abgeben kann, so bleibt es festzustellen, was die Requi-
site eines Segmentes sind, wenn wir die Zahl der in den
Kopf eingehenden Segmente bestimmen wollen. Der Nach-
weis einer queren Demarcationslinie in der Körperbedek-
kung, wenigstens in den früheren Stadien der Entwickelung,
ist jedenfalls die erste Bedingung für die Annahme eines
Segmentes ; weitere sind, das-s es einen Ring bildet, der
normal aus einem Rücken- und aus einem Bauchhalbringe
zusammengesetzt ist, dass es eine besondere Gruppe von
Muskeln, ein Ganglion der Bauchkette und etwa ein Stig-
menpaar hat. Ein Ganglion braucht allerdings nicht für
jedes Segment im Imagozustande, in dem die einzelnen
Segmente sich zu grösseren Körperabschnitten vereinigen,
nachgewiesen zu werden, aber bei den Larven mit homo-
nomen Segmenten bildet das Nervensystem regelmässig
eine den Segmenten entsprechende Ganglienreihe, und
nur dem letzten Segment fehlt stets das Ganglion. Wenn
nun thatsächlich keine Spur eines Einschnittes an der
Haut des Kopfes in irgend einem Stadium der Entwicke-
lung, keine verschiedenen Gruppen von Muskeln und nie
mehr als ein Ganglion der Bauchkette im Kopfe (das
Ganglion infraoesophageum) gefunden werden, so er-
scheint der Schluss gerechtfertigt, dass der Kopf der
Insekten nur aus einem Segmente besteht, zumal da wir
bei manchen Käfern die Zusammensetzung desselben aus
einem dorsalen und ventralen Halbringe nachweisen kön-
nen, die in zwei tief eingedrückten, an der Kehle befind-
lichen Linien mit einander verschmelzen.
Die Anwendung derselben Kriterien auf die Crusta-
ceen ergiebt, dass wir auch bei diesen nicht mehr als ein
Kopfsegment anzunehmen haben, selbst bei Squilla nicht
wo die Augen und inneren Fühler allerdings auf einer
besondern beweglichen Platte angebracht sind, die als
Ueber d. Zusammensetzung d. Kopfes b. d. Insekten. 251
Augensegment bezeiclmet wird, die aber keine wahre
Analogie mit einem Segmente bat
Wenn wir die festgestellten Requisite eines Segmen-
tes im Auge bebalten, gelangen wir auch zu einem be-
stimmten Resultate über die normale Zahl der Hinterleibs-
ringe bei den Insekten, die ebenfalls in Huxley's Ab-
handlung über die Embryologie von Aphis erörtert wird.
Als dieses Resultat ergiebt sich, dass die Zahl der Hin-
terleibsringe neun nie überschreitet. Bei den Insekten
mit voUkommner Verwandlung wird dies schon durch die
Thatsache bewiesen, dass keine Larve mehr als neun
Hinterleibsringe hat ^). N ewp o r t (To d d's Cyclop.) und
Westwood (Introd. to the modern classific. of insects I.
p. 194 und II. p. 240) legen zwar den Larven der Hyme-
noptera aculeata und der Maikäfer zehn Hinterleibsseg-
mente bei, indem sie von 14 Körpersegmenten derselben
(1. Kopf, 2.-4. Thorax, 5. — 14. Abdomen) sprechen, ebenso
wie einige Lepidopterologen ein 14tes (Anal-) Segment
der Raupen annehmen, es ist aber längst vonErichson
und Stein ^) nachgewiesen, dass dieses vermeintliche
zehnte Hinterleibssegment nichts Anderes als der nach
aussen umgestülpte After und dem Nachschieber vieler
Käferlarven, der nirgends als Segment betrachtet wird,
analog ist. Da die Zahl der Segmente nach dem Aus-
schlüpfen der Larve aus dem Ei sich nie mehr vermehrt,
können wir bei allen Insekten mit vollkommener Ver-
wandlung auch nie mehr als neun Segmente finden.
Diese neun Segmente sind aber im Imago-Zustande
der holometabolen Insekten selten nachweisbar, und zwar
sind es stets nur die Rückenhalbringe derselben. Die
Zahl der sichtbaren Bauchhalbringe ist stets geringer
als die der Rückenhalbringe, obgleich beide Halbringe
bei der Larve gleich ausgebildet sind. Da wo die Zahl
der Rückenhalbringe neun nicht erreicht, ist das letzte
oder die letzten derselben während der Verwandlung
1) Manche Larven, wie die der Dytisciden und Hydrophiliden
haben nur acht.
2) Vergl. Anat. d. Insekt, p. 23. not. 4.
252 Schaum:
zum vollkommenen Insekte an der Spitze des Hinter-
leibes in die Höhle desselben eingezogen. Von den
Bauclihalbringen werden nicht nur der letzte oder die
letzten an der Spitze des Hinterleibes während des Pup-
penstadiums eingezogen, sondern es verschwindet auch
regelmässig der erste und oft sogar der erste und
zweite an der Basis des Hinterleibes, indem sie nach
innen eingezogen und zur Bildung einer Scheidewand
zwischen Thorax und Abdomen verwendet werden. Der
erste sichtbare Yentraihalbring ist daher niemals der dem
ersten, sondern der dem zweiten oder dritten Dorsalhalb-
ringe entsprechende. Auf diese Weise erklärt es sich, wie
die Zahl der Ventralsegmente beim ausgebildeten Käfer
oft auf 5, 6 oder 7 reducirt ist, während die der Rücken-
segmente 7, 8 oder 9 beträgt.
Bei der Zählung der Dorsalhalbringe des Hinter-
leibes haben wir stets mit demjenigen zu beginnen,
welcher das Paar grosser, für das erste Abdominalseg-
ment so charakteristischer Stigmen trägt, mag die Ver-
bindung dieses Halbringes mit dem Metathorax auch
noch so fest sein. Bei den Staphylinen ist sie z. B. so
innig, dass beim Abreissen des Hinterleibes das erste
Dorsalsegment stets am Metathorax hängen bleibt, und
dass selbst Erichson, ohne die Stigmen in Betracht zu
ziehen, dasselbe früher (Gen. et Spec. Staph. p. 14) als
einen Theil des Metathorax beschrieb ^). Noch inniger
ist diese Verbindung bei den' Hjmenopteris aculeatis, bei
denen der ez'ste Dorsalhalbring des Abdomen durch einen
tiefen Einschnitt vom übrigen Hinterleibe abgesondert und
unbeweglich mit dem Metathorax verbunden, denjenigen
Theil bildet, der von Mac Leay, Newport undWest-
w o o d das Postscutellum des Metathorax genannt und in
den Beschreibungen der Hymenopteren gewöhnlich als
Metanotum bezeichnet wird ^).
1) Stein Vergl. Anat. d. Ins. p. 11. not. 4.
2) Dass -das sogenannte Postscutellum des Metathorax der Hy-
menoptera aculeata in Wahrheit der erste Dorsalhalbring des Abdo-
men ist, wie diesAudouin und Latreille behauptet haben, wird
Ueber d. Zusammensetzung d. Kopfes b. d. Insekten. 253
Bei der Bestimmung der Hinterleibssegmente der In-
sekten mit imvollkommner Verwandlung ^) kann man nicht
von der einfacheren Organisation der Larven ausgehen^
es sind aber auch hier die Stigmen ein sicherer Führer.
Mit der Ausnahme des letzten haben alle Segmente des
Abdomen ein Paar Stigmen, die in der Yerbindungshaut
zwischen den Dorsal- und Ventralhalbringen gelegen sind;
das erste derselben ist auch hier durch seine Grösse und
durch seine Lage auf dem Rücken des Hinterleibs ausge-
zeichnet. Wenn wir mit.demKinge^ der diese Stigmen trägt^
beginnen, so zählen wir auf dem Rücken von Locz^s^a (Taf.XI.
Fig. I u. n) zehn Theile, die auf den ersten Blick Segmente
zu sein scheinen ; bei genauerer Untersuchung ergiebt sich
aber, dass der zehnte Theil — der von den beschreibenden
Entomologen Lamina supra-analis genannt wird — gar kein
wirkliches Segment ist. Die ersten acht Dorsalhalb ringe
nicht nur durch die Grösse und Lage seiner Stigmen, die denen des
ersten Abdominalringes der Larve entsprechen, sondern auch durch
die Veränderungen bewiesen, die mit den Segmenten während der
Ausbildung zur Puppe vor sich gehen. Es ist das sechste Körper-
segment (zweites Hinterleibssegment), welches den sogenannten Stiel
bildet, mit dem der anscheinend ganze Hinterleib an den Metathorax
angehängt ist, während der fünfte Ring (erster Hinterleibsring) sich
eng an den Metathorax anlegt. (S. Ratzeburg Act. Leop. Vol. XVI.
tab. IX copirt von Westwood Introd. to the mod. classif. of ins. II.
p. 226. fig. 86. e. 5 Ring, f. Stiel.) Die drei in die Augen fallenden
Abschnitte an dem Körper der Wespe entsprechen daher nicht, wie
man gewöhnlich annimmt, der erste dem Kopfe, der zweite dem
Thorax und der dritte dem Hinterleibe, sondern der erste dem
Kopfe, der zweite dem Thorax -f dem ersten Dorsalhalbring des Hin-
terleibs, der dritte dem Hinterleib — dem ersten Segmente, dessen
Ventralhalbring eingegangen ist.
2) Es ist in neuerer Zeit, namentlich mit Rücksicht darauf,
dass manche holometabole Neuropteren sich als Puppen (gegen das
Ende dieses Stadiums hin) bewegen, von mehreren Seiten behauptet
worden, dass eine bestimmte Grenze zwischen den holometabolen
und hemimetabolen Insekten gar nicht existire. Bei dieser Behaup-
tung wird der durchgreifende Unterschied nicht ins Auge gefasst,
dass bei den Puppen der holometabolen Insekten die Puppenhaut
Mund und After verschliesst, die bei den Pseudopuppen der hemi-
metabolen Insekten offen sind.
254 Schaum:
sind mit Stigmen versehen^ der neunte, der in beiden
Geschlechtern verschieden gebildet ist, hat keine Stig-
men, ist aber noch wie die vorhergehenden mit den
Ventralhalbringen durch eine weiche Haut verbunden, der
zehnte (c) dagegen, der auch in beiden Geschlechtern ver-
schieden gebildet ist und ein Paar Griffel, (styli d) trägt,
wird nicht mit den Ventralhalbringen durch eine Membran
verbunden. Die Zahl der letzteren beträgt beim Männ-
chen 8, beim Weibchen 7 ^), von denen der letzte wieder
in beiden Geschlechtern verschieden gebildet ist und
beim Männchen ein Paar Griffel (e) trägt. Mit dem
letzten Ventralhalbringe (acht, beim Männchen, sieben
beim Weibchen) zusammen bildet der neunte Dorsal-
halbring die Spitze des Hinterleibs und ein Involucrum
für den Anus und die Mündung der Geschlechtsorgane,
der Dorsalhalbring als Träger des Anus, der Ventralhalb-
ring als Träger der Sexualmündung -). Es bildet daher
der neunte Dorsalring, insofern er den After enthält,
den letzten des ganzen Körpers, und der zehnte Theil (c)
ist nichts als eine Platte, die den blossliegenden After
von oben bedeckt, wie die Oberlippe der Mundöffnung,
und kann ebenso wenig als die Oberlippe oder der nach
aussen umgestülpte After der holometabolen Larven als
ein besonderes Segment betrachtet werden.
Bei Fachytylus migratorius zählen wir ebenfalls neun
Dorsalhalbringe in beiden Geschlechtern, acht Ventralhalb-
ringe beim Männchen Fig. HI und sieben beim Weibchen
1) Der hintere zwischen den Hinterhüften ausgebreitete Theil
des Metasternum könnte bei Locusta, da er durch eine eingedrückte
Linie von dem vorderen getrennt ist, leicht für den ersten Ventral-
halbring des Hinterleibes gehalten werden, wodurch die Zahl der
Ventralhalbringe beim Männchen auf 9, beim Weibchen auf 8 stei-
gen würde; dass er aber in der That ein Theil des Metathorax ist,
ergiebt sich, wenn man den entsprechenden Theil bei Pachytylus
und Forficula vergleicht, wo über die Natur desselben kein Zweifel
sein kann.
2) Die Lage des Rectum ist in Taf. XL Fig. H durch eine
doppelte Linie blauer, die der Vagina durch eine doppelte Linie
rother Punkte angedeutet.
üeber d. Zusammensetzung d. Kopfes b. d. Insekten. 255
Fig. IV. Der nennte Dorsalhalbring zeigt hier allerdings
in beiden Geschlechtern Fig.IV- A.n. B. g eine eingedrückte
Linie, durch die er scheinbar in zwei Segmente getheilt
wird, in der That ist er aber einfach und die Linie nur eine
Sculptur. Die Lamina supra-analis (Fig. IV. A. u- B. c) die
den After bedeckt und die Styli (d) sind denselben Theilen
bei Locusta analog. Der letzte (8.) Bauchhalbring hat beim
Männchen ebenfalls jederseits eine quere • eingedrückte
Linie, die auch hier nur mit Unrecht als Demarcations-
linie zweier Segmente aufgefasst werden könnte; der letzte
(7.) Bauchhalbring der Weibchen ist ohne eine Spur dieser
Linie. Der letzte Rückenhalbring und der letzte Bauch-
halbring involviren wieder den von der Lamina supra-
analis bedeckten After und die OefFnung der Generations-
organe, die hier durch eine quere äusserlich sichtbare
Scheidewand Fig. IV. A. b geschieden sind, und von denen
die weibliche sich zwischen den vier Stücken des Ovipo-
sitor wie bei Locusta zwischen den vier constituirenden
Stücken des Legesäbels befindet ^).
Bei dem Männchen von Forficula gigantea Fig. V und
den verwandten Arten sind ebenfalls neun Rückensegmente
und acht Bauchsegmente vorhanden, der die Zangen tra-
gende Abschnitt (c) ist die Lamina supra-analis, die hier
eine grosse Entwickelung erlangt, und die Zangen (d)
selbst entsprechen den Griffeln (Styli) der Locusten und
Acridier. Beim Weibchen sind nur sieben Dorsal- und
sechs Ventral-Segmente äusserlich sichtbar, indem die zwei
letzten Segmente eingezogen sind. Das erste Dorsalseg-
ment Fig. VL 1 ist in dieser Gattung, wie bei den Sta-
phylinen, sehr fest mit dem Metathorax (M) verwachsen
und von Westwood in einer Abhandlung über Forficula
(Trans. Ent. Soc. Vol. I. pl. XVI) als ein hinterer Theil
des Metathorax betrachtet worden^).
1) In der Abbildung Taf. XL Fig. IV. A ist die Lage des Rectum
im Abdomen wieder durch eine Doppelreihe blauer, die der Vagina
durch eine Doppelreihe rother Punkte angedeutet.
2) Westwood glaubt, mit diesem Falle darzuthun, dass der
Metathorax der Insekten wenigstens in einzelnen Fällen ein Stigmen-
256 Schaum:
Bei allen diesen Insekten ist^ wie in der Abtheilung
mit vollkommerer Verwandlung^ die Zahl, der BauchKalb-
ringe (acht beim Männcben von Locusta, PachytyluS; For-
ficula, sieben beim Weibchen von Locusta Pachytjlus)
geringer als die der Rückenhalbringe (die in den genann-
ten Fällen neun beträgt), und zwar ist es hier, wie bei
den holometabolen Insekten, der erste Rückenhalbring,
der keinen entsprechenden Bauchhalbring hat ^).
Es bleibt aber noch eine Gruppe von Insekten übrig,
denen nach der allgemeinen x\nnahme zehn Segmente und
zwar zehn Rücken- und zehn Bauchhalbringe zukommen,
und bei denen das zehnte die Analanhänge tragen soll,
die Libellen. Bei diesen Insekten gehört aber der ge-
wöhnlich als erster Hinterleibsring gezählte Theil in
Wahrheit gar nicht zum Abdomen, sondern ist ein hin-
terer Theil des Metathorax, der allerdings durch einen
tiefen Einschnitt und durch eine weichere, einer gewissen
Ausdehnung fähige Haut ^) vom vorderen Abschnitte
desselben getrennt ist. Zwei Gründe scheinen diese An-
nahme ausser Zweifel zu stellen. Erstens entbehrt dieses
scheinbare Segment der Stigmen, indem das erste Paar
derselben in der Verbindungshaut des Rücken- und Bauch-
paar habe. Dass der betreffende Abschnitt aber gar nicht zum
Metathorax gejiört, wird nicht bloss gerade durch die Stigmen und
die Analogie des King§s mit dem entsprechenden der Staphylinen,
sondern auch durch die Bildung dieses Theils bei der Forficuliden-
Gattung Chelidura bewiesen. Hier liegt dieser Abschnitt als ein
ganz selbstständiges Segment in der hinteren Ausbuchtung des Me-
tathorax und wird an den Seiten, wo er die Stigmen hat, ganz von
den Hinterecken des letztern bedeckt. Einen mir unerklärlichen
Irrthum hat "Westwood in dieser Abhandlung ferner darin began-
gen, dass er das Metasternum (an dem die Hinterbeine eingelenkt
sind), als ersten Ventralhaibring des Hinterleibes bezeichnet. In Folge
dieses Irrthums erhält er die Zahl von 9 Ventralhalbringen bei For-
ficula ^.
1) Bei den Weibchen, die zwei Bauchsegmente weniger haben,
ist ausser diesem ersten das letzte eingegangen.
2) Bei einigen Chalcidiem (Eupelmus) ist eine solche dehn-
bare Haut zwischen zwei Theilen (Scutum und Scutellum) des Me-
sonotum ausgespannt.
üeber d. Zusammensetzung d. Kopfes b. d. Insekten. 257
halbrings des scheinbar zweiten Segmentes sieb befin-
det ^). Ein erstes Abdominalsegment ohne Stigmen ist
aber ohne Analogie bei den Imagines der Insekten, wäh-
rend es gerade charakteristisch für den Metathorax ist,
dass er keine Stigmen trägt. Zweitens entwickelt sich
das scheinbar erste Segment während der Metamorphose
des Thieres im Verhältnisse mit der Ausbildung der Flü-
gel. Bei der jungen Larve zählen wir nur neun Ab-
dominalsegmente, von denen das neunte die Analplatten
trägt, an einer Larve von mittlerer Grösse, die einige
Häutungen bestanden hat, und bei der am Rücken der
Thoraxringe Flügelhöcker erscheinen, fängt der hintere
Theil des Metathorax an, sich abzusetzen, selbst bei der
Pseudopuppe (vor der letzten Häutung) ist er noch wenig
entwickelt und erst bei der geflügelten Libelle nimmt er ganz
das Aussehen eines Abdominakinges an. Der Metathorax
erlangt auf diese Weise eine ungewöhnliche Entwickelung,
aber eine Entwickelung ganz im Verhältnisse zu den Hin-
terflügeln, die hier sogar grösser als die Vorderflügel
sind und im Fluge durch ein besonderes System von
Muskeln bewegt werden, während sie in anderen Ord-
nungen (Flymenopteren) beim Fluge durch dasselbe System
von Muskeln wie die Vorderflügel, mit denen sie mittelst
der Haken ihres Vorderrandes in Verbindung stehen, in
Bewegung gesetzt werden.
Nach der hier entwickelten Ansicht befindet sich
also der Penis der Libellen nicht, wie allgemein ange-
nommen wird, am zweiten, sondern am ersten Bauch-
halbringe des Hinterleibes, und die Mündungen der Ge-
nitalien in beiden Geschlechtern am achten und nicht am
neunten Bauchsegmente, die des Männchens in der Mitte,
die des Weibchens an der Basis desselben.
In dieser Gruppe liegt der hintere Theil des achten
und der ganze neunte Bauchhalbring zwischen der Vulva
und dem Anus, der am Ende des neunten die Analan-
hänge tragenden Segmentes sich befindet, und hier sind
auch, abweichend von den anderen Insekten, die neun
1) Hagen Stett. Entom. Zeit. 1853. S. 319.
Archiv f. Naturg. XXIX. Jahrg. 1. Bd, 17
258 Schaum:
Ventralhalbringe im Imagozustande sämmtlich nachweis-
bar i).
1) Ich bin nicht im Stande, die Angaben von Lacaze-Du-
thiers in seiner Abhandlung Sur l'armure genitale femelle des
insectes ( Anüal. d. scienc. nat. 1853. Vol. XIX ) zu bestätigen,
dass bei den Neuropteren , Orthopteren und Hemipteren elf Abdo-
minalsegmente (Somiten) vorhanden sein, dass die Vulva sich zwi-
schen dem 8ten und 9ten Hinterleibsringe öffne , der Anus sich
am 11. Hinterleibsende an dem äussersten Ende des Hinterleibes
befinde, und dass somit die beiden Oeffnungen durch drei Segmente
getrennt seien. Meine eigenen Beobachtungen führen dahin, dass ein
11. Segment nirgends existirt, dass bei den Orthopteren After und
Geschlechtsöffnung von dem letzten Rücken- und dem letzten Bauch-
halbringe eingeschlossen werden (dem 9, Dorsal- und dem 8. Ven-
tralringe, wo die grösste Zahl der Segmente vorhanden ist), und
dass bei den Hemipteren, wie Fieber und Flor, die besten Mo-
nographen dieser Ordnung, angeben, nie mehr als sieben Hinterleibs-
ringe existiren. Ich sehe überhaupt nirgends auch nur die Mög-
lichkeit, elf Segmente am Hinterleibe zu unterscheiden, ausser etwa
bei Pachytylus $, wenn hier das durch eine quere Linie getheilte
9. Segment als doppelt (9. und 10.) und die quere Scheidewand
zwischen Anus imd Vulva (b in Fig. IV. A) als 11. Segment aufge-
fasst wird.
Die Thesis von Lacaze-Duthiers, dass die verschiedenen
weiblichen Legeapparate (Stachel , Bohrer , Ovipositor, Legesäbel,
deren übereinstimmende Zusammensetzung bei den Hymenopteren
schon von Hart ig und West wood nachgewiesen ist) , aus mo-
dificirten Theilen des neunten Hinterleibsringes gebildet werden,
könnte nur durch Beobachtungen über die Veränderungen dieses
Segments im Puppenstadium holometaboler Insekten bewiesen wer-
den, die Lacaze-Duthiers nicht gemacht hat. Erichson ge-
langte durch seine an Käferpuppen gemachten Beobachtungen zu
dem Resultate , dass die äusseren Genitalorgane sich unabhängig
von dem 9. Segmente ausbilden. Lacaze-Duthiers sucht seine
Thesis durch die Zusammensetzmig der Legeapparate zu beweisen,
und geht dabei von dem theoretischen Satze aus, dass jedes Segment
der Insekten der Norm nach aus sechs Stücken, drei tergalen, dem
Tergum und den beiden Epimeren, und drei ventralen, demSternum
und zwei Episternen zusammengesetzt sei, und dass es zwei Paar
Anhänge, ein Paar am Rücken (wie die Flügel) Tergorhabditen von
Lacaze-Duthiers genannt, und ein Paar am Bauche, Sternorhab-
diten, trage. Er deutet dann die einzelnen Stücke der Legeap-
parate bald als Tergum, bald als Epimeren, bald als Sternum, bald
Ueber d. Zusammensetzung d. Kopfes b. d. Insekten. 259
Nachschrift.
Nachdem obiger Aufsatz schon dem Drucke übergeben
war, ist die Abhandlung von Dr. A. Weissmann ^die
Entwickelung der Dipteren im Ei" (Zeitschr. f. wissensch.
Zool. Bd. XII. S. 107 ff.) erschienen. Nach der Darstel-
lung W.'s entstehen in der ersten Entwickelungsperiode
des Embryo's der Insekten drei Kopfsegmente an dem-
jenigen Theile des ventralen Schenkels der Keimwülste,
der zur Bildung des Kopfes verwendet wird, „die sich
als segmentartige, durch halbmondförmige Ausschnitte des
Dotters bezeichnete Abschnitte der Keimwülste markiren^
(S. 121), und die später unmittelbar in die drei Kiefer-
paare auswachsen. Ebenfalls nach der Darstellung des
Verf. bilden aber diese drei Abschnitte mit ihren Anhän-
gen (den Kiefern) nicht für sich allein die Urbestand-
theile des Kopfes, sondern es gehen in die Bildung des
letzteren ausserdem auch zwei Scheitelplatten mit dem
Antennenfortsatze und ein als Vorderkopf bezeichneter
Theil ein (S. 126), an denen segmentartige Abschnitte
nicht nachweisbar sind. Bei dieser Zusammensetzung des
Kopfes ist kein Grund vorhanden, die drei nur „an dem
ventralen Schenkel des Keimstreifen" auftretenden wulst-
artigen Abschnitte als Ursegmente auf^zufassen, da ein
Segment des Insektenkörpers sich nicht bloss als eine
Wulst an ein er Körperfläche darstellt, sondern aus einem
dorsalen und ventralen Theile besteht und auch in der
inneren Organisation durch besondere Muskeln, durch
ein Ganglion der Bauchkette und meistens auch durch
ein Stigmenpaar markirt ist. Das Ganglion der Bauch-
kette fehlt allerdings im letzten, auch der Stigmen regel-
mässig entbehrenden Segmente, aber nie in einem der
vorderen. Es müssten daher drei zu den an der Bauch-
fläche hervortretenden Wülsten gehörende Dorsaltheile
als Episternen, bald als Tergorhabditen, bald als Sternorhabditen.
Es sind indessen diese Theile überhaupt nur am 2. und 3. Thorax-
ringe nachzuweisen, und hier sind die Epimeren nicht tergale, son-
dern wie die Episternen, sternale Stücke.
260 Schaum: Ueber d. Zusammensetzung d. Kopfes b. d. Insekten.
oder drei den Wülsten entsprechende Ganglien der Bauch-
kette nachgewiesen werden^ um die Deutung dieser Wülste
als Segmente zu rechtfertigen.
Aus der Darstellung, die der Verf. von dem weite-
ren Verlaufe der Entwickelung giebt, ziehe ich den Schluss,
dass die Ausbildung des Kopftheils zu einem bestimmten
Segmente überhaupt erst in der zweiten Entwickelungs-
periode des Embryo ^jmit der Vereinigung der Urtheile
des Kopfes zu einer Gruppe, dem Kopfe ^ (S. 129) und
,,mit der Abschnürung durch eine quere Furche^ (S. 132)
beginnt, und finde eine Bestätigung dieser Ansicht be-
sonders in dem Umstände, dass gleichzeitig mit diesem
Vorgange oder immittelbar nach demselben auch der
übrige Körper sich in Segmente abtheilt (S. 133).
Erklärung der Abbildungen.
Fig. I. Locustn mridissima ^. von der Seite gesehen.
„ n. Dieselbe J; Spitze des Hinterleibes.
„ III. A. Pachylijlus migratorivs f^, von unten gesehen.
HI. B. Derselbe, Spitze des Hinterleibes, von der Seite gesehen.
IV. A. Pachytylns migratorius $. Letzte Hinterleibssegmente von
der Seite gesehen.
IV. B. Derselbe von unten.
V. Forficula giganfea (-/*, von der Seite gesehen.
VI. Dieselbe. Metathorax (M) und die 2 ersten Abdominalringe.
V)
Eine Frage an die Herreu Botaniker über die Ursaclieu
der schönen Herbstfärbung der Baumvegetation im
nördlichen Amerika.
Von
Prinz Maximilian zu Wied.
Es ist den Beobachtern der Natur bekannt, dass ein
jedes Clima, eine jede Zone, ein jeder Welttlieil unserer
Erde seinen eigenen^ niclit zu verkennenden Charakter
von der Natur eingeprägt erhielt, auch ist es ebenso be-
kannt, dass es vorzüglich die Vegetation eines jeden Erd-
striches ist, welche jenen eigenthümlichen, sogleich ins
Auge fallenden Habitus verleiht.
Gehen wir in diese Materie etwas tiefer ein, so fin-
den wir z. B. das mittlere Europa ausgezeichnet durch
seine anziehenden frischgrünen Wiesen, durch schatten-
reiche, jedoch nur massig hohe Wälder, welche meist
ziemlich gleichartig aus gesellschaftlich vereint vorkom-
menden Baumarten zusammengesetzt sind. Nähern wir
uns aber nunmehr den südlichen Ländern, den wärmeren
Zonen, so nehmen die Gramineen der Wiesen eine här-
tere Textur an, zeigen ein weniger frisches Grün und
schon viel früher als bei uns sind sie von der Sonne
verbrannt, gelb und ohne allen Reiz für das xluge. Schon
in den Monaten Juni und Juli ist z. B. der Anblick der
portugiesischen und spanischen Landschaften ein trauriger,
steril vertrockneter. Hier sind auch die Waldungen nicht
mehr frisch und lebhaft grün, wie bei uns, sondern dun-
kel oder graulichgrün, weil die Pinien, die Cypressen,
die Oelbäume und die myrthenähnlichen Gewächse vor-
herrschen und die todte, dunkle Färbung hervorbringen.
262 Prinz Maximilian zu Wied:
Von den drei Welttheilen Asien, Afrika und Austra-
lien kann hier speciell nicht geredet werden, da die eigene
Ansicht diesen Zeilen nicht zum Grunde liegt; allein
durch eine grosse Anzahl von Reisebeschreibungen wer-
den wir belehrt, dass es in den genannten Welttheilen
etwa dieselbe Bewandtniss hat, wie in Europa, nämlich
dass die gemässigteren Gegenden sich auch dort von den
heisseren durch dieselben Hauptzüge auszeichnen, wie
bei uns. Die kühlere Temperatur, im Vereine mit Feuch-
tigkeit und hinlänglicher Bewässerung giebt ein frisches
schönes Grün, ein belebtes Bild, dagegen die heisse ein
mehr vertrocknetes und im Allgemeinen weniger liebli-
ches und anziehendes, das aber an ausgezeichneten For-
men und kunstvolleren Naturprodukten reicher ist.
Wenden wir uns nun zu dem fünften uns noch
übrigen Welttheile, Amerika, so können wir hier eine
genauere Yergleichung nach eigener Ansicht aufstellen.
Wir finden alsdann, dass der Süden dieses ausgedehnten
Continentes, die heisse Zone daselbst allerdings durch
ihre herrlich grossartige Vegetation, ihre endlosen, ge-
drängt aufsteigenden Urwälder das Ideal des Botanikers
sind ! Unzählige Pflanzen- und Baumformen drängen sich
hier dicht geschlossen , von zahlreichen Schlingpflanzen
und Baummördern verflochten, himmelan, und beinahe alle
zeigen mehr oder weniger, meist grosse, schöne, pracht-
volle Blumen von den lebhaftesten Farben und dem son-
derbarsten Baue, auch oft ganz original gebildete Früchte,
wo aromatische Gerüche von dem leisesten Lufthauche her-
beigeführt werden, wo die ganzen Waldungen auf grosse
Strecken von dem Gerüche der Vanille, des Zimmets, des
peruvianischen Balsams und dergleichen Aromen beherrscht
werden.
Für diese herrlichen Waldungen ist die Zeit, wo die
trockene Hitze zuerst durch die neu eintretenden Gewit-
terregen belebt imd befruchtet wird, der Augenblick des
höchsten Lebens und des grössten Genusses für den Na-
turfreund ! Denn jetzt haben einzelne Baumarten ihre
Blätter abgeworfen, um dieselben sogleich wieder neu zu
ersetzen, und dieses junge Laub erscheint beinahe bei
Ueber die Färbung der Baumvegetation im nördl. Amerika. 263
einer jeden Species in einer anderen Färbimg, bald ro-
renroth, sctiarlaelirotb , rothbraun, gelb, hellgrün oder
weisslich. Alsdann sieht man die höchsten ausgedehnte-
sten Baumkronen vollkommen rosenroth oder von den
anderen genannten Farben in allen möglichen Stufen und
Mischungen in unbeschreiblicher Schönheit glänzen ! Hier
muss eine jede Beschreibung weit hinter der Natur zu-
rückbleiben! Eine solche grossartige Natur kann nicht
beschrieben werden!
Andere Bäume bedecken sich, sobald sie das Laub
abgeworfen haben, mit unzähligen grossen Blumen, so dass
die ganze Baumkrone ebenfalls wieder, nur auf andere Art,
in einer der lebhaftesten und schönsten Farben erglänzt;
allein nach einigen wenigen Tagen liegen alle diese grossen
prachtvollen Röhrenblumen abgefallen auf dem Boden und
die bunten jungen Blätter beginnen zu sprossen. Dieser
Vorgang zeigt sich besonders in der Familie der Bigno-
niaceen und den zahlreichen Gattungen verwandter Bäume,
deren grosse Röhrenblumen in allen Abstufungen von
weiss, gelb, orange, rosenroth, violet und hochroth das
menschliche Auge erfreuen. Die Brasilianer kennen diese
nützlichen und schönen hohen Waldbäume unter dem
allgemeinen Namen Ipe, indem sie für eine jede Spe-
cies noch andere Bezeichnungen haben, und sie benutzen
das zähe Holz gewöhnlich zu ihren Waffen, den Bogen.
Noch eine andere Form der Gewächse spielt in diesen
Urwaldungen eine Hauptrolle, ich rede von den holzigen
Schlinggewächsen, dem Cipo's der Portugiesen, welche
oft von mächtiger Stärke und hartem zähen Holze, die
Bäume umranken und verstricken, bis auf die höchsten
Baumgipfel hinaufsteigend die ganzen Kronen überran-
ken, dort oben am Lichte nur erst blühen und nach deren
Blüthen der Botaniker vergebens strebt, bis er sie abge-
fallen und verwelkt auf dem Boden findet. Diese Baum-
mörder sind es, welche die grössten Waldstämme ersticken,
die alsdann oft absterben und nur den Mörder in seinen
tausendfältigen Windungen als eine colossale Riesen-
schlange stehen lassen.
Die erwähnten Naturschönheiten, die Grösse, Aus-
264 Prinz Maximilian zu Wied:
dehnimg und Erliabenlieit jener Waldvegetation dürften
also wohl als der ausgezeichnetste Charakterzug des heis-
sen Süd - Amerika's anzusehen sein; jedoch es gilt das
Gesagte weniger für die höher gelegenen Gegenden,
welche Mangel an Wasser haben. Nur dieses so nöthige
Lebensprincip, die Menge grosser Flüsse der ebenen Ge-
genden, z. B. des Gebietes des grössten der Ströme, des
Amazonas und seiner colossalen Nebenflüsse, des Madera,
Huallaga, Rio-Negro, Cussiguiara, des Orinoco und anderer,
bringt vorzüglich jene weit ausgedehnten Urwaldregionen
hervor , worüber Alexander v. Humboldt uns so
vortreffliche und anziehende Schilderungen entworfen hat.
Schreiten wir aber jetzt nach dem nördlichen Ame-
rika in die gemässigte Zone hinauf, so zeigen sich bier
zwar auch Urwaldungen , welche unsere europäischen
Wälder an Majestät des Holzwuchses , besonders auch
durch die Mannichfaltigkeit der Baumarten übertreffen;
allein sie stehen dennoch unendlich weit hinter den süd-
amerikanischen zurück, zeigen auch selten schöne Blüthen,
sondern mehr die Inflorescenz der Kätzchen (Amenta).
Sie bilden aus diesem Grunde ein ganz natürliches Mittel-
glied, einen deutlichen Uebergang von der europäischen
zu der brasilianischen Vegetation der heissen Länder von
Süd-Amerika.
Die höheren Gegenden von Nord- Amerika sind meist
mit prachtvollen Nadelwaldungen bedeckt, wo weit meh-
rere Arten von Pinus vorkommen, als bei uns in Europa,
und hier sind alsdann auch ächte Bärenwildnisse zu fin-
den, wo die alten colossalen Wurzeln der canadischen
Tannen Felsblöcke umstricken, sprengen und durchranken,
um dunkele Schlupfwinkel für viele wilde Thiere zu
bilden. Hier ist der unternehmende Europäer zwar mei-
stens auch schon eingedrungen, allein er hat dennoch über
jene Wildnisse noch nicht Herr werden können, sondern
hat sich nur einzeln zerstreut, als Holzhauer, Schneide-
müller , Schindelverfertiger oder als Jäger anzusiedeln
versucht, indem er ein einsames rohes Leben führt, wo
ihn seine Pürschbüchse grossentheils ernähren muss.
Auch in Hinsicht der Fauna steht Nord- Amerika
üeber die Färbung der Baumvegetation im nördl. Amerika. 265
gerade in der Mitte zwischen Europa und Süd- Amerika ;
denn die Genera und Species der Thiere sind hier schon
viel zahlreicher vertreten^ als bei uns, es kommen Reprä-
sentanten südlicher Familien und Gattungen schon vor,
und die schön gefärbten Vogelarten sind daselbst weit
zahlreicher, aber der Hauptcharakter dieser Fauna, vor
allen anderen Welttheilen und Ländern ausgezeichnet,
besteht in der unendlichen Menge von Individuen und
Arten der Süsswasser- und Sumpf- Schildkröten (Emys),
deren Menge schöner bunt gefärbten Arten diejenigen
aller anderen Welttheile weit übertrifft. x\uch die son-
derbaren Fischmolche der Flüsse fügen ihre Originalität
zu jenem ausgezeichneten Zuge hinzu.
Der Sommer ist schön in jenen Gegenden, Frühling
und Herbst sind kürzer als bei uns, die Hitze und die
Kälte treten schneller ein; allein der hervortretendste
Zug für die Vegetation von Nord -Amerika bleibt uns
noch zu erwähnen, und dieser tritt auf sobald der Herbst
das Laub der Bäume zu färben beginnt. Jetzt entsteht
eine Zeit, welche man selbst gesehen haben muss, um
sich einen Begriff davon machen zu können ! Auch ist
dieser auszeichnende Zug gewiss einzig und allein in
jenem Lande zu finden!
Wenn man alle die unendlich zahlreichen Reisebe-
schreibungen über Nord- Amerika über dieses schöne, jetzt
von dem unglücklichen Kriege verwüstete Land durch-
blättert, so findet man beinahe nirgends eine Erwähnung
dieser ganz originellen Naturerscheinung, der bunten
Färbung der dortigen Waldungen im Herbste. P ö p p i g
ist der einzige Reisende, so viel mir bekannt ist, der in
seiner Relation über Peru imd den Lauf des Huallaga,
wo er auch Nord - Amerika berührte, diesen Gegenstand
erwähnt und hervorhebt und er hat vollkommen recht!
In dieser Jahreszeit färben sich dort alle Baumblätter
citonengelb, rosenroth, blutroth, purpur- oder zinnober-
roth. Hierhin gehören besonders alle Eichen, Ahorne,
Wallnuss-, Eschen- imd Sumach-Bäume, besonders Rhus
typhinum, alle Kirschbäume u. s. w. — Der fünfblättrige
Epheu umrankt die höchsten Waldstämme und bildet
266 Prinz Maximilian znWied: üeber d. Baumvegetat. u. s. w. \
überall prachtvoll zinnoberrothe colossale Säulen von un- <
beschreiblicher Pracht! was er indessen bei uns nur höchst
unvollkommen zeigt. Besonders im Lichte eines glänzen- '
den Sonnenscheines entsteht in diesen Waldungen ein !
v^underbarer Anblick! Man glaubt sich in einen Feen-
palast versetzt, indem rundum das Laub in den schönsten -
rothen Tinten in Feuer zu stehen scheint ! Nirgends w^ird '
man eine ähnliche Pracht wieder finden! !
Aber wie kommt es, so darf man nun wohl den
Botaniker fragen, dass dieselben Baumarten, welche dort
in so herrlichen transparenten Farben im Herbste er-
glühen, hier bei uns kaum eine Spur jener Tinten zei- ■
gen? Ja, dass sie, besonders die Ahorne (Acer), gänzlich i
grün bleiben, bis ihre Blätter verwelken und abfallen? ;
Das ist eine Frage, die sowohlin die Geologie als i
in die Botanik und die Meteorologie einzuschlagen scheint,
und deren specielle Beantwortung gewiss von Interesse i
ist. Bei der dortigen Allgemeinheit dieser Erscheinung
ist es nicht zu bezweifeln, dass eine gleichartige, bedeu- :
tende, weit hinwirkende Ursache zum Grunde liegen ;
müsse.
Von den amerikanischen Bäumen sehen wir hier in
Deutschland nur einige wenige, die rothe Herbstfarbe an-
nehmen, hierhin gehört besonders der Hirschkolben-Baum
(Rhus), einige Eichen und der fünfblättrige Epheu, allein
diese selbst bleiben bei uns so weit hinter ihrem Vater-
lande zurück, dass man sie verkennen könnte. Diese Frage
wünschte ich den Herren Botanikern vorzulegen, da sie
noch wenig zur Sprache gekommen zu sein scheint. |
Ein Paar zoologische Bemerkungen ans unserer
unmittelbaren Umgebung.
Von
Prinz laximilian zu Wied.
Die Fauna der Rheinprovinz ist bereits vielfältig un-
tersucht und bearbeitet, und es bleiben dem Beobachter
für die höheren Ordnungen der Thiere vorzüglich nur
die Untersuchungen aus der Micro-Mammalogie übrig, um
noch einige Nachforschungen zu unternehmen. Vorzüg-
lich in den Familien der Insectivora und der Muridae
zeigen sich immer noch einige Unsicherheiten, so wie
auch die Chiroptera nicht leicht zu untersuchen sind. —
Gerade die genannten Thiere entziehen sich am leichte-
sten der Beobachtung und der Zufall muss häufig dazu
behülflich sein, wenn man etwas Neues oder Interessan-
tes beobachten will. Einige wenige Bemerkungen erlaube
ich mir in den nachstehenden Zeilen mitzutheilen.
Zu den sonderbarsten Eigenheiten der Natur der
Yögel gehört es gewiss, dass einige Arten derselben nur
ein einziges Ei legen. Der menschlichen Beurtheilung
zu Folge hätte die Natur wohl besser gethan, jedesmal
ein Paar junge Vögel von beiderlei Geschlecht entstehen
zu lassen, damit die Art erhalten werde. Gewiss würde
es indessen Anmassung und Vermessenheit sein, wenn
wir die Endursachen der Natur aufsuchen und zu erklä-
ren suchen wollten, wie so viele Beobachter schon gethan
haben und noch zu thun pflegen. Solche Urtheile und
Erklärungen des kurzsichtigen menschlichen Verstandes
gegenüber der unendlichen Weisheit des Schöpfers kom-
men schief und erbärmlich heraus! Ihr Ungrund kann
häufig schon von einer schlichten Beurtheilungsgabe durch-
schaut werden.
268 Prinz Maximilian zu Wied:
So viel ist aber gewiss , dass manche Vogelarten
jedesmal nur ein einziges Ei legen, und hierhin gehören be-
sonders manche Raubvögel, Wasservögel, Pinguine, Lum-
men, Möven und dergleichen Arten, welche besonders
die nordischen Felsgestade bewohnen. Von den grossen,
nur schwierig zu ernährenden Raubvögeln, z. B. den
Steinadlern, scheint es selbst dem gewöhnlichen Men-
schenverstände natürlich, dass diese räuberischen Thier-
arten nicht zu sehr vermehrt werden dürfen, und ein jedes
Paar derselben bedarf eines weitläuftigen Jagdrevieres,
duldet auch kein zweites Paar in seiner Nähe.
Weniger aber ist es unserem Verstände begreiflich,
wie Vogelarten, die ihre Nahrung aus dem Meere neh-
men, auf eine so schwache Fortpflanzung angewiesen
sind, da der Ocean unbedingt eine der reichhaltigsten
Vorrathskammern der Erde ist. Auch unter den Raub-
vögeln unseres Landes giebt es eine Species, von welcher
jetzt bewiesen zu sein scheint, dass sie jedesmal nur ein
Ei lege, und dieses ist der sogenannte Schlangenbussart
(Circaetus gallicus) , der im Allgemeinen den deutschen
Ornithologen noch immer interessant ist, da er nicht überall
vorzukommen pflegt. Wir besitzen ihn hier in den ge-
birgigen Waldungen der Rheinufer alljährlich , und er
horstet hier, obgleich es uns nicht immer hat gelingen
wollen, das Nest zu entdecken. Zweimal ist es indessen
geglückt diesen interessanten Fund zu machen.
Das erstemal befand sich ein Ei in dem Horste. Ein
Förster schoss den männlichen Vogel und das Weibchen
brütete nun ungewöhnlich lange, bis man ihm das Ei
nahm, das nun als verdorben erkannt wurde.
Bei dem zweiten Falle, im Juni 1862, war ebenfalls
wieder nur ein Ei vorhanden, welches ausgebrütet wurde.
Als der junge Vogel schon stark w^ar, aber noch die
Kiele der grossen Schwung- und Schwanzfedern trug,
schoss man die beiden alten Vögel, von welchen der eine
dem Jungen eben eine Schlange (Coronella laevis oder
austriaca) hatte zutragen wollen. Die Schlange fiel auf
die Erde, der verwundete Vogel aber auf das Nest, und
hier hatte er im Todcskrampfe mit seinen scharfen Klauen
Ein Paar zoologische Bemerkungen. 269
zufällig sein eigenes Junges ergriffen. Als man nun den
todten Raubvogel mit einer Stange von dem Horste lier-
abstiess, brachte derselbe das Junge mit herunter^ und
das letztere hatte sich ohne Zweifel bei dem Falle im
Rückgrate beschädigt; denn nachdem dasselbe sechs Wo-
chen lang mit vieler Sorge gepflegt worden war, starb
es, und es hatte nie auf seinen Füssen sitzen oder stehen
gelernt. Dass der Schlangenbussart nur ein Ei lege, be-
stätigen übrigens auch die Nachrichten aus Oesterreich,
wo Seidensa eher in Steiermark diese Vögel oft brü-
tend, aber immer nur ein Ei bei denselben fand, und aus
anderen Gegenden.
Ein anderes interessantes Thier aus der Mlcro-
Mammalogie ist der bekannte kleine Mus minutus, die
Zwergmaus, die im Allgemeinen in unserer Gegend
wenig bekannt ist. Wir haben sie oft vergebens gesucht
und es wollte mir nicht glücken, sie hier zu erhalten.
Vor einigen Jahren aber entdeckten wir plötzlich in
einem tiefen einsamen Thalkessel, der rings von ansehn-
lichen Waldbergen umgeben und von dem Wiedbache
durchschnitten wird, in einem Haferfelde neun der niedli-
chen und kunstvollen kleinen Nestchen dieser Maus, wel-
ches auf eine ziemlich zahlreiche Colonie dieser Thierchen
schliessen Hess. Sie kamen sämmtlich glücklich davon,
und dennoch hat man seitdem in mehreren Jahren nicht
die geringste Spur mehr von ihnen gehabt.
Das sporadische Vorkommen so mancher der kleinen
Säugethierarten ist überhaupt interessant, und wir haben
dasselbe auch für andere Gegenden, z. B. für Brasilien
bestätigt gefunden. Auch bei den kleineren affenartigen
Thieren, den Sahui's der Brasilianer (Jacchus, Hapale
und Midas) kommt dieses gewöhnlich vor und wir haben
sie zuweilen an einer gewissen Stelle, z. B. zwischen ein
Paar Flüssen, die ihrer Verbreitung hinderlich waren,
sehr häufig gefunden, und dann erst in weiter Entfernung
wieder, oder sie auch gar nicht mehr beobachtet. Die
einheimischen Jäger, welche die meisten etwas ausgezeich-
neten oder leicht kennbaren Thierarten wohl unterschei-
den, sagten den Reisenden schon vorher, wir würden
270 Prinz Maximilian zu Wied: EinPaar zool. Bemerk.
diese Thierart min bald erreichen, und die Aussage be-
stätigte sich immer. So erging es uns z. B. mit Geof-
froy's lacchus leucocepbalus, der durch sein schneeweis-
ses Gesicht sehr kenntlich ist. Wir fanden ihn auf einem
ziemlich eingeschränkten Räume in den Waldungen am
Espirito Santo und bei Arassatiba, und an keinem ande-
ren Orte wieder, wie man uns vorhergesagt hatte.
Später haben einige Zoologen behauptet diese Thier-
art sei nicht Species, sondern nur Varietät einer anderen ;
allein der beste Beweis des Ungrundes dieser Behauptung
liegt schon in dem erwähnten beschränkten Vorkommen
desselben, weil dort an der genannten Stelle beinahe nur
diese weissköpfige Art gefunden wurde.
Eine andere Maus scheint noch für unsere Gegend
interessant zu sein, die wir aber hier noch nicht aufge-
funden haben. Ich rede von Arvicola glareolus, welche
Professor Blasius aus Braunschweig im Siebengebirge
bei Bonn beobachtet hat. Sie kommt nach diesem gründ-
lichen Beobachter auch noch an anderen Orten unserer
Gegend vor und wir werden uns bemühen noch fernere
Nachsuchungen nach diesen Mäusen zu machen, da ihr
Vorkommen in unseren Bergen höchst wahrscheinlich ist.
Ueber den Unterschied zwischen dem Schädel von
Dicotyles labiatns Cuy. und D. torquatus Cut.
Von
%.
Prof. Dr. Krauss
in Stuttgart.
Durch Herrn A. Kappler erhielt das K. Natura-
lien-Cabinet in Stuttgart aus Surinam 27 Dicotyles-Schädel
von allen Altersstufen und von verschiedener Grösse. Die
Schädel waren entweder mit D. torquatus oder mit D.
labiatus bezeichnet^ es zeigte sich aber bald, dass der
erstere Namen an die kleinen, der letztere an die grossen
Schädel ohne Rücksicht auf das Alter geschrieben und
die Bestimmung meist nicht richtig war. Bei der grossen
Anzahl von Schädeln, wie sie wohl nicht leicht Jeman-
dem zu Gebote stehen wird, lag es mir daran, ein auffal-
lendes Kennzeichen zur Unterscheidung beider Arten zu
finden.
Rengger hat wohl in seiner Naturgeschichte der
Säugethiere von Paraguay p. 320 und nach ihm andere
Naturforscher eine Verschiedenheit im Gebisse bei beiden
Arten nachzuweisen gesucht, ich muss aber gestehen,
dass diese Merkmale schon schwer zu erkennen sind,
wenn man beide Arten neben einander liegen hat. Jeder-
mann aber in Zweifel lassen werden, wenn nur der Schä-
del der einen Art bestimmt werden soll, oder wenn die
Zähne noch nicht alle entwickelt oder endlich ihre Kro-
nen stark abgekaut sind. Ebenso richtig ist es, dass der
Schädel von D. torquatus kleiner, kürzer und hinten nie-
derer ist, als der von D. labiatus, allein das Grössen-Ver-
hältniss kann nur dann einen sicheren Anhaltspunkt ge-
ben, wenn man beide Arten miteinander vergleichen kann.
Von Wichtigkeit sind die Unterscheidungs-Merkmale am
272 Krauss:
Schädel^ namentlich die bei beiden Arten abweichende
Gestalt der Nasenbeine und des Infra'orbitallochs , auf
welche schon Rengger (1. c. p. 329^ und neuerdings
auch Bur meist er (syst. Uebersicht der Thiere Brasi-
liens I. p. 326) aufmerksam gemacht hat.
Ich kann den eben erwähnten Merkmalen noch einige
andere hinzufügen und will nun zur leichteren Uebersicht
die Unterschiede beider Arten einander gegenüber stellen,
die genügen werden, jede Art, ohne sie der andern ver-
gleichen zu müssen, zu bestimmen.
DiGotyles lab latus Cuv. *
zeichnet sich am Schädel durch folgende Merkmale aus:
1) Die Nasenbeine sind zwischen der Ton dem Foram.
supraorbitale vorwärts laufenden Gefässrinne flach und etwas
eingedrückt, der obere Theil des Nasenrückens ist glatt
und breit.
2) Der Einschnitt zwischen dem Nasenbeine und dem
vorderen Rande des aufsteigenden Astes des Zwischen-
kieferbeins, der schief nach hinten verläuft, ist hinten
eng und reicht fast bis zum Eckzahne, daher die freie
Spitze der Nasenbeine lang ist.
3) Die Gefässrinne, welche vom Foram. supraorbitale
beginnt, verläuft nur schief nach aussen und vorwärts bis
zum hervorragenden Rand des Oberkieferbeins (nur an
Einem Schädel bis zum Einschnitte an der Nasenhöhle).
4) Das Oberkieferbein ist am Nasenfortsatze platt.
5) Das Foram. infraorbitale ist schmal, halbmondför-
mig und liegt frei in der fast senkrechten Seitenwand und
vor dem steil aufwärts verlaufenden Yorsprung des Ober-
kieferbeins.
6) Das Jochbein ist auf der äusseren Fläche platt,
ohne Vertiefung.
7) Das Oberkieferbein hat am Alveolarfortsatz vor
dem ersten Backenzahn eine stark hervorstehende Wulst
und erscheint dadurch breiter als am hinteren Backenzahn.
8) Das Oberkieferbein zeigt auf der Grundfläche
querlaufende, wellenförmige Erhabenheiten und Vertiefun-
gen, die mit dem Alter deutlicher werden.
Ueb. d. Untersch. zwisch. d. Schädel v. D. labiatus u. torquatus Cuv. 273
Dicotyles torquatus Cuv.
zeichnet sich am Schädel durch folgende Merkmale aus:
1) Die Nasenbeine sind zwischen der von dem Foram.
supraorbitale vorwärts laufenden Gefässrinne gewölbt, eben-
falls ist der ganze Nasenrücken der Quere nach convex.
2) Der Einschnitt zwischen dem Nasenbein und dem
vordem Rand des aufsteigenden Astes des Zwischenkiefer-
beins, w^elcher fast gerade aufwärts steigt, ist hinten weit
und reicht nur his zum zweiten Schneidezahn, daher die
freie Spitze der Nasenbeine kurz ist.
^ 3) Die Gefässrinne, welche vom Foram. supraorbitale
beginnt, verläuft zuerst in einem Bogen nach aussen und
vorwärts, dann abwärts bis zum Rand des durch das Ober-
kieferbein gebildeten Vorsprungs und zuletzt gerade bis
ganz vorn zum Einschnitt an der Nasenhöhle.
4) Das Oberkieferbein ist am Nasenfortsatz concav.
5)^ Das Foram. infraorbitale ist rundlich und liegt in
einer tiefen länglichen Grube und unter einem dachför-
migen Vorsprung des Oberkieferbeins, die parallel mit den
Backenzähnen vom Jochbein bis fast zum Eckzahn vor-
wärtslaufen.
6) Das Jochbein ist auf der äussern Fläche vertieft.
7) Das Oberkieferbein hat am Alveolarfortsatz vor
dem ersten Backenzahn nur eine schmale Wulst, erscheint
daselbst eingeschnürt und schmäler als am hintern Backen-
zahn.
8) Das Oberkieferbein hat auf der Gaumenfläche keine
wellenförmigen Erhabenheiten, dagegen eine auffallende
vom ersten Backenzahn bis nach vorn verlaufende Gefäss-
rinne.
lieber die bei D. torquatus unter 1 und 4 erwähnten
Merkmale ist noch zu bemerken, dass an dem Schädel
eines neugebornen Thiers der Nasenrücken platt und con-
vex und dass das Oberkieferbein am Nasenfortsatz gewölbt
ist. Sie scheinen sich aber mit dem Alter schnell aus-
zubilden, denn schon am Schädel No.VIII, an welchem
noch alle Milcheckzähne vorhanden sind, ist der Nasen-
ArcMv f. Nalurg. XXIX. Jalirg. 1. Bd. 18
274 K r a u s s :
rücken convex und die Grube am Naseiifortsatz des Ober-
kieferbeins schon angedeutet.
Ein weiteres Merkmal betreffend die Gestalt der ein-
zelnen Schädelknochen zur Unterscheidung beider Arten
lässt sich an Schädeln jüngerer Thiere, an welchen die
Suturen noch nicht verwachsen sind, beobachten. Bei D.
torquatus ist nämlich der obere das Nasenbein berührende
Rand des aufsteigenden Astes convex und das Nasenbein
in seinem vorderen Drittel (ohne Berücksichtigung der
freien Spitze) verschmälert, während bei D. labiatus dieser
Rand gerade abgestutzt und das Nasenbein gleich breit
ist. Bei beiden Arten verwachsen jedoch die Suturen
frühzeitig, indem an Schädeln, welche noch einen Theil
der Milchzähne haben, schon die beiden Schläfen-, Stirn ,
Oberkiefer- und Gaumenbeine mit einander verwachsen
sind. An den Schädeln verwachsener Thiere ist kaum
noch eine Sutur zu erkennen, am längsten bleibt die Su-
tur zwischen Jochbein und Jochfortsatz des Schläfenbeins
erhalten.
Die Wölbung des Schädeldachs kann nicht zur Un-
terscheidung beider Arten zu Hülfe genommen werden,
obgleich Burme ister von D. labiatus angiebt, dass er
eine gewölbtere Stirn als D. torquatus habe. Ich finde im
Gegentheil, dass die Schädel von D. labiatus im Allge-
meinen eine flache, die von D. torquatus eine gewölbte
Stirn haben, aber es giebt Schädel von D. labiatus mit gewölb-
tem und von D. torquatus mit eingedrücktem Schädeldach,
die Schädel beider Arten haben aber im jüngeren Alter,
selbst da noch, wo schon alle bleibenden Zähne vorhanden
sind, immer eine gewölbte Stirn.
Auch der durch das Schläfen- und Hinterhauptsbein
gebildete Kamm,' der den obern schmalen Theil des Hin-
terhaupts einfasst, scheint mir kein sicheres Merkmal ab-
zugeben. Die Hinterhauptsschuppe ist zwar bei der klei-
neren Art etwas weniger vertieft als bei D. labiatus, aber
ihre Breite wechselt bei torquatus von 3,4 bis 3,8, bei dem
grösseren D. labiatus von 3,7 bis 4,6 Centimetres.
Was endlich die Verschiedenheit in dem hintersten
Backenzahn beider x\rten anbelangt, so wird es, wie schon
Ueb. d. üntersch. zwisch. d. Schädel v. T>. labiatus u. torquatus Cuv. 275
oben erwähnt, schwierig sein_, die Art zu bestimmen, be-
sonders wenn man nicht beide neben einander liegen hat.
Die bleibenden Backenzähne des D. labiatus sind ziemlich
grösser als die von D. torquatus. Im Oberkiefer des D.
labiatus hat der erste eine 0,9 bis 1/J Centim. lange und
breite, der sechste eine 1,6 bis 1,7 (bei einem sogar 1,8)
Centim. lange und 1,4 bis 1,5 (bez. 1,6) Centim. breite
Krone ; bei D. torquatus hat der erste eine 0,8 — 0,9 lange
und 0,7—0,8 breite, der sechste eine 1,3 — '1,4 Centim.
lange und 1,2 — 1,3 Centim. breite Krone. Im Unterkiefer
hat der erste von D. labiatus eine 0,9 — 1,0 lange und 0,5
— 0,6 breite, der sechste eine 2,1 — 2,3 Centim. lange und
1,4—1,5 Centim. breite Krone, während bei D. torquatus
der erste eine 0,7 — 0,8 Centim. lange und 0,4—0,5 Centim.
breite, der sechste eine 0,6 — 0,7 (einmal 0,8) Centim. lange
und 1,0—1,1 Centim. breite Krone hat.
Die Backenzähne des Oberkiefers beider Arten sind,
die Grösse ausgenommen, kaum von einander verschieden
und bei den verschiedenen Individuen einer Species unter
sich wieder nicht ganz gleich, wenn man scharfe Unter-
schiede machen wollte. Die Kronen der 3 ersten Backen-
zähne sind mehr abgerundet-dreieckig und durch Ein-
schnitte in 3 — 4 Höcker getheilt, die der 3 letzten grösse-
ren viereckig mit zwei durch eine tiefe Querfurche ge-
trennten Höckerpaaren, vor w^elchen in der Mitte je noch
ein kleiner Höcker sitzt. Am vordem und hintern Rand
der Krone der wenig gebrauchten Zähne ist ein deutlicher
und gekerbter Zahnkranz; der hintere Zahnkranz des letz-
ten Backenzahns ist bei beiden Arten bald mehr bald we-
niger ausgebildet und vor ihm sitzt ein kleines Höcker-
chen. Es kommt zwar hin und wieder vor, dass am letz-
ten Backenzahn des D. labiatus dieses Höckerchen etwas
stärker und der hintere Zahnkranz unregelmässig und grö-
ber gekerbt ist, als bei D. torquatus, aber es gibt von
beiden Arten Uebergangsformen, welche den Unterschied
ausgleichen.
Der Ansatz eines fünften Höckers zwischen den zwei
hintern Höckern des dritten Backenzahns von D. labiatus,
den R e n g g e r als Unterschied von D. torquatus angibt, ist
276 Krau SS :
bei einigen Schädeln deutlicli, fehlt aber auch bei andern,
bei unseren D. torquatus allerdings immer.
Im Unterkiefer dagegen hat der sechste Backenzahn
hinter den beiden Höckerpaaren einen starken Ansatz,
der bei D. labiatiis gewöhnlich grösser zu sein und aus
mehreren (4 — 6) Höckerchen zu bestehen scheint als bei
D. torquatus, wo in der Regel 4, an einem Schädel sogar
nur 2 Höckerchen vorhanden sind. Hält man aber die
Extreme beider Arten zusammen, so scheint mir auch
hier unter Berücksichtigung der Grösse der Unterschied
zur Trennung der Arten nicht scharf genug zu sein. Die
2 vorderen Backenzähne des Unterkiefers sind von den
Seiten stark zusammengedrückt, ihre Kronen bestehen,
ehe sie abgekaut sind, aus einem starken Höcker, der am
ersten Zahn meist einfach, am zweiten immer durch einen
Einschnitt getheilt ist, und aus einem vordem kleinen ein-
fachen und einem hintern mehrhöckerigen Ansatz. Der
dritte Backenzahn hat, wenngleich kleiner, Aehnlichkeit
mit den 2 folgenden deutlich vierhöckerigen.
Unter allen Schädeln ist nur einer von D. torquatus,
bei dem die Höcker vollständig abgekaut sind, aber nur
am vierten, dem zuerst hervorbrechenden bleibenden
Backenzahn so stark, dass die Krone ein einziges Feld
darstellt, bei allen übrigen ist die Schmelzleiste der die
Höckerpaare trennenden Furche sichtbar.
Von jungen Thieren konnte ich nur einen Schädel
von D. labiatus, dagegen 5 von D. torquatus vergleichen.
Der Schädel von D. labiatus (No. V der Tabelle) hat den
ersten und dritten Schneidezahn jeder Unter kieferhälfte,
alle Eckzähne und den vierten und fünften Backenzahn
als bleibende Zähne, die übrigen Schneidezähne brechen
erst hervor. Von Milchzähnen steckt in jeder Kieferhälfte
nur noch ein vorderer oberer und ein mittlerer unterer
Schneidezahn vor dem hervorbrechenden bleibenden, beide
und namentlich der obere sind viel schmäler und kleiner
als die bleibenden; die drei vorderen Milchbackenzähne
sind mit Ausnahme des ersten unteren stark abgenutzt.
Die Schädel von D. torquatus (No. V bis IX) gehö-
ren verschiedenen Jugendstufen an. Die zwei ältesten
Ueb. d. Untersch. zwisch. d. Schädel v. D. labiatus u. torquatus Cuv. 277
(No.V und VI) haben von bleibenden Zähnen in beiden
Kiefern den vierten und fünften Backenzahn, alle 4 Eck-
zähne, welche schon 2,0 bis 2,5 Centimeter über den Al-
veolarrand herausstehen, und in jeder Oberkieferhälfte
den vordersten, in jeder Unterkieferhäifte den ersten und
dritten (äussersten) Schneidezahn. Von Milchzähnen ist
in jeder Unterkieferhälfte beider Schädel der zweite (mitt-
lere) Schneidezahn noch vorhanden, dagegen im Ober-
kiefer des älteren der hintere Milchschneidezahn schon
ausgefallen und der bleibende im Hervorbrechen, während
im andern der hintere Milchschneidezahn, der ebenfalls
viel schmächtiger ist, als der bleibende, noch feststeckt.
Die drei ersten Milchbackenzähne sind beim älteren sehr
stark abgeschliffen (der erste obere so stark, dass nur noch
seine zwei Wurzeln und zwar von einander getrennt vor-
handen sind) und daher ihre Ersatzzähne an den offenen
Seiten des Kiefers schon sichtbar, beim andern sind sie
wenig abgenutzt.
An diese beiden Schädel reihen sich zwei andere
(No. VII und VIII) an, welche nur den vierten bleibenden
Backenzahn vollständig entwickelt haben, der fünfte steckt
noch in der Alveole. Der ältere von beiden hat schon
alle bleibende Eckzähne, aber sie ragen oben kaum 1,0,
unten 1,5 Centimeter über die Alveole hervor und die
Milchzähne sind schon ausgefallen, im Jüngern stecken
alle Milcheckzähne noch unmittelbar hinter den kaum 1,0
Centimeter herausragenden bleibenden und sind viel län-
ger und schmächtiger als letztere; beide haben ausser
dem dritten (äussersten) bleibenden noch alle übrigen
Milchschneidezähne und die 3 vorderen Milchbackenzähne
sind noch wenig gebraucht.
Der fünfte nur 8,5 Centimeter lange Schädel eines
neugebornen D. torquatus (No. IX) hat von Milchzähnen
nur die Eckzähne und den äussersten untern Schneide-
zahn entwickelt, die übrigen stecken noch in den Alveo-
len und nur der zweite Backenzahn ist schon etwas über
den Rand hervorgeschoben.
Nach Vorstehendem ist also anzunehmen, dass die
Zähne in folgender Reihenfolge hervorbrechen, was auch
278 Krauss:
mehr mit Rengger's als mit Burmeisters Angabe
übereinstimmen würde. Von den Milchzähnen brechen
zuerst alle Eckzähne und der äuss erste untere Schneide-
zahn hervor, dann folgen der zweite Backenzahn und hier-
auf die übrigen Schneidezähne, sowie der erste und dritte
Backenzahn. Von den bleibenden ist der vierte Backen-
zahn schon vollständig entwickelt, wenn die Ersatz-Eck-
zähne hervorbrechen ; nach ihm kommen aber gleich alle
Eckzähne, hierauf jederseits der fünfte Backenzahn, dann
der erste (innerste) Schneidezahn jeder Kieferhälfte. Wenn
der äussere obere und der zweite untere Schneidezahn
aus der geöffneten Alveole heraussehen, sind die 3 ersten
Milchbackenzähne schon stark abgekaut und an der Seite
des Unterkiefers eines D. torquatus die 3 Ersatzzähne
sichtbar, von welchen nach ihrer Entwicklung zu schlies-
sen, der dritte zuerst und der erste zuletzt hervorbrechen
muss. Der Wechsel dieser drei Backenzähne scheint im
Oberkiefer in derselben Reihenfolge vor sich zu gehen
und mit dem dritten der sechste hervorzubrechen. Zu
welcher Zeit der äusserste Schneidezahn des Unterkiefers
gewechselt wird, konnte ich nicht mit Sicherheit ermitteln,
er scheint zuerst ersetzt zu werden. Die Ersatzzähne
brechen also in nicht ganz derselben Ordnung hervor als
die Milchzähne.
Schliesslich lasse ich die Maassverhältnisse der auf-
fallenderen im k. Naturalienkabinet aufbewahrten Schädel
beider Arten, in Centimetres, folgen.
üeb. d. Unterscli. zwisch. d. Schädel v. I). labiatus u. torquatus Cuv. 279
Maas s Verhältnisse des Schädels
von Dicotyles labiatus Cuv.
V.
jung,6ter
Backen-
zahn
noch in d.
Alveole.
Ganze Länge von der Mitte des
durch das Scheitelbein und die
Hinterhauptsschuppe gebildeten
Kamms bis zur Spitze der Na-
senbeine, in gerader Linie . .
Ganze Länge auf der untern Fläche
vom untern Rand des Hinter-
hauptslochs bis zum vordem
Rand der vordem Schneidezähne
Höchste Höhe des auf dem Unter-
kiefer ruhenden Schädels von
dem Kamm der Scheitelbeine,
in senkrechter Linie ....
Grösste Breite des Schädels von
einer äussern Wand des Joch-
bogens zur andern, in gerader
Linie
Grösste Breite des Schädeldachs
von einem Orbitalfortsatz des
Stirnbeins zum andern, in ge-
rader Linie
Breite der untern Fläche des Ober-
kieferbeins, von einem Alveolar-
fortsatz zum andern, unmittel-
bar vor dem ersten Backenzahn
Länge des Unterkiefers vom hin-
tern Rand des aufsteigenden
Astes bis zur Spitze der Schnei-
dezähne
Grösste Breite des Unterkiefers
von einem äussern Rand des
Gelenkskopfes zum andern . .
Geringste Breite des Unterkiefers,
zwischen den Eck- und Backen-
zähnen gemessen
24,0
9,3
5,5
21,2
11,3
3,0
26,7 26,6
24,2
19,2 18,8
11,9
9,2
5,7
21,4
11,1
25,1
22,0
17.8
11,2
5,6
20.0
10,3
2,^
280
Kraus s: Ueber den Unterschied u. s. w.
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lllligä
Heber den Hering der pommerschen Küsten und die
an denselben sich anschliessenden Industriezweige.
Von
Prof. Dr. J. lünter,
Director des zoologisclieii Museums zu Greifswald.
Hierzu Taf. XII.
Während König Philipp II. von Spanien den Genuss
der Fische vermied, weil er in ihnen nur ,, verdicktes
Wasser'^ sah vmd die Syrer ^) im grauen Alterthume
sich des Fischgenusses desshalb enthielten, weil sie
wähnten. Jeder der sich dieses unerlaubten, ihrer Göttin
liTaqyatLg geweihten Nahrungsmittels bediene, werde von
Geschwüren heimgesucht, so dass in der That nur Fische
im gebratenen oder gekochten Zustande oder auch in
silberner und goldener Nachbildung der Göttin geopfert
werden durften, verehrte dagegen nach Richter^) eine
deutsche Relchsgräfin die „Heringsbäcklein^ d. h. die
zwischen den Infraorbitalknochen und dem Kiemendeckel
sitzenden Muskeln so sehr, dass sie zu ihrem Lieblings-
gerichte stets acht Tonnen Hering verbrauchte und zu-
letzt über diese Verschwendung, die ihr allmählich eine
Million Thal er gekostet haben soll, tief In Schulden ge-
rieth. — Kann man In diesen historischen Thatsachen nur
1) Plutarch, de superstitione cap. 10. — Athenaeus lib.
VIII p. 346 schreibt IdrsQycaig, und berichtet, dass diese als Königin
ihren Syrern das Fischessen verboten haben soll. Movers, Die
Phönicier Bd. I p. 591. Bonn 1841. — Stark, Gaza und die philistäi-
Bchs Küste. Jena 1852. 8°. p. 571.
2) Ichthyologie. Lpz. 1754. 8". p. 829.
282 Munter:
anderweite Beweise für den längst anerkannten Satz ^de
gustibus non est disputandiim'^ finden, so lässt sich ferner-
weit auch wohl noch über den Nahriingswerth (Fut-
terwerth) des Fisch fleisches im Allgemeinen, gegen-
über dem Nahrungswerthe z. B. guten Ochsen flei-
sch es pro und contra sprechen. Inzwischen aber, wie
zuvor, so auch nach Abschluss dieser ^^schwebenden
Frage ^, wird man fortfahren müssen, den in süssen und
salzigen Wassern in Form von Fischen erzeugten
„Proteinverbindungen und Kohlenhydraten^^, mit Anwen-
dung verbesserter Fangapparate, zu Nutz und Frommen
der hungernden Menschheit nachzustellen, man wird sich
fortgesetzt bemühen müssen, die werthvollen Producte
der sonst so unproductiven Wasserflächen wirthschaftlicher
auszunutzen, ja man wird allen Ernstes Bedacht zu neh-
men haben, die Massenerzeugung der Fische sorgsamer
zu überwachen und so viel als thunlich absichtlich
herb eizuführ en.
Von diesen letztern Gesichtspunkten aus verdient,
unter den Fischen der Ostsee südbaltischen Antheils,
Keine der bekannten Arten so sehr die Beachtung als
der Hering (Clupea harengus Linne), der bei absolut
grossester Individuenzahl relativ sich am leichtesten fangen
lässt und dessen mannigfaltigste Verwerthungsweise zu-
gleich den Vortheil längst überwundenen Vorurtheils
besitzt.
Um aber dem Leser die volle Gewissheit zu ver-
schaffen, dass auf den nachfolgenden Blättern der eigent-
liche und ächte Clupea harengus L. Gegenstand der
Verhandlungen sein wird, dürften einige Vorbemerkungen
wohl unerlässlich sein.
1. Zur Systematik.
Der Hering der pommerschen Küsten besitzt freie
von einem Kiemendeckel rechter und linker Seits be-
deckte Kiemen; im bulbus arteriosus zwei Klappen und
sein Skelett besteht aus ächter Knochensubstanz mit deut-
lich gesonderten Wirbeln. Gehört er auf Grund dieser
leicht nachweisbaren Thatsachen somit zur Ordnung der
lieber den Hering- der pommer sehen Küsten u. s. w. 283
Teleostier, so weisen ihm: der von der Schlundbasis zur
Mitte der einfachen Schwimmblase sich erstreckende Luft-
gang, der völlige Mangel aller ungegliederten Sta-
chelstrahlen, die Anwesenheit weicher gegliederter, am
Ende getheilter Strahlen in sämmtlichen Flossen, so wie
das Vorhandensein doppelter Schlundknochen, seine sy-
stematische Stelle in der Unterordnung der Physostomen
an und zwar wegen der weit hinter den Brustflossen sit-
zenden, paarigen Bauchflossen in der Section der Phy-
sostomi abdominales des Müll er' sehen Systems der Fische.
Die Haut unseres Fisches ist während des Le-
bens dicht mit dachziegelförmig sich deckenden Cycloid-
schuppen bedeckt, die jedoch in Folge der üblichen
Fangmethode sich so vollständig ablösen, dass die Haut
endlich nackt erscheint. Bei den Silur oideen ist die Haut
bekanntlich schon während des Lebens nackt oder mit
Knochenschilden, statt mit Schuppen bedeckt. — Unser
Fisch ist demnach nicht zu den Welsen zu ziehen. —
Die Anwesenheit von etwa 20 appcndices pyloricae, welche
in doppelter Reihe hinter dem Magen und am Anfange
des geraden Darmrohrs sich finden, so wie die Zusammen-
setzung der den Mund von Oben begrenzenden Knochen,
welche hauptsächlich von dem aus 3 Stücken zusammen-
gesetzten Oberkiefer gebildet werden, schliessen die Mög-
lichkeit aus, unsern Fisch den Karpfen {Cyprinoiden)^
oder den Zahnkarpfen (Cyprhiodonten) einzureihen, ob-
schon er mit den Letztern die einfache, in der Mitte
nicht zusammengeschnürte Schwimmblase gemein hat. —
Die Abwesenheit einer Fettflosse bei unserm Fische ge-
stattet auch keine Vereinigung mit den Characinen, Sco-
pelinen und Salmoniden; mit den Letztern insbesondere
auch desshalb nicht, weil bei unserm Fische Hoden und
Eierstöcke einen directen Ausführungsgang nach Aussen
haben und die Geschlechtsstoffe mithin nicht in die Bauch-
höhle fallen können, wie es bei den Salmoniden der Fall
ist. — Obschon die Esoces ebenfalls eine einfache Schwimm-
blase besitzen, so fehlen ihnen doch die appendices pj-
loricae; ausserdem ist ihr Kopf von oben nach unten
zusammengedrückt flach, während der Kopf unseres Fi-
284 Munter:
sches von den Seiten her der Art zusammengedrückt er-
scheint, dass die untere Kante fast schneidend wird. —
Unsern Fisch den Nilhechten anzureihen, würde theils
aus den eben angegebenen Gründen, theils aber auch
desshalb nicht zulässig sein, weil den Nilhechten eine
von den daselbst befindlichen electrischen Organen her-
rührende Schwanzverdickung zukömmt, die unserem,
in der Schwanzregion stark comprimirten, Fische gänzlich
abgeht. — Von den Reteropygiern u. a. Familien der
Physostomi abdominales ist ohnehin schon deshalb abzu-
sehen, weil der After unseres Fisches am hintern Rumpf-
ende unmittelbar vor der Afterflosse und weit hinter
den Bauchflossen, nicht wie bei Jenen, vor den Bauch-
flossen unter der Kehle gelegen ist.
Werden aber durch die angeführten Merkmale alle
die genannten Familien sicher ausgeschlossen, so
bleibt für unsern Fisch eben nur die Familie der Glupe-
oiden übrig, deren stark, von beiden Seiten comprimirter
langstreckiger, mit leicht lösbaren Schuppen bedeckter
Leib, fast in der Körpermitte eine Rückenflosse ohne
irgend welchen Stachelstrahl besitzt, und deren
Mundöffnung oben, von einem kleinen in der Mitte aus-
gerandeten Zwischenkiefer und einem aus 3 Stücken
zusammengesetzten Oberkiefer, unten aber vom
Unterkiefer begrenzt wird.
Diese Familie wird in der Ostsee und zwar an den
pommerschen Küsten vertreten 1) durch das Genus : Alausa
Ysl, — Während Zunge und Gaumen zahnlos sind, be-
sitzt der Ober- und Zwischenkiefer leicht abfallende, kurze,
zugespitzte Zähnchen. — Der Darm hat zwei Windungen,
die Bauchkante ist gesägt und die Schuppen zeigen sich
am freien Rande fein gekerbt. Diese Charactere besitzt
von den Ostseefischen nur der sogenannte Goldfisch
(Alausa vulgaris Val. ^) ; also genannt, weil bei der landes-
üblichen sogenannten Räucherungsmethode seine fester
anhaftenden Schuppen hochgoldgelb gefärbt Averden.
1) Cuvier u. Valenciennes, Histoire naturelle des poissons.
Paris 1847. 8". Tom. XX. p. 391 ,
üeber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w. 285
Die angegebenen diagnostischen Merkmale fehlen
eben dem Fische, den man in Pommern Hering nennt.
Ebensowenig aber lässt sich 2) der specifische Cha-
racter des Valenciennes'sclien Genns : Harengula'^), welches
unzweifelhaft durch den Breitling (Harengula latulus
Val.) und die Sprotte (Harengula sprattus Val.) in der
Ostsee vertreten ist, am Heringe der Ostsee nachweisen.
Denn beim Letztern findet sich in allen Altersperioden,
sowohl beim 2" wie 9" 9'" langen Fische, stets der
vomer mit kleinen Zähnchen besetzt, während
die Arten der Gattung: Harengtda Yal. zu keiner Zeit
ihres Lebens Zähnchen auf dem vomer trafen.
o
Ausser den genannten beiden Gattungen der Clu-
peoiden findet sich nur noch das Genus: Clupea in der
Ostsee vertreten und dürfte es daher überflüssig sein, die
bis jetzt noch nicht beobachteten Genera: Sardinella, Fel-
lonaj Pristigaster, Uogetiia, Clupeonia, Spratella, Kowala
und Meletta genauer zu characterisiren. So fehlen, um
nur einige Beispiele anzuführen, den Sardin eilen die
Vomer- und Kieferzähne; die Meletten aber haben
nur noch einige Rauhigkeiten auf der Zunge, während
die übrigen Genera bis auf Rogenia und Spratella meist
exotischen Ursprungs sind. Die Sprat eilen haben
aber nur Gaumen und Zungenzähne und die Ro-
genien (White-Bait), obschon in der Zahl der Wirbel
und der Zahl der Flossenstrahlen dem Heringe am näch-
sten kommend, besitzen doch ungeachtet ihrer Kleinheit
(bei höchstens 6" Länge) eine grössere Menge von Zähnen
auf vomer, ossa palatina, pterjgoidea und Zunge, während
die Kieferzähne mehr gefühlt, als gesehen werden können.
Der Ostseehering aber erfüllt alle Postulate des Cuvier'-
schen Genus: Clupea''-) in exactester Weise.
Zähnchen auf dem Z wi sehe nkieferkn o che n,
feine Crenelirungen auf dem freien Rande der Ober-
kieferknochen, die noch zu sehen und ebenso
leicht zu fühlen sind; Zähnchen auf der Symphyse
1) Ibidem p. 277.
2) Ibidem p.28.
286 Munter:
des den Oberkiefer an Länge überragenden Unter-
kiefers; leicht erkennbare spitzkonische Zähne auf dem
vomer^ sodann auf einer navicula - ähnlichen V4" langen
Fläche hinter der Zungenspitze auf der Zungen ober-
flache und endHch 2 — 3 ^klehie leicht abfallende Zähne
auf dem äusseren Rande der ossa palatina^ während die
ossa pterygoidea zahnlos erscheinen.
Der bis 9", 9'" lange Körper ist auf dem Rücken
zugerundet und schärft sich nach beendeter Laichzeit^ so
wie vor dem Eintritt der Geschlechtsreife zu einer mas-
sig scharfen Kante zu, besitzt demnach beim Querschnitt
z. B. in der Gegend der Rückenflosse die Gestalt eines
länglichen umgekehrt eiförmigen Blattes (fol. oblongum
obovatum).
Das FlossensYstem ist Tollständig.
Die paarig vorhandenen Brustflossen sitzen am
Schulterknochen hinter und unter dem Kiemendeckel und
man zählt in ihnen 17 weiche, am Ende gespaltene Strah-
len^) von 1" Länge.
Die paarig vorhandenen B a u c h f 1 o s s e n, weit hin-
ter den Brustflossen inserirt, finden sich in der Bauch-
gegend fast gegenüber der unpaaren Rückenflosse. Man
zählt in jeder Bauchflosse 9 Flossenstrahlen. — Seitlich
und ein wenig hinter den Bauchflossen findet sich eine
V2" lange freie Flossendeckschuppe mit ausgezeichneten
langgestreckten, parallel laufenden Farbstofizellen auf der
Oberhaut derselben.
Das System der unpaaren Flossen ist vertre-
ten 1) durch die in der Mitte der Körperfirste inserirte
Rückenflosse, deren erster Strahl nur kurz, deren
zweiter aber der höchste der Flosse (bis 10") ist, von
welchem ab die Höhe der getheilten Weichstrahlen bis
zum letzten Strahle (dem 18ten der ganzen Reihe) allmäh-
lich abnimmt ; sodann 2) durch die hinter den Bauchflos-
sen und dem After gelegene After f los s e von 4'" Höhe
1) Bloch (Oekonom. Naturg. d. Fische Deutschlands 1782. 4°.
p. 186) giebt 18 Strahlen an und gründet hierauf vorzüglich die
Species: harcngns.
lieber den Hering der pommerschen Küsten a. s. w. 287
mit 16 bis 17 WeichstraWen ^) und 3) durch die vertical
gestellte, g^blig ausgeschnittene Schwanzflosse mit
etwa 23 bis 25 Weichstrahlen (die Bloch jedoch nur zu
18 angiebt), deren längster Strahl 1" 4" lang ist. In der
Kiemenhaut befinden sich 5 einzelne runde und unge-
theilte Kiemen strahlen und 3 plattenförmige Kiemen-
hautstützen, also im Ganzen 8 Strahlen.
Die Formel für die Flossenstrahlen des Ostseeherings
lautet demnach für die unpaarea Flossen :
D. 18; A. 16(17); 0.23(25)
und für die paarigen:
B.8; P. 17(18); V.9.
Vergleicht man hiermit die von Valenciennes^) ge-
gebene Formel: B. 8 ; D. 18; A. 16; 0.23; P. 17; V. 9,
offenbar das Resultat sorgfältiger Zählungen der Flossen-
strahlen des N 0 r d s e e h e r i n g s, so ergiebt sich mit Evi-
denz, dass alle wesentlichen Merkmale des Nord-
seeherings sich im vollsten Einklänge mit den am
Ostseeheringe gefundenen Thatsachen befinden.
Durch den geführten Beweis der Species - Identität
beider weit von einander getrennt lebender Fische ist
aber auch zugleich b e wies en, dass der im östlichen
und nordöstlichen Thelle der Ostsee vorkommende Ström-
ling (Strömming der Schweden), den LInne (Fauna suec.
p. 128) Clupea i^Harengus) Memhras nannte, keine von
der ächten Olupca harengus L. der Nordsee verschie-
dene Species, sondern nur eine durch die Eigenthüm-
lichkeiten der Ostsee herbeigeführte Abänderung desselben
darstellt, die ebenso wie der Nordseehering in ihre be-
sonderen Ra^en zerfällt. An sich ist dieses Resultat
nicht neu, denn dieselbe Behauptung stellten bereits Bloch
(L c.) und Nilson^) auf, aber beide Autoren haben es
1) Bloch, ibid. zählt 17 Strahlen.
2) 1. c. p. 36.
3) Skandinavisk Fauna 4 Deel. Lund 1855. p. 499 fgd. — Auch
übersetzt von Dr. Creplin in der Halle'schen Zeitschrift für die
ges. Naturwissenschaften. 1860 No.VII.VIII. Juli — August p. 2 und
P 14.
288 Munter:
unterlassen, den Beweis für ihre Behauptung exact zu
fuhren. — Ekström^), der augenscheinlich von •unserem
Fische ausführlicher handelt, war aber seiner Zeit ebenso
wenig wie Bloch im Stande den Beweis der Identität in
ähnlich vollständiger Weise zu führen, weil erst durch
Va 1 e n c i e n n e s die Gattung Glupea schärfer umschrieben
und durch Charaktere sicher gestellt ward, die es uns
jetzt verhältnissmässig leicht machen, unsern Fisch mit
vollständigster Gewissheit zu diagnosticiren.
Da nun zufolge meines Wohnortes und der in hie-
siger Gegend eigenthümlichen Fangmethode mir öfters Ge-
legenheit gegeben war, den schon seit vielen Jahrhun-
derten berühmten Hering Rügens und N e u v o r-
pommerns gründlicher kennen zu lernen und es mir
überdies gelungen ist, unter Benutzung der landesüblichen
Fangmethode ihn im vollkommen unversehrten Zustande,
mit allen Schuppen versehen, auch für Universitäts-
vorträge und Museen in entsprechender Weise herzu-
stellen, so halte ich mich verpflichtet, ehe ich zur Aus-
einandersetzung der Fang- und Nutzungsmethoden selbst
übergehe, zuvor noch einige allgemeinere anatomische
Vorbemerkungen voraufzuschicken.
2. Zur Anatomie.
In Betreff des motorischen Apparats ist wenig Neues
zu dem bereits Bekannten hinzuzufügen. Das Knochen-
system imd vielleicht gerade das des 0 sts ee h er ings,
hat durch Fr. K o s e n t h aP) (einem geborenen Greifs-
walder und spätem Prof. der Anatomie zu Greifswald),
zwar eine Abbildung aller seiner wesentlichsten Theile
erfahren, allein die von der heutigen Systematik in den
Vordergrund gestellten Zähne sind von dem sonst so ge-
nauen Anatomen bis auf die in Fig. 1 abgebildeten, je-
doch nicht erwähnten Zungenzähne ganz unberücksichtigt
1) Die Fische in den Scheeren von Mörkö. x4.us d. Schwed.
V. Dr. Creplin. Berlin 1835. 8^ p. 206.
2) Ichthyotomische Tafeln. Heft I. Lief. I. Berlin 1812. 4^
Tab. IV und Erklärung zu dieser Tafel p. 21—26.
lieber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w. 289
und unerwähnt geblieben. Obschon Rosenthal das eigent-
liche Intermaxillare von den Maxillarknochen unterscheidet,
■wenn er auch beide Knochen (Beschreibung von Fig. 1)
mit den Namen ^Intermaxill-Knochen'^ später aber (Fig. 8
und 10) mit dem Namen „Oberkiefer'^ belegt, so bildet
er doch in Fig. 1 d. e das eigentliche os intermaxillare
und den aus 3 Knochenstücken (Fig. 4) bestehenden Ober-
kiefer ab, stellt aber die am vordersten grossen Stücke a,
am frischen Thiere mit der Loupe so leicht erkennbaren
und fühlbaren Crenulirungen des vordem Randes
auffallender Weise nicht dar. Auch die Zahl der Flos-
senstrahlen lässt sich aus keinerAbbildung mit Sicher-
heit ermitteln, wodurch diese Darstellungen für die Sy-
stematik bedeutend an Werth verloren haben. — • Doch
werden von Rosenthal zuerst jene mit einem vorsprin-
genden Kiele versehenen „Knochenschuppen'' erwähnt
und abgebildet, insoweit wenigstens dergleichen „Deck-
stücke''' auf den Beckenknochen aufgelagert waren. In-
dessen finden sich dergleichen gekielte, zwischen den
Hautschuppen hervortretende Bauchkantenknochen
noch Mehrere, sowohl vor diesen rudimentären Becken-
knochen, als auch hinter den Bauchflossen selbst, bis zum
After hin, wo sie allmählich, durch Abnahme ihrer vordem,
hintern und namentlich der langen seitlichen Fortsätze
sich auf eiförmige, convex-concave gekielte Knochenschild-
chen reduciren, die von der sehr dünnen Epidermis über-
zogen bleiben und somit Schuppen nachahmen, während
sie doch den Hautknochen der Ganoiden homolog sind.
Die Wirbelsäule giebt zu mehreren interessanten
Beobachtungen Veranlassung. In Betreff der Wirbel-
zahl stehen sich die Angaben Bloch's und Rosenthal's
einerseits und die von Valenciennes andererseits ent-
gegen. Die beiden ersten Beobachter geben nämlich 56
Wirbel an, Valenciennes^) dagegen 55 (cinquante-cinq),
1) Valenciennes I.e. p. 45 zählt im 2ten Alinea: im Ganzen
55 Wirbel und zwar 33 rippentragende, von denen die 22 ersten
mit Querfortsätzen. Rosentlial 1. c. nennt die ersten 38 Wirbel:
Rückenwirbel, weil sie 2 Reihen freier Muskelgräten tragen;
die letzten 18 Wirbel nennt er Schwanzwirbel.
Archiv f. Naturg. XXIX. Jahrg. 1. Bd. 19
290 Munter:
und ebenso gehen in Betreff der Rippen die Angaben
auseinander. Blocli^) tlieilt dem Hering-e 35 Rippen zu,
während Rosenthal (1. c. p. 22) die directe Beantwor-
tung dieser Frage dadurch umgeht^ dass er sub D sagt:
^38 Rückenwirbel^ welche Muskelgräten der obern und
untern Reihe (etc.) zur Anheftung dienen;^ Valenciennes
nimmt (1. c. p. 46. 47) aber nur 30 Paar Rippen mit 30
horizontalen Fortsätzen an^ während er auf der vorher-
gehenden Seite von 33 rippentragenden Wirbeln spricht.
Ich selbst fand wie Bloch ,,35 Ripp enpaar e^.
Obschon diese Differenzen in den Angaben rück-
sichtlich der Wirbel und Rippenpaare möglicherweise in
den untersuchten Objecten ihre zureichende Erklärung
finden könnten,, so nämlich, dass der Nordseehering eine
geringere Anzahl derselben besässe, als der Ostseehering,
so ist doch auch in Anschlag zu bringen, dass es wesent-
lich darauf ankömmt_, wie man zählt. Ob z. B. also der
letzte sehr complicirt gebaute Wirbel, an welchem ein
Theil der Schwanzflossenstützen seine Befestigung findet,
von dem einen oder andern Beobachter mitgezählt worden
ist, oder nicht u. dgl. Auch rücksichtlich der Rippen
kann man sehr leicht einige Paare übersehen_, so dass
eine Angaben -Differenz nicht so sehr Wunder nehmen
darf. — Viel auffallender ist es dagegen, dass der Wir-
bel des Herings noch bis heute Gegenstand eines
unentschiedenen Streites ist. Vergleicht man Rosen-
thal's oben citirte Abbildung (Tab. IV) mit der im 2ten
Bande Tab. VIII von Brandt und Ratzeburg („Medi-
cinische Zoologie^) gegebenen Abbildung des Einzel-
w^irbels (Fig. B. u. C) und findet bei den letztern beiden
Autoren (Text. pag. 41 Anmerkung *)) die Notiz, dass
ihre Vorgänger (Rosenthal, Pallas, Kühl) „eine
ungenaue Dar Stellung desSceletts des Herings^
gegeben haben sollen, so müsste man sich doch nun we-
nigstens der Hoffnung hingeben dürfen, dass die durch
Brandt und Ratzeburg endlich erfolgte Verbesserung
, 1) Oekon. Naturg. d. Fische Deutschlands. Th. I. Berlin 1782
p. 202.
lieber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w. 291
in der bisherigen Darstellung, die Sache aufs Reine
gebracht hätte. Mit Nichten! Der Heringswirbel ist
durch Brandt und Ratzcburg's ideale Figuren viel-
mehr der exacten Erkenntniss ferner gerückt und der
Wunsch gerechtfertigt, dass das Knochensystem des
Herings der Bearbeitung einer zukünftigen Preisaufgabe
einmal anheimgestellt worden möchte. Mich würde es
hier zu weit vom Thema abführen, wenn ich in detaillirte
Untersuchungen aller Sceletttheile eintreten wollte, da-
her gedenke ich, nur rücksichtlich der Wirbelsäule
und einiger damit zusammengehöriger Knochengebilde,
meine Beobachtungen hier darzulegen, um wenigstens
für die zoologische Systematik einige ^vesentliche Punkte
aufgehellt zu haben.
Der Idealwirbel Brandt's und Ratzeburg's (L c.
Tab. YIH. Fig. C)^) scheint einen Wirbel darstellen zu
sollen, der in der Gegend vor der Rückenflosse gelegen,
gedacht worden sein mag. Irre ich in dieser Voraus-
setzung, so weiss ich doch leider nicht, wo dieses Wir-
bels Bleiben sein soll, weil es ganz unmöglich ist, ihn
weiter nach hinten zu verlegen, in welchem Falle ihm
alsdann jedenfalls die Rippen fehlen müssten, die sich
doch in den Zeichnungen finden.
Vom Wirbelkörper a lassen die Verf. der med.
Zoologie einen 2^^^^.^^^^^^ spi?iosus superior b zwei-
wurzlig aufsteigen und ihn dann bei einem willkührlich
angenommenen Punkte z mit dem von oben herabkom-
menden Flossenträger h sich vereinigen.
Hingegen ist zu erinnern, dass es in der ganzen
Region der rippentragenden Wirbel auch nicht
einen Einzigen giebt, der den ihm zugemutheten Bau
besitzt. Dass auch Rosenthal das Sachverhältniss nicht
erkannt hat, liegt wohl lediglich daran, dass er keinen
Wirbel isolirte und isoli'rt darstellte, sondern alle Wirbel
im Zusammenhange mit der Zwischengrätenhaut präpa-
rirte und abbildete. Zur Controlle meiner gegentheiligen
1) s. Fig. 1 der beigefügten Tafel, welche wie das Original
mit C bezeichnet worden ist.
Ö92 Munter;
Angaben empfehle Icli die Untersncliung eines Bücklings
oder auch schwach gekochten Herings. An einem der-
artigen Präparate (Fig. 3) ist es alsdann sehr leicht zu sehen,
dass es in der Region der Rippen- tragenden Wir-
bel keinen einfachen processus spinosus superior
giebt und dass mithin in jener Region von einem
zweiwurzligen, oberhalb des Medullarkanals sich ver-
einigenden proc. spin. sup. niemals die Rede sein kann. —
Beginnt man die Zählung der oberhalb des Medullar-
kanals einen einzigen und einfachen proc. spin. sup. füh-
renden Wirbel von der Schwanzregion aus und setzt
die Zählung derselben nach dem Kopfe zu fort, so
wird man finden, dass nur die ersten 26 Wirbel (d. h.
die der Schwanzregion) einfache proo. spin. sup. (Fig. 13)
besitzen, dass ab^r schon der 27ste Wirbel (von hinten
gezählt) und von ihm ab alle Wirbel bis zum Hin-
terhauptsbeine hin, nicht einfache, sondern
ausschliesslich und nur: doppelte proc. spm. sap. be-
sitzen. Die Gabelspaltimg an der Spitze des proc. spi-
nosus setzt sich bei genauerer Untersuchung bis zum
Wirbelkörper selbst fort, so dass der Medullarkanal
in Wirklichkeit von zwei durchweg gesonderten proc.
spin. sup. (Fig. 8 b, b) gebildet wird!
Jedes Einzelstück dieser doppelten Dornfortsätze be-
sitzt nun ausserdem da, wo es mit dem Wirbelkörper
zusammentrifft, einen (nach rechts beim rechten Dorn-
fortsatze, oder nach links beim links gelegenen Dornfort-
satze abgehenden) seitlichenFort satz (Fig. 8f.f. und
Fig. 3 f), der sich in einem Winkel von circa 45^ an der
Insertionsstelle des zu ihm gehörenden Dornfortsatzan-
theils und in innigster organischer Knochenverbindung
mit demselben befindet, sich von der Insertionsstelle aus
nach aus- und aufwärts wendet und an Länge deii zu
ihm gehörigen Dornfortsatzantheil um etwas überragt.
Dieser an der Basis eines jeden Dornfortsatzes inse-
rirte seitliche Fortsatz ist von Brandt und Ratzeburg
in Fig. B und C mit f ^) bezeichnet und von Rosen-
1) 8. beigefügte Tafel Fig. 1 und 2.
lieber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w. 293
thal als ;, Muskelgräte der obern Reihe, welche an der
Basis der Dornfortsätze vom Wirbelkörper entstehen^
(1. c. pag. 22. siib 11. D. a) beschrieben worden. Allein
auch Rosen thal giebt nicht an, dass jeder Dornfortsatz-
antheil in der vordem Kegion der Wirbelsäule, mit den
ihm zugehörenden proc. transversus superior organisch
verbunden, vom Wirbelkörper sich leicht ab-
lösen lässt, während die letzten 26 proo. spin. sicj).
mit dem Wirbelkörper innigst verwachsen und somit
unablösbar sind. Ferner liegt auch das von Brandt
und Ratze bürg abgebildete Stück h, die Flossenstütze,
durchaus nicht unmittelbar an dem gabelspaltigen Dorn-
fortsatzende in der Weise, wie es die Verf. darstellen,
sondern vielmehr in den Rückenmuskeln selbst. So-
dann ist von 'den ersten 28 Wirbeln (vom Hinter-
hauptsbeine an gezählt) gegen Brandt und Ratze-
burg's Angaben zu erwähnen, dass wenigstens bei den
ersten 22 Rippenpaaren die in ihrer Fig. C. mit c. d. e
bezeichneten Knochen unrichtig aufgefasst und darge-
stellt sind. Allerdings existirt ein Fortsatz e und ist
dieser auch gewöhnlich um etwas kürzer, als der Fort-
satz f, allein einen Fortsatz d habe ich bis jetzt unge-
achtet zahlreicher und sehr genauer Loupen-Untersuchun-
gen im Zusammenhange mit der Rippe und
deren transversus inf. noch nicht aufzufinden vermocht;
noch viel weniger habe ich eine bogenförmige Vereini-
gung dieses imaginairen Stückes d mit der Rippe c ge-
funden. Der den Irrthum erzeugende Knochen liegt im
Intercostalmuskel selbst und ist somit ein ächter Muskel-
knochen, der zwischen 2 Rippen im Muskelfleische in der
Nähe der Wirbel beginnt und bogenförmig im Interco-
stalmuskel verläuft und auch darin sich verliert^ nachdem
er einen sanften Kreisbogen gebildet hat. Ueberall sah
ich, dass die Basis des proo. transversus inferior (Fig.
7. e. e), wie ich ihn nennen will, mit dem Rippenköpf-
chen im organischen fossificirten) Verbände sich befand
und sich stets nur mit der Rippe selbst vom Wirbelkörper
ablöste. Dieser proc. transv. inferior steht ebenfalls in
einem Winkel von ohngefähr 45<^ zur (künstlich gerad-
294 ' Munter:
linig) gebogenen Rippe und die grosse Anzahl derartiger
proc. trans. inf. liefert^ wie Kosenthai ganz richtig
sagt^ die .,Muskelgräten der iintern Reihe, welche vom
Wirbelende der Rippe abgehen". Vom 23sten Rippen-
paare ab, nach dem Schwänze zu, ist der proc. transv. inf.
nicht mehr mit dem Rippenköpfchen verwachsen, sondern
für sich ablösbar.
Was nun endlich die Rippe selbst anlangt (Fig.
7. c. c), so trifft auch für diese die Brandt- und Ratze-
burg'sehe Abbildung und Beschreibung nicht zu. Was
aus ihrer Fig. C nicht ganz deutlich wird, geht aus Fig. B^)
bestimmter erkennbar hervor. Es soll sich nämlich an
das sogenannte Sternalende der Rippe ein Stück des
Sternums von eigenthümlicher Gestalt (siehe unten) un-
mittelbar auflagern. Wenn nun auch ein ähnliches Gebilde
existirt, wie es die etwas unvollkommene Abbildung dar-
stellt, so legt sich doch das sogenannte Sternalende der
Rippe keineswegs ohne Weiteres unter jenes vermeint-
liche Sternalstück selbst. Diese beiden Theile haben
überhaupt gar keinen Vereinigungspunkt, indem
nämlich zwischen beiden, starke Intercostalmuskeln
liegen. Was aber die Gestalt dieser sogenannten Ster-
nalstücke anlangt, so trifft Rosenthal's Abbildung die
Wahrheit viel mehr, als es durch die von Brandt und
Ratzeburg Verbesserte (!) geschieht! Rosenthal
bildete von derartigen „Knochenschuppen" wie er sie
in der Beschreibung seiner Fig. 1 e. e. e (1. c. pag. 22)
nannte, zwar nur circa 6 Stück ab und gedenkt derselben
auch nur in der Region der Bauchflossen, während Brandt
und Ratzeburg einer jeden Rippe ein solches Ster-
nalstück zuertheilen; allein diese Stücke sind wenn auch
unten gekielt, doch nicht „dreieckig V- förmig, sondern
wie aus den Figuren 4. 5 und 6 der beiliegenden Tafel
hervorgeht, es sind Knochenstücke, welche im Allge-
meinen aus 2 fast gleichschenkligen sphärischen Drei-
ecken mnp bestehen, die mit ihrer kleinen Grundfläche
m n in einem Winkel von 65 — 70^ zusammentreffen, um
1) 8. beigefügte Tafel Fig. 2.
üeber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w. 295
an der Vereinigungsstelle auf der Aussenoberflache einen
Kiel zu bilden, dessen nach vorn gerichtete feindornige
Spitze m sich unter die nach hinten gerichtete
stumpfe Spitze n des nächst vorhergehenden Knochens
schiebt, und auf der Bauchkante etwas hervorragt. Diese ab-
gestumpften Hervorragungen leisten einer Messerschneide,
welche auf der Bauchkante von hinten nach vorn vorge-
rückt wird, Widerstand und veranlassen, da ihrer sich
ohngefähr 38^) dachziegelförmig sich deckende Stücke
finden, vermöge der vorspringenden Spitzen und Leisten
die Sägekante des Heringsbauchs. Die seitlich
sich verlängernden Spitzen der beiden Dreiecke p. p stei-
gen in Form einer feinen Gräte rechts und links von
der Bauchkante an den Aussenwänden des Bauches
empor und sind unter der äusseren schuppentra-
genden Haut verborgen, aber doch von aussen, gleich-
viel ob der Hering frisch, gesalzen oder geräuchert unter-
sucht wird, erkennbar und leicht bis an ihr freies
Ende zu verfolgen.
Das freie Ende aber legt sich nicht unmittelbar an
die Rippe an, sondern deckt sie, durch eine V2" dicke
Muskelschicht getrennt, von aussen; so dass beide Kno-
chen (Hautknochen und Rippe) sich gegenseitig über-
ragen; das freie Rippenende (Fig. 7) findet in der
Bauchmittellinie, das freie Ende des Hautkno-
chens (Fig. 4. 5) dagegen (in etwa 3 — 4'" Höhe) an der
Aussenseite der Bauchwände seine Grenze. Von
den Bauchflossen nach der Afterflosse zu nehmen die den
Bauch umfassenden fadendünnen Fortsätze rasch an Länge
ab, so dass zuletzt kurz vor dem After nur noch rhom-
bische und zuletzt länglich- eiförmige Knochenblättchen
übrig bleiben, die als das Mittelstück jener gekielten Kno-
chen anzusehen und nicht einem Brustbeine zu ver-
gleichen sind, sondern zur Categorie subcutaner Knochen
gehören, die vielleicht passend mit dem Namen „g e-
1) Valenciennes fand beim Nordseehering 42, bei Jün-
gern Thieren weniger, bis herab zu 35. 1. c. p. 37 und 38.
296 _ Munter:
ki elter Bauclikantenknoclieii^ zn bezeichnen sein
dürften.
Aus dieser Darstellung geht nun zur Genüge hervor,
dass die Brandt - Ratze burg'sche Abbildung des He-
ringswirbels (1. c. Fig. B und C) ein unbewiesenes
und unnachweisbares Ideal darstellt^ dass mithin
im strengsten Sinne des Wortes wesentlichste Theile des
Knochensystems des bekanntesten Fisches, des Herings,
noch unaufgeklärt sind, daher ich mich veranlasst sehe^
auch noch einiges Andere nachzutragen, obschon ich wie-
derholt nur jüngere Kräfte zu einer exacten Untersuchung
des in so vielfacher Hinsicht interessanten Heringssceletts
einladen kann.
Ein Wirbel aus der Region der Rippen (Fig. 9. 10. 11),
seiner Anhänge durch Kochen entkleidet, besitzt die Form
einer Sanduhr, sowol von Aussen gesehen, als nament-
lich auch in seiner inneren Construction. Die beiden
spitzkonischen Aushöhlungen der vordem und hintern
Hälfte treffen in einem verhältnissmässig grossen sub-
central-gelegenen Loche zusammen. Die Form der weit-
mündigen vordem und hintern Apertur entspricht jedoch
nicht sowohl der einer Kreislinie, als vielmehr der
einer Ellipse. Vom äussersten Trichterrande bis zum
Loche im Boden des Trichters zeigen sich zahlreiche
concentrische Linien. Die Trichterhöhlen sind mit einer
salzigen, fast knorpligen Masse erfüllt.
Auf der Aussen fläche des innen doppelt-conisch-
ausgehöhlten Wirbelkörpers zählt man 7 hervorsprin-
gende Knochenleisten, welche die beiden Trichtermün-
dungen von vorn nach hinten verbinden.
Drei einander parallel- und geradlinig-laufende Leisten
durch zwei entsprechend tiefe Thälchen getrennt, befinden
sich auf der untern Aussenfläche des Wirbelkörpers
(Fig. 11 u u" u"). Rechts und links von diesen 3 pa-
rallelen untern Leisten, durch ein etwas breiteres Thäl-
chen (Fig. lOv) getrennt, und zwar an den seitlichen
Aussen flächen des Körpers befindet sich abermals
eine voi^springcndc Längsleiste (Fig. 10 t). Dieses
üeber den Hering der pommersch.en Küsten u. s. w. 297
also begrenzte Längs - Thälchen nimmt den Kopf der
Rippe mit seinem proc. transv. inf. und ausserdem ein
schuppenartiges basales noch innen zugeschärftes Deck-
stück mit 2 freien Spitzchen auf (Fig. 7 bei n. n). Auf
der 0 b e r n Aussenfläche des Wirbelkörpers . befinden
sich wiederum zwei Längsleisten (Fig. 9. rs. rs), jedoch
von abweichender Construction. — Die vordere Hälfte
einer jeden Leiste (Fig. 9. r) ist nämlich durch eine rund-
liche Grube ausgehöhlt^ in welcher das Köpfchen ein-
gelenkt ist^ das den proo, spin. sup. und proo. transv.'
siiperior an der Basis vereinigt (Fig. 8. E. F bei a. a);
die hintere Hälfte (Fig. 9 bei s) dagegen steigt als
scharfer Grat nach dem hintern obern Trichterrande empor,
und nachdem die beiden Leistchen nach hinten diver^
girend, den Trichterrand erreicht haben, steigen sie fast
unmerklich über denselben hinaus und bilden eine jede
für sich eine hervorragende kurz-dornige Spitze (Fig. 9
bei 1), die an der Grenze des nächstfolgenden Wirbels
ihren höchsten Punkt erreicht.
In der Gegend nun, wo die Dornfortsätze allmählich
aufhören aus getheilten und ablösbaren Stücken zu be-
stehen, d. h. etwa in der Gegend des SOsten Wirbels von
hinten her gezählt, sind dieselben auch schon inniger mit
dem Wirbelkörper organisch verschmolzen und besitzen
keinen weit hinaustretenden proc. transv. sup. y sondern
jederseits nur eine nach vorn gerichtete kurze Spitze,
die der oben beschriebenen Leistenspitze sich entgegen-
stellt (Fig. 13 bei m.m), so dass von der Wurzel eines
jeden Dornfortsatzes eine V2" lange Dornspitze sich nach
vorn gerichtet findet. In der Gegend des 27sten Wirbels
(von hinten gezählt) entwickelt sich auch an den proo,
Spin, inferiores ein ähnlicher gleichlanger Fortsatz mit
derselben Richtung nach vorn (Fig. 13 m'. m'. m'), so dass
z.B. ein isolirter Wirbel aus der Gegend der
After flosseninsertion um den nach vorn ge-
richteten Trichtereingang seines Körpers von vier nach
vorn gerichteten langen Dörnchen umgeben ist,
zwei obern und zwei untern, die offenbar den proo,
transv. superiores vrnd -inferiores und nicht den Articular-
298 Munter:
fortsätzen zu vergleichen sind^ während der hintere Ein-
gang zum Trichter des Wirbelkörpers zwar auch von 4
Dörnchen (2 obern und 2 untern) umstellt ist, welche
jedoch den hintern Trichtereingang nur eben erreichen^
aber nicht über ihn hinausragen.
Die 'proc. spin. inferiores sind vom 23sten Wirbel
(von hinten gezählt) ab^ nach dem Schädel zu, nicht
mehr an ihrer Spitze einfach, sondern deutlich getheilt,
und zwei spitzig (Fig. 12 r. r. r). Am o3sten Wirbel
(von hinten gezählt) fehlt die an den nächst vorherge-
henden Wirbeln sehr deutlich ausgesprochene verbindende
Brücke zwischen den Dornfortsatzästen, die dadurch einer
Lyra gleichen (Fig. 12. r. r. r) und so sind am 33sten und
und 34sten Wirbel (von hinten gezählt) nur noch 2 freie
Spitzen vorhanden, welche rechts und links von der nun-
mehr nur einfach vorhandenen Leiste auf der
Grundfläche des Wirbelkörpers sich inserirt und mit der
Knochenmasse des Körpers verschmolzen zeigen. Alle
Wirbel vom 34sten ab bis zum Hinterhauptsbeine be-
sitzen auf ihrer Basis stets die 3 parallelen oben
beschriebenen Längsleisten (Fig. 11. u. u". u'")
und sind dadurch so characterisirt, dass sie sich durch
dieses Erkennungszeichen sofort diagnosticiren lassen,
während alle mit proc. spin. inf. versehenem Wirbel ent-
weder nur eine Längsleiste oder zuletzt auch diese
nicht mehr auf der unteren Aussenfläche der Wir-
belkörper zeigen.
Die beiden Aeste, aus denen die proc. spin. inf. her-
vorgehen, sind stets nahe dem vordem Trichterein-
gange zum Wirbelkörper inserirt (Fig. 12. r. r. r), und von
ihrer Insertionsstelle aus, nach der hinteren trichterför-
migen Apertur zu, erstreckt sich eine dünne zuge-
schärfte Knochenleiste, die zw^ar auch bei den
Wirbeln angedeutet ist, denen die unteren Dornfortsätze
fehlen, sich aber ihrer geringen Grrösse willen leicht über-
sehen lässt, während sie bei allen Wirbeln mit deutlich
ausgesprochenen unteren Dornfortsätzen sich stark mani-
festirt und wesentlich dazu beiträgt, dass auch bei den
Wirbeln dieser hinteren Region am Körper sich 7 Kno-
üeber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w. 299
chenleisten zählen lassen^ die jedoch eine ganz andere
Lage und Bedeutung besitzen.
Bevor ich die Knochen der Rumpfregion verlasse,
scheint es mir angemessen, auf den eigenthümlichen Bau
des letzten Schwanz wirbeis hinzuweisen, der sich
von allen Wirbeln dadurch leicht unterscheidet, dass er
am Körper nur eine und zwar die nach vorn gerichtete
trichterförmige Apertur besitzt, während die hintere gänz-
lich fehlt, der Wirbelkörper mithin einer Pauke, oder
einem kupfernen Kessel gleicht, der sich mit einem star-
ken, gabiigen Anhange in eigenthümlicher Weise deco-
rirt zeigt. Denkt man sich eine Pauke, an deren bau-
chigen Kessel an irgend einer beliebigen Stelle ein schief
nach aufwärts steigender gabelspaltiger Schwanzanhang
inserirt wäre, so würde ein solches Gebilde ohngefähr
dem letzten (Schwanz -)Wirbel des Herings gleichen.
Der gabelartige Anhang mag der wieder doppelt auftre-
tende proc. spin. sup. sein, aber er trägt ausserdem einige
Schwanzflossenstützen so, dass man meinen möchte, sie
wären mit ihm organisch verbunden. Indessen überzeugt
man sich doch bei öfters wiederholter Untersuchung fri-
scher Schwanzwirbel, dass die scheinbar organisch mit
ihm verbundenen Stücke: Schwanz-Flossenstützen sind,
die durch Bänder mit ihm in Verbindung stehen.
Die Darstellung des Schädels bei Brandt ilnd
Ratzeburg sowol, als bei Rosenthal mit allen ihren
Details, habe ich genau verglichen, bin jedoch nicht zu
wesentlich abweichenden Ansichten gekommen, daher ich
hier zur Vermeidung von Wiederholungen auf eine de-
taillirte nochmalige Auseinandersetzung bekannter That-
sachen verzichte. Desgleichen geben die Darstellungen
der Weichtheile von Brandt und Ratzeburg (1. c.
Tab. VIII. iig. 1) zu besonderen Gegenbemerkungen
keinen Anlass. Die Messung des Schlundes ergab beim
ausgewachsenen Weibchen eine Länge von 9'", ebenso
die des Magens von 9'" ; die des Blinddarms von 1" 3"' ;
die der append. pyloricae von 1" 2'" Länge. — Das
Darmstück, längs welchem die appendices sich in das-
selbe einmündeten war 4' , der übrige Theil des Dar-
300 Munter:
mes 3" 8'" lang. Die Länge der Schwimmblase endlich
betrug 4".
Ebenso wenig wie Valen ciennes- (1. c. pag. 41)
fand ich einen Zusammenhang zwischen der Höhle der
Schwimmblase und dem Gehörorgane. Zwischen beiden
Apparaten besteht keine andere, als eine einfach ligamen-
töse Verbindung. Dagegen steht die einzellige Schwimm-
blase mittelst eines ungewöbnlich langen, vom unteren
Theile des Schlundes ausgehenden und von da allmählich
bis zur Schwimmblase selbst sich mehr und mehr ver-
engernden Canals mit dem Schlünde selbst in directem
Zusammenhange, so dass man nach unterbundenem Magen
vom Schlünde aus, leicht Luft in die Schwimmblase ein-
treiben kann.
3. Der Schuppenpanzer
grösserer Individuen ist zwar durch Bloch, Brandt
und Ratzeburg sowie durch Valenciennes ab-
gebildet worden; allein ich glaube nicht, dass einer
der genannten Autoren jemals ein Thier mit vollen Schup-
pen seinem Zeichner vorlegen konnte. Geeignete Präpa-
rate fehlen allen Museen und zwar deshalb, weil die in
der Nordsee übliche Fangmethode es unmöglich macht,
einen Fisch unversehrt aus den starken und grossen
Netzen herauszunehmen. Wenigstens mir ist es mit den hie-
sigen sogenannten Netzenheringen niemals geglückt und
auch die exorbitantesten Preise, die ich für ein völlig be-
schupptes Individuum bot, lieferten mir keine normalen
Thiere. Nachdem ich aber die grossen hierorts landesübli-
chen Reusen näher kennen gelernt hatte, war ich fernerhin
besorgt, vollständig erhaltene Thiere zu acquiriren. Zur
Vermeidung eines unverhältnissmässigen Kostenaufwandes
begab ich mich selbst im April 1855 des Morgens um
4 Uhr mit den Besitzern einer Reuse auf der Halbinsel
Mönchgut (Rügen) zu ihrer am Binnenstrande aufgestellten
Reuse, und nachdem die während der Nacht in der Reuse
eingetroffenen Fische durch Heben des grossen Appa-
rats in die hintere Abtheilung getrieben worden waren,
erfasste ich die an die Oberfläche des Wassers kommenden
Ueber den Hering der pommersclaen Küsten u. s. w. 301
Thiere beim Schwänze und steckte sie, so rasch als mög-
lich, in ein bereit gehaltenes grosses Glasgefäss, welches
mit Spiritus vini (von 90% Tralles) erfüllt war. Dieses
auch später mehrmals ausgeführte Verfahren hatte zur
Folge, dass die so behandelten Heringe ebenso wie die
bei Triest in gleicher Weise eingefangenen Sardinen
mit wohlerhaltenen Schuppen für die Zwecke des Unter-
richts und des hiesigen Museuuis gewonnen werden
konnten.
Heringe, welche auf diese Weise behandelt wurden
und jedem Zeichner als vollgültige speclmina gelten
können, besitzen 15 bis 16 parallele Schuppenrelhen und
in einer der längsten, in der Gegend der llnea alba etwa
gelegenen Reihe, gegen 58 Schuppen. Dem blossen
Auge erscheinen die Schuppen rundlich, bei einer hun-
dertmaligen Vergrösserung aber erkennt man, dass die
freie Hälfte der Schuppe mit concentrischen Streifen ver-
sehen ist, w^ährend die in der Haut verborgene andere
Hälfte radiale Erhabenheiten besitzt, die am hintern Rande
in schwache Zähnchen auslaufen, auf deren Ober-
fläche isollrte dunkelfarbige Pigmentmassen von elgen-
thümlicher Configuratlon sich befinden. Diese Pigmente
sitzen In radial gestellten, wellenllnigen Gängen von ge-
ringer Länge, so dass die strahllgen Pigmentmassen höch-
stens einen Durchmesser von der Breite der kleinen Zähn-
chen des Schuppenhinterrandes besitzen. Der mit con-
centrischen halbkreisförmigen Linien bedeckte andere
Schuppentheil Ist von einer dünnen Zellgewebsschicht be-
deckt, in welcher parallel laufende die concentrischen
Bogenllnlen im Sinne der Radien kreuzende Langzellen
mit farbigen Pigmenten erfüllt, sich befinden. Diese mit
rothen, blauen, gelben Pigmenten erfüllten verschieden-
langen Zellen bringen die köstlichsten Farbentöne hervor,
durch die der frische Hering so ungewöhnlich prachtvoll
gefärbt erscheint. Die Farben sind durchaus constant und
ändern sich wenig durch auffallendes Licht;, es ist also
kein blosses L'Isiren, ein Lichtbrechungsphänomen etwa,
sondern ein von abgelagerten Farbstoffen herrührendes
Farbenschillern.
302 Munter:
Bei den Rückenscliuppen herrscht stahlblau vor^ das
beim Uebergange zu den Seiten des Fisches durch eine
Mischung von gelb und blau (smaragdgrün) verdrängt
wird, dem nach der Bauchkante zu, die atlasglänzende
leuchtende Silberfarbe folgt, die nunmehr zur herrschenden
wird. Durch die constant abwechselnden drei Hauptfarben
gelb, blau, roth in den kleinsten Räumen auf einer und
derselben Schuppe dürfte vielleicht die silberweisse Farbe
zu erklären sein, da ja bekanntlich die Summe aller
Farben stets weiss d. h. farblos erscheint. Das Vor-
herrschen eines bestimmten Pigmentes aber, auf einer
und derselben Schuppe, erzeugt die gleichmässig stahl-
blauen Farben, während die abwechselnd gelb und blau
gefärbten Langzellen die smaragdgrüne Farbe hervor-
rufen.
Was nun ferner
4. die Generationsorgane und die sich
entwickelnde junge Brut
anlangt, so fand ich die ersten sicheren Beweise der Ge-
schlechtsreife bei 6V2" langen Weibchen, während 6zöl-
lige Weibchen noch nicht mit ablöslichen Eiern versehen
waren. — Die Frage ob ein und derselbe Hering zweimal
im Jahre zu laichen vermag, glaube ich mit Nein be-
antworten zu müssen, ungeachtet die Production der Ge-
schlechtsstoffe eine so überaus reiche ist, und ungeachtet
experimentelle Beweise mir nicht zur Seite stehen. Die
Inwyken des Stralsunder Regierungs-Bezirks, zumal die
weitaus ergiebigsten Fangorte liefern nämlich nur einmal
des Jahres und zwar während des Frühlings hinreichend
lohnende Erträge, während wenn eine doppelte Laichzeit
bei allen Stümen (Heringszügen) stattfände, unzweifelhaft
auch eine doppelte Fangzeit längst bestehen und die, i m
Juni bereits, aus dem Wasser genommenen grossen
Reusen unzweifelhaft zum zweiten Male aufgestellt
werden würden, indem das Wohl und Wehe zahlreicher
Fischerfamilien auf das Innigste an die Erträge der He-
i'ingsfischerei sich anknüpft.
üeber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w. 303
Demungeaclitet kann nicht in Abrede gestellt werden,
dass, gleich den Heringen der Nordsee, auch die der
Ostsee, theilweise, ja man darf sagen, m eiste ntheils
im Frühjahre, theilwelse aber auch im Herbste lai-
chen; aber es sind nach meinem Dafürhalten wenigstens
andere Stüme, die i m He r b s t e, und wieder Andere,
die im Frühjahre laichen. — Form, Grösse, La-
gerung und Ausführungsgänge der keimbereitenden Or-
gane sind so allgemein und zur Genüge bekannt, dass es
überflüssig erscheint, hier noch einmal ihrer ausführlich
zu gedenken. Die Micropyle an den reifen Eiern auf-
zufinden und offen zu sehen, ist mir ebenso wenig ge-
lungen, als es mir möglich war, über die Form der Sper-
matoiden ganz ins Klare zu kommen. Abgesehen von
der Schwierigkeit den rechten Augenblick zu treffen, sind
auch die Umstände, unter denen man dergleichen Beob-
achtungen auszuführen im Stande ist, gewöhnlich so un-
günstig, wie nur irgend möglich. — Den Spermatoiden
schien stets der schwanzförmige Anhang zu fehlen, doch
dürfte diese meine negative Behauptung noch keineswegs
als schlussgültig anzusehen sein.
Auch die künstliche Befruchtung und Erziehung der
jungen Brut ist mir, der ungünstigen Umstände willen,
bisher nicht geglückt. Dagegen habe ich keinen Grund
zu zweifeln, dass die an den Blättern der Zostera ma-
rina L. und den Zweigen der Charen während des Mai
zahlreich anhaftenden Eier dem Heringe angehörten,
zumal ich zu Ende des Juni bereits junge Heringsbrut
gefunden habe. Ein sehr junges Individuum von 2" 4"'
Länge wurde einstens im Rykflusse gefangen, in welchem
das süsse Wasser wesentlich vorherrscht und das See-
wasser durch die zeitweilig einströmenden Wasser des
Boddens sehr schwach vertreten ist. Bei diesem sehr
jungen, wahrscheinlich erst 2 — 3 Monate alten Lidividuum
fand ich folgende Längenverhältnisse:
1) Von der Schnauzenspitze bis zur Endspitze des
bereits gabeligen Schwanzes 2" 4'"
2) Von der Schnauzenspitze bis zum Hinterrande
des Kiemendeckels 0" 6'"
f'"
304 Munter:
3) Von der Sclinauzenspitze bis zum Anfange der
Rückenflosse 1" 0
4) Von der Schnaiizenspitze bis zum vordem
Rande der Bauchflosse l"lp
5) Von der Schnauzenspitze bis zum vordem
Rande der Afterflosse .• 1" 7'"
6) Von der Schnauzenspitze bis zum vordem
Rande der Schwanzflosse 2" 0"'
7) Umfang des Leibes in der Gegend der Rücken-
flosse 0"10"'
8) 'Höhe des Leibes 0" 5'"
9) Durchmesser des Auges 0"1^2"'
Zahlreiche Individuen von 4" und 5V2' Länge wurden
während mehrerer Frühlingsfangzeiten mit grossen aus-
gewachsenen Individuen in den Reusen gefangen^ so
dass es scheint, als gesellten sich auch die
M a t j e s- (Jungfern-) Heringe zu den Vollherin-
gen, um mit ihnen di e Laich platz e zu besu-
chen und von denselben vorläufig bis auf Wei-
teres Kenntniss zu nehmen.
Die Längenverhältnisse eines derartigen 4" langen
Thierchens stellten sich folgenderweise:
1) Von der Schnauzenspitze bis zur Endspitze
des gabiig ge-theilten Schwanzes .... 4" 0'"
2) Von der Schnauzenspitze bis zum Hinterrande
des Kiemendeckels 0" 10'"
3) Von der Sclmauzenspitze bis zum vordem
Rande der Rückenflosse 1" 9'"
4) Von der Schnauzenspitze bis zum vordem
"•■•* Rande der ßauchflosse 1" 10'"
5) Von der Schnauzenspitze bis zum vordem
Rande der Afterflosse 2" 6'"
6) Von der Schnauzenspitze bis zum vordem
Rande der Schwanzflosse 3" 3"
7) Umfang des Leibes 1" 6"
8) Höhe des Leibes 0" 7"'
9) Durchmesser des Auges 0" 2"
Die durchschnittliche Länge der in Reusen gefan-
genen Frühlingsheringe beträgt wohl 8 " ; während die
Ueber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w. 305
durchschnittliche Länge der in Mansen und im Ziehgarn
gefangenen Heringe je nach der Lokalität; woselbst sie
gefangen wurden, 9" betragen dürfte, o bschon alte weib-
liche Thiere besonders kurz nach Aufgang des Eises ge-
fangen, nicht selten eine Länge von 9" 2'" bis 9" 9"' er-
reichen. — Es scheint als ob die grossesten und ältesten
Thiere zuerst zu Laichen beginnen, während die mittel-
langen Thiere im Allgemeinen später laichen, obschon
freilich auch zwischen durch einmal wieder ein Zug (Stüm)
von grössern Thieren gefangen wird.
Ein 9" 9'" langes Weibchen (Vollhering) ergab fol-
gende Maasse:
1) Von der Schnauzenspitzo bis zur Schwanz-
spitze 9" 9'"
2) Von der Schnauzenspitze bis zum Hinterrande
des Kiemendeckels , . . 1" 9"'
3) Von der Schnauzenspitze bis zum Anfange
der Rückenflosse 4" 6'"
4) Von der Schnauzenspitze bis zum Anfange
der Bauchflossen 4" 10'"
5) Von der Schnauzenspitze bis zum Anfange
der Afterflosse 6" 9'"
6) Von der Schnauzenspitze bis zum Anfange
der Schwanzflosse 8" 6'"
7) Umfang des Leibes vor der Rückenflosse . 4" 4'"
8) Höhe des Leibes (von der Rückenflosseninser-
tionsstelle bis zur Bauchkante in gerader Linie
gemessen) 1" H'"
9) Grösster Querdurchmesser des Körpers . . 0" 10'"
10) Grösster Durchmesser des Auges (von aussen
gemessen) 0" 5"'
Dass ein Weibchen von diesen Dimensionen denen
der Nordseefische nahe steht, bedarf keines Beweises.
Der Nor dseehering besteht wegen der angenom-
menenMaschen weite der gebräuchlich en Netze
nur durchweg aus derartigen Fischen, während
der Ostseehering, zumal der in Reusen gefangene pom-
mersche Küstenhering aus Thieren verschie-
denster Grösse besteht.
Arohiv f. Naturg. XXIX. Jahrg. 1. Bd. 20
306 Munter:
5. Die Nahrung des Herings
anlangend^ so fand ich nur ein einziges Mal im Herings-
magen ein unvollständiges Individuum einer Orchestia-
Species; in allen übrigen sehr zahlreichen Fäl-
len, und zu allen Jahreszeiten fand ich stets mehr
oder weniger veränderte Bruchstücke oder auch ganz er-
haltene Thiere, die sich indessen bei genauerer Prüfung
nicht sowohl der Gruppe der Amphipoden, sondern der
Gruppe der Copepoden zugehörig erwiesen. — Nach
Eckst röm^) findet man im Heringsmagen: kleinere
Fische, Seewürmer, Mollusken und Krebsthiere. — Bloch^)
bezieht sich auf die Angaben von Neu Crantz, welcher
kleine Krabben im Magen gefunden, während L e u-
wenhoek auch Fischrogen daselbst gesehen haben
wdll. Was Bloch ausserdem vom „Roe-aat" der Nor-
weger'anführt, die nach Fahr icius kleine Krebse, nach
der Meinung der Norweger kleine rothe Würmer sein
sollen, lässt sich jetzt kaum mit Sicherheit auf seinen
wahren Werth zurückführen. So viel ich aus Bock's^)
Mittheilungen über den Boe-Aat schliessen kann, sind
hierunter wurmförmige Thiere zu verstehen, die sich in
den norwegischen Gewässern während des Sommers so
zahlreich finden, dass die Wasser davon roth gefärbt er-
scheinen sollen. Von den Heringen verschluckt sollen
sie denselben schädlich werden, so dass eine „gänzliche
Auszehrung erfolget^.
Aehnliches habe ich bei den Ostseeheringen nicht
beobachtet, sondern in deren Magen, wie bereits ange-
deutet: fast ausschliesslich Copepoden gefunden, und zwar
den : Diaptomus castor (J. 0. Westwood) Jurine. — Diese
Copepoden- Art wird von W. Liljeborg^) zwar nur
unter den Süsswasserformen genannt, allein ich habe diese
1) 1. c. p. 220.
2) 1. c. p. 194.
3) Versuch einer vollständigen Natur- und Handlungsgeschichte
der Heringe. Königsberg 1769. 8° p. 28.
4) Ora de inora skäne förekommende crustaceer af ordningerne
Cladocera, Ostracoda och Copepoda. Sect. I. Lund 1855. 8° p. 135.
tab. Xm. fig. 1—10.
Ueber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w. 307
Species doch auch sehr häufig unter den Copepoden
unserer pommerschen Brackwasser (versüsstes Seewasser)
beobachtet und wunderte mich daher gar nicht, diese
Thierchen im Magen des Küstenherings Pommerns zu
Tausenden wiederzufinden. Wunderbar erscheint es mir
nur, dass der Hering diese fast mikroskopisch-kleinen
Krebschen findet und sie so rein aus der anderweit
sich darbietenden Nahrung heraus zu suchen vermag. Nur
weil die kuglige Linse im Heringsauge so stark vergrös-
sernd wirkt (ich schätze die Vergrösserung weit über
eine 20fache lineare), wird dem Heringe das Auffinden
so kleiner Crustaceen möglich. Das menschliche Auge
erkennt sie auf we isser Unterlage z.B. einer Porzellan-
schale allerdings noch ziemlich gut, allein in dunkelge-
färbten Gefässen sind sie nicht mehr zu bemerken. Der
Hering erkennt diese kleinen Copepoden aber doch in
den dunklen Tiefen des Seegrundes.
Während ich also nur den Diaptomus castor Jurine,
eine vorwiegende Süsswasser-Copepodenform im Herings-
magen fand, berichtet V a 1 e n c i e n n e s ^) auf Grund von
Untersuchungen, zu welchen ihm Rob. Knox aus den
Mägen schottischer Heringe das Material zugesandt
hatte, dass er nur: „Cyclops furcatus Baird und Cyclops
Strönici^BAY^ gefunden habe, kleine Entomostraceen, die
Milne-Edwar ds zu seinem Genus Cyclopsine zöge^'. —
Abgesehen von der in Folge eines Druckfehlers wohl
entstandenen irrthümlichen Bezeichnungswelse : „Strönici*^
statt „Strömii^^, haben wir in diesen beiden Copepoden
zwei Arten aus zwei verschiedenen Meerwasser-
Copepoden-G attungen, die mit L i 1 j e b o r g zu be-
zeichnen sein würden : Tishe furcata Baird und Cantho-
camptics Strömu Baird. Die schottischen Heringe leben
in der eigentlichen Salzsee und ihnen bieten sich folglich
auch nur ächte Seewasser-Copepoden dar. Der Ostsee-
hering dagegen lebt im Brackwasser und kann daher
auch nur zu denjenigen Copepoden gelangen, die ihm
ein so schwach gesalzenes Seewasser zu liefern vermag, —
1) 1. c. p. 69.
308 Munter:
Allein die beiden von V a 1 e n c i e n n e s im Herings-
magen gefundenen Copepoden-Formen fand Liljeborg
auch in der Ostsee^ nur fand ich sie niclit im K r e b s-
m a g e n und daher schliesse ich aus dieser meiner Mei-
nung nach bemerk enswerthen Thatsache, dass der Ostsee-
hering wie er in Greifswald z. B. in so grosser Menge
zur Verwendung kommt, nicht aus der eigentlichen
freien Ostsee, sondern aus den zahlreichen mit
Brackwasser erfüllten Inwy ken und Bodden stammt,
in denen er gefangen ward. Andere diese Behauptung
rechtfertigende und unterstützende Thatsachen werden
weiter unten zur Sprache kommen.
6. Der Aufenthaltsort und die geographische
Verbreitung
des Ostsee-Herings ist, wie schon mehrmals angedeutet
und es auch anderweitig hinlänglich bekannt ward, zu-
nächst das eigentliche Seewasser, dann aber auch
das Brackwasser der Ostsee. Steht mir leider keine
neue Analyse der Brackwasser zur Disposition, so geht
doch aus den Untersuchungen und Mittheilungen der
Herren Goebel und Seetzen^), auf welche sich Ha-
mel-) stützt, hervor, dass der Salzgehalt der Ostsee zwi-
schen V2% (bei Riga) bis 1, 1% (bei Kiel) schwankt, so
dass in der Gegend zwischen Swinemünde und Greifs-
wald etwa, reines Ostseewasser gegen 1% an gelösten
Salzen besitzen dürfte, die aus Chlornatrium, Chlorkalium,
Chlor magnesium, schwefelsaurem Kalk und Magnesia
und vielleicht auch aus kohlensaurem Kalk und Magnesia be-
stehen, während von Jod- und Bromverbindungen sich
nur erst geringe Spuren zeigen. — Die Nordsee dagegen
besitzt ein Minimum an Salzen von 3V4% an der West-
seite Holsteins, und ein Maximum von 3, 9Vo an der
englisch- französischen Küste. — Unter diesem extremen ,
Salzgehalte von V2% bis 3, 9% lebt der Hering überhaupt,
1) Das Seebad zu Pernau an der Ostsee. Lpz. 1845.
2) Bulletin de l'acad. imper. des sciences de St. Petersbourg
1852. Tom. X. No. 18—20 p. 313.
lieber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w. 309
und so kann es uns nicht Wunder nelimen, wenn er auch
in den^ mit versüsstem Seewasser (Brackwasser) erfüllten
zaMreichen Buchten (Inwyken und Bodden) der pommer-
schen Küste lebt, deren Salzgehalt von etwa V2V0; dem
bei Riga und Reval entsprechen dürfte.
Nach mündlichen und schriftlichen Berichten^ die
ich aus diversen Ostseestädten in Folge eingezogener
Erkundigungen erhielt^ geht nun aber mit Evidenz her-
vor, dass der Salzgehalt das massenhafte Vorkommen
des Herings in der Ostsee durchaus nicht bestimmt.
Nach Ecks tröm^) findet sich der S tr ömming (Clupea
harengus Membras L.), offenbar eine Formvarietät unseres
Heringes, die sogar die Länge von 9" und eine Breite
von 2" erreicht, am häufigsten in dem scandinavischen
Theile der Ostsee unterm 60« n. Br., folglich in den an
Salzen ärmsten Gewässern; Eck ström fügt aus-
drücklich hinzu, ^bei Tornea, wo das Wasser kaum noch
dem Seewasser gleicht'^ In Eckström's reichen natur-
geschichtlichen Beobachtungen über die mannigfachen
Abänderungen und die verschiedenartigen Fangmethoden
des Strömlings findet sich durchaus kein Widerspruch
mit seiner Behauptung über die Häufigkeit dieses Fisches
in Mörkö, der sogar dort noch gesalzen und geräu-
chert wird. — Dass auch an den Küsten der Ostseepro-
vinzen des russischen Reichs Hering (Strömling auch
hier genannt) vorkommt, findet unzweifelhaft in dem dem-
nächst erscheinenden grossen Werke von Baer's seine
Bestätigung, welches derselbe im Auftrage seiner Regie-
rung über den Zustand des Fischfanges in Russland publi-
ciren wird ^). Freunde aus Esth-, Liv- und Curland haben
mir übrigens oft genug von ihrem heimischen Ström-
linge erzählt; ob derselbe aber so häufig sei, um, wie
in den Scheeren von Mörkö grössere Salzereien und
Räuchereien zu versorgen, ist mir nicht sicher bekannt
geworden.
1) 1. c. p. 212.
2) Kon er, Zeitschrift für allg. Erdkunde Bd. XIII. Berlin 1862.
p. 360.
310 Munter:
An der Küste des ostpreussischen Samlandes ^) fängt
man auch noch „Strömlinge'^ imd benutzt zu deren
Fange ein frei schwimmendes grosses Netz (ob Mause
oder Ziehgarn ist nicht genau angegeben). iVehnliche
bestätigende Mittheilungen erhielt ich während der Na-
turforscher-Versammlung in Königsberg undDanzig 1860^),
auch ergeben sie sich aus den unten (^) citirten Rathke'-
schen Verzeichnissen zur Genüge.
Von der hinterpommersch-westpreussi-
schen Grenze bis Swinemünde hin^ findet sich der
Hering jetzt vorzugsweise im Herbste, und zwar doch
auch nur in so geringer Quantität, dass er zu technischen
Unternehmungen durchaus nicht aufmuntert und kaum
hinreicht, um im frischen Zustande der Nachfrage zu ge-
nügen (^).
An der Küste von Usedom dagegen habe ich
vor 5 — 6 Jahren etwa noch mehrere Vitten (mit ober-
behördlicher Erlaubniss angelegte Heringspacke-
re i e n) gesehen, bin zu Oefterm Zeuge von ausgiebiger
Ausbeute des dortigen Heringsfangs gewesen und kann
mich ausserdem in dieser Beziehung auf Christo ff el's
Schrift über die Ostseefischereien, so wie auf die Steuer-
Register des Haupt-Zoll-Amtes zu Wolgast beziehen, aus
deren Angaben die an die Usedomer Vitten gelieferten
Quantitäten bonificirten Salzes sich mit Zahlen belegen
Hessen. — ■ Ausserdem finden sich in Peenemünde, so
wie in C r ö s 1 i n ( Fischerdörfer am Eingange der Peene),
bereits grössere Veranstaltungen zum „Räuchern^' der
Bücklinge, so dass selbst eine Ausfuhr derselben von da
nach dem Hinterlande möglich wird. Seit 600 Jahren
aber sind die Küsten Rügens, besonders des südlichen
1) Hau de und Spener'sche Zeitung Jahrg. 1855. No. 271.
Beilage No. 2. 18. Novbr. in den Streiflichtern aus Preussen und
Rathke's „Verzeichniss der in Ost- und Westpreusseu vorkom-
menden Wirbelthiere" in den Neuen Preussischen Provinzialblättern
Bd. II. Königsbg. 1846. p. 18. No. 55.
2) Ueber das Vorkommen des Herings in dortigen G-egenden
während des 13ten Jahrhunderts wird weiter unten Bericht erstattet
werden.
lieber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w. 311
und südöstlichen Theils, wegen ihres grossen Reichthums
an Heringen weit und breit berühmt. Wird doch sogar
durch ein altes Wiegenlied der hoffnungsvollen Jugend
der wackern Mönchguter die Bedeutung des Herings be-
greiflich gemacht und im frischen Andenken erhalten,
welches plattdeutsch also lautet:
.jHüsse^ büsse, lewes Kind^
Vadder, de fängt Hiering;
Moder^ de sitt an den Strand
Vadder^ de kümmt bald an Land
Met en Föder Hiering !^
So wie der Fang des Herings an den südlichen und
südöstlichen Rügenschen und den ihnen gegenüber-
liegenden neu vor pommerschen Küsten blüht^
so auch die daran sich anschliessenden Industrieen und
kann es daher kein Wunder nehmen, wenn Greifs-
wald, die nächst grösste Stadt an diesen heringsreichen
Küsten, die umfänglichsten Veranstaltungen zum „Salzen"
und „Räuchern^ dieser in grosser Fülle gefangenen Fische
besitzt und mutatis. mutandis in der Ostsee, die Rolle
von Y a r m 0 u t h in der Nordsee spielt.
Um vieles ärmer an Heringen sind zur Zeit die
Westküsten Rügens, so wie die pommersche Fest-
lands-Küste um Stralsund und Barth. — Selbst der Aus-
senstrand der Halbinseln und Inseln: Zingst, Dars und des
meklenburgischen Fischlandes geben nur geringe Aus-
beute; kaum etwas mehr als der inländische Bedarf
erheischt und nur ab und zu kömmt es zu grösseren Ab-
fuhren. Und doch ist der Salzgehalt der Ostsee um
diese Lande herum entschieden höher, als der im Greifs-
walder Bodden. Bei Rostock beträgt der Salzgehalt
sogar schon circa 1, 6% ^iid nimmt von da nach den
holsteinischen Ostseeküsten noch stetig zu. Aber mit
dem Salzgehalte wächst keineswegs die Quantität des
Herings, denn selbst an den Küsten der dänischen Inseln
und an der einstmals so heringsreichen südlichen Küste
Schwedens kommt er jetzt in so geringen Mengen nur
vor, dass seit mehreren Jahren bereits schwedische
Fischerboote nach Mönchgut kommen, um fri-
312 Munter:
sehen Hering aufzukaufen; wie ich selbst durch
mündliche Mittheilungen der Fischer ermittelt habe und
es auch aus Fock's interessanter Schrift^') weiter zu be-
weisen im Stande bin.
Aus der Yerbreitung des Herings in der Ostsee geht
demnach hervor^ dass nicht sowohl die Zunahme des
Salzgehaltes dessen Massenerzeugung bedingt,
sondern diese vielmehr abhängig sein dürfte von der Con-
figuration der Küste und der Bodenverhältnisse der be-
nachbarten Gewässer. — Grenzen nämlich an tiefe Stellen,
sandige und seichte Ufer, finden sich zahlreiche
Inwyken, von scheerenartiger Beschaff enheit,
wie an den norwegischen und schottischen Küsten, da
tritt auch der Hering massenhaft auf. Langgedehnte Kü-
stenstrecken dagegen, mit weit in die See vorspringenden
Sandbänken, bieten weder einer reichen submarinen
Vegetation, noch auch der Massenerzeugung desDiap-
tomus castor Jur. und der Heringe die geeigneten
Lokalverhältnisse dar.
Bei der Erklärung
7. der Massenerzeugung
spielt also, wie wir eben sahen, nicht sowohl der Salzge-
halt, als vielmehr a) das zur Ernährung zahlreicher
Individuen zureichende Quantum von Copepo-
d e n (und zwar an den pommerschen Küsten : des Dia-
ptomus castor Jurine [Cyclopsine castor Jur.], bedingt
durch reiche Seegrundsvegetation) und sodann b) die
möglichst reiche Küstenentwicklung mit b e-
nach harten tiefgründigen Stellen eine hervor-
ragende Rolle. Aber es ist auch noch ein 3t es Mo-
ment dabei in Betracht zu ziehen, nämlich: das grosse
Productionsvermögen der keimbereitenden
Organe.
Ein Gramm frischer Eier enthielt nach meiner Zäh-
lung: 1950 Eier; allein diese Zahl dürfte sich unbedenk-
1) Rügensch-Pommersche Geschichten aus sieben Jahrhunderten
Heft IL Lpz. 1862. p. 166. Nota **.
lieber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w. 313
lieh auf 2000 erhöhen lassen, weil es bei der Kleinheit
der Heringseier und der Klebrigkeit ihrer Oberfläche
allziüeicht geschieht; dass die für die Zählung abgetheilten
Sectionen unbemerkt Verluste erleiden. Der ganze Rogen
eines 8" langen Weibchens aber^ welches 3V2" Umfang
an der dicksten Stelle seines Leibes besass, wog (auf
einer chemischen Waage sorgfältig abgewogen) genau
I2V2 Gramme. Multiplicirt man 1950 mit I2V2; so ergeben
sich 23;400 Eier für ein zeugungsfähiges Weibchen mitt-
lerer Grösse. Dass aber Weibchen von 9" 9'" mehr Eier
besitzen^ so wie Weibchen von geringe r e r Grösse,
weniger Eier ablegen werden, muss als selbstverständ-
lich vorausgesetzt werden. Die Zahl von 24,000 Eiern
als Durchschnittszahl für alle laichenden Individuen ist
daher jedenfalls gewiss nicht zu hoch gegriffen. Bloch ^)
berechnet dagegen die Durchschnittszahl der Eier eines
Herings Weibchens mittlerer Grösse auf 68,656, während
Harm er-) die Zahl der Eier zwischen 21,000 bis 36,000
schwankend fand. Meine Zählung würde demnach für
den kleineren Ostseehering das mittlere Quan-
tum angeben, während ohngefähr 28,000 die Durch-
schnittszahl für den Nordseehering sein dürfte.
Nimmt man nun auf ein Weibchen zwei Männ-
chen an, wie es wohl meistens der Fall ist, und berechnet
die Zahl der Weibchen für einen Heringszug z. B. wie
er am Abend des 22. März 1831 ^) bei Gross-Zicker auf
Mönchgut mit dem grossen Ziehgarn eingefangen wurde,
so ergiebt sich für 280,000 laichende Weibchen die un-
geheure Zahl von 6720 Millionen entwicklungs-
fähiger Eier, die von einem einzigen derartigen Herings-
zuge, wenn er den Gefahren der Nachstellung entgeht,
abgelegt werden könnten! Ich selbst war zugegen,
als im April 1855: 1200 Wall (a 80 Stück) in einer Reuse
1) 1. c. p.202.
2) Philosophical Transactions Vol. LVII. p. 291. —
Bloch gl ebb (1. c.) an, dass Harm er nur 10,000 Eier gezählt habe,
eine Angabe die mit Harme r's Notiz (I.e.) nicht zu vereinbaren ist.
" 3) Sundine, Jahrgang 1831 No. 14. p. 111. Es wurden 10,500
Wall ä 84 Heringe gefangen.
314 Munter:
gefangen wurden. Wären die auf ^3 zu reducirenden
Weibchen zum Laichen gekommen^ so würden durch
diesen einzigen Heringszug 768 Millionen Eier abgesetzt
worden sein^ die^ wenn alle zur Entwicklung gelangt
wären, in einigen Jahren 400,000 Tonnen (a 24 Wall)
Salzhering geliefert haben würden.
Dass dies nun in der Wirklichkeit nicht geschieht,
dafür sorgt der Mensch nicht nur zur Genüge, sondern
es helfen ihm auch die Meerschweine (Pliocaena Ronde-
letii Van Bened.), die Halichoerus- und Phoca-Arten,
der Dorsch und der Schnepel; abgesehen davon, dass
ausserdem immense Mengen der Eier überhaupt gar nicht
befruchtet und Legionen der jungen Brut ihren zahllosen
Verfolgern allerlei Art zur Beute werden.
Es kann somit aber auch nicht Wunder nehmen,
wenn ungeachtet der beträchtlichen Production von Ge-
schlechtsstoifen es doch bereits an verschiedenen Küsten-
punkten der Ostsee dahin gekommen ist, dass man den
Fang ganz einstellen musste, wie es z. B. auf der Südspitze
Schönens (Falsterbo etc.) im 14. Jahrhunderte der Fall
gewesen, und wie um 1587 und dann zum zweiten Male
in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts die Bohus-
län-Scheeren an der Westseite Schwedens des colossal-
sten Heringsfanges verlustig gingen^), der wohl jemals
betrieben worden ist. Aber auch an den nördlichen
Küsten der eigentlichen Ostsee ist der Heringsfang, so wie
an verschiedenen Punkten der südlichen Küsten, in zeit-
weiliger Blüthe gewesen, später aber wieder eingestellt
worden. — - Nur von Rügen liegt der historisch leicht
zu führende Beweis vor, dass der nur kurze Zeit ruhende
Fang wiederum zu grösserer Blüthe gelangt ist, und sich
jetzt vorwiegend an den östlichen, besonders aber an den
südöstlichen und südlichen Küsten dieser schönen Insel
im vollsten Betriebe befindet. Prüft man die Millionen
von Heringen, welche von diesen Punkten Rügens aus
nach Greifswald gelangen, so ergiebt sich mit grösster
Leichtigkeit und Gewissheit, dass die von verschie-
1) Nil 8 8 011 Skandinavisk Fauna 1855. 4 deien p. 500.
üeber den Hering- der pommerschen Küsten u. s. w. 315
denen F a n g p 1 ä t z e n eingehenden Heringe
unter sich ver s chied en sind_, während ein und
de 1" selbe Fangplatz ziemlich gleichartiges
Gilt liefert^ dass also^ um es mit einem allgemein
bekannten Ausdrucke zu bezeichnen^ sich bestimmt unter-
scheidbare
8. Rac en
erkennen lassen^ wie deren auch schon Eckström')
wenigstens vier (Abänderungen) in den Scheeren von
Mörkö unterscheiden zu müssen glaubte. Allein die von
ihm unterschiedene Not-S t r ö mm i ng-, so wie die
Knif- Strö mm ing- Abänderung dürfte auf den Namen
einer Race wohl keinen Anspruch zu machen berechtigt
sein^ da sie nach Eckström's eigener Angabe ,,ver-
muthlich jüngere Individuen" sind^ zum Theil von
nur 4" Länge und stark zusammengedrücktem Leibe.
Anders ist es schon mit sein om L e k - S t r ö m m i n g e
von 9" Länge und dem Sköte-Strömminge von 6"
Länge. Von diesen beiden Abänderungen laicht die
erste im Frühlings die andere im Herbste. Der Lek-
Strömming ist langgestreckt und stark zusammengedrückt^
der Sköte-Strömming kurz, dick im Rücken und nur der
Bauch stark zusammengedrückt. — Diesen beiden Racen
des Strömlings im nördlichen Theile der Ostsee dürften
die beiden Racen entsprechen, welche ich auf dem Aussen-
und Innenstrande der Halbinsel Dars und Zine-st beob-
achtete. Der A u s s e n s t r a n d h e r i n g dieser westlichen
Küste Neuvorpommerns ist auch im Mittel 9" lang und
der Rücken verhältnissmässig schmal, w^ährend der im
Saaler und Barther Bodden gefangene Binn en s trand-
hering, der in einem sehr versüssten, nur durch den
Prerower Kanal mit Salzwasser gespeisten Wasser laicht,
höchstens 6" lang wird und ziemlich dick im Rücken ist.
Waren Eckström's Beobachtungen geeignet, zum wei-
tern Verfolge der durch ihn angeregten Frage nach Art-
abänderungen einzuladen, so ist es zunächst V a 1 e n-
1) 1. c. p. 208-212.
316 Munter:
ciennes^j Verdienst auf die Racen aufmerksam ge-
macht zu haben, die von Dieppe und Calais aus nach
Paris geliefert wurden und den französischen Kaufleuten
als leicht erkennbare Abänderungen seit langer Zeit bekannt
waren. Der Hering von Calais ist lang gestreckt und
ein wenig von der Seite comprimirt, der Hering von
Dieppe dagegen stämmiger {„iplus trapu^), und abge-
rundeter.
Dass man am Heringe aus den nördlichen Theilen
der Nordsee nicht schon längst ähnliche Beobachtungen
gemacht hat, liegt wohl hauptsächlich an der gesetzlich
normirten Maschenweite der holländischen Netze und so-
dann auch wohl am mangelnden Interesse für einen so
untergeordneten Gegenstand. Indessen ist es doch dem
scharfsichtigen Nilsson^) nicht entgangen, dass der
norwegische Graebenssill, der sundische Kullasill,
der schonensche Kiviksill und der Strömming in
dem nördlichen Theile der Ostsee nicht bloss leicht unter-
scheidbare Abänderungen des Clupea Harengus L.
vorstellen, sondern, dass sich auch im Speciellern der
Hering aus dem Sunde vor Malmö, so w^ie der aus der
Ostsee vor Cimbrishamm, desgleichen der Hering aus der
Morupsseite bei Halland, vom Heringe aus der Ku Ha-
ge gen d bei Schonen unterscheiden lässt.
Vergleicht man grosse Quantitäten von Heringen, wie
sie von den Rügen'schen und Neuvorpommer'schen Fang-
plätzen in Greifswald abgeliefert werden, so kann man,
ist der Blick hinlänglich praktisch geübt, mit ziemlicher
Sicherheit den Fangort namhaft machen, von
welchem dieEinlieferung statt fand, auch ohne
dass man die Lieferanten nach ihrer Heimath befragt.
Während man im nördlichen Theile Rügens, auf der Halb-
insel Wittow sowohl, als auf Jasmund, im Frühlinge
nur kleinen und magern Hering und auch diesen
noch so spärlich fängt, dass er wohl nur als Köder für
Lachs und Dorsch, nicht aber für die Nachfrage der um-
1) 1. c. p. 47.
2) Skandinavisk Fauna 4de delen. Lund 1855. p. 503.
lieber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w. 317
wohnenden Bevölkerung zureicht, wird daselbst vom Au-
gust bis zum October fetter grosser Hering ge-
fangen, der sich dreist gutem Bergen'schen (Norwegischen)
Fettheringe an die Seite stellen lässt und wenn nur in
hinreichender Quantität zugänglich, unzweifelhaft das Re-
nommee des pommerschen Küstenhorings in besseren Credit
bringen würde.
Rücksichtlich der Qualität lässt sich Aehnliches von
jenen Heringen sagen, welche am Strande beim Dorfe
Binz und sodann an der Mönch gut er Nord- und Ost-
küste bei den Dörfern Göhren und Lobbe gefangen
werden, von denen der Binzer unbedingt den Vorzug hat.
Merkwürdig aber ist es, dass bei einer Distanz von höch-
stens 4 Meilen (von Nord nach Süd) an derselben
Ostküste Rügens, die Laichzeit des im südlichen
Theile gefangenen Fisches, in das erste Frühjahr fällt
und zu dieser Zeit Massenerträge liefert, während der
nördlicher gefangene Fisch nur im Herbste^ laicht und
folglich dann auch erst in grösseren Quantitäten gefangen
werden kann. Während nun der Lobbe - Göhren'sche
Vollhering im Allgemeinen etwas kürzer, aber dicker
im Rücken und fetter ist, auch der Hohlhering (Ylen
oder Ihlen der Nordländer und Holländer) noch breit-
rückig erscheint, ist die Race welche eine Meile süd-
licher, am Thiessower Hövt (südöstlichstes Cap der
Sarmigen Halbinsel Mönchgut), so wie die, welche beim
Klein- und Gross-Zi cker'schen Hövt in grosser
Fülle gefangen wird, länger und höher, als derLobbe-
Binzer, aber nicht so dick im Rücken.
Der westlichste Arm der Mönchguter-Halbinsel, der
längste und schmälste von Nordost nach Südwest sich
erstreckend, die Reddevitz genannt, wird von Herings-
zügen besucht, deren Individuen bei massiger Länge we-
sentlich schmalrückiger als die Zickerschen sind, während
der beim Dorf Babe gefangene Hering die schmälste
der langstreckigen Racen aller Mönchguter Küsten dar-
stellt. Das westlich von Babe gelegene Dorf Strehsow,
am südlichen Ufer Rügens, lange Zeit Mittelhering
liefernd, wird seit einigen Jahren von grossen Herings-
318 Munter:
Stümen besucht^ die gewöhnlich grössere Individuen
führen^ während die kleineren Stüme aus kleinen Indivi-
duen zusammengesetzt zu sein pflegen. Fast nur Yoll-
hering m i t tle r er Gr ös se und Dicke liefert die
WrecherBeck^ an deren Fange sich drei Dorfschaften
betheiligen.
Die an den Usedomer Küsten vorkommenden Racen,
obschon unzweifelhaft ebenso constant, wie die der Rü-
gen'schen^ sind mir nicht so detaillirt bekannt geworden,
weil sie nicht in regelmässigen Lieferungen hier zu Markte
kommen. Dagegen sind die im Greifswalder Bodden an
den Küsten des neuvorpommerschen Festlandes gefangenen
RaceU; die sich sehr leicht durch geringere Länge und
Höhe^ so wie geringere Dicke im Rücken von den ge-
genüber am Mönchguter Ufer gefangenen Heringen unter-
scheiden lassen, am hiesigen Platze zur Genüge bekannt.
Diese auffallende Constanz gewisser Abänderungen,
also der Racen, an ein und demselben Fangorte, in
Verbindung mit der im Magen aller pommerschen Küsten-
Heringe gefundenen Copepoden ( Diaptomus Castor Jurine),
so wie die aus der oben dargelegten geographischen Ver-
breitung resultirenden Ergebnisse beweisen zur Genüge,
dass von eigentlichen grössern
Wanderungen
der Heringsstüme nicht wohl füglich die Rede sein
kann, es sei denn etwa, dass man darunter den übrigens
bei allen Fischen vorkommenden Trieb verstehen will,
sich zu versammeln, um sich in grösseren Gesellschaften
an die bekannten Laichplätze zu begeben und dort Eier
und Spermatoiden abzusetzen.
Dass aber nur der Trieb zum Laichen den Hering
zur Association treibt, ersieht man unzweifelhaft aus der
einfachen Thatsache, dass weitaus die überwiegendste
Menge der gefangenen Heringe im Frühjahre sowohl als
im Herbste, und zumal zu Anfang der „Saison", stets aus
V 0 1 1 h e r i n g e n besteht, während wenn Nahrungs-
mangel die Auswanderungsgesellschaften zusammen-
brächte, doch jedenfalls es auffallend erscheinen müsste.
lieber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w. 319
dass nur die reich ernährten und von Geschlechtsstoffen
am meisten trotzenden Individuen, deren Magen überdies
mit zahh-eichen Copepoden erfüllt ist, sich zur Aufsuchung
anderer Futterplätze anschicken sollten.
Nahrungsmangel ist es also wohl sicherlich
nicht, der die Heringe zur Bildung von transitorischen
Genossenschaften (Stümen") veranlasst, sondern einzig und
allein die Reife der Geschlechtsstoffe, die sie an geeig-
neten Stellen abzusetzen bemüht sein müssen, um ihre
Art zu erhalten. Dass sich aber Männchen und Weib-
chen, auch ohne vom Begattungstriebe dazu veranlasst zu
sein, sich dennoch zum Zwecke der Art -Erhaltung so
massenhaft zusammenfinden, ist eine jener imbegreiflichen
Thatsachen, zu deren vollem Verständnisse der Schlüssel
fehlt und wohl auch nie gefunden werden wird.
Nicht minder merkwürdig und unbegreiflich ist es,
dass sich die Gesellschaften unter Führung eines He-
rin g s k ö n i g s an die ihnen bekannten Laichplätze bege-
ben, wo dereinst ihre eigene Wiege unterm Schatten und
Schutze des Seegrases stand. — Man wolle aber nur nicht
meinen, dass der Heringskönig zu jenen fabulösen Fischen
gehöre, wie einst der Fisch „musculus^ j welcher zu den
Zeiten des Plinius dem grossen Walthiere des Mittel-
meeres vorangeschwommen sein soll. Freilich meldet ein
neuerer Berichterstatter im Anhange zur Z o b e r'schen
üebersetzung des von Seil 1797 bearbeiteten Stettiner-
Schulprogamms (Stralsund 1831. 8^ p. 26) .,er habe sich
alle Mühe gegeben, den Heringskönig (Zeus faber) wel-
cher nach Aussage glaubhafter Fischer solchen Zügen
immer voran gehn soll, habhaft zu werden — aber
umsonst'^. Was aber auch in aller Welt berechtigte denn
jenen Berichterstatter den Zeus faber in der Ostsee
zu erwarten und zu suchen? Verzichtet man auf Zeus
faber und sucht unter einem Heringskönige nichts
Anderes als einen massig grossen männlichen oder weib-
lichen Hering mit massig blutroth gefärbten Kiemen-
deckeln, massig blutroth gefärbten paarigen und unpaa-
rigen Flossen, so kann man deren zur Genüge haben,
wenn man mit den Fischern einiger Dorfschaften auf
320 Munter:
Höhe eines Preises von 5 Sgr. pro Stück accordirt. —
Mir wurden wenigstens für diesen Preis von verschiedenen
Fischerdörfern zahlreiche Individuen zugebracht, ohne
dass es zuvor einer weiteren Beschreibung und Verstän-
digung über den Heringskönig bedurft hätte. Alle He-
ringsfischer kennen diesen rothgefärbten Zugführer^ werfen
ihn aber an unsern Küsten nicht; wie es die Heringsfänger
der Nordsee^) thun sollen^ wieder ins Meer zurück^ son-
dern liefern ihn wie jeden andern Hering an die Salze-
reien ab. — Eck ström (1. c p. 210) nennt als charak-
teristische Farbe des auch in den Scheeren von Mörkö
wohlbekannten und Strömmings-Kungar benannten He-
ringskönigs violett und sagt; dass der ^^ganze Kopf
und dann und wann der ganze Körper violett '^ sei. Die
neuvorpommerschen Heringskönige waren in keinem der
mir vorgekommenen Fälle violett und überhaupt war die
mehr hell-blutröthliche Farbe niemals über den ganzen
Körper verbreitet. — Der Heringskönig ist aber nicht
bloss aus sehr verschiedenen Theilen der Ostsee^) bekannt^
sondern auch aus der Nordsee. Nach Anderson^) sollte
es um Island V4 Ellen lange Heringe geben, die drei
Querfinger Breite besässen und seiner Meinung nach wohl
die Heringskönige sein möchten^ die Heerführer der grossen
Schwärme; während Klein (1. c.) dies mit Recht be-
zweifelt und ausdrücklich hinzufügt: .,noster minor halece
vulgari^. — Die Kl ein' sehe Beschreibung des Herings-
königs ist aber überdies so sehr mit meinen Beobach-
tungen in Uebereinstimmung; dass ich nicht unterlassen
kann, dieselbe hier wiederzugeben. ^^Harengus^ capite
aureo, ruberrimoque colore in commissuris et ad mandi-
buloS; splendente; dorso toto intense cyaneo^ ventre ar-
gentatO; ano semper cruentato ac prominulo Helensibus :
Heringskönig mit feuerrothemKopf. Non
superat magnitudine iconismos; habet tamen foemina pal-
1) Pontoppidan — Natürl. Historie von Norwegen Bd. IL
p. 272.
2) Klein Missus V. tab. XIX. p. 71.
3) Nachrichten von Island.
lieber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w. 321
lidiores pinnas, caudamque cineream, mas vero pinnas
caudamque aureas. Nondum descrlptus^. — ^ Klein kannte
also männliche und weibliche Heringskönige, so wie ich
dieselben auch geliefert erhalten habe.
Unter Führung eines solchen vorwiegend roth (und
zwar von der Farbe des arteriellen Blutes) gefärbten
Herings steigt der S t ü m von den tiefgründigen Ver-
sammlungsplätzen nach den wärmer temperirten flachen
Küsten, jedoch nicht oder doch nur sehr selten bis zur
unmittelbaren Grenze von Land und Meer, sondern viel-
mehr nur nach solchen Stellen, die entweder kiesigen
Grund oder hinreichend bewachsenen Boden besitzen, um
bei einer Temperatur von + 6 bis -|- 7^ R. ^) ihren Laich
abzusetzen. Kurz nach Aufgang des Eises, wo die Tiefen
höchstens -f # R. Wärme besitzen, sind die Untiefen von
8' bis 12' bald auf + 6« und + 7^ R. erwärmt, und dies
scheint die Temperatur zu sein, bei der das Lai-
chen der Ostseeheringe zunächst stattfindet und die Be-
fruchtung Erfolg hat. — ^Je höher die Temperatur
steigt, desto tiefer laichen die Heringe, so
dass sie zu Ende des Mai i n R e u s e n nur bei einer Tiefe
von 20' bis 24' gefangen werden können. — Im Frühjahre
1863 hatten wir seit Anfang Januar kein Eis mehr auf
dem Greifswalder Bodden, demungeachtet wurden die
Reusen erst zur gewohnten Zeit im März aufgestellt. Allein
der Fang war denn auch so schlecht, wie nie zuvor;
offenbar weil bei dem ungewöhnlich warmen Winter die
Heringe in Tiefen laichen konnten, die in andern Jahren
viel zu kalt gewesen sein würden, so dass sie sich dess-
halb von den bekannten Fangplätzen fern hielten, die
bisher so reiche Erträge zu liefern pflegten. — Dass eine
solche Veränderung der Laichplätze auch eine Verlegung
1) Der Director des meteorologischen Instituts der Nieder-
lande Dr. Buys, veröffentlicht in Koner's Zeitschrift f. d. allg.
Erdkunde (Neue Folge Bd. VIII. Heft 1. 1860. p. 68) auf Grund der
Berichte der Heringsfischer der Nordsee die Beobachtung, dass der
Fang am Meisten bei + 12^' bis + 14*^ C. lohnt, so dass unter 5 Zü-
gen nur ein Fehlzug; bei +9*^ bis 13" C. unter 2—3 Zügen; ebenso
bei + 14 bis 16" C. ein Fehlzug erfolge.
Arohiv f. Naturg. XXIX. Jahrg. 1. Bd. 21
322 Munter:
der stehenden Reusen zur Folge haben müsse, ist zwar
behauptet worden und es ist allerdings wahr, dass i n
der Regel die Fische nach ihrer "Erzeugungs-
stätte, zu der Stelle wo ihre Wiege stand, zu-
rückkehren, um daselbst auch wieder zu lai-
chen. — Bedenkt man aber, dass nach Quatrefages
Untersuchungen^) die Spermatoiden nur bei einer be-
stimmten Temperatur zu lebenerweckender Befruchtung
befähigt sitid, so darf man sich doch der Hoffnung hin-
geben, dass wenn, wie gewöhnlich, in den nächsten Jahren
der Bodden längere Zeit wieder zugefroren gewesen sein
wird, die Heringe unzweifelhaft wieder nach den am
frühesten erwärmten Küsten hinsteuern werden,
um diejenige Temperatur zu finden, die für die
Befruchtung am. zuträglichsten ist, so dass demnach eine
Verlegung der Fangplätze nicht nothwendig werden wird^).
Nach beendeter Laiche, die erwiesenermaassen nur
wenige Tage andauert, während welcher der furchtsame
Hering von Geräuschen aller Art, Dampfschiffen etc. ver-
schont sein will, steigt der Stüm in die tiefern Wasser
allmählich wieder hinab. Dass er aber zu dieser Thätig-
keitsäusserung meilenweite Reisen machen sollte, lässt
sich durchaus nicht erweisen. Wenige Meilen sind dazu
vollkommen hinreichend. So langte am 10. Juni 1856
ein sehr grosser Stüm an den Reusenplätzen bei Gross-
Zicker an, von dem jedoch nnr ein gewisser Antheil ge-
fangen werden konnte, aber erst am 12. Juni ward ein
anderer Theil desselben Stüms mit seinen leicht erkenn-
baren durchweg grossen Heringen in der Having bei
Alt-Reddevitz gefangen, welche sich ohngefähr in einer
Meile Distanz vom ersten Fangplatze befindet. Es ge-
hörten demnach fast zwei Tage zu dieser Reise von
einer Meile. Ganz Aehnliches berichtet auch Bloch^)
1) Comptes rendus 1853. N. 22. Maiheft.
2) Die Aufstellung der grossen stehenden Reusen bedarf näm-
lich der seepolizeiHchen Erlaubniss seitens der Königl. Fischmeister,
um zu verhüten, dass sie nicht an Stellen etablirt werden, wo sie
die Schiffe der Handelsmarine behindern.
3) 1. c. p. 165.
lieber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w. 323
über die Wanderungen der von einem voranschwimmenden
Leitthiere geleiteten Sclinepelzüge imd (1. c. p. 135) über
die Wanderungen des Lachses^ obschon diesem kräftigen
Scbwimmer, wie auch schon Bloch gegen Giesler
vermuthet^ zuzutrauen sein dürfte^ dass er seine grossen
Wanderungen in das Innere der Länder in kürzerer Zeit
absolviren möchte. Ich stimme daher vollkommen Nils-
sonM bei; welcher den Hering für einen schwachen
Schwimmer ausgiebt^ der eben deshalb keine langen
Reisen vornehmen und ausführen kann.
Es ist auffallend; dass selbst noch in neueren Schrif-
ten-) fort und fort das durch Dott^) und Anderson*)
erdichtete Mährchen von den grossen Heringszügen vom
Nordpol- Eise aus^ nach dem Süden, nacherzählt und
geglaubt wird. Allerdings zieht ein grosser Theil der
Vögel auf der östlichen^ wie auf der westlichen Erdhälfte,
alljährlich von Nord nach Süd und Süd nach Nord, aber
alle diese W^andervögel sind mit einem Locomotions-Ap-
parate versehen, dessen Leistung doch in der That nicht
mit der jenes kleinen Fisches sich vergleichen lässt.
Zudem ist es durch Valenciennes genügend
erwiesen, dass jene präsumirte nach Westen dirigirte
Heringswanderung, d. h. also nach den amerikanischen
Küsten hin, deshalb nicht angenommen werden kann,
weil sich nicht erweisen lässt, dass der ächte Clupea Ha-
rengus L. an jenen Küsten vorkömmt, wohl aber steht
fest, dass die dort vorkommende Species: Clupea elong ata
Lesueur ist, von der man begreiflich nicht annehmen kann,
dass sie auf und während der Wanderung aus Clupea
harengus L. entstanden sei. Ebenso ungereimt ist es aber
anzunehmen, dass ein Theil des östlichen Flügels
jener Herings beere, von den Dänen und Schweden
1) I.e. p. 6 der Uebersetzung von Dr. Creplin in Giebel's
u. He int z's Zeitschrift für die gesammten Naturwissenschaften 1860.
No. VIT u. yiii.
2) Buys 1. c. in der Zeitsclu-ift für allg. Erdkunde p. 68.
3) Atlas maritimus et commercialis 1728.
4) Nachrichten von Island p. 58—78.
324 Munter :
unbemerkt, in die Ostsee sich verlieren sollte, um
sdiliesslich an den rügianisch-neuvorpommerschen Küsten
deutschen Fischern in die Reusen zu laufen, und über-
dies während der Reise sich in die zahlreichen oben be-
schriebenen Racen umgewandelt hätte! Genug, es ist
heute nicht mehr an der Zeit, das romantische Geschicht-
chen A.nderson's, das durch Oken u. A. verbreitet
worden ist, mit den Waffen einer exacten Forschung zu
bekämpfen, Auch wenn Dr. Buys, der Director des nie-
derländisch-meteorol. Instituts, dasselbe noch 1860 zu ver-
theidigen scheint. Bloch (1. c. p. 189 — 190) hat, nach
meinem Dafürhalten zur Genüge, mit neun numerirt
aufgeführten Gründen Anderson's Phantasiebild bereits
beseitigt und Nilsso n stimmt Bloch vollständig bei.
Leider fanden die Bloch'schen Gründe beim schwedischen
und norwegischen Volke kein Gehör, und so möge sich
dasselbe über die Abnahme seiner Heringsfischereien nicht
wundern und ferner beklagen; wohl aber ist es zu be-
dauern, dass Nilsson und Bloch vergebens gewarnt
haben und der Nationalwohlstand des scandinavischen
Volkes so schwere Verluste erleiden musste. Dass aber
auch des verständigen und umsichtigen Nilsso n's Rath:
die Brut und den unr eif enFis ch zu schonen (1. c.
p. 8 der Cr e p li n'schen Uebersetzung sub No. 5) heute
noch ohne allen Einfluss geblieben ist, habe ich im Mai
1863 zur Genüge erfahren, wo meherere hundert Tonnen
Salzhering aus einem Norwegischen Hafen in Greifs-
wald anlangten, welcher durchweg aus 6V2 — ''^" langen,
1 — 1%" hohen und kaum 4'" dicken Individuen bestand,
mithin folglich einer Altersklasse angehörte, die noch
nicht fähig ist, Laich abzusetzen und also im Puber-
tätsalter vor entwickelter Geschlechtsreife
weggefangen war! — • Genug, der Hering kommt nicht
als Einwanderer aus der Nordsee in die Ostsee, sondern
gehört ihr ursprünglich an; an ihren Küsten
geboren und aufgewachsen, erhalten sich seine
Stüme so lange, bis sie nicht ausgefischt oder
durch grosse Naturereignisse vertrieben sind; ziehen all-
jährlich aus ihrem V^interlager an geeignete höher tem-
lieber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w 325
perirte Laichplätze und kehren nach beendeter Laichzeit
zu den benachbarten tiefgelegenen Stellen zurück, ohne
zuvor oder nachher, ausgedehntere Wanderun-
gen angetreten oder ausgeführt zu haben.
Ueber den Nutzen des Herings
und den Heringsfang im Allgemeinen einen vo-
luminösen Band zu schreiben; dürfte bei der Umfänglich-
keit der vorhandenen Literatur heutigen Tags mit nur
geringen Schwierigkeiten verbunden sein. Allein da ich
mir nur die Aufgabe gestellt habe^ über den Hering
der pommerschen Küsten einige weniger allgemein
bekannte Thatsachen zusammen zu stellen, so muss und
kann ich nur auf die grösseren Arbeiten Valen-
ciennes und Anderer aufmerksam machen und
verzichte daher auf die Ehre eines fleissigen Compilators.
Zunächst ist anzuführen, dass weder dem frischen,
noch dem in irgend welcher Form präparirten pommer-
schen Heringe die Ovationen zu Theil werden, deren
sich seine wohlbeleibtem Vettern der Nordsee (z. B. in
Holland) zu erfreuen haben. Vielleicht kam seit dem
Aussterben der pommerschen herzoglichen Dynastie, d. h.
seit Bogislav's des XIV. Zeiten, der Küstenhering nicht
mehr zu der Ehre, auf der Tafel regierender Herren zu
erscheinen, obschon er, wie vormals, so auch jetzt noch,
bei Reichen und Armen, Alten und Jungen in gebüh-
rendem Ansehen steht und überall gern gesehen wird,
wo er erscheint. Bereitwillig öffnet man ihm wenigstens
Küche und Speisekammer und setzt sich gern mit ihm
zu Tisch. Hat er doch oft Monate lang mit der Kartoffel
die Aufgabe zu lösen, der Familie des Fischers, des Ta-
gelöhners, des Fabrikarbeiters u. s. w. die während der
Tagsarbeiten verbrauchte Muskelsubstanz wieder zu er-
setzen und zur weiteren Kraftäusserung vorwiegend das
nothwendige Material zu liefern. Zur Zeit der eigentli-
chen Heringssaison, vom März bis Mai, durch die soge-
nannten Grünfahrer weit von den Küsten, bis über die
Grenzen der Mark Brandenburg hinaus, verfahren, ernähren
326 Munter:
sich von dem Heringe Pommerns alltäglich viele Taiisende
von Menschen; so dass man ohne Uebertreibimg annehmen
darf, dass alljährlich mindestens 50 Millionen Heringe,
theils an den Küsten selbst, theils im Innern des Landes
im frischen Zustande verzehrt werden. Die Form
aber, in welcher derselbe frisch verbraucht zu werden
pflegt, ist verschieden. Man kocht ihn einfach in Salz
und Wasser gar und geniesst ihn warm, mit Zusatz von
kaltem Essig und brauner Butter, oder man giebt eine
Petersilien-Sauce oder auch eine saure Zwiebelbrühe zum
warmen Fisch, oder man servirt ihn gebraten wie Barsch
und Hecht. Andere Formen, in denen man den zuvor
dauerfähig gemachten Hering geniesst, werden weiter
unten zur Sprache kommen. Dagegen dürfte es hier der
geeignete Ort sein zu erwähnen, dass nicht nur der Mensch,
sondern auch die Hausthiere an den reichen Heringser-
trägen participiren.
Schon im Jahre 1819 berichtet v. Wehrs^), dass
zu den Zeiten der napoleonischen Herrschaft oder mit
andern Worten zur Zeit der Continentalsperre, als das
spanische Seesalz viel zu theuer war um Salzereien oder
Räuchereien anzulegen oder zu unterhalten, überall auf
den von ihm beschriebenen Territorien, wo seiner Zeit
der Heringsfang in schönster Blüthe stand, sowohl die
Schweine, als auch die Pferde mit frischen Ileringeh
gefüttert wurden. „Wenn ich nicht selbst (fügt v. Wehrs
hinzu) mich davon überzeugt hätte, würde ich mich scheuen
so etwas nachzuerzählen." — Heute, wo der Heringsfang
längs des Dars und Zingst unbedeutend ist, muss der
Dorsch denselben Dienst leisten, den man, um ihn zum
Futter für die Schweine längere Zeit hindurch verwenden
zu können, an der Luft zu trocknen pflegt, wie ich es
noch unlängst selbst gesehen; dass aber auch Pferden
gedörrte Fische vorgelegt sein mögen, ist mindestens eben
so glaubhaft, als dass Isländer ihren Kühen Fische
reichen, wovon so einstimmige und unzweifelhafte Beweise
1) Der Dars und der Zingst, ein Beitrag zur Kenntniss von
Neuvorpommern. Hannover 1819. S". p. 141.
üeber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w. 327
vorliegen. — Ausser diesem Einhufer und dem genannten
Vielhufer wenden sich mit Vorliebe Hund und Katze,
als geborne Fleischfresser, und unter den Nagern insbe-
sondere die Wanderratte dem gefangenen Heringe
und dessen Abfällen zu, während Seeadler, Flussadler,
M ö V c n, Reiher und Cormorane sich lieber direct an
den noch schwimmenden Heringsstümen betheiligen.
Nachdem man in den Fischabgängen einen werth-
vollen Ersatz für Peru-Guano erkannt hat, darf es nicht
Wunder nehmen, wenn man sowohl die Abgänge als auch
unter Umständen die ganzen Fische als Düngermate-
rial zur Verwendung zu bringen bestrebt gewesen ist. —
Während somit der frische Hering an sich schon durch
seine sehr mannichfache Anwendung den Küstenbewohnern
Pommerns erheblichen Nutzen stiftet, wird er gleichzeitig
auch für die Hebung und Förderung der Schifffahrt
von grosser Bedeutung. Die Erziehung tüchtiger
Matrosen durch den Heringsfang darf man nicht als
den geringsten Gewinn des Betriebes dieses Zweiges der
Seefischerei ansehen, zumal in einer Zeit, welche für Er-
richtung einer tüchtigen Kriegsmarine ernste und nach-
haltige Sorge zu tragen Veranlassung genommen hat.
Sodann aber dürfte es in Anschlag zu bringen sein, 'dass
der Heringsfang einen Industriezweig voraussetzt, dessen
er sich nicht entschlagen kann, nämlich
den S chiffsbau.
Freilich bedarf der pommersche Herings fang
noch keiner Dampfboote, ja noch nicht einmal grösserer
Segelschiffe (Buysen), aber auch schon die Construction
der kleinern und grössern Segelboote, wie sie jetzt noch
üblich sind, hielt dennoch jedenfalls seit 800 Jahren den
Schiffsbau in frischem Athem und machte ihn allmählich
zu einer naturwüchsigen grossen Industrie. — Das
Heringsboot ist unzweifelhaft die Grundlage und der Aus-
gangspunkt des heute so erfreulich blühenden heimathli-
chen SchifFsbaues gewesen, der nun freilich hauptsächlich
die Handels- und Kriegsflotte in Betracht zu ziehen hat
und diese zu zeitgemässer Höhe zu entwickeln und auf
328 Munter:
derselben zu erhalten bemüht sein miiss; allein bei alledem
kann es doch wohl kaum grossen Bedenken unterliegen,
dass die Verbesserung des Schiffsbaues im Allgemeinen
auch im Fischerboote der G-egenwart sich re-
flectirt und documentirt. — Das Heringsboot ist heute ent-
schieden leichter lenkbar; kräftiger, ohne unbeholfene
Form und überflüssige Beithat, dabei ein sicherer und
guter Segler und somit unzweifelhaft vollkommener,
als in der Zeit des einst hier herrschenden heidnischen
Wendenthums und zu den Zeiten der Hansa. Sind nun
auch die Fischer selbst beim Bau ihrer Boote nicht immer
unmittelbar betheiligt, so besorgen sie sich doch späterhin
die Ausrüstung und die Ausbesserung der Takelage selbst.
Sie theeren ihre Boote, dichten sie, setzen sich auch wohl
ein neues selbstgefertigtes Ruder ein, bearbeiten ihre
Ruderstangen (Rehme), repariren ihr Segel- und Tauwerk,
construiren sich Anker aus Holz und Steinen u. s. w.
und werden dadurch auf das Genaueste mit dem Schiffs-
wesen vertraut; auch lernen sie schon im frühesten Kin-
desalter Ruder und Steuer führen, Windrichtung und
Meeresströme kennen und verwachsen somit auf das In-
nigste mit dem Wasserleben. Aber wie auch der Fort-
schritt auf diesem Gebiete der Industrie sich Bahn ge-
brochen hat, noch ist derselbe weit entfernt, überall und
nach allen Seiten hin zur Geltung gekommen zu sein;
das ganze System des Heringsfangs mit Allem, was sich
daran schliesst, bedarf noch zu sehr der Leuchte der
rationellen Gewerbskunde unserer Zeit. Yiel Mittelalter-
liches, viel Althergebrachtes und eben deshalb auch schwer
Ausrottbares umlagert noch diesen Zweig der Industrie.
So z. B. kennt man ausser den Laichplätzen an den Küsten
selbst, die etwa im freien Meere Vorhandenen, einfach
deshalb nicht, weil man sich mit dem offenen Boote nicht
allzuweit von der Küste hinwegwagen darf, ohne sich
den grössten Lebensgefahren Preis zu geben. Aber zur
Ergründung derartiger neuer Fangplätze, die unzweifel-
haft bestehen, fehlt es an geeigneten Fahrzeugen, die
auch die Association der Fischer noch nicht zu erübrigen
und herbeizuführen vermochte, weil dieselben aus nahe
T"^eber den Hering: der pommerschen Küsten u. s. w. 329
liegenden Gründen angewiesen sind, sich auf die zum
Lebensimterlialtc nothwendigen , crfahrungsmässig aber
doch einigermassen sichern Erträge zu stützen, auch wenn
diese einmal nachlassen.
Ein anderer mit dem Heringsfange in unzertrennlicher
Verbindung stehender Industriezweig, der jedoch mehr
oder weniger ganz In den Bereich der Thätigkeit der
Fischer selbst fällt, ist die
Netzfabrication,
welche hier passend mit dem Heringsfange zu be-
sprechen sein dürfte.
Zum Fange des Herings auf seiner kleinen Wande-
rung von der Winterstation und seinen Futterplätzen zur
Laichstelle an der benachbarten Küste, bedarf man grosser
Netzwände, die von der Wasseroberfläche 16 — 20' tief
in das Seewasser hinab, so wie ohngefähr unsere Tüll-
Gardinen vor den Fenstern herabhängen. Diese Art Netze
.jM a n s e n'^ auch „M ansehe n" genannt, sind aus selbst-
gesponnenen feinen Flachsfäden construirt, besitzen Ma-
schen von gesetzlich vorgeschriebener Grösse (26 bis 30
Knoten d. h. Maschen gehen auf 1 Elle Netz), sind ge-
theert oder gelohet und werden durch Flotthölzer an der
Luft- und Wassergrenze suspendirt erhalten, während
Steine längs des untern Netzrandes die hohe Netzwand
straff halten. Um die am Abend ausgelegten „Mansen^
andern Morgens wieder finden zu können, sind sie mit
kleinen Signalfähnchen bezeichnet und Nachts über vor
Anker gelegt. Die mit diesen Im freien tiefen Seewasser
suspendirten Netzen gefangenen Heringe werden „Netzen-
heringe ^ genannt und theurer bezahlt als andere Heringe;
nicht sowohl der grössern Mühe und Gefahr willen, durch
welche man sie erzielte, sondern weil die mit den Mausen
gefangenen Heringe grösser sind und gleichmässiger
ausfallen, als die mit andern Fangapparaten Erzielten.
Die gesetzlich vorgeschriebene und durch die Königl.
Fischmeister controllrte Maschcnw^elte der l^Iansen gestattet
den kleineren Fischen den ungehinderten Durchgang,
hält aber die grössern zurück, die, nachdem sie durch
330 Munter;
die Masche zu dringen sich angestrengt haben, ihrer
Kiemen wegen, nicht wieder zurück können und sich so-
mit gleichsam erhängen, obschon sie sich doch nicht im
eigentlichsten^Sinne des Wortes durch Strangulation tödten.
Derartige Netzwände sind auch beim Heringsfange
der Nordsee üblich und unzweifelhaft sehr alt, werden
aber dort nicht mehr aus Flachsgarn angefertigt, sondern
grossentheils schon aus Seide, einem haltbareren Stoffe
und dann wahrscheinlich auch nicht mehr, wie es von
den Fischern Neuvorpommerns noch geschieht, selbst
angefertigt.
Ein anderer Fangapparat, der seit langen Zeiten
an den Küsten der Nordsee ebenfalls zur Anwendung
kommt, ist das hier mit dem Namen „die Waade'^ be-
legte Ziehgarn. Sobald die Stüme sich den Küsten
nähern, sucht man Sorge zu tragen, den möglichst grössten
Theil des Zuges zu acquiriren. Man umzäunt den der
Küste zusteuernden Stüm mit einem sackartig construir-
ten, mit seitlichen Flügeln versehenen grossen Netze,
zieht an beiden Flügeln dasselbe ans Land und sammelt
das Ergebniss des Fisch -Zuges an dem Ufer selbst ein.
Die Maschenweite der „Waade^ unterliegt ebenfalls der
gesetzlichen Controlle, doch sind die Maschen kleiner und
daher der mit diesem Apparate gefangene Hering nicht
so ausgeglichen und gleichmässig gross, weil man auch
nothwendigerweise kleinere Fische mit fangen muss. Die
Netzmaterialien zur Waade sind dieselben wie bei der
„Mansc", auch die Herrichtung gleicht sich vollkommen.
Das Lohen (Gerben mit einem Eichenrinden- Aufgusse)
und Theeren der Netze ist zwar noch nicht allgemein
üblich und auch eines lohnendem Fanges wegen, nicht
immer nöthig, jedoch conserviren .sich die flächsernen
Netze besser, wenn sie also behandelt sind, während aus-
serdem die Mausen dunkelgefärbt sein müssen, wenn
anders die Heringe hindurch zu dringen veranlasst werden
sollen.
Ein dritter aus flachsenen Garnen construirter
Apparat, vorzüglich beim Fange in dem — vom pom-
morschen Festlande, Fischlande, Dars und Zingst einge-
lieber den Hering- der pommerschen Küsten u. s. w. 331
schlosseneii — Complexe von Brackwassern (Saaler-Barther
Bodden etc.) angewandt^ ist eine Bügel reuse mit zwei
seitlichen Flügeln^ welche den von vorn andringenden
Hering nach der trichterförmigen EingangsöfFntmg eines
langgezogenen durch Tonnenbänder (Reifstöcke) straff
ausgespannten Netzsackes führen. Im Innern der Reuse
befinden sich ein oder zwei kleinere Trichter^ durch die
hindurch der eingetretene Hering nach der am Ende der
Reuse sich zuspitzenden Todtenkammer geleitet und durch
Oeffnen dieses nur zugebundenen Behältnisses herausge-
nommen wird. — Früher scheint dieser Apparat auch auf
dem Aussenstrande und zwar in grösseren Dimensionen
aufgestellt gewesen zu sein^ wenigstens spricht v. Wehrs ^)
von einer Seehundsreuse^ die man zur Beseitigung des
Erbfeindes des Herings aufgestellt habe. Jetzt ist der
Aussenstrand vom Dars und Zingst zu wenig ergiebig,
als dass die Aufstellung derartiger Reusen grosse Erträge
zu liefern vermöchte.
Ein vierter Apparat^ dessen Anwendung jedoch
ausschliesslich nur an Pommerns Küsten stattfinden dürfte,
ist die grosse Heringsreuse. Leider ist es aller
Nachforschung ungeachtet, mir nicht geglückt, den Er-
finder dieser sinnreichen Fangvorrichtung ausfindig zu
machen, obschon die Erfindung in den Anfang (2tes De-
cennium?) dieses Jahrhunderts fallen dürfte. Nach
Mönchgut, wo die grosse Reuse ihre hauptsächlichste Ver-
tretung findet, soll die Construction von Wittow aus, durch
einen Fischer gekommen sein: allein Erkundigungen in
Wittow ergaben leider keine weiteren Aufschlüsse. Die
grosse Reuse ist ein riesiger Netzapparat zu dessen
Aufstellung und Erhaltung ein Kapital von mindestens
200 Thlr. erforderlich ist. Deshalb associiren sich die
Fischer; — 6 auch 12 Fischer (d. h. Büdner oder Bauern)
je nach den Vermögensverhältnissen, bilden eine Com-
pagnie. — Jeder zahlt einen gleichen Beitrag an Geld
und leistet Hülfe und Arbeit bei der Herstellung des
Apparates nach gleichen Theilen; erhält dafür aber auch
1) Der Dars und der Zingst. 1. c. p. 144.
332 Munter:
nach beendeter Campagne seinen gleichen AntheiP). Die
Reuse selbst aber besteht ans zwei Haupttheilen und
zwar a) dem Wehr und b) dem Netz kästen. Das
Wehr ist eigentlich eine geradlinig aufgestellte Manse,
die nur durch Pfähle befestigt ist^ während die gewöhn-
liche Mause durch Flotthölzer und Steine in aufrechter
Stellung erhalten wird. Dieses Wehr, aus starken Fäden
zum Netz gestrickt, hat eine Länge von 500 bis 800 Fuss
und eine Höhe von 16 bis 20 Fuss, wird stark getheert,
damit es den längern Aufenthalt im Seewasser vertragen
kann und ist von der See aus auf das Ufer im rechten
Winkel aufgesetzt. Niemals pflegt man das dem Lande
zugewandte Ende des Wehrs unmittelbar an die Land-
und Wassergrenze selbst zu bringen, sondern es bleibt,
je nach Beschaifenheit der Küste, mehrere hundert Fuss
davon fern. Das am meisten in See hinaus stehende Ende
des (durch eingerammte entsprechend lange Pfähle) senk-
recht aufgestellten Wehrs befindet sich dicht vor dem
Netzkasten, ohne jedoch mit ihm in unmittelbarer Ver-
bindung zu stehen. Der Netzkasten ist, so wie das
1) In diesen Associationen geht es so reell zu, dass es auf
Mönchgut desshalb wohl noch niemals zu Rechtsstreitigkeiten ge-
kommen ist. Der Theilhaber, den die Reihe zur Abfuhr des ge-
wonnenen Guts trifft, geht mit seinem schwerbeladenen Boote ab
und bringt genau so viel Geld zurück, als er nur irgend wie ver-
dienen konnte, jedoch — in baarer klingender Münze, — weil sich
die während der Heimfahrt möglicherweise eintretenden Regen und
Seenebel mit dem in den Westentaschen transportirten Papiergelde
schlecht vertragen würden. — Man ist dabei von allem Misstrauen
so fern, dass man jedem Theilhaber an der Association jede belie-
bige Summe mit vollstem Vertrauen Tage lang überlässt; wie es
denn überhaupt kaum wohl einmal vorgekommen ist, dass ein Mönch-
guter Heringsfischer seinen Landsmann belogen, geschweige denn
betrogen hätte. Noch leiht man sich dort gegenseitig Geld und
oft erhebliche Summen ohne schriftlichen Pfandschein und ohne
Zinsen. Das Wort des Mannes genügt, und ein Treubruch würde
unwiderruflich zur allgemeinen Verachtung führen; für einen Mönch-
guter Fischer eine Schande ohne Gleichen, denn ihm bliebe nichts
als der Tod, oder was ihm gleichbedeutend ist, die Auswanderung
von seiner geliebten Heimath.
Ueber den Hering der pomraerschen Küsten u. s. w. 333
Wehr, völlig unterm Wasserspiegel und je nach der Tiefe,
in welcher er sich befindet, 20 bis 24 Fitss hoch; oben
an der Luftgrenze unbedeckt, auf dem Boden und an den
seitlichen Wänden aber aus starken zum Netz verarbei-
teten Fäden construirt, wie das Wehr und ebenso mittelst
eingerammter entsprechend langer Pfähle ringsherum be-
festigt, und wird ausserdem durch seitlich an Stricken
angebrachte Anker (aus rückwärts umgebogenen einen
grossen Stein einschliessenden Holzstäben) festgehalten.
Auch das am meisten in See hinausragende Ende des
Netzkastens ist in ähnlicher Weise befestigt. Zieht man
drei gleichlange Linien von circa 24' bis 30' Länge ein-
ander parallel so, dass die mittelste der Linien circa 6'
bis 8' die beiden äusseren Parallelen überragt^ und ver-
bindet die Endpunkte der drei Linien durch gerade Linien,
so erhält man die allgemeine Form des Netzkastens. Das
See-Ende des Wehrs steht dicht vor der vorgeschobenen
mittelsten Parallellinie, da, wo eine hohe Spalte in das
Innere des schiefrhombischen Kastens führt. Rechts und
links von den Endpunkten der Linien des nach dem Lande
zugewandten Winkels, in welchem die Eingangsspalte
sich befindet, gehen in geknickter Form hergerichtete
Flügel ab, von der Höhe der Reuse und des Wehrs,
ebenfalls aus Netzmaterial, welche den vordem Eingang
in die Kastenspalte erleichtern, aber den Austritt hindern
sollen. — Streicht nun ein Heringszug aus der Tiefe her-
aufkommend, oder von ungünstigen Winden vertrieben,
längs der Küste, so trifft er zuerst auf das grosse Wehr,
findet dadurch sich behindert und zieht nun demselben
entlang, nach dem Netzkasten zu ; der seitliche Flügel
des Netzkastens ist ihm ebenfalls ein Hinderniss und des-
halb geht der Hering nach der Eingangsspalte zu, passirt
sie und gelangt somit in das Innere des Kastens. Ist nur
erst ein Theil des Stüms passirt, so folgt der andere The^'l
ihm sicher nach und mit ihm alle Begleiter und Verfolger;
so wie es auch vom Thunfische bekannt ist. Deshalb
finden sich denn auch im Innern des Netzkastens Fische
und Säugethiere diverser Art; Flundern, Hechte, Barse,
Kaulbarse, Hothaugen, Plötzen, Dorsche, Störe, Lachse,
334 Munter:
Phocaenen, ja wohl auch Seehunde^ obschon diese letzteren
meist zu klug sind, um durch die Spalte in das Gefäng-
niss einzutreten. Gleichviel ob sich ni;n während des
Abends und der Nacht ein oder einige Stüme gefangen
haben oder nicht, andern Morgens fahren jedenfalls vier
Boote mit je 2 Mann Besatzung nach der Reuse; heben
erst den vordem Theil derselben, indem zwei Boote sich
einander vis ä vis, rechts und links am Vordertheile der
lieuse aufstellen, mittelst starker unter der Reuse herum
gehender Taue empor und treiben so alle in dieser Ab-
theilung befindlichen Fische nach der hintern Abtheilung;
alsdann wird der mittlere Theil gehoben und der vordere
Theil herabgelassen und nachdem der lebende Inhalt der-
selben langsam in die hintere Abtheilung gedrängt ist,
wird auch diese langsam erhoben und nun von der ge-
sammten Mannschaft mittelst Handkescher (kleine gestielte
Sacknetze) herausgenommen, was herausgenommen werden
kann um in die Boote geworfen zu werden. Ist der In-
halt der Reuse ganz geleert, dann wird das gehobene
Hintertheil derselben (die Todtenkammer), wieder hinab-
gelassen, befestigt und die beladenen Boote kehren mit
ihrer im vollsten Aufrühre befindlichen Ladung nach dem
Landungsplatze zurück. Dort harrt der rückkehrenden
Männer der weibliche Antheil der Fischergesellschaft
und deren fröhliche Jugend. Der eine Theil hält Netz-
säcke ausgespannt, der andere Theil beginnt die Fische
zu sichten, die noch immer springend sich in den inzwi-
schen ans Land gezogenen Booten befinden, sie zu Wallen
abzuzählen und in die Netzsäcke hineinzugeben; während
die schweigende Boots-Mannschaft sich ausruht und die
Boote sorgsam reinigt, nachdem ihr Inhalt ausgeleert ist.
Sobald der Fang zu Ende, hat sich indessen ein anderer
Theil der Compagnie fertig gemacht, um mit dem „gros-
sen Boote''', das man inzwischen mit den vollen Netzsäcken
beladen hat, nach den Heringsmärkten : Greifswald, Stral-
sund oder Crüslin abzugehen, wo, namentlich in Greifs-
wald, der Absatz unter allen Umständen gesichert ist;
theils wegen der grossen Zahl von Grünfahrern, die mit
Wagen und Karren sehnsüchtig der anlangenden Boote
Ueber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w. 335
harren, tlieils wegen der nicht minder grossen Zahl von
Heringshändlern, die meist ans dem Innern Mitteldeutsch-
lands kommend, vom Februar bis Juni, des Bücklingsge-
schäftes wegen, daselbst ihren constanten Aufenthalt ge-
nommen haben, oder auch hierorts wohl selbst ansässig sind.
x\n dem sonst menschenleeren Bollwerke, am östli-
chen Ende der Stadt Greifswald entwickelt sich dann,
besonders während der Monate März, April und Mai ein
Leben und Treiben, wie man es sonst nur auf Jahrmärkten
zu sehen gewohnt ist. Die zuweilen zahlreich versam-
melten Heringsboote längs des Ufers; die Räucherhäuser
und Salzereien, deren jetzt 8 neben einander stehen, mit
ihren dampfenden Dächern und fröhlichen Arbeiterinnen
im Innern, die Hundekarren, so wie die mit Pferden be-
spannten Wagen zwischen den Häusern und Booten, das
Herumtragen der zahlreichen Netzsäcke, das Bieten und
Handeln seitens der Käufer und Verkäufer, die zum
„Kehlen^^ der Heringe auf grünem Rasen lagernden Kna-
ben und Mädchen, dazwischen auch die grosse Zahl der
herbeigelockten Spaziergänger, das Alles entwickelt ein
ebenso buntes als markiges Leben und bringt Capitalien
in Umsatz, die während der Heringssaison oft zu erheb-
lichen Summen heranwachsen. Denn wie die Herings-
fischer, so sind auch meistentheils die in schlichter Blouse
erscheinenden Bücklingshändler Thüringens und Sachsens
associirt. Die Compagnien unterhalten meistens vier
Viergespanne, die fortwährend zwischen Greifswald und
Altenburg (dem Vororte des Bücklingshandels) cursiren
und derentwillen der galvanische Strom der Telegraphen-
linie gar oft in Thätigkeit versetzt wird, um die nöthigen
Winke zu geben; denn bei diesen Geschäften stehen oft
Tausende von Thalern auf dem Spiele; in klingender
Münze muss Alles baar bezahlt werden, und von keiner
Seite wird Kredit gegeben, noch auch verlangt.
Dadurch aber wird dem Heringsfischer sein Gewerbe
gesichert, der Besitzer des Räucherhauses findet dabei
seine Rechnung und der Bücklingshändler erübrigt durch
den Verkauf seiner Waare an die Kleinhändler des In-
landes das nöthige Betriebscapital zu erneuter Unterneh-
336 Munter:
mung. — Wenige Monate derartigen raschen Umsatzes
fördern somit die Interessen vieler Tausende von Menschen.
Sind die Küchen aller Räuchereien besetzt und die
Grünfahrer haben ihren Bedarf gedeckt, dann wandert
der Rest der angefahrenen Heringe in die Salzereien, die
eigentlich mehr als ein Nebengeschäft neben der Bück-
lingsräucherei bestehen. Selten noch wird in ., Witten"
gesalzen, und dort auch nur wenn der Greifswalder Markt
überführt ist oder der Fang nicht mehr hinreichend lohnt
um eine volle Ladung abzusenden. — Denn die Preise
für das „Wall'^ (diese kaufmännische Einheit zu je 80
Stück) Hering sind ausserordentlichen Schw^ankungen un-
terworfen. Während das Wall im Februar oft mit V/2
und 1 Thlr. bezahlt wird, wird es zu Ende April oder
im Mai bei starker täglicher Zufuhr und mangelnder Nach-
frage wohl auch einmal mit 1 Sgr. bezahlt.
Veranlassten die gegen die Küsten andrängenden
Heringsstüme eine dem ländlichen Stillleben ergebene
Küstenbevölkerung, Pflug und Egge zeitweilig zu ver-
lassen, um ihr dafür das Steuer und das Segeltau in die
Hand zu geben, damit sie statt der dauernden Furchen
auf ihren Ländereien rasch verschwindende Furchen in
das Meer ziehe, weckten die Stüme frisches fröhliches
Leben an jenen einsamen stillen Küsten, wo sonst nur
die Seeschwalbe ächzend ihr „Kriäh" ertönen lässt und
ein leises Plätschern der aufschlagenden Welle ab und
zu mit dem donnernden Getöse der sturmgepeitschten
schäumenden Salzfluth wechselt, so sind es abermals die
nunmehr unter die Botmässigkeit und in das Eigenthum
der Menschen übergegangenen Heringe, die fern von
ihren dermaleinstigen tiefen und dunkeln Weideplätzen
selbst in ihrem Tode noch, den Scharfsinn und den be-
triebsamen Fleiss der continentaien Bevölkerung in An-
spruch nehmen, zur Rührigkeit während Tag und Nacht
anspornen und Industrieen fördern, die auch wohl einer
historischen Begründung Averth sein dürften; ich meine
Ueber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w. 337
die Industriezweige, welche sich die Aufgabe gestellt
haben, den Hering^ soweit er nicht kurz nach eben er-
loschenem Leben als Nahrungsmittel verwandt werden
kann, in einen Zustand zu versetzen, dass er der sonst
unvermeidlichen baldigen Fäulniss entzogen, genussfähig
bleibt und zu geeigneter Zeit genossen werden kann.
Derartiger
Industriezweige
aber sind zur Zeit drei namhaft zu machen, und zwar:
1) die Herstellung des marinirten Bratherings,
2) die Herstellung des Bücklings und 3) die Herstel-
lung des Salzherings, während die Conservirung der
Heringe nach Morel-Fatio und Verdeil's Methode^)
noch nicht für den pommerschen Küstenhering in An-
wendung gebracht worden ist.
a) Die Herstellung marinirter Bratheringe
ist der jüngste der genannten Industriezweige, zugleich
aber auch der am wenigsten entwickelte; indessen kann
doch schon jetzt behauptet werden, dass ganze Ladungen
marinirter Bratheringe nach dem Innern Deutsch-
lands und auch schon manche Sendung nach dem Aus-
lande gemacht worden ist, so dass es den Anschein nimmt,
als ob diese Conservirungsmethode sich einer steigenden
Beliebtheit zu erfreuen habe. Der frisch gefangene He-
ring wird, nachdem er rein gewaschen und schwach ge-
salzen worden war, abgetrocknet, mit sehr feinem Wei-
zenmehl allseitig bedeckt und in Butter braun gebraten.
Gehörig abgekühlt und schichtenweise mit diversen Würzen
(Lorbeerblättern, Pfeffer, Piment und Citronenscheiben)
in verschieden grosse hölzerne Tönnchen eingepackt, wird
der Brathering soweit mit kaltem Essig übergössen, damit
er nach erfolgtem dichten Verschluss der Tönnchen sich
constant unterm Niveau desselben befindet. Die Herstel-
lung dieser Delicatesswaare ist, wie selbstverständlich,
zwar meist Sache geübter Frauenhände, allein in Folge
1) Dingler's polytechn. Journal 1855. Bd. 137 p. 300.
Archiv f. Naturg. XXIX. Jahrg. 1. Bd. 22
338 Munter:
der theuren Zuthaten und der darauf verwandten Mühe
und Zeit, so wie der Grösse der Tönnchen und je nach
dem Einkaufspreise des frischen (und besten) Netzenhe-
rings, kann der Preis nicht unter 20 Sgr. betragen, wäh-
rend für die grösseren Tönnchen gern 2 Thlr. bewilligt
werden.
b) Die Heringsräucherei, oder die Herstellung
des Bücklings, sowie c) die Heringssalzerei
oder die Herstellung des Salzherings
ist in Pommern fast ebenso lange bekannt, wie an den
Rüstender Nordsee. Valenciennes berichtet (1. c.
p. 184) dass die Stiftungsurkunden mehrerer englischen
Klöster des Uten und 12ten Jahrhunderts, -z. B. des Klo-
sters B erk in g, Bestimmungen enthielten, aus denen her-
vorgeht, dass daselbst bereits Hering gesalzen und
geräuchert worden sei, so wie dass Yarmouth, welches
von Heinrich I. 1128 einen Magistrat erhielt, aus Fischer-
hütten entstanden sei, welche von englischen, französischen
und niederländischen Fischern bei Gelegenheit ihrer all-
jährlichen Hcringsfischereien und Salzereien errichtet
wären.
Lässt sich nun auch bei dem Dunkel, welches die
Geschichte Rügens vor der Ankunft des Bischofs Otto
von Bamberg umhüllt (die Wenden und Slaven pflegten
keine Chroniken zu schreiben), kaum durch sichergestellte
Jahreszahlen angeben , in welchen Jahren man bereits
Hering in Pommern gefangen, gesalzen und geräuchert
habe, so steht doch erwiesenermaassen fest, dass ein deut-
scher Priester aus Bardewyk^), der Begleiter des Bischofs
Otto (welcher vom polnischen Könige Boleslaw III. zur
Bekehrung der Wenden nach deren Stammsitzen ausge-
sandt ward) innerhalb der Jahre 1124— 1128, die von den
heidnischen Wenden bewohnte Insel Rügen zur Zeit
des grossen Herings fangs in Gesellschaft von
Kaufleuten besuchte, während Bischof Otto selbst im Jahre
1128 bei seiner zweiten Reise nach dem Lande der Rugier,
1) Fock, Rügensch-Pommersche Geschichten I. p. 37.
Ueber den Hering der pommersclien Küsten u. s. w. 339
Llutizen n. s. w. in der Gegend zwischen Halbcrstadt und
Demmin von einem einsam an einem Seeufer wohnenden
Manne^ welcher sich hierher geflüchtet hatte, um Salz
gebeten wurde: zum Einsalzen seiner Fische^),
der einzigen Nahrung, die er seit 7 Jahren zu sich ge-
nommen. — Da es auch anderweit erwiesen ist, dass schon
im 12ten Jahrhunderte deutsche-) und nordische Kauf-
leute ^) sich an den Rügenschen Küsten zum Einkauf von
Hering einfanden, die Kunst des Einsalzens aber auch
bereits allgemeiner bekannt w\ar, so darf man wohl er-
warten, dass die fremden Käufer, nicht sowohl die Ab-
fuhr des frischen, als vielmehr des zuvor gesalzenen
Herings beabsichtigten; denn gegen eine Abgabe an
den Tempel des Swantewit auf Arkona erhielten sie das
Recht sich am Fischfange der Rugier zu betheiligen, event.
die gefangenen Fische aufzukaufen.
Der Rügenfürst Wizlav befiehlt ferner in einer von
Dreier (Specim. circa inhumanum ius naufragii p. 190)
erhaltenen Urkunde den fremden Kaufleuten und Fischern
Einiges, was sich auf das Einsalzen der an den Rü-
genschen Küsten gefangenen Fische bezieht. Sodann be-
stätigt im Jahre 1270 Herzog Barnim I. dem Kloster
B e 1 b u c k in Hinterpommern den Kauf des Sees und
Flusses Rega; nimmt jedoch die Zahlungen von 2 Denaren
an einen gewissen Bispravus (miles Bispravus) aus, die
dort von den Wirthen für die Last ei ng es alz ener He-
ringe entrichtet w^erden mussten ^) (^duobus solidis dena-
riorum de Lastonc alleCj quod ab hospitibus ibidem sale
conditiim fuerit).
In der von Prof. Joh. Gottf. Ludw. Kosegarten
1) Andreas de vita Ottonis C. lY. ed. Valer. Jaschii. Colber-
gae 1861. 4°. p. 172.
2) Nach einer Mittheilung des Dr. P allmann soll sich schon
beiDitmar von Merseburg aus dem 11. Jahrhunderte eine Erwähnung
des pommerschen Heringshandels nach dem Inlande finden.
3) Fock 1. c. p. 14.
4) D reger Cod. diplom. im ungedruckten Tom. II. No. 450.
(cf. Seile Versuch einer Geschichte des Pomm. Handels. Stettin
1796, 4^. p. 22 Note 3.)
340 Munter:
im Jahre 1833 publicirten Jubelschrift ^) zur 600jährigen
Stiftungsfestfeier der Stadt Greifs wald, veröffentlichte
der gelehrte Geschichtskenner seiner Heimath^ die von
ihm im Stadt- Archive Greifswald' s entdeckte Handschrift
einer Zoll rolle aus dem Jahre 1270, welche (1. c. p. 11
und 12) folgende Bestimmungen enthält:
1. c. p. 11. ;,Primo: Quicunque vult deducere allec
dabit pro lasta allecis II solides. Item pro curru dantur
IUI denarii. Item pro karruca II denarii.'"'
;,Item plaustrum sicci allecis, videlicet s pioliering
VI den. et similiter recentis allecis VI den.^
,,Item si aliquis danus, Normannus, seu eis similis
vult abducere alleo dabit II sol. pro lasta. ^
1. c. p. 12. ,,Item quicunque deducit vinum vel allecy
non conputabit theoloneum nee dabit pro gravibus rebus
quas swarlast vocamus, sicut de illis praescriptum est;
sed dabit pro ipsis vino et alleoe ut dictum est theoloneum
speciale.'^
In dieser interessanten und für unsere Frage sehr
schwer wiegenden Urkunde ist der Gegensatz von fri-
schem Hering (allec recens), dem einfachen allec gegen-
über wohl nicht anders zu verstehen, als dass mit dem
letztern gemeint sein soll: gesalzenerHering, indem
doch nur dieser von den Hansa-Kaufleuten exportirt werden
konnte. Nicht minder wesentlich ist die Anführung des
Spickherings d.h. des Bücklings unserer Tage.
Kosegarten erläutert (1. c. p. 12) in der Note zwar
das Wort spic durch speo d. h. lardum (lardo simile),
allein ich glaube doch dem leider nicht mehr unter uns
weilenden grossen Sprachkenner gegenüber, die Ansicht
aussprechen zu dürfen, dass das mit hering combinirte
Wort spic in diesem Falle nicht wohl „F etthering"
bedeutet, sondern dass darunter wegen des erklärenden Zu-
satzes: „sicci allecis^ Bückling zu verstehen sein dürfte.
Noch heute bedeutet nach Hey se (Wörterbuch der deut-
schen Sprache p. 981) das schwedische ,Verbum „spicka'^ :
1) De Gryphisvaldia Hansae Teutonicorum socia. Gryphisv.
1833. 4«.
Üeber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w. 341
räuchern und nach H o 1 m b o e (Det norske sprogs veesent-
ligste Ortforred Wien 1852. #. p. 318) bedeutet das alt-
nordische Verbum ^speikja" so viel als das dänische ^spege'''
d. h. salzen und räuchern (ved Saltning og Törring). In
den noch gebräuchlichen Zusammensetzungen Spickaal,
Spickflunder etc. ist dasselbe Wort ^spio" erhalten und
bezeichnet dort genau denselben Zustand wohlbekannter
Fische, wie er uns im Bückling entgegentritt. Ich über-
setze daher spichering der Greifs walder Zollrolle
unbedenklich durch ^^Bückling'^ und trage kein Bedenken,
dass, so wie schon im 12ten Jahrhundert die Herings-
räucherei an englischen Küsten, dieselbe Conservi-
rungs-Methode im 1 3 ten Jahrhunderte auch in
Greifswald schon bekannt war und ausge-
führt wurde.
Aus diesen historisch-sichergestellten Thatsachen er-
hellt, wenn anders es noch des Beweises bedürfte, zur
Genüge, dass in dem oft genannten Jahre 1416 dieHe-
ringssalzerei nicht erst erfunden und mithin auch
Wilhelm Beukels oder Beukelsen (auch Johann Beu-
kelem, Beukelszoon, Bukfeld, Belkinson, Bökel und Bu-
kelt, ja sogar William Biervliet genannt) unmöglich
der Erfinder dieser Kunst sein kann, wenn ihm auch zu
Biervliet in Flandern (seinem angeblichen Geburts-
orte^), nach seinem 1397 (alias 1449, alias 1474) erfolgten
Tode von den Holländern ein Denkmal errichtet wurde
und an dessen Grabe Kaiser Carl V. 1536, in Gesellschaft
seiner Schwester Maria, Königin von Ungarn, einen He-
ring verspeist haben soll.
Möglich und wahrscheinlich ist es freilich, dass die
etwas mythische Person des Beukelsen eine Verbesserung
in der Verpackung des Salzherings angegeben haben
mag, und somit für den Ruf des holländischen Fisches
1) Bloch (1. c. p. 187) führt in der Note an: „Andere wollen,
er sei ein schottländischer Fischer gewesen, der aus Missvergnügen
über sein Vaterland, dasselbe verlassen und die Flanderer das Ge-
heimniss des Einsalzens der Heringe und selbige einzupacken ge-
lehrt hätte."
342 Munter:
wesentlicli wirkte, aber es ist notorisch unrichtig,
diesen Mann, dessen Name so vielfach anders ange-
geben, dessen Heimathsberechtigung den Holländern oben-
ein von den Schotten abgesprochen wird^ dessen Todes-
jahr endlich den grösstmöglichsten Varianten unterliegt,
diesen Mann für den Erfinder der Heringssal-
zerei auszugeben! — Ebenso geringe historische Be-
rechtigung hat aber die Angabe, dass derselbe Beukels,
v^ie es von Fr. Sam. Bock') behauptet worden ist, die
Bücklingsfabrikation erfunden habe und daher auch der
Name Bückling von dem Erfinder Wilhelm Beukel
abzuleiten sei. — Bock setzt freilich hinzu, dass man
auchPeckling oder P e ekel bering schreibe, welches
vom Peckel (Salzlaache) abzuleiten sei, in welchem die
Fische vorher liegen müssten. — Durch die Greifswalder
Zollrolle von 1270 (die jedenfalls doch nicht nach 1275
geschrieben wurde) wird diese Annahme jedoch ein für
allemal unmöglich gemacht. Der noch heute im
Reg. Bez. Stralsund übliche Name „Spickhering^ ist noch
nicht ganz durch den offenbar holländischen Namen „Bück-
ling^ verdrängt worden und bcAveist zur Genüge das hohe
Alter eines Productes der naturwüchsigsten pommerschen
Industrie, die seit ihrem ersten Auftauchen in der Greifs-
walder Zollrolle, so wie die ihr gleich alte Salzerei, sich
in allen folgenden Jahrhunderten mit Sicherheit historisch
nachweisen Hesse, wenn anders es einer ausführlichem
Nachweisung und Begründung bedürfte.
Schon im Jahre 1276 erhielt nach O. F o c k -) auf
dem damals zu Dänemark gehörenden Schonen (wo
seiner Zeit zu Falsterbo und Skanoer die Heringsfischerei
in grossem Flor war, so dass die Kaufleute der Hanse-
städte Lübeck, Wismar, Rostock sich behufs des Herings-
salzes dort einfanden), Stralsund seine eigene Yitte
(Heringspackerei) und darauf 1280 auch Greifswald
und zwar für ewige Zeiten. Die Vitte der letzteren lag
1) Versuch einer vollst. Natur- und HandlungsgeschicMe der
Heringe. Kgsbg. 1769. p. 71 Note 9.
2) 1. c. Heft n. p. 166 und 167.
Ueber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w. 343
in Falsterbo zwischen dem Kirchhofe der Deutschen^ dem
Meeresnfer imd der Stralsnnder Vitte. Die nach Scho-
nen^ der südlichsten Provinz Schwedens dirigirten Fahrten,
zu welcher die Pommerschen Salzer einen so ungehin-
derten Zutritt und zahlreiche Geleitsbriefe vom dänischen
Könige erhielten, hatten zur Folge, dass bei dem dama-
ligen Associationsgeiste der handeltreibenden Küstenstädte
neben der Hansa unter Lübeck's Vorsitze, auch die Kauf-
leute eines und desselben Ortes sich zu gemeinsamem
Schutz verbanden und Compagnien errichteten, die, wie
einst in Hamburg, so nominell auch heute noch in Greifs-
wald als ., Schonenfahr er-Compagnie^ besteht,
freilich mit andern Tendenzen aber durch die 3 Heringe
im Siegel der Gesellschaft zur Genüge auf ihren Ur-
sprung hinweisend \).
1) Das Siegel und die Acten der zur Zeit noch bestehenden
Schonenfahrer-Compagnie Greifs walds befindet sich gegenwärtig in
den Händen des Vorsitzenden der Gesellschaft, nämlich des Herrn
Senators Grädener, dem ich die Ansicht des Petschafts und der
Acten verdankte.
Dass man im 13ten Jahrhunderte lieber die damals gefahrvolle
Seereise nach Schonen unternahm, um Heringe zu salzen, die man
an der heimischen Küste doch zureichend besass*), könnte zu dem
auch in der That gezogenen Schlüsse berechtigen, dass der Rügen-
sche Heringsreichthum plötzlich zu Ende gegangen und der Fisch
nach Schonen sich gewandt habe. Als Gegenstück hiezu berichtet
freilich v. Wehrs (l. c. p. 141) dass zur Zeit der franz. Herrschaft
unter Napoleon sich Hering in grosser Fülle an der pommerschen
Küste eingefunden habe, während er sich an den schwedischsn und
englischen Gestaden vermindert habe; Angaben, aus denen man
auf grosse Wanderungen der Heringe schliessen müsste !
Allein da wir oben gesehen, dass Heringe zu grossen Wanderungen
gar nicht befähigt sind und sie in Wahrheit auch gar nicht machen,
so muss jener öfters wiederkehrende Schluss, der sich jedoch auf
irrthümlich ausgelegte oder falsche historische Angaben stützt, als
*) So musste nach Sell's (1. c. p. 7) Berichten der Flotte
Waidemars I. von Dänemark, als sie unter Führung des Bischofs
Absalon nach der Einnahme Stettins an den Eügenschen Küsten vor
Anker lag, so viel Hering täglich geliefert werden, als die Mann-
schaft bedurfte! cf Saxo Grammaticus Hist. Dan. lib. XIV. ed.
Steph. p. 838 et 339.
344 Munter:
Liess sicli, wie wir eben sahen, die Kunst des Ein-
salzens des Herings bereits für das 12te und 13te Jahr-
unrichtig von der Hand gewiesen werden. Allerdings wechseln
Zeiten grosser Heringserträge mit Zeiten sehi' geringer Erträge, ja es
sind Fälle vorgekommen, dass die Heringsproduction zeitweilig ganz
nachgelassen hat. Nach Bock (1. c. p. 42), der sich auf Hartknoch
(Alt und Neupreussen p. 206) stützt, sollen 1313 die Heringe von
der preussischen Küste verschwunden sein und sich nach
Schonen übergesiedelt haben. Aber die Originalquelle (Düsburg's
Ordenschronik) sagt nur, dass man in diesem Jahre an Heringen,
welche von undenklichen Zeiten her, in Preussenland so überflüssig
gewesen sind, einen Mangel gehabt habe. Diese auffallenderweise
mit dem angeblichen Verschwinden des Herings an den Rügenschen
Küsten und dem Hervortreten desselben an den süd-schwedischen
Küsten zusammentreffende Angabe Hesse eine weithin wirkende Ur-
sache voraussetzen und in der That setzt eine alte Angabe praeter
propter das Jahr 1309 fest, wo die Halbinsel Mönchgut vom Rüden durch
eine grosse Sturmfluth getrennt worden sein soll. Wäre nun eine
solche Katastrophe genau historisch nachzuweisen, so könnte man
auch gern glauben, dass in Folge derselben die Heringsstüme von
den Rügenschen Küsten verscheucht und nach Schonen gejagt wor-
den seien; allein wir haben ja oben gesehen, dass die Schonenfahrer-
Compagnien in Greifswald und Stralsund bereits 1276 und 1280 ihre
Yitten in Falsterbo besassen und längst zuvor die altern Mitglieder
der Hansa dort Heringe salzten: es ist daher eine ganz vage und
nichtssagende Behauptung, dass der an der Südküste der Ostsee
verschwundene Hering nach den Nordküsten derselben verschlagen
sei. Vielmehr ist es wahrscheinlich, dass die Nachfrage nach Salz-
hering grösser war, als das Angebot seitens der Rügenschen Fischer,
und dass man sich daher veranlasst sah, an den reichern Fang-
plätzen sich direct mit einer Vitte zu betheiligen und von den Vor-
theilen des Grosshandels Nutzen zu ziehen, zu welchem Nowgorod
u. a. Plätze der östlichen Küste der Ostsee zureichende Gelegenheit
boten, so wie heute noch der Handel über Danzig, Königsberg und
Memel den Greifswalder Küstenhering nach Polen und Russland
führt.
Massenhaftes Ausfischen hat freilich auch die einst auf Schonen
bei Falsterbo blühende Heringsfischerei für die grosse Industrie des
Salzens etc. vernichtet, so dass heute noch kaum der Bedarf des
nächsten Hinterlandes durch den dortigen Fang gedeckt wird, wie
die aus Ystad u. s. w. nach Rügen zum Einkauf frischen Herings
kommenden schwedischen Boote genügend beweisen. Allein N i 1 s s o n
(1, c. p. 5) konnte doch noch mit den Fischern seiner Heimath den
üeber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w. 345
hundert in Pommern nachweisen und darthun, dass man
nicht nur den an den heimischen, sondern auch den an
den schwedischen Küsten gefangenen Hering vor und
nach Beukelsen's Zeiten einzusalzen verstand und diese
Kunst im Grossen ausübte, so lässt sich doch nicht in
Abrede stellen, dass die bessere Yerpackungs-Methode
der Holländer allmählich sich auch für den Küstenhering
Pommerns Bahn brach, und mit ihr Worte und Namen
in Aufnahme kamen, die ursprünglich wohl nicht in Pom-
mern gebräuchlich waren. So bedeutet ,TVr akhering*"
bei den Holländern ursprünglich , nicht ganz tadel-
freien Hering'*' dem z. B. mitunter die Köpfe fehlen
oder der noch nicht gehörig gepackt, sondern unregel-
mässig durcheinander in Tonnen gelegt ist. Heutigen
Tags dagegen ist dieser Name hierorts allgemein im Ge-
brauch, obgleich man darunter die durch den Königl.
Wrakmeister contrasignirte verkaufswürdige gute
Waare versteht, also eigentlich das Gegentheil von dem.
vor Malmö und den vor Cimbrisham gefangenen Hering nach Racen
unterscheiden und p. 4 gedenkt er ausdrücklicli des Vorkommens
des Herings im südlichen Schonen. — Derselbe Nilsson ist
es, der auch von einem dermaleinst auf den Bohuslän'schen Scheeren
blühenden Heringsfange berichtet, wo z. B. 1787 die ungeheure Zahl
von 1,472,000 Tonnen Heringe gefangen wurden, davon 400,000 ge-
salzen, 4000 geräuchert. 2000 gepresst (wohl getrocknet!) und 1,066,000
Tonnen zu Thran Calso Fischthran im strengsten Sinne des Wortes)
verkocht wurden. Nilsson erwähnt aber nicht, dass eben da-
selbst, an den Bohuslän'schen Scheeren, vor 1587 der He-
ringsfang bereits im üppigsten Flor war, jedoch nach diesem Jahre
so auffallend nachliess, dass man aufhörte von Gothenburg aus
Hering auszuführen und deshalb auch nicht mehr die Bohuslän'schen
Scheeren aufsuchte, bis in der Mitte des vorigen Jahrhunderts der
Fang von Neuem wieder lohnend ward und zu jenem Maximum
emporstieg, von welchem ab bis ins 3te Jahrzehnt dieses Jahrhun-
derts man es dahin gebracht hatte nach Anwendung der verheerend-
sten Fangmethoden und in der Meinung auf eine stete Einwanderung
vom Norden her, sicher rechnen zu können, die in den Scheeren
heimisch gewesenen Stüme gänzlich auszufischen*)!
') cf. Nilsson 1. c. p. 3 Note 2.
346 Munter:
was der Holländer damit sagen wollte. Desgleichen hat
man die Methode^ den gewrakten Tonnen ein Zei-
chen aufzubrennen^ eingeführt, wie es in Holland seit
langem geschieht; und Aehnliches mehr. Bei alledem
aber ist man in Pommern noch weit entfernt, die Herings-
salzerei zu der Höhe entwickelt zu haben, wie sie von
den Holländern gehandhabt wird, wie sich am Besten
aus einer Vergleichung der üblichen Methoden ergeben
wird.
Das Verfahren aber ist folgendes: 1) Der mittelst
„Mansen^-artiger Netze gefangene Hering wird von den
Holländern so frisch als möglich, auf den Buysen
selbst, gekehlt. Der an den Küsten Pommerns
unterliegt, weil er als Handelswaare an dritte Personen
geht, einer zeitraubenden überflüssigen Zählung in Walle
an der Fangstätte und wird von da im todten Zustande,
mittelst grosser steifer Segelboote, 4 bis 6 Meilen weit,
nach dem Yerkaufsorte verfahren. Die Reise bei widri-
gem Winde zum Beispiel starken Verzögerungen
ausgesetzt, kann, wie ich es selbst erlebt habe, von
Morgens 7 Uhr bis Nachts 12 Uhr dauern! Dabei bleibt
der in Netzsäcken aufeinander gepackte Fisch der Ein-
wirkung von Wind und Sonne ausgesetzt! —
Durch diese Transportmethode wird dem Blute des He-
rings volle Zeit gegeben, aus den Gefässen zu extrava-
siren und das Fleisch, so wie die Wirbelsäule blutig zu
färben. Es ist daher unmöglich, schneeweisse Handels-
waare zu erzielen. 2) Während die Holländer den
frisch gefangenen Fisch sofort kehlen, d. h. durch
Ausreissen des Kehlfleisches, der Kiemen, des Herzens
und des Darms ihn der rascher faulenden Organe be-
rauben, liegen zwischen dem Fange und dem Kehlen des
pommer sehen Küstenherings wenigstens 12 Stun-
den, häufig aber ein viel grösserer Zeitraum ! 3) Wäh-
rend die Holländer das Kehlen auf dem reinlichen
SchifFsdeck vornehmen, geschieht es an der po mm er-
sehen Küste zwar auf grasbedeckten, aber nichts desto
weniger mehr oder minder bestaubten und sandigen Flä-
chen. 4) Während der Holländer seinen gekehlten
lieber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w. 347
Hering in frischem Seewasser abwäscht, ihn stark mit
Salz einreibt imd in frischbereitete starke Salzlaake
legt, in welcher ein Ei schwimmt, worin er den Hering
die ersten 12—15 Stunden liegen lässt, bringt man den
pommerschen Hering in Kufen, welche 100 — 300
Wall aufzunehmen im Stande sind, bestreut ihn, wenn
es rationell geschieht, mit St. Ybessalz (Spanisches
Seesalz), Lässt ihn 12 — 18 Stunden darin, wäscht ihn als-
dann in dieser Blutlaake und bringt ihn endlich zum Ab-
laufen derselben auf Hürden. Die Blutlaake aber wird
zu mehreren Malen in iVnwendung gebracht und ist nicht
immer frei von übelriechenden Beimengungen! 5) Das
Einlegen in buchene Tonnen, die vom pommerschen
Heringe je nach dessen Grösse, 20 aber auch 26 Wall
aufzunehmen vermögen, geschieht allerdings mit glei-
cher Sorgfalt, so wie in der Nordsee. Zuerst streut
man grobkörniges St. Ybessalz (welches die Königl. Re-
gierung unter Steuererlass zu liefern Sorge trägt) auf
den Boden der Tonne, schichtet sodann die erste Lage
mit dem Rücken nach abwärts gelegter Heringe neben
einander, sü'eut von Neuem bonificirtes Salz darauf, lagert
abermals, jedoch im rechten Winkel zur ersten Schicht,
eine neue Serie mit dem Rücken abwärts gewandter He-
ringe neben einander, streut Salz u. s. w. bis endlich die
Tonne vollgefüllt ist. — • Zu je 4 Tonnen Hering rechnet
man 1 Tonne St. Ybessalz von 405 Pf. Gewicht; — auch
trägt man einige Sorge, dass die grösseren und kleineren
Heringe zuvor einigermassen gesondert und jede Sorte
für sich verpackte werde. Ist die Verpackung also be-
werkstelligt, so erhält die in Gegenwart der Königl.
Steuerbeamten zugespunnte Tonne einen Brandstempel
und zwar für grössere Heringe den „Zweiadler^^ — für
kleinere den „Einadler-StempeP^ — Drei bis vier Wochen,
auch wohl etwas später, nach der stattgehabten ersten"
Verpackung müssen die Tonnen zur „Wrake" gestellt
werden, d. h. sie werden vom Königl. Wrakmeister ge-
öffnet, eine und die andere herausgenommene Probe wird
mittelst eines Querschnitts untersucht, ob das Salz zu-
reichend eingewirkt hat und sodann mit anderweitig ent-
348 Munter:
nommenem Salzhering gleicher Grösse soweit erhöht, bis
die während der ersten Periode entstandene Lücke im
Fasse vollständig ausgefüllt ist. Die bis über den Rand
nunmehr mit Salzhering erfüllte Tonne wird darauf vom
Wrakmeister zugeschlagen und mit dem Reisseisen neben
dem Brandstempel mit einem Zeichen versehen, welches
die Qualität der gesalzenen Waare ausdrückt.
Eine Tonne ^Zweiadler-Hering^ kostet je nach der
Conjunctur 4 bis 7 Thlr.^ eine Tonne ^Einadler- He-
ring 3 bis 6 Thlr., also meistens 20 Sgr. bis 1 Thlr.
weniger.
Der Salzprocess, welcher den frischen Hering in
Salzhering umsetzt, geht gewöhnlich während der höheren
Sommertemperatur in schattigen Räumen vor sich und
macht, dass der Fisch im ungekochten Zustande geniessbar
wird; die Laake, welche während dieses Umwandlungs-
processes, aus den eiweisshaltigen flüssigen Bestandtheilen
des Herings und dem St. Ybes-Seesalze entsteht, enthält
als eigenthümliches Product der vor sich gehenden Zer-
Setzung eine Imidbasis, das Trimcthvlamin € Hgj-N, -wel-
ches mit Salzsäure ein zerfliessliches Salz liefert und rein
dargestellt, selbst mit dem gleichen Volumen Wasser ge-
mischt, noch brennbar ist, und dem die Laake ihren be-
sondern Geruch verdankt. Nur mit grosser Schwierigkeit
und mit grossen Kosten lässt sich diese Basis aus der
Laake vollständig ausscheiden, um ein wieder brauchbares
krystallisirtes Seesalz zu liefern, daher denn auch diese
Ausscheidung im Grossen leider nicht ausführbar ist. Es
ist eine nothwendige Folge dieser Eigenthümlichkeit der
Laake, dass sie jetzt nicht mehr, wie vordem, als Salzlö-
sung zur Versteuerung kommt, sondern dass dieses Neben-
•product der Heringssalzerei mit Auflegung einer entspre-
chend geringen Steuer in den deutschen Zollverein ein-
geführt werden darf.
Die Herstellung des Spickherings (Bücklings)
ist, wie oben angegeben, ebenfalls ein in Pommern be-
Ueber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w. 349
reits vor dem Jahre 1270 ausgeübtes Verfahren, um den
Hering in jenen eigenthümlichen Zustand zu versetzen,
wodurch er fähig wird, sich eine gewisse Zeit hindurch
zu erhalten und geniessbar zu bleiben.
Gewöhnlich sieht man im Bückling einen geräu-
cherten Hering, eine Voraussetzung die wenigstens
für den pommerschen Bückling nicht zutrifft.
Aber dieser Irrthum ist um so mehr zu entschuldigen,
als ja selbst die Stätte, in welcher die Metamorphose zur
Ausführung kommt, ganz allgemein hierorts mit dem Na-
men „Raucher hau s^^ belegt wird. Zum ,,Räuc her-
hause bringt der Bücklingshändler den am Bollwerk
gekauften frischen Fisch, lässt ihn dort „räuchern^;
bezahlt die Gebühren für das „Räuchern^^ an den Be-
sitzer des „R^^^^^^^^^^ses^ und so fort. Alle diese Aus-
drücke sind gang und gäbe geworden und fanden von
den Küstenstädten aus, nach dem Inlande hin, ohne irgend
welchen Widerspruch ihre Verbreitung.
Der alt-pommersche Name „Spickhering^^ (Spic-he-
ring) wohl von dem altnordischen Worte „speikja^
salzen, dörren^) abstammend, drückt den Zustand
des Herings, der damit überhaupt bezeichnet werden soll,
entschieden am besten aus, denn in der That ist der
nach vorhergehendem Salzen eingeleitete „Dörrungs-
process'^ einer der wesentlichsten Acte in der ganzen
Manipulationsreihe. — ■ Durch den holländischen Namen:
Bocksharing, Bucking, von „Backen^ (Dörren) mag auf
dasselbe Verfahren hingewiesen worden sein, obschon die
gegenwärtige Bücklings -Fabrications -Methode der Hol-
länder von der Neuvorpommerschen wahrscheinlich ver-
schieden ist. Leider stehen mir keine zuverlässigen Be-
richte über das holländische Verfahren bei der Bücklings-
Fabrication zu Gebote und kann ich daher nur über die
1) Holmboe, Det norske Sprogs veesentligste Oriforraed.
Wien 1852. 4°. p. 318. Im Dänischen heisst spege, pöckeln, spicken;
im Schwedischen nach Heyse's Wörterbuch der deutschen Sprache
p. 981 heisst spicka: räuchern. — In Krünitz ökon. Encyclo-
pädie p. 753 Note, bemerkt der Verf. des Art. Hering, dass bei den
Westgothen speka, dörren bedeute.
350 Munter:
von den Franzosen und Engländern gehandhabte Methode
berichten ^ wie sie durch V a 1 e n c i e n n e s ^) zu unserer
Kenntniss gekommen ist. Nach ihm producirt man im
Departement de la Manche den vorzüglichsten „Hareng
saur'^^ weil man sich dort gut getrockneten Buchenholzes
zum Räuchern bedient^ und nicht wie an den übrigen
Küsten Frankreichs ; feuchten Buchenholzes oder gar
Kiefernholzes. Allein auch dort werden die Bücklinge
nicht lange genug getrocknet^ so dass sie weniger haltbar
sind. Zur Herstellung des Bücklings wird der Hering
nicht eingesalzen^ wie Salzheringe sondern nur ein wenig
mit Salz bestreut^ an Spiessen (ainettes) aufgereiht und
im Schornstein aufgehängt ^ wo er bei einer massigen
Wärme (chaleur douce) und sehr starken Rauche
mehr oder weniger lange Zeit verbleibt. — Eine andere
Methode der Bücklings-Fabrication an den französischen
Küsten liefert den ^Hareng de trois nuits'^ d. h.
Hering, der ein kleines weniger frisch ist als derjenige^
welchen man pöckelt. Doch soll der Hering ,,de pre-
miere nuit'^ besser sein, als der andere. — ■ Zu 10 —
12000 Heringen giebt man drei (Grewichts-?) Einheiten
(mesures) Salz; bevor die Fische aber in die Räucher-
kammer kommen, wäscht man sie;- hier mit süssem Was-
ser, anderswo mit Salzwasser. Gut gewaschen und abge-
trocknet hängt man sie in der Räucherkammer so auf,
dass sie sich nicht gegenseitig berühren, macht darauf
Feuer (premier feu) und trägt Sorge, dass dies continuir-
lich ungefähr 15 Tage unterhalten bleibt, dann lässt man
mit dem Feuern und Rauchmachen nach, damit die He-
ringe schwitzen und ihr Oel verlieren, sodann trocknet
man sie fernerweitig in diesen oft 6 — 7mal hundert Tau-
send Fische enthaltenden Räucherkammern 3 bis 5 Wo-
chen lang, bis sie vollkommen trocken sind. — Endlich
gedenkt Valenciennes einer oten Bücklingspräparation,
wodurch die Fische indessen nur in den Gegenden ver-
zehrbar werden sollen, wo sie präparirt wurden, weil sie
weniger haltbar seien. — Leider berichtet Valenciennes
1) Hist. nat. des poissons Vol. XX. 1847. p. 239 u. fgd.
Ueber den Hering der pommerschen Kücten u. s. w. 351
über dieses Conservirungsverfabren zu kurz^ um den
ganzen Vorgang vollständig übersehen zu können. Man
bringt die nocli nicht abgetropften Fische in die Räucher-
kammer und räuchert sie sofort; das Wasser aber, wel-
ches die Fische noch enthielten^ mache sie aufblähen,
weshalb sie harengs bouffis oder auch craquelots
genannt würden. •— So viel über die französischen Präpa-
rationsmethoden.
Schottische Bücklinge, die mir einst ein gün-
stiger Zufall zuführte, schienen eine ähnliche Behandlung
erfahren zu haben, wie die von Yalenciennes beschrie-
benen französischen. Sie waren insbesondere sehr salzig
und so stark geräuchert, wie man es in Deutschland sonst
nur von Schinken und Speck gewohnt ist. Diese höchst
pikanten Bücklinge dürften deutschen Gaumen schwerlich
zusagen und werden sich daher auch wohl nie als Han-
delswaare bei uns einbürgern.
Aus den vorstehend aufgeführten Thatsachen ergiebt
sich zur Genüge, dass man nun denn doch wohl be-
rechtigt sein dürfte , den Bückling einen g e r ä u-
cherten Hering zu nennen und dass meine im Ein-
gange zu diesem Abschnitt gemachte Aeusserung: der
Bückling (wenigstens der pommersche) werde mit Unrecht
„geräucherter Hering'^ genannt, auf einem Irrthum
meinerseits beruhe. Dem ist jedoch nicht so. Zu meiner
Rechtfertigung sei es mir gestattet zuerst den Bericht
eines Mannes abzudrucken, den ich unlängst kennen
lernte, nachdem ich durch umständliche Studien längst
das wahre Sachverhältniss ermittelt hatte. In der „Samm-
lung von Natur- undMedicin- etc. Geschichten,
die sich anno 1720 in den drei Winter- Monaten in Schle-
sien und andern Ländern begeben haben, Leipzig und
Budissin 1721. 4^. pag. 439", berichtet Dr. N. Chiliani,
Arzt zu Wismar folgendes:
„Was unsern Heringsfang anbelangt, so werden
selbige im April nur, von Medio an, bis zu Ende dessen,
gefangen, welche aber nicht in Tonnen können einge-
saltzen werden, weil sie sehr klein seyn, sondern es werden
hiesigen Ortes Bücklinge, Flickhering und trok-
352 Munter:
kene Hering davon zum Gebrauch bereitet. Jene
werden folgender Massen gemacbt: Sobald als selbige
vom Wasser aufgebracht werden, so sind sie todt, werden
sofort mit Salz besprenget und bleiben etliche Stunden
im Salze liegen, alsdenn werden solche unter dem Kopff
auf einem darzu aptirten Stock oder Spiessgen bei
30. 40 und mehr gestecket, hiernächst unter einer Tonne,
oder in einem von Mauersteinen in länglichtem Quadrat
zusammengesetzten Ofen, so aber ganz offen, reyhenweise
oder Stock bei Stock gehangen (der Ofen in der Höhe
ist 3 bis 4 Schuh hochj, alsdenn wird unten von altem
Holtze, Moss und andern Sachen, so mehr rauchen, als
brennen, Feuer gemacht; oben über die Heringe werden
Sacke, Teppichte und andere Sachen gedecket, dass der
Rauch so leichtlich nicht davon kommen kann. In sol-
chem Rauch und Qualm hangen solche auf eine Stunde
und länger, biss sie trocken und braun geräuchert sein;
alsdann werden sie abgenommen, in Wallen gebunden,
deren 70 bis 80 ingehen und zum Verkauff oder Verbrauch
verwahret. — Flickheringe werden fast auf gleiche
Art gemachet, nur dass diese in der Mitte der Länge
nach von einander gespalten und also besser durchräuchert
sind, wovon einige mehr Wercks machen, massen sie mit
Butter bestrichen und hiernächst auf dem Rost gebraten
werden. — ■ Die trocknen Heringe werden auf Stöcke
gezogen, entweder in der Luft, oder auch im Rauche der
Schornsteine, trocken gemacht, hernach mit gelben Rüben
oder Wurtzeln gekochet, welches eine häufige Speise
gemeiner Leute ist, wovon aber nicht viel besonderes.'^
Nach Bock^) der das Wesentlichste der Chiliani'-
schen Mittheilung p. 71 und 72 reproducirt, soll sich im
23sten Bande des Hamburger Magazins p. 563 — 583 eine
fast wörtlich gleichlautende Darstellung in der genannten
Zeitschrift niedergelegt finden, und fast ganz derselbe
Artikel findet sich auch in Krünitz ökonomischer En-
cyclopädie Th. 20. p. 753 ohne dass bis zum Jahre 1780
1) Versuch einer vollständigen Natur- und Handlungsgeschichte
der Heringe. Königsberg 1769.
Ueber den Hering der pommersclien Küsten u. s. w. 353
Widerspruch gegen diese Angaben erhoben ist. Daraus
aber darf man wohl den Schluss ziehen^ dass die Bück-
lingsfabrication im vorigen Jahrhunderte an den Ostsee-
küsten im x\llgemeinen nach denselben Grundsätzen aus-
geführt worden ist; wie es beinahe auch heute noch der
Fall ist; nur dass der Nachfrage entsprechend^ grossarti-
gere Einrichtungen nöthig geworden sind.
Auch heute noch wird der frische Hering, nachdem
er in das „Räucherhaus^^ gebracht worden ist, während
6 — 12 Stunden mit gewöhnlichem Kochsalze (Product
der hiesigen Saline) in langen Trögen schwach einge-
salzen [zu 800 bis 1000 Wall (ä 80 Stück) giebt man
eine Tonne Speis es alz von circa 405 Pf. Gewicht];
darauf treten eine Reihe Frauen an die Tröge, nehmen
von den Gesimsen längs der Wand, an welcher der Trog
steht, die daselbst befindlichen Spiesse (Holzstäbe von
Fingerdicke und 3 Fuss Länge), reihen an diesen zuge-
spitzten Stäben je 18 Stück Heringe auf, indem sie den
Spiess durch die Mund- und eine Kiemenspalte hindurch-
stecken und übergehen den Spiess einer Person, die ihn
auf geeigneten Stellagen vorläufig behufs des Abtropfens
neben einander hängt. Gleichzeitig sind andere Frauen
damit beschäftigt, die also von den Spiessen herabhängen-
den Heringe vom nicht freiwillig abtropfenden Schleime
und anderen Unreinigkeiten zu säubern, indem sie vom
Kopfe nach dem Schwänze zu die anhängenden Schleim-
massen mittelst ihrer Hand abstreifen. Wieder andere
Frauen tragen alsdann die abgestrichenen Heringe zur
„Küche^, d. h. luftdicht schliessende Räume, welche eine
etwa 3 Fuss hohe Brandmauer ringsherum vom Boden
aus besitzen, und von da bis zu einer Höhe von in Summa
13 Fuss, hei 9— 12' Tiefe und 6—12' Breite aus Fachwerk
erbaut sind. In einer Höhe von 5 Fuss gewöhnlich lie-
gen die ersten freien Balken (Wiembäume genannt), denen
in angemessener Höhe neue Serien von Balken folgen,
so dass im Ganzen sich sechs solcher Balkenlagen (Eta-
gen) über einander befinden. Auf diesem Gebälk werden
nun die mit angereihten Heringen versehenen Stäbe so
aufgelegt, dass die Fische etwa in 2" Distanz von ein-
AroMv f. Nuturg. XXIX. Jahrg. 1. Bd. 23
354 Munter:
ander abstehen imd frei in den Raum der Küche hinab-
hängen. Eine Küche fasst gewöhnhch 100 bis 250 Wall.
Ist das Aufhängen in der Küche bewerkstelligt^ so ^Yerden
bei vorläufig offen stehender Eingangsthür 6—12 auf dem
Boden der Küche übereinander gelegte Holzhaufen von
trocknen Eichenspähnen oder trocknera Erlenholze ange-
zündet und circa 6 bis 12 Stunde n im hellen Brande
erhalten^ je nach der Entfernung, in welche der Bück-
ling versandt werden soll. Die hellbrennenden freien
Feuer erhöhen die Temperatur der Luft, in welcher sich
die von den Spiessen herabhängenden Heringe befinden,
auf 80^ R. Kaltes Wasser, in Blechgefässen auf verschie-
denen „Wiembäumen^ der Temperatureinwirkung der be-
treffenden Luftschicht ausgesetzt, gerieth in kürzester
Zeit ins Kochen!. — Da nun eine so hohe Temperatur 6,
ja selbst bis 12 Stunden hindurch unterhalten wird, so
ist es eine natürliche Folge, dass alle derselben ausge-
setzten Heringe in ihren eignen Flüssigkeiten kochen,
und nachdem die tropfbar-flüssigen Bestandtheile ver-
dampft sind, eintrocknen; eine Methode, die nicht einmal
im „Braten an dem Spiesse^ ihr vollständiges Analogen
findet. Sobald nun alle in den 6 Etagen übereinander
frei aufgehängten Heringe gar gekocht und zureichend
getrocknet sind, unterbricht man die lodernden Flam-
men durch Aufstreuen feuchter kurzer Eichenspähne, wie
sie der nachbarlich im Grossen betriebene Schilfsbau zur
Genüge liefert, und unterhalt, indem man alle vorhandenen
Luken und auch die Eingangsthür verschliesst, den nun-
mehr entstehenden Dampf während einer Zeit von 4-6
Stunden, um die matt-grau weisslich aussehende Fischhaut
goldglänzend (broncefarbig) erscheinen zu machen, wo-
durch sich ihr appetitliches Ansehen um ein Wesentliches
verbessert. Ist die gewünschte Farbe erzielt, so nimmt
man, nachdem durch Oeffnen der Luken und der Thür
die Heringe abgekühlt und der Raum zugänglich gemacht
worden ist, die Spicssc heraus, streift die Fische ab und
packt sie sofort auf den unter Dach bereit stehen-
de n W a g e n, oder in Kisten, um sie sofort abzufahren. —
Ein Wagen fasst je nach seiner Grösse 500 bis 1500 Wall
Ueber den Hering- der pommerschen Küsten u. s. w. 355
Bücklinge. Die Abfuhr der je nacli der Entfernung
(Berlin^ Leipzig, Altenburg u. s. w.), wohin sie versandt
werden sollen, verschieden hart getrockneten Bücklinge
besorgt entweder die Compagnie der associirten Bück-
lingshändler oder der Besitzer des Räucherhauses, falls
dieser den Einkauf des frischen Herings betrieb und lie-
fert dieser Letztere alsdann sie in Kisten wohl verpackt,
per Dampfschiff oder zukünftig per Eisenbahn an seine
Comittenten ab. Im ersteren Falle aber sind die Fuhr-
herren Eigenthümer des geräucherten Fisches, den sie
frisch von den Fischern ankauften und dem Besitzer des
Räucherhauses zur Fertigstellung gegen entsprechende
Gebühren übergaben.
Die vorstehende ausführliche Darstellung der viel-
leicht noch nie zur Sprache gebrachten Bückli ngs fa-
hr ication Pommerns, welche sich zur Zeit in Greifs-
wald in höchster Blüthe befindet, führt jedenfalls den
Beweis, dass der pommersche Bückling keines-
wegs ein geräucherter Hering genannt werden
kann und zwar deshalb nicht, weil er in seiner eigenen
(thierischen) Flüssigkeit durch erhitzte Luft (bei einer
Temperatur von 80^ R.) zuvor gar gekocht und dann ge-
trocknet worden ist, ehe er einen wenigstündigen Rauch
bekam, welcher lediglich dem Heringe eine für den Ge-
niessenden angenehmere Farbe und einen etwas pikan-
teren Geschmack geben soll. Der französische Bück-
ling, welcher bei niederer Temperatur fünf Wochen
lang geräuchert wird, verdient dagegen mit allem
Recht den Namen eines geräucherten Fisches (ha-
reng säur).
Was nun den von Chiliani bereits im Jahre 1720
genannten F 1 i c k h e r i n g betrifft, so wird das von ihm
beschriebene Verfahren zur Herstellung desselben auch
heute noch nach fast V/2 hundert Jahren in derselben
Weise zur Ausführung gebracht, jedoch keineswegs
im Grossen, entweder weil man diese Zubereitungsform
im Inlande nicht allzusehr beliebt, oder weil das durch
Chiliani's Beschreibung (s. o.) bereits bekannte Präparat,
der „F 1 i c k h e r I n g" d.h. ein auf dem Rücken aufge
356 Munter:
sclinittener und ausgeweideter Fetthering, bald zum Ver-
brauch kommen muss, damit es nicht ungeniessbar wird.
Gewöhnlich wird der Flickhering wohl nur in den Kü-
stengegenden als Nahrungsmittel, frisch präparirt, feil ge-
boten und in kleinen Quantitäten in der Behausung der
Fischer selbst hergestellt. Der ebenfalls bereits vonChi-
1 i a n i erwähnte ^,t r o c k n e Hering'*' wird gegenwärtig
meines Wissens nirgends als Nahrungsmittel für Men-
schen hergestellt, obschon es mir bekannt ist, dass man
ihn hier und da zum Futter für Schweine herrichtet»
Wäre getrockneter Hering eine verkäufliche Waare, oder
wäre es so leicht Vorurtheile gegen neu einzuführende
Nahrungsmittel zu beseitigen, so würde es ein Leichtes
sein, mittelst der von Morel-Fatio und V e r d e i 1 an-
gegebenen Methode getrockneten Hering im Grossen
zu fabriciren. Diese Methode besteht bekanntlich^)
darin, dass die Fische bei 4 — 5 Atmosphären in Dampf
kurze Zeit hindurch gekocht werden, nachdem sie zuvor
entweidet und etwas gesalzen sind. Man trocknet sie
dann auf Hürden, wobei ein Dampfgebläse bei 26 — ^32^ R.
unterstützend mitwirkt. — Allein bis jetzt haben die In-
dustrieen, die der Hering Pommerns seit Jahrhunderten
ins Leben rief und constant rege erhielt, die grosse Trieb-
feder unserer Zeit, den Dampf, gänzlich ausgeschlossen
und bleibt es daher zu wünschen, dass dieser mächtige
Stellvertreter aller menschlichen Handthätigkcit auch
noch für den Hering eine angemessene Verwendung fin-
den möge.
Resum e.
Aus der vorliegenden Abhandlung erhellt
A. in Betreff der Anatomie und der Lebens-
verhältnisse:
1) dass der Herin o; der po mm ersehen Küste
o
pom;
von dem grösseren Heringe der Nordsee speci-
fisch nicht getrennt werden kann;
1) Dingler's polyt. Journal 1855. Bd. 137. p. 300.
Ueber den Hering der pommerschcn Küsten u. s. w. 357
2) dass auch er_, so wie an allen übrigen europäischen
Küsten ; in constant bleibende Ilacen zer-
fällt;
3) dass er nicht von fernher alljährlich einwanden,
sondern unweit der Laichplätze, wo er ge-
boren ward, auch in der übrigen Zeit dauernd
weilt;
4) dass nicht sowohl der Salzg ehal t, als vielmehr
die zur Erzeugung einer reichen submarinen
Vegetation geeignete Boden- undKüsten-
b e s c h a f f e n h c i t auf das Vorkommen des Herings
wesentlich influirt;
5) dass seine vorzüglichste Nahrung im Diaptomus
castor Jur. besteht;
6) dass sein massenhaftes Erscheinen an den flachern
Küsten nicht aus Nahrungsmangel, sondern
deshalb erfolgt, weil er zur Erhaltung seiner Art
die GcßchlechtsstofFe ablegen muss und dazu eines
Wassers von mindestens + 6 bis 4- T^R. bedarf,
welches ihm im Frühjahr die nur auf -\- ij^ oder
-|-4^R. erwärmte Ti cfe der Ostsee nicht zu ge-
währen vermag;
1) dass der pommersche Hering ausser der Früh-
lingslaichzcit (März — Mai) an den südlichen Küsten
Rügens, so wie am Dars und Zingst, auch eine
Herbstlaichzeit hat, die sich namentlich an
den nördlichen Küsten Rügens und Hin-
terpommerns bemerklich macht;
8) dass sämmtliche rippentragenden Wirbel
mit zwei nur durch Bandmasse verbundenen pro-
cesstcs Spin 061 superiores versehen' sind, von denen
der rechte sich mit einem processus transversus
superior dexter und der linke mit einem processus
transversus superior sinister in organischer (knö-
cherner) Verbindung befindet, während jede Rippe
rechts und links vom Wirbelkörper mit einem
Processus transversus inferior dexter et sinister in
ähnlicher Verbindung steht; so aber, dass beide
spinosi superiores und beide costae mit ihren An-
358 Munter:
hangsgräten vom Wirbelkörper ablösbar, d.h.
nicht mit ihm verwachsen sind;
9) dass die Schuppen mit der Haut in Verbin-
dung bleiben, wenn man den lebenden Fisch in
Spiritus vini von 90% Tralles rasch tödtet;
10) dass die Farben blau, roth, gelb in langgestreckten
Zellen eingeschlossen sind, weiche der Längsaxe
der Schuppe parallel laufen und der Schuppe, in-
sofern eine Farbe, z.B. die stahlblaue, vorherrscht,
ein gleichfarbiges Colorit geben, während verschie-
den gefärbte Langzellen, abwechselnd neben ein-
ander gelagert, Farblosigkeit erzeugen.
B. Rücksichtlich der an den Hering sich anschliessenden
Industrieen ergeben sich sodann aus der vor-
stehenden Untersuchung, dass
1) bei u n z w e ck m ä s s i g e n F a n g m e th o d e n die
vorhandenen Heringsstüme gänzlich aus-
gefischt werden können ;
2) dass die grosse Heringsreuse eine der neu-
vorpommerschen und rügianischen Küsten ganz
eigenthümliche Fang-Vorrichtung von verhältniss-
mässig jungem Datum ist;
3) dass der pommersche Hering sich ebensogut zum
Salzen eignet, wie der der Nordsee, und auch seit
gleichlanger Zeit dazu verwandt wird;
4j dass der Transport und die Behandlung des frischen
Küstenherings indessen noch wesentliche Verbes-
serungen erfahren muss, um ein gleichwerthes
Kaufmanns-Gut herbeizuführen ;
5) dass der Bückling Pommerns (welcher vor-
wiegend im mittleren und östlichen Deutschland
consumirt wird) kein geräucherter Hering
ist, wie der französische und englisclie
Bückling, sondern ein in seinen eigenen Säften
bei erhöhter Temperatur in der Luft gekochter
Fisch, dem man nach zuvorigem Dörren durch
wenigstündiges Räuchern mit Eichenhobclspähnen
eine goldgelbe Farbe gegeben hat, so wie endlich
6) dass die Bücklingsfabricati on und die Her-
Ueber den Hering der pommersclien Küsten u. s. w. 359
Stellung des Salzherings an den pommer-
schen Küsten bereits seit sechs Jahrhunder-
ten^ also lange vor Wilhelm Beukelsen betrieben
worden ist^ während die Flerstellung lufttrocknen He-
rings nicht mehr, wenigstens nicht als Indu-
striezweig sich im Betriebe befindet.
Erklärung der Abbildungen.
Fig. 1 und 2 sind Copieen der Fig. B und C auf der 8ten Tafel
des 2ten Bandes der von Brandt und Eatzeburg heraus-
gegebenen „Medicinischen Zoologie', ^Yelche einen Herings-
wirbel von der Seite (Fig. B) und von vorn gesehen (Fig. C)
darstellen sollen, a Wirbelkörper, b Medullarkanal. c Rippe,
d ein Bogenstück. e proc. transversus der Rippe, f proc.
transversus des Dornfortsatzes, h Flossenträgerknochen.
Die Brandt- und Ratzeb urg'schen Öriginalbezeich-
nungen sind des leichtern Verständnisses wegen beibehal-
ten vv^orden.
„ 3. Schema eines Wirbels aus der Region der rippentragenden
Wirbel, a Wirbelkörper, b jproc. spinosus superior sinister.
b' proc. spinös, sup. dexter. c Rippe, e proc. transversus
inferior sinister. e' proc. trans. inferior dexter. — f proc.
transversus superior sinister. f proc. trans v. super, dexter.
g gekielter Bauchkantenknochen.
„ i. Gekielter Bauchkantenknochen von Innen gesehen, m vor-
dere, n hintere Spitze, p seitliche Arme.
,, 5 Gekielter Bauchkauteuknochen von Aussen gesehen mit der
zwischen m n befindlichen erhabenen Leiste x.
„ 6. Drei gekielte Bauchkantenknochen in natürlicher Lage, von
Innen gesehen; die feindornigen Spitzen m, welche nach
vorn gerichtet sind, decken auf der inneren Oberfläche
die stumpfern hintern Spitzen der Bauchkantenknochen,
welche aussen (auf der untern Seite des Ileringsbauches)
einer von hinten nach vorn vorgerückten Messerschneide
Widerstand leisten.
7. A. c die rechte, B. c die linke Rippe mit ilirem proc
transv. inferior dexter et sinister e. e. und dem ablösbaren
Köpfchen n, welches in Fig. 10 bei v in das daselbst be-
findliche Grübchen eingesenkt war.
,, 8. E. F linker und rechter Dornfortsatz b b und ff linker und
rechter proc. transv. superior. bei a Köpfchen, welche bei
Fig. 9 in den mit r r bezeichneten Grübchen der obern
Fläche des Wirbelkörpers liegen.
360 Munter: Ueber den Hering der pommerschen Küsten u. s. w.
(Fig. 4—8 stellen die betr. Knochen in natürlicher
Grösse dar; Fig. 9—13 sind durch die Loüpe gesehen
gezeichnet.)
Fig. 9. Ein Wirbelkörper aus der Region der Rippen, von Oben
gesehen, j) vordere Trichterhöhle, q hintere Trichterhöhle,
rs rs zwei zarte Kno che nie ist eh, die sich bei 1 in
eine über die Trichterhöhle q hinausragende rückwärts ge-
wandte Spitze verlängern, vorn aber bei r r zwei Grübchen
bilden, in welchen die Köpfchen der beiden proc. spin. sup.
beweglich und auslösbar eingesenkt liegen.
„ 10. Derselbe Wirbelkörper von der Seite in derselben Lage,
p vordere, q hintere Trichterhöhle. 1 verlängerte Spitze
einer obern Leiste, t seitliche Längsleiste, v Grube unter-
halb t zur Aufnahme des auslösbaren Transverso-Costal-
Köpfchens. '
„ 11. Derselbe Wirbel in gleicher Lage von Unten gesehen,
p vordere, q hintere Trichterhöhle, w' w" w'" drei parallele
Längsleistchen mit 2 Längsfurchen dazwischen.
,, 12. Drei Wirbel im Zusammenhange dargestellt, aus der Re-
gion der allpiählich mit den Wirbelkörpern organisch sich
vereinigenden proc. spin. sup. — Wirbel A noch mit ab-
lösbaren und daher abgenommenen ])Y0c. spin. sn-p. , an
seiner untern Fläche r befmden sich bereits lyraförmige
proc. spin. inf. — Wirbel B zeigt nur einen proc. spin.
sup. und zwar den der rechten Seite in organischer Ver-
bindung mit dem Körper; der proc. spin. sup. der linken
Seite war noch ablösbar und daher abgenommen. — Wirbel
C zeigt zwei an den Spitzen freie, an der Basis aber mit
dem Wirbelkörper organisch vereinigte proc. spin. sup. —
Die proc. spin. inf. sind alle noch lyraförmig.
„ 13. Drei Wirbel im Zusammenhange aus der Schwanzregion,
bei m m m die obern nach vorn gerichteten grössern Dor-
nenspitzen, die sich den bei Fig. 12 o' o" o'" nach hinten
gerichteten entgegenstellen. Die jDroc. spin. sup. und infer.
sind einfache an der Basis durchbohrte mit dem Wirbel-
körper organisch vereinigte Fortsätze.
„ 14. Schematische Figur des Grundrisses einer im Regierungs-
Bezirk Stralsund gebräuchlichen grossen Heringsreuse,
a bbb fcf bbb bezeichnet den grossen Netzkasten.
Durch die mit g g g bezeichneten Anker wird derselbe
mittelst langer Taue, welche vom obern Kastenrande zum
Boden herabgehen, befestigt.
f f f" f " bezeichnet die Flügel des Netzkastens.
c Eingangsspalte zum Innern des Netzkastens,
d d d d bezeichnet Pfähle des 800' langen Wehrs, welches
bei e nach der Landseite zu endet.
mm bezeichnet die Küste, vor welcher in mehr oder
weniger grosser Entfernung die grosse Heringsreuse auf-
gestellt ist.
Die Köruchenbeweguug an den Psendopodien der
Polythalaniien.
Von
Max SchHitze.
Die Bemerkungen, welche Reichert in dem Archiv
für Anatomie , Physiologie und wissensch. Medicin her-
ausgegeben von ihm und Du BoisReymond Jahrg. 1863.
p. 388 über die Körnchenbewegung an den Pseudopodien
der Polythalamien im Anschlüsse an seine früheren den-
selben Gegenstand betreffenden Mittheilungen und mit
Beziehung auf meine Schrift: ^Das Protoplasma der Rhi-
zopoden und der Pflanzenzellen-' veröffentlicht, leiten die
Differenz, welche zwischen uns über die Natur der an
den Pseudopodien der Polythalamien zu beobachtenden
Bewegungserscheinungen bestand, aus der Bahn einer wis-
senschaftlichen Discussion hinüber auf das Gebiet scherz-
hafter Sprüchwörterspiele. Ich vermag den Ernst des
Gegenstandes nicht so weit zu vergessen, dass ich Rei-
chert auf dieses Gebiet zu folgen gedächte. Nur einige
Worte zur Verständigung, die jetzt ganz nahe bevorzu-
stehen scheint.
Reichert hatte sich durch seine Mittheihingen über
die Natur der Körnchenbewegung in Opposition gesetzt
zu allen bisherigen Beobachtern derselben. Er hatte die
Anwesenheit der Körnchen in den Pseudopodien geläug-
net, die Körnchenbewegung für ein optisches Trugbild
erklärt, das Verschmelzen der Pseudopodien ausserhalb
der Schale in Abrede gestellt und die ganze Opposition
an meine Adresse gerichtet. Jetzt nach dem Erscheinen
meiner oben citirten Schrift giebt Reichert seinen Kampf
gegen die Körnchenbewegung auf. Auffallend ist es nur,
362 Schnitze: Die Körnchenbewegung an d. Pseudopodien u. s. w.
dass er dem •concedirenden Artikel eine heftig polemische
Form gegeben hat.
Reichert legt seine früheren jetzt als unrichtig
erkannten Aussprüche^ g^g^^^ clie ich ankämpfte^ jetzt mir
in den Mund, um sie selbst zu widerlegen; er giebt
mit viel Glück sich den Anschein; mich und meine Beweise
nicht zu verstehen; ja sein Beweis, mich gänzlich miss-
verstanden zu haben, würde als gelungen betrachtet wer-
den können, wenn nicht R eich er t die eigentliche Körn-
chenbewegung und die „wirklichen Körnchen" nunmehr
bald selbst zu entdecken nicht undeutlich in Aussicht stellte.
Da Reichert diese Aussicht eröftnet, brauchte er
gar nicht so weit zu gehen, die früher „am Faden fort-
ziehende Schlinge'^ (ja nicht Oese!) jetzt in .-einen ein-
fachen homogenen Körper mit sphärischer Endfläche- sich
umwandeln zu lassen, der einem wirklichen Körnchen
schon sehr nahe steht. Denn wenn diese Deutungsver-
suche der Körnchenbewegung sich nur auf eine nicht näher
bezeichnete Miliola und auf eine nicht näher bezeichnete
Rotalia bezogen haben, so kann es Reichert ja leicht
gelingen, bei diesen beiden Species, die eben, weil sie
nicht näher bezeichnet sind, von Niemand controllirt wer-
den können, auch ferner n i e Körnchenbewegung zu sehen.
Wenn er nur für die übrigen Polythalamien die „eigent-
liche Körnchenbewegung" als wirklich bestehend entdeckt
haben wird, so ist ja die Verständigung zwischen uns,
die Reichert so ganz fern wähnt, vollständig hergestellt.
Nachtrag zo dem Aufsatze aber die Brachiolaria des
Kieler Hafens (vergl. obeu p. 243).
Von
Dr. V. Heiisen.
Es ist mir noch gestattet die genannte Arbeit in
folgenden drei Punkten zu vervollständigen.
1) Asteracantliion rubens pflanzt sich wirklich durch
zahlreiche frei schwärmende Larven fort. Befruchtimgs-
versuche, die ich mit den reifen Eiern, von denen er im
April und Mai strotzt, anstellte, ergaben mir helle, kug-
lige in den Eiern rotirende Embryonen, die am zweiten
und. dritten Tage austraten und dann den jüngsten For-
men, welche ich von den Seesternlarven mit dem feinen
Netze gefischt hatte, glichen. Sie entwickelten sich im
Zimmer nicht weiter, doch war schon ganz klar, dass aus
ihnen unmöglich die von Sars beschriebene rothe un-
durchsichtige Brut des Asteracanthion hervorgehen könne.
Auf einer zoologischen Vergnügungstour durch die Belte,
(Ende Mai), zu der Herr A. Meyer so freundlich war,
mich auf seinem Lustkutter mitzunehmen, konnte ich die
Beobachtung so weit vervollständigen, dass einzelne Lar-
ven bis zur Form der jüngsten Bipinnarien herangezogen
wurden. Ich schreibe dem steten Schaukeln des Schiffes
dies Resultat zu. Immerhin habe ich nur aus einer Zucht
einzelne Thiere so weit gebracht; ich hätte wohl die
Beobachtungen häufen sollen, aber für mich selbst hatte
das kein Interesse mehr und dabei war das Wetter ein
sehr unbequemes. Uebrigens ist bemerkenswerth , dass
auf der ganzen Tour nur einmal eine zweite Asterie ge-
fischt wurde und zwar im kleinen Belt, Solaster papposus.
Wenige Tage vorher hatten die Herren A. Meyer und
364 Hensen: Nacht, zu d. Aufs. üb. d. Bracbiolaria.
Dr. M ö b i u s Gelegenheit genommen, das zahlreiche Vor-
kommen der damals zur Bipinnaria entwickelten Astera-
canthionlarve in der Kieler Bucht zu prüfen.
2) Ueber die erste Entwicklung ist noch nachzutragen,
dass die Furchung, irre ich nicht sehr, in einer Spros-
sung gesteht, deren Produkt ein im Ei rotirender farb-
loser Embryo ist, w^elcher aus einem Gallertkern und einer
einfachen Schicht umhüllender Zellen besteht. Bei der
Weiterentwickelung verdicken sich die Zellen an dem
Orte, wo der After liegen wird und alsdann treibt ein
solider, sehr bald hohler und nach aussen mündender, Zel-
lenstiel in das innere der Gallertsubstanz hinein. Nach-
dem der Stiel eine gewisse Länge erreicht hat, wendet
er rechtwinklig umbiegend sich wieder der Oberfläche des
Körpers zu, mit der er durch einen, zunächst sehr dün-
nen, Fortsatz verwächst. Bald jedoch w^ird auch dieser
hohl, die Körperoberfläche vertieft sich hier zum Munde
und der Darmkanal ist damit gebildet. Gleichzeitig hat
sich die Form der Larve so geändert, dass durch das
alsbald erfolgende Auftreten der Wimpersäurae die Form
der jüngsten Bipinnarien gegeben ist. Die ersten Larven
sah ich dieses Jahr am 8. Mai. Ende Juli beobachtete
Dr. Möbius noch die reife Brachiolarie.
3) Der kuglige Embryo besitzt in seiner Gallertsub-
stanz noch durchaus keine Zellen, diese wuchern erst spä-
ter, wie beschrieben worden ist, v^on dem Darmstiele aus
in die Gallertsubstanz hinein. Dadurch ist nun also fest-
gestellt, dass es eine Gewebsbildung durch Sekretion,
ein Sekretgewebe, giebt. Ob solche Gewebsbildung allge-
meiner vorkommt, wie w^eit ferner die doppelte Larven-
bildung sich wird nachweisen lassen, sind Fragen, die,
wie ich hoffen möchte, Andere bald energischer als ich
ins Auge fassen werden.
Nachtrag zu dem Aufsätze über die Zusammensetzung
des Kopfes und die Zahl der Abdominalsegmente bei
den Insekten (s. oben S.247).
Von
Prof. H. Schaum.
Die Darstellung, die ich von den Körpersegmenten
von Forficula gegeben habe (S. 247. Taf. XI), ist in einer
kürzlich erschienenen Monographie der dänischen Forfi-
culen von Fr. Meinert (Kiöbenhavn 1863), so weit sie
die Unterscheidung zweier Segmente in dem bisher als
Metathorax bezeichneten Skelettheile (Fig. VI) betrifft als
richtig anerkannt, so weit sie die Deutung des die Zan-
gen tragenden Abschnittes (Fig. V, c) als Lamina supra-
analis betrifft, bestritten worden.
In Bezug auf den ersten Punkt sei hier nur bemerkt,
dass Meinert das hinter dem Metathorax liegende, des
Ventralhalbringes entbehrende Segment, das ich als er-
sten Hinterleibsring bezeichnet habe (Fig. V, 1;
Fig. VI, 1) als einen vierten Thoraxring auffasst> und
für dasselbe eine von Latreille in analogen Fällen ge-
brauchte Bezeichnung, Segmentum mediale in Anwendung
bringt. Diese Auffassung des Segmentes, die mit der
gewöhnlichen Annahme, dass der Thorax der Insekten
nur aus drei Ringen besteht, in Widerspruch tritt, stützt
sich auf die enge Verbindung, die das Segmentum mediale
bei den geflügelten Insekten gewöhnlich mit dem Tho-
rax eingeht, und auf die ich selbst wiederholt aufmerk-
sam gemacht habe (S. 252), Die Bezeichnung „erstes Hin-
terleibssegment", der ich mich, wie in analogen Fällen
Audoum (bei den Hymenopteren ) , Erichson und
366 S c li a u m :
Stein (bei den Stapliylinen)^ bedient habe, stützt sich
auf die Entwickelung, indem es der vierte, beinlose, aus
einem Rücken- und Bauchhaibringe bestehende Körper-
ring (excl. Kopf) der holometabolen Larven ist, welcher
beim vollkommenen Insekte sich zum Segmentum mediale
ausbildet und in diesem Zustande nur als dorsaler Halb-
ring äusserlich wahrnehmbar ist.
Was das dorsale, die Zangen tragende Skelettstück
(Fig. Y. c) betrifft, welches icli als Lamina supraanalis und
nicht als Segment auffasse, weil ihm kein Ventralhalbring
und kein Ganglion entspricht, und w^eil sich schon das
vorhergehende Segment (g) dadurch als letztes zu erken-
nen giebt, dass es keine Stigmen hat, so macht M ei nert
geltend, dass Avenn ich die Anwesenheit eines entspre-
chenden Ventralhalbringes zur Annahme eines Segmentes
für nöthig erachte, ich auch das Segmentum mediale nicht
als Segment betrachten könne, dem der Ventralhalbring
ebenfalls fehle. Diese Einw^endung ist aber nicht stich-
haltig, denn das Segmentum mediale hat ein ihm ent-
sprechendes Ganglion und hat bei den holometabolen
Larven als ein vorständiger aus Dorsal- und Ventralbogen
zusammengesetzter Ring existirt, ehe der Ventralhalbring
bei der Verw^andlung eingegangen ist. Meiner t be-
hauptet aber auch, dass der Zangenträger, der von ihm
als 9. Segmentum abdominale bezeichnet wird, weil er
das Segmentum mediale zum Thorax rechnet, einen ent-
sprechenden Ventralhalbring habe, der unter den achten
zurückgezogen und in der Mitte der Länge nach gespal-
ten sei, und dass erst hinter dem Zangenträger sich die
wahre Lamina supraanalis befinde. Die beiden Theile,
die Me inert hier als gespaltenen 9. Ventralhalbring
(„rigtignok in Mitten klövet Bugskihne^ p. 45) auftasst,
sind aber nichts Anderes als Grundtheile der Zangen.
Man braucht den wahren letzten Ventralhalbring (8.), der
diese Theile von unten bedeckt , nur abzutragen , oder
die Theile selbst durch einen gelinden Druck hervorzu-
pressen, um sogleich zu sehen, dass der After nicht an
der Spitze, sondern vor der Basis der Theile, am An-
fange der Spalte, die sie trennt, liegt, und dass diese
Nacht, zu d. Aufsatze üb. d. Zusammensetzung d. Kopfes u. s. w. 367
Tlieile weder diircli ein Gelenk noch durch eine Naht
mit dem vorhergehenden Ventralhalbringe (8.) verbunden
sind. Man wird aber in der ganzen Klasse der Insekten
vergeblich nach einem zweiten Falle suchen^ in dem der
After an der Basis des letzten Ventralsegmentes gelegen
oder in dem das letzte Ventralsegment nicht mit dem
vorhergehenden verbunden wäre. Das von Mein er t
als Lamina supraanalis bezeichnete^ hinter dem Zangen-
träger gelegene und nach unten umgebogene Stück; führt
diesen Namen wie Lueus a non lucendo, insofern es zu dem
After in gar keiner Beziehung steht, nicht über, sondern
weit hinter demselben gelegen ist ; es ist ebenfalls ein
Theil des Zangenapparates der Forficulen und daher auch
in beiden Geschlechtern gleichgebildet; während die La-
mina supraanalis der Orthopteren bekanntlich nach dem
Geschlechte verschieden gebildet ist, wie dies auch mit
dem so von mir bezeichneten Tlieile der Fall ist. Ich
habe diese Theile des Zangenapparates, die ich nach H.
Meinert übersehen haben soll, die sich aber nicht der
oberflächlichsten Untersuchung entziehen können; und die
wiederholt beschrieben und die vermeintliche Lamina su-
praanalis sogar abgebildet sind (Fischer Orth. eur. tab. VI.
fig. 11;1. a); bei der Erörterung der Segmente von For-
ficula gar nicht erwähnt; weil ich Missdeutungen derselben
bei der Lage des Afters geradezu für undenkbar hielt.
Bedürfte es noch eines Beweises, dass M einer t's
9. Segmentum abdominale kein Segment ist, so würde
denselben das Weibchen von Forficula liefern; bei dem
die beiden vorhergehenden Dorsalsegmente eingezogen
sind. Es giebt meines Wissens kein Insekt mit sehr ent-
wickeltem letzten und eingezogenem vorhergehenden
Rückensegraente.
Bonn, Druck von Carl Georgi,
F. Müller Je]
CF.StlimidL'lit}!
\l i-Alt-"-
1863.
7a/: M.
AiT-tor del
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C I Schmidi li!h
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•<iQZ.\'. H.Fenfier
1863.
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C.FSdb?iza!£ My
1863.
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