>.ri
*^
3K^C: i^:
AIICMIV
FÜR
NATURGESCHICHTE.
GEGRÜNDET VON A. F. A. WIE GM ANN,
FORTGESETZT VON W. F. ERICHS ON.
IN VERBINDUNG MIT
PROF. DR-LEUCKARTIN GIESSEN
HERAUSGEGEBEN
Db. f. xz. troschei.,
PROFESSOR AN DER FRIEDRICH- WILHELMS-UNIVERSITÄT ZU BONN.
EIN UND DREISSiaSTEB JÄHEGÄNa.
£rster Band.
Mit vierzehn Tafeln.
Berlin,
Nicolaisclie Verlagsbuchhandlung.
(G. Parthey.)
1865.
Inhalt des ersten Bandes.
Seite,
lieber die GescWeclitsorgane und die Entwickelung von Cy-
clas. Von Paul Stepanoff aus Charkoff. Hierzu
Taf. I und II , . . . . .1
Einige Nachträge zur Gattung Heloderma horridum Wiegm.
Von J. J. Kaup. Hierzu Taf. III. Fig. 1—2 . 33
Zur nähern Kenntniss der männlichen Zeugungsorgane von
Phalangium. Von Dr. A. Krohn. Hierzu Taf. III. Fig. A. 41
üeber Distomum lorum Duj. Von Niclaus Melnikow aus
Kasan. Hierzu Taf. III. Fig. a und b . . .49
Beiträge zur Ornithologie von Chile. Von Dr. R. A. Phi-
lippi und C. L. Landbeck .... 56
üeber die chilenische Anguilla. Von Dr. R. A. Philipp i. 107
Die Echinococcen der Isländer von Dr. H. Krabbe in Ko-
penhagen . . . . . . .110
Beiträge zur Kenntniss der Decapoden-Krebse Ost-Australiens.
Von Dr. Wilhelm Hess in Göttingen. Hierzu Taf. VI
und VH . 127
Zur Naturgeschichte der Rhabdocoelen von El. Meeznikow.
Hierzu Taf. IV 174
üeber den Zahnbau des Walrosses (Odobaenus rosmarus L.)
und über den Zahnbau des ungebornen Jungen, Von
Dr. A. J. Malmgren. Hierzu Taf. V. üebersetzt von
Dr. C. F. Frisch 182
üeber die Gattungen Estheria und Limnadia und einen neuen
Apus. Von Prof. Dr. Ed. Grube. Hierzu Taf. VHl— XL 203
Zur Diagnose einiger Daphniden. Von Dr. J. E.Scho edler. 283
Die ungeschlechtliche Fortpflanzung der Cecidomyienlarven.
Von Dr. R. Leuckart. Hierzu Taf. XII . . 286
üeber die Entwickelung der Cecidomyienlarven aus dem Pseud-
ovum. Von Cand. Mecznikoff aus Charkow. Vorläu-
fige Mittheilung ....-• 304
Ji~l(^f
o
IV Inhalt.
Seite.
Ueber Curaaceen. Von Fritz Müller . . . 311
Zusammenstellung der bis jetzt bekannten Echiniden aus der
Gruppe der Diademiden. Von Wilh Bö Ische in
Göttingen. Hierzu Taf.XIir . . . .324
Ueber Tetraplatia volitans. Von Dr. Krohn in Bonn. Hierzu
Taf. XIV 337
Ueber die Chorda dorsalis bei den Fischen. Von Geh. Rath
Prof. Mayer in Bonn ..... 342
Ueber ostasiatische Echiuodermen. Von Dr. E. v. Martens 345
lieber die Geschlechtsorgane und die Entwickelung
von Cyclas.
Von
Paul Stepauoff
aus Charkoff.
(Hierzu Taf. I und IL.)
Die vorliegenden Untersucliiingen sind von mir
im Laboratorium des Herrn Prof. Leuckart angestellt,
der auch die Freundlichkeit hatte, die einzelnen Beobach-
tungen zu controlliren , wesshalb ich dieselben mit eini-
gem Vertrauen dem gelehrten Publikum hiermit über-
liefere.
Die Entwickelung von Cyclas Ist bis jetzt nur von
Schmidt und Leydig untersucht; Ihre Arbeiten sind
fast zu gleicher Zeit erschienen, so dass die genannten
Forscher sich auch nicht erwähnen. Meine Absicht ging
nun dahin , die vorhandenen Beobachtungen zu verglei-
chen und zu vervollständigen und namentlich auch die
widersprechenden Angaben von Schmidt und Ley-
dig, ^vo möglich, zur Einigung zu bringen. Da jedoch
die Entwickelung der Geschlechtsproducte mit den Struk-
turverhältnissen der G eschlechtsorgane selbst innigst ver-
bunden ist, so erwuchs mir zunächst die Aufgabe, die Ana-
tomie dieser letzteren zu studiren.
Geschlechtsorgane und Bruttaschen.
Die Geschlechtsorgane von Cyclas cornea, wie sie
Archiv für Naturg. XXXI. Jahrg. 1. Bd. 1
2 Stepanoff:
schon von S i cb o 1 d \) und L o y d i f>- 2^ beschrieben wur-
den, stellen zwei lappig verästelte Drüsen vor, die zwi-
schen Leber, Darm und Niere sich ausbreiten. Am besten
werden dieselben iscdiit, wenn man das Thier vom Rücken
präparirt. Nachdem der Mantel aufgehoben und der Darm
am Ilerzon durchschnitten ist, wird dieser letzte auf die
Seite geschoben und dann erblickt man alsbald die matt-
weissen Geschlechtsdrüsen, die, wenn man genauer ihre
Lage untersucht , am lu'nterOn Fussrande, auf dem An-
näherungspunkte der beiden Nervenstränge gelegen sind,
welche das vordere Ganglienpaar mit dem hinteren ver-
binden.
S i e b 0 1 d war der erste, der die Cycladen für Herm-
aphroditen erklärte; er hatte aber in den Geschlechts-
organen dieser Thiere keine Eier beobachtet und seine
Meinung auf die Thatsache gestützt, dass während der
Brunstzeit alle Individuen mit Brut gefunden werden.
Erst Lejdig hat der Vermuthung von Siebold einen
reellen Sinn gegeben, indem er auf dem direkten Wege
der Beobachtung die Anwesenheit beider Geschlechts-
elemente in den Geschlechtsdrüsen desselben Thieres
nachwies. Derselbe giebt an, dass man in den letzteren
ausser der Hodenfollikcln auch solche finde, die nur Eier
enthielten und sich schon äusserlich durch eine mehr
verlängerte Form auszeichneten. Nähere Angaben fehlen,
und namentlich blieben auch die Ausführungsgänge un-
beobachtet.
Um diese klehicn Organe möglichst genau zu un-
tersuchen, wusste ich keine bessere Methode anzuwenden,
als sie aus dem Thiere selbst mit den umgebenden Thei-
len herauszuschneiden und sorgfältig unter der Lupe zu
präpariren, wobei sich dann folgendes herausstellte.
Jede Drüse bildet einen Schlauch mit blasenartigen
Ausbuchtungen, der unmittelbar in den Ausführungsgang
übergeht (Fig. 1). Die Grösse der einzelnen Aussackun-
gen ist verschieden. Dieselben werden im Allgemeinen
1) Müller's Archiv 1837. S. 388— 389.
2) Müller's Archiv 1855. S. 59—60.
üeber die Geschlechtsorgane u. d. Entwickelung von Cyclas. 3
immer kleiner^ je mehr sie sicti dem Ausführnngsgange
annähern. Nur die vorderste Ausstülpung macht eine
Ausnahme, indem sie sich durch ihre Grösse von allen
anderen merklich auszeichnet. Während die an dem
blinden Ende des Organes angebrachten Aussackungen
0,25 Mm. gross sind und die anderen nur 0,082 Mm. mes-
sen, hat diese letztere einen Durchmesser von 0,304 Mm.
Der ganze Schlauch ist von einer homogenen Membran
gebildet und enthält im Innern ovale 0,014 Mm. grosse
Epithelialzellen. Der Ausführungsgang stellt am Anfange
einen 0,052 Mm. und weiter 0,039 Mm. breiten Canal vor,
der von dichtstehenden säulenförmigen Epithelialzellen
mit lebhaft flimmernden Wimpern ausgekleidet ist (Fig. 1).
Was die Lage der Geschlechtsdrüsen zum Thiere
selbst anbetrifft, so liegen sie mit ihren Ausführungsgängen
nach hinten gerichtet. Die Stelle, an welcher letztere
nach aussen münden, war mir bei der angeführten Un-
tersuchungsmethode nicht möglich aufzufinden; — nach der
Richtung ihres Verlaufes aber , der den Kiemengängen
parallel ist, bin ich geneigt zu sagen, dass dieselben nach
dem unteren Kiemensipho hinlaufen. Beide Drüsen lie-
gen dicht aneinander, zeigen jedoch oftmals eine Grös-
senverschiedenheit. Gewöhnlich habe ich eine derselben
um ein Drittel kleiner gefunden, als die andere, so dass
ich anfangs, bevor ich die Ausführungsgänge kannte, die
kleinere für ein Anhängsel der zweiten halten konnte.
Wenn wir nun jetzt zu der Untersuchung des In-
haltes der Drüsen selbst übergehen, so ist es leicht, sich
davon zu überzeugen, dass jede von ihnen zur Produktion
beider Geschlechtsstofie, des Samens und der Eier, dient.
Dabei ist weiter hervorzuheben, dass man die Eier nur
in einer einzigen Aussackung antriö't, während der Sa-
men in allen übrigen Follikeln gefunden wird. Der Eier-
bereitende Follikel ist derjenige, der, wie ich früher schon
gesagt habe , zunächst an dem Ausführungsgange sitzt
und sich durch seine Grösse auszeichnet.
Die Samenfollikel sind , wie man bei starker Ver-
grösserung leicht erkennt, zumeist mit Zellen gefüllt, wie
sie früher schon Hessling bei den Najaden als Mutter-
4 Stepanoff:
Zellen der Samenfätlcn beschrieben bat. Ausser diesen
Zellen findet man aber auch immer noch eine Anzahl
ausgebildeter Samenfäden. Die Mutterzellen haben bei
Cyclas Cornea eine Grösse von 0,022 Mm. und zeigen
eine Theilung ihres Kernes in eine Anzahl von Kugeln
(Fig. 3). Nach den Beobachtungen von Hessling ent-
wickeln sich diese Kugeln bei den Najaden noch im In-
nern der Mutterzellen , was bei Cyclas nicht stattfindet.
Die Kugeln werden hier noch vor der Ausbildung frei
und entwickeln sich sodann einzeln zu einem Samenfa-
den. Bei solchen freigewordenen Kugeln zieht sich nach
einiger Zeit der Inhalt von der Peripherie in einen ova-
len Körper zusammen, der nun im Centrum eines Bläs-
chens zu liegen scheint; es ist der Kopf des künftigen
Samenfadens, der auf diese Weise entstanden ist. Es
kommt zuweilen vor, dass die Zusammenziehung in zwei
Richtungen stattfindet, wodurch die Bildung zweier Samen-
fäden in demselben Bläschen angebahnt wird. Den
Schwanz der Samenfäden habe ich immer frei nach Aus-
sen hervorragend gefunden. Derselbe macht lebhafte
Bewegungen , die nach einiger Zeit den Kopf selbst aus
dem Bläschen befreien.
Was nun die ausgebildeten Samenfäden anbetrifft,
so kann ich für sie die Beschreibung von v. Siebold
selbst citiren : ;,sie besitzen einen länglichen, schwach-
gekrümmten und nach hinten etwas angeschwollenen
Körper nebst einem sehr langen haarförmigen Anhang.^
Der letzte zeichnet sich bei Cyclas cornea durch eine aus-
serordentliche Länge aus, wie schon v. Siebold hervor-
gehoben hat, der sie bei einer 18Ü-fachen Vergrösserung
unterscheiden konnte. Es ist das eine xVngabc, die sich
mit der Behauptung von Leydig nicht vereinigen lässt,
dass dieselben sehr zarte Fäden darstellten.
Die ersten Vorgänge bei der Bildung der Eier sind
mir leider ento^aneren ; wir haben aber keinen Grund an-
zunehmen, dass dieselben von dem uns bei anderen nahe-
stehenden Mollusken, z. B. Najaden, bekannten Schema
abweichen. Die jüngsten von mir beobachteten Eier stell-
ten sich als 0,052 Mm. grosse Keimbläschen mit zwei
lieber die Geschlechtsorgane u. d. Entv/ickelung von Cyclas. 5
ansehnlichen Keimflecken dar. Die Keimbläschen waren
gewöhnlich von einer Dottermasse umgeben, die unmit-
telbar in die Bekleidimg der Follikelwand überging und
zur Befestigimg der Eier diente (Fig. 1). Die weitere Aus-
bildung der Eier besteht in der Ausscheidung einer im-
mer deutlicher hervortretenden Eihaut, die nach einiger
Zeit den ganzen Dotter in Form einer doppelt contourirten
Membran umglebt und nur an der Anheftungsstelle fehlt,
d. h; an der Stelle, wo man später die Micropyle sieht
(Fig. 2). Wenn das Ei eine bestimmte Grösse erreicht
hat, trennt es sich immer mehr von der Wand des Schlau-
ches ab, bis es endlich, frei geworden, in das Innere des
Follikels und weiter in den Ausführungsgang der Ge-
schlechtsdrüse hineinfällt. Die Lostrennung wird durch
die zunehmende Masse des Dotters und die daraus resul-
tirende Schwere des Eies bewirkt. Die in den Ausfüh-
rungsgang hineingefallenen Eier w^erden von einer Menge
ausgebildeter Samenfäden umgeben, so dass an dieser
Stelle auch ohne Zweifel die Befruchtung stattfindet. Die
Samenfäden müssen durch die ofi'enstehende Micropyle
in das Innere des Eies hineindringen, da sie das letztere
von allen Seiten umschwärmen. Der Befruchtungsakt
ist noch dadurch gesichert, dass die Bewegung der Eier
in den Ausführungsgängen durch die Enge dieser letzte-
ren verlangsamt wird. Während der Durchmesser des aus-
gebildeten Eies 0,0608 Mm. beträgt, wissen wir, dass der
Canal selbst nur 0,039 Mm. misst ; der Eileiter wird durch
die darin befindenden Eier förmlich aufgetrieben. Die
bewegende Kraft wird durch die Cilien hervorgebracht,
die mit starken Schlägen das Ei zu der Geschlechtsöffnung
hintreiben.
An dem ganz ausgebildeten Eie erkennt man fol-
gende Bestandtheile. Zaäusserst die Eihaut, die eine be-
deutende Dicke erreicht und die Dotterflüssigkeit mit
ihren mehr oder weniger regelmässig zerstreuten Dot-
terkörnern umgiebt. Von einer unter der Dotterhaut
hinziehenden Eiweisszone, wie dieselbe L ey d i g beschrie-
ben hat, ist nichts zu sehen ; — es kam mir aber einmal
vor, als wenn eine solche an einem Eie zu beobachten
6 Stcpanoff:
wäre, dass sich schon in dem Ansführiingsgange befand
und eine abnorme, durch das Pressen bewirkte ovale Form
zeigte, wie sie auch von Leydig abgebildet ist M. Das
Keimbläschen hat bei den Cycladen im Vergleiche zu
dem Dotter eine bedeutende Grösse. Es enthält gewöhn-
lich zwei scharf contourirte glänzende Keimflecke; doch
beobachtet mnn zuweilen auch statt ihrer nur einen ein-
zigen ungetheilten Keimfleck, wie ich es unter andern an
dem von mir in den Kiemen aufgefundenen Eie abgebildet
habe. Aus dem zuletzt Gesagten geht hervor, dass das
Vorkommen eines ungetheilten bisquitförmigen Keimfleckes
in den Eiern von Cjclas Cornea nicht mit Leydig für
eine constante Erscheinung zu halten ist.
In Bezug auf die Brunstzeit der Cycladen habe ich
hervorzuheben, dass ich in allen Exemplaren fvon Cyclas
Cornea) , die von mir während der Sommermonate (vom
Mai bis August) untersucht wurden, in den Geschlechts-
organen eine mehr oder weniger grosse Menge ausge-
bildeter Samenfäden antraf, die sich in der Mitte jedes
Samenfollikels lebhaft bewegten , und auch das ganze
Centrum des Schlauches ausfüllten. Anders verhalten sich
die Eier, die man je nach Umständen in verschiedener
Zahl an den Wänden des Eierbereitenden Follikels an-
hängend antrifft.
Bei den frisch aus dem Wasser entnommenen Exem-
plaren konnte ich immer einige in der Ausbildung be-
griffene Eier vorfinden, wie es Fig. 1 zeigt. Ibre Zahl
stieg zuweilen bis zu zehn, war aber auch in anderen Fäl-
len geringer. In den Geschlechtsorganen solcher Indi-
viduen dagegen, die schon eine Zeitlang in einem Aqua-
rium aufbewahrt waren, findet man nur sehr wenige Ei-
keime und nur selten einige ausgebildete Eier. In die-
sem Umstände mag auch der Grund liegen, weshalb v.
Siebold in den Geschlechtsdrüsen der von ihm unter-
suchten Exemplare dieselben nicht finden konnte.
1) Bei dieser Gelegenheit wül ich daran erinnern, dass sich
bei Teredo und Modiolaria dieselbe Erscheinung (nach den Beob-
achtungen vonQuatrefages und Loven) wiederholt.
Ueber die Geschlechtsorgane u. d. Entwickelung von Cyclas, 7
Die besprochene Erscheiming erklärt sich ohne Zwei-
fel durch den Mangel der Ernähriingsstoffe , an welchen
die Cycladen in einem künstlich bereiteten Aquarium lei-
den müssen.
Bei solcher Sachlage darf man annehmen, dass die
Eier- und Samenbereitung und die damit zusammenhän-
gende Befruchtung im natürlichen Zustande bei den Cy-
claden während des ganzen Sommers vor sich geht, was
auch dadurch bewiesen wird, dass man sie immer mit
einer Brut in verschiedenen Entwickelungsstadien belastet
findet.
Es erübrigt mir noch, die hier gewonnenen Resul-
tate mit unseren Kenntnissen von dem Hermaphroditismus
bei den Lamellibranchiaten überhaupt zu vergleichen. Ich
werde dabei nar diejenigen dieser Thiere in Betracht zie-
hen, deren Hermaphrotitennatur in der Wissenschaft fest-
gestellt ist, mit Ausschluss also der Clavagellen, deren
Geschlechtsverhältnisse noch einer genaueren Prüfung
bedürfen, obgleich Krohn ^) bei ihnen Samen und Eier
in denselben Individuen entdeckte, die Genera Pecten,
Ostrea, Pandora und Cardium.
Die Aufklärung der Geschlechts v^erhältnisse bei allen
diesen Lamellibranchiaten verdanken wir den ausführli-
chen Beobachtungen von Laca z e-Du thi er s ""), da die
früheren Untersuchungen von Milne Edwards^) und
Humbert'^) (bei Pecten), so wie von Davaine^) (bei
den Austern) unsere Kenntnisse über den Hermaphro-
ditismus der Lamellibranchiaten nicht zum Abschlüsse
gebracht hatten.
Lacaze-Duthiers unterscheidet unter den Herm-
aphroditen dieser Ordnung zwei Gruppen : 1) diejeni-
gen, bei welchen die Geschlechtsdrüsen gesondert bleiben
1) Froriep's neue Not. Nc 356. S. 52.
2) Ann. des Sc. nat. 1854. 4. Serie T. IL p. 155—248.
3) Ann. des Sc. nat. 3. Serie. T. XVIII. p. 322.
4) Ann. des Sc. nat. 1853. T. XXVIII. 3. Serie, p. 336.
5) jSIemoires de la societe biologique 1852. T. IV. 1. Serie,
p. 297— 339.
8 Stepanoff:
und 2) jene, bei denen sie vereinigt sind, d. h. bei denen
die Samen- und EierfoUikel an demselben Ausfiihrungs-
gange angebracht sind. Zu den ersteren rechnet er Pe-
cten und Pandora, während die zweite Gruppe ihre Re-
präsentanten in den Austern und dem Genus Cardium
findet. Cvclas Cornea, wie es jetzt aus den vorliegenden
Beobachtungen hervorgeht, muss zu der letzteren Gruppe
gerechnet werden. Nach der Bildung der Geschlechtsor-
gane steht dieselbe am nächsten zu Cardium, von der sie
sich nur dadurch unterscheidet, dass die einzelnen Follikel
in Samen- und Eierbereitende geschieden sind.
Bekanntlich kommen auch gelegentlich unter den
Unionen (nach Leuckar t und Bisch off), sowie unter
den Anodonten (nach van Beneden undLacaze- Du-
thiers) Individuen mit zwitterhaften Genitalien vor, die
sich nach Allem, was wir darüber erfahren haben, den
Cycladen ganz ähnlich verhalten , d. h. männliche und
weibliche Follikel auf demselben Ausführungsgange be-
sitzen. Wie schon Lacaze-Duthiers hervorhebt, ist
die Angabe von Davaine über den Wechsel der Ge-
schlechter bei den Austern wahrscheinlicher Weise gleich-
falls auf das Vorkommen eines derartigen individuellen
Hermaphroditenzustandes zu reduciren.
Die Erfahrungen der letzten Jahre haben uns über-
haupt die Ueberzeugung gebracht, dass die hermaphro-
ditische Vereinigung der Geschlechtsorgane in demselben
Körper keineswegs einen so scharfen Gegensatz zu der
Duplicität der Geschlechter bildet, wie man früher an-
nahm. Wenn wir in der letztern (mit Leuckart) eine
Arbeitstheilung sehen, so kann uns dieses Verhältniss
auch nicht Wunder nehmen, wenigstens nicht mehr über-
raschen, als alle die zahlreichen Unterschiede der Lei-
stungsfähigkeit, die wir bei den einzelnen Organen und
Organengruppen des Thierkörpers vorfinden.
Bevor wir jetzt zu der Betrachtung der einzelnen
Entwickelungs-Vorgänge schreiten, müssen wir uns die
Beziehungen der Embryonen zu ihrer Brutstätte, d. h. zu
den inneren Kiemen, in's Klare bringen. — Fragen w^ir,
auf welche Weise die aus den Geschlechtsdrüsen freige-
lieber die Geschlechtsorgane u. d. Entwickelung von Cyclas. 9
wordenen Eier in die Kiemen gelangen, so können nur
zwei Möglichkeiten in Betracht genommen werden. Wenn
die Ansführnngsgänge, die ich bis an ihre Mündung
nicht verfolgen konnte, in den gemeinen Kiemengang
sich öffnen, so ist damit auch die Erklärung des ange-
deuteten Vorgangs gegeben. Aber auch dann, wenn die-
selben in den Kiemensipho münden, was viel wahrschein-
licher ist, bietet der Uebertritt der Eier in die inneren
Kiemen nur geringe Schwierigkeit, da der Sipho im zu-
rückgezogenen Zustande einen Wulst bildet, der die Kie-
menöffnungen dicht umfasst, und die andrängenden Eier
in die nach unten gelegene weite Oeffnung des gemei-
nen Kiemenganges der inneren Kiemen hineinfallen lässt.
In beiden Fällen kann die üebertragung der Ge-
schlechtsprodukte übrigens nur bei geschlossenen Schalen
stattfinden, da anders der Wasserstrom dieselben von
dem Thiere entfernen würde, wie das auch nach Baer
für die Najaden gilt. Man darf deshalb wohl annehmen,
dass bei den Cjcladen, wie bei den Najaden, zahlreiche
Eier verloren gehen, indem sie durch das Kiemenwasser
fortgeschwemmt werden. Auch später, nach dem Ueber-
tritte in die Kiemen, ist solcher Verlust noch möglich,
bis die Eier von den umliegenden Epithelialzellen um-
wuchert sind, wie wir das sogleich zu beschreiben haben.
Wie die freien Eier, so dürften sich auch die Sa-
menfäden verhalten, die man gleichfalls bisweilen in den
inneren Kiemen antrifft.
Wie längst bekannt entwickeln sich die Eier der
Cycladen in besonderen Bruttaschen, die der Innenwand
der Kiemen aufsitzen, um die Entwickelung dieser Brut-
taschen und ihre Beziehungen zu den Kiemen zu erklä-
ren, muss ich zuerst Einiges über die Structur dieser letz-
teren Organe hier anführen.
Die Kiemen von Cyclas Cornea stellen uns, wie
Leydig sagt, ein System von chitinisirten, mit einan-
der durch Quercommissuren verbundenen Rinnen dar, die
mit flimmernden Epithelialzellen bekleidet sind.
Wir können eine jede Kiemenlamelle gewisserraas-
sen aus einer Anzahl Zellensäulen bestehend denken, zwi-
10 Stcpanoff:
sehen welchen man (in der Verblndnngshaut), wie bei den
Najadcn und anderen Lamellibranehiatcn, zahlreiclie nach
Aussen durchbrechende Oelfhungen findet. Diese Ocff-
nungen erkennt man leicht^ besonders gegen den freien
Kiemenrand, und namentlich an solchen Präparaten, die
einige Zeit in Spiritus gelegen haben. Die Ränder der
einzelnen Säulen sind, nach Leydig, von Zellen be-
gränzt, die starke Wimpern tragen, zwischen welchen
dann Zellen mit zarten Flimmern angebracht sind. . So
verhält es sich wenigstens auf der äussern Kiemenfläche;
auf der inneren Fläche sind dieselben Elemente vorhan-
den, aber ohne Wimpern,
Um die Morphologie der Kiemen von Cyclas mit
der der Najaden, die uns am besten bekannt ist, zu ver-
gleichen, habe ich dieselben nach der mir vonProf. Leu-
ckart empfohlenen Methode in Mülle r'scher Flüssig-
keit gehärtet und dann in Querschnitte zerlegt. Die
Fig. 21 zeigt uns einen solchen Querschnitt aus der Kieme
von Anodonta. Man lernt daraus , dass die einzelnen
Säulen der beiden Kiemenlamellen mit einander verwach-
sen sind und die Kiemenkammer, d.h. der zwischen bei-
den Lamellen enthaltene Hohlraum, in einzelne parallele
Fächer getheilt ist, welche sämmtlich in den Kiemengang
einmünden. Bei Cyclas ist nur insofern ein Unterschied,
als die Verwachsung hier nicht stattfindet, und die Kie-
menkammer somit einen ungetheilten Hohlraum darstellt,
der durch den marginalen Zusammenhang der beiden
Kiemenlamellcn die Form eines tascheiiförmigen Blind-
sackes angenommen hat.
W^enn die Eier nun in die inneren Kiemen resp.
deren Hohlraum eingetreten sind, so legen sie sich zwischen
den einzelnen Säulen der äussern Kiemenlamelle fest, um
dann alsbald von den umgebenden Zellen umwuchert zu
werden. Diese Umwucherung wird aller Wahrscheinlich-
keit nach wie die Bildung der ßruttaschen bei Pipa (oder
die der De.cidua reflexa) durch die Erhebung eines Ring-
wulstes eingeleitet, dessen Ränder aber rasch verwachsen
müssen, da es mir niemals gelang, denselben zu beobach-
ten. Uebrigens sind auch die geschlossenen Säcke in den
Ueber die Geschlechtsorgane u. d. Entwickelung von Cyclas. 11
ersten Phasen ihrer Entwickelung, ihrer Kleinheit wegen,
nur schwer zur Anschauung zu bringen. Weiter, wenn
die eingesclilossenen Embryonen wachsen, ändert sich frei-
lich dieses Yerhältniss, so dass sie denn auch schon von
den früheren Beobachtern unserer Cycladen (zuerst von
Jacobson) meist richtig gesehen und als Bruttaschen
beschrieben wurden. (In den Erläuterungstafeln der ver-
gleichenden Anatomie vonCarus ist irrthümlicher Weise
der ganze obere Theil der inneren Kiemenkammer, der
durch die ausgebildeten Säcke stark erweitert wird, als
eine einzige Bruttasche abgebildet.)
Leydig giebt an, bei Cyclas cornea immer nur drei
solcher Säcke gefunden zu haben, während S chmi dt
dieselben völlig übersehen hat. Nach der Angabe des
letztern sollen sich die Embryonen in Kiemenfächern ent-
wickeln , die bei Cyclas gar nicht existiren.
Aus dem hier Angeführten geht übrigens zur Genüge
hervor, dass die Bruttaschen früher mehr dem Namen
nach bekannt, als in allen ihren Verhältnissen und nament-
lich auch ihrer Entwickelung gehörig studirt waren. Die-
ser Umstand legt mir die Pflicht auf, meine Behauptung,
dass dieselben durch eine ümwucherung der die Eier und
Embryonen umgebenden Kiemenzellen entstehen, mit wei-
teren Gründen zu belegen.
Wenn man eine äussere Lamelle aus der inneren
Kieme herausschneidet und dieselbe sorgfältig unter der
Lupe betrachtet, so bemerkt man gewöhnlich an der Innen-
fläche eine ganze Reihe von Auftreibungen verschiedener
Grösse, die junge Embryonen in sich einschliessen. Als
mir diese Säckchen mit ihrem Inhalte einmal bekannt ge-
worden waren, konnte mir über ihre Beziehungen zu den
s. g. Bruttaschen kein Zweifel bleiben, obwohl das Ent-
stehen derselben und ihre weitere Entwickelung erst spä-
ter klar wurden.
Bringt man einen solchen kleinen Sack mit dem
entsprechenden Theile der Kiemenlamelle unter das Mikro-
skop, so kann man sich leicht überzeugen, dass er aus
den Elementen der Kieme selbst gebildet ist. Die Figu-
ren 4 — 5 können uns dieses Verhältniss zur Genüge de-
12 Stepanoff:
monstrircn. Man unterscheidet an den gezeichneten Säcken
zwei Schichten von Epithelialzellen, eine äussere, die aus
hellen kleinen Elementen besteht, welche unmittelbar als
Fortsetzung der zwischen den einzelnen Säulen der Kie-
men Hegenden Zellcnmembran zu betrachten ist, und eine
innere, die aus den grossen Zellen der Kiemensäulen selbst
gebildet wird. Wir wissen schon, dass die Epithelialzellen
auf der inneren Fläche der Kiemenlamelle ohne Wim-
pern sind, und das erklärt uns zur Genüge, warum L ey-
dig dieselben auch in den grossen Bruttaschen nicht
finden konnte. Mit dem Wachsthum dieser Säcke, das
durch die Entwickelung der Embryonen selbst bedingt
wird, geht in der sie bildenden inneren Zellenschicht eine
Veränderung vor, welche darin besteht, dass die einzelnen
Zellen immer grösser werden, sich mit einem klaren In-
halte füllen und eine starke Vermehrung ihrer Kerne
zeigen, so dassLeydig deren Zahl bis auf 20 und mehr
schätzt. Die Fig. 5 stellt uns eine Bruttasche dar, in der
diese Zellen von der Peripherie nach Innen immer stär-
ker ausgewachsen erscheinen.
Ich habe schon erwähnt, dass man gewöhnlich an
einer Kiemenlamelle eine ganze Reihe von Bruttaschen
auf verschiedenen Entwickehmgsstadien erkennen kann;
ihre Zahl wächst zuweilen bis zu 10. So v^'cnigstens bei
frischen Exemplaren, während die Zahl in unseren Aqua-
rien, wo die Produktion der Geschlechtselemente sich
bedeutend vermindert, allmählich abnimmt und bisweilen
in solchem Grade, dass man überhaupt vergebens nach
denselben sucht.
In den einzelnen Bruttaschen findet sich eine wech-
selnde Anzahl von Embryonen, die allerjüngsten enthalten
deren immer nur einen oder zwei, die ausgebildeten Brut-
taschen dagegen gewöhnlich bis zu sieben. Ausserdem
ist hervorzuheben, dass man in den kleinen Säcken im-
mer nur Embryonen gleicher Entwickelung findet, wäh-
rend die ausgewachsenen Taschen fast immer mit einer
Brut von verschiedener Reife erfüllt sind. Fragen wir,
wie diese Thatsache zu erklären sei, so finden wir darauf
nur eine einzige Antwort, und diese kleidet sich in den
Ueber die Geschlechtsorgane u. d. Entwickelung von Cyclas. 13
Satz, dass die einzelnen an einander gelegenen Säcke mit
der Zeit verwachsen.
Es ist auch in der That nicht schwer sich davon
zu überzeugen; dass dieser Process in Wirklichkeit statt-
findet; wie uns denn z. ß. die Fig. 5 zwei Säcke zeigt,
die früher neben einander gelegen waren, jetzt aber nicht
mehr zu trennen sind. Es kommt auch vor, dass eine der-
artige Bruttasche bei weiterer Entwickelung an eine dritte
stösst und mit derselben verwächst. Ich möchte so.o-ar
annehmen, dass die grossen Bruttaschen, von denen die
früheren Forscher ausschliesslich gesprochen haben, kaum
jemals aus weniger als aus drei solchen Säcken zusam-
mengesetzt sind. Die innere Fläche solcher Bruttaschen
zeigt zuweilen noch besondere Falten, zwischen welchen
die Embryonen einzeln gelegen sind. Man sieht sie dann
unbeweglich mit dem Schlossrandejhrer Schalen zwischen
den Falten eingeklemmt und nur von Zeit zu Zeit den
Fuss in den gemeinschaftlichen Innenraum der Tasche
vorstrecken.
Wenn die Entwickelung der einzelnen Bruttaschen
beständig vor sich geht, dann können diese Gebilde natür-
lich nicht als bleibende Organe betrachtet werden, woraus
weiter folgt, dass sie, nachdem sich die in ihrem Innern
befindlichen Embryonen entwickelt haben, einer rück-
schreitenden Metamorphose unterliegen. Diese Metamor-
phose wir dadurch eingeleitet, dass sich die Embryonen,
wie wir später sehen werden, von den sie umwuchern-
den Zellen ernähren. Mit dem zunehmenden Wachs-
thume wird der Verbrauch immer grösser, bis endlich die
Zahl der neugebildeten Zellen hinter der der verbrauch-
ten zurückbleibt. Yen da an verdünnen sich die Wände
der Bruttaschen allmählich, bis endlich die erwachsenen
Embryonen durch die starken BewegungX3n ihrer Füsse
dieselben durchreissen.
Nachdem nun der Embryo seine Bruttasche ver-
lassen hat, stellt diese letzte einen Haufen von grossen
Zellen dar, der verschiedene Formen annehmen kann.
Sehr oft sieht man denselben an der Basis der inneren
Kiemenlamelie lappig verästelt in allen Richtungen sich
14 Stepanoff:
ausbreiten (solche Bildungen denn auch von Carus als
Verästelungen des Eierstocks abgebildet werden). Nach
und nach aber werden diese Zelienhaufcn resorbirt, ohne
eine Spur von ihrer Existenz zu hinterlassen.
Bekanntlich sind übrigens die Cycladcn nicht die
einzigen Lamellibranchiaten mit Bruttaschen. Nach den
Untersuchungen von Agassiz, die mir jedoch nur nach
Bronn (Classen und Ordnungen des Thierreichs) be-
kannt sind, findet sich dieselbe Erscheinung auch bei eini-
gen Nordamerikanischen Unionen. ^Es sind,'*' so heisst
es hier, ^rührige, häutige Verlängerungen der senkrech-
ten Scheidewände, die die Kiemenblätter in Fächer abthei-
len, welche hier sackartig von der Mitte der Kiemen
hervortreten und gemeinschaftlich in einer flachen Spirale
sich aufwinden.'' Man sieht, dass bei den betreffenden
Naja den so ziemlich dasselbe stattfindet, was von uns für
Cyclas beschrieben wurde; denn die einzelnen Kiemcnsäulen
der letzteren sind ja nichts anderes, als unvollkommen
miteinander verwachsene Theile der Scheidewände. Bei
der Abwesenheit einer w^eiten Kiemenkammer erklärt sich
auch, warum diese Säcke bei den Unionen aus der'Kieme
selbst hervortreten und spiralig gewunden sich zwischen
derselben und dem Mantel ausbreiten. Bei Cyclas hängt
die Bildung der Bruttaschen mit dem langen Kiemen-
aufenthalt und der Ernährung der Embryonen zusammen;
bei den Unionen dagegen mag sie durch den Bau der
Kiemen bedingt w^erden, die in diesem Falle nur in
ihrem hinteren Theile Eier aufnehmen und ohne jene
Einrichtung vielleicht zu wenig Raum bieten würden.
Nachdem ich einmal die jungen Säcke in den Kie-
men unserer Cycladen entdeckt hatte, hoffte ich in den-
selben die ersten Phasen der Embryonalentwickelung
vorzufinden. Meine Hofinung ist aber nur theihveise erfüllt
worden. Bei mehrmals unternommenem Zerzupfen klei-
ner Auftreibungen habe ich allerdings einige Eier in frü-
heren oder späteren Stadien der Furchung gefunden, aber
alle waren verletzt, so dass ich aus denselben nur so viel
entnehmen konnte , dass die erwähnte Erscheinung bei
Cyclas keine besondere Abweichung von dem uns für
lieber die Geschlechtsorgane u. d. Entwickelung von Cyclas. 15
andere LamellibrancLiaten bekannten Typus darstellt. Der
Dotter theilt sich in zwei Hälften, von denen die eine
rascher den Fnrchimgsprocess durchläuft und mit kleinen
hellen Furchungskugehi bald den anderen, in seiner Ent-
wickelung zurückgebliebenen Theil umwächst.
Weiter ist es mir auch gclimgen, ein eben erst in
die Kieme übergetretenes Ei herauszupräpariren, welches
auf der Fig. G abgebildet ist. Dasselbe war 0,063 Mm.
gross, und zeigte folgende Beschaffenheit. Die Eihaut
hat bedeutend an Breite zugenommen und die die Mi-
cropyle umgränzenden Ränder sind noch einmal so dick
geworden , als man es bei den reifen Eierstockseiern
beobachten kann, während die OefFnung selbst fast ganz
geschlossen erschien. In dem 0,38 Mm. grossen Keimbläs-
chen war ein bisquitförmiger Keimfleck zu sehen.
Wenn war nach dem Grunde fragen, warum die
jungen Eier in den ersten Stadien der Entwickelung so
selten zur Beobachtung kommen, so kann dieser nur in
dem Umstände zu suchen sein, dass jene Stadien in der
Regel alsbald nach dem Uebertritte der Eier in die Kie-
men ablaufen, noch bevor dieselben von den umgebenden
Zellen vollständig umwuchert sind.
EntAYickelung.
Die ersten Phasen der Entwickelung, die ich näher
untersuchen konnte, zeigten mir Embryonen, die noch
ganz aus Embryonalzellen bestanden. Sie waren 0,142 Mm.
gross, fast kugelig, hatten aber schon die Eihüllen verlo-
ren und eine histologische Differenzirung eingegangen.
Im Aligemeinen konnte man an denselben die peripheri-
sche (animale) Schicht von der centralen (vegetativen)
unterscheiden, da die letzte aus etwas grösseren und hel-
leren Zellen gebildet war (Fig. 7 u. 8). Die beiden Schich-
ten aber zeigten keine scharfen Gränzen. Die Angabe
von Leydig, dass die innere Schicht einen dunklen
Zellenballen darstelle , kann ich nach den von mir un^
tersuchten Embryonen nicht bestätigen, obwohl ich zu-
16 Stepanoff:
geben will, dass sie für die (von mir nicht beobachteten)
allerersten Stadien der Embryonalentwickelung zutreffen.
Von Cyclas caliculata sah ich Embryonen, die sich ganz
gleich verhielten, wie ich desshalb ausdrücklich hervor-
hebe, weil Schmidt ') dieselben nicht beobachten konnte.
Unter den Zellen der vegetativen Schicht sind zuweilen
einige, die sich durch ihre Grösse von den übrigen aus-
zeichnen; sie sind als in ihrer Theilung zurückgeblie-
bene Embryonalzellen zu betrachten (Fig. 8).
Da die Reihenfolge der bei dem Embryo auftreten-
ten Veränderungen schon von Schmidt und Leydig
geschildert ist, halte ich für passender, hier die Entwik-
kelungsgeschichte nach den einzelnen Organen zu be-
handeln.
Fuss. Der Fuss ist dasjenige Organ, welches mit
dem Munde zuerst von dem Embryo gebildet wird. Er
entsteht als eine anfangs nur niedrige Aufwulstung hin-
ter dem Munde, deren oberflächliche Zellenlage durch
stärkere Vermehrung und Pressung der Elemente eine
Art Cylinderepithelium bildet und mit zarten Flimmern
bekleidet ist. Da die übrigen peripherischen Zellen des
Keimes eine einfache Kugelform besitzen, lässt sich die
Gränze des Fusses gleich anfangs mit ziemlicher Bestimmt-
heit umreissen (Fig. 7). Bald nach der Anlage sieht man
ihn übrigens schon beträchtlich gewachsen (Fig. 9) ; bei
Embryonen von 0,252 Mm. Grösse bildet er einen brei-
ten, ansehnlich konischen Vorsprung, dessen Flimmerkleid
stark genug wird, den ganzen Körper in schwankende
Bewegungen zu setzen. Schon Schmidt undLeydig
haben die Bildung des Fusses als eines Vorsprungs des
Embryonalkörpers erkannt, aber übersehen, dass derselbe
von Anfang an mit Flimmerhaaren bekleidet ist.
Bei der weiteren Ausbildung des erwähnten Vor-
sprungs sind zwei Momente in Betracht zu ziehen: das
Vorkommen einer Höhle in seinem Centrum und die Bil-
dung der contractilen Elemente. Was die Centralhöhle
anbetrifft, die von Leydig bei den erwachsenen Cycla-
1) Müller's Archiv 1854.
lieber die Geschlechtsorgane u. d. Entwickehmg von Cyclas. 17
den als ein Blutraum beschrieben worden, so ist ihre Bil-
dung eine sehr frühzeitige (Fig. 12). Sie entsteht durch ein
Auseinanderweichen der Parenchymzellen des Fusses und
erreicht bald eine relativ ausserordentliche Grösse. Eine
eigentliche scharfe ßegränzung ist nicht nachweisbar, indem
die anliegenden Zellen, die sich zum grössten Theile in
contractile Elemente umwandeln, mehr oder weniger weit
in den Innenraum derselben hineinragen. Die oben er-
wähnt-e Umwandlung geschieht dadurch, dass die Zellen
an zwei entgegengesetzten Punkten sich zuspitzen und
allmählich eine spindelförmige Gestalt annehmen. Die
Zellenmembran bekommt dabei schärfere Contouren, wäh-
rend die Inhaltsmasse noch längere Zeit die ursprüngliche
körnige Beschaffenheit beibehält, wie namentlich nach
Zusatz von Essigsäure deutlich wird.
Mit der Entstehung dieser Elemente, die in das erste
Embryonalleben unserer Mollusken hineinfällt, fängt nun
der Fuss an seine Contractionen auszuführen. Anfangs
nur wenig merklich, gewinnen diese Bewegungen mit zu-
nehmender Grösse immer auffallendere Dimensionen, bis
sie bei den ganz reifen Embryonen schliesslich von de-
nen der frei lebenden Thiere nicht mein' zu unterschei-
den sind. Besonders häufig sieht man schon bei jungen
Formen die Seitenflächen des Fusses rinnenförmig einge-
zogen, so dass derselbe auf dem Querschnitte dreilappig
erscheint, wie es auf den Fig. 13, 14 u. 15 abgebildet ist.
Schmidt scheint ähnliche Bilder gesehen zu haben,
überträgt sie aber auf das Profil der Embryonen und hält
sie überdiess für eine constante Erscheinung !
Es bleibt mir schliesslich noch hervorzuheben, dass
die flimmernde Oberfläche des Fusses schon bei den jun-
gen Embryonen mit einem Cuticularsaume bekleidet ist,
der bei den Contractionen verschiedene Falten bildet
und uns zuweilen Bilder vorführt, die an die von Ley-
dig abgebildeten Wasserkanäle erinnern. Mit dieser Be-
merkung will ich übrigens nicht die von dem genannten
Forscher beobachtete Anwesenheit solcher Canäle in Ab-
rede stellen, obwohl ich gestehen muss, dieselben trotz
allem Nachsuchen nicht aufgefunden zu haben. Die Cu-
Archiv f. Naturg. XXXI. Jahrg. 1. Bd. 2
18 Stepanoff:
ticiila Tvird auf der freien Oberfläche der Zellen ausge-
schieden, ohne dass die aufsitzenden Flimnicrhaare in ihren
lebhaften Bewegungen dadurch behindert würden.
B 7 s s u s d r ü s e. Die Byssusdrüse wurde bereits
von V. Siebold bei Cyclas-Embryonen als ein paariges
Organ, das in dem Fusse gelegen sei , beschrieben. Sie
entsteht als eine Einstülpung am hinteren Ende des Fuss-
randes, die nun allmählich nach zwei Seiten desselben
in die innere Masse hineinwächst (Fig. \\), so dass das
betreffende Gebilde eigentlich aus zwei Schenkeln mit
einer Oeftnung besteht. Durch diese Bildung wird es
erklärt, dass die paarige Byssusdrüse beständig nur einen
einzigen Byssusfaden secernirt. Die Beschaffenheit dieses
Fadens ist übrigens sehr zart und vergänglich. Der-
selbe unterscheidet sich von dem der Najaden durch
eine bandartige Form, wie auch dadurch, dass er erst in
einer verhältnissmässig sehr viel späteren Entwickelungs-
periode auftritt. Die Angabe von Schmidt, dass Cyclas
caliculata des Byssusorganes entbehre, beruht auf einem
Irrthume.
D arm k anal. Dass die Mundöffnung zu den frü-
hesten Organen <des Embryonalkörpcrs gehört und unge-
fähr gleichzeitig mit dem Fusse angelegt wird, ist schon
bemerkt worden. Das erste, was auf die Bildung dieses
Mundes hinweist, ist ein ziemlich w^eiter Kranz cylin-
drischer Zellen, der unmittelbar vor dem Fusse sich be-
merklich macht und eine flache Grube einzuschliessen
scheint (Fig. T). Die Zellen haben eine gewisse Aehulich-
keit mit den Zellen dei^Fussbekleidung und tragen, wie
diese, einen Wimperbesatz. Eine Magenhöhle konnte ich
bei den jüngsten meiner Embryonen ebenso wenig nach-
weisen, wie eine eigentliche Mundöffnung, deren Bildung
erst etwas später vor sich geht. Die Magenhöhle ent-
steht durch eine allmähliche Resorption des inneren Thei-
les der vegetativen Schicht, wie das auch von Schmidt
beschrieben ist, obgleich dieser die Bedeutung der neu-
entstandenen Höhle nicht kannte. Nach und nach be-
kommt die Magenhöhle eine scharfe Begränzung und ein
besonderes, einfach geschichtetes Epithelium , das mit
Ueber die Geschlechtsorgane u. d. Entwickelung von Cyclas. 19
kräftigen Wimpern ausgestattet ist (Fig. 9). Der Mund,
der früher nur durch eine flache Grube angedeutet war,
vertieft sich immer mehr und wird allmählich, wie auch
Leydig hervorhebt, zu einem Trichter, der schliesslich
in den Magen hindurchbricht. Die Epithelialzellen des
auf diese Art gebildeten Oesophagus gehen dann unmit-
telbar in die des Magens über. Etwas später kommt es
auch zur Bildung des Darmes mit dem After, wobei sich
im Wesentlichen derselbe Vorgang wiederholt, wie wir
ihn eben bei dem Auftreten des Mundes und des Oeso-
phagus geschildert haben. Insofern scheint allerdings ein
Unterschied stattzufinden, als die Einstülpung hier von
dem Magen ausgeht und die Bildung des von einem Kranze
cylindrischer Epithelialzellen umgebenden Afters nach-
folgt (Fig. 14 u. 15). Der Embryo hat nun eine weite
Höhle (Fig. 9\ die durch zwei Canäle von ziemlich glei-
cher Struktur und Länge nach aussen offen steht.
Die hier beschriebene Bildung bleibt eine verhält-
nissmässig lange Zeit hindurch bestehen. Erst bei der
weiteren Entwickelung des Mantels mit den Schalen geht
dieselbe durch Längenwachsthum und Zusammenkrüm-
mung des Enddarmes in die definitive Form des ausge-
bildeten Thieres über (Fig. 19;. An der Afteröffnung
konnte ich anfangs keine Flimmerbewegung auffinden
obgleich sich eine solche schon ziemlich früh im Innern
des Darmes an dem Magenende bemerklich macht (Fig. 14
und 15). Im Allgemeinen dürfte die Bildung dieser Be-
w^egungselemente in gerader Richtung von der Mundöff-
nung über den Magen hinaus zu dem After fortschreiten.
Leber. Die Leber bildet sich nach dem von Ley-
dig aufgestellten Tvpus als eine Einstülpung der Sei-
tenwand des Magens, die anfangs weit und einfach ist,
sich dann später mehrfach theilt und endlich in eine
grosse Menge einzelner Follikel zerfällt. Die erste An-
deutung dieses Vorgangs ist von mir in Fig. 11 und 12
gezeichnet. Dieselben stellen einen Embryo dar, dessen
Magenwand schon ihre runde Form verloren hat und an
den betreffenden Stellen einige Epithelialzellen mit Gal-
lenfett und Pigment im Innern erkennen iässt. Die Ab-
20 Stepanoff:
lagerung dieser Substanzen, die man auch bei älteren
Embryonen deutlich beobachten kann, geht auf dieselbe
Weise vor sich, wie Meckel ^) sie bei einer Anzahl
Gasteropoden beschrieben hat.
Die erwähnten Aussackungen des Magens nehmen
eine lange Zeit ohne sich zu theilen an umfang zu und
erscheinen noch an fast reifen Embryonen, vom Rücken
des Thieres beobachtet, als zwei grosse, gelbgefärbte Lap-
pen, die an den Seiten des Magens gelegen sind und ihn
fast völlig bedecken. Die Wimpern, welche an der in-
nern Magenwand angebracht sind, gehen auch auf die
Innenfläche dieser Lappen über, wie das schon von Ley-
dig nachgewiesen ist. Erst bei völlig ausgewachsenen
Embryonen sieht man die beiden Leberlappen sich thei-
len (Fig. 19), ohne dass sich jedoch jemals während des
Aufenthaltes in den Bruttaschen eine Leber bildete, die
der ausgebildeten nach der Follikelanzahl ähnlich wäre.
Die Angabe von Schmidt, nach der die Leber bei
Cyclas caliculata aus zwei in der Mitte des Körpers ge-
legenen Verdichtungen des Zellengewebes hervorgehe,
kann ich nicht bestätigen ; dieselbe widerspricht auch
Allem, was wir bis jetzt in der Thierwelt über den Ent-
wickelungstypus dieses Organes erfahren haben.
Segel. Die Segel treten bei den Embryonen nach
der ersten Anlage des Darmkanales und des Fusses her-
vor. Schmidt hat ihre ganze Entwickelung verkannt und
sie für Mantellappen gehalten; Leydig aber giebt ganz
richtig an, dass er das Auftreten derselben in Form einer
zusammenhängenden Garnirung von starken Wimpern am
Kopfende des Embryo beobachtet habe. Die folgende
Phase stellt die betreffenden Organe als zwei konische
Vorsprünge dar, die an den Seiten des Mundes ange-
bracht sind und einen Flimmerüberzug tragen (Fig. 9). Es
ist nicht schwer sich vorzustellen, wie dieselben aus dem
früher unpaaren Segel hervorgegangen sind, wie es auch
von Leuckart für die Najaden nachgewiesen ist.
1) Micrographie einiger Drüsenapparate der niederen Thiere,
Müller's Archiv 184G.
Ueber die Geschlechtsorgane u. d. Entwickelung von Cyclas. 21
Die weitere Ausbildung dieser Segel besteht in einem
Auswachsen der erwähnten Zapfen. Die Rip}3ung und
Bildung der Flimmerfurche konnte ich während des Em-
bryonallebens niemals beobachten. Die Hauptmasse der-
selben besteht aus Muskelsubstanz und Bindegewebe, auf
dem man einen Beleg von Epithelialzellen unterscheidet,
die äusserst lange und dünne, beständig wellenförmig
schwingende Cilien tragen.
Da einige Beobachter noch gegenwärtig der Meinung
sind, dass die Segel in Struktur und Leistung eine nähere
Beziehung zu den Kiemen haben, füge ich hier beiläufig
hinzu, dass die Segel, wie man sich leicht durch Quer-
schnitte an gehärteten Präparaten (von Anodonta) über-
zeugen kann, aus einer dichten bindegewebiger Grund-
lage bestehen, die nach allen Richtungen unregelmässig
von Muskelfasern durchsetzt wird und keinerlei Hohl-
raum im Innern erkennen lässt.
x^uf der Oberfläche des Segels bildet das Gewebe
eine Anzahl paralleler Leisten , die mit grossen, stark-
wimpernden Cyiinderzellen bekleidet sind. Die dazwi-
schenliegenden Furchen gehen alle in eine weite Rinne
über, welche am Vorderrande des Segels bis zu dem
Munde hinläuft und den Weg anzeigt, auf dem die Nah-
rungsstoffe in die MundöfFnung gelangen.
Es mag bei dieser Gelegenheit erlaubt sein, noch
Einiges über die Bedeutung des unpaaren Segels und seine
Beziehungen zu dem genugsam bekannten Phänomen des
Rotirens bei Cyclas hervorzuheben. Wie schon L e y d i g
andeutet und auch Leuckart für die Najaden angiebt,
sind die Segel bei den Süsswasserlamellibranchiaten viel
weniger entwickelt als bei den marinen Formen. Schmidt
ist in seiner Arbeit über die Entwickelung der Najaden da-
durch sogar zu der Annahme geführt worden, dass ein
unpaares Segel bei diesen Thieren gar nicht existire.
Ich habe selbst die Gelegenheit gehabt dasselbe zu beob-
achten, und finde nur insofern einen Unterschied von dem
unpaaren Segel der Cycladen, als dieses sich in einer
etwas späteren Entwickelungsperiode hervorbildet, nach-
22 Step an off:
dem der Embryo schon an anderen Stellen seiner Ober-
fläche mit Cilien bekleidet ist.
Das Phänomen des Rotirens, das durch die Bewe-
gung der auf dem Segel aufsitzender starken Wimpern
hervorgebracht wird, kann bei Cyclas, wie schon aus dem
früher Gesagten hervorgeht, nicht so ausgeprägt sein,
wie es bei den frei umherschwimmenden marinen Mol-
lusken der Fall ist. Selbst die Najadenembryonen sind
in dieser Hinsicht den jungen Cycladen bei weitem über-
legen. Ich möchte übrigens mit Leydig nicht behaup-
ten, dass die Embryonen von Cyclas gar nicht rotiren,
da man die jungen Exemplare sehr oft in verschiedener
Richtung sich umwälzen und drehen sieht, wie das auch
Schmidt beobachtet hat, der freilich irrthümlicher
Weise die bewegende Kraft in die Cilien der Mantellap-
pen verlegt. Dass unsere Cycladen in dieser ELinsicht
so zurückstehen, erklärt sich sonder Zweifel in einfacher
Weise aus der Grösse der Embryonen, die rasch um ein
Bedeutenderes wachsen, als es bei den Najaden oder ir-
gend einem anderen Lamellibranchiaten bekannt ist.
Mantel. Der Mantel erscheint bei den jungen
Cycladen in einer Zeit, wo der Darmkanal noch nicht
ausgebildet ist, die Segel kaum angelegt sind. An sol-
chen Embryonen, die noch eine mehr kuglige Gestalt
besitzen, erblickt man an der Peripherie des Körpers,
oberhalb des Afters, eine Zellenmasse von scheibenförmi-
ger Gestalt und beträchtlicher Dicke, die in ihrer Mitte
einen nach aussen offenen engen Hohlraum einschliesst
(Fig. 10). Wo die Dicke dieser Scheibe das Maximum
ihrer Entwickelung erreicht hat, kann man sie fast un-
mittelbar bis zu der Magen wand verfolgen; so dass man,
ohne Kenntniss des Afters, sich fast versucht fühlt, die
eben erwähnte Grube für diesen selbst zu halten, was
auch, wie ich vermuthe, von Seiten Leydig's geschehen
ist, da er den After aus einer Ausstülpung von der Aus-
senfläche des Embryo entstehen lässt. Bei Teredo, wo
der Mantel sich nach demselben Typus bildet, wie wir
später hervorheben werden, hat Quatrefages die be-
treffende Grube beim ersten Anblick, wie er sagt, für
lieber die Geschlechtsorgane u. d. Entwickelung von Cyclas. 23
eine Mimdöffnung gehalten. In den folgenden Entwicke-
liingsphasen sehen wir die Ränder dieser Grube an der
Peripherie desEmbryo's sich allmählich ausbreiten (Fig.l2)
und damit in den späteren Mantel sich verwandeln, in
eine Bildung, die anfangs wie eine Kappe auf dem Rük-
ken des Embryo auflie.gt (Fig. 14) und eine einzige, aber
ziemlich dicke Lage cylindrischer Zellen in sich ein-
schliesst. Erst nach der Entwickelung der Muschel er-
kennt" man in den jetzt stark gewulsteten Rändern des
Mantels eine mehrfach geschichtete Zellenmasse (Fig. 17).
Die centrale Grube der Manteianlage nimmt bei zuneh-
mendem Längenwachsthume allmählich die Form einer
Längsrinne an^ die den Mantel in zwei seitliche Lappen
theilt, welche sattelförmig an dem Embryo herabfallen
und dessen innere Organe vom Rücken bedecken. Bis
zur völligen Reife des Embryo bleiben diese Lappen
isolirt. Die Verwachsung der Mantelränder und die da-
durch bedingte Bildung der Siphonen gehört zu den aller-
letzten Veränderungen des Embryo und fällt zum Theil
(xluswachsen der Siphonen) in die Zeit des freien Lebens.
Die hier geschilderten Vorgänge der Mantelbildung
sind von mir zuerst bei Cyclas Cornea festgestellt, später
aber auch bei Cyclas calicuiata in völlig übereinstimmen-
der Weise beobachtet worden, obwohl Schmidt für
letztere eine durchaus abweichende Darstellung giebt und
namentlich hervorhebt, dass der Mantel von Anfang an
die spätere Beziehung zu der Peripherie des Embryo habe.
Schon für solche Leser, die nicht aus eigener Er-
fahrung mit dem Entwickelungsgange dieses Organes
vertraut sind, muss sich nach den Detailbeschreibungen
Schmidt's ein Zweifel an der Richtigkeit seiner Dar-
stellung erheben. Es ist nach der Angabe Schmidt's
geradezu unmöglich, sich die Beziehungen der Mantellap-
pen zu dem Fusse gehörig klar zu machen. Auf den er-
sten Abbildungen unseres Autors treten die erwähnten
Gebilde in den Vordergrund ; sie bedeckenden Fuss mit
ihren freien Rändern, aber in den Fig. 6 u. 7 erscheinen
dieselben auf einmal an der Basis der letzteren als kleine
Zipfel angebracht Anfangs sollen die Seitenränder des
24 Stepanoff;
Mantels, wie die von Schmidt übersehenen Segel, mit
Cilien bekleidet sein, die später nicht mehr gezeichnet
werden, also wohl verloren gehen, obwohl das nicht aus-
drücklich erwähnt wird. Dann kommt es mir nach der
gegebenen Beschreibung auch vor, als wären die Ränder
des sich vielfach contrahirenden Fusses gelegentlich für
Theile des Mantels gehalten worden. Kurz, ich kann mich
der Vermuthung nicht entschlagcn, dass Schmidt in
Bezug auf die Entwickelung des Mantels in mehr als
einen Irrthum verfallen ist.
Die von Lcydig bei Cyclas cornea gegebene Er-
klärung der Mantelbildung, als einer Falte, kann, wie aus
meinen Untersuchungen hervorgeht, auch nicht als rich-
tig angenommen werden. Ich vermuthe, dass der ge-
nannte Forscher eine der oben erwähnten Flimmerfur-
chen, die man bisweilen an den Seitenflächen des Fusses
hinziehen sieht, irrthümlicher Weise auf die beginnende
Differenzirung des Mantels bezogen hat. Wenigstens habe
ich diese Furche mitunter in Bildern gesehen, die mit
der Leydig'schen Abbildung des Mantelrandes völlig
üb ereinsti mmten.
Zu meiner Rechtfertigung kann ich übrigens anführen,
dass die einzige ausführliche Darstellung von der Entwicke-
lung des Mantels der Lamellibranchiatcn, die wir in unserer
Litteratur besitzen, die nämlich, die von Quatrefages
bei Gelegenheit seiner Untersuchungen über Teredo ge-
geben ist, genau mit dem bei Cyclas von mir geschil-
derten Vorgange zusammenfällt. Zum näheren Belege
meiner Behauptung lasse ich Quatrefages selbst re-
den ; „Peu de temps apres que les cils se sont montres,
on apergoit sur un des points de la larve un espace claire,
globineux, qui se prononce plus tard en ouverture infun-
dibuliforme. Cette espace d'orifice, d'abord fort petit, gran-
dit beaucoup et s'^tend dans un sens plus que dans Fautre;
il gagne de plus en plus, atteint les tissus sous-jaconts et
vers le temps donne cette fente se trouve avoir partagee
l'enveloppe vitelline et les tissus qui lui sont adherents
en deux moitiös egales et symmetriques. Ce sont-la les
Premiers rudiments de valves de notre MoUusque." Und
Ueber die Geschlechtsorgane u. d. Entwickelung von Cyclas. 25
weiter : ^lorsque la division de la coquille est complete,
Celle des tissus adherents a l'envelope , aux depens de
laquelle se sont formees les valves, est complete aussi,
excepte dans le point correspondant ä la charniere. On
voit qiie ces tissus sont revenus un veritable manteaii."
Aus den angeführten Beobachtungen von Quatre-
fages erkennt man leicht^ dass die Entwickelung des
Mantels bei Teredo in der That demselben Typus folgt,
den wir für Cyclas aufgestellt haben; wir müssen nur
nach unseren gegenwärtigen Kenntnissen die Bildung des
betreffenden Organes der Schalenanlage vorausschicken.
Schale. Nachdem der Mantel sich in seine zwei
Lappen getheiit hat , erblickt man auf demselben, nicht
weit von der Rückenfurche, zwei symmetrische Plättchen
von kreisrunder Form, welche die Anlage der Schalen
darstellen. Sie bestehen aus einer ausgeschiedenen dünnen
Cuticula und müssen der Analogie nach mit den von v.
Siebold bei den Najaden beschriebenen „zwei eigen-
thümlichen Dotterzellen,'^ die sich zum Zwecke der Scha-
lenbildung schon frühe von dem übrigen Dotter abson-
dern, verglichen werden. Die Angabe von Schmidt,
dass die Schalen bei Cyclas in Form kleiner Kalkpar-
tikelchen angelegt würden, habe ich nicht bestätigt ge-
funden; sie erscheint auch, nach dem gegenwärtigen
Stande unserer Kenntnisse mehr als unwahrscheinlich.
Nach und nach vergrössert sich die ausgeschiedene derbe
Cuticularfläche, bis sie endlich den ganzen Mantel bedeckt,
üebrigens erscheint dieselbe nicht an allen Stellen von
gleicher Dicke. An den Rändern der Mantelfurche, da,
wo sich die künftigen Schlossränder der Schale bilden,
wird sie in grösserer Quantität ausgeschieden, als auf der
anliegenden Fläche. Sind die Schlossränder einmal vor-
handen, dann unterscheidet man an denselben nach kurzer
Zeit, noch vor Beginn der Verkalkung, auch schon die
Zähne und Gruben, die das Schloss zusammensetzen.
Ueber die Ablagerung des Kalkes habe ich nichts
besonderes zu sagen.
Da die Mantelfurche in der ersten Zeit eine ziemlich
breite Rinne bildet, so müssen die beiden Schalen natür-
26 Stepanoff:
lieh anfangs weit von einander entfernt liegen. Wird die
betreffende Rinne nun aber später immer enger , dann
erheben sich die Schalen allmählich zu dem Rücken des
p]mbryo. Die zwischen den Schalen brückenartig ausge-
spannte dünne Cuticula wird durch die Lagenveränderung,
wie schon Leydig beobachtet, faltig zusammengelegt
und bildet dabei eine Masse, die sich durch Verdickung
und Erhärtung allmählich in das Ligament verw^andelt.
Bevor man diesen Entwickelungsgang erkannt hat, wird
man vielleicht geneigt sein, eine schmale zwischen den
beiden Schalen ausgespannte Quercommissur (Fig. 16),
die man schon ziemlich frühe, wenn die Schalen noch
weit von einander abstehen, unterscheidet, für die erste
Andeutung des Ligamentes zu halten. Ich selbst theilte
längere Zeit diese Ansicht, bis ich mich überzeugte, dass
das genannte Querband allmählich immer mehr zurück-
tritt, nachdem es sich vorher, bei Annäherung der Schalen
mehrfach gekräuselt hat , und schliesslich spurlos un-
tergeht.
Zum Schlüsse bleibt noch zu erwähnen, dass die
von dem Mantel ausgeschiedene Cuticula von Porenka-
nälen durchsetzt ist, die sich auch an den ausgebildeten
Schalen wiederfinden und nach nennen hier in eine trich-
terförmige Erweiterung übergehen. Dass diese Erwei-
terung, wie Leydig angiebt, von einer papillären Zel-
lenerhebung des Mantels ausgefüllt wird, habe ich nicht
beobachten können.
Kiemen. Die Entwickelung der Kiemen bei den
Lamellibranchiaten war bis jetzt nur von Lacaze-Du-
thiers ausführlich behandelt. Derselbe hat die Ansich-
ten, die er bei Mytilus über die Bildung dieser Organe
gewonnen hat, auf zahlreiche andere Mollusken und un-
ter andern auch auf unsere Cyclas *) übertragen. Nach
dem genannten Forscher kommen die Respirationsorgane
bei den Cycladen als einzelne Leisten zum Vorschein,
die später verwachsen und erst dadurch zur Bildung einer
Kiemenlamelle Veranlassung geben. Dieselbe Ansicht
1) Annais des sc. nat. 1856. p. 40.
lieber die Geschlechtsorgane u. d. Entwickelung von Cyclas. 27
hat auch Leydig, wogegen ich aber durch meine ün-
tersnchimgen zu einer Annahme geleitet bin^ die sich in
mehrfacher Hinsicht davon unterscheidet.
Bei den ganz jungen Embryonen^ deren innere Or-
gane von dem Mantel nur theilweise umhüllt sind, sieht
man, wie es auch Schmidt bemerkt hat, jederseits ne-
ben dem Fusse zwei Zapfen hervorsprossen, die aus mo-
saikartig in einander eingefügten Embryonalzellen beste-
hen, ohne sonst um diese Zeit irgend eine Spur weiterer
Differenzirung zu zeigen (Fig. 13 u. 15). "Wenn diese
Zapfen nun aber etwas gewachsen sind, und eine Form
angenommen haben, wie sie auf der Fig. 20^ a abgebildet
ist, erkennt man an ihnen die Zeichen einer weiteren
Entwickelung. Man sieht einen Theil der sie bildenden
Embryonalzellen in parallele Querreihen sich gruppiren
und diese an dem freien Rande des Anhangs in einander
übergehen. Jetzt wird es klar, dass wir es mit der An-
lage der Kiemen zu thun haben und dass die erwähnten
Zellenreihen uns das Vorbild der einzelnen Kiemensäulen
darstellen. An einem solchen Kiemenvorsprunge kann
man anfangs gewöhnlich nicht mehr als drei oder vier
Säulenanlagen erkennen, aber später, wenn die Kieme im-
mer mehr in die Länge auswächst, kommen neue Zellen-
reihen zum Vorschein, die sich an die Zahl der vorhan-
denen anschliessen, bis endlich die Kiemenlamelle der
ausgebildeten ähnlich wird (20, c).
i^nfangs erkennt man an den Kiemen keine Spur
von "Wimperhaaren. Auch die erste Anlage der Kiemen-
säulen entbehrt dieser Bewegungswerkzeuge , die erst
hervorsprossen, wenn die Zahl der Säulen bis auf etwa 7
oder 9 gestiegen ist. Aber auch dann sind es zunächst
bloss die älteren Säulen, die eine Flimmerung zeigen.
Mit den ersten Veränderungen, die man in der Kie-
menanlage wahrnimmt, fällt auch die Bildung der Kiemen-
karamer zusammen. Schon bei solchen Kiemen, die auf
der Fläche erst drei oder vier Säulen erkennen lassen,
ist es zuweilen möglich, die angelegten Zellenreihen der
entgengengesetzten Lamelle zu unterscheiden (Fig 20, b),
was uns, wenn auch vielleicht noch nicht das Vorhanden-
28 Stepanoff:
sein einer inneren Höhle, so doch wenigstens der Beginn
einer Trennung in zwei Blätter anzeigt.
Alles, was bis jetzt über die Kiemen der Cycladen
gesagt wurde, ist nn der inneren Kieme beobachtet;
jedoch darf ich aus den einzelnen Veränderungen, die
ich an den äussern Kiemen wahrgenommen habe, entneh-
men, dass diese sich nach demselben Typus ausbilde.
Zeitlich bleibt die Entwickelung dieser äusseren Kieme
übrigens nicht unbeträchtlich hinter der der inneren zurück
(Fig. 17).
Nervensystem und Gehörorgane. Was die
Bildung der einzelnen Ganglienpaare anbetrifft, so habe
ich den Beobachtungen von Schmidt und Leydig
nichts besonderes hinzuzufügen. Zunächst kommt das
Fussganglienpaar zum Vorschein (Fig. 9), dann das vordere
CFig. 11) und endlich, bei den schon ziemlich erwachse-
nen Embryonen, auch das hintere. Jedes Ganglion er-
scheint anfangs aus Zellen gebildet, die von den umge-
benden Embryonalelcmenten kaum unterscheidbar sind,
wie sich denn aucli die Ganglien selbst im Anfange nur
wenig von der umgebenden Masse absetzen. Das Einzige,
was ich über diese Organe noch hervorheben kann, be-
steht darin, dass sie sich anfangs durch eine relativ sehr
kolossale Grösse auszeichnen.. Gleiches gilt auch für die
Gehörorgane, die übrigens, wie schon von Leydig be-
merkt ist, eine längere Zeit hindurch ohne Otolithen sind
(Fig. 14\ Die Flimmerhaare, die der Innenwand aufsit-
zen, lassen sich erst bei völlig reifen Embryonen unter-
scheiden, obgleich die Otolithen schon unmittelbar nach
ihrer Bildung eine lebhafte Bewegung zeigen.
H ar n 0 r g a n e. Die Nieren werden im Embryo von
allen bis jetzt beschriebenen Organen am spätesten ange-
legt, zu einer Zeit, in welcher derselbe schon ganz die
Formverhältnissc des späteren Thieres angenommen hat
und auch in Bezug der inneren Organisation nur noch
wenig von der Reife entfernt ist. Auf der ersten Ent-
wickelungsstufe erscheint die Niere als eine cylindrische
Anhäufung von zarten blassen Zellen, die einen Durch-
messer von 0,047 Mm. besitzen und einen matten, kaum
lieber d. Geschlechtsorgane u. d. Entwickelung von Cyclas. 29
sichtbaren^ 0,01 Mm. grossen Kern mit einigen glänzenden
Kernkörperchen in sich einschliessen (Fig. 19). Neben
diesem Kerne erkennt man später noch einige (2, 3) meist
drusenförmig zusammenhängende Concremente , die in
ein besonderes Bläschen (Secretbläschen 0,008 Mm.) ein-
geschlossen sind und eine beständig zitternde Bewegung
zeigen, wie es schon von M ecke 1 ^) für die Harnconcre-
mente der Lungenschnecken beschrieben ist. Eine um-
hüllende Membran ist an den Nieren im Momente ihrer
Bildung nicht nachzuweisen, so dass ich deshalb denn
auch der Angabe von L a c az e - D u t h i e r s "-), nach wel-
cher die Niere von Cvclas sich als ein Bläschen bilde,
nicht beistimmen kann. Bei den reifen Embryonen er-
scheint jede Niere als ein zweimal gebogener, seitlich
neben dem Darmcanale gelegener Schlauch, der in den
oberen Sipho einmündet. Ob derselbe irgendwie mit dem
Pericardium zusammenhängt, kann ich ebenso wenig, wie
Leydig, mit Sicherheit entscheiden. Ebenso wenig
gelang es mir, bei den jungen Embryonen die Anwesen-
heit von Cilien an den Nierenzellen zu constatiren, die
Leydig bei den erwachsenen Cycladen beobachtet hat.
Das Herz. Das Herz stellt bei seiner ersten An-
lage, nach Art der meisten übrigen Elmbryonalorgane,
einen Haufen von Ballen dar, die den Darmkanal an der
Stelle umgeben, wo er sich nach der Rückenseite des
Thieres umbiegt (Fig. 19). Zunächst ist es übrigens die
Herzkammer, die auf diese Weise ihren Ursprung nimmt,
während die Vorhöfe, wie ich mich weiter überzeugen
konnte, erst später erscheinen. Regelmässige Pulsationen
werden erst nach dem Auftreten der Contractilelemente
wahrgenommen, und diese durchlaufen hier dieselbe Me-
tamorphose, die für die Fussmuskeln oben beschrieben
wurde. Einzelne kaum sichtbare Bewegungen, die ich
vor der histologischen Entwickelung der Formelemente
gelegentlich beobachtete, glaube ich auf den Darmkanal
1) Micrographie einiger Drüsenapparate der niederen Thiere.
MüUer's Archiv 1846.
2) Annales des sc. nat. 1856. p. 28.
30 Stepanoff:
zurückführen zu müssen. Bei ganz reifen Embryonen
konnte ich in einer Minute zwischen .'30 und 40 Pulsatio-
nen zählen.
Muskeln (Adductoren). Ücbcr die Entwickclung
dieser Gebilde kann ich ausser dem von Schmidt und
Leydig bereits Gesagten, Nichts angeben. Dieselben
entstehen bei den Embryonen sehr spät, wenn diese letz-
tern fast schon ganz ausgebildet sind (Fig. 19). Auf dem
Querschnitte der Muskeln ist, wie Leydig schon be-
merkt hat, die Anordnung der einzelnen Primitiv- und
vSecundärbündel bequem zu beobachten.
G es c hlech tsorgan e. Dass auch die Geschlechts-
organe bei den Cycladcn während des Kicmenlebens ihren
Ursprung nehmen, ist unzweifelhaft, da ich in den eben
freigewordenen Embryonen ausgebildete, bewegliche Sa-
menfäden antraf, aber trotzdem bin ich ausser Stande über
die Entwickeln ng derselben nähere Mittheilungen zu
machen. —
Zum Schlüsse meiner Abhandlung noch einige Worte
über die Lebensweise der jungen Cycladen. In den er-
sten Phasen der Entwickelung bewegen sich dieselben
lebhaft in den Brutlaschen, indem sie durch die Thätig-
keit ihrer Flimmerhaare in dem flüssigen Inhalte dersel-
ben, der von den umgebenden Zellen secernirt werden
mag, umherschwimmen. Später, wenn die Thiere grös-
ser und schwerer werden, tritt für sie eine Ruhezeit ein,
die durch die Ausbildung des Mantels und der Schalen,
wie auch durch wichtige innere Blldungsprocesse ausge-
füllt wird. Auf dieser Entwickelungsperiode sieht man
die Embryonen nur von Zeit zu Zeit ihren Fuss aus der
Muschel herausstrecken und in dieselbe wieder hinein-
ziehen. Dass die Bewegungen der jungen Cycladen in
den Bruttaschen, w^iecsLeydig meint, einzig und allein
durch die Anwesenheit der Byssusfäden gehemmt werden,
kann ich um so weniger annehmen , als die letzten ja
erst bei ganz reifen Embryonen ausgeschieden w^erden.
Die Bedeutung der Byssusfäden ist, meiner Meinung nach,
in der Lebensweise der neugebornen Thiere zu suchen.
Mit dieser Yermuthung stimmt auch die frühe Ausbil-
Ueber d. Geschlechtsorga^ie u. d. Entwickelung von Cyclas. 31
dring derByssusfäden bei den Najaden^ die auf einer viel
unvoUkommneren Stufe ihre Mutter verlassen, um sich
an die Kiemen der Fische und vielleicht auch anderswo
anzuheften.
Was die Nahrung der Embryonen während ihres
Aufenthaltes in den ßruttaschen anbetrifft, so besteht
diese, wie schon oben erwähnt wurde, aus denselben Epi-
thelialzellen, durch die sie umwuchert sind. Sobald der
Magen einmal gebildet ist, erblickt man jederzeit in sei-
nem Innern eine Anzahl solcher Zellen in steter Bewe-
gung sich umhertreiben, man sieht sie auch fast immer
wie einen Pfropf die klaffende Mundöffnung ausfüllen und
nach Aussen über dieselbe hervorragen. Die Cjcladen
verhalten sich in dieser Hinsicht abweichend von den
übrigen bekannten Lamellibranchiatcn, die während des
Aufenthaltes in den Kiemen ihrer Mutter sämmtlich ihre
Eihüllen behalten und sich von dem darin befindenden
Eiweiss ernähren. Es sind das Unterschiede, die gele-
gentlich auch in anderen Thiergruppen wiederkehren,
wie z.B. bei denHirudineen und selbst den Gasteropoden,
die wir um so lieber anziehen, als hier auch die Nahrungs-
aufnahme der gleichfalls bald nach der Furchung aus-
schlüpfenden Embryonen mancherlei Parallele mit unse-
ren Cyladen darbietet.
Gi essen im August 1864.
Erkläruug der Abbild uugeu.
Taf. I und IL
Fig. 1. Zwitterdrüse.
„ 2. Entwickelungsstadien der Eierstockseier.
„ 3. Entwickelungsstadien der Samenfäden.
„ 4. u. 5. Bruttaschen.
„ 6. Ein eben in die Kiemen übertretenes Ei.
„ 7 — 19. Embryonen auf verschiedenen Entwickelungsstufen :
f. Fuss; m. Mund: mg. Magen; 1. Leber ; a, After; s. Se-
gel; mt. Mantel; sct. Schale; k. Kieme; g. Ganglion; o.
Gehörorgan; n. Niere; h. Herz; b. Byssusdrüse; ms. Mus-
keln .
32 Stepanoff: Vch. d. Geschlechtsorgane u. s.w.
Fig. 20. a. b. c. Einzelne Phasen aus der Entwickelung der Kiemen.
„ 21. Querschnitt einer Kieme von Anodonta. a. Eines von den
Kiemenfächern; b. Kiemengefässe; c. Scheidewände der Kie-
meufächer, die aus Längs- und Querfasern zusammenge-
setzt und an beiden Seiten mit Epithelialzellen ausge-
kleidet sind; d. Oeffnungen der Canäle, die von den Kie-
menfächern nach Aussen führen; e. durchschnittene Stäb-
chen der Kieme.
Eiuige Nachträge zur Gattaug Heloderma
horridum Wiegm.
Von
J. J. Kaup.
(Hierzu Taf. III. Fig. 1—2.)
Durch die Güte des Herrn Carl Stein erhielt ich
aus der Terra caliente ein jüngeres Thier von Heloderma
horridum, welches zuerst wissenschaftlich von meinem
seeligen Freunde Professor Wi egm ann begründet wurde,
und zu welchem Professor Troschel im Archiv von
1853. p. 294 einen höchst werthvolien Beitrag über das
Skelett und die Bildung der Zunge gegeben hat.
Unser jüngeres Exemplar von etwa 1 Fuss Länge
habe ich in so w^eit präparirt, dass ich mit vieler Mühe
die obere Kopfhaut vom Schädel lostrennte, um diesen
*näher untersuchen zu können. Den Schädel ersetzte ich
mit Wachs , um das äusserst, bunte Geschöpf in Spiritus
als scheinbar ganzes Thier aufbewahren zu können.
Unser jüngerer Schädel zeigt namentlich in der Zahl
der Zähne des Zwischen- und Unterkiefers und durch
die Anwesenheit von Palatin- und Pterjgoidzähnen so
viele Verschiedenheit von dem älteren von Troschel
beschriebenen und abgebildeten^ dass ein jüngerer Zoolog
leicht in die Versuchung gekommen wäre, aus beiden zwei
verschiedene Genera zu bilden.
Das jüngere Thier zeigt 8 kleine Zähne im Zwischen-
kiefer , während Troschel bei dem alten Thiere von
Archiv f. Naturg. XXXI. Jahrg. 1. Bd. 3
84 Kaup:
2 Fuss Länge deren nur 5 anglebt *). Die 8 Zähne
theilen sicli in zwei Gruppen und sind von Innen nach
Aussen gerichtet. An der rechten Seite ist der äusserste
abgebrochen und zeigt sich hohl.
Da die Ersatzzähne wie bei den Varanen im Zahn-
fleische verborgen liegen und in diesem im Laufe des
Wachsthums einen knöchernen tlachen Sockel erhalten,
mit dem sie in entstandene Lücken einrücken; um da-
selbst sich festzusetzen und später anzuwachsen, so kann
es vorkommen, dass ältere Thiere 7, (J und in sehr hohem
Alter wie das Tr o seh el'sche nur 5 Zähne zeigen, wenn
im Laufe der Zeit die Ersatzzähne aufgebraucht und die
Lücken desshalb nicht mehr ausgefüllt werden können.
Im Oberkiefer zähle ich mitTroschel 7, allein im
Unterkiefer nur 4, während Troschel 9 angiebt, allein
nur 8 abbildet. Die Zähne stehen auf den dünnen Kie-
ferwänden, sind länger als die oberen und sind wie die
Kiefern etwas nach aussen gerichtet. Bei meinem Exem-
plare, dessen Unterkiefer 28 Mm. lang ist, während das
alte diesen von einer Länge von 60 Mm. zeigt, stehen die
Zähne sehr weit auseinander, während die bei Troschel
so schön gezeichneten Knochensockel sich fast berühren.
Da demnach unser Exemplar nur halb so langen Unter-
kiefer als das Bonner zeigt, so ist anzunehmen, dass beim
Wachsen des zahntragenden Kiefertheils auch der Raum
für die später sich einschiebenden Ersatzzähne vorhanden
ist, die bereits als Keime bei unserem Individuum im
Zahnfleische vorhanden waren. Es kann desshalb im hö-
heren Alter der Fall eintreten , dass man Individuen
findet, die 5, 6, 7, 8 und \^ Zähne besitzen. Alle Zähne
ohne Ausnahme haben am vorderen Rande von der Spitze
*) Die Normalzahl ist acht. Nach Vergleichung des Kaup'-
ßchen Exemplares mit dem von mir beschriebenen, das leider so
in kleine Stücke zertrümmert ist, dass sich der Schädel nicht mehr
zusammensetzen lässt , ergiebt sich, dass links der 1. und 3.
Zahn fehlen, wofür aber die Lücken da sind, wogegen rechts alle
Zähne abgebrochen sind, so dass nur noch Spuren der ersten drei
Zähne erkannt werden. Troschel.
Einige Nachträge zur Gatt. Heloderma horridum. 35
bis zum Sockel eine Furche, die entsteht, dass die Email-
fläche etwas dachförmig sich über den eigentlichen Kern
des Zahns und zwar auch am hinteren Rande doch nicht
bis zum Sockel hin umlegt. Die vordere Rinne endigt,
wie bemerkt, auf und llber dem Sockel, der mit seiner
gerippten unteren Fläche mit dem Kiefer verschmilzt und
festwächst.
Von eigentlich giftleitenden Zähnen, wie bei den
Vipern , kann bei einer solchen Einrichtung nicht im
Entferntesten die Rede sein, man müsste denn annehmen,
dass der Speichel des Thieres, wie bei einem tollen Hunde,
giftig und tödtlich wirkte. Die Zähne des Unterkiefers
werden von einer dünnen Zahnfleischlamelle bis zu den
Spitzen von der inneren Seite bedeckt, die reichlich mit
Drüsen versehen ist. Diese Lamelle erinnert entfernt an
die Hautsäcke, worin die Eckzähne der Giftschlangen
verborgen liegen. Wiegmann sagt: Dentes palatini nulli
und Troschel bestätigt*) dies, indem er diese weder
beschreibt noch abbildet.
Ich dagegen zähle an dem jungen Schädel 4 auf den
Gaumen und 3 auf den Flügelbeinen und zwar in einer
etwas verschobenen Linie, die durch die Naht beider
Knochen verursacht ist. Sie sind mit blossem Auge, allein
doch noch besser mit der Lupe zu sehen. Sie sind klein,
konisch und nach hinten gerichtet. Da sie an den alten
Exemplaren nicht vorhanden sind, so muss man anneh-
men, dass sie nur in der Jugend und im mittleren Alter
vorhanden sind und im Alter verloren gehen.
Es ist dies auch bei anderen Genera der Fall und
man handelt irrig, wenn man auf die An- und Abwesen-
heit von Palatinzähnen zu grosses Gewicht legt, wenn die-
ses Kennzeichen nicht durch eine Suite von Alters-Indi-
dividuen als constant ermittelt ist.
*) Aufmerksam gemacht durch die Anschauung des jungen
Schädels kann ich deutlich erkennen, dass auch das alte Exemplar
Pterygoidzähne besessen hat, die freilich abgenutzt sind, aber an
derselben Stelle wie bei dem jungen Exemplare gesessen haben.
Die Gaumenzähne sind gänzlich verschwunden. Troschel.
"86 K a u p :
Unser Individuum zeigte seine Jugend auch damit,
dass die Schildchen der Kopfhaut noch nicht verknöchert
und mit dem Schädel zu einem Ganzen verschmolzen
waren.
Alle Nähte der Kopfknochen zeigen sich deutlich
und keine war durch angewachsene Knochenschuppen
verdeckt, wie bei dem Berliner und Bonner Exemplare
der Fall ist.
Die Nasenbeine sind über doppelt so lang als breit,
convex und umgeben vorn die grossen Nasenhöhlen, wei
che die gewölbten Kieferknochen mit umschliessen helfen.
Das Os lacrymale ist ebenfalls schon, auf der linken
Seite wenigstens, mit dem Os frontale anterius so innig
verwachsen, dass keine Trennung sichtbar ist.
Von den entwickelten Superciliarbeinen derVaranen
nur Spuren, die in einem schmalen Ringe bestehen, wel-
che den oberen Rand der geschlossenen runden und klei-
nen Augenhöhle fast ganz umgeben, wie es auch bei der
Profilzeichnung des alten Schädels bei Troschel noch
zu erkennen ist.
Die zwei Stirnbeine so lang wie die Nasenbeine
sind breiter als bei irgend einem Saurier und sind halb
so breit als lang. An dem Zwickel, mit welchem sie sich
zwischen die Nasenbeine einschieben , sind sie etwas
vertieft und hinten breiten sie sich seitlich etwas lappig
aus. Ebenso breit und lang wie das Stirnbein ist das un-
gewöhnlich breite Os parietale, welches etwas in der
Mitte gewölbt, vorn convex und seitlich und hinten aus-
geschnitten ist.
Es liegt fast flach auf dem von oben nach unten
gedrückten Hinterhaupte auf und sein Condylus für den
Atlas zeigt drei Knöpfe wie Varanus und einige Gift-
schlangen.
Dem Os parietale fehlt die Fontanelle vollständig
und ich sehe selbst auf der inneren Seite des Gehirns
keine Spur eines Loches.
Die ganze Oberfläche des Schädels, der noch wenig
Kalk in seinen Wänden besitzt, Ist blasig und uneben
und dies ist das erste Kennzeichen der Unregelmässigkeit,
Einige Nachträge zur Gatt. Heloderma horridum. 37
wenn im hohen Alter der grössere Thell der Kopfschild-
chen als Knochenschildchen mit dem Schädel verwach-
sen und diesen verunstalten.
Wohin im Systeme dieses Genus zu stellen ist,
kann man als eine sehr kitzlige Gewissensfrage betrachten.
Wiegmann und die Herrn Dumeril und Bi-
bron, welche Wiegmann copirt haben, bringen es zu
Varanus, weil W i e g m a n n nach Flernandez irrig an-
nahm, dass die Zunge eine lange tief am Ende gespaltene
und in eine Scheide zurückziehbare wie bei Varanus sei,
was jedoch durch Troschel widerlegt ist, indem der-
selbe eine höchst gelungene Abbildung derselben giebt.
John Gray (Proceed. 1837. p. 152) bringt es als
eigene Familie Helodermidae zu den Leptoglossae, wohin
er die Lacertidae, Zonuridae, Cercosauridae, Cherocolidae,
Chamaesauridae und die Helodermidae zählt; seine 2te
Section begreift die Monitoridae und die 3te die Scincidae.
Troschel lässt es fraglich, ob es zu den Lacer-
ten gehöre, oder eine eigene Familie neben diesen bilden
müsse.
Mit den Varanen hat Heloderma nur das gemein,
dass die Ersatzzähne als Keime im Zahnfleische liegen,
und dass diese später sich mit knöchernen Sockeln ver-
sehen , um mit diesen in entstandene Zahnlücken einzu-
rücken; ferner haben sie mit den Varanen den dreihöck-
rigen Condylus des Hinterkopfs für den Atlas gemein.
Die Hautbedeckung der Varanen ist eine andere, indem
die grösseren Schuppen von kleinen Körnerschuppen um-
geben sind, während die Schuppen bei Heloderma wie
runde Perlchen aneinander gereiht sind.
Sonst haben sie keine weiteren Aehnlichkeiten und es
könnten noch unendlich viele Unterscheidungsmerkmale
zwischen beiden Genera aufgezählt werden, wenn nicht
Troschel durch die Darstellung der Zunge ein für
allemal und zur Evidenz gezeigt hätte , dass an eine
nähere Zusammenstellung niemals mehr gedacht wer-
den darf.
Auch zu den Lacerten kann die Familie Helodermi-
dae nicht gestellt werden, denn diese haben, wie die Le-
38 K u u p :
guan ähnlichen Formen mit kurzen dicken Köpfen, die
Zähne an den Grund und die inneren Seiten der Kie-
fern angeheftet und die späteren Ersatzzähne bilden sich
unter der Wurzel der vorhandenen Zähne und stossen
und heben sie allmählich von oben nach unten, oder von
unten nach oben aus den Kiefern aus, wie es bei den
meisten Säugethieren der Fall ist.
In der Zungenbildung gleicht Heioderma mehr den
Iguanidae als den Lacertidae, deren konischer Schädel
mit seiner oberen Decke, in welchen die regelmässige
Schildbedeckung im Knochen vorgebildet ist, noch weni-
ger Aehnlichkeit hat, als es bei den Iguanidae der Fall
ist, wo doch noch einige Aehnlichkeit auf der unteren
Gaumenansicht mit Heioderma ^auftritt.
Vergleicht man den kurzen über der Schnauze ge-
wölbten, vorn runden im Ganzen deprimirten Schädel mit
seinem kurzen Zwischenkiefer, langen Nasenbeinen, dop-
pelten Stirnbeinen, grossem fast quadratischen Parietal-
bein ohne Fontanelle, kleinen runden rings umschlossenen
Augenhöhlen, das von oben nach unten gedrückte Hin-
terhaupt mit seinem dreifach höckerigen Condylus, seinem
dünnen schief nach aussen gerichteten Unterkiefer, der
vorn schifischnabelartig in die Höhe gerichtet ist und eine
kleine Ausdehnbarkeit dadurch besitzt, dass die Spitze
der Kiefern ^T r o s c h e 1) durch eine Membran verbunden
ist, ferner dass in der Jugend Zähnchen auf den Palatin-
und P te r ygo idbeincn auftreten, so kann man nur zu
dem Schlüsse kommen, dass die Helodermidae wie die
Varanae eine total von allen Sauriern verschiedene Gruppe
ja Unterordnung bilden, und dass es im höchsten Grade
fehlerhaft erscheinen dürfte, beide wegen weniger Ana-
logien aneinander zu reihen.
Man darf, da bei den Schlangen eine ganz ähn-
liche Zahnentwickelung und Zahnersatz statthn-
det, weil bei Heioderma doppelte Stirnbeine wie bei Va-
ranus und den Schlangen, weil bei Heioderma Bezahnung
der Gaumen- und Flügelbeine wie bei den Schlangen,
grossflächiges Parietal und kleine Augenhöhlen wie bei
den Schlangen auftreten, wohl sagen , dass die Varanen
Einige Nachträge zur Gatt. Heloderma horridum. 39
(bei diesen auch die ähnliche Zungenbildung) und die Helo-
dermidae, j^de auf ihre eigenthüraliche Weise den Schlan-
gentypus in ihren entsprechenden Ordnungen darstellen.
Beide Gruppen, von ganz gleichem Werthe, zeigen,
da sie einen und denselben Typus manifestiren, (nur auf
eine der Schöpfung beliebige Variation) nur Analogien,
allein keine Affinitäten und können in ihren entsprechen-
den Ordnungen nur parallel und nicht unter einander
geordnet gedacht werden.
Wenn auch die Classe der Amphibien eine für den
Zoologen ganz verzweifelte ist, indem es keine andere
Classe gibt, die so durch und durch gelichtet ist, so sollte
man doch endlich den Versuch machen die fünf typi-
schen Formen aufzusuchen, um mit Hülfe von diesen die
wenigen Chlffern der Jetzt- und Vorwelt lesen und sie
trotz aller Lücken stellen zu lernen. Es wäre wahrhaf-
tig mehr Sinn und Verstand darin, als eine der vielen
ephemeren Classifikationen zu Tage zu fördern, an die
in wenigen Jahrzehnten kein Mensch mehr denkt, ob-
gleich sie aus Noth in Museen zum Ordnen benutzt werden.
Ich glaube daher, dass man keinen grossen Fehler
begehen wird, wenn man Heloderma, eine Form, die Ame-
rika eigenthümlich ist, als Typus einer eigenen Unterord-
nung unter die Unterordnung stellt, wohin die Iguanidae
gehören, welche mit einer einzigen Ausnahme ebenfalls
auf Amerika und dessen Inseln beschränkt ist *).
Ich werde vielleicht später auf die Lebensart dieser
so höchst interessanten Form zurückkommen, denn ich
hoffe durch meine verehrten Freunde, die Brüder C arl und
Gustav Stein, Näheres zu erfahren. Da die Indianer
alle Keptilien selten an Ort und Stelle tödten, sondern an
*) Wie in Wiegmanns Fauna mexicana p. 13 zu lesen ist,
so war ich derjenige, welcher im Jahre 1827 in der Isis p. 610 die
Agamen in die zwei geographischen Sectionen zerlegte. Eine Ent-
deckung, die Oken meinem Freunde Wiegmann zuschrieb, die
sich Wagler anmasste . und die in neuerer Zeit Waterhouse
den Herrn Dum er il und Bibron zuzählte. Herr Director Schle-
gel war derselben ganz fremd und hat mit ihr nicht das Geringste
zu schaffen.
40 K a u p : Einige Nachträge zur Gatt. Helodenna horridum.
Stöcke festgeknebelt lebend dem Besteller überbringen,
so könnten die von meinen Freunden besoldeten Män-
ner auf den Stein'schen Besitzungen in Mexiko endlich
mit kleineren Thieren experimentiren, ob der Speichel
dieses Thieres giftig wirkt oder nicht. Ich muss geste-
hen, dass ich nach der Ermittelung so vieler Aehnlich-
keiten mit Giftschlangen, nicht den Muth hätte, an mei-
mem Körper die Versuche anzustellen, ob die Sage der
fürchterlichen Giftigkeit des Heloderma horridum eine
Fabel ist oder nicht.
Mein jüngeres Thier hat auf schwarzem und schwarz-
braunem Grunde eine prachtvolle hellockergelbe Zeich-
nung. Rundliche Streifen auf den Wangen und eckige
und gerade Querstreifen auf dem Halse. Ueber den
Rückgrat an sechs unregelmässige Flecken, die rosetten-
artig mit unregelmässigen Flecken umgeben sind. Auf
den Seiten breitere und schmälere Binden. Ueber dem
Becken bis über den Anfang der Schenkel eine gelbe
Binde, ebenso über dem Anfang des Oberarms. Füsse
und Zehen unregelmässig gefleckt. Schwanz mit sechs
gelblichen Ringen und Flecken auf den schwarzen. Nägel
alle gelb. Ich glaube, dass dieses Thier, wie unser Land-
salamander in der Zeichnung variirt.
Darmstadt im Juni 1864.
Znr nähern Kenntnis^ der männlichen Zeugungsorgane
von Phalangium.
Von
Dr. A. Krohn.
(Hierzu Taf. III. Fig. A.)
Die noch bis auf den heutigen Tag in Geltung ste-'
henden Ansichten von Treviranus und Tulk ') über
den männlichen Geschlechtsapparat der Phalangien be-
dürfen^ wie ich mich in Folge jüngst vorgenommener
Zergliederungen überzeugt, einer wesentlichen Berichti-
gung und Vervollständigung. Es handelt sich hierbei
vornehmlich um die noch unaufgeklärte Bedeutung eines
drüsenartigen , mit zwei Ausführungsgängen versehenen
Organs, das im Hinterleibe auf der unteren Wand des
Verdauungsschlauches gelegen, ausschliesslich nur beim
Männchen sich vorfindet, und wie Treviranus vermu-
thet, in irgend einem Zusammenhange mit den übrigen
Zeugungsth eilen zu stehen scheint ^). -
Es hat sich nun nach meinen Untersuchungen her-
ausgestellt, dass das erwähnte Organ der Hode ist, dass
demnach das im Vordertheile des Abdomen gelagerte,
aus verästelten Läppchen oder Blindschläuchen bestehende
Drüsenpaar, dem Treviranus und Tulk die Function
1) G R. Treviranus, Ueber die Afterspinne, in d. Vermisch-
ten Schriften Bd. 1. — Tulk, Ueber den Bau von Phalang. opilio,
in Froriep's Neuen Notiz. Bd. 30. 1844.
2) Treviranus, 1. c p. 37. Taf. 3. Fig. 17, h. — Tulk, I.e.
p. 114. Fig. 49*.
42 Krohn:
der Sarncnbereltung zugeschrieben haben, eine ganz an-
dere Bestimmung habe.
Was zunäclist den Hoden anlangt, so fällt er nach
Eröffnung des Hinterleibes von der Bauchseite aus, und
nachdem der autliegeiide Fettkörper entfernt worden, als
ein von den beiden Rückziehmuskeln des Penis über-
brücktes, wurstförmiges, gleich dem Eierstock einen hohen
Bogen beschreibendes Organ von mattweisser Farbe, sofort
in's Auge la der beigegebenen Figur) ^). Aus der Spitze
jedes seiner nach vorne gerichteten Hörner oder Schen-
kel, die noch nicht bis zur Gegend reichen, wo auf der
Aussenfläche des Leibes die beiden Luftlöcher (Stigmata;
sich finden, entspringt nun je einer der beiden oben ge-
dachten engen Ausführungskanäle , die mit allem Rechte
als Vasa efferentia zu bezeichnen sind (s. Figur b, b).
Jeder dieser Kanäle stösst in seinem Verlaufe nach vorne,
zunächst auf den Anfang des respectiven Tracheenstam-
mes, biegt sich um ihn herum von aussen nach innen,
und zieht sich nun zur Mittellinie des Abdomen hin, wo
er zuletzt mit dem Kanäle der entgegengesetzten Seite
zusammentreffend, in den iVnfang des Samenleiters (Vas
deferens) sich einsenkt. üeber das Verhalten dieses
langen, grösstentheils in einen dichten Knäuel (s. Fig. c)
zusammengewickelten, allmählich an Weite zunehmenden
Ganges, giebt schon T u 1 k befriedigende Auskunft. Auch
kann ich die Angabe dieses Forschers vollkommen be-
stätigen, dass der Samenleiter , nachdem er die Riithe
durchstrichen, zuletzt auf der mit einem gekrümmten
Dorne oder Haken bewehrten Spitze der beweglich auf
den Ruthenschaft eingelenkten sogenannten Eichel ^), nach
aussen sich öffnet. Ich will nur noch bemerken, dass
der Samenleiter, nachdem er bekanntermassen vor seinem
l''>Ii'>fH> I —
3) Die S förmig gekrümmte oder zickzackförraige Gestalt, die
TreviranuR und Tulk diesem Organe zuschreiben, dürfte wohl
nur die Folge einer Zerrung und Verschiebung bei der Zergliede-
rung sein.
4) Diese sogenannte Eichel ist ohne Zweifel ein l>ei der Be-
gattung als Keitzorgan fuugireudes Gebilde.
Zur nähern Kenntniss d. männl. Zeugnngsorgane v. Phalangium. 43
Eintritte in die Ruthe, sich plötzlich stark erweitert hat
(s, Fig. c), in seinem Verlaufe durch dieselbe wiederum
so äusserst enge erscheint, dass seine von einer chitinisir-
ten Intima begrenzte Lichtung im Querschnitte, nur um
weniges den Durchmesser eines einzelnen Öamenkörper-
chens zu übertrelfen scheint ^).
Was nun die Struktur des Hodens betrifft, so be-
sitzt er eine in die AussenhüUe der Vasa efferentia über-
gehend« Grenzmembran, ist aber nicht hohl, indem seine
Masse durchweg aus runden mit einer deutlichen Wand
versehenen, dicht neben einander gedrängten Zellen be-
steht, in welchen eine zahlreiche Menge kleiner, durch-
sichtiger Bläschen enthalten ist. Da auf Zusatz von an-
gesäuertem Wasser in diesen Bläschen ein oft von dunk-
len Körnchen oder Molekülen umgebener Kern zum
Vorschein kommt, so halte ich dieselben für die Bil-
dungszellen des Samens, während die sie umschliessenden
Zellen den Mutterzellen derselben zu entsprechen schei-
5) Die eben erwähnte erweiterte Portion des Y. deferens,
zeichnet sich vor den ihr vorausgehenden Theilen dieses Kanals,
durch eine chitinisirte, äusserst dicke Intima, so wie durch einen
sehr derben Muskelbeleg aus. Bei der grossen Enge des V. defe-
rens während seines Verlaufes im Penis, möchte man vermuthen,
dass jene Portion bei der Ejaculation des Samens, als Propulsions-
organ thätig sei. — Was das Reitzorgan (die sogenannte Eichel)
betrifft, das während der Piuhe immer über dem Ende des Penis-
schaftes nach hinten umgeschlagen ist, so soll es nach Tulk durch
zwei Muskeln gehoben oder gestreckt, d. h. in gleiche Flucht mit
dem Penisschaft gebracht werden können. Ich muss die Existenz
dieser Muskeln in Abrede ziehen, wogegen es nicht schwer ist,
sich von der Anw^esenheit eines mächtigen Muskels zu überzeugen,
der offenbar zu dem erwähnten Zweck bestimmt ist. Dieser bisher
übersehene Muskel nimmt die halbe Länge des Penisinnern von
der Basis an ein, und hängt mit einer starken Sehne zusammen,
welche in gerader Direktion zum Reitzorgan verläuft und schliess-
lich an die Basis desselben sich festsetzt. Die Wirkungsweise die-
ses Muskels lässt sich durch ein einfaches Experiment leicht er-
mitteln. Man sticht , nachdem die Sehne entblösst worden , eine
feine Nadel in dieselbe ein, fasst sie so, und bewegt nun die Nadel
in der Richtung des Muskelzuges.
44 Krohn:
nen. Zur Stütze dieser Ansicht berufe ich mich auf die
bereits bekannten Data über die Entwickelung des Sa-
mens bei einigen Arancen (v. Siebold, Vergl. Anatomie
p. 544. Anmerk.6 iindLeydig, lieber den feineren Bau
der Arthropoden, in Müller's Arch. für iVnatomie und
Physiolog. 1855. p. 470).
Reifen Samen findet man gewöhnlich in mehr oder
weniger reichlicher Quantität in der ganzen der Erwei-
terung vorhergehenden Abtheilung des V. deferens. Die
Samenkörperchen sind runde, wie ich vermuthen möchte,
mit einem scheibenförmigen Kerne versehene Gebilde.
Die oscillirende Bewegung, die man an ihnen wahrnimmt,
wenn sie nicht zu sehr gedrängt neben einander liegen,
scheint mir auf das Phänomen der sogenannten Moleku-
larbewegung zurückgeführt werden zu müssen ^).
In Betreif der beiden accessorischen, in der vordem
Hälfte des Abdomen, dicht oberhalb der Ruthenscheide
gelegenen Drüsen, habe ich Folgendes anzuführen. Sie
stehen mit der mitten zwischen ihnen gelagerten Ver-
knäuelung des Samenleiters, durch Bindegewebe und Tra-
cheenzweige in Verbindung. Ihrem feineren Baue liegt
dasselbe Schema zu Grunde, das wir von den Drüsen
mancher Insekten durch H. Meckel's, namentlich Ley-
dig's treffliche Arbeiten näher kennen gelernt haben.
Es lässt sich an ihnen nämlich eine homogene Aussen-
hülle (T. propria), eine darunter gelegene, verhältniss-
mässig dicke Schicht secernircnder Zellen, und zu innerst
eine Intima unterscheiden. Das Lumen der Läppchen
oder Blindschläuche erscheint als ein verhältnissmässig
enger Kanal, von dessen Umkreise man in der ganzen
Länge des Kanals, eine Menge feiner, tief in die Zellen-
6) Es hat mir nicht gelingen wollen, das Bild, unter welchem
die Samenkörperchen bei starker Vergrösseruug erscheinen, befrie-
digend zu deuten. Nach Leydig's Untersuchungen sind es runde,
platte, mit einer mittlem leistenförmigen Erhebung versehene Ge-
bilde. Ihre oscillirende Bewegung liältLeydig für eine ganz selbst-
ständige, und vermuthet daher, dass sie wahrscheinlich noch einen
feinen Haaranhang besitzen (1. c. p. 469. Taf. 17. Fig. 41, d).
Zur nähern Kenntniss d. männl. Zeugungsorgane v. Phalangium. 45
Schicht sich einsenkender Röhrchen abgehen sieht. Beim
Männchen von Phnl. opilio (Ph. cornutum) , findet man
abstandsweise zwischen diesen Röhrchen einzelne , die
sich durch grössere Weite und dadurch auszeichnen, dass
sie innerhalb der Zellenschicht sich weiter verästeln.
Die Kanäle sämmtlicher Schläuche kommen, nachdem sie
sich zu grösseren Aesten angesammelt, zuletzt in einem
mitten durch die Drüse nach vorne sich erstreckenden
Hauptgange zusammen, der auf der obern Wand der Ru-
thenscheide, unweit der Geschlechtsöffnung, ausmündet.
Dieser Gang ist aber nirgends frei, indem die Schicht
der Sekretionszelien auch auf ihn sich fortsetzt, und ihn
bis zu seinem Ausgange umhüllt. Die Mündungen der
beiden Hauptgänge liegen an der eben erwähnten Stelle
zu Seiten der Mittellinie, dicht einander gegenüber. An
der Intima der Hauptgänge und ihrer nächsten Aeste,
lässt sich ein dem der Tracheen ähnlicher sogenannter
Spiralfaden wahrnehmen. Beim Männchen von Phal. opi-
lio ist er sogar noch an den obengedachten, in die Zel-
lenschicht sich einsenkenden feinen Röhrchen, nicht un-
deutlich zu unterscheiden.
Es kommen die beiden Drüsen auch den Weibchen
zu, sind aber selbst bei w^eit vorgerückter Trächtigkeit
stets von geringerem Umfange als bei den Männchen.
Ihrem Baue nach weichen sie nur darin ab, dass der spi-
ralige Verdickungsfaden, den Hauptgang ausgenommen,
den Aesten und Zweigen zu fehlen scheint. Die Stelle,
an welcher die beiden Hauptgänge ausmünden, entspricht
vollkommen der im Männchen. Die Mündungen dersel-
ben finden sich nämlich auch hier in der Nähe der Ge-
schlechtsöffnung, auf der obern Wand der die Legeröhre
umfassenden Scheide "').
7) Beiläufig sei hier bemerkt, dass die beiden zur Legeröhre
sich erstreckenden angeblichen Blindröhren, die Tulk für Kittdrü-
sen angesprochen hat, nichts anderes als Nerven sind, worauf be-
reits Gegenbau r (Grundzüge der vergl. Anatomie p. 276. An-
merk. 2) hingewiesen hat. Es ist mir gelungen, sie bis zu ihrem
Ursprünge aus dem Thoracalganglion zu verfolgen. Sie finden sich,
obwohl von geringerer Stärke, auch beim Männchen, wo sie den
46 Krohn:
Ucber den Nutzen des Drüsensekrets lässt sich zur
Zeit nichts Entscheidendes feststellen. Im Männchen er-
scheint es als eineg<anz klare^ dickflüssige, zähe, der Spinn-
materie der Arancen anscheinend sehr ähnliche Substanz.
Zum Schlüsse mus ich noch einer höchst merkwür-
digen Erscheinung gedenken, die mir bei der Untersuchung
fast aller Männchen von Phal. opilio aufgefallen ist^). Es
handelt sich um nichts geringeres als um eine vom Hoden
ausgehende Erzeugung von Eiern , ohne dass dabei die
Entwickelung des Samens irgendwie beeinträchtigt wird.
Die Zahl der vom FToden producirten Eier kann zuwei-
len so gross sein^ dass sie , wie am Ovarium, die ganze
Oberfläche desselben einnehmen^ oder sie ist sehr gering,
und dann kommen die Eier nur an einzelnen Stellen des
Hodens vor. Im ersten Falle hat man, wie am Eierstock,
die mannichfaltigsten Entwickelungzustände der Eier vor
Augen, von den kleinsten mit noch hellem Dotter, bi&
zur Grösse solcher, deren Dotter bereits mehr oder we-
niger getrübt erscheint. Es scheinen jedoch die Eier
nur selten die volle Grösse der am Ovarium gereiften zu
erreichen. Ich habe nur einen Fall beobachtet, wo ne-
ben einer Mehrzahl von Eiern, nur zwei bis drei durch
ihre überwiegende Grösse aufßelen. Diese Eier kamen
nicht nur hinsichtlich ihres Umfanges, sondern auch in
der Beschaffenheit ihres dem Auge kreideweiss erschei-
nenden Dotters, vollkommen mit den nahezu reifen Eiern
am Eierstocke überein. Bei einer zweiten Art (es ist, wie
ich nach der Form der Ruthe vermuthe, dieselbe, die
den üntesruchungen von T r c v i r a n u s und T u 1 k vorge-
legen), deren Männchen mir viel häufiger zu Gebote stan-
den, habe ich am Hoden nur selten Eier wahrgenommen.
Auch zeigten sie sich stets noch wenig entwickelt.
aus der Verknäiielimg hervorgetretenen Theil des Samenleiters bis
zur Einsenkung iu die Ruthe begleiten. In beiden Geschlechtern
versorgen sie theils die Retractoren der Begattungsorgane, theils
dringen sie mit ihren Aesten in das Innere der letztern, um sich
dort weiter zu vertheilen.
8) Die Männchen dieser Species sind im Vergleiche zu den
Weibchen, äusserst selten.
Zur nähern Kenntni SS d. männl. Zeugnng-sorgane v. Phalangium. 47
Um dem Verdachte zu begegnen, als könnte ich
mich in der Deutung des Gesehenen vielleicht geirrt
haben, berufe ich mich auf das Zeugniss eines berühmten
Gewährsmannes, der lange vor mir dieselbe Erscheinung
wahrgenommen hat. Es ist T r e v i r a n u s, der Folgendes
anführt: „Bei einer der Afterspinnen, die ich untersuchte,
fand ich einen mit Eiern angefüllten Eiersack, aber statt
der Legeröhre ein männliches Glied. Der Hermaphrodi-
tismus, den man häufig bei Schmetterlingen beobachtet hat,
scheint also bei den Phalangien nicht selten.^ (Trevi-
ranus 1. c. p. 38.)
Es stimmt dieser Fall, nach meinem Dafürhalten, ganz
mit den von mir beobachteten überein^ wenn man nur zu-
giebt, dass das auf einen Eiersack gedeutete Organ nichts
anderes als der Ilode gewesen sein kann. Und man wird
dies um so weniger bezweifeln, als Treviranus den
Hoden zwar gesehen hat, aber, wie oben nachgewiesen,
als solchen zu erkennen nicht im Stande w^ar.
Was das endliche Schicksal der Eier betrifft, so
unterliegt es wohl keinem Zweifel, dass sie nach länge-
rem oder kürzerem Bestehen, zuletzt zu Grunde gehen.
Dafür sprechen schon, um nur an ein analoges Beispiel zu
erinnern, die gründlichen Urtersuchungen v. Wittich's
an einigen unserer einheimischen Krötenarten (Bufo va-
riabilis, B. calamita, namentlich B. clnereus), bei deren
Männchen durch diesen Forscher neben einem Hoden
noch ein mehr oder weniger rudimentäres Ovarium nach-
gew^iesen ist^). Es geht nämlich aus jenen Untersuchun-
gen mit Evidenz hervor, dass die an diesem Ovarium
hervorkeimenden Eier, nach Erreichung eines gewissen
Grades von Eelfe, zuletzt verkümmern und eingehen ^'-).
9) Beiträge zur morpliolog. und histolog, Entwickelung der
Harn- und Geschleclitswerkzeuge der nackten Amphibien. Zeitschr,
für wissenschaftl. Zoologie. Bd. 4. p. 159.
10) In morphologischer Beziehung ist es interessant, dass das
Ovarium bei den genannten Krötenarten als ein ganz selbststä'ndiges,
mit dem Hoden in keiner weitern organischen Verbindung stehendes
Organ auftritt, während die Samendrüse von Phalangium, namentlich
Ph. opilio, ganz den Charakter einer Zwitterdrüse an sich trägt.
48 Krohn: Zur nähern Kenut. d. männl. Zeugungsorgane u. s. w.
Erklärung der Abbildung.
Taf.III. Fig.A.
Der männliche Geschlechlsapparat der im Texte erwähnten
zweiten Phalangiumspecies , ohne die accessorischen Drüsen. Die
ihn zusammensetzenden Theile sind aus ihrer natürlichen Lage ge-
bracht, um deren Zusammenhang zu veranschaulichen.
a. Der Hode.
b. b. Vasa efferentia.
c. Die Verknäuelung des Vas deferens.
d. Die erweiterte Portion des V. deferens.
e. Ruthenscheide mit inliegender Ruthe f.
g, g. Retractoren der Ruthe.
Bonn, den 20. October 1864.
Ueber Distoiuum loruiu Duj.
Von
Nicolaus Meluikow
aus Kasan.
(Hierzu Taf. III. Fig. a u. b.)
Das im Darmkanale des Maulwurfs sehr häufig und
mitunter in enormer Menge vorkommende DIstomum lo"
rum wurde zuerst von Zeder entdeckt und als ein Mo-
nostomum (M. ocreatum ) beschrieben. R u d o 1 p h i,
Bremser und die späteren Hehiiinthologen hielten es
gleichfalls für ein Monostomum, bis D uj ar d i n die wahre
Natur desselben erkannte. Von Duj ardin rührt auch
die Benennung Distomum lorum her. Er beschrieb unser
Thicr allerdings als neu^ ^üg^ aber hinzu, dass es mit dem
Monostomum ocreatum der deutschen Helminthologen
allem Anscheine nach identisch sei.
Seit Duj ardin ist meines Wissens über das Dist.
lorum Nichts publicirt worden. Und auch die Mitthei-
lungen Duj a rdin's sind nichts weniger als erschöpfend.
Ich trage desshalb kein Bedenken, die Resultate der von
mir in dem Laboratorium des Herrn Prof. Leuckart
während meines Aufenthaltes in Giessen angestellten
Beobachtungen zu veröffentlichen, zumal sie ein Thier
betreffen, das durch mancherlei Eigenthümlichkeiten sei-
ner Organisation von den verwandten Formen abweicht.
Schon die äussere Gestalt des Dist. lorum ist auf-
fallend. Es hat einen langgestreckten, fast cylindrischen
Körper, der bei einer Breite von kaum V3'" mitunter IVj"
misst und in der Nähe des hinteren Leibesendes einen
Archiv f. Naturg. XXXI. Jahrg. 1. Bd. 4
50 Melnikow:
stark vorstellenden Randwiilst besitzt, der die Geschlechts-
öffnungen trägt und von Duj ardin nicht unpassend mit
dem Absätze eines Stiefels verglichen wird. Von dieser
Auftreibung an verschmälert sich der Körper nach vorn
alsbald um ein Bedeutendes, bis er fast linear wird, wäh-
rend die Breitenabnahme nach hinten mehr allmählich vor
sich geht.
Wenn man weiter berücksichtigt, dass der hintere
Saugnapf, der bei den ausgewachsenen Thicren etwa an der
hinteren Grenze des ersten Körperviertheiles angebracht
ist, kaum ein Dritttheil des vordem misst und nur mit
Hülfe des Mikroskopes deutlich erkannt wird, so findet
man begreiflich, dass die wahre Natur unseres Thieres
lange Zeit verkannt werden konnte.
Uebrigens ist es nicht bloss die Anwesenheit zweier
Saugnäpfe, die für die Distomumnatur unseres Parasiten
spricht, sondern auch die innere Organisation desselben,
die, trotz aller Abweichungen im Einzelnen, sich im gros-
sen Ganzen doch dem Typus des Distomumbaues unter-
ordnet.
Die äussere Oberfläche des Dist. lorum, ist, wie bei
allen Trematoden, von einer feinen Cuticula überzogen,
nur dass diese hier vollkommen glatt ist.
Das Körperparenchym besteht aus demselben Ge-
webe, das Leuckart bei Dist. hepaticum, D. lanceola-
tum u. a. Arten erkannte und in seinem Parasitenwerke
ausführlich beschrieben hat. Im Ganzen ist das paren-
chymatöse Bindegewebe (besonders im vorderen Leibes-
abschnitte) übrigens ziemlich locker, wie denn auch die
Bindegewebszellen eine mehr rundliche als polyognale
Form haben.
Die Muskulatur verhält sich gleichfalls wie bei den
übrigen Distomeen. Man unterscheidet Parenchymmus-
keln, welche die bindegewebige Grundmasse des Körpers
durchsetzen, und einen Hautmuskelschlauch mit Fasern,
die von aussen nach innen circulär, longltudinal und dia-
gonal verlaufen. Im hinteren Leibesabsehnitte ist die
Entwickelung der Muskulatur am stärksten, vielleicht im
Ueber Distomum lorum. 51
Zusammenhange mit der Topologie der Geschlechtsorgane
Namentlich gilt solches von den Parenchymmuskeln, die
sich hier zu ansehnlichen Zügen znsammengruppiren,
welche theils in diagonaler Richtung, theils auch quer von
dem einen Rande des Körpers nach dem andern hin-
laufen. Die Anordnung der Muskelfasern in den Saug-
näpfen zeigt keinerlei Besonderheiten , doch dürfte so
viel zu erwähnen sein, dass die Fasern verhältnissmässig
nur spärlich sind und die bindegewebige Grundmasse
kaum zur Hälfte verdrängt haben.
Wie bei den vonLeuckart untersuchten Tremato-
den, erscheinen auch bei Dist. lorum die histologischen
Elemente der Muskulatur als Faserzellen mit undeutlichen
Kernen.
Ebenso besitzt unser Thier ein Nervensystem von
der Anordnung der übrigen Distomeen. Gleich unter
dem hinteren Rande des Mundsaugnapfes liegt jederseits
neben dem x\nfangstheile des Oesophagus ein kleiner
dreieckiger Ganglienknoten mit deutlichen Zellen. Die
nach Innen gekehrten Enden beider Ganglien sind durch
eine über den Oesophagus hinziehende Querkommissur
unter sich im Zusammenhange. Die beiden anderen
Ecken lassen drei Nervenstämmchen abgehen, von denen
die beiden ansehnlichsten nach hinten und innen verlaufen
und an die Darmschenkel hintreten, während das dritte
den Hautmuskelschlauch zu versorgen scheint.
Der Darmkanal beginnt mit einer kleinen becher-
förmigen Erweiterung im Grunde des terminalen vordem
Saugnapfes, durchsetzt sodann den etwas abgeplatteten
Pharynx und spaltet sich nach kurzem Verlaufe in zwei
ziemlich weite Schenkel, die in den Seitentheilen des
Körpers bis zum Hinterrande hinziehen und schliesslich
blind endigen. Die Innenfläche des Darmes trägt in den
beiden Schenkeln ein deutliches Epithelium mit mehr
hohen, als breiten Zellen, das dem Oesophagus zu fehlen
scheint, während die Wandungen im ganzen Verlaufe mit
circulären und longitudinalen Muskelfasern versehen sind.
Der Pharynx, der den Anfangstheil des Oesophagus
ringförmig umgiebt, wird von einer bindegewebigen
52 Melnikow:
Grundlage gebildet, in der Muskelfasern von vorwiegend
radiärer Anordnung verlaufen.
Unterhalb des Pharynx besitzt unser Dist. lorum
einen Drüsenapparat, der den Oesophagus umgiebt und
auf Querschnitten zahlreiche einzelne Schläuche erkennen
lässt, die eine radiäre Anordnung einhalten. Man unter-
scheidet an denselben eine struckturlose Membrana pro-
pria und zahlreiche runde Zellen mit Kern und körni-
gem Inhalte, die den Innenraum ausfüllen, und sieht den
engen xYusführungsgang deutlich in den Oesophagus ein-
münden. Dass diese Gebilde den Verdauungswerkzeugen
zuETchören, ist unter solchen Umständen ausser Zweifel, doch
wage ich, ohne Kenntniss ihres Secretes, kaum, sie ge-
radezu als Spcicheldnisen zu bezeichnen. Mit den früher
wohl als Speicheldrüsen betrachteten Kopforganen anderer
Distomeen dürften dieselben kaum zusammengehören, da
diese nach den Untersuchungen Leuckart's frei am
Vorderrand c des Körpers ausmünden. Man könnte eher
daran denken, sie den von Leuckart in dem Pharynx
und Mundsaugnapfe aufgefundenen einzelligen Drüsen zu
vergleichen und sie als eine besondere Entwicklung die-
ser (bei Dist. lorum von mir nicht beobachteten) Gebilde
in Anspruch zu nehmen.
Ausser den hier beschriebenen Drüsenschläuchen be-
sitzt unser Dist. lorum auch noch Hautdrüsen, wie sie
Leuckart bei Dist. hepaticum beschrieben hat. Es sind
rundliche , mit Kernen versehene Zellen , die , besonders
im hinteren Leibesabschnitte, unterhalb des Hautmuskel-
schlauches gelegen sind. Ausführungsgänge habe ich an
ihnen niemals deutlich beobachten können.
Der Excretionsapparat ist stark entwickelt, bei ab-
gestorbenen oder auch nur erkalteten und getrübten Exem-
plaren aber nur unvollständig zu beobachten. Nimmt man
die Parasiten aus dem noch warmen Cadaver, so sieht
man, besonders im mittleren Körperabschnitte, zahlreiche
helle und feine Wimperkanäle, die in verschiedener Rich-
tung verlaufen, auch vielfach sich verästeln und anasto-
mosiren. Die Kanäle führen jederseits in ein weites Ge-
fäös, das unter allmählicher Dickenzunahme nach vorn
Ueber Distomum lorum. 53
verläuft, im Kopfende des Wurmes schlingenförmig um-
biegt und dann neben dem l)armschenke] hinabsteigt,
bis es schliesslich in den Expulsionsschlauch einmündet.
Der letztere hat eine deutliche Muskelwand mit Längs-
und Ringfasern, die auch den grösseren Gefässstämmen
zukommen, obwohl man denselben gewöhnlich die mus-
kulöse Textur abspricht.
Den Geschlechtsapparat betreffend, so spricht Du-
jardin von zwei Hoden und zwei seitlichen Ovarien. Die
Mündungsstelle der männlichen Theile liegt nach demsel-
ben in der schon oben erwähnten Auftreibung des Hin-
terleibsendes, während die weibliche Oeffnung in der
Nähe des Bauchsaugnapfes gesucht w^ird. Die letztere
Angabe ist eben so irrthümlich, wie die Annahme zweier
Ovarien. Wie die übrigen Distomeen besitzt auch Dist.
lorum nur ein Ovarium, das im hinteren Körperende
zwischen den beiden Hoden gelegen ist, und ebenso auch
benachbarte Geschlechtsöffnungen.
Die Detailverhältnisse des Geschlechtsapparates sind
folgende.
Das Ovarium, um mit diesem zu beginnen, ist ein
kugliger Körper, der ungefähr den halben Durchmesser
des Thieres hat und in einiger Entfernung vor dem Ge-
schlechtshöcker gefunden wird. Aus dem hinteren Seg-
mente desselben sieht man den Anfangstheil des Uterus
hervorkommen, einen dünnen Kanal, der unter vielfachen
unregelmässigen Schlängelungen nach abwärts läuft und
bald nach seinem Ursprünge mit Dotterballen gespeist
wird. Auf welche Weise solches geschieht, ist mir nicht
ganz klar geworden, doch dürfte so viel ausser Zweifel
sein, dass dabei das flaschenförmig erweiterte Endstück
der Dottergänge, das man in unbedeutender Entfernung
hinter dem Ovarium sieht und leicht an seinem opaken
Inhalte erkennt, in Betracht kommt. In der unteren
Hälfte der absteigenden Uterusschlingen sieht man schon
massenhafte Anhäufungen von Eiern, die Anfangs, wie bei
den übrigen Distomeen, farblos sind, aber bald sich bräunen
und in so ungeheurer Menge entw^ickelt werden, dass das
an sich ganz farblose Thier dadurch eine fast zimmetfarbene
54 Melnikow:
Tinte annimmt. In der Nähe des Geschlcchtshöckers
cangekommen, steigt der mit diesen Eiern erfüllte Uterus
unter fortwährender Schlängelung wieder nach oben
nicht bloss bis zum Eierstocke und zum vorderen Hoden,
sondern über denselben hinaus fort bis zum Bauchsaug-
napfe, mehr als zwei Dritttheile des Korpers mit dicht
gedrängten Schlingen durchziehend. Neben den aufstei-
genden Schlingen liegen übrigens auch rücklaufende: das
zartere Ende des üteruskanales biegt wieder nach hinten,
um endlich, mittelst einer stark muskulösen Scheide im
Geschiechtshöcker nach Aussen auszumünden.
Die oben erwähnte Dotterblase erhält ihren Inhalt
durch zwei lange Kanäle , die unter zunehmender Di-
vergenz nach vorn verlaufen und ungefähr aus der Mitte
der beiden Dotterstöcke hervorkommen. Die letzten lie-
gen, wie bei der Mehrzahl der Distomeen, seitwärts von
den Darmschenkeln und fast über den halben Theil der
Körperlänge ausgebreitet. Sie bestehen aus zahlreichen
kleinen Träubchen, die einem gemeinschaftlichen Längs-
gefässe aufsitzen.
Zu dem weiblichen Geschlechtsapparate gehört aus-
ser den bisher beschriebenen Gebilden auch noch ein zwei-
schenkliges Organ, das auf der Höhe der Dotterblase
hinter dem Ovarium gelegen ist und mittelst eines nach
vorn gerichteten dünnen Ausführungsganges in den Ute-
rus einmündet. Es ist wahrscheinlich dasselbe Gebilde,
das Du j ardin als zweites Ovarium betrachtete, obwohl
der Inhalt keinen Zweifel lässt, dass es als Receptaculum
seminis fungire. Auffallender Weise scheint dieses Ge-
bilde hier übrigens mit beiden Hoden in Verbindung zu
stehen. Man sieht wenigstens einen jeden der beiden
Schenkel in einen samengefüllten dünnen Gang sich aus-
ziehen, von denen der eine nach vorn, der andere nach
hinten sich wendet und bis in die Nähe der Hoden sich
verfolgen lässt.
Die männliche Geschlechtsöffnung ist dicht hinter
der weiblichen gelegen. Sie führt, wie die letztere zu
der Vagina, zu einem stark muskulösen Cirrusbeutel von
birnförmiger Gestalt, der an seinem hinteren Ende die
lieber Distomum lorum. 55
beiden Vasa deferentia aufnimmt und einen gemeinschaft-
lichen Ductus ejaculatorius in sich einschliesst. Der An-
fangstheil dieses Kanales hat einen capillaren Verlauf und
ist in seiner Mitte spindelförmig (zu einer sog. Samen-
blase) erweitert, während das Endstück schlingenförmig
zusammengekrümmt ist und im vorgestülpten Zustande
den sog. Cirrus darstellt.
Die Vasa deferentia verlaufen nach entgegengesetz-
ten Richtungen, das eine nach hinten, das andere nach
vorn, und lassen sich leicht bis zu den Hoden verfolgen,
die beide eine ansehnliche Grösse und eine eiförmige Ge-
stalt besitzen. Man sieht die Umhüllungshaut derselben
direkt in die Wände der Samenleiter übergehen. Die
Beziehungen der Hoden zu den benachbarten Gebilden
ergeben sich am besten aus den angefügten Abbildungen,
auf die ich auch sonst für die Topologie unseres Wurmes
verweise.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. III.
Fig. a. Dist. lorum bei etwa zehnfacher Vergrösserung mit Darm,
Geschlechtsorganen und excretorischer Blase.
Fig. b. Geschlechtsorgane (mit Ausschluss der Hoden) bei stärke-
rer Vergrösserung.
Gi essen, August 1864.
Beiträge zur Ornithologie von Chile.
Von
Dr. R. A. Phiiippi iiud €. L. Landbeck
in Santiago.
Pteroptochos castaneus Nob. nov. spec.
Artkennzeichen:
Gesicht, Kopfseiten unter und über den Augen,
Kinn, Kehle und Brust einfarbig kastanienbraun.
Beschr ei bu n g:
Ganze Länge 9" 6'"
Schnabel : lang — 10
hoch — 41/2
breit — 4
Schwanz 3 — "
Flügel 3 7
Tarsus 1 7
Aussenzehe ohne Nagel .... — 11
der Nagel . — 7
Mittclzehe ohne Nagel 1 1
der Nagel — 7
Innenzehe ohne Nagel — 10
der Nagel — 7
Hinterzehe ohne Nagel .... — 8
der Nagel — 10
Oberseite wesentlich graubraun ins olivengrünliche
ziehend ; Stirn bis zum Scheitel, ein 3'" breiter Streif
über dem Auge bis zum Genick, Kinn, Kehle und Brust
einfarbig intensiv kastanienbraun, die übrige Unterseite
graubraun mit verschieden gezeichneten Federspitzen. Die
Philipp! u Landbeck: Beiträge zur Ornithologie v. Chile. 57
Federn der Bauch- und Mcagengegend haben vor der hell
rostweisslichen Spitze einen runden dunkeln Fleck, bei
manchen ist auch die äusserste Kante ebenfalls dunkel,
wodurch eine hübsch abwechselnde Zeichnung entsteht;
an den Seiten hat jede Feder zuerst eine schwarze, dann
eine rostrothe, dann wieder eine schwarze Querbinde und
endlich einen weissen Spitzensaum, die After- und Un-
terschwanzfedern sind ähnlich gefärbt, nur sind dieselben
mehr zerschlissen und wollig. Flügel und Schwanz ha-
ben die Farbe des Rückens, aber breite rostfarbige Rän-
der, wodurch diese Theile ein mehr rostbraunes Ausse-
hen erhalten. Oberschwanzdeckfedern und Bürzel rost-
braun. Die langen Flügeldeckfedern haben weisse Spit-
zen; Unterseite des Flügels und Schwanzes braungrau.
Schienbeinbefiederung rostbraun. Schnabel und nackter
Theil der Beine schwarz.
Der Schwanz hat 14 Steuerfedern wie bei Pt. Tar-
nii. Schnabel gerade, konisch, vor den Nasenlöchern
stark comprimirt. Füsse massig stark, Nägel wenig ge-
bogen, breit, an den Spitzen auffallend abgerundet, horn-
braun mit lichtem Spitzen.
Diesen Vogel entdeckten wir im December 1860 in
den Hacienda de la Puerta, in der Provinz Colchagua
in einer Höhe von etwa 5000' üb. d. M. Er hielt sich
mit mehreren Arts-Verwandten in einer durch einen von
benachbarten Schneefeldern herabstürzenden Bach bewäs-
serten tiefen Kluft, in welcher in Folge der Feuchtigkeit
und des ewigen Schattens eine üppige cryptogamische Ve-
getation sich entwickelt hatte, auf, und sein Ruf hatte
grosse Aehnlichkeit mit dem des Pt. Tarnii ; es erinnert
nämlich an entfernte Gebelle eines kleinen Hundes. Seine
abgenutzten Krallen lassen vcrmuthen, dass er sich häufi-
ger auf hartem Boden und Felsen aufhält, als auf Bäumen
und Gesträuchen. — Ueber seine sonstige Lebensweise,
Vorkommen u. s. w. wissen wir bis jetzt nichts Näheres;
es seheint uns aber, dass er die mittlem Provinzen Chi-
les nicht überschreitet-, und dass er in Vaidivia nicht vor-
kommt, sondern den daselbst lebenden Pt. Tarnii hier
vertritt.
58 Philipp! und Landbeck:
Mit letzterem hat unser Vogel "die grösste Aehnlich-
keit in Gestalt, Grösse und allgemeiner Färbung; er
weicht aber doch wiederum in der Zeichnung so bedeu-
tend ab, dass eine Verweciiselung fast nicht möglich ist,
auch wenn man nur einige Merkmale genauer ins Auge fasst.
Bei Pt. Tarnii ist z. B. die ganze Kopfplatte rost-
roth, der Hinterkopf und ganze Hals bis Oberbrust schie-
ferschwarz ; bei Pt. castancus ist nur die Stirn bis zum
Scheitel, dagegen ein breiter Streif über dem Auge bis
zum Genick, sodann Kinn, Kehle und die ganze Brust schön
kastanienbraun, ebenso der Schwanz schön kastanienbraun
gerändert. Die Oberseite, nämlich Hals und Rücken ist
bei Pt. Tarnii mehr schieferschwarz , bei unserem Vogel
olivenbraun.
Die Lerchen Chiles.
Chile besitzt nach unseren vieljährigen Beobachtun-
gen drei Arten von Vögeln, welche der Lerchenfamilie
angehören ; es sind jedoch keine wahren Lerchen der
Gattung Alauda, sondern sogenannte W^üsten- oder Baum-
läuferlerchen.
In dem ornithologischen Theile des Werkes von
Ol. Gay sind auf S. 286 u. 287 aus der Gattung Cer-
thilauda Sws. zwei Arten beschrieben, wovon wir mit
Sicherheit nur eine bestimmen können, da die Beschrei-
bung der andern ungenügend ist. Hr. Gay beschreibt:
1) Certhilauda cunicularia Lafr. und
2) „ nigrofasciata Lafr.
Da die sonstigen Beschreibungen von Andern meist
sich nur auf die Höhlenlerche beziehen, so glauben wir
keine nutzlose Arbeit zu unternehmen, wenn wir sämmt-
liche drei Arten, welche wir in vielen Exemplaren vor uns
und sonst genugsam im Leben beobachtet haben, näher
beschreiben, um die Erkennung und Unterscheidung für
immer möglich zu machen.
Wir beginnen mit der längstbekannten und weit
verbreiteten Höhlenlerche.
Beiträge zur Ornithologie von Chile. 59
Gerthilauda cuniGularia Lafr.
Geositta cunicularia ßonap. Consp. I, 215. — Rei-
chenb. Handb. I, 215. 525. — Caban. Mus. Hein. II, 22.
85. — Alauda cunicularia Vieill. Enc. metb. Orn. p. B23.
— Geositta antboides Sws. two Cent. p. 323 Nr. 129. —
Certb. cunicuLLafr. d'Orb. Voy. Am. mer. IV, 3. p. 358.
Nr. 288. pl. 43. fig. 1. — Alondra minera Azara Apunt. II,
13. Nr. 148. — Cl. Gay Historia fisica y politica de Cbile
Zool. T. I. p. 286. — Burmeist. Reise durcb die La Plata
Staat. II, 465. Nr. 91. G. cunicularia.
Vulg. Caminero, Caminante, Agacbadera.
Artkennzeicben:
Die Brust ist scbmutzig weiss, scbwarz längsgestreift;
Aussenfabne der äussersten öcbwanzfeder weiss, deren
Innenfabne roströtblicb.
Bescbreibung:
Totallänge 6" —
Scbnabel — 8'"
Scbwanz 1 9
Flügelspannung 11 —
Flügel vom Bug bis Spitze . . 3 6
Schienbein 1 —
Tarsus — 10
Mittelzebe • — 8
Innenzebe — 5
Aussenzebe — 6
Hinterzebe — 6
Die Flügel endigen 6'" vor der Scbwanzspitze. Der
Scbnabel ist sanft abwärts gebogen. Oberscbnabel born-
scbwarz; Wurzelbälfte des Unterscbnabels fleiscbfarbig,
Spitzenbälfte wie der Oberscbnabel. Fuss schwarzbraun,
die Soble weisslicb. Iris dunkelgraubraun (nicbt rotb, wie
in der Abbildung von d'Orbigny).
Oberseite erdfarbig braungrau, von der Scbnabel-
wurzel an zieht sich ein ziemlicb breiter scbmutzig weis-
ser Streif bis zum Genick; Augenumgebung, Zügel und
die Vorderbälfte des Obres von der letzterwähnten Farbe;
60 Philipp! und Landbock:
sämmtUche Kopffedern haben einen dunkeln Mittelfleck,
die Hinterhals- und Rückenfedern etwas lichtere Ränder;
die Grundfarbe des Flügels ist schwarzbraun, aber die
Innenfahne der meisten Schwungfedern ist rostfarbig, wel-
che Farbe auch die Ausscnfahne der Schwungfedern 2ter
Ordnung an der Wurzelhälfte ziert, so dass dadurch ein
röthlicher Spiegel entsteht. Sänimtliche Deck- und die
drei letzten Schwungfedern haben breite bräunlichweisse
Einfassungen. Der Schw^anz ist schwarzbraun, an der
ßasalhälfte rostfarbig, die Aussenfahne der äussersten
Schwanzfeder ganz, die darauf folgende zum Theil weiss;
die mittlem und sämmtliche Spitzen weissbräunlich ein-
gefasst. Die Oberschwanzdeckfedern rostbraun. Die Un-
terflugdecken schön hell rostweisslich. Die ganze Un-
terseite bedeckt ein leicht bräunlich überflogenes Weiss;
zur Seite der Kehle schwärzlich gestrichelt, auf der Brust
längs schwarzgestreift; an den Brustseiten von der Rücken-
farbe; die letzten Unterschwanzdeckfedern haben einen
dunkeln Längsstrich ; Schienbeinbefiederung wie der Bauch.
Beide Geschlechter sind gleich gefärbt ; S o m-
m e r- und Winterkleid kaum verschieden : ersteres
gew^Öhnlich zerrieben und ausgebleicht.
Die erwachsenen Ju ng en sehen mehr lerchenartig
aus, sind gefleckt und haben helle und dunkle Querbin-
den über die Flügel. — Die ganz kleinen Jungen sind
mit aschgrauem Flaum bedeckt.
d'Orbigny I.e. sagt über das Vorkommen und die
Lebensweise dieses Vogels folgendes :
„Cette espece s'est montree a nous dans la republi-
que Argentine , aux environs de Buenos Ayres, de San
Pedro, de Maldonado ; en Platagonie, sur les bords du
Rio Negro, et ensuite, sous les tropiques, sur les plateaux
des Cordilleres, qui correspondent, par leur ^lövation, pres
de la Paz, h. Cochabamba, et au sommet des Cordilleres
en Bolivia, c'est-a-dire en latitude, du 33^ au 43^ degr^,
et en elevation, sous les tropiques, de 3500 h 4500 m^-
tres au-dessus du niveau de la mer. Elle se tient dans
les plaines, y mene le meme genre de vie que l'Alauda
cristata en Europe aupres des habitations et des lieux
Beiträge zur Ornithologie von Chile, 61
cultiv^s , y est familiäre ^ et a, jusqn'a un certain point,
le meme chant. Elle se perche quelquefois sur les
maisons."
^Elle niche ä terre; son nid est forme de tiges de
graminees artistement contournees."
Bis jetzt haben wir die Höhlenlerche In Chile nur
in den mittleren Provinzen, nämlich in Colchagua, San-
tiago und Aconcugua angetroffen ; ob sie viel weiter nach
Süden geht, wissen wir nicht *), nach Norden ist sie aber
wahrscheinlich weiter verbreitet. Sie erhebt sich in Chile
nicht in die höhern Berge der Cordillere — dort wohnen
zwei andere Arten — , sondern lebt auf den breiten Öden
Rücken der äussersten Vorberge in den weiten Ebenen
am Fusse der Anden sowohl als in den öden unfrucht-
baren, trockenen Steppen am Meeresufer, so fanden wir
dieselbe von Llico bis lUapel. Bei Algarrobo auf den
trockenen Anhöhen hart am Meeresufer fanden wir ziem-
lich viele, ebenso bei Cartagena, San Antonio u. s. w. Ist
auch bei Mendoza sehr häufig, wo sie die Pampa bis an
den Fuss des Cerro bewohnt. Exemplare, die wir im
Januar von dort erhielten, waren sehr abgeflogen und
das Gefieder verbleicht.
Es ist ein zutraulicher munterer Vogel, der viel her-
umfliegt und läuft, sich reckt, eine Menge Verbeugungen
macht — daher Agachaderabi der Chilenen — mit dem
Schwänze wippt und schreit. Von einem der Feldlerche
ähnlichen Gesang, wie d'Orbigny bemerkt, haben wir
nie etwas gehört. Das, was wir von seinen Tönen ver-
nommen haben, lässt sich durch die Worte: „Triii,
tirriririti u. s. w.^'^, die man gewöhnlich von ihm im
Fluge hört, ausdrücken; es hat jedoch die Stimme, wie
der Vogel selbst und die Farbe seiner Eier weit mehr
Aehnlichkeit mit Upucerthia, als mit Alauda. Seine Nah-
rung besteht aus Insekten und Sämereien, die er von der
Erde, besonders gerne auf Wegen aufliest.
Es ist merkwürdig, wie der kleine Vogel ein cyiin-
*) Ich meine sie in den Llanos der Provinz Valdivia gesehen
zu haben. Philipp i.
62 Philippi und Landbeck:
drisches Loch von 2 — 3 Fuss Tiefe in die Erde zu graben
vermag, denn so tief macht er seine Nisthöhle, in welcher
er am Ende ein ziemlich gut gebautes Nest von Grashal-
men, Haaren u. s. w. anlegt, um seine 4 — 5 Eier auszu-
brüten. Diese sind 1" lang, 9'" dick und glänzend w^eiss,
mit vielen kleinen, kaum bemerkbaren Poren.
Im December 1S63 fanden wir auf einem ziemlich
hohen Berge bei Illapcl zwischen umherliegenden Fels-
blocken und baumartigen Cactaceen ein Paar dieser Vö-
gel, welche das Nest in dem steinharten Thonboden ein-
gegraben hatten. Wir waren nicht im Stande, mit einem
eisernen Pflanzenstechcr die Oeffnung zu erweitern, um
das Nest zu erreichen. Es scheint, dass der Vogel diese
Riesenarbeit nur mit dem Schnabel ausführt, da seine
Krallen hiezu viel zu klein und schwach wären.
Unsere Sammlung besitzt einen Vogel aus Peru, ge-
schossen im Juli 1853 in Putre, 10,000 Fuss üb. d. Meere,
welcher grosse Aehnlichkeit mit der Höhlenlerche zeigt,
aber doch in einigen wesentlichen Punkten abweicht, so
dass wir denselben nicht wohl als klimatische Varietät
betrachten können, sondern für eine eigene, wahrschein-
lich noch unbeschriebene Art halten müssen. Wir wollen
denselben dem verstorbenen Entdecker zu Ehren
Certhüauda Frohem Nob.
nennen und in Kürze beschreiben.
Artkennzeichen;
Aeusserste Schwanzfeder bis auf einen dunkeln Fleck
vor der Spitze ganz weiss.
Beschreibung:
Totallänge 6" —
Schnabel — 7V2'"
Schwanz 2 —
Flügel 3 7
Tarsus — 10
Mittelzehe — V/^
Hinterzehe — 6
Beiträge zur Ornithologie von Chile. 63
Der Schnabel : hat Form und Farbe wie bei der vo-
rigen Art, er weicht jedoch insofern etwas ab, als er
schwächer, namentlich schmäler und etwas mehr gebo-
gen, als bei jener ist. Iris braun, Fuss schwarzbraun.
Farbe und Zeichnung des ganzen Vogels hat ebenfalls
grosse Aehnlichkeit mit dem vorigen ; sie ist aber im
Allgemeinen weit heller. Was z. B. bei C. cunicularia
schmutzig weiss ist, zeigt sich hier rein weiss, so namentlich
Kehle, Bauch und Unterschwanzdeckfedern ; ferner ist die
Brust nicht schwarz- , sondern ganz hellbraun gefleckt.
Die Flügel haben mehr Rostroth, welches an den gros-
sen Deckfedern und an der Einfassung der letzten Schwung-
federn sich deutlich zeigt. Der Hauptunterschied liegt
aber in der Schwanzzeichnung. Bei C. cunicularia ist die
Basalhälfte des Schwanzes rostfarbig und die Aussen-
fahne der äussersten Steuerfeder scharf abgesetzt weiss,
bei der neuen Art ist die Wurzelhälfte des Schwanzes
weiss und namentlich die äussere Feder auf Innen- und
Aussenfahne ganz gleichmässig weiss, mit Ausnahme eines
braunen Flecks vor der Spitze der Innenfahne; übrigens
geht das Weiss der Basalhälfte des Schwanzes durch ein
verflossenes rostgelbes Querband in die schwarzbraune Spit-
zenhälfte über. Die längsten Oberschwanzdeckfedern sind
ebenfalls weiss. — Es ist hier noch zu bemerken, dass
die Exemplare der C. cunicularia von Mendoza dieselbe
Zeichnung an der äussersten Schwanzfeder zeigen wie
die chilenischen, wonach dieselbe wohl als charakteristisch
betrachtet werden darf.
lieber die Lebensweise der neuen Art ist uns nichts
bekannt.
Certliilauda isahellma Ph. et Ldb. n. sp.
Artkennzeiche n:
Schnabel so lang wie der Tarsus , gebogen, fast
drosselartig, Brust ungefleckt, Schwanzbasis rothweisslich.
64
P li i 1 i p p i und Landbeck:
Besch r eibung:
Altes Männchen im Frülili ngs k 1 ei de.
Länge —
Schnabel lang . . —
breit . . —
hoch . . —
Schwanz ... —
Flügelspannung . 1'
Flügel . . .
Schienbein
Tarsus . . .
Aussenzehe .
Mittelzehe
Innenzehe
Hinterzehe
Die Flügel endigen 0'" vor der Schwanzspitze.
Schnabel hornblauschwarz, Basalhälfte des Unter-
schnabels hornweiss; sanft gebogen. Iris braun; Fuss
und Nägel schwarzbraun, sämmtliche Schildränder der
Fusszehen lehmweiss, Augenlied und eine Längsbinde über
dem Auge lehmweisslich. Oberseite lehmgrau (eine lichte
graubräunliche Farbe, die der Isabellfarbe am nächsten
kommt), auf dem Kopfe am dunkelsten, mit schwärzlichen
Schaftstrichen, an den Halsseiten am lichtesten, lehm-
gelblich. Schwungfedern erster und zweiter Ordnung
rostroth, vor dem lichten Spitzenrande breit schwarz,
wodurch bei geöffnetem Flügel ein breites Querband über
die Spitzen des Flügels entsteht : die Aussenfahne der
meisten Ruderfedern hat eine rost- bis schwarzgraue Fär-
bung, welche bei den vier ersten und sechs letzten
Schwungfedern am auffallendsten ist; letztere haben jedoch
breite lehmröthliche Einfassungen. Die Deckfedern der
Ruderfedern erster Ordnung sind grauroth mit breiten
schwarzen Spitzen, der Eckflügel ebenso, doch ist die
Aussenfahne der ersten Feder schwarz und die hell rost-
weissliche Einfassung sämmtlicher Federn breiter; die
grössern Deckfedern des Flügels rostgrau, die 2ter Ord-
nung mit breiter lichterer Einfassung, die kleinern mit etwas
Beiträge zur Ornithologie von Chile. 65
dunklerer Mitte. Die ganze Unterseite des Flügels schön
hellrostfarbig mit durchscheinendem Schwarzgrau an den
Spitzen der Schwungfedern. Oberschwanzdeckfedern weiss,
mit roströthlichem Anfluge. Schwanz an der Basalhälfte
lehmröthlichweiss, Aussenfahne der äussersten Federn
rein weisS; Spitzenhälfte braunschwarz, welche Farbe auf
den zwei mittelsten Federn am weitesten ausgedehnt ist
und da anfängt, wo die Oberdeckfedern endigen; von wo
aus sich das Schwarze schräg nach Aussen verläuft, so
dass auf der Innenfahne der äussersten Feder das Schwarz
nur etwa 4'" lang ist. Die ganze Unterseite ist lehm-
röthlich , sehr licht, am hellsten an Kehle und Unter-
schwanzdeckfedern, am dunkelsten an den Seiten. Schien-
beinbefiederung von der Bauchfärbung.
Junger Yogel.
Der Schnabel ist bedeutend kürzer und weniger ab-
wärts gebogen als bei den Alten, auch an der Wurzel
des Unterschnabels mehr gelb; die Füsse lichter. — Die
ganze Oberseite sammt Halsseiten rostgraubraun, auf dem
Kopfe graulich gefleckt oder geschuppt; Oberschwanz-
deckfedern weiss, was im Fluge sehr sichtbar ist. Sämmt-
liche Schwungfedern sind auf der Innenfahne schön
rostfarbig, welche Farbe jedoch 6 — 8'" vor der Spitze
oval verläuft und in einer schwarzen Spitze endigt, wel-
che wiederum breit rostweiss eingefasst ist. Die Aussen-
fahne der vier ersten Schwungfedern ist schwarz, die der
übrigen rostgrau, welches auch die Hauptfarbe der mei-
sten Deckfedern ist. Die hintersten Schwungfedern ha-
ben sehr breite lichtrostfarbige Ränder, ebenso wie die
mittlem Deckfedern. Die Daumen- und Deckfedern er-
ster Ordnung sind schwarz mit lichten Randeinfassungen.
Der Schwanz hat Zeichnung und Färbung wie beim alten
Vogel. Die Unterseite ist lehmröthlichweiss, an den Sei-
ten und ein breites Band quer über die Brust dunkler
rostbräunlich. Unterseite des Flügels hellroströthlich
glänzend^ an den Spitzen der Schwungfedern ein schwärz-
liches Querband.
Männchen und Weibchen sind weder in Zeich-
Archiv für Naturg. XXil. Jahrg. 1. Bd. 5
66 Philipp! und Landbeck:
nnng noch Färbung verschieden ; ebenso weicht das M^in-
terkleid nur durch einen lichtem Anflug der verlängerten
Federspitzen etwas vom Sommcrkleide ab.
Uober die Verbreitung dieses Vogels können wir
nicht viel sagen , da wir denselben bis jetzt nur in den
Cordilleren der Provinz Santiago und zwar im Yalle
largo, bei los Pinquenes u. s. w. in einer mittleren Höhe
von 7 — 10,000' üb. M. angetrofl^en haben. Er lebt in diesen
Cordilleren auf den sanftem, mit SteingeröUe bedeckten
Abhängen, aber auch zwischen wihleni Felsgcwirre, auf
deren Gipfeln er sich oft erhebt. Es ist ebenfalls ein
sehr unruhiger viel schreiender Vogel, der fast beständig
umherläuft oder fliegt, dabei wenig scheu und daher leicht
zu erlegen. Sein Benehmen und Stimme erinnerten uns
mehr an die wahren Lerchen, als die Höhlenlerche, na-
mentlich ist sein Gang und Flug lerchenartig. Er lockt
gewöhnlich: pitt! pitt! pitt! dje; auch f itt! f itt! und
singt: tire, tire, tire, tri, tri, tri, trih! was ebenfalls
etwas ludelnd, lerchenartig klingt.
Das Nest erbaut er in Felsenlöchern auf dieselbe
Art wie die Höhlenlerche in die Erde und legt ähnliche
weisse, aber natürlich verhältnissmässig grössere Eier.
Im Februar waren die Jungen erwachsen und die Alten
befanden sich in der Mauser.
Geohamon Cabanis.
H, Bur meist er beschreibt im 2ten Bande seiner
Reise durch die La Plata Staaten S.465 unter dem Na-
men „Geobamon rufipennis'^ einen Vogel, welcher den
Certhi landen sehr nahe steht, sich aber durch eineu dicken
und geraden Schnabel unterscheidet. Wir theilen hier
die betreffende Stelle mit, um hernach unsere Beschreibung
eines ähnlichen Vogels aus Chile damit vergleichen zu
können.
„6. Gatt. Geohamon Caban.
Gestalt der vorigen (Geositta Swains. = Certhi-
lauda d'Orb.) Gattung, aber der Schnabel viel kürzer,
ganz gerade, dick pfriemenförmig, etwas seitlich zusam-
mengedrückt mit stumpfer Spitze. Flügel ziemlich lang,
Beiträge zur Ornithologie von Chile. 67
die erste Schwinge etwas, die zweite sehr wenig ver-
kürzt; Schwanz kurz, gerade abgeschnitten, alle Federn
gleich lang; Beine niedrig, massig stark, die Laufsohle
mit kleinen flachen Hornschildern bekleidet ; die Zehen
massig lang , die hintere gross, aber mit mehr geboge-
ner massig langer Klaue. ^
93. (t. rußpennis Burm. Cabanis Journ. d. Ornith.
VIII. S. 249. 94.
„Bei Parana, nicht selten; lebt am Boden auf offe-
nen Triften, wie eine Lerche. — Etwas grösser als unsere
Haubenlerche; Rückengefieder röthlichgraubraun ; Zügel,
Augenrand, Backen und Unterseite weiss, die Brust gelb-
grau, überlaufen. Schwingen schwarzbraun, L:inenfahne
rostroth, auch die Spitze und der äussere Basalrand blass
rostfarben ; Schwanz schön rostroth, mit breiter, schwar-
zer Binde vor der Spitze; Schnabel schwarz, die Basis
der Unterkiefers und die Beine gelb graubraun. Iris
braun.
Ganze Länge 7", Schnabel am Mundrande 6'", Flü-
gel 4", Schwanz 2", Lauf 9'", Hinterzehe mit der Kral-
le V"."
Wir besitzen den von uns Eingangs erwähnten chi-
lenischen Vogel schon seit einer längeren Reihe von Jah-
ren und hatten denselben ebenfalls als Typus einer neuen
Gattung betrachtet, welcher wir den Namen Saxilauda
— wegen der Aehnlichkeit mit Saxicola und Alauda —
beilegten, und wonach unser Vogel als Saxilauda fasciata
Nob. im hiesigen National-Museum aufgestellt war. Wir
haben jedoch bis jetzt seine Beschreibung nicht publicirt,
weil wir denselben im Leben genauer beobachten woll-
ten. — Da es für uns fast unzweifelhaft ist, dass unser
Vogel mit dem von Burmeister beschriebenen Vogel
generisch verwandt ist, so verzichten w^ir auf die Aufstel-
lung unserer neuen Gattung und adoptiren für denselben
das Cabanis'sche Genus Geobamon, wobei wir jedoch uns
erlauben, die von uns längst entworfene Gattungs-Cha-
rakteristik vorauszuschicken, und zwar wie folgt:
Schnabel pfriemenförmig, sanft zugespitzt, Ober-
schnabel sanft abwärts gebogen, mit der Spitze den Un-
68 Philipp! und Landbeck:
terschna))cl überragend und ein Häkchen bildend, ziem-
lich rund, gegen die Stirn in einer etwas erhabenen Leiste
zwischen den Paedem endigend ; Nasenlöcher in einer mit
Federn besetzten Längsspaltc an der Basis des Schnabels.
Vor den Nasenlöchern ist der Schnabel höher als breit,
hinter denselben ist es umgekehrt. Derselbe ist auch
bedeutend kürzer als der Kopf, oft nur halb so lang.
Auge klein. Tarsus auf der Rückseite netzförmig ge-
schildct, etwa so lang wie die Mittelzehe sammt Nagel,
und wie die Zehen ziemlich stark, die mittlere mit der
äussern am ersten Gelenke verwachsen. Die Vorderseite
des Laufes und die Oberseite der Zehen sind mit starken
Schilden bedeckt. Nägel der Vorderzehen schwach ge-
bogen, der Hinterzehe gross und stark gebogen, alle seit-
wärts gefurcht. Flügel lang, zwei Drittel des Schwanzes
bedeckend ; die hintern Schwingen bedecken zwei Drittel
der vordem. Die zweite und dritte Schwungfeder gleich
lang und sind die längsten von allen. Die Schwungfe-
dern sehr breit, bis zur vierten an der Aussenfahne etwas
ausgeschnitten. Der Schwanz ziemlich kurz, aus 12 brei-
ten Federn bestehend^ ganz wenig ausgeschnitten.
Geohamon fasciata Ph. et Ldb. nov. sp.
Artkennzeichen:
Die meisten Schwung- und Steuerfedern lebhaft
rostroth mit breiter schwarzen Querbinde am Ende.
Beschrei bung: *
Totallänge — 6" Q'"
Schnabel: lang — — 7
hoch .... — — 2V:
breit .... — — 3
Schw^anz — 2 —
Breite V — 4
Die Flügelspitze endigt vor
der Schwanzspitze in der
Entfernung von .... — — 9
Flügel vom Bug bis Spitze — 3 11
Beiträge zur Ornithologie von Chile. 69
Tarsus — — 11'"
Mittelzehe sammt Nagel . — — 10y2
Aussenzehe — — 8^,2
Innenzehe — — 6
Hinterzehe — — 8
Der Nagel allein .... — — 6
Schnabel hornschwarz, an der Wurzel des Unter-
schnabels etwas lichter^ hornbläulich oder bräunlich. Tar-
sus und-Zehen bleiblau, an den Gelenken dunkler; Nägel
hornschwarz ; Iris dunkelbraun. Von der Schnabclwurzel
an zieht sich über dem Auge bis zum Genick eine fahl-
weisse Linie, welche hinter dem Auge breiter wird und
etwa die Breite von 2'" erreicht. Das Auglied selbst ist
weiss befiedert; vor dem Auge ein grauer, unter demsel-
ben ein weisser Fleck; Ohren braun, nach oben dunkler;
ganze Oberseite des Körpers, also Kopf, Hals, Rücken,
Schultern und Bürzel braungrau, im Genick und Bürzel
etwas rostbräunlich überlaufen. Die sämmtlichen Deck-
federn der Flügel haben dieselbe Farbe, aber mit ver-
wachsenen hellen Spitzenrändern. Sämmtliche Schwung-
federn, mit Ausnahme der zwei ersten und der letzten,
sind auf denjenigen Theilen, welche bei zusammengeleg-
ten Flügeln nicht sichtbar sind, also besonders auf den
Innenfahnen schön intensiv rostroth und nur von etwa 7
der vordem Schwingen zeigt sich auch ein Theil an der
Wurzel der Aussenfahne ein Streif von dieser Farbe,
wodurch ein röthlicher Spiegel gebildet wird. Das üe-
brige der Schwingen ist schwarz, an den Spitzen breit
und scharf abgesetzt röthlichweiss eingefasst. DerSchw^anz
hat eine ähnliche Färbung ; zwei Drittel desselben von der
Wurzel an und so weit derselbe von den obern sehr lan-
gen Deckfedern bedeckt ist, sind rostroth, das übrige
Drittel schwarz licht rostbraun eingefasst. Sämmtliche
Unterflügeldeckfedern sind rostroth. Kinn und etwas von
der Kehle sind fahlweiss ; Halsseiten und Brust lehm-
gelblich, jede einzelne Feder an den Spitzen grau ge-
rändert , wodurch dieser Theil etwas trübe gefleckt er-
scheint, die ganze übrige Unterseite hat dieselbe lelim-
röthliche oder gelbliche Färbung, welche aber an den
70 P h i l i p p i und Landbeck:
Seiten in Rostroth, auf den Unterschwanzdeckfedern in
Roströthlich übergeht, letztere mit breiten lichten Rän-
dern. Befiederung des »Schienbeins von der Farbe des
Bauches.
Vorstehende Beschreibung ist nach Exemplaren,
welche im Juli — also im Winterkleide — erlegt wur-
den, entworfen. Durch Abstossen der theils dunkeln,
theils lichten Federspitzen entsteht das Sommer- oder
Frühlingskleid, welches ziemlich abweicht.
Schnabel hornblauschwarz, an der Wurzel der Un-
terkinnlade lichter; Tarsus hornblau , ganze Oberseite
dunkelerdbraun, am Halse und Bürzel am hellsten, die
letzte Schwungfeder ist auf der Aussenfahne braunschwarz,
auf der Innenfahne rostbraun, die zweitletzte ebenso gefärbt,
aber mit breitem rostgrauen Rande an der Aussenfahne,
der übrige Theil des Flügels sammt Deckfedern hat im
Wesentlichen dieselben Farben wie das Winterkleid, nur
dass die lichten Kanten des letzten fehlen und dafür ein
schmutziges Graubraun vorherrscht; die ganze Unterseite
fahl röthlich, schmutzig, auf der Brust etwas dunkler in's
Rostbräunliche ziehend, an den Seiten und unter den
Flügeln in Rostroth übergehend. Von den grauen Spitzen
der Brustfedern ist nichts mehr zu bemerken ; das Kinn
und der Streif über dem Auge schmutziger als im Win-
terkleide, fahl weisslich.
Auffallender sind die Abweichungen des Jugend-
kleides.
Schnabel licht horngrau, Basis des Unterschnabels
hell flcischweiss. Iris graubraun , Fuss hell horngrau,
die Klauen etwas dunkler. Ganze Oberseite rostgrau, auf
Nacken und Bürzel am hellsten; Flügel und Schwanz in
der Zeichnung wie beim alten Vogel, aber überall die
Rostfarbe so stark vorherrschend, dass die dunklern Far-
ben dadurch grösstenthcils verdeckt sind: die rostfarbigen
Kanten der Deck- und letzten Schwungfedern so breit,
dass sie fast die ganzen Federn einnehmen; die Spitzen
der grossen Schwung- und Schwanzfedern ebenfalls sehr
breit, aber scharf abgeschnitten rostfarbig. Der Streif
über dem Auge, die Umgebung desselben, die Halsseite,
Beiträge zur Ornithologie von Chile, 71
sodann die ganze Unterseite einfarbig lehmrötKlich^ heller
als beim alten Yogel, an den Seiten ins Ro^stfarbige^ an
Kinn und Kehle ins Weissliche übergehend. Schienbein-
befiedernng von der Farbe der Unterseite.
Lafresnaye Mag. zool. 1863. p. 6 imd nach ihm
Desmurs bei Claudio Gay p. 287 des I. Bd. seiner Zoo-
logie von Chile beschreibt eine Certhilaiida nigrofasciata,
welche mit unserem Vogel Aehnlichkeit hat^ ohne jedoch^
nach der hier folgenden Beschreibung mit demselben
identisch zu sein.
j,2. Certhilauda nigrofasciata Lafr.
C. fusco-brunneo pectore nigroraaculato, superciliis
albidis ; remigibus secundariis fulvis nigro-fasciatis ; cauda
fulvo-nigroque semipartita.
Esta especie tic nela major afinidad de forma y
coloracion con la precedente, pero es mas encorvada y
regordeta, y se hace notar por la cola corta de un flavo
claro en su base hasta la mitad de su longitud y menos
brimeo end resto, por su pico delgado y amarillo en la
base de la mandibula inferior, y por su pecho manchado
de negro; las cejas blanquizas, prolongändose hasta la
nuca ; las remigias flavas^ rayadas de negro ; las patas
negras, y la una posterior corta, leve mente arqueada.
Longitud total 7" y 9'"."
Lahemos hallado muchas veces en las provincios del
surde Chile.
Diese Art hat in Gestalt und Form die grösste Ver-
wandtschaft mit der vorhergehenden, ist aber gekrümmter
(mas encorvada, was soll das heissen? ist es ein Druck-
fehler?) und gedrungener, ausgezeichnet durch den kur-
zen Schwanz, der am Grunde bis zur Mitte der Länge
hellgelb, und im übrigen Theile weniger braun ist ; durch
seinen dünnen , an der Basis des Unterkiefers gelben
Schnabel und seine schwarzgefleckte Brust; die weissen
Augenbrauen, die sich bis zum Nacken erstrecken_, gelbe
schwarzgestreifte Schwungfedern, schwarze Füsse und einen
kurzen, schwach gekrümmten Hinternagel. Gesammtlänge
72 Philipp! und Landbeck :
7 Zoll 9 Linien. — Wir haben ihn vielmals In den südli-
chen Provinzen Chiles gefunden.
Unser Vogel scheint von dem hier eben beschriebe-
nen abzuweichen : *
1) Durch das Grössen -Verhältnisse indem die To-
tallänge des unsrigen 6" 6"^, des Gay'schen 7" 9'" be-
trägt.
2) Durch den Mangel an schvs'arzen Flecken auf der
Brust, wo der unserige im Winterkleide vorübergehend
lichtgrau marmorirt erscheint, wovon aber im Sommer-
kleide keine Spur zu bemerken ist.
3) Der Schwanz ist im Verhältnisse nicht grösser
als bei Certh. cuniculata.
4) Der Schnabel ist im Verhältnisse dicker als bei
der so eben erwähnten Art und hat am Unterschnabel keine
Spur von Gelb.
5) Ist bei unserem Vogel der Nagel der Hinterzehe
lang und ziemlich stark gebogen, und endlich
6) haben wir denselben in den südlichen Provinzen
Chiles nirgends angetroffen.
Uebrigens müssen wir aufrichtig bekennen, dass wir
einen Vogel, der auf die Gay'sche Beschreibung passte,
nicht kennen.
Unser Vogel bewohnt in den Provinzen von San-
tiago und Colchagua im Sommer die niedrigen Cordille-
ren in einer Höhe von f) — 9000' üb. d. Meere, wo er sich
an steinigen Abhängen, die einiges niedrige Gebüsch ent-
halten, aufhält. So ist er z. B. häufig in den Cordilleren
von las Araucas, Gerbaloca in Cajon von Majpa in der
Hacienda de la Puerta u. s. w\ Er läuft lerchen- und
steinschmätzerartig auf der Erde umher, nickt mit dem
Kopfe , wippt mit dem Schwänze und zittert mit den
Flügeln.
Er hängt sich zuweilen spechtartig an senkrechte
Felsen und setzt sich gerne auf die schmalen Absätze
derselben. Von den vielen Verbeugungen , die er im
Sitzen und Gehen macht, hat er bei den Chilenen den
Namen „Agachadera'' erhalten. Seine gewöhnliche Lock-
stimme gleicht der des europäischen Grünlings (Fr. chlo-
Beiträge zur Ornithologie von Chile. 73
risL.) — erinnert an den Ton der kleinen Schütten- oder
Taubenröllchen — hat aber auch einige Modulationen,
welche an Lerchentöne erinnern. Die sämmtlichen Lock-
töne sind weich und nicht sehr laut. Geräuschvoller und
schreiender ist ihr Gesang, den sie während der Brüte-
zeit fleissig hören lassen. Er ist bei einzelnen Individuen
etwas verschieden und lässt sich etwa durch folgende
Worte ziemlich deutlich ausdrücken: ;,twi twi twi,
tirr, twi t wi twi t wi, ti rrr u. s. w.'^, andere: ^zitt
wi witt wi wirrr, zitt wi witt wi wirrr u. s. w.";
auch „tirr wi wi, tirr wi wi u. s.w.'' Lockstimme:
„tjehk, tjehk, gick, gick, fitt, fitt^; im Fluge :
„gi cke re gi ck, gick u. s. w.^
Er singt sowohl im Fluge als auch auf den Spitzen
der Felsblöcke sitzend, wobei er, wie Saxicola oenanthe,
fleissig mit dem Schwänze wippt.
Er brütet in Felsenritzen und Löchern, auch unter
Steinen ; erbaut ein ziemlich künstliches Nest aus Gras-
hälmchen , Haaren und Federn und legt 4 — 5 ziemlich
grosse schneeweisse glänzende, feinschalige Eier.
Im Sommer lebt der Vogel wohl grösstentheils von
Insekten, doch frisst er auch Sämereien der Cordilleren-
Gräser, im Winter aber, wenn nach bedeutenden Schnee-
fällen seine Sommerresidenz für ihn unzugänglich gewor-
den und er dadurch genöthigt ist, tiefer in die Vorberge
herunter zu steigen, dann ernährt er sich wohl grössten-
theils, vielleicht ausschliesslich von Sämereien. So er-
scheint er z. ß. gewöhnlich zu Anfang des Monats Mai
im Cerro del Prado, im Cerro de San Cristobal, zunächst
Santiago, um sich daselbst von den öligen, wickengrossen
Früchten einer Euphorbiacee , der Coliguaya odorifera
Mol. zu ernähren, unter deren Gebüsche ganze Flüge
unseres Vogels sich herumtreiben, um die von der drei-
fächerigen Kapsel ausgeschleuderten Samen aufzulesen.
Der Vogel ist anfangs nicht sehr scheu, aber bei
seiner der Erde ganz ähnlichen Färbung auf dem Boden
nicht leicht zu unterscheiden; wird aber mehrmals auf
eine Gesellschaft geschossen, dann wird er scheu und
vorsichtig.
74 Philippi und Landbeck:
Monographie der südainerikanisclien 9luscisa\icoliiien.
A. d'Orbigny beschreibt in seiner Voyage dans
TAmeriquc möridionalc Tome IV. part. 3. 1835-44. p. 354 sq.
unter dem — aus den Namen zweier nahe verwandten
Gattungen zusammengesetzten — Namen ^^Muscisaxicola^
eine Gattung von Vögeln, welche dem südamerikanischen
Cordillerenzuge von Peru bis Magellan eigenthümlich
sind, und charakterisirt dieselbe folgendermassen;
,,Beine lang , schlank ; die Nägel der Vorderzehen
kurz abgenutzt, derjenige der Hinterzehe lang, wenig gebo-
gen ; Flügel lang, zugespitzt; Schwanz mittelraässig, an
seinem Ende viereckig abgestutzt; Schnabel dünn, zu-
sammengedrückt, verlängert. Die Fliegenfänger-Stein-
schmätzer sind blosse Lauf-Vögel imd stimmen in ihren
Sitten mit den Steinschmätzern vollkommen überein. ^
üeber die Grenzen des Vorkommens der erwähnten
Gattung bemerkt d'Orbigny S. 152: „Auf der Ost- und
Westseite der Anden vom 11^ bis 45^ und erhebt sich
unter dem 15^ bis auf 18,0U0 Fuss über den Meeresspie-
gel/ d'Orbigny hat sodann 4 Arten beschrieben.
Cabanis theilt in den Untersuchungen über die
Fauna peruana von J oh. Jakob v. Tschudi S. 166 eine
präcisere Charakteristik der von G o u 1 d in Ptyonura
umgetauften Gattung mit und sagt:
„Schnabel viel länger als der Kopf, an der Basis
breit, deprimirt, nach der Spitze zu comprimirt ; Firste an
der Basis abgesetzt und abgeflacht, weiter nach vorn ver-
wischt; Kuppe ein wenig gebogen; Tomienrand ausge-
schnitten; Nasenlöcher basal, lateral, gross, geschlossen,
an dem hinteren Umfange durch eine Membran bedeckt,
nach vorn oval geöffnet; Flügel sehr lang, schmal und
spitzig; Tarse lang, stark, länger als die Mittelzehe mit
dem Nagel; äussere Zehe an der Basis mit der mittleren
verbunden, innere frei; Daumen sehr stark, mit langem
Nagel."
Beiträge zur Ornithologie von Chile. 75
Herr v. Tschudi fand in Peru nur 2 Arten:
Ptyomtra alhifrons Tsch. eine von ihm aufgestellte
neue Species und
Ft. mentalis d'Orb.; sodann hat er die von d'Or-
bigny in Peru weiter aufgefundene Art Ft. rufivertex
d'Orb. ebenfalls in seine Fauna aufgenommen *). Zu
einer künftigen Feststellung der Gattungsmerkmale er-
lauben wir uns einige kurze Notizen beizufügen : ^S chn a-
bel viel länger als der Kopf" sagt Hr. Cabanis.
Bei Pt. albifrons Tsch. misst der Schnabel 20 MilL,
der Kopf 24 MilL
Bei Pt. maculirostris d'Orb. der Schnabel 13 Mill.,
der Kopf 21 Mill.
Bei Pt. mentalis d'Orb. der Schnabel 13 Mill., der
Kopf 22 Mill.
Bei Pt. flavivertex Ph. et Ldb. der Schnabel 15 Mill.,
der Kopf 24 Mill.
Bei Pt. nigrifrons Nob. der Schnabel 20 Mill., der
Kopf 25 Mill.
Hiernach ist der Schnabel, selbst bei den langschnä-
beligen Arten, stets bedeutend kürzer als der Kopf. (Wir
haben den Schnabel von der Spitze bis zu dessen Anfang
auf der Stirn und von dort an den Kopf bis an dessen
Ende gemessen, jedoch nicht nach der Biegung mit der
Schnur, sondern in gerader Linie mit dem Zirkel.)
Ferner: ^an der Basis breit, deprimirt."
Bei Pt. albifrons Tsch. ist der Schnabel an der Basis
6 Mill. breit und 7 Mill. hoch.
Bei Pt. nigrifrons Nob. 5 Mill. breit und 5 Mill. hoch.
„ „ flavivertex Nob. 5 V2 Mill. ^ ,, 5 „ ^
., „ mentalis d'Orb. 5 Mill. „ ,j 3 „ „
„ „ maculirostris 4 Mill. „ „ 4t y, „
Es ist also auch dieses Merkmal sehr unzuverlässig
und ungenau.
Im I. Bde. der Zool. der Historia fisica j politica
*) Es ist uns nicht recht einleuchtend, mit welchem Rechte
Cabanis seinen Namen den beiden letzterwähnten Arten beigefügt,
da er weder Gattung noch Arten entdeckt hat!
76 Philipp! und Landbeck:
de Chile von Cl. Gay ist p. 321 eine Charakteristik der
Gattung Muscisaxicola Lafresn. et d'Orb. versucht. Sie
lautet :
„Rostrum tenue, valde compressum, elongatum non
basi deprcssum. Alae prolongae, acuminatae. Cauda mc-
diocris, apice rotundo. Tarsi valde elongati, graciles.^
„Pico delgado, muy comprimido, prolongado, sin de-
pression en la base, que al contrario esta carenada en el
centro de la rtiandibula superior, j esta levemente incli-
nata. Alas largas y acuminadas : la segunda remigia ela
mayor. Cola de mediana longitud y cuadrada en la punta.
Tarsos muy prolongados y delgados: las unas de los de-
dos anteriores son cortas, y la del pulgar mas larga y
encorvada. ^
Schnabel dünn, sehr zusammengedrückt, verlän-
gert, ohne Depression an der Wurzel, die im Ge-
gentheile im Centrum des Oberkiefers gekielt ist; dieser
ist schwach geneigt. Flügel lang und zugespitzt : die
zweite Schwungfeder ist die grösste. Schwanz von mas-
siger Länge und viereckig an der Spitze. Tarsen sehr
verlängert und dünn; die Nägel der Vorderzehen sind kurz,
der des Daumens ist länger und gekrümmt.
Beschrieben sind 2 Arten:
Muscis. nigra Gray, welche jedoch nicht hieher,
sondern der Gattimg Lessonia Sw. angehört, und
M. macloviana Gray = me7italis d'Orb.
Im lateinischen Texte ist der Schwanz als rund, ab-
gerundet, im spanischen dagegen als quadratisch beschrie-
ben, er ist aber weder das Eine, noch das Andere, son-
dern schwach ausgerandet. Nach v. Tschudi oder Ca-
banis ist der Schnabel an der Basis breit und deprimirt,
nach Desmurs ist dies ausdrücklich nicht der Fall, son-
dern im Gegentheile comprimirt. Es scheint demnach,
dass es seine besondern Schwierigkeiten hat, diese Gat-
tung genau zu charakterisiren. So sehr die verschiede-
nen Arten in ihrem allgemeinen Habitus mit einander
übereinstimmen, so sehr weichen sie in der Form der
Schnäbel von einander ab. Einige haben grade, starke,
mehr oder weniger comprimirte, andere mehr runde, da-
Beiträge zur Ornithologie von Chile. 77
bei auf- und abwärts gebogene Schnäbel. Ausser den
von den Formverhältnissen abgeleiteten generischen Kenn-
zeichen, ist die üebereinstimmung in gewissen Farben,
welche fast sämmtliche Arten gemeinsam haben, zu be-
rücksichtigen, indem sich schon hierin die nähere Ver-
wandtschaft der einzelnen Arten unter sich zu erkennen
giebt. Die Oberseite fast sämmtlicher Arten ist ein dü-
steres Grau, bald heller, bald dunkler, jedoch niemals
aufiallend lebhaft oder rein ; die Unterseite ist stets mehr
oder weniger weiss^ grau bräunlich oder gelblich ange-
flogen; Oberschwanzdeckfedern und der Schwanz selbst
stets schwarz und die Aussenfalme der äussersten Schwanz-
federn fahl- bis reinweiss; die Unterschwanzdeckfedern
fast immer reinweiss. Das, was die verschiedenen Arten
am auffallendsten auszeichnet, ist aber die Färbung der
Oberseite des Kopfes. Indem einige wenige Arten an
dieser Stelle die Farbe des Rückens zeigen, bemerkt man
bei andern fahlgelbe, rostrothe, chocoladebraune oder
schwarze Platten, welche den Vögeln bei der sonst so
monotonen Färbung zu ganz besonderer Zierde gereichen.
Dieses im Ganzen düstere Gewand der Fliegenfän-
ger-Steinschmätzer entspricht übrigens ganz den Schau-
plätzen ihrer Thätigkeit; den zerklüfteten Felsen und
Schuttfeldern der hohen Anden, w^o diese Vögel durch
ihr munteres Gebahren die traurigen Einöden in Etwas be-
leben. Am liebsten bewohnen sie die erwähnten Oert-
lichkeiten, w^enn Bäche oder Schneefelder oder Vegas,
— Sumpfhochwiesen — in der Nähe sind, da sie ohne Was-
ser oder Schnee nicht existiren können. Obgleich die
meisten Arten im Sommer die sterilen Höhen bewohnen,
so giebt es doch auch einige, welche lieber ihren Aufent-
halt in etwas tiefer gelegenen Bergen, die mit Buschholz
bedeckt sind, wählen, andere wieder sich am liebsten an
kiesigen Flussufern ansiedeln. Eine im Süden lebende x\rt
scheint ein Wander- oder Zug-Vogel, die übrigen jedoch
nur Strichvögel zu sein, die in ihren Lieblingsplätzen so
lange ausharren, als dieselben schneefrei sind. Nach be-
deutenden Schneefällen sind jedoch auch sie gezwungen,
ihre Existenz in den Thälern, an Bachufern, auf den Vor-
78 Philipp! und Landbe ck:
bergen der Hochgebirge zu fristen. Ihr Aufenthalt in
den Niederungen dauert jedoch selten lange. Ein paar
Arten besuchen im Winter die Meeresküste und leben
dort von 8cethierchen^ während ihre gcwühnh'che Nahrung
in Insekten, Raupen und Beeren besteht. — Ihr Lockton
ist kurz ein einsilbiges steinschmätzerartiges hisst, und
ebenso einfach ist ihr Gesang: ein kurzer Triller, wie
man es von Upucerthia vulgaris oder nigrofumosa hört.
Sie brüten in Steinklüften, zwischen Steinbrocken,
unter überhängendem Zwerggesträuche u. s. w., bauen aus
Halmen, Haaren und Federn ein ziemlich kunstloses, aber
warmes Nest und legen 3 — 5 weisse, ganz zart roth ge-
punktete Eier.
Ob sie zweimal im Jahre brüten, ist ungewiss, aber
so viel ist sicher, dass die Jungen, sobald sie ihre Nah-
rung aliein suchen können, sich von den Alten absondern
und sich an bestimmten ihnen besonders zusagenden Punk-
ten zusammenfinden und Nahrung suchend herumtreiben.
Chile ist besonders reich an Arten dieser Gattung
und besitzt mehr als die Hälfte sämmtlicher bekannten,
und es ist sehr wahrscheinlich, dass dieselben mit der
Zeit durch neue Entdeckungen noch vermehrt werden,
indem wohl noch einige Arten an unzugänglichen Orten
leben mögen.
In nachfolgenden Blättern beschreiben wir sämmt-
liche Arten, welche wir in natura besitzen und genauer
beobachtet haben, und theilen von den übrigen zur Gat-
tung gehörigen Arten dasjenige mit, was uns zur Zeit
davon bekannt ist.
1. Muscisaxicola alhifrons Tsch.
N Ptyonura albifrons Tsch. Untersuchungen über die
Fauna peruana IL S. 167. Taf. XII. Fig. 2.
Pt. supra ex olivaceo cinerea, pileo subfusco, fronte
facieque ante oculos candidis, alis brunneis apice dilutio-
ribus, cauda nigricante, apice albicante subtus grisea.
Der ganze Oberkörper ist graubraun ; die Haube
etwas dunkler; Stirn und vordere Augengegend rein
weiss; die Fittig- und Schwungfedern sind weissiichbraun,
Beiträge zur Ornithologie von Chile. 79
nach der Spitze zu etwas dunkler, mit einem weisslichen
Saume. Die Schwanzfedern sind schwarzbraun, an der
Spitze heller. Der ganze Unterleib ist hell schmutzig
bräunlichweiss ^ die Kehle am reinsten. Flügelbug und
untere Flugdecken rein weiss. Schnabel und Füsse tief
schwarz. Iris hellbraun.
Ganze Länge 9", Schnabel 1", Tarse 1" 4V2"', Flü-
gel 6". Verhältniss der Tarse zum Flügel 1 : 4,5.
Die Pt. albifrons fanden wir im Rio de Huaura, nörd-
lich von Lima. So weit Hr. v. Tschudi.
Die eben citirte Abbildung im Werke des Herrn
von Tschudi ist zwar im Colorit kenntlich, aber eine
sonst misslungene Figur, welche keine Idee von der Ge-
stalt des lebenden Vogels giebt , welcher Vorwurf so
ziemlich alle Abbildungen des erwähnten Werkes trifft.
Da zugleich auch die Beschreibung etwas mangelhaft,
jedenfalls nicht ausführlich genug ist, so folgt hier eine
andere, nach einem von A. Frohen im Juni 1853 in
Parinacota mediana über Tacna, etwa 14,000 Fuss über
dem stillen Ocean erlegten alten Männchen :
Artkennzeichen:
Weisses Gesicht und weisslicher Spiegel auf den
Flügeln.
B eschreibung :
Länge 9" —
Schnabel: lang — 10"'
hoch — 4
breit *. — 3V2
Schwanz • • . 3 6
Flügel vom Bug bis Spitze . . 6 —
Tarsus 1 4
Aussenzehe — 8
Mittelzehe — 10
Innenzehe — 7V2
Hinterzehe — 9
Schnabel stark, seitwärts zusammengedrückt, höher
als breit, vom Nasenloche an, dessen Anfang fast in die
80 Philipp! und Landbeck:
Mitte des Schnabels reicht, unbedeutend aufwärts gebo-
gen, an der Spitze wiederum etwas gesenkt, einfarbig
schwarz. Iris graubraun; Fuss robust, Zehen und Nägel
knrz, letztere dick und stark, schwarz. Vorderstirn, ein
Streif von der Schnabel wurzel bis über das Auge und
das Kinn weiss ; die ganze übrige Oberseite hell grau-
braun, aus dem Scheitel mit rostbrauner Platte, welche
jedoch nicht scharf abgeschnitten ist von der übrigen
KopiFarbe ; Bürzel- und Oberschwanzdeckfedern rauch-
schwarz, Schwanz braunschwarz mit fahlweisslichen Kan-
ten, welche jedoch bei den zwei äussersten Ruderfedern
jeder Seite fast die ganze Aussenfahne einnehmen. Die
Flügel haben dieselbe Farbe wie der Rücken, nur lichter
und wie verblichen ; die Fittig- und Deckfedern mit
schmalen fahlweisslichen, die Schwungfedern mit breiten
dergleichen Rändern, wodurch auf letztern eine Art von
fahlweisslichem Spiegel entsteht. Vor der w^eisslichen
Spitzenkante sind die Fittigfedern etwas dunkler bräun-
lichschwarz ; Eckflügel braunscliw^arz. Unterseite des Flü-
gels weiss, leicht fahlgelblich überlaufen. Flügelrand
weiss und bräunlich gefleckt. Unterseite weissgraubräun-
lich, an den Brust- und Bauchseiten mehr rein graulich-
braun. Unterbauch, After- und Unterschwanzdeckfedern
weiss mit kaum merklichem gelbbräunlichen Anfluge.
Schienbeinbefiederung rostgraubräunlich. Die Kehle ist
etwas lichter, als die übrige Unterseite mit Ausnahme der
Unterschwanzdeckfedern. Ohr und Halsseiten haben die
Farbe des Rückens.
2. MusGisaxieola cinerea Ph. et Ldb. nov. sp.
Artkennzeichen:
Ganze Oberseite einfarbig hell aschgrau.
Beschr eibu ng:
Ganze Länge von der Schnabel-
Schw^anzspitze 5" 9'"
Schnabel — 5
Schwanz 2 8
* Beiträge zur Ornithologie von Chile. 81
Flügel vom Bug bis Spitze . . 3 10
Schienbein 1 4
Tarsus 1 1
Mittelzehe — 7V2
Aussenzehe — 6
Innenzehe — 5
Hinterzehe — 6
Schnabel gerade, an der Spitze des Oberschnabels
sanft übergebogen, mit etwas eingezogenen Rändern, ziem-
lich breit , kohlschwarz ; der nackte Theil des Fiisses
ebenso. Lis braun; von der Schnabelwurzel bis über
das Auge eine schmale weisse Binde oder Linie, vor
dem Auge ein graues Fleckchen. Kopf, Ohren, Hinter-
und Seitenhals, Rücken und Mantel hellaschgrau mit leich-
tem rostfarbigen Ueberfluge. Flügel grau- oder erdbraun
mit fahlbräunlichen Rändern, Oberschwanzdeckfedern und
der Schw^anz selbst dunkelbraunschwarz, die äusserste
Feder mit breiter fahlweisser Aussenkante. Ganze Un-
terseite weiss , auf Oberbrust und Bauchseiten graulich
überlaufen. Die erste Schwungfeder ist etw^as länger als
die fünfte, die zweite und dritte sind gleich lang. So
das Männchen.
Das Weibchen ist dem Männchen in der Färbung
ganz ähnlich, nur etw^as dunkler und schmutziger, dage-
gen weicht das Junge mehr ab, der Schnabel ist gelb,
das Gefieder mehr bräunlichgrau, die Kanten der Schwung-
federn rostgrauJich; die Unterseite weissgrau, bräunlich
überlaufen.
M. cinerea stimmt in Grösse, Gestalt und Zeichnung
am meisten mit M. rufivertex überein, natürlich mit Aus-
nahme der rostrothen Kopfzeichnung des letztern, welche
jedoch bei Jungen dieser Art noch wenig sichtbar ist ;
allein die Oberseite unseres Vogels ist etwas dunkler, das
Weiss, welches sich bei M. rufivertex über das Auge bis
über die Mitte des Ohrs hinzieht, erstreckt sich bei M.
cinerea kaum bis zum Auge und endlich sind die Schnä-
bel beider sehr verschieden gebogen. Bei M. rufivertex
sind beide Schnabelhälften an der Spitze abwärts gebo-
gen, bei M. cinerea aber nur die obere, indem die untere
Archiv f. Natur^. XXXI. Jahrg. 1 Bd. 6
82 Philipp! nnd Landbeck:
nicht nur nicht abwärts läuft, sondern vielmehr nach anf-
"^värts gebogen ist.
Ausser mit den jugendlichen Exemplaren der M.
riifivcrtex könnte unser Vogel etwa noch mit ausgebleich-
ten Exemplaren der M. macloviana = mentalis d'Orb.
verwechselt w^erden; es ist jedoch bei letzteren der
Scheitel stets dunkler braun gefärbt und niemals asch-
grau, auch sind bei derselben Flügel und Schwanz um
V2" kürzer und die erste Schwungfeder so lang wie die
vierte; endlich sind bei M. cinerea die Nägel flach, stumpf
und kurz, während sie bei M, macloviana dünn, stark
gebogen und scharf spitzig sind.
Die M. cinerea ist so ziemlich die seltenste der in
Chile vorkommenden Muscisaxicola-Arten; das Museum
in Santiago besitzt jedoch schon seit dem Jahre 1856 ein
altes Männchen in seiner Sammlung.
Er bewohnt die Cordilleren von Santiago und wir
fanden ihn in Las Araucas, wo er in einigen mit Trüm-
mergestein bedeckten Thälern im Februar 1861 mehrfach
beobachtet , aber seiner Scheuheit wegen nicht erlegt
wnirde; ferner im Valle largo bis zu einer Höhe von etwa
10,000 Fuss üb. d. Meere, wo wir im Januar 1862 Alte
und Junge erhielten, endlich in las Chacarillas, woher wir
am 17. Januar 1864 durch Hrn. H. Seybold ein altes
Weibchen erhielten.
Er lebt zwischen dem Trümmergestein in dem er-
wähnten Hochgebirge, besonders wenn dasselbe von klei-
nen Bächen oder Schneefeldern begränzt ist, ist sehr
scheu, ausserordentlich lebhaft und benimmt sich im Ue-
brigen wie seine Gattungs-Verwandten. Seine Nahrung
besteht in Insekten und Beeren, besonders der Berberis
montana etc. Sein Nest findet man in Felsspalten mit 4 — 5
weissen, am stumpfen Ende braungetüpfelten Eiern.
3. Muscisaxicola maculirosin's d'Orb. et Lafr.
Voy. l'amer. merid. p. 356. Nr. 284. pl. 41. fig. 2. —
Syn. p. 66. Nr. 3. Ptyonura maculirostris, Bonap. Consp. I.
196. 392. 4. — Burmeister, Reise durch die La Plata
Staaten IL S. 462.
Beiträge zur Ornithologie von Chile.
83
Artkennzeichen:
Schnabel schwarz, die Wurzel hälfte des Unterschna-
bels gelb.
Beschreibung.
Ganze Länge .
Schnabel . .
Schwanz .
Flügelspannung
Flügel . .
Schienbein .
Tarsus . .
Mittelzehe .
Aussenzehe
Innenzche
Hinterzehe .
Der Flügel endigt V 3'" vor der Schwanzspitze.
Oberschnabel einfarbig hornschwarz, Unterschnabel citro-
nengelb, an der Spitze schwarz * ), Iris dunkelbraun, Fuss
und Klauen schwarz, über dem Auge ein weisser Streif,
durchs Auge ein graubräunlicher, Ohrfedern und ganze
Oberseite fahl graubraun; sämmtliche Flügelfedern mit
rostweisslichen Kanten , die Schwungfedern mit etwas
dunklern Spitzen als die Grundfarbe der Federn. Ober-
schwanzdeckfedern und Schwanzfedern kohlschwarz, letz-
tere mit schmalen h'chtröthlichen Kanten, die äusserste mit
weisser Aussenfahne. Die ganze Unterseite ist fahlgelb-
lichwciss, an der Brustseite etwas dunkler, auf der Un-
terseite der Flügel ins Rothgelbliche ziehend.
Zwischen Männchen und Weibchen fanden
wir in der Färbung keine Verschiedenheit, dagegen weicht
der Vogel im Jugendkleide ziemlich bedeutend von
den Alten ab, der ganze Schnabel ist schwarz ohne Spur
des Gelben am Unterschnabel, worauf seine Benennung
gegründet ist. Iris dunkelbraun, Fuss schwarzgrau. Ober-
*) Es giebt Varietäten, bei welchen der ganze ünterschnabel
gelb ist, andere, welche gar nichts Gelbes am ünterschnabel haben,
umd dann taugt freilieh unser Artkennzeichen nichts.
84 Philippi und Landbeck:
Seite braungraii, auf Unterriicken mit rostfarbigem An-
fluge, Oberschwaiizdeckfcdern und Schwanzfedern schwarz
mit rostgelbh'chcn Spitzen, Aussenfnhne der äussern
Schwanzfeder fahlweiss ; kleine Fliigeldeckfedern braun-
grau, die grössern und Schwungfedern schwarzgrau mit
breiten rostfarbigen Rändern. Umgebung des Auges
röthlichweiss, durch einen schwarzgrauen Fleck vor dem
Auge unterbrochen, Wangen und Ohren rostgrau weiss-
lich ; Kinn und Kehle schmutzigweiss, Brust wcissbräun-
lich, übrige Unterseite fahl weiss, die Unterseite der Flü-
gel etw^as dunkler.
Herr von Bibra traf diesen Vogel zuerst in Chile
im Jahre 1852 und sagt von demselben: „Ich habe die-
sen Vogel nur in der Cordillera angetroffen, in bewalde-
ten Schluchten und selbst noch gegen die höhern Par-
tieen hin, wo die Sterilität schon überwiegt und nur noch
einzelnes Buschwerk angetroffen wird. Er ist scheu, und
hat die Eigenthümlichkeit, sehr rasch von Busch zu Busch
zu fliegen, indem er stets sich auf der höchsten Spitze
des Gesträuches niederlässt, behende abwärts schlüpft,
dann einige Schritte auf dem Boden fortläuft und dann
schnell auf einen andern Busch fliegt. Er ist nicht
selten.'^
Wir fanden denselben zum erstenmal am 11. Oktober
1860 in 6 Exemplaren auf dem Cerrode San Cristobal,
nahe bei Santiago in einer ungefähren Höhe von 2400' üb.
d. Meere. Sie hielten sich auf einer durch grosse Steine
unterbrochenen Pampa nahe zusammen, und waren ziem-
lich scheu, doch gelang es uns, ein Paar zu erlegen. In
seinem Benehmen gleicht dieser Vogel ganz seinen Ver-
wandten, er läuft mit grosser Lebhaftigkeit auf der Erde,
setzt sich zur Abwechselung auf Felsblöcke und lockt,
dem Crithagra brevirostris ähnlich ; die Vögel w^aren
wahrscheinlich durch verspäteten Schneefall verhindert,
in ihre Heimath, die mittlem Cordilleren zurückzukehren
und brüteten ohne Zweifel im San Cristobal, indem die
Geschlechtstheile der Erlegten schon sehr entwickelt
waren.
Im Deccmber 1860 fanden wir den Vogel paarweise
Beiträge znr Ornithologie von Chile. 85
circa 5 — 6000' hoch in der Cordillera der Hacienda ^la
Puerta^, Provinz Colchagua, wo er auf einem mit kleinem
Buschwerke von mehreren zwergartigen Sträiichern und
Coiron (Art buschigen Grases) bedeckten sanften Abhänge
nicht selten war und bereits Junge hatte.
Im Januar und Februar 1861 bemerkten wir den-
selben in der Cordillera von Santiago in „Las Aranas^
in einer Höhe von beiläufig 5 — 7000'. Er lebt daselbst
auf felsigen mit niedrigem Gebüsche von Ephedra ame-
ricana Humb., Kagenechia angustifolia Don., Colligiiaya
und Acaena- Arten bewachsenen Bergen, wo er flüchtig
umherflog und unter den Gebüschen einherlief, sich zu-
w^eilen auf die Gipfel der Gebüsche und Felsen erhebend.
Er hatte um diese Zeit kleine Junge.
Burraeister 1. c. sagt von unserem Vogel: „Bei
Mendoza; am Rande der grossen Wassergräben oberhalb
der Stadt im Gebüsche; häufiger als die vorhergehenden
Arten.^
d'Orbignv 1. c. bemerkt: „diese Art bewohnt die
Hochebene der Anden von Bolivia in der Umgebung der
Stadt Paz in einer mittleren Höhe von 3600 Metres über
dem Niveau des Meeres, im Winter haben wir ihn in den
Stoppelfeldern an den Abhängen der Montana gesehen
u. s. w.^ Nach diesen verschiedenen Beobachtungen hat die
M. maculirostris einen grossen Verbreitungsbezirk, indem
ihr Vorkommen in der Provinz von Colchagua beginnt,
sich auch auf die Westseite der Anden bis Mendoza aus-
dehnt und sich von hier bis Bolivia erstreckt. Das Nest
wird unter dem erwähnten niedrigen Buschwerke zwischen
Steinen angelegt, w^ir haben jedoch die Eier bis jetzt nicht
aufgefunden, dagegen öfters die kleinen Jungen erhalten.
Diese Art liebt mehr als ihre Verwandten mit Buschholz
bedeckte Berge.
4. Mriscisaxicola mentalis Lafresnaye et d'Orb.
d'Orbigny, Voy. Am. Mer. Ois. : pl. 41. fig. 1.
p. 355. Nr. 283. Syn. p. 66. Nr. 2. — Lafres. Guerin Mag.
18B7. 66. — M. macloviana Xjraj^ Beagle p. 83. — Syl-
86 Philip p i und Laridbeck:
via macloviana Garnot, Zool. des iles Malouin. — Curruca
macloviana Less. Zool. de la coq. p. 6G3. — M. macloviana
Gray. -- Gl. Gay, bist, de Ghile. Zool. I. p. 322. — U. S.
naval astronomical expedit. de J. M. Gillis 1849 — 52.
S. 185. — Ptyoniira mentalis (Lafr.) J. J. v. Tschudi,
Untersuchungen über die Fauna peruana. II. Orn. 1845 — 46.
8. 167.
A r t k e n n z e i c h e n :
Die ganze Oberseite des Kopfes und gew^öhnlich das
Kinn chocoladebraun, der Zügel schwarz.
Beschreibung:
Altes Männchen im April.
Länge 6" —
Schnabel: lang — 7'"
hoch — 2
breit . — 2
Flügelspannung 11 —
Flügel vom Bug bis Spitze . . 3 10
Schwanz 2 6
Tarsus 1 —
Aussenzehe sammt Nagel ... — 7V2
Mittelzehe • — 9
Innenzehe — 6V4
Hinterzehe — 7
Schnabel ziemlich rund, von der Wurzel nach der Spitze
ganz regelmässig, gleichsam pfriemenförmig verlaufend,
vom Nasenloch an, welches nahe an der Stirn liegt, un-
bedeutend, aber doch merklich aufwärts gebogen, an der
Spitze wiederum etwas gesenkt, schwarz ; Iris dunkel-
braun!; Fuss, Zehen und Nägel schwarz; Stirn und Zü-
gel schwarz, die übrige Oberseite des Kopfes bis zum
Nacken chocoladebraun, mit lichten Federsäumen, über
den Augen und am Hinterhaupte in olivengrau über-
gehend ; Hinterhals licht grünlichgrau, Rücken und Man-
tel von derselben Farbe , aber mit olivengrünlichem
Anfluge. Flügel grauschwarz , die kleinen Deckfedern
so breit olivengrün gekantet, dass von der Grundfarbe
nichts zu sehen ist; die übrigen Deck-, Fittig- und
Beiträge zur Ornithologie von Chile. 87
Schwungfedern sind schmal gelbgrünlich gekcantet. Der
Eckflügel und die Spitze der ersten Schwungfedern sind
am dunkelsten schwarz ; letztere jedoch grau gekantet.
Oberschwanzdeckfedern und der Schwanz selbst schwarz
mit gelbgraulichen Rändern , welche an der zweiten
Schwungfeder jeder Seite lichter werden und auf der
Aussenfahne der äussersten Ruderfeder in Weiss über-
gehen und diese ganze Fahne einnehmen. Unterflügel-
deckfedern gelblichweisS; die grössere in Lichtgrau über-
gehend, am Vorderrande des Flügels weiss und grau
geschupjDt. Ohrfedern olivengrünlich. Das Kinn lebhaft
rostbraun; Kehle schmutzigweiss, Brust und Magenge-
gend licht bräunlichgrau mit weissen Federspitzen, Sei-
ten ebenso ; Bauch, After und ünterschwanzdeckfedern
licht gelblich weiss, letztere am reinsten; Schienbeinbe-
fiederung dunkelbraungrau.
Alte Weibchen sind den Männchen im Ganzen
ähnlich, die rothe Kinnzeichnung ist aber nicht so lebhaft
und nicht so weit ausgedehnt, was auch bei der Haube
der Fall ist, welche statt chocoladebraun , mehr grau-
braun ist.
Jüngere Männchen sind mehr dem W^eibchen
ähnlich, und vom Kinnfleck kaum eine Spur vorhanden.
Im Jugendkleide ist die Oberseite des Kopfes
einfarbig olivengraugrün wie der Rücken, und die weiss-
gelblichen Ränder der Schwung- und Fittigfedern brei-
ter; der Schnabel kürzer und schwächer; die Unterseite
grauer.
Sommer- und Winterkleid sind in sofern ver-
schieden, als in letzterem die lebhafteren Farben des er-
stem durch lichte Federkanten verdeckt sind.
Exemplare von Valdivia, Santiago und Arica in Peru
weichen sehr wenig von einander ab ; letztere sind etwas
mehr verbleicht und zeigen auf der Oberseite eine mehr
fahlbräunliche Farbe.
Es scheint unzweifelhaft zu sein, dass M. macloviana
Gray und M. mentalis Lafr. et d'Orb. zu einer Art ge-
hören, wenigstens ist es uns nicht gelungen, Unterschiede,
88 P h i 1 i p p i inul 1 1 a n d b c c k :
welche zur Trennung der zwei Arten berechtigten, auf-
zufinden.
Ueher Verbreitung und Lebensweise der M. menta-
lis sagt d'Orbigny 1. c. folgendes: „Diese Art gehört
zu der Zahl derjenigen, welche den Sommer in den süd-
lichsten Theilen des amerikanischen Festlandes zuzubrin-
gen scheinen ; denn im Sommer haben wir nicht einmal
in Patagonien ein Individuum davon gesehen, während
sie im Winter in kleinen Gesellschaften an den Ufern
des Rio negro lebt. Es ist wahrscheinlich, dass sie beide
Seiten Amerikas bewohnt, da sie der Küste bis Cobya,
in Bolivien, und selbst bis Arica, in Peru, folgt, wo wir
sie gleichfalls getroffen haben. An der Peruanischen
Küste hat diese Art dieselben Gewohnheiten wie die vor-
hergehende, findet sich jedoch nicht auf den Hochebenen
der Anden ; in Patagonien kommt sie im Juni an und bleibt
bis zum September 5 indem sie sich auf der Höhe der
Hügel hält, an sandigen Orten, um die Mauern des Forts;
sie findet sich dort in Gesellschaft von 3 bis 15 Indivi-
duen, lebt vertraulich mit dem Menschen, springt auf die
Erde auf erhabene Punkte, Mauern, Erdschollen, bleibt
lange Zeit an demselben Orte, wippt mit dem Schwänze,
läuft dann schnell auf der Erde fort, indem sie Insekten
sucht, von denen sie sich nährt."
Die M. mentalis lebt auf beiden Seiten der Anden, denn
sie wurde auf Falkland, in Patagonien, Magellan, in ganz
Chile, in Bolivia und Peru beobachtet. Sie bewohnt im
Sommer die mittlem Cordilleren in der Nähe von Bächen
und Vegas, auch die Ufer der Flüsse am Fusse der Ge-
birge, so wie das Meeresufer, steigt aber gewöhnlich erst
im Juni [zur Meeresküste herab und wandert bis August
und September in den Ebenen gewöhnlich an den Fluss-
ufern in einzelnen Paaren oder in kleinen Gesellschaften,
z. B. ziemlich häufig am Kiesufer des Rio de Mapocho
bei Santiago umher.
In der Provinz Valdivia erhielten wir die ersten im
Jahre 1853 von der Pampa Negron, in los Llanos, spä-
ter, im Juni 1858, bemerkten wir ziemlich viele, gewöhn-
lich in Truppen von 6 — 15 Stück, aber auch einzelne
Beiträge zur Ornithologie von Chile. 89
Paare auf frisch gepflügten Aeckern auf Collico bei Val-
divia. Sie laufen wie Bachstelzen oder Steinschmätzer,
schnell und ruckweise , stehen zuweilen plötzlich still,
richten sich hoch auf und wippen mit ausgebreitetem
Schwänze, genau wie Saxicola oenanthe. Ihr Gang ist
äusserst zierlich und so sehr sie auch den Fliegenfängern
in Gestalt und Farben gleichen, so weichen sie in jenem
doch sehr von denselben ab, und schliessen sich mehr an
die ächten Steinschmätzer an. Sie lassen nur selten Lock-
töne hören, und ein angeschossener schrie mit schwacher
Stimme: piep, piep, piep!
.; Im Jahre 1859, am 28. April, erschienen viele M.
mentalis, jedoch in kleinern Gesellschaften, auf den Brach-
äckern bei Valdivia umherlaufend und Nahrung suchend.
Dagegen zogen am 9. Mai, einem ächten valdivianer Win-
tertage, mit Sturm und Regen, von Süden nach Norden
grosse Schaaren unseres Vogels und zwar so hoch durch
die Luft und so eilig, als ob sie alles zu verlieren hätten.
Nur einige wenige Individuen, wahrscheinlich Ermüdete,
Hessen sich auf den höchsten Wipfeln der Pellina (Fagus
obliqua var. valdiviana) nieder, um einige Minuten auszu-
ruhen. Diese Züge dauerten vom 9. bis 11. Mai unun-
terbrochen fort und es mögen während dieser drei Tage
mehr als 100,000 Stück vorüber gekommen sein. Wahr-
scheinlich kamen dieselben aus der antarctischen Zone
und wanderten nach Norden, um in einem milderen Clima
zu überwintern.
Zuweilen kamen einzelne Paare während des Win-
ters in die Gärten und auf die Häuser der Stadt Santiago,
wo sie munter auf den Dächern umherlaufen und Lisek-
ten fangen, auch die Mauerritzen und Löcher der Wände
durchspähend, bei welcher Beschäftigung ihr Benehmen
sehr an den europäischen Hausrothschwanz (S. tithjs)
erinnert. Gewöhnlich besuchen sie eine von ihnen er-
wählte Lokalität längere Zeit täglich.
V. Tschudi fand die M. mentalis in Peru am Rio
de Yanayacu, in der Waldregion; er sagt jedoch nicht,
in welcher Jahreszeit.
In der oben citirten Zoologie der Reise des ßeagle
90 Philippi und Landbeck:
S. 83 ff. spricht Darwin über die Artverbchiedenheit von
M. mentalis d'Orb. und M. macloviana Gray foJgender-
massen : „2) Mnscisaxicola macloviaa G. R. Gray. Sylvia
macloviana Garn. Voy. de Coqu. Zool. p. 663. — Curruca
macloviana Less.
J brought Lome only one specimen of this bird ; it
came from East Falkland Island, wlience also those di-
scribed by Messrs. Lesson and Garnot were procured.
Mr. Gould considercd it a distinct species , bnt having
carefully compared it with M. mentalis, J can see not de
smallest differcnce in any point, excepting that it is so-
mewhat larger in all its dimensions. The length of the
whole body is . 6, of an inch greater, of wing when foide
d. .45, of tarsus.2, greater than in the foregoing species.
J can scarcely hesitate in thinking it a large-sized local
variety, from some favourable condition in the Falkland
Islands to its grovy^th."
5. MunGisaxicola ruhricapilla Ph. et Ldb. n. sp.
Artkenn zeichen:
Oberseite des Kopfes ölbraun, mit dunkelrostrothem
Mittelfleck; Rücken graubraun.
Beschreibung:
Alter Vogel im Sommer klei de.
Ganze Länge — 6" 11'"
Schnabel lang — — V/2
hoch — — 2V2
breit — — 3
Schv^anz — 2 8
Flügelspannung 1' — 9
Flügel vom Bug bis Spitze . — 4 3
Schienbein — 1 5
Tarsus — 1 2
Aussenzehe sammt Nagel . — — 7
Mittelzehe — — 9
Innenzehe — — 6
Hinterzehe — — '?V2
Der Nagel der Hinterzehe
allein — — ^
Beiträge zur Oniitbologie von Chile. 91
Der Flügel ecdigt 6'" vor der Schwanzspitze. Der
Schnabel ist etwas stark, ziemlich grade von der Wurzel
zur Spitze regelmässig sich zuspitzend, von der Mitte an
kaum merklich aufwärts, an der Spitze des Oberschnabels,
welche einen deutlichen Zahnausschnitt hat, abwärts ge-
bogen , einfarbig glänzend schwarz. Iris dunkelbraun ;
Beine ziemlich hoch und stark, mit langen sanft geboge-
nen Hinterzehennägeln, schwarz. Vom Nasenloche an
über das Auge hin bis gegen die Mitte der Ohrfedern
zieht sich eine weisse Linie ; die Oberseite des Kopfes
bis zum Nacken ölbraun, in der Mitte mit breitem und
langen , dunkelrostrothen Fleck, welcher am Ende der
Stirn beginnt und sich bis ans Ende über den Ohren
erstreckt; der Hinterhals zeigt dieselbe ölbraune Färbung
des Kopfes, geht aber am Oberrücken in düsteres Grau-
braun über, welche Farbe den ganzen Rücken und die
Schultern bedeckt. Oberschwanzdeckfedern und der
Schwanz, welcher ziemlich deutlich ausgeschnitten ist,
etwas verblichen kohlschwarz, letzterer an den Spitzen-
rändern etwas lichter, so wie die Aussenfahne der äusser-
sten Schwanzfeder schön fahlweiss ist. Flügel braungrau,
mit lichten bräunlichgrauen Kanten, vor welchen die
Spitzen der Schwungfedern ziemlich dunkel sind ; Eck-
flügel grauschwarz. Unterseite des Flügels atlasglänzend
fahlgelblichweiss ; die Deckfedern etwas lichter, der Flü-
gelrand weiss und schwarz geschuppt. Die Ohrfedern und
Halsseiten weissgrau, die ganze Unterseite etwas schmut-
zigweiss, auf der Brust mit verblichen aussehendem,
gräulichen Fleck in der Mitte der Federn, w^odurch die-
ser Körpertheil ein etwas geflecktes oder gestreiftes
Aussehen erhält 5 Schienbeinbefiederung graubraun.
Beide Geschlechter sind gleich gefärbt und auch in
der Grösse nicht verschieden.
Zwischen dem Sommer- und Winterkleide
findet nur ein unbedeutender Unterschied statt, indem die
verlängerten Federkanten des letztern fast dieselbe Farbß
zeigen, wie das Grundgefieder.
92 Philippi und Land b eck:
Jiigendkleid.
Schnabel schwarz; Iris diinkclbraim; Fuss grau-
schwarz. Oberseite aschgrau, rostbräiinb'ch überlaufen,
w^as auf Kopf und Bürzel am auffallendsten ist. Flügel
grauschwarz mit breiten wcissröthlichen Rändern. Ober-
schwanzdeckfedern und Schwanz schwarz, letzterer an
der Aussenfahne der äussern Federn weiss, die zwei fol-
genden Federn fahl gerändert. Von der Schnabelwurzel
an über das Auge hin ein weisser Streif. Zügel grau,
ebenso die Ohrfedern; Unterseite schmutzigweiss.
Dieser junge Vogel hat die grösste Aehnlichkeit mit
Muscisax. nigrifrons Nob. juv., unterscheidet sich aber
durch folgende Merkmale :
1) Ist sein Schnabel an der Wurzel schmäler und
gerade, während er bei M. nigra breit, stark und etwas
abwärts gebogen ist.
2) Ist er etwas kleiner, weit schlanker und weniger
dickköpfig.
3) Sind die hintern Schwungfedern kürzer, weshalb
die vordem länger erscheinen. Bei M. nigra sieht man
bei zusammengelegten Flügeln nur fünf Spitzen der Vor-
derschwinsren, bei diesem aber acht.
4) Und dieses ist das auffallendste Kennzeichen, geht
die weisse Linie über dem Auge fast bis an das Ende
der Ohrfedern, während sie bei M. nigra vor dem Auge
endigt.
5) Endlich ist die Farbe des Kopfes bei alten Yö-
gehi — weniger bei Jungen — so auffallend verschieden,
dass sie allein schon zur Unterscheidung genügend w^äre.
Ferner hat unser Vogel in Grösse und Gestalt grosse
Aehnlichkeit mit M. cinerea Ph. et Ldb. und M. rufiver-
tex d'Orb., kann jedoch durch folgende Merkmale auch
von diesen unterschieden werden.
1) M. cinerea ist kleiner, hat schwächern Schnabel,
weit kürzere Tarsen und Zehen und eine ganz verschie-
dene Färbung; ist deshalb höchstens mit jugendlichen
M. rubricapilla zu verwechseln.
2) M. rufivertex d'Orb. Mit diesem Vogel hat der
Beiträge zur Ornithologie von Chile. 93
unsrige grosse Aehnlichkelt und könnte leicht als Va-
rietät desselben mit ihm verwechselt werden, was ohne
Zweifel auch schon geschehen ist, allein bei genauerer
Vergleichung unterscheidet er sich durch folgendes:
1} Bei M. rufivertex ist der ganze Schnabel ziemlich
auffallend abwärts, bei M. rubricapilla eher aufwärts und
nur an der äussersten Spitze des Oberschnabels etwas
abwärts gebogen.
2VIst bei M. rufivertex der Tarsus um 0^2'" kürzer
und bedeutend schwächer, ebenso die Mittelzehe um 1'"
und der Nagel der Hinterzehe um IV2'" kürzer.
3) Ist bei M. rufivertex die Oberseite schön hell
aschgrau, bei M. rubricapilla dagegen düster öl- und
graubraun.
4) Sind bei jenem die rothen Scheitelfedern zu einer
Art von Holle verlängert , bei diesem dagegen kurz
und hart.
5) Das ganze kleine Gefieder der M. rufivertex ist
lang, weich zerschlissen und sehr zart, bei M. rubricapilla
kürzer und hart.
6) Ist die Unterseite bei ersterem weiss, mit leichtem
graulichen oder röthlichen Anfluge, aber ungefleckt, bei
letzterem mehr bräunlichweiss, grau gewölkt.
7) Ist die Aussenfahne der äussern Schwanzfeder
bei letzterem breiter und schöner weiss, als bei ersterem.
Auch mit M. mentalis d'Orb. haben die jungen Vö-
gel der neuen Art Aehnlichkeit, sind aber leicht am
grössern Schnabel und der weissgrauen Augenbraue, wo-
von bei M. mentalis keine Spur vorhanden ist, und an
den rostfarbigen Rändern der Deck- und Schwungfedern,
welche bei M. mentalis weiss oder weissgelb sind, zu un-
terscheiden.
Wir bemerkten diesen interessanten Vogel oftmals
im December 1860, und zwar in ziemlicher Anzahl in
der Cordillera der Hacienda de la Puerta, Provinz Col-
chagua in einer ungefähren Höhe von 5 — 6000 Fuss üb.
d. Meere, wo er sich paarweise auf einem von zwergar-
tigem Gesträuche Acaena und Coiron (eine Art Festuca)
bewachsenen sanften Abhänge aufhielt. Die Männchen
%4 Philipp! und Lan db eck:
sangen auf der ebenen Erde oder auf Steinen sitzend
trillernd fast wie Upucerthia nigrofumosa. Wir erlegten
ein Paar derselben und fanden, dass sie die blauen Bee-
ren einer daselbst häufigen Berberitze gefressen hatten.
Im Februar 1861 fanden wir zwischen den Fels-
trümmern der Cerros bei der Laguna de los Pinquenes,
unfern der Minen von las Araiias (Cordillere von San-
tiago) in einer niuthmasslichen Höhe von 80(J0' mehrere
Junge dieses Vogels, konnten jedoch, trotz aller Mühe
die Alten nicht entdecken. Es ist nicht unwahrschein-
lich, dass letztere sich zu einer zweiten Brut von den
Jungen getrennt hatten, denn wir fanden auch von einer
anderen Art, M. nigrifrons Nob., zu dieser Zeit an der
bezeichneten Stelle nur die Jungen, während wir später
ein pnar tausend Fuss tiefer in derselben Cordillere auch
die Alten erlegten.
Die oben erwähnten Jungen setzten sich häufig auf
die Felsspitzen oder die Zweige einer halbdürren Ades-
mia, wippten mit dem Schw^anze und lockten ganz stein-
schmätzartig : h i s s t ! h i s s t !
Im Oktober 1863, auch noch im November kamen
viele dieser Vögel, in Folge einiger Schneefälle im Hoch-
gebirge , in die niedrigeren Vorberge, nach la Dehesa
herunter; um dieselbe Zeit wurden sie auch in den hö-
heren Bergen von Aculca bemerkt.
Das Nest wird unter Steinen erbaut; ist ziemlich
gut gebaut und besteht aus Moos, Grasblättern, Federn
und Thierhaaren. Das Ei ist stark bauchig, nach beiden
Enden steil abfallend und daher spitz endigend, hat eine
feine sehr glatte, glänzende Schale, ist weiss und mit ein-
zelnen äusserst kleinen rothbraunen Tüpfeln besäet, 9'"
lang, 7'" dick. Es wurden 3 bis 4 gelegt.
Der Vogel scheint weder weit nach Süden noch
nach Norden zu gehen, w^enigstens haben wir denselben
nur in den beiden Provinzen Colchagua und Santiago
angetroffen. Dagegen scheint er auch bei Mendoza vor-
zukommen; denn Bur meist er beschreibt denselben als
das Weibchen von M. rufivertex folgendermassen: .,Bei
Mendoza, am Fussc der Sierra de Uspallata, in der Nähe
Beiträge zur Ornithologie von Chile. 95
von Bächen im Gcbüsclie des Ufers. — Die Abbildung
bei d'Orbigny stellt das heller gefärbte Männchen vor,
das Weibchen ist nicht bleigran, sondern aschgrau am
Rücken und sein rother Scheitel verfliesst allmählich in
das benachbarte Gefieder; dagegen setzt sich die weisse
Linie über dem Auge schärfer ab.*'
Dagegen können wir Herrn Bnrraeister die Ver-
sicherung geben, dass das Weibchen des M. rnfivertex
von seinem Männchen änsserlich nicht zu unterscheiden
ist. Wir können dieses mit der grössten Bestimmtheit
behaupten, indem wir eine grosse Anzahl dieser Vögel
von beiden Geschlechtern in Händen hatten und verglei-
chen konnten.
6. Muscisaxicola rufivertex Lafr. et d'Orb.
d'Orb. Voy. Am. mer. IV, 3. p. 354 u. 282. pl. 40,
fig. 2. — Guer. Mag. 1837. 66. — Cabanis, v. Tschudi
Fn. per. Consp. Nr. 85. Orn. 168. 3. — Bonap. Consp. I.
196. 392. 2. — ü. S. nav. astron. exp. von J. M. Gil-
lis 1849—52. S. 186. — Burmeister Reise durch die La
Plata Staaten IL 464. Ptvonura rufivertex Gab.
Artkennzeichen:
Vom Scheitel bis Hinterhaupte ein rostrother Fleck ;
Oberseite hell aschgrau, Unterseite weiss.
B es ch r eibung:
Altes Männchen im September.
Ganze Länge 6" 6'"
Schnabel / — V/^
Schwanz 2 8
Flügelspannung 11 3
Flügel vom Bug bis zur Spitze . 4 —
Schienbein 1 3
Tarsus ....;, 1 —
Aussenzehe — 6
Mittelzehe — 8
Innenzehe — 5
Hinterzehe — 6
96 Philipp! und Landbeck:
•jtnf]. Der Flügel endigt 1" vor der Schwanzspitze. Schna-
bel glänzend schwarz, sanft abwärts gebogen ; Fuss braun-
schwarz, Iris braun, Kopf, Wangen, Ohren, Halsselten,
Hintcrhals, Rücken , Bürzel und ^Schultern schön licht
aschgrau, fast bleigrau; vom Scheitel bis zum Hinter-
haupte ein breiter feurig rostrothcr Fleck, wodurch, da
diese Federn ziemlich lang sind, eine hübsche rothe Holle
entsteht. Augenlicdrand weiss; vor den Nasenlöchern
zieht sich über das Auge hin eine weisse Linie ; Zügel grau,
unter dem Auge ein weisses Fleckchen. Die ganze Un-
terseite weiss mit graulichem Schimmer, besonders an den
ßrustseiten. Schienbeinbefiederung grau , jede Feder
derselben mit weissem Rande. Die kleinen Oberdeckfe-
dern der Flügel braungrau, mit breiten hellaschgrauen
Rändern, der übrige Flügel graubraun mit fahlen Rän-
dern und etwas dunklern Spitzen ; der Eckflügel schwarz.
Die erste Schwungfeder ist gleich lang mit der dritten,
die zweite die längste. Oberschwanzdeckfedern und der
Schwanz kohlschwarz, etwas ins Braunschwarze ziehend,
die äusserste Feder mit fahl bräunlichem Rande, welcher
auf der Unterseite die ganze Aussenfahne einnimmt und
fast rein weiss ist.
Männchen und Weibchen von gleichem Alter
sind nicht verschieden; wonach die Beschreibung des
Weibchens von Burme ister zu berichtigen ist. Wir
haben hierüber in der Beschreibung des M. rubricapilla
Nob. das Nöthige gesagt.
Der Vogel im Jugendklei de ist sehr vom Alten
vei'schieden, wie aus der folgenden Beschreibung zu ent-
nehmen ist. — Die charakteristische Biegung des Schna-
bels ist schon beim jungen Vogel vorhanden und deshalb
eine Verwechselung mit verwandten Arten nicht leicht
möglich; Schnabel und Füsse sind schwarz, die Iris dun-
kelbraun; die Unterseite weiss, aschgrau durchschimmernd,
Unterschwanzdeckfedern mit rostgelblicher Endung. Ober-
seite hellaschgrau, rostfarbig überflogen, die lebhafte
rostrothe Scheitelfarbe der Alten ist nicht vorhanden; dafür
ist dieser Theil olivenbraun, etwas mit Rostbraun tingirt;
Flügel braunschwarz; die Deckfedern breit rostroth ein-
Beiträge zur Ornithologie von Chile. 97
gefasst, welche Einfassung auch die hintersten 5 Schwung-
federn vor einer lichtgrauen Umgebung haben. Die
Schwungfedern erster Ordnung haben eine ziemlich breite
weisse Spitzeneinfassung ; Unterrücken ölbraun, allmäh-
lich in das Schwarz der Oberschwanzdack- und Steuer-
federn übergehend. Von der Schnabel wurzel an zieht sich
ein w^eisser Strich über das Auge hin.
Das junge Männchen , nach welchem vorstehende
Beschreibung entworfen ist, wurde im Januar 1864 mit
mehreren iVlten im Valle largo erlegt.
Exemplare dieses Vogels aus Peru und der chileni--
sehen Cordilleren zeigen keine andere Verschiedenheiten
als dieselben durch Alter , Jahreszeit u. s. w. hervorge-
bracht werden. Das Winterkleid hat einen sanften rost-
farbigen Hauch; der aber bald verschwindet. Das kleine
Gefieder ist bei dieser — man kann sagen — schönsten
Species lang, weich und ausserordentlich zart, während
die übrigen Arten ein strafferes und rauheres Gefieder
haben.
D'Orbigny 1. c. sagt, dass Exemplare von la Paz
und von den Gipfeln der Anden einen braunen Schwanz
und viel dunklere Farben haben. Wir vermuthen, dass
er Exemplare von M. rubricapilla Nob. mit M. rufivertex
verwechselt hat.
üeber die Verbreitung des Vogels nach Süden ha-
ben wir keine Erfahrungen gemacht, denn wir fanden
denselben nur in den Cordilleren von Santiago und Col-
chagua; von da an aber scheint er beide Seiten der An-
den bis Bolivia und Peru zu bewohnen und nach d'Or-
bigny selbst in der Wüste von Atacama nicht zu fehlen,
wo er hauptsächlich die Ufer des Meeres bewohnt.
Im mittleren Chile ist er q\i\ Bewohner der Hoch-
gebirge und wird bis zum Rande des ewigen Schnees
gefunden, was auch mit den Angaben d'O r big n y's über-
einstimmt, welcher sein Vorkommen bis zu einer Höhe
von 4600 Metres üb. d.M. beobachtet hat. — Auch Bur-
meister will denselben bei Mendoza am Fusse der Sierra
de Uspallata in der Nähe von Bächen im Gebüsche des
Ufers bemerkt haben. Da er aber — nach Beschreibung
Archiv f. Naturg. XXXI. Jahrg. 1. Bd. 7
98 Philippi und Landbeck:
des Weibchens — höchst wahrscheinlich unsere M. ru-
bricapilla für M. rufivertex gehalten hat, so ist sein Vor-
kommen bei Mendoza vor der Hand noch zweifelhaft,
was lim so mehr zu vermuthen ist, da M. rufivertex kein
Bewohner der Gebüsche , sondern der kahlen Felsen-
trümmerwüsten der Anden ist.
In seiner Lebensart stimmt er mit den übrigen Ver-
wandten überein. Er ist lebhaft, fliegt und läuft mit gros-
ser Schnelligkeit und Leichtigkeit, wippt häufig mit dem
Schwänze und lässt zuweilen einen steinschmätzerartigen
Lockton hören. Seine Nahrung sucht er gewöhnlich
laufend, doch auch zuweilen fliegend. Sie besteht am
Meere aus kleinen Crustaceen, im Gebirge aus Insekten
und, seltener. Beeren, besonders Berberis- Arten, welche
noch ziemlich hoch in den Cordilleren an den Ufern der
Bäche wachsen.
Sein Nest bereitet er in Felsenlöchern, unter Stei-
nen, auf dieselbe Weise, wie die übrigen Arten.
Er ist ziemlich scheu und vorsichtig und deswegen
etwas schwierig zu erlegen, wenn man sich nicht verbor-
gen anschleichen kann.
7. Muscisaxicola flavivertex Ph. et Ldb. nov. spec.
Artkennzeichen:
Flügel vom Bug bis zur Spitze über h" lang; erste
und dritte Schwungfeder gleich lang; auf dem Kopfe
ein grosser hellrostgelber Fleck.
Beschreibung:
Alter Vogel im September.
Länge von der Schnabel- bis .
zur Schwanzspitze ... — 7" 6'"
Schnabel — — 8
Schwanz — 3 —
Flügelspannung 1' 3 3
Flügel vom Bug bis Spitze — 5 3
Die Flügel endigen vor der
Schwanzspitze .... — — 6
Beiträge zur Ornithologie von Chile. 99
Schienbein — 1" 4'"
Tarsus — 1 3
Aussenzehe — — 7
Mittelzehe — — 8
Innenzehe — — 6
Hinterzehe — — 7
Schnabel mittelstark^ hoch, vorn seitwärts stark zu-
sammengedrückt, gegen die Wurzel sehr breit, konisch
verlaufend, die Spitze des Oberschnabels als kleines Häk-
chen über die Unterkinnlade herabgebogen, ausgeschnit-
ten, wodurch ein kleiner Zahn gebildet ist. Die Nasen-
löcher ziemlich weit vor der Wurzel, oval, schmal, ge
öffnet, im Ganzen glänzendschwarz, welche Farbe auch
Tarsus, Zehen und Nägel haben. Iris dunkelbraun. Stirn
weiss, und als Fortsetzung nach beiden Seiten zieht sich
ein weisser Streif über die Augen hin und um dieselben
herum ; vor dem Auge befindet sich ein schwarzgraues
Fleckchen. Die ganze Oberseite erdbraun oder graubraun,
auf dem Kopfe am dunkelsten, vom Scheitel bis zum
Genick ein 9'" langer und 6"' breiter hellocker- oder
rostgelber Fleck, welcher während des Sommers zu fahl-
gelb ausbleicht. Die Deck- und Schwungfedern der Flü-
gel sind etwas lichter als der Rücken, letztere mit dun-
klern Enden, sämmtliche mit fahlweissen Rändern ; Ober-
schwanzdeckfedern und der Schwanz sind kohlschwarz,
bei der äussersten Steuerfeder ist die Aussenfahne fast
ganz fahlweiss, bei der zweiten ein breiter, bei der dritten
ein schmaler Rand dieser Fahnen ebenso gefärbt. Kinn,
Kehle und Brust grau, weiss beschmutzt, mit lichtbräun-
lich leicht überlaufen, was an den Bauchseiten in reineres
rostbräunlich übergeht. Bauch, After und Unterschwanz-
deckfedern weiss, letztere am reinsten. Unterflügeldeck-
federn fahlgrau. Schienbeinbefiederung auf der Aussen-
seite des Beines graubraun, innen schmutzig weiss.
Alte Männch e n und W eib c hen sind in Grösse
und Färbung einander vollkommen gleich.
Jugendkleid.
Die ganze Oberseite sammt Ohr und Seitenhals mause-
100 Philipp! und Landbeck:
grau, d. h. ziemlich lichtgrau mit hellbraun überlaufen, so
dass ein ziemlich helles fahlbraun entsteht; die Stirn, ein
Streif über dem Auge, ein Fleckchen vor dem Auge
fahlwelss, die kleinen Schwung- und Deckfedern etwas
dunkler braungrau mit breiten, hellrostfahlen Rändern,
die grossen Schwungfedern graubraunschwarz mit breiten
weissen Einfassungen an den Spitzen und schmalen fah-
len Rändern längs den Aussenfahnen. Bürzel und Ober-
schwanzdcckfedern, so wie der Schwanz kohlschwarz,
vier der äusseren Steuerfedern jeder Seite mit fahlbräun-
lichen Rändern, welcher an der äussersten die ganze Aus-
senfahne einnimmt und fast weiss ist. Ganze Unterseite
fahlgelblichweiss, an Kinn, Kehle und Brust mit bräun-
lichgrauen breiten Flecken, wodurch diese Theile licht-
grau und weiss gewölkt erscheinen, die Bauchseiten milch-
kaffeefarbig, Unterseite des Flügels fahlweiss. Im Genick
kaum eine Spur des rostgelben Scheitelfleckes der Alten.
Schnabel und Füsse schwarzbraun, lichter als beim alten
Vogel.
Sommer- und Winter kleid sind nicht verschie-
den, letzteres nur etwas frischer und lebhafter in den
Farben.
Wir haben bis jetzt diesen zweitgrössten aller Mus-
cisaxicola- Arten nur in den Hochgebirgen der Provinz
Santiago auf Höhen von 7—12000' üb. d. M. und zwar
in ziemlicher Menge angetroffen. Er bewohnt die weni-
ger steilen mit Steintrümmern bedeckten Bergabhänge,
wo etwas Gras wächst, keine grossen Gebüsche sich vor-
finden und Wasser in der JMähe ist; daher auch nicht
selten am Rande von Schneefeldern.
Den ersten dieser Art erhielt das Museum im Fe-
bruar 1854, einen zweiten im December 1856, im Februar
1861 beobachteten wir den Vogel selbst in der Nähe der
Minen von las Araucas bei dem sogenannten Casa de
Piedra, einer natürlichen Felsengrotte, in deren Umge-
bung viele und grosse zerklüftete Felsenstücke umherlie-
gen, weiter entfernt sich aber eine grosse Hochebene aus-
dehnt, welche mit kleinen Steintrümmern und niedrigen
Pflanzen bedeckt ist. Hier liefen mehrere Paare sehr be-
Beiträge zur Ornithologie von Chile.
101
hende auf der Erde umher; erhoben sich zuweilen auf
die Steinspitzen , wahrscheinlich um sich nach Insekten
umzuschauen und lockten dabei — jedoch selten — stein-
schmätzerartig hisst, hisst! wobei sie stets mit dem
Schwänze wippten.
Im September desselben Jahres erhielten wir meh-
rere, welche Bälge nackter Raupen, wahrscheinh'ch von
Eulen, in den Mägen hatten. In schneereichen Wintern
steigt" er herab in die Thäler zwischen den Vorbergen
und geräth dabei in die Gesellschaft verwandter Arten,
welche aus demselben Anlasse ihre hochgelegene Hei-
math zu verlassen gezwungen werden. Ausserdem ist er
nicht gesellschaftlich.
Im December erbaut er sein Nest in Steinklüften,
wie die Verwandten und legt diesen ähnliche Eier.
Zu verwechseln ist unser Vogel mit keiner verwand-
ten Art; höchstens im Jugendkleide.
8. Muscisaxicola nigrifrons Ph. et Ldb. nov. sp.
Artkennzeichen.
. Stirn und Mitte des Scheitels schwarz, Schnabel stark
abwärts gebogen.
Beschreibung.
Alter Vogel im September (Frühlingskleid.)
Ganze Länge — 7"
Schnabel : lang . .
hoch . .
breit . .
Schwanz — 3
Flügelspannung .... V 2
Flügel vom Bug bis Spitze — 4
Tarsus — 1
Aussenzehe mit Nagel
Mittelzehe mit Nagel
Innenzehe mit Nagel
Hinterzehe mit Nagel
Der Nagel der letztern allein —
o
10
2%
8
2
7
9
6V2
7
3V2
102 Philipp! und L and b eck:
Der Flügel endigt 10'" vor der Schwanzspi'tze.
Der Schnabel ist unter allen bis jetzt bekannten
Muscisaxicola-Artcn am stärksten abwärts gebogen und
gleicht den Schnäbeln einiger Certhilauda- Arten. An der
Mundspalte ist derselbe massig breit, verschmälert sich
ziemlich schnell über die Nasenlöcher hinaus, ist hier
etwas zusammengedrückt, verläuft dann vollends bis zur
Spitze regelmässig glatt und rundlich, beide Schnabel-
hälften sind gleich lang und gleichmässig abwärts gebo-
gen und der Oberschnabel, der an der Spitze zwar den-
selben Ausschnitt und Zahn hat , wie bei den Artver-
wandten, ist nicht über die Spitze des Unterschnabels
herabgesenkt. Die Firste ist glatt und breit ; die Nasen-
löcher an der Stirn von rostfarbigen Federchen bedeckt ;
der Schnabel selbst glänzend schwarz. Die Iris dunkel-
braun. Die Tarsen sind stark, die Zehen ziemlich schwach,
die Nägel etwas kurz, der hintere ziemlich dick, alles
schwarz. Die Stirn ist seidenglänzend , kohlschwarz,
welche Farbe allmählich in tiefes Dunkelbraun überge-
hend in einem breiten Streif längs der Mitte des Schei-
tels sich hinzieht, zu beiden Seiten russfarbig eingefasst;
vom Nasenloche bis zum Auge ein weisser Längsfleck,
welcher sich jedoch nicht über das Auge hin verlängert.
Zügel dunkelgrau ; unter dem Auge ein weisses Fleck-
chen, untere Augenwimper ebenfalls weiss. Ohren, Sei-
ten des Halses, Kopfseiten, Hinterhais, Rücken und Schul-
tern bräunlich aschgrau, am Bürzel in Schwarzgrau über-
gehend ; die langen Oberschwanzdeckfedern schwarz. Der
Schwanz braunschwarz, fahlbräunlich gekantet. Die Aus-
senfahne der äusseren Schwanzfeder hellbrännlich oder
fahlweiss; die zweite und dritte mit fahlbräunlichen Kan-
ten längs der Aussenfahnen. Der ganze Flügel fahl-
bräunlichgrau, die kleinen Deckfedern von der Rücken-
farbe, die grössern mit mehr bräunlichem Anfluge und
schwarzen Schaftstrichen ; dieselbe Farbe haben die
Schwungfedern, nur haben diese breitere fahlweissliche
Kanten und lichtere Spitzenkanten. Die Aussenfahne
der ersten Fittigfedern ist auf der Basalhälfte schwarz,
was nach der Spitzenhälfte allmählich in dunkelbraungrau
Beiträge zur Ornithologie von Chile. 108
Übergellt. Die Aussenfahnen des Eckflügels sind eben-
falls schwarz. Die ganze Unterseite ist schmutzig" graii-
weiss, an Kehle und ünterschwanzdeckfedern am rein-
sten^ an der Brust und den Seiten am stärksten mit Grau
vermischt. Schienbeinbefiederung dunkelgraubraun. Un-
terflügeldeckfedern schmutzig weiss.
Männchen und Weibchen sind gleich gefärbt.
Jugendkleid (dem das erste Herbstkleid ähn-
lich ist).
Schnabel schwarz ; Iris dunkelbraun, Füsse grau-
scbwarz; Wangen, ein breiter Streif über dem Auge,
Seitenhals, hintere Seite desselben, Rücken und Schultern
aschgrau mit bräunlichem Anfluge. Von der Schnabel-
wnrzel bis vorüber das Auge ein weisser Längsfleck,
Stirn rundlich braunschwarz, ein breiter Fleck längs der
Mitte des Kopfes düsterbraun , welche Farbe auch der
Bürzel hat. Oberschwanzdeck- und die Steuerfedern
schwarz, die drei äussern jeder Seite fahlweiss gerändert,
welche Farbe jedoch bei der äussersten die ganze Aussen-
fahne einnimmt, der Flügel scbwarzgrau und jede einzelne
Feder sehr licht rostfahl breit eingefasst. Die ganze Un-
terseite ist schmutzigweiss, an der Brust etwas graulich,
die Ünterschwanzdeckfedern in der Mitte fahlbräunlich ge-
streift. Die Schienbeinfedern grau mit weissen Rändern.
, Auch in diesem Kleide bemerkte ich zwischen beiden
Geschlechtern keinen Unterschied.
Diesen hübschen Vogel fanden wir zuerst und zwar
nur im Jugendkleide im Februar 1861 In der Nähe des
Sees de los Piuquenes, in der Cordillere, nahe von las
Aranas, in einer Höhe von etjva 8000', wo er in der Nähe
des Seeufers auf Felsentrümmern in Gesellschaft der M.
rubricapilla sich aufhielt , sehr behende umherlief und
ebenso leicht flog. Sein Lockton Ist derselbe wie beim
vorigen.
Im September desselben Jahres erhielten wir aus
derselben Gegend auch die alten Vögel.
Ihre Mägen enthielten glatte Raupen und Käferreste.
Dieser wirklich hübsche Vogel ist nicht sehr häufig
und wohnt ziemlich hoch oben und nur In einzelnen ihm
104 P h i 1 i p p i und Landb eck:
besonders zusagenden Lokalitäten. Starke Schneefälle im
Hochgebirge nöthigen ihn, wie seine Verwandten, manch-
mal in die Vorberge hervmterzusteigen, wie z. B. im Ok-
tober und November 1863 viele in la Dehasa, fast in der
Thalebcne bemerkt und erlegt w^urden.
Der alte Vogel ist nicht leicht mit einer andern Art
zu verwechseln, dagegen wäre dieses beim jungen mög-
lich, indem er grosse Aehnlichkeit mit den Jungen von
M. flavivertex und M. rubricapilla besitzt, dagegen von
beiden am abwärts gebogenen Schnabel leicht zu unter-
scheiden.
Ob etwa eine von Burmeister aus der Gegend
von Mendoza beschriebene Art mit unserem Vogel iden-
tisch ist, muss die Zukunft lehren, indem wir bis jetzt
keine dort erlegten Exemplare besitzen und die Beschrei-
bungen derselben zu kurz und mangelhaft sind.
Von den nun folgenden Muscisaxicola-Arten besitzen
wir — da dieselben bis jetzt in Chile noch nicht beob-
achtet wurden — keine natürlichen Exemplare, zum Theil
nur mangelhafte, zum Theil gar keine Beschreibungen,
theilen aber das uns Bekannte der Vollständigkeit wegen
hiernach mit.
9. MusGisaxicola striattoeps d'Orb. et Lafr.
Voy. l'Amer. merid. p. 3ü6. Nr. '>Sb. PL XLI. iig. 1.
Syn. p. m, Nr. 4.
M. capite supra rufo nigro striato ; uropygio cauda-
que basi rufis; dorso cinereo ; alis fusco-nigris, remigibus
tectricibusque aibescente marginatis; subtus sordide albe-
scens, pectore et gutture striatis.
Schnabel braun, Füsse leichenfarbig, Augen bister-
braun. Ganze Länge ö" 7"'; Flügel 2" V" , Schwanz
1" 9'", Tarsus 1" 2"', Mittelzehe 7'", Schnabel 6'", dessen
Höhe 2'".
D'Orbigny hat diese Art auf den Hochebenen der
Anden von Bolivia und nahe bei la Paz in Höhen von
4000 Metres üb. d. M. gefunden. Er lebt einzeln in Fel-
dern und an Bachufern, ist wenig scheu und beträgt sich
Beiträge zur Ornithologie von Chile. 105
dem europäischen Steinschmätzer (Sax. oenanthe L.)
ähnlich.
10. Muscisaxicola frontalis Burm.
Bnr meist er Reise durch die La Plata Staatenil.
ö. 462. 81. Ptyonura frontalis Burm. Caban. Journ. ibid. 80.
„Bei Mendoza an denselben Orten (wie M. rufiver-
tex). — Stirn bis zur Scheitelmitte hinauf kohlschwarz,
Zügel bis zum Augenrande weiss; ganzes Rückengefieder
reingrau gefärbt, die vordem Handschwingen und die
Schwanzfedern schwarz, der Seitenrand der äussersten
Schwanzfeder weisslich. Unterfläche vom Kinn bis zum
Steiss weiss, die Kehle reinweiss, die Brust und der Ober-
bauch gelbgraulich angeflogen. Schnabel lang, schwarz
wie die Beine; Iris roth.
Ganze Länge 7", Flügel 4'' 8'", Schwanz 2V2", Lauf
IV4"; Männchen.''
Anmerkung von Ph. et Ldb.
M. nigrifrons Nob. weicht von obiger Beschrei-
bung ab:
1) Ist die Nasenbedeckung weiss, ein Fleck vor dem
Auge grau.
2) Geht die schwarze Farbe der Stirn nicht bloss bis
zur Scheitelmitte, sondern in einem schmäleren Streif bis
fast zum Genick.
3) Sind die vordem Handschwingen nicht von der
Farbe des Schwanzes schwarz , sondern braungrau, nur
wenig dunkler als das Rücken-Gefieder.
4) Haben die Augen keine rothe, sondern eine braune
Iris. Wir kennen überhaupt keine Muscisaxicola-Art mit
rother Iris, welche nur bei einigen Arten von Taenioptera
und Pepoaza gefunden werden.
11. Muscisaxicola capistrata Burm.
Burraeister Reise durch die La Plata Staaten II.
S. 461. 80. Ptyonura capistrata Burm. Cabanis Journ. d.
Orn. 1. 1. S. 248. 79.
„Bei Mendoza an ähnlichen Stellen (wie M. rufivertex
106 Philipp! und Landbeck: Beit. zur Ortiith. v. Chile.
d'Orb.). — Stirn bis zu den Augen kohlschwarz^ Schei-
tel bis zum Nacken zimmetroth; Rückengefieder bräun-
lichgrau, Flügel und Schwanz von derselben Farbe, die
Federn fein heller gcrandet, die äusserstc Schwanzfeder
jeder Seite mit weisslichem Aussensaume. Unterfläche
gelblichgrau, die Kehle fast ganz weiss, die Brust mehr
ins Graue, der Bauch und der Steiss mehr ins Rostgelbe
fallend. Schnabel und Beine schwarz; Iris roth. Männchen.
Ganze Länge 6', Flügel 4V2", Schwanz 2V3", Lauf
1" 2'".
Anmerkung von Ph. et Ldb.
M. nigrifrons Nob. ist um 1" länger und in allen
Dimensionen grösser. Scheitel bis zum Nacken ist durch
einen schwarzen Streif ausgezeichnet, welcher einige rost-
braune Federn vollkommen verdeckt. Flügel- und Schwanz-
färbung sehr verschieden; erstere braungrau , letzterer
kohlschwarz. Auf der Unterseite ist nichts Rostgelbes
zu bemerken. Iris nicht roth, sondern braun.
12. Muscisaxicota brminea Gould.
Burmeister Reise IL S. 462. 83. Ptyonura brun-
nea Gould Zool. of the Beagle III. p. 84. *). — Bonap.
Consp. I. p. 197. 7. — Burm. Gab. Journ. 1. 1. 82.
„Auf Feldern im Gebüsche nicht selten bei Parana."
13. MuscisaxiGola flavinuclia Lafr.
Rev. p. 19. pl.3. Chile.
14. Muscisaxicola alhilora Lafr. Ibid.
15. Muscisaxicola albimentwm Lafr. Ibid.
Da wir das citirte Werk nicht vergleichen konnten,
können wir über die letztgenannten drei Arten keine wei-
tere Mittheilung machen.
*) ,.M. griseofusca; gutture abdomineque albis flavescenti tin-
ctis, pectore obscuro ; alis caudaque obscure fuscis, singulis plumis
rufescentifusco marginatis; rectricum externarum radiis lateralibus
flavescentibus. Long. tot. 5unc. ; rostri *7i2 5 alaeSVaj caudae 278 ?
tarsi 1. Kopf und übrige Oberseite graulichbraun; Flügel und
Schwanz dunkelbraun, jede Feder röthlichbraun gerändert; Aussen-
fahne der äussern Schwanzfeder weisslich. Kehle und die ganze
Unterseite weiss, schwach ledergelblich überlaufen; Schnabel und
Füsse schwarzbraun. Bewohnt Port St. Jylian, Patagonien. (Januar.)"
lieber die chileuische 4iiguilla.
Von
Dr. R. A. Philippi.
(Briefliche Mittheilung an den Herausgeber.)
Heute habe ich endlich die „Anguilla^ hiesiger Pro-
vinz erhalten^ nach der ich seit sieben Jahren vergeblich
getrachtet habe. Sie soll in einigen Bächen gar nicht
selten sein^ und man sagt mir, dass die Fischer sie weg-
werfen, in der Meinung es sei schädlich diese ;,Art
Schlange^ zu essen. Ich habe dem Menschen, der mir
den Fisch brachte, 2Thlr. dafür gegeben, und bin neu-
gierig, ob er nun mehr anschafft. Ich habe dieses Neun-
auge, welches vor 24 Stunden in einer Reuse gefangen
war, sogleich abgemalt und beschrieben wie folgt.
Fetromyzon acutidens Ph.
Der Fisch ist weit dunkler als die drei anderen Chi-
lenischen Neunaugen des süssen Wassers, oben und an
den Seiten dunkelschwarzgrau mit violettem und rost-
braunen; Schimmer , letzteres besonders am Schwänze.
Die sieben Kiemenöffnungen stehen jede in der Mitte
eines weisslichen Fleckes. Die Bauchseite ist grössten-
theils atlasgrau, der vordere Theil unter den Kiemenöff-
nungen mehr gelblich. Die Schwanzflossen sind schwärz-
lichgrau, die beiden Rückenflossen ziemlich hellgrau. Von
der Seite gesehen erscheint das Schnauzenende ziemlich
spitz, indem der Mund fast in einer Linie mit dem Bauche
liegt ; das hintere Ende desselben tritt etwas hervor, und
ist durch eine fast drei Linien breite Querspalte, die in
eine Art flacher Tasche führt, von der Kehlgegend ge-
schieden. Diese bildet keinen Sack^ wie bei Petromyzon ?
108 Philippi:
Anwandten und Velasia chilensis, ist aber doch etwas
aufgetrieben. Die gesammte Länge des Thieres beträgt
14 Zoll, die Höhe in der Gegend des letzten Kiemenlo-
ches 9 Linien, in der* Gegend der ersten Rückenflosse
7V2 Linie, in der Gegend des Afters 5 Linien, die mitt-
lere Breite des Körpers beträgt 6^ 2 Linie. Das Auge ist
von der Schnauzenspitze 12 Linien entfernt^ und hat einen
Durchmesser von 2 Linien ; die Länge der Mundöffnung
beträgt IIV2 Linie, ^'^^ Entfernung des ersten Kiemenlo-
ches von der Schnauzenspitze 19 Linien, die des letzten
beinahe 3 Zoll. Die erste Rückenflosse beginnt in einer
Entfernung von 7 Zoll von der Schnauzenspitze, und ist
13 — 14 Linien lang bei einer Höhe von 2V2 Linien. Nach
einem Zwischenräume von IV2 2oll beginnt die zweite
Rückenflosse, die eben so hoch, aber über 2 Zoll lang ist.
Sie ist deutlich an der Schwanzflosse geschieden, welche
die Gestalt einer spitz endenden Raute hat, ihr Rücken-
theil ist IV2 Zoll lang, ihr Bauchtheil zieht sich allmäh-
lich niedriger werdend- fast bis zum After hin, welcher
2 Zoll 4 Linien vom Schwanzende entfernt ist ; die grösste
Höhe der Schwanzflosse beträgt fast 6 Linien. — Auf
dem Kopfe stehen jederseits drei Reihen Schleimdrüsen;
die eine zieht sich von der Schnauze bis zum unteren
Augenrande, ohne jedoch diesen zu erreichen; die zweite
bildet eine schräge Linie dicht am untern vordem Au-
genrand ; die dritte beginnt etwas unterhalb der ersten
in halber Entfernung zwischen Schnauzenspitze und Auge
und zieht sich bis zur Kehlgegend fort, wo sie etwa in
der Mitte zwischen dem hintern. Rande des Maules und
dem ersten Kiemenloche endet. Die Nasenröhre liegt etwas
vor den Augen ; genau zwischen den Augen ist ein weiss-
licher Scheitelfleck.
Der Mund bildet eine Ellipse, oder wenn er sich
vollständig ausdehnt ein breites Oval, und hat eine dop-
pelte Lippe ; die äussere graue ist mit einer Reihe kleiner
Wärzchen besetzt , die innere ist weiss, kurz und ganz-
randig. Sämmtliche Zähne im Innern sind auffallend
spitz. Vor den beiden inncrn Zungenzähnen steht eine
Querreihe von acht Zähnen; auf d*em Gaumen stehen zwei
Ueber die chilenisclie Anguilla. 109
Gruppen von je drei sehr spitzen Zähnen (ähnlich wie bei
Petromyzon? Anwandteri), endlich sind noch etwa vier
concentrische Reihen spitzer Zähnchen vorhanden , die
allmählich vom Schlünde bis zum Lippenrand an Grösse
abnehmen. Zwischen de^; oben erwähnten Querreihe von
acht Zähnen und dem hinteren Lippenrande sind Längsfal-
ten, und scheinen die Zähnchen zu fehlen.
Die Mundbildung erinnert durch die beiden Gruppen
von je drei Gaumenzähnen und die ungefransten Lippen
an Petromyzon? Anwandteri, welche Art aber im äusse-
ren Umfange des Mundes eine Reihe grosser Zähne hat,
und im Uebrigen durch einen grossen Kchlsack, ähnlich
wie bei Velasia, durch eine ganz andere Gestalt der
Schwanzflosse, welche mit der zweiten Rückenflosse zu-
sammenfliesst, stumpfe Schnauze, wenn man den Fisch von
der Seite betrachtet, auf den ersten Blick verschieden ist.
Petromyzon Fonki hat auch, wie unsere neue Art,
die zweite. Rückenflosse von der Schwanzflosse getrennt,
und ermangelt ebenfalls des Kehlsackes, ist aber sehr
viel länger und schlanker, die Schwanzflosse ist spatei-
förmig, nicht rautenförmig; die Lippen sind, wie bei Ve-
lasia, mit queren Fältchen besetzt, und die Zähne sind
sehr verschieden.
Noch verschiedener ist Velasia chilensis durch den
grossen Kehlsack, die auftallend gefransten Lippen, ganz
andere Zähne, spateiförmige Schwanzflosse u. s. w.
Die Unterschiede der Färbung erwähne ich nicht,
da dieses Kennzeichen von geringem Werthe ist, indem
die Färbung sich in den in Spiritus aufbew^ahrten Exem-
plaren ändert. Doch sind Velasia chilensis und Petromy-
zon Anwandteri ziemlich hellgrau, Petromyzon Fonki bläu-
lich, und wahrscheinlich bleibt P. acutidens auch bei län-
gerer Aufbewahrung im Spiritus dunkel, fast schwarz.
Santiago, den 29. September 1864.
Die Echiuococceii der Isläuder.
Von
Dr. H. Krabbe
in Kopenhagen.
Durch Kü chenm eister's Entdeckungen im Ge-
biete der Entwickelung der Blasenbandwürmer wurde
Eschricht dazu veranlasst^ ^^Hydatiden^ von Isländern
einer genauem Untersuchung zu unterwerfen und dadurch
die Natur eines Leidens aufzuklären, dessen Anwesenheit
auf Island, obgleich es daselbst lange eine merkwürdige
Verbreitung gehabt hat, doch erst in den letzten Jahr-
zehnten ausserhalb Islands bekannt geworden ist.
Es ist nur seitdem Island Aerzte gehabt hat, das
heisst in den letzten 100 Jahren, dass man davon Nach-
richten hat, dass die Isländer häufig an Geschwülsten im
ünterleibe, besonders in der Lebergegend, leiden, und in
einer populären isländischen Schrift über Heilkunde vom
vorigen Jahrhundert, „Jons P6turssonar (1775 — 1801)
Laekninga-Bök fyrir almüga", im Jahre 1834 herausgege-
ben, schimmert es an manchen Stellen durch, dass die
Krankheit damals wie jetzt sehr verbreitet gewesen ist;
sie wurde aber nicht unter einem gesammelten Krank-
heitsbilde aufgefasst. Seit 1803 wird sie fortwährend von
den isländischen Aerzten aus allen Gegenden des Landes
in ihren Medicinalberichten erwähnt, am häufigsten als
eine Leberentzündung oder als Verhärtungen in der Le-
ber und anderen Baucheingeweiden ; vor 1849 werden die
Geschwülste nur einzelne 3Iale als Hydatiden bezeichnet.
1843 erwähnte Dr. E. F eng er in seiner Concurs-
Krabbe: Die Ecbmococcen des Isländer. 111
Abhandlung *) das merkwürdig häufige Vorkommen dieser
„chronischen Leberentzündung^ auf Island, wovon er sich
überzeugt hatte, indem er die isländischen Medicinalberichte
durchging, als „eine Anomalie, deren Ursache unter den Ge-
heimnissen der Natur tief verborgen liegt. ^ Dr. Schi eis-
ner machte (1849), nachdem er Island bereist hatte, wo er
Gelegenheit fand, viele mit diesem Leiden Behaftete zu
untersuchen und mehrere Sektionen vorzunehmen, eine
andere AuiFassung geltend, indem er es „eine universelle
Hjdatidenkrankheit" nannte , neben welcher auf Island
kein eigenthiimliches Leberleiden sich vorfand. Er führte
diese „Hvdatiden" auf das zurück, „was Rokitansky
als den Laennec'schen Leber- iVcephalocvst bezeichnet^,
aber hielt sie doch für Thiere, welche er mit der „Schafshy-
datide'^ (womit offenbar Cysticercus tenuicollis gemeint
ist) verglich, von welcher er sie jedoch verschieden fand.
E schriebt (1853) untersuchte mehrere solche „Hy-
datiden^ von Isländern und hob besonders hervor, dass
sie nicht, wie die x\cephalocysten nach Rokitansky's
Auffassung, durch eine Gerinnung von Eiweiss entstan-
dene Blasen seien, sondern, wie die sogenannten Acepha-
locysten überhaupt, Echinococcusblasen, also selbstständige
thierische Organismen, von denen man annehmen musste,
dass sie als junge von Aussen eingedrungen waren. In
einem Falle fand er zwar zu seiner Ueberraschiing, dass
es Cysticercus tenuicollis war; dies hat aber ganz gewiss
auf einer Verwechselung beruht und veranlasst, dass man,
sich auf seine Autorität stützend, Cysticercus tenuicollis
mit Unrecht zu den menschlichen Parasiten gerechnet hat.
Was die Häufigkeit der Krankheit betrifft, sagt
Schlei sner in seiner Nosographie: „Wie diese Krank-
heit für Island eigenthümlich, so ist sie auch daselbst die
häufigste aller Krankheiten. Unter den 2600 (in den Me-
dicinalberichten angeführten) Krankheitsfällen finden sich
328 (ungefähr Vg) Leberfälie. Unter meinen 327 Patien-
ten waren 57 (mehr als Ve) Leberkranke. Landphysikus
*) Plan til en Foreläsnings-Cycliis over den almindelige Pa-
thologie. Kjöbenhaven 1843. p. 89.
112 Krabbe:
Thorstensen, der auf Island mehr als 20 Jahre prak-
ticirt hat , glaubt^, dass jedes siebente lebende Indivi-
duum auf Island an dieser Krankheit leide, welches ge-
wiss nicht übertrieben ist." Hierauf stützt sich die all-
gemeine und oft ausgesprochene Meinung, dass jeder sie-
bente Isländer mit Echinococcus behaftet sein sollte, und
man ist sogar allmählich weiter gegangen, so dass z. B.
Leuckart (1862) sagt, dass er „den fünften bis sechsten
Thcil der gesammten Bevölkerung hinwegr a ff t.'^ Kreis-
arzt Finsen in Oefjord, der seine Aufmerksamkeit auf
diese Krankheit besonders gerichtet und über die von
ihm behandelten Kranken genaue Listen geführt, hat sie
in seinem Distrikte lange nicht so häufig gefunden, und.
nach seinen Medicinalberichtcn von 1856 — 61 machen die
Hydatidcnkranken nur Vj^ — '/s? von allen seinen Kranken
aus. Es musste dies die Vermuthung erregen, dass die
allgemeine Annahme um nicht weniges übertrieben war.
Halten wir uns zu dem, w^as Seh 1 eis n er angeführt hat,
so kann man fürs Erste nicht Thorstensen's Aussage
besonderes Gewicht beimessen, da sie sich nicht auf ge-
naue Aufzeichnungen stützt und man bei einer solchen
bloss muthmasslichen Angabe sehr grossen Irrthümern
ausgesetzt ist. Zweitens umfassen die Krankenlisten in
den Medicinalberichtcn keinesweges alle die Kranken,
welche zur Behandlung des Arztes gekommen sind, viel-
leicht nur die ernsthafteren Fälle , und die Diagnosen
sind kaum besonders sicher, aber jedenfalls geht es
nicht an ohne Weiteres das Zahlenverhältniss von den
Kranken auf die gesammte Bevölkerung zu überfüh-
ren, da es nicht anzunehmen ist, dass von dem relativ
gesunden Theil der Bevölkerung verhältnissmässig eben
so Viele mit Echinococcus behaftet sein sollten, als von
denjenigen, die wegen irgend eines Leidens ärztliche Hülfe
suchen. Die Diagnose derEchinococcusgeschwülste ist zwar
auf Island wegen ihres häufigen Vorkommens leichter als
anderswo, kann aber doch nur als sicher anzusehen sein,
wenn die Geschwulst sich fühlen lässt oder ihre Anwe-
senheit auf andere Weise, z. B. bei Entleerung von Echi-
nococcusblassen, bestimmt nachgewiesen werden kann.
Die Ecbinococcen der Isländer. 113
Als ich im Jahre 1863 (Mai — Oktober) mit Un-
terstützung das Justizministeriums Island bereiste^ musste
ich es unter Anderem für eine nicht unwichtige Aufgabe
halten, zur sicheren Kcnntniss von der Verbreitung des
Leidens zu gelangen. In den Theilen des Landes, die
ich besuchte (dem südwestliehen und nördlichen), traf ich
ungeachtet vieler Nachfrage, nur 20 bis oO Menschen, die
an Echinococcus litten; Schleisner hatte in P/4 Jahr,
indem er einen grösseren Theil des Landes besuchte, 57
mit diesem Leiden gesehen. Wenn aber wirklich V7 aller
Isländer, also gegen 10,000 Menschen daran litten, müss-
ten ohne Zweifel sowohl er als ich weit mehrere ange-
troffen haben. Kreisarzt Skaptason im Bezirke (Sys-
sel) Hünanatn in Nord - Island hielt die allgemeine An-
nahme für weit übertrieben, wie auch der Landphysikus
Dr. Hjaltelin sich jetzt dieser Meinung anschloss. Es
ist kein Material vorhanden zu einer Statistik dieser
Krankkeit für ganz Island ; aber für einen Theil des Nord-
landes geben Finsens Aufzeichnungen gute Aufklärun-
gen, und er hat mir darüber Folgendes mitgethcilt.
Im Oefjord Syssel , dem Theile seines Distriktes,
welcher ihm am nächsten liegt, mit 4500 Einv/ohnern,
hat er durchschnittlich im Jahre 598 Kranke behandelt,
unter welchen 16 mit Echinococcus, oder V37 der Kran-
ken, und er kennt in diesem Syssel 77 jetzt lebende
Menschen, welche am Echinococcus leiden oder gelitten
haben, also Vss ^^^ Bevölkerung.
In dem ihm ferner liegenden Thingö Syssel mit
5500 Einwohnern hat er jährlich im Durchschnitte 170
Kranke behandelt, unter denen 8 an Echinococcus lei-
dende, also V21 ; er kennt daselbst 42 Menschen, oder
Vi30 <^^i' Bevölkerung, die mit diesem Leiden behaftet
sind oder es gewesen sind. Da er diesen Theil des Di-
striktes seltener besucht, ist ihm da eine absolut geringere
Anzahl Echinococcuskranken vorgekommen als im Oefjord
Syssel; sie bilden aber einen relativ grösseren Theil der
von ihm behandelten Kranken, ohne Zweifei weil es vor-
zugsweise ernsthaftere und chronische Kranke gewesen
sind, die sich an ihn gewendet haben.
Archiv f. Naturg. XXXT. Jahrg. 1. Bd. 8
114 Krahl»e:
So wie die respektiven VerhKltnisszahlen V37 und V21J
die sich nur auf die Kranken beziehen, ohne Zweifel zu
gross sein würden, wenn man sie auf die Gesammtbevöl-
kerung in diesen beiden Bezirken überführen wollte, so
sind andererseits die Zahlen V58 ""tl Vvio ^^^^^ gewiss zu
klein, da es sicher noch etliche Echinococcuskranke giebt,
die nicht zu seiner Kcnntniss gelangt sind_, und man darf
danach annehmen , dass die wirkliche Anzahl zwischen
diesen Grenzen liegt, dass also zwischen V40 und V50 der
Bevölkerung in diesem Distrikte, welcher V7 von ganz
Island bildet, mit Echinococcus in so ausgebildetem Zu-
stande behaftet ist, dass das Leiden sich erkennen lässt.
Hierzu kommt noch die Zahl derjenigen, bei welchen die
Echinococcusblasen nur wenig entwickelt sind oder bei
denen sie nie zu einer solchen Entwickelung gelangen,
dass sie sich diagnosticiren lassen; wie gross aber die
Anzahl dieser ist, lässt sich jedoch nicht einmal vermu-
then, und nur zahlreiche Sektionen würden hierüber Auf-
klärung geben können. Vielleicht ist das Leiden in
einigen Gegenden, z. B. im östlichen Theile von Island,
häufiger, in andern, vrie im Reykjevik, vielleicht seltener;
man wird aber kaum erheblich irren, wenn man die Ver-
hältnisszahl vom Nordlande auf das ganze Land überführt,
wonach von Islands 70,000 Einwohnern etwa die 1500 mit
Echinococcus behaftet sein würden. Aber schon dieses
ist eine sehr bedeutende Anzahl, und es steht jedenfalls
fest, dass das Echinococcenleiden auf Island beträchtlich
häufiger ist als in den meisten andern Ländern, und dass
es daselbst zu den bedeutungsvollsten chronischen Krank-
heiten gehört.
Nachdem R. Lcuckart (18G2) nachgewiesen hatte,
dass die von Küchenmeister aufgestellte Sonderung
der Echinococcen in zwei Arten, Ech. scolecipariens und
altricipariens, unhaltbar war, war kein Grund vorhanden
zu bezweifeln, dass die beim Menschen und bei den Ilaus-
thicren vorkommenden Echinococcen zu einer und der-
selben Art gehörten, und dass wie diese auch jene sich zur
Taenia Echinococcus im Hundedarm entwickelten, also auch
von den Eiern dieses Bandwurms ihren Ursprung hatten.
Die Echinococcen der Isländer. 115
Bei der praktischen Wichtigkeit der Frage, um zur
vollkommenen Sicherheit über den Ursprung des Echi-
nococcus beim Menschen zu gelangen, musste es jedoch
wünschenswerth erscheinen, durch Verfütterung mensch-
licher Echinococcen beim Hunde die entsprechenden Band-
würmer zu ziehen, wie es öfters bei Versuchen mit den-
jenigen der Hausthicre gelungen war. Es waren Versuche
in dieser Richtung von Küchenmeister, Zenker
undLevison in Deutschland, vonErcolani und Ve IIa
in Turin angestellt worden, aber jedesmal mit negativem
Resultate. Auch ein Versuch, den ich vor meiner Ab-
reise nach Island vornahm, mit anscheinend frischen Echi-
nococcen, von einer Leiche erhalten, die im Kopenhage-
ner allgemeinen Krankenhause secirt wurde, gab nur ein
negatives Resultat.
Es musste daher der Hauptpunkt bei den Untersu-
chungen auf Island sein, diesen Versuch mit Echinococ-
cen, aus lebenden Menschen entleert, auszuführen, und
dieses gelang auch mehrmals mit glücklichem Erfolge
mittelst Hülfe des Herrn Distriktsarztes Einsen. Da
indessen die meisten altern isländischen Hunde Bandwür-
mer beherbergen, und, wie man es aus dem Folgenden
ersehen wird, auch sehr häufig die Taenia Echinococcus,
wird es bei der Anstellung des Versuches auf Island
durchaus nothwendig, junge Hunde zu benutzen, welche
von diesem Bandwurm frei sind. Einsen hatte die
Nothwendigkeit hiervon eingesehen und deshalb junge
Hunde eingesperrt gehalten , um sie gelegentlich zum
Versuche benutzen zu können. Er hatte schon vor eini-
gen Jahren den Versuch angestellt und mir die Band-
würmer geschickt, die er im Hunde gefunden hatte, als
er einige Monate später getödtet wurde. Bei der Unter-
suchung dieser Würmer fand ich indessen, dass es die
auf Island wie hier zu Lande sehr häufig vorkommende
Taenia cucumerina war, deren Entwickelungsgeschichte
zwar unbekannt ist, die aber einen von den Blasenband-
würmern sehr verschiedenen Bau hat und jedenfalls nicht
von der Fütterung: mit Echinococcus herrühren konnte.
Es fand sich aber in demselben Glase ein reifes Glied
116 Krabbe:
der Taenia Echinococcus, und es wird somit sehr wahr-
scheinlich, dass dieser kleine T)andwiirin doch im Hunde
vorhanden gewesen aber von Finsen übersehen ist, der
ihn damals nicht kannte.
Während meines Aufenthaltes auf Island und nach-
her hatte ich vier Mal Gelegenheit Hnnde zu untersuchen,
die mit Echinococcus gefüttert waren, mittelst Operation
von Menschen entleert. Die zwei ersten Versuche miss-
langen; die Ursache ist aber in dem einen Falle wahr-
scheinlich die gewesen, dass nur ein 10 Tage alter Hund,
der noch sog, zum Versuche benutzt werden konnte; es
war die Fütterung mit den allerdings frischen aber spar-
samen Echinococcusköpfchen mit Schwierigkeit verbun-
den. Im andern Falle hat das Fütterungsmaterial wahr-
scheinlich keine Köpfe enthalten und deshalb kein Re-
sultat geben können, da eine Echinococcusblase ohne
Köpfe selbstverständlich im Hundedarme nicht in Band-
würmer umgebildet werden kann.
Am 8. August untersuchte ich in Oefjord zwei unge-
fähr ein Jahr alte Hunde, w^elche Finsen eingesperrt ge-
halten hatte seitdem sie sogen. Am 2. April desselben
Jahres hatte er sie beide mit Echinococcen gefüttert, mit-
telst Operation nach Recamiers Methode durch die
Bauchwand eines Mannes entleert. Am 1. Mai wurden
sie wieder mit Echinococcusblasen gefüttert, die auf die-
selbe Weise von einer Unterleibsgeschwulst bei einem
Mädchen entleert waren. Bei der Untersuchung der
Hunde fanden sich in dem einen keine Eingeweidewür-
mer; in dem andern vier Bandwürmer einer bisher beim
Hunde nicht gefundenen hakenlosen Art, Taenia Canis
Lagopodis *), und ausserdem eine ziemliche Anzahl von
Taenia Echinococcus; letztere waren bis 3 Linien lang
und hatten, wie man es o^4 Monate nach der Fütterung
*) Diese Taenia, die ich überall auf Island häufig bei den
Hunden antraf, so wie auch bei Katzen und beim Canis Lagopus,
zeichnet sich durch eine eigenthümliche Bildung der Geschlechtsorgane
und Mangel an Randöil'nnngen aus; sie steht %Yahrscheinlich der Tae-
nia literatß, nahe.
Die Echinococcen der Isländer. 117
erwarten musste, vollständig ausgebildete Haken wie auch
reife Eier Im hintersten Gllede. Wenn auch kein Grund
vorliegt zu bezweifeln^ dass die Taenia Echinococcus in
diesem Falle von der Fütterung herrührte, könnte man
doch eben auf Island einen mehr schlagenden Beweis wün-
schen; und einen solchen bietet der folgende Versuch.
Am 21. September 1863 fütterte Eins en zwei junge
HundC; von welchen der eine 3 — 4 Monate, der andere
ein halbes Jahr alt war, jeden mit zwei Esslölfel voll
Echlnococcusblasen, thells ganze, theils geborstene, mit
Ihrem Inhalte vermischt, worin unter dem Mikroskope
Bandwurmköpfc nachgewiesen wurden, sowohl freie wie
auch In Brutkapsela. Das Fütterungsmaterlal wurde an
demselben Tage von einer Geschwulst in der rechten
Leistengegend bei einem 32jährlgen Mädchen entleert,
welches diese Geschwulst 14 Jahre lang getragen hatte.
Sie war ursprünglich in der Bauchhöhle beweglich;
aber mittelst Aetzung nach dem Kecamler'schen Ver-
fahren wurde eine Verwachsung mit der Bauchwand
und darauf folgende Oeffnung der Geschwulst hervor-
gebracht. Ausser dieser Echinococcusgeschwulst hatte
die Patientin noch zwei andere Im' Unterleibe^ die beide
beweglich waren. Eine vierte und grösste hatte ihren
Sitz in der linken Leistengegend gehabt , war aber im
Anfange des Sommers auf dieselbe Welse geöffnet wor-
den und nun fast geheilt. Während diese grösste und
erst geöffnete eine einfache Echinococcusblase enthal-
ten hatte, war die zuletzt geöffnete, welche zur Fütte-
rung benutzt wurde, voller Tochterblasen,« also Echino-
coccus altrlciparlens Küchenmeister. An den drei folgen-
den Tagen wurden beide Iluude noch täglich mit mehre-
ren Esslöffel voll Echlnococcusblasen gefüttert, die von
derselben Patientin entleert wurden und gleichfalls Köpfe
enthielten.
Am 27. September wurden beide Hunde mit einem
Segelschiffe von Oetjord nach Kopenhagen geschickt, wo
sie am 26. Oktober eintrafen und In der Klinik der Thier-
arznelschule angebracht wurden. Am 29. Oktober, also
fünf Wochen nach der Fütterung, wurde der jüngste der
118 Krabbe:
Hunde getüdtet, und in seinem Darme fand ich ausser
400 Exemplaren der TaeniaCanis Lagopodis vier derTae-
nia Echinococcus. 8ie Ovaren nur IV2 Linie lang; ent-
hielten keine deutlichen Eier, und die Hakenj welche
noch ziemlich klein waren, bildeten eine Zwischenform
zwischen der beim Hülsenwurme und der vollständig ent-
wickelten wie bei der älteren Taenia Echinococcus im
vorigen Versuche. Der andere Hund wurde am 22. No-
vember getödtet, enthielt aber keine Eingeweidewürmer.
Bei diesen beiden Versuchen entsprach die Entvvik-
kelungsstufe der Taenia Echinococcus genau der Zeit,
die seit der Fütterung verlaufen war, und namentlich
kann es bei dem letztern nicht zweifelhaft sein, dass
sie von derselben herrührte. Allerdings w^ar die Anzahl,
welche beim letzten Versuche aufgefunden wurde, nur
gering, obgleich das Eütterungsmateriai so reichlich ge-
wesen war, und bei dem einen Hunde fanden sich keine
Bandwürmer; dies kann aber das positive Resultat nicht
schwächen, da viele Umstände der Entwickelung der
Bandwürmer hemmend in den Weg treten können. Aus-
serdem zw^eifle ich nicht daran, dass noch mehrere da-
gewesen sind; aber in diesem wenig entwickelten Zu-
stande verstecken sie sich unter den Darmzotten und
w^erden daher leicht übersehen. Einen ganz entsprechen-
den Versuch hat Dr. Naunyn in Berlin im Herbste 1863
in Reicher ts und Du Bois-R ey mond's Archiv mit-
getheilt, und es kann demnach nicht mehr zweifelhaft
sein, dass der Echinococcus des Menschen wie derjenige der
Hausthiere von Taenia Echinococcus des Hundes stammt.
Von dem häufigen Vorkommen der Echinococcen
bei den Isländern musste man also schliessen, dass die
Taenia Echinococcus ungleich häufiger bei den isländi-
schen Hunden vorkommen müsste als anderswo. Es war
indessen nicht zu erwarten, dass die Hunde besonders
häufig (jrclcgenheit finden sollten, lebende Echinococcen,
auf irgend eine Weise von Menschen abgegangen, zu ver-
zehren; weit eher müsste man es sich so erklären, dass
Echinococc usblasen sehr häufig bei den isländischen Scha-
fen und Kühen vorkämen, und dass die Hunde Vorzugs-
Die Echinococcen der Isländer. .. 119
weise beim Schlachten dieser Thicre die Blasenwürmer
ihrer Eingeweide verzehrten. Und so Verhaltes sich auch
gewiss.
Um ein Maass zum Vergleiche zu haben, hatte ich
im Laufe einiger Jahre bei der Kopenhagener Veterinair-
schule eine Anzahl von 500 Hunden untersucht, welche
dahin gebracht wurden um getödtet zu werden oder in
der Klinik starben. Auf Island erhielt ich Gelegenheit
100 Hunde zu untersuchen, welche alle mehr als ein Jahr
alt w\aren. Da es sich ergab , dass die Fläufigkeit der
Blasenband Würmer bei dem Hunde mit seinem Alter zu-
nimmt, und sie um einen grossen Theii abgehen, wenn
der Hund erkrankt, werden hier von den Kopenhagener
Hunden diejenigen abgerechnet, welche weniger als ein
Jahr alt waren, zumal da fast alle die krnnken, welche
grösstentheils an der gewöhnlichen Hundeseuche litten,
hierhin gehörten; nur 317, die über ein Jahr alt waren,
werden zum Vergleiche genommen. Bei uns kommen
beim Hunde vier Arten von Blasenbandwürmern vor,
nämlich :
Taenia marginata, dem Cysticercus tenuicollis entsprechend,
— serrata, — — pisiformis —
— Coenurus, — Coenurus cerebral is —
— Echinococc, — Echinococcus. —
Von diesen fand ich Taenia serrata, die sich im
Hundedarme vom Blasenwurme des Hasen und Kaninchen
entwickelt, hier zu Lande nur ein Mal, und auf Island
gar nicht ; sie wird dort wahrscheinlich gänzlich fehlen,
da es weder Hasen noch Kaninchen giebt. Zum Ver-
gleiche hiermit ist es bemerkenswerth , das Bailletin
Toulouse beim Hunde am häutigsten die T. serrata antraf,
auch ziemlich häufig T. marginata, aber niemals T. Coe-
nurus. T. marginata, Coenurus und Echinococcus kom-
men auch auf Island vor, und zwar äusserst allgemein,
nämlich :
in Kopenhagen auf Island
T. marginata bei 20 von 100, bei 75 von 100 Hunden,
T. Coenurus — 1 — 100, — 18 — 100 —
T. Echinococcus— 0,6— 100, — 28 — 100 —
120 Krabbe:
Während in und bei Kopenhagen nur 21 pCt. oder
ungefähr 1 von 5 Hunden den einen oder den anderen
dieser Blasenband\Yiirmer trägt, finden sie sich auf Island
bei 81 pCt., oder bei 4 von 5 Hunden, und eben die T.
Echinococcus fand ich auf IsLand 47mal so häutig als bei
uns, ganz in Uebereinstimmung mit der grösseren Häu-
ligkeit des Echinococcusleidens bei den Isländern. Bei
Kopenhagen konimen die J^lasenbandwiiriner bei den Hun-
den etwas häufiger ausserhalb als in der Stadt vor (die
Festungswerke als Grenze gesetzt), ohne Zweifel weil
die Schlächtereien in den Vorstädten sich befinden, und
es ist sehr wahrscheinlich, dass sie überhaupt häufiger
auf dem Lande als in den Städten vorkommen, wenn auch
lange nicht so häufig als auf Island.
Sowohl Cysticercus tenuicollis im Netze und Coe-
nurus cerebralis im Hirn des Schafes, wie auch Echino-
coccusbiasen in Lunge und Leber des Rindes und Scha-
fes kommen auf Island , wie ich mich überzeugt habe,
ausserordentlich häufig vor, und man hat auch Nachrich-
ten davon aus älterer Zeit. Das Vorkommen dieser Bla-
senwürmer bei den V\^iederkäuern muss natürlich im Ver-
hältnisse zur Häufigkeit der entsprechenden Bandwürmer
bei den Hunden stehen. Das häufige Vorkommen der
Echinococcusblasen und der Drehkrankheit wird sowohl
von 0 1 a f s e n und F o v e 1 s e n in ihrem isländischen Rei-
sewerke (1772) wie auch von Magnus Stephensen
in einem Aufsatze über die isländischen Hausthiere (lb08)
in „Veterinair - Selskabcts Skriftcr" erwähnt, ohne dass
sie die thierische Natur der ßlasen\vürmer kannten. In
neuerer Zeit hat besonders Einsen in seinen Medicinal-
berichten die Häufigkeit der Blasenwürmer bei den islän-
dischen Hausthieren hervorgehoben.
Was speciell die Echinococcusblasen betrifft, so fin-
det man sie bei den Hausthieren oft in grosser Anzahl;
sie entwickeln sich aber kaum zu der Grösse, die sie
beim Menschen erreichen können, und sie haben mehr
Neigung zum Einschrumpfen und Verkalken, weshalb sie
auch bei den Thieren keine so bedeutende Leiden verur-
sachen, hl der Schafsleber fand ich die Blasen öfters
Die Echinococcen der Isländer. - 121
ziemlich verzweig-t, und man weiss, dass sie überhaupt
mannichfalfige Formen (man vergleiche den Echinococcus
gramilosus, hydatidosns und multilocularis) annehmen, so
dass Diesing's Benennung Echinococcus polymorphus
m sofern reclit bezeichnend ist. Aber etwas Aehnliches
bietet die verschiedene Form der Blase bei Cysticercus
cellulosae je nach ihrem Vorkommen im Gehirn oder in
den Muskeln, und man muss sich es wohl zunächst theils
von den verschiedenen p]rnährungsverhältnissen, worun-
ter der Blasenwurm sich entwickelt, erklären, theils von
dem verschiedenen mechanischen Widerstände der umge-
benden Gewebe.
Dass das Rind und das Schaf beim Weiden Eier
der Taenia Echinococcus wie der andern Blasenbandwür-
mer aufnehmen können, kann man sich leicht vorstellen.
Schwieriger könnte die Erklärung scheinen, wie sie in
den Menschen gelangen können, und dies geschieht in der
That auch weit seltener; denn Echinococcusblasen finden
sich auf Island wie anderswo verhältnissmässig viel häu-
figer bei den Thieren als beim Menschen, und die Häu-
figkeit der Ansteckung muss noch weit grösser sein, wenn
man auf die viel kürzere Lebensdauer dieser Thiere
Rücksicht nimmt. Man muss aber bedenken, in wie man-
nichfaltige Berührung der Mensch mit dem Hunde tritt,
mehr als mit irgend einem anderen Thier; er ist Haus-
thier in ganz anderer Bedeutung, indem man ihm nicht
in den Ställen, sondern in den vom Menschen selbst be-
wohnten Räumen seinen Aufenthalt anweist; er ist bei
den Mahlzeiten zugegen und folgt dem Menschen überall.
Erwachsene so wie Kinder spielen mit den Hunden, strei-
cheln sie und lassen sich von ihnen lecken, und wenn
dann auf Island von wenigstens jedem vierten Hunde
Tausende von Eiern des Echinococcusbandwurmes abge-
hen, so werden doch, wenn auch gewiss Millionen dieser
Kier nicht in den Menschen gelangen, ab und zu einige
den Weg in seinen Mund finden auf ähnliche Weise wie
Leuckart das Auftreten des Cysticercus cellulosae beim
Menschen durch zufällige Aufnahme der von ihm selbst
mit den Proglottiden der T. solium abgegangenen Eier
122 • Krabbe:
erklärt), und das braucht nur einmal in seinem Leben zu
geschehen, um ihm ein Tieljähriges Leiden zu verursachen.
Nach der Art und Weise zu forschen, auf welche es ge-
wöhnlich geschieht, würde gewiss vergebens sein, und es
kann ohne Zweifel auf die verschiedenstenWege geschehen,
nicht allein njit den Nahrungsmitteln, sondern auch indem
die Eier an allerhand Gegenständen hängen bleiben, die
der Hund berührt, und von wo sie z. B. an die Finger
des Menschen und so leicht in seinen Mund gelangen
können. Mangel an Reinlichkeit wird natürlicherweise
die Entwickelung dieser wie aller anderen Schmarotzer
begünstigen, und wenn die Isländer z. B. nicht- selten die
Hunde ihre hölzerne Speisegeräthe lecken lassen anstatt
sie durch Menschen zu reinigen, so ist das jedenfalls ein
Beweis der Sorglosigkeit, womit sie mit ihren Hunden
umgehen.
In einem früheren Aufsatze (Virchow's Archiv Bd.
XXVII) hatte ich nach S ch 1 eis n er angeführt, dass „in
einem von ihm mitgetheilten Verzeichnisse der Arznei-
mittel, deren sich die isländischen Quacksalber bedienen,
nicht nur Hundeharn ; sondern auch Hundeexcremente
als innerlich gebrauchte Heilmittel gegen gewisse Krank-
keiten angeführt werden", aber doch hinzugefügt: „es ist
zu vermuthen, dass dergleichen Mittel nur selten zur An-
wendung kommen.'^ Wenn es in einem Aufsatze in „Un-
sere Zeit" lieisst: Unter den von den Quacksalbern ver-
ordneten Mitteln spielen Hundeharn und frische Hun-
deexcremente eine hervorragende Rolle", so ist das
folglich übertrieben. Das Treiben der Quacksalber hat
indessen in Beziehung auf die Ansteckung mit Echino-
coccus keine erhebliche Bedeutung, wie man es nach
Schle isner hätte vermuthen können. Es giebt auf
Island, besonders im nördlichen Theile, allerdings Quack-
salber, die sogar in der unmittelbaren Nähe der Aerzte
prakticiren. Mehrere Prediger haben als solche einen
gewissen Ruf. Wenn sie aber nicht, wie es häufig der
Fall ist, homöopathische Mittel anwenden, benutzen sie
dieselbe Materia medica wie die Aerzte.
Von der überflüssig grossen Anzahl der Hunde auf
Die Echinococcen der Isländer. ' 123
Island erhielt ich einen Beweis, indem ich ohne Schwie-
rigkeit mehr als 120 Hunde zur Untersuchung erhielt,
theils umsonst, theils für eine Bezahlung von 5 bis IV-i Sil-
bergroschen das Stück. Nachfrage an vielen verschiede-
nen Stellen ergab als Resultat, dass ihre Zahl zu einem
auf etwa 4 — 5 Menschen anzuschlagen war. Wie gross
die Anzahl in anderen Ländern ist, lässt sich nicht er-
mitteln, da man den Hunden kein solches staatsökonomi-
sches Interesse beigelegt hat, dass man sie bei der Auf-
zählung der Hausthiere m'tgerechnet hat. In Städten ist
ihre Zahl selbstverständlich geringer als auf dem Lande
und wird durch eine Abgabe niedriger gehalten als es
sonst der Fall sein würde. Kopenhagen ist neben Con-
stantinopel für seinen Ueberfluss an Hunden bekannt ge-
wesen; es fand sich 18öO ein Hund auf 24 Menschen; als
aber die Hundesteuer 1856 von 2 auf 5 Thlr. dänische
Reichsmünze erhöht wurde, hat sich die Anzahl so ver-
mindert, dass 1860 nur ein Hund auf 62 Einwohner kam.
In Berlin war das Verhältniss 1837 wie 1 : 75, 1852 wie
1 : 40. In England wird auch auf dem Lande eine Ab-
gabe für Luxushunde bezahlt, und ihre Anzahl soll auch
da viel geringer sein als bei uns auf dem Lande ; in
Schweden ist an manchen Stellen etwas Aehnliches der
Fall. Auf Island ist übrigens die Zahl der Hunde wie
überhaupt der Hausthiere ziemlich wechselnd, indem mit-
unter Viele tödtlichen Epizootien unterliegen. Nach einer
sogenannten „Hundepest" 1856 waren sie in einigen Ge-
genden fast ausgestorben und kamen in so hohen Preis,
dass man eine Kuh oder ein Paar Schafe für einen brauch-
baren Hund in Tausch gab. Die Hunde sind nämlich den
Isländern unentbehrlich, nicht um die Schafen zu hüten,
denn sie gehen frei umher, sondern um sie zu sammeln,
w^enn sie nach Hause getrieben werden sollen, oder um
sie von unzugänglichen Stellen herunter zu holen. Zur
jetzigen Zeit ist aber ihre Anzahl, wie gesagt, wieder
überflüssig gross.
Auch die Hauskatze findet sich auf Island, gewöhn-
lich eine in jedem Hause, um die Mäuse zu vertilgen. Ich
untersuchte auf Island, meist in Reykjavik, 31 Katzen,
124 Krabbe:
fand aber bei keiner weder die T. Echinococcus, noch
irgend eine nahestehende Art, die zu den Echinococcen
in Bezieliung stehen könnte. ']
Die Pathologie und Behandlung des Echinococcen-
leidens bietet kaum etwas Eigenthümliches auf Island im
Vergleiche mit andern Ländern ; es wird aber kaum an-
derswo ein Arzt so reiche Gelegenheit finden, die Krank-
heit zu studircn, und man darf hoffen, dass Hr. Distrikts-
arzt Einsen mit der Zelt von seiner reichen Erfahrung
in dieser Richtung Etwas mittheilen wird. Durch ope-
ratives Eingreifen kann nicht ganz wenig dagegen aus-
gerichtet werden, und hierzu ist am häufigsten Tunktur
mittelst eines Troikars zur Anwendung gebracht worden.
Einsen hat Actzung nach dem Recamier'schen Verfah-
ren benutzt und gute Resultate davon erlangt.
Wo das Leiden nicht wie anderswo vereinzelt vor-
kommt, sondern w^ie auf Island mit bedeutender Verbrei-
tung, müsste die Häufigkeit der Ansteckung sich durch
vorbeugende Maassregeln beschränken lassen können. Sie
müssten selbstverständlich darauf gerichtet sein, die An-
zahl der Taenia Echinococcus zu vermindern und der
Einwanderung ihrer Eier in den Menschen vorzubeugen.
In ersterer Beziehung ist es offenbar, dass, wenn man
die Hüiide abschaffen könnte, auch die Echinococcen
allmählich aussterben würden; da dies sich aber nicht
thun lässt, würde es doch zweckmässig sein, die Zahl der
Hunde auf das möglichst geringe Maass zu beschränken.
Theilweise liesse sich dies gewiss erreichen, wenn die
Isländer durch Belehrung zur Erkenntniss von der Ge-
fahr kämen, die ihnen von Seiten der Hunde droht, xmd
ich habe deshalb nach Aufforderung des Justizministe-
riums einen populären Aufsatz über die Blasenwurmlei-
den und ihre Entstehung geschrieben, welche in isländi-
scher üebersetzung im Lande vertheilt wird. Wenn dies
nicht hinreichend wirken sollte, wäre es vielleicht zweck-
massig eine Hundesteuer einzuführen, die sich anderswo
wirksam gezeigt hat, und dass würde in sofern mit den
isländischen Verhältnissen übereinstimmen, als die Abga-
ben dort überhaupt nach der Anzahl der Hausthiere be-
Die Echinococcen der Isländer. 125
rechnet werden. Oder man könnte wie auf den Färöern
verfahren; es ist nämlich da^ um dem Schaden vorzubeu-
gen, welchen die überflüssigen Hunde durchs Beissen den
Schafen thun könnten, schon 1698 durch eine Verordnung
bestimmt, dass nicht mehr Hunde\gehalten werden dür-
fen, als der Hardesvogt (Sysselmand) und die ,,besten
Männer" in jedem Distrikte für nöthig erachten. Es wird
diese Bestimmung streng überwacht,- und die Anzahl der
Himde ist daher auf den Färöern nur gering, obgleich
sie mit Bezug auf die Schafzucht ebenso nothwendig als
auf Island sind.
Die Hunde, die man nicht entbehren könnte, müss-
ten demnächst möglichst frei von Blasenbandwürmern
gehalten werden,, und das würde am Besten geschehen,
wenn man es überwachte, dass sie sich nicht dieselben
anzögen. Man müsste also nicht die Hunde Blasenwür-
mer oder dieselben enthaltende Eingeweide vom Schlacht-
vieh verzehren lassen, mit Rücksicht auf die Echinococ-
cen vorzugsweise Leber und Lungen, was die Drehkrank-
heit betrifft, die Köpfe der drehkranken Schafe; sondern
diese Theile vergraben oder auf andere Weise vernich-
ten. Durch Aufmerksamkeit von Seiten der Isländer
würde hierdurch Vieles erreicht werden können; es lässt
sich aber jedenfalls nicht so genau durchführen, dass die
Hunde dadurch von Blasenbandwürmern ganz befreit wür-
den. Man könnte daher auch daran denken, durch Band-
wurmmittel die Hunde davon zu befreien, und der eng-
lische Arzt Dr. L eare d hat dazu Kamala empfohlen. Ich
versuchte es in Reykjavfk an 17 Hunden und fand es
auch von starker wurmtreibender Wirkung. Es wäre
somit auch als nützlich zu empfehlen, namentlich wenn
man bestimmte Ursache hätte, die Hunde unter Behand-
lung zu nehmen, z. B. wenn an irgend einem Orte viele
Schafe von der Drehkrankheit angegriffen werden. Da-
gegen sind kaum erhebliche Resultate von einer allge-
meinen Anwendung auf alle isländische Hunde zu er-
warten, da eine solche zu viele praktische Schwierigkei-
ten im Verhältnisse zum Nutzen mit sich führen würde.
Wenn man nach einer muthmasslichen (allerdings sehr
126 Krabbe: Die Echinococcen der Isländer.
unsichern) Berechnung die Anzahl der Hunde auf Island
zur jetzigen Zeit auf 15 — 20,000 anschlägt, von denen
mehr als '/4 die Taenia Echinococcus beherbergt , also
wohl ungefähr 5000, so würden, wenn auch die Zahl
beschränkt wüirde, dennoch viele diesen Bandwurm tra-
gen, und CS könnte deshalb zweckmässig sein, nach
Finsen's Vorschlag die jetzt lebende Generation von
Hunden mögbchst bald mit einer neuen zu ersetzen,
welche man von Blasenbandwürmern frei zu halten suchte.
Es könnte dies dadurch erreicht werden , dass man vor-
läufig so viele junge Hunde leben liesse, die der noth-
wendigen Anzahl entsprächen, und, sobald dieselben als
Schäferhunde brauchbar wären, alle älteren Hunde tödtete.
Für die Zukunft müsste man immer nur so viele jungen
Hunde am Leben lassen, als die Erhaltung der nothwen-
digen Anzahl es erfordert.
Wenn man demgemäss die Anzahl des Echinococ-
cenband Wurmes beschränkt hätte, — denn ihn gänzlich
auszurotten, daran lässt sich nicht denken — , so würde
es noch von Wichtigkeit sein die möglichst grosse Rein-
lichkeit im Verhalten zu den Hunden zu zeigen, sich mit
ihnen nicht zu viel abzugeben und besonders zu verhüten,
dass sie nicht Esswaarcn, Speisegeräthe und Schlafstellen
mit ihren Bandwurmeiern verunreinigen ; man müsste
ihnen lieber in den Ställen als in den menschlichen Woh-
nungen Aufenthalt anweisen.
Durch Ausführung dieser Vorsichtsmaassregeln Avürde
die Häufigkeit des Echinococcenleidens auf Island um
Vieles beschränkt werden können; aber das Resultat
würde natürlich erst nach einer Reihe von Jahren zu er-
kennen sein, da diejenigen, w^elche jetzt schon mit Echi-
coccen behaftet sind, dadurch nicht von ihren Leiden be-
freit werden würden. Um eine begründete Meinung von
der Wirksamkeit davon zu erhalten, wäre es sehr wün-
schenswerth, dass die isländischen Aerzte dazu beitrügen,
eine nach den Umständen möglichst genaue Statistik die-
ser Krankheit zu Wege zu bringen.
Beiträge zur Keniitiiiss der Deeapoden-Krcbse
Ost- Australiens.
Von
Dr. Wilhelm Hess
in Göttingen.
(Hierzu Taf. VI und VII.)
Die Decapoden des östlichen Australiens sind uns bis
in die neueste Zeit fast ganz unbekannt geblieben. In
den älteren Werken, wie z. B. denen von Fabricius '),
Lamarck-) und Latrcillc ^) vermissen wir fast immer
bei den wenigen australischen Arten, welche darin be-
schrieben sind eine genaue Angabe des Fundorts, die
doch gerade bei Australien um so unentbehrlicher er-
scheint, da wir wissen, wie sehr die Fauna des westlichen
Theils dieses Landes von der östlichen abweicht. Auch
das grosse Crustaceen - Werk von M i 1 n e Edwards*)
trägt wenig zur Kenntniss der Decapoden dieser Gegend
bei, denn wenn wir auch schon mehr australische Species
darin beschrieben finden, so werden wir doch auch hier
meistens in Ungewissheit gelassen, welchem Theile Au-
straliens sie angehören.
Sehr wichtige Aufschlüsse giebt uns dagegen das
Werk von Dana ^), worin wir nicht nur eine Menge
neuer Arten beschrieben finden , sondern auch von der
1) Fabricius Supi^l. ent. syst. Hafniae 8. 1798.
2) Hist, nat. d. an. sans vert p. Lamarck i.V. Paris 1818.8.
3) Le regne an. p. Cuvier t. III. 1819. Crust. p. Latreille. Pa-
ris 1817. 8. (2. edit. 1830. T. IV.)
4) Hist. nat. d. Crust. p. Mi Ine Edwards 3 T. avec pl. 8.
Paris 1834—40.
5) Wilkes Unit. Stat. expl. Exp. Vol. XII. Crustacea by
Dana 2 Vol. 4. Philadelphia 1852 mit Atlas in Folio.
128 Hess:
geographischen Verbreitung derselben genauere Kennt-
niss erhalten, ferner erhalten wir einige l^eiträge in zwei
kleineren Abhandlungen von Milne Edwards^; und
einer Monographie der Leucosiden vonBell^). Einzelne
neu entdeckte australische Arten finden wir auch noch
beschrieben von Adams und White ^), in zwei engli-
schen Reisewerken, und von Honibron un<i Jaquinot ^).
Da ich nun durch die Freundlichkeit des Hrn. Prof.
Keferstein Gelegenheit hatte, im zoologischen Museum
in Göttingen eine reiche Sammlung theilweise noch nicht
bekannter Decapoden aus Sydney- zu benutzen, so habe
ich es unternommen diese zu beschreiben und zugleich
sämmtliche in den oben angeführten Werken beschriebene
Decapoden mit besonderer Berücksichtigung derjenigen
von Sydney zusammenzustellen. Diejenigen Arten, bei
denen allgemein Australien als Fundort angeführt w\ar,
habe ich nur angeführt, ohne sie weiter zu beschreiben.
Von den 91 Species , die ich aufgeführt habe, befinden
sich 34 in der Göttinger Sammlung und darunter 24 noch
nicht bekannte (von denen jedoch 2 don. Viti-Inseln an-
gehören). Die in dieser Sammlung befindlichen habe ich
durch M. G. bezeichnet.
Am Schlüsse habe ich noch eine tabellarische üe-
bersicht sämmtlicher in dieser Abhandlung aufgeführten
Decapoden Australiens gegeben.
6) Milne Edwards Not. sur quelq. nouv. spec. du genr.
Pagure in Ann. d. sc. nat. S.Serie Zool. T. XX. Paris 1848. 8. p. 59
— Milne Edwards Obs. sur les affin. Zool. et la classif. nat. d.
Crust in Ann. d. sc. nat. 3. Ser. Zool. T. XXVIII. 8. Paris 1852.
p. 154.
7) In tlie Transact. of the Linn. soc. of London. Vol. XXI.
Part. I. London 1852. p. 28t>. with plates.
8) Descr. of a new genus and five new sp. of Crust. by
Adams and White in Narr, of the surv. voy. of II. M. Ship Fly,
Capt. lilackwood, by Beete Jukes. London 1847. 8. App. Nr. VIII.
— App. to the narrat. of the voy. of the Rattlesnake Capt. 0.
Stanly by Macgillivray Vol. IL London 1852, 8.
9) Voy. au pol Sud sur la corv. l'x\strolabe com. par Dumont-
d'Urville Zool. Crust. p.IIombron etJaquinot T. 3. Paris 1853. 8.
avec Atlas in Folio.
Beitäge zur Kenntniss d. Decapoden-Krebse Ost-Australiens. 129
Ordo Podophthalniia.
I. l§abordo Decapoda.
I. Tribus Brachynra.
I. iSubtribus Oxyrhyncha,
Farn, üaiidae.
Paramithrax M. Edw.
Paramitlirax harbicornis Latr.
Pisa barbicornis Latr. Encycl. t. X. p. 141.
Paramithrax barbicornis M. Edw. Cr. I, 324.
Australien (M. Edw.).
Naxia M. Edw.
Naxia serpulifera M. Edw.
M. Edw. Cr. I, 313.
Guerin Iconographie du Reg. anim. Cr. PL 8. fig. 2.
Australien. (M. Edw.)
Farn. Periceridae.
Der Cephalothorax ist dreieckig, meist länger als
breit. Die Augen sind nicht retractil, die Beine von mas-
siger Länge.
Ualimus Latr.
Latr. in Cuvier Reg. anim. (2. ed.) t. IV. p. 60.
M. Edw. I, 341.
Dana Unit. Stat. expl. exped. Cr. I, 84.
Der Cephalothorax ist oval dreieckig, mit grossen,
divergirenden, fast geraden Hörnern. Die äusseren An-
tennen sind frei, nicht unter dem Rostrum verborgen.
Das dritte Glied der äusseren Maxillarfüsse ist erweitert.
Die Scheerenfüsse sind dünn, von mittlerer Länge, die
folgenden Fusspaare länger. Das Abdomen des Weibchens
ist nur 5-, das des Männchens 7-gliedrig.
Halimus spmosus nov. sp.
Taf.VLfig. 1.
Der Cephalothorax ist vorn stark gewölbt. Am Hinter-
Archiv für Naturg. XXXI. Jahrg. 1. Bd. 9
130 Hess:
rande befindet sich in der Medianlinie ein nach oben gebo-
gener Zahn. Ausserdem stehen noch sechs Zähne in der
Madianlinie des Rückenschildes. An jeder Seite derselben
befindet sich eine Reihe von fünf mit gekrümmten Borsten-
haaren bedeckten Erhöhungen, von denen sich die letzten
der Branchialregion nähern. Letztere ist mit drei grossen
Zähnen besetzt, ebenso die Hepaticalregion, deren einer
Zahn V4 der Länge des Rostrums erreicht. Am oberen
Rande der Orbita befinden sich ebenfalls drei Zähne.
Ausser den eben erwähnten stehen noch mehrere kleinere
Zähne und Erhöhungen auf dem Rückenschilde. Die
Gastricalregion ist sehr gewölbt. Die beiden stark di-
vergirenden Hörner des Rostrums sind bis zur Mitte auf
dem Ober- und Innenrande dicht mit krausen Haaren
besetzt. Der Arm trägt auf der oberen Seite einen Dorn.
Die Hand ist ziemlich lang, sehr schmal, fast walzenför-
mig. Die Finger haben die halbe Länge der Hand und
sind fein gezähnt. Hand und Finger sind mit einzelnen
Haarbüscheln versehen. Das Klauenglied {Dactylojnde
M. Edw.) der übrigen Fusspaare ist lang, dünn und ha-
kenförmig gebogen.
Länge 6 Cm., Breite 5 Cm.
Farbe röthlich , der ganze Körper mit schwarzen,
baumförmig verzweigten Algen bedeckt.
Sydney. (M. G.)
Halimus timidus Dana.
Dana op. cit. I, 165.
Der Cephalothorax ist stark gewölbt, an den Seiten
mit 4 — 6 kleinen Dornen bewaffnet. Auf der Gastrical-
region stehen drei kleine Tuberkel in Form eines Drei-
ecks. Die Cardiacalregion trägt gleichfalls mehrere kleine
Tuberkel. Die Beine sind behaart. Die Hand ist klein.
Das Basalglied der äusseren Antennen ist an der inneren
Spitze stark verlängert, an der äusseren befinden sich 2— 3
Dornen.
Länge 1,5 Cm., grösste Breite 1 Cm.
Australien, Neu-Süd- Wales (Dana).
Beiträge zur Kenntniss d. Decapoden-Krebse Ost- Aiistraliens. 131
Xenocaroimis White.
Adams und White in Narrat. of the siirv. voy. of
Fly. Append. Nr.VIII. 1847.
Das Rückenschild ist höckerig, das Rostrum dick,
cylindrisch , horizontal, vorn abgestutzt und beiderseits
mit einem kleinen Dorne. Die inneren Antennen sind
dick, die Basalglieder der äusseren Antennen lang, unter
dem Rostrum verborgen. Die Augenstiele sind kurz und
dick, die Beine cylindrisch. Die Abdominalsegmente sind
bis auf das letzte verschmolzen.
Xenocarcinus tuheroulatus White.
Adams and White loc. cit. p. 336.
Der Cephalothorax ist mit neun Tuberkeln besetzt,
w^elche drei transversale Linien bilden. Der Central-Tu-
berkel der ersten und driften Linie ist getheilt. Das Ro-
strum ist mit feinen kurzen Haaren bedeckt. Auf dem
hinteren Theile des Cephalothorax befinden sich zwei
oder drei wellenförmige longitudinale rothe Linien , von
denen sich die inneren bis zu den Augen fortsetzt.
Cumberland-Gruppe. Long Island. (Queensland.)
II. 8ubtribui§ Cyclometopa.
Fam. Cancridae.
Cancer Leach.
Cancer Uuonii Hombron et Jaquinot.
Voyage au pol Sud s. 1. corv. l'Astrolabe. Crust. par
Hombron et Jaquinot T. HI. p. 16. pl. 4. fig. 1.
Torresstrasse.
Cancer mamülatus M. Edw.
M. Edw. Cr. I, 376.
Australien.
Cancer calculosus M. Edw.
M. Edw. Cr. I, 378.
Australien.
132 Hess:
Farn. Xaiithidae.
Die inneren Antennen liegen der Quere nach unter
dem Stirnrande. Das Basalglied der äusseren Antennen
trägt zur Begrenzung der Orbiten bei. Sonst den vorigen
ähnlich.
1. Xanthinae.
Die Finger sind zugespitzt.
Xantho Leach.
Dict. d. scienc. natur. 1823. T. 28. p. 228.
M. Edm. Cr. I, 387.
Der Cephalothorax ist wenig gewölbt, breit, die vor-
deren Seitenränder ziemlich gekrümmt, die hinteren lang.
Die Stirn ist breit und überragt die Augen. Die Orbi-
ten sind rund und ohne Extraorbitalzahn aber mit Post-
orbitalzahn. Die inneren Antennen liegen quer unter
der Stirn. Das Basalglied der äusseren Antennen ist mit
der Stirn verwachsen und füllt die Orbital spalte voll-
kommen aus. Die Sternalplatte ist oval, wenig länger
als breit. Die Finger sind immer dunkel gefärbt. Das
Abdomen des Männchens ist fünfgliederig, schmal, das
dritte Glied sehr lang, in der Mitte bauchig, das Abdo-
men des Weibchens siebengliederig und oval.
Xantho deplanatus White.
White loc. cit. p.33G.
Der Cephalothorax ist glatt, stark deprimirt, der
vordere Seitenrand sehr kurz und endigt in einen Zahn,
neben dem sich drei Loben befinden. Die Stirn ist grade
und hat vier kleinere Loben. Der Carpus trägt an der
Aussenseite eine krumme Furche. Die Beine sind behaart
Garden Island, Sydney.
Xantho spinosus nov. sp.
Taf. VL fig. 3.
Der Cephalothorax ist schwach gewölbt, auf dem
vorderen Theile mit kleinen abgeplatteten Tuberkeln be-
deckt, auf dem hinteren gerunzelt. Die einzelnen Regio-
nen sind deutlich sichtbar. Der vordere Seitenrand ist
Beiträge zur Kenntniss d. Decapoden- Krebse Ost-Australiens. 133
in vier grosse viereckige Loben zerspalten. Die Stirn
ist geneigt, weit vorspringend, fast zweilappig abgerundet.
Die Beine sind deprimirt, dünn, die beiden vorletzten
Glieder am Oberrande lang gedornt , die Klauenglieder
sehr spitz und kaum gebogen. Der Arm ist kurz. Car-
pus und Hand haben auf der Oberfläche sehr grosse Tu-
berkeln. Die Hand ist so lang wie breit. Die Finger sind
auf der obern Seite mit einer Längsfurche versehen.
Länge 2,8 Cm., grösste Breite 3 Cm.
Farbe hellroth, die Hand, theilweise auch der Carpus,
weiss, die Finger braun.
Sydney. (M. G.)
Xantho Peronn M. Edw.
M. Edw. Cr. I, 342.
Australien.
Xantho inoisus M. Edw.
M. Edw. Cr. I, 397.
Australien.
Carpilius Leach.
^ M. Edw. Cr. I, 380.
Der Cephalothorax ist eiförmig , stark gewölbt^ der
vordere Seitenrand länger als der hintere. Die Beine
sind sehr lang, ohne Längslinien. Die Finger tragen
zwei oder drei grosse Tuberkel.
Carpilius maculatus.
Cancer ruber Rumpf PL 10. fig. 1.
Cancer maculatus Herbst PL 6. fig. 4L PL 21. fig. 118.
PL 60. fig. 2.
Carpilius maculatus M. Edw. Cr. I, 381.
Die Stirn ist sehr breit und in vier Loben getheilt,
von denen die beiden seitlichen durch einen tiefen Ein-
schnitt von den innern getrennt sind. Auf dem Epistom
befindet sich eine tiefe transversale Furche,
Länge 10,3 Cm., grösste Breite 8 Cm.
134 Hess:
Farbe hellgelb mit grossen runden diinkelrothen
Flecken auf dem Rückenschilde.
Indischer Ocean (M. Edw.), Sydney M. G.
Pseudocarcitius M. Edw.
M. Edw. Cr. I, 407.
Der Cephalothorax ist leicht gewölbt und uneben, der
vordere Seitenrand massig gebogen, die Stirn geneigt.
Das Basalglied der äusseren Antennen ist sehr klein, das
zweite Glied erreicht kaum die Augen. Die Scheeren-
füsse sind sehr stark. Das Abdomen des Männchens ist
7-gliederig.
Fseudocarcinus gigas Lam.
Lam. Hist. d. an. sans vert. t. V. p. 272. 1818.
M. Edw. Cr. I, 409.
Der Cephalothorax ist leicht gewölbt, an den Seiten
bauchig. An der Stirne stehen vier starke spitze Zähne.
Der hintere Seitenrand ist undeutlich in vier Loben ge-
theilt, welche mit je zwei oder drei spitzen Zähnen be-
waffnet sind. Der Carpus trägt auf der Innenseite zwei
Zähne. Die übrigen Fusspaare sind gerundet, die Femu-
ralglieder am Oberrande gedornt.
Länge 18,7 Cm.
Australien (M. Edw.), Sydney (Lam.).
2. Chlosodinae.
Die Finger sind löffeiförmig ausgehöhlt.
Etisus M. Edw.
M. Edw. Cr. I, 411.
Etisus anaglyptus M. Edw.
M. Edw. Cr. I, 411.
Australien.
Zozymus Leach.
Dict. d. scienc. nat. t. 28. p. 228. Note.
M. Edw. Cr. I, 383.
Zozymus latissimus M. Edw.
M. Edw. Cr.- I, 384.
Australien.
Beiträge zur Kenntniss d. Decapoden-Krebse Ost-Australiens. 135
Chlor odius Leach.
Dict. d. scienc. nat. t. 28. p. 228. Note.
M. Edw. Cr. I, 399.
Ghlorodius vngulatus M. Edw.
M. Edw. Cr. I, 400. PL 16. fig. 6— 8.
Australien.
Chlo7'odms areolatus M. Edw.
M. Edw. loc. cit.
Australien.
Farn. Eriphidae.
Die hinteren Seitenränder des Cephalothorax sind
gewöhnlich länger als die vorderen. Die Gaumenplatte
ist mit einer seitlichen Längsleiste versehen.
1. Eriphinae.
Die Orbiten haben keine innere Spalte. Das Basal-
glied der äusseren Antennen ist von den Orbiten ausge-
schlossen und trägt nicht zur Begrenzung derselben bei.
Eriphia Latr,
Latr. in Cuvier Reg. anim. t. IV. p. 41. 1829.
M. Edw. Cr. I, 425.
Der Cephalothorax ist fast viereckig, etwas breiter
als lang, der vordere Seitenrand nur wenig gebogen, die
Stirn breit. Die innere Antennen liegen quer unter der
Stirn. Das Basalglied der äusseren Antennen ist mit
derselben verwachsen. Das dritte Glied der äusseren Ma-
xillarfüsse ist viereckig. Die Scheerenflisse sind lang und
stark. Das Abdomen ist bei beiden Geschlechtern sie-
ben gliederig.
Eriphia trapeziformis nov. sp.
Taf.VI. fig. 4.
Der Cephalothorax ist wenig gewölbt, der vordere
Theil mit zahlreichen Tuberkeln und Körnern bedeckt.
Der vordere Seitenrand ist mit Zähnen besetzt, von de-
nen der dem Orbitalzahn zunächst stehende ziemlich gross
ist, die folgenden aber mit abnehmender Grösse tuberkel-
ähnlich werden. Die Stirn ist zweilappig, am Vorder-
136 Hess:
rande mit Zähnen besetzt, von denen die beiden seitlichen
jedes Lappens die grössten sind. Die Beine sind lang,
abgeplattet und wie das Abdomen und iSternum mit ein-
zelnen Borstenhaaren besetzt. Der Arm ist kurz aber
sehr dick, an den beiden inneren Seitenrändern fein ge-
zähnt, der Carpus dick, am unteren Seitenrande gezähnt.
Die Hand ist glatt ohne Tuberkel, die Finger gezähnt,
der Daumen etwas länger als der Zeigefinger, die rechte
Hand grösser als die linke. Beim Weibchen sind die
Hände grösser als beim Männchen und die Finger dunkler.
Farbe rothgelb.
Länge 4 Cm., grösste Breite 5 Cm.
Viti-Inselu. (M. G.)
Trapezia Latr.
Latr. Encycl. t. X. p. 695.
Latr, Fam. nat. p. 265.
M. Edw. Cr. I, 427.
Trapezia dentifrons Latr.
Latr. Encycl. t. X. p. 695.
M. Edw. Cr. I, 428.
Australien.
2. Ozinae.
Die inneren Antennen liegen der Quere nach unter
der Stirn. Das Basalglied der äusseren Antennen ist nicht
unbeweglich eingekeilt und füllt den Orbitalrand nicht
vollkommen aus. Das Abdomen des Männchens ist 7-glie-
derig. Die Finger sind zugespitzt.
Osius M. Edw.
M. Edw. Cr. I, 404.
Der Cephalothorax ist breit, beinahe eben. Das erste
Glied der äusseren Antennen berührt fast die Stirn.
Ozius trunoatua M. Edw.
M. Edw. Cr. I, 406.
Dana op. cit. p. 230. PI. 13. fig. 4.
Die vorderen Seitenränder sind kurz. Die Stirn ist
fast grade ohne Transversalfurche, die Pterygostomregion
Beiträge zur Kenntniss d. Decapoden-Krebse Ost-Australiens. 137
gekörnelt. Die Scheerenfüsse sind stark, gebogen und
ebenfalls gekörnelt.
Länge 4 Cm., grösstc Breite 4,5 Cm.
Farbe bräunlich.
Australien (M. Edw.), B^ of Island (Neu-See-
land), Illawarra (Neu-Süd- Wales) (Dana), Syd-
ney. M. G.
Ozius guttatus M. Edw.
M. Edw. Cr. I, 406.
Australien.
Pilumnus Leach.
Transact. Linn. Sog. t. XL p. 322.
M. Edw. Cr. I, 415.
Der Cephalothorax ist gewölbt, breiter als lang, der
vordere Seitenrand gekrümmt, kurz, der hintere fast
gerade. Die Stirn springt ziemlich weit vor, ist geneigt
und zweilappig. Der Orbitalrand ist mehr oder weniger
geneigt. Das Basalglied der äusseren Antennen erreicht
die Stirn nicht und ist beweglich. Das Abdomen ist bei
beiden Geschlechtern 7-gliederig.
Pilumnus ßmhriatus M. Edw.
M. Edw. Cr. I, 416.
Australien.
Pilumnus tomeniosus Latr.
Latr. Encycl. t. X. p. 125.
M. Edw. Cr. I. 418.
Australien.
Pilumnus lanatus Latr.
Latr. loc. cit.
M. Edw. Cr. I, 414.
Australien.
Pilumnus ursulus Adams u. White.
Taf. VL flg. 2.
The zool. of the voy. of H. M. Ship. Samarang Capt.
Belcher Crust. by Adams and White. Lon-
don 1848. 4.
138 Hess:
Der Cephalothorax ist leicht gewölbt, dicht büschel-
förmig, kurz ^raii behaart, so dass die einzelnen Regio-
nen nicht zu erkennen sind. Am vorderen Seitenrande
befinden sich drei grosse spitze Zähne. Die Stirn ist
geneigt, weit vorspringend, mit borstenförmigen nach vorn
gerichteten längeren Haaren besetzt. Der Arm ist sehr
kurz, der Carpus in Form einer dreiseitigen Pyramide.
Die Hand ist dick, kurz, breiter als lang, an der unteren
Seite glatt, nicht behaart, der Zeigefinger kurz, dreieckig,
gerade, der Innenrand mit Tuberkeln besetzt, der Daumen
etwas länger und gebogen.
Länge 3,5 Cm., grösste Breite 3,3 Cm.
Farbe grau, Finger schwarz mit weisser Spitze.
Eastern Sea (Adams and White), Sydney M. G.
Fam. Portiinidae.
Die Gaumenplatte ist meist mit seitlicher Längsleiste
versehen. Das letzte Fussglied trägt flossenartig erwei-
terte Klauenglieder.
Neptu7ius (Dehaan) Alph. M. Edw.
Archives du Museum d'histoire nat. T. X. Paris 4.
1851 — 61. Etudes zool. sur les Crust. recents de
la fam. des Portuniens p. Alphonse Milne Edwards
p. 314.
Das Rückenschild ist sehr erweitert und am vorde-
ren Seitenrande mit neun oder mehr Zähnen bewafi'net.
Die mittlere Nathlinie durchschneidet drei oder vier Ster-
nalsegmente. Die Hände sind gross und prismatisch. Die
äusseren Maxillarfüsse erreichen die Stirn nicht.
Neptunus pelagicits Linne.
Cancer pelagicus Linne Museum Regnae Louisae
ürriciae p. 434. 1764.
Lupa pelagicus M. Edw. Crust. 1. 1. p. 450.
Neptunus pelagicus Dehaan Faun. Jap. Cr. p. 37.
pl. IX et X.
Das Rückenschild ist mit grossen Körnern bedeckt.
Die Zähne des vorderen Seitenrandes sind kurz und nach
Beiträge zur Kenntniss d. Decapoden-Krebse Ost- Australiens. 139
aussen gerichtet. Der äussere Orbitalzahn ist grösser als
die übrigen. Die Stirn trägt sechs Zähne^ von denen die
beiden mittleren rudimentär sind. Das dritte Glied der
äusseren Maxillarfüsse ist sehr lang und am Innenrande
schwach gekrümmt. Der Arm trägt am Vorderrande drei
Dornen und am Ende des Hinterrandes einen vierten.
Die Hand ist sehr lang^ stark gekielt und mit drei Dor-
nen besetzt. Das Abdomen des Männchens ist dreieckig.
Länge 10 Cm., Breite 22 Cm.
Rothes Meer, Bombay, Pondichery, Singapore,
Philippinen, Borneo, Molukken, Macassar, Java,
Neu-Holland, Port Jackson.
Neptuims rüg onus Alph. M. Edw.
Alph. M. Edw. loc. cit. p. 335.
Australien.
Scylla Dehaan.
Dehaan Faun. jap. Crust. p. 11.
Scylla serrata Forskai.
Cancer serratus Forskai Descriptiones anim. quae in
Itinere Orient, observavit Petrus Forskai 1755. p. 90.
Rothes Meer, Küste von Indien, China und Japan,
Neu-Holland, Mauritius.
Nectocarcmus Alph. M. Edw.
Portunus M. Edw. Cr. t. I. p. 445.
Nectocarcinus Alph. M. Edw. Hist. nat. d. Crust. foss.
(Ann. des sc. nat. 4. serie t. XIV. p. 220.)
Nectocarcmus integrifrons Latrcille.
Portunus integrifrons Latr. Encjcl. . method. t. X.
p. 192.
Nectocarcinus integrifrons Alph. M. Edw. Arch. du
Mus. p. 416.
Neu-Holland, Neu-Seeland.
Thalamita Latr.
Latr. in Cuvier Reg. an. (2. ed.) t. IV. p. 33.
Der Cephalothorax ist sehr breit, meist glatt, der
140 Hess:
vordere Seitenrandc mit höchstens fünf Zähnen besetzt.
Das erste ßasalglied der äusseren Antennen lang, das
zweite entfernt von der Orbita. Die mittlere Nahtlinie
durchschneidet drei Sternalsegmente.
Thalamiia prymna Herbst.
Cancer prymna Herbst. PI. 5. tig. 2.
Thalamita prymna M. Edw. Cr. I, 461.
Australien.
Thalamita erythodactyla Lam.
Portunus erythodactylus. Lam. Hist. nat. d. an. sans
vert. t. V. p. 259.
Thalamita erythodactyla M. Edw. Cr. I, 464.
Australien.
Thalamita rosaea Hombron et Jaquinot.
Voy. au pol Sud s. 1. corv. l'Astrol. Crust. par
Hombron et Jaquinot T. IH. p. 55. PL 5. fig. 11.
Neu- Guinea.
lSubtril)uis Catonietopa.
Fam. Gecarcinidae.
Gecarcinus Latr.
Latr. in Cuvier Reg. an. (2. ed.) t. IV. p. 50.
M. Edw. Cr. II, 26.
Gecarcinus logostoma M. Edw.
M. Edw. Cr. II. p. 27.
Australien.
Cardisoina Latr.
Latr. in Cuvier Reg. an. t. IV. p. 50.
Die äusseren Maxiilarfüsse bedecken die Mundöff-
nung nicht vollkommen, sondern lassen ein rautenförmi-
ges Stück frei. Das vierte Glied ist nicht unter dem drit-
ten verborgen und am äusseren Winkel desselben ein-
gefügt.
Gardisoma hirtipes Dana.
Dana op. cit. t. L p. 377. PI. 24. fig. 2.
Beiträge zur K^nntniss d. Decapoden-Krebse Ost- Australiens. 141
Der Cephalothorax ist breiter als lang, gewölbt. Hin-
ter dem Postorbitalzahn befindet sich noch ein kleiner
spitzer Höcker. Die Pterygostomregion ist dicht mit kur-
zen krausen Haaren besetzt. Der Fortsatz zwischen der
Orbita und den äusseren Antennen ist dreieckig. Carpus
und Hand sind sehr entwickelt und mit eingedrückten
Punkten versehen. Die Finger sind am Innenrande mit
je einem grossen und mehreren kleineren Tuberkeln be-
deckt, klaffend. Das erste Glied der Scheerenfüsse trägt
an seiner Unterseite einen stumpfen starken Dorn. Die
vier letzten Fussglieder sind mit büschelförmig gereihten
Haaren besetzt. Am Tarsalglied befinden sich nach oben
und unten zwei Reihen von Dornen.
Länge 7 Cm.^ Breite 8,4 Cm.
Länge der Scheere 7,6 Cm.
. Viti, Patific (Dana), Sydney (M. G.)
Fam. Pinuotheridae.
Der Cephalothorax ist fast rund. Die Augen sind
kurz, dem Orbitalrande eingefügt. Das Abdomen des
Männchens ist sehr schmal, die Basis erreicht nicht die
Breite des daranstoss enden Endes der Sternalplatte.
Hymenicus Dana.
Dana op. cit. I. p. 379. 387.
Der Extraorbitalzahn fehlt oder ist sehr klein. Die
Stirn springt vor. Das dritte Glied der äusseren Maxil-
larfüsse ist viel grösser als das zweite. Die Beine sind dünn.
HymeniGus Kreffin *) nov sp.
Taf. VI. fig. 5.
Der Cephalothorax ist rund, vollkommen eben und
flach, vorn in ein spitzes dreitheiliges Rostrum ausgezo-
gen. Die Seiten sind scharf gerandet, glatt, ohne Zähne.
Die Augensteile werden vom Rostrum weit überragt. Die
*) Genannt zu Ehren des Herrn Gerh. Krefft, Director
des Australian Museum in Sydney, von welchem Museum im Tausch
mehrere der hier beschriebenen Crustaceen erhalten waren.
142 Hess:
Beine sind lang, mit spitzen Haken bedeckt, die Scbeeren
klein, die Finger ungezähnt, das Abdomen dreieckig.
Länge 5 Mm., Breite 5 Mm.
Farbe hellgelb, das Rückenschild auf der Branchial-
region mit je einem schwarzen Fleck, Beine mit dunke-
len Binden.
Sydney. (M. G.)
Farn. Myctiridae.
Myctiris Latr.
Latr. in Cuvier Reg. an. (1. ed.) t. HL p. 21.
M. Edw. Cr. II, 36.
Myctiris longiearpis Latr.
Latr. Encycl. Atlas PI. 247. fig. 2. (1818).
M. Edw. I, 37.
Australien.
Farn. Macrophthaliiiidae.
Der Cephalothorax ist viereckig ; die Seiten sind
fast grade, die äusseren Antennen sehr klein. Das zweite
Glied des x\bdomens ist beim Männchen kleiner als der
daranstossende Theil der Sternalplatte.
L Macr 0 phthalminae.
Macroj^hthalmus Latr.
Latr. in Cuvier Reg. an. (2. ed.) t. lY. p. 44.
M. Edw. Ann. d. sc. nat. 3. Serie zool. t. XXVIIL
p. 155. 1852.
Macrophthalmus Verreavxii M. Edw.
M. Edw. Ann. loc. cit. PI. 4. fig. 25.
Australien.
MacrojpldJialmus crassipcs M. Edw.
M. Edw. loc. cit. p. 157.
Australien.
MacrojyJithalmus setomts M. Edw.
M. Mdw. loc. cit. p. 159.
Australien.
2. Ocypodinae.
Beiträge zur Kenntniss d. Decapoden-Krebse Ost- Australiens. 143
Der Cephalothorax ist vierseitig, stark gewölbt, die
Stirn schmalj die Orbiten sehr lang. Die inneren Anten-
nen liegen der Länge nach und sind neben der Stirn
eingefügt.
Ocypoda Fabr.
Fabr. Suppl. entom. syst. p. 347. 1798.
M. Edw. Cr. II, 4L
Der Cephalothorax ist rhomboidal, oft fast qnadra-
tisch, von vorn nach hinten stark gewölbt, dagegen der
Breite nach fast eben. Der untere Orbitalrand springt
am Innenrande zahnartig vor. Die Cornea ist oval, sehr
gross und erstreckt sich an der unteren Seite der x\ugen-
stiele bis fast zur Basis derselben. Die äusseren Anten-
nen sind frei aber rudimentär. Die äusseren Maxillar-
füsse verschliessen die Mundöffnung vollkommen. Die
Hand ist gross. Die Klauenglieder der übrigen Fusspaare
sind glatt. Das Abdomen ist bei beiden Geschlechtern
7-gliederig.
Ocypoda Macleayana nov. sp.
Taf.VL fig. 8.
Der obere Orbitalrand ist nur wenig gebogen, fast
grade. Die Cornea befindet sich am Ende der Augen-
stiele und wird nicht durch einen Fortsatz derselben
überragt. Die Scheerenfüsse sind sehr klein, die Hände
glatt, die Finger fein gezähnt, die Klauenglieder der vier
letzten Fusspaare sehr lang.
Länge 7 Cm., Breite 7 Cm.
Farbe hellgelb, das Rückenschild dunkler und ge-
fleckt, jedes Glied des Abdomens mit zwei rothen Punk-
ten, die Beine mit dunklen Binden. *
Sydney. (M. G.)
Ocypoda ceratophtlialma Pallas.
Pallas Spicil. Zool. fasc. 9. p. 83. PI. 5. fig. 17. 1772.
Fabr. Suppl. ent. syst. p. 337.
M. Edw. Cr. II, 48 und Atlas du Reg. an. de Cuvier
Cr. PL 17. fig. 1.
Australien, Egypten, Mauritius; China, Bombay.
144 Hess:
Heloecius Dana.
Dana On the Classification of the Crust. Grapsoidea.
Amer. journ. of sc. Vol. XII. p. 286. 1857.
Durch Körperform und Augen den Gelasimus ähn-
lich. Scheerenfüsse sind fast gleich entwickelt, die Fin-
ger kurz. Das Abdomen des Männchens erreicht an sei-
ner Basis die ganze Breite des Cephalothorax.
Heloecius areo latus Heller.
Verhandl. der k. k. zool.-botan. Gesellschaft in Wien.
Jahrg. 18(52. Bd. XII. Wien 8. p. 519. Neue Crust.
gesammelt während der Erdumsegelung der Fre-
gatte Navarra, von Dr. C. Heller.
Das Rückenschild ist convex^ vorn geneigt, auf der
Oberfläche fein gekörnelt. Der vordere Seitenrand ist
scharf gekielt. Die Scheerenfüsse des Männchens sind
lang und stark, die des Weibchens kurz und schlang.
Die vier letzten Fusspaare auf der inneren Seite rauh
behaart.
Länge 8'", Breite 12'".
Sydney.
Heloecius cordiformis M. Edw.
Gelasimus cordiformis M. Edw. Cr. II, 53.
Heloecius cordiformis Dana conspectus Crust. Pro-
ceedingsAcad.nat. sc. of Phil. Vol. V. p.247. 1851.
Heloecius cordiformis M. Edw. Ann. d. sc. nat. 3.
Serie Zool. t. XXVIII. p. 153. PI. 4. fig. 22.
Die Stirn ist schmal, die Hände sind so lang als
der Cephalothorax breit ist, glatt, die Finger an der
Spitze löffeiförmig ausgehöhlt, nicht so lang als die Hand.
Länge 2,3 Cm.
Australien, Port Jackson.
Heloecius inornatus Dana.
Dana Consp. loc. cit.
M. Edw. Ann. d. sc. nat. p. 154.
Unterscheidet sich von der vorigen Species nur
durch die noch stärker verlängerten Hände.
Süd- Australien.
Beiträge zur Kenntniss d De(;apoderi- Krebse Ost- Australiens. 145
Heloecius signatus nov. sp.
Der Cephalothorax ist stark gewölbt, die einzelnen
Regionen scharf getrennt. Der ganze Seitenrand ist ge-
kerbt, die Stirn zwischen den Augen sehr schmal, am
Unterrande fast zugespitzt. Die Ränder der Orbiten sind
geperlt. Die Mundregion tritt sehr stark hervor. Das
Ischium. (Ischio podite M. Edw.) der drei mittleren Beine
ist am obern und untern Rande stark behaart. Ebenso
ist der obere Rand des Armes mit Haaren versehen. Auf
der unteren Seite des Femurs der drei ersten Beinpaare
befindet sich eine behaarte schräge Linie. Die Scheeren
sind wie bei Heloecius cordiformis, nur stärker gezähnt
und etwas grösser als die Breite des Körpers.
Länge 2,7 Cm., Breite 3,5 Cm.
Länge der Scheeren 3,7 Cm.
Farbe schwarzblau, Beine heller.
Sydney. (M. G.)
Gelasimus Latr.
Latr. in Cuvier Reg. an. t. IV. p. 45. 1829.
M. Edw. Cr. LI, 14.
M. Edw. Ann. d. sc. nat. 3. Serie Zool. t. XXVIIL
p. 144.
Die Seitenränder des Cephalothorax sind fast grade
und fallen steil ab. Die Stirn ist schmal und fast senk-
recht nach unten geneigt. Die äusseren Antennen sind
wenig entwickelt. Der obere Rand der Orbita springt
mehr hervor als der untere. Die Cornea nimmt kaum
den vierten Theil der Augenstiele ein und befindet sich
am Ende derselben. Die äusseren Maxillarfüsse verschlies-
sen vollkommen die MundöfFnung. Das dritte Glied der-
selben trägt das folgende am Aussenwinkel. Beim Männ-
chen ist ein Scheerenfuss sehr stark entwickelt. Das Ab-
domen besteht aus sieben Gliedern, von denen das zweite
beim Männchen schmäler ist als der daranstossende Theil
der Sternalplatte.
Archiv lur Naturg. XXXI. Jahrg. 1. Bd. 10
146 Hess:
Gelastmus forceps Herbst.
Cancer tetragonon Herbst. Bd.I. p. 257. PL 20. fig. 110.
Gelasimus forceps M. Edw. Cr. H; 52.
Australien.
Gelasimus signatus nov. sp.
Taf.vi. fig. 6.
Die Stirn ist zwischen den Augen nicht ganz so
schmal wie bei der folgenden Species, ihr unterer Rand
ist fast grade. Die Scheere ist fast lV2mal so lang wie
der Körper breit. Arm, Corpus uud Hand sind hell-
roth; die Finger weiss. An der unteren Seite des Arms
bilden zwei Reihen perlartiger Tuberkeln ein Dreieck.
Die Finger haben in der Mitte des Innenrandes eine Er-
höhung. An den Enden sind sie gebogen und zuge-
spitzt. Der Innenrand, ist gekerbt.
Länge 2.5 Cm., Breite 3 Cm.
Farbe grau, Rückenschild mit bunter Zeichnung.
Sydney. (M. G.)
Gelasimus variatifs nov. sp.
Taf. VI. fig. 7.
Der Cephalothorax ist glatt, stark gewölbt, die
Stirn zwischen den Augen schmal. Die grössere Scheere
des Männchens übertrilTt etwas die Breite des Körpers.
An der "Wurzel des Zeigefingers befindet sich an der
Hand ein grosser dreieckiger Eindruck. Der Zeigefinger
ist etwas gekrümmt, der Daumen grade. Beide am In-
nenrande mit Tuberkeln besetzt.
Länge 2,7 Cm., Breite 3,5 Cm.
Länge der Scheere 4 Cm.
Farbe bräunlich mit violeter, oder violet mit hellgel-
ber Zeichnung.
Sydney. (M. G.)
Ommatocaroinus White.
White App. to the narrat. of the voy. of the Ratt-
lesnake com. by capt. O. Stanly.Vol. IL p. 293. 1852.
M. Edw. Ann. d. sc. nat. 3. Serie Zool. t. XXVIIL
p. 163.
Beiträge zur Kenntniss d. Decapoden-Krebse Ost-Australiens. 147
Der Cephalothorax ist vorn breiter als hinten. Die
Stirn ist schmal^ die Augenstiele sehr lang.
0 inmatocarcinus Macgillivrayi ^ hite.
White loc. cit. p. 293. PL 5. fig. 1.
Der äussere Orbitalwinkel ist in einen starken dorn-
förmigenZahn ausgezogen. Die Scheerenfüsse des Männ-
chens sind sehr lang und fast cyllndriscb.
Port Curtis, Austalien.
Farn, tirapsidae.
Der Cephalothorax ist viereckig. Die inneren An-
tennen liegen der Quere nach. Das zweite Glied des
Abdomens ist beim Männchen beinahe so breit als der
angränzende Theil der Sternalplatte. Die Gaumenplatte
ist mit einer Längsleiste versehen.
Grapsus Lam.
Lam. Svst. d. An. sans vert. p. 150.
Der Cephalothorax ist flach, die einzelnen Regionen
undeutlich, die Branchialregion fast immer mit schrägen
Querlinien. Die Stirn Ist breit, abwärts geneigt^ die Ober-
fläche derselben in vier Loben gethellt, der Extraorbital-
zahn gewöhnlich sehr stark. Die äusseren Maxillarfüsse
verschliessen die Mundöffnung nicht vollständig; das dritte
Glied derselben trägt das folgende am Aussenrande und
ist ohne Längsleiste. Die Scheerenfüsse sind kurz, die
vier letzten Fusspaare flach, das Femuralglied derselben
breit. Das Abdomen bei beiden Geschlechtern 7-gliederig.
Grapsvs strigosus Herbst.
Herbst PL 47. fig. 7.
M. Edw. Cr. II, 87.
Australien, Indisches Meer, Rothes Meer.
Grapsus planifrons Dana.
Dana op. cit. I, 338. PI. 2L fig. 3.
Der Cephalothorax ist fast eben, der Seitenrand ge-
krümmt, das Epistom sehr kurz. Die Scheerenfüsse sind
kräftig. Die Oberfläche der Hand Ist mit Tuberkeln be-
US Hess:
setzt, die Innenfläche glatt. Der Arm trägt an der vor-
deren Seite 5 — 0 Zähne. Die vier letzten Fusspaare sind
stark deprimirt.
Länge 3,9 Cm., Breite 4,5 Cm.
Valparaiso, Chili, Peru (Dana), Sydney. (M. G.)
Grajosus inornatus nov. sp.
Taf. VI. fig. 11.
Der Cephalothorax wie bei Grapsus planifrons, nur
ist die vordere Fläche gekörnt. Die Seiten sind nach
vorn gekrümmt, mit vier Zähnen besetzt, von denen die
beiden letzten verschv/indcnd klein sind. Die Stirn ist
geneigt und ziemlich breit. Die vier Loben sind kaum
deutlich unterschieden/ die seitlichen klein. Die Klauen-
glieder sind lang , etwas gebogen, spitz und kurz be-
haart, die Tarsengliedcr an der unteren Seite ebenfalls
kurz behaart. Der Carpus hat am Innenrande einen klei-
nen gezähnten Vorsprung. Hand und Finger sind glatt,
sehr klein, letztere ungezähnt.
Länge 3 Cm., Breite 4 Cm.
1^'arbe schmutziggelb mit rothen Punkten auf dem
Rückenschilde.
Sydney. (M. G.j
Grapsus variegaius Fabr.
Cancer variegatus Fabr. Ent. Syst. p. 342.
Grapsus variegatus M. Edw. Cr. II, 87.
Australien, Küste von Chili.
Pseudograpsus M. Edw.
M. Edw. Cr. II, 8L
Fseudograpsus pallipes Latr.
Grapsus pallipes Latr. Coli, du Mus. (nach M. Edw.).
Pseudograpsus. pallipes M. Edw. Cr. II, 82.
Australien.
Sesarma Say.
M. Edw. Cr. II, 71.
Der Cephalothorax ist vierseitig, fast quadratisch,
der Seitenrand fast grade, die Stirn nach unten gebogen,
Beiträge zur Kenntniss d. Decapoden-Krebse Ost-Australiens. 140
und sehr lang. Am äussersten Winkel der Orbita be-
findet sTch ein Spalt, der sich als Horizontalfurche un-
mittelbar unter dem Rückenschilde fortsetzt. Die Pteri-
gostomregion ist netzartig in kleine Vierecke getheilt.
Die äusseren Maxillnrfüsse verschliessen die MundöfFnung
nicht vollkommen. Das dritte Glied derselben ist mit
einer Leiste versehen, welche sich auf das zweite erstreckt
lind gewöhnlich behaart ist. Die Scheerenfüsse sind ziem-
lich gross. Die Hand ist meist stark und gekrümmt. Die
Klauenglieder sind lang, stielförmig rund, mehr oder we-
niger tief gefurcht. Das Abdomen ist 7 gliederig, das
letzte Glied schmal fast dreieckig.
Sesarma rotundata nov. sp.
Taf.VI. fig.9.
Der Cephalothorax ist vorn stärker, hinten feiner
gekörnelt. Die Hepaticalregion ist stark gewölbt, die
Branchialregion schräg abfallend. Die Vorderseiten sind,
gekrümmt und mit drei Zähnen besetzt, von denen der
letzte kleiner ist. Die Stirn ist senkrecht nach unten ge-
richtet. Von den vier Loben sind die beiden der Orbita
zunächst liegenden sehr klein. Die Beine sind ebenso
wie bei Sesarma atrorubens, nur sind die letzten Glieder
stärker behaart. Der Carpus trägt an der innern Fläche
einen viereckigen Fortsatz. Die Hand ist dicht mit Tu-
berkeln besetzt. Die Finger sind am Aussenrande gleich-
massig stark gezähnt; am Innenrande mit je drei grossen
Zähnen.
Länge 4V2 Cm., Breite 4V2 Cm.
Farbe dunkelgelb, die Beine heller, die Finger fast
weiss mit schwarzen eingedrückten Punkten.
Sydney. (M. G.)
Sesarma atroruhens nov. sp.
Taf. VL fig. 12.
Der Cephalothorax ist fast quadratisch, die Seiten
fast grade mit drei Zähnen bewaffnet, von denen der letzte
nur sehr klein ist. Die senkrecht nach abwärts gerichtete
Stirn ist ausgeschweift und von vier sehr stark geschie-
denen Loben fast überragt. Die Ischia sind gekörnelt
150 Hess:
und ziemlich lang, die übrigen Fussglieder büschelförmig
behaart, besonders stark am oberen \iiid unteren Rande.
Die Klaiicnglieder sind grade und scharf zugespitzt. Der
Carpus ist gross, gekörnelt, die Hand mit grossen Tu-
berkeln bedeckt. Die Finger sind am Innenrande stark
gezähnt. Am Daumen befinden sich drei, am Zeigefinger
zwei grössere Zähne. Der Aussenrand des Zeigefingers
ist glatt, der des Daumens gerippt.
Länge 3,8 Cm., Breite 3,5 Cm.
Farbe dunkelviolet.
Sydney. (M. G.)
Sesarnta similis nov. sp.
Der Cephalothorax ist wie bei Ses. atrorubens. Die
Stirn ist gleichfalls in vier Loben getheilt, die jedoch
nicht so weit vorragen. Die Beine wie bei der vorigen
Species, nur sind die Ischia breiter und kürzer. Die
Scheerenfüsse des Weibchens sind sehr klein. Die Hände
sind nicht mit Tuberkeln besetzt. Jeder Finger trägt
drei grössere Zähne.
Länge 3,5 Cm., Breite 3,3 Cm.
Farbe dunkelgelbroth.
Sydney. (M. G.)
Vielleicht nur Weibchen des vorigen, was ich um
so mehr vermuthe, da von den Exemplaren der Samm-
lung die ersteren nur Männchen, die letzteren nur Weib-
chen sind.
Sesaruia ScJiütten *) nov. sp.
Taf.VLüg. 11^
Der Cephalothorax ist quatratisch, der Seitenrand
fast grade, vorn nur wenig gekrümmt, mit drei Zähnen
besetzt, von denen die beiden hinter dem Orbitalzahn sehr
klein sind. Die Stirn ist geneigt, mit vier Loben, von
denen die beiden kleineren seitlichen kaum von den grös-
*) Zu Ehren des Herrn R u d. Schütte in Sydney, von dem
das Göttiuger Museum den grössten Theil seines Reichthums an au-
stralibcheu Thieren erhalten hat.
Beiträge zur Kenntniss d. Decapoden- Krebse Ost-Australiens. 151
seren mittleren geschieden sind. Die Beine sind lang
und dünn, die Scheerenfüsse gebogen. Der Carpns ist
stark gekörneit und in der Mitte der Aussenfläche mit
einem grösseren Tuberkel besetzt. Die Finger sind auf
der äusseren Seite gleichmässig gezähnt. Der Daumen
ist stark gebogen uud trägt drei grössere Zähne.
Länge 3,6 Cm., Breite 2,9 Cm.
Farbe dunkelbraun, Beine heller.
Sydney. (M. G.)
Sesarma erytUo-dactyla nov. sp.
Tab. YI. fig. 10.
Der Cephalothorax ist quadratisch, die Seiten ohne
Zähne, gleich nach dem Orbitalzahn nach unten gebogen.
Die Stirn ist mit vier Loben versehen, die deutlich ge-
trennt sind, aber nur wenig vorspringen. Die Beine sind
abgeplattet. Das Ischium ist gekörneit, die übrigen Fuss-
glieder sind hauptsächlich am Seitenrande büschelförmig
behaart. Der Carpus ist gekörneit. Der äussere Rand
des Daumens ist gerippt. Der innere Rand beider Fin-
ger trägt zwei grössere Zähne, zwischen denen sich meh-
rere kleinere befinden.
Länge 2,7 Cm. Breite 3 Cm.
Farbe gelblich.
Sydney. (M. G.)
Cyclograpsus M. Edw.
M. Edw. Cr. n, 77.
Dana op. cit. L- 33L 359.
Der Cephalothorax ist etwas gewölbt, fast immer
breiter als lang. Die Seitenränder sind erhaben, stark
gekrümmt. Die Stirn ist geneigt, die Orbiten nach vorn
gerichtet, am äusseren Winkel mit einer Spalte, welche
sich in eine transversale Furche fortsetzt. Die äusseren
Maxillarfüsse lassen zwischen sich eine weite eiförmige
Oeifnung. Das dritte Glied ist kürzer als das zweite,
ebenso lang wie breit und mit einer Längsleiste, die sich
auf das vorhergehende Glied erstreckt. Das Abdomen
ist 7-gliederig.
152 Hess:
Cyclograpsus laevis nov. sp.
Die ganze Form des Ccphalothorax gleicht der des
Cyclograpsus cinereus (Dana op. cit. 1, 360). Die Stirn
ist geneigt und mit einer Medianfurche versehen, die
jedoch den Unterrand nicht erreicht. Die Beine unter-
scheiden sich von denen des Cyc. cinereus nur dadurch,
dass sie glatt sind bis auf das Klauenglied, welches auf
beiden Seiten mit zwei vertieften Reihen kaum sichtbarer
Haare versehen ist. Der Innere Rand des Zeigefingers
trägt in der Mitte eine Erhöhung. Das Abdomen des
Männchens ist fast dreieckig.
Länge 3 Cm., Breite 3,2 Cm.
Farbe röthlichaschgrau.
Sydney. (M. G,)
Vielleicht mit Cyclograpsus cinereus Dana identisch.
Cyclograjysus quadrideniaius M.Edw.
M. Edw. Cr. II, 79.
Australien.
Cyclograpsus Gaimardii M. Edw.
M. Edw. loc. cit.
Australien.
Cliasmagnathus.
Dana op. cit. I, 333.
Der Cephalothorax ist convex, fast quadratisch. Die
Seken sind gekrümrat, die Stirn ist geneigt, die Augen
kurz. Das dritte Glied der äusseren Maxillarfüsse ist
kaum länger als des zweite, am Vorderrande abgestumpft
oder ausgehöhlt.
Chasmagnatkus siibquadratus Dana.
Dana op. cit. I, 363. PI. 23. fig. 5.
Der Cephalothorax ist glatt, hinten wenig punktirt.
Die äusseren Maxillarfüsse und der angrenzende Theil der
Sternalplatte sind kurz behaart. Die netzförmige Thei-
lung auf dem Pterygostom erstreckt sich über die Seiten
des Cephalothorax.
Beiträge zur Kenntniss d. Decapoden-Krebse Ost-Australiens. 153
Länge 1,7 Cm., Breite 2 Cm.
Länge der Stirn zwischen den Augen 8 Mm.
Neil-Süd- Wales, Nen-Seeland. T?)
Chasmagnathus laevis Dana.
Der Cephalothorax ist glatt, kaum gekörnelt. Das
Epistom überragt die Stirn nicht. Die Scheerenfüsse des
Männchens sind gleich.
Länge 2,2 Cm., Breite 2,8 Cm.
Länge der Stirn zwischen den Augen 1 Cm.
Sydney, Neu-Süd- Wales.
Heltoe Dana.
Dana op. cit. I, 365.
Der Cephalothorax ist fast quadratisch, der Seiten-
rand scharf, erhaben, die Stirn wenig kürzer als die Hälfte
derselben und mit der Scheidewand der Antennen ver-
wachsen. Die Augen sind kurz und erreichen nicht V3
der Breite des Cephalothorax. Das zweite und dritte
Glied der äusseren Maxillarfüsse trägt eine schräge lon-
gitudinale Rinne. Die Beine sind gewöhnlich nackt.
Das Abdomen des Männchens ist 7-gliederig.
Heiice crassa Dana.
Dana loc. cit. PL 23. fig. 8.
Die Oberfläche des Cephalothorax ist nackt, etwas
uneben, der untere Orbitalrand fein gekerbt, die Pterygo-
stomregion gekörnelt, leicht behaart, die Hand kurz, breit
und gekielt.
Länge 1,9 Cm., Breite 1,6 Cm.
Küste von lUawarra (Neu-Süd-Wales).
Helice Leachii nov. sp.
Der Seitenrand ist etwas mehr gebogen, wie bei der
vorigen Species. Die Oberfläche der Hände ist fein
punktirf, das letzte Abdominalglied des Männchens fast
dreieckig, das vorletzte Glied lang trapezförmig.
Länge 1,5 Cm., Breite 1,8 Cm.
Farbe schmutziggelb.
Sydney. (M. G.)
154 Hess:
Plagusia Latr.
M. Edw. Cr. II, 90.
Dana op. cit. I, 370.
Der Cephalothorax ist breit und platt, die Augen
kurz und dick. Die inneren Antennen liegen vertikal
und werden durch eine Ausbuchtung der Stirn verdeckt,
die äusseren stehen im inneren Orbitalwinkel. Die äus-
seren Maxillarfüsse verschliessen die Mundötfnung voll-
ständig. Die Sternalplatte ist sehr breit.
Plaguaia clavimana Herbst.
Cancer planissimus Herbst. PL 59. fig. 3.
Plagusia clavimana M. Edw. Cr. II, 92.
Australien, Neu-Seeland.
Plagusia tomentosa M. Edw.
M. Edw. Cr. II, 92.
Dana op. cit. I. p. 370.
Die Stirn ist sehr lang, ihr vorderer Rand ist gebo-
gen und wird von zwei scharfen Dornen überragt. Die
vier letzten Fusspaare sind sehr flach und behaart.
Länge 5,4 Cm.
Neu-Süd- Wales (Dana\ Cap der guten Hoffnung,
Chili- (M. Edw.).
Plagusia glabra Dana.
Dana op. cit. p. 371.
Der Cephalothorax ist glatt, der vordere Seitenrand,
mit vier Zähnen versehen. Die Femuralglieder der vier
letzten Fusspaare sind glatt. Das dritte Glied der äusse-
ren Maxillarfüsse quadratisch. Die Scheerenfüsse des
Männchens sind sehr kurz, der Carpus glatt.
Länge 2 Cm., Breite 2 Cm.
Länge der Hand 1,1 Cm.
Neu-Süd-Wales.
IV, |i$u1)tril)uis Oxyü^toiiia.
Farn. Leucosidae.
Die Eingangsöffnungen zu den Kiemenhöhlen liegen
am vorderen Seitenwinkel der Pterygostomregion. Die
Beilage zur' Kenntniss d. Decapoden-KreLse Ost-Australiens. If 5
Endglieder der äusseren Maxillarfüsse sind von den vor-
hergehenden verdeckt. Die Geschlechtsanhänge des änn-
chens befinden sich am Sternnm.
Leucosia Leach.
Cuvier Regn. an. (2. ed.) t. lY. p. 53.
M. Edw. Cr. II, 121.
Siebold Faima Jap. Crust. d. Dehaan p. 131.
Bell. The Transact. of the Linn. soc. of London Vol.
XXI. P. I. p. 276. 1852.
Der Cephalothorax ist stark gewölbt, fast rund, vorn
mit einer schmalen etwas nach oben gerichteten Verlän-
gerung, welche an ihrem Ende die Augen trägt. Die
Stirnacalregion ist sehr klein. Beim Männchen sind alle
Abdominalsegmente, ausser dem ersten und letzten, ver-
wachsen, beim Weibchen nur die vier vorletzten.
Leucosia 07*hicularts Bell.
Bell in The Transact. of the Linn. soc. Vol. XXL
P. L p.284. PL 30. fig. 1.
Australien.
Letioo^ia ocellata Bell.
Bell loc. cit. p. 289. PI. 31. fig. 1.
Australien.
Leucosia Whitei Bell.
Bell loc. cit. PL 31. fig. 2.
Australien.
Leucosia polita nov. sp.
Taf. VI. fig. 14.
Der Cephalothorax gleicht dem der Leucosia rhom-
boidalis (Sieb. Fauna Jap. Cr. d. Deh. p. 34). Der Seiten-
rand ist über dem Coxalglied nach aussen gebuchtet und
dicht geperlt. Die Stirn ist fast dreieckig. Die Beine
sind ähnlich wie bei Leuc. rhomboidalis. Die Gelenke
der einzelnen Glieder sind gelb, ebenso trägt das Ischium
eine gelbe Binde in seiner Mitte. Der Arm ist oben und
an den Seiten, besonders an der Basis mit zahlreichen
150 Hess:
weissen Tuberkeln besetzt, unten jedoch ganz glatt. Die
Hände sind viereckig, am unteren Rande mit einer Linie
von feinen eingedrückten Punkten. Der Daumen ist nur
an der Spitze gezähnt. Der Zeigefinger der linken Hand
trägt in der Mitte des Innenrandes eine Erhöhung, der
Zeigefinger der rechten Hand ist rudimentär.
Länge 3,5 Cm., Breite 3 Cm.
Farbe bläulich mit vier hellen Flecken auf dem
Rückenschilde.
Sydney. (M. G.)
Myra Leach.
M. Edw. Cr. II, 125.
Myra mammillaris Bell.
Bell loc. cit. p. 298. PI. 32. fig. 5.
Australien.
Philyra Leach.
M. Edw. Cr. II, 131.
Der Cephalothorax ist rund, flach. Die Gruben der
äusseren Antennen sind schmal und transversal. Die Tar-
senglicder der vier letzten Fusspaare sind abgeplattet und
fast blattähnlich.
Philyra laevis Bell.
Bell loc. cit. p. 300. PI. 32. fig. 7.
Der Cephalothorax ist ganz glatt. Die Scheeren-
füsse des Männchens sind stark mehr als zweimal so lang
als des Cephalothorax. Die Finger sind ebenso lang wie
die Hand.
Länge 1,5 Cm.
Farbe braun mit verschiedenen kleinen symmetrischen
Flecken.
Australien, Adelaide.
Phlyxia Bell.
Bell loc. cit. p. 304.
Der Cephalothorax ist rhomboidal. Auf dem hinte-
ren Theile befinden sich drei Tuberkel. Die Gruben der
Antennen sind nicht von den Orbiten geschieden. Die
Beiträge zur Kenntniss d. Deeapoden-Krebse Ost-Australiens. 157
AbdominaJscgmente sind vom dritten bis sechsten ver-
sclimolzen.
Plilyxia C7^assipes Bell.
Bell loc. cit. PL 34. fig. 2.
Der Cephalotliorax ist fast kielförmig, das Rostrum
quadratisch^ vierzähnig. Die Scheerenfüsse sind mehr als
doppelt so lang wie der Cephalothorax.
- Ost-Australien.
Farn. Calappidae.
Das dritte Glied der äusseren Maxillarfüsse bedeckt
die folgenden nicht. Die männlichen Geschlechtsanhänge
befinden sich an der Basis des letzten Fusspaares.
Calappa Fabr.
Fabr. Suppl. ent. syst. p. 345. Hafn. 1798.
M. Edw. Cr. II, 117.
Der Cephalothorax ist stark gewölbt, an den Seiten
schildförmig erweitert, so dass die vier letzten Fusspaare
fast ganz bedeckt sind. Die Stirn ist schmal dreieckig
mit tiefer Medianfurche. Das Basalglied der inneren An-
tennen ist sehr breit und füllt die innere Orbitalspalte
fast vollständig aus. Das Epistom ist rudimentär, die
Mundöffnung dreieckig. Die Scheerenfüsse sind sehr
gross. Die Hand ist stark comprimirt, mit einem hohen
kammähnlichen Aufsatze versehen. Die Finger sind kurz
und nach unten gebogen. Das Abdomen des Männchens
ist 5-, das des Weibchens 7-gliederig.
Calajy_pa tuheroulata Linne.
M. Edw. Cr. II, 106.
Der Cephalothorax ist mit Tuberkeln bedeckt, der
hintere Rand gebogen und ohne Zähne. Am vorderen
Seitenrande stehen 12 dicke, spitze Zähne und am vorde-
ren Rande der schildförmigen Erweiterung ebenfalls vier
sehr grosse. Die äussere Fläche der Rand ist mit Tu-
berkeln bedeckt.
Länge 4,7 Cm., grösste Breite 7,2 Cm.
Indisches Meer, Sydney (M. G.)
158 Hess:
Farn, lafutidae.
Das dritte Glied der äusseren Maxillarfüsse ist drei-
eckig und bedeckt die folgenden. Die männlichen Ge-
schlcchtsanhänge befinden sich an der Basis des letzten
Fusspaares.
Maiuia Fabr.
Fabr. Suppl. ent. svst. p. 369.
M. Edw. Cr, II, 113.
Der Cephalothorax ist rund, etwas convex. Die vor-
deren Seitenränder sind mit grossen stumpfen Zähnen
besetzt. An jeder Seite steht ungefähr in der Mitte ein
grosser konischer Zahn. Die Stirn ist in drei Theile ge-
theilt, von denen der mittlere weit vorspringt. Die Or-
biten sind gross. Die inneren Antennen liegen transver-
sal, die äusseren sind rudimentär. Die Sternalplatte ist
eiförmig. Die vier letzten Fusspaare sind zum Schwim-
men eingerichtet.
Matuta picta nov. sp.
Taf. VI flg. 13.
Der hintere Seitenrand ist mit einem kleinen Tuber-
kel versehen. Am. vorderen befinden sich unmittelbar
hinter der Orbita fünf sehr kleine Tuberkel und auf diese
folgen drei grössere Zähne. Die mittlere Stirnplatte ist
an den Seiten gewölbt und hat keine Medianlinie.
Länge 4,2 Cm., Breite 4,4 Cm.
Farbe gelblich mit einer Menge kleiner rother Punkte,
welche continuirliche Linien bilden. Die Matuta victor,
Y^^elche das Göttinger Museum aus Surinam, besitzt, hat
ähnliche, aber doch deutlich davon verschiedene.
Sydney. (M. G.)
IL Tribas Anomnra.
I. NnbtribiiN Apterura.
Fam. Lithodae.
Der Cephalothorax ist dem der Oxyrhinchen ähn-
lich. Die vier letzten Fusspaare sind nicht zum Schwim-
Beiträge zur Kenntniss d. Decapoden-Krebse Ost-Australiens. 159
men eingerichtet^ das letzte auf dem Rücken eingefügt.
Das Abdomen liat keine Anhänge.
Lomis M. Edw.
M. Edw. Cr. II, 187.
Der Cephalothorax ist deprimirt. Die Angenstiele
sind gross^ dreieckige die inneren Antennen von mittlerer
Länge und tragen zwei kleine Endfädcn^ die äusseren
sehr gross, vielgliederig, an der Unterseite mit einer Reihe
von langen Haaren versehen. Die Sternalplatte ist breit.
Die Scheerenfüsse sind sehr gross, breit und stark de-
primirt, die drei folgenden Fusspaare kurz, stark und mit
fast konischem Klauengliede, das letzte Fusspaar ist sehr
dünn, auf dem Rücken eingefügt und ganz verdeckt. Das
Abdomen ist sehr breit.
Lomis hirta Lam.
Taf. YII. fig. 15.
Lam. hist. d. an. sans. vert. t. IL p. 229.
M. Edw. Cr. IL p. 188.
Der Cepharothorax ist fast dreieckig, rauh, mit kur-
zen braunen Haaren büschelförmig besetzt. Der Seiten-
rand ist etwas gebogen, ohne Zähne. Die dreieckigen
Augenstiele tragen die 2\ugen an der äussersten Ecke.
Die gegliederten Endfäden der äusseren Antennen sind
dick, nach unten gekrümmt und grün. Der Arm bildet
eine dreiseitige Pyramide, deren Spitze nach unten ge-
richtet ist. Der Innenrand der Finger ist mit einzelnen
grossen Tuberkeln besetzt.
Länge des Cephalothorax 2,5 Cm.
Grösste Breite 2,7 Cm.
Breite der Scheeren 2,3 Cm.
Farbe gelblichgrau behaart, die Finger röthlich.
Australien (M. Edw.), Sydney. (M. G.)
II, I§u1)tri1>iis Pterygiira.
Farn. Hippidae.
Uemipes Latr.
M. Edw. Cr. II, 206.
160 Hess:
Bemipes testudinaris M. Edw.
M. Edw. loc. cit.
Australien.
Farn. Puguridae.
Der Cephalothorax ist nach hinten abgerundet, in
der Mitte tief ausgebuchtet und wird durch die starke Cer-
vicalfurche in eine vordere und hintere Hälfte getheilt.
Das Abdomen ist nicht unter die Sternalplatte geschlagen
und ist weich, cylindrisch und etwas gekrümmt.
Fagurus (Fabr.) Dana.
Dana op. cit. I. p. 438.
M. Edw. Cr. II, 213.
Der Cephalothorax ist vorn und hinten fast von
gleicher Breite. Der mittlere 8tirnrand ist fast gerade,
ohne deutlichen Zahn. Die Augenstiele sind kurz und
dick, die Schcerenfüsse ungleich entwickelt, die Finger
an der Spitze wenig ausgehöhlt. Das vierte Fusspaar
ist scheerenförmig , das erste Abdominalsegment ohne
Anhänge.
Pagurus corallinus M. Edw.
M. Edw. Ann. d. sc. nat. 3. S. Zool. XX. 1848. p. 59.
Note sur quelq. nouv. sp. du genre Pagurus.
Gefunden von Quoy und Gairaard an der Küste
von Neu-Guinea.
Pagurus annulijpes M. Edw.
M. Edw. loc. cit.
Küste von Neu-Guinca.
Pagurus minuius nov. sp.
Der vordere Theil dos Cephalothorax ist eiförmig.
Die Seiten sind gebogen, glatt. Die Palpen der äusseren
Antennen erreichen nicht die Länge der Augcnstiele, über-
ragen jedoch den Basaltheil der äusseren Antennen. Die
Beine sind lang, sparsam borstig behaart, die Schceren-
füsse mit Tuberkeln besetzt, die sich auf der Hand zu
Beiträge zur Kenntniss d. Decapoden-Krebse Ost-Australiens. 161
mehreren graden Linien ordnen. Die Finger sind klein,
nicht gezähnt.
Länge des Ceplialothorax 2,4 Cm.
Farbe schmiitziggrau.
Sydney (M. G.)
Fagurus setifer M. Edw.
M. Edw. Ann. d. sc. nat. 2. S. t VI p. 274.
Das dritte Fiisspaar der linken Seite trägt drei
durch tiefe Furchen getrennte Längsleisten ^ von denen
die beiden seitlichen an den Rändern liegen und Borsten
tragen. Die Beine sind mit langen, gelben Haaren dicht
besetzt. Im übrigen dem Pagurus guttatus ähnlich.
Länge 8 Cm.
^Farbe rothgelb melirt.
Australien (M. Edw.), Sydney (M. G.)
Dioge7ies Dana.
Dana op. cit. L p. 438.
Das vierte Fusspaar ist scheerenförmig. Die Schcc-
renfüsse sind ungleich, der linke grösser. Der Augen-
ring trägt einen rostrumähnlichen Anhang.
Diogenes niiles Fabr.
Pagurus miles Fabr. Suppl. ent. sys. p. 412.
Diogenes miles Dana op. cit. L p. 439. PL 27. fig. 9.
Das Rostrum des Augenrings ist dünn, der Stirn-
rand gebuchtet und gezähnt, Carpus, Hand und beweg-
licher Finger mit zwei oder drei Reihen Dornen. Das
Endglied der äusseren Antennen ist dünn. Die Tarsen
des zweiten und dritten Fusspaars sind am Oberrande
kurz gedornt.
Länge 3 Cm.
Sooloo Sea, Neu Süd- Wales.
Diogenes custos Fabr.
Pagurus custos Fabr. Suppl. ent. syst. p. 412.
Diogenes custos Dana loc. cit. I. p. 439. PI. 27. fig. 10.
Der hintere Theil des Cephalothorax ist behaart, der
vordere uneben, mit einigen Haarbüscheln. Das Rostrum
des Augenringes ist kaum gezähnt und nicht so schmal
wie bei Diogenes miles.
Ncu-Süd-Wales.
Archiv f. y&targ. XXXL Jüag. L Bd. 11
162 Hess:
Birgus Leach.
Leach Transact. Lfnn. soc. vol. XI. p. 337.
M. Edw. Cr. II, 246.
Die inneren Antennen sind sehr lang und tragen
zwei Endfäden, von denen der eine sehr gross ist. Die
Palpe der äusseren Maxillarfüsse ist ohne Flagellum. Das
Abdomen ist nicht gebogen und mit grossen harten Plat-
ten besetzt.
Birgus hirsutus n. sp.
Taf. VII. fig. 16.
Die vordere Hälfte des Cephalothorax bildet ein
Trapez. Auf der Oberfläche befinden sich einige ein-
gedrückte Punkte, auf den Hinterecken eine schräge be-
haarte Furche. Die Seiten sind grade, mit schrägen er-
habenen Linien versehen. Die Stirn ist fast grade, die
Beine sowie die Schcerenfüsse lang, mit dornartigen Tu-
berkeln und sparsam lang, borstig behaart. Die Hände
sind an der Seite dos beweglichen Fingers mit einer
Reihe dicht anliegender Haare besetzt. Die Finger tra-
gen am Innenrande weisse Tuberkeln, der Daum^en drei,
der Zeigefinger zw^ei grössere. Die Unterseite des Dau-
men ist mit perlartigen Tuberkeln besetzt.
Länge des Cephalothorax 5 Cm.
Breite 3,5 Cm.
Sydney. (M. G.)
III. Tribas Macronra.
Subtribus Thalassinidea.
Fam. Thalassiiiidae.
Die äusseren Antennen haben keinen Blattanhang
an der Basis. Die Kiemen sind an der Seite des Cephalo-
thorax vom Rückenschilde bedeckt. Die Sternalplatte ist
sehr schmal. Das Abdomen dünn und lang gestreckt.
Thalassina Latr.
Latr. in Cuv. Reg. an. t. IV. p. 86. 1829.
M. Edw. Cr. II, 315.
Die Endfäden der inneren ^4/;,^^ji£fi sind lang, die
Beiträge zur Kenntniss d. Decapoden- Krebse Ost- Australiens. 163
äusseren Maxillarfüsse dünn. Der Schwanzanhang ist
nicht blattartig, sondern schmal^ fast stielförmig.
Thalassina maxima n. sp.
Taf.VII fig.18.
Der Cephalothorax ist stark comprimirt, nach vorn
ziemlich verschmächtigt. Die Cervicalfurche ist sehr tief.
Am hinteren Rande des Cephalothorax befindet sich in
der Medianlinie ein starker horizontaler Zahn. Die Bran-
chialregionen sind am vorderen Rande und auf der Ober-
fläche stark gekörnelt. Das Rostrum ist ziemlich gross,
die Augen weit überragend, an jeder Seite mit einer
Reihe eingedrückter Punkte, in welchem Haare stehen.
In einiger Entfernung vom Rostrum befindet sich zu bei-
den Seiten eine erhöhte Längslinie, welche vorn in einen
Zahn endigt. Die Hepaticalregion ist rauh gekörnelt. Die
Beine sind stark gezähnt, die Klauen- und Tarsenglieder
lang behaart, die Scheeren ungleich. Der Arm trägt an
seiner Spitze einen langen, gekrümmten und sehr spitzen
Zahn. Der Carpus ist an seinem oberen Rande mit einer
Reihe von dicken Zähnen besetzt. Die Hand ist gross
und trägt am Oberrande zwei erhöhte Längslinien. Der
Zeigefinger ist sehr klein, der Daumen grösser, beider-
seits mit einer tiefen Längsfurche. Das erste Abdominal-
glied ist vorn grade abgeschnitten und ohne seitliche Er-
weiterung.
Länge 23 Cm.
Farbe röthlichgelb.
Sydney. (M. G.)
i^ubtribus Astacoidea.
Fam. Astacidae.
Die äusseren Antennen tragen an ihrer Basis einen
Blattanhang, der aber nur sehr klein, lanzett- oder spiess-
förmig ist. Die drei ersten Fusspaare sind scheerenför-
mig, die Hand breit, an den Rändern gekrümmt, die
Oberfläche convex.
164 Hess:
Ästacus quinque-carinatus Gray.
Journals of Exped. ofdlscovcry into central Aiistra-
11a in thc Years 1840-41 by J. Eyre Vol. II. Lon-
don 1845. 8. p.409. Appcnd. by J. E. Gray.
Wcslaustralicn in der Nähe des Schwanenflusses.
Ästacus hicarinatus Gray.
Journals of Exped by Eyre loc. cit.
Port Essington.
Astacoides Dana.
Dana op. cit. I, 526.
Die Anhänge des Abdomens sind mit kleinon Kalk-
platten bedeckt r.nd in der Mitte häutig.
Astacoides nohilis Dana.
Dana loc. cit.
Der Ccphalothorax ist ge^völbt. Die Branchialregio-
nen sind stark zusammengedrückt. Die Cervicalfurche
ist selir tief, das Rostrum gross^ abgestumpft und an den
Seiten gerandet. An seiner Basis liegen hinter einander
auf jeder Seite zwei Erhöhungen. Die Branchial- sowie
die Cardiacalregion ist gekörnt. Die inneren Antennen
sind kurz , die äusseren länger als der Ccphalothorax.
Der Arm ist zusammengedrückt am unteren und oberen
Rande gezähnt. Der Carpus trägt am Innenrande drei
sehr grosse etwas nach vorn gebogene Zähne. Das erste
Glied des Abdomens trägt am vorderen Rande drei Zähne.
SämmtHche Glieder haben auf jeder Seite einen grossen
Tuberkel. Die mittlere Schwanzflosse ist breit fast vier-
eckig, am Ende abgerundet.
Länge 12 Cm.
Sydney. (M. G.)
Astacoides plebejus n. sp.
Taf. VII. fig. 17.
Der Ccphalothorax ist fast glatt mit eingedrückten
Punkten, das dreieckige Rostrum ist geneigt und läuft in
eine Spitze aus. An der Basis desselben befindet sich
beiderseits eine Erhöhung. Das erste Beinpaar ist lang
und stark, der Arm lang dreieckig, der Carpus kurz, an
Beiträge zur Kenntniss d. Decapoden-Krebse Ost- Australiens. 165
der inneren Seite mit einem nach vorn gekrümmten Zaliae.
Die Hand ist verhältnissmässig gross, am unteren Scitcn-
rande gezähnt. Der innere Rand des Zeigefingers trägt
in der Mitte einen Tuberkel und ist am Ende abgestumpft.
Der Daumen ist spitz und etwas gebogen und trägt eben-
falls in der Mitte des Innenrandes einen Tuberkel. Die
mittlere Schwanzflosse trägt in der Mitte beiderseits einen
Zahn und ist am Ende bewimpert. Die seitlichen Schwanz-
flossen sind etwas kürzer ebenso bewimpert; die letzte ist
nur an der äusseren Seite, die erste auch in der Mitte mit
einem Zahne versehen.
Länge 9,4 Cm.
Farbe gelblich, die Hände dunkel.
Sydney. (M. G.)
Su1>tri1)us Caridea.
Fam. Palaemouidae.
Die äusseren Antennen tra2:en an der Basis einen
sehr grossen Blattanhang. Die Maxillarfüssc sind lang
und dünn. Die Schwanzflosse ist sehr gross.
Falaemon Fabr.
Fabr. Suppl. ent. syst. p. 378. 402.
M. Edw. Cr. n, 387.
Das zweite Fusspaar ist stärker als das erste, beide
scheerenförmig. Die Thoraxfüsse haben keine Anhänge.
Palaemon ruher n. sp.
Taf. Vn. flg. 20.
Der Cephalothorax ist walzenförmig, nach vorn nicht
verschmälert. An jeder Seite des Vorderrandes befinden
sich zwei Stacheln hinter einander. Das Rostrum ist lang,
gebogen, überragt die Augen und den Basalthcil der un-
teren Antennen weit, den Basaltheil der oberen Anten-
nen nur wenig, erreicht jedoch die Spitze des Blattnn-
hangs der Antennen nicht. Auf dem oberen Rande befin-
den sich hinter der Spitze acht an der Innenseite behaarte
Zähne, von denen der unmittelbar an der Spitze der
kleinste ist; an der Unterseite befinden sich nur drei
Zähne. Auf den Seiten des Rostrums befindet sich in
166 Hes
s:
der Mitte eine erhöhte Längslinie. Eine seitliche Bran-
chiostogalUnie ist kaum sichtbar, -wendet sich erst nach
unten, dann im Bogen zum Hinterrande. Die Cervical-
furche fehlt vollkommen. Die Augen sind dick, kurz ge-
stielt. Das erste Stielglied der oberen Antennen ist lang,
tief ausgehöhlt zur Aufnahme der Augen, blattartig er-
weitert und am Innenrande behaart. Die blattartige Er-
weiterung trägt an der vorderen Seitenecke einen spitzen
Zahn. Von den drei Endfäden der Antennen ist der
mittlere sehr kurz, der äussere seitliche fast von der
Länge des ganzen Körpers, der innere seitliche hält die
Mitte zwischen beiden. Die Basalglieder der unteren An-
tennen sind kurz, halb so lang als der Blattanhang, mit
einem Stachel an der Unterseite, die Endfäden länger
als der ganze Körper. Die Scheerenfüsse sind lang und
rauh gekörnelt. Die Hand ist lang und walzenförmig. Der
Zeigefinger der rechten Hand ist V/2^^^^ so gross als
die Hand, kurz behaart mit stumpfer etwas gebogener
Spitze und mit zwei dreieckigen Zähnen an der Basis
des Innenrandes. Der Daumen ist dicker und in zwei
stumpfe Zähne auslaufend. Die Finger der linken Hand
sind von gleicher Länge und ungezähnt. Das Abdomen
ist hinten verschmälert, die Mittelplatte der Schwanz-
flosse länglich dreieckig, an beiden Selten mit einem klei-
nen Zahne. Auf der Oberfläche befinden sich vier ein-
gedrückte Punkte. Die Seitenplatten sind lang oval.
Länge 12,5 Cm.
Länge der unteren Antennen 13 Cm.
Farbe hell kirschroth, Scheerenfüsse aschgrau, die
Finger auf der Oberseite mit breiten rothen Querbinden.
Viti-Inseln. (M. G.)
Leander Desm.
Desmarest Annales de la soc. entom. de France 1849.
VIL p. 87.
Der Körper ist leicht comprimirt, oben genindet.
Von den drei Gliedern der oberen Antennen ist das mitt-
lere am kleinsten. Der palpenförmige Anhang der Man-
dibeln ist cylindrisch. Die Maxillarfüsse sind dick, die
Beiträge zur Kenntniss d. Decapoden-Krebse Ost-Australiens. 167
Füsse dünn, das erste Paar knrz, scheerenförmig, das
zweite lang, dick und gleichfalls scheerenförmig ; das Ab-
domen ist sehr gross, dick und auf der Oberfläche stark
höckerig.
Leander* serenus Heller.
Heller Verhandl. der zool.-bot. Gesellsch. zu Wien
1862. loc. cit.
Das Rückenschild ist glatt, das Rostrum wenig ge-
bogen, auf der Oberseite mit 9 — 10 Zähnen, welche sich
bis über den dritten Theil des Cephalothorax erstrecken,
auf der Unterseite mit 3 — 4 Zähnen besetzt. Das zweite
Fusspaar ist cylindrisch, kürzer als der Körper, glatt,
der Carpus ebenfalls cylindrisch, die Hand lang, die Fin-
ger nicht klaffend. Die letzten Fusspaare überragen die
Anhänge der Antennen.
Länge 2V2 Om.
Sydney.
Farn. AlpheiJae.
Alphens Fabr.
Fabr. Suppl. ent. syst. p. 380. 404.
M. Edw. Cr. II, 350.
Alpheus hrevirostri's M. Edw.
M. Edw. Cr. II, 350.
Australien.
Alpheus frontalis M. Edw.
M. Edw. Cr. II, 346.
Australien.
Fam. Penoidae.
Das Rostrum ist gewöhnlich klein oder fehlt. Die
äusseren Antennen tragen einen sehr grossen Blattanhang.
Das dritte Fusspaar ist gewöhnlich stärker und länger
als die beiden ersten. Das Abdomen ist sehr lang und
stark comprimirt.
Feneus^ Fabr.
Fabr. Suppl. ent. syst. p. 305. 408.
Das Rostrum ist fast grade und gezähnt, das Basal-
1G8 Hesst
glicd der oberen Antennen sehr gross und ausgehöhlt,
am äusseren Rande mit einem Zahne bewafinet. Die drei
ersten Fusspaare sind scheercnfürmig, das dritte länger
und stärker als die beiden ersten. Die Schwanzflosse ist
sehr grosS; die mittlere Platte dreieckig.
Pe7ieus 'plehejus n. sp.
Taf. VIL 'fig. 19.
Der Cephalothorax trägt in der Medianlinie einen
von zwei tiefen Furchen begleiteten Längskiel. Das Ro-
strum ist fast grade, die Spitze etwas nach oben gebogen,
behaart und oben mit zehn, unten mit einem Zahne ver-
sehen. Die Endfäden der oberen Antennen überragen
fast den Körper. Das Abdomen ist fast rechtwincklig
gebogen. Die beiden vorletzten Glieder haben an der
oberen Seite einen scharfen Rand, welche beim vorletzten
Glicdc in einen kleinen Stachel ausläuft.
Länge 19 Cm.
Sydney. (M. G.)
II. üiibordo litomapoda.
Tribns Amphionidea.
Farn. Aniphionidae.
Hippolite Leach.
M. Edw. Cr. II, 370.
Hippolite qihherosus M. Edw.
M. Edw. Cr. II, 378.
Australien.
Phytlosoma Leach.
M. Edw. Cr. II, 472.
Phyllosoma Duperreyi M. Edw.
M. Edw. Cr. II, 485.
Australien, Port Jakson.
Tribus Sqnilloidea.
Fam. Squillidae.
Der Cephalothorax ist in drei Loben getheilt. Die
Beiträge zur Kenntniss d. Decapoden-Krebse Ost-Australiens. lf^9
Kiemen sind sehr entwickelt. Das Rostrnm ist vom Ce-
phalotliorax geschieden.
Squilla Fabr.
Fabr. Snppl. ent. syst. p. 393.
M. Edw. Cr. II, 517.
Das Rückenschild ist länger als breit und bedeckt
die drei letzten Thoraxsegmente nicht. Die Cornea der
Augen ist breit. An der Basis der äusseren Antennen
befindet sich ein .langer ovaler ßlattanhang. Das zweite
Maxillarfusspaar trägt ein grosses, sclicerenähnliches, mit
Zähnen bewaffnetes Endglied. Die Schwanzflosse ist sehr
gross, die mittlere Platte am Rande gezähnt.
Squilla miles n. sp.
Taf.VII. fig.2l.
Das Rückenschild ist nach vorn verschmälert. Die
vorderen Seitenwinkel sind fast rechtwinklich. Der Hin-
terrand ist wenig ausgebuchtet. Zwei tiefe Längsfurchen
thcilen das Rückenschild in eine mittlere und zwei seit-
liche Regionen, von denen die erste wieder durch eine
stark nach hinten gebogene tiefe Cervicalfurche, welche
nach den Seitenflächen hin verläuft, in einen vorderen
und hinteren Theil getrennt wird. Der Hinterrand der
Seitenflächen ist auch durch zwei Längsfurchen getheilt.
Die Stirnplatte ist rundlich, länger als breit, ohne Me-
dianlinie und die Augenstiele nicht vollständig bedeckend.
Am beweglichen Finger des vergrösscrten Maxillarfusses
befinden sich hinter dem etwas gebogenen Endgliede
noch drei Zähne. Ebenso befinden sich am vorletzten
Gliede zwei bew^egiichc Zähne. Das Abdomen ist bedeu-
tend breiter als die Thoraxsegmente, ziemlich gewölbt
und mit drei Längskielen. Zwischen dem zweiten und
dritten Längskiel liegt beiderseits in jedem Segmente
eine platte dreieckige Erhöhung. Die mittlere Platte der
Schwanzflosse trägt eine Medianlinie, die von zwei gros-
sen Furchen begleitet ist. Am Rande befinden sich bei-
derseits zw^ei grosse Zähne und zwischen diesen eine
Menge kleinerer. Die Seitenflossen sind ziemlich schmal,
170 Hess:
die äusseren bedeutend länger als die inneren; das vor-
letzte Glied ist am Aussenrande gezähnt.
Länge 17/2 Cm.
Farbe gelblich.
Sydney. (M. G.)
Squilla laevis n. sp.
Taf. VII. flg. 22.
Das Rückenschild ist nach vorne verengt. Der vor-
dere Seitenwinkel läuft rechtwinklich in ein feines Zähn-
chen aus. Zwei tiefe Längskiele theilen das Rücken-
schild in eine mittlere und zwei seitliche Regionen, von
denen die erstere mit einer erhöhten gabelförmig aus-
laufenden Medianlinie versehen ist und wiederum durch
eine nach hinten gebogene Cervicalfurche in eine vor-
dere und hintere Region getheilt wird. Auf den beiden
Seitenflächen liegen beiderseits noch zwei Längslinien,
von denen die der Mitte zunächst liegende unterbrochen
ist. Die Stirnplatte ist fast viereckig, an der Basis etwas
erweitert, mit einem Mediankiel. Am beweglichen Fin-
ger des vergrösserten Maxillarfusses befinden sich ausser
dem ersten etwas gekrümmten noch 5 starke Zähne. Das
vorletzte Glied trägt an der Basis des Innenrandes drei
kleine bewegliche Zähne, am Ende des Aussenrandes
einen. Das Abdomen trägt 8 Längskiele, welche am letz-
ten und vorletzten Ringe in kleine Zähne auslaufen. Die
seitlichen Längskielc sind am Ende jedes Gliedes gezähnt.
Die mittlere Platte der Schwanzflosse hat einen sehr er-
höhten Medlankicl beiderseits mit einer Reihe von ein-
gedrückten Punkten. Eben solche Reihen von Punkten
gehen bogenförmig vom Mediankiel nach allen Seiten
aus. Am Rande der mittleren Schwanzplatte befinden
sich beiderseits vier grosse Zähne und zwischen diesen
viele kleinere. Die äusserste Schwanzflosse ist länger;
das vorletzte Glied ist am Aussenrande mit einer Reihe
kleiner Zähne besetzt.
Länge 12,5 Cm.
Farbe hellgelb.
Sydney. (M. G.)
Beiträge zurKenntniss d. Decapoden-Krebse Ost- Australiens. 171
üebersicht der australischen Decapoden.
(* bedeutet, dass die Art mir vorlag.)
172
Hess;
Pseudoo^rapsus pallipes Latr.
* Sesarnm rotimdata ii, sp.
* Sesarma similis n. sp,
* Sesarma atrorubens n. sp.
* Sesarma Schütteii n. sp.
* Sesarma erytho-dactyla.
* Cyclograpsus laevis n. sp.
Cyclograpsus quadridentatus M. Edw.
Cyclograpsus Gaimardii M. Edw.
Chasmagnathus subquadratus Dana.
Chasmagnathus laevis Dana.
Heiice crassa Dana.
* Heiice Leachii n. sp.
Plagusia clavimana Herbst.
Plagusia tomentosa M. Edw.
Plagusia glabra Dana.
Leucosia orbicularis Bell.
Leucosia ocellata Bell.
Leucosia Wbitei Bell.
* Leucosia pobta n. sp.
Neptunus pelagicus L.
Neptunus rugosus M. Edw.
Scylla serrata Forsk.
Nectocarcinus integrifrons M. Edw.
Myra mamillaris Bell.
Philyra laevis Bell.
Pblyxia crassipes BeU.
* Calappa tuberculata Linne.
* Matuta picta n. sp.
* Lomis birta Lam.
Remipes testudinarius M, Edw.
Pagurus coraliinus M. Edw.
Pagurus annulipes M. Edw.
* Pagurus minutus n. sp.
* Pagurus setifer M. Edw.
Diogenes miles Fabr.
Diogenes custos Fabr.
* Birgus hirsutus n. sp
* Tbalassima maxima n. sp.
Astacus quinque-carinatus Gray.
Astacus bicarinatus.
* Astacoides nobilis Dana.
* Astacoides plebejus n. sp.
* Palaemon ruber n. sp.
Alpbeus brevirostris M. Edw.
Alpheus frontalis M. Edw.
* Peneus plebejus n. sp.
Leander serenus Heller.
Hippolyte gibberosus Leach.
Phyllosoma Duperreyi M. Edw.
* Squilla miles n. sp.
* Squilla laevis n. sp.
Beiträge zur Kenntniss d. Decapoden-Krebse Ost- Australiens. 173
Erkläruug der Abbilduiigen.
Tcafcl VI.
Fig. 1. Die Mundregion von Halimus spinosus n. sp. Sydney.
„ 2. Pilumnus ursulus Adams und White. Sydney.
„ 3. Ein Bein des vorletzten Paares von Xantho spinosus n. sp.
Sydney.
,, 4. Das Rückenschild von Eriphia trapeziformis n. sp. Yiti-
■ Inseln.
„ 5. Hymenicus Krefftii n. sp. vergrössert. Sydney.
„ 6. Grosse Scheere von Gelasimus signatus n. sp. Sydney.
„ 7. Grosse Scheere von Gelasimus variatus n. sp, Sydney.
„ 8. Ocypoda Macleayana n. sp, vergrössert. Sydney.
„ 9, Sesarma rotundata n. sp. Sydney.
„ 10. Sesarma erythodactyla n. sp. Sydney.
„ 11. Grapsus inornatus n. sp. Sydney.
„ 11*. Scheere von Sesarma Schütteii n. sp. Sydney.
„ 12. Sesarma atrorubens n, sp. Sydney.
„ 13. Matuta picta n. sp. Sydney.
„ 14. Scheerenfnss der rechten Seite von Leucosia polita n. sp.
Sydney.
Tafel VII.
,, 15, Lomis hirta Lam. Sydney.
„ 16. Birgus hirsutus n. sp. Sydney.
„ 17. Astacoides plebejus n. sp. Sydney.
„ 18. Grosser Scheerenfnss und Schwanzflosse von Thalassina
maxima n. sp. verkleinert. Sydney.
,. 19. Peneus plebejus n. sp. verkleinert. Sydney.
„ 20. Palaemon ruber n. sp. verkleinert. Yiti-Inseln.
,. 21. Schwanzflosse von Squilla miles n. sp. Sydney.
„ 22. Cephalothorax und Schwanzflosse von Squilla laevis n. sp.
Sydney.
Y
Zur Naturgeschichte der Rhabdocoelen,
Von
El. IDlecznikow.
(Hierzu Taf. IV.)
In seinem grossen Werke über die Anatomie und
Entwickelungsgeschichte niederer Seethiere hat Clapa-
rede die Meinung ausgesprochen,^) dass die Rhabdo-
coelen in zwei, den beiden Abtheilungen der Dendrocoe-
len entsprechende Gruppen zerfallen müssten. Diese Mei-
nung gründet er auf die Thatsache, dass die Gattungen
Convoluta und Macrostomum zwei Geschlechtsöffnungen
besitzen. Obgleich ich die Richtigkeit dieser Beobach-
tungen nach eigenen Untersuchungen bestätigen und
den eben erwähnten Thieren noch eine dritte mit zwei
Genitalöffnungen versehene Rhabdocoele zufügen kann,
muss ich doch behaupten, dass diese Eigenschaft der Ge-
nerationsorgane, wiegen ihrer Unregelmässigkeit, kein clas-
slficatorisches Merkmal weder für die Hauptabtheilungen,
noch auch für die Gattungen sein kann.
Als Beweis dafür können die folgenden kleineren
Mittheilungen über die Geschlechtsorgane einiger Pro-
stomumarten dienen.
Ich will zuerst auf die gemeine Süss wasserform Pro-
stomum lineare, deren Geschlechtsorgane früher schon
von O s c. S ch mid t ^) und M a x S chultz e ^) untersucht
wurden, aufmerksam machen. Am auffallendsten bei diesem
1) Beobachtungen über Anatomie und Entwickelungsgeschichte
wirbelloser Thiere. 1863. S. 16.
2) Die Rhabdocoelen Strudelwürmer 1848. S. 26.
3) In Icones Zootomicae von V. Carus, Taf. VIII. Fig. 16.
Mecznikow: Zur Naturgeschichte der Rhabdöcoelen . 175
Thiere scheint zuerst die unglclchmässige Entwickclung
der weiblichen und männlichen Organe in den verschie-
denen Individuen zu sein: zuweilen trifft man solche, die,
neben dem vollständig entwickelten männlichen einen ver-
kümmerten weiblichen Apparat zeigen (Fig. 1) und um-
gekehrt (Fig. 2). — Bei den erstem findet man einen gros-
sen unpaarigen Hoden (Fig. 1, t), der mit einer Saamen-
klümpchen enthaltenden Blase (Fig. 1, v. s) communicirt;
diese mündet in eine andere, dickwandige Blase, in der
sich die Zoospermien in eine compacte Masse verwan-
deln. Nachdem diese Blase auch mehrere Ströme von
Fettkörperchen (Fig. 1, c. ad.), die offenbar in irgend einer
Beziehung zu den Zoospermien stehen, aufgenommen hat,
setzt sie sich mit dem als Penis fungirenden Stachelap-
parate in Verbindung. Bei den hier beschriebenen Indi-
viduen findet man keine Giftdrüse und nur einige Spuren
der weiblichen Organe, d. h. einige vereinzelte Eizellen
(Fig. 1, o.r); ausserdem ist bei diesen Individuen auch
eine isolirt stehende runde, Körnchen enthaltende Blase,
Receptaculum seminis (Fig. 1, r. s.), vorhanden.
Bei den anderen Individuen von Prostomum lineare
sind die männlichen Organe im verkümmerten Zustande,
indem man von ihnen nur die Hoden sieht, während die
beiden Saamenblasen spurlos verschwunden sind. Die
weiblichen Organe solcher Individuen sind dagegen voll-
ständig entwickelt. Der Keimstock (Fig. 2, ov.), eine ein-
fache, mit Eiern erfüllte Drüse, liegt auf der Seite des
Körpers. Neben derselben befindet sich ein birnförmiger
Uterus (Fig. 2, ut.), der sich in eine nach Aussen mün-
dende Scheide fortsetzt. Ebenso sieht man den Dotter-
stock als ein langes bandförmiges G"ebilde und auf der
unteren Seite des Körpers ein doppeltes sehr grosses, mit
Zoospermien erfülltes Receptaculum seminis (Flg. 2, r. s.),
dessen Mündung ich jedoch nicht finden konnte. Schliess-
lich giebt es noch bei den weibliehen Individuen eine
Giftdrüse, deren Ausführungsgang mit dem Stachelappa-
rate verbunden ist.
Die eben besprochenen Organisationsverhältnisse der
Genitalien von Pr. lineare stimmen mit den oben citirten
176 Mecznikow:
Beschreibungen desselben Gegenstandes nicht ganz über-
ein. Zuerst ist der Unterschied in der Verbreitung der
männlichen und weiblichen Organe bei demselben Indivi-
duum zu erwähnen, indem auf den Abbildungen der ge-
nannten Gelehrten beiderlei Organe als ganz gleichmäs-
sig entwickelte in einem Exemplare dargestellt sind, ein
Umstand, der wohl dadurch erklärt wird, dass die er-
wähnten Autoren ihre Zeichnungen nach der Beobachtung
mehrerer (männlicher und weiblicher) Exemplare gemacht
haben. Der zweite wichtigere Unterschied in meiner
Beschreibung und der Darstellung von Schmidt und
Schnitze besteht darin, dass diese Gelehrten den Uterus
als Eischale betrachtet und darum das Ei mit einem ei-
genthümlichen Stiele (Schmidt), oder mit einer noch
eigenthümlicheren Micropyle (Schultz e) ausstatten. We-
gen dieser Missverständnisse haben die erwähnten Autoren
das Pr. lineare als monopor beschrieben und nicht als
ein mit zwei Genitalöffnungen versehenes Thier, was es
in der That ist, erkannt. — Um die übrigen, weniger
wichtigen Unterschiede zw^ischen meiner Beschreibung
und der denen anderen Beobachter zu bemerken, muss man
die Abbildungen vergleichen.
Aus Voranstehendem geht also hervor, dass Pr. li-
neare im gci'ingeren Grade dieselbe Erscheinung des be-
ginnenden Hermaphroditismus zeigt, dieClaparede bei
Convoluta beobachtet hat.
Die Eigenthümlichkeiten im Bau der Geschlechtsor-
gane von Pr. lineare verbreiten sich keinesw^egs auf die
ganze Gattung Prostomum, nicht einmal auf die nächst
stehenden Arten Das zeigt uns zuerst eine ebenso mit
Stachelapparat versehene neue Salzwasserart, die ich auf
Helgoland gefunden habe und die ich darum als Pr. hel-
golandicum bezeichne. — Die Speciescharactere dieser
ovalen, mit verhältnissmässig bedeutenden Augenpunkten
und Hirnganglien versehenen Art (Fig. 3.) beziehen sich
hauptsächlich auf den Bau der Geschlechtsorgane. Diese
sind nicht so unglcichmässig, wie bei der vorher beschrie-
benen Art verbreitet; Pr. helgolandicus ist vollkommen
hermaphroditisch. Die Keim- (Fig- 3, ov.) und Dotter-
Zur Naturgeschichte der Rhabdocoelen. 177
Stöcke (Fig. 3, vIt.) sind paarige, auf den beiden Seiten
des Körpers verlaufende Organe, ausser denen man noch
einen mit kranzförmigem inneren Rande versehenen Uterus
unterscheidet (Fig. 3. ut). Von den männlichen Orga-
nen konnte ich die symmetrisch geordneten zwei Saa-
menblasen (Fig. 3. v. s) und die unpaarige, mit dem Sta-
chelapparate communicirende dickwandige Blase beobach-
ten; der Stachel selbst steht mit der Giftdrüse im Zu-
sammenhange.
Ausser den beiden erwähnten Prostomeen habe ich
noch das von C laparede beschriebene Prostomum cale-
donicum ^) auf Plelgoland gefunden und seine Geschlechts-
organe beobachtet. Zu der richtigen Beschreibung dieses
Forschers rauss ich nur hinzufügen, dass das Thier nicht
eine Saamenblase besitzt, w^ie beschrieben wird, sondern
deren drei (Fig. 4. r. s), von denen zwei auf der Oberseite
des Penis und die dritte neben dessen Mündungsstelle ge-
legen ist. Ich muss noch bemerken, dass diese Blasen
nicht im Inneren der Penisscheide, wde das Gl aparede
meint, sondern ausserhalb derselben eingebettet sind.
IL Schmarda^) hat im stehenden und im bracki-
schen Wasser von Nordamerika zwei, mit einem endstän-
digen Pharynx und dahinter gelegenen x\ugen (d. h. mit
den Eigenschaften der Gattung Prostomum nach den
früheren Ansichten, zufolge deren man den Rüssel als
Pharynx betrachtete) versehene Rhabdocoelen gefunden,
aus denen er eine besondere Gattung Acmostomum, Re-
präsentant der Familie der Acmostomeen, gebildet hat.
Ich habe eine Salzwasserart dieser Familie auf Hel-
goland gefunden. Diese hellbraune, 1,5 Mm. messende Art
(Fig. 5) besitzt am vorderen Ende einen conischen Pha-
rynx, der sich durch Form und Abwesenheit der Rand-
papillen von demselben Organe der durch Schmarda
beschriebenen Acmostomeen unterscheidet. Hinter dem-
selben sind zwei braune, dicht am Hirne liegende Augen
vorhanden. Das wie gewöhnlich gebaute Hirn zeigt von
1) Recherches sur les Annelides, Turbellair. etc. Taf. V.Fig. 5.
2) Neue wirbellose Thiere Erste Hälfte S. 3. ü. Taf. 1 Fig. 1. u 2.
Archiv für Naturg. XXXI. Jahrg. 1. Bd. X2
178 Mecznikow:
beiden Seiten zwei starke Nervenstämme. — Das beob-
achtete Thier ist vollständig getrennt geschleclitlich ; je-
doch habe leider nur ein miinnliches Individuum, dessen
Generationsorganc aus mehreren, genau wie bei Monocelis
gebauten Hoden (Fig. 5. t) und aus einer starken, mit
einem musculösen Ausführungsgange versehenen Saamen-
blase (Fig. 5. r. s) bestanden , aufgefunden. Die die Saa-
menblase erfüllten Zoospermien sind (P'ig. 5. A) von mir
abgebildet.
Die eben beschriebene Art^ die ganz gut als Reprä-
sentant einer eignen Gattung betrachtet werden kann, lasse
ich vorläufig bei dem noch ungenau bekannten Gen. Ac-
mostomum, um sie als Acm. dioicum zu bezeichnen.
III. Unter dem Namen Alaurina prolifera hat Busch*)
eine von ihm bei Malaga ein einziges Mal gefundene
Thierform beschrieben, über deren systematische Stellung
er in Zweifel blieb. Es war ein lang gestrecktes Thier
mit Wimpern und starren Ilaaren, das im Processe der
Quertheilung getroffen wurde.
Mit dem eben erwähnten Thiere ist offenbar eine
vonClaparede beschriebene und abgebildete-) an den
schottischen Küsten gefundene Turbellarienlarve sehr in-
nig verwandt, deren Schwänzende ihrem Entdecker Zei-
chen einer Segmentation zu bieten schien.
Die beiden, eben erwähntenThiere, wurden geschlechts-
los gefunden und darum als Larven betrachtet, wie denn
auch Rud. Leuckart^) über die von Busch beschrie-
bene Form bemerkt: „Alaurina prolifera ist gewiss eine
Wurmlarve, obgleich es zweifelhaft sein möchte, in wel-
che Gruppe sie gehört." Was die anatomische Bildung
der genannten Larven betrifft, so ist diese in den oben
citirten Besehreibungen nur sehr mangelhaft beschrieben.
Um so interessanter ist für mich der Fund einiger Exem-
plare eines mit Alaurina verwandten Thieres gewesen,
1) Beobachtungen über wirbellose Thiere. S. 114. Taf. XL Fig. 9c
2) Rech. etc. S. 83. Taf. 5. Fig. 2.
3) Göttingische Anzeigen 1852. S. 867.
Zur Naturgeschiclite der Rhabdocoelen. 179
den ich im August dieses, Jahres auf der Meeresober-
fläche bei Helgoland gemacht habe.
Alle gefundenen Exemplare waren aus vicrTheilen
zusammengesetzt (Fig. 6), von denen der vorderste der
längste war^ während die drei übrigen ungefähr gleich
lang waren. Die Gesammtlänge des Thieres mass bei-
nahe anderthalb Mm. Der vordere Theil war mit einem
eben solchen Tastrüssel versehen, wie die Thiere von
Busch und C 1 a p a r e d e, mit einem Apparate, den man
also als Gruppencharacter betrachten kann. Die hellgrüne
Farbe desselben unterscheidet sich von der Farbe des
übrigen, citrongelben Körpers, der mit einem dichten
Kleid feiner, auf dem konischen Tastrüssel vollständig
fehlender Wimperhaare besetzt ist. Die vonClaparede
bei seiner Larve beschriebenen stärkeren Flimmerhaare
sind bei meinem Thiere nicht vorhanden ; dafür aber trägt
dasselbe an dem hinteren Ende eine lange Borste, die
wohl mit denen auf dem Körper von Alaurina prolifera
identisch sein dürfte.
Die Wimperhaare sind auf den isolirbaren kuglichen
Epithelialzellen eingepflanzt. Unter der Haut ist der
Körper mit einer deutlichen Schicht von Ringsmuskel-
fascrn umgeben. Vom Nervensystem habe ich bei mei-
nem Thiere keine Spur gefunden, wohl aber befindet sich
hinter dem Tastrüssel ein Paar kleiner schwarzer Auaen-
punkte. Auf den drei letzten Theilen des Körpers kom-
men diese Augen gewöhnlich nicht vor; nur ein einziges
Mal habe ich auf dem letzten „Segmente'^ ein Paar sol-
cher Sinnesorgane gefunden.
Der Mund liegt auf der Bauchseite, hinter den Au-
gen Er führt in eine mit Wimperhaaren besetzte Mund-
höhle, die sich verengt und dann in einen mit starken
Muskeln (beinahe wie bei den Mesostomeen) versehenen
Pharynx (Fig. 6. ph) überfi^ihrt. Der Dariiikanal läuft
gerade durch den ganzen Körper; seine hintere Mün-
dung — After — konnte ich ebenso wenig, wie Gl apa-
rede beobachten, während Busch seine Alaurina als ein
mit After versehenes Thier beschreibt. Ich glaube, dass
diese Verhältnisse bei meinem Thiere denen der Micro-
180 Mecznikow:
stomeen sehr ähnlich sind, bei denen ich gleichfalls ver-
geblich einen After gesucht habe. Bei massigem Drucke
sah ich bei Micr. lineare den Darminhalt immer nur durch
den Mund austreten. Sollten die Microstomeen in der
That keinen After besitzen, sollte das, was die früheren
Naturforscher als solchen beschreiben, vielleicht nur eine
von der Theilung erzeugte Rissstelle sein?
Auf den beiden Seiten der Körpers laufen zwei
sehr feine Wassergefässstämme (Fig. 6. r. a), deren Mün-
dung ich jedoch nicht finden konnte.
Die von mir beobachtete Alaurina ist ganz ofienbar
keine Larve, sie ist vielmehr mit hermaphroditischen
Geschlechtsorganen versehen, die auf jedem „Segmente^
vorhanden sind und zuweilen sogar in doppelter Zahl
auf einem oder mehreren Segmenten vorkommen Die Ho-
den sind in mehrfacher Anzahl im Körper verbreitet
(Fig. 6. t) und erscheinen als Kapseln, welche die auf
der Fig. 6. et abgebildeten Zoospermien enthalten. Zu
dem männlichen Apparate gehört noch eine ziemlich be-
deutende Saamenblase (Fig. 6. r. s), deren Ausführungs-
gang in einen aus Chitin bestehenden, röhrenförmigen Penis
(Fig. 6. pej mündet. Das Ende desselben ist in die öfters
von einer Hauthervorragung umgebene, auf der Seite des
Körpers liegende männliche Genitalöft'nung eingeschoben.
~ Neben einer jeden Saamenblase kommt noch ein mit
einem Nucleus und Nucleolus versehenes Ei vor, das den
ganzen weiblichen Apparat bildet. Die weibliche Geni-
talöfi'nung konnte ich nicht finden; da sie jedoch schwer-
lich fehlt (denn die männliche Oeißfnung ist zu eng, um,
während der Copulation, den beiden Penis Platz zu ge-
ben , so bin ich geneigt zu glauben, dass sie nur zur
Zeit der Begattung vorhanden ist.
Nachdem ich einige Organisationsverhältnisse des
beobachteten Thieres geschildert habe, erlaube ich mir
noch ein Paar Schlüsse daraus zu ziehen, -^ Zuerst muss
ich behaupten, dass die Theile, aus denen der Körper
zusammengesetzt ist, keine sich später ablösende Spröss-
linge sind. Diese Meinung gründe ich auf die Thatsache,
dass das ganze Thier einen gemeinschaftlichen Rüssel,
Zur Naturgeschichte der Rhabdocoelen. 181
Mund und Darmkanal, sowie gemeinschaftlicbe Wasser-
gefässe besitzt, auch weiter darauf, dass ich nie eine
Spur dieser Theile auf den schon geschlechtsreifen Seg-
menten gesehen habe. Vielleiclit sind übrigens die oben
als Segmente gedeuteten Theile als Glieder einer mit
den Cestoden analogen Thierkolonie zu betrachten, wie
das Prof. Leuckart (der mich auch zuerst auf die
Aehnlichkeit meiner Turbellarie mit Busch's Alaurina
aufmerksam gemacht hat) mir gegenüber äusserte.
Was die systematische Stellung unseres Wurmes,
den ich als Alaurina composita bezeichne, betrifft, so
glaube ich, dass er, gemeinschaftJich mit den von Busch
und Claparede beobachteten Thieren, eine eigene Fa-
milie neben den Mikrostomeen bildet, mit denen die Alau-
rinen, wegen der Aehnlichkeit im Bau der Geschlechts-
organe und des Darmkanals , mehr oder weniger ver-
wandt sind.
Wenn meine Angaben richtig sind, so kann die Sy-
stematik von Max Schultze nicht ganz ungeändert fort-
bestehen , insofern derselbe nämlich die Mikrostomeen als
Arhynchien bezeichnet, was doch für die mit einem Rüs-
sel versehenen Alaurinen nicht gut passt. Yielleicht sind
die Mikrostomeen und Alaurinen bloss als Familien der
Rhabdocoelen zu betrachten, wie das, für die erstem we-
nigstens, auch schon von Leuckart ausgesprochen ist.
Die Eigenschaften der Geschlechtsorgane und die Thei-
lung können nicht mehr als Ordnungscharaktere gelten,
nachdeivi wir die proliferirende Catenula und die getrennt
geschlechtlichen Rhabdocoelen kennen gelernt haben.
Giessen, den 1 November 1862.
Heber den Zaiiiihaii des Walrosses (Odobaeiiiis
rosuiarus L.) und über den Zabubau seines an-
geborenen Jungen.
Von
Dr. A. J. üiilingreii.
(Hierzu Taf. V.)
Aus dem Schwedischen nach Ofversigt af Kongl. Yetcn-
skaps Akademiens Förhandlingar 1863 N. 10.
Von
Dr. C. F. Frisch.
Der Zahnbau an einem ganz reifen Walrossjungen, das
zu Anfange des Monats Juli 1861 aus dem Mutterleib e
geschnitten und von der Spitzbergener Expedition an das
Stockhohner Rcichsmiisoum abgeliefert wurde, erbietet
so eigenthümliche und für eine richtige Auffassung des
Zahnbaues beim Walrosse so aufklärende Umstände, dass
eine nähere Betrachtung desselben keines\veges überflüs-
sig zu sein scheint.
Nachdem das Zahnfleisch vorsichtig von den Kiefern
entfernt worden ist, sieht man in denselben Zähne von
zwei verschiedenen Arten, die augenscheinlich besonde-
ren Zahnsätzen angehören, nämlich ausser solchen, die
das Thier sein ganzes Leben hindurch behält, und die
einem späteren Zahnsatze angehören , auch sogenannte
Milchzähne, welche aus einer früheren Periode herstam-
men, und welche bestimmt zu sein scheinen, ehe das
Thier zu seinem Lebensunterhalte von seinen Zähnen Ge-
brauch zu machen beginnt, gänzlich zu verschwinden,
entweder schon vor der Geburt oder nach derselben wäh-
Malmgren: Ueber den Zahnbau des Walrosses. 183
rend der Saugezeit, die für das Walross als zwei Jahre
dauernd angcnomaien werden kann.
Die Zähne des späteren »Satzes, welche ich im Ge-
gensatze zu den flüchtigen Milchzähnen permanente nen-
nen will, weil das Thier sie während seines ganzen Le-
bens behält, sind zusanimcn an Zahl achtzehn, und ihre
Zahl kann durch dieselbe Formel ausgedrückt werden,
die für das erwachsene Thier gilt, nämlich : Vorderzähne
2 1 1 1 3 3
— PT-, Eckzähne , — t ^md Backenzähne .. — n — - 18. An
0 ' 1 — 1 o — o
unserem ungeborncn Jungen sind sie sämmtlich viel grös-
ser als die Milchzähne und schon so entwickelt, dass sie
die Alveolen füllen und mit ihren Kronen beinahe zu
gleicher flöhe mit dem Alveolenrande emporragen. Die
sämmtlichen Backenzähne und die äusseren Vorderzähne
in dem Oberkiefer haben eine einfache, cylindrische, bis-
weilen schwach zusammengedrückte, am Ende gerade
abgeschnittene, stets hohle, mit Zahnpulpa gefüllte Wur-
zel von bräunlich weissgrauer Farbe, und sind versehen
mit einer stumpfen, etwas zusammengedrückten, abgerun-
deten konisch emaillirten Krone, und messen: Länge
13 — 8 Mm., Breite 7 — 5 Mm. Die Eckzähne, welche mit
der Spitze ihrer Krone den Alveolenrand noch nicht er-
reicht haben, auch aus ihren Alveolen nicht herausgezo-
gen werden können, sind in dem Oberkiefer zusammen-
gedrückt konisch und bei weitem grösser, als die übrigen
Zähne, in dem Unterkiefer dagegen kaum so gross wie
die Backenzähne.
In Betreff der gegenseitigen Lage dieser parmanen-
ten Zähne ist folgendes zu merken. In gleicher Linie
mit den drei dicht aneinander stehenden Backenzähnen des
Oberkiefers sitzt in dem Intermaxillarknochen, dicht an
den Intermaxillarsuturen der permanente Vorderzahn, ge-
trennt von dem ersten Backenzahn durch einen Knochen-
wall, der vielmal dicker ist, als die Scheidewände zwi-
schen den Alveolen der Backenzähne. Gerade vor diesem
Knochenwall, an der äusseren Seite des Zwischenraumes
zwischen dem Vorderzahn und dem ersten Backenzahne,
sieht man die Spitze des Eckzahnes oder den künftigen
184 Malmgren:
Hauer, der den Rand seiner Alveole noch nicht erreicht
hat. In dcmsclhen Verhältnisse aber, wie der Vorder-
zalin und der erste Backenzahn wachsen, wird der Zwi-
schenraum zwischen ihnen kürzer, bis endlich bei alten
erwachsenen Walrossen der Vorderzahn an der inneren
Seite des Hauers dicht an dem ersten Backenzahne liegt,
dessen Form und Function er völlig- angenommen hat.
Da nun auch bei zunehmendem Alter die Intermaxlllar-
sutura durch die Zusammenwachsung der Knochen gänz-
h'ch verschwindet, so ist leicht zu begreifen, warum dieser
Zahn von mehreren älteren Verfassern, z. B. D au b e n t o n,
O. Fabricius u. a., für einen Backenzahn gehalten
worden ist. In dem Unterkiefer sind die Alveolen der
drei Backenzähne von einander durch eben so dünne
Zwischenwände geschieden, aber zwischen der Alveole
des Eckzahnes und der des ersten Backenzahnes befindet
sich ein mächtiger Knochcnwall, wohl so dick, wie der
Durchmesser der Alveole des dritten Backenzahnes in
demselben Kiefer. Mit zunehmendem Alter verschwindet
gleichwohl diese Scheidewand, so dass der Eckzahn sich
hier dicht an den ersten Backenzahn legt und ganz die
Form und Function eines Backenzahnes annimmt. Alle
älteren Verfasser und auch einige der neueren, z. B. R.
Owen, haben daher diesen Zahn für einen wirklichen
Backenzahn gehalten. Dass er aber dennoch in der That
ein Eckzahn ist und als ein solcher angesehen werden
muss, erhellt nicht allein aus dem schon von W. Rap p ')
beobachteten Umstände, dass die Entfernung zwischen
dem fraglichen Zahne und dem vordersten Backenzahne
während der Fötalperiode unvergleichlich grösser ist, als
die Entfernung der Backenzähne von einander, sondern
auch aus der Stellung dieses Zahnes zu seinem entspre-
chenden Milchzahne. Während nämlich die den perma-
nenten Vorder- und Backenzähnen entsprechenden Milch-
zähne stets merklich vor der Mitte des neuen Zahnes an
der äusseren Seite desselben sitzen, liegen die Milch-Eck-
1) lieber das Zahnsystem des Walrosses. Naturw. Abhandl.
von einer Gesellschaft in Würtemberg II, 18:28, S. 107.
lieber den Zahnbau des Walrosses. 185
zahne sowohl in dem Ober- als in dem Unterkiefer hinter
den permanenten Eckzähnen. Ein solches Verhalten, so
wie auch der Umstand, dass der fragliche Milch-Eckzahn
in dem Unterkiefer in seiner Form bedeutend von dem
Tjpus der übrigen Milchzähne abweicht, wie ich bald
zeigen werde, muss als hinreichend angesehen werden,
diesem Zahne sein Recht, den Namen eines Eckzahnes zu
führen, wieder zuzueignen.
Die Milchzähne bei unserem ungeborenen Walross-
jungen sind weit zahlreicher, als die permanenten, und
zeichnen sich im Allgemeinen aus durch eine einfache,
runde, konisch zugespitzte, solide Wurzel. Viele der-
selben verschwinden schon vor der Geburt gänzlich, wäh-
rend andere in der Regel während der Jugendjahre des
Thieres abfallen. Zu einer richtigen Auffassung nicht
allein des Milchzahnsatzes selbst als auch des successiven
Verschwindens desselben ist es gleichwohl nothwendig,
die Milchzähne an unserem Exemplare genauer zu be-
schreiben.
Was zuerst die Milch-Vorderzähne betrifft, so finden
wir diese im Ober- und Unterkiefer zu einer gleichen
Anzahl, nämlich sechs, repräsentirt. Das innerste Paar
an jedem Kiefer ist schon durch Resorption gänzlich ver-
schwunden, wesshalb ich keine Spur von diesen Zähnen
habe finden können; doch ihre x\lveolen, die. noch nicht
zusammengewachsen sind, lassen keinen Raum zu einem
Zweifel an ihrem Vorhandensein in einer früheren Periode
übrig. W. Rapp, der meines Wissens der einzige Ver-
fasser ist, welcher die Zähne an einem ungeborenen Wal-
ross beschrieben hat, sagt (1. c.) ausdrücklich, er habe
den einen dieser Zähne im Unterkiefer und beide im
Oberkiefer gesehen, aber aus Rap p's Beschreibung geht
deutlich hervor, dass das von ihm untersuchte Thier jün-
ger gewesen ist, als das meinige. Diese Zähne ver-
schwinden immer schon vor der Geburt und am frühsten
von allen Milchzähnen. — Die mittleren Milchvorderzähne
in dem Unterkiefer (Fig. 6), die an unserem Exemplare
5 Mm. lang sind, haben die Krone noch ganz, die W^urzel
aber ist stark angegriffen. Diese verschwinden offenbar
186 Malmgren:
gleich nach der Geburt^ daher man sie niemals in Cra-
nien von jungen Walrossen mehr sitzend findet. Bisweilen
habe ich gleichwohl ihre von einer heterogenen Kno-
chenmasse gefüllten Alveolen unterscheiden können, doch
nnr an Cranien sehr kleiner, nengeborncr Thicre. — Die
äusseren, 10 Mm. Inngen Milchvorderzähne in dem Unter-
kiefer (Fig. 5) haben eine fast kugelrunde, in der Mitte
schwach eingedrückte Krone und eine gesunde, solide,
spulförmigc, schwach schlingernd gebogene und spitzige
Wurzel. Diese Zähne bleiben eine lange Zeit nach der
Geburt, oft während der ganzen Saugezeit, sitzen, denn
man trifft sie beinahe immer bei Jungen im zweiten
Jahre und an Cranien von Thieren im dritten Jahre sieht
man nicht selten deutliche von Knochenmassen gefüllte
Alveolen nach denselben; doch der Unterkiefer älterer
ausgewachsener Thiere bietet niemals eine Spur dieser
Zähne dar. — Die mittleren Milchvorderzähne in dem
Oberkiefer sind noch vollkommen gut beibehalten, und
nicht im Geringsten von Resorption angegriflen, woraus
folgt, dass diese nicht bestimmt sind, vor der Geburt oder
nur gleich nach derselben zu verschwinden. An dem
(Fig. 11) abgebildeten ist die Krone gerundet konisch, oben
mit einer kleinen runden Depression, und die Wurzel cylin-
drisch, schwach schlingernd gebogen, mit grade abgehaue-
ner hohler Spitze, in welche die Zahnpulpa hineindringt.
Dieser letzterwähnte Umstand, welcher in dem ganzen
Milchzahnsatze diesem Zahn allein zukommt, scheint ihm
eine vergleichungsweise lange Dauerhaftigkeit zuzusichern,
denn er geht später verloren, als die meisten andern und
gewöhnlich zuletzt von allen. Unter fünf Cranien von
jungen Walrossen im zweiten Jahre besassen drei diese
Zähne noch, die beiden anderen hatten sie schon verlo-
ren, und in einem Craninm von einem jüngeren Thiere,
wahrscheinlich im dritten Jahre, habe ich sie einmal ge-
funden, niemals aber in Cranien alter ausgewachsener
Thiere, obgleich ich viele solche untersucht habe. Die
Zeit des Ausfallens dieser Zähne ist also nicht ganz be-
stimmt, man kann aber doch als Regel aufstellen, dass
sie vor oder bei dem Wendepunkte in dem Leben des
lieber den Zahnbau des Walrosses. 187
Thieres eintrifft^ da dieses aufhört von der Milch der
Mutter zu leben und eine selbstständige Lebensweise zu
führen beginnt^ was, wie ich an einem anderen Orte *)
darzuthun gesucht habe, etwa zwei Jahre nach der Ge-
burt geschieht. — Die äusseren Milchvorderzähne im
Oberkiefer, von denen der rechts sitzende 9 Mm. lange
abgebildet ist (Fig. 10), sind mit einer gesunden, abgerun-
deten konischen Krone versehen und mit einer Wurzel,
die schon stark angefressen ist. Sie sitzen etwas an der
äusseren Seite des 13 Mm. langen und 6 Mm. breiten ent-
sprechenden permanenten äusseren Vorderzahn, vor dem-
selben, und scheinen nicht vor der Geburt zu verschwin-
den, obgleich ihre Resorption schon begonnen hat, son-
dern wahrscheinlich gleich nach derselben. Ich habe
niemals Spuren derselben an den Cranien von Jungen
im ersten und zweiten Jahre gefunden, welche ich zu
untersuchen Gelegenheit gehabt habe.
Die Milcheckzähne in dem Unterkiefer (Fig. 4) wei-
chen von den übrigen Milchzähnen durch ihre Form und
ihre Stellung zu den entsprechenden Zähnen der späteren
Dentition auf eine Weise ab, welche deutlich ihre Eigen-
schaft als Eckzähne an den Tag legt, der abgebildete,
welcher 7 Mm. lang w\ir, hatte eine an den Seiten zu-
sammengedrückte Krone mit einer deutlichen Vertiefung
oben auf der schräge nach Innen abgehauenen Spitze.
Die Wurzel war stark zusammengedrückt, vierseitig, bei-
nahe wie ein Keil, mit runden Kanten und abgefressener
Spitze, nicht cylindrisch , wie bei den übrigen Milchzäh-
nen. Dieser Zahn sitzt an der äussern Seite des perma-
nenten Eckzahnes, über welchen er seine Krone mit
etwa 3 Mm. erhebt, aber merklich hinter der Spitze
desselben, während dagegen die übrigen Milchzähne immer
mehr oder weniger vor den ihnen entsprechenden per-
manenten sitzen. Die Milchzähne des Oberkiefers nehmen
1) ..Beobachtungen und Anzeichnunsfen über die Säugethier-
fauna Pinmarkens und Spitzbergens vonA.J. Malmgren" in ..Ar-
chiv f. Naturgesch. XXX. Jahrg. 1 Bd. S. 67 ff. nach K. Vet.-Akad.
Qfversigt. Stockholm 1863. p. 130—134. :d
188 Malmgren:
ZU ihren resp. Ersctznnp^szähnen, den künftigen Hauern,
dieselbe Lage ein, welche wir eben bei den Milcheckzähnen
in dem Unterkiefer beschrieben haben. Aber ihre Wurzel
ist schon gifnzlich rosorbirt, so dass nur die 5 Mm. lange,
cylindrische, unbedeutend zusammengedrückte Krone mit
gerundeter abgestumpfter Spitze (Fig. 5) übrig ist. Die
Milcheckzähnc verschwinden also um die Zeit vor der
Geburt, im Oberkiefer früher als im Unterkiefer, in wel-
chem letzteren sie vielleicht noch einige Wochen nach
derselben sitzen bleiben.
Der dem Eckzahn zunächst belegene erste Milch-
backzahn (Fig. 3) sitzt dicht neben dem ersten permanen-
ten Backenzahn, au der äussern Seite etwas vor der
Mitte desselben, und erhebt seine längliche linsenförmige
Krone etwa 2 Mm. über denselben. Er ist 5 Mm. lang
und hat eine konisch zugespitzte, stark angefressene und
daher rauhe Wurzel. Wahrscheinlich verschwindet der
erste Milchbackenzahn gleichzeitig mit den Milcheckzähnen
iu dem Unterkiefer, d.h. gleich nach der Geburt. — So-
wohl der zweite (Fig. 2) als auch der dritte Milchzahn
an jeder Seite im Unterkiefer sind schon dermassen an-
gefressen, dass nur noch ein unbedeutender, kaum 1 IMm.
breiter Theil der Krone übrig ist, welcher gleich einer
Kapsel auf dem vorderen Theile der breiten Spitze des
entsprechenden permanenten Backenzahnes liegt. Zufolge
der weit gediehenen Resorption ist dieser Ueberrest hohl,
so dass wir hier eigentlich nur mit der äusseren Schichte
der Krone oder dem s. g. Email zu thun haben. Also
kann man annehmen, dass diese Milchbackenzähne schon
vor der Geburt gänzlich verschwinden.
In dem Oberkiefer habe ich keine Spur von dem
ersten Milchbackenzahne finden können, welcher wahr-
scheinlich schon vollständig resorbirt worden war. Der
demselben entsprechende erste permanente Backenzahn
ist nämlich von allen Backenzähnen der entwickeltste,
denn er ragt in seiner Alveole höher empor als irgend
ein anderer, und kann daher nicht nur, sondern muss
auch aller vernünftigen Annahme gemäss mitgewirkt
haben zu einer weiter gediehenen Resorption, als z. ß.
üeber den Zahnbau des Walrosses. 189
der zweite und dritte permanente Backenzvahn in dem
Unterkiefer^ von deren entsprechenden Milclizäiinen ich
eben gezeigt habe, dass sie in so hohem Grade angefressen
sind, dass von ihnen nur unbedeutende Ueberreste im
Zahnfleische vorhanden sind. Jeder Zweifel an dem Vor-
handensein dieses Milchbackenzahnes in einer früheren
Periode wird überdies gehoben von W. Rapp, welcher
(1. c.) ausdrücklich sagt, er habe entsprechende Milchzähne
zu allen permanenten Backenzähnen gefunden und also
auch den fraglichen ersten Milchbackenzahn im Oberkiefer
gesehen. Rapp hat, wie ich erwä,hnte, zu seiner Unter-
suchung einen jüngeren Fötus gehabt, als der von mir
untersuchte, von der Spitzberger Expedition mitgebrachte
war, daher die Milchzähne an seinem Exemplare noch
vollständiger beibehalten waren. Der erste Milchbacken-
zahn im Oberkiefer verschwindet von allen Milchbacken-
zähnen am frühsten, schon vor der Geburt und wahr-
scheinlich gleichzeitig mit oder kurz nach den innersten
Milchvorderzähnen. — Es ist höchst anmerkungswerth,
dass, während der erste Milchbackenzahn bei unserem
Exemplare schon gänzlich verschwunden war, der zweite
Milchbackenzahn in demselben Kiefer (Fig. 8) beinahe
ganz unbeschädigt oder wenigstens nicht merklich ange-
griffen befunden wird. Er sitzt wie gewöhnlich an der
äusseren Seite seines entsprechenden permanenten Zahnes,
etwas vor der Mitte desselben, erhebt seine gerundete
Krone 2 oder 3 Mm. über die des letztgenannten und hat
eine Länge von H Mm. Die Wurzel ist gesund, solide,
konisch zugespitzt und am Ende gebogen. Von allen
solchen Milchbackenzähnen, welche entsprechende perma-
nente haben, ist dieser der am besten erhaltene und
scheint bestimmt zu sein, am längsten zu verbleiben. In
einem Cranium eines jungen Thieres im zweiten Jahre,
welches im Reichsmuseum zu Stockholm verwahrt wird,
ist dieser Milchzahn noch vorhanden neben dem perma-
nenten, obgleich von allen übrigen Milchzähnen, welche
entsprechende Zähne in der späteren Dentition haben, wie
gewöhnlich, hier kein einziger mehr vorhanden ist. Ge-
wöhnlich wird auch diesör bald nach der Geburt, schon
190 Malmgren:
während des ersten Jahres, abgeworfen, denn man findet
keine Spur von ihm in den übrigen in Stockholm ver-
wahrten Cranien junger Thiere; aber sein Vorkommen
in diesem einzigen Cranium bekräftigt doch zur Geniige
die Verjniithung, wozu die gesunde Beschaffenheit dieses
Zalnies bei den ungebornen Jungen gegründeten Anhass
giebt, dass er erst nach der Geburt und wahrscheinlich
zuletzt von allen denjenigen Backenz'fhnen, welche ent-
sprechende permanente haben, abgeworfen wird. — Der
dritte Milchbackenzahn im Oberkiefer ist schon so resor-
birt, dass nur ein unbedeutender Thcil (des Email) der
Krone in dem Zahnfleische wiedergefunden wurde, ähn-
lich dem des zweiten und dritten Backenzahnes im Un-
terkiefer (siehe Fig. 2).
Noch ist der vierte Backenzahn zu beiden Seiten im
Ober- und Unterkiefer zu erwähnen, w^elcher offenbar
zu dem Milchzahnsatze gehört und keine entsprechenden
Zähne tinter den permanenten hat. Derjenige, welcher
im Unterkiefer (Fig. 1) in einer Alveole gleich hinter dem
dritten, letzten permanenten Backenzahne sitzt, ist 9 Mm.
lang und hat eine convexe, halbkugelförmige Krone und
eine gesunde, solide, konisch zugespitzte, am Ende ge-
bogene Wurzel. Im Oberkiefer ist dieser vierte Milchbak-
kenzahn (Fig. 7) etwas kürzer, nur ') — 6 Mm. lang, und seine
Alveole ist merklich entfernt von dem letzten, dritten per-
manenten Mahlzahn, übrigens aber ist er dem des Unter-
kiefers ähnlich. Diese Zähne verschwinden erst lange
nach der Geburt, der Regel nach früher, als das Thier
zu saugen aufhört, gewöhnlich früher im Oberkiefer, als
im Unterkiefer, aber es ist nicht selten, dieselben noch
länger wenigstens in einem der Kiefer sitzend zu finden.
In einem Cranium von einem Thiere, wahrscheinlich im
vierten Jahre, fand ich diesen Zahn im Oberkiefer an
beiden Seiten, nicht aber im Unterkiefer, und bei einem
Thiere im dritten Jahre dagegen nur im Unterkiefer, ob-
gleich sie in diesem Alter gewöhnlich schon ausgefallen
sind, und man da nur noch ihre mit Knochenmasse, ge-
füllten Alveolen findet. In Cranien von alten ausgewach-
senen Thiercn findet man sie niemals und in den sehr
lieber den Zahnbau des Walrosses. 191
alten sind sogar die Spuren ihrer Alveolen gänzlich ver-
wischt. — Dass dieser vierte Backenzahn im Ober- und
Unterkiefer dem Milchzahnsatze angehört, ist unzweifel-
haft: 1) weil er an Aussehen, Form, Entwickelungszeit
und Grösse den übrigen Milchzähnen völlig gleich und
so wie diese eine solide, konische und spitzige Wurzel
hat, die nicht cylindrisch und hohl ist, wie die perma-
nenten während der Fötalzeit; 2) weil er gleich den Yor-
derzähnen im Unterkiefer keinen entsprechenden Zahn in
einem früheren oder späteren Zahnsatze hat und gleich
diesen nach und nach verschwindet, gewöhnlich während
des ersten oder zweiten Lebensjahres des Thieres, wäh-
rend es noch aus dem Euter der Mutter seinen Lebens-
unterhalt geniesst.
Fassen wir nun in der Kürze zusammen was in
der vorhergehenden Beschreibung der Zähne des unge-
bornen Walrossjungen das succcssive Verschwinden der
Milchzähne und die richtige Auffassung des Milchzahn-
satzes und des permanenten betrifft, und versuchen wir
für jeden dieser Zahnsätze passende Ausdrücke in be-
stimmten Zahnformeln zu linden, so wird das Resultat
das folgende sein :
1) Der vollständige Milchzahnsatz vor der Geburt
besteht in 6 Vorderzähnen im Ober- und Unterkiefer, 1
Eckzahn an jeder Seite im Ober- und Unterkiefer und
4 Backenzähnen an jeder Seite im Ober- und Unterkiefer
oder zusammen 32 Zähnen. Die Zahnformel für diesen
o .11 3—3 1—1 4—4 .r 1' 1 •
fcatz wird also : 5 — sr' -^ — r' 1 — j- Von diesem verschwm-
o — o 1 — 1 4 — 4
'den am frühesten und bereits vor der Geburt, entweder
gänzlich oder doch dem allergrösstcn Theile nach : das
innere Paar Vorderzähne im Ober- und Unterkiefer, das
erste Paar Backenzähne im Oberkiefer, das zweite Paar
Bachenzähne im Unterkiefer, und das dritte Paar Backen-
zähne sowohl im Ober- als auch im Unterkiefer. Kurze
Zeit nach der Geburt oder im Anfange der Saugezeit
fallen die mittleren Vorderzähne im Unterkiefer, die Eck-
zähne oben und unten, das erste Paar Backenzähne im
Unterkiefer, so wie darauf das zweite Paar Backenzähne
192 Malmgren:
im Oberkiefer und die äusseren Vorderzähne sowohl im
Ober- als auch im Unterkiefer, Am längsten bleiben die
mittleren Vorderzähne im Oberkiefer und der vierte Bak-
kenzahn in dem Ober- und Unterkiefer an beiden Seiten
sitzen, aber auch diese gehen gewöhnlich in dem frühesten
Alter des Thieres verloren, ehe es eine von der Mutter
unabhängige Lebensweise beginnt, was erst zwei Jahre
nach der Geburt geschieht. Das eine oder das andere
Paar dieser zuletzt erwähnten Zähne kann aber noch bei
Thieren im dritten oder vierten Jahre vorhanden sein;
doch ist dieses nur eine Ausnahme von der Regel, und
sie verschwinden sehr bald, denn bei alten und erwachse-
nen Individuen findet man sie niemals.
2) Der permanente Zahnsatz ist bei dem Walross
schon vor der Geburt vollständig ausgebildet und kann
durch folgende Formel ausgedrückt werden: -^^ '
3—3
Vergleichen wir nun dieses Resultat mit früheren
Angaben über den Zahnbau des TValrosses, so begegnet
uns eine solche Masse widersprechender und unter ein-
ander streitiger Behauptungen , dass es nothwendig ist,
durch eine nähere Beleuchtung und Erklärung die wich-
tigsten derselben mit demjenigen, was wir für richtig
und mit der Natur übereinstimmend halten, in Ueberein-
stimmung zu bringen. Wie man aus dem Vorhergehen-
den schon ahnen kann , liegt die Ursache der wider-
sprechenden Angaben hauptsächlich und zuerst darin, dass
man entweder zwischen den Milchzähnen und den per-
manenten keinen Unterschied gemacht oder nicht gewusst
hat, in welcher Ordnung die Milchzähne verschwinden,
so wie darin, dass man nicht immer, wie es doch hätte
sein müssen, einen Unterschied gemacht hat zwischen
Vorder- und Mahlzähnen im Oberkiefer, oder Eckzähnen
und Mahlzähnen im Unterkiefer, sondern auch wirkliche
Vorder- und Eckzähne für Mahlzähne gehalten hat. —
Anderson *) giebt für das Walross vier Zähne im Ober-
1) Efterretninger om Island, Grönland och Strät Davis, 1748,8.222.
Üeber den Zahnbau des Walrosses. 193
kiefer an, ausser den Hauern; aber nur drei im Unter-
kiefer. Die Angabe von den Zähnen des Oberkiefers
ist richtig, nur dass kein Unterschied gemacht wird zwi-
schen Vorder- und Mahlzähnen ; dass aber der Unterkiefer
nur drei Zähne haben soll beruht entweder auf einem
Irrthum oder, was wahrscheinlicher ist, darauf, dass der
vierte Zahn, d. h. der dritte Backenzahn an dem Cranium,
welches er vor Augen hatte, aus der einen oder an-
dern zUfäUigen Ursache verloren gegangen war. Dass
dieser Zahn bisweilen, wenn auch äusserst selten, bei sehr
alten Cranien fehlt, wenigstens an der einen Seite, haben
sowohl Crantz als auch Wiegmann') zu beobachten
Gelegenheit gehabt; doch ist dies ganz gewiss nur zu-
fällig. — Daubenton ^) gab, sowie schon Br i ss o n ^),
an jeder Seite im Ober- und Unterkiefer vier Zähne ausser
den Hauern an und bildete sie richtig ab. Zu demselben
Resultate gelangte auch der ausgezeichnete Kenner der
robbenartigen Thiere des Nordens, 0. Fabricius ^j. Ob-
gleich diese Verfasser die Vorderzähne in dem Oberkiefer
und die Eckzähne in dem Unterkiefer zu den Backen-
zähnen gerechnet haben, denen sie bei älteren Thieren
völlig. gleichen, so stimmen ihre Angaben, welche sich
offenbar nur auf alte Thiere beziehen, auf das vollstän-
digste überein mit unserer Formel für den permanenten
Zahnsatz. — Der Erste, welcher die Vorderzähne an dem
Walrosse beobachtet hat, scheint Schreber-^) zu sein.
Er giebt an, er habe ausser zwei Hauern und vier Bak-
kenzähnen zwei kleine Vorderzähne in dem Oberkiefer
gefunden, von denen er vermuthet, dass sie bei zuneh-
mendem Alter verschwinden. Diese beiden kleinen Vor-
derzähne sind offenbar die noch dort sitzenden mittleren
Milchvorderzähne, und da aus seiner Beschreibung der
Lage der Backenzähne im Oberkiefer deutlich erhellt,
1) Archiv, f. Naturg. 1838, S. 123.
2) Histoire naturelle, 1765, Tom. XIII. S. 422, Taf. 55, Fig. 1. 2.
3) Regnum animale, edit. alt. 1762, p. 31.
4) Fauna Grocnlandica, 1780, p. 5.
5) Säugethiere, 1775, Bd. 2, S. 260.
Archiv f. Naturg. XXXI. Jahrg. 1. Bd. 13
194 Malmofren:
dass der erste derselben der permanente äussere Vorder-
zahn ist, so ist es klar, dnss das Craninm, "welches er zur
Untersuchung vor sich gehabt hnt, uiid welches wahr-
scheinlich einem Thiere im dritten Jahre angehörte, in
der That zwei Vorderzjihne, einen Eckzahn und drei
Backenzähne an jeder Seite, oder ausser der normalen
Anzahl permanenter Zähne noch einen Milchzahn hatte,
nämlich den mittleren Miichvorderzahn, der noch nicht
ausgefallen war. Im Unterkiefer giebt Schreber nach
andern Verfassern vier Zähne an jeder Seite an, d. h.
einen Eckzahn und drei Backenzähne. — Peter Cam-
per') macht einen bestimmten Unterschied zwischen den
Vordei-zähnen, welche in den Intermaxillarknochen sitzen,
und den Backenzähnen im Oberkiefer, aber er merkt noch
nicht, dass die vordersten Zähne im Unterkiefer Eckzähne
sind. Nach ihm hat das Walross zwei Vorderzähne, einiMi
Eckzahn und vier Backenzähne in dem Oberkiefer, und
fünf, bisweilen nur vier Backenzähne in dem Unterkiefer.
Es ist deutlich, er hat zur Untersuchung Cranien so jun-
ger Thiere gehabt, dass mehrere der am längsten blei-
benden Milchzähne noch vorhanden waren nebst den per-
manenten, nämlich die mittleren Vorderzähne und der
vierte Backenzahn im Oberkiefer oder gleichzeitig im
Ober- und Unterkiefer. Wenn er z. B. angiebt, dass der
Unterkiefer fünf Zähne hat, so muss das so verstanden
werden, dass der erste der Eckzahn, die drei folgenden
permanente Backenzähne und der letzte (fünfte) der noch
da sitzende vierte Milchbackenzahn ist. — Rudolphi-)
giebt den Zahnbau des Walrosses so an, das es ausgedrückt
j 1 1 1 T T^ 1 0 — 0 1 — 1 5 — 5
werden kann durch diese rormel: i — -— i — -^ wo-
0 0 5—5
raus ersichtlich ist, dass er fortwährend die äusseren Vor-
derzähne des Oberkiefers und die Eckzähne des Unter-
fers zu den Backenzähnen rechnet. Aber das Cranium,
welches er vor Augen gehabt hat, ist von einem so jun-
1) Kleinere Schriften, 1786, Bd. 3, S. 21, nach Archiv f. Na-
turg. 1838, S. 117.
2) Anat. Physiol. Abhandl Berlin 1802, S. 145—147.
Ueber den Zahnbau des Walrosses. 196
gen Thiere gewesen, dass der vierte Milchbackenzahn
neben der normalen Anzahl permanenter Zähne noch
vorhanden war im Ober- und Unterkiefer. Rudolphi
scheint schon eine Ahnimg davon gehabt zu haben, dass
der erste Zahn im Unterkiefer ein Eckzahn ist, denn er
sagt: „Im Unterkiefer findet man den ersten Zahn bei
weitem am grössten, \ind wenn er nicht eben die Form,
wie die übrigen hätte, könnte man ihn beinahe für einen
Hundszahn halten.^ Nach Wiegmann soll auch II li-
ger und nach ihm Desmarest diese von Rudolphi
dargelegte Ansicht von dem Zalmbau des Walrosses ange-
nommen haben. — Schon in „Tableau ^lementaire^ 1798,
p. 172 sagt G. Cu vi er, das Walross besitze zwei Vorder-
zähne im Oberkiefer, aber weder Vorder- noch Eckzähne
im Unterkiefer, welches er in „Recherches sur les Ossem.
fossiles, '^ Tome IV, 1825, p. 280 noch festhält. Der von
ihm in „Regne Animal" 1817, Vol. I. p. 167 — 168 beschrie-
bene Zahnbau beim W^alrosse lässt sich durch diese Formel
2 2 1 1 4 4
ausdrücken: ^~- ' — tt- - :; — r' w^elche ohne Veränderung
0 0 4—4 ^
von Fr. Cuvier ') angenommen worden ist. Wenn nun,
wie sich's gebührt, der erste Zahn im Unterkiefer als ein
Eckzahn erkannt wird, so passt die Cuv i er'sche Formel
auf ein Thier im zweiten oder dritten Jahre, das noch
ausser den permanenten Zähnen die mittleren Miichvor-
derzähne und den vierten Milchbackenzahn im Oberkiefer
nicht verloren hat. — W. Rapp-) ist der erste Verfasser,
w^elcher Gründe angeführt hat für die Ansicht, dass der
erste Zahn im Unterkiefer eines ausgewachsenen Walrosses
ein Eckzahn ist, und nachdem er auch gefunden hat, dass
der erste Zahn im Oberkiefer ein in den Intermaxillar-
knochen sitzender Vorderzahn ist, stellt er zum ersten
Mal für das alte Thier die richtige Zahnformel auf:
1-1 i._i 3_3 . ... ,
—z—1 - — -? — -1 welche ganz mit der unsngen für den
permanenten Zahnsatz übereinstimmt. Wenn aber die For-
1) Des Dents des Mammiferes, 1825, p. 234.
2) Xaturwissensch. Abhandl. von einer Gesellschaft in Wüt-
temberg, JI Stuttgart und Tübingen 1828, S. 107.
196 Malmq^reTi:
mel für den Milchzahnsatz nach demselben Verfasser sein
3 3 i 1 4-4
sollte : - — Q ? , — : ' 5 — ä ? so weicht dieselbe von der von
3 — 3 1 — 1 ö — o
uns gefundenen darin ab, dass sie nur drei Milchbacken-
zähne im Unterkiefer angicbt; während ihrer doch zwei-
felsohne vier sind. Für die Richtigkeit unsrer Erfahrung
hinsichtlich des typischen Vorkommens dieses vierten
Backenzahnes auch in dem Unterkiefer können wir uns
auch auf andere Verfasser, Camper, R u d o 1 p h i, W i e g-
mann, Jaeger '), Nils fo n und 0 wen -s, berufen, aber
es ist auf jeden Fall anmerkensw^erth, dass Rapp den
fraglichen Zahn bei dem ungebornen Walrossjungen nicht
gesehen hat, was sich nur so erklären lässt, dass dieser
Zahn noch nicht durchgebrochen war, oder dass er bis-
weilen gänzlich fehlschlagen kann.
Wiegmann ^), welcher die Frage über den Zahn-
bau des Walrosses einer umfassenden Discussion unter-
worfen hat, ist, indem er sich auf eine einzige Observa-
tion eines nicht norm al e n Falles stützt, zu einem fal-
schen Resultate gelangt. Er stellt nämlich als Regel hin,
dass das Walross fünf wirkliche Backenzähne im Ober-
kiefer und vier im Unterkiefer hat, ausser den Eck- und
Vorderzähnen. Obgleich dieses aller früheren und spä-
teren Erfahrung widerspricht, hat man doch der Ansicht
Wiegmann's eine solche Wichtigkeit beigelegt, dass sie
jetzt so zu sagen das Bürgerrecht in mehreren ausge-
zeichneten W^erken, ja sogar Lehrbüchern der Zoologie
gewonnen hat^). Daher muss es uns um so angelegener
sein, diesen Irrthum berichtigt zu erhalten. — Wie schon
bemerkt worden, ist die Alveole des vierten ^lilchbacken-
zahnes im Oberkiefer stets in bedeutend grösserer Ent-
1) M ü 11 e r's Archiv f. Anatom, und Physiol. 1844, S. 70. (Cra-
nium N. 1).
2) Odontography. 1840—1845, I. p. 510.
3) Archiv für Naturg. 1838, S. 113.
4) Giebel, Odontographie , 1855, S. 82, stellt nach Wieg-
(3—1) 1 (5—2)
mann's Vorgang folgende Zahnformei auf: >» q\ + "T + (pTZÖ)-
Van d. Hoeven, Lehrbuch der Zoologie, 1856, S. 738, nach Rapp
Ueber den Zahnbau des Walrosses. 197
fernung von dem letzten permanenten Backenzahn, als
die permanenten Backenzähne Ton einander sind. Bei
Cranien von jüngeren Thieren, im dritten oder vierten
Jahre, findet man, wenn auch höchst selten, eine kleine
heterogene Knochenmasse, welche einer kleineren zuge-
wachsenen Alveole völlig gleicht, in dem breiten Zwischen-
räume zwischen dem letzten Mahlzahn und der zuge-
wachsenen Alveole des vierten Milchbackenzahnes. Wieg-
mann, der diese kleine Knochenmasse zuerst gewahr
geworden ist, schliesst daraus mit grosser Bestimmtheit
nicht nur , dass hier ein kleiner Zahn gesessen hat, der
früh verschwunden ist, sondern er stellt es auch als Regel
hin, dass dieser Zahn beim Walross typisch vorkommt,
und dass dieses Thier also fünf Backenzähne im Oberkie-
fer hat. Ich hoffte, bei dem ungebornen Jungen diesen
Zahn wiederzufinden, doch vergebens. Auch ist es mir nicht
gelungen, ihn oder seine Alveole in einem der vielen Cra-
nien von jüngeren oder älteren Thieren, die ich unter-
sucht habe, zu gewahren. Doch will ich darum keines-
weges bestreiten, dass ein kleiner, überzähliger, früh ver-
schwindender Milchzahn hier bisweilen in diesem Zwi-
schenräume auftritt, aber ich halte es für über allen Zweifel
erhaben, dass dieser keinesweges typisch vorkommt, son-
dern vielmehr sehr selten ist. Ausser Wi eg mann, der
nur ein einziges Mal die Spur einer angefüllten Alveole
nach einem solchen Zahne gesehen, hat kein Verfasser
bis jetzt eines solchen Erwähnung gethan. Ich selbst habe
nur an zwei Cranien von Thieren im dritten Jahre der-
gleichen kleine besondere Knochenmassen in dem frag-
lichen Zwischenräume finden können , welche vielleicht
verwachsene Alveolen nach diesem überzähligen Milch-
zahne sein könnten, i^ller Wahrscheinlichkeit nach hat
aber W. Rapp diesen Zahn bei dem von ihm untersuchten
3 3 i i 5 5
und W i e ff m a n n : ? 5 ! B 1 a s i u s , Säugethiere
3—3 1—1 4—4'
Beutsehlands, 1857, S. 261— 262, nach Rapp und Wiegmann bei
, ^ 3—3 1—1 5—5
den Jungen : i ? -•
*^ 3_3' i_i 4_4
198 Malmgren:
ungcbornen Jungen gesehen, denn er redet davon, dass
der vierte Backenzahn im Oberkiefer auch einen entspre-
chenden Milchzahn gehabt habe. Da es inzwischen nach
demjenigen, was ich zu beweisen gesucht, unzweifelhaft
ist, dass dieser vierte Backenzahn selbst ein Milchzahn
ist, und daher von dem entsprechenden früheren Milch-
zahn desselben nicht die Rede sein kann, so scheint es
mir wahrscheinlich, ja gewiss zu sein, dass der von Rapp
erwähnte Milchzahn des vierten Backenzahnes eben dieser
überzählige Milchzahn war, der bisweilen eingeschoben
zu sein pflegt zwischen dem letzten permanenten Mahl-
zahne und dem vierten Milchbackenzahne im Oberkiefer.
Ein ähnliches zufälliges Vorkommen eines überzähligen
Zahnes im Milchzahnsatze beim Walrosse ist nämlich ein
keinesweges isolirt dastehendes Phänomen. In Cranien
der Phoca harhata Fabr. ist eine kleine Lücke zwischen
dem vierten und fünften Backenzahne im Oberkiefer, in
welchem nach Steenstrup's ^) Beobachtungen ein zufäl-
liger vierter Milchzahn bisweilen angetroffen wird, obgleich
nach demselben Forscher bei den sämmtlichcn nordischen
Arten des Geschlechtes Phoca nur drei Milchbackenzähne
an beiden Seiten im Ober- und Unterkiefer typisch vor-
kommen. Lilljeborg-) hat einmal einen kleinen über-
zähligen Zahn zwischen dem vierten und fünften Backen-
zahne im Oberkiefer beim Haliolwerus grypus Fabr. ge-
sehen, obgleich nach N or d m an n^j nur drei Milchbak-
kenzähne bei diesem Thiere vorkommen. Im Stockholmer
Reichsmuseum wird ein Cranium von Cystopkora cristata
Erxl. verwahrt, welches an der einen Seite im Oberkiefer
einen sechsten Backenzahn hat, obgleich es der Regel
gemäss nur fünf Backenzähne hat. Nach 0. Fabricius
und Steenstrup^) soll ein überzähliger sechster Bak-
1) Maelkhetandsaettet hos Remmesaelen, Svartsiden og Fjord-
saelen; Vidensk. Meddelelser. Kjöbenhavn for 1860, p. 251.
2) Upsala Vetcnskaps-Societetens Arsskrift, I, 1860, p. 297.
3) Das Gebiss von Halichoerus grypus und Phoca annellata,
Paläontologie SüdvnsslandR S. 301.
4) Vidensk. MeddcJelser ibr 1860, p. 260. *
üeber den Zahnbau des Walrosses. 199
kenzahn sehr oft bei Phoca groenlandica Muell. und Ha-
lichoerus grypus Fabr. gefunden werden. Sollte man
berechtigt sein, was Wiegmann gethan hat, hinsichtlich
des Zahnbaues beim Walrosse einen iVusnahmefall zur
Regel zu erheben und die grösste Anzahl Zähne immer
für die normale anzusehen, so müsste die Zahnformel bei
allen diesen ßobbenthieren, bei welchen überzählige Zähne
angetroffen werden, in Uebereinstimmung mit diesem von
Wiegmann befolgten Prinzipe geändert werden. Die
Ungereimtheit einer solchen Forderung wird aber zu
allem Glücke von jedem Zoologen eingesehen, und damit
ist denn auch Wiegmann's Formel für den Zahnbau
des Walrosses gefallen. Eine allgemeingültigere und zu-
gleich vollständigere Zahnformel für dieses Thier kann
nicht in Frage kommen, als die von uns für seinen Milch-
3 3 \ \ 4 4
zahnsatz aufgestellte : w—^^ TTZT' 4 4 ^^^ ^^'
Owen ^) hat gefunden, dass das ausgewachsene
Walross in dem Oberkiefer an jeder Seite einen Vorder-
zahn, einen Eckzahn und drei Backenzähne, so wie im
Unterkiefer vier Zähne an jeder Seite hat. Den ersten
Zahn des Unterkiefers hält auch Owen für einen Bak-
kenzahn, welches beweist, dass ihm Rapp's oben citirte
Abhandlung unbekannt gewesen ist. Owen hat doch
Gelegenheit gehabt, auch ganz junge Walrosscranien zu
untersuchen, in denen er drei Vorderzähne im Ober- und
zwei im Unterkiefer an beiden Seiten gefunden hat, und
er glaubt auf Anlass dessen, dass bei dem jungen Wal-
rosse die gleiche Anzahl von Zähnen vorkommt, wie bei
der PhoGa, denn er sagt. „In the Walrus the phocal in-
cisive formula is transitorily represented in the verj young
animal, which has three teeth in each intermaxillary bone
and two in each side of the forepart of the lower jaw.'*^
Dieses ist gleichwohl übereilt , denn bei dem ungebor-
nen Jungen kommen, wie ich in Uebereinstimmung mit
Rapp's früher gemachter Observation gezeigt habe, drei
Vorderzähne an jeder Seite sowohl im Ober- als im Un-
1) Odontographie, 1840—45. h p. 510.
200 Malmgren:
tcrkiefer vor. Bei einem Jung-en mit Hauern von der
Länge eines Zolles, also im zweiten Jnlire, hat auch
Owen einen kleinen vierten Backenzahn hinter den drei
permanenten gesehen.
Der vollständige Zahnsatz beim Walrosse kann nach
Nilsfon, Skandinavisk Fauna, IV, 1847, p. 317 durch
2 2 1 1 4 4
diese Formel ausgedrückt werden: yzIä^ l^^' 4^* ^^
ist deutlich, dass die am längsten sitzenbleibenden Milch-
zähne noch in den von Nilsfon untersuchten Cranien
vorhanden waren; denn wenn wnr aus dieser Zahnformel
den letzten vierten Backenzahn oben und unten, die mitt-
leren Vorderzähne im Oberkiefer nnd die Vorderzähne
im Unterkiefer entfernen, so bleibt die richtige Formel
für den permanenten Satz übrig. Der Verfasser giebt
auch selbst Anlass zu einem solchen Verfahren, da er von
allen diesen Zähnen sagt, dass sie klein sind und früh
ausfall en.
Die Eigenthümlichkeit, dass die IMilchzähne grössten-
theils schon im Mutterieibe weggehen, kommt nicht dem
Walrosse ganz allein zu, sondern sie begegnet uns bei
den sämmtlichen Phocaceen, so wie, nach Owen (Odon-
tography I, p. 423) bei Talpa und Sorex. A. v. Nord-
mann ^) hat einen vollständigen Milchzahnsatz nebst dem
künftigen permanenten an einem Fötus des Haliclioerus
grypus Fabr. beschrieben und dargethan, dass die Milch-
zähne schon vor der Geburt verschwinden. Nord mann
ist der Erste, der bei dieser Gelegenheit die Aufmerk-
samkeit darauf gerichtet hat, dass auch bei der Phoca
ayitiellafal^Ws. (= Ph. hi'spicIoY.rx].) der Milchzahnwechsel
schon im Mutterleibe geschehen muss, welches Steen-
strup ^) späterhin vollständig bestätigt hat. Steenstrup
hat bei dieser Gelegenheit bewiesen, dass auch Phoca
harhafa Fabr. und Phoca groenlandica Muell. ihre Milch-
zähne vor oder zu der Zeit der Geburt verlieren, und
(1. c. S. 256, Note) die berechtigte Vermuthung hinge-
1) Paläontologie Südrusslands, S. 301—310.
2) Vidensk. Meddel. for 1860, p. 251.
lieber den Zahnbau des Walrosses. 201
worfen, dass Cystophora crisf afa Erxl. es eben so macht.
Blainville^Nilsfon, Owen und L illj ebo rg ^) haben
schon vorher einen eben so frühen Milchzahnwechsel bei
dem Geschlechte Otaria wahrgenommen. — Während der
Milchzahnsatz bei Otaria , HaliGhoerus und Vhoca durch
eine und dieselbe Formel, -^ ? - — -i --— • ansgedrückt
werden kann, ist sie dagegen beim Walrosse sehr ab-
weiehend, denn sie gestaltet sich so: - — - i — — r ? jzX -^^"^^
gleiche Anzahl Yorderzähne oben und unten beim Wal-
rosse deutet schon sehr bestimmt auf eine Entfernung von
der Gruppe der Phocaceen und eine Annäherung an die
der Mustelinen hin. Steenstrup und SundevalP)
haben schon vor einiger Zeit wegen des Knochenbaues
des Walrosses diesem Thiere einen Platz im Systeme zwi-
schen Phocaceae und Mustelinae, zunächt an Lutra und
Enhydris, angewiesen, ein Verfahren, dessen vollkommene
Berechtigung jetzt auch dargethan wird durch die Anzahl
der Milchvorderzähne im Unterkiefer, und wodurch die
Fam. Pinnipedia Illig in Yam. Mustelina aufgegangen ist.
Eine andere noch grössere Abweichung in dem Milch-
zahnsatze des W^alrosses, deren volle Bedeutsamkeit ich
noch nicht beurtheilen kann, ist die , dass die Zahl der
Milchbackenzähne grösser ist als die der permanenten, wäh-
rend dieselbe dagegen bei Phoca, HaliGhoerus und Otaria
geringer ist. Bei Phoca und HaUc.hoerus sind die Bak-
3 3
kenzähne im Milcbzahnsatze - — - und in den permanenten
5 5 ^ ^ ^ ^ 4 — 4
- — -) während die Milchbackenzähne beim Walrosse - — -
5 — 5 4 — 4
3 3
und die permanenten nur - — - sind. DieserUmstand ent-
fernt das Walross noch mehr von der Gruppe der Pho-
caceen.
1) Upsala Vet.-Soc. Arsskrift, I, 1860, p. 297.
2) Öfversigt af Kongl. Vetenskaps - Akademiens Förhandlingar
1859, g. 441.
202 Malragren: üeber den Zahnbau des Walrosses.
Erklärung tlor Abbildungen.
Taf. V.
Fig. A. Oberkiefer, Fig. B. Unterkiefer eines ungebornen Walross-
jungen in natürlicher Grösse.
1. Letzter (vierter) Milchbackenzahu von der linken Seite des
Unterkiefers in nat. Grösse.
.. 2. Zweiter Milchbackenzahn von der linken Seite des Unter-
kiefers, so resorbirt, dass nur das Email der Krone übrig
ist, von oben gesehen, in nat. Grösse und vergrössert.
,. 3. Erster Milchbackenzahn von der linken Seite des Unter-
kiefers, in nat. Grösse.
,. 4. Milchbackenzahn von der linken Seite des Unterkiefers, in
nat. Grösse.
,. 5. Aeusserer Milchvorderzahn von der linken Seite des Un-
terkiefers, in nat. Grösse.
,. 6. Mittlerer Milchvorderzahn von der linken Seite des Unter-
kiefers, in nat. Grösse.
„ 7. Vierter Milchbackenzahn von der rechten Seite des Ober-
kiefers, in nat. Grösse.
„ 8. Zvreiter Milchbackenzahn von der rechten Seite des Ober-
kiefers, in nat. Grösse.
„ 9. Oberer Milcheckzahn vom Oberkiefer, in nat. Grösse.
„ 10. Aeusserer Milchvorderzahn von der rechten Seite des Ober-
kiefers, in nat. Grösse.
„11. Mittlerer Milchvorderzahn von der rechten Seite des Ober-
kiefers, in nat. Grösse.
y, 12. Erster permanenter Backenzahn von der rechten Seite des
Oberkiefers, in nat. Grösse.
,. 13. Dritter permanenter Backenzahn von der rechten Seite des
Unterkiefers, in nat. Grösse.
.. 14. Aeusserer permanenter Vorderzahn von der rechten Seite
des Oberkiefers, in nat. Grösse.
„ 15. Die Alveolen der Innern Milchvorderzähne im Oberkiefer.
„ 16. Dieselbe im Unterkiefer.
„ 17. Der permanente Eckzahn im Oberkiefer.
„ 18. Derselbe im Unterkiefer.
„ 19. Die drei permanenten Backenzähne im Oberkiefer.
„ 20. Dieselben im Unterkiefer.
lieber die GattiingeD Estheria und Limnadia und
einen neuen Apus.
Von
Professor Dr. Ed. Grube.
(Hierzu Taf. VIII— XI.)
Was ich in meinen ^Bemerkungen über die Pliyl-
lopoden'^ in Betreff der Estherien und Limnadien gesagt
habe^ beruhte hauptsächlich auf den xVngaben von Joly
und Milne Edwards und einer theilweiscn Prüfung
derselben an einigen Weingeistexemplaren einer Estheria
und konnte nur in so fern genügen, als es darauf ankam,
die Eigenthüralichkeiten der Gattung Limnetis hervor zu
heben. Gegenwärtig bin ich durch die Untersuchung meh-
rerer Exemplare von verschiedenen Estheriaarten und von
Limnadia Hermanni , welche ich der bereitwilligen Mit-
theilung der Herrn Prof. v. Sicbold, Brandt, v. Mid-
dendorf, Peters, Claus, de Fillipi, Dr. Rüppel,
Seb. Fischer und Chyzer verdanke, in den Stand
gesetzt, näher auf diese Gattungen einzugehen und als
Nachtrag zu meiner erst genannten Arbeit eine ausführ-
liche Charakteristik dieser beiden Genera zu liefern.
Ueber die 4te Gattung der PhvUopoden mit zweiklappi-
ger Schale, die 1854 von Leidy aufgestellte Limna-
della ^), kann ich leider aus eigener Anschauung nicht
berichten.
Die Zahl der Estheriaarten ist seit Veröffentlichung
1) Proceedings of the Academy of natural science of Philadel-
phia Vol. VU. p. 3.
204 Grube:
meiner Schrift über die Phyllopoden ') «ausserordentlich ver-
mehrt worden, man kennt jetzt, vorzugsweise durch Baird,
nicht nur eine ansehnh'che Reihe lebender, sondern auch
über ein Dutzend fossiler Arten, von welchen einige zwar
schon früher beschrieben aber als Muscheln (Posidonia,
Posidonomya, Asmussia, Sanguinolaria, Cyclas) aufgeführt
waren, eine Verwechslung, die das Interesse für diese
Crustaceen noch erhöhen musste. Auch von den meisten
lebenden Species lagen ßaird nur die Schalen vor, und
wo ihm das Thier selbst zu Gebote stand, hat er vielleicht
wegen schlechter Erhaltung desselben nur auf einzelne
Körpei'theile Rücksicht genommen, und es sind daher in
diesem Betrachte die Untersuchungen von Claus, Chy-
zer, Crivelli, S. Fischer und Klanzi nge r, obwohl
sie sich nur auf einzelne Arten beziehen^ besonders will-
kommen gewesen. Lebende Estherien hahe ich bisher
leider eben so wenig als lebende Linmadien zu beob-
achten Gelegenheit gehabt, ich muss daher vorläufig mei-
stens Verzicht darauf leisten, in die anatomischen und
histologischen Verhältnisse tiefer als meine Vorgänger
einzudringen.
Familia Limnadiacea.
Corpus adultorum testa bivalvi cornea inclusum, palllo
canales figuram ovalem componentes contlnente. Caput
inclinatum, mobile Incisura verticis munitum, subtus com-
pressum rostriforme vel spatulatum. Ocw/2 compositi ^^rquo,
confluentes, oculus qui dicitur sImplex, sub IIs sItus. Aii-
tennae anteriores simplices filiformes vel clavaeformes ; a.
posteriores (exteriores) fortlores, natatorlae, bifurcae, lon-
gisetes, raro simplices (Limnadella). Lahrurn retro spe-
ctams, productura. MancHbulae 2, maxillarum paria2 Ye\l
(anterlus). Pediim paria 10 ad 27. Fedes niagnltudine ma-
xime decrescentes, laminares, margine interno incisuris 5
lobatae, lobo supremo humlli triangulo vel falciformi, pro-
ximo cctcris altiore, his altltudine decresceutibus, longi-
1) Grulx:- Bemerkungen über die Phyllopoden 1853 (Archiv
f. Naturgesch. XIX. p. 71).
Heb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 205
tudine crescentibns, omnibns setosis, margine externo
appendicibus branchialibus 2 mnniti , altera laminari setosa,
longftudine pedis, superne basin elus excedente, altera
inter illam corpnspue interlecta^ utriculari niida. Pecles
maris anteriores 1 vel 2 in ungues exeiintes^ medii fcr-
minae aliquot ad ova gestanda instructi. Segmevta corporis
posteriora dorso serle spinulariim setarumve ornata vel
nuda; posiremum pedibus carens in laminas verticales
parallelas excurrens.
Larvae (Estheriae et Limnetidisj sciito dorsuali teetae,
capite haud mobili^ ocnlo soio^ quem dicnnt simplici, labro
scutiformi, extremitatibus cephalicis natatoriis utrinque 2
(antennis posterioribus raandibulisque lespondcntibiis). Es-
theriae recentes natae nudae, Limnetides hac aetate ignotae.
1. Estheria Rüpp. {Cyzicus Aud., Isaura Joly.)
Testa a latere visa subovata vel siibovalis raro snb-
tetragona vel suborbiculata^ dorso late rotundato, subtus et
postice compressa, umbonibns anticis praedita, zonis incre-
menti 7 ad 80 impresse-areolatis punctatisve vel striolatis,
setis marginis microscopio distingnendis. Caput infra
oculos compressnm, in apicem latiorem (c^) vel angustiorem
($) excurrens. Oculi compositi paene horizontales. A?2-
tennae anteriores filiformes (in r^ longiores, crassiores)
servatae, articulis 12 ad 17, a. ijosteriorum rami multo
longiores, articulis subquadratis 11 ad 17 (raro). Labrum
in foliolum verticale exiens. Mandihulae margine tenerrime
crenulatae, inaxiUarum paria 2. Segmenta corporis 25 ad 27
posteriora dorso pectine spinularum transverso ornata;
laminae postremi productae trapezoideae, margine supero
spinulis minimis armato, ut infero in uncum magnum re-
curvum exeunte; uncus inferus mobilis. Pedes utrinque
24 (ad 27 vel 28), lobo tarsali et proximo tibiali solis
angustis elongatis, appendice brancliiali nuda in omnibus
exsistente. Pedes maris anteriores utrinque 2 unguibus
distincti, lobo unguibus opposito paleis inferioribus*bre-
vissimis coacervatis armato, setis nuUis; />. paris 9^^ et 10°^^
feminae ad ova gestanda idonei.
206 Grube:
Der Kopf der Esthcricn ist im Verhältnisse zum
Leibe minder anschnllcli als bei Limnetis, aber wie hier
ganz abwärts gerichtet (Taf. VIII Fig. l ; IX. Fig. 6):
seine obere Hälfte bis unter die Augen ist breit, und an
der Vorderseite scharf gewölbt mit einem Längskiel, die
untere vor den Seiten zusammengedrückt wie ein Beil-
eisen mit nnch hinten gerichteter Schärfe und nach vorn
liegendem Rücken. Doch hat sie seitlich betrachtet mei-
stens nicht sow^ohl die Form eines Beils als eine drei-
eckige, wie eine breite, nach unten gerichtete Lanzen-
spitze t Taf. IX. Fig. 3j, ganz abweichend von der ge-
krümmten an den Papageischnabel erinnernden Gestalt
der Limnetis. Die obere Hälfte des Kopfes geht allmäh-
lich sich verschmälernd in die untere über, so dass er
von vorn gesehen sich mit einem Kelche vergleichen
lässt, an welchem jene den Körper und diese den dünnen
Stiel des Fusses darstellt, der sich jedoch unten nicht
mehr in eine Scheibe ausbreitet (Taf. IX. Fig. 5). An der
verschmälerten Partie unterhalb der Auo;"en erhebt sich der
rechte und linke Rand der Vorderliäche in einen Saum,
der immer niedriger werdend zwischen dem Auge und
dem Ursprünge der Ruderantennen zuletzt wie eine blosse
Naht bis zur Basis der Mandibeln emporsteigt, welche an
der hinteren Grenze des Kopfes liegen, von der entgegen-
gesetzten Seite, vom Scheitel her bemerkt man hier einen
tiefen Einschnitt, nicht bloss eine Einkerbung wie bei
Limnetis. Was man schlechthin den Kopf der Estherien
nennt, ist nur die Partie, die die Sinnesorgane (Antennen
und Augen) und die Oberlippe trägt, und im Innern die
drüsigen Anhänge des Magens beherbergt, Mandibeln und
Maxillen liegen dnhinter. Rechnet man die Mandibeln auch
zu den Kopfanhängen, so würden wir hier einen deutlich
geschiedenen Vorder- und Hinterkopf haben, und jener
würde einigermassen dem Kopflappen der Anneliden zu
vergleichen sein. Wenn das Thier die Klappen seiner
Schale schliesst, wird der Kopf eingekrümmt, so dass
seine" Spitze wie die seinen Seiten anliegenden Ruderan-
tennen nach hinten gestreckt ist, und letztere zwischen
den beiden Reihen derFüsse zu liegen kommen; die ein-
Ueb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus 207
fachen Antennen^ welche nach innen von den Ruderan-
tennen nnd hinter ihnen entspringen, sind dann völlig
versteckt.
Claus hat zuerst darauf aufmerksam gemacht, dass
die Gestalt des Kopfes wie bei Limnetis nach dem Ge-
schlechte verschieden sei ^), dies bestätigt sich auch bei
den von mir untersuchten Arten. Bei den Weibchen
läuft der Kopf immer schnabelförmig in eine Spitze aus,
bei den Männchen ist diese entweder abgestumpft oder in
eine Schneide verwandelt, welche mit Vorder- und Hinter-
rand abgerundet rechte Winkel bildet, so dass derselbe
seitlich betrachtet ein längliches Viereck darstellt. Ersteres
finde ich bei Esther ia donaciformis (Taf. IX. Fig. 2, 5 cT,
3, 6 $ ', letzteres bei den anderen Arten. Immer ist der un-
terhalb der zusammengesetzten Augen liegende Theil des
Kopfes bei den Weibchen kürzer ais bei den Männchen,
beide verhalten sich bei E. donaciformis wie 3:4, sein
Ende schneidet bei letzteren mit der Gabeltheiiung der
Antennen ab, bei ersteren reicht sie nicht so \veit. Einen
zweiten Geschlcchtsunterschied bieten die inneren oder
einfachen Antennen dar, welclie bei den Männchen be-
ständig sehr viel (bis 3 mal) dicker und länger als bei den
Weibchen sind; bei den Männchen haben sie die Gestalt
einer am Vorderrande grob- und stumpfzähnigen Säge,
an der, wie die entsprechenden schwachen Einkerbungen
des Hinterrandes beweisen, jeder Zahn ein Glied bezeich-
net, ohne dass man durchg-ehende Gliedg-renzcn zu er-
kennen vermag, man zählt je nach der Art 12 — 24 Glie-
der, bei E. Gilioni Baird werden nur 4 angegeben. Bei
den Weibchen stellen die Antennen einen dünnen schwach
und ungleich gekerbten Faden vor, an dem durchaus
keine Gliederung wahrnehmbar ist. Auch finde ich die
von L ey d I g bei den Daphnien endeckten und von Claus
bei Estheria ebenfalls nachgewiesenen Tastkörperchen nur
an den Antennen der Männchen ausgeprägt (Taf. IX. Fig. 9).
Bei E. donaciformis ragt von jedem dieser Böhrchen, die
mit einem bläulich glänzenden Körperchen aufhören, ein
1) Beiträge zur Kenntniss der Entomostraken p. 16.
208 Grube:
zartes langspindelförraiges etwas trübes Bläschen vor, und
über die Haut hinaus. Beim \\ eibchen vermisse ich letz-
tere gänzlich, und wenn jene Röhrchen wirklich vor-
handen sind, sind sie zum mindesten äusserst klein.
Dagegen zeigen sich die äusseren unmittelbar
neben den inneren sitzenden oder Ruderantennen in
beiden Geschlechtern gleich gebildet : ihr kurzer kräftiger
Stamm scheint mit Ausnahme des ersten und letzten ganz
schmalen aus 7 Ringeln zu bestehen, die aussen mit einer
Querreihe von Borsten besetzt sind und reicht beim Männ-
chen höchstens bis zum Ende des hier längeren Kopfes,
beim Weibchen weiter hinaus. Die beiden Aeste , in die
er sich spaltet, sind gleich stark, doch der vordere etwas
kürzer und die Zahl seiner Glieder oft um 1 oder 2 kleiner.
Am hinteren Ast beträgt sie bei den von mir un-
tersuchten Arten 13 bis 17, bei E. mexicana nach Claus
bis 21, ohne für jede ganz constant zu sein, was auch
von den inneren Antennen gilt, aber bei E. Gihoni soll
sie nach Baird auf 7 sinken. Alle Glieder sind am
Vorderrande mit einer doppelten Längsreihe kürzerer
dornartiger, am Hinterrande mit einer eben solchen von
sehr viel längeren haarartigen besetzt. Alle Borsten sind
durch ziemlich starke und weitläufig stehende Nebenbor-
sten gefiedert, aber an der Basis der Borsten, welche den
Stamm der Antennen besetzen, ist die Basis kahl und
an den dornartigen vorderen Borsten der x\este gehen
die Nebenhaare gewöhnlich ganz verloren (Taf. IX. Fig. 10).
Die sonstige BcschaÖ'enheit der Borsten gleicht der der
Fussborsten, nur dass letztere bei weitem zarter sind.
üeber die Beschaffenheit der so nahe zusammenge-
rückten zusammengesetzten Augen und des sogenannten
einfachen Auges habe ich den Bemerkungen von Claus
wenig hinzuzufügen: auch bei E. donaciformis finde ich
die Krystallkegelchen, deren Zahl weit grösser als bei
Limnetis ist, und sich wohl auf 90 oder mehr belaufen
mag, mit 2 um 180^ von einander abstehenden Längs-
furchen versehen. Bei den Männchen dieser Art ist das-
selbe oft grösser als bei den Weibchen, und kaum eine
Andeutung von einer Theilung in 2 Hälften erkennbar,
Ueb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 209
während diese beim Weibchen besonders von hinten her
deutlich getrennt sind.
Die Gestalt des sogenannten einfachen Auges
verdient in die Charakteristik der Species aufgenommen
zu werden, da dieselbe bei verschiedenen Arten verschieden
ist und mitunter gar nicht mehr an ein Auge erinnert.
Bei E. cycladoides und tetracera erscheint es seitlich ge-
sehen dreieckig mit verlängerten Ecken iTaf. IX. Fig. 11),
bei E. mexioana und donaciformis mehr wie eine schräg
nach unten und hinten laufende schwärzlich eingefasste
Binde (Taf. IX. Fig. 3J, bei E. dahalacensis wie eine Re-
torte mit gekrümmtem, nach vorn gerichteten Halse, bei
E. Jonesi wie ein etwas welliger scharf gebogener Strang,
von sehr abstechender silbergrauer ' Farbe , dessen eines
Ende fadendünn zwischen den zusammengesetzten Augen
beginnt und dessen anderes sich wie eine schmale Scheibe
verbreitert.
Der Kiel am Hinterrande der unteren Partie des Kopfes
endet an der Basis der nach hinten gestreckten ziemlich
gleich schmalen leicht nach unten convexen Oberlippe,
zwischen den Ansätzen der einfachen inneren Antennen.
Die Oberlippe ist oben etwas ausgehöhlt und läuft in
in 2 kurze seitliche Ecken und ein mittleres nach unten
gerichtetes dünnbehaartes Zäpfchen aus. Unmittelbar über
ihr begegnen sich die Schneiden der beiden Mandibeln,
die sie nach hinten noch etwas überragt.
Die kräftigen mit einem scharfen Knie in das kurze
Kaustück umbiegenden Mandibeln erkennt man sogleich
an ihrer horngelben Farbe und festeren Consistenz. Der
lange an der Hintergrenze des Kopfes herabsteigende
Schenkel des Knies beginnt spitz, verbreitert sich dann
und wölbt sich nach Länge und Breite. Die Schneide des
Kaustücks ist nur mit einer Reihe ganz winziger Kerben
besetzt und entbehrt des einzelnen grösseren und stär-
keren Zahnes der sich bei Limnetis findet.
Das kurze auf den Kopf folgende, bis zum Iten Fuss-
paar reichende ungeringelte Stück des Körpers könnte
dem Thorax entsprechen. Er ist oben von einer wenig
consistenteren Rückenplatte bekleidet, und breitet sich
Archiv für Naturg. XXXI. Jahrg. 1. Bd. 14
ÖlO Grube:
gleich dahinter in die zweiklappige Schale aus, die ihm
allein angehört, aus seinen Seiten tritt der starke dreh-
l'unde zum Schliessen der Klappen bestimmte Muskel
hervor, und seine einzigen beiden Extremitäten sind die
2 Maxillenpaare. Claus meint, dass nur Joly ein Paar
derselben übersehen, S trau s s-Dür c khei m aber beide
richtig erkannt habe ; ich glaube, dass beide Forscher
dieselben Mundtheile vor sich gehabt, aber verschieden
gedeutet haben, und dass ihnen beiden das wahre 2te
Maxillenpaar entgangen sei Zwischen den Mandibeln
selbst nämlich und ganz von ihnen verdeckt verlängert
sich der Rand der Mundöffnung jedcrseits in einen mit
Haaren besetzten spitzen Zipfel, den Joly 1. c. pl. 8,
Fig. 23 mit d bezeichnet^ und nach S a vi gny's Vorgange
bei Apus als languette oder levre inferieure deutet. Be-
trachtet man Strauss-D li r ckheims Abbildungen, so
erkennt man in P'ig. 10 denselben Theil wieder, er be-
schreibt ihn als „kleinen hornigen kegelförmigen nach
innen gebogenen Körper, der an seinem inneren und äus-
seren Rande mit einer Reihe kleiner Nadeln versehen ist,
Welche dazu dienen, die Nahrung in den Schlund zu
bringen^, deutet ihn aber als Ites Kieferpaar, was auch
Z ad dach hei Äpus cancriformts thufc. Die Aehnlichkeit
dieses Theiles und Sa vi gny's langue bei unserm Fluss-
krebs nach Lage und Gestalt scheint mir unverkennbar.
Ebenso stimmen andererseits Joly's einziges Maxillenpaar
(pl. 8, Fig. 23, a) und Strauss-Dürckheims 2tes Ma-
xillenpaar (1. c. Fig. 11) überein, welches ich mit Claus
(1. c. tab. IIL Fig. 41, b) für das Ite halte. Es liegt un-
mittelbar hinter den Mandibeln, ähnelt den nach innen
gebogenen breiten Armen einer Kneipzange und fällt durch
die Reihe glänzender Borsten auf, mit denen die breite
Schneide besetzt ist. Das 2te kleinere ebenfalls randhaa-
rige, aber zartere Maxillenpaar hat bei Estheria erst Clauö
entdeckt und abgebildet (1. c. Fig. 41, c), ich habe es
ebenso bei Estheria wie bei Limnadia gefunden, glaube
aber, dass noch ein anderer Theil zu ihm gehört, den
Claus übersehen haben muss. Dies ist ein nach aussen
von ihm und gleich hinter den Mandibeln sitzender in
Ueb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus, 211
der natürlichen Lage gegen den Rücken aufsteigender
zarter grifFelförmiger Anbang, bei E, donaGiformis etwa
von der Dicke des oberen äusseren Brancbialanbanges
vom Iten Fusspaare des Weibchens^ der bis an den Scba-
lenschliessmuskel reicht^ und bei seiner Länge und freie-
ren Beweglichkeit dem Beobachter am wenigsten entgehen
kann^ wenn er diese Partie von der Flanke her betrach-
tet (Taf. IX. Fig. 7 m-). Die Zusammengehörigkeit des
2ten Mäxillenpaars und dieses Griffelchens fällt bei den
genannten Gattungen weniger als bei Apus in's Auge,
wo beide Theile gross genug sind, um sich von ihrer
Contiguität zu überzeugen, sie verhalten sich hier wie eine
Palpe zu ihrer Lade. Savigny hat diese Organe als
2tes Maxillenpaar, Z ad dach als 3tes Thoraxfusspaar auf-
geführt (de Apodis cancriformis anatome p. 2) und darge-
stellt (L c. tab. L Fig. V. G., Fig. VI. tab. IV. Fig. XXVI);
ich füge hier meine Abbildung derselben Theile von Apus
mimidicus bei (Taf. XL Fig. 14 b. m-), wo der Aussenast
nicht lappenförmig wie bei A. caacriformisj sondern grif-
feiförmig wie bei Estheria erscheint. Auf die Schale
werde ich später zu sprechen kommen.
Was auf diesen Abschnitt folgt ist ein gestreckter
deutlich geringelter sich allmählich verjüngender Leib
der mit einem ansehnlicheren in 2 verticale Blätter aus-
laufenden Segmente endigt. Obwohl ganz unter der Schale
versteckt, ist doch der Rücken von keinem seiner Seg-
mente mit ihr verwachsen, sondern alle nur von der Haut
des Leibes bedeckt, und zwar erhebt sich der Hinterrand
an jedem der hinteren 14 bis 16 Ringel , so dass der
gesammte Oberrand des Leibes einer grobzähnigen Säge
gleicht, und ist mit Borsten oder Stacheln besetzt. Sie
stehen in Querreihen, welche je näher dem Endsegmente
um so schmäler werden, und die Zahl der Borsten und
Stacheln ist je nach den Arten verschieden. Beide Ge-
bilde gehen allmählich in einander über, auf der vorderen
jener 14 bis 16 Körperringe sind sie immer länger und
dünner, mehr haarförmig und mit Nebenhaaren besetzt,
auf den hinteren werden sie kürzer und stärker, und er-
scheinen ohne letztere, ganz glatt und zugleich consi-
212 Grube:
stenter. Ebenso Ist die Gestalt des Endsegmentes für die
Unterscheidung der Arten von Wichtigkeit. Es trägt an
seinem Hinterrande 2 haarförmige emporstehende gefie-
derte Rückenborsten, hinter ihnen beginnt die Spaltung
in die verticalstehenden Endblätter, deren Gestalt lang
viereckig ist , mit hakenartig ausgezogener oberer Hin-
terecke, während an der unteren ein noch längerer ein-
gelcnkter horinzotal fortgestreckter Haken sitzt, beide
sind emporgekrümmt. Der Rückenrand des Hakens ist
mit einigen gefiederten Borsten, der Rückenrand der Blät-
ter selbst bei allen Arten mit einer Reihe von Zähnchen
besetzt, welche entweder dünn und lang wie Kammzähne
oder derber und kürzer aussehen, im ersteren Fall gleich-
massig fortzulaufen pflegen, im letzteren meist an Grösse
wechseln, oft auch weitläufiger gestellt sind. Bei den von
mir untersuchten Exemplaren einer und derselben Art
fand ich das Verhalten der Zähne ebenso wenig bedeu-
tenderen Schwankungen unterworfen, als bei den ver-
schiedenen Arten verschieden, ich halte daher die Anord-
nung und Beschafienheit jener Zähnchen des Endseg-
mentes für einen guten Artcharakter, es scheint jedoch,
dass dieselbe bei manchen Arten nach dem Geschlechte
verschieden ist, so fand ich bei den mir zur Gebote ste-
henden Männchen der E. cycladoides die Zähnchen we-
niger zahlreich als bei den Weibchen.
Ein Grund, diesen so gestalteten Leib in ein Abdo-
men und Postabdomen scheiden zu wollen, liegt meines
Erachtens nicht vor, denn weder aus der Muskulatur noch
aus der Beschafienheit der Füsse, noch so viel man weiss,
aus der Entstehung der Segmente lässt sich ein solcher
Gegensatz herleiten, will man eine andere und hintere
Abtheilung des Abdomens nach der Analogie von Apus
und Branchipus machen, so würden die zum Tragen der
Eier bestimmten Füsse die Grenze beider bezeichnen.
Jedes Segment des Leibes, das letzte in der Regel
ausgenommen, trägt ein Fusspaar und bei den von mir
untersuchten Arten sinkt die Zahl meist, sowohl bei Männ-
chen als bei Weibchen, nicht unter 24, steigt jedoch zu-
weilen auf 26 und 27, nach Crivelli sogar bis 28.
Ueb. d. Gattungen Estlieria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 213
Im Baue der blattförmigen durch Einkerbungen oder
tiefere Randeinschnitte lappigen Füsse zeigt sich im All-
gemeinen bei den verschiedenen Arten eine grosse Ueber-
einstimmung; etwas mehr weichen die Füsse eines Indi-
viduums an den verschiedenen Körpersegmenten von ein-
ander ab. In der Regel sind der 5te bis 8te die ansehn-
lichsten, vom Iten bis zum 5ten nimmt die Länge nur
wenig zu, vom 8ten oder 9ten aber bis zum letzten merk-
lich ab, wobei die Füsse verhältnissmässig breiter werden.
Der Plan im Baue des Fusses ist derselbe wie bei
Limnetis. Es lässt sich an ihm ein Stamm und 2 von
seinem Aussenrande abgehende Anhänge unterscheiden
(Kiemenanhänge oder Branchialanhänge Taf. VIII. Fig. 3),
ein äusserster, am Rande mit Borsten besetzter in einem
oberen (b') und unteren Ast (b") auslaufender, schmal
blattförmiger und ein zwischen diesem oberen Ast und dem
Stamme des Fusses sitzender, borstenloser wie ein schlauch-
förmiger Beutel gestalteter (b\ Der Stamm hat im Allge-
meinen die Form eines oben breiten nach unten sich all-
mählich mehr oder minder verschmälernden Blattes, dessen
Innenrand durch kurze Kerben in Lappen getheilt ist.
Ausser dem an der Basis sitzenden weit nach innen vor-
springenden sensenförmigen Maxillarfortsatz (M") kann
man 5 solcher Lappen zählen, wie bei Limnetis, sie nehmen
vom obersten bis zum 4ten (P bis 1*) an Länge ab , an
diesem sitzt ein griffeiförmig gestreckter aber plattge-
drückter nach unten und innen gerichteter Anhang, und
der 5te Lappen (P), der die äusserste Spitze des Fusses
bildet, ist ähnlich wie dieser gestaltet, nur etwas breiter
und länger, er pflegt mit dem unteren Ast des borsten-
randigen Branchialanhanges abzuschneiden. Der Anhang
des 4ten Lappens verschwindet an den mittleren Füssen
(etwa vom 14ten bis 16ten an), der obere Ast des borsten-
randigen Kiemenanhanges (b') und der schlauchförmige
Beutel (b) an den hintersten (etwa vom 20ten an), nach-
dem sie sich allmählich verkürzt haben. Die Lappen des
Innenrandes werden hier gleich gross , und kjeiner als
der Maxillarfortsatz, und dieser bekommt einige grös-
sere Stacheln am Rande. Das Abweichende von Limnetis
214 Grube:
zeigt sich darin: 1) dass der Maxillarfortsatz nicht drei-
eckig sondern sensenförmig aussieht, emporgebogen und
mit einer Reihe antfallend stark gekrümmter, vom Grunde
nach der Spitze an Länge zunehmender Borsten besetzt
ist (Taf. IX. Fig. 14) ; 2) dass der 3te Lappen des Stam-
mes (P) dem 2ten (1-) ähnlich und nur der 4te (durch
seinen Anhang) und der 5te griffeiförmig lang sind, wäh-
rend bei Limnetis die 3 unteren Lappen diese Gestalt
besitzen, und hierdurch die obere Hälfte des Fusses sich
gegen die untere stark absetzt. In beiden Fällen ist es
die obere Hälfte mit dem Lappen P und 1-, an deren Aussen-
rande der borstenrandige ßranchialanhang (b') entspringt;
3) dass der Anhang des 4ten Lappens unbehaart ist, wäh-
rend bei Limnetis der entsprechende gritf eiförmig gestal-
tete Lappen selbst wie seine Nachbarn behaart ist.
Die Abweichungen in der Fussbildung bei einigen
Arten beziehen sich, so weit meine Erfahrung reicht,
hauptsächlich auf den unteren Ast des borstenrandigen
Branchialanhanges (b"), indem dieser gewöhnlich schmale
Theil sich gegen den Stamm des Fusses hin ansehnlich
verbreitern kann; die Verbreiterung {l) bildet, indem sie
sich über die Grenze seiner Insertion hinauf erstreckt,
einen bald kurzen, stumpf dreieckigen, bald schmalen zun-
genförmigen Lappen (Tai. VII I. Fig. 3, Fig. 6), oder auch
ein verticalcs bloss mit einer schmalen Mitte ansitzendes,
oben und unten freies ßlatt (Taf. VIII. Fig. 5), und be-
deckt den Stamm von der Vorderseite, so dass er demje-
nigen, der zufällig den Fuss nur von der hinteren be-
trachtet, bei manchen Arten leicht entgehen kann. Eine
auffallende Verbreiterung besitzen E. donaciformis^ mexi-
cana^ dahalacensis und iicmensis ; bei ersterer ist überdies
der Aussenrand jenes unteren Astes des Branchialanhanges
mehrfach eingekerbt. Der obere Ast kann ausserordent-
lich schlank, fast fadenartig werden, was indess nur von
den vorderen Füssen gilt.
Abweichend von den übrigen Füssen gebildet sind
in allen Arten das 9te und lOte Fusspaar der Weibchen,
in so fern, als der obere Ast des Branchialanhanges seine
Borsten verliert und grifi'elartig stärker wird^ er dient
üeb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 215
zum Tragen der platten Eiermasse, und wird mitunter in
dieser Function auch von dem betreffenden Theile des
Uten auch wohl des 12ten Fusspaars unterstützt. Das
zarte Haarbüschel; das jener Eierträger an seiner Spitze
hei Limnetis zeigt, habe ich bei den Estherien gänzlich
vermisst»
Eine viel auffallendere Umbildung ebenfalls im Dienste
der Geschlechtsfunction erleidet das Ite und 2te Fusspaar
der Männchen, die sich derselben namentlich zum Halten
der Weibchen bei der Begattung bedienen. Die Gestal-
tung ist eine ganz ähnliche wie bei Limnetis, wo sie sich
jedoch nur auf das Ite Fusspaar bezieht ^).
Es sind die drei untersten Lappen des Stammes, die
sich zusammen als eine Abtheilung durch einen tieferen
Einschnitt von der oberen Partie absetzen (Taf. YIII. Fig. 2.
P 1* P). In meiner früheren Abhandlung war ich bei Lim-
netis geneigt, auch den 2ten Lappen in diesen Complex
zu ziehen, hievon muss ich indess abgehen, da es sicher
der 3te allein ist, der sich zu dem Polster umformt, gegen
welches die dem 4ten und 5ten Lappen entsprechenden
Haken einschlagen, und an welchem noch ein kurzer
Zapfen auftritt. Dieses Polster ist bei Limnetis am Hinr
tcrrande gewölbt und mit ansehnlich vorragenden spatei-
förmigen Plattborsten besetzt, bei Estheria dagegen fin-
den wir es am Unterrande damit versehen, die Plattborsten
sind viel kleiner, spitzer und zahlreicher als dort und
überlagern sich schuppenartig. Bei Limnetis bildet der
obere Theil des Fusses nur einen Lappen , den man
als eine Verschmelzung von zweien ansehen muss , bei
Estheria bemerken wir 2, wie an den übrigen Füssen. Bei
Limnetis treten am Hinterrande ausser jenen Plattbor-
sten auch noch andere auf, wie sie an den oberen Lap-
pen existiren , bei Estheria ist der ganze Hinterrand
kahl und die ganze untere Partie dieser Füsse merklich
länger gestreckt als dort. Uebrigens finden wir auch hier
die vordere der beiden Klauen fester gebildet, hornig gelb,
schärfer gekrümmt und am Grunde breiter, die hintere
1) Archiv f. Naturgsch. XIX. Taf. VI. Fig. 4.
216 Grube:
merklich schwächer, an der Spitze stumpfer, und mit eini-
gen Iliüirchen besetzt. Der untere Ast des Branchialan-
hanges erscheint kürzer als bei Limnetis.
Ausserdem zeigt sich eine Geschlechtsverschieden-
heit in dem borstenlosen Griffelanhang des 4ten Fusslap-
pens, wie schon Claus hervorgehoben, welcher bei den
Männchen länger und schmäler als bei den Weibchen
erscheint, doch kann ich mich nicht erinnern, dass er an
den hinteren Füssen aller Arten verschwindet.
In Beziehung auf die Borsten, welche die Ränder
der Fusslappen besetzen, gilt als allgemeines Gesetz, dass
sie am ganzen Branchialanhang, auch an dessen innerem
Lappen X und ebenso am untersten (5ten) Lappen des
Fussstammcs in einfacher, an allen andern Lappen dage-
gen in doppelter Reihe stehen: die vordere Reihe ent-
hält kürzere, die hintere 3 bis 5 mal so lange Borsten.
An dem sensenförmigcn Basalanhang M" hat der nach
unten sehende convexe Rand eine doppelte Borstenreihe,
der concave nach oben und zugleich nach vorn gerich-
tete eine einfache, und zwar von sehr auffallenden Borsten ;
sie sind alle säbelförmig gekrümmt, stehen sehr dicht in
einem scharf gekrümmten Bogen und nehmen von dem
Grunde nach der Spitze des Anhangs hin stetig an Länge
zu. Uebrigens w^eichen sie in ihrem Baue nicht von den
anderen ab^ sie sind, wie diese, in ihrer ganzen Länge durch
zarte Häärchen gefiedert, und man kann an ihnen einen
etwas stärkeren meist weniger behaarten Basal- und einen
Endtheil unterscheiden, die beide durch einen inwendigen
einer biconcaven Linse ähnlichen Zwischenkörper von ein-
ander getrennt sind: nur finde ich bei den säbelförmi-
gen des Maxillaranhanges den Basalthcil verhaltnissmässig
kürzer.
Endlich habe ich noch von der Schale der Esthe-
rien zu handeln, welche zweiklappig und mit Wirbeln
versehen wie eine Muschelschale, aus zahlreichen zarten
über einander geschichteten Blättern zusammengesetzt und
wesentlich als der auswendige Uebcrzug eines Mantels
aufzufassen ist, während der inv/endigc oder die Aus-
kleidung desselben von einer einfachen dünnen Membram
üeb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 217
gebildet wird. Mantel aber nennen wir auch bei den
Phyllopoden mit Recht das lappenförmige, bei den Esthe-
rien imd ihren Verwandten durch einen vorderen und
hinteren Einschnitt in 2 Hälften getheilte Rückengebilde,
welches ebenso Avie das analoge der Muscheln aus Binde-
gewebe besteht, von Muskelblmdeln durchsetzt, von Blut-
kanälen durchzogen Avird und ein gleiches Verhalten zur
Schale zeigt, wenn auch der Kalkgehalt derselben bei
den Phyllopoden im Vergleiche mit den Muscheln nur
unbedeutend erscheint. Andererseits zeigt aber dieser
Mantel auch die grösste Uebereinstimmung mit der Sub-
stanz die den Kopf und die blattartig sich ausbreitenden
Füsse erfüllt, und seine Schale und seine Auskleidung
entspricht dem Hautüberzuge des Leibes und der Füsse;
dem freilich gar keine Kalksalze zugetheilt werden. Die
nachfolgende Schilderung der Mantel- und Schalenstructur
bezieht sich zunächst auf Estherta donaciformis , von der
ich loehr und bessere Exemplare als von anderen Arten
zu untersuchen Gelegenheit gehabt habe.
Der Mantel erscheint bei schwacher Vergrösserung
durchweg fein getüpfelt (Taf. X. Fig. T), nur unmittelbar
hinter und unter der Insertion des grossen Schalenschliess-
muskels vermisst man diese Zeichnung, indem hier eine
denselben umfassende schildförmige Ausbreitung mit zacki-
gen Rändern auftritt, die sogenannten Schalenkanäle oder
die Schalendrüse, aus 3 am Hinterrande scharf umgeknick-
ten einander einschliessenden, durch schmale Zwischen-
räume getrennten wulstigen Bogen bestehend, wie ich sie
bei Limnetis beschrieben habe. Jene Tüpfelchen oder Fleck-
chen des Mantels, welche bei den Estherien mit durch-
scheinenderen und minder kalkhaltigen Schalen merklich
kleiner sind und oft nur vier- oder fünfzackig erscheinen,
nehmen sich bei E. donaciformis bei stärkerer Vergrös-
serung wie Bergzeichnungen einer Landkarte aus (Taf. X.
Fig. 7. a), indem von einer dunkleren (öfters gelblichen)
Mitte, in der winzige Körnchen liegen, ringsum feine
Strahlen oder Strichelchen auslaufen, und messen 0,0016,
einzelne bis 0,0060 Zoll rheinl. im Durchmesser. Ihre
Gestalt ist gewöhnlich länglich oval oder kreisrund, zu-
218 Grube:
weilen stellen sie auch einen Ilalbiing oder einen geschlos-
senen Ring- dar, und scheinen dann durch Verschmelzung
aus mehreren kleineren rundlichen entstanden zu sein.
Am äussersten Rande des Mantels' verschwinden diese
Tüpfelchen oder Inselchen, und machen einer Reihe kurzer
Fasern von etwa 0,C04 Zoll Länge Platz, welche dicht
neben einander liegend von ihnen aus auf den äussersten
Rand zulaufen (Taf. X. Fig. 7 n) und hier die später
zu beschreibenden Randborsten bilden helfen. Jene Stri-
chelchen sowohl als diese Fasern haben etwas starres,
man bemerkt dies besonders an solchen, die über ihre
Nachbarn herausragen. Zuweilen ordnen sich die Tüpfel-
chen so, dass nahe dem Umfange grössere von rundli-
cher Form auftreten, noch näher dem Rande schmale
quergezogene, und da die Randfasern sich öfter zu schma-
len (nur nach einer Richtung ausgebreiteten) Quasten
gruppiren, so hat es dann den Anschein als ob die Fasern
der Randzone nur eine Umgestaltung der Tüpfelchen
wären, welche an die Bergzeichnung einer Karte erinnern.
Zwischen beiden eingestreut sieht man eine Menge das
Licht stärker brechender Körnchen von 0,0001 Zoll Durch-
messer. Alles von der Beschaifenheit des Mantels ge-
sagte weist darauf hin, dass wir es hier mit einer eigen-
thümlichen Form des Bindegewebes zu thun haben.
Bei Estherien mit minder starker Schale z. B. bei
E. tetracera , auch bei Limnadia Hermanni erscheinen
diese Tüpfelchen viel kleiner, zarter und gleichartiger.
Statt sternartiger Anhäufung sieht man die starren Stri-
chelchen oft nur einzeln oder gabiig an einander liegen.
Die zahlreichen zwischen ihnen zerstreuten Körnchen zei-
gen ebenso wie sie selber bei einer 230-fachen oder stär-
keren Vergrösserung eine bläuliche Färbung, nicht selten
sitzt ein solches Körnchen an dem einen meist dickeren
Ende des Strichelchens und zuweilen scheinen beide zu
einem kräftigen Kommastrich zu verschmelzen. Die Grund-
masse, in der diese Formelemente eingebettet sind, nimmt
sich wie ein weisslich durchscheinendes Gerinnsel aus.
Dass jene Tüpfelchen dieselbe Bedeutung wie bei Lim-
uetis haben, erkannte ich am besten bei dem Durchschnitte
Ueb. d. Gattungen Estheria u. Linmadia u. einen neuen Apus. 219
des Mantels einer E. dahalacensis in der Mittellinie des
Rückens. Sieht man auf eine solche Schnittfläche, so blickt
man in einen von zahlreichen Pfeilern unterbrochenen
Hohlraum (Taf. X. Fig. 11). Die Pfeiler verbreiten sich
nach oben und unten und stossen zu Gewölben zusam-
men, und erzeugen so bei der Flächenansicht des Man-
tels das Bild von dunkleren Fleckchen, die Kanäle aber,
von denen sie umgeben werden, weil hier die Bindege-
websmasse minder mächtig ist, das Bild von lichtem Netz-
geäder. In diesen Kanälen bewegt sich zweifelsohne, wie
bei Limnetis, das von dem Bücken her in die Mantellap-
pen eintretende Blut.
Ob bei den Estherien der Mantel bloss aus dem so
eben beschriebene Bindegewebe besteht, oder ob noch,
wie Kölliker und Hacke 1 bei den Decapoden und
andern Crustaceen dargestellt haben ^ ), eine Schicht von
Epithelialzellen vorhanden sei, welche dasselbe nach aussen
bekleidet und das Chitin der Schale ausscheidet, wage
ich nach der Untersuchung blosser Weingeistexemplare
nicht allgemein zu entscheiden.
So oft ich den Mantel verschiedener Estheriaarten
auf diese Frage hin untersuchte, so habe ich doch nur
ein paar mal und zwar nur bei E, donaciformis jenes
Epithel stellenweise, namentlich am Rande des Mantels
so sicher erkannt, dass ich es durch die Zeichnung wie-
dergeben und den Durchmesser der Zellen messen konnte;
dasselbe wenn auch in noch so kleinen Partien isolirt
darzustellen, wollte nie gelingen, ich sah es nur dem opa-
keren Bindegewebe aufliegen'(Taf. X. Fig. 7 «), wodurch
also mancherlei Täuschung entstehen konnte, vermochte
auch nicht in allen Zellen den Kern zu erkennen, und
bemerkte nur an einzelnen Stellen doppelte Contouren
(Taf. X. Fig. 7 a). Den Durchmesser der Zellen fand
ich meist 0,0005 und 0,0006 Zoll, also ebenso klein wie
den Durchmesser der grösseren mikroskopischen Netzma-
schen in dem bedeckten Theile der Schalenblätter, von
1) Verhandl. d. physik. medic. Gesellsch. in Würzburg 1858.
VIU. p. 69. MüU. Archiv f. Anatom. 1857. p. 519.
220 Grube:
denen weiterhin die Rede sein wird. Dass diese Beob-
achtung von mir nur. bei E. donaciformis gemacht ist,
könnte, weil dies die einzige von mir untersuchte Estheria
mit jenem Muster der Schalenblätter ist, von vorn herein
^(iQQ,n sie einnehmen, indem ich möglicherweise ein solches
ebengebildetes, dem Mantel noch anliegendes Schalenblatt
für ein Epithel gehalten haben könnte. Wir werden wei-
ter unten sehen, dass dies Bedenken nicht von so grosser
Bedeutung ist. Ich glaube übrigens jenes Epithel auch
an der dem Leibe zugewandten Mantelfläche bemerkt zu
haben.
Die Schale der Estherien lässt sich als ein in der
Mitte der Länge nach gebrochenes, vorn und hinten ein-
geschnittenes Blatt, oder als 2 in der Mitte des Rückens
in einander übergehende Klappen auffassen, die also um
sie zu trennen, erst auseinander geschnitten werden müs-
sen. Sie greifen weder mit Zähnchen in einander, noch
existirt ein durch seine Elasticität dieselben auseinander
treibendes Ligament. Die Klappen sind vorn stärker,
hinten sichtlich weniger gewölbt , und besitzen wie die
Muschelschalen einen mehr oder minder abgesetzten Wir-
bel. Diese Wirbel befinden sich meist in dem Iten Längen-
dritttheil der Schale, ragen meistens nur wenig über den
Rückenrand derselben hervor und berühren einander. Bei
seitlicher Ansicht erscheinen die Klappen der meisten
Estherien ziemlich eiförmig, vorn höher als hinten, selten
umgekehrt, wie beiden fossilen E. Forbesii und E, striata,
oder oval, der Rückenrand gerade oder doch viel weniger
convex als der Bauchrand, mit dem Hinterrand öfters
einen Winkel bildend, in den Vorderrand durch einen
gleichmässigcn Bogen übergehend. Bei sehr wenigen
Arten nähert sich die Form der Schale dem kreisrunden,
wie bei E. Hislopi und unter den fossilen bei E. elliptica.
Bei allen Estheriaarten ist die Oberfläche der Klap-
pen (im weiteren Sinne) concentrisch d. h. der Curvatur
des Vorder- Bauch- und Hinterrandes ensprechend ge-
streift. Diese Streifen sind Anwnchsstreifen, bekunden
die absatzweise erfolgende Vergrösserung der Schale.
Dass diese zugleich durchweg mit einer zunehmenden Ver-
üeb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 221
dickung verbunden sei, lässt sieb am überzeugendsten
dadurch nachweisen, dass man, wie dies schon Joly ge-
than, die Schale einige Tage in einer Lösung von Aetz-
kali liegen lässt. Man erkennt alsdann, dass sie aus einer
Menge übereinander geschichteter, zarter, durchaus bieg-
samer oder vielmehr häutiger Blätter besteht, von denen
jedes untere das ihm aufliegende an den Rändern über-
ragt. Das Stück , um welches jedes nachfolgende Blatt
hervorragt, bildet die Anwachszone, ihr äusserster
Saum den mitunter etwas abstehenden Rand der An-
wachszone, während die ganze übrige Fläche des Scha-
lenblattes seinen Nachbarn fest anliegt und der sie ver-
bindende zarte Kitt erst durch das Aetzkali gelöst werden
muss. Allein die Schale bildet nur den allmählich ver-
dickten Chitinüberzug der oberen oder äusseren Fläche
des Mantels, die untere, dem Leibe des Thieres zuge-
kehrte Fläche desselben bereitet sich nicht minder eine
freilich beim ersten Anblicke sehr abweichend erschei-
nenden Chitinüberzug, der mit jenem zusammengehört.
Während die Schale hornartig, fest, kalkhaltig, oft derb
und gefärbt ist, stellt dieser üeberzug, die A u s k 1 e i d u n g
des Mantels eine zarte farblose Membran dar; so aber
sehen auch die einzelnen Blätter der mit x\etzkali behandel-
ten Schale aus, und in der That ist es immer das unterste
Schalenblatt, welches mit jener auskleidenden Membran
des Mantels ein Ganzes bildet. Will man den Mantel von
der Schale ablösen, so zerreisst man gew^öhnlich den Zu-
sammenhang dieser Membran mit dem untersten Schalen-
blatte, weil letzteres den übrigen Schichten der Schale
fest anhaftet; ich stiess aber auf einzelne Exemplare von
E. donaciformis und E. Jonesi, bei welchen dies in ge-
ringerem Grade stattfand, und wo bei dem Versuche, den
Mantel abzuschälen, sich das unterste Schalenblatt mit
löste, der Mantel vollkommen in einer häutigen von jenem
und der ihn auskleidenden Membran gebildeten Tasche
steckte, und so der Zusammenhang der beiden zu Tage trat.
Kehren wir zu der Betrachtung der mit Aetzkali be-
handelten Schale zurück, so ist es in der That oft überra-
schend, wie vollkommen das Zerfällen derselben in einzelne
222 Grube:
Blätter gelingt. Während das Zählen der Anwachszonen,
wenn sie, wie dies namentlich bei den jüngeren stattfindet,
nur sehr schmal sind und rasch auf einander folgen, bei
der Schale im natürlichen Zustande misslich und unsicher
wird, lässt es sich hier, wo die ganzen Blätter auseinan-
der weichen, leichter und sicherer vornehmen, und jedes
einzelne Blatt in seinem Zusammenhange untersucheni
Man überzeugt sich dann, dass alle auf gleiche Weise ge-
bildet sind, und an jedem die Randzone derber und fester
als die übrige Fläche und von ihr durch eine conccn-
trische Linie abgesetzt ist. Diese so begrenzten Randzo-
nen der Blätter sind es , welche allein frei zu Tage tre-
ten und die Oberfläche der Schale bilden, während die
übrige Fläche jedes Blattes von dem nächst obern bedeckt
wird und das nächst folgende bis an dessen Randzone
bedeckt. Die Randzone oder Anwachszone besitzt ferner
eine der übrigen Fläche 'des Blattes fehlende Sculptur,
welche daher auch zur Beschreibung der Schale im Ganzen
benutzt wird, bei den verschiedenen Arten der Estherien
verschieden ausfällt, im Allgemeinen aber als netzförmig
aufgefasst werden kann. Die Fäden des Netzes treten auf
der Aussenfläche hervor, die Zwischenräume sind vertieft;
auf der Innenfläche verhält es sich umgekehrt. Die Dicke
der Fäden ist oft so beträchtlich, dass man Mühe hat die
Zwischenräume zu erkennen, dann erscheint die Schale
bloss dichter oder weitläufiger punktirt (Taf. X. Fig. 13 a),
in anderen Fällen besitzen die Maschenräume einen an-
sehnlichen Durchmesser, die Fäden einen geringeren, in
welchem Falle die Sculptur schon bei schwächerer Ver-
grösserung recht eigentlich netzartig aussieht (Taf. X.
Fig. 14), und bei E. dahalaGensis (Taf. X. Fig. 12) bildet
sich auf den breiten Anwachszonen in den grossen quer-
gestreckten Maschen, die eine Breite von 0,OOGf) Zoll er-
reichen, wiederum ein feineres Netzwerk, wogegen auf
den schmälern nur ein gleichmässiges feinmaschiges er-
scheint. Die kleinsten Maschen messen 0,0003 Z., die Fä-
den 0,0(J0I im D. Bei einigen Arten, z. B. bei E. dona-
ciformis, sieht man schon mit einer schärferen Loupe auf
den meisten Anwachszonen parallele Rippchen in der
Ueb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 223
Richtting von den Wirbeln nach dem Sclialenrande auf-
treten (Taf. X. Fig. S), allein bei genauerer mikroskopi-
scher Untersuchung nimmt man wahr, dass diese Längs-
rippchen kleine Nebenzacken treiben, die den benach-
barten entgegen wachsen/ und sie hier und da erreichen
oder vollständiger anastomosiren, und an anderen Stellen
derselben Estheria erkennt man auch bereits mit der Loupe
ein Netzgeäder (Taf. X. Fig. 4), an dem aber freilich die
Längsfaden vorwaltend bleiben. Bei E. Jonesii (Taf. X.
Fig. 16, 16 a), einer Art mit dunkelbrauner Schale und
sehr zahlreichen und schmalen Anwachszonen, erscheinen
die vertieften Stellen nicht polygonal, sondern als rund-
liche in Querreihen geordnete Grübchen, so dass das Bild
der Netzzeichnung verschwindet. Auch an den breitesten
Zonen sehe ich nicht mehr als 5 solcher Querreihen, und
immer enthält die zunächst dem Rande der Zone befind-
liche sehr viel grössere Grübchen , die schon mit der
Loupe erkannt werden können, an den schmälern Zonen
sieht man nur diese Art von Grübchen, und wenn man
die Oberfläche im Ganzen betrachtet, bemerkt man, dass
sich diese zugleich in Längsreihen zu ordnen pflegen.
Bei 230-facher und stärkerer Yergrösserung der
Schale im natürlichen Zustande zeigen die Netzfäden der
Sculptur eine bläuliche, die vertieften Zwischenräume
eine röthliche Färbung (Färbungen , welche bei längerer
Behandlung mit Kali verschwinden), und bei etwa 360-fa-
cher Yergrösserung erkennt man auf der dem Mantel
zugekehrten, gewölbten Oberfläche jener von aussen ver-
tieften Zwischenräume noch winzige pusteiförmige Erha-
benheiten. Am Rande der Zonen gehen die Maschenfä-
den in einen Randsaum über, und von dem Randsaume
des untersten Schalenblattes entspringen dicht stehende
Häärchen oder Borsten, die eine Länge von 0,002 bis 0,006
Zoll erreichen (Taf. X. Fig. S), und auch früheren Beob-
achtern nicht entgangen sind. Allein das Mantelblatt giebt
nur einen Theil des Häärchens hei^, einen innen hohlen na-
deiförmigen Ueberzug; die innere Ausfüllung desselben,
die Matrix, die sich den Ueberzug bildet, schickt, wie wir
oben gezeigt haben, der Mantel hinein, und so finden
224 Grube:
wir hier dasselbe Verhaltniss wie bei den Randborstcn der
Antennen und der Füsse. Auch die früher entstandenen
Schalenblättcr haben ihre Randborsten erzeugt, allein sie
pflegen abzubrechen , und es bleiben in der Regel kaum
kurze »Stummelchen , sondern nur rundliche Male übrig.
Porenkaniile habe ich an keiner Estheriaschale entdecken
können. Den Unterschied zwischen der Dicke der Rand-
zone und der Dünnheit der bedeckten Partie des Schalen-
blattes fand ich besonders bei E. donacifornds und E. Jo-
nesii beträchtlich, er beruht auf der stärkeren Entwickelung
der erstcren, denn die andere Partie ist bei allen Arten
zart-membranös, bei den meisten gleichartig einfach, bei E.
donaciformiä aber dadurch abweichend, dass sie fast durch-
weg ebenfalls eine deutliche aber fein maschige nur mit dem
Mikroskop wahrnehmbare Netzzeichnung sehen lässt (Taf. X
Fig. 2). Diese erscheint eben so wohl an der natürlichen
als an der mit Säuren oder kürzere Zeit mit Aetzkali
behandelten Schale, sobald man hinreichend dünne La-
mellen ablöst. Nur wenn man die Schale wochenlang in
Kalilösung liegen lässt, werden die Schalenblätter so auf-
gelockert und trübe, dass jene mikroskopisch feine Netz-
zeichnung verschwindet. Die Maschen des Netzes sind
in der Regel fünf- oder sechseckig von ungleicher
Grösse (so dass ihr Durchmesser etwa von 0,0002 bis
0,0007 Zoll schwankt), und haben bald sehr zarte bald
stärkere bei 230- facher Vergrösserung deutlich durch dop-
pelte Conture begrenzte Maschenfäden (Taf. X. Fig. 2,
2 aj, aber zuweilen verwandeln sich die Maschenfäden in
ein Gitterwerk, dessen Zwischenräume statt polygonal zu
sein, kreisrund oder oval aussehen (Taf. X. Fig. 2 b).
Diese Ungleichheiten zeigen sich öfter an zwei ziemlich
nahe gelegenen Stellen desselben Schalenblattes, und an
anderen erkennt man weder die eine noch die andere
Art der Zeichnung.
Ein durchaus abweichendes Verhalten zeigen mir
ferner bei E. donacifonnis die untersten sehr viel dunkler
gefärbten und glänzenderen Schalenblättcr, welclie sich
auch dadurch auszeichnen, dass sie über die früheren
nicht mehr hinausragen, keine Anwachszone bilden, sich
Ueb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 225
auch leichter abbröckeln. Wenn es mir gelang, zugleich
mit dem Mantel und seiner Auskleidung auch ein solches
Blatt oder eine solche Membran abzulösen, so bemerkte
ich an ihr gar keine netzförmige Zeichnung, vielmehr eine
sehr zarte, und dichte, dem Rande concentrische Streifung
(Taf. X. Fig. 10).
Bekanntlich hat man auch in der Chitinhaut von
Decapoden und anderen Crustaceen mikroskopische netz-
ähnliche Zeichnungen entdeckt , und auf verschiedene
Weise zu erklären versucht. Die einen erblicken in ihnen
chitinisirte Epithelien, andere, wieKölliker undHaek-
kel'), die Abdrücke von einer das Bindegewebe des
Mantels überdeckenden Lage von flachgewölbten Epithel-
zellen. Ich habe schon oben gesagt, dass ich an einzel-
nen Exemplaren von E. donaciforniis ein solches Epithe-
lium des Mantels beobachtet zu haben glaube, dessen
Zellen einen ähnlichen Durchmesser wie die mikroskopi-
schen Netzmaschen der Schalenblätter besassen. Da ich
dasselbe nie isolirt, sondern nur dem Mantel aufliegend
betrachten konnte, so sind mancherlei Täuschungen mög-
lich. So liegt zunächst die Frage vor, ob die hier beob-
achtete Netzzeichnung nicht einer eben im Entstehen be-
griffenen jüngsten Schalenschicht angehöre, die sich mit
den früher gebildeten noch nicht vereinigt habe, dagegen
spricht die so eben mitgethellte Erfahrung, dass gerade
die untersten Schalenblätter jene netzförmige Zeichnung
nicht besitzen. Es wäre ferner möglich, dass das, was
ich für Zellenkerne gehalten, fremdartige nur äusserlich
anliegende Körperchen gewesen sind, in diesem Falle wäre
die regelmässIgeVertheilung derselben aufiallend. Sind aber
an der Aussenfläche des Mantels Epithelzellen vorhanden,
warum habe ich am Kopfe, an dessen Chitinhaut ich ein-
mal auch jene Netzzeichnung beobachtet habe, und an
den Füssen, die mit demselben Bindegewebe erfüllt sind,
vergeblich darnach gesucht? Oder geht in der That die
Absonderung des Chitln's nur an der Schale von eigenen
1) Verhandlungen d. phys.-med. Gesellsch. in Würzburg 1858.
p. 69. Müll. Archiv für Anatom. 1857. p. 515. Tab. XIX.
Archiv für Naturg. XXXI. Jahrg. 1. Bd. 15
226 Grube:
Zellen, sonst aber vom Bindegewebe caus? — Was aber
die Netzzeichnnng an den Blättern der Schale betrifft,
so muss ich zuerst bestätigen, "vsas man auch bei den
Decapodcn und anderen Crustaceen geltend gemacht hat,
dass ich in den Netzmaschen keine Kerne gefunden
habe; lägen hier also chitinisirte Zellen vor, so müssten
die Kerne verschwunden sein. Andererseits kann ich auch
der Ansicht von Haeckel für unseren Fall picht bei-
pflichten. Denn wären jene Netzmaschen der Abdruck
von unterliegenden flachgewölbten Epithelzellen, und ent-
sprächen die Netzfäden den mit dickerem Chitin erfüllten
vertieften Grenzen der Zellen, so müssten die Netzfäden
erhaben , erstere (d. h. die Zwischenräume) concav er-
scheinen. Dies finde ich aber gerade umgekehrt : wenn
man die Unterseite des Schalenblattes dem Mikroskope
nähert, erscheinen zuerst die Gipfel flacher (den Maschen-
feldern entsprechender) Wölbungen und später erst die
scharfen doppelten Contoure der Netzfäden oder der rah-
menartigen Einfassungen. Sodann habe ich mich über-
zeugt, dass das mikroskopische Netzwerk in die feinsten
Maschen der groben, schon mit der Loupe erkennbaren
unregelmässig verästelten Sculptur der Anwachszone über-
geht; bei beiden erscheinen die verästelten Rippchen oder
Netzfäden bei 230-facher Vergrösserung bläulich, die Zwi-
schenräume röthlich, da nun die grobe Sculptur der An-
wachszonen nicht der Einwirkung der Form von Epithel-
zellen zuzuschreiben ist, scheint diese auch nicht für die Er-
klärung der mikroskopischen Netzzeichnung nothwendig.
Man könnte endlich daran denken, dass die Netzzeich-
nungen von den Eindrücken der Kalkpartikelchen her-
rührten , die bei der mit Kalilösung behandelten Schale
zu Tage treten; dafür scheinen mir aber diese nicht
regelmässig genug abgelagert, die einzelnen Crystallchen
nicht scharf winklig genug. Ich möchte vielmehr glauben,
dass Vertiefungen des Mantelparenchyms die Muster der
Schale erzeugen. Jedenfalls bleibt die Entscheidung der
Frage , wie die Schalenbildung der Estherien und ins-
besondere der E. donaciformis im Einzelnen vor sich
gehe, der Untersuchung zahlreicher lebender Individuen
Ueb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 227
iu verschiedenen Alterszuständen überlassen^ und ich muss
mich begnügen, auf manches wenigstens die Aufmerk-
samkeit gelenkt zu haben.
Werfen wir noch einen Blick auf die Schale im
Ganzen zurück, so wissen wir nun^ dass die Aussenfläche
derselben von der Summe der Anwachszonen zahlreicher
übereinander geschichteter Blätter gebildet wird , und
dass jene allein eine deutliche Sculptur besitzen. Nicht
alle Anwachszonen sind gleich breit (in der Richtung
vom Wirbel zum Schalenrande^ ; die auf der Mitte des
Schalengewölbes erscheinenden sind die breitesten, die
früher und später entstandenen merklich schmäler, und
namentlich die letzten liäufig so schmal , dass man sie
kaum mehr unterscheiden und zählen kann, und dass sie
kaum mehr eine Spur von Sculptur zeigen (Taf.X. Fig. 6).
Die Innenfläche der Schale erscheint dagegen glatt und
glänzend; bei E. donaciformis und Jonesiij deren Schale
im Gegensatz zu den übrigen meist durchscheinenden
undurchsichtig oder doch äusserst wenig durchscheinend
und intensiv gefärbt ist, erscheint sie ganz besonders
dunkel und firnissartig glänzend *), und zeigt ausserdem
bei beiden Arten ein sanftes Irisiren, das ich von der
mikroskopisch feinen dichten Parallelstreifung des inner-
sten Schalenblattes (vgl. Taf. X. Fig. lOj herleiten möchte.
Bei E. do7iaciformis zeigt sich überdies ein von der Inser-
tion des Schalenschliessmuskels hervorgebrachtes rundli-
ches Mal und noch eine sonst nicht beobachtete Eigen-
thümlichkeit, eine sehr niedrige Lamelle oder ein Septum,
welches an der Innenfläche der Schale unmittelbar vor
jenem Muskelmal von dem Wirbel in schräger Richtung
gegen den Unterrand herabsteigt, diesen aber lange nicht
erreicht, sondern etwa schon mit dem ersten Drittheil
dieses Abstandes aufhört (Taf. XL Fig. 1 ?.). Es erinnert
an das ähnliche aber hinter dem vorderen Adductor oder
am hinteren Theile der Schale gelegene Septum mancher
Muscheln (Cucullaea, Anatina), ist aber bei seiner Nie-
1) Baird beschreibt die Innenfläche der Schale von E. dona-
ciformis : af a beautiful shining lustre and of a deep purple colour.
228 Grube:
drigkcit wegen der dunkelen Farbe der Innenfläche von
Baird übersehen worden. Beliandelt man die Schale
mit Kalilösiing^ so überzeugt man sich^ dass dasselbe durch
eine Faltenbildung hauptsächlich foder ausschliesslich)
ihrer jüngsten dunkelen Blätter entstanden ist. Bei E.
Jo7ie8i finde ich eine ähnliche aber minder deutliche und
dem Rückenrande fast parallel gehende Innenleiste.
Die Festigkeit, welche die Schale der Estherien be-
sitzt , verdankt dieselbe hauptsächlich dem engen Auein-
anderliegen so vieler, wenn auch zarter Blätter, zum Theil
aber auch dem Gehalte an kohlensaurem Kalk, welchen
ich bei keiner Species vermisse, der aber bei einigen nur
sehr unbedeutend, bei anderen sehr beträchtlich ist. Zu
jenen gehört E. tetracera und dahalacensis , zu diesen E.
Jonesi und E. donaciformis ; bei letzterer ist er so bedeu-
tend, dass die Schale durch ihre Härte an die Muscheln
erinnert, und eher bricht als einem stärkeren Drucke nach-
giebt ; hat man sie aber eine Zeitlang in Essigsäure gelegt,
80 wird sie vollkommen biegsam. Bei den erstgenannten
dagegen zeigt sie schon im natürlichen Zustande eine
hornartige Elasticität, die zugleich mit einer hellen Fär-
bung und Durchscheinenheit verbunden ist, w^ährend E.
Joneai und donaciformis durch ihre intensive Färbung
und Undnrchsichtigkeit aufFallen. Ich habe schon oben
angeführt, dass die zuletzt gebildeten, an Grösse nicht
mehr merklich zunehmenden Blätter bei E. donaciformis
die dunkeln sind , bei E. Jonesi finde ich nur die An-
wachszonen dunkel gefärbt, die übrige Blattfläche farblos.
Die Yertheilung des Pigments in den einzelnen Blättern
scheint meistens eine durchaus gleichmässige; nur bei jB.
donaciformis bemerkt man verschiedene Färbung der Ober-
fläche an verschiedenen Stellen, namentlich einen dunkeln
Fleck vor und hinter den Wirbeln. Anders verhält es
sich mit dem kohlensauren Kalk, der sich in mikrosko-
pischen, nicht scharf ausgebildeten, wie es scheint nie-
drig prismatischen Crystallen ablagert.
Um ihn zu erkennen, muss man die Schale in Kali-
lösung legen, dann findet man die Crystallchen, die in
den, die Schalenblätter verbindenden Kitt eingebettet wa-
üeb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 229
ren^ thells noch den einzelnen Blättern anhängend, theils
lose, so dass sie mit hinzngeträufeltem Wasser fortgespült
werden. Allein viele dieser nur etwa 0,0001 bis 0,0002
Zoll langen Crystallchen liegen nicht einzeln, sondern
durch eine trübe , trotz der Kalilösnng noch gelbliche
Substanz zu Klümpchen oder Kugeln, welche mitunter
einen Durchmesser von 0,0012 Z. erreichen, zusammen-
geballt und davon eingehüllt. Auch diese Substanz scheint,
da die Orvstallchen nicht auseinander fallen, wie die Scha-
lenblätter selbst, Chitin zu sein (vgl. Taf. X. Fig. 9). Bei
E. Jonesi finde ich andere Formen des kohlensauren Kal-
kes, die ^vie kurze Sparren aussehen, daneben bisquitför-
mige durchaus gerundete Körperchen und einzeln anein-
andergereihte Crystallchen von grösserem Durchmesser als
bei ^. donaGiformis. Die zu Klümpchen zusammengeball-
ten werden durch Essigsäure nur sehr allmählich aufgelöst,
woran ihre Einhüllung schuld sein muss. Die Vertheilung
der Kalkkörpcrchcn ist bei E. donaciformis eine sehr un-
gleiche; sie sind besonders theils gegen die Wirbel hin an-
gehäuft, wodurch hier eine intensiv weisse gegen das Horn-
gelb der Schale und ihre dunkelen Stellen stark abstechende
Färbung hervorgebracht wird, theils an dem Rande der
Schalenblätter, hier begleiten ihre Kolonnen die Längsripp-
chen der Anwachszonen und deren Verästelungen.
Nach diesen Auseinandersetzungen wende ich mich
zur Frage über die Häutung. Jolj behauptet ebenso be-
stimmt, dass bei der Häutung die Schale nicht mit abge-
worfen wird, als Claus sich dagegen erklärt. Da die
Schale aus einer Menge übereinander geschichteter an
Grösse wachsender Blätter zusammengesetzt ist, welche
alle in gleicher Weise durch Absonderung oder Aus-
schwitzung aus dem Bindegewebe oder dem Epithelium
des Mantels entstehen , und nur der äusserste Saum jedes
Blattes eine Reihe Haare trägt, so wäre, wenn die Schale
bei der Häutung abgeworfen würde, durchaus unerklär-
lich, wie sich auf dem zuletzt entstandenen, der Aussen-
fläche des Mantels unmittelbar anliegenden Blatt der neuen
Schale, die ganze Reihe der übrigen gegen den Wirbel
hin an Grösse abnehmenden Blätter mit ihren Haarsäumen
230 Grube:
bilden sollte. Zur Entstehung jedes Blattes istnothwendig,
dass der Mantel unmittelbar darunter liegt, zur Entstehung
jeder Haarreihe der äusserste Saum des Mantels erforder-
lich. Dagegen sehen wir, dass der Ueberzug der nach
innen d. h. gegen den Leib gekehrten Fläche des Man-
tels nur eine einfache äusserst dünne Membran ist , hier
kommen keine Anwachsstreifen vor, es kann also nur
diese in die Haut des Leibes übergehende Auskleidung
des Mantels mit der Abstreifung der Leibeshaut abge-
worfen werden, und zu dem Ende muss sich jene aus-
kleidende Membran um diese Zeit am Rande der Schale
ablösen, so bald sich zwischen ihr und der inwendigen
Mantelfläche die neue Membran gebildet hat. Hieraus
würde zugleich folgen, dass Esiheria donaciformis und
vollends E. Jonesi eine ganz ausserordentliche Menge
von Häutungen durchmacht.
Bei E. donaciformis , bei welcher sich zu unterst
noch Schalenblätter nachweisen lassen , die weder An-
w^achszonen noch das mikroskopische Netzgeäder der frühe-
ren besitzen, und durch ihre dunkele Farbe so stark gegen
sie abstechen, könnte man fragen, ob nicht während des
Wachsthums mit jedem äusserlich zu Tage tretenden ge-
musterten Schalenblatt auch ein solches dunkeles ent-
standen, bei der Häutung aber jedesmal abgeworfen sei.
Hierüber liegen, da mir gar keine halbwüchsige oder
noch jüngere Exemplare dieser Art zu Gebote standen,
keine Erfahrungen vor, es ist mir jedoch nicht wahrschein-
lich , sondern ich glaube vielmehr, dass sich dieselben
nur nach vollendetem Wachsthume gebildet haben und
da sie zusammen genommen eine ziemlich dicke Lage
bilden, so muss auch dann, wenn keine Häutungen mehr
stattfinden, noch eine kräftige Chitinbildung vor sich gehen,
oder es finden auch dann noch Häutungen statt, wenn
die Schale nicht mehr wächst. Bei E. Jonesi kommen,
wie ich angeführt habe, ebenfalls unterste Schalenblätter
ohne Anwachszonen vor, sie stechen aber weder so auf-
fallend gegen die anderen ab, noch bilden sie eine so
starke Lage. Bei den übrigen Arten, die eine mehr oder
minder durchscheinende und nicht so intensiv gefärbte
Üeb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 281
Schale besitzen, ist es mir nicht gelungen^ dergleichen
abweichend beschaffene Lamellen z\i erkennen.
Claus, der der Ansicht ist, dass bei jeder Häutung
die ganze Schale abgeworfen werde, beruft sich darauf,
dass er bei E. mexicana zwei Schalen in einander ange-
troffen habe, und schliesst daraus, dass j,mit jeder Neubil-
dung der Chitinhäute zugleich eine entsprechende Neu-
bildung beider Schalenhäute stattfinde ''. Nach dem Vorher*
gehenden sollte man fast vermuthcn, dass er unter diesen
beiden Schalenhäuten die Auskleidung des Mantels und
den parenchymatösen Mantel selbst versteht, letzteres wäre
gegen alle Erfahrung, und müsste sich dann wohl auch
an den Füssen wiederholen. Was aber das Ineinander-
stecken zweier Schalen betrifft, so kommt es allerdings
nicht selten vor, dass eine Estheria ihren Platz in der
abgeworfenen Schale einer anderen gefunden hat, doch
sehe ich hierin, mag es nun Zufall oder Absicht sein,
keinen Zusammenhang mit der Häutung. Es könnte auch
sein, dass sich wie ich es bei E. donaciformis beschrieben,
vielleicht einmal bei einem Individuum ein unterstes
Schalenblatt im Zusammenhange mit der Auskleidung des
Mantels gelöst und diesen Anschein hervorgerufen hat.
Dagegen hat Joly bei E. cycladoides die Häutung selber
sehr genau beobachtet und sich davon überzeugt, dass
die Schale selbst dabei nicht abgeworfen wird, er weiss
aus längerer Beobachtung eines Individuums, dass sich
die Häutungen zumal in der Jugend oft wiederholen^
und dass sich dasselbe in 15 Tagen nicht weniger als
6mal gehäutet hat.
Meine schon früher in der schlesischen Gesellschaft ^)
ausgesprochene Ansicht von diesem Vorgänge^ wird ganz
neuerlich von Klunzinger bestätigt-), Avelcher, ohne
Joly's Arbeit gekannt zu haben, also gewiss von keinem
Yorurtheil befangen, von E. guhernator ausdrücklich an-
1) Jahresbericht der naturhistor. Sect. d. Schles. Gesellsch.
für 1862. p. 43.
2) Klunzinger Beiträge zur Kenntniss der Limnadiden Sieb,
u. Kölliker Zeitschr. 1864. p. 147.
232 Grube:
führt, dass er an den bei der Häutung abgestreiften
Hüllen nur die „innerste gegen den Körper gewendete
sehr zarte Chitinhaut" d. h. die Auskleidung des Mantels
gefunden habe.
Dieser Fall einer partiellen Häutung, in dem Sinne,
dass nur ein Theil der alten llautbcdcckungen wirklich
abgeworfen wird, steht nicht allein da; es giebt auch
unter den Acaiiden dafür Beispiele, und wiederum sind
es auch hier die Rückenhäute, der mit dem Wachsthume
sich vergrössernden Körperüberzüge, welche aufeinander
haften bleiben und deren Randintervalle die Zunahme
des Körpers beim Wachsen bekunden. Ein solches Ver-
halten habe ich bei Damaeus ge7iiculatus L., Nothrus fa-
rinosus Koch (incl. N. scaliger Koch), Felonia tricuspi-
data Gr. und F. foliosa Gr. beobachtet^).
In Beziehung auf den inneren Körperbau der Esthe-
rien kann ich nur auf die von Jolj, Claus und Klun-
zinger erhaltenen Resultate verweisen, denen zufolge
der gerade zwischen den beweglichen Haken des End-
segmentes mündende Darmkanal, die beiden traubigen im
Kopfe befindlichen mit weiten Ausführungsgängen in sei-
nen vordersten Theil mündenden Drüsenorgane, das kurze
jedcrseits mit nur einer Spalte versehene Herz, die beiden
stricklciterartig mit einander verbundenen Nervenstränge
und die Generationsorgane die grösste Uebereinstimmung
mit Limnetis zeigen. Ueber die Mündung der männli-
chen Genitalien ist noch niclits ermittelt ; was die weib-
lichen betriö't, so kann ich eine solche an jeder Seite des
Rumpfes gelegene und taschenförmig eingefasste Spalte,
wie sie Limnetis zeigt, an keinem meiner Exemplare
auffinden, dagegen glaube ich bei einem trächtigen
Weibchen innen an der Basis des 9ten und lOten zum
Tragen der Eier bestimmten Fusspaars eine OefFnung ent-
deckt zu haben, durch welche sie entleert werden dürften;
wenigstens konnte ich hier zwischen den aus dem Rumpf
1) Grube Yerzeichniss der Arachniden Liv-, Kur- und Esth-
lands. Archiv f. Naturkunde Livlands. Dorpat. IL Ser. I. p. 461.
462. 464.
Ueb. d. Gattungen Estheriau. Limnadia u. einen neuen Apus. 233
herkommenden Muskelbündeln mit Leichtigkeit eine Na-
delspitze in das Innere» führen. Den Durchmesser der
äusserlich getragenen Eier fand ich bei E. Jonesi und
E. donaciformis 0^076 Lin., und sie selbst von ähnlicher
Beschaffenheit wie bei Limnetis. Sie backen an einander
und bilden flache Scheiben.
Während man von den Limnadien bisher nur die
Weibchen kennt, sind bei sämmtlichen 7 Estheriaarten,
von denen man die Körper untersucht hat, auch die Mann
chen gefunden, und es stellt sich sogar ihr Zahlenver-
hältniss zu den Weibchen für sie recht günstig heraus.
Von E. Jonesi zählte ich unter etwa 44 Exemplaren 18
Männchen, bei E. donaciformis waren die Männchen fast
eben so zahlreich, von E. cycladoides hat Joly 24 Männ-
chen und nur 6 Weibchen untersucht, und unter ein paar
Dutzend Exemplaren von jE". guhernator istKlunzinger
nur ein einziges Weibchen begegnet.
Indem ich die bisher beschriebenen 26 lebenden
Arten von Estherien, von denen ich jedoch einige für
identisch halte, hier mit Angabe der Citate aufzähle, will
ich sie zugleich mit Rücksicht auf ihr Vorkommen eini-
germassen übersichtlich zusammenstellen.
Nord-Amerika.
Estheria CaldwelU Baird, Proceed. zool. soc. 1862 p. 148.
pl. XV. Fig. 4. Ann. nat. bist. 3. Ser. X. 1862. p. 393;
Winipegsee.
Mit tel - Am erika.
E, Jonesi Baird^ Proc. 1. c. p. 147. pl. XV. Fig. 1. Ann.
nat. bist. 1. c. p. 391 ; Cuba im brakischen Wasser.
E. Dunkeri Baird, Proc. 1. c. p. 147. pl. XV. Fig. 6. Ann.
nat. bist. 1. c. p. 392; Mexico, Zimapan.
E. mexicana Claus, Beiträge zur Kenntniss der Entomostr.
1860. p. 12. Tab. III ; Mexico, Zimapan.
S üd- Amerika.
E. hrasiliensis Baird, Proc. zool. soc. 1850. pl. XI. t. 4. Ann.
nat. bist. 2. Ser. VI. 1850. p. 56 ; Brasilien.
E. Dallasu Baird, Proc. XX. 1852. p. 30. pl. XXIII. t. 5.
Ann. nat. bist. 2. Ser. XIV. 1854. p. 229; ? Brasilien.
234 Grube:
Australien.
E. Birchn Baird, Ann. nat. List.' 3. Ser. YII. 1861. p. 149;
Südaustralien.
Ostindien.
E. Boysii Baird; Proc. Zool. soc. 1850. pl. XL Fig. 6. Ann.
nat. bist. 2. Ser. 1850. VI. p. 56.
E. similis Baird, Proc. Zool. soc. 1849. 1. c. pl. XI. Fig. 7.
Ann. nat. hist. 1. c. VI. p. 57.
E. polüa Baird, Proc. Zool. soc. 1. c. pl. XI. Fig. 3. Ann.
nat. hist. 1. c. p. 55.
E. Hislopi Baird, Proc. Zool. soc. 1859. Ann. nat. hist.
3. Ser. 1860. V. p. 335.
E. comprebsa Baird, Ann. nat. hist. 3. Ser. 1860. VI. p. 135 ;
Nagpoor.
Syrien und Mesopotamien.
E, Gihoni Baird, Ann. nat. hist. 3. Ser. IV. 1859 p. 281.
pl. V. Fig. 1 ; bei Jerusalem.
E» hier osolymita7ia Seh. Fischer, Abhandl. d. Münch. Akad.
VIII. 1860. p. 649 Taf.XX; bei Jerusalem.
E, Lofti Baird, Proc. Zool. soc. 1862. pl. XV. Fig. 2. Ann.
nat. hist. 3. Ser. X. 1862. p. 392; in Lachen nach
Ueberschwemmungen des Tigris.
(E. dahalacensis s. Afrika).
Eur op a.
Limiiadia tetracera Krynicki, Bull. nat. Moscou II. p. 173.
pl. VII. Cyzicus tetracerus Aud. Ann. soc. entom. VI.
1837. p. 9. Charkow, (andere Fundorte bei der Be-
schreibung der Art).
Isaura cyoladoides Joly, Ann. scienc. nat. 2. Ser. XVII.
1842. p. 293. pl.7,8; Toulouse.
E. melitensis Baird, Proc. Zool. soc. 1850. pl. XL Fig. 2.
Ann. nat. hist. 2. Ser. 1850. p. 55; Malta, auch Si-
cilien ; Cuming (Ruppert Jones Monograph p. 5).
Isaura ticinensis Bals. Crivelli Mcm. dell' Istit. Lombardo
VIL 1859. p. 115. Tab.I; Lombardei.
E. pesterisis Brühl, Verhandl. d. zool. -bot. Gesellsch. in
Wien 1860. X. p. 116. E. pestliiiiensü Chya. 1. c. 1861.
üeb. d. Gattungen Estberia u. Limnadia u. einen neuen Apus. 235
XT. p. 115. Taf. IIL Crust. Phyllopod. Faunae pes-
thinensis Pesth 1861. 8.; Pesth.
Algerien, Aegypten, Abys sin ien.
(Cyziciis Bravaisii Aud. Ann. soc. ent. VI. 1837. p. 9, einer-
lei mit Isaura cycladoides] Algerien.)
E. gubernator Klunzinger, Beiträge zur Kenntn. d. Lim-
nadiden Sieb. u. Köllik. Zeitschr. XIV. Heft 2. p. 139.
tab. XVII — XIX; bei Kairo in stehenden schwach-
salzigen Gewässern.
E. dahalacensis Rüpp. Straiiss-Dürckheim Mus. Senkenb.
IL Heft 2. p. 119. Taf. VII; Abyssinien, Dahalai.
Capland.
E. Macgülivrayi Baird, Proc. Zool. soc. 1862 p. 148. XV.
Fig. 5. Ann. nat. bist. 3. Ser. X. 1862. p.392; Cap,
Greene Point in einem Salzsee.
E. Huhidgei Baird, Proc. 1 c. pl. XV. Fig. 3. Ann. nat.
bist. 1. c. p.392; Cap, Port Elisabeth.
E, donaciformis Baird, Proc. Zool. soc. 1850. pl. XL Fig. 5.
Ann. nat. bist. 2. Ser. 1850. p.56; Kordofon.
CyziGus australis Loven , Ofvers. af Kongl. Vetenskap.
Acad. Forhandl. III. Jahrg. 1846. Stockh. 1847 ; im
Kaffer nlan de.
Dass die von Koch (in Deutschlands Crustaceen,
Arachniden und Myriapoden Heft XXXV. Taf» X) abge-
bildete Limnadia Hermanni keine Limnadia sondern eben-
falls eine Estberia ist, wird jedem, der Limnadien kennen
gelernt hat, unzweifelhaft erscheinen; auch könnte essein,
dass sie wie Baird meint die E. cycladoides, oder wie
Crivelli glaubt die E. tetracera vorstellen soll, allein
bei der Kürze der Beschreibung und dem Mangel der
Abbildungen einzelner Körpertheile lässt sich dies nicht
entscheiden.
Die fossilen Estherien, welche mit dem alten rothen
Sandstein beginnen, und bis zum Wealden, vielleicht bis
in die Tertiärformation hinein beobachtet sind, hat Rup-
pert Jones bearbeitet ^): Er zählt 14 Arten auf:
1) Monograph of the fossil Estheriae 4. Lond. 1862. 5 Tafeln.
286 Grube:
Estheria membranacea (Asmiissia membranncea Pacht, Po-
sidonomya membranacea Pacht) p. 15. pl. L Fig. 1-7,
die älteste bekannte Art.
E. striata (SanguinoLaria striata Münst. ) p. 23. -pl. I.
Fig. 8—18.
E. terielia (Posidonomva tcnolla Jord.) p. 31. pl. T. Fig. 2^,
27. II. Fig. 39. V. Fig. 1—7.
E. exigua (Posidonomva exigua Eichw.) p. 37. pl. I. Fig.
22—24.
E. Portlochii Jones (Posidonia minuta Portlock) p. 40. pl. I.
Fig. 25. -A
E. mmicta (Posidonia minuta Alberti) p. 42. pl. I. Fig. 28
—30, II. Fig. 1—7. V. Fig. 8, 9.
E. Mangaliensis Riipp. Jon. p. 78. pl. IL Fig. 16 — 23.
E. Kofahensis Rupp. Jon. p. 81. pl. IL Fig. 24, 25.
E. ovata (Posidonia ovata Lea) p. 84. pl. IL Fig. 26 — 38.
E. Murckisomi Rupp. Jon. p. 100. pl. III. Fig 1—12.
E. concentrica (Cypris concentrica ßean) p. 101. pl. III.
Fig. 13—17.
E. elliptica Dimker p. 103. pl. III. Fig. 18-29. IV, Fig. 1-7.
E. fWimV Rupp. Jon. p. 109. pl. IV. Fig. 8— 11.
E. Middendorßi Rupp. Jon. p. 111. pl. IV. Fig. 12—22,
vergl. Joh. Müller in v. Middendorf, Sibir. Reise I.
p.261. Taf.XL Fig, 6.
Von den meisten und namentlich fast von allen
durch Baird bekannt gewordenen Estherien kennt man
nur die Schale, und so wenig ihre Beschaffenheit in allen
Phallen ausreichen dürfte , um eine Art mit Leichtigkeit
und sicher zu bestimmen, so wird man doch, da es
sich auch um die Vergleichung mit fossilen handelt, auf
die Beschreibung ihrer Gestalt und Sculptur besondere
Mühe verwenden müssen. Uebrigcns scheint Baird mei-
stens nur trockene Schalen vor sich gehabt zu haben,
was ich daraus entnehme, dass er mehrere als vorn klaf-
fend beschreibt, während sich die Klappenränder aller
dieser Thiere im Leben wie im Weingeiste, fest an-
einander legen; doch kann man aus dieser Angabe von
Baird zugleich schliessen, dass die betreffenden Schalen
keine besondere Stärke besassen.
Ueb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 237
So misslich es ist, diagnostisclie Tabellen zum Theil
nach blossen Beschreibungen und Abbildungen zu ent-
werfen, so kann ich mich diesem Versuche nicht entziehen,
weil ich eine Uebersicht der so zahlreich gewordenen
Arten für wünschenswerth halte: ich benutze dabei die
von Bai rd selbst gebrauchte Eintheilung nach der Sculp-
tui', wenn auch nicht in erster Linie:
I. Schale fast kreisrund (an Artemis erinnernd).
Glänzend, durchscheinend mit nur 6 oder 7 Anwachs-
zonen, Sculptur dichtstehendc , kleine vertiefte Punkte,
Wirbel vorragend • E. Hislopi.
II. Schale annähernd eirund oder oval.
1. Anwachszonen mit verticaien z. Th. spärlich verästel-
ten und anastomosirenden Rippchen ^). Eiförmig, undurch-
sichtig, hellbraungelb mit einem dunkein Fleckchen vor und
hinter den vorn deutlich abgesetzten, sonst kaum vortreten-
den Wirbeln, innen dunkelbraun, starkglänzend, mit einer
kurzen von den W^irbeln herabsteigenden Leiste 33 — 40
Anwachszonen E. donaciformis.
Hinten weniger verschmälert (in der Richtung von
oben nach unten), glänzend grau, Wirbel und Rücken-
rand dunkel braun mit etwas metallischem Glänze, wie
das helle Innere , etwa 34 Anwachszonen, deren obere
Hälfte punktirt, die untere gerippt .... E. Boysii.
Verlängert, hinten etwas verschmälert, Färbung wie
bei E. Boysiij die Ränder der dichter folgenden unteren
Anwachszonen vorragend, geperlt (beaded) . E. simitis.
2. Sculptur der Anwachszonen ein Geäder mit wei-
teren oder engeren Maschen (punktförmigen Ver-
tiefungen).
a. Schale hinten wenig oder kaum niedriger als vorn.
«. Oberfläche glänzend.
Wirbel fast noch in das 2te Drittheil der Länge
fallend, breit und stark vortretend, rostbraun^ Schale blass
horngelb, stark gewölbt. Anwachszonen zahlreich (in d.
1) Diese Sculptur findet sich unter den fossilen bei E. ellip-
tica, E. Middendorfii, notahensis.
288 Grube :
Figur 15\ dicht vertieft pimktirt, Oeffnungcn der Maschen
kleiner als die Dicke der Maschcnfädcn. 4'" lang 2'" hoch
an den Wirbeln E. CaldweUi.
Wirbel vor der Grenze des Itcn Drittheils ^ kaum
vortretend, Schale zart, durchscheinend, mit 44 bis 50
wenig von einander abgesetzten Anwachszonen, die ver-
tieften Pünktchen zahlreich etwa eben so breit als die
Fäden der Netzmaschen, der Rückenrand in den Hinter-
rand durch einen sanften Bogen übergehend. E. mexicana.
(Diese Schalenforra tritt nahe an E. Dunkeri, auch
stimmt die Sculptur überein.)
Schale ähnlich E. brasüiensis doch mehr ge-
rundet, sehr dünn und durchscheinend, Wirbel vor-
tretend , Anwachszonen zahlreich (in d. Figur 20);
erhaben, mit spärlichen groben Punkten, Länge zur
Höhe an den Wirbeln wie 39 : 23 (nach der Abbil-
dung) E. Dallasn.
Schale ähnlich E. Dallasn auch in der Zahl
und Form der Anwachszonen, aber diese ausseror-
dentlich fein und dicht punktirt, Wirbel noch mehr
nach vorn, Länge zur Höhe a. d. W. 29 : 19. (nach der
Abbild.) E. melüetisis.
Schale ähnlich E. Dallasn, Wirbel vorragend,
Anwachszonen noch zahlreicher (etw^a 27), mit nicht
;_ [ so zahlreichen und grösseren Punkten als bei E. me~
lüensis, aussen und innen hellbraun, Oberfläche stark
glänzend wie pollrt, Länge zur Höhe a. d. W. 32 : 19
(nach der Abbild.) E. polita.
Wirbel wenig vorragend , Anwachszonen min-
der zahlreich, etwa 14, vorragend, Sculptur minder
dickaderig, die zahlreichen ziemlich gleichmässigen
OefFnungen grösser als die Dicke der Maschenfäden,
Länge zur Höhe an den Wirbeln 20: 13 (nach der
Abbild.) * E. Gihoni.
Schale ähnlich E. Gihoni, Anwachszonen zahl'
reich 20 — 26, tief und dicht punktirt, Punkte von
unregelmässiger Form und Grösse, Länge zur Höhe
a. d. W. 3 : fast 2 E. cycladoides.
O
a
Ueb. d. Gattimgen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 239
ß. Oberfläche nicht glänzend.
Schale ziemlich oval mit etwas sich senkendem Rük-
kenrande, dieser durch die scharfrandigen Anwachszonen
gezähnt, Bauchrand gerundet, Anwachszonen 13, nicht
glänzend sondern matt und rauh wie zerstossenes Glas
(ground glass), Länge bis 1 Zoll, Hohe V4 Zoll, (die grösste
lebende Art) B Birchii.
Schale etwas verlängert oval, vorn etwas höher als
hinten, dunkel hornfarbig, matt wie mit einer Epidermis
bedeckt, Anwachszonen zahlreich (in der Figur 19), durch
zahlreiche kleine Vertiefungen rauh, mit erhabenen Rän-
dern, Wirbel vortretend, Rückenrand leicht gekrümmt,
Länge zur Höhe a. d. W. 37 : 22 (nach der x\bbild.)
E. hrasiliensis.
b. Schale hinten viel niedriger als vorn (Oberfl.
glänzend).
Dunkelbraun, wenig durchscheinend, hart, Wirbel
noch in's 2te Dritthell der Länge fallend, breit, sehr vor-
ragend, etwas eingerollt, Rückenrand gekrümmt, An-
wachszonen 60 — 80, In der oberen Hälfte der Schale mit
mehreren, dann mit nur 1 Reihe punktförmiger Vertie-
fungen, an der unteren Hälfte so rasch auf einander fol-
gend, dass dies Muster verschwindet, Innenfläche purpurn
dunkelbraun, Länge 6'", Höhe an d. W. 5'" . E. Jonesi.
Hellbernsteingelb , Wirbel mehr nach vorn gelegen,
weniger breit, spitz vorragend, Rückenrand weniger ge-
krümmt, Anwachszonen spärlich (in der Figur 9), mit
klein maschigem Geäder, Durchmesser der Maschen kaum
grösser als die Dicke der Netzfäden, Länge 4'", Höhe a.
d. W. 3'" E. Lofti.
c. Schale hinten etwas höher als vorn (^Oberfl.
glänzend).
Durchsichtig, hornig, suboval, Bauchrand stark ge-
krümmt, glelchmässig in den Vorder- und Hinterrand
übergehend, Rückenrand flacher gekrümmt, gegen den
Hinterrand abgesetzt, Wirbel weit nach vorn, äusserst
klein, Anwachszonen etwa 20, aufliegend, ähnlich E. tetra-
cera (cYcladoides) mit zahlreichen vertieften Punkten ver-
sehen, Länge 6'" mittlere Höhe a. d. W. 4'" E. ticinensis.
240
Grube
III. Sch.alc gestreckt, abgerundet, viereckig oder
rundlich oblong.
Rückenrand leicht gekrümmt, Bauchrand nur an den
Enden gekrümmt, Schale horngclb, dünn, durchsichtig,
vorn etwas niedriger als hinten , Wirbel noch in das
2te Drittheil der Länge fallend, breit und stark vor-
tretend, Anwacliszonen etwa 27, mit erhabenen Rändern,
sehr dicht und fein vertieft punktirt, Länge 7'", Höhe 4'"
a. d. W E. Dunheri.
Schale oval, zusammengedrückt, Rückenrand fast ge-
rade, geneigt, Bauchrand gekrümmt, Wirbel (vgl. E. me-
xicana) ? Anwachszonen vorhanden (wie viel?), punktirt,
Länge 5'", Höhe a. d. W. 2, 5'" . . . E. compressa.
Wirbel ansehnlich vortretend, etwas entfernt
vom Vorderrande, dieser gleichmässig gerundet in
den Rücken- und ßauchrand übergehend, Hinterrand
scharf gebogen, Anwachszonen in der Figur 19,
Länge 6'", Höhe 3'" und mehr . . E. guhernator.
Ganz nahe am Vorderrande, Anwachszo-
nen (in der Figur 17) mit sehr grossmaschigem
Geäder, (nur 2 bis 3 Maschenreihen neben ein-
ander, Durchmesser der Maschen viel grösser
als die Dicke der Fäden), Länge etwa 3,25'",
Höhe a. d. W. 2'" ..... E. liuhidgei.
Gestalt der Schale sonst E. Utchidgei
ähnlich , 14 mit den Rändern aufliegende
Anwachszonen, auf ihnen ein grobmaschi-
ges Geäder, ähnlich wie bei liicbidgei,
aber die Hauptmaschen wieder in mehrere
kleinere zerfallend , Schale dünn , durch-
scheinend, Länge bis 4'", Höhe a. d. W.
2'" E. dahalaoensis.
Schale ähnlich gestaltet, Anw^achszo-
nen zahlreich (in der Figur etwa 24) mit
dünn- und feinmaschigem Netzgeäder wie
punktirt ; Länge etwa 5'", Höhe a. d. W.
3'" (in der Figur erscheint sie kleiner).
E. Macgülivrayi.
Qi (
CS
tiD
T3
ß /
ß
ü
P5
'S
13
u
o
>
a
o
o
U.
cd
-1-5
üeb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 241
Man wird in dieser Uebersicht Cyzicus australis Lov.,
B. tetracera , hierosolymitana und pesthinensis vermissen,
von ersterem ist mir keine nähere Beschreibung der
Schale bekannt und die anderen Arten halte ich für iden-
tisch mit 2 hier aufgeführten; mit welchem Rechte werde
ich weiter unten auseinander setzen.
Man sieht, dass bei der Unterscheidung der Schalen
hauptsächlich die Gestalt derselben bei seitlicher An-
sicht, die Lage der Wirbel, welche gewöhnlich noch in-
nerhalb des Iten Dritttheils der Länge fallen , die Zahl
der Anwachszonen und ihr Abstand von einander, so wie
die Sculptur ihrer Oberfläche in's Auge gefasst ist. Die
Gestalt der Schale ist bei den Individuen derselben
Species, so weit meine Untersuchungen reichen, ziemlich
dieselbe, mitunter etwas gestreckter, oder kürzer als ge-
wöhnlich, mit gleichmässigerer abgerundeter oder deut-
licher gebrochener Hinterecke des Rückenrandes, ich bin
nicht einmal im Stande, an der Gestalt der Schale Männ-
chen und Weibchen zu unterscheiden. Doch finde ich
bei E, tetracera die Schale jüngerer Exemplare im Ver-
hältnisse kürzer als ältere, so misst ein grosses 12 Mill.
in der Länge 7,.") Mill. in der Höhe und 4 Mill. in der
Dicke, ein mittleres 10 Mill. in der Länge, 7 in der Höhe
und 3,8 in der Dicke, ein kleines nur 7,5 Mill. in der
Länge, 5 Mill. in der Höhe und 2 Mill. in der Dicke. Um
so auffallender sind mir die beträchtlichen Abweichungen
der Schalenform gewesen, die Ruppert Jones als in-
nerhalb derselben Specics liegend anerkennt, so nament-
lich bei Estlieria euiptioa (l. c. pl. IV. I'ig. 1, 2, 3), wo
fast kreisrunde Schalen mit langgezogenen wechseln
sollen, jene IVg mal, diese P/4 mal so lang als hoch.
Den horizontalen Querdurchschnitt hat ßaird bei eini-
gen abgebildet, ohne das Mass für die Dicke anzugeben,
die Höhe ist von ihm an den Wirbeln gemessen, dies
ist nicht immer die grösste Höhe. Man wird sich über-
zeugen dass es bei den sogenannten punktirtcn Schalen
auf eine recht genaue Beschreibung der Vertiefungen
und Erhöhungen ankommt. So sagt Baird von der E.
dahalacensiSj dass die Zwischenräume zwischen den Rip-
ArchiT f. Naturg. XXXI. Jahrg. 1. Bd. 16
242 Orube:
pen, d. h. die Flächen der Anwachsstreifen selbst mit
sehr zahlreichen ausserordentlich kleinen vorragenden
Punkten (very numerous cxcedingly minute raised dots
or punctations) bedeckt seien, während sich die Sculptur
von E. cycladoideb als maikcd vciy distinctly with nume-
rous raised dots or punctations of a rather irregulär form
and size zeigen soll. Ich möchte diese Beschreibung
eher umgekehrt anwenden, oder vielmehr von der Schale
der Esthcria cycladoides sagen, dass die Zwischenräume
des erhabenen Geäders, mit welchem doch nur die raised
dots gemeint sein können, im Verhältnisse zur Breite der
Adern sehr klein seien, indem der Durchmesser an jenen
der Breite der letzteren ziemlich gleich oder sogar etwas
kleiner ist, während bei E. dahalacensis, wie ich schon
oben gezeigt, zunächst zu beachten ist, dass die Sculptur
der älteren Anwachsstreifen eine andere als auf den jün-
geren ist, dass sie selbst bei letzteren mehr wie ein Netz
mit feinen Fäden und im Verhältnisse dazu weiteren
Maschen aussieht, bei den älteren hingegen, vollends ein
Geäder mit sehr grossen, queren, unregelraässigen von
feineren Netzen erfüllten Zellen darstellt. Jedenfalls ver-
dient die Schale von E. dahalaoensis mit demselben
Rechte wie die Schale von E. Gihoni excavately punc-
tate genannt zu werden.
Die Thiere von E. Hislopi und E. Gihoni sind uns
nur sehr unvollständig beschrieben, dennoch lernen wir
daraus einige aufiallende Abweichungen von unseren Arten
kennen. Der Körper von E. Gihoni wird als schön roth
beschrieben; sollte sich dies nicht ausschliesslich oder
doch hauptsächlich auf die borstenlosen äusseren Kiemen-
anhänge oder Kiemenschläuche beziehen? (Bei E. guhertiator
ist nach Klunzinger das Blut roth gefärbt.) Der Zi-
pfel, in den der Scheitel der Kopfes ausläuft , soll lang
und scharf zugespitzt sein. Bei E. Hislopi sollen die
Aeste der Ruderantennen nur 7, die einfachen vordem
Antennen nur 4 Glieder haben und das letzte etwas keu-
lenförmig verdickt sein, der Schnabel oder das untere
Ende des Kopfes soll einen gezähnten Rückenrand haben.
Ich gehe nun zu der Beschreibung der Arten über,
üeb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 243
von denen ich Thier und Schale selber zu untersuchen
Gelegenheit gehabt habe.
E. donaciformis Baird.
(Taf. XL Fig. 8. 13. Taf. X. Flg 1—9. Taf. VIII. Fig.
1. 2. 3. 7. Taf. IX. Fig. 2. 3. 7. 12. 13. 14.)
Baird Proc. Zool. soc. 1849. pl. XV. fig. 5^ x\nn. nat.
bist. 2. Ser. 1850. p. 56.
Unter den lebenden kennt man bis jetzt nur 3 Ar-
ten, bei denen die Anwachszonen der Schale erhabene
Längsstrichelchen tragen, nach ihrer Vergleichung zweifle
ich nicht, dass es die echte E. donaciformis Baird's ist,
die ich vor mir habe und von der ich schon in dem er-
sten Theile dieses Aufsatzes mancherlei Einzelnheiten ange-
geben; ihre Schale stimmt ganz mit Baird's Beschrei-
bung überein bis auf ein jNIerkmal, das ihm leicht ent-
gangen sein kann; ich füge daher hier die vollständige
Charakteristik dieser Art hinzu :
E. donaciformis. Tesia dura, ex brunneo flava, mi-
nime pellucida, tumidula, postice compressior, oblique late
ovata, margine dorsuali pone umbones recto, paulo decur-
rente, ventrali leniter curvato in anticum et posticum ae-
qualiter transeunte, umbonibus, sola ab anteriore testae
parte distinctis, albis, stria nigra ante eos oblique antrorsum
descendente, macula fusca pone eos sita zonis incrementi
33 ad 40, margine paulo solutis, costulis verticalibus (hie
illic reticulatis) ornatis, testa intus fusco brunnea, splendida^
paulo iricolor, lamina humili sub stria nigra descendente
brevi, medium haud attingente.
Caput 5» in rostrum breve acutangulum i^angulo
fere 45^), ^ in longius obtusum, paulo truncatum exiens
fronte supra oculos haud ita elatiore : articuti antennarum
anter iorum 12 vel 13, ramorum a. posteriorum 17, subor-
biculares, margine anteriore spinis 5 (6,4), posteriore setis
5 ad 9 armato. Segmenta pedigera24:j dorso posteriorum 16
carinato, dentato, s. 9num et proxima in dentem angustum,
setis curvatis munitum, cetera in latum spinuiis brevibus
fortioribus armatum exeuntia, s. 16mum spinuiis fere 16,
244 (t r u b e :
I7mum fcre 10, 18num H, 23ium 4^ 24tuin 2 instructum; s.
posirenntm (25tum altius quam longiim, marginc iamina-
rum doi'äuali pcctinc splnularuni aequc tcncraiym fere 40,
posteriora versus longioruni, armato.
Fecles utrinquc 24 (24tus segmento extrcmo natus) lati,
dimidio superiorc ctinferiori acque longis, ramo appendicis
branchialis setigerae dorsiiali in anterloribus graclllimo
fiHforml, r. iJ'^'^niraU omamm. magno, extui^ minute crenulato,
intus lobo triangulo ^basi lata oreunte) dllatato, appendice
brancliiali nuda longa, loho iarsali et appendice I. tibialis
inferioris (P) minus longis, hac acuminata. Fedes ante-
riores 2 (^ parte uncinos ferente postice paene truncata.
Long, testae ^ 7,5 mill. 8 8 5 S 8,25 mill. 8,75 mill.
altit. 5 „ 5,25 5,5 6 6 „6 „
crass. ^^J,5 „ 3,5 4 4,2 4 „ 4,25 „
Diese sehr ausgezeichnete Art, von Herrn Dr. Theo-
dor Kotöchy in Kordofan gesammelt, besitzt das zoo-
logische Museum des kais. Naturalienkabinets in Wien,
so wie das britische Museum, dem sie vonParreyss
unter dem Namen NucuLma donacifortnis als Conchylie
zugesendet wurde, und zwar mit Angabe des specielleren
Fundorts Abeid in Kordofan.
Unter den Estherien mit dicht punktirter oder eng-
maschiger iSculptur der Anwachszonen der Schale ist das
Thier von 8 Arten beschrieben, nämlich von E. dahala-
censiüy pesthinenses, ttcinensü, tetracera, cycladoideSj hiero-
soiymitana, mexicana und Gihonij doch fallen einige der-
selben gewiss, manche wahrscheinlich mit anderen Arten
zusammen. Erstercs gilt zunächst von E. dahalaoensis
Rüpp. ^) und p>estiunensis j welche zuerst Brühl unter
dem Namen pesthcnsis aufgestellt '-), Chyzer beschrie-
ben hat ^).
1) Mus. Senkenberg. IL Heft 2. p. 119. Taf. VII.
!;') Verhandl. (i. zoolog. bot. Gesellsch. in Wien 1860. X. p. 116.
3) Ebenda 1861. XI. p 115. Taf. III. und Crust. Phyllopod.
Faunae pesthinensis 1861. p. 29. Taf. II. UI.
Ueb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 24n
E. dahalacensis Rüpp .
(Taf.XLFig. l.j
Schon Chyzer selbst macht auf die fast vollkom-
mene üebereinstimmung in der Diagnose der genannten
Arten aufmerksam ; namentlich zeigen beide dieselbe Form
der Füsse mit dem charakteristischen dreieckigen an der
Basis verengten Lappen an dem unteren Aste des bor-
stcnrandigen Branchialanhangs und dieselbe Form der
Schale^ und es blieb nur zweifelhaft, ob das kleine ab-
gesetzte Spitzchen, das Chyzer an dem unteren Rande
(der Schneide) des spateiförmig auslaufenden Kopfes bei
E. pesthinensis entdeckt hatte, auch bei E. dalialaceubia
vorkäme, die Vergleich iing von Originalexemplaren der
E. dahalaGensisy die ich der Gefälligkeit des Herrn Prof.
Rüppel verdanke, beweist nun, das dieses Spitzchen
wirklich Strauss entgangen ist, und dass beide Arten
durchaus identisch sind. Nur an einem grossen männli-
chen Exemplare von 11,5 Mill. Körperlänge (ohne die
Endhaken), das sich auch dadurch auszeichnet, dass es
nicht 24, sondern 27 Fusspaare besitzt, kann ich keine
Spur jenes Spitzchens wahrnehmen. Uebrigens sitzt das-
selbe nicht bei allen Exemplaren auf derselben Stelle, son-
dern bei einigen, wie Chyzer abbildet, noch am Vorder-
rande selbst, bei andern schon am ünterrande, auch ist
die bei seith'cher Ansicht einigermassen an Area Noae
erinnernde Gestalt nicht immer so scharf ausgeprägt, der
Rückenrand nicht mehr gerade, sondern leicht convex, wobei
die höchste Erhebung hinter den Wirbeln liegt und nicht
mehr unter einem geradlinigen stumpfen Winkel, sondern
mit einem Bogen in den Hinterrand übergehend. Die-
selbe Species, die von Rüppel auf der Insel Dahalac
(im rothen Meere), von Chyzer bei Pest entdeckt wurde,
und die nach Baird auch am Tigris vorkommt, habe ich aus
Sicilien und von der Insel Cherso erhalten (von letzterer
bloss Schalen) und Exemplare, die bei Wien mit Apus can-
criformis gesammelt sind, hat mir Prof. v. Siebold mit-
getheilt, so dass sich die Verbreitung dieser Art etwa
246 Grube:
vom 15" bis 48« nördl. Br. und von 32^ bis 62« östl. L.
erstreckt.
E. dahalaceiLSis. Testa tenera, Cornea, valde pellu-
cens, oblonga, a latere visa JLrci's quibusdam similis, mar-
gine dorsuali et vcntrali parallelis, antico leniiis, postico
magis ciirvato, cum dorsuali angulum obtusum compo-
nente, umbonibus anticis, band ita tumidis, zonis incre-
menti fere 14 ^), maxime incumbentibus, irregnlariter re-
ticulatim sculptis, macutis refis maioribus plerumqne trans
versis, iternm subtilius reticulatis. Caput in spatulam
brevem $ angustiorera, ^ latiorem, infra ad angulum an-
teriorem spicula molli ornatam exiens, articuli antennarum
anteriorum 17 (14 Gbyzer), ramorum antenn. posterio-
rum oblongi 13 vel 14, margine anteriore spinis 8 ad 10,
posteriore setis fere 8 armati. Segmenta 'pedigera 24
(ad 27). dorso posteriorum 7 spinulis brevissimis, ISmi et
proximorum trium fere ö, 22di et 23ii solis 3 instructo ;
s. 25tura (postremimi) laminis supra pectine spinularum
aeque tenerarum plus 40; posteriora versus longiorum ar-
matis. Pedes haud ita lati, ramo appendicis branchialis
ventrali intus lamina late triangula (basi angusta media
affixa) sctigera niunita, parte tibiali extus lobo brevi aeque
lato instructa, lobo tarsali subtus rotundato, appendice L
tihialiä inferioris (P) eo longiore : pedes anterioren ^
parte uncinos ferente postice sinu angusto, profundo
notata.
Long, testae 12,5 m., altit. 6,5 raill., crassit. 3,5 m.
Die Limnadidc, die Kliinzingcr -) im stebendcn
Wasser bei Kairo gesammelt hat, und bei deren Beschreibung
er zwischen den Namen Limnadia und Cyzicus grtbernator
geschwankt, sich aber doch mehr für den letzteren erklärt
hat, ist entschieden ein Cyzicus ( Estheria) , und zwar
steht die P'orm ihrer Schale am nächsten E. dahalacensis^
der einzigen Art, bei welcher die Länge der doppelten
1) Claus giebt 30au, eine so hohe Zahl haben weder Chy-
zer noch ich gefunden.
2) Klunzinger Beiträge zur Kenntniss der Limuadiden. Zeit-
schr. für wissensch. Zoologie XIV. Heft 2. p. 139. tab. XVII— XIX
üeb. d- Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 247
Höhe gleich kommt, eine annähernde Gestalt haben auch
E. Hubidgei Baird und E. Macgillivrei, beide vom Cap,
doch beide verhältnissmässig minder gestreckt , wie es
nach Klunzinger zuweilen auch bei E. gubernator vor-
kommen soll *). Alle 4 Arten besitzen einen geraden
Rückenrand, allein bei allen jenen ist der Wirbel äusserst
wenig ausgeprägt, während er sich bei E. gubernator als ein
so starker namentlich vorn abgesetzter Buckel erhebt, dass
bei der Lage, die Klu nzi nger aut'Taf.XVIIL Fig. 11 dar-
stellt, derRückencontour der Schale sogar hinter demselben
ausgehöhlt und die Schale nahezu nierenförmig erscheint.
Ueberdies finde ich folgende Verschiedenheiten von E.
dahalacensis aus den ^Abbildungen von E. gubernator her-
aus : der untere Ast des äusseren Branchialanhanges trägt
an dem Innenrande nicht das ansehnliche dreiseitige Blatt A,
sondern nur einen kurzen Vorsprung (1. c. Taf. XIX.
Fig. 19. b"*), die Zahl der Dornen, w^elche den Rücken-
rand der Endanhänge des letzten Segments besetzen, ist
bei E. gubernator viel geringer, als bei dahalacensis, ich
zähle nur 15, bei E. dahalacensis dagegen über 40, auch
sind sie bei letzterer viel kürzer, der ganze Endanhang
erscheint bei E. gubernator minder gestreckt , erinnert
in seiner Gestalt mehr an E. donaciformis. Ein Spitz-
chen vorn am Kopfende, wie es bei Ej. dahalacensis vor-
kommt, giebt Klunzinger nicht an. Die Schale von
E. gubernator soll nur 6 Mill. lang werden, wogegen sie
bei E. donaciformis 12 Mill. Länge erreicht, und die Zahl
der Fusspaare nur 22 sein , wogegen sie bei E. dahala-
censis mindestens 24 beträgt. Doch fügt Klunzinger
hinzu, dass bei der Schwierigkeit der Zählung er auf der
seinigen nicht bestehen wolle. Von E. Hubidgei und
Macgillivrei ist nur die Schale bekannt, es lässt sich da-
her der Beweis , dass E. gubernator eine gute Art sei,
diesen gegenüber nicht so genau durchführen. Die Scul-
ptur der Schale ist von Klunzinger nicht besonders
1) Dass bei einer Länge von 6 Mill. die Höhe von 3-4Mill.
wechseln soll, ist mir unwahrscheinlich, wäre mindestens höchst
auffallend, und von andern Arten abweichend.
248 Grube:
dargestellt, sia scheint also nicht so auffallend wie bei
E. Hubidgei zu sein, wo sie ein sehr grobnio-schiges Netz-
werk darstellt. Die Zahl der Anwachszonen ist im Texte
nicht angegeben, der Abbildung nach beträgt sie 19, bei
E. dahalacensis etwa 14, die Färbung der Schale ist
dunkel, schmutzig bräunlich ^bci durchfallendem Lichte
grünlich gelb), gegen die Buckel hin dunkler, und ihre
Substanz so wenig durchscheinend, dass man nur gegen
den Rand hin einzelne Körpertheile des lebenden Thieres
wie die Fiisse schwach durchschimmern sieht, während
die Schale bei E. dahalacensis blass und durchscheinend,
bei E. Hubidgei und Macgillivrayi der Beschreibung nach
wenigstens nicht dunkel gefärbt ist.
E. t e trac e r a Kryn.
(Taf.Xl. Fig. 2. Taf.IX. Fig. 10.)
Was E. tetracera ^) anlangt, so ist mir sehr wahr-
scheinlich, dass dieselbe mit E. cycladoides zusammen-
fällt. Joly zählt folgende Unterschiede auf: bei E. cy-
cladoides sei die Schale Cyolas rivalis und ca'yculata
ähnlich und gewölbter (Länge zur Dicke wie 9,6 bis 12,5
zu 4 bis 5 (/ und llp bis 13 zu 4 bis 6 $), bei E. te-
tracera zusammengedrückter, ähnlicher Teilina, Länge zur
Dicke — 10 zu 3 ^ und 12 zu 4 $), auch durchsichtiger,
(die Zahl der Anwachsstreifen in Joly*s Figur beträgt
24 $) ; die Zahl der Fusspaarc bei E, cycladoides 22 ((/),
24 ($), bei E. tetracera 25 ij"), 21 ($), auch scheinen sie
weiter von einander zu stehen, die Zahl der Glieder an
den Aesten der Ruderantennen sei bei jener 13 oder 17,
bei dieser 16 bis 18, die Zahl der Stachelchen auf dem
Rückenrande jedes Endsegmentblattes bei jener etwa 10,
bei dieser über 40.
Unter dem Namen E, tetracera sind mir Exemplare
von Moskau und durch Wag a von Warschau zugeschickt
worden, bei denen ich keinen Grund zu zweifeln habe,
dass sie der echten bei Charkow gefundenen Limnadia
1) Krynicki Bull. nat. Moscou II. p. 173. pl.VII.
üeb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 249
tetracera Krynicki's entsprechen. Eine ganz übereinstim-
mende Estheria ans Charkow selbst habe ich kürzlich im
Petersburger Museum und einig-e Exemplare aus Kiew
bei Herrn v. Middendorf vorgefunden. Alle passen
zu der von Krynicki gegebenen Beschreibung und
seinen Abbildungen j die beide allerdings manches zu
wünschen übrig lassen, bis auf folgendes: die Füsse der
von mir untersuchten Exemplare zeigen an dem Bauchaste
des borstenrandigen Kieraenanhanges oben an seiner Wurzel
einen Fortsatz in Gestalt eines schmaldreieckigen, eben-
falls borstenrandigen, etwas aufsteigenden, den Innenrand
des Tibiallappens nicht erreichenden Läppchens, den
Krynicki weder erwähnt noch abbildet. Da ich die-
ses bei einer früheren Untersuchung eines freilich nicht
abgelösten Fusses seiner versteckten Lage wegen selbst
übersehen habe, ähnliches auch einem andern Beobachter
bei einer anderen Art begegnet ist, so möchte ich auf
diesen L^mstand kein besonderes Gewicht legen.
Ich bemerke ferner an den Greiffüssen des Männ-
chens und zwar bei ausgebreiteter Lage am Innenrande
der breiten Partie, welche die Klauen trägt, unmittelbar
über dem Polster, gegen welchen dieselben einschlagen,
einen kleinen Absatz, den ich bei Krynicki vermisse;
er kann ihm bei etwas schräger Lage entgangen sein. —
Endlich zählt Krynicki 27 Paar Füsse; ich fand bei
einer früheren Zählung nur 24, gegenwärtig sehe ich,
dass mir ein 25tcs sehr kleines verborgen geblieben ist,
bei manchen Exemplaren, die freilich nicht von Moskau
und Warschau herstammen, die ich aber für dieselbe Art
halte, zähle ich sogar 26, die Zahl der Füsse scheint also
bei dieser Species veränderlich; es kann aber sein, dass
Krynicki 1 oder 2 zu viel gezählt hat: denn die Zäh-
lung ist nicht leicht und wird nur sicher, wenn man den
Körper durch einen Längsschnitt in zwei Hälften theilt,
was die Schonung fremden F]igenthums nicht gestattet.
Dass überhaupt Krynicki nicht gar zu genau in den
Bau des Thieres eingegangen ist, beweist auch der Um-
stand, dass ihm seine Mandibeln unbekannt blieben; er
giebt nur an „des deux cöt^s de la tete on voit une emi-
250 Grube:
nence d serablabe ä iin pepla de porame d'usage in-
coiiDu", und sieht vielmehr wie ßrongniart bei Lim-
nadia^ die Obcrh'ppe als eine Verwachsung der beiden
Mandibeln an Der Öpitzchen oder Zähnchen auf dem
Rückenrande des Endsegments erwähnt er gar nicht,
ebenso wenig , dass dasselbe in zwei parallele Blätter
ausläuft. Die Zahl der Stachelchen auf jedem der beiden
Endblätter des Körpers beträgt zwar meistens über 18,
aber gerade an dem Exemplare von Charkow nur 8 bis 9,
ein Paar kaum bemerkbare nicht mitgerechnet. Seine
Schale hatte bei einer Länge von 12 Mill. und einer Höhe
von 6,5 Mill., eine Dicke von 4 Mill. Wenn also, wie ich
annehme, jene Charkower, ^Moskauer und Warschauer
Estherien die wahre E. tetracera Krjn. sind, so würde
diese iVrt folgende Kennzeichen an sich tragen :
E. tetracera. Testa Cornea pellucens a latere visa
subovata, margine dorsuali minus quam vertrau curvato
vel recto angulo posteriore plus minus rotundato, antice
tumidula, umbonibus minimis, zonis incrementi fere 16 ad
24, maximc incumbentibus, subacqualibus, tenerrirae dense
punctatis (diametro intervallorum punctis impressis ple-
rumque angustiore).
Caput apud $ in rostrum late triangulum , apud c^
in spatulam latam margine curvato exiens, oculo sim-
plici trigono, articuli antennarum anteriorum c. 16, po-
steriorum oblongi utriusque rami 18 vel 19, margine
anteriore spinis 6 ad 8, posteriore setis 8 vel 9 armati.
Segmenta pedigcra 25 vel 26, 26tum cum segmento po-
stremo coalitum, dorso proximorum in processum spinis
5, 7, 9 armatum excurrente, s. postremum paulo altius
quam longum, laminis supra pectine spinularum maxime
inaequalium plerumque 18 ad 23 (interdum 9 tantum)
armatis. Pedes haud ita lati, ramo appendicis branchialis
setigerae ventrali ad basin processu angusto trigono paulo
resupino, introrsum spectante munito, appendice lobi tar-
salis inferioris {\^) haud acuminata , pedes anteriores (^
parte uncinos ferente postice supra pulvinar paulo pro-
ducta
Ueb. d. Gattungeil Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 251
Long. test. 12 mill. alt. 7;5 mill. latit. 4 mill. $ Charkow
r, 11 ;, . 7 „ „ 3,75 „ d' Warschau
„ 10,5„ ;,7„ „3 „ cTMoskou
10 ^ „7 , „ 3,5 ^ ^Warschau.
Vergleiche ich hiemit die Estheria, die Professor v.
Siebold bei Breslau gesammelt und die als E. cyola-
doides in unserem Museum aufgestellt ist, so kann ich
durchaus keine Unterschiede entdecken, doch finde ich
darunter ein Exemplar, dessen Schale von den Verhält-
nissen 11, 6V2, 3,5 in ihrer seitlichen Ansicht sich da-
durch entschieden der Figur der E, cycladoides von J0I7 ')
nähert, dass der Rückenrand nicht nur gerade, sondern
sogar etwas eingesenkt ist, wenn er auch nicht einen so
ausgeprägten Winkel mit dem Hinterrande bildet Der
Oberrand von den Endplatten des letzten Segmentes die-
ses Exemplars ist zwar wie bei den andern ebenfalls mit
sehr ungleich starken und ungleich langen Zähnen be-
setzt, so dass winzigere zwischen längeren und dickeren
eingeschoben sind und kein regelmässiger Kamm entsteht,
aber die Zahl derselben ist nur 10, beides Charaktere,
die ich früher als besonders bezeichnend für E. cycladoi-
des angesehen hatte. Andererseits hat mir Herr Prof. v.
Siebold ein Exemplar einer Estheria cycladoides aus
Toulouse mitgetheilt, also von dem Orte, an welchem Joly
diese Art gefunden hat, die so sehr mit meinen Warschauer
und Moskauer Estherien übereinstimmt, dass ich sie, wenn
man zwischen beiden Arten unterscheiden will, viel eher
für tetracera halten würde; auch dieses Fixemplar erreicht
nicht das von Joly angegebene Maximum der Grösse,
da es nur 11 Mill. lang und 7 Mill. hoch ist; vielleicht
zeigt sich die von Joly dargestellte Form der Schale
vorzugsweise bei den grössten Thieren.
Alles was Claus in seiner Abhandlung über die
Estherien von K. cycladoides sagt, bezieht sich auf Exem-
plare der bei Breslau gefundenen Estheria; wenn er dort
p. 15 die Schale derselben undurchsichtig nennt, so kann
ihr Verhalten wohl nur in dem Gegensatze zur E, mexi-
1) Ann. scienc. nat. See. ser. Tom. XVII. pl. 7. Fig. 1.
252 Grube:
cana mit scliäifcrera Ausdrucke so bezeichnet werden, da
Joly's Abbildung selber die Füsse durch die Schale
durchschimmern lässt, oder er hat grössere Exemplare
vor sich gehabt, deren Schale zum Theil von Eisenoxyd-
hydrat oder Confervenschmutz bedeckt , oder in Folge
längerer Aufbewahrung in Weingeist verändert war.
In neuester Zeit hat Ch yz e r ^) das Vorkommen von E.
cycladoici-'s auch in Ungarn nachgewiesen, und nach seinen
Exemplaren eine zum Theil berichtigende Diagnose hinzuge-
fügt, welche bis auf die 24-Zahl der Fusspaare durchaus auf
die von Moskau und Warschau herstammenden Exemplare
der JE. tctracera passt, und in welcher ebenfalls auf das Vor-
handensein eines Fortsatzes am Innenrande des absteigenden
Astes des Branchialanhangs [proccösus coronoideus) auf-
merksam gemacht wird. Dieser Fortsatz müsste sich also
Joly's Beobachtung entzogen haben. Die vonChyzer
gegebene Abbildung der Schale bei seitlicher Ansicht
(Crust. Phyllopod. Tab. I. Fig. II) stimmt mit der Joly'-
schen nicht überein, die Form ist merklich kürzer im
Verhältnisse zur Höhe als bei dieser und der Rückenrand
durchaus nicht gerade. Die Zahl der Zähnchen auf dem
Rande des rechten Endsegmentblattes ist 16 bis 21, also
grösser als Joly für cycladoides angiebt; 40, wie sie
nach ihm bei E. tetracera vorkommen sollen, finde ich
bei keinem der Exemplare, die ich dafür halte, üebri-
gens zweifelt auch Chyzer nicht, dass Claus E. cycla-
doides die echte ist.
S. Fischer-) hält, ohne jedoch ausführlicher auf die
Unterschiede einzugehen, E. cycladoides und tetracera, von
denen beiden er Exemplare vor sich hatte, auseinander,
doch giebt er Abbildungen von den Schalen und dem
ersten Fusse des Männchens; die Schale von E. cycla-
doides, die er aus Sicilien hatte (1. c. Fig. 15), zeigt hier
einen convexeren Rückenrand als seine E. tetracera, über
deren Vaterland nichts angegeben ist ,1. c. Fig. 16) ; wäh-
1) Verhaiidl. d. zool-bot. Gesellsch. in Wien 1861. XI. p. 114.
2) Abhandl. d. math. -phys. Classe d. Bair. Akad. d. Wissen-
schaft. 1860. VIU.
Ueb. d. Gattungrer. Eptheria u. Limnadia u. einen neuen Apiis. 253
rend man eher das Gegentheil erwarten sollte^ und was
den ersten Fuss des Männchens betrifft, so stimmt der-
selbe weder mit der Originalfigiir von Krynicki noch
von Jolj überein; auffallend ist mir der gerade Unter-
rand dieses Fusses von E. cycladoides in Fischer's Ab-
bildung (1. c. Fig. 14), während bei allen mir bekannten
Arten die beiden Haken von dem mit Borsten besetzten
Polster durch einen mehr oder minder tiefen Ein- oder
Ausschnitt getrennt sind, ebenso das Fehlen des Zäpf-
chens an diesem Polster bei E. teiracera (1. c. Fig. 13),
und die scharfe Ausprägung von zwei Gliedern an dem
einen der beiden Haken, die ich niemals wahrgenommen
habe, wenn ich auch zuweilen eine mittlere Verschmäle-
rung gesehen. '
Unter den Estherien, welche mir Herr Professor v.
Siebold mittheilte, muss ich noch eines Exemplars aus
Spanien erwähnen, dessen Schale in mir die Hoffnung
erweckte, die echte E. cycladoides Joly vor mir zu ha-
ben; ihre Form bei seitlicher Ansicht (Taf. XI. Fig. 3)
stimmt ganz mit der Abbildung von Joly und ihre
stärkere Wölbung und auch ihre Masse fast ganz mit
Joly's Angaben überein, indem sie bei einer Länge von
13,5 Mill. und einer Höhe von 9 Mill. eine Dicke von
6 Mill. erreicht, allein die Zahl der Anvvachszonen war
etwa 32 und die Zähnchen auf dem Rückenrande jedes
Endblattes des letzten Segments äusserst dünn, sehr gleich-
artig und zahlreich (etwa 74), auch weit an dem Endhaken
hinauflaufend, und die nächstvorhergehenden Segmente
trugen einen queren Rückenkamm von 5 und 7, weiter
entlegene von 9 Stachelchen; Kopf- und Fussbildung fand
ich wie an den von mir untersuchten Exemplaren von
E. teiracera. Die Gliederzahl an den Aesten der Ruder-
antennen war 17.
Wenn ich also die echte E. cycladoides Joly gar
nicht kennen sollte, wenn E. teiracera und cycladoides
nicht einerlei sind und man die Figuren von Joly für
letztere als massgebend zu Grunde legt, so besteht der
Unterschied ausser den von ihm selbst hervorgehobenen
Merkmalen, der geringen Zahl der Stachelchen auf den
254 Grube:
Endblättern u. s. w., nur in der scharfen Ausprägung des
stumpfen Winkels, den der gerade Riickcnrand der Schale
mit dem gekrümmten Hinterrande bildet, in der Einfach-
heit der hintersten Zacken (dentes) des Rückenrandes des
Leibes, in dem Mangel des Fortsatzes an der Wurzel des
Bauchastes vom ßranchialanhang und in der Form der
zwei ersten Fusspaare des Männchens, dessen Innenrand
oberhalb des Polsters nicht einen blossen Absatz, son-
dern einen tiefen und schmalen Ausschnitt zeigt. Nach
der jetzigen Lage der Dinge aber bin ich veranlasst E.
teiracera und cycladoides für eine und dieselbe Art zu
halten, für welche dann wohl der Name teiracera ^ so
wenig specifisches er bezeichnet, als die ältere Bezeich-
nung beibehalten werden müsste. Dann besitzt auch diese
Species einen sehr ansehnlichen Verbreitungsbezirk, da
E. cycladoidea in Oran und Algerien, Tunis, Sicilien, bei
Toulouse und Pesth, E. teiracera bei Moskau, Charkow,
Warschau und Breslau gefunden ist; die äussersten Gren-
zen würden etwa der Stjste und 56ste Breitengrad und der
IGte und 5(iste Längengrad sein.
Ich kann ferner keinen Anstand nehmen, auch die
E. hierosolymitana Seb. Fisch, zu dieser Art zu ziehen.
Die Vergleichung mehrerer Orginalexemplare , welche
mir Herr Dr. Sebastian Fischer freundlichst zuge-
stellt, lässt mich wieder im Baue der Füsse, des Kopfes
und der Endsegmente des Körpers noch in der Form
und Structur der Schale einen Unterschied herausfinden.
Zahl und Grösse der Zähnchen auf dem Rande der End-
blätter wechselt, und erinnert bald an Joly's E. cycla-
doides, bald an Krynicki's E. teiracera. Die von
Fischer gegebene Figur des Iten Fusspaars von E.
cycladoides entspricht nicht der von Joly mitgetlieilten
und kann nur von einem schlecht erhaltenen Exemplare
herrühren ^).
1) Abhandl. d. matLem. phys. Classe d. Dair. Akad. d. Wiss
1860. VIII. p. 649. Tab. XX. Fig. 7—16.
Ueb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 255
Ich finde die Länge der Schale:
12 mill. Höhe 7,5 mill. Dicke 4,5 mill.
8,3 „ „ 5 „ „ 2,75 „ (^)
7,8_ , . 5 , , 2,75 „ ($)
Baird hält es nicht für zweifelhaft, dass auch Her-
rn an n's Daphnia gigas hieher gehört, ich bin nicht die-
ser Ansicht und werde meine Gründe dafür bei Limnadia
gigas anführen.
E. mexicana Claus.
(Taf.XL Fig. 5. Taf. YHL Fig. 6. Taf. X. Fig. 13.)
Obwohl wir von dieser Art eine ebenso ausführliche
als durch das Eingehen auf manche bisher bei den Es-
therien übersehene Verhältnisse verdienstliche Beschrei-
bung von Herrn Prof. Claus besitzen*), war es mir
dennoch wünschenswerth , Originalexemplare zu einer
Vergleichung mit den übrigen Arten zu erhalten. Durch
Gewährung dieses Wunsches bin ich in den Stand gesetzt,
auch in Bezug auf diese Art einiges hinzuzufügen. Beide
Exemplare , die ich erhielt, w*aren Weibchen ; an dem
einen ging der gerade und sogar etwas eingesenkte
Rückenrand entschieden unter einem ( sehr stumpfen )
Winkel, an dem anderen, ohne eingesenkt zu sein, durch
einen gleichmässigen Bogen in den Hinterrand über:
ähnliche Abweichungen sind oben bei E. cycladnides und
tetracera erwähnt. Die Wirbelpartie ist stark gewölbt,
ohne dass die Wirbel stärker abgesetzt sind, sie ragen
über den Rückenrand der Schale hervor. Die Anwachs-
streifen lagern sich so fest auf einander, dass ihr Rand
nur wenig oder gar nicht über die Fläche hinausragt
und sie wne einfache Zeichnungen der Schale aussehen,
doch bemerkt man auch hier zwei Randconture, der Zwi-
schenraum zwischen denselben ist etwas glänzender, als
die Anwachszone selbst, deren Sculptur äusserst winzige
punktförmige Vertiefungen von noch kleinerem Durch-
1) Beiträge zur Kenntniss der Entomostraken. Marburg 1860.
p. 12. tab. IV.
256 Orul)e:
messer als bei E. tetracera zeigt. Ein Stückchen eines
solchen erscheint bei 230-facher Vergrösserung gegen den
Rand hin wie von dunkleren concentrischcn »Streifen durch-
zogen, in denen lichte Pünktchen in einer Reihe und
zwar in Zwischenräumen stehen, die mitunter zweimal so
gross als sie selber sind, an anderen Stellen laufen jene
Streifen oder Züge in einer von den Wirbeln nach der
Peripherie gehenden Richtung. Beides läuft auf ein
Netzwerk hinaus, dessen Maschenwände ungleich dicker
als die Innenräume sind, zuweilen scheinen letztere ganz
zu verschwinden, Randhäärchcn fehlen auch der Schale
dieser Art nicht. Mit dem Mantel, der die Schale aus-
kleidet , löste sich auch das ihm nach aussen zunächst
anliegende membranöse Blatt derselben , das andere, die
Innenfläche des Mantels überziehende, war zum Theil schon
zerstört.
Die Spitze, in weiche der Kopf des Weibchens aus-
läuft, und die einen Winkel von etwa 45^ bildet, erschien
mir sogar etwas eraporgekrümmt und bildet einen gros-
sen Gegensatz gcg^^i^ den breit spateiförmig abgestutzten,
der Beschreibung nach der E. oycladoides ähnelnden Kopf
des Männchens. Die Zahl der Füsse an dem besser er-
haltenen Exemplare fand ich 2b, ihre Beschaffenheit, wie
sie Claus beschreibt, doch fehlt auch hier nicht, ein
Läppchen an der Basis des Bauchastes des borstenrandi-
gen Kiemenanhangs ; es hat wie bei E. tetracera die Ge-
stalt eines schmalen etwas aufsteigenden Fortsatzes und
erreicht auch hier nicht den Innenrand der Fussplatte.
Die Augen finde ich entschieden kleiner als bei E. do-
naciformis.
E. mexicana. Testa cornea valde pellucida, tenera,
tumida, postice subcompressa a latere visa ex ovali ovata,
margine dorauali rectiusculo, in posticum arcu angulove
obtuso transeunte, umbonibua prominulis anteriora versus
(ad Vs fcre longitudinis testae) sitis m. venirali paene
parallelo, zonis incremenli satis distantibus, dcnique spissis
42 ad 50, margine splendcnte maxime incumbentibus,
subtilissime punctatis, punctis minus impressis saepius vix
distinguendis, satis distantibus. Caput $ in rostrum breve,
Ueb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 257
exiens, ^ longius qnasi seciiri forme vel late spatulatum
ut E. tetraoerae; articuli antennarum posteriorum utriusqiie
rami 16 ad 21 siiborbiciilares, apicem versus subtrianguli
productiores. Segmenta pedigera 24 yel 2b, 25tum cum
segmento extremo longiore coalitum, dorso posteriorum
dentato seginenti 12di spinn lis c. 17, ISü c. 19, 14ti c. 9,
15ti c. Ij ceterorum 5 rariiis 1, 24ti 3 arraato, s. extremum
paulo altius quam longuui , margine Jaminariim dorsuali
pectine spimilarum inaeqiialium fere 45 armato. Pedes
cum E. tetracera congrueutes, pedes anteriores ^ 'ex
icone) parte uncinos fcrente postice supra puivinar mi-
nime incisa.
Long. test. 12,5 m., alt. 8 m., crassit. 5,5 m. nach eigenen
Messungen.
„ 14 „ „ 8,5 „ „ 6 „ desgl.
„ 13 „ „ 9 „ „ 6 „ nach Claus.
Diese bisher nur in Mexiko gefundene Art ist also
am meisten mit £. tetracera verwandt, unterscheidet sich
jedoch von ihr durch die grössere Zahl und sehr viel
undeutlicher punktirte Sculptur der Anwachszonen und
die bauchigere Form der »Schale.
Unter den früher von Baird beschriebenen Schalen
aussereuropäischer Esthcricn hat die dünne und durchsich-
tige Schale von E. Dunkeri ^) aus Mexiko eine so grosse
Achnlichkeit, dass ich kaum an der Identität dieser bei-
den zweifle. Was er vcii der Oberfläche der Anwachs-
zonen sagt „interstices marked with shallow pits and
extremely* rine punctations", die Beschreibung der Wir-
bel, die Verhältnisse der Länge und Höhe passen auch
auf E. mexicanaj doch glebt Baird nur etwa 27 Anvvachs-
streifen an, und seine Figur erscheint am hinteren Theile
etwas höher als am vorderen, wahrend ich das Gegen-
theil finde, wenn auch nicht in dem Grade, wie Claus
abbildet. Der Grad der Wölbung der Schale entspricht
dem von Baird gegebenen Durchschnitt. Bestätig-t sich
1) Proceed. Zool. soc. 1862. p 147. täb.XV. fig. 4.
Archiv für Naturg. XXXI. Jahrg. 1. Bd. 17
258 Grube:
die Identität^ so miiss der Name mexicana als der ältere
bevorzugt werden.
E. tic inen SIS Criv.
(Taf. XL Fig. 4, 11. Taf. VIII. Fig. 5. 8. Taf. X. Fig. 14.)
Unter diesem Namen hat Balsamo Crivelli ^)
eine Estheria der Lombardei beschrieben , welche von
E. cycladoides gewiss verschieden ist. Wäre diese Be-
schreibung in allen Stücken zuverlässig, so würde es eine
von allen andern dadurch höchst abweichende Art sein,
dass der sonst borstenlose obere Kiemenanhang hier gleich
dem äusseren mit Borsten versehen wäre (1. c. Fig. VII.
VIII). Dies hat aber Wahrscheinlichkeit gegen sich, weil
es einem für alle zweiklappige Phyllopoden gültigen Ge-
setze widerspricht, und wir müssen daher wohl annehmen,
dass der Verfasser überhaupt weniger auf die Einzelnheiten
im Fussbaue eingehen wollte, wie er denn unter den
normalen Füssen seiner Estheria an manchen eine Drei-,
an andern eine Viergliederzahl erkennen will, während
sie doch nach einem und demselben Plane gebaut sind.
Diese Voraussetzung wird durch die Untersuchung eini-
ger Weingeistexemplare dieser Estheria, welche mir Herr
Professor de Filippi zuzusenden die Güte hatte, be-
stätigt. Die Schale, die Form des Kopfes und des Iten
Fusspaares des Männchens, nahe zu auch die Antennen
und der Bau der hinteren Körpersegmente stimmen mit
Crivelli's Angaben überein, doch habe ich in Betracht
des Kopfes und der Füsse noch einiges hinzuzusetzen.
Abgesehen davon, däss der innere Branchialanhang (Taf. X.
Fig. 5. b) die gewöhnliche Beschaffenheit zeigt, ist noch
zu erwähnen, dass der untere Ast des äusseren borsten-
randigen Branchialanhangs einen an der Insertion schma-
len, dreieckigen Lappen trägt, der weil er von der vol-
len Fussplatte verdeckt wird, Herrn Crivelli leicht
entgangen sein kann, und dass der Aussenrand des un-
1) Memorie dell' Istituto Lombardo di scienze belle lettere
ed arti VII. 1859. p. 115. tab. I.
üeb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 259
teren Tibialtheils einen besondern kleinen Lappen bildet.
Die Füsse stimmen also durchaus mit E. dahalacensis
überein, ja auch der Kopf eines Männchens zeigt dasselbe
winzige Spitzchen am ünterrande , das diese Art aus-
zeichnet, und hiernach würde man fast geneigt sein, die
vorliegenden lombardischen Estherien zu dieser Species
zu bringen, allein die Schale wie die Endsegmente wei-
chen mehr ab , als für eine blosse Varietät wahrschein-
lich ist. Die Schale nämlich, zwar auch etwas gestreckt,
obwohl nicht in dem Grade wie bei E. daJialacensis und
mit weit nach vorn gerückten Wirbeln, besitzt keinen
geraden parallelen Rücken- und Bauchrand, sondern beide
sind gekrümmt und gehen durch fortlaufende Krümmung
in Vorder- und Hinterrand über mit Ausnahme der ent-
schieden winkligen Ecke zwischen Rücken- und Hin-
terrand. Die grösste Höhe liegt nicht an den Wirbeln,
sondern, indem der Rückenrand erst weiterhin am mei-
sten emporsteigt, hinter ihnen ; auch ist die Höhe der
vorderen Hälfte etwas niedriger als die hintere. Die
ganze Gestalt der Schale seitlich betrachtet ist also „nach
vorn etwas schmäler oval mit weniger gekrümmtem Rük-
ken- als Bauchrand" zu bezeichnen, vom Rücken gese-
hen erscheint sie zusammengedrückt, die Maasse von
Länge, Höhe und Dicke sind 14 : 9 : 4. Die Schale ist
ebenso dünn und biegsam wie bei E. tetraoera, auch nicht
minder durchsichtig, so weit ich's beim Reinigen meiner
durch einen röhrigen Schlamm ganz braun gefärbten
Exemplare beurtheilen konnte. Die Zahl der Anwachs-
zonen, welche Crivelli in der Beschreibung nicht er-
wähnt, finde ich 20, und fast ebenso viel enthält seine
Abbildung; ihre Ränder treten nicht frei hervor. Das
Muster ihrer Sculptur stimmt mit keiner Species als mit
eben jener Art überein, es ist ein Netzwerk von ziemlich
gleichartigen schon bei 60-facher Vergrösserung sehr
gut erkennbarer Maschen , bei weitem nicht so fein als-'
bei E. rnexicana und ohne Anwesenheit von ganz gros-
sen Maschen, deren Innenraum in kleinere zerfällt wie her
E. dahalacensis. Während b^i letzterer die Zähne des
Rückens der hintersten Segmente nur wenige und kurze
260 Grube:
Stachelclien tragen , und sich wenig erheben, sind sie
bei E. iicinensis ansehnlich und mit langen schlanken fast
borstenartigen Stacheln besetzt, welche Kämmchen von
3 bis 7 Stück zusammensetzen; dagegen stimmt das End-
segment fast ganz mit E. dakalacensis überein: die Rük-
kenzähnchen seiner Blätter sind ziemlich gleich gross und
zahlreich, etwa hO.
Die Gestalt der Greiffiisse des Männchens ist von
Crivelli richtig dargestellt; sie weicht ebenso von E.
dakalacensis als von E. tetracera ab, indem der Ilinter-
rand der Tibialplatte, an der die Klauen sitzen, in seiner
ganzen Länge sanft ausgeschnitten ist, nicht unmittelbar
über dem borstigen Polster einen kurzen Ausschnitt oder
Absatz hat. Weniger Gewicht möchte ich darauf legen,
dass bei dieser Species nach Crivelli bloss am lOten
und Uten Fusspaare des Weibchens der sonst borsten-
randige Rückenast des äussern Kiemenanhangs dieselben
verliert. Zahlreicher als bei irgend einer andern Species
sollen ferner, Crivelli zufolge, die Füsse des Männ-
chens sein, nämlich 28 Paare, beim Weibdien dagegen
26, ich zählte bei einem Männchen 2;% bei einem Weib-
chen 27 Paare, demnach würde sich ihre Beschreibung
so fassen lassen :
E. ticinensis. Testa Cornea, pellucens, a latere visa
subovalis, postice altior, margine veutrali curvato, in an-
teriorem et posteriorem arcu transeunte, dorsuali lenius
curvato, cum posteriore quasi quodammodo angulum re-
ctum componentc , umbonibus minime tumidis, maxime
anticis, zonis incrementi fere 20, maxime incumbentibus,
ut in E. tetracera impresso punctatis.
Caput (^ quasi securiforme , acie securis ut in E,
dahalacensi antice spicula molli ornata; articuU antenna
rwm anteriorunt c. U», posieriorum oblongi, rami anterio-
ris 17, posterioris 19, antice spinis 0, postice 9 armati.
Segmenta pedigera 25 (ad 28), s. extremum longius quam
altum , laminis supra pectine spinularum subaequalium
c. 50 armatis, dorso s. proximorum in dentem, spinis gra-
cilibus longioribus 3 ad 7 armatum adscendente. Fedes
üeb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 261
cum E. dahalaoensi congruenteS; i). anteriores ^ parte un-
cinos ferente postIce aequaliter leniter excavata.
Long, testae 14 mlll.^ altit. med. 9 mill., crass. 4 mill.
Mit dieser Ai't wäre noch namentlich die maltesische
E. melitensis Baird genauer zu vergleichen.
E. J onesi Baird.
(^Taf. XI Fig. 7, 12. Taf. IX. Fig. 11 Taf. X. Fig. \^:)
Baird Proc. Zool. soc. 1862. p. 147. pl. XV. fig. 1.
Ann. nat. hist. 1862, X. p. 393.
Tesfa dura fusce cornea, marginem versus pallidior,
intus spicndidissima quasi vernicina^ ventricosa, ex ovali
ovata margine dorsuali minus quam ventrali curvatO; um-
bonibus valde distinctis prominentibus^ marginem dorsua-
lem excedentibus, satis inter se distantibus, aliquantum
ante mediam testae longitudinem sitis zonis incrementi
frequentissimis , anguslisslmis , plus 70, serie punctorum
maiorum 1-na, ornatis, punctis maxime distinctis, cavatis,
plerumque ordinis quoque decurrentls componentibus. Ca-
put $ in rostrum acutangulum apice paululum recurvo
exiens, margine infero recto, cT in spatulam latam desi-
nens margine infero curvato ; articuK anieiwarum anterio-
rum 17, rami posteriorum anterioris 15, posterioris 16 vel 17,
suborbiculares, margine anteriore spinis 7 ad 9, posteriore
setis 8 ad 10 armato. Segmenta pedigera 22 ad 24^ dorso
posteriorum 14carinato, dentato, dentibus plerumque serie
spinularum 7 vel 9 armatis, medium dorsum versus lon-
gioribus, segmentuinposiremumi^axilo altius quam longum,
margine laminarum dorsuali pectine spinularum tenuium
fere 21 ad 25 maxime neque aequalium neque aequaliter
distantium ornatö. Fedes utrinque 22 ad 24 (marium sae-
pius 22) forma cum pedibus E. tetracerae congruentes sed
ramo appendicis branchialis ventrali intus ad basin lobulo
minime angusto, acute triangiilo munito.
Long, testae rT 12 m., 11,3 $ 12,5 m., 15 m., 14 m., 13 m.
altit. ab um-
bonibus ad
marg.ventr. 9,5 „ 9 10,5 „10 „ H „ 10 „
crassitudo 7,5 „ 1 7,5 „ 7,3 „ 8 „ 7,3 „
262 • Grube:
Von dieser Estheria hat Herr Gn n dl ach dem Ber-
liner Museum eine Reihe männlicher und weiblicher Ex-
emplare aus Cuba mitgebracht. Die letzteren waren fast
doppelt so zahlreich als die ersteren. Eben daher und
zwar nach B ai rd's Angabe aus brakischem Wasser stam-
men die von D unk er gesammelten Exemplare. Diese
Art zeichnet sich durch die zuweilen etwas dunklere, im
Weingeiste bräunlichere Färbung des Körpers und die
ansehnlichere Grösse, Festigkeit und dunkelbraune Farbe
der Schale aus, deren Oberfläche schon in der oberen
Hälfte sehr schmale Anwachszonen zeigt, in der unteren
aber folgen sie sich so rasch, dass man fast nur deren
Ränder sieht, und hier die Schale nur dicht concentrisch
gestreift erscheint, wobei zugleich^ nach den mir vorlie-
genden Weingeistexemplaren zu urtheilen, der Glanz
verloren geht, während die Innenfläche ausserordentlich
stark und firnissartig glänzt. Die W^ölbung der Schale
ist ansehnlich und ihre Wirbel zum Theil noch im 2ten
Drittheil der Länge, nicht so weit nach vorn wie bei den
meisten anderen Arten. Die Sculptur der Zonen, welche
an den späteren meist nur aus einer einzigen Querreihe
vertiefter bei durchfallendem Lichte schwärzlicher Punkte
besteht, ist schon mit einer schwachen Loupe erkennbar,
und da diese Punkte zugleich ziemlich in Längsreihen
geordnet sind, erscheint die Schale wie äusserst zart recht-
winklig gegittert. An den untersten Anwachszonen kann
man gar kein Muster mehr erkennen. Bei genauerer Be-
trachtung der Innenfläche der Schale entdeckt man auch
bei dieser Art eine niedrige Leiste, die jedoch nicht wie
bei E. donaciformis von dem Wirbel herabsteigt, sondern
fast parallel dem Rückenrande nach vorn läuft. Die
Kopfbildung erinnert an E. tefraoera, das Organ, das an
der Stelle des sogenannten einfachen Auges der Limnetis
liegt, hat bei mehreren Exemplaren die Gestalt eines
scharf gebogenen sehr dünn zwischen den zusammenge-
setzten Augen beginnenden Stranges von weisslich blei-
grauer Farbe und schwärzlichen Rändern (Taf. IX. Fig. 8),
während er bei anderen nicht so dünn ausgezogen er-
scheint. In dem Mantel dieser Art finde ich bei mehre-
üeb. d. Gattungen Estberia u. Limnadia u. einen neuen Apus. 263
ren Exemplaren ein grossmaschiges Netz von dunklem
Pigment und der Rand des Mantels ist bei allen durch
einen dunkeln Saum ausgezeichnet. Die meisten waren
nur mittelmässig erhalten.
2. Limnadia Brongn.
Testa subovata, margine dorsuali satis curvato, acuto,
maxime pellucida, hyalina, plane concamerata^ umbonibus
nuUis, zonis incrementi perpaucis (5 ad 7) sculptura se-
tisque marginis carentibus. Caput supra oculos organo
ad affigendum idoneo^ calyciformi munitum, parte oculos
compositos continente gibbam referente, p. inferiore rostro
acuminato maxime seposito. Labrum subtus in foliolum
elougatum ciliatum exiens. Oculi compositi verticales. Än-
tennae anteriores breviores clavaeformes, clava antice grosse
crenata, a. posteriores (exteriores) articulis trunci 10, ra-
morum 9 vel 10 instructae. Segmenta corporis brevia,
anterioribus fere 13 exceptis, dorso serie setarum transversa
ornata, s. extremum elongatum, supra setis ciliatis 2 versus
medium insedentibus munitum, in laminas 2 verticales
parallelas desinens; laminae trapezoideae, margine supero
spinulis minimis armato, postice in spinam rectam, angulo
infero in uncum longiorem leniter lecurvum mobilem
exeimte. Pedes utrinque 18 ad 24 (vel 26), appendice
branchiali nuda in omnibus existente, ramo supero appen-
dicis branchialis setigerae in posteriori bus evanescente,
lobo tibiali infero haud elongato, appendice nuUa ; p. pa-
ris 9ni et lOmi vel proximi feminae ad ova gestanda
idonei ; mares ignoti.
Unsere Kenntniss von der Gattung Limnadia be-
ruht nicht auf der Untersuchung vieler Arten, wie bei
Estheria der Fall ist : es werden überhaupt nur drei auf-
geführt und selbst diese sind nicht durchweg scharf un-
terschieden. Den meisten Forschern und auch mir ist
bloss die europäische Limjiadia Hermanni Brongn. zu-
gänglich gewesen und daher kann ich mich bei der Schil-
derung der Gattung in manchem nur auf das bei dieser
Art beobachtete stützen.
Die Limnadien ähneln so sehr den Estherien, dass es
264 Grube:
statt einer nothwendlg an Wiederholungen reichen Be-
schreibung genügen wird, die Unterschiede hervorzuheben.
Zunächst fällt die Kleinheit der Körpers im Ver-
hältnisse zur 8chale auf, namentlich ist der Raum zwi-
schen seinem Kücken und dem Rücken der Schale an-
sehnlich gross, v/as mit der (lestalt derselben zusammen-
hängt (Taf.VIIL Fig. 9j.
Die Schale der L. Hermanni ist seitlich betrachtet
viel mehr eiförmig als bei irgend einer Estheria, indem
der Rückenrand einen ansehnliclien Bogen beschreibt,
doch ist die Krümmung des Bauchrandes noch bedeuten-
der, so dass wir, indem beide vorn und hinten mit einer
Curve oder einem Winkel in einander übergehen, eine
Eiform erhalten, deren obere und untere Hälfte ungleich
sind, die obere niedriger, die untere höher '). Von der
L- Aiitülarum sagt Baird nur valves of a ronnded oval
shape (x\nn. nat. bist. XIV. See. ser. p. 229), er bezeich-
net aber auch die Gestalt der L. Hermanni nicht anders.
So wenig bei manchen Estherien die Wirbel beson-
ders stark hervortreten, sind sie doch immer bemerkbar,
den Limnadien fehlen sie gänzlich; vielmehr ist ihre
Schale fast linsenförmig gewölbt, der Rückenrand ebenso
scharf wie der Bauchrand, die grösste Höhe im Rücken-
rande selbst gelegen und zwar vor dessen Mitte, w^ährend
bei den Estherien sich die Wirbel am meisten erheben
und der Rückenrand etwas tiefer liegt.
Die Schale zeigt ferner eine ausserordentliche Dünn-
heit und Durchsichtigkeit, wobei die von mir untersuch-
ten Exemplare vollkommen farblos sind, so dass man
durch sie hindurch viele Einzelnheiten des Körpers zu
erkennen vermag". Zwar ist auch sie aus mehreren über-
einander geschichteten Blättern zusammengesetzt , aber
diese sind alle ungemein zart, und ich habe nie mehr
1) Die Abbildung der Limnadia mauritiana , die fälschlich als
mauritiana bezeicliiiet ist, bei Edwards (Hist. nat. Crust. pl. 35),
zeigt das Gegen tlieil, aber die Figur von Guerin's Mag. Zool.
Class VII, PI. 21 stimmt mit meiner Angabe von L. Hermanni über-
ein, nur dass Vorder- und Hintereude stumpfe Ecken bilden.
Ueb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia n. einen neuen Apus. 265
als 6 oder 7 wahrnehmen können ; womit die geringe Zahl
der Anwachszonen übereinstimmt , die gewöhnlich nur
5 beträgt. Die Linie^ an weicher die oberste Anwachszone
beginnt^ beschreibt bei L. Hermanni eine Ciirve, welche
beinahe die Mitte der Schalcnliöhe erreicht und den Rücken-
rand noch vor der Mitte seiner Länge trifft; woraus man
folgern muss, dass dieses Thier — da es doch wahr-
scheinlich gleich den Estherien eine Metamorphose durch-
machen wird — entweder schon als Larve eine auffallende
Grösse erreicht , gegen w^elche unsere Estherienlarven
nur Zwerge sind, oder dass nach überstandener Metamor-
phose mit zunehmender Grösse noch eine oder mehrere
Häutungen erfolgen müssen, bei welchen auch die ganze
Schale abgeworfen wird. Vergeblich suchte ich nach den
mikroskopischen Borsten, welche bei den Estherien die
Ränder der Anwachszonen besetzen oder deren Insertions-
spuren, und ebenso wenig konnte ich an der Schale die-
ser Art irgend eine deutlicher ausgeprägte Sculptur ent-
decken, doch sehe ich bei 2o0'facher Vergrösserung an
den vom Mantel entblössten Stellen der Schale äusserst
feine lichtere Pünktchen > von deren einigen ein haarför-
miger kurzer Strich ausgeht; dies könnten punktförmige
Vertiefungen der Innenfläche der Schale sein, in die sich
Fortsätze des Mantels einsenken. Dieser so zarten und
biegsamen Schale, in der ich auch keinen kohlensauren
Kalk nachweisen konnte, entspricht denn auch die Be-
schaffenheit des Mantels, in dem man zwar die bei Esthe-
ria beschriebenen strahligen Figuren, oder Inselchen von
Bindewebe und am äussersten Rande eine gQgan die Pe-
ripherie ausstrahlende parallele Streifung wahrnimmt, aber
jene Inselchen erscheinen so winzig und so wenig ge-
drängt, und der ganze Mantel so zart, dass er der Durch-
sichtigkeit der Schale fast gar keinen Eintrag thut. Nur
in der nächsten Umgebung des Systems der zackigen
Schalenkanäle und am Rückenrande behalten sie eine
etwas ansehnlichere Grösse. Sehr in's Auge springt bei
Limnadia auch die Stelle, an welcher sich die Muskeln
des Rückens an die Schale befestigen, indem sie hier
wie ein kurzer Strang über den Rücken des Leibes hin-
266 Grube;
austreten. Der öchalenschliessmuskel ist in den Abbil-
dungen von Brongniart und Milne Edwards nicht
angedeutet.
Den Kopf der Limnadien charakterisirt das Vorhan-
densein eines becherförmigen Haftorgans auf der Stirn
(Taf. IX. Fig. 1. a), das nur aus Versehen in Guerin's
Fig. 12 ') paarig dargestellt ist, die darunter befindliche
starke, hübelartige Auftreibung, in welcher die auch hier
ganz zusammengedrückten und zusammengesetzten Augen
liegen, und die ungemein kurze dagegen stark abgesetzte
Spitze, in die der Kopf unten ausläuft und die einem
gleichseitigen Dreieck ähnelt. Das sog. einfache Auge
hat die Form eines länglichen mit der Basis nach unten
gerichteten Tetraeders, das zusammengesetzte Auge jeder
Seite die Form einer vertical stehenden Halbkugel, bei
Estheria die Gestalt einer horinzontalen halbkreisrunden
Scheibe. Die Zahl der Crystallkegel ist bei L. Hermanni
grösser als bei der unter ihren Verwandten schon gross-
äugig zu nennenden Estheria donaciformis : ich zähle ge-
gen 100 Crystallkegel. Die vorderen Antennen verdicken
sich langsam gegen das Ende und halten so die Mitte
zwischen den so kurzen keulenförmigen der Limnetis und
den fadenförmigen der Estherien, ragen doch aber, wie
diese, über die Kopfspitze hinaus und zeigen zwar nicht
eine durchgehende Gliederung , doch aber g^g^n das
Ende hin eine Reihe tiefer Kerben des Vorderrandes
(Taf.IX. Fig. 11).
Die gabiigen Ruderantennen stimmen mit den Esthe-
rien überein, doch ragt ihr Stamm weit über das Ende
des Kopfes hinaus. Die Zahl der Astglieder steigt bei
keiner Art über 11, und diese sind an den Grenzen we-
niger eingeschnürt und wenigstens bei L. Hermanni ge-
streckter als bei den bekannten Estherien. Der griffei-
förmige aufsteigende Ast des 2ten Maxillarpaars, den ich
bei Estheria nachgewiesen habe, ist auch bei Limnadia
vorhanden. Das vertical stehende Blättchen, in welches
1) Magaz. de Zool. 1837, Classe VII. pl. 21.
Ueb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 267
die Oberlippe unten ausläuft, finde ich bei L. Hermanm
merklich länger und schmäler als bei den Estherien.
Was die Zahl der Fusspaare betrifft, so galt diese
bisher als ein Unterscheidungsmerkmal, indem für die
Estherien 24, für die Limnadien bloss 18 bis 22 Paare an-
gegeben wurden ; ich habe mich indessen bei zwei Exem-
plaren der X. Hermanm überzeugt, dass auch hier 24 vor-
kommen, und bei einem dritten zählte ich sogar 26- Ich
fand, dass sie an Länge hinten weniger rasch abnehmen
als bei den Estherien. Dass ihnen der griffeiförmige An-
hang am untersten Tibiallappen {V) fehlt, zeigen schon
Brongniart's Abbildungen ^j, unrichtig dagegen ist das
Fortlassen des nackten Kiemenanhanges an einem der
hinteren Füsse in der Figur von Dcsmarest, er kommt
vielmehr, wie G u e r i n und M i 1 n e Edwards angeben,
an allen vor. Kurz im Verhältnisse zu dem unteren Aste
des borstenrandigen Kiemenanhangs ist der obere Ast
desselben, der statt wie bei Estheria die Flanke des Lei-
bes zu bedecken nur eben bis zur Insertion des Fusses
oder etwas darüber hinausreicht, und bei den vordersten
und hintersten Füssen mit dem ebenfalls kurzen aber
dicken nackten Kiemenanhauge abschneidet (vgl. Taf. VIII.
Fig. 10). Um so auffallender verlängert sich jener obere
Ast an den Füssen, bei denen er zum Tragen der Eier
dient, seine Borsten gänzh'ch verliert und die Gestalt eines
nackten Fadens annimmt: bei meinen Exemplaren von L.
Hermanni misst dieser Faden etwas über 5 Mill., während
der untere x\st der betreff'enden Füsse höchstens B Mill.
lang ist. Brongniart glebt diese Form des oberen
Astes für das Ute, 12te und 13te Fusspaar an, ich be-
merke sie am 9ten, lOten, Uten und 12ten, und in der
Figur von Mi Ine Edwards fHist. nat. Crust. pl. 35.
fig. 7) sind nur das 9te und lOte Fusspaar so ausge-
zeichnet.
Der Leib ist etwas schmächtiger als bei Estheria,
1) Memoir. du Mus. d'hist. nat. 1820. VI. pl. 15. Fig. 7, 8
(letztere copirt von Joly 1. c. pl. 8. Fig. 13 bis).
268 Grube:
auch finde ich Ihn bei allen meinen Exemplaren nicht
hinten herabgekrümmt, sondern ganz gerade gestreckt.
Der Rücken der 13 letzten Segmente, die dem Endseg-
mente vorhergehen, erhebt sich nicht zu einem Kamme
von consistenteren Zacken oder Zähnen, deren hinterste
wiederum mit Ötachelchen besetzt sind, sondern jedes
derselben ist an seinem nicht im mindesten aufsteigenden
Hinterrande mit einer Querreihe zahlreicher zarter zwei-
gliedriger gefiederter Borsten besetzt (Taf. VIII. Fig. 9),
welche ähnlich den Borsten am Rande der Füsse an der
Stelle, wo das 2te Glied anfängt, durch ein inwendig
sitzendes winziges durchsichtiges Körperchen wie eine
Linse bezeichnet sind.
Das Endsegment (Taf. VIII. Fig. 11) selbst ist ge-
streckter als bei den Estherien, entschieden länger als
hoch, sein Rückenrand bei E. Hermanni nicht gerade
oder concav, sondern S-förmig gekrümmt, und die beiden
langen gefiederten Borsten, die bei Estheria nahe hinter
dem Vorderrande des Segments sitzen, merklich weiter
ab- und der Mitte der Länge näher gerückt. Ein Haupt-
unterschied ist, dass die oberen Ecken des Endsegments
in zwei gerade Dornen^ nicht wie bei Estheria in zwei
emporgekrümmte Haken, auslaufen, die unteren Haken
sind vorhanden, aber bei />. Hermanni und mauritiaua
merklich weniger gekrümmt und im Verhältnisse zu den
oberen Dornen merklich länger als bei den Estherien, im
übrigen ist das Segment wie dort gebildet.
Männchen von Limnadien sind auch in neuester Zeit
noch nirgend entdeckt worden. Von den drei Limnadien-
Arten ist die am längsten bekannte die :
L. Hermanni Brongn. V)- Testa hyalina ovata, di-
midio superiore pauio humiliore quam inferiore, utrinque
obtusa, margine adultarum dorsuali fusco, zonis incrementi
plerumque 5, lobus pedum tarsalis, tibiali infero paulo
longior iiaud ita angustior, . articuli ramorum antennarum.
posteriorum oblongi fere 10, antice spinis 7 ad 9 postice
1) Mem. du Mus. d'hist. nat. 1820. VI. p. 83. pl. 13, (Fig. 1.
Cüp. Desmarest Consider. gener. Crust. pl. 56. lig. 1).
Ueb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 269
setis 6 vel 7 muniti, segmentitm extremum margine dor-
suali utrinqiie spinis fere 22 plerumque longioribus arma-
tum^ ante setas ciliatas positis 7 vel 8.
Long. 12 milL, alt. 9 milL, crass. 3 mill.
;, 11 ^ ^ 8 » ad 3 ^
„ lo „ „ J,ö „ o -,
Brongniart^ der diese Art zuerst ausführlich be-
schrieben hat, trägt kein Bedenken He rm an n's Daplmia
gigas ^) für identisch mit seiner Limnadia zu halten und
alle seine Nachfolger, Desmarest, Latreille, Milne
Edwards -) wiederholen diese Auffassung, nur Baird^)
ist entgegengesetzter Ansicht und hält Daplniia gigas für
eine Estheria und zwar für einerlei mit E. cycladoides,
die er deshalb in E. gigas umtauft. Er beruft sich na-
mentlich auf die Bernsteinfarbe, die Wirbel und auf die
Sieben-Zahl der Anwachsstreifen der Schale, die Her-
mann an den untern zwei Drittheilen derselben gesehen hat.
Jedenfalls herrscht ein Widerspruch zwischen dem Text und
der Figur der Schale, pl. V. fig. 4, welche durchweg mit
Anwachsstreifen versehen ist, und an der man wenigstens
10 zählt. Würde die Schale wirklich so ausgesehen ha-
ben, so hätte Hermann keinen Grund gehabt, bloss
von den Streifen (anneaux annotins) der unteren Partie zu
sprechen, das Fehlen derselben in der oberen Partie ist
für Limnadia ebenso charakteristisch als der gekielte
Rücken der Schale, während bei den Estherien der Rük-
ken der Schale zwischen den Wirbeln etwas vertieft ist.
Von eigentlichen Wirbeln spricht Hermann gar nicht,
denn „dos anterieurement bossu" weist nur darauf hin,
dass die grösste Höhe des Rückens vor der Mitte liegt,
was bei der Eiform der Limnadieuschale zutrifft, und der
Zusatz carene, borde de brun passt ganz auf L. Hern ia?inif
bei der ich, wenigstens an älteren Exemplaren, niemals
die so abstechende dunkelbraune Färbung an dem ge-
1) Hermann Memoires apterologiques p. 134. pl Y. Fig. 4,
5. pl. IX. a.
2) Cuvier Regne anim. Crust. par Edwards pl. 74. Fig. 1.
3) Ann. nat. hist. 1850. VI, See. ser. p. 55.
270 Grube:
krümmten zugeschärften Rückenrande vermisst habe, wo-
gegen dies Kennzcicheu meines Wissens von Niemand
für Esther ia cycladoidea hervorgehoben wird. Was die
Bernsteinfarbe betritt, so linde ich allerdings ein Bernstein-
gelb weder an meinen Exemplaren jener Limnadia, noch
aber auch an den meisten von Estheria cycladoides (wo-
fern ich wirklich diese Art vor mir habe) : doch aber an
einigen derselben; vielleicht ist aber an eine so intensive
Farbe um so weniger zu denken, da weiter unten die-
selbe Schale nur transparente und cornee genannt wird.
7 Anwachsstreifen in den untern 2 Drittheilen der Schale
würden auch für Esther ia cycladoides zu wenig sein, wenn
aber Baird 2 oder o Anwachsstreifen für L. Hermamii
angiebt, so ist dies eine so geringe Zahl, wie ich sie
bei keinem erwachsenen Thiere dieser Art angetroffen
habe. Für die Aeste der ßuderantennen werden im
Texte 9 Glieder angegeben, was eher auf Limnadia als
auf Estheria cycladoides passt ; die Abbildung und Be-
schreibung des Endsegments (pl. V. lig. i) entspricht voll-
kommen diesem Theile bei der Limnadia, wenn man von
der Abwesenheit der zwei langen Borsten des Rückenran-
des absieht. Endlich fügt Hermann, der Vater, der
Beschreibung, die von seinem Sohne nach ein paar Wein-
geistexemplaren entworfen ist, einige Notizen bei, die er
bei der ersten Beobachtung selber flüchtig niedergeschrie-
ben ; in diesen ist von gestielten Augen die Rede (duo
oculi pedunculati) : mit diesem Beiwort kann man nur die
Augen von Limnadia, nie aber die Augen von E. cycla-
doides bezeichnen, die in einer so wenig vortretenden
Erhabenheit liegen. Sehr beachtenswerth ist auch in die-
ser Notiz, dass 24Fusspaare angegeben werden; die Zahi
also, die ich gefunden, nicht 22. r
Die sehr kurze Charakteristik., von hian 6^ s Monocu-
lits lenticularis ') aus Finnland enthält nichts, was sich
nicht auf Limnadia Hermanni beziehen liesse.
Limnadia Hermanni ist bisher nicht oft und nicht
an vielen Orten beobachtet worden ; gewöhnlich führt
1) Systema naturae, ed. XII. p. 1059. Faun, suec 2051
Ueb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 271
man nur das von Brongniart angegebene Vorkommen
in den kleinen Lachen des Waldes von Fontainebleau,
bei Bellecroix und Franchard und das von Hermann
angegebene bei Strassburg auf, wo sie sich in Gräben,
deren Wasser ausserordentlich klar und reich an Pflan-
zen ist, finden soll. Vom letzteren Orte stammen auch
die Exemplare, die mir Prof. v. Siebold mitgetheilt.
Dieselbe Art hat aber auch Herr v. Rottenberg 1861
bei Scheitnig ganz in der Nähe von Breslau, und früher
schon Studiosus C. Müller bei Berh'n entdeckt^ und in
dem Berliner und Königsberger Museum sind sogar Exem-
plare aufbewahrt, w^elche Prof. H. Rathke in Norwegen
gesammelt hat, und von deren Echtheit ich rtiich durch
die Freundlichkeit des H. Prof. Peters selbst über-
zeugen konnte. Demnach ist diese Art etwa über 10
Breitengrade (vom 49sten bis zum 59sten) und über 15
Längengrade (vom 20sten bis zum 35sten) verbreitet.
Brongniart fand das Thier im Juni, v. Rottenberg
im August.
E. mauritiana Guer. *) soll sich von L. Hermanni
unterscheiden durch die vorn und hinten etwas eckig
auslaufende nicht abgerundete Schale, die Form der An-
tennen, von denen die vorderen (inneren) keulenförmig
aussehen, ohne am Vorderrande gekerbt zu sein, und die
hinteren (äusseren) kürzer als dort und mit nur 9-glied-
rigen Aesten versehen sind; die Aeste sollen fast die
3-fache Länge des Stammes, die Mandibeln an ihrer
Schneide zwei ungleich grosse Zähne besitzen, während
ich bei L. Hermanni gar keinen bemerke, die schlanken
etwas emporgekrümmten Stacheln, in die das Endsegment
unten ausläuft, kaum dreimal (bei L. Hermanni wenigstens
viermal) so lang als die geraden oberen Enddornen sein,
unter ihnen noch eine kleine Spitze (d) existiren, und die
Zahl der Fusspaare nur 18 betragen. Diese Art ist bis-
her bloss auf der Insel Mauritius entdeckt, undGuerin
der einzige, der sie beschrieben und abgebildet hat ^).
1) Mag. Zool. 1837. Cl. VII. pl. 21. fig. 1— 11.
2) Die Figur pl. 35. F. 7 in Mi Ine Edwards Hist. nat. des
272 Grube:
Aus seinen Abbild'.ino^en scheint noch hervorzugehen,
dass der untere Tibiallappon bei dieser Art merklich
breiter und gerundeter, und der Tarsallappen verhältniss-
mässig gestreckter und dünner, fast fadenförmig, auch
der Bauchnst des borstenrandigen Branchialanhangs merk-
lich länger ist. Bei der Darstellung des Endsegmentes
sind die zwei langen gefiederten Borsten des Riicken-
randes weggeblieben. In der vergrösserten Abbildung
des Kopfes (1. c. Fig. 3) erscheint der Hübel, in der die
zusammengesetzten Augen liegen, abgeplattet, in Fig. 12
(von L. Herinanrii) gleichmässig gerundet. Wie viel An-
wachsstreifen die Schale besitze, ist weder aus der Figur
noch aus der Beschreibung zu entnehmen.
Die Länge der Schale w^ird nur auf 9 bis 10, die
Höhe auf 6 bis 7 Mill. angegeben.
L. Antülarumlln\Y^ '^} endlich von St. Domingo, soll
ebenfalls nur 18 Paar Fiisse und 9-gliedrige Aeste der
Ruderantennen, aber eine in anderer Weise eckig ovale
Schale besitzen, indem der Riickenrand nach der Figur
zu urtheilen, mit dem Vorderiande einen ziemlich rech-
ten Winkel, mit dem Plinterrande einen stumpfen bil-
det; der Text hebt dies nicht hervor, sondern erw^eckt
eine andere Vorstellung. Auf dem Oberrande der Blät-
ter des Endsegraents "stehen lange gefiederte Borsten
statt der kurzen einfachen bei den anderen Arten vor-
kommenden Dornen, und an den Astgliedern der Ruder-
antennen sollen unten bloss ein oder zwei solcher Borsten
und oben bloss ein starker Dorn existiren, die Structur
der Schale ähnlich L. Hermanni sein. Die Zahl der An-
wachszonen w^'rd nicht erwähnt, doch zeigt eine solche
und zwar etwa auf •^/4 der Höhe die Abbildung in den
Proceedings.
Crust. ist in der Erklärung der fatelD aus Versehen als L. ,mau-
rtliana bezeicnnet.
1) Proceed. Zool. sog. Part. XX. 1852. p, 30. tab.XXTII. fig. 1.
Ann. nat. bist. 1854. XIV. See. ser. p. 229.
Ueb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 273
3. L im nett s Loven.
(Hedessa Lievin, Lynceus e. p. 0. Fr. Müll.)
Testa tiimida ovalls vel subglobosa, umbonibus, zonis
incrementi, setis marginalibus nullis. Caput per longi-
tudinem carinatum, ratione corporis habita magnum , in
rostrum aduncnm exiens^ utrinqne foveola ante oculum
simplicem posita. Labriini apice obtnsiim. Antennae an-
teriores' brevissimae_, clavaeformes biartlculatae, a. poste-
riores (exteriores) biuircae, ramis trnnco vix longioribiis,
articulis brevissimis 11 ad 15. Mandihulae latius crena-
tae dente anguiari maiore , raaxillae posteriores nuUae.
Segmenta pedigera 10 vel 12, s. postremurn pedlbus ca-
renS; in laminas 2 brevissimas cxcurrens, laminae trape-
zoideae, margine supero laevi ^ angiilis posticis band in
imcos recurvos prodiictis, siiperiore setis 2 ornato. Pedes
iitrinque 10 vel 12, processn maxillari minus curvato, lobis
infcrioribiis 3 stvliformibus acntis, p. paris l"-'i maris un-
guigeri labo unguibiis opposito setis linearibus paleisqne
armato, p. paris 9"i et 10'»*" fcminae ovigeri. Aperturae,
quibns ova prodeunt, in iatere segmentorum posteriorum
sitae, lamella membra-nacea ornatae.
Zu den scbon früher bekannten Arten :
L. hrachyurus (Lynceus bracbyurus O. Fr. Müll.),
Hedessa Sieboldii Liev- *) und L. Waldbergii Loven -) von
Port Natal
ist vor kurzem noch eine dritte gekommen :
I. Gouldii Baird (Ann. nat. bist. 3. Ser. X. 1862.
p. 393) aus Canada, welche der L. Wahlbergü sehr ähnlich
sein, aber eine mit zahlreichen vertieften Punkten über-'
deckte Schale besitzen soll, an welcher die Insertions-
stelle des Adductors etwas vorragt und sehr glatt und
glänzend ist.
In Bezug auf die Schale von L. hracliyurus muss ich
noch hinzufügen, dass die mikroskopische maschenförmige
1) Grube Archiv für Naturgesch. XIX. 1. p. 156.
2) Loven Öfvers. Vet. Acad. Förhandl. 1846. p. 57. Kongl.
Vet. Acad. Plandl. 1845. Tab. IV. p.203.
Archiv f. Naturg. XXXI. Jahrg. 1. Bd. \Q
274 Grube:
Zeichnung am Schalenrande, welche ich in meiner frü-
heren Abhandlnng als eine einfache Schicht von Zellen
aiifgefasst habe, anf eine ähnliche Sculptur wie bei Esthe-
ria zurückzuführen ist, und dass ich auch hier nach der
Behandlung der Schale mit Aetzkali ein innerstes Scha-
lenblatt dargestellt habe, welches an der Sculptur der
Randzone keinen Theil nimmt, wohl aber einen schmalen
Randstreifen zeigt (1. c. Taf.III. Fig. 2b q). Was die
Verbreitung dieser Art betrifft, so ist dieselbe ausser
Dänemark, Preussen, Livland und Kleinrussland auch von
Chyzer bei Pesth in Ungarn gefunden, geht also etwa
vom^ 580 bis 46« n. Br.
4. Limnadella Girard.
Was wir von Limnadella wissen, bezieht sich nur
auf eine von Oirard beobachtete Art L. Kitei Gir.
Nach ihm unterscheidet sich diese Gattung von Limna-
dia dadurch, dass sie statt zwei zusammengesetzter Au-
gen nur eins besitzt, und dass die beiden Antennenpaare
einander ähnlich gebaut sind (similar in structure). Allein
der Zusatz: whilst in Limnadia one pair is smaller than the
other weist zunächst nur auf den Unterschied in der
Grösse hin, und lässt zweifelhaft, ob, was man sonst ver-
muthen könnte, auch die Form beider Paare eine ähn-
liche sei , in diesem Falle würde die Gattung auffallend
von allen anderen abweichen. Die Worte In der Art-
beschreibung „antennae composed each of 12 or 13 sub-
aequal joints" führen wirklich zu der Annahme, dass auch
die hinteren Antennen nur aus einer einfachen Glieder-
reihe bestehen. Als einen dritten Unterschied giebt
Girard an, dass Limnadella 24 Fusspaare besitze, wäh~
rend man bisher für Limnadia die Zahl 22 fest hielt.
Wir haben gesehen , dass letzteres nicht begründet ist,
mithin würde dieser Unterschied fortfallen, dagegen ent-
nehmen wir der Artbeschreibung, was Girard nicht
hervorhebt, dass an der Schale Wirbel vorhanden sind.
Bei Limnadella fehlen sie. Die beiden erst genannten
Merkmale würden Limnadella auch von Estheria unter-
scheiden ; die von Girard selbst geltend gemachten Un-
Ueb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 275
terschlede sind keine generischen, sondern beziehen sich
nur auf einzelne Arten von Estheria. Dass die Glieder
der (hinteren) Antennen bei Estheria vorn nur einen Dorn
tragen sollen, ist mir von keiner Species bekannt.
L. Kit ei Gir. (Limnadia coriacea Haldeman).
Schale annähernd elliptisch , lichter oder dunkler
brann, schwarz gefleckt, 3'" lang, 1,5"' hoch. Ob und
wie viel Anwachsstreifen vorhanden sind, ist nicht ange-
geben. Von dem Körper ist gar nichts charakteristi-
sches angeführt, ausser dass auf dem Rücken des End-
segments zwei nur durch das Mikroskop zu entdeckende
schwertförmige Anhänge vorkommen sollen, i^lles an-
dere wiederholt sich bei vielen Estherienarten, und es
bedarf durchaus einer Revision dieser bei Cincinnati ge-
sammelten Phyllopoden, um genau zu erfahren, Avodurch
sich die Gattung Limnadella von Estheria unterscheidet.
Die Resultate der hier niedergelegten Untersuchun-
gen sind hauptsächlich folgende :
1) Die schärfere Unterscheidung der Gattungen Esthe-
ria und Limnadia : die Zahl der Fusspaare, auf die man
bisher ein grosses Gewicht legte, gehört nicht dazu; bei
den Limnadien kann dieselbe auf 24 und 26 steigen^ bei
Estherien auf 22 sinken.
2) Die genauere Charakteristik der mir zu Gebote ste-
henden Estheria - Arten nach Körper- und Schalenbau
und die Darlegung, dass E. hierosolymitana und wahr-
scheinlich auch E. cycladoides mit E. tetracera, E. pe-
stinensis mit E. ddialacensis und vcrmuthlich auch E.
Dunheri mit E. mexicana zusammenfällt.
3) Die Männchen der Estherien sind nur bei manchen
Arten, nicht aber durchweg um 2 Fusspaare ärmer als
die Weibchen.
4) Den Weibchen der Estherien fehlt die taschenför-
mige Genitalöffnung der Limnetis, die OefFnung scheint
vielmehr unten an der Basis der mittleren Füsse selbst
zu liegen.
5) Bei den Estherien und Limnadien existirt vor dem
276 Grube:
Isten Fnsspaare derselbe kleine Anhang, den Z ad dach
bei Apiis als 3tes Thoraxfusspaar bezeichnet, und den
ich für die Palpe des 2ten Maxillenpaars halte.
6) Man kann bei den Limnadiaceen so gut wie bei den
Muscheln von einem ]\lantel sprechen, an dessen Aussen-
seite die Schale entsteht , während seine Innenfläche bei
den Muscheln von einem Flimmerepithel, bei den Lim-
nadiaceen von einer Chitinmembran überzogen wird.
7) Die Schalen der Limnadiaceen und Muscheln stim-
men darin überein, dass sie zweiklappig sind und aus chi-
tinartiger Substanz und kohlensaurem Kalk bestehen ; die
Schale der Estherien besitzt auch Wirbel, wird bei man-
chen Arten sehr fest und undurchsichtig, und kann dann
auffallend den Schalen gewisser Muscheln ähneln.
8) Die Schalen der Limnadiaceen und Muscheln unter-
scheiden sich allgemein dadurch, dass bei ersteren die
Klappen am Rücken mit ihrer ganzen Dicke in einander
übergehen, keine Zähne und weder ein elastisches sie
auseinander treibendes Ligament noch eine andere zu die-
sem Zwecke dienende Vorrichtung am Rücken besitzen,
dass stets nur ein Adductor vorhanden ist und. dieser
vorn liegt, dass der in ihnen enthaltene kohlensaure Kalk
kein consistentc continuirlichc Lagen bildet und seine
Menge selbst bei den Estherien, bei denen sie am be-
trächtlichsten ist, weit hinter dem Chitingehalte zurück-
steht, so dass bei der Entziehung des Kalkes durch Säuren
die Schale vollkommen ihre Gestalt und Elasticität be-
hält. Bei den meisten Estheriaarten, den Limnadien und
Limnetis sind die Schalen hornartig und durchscheinend
oder durchsichtig.
Die Schale der Estherien besteht aus zahlreichen
membranösen übereinander gelagerten, durch Anwendung
von Aetzkali leicht trennbaren Blättern, von denen nur
die Rand- oder Anwachszone frei zu Tage tritt, die
übrige Partie von dem nächst älteren Blatte bedeckt wird.
Die Randzonen sind stärker als die übrigen Partieen, lau-
fen am Rande in eine Reihe von Borsten (.Chitinüberzüge
haarartiger Verlängerungen des Mantels) aus, die, wenn
sie auch abbrechen, eine Spur ihrer Insertion zurücklas-
üeb. d. Gattungen Estheria u. Lininadia u. einen neuen Apus. 277
sen^ und besitzen eine oft erst mit dem Mikroskope ge-
nauer unterscheidbare (bei verschiedenen Arten verschie-
dene) Sculptur, die sich im Allgemeinen auf ein netzar-
tiges Muster zurückführen lässt. Die jüngst entstande-
nen Blätter zeigen die schmälsten Anwachszonen , die
letzten nehmen gar nicht mehr an Grösse zu und haben
bei manchen Arten eine von der früheren etwas abwei-
chende Beschaffenheit.
Die Schale der Limnadien weicht darin von den
Estherien ab^ dass sie keine Wirbel bildet, nur wenige
Anwachszonen trägt, und diese keine Randborsten erken-
nen lassen.
Die Schale der Limnetis besitzt ebenfalls weder Wir-
bel noch Randborsten, aber auch keine Anwachszonen:
der Rand Ist gekerbt, der Randsaum mit deutlicher Scul-
ptur versehen.
9) Der-Bau der Estherlenschale bestätigt die Richtig-
keit von Jolv's und Klunzinger's Beobachtung über
die Häutung dieser Thiere, dass nämlich nur die den Man-
tel auskleidende Membran mit der Haut des übrigen
Körpers abgew^orfen wird, jedes jüngst gebildete Scha-
ienblatt aber an den älteren Blättern der Schale haften
bleibt. Dasselbe gilt für Limnadla. Bei Limnetis muss
die Schale selbst mit abgeworfen werden.
Beschreibiiug vou Apus uumidicus Gr.
Taf.XI. Fig. 14, 14 a, 14 b.
Den hier abgehandelten Phyllopoden mit zweiklap-
piger Schale füge ich die Beschreibung eines neuen Apus,
A. numidicus hinzu, den Herr Dr. Strauch aus einer
Süsswasserlache bei Bonsada in Algerien mitgebracht hat.
A. numidicics Gr. Sctefuin dorsuale siibplanum paulo
longius quam latum, suborbiculatum sinu postico curvato
haud medio angulato, hie denticulis fere 54 brevissimis or-
natum, longitudinem corporis nudi aequans vel paulo bre-
278 Grube:
vlus. Pars corporis nuda gracilis postice sensim attenuata.
Segmenta corporis 41, sciito obtecta 11, nuda 30, poste-
riora 11 ad 14 apoda; s. nuda supra spinulis subaequa-
libus 8 ad 10, infra totidem scrie continua obsita, s. po-
sfremum snpra scrie spinularum media, utrinque acervulo
1 mimitum , appendices setaoeae articulatae longitudine
seilt] dorsnalis media, lamina caudalis intermedia nuUa.
Pcdes utrinque 49 ad 53 appeiidices setaceae terminales
paris In^i trunco eius longiorcs, caudalibus paulo brevi-
ores. Oculi composiii diametra 1 inter sc distantes. Color
virescens. Long, sine appendicibus caudalibus 18 milL, ap-
pendicum caudallum 10 milL, scuti dorsualis maxima 11
mill., ad sinum medium 8,ö mill., corporis nudi 9 mill.,
latit. scuti dorsualis 9 mill.
Da ich bei keinem meiner Exemplare am Uten
Fusspaare eine Kapsel für Eier oder eine Oeönung, v;ie
sie Kozubowski für das Männchen von Äims cancri-
formis angiebt, wahrnehmen konnte, so glaube ich noch
nicht erwachsene Thiere vor mir zu haben; daher habe
ich mit ihnen der sicheren Unterscheidung wegen auch
solche von A. cajicriformis verglichen , deren Körper
erst eine Länge von 16 Mill. (ohne die Schwanzborsten)
besass. Aber auch bei diesen war der Rückenschild
entschieden eiförmig, wie bei den alten, wenn auch
verhältnissmässig etwas kürzer, nicht nahezu kreisrund,
am Rande des Ausschnittes finde ich nur 25 Zähnchen,
sie sind spitziger und länger als bei A. nimiidiciis , das
in der Mitte befindliche wohl 3 mal so lang als hier, der
Ausschnitt selbst minder gleichmässig gerundet, und min-
der breit. Der Schild in natürlicher Lage schärfer ge-
brochen, und gewölbter, wenn man ihn breitdrückt
schmäler als bei A. numadicus und die Hinterecken we-
niger abgesetzt und zugespitzt. Ich zähle ferner etwa
50 Fusspaare, frei liegende Segmente 16, und auf ihrem
Rücken höchstens 6 Stachelchen (4 oben, 2 seitlich), fuss-
lose Segmente nur 7. Der Hinterrand des Endsegraentes
läuft in 5 ziemlich ansehnliche Stachelchen aus (1 nach
aussen von der Basis der Schwanzborsten und 3 zwi-
schen denselben.)
Ueb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 279
Das Ute Fusspaar liegt gerade unter der Mitte des
Schalenausschnittes und das 16te unter dem Ende seiner
Hinterecken.
Erkläruug der Abbilduugen.
Taf. VIII.
Fig. 1 bis 3 und Fig. 7 zu Eslheria donaciformis.
,. 1. E. donaciformis Weibchen mit Eiern, G mal vergrössert,
von der linken Seite, nacli Wegnahme der linken Schalen-
klappe und des linken Mantellappens mit seiner Auskleidung.
,. 2. Der linke Fuss des Iten Paares von einem Männchen,
ganz ausgebreitet (während seine natürliche Stellung aus
Taf. IX. Fig. 7 ersichtlich ist), IG mal vergrössert.
,, 3. Der rechte Fuss des Iten Paares von einem Weibchen
(also seine hintere Fläche) , ebenso ausgebreitet, bei der-
selben Vergrösserung.
M" der Maxillarfortsatz , 1^ der Lappen des Femoralstük-
kes, P. P, P, die Lappen des Tibialstückes , von denen 1*
einen zapfenförmigen unbehaarten Anhang trägt, P das Tar-
salstück: b, b^, b^ die beiden Anhänge, welche von der
Aussenseite des Fusses abgehen , b der nackte schlauch-
artige griffeiförmige Branchialanhang, b' der obere, b" der
untere Ast des borstenrandigen Branchialanhanges.
„ 4. Der linke Fuss des Iten Paares von E. Jonesi d^) bei
gleicher Vergrösserung.
„ 5. Der linke Fuss von einem der vorderen Paare von £. lici-
nensis desgl.
„ 6. Unterer Theil des Fusses von einem der vorderen Paare
von E. mexicana^ stärker vergrössert.
„ 7. Hinterende des Körpers von E. donaciformis , über lOmal
vergrössert (es ist nur das rechte der beiden verticalste-
henden Blätter gezeichnet , in die sich das Endsegment
spaltet).
„ 8. Hinterende des Körpers von E. ticinensis , c. 20mal ver-
grössert.
„ 9. Ein Weibchen von Limnadia Hennantii in seiner geschlos-
senen ganz durchsichtigen Schale. 3 mal vergrössert.
„ 10. Einer der vorderen Füsse desselben Thieres , IGmal ver-
grössert.
„ 11. Hinterende des Körpers von demselben Thiere , 20mal
vergrössert (es ist nur das rechte Endblatt gezeichnet).
280 Grube:
Taf. IX.
Fig. 1. Kopf eines Weibchens von Limnadla Heriuanni , seitlich
gesehen, 9 mal vergrössert. a das Anheftungsorgan.
„ l.a Ein paar Häärchen von der Vorderseite der Ruderantennen.
,. 2. Kopf eines Männchens von Esllieria (lonaclformis , 9 mal
vergrössert, (die Ruderantennen sind nicht ausgezeichnet),
X das Organ, welches die Stelle des sogenannten einfa-
chen Auges von Limnetis einnimmt, L die Oberlippe.
„ 3. Kopf eines Weibchens von derselben Art.
„ 4. Das unten abgestutzte Kopfende des Männchens von Lim-
netis hrochynrus von vorn betrachtet.
„ 5. Kopf eines Männchens von Eslheria tetraeera von vorn be-
trachtet, (die Aeste der Ruderantennen nicht ausgezeichnet).
„ 6. Kopf eines Weibchens von derselben Species.
„ 7. Der Kopf und die nächsten Rumpfsegmente eines Männ-
chens von E. (lonaciformis 9 mal vergrössert.
M die linke Mandibel. t der Schalenschliessmuskel, m^ der
winzige griffelförraige Anhang, den ich für die Palpe der
2ten Maxille halte, (die Iste MaxiUe ist durch die Mandi-
bel verdeckt), t' der Muskelstrang der Rückens, der sich
vorn in der Mittellinie an die Schale setzt. T die Schale,
P der Mantel, i das zarte Chitinblatt, welches den Mantel
von innen auskleidet, den Körper von aussen überzieht
und bei der Häutung abgeworfen wird.
„ 8. Unterende des Kopfes eines Weibchens von E. Jonesi, X
wie in Fig. 2.
9. Dasselbe vom Männchen von E. ticincnsis.
„ 10. Dasselbe vom Männchen von E. tetraeera.
„ 11. Unterende einer vorderen oder Tastantenne von Limnadia
Ilermamn $, stark vergrössert.
„ 12. Dasselbe von einem Männchen von E. donaciformis.
„ 13. Die Spitze von einem Aste der hinteren oder Ruderantenne
desselben Thieres.
„ 14. Ein Fuss des 17ten Paares von E. donaciformis.
Taf. X.
Zur Erläuterung der Structur der Schale und des Mantels
der Estherien.
Fig. 1. Die linke Schalenklappe von Eslheria donaciformis von
innen gesehen, 3 mal vergrössert, X die niedrige Leiste,
welche bei dieser Art innen vom Wirbel herabsteigt.
„ 2. Ein Stück der Schale und zwar nur einige der äusserst
dünnen Chitinblätter ans denen sie besteht, jedes mit fein
Ueb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. einen neuen Apus. 281
netzförmiger, stellenweise undeutlicher oder verschwinden-
der Zeichnung, an dem innersten sieht man sie gar nicht.
Vergrösserung 190-fach.
Fig. 2.a Das Netzwerk der Zeichnung 300 mal vergrössert.
„ 2.b Eine andere Partie mit stärkeren Maschenwänden und
rundlichen Zwischenräumen.
„ 3. Ein Stück der Schale aus der Gegend der Wirbel , jede
Anwachszone zeigt eine Sculptur von parallelen Längsripp-
chen, 60 mal vergrössert.
„ 4. Ein Stückchen der Schale aus der mittleren Höhe dersel-
ben stärker vergrössert; hier verästeln sich die Längs-
rippchen.
„ 5. Ein Stück von der Randpartie der Schale, wo die Anwachs-
zonen viel schmäler und zahlreicher werden, 60 mal ver-
grössert.
„ 6. Ein ähnliches Stück vom Rande selbst, stärker vergrössert.
„ 7. Ein Stückchen vom Mantelrande, dessen lineare Verlänge-
rungen das Innere der Randhaare (n) bilden (vgl. Fig. 8);
die wie Bergzeichnungen aussehenden .dunkeln Fleckchen
sind die Fig. 11 erläuterten Pfeiler von Bindegewebe, die
helleren Zwischenräume die Lücken zwischen ihnen , in
denen das Blut strömt; « eine Stelle, an der noch das
Epithel des Mantels zu erkennen ist.
„ 7.a Eine c. 230-fache Vergrösserung von einem Stückchen
des Mantels.
„ 7.b Eine noch stärkere Vergrösserung desselben, um die Epi-
thelzellen besonders zur Anschauung zu bringen.
„ 8. Ein Stückchen von der Randzone eines der jüngsten Scha-
lenblätter mit den Randhaaren.
„ 9, Gruppen von EalkkÖrnchen der Schale.
,, 10. Ein Stückchen des membranösen Schalenblattes, welches
die Innenfläche des Mantels auskleidet, und bei der Häu-
tung mit der übrigen Körperhaut abgestreift wird, um die
stellenweise an ihm sehr deutliche feine Parallelstreifung
zu zeigen.
„ 11. Ein Querdurchschnitt vom Rückentheil des Mantels von
E. dahalacensis und der ihm von aussen anliegenden Schale,
« die Blätter derselben, ß die Querdurchschnitte der Man-
telkanäle, durch welche das Blut in den Mantel strömt,
zwischen ihnen und durch sie hindurch erblickt man die
Pfeiler der Mantelsubstanz , die zwischen ihnen stehen ;
etwa 60-fach vergrössert.
„ 12. Ein Stück der unteren Partie der Schale von demselben
Thiere, 60-fach vergrössert.
„ 13. Ein Stück der Schale von E. mexicana.
282 Grube: Heb. d. Gattungen Estheria u. Limnadia u. s. w.
Fig. 13. a Ein Stückchen derselben 230 mal vergrössei't.
„ 14. Ein Stück der Schale von E. ticinensis.
„ 14. a Ein Stück aus der Randgegend.
„ 15. Ein Stückchen der Schale von der fossilen E. Niddendorß
60mal vergrössert.
„ IG. Ein Stückchen der Schale von E. Jotiesi, deren Anwachs-
zonen eine Reihe vertiefter Punkte tragen.
„ 16. a Dieselben stärker vergrössert.
Taf. XI.
w
9.
Fig. 1. Linke Schalenklappe von Estheria dahalacensis 2^lc^Tn2i[
vergrössert.
Desgleichen von E. tetracera, 2mal vergrössert.
Desgleichen von E. vycladoides (aus Spanien).
Desgleichen von E. ticinensis 3mal vergrössert.
Desgleichen von E. mexicana 2V23ial vergrössert.
Desgleichen von E. donacifonnisj 4mal vergrössert.
Desgleichen von E. Jonesi 2mal vergrössert.
Desgleichen von der fossilen E. Middenüorfi l^j^mdl ver-
grössert.
Linke Schalenklappe von Limnadia Hermanni Vj^ mal ver-
grössert.
„ 10. Desgleichen von Limnadia Hermanni.
r, 11. Desgleichen von E. tici?iensis.
„ 12. Desgleichen von E. Jonesi.
„ 13. Ansicht der Rückenseite der Schale von Estheria dona-
ciformis.
„ 14. Apvs numidicus von oben gesehen, 3mal vergrössert.
„ 14.a Ein Fuss desselben.
„ 14.b Mundgegend, M die linke Mandibel, L die Oberlippe etwas
aufgehoben , 1 der Theil, den ich für Savigny's .Zunge'
halte , m die Maxille des Isten Paares . m^ die des 2ten
mit ihrem grifielförmigeu Anhang, p Maxillarfortsatz und
Basis des Isten Fusses der linken Seite.
Zur Diagnose einiger Daphniden.
Von
Dr. J. E. Schödler,
Da meine bereits für den Jahrgang 1864 dieses
Archivs bestimmte Arbeit: ;,Die Cladoceren des frischen
Haffs nebst Bemerkungen über verwandte Arten ,^ der
zugehörigen Knpfertafeln wegen leider erst in dem ersten
Hefte des nächsten Jahrgangs zur Veröffentlichung wird
gelangen können, so erlaube ich mir der freundlichen
Aufforderung des Herrn Herausgebers zu Folge auf nach-
stehende neue Arten im voraus in Kürze aufmerksam
zu machen.
1. Bosmina gibbera. ^)
Dieselbe errinnert dem Habitus nach am meisten
an die von Sars beobachtete Bosmina Lilljeborgii^ von
welcher sie sich jedoch schon durch abweichende^ deut-
lich retikulirte Skulptur d6r Schalenoberfläche hinlänglich
unterscheidet. Von den mit einer ähnlichen, aber viel
schwächer ausgeprägten Schalenskulptur versehenen Ar-
ten: B. longirostris Müll., B. cornuta Jur., B. curvirostris
Fisch, ist sie wiederum durch die äusserst langen, fast
geraden Tastantenneu, sowie durch den gänzlichen Mangel
eines Mucro an der unteren hinteren Schalenecke und
insbesondere durch die stark höckerige Ausweitung,
welche die Schale des Weibchens über der Bruthöhle
eingeht, leicht zu unterscheiden.
Grösse : Länge = 0,54, Maximum der Schalenhöhe
= 0,59, Länge der Tastantennen im direkten Abstände
von der Basis bis zum freien Ende = 0,45 Millimeter.
Vorkommen : Sehr häufig in dem frischen Haff bei
Kahlberg.
1) Cf. Sitzungsberichte der Ges. naturf. Freunde zu Berlin.
November 1863. S. 18.
284 Schödler: Zur Diagnose einiger Daphniden.
2. Bosmina rotunila.
Schalenoberflächo glatt (skulpturlos), und dadurch
leicht von allen obengenannten Arten, sowie von der B.
longispina Leyd., B. obtusirostris und B, lacustris Ss.
zu unterscheiden. Der B. laevis Lcyd-, sowie der B. ni-
tida Ss. gegenüber genügt für die vorläufige Unterschei-
dung die Bemerkung, dass der untere Schalenrand auch
hier, wie bei der vorhergehenden Art, keine Spur einer
Mucro - Bildung an der hinteren Ecke aufzuweisen hat.
Die Schale des Weibchens nimmt über dem Brutraume
ebenfalls eine beträchtliche , aber ziemlich gleichmässige
abgerundete Wölbung an. Endklauen des Postabdomens
auf der unteren Kante mit vier senkrechten Zähnchen
bewehrt.
Länge = 0,41 ; Maximum der Schalenhöhe = 0,42
Millimeter.
Vorkommen: Spree bei Treptow.
3. Bosmina lougicornis. ^
Im Habitus der B. laevis ähnlich. Schalenoberfläche
glatt; Tastantennen sehr lang, glelchmässig gekrümmt.
Der untere Rand der Schale verläuft nach hinten in
einen geraden, schräg abwärts gekehrten Mucro,
dessen Länge mehr als die Hälfte des freien hinteren
Schalenrandes beträgt.
Länge = 0,40; Maximum der Schalenhöhe = 0,32;
Länge der Tastantennen im direktem Abstände von der
Basis bis zum freien Ende =^-0,30; Länge des freien Hin-
terrandes der Schale = 0,14 und Mucro -Länge = 0,08
Millimeter.
Vorkommen : Spree.
4. Hyalodaphnia Borolineusis. ^)
Im Habitus und In der hyalinen Beschaffenheit des
1) In dieser Benennung vereinige ich die früher als Hyalod.
sima und H. lacustris von der H. cucuUata Ss. unterschiedenen Va-
rietäten. Cf. Sitzungsbericht der Ges. naturf. Freunde zu Berlin.
Novbr. 1863 und Februar 1864.
Schödler: Zur Diagnose einiger Daphniden. 285
Körpers der Hyalod. (DapLnia) cncullata Ss. gleichend.
Der Kopf des Thierchens, der circa Vg der Körperlänge
beträgt , ist in einen pyramidal zugespitzten , seitlich
stark zusammengedrückten Heim ausgezogen , dessen
Scheitelkuppe in der Regel mit einem feinen ^ geraden
Zähnchen gekrönt ist. Rüssel des Kopfes stumpf^ die
Tastantennen (bei $) verdeckend. Frontalrand des Rüs-
sels mehr oder weniger concav eingedrückt: Dorsal-
rand des Kopfes ziemlich gleichmässig convex. Das Auge
(Oculus compositus) ist gross, mit zahlreichen Krystall-
körpern versehen und behauptet seiner Lage nach so
ziemlich die Mitte zwischen der Scheitelkuppe und der
Rüsselspitze. Das Nebenauge (Macula nigra) fehlt. Bil-
dung der Ruderantennen wie bei Daphnia ; der dreiglie-
drige Ast trägt 5, der viergliedrige 4 gefiederte Ruder-
borsten. Beine 5 Paare. Abdominalanhänge des Rückens
und Postabdomen wie bei H. cucuUata. Schalenkiappen
oval , auf der Oberfläche mit einer feinen gegitterten
Skulptur versehen.
Länge des weiblichen Thierchens excl. Schwanzsta-
chcl 1 Mm., Schwanzstachel (Spina) bis 0,36 Mm.
Vorkommen : Plötzensee bei Berlin.
5. Hyalodaphnia Kahlbergiensis.
Der vorigen Art ähnlich. Kopf noch stärker zuge-
spitzt; Kopflänge circa V2 der Körperlänge; Helm lan-
zettförmig, gerade und seiner Länge nach ungefähr V3
der Kopflänge ; Auge daher fast zweimal so weit von
der Scheitelkuppe als von der Rüsselspitze entfernt. Ne-
benauge fehlt. Rüssel stumpf; Frontalrand desselben ge-
rade; Dorsalrand des Kopfes schwach convex. Ausrü-
stung der Ruderantennen wie bei der H. Berolinensis.
Gleiches gilt von den Anhängen des Rückens, dem Postab-
domen und der Oberflächenskulpturer der Schalenklappen.
Schwanzstachel gerade und bis 0,50 Mm. lang.
Länge des ausgewachsenen Weibens excl. Schwanz-
stachel bis 1,45 Mm.
Vorkommen in dem frischen Haff bei Kahlberg.
Die iiiigesclilechtliche Fortpflanzung der
€ecidouiyienlarven.
Von
Dr. R. Leuckart.
(Hierzu Taf. XII.)
Vor etwa anderthalb Jahren wurde uns durch eine
Mittheilung der Petersburger Akademie die überraschende
Kunde, dass der Kasaner Professor der Zoologie N i c.
Wagner bei einer der Gattung Cecidomjia zugehörenden
Fliegenlarve eine ungeschlechtliche Fortpflanzung beob-
achtet habe '); die im Herbst beginne, den Winter und
Frühling über fortdauere und während dieser Zeit eine
ganze Reihe von Larvengenerationen auf einander folgen
lasse, bis sich die letzte derselben im Juni zu ausgebil-
deten und geschlechtsreifen Thieren entwickele. Die
Fliegen sollten dann, wie gewöhnlich, nach vorausgegan-
gener Paarung Eier legen vnd damit den eben geschil-
derten Entwickelungscyclus Vv^ieder einleiten.
Einige Monate später brachte uns die Zeitschrift für
wissenschaftliche Zoologie einen ausführlichen, rait zahl-
reichen hübschen Abbildungen illustrirten Aufsatz über
denselben Gegenstand ^), der schon zwei Jahre früher
1) K. E. von Baer. Bericht über eine neue von Prof. Wag-
ner in Kasan an Dipteren beobachtete abweichende Propagations-
form. Bullet. Acad. St. Petersbourg 1863. P.VI. p. 239. (Schon im
Jahr 1861 hatWagner übrigens eine kurze Notiz über seine Beob-
achtungen der in russischer Sprache herausgegebenen Zeitschrift der
Kasaner Universität einverleibt, indessen ist diese meines Wissens
im Auslande unbekannt geblieben.)
2) Bd. XUI. S. 512.
Leuckart: Die ungeschl. Fortpflanz. d. Cecidomjäenlarven. 287
von Wagner der Rcdaction zur Veröffentlichung über-
sendet, von dieser aber zurückgehalten war, da die mit-
getheilten Beobachtungen ,,fast unglaublich^ schienen.
Doch das Unglaubliche hat sich vollkommen bewahr-
heitet ; es hat sich sogar durch die bestätigenden Beob-
achtungen von Mein er t in Kopenhagen ') und von Pa-
genstecher in Heidelberg^; als wahrscheinlich her-
ausgestellt, dass die von Wagner entdeckte Fortpflan-
zungsart unter den Cecidomyien weiterverbreitet ist und
möglichenfalls sehr allgemein in dieser Fliegengruppe
vorkommt.
Was ich in Folgendem mitzutheilen gedenke, ist nur
geeignet, diese Vermuthung zu unterstützen, indem es
sich dabei nämlich um einen neuen Fall der betreffenden
Fortpflanzung handelt.
Die Larven, an der ich meine Beobachtungen machte,
wurden von mir in den ersten Tagen des neuen Jahres
in ziemlicher Menge unter der Rinde eines halb abge-
storbenen pilzkranken Apfelbaumes gefunden. Sie glichen
am meisten der von Pagenstecher in den Rübentre-
bern beobachteten Form , mit der sie namentlich in der
Zweizaiil der Stigmen und dem Spitzenbesätze der Bauch-
fläche übereinstimmten, doch glaube ich wegen der etwas
beträchtlicheren Grösse und der durchweg viel schlan-
keren Leibesform meiner Larve, so wie wegen einiger
anderen kleineren Abweichungen, dieselbe einstweilen als
Repräsentanten einer besonderen Art in Anspruch nehmen
zu dürfen.
Leider hat es mir bis jetzt noch nicht gelingen
wollen, die ganze Entwickelungsgescliichte meiner Larve
zu studiren. Fast alle meine Exemplare waren erst vor
Kurzem aus der abgestorbenen Hülle ihrer Eltern (3 Mm.),
die theils einzeln, theils auch nesterweise unter der Rinde
beisammen lagen, herausgeschlüpft oder gar noch im In-
nern derselben eingeschlossen, obwohl sonst vollkommen
ausgebildet. Die grossesten lebend von mir aufgefunden
1) Ebendas. Bd. XIV. S. 392.
2) Ebendaä. Bd. XIV. S. 400.
288 Leuckart:
nen Individuen raaassen etwa 2 Mm., ungefähr das Dop-
pelte der Länge, die unsere Thiere beim Hervorbreclien
aus der Hülse des abgestorbenen Muttcrtliieres besitzen.
Diese grossen Individuen entLiclten in ihrer Leibeshohle
ausser einer Anzahl kleiner Keime gewöhnlich 3 — 5 grös-
sere länglich eiförmige Ballen bis zu etwa 0,38 Mm.
Länge, allein diese Ballen erwiesen sich bei näherer Un-
tersuchung sämmtlich als abgestorben und verändert. Ihr
Inhalt war in eine körnige Substanz aufgelöst, die nach
dem Centrum zu immer dunkler wurde und gewöhnlich
ein oder auch mehrere grosse Fetttropfen, mitunter von
sehr ansehnlichen Dimensionen in sich einschloss.
Was ich im Folgenden mitzutheilen gedenke, be-
zieht sich demnach weniger auf die Embryonalentwicke-
lung der Cecidomyienlarven, deren Untersuchung ich für
die bessere Jahreszeit mir vorbehalte, als zunächst viel-
mehr auf die Frage nach dem Ursprünge und der Natur
der Keime, die im Innern der Leibeshöhle frei umher-
treiben und zu neuen Larven werden. Die in dieser Hin-
sicht von mir angestellten Untersuchungen kann ich übri-
gens nicht mittheilen, ohne der Thei] nähme zu geden-
ken, der ich mich dabei von Seiten der Herrn Cand.
Mecznikoff aus Charkow zu erfreuen hatte. Die nach-
stehenden Blätter dürften vielleicht nur wenige Thatsa-
chen enthalten, die dieser talentvolle junge Zoologe nicht
gleichfalls beobachtet hätte und zu vertreten gewillt wäre.
Nach der Darstellung Wagner's sollen die Keime
(„Embryonaltheile" W.) aus dem Fettkörper der Larve
hervorgehen, indem sich der Inhalt desselben, unter gleich-
zeitiger Veränderung des früheren Aussehens, portionen-
weise zusammenballt und nach Abscheidung der Umhül-
lungshaut in Form von rundlichen Ballen ablöst. Mit-
unter sieht man diese Ballen zu mehreren in einer ge-
meinschaftliclien Gruppe vereinigt. Sie haben Anfangs
eine körnige BeschalTenheit, entwickeln aber ziemlich bald
eine Anzahl von Zellen und erfüllen sich schliesslich,
während die äussere Form sich allmählich streckt, und
die Grösse immer mehr zunimmt, mit einer körnigen Dot-
termasse, die einer Furchung unterliegt und dann in ihrem
Die ungeschleclitliclie Fortpflanzung der Cecidomyienlarven. 289
Innern den Embryo ausscheidet. Der letztere bleibt von
einer Lage peripherischer Dottersubstanz umgeben und
verweilt in seiner Hülle, bis er zur vollständigen Ausbil-
dung gelangt ist.
Meinert theilt die Ansicht von der Entstehung
der Keime aus dem Fettkörper und bemerkt zur Recht-
fertigung derselben, dass letzterer, als Uebejrest des ur-
sprünglichen BildungsstofFes, am Ende eben so gut zur
Erzeugung einer neuen Brut, wie zur weitern Entwicke-
lung verwendet werden könnte.
Da Meinert übrigens, allem Anscheine nach, die
hier vorliegende Frage nicht speziell geprüft hat — Mei-
ne rt's Untersuchungen waren vorzugsweise auf die spä-
teren Entwickelungszustände der Larven gerichtet — so
können wir seiner Zustimmung kaum ein grösseres Ge-
wicht beilegen, zumal Pagenstecher im Laufe seiner
Darstellung mehrfach ausdrücklich hervorhebt, dass die
jungen Keime („Eier*^ P.) mit den Ballen des Fettkörpers
keinerlei eigentliche Aehnlichkeit besässen und auch nie-
mals damit zusammenhingen. Pagen Stecher glaubt
desshalb denn auch an die Existenz eines eigenen Keim-
stockes, obwohl er vergebens nach einem derartigen Ge-
bilde suchte und ?ich in Betreff des Ursprungs der Keime
auf blosse Vermuthungen beschrankt sah. Er gedenkt
namentlich der Möglichkeit, dass sich dieselben von der
subcuticularen Zellenlage (dem W eis mann'schen Hy-
poderma) ablösten, und macht auf die starke Entwicke-
lung aufmerksam, die diese Zellen in den letzten Körper-
segmenten unserer Larve darbieten. Auch der Mastdarm
sei unterhalb der Einmündung der Malpighischen Gefässe
von einer Zellengruppe umgeben, die vielleicht gleichfalls
als die Ursprungsstätte der Keime fungiren könne. Frei-
lich, fügt derselbe hinzu, „bedarf das Alles noch weiterer
controllir ender Untersuchung.^
Ich habe nun, wie gesagt, diesem Punkte in Gemein-
schaft mit M ecz nik 0 ff meine besondere Aufmerksam-
keit zugewendet und freue mich, hier den Nachweis lie-
fern zu können, dass die Cecidomyienlarven in der That,
Archiv f. Naturg. XXXI. Jahrg. 1. Bd. 19
290 Leuckart:
wie Pagenstecher vermutliet bat, einen Keimstock
besitzen.
Wenn man die aus der Hülse des mütterb'cben Lei-
bes eben hervorgekommenen Larven bei massigem Drucke
der mikroskopischen Untersuchung unterwirft, so erkennt
man in der hinteren Hälfte des zehnten (mit Einschluss
des Kopfes eilften) Körpersegments zwei helle rundliche
Ballen, die zwischen den an dieser Stelle gewöhnlich
ziemlich stark aus einander weichenden Strängen des Fett-
körpers auf dem Rücken gelegen sind und einen Durch-
messer von 0,034 — 0,04 Mm. besitzen (Fig. 1). Man ent-
deckt sie um so leichter, als sie fast unmittelbar unter der
äusseren Körperhülle liegen und bei den Kontraktionen
des Muskelapparates mit den benachbarten Organen in
der Leibeshöhle auf- und abgeschoben werden. In der
Regel sind beide Ballen ziemlich symmetrisch angeordnet
und in gleicher Höhe angebracht, doch kommt es auch
vor, das der eine oder andere der Medianlinie mehr ge-
nähert ist oder etwas nach vorn rückt.
Zerreisst man den Larvenkörper, so überzeugt man
sich alsbald, dass diese beide Ballen nicht, wie die spä-
teren Keime, frei in der Leibeshöhle flottiren, sondern
durch ein Paar längere oder kürzere dünne Bindegewebs-
stränge an zweien Malpighischen Gefässen befestigt sind.
In der Regel ist die Anheftungstelle in unbedeutender
Entfernung von den Insertionen der Gefässe, und zwar
auf der einen Seite gewöhnlich etwas höher, als auf der
andern. Mitunter sieht man davon nach hinten einen dün-
nen Faden abgehen.
Bei stärkerer Vergrösserung unterscheidet man (Fig. 2)
an den Ballen eine structurlose zarte Umhüllungshaut
und eine Anzahl heller bläschenartiger Zellen von 0,01 —
0,017 Mm., die in einem feinkörnigen blassen Protoplasma
liegen und je nach ihrer Grösse einen oder mehrere
(3—5) gleichfalls bläschenförmige Kerne (0,006 M.) in
sich einschliessen.
Sobald man die Untersuchungen auf eine grössere
Menge von Larven ausdehnt und dabei namentlich auch
solche Exemplare berücksichtigt, die ihre ursprüngliche
Die ungeschlechtliche Fortpflanzung der Cecidomyienlarven. 291
Wohnstätte bereits verlassen Jiaben^ wird man bald finden,
dass diese Gebilde nicht überall dieselbe BeschaiFenheit be-
sitzen. Nicht bloss^ dass sie allmählich wachsen und ihre
Form in's Ovale verändern, man sieht auch weiter, dass sie
sich bei einer gewissen Grösse (Länge = 0,067, Breite =
0,042 Mm.) mehrfach nnregel massig einschnüren und eine
Gestalt annehmen, durch die (P'ig. 3) man unwillkürlich an
das Aussehen einer gelappten Embryonalniere erinnert wird.
Die Lappen, die durch die Einschnürungen abgesetzt sind,
ergeben sich (ibid.) bei näherer Untersuchung als die
peripherischen Segmente von Ballen, die sich an ihrer
Berührungsfläche abplatten, sonst aber eine kuglige Form
und einen Durchmesser von 0,02 — 0,025 Mm. besitzen.
Im Innern enthalten dieselben eine bald geringere,
bald auch grössere Anzahl bläschenförmiger Kerne (von
0,007 Mm.), je nach ihrem Durchmesser. In den grosse-
sten Ballen zählt man bis gegen 16 und 20 solcher Kerne,
und hier überzeugt man sich denn auch weiter davon, dass
jeder derselben eine helle Belegschicht von mehr oder min-
der deutlicher Begrenzung trägt und dadurch zu dem Mit-
telpunkte einer selbstständigen Zelle geworden ist (ibid.).
Bei einer Vergleichung mit den früheren Bildungs-
stadien erscheint es unzweifelhaft, dass diese Ballen eine
weitere Entwickelung der damals beschriebenen bläschen-
förmigen Zellen darstellen. Unter Verdrängung der ur-
sprünglich vorhandenen Intercellularsubstanz sind diese
Zellen allmählich herangewachsen und durch Brutbildung
im Innern zu Mutterzellen geworden. Die ursprüngliche
Zellenmembran persistirt unter der Form einer structur-
losen Grenzhaut, die nur eine etwas derbere Beschaf-
fenheit angenommen hat und nach wie vor noch von der
gemeinschaftlichen Tunica propria überzogen ist.
Ich brauche wohl kaum ausdrücklich hervorzuheben,
dass die hier beschriebenen Organe nichts Anderes als
die Keimstöcke unserer Larven sind. Die sichere Ueber-
zeugung von der Richtigkeit dieser Behauptung gewinnt
man freilich erst durch das spätere Verhalten, wenn man
sieht , dass sich die einzelnen Ballen derselben immer
schärfer und selbstständiger gegen einander absetzen und
292 Leuckart:
schliesslich (Fig. 4) sich loslösen, um dann in der Leibes-
höhle ihre Embryonalentwickelung zu durchlaufen.
In der Regel fällt übrigens die Masse der Keim-
stöcke nicht auf einem Male in ihre Ballen auseinander,
sondern allmählich, so dass man die Ueberreste mitunter
noch in solchen Individuen antrifft, bei denen die freien
Keime bereits zu ansehnlicher Grösse herangewachsen
sind und schon eine Embryonalanlage erkennen lassen.
Auf diese Weise erklärt sich denn auch die von den
früheren Beobachtern hervorgehobene Thatsache, dass die
Keime unserer Larven keines^vegs immer auf gleicher
Entwickelungsstufe angetroffen w^erden.
Die zur Ablösung reifen Ballen besitzen eine Grösse
von ungefähr 0,028 — 0,03 Mm. Sie haben (ibid.) eine
völlig kuglige Form und zeigen unter der structurlosen
hellen und durchsichtigen Hüllhaut zweierlei Zellen von
verschiedener Beschaffenheit. Die einen sind kleiner
(0,0063 Mm.) und schärfer begränzt und zu einem Epithe-
lium vereinigt, das in einfacher Schicht die Innenfläche
der eben genannten Membran bekleidet, während die
andern, die den Innenraum der Ballen erfüllen, eine viel
bedeutendere Grösse besitzen und sich so wenig gegen
einander absetzen, dass sie fast das Aussehen einer zu-
sammenhängenden Protoplasmamasse darbieten , in die
eine Anzahl bläschenförmiger Kerne (0,007 Mm.) einge-
lagert ist. Die Beschaffenheit dieser centralen Zellen
erinnert an das Verhalten des primitiven Keimstockes,
nur dass hier das Protoplasma weniger massenhaft ist
und der das Licht stark brechenden kleinen Fettkörner
entbehrt, die in mehr oder minder grosser Menge hof-
artig um die einzelnen Kerne abgelagert sind.
Die genetischen Beziehungen dieser reifen Keim-
ballen zu den früheren Entwickelungszuständen sind leicht
zu übersehen. Die Zellen, die wir in den letztern antrafen,
sind, obwohl damals noch ohne alleVerschiedenheiten, durch
allmähliche Differenzirung theils in Epithclzellen verwan-
delt, theils auch zu Gebilden geworden, die durch ihre
histologische Natur zur Genüge kund thun, dass sie noch
eine weitere Entwickelung zu durchlaufen haben.
Die ungeschlechtliche Fortpflanzung der Cecidomyienlarven. 293
Nach der Ablösung behalten die Keimballen übri-
gens noch eine Zeitlang die so eben beschriebene Be-
schaffenheit M. Sie wachsen bis zu einem Durchmesser von
0p4 oder 0^45 Mm., ohne irgend welche Zeichen einer
weiteren Entwickelung erkennen zu lassen (Fig. 5) ; es
müsste denn sein, dass man die Vergrösserung der cen-
tralen Kerne (bis auf 0,01 und 0,014 Mm.) und das deut-
lichere Hervortreten eines bläschenförmigen hellen Kern-
körpers als solche in Anspruch nehmen wollte.
Haben die Keimballen nun aber die eben erwähnte
Grösse erreicht, dann bemerkt man, dass sich einer der
im Innern gelegenen 8 — 10 hellen Kerne mit einer star-
ken Ansammlung grobkörniger Protoplasmamasse umgiebt
und die peripherische Hülle des Ballens buckeiförmig
(Fig. 6) auftreibt. Anfangs nur von unbedeutender Grösse,
wird dieser Buckel mit zunehmendem Wachsthume der
Körnermasse immer ansehnlicher, so dass der Ballen seine
frühere Kugelgestalt verliert und allmählich eine Birn-
und Eiform annimmt (Fig. 7, 8). Der Körnerhaufen, der
im Innern des spitzen Poles gelegen ist und diesen voll-
ständig ausfüllt, setzt sich dabei immer schärfer gegen
den übrigen Inhalt des Keimballens ab und gestaltet sich
allmählich zu einem selbstständigen Körper, dessen frü-
here Beziehungen ohne Kenntniss der Entwickelung kaum
noch nachweisbar sein dürften.
Das Wachsthum dieses Körpers geht so rasch vor
sich, dass derselbe in einem Keimballen von 0,077 Mm.
Länge (0,042 Mm. Breite) schon 0,03 Mm. misst, also fast
die Grösse des gesammten übrigen Inhaltes erreicht hat
(Fig. 8) , obwohl er noch kurz vorher (in Ballen von
0,06 Mm. Länge und 0,038 Mm. Breite, Fig. 7) kaum mehr
1) Zur Vergleichung ziehen wir hier Pagenstecher's Be-
schreibung der von ihm beobachteten jüngsten Keime an. ,,Sie
bestehen," so sagt unser Verf., ,.aus einer peripherischen Schicht
heller kleiner Kugeln, an denen weder Hüllen noch Kerne deutlich
sind und einem von jenen umschlossenen Binnenraum, in dessen
homogener Masse einige stark conturirte mehr eckige Fettkörnchen
und blasenartige Vacuolen erscheinen."
294 Leuckart:
als die Hälfte dieses Dnrchmessex's (0^018 Mm.) besass.
Und diese Grössenzunalime ist um so auffallender, als
sie mir von dem Wachsthnme der körnigen Belegmasse
abhängt, indem der bläschenförmige Kern nach wie zu-
vor nicht mehr als 0,014 Mm. beträgt. Der letzte hat
sich übrigens insofern etwas verändert, als das im Innern
enthaltene Kernkörperchen kleiner geworden ist (bis zu
0,004 Mm. ) und eine schärfere Begrenzung angenom-
men hat.
Obwohl die hier beschriebenenVorgänge bei der dunke-
len und undurchsichigen Beschaffenheit des Körnerhaufens
die Aufmerksamkeit des Beobachters leicht auf sich zie^
hen, sind sie von den früheren Untersuchern doch so gut,
wie vollständig übersehen ^), eine Thatsache, die wir nur
durch die Annahme erklärlich finden, dass das Interesse
derselben mehr durch die späteren Schicksale der Keim-
ballen , als durch deren erste Zustände in Anspruch ge-
nommen wurde.
Trotz der Vernachlässigung von Seiten der früheren
Beobachter sind jene Vorgänge nun aber desshalb von
grosser Bedeutung, w^eil sie über die Natur der Keimbal-
len und die Beziehungen der hier vorliegenden Vermeh-
rungsart zu der gewöhnlichen Fortpflanzung der Insekten
ein unerw'artetes Licht verbreiten.
Ein Jeder, der die Entwickelungsgeschichte des Insek-
teneies kennt oder die darüber vorliegenden Beobachtun-
gen von S t e i n ^), m i r ^), L u b b o c k ^), C 1 a u s ^j u. A.
1) Das Einzige, was darauf hindeutet, ist eine Abbildung bei
W agner, a. a. 0. Tab. XXXVI. Fig. 25, die in der Erklärung auf
„zwei anomal verwachsene Embryonaltheile' gedeutet wird , von
denen einer mit einer trüben Flüssigkeit gefüllt ist, während sich
im hellen Inhalte des andern schon Zellen gebildet haben.
2) Vergl. Anat. und Physiol. der Insekten 1847. S. 46.
3) Ai't. Zeugung in Wagner's Handwörterb. Bd. IV. 1852.
S. 802 ; zur Fortpflanzung und Entwickelung der Pupiparen 1858; zur
Kenntniss des Generationswechsels und der Parthenogenesis bei den
Insekten 1858. S. 48.
4) Onthe ovaandpseudova ofInsekts,LinnaeanTransact. 1859.
5) Beobachtungen über die Bildung des Jnsekteneies, Zeitschr.
für wissensch. Zool. Bd.XIV. S. 42. 18ü4.
Die iingeschlechtliclie Fortpflanzung der Cecidomyienlarven. 295
ZU Rathe zieht, wird mir nämlich beistimmen, wenn ich
behaupte, dass die Keimballen unserer Larven mit ihrem
Inhalte genau die Verhältnisse eines sog. Keimfachs aus
den Eiröhren der weiblichen Insekten wiederholen. Am
angenfälllgsten ist solches vielleicht bei einer Verglei-
chung mit Melophagus ^), dessen Keimfächer nur durch
einen dünnen Verbindungsstrang unter sich in Zusammen-
hang stehen und somit denn fast ebenso selbstständige
Bildungen repräsentiren, wie die Keimballen unserer Ce-
cidomyien.
In beiden Fällen haben wir es mit einer structurlosen
Membrana propria zu thun, die ausser einer Epithellage im
Innern noch zweierlei verschiedene Zellenbildungen ein-
schliesst. Die eine dieser Zellenformen ist nur in ein-
facher Anzahl vorhanden, und an dem einen ursprünglich
spitzeren Pole des Keimfaches gelegen. Es ist das. spätere
Ei, das aus einem an Grösse immer mehr zunehmenden
Körnerballen besteht und einen bläschenförmigen Kern,
das sog. Keimbläschen, enthält, während die andern Zel-
len, die mit ihrem gleichfalls bläschenförmigen Kerne
und ihrem oft unvollständig abgesetzten Protoplasma den
ganzen übrigen Innenraum des Faches erfüllen und bei
der Abscheidung des Dotters eine Rolle spielen, als sog.
Dotterbildungszellien bezeichnet zu werden pflegen ^).
Die üebereinstimmung der Keimballen mit einem
Eifache ist so vollständig, dass sie nicht bloss für die
späteren Zustände, sondern auch für die Entwickelung
gilt, wie namentlich aus den genauen Untersuchungen
von Claus, die ich vollständig bestätigen kann, zur Ge-
nüge hervorgeht. Ei, Dotterbildungszellen, Epithelzellen
— das Alles entwickelt sich in den Eifächern genau auf
dieselbe Weise, wie es oben für die Keimballen beschrie-
ben wurde, durch Differenzirung aus einer ursprünglich
ganz gleichartigen Zellenmasse. Selbst in zeitlicher Hin-
1) Leuckart, Fortpflanzung der Pupiparen. Tal. I. Fig. 6, 7.
2) Weismann ist ganz bestimmt im Irrthum, wenn er bei
Musea den Unterschied zwischen Ei und Dotterbildungszellen leugnet
und den ganzen Inhalt des Keimfaches mit seinenvielen Kernen direkt
in das Ei übergehen lässt. Die Entwickelung der Dipteren. S. 208.
296 Leuckart:
sieht bieten diese Vorgänge bei beiden Gebilden genau
die gleichen Verhältnisse.
Die Keimballen der C ecido my ienla rven
sind also weder „Embryonaltheile" (Wagner), noch
„Eier'^ (Pagenstecher), sondern Keimfächer, die
nach dem Typus der Eibildung in ihrem In-
nern einen Fortpfl anzungsk ö rp er erzengen.
Es ist sicherlich der beste Beweis für die Richtigkeit
dieser Auffassung, wenn wir durch Untersuchung der
spätem Entwickelungszustände auf direktem Wege die
Ueberzeugung gewinnen, dass der Embryo aus demjeni-
gen Theile des Keimfaches hervorgeht, den wir auf
Grund seiner morphologischen Beziehungen so eben als
Fortpflanzungskörper in Anspruch genommen haben.
Und diese Ueberzeugung muss sich einem Jeden
aufdrängen, der nur ein Mal Gelegenheit hat, die ersten
Vorgänge der Embryonalentwickelung bei unseren Thie-
ren zu beobachten.
Meinen Erfahrungen zufolge beginnen diese Vor-
gänge in Keimfächern von etwa 0,12 Mm. Länge und
0,05 Mm. Breite, und zwar damit, dass sich der Oberfläche
des Körnerballens, ganz ebenso, wie die Dotteroberfläche
des befruchteten Eies*), mit einer Keimhaut umgiebt
(Fig. 9 u. 10).
Der Körnerhaufen oder Dotter, wie wir denselben
hiernach mit vollem Rechte nennen dürfen, hat um diese
Zeit etwa zwei Dritttheile des Keimfaches durchwachsen
und dasselbe dermaassen aufgetrieben, dass das frühere
spitze Polende, welches den Dotterhaufen enthält, jetzt
das dickere geworden ist. Das entgegengesetzte vordere
1) Vergl. Weis mann a. a. 0. Taf. XIL Fig. 2. (Auf die
hier angezogene Analogie bezieht sich auch vielleicht die Aeusserung,
die der Berichterstatter der Petersburger Akademie , C. E. v. Baer.
der Annahme Wagner's über den Ursprung der Cecidomyienkeime
aus dem Fettkörper entgegensetzt: ^die Massen, welche sich zu den
Tochterlarven entwickeln, möchte ich doch lieber Dottermassen
nennen. Sie gleichen sehr den Dottermassen anderer Dipteren,
namentlich denen von Chironomus nach Dr. Weismann."
J
Die ungesclilechtliclie Fortpflanzung der Cecidomyienlarven. 297
Ende wird von den Dotterbildiingszellen ausgefüllt, die
nach "wie vor in ganzer Menge persistiren, aber ihr frü-
heres Protoplasma fast vollständig verloren haben, und
somit denn wesentlich auf die (zwischen 0,01 — 0,019 Mm.
messenden) hellen Kerne, die jetzt sämmtlich ein gros-
ses, aber nur wenig deutliches Kernkörperchen erkennen
lassen, reducirt sind (Fig. 9).
Nach der Analogie mit der Eibildung hätte man
vielleicht erwarten können, dass die Embryonalentwicke-
lung erst dann beginnen würde, wenn die Dottermasse
das ganze Keimfach durchwachsen hat, und die Dotter-
bildungszellen bis auf einen kleinen Ueberrest (das Stein'-
sche Corpus luteum) geschwunden sind. Aber unsere
Keime verhalten sich insofern anders, als sie schon vor
Abschluss ihrer individuellen Entwickelung die Ausschei-
dung des Embryo beginnen, ganz wie das auch von den
sog. Keimkörnern der Aphiden bekannt ist. Auch noch
in anderer Beziehung findet sich zwischen diesen beiden
ungeschlechtlichen Fortpflanzungskörpern eine Ueberein-
stimmung, insofern es nämlich bei ihnen niemals zu der
Bildung eines sog. Chorions kommt, der Dotter also ohne
jene Hülle bleibt, die in den eigentlichen Insekteneiern eine
so auffallende und eigenthümliche Entwickelung hat.
Ob dem Auftreten der Keimhaut bei unseren Ceci-
domyienlarven die Ausscheidung einer structurlosen Beleg-
schicht vorausgeht, wie dies Weis mann für die Eier von
Chironomus und andern Dipteren nachgewiesen hat, muss
ich aus Mangel eines hinreichenden Beobachtungsmate-
riales unentschieden lassen. Ich kann auch nicht sagen,
auf welche Weise sonst etwa die Keimhaut sich bildet;
dass sie aber existirt und, wie in den echten Eiern, die
Reihe der embryonalen Entwicklungsvorgänge einleitet,
darüber kann nicht der geringste Zweifel obwalten.
Die Zellen, welche diese Keimhaut zusammensetzen,
liegen in einer dichten Schicht neben einander und haben,
wie bei Chironomus, ein äusserst starkes Brechungsver-
mögen, so dass es schwer hält, einen Kern im Innern
wahrzunehmen. Am hinteren Pole sind die Zellen am
grössten (0,007 Mm.), vielleicht doppelt so gross, als am
298 Leuckart:
entgegengesetzten vordem Ende des Dotters, ein Unter-
scliied, der sich natürlich auch in der Dicke der Keim-
hant geltend macht, und das um so mehr, als es den
Anschein hat, als wenn die hinteren Zellen in doppelter
Schicht über einander Vdgen (Fig. 9).
In etwas grösseren Keimfächern (0,14 Mm. Länge,
0,056 Mm. Breite) ist an dem jetzt 0,11 Mm. messenden
Dotter dieser Unterschied verloren gegangen. Vorn und
hinten haben die Zellen (Fig. 10) genau dieselbe langge-
streckte Form und gleiche Grösse, doch ist die Keim-
haut am hintern Dottersegmente auch hier anscheinend
von zwei über einander liegenden Zellen schichten ge-
bildet 1).
Die Dotterbildungszellen sind auf drei oder vier
bläschenförmige Gebilde am vordem Pole des Dotters
reducirt, w^ie denn auch die Form des Keimfaches in-
sofern einige Veränderung darbietet, als der Querschnitt
des vordem Segmentes dem hintern gegenüber nur noch
wenig zurücksteht (ibid). Den Epithelbeiag des Keim-
faches sah ich auf diesem Entwickelungsstadium bestän-
dig in eine einfache Körnerlage verwandelt. Ob dieses
Verhalten ein normales ist, muss ich dahin gestellt sein
lassen, doch könnte vielleicht der umstand, dass die spä-
teren Entwickelungsstadien meiner Larven sämmtlich ab-
gestorben und in eine homogene Eörnermasse verwandelt
waren, damit im Zusammenhange stehen. Eine solche
Vermuthung liegt mir um so näher, als ich vor einiger Zeit
bei einer sterilen Bienenkönigin die Beobachtung machte,
dass die Eier in der hinteren Hälfte des Ovariums, wo
das Epithel der Eifächer eine ganz ähnliche Veränderung
erlitten hatte, zerfielen und sich schliesslich in kleine
Bröckelchen auflösten, statt sich weiter zu entwickeln.
In einzelnen Fällen schien die Zerstörung des In-
haltes übrigens erst auf einer spätem Entwickelungspe-
1) Die Fig. 31. Tab.XXXVl der Wagner'scheu Abhandlung
glaube ich gleichfalls auf ein Fach mit 'Keimhaut beziehen zu dür-
fen, nur hat es den Anschein, als wenn die Dotterbildungszellen
hier schon völlig geschwufiden wären.
Die ungeschlechtliche Fortpflanzung der Cecidomyienlarven. 299
riode eingetreten zu sein, wie nicht bloss die beträchtli-
chere Grösse, sondern weiter auch der Umstand bewies, dass
der Keim hier auf der einen Langseite einen hellen Strei-
fen zeigte, den ich um so lieber als einen üeberrest des
Primitivstreifens in Anspruch nehmen möchte, als er bis-
weilen einen mehrfach gewellten Verlauf hatte, als wenn
bereits eine Gliederung im sog. Ursegmente stattgefun-
den hätte. Es waren Stadien, die der Fig. 33 der Wag-
ner'schen Abhandlung entsprechen möchten.
Wenn Wagner hervorhebt, dass der Embryo sich
nicht in der Peripherie, sondern in der Tiefe des Dotters
entwickle, so ist das ohne Zweifel ein Irrthum, der vielleicht
nur durch die unvollständige Analyse der im Innern des
Keimfaches gelegenen Theile herbeigeführt wurde. Was
Wagner peripherischen Dotter nennt, ist vermuthlich
nichts Anderes als das Epithelium des Keimfaches oder
die daraus hervorgehende Körnerlage, deren wir in der
Peripherie der Keimhaut oben gedachten. Auch die von
Wagner Fig. 82 abgebildete „Furchung^ gehört offen-
bar dieser Epithellage an und könnte möglicher W^eise
daraufhindeuten, dass die Zellen derselben, wie oben
vermuthet, im Normalzustande weit länger persistirten, als
ich bei meinen Exemplaren beobachtete.
So unvollständig meine Beobachtungen über die
späteren Schicksale der Ceeidorayienkeime nun übrigens
auch sein mögen, so lassen sie doch so viel vermuthen,
dass die Vorgänge der Embryonalbildung in allen we-
sentlichen Punkten mit den gewöhnlichen Erscheinungen
der Entwickelung in einem befruchteten Ei übereinstim-
men, ganz wie das auch (von Pluxley) für die Aphiden
nachgewiesen v/urde.
Die ungeschlechtliche Fortpflanzung der Cecidomyien
schliesst sich überhaupt nach den vorstehenden Unter-
suchungen in unverkennbarer Weise an die bei den Aphi-
den schon seit lange (seit de Geer und Reaumur)
bekannten Erscheinungen an. Nur darin findet sich ein
Unterschied, als sich die Keimfächer der Cecidomyien-
larven von dem Keimstocke lösen und als isolirte Massen
frei in der Leibeshöhle umhertreiben, während sie bei
300 Leuckart:
den Aphiden in einer beständigen Verbindung bleiben
und einen Apparat zusammensetzen, der durch Gestalt
und Anordnung die Verhältnisse der weiblichen Organe
wiederholt.
Dass der Keimstock derCecidomyienlarven
übrigens gleichfalls ein Analogo n der Geschlechts-
drüse darstellt, dürfte wohl um so weniger bezweifelt
werden können, als wir es genau an derselben Stelle vor-
finden, wo wir die erste Anlage dieser Gebilde vermu-
then dürfen, und es in einer Form sehen, die den Ge-
schlechtsdrüsen anfangs ganz allgemein bei den Insekten
zukommt. Der nach hinten laufende Anhangsfaden ist
offenbar als rudimentärer Ausführungsgang zu betrachten.
Die ungeschlechtliche Fortpflanzung der Cecidomyien-
larven zeigt hiernach nicht bloss eine grosse Ueberein-
stimmung mit der gleichen Fortpflanzung der Aphiden,
sondern tritt auch der geschlechtlichen Fortpflanzung
weit näher, als es früher den Anschein hatte. Der Keim-
stock der viviparen Larven ist gewissermassen eine zweite
Form des Geschlechtsapparates, wie denn auch die Fort-
pflanzungskörper derselben den Eiern in Betrefi* der all-
gemeinen morphologischen Verhältnisse so vollständig
entsprechen, dass man sie mit einem gewissen Rechte —
wie das Claus neuerdings bei den Aphiden auch wirk-
lich gethan hat — als eine zweite Elform betrachten
könnte. Allem Anscheine nach sind auch die Larven der
geschlechtsreifen Cecidomyien bei der ersten Anlage der
Genitalien von den früheren Zuständen der viviparen
Larven so wenig verschieden, dass man vermuthen sollte,
es möchte das Schicksal der eben genannten Organe und
damit auch das der zugehörigen Thiere hier, ebenso, wie
bei den Aphiden , durch gewisse äussere Verhältnisse
bestimmt werden, es möchte mit andern Worten von ge-
wissen äussern Verhältnissen (Ernährung u. s. w.) abhän-
gen, ob die Larve zu einem Geschlechtsthiere oder zu
einem viviparen Individuum sich entwickle.
Trotz aller Geneigtheit, die morphologischen Bezie-
hungen der Fortpflanzungskörper in den losen Keimfä-
chern der Cecidomyien mit den Eiern anzuerkennen, mag
Die ungeschlechtliclie Fortpflanzung der Cecidomyienlarven. 301
ich mich übrigens nicht entschliessen, dieselben geradezu
als Eier zu bezeichnen und die Fortpflanzung der Ceci-
domyienlarven dadurch zu einer Parthenogenese zu stem-
peln. So wenig die Larvenformen eines Thieres den aus-
gebildeten Geschöpfen gleichstehen und als solche betrach-
tet "werden können, so wenig dürfen wir auch die Be-
nennung „Eier'' auf Gebilde übertragen, die nur die er-
sten Entwickelungszustände mit den Eiern gemein haben.
Die Existenz eines Eies setzt in allen Fällen eine ge-
schlechtliche Reife voraus, aber unsere Larven sind —
viel mehr und auffallender als die viviparen Aphiden —
schon durch ihre Entwickelungsform als unreife Thiere
gekennzeichnet und nach dem Zustande ihrer Genitalien
(resp. deren Umwandlung in Keimstöcke) als geschlecht-
lich indifferent oder vielmehr geschlechtslos zu bezeichnen.
Ein Ei muss, nach der gewöhnlichen Auffassung der
Verhältnisse durch seinen Bau zum Wenigsten die Mög-
lichkeit der Befruchtung darbieten — wo diese Möglich-
keit absolut fehlt, da handelt es sich eben um kein Ei,
sondern vielmehr um einen ungeschlechtlichen Fortpflan-
zungskörper.
Bisher pflegten wir die frei im mütterlichen Leibe
entstehenden Gebilde dieser Art, im Gegensatze zu den
Eiern, als Keimkörner oder Sporen zu bezeichnen; will
man diese Benennung als zu allgemein und morpholo-
gisch farblos für unseren Fall (wie für die Aphiden)
nicht anwenden, so dürfte sich vieleicht der Name Pseud-
ovum empfehlen, ein Name, der von Huxley freilich
eigentlich in anderer, aber kaum zu rechtfertigender Weise
(für die spontan sich entwickelnden wahren Eier) Ver-
wendung gefunden hat.
Ich brauche nach dem Voranstehenden kaum aus-
drücklich hervorzuheben, dass ich in der Fortpflanzungs-
geschichte der Cecidomyien einen Fall von Genera-
tionswechsel sehe, der sich auf das Engste nament-
lich an den Generationswechsel der Aphiden anschliesst,
von den gewöhnlichen Formen dieser Fortpflanzungsart
mit larvenartigen Ammen aber dadurch sich unterschei-
det, dass die Geschlechtsthiere nicht gleich Anfangs ihre
302 Leuckart:
spätere Form besitzen , sondern diese erst durch eine
nachträgliche Metamorphose annehmen. Der Genera-
tionswechsel der Distomen bietet uns übrigens schon eine
Annäherung an diese Verhältnisse, insofern ja auch hier
das nengeborne Gcschlechtsthicr (Cercaria) ein Geschöpf
repräsentirt, das erst nach gewissen Umwandlungen zu
der definitiven Form heranreift.
Giessen, Mitte Januar 1865.
Zusatz.
Seitdem das Voranstehende niedergeschrieben wurde,
sind die viviparen Cecidomyienlarven unausgesetzt von
uns weiter beobachtet worden. Die in das warme Zim-
mer übertragenen Larven gedeihen vortrefflich, wachsen
und erzeugen Keime, deren Entwickelung in normaler
Weise abläuft, während sie im Freien, wie oben beschrie-
ben ist, nach wie vor durch Verfettung zu Grunde gehen.
In unserem Klima dürfte demnach denn auch wohl die
Fortpflanzung der Larven für gewöhnlich durch den Win-
ter unterbrochen werden, aber alsbald beginnen, wenn
das warme Wetter anhebt.
Das jetzt in reicher Fülle zur Beobachtung (auch
der späteren Entwickelungsstadien) uns vorliegende Ma-
terial hat uns allmählich eine ziemh'ch vollständige Ein-
sicht in die embryonale Entwickelung des Pseudovum
gestattet, wie der nachfolgende Aufsatz des Herrn M e c z-
nikof f, dem ich das Material für die (ursprünglich mir
selbst vorbehaltene) weitere Untersuchung überlassen
habe, zeigen wird. Ich will daraus nur das Eine antici-
piren, dass die von mir oben als Ueberreste der Dotter-
bildungszellen in Anspruch genommenen grossen Ballen,,
die dem embryonalen Dotter (mit Blastoderma) aufliegen,
sich als sog. Polzellen ergeben haben, welche dem hinte-
ren Ende des Keimfaches angehören und nach der inter-
essanten Entdeckung des Herrn Mecznikoff, die ich
vollständig bestätigen kann, schliesslich in die Keimstöcke
Die ungeschlechtliclie Fortpflanzung der Cecidomyienlarven. 303
der jungen Larve eingelien. Die Dotterbildungszellen
sind auf den von mir früher allein beobachteten Stadien
mit ausgebildetem Blastoderma bereits verschwunden, aber
noch vorhanden; wenn die Bildung des letztern anhebt.
Der Irrthuni wäre vermieden worden, wenn mir früher
die ersten Vorgänge der Embryonalentwickelung zu Ge-
sicht gekommen wären. Auf die Auffassung der Ver-
hältnisse im Ganzen hat derselbe übrigens keinen Einfluss
gehabt ; ich würde in dieser Beziehung heute nur Wort
für Wort wiederholen können, wie ich es damals nieder-
schrieb.
Zur Charakteristik der Larve mag hier noch ange-
führt werden, dass dieselbe nur in den früheren Lebens-
phasen zwei Stigmen hat, später aber eine grössere An-
zahl (5 Paare) bekommt. In diesem späteren Zustande
ist auch die Körnelung der Bauchschienen etwas abwei-
chend, und das erste Körpersegment mit dem zweiten
verwachsen, so dass die Uebereinstimmung der Spröss-
linge mit der Mutter keineswegs, wenigstens nicht bei
der Giessener Larve, so vollständig erscheint, wie das
von den früheren Beobachtern und auch noch neuerlich
von V. Siebold, der inzwischen von M ein er t eine An-
zahl Larven zur Untersuchung erhielt ^), behauptet ist.
Die Art, der die Larve angehört, wird sich erst
später bestimmen lassen, wenn die Geschlechtsthiere vor-
liegen werden. Einstweilen lässt sich nur so viel sagen,
dass sie von der W^a gner'schen Art (mit der nach den
Angaben v. Siebold's auch die Art von Mein er t iden-
tisch sein soll). verschieden ist.
1) Zeitschr. für wissensch. Zool. Bd. XV. S. 115.
Heber die EntTvicklmig der Cecidoinjieiilarve aus dem
PseudoTiiin.
Von
Cand. Mccznikoff
aus Charkow.
Vorläufige Mittheilnng.
Nacliflem durch die voranstehenden Untersuchungen
von Prof. Leuckart (an denen ich zu meinem grossen
Vergnügen in dessen Laboratorium theilnehmen durfte) fest-
gestellt war , dass die spontan sich vermehrenden Ceci-
domyienlarven besondere Keimdrüsen besitzen und dass
sich von diesen einzelne Keimfächer ablösen, schien es
besonders interessant die Entwickelung der Larven aus
dem Pseudovum (im Sinne Leuckart's) zu verfolgen
und diese mit der Entwicklung aus dem Eie zu verglei-
chen. Ich verdanke es der Freundlichkeit des Herrn Prof.
Leuckart, der mir die von ihm aufgefundenen Larven
überliess, dass ich Gelegenheit hatte, diese Vorgänge
näher zu untersuchen , und hege die Hoffnung, dass es
mir seiner Zeit möglich sein werde, die Lebensgeschichte
und den Bau unseres interessanten Thieres in ausführli-
cher Darstellung zu bearbeiten. Was ich einstweilen hier
mittheile, bitte ich nur als einen Vorläufer jener grös-
seren Arbeit zu betrachten.
Herr Prof. Leuckart hat übrigens an der nach-
stehenden Untersuchung lebhaften Antheil genommen
und namentlich auch die Freundlichkeit gehabt, die von
mir hergestellten Präparate mit mir zu besprechen und
die gewonnenen Resultate zu bestätigen.
Die in der Leibeshöhle der Larve umherschwimmen-
Mecznikoff: üeb. d. Entwickelung d. Cecidomyienlarve. 305
den Kelmfächer enthalten, wie von Leuckart beschrie-
ben, unter ihrer Tunica propria und ihrer Epithelschicht
anfangs eine zusammenhängende Protoplasmamasse mit
einzelnen eingebetteten Kernen. Später verwandelt sich
der am spitzen Ende des Keimfaches liegende Kern in
das Keimbläschen , um welches sich darauf der durch
die übrigen Kerne d. h. die sog. Dotterbildungszellen
gelieferte Dotter ablagert, dessen Menge allmählich mehr
und mehr wächst. So bildet sich das Pseudovum ganz
wie es Leuckart dargestellt hat.
Nachdem nun aber das Pseudovum ungefähr drei
Viertel der ganzen Masse des ausgewachsenen Keimfa-
ches durchwachsen hat, theilt sich das Keimbläs-
chen in zwei beinahe gleich grosse Kerne.
Die Theilung wiederholt sich mehrfach, bis zuletzt das
ganze Pseudovum als ein Haufen von 0,01 Mm. im Durch-
messer messender Kerne erscheint, in deren Zwischen-
räumen die unregelmässig gelagerte feinkörnige Dotter-
masse sich befindet. Um dieselbe Zeit geschieht auch
die allmähliche Rückbildung der Dotterbildungszellen,
die zuerst in eine gemeinschaftliche Masse verschmelzen
und dann in einige ungleich grosse stark lichtbrechende
Körper (Corpus luteum von Stein) sich verwandeln.
Nach dem beschriebenen Stadium geht eine regel-
mässige Umlagerung der durch die Theilung des Keim-
bläschens gelieferten Elemente vor sich. Das am spit-
zen Ende des Keimfaches , resp. des Pseudovums , be-
findende Bläschen schnürt sich sammt einem ansehnlichen
Theile der daneben befindlichen mit Dotterkörnchen ver-
sehenen Protoplasmamasse ab und bildet dadurch eine
ungefähr 0,045 Mm. im Durchmesser haltende Zelle, wäh-
rend die in der Masse des Pseudovums zerstreuten Bläs-
chen an die Peripherie desselben übergehen und den
Dotter in das Centrum einschliessen.
Nachdem dieses geschehen, theilt sich die am spitzen
Pole befindende grosse Zelle in zwei, resp. vier oder
fünf kleinere, den „Polzellen^ von Weismann ent-
sprechende (0,014 Mm. messende) Zellen. Es sind das die-
selben Gebilde, die in der Fig. 9 u. 10 von Leuckart
Archiv f. Naturg. XXXI. Jahrg. 1. Bd. 20
306 Mecznikoff:
als UebeiTCste der Dotterbildnngszcllen abgebildet wur-
den und — ■ bei unzureichendem Materiale — um so eher
dafür gehalten werden konnten, als die wahren Dotter-
bildungszellen auf diesem Stadium bereits geschwunden
sind und nur durch eine feinkörnige stark lichtbrechende
Substanzlage am vorderen Eipole repräsentirt w^erden.
Die an der Peripherie liegenden Elemente vermeh-
ren sich durch Theilung allmählich und bilden eine
Schicht von dicht neben einander stehenden (0,007 Mm.
messenden) Gebilden ; sie werden zu der schon von Leu-
ckart beschriebenen Keimhaut.
Nach der Bildung des Blastoderms beginnt nun
eine auf Kosten des Dotters stattfindende Zellenvermeh-
rung, durch welche die Polzellen vollständig umhüllt
werden. Eine Zeitlang sind dieselben durch die umhül-
lende Zellenschicht noch deutlich zu erkennen , bis die
letztere sich zu stark verdickt. Aber noch ehe das ge-
schieht, bildet sich auf der Rückenseite des stumpfen,
resp. Kopfendes eine dicke hufeisenförmige Erhebung,
die wir als Kopf kragen bezeichnen und die eine ent-
sprechende Einschnürung des Dotters hervorruft, welche
nur durch einen schmalen Streifen mit der gemeinschaft-
lichen Dottermasse in Verbindung bleibt. Nach der Bil-
dung des Kopf krag ens beginnt das Wachsthum der Kopf-
kappe, die mehr und mehr nach dem Rücken wächst, und
deren unteres Ende sich mit dem entsprechenden Ende
des Kopfkragens unmittelbar vereinigt.
Das Wachsthum der Kopfkappe geschieht auf Kosten
des Kopfkragens , wesshalb der letztere denn auch all-
mählich mehr und mehr an Grösse abnimmt. Der oben
erwähnte Dotterstreifen wird in Folge der durch das
Wachsthum der Kopf kappe hervorgerufenen Convexität
bedeutend schmäler resp. länger und thellt die Kopfkappe
selbst in zwei ansehnliche Backen.
Wenn die Bildung des Kopfkragens schon weit
vorgeschritten ist, bildet sich am Schwanzende des Pseud-
ovum eine Verdickung — die Schwanzkappe. In der
Mitte des hinteren Endes derselben entsteht sodann eine
querlaufende Vertiefung, vor welcher der vordere Theil
üeber die Entwickelung der Cecidomyienlarve. 307
der Schwanzkappe ziemllcli weit (als sog. Schwanzfalte)
hervorragt. Während dieser Veränderungen wird die
Rückenseite des Blastoderms immer dünner, bis sie schliess-
lich einreisst.
Nachdem die Schwanzfalte sich gebildet hat, wächst
der Schwanz in die Länge, resp. nach vorne. Auch die
Schwanzfalte verlängert sich, und nimmt dabei an Dicke
ab, so dass sie, wenn der Schwanz bis in die Mitte em-
porgewachsen ist, als ein feines mit der Schwanzkappe
zusammenschmelzendes Blatt erscheint. Aber dieses Blatt
verschwindet vollständig, ehe es noch den hinteren Pol
des Pseudovums erreicht hat. Die Schwanzfalte der
Cecidomyia bildet also mit der Kopffalte zusammen kein
Faltenblatt, wie das Weismann für die von ihm unter-
suchten Insecten nachgewiesen hat. Ueberhaupt fehlt bei
unserem Thiere jede Spur von Schichtung des Keim-
streifens.
Nach dem beschriebenen Entwickelungstadium bil-
den sich, noch bevor die Urtheile des Kopfes sich be-
merken lassen, die Ursegmente des Körpers, die gleich-
zeitig durch eine schwache Furche in zwei symmetrische
Hälften getheilt werden (Keimwülste). Inzwischen geht
die Rückbildung des Kopfkragens, resp. das Wachsthum
der Kopfbacken so weit, dass von dem ersten Gebilde
nur der verdickte Bauchtheil bleibt, der theilweise mit
der schon früher abgeschnürten und jetzt vollständig frei
liegenden Dottermasse bedeckt ist. Dieses unpaare Ge-
bilde repräsentirt den sog. Vorderkopf. Gleichzeitig mit
demselben bilden sich auch die übrigen Urtheile des
Kopfes. Die Kopf backen werden durch eine Furche in
einen Rücken- und Bauchtheil zerfällt , von denen der
letztere sich in die drei Segmente der Kopfanhänge
theilt, während der Rückentheil ungetheilt bleibt, und die
Scheitelplatten hervorbildet.
Im Laufe der eben geschilderten Veränderungen
wächst der Embryo in die Länge, wesshalb sich denn auch
sein Hintertheil streckt und sich von dem Kopfe ent-
fernt. Durch diesen Vorgang wird ein Theil des Dotters
in das hintere Ende des Keimfaches gebracht.
308 Mecznikoff:
Ich musss hinzufügen, dass weder früher, noch auch
später eine Umdrehung des Embryo geschieht, wie man
vielleicht nach Analogie mit Chironomus vermuthen könnte.
Mit den bisher beschriebenen Vorgängen ist die
allgemeine Formbildung des Embryo beendigt, so dass
die späteren Veränderungen nur in der weiteren Aus-
bildung der schon vorhandenen Theile und in der Diffe-
renzirung der inneren Organe bestehen.
Im Anfange dieser neuen Entwickelungsperiode bil-
den sich die Theile des Darmkanals, resp. die beiden
Oeffnungen desselben. Zuerst entsteht die Mundöönung
und der Oesophagus. Die erstere mündet in eine auf
der Bauchfläche liegende Vertiefung und ist von den
primitiven Scheitelplatten so vollständig umgeben, dass
sie von der Bauchseite nicht wahrgenommen werden
kann, während sie in der Profillage des Embryo schon
deutlich sichtbar ist. Der Oesophagus ist eine S-förmig
gekrümmte dünne Röhre, welche in die Länge wächst
und dadurch das Darmlumen bildet. Der Mastdarm mit
dem After kommt erst später zum Vorscheine, wenn sich
das Schwanzende vollständig ausgebildet hat.
Neben dem Darmkanale lagern zwei allmählich an
Grösse zunehmende Dotterstreifen, welche die beiden
grossen Fettkörper bilden.
Sobald die wichtigsten Theile des Darmkanals ein-
mal vorhanden sind , beginnt die weitere Ausbildung
desselben, indem am Oesophagus, resp. am Mastdarme
eine deutliche Chitinschicht durch die daneben liegenden
Zellen ausgeschieden wird. Gleichzeitig differenziren
sich die neben dem Mastdarme jederseits liegenden em-
bryonalen Zellen in vier Stränge, die die Malpighi'schen
Gefässe repräsentiren.
Während dieser Entwicklungsperiode kommen auch
die Kopfanhänge zur weiteren Differenzirung. Der Vor-
derkopf bildet die Oberlippe, während die Scheitelplatten
als breite Antennen erscheinen. Die zwei folgenden
Segmente liefern die beiden Kieferpaare, das dritte Seg-
ment die Unterlippe. Alle eben genannten Segment-
anhänge haben die Gestalt einfacher Papillen, von denen
Ueber die Entwickelung der Cecidomyienlarve. 309
die grössere durch die Oberlippe (den sog. Clypeus) re-
präsentirt wird. Anfangs völlig selbstständig, verbinden
sicli diese Organe später auf eine innige Weise, indem
die beiden Kieferpaare, die schon bei der ersten Bildung
dicht neben einander liegen , mit der Ober- und Unter-
lippe zu einem konischen Körper in Zusammenhang tre-
ten, dessen Theile mehr und mehr mit einander ver-
schmelzen.
In dem Rückentheile des Kopfes entstehen jetzt die
beiden Hirnganglien. Gleichzeitig beobachtet man auch
die übrigen Centraltheile des Nervensystems, d. h. die
aus zehn Ganglien zusammengesetzte Bauchkettc und
das Unterschlundganglion. >
Näheres über die Bildung des Nervensystems, sowie
der übrigen Organe soll mit den nöthigcn Abbildungen
später veröffentlicht werden.
Zum Schlüsse will ich nur noch ein paar Worte
über die Schicksale der oben besprochenen Polzellen
mittheilen. Diese 0,014 Mm. messenden Zellen werden,
wie erwähnt, im Anfange der Entwicklung von den be-
deutend kleineren Biastodermzellen umhüllt, ohne dass
desshalb jedoch ihre ursprüngliche Lage geändert wird.
Erst später w^erden dieselben durch das Wachsthum des
Schwanzendes mit letzterem nach vorn gebracht, wo sie
beim Zerzupfen leicht gefunden und unterschieden wer-
den, da sie sich durch ihre Grösse vor allen übrigen Em-
bryonalzellen auffallend auszeichnen. Noch in solchen
Embryonen, welche schon die Differenzirung der Urtheile
des Kopfes und den Anfang der Darmbildung zeigen,
findet man sie an ihrer gewöhnlichen Lage am vorderen
Schwanzende, nur man bemerkt jetzt, dass sie in zwei
von einander abstehende Gruppen aus einander welchen.
Beim späteren Wachsthum des Schwanzes folgen die
Polzellen dem sich verlängernden Ende nicht weiter, sie
bleiben vielmehr an ihrer früheren Stelle und gehen dann
direkt in die Bildung der embryonalen Keimdrüsen ein,
an welchen sich jetzt auch die kurzen aus einigen klei-
nen Embryonalzellen bestehenden Ausführungsgänge deut-
lich unterscheiden lassen. Ich werde auf diese für die
310 Mecznikoff : Ueb. d. Entwickelung d. Cecidomyienlarve.
Lehre der imgcsclilechtlichen Fortpflanzung nicht unwich-
tigen Verhältnisse bei der oben erwähnten Gelegenheit
noch einmal zurückkommen.
Auch soviel muss ich noch bemerken, dass sich der
Embryo häutet , bevor er die Eischale verlässt, und dass
diese abgeworfene Haut, wae aus dem oben Gesagten
zur Genüge hervorgeht, weder antennen- noch mundlos
ist, wie das Pagenstecher angiebt.
Gi essen, den 12. Febr. 1865.
Heber Cumaceen.
Von
Fritz Müller.
I. Beleuclitung der Abhandlung Van Bene-
d e n's ^) über diese Familie.
Kröyer^) stellte 1846 die Familie der Cuma-
ceen auf und schilderte ihren Bau in meisterhafter Weise.
Als ich 1857 einige Thiere dieser Familie untersuchte,
fand ich, dass Kröyer wie gewöhnlich seinen Nachfol-
gern nur eine dürftige Nachlese übrig gelassen hatte und
hielt desshalb die Mittheilung meiner Beobachtungen für
überflüssig. Indessen scheint über der Naturgeschichte
der Cumaceen ein eigener Unstern zu walten. Nachdem
Goodsir^) Bruttasche und Eier der Weibchen gesehen,
nachdem Kröyer Junge der Brnttasche entnommen und
sorgfältig die Unterschiede zwischen Männchen und Weib-
chen erörtert, hat dennoch Agassiz in den Cumaceen
Garneeienlarven finden wollen und unbegreiflicherweise
haben die beiden bedeutendsten Forscher auf diesem
Gebiete, H. Milne Edwards und Dana der nicht
näher begründeten Vermuthung von Agassiz mehr Ge-
wicht beigemessen als den bestimmten unzweideutigen
Angaben von Goodsir und Kröyer. Und nachdem
Kröyer eine musterhafte Darstellung des Baues und
1) Van Ben e den, Kecherches sur la faune littorale de Belgi-
que. Crustaces 1861. S. 71 — 87. Les Cumades.
2) Kröyer, Naturhistorisk Tidsskrift. Ny Raekke. II. Bd.
S. 203—206.
3) Goodsir in Edinburgh New Philos. Journal 1843, und
daraus in Bell British Stalk-eyed Crustacea p. 321 — 333.
312 Müller:
namentlich auch der nicht eben leicht zu entwirrenden
Mundtheile gegeben, ist neuerdings Van Beneden mit
einer durchaus verfehlten Auffassung dieser Verhältnisse
hervorgetreten und unbegreiflicherweise hat wieder ein
Forscher, der eben so scharf zu beobachten als umsichtig
die Arbeiten seiner Vorgänger zu würdigen versteht,
Claus ^), der oberflächlichen Darstellung Van ßene-
den's den Vorzug gegeben vor der gründlichen Arbeit
Kröyers, des anerkannten Meisters in carcinologischen
Untersuchungen. Somit ist, was 1857 überflüssig erschei-
nen musste, 1864 wieder Bedürfniss geworden, eine er-
neute eingehende Schilderung des Baues der Cumaceen.
Ich will jedoch diese Schilderung verschieben, bis es mir
gelungen ist, die mir bekannt gewordenen Bruchstücke
aus der Entwicklungsgeschichte der Cumaceen zu einem
einigermassen vollständigen Bilde zu ergänzen und be-
schränke mich für jetzt auf eine Beleuchtung der Abhand-
lung Van Beneden's. Es ist ist hohe Zeit einer noch
weiteren Verbreitung der darin gehäuften Irrthümer vor-
zubeugen und die älteren richtigen Angaben wieder in
ihr Hecht einzusetzen.
V. B. beginnt seine Abhandlung mit einer ge-
schichtlichen Einleitung; es wird darin über Kröyer's
Auffsatz gesagt, dass er diese Thiere mit der alle seine
Arbeiten bezeichnenden Sorgfalt untersuchte (a. a. 0. S. 73),
und an einer anderen Stelle seiner Abhandlung (S. 78)
wiederholt V. B., dass Kröyer diese Kruster mit Sorg-
falt und mit vollständiger Kenntniss ihres Baues beschrie-
ben habe. Wer die Cumaceen kennt , wird diesem Ur-
theile freudig zustimmen ; aber es nimmt sich äusserst
sonderbar aus im Munde V. B.'s, der, wie wir sehen
werden, alle nicht beim ersten flüchtigen Blicke ins Auge
fallenden Verhältnisse , die Mundtheile , die Athemwerk-
zeuge, die Geschlechtsunterschiede u. s. w., in durchaus
von Kröyer abweichender Weise darstellt und zwar
ohne je auch nur mit einem Worte dieser Verschieden-
heit zwischen seiner und Kröyer's Darstellung zu ge-
1) Claus, die freilebenden Copepodcu, 1863. S. 18.
Ueber Cumaceen. 31
denken. Dies ist ein erster schwerer Vorwurf, der der
Abhandlung V. B.'s gemacht werden muss. Kröyer's
Arbeiten sind stets mit so peinlicher Gewissenhaftigkeit
abgefasst, dass jeder ernste Forscher es für seine Pflicht
halten wird, alle Punkte der eingehendsten Erörterung
zu unterziehen, bei denen er sich von Kröyer abzu-
weichen genöthigt sieht. Fühlt V. B. sich so hoch über
Kröyer erhaben, dass er erwartet ohne Weiteres seine
eigenen Angaben denen des bewährten dänischen For-
schers vorgezogen zu sehen? Oder ist er sich der Unter-
schiede zwischen seiner und Kröyer's Darstellung gar
nicht bewusst geworden? Hat er in derselben flüchtigen
Weise, in der er seine Beobachtungen angestellt, auch
die Arbeiten seiner Vorgänger gelesen?
Wie Kröyer wird auch Spence Bäte behandelt.
Derselbe hatte ausgesprochen , wie V. B. in seiner ge-
schichtlichen Einleitung (S. 74) berichtet , dass in der
Form der Kinnbacken ^) die Cumaceen sich den Amphi-
poden nähern. V. B. selbst findet dagegen, dass die Kinn-
backen der Cumaceen viel von denen der Mysis haben
(S. 87) ; aber wieder hält er es nicht der Mühe werth,
auch nur mit einem Worte seine Aufi'assung der jenes
gründlichen Amphipodenkenners gegenüber zu begrün-
den 2j.
1) Mit Kröyer übersetze ich mandibulae durch Kinnbacken,
maxillae durch Kiefer.
2) Das merkwürdigste Beispiel der harmlosen Selbstgenüg-
samkeit, die sich in diesem- Verfahren ausspricht, bietet in dersel-
ben Sammlung carcinologischer Aufsätze der die Gattung Naupridia
(oder wie V. B. schreibt, ISaupretlia) betreffende Abschnitt (a. a. 0.
S. 96). Diese Gattung war bekanntlich von Latreille aufgestellt
worden für Caprelliden , die fünf Paar Füsse in ununterbrochener
Reihe und eine Kieme am Grunde des 2ten, 3ten und 4ten Paares
haben sollten. Danach hatte man wohl mit Recht vermuthet, dass
es sich um Thiere der Gattung Pi-oto Leach (Leptomera Latr.)
handle, die zufällig ihre letzten beiden Fusspaare verloren hatten.
Dem gegenüber meint v. B. : ,.I1 est inutile de faire remarquer que
des carcinologistes ont eu tort de supposer que ces I^aupredia ne
sont que des Lepiomera mutiles; ce sont bien des crustaces com-
plets.-' Zum Beweise folgt dann eine Beschreibung, die vollständig
314 Müller:
""'" Der geschichtlichen Einleitung folgt die Beschrei-
bung dreier von V. B. an der belgischen Küste beob-
achteten Arten. Zwei derselben, Bodotria Goodsirii und
Leucon cercaria werden als neu betrachtet, die dritte als
Cuma liathkii Kr. bestimmt. Vergleicht man nun Be-
schreibung und Abbildung mit Kröyer's Diagnose, so
findet man nicht eines der für diese Art besonders be-
zeichnenden Merkmale erwähnt oder gezeichnet, weder
die gezähnelten Längsleisten des Panzers, noch die säge-
artige Bewaffnung oder den grossen („maximum validum-
que'^ Kr.) dornartigen Fortsatz am Hinterrande des letz-
ten Brustringes , noch die Verbreiterung am Ende des
Grundgliedes der vom ersten freien Ringe entspringenden
Füsse, noch endlich die dreizehn Paare seitlicher Dornen
am mittleren Schwanzanhange. Und doch müssten alle
diese Verhältnisse , wie ich nach Untersuchung einer
nahestehenden Art behaupten darf, bei der von V. B.
angewandten Vergrösserung deutlich hervortreten. Da-
gegen sagt V. B. ausdrücklich, dass man zwischen den
drei letzten Ringen der Brust keine anderen als Grös-
auf eine Leptomera passen würde, der die letzten beiden Fusspaare
fehlen, und die also nur zur Stütze der von V. B. bekämpften oder
vielmehr nicht einmal des Bekämpfens werth gehaltenen Ansicht
dienen kann, und zum Schlüsse heist es dann : ,,on est tres-dispose,
en les voyant , ä les prendre pour des Caprella mutiles ; . . . . ce
Bont cependant bien comme nous venons de le voir, des animaux
entiers". Natürlich: V. B. sagt es; das muss genügen. Daher kein
Wort über die Merkmale, durch die man eine Naupridia von einer ver-
stümmelten Proto unterscheiden konnte; kein Wort über die Merkmale,
die ausser dem Mangel zweier Fusspaare die Gattung kennzeichnen
sollen ; es muss genügen, dass V. B. das Bestehen solcher Merkmale
behauptet, dass er sagt: „qu'on pourra joindre divers caracteres
egalement importants a ceux que ce savant (Latreille) leur a
attribues dejä". — Ich stimme Spence Bäte bei (Catalogue of
Amphipod. Crustac. S. 382), der die Naupridia tristis Y. B, für eine
verstümmelte Proto pedata Leach erklärt. — Eines muss jedoch
anerkannt werden : der Name Naupridia tristis ist vortrefflich ge-
wählt; V. B.'s Aufsatz ist ein trauriges Beispiel der traurigen
Ergebnisse, die nar beiläufige Ausflüge in Gebiete, auf denen man
nicht heimisch ist, zu liefern pflegen.
Ueber Cumaceen. 315
sennnterschiede sehe, und dass der mittlere Schwanzan-
hang leicht gezahnelt aber borstenlos sei. Doch will ich
trotz alledem nicht behaupten, dass die Art V. B.'s doch
nicht die Giema liathhii Kr. sein könne; denn man darf
sich nicht allzusehr auf Y. B.'s Zeichnungen und Beschrei-
bungen verlassen ^).
Zu den einzelnen Angaben der Abhandlung über-
gehend beginne ich mit einem Punkte, in Betreff dessen
die beiden ersten Beobachter, welche mehrere Arten von
Cumaceen zu untersuchen Gelegenheit hatten, sich wi-
dersprechen. Goodsir schreibt denselben kleine paa-
rige Augen zu, die so dicht beisammen stehen, dass
das Thier auf den ersten Blick einäugig erscheint ; dabei
werden sie, — ob in Folge eines Druckfehlers? — „^Q-
stielt, aber sitzend"^) genannt. Kröyer bezeichnet die
Cumaceen als augenlos. Ich finde bei meinen Arten ein
unpaares Auge mit bisweilen sehr ansehnlichen Linsen,
so dass also Goodsir' s Angaben, (von der sich selbst
widersprechenden Bezeichnung: „gestielt, aber sitzend*^
abgesehen) im Wesentlichen richtig sind ; denn zwischen
zwei bis zu anscheinender Einäugigkeit genäherten Augen
und einem einzigen Auge mit paarig angeordneten Linsen
1) „n est prudent de ne pas trop s'en rapporter au dessin et
aux descriptions" sagt V. B. (S. 77) in Bezug auf Cyrianassa gracilis
Sp. B. — Bei V. B.'s eigenen carcinologischen Arbeiten ist solche
Vorsicht gewiss an der Stelle. Den trefHichen Spence Bäte
aber halte ich für Pflicht gegen diesen halben Vorwurf der Unzu-
verlässigkeit in Schutz zu nehmen. Ich habe bei Bestimmung von
gegen 50 Amphipoden imseres Meeres in Spence Bate's Catalogue
of Amphipod. Crustacea mindestens die dreifache Zahl von Abbil-
dungen und Beschreibungen nahestehender Arten genau verglichen
und mich überzeugt, dass dieser der Wissenschaft so früh entrissene
englische Forscher meisterhaft verstand, selbst in kurzen Beschrei-
bungen wirklich bezeichnende Arteigenthümlichkeiten scharf hervor-
zuheben und sie treu in seinen Zeichnungen wiederzugeben , und
dass, einzelne Irrthümer abgerechnet, denen der Beste nicht ent-
geht, seine Abbildungen und Beschreibungen als durchaus zuver-
lässig bezeichnet werden dürfen.
2) „pedunculated , but sessile" s. Bell, Brit. Stalk-eyed Cru-
stacea S. 323.
316 Müller:
ist kein grosser Unterschied. Dass Kröyer die Augen
übersab, erklärt sieb, wenn sie nicht seinen Arten wirk-
lich fehlen , wohl a\i« deren blasser Färbung bei den
eigentlichen Cuma. *) V. ß. leugnet nun richtig das
Vorhandensein gestielter Augen (8. 79) und sagt, dass
die Cumaceen sitzende Augen haben, wie die Edrioph-
thalmen (S.87); über die Beschaffenheit dieser Augen
aber findet sich in der Beschreibung von Cuma kein
Wort, und bei Bodotria und Leucon sollen einige Pigment-
flecken die Stelle des Auges vertreten. Die Dürftigkeit
dieser Angaben, die weit hinter dem schon von Go o dsir
Gebotenen zurückbleiben, ist um so befremdlicher , da
V. B. eine Bodotria untersuchte, bei welcher Gattung
das dunkelgefärbte, an der äussersten Spitze des Körpers
gelegene Auge dem ersten Blicke seine grossen Linsen
zeigt, und da ihm in seinem Leucon cercaria eine so
durchsichtige Art vorlag, wie sie noch keinem anderen
Forscher zu Gebote gestanden hat. Die Abbildung, die
V. B. von dem Augenflecken eines zerquetschten Thieres
dieser Art giebt (PI. XIV. flg. 2), mag naturgetreu sein 5
nur ist für die Untersuchung eines Auges das Zerquetschen
eben keine besonders empfehlenswerthe Methode.
In Betreff der Fühler ist hervorzuheben, dass V. B.
(S. 86) an den hinteren Fühlern von Leucon eine kleine
Nebengeissel beschreibt, und deren sogar zwei, die
eine zweigliedrig, die andere ungegliedert zeichnet (Taf.
XIV. ^^.^). Da nicht nur die übrigen Cumaceen, son-
dern überhaupt alle höheren Kruster im verwachsenen
Zustande niemals mehr als einen gegliederten Anhang
am zweiten Fühlerpaare tragen, würde das Vorkommen
einer und mehr noch das ganz unerhörte Vorkommen
zweier Nebengeisseln ein höchst merkwürdiger Umstand
sein. Derselbe bedarf indess um so mehr der Bestäti-
1) Spence Bäte hat die Cumaceen richtig als einäugig er-
kannt, wie ich ich aus einem Briefe desselben weiss. Seine Ab-
handlung über diese Thiere habe ich nicht gesehen. — v. B. mag
auch diese Arbeit Spence Bate's, obwohl er sein Urtheil darüber
abgiebt, nur obenhin angesehen haben, da er seiner Darstellung
der Augen nicht gedenkt.
lieber Cumaceen. 317
gung, da der Widerspruch zwischen Beschreibung und
Abbildung kein günstiges Vorurtheil für die Zuverlässig-
keit der einen wie der anderen erwecken kann.
Von den Kinnbacken seiner drei Arten giebt
V. B. Abbildungen, die auch nicht die leiseste Aehnlich-
keit mit einander haben und alle unvollständig und falsch
sind. Wie Kröyer richtig angibt, sind die Kinnbacken
der Cumaceen, verglichen mit denen anderer höherer
Kruster, schlank („elongata, angustata" Kr.), mit starken
Zähnen an der Spitze, einem sehr grossen Kaufortsatze
und zwischen beiden mit einem Kamme starker Borsten
oder Dornen („pectine setoso'^ Kr.) versehen. BeiCuma
hat nun V. B. den Borstenkam.m weggelassen und von
dem Uebrigen eine ziemlich verquetschte Ansicht ge-
geben, bei Bodotria nur den Borstenkamm und die Zähne
der Spitze gezeichnet, und bei Leitoon sind als Kinnbak-
ken zwei plumpe Stummel dargestellt, die am Grunde
zusammenstossen und anscheinend durch ein unpaares
Stück verbunden sind, wahrscheinlich die Unterlippe des
Thieres. Dass nicht nur bei Krustern und Insekten, dass
ebenso bei Schnecken, bei Fischen, bei Säugethieren und
wo sonst Kauwerkzeuge vorkommen, dieselben bei den
Gliedern derselben natürlichen Familie übereinstimmend
gebaut sind und dass deshalb wenigstens zwei seiner
Abbildungen falsch sein müssen, scheint Y. B. nicht in
den Sinn gekommen zu sein. Sonst würde er entweder
durch erneute Untersuchung übereinstimmende Bilder von
den drei Arten zu erhalten gesucht, oder die völlige
Verschiedenheit der Kinnbacken bei drei so nahestehen-
den Arten als einen in seiner Art einzigen Fall hervor-
gehoben haben. Aber weder von dem einen noch von
dem anderen ein Wort im Texte, der noch dürftiger ist
als selbst die Abbildungen. Die Kinnbacken der Cuma
„haben nichts Merkwürdiges, als den Mangel eines Ta-
sters" (S. 83j ; die von Bodotria „sind kurz und plump
und ihre freie Spitze ist mit keinen steifen Borsten be-
setzt" (S. 80) und auch die von Leucon „haben nichts
Besonderes, als ihre plumpe Form und ihre kurzen zum
Kauen dienenden Borsten" (S. 86).
318 Müller:
Die beiden Kieferpaare, von Kröyer richtig
beschrieben , sind bei L'uma und Leucon von V. B. voll-
ständig übersehen worden; es werden als solche die
beiden ersten Paare der Kieferfüsse beschrieben und
abgebildet und zwar der Abwechslung wegen als vor-
derer Kiefer bei Cuma (Taf. XII. fig. 4, e i der erste, bei
Leucon (Taf. XIV. fig. 3, b) der zweite und als hinterer
Kiefer bei Cuma (Taf. XII. fig. 4, f) der zweite und bei
Leucon (Taf. XiV. fig. 3, c) der erste Kieferfuss. Dass
bei Leucon wirklich diese Umkehrung der natürlichen
Reihenfolge stattgefunden, dass der (Taf. XIV. fig. 3, b)
als vorderer Kiefer abgebildete und beschriebene Theil
wirklich der zweite Kieferfuss sei, darüber lässt seine
Grösse, die Länge des Grundgliedes und die für die
Gattung Leucon bezeichnende Gliederzahl (sechs , bei
Cuma fünf) keinen Zweifel. Dass in (Taf. XIV. fig. 3, c)
statt fünf nur drei Glieder gezeichnet sind, verdient kaum
besonderer Erwähnung, da solche üngenauigkeiten zu
häufig wiederkehren, um einzeln aufgezählt zu werden.
Dadurch dass bei Cuma und Leucon die beiden
Kieferpaare übersehen wurden, erhält natürlich V. B.
(und Claus hat sich diese Aufi'assung angeeignet) für
die Cumaceen zwei Leibesringe weniger als für die übri-
gen Malacostraca und es bleiben ihm nur drei Paar eigent-
licher Füsse.
Bei Bodotria wird die Sache noch hübscher. Zu-
nächst versichert V. B. (S. 76), dass hier die Gesammt-
zahl der Anhänge des Cephalothorax dieselbe sei, wie
bei den übrigen Cumaceen, also elf Paar nach V. B. ;
nur sei das dritte Paar der Kieferfüsse zu eigentlichen
Füssen geworden und von letzteren daher ein Paar vor-
handen. Weiterhin aber werden (S. 80) zwei Paar Füh-
ler, ein Paar Kinnbacken, zwei Paar Kiefer, drei Paar
Kieferfüsse, ein Paar eigentlicher Füsse mit äusserem
Aste und ein Paar einfacher Füsse aufgezählt, was denn
doch wohl dreizehn und nicht elf Paar ausmacht. Aber
es kommt noch besser ! Trotzdem dass ein Paar eigent-
licher Füsse mit äusserem Aste, und vier Paare ohne
solchen» Ast beschrieben werden, versichert V. B. wider-
Üeber Cumaceen. 319
holt, (S. 76 und S. 81), dass die Zahl der eigentlichen
Füsse sich auf vier Paar belauft; also eins und vier ist
vier! ! ! — „il n'y a pas de deute a cet egard'^, wie V. B.
zur Beruhigung derer hinziisetst, die die Richtigkeit die-
ser Rechnung bezweifeln möchten. — Ein weiteres Bei-
spiel seiner neuen Rechenkunst bietet uns V. B. in der
Behauptung; dass der Panzer der Bodotria von 10 Ringen
gebildet werde ^), dass 4 freie Brustringe vorhanden seien,
und dass der ganze Cephalothorax aus derselben Ring-
zahl wie bei Cuma, nämlich aus 11 Ringen bestehe; dem-
nach wäre also 10 -|- 4 = 11.
Was bei Bodotria als Kiefer abgebildet wird (Taf.
XIII. fig. 11, 12) mögen Bruchstücke dieser Anhänge oder
auch der Kieferfüsse sein, die ich indess nicht näher zu
bestimmen vermag; der Text giebt in diesem Falle noch
weniger Anhalt, als sonst, da es einfach heisst: „nous
passons sous silence Ics deux paires de mächoires.^ — Um
die Verwirrung vollständig zu machen, steht die Erklärung
der auf die Gliedermassen von Bodotria bezüglichen Abbil-
dungen (S. 166 und Taf. XIII. fig. 10 — 15) in Widerspruch
mit dem Texte. Die beiden ersten Paare der Kiefer-
füsse werden als sehr schlank und zart beschrieben und
kein äusserer Ast derselben erwähnt; in der Abbildung
sieht man dagegen äusserst ansehnliche , kräftige mit
äusserem Aste versehene Gliedermassen (fig. 13 und 14).
In der Erklärung der Abbildungen wird das zweite Paar
der Kieferfüsse als letztes bezeichnet, im Texte ein
drittes Kieferfusspaar beschrieben. Im Texte wird das
erste eigentliche Fusspaar als zweiästig, dem dritten Kie-
ferfusspaar durchaus ähnlich, aber bedeutend länger ge-
schildert ; in der Abbildung (fig. 15) sieht man einen ein-
fachen Fuss kaum halb so lang, als die vorhergehenden
Gliedmassen. — Bei näherer Yergleichung ergiebt sich,
dass was im Texte als drittes Paar der Kieferfüsse,
erstes und zweites Paar der eigentlichen , in der Erklä-
rung der Abbildungen als erstes und zweites Paar der
1) „Dix somites concourent a la formation de la carapace" a.
a. 0. S. 79.
320 Müller:
Kicferfüsse und erstes Paar eigentlicher Füsse bezeich-
net wird.
Eine ähnliche ISudelci ist natürlich in keiner Weise
zu entschuldigen, aber sie erklärt sich leicht aus dem
Umstände, für den diese und andere Abhandlungen des-
selben Werkes mannichfache Belage liefern, dass V. B.
seine Aufsätze aus einzelnen zu verschiedenen Zeiten
abgefassten Theilen zusammengestückt und dabei sich
nicht einmal die Mühe gegeben hat, dieselben noch ein-
mal aufmerksam durchzulesen und mit einander in Ein-
klang zu bringen. V. B. fand bei Untersuchung der An-
hänge am Cephalothorax der Bodotria nur elf Paar; da
er damals seine neue Gliedermassentheorie noch nicht
fertig hatte, benannte er sie im Einklänge mit seinen
Vorgängern und nahm richtig an, dass er die Kiefer
übersehen habe könne '). Als er später bei Cuma und
Lcucon in Betreff der Kiefer nicht glücklicher war, hielt
er sich überzeugt, dass wirklich nur elf Paar Anhänge
vorhanden seien, taufte daher die einzelnen Gliedmassen
um und nahm diese neuen Namen auch in die Erklärung
der zu Bodotria gezeichneten Abbildungen auf, ohne je-
doch die abweichenden ursprünglichen Benennungen im
Texte zu ändern.
Ueber die so höchst eigenthümlichen Kiemen der
Cumaceen erfahren wir in V. B.'s Abhandlung nicht ein
Wort, er scheint dieselben für kiemenlos zu halten, und
zu glauben, dass sie mit ihrer dicken verkalkten Haut
athmen. Eine besondere Kiemenhöhle spricht er ihnen
ausdrücklich ab (S. 87). Und doch sind die Athembe-
wegungen das Erste , was bei Betrachtung einer leben-
den Cuma die Aufmerksamkeit fesselt ; und doch scheint
es kaum möglich, die gewaltig grosse Kieme („branchia
maxima" Kr.) zu übersehen, wenn man eine Cuma mit
der Nadel zerzupft; und doch haben bereits Goodsir
1) Statt einfach zu erklären: ich konnte die von Kröyer
beschriebenen Kiefer nicht finden, sagt v. B. : . nous passons sous
silence les deux paires de machoires". Man merke sich für vor-
kommende Fälle diesen Euphemismus.
Ueber Cumaceen. 821
und Kröyer Lage und Gestalt der Kiemen richtig be-
schrieben; und doch untersuchte V. B. eine ungewöhnlich
durchsichtige Art , bei der das ganze Spiel der Athem-
bewegungen sich aufs prächtigste musste verfolgen lassen.
V. B. Ycrsichert , dass er von seinen drei Arten
beide Geschlechter lebend gesehen habe (S. 78), sowie
dass er vollständig die x\ngaben Kröyer's und Good-
sir's über die Eier und Embryonen dieser Thiere be-
stätigen könne (S. 75). — Ohne diese ausdrückliche Ver-
sicherung würde man versucht sein zu glauben, dass ihm
überhaupt nie ein Weibchen vorgekommen sei, denn alle
von ihm beschriebenen und abgebildeten Thiere sind
Männchen. Bei Ciima und Leucon spricht sich V. B.
überhaupt nicht über das Geschlecht der dargestellten
Thiere aus und erwähnt keinerlei Geschlechtsverschieden-
heiten; es beweisen aber die Länge der hinteren Fühler,
sowie die Anwesenheit von äusseren Aesten am vier-
ten Paare der Brustfüsse und von Anhängen an den
ersten Hint^rleibsringen, dass man Männchen vor sich
hat und zwar wahrscheinlich noch nicht geschlechtsreife
Männchen, wie namentlich die unbedeutende Entwicklung
der erwähnten äusseren Aeste vermuthen lässt. Bei Bo-
dotria ist allerdings von Weibchen die Rede ; aber die
von dem angeblichen Weibchen abgebildeten und als
bezeichnend für dieses Geschlecht betrachteten Theile,
die des reichen Riechfädenbüschels noch entbehrenden
vorderen Fühler, die hinteren Fühler, welche die Länge
des Panzers erreichen und, äusserlich ungegliedert, eine
vielgliedrige Geissei umschliessen, die borstenlosen Hinter-
leibsanhänge, gehören sämmtlich einem jungen Männchen
an. Bei den Weibchen auch dieser Gattung, die als solche
an der Anwesenheit von Eiern sei es im Leibe, sei es in
der Bruttasche, erkannt wurden, finde ich die hinteren
Fühler äusserst kurz und den Hinterleib fusslos ^). —
1) Kröyer sagt zwar in der Diagnose von Bodotria: ^quin-
que pedum abdominalium paria feminarum permaofna, natatoria ;'■*
allein er selbst hat diese Gattung nicht untersucht, sondern die
Diagnose nach G o o d s i r's Angaben entworfen , der auch nur ein
Archiv f. Naturg. XXXI. Jahrg. 1. Bd. 21
322 Müller:
Es bleibt nun freilich noch ein höchst auffälliger Unter-
schied zwischen den Männchen und dem angeblichen
Weibchen, letzteres soll an den Hinterecken des Panzers
jederseits eine starke Spitze tragen, „die nicht einem
wirklichen Dorne gleicht, sondern vielmehr in ihrer
ganzen Länge geringelt ist, wie ein flihlcrähnlichcr An-
hang" (S. 71)). Was ist dieser fühlerähnliche Anhang
hinten am Panzer, dem Aehnliches im ganzen Bereiche
der Kruster nicht gesehen wird? Die Abbildung (Taf.
XIII. fig. 6) lässt darüber keinen Zweifel; es ist offenbar
einer der beiden Fühler, der sich unter dem Mikroskop
zufällig so gelagert hat, dass seine Spitze die hintere un-
tere Ecke des Panzers überragt. Die Ringelung ist ganz
dieselbe, wie sie der (fig. 8) in stärk ererVergrösserung dar-
gestellte Fühler zeigt, und beschreibt man (in fig. 6) um
den Ursprung des vollständig gezeichneten Fühlers einen
Kreis durch dessen Spitze, so geht derselbe genau auch
durch die Spitze des wunderbaren Panzeranhangs.
Dass er mit seinen angeblichen Geschlechtseigen-
thümlichkeiten der Weibchen in Widerspruch mit Krö-
y e r steht, demzufolge die Weibchen der Cumaceen ver-
kümmerte nur V40 bis V50 der Länge des Körpers errei-
chende hintere Fühler haben u. s. w\, scheint V. B. wie
gewöhnlich nicht gemerkt zu haben.
Die Embryonen der Cumaceen sollen im Laufe
der Entwicklung die grösste Aehnlichkeit mit denen der
Mysis haben (S. 87). Hätte die ganze Abhandlung nicht
in jeder Zeile den Bew^eis geliefert, wie unglaublich ober-
flächlich V, B. die Cumaceen sich betrachtet hat , so
würde man aus dieser Behauptung zu schliessen geneigt
sein, dass er überhaupt niemals den Embryo einer Cuma
sah. Gerade ihm, der so eingehend und sorgfältig die
Entwicklung der Mysis verfolgt hatte, hätte es ja beim
ersten flüchtigen ]Micke auf einen Cumaceenembryo auf-
fallen müssen, dass hier von der w'ichligsten Eigenthüm-
einziges Exemplar beobachtete; dieses hielt Kröyer, wahrschein-
lich wegen des Mangels äusserer Aeste an den vier letzten Paaren
der Brustfüsse, irrigerweise für ein Weibchen. '
üeber Cumaceen. 323
llchkeit der jungen Mysis, von der naupHusähnlichen Lar-
venhaut mit ihren säbelförmigen Fühlern und ihrem Gabei-
schwanze, auch nicht die leiseste Spur vorhanden ist;
ähnlich ist nur die Lagerung des Embryo, dessen Schwanz-
ende wie bei Mjsis und den Isopoden nach oben ge-
krümmt ist.
V. B. zieht aus seinen Beobachtungen den Schluss,
dass die Cumaceen ihre natürliche Stelle im System zur
Seite der Mysis finden und zwar wegen des Mangels der
Augenstiele eine niedrigere Stufe einnehmen (S. 87), Er
stützt sich dabei auf die Aohnlichkeit der Kinnbacken,
die aber ganz wie bei den Amphipoden gebaut und
denen von Mysis nicht ähnlicher sind, als denen eines
beliebigen Decapoden oder Isopoden; auf den Mangel
einer besonderen Kiemenhöhle, die aber vorhanden ist;
auf die Aehnlichkeit der Verdauungswerkzeuge, die aber
einer Magenbewaffnung entbehren („ventriculus nullis
intus organis manducatoriis instructus^Kr.), während die
Leberschläuche nicht mehr an Mysis, als an die Asseln
erinnern; auf die Bildung der Bruttasche, die aber wie
bei den Amphipoden zwischen den vorderen und nicht
wie bei Mysis zwischen den hinteren Füssen angebracht
ist, endlich auf die Entwicklung, von der so eben die
Rede war.
Nach alledem dürfte die Abhandlung van Bene-
den's über die Cumaceen in ihrer Art einzig dastehen
in der zoologischen Literatur ^). Sie enthält, wie einmal
Lessing sagte, und das ist das glimpflichste Urtheil,
das sich über sie fällen lässt, — sie enthält viel Neues
und Wahres; schade nur, dass das Wahre nicht neu,
und das Neue nicht wahr ist.
1) Von der schönen Arbeit über die Entwicklung der Mysis
abgesehen sind übrigens die meisten Aufsätze in den ,. Untersuchun-
gen über die Kruster der belgischen Küste" der Abhandlung über
die Cumaceen ziemlich ebenbürtig. Es dürfte kaum der Mühe loh-
nen, sie in ähnlicher Weise einzeln durchzusprechen. Dieses eine
Beispiel wird genügen, um die äusserste Vorsicht bei Benutzung
derselben räthlich erscheinen zu lassen.
Desterro, im December 1864.
Zusaninieiistcllung der bis jetzt bekannten Echiniden
aus der Gruppe der Diademiden.
Von
Wilh. Bölsche
in Göttingen.
(Hierzu Taf.XIII.)
In nachfolgender Arbeit habe ich es versucht, eine
Gruppe von Seeigehi, die bei verschiedenen Verfassern
schon zu vielfachen Verwechselungen Veranlassung ge-
geben hat, und von der das hiesige zooloii'ische Museum
mir Material zu eigener Anschauimg bot, kurz zuammen-
zustellen. Ich verdanke die Benutzung des vorliegenden
Materials , welches theilweise von dem Herrn Staatsrath
Bleeker im Haag herrührt, der Güte des Herrn Professor
Keferstein, Auch für die vielfachen anderen Unter-
stützungen, die er mir hat zu Theil werden lassen,
schulde ich ihm meinen aufrichtigsten Dank.
Gruppe der Diademiden Peters 1854.
Schale dünn und leicht zerbrechlich ; mehr oder
minder abgeplattet. Tuberkeln zahlreich, am Rande ge-
kerbt und an der Spitze durchbohrt. Stacheln fein und
schuppig beringt. Porenreihen ziemlich schmal. Mund-
öönung mit Einschnitten versehen, unter denen die bü-
schelförmigen häutigen Mundkiemen liegen. Mundfüsse
bestehen aus fünf rings um den Mund gestellten Paaren.
Die Füsschen an der Rückenseitc der Schale sind bei
Diadenia und auch, wie ich an Eölnnothrix turcarum be-
obachtet habe, bei letzterer Gattung konisch zugespitzt.
(Ob auch bei den anderen Gattungen?) Zähne besitzen
auf der inneren Seite keinen Längskiel.
B öl sehe: Zusammenstellnng der Echiniden u. s. w. 325
Die Gruppe der Diademiden fasse ich so in den
Grenzen auf, in welchen sie zuerst von Peters in seiner
ausgezeichneten Abhandlung : ^^über die an der Küste von
Mossambique beobachteten Seeigel und insbesondere über
die Gruppe der Diademen" (Abhandlungen der Akademie
der Wissenschaften in Berlin v. Jahre 1854. p. 101 — 119)
aufgestellt ist. Derselben Abgrenzung dieser Gruppe
hat sich auch J. E. Gray angeschlossen bei der Abfas-
sung seiner Arbeit: an Arrangement of the Families of
Echinida (Proceedings of the Zoological Society of Lon-
don 1855. p. 35).
Gattung Diadema (Gray Ann. Philos. 1825) Peters 1854.
Schale abgerundet fünfseitig, fast kreisförmig, meist
doppelt so breit wie hoch. Tuberkeln der Ambulacral-
felder ungefähr von derselben Grösse, als die der Inter-
ambulacr alfelder. Stacheln sind hohl und von gleicher
Grösse und gleichem Bau (schuppig beringt) sowohl auf
den Ambulacral-, als auf den Interambulacralfeldern. Po-
ren verlaufen in einfachen wellenförmigen Reihen.
Diese Gattung wurde zuerst von Gray in den An-
nais of Philosophy London 1825. p. 426" aufgestellt. Zu
ihr rechnet er Diadema setosa Leske und calamaria Pallas,
zwei Species, die zwei ganz verschiedenen Gattungen
angehören. Peters war der erste, der die Gattung rich-
tig gegen die anderen abgrenzte.
Diadema tenuispina Philippi sp.
Dieses Archiv 1845. p. 354.
Palermo.
Durch die grosse Breite der x\mbulacralfelder (zwei
Fünftel so breit, als die Interambulacralfelder) lässt sich
diese Species leicht von D. setosa unterscheiden.
Diadema setosa Rumph sp.
1705. Echinometra setosa Rumph „Amboin'sche Rariteit-
kammer" Amsterdam fol. p. 35. tab. XIII. fig. 5.
1816. Cidarites diadema Lam. Anim. s. vert. prem. ed.
Paris 8. tom. III. p. 58. nr. 15.
1845. Diadema turcarum Michelin. Guerin's Magasin de
Zoologie p. 13.
326 Bölsche: Ü
1845. Diatlcma Antillarum Philippi dies Archiv, p. 355.
184G. Diadenia Tiircarum Ag. Ann. d. scienc. natur. Zool.
III. ser. tom. VI. p. 345.
1862. Diadema turcarnm. Diijardin et Hupe. Histoire natur.
des zoophytes echinodermes. Paris 8. p. 505.
Schale kreisförmig ; Farbe derselben schwärzlich.
Auf den Interambulacralfeldcrn stehen 4 — 6 Reihen grös-
serer Tuberkeln: auf den Ambulacren 2 Reihen. (Bei
einem von Amboina stammenden Exemplare der hiesigen
Sammlung, das eine Breite von 46 Mm-, eine Höhe von
23 Mm. und einen Durchmesser der Mundöffnung von 22
Mm. besitzt, stehen in jeder Reihe auf den Ambulacren 18
und auf den Interambiilacralfeldern in der äusseren 12
Tuberkel.) Die Breite der Ambulacren verhält sich zu
der der Interambulacren , -wie 1:3 — 3V2. Stacheln der
grösseren Tuberkeln violett und v^eisslich geringelt. Anal-
haut glatt. Höhe der Schale zur Breite derselben wie
1 : 2-2V2.
Antillen, Mauritius, Amboina.
Diese Species wurde zuerst beschrieben und abge-
bildet von Rumph in seiner Amboinischen Rariteitkam-
mer; seine von ihm gegebene Beschreibung und Abbil-
dung sind jedoch sehr ungenau. Klein^) erwähnt un-
sere Species ganz kurz §. 15 unter seiner Gattung „Ci-
daria Variolata. Die beste Abbildung, die wir bis jetzt
noch von Diadema setosa besitzen, findet sich in der von
B r i s s 0 n -) besorgten französischen Ausgabe von K 1 ei n's
Werke auf tab. XXVII; im Texte findet sich auf p. 232
leider nur eine ganz ungenaue Beschreibung. Ob die von
Seba^) von seiner Ecldnomeira setoaa und Echinometra
nigra Americana gegebenen Abbildungen zu unserer Spe-
cies gehören oder nicht, lässt sich bei der Mangelhaftig-
1) Klein : naturalis dispositio ecbinodermatum. Danzig 1734. 4.
2) ß r i s 8 o n : ordre naturel des oursins de Mer et fossiles
par Klein. Paris 8. 1754.
3) Seba: Thesaurus. Amsterdam fol. 17C1. tom. III tab. XIII.
fig. 9 und 5.
Zusammenstellung d. Echiniden aus d. Gruppe d. Diademiden. 327
keit derselben nicht entscheiden. Bei Leske^) finden
wir die erste genauere Beschreibung.
Die von den späteren Schriftstellern unter dem
Namen Cidarites diadema, Diadema turcarum und Antii-
larum beschriebenen Species sind identisch mit Echino-
metra setosa Rumph's.
Diadema Savignyi Michelin sp.
1817. Savigny : Description de l'Epypte. Zool. echin. Paris
fol. pi. 6.
1845. Diadema Savignyi Mich. Guerin's Mag. Zoöl.p. 15.
Diese zuerst von Savigny abgebildete, später von
Michelin neu aufgestellte Species soll sich nachAgas-
siz^) von Diadema setosa dadurch unterscheiden, dass
ihre Interambulacralfelder an der Rückenseite eingesenkt
sind, und dass dort die Tuberkeln weniger hervorragen,
als bei D. setosa. Die Stacheln sind schwarz.
Rothes Meer, Seychelles, Zanzibar, Bombay, Ma-
dagascar.
Diadema Lamarckn Rousseau sp.
Bei Agassiz et Desor Ann. d. scienc. natur. 3. ser.
tom. YI. 1846. p. 349.
Dieselbe soll sich durch lange grünliche Stacheln
auszeichnen; wie zugleich angegeben wird, ist sie wahr-
scheinlich nur auf ein junges Individuum von D. Savignyi
hin aufgestellt.
Zanzibar.
Diadema longispina Philippi sp.
Dies Archiv 1845. p. 354.
Diadema europaeum Ag. Ann. d. scienc. natur. 1846.
p. 346.
Palermo.
Diese Species unterscheidet sich von D. tenuispina
und setosa sogleich durch die kleinen, höchstens V4 Linien
langen, keulenförmigen Stacheln der dem After zunächst
1) Additamenta ad Kleinii dispositionem echinodermatum. Leip-
zig 4. 1778. p. 100 u. 101. tab. 37. fig. 1 u. 2. tab. 46. fig. 1 u.tab. 51.
fig. 1 u. 2.
2) Ann. d. scienc. nat, 3. ser. tom. VI. 1846. p. 349.
828 B öl sehe:
gelegenen Täfclclien der Ambulacren (ob auch von den
anderen Spccies?), von setosa ausserdem noch durch die
granuHrte Bekleidung der Analhaut und durch die 10
Stiitzplatten der Mundhaut.
Diadema paucispinutn A. Agassiz sp.
List of the P]chinoderms in Bulletin of Museum of
Comparative Zoology. Cambridge 1863. p. 19.
Sandwich Inseln.
Diadema mexicanum A. Agassiz sp.
List of echin. Bull. Mus. Cambridge 1863. p. 20. Bei
dieser Species soll das After-System viel kleiner im Ver-
hältnisse zum Munde sein, als bei irgend einer anderen
Species dieser Gattung.
Acapulco.
Diadema glohulosum A. Agassiz sp.
List of echin. Bull, Mus. p. 20.
Dieselbe zeichnet sich durch ihre vollkommen ku-
gelförmige Gestalt aus.
Kingsmills und Gesellschafts-Inseln.
Diadema nudum A. Agassiz sp.
Synopsis of the Echinoids coli, by Dr. Stimpson in
Proceedings of the Academy of Natural Sciences of Phi-
ladelphia 1863. p. 353. Leider fehlt noch die Beschreibung
dieser Species.
Hong Kong, Insel Ousima.
Gattung EchiDOthriX Peters 1854.
Syn. : Qarelia Gray 1855.
Savig7iya Desor 1858.
Schale kreisförmig bis abgerundet fünfseitig, etwa
doppelt so breit wie hoch. Tuberkeln der Ambulacral-
felder bedeutend kleiner als die der Interambulacralfelder.
Die Stacheln sind nicht überall von derselben äusseren
ßeschalFenheit. Während alle Stacheln der Interambula-
cralfelder schuppig beringt erscheinen und desshalb ein
rauhes Ansehen besitzen , sind die feinen Stacheln auf
der Rückseite der Ambulacralfelder nur der Länge nach
gefurcht und erscheinen seidenglänzend ; der centrale Theil
Zusammenstellung d. Echiniden aus d. Gruppe d. Diademiden. 329
der Analhaut kann sowohl nackt, als auch mit platten
Granulationen bedeckt sein.
Diese Gattung wurde zuerst von Peters ^) im Jahre
1854 aufgestellt und genau beschrieben. Ein Jahr darauf
stellte Gray ^) seine neue Gattung Garelia auf. Dieselbe
fällt mit Echinothrix zusammen.
Der Ansicht von Agassiz, der Garelia und Echi-
nothrix als zwei verschiedene Gattungen aufrecht erhalten
will, kann ich nicht beipflichten. Nach den von ihm ge-
gebenen Andeutungen ■^) soll Garelia sich durch längsge-
streifte Stacheln auszeichnen, während bei Echinothrix die
Stacheln denen von Diadema ähnlich seien. Dieses an-
gegebene Unterscheidungsmerkmal ist jedoch nicht für
ein generisches anzusehen, indem die Stacheln von Garelia
sich von denen von Echinothrix nur durch die ausseror-
dentliche Kleinheit ihrer schuppenförmigen Vorsprünge
unterscheiden , wodurch sie bei obei'flächlicher Betrach-
tung fast nur längsgestreift erscheinen. Ebenso wie Ga-
relia, muss auch die von Desor'*] von Diadema abge-
trennte Gattung Savignya , die der gegebenen Diagnose
nach vollständig mit der vorstehenden Gattung überein-
stimmt, aufgegeben werden.
Die Gattung Echinothrix unterscheidet sich von den
anderen Gattungen auf den ersten Blick durch die ver-
schiedene Beschaffenheit der Stacheln der Ambulacren
und Interambulacren.
Echinothrix siibularis Lam. sp.
1816. Cidarites subularis Lam. An. s. vert. tom. III. p. 58.
nr. 14.
1845. Diadema Desjardinsil Michelin. Gu4rin*s Magasin de
Zool. p. 13. pl. 7.
1846. Astropyga subularis Ag. Ann. d. scienc. natur. tom.
VI. p. 345.
1) Abhandl. d. Akad. d. Wissensch- Berlin 1854. p. 114.
2) Proceedings of the Zool. Society London 1855. p. 38.
3) List of echin. in Bulletin of the Museum of Comparative
Anatomy in Cambridge by L. Agassi z 1863. 8. p. 19.
4) Synopsis des echinides fossiles. Paris 1858. p. 82.
930 Bölsche:
1854. Echinothrix subiilaris Peters. Abb. Berl. Akad. p. 117.
1862. Savignya subiilaris Dujardin et Hupö. Hist. nat. d.
zoopb. echin. p. 505.
18G3. Garelia subiilaris A. Ag. List of ecbin. p. 18.
Seychellen, Zanzibar, Mauritius.
Echinothrix Desorii Ag. sp.
Astropyga Desorii Ag. Ann. d. scienc. natur. 1846.
p. 345.
;,Sebr grosse aufgeblähte Species, mit sehr hervor-
ragenden Ambulacralfeldern, die mit zahlreichen, unre-
gelmässig gestellten Tuberkeln bedeckt sind. Stacheln
pfriemenförmig.^
Rothes Meer.
Bei dieser sehr ungenügenden Beschreibung von
Agassiz wage ich nicht, ein ürtheil darüber zu fällen,
ob diese Species aufrecht erhalten werden kann oder nicht.
In dem Werke von Dujardin et Hupe wird sie ganz
mit Stillschweigen übergangen.
Echinothrix spinosissima Lam. sp.
1816. Cidaris spinosissima Lam. Anim. s. vert. 1 edit. tom.
IIL p. 58. nr. 12.
■ Mauritius, Zanzibar.
Echinothrix turcarum Schynvoet sp. Fig. 1 und 2.
1705. „Turksche Tulband" Schynvoet Kumph's Amboin'-
sehe Rariteitkammer. Amsterdam fol. p. 32. not. 2.
tab.XIV. fig.B.
1711. Diadema turcarum Schynvoet? Thesaurus imaginum
piscium testaceorum , cochlearum , quibus accedunt
conchylia, denique mineralia (mit 15 Seiten Text u.
59 Tafeln Abbild.) Leyden fol. p. 2, tab. XIV. fig. B.
1764. Echinus Diadema Linne. Museum S. R. M. Ludovicae
Ulricae reginae Holm. 8. p. 709.
1774. Echinus calaraaris Pallas. Spicil. zool. fasc. X. Ber-
lin 4. p.31. pl.2. fig. 4 -8.
1854. Echinothrix calamaris u. turcarum Peters. Abb. d.
Akad. p. 116.
1863. Garelia turcarum A. Ag. List of echin. a. a. 0, p. 19.
Zusammenstellung d. Echiniden aus d. Gruppe d. Diademiden. 331
Echimis, CidariteS; Astropyga u. Diadema calamaris
anderer Autoren.
Schale sehr deprimirt, abgerundet fünfeckig. Die
grossen Tuberkeln der Interambulacralfelder stehen am
seitlichen und. unteren Theile der Schale in 4 — 8 verticalen
Reihen, die kleinen Tuberkeln der Ambulacralfelder sind
in 4 Längs-Reihen angeordnet. Ambulacralfelder am, brei-
testen Theile an der Rückseite um die Hälfte breiter als
die beiden Porenfelder zusammen. Die nach dem oberen
Ende zu allmählich an Dicke zunehmenden Stacheln der
Interambulacralfelder sind abwechselnd grün und weiss
geringelt und ihre Längslinien langspitzig gesägt. Anal-
haut mit platten Granulationen bedeckt und sehr gross.
Amboina.
Diese Species wurde zuerst erwähnt im Jahre 1705
in der Amboinschen Rariteitkammer Rumph's, wo auf
Taf. XIV. fig. ß eine ganz gute Abbildung von dersel-
ben gegeben w^ird. Leider fehlt die Beschreibung. Nur
ganz kurz wird die Species von Simon Schynvoet,
der, wie aus der Vorrede des Buchhändlers zuRumph's
Werke hervorgeht, der Bearbeiter der Anmerkungen ist,
auf p. 32 in einer Note ^) unter dem Namen Turkschen
Tulband erwähnt. Auf diese Bemerkung hin wurde im
Jahre 1711 in dem von einem unbekannten Verfasser (wahr-
scheinlich S c hy n V o e t) herausgegebenen Thesaurus imag.
pisc. test. der Name Diadema turcarum für jene Abbil-
dung auf Tab. XIV. fig. B. in die Zoologie eingeführt.
Dieselbe Benennung ist zwei Jahre später von Peti-
vier") für die aus Rumph's Werke entnommene Ab-
bildung angewandt. Klein war es, der zuerst die vor-
stehende Species mit ganz anderen confundirte. Er be-
', : 1) Die Note lautet in wörtlicher Uebersetzung: Echinus Saxa-
tilis steht auf der Taf. XIV. fig. A, doch ist er kleiner, und wir ha-
ben den Seeigel dabei setzen lassen [tf. XIY. fig. B], den wir den
Turkschen Tulband nennen, der selten ist, und den wir von
dem Herrn Doctor d'Acquet erhalten haben.
2) Echinus s. Diadema Turcarum James Petivier. Aquatilium
animalium Amboinae icones et nomina. London fol. 1713. p. 2,
tab. 8. fig. 5.
332 Bölsche:
schrieb unter dem Namen „Cidaris varlolata d'Acqueti
Tiirkscher Tulband^ ^) eine Species, die der gegebenen
Abbildung" nach gar nicht zu einer Gattung aus der
Gruppe der Diademiden gehört. Die erste Beschrei-
bung, die von der vorstehenden Spccies geh'efert ist, fin-
det sich bei Linne im Museum 8. R. M. Ludovicae Ul-
ricae reginae. Bei der dort auf p. 709 aufgestellten Be-
schreibung seiner Eölmiua Diadema hat er nicht Echino-
metra setosa Rumph's, sondern den Turkchen Tulband im
Auge gehabt. Es ist desshalb ein Irrthum, wenn die
meisten Schriftsteller der späteren Zeit Echinus Diadema
L. als synonym mit Rumph's Echincmetra setosa an-
führen. Leske -) giebt freilich auch schon richtig an,
dass der Turksche Tulband identisch mit Li nnc's Echinus
Diadema sei, sucht jedoch zugleich^) zu beweisen, dass
letztere Species gleichbedeutend mit Ech. setosa wäre.
Eben dieselbe Ansicht findet man vertreten bei G me li n *).
In derselben Weise haben fast s'ämmtliche Schriftsteller
der späteren Zeit den Turkschen Tulband und Ech. se-
tosa Rumph's miteinander zusammengezogen. Peters^)
ist derjenige gewiesen, der zuerst richtig erkannt hat, dass
Echinometra setosa und der Turksche Tulband nicht nur
verschiedenen Species, sondern sogar zwei verschiedenen
Gattungen angehören. Derselbe hat jedoch noch, ebenso
wie die anderen Autoren, den Irrthum begangen, dass er
Echinothrix turcarum und calamaris als zwei verschiedene
Species aufiführt. Dass jedoch beide für identisch anzu-
sehen sind, beweist ein uns vorliegendes, von Amboina
stammendes von Herrn Staatsrath Bleeker der hiesigen
Sammlung geschenktes Exemplar. Dasselbe stimmt fast
vollständig mit der von Rumph gegebenen Abbildung
überein. Die einzige Verschiedenheit, die vorhanden ist,
ist 'eine Folge ihres verschiedenen Alters, indem die
1) Klein nat. disp. echin. §.17.
2) Add. ad Klein, disp echin. p. 106.
3) ebenda p. 103.
4) Linne s systema naturae. Gmelin 1788. 8. p. 3173.
5) Abb. d. Akad Wissensch. Berlin p. 116.
Zusammenstellung d. Echiniqlen aus d. Gruppe d. Diademiden. 333
Rumph'sche Abbildung bei einer Breite von 70 Mm. 6
Reiben von Tuberkeln am unteren und seitlichen Theile
der Interambulacralf eider zeigt , während bei unserem
Exemplare sich dort nur 3 Tuberkel -Reihen bei einer
Breite von 33 Mm. befinden. Zugleich lässt die von Pal-
las von seinem Echinus calamaris gegebene Diagnose
keinen Zweifel darüber aufkommen, dass das vorliegende
Exemplar letzterer Species angehört. Die Höhe der Schale
beträgt 14 Mm. Stacheln sind an ihrem unteren Ende
1 Mm dick. Die Zahl der grossen Tuberkeln beläuft sich
auf sämmtlichen Interambulacralfeldern zusammen auf
160. Mundöffnung besitzt einen Durchmesser von 14 Mm.
Interambulacralf eider sind ungefähr an der breitesten
Stelle 3mal so breit als die Ambulacralfelder.
EchinotJirix annellata Peters.
Abb. Akad. Wissensch. Berlin p. 117.
Querimba-Inseln (Mozambique).
EchinotJirix cinGta A. Ag. sp.
Garelia cincta A. Ag. List of echin. Bull. Mus. Cam-
bridge 1803. p. 18.
Kingsmills und Sandwich- Inseln.
Echinothrix aperta A. Ag. sp.
List of echin. a. a. O. p. 19.
Gesellschafts-Inseln.
Echmothrix scutata A. Ag.
List of echin. a. a. O. p. 19.
Sandwich-Inseln.
Echinothrix aequalia Gray sp.
Garella aequalis Gray. Proceedings Zool. Soc. Lon-
don 1855. p. 38.
Mauritius.
Echmothrix clavata Gray sp.
Garelia clavata Gray. Proc. Zool. Soc. p. 38.
Fundort nicht angegeben.
334 Bölsche:
Eöhinothrix Peter sii *) n. sp. Fig. 3 und 4.
Schale undeutlich fünfseitig, fast kreisförmig. Am-
bulacralfeldcr zwischen den Porenfeldern an der breitesten
Stelle 4 Mm. breit ; Porenfelder daselbst zusammengenom-
men ungefähr von derselben Breite. Die stark hervorragen-
den Ambulacralfelder 4mal so schmal, als die Interambu-
lacralfelder. Auf allen Interambulacralfeldern befinden sich
zusammen 285 grosse Tuberkeln, welche an der Rücken-
seite der Schale in 4 und an dem seitlichen und unteren
Theile derselben in 6 Reihen angeordnet sind. In den
beiden den Ambulacris zunächst liegenden Reihen stehön
je 13 — 14 Höcker, in den nach der Mitte der Interambu-
lacralfelder hin folgenden je 10 und in den beiden inner-
sten Reihen je 6 Höcker. Auf den Ambulacralfeldern
stehen an den breitesten Stellen 4 — 5 kleine Tuberkeln
in einer horizontalen Reihe; die einzelnen horizontalen
Reihen sind so zueinander angeordnet, dass von einer
regelmässigen verticalen Vertheilung nicht die Rede sein
kann. Die beiden äusseren Reihen von Tuberkeln sind,
ebenso wie bei Ech. turcarum, verhältnissmässig die gröss-
ten. Die Stacheln der Interambulacralfelder sind, wie
man noch an den kleineren Stacheln der Unterseite deut-
lich bemerken kann, in den jüngeren Stadien des Alters
vollständig dunkel violet und w^eiss geringelt. Erreichen
die Stacheln eine bestimmte Grösse, so verschwindet die
Ringelung an dem ganzen unteren und mittleren Theile,
und nur das obere Ende lässt dieselbe noch mehr oder
weniger deutlich erkennen. Die schuppenförmigen Vor-
sprünge der Längslinien sind bei dieser Species so klein,
dass sie fast gar nicht bemerkt werden können. Die fei-
nen seidenglänzenden Stacheln der Ambulacralfelder sind
gelbgrün und schwärzlich geringelt. Analhaut ganz glatt
und von geringer Grösse. Breite der Schale 68 Mm., ihre
Höhe 32 Mm.; der Durchmesser der Mundöflnung von
dem Rande eines Ambulacralfeldes bis zu dem gegenüber
liegenden Interambulacralfelde 29 Mm. Die längsten Sta-
1) Zu Ehren des Herrn Professor W. Peters in Berlin so
genannt.
Zusammenstellung d. Ediiniden aus d. Gruppe d. Diademiden. 335
cheln der Interambulacralfelder 70 Mm. lang ; ihre Dicke
am unteren Ende 2V2 Mm,
Das im hiesigen zoologischen Museum befindliche
Exemplar ist bei den Fidji-Inseln von Dr. Graeffe ge-
funden.
Die vorstehende Species unterscheidet sich von Ech.
turcarum, subularis, annellata^ cincta und aequalis durch
die ganz verschiedene Anordnung der Tuberkeln auf den
Ambulacralfeldern, von E. scutata trennt sie die glatte
Anal-Membran, von Ech. aperta die geringe Entwickelung
derselben Und von Ech. clavata die aufgetriebenen Am-
bulacralfelder.
Gattung Astropyga Gray 1825. Ann. Phil.
Schale deutlich fünfseitig^ 2V2 — omal so breit, wie
hoch. Der glatte von den Genitalplatten ausgehende
Theil der Interanibulacralfelder theilt sich am Rücken ga-
belförmig und läuft zu beiden Seiten der Ambulacralfel-
der herab. Stacheln ohne innere Höhlung und von glei-
chem Bau auf den Ambulacral- und Interambulacralfel-
dern. Je drei Poren bilden einen schiefen Absatz (pori
trigemini). — Diese Gattung unterscheidet sich von Dia-
dema sogleich durch ihre pori trigemini.
Astrojjyga major Seb. sp.
Echionanthus major Seba. Thesaurus tom. III. p. 31.
tab. 14. fig. 1 U.2.
Cidaris, Diadema^ Astropyga radiata d. spät. Autoren.
Küsten des südlichen Amerika (nach Dujardin
und Hupe).
Astropyga Mossavibiea Peters sp.
Abhandl. d. Akad. Wissensch. Berlin 1854. p. 112.
Küsten von Mossambique.
Ob diese Species vielleicht nur auf ein junges Exem-
plar von A. major hin aufgestellt und desshalb als syno-
nym mit letzterer zu betrachten ist, wie von AI. Agas-
siz (List of ech. p. 18) angegeben wird, wage ich nicht
zu entscheiden.
Astropyga dubia Peters sp.
1854. Abb. Ak. Wiss. p. 114.
Fundort unbekannt.
336 Bölsche: Zusammenstellung' der Echiniden u. s. w.
Astropyga depressa Gray.
Proceed. Zool. Soc. London 1855. p. 38.
Fundort unbekannt.
Astropyga pulvinata Lam. sp.
1816. Cidaris pulvinata Lam. An. s. vert. tom. III.
p. 59. nr. 18.
Astropyga pulvinata Ag. Ann. d. scicnc. nat. Zool.
tom. VI. 1846. p. 345.
Fundort unbekannt.
Gattung Trichodiadema A. Ag. 1863.
(Proceed. of Academy of Nat. Scienc. Philadelpliia
p. 354.)
^Ambulacra einer wahren Diadema; Poren in unre-
gelmässigen verticalen Reihen von drei Paaren, die sich
nicht ausbreiten in der Nähe des Mundes. Zwei Reihen
von grossen Tuberkeln auf den Ambulacralfeldern. Inter-
ambulacralfelder mit zwei verticalen Reihen von grossen
Tuberkeln, die vom Munde bis zur After -Gegend sich
erstrecken; auf jeder Seite dieser Reihen befinden sich
Tuberkeln, die kleiner sind, als die Ambulacral-Tuber-
keln und in verticalen, nicht in schrägen Reihen ange-
ordnet sind, wie es gewöhnlich bei den Diademiden der
Fall ist. After-System fast kreisrund, was diese Gattung
sogleich von allen anderen Gattungen dieser Gruppe un-
terscheidet. Schale dick; Tuberkeln crenulirf
Trickodiadema Modgersu A. Ag. ebenda.
Port Jackson (Neu-Süd- Wales).
Erklärung der Abbilduugen.
Taf. XII.
Fig. 1 Echinothrix turcarum Schynvoet aus Amboina von Dr.
ßleeker.
„ 2. Das untere Ende des Stachels vergrössert.
„ 3. Echinothrix Petersii n. sp. von denViti-Inseln (Dr Gräffe.)
„ 4. Stachel vergrössert.
Heber Tetraplatia yolitans.
Von
Dr. A. Krohn.
(Hierzu Taf. XIV.)
Während meines Aufenthaltes in Messina, in den
beiden Wintern von 1853 und 54, hatte ich Gelegenheit,
das in der Ucberschrift bezeichnete, von Busch bei Ma-
laga entdeckte Thier zu beobachten ^). Ich habe seitdem,
^vährend meines spätem Verweilens am Mittelmeere, die
Tetraplatia nicht wiedergesehen, und bin so in meinen
Erwartungen, weitere Aufschlüsse über den Bau und die
Abstammung dieser eben so sonderbaren als seltenen
Thicrform zu erhalten, getäuscht worden. Ich nehme
demnach nicht länger Anstand, meine in den oben ge-
dachten Jahren angestellten Beobachtungen hier mitzu-
theilen ^).
Im völlig ausgestreckten Zustande ist der Leib der
Tetraplatia spindeiförmig, mit abgerundeten Enden (Fig.
1 und 2). Vier wulstige Längskanten (Fig. 1 d) ziehen sich,
in gleich weiten Abständen von einander, längs des Kör-
pers hin, und theilen so dessen Oberfläche in eben so
viele gleiche Felder (Fig. 1, c). Von der Leibesmitte aus,
wo sie breiter und höher, verschmächtigen sich diese
Längswülste gegen die Leibesenden hin und verwischen
sich noch vor Erreichung derselben. In der Mitte des
Leibes ungefähr ist jedes Feld zur Aufnahme eines frei
beweglichen, blattartig flachen Fortsatzes oder Lappens
1) W. Busch, Beobacht. über Anat. und Entwickl. einiger
wirbellos. Thicre. 1S51. p. 120. Taf. 10. Fig. 3 u. 4.
2) Ein vorläufiger Bericht über die Ergebnisse meiner Unter-
suchungen vom Jahre 1853 findet sich in J. Mülle r's Arch. f. Anat.
und Physiol. 1853. p. 320.
Archiv f. Naturg. XXXI. Jahrg. 1. Bd. 22
338 Krohn:
von fast quadratischer Gestalt, grubenartig vertieft. Die-
ser Lappen (Fig. 1 und 2^ e und Fig. 3) trägt zwei helle,
quer einander gegenüber gestellte Blasen (Fig. 1 und 2 b.
Fig. 3, b), von denen jede einen der Wandung dicht an-
liegenden, das Licht stark brechenden, otolithenartigen
Kern einschliesst. Mit Hülfe der erwähnten Lappen,
die gleich Flügeln oder Flossen, in rascher Folge ab-
wechselnd gehoben und gesenkt werden , ist das Thier,
wie es schon Busch beobachtet hat, im Stande sich fort-
zubew^egcn. — Die ganze Leibesoberfläche ist mit kurzen,
dichtstehenden Flimmercilien besetzt, die Substanz des
Leibes halbdurchsichtig, die Schwimmlappen von matt-
"weisser Farbe.
Die eine der Leibeshälften (Fig. 1, a), ist kaum merklich
länger als die andere. Im Centrum ihres Endes findet
sich eine deutliche, schon von Busch gesehene, aber
ohne triftigen Grund für einen After angesehene Oeff-
nung (vergl. Buscb^ 1. c. fig. 3). Diese OefFnung ist der
Mund, ,der in eine geräumige, wahrscheinlich bis an das
hintere Ende reichende Leibes- oder Magenhöhle führt.
Die erwähnte Leibeshälfte kann demnach füglich als vor-
dere bezeichnet werden.
Auf den Längswülsten nimmt man zahlreiche Nessel-
kapseln von mannichfacher Grösse w^ahr. Viele darunter
sind von so beträchtlichem Umfang, dass man schon bei
geringer Vergrösserung den langen, spiralig eingerollten
Ncsselfadcn leicht unterscheidet. Solche Kapseln sind
vorzugsweise in dem mittlem, stärker hervorgehobenen
Theile der Wülste eingebettet, wo sie auch dichter bei
einander stehen. Mit kleineren, mehr verstreut vorkom-
menden Nesselorganen sind auch die Leibesfelder ver-
sehen. Ausserdem bemerkt man auf der hinteren Lei-
beshälfte, mitten zwischen je zwei Längswülsten, noch
eine Anhäufung von Nesselkapseln in Form eines wenig
breiten, nicht scharf demarkirten Streifens. Diese Streifen
sind auch Busch nicht entgangen, obwohl dieser For-
scher über die Bedeutung der sie zusammensetzenden Nes-
sclorgane im Unklaren geblieben ist.
Das Parenchym der Leibeswand besteht aus jenem
Ueber Tetraplatiä' volitans. 3S9P
fäcLerigcn oder zelligen Gewebe, das in so charakteri-
stischer Weise den Coelenteraten; namentlich den Hj-
droidcn eigen.
Jeder der vier Schwimmlappen sitzt dem Leibe mit^-
seist einer verschmälerten, dem vorderen Rande der
respectiven Vertiefung eingefügten, einigermassen stiel-
förmigen Basis (Fig. 3, a) an ^). Gegen seinen hintern oder
distalen Rand hin, der durch eine Incisnr in zwei spitz aus-'
laufende Zipfel getheilt ist, verdünnt sich der Schwimm-
lappcn allmählich. Die dünnhäutigen Zipfel* werden beirm
Zurückziehen des Lappens in seine Vertiefung, gegen die
innere, der letztern zugekehrte Fläche desselben zurück-
geschlagen, wobei der distale Rand in gekräuselte Falten,
sich zusammenlegt. In Bezug auf die Struktur ist noch
anzuführen, dass der Lappen in seiner ganzen Breite von
dicht neben einander verlaufenden, äusserst feinen, gegen
die Randzipfel sich erstreckenden Längsfasern durchzogen!
ist, die ich für Muskelfasern zu halten geneigt bin.
Die an die Randkörper der Medusen erinnernden,
hellen Blasen liegen ungefähr mitten zwischen der Basis
und dem distalen Rande der Schwimmlappen und zwar,
wie es scheint, ganz oberflächlich, der Aussenfläche des
Lappens zunächst. (Vergl. die Figuren.) Ihre otolithen-
artigen Kerne scheinen die Gestalt kurzer, sechseckiger,,
ungleichseitiger Prismen zu haben -).
Das Tliier ist einer eben so starken Streckung, als-
Verkürzung (resp. Zusamraenziehung) fähig. Die Verkür-
zung, sowie die zeitweiligen Krümmungen des Leibes
scheinen durch eine oberflächlich gelegene Muskelschicht,
bewirkt za werden, die aus verhältnissmässig breiten, der
Länge des Leibes nach verlaufenden Fasern- zu bestehen,
scheint. Der Mund kann sich stark erweitern, wobei die
vordere Leibeshälfte sich verkürzt und auftreibt.
1) Die in Betreff der Ansatzstellen der Schwimmlappen ganz
abweichenden Ansichten von Busch (1. c. Fig. 4), beruhen demnach
auf einer irrthümlichen Auffassung.
2) Obgleich es Busch nicht beschieden war, die Blasen und
ihre Kerne richtig zu deuten, so sind gleichwohl beiderlei G^ebild^
in einer seiner Figuren (Fig. 3) ziemlich . deutlich zu erkennen.
340 KroTin:
Von den vier Individuen der Tetraplatia, die ich
beobachtet, hatten drei die Länge einer Linie im Maxi-
mum der Streckung, was ganz mit den Angaben von
Busch übereinstimmt. Das vierte Lidividuum dagegen
zeigte sich fast um's Vierfache grösser, kam aber sonst,
mit Ausnahme einiger innern Organe, die jedoch bei
jenen schon angedeutet schienen, mit ihnen vollständig
überein. Die eben erwähnten Organe bestanden aus zwei
dicht aufeinander folgenden Gruppen in der Mitte des
Leibes gelegener Blinddärme von weisser Farbe. In jeder
Gruppe zeigten sich die Coeca zu einem Kranze aneinan-
dergereiht. Die der vordem Gruppe hatten das blinde
Ende nach vorn, die der hintern nach hinten gekehrt.
Bei der Eröffnung dieses Exemplares überzeugte ich mich,
dass die Zahl der Blindsäcke in der hintern Gruppe 8,
in der vordem nicht so viel beträgt, und dass die weisse
Farbe derselben von einem also gefärbten körnigen In-
halte herrührte. Leider war das Thier durch die vorge-
nommene Operation so arg verletzt w^orden, dass ich
über die Art des Zusammenhanges der Blindsäcke mit
dem Leibe, worauf es mir doch so wesentlich ankommen
musste, nicht den mindesten Aufschluss erhielt.
Es scheint, dass die Tetraplatia in der Gefangen-
schaft nur äusserst selten zum Schwimmen sich anschickt.
Von den drei kleineren Exemplaren habe ich nur eines
lebhaft umherschwimmen sehen. Die beiden andern la-
gen, trotz des dichten Cilienbesatzes ihrer Leibesoberflä-
che, stets ruhig am Boden des Gefässes, mochte ich sie
auch noch so oft beobachten. W^ährend dieses Ruhezu-
standes sah ich indess zu Zelten bald nur einen, bald
mehrere Schwimmlappen zugleich etwas hervorgestreckt
werden, und alsbald in eine schnelle, kurz andauernde
Schwingung gerathcn, nach welcher sie sofort wieder in
ihre Gruben zurückgezogen wurden. Diese Vibration,
in rasch auf einander folgenden, ganz abrupten Schlägen
von gcinngcm Excurs bestehend , habe ich auch selbst
an vom Körper durch einen Schnitt abgelösten Schwimm-
lappen wahrgenommen.
In meiner vorerwähnten Mittheilung im Arch. f.
üeber Tetraplatia volitans. 341
Anat. und Physiol., stellte ich die Vermnthiing auf, dass die
Tetraplatia ein noch unreifer Coelenterate sei, der seiner
Abkunft nach auf einen Hydroiden hinzuweisen scheine.
An dieser Vermuthung halte ich auch noch jetzt fest und
wäre geneigt, auf die schon oben hervorgehobene Ana-
logie der hellen Blasen mit den Randkörpern der Medu-
sen mich stützend, das Thier für eine jugendliche Qualle
zu halten. Hat aber diese Ansicht einige Wahrschein-
lichkeit für sich, so muss auch zugestanden werden, dass
die Tetraplatia von den bisher bekannten Jugendformen der
Medusen durch ihre ganz eigenthümlichen Bewegungsor-
gane so auifallend abweicht, dass es zur Zeit kaum möglich
ist, die Reihe von Umwandlungen, die sie bis zu ihrer de-
finitiven Gestalt zu durchlaufen hat, vorauszusehen.
Erklärung der ÄbbildiiDgen.
Taf. XIV.
Fig. 1. Die Tetraplatia mit stark gekrümmtem Vorderleibe. Man
sieht zwei der Flächen oder Felder des Leibes, nebst den
zugehörigen, aus ihren Vertiefungen etwas hervorgezoge-
nen Schwimmlappen.
a, Die vordere Leibeshälfte.
b, Die hintere Leibeshälfte.
c, c. Die beiden Leibesfelder.
d, d, d. Die Längswülste.
e, e. Die Schwimmlappen.
f, f. Die hellen Blasen mit den otolithenartigen Steinchen.
„ 2. Ein anderes Exemjjlar derselben. In dieser Figur erblickt
man nur eines der Felder in ganzer Ausdehnung. Von
den drei dargestellten Schwimmlappen sind die beiden
seitlichen etwas hervorgestreckt.
a, b, e, f, wie in Fig. 1.
g, Die aus einem zelligen Parenchym bestehende Lei-
beswand.
,. 3. Ein Schwimmlappen, 120mal etwa vergrössert. Ansicht
von der Aussenfläche, Die beiden Randzipfel des Lappens
sind gegen die innere, vom Beobachter abgewandte Fläche
desselben zurückgeschlagen, daher nicht sichtbar.
a. Die schmale Basis des Lappens.
b, b. Die hellen Blasen mit otolithenartigen Steinchen.
Bonn, den 19. Januar 1865.
Vebcr die Chorda dorsalis bei den Fischen.
Yon
Geh. Med. Rath Prof. Mayer
in Bonn.
Es ist, wie ich glaube, eine noch vielfach geäusserte
Meinung, dass die Chorda dorsalis bei einigen Familien
der Fische, namentlich den Petromyzini und ächten (ja-
noidei die Stelle der Wirbelsäule vertrete. Es ist jedoch
bei diesen Fischen eine, wenn auch nur rudimentäre und
aus za,rfccn Knorpelstücken bestehende Wirbelsäule mit
eingeschlossener Chorda dorsalis vorhanden. Die Chorda
dorsalis, bestehend aus einem Knorpelrohr und dem in-
neren pulpösen Strang , ist immer von einer äussern
Scheide, welche verschiedene Knorpeldichtigkeit zeigt,
und das Rudiment der Wirbelbildimg der andern Fische
darstellt, eingeschlossen. Es ist dieses knorplige Rohr der
Scheide der Chorda dorsalis bei den genannten Knorpelfi-
schen selbst gegliedert oder deutlich in viereckige Ab-
schnitte oder Plättchen getrennt. Deutlich ist dieses bei
den Petrom jzon - Arten und selbst bei Petromyzon Pla-
neri finde ich diese Scheide aus einer durch Mittellinie
getrennten vordem und hintern Reihe von kleinen vier-
eckigen Plättchen zusammengesetzt. Diese getrennten
Plättchen stellen die Rudimente der Körper der Wirbel
(}j^ jübrigen Fische dar. Bei den Ganoidei ist diese
Scheide schon zum starken Knorpelring geworden, ihre
viereckigen Plättchen sind noch in der Mittellinie getrennt,
aber stellen deutlich eine Reihe halber Wirbclkörper dar,
was besonders deutlich bei Acipcnser Ruthenus erscheint.
An diesen Plättchen befinden sich seitlich kleine Knöpf-
Mayer: üeber die Chorda dorsalis bei den Fischen. 343
chen 7Aim Ansatz der Rippen und nnten zwei Knorpel-
haken, welche einen Kanal für die Aorta bilden. Diese ru-
dimentäre knorpelige Wirbelkörpersänle, wird mm bei den
genannten Fischen noch durch Rudimente von seitlichen
und oberh Fortsätzen verstärkt und zur völligen noch im
Knorpelzustande befindlichen Wirbelsäule geetempelt. In
letzter Beziehung berufe ich mich auf die sehr einge-
hende Beschreibung des Bogensystems der genannten
Fischfamilien bei Stannius (Vgl. Anat. der Fische 2. Aufl.).
Die Veranlassung zu gegenwärtigen Erörterungen bildet
eigentlich eine, wie mir scheint, neue Beobachtung in
Betreff der bei den Knochenfischen noch vorkommenden
Chorda dorsalis. Die knorpelige Scheide der Chorda dor-
salis von Petromyzon und Acipenser ist hier zu einem nur
noch vorn und hinten ringfasrigen Wirbelkörper oder zu
einem doppelten Knorpelring mit eingeschlossener Knochen-
substanz umgewandelt. Meistens ist dieser Wirbelkörper,
jedenfalls noch in dem Jugendzustand, In der Mitte mit
einem Loch versehen also nur als ein sehr breiter Ring
anzusehen. Auch bei den Rochen ist diese mittlere Oeff-
nung noch vorhanden. Innerhalb zweier Wirbelkörper
befindet sich nur in einer durch meistens zvrei concave
Aushöhlungen beider Wirbelkörper gebildeten runden
Höhlung die Chorda bekanntlich als ein kugelförmiger
welcher Klumpen oder als eine Pulpe, aber umgeben nicht
von einer zweiten oder der eigentlichen Chorda-Scheide,
sondern von einem V4 — V2 Linien breiten Knorpel-
ring, welcher die halbw^eiche Pulpe einschllesst und zu-
sammenhält. Diese Chor da -Ringe finden sich bei
allen Knochenfischen mehr oder minder stark und
schön entwickelt. Es bestehen diese Faserringe, unter einer
Vergrösserung von 300'" gesehen, aus zarten fibrösen
Längsfasern, in welche mehrere spiralfö rmige Fasern
eingeflochten sind. Das ganze Bündel solcher Längen-
und Spiralfasern wird noch durch von einander abste-
hende Bündel von Querfasern durchzogen.
Die Pulpa selbst des von dem Ringe eingeschlosse-
nen runden oder kugelförmigen Körpers besteht bei SCO
Vergr. aus Klümpchen von gekörnten Zellen von Vioo'"
844 Mayer: Ueber die Chorda dorsalis bei den Fischen.
tind V500'" so wie ebensolchen hellen Kügelchen. Sie hat
einen vordem und hintern konisch zugespitzten Fortsatz,
welche beide sich mit einem gleichen Fortsatz der vor-
dem und der hintern Zwischenhöhlc der Wirbelkörper
untereinander verbinden, so dass die ganze Chorda bei
allen Knochenfischen selbst, bei den Muränen, so vs^ie
theilweise bei den Hayen, Rochen, inbesondere auch bei
den Pseudo-Ganoiden, eine unterbrochene an einem mitt-
leren Faden hängende Kugelreihe w^eicher Massen bildet
oder eine rosenkranzförmige Gestalt hat, Chorda
moniliformis zu nennen.
lieber ostasiatische Echinodermen.
Von
Dr. E. Y. Härtens.
Die Echinodermen sind die einzige grosse Abthei-
lung des Thierreichs , welche im süssen Wasser gar
nicht vertreten ist , dagegen spielen sie im Meere eine
bedeutende Rolle , namentlich auf den Korallenbänken ;
hier finden sich häufig riesige buntgefärbte Oreaster und
blaue Linckien auf dem Korallengrus, verschiedenfarbige
Echinometren in grossen Höhlungen, zu deren Bildung
sie vielleicht selbst beigetragen (wie in Westfrankreich
bei Echinus lividus der Fall ist) eingezwängt , und zwi-
schen den Zweigen der Korallen selbst violette , braune
oder schwarze Ophiuren. Flache Sandstellen bieten haupt-
sächlich Scutelliden , das Schleppnetz bringt aus massi-
ger Tiefe mit argem Schlamme verschiedene Asteridcn
und namentlich auch Comatulaarten herauf. Kein Echi-
noderm hat eine rasche Bewegung: bei den Echiniden
sieht man wohl die Füsschen sich verlängern , anheften
und loslassen, aber man sieht, das Thier im Ganzen be-
trachtet, doch kaum die Ortsbewegung desselben , son-
dern nur das Resultat, die stattgefundene Ortsverände-
rung. Die Asterien, wie Oreaster u. a. sieht man zuwei-
len die Arme aufwärtskrümmen oder an fremde Gegen-
stände anlegen, doch höchst langsam; selbst die langar-
migen Ophidiaster bewegen sich nicht rascher. Ihnen
gegenüber sind die Ophiuren flinke Thiere, denn man
sieht immerhin ihre Arme sich hin und her krümmen,
kaum so rasch, wie die Finger eines bedächtigen Zeich-
ners, aber doch schnell genug, um während mau ein
346 V. Härtens:
Korallenstück zerschlägt, auf die entgegengesetzte Seite
oder in ein anderes nahes Stück zu ent\Yischen.
Für den Menschen sind die Ecliinodcrmen, abgese-
hen von der berühmten oder richtiger berüchtigten Lek-
kerei des Trepang, von keiner praktischen Bedeutung.
Weder in Japan und China, noch im indischen Archipel
sah ich Echinidcn als Speise genossen oder auch nur auf
den Markt gebracht, während solche nach Horas (Satyr. II.
4, 33) bei den alten Römern zu den Delikatessen zählten.
Asterien werden meines Wissens in keinem Theil der
Erde von Menschen gegessen. Unangenehm bemerklich
machen sich nur die langstachligen Seeigel, namentlich
Diadema u. Verwandte , wenn man unversehens darauf
tritt; schon Ru mph erw^ähnt derselben als heftige Schmer-
zen verursachend ; ich fand dieses nur bei den feinen
Stachein von Echinothrix , welche äusserst leicht abbre-
chen und ein Stück in der Hand oder dem Fuss des Be-
treffenden sitzen lassen. Wahrscheinlich ist auch hier
nur die mechanisehe Reizung durch die Rauhigkeiten
des Stachels und die Verunreinigung der Wunde durch
Salzwasser die Ursache der scheinbaren Bösartigkeit, wie
bei den Verletzungen durch Flossen- und Deckelstacheln
vieler Fische, obgleich bei beiden ein specifisches ;,Gift^
von den Ungebildeten angenommen w^ird.
Durch ihre auffällige Gestalt sind aber die See-
sterne, Seeigel und Holothurien überall den Küstenbe-
w^ohnern unter Gesammtnamen bekannt. Der Japaner
kennt diese drei Begriffe als jotsude, uni und namako,
das Malaj Ische hat aber, wiederum abgesehen vom prak-
tisch wichtigen Trepang, nur abgeleitete, vergleichende
Benennungen für dieselben, so djari-laut — Meerfinger —
für Cidaris, bulu-babi — Schweinsborste — fürDiadema,
bintang-laut, wörtlich Seestern oder kaki-ayam — Hühner-
fuss — für die Asterien, bulu-ayam — Hühnerfeder — für
die Medusenhäupter.
Was die systematische Nomenclatur der Gattungen
betrift't, so ist diese durch scheinbar gewissenhafte Prio-
ritätsberücksichtigung etwas in Unordnung, die sich nur
mit dem gegenwärtigen Zustand in einigen Theilcn der
Üeber ostasiatisclie Ecliinodermen. 347
Conchyliologie vergleichen lässt. Für die Asterien ist
man auf Linck, für die Echiniden auf Klein zu-
rückgegangen. Linck gab 1733 sein Werk de stellis
marinis heraus, also geraume Zeit vor Feststellung der
binären Nomenclatur ; er unterscheidet Gattungen (gencra),
Hauptarten, species intermedia, und Unterarten, species
infimae (§. 26). Die Gattungen bestimmt er hauptsächlich
nach der Zahl der Strahlen, also ganz unnatürlich, und
nur bei den fünfstrahligen als der grossen Mehrzahl
nimmt er andere Kennzeichen zur Aufstellung von Gat-
tungen zu Hülfe und bildet deren einige recht natürliche
so Pentagonaster (= Goniodiscus und Astrogonium M.
Tr.), Pentaceros (= Oreaster M. Tr. plus einige Astrogo-
nien), Astropecten (= Astropecten und Ctenodiscus M.Tr.),
und Palmipes. Unbrauchbar wegen des Inhalts ist sein
Pentactylosaster, zugleich Asteracanthion, Linckia und
Echinaster umfassend, so^Yie der Zusammensetzung aus zwei
Worten wegen seine Gattungsnamen Stella coriacea, Sol
marinus , Stella scolependroides , Astrophyton costosum
u. s. w. Man thut meiner Meinung nach Unrecht , wenn
man für Line ks Namen Prioritätsrechte beansprucht, und
um somehr bei solchen, die er selbst gar nicht als Gat-
tungsbezeichnung, sondern als solche höherer Abtheilungen
gebraucht, was bei Astrophyton der Fall ist; wohl aber
ist es erfreulich, wenn seine Benennungen der von ihm
richtig erkannten Gattungen von den spätem Syste-
matikern beibehalten wurden, wie Astropecten. Es ist in
der That nur die aus Rücksichten bewusst inconse-
quente, nicht die starre Prioritäts-Methode, welche diese
Namen empfehlen darf; denn letztere musste entweder
ihn gar nicht berücksichtigen oder auch sein Enneactis —
Neunstrahl — für Solaster annehmen, obgleich er selbst
gleich darauf die Gattungsnamen Decactis, Dodecactis und
Triskaidecactis für in unseren Augen identische Arten
bildet.
Die Mehrzahl der neueren Gattungsnamen von Asterien
wurden gleichzeitig 1840, von Gray in London und von
Müller undTroschel in Berlin eingeführt. Gray hat
in gewohnter Weise eine Unzahl neuer Gattungen karg-
348 V. Martens:
lieh, aber meist scharf charakterisirt unter oft sinnlosen
Namen; Müller und Tr ose hei haben viele derselben
zusammengezogen, aber wie überhaupt in jener Zeit auf
Priorität nieht so viel Werth gelegt wurde, die Einfüh-
rung neuer Gattungsnamen auch da sich erlaubt, wo
füsrlich ein schon vorhandener mit kleiner Modifikation
hätte beibehalten werden können, z. B. Linckia für Ophi-
diaster, Asterina für Asteriseus, und sie haben für den in
Europa gemeinsten Seestern , Asterias rubens L., weder
den Linneischen Gattungsnamen beibehalten, noch den
ein Jahr früher vorgeschlagenen Stellonia Forbes ange-
nommen, sondern sind bei ihrem sesquipedalen Astera-
canthion geblieben. Dieselben wurden desshalb in einer
späteren Arbeit von Gray (Proeeedings of the zoological
Society 1847. p. 72) scharf getadelt, theilweise mit Recht,
theilweise mit Unrecht, z. B. wegen Pentaceros. So klas-
sisch und unentbehrlich auch das „System der Asteridcn*
ist, so dürfte doch eine theilweise Revision der Gattungs-
namen nicht ungerecht sein.
Was Linck für die Ästenden, ist Klein für die
Eehiniden, der erste Monograph, (ihm verdankt die ganze
Abtheilung die Bezeichnung Echinodermen — Igelhäu-
ter — die aber bei ihm nur für die Eehiniden bestimmt
war), seine „naturalis dispositio echinodermatum" 1734
fällt auch in die Entwickelung, aber vor die Durchfüh-
rung der binären Nomenclatur, seine Benennungsweise ist
wie die von Linck dreifach, denn er unterscheidet Sectio
( = Hauptgattung), Genus und Species, die beiden ersten
meist mit Substantivnamen, im Nominativ Singularis, die
letztere meist mit Adjeetiv- oder Genitivnamen. Doch
keine Regel ohne Ausnahme, so werden namentlich seine
Genera der sectio Cidaris und Seutum nur durch Bei-
fügung eines Adjeetivs zu diesem Wort benannt, z. B.
Seutum anguiare = Clypeaster, Seutum angulare humile
und altura, zwei Species derselben, aber Seutum ovatum
unser Eehinolampas, mit drei Arten: Chaumontianum,
Issyaviense und nostrum. Diejenigen, die ihm Prioritäts-
rechte zuerkannten, haben nun theilweise seine Sectionen,
wie Cidaris und Arachnoides, theilweise seine Genera,
Ueber ostasiatisclie Echinodermen. 349
wie Mellita, Laganum und Rotnla aus der sectio Placenta,
Conulus und Discoides aus der sectio Fibula; Spatangus
aus der sectio Cor-Marinum, Brissus aus derjenigen von
Ovum-Marinum als von ihm eingeführte und benannte
Gattungen betrachtet und ebenso bald die adjektivischen
Bezeichnungen der Genera, wie Cidaris botryoides , Cid.
toreumatica, bald die seiner Species wie subuculus, alboga-
lerus, (Mellita) testudinata, (Laganum) Bonanni und Rum-
phii als Speciesnamen adoptirt. So inconsequent dieses
auf den ersten Anblick erscheint^ so ist es doch v/ohl das
Richtige , indem eben bald die Namensform des einen,
bald die des andern in den Rahmen unserer Nomenclatur
passt. Leske hat in seinen Zusätzen , additamenta ad
Kleinii naturalem dispositionem Echinodermatum, 1778.4.
fast für alle Klei n'schen Arten und viele neue die binäre
Nomenclatur streng durchgeführt, und so haben, streng
genommen, erst durch ihn viele der von Jenem aufge-
brachten Namen ein Recht auf Anerkennung und Beibe-
haltung erhalten, aber nicht alle, da Leske gerade die
Mehrzahl der oben angeführten wde Laganum, Mellita,
Arachnoides u. s. w. fallen gelassen hat.
WasLinne als Arten bei den Echinodermen betrach-
tet, entspricht fast durchaus jetzigen Gattungen, so um-
fasst Astcrias nodosa L. alle ihm in Natur oder Abbildung
bekannt gewordenen Oreaster, Echinus lucunter unsere
Echinometren, Echinus mammillatus unsere Acrocladien,
und wir geben den von ihm gegebenen Artnamen einen
wesentlich engern Sinn , wenn w^ir sie für Arten inner-
halb der betreffenden neueren Gattungen verwenden ;
dasselbe ist übrigens in allen Thellen der Zoologie
häufig der Fall und man ist allgemein darüber einverstan-
den, dass man sie der ältestbekannten, in den Samm-
lungen häufigsten, mit der Vaterlandsangabe bei Linne
übereinstimmenden Art, kurzum derjenigen lässt, für
welche sich eine grössere Wahrscheinlichkeit geltend
machen lässt, dass sie es sei, welche Linne selbst oder
dessen literarischen Quellen vorgelegen habe. Doch
möchte ich auch hier einer die einzelnen Fälle erwä-
genden bewussten Inconsequenz gegen blinden Priori-
350 V. Härtens:
tätsfanatismns das Wort reden, nnd da wo Linck und
Klein die Arten mclir in unscrm Sinne als Linne un-
terschieden Laben, z. B. bei Oreaster und den Spatangoi-
den, ihre Nanaen den L i n n e'schen vorziehen^ und das um
so mehr, wenn sie schon von Müller und Troschel oder
Agassiz undDcsor eingeführt sind^ und die Linnc'-
schen Namen Einwürfen unterworfen sind, wie lacvigata
für eine durchaus granulirtc Art, keineswegs aber alle
jene vorlinncanischen Artennamen auf Kosten der jetzt
gebräuchlichen rehabilitircn.
I. Astcrien.
1. Japanische Seesterne.
Die speciellc Kenntniss derselben beginnt, wie mehr
oder weniger für alle Abtheilungen des Thierreichs und
hier in ebenso hohem Masse wie bei irgend einer andern,
mit Siebold s Sammlungen, da die älteren Reisen und
die einheimischen Bilderwerke nur allgemeine Anhalts-
punkte geben, welche die Arten, nur nachdem man sie
auf anderem Wege schon kennen gelernt hat, errathen
lassen. Die Echinodcrmenabtheilung der Fauna Japonica
ist zwar nie erschienen, aber die Exemplare des Leidener
Museums wurden von Prof. Troschel 1840 untersucht
und in dem bekannten „System der Asteriden^^ verwer-
thet. Einige für jene bestimmt gewesene Tafeln wurden
mir bei meiner Abreise nach Japan von dem wohlwol-
lenden Conservator am Leidener Museum, Dr. Ilerklots,
mitgegeben und ich werde sie in Folgendem citircn, da
sie vortreffliche Abbildungen enthalten und wohl auch
in anderen Händen sein mögen. Mehrere Arten verdanke
ich meinem verstorbenen Reisegefährten Otto Schott-
müller, welcher längere Zeit als ich in Nangasaki zuge-
bracht hat.
Die Zahl der bis jetzt bekannten japanischen Arten
ist nicht gross, man kennt hauptsächlich nur die litora-
len, da theils wenig Erforschungen mit dem Schleppnetz
Ueber ostasiatische Echinodermen. 351
gemacht worden sind, tlieils über die anf der zweiten ameri-
kanischen Expedition unter Ringgold gefundenen mei-
nes Wissens noch nicht berichtet ist.
Die Gattungen und Untergattungen sind theils mit
Europa und dem gemässigten Kordamerika gemeinschaft-
lich, wie Asterias im engern Sinn, wo sogar die Art
nicht von der europäischen unterschieden scheint, theils
ausschliesslich oder vorherrschend ostindische, so Scyta-
ster, Archaster.
1. Asterias rubens L. sp., Asteracanthion r. Müller u. Tro-
schel Syst. d. Ästenden S. 17. Herklots faun. jap. tab.
inedit. 6. iig. 1. 2.
Yokohama M. Nangasaki, Schottmüller.
So wenig wie J. Müller und Troschel die im
Leidener Museum, kann ich die von mir zu Yokohama
gesammelten von der europäischen Art unterscheiden.
Die Stacheln der Rückenseite sind verhältnissmässig gross,
in der Mittellinie und an den Rändern des Arms tritt eine
Reihe derselben deutlich hervor, dazwischen sind sie aber
bei dem mir vorliegenden Exemplar nicht so regelmässig
gestellt, wie auf der Tafel von Dr. Herklots Farbe
der frischen Exemplare, welche ich zu Yokohama gesehen,
pomeranzenroth, die Armspitzen violett.
2. Linchia semiregularis var. Japonica m. Herklots tab.
inedit. 6. fig. 5. 6.
In allem mit dem von Müller und Troschel 1. c.
S. 36 beschriebenen Scytaster semiregularis übereinstim-
mend, bis auf das Verhältniss der Arme, indem bei den von
mir gesammelten Exemplaren übereinstimmend mit der
genannten Abbildung der Scheibenradius zum x\rmradius
wie 1 : 4V2 — 5 ist (7 '72 bei Müller und Troschel). Armra-
dius 55 MilL
Yokohama, im Januar erhalten.
NB. Die mannichfaltigen Analogieen, welche in der
Anordnung der Platten zwischen Arten der Gattungen
Ophidiaster und Scytaster im Sinne von Müller und
Troschel vorkommen, bewegen mich beide Gattungen
unter dem älteren Namen Linckia Nardo zu vereinigen.
352 V. M arten s:
Auch bei Gonicister finden sich sehr naheverwandte Arten,
die eine mit einzelnen, die andere mit gehäuften Poren,
o. Ästerina pectinifera Müll. u. Troschcl (Asteriscus) S. 40.
Farbe während des Lebens oben schwärzlich grün
mit grossen, blutrothen Flecken, unten pomcranzengelb.
Yokohama nicht selten, ganz oberflächlich an Stei-
nen, wie A. gibbosa Penn, (verruculata Retz) in Neapel.
In den ersten Tagen meines Aufenthalts daselbst fand
ich einmal mehrere dieser Seesterne unter dem Küchen-
abfall mit Schalenfragmenten von Krabben neben einem
Bauernhause, aber da sie unversehrt waren, konnte ich
daraus nicht schliessen , dass sie als Speise dienen; viel-
leicht wurde der Inhalt eines Grundnetzes erst zu Hause
von den Leuten sortirt.
4. Abiropecten armatus Müll, et Troschcl 1. c. S. 71., non
Gray. Herklots fn. jap. tab. incdit. x. fig. 1.
Ein starker aufrechtstehender Stachel auf jeder Rand-
platte.
Nangasaki, Schottmüller. Japan, Leidner Museum.
5. Ästropecten scoparius Val. Müll. Trosch. 1. c. S. 71.
Yokohama, auf Schlammgrund, nicht häufig, die
Stacheln auf den dorsalen Randplatten sind sehr unbe-
ständig, sie fehlen im ersten Drittel der Arme fast immer,
bis zur Mitte kommen immer noch einzelne Platten ohne
Stacheln zwischen bestachelten vor.
6. Luidia maculata Müll. u. Troschel 1. c. S. 77. — Her-
klots fn. jap. tab. ine d it.
Japan, Leidner Museum,
var. quinaria m.
Nangasaki, Schottmüller.
Die mir vorliegende Tafel von Herklots stimmt
mit der Originalbeschreibung der Art. Das von Hrn.
Schottmüller von Nangasaki eingesandte Exemplar
jedoch unterscheidet sich von demselben dadurch dass:
1) nur fünf Arme vorhanden sind ;
2) auf der Rückseite der Arme die kleineren unregel-
mässig gestellten Paxillengruppen eine etwas grös-
sere Breite, die Hälfte der Armbreite überhaupt,
lieber ostasiatisehe Echinodermen. 35B
einnehmen, (In H erklotsFignr kaum mehr als ein
Drittel) und dcmgemäss auch tIcI zahlreicher sind;
3) . keine Flecken an dem in Spiritus aufbewahrten
Exemplar zu sehen sind , während doch selbst
Jahre lang trocken aufbewahrte andere Exem-
plare verschiedener Arten Luidia noch Flecken
zeigen;
4) die Arme verhältnissmässig breiter sind, was we-
nigstens für ihren Ursprung durch die geringere
Zahl bedingt ist. Grosser Radius 135 Mill., kleiner
18, Breite der Arme an ihrem Grunde 23 Mill.
In der europäischen Literatur und den Museen finde
ich noch folgende Seesterne aus Japan angegeben.
7. EcMnasterf sp. mit kurzen stumpfen Stacheln, welche
in der Mittellinie des Armrückens zu drei neben
einander, sonst einzeln stehen. Herklots fn. jap. tab.
inedit. 6. fi. 3. 4.
8. Stellaster Childreni Gray, Ann. mag. n. h. IV. 1840.
p. 278. u. Proceed. zool. soc. p. 77. Müll. Trosch. S. 62.
Japan , in den Museen von Leiden , London und
Berlin.
9. Stellaster Mülleri m. Vgl. über diese Art die chinesi-
schen Seesterne.
Angeblich von Japan im Berliner Museum.
10. Ärchaster typiciis M. Tr. findet sich mit der Angabe :
Japan, vom Leidner Museum erhalten, in der Berliner
Sammlung. Mir ist er in Japan nicht vorgekommen.
11. Ärchaster hesj^erus Müll. Trosch. 1. c. S. 66. Stella-
ster sulcatus Möbius Abhandl. der naturf. Gesellschaft
zu Hamburg IV. Taf. 4. Fig. 1. 2.
Japan, Berliner und Leidner Museum.
Die Abbildung und Beschreibung bei Möbius stimmt
vollkommen zu den drei Originalexemplaren von Mül-
ler und Troschel im Berliner Museum. Selbst die
Veränderlichkeit in Zahl und Stellung der kleinen Bauch-
platten im Armwinkel bei Einem und demselben Exem-
plar findet sich an den unsrigen ebenso wie in der von
Möbius gegebenen Figur. Die Rückenbedeckung verweist
diese Art zu Archaster , indem sie aus stark convexen,
Archiv f. Naturg. XXXI. Jahrg. 1. Bd. 23
354 V. Martens:
kleinen und runden Stücken besteht, welche mit Stacheln
besetzt sind oder doch waren. Die oberen Rcandplatten sind
auch so schmal wie bei^ den ächten Archaster, der Stachel
der untern dagegen gleicht ganz dem von Stellaster, geht
aber sehr leicht verloren. Die Spaltung der innersten Bauch-
platte erinnert an Ogmaster (vcrgl. imten), ist aber ebenso
auch bei Archaster typicus vorhanden. Beide Archaster
untersclieiden sich auch dadurch von Stellaster und über-
haupt allen zu Goniaster gehörigen Gruppen, dass die
Bauchplatten des Intcrbrachialraums, mit Ausnahme der
innersten, paarig angeordnet sind, so dass eine Linie vom
Mund zum .Armwinkcl stets zwischen den Platten ver-
läuft, während sie bei Goniaster abwechselnd zwischen
zwei Platten hinein und in die Mitte einer Platte trifft.
12. Ästropecten Japonicus Müll, und Troschel S. 43 — ?
? Herklots tab. inedit. x. fig. 2.
Japan, Leidner Museum.
13. Nauricia pulckella Gray Ann. Mag. n. h. VI. p. 180.
Japan, ist mir unbekannt.
Ä. Cliinesisclie Seesterne.
Hierüber ist noch sehr Weniges und dieses in wenig
befriedigender Weise bekannt. In den systematischen
Werken finden sich folgende verzeichnet:
Oreaster Cldnensis (Pentaceros) Gray Ann. Mag. n.
h. 1840. •
Oreaster Chuie7isis Müll. Trosch. S. 46, nicht die-
selbe Art.
Oreaster Orie7italis Müll. Trosch. S. 128.
Goniaster pentagonulus Lam. sp. = Anthenea Chi-
nensis Gray 1. c. = Goniodiscus p. Müll. Trosch.
S.57.
Goniaster Capeila (Goniodiscus) Müll. Trosch. S. 61.
Alle ohne nähere Fundortsangabe, der letzte sogar
mit Fragezeichen bei der Vaterlandsangabe China.
Da Oreaster eine hauptsächlich tropische Gattung
ist, so ist anzunehmen, dass obige aus dem südlichen
China stammen, dessen Fauna sich schon sehr der indi-
schen nähert , wenn sie überhaupt wirklich in China zu
üeber ostasiatische Echinodermen, 355
Hause sind. Andere sichere Fundorte kenne icli für keine
dieser fünf Arten.
Wiederholte Windstillen während der Fahrt der
Kgl. Fregatte Thetis von Sing-apore nach Japan haben
mir Schleppnetzzüge mit Asterienansbeute ermöglicht, den
ersten im südchinesischen Meere unter 7^ Nordbreite und
108" Ostlänge von Greenwich, in 40 Faden Tiefe, den
zweiten in der Formosastrasse , Amoy gegenüber, in 25
Faden. Beide brachten mir Arten, die ich weder in Japan
noch im indischen Archipel gefunden. Die grösste und zu
beiden Malen erhaltene war ein Stellaster. Es scheinen
demnach die kurzarmigen Seesterne mit stark entwickel-
ten Randplatten in den chinesischen Meeren eine ver-
hältnissmässig bedeutende Rolle zu spielen.
1. Linchia semiseriaia m. (Untergattung Scytaster M. Tr.)
Fünf Arme. Scheibenradius zum Armradius := 1 : b^/2'
Arme gleichmässig verschmälert, unten etwas abgeplattet,
am Grunde noch nicht V/2Vli^\ so breit als hoch. Fur-
chenpapillen eng gedrängt, in ununterbrochener Reihe;
nach aussen davon und an der Seite der Arme bis gegen
den Rücken hin 10 Reihen viereckiger, gekörnter Plätt-
chen, die der unteren 2 und der obern 4 Reihen grösser und
sehr regelmässig gestellt , je ein Plättchen einer Reihe
dem entsprechenden der Nachbarreihe seiner ganzen Länge
nach anliegend, wodurch ein quadratisches Getäfel
entsteht. Der mittlere Theil des Armrückens, etwa ^2
der Armbreite betragend , der zwischen den obersten
Reihen beider Seiten übrig bleibt, wird dagegen von ab-
gerundeten fast schuppenförmigen, (ebenfalls gekörnten)
Täfelchen gebildet, welche in quincunx stehen, ab-
wechselnd zu drei oder vier quer über, mit stärker con-
vexem aboralen und fast geradlinigem adoralen Rande.
Zwischen je Einem adoralen und den zwei Hälften zweier
aboraler Ränder liegt Eine Pore. Auf der Scheibe stehen
die Plättchen minder regelmässig, in der Mitte derselben
sind sie kleiner.
Farbe (in Spiritus) gelblich. Armradius 39 Mill.
Süd-Chinesische See, 7" Nordbreite, in 40 Faden
Tiefe mit dem Schleppnetz gefangen.
356 V. Martens:
Die nebencinanclcr vorhandene Vcrschicdenlieit in
der xYnordnung der PUittchcn auf dem Armrücken erin-
nert an L. semiregiilaris^ aber ^^■ährend bei letzterem die
Grenze beider Gebiete quer über don Arm geht, ver-
läuft sie hier längs derselben und ist nur eine reichere
Entwickelung des Unterschieds zwischen Randplatten und
Armrückenplatten, welcher bei vielen anderen Arten von
Linckia durch die zwei regelmässigen Reihen grösserer
Plättchen längs der Seite des Armes angedeutet, in an-
derer Gattung z. B. Oreaster und Astropecten , scharf
ausgeprägt ist.
2. Goniaster (Stellaster) equestris Hetz sp. — Stellaster
Childreni (Gray Ann. and.Mag. n. h. VI. 1841. p. 278?).
Müll. u. Troschel syst, asterld. p. 62 und 128. Taf. 4.
Fig. 3. — St. gracilis Möbius Abhandl. des naturwiss.
Vereins in Hamburg Bd. IV. 1860. S. 12. Taf. 4. Fig. 3. 4.
Oben und unten mit gekörnten Tafeln bedeckt.
Randplatten gleichmässig granulirt, die unteren mit je
einem platten, eingelenkten Stachel, Armwinkel ausge-
rundet, aber Arme lang und ^Qg^^ri die Spitze dünn. An
den von mir im chinesischen Meer gesammelten ist der
After niclit merklich excentrisch, und es finden sich fünf
kleine Höcker, von beiden Seiten etwas zusammenge-
drückt, ein regelmässiges Fünfeck bildend, das ungefähr
gleichweit vom Cenlrum als vom Rande entfernt ist, und
in dessen Umriss auch die Madrcporenplatte fällt. Die
Pedicellarien (klappenartige) sind auf der Rückenscite
seltener als auf der Bauchseite. Die grösseren Rücken-
tafcln werden reichlich so gross wie der von oben sicht-
bare Theil der Randplatten, (auch bei den Mülle r'schen
Originalexemplaren). Poren in Gruppen auf dem Rük-
ken der Arme und Scheibe. Drei Reihen von Platten auf
dem Armrücken zwischen den Randplatten im mittleren
Drittel der Armlänge, weiterhin eine einzige Reihe und
zuletzt stossen die Randplattcn zusammen.
In der südchinesischen See und der Formosastrasse
aus Schlammgrund, in 40 und 25 Faden Tiefe mit
dem Schleppnetz aufgefischt.
Der Unterschied der Gattung Stellaster von Gonia-
Ueber ostasiatische Ecbinodermen. 357
ster (GoniodisciTS und Astrogonlum M. Tr.) beruht haupt-
sächlich auf den Stacheln der unteren Randplatten ; -wenn
man bedenkt, Avie wenig constant diese bei Arten von
Oreaster sind, so erscheint er von wenig Gewicht. St.
equestris ist in Gestalt wie in Bekleidung der Rücken-
und Bauchseite sehr ähnlich dem Astrogonium Capeila
Müll. u. Troschel, so dass man erst die Furchenpapillen
und die innersten Bauchplatten (vgl. unten) ansehen muss,
um G. capella nicht für einen kahl gewordenen Stellaster
equestris zu halten.
Die kleinen Höcker der Oberseite sowie die Pedi-
cellarien scheinen bei dieser Art mehrfach zu variiren.
Das Originalexemplar von Stellaster Childreni Gray im
brit. Museum, das Prof. Peters darauf zu untersuchen
die Güte hatte, zeigte gar keine bestimmten Höcker, son-
dern nur einige leichte Anschwellungen. Das Exemplar
des Berliner Museums, nach welchem Müller und T rö-
sch el die Art beschrieben, ist an der Oberseite sehr
abgerieben und zeigt nur stellenweise Spuren, welche
auf früheres Vorhandensein solcher Höcker deuten. St.
Childreni des Hamburger Museums zeigt die Höcker,
aber in unregelmässigen Abständen vom Centrum, von
den zwei Exemplaren des St. gracilis Möbius ebendaselbst
das eine je zwei, das andere 2, 1 oder keinen Höcker
in einem Radius. Die Poren stehen auf der Oberseite
stets zu 2 — 5 zusammen, und erstrecken sich bei den
von Möbius als gracilis bezeichneten Exemplaren weiter
gegen die Mitte der Schale als bei den andern. Uebri-
gens sind bei allen mir vorliegenden Exemplaren von
Stellaster die Poren auf den Armen zahlreicher als auf
der Scheibe und fehlen völlig in der Mitte der Inter-
radialräume^ die durch zwei Reihen grösserer Rücken-
platten bezeichnet ist. Die klappenförmigen Pedicella-
rien sind bei dem Berliner Originalexemplar ebenso zahl-
reich auf der Oberseite xne auf der Unterseite; bei den
von Möbius als St. Childreni und den als gracilis von
ihm unterschiedenen Exemplaren des Hamburger Mu-
seums oben weniger zahlreich. Die der Unterseite sind
bei dem Hamburger Childreni kaum zweimal so breit
358 V. Märten s:
(scheinbar lang) als dick, bei dem Berliner viele dreimal
so breit, doch nicht alle, bei gracilis Möbius sogar vier-
mai, bei den von mir gesammelten meist nur doppelt so
breit. Doch wechselt dieses Verhältniss zwischen den
Pedicellarien desselben Individuums zu bedeutend, als
dass ein Artunterschied darauf zu begründen sein dürfte.
Gray Proceedings of the zool. soc. 1847. p. 77 un-
schcidet drei Arten von Stellaster folgendermassen :
St, Childreni: weiss , Armradius mehr als Doppelte
des Scheibenradius , keine Höcker , Centralplatten
(der Unterseite?) bedeutend grösser.
Japan.
St. Belcheri: weiss, Armradius mehr als das Doppelte
des Scheibenradius; 2 — 3 Höcker in der Mittellinien
des Armrückens. Nur Eine Plattenreihe auf den Armen
zwischen den Rand platten.
Nördliches Ausstralien.
St. Incei: piirpurroth (auch getrocknet), mit zerstreuten
konischen Höckern, grösseren auf der Mittellinie der
Arme und kleinern dazwischen.
Amboina und Neu-Guinea.
Das Berliner zoologische Museum besitzt zwei wei-
tere Formen von Stellaster, deren Charaktere die Auf-
stellung eigener Arten zu rechtfertigen scheinen, nämlich :
a) Goniaster (Stellaster) tuhercidosus n. sp.
Unterscheidet bei gleicher Grösse und Habitus von
unsern equestris folgendermassen :
1) die meisten Rückenplatten tragen in ihrer Mitte
einen Höcker oder doch die sichtliche Spur, dass
ein solcher dagewesen und verloren gegangen; die-
jenigen längs der Mittellinie der Arme sind die
grössten;
2) auch die obern Randplatten tragen solche Höcker;
3) die grössern platten Furchenpapillen der äussern
Reihe stehen fast immer zu zwei auf Einer Platte.
Die Farbe des trocknen, offenbar schon lange aufbe-
wahrten Exemplars ist gelbbraun mit Spuren dunkler
Flecken.
Vaterland unbekannt.
I Ueber ostasiatische Echinodermen. 359
b. Goniaster (Stellaster) Mülleri n. sp.
Scbeibenrcadius zum Armradius wie 1 : 3. Furcben-
papillen der äusseren Reibe nicbt grösser als die der in-
neren, mebrere auf einer Platte. Keine Höcker und keine
Pedicellarien auf der Rückenseice. Poren nur einzeln
zwiscben den Rückenplatten, auf der Scbeibe seltener.
(Bei allen mir vorliegenden Arten feblen die Poren in
der Mitte der Interbracbialräume, welcbe zugleicb durcb
zwei Reiben etwas grösserer Platten ausgez(^bnet ist.)
Scbon von der Mitte der Armlänge an nur eme Reibe
Rückenplatten zwiscben den Randplatten. Nur 12 Rand-
platten. Obere Randplatten obne Höcker, von den unteren
tragen bei weitem nicbt alle einen Stacbel.
Farbe des trocknen wxiss. Grosser Radius 32 MilL,
kleiner IIV2 Mill.
Ein Exemplar im Berliner Museum mit der Etikette ;
St. Cbildreni. Japan. Bacbmann.
Sollte Gray's Cbildreni unser Mülleri, sein Bel-
cheri unser equestris und sein Incei unser tuberculosus
sein? leb bin dessbalb nicbt geneigt es zu glauben, weil
man nicbt wobl annebmen darf, dass Gray die übri-
gen wesentlicben Unterscbiede der von mir bescbriebenen
Arten überscben bätte.
Es scbeint demnacb eine Reibe nab verwandter
Arten vom (südlicben?) Japan bis in den indiscben Ar-
cbipel sieb zu erstrecken.
Untergattung Ogmaster m.
Die fünf innersten Baucbplatten an ibrer adoralen
Seite tief gespalten.
Goniaster (Ogm.) capella Müll. Troscb. sp. Gonio-
discus capella Müll. u. Troscbel p. 61.
Die Platten der Rücken- sowie der Baucbseite wer-
den gegen den Rand zu zablreicber und kleiner. Keine
Randstacbeln. Gleicbt in Form, Farbe und Rückenbe-
Ifleidung ganz auffallend dem ebcnbescbriebenen G. Mül-
leri. Im Uebrigen siebe die Bescbreibung von Müller und
86Ö V. Martens: lieber ostasiatische Echinodermen.
Troschel, in der die charakteristische Spalte der in-
nersten Bauchplatteii auffallendcrweisc nicht erwähnt wird.
China ?^ v. d. Busch.
3. Astropecten velitaris n. sp.
Fünf Arme. Scheibenradius zum Armradius — 1:3.
Furchenpapillen 3 — 4 in einer Querreihe. Die unteren
ßauchplatten voll kleiner schuppenartiger Staclielchen,
von denen einzelne, namentlich ^c^an den Rand zu,
grösser werden , ohne mehr als die halbe Länge des
einen grossen Randstachels jeder dieser Platten zu er-
reichen. Die oberen Randplatten, 20 an jeder Armseite,
einfach granulirt, ausgenommen die zwei je einen Arm-
winkel bildenden, von denen jede einen starken auf-
rechtstehenden Stachel trägt, halb so lang, wie die un-
teren Randstachcln. Rücken der Arme und Scheibe
gleichmässig mit Paxillen besetzt. (Farbe in Weingeist
blassgelb, wie bei den anderen Arten dieser Gattung.)
Armradius 16 Milk, Hohe 31/2 Mill.
Süd- chinesische See, 7*^ Nordbreite, in 40 Faden
Tiefe, mit dem Schleppnetz aufgefischt.
Da ich nur ein Exemplar gefunden habe und dieses
für die Gattung auffallend klein, so kann man daran den-
ken, ob es nicht ein Jugendzustand irgend einer anderen
Art sei, vielleicht des A. armatus M. Tr., der auf allen
oberen Randplatten einen ähnlichen aufrechten Stachel
trägt, w^ie unser leichtbewaffneter (velitaris) nur in den
Armw^inkeln ; die Analogie von Oreastcr spricht aber
eher dagegen, indem ich bei diesen die Randstacheln an
jüngeren Exemplaren gerade zahlreicher finde. Bei Astro-
pecten Hemprichii M. Tr. sind umgekehrt die oberen
Randplatten in den Armwinkeln gerade die einzigen,
welche keine Stacheln tragen.
(Fortsetzung im ersten Hefte des folgenden Jahrgangs.)
iJonn, Druck von Carl Gcorgi.
//%:
W.i.
f\q. f
Fui :'
/■">
/lyO
m
lYff..
CD
^ m
/■:., /■
/■■„, 7
n^.9
Fl., /(^
r9
"^'
X,
f.9
'"^k^
j'v/>.'
Taf II
'^ Fu/2/
Fiy.20b.
CFSc/midcUth'
rs6s.
Tafm.
MauxOmUt<Ln Kornv deÄ, -
C F. Schmidt/ HX/i^.
/S6S. Taf.n'
vs.
c.ad
fie.
ut
Fi^J R^.2.
I
/'ly.J'
FÜ/.5
rh ^y-^^-
,.h
p<-
\J J
VS-r^^>
- VS-
it.
Mee.7 likßa del C F. Schmidt, iHTs-
/S65.
Taf.r.
Mouzx,nilian/ Körner
0- F Schmidt liüv.
1865
Taf.\'l
1865.
Taf. n
"^^o-^-x-^t^
A2sf2e^ <aä«?
^u^c Zrcsc^^i so .
£'lsne^ ciie^
Z^uffo TrosvA^isc .
/^d.o
7afX.
r^^
e.6
►:;!iöää^O(§p
/j^.
l-JT
i^ ' —^Bte"
//.
6):„ e
«> 'i
sP^ i m ^,
fe'
o
o=
^
y^.
/<^.
-SHÖuT
ELtn^r J^4.
ha4.7ett,ti ^A/^Af'/
/('/0\y.
T,ir-JO[.
.'^Lmcr M.
Ha^eiiftAuier ,
/ses
TafM
/}y./
%
V
Fi^Mi
Autor 6UZ-
C.FScfimuijü Utfi.
Tai.Xlll.
/<^6S.
TafJJK
F^^
2.
F^^./.
■f
f
■ d
d
{
/
Fi^.S.
\ ! n
/
Autor dei/.
C. F. Schmidt Uth'