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ARCHIT
FÜR
NATURGESCHICHTE
GEGRÜNDET VON A. F. A. WIEGMANN
FORTGESETZT VON W. F. ERICHS ON.
IN VERBINDUN« MIT
mOF. DR-LEUCKART IN LEIPZIG
HERAUSGEGEBEN
Db f. h. trosceei.,
PROFESSOR AN DER FRIEDRICH- WILHELMS-UNIVERSITÄT ZU BONN,
VIER UND VIEJRZIGSTEB JAHIiaAJSfG.
Ureter Band.
Mit 13 Tafeln.
Berlin,
Nicolaische Verlags-Buchhandlung*.
(R. Stricker.)
1878.
Inhalt des ersten Bandes.
Seite
Entwickelung einiger Venezuelanischer Schmetterlinge nach
Beobachtungen von Gollmer. Bearbeitet von Dr. H. De-
witz in Berlin. Hierzu Tafel I 1
üeber das Skelet des Tapirus Pinchacus. Von Ludwig
Döderlein in Strassburg 37
Kleinere Bruchstücke zur vergleichenden Anatomie der Arthro-
poden. Von G. Hai 1er. Hierzu Tafel H 91
1. üeber das Athmungsorgan der Stechmückenlarven . 91
2. Die Chitinorgane an der Saugplatte der Vorderfüsse
bei den Dytiscusmännchen 96
3. Einiges über Pollyxenus Lagurus De Geer 99
Beiträge zur Naturgeschichte wirbelloser Thiere von Kerguelens-
land. Von Prof. Th. Studer in Bern. Hierzu Tafel
III- V 102
üeber eine Fauna von Süsswassercrustaceen in Kergue-
lensland 102
Vorläufige Bemerkung über das Begattungsorgan der Tritonen.
Von Dr. J. von Bedriaga 122
Lacerta muralis var. Rasquinettii. Von Dr. J. von Bedriaga 128
Die Erscheinung des Wanderns odep Ziehens in der Thierwelt
im Allgemeinen und der Vögel im Besonderen. Von Dr.
A. W. Malm. Aus dem Schwedischen 129
Neues Verzeichniss der Thiere, auf welchen Schmarotzerinsecten
leben. Von Gurlt, mit Hinzufügungen von Schilling. 162
Helminthologische Beiträge von Jos.ülicny in Tabor. Hierzu
Tafel VI 211
Neue Beobachtungen an Helminthen. Von Dr. von Linstow
in Hameln. Hierzu Tafel VII— IX 220
IV
Seite
Ichthyologische Notizen. Von Dr. von L instow in Hameln. 246
Kurze Notizen über einige neue Crustaceen, sowie über neue
Fundorte einiger bereits beschriebenen. Von Prof. Robb y
Kossmann 251
Herpetologische Studien. Von Dr. J. von Bedriaga in Heidel-
berg. Hierzu Tafel X 259
Beiträge zur Anatomie der Hautdecke bei Säugethieren. Von
Hugo Ribbert. Hierzu Tafel XI 321
Versuch einer natürlichen Anordnung der Spinnen, nebst Be-
merkungen zu einzelnen Gattungen. Von Dr. Ph. Bert-
kau in Bonn. Hierzu Tafel XII 351
Reflexionen über die Theorie, durch welche der Saison-Dimor-
phismus bei den Schmetterlingen erklärt wird. Von Dr.
P. Kramer in Schleusingen 411
Beiträge zur Kenntniss des Hermaphroditismus und der Sperraa-
tophoren bei nephropneusten Gastropoden. Von Dr. Georg
Pfeffer. Hierzu Tafel XHI 420
Entwickelung einiger Venezuelanischer Schmetter-
linge nach Beobachtungen yon G o 1 1 m e r.
Bearbeitet
von
Dr. H. Dewitz
in Berlin.
Hierzu Tafel I.
Mit der grössten Ausdauer und Liebe zur Sache hat
Gollmer in den Jahren 1855, 56 und 57 in Caracas tau-
sende von Insekten gesammelt, die Entwickelung vieler,
besonders aus der Ordnung der Lepidopteren beobachtet
und seine Sammlungen, wie auch die Beschreibung der
Entwicklungsstadien,* an das Berliner zoolog. Museum ge-
schickt. Leider starb G. bald darauf ; er hätte gewiss noch
viel auf dem Gebiete der Insektenbiologie geleistet. Da
dieses wohl seine ersten Beobachtungen waren, so sind
seine Beschreibungen bei aller Genauigkeit doch nicht
immer klar, indem er das Nebensächliche zu wenig von
den Hauptcharakteren gesondert hat. Dächer konnte die
Beschreibung der Farben, welche bei einem Theil der in
Spiritus eingesandten Raupen gänzlich geschwunden waren,
nicht immer ein klares Bild liefern.
Herr General Quedenfeldt besass die Freundlichkeit,
die schwierigeren Zeichnungen anzufertigen, welche an Ge-
nauigkeit wohl nichts zu wünschen übrig lassen; ich sage
genanntem Herrn hier nochmals meinen besten Dank.
Papilio Änchisiades.
Esper, ausländische Schmetterlinge t. 13. f. 1. u. 2.
Raupe bei Stoll, Aanhangsel van het werk de uitlandsche
kapeilen, (Supplementband zu Cramers Papillons exoti-
ques) t. 1. f. 2.
Die Raupe lebt auf der süssen Orange (Apfelsine).
G. sah 30 Stück an der Nordseite eines Stammes die-
Archiv für Naturg. XXXXIV. Jahrg. 1. Bd. 1
2 H. Dewitz:
ses Baumes nicht hoch über der Erde; sie sassen dicht
an- und über einander gedrängt mit dem Kopfe nach oben
gerichtet. Beim Berühren mit dem Finger warf das be-
treffende Individuum wüthend den vorderen Theil in die
Höhe und schob plötzlich 2, vorher nicht sichtbare, lange,
hinter dem Kopfe stehende Hörner hervor, wobei ein so
penetranter Geruch verbreitet wurde, dass man sich des-
selben auf 1 Schritt Entfernung nicht erwehren konnte. Täg-
lich zogen die Raupen in die Krone des Baumes, wo sie sich
zerstreuten und Nahrung zu sich nahmen; doch immer suchten
sie sich wieder eine gemeinsame Ruhestätte ; ob immer die-
selbe, gehtaus Gollmer's Schilderung nicht klar hervor. Auch
in einem Glase drängten sich die Thiere dicht an einander.
Sie sind 0,036 m. lang, tragen auf dem Rücken 2 Längs-
reihen kurzer Hörner; jedes Segment besitzt deren 2;
ausserdem findet sich an jedem der 3 Brustringe jederseits
noch ein kleines Höckerchen. Die Bauchseite ist etwas be-
haart, die Farbe des Körpers schwarzbraun (ein Gemisch
aus Schwarz und Violetbraun) mit weissen Sprenkeln,
Adern besetzt. Auf der Mittellinie des Rückens liegt eine
Reihe schwärzlicher, weiss eingefasster, rhombischer Flecken
(auf jedem Segment einer), welche sich jedoch nur sehr
schwach von der übrigen Färbung abheben. Bauch und
Hautfüsse hellgrau, Hörner und Brustfüsse gelbbraun, der
platte, breite Kopf glänzend hellbraun.
Am 12. April (56) setzten sich mehrere gefangen ge-
haltene Raupen mit dem Kopfe nach oben zur Verpuppung
fest; am folgenden Tage war dieses Geschäft beendigt.
Die Puppe besitzt dieselbe Länge, wie die unseres Schwal-
benschwanzes, ist jedoch dünner und schlanker, das After-
ende viel breiter, die Fläche, mit der sich dieses ansetzt,
also eine grössere, als sonst bei denPapilionen; die Farbe
blass bräunlich mit dunkelbraunen Fleckchen; ausserdem
ist sie mit bräunlich weissen Wärzchen bestreut. Am
1. Mai kamen die ersten beiden Schmetterlinge aus.
Papilio Polydamas.
Lin. Cram. t. 211. f. D u. E.
Die Raupe (Fig. 1) ist 0,042 m. lang, besitzt eine
Entwickehmg einiger Venezuelanischer Schmetterlinge. 3
nackte, runzlige Haut; der Rückentlieil eines jeden Segmentes
trägt zwei nach hinten gerichtete Hörner von etwa 0,002 m.
Länge, welche weich und häutig, nur an der Spitze
etwas stärker chitinisirt sind und auf dem Rücken zwei
Längsreihen bilden; ausserdem steht noch an jeder Seite
des Körpers eine Reihe etwas kürzerer Hörner, welche
an den ersten Leibesringen mehr nach oben gerückt, an
den übrigen bis zu den Bruchfüssen herabgezogen sind. Der
erste Brustring trägt nur zwei unmittelbar hinter dem Kopfe
stehende Hörner, welche länger und auch stärker chitinisirt
sind als die übrigen; zwischen ihnen liegt der gelb gefärbte
Hautwulst, welcher, wie wohl bei allen Papilionen, die
beiden an die Fühler einer Schnecke erinnernden, gelben
Ausstülpungen hervorschiessen lässt. Der Körper ist vio-
letbraun gefärbt, dunkler die an den Seiten sich schräge
nach hinten stellenden und über dem Rücken in Bogenli-
nien verlaufenden Furchen der Oberhaut; Kopf und Füsse
schwarz, Hörner ziegelroth mit violetbrauner Spitze. Un-
mittelbar über den drei Brustfüssen, wo diese den Seg-
menten angewachsen sind, liegen jederseits 3 blassorange-
farbene Flecken. Die Raupe scheint gesellig zu leben ; sie
kriecht an den Stengeln gerne in Gemeinschaft mit meh-
reren, eine hinter der andern, empor. Die unteren dicht
an der Bauchseite stehenden Hörner des 10. Leibesringes
sind ziemlich lang und in einem fortwährenden Auf- und
Niederbewegen begriffen*).
Nach der Beschreibung und Zeichnung Gollmer's
besitzt die Puppe auf der Rückenseite ein äusserst höck-
riges Ansehen; die Brust trägt einen grossen Aufsatz, der
Hinterleib an jeder Seite einen gezähnten Längskamm;
die Bauchseite der Puppe ist glatt und gewölbt, während
die Rückenseite einen ziemlich starken Knick macht; die
Anheftung dieselbe, wie bei Machaon L., die Farbe grau-
grün, an den hervorragenden Leisten dunkelgrün. Am
19. Januar (57) nahm bei einem Thier, welches sich am
25. December (56) verpuppt hatte, der Kopf- und Brust-
1) Sericinus Telamon besitzt nach Lucas hinter dem Kopfe
neben den hervorstülpbaren Hörnern zwei bewegliche Anhänge
(Bullet, soc. ent. de France 1866, p 18).
4 H. Dewitz:
theil ein weissgrtines, der Hinterleib ein dunkel fleisch-
farbenes Aussehen an; am 21. Januar entschlüpfte der
Schmetterling der Puppenhülle.
Papilio Asterias.
Cram. t. 385. f. C. u. D.
Kaupe und Puppe bei Boisduval et Leconte, Iconogr.
des Lepidop. et des chenilles de l'Amerique septentrion.
t. 4. besser abgebildet bei Smith-Abbot, the natural history
of the rarer Lepidopterous Insects of Georgia, t. 1.
Die Raupe (Fig. 2) lebt auf Arracacha Esculenta
Decand., dem Apio der Creolen ; sie gleicht in Gestalt und
Zeichnung der Raupe unseres Machaon L. und besitzt
auch ziemlich dieselbe Grösse. Die Hauptfarbe ist gelb-
grün, die Einschnürungen zwischen den einzelnen Seg-
menten sind grau bis schwarz. Parallel den Einschnitten
verläuft von einem Stigma über den Rücken zum andern
desselben Segmentes eine schwarze, mit 6 quittengelben
Flecken besetzte Binde. Da die Flecken auf allen Seg-
menten dieselbe Lage haben, so bilden sie 6 Längsreihen
auf dem Körper, von denen die unterste jederseits unmit-
telbar unter der Stigmenreihe liegt; die 4 übrigen ver-
faufen in gleichen Abständen von einander an den Seiten
und auf dem Rücken. Die Bauchseite ist mit Ausnahme
einiger schwarzer Flecke und der schwarzen Füsse grün;
der Kopf (Fig. 3) grün mit einem gelben, schwarz einge-
fassten Dreieck auf der Stirn, in dessen Mitte das schwarze
Schildchen liegt. Die Punktaugen liegen in einem schwar-
zen Fleck an jeder Seite des Kopfes.
Am 9. April (57) befestigte sich eine Raupe in auf-
rechter Stellung, wie die unseres Machaon L. an einem
Stengel, war nach 2 Tagen zur Puppe umgebildet und
lieferte am 23. April den Schmetterling. Die Gestalt der
Puppe (Fig. 4) ist fast ganz gleich der von Machaon, auch
variirt die Färbung ebenso, wie bei dieser: grünlich und
grau oder auch fleischfarben mit schwarzen Sprenkeln.
Eine Puppe soll sich in wagerechter Stellung, eine andere
sogar mit dem Kopfe nach unten aufgehängt haben.
Entwickelung einiger Venezuelanischer Schmetterlinge. 5
Pieris Elodia.
Hühner Zuträge, L 853 ii. 54.
Die Raupe lebt auf Tropaeolum LobbianumVeitch. (Kapu-
zinerkresse), ist 0,025 m. laug, auf dem Rücken gelb mit dicht
an einander liegenden, schwarzen Querfurchen, im Uebrigen
grün; an jeder Seite läuft eine breite gelbe Längslinie.
Die feinen kurzen Härchen verleihen der Haut ein sam-
metartiges Ansehen. Am 23. September (56) setzte sich
eine Raupe fest, war am 24. Abends bereits zur Puppe
geworden und lieferte am 2. Oktober den Schmetterling.
Die Puppe (Fig. 5 u. 6), besitzt eine Länge von 0,02 m.
am vorderen Ende des Kopfes zwischen den beiden Augen
ein nach vorne vorstehendes, an der freien Spitze verdicktes
Hörn und am vorderen Theile des Hinterleibes auf der
Rückenseite, unmittelbar über den Flügelscheiden jederseits
einen gekrümmten langen Dorn; auf der Mittellinie der
Rückenseite verläuft vom Kopf- zum Afterende ein scharfer
Kiel. Die Farbe der Puppe ist bläulich grün; Hörn am
Kopfe und Kiel gelb; bei der späteren Entwickelung geht
das Grün mehr in Gelbgrün über, und man sieht dann die
weissen Flügel mit ihren schwarzen Spitzen durchscheinen.
Der Schmetterling ist sehr gemein und legt meistens
auf der Unterseite der Blätter in Gruppen bis zu 50 Stück
seine Eier ab. Diese sind länglich ellipsoidisch an beiden
Polen abgeplattet; der abstehende Pol besitzt einen klei-
nen runden Eindruck, von dem 8 flache Rippen herablaufen,
doch verschwinden diese, bevor sie das andere dem Blatte
aufsitzende Ende erreichen. Die Farbe der Eier ist bald
fleischfarben, bald gelb oder orange. — Auch wurden eine
Menge der Raupen auf einem Kohlkopfe gefunden, mit
dieser Pflanze im Glase aufgezogen und ergaben denselben
Schmetterling. Gollmer machte nun den Versuch, auf
Tropaeolum geborene Raupen mit Kohlblättern zu füttern;
doch starben sie lieber, als dass sie den Kohl anrührten.
Danais Ärchippus.
Fab. Erippus Cram. t. 3. f. A. u. B. Raupe und Puppe
bei Boisduval et Leconte. t. 40.
Die Raupe (Fig. 7) lebt auf einer rothblühenden
6 H. Dewitz:
Asclepias. Der Körper besitzt ein geringeltes Ansehen, in-
dem gelbliche und schwarze Querbinden abwechseln, welche
bis zu den Füssen herabsteigen. Der vordere Rand der
Segmente, wo sie in das davorliegende übergehen, ist
schwarz, eine breite schwarze Querbinde verläuft auf der
Mitte der Segmente und trägt am unteren Ende jederseits
das Stigma; am hinteren Rande der Leibesringe nimmt
man eine schmale schwarze Binde wahr, welche als Ein-
kerbung parallel den beiden verläuft. Die Bauchseite ist
schwarz; auch der Kopf besitzt 2 breite, schwarze Binden.
Das erste Brustfusspaar ist sehr klein. Auf dem Rücken
des 2. und 11. Körperringes stehen 2 lange, schwarze,
peitschenartige Fäden, die vorderen dem Kopfe, die hin-
teren dem After zugewandt. Ergreift man die Raupe, so
spinnt sie einen Faden.
Ein Thier hing sich am 1. März (56) am Afterende
auf und war am 2. März Puppe. Diese besitzt eine hell-
grüne, bläulichweiss angelaufene Farbe und eine sehr
gedrungene Körpergestalt. Der Hinterleib ist etwas dicker
als die Brust, sehr kurz, kuppeiförmig; an seinem vorderen
Ende verläuft auf der Rückseite von einer Flügelscheide
zur andern eine schwarze, mit goldenen Punkten gezierte
Leiste; einige goldene Höckerchen stehen am vorderen
Ende des Körpers. Am 14. März erschien der Schmetter-
ling; ein anderes Thier war vom 14. — 26. März Pappe.
Das Weibchen legt an der Unterseite je eines Blattes nur
ein Ei, welches wie ein Bienenkorb gestaltet ist; vom
abstehenden Ende verlaufen nach der Basis zu feine
Längsrippen.
Obsiphanes Cassiae.
Lin. Hübner, exotische Schmetterlinge L Raupe und
Puppe bei Stoll. t. 3. f. 3.
Die eingesandte Raupe (Fig. 8) ist 0,08 m. lang (vom
Kopfe bis zur hinteren Spitze zweier, am iVftersegment
stehender, langer Fortsätze), besitzt eine haarlose, sich in
Folge kleiner Höckerchen körnig anfühlende Oberhaut und
zeichnet sich durch die eigenthümliche Gestalt des vorde-
ren und hinteren Endes aus. Der Kopf ist stark abge-
plattet, im Umriss annähernd viereckig und an seinem
Entwicklung einiger Venezuelanischer Schmetterlinge. 7
hinteren Ende mit einem Kranze 8 starker Dornen besetzt,
welche über das Genick hinweg nach hinten ragen. Die
beiden mittleren, die hintersten, sind die längsten, reichen
mit ihrer Spitze bis zur Hälfte des zweiten Brustringes ; der
jederseits folgende ist kürzer, etwas den beiden mittleren
zugekrttmmt; die beiden vordersten jederseits sind bedeu-
tend kürzer als die 4 übrigen, schon auf die Wangen ge-
rückt. Diese 8 Dornen sind mit feinen Höckerchen besetzt,
welche an den Sitzen derselben an Grösse bedeutend zu-
nehmen, so dass jeder Dorn wie eine Säge oder auch
Doppelsäge erscheint. — Ebenso eigenartig ist das hintere
Ende des Körpers gestaltet, indem vom letzten Segment
2 sehr lange, stark chitinisirte Dornen wie eine Gabel weit
nach hinten ragen; auch sie sind mit kleinen Höckerchen
besetzt. — Die in der Nähe des Mundes stehenden Punkt-
augen, die Ränder der Mundtheile, die Brustfüsse und
Scheiben der Bauchfüsse sind dunkelbraun bis schwarz
chitinisirt. Wie gewöhnlich, tragen die beiden hinteren
Brustringe kein Stigma; es ist mir überhaupt bisher noch
keine Raupe vorgekommen, bei welcher dieses der Fall
wäre; der erste Brustring besitzt wohl stets ein solches;
bei Familien anderer Ordnungen dagegen, so bei den Ameisen-
larven sind die beiden hinteren Brustringe, nicht jedoch
der erste mit Stigmen versehen. — Vorliegendes Spiritus-
Exemplar ist einfarbig weiss geworden. Die Grundfarbe
der Raupe ist nach Gollmer gelbgrün mit 3 quittengelben
Längslinien auf dem Rücken, von denen die 2 seitlichen
nach aussen durch eine bläuliche Linie begrenzt sind; an
den Seiten des Körpers folgen noch einige feine gelbe
Linien. Der Kopf ist strohgelb und fleischfarben gezeich-
net. Die nach rückwärts gerichteten Hörner (Dornen) am
Kopfe sind roth mit schwarzen, ^ glänzenden Köpfchen an
den Spitzen. Die beiden langen Fortsätze am letzten Seg-
ment sind oben weissblau, ihre Spitzen und Seiten quitten-
gelb, ihre untere Seite ist dunkler gefärbt. — In einem
jüngeren Stadium besitzt die Raupe auf dem Rücken 2
orangefarbene Linien, welchen nach den Seiten 2 bläulich-
weisse und eine feine orangefarbene folgt. Ein ganz jun-
ges Thier, erst 0,006 m. lang, war ganz gelb und besass
8 H. Dewitz:
bereits gut ausgebildete Hörner und Afteranhänge. — Die
Thiere leben auf Canna gigantea Desf. und Persea gratis-
sima Gärtn. Nach der Mahlzeit begeben sie sich regel-
mässig zur Ruhe, indem sie sich auf der unteren Blattseite
längs der Mittelrippe, die Spitzen der Afteranhänge zusam-
mengeneigt, gerade ausstrecken.
Eine Raupe hing sich am 9. December (55) mit dem
hinteren Ende an ein Blatt und war am 11. December zur
Puppe umgebildet. Der Schmetterling erschien am 2. Ja-
nuar (56). Zwei andere Thiere verpuppten sich am 6. und
8. Januar (56), der Schmetterling schlüpfte am 30. Januar
und 3. Februar aus. — Die eingesandten Puppenhüllen
(Fig. 9) besitzen eine Länge von 0,034 — 0,04 m., eine
weisse, in's Gelbliche spielende Grundfarbe mit choko-
ladefarbenen Linien, Leisten und Stigmen. Auf dem
Rücken trägt die Puppe einen scharf aufgesetzten Kiel,
an jeder Seite des Hinterleibes, unmittelbar unter den
Stigmen, wie auch auf der Mittellinie des Bauches eine
starke Längslinie. Zwischen dem Rückenkiel und der
Seitenlinie verläuft eine Anzahl feinerer, schräge gestellter
Linien, zwischen der Seiten- und Bauchlinie verlaufen 2,
bei einigen Exemplaren nur schwach angedeutete, zwischen
den einzelnen Segmenten unterbrochene Längslinien.
Die am vorderen Ende (Kopf und Brust) gelegenen
hervorragenden Leisten sind ebenso chokoladefarben, wie der
Rückenkiel, die beschriebenen Linien am Hinterleibe, die
Stigmen und einige Flecken auf der Brust. Am oberen
Rande der Flügelscheiden liegt auf der Brust jederseits
ein länglicher, goldener Fleck. Nach Gollmer sind die
Puppen im Leben hellgrün, etwas wachsartig durchschei-
nend mit violetten Linien und Leisten und den beiden
goldglänzenden Brustflecken. Doch berichtet er von einer,
dass sie während des Verpuppens statt des Hellgrüns eine
blasse Chokoladenfarbe angenommen und auch später be-
halten habe.
Der Schmetterling zeigt sich Abends in der Dämme-
rungsstunde auf der Strasse von Caracas, ist ein flüchtiges
Thier, geht jedoch in die Häuser (wohl Höfe und Gärten
gemeint?), um an den Pflanzen seine Eier abzulegen. Diese
Entwickelang einiger Venezuelanischer Schmetterlinge. 9
sind annähernd kugelrund, von der Grösse eines grossen
Mohnkorns mit einem concaven, kreisrunden Eindruck, in
welchem das benachbarte eingekittet ist; doch lassen sie
sich bei ziemlich starker Berührung von einander trennen.
Von dem diesem Eindruck gegenüberliegenden Pole ver-
laufen nach dem Rande des ersteren auf der Oberfläche
des Eies Rippen, auf denen man bei genügender Ver-
grösserung noch Querriefen wahrnimmt. Das ganze Ei
ist weiss gefärbt mit Ausnahme von 3 dunkelbraunen
Querbinden, welche die Rippen senkrecht schneiden.
Die Männchen besitzen bekanntlich am Hinterrande
der Hinterflügel zwei Haarbüschel und in einer Höhe mit
diesen an jeder Seite des Hinterleibes einen von Haaren
entblössten, glänzend grünen Fleck, welcher in der Mitte
orangefarben gezeichnet ist. Natürlich sind diese Farben
bei trockenen Exemplaren nicht mehr sichtbar. Ueber die
Funktion dieses Apparates ist man noch im Unklaren.
Vor Kurzem erschien von F. Müller') eine Arbeit hier-
über. Bei Callidrjas Argente und andern nahm er einen
moschus- oder vanilleartigen Geruch beim Auseinander-
klappen der Flügel wahr, welchen die Büschel ausströmten,
und glaubt, sie spielen bei der Begattung eine Rolle, in-
dem sie das Weibchen reizen.
Es ist wohl wahrscheinlich, dass der Geruchsstoff in
einer Drüse, welche unter dem nackten Fleck am Hinter-
leibe im Innern des Körpers liegt, bereitet, an dieser von
Haaren entblössten Stelle der Oberhaut nach aussen tritt
und, sobald das Thier die Flügel zusammenklappt, von
den Haarbüscheln aufgewischt wird.
Sphinx Tetrio.
Lin. Fab. Hasdrubal. Gram. t. 246. f. F. Raupe und
Puppe bei Merian, Metamorphosis insectorum Surinamen-
sium t. 5. und Sepp, Surinaamsche Vlinders. t. 101. Die
Raupe beschreibt auch Fabricius, Entomologica systematica.
Tom. III. Pars I. p. 366.
1) Jenaische Zeitschrift für die gesammten Naturwissenschaf-
ten. XI. 1877, pag. 99 — 114. Ueber Haarpinsel, Filzflecke und ähn-
liche Gebilde auf den Flügeln männlicher Schmetterlinge.
10 H. Dewitz:
Die Raupe (Fig. 10) frisst die Blätter jenes präch-
tigen Baumes, den die Kreolen Mapola nennen, der Plu-
meria Rubra L., besitzt eine Länge von 0,1 m., eine
schwarze, sammetartige Haut mit einer schwefelgelben Quer-
binde auf jedem Segmente, welche bis zur Bauchseite her-
abreicht. Auf der oberen Seite des drittletzten, des 11.
hinter dem Kopfe •) liegt ein rothgelber, halbkreisförmiger,
mit schwarzen Wärzchen besetzter Fleck; in seiner Mitte
trägt er ein 0,016 m. langes, fadenförmiges Hörn, welches
sich beständig nach hinten zurückschlägt. Die Bewe-
gungen dieses Organes correspondiren mit dem beständigen
Zucken des Kopfes. Der Rückentheil des ersten Brust-
ringes trägt eine halbmondförmige, blass ziegelrothe, mit
schwarzen Wärzchen besetzte Chitinplatte ; ebenso sind die
Bauchftisse und die beiden letzten Segmente gefärbt und
mit schwarzen Wärzchen besetzt; Kopf und Brustfüsse
roth. Die Raupe besitzt einen sehr reizbaren, bösen Cha-
rakter; ihre Fressfähigkeit grenzt an's Unglaubliche.
Ein 0,03 m. langes Thier (Fig. 11) zeigt dieselbe Zeich-
nung, doch ein im Verhältniss viel längeres Hörn (0,013 m.) ;
auch trägt die Afterklappe auf der oberen Fläche 2 senk-
recht aufgesetzte Dornen, von denen wir bei den Erwach-
senen nur noch Spuren in Gestalt zweier Warzen wahr-
nehmen. Diese beiden Dorne sind analog den langen
Fortsätzen der Raupe von Obsiphanes Cassiae L., wie
überhaupt den Anhängen (Styli, Cerci), welche sich bei
den Insekten, besonders den Orthopteren so oft auf der
Rückenseite des letzten Segmentes vorfinden.
Am 26. Juli (56) legte sich ein Thier halbmondförmig
gekrümmt in den Sand, um sich zu verpuppen, was am
2. August beendigt war. Die Puppe besass anfangs eine
schöne glänzende Orangefarbe und wurde nach einigen
Tagen dunkel kastanienbraun; am 22. August war sie von
Schmarotzerlarven, welche s^h im Sande verpuppten, ganz -
lieh zerstört. Vier andere Raupen verpuppten sich vom
16. bis 24. September; am 23. Oktober erschien der einzige
sich vollständig entwickelnde Schmetterling. Auch fand
1) Ich nehme 13 Leibesringe hinter dem Kopfe an.
EntwickeluTig- einiger Venezuelanischer Schmetterlinge. 11
Gollmer zu dieser Zeit junge, erst wenige mm. lange Rau-
pen, über deren Färbung er leider nichts mittheilt. — Wäh-
rend des Actes der Verpuppung vernimmt man ein grosses
Geräusch, verursacht durch ein wiederholtes, immer wieder-
kehrendes Hin- und Herwerfen der Raupe. — „Im Dunkeln
leuchten die Augen des Schmetterlinges wie glühende
Kohlen.'^ -
Ausser dem erwachsenen und jungen Thiere von
Caracas besitzt das Berliner Museum noch 8 Exemplare,
6 erwachsene und 2 jüngere. Da wo bei anderen Sphinx-
raupen die Dorsale, Subdorsale und Suprastigmale^) liegen,
zeigen sich, bei den verschiedenen Exemplaren bald mehr
bald weniger deutlich, Einbuchtungen des Schwarz in den
Vorderrand der gelben Querbinden. Bei den jungen Thie-
ren und einigen der erwachsenen wurden die gelben Binden
auf der Mittellinie des Rückens vom Schwanz ganz durch-
brochen. Bei andern, bei denen das Gelb der Ringe schon
die Oberhand gewonnen hat, bei welchen auf der Dorsale
also nicht mehr ein Durchbruch, sondern nur noch eine
Einbuchtung des Schwarz sich zeigt, sehen wir an der
Subdorsale und Suprastigmale statt jeder Einbuchtung ein
schwarzes Pünktchen im Gelb als Ueberrest der schwarzen
Einbuchtung. Ein ebensolches Pünktchen markirt sich bei
den meisten Exemplaren am unteren Ende jeder Binde,
dicht unter dem Stigma, ein anderes über demselben,
zwischen ihm und der Suprastigmale, welche durch die
Einbuchtungen (oder Pünktchen bei andern Exemplaren)
bezeichnet wird; die Stigmen selbst liegen am Vorderrande
der Binden in selbige eingebuchtet. Bisweilen sieht man auch
bei ein und demselben Thier da, wo die andern Segmente
nur Einbuchtungen tragen, einen Durchbruch, oder auch.
1) Weismann: Studien zur Descendenztheorie II. lieber die
letzten Ursachen der Transmutation. Leipzig 1876: „Ich verstehe
unter Rückenlinie, Linea dorsalis, nur die in der Mittellinie des
Rückens verlaufende Längslinie, unter Stigmallinie, L. stigmalis,
die unter oder über den Stigmen verlaufenden Li-nien, die man dann
genauer in Supra- und Infrastigraallinie scheiden kann, unter Sub-
dorsalstreif, Linea subdorsalis, die Linie, welche mitten zwischen
Rückenstreif und Stigmenstreif verläuft."
12 H. Dewitz:
wie eine oder die andere Einbuchtung zum Pünktchen
umgebildet ist. Der Durchbruch des Schwarz kann also
auf Einbuchtungen, diese auf Pünktchen reducirt werden. —
Die gelbe Binde des 3. Brustringes reicht nur bis zur
Subdorsale; die Binde des 2. Brustringes zeigt schon mehr
die Neigung, sich zu schliessen, indem sie bei den einen
der Exemplare auch nur bis zur Subdorsale heraufreicht, bei
einem höher, bei zweien endlich, (bei denen" die übrigen
gelben Binden das Schwarz schon fast ganz aus sich ver-
drängt haben,) mit Ausnahme einer kleinen Einbuchtung
auf der Mittellinie des Rückens ganz geschlossen ist.
W e i s m a nn ^ ) sagt nun : „Diese grosse höchst auffallende
Raupe von Macrosila Hasdrubal ist dieselbe, welche Wal-
lace auf seine Erklärung brillanter Färbung von Raupen
geführt hat. Ueber die Entstehung ihrer so ganz ab-
weichenden Zeichnung kann erst ihre Ontogenese Aufschluss
geben, in welcher sicherlich noch ein oder das andere ihrer
älteren phyletischen Stadien erhalten sein wird." — Ueber
die phyletische Entwickelung der gelben Querbinden kön-
nen zwar höchstens die aller] üngsten Stadien Auskunft
geben; der Durchbruch auf der Dorsale, die Einbuchtungen
auf der Subdorsale und Suprastigmale, wie das Pünktchen
über und unter dem Stigma scheinen jedoch dafür zu sprechen,
dass die Raupe einst eine breite Dorsale, eine schmälere
Subdorsale und Suprastigmale und endlich 2 sehr schmale
Binden an der vStigmenreihe jederseits besessen hat, eine
Zeichnung, welche unter den Sphinxraupen verbreitet ist.
Auch ist es sehr fraglich, ob sich diese Binden an frischen
Exemplaren nicht noch, wenn auch schwach, markiren^).
Sphinx Carolina.
Lin. Drury, Illustrations of natural history 1. 1. 25. f. 1.
Raupe und Puppe bei Smith-Abbot. t. 33.
1) a. a. 0. p. 61.
2) Sollten die Einbuchtungen und Flecken, welche sich bei
vielen Papilionenraupen z. B. Macbaon L. an den schwarzen Quer-
binden finden, nicht auch auf eine frühere Längsstreifung hindeuten?
Bei einer jungen Machaonraupe sind die schwarzen Binden da, wo
sich bei den erwachsenen die Flecken zeigen, ganz durchbrochen.
Entwickelung einiger Venezuelanischer Schmetterlinge. 13
Die Raupe lebt auf Solanum Lycopersicum L., der
Tomata der Kreolen und auf Nicotiana Tabacum L., ihre
Länge beträgt 0,06 m., ihr nach hinten gekrümmtes Hörn
ist roih, ihre Farbe schön hellblaugrtin ; an den Seiten des
Körpers verlaufen 7 schräggestellte, weisse Querstreifen,
welche besonders bei noch nicht erwachsenen Thieren auf
ihrer vorderen, oberen Hälfte violet gefärbt sind ; der letzte
dieser Schrägstreifen mündet in das Hörn; den 3 Brust-
ringen fehlen sie. Die Stigmen sind schwarz, mit violeten
Ringen eingefasst, die Brustfttsse dunkelviolet mit weissen
Gelenken. Die noch nicht völlig erwachsene Raupe besitzt
eine feine violete Dorsallinie. Die Afterklappe, wie auch
die den Schrägstreifen zunächst liegenden Hautpartieen
nahmen beim geringsten Reize eine schön gelbgrüne Farbe an.
Am 9. November (56) fand die Verpuppung einer
Raupe im Sande statt, am 23. December schlüpfte der
Schmetterling aus; 2 andere Thiere verpuppten sich am
7. und 16. Februar (57) und gaben am 11. April und
21. März den Schmetterling. Die Puppe ist schön gelb-
braun und besitzt am vorderen Ende ein nach der Bauch-
seite herabgekrümmtes, langes Hörn.
Sphinx Rustica.
Fab. Hübner, exotische Schmetterlinge HI. Raupe
und Puppe bei Smith-Abbot. t. 34.
Die Raupe wurde auf einer geruchlosen Labiate ge-
funden, ist 0,088 m. lang, auf dem Rücken gelbgrün, sonst
grün gefärbt. Die auf der vorderen Hälfte violet, auf der
hinteren gelbweiss gefärbten Schrägstreifen an den Seiten
verlängern sich bis zum Rücken hinauf, wo sie „in eine
feine Linie zusammenlaufen" (wohl Dorsallinie gemeint).
Hörn und Rückenseite der Brustringe sind mit Warzen
besetzt. — Ebenso wie Carolina besitzt auch sie die Ange-
wohnheit, häufig mit dem zusammengezogenen Vordertheil,
den Kopf auf die Brust herabgebogen, vom Stengel der
Pflanze abgewendet zu verweilen. — Am 20. November (56)
verpuppte sie sich und lieferte am 25. März (57) den
Schmetterling. Der nach der Bauchseite der Puppe herabge-
krümmte Schnabel ist an der nach hinten gerichteten Spitze
14 H. Dewitz:
verdickt und besitzt eine der Länge nach verlaufende flache
Leiste und Querfurchung.
Euchromia Eripliia.
Fab. Phemonoe, Hübner, Zuträge i 15 und 16. Alec-
ton, Cram. t. 382. f. D. Melanochloros, Sepp. t. 69. Raupe,
Puppe und Gespinnst.
Die Raupe lebt auf Canna, besitzt eine Länge von
0,03 m., stark abgeschnürte Leibesringe, welche kleine stär-
ker chitinisirte Wärzchen tragen; auf diesen stehen dicke
Büschel flaumfederartiger Haare (Fig. 12 und 13); sie sind
etwas länger, als der Durchmesser des Körpers, so weich,
dass sie sich dem Körper ^dicht anlegten, sobald ich das
Thier aus dem Alkohol nahm, und mit ziemlich dicht, ohne
regelmässige Anordnung stehenden Nebeuästchen besetzt.
Die Körperfarbe ist weisslich grün mit einer rothen oder
violeten Rückenlinie. Die Haare sind weiss, bei andern
blassgelb, fleischfarben oder auch bräunlich. Bei der Be-
rührung der Haare wird die weissliche Körperfarbe vor-
übergehend in ein intensives Grün umgewandelt. Dieselbe
Eigenschaft scheint die Raupe von Amycles Anthracina
Herr. Schäifer zu besitzen. Bei einer wohl nicht hierhergehö-
rigen, doch ähnlichen Raupe nahm die graue Körperhaut bei
der Berührung der Haarbüschel eine violete Färbung an.
Die Cocons von Eriphia sind auf der Unterseite der
Cannablätter befestigt; die Raupe hat äusserst wenig Ge-
spinnstfäden dazu verwandt, sondern das Puppengehäuse
hauptsächlich aus den flaumfederartigen Haaren erbaut,
und zwar sitzen diese nur mit ihrem einen Ende, welches
dem Körper angewachsen war, auf der Coconwand fest,
so dass sie bei dem geringsten Hauch umherflottiren. Die
Farbe der Haare auf den eingesandten Cocons war bei ei-
nem schwefelgelb, bei andern bräunlich, bei wieder ande-
ren weiss. Die Puppe ist 0,015 m. lang, von kastanien-
brauner Farbe und trägt am hinteren Ende eine kleine
aufgesetzte Spitze.
Ecpantheria Cunigunda.
Cram. t. 344. f. D. u. E.
Eine Raupe wurde im Hofe eines Hauses gefunden
Entwickelung einiger Venezuelanischer Schmetterlinge. 15
und mit Mirabilis Jalappa L. erzogen; auch frass sie Fra-
garia. Sie besitzt eine Länge von etwa 0,048 m., ist dicht
mit 0,004 m. langen Haarbüscheln besetzt, deren 10 auf
jedem Gliede stehen. Grundfarbe rauchschwarz, fast in's
Violete übergehend, unten heller; die langen Wärzchen,
auf denen die Haarbüschel stehen, sind gelbbraun, die
Haare schwarzbraun. Die Verbindungshaut je zweier Lei-
besringe ist ziegelroth oder orange gefärbt, sodass die
Raupe besonders am Hintertheil und beim Gehen wie ge-
ringelt erscheint. Der kleine Kopf ist glänzend schwarz-
braun. Am 27. und 28. September (56) sass die Raupe
traurig am oberen Theil des Glases, hatte sich am 29. voll-
ständig gehäutet und fing sofort wieder an zu fressen. Am
14. Oktober machte das Thier, nachdem es eine ungewöhn-
liche Menge Futter zu sich genommen hatte, Anstalt zum
Verspinnen, was am folgenden Tage beendigt war. Am
18. Oktober sah G. die matt schwarzbraune Puppe in fast
horizontaler Lage, nur mit dem Kopfende etwas höher in dem
bräunlichen, lockeren und durchsichtigen Gespinnst, welches
zwischen dem Glase und den Zweigen befestigt war. Am
4. November kam der Schmetterling zum Vorschein.
Die Raupe von Eipantheria Caudata Walk, scheint
der oben beschriebenen ganz gleich zu sein. Die sehr
ähnliche, vielleicht ganz gleiche Raupe und Puppe eines
zum mindesten sehr nahe stehenden Thieres, Ec. Oculatis-
sima, bildet Smith-Abbot t. 69 ab.
HypercMria Janus.
Gram. t. 64. f. A. u. B.
Die Raupe (Fig. 14 u. 26) lebt auf Persea gratissima
Gärtn., ist 0,055 m. lang, der Körper mit theils längeren,
theils kürzeren, sich zuspitzenden Dornen besetzt, welche
von ihrer Basis bis zur Spitze dicht neben einander stehende,
kürzere Seitenästchen tragen und auf dem Körper sowohl
Längs-, als auch Querreihen bilden; das freie, stumpfe
Ende der Nebenästchen trägt ein feines, spitz endigendes
Haar. Die meisten Segmente sind mit 6 Dornen besetzt,
4 über den Stigmen an den Seiten und auf dem Rücken,
2 (jederseits eins) unter denselben. An den ersten und
16 H. Dewitz:
letzten Leibesringen finden sich unter der Stigmenlinie 2
Dornen. Die Grösse derselben nimmt vom Rücken nach
den Seiten zu ab, und die unter den Stigmen stehenden
haben nur noch 0,005 m. Länge, die auf dem Rücken da-
gegen 0,01 m., auf dem Rückentheil der Brustringe sogar
0,015 m. — Die Körperfarbe ist hellgrün, die Verbindungs-
haut zwischen den Segmenten mehr gelb. Sowohl auf
dieser, als auch am hinteren Rande der Segmente verläuft
eine Reihe länglicher, schwarzer Flecke von einer Stigmen-
reihe über den Rücken zur andern; diese beiden Flecken-
reihen liegen also parallel der Dornenreihe ihres Segments.
Ausserdem markiren sich auf dem Rücken der einzelnen
Segmente noch 3 schwarze Punkte, welche zwischen und
vor den Dornen liegen, also weiter nach vorne gerückt
sind, als die eben besprochenen schwarzen Flecken. Die
weissen, schwarz geränderten Stigmen liegen in einer gel-
ben Längslinie. Der Stamm der Dornen ist purpurroth
die Nebenästchen sind blaugrün gefärbt; der Kopf grün
mit schwarzer Zeichnung, seine Unterseite nebst denMund-
theilen, wie auch die Füsse dunkelbraun bis schwarz.
Am 28. December (55) spann sich eine Raupe zwischen
den Futterblättern ein, indem sie diese zusammenzog, so
dass weder vom Gespinnst, noch von der Puppe etwas zu
sehen ist. Am 5., 6. und 7. Januar (56) hörte Gollmer im
Glase ein sich von je 5 zu 5 Minuten wiederholendes,
starkes Geräusch, hervorgerufen durch die sich gegen die
trockenen Blätter bewegende Puppe. Am 1 0. Februar wie-
derholte sich dieses Geräusch, ebenso am 16. und 17. und
fast immer Abends. Am 19. Februar erschien der Schmet-
terling, welcher in der Ruhe mit seinen flach niederge-
breiteten Flügeln die Gestalt eines Dreiecks darstellt. —
Eine Puppe verharrte über 4 Monate, bis zum 8. Mai (55)
im Puppen-Stadium; 2 Thiere verpuppten sich am 15. Au-
gust (56) und lieferten am 28. und 29. September den
Schmetterling. Eine Raupe hatte im Freien unter dem
Vorsprunge einer Mauer ihr Gespinnst in wagerechter Lage
angebracht und, da die Puppe jedenfalls ein zu helles Licht
nicht vertragen kann, in Ermangelung der einhüllenden
Blätter Erd- und Thonstückcheu in das weitmaschige Ge-
Entwickelung einiger Venezuelanischer Schmetterlinge. 17
webe eingefügt. Die Puppe ist schwarz, besitzt ebenso,
wie die Raupe eine gedrungene Körpergestalt und eine
Länge von 0,045 m. Der vordere Rand der Hinterleibs-
segmente ist fein quergerieft. Das Afterende ist am Ge-
spinnste befestigt.
Moritz^) zählt die Raupe zu denen, welch ebeim Ver-
wunden nicht allein die Dornspitzen in der Wunde lassen,
sondern auch durch die hohlen Dornen einen Giftstoff
in dieselbe bringen, sodass ein heftig brennender Schmerz
und unter Umständen Fieber hervorgerufen wird. (Eine
Höhlung habe ich jedoch in den Dornen nicht finden kön-
nen.) „Um sich zu vertheidigen rollt sich die Raupe nach
Art des Igels zusammen und dreht sich so , dass auf die
Seite, wo sie berührt wird, möglichst viel Dornen mit
ausgespreizten Aesten sich hinsträuben. Der Schmetter-
ling erscheint unregelmässig in 4 Wochen bis in ebenso
viel Monaten^ (nach der Verpuppung).
Ebenso wie dies aus Gollmers Beobachtungen hervor-
geht, hat auch Mo ritz 2) die Erfahrung gemacht, dass bei vie-
len tropischen Schmetterlingen das Verweilen ein und der-
selben Art im Puppenstadium ein sehr verschiedenes ist.
Hyperchiria Bivulosa.
Gram. t. 107. f. A. Die Raupe ist bei Stell t. 17. f. 4.
sehr schlecht abgebildet oder mit einer andern verwechselt.
Die Raupe lebt auf einer Cassia und ist 0,044 m.
lang. Die Dornen stehen zwar in derselben Anordnung,
wie bei Janus, doch sind ihre Nebenäste im Verhältniss
zum Stamm viel länger, sodass sie mehr den Eindruck von
Borstenbüscheln machen; die längsten trägt die Rticken-
seite der ersten und letzten Körperringe. Die Farbe des
Körpers und der Dornen ist hellgrün. An jeder Seite ver-
läuft zwischen der Stigmenreihe uiid den Füssen ein breites,
roth und schwarz geflecktes, mit weissen Pünktchen be-
setztes, breites Band vom After bis zum 4. Körpersegmente.
Die Brust- und Bauchfüsse sind roth; Kopf quittengelb ; die
1) üeber südamerikanische Raupen, besonders über die dortigen
Brenn- und Giftraupen. Wiegmann's Archiv 1837. p. 137 u. f.
2) Auszug aus einem Briefe. Wiegmann's Archiv 1836. p. 303.
Archiv f. Naturg. XXXXIV. Jahrg. 1. Bd. 2
18 H. Dewitz:
Stigmen mit einem feinen schwarzen Saume eingefasst.
Dicht hinter dem Stigma trägt da§ 4. und 10. Körperseg-
ment jederseits eine kleine Warze, der hintere Rand der
beiden Nachschieber einen kleinen, nach hinten ragenden
Dorn. Diese Anhänge sind bei Janus fast ganz geschwun-
den. Die Eaupen von Rivulosa haben die Angewohnheit,
beim Kriechen hinter einander zu gehen. Am 20. August (56)
verpuppte sich eine, am 30. September erschien der Schmet-
terling. — Sehr ähnlich ist die Raupe von Jo Fab.,
welche sich bei Smith-Abbot. t. 49. findet.
Hyalophora Arethusa Walker.
G. erhielt eine Menge Cocons mit Puppen; sie hingen
gemeinschaftlich an den Aesten der süssen Orange oder
der Jatropha Gossypiifolia L. (Tuatua), welche auf unfrucht-
baren Anhöhen wächst ; die Cocons sind 0,05 m. lang, von
länglich ovaler Form, an dem nach unten gerichteten Ende
abgerundet, am oberen, welches in einen, den Ast umfas-
senden Ring ausläuft, mehr zugespitzt, pergamentartig, fest
wie Leder, von hellbrauner Farbe; äusserlich sieht man
die Gespinnstfäden, innerlich ist die Wand ganz glatt. An
den Reisern halbvertrockneter Sträucher hängend erinnern
sie lebhaft an Samenkapseln (Moritz^) und sind so wohl
vor den Verfolgungen geschützt, welchen die grosse Puppe
ohne diese Gestalt und Farbe ihres Cocons ausgesetzt
wäre. Als ich die Cocons, noch an ihren Aesten sitzend,
zum ersten Male, in einiger Entfernung sah, war ich an-
fangs, bis ich sie näher betrachtete, im Zweifel, ob ich sie
für animalische oder vegetabilische Produkte halten sollte.
Am 27. September (56) gewahrte G. an einem dieser
Cocons am unteren, abgerundeten Ende ein Nasswerden,
und in derselben Nacht entschlüpfte der Falter. Ein Cocon,
welches seit Oktober (56) aufbewahrt wurde, lieferte erst
am 16. Juli (57) den Schmetterling.
Später gelang es G.'s Bemühungen, auch die Raupen
zu ziehen, indem er ein Weibchen mit verkümmerten Flü-
geln auf einen Strauch von Jatropha Gossypiifolia L. setzte,
1) Wiegmann's Archiv 1836. p. 304.
Entwickelung' einiger Venezuelanischer Schmetterlinge. 19
WO sich dann auch über Nacht ein Männchen eingefunden
hatte, welches Gr. am Morgen noch antraf. Das Weibchen
legte auf der Unterseite eines Blattes 25 bis 30 weisse, in
Reihen dicht neben einander liegende Eier. Die jungen,
0,01 m. langen Raupen waren blaugrün gefärbt; den Körper
besetzten kegelförmige Warzen, auf deren Spitzen kleine
Borsten standen und welche dieselbe regelmässige Anord-
nung zeigten, wie gewöhnlich bei den Saturnienraupen.
Mit der Grössenzunahme schwanden die Warzen immer
mehr, sich allmählig abflachend. Die Körperfarbe wech-
selte bei den verschiedenen Thieren und in den verschie-
denen Entwickelungsperioden zwischen blass dunkelblau-
grün und dem leuchtendsten Gelbgrün.
Die erwachsene Raupe besitzt eine Länge von 0,07 m.,
einen dicken, angeschwollenen Körper, auf dem man ver-
einzelte, unregelmässig stehende, kurze Haare wahrnimmt,
und einen sehr kleinen Kopf; von den Wärzchen mit ihren
Borsten ist keine Spur mehr vorhanden, die Oberhaut ganz
glatt. Die Farbe ist leuchtend dunkelgelbgrün, nach den
Füssen zu dunkler, auf dem Rücken heller, die Verbin-
dungshaut der Segmente, besonders in der Mitte des Kör-
pers etwas violet gefärbt. Die beiden Nachschieber tragen
an der Aussenseite ein, durch eine schwarze Furche mar-
kirtes, stärker, als die angrenzenden Hautpartien chitini-
sirtes Dreieck; ein ähnliches, doch kleineres findet sich auf
der Afterklappe. — In den letzten Tagen des August ver-
puppten sich die Raupen, ihre länglichen , pergamentartigen
Cocons zwischen den Aesten der Futterpflanze befestigend ;
nach 4 Wochen entwickelten sich die Falter.
„In^) der Gruppe der Bombicina (Spinner) zeigt die
Familie der Saturnidae dicke, walzige Raupen, deren Seg-
mente mit einer bestimmten Anzahl knopfförmiger Warzen
besetzt ist. Allerdings stehen in dieser Familie 2 Gattun-
gen (Endromis und Aglia), welche diese charakteristischen
Knopfwarzen entbehren, allein bei dieser zeigt auch der
Schmetterling durchgreifende und gemeinsame Verschie-
denheiten von den übrigen Gattungen, und man hat in der
1) Weismann, a. a. 0. p. 174.
20 H. Dewitz:
That bereits besondere Familien auf diese Gattungen ge-
gründet (Endromidae Boisd.)^, Es kommt also Hyalophora
Arethusa AValk. und vielleicht eine Menge anderer hinzu,
welche im erwachsenen Raupenstadium keine Oberhaut-
anhänge (mit Ausnahme vereinzelter Härchen) besitzen.
Dass diese immer Warzen sind, wie Weismann meint, ist
nicht richtig, sondern bei vielen Saturnienraupen finden sich
an Stelle der Warzen lange, oft sogar mit zahlreichen Neben-
ästchen versehene Dornen.
Ferner sagt Weismann ^); „Neue Charaktere erschei-
nen zuerst im letzten Stadium der Ontogenese, dieselben
rücken dann allmälig in frühere Stadien der Ontogenese
zurück und verdrängen so die älteren Charaktere bis zu
völligem Verschwinden derselben." Ist dieser Satz richtig,
was Weismann an den Zeichnungen der Sphinxraupen
wohl zur Genüge erwiesen hat, so wäre auch H. Arethusa
Walk, einst, wie so viele Saturnienraupen noch heute, mit
den auf Warzen stehenden Borstenbüscheln besetzt gewesen.
Sie verlor jedoch diese im Laufe ihrer phyletischen Ent-
wickelung, und wir finden dieselben nur noch auf die jün-
geren Stadien zurückgedrängt.
Äidos Amanda.
Aidos (Hühner, Xenarchos Herr. Schäfi'er). Amanda
Cram. t. 383. f. C. u. D.
Die Raupe (Fig. 15 u. 16) lebt auf der süssen Orange
und besitzt eine sehr eigenthümliche Gestalt, ist eine echte
Cochliopodenraupe; sie gleicht einer zusammengezogenen
Nacktschnecke, ist fast eiförmig, 0,025 bis 0,03 m. lang
und etwa 0,015 m. breit; die Bauchseite bildet eine Platte,
auf der die Beine stehen und deren beide Seitenränder
eine Reihe dicht neben einander stehender, zahnartiger
Höcker besetzt. Die Brustfüsse sind klein, die 5 Paar
Hautfüsse mit Ausnahme der besser entwickelten Nach-
schieber ebenfalls kurz ; das unmittelbar vor, wie auch dashin-
ter den 4 zusammenstehenden Paaren der Bauchfüsse gele-
gene Segment trägt ein Paar rudimentäre Bauchfüsse ohne
l) a. a. 0. p. 68.
Entwickelung einiger Venezuelanischer Schmetterlinge. 21
Hakenkränze auf der Sohle, welche den übrigen nicht feh-
len. Nach Esper^) und Kleemann 2) soll die Cochlio-
podenraupe von Heterogenea Limacodes Esp., Testudo Fab.
keine solche Organe an ihren BaucMüssen besitzen. Kopf
und After sind bei Amanda ganz nach der Bauchseite
herabgebogen, so dass sie, wenn man das Thier von oben
betrachtet, nicht wahrgenommen >verden. Der Kopf steckt
in der vom ersten Brustringe gebildeten Halskrause, wird
von ihr, wie von einer Kapuze bedeckt. Der obere eiför-
mig abgerundete Theil des Körpers zeigt nur äusserst
schwache Einschnürungen zwischen den Segmenten. Zu
jeder Seite des Rückens verläuft eine Längsreihe kurzer,
schwarzer Borstenpinsel; sie stehen in kleinen Grübchen,
der Haut anliegend, mit den Spitzen nach der betreffenden
Seite des Körpers gerichtet. Zwischen ihnen und der Stig-
menreihe, letzterer bedeutend genähert, liegt an jeder Seite
des Körpers eine zweite Reihe solcher schwarzen Pinsel , mit
den Spitzen jedoch nach der entgegengesetzten Richtung, nach
oben gekehrt, so dass die Spitzen der Pinsel der Rücken-
und Seitenreihe einander zugewandt sind; jedes Segment
trägt also 4 solcher Pinsel; den ersten und letzten Körper-
segmenten fehlen sie oder sind doch unvollständig. — Die
Farbe der Raupe ist grünlich, in der Jugend „transparent-
artig strohgelb'', der Kopf bräunlich. Hebt man sie vom
Blatte, so spinnt sie einen Faden.
Fast noch eigenthümlicher wie die Raupe, ist ihr Co-
con (Fig. 17, 18 u. 27); er ist länglich rund, 0,02 m. lang,
im Verhältniss zur Raupe sehr klein, fest wie Leder, in
der Wand dick, auf der äusseren Seite runzlig, grau, innen
geglättet und dunkler gefärbt, an einem Ende abgeschrägt,
und man sieht hier eine halbkreisförmige Klappe sich mar-
kiren, welche während des Puppenlebens geschlossen, beim
Ausschlüpfen des Schmetterlings aufgeklappt wird. Obwohl
der Deckel, so lange er geschlossen ist, mit dem übrigen
Cocon ein zusammenhängendes Ganze bildet und nur durch
eine dunklere Linie markirt wird, so muss er doch von
1) Europäische Schmetterlinge 1782. III. p. 141.
2) Beiträge zur Insektengeschichte, p. 324.
22 H. Dewitz:
Hause aus besonders angelegt und nur durch wenig Ge-
spinnstmasse und Klebestoff mit den angrenzenden Rändern
des Cocons verbunden worden sein. Letzterer bangt in
wagerechter Lage an der unteren Seite eines Blattes oder
Astes, so dass der aufgeklappte Deckel nach unten gekehrt
ist. An der dem Boden zugewandten Coconseite sieht man
4 im Quadrat stehende, runde Löcher ; sie führen in kleine
Höhlungen, welche zwischen der äusseren, helleren und der
inneren, dunkleren Schicht der Coconwand gelegen sind;
die beiden dem Deckel zunächst stehenden Löcher sind
die grösseren, auch führen sie in geräumigere Höhlen, als
die beiden anderen. Von dem Innern des Cocons sind
die 4 Höhlungen gänzlich getrennt, können nicht als Luft-
löcher angesehen werden.
Die Puppe (Fig. 19) bildet, wie wir dieses auch bei
einigen unserer Spinner und den Holzbohrern sehen, den
Uebergang von der Pupa obtecta, d. h. der, bei welcher
die Gliedmassen des künftigen Insekts nicht frei abstehen,
sondern dem übrigen Körper dicht anliegen und mit ihm
zusammen von einer harten, hornigen Hülle umgeben wer-
den i) (bei Lepidoptera) zur Pupa exserta, an der die Glied-
massen frei liegen^) (z. B. Hymenoptera, Coleoptera). Die
Gliedmassen stecken bei der Puppe von Amanda in Schei-
den, welche zum grössten Theil frei vom Körper abstehen,
nur die Oberschenkel sind ihm noch angewachsen. — Diese
von der gewöhnlichen Form abweichende Puppengestalt
hat auch Gollmer wahrgenommen und sagt hierüber: „Wir
sehen an der Form der Puppe schon einen Fortschritt, in-
dem diese bereits die Umrisse des vollkommenen Thieres
zeigt, mithin kaum mehr den Namen einer Puppe verdient."
In sehr entwickeltem Grade scheint dieses freie Abstehen
der Gliedmassen unsere Heterogenea Limacodes zu be-
sitzen, so weit ich dieses aus einer mir vorliegenden Puppen-
hülle, wie der Abbildung und Beischreibung Kleemann's^)
entnehmen kann. Auch sagt 0. Wilde^) von Limacodes
1) Gerstäcker, Handbuch der Zoologie, p. 225.
2) Gerstäcker, p. 84.
3) a. a. 0. p. 327. t. 38.
4) Die Pflanzen und Raupen Deutschlands, Berlin 1860, p. 70.
Entwickelung einiger Venezuelanischer Schmetterlinge. 23
und Asella: Die Puppen haben das Eigenthtimliche, dass
sich ihre Glieder nicht unter einer gemeinsamen Horn-
schale entwickeln, sondern sogleich gesondert, mit einer
weichen gelblichen Haut bedeckt, erkennbar sind.
Limacodes öffnet ihren ellipsoidischen Cocon eben-
falls durch einen runden Deckel, von dem ich am ver-
schlossenen Gehäuse jedoch keine Spur habe wahrnehmen
können; auch ist hier der nach dem Ausschlüpfen abgeho-
bene Deckel nicht scharf abgeschnitten, wie bei Amanda,
sondern gezackt, wie ausgenagt. Bei Amanda kann man
den Deckel, auch wenn die Puppe im Innern stirbt und
eintrocknet, mit einer Nadel loslösen und man sieht dann
ebenso, wie bei den vom Thiere selbst geöffneten Gehäu-
sen am Rande der Oeffnung eine Rinne, in welcher der
Deckel wie der Grat in der Nuth gelegen hat. — Den Auf-
bau dieses sonderbaren Cocons denke ich mir folgender-
massen: Zuerst spann die Raupe an der Unterseite des
Blattes aus grauen Fäden einen mit den 4 Löchern ver-
sehenen Cocon, die äussere hellere Schicht. Dann wurde
die Wand von innen her durch eine zweite, vielleicht nur
in Folge eines stärkeren Zusatzes von Klebestoff dunkler
gefärbte Lage verdickt. Das Thier baute die innere Schicht
zwar über die 4 Löcher hinweg, nahm jedoch jetzt auf
den Deckel Rücksicht, indem es diese kunstvolle Befesti-
gung durch Grat und Nuth anlegte.
Ist der Schmetterling herangereift, so wird die
Klappe erbrochen, und das Thier schlüpft aus, wobei die
Puppenhülle von der zurückschnellenden und die Oeffaung
wieder schliessenden Klappe festgehalten wird. Das Auf-
brechen geschieht wohl mit dem zugespitzten und der
Klappe zugewandt liegenden Kopfe der Puppe. — G. füt-
terte eine Raupe 4 Monate bis sie sich am 16. Oktober (57)
an der Wand des Glases verpuppl;e, was lange Zeit in An-
spruch nahm. Auch Limacodes braucht nach Kleemann
lange Zeit zum Heranwachsen und liegt winterüber als
Raupe im Cocon ^).
1) In vielen Punkten erinnern die Cochliopodenraupen mit
ihren Cocons und Puppen an Blattwespen. Trouvelet, Proc. Bost.
24 H. Dewitz:
Sehr ähnliche Gespinnste, wie die von Amanda, viel-
leicht auch dieselben, beschreibt Moritz 0: ^Kleine weiss-
graue Cocons an Stämmen der immerblühenden Rosen-
und Weingeländer sind von so unregelmässiger, runzliger
Gestalt, dass sie Auswüchse, durch einen Cynips hervor-
gebracht, oder Kltimpchen gesellschaftlicher Ichneumonen-
gespinnste zu sein scheinen, wozu vollends noch 4 tiefe
kleine Löcher in der Oberhaut des Gespinnstes selbst das
Auge des Entomologen täuschen, der nur noch die Hülle
kleiner Insektengespinnste darunter vermuthet." Und in
der That, im ersten Augenblicke weiss man nicht recht,
ob man eine von den Insassen verlassene, runzlige, holzige
Galle oder ein von Schlupfwespen durchbrochenes, also
leeres Blattwespencocon vor sich hat. Verschiedene Per-
sonen, denen ich die Gespinnste zeigte, waren der Mei-
nung, Schmarotzer hätten dieselben durchbohrt. Da die
Insekten ihren Cocon wohl in den meisten Fällen sym-
metrisch bauen, so wurden auch die Löcher in dieser
Weise angelegt. Die Cocon^ von Amanda scheinen jedoch
meistens in wagerechter Lage an der Unterseite eines Blat-
tes oder Astes befestigt zu sein, so dass man nur
2 Löcher wahrnimmt, wodurch die S3niimetrie wieder ver-
wischt wird, und die Täuschung um so besser gelingt.
Hätte das Thier nur ein oder auch mehrere Löcher auf
der Mittellinie des Gespinnstes angebracht, so wären sie
dem Beschauer bei der wagerechten Lage des Cocons gar
nicht sichtbar und überflüssig. So jedoch ist die Symme-
trie und gleichzeitig der dem Thiere nützliche unsymme-
trische Eindruck gewahrt. An einen Luftaustausch ist bei die-
sen Löchern gar nicht zu denken, denn dieHöhlungen (Fig. 27),
in die sie führen, werden durch die sehr feste, pergament-
artige, innere Schicht vom Hohlraum des Cocons geschie-
den, und dann wäre es ja auch nur nöthig gewesen, die
Coconwand an diesen Stellen schwächer anzulegen ohne
Soc. nat. bist XII. bespricht (dem Jahresbericht in Troschels Archiv
zu Folge) die Aehnlichkeit von Lymacodes und Hyraenopteren.
1) Auszug aus einem Briefe des Herrn A. Moritz, Caracas,
vom 27. Februar 1836, mitgetheilt vom Geh. Rath Dr. Klug. Wieg-
manus Archiv 1836, p. 303.
Entwickelung einiger Yenezaelanischer Schmetterlinge. 25
die 4 Hohlräume. Selbst die Annahnie, dass die Oeffaun-
gen nur während der ersten Zeit des Verspinnens dem
Thiere Luft zuführten, ist unhaltbar, denn man kann dann
mit Recht wieder fragen; wozu dienen die Hohlräume, und
wieso bedarf diese Raupe der Luftzufuhr, während andere,
welche ebenfalls einen festen, pergamentartigen Cocon
bauen und gleichfalls einen grossen Körper im Verhält-
niss zur Gespinnsthöhlung besitzen, dieselbe nicht nöthig
haben. Wir müssten also bei Amanda, wären die Oeffnun-
gen des Luftzutrittes wegen da, einen von ihren nächsten
Verwandten, den übrigen Cochliopodenraupen, abweichen-
den inneren Körperbau annehmen, was doch wohl nicht
gut denkbar ist; dass jedoch eine Raupe von ihren nächsten
Verw^andten durch ihre Grewohnheiten , soweit diese
nicht mit den inneren Theilen im Zusammenhang stehen,
sehr verschieden sein kann, liegt auf der Hand. — Bei der
Annahme einer Luftzufuhr stehen die 4 Höhlungen also
unerklärt da. Nehmen wir jedoch eine Nachahmung an,
so haben die Hohlräume ihren guten Grund, ja sind un-
entbehrlich, denn die 4 Löcher mussten in dunkle Höhlun-
gen führen, sollten sie den Schein erwecken, als ob der
Cocon bereits durchbohrt sei, indem so die innere, die
Höhlungen von dem Raum im Cocon trennende Wand dem
Auge des Beschauers aus Lichtmangel verborgen bleibt.
Dass 4 einfache, die ganze Dicke der Gespinnstwand
durchbohrende Löcher dem Thier durch eindringende
Nässe und kleine Insekten nachtheilig gewesen wären, ist
wohl klar. Auch würden dann die Oeffnungen durch die
im Lmern liegende Puppe zum Theil verdeckt werden.
Hätte die Raupe durch einen schwarzen Farbstoff
statt der Löcher schwarze Flecken angelegt, wie man an
einem Hause schwarze Scheinfenster anbringt, so wäre die
Wirkung bei Weitem nicht eine so starke; auch hätte die
Speicheldrüse der Raupe erst dahin gebracht werden
müssen, diesen schwarzen Stoff abzusondern, was wohl
mit grösseren Schwierigkeiten verknüpft gewesen wäre,
da es sich um die Umwandlung eines inneren Organes
handelt, als den Kunsttrieb der Raupe dahin zu lenken,
dass sie die 4 Höhlungen baut. — Es musste also ein ge-
26 H. Dewitz:
schlossener Cocon mit dem vollständigen Eindruck eines
durchlöcherten hergestellt werden, und dieses Problem ist
wohl aufs Einfachste und Schönste gelöst. — Mag man sich
nun für Naturzüchtung oder für eine treibende und len-
kende Kraft entscheiden, in beiden Fällen wird man nur
durch, die Annahme einer Nachahmung diese sonderbare
Einrichtung erklären können.
Eriogaster Catax und Lanestris lassen nach Esper^)
und Katzeburg2) ein Loch in ihrem Cocon, doch vermuthe
ich, dass dieses die Gespinnstwand ebenfalls nicht durch-
bohrt, sondern auch in eine kleine Höhlung führt, welche
von dem Innern des Cocons getrennt ist, also kein Luft-
loch vorstellt, wie Esper meint, sondern nur dazu dient,
den Feinden die Meinung beizubringen, der Cocon sei
leer; auch glaube ich wohl, dass Vögel, durch die Erfah-
rung belehrt, die von Schlupfwespen durchbohrten, also
leeren Insektengehäuse nicht anrühren und hier durch
Nachahmung getäuscht werden.
Chrysopyga Nuda.
Chrysopyga Herr. Schäffer. Nuda Cram. t. 306. f. B.
Die von Stoll t. 28. f. 2. abgebildete Kaupe gehört nicht
Nuda Cram. an, sondern scheint identisch der von Oper-
cularis Smith-Abbot t. 53. zu sein.
Die eigenthümliche Raupe (Fig. 20) wurde auf einer
gelbblühenden Cassia gefunden. G. vergleicht sie sehr
treffend mit einem Pudelhündchen. Sie besitzt eine Länge
von 0,025 m. ohne die beiden langen Haarbüschel am Kopf-
und Afterende ; ihr Körper ist auf der unteren Seite etwas
abgeplattet, oben gewölbt ; auch sind Kopf und After so
nach unten herabgebogen und eingezogen, dass man von
oben nichts davon wahrnimmt. Der Kopf steckt in dem,
wie eine Kapuze tibergeschlagenen ersten Brustringe. Die
Nachschieber sind gut entwickelt, weniger die übrigen 4
Paar Bauchfüsse. Auch zeigt das vor, wie das hinter letzteren
gelegene Segment Rudimente von Bauchfüssen. Die nackte
1) a. a. 0. III. p. 91.
2j Forstinsekten 1840. IT. p. 134.
Entwickelung einiger Venezuelanischer Schmetterlinge. 27
Bauchseite wird an ihrem Rande von dicht neben einander
stehenden, dunkelbraunen, kurzen Haarbüscheln umkränzt.
Die Seiten und der Rücken des Thieres sind mit dicht
stehenden Haaren von dem Ansehen weisser Seide besetzt,
welche nach oben und hinten gerichtet dem Körper anlie-
gen und ihn gänzlich bedecken. Die auf dem Rücken stehen-
den stossen auf der Mittellinie desselben mit ihren Spitzen ge-
gen einander, wodurch hier eine etwas verdickte Haarlage
gebildet wird. Das vordere und hintere Ende des Körpers
trägt einen langen schwarzen, etwas gekrümmten Haarbusch.
Die Raupe wandert, wenn die Zeit der Verpuppung
naht, umher über Mauern und Holzwerk. Eine in der
Gefangenschaft gehaltene verpuppte sich Ende September
oder Anfangs Oktober (57); am 12. December erschien der
Schmetterling. Der Cocon (Fig. 21 u. 22) wird durch eine
runde Klappe an einem Ende geöffnet; seine Länge be-
trägt 0,02 bis 0,025 m.; auf der dem Gegenstande ansitzen-
den Seite ist er eben und flach, im Uebrigen gewölbt
und abgerundet. Das eine Ende ist senkrecht zur Ansatz-
ebene des Cocons abgeschnitten und wird durch den Deckel
verschlossen. Das Gewebe besteht aus einer lederartigen,
festen Hülle, welche auf der ganzen Aussenseite mit Aus-
nahme der ansitzenden Fläche von den zusammengefilzten
Haaren der Raupe bedeckt ist. Man nimmt also bei dem
festsitzenden Cocon nichts von der Pergamenthülle wahr.
Das Oeffnen des Deckels geschieht in umgekehrter Weise,
wie bei Amanda, indem er mit der Seite des Cocons in
Zusammenhang bleibt, welche dem Gegenstande aufsitzt,
dort mit der entgegengesetzten. — Bei den verlassenen Co-
cons von Nuda sieht man nur einen Querriss in der Filz-
lage an dem Ende, welches den Deckel trägt, der innere
harte Cocon mit dem Deckel bleibt unsichtbar; in Fig. 21
ist der Deckel mehr zurückgebogen, als dies beim Aus-
schlüpfen des Thieres geschieht. Fig. 22 stellt einen Cocon
dar, von dem die Haare abgeschabt sind. — Die walzen-
förmige Puppe (Fig. 23) ist dunkelbraun gefärbt und
0,02 m. lang; die Gliedmassen stehen zum Theil frei vom
Körper ab; die Fühler sind auf ihrer ganzen Länge von
ihm gesondert, liegen nur an.
28 H. Dewitz:
Ein Weibchen legte 15 bis 20 kuglige Eier von der
Grösse eines Hirsekorns, zum Theil dicht neben einander,
zum Theil zerstreut an die Wand des Glases; sie waren
von einem sammtartigen, silbergrauen Filz überzogen. Das
eingesandte Weibchen ist grau, in's Bräunliche übergehend,
die Oberseite der Vorderflügel und der Hinterrand aller
oben und unten weisslich; die Adern der Vorderflügel sind
von schwarzen Strichen begleitet; Körper und Schenkel
rothbraun behaart; Füsse schwarz; der Unterschenkel der
beiden hinteren Beinpaare trägt schneeweisse Haarbüschel;
Fühler sehr schwach gekämmt, auf der inneren Seite weiss
behaart.
Sehr ähnlich gebaut ist der Cocon von Opercularis
und Pyxidifera Smith-Abbot t. 53 u. 54, ebenso von Xan-
thopasa Sepp t. 14, welche auch in diese Gattung gehören.
Die Raupe letzterer besitzt nach Sepp ebenso, wie Nuda
vor und hinter den 4 Paar zusammenstehenden ein Paar
rudimentärer Bauchfüsse. Einige Raupen dieser Art lagen
3 Monate unverändert, doch lebendig in ihren Cocons ; die
Abbildung der Puppe zeigt deutlich die nur zum Theil
mit dem Körper verwachsenen Gliedmassen. — Naheste-
hende Raupen und Puppen erwähnt Moritz').
Strebiota Coras.
Cram. t. 312. f. A.
Wohl eine der sonderbarsten Raupen; sie lebt auf
Ricinus Communis L. Moritz beobachtete dieselbe oder
ähnliche und vergleicht sie mit einem glatt ausgebreiteten
Fuchsfelle ohne Schwanz, welches jedoch an jeder Seite
einige wie der Rücken behaarte, lappenartige Hautan-
hänge trägt. Nach Gollmer gleichen die Höcker und
rosettenförmigen Haarbüschel auf dem Rücken Pilzbil-
dungen, und dieser Vergleich scheint - mir naturgemässer
zu sein, denn ein im Berliner Museum befindliches, leider
trocknes Exemplar dieser eigenthüralichen, südamerika-
nischen Raupenfamilie zeigt aufi'alleude Aehnlichkeit mit
1) Auszug aus einem Briefe uud Notizen zur Fauna Portorikos
Wiegmanns Archiv 1836, p. 305, erster Abschnitt und 1836.
p. 379 oben.
Entwickeluüg einiger Venezuelanischer Schmetterlinge. 29
einem Schwamm, wie er sich an Baumstämmen findet. —
Stoll bildet auf t. 18. l 1. die nahestehende Raupe von
Euryda Hypparchia Cram. ab, und bei Smith und Abbot
findet sich auf t. 74 die ebenfalls ähnliche von Euclea
Pithecium. Beide sind vollständig symmetrisch, bei der im
genannten Museum befindlichen dagegen ist dies nicht der
Fall, die Seitenanhänge und Rückenwtilste der einen Seite
correspondiren nicht mit denen der andern; von Coras
sagt Gr. sogar, dass die Anhänge der rechten Seite bis auf
einen verkümmert sind. — Dass eine Raupe bei der Nach-
ahmung unsymmetrischer Gregenstände auch das grösste
Hinderniss, welches ihr dabei entgegentritt, die Symmetrie,
tiberwinden kann, war mir bisher nicht bekannt. Dazu
kommt nun noch, dass die Anhänge theils eingezogen oder
umgeschlagen, theils ausgestreckt werden, wodurch der
Eindruck eines unregelmässigen Baumschwammes noch
erhöht wird. — Die meisten dieser Raupen scheinen der
Anpassung gemäss braun oder graubraun zu sein, doch
traf Moritz^) eine Art von pechschwarzer Farbe, wie die
Stockflecken der Blätter, auf denen sie sass.
Die flache, haarlose Bauchseite der Raupe von Coras
besitzt nach Gr. keine Bauchfüsse (doch wohl nur sehr
kleine gemeint), der glänzend braune Kopf ist von Haar-
büscheln verdeckt, die Länge beträgt beim Kriechen
0,018 m.; die Breite des Thieres dagegen, incl. der lappen-
förmigen Anhänge an den Seiten, 0,024m. Am S.Novem-
ber (56) setzte sich eine gefangen gehaltene Raupe
zwischen dem oberen Rande des Glases und der tiber-
spannenden Leinwand in wagerechter Lage zur Verpuppung
fest und lieferte am 15. April (57) den männlichen Falter. —
Die Haarbekleidung der Raupe fiel, als das Gespinnst
vollendet war, theils in Fetzen ab, blieb zum Theil an
ihm sitzen. Der ellipsoidische^) Cocon ist fest, pergament-
artig, im Innern ganz glatt, äusserlich wird er von den
1) Ueber südamerikanische Raupen. Wiegmanns Archiv 1837,
pag. 186.
2) Das Wort tonnenförmig, welches man bei derartigen Cocons
in Anwendung bringt, scheint mir nicht passend gewählt zu sein,
da eine Tonne doch wohl stets an beiden Enden eine Abplattung besitzt.
30 H. Dewitz:
eingewebten Haaren der Raupe bedeckt. Die rosetteniör-
migen Rückenbüschel findet man zum Theil unversehrt
wieder. Auch steht die Haarbekleidung der Seitenanhänge
der Raupe als lange Fortsätze vom Cocon ab , in denen ich
die, die einzelnen Härchen zusammenhaltende Oberhaut
vorfand. Obwohl nun der grösste Theil der Raupenhaut,
von Haaren entblösst, im Innern des Cocons lag, so müssen
doch die Oberhautlappen der Seitenanhänge gleich beim
Anfange des Coconbaues abgeworfen werden, und die voll-
ständige Häutung tritt dann erst ein, wenn das Gespinnst
fertig ist; hieraus geht wohl hervor, dass die Seitenlappen
nur Hautanhänge sind, welche vom Körper leicht abge-
stossen werden können. — Der Cocon wird an dem einen
Ende durch einen kreisförmig, scharf abgeschnittenen
Deckel geöffnet. Die Puppe besitzt vom Körper gelöste
Gliedmassen. Das Gespinnst von Hypparchia trägt nach
Stoll's Abbildung ebenfalls die behaarten Seitenlappen
der Raupe.
Das Oeffnen des Cocons durch einen Deckel scheint
sich in verschiedenen Gattungen, ja selbst Familien der
Spinner zu zeigen. Ausser den oben angeführten Arten
sind mir noch folgende bekannt:
Nyssia Dicolon, N. Vidua und N. Trimacula Sepp t.
83. t. 6. u. t. 45, welche Cochliopodenraupen besitzen.
Von Lamprolepis Chrysochroa Felder, Novara, t. 82.
f. 13 befinden sich im Berliner Museum 14 eiförmige Co-
cons vom Cap York, welche alle dicht neben einander an
einem Zweige befestigt stehen; sie sind pergamentartig,
glatt, äusserlich ohne Haarbekleidung, also jedenfalls von
nackten Cochliopodenraupen angefertigt.
Lamprolepis Vulnerans Lewin, Prodromus.
Einige gedeckelte Cocons aus der Gattung Parasa
Moore sind nebst den dazu gehörigen Raupen (Cochliopo-
denraupen) abgebildet auf t. 21 im Catalogue of Lepidop-
terous Insects in the Museum of the East India Company
by Th. Horsfield and Moore 1857.
Eriogaster Catax, Lentipes und Lanestris Esper, euro-
päische Schmett. p. 80 — 93, t. 16 u. 17. Lanestris und
Entwickelung einiger Venezuelanischer Schmetterlinge. 31
Catax besitzen nach Rössel I. p. 309. t. 62. und III. p. 427.
t. 71. f. 1, 2 n. 3 weiche Puppen.
Die Raupen der angeführten Arten mit gedeckeltem
Cocon sind von sehr verschiedener Gestalt. Die einen
schneckenartig, nackt, höchstens mit wenigen Haarbüscheln
besetzt {Limacodes, Asella, Amanda, Dicolon, Vidua, Tri-
macula); andere zeigen einen ebenfalls verkürzten und
verbreiterten Körperbau, sind jedoch mit dichtem, wolli-
gem Haar bedeckt, mit dem sie die Aussenseite ihres Co-
cons bekleiden (Nuda, Opercularis, Pyxidifera, Xanthopase);
wieder andere besitzen die gewöhnliche Form und Behaa-
rung der Spinnerraupen (Lanestris, Catax, Lentipes). Von
allen diesen abweichend ist die sonderbare Raupe von Coras.
Die Cocons scheinen bei den meisten im Verhältniss
zur Körpergrösse der Raupen sehr klein zu sein, letztere
(wenigstens bei einigen ist dies der Fall) lange Zeit un-
verändert im Cocon zu liegen; die Puppen besitzen einen
weichen Körper mit zum grössten Theil frei abstehenden
Gliedmassen, bilden den Uebergang von der Pupa obtecta
zur Pupa exserta. — Diese Erscheinung zeigt sich wohl
überhaupt nur da, wo eine harte Chitinumhüllung über-
flüssig ist, wo die Puppe also geschützt in Holzgängen
oder in einem festen, pergamentartigen Cocon liegt, der
dann zu stark ist, um von der Flüssigkeit, welche der
Schmetterling vor dem Ausschlüpfen von sich giebt, gelöst
zu werden und durch einen Deckel geöffnet wird.
Glottula Timais.
Cram. Hübner Zuträge f. 589 u. 90. Raupe und
Puppe bei Sepp t. 28.
Die Raupe lebt auf Crinum Americanum L., dessen
Blüthentheile sie zuerst angeht; zeitweise bohrt sie sich
auch in die Blüthenstengel ein; sie ist 0,042 m. lang, blass
olivengrün mit zahlreichen kleinen schwefelgelben Flecken.
Der Körper ist mit vereinzelten Härchen besetzt, deren
jedes au-f einer kleinen schwarzen Warze steht. — In jün-
geren Stadien ist die Grundfarbe hell gelblich braun.
2 Raupen verpuppten sich am 30. Juni und 1. Juli (56)
und lieferten am 17. und 18. Juli den Schmetterling. —
32 H. Dewitz:
Die Puppe ist 0,02 m. lang, schwarz, in den Gelenken
hellbraun.
Plusia Rogationis. Guenee.
Die Raupe lebt auf Heliotropium Odoratum Mnch.,
ist 0,03 m. lang, walzenrund, nackt bis auf vereinzelt ste-
hende Haare, hell gelblichgrUn oder graugrün mit 2 auf
dem Rücken verlaufende weisse Längsstreifen. — Eine
Raupe verpuppte sich am 10. Juli in einem weissen, durch-
sichtigen Gespinnst zwischen Blättern, die sie zusammen-
zog. Die Puppe besass anfangs eine grünliche Farbe,
welche allmälig bis zum 19. Juli, als der Schmetterling
zum Vorschein kam, in's Braune überging.
Aspila Tergemina.
Felder, Navara t. 108. f. 55.
Die Raupe lebt auf Nicotiana Tabacum L., wo sie
sich in den Spitzen verbirgt und daselbst nicht nur Löcher
in die Blätter nagt, sondern auch die jungen Blüthenstiele
abfrisst; sie ist 0,028 m. lang, nackt bis auf vereinzelte
weisse, kurze Härchen, welche auf kleinen Wärzchen ste-
hen. Die Farbe ist gelbgrün, in den Einschnitten zwischen
den Segmenten gelb; an jeder Seite, dicht über den Füssen
läuft eine hellere, gelbgrüne Längslinie; Kopf glänzend
hellgrün; die kleinen bräunlichen Stigmen sind mit einem
weisslichen Hof umgeben. Da die Raupen sich stets sehr
verborgen hielten, so konnte die Zeit, zu der sie in die
Erde gingen, um sich zu verpuppen, nicht beobachtet wer-
den. Sie lieferten die Schmetterlinge am 25. December (56),
am 3. u. 6. Januar, 'am 16. März, am 3. u. 11. April (57).
Die letzteren hatten 3 — 4 Monate als Puppen gelegen.
Melanchroia Cephise.
Gram. t. 38. f. E.
Die Raupe lebt auf Morus Nigra L. Auch traf G.
eine Venezuelanische Kirsche, Trichilia sp., welche diese
Raupen ganz kahl gefressen hatten, und auf dem Boden
im Grase eine Menge Puppen. Die Raupe ist eine echte
Spannerraupe ; dasselbe sagt Herr Dr. Gundlach aufCuba
Entwickelung einiger Venezuelanischer Schmetterlinge. 33
von M. Geometrides Walker. Diese beiden Thiere und
vielleicht die ganze Gattung sind also zu den Spannern zu
stellen^). — Die erwachsene Raupe von Cephise (Fig. 24)
ist 0,024 m. lang, blass citronengelb mit schwarzen Zeich-
nungen. Auf dem Rücken verlaufen 2 schwarze Längs-
binden, welche auf jedem Segmente etwas verdickt sind.
An jeder Seite des Körpers, unter den Stigmen, verläuft
eine aus länglichen Flecken bestehende Binde; jedes Seg-
ment trägt einen Fleck, und in den Einschnitten zwischen
den einzelnen Leibesringen ist die Binde also unterbrochen.
Auf der Mitte eines jeden Segmentes verläuft eine, die
beiden Rtickenbinden senkrecht schneidende und in die
Fleckenbinde an den Seiten einmündende Querbinde, welche
die Stigmen trägt. Eine grössere Anzahl meist schmälerer
Querbinden verlaufen diesen parallel, jedoch nur von einer
Längsbinde des Rückens zur andern, ohne dieselben zu
schneiden und auf die Seiten des Körpers herabzusteigen.
Kopf und Füsse sind ziegelroth, Brustfüsse an der Spitze
schwarz. Die gelbbraunen Puppen liegen auf dem Boden
zwischen Blättern ohne ein Gespinnst. Bei einer noch nicht
erwachsenen Raupe (Fig. 25) von 0,011 m. Länge sind die
schwarzen Binden, besonders die 4 Längsbinden, im Ver-
hältniss zur Körpergrösse viel stärker entwickelt, so dass
das Thier viel mehr Schwarz an sich trägt.
Phalcelkira Hyalinatalis.
Lin. Marginalis Cram. t. 371. f. D.
Die Raupe lebt auf Zea Mays L., ist 0,022 m. lang,
nackt ; Rücken bläulich grün, zu beiden Seiten mit einer
weissen Längslinie, Subdorsale, eingefasst; alle übrigen
Theile hellgrün. Sie spinnt bei der Berührung einen Faden.
Die Verpuppung geschah zwischen Falten der Blätter und
nach Verlauf einiger Wochen entschlüpfte am 18. August
(56) der Schmetterling.
1) In den mir zu Gebote stehenden systematischen Werken
wird diese Gattung zu den Spinnern gestellt.
Archiv f. Naturg. XXXXIV. Jahrg. 1. Bd.
34 H. Dewitz:
Zum Schluss will ich noch einmal die mir interessant
erscheinenden Thatsachen hervorheben:
Die Raupe von Papilio Polydamas L. besitzt an den
Seiten des 10. Bauchringes 2 Anhänge, welche in einem
fortwährenden Auf- und Niederbewegen begriffen sind.
Die Raupe von Sphinx Tetrio L. (Hasdrubal Cram.)
zeigt noch Ueberreste der Längsstreifung in Gestalt von
Einbuchtungen der schwarzen Grundfarbe in die gelben
Querbinden oder schwarzer Pünktchen im Gelb. In der
Jugend trägt sie 2 Styli auf der Afterklappe, welche mit
dem Alter schwinden. Das peitschenförmige Hörn wird
bewegt.
Bei der Raupe von Sphinx Carolina L. geht die blau-
grüne Körperfarbe an der Afterklappe und den Seiten beim
Reiz in Gelbgrün über.
Eine ähnliche Farbenveränderung zeigt die Raupe von
Euchromia Eriphia Fab.
Eine Anzahl Spinnerraupen aus verschiedenen Gat-
tungen baut sich einen sehr festen Cocon, der durch einen
Deckel geöffnet wird, indem die das Gespinnst sonst lösende,
vom Schmetterlinge ausgeschiedene Flüssigkeit hier wohl
ohne Erfolg bleiben würde. Da dieser Cocon den Puppen
genügenden Schutz bietet, so erhärten sie lange nicht in
dem Masse, als dieses sonst bei den Spinnern der Fall zu
sein pflegt, und ihre Gliedmassen liegen nicht in der Chitin-
schale, welche den Körper umgiebt, eingeschlossen, sondern
stecken zum grösseren Theil in freien Chitinhülsen. Diese
Puppen, wie auch die der Holzbohrer, welche geschützt
in Holzgängen liegen und mehr oder weniger dieselbe
Erscheinung zeigen, bilden den Uebergang von der Pupa
obtecta zur Pupa exserta. Obwohl diese eigenthümliche
Puppenform schon fast seit einem Jahrhundert bekannt ist,
scheinen die Lehrbücher der Zoologie sie bisher nicht be-
rücksichtigt zu haben.
Die Raupe von Hyalophora Arethusa Walker besitzt
nur in der Jugend die bei den Saturnienraupen verbreiteten,
mit Borsten besetzten Warzen, im Alter ist keine Spur
mehr davon sichtbar. Die Raupe war also wohl in früheren
phyletischen Stadien mit den charakteristischen Warzen
Entwickelung einiger Venezuelanischer Schmetterlinge. . 35
ausgestattet, nahm jedoch eine glatte Körperhaut an und
behielt die Warzen nur in den jüngsten Stadien bei. —
Ihre Cocons, an trocknen Zweigen hängend, erinnern leb-
haft an Samenkapseln.
Ein sehr schönes Beispiel für Nachahmung liefert der
Cocon von Aidos Amanda Cram., indem er den Schein er-
weckt, als ob er von Schlupfwespen durchbohrt, also leer
sei. Dasselbe gilt wohl von Eriogaster Catax und La-
nestris Esp.
Die von den bisher bekannten Raupen wohl am eigen-
thümlichsten gestaltete von Strebiota Coras Cram., Euridia
Hypparchia Cram., Euclea Pithecium Smith-Abbot und wohl
auch noch verwandter Schmetterlinge ahmt Pilzgestalten
(Schwämme) oder s. g. Stockflecken der Blätter nach.
Die Dauer des Puppenstadiums scheint bei ein und
derselben Art der tropischen Schmetterlinge eine sehr ver-
schiedene zu sein.
Melanchroia Cephise Cram., ebenso Geometrides
Walk, sind keine Spinner, sondern Spanner, da sie Spanner-
raupen besitzen.
Wie wichtig es auch selbst für die Systematik ist,
nicht allein die ausgebildeten Insekten, sondern auch deren
Entwickelung kennen zu lernen, ist wohl überflüssig zu er-
örtern, ganz abgesehen davon, dass ohne genaue Kenntnis s
der ontogenetischen Entwickelung der Schleier, welcher
über der phyletischen hängt, niemals gelüftet wer-
den kann. Und wie wenig Jugendstadien aussereuro-
päischer Schmetterlinge, geschweige denn der übrigen In-
sektenordnungen sind bekannt! Möchten daher doch end-
lich die Sammler in fernen Ländern, statt nur immer auf
neue Arten Jagd zu machen, einige Zeit dem Züchten der
Insekten widmen, besonders diejenigen, welche an Ort und
Stelle wohnen.
36 H. D e w i t z : Entwickelung einiger Venezuelanisch. Schmetterlinge.
Erklärung der Abbildungen auf Tafel I.
Fig. 1. 5tes und 6tes Segment (hinter dem Kopfe) der Raupe von
Papilio Polydamas Lin.
Fig. 2. Raupe von Papilio Asterias Cram. Fig. 3. Kopf derselben
von vorne gesehen, vergrössert. Fig. 4. Puppe.
Fig. 5. Puppe von Pieris Elodia Hüb. Fig. 6. Querschnitt des Hinter-
leibes dieser Puppe, dicht hinter den Flügelscheiden; die
Bauchseite ist abgerundet, die Rückenseite zugeschärft.
Fig. 7. 6tes und 7tes Segment (hinter dem Kopfe) der Raupe von
Danais Archippus Fab.
Fig. 8 und 9, Raupe und Puppe von Opsiphanes Cassiae Lin.
Fig. 10. 6tes und 7tes Segment (hinter dem Kopfe) der Raupe von
Sphinx Tetrio Lin. Fig. 11. Ein junges Thier.
Fig. 12. Ein Haar der Raupe von Euchromia Eriphia Fab., ver-
grössert, Fig. 13. Ein Stück desselben, stark vergrössert.
Fig. 14. Raupe von Hyperchiria Janus Cram. Fig. 26. Ein Seg-
ment aus der Mitte des Körpers mit den schwarzen Flecken;
V vorderes Ende; a Ansatz der Dornen; b Stigma.
Fig. 15. Raupe von Aidos Amanda Cram. von der Seite, Fig. 16.
von unten gesehen. K Kopfende. Fig. 17. ein geöffneter,
Fig. 18. ein noch geschlossener Cocon. Fig. 19. Puppe.
Fig. 27. Längsschnitt durch die beiden Höhlungen und
Löcher einer Seite des Cocous; bei a das Ende mit dem
Deckel. Fig. 28. Eine vergrösserte Borste der Pinsel auf
dem Rücken und an den Seiten der Raupe.
Fig. 20. Raupe von Chrysopyga Nuda Cram. Fig. 21. Geöffneter
Cocon mit den Haaren der Raupe bedeckt; Fig. 22. ge-
schlossener Cocon, die Haare sind, damit die Form besser
hervortritt, abgeschabt. Fig 23. Puppe; zwar nur nach
einer Puppenhülle gezeichnet.
Fig. 24. Raupe von Melanchroia Cephise Cram. Fig. 25. Einige
Segmente aus der Mitte des Körpers eines jungen Thieres,
von der Söite gesehen.
Fig. 30. Haar von Strebiota Coras Cram., Fig. 81. aus einer Borsten-
rosette auf dem Rücken, beide vergrössert.
Fig. 2—4 in. 8. 9. 11. 14—18 in. 20—22 in. sind von Herrn
General Quedenfeldt, die übrigen von mir gezeichnet.
Ueber das Skelet des Tapirus Pinchacus.
Von
Ludwig Döderlein
in Strassburg.
Von der Familie der Tapiridae sind bis jetzt vier sichere
Arten als lebende Repräsentanten bekannt geworden. Während
diese Familie in früheren Erdperioden wahrscheinlich ganz
Europa, Asien und Amerika (damals vielleicht mit Aus-
nahme von Südamerika) bevölkerte, sind die noch über-
lebenden spärlichen Glieder derselben jetzt nur auf zwei
vollständig von einander getrennte Territorien beschränkt,
nämlich einerseits auf die malayische Subregion der orien-
talischen Region Wall ace 's, andrerseits in dessen neotro-
pischer Region auf die brasilianische und centralameri-
kanische Subregion. Dem ersteren Verbreitungsbezirk
gehört nur Tapirus Indiens Desmarest an, der Schabraken-
tapir (syn. T. malayanus Raffles, syn. T. sumatranus Gray,
syn. T. bicolor Wagner, syn. Rhinochoerus sumatranus
Gray). Er bewohnt nach Wall ace (Geographische Ver-
breitung der Thiere) Malacca, Sumatra und Borneo, nach
Giebel (Säugethiere) Sumatra, Malacca und die südwest-
lichen Provinzen China's. Dem amerikanischen Verbrei-
tungsbezirk gehören die drei andren Arten an: Tapirus
Americanus Linne, der gemeine amerikanische Tapir (syn.
T. terrestris Gray, syn. T. suillus Wagner), bewohnt nach
Giebel (Säugethiere) in Südamerika den ganzen Distrikt
vom Fusse des Binnencordilleras bis zum atlantlischen
Ocean und von Centralamerika bis nach Buenos Aires; in
38 Ludwig Döderlein:
Peru soll er nicht höher als bis zu 3000 Fuss hinaufgehen.
Ich finde aus verschiedenen Museen Exemplare dieser Art
verzeichnet von Brasilien, Cayenne, Venezuela, Ecuador,
Peru und Paraguay. Tapirus Pinchacus Blainville, der
Bergtapir (syn. T. pinchaque Roulin, syn. T. Roulini Fischer,
syn. T. villosus Wagner), vertritt den vorigen, der aus-
schliesslich dem Tieflande angehört, in den hohen Regionen
der Andeskette, wo er bis über die Schneegrenze geht. Er
wurde gefunden von Bogota bis südlich von Quito auf den
Ost- und' Centralcordilleren. Roulin entdeckte ihn bei
Bogota, Goudot (Compt. rend. de TAcad. des sc Paris. XVI.
1843) gibt an, dass er in dieser Gegend in einer Höhe von
1400 — 4400 m. vorkomme. R. White beobachtete dies
Thier am Vulcan Purace in Süd-Columbia, wo es nicht
tiefer als 3500 m. und bis zu einer Höhe von 4200 m.
gehen soll (Proceed. Zool. Soc. London. 1870. S. 51).
Dr. Reiss gibt in einem Schreiben an das hiesige zool.
Institut an, dass es in Columbia nur in einer Höhe von
3000 — 3700 m. vorkomme; er erhielt seine Exemplare aus
der östlichen Cordillere bei Quito, von Papallacta. Die
Exemplare im British Museum, von Mr. Buckley ge-
sammelt, stammen auch aus Ecuador. Tapirus Bairdii Gill
(syn. Elasmognathus Bairdii Gill) bewohnt Centralamerika ;
nach J. M. Dow kommt er nur vor an der atlantischen
Seite des Isthmus und nördlich vom Chagres River (Proc.
Zool. S. 1867. S. 241). Nach Frantzius geht diese Art
im Süden bis zur Landenge von Darien und im Norden
bis Südmexiko; er finde sich in den heissen Niederungen
und den höchsten Gebirgshöhen (Troschel's Archiv für
Naturgeschichte. 1869). Im Brit. Mus. befindet sich ein
solches Thier vom Vulkan Viejo in Nicaragua (Proc. Z.
S. 1867. S. 473). In einer Anmerkung auf derselben Seite
finde ich eine Bemerkung von Prof Reinhardt über einen
Tapir im Museum von Kopenhagen, der aus Oaxaka in
Südmexiko stammt; eben daher sind 2 Schädel dieser Art
im Surg. Coli. (Proc. Z. S. 1874. S. 89). Das ist der nörd-
lichste Fundort eines Tapir in Amerika, den ich erwähnt
finde. —
Von diesen vier Arten sind T. Am. und Ind. ziemlich
lieber das Skelet des Tapirus Piiichacus. 39
galt bekannt und oft und ausführlich beschrieben worden;
sie sind fast in allen irgendwie bedeutenderen Museen ver-
treten und wurden schon öfter lebend nach Europa gebracht.
T. Bairdii ist erst seit einem Jahrzehnt entdeckt, und, ob-
wohl schon eine Anzahl von Exemplaren nach Europa ge-
langten und sogar im Jahre 1872 ein solches Thier einige
Zeit im Londoner zool. Garten lebte, ist es, soviel ich
weiss, noch ziemlich wenig beschrieben.
T. Pinch. wurde im Jahre 1828 von Eoulin ent-
deckt in der Nähe von Bogota. Koulin beschrieb das
äussere Aussehen des Thieres und gab einige höchst
lückenhafte Bemerkungen über den Schädel (Ann. sc. nat.
I. Ser. XVIII) ; es gelang ihm, in den Besitz eines Schädels
von einem ganz erwachsenen Thiere zu kommen, der sich
jetzt in Paris befindet; Cuvier nahm von demselben einige
Notiz (Ann. sc. nat. I. S. XVII) ; ein zweiter Schädel eines
ganz jungen Thieres kam nach Paris durch Goudot, der
Angaben über die äussere Erscheinung und das Vorkommen
dieser Art veröffentlicht (Compt. rend. Ac. sc. Paris. XVI.
1843); was die meisten Schriftsteller über diese Art be-
richten, sind nur Wiederholungen der Angaben Roulin's;
so Tschudi, Wagner, Giebel etc. Erst BlainviUe
nimmt in seiner Osteographie wieder Gelegenheit, eigene
Beobachtungen über dies Thier zu machen; es stehen ihm
dabei in Paris die beiden oben erwähnten Schädel zur Ver-
fügung, die er benutzt, um einige allgemeine Unterschiede
von den Schädeln der beiden anderen bis dahin bekannten
Arten anzugeben; auch enthält sein Werk gute Abbildungen
dieser Schädel. Ueber das übrige Skelet dieses Thieres
ist bis jetzt, so viel mir bekannt, noch nichts veröffentlicht
worden; ebenso fehlt eine genauere Beschreibung des
Schädels.
Bis zum Jahre 1870 scheinen die beiden Pariser
Schädel die einzigen in Europa befindlichen Skelettheile
dieser Art geblieben zu sein (Proc. Z. S. 1870. S. 51). Im
Jahre 1872 erhielt das Brit. Mus. eine Anzahl Bälge und
Skelete von dieser Art aus Ecuador; diese benutzte Gray
nur zur Aufstellung verschiedener neuer Arten. Dr. S c l a ter
machte einige wenige Angaben über den Schädel (Proc. Z.
40 Ludwig Döderlein:
S. 1872. S. 604). Jetzt befinden sich in mehreren Museen
Exemplare dieses Thieres, z. ß. im Stuttgarter ein Schädel
und drei ausgestopfte Bälge; doch scheint das Thier im
Ganzen ziemlich selten zu sein.
Das zool. Institut in Strassburg erhielt in den letzten
Jahren von Hrn. Dr. Reiss aus Mannheim eine reiche
Auswahl südamerikanischer Thiere zum Geschenke, die
dieser Forscher auf seinen Reisen durch die nordwestlichen
Theile Südamerika's gesammelt hatte. Eines der werth-
vollsten Stücke darunter ist das fast ganz vollständige
Skelet eines jungen Weibchens von Tap. Pinchacus sammt
Balg und von einem zweiten älteren Exemplare der Kopf,
leider ohne Unterkiefer. Diese hübschen Stücke gaben mir
Anlass zu der vorliegenden Arbeit; ich benutzte dieselben
zu einer genauen Vergleichung mit den Skeleten der beiden
gut bekannten Arten. Das Material, das mir dabei zur
Verfügung stand, war folgendes :
Tap. Am. Vollständiges Skelet eines ganz erwachsenen
männlichen Thieres, dem hiesigen zool. Institut
gehörig.
„ „ Schädel eines ganz erwachsenen Weibchens.
„ „ Schädel eines sehr alten Männchens.
„ „ Schädel eines jungen Männchens mit 5 Back-
zähnen im Oberkiefer und 4 Backzähnen im
Unterkiefer. Die Benutzung der letzten beiden
Exemplare hatte ich der Güte des Herrn
Schneider in Basel zu verdanken, der mir
auf das freundschaftlichste Gelegenheit bot, sie
für meinen Zweck zu verwenden.
Tap. Ind. Vollständiges Skelet eines Weibchens mit 5 oberen
und 4 unteren Backzähnen, dem städtischen
Museum von Strassburg gehörig.
Tap. Pinch. Vollständiges Skelet eines Weibchens mit 5 oberen
und 4 unteren Backzähnen.
„ „ Schädel ohne Unterkiefer mit 6 oberen Back-
zähnen ; Geschlecht unbekannt. Die beiden letz-
teren sind die von Hrn. Dr. Reiss dem hiesigen
zool. Institute geschenkten Exemplare.
Dies Material ist sehr spärlich, auch nicht das aller-
lieber das Skelet des Tapirus Pinchacus. 41
günstigste für eine vergleichende Betrachtung; denn um
den Unterschied der Arten festzustellen, sollten eigentlich
nur Exemplare von gleichem Alter und gleichem Geschlechte
verglichen werden. Es wird aber nicht viele Sammlungen
geben, die von so grossen ausländischen Thieren eine solchen
Anforderungen vollständig genügende Auswahl bieten. Unter-
schiede zwischen den Geschlechtern scheinen übrigens sehr
gering und die zwischen Individuen verschiedenen Alters
bis auf die Grössenverhältnisse sehr unbedeutend zu sein,
so dass dadurch die Fehler nicht sehr gross werden können.
Ich muss schon sehr zufrieden sein, dass ich in der glück-
lichen Lage war, vollständige Skelete der 3 Arten zur Ver-
fügung zu haben. Einiges Hess sich auch ergänzen durch
Benutzung der Literatur über diesen Gegenstand. Durch
genaue Messungen, die ich in grosser Zahl anstellte, suchte
ich über manches klar zu werden ; doch muss ich gestehen,
dass bei der grossen Veränderlichkeit dieser Zahlen in
Folge individueller Verschiedenheiten leicht falsche Schlüsse
gezogen werden können, wenn die Messungen nicht an
einer grossen Anzahl von Individuen gemacht werden und
daraus eine Durchschnittsziffer erhalten wird. Uebrigens
spielen solche Zahlen bei Untersuchungen über fossile Arten
eine grosse Rolle, aber wohl nicht immer mit Recht, aus
dem eben angegebenen Grunde.
Bei einer derartigen Arbeit, wie die vorliegende, Hessen
sich vielfache Wiederholungen schon bekannter Thatsachen
schlechterdings nicht vermeiden ; sie waren oft nothwendig,
damit die Darstellung nicht unklar werde, manchmal wieder-
holte ich etwas mit Absicht, was mir nicht genug betont
schien, manchmal musste ich es thun, um einige Aende-
rungen anzubringen.
Als ich mit dieser Untersuchung fast zu Ende war,
erhielt ich Gelegenheit die osteologischen Sammlungen von
Würzburg, Erlangen und Stuttgart zu besuchen; Tapire
finde ich in den beiden ersten nur durch Tap. Am. ver-
treten, in dem überaus reichen Stuttgarter Museum aber
sind ausser den vollständigen Skeleten von zwei weiblichen
T. Am., das eine von einem ganz ausgewachsenen Thiere,
das andere von einem jungen mit 4 oberen und 3 unteren
42 Ludwig Döderleiii:
Backzähnen, eine Anzahl Schädel aller vier Arten da; 5
solche von T.Am. aus verschiedenen Altersstufen, ein Schädel
von T. Ind. und einer von T. Pinch. mit je 5 oberen Back-
zähnen; von T. Baird. war ein Schädel eines ganz ausge-
wachsenen Thieres da, allerdings etwas beschädigt. Meine
Zeit war leider zu kurz bemessen, als dass ich dies letztere
Material meinen Wünschen gemäss hätte ausnützen können;
ich musste mich begnügen, die in ihren verschlossenen
Glasschränken stehenden und lilr genauere Betrachtung zum
Theil sehr ungünstig aufgestellten Stücke zu einigen spär-
lichen Notizen zu verwenden über einzelne Punkte, in denen
sie sich unterschieden von den Exemplaren, die ich in
Strassburg untersucht hatte. Von Messungen konnte natür-
lich keine Rede sein. Da ich von Tap. Baird. mit Aus-
nahme des eben erwähnten Schädels nichts aus eigner
Anschauung kenne, so kann ich ihn nicht zur Vergleichung
beiziehen ; ich werde nur an wenigen Stellen seine Eigen-
thümlichkeiten, so weit ich sie kenne, hervorheben.
Ehe ich zu meiner eigentlichen Aufgabe übergehe,
will ich noch die wesentlichste Literatur, die seit Cuvier
über diesen Gegenstand erschienen ist, so vollständig als
mir möglich, anführen. Mit Ausnahme einiger der kleineren
Werke, die ich nicht erhalten konnte, habe ich sie in der
vorliegenden Arbeit berücksichtigt.
Cuvier, Recherches sur les ossements fossiles. 4. ed.
Tome III.
Home, Transact. philosoph. 1821.
D' Alton, Skelete der Pachydermen. 1821.
Prinz von Neuwid, Beiträge zur Naturgesch. von
Brasilien. II.
Rengger, Naturgeschichte von Paraguay.
Cuvier, Annal. des scienc. nat. I. Ser. XVIL
Roulin, Ann. sc. nat. I. S. XVIII.
Yarrel, Zoolog, journ. IV. 211.
Owen, Proceed. zool. soc. London. 1831.
von Tschudi, Fauna Peruana.
Raff les, Transact. Linn. soc. XIII.
Horsfield, Zoolog, research.
lieber das Skolet des Taijirus Pinchacus. 43
H. V. Meyer, Nova acta Acad. Leop. XVI. 2. 1833,
Dinotherium bavaricum.
Wagner, Schreber's Säugethiere. VI.
Deslongchanips, Mem. Soc. Liiin. Normandie. 1842.
Goudot, Oomptes rendus de l'Acad. sc. Paris. XVI.
1843.
Giebel, Säugethiere.
Owen, Odontographie.
Blainville, Osteographie des Mammiferes. 1839 —
1864. IV.
H. V. Meyer, Palaeontographica. 1867.
Gill, Proceed. of the Acad. of nat. sc. of Philadelphia.
1865. S. 183.
Gill, Sillimans Amer. Journ. Jnly 1867. Vol. 43.
S. 370.
J. M. Dow, Proceed. zool. soc. 1867. S. 241.
J. E. Gray, Proc. zool. soc. 1867. S. 876—880.
Frantzius: Troscbel Wiegmanns Archiv l'ttr Natur-
geschichte. 1869.
Newton, Proceed. zool. soc. 1870. S. 51.
Gray, Proc. zool. soc. 1872. S. 483-492.
Gray, Proc. zool. soc. 1872. S. 624—625.
Sclater, Proc. zool. soc. 1872. S. 604.
Bezahuung.
Die drei Arten des Tapir, T. Am., T. Pinch. und T.
Ind., unterscheiden sich in der Bezahnung sehr wenig. Die
Zahnformel ist genau dieselbe, die allgemeine Form der
einzelnen Zähne bei den drei Arten ist auch sehr ähnlich,
so dass die Beschreibung derselben bei einer Art fast voll-
kommen giltig ist für die beiden anderen. Für T. Am.
und Ind. ist dies von Cuvier und Blainville ausge-
sprochen; sie finden nur in der Grösse, Blainville nur
in der der Molaren einen kleinen Unterschied. Für die
Bezahnung des T. Am. und T. Pinch. hat Blainville
nach Unterschieden gesucht, führt aber blos an eine merk-
liche Differenz in /ler Länge der Molarreihe, was nach
meinen Beobachtungen durchaus nicht der Fall ist, wie ich
44 Ludwig Döderlein:
später näher auszuführen Gelegenheit habe. Es lässt sich
jedoch besonders an den Zähnen von T. Pinch. eine An-
zahl kleiner Unterschiede von denen der beiden anderen
Arten erkennen, die jedoch den ganzen Charakter der Zähne
kaum ändern.
An Schneidezähnen und Eckzähnen stehen mir leider
nur Ersatzzähne zu Gebote; die Milchzähne waren durch-
gängig schon verloren gegangen. Im Oberkiefer sind die
vier mittleren Schneidezähne einander fast ganz gleich;
die beiden mittelsten übertreffen ihre Nachbarn etwas an
Grösse; ihre Krone ist breit schaufeiförmig; die äussere
convexe Seite ist durch eine seichte Längsrinne in zwei
seitliche Hälften getheilt ; bei Tap. Pinch. sind diese Hälften
einander ganz gleich ; bei T. Am. ist die der Sagittalebene
näher liegende Hälfte stärker entwickelt und viel mehr
gevv^ölbt als die äussere. Auf der hinteren Seite dieser
Zähne entsteht durch Aufwulstung des Basalrandes der
Krone eine kleine Kante, die durch ein Thal von dem
die Schneide bildenden vorderen Haupttheil des Zahnes
geschieden ist; quer durch das Thal läuft eine von
der Mitte der Schneide des Zahnes entspringende wenig
erhabene Leiste. Dies Thal dient zur Aufnahme der
Schneide der unteren Schneidezähne in der Ruhe ; es findet
sich auch an den oberen Schneidezähnen sehr vieler andereii
Thiere. Die Wurzel dieser Zähne ist seitlich comprimirt,
vorne etwas breiter als hinten und auf beiden Seiten mit
einer Längsrinne versehen. Auch die vordere Seite zeigt
eine solche als Fortsetzung der an der Krone verlaufenden
Rinne.
Die äusseren oberen Schneidezähne sind Eckzähnen
ähnlich und haben deren Funktion übernommen ; ihre Krone
ist bei T. Pinch. etwas mehr von aussen nach innen com-
primirt als bei T. Am., bei dem sie auf einem Querschnitte
fast rund erscheinen würden.
Die mittleren vier Schneidezähne des Unterkiefers
sind im ganzen ähnlich gebaut den oberen ; doch fehlt auf
der hinteren Seite die Basalkante; sie sind schaufeiförmig,
auf der Vorderseite convex, mit einer seichten Längsrinne
in der Mitte, auf der Rückseite concav. Bei T. Ind. ist an
lieber das Skelet des Tapirus Pinchacus. 45
der Krone der Durchmesser von vorn nach hinten dem
seitlichen Durchmesser gleich; bei T. Am. und Pinch.
tiberwiegt der letztere. Die Krone ist bei T. Ind. in der
Mitte ihrer Höhe am breitesten und verschmälert sich so-
wohl nach unten wie nach oben bedeutend, bei T. Am. und
Pinch. ist von einer Verschmälerung nach oben keine Rede.
Die Wurzel ist auch seitlich comprimirt, die vordere Fläche
breiter als die hintere und die beiden Seiten besitzen
Längsrinnen.
Die äusseren Schneidezähne des Unterkiefers sind
sehr klein, gleichen aber bei T. Pinch. in ihrer Form den
mittleren oberen Schneidezähnen, da sie auf der Rückseite
der Krone eine kleine Basalkante besitzen; eine solche
fehlt bei T. Am., wodurch sie bei diesem in ihrer Bildung
den mittleren unteren Schneidezähnen mehr ähneln.
Die Eckzähne sind sowohl oben als unten bei T.
Pinch. mehr comprimirt von aussen nach innen als bei den
zwei anderen Arten. Bei den unteren Eckzähnen hatte ich
Gelegenheit, auch einen Milchzahn zu beobachten; er war
noch erhalten auf der rechten Seite an dem jungen männ-
lichen T. Am.; ich finde nirgends eine Beschreibung eines
solchen, obwohl Blainville solche Milchzähne öfter er-
wähnt in dem Kapitel über den Unterschied in der Be-
zahnung bei den verschiedeneu Altersstufen. Er hatte
Milcheckzähne vor sich von T. Am. und T. Pinch., wie
auch deren Milch-Schneidezähne. Der mir vorliegende
Milcheckzahn ist sehr verschieden von seinem Ersatzzahne ;
er sieht noch kleiner aus als der äusserste untere Schneide-
zahn ; die Krone ist allerdings etwas höher als bei diesem,
doch liegt er so schief und tritt so wenig hervor, dass er
doch noch kleiner als dieser erscheint. Zur Vergleichung
will ich die Masse beider anführen:
Höhe der Krone
aussen innen Breite Dicke
Milch-Eckzahn: 0,006 0,007 0,006 0,005
Aeusserer Schneidezahn: 0,004 0,005 0,007 0,005
Dieser Milcheckzahn ist schauf eiförmig, innen sehr
wenig und aussen stark convex, auf der Aussenseite ohne
eine Längsrinne. Die beiden Seitenränder sind zugeschärft
46 Ludwig- Döderlein:
und laufen oben zu einer Schneide zusammen, die bei dem
vorliegenden Exemplare ein klein wenig abgekaut ist.
Die Wurzel ist 0,004 lang und unten noch offen; der darunter
liegende Ersatzzahn würde ihn in sehr kurzer Zeit heraus-
gedrängt haben, wie schon auf der andern Seite ge-
schehen war.
Obere Backzähne: Die Milchzähne differiren bei den
drei Arten in ihrer allgemeinen Form sehr wenig. Bei T.
Pinch. tritt am dritten und vierten Backzahn an der Basis
der Krone zwischen den beiden innoren Kegeln ein deut-
licher Höcker auf, der bei T. Ind. sehr schwach, bei T.
Am. gar nicht angedeutet ist. Von ihren betreffenden Er-
satzzähnen unterscheiden sich bei T. Am. und Ind. diese
Milchzähne gar nicht; bei T. Am. kann ich dies constatiren,
bei T. Ind. muss ich mich auf die Angaben Biainville's
und andrer verlassen. Nicht so ist es bei T. Pinch., bei
welchem sich mehrere Ersatzzähne unterscheiden sowohl
von den Milchzähnen derselben Art, wie von den Milch-
und Ersatzzähnen der beiden anderen Arten. Am deut-
lichsten tritt der Unterschied am zweiten Backzahn auf;
bei ihm ist nämlich der sonst einfach bleibende hintere
äussere Kegel durch eine Längsfurche auf der äusseren
Seite in einen vorderen und hinteren Theil getheilt, wo-
durch der ganze Kegel in die Länge gezogen wird, so dass
der vordere Theil sich dem vorderen äusseren Kegel sehr
nähert ; der sonst bei den Backzähnen vorhandene, an der
Basis der Krone beginnende tiefe Einschnitt zwischen den
beiden Kegeln wird dadurch auf der Aussenwand des
Zahnes in eine flache Längsfurche verwandelt, die kaum
so tief ist wie die die Theilung des hinteren Kegels ver-
ursachende Furche. Die Spitzen der beiden äusseren Kegel
sind verbunden durch ein sehr wenig eingebogenes Joch.
Beim ersten Ersatzbackzahne tritt die Theilung des hinteren
Kegels auch auf und verursacht bei ihm die Bildung zweier
Spitzen, während beim zweiten Backzahne die Spitze nur
in die Länge gezogen war. Die vordere Spitze des hinteren
Kegels ist beim ersten Prämolar der Spitze des vorderen
Kegels viel näher als der hinteren Spitze des hinteren
Kegels. Diese beiden vorderen Prämolaren erhalten da-
lieber das Skelet des Tapirus Pinchacus. 47
durch von aussen betrachtet nicht mehr das Ansehen wie
die übrigen Backzähne, als seien sie aus einem vorderen
und hinteren von der Basis an ganz getrennten Kegel zu-
sammengesetzt, sondern jeder scheint eine besondere con-
tinuirliche äussere Wand zu besitzen, die nur durch einige
seichte Längsfurchen massig eingedrückt ist. Beim dritten
Prämolar des T. Pinch. ist nichts mehr von einer Theilung
des hinteren Kegels zu sehen, doch sind die Spitzen der
beiden äusseren Kegel auch hier durch ein nur sehr wenig
eingebogenes Joch verbunden; ebenso, aber weniger aus-
gesprochen, ist es beim 4. Prämolar. Die Molaren des
T. Pinch. ähneln denen des T. Am. nicht weniger, als es
bei den Milchzähnen der beiden Arten der Fall ist. Was
die Wurzeln der oberen Backzähne betrifft, so sind sie der
Zahl nach den Kegeln der Krone entsprechend; der erste
Backzahn hat drei bis zum Halse von einander getrennte
Wurzeln. Die übrigen haben vier Wurzeln; davon sind
die beiden äusseren von einander und von den beiden
andern vollständig getrennt bis zum Hals, die beiden inneren
dagegen sind fast von ihrer Spitze an mit einander durch
eine dünne Wand verbunden. Da diese Wurzeln vom Hals
an ziemlich stark divergiren, ist es nicht möglich, wie
auch Blainville bemerkt, einen vollständigen Backzahn
auszuziehen, ohne den Kiefer zu zerbrechen..
Backzähne des Unterkiefers : Diese sind bei den drei
Arten nach ihrer ganzen Form ziemlich gleich gestaltet.
T. Pinch. unterscheidet sich dadurch, dass beim zweiten
Backzahn wie bei den folgenden sowohl zwischen den
beiden äusseren Kegeln als zwischen den beiden inneren
an der Basis der Krone eine deutliche Warze sich erhebt,
die den beiden anderen Arten vollständig fehlt. Auch hier
entspricht die Zahl der Wurzeln der der Kegel und zwar
hat der erste Zahn drei Wurzeln, von denen die beiden
hinteren mit einander durch eine dünne Wand verbunden
sind ; die übrigen haben vier Wurzeln, von denen sowohl das
vordere wie das hintere Paar eng unter sich verbunden ist.
Während ein Unterschied in der Gestalt der einzelnen
Zähne in geringem Masse aber ziemlich gleichmässig
zwischen den drei Arten vorhanden ist, ist ein solcher in
48 Ludwig Döderlein:
der Grösse der Zähne zwischen T. Pinch. und T. Am.
kaum bemerkbar, zwischen diesen aber und T. Ind. ver-
hältnissmässig bedeutend. Das Verhältniss der einzelnen
Backzähne zu einander ist bei den drei Arten ganz gleich
für den Oberkiefer wie für den Unterkiefer ; für den Ober-
kiefer gilt folgendes: Die Milchbackzähne zeigen in ihrer
Länge keinen Unterschied von den Ersatzzähnen, in der
Breite nur den, dass der dritte und vierte Ersatzzahn etwas
breiter ist als die betreffenden Milchzähne. Von den Er-
satzzähnen ist der 1. bei weitem der kürzeste; der 2. ist
ein gutes Theil länger und die 3 folgenden nehmen ganz
allmählich an Länge zu; die beiden letzten sind etwa gleich
lang, aber bedeutend länger als die vorhergehenden. Die
Breite nimmt vom 1. bis 3. schnell zu, dann langsamer bis
zum 5., der 6. ist bedeutend breiter als dieser, während
der 7. wieder etwas schmäler ist als der 6. Beim 2. Back-
zahne ist die vordere Hälfte schmäler als die hintere, beim
3. sind beide Hälften etwa gleich breit, vom 4. bis zum 7.
tritt die hintere Hälfte an Breite gegen die vordere
zurück.
Im Unterkiefer sind die Milchzähne, besonders der L,
länger als die Ersatzzähne; die Breite ist beim 1. Milch-
zahn dieselbe, beim 2. und 3, geringer als bei den Ersatz-
zähnen. Bei diesen ist unter den 4 ersten im Durchschnitt
kein Unterschied m der Länge zu erkennen; der 5. ist aber
länger als die vorhergehenden, und noch mehr der 6. Der
erste Backzahn ist bei weitem der schmälste, der 2. ein
gut Theil breiter, etwas mehr die beiden folgenden und
noch mehr die beiden letzten. Die hintere Hälfte über-
wiegt am 1. Backzahne bedeutend die vordere an Breite,
weniger beim 2. und 3., vom 4. an überwiegt die vordere
Hälfte.
Um die Unterschiede in der Grösse der Zähne bei
den verschiedenen Arten zu zeigen, führe ich einige der
bei meinen Messungen erhaltenen Zahlen an. Ich wähle
die im nahezu gleichen Alter stehenden jungen Thiere der
drei Arten mit 5 oberen und 4 unteren Backzähnen; es
sind dies noch die Milchzähne; dazu füge ich noch die
Masse der Zähne des älteren T. Pinch. mit 6 Backzähnen
Ueber das Skelet des Tapirus Pinchacus.
49
im Oberkiefer, um die Grösse der Ersatzzähne dieser Art
zu skizziren.
T- Ind,
? juv.
T.Pinch.
ad.
Oberkiefer:
Länge des 1.
Grösste Breite
Länge des 2.
Grösste Breite
Länge des 3.
Grösste Breite
Länge des 4.
Grösste Breite
Länge des 5.
Grösste Breite
Länge des 6.
Grösste Breite
Backzahnes
des I.Backzahnes
Backzahnes
des 2. Backzahnes
Backzahnes
des S.Backzahnes
Backzahnes
des 4. Backzahnes
Backzahnes
des 5. Backzahnes
Bachzahnes
des 6. Backzahnes
0,021
, 0,018
10,024
0,023
10,024
i 0,025
,0,026
0,027
0,027
0,027
0,030
0,017
0,027
0,017
0,027
0,018
0,027
0,017
0,015
0,019
0.020
0,021
0,023
0,020
0,024
0,021
0,023
0,023
0,024
Unterkiefer:
Länge des 1. Backzahnes
Grösste Breite des 1 . Backzahnes
Länge des 2. Backzahnes
Grösste Breite des 2. Backzahnes
Länge des 3. Backzahnes
Grösste Breite des 3. Backzahnes
Länge des 4. Backzahnes
Grösste Breite des 4. Backzahnes ! 0,020
Diese Zahlen bei gleichaltrigen Thieren verdeutlichen
am besten den kaum vorhandenen Unterschied in der Grösse
der Zähne zwischen T. Pinch. und T. Am. und den be-
deutenden zwischen diesen und T. Ind.
Zwischen Eckzähnen und Backzähnen ist sowohl im
Ober- wie im Unterkiefer eine sehr weite Lücke, deren
Grösse ziemlich schwankend ist b^ei den einzelnen Indivi-
duen; bei T. Am. und T. Pinch. ist sie durchschnittlich
ziemlich gleich, sie schwankt bei ihnen im Oberkiefer
zwischen 0,038 und 0,048, im Unterkiefer zwischen 0,042
und 0,053; die kleinsten Ziffern ergab das ganz alte Männ-
chen von T. Am., die grössten das erwachsene Männchen
derselben Art. T. Ind. gab auch hier viel höhere Zahlen,
nämlich f\ir den Oberkiefer 0,054, für den Unterkiefer 0,061.
Archiv f. Natxirg. XXXXIV. Jahrg. 1. Bd. 4
50 Ludwig Döderlein:
Beim Gebrauch der Zähne wirken einerseits die Eck-
nnd Schneidezähne, andrerseits die Backzähne auf einander
und nützen sich gegenseitig ab. Die Eck- und Schneide-
zähne wirken in folgender Weise: Die vier mittleren Schneide-
zähne des Unterkiefers passen genau in die entsprechenden
des Oberkielers, so dass bei geschlossenem Maule die
Schneide der unteren in dem Thale der oberen ruht. Beim
Gebrauche reiben sich die entgegengesetzten Schneiden
ganz gleichmässig von oben her ab, so dass, wenn die Ab-
nutzung weit vorgeschritten ist, alle diese Zähne statt der
Schneide eine breite ebene Fläche zeigen.
Der eckzahnartige äussere Schneidezahn des Ober-
kiefers reibt mit dem vorderen Theil seiner inneren Fläche
die Schneide des unteren äusseren Schneidezahns, mit dem
hinteren Theil seiner inneren Fläche die vordere Kante
des unteren Eckzahns; es wird daher der obere äussere
Schneidezahn nur an der inneren Fläche angegriffen; eine
sehr kleine Abreibung erhält er auch an seiner vorderen
Kante durch die hintere Kante des zweiten unteren Schneide-
zahnes. Der untere äussere Schneidezahn zeigt bei einem
alten Thiere statt der Schneide auch nur eine breite ebene
Fläche, die aber nach der äusseren Seite geneigt ist. Dieser
kleine Zahn fällt manchmal bald aus, dann besitzt natürlich
auch* der obere äussere Schneidezahn keine Abreibungs-
spuren von ihm.
Zwischen dem äusseren Schneidezahn und dem Eck-
zahne des Oberkiefers befindet sich eine Lücke, in welche
der untere Eckzahn eingreifen kann ; eine solche Lücke ist
für den äusseren oberen Schneidezahn im Unterkiefer nicht
nöthig, da durch die geringe Entwicklung des unteren
äusseren Schneidezahnes Ersatz dafür geschaffen ist. Der
untere Eckzahn wird auf der vorderen Kante sehr stark
abgerieben durch den äusseren oberen Schneidezahn, auf
der hinteren Kante weniger vom oberen Eckzahn; dieser
letztere hat daher nur eine Abreibungsfläche auf der vor-
deren Kante. Die Lücke zwischen Schneidezahn und Eck-
zahn im Oberkiefer ist in ihrer Grösse sehr wechselnd,
doch bei den jüngeren Thieren entschieden kleiner als bei den
erwachsenen, bei T. Ind. grösser als bei T. Am. und Pinch.
Ueber das Skelet des Tapirus Pinchacus. • 51
Um die Abnutzungserscheinungen der Backzähne zu
verstehen, ist es nöthig, über die Kaubewegungen der-
selben ganz klar zu werden. In der Ruhelage greift der
äussere hintere Kegel eines unteren Backzahnes in das von
den beiden Querleisten eines oberen Zahnes gebildete Thal,
und zwar desjenigen Oberkieferzfahnes, der von vorn nach
hinten gezählt die nächst höhere Nummer in der Reihe der
oberen Backzähne trägt als der betreffende untere Backzahn
in seiner Reihe hat. So greift z. B. der äussere hintere
Kegel des 3. Unterkieferbackzahnes in die Mitte des Thaies
vom 4. oberen Zahne. Der äussere vordere Kegel des 3.
unteren Zahnes sitzt in dem durch das vordere Querjoch
des 4. und das hintere Querjoch des 3. oberen Zahnes ge-
bildeten Thale. Der innere vordere Kegel des 4. oberen
Zahnes greift in das Thal des 3. unteren Zahnes, der innere
hintere Kegel des 4. oberen Zahnes in das Thal zwischen
dem 3. und 4. Unterkieferzahne. Die beiden äusseren
Kegel der Oberkieferzähne stehen daher in der Ruhelage
frei über die Unterkieferzähne nach aussen, die beiden
inneren Kegel der Unterkieferzähne frei nach innen.
Die Entfernung der beiden Backzahnreihen ist daher
im Oberkiefer etwa um eine Zahnbreite grösser als im
Unterkiefer. Da ausserdem der erste Backzahn im Unter-
kiefer ein gutes Stück länger ist als der erste obere Zahn,
da dieser letztere jenen in der Ruhelage etwas nach vorne
überragt und das hintere Querjoch des jeweilig letzten
unteren Zahnes noch vor dem hinteren Querjoch desselben
oberen Zahnes liegt, so kommt es, dass die sechs unteren
Backzähne den sieben oberen vollkommen entsprechen.
Beim Kauen setzen sich die vier Kegel etwa des 3.
unteren Backzahnes fast gerade unter die vier Kegel des
4. oberen und bewegen sich nun etwas von hinten nach
vorn und zugleich von aussen nach innen, bis der Zahn in
die vorhin als die Ruhelage beschriebene Stellung ge-
kommen ist; dann bewegt er sich wieder etwas von vorne
nach hinten, aber immer noch von aussen nach innen, bis
den beiden äusseren Kegeln dieses 3. Unterkieferzahnes
die beiden inneren Kegel des 4. Unterkieferzahnes gegen-
überstehen; dies ist der Augenblick, wo auf der anderen
52 Ludwig Döderlein:
Seite die 4 Kegel eines oberen Zahnes den 4 Kegeln eines
unteren Zahnes gegenüberstehen. Jetzt tritt genau die
umgekehrte Bewegung ein. Es reiben so die nach hinten
convexen Querjoche der unteren Backzähne die nach vorne
convexen Querjoche der oberen ; die Querjoche werden oben
von dei- vorderen, unten von der hinteren Seite aus abge-
rieben. So erklärt es sich auch, warum bei den oberen
Zähnen die äusseren und bei den unteren Zähnen die
inneren Kegel ausserordentlich viel weniger abgenutzt wer-
den als die übrigen, da dieselben während des grijssten
Theils der Kaubewegung auf keiner gegenüberliegenden
Zahnfläche zu reiben haben. Der vor dem vorderen äusseren
Kegel der oberen Zähne liegende accessorische Höcker wird
durch den vorderen äusseren Kegel des gegenüberstehen-
den unteren Zahnes abgerieben.
Bei der Abnutzung der Zähne wird nun zuerst der
Schmelz oben der inneren und unten der äusseren Kegel
auf deren Spitze durchgerieben. An diesen Kegeln wird
das vorher überall vom Schmelz bedeckte Dentin zuerst
sichtbar; durch weitere Abreibung vergrössert sich diese
Dentinfläche und schreitet allmählig die Querjoche entlang
bis zu den anderen Kegeln; in diesem Stadium zeigen dann
die Backzähne zwei stark in die Länge gezogene parallele
Dentinflächen. Diese werden immer breiter, je weiter die
Abnutzung vor sich geht und zwar ist, da das Dentin
weniger Widerstand leistet als der Schmelz, die Dentin-
fläche immer vertieft und von dem weniger angegriffenen
Schmelz wallartig umgeben. Mit zunehmender Abnutzung
wird auch der die Tiefe des Thaies bedeckende Schmelz
abgetragen und zuerst gänzlich beseitigt an einer bei den
oberen Zähnen zwischen den äusseren, bei den unteren
zwischen den inneren Kegeln liegenden Stelle. Dort ver-
binden sich die beiden vorher getrennten Dentinflächen
eines Zahnes zuerst durch einen ganz schmalen Streifen,
der allmählich breiter wird, bis zuletzt der ganze Zahn eine
einzige grosse quadratische Dentinfläche in der Mitte dar-
bietet, die sehr stark ausgehöhlt ist, umgeben von einem
verhältnissmässig hohen Wall von Schmelz. Dies Stadium
zeigen mir einige Zähne des ganz alten männlichen T. Am.
lieber das Skelet des Tapirus Pinchacus. 53
lieber die Aufeinanderfolge der Zähne hat Blainville
an seinem reichen Material vorzügliche Gelegenheit zur
Untersuchung gehabt; er beschreibt eine ziemlich voll-
ständige Reihe aufeinander folgender Stufen. Ich fasse in
Kürze hier seine Angaben zusammen und kann nur wenig
neues hinzufügen. Die erste Stufe, die er erwähnt, ist die
eines sehr jungen Thieres, bei welchem oben und unten drei
Paar Milchschneidezähne vorhanden sind, unten ist ein Milch-
eckzahn eben hervorgebrochen, drei Milchbäckzähne sind oben
und zwei unten, von den folgenden sind oben und unten
zwei in den Alveolen sichtbar, ebenso die oberen Milch-
eckzähne. Später bricht auch oben der Milcheckzahn her-
vor, sowie der 4. Milchbackzahn, und unten der 3. Milch-
backzahn ; sowohl oben wie unten ist jetzt auch der zweite
Molar in der Alveole sichtbar. Wenn der erste Molar her-
vorbricht, tritt der Wechsel der Schneidezähne ein; der
äusserste obere Ersatzschneidezahn bricht aber noch nicht
hervor; bald darauf fallen auch die Milcheckzähne aus;
die unteren vielleicht etwas später als die oberen, denn ich
fand an einem Exemplar in diesem Stadium den einen
unteren Milcheckzahn noch erhalten; der andere war wie
die oberen schon ausgefallen. Die Abnutzung ist bedeutend
bei den 3 ersten oberen und 2 ersten unteren Michback-
zähnen, sehr gering bei dem letzten Milchbackzahn, während
der erste Molar noch gar nicht angegriffen ist. Die Ersatz-
eckzähne stecken noch ganz in den x\lveolen ; der vorletzte
Molar ist oben und unten schon fast ganz ausgebildet, hat
aber die Alveole noch nicht durchbrochen; von dem letzten
Molar hat sich die Alveole eben geöffnet und lässt an den
mazerirten Schädeln den schon erhärteten Keim sichtbar
werden; die beiden Querjoche sind schon ganz gut ausge-
bildet, hängen aber durchaus noch nicht zusammen, sondern
scheinen sich erst später zu verbinden. (Diese Zähne
scheinen mir sich überhaupt nicht aus einer Anlage zu
entwickeln, sondern aus so vielen, als der ausgebildete
Zahn Wurzeln besitzt.) Die Ablagerung von Kalksalzen
beginnt im obersten Theile der Querjoche und schreitet all-
mählich nach unten.
In die Zeit von dem eben besprochenen Stadium bis
54 Ludwig Dödorlsin:
zum nächsten fällt der Wechsel der Prämolaren ; der letzte
derselben wechselt am spätesten; Blainville beobachtete
ihn noch als Milchzahn, während die drei, beziehungsweise
zwei vor ihm stehenden schon Ersatzzähne waren; doch
muss der Wechsel dieser Zähne in ziemlich kurzer Zeit
statt haben, da die unter den Milchzähnen liegenden Keime
nur geringe Unterschiede in ihrer Ausbildung zeigen, wie
ich es bei T. Pinch. sehen konnte, wo wohl der Keim des
ersten weiter vorgedrungen war als der des letzten, doch
dieser letztere war schon ganz erhärtet. In diese Zeit lallt
auch das Hervorbrechen der oberen und unteren Ersatzeck-
zähne und der oberen äusseren Schneidezähne. Von diesen
erscheint der obere Eckzahn zuletzt. Wenn der vorletzte
Molar aus seiner Alveole herausgetreten ist, sind sämmt-
liche Zähne als Ersatzzähne vollständig vorgebrochen ; der
letzte Molar ist dann ziemlich ausgebildet sichtbar in seiner
weit offenen Alveole; dies Stadium finde ich an dem Schädel
des älteren T. Pinch.; es fehlt ihm zwar der Unterkiefer,
doch lässt sich auf die Beschaffenheit der darin vorhan-
denen Zähne sehr sicher schliessen. Die Abnutzungsspuren
der Zähne sind auf dieser Stufe natürlich äusserst gering.
Am stärksten angegriffen ist der erste Molar; doch tritt
bei diesem nur auf der Höhe der Querjoche eben ein ganz
schmaler Streifen Dentin auf; viel weniger abgerieben ist
der 2. und 3. Prämolar, bei welchen gerade der die Spitze
der hinteren inneren Kegel bedeckende Schmelz durch-
gerieben ist; beim 1. und 4. Prämolar und beim 2. Molar
fehlt der Schmelz noch an keinem Punkte, auch die Schneide-
zähne sind nur äusserst wenig angegriffen.
Das letzte Stadium ist dasjenige, in welchem auch
der letzte Molar vollständig hervorgebrochen ist. Die Ab-
nutzungserscheinungen werden dann sehr deutlich; am
meisten sind sie immer am ersten Molar sichtbar, etwas
weniger bei den vorderen Prämolaren, noch weniger beim
letzten Prämolar und 2. Molar, während der 3. Molar immer
am geringsten abgerieben wird. Auch die Schneide- und
Eckzähne zeigen deutliche Spuren. Zuletzt sind, wie es
ein Blainville vorliegender Schädel von T. Pinch. zeigt,
sämmtliche Backzähne bis auf die Wurzel abgerieben, ebenso
Ueber das Skelel des Tapirus Pinchacus. 55
die Schneidezähne mit Ausnahme des äussersten im Ober-
kiefer.
Wenige Worte sind noch zu sagen über den unteren
äusseren Schneidezahn; dieser fällt manchmal aus, bald
früher, bald später, und seine Alveole schliesst sich;
meistens aber bleibt er das ganze Leben hindurch erhalten,
wie jeder der anderen persistirenden Zähne. Ich fand
seine Alveole nur geschlossen bei dem ganz alten Männchen
von T. Am., und auch hier nur an einer Seite; auf der
anderen Seite stand der Zahn noch ; wo er bei den übrigen
Schädeln fehlte, zeigte seine weit offene Alveole so gut wie
seine Abreibungsspuren am oberen äusseren Schneidezahn,
dass er erst bei der Mazeration verloren gegangen war.
Gray beobachtete an einem Schädel von T. Am. einen
überflüssigen Zahn zwischen dem Eckzahn und dem ersten
Prämolar. (Proc. zool. soc. 1867. S. 878.)
Die Ersatzschneide- und Ersatzeckzähne entwickeln
sich bei den Tapiridae hinter den Wurzeln ihrer Milchzähne;
(beim Hervorbrechen bilden sie, wie Gray beobachtet hat
Proc. zool. soc. 1867. S. 876 u. f.), eigene Alveolen, die
theilweise oder vollständig von denen der Milchzähne ge-
trennt sein können. Gray findet an einigen, eben im ge-
eigneten Stadium befindlichen Schädeln zwei hinter ein-
ander liegende und vollständig von einander getrennte
Alveolenreihen, wovon die vordere den Milchzähnen, die
hintere den Ersatzzähnen entsprach. Die Ersatzbackzähne
bilden sich gerade über, beziehungsweise unter ihren be-
treffenden Milchzähnen aus, heben beim Grösserwerden die-
selben allmählig aus ihren Alveolen, indem sie von unten
her drücken, und benutzen dann ausschliesslich die alten
Alveolen, welche sich ihnen vollkommen anpassen.
Schädel.
Da die einzelnen Schädelknochen des T. Am. schon
durch die genauen Beschreibungen Cuvier's und Blain-
ville's bekannt sind, so kann ich mich gleich zur Be-
trachtung der Verschiedenheit in ihrer Form bei den 3
Arten wenden; ich wähle dazu die Schädel der etwa in
56 Ludwig Döclerlein:
gleichem Alter stehenden jungen Exemplare, da bei ihnen
die Verwachsung der einzelnen Stücke noch wenig Fort-
schritte gemacht hat.
Os occipitale: Der Basaltheil ist mit den Lateraltheilen
in diesem Alter schon vollständig verschmolzen; über dem
foramen magnum ist aber bei T. Ind. und Pinch. noch eine
Naht zwischen den Occ. lateralia, während bei dem jungen
T. Am. eine solche nicht mehr sichtbar ist. Bei T. Am.
ist dies Stück im Vergleich zu seiner Länge viel schmäler
als bei den beiden andern Arten; die Länge des Basal-
theiles beträgt bei T. Am. 0,052, bei T. Ind. 0,053, bei
T. Pinch. 0,046; von hinten betrachtet erscheint dies Stück
bei T. Ind. und Pinch. auch ziemlich flach, nur sehr massig
gewölbt, bei T. Am. ist es dagegen sehr stark gewölbt ;
dadurch rücken auch bei dem letzteren die processus para-
mastad. weiter nach vorn als es bei jenen der Fall ist.
Diese processiis sind bei T. I. verhältnissmässig sehr viel
breiter als bei den anderen x\rten. Das occip. superius ist
noch vollständig getrennt von den übrigen Knochen; bei
T. A. bildet es auf der hinteren Fläche eine sehr tiefe
Grube; durch die starke Entwicklung der Scheitelcrista
werden nämlich die seitlichen und oberen Ränder des
Hinterhauptes bedeutend nach hinten ausgezogen. Da die
Seitenränder sehr stark nach oben convergiren, so erscheint
bei hinterer Ansicht das ganze Stück dreieckig; dazu ist
es etwa doppelt so hoch als breit. Die Grube ist bei den
beiden andern Arten viel flacher, besonders bei T. L, die
Seitenwände laufen bei ihnen nahezu parallel; dadurch
wird das Stück viereckig und zwar quadratisch, da es bei
ihnen etwa eben so hoch als breit ist. Der obere Rand,
der bei ihnen also sehr breit ist im Verhältniss zu T. A.,
wird bei T. P. noch etwas nach hinten verlängert, ebenso
die Seitenränder, doch viel weniger als bei T. A.; in noch
geringerem Masse ist dies bei den Seitenrändern von T. I.
der Fall, während der obere Rand zur Bildung einer Grube
gar nicht mehr beiträgt.
Os basisphenoideum ist bei T. Pinch. sehr kurz im
Verhältniss zu seiner Breite, etwas weniger ist dies bei
T. Ind. der Fall, verhältnissmässig sehr lang ist es bei
Ueber das Skelet des Tapirus Piuchacus. 57
T. Am. Seine Länge ist bei T. A. 0,040, bei T. I. 0,042,
bei T. P. 0,028.
Ossa parietalia: Sie convergiren bei den drei Arten
nach oben; sehr wenig bei T. Ind.; doch treffen sich bei
ihm die beiderseitigen Stücke sehr bald auf dem Scheitel
wegen der gewaltigen Dicke der Schädelknochen bei dieser
Art; die Naht verschwindet bald spurlos und auf dem
Scheitel stellen diese Knochen nun eine bei dem mir vor-
liegenden Exemplare sehr breite Fläche dar, die sich nach
vorne und hinten verbreitert und der crista entspricht. Auf
dieser Fläche verschmelzen die parietalia auch frühzeitig
mit den frontalia. Bei T. Pinch. tritt keine Verschmelzung
der Nähte ein; die beiden par. treffen sich auf dem Scheitel
und bilden in der Mitte ihrer Naht eine sehr schmale Stelle,
die nach vorn und hinten an Breite rasch zunimmt. Bei
T. Am. treffen sich die par. wie bei T. P. zu einer sehr
schmalen Fläche auf dem Scheitel, wachsen aber dann als
hohe senkrechte schmale Leiste gerade in die Höhe und
bilden so den mittleren Theil der hohen crista, die sich
nach hinten in das occ. sup. und nach vorne in das front,
continuirlich fortsetzt ; die crista verbreitert sich, soweit sie
durch die par. gebildet wird, weder vorne noch hinten. Sie
ist bei den jungen Thieren an ihrer schmälsten Stelle breit:
bei T. Ind. 0,045, T. Pinch. 0,007, T. Am. 0,007.
Os interparietale finde ich bei T. Pinch. immer sehr
deutlich entwickelt und zwar als unpaares dreieckiges
Knochenstück, nur von oben auf dem Scheitel sichtbar,
zwischen die pariet. eingekeilt und an den Vorderrand des
occ. sup. stossend. Ausserdem beobachtete ich es unter
all den mir zu Gesicht gekommenen Schädeln nur noch
an einem T. Am. aus dem Stuttgarter Museum, an derselben
Stelle liegend, aber von ganz unregelmässiger Gestalt; da
das Thier sehr jung war — es zählte erst 4 obere Back-
zähne — , so wird sein Fehlen bei den übrigen älteren
Thieren dem frühzeitigen Verwachsen mit den anstossenden
Knochen zuzuschreiben sein.
Die sich nach vorne anschliessenden ossa frontalia
zeigen bei den jungen Thieren in der Mitte noch die Naht;
vorn tragen sie die nasalia, an deren Beschreibung ich die
58 Ludwig Dödcrlein:
der nach vorne sich ausbreitenden Seitentheile der front,
schliessen werde. Der von den Seitentheilen durch einen
scharfen Rand abgetheilte Scheiteltheil der front, zeigt
charakteristische specifische Unterschiede; er beginnt bei
den drei Arten ziemlich breit, den vorderen Theil der
crista bildend und verschmälert sich in seinem Verlaufe
gegen die pariet. ziemlich bedeutend; bei T. Am. hat die
crista die grösste Verschmälerung erlangt, schon ehe sie in
die pariet. übergegangen ist, bei T. Ind. und Pinch. setzt
sich diese Verschmälerung noch bis in die Mitte der par.
fort. Bei T. P. keilen sich die iront. noch eine Strecke
weit in die par. hinein, und hier entsteht durch Einbiegung
der die Naht bildenden Ränder der front, eine tiefe sagittale
Rinne. Bei T. P. liegt die Oberfläche des Scheitelstückes
der front, in einer Ebene mit der Oberfläche der nasalia
und dem Scheitelrande der pariet., bei T. I. ist dieser Theil
gleich hinter den nas. stark aufgewulstet und fällt gegen
die par. nach hinten fast unmerklich ab, nach vorn aber
gegen seinen gleich zu beschreibenden Nasalfortsatz viel
erheblicher. Bei T. Bairdii sind die front, gleich hinter
den nas. auch etwas aufgewulstet, der übrige Scheitel
scheint sich wie bei T. P. zu verhalten. Bei T. A. steigt
der Scheiteltheil der front, von der Basis der nas. an stark
in die Höhe, so dass die Ebene seiner Oberfläche mit der
Ebene der Oberfläche der nas. einen Winkel von etwa
30 Grad macht; da sich dieser Theil, wie oben beschrieben,
nach hinten stark verschmälert, so entsteht die charak-
teristische hohe schmale crista, die diese Art auszeichnet.
In die Basis der nas. hinein senden die front, einen keil-
förmigen Zipfel, der bei T. A. und T. P. eine dreieckige
Form hat; sein vorderer Winkel schwankt zwischen 60 und
90 Grad; bei T. I. ist dieser Zipfel länger und von finger-
förmiger Gestalt. Sclater führt in den Proc. zool. soc.
1872. S. 604. die Gestalt der Frontonasalsutur als einen
specifischen Unterschied zwischen T. A. und T. P. an, in-
dem sie bei letzterem fast gerade wäre, bei ersterem nach
vorn einen Vorsprung hätte; ich finde bei beiden diesen
Vorsprung, der aber in der Grösse differiren kann und da-
her durchaus keinen specifischen Unterschied darstellt.
Ueber das Skelet des Tapirus Pinchacus. 59
Der horizontale Theil der ossa nasalia zeigt bei den
drei Arten eine herzförmige Gestalt; die Naht beider Hallten
ist immer getrennt und klafft öfter nach vorne. Bei dem
von mir zu den Messungen benutzten jungen Exemplare
von T. Am. waren die nas. auffallend kurz, während sie
in der Breite im Verhältniss zu den anderen Arten kaum
differirten ; von der Spitze des Frontalfortsatzes an gemessen
war die Länge bei diesem 0,045, bei T. P. 0,077, bei T. I.
0,090; die grösste Breite eines nas. an der Basis war bei
T. A. juv. 0,035, T. P. 0,034, T. L 0,045. Bei den übrigen
mir zu Gesichte gekommenen Schädeln von T. A. waren
die nas. kaum kürzer im Verhältniss zu den anderen Arten,
auch bei den jungen Exemplaren nicht. Gray gründete
(Proc. zool. soc. 1867. S. 881) eine neue Art Tap. Lauril-
lardi auf einen Schädel von T. Am., dessen Nasenbeine
kürzer als breit und vorne nicht spitz, sondern etwas ab-
gerundet waren ; die übrigen Unterschiede von den Schädeln
des T. A. waren sehr geringfügig (s. unten). Bei dem
Schädel des jungen T. A. mit den kurzen nas. war der
äussere Rand derselben ziemlich gerade, bei den übrigen
Schädeln dieser Art war er vorne concav und hinten con-
vex, bei T. P. war der äussere Rand schwach concav, bei
T. I. war er im vorderen Theil concav, um in dem hinteren
stark convex gebogen zu werden. Bei T. I. liegt auf der
Oberseite der nas. zu beiden Seiten des fingerförmigen
Frontalfortsatzes, aber dicht neben demselben, eine tiefe
Grube, die nach hinten offen ist und mit einer schmalen
Rinne im absteigenden Theile der nas. gerade nach unten
und innen gegen das Innere der Nasenhöhle verläuft. Bei
T. A. und T. P. rücken diese Gruben etwas nach hinten
und ganz nach aussen auf den Rand der nas.; sie werden
auch noch durch einen Theil der front, und maxillaria ge-
bildet. Sie beginnen am äusseren Rand der Basis der nas.,
wo sie einen halbmondförmigen Ausschnitt verursachen,
gehen dann auf den oberen Rand der nach vorne ver-
längerten Seitentheile der front, über, welche den Boden
und die hintere und äussere Wand der Gruben bilden,
während der aufsteigende Ast der max. mit den nas. die
innere Wand bildet; bei T. A. bildet dieser Maxiilarast
öO Lud wig Döderlein:
auch die vordere Hälfte des Bodens ; die Grube ist nach
vorne offen und endet zugleich mit dem front., wo das
lacrimale sich an dasselbe anschliesst. Diese Grube ist
schmal und tief bei T. A., während sie bei T. P. flacher
und viel breiter ist; dadurch wird bei dieser Art der in
ihre Bildung eingegangene Frontalrand ziemlich weit nach
aussen gedrängt und bildet über der Orbitalhöhle einen
Vorsprung, der bei T. A. sehr schwach ist und bei T. I.
vollkommen fehlt. Der einen Theil der Innenwand der
Grube bildende absteigende Theil der nas. hat bei T. A.
gerade unter dem horizontalen Theile gegen die Nasen-
höhle zu einen halbmondförmigen Ausschnitt, der bei T. P.
fehlt. Bei T. Bairdii fand ich das Verhalten der Nasen-
beingruben folgendermassen : sie sind weiter nach dem
äusseren Rand der nas. gerückt als bei T. L, dabei aber
auch viel weiter nach hinten, so dass sie über den hinteren
Rand der nas. auf den daselbst anstossenden Vorderrand der
front, rücken und ein Stück des Scheiteltheiles derselben zu
ihrer Bildung in Anspruch nehmen, was nur bei T. A. und
T. P., aber in sehr geringem Masse, der Fall ist. Die
Gruben ziehen sich dann noch, wie bei diesen beiden Arten,
rinnenförmig nach vorn vom Seitentheil der front, und dem
aufsteigenden Theil der max. gebildet. Dies Verhalten
nimmt also etwa die Mitte ein zwischen T. L einerseits und
T. A. und T. P. andrerseits. Dieser Nasenbeingruben ge-
schieht bei Cuvier und Blainville Erwähnung; Cuvier
identificirt sie nicht bei T. I. und T. Am.; er glaubt, dass
hier zum Rüssel gehende Muskeln ihren Ursprung nehmen ;
dasselbe behauptet Blainville, anscheinend auf Cuvier 's
Autorität hin. Wie ich aber bei T. P. und T. A. mich über-
zeugt habe, nehmen in diesen Gruben durchaus keine Muskeln
ihren Ursprung, sondern sie dienen zur Aufnahme von hin-
teren seitlichen Ausläufern des Nasenknorpels.
Os maxillare beginnt bei den drei Arten am Vorder-
rand der Eckzahnalveole. Der den Rand der Nasenhöhle
bildende Theil zeigt einige Verschiedenheiten; dieser Theil
wird gebildet aus dem Körper des max. und dem aufsteigen-
den Aste; der Winkel, den der aufsteigende Ast mit dem
Rande des Körpers macht und die verhältnissmässige Länge
Ueber das Skelet des Tapirus Pinchacus. 61
dieser Stücke zu einander bestimmt die Höhe der Nasen-
höhle. Bei T. A. verhält sich die Länge des aufsteigenden
xA.stes zu der des Körperrandes wie 2:3; der Winkel, den
sie mit einander machen, ist ziemlich gering; die Nasen-
höhle ist daher niedrig; bei T. P. sind die beiden Stücke
etwa gleich lang und der Winkel, den sie mit einander
machen, ist nur wenig grösser als beim vorigen; die Nasen-
höhle erscheint dafür unbedeutend höher als bei T. A.
Jener Winkel ist aber bei T. I. etwa um die Hälfte grösser
als bei den anderen und der aufsteigende Ast etwa doppelt
so lang als der Körperrand; die Nasenhöhle ist daher bei
ihm viel höher als bei den beiden anderen Arten. Da da-
durch der Schädel im Vergleich zu seiner Länge höher
wird, erhält der ganze Kopf eine gedrungenere Gestalt.
Für die Entfernung der beiden Backzahnreihen erhielt
ich folgende Werthe bei den jungen Thieren : Entfernung
zwischen den hinteren inneren Alveolarrändern der 5, Back-
zähne bei T. A. 0,049, T. P. 0,060, T. L 0,063; zwischen
den vorderen inneren Alveolarrändern der ersten Backzähne
bei T. A. 0,043, T. P. 0,041, T. L 0,060. Die beiden Reihen
convergiren daher bei T. P, ziemlich stark nach vorne, bei
den beiden anderen Arten viel weniger, so dass sie bei
T. L fast parallel sind. Zwischen Backzähnen und Eck-
zähnen bildet das max. einen scharfen Rand, dessen gegen-
seitige kleinste Entfernung bei T. A. 0,030, T. P. 0,033,
T. L 0,047 war.
Der die Nasenhöhle begrenzende obere Rand des max.
ist bei den übrigen Arten stumpf und theilweise abwärts
gebogen; bei T. Bairdii ist dieser Rand an dem Nasalseptum
in die Höhe gezogen und sehr scharf.
Beim os intermaxillare fand ich als einzigen Unter-
schied zwischen den drei Arten die yerhältnissmässig grosse
Höhe gegenüber seiner Länge bei T. Ind. (Blainville).
Bei T. Bairdii erscheint dieser Knochen viel breiter und der
Vorderrand desselben sehr stark abgeplattet im Gegensatz
zu den drei anderen Arten. Wie schon Cuvier bemerkt
hat, verschmelzen die beiden Hälften des intermax. sehr
frühe vollständig; bei T. P. und T. Bairdii ist dies auch
der Fall. Cuvier fand beide Hälften nur bei einem Em-
62 Ludwig Döderl ein:
bryo getrennt ; bei dem jungen Exemplare von T. Am. mit
4 oberen Backzähnen aus dem Stuttgarter Museum sah ich
die Naht zwischen beiden Hälften noch sehr deutlich vor-
handen. Entlang dieser Verwachsungsstelle ist bei T.
Bairdii auf der oberen Fläche des intermax. eine niedrige
crista, während die drei anderen Arten an dieser Stelle
durchaus keine Erhebung zeigen.
Os palatinum zeigt wenig Verschiedenheiten; seine
Breite am Vorderrande der Choanen beträgt bei T. A. 0,042,
T. P. 0,050, T.I. 0,058; sein vorderer Rand liegt von den
Choanen entfernt bei T. A. 0,038, T. P. 0,038, T. I. 0,042.
Sein Vorderrand entspricht bei T. A. und T. P. der Grenze
zwischen 3. und 4. Backzahn, bei T. I. der vorderen Hälfte
des S.Backzahns; diese Verhältnisse ändern sich aber zum
Theil mit dem Alter, wie wir später sehen werden.
Die ossa pterygoidea stossen, wie Blainville richtig
bemerkt, nur bei T. I. unterhalb der praesphen. zusammen,
lassen aber zwischen sich und diesem Knochen eine Lücke.
Os lacrimale zeigt in seiner ganzen Gestalt wenig
Unterschied bei den drei Arten, nur in der Lage und Zahl
der darin befindlichen Löcher differirt es. Bei T. A. liegen
am Orbitalrande desselben oberhalb und unterhalb eines
Vorsprungs des lacrim. zwei Löcher, davon das obere grösser
als das untere; bei einer seitlichen Ansicht des Schädels
sind diese Löcher von dem nach oben und unten ver-
breiterten Vorsprunge bedeckt. Bei T. L kommen beide
L()cher in derselben Lage vor, aber beide gleich gross und
bei seitlicher Ansicht des Schädels vollständig sichtbar.
Bei T. P. fehlen diese beiden Löcher vollkommen, dafür
liegt dicht über der inneren Oeffnung des foramen infraor-
bitale ein sehr grosses Loch, dessen Homologon bei den
anderen Arten ein äusserst kleiner Kanal zu sein scheint;
bei seitlicher Ansicht ist dasselbe gar nicht sichtbar bei
allen drei Arten; bei T. Bairdii konnte ich von der Seite
her auch kein Loch entdecken.
Das OS jugale ist bei T. Ind. etwas stärker gebogen,
der Schuppentheil des os temporale bei T. Pinch. mehr
gewölbt, als bei den anderen Arten der Fall ist. —
Der Schädel ohne den Unterkiefer als Ganzes be-
lieber das Skelet des Tapirus Pinchacus. 63
trachtet zeigt bei den drei Arten ziemlich erhebliche Unter-
schiede. Der des T. I. ist erheblich grösser als der der
anderen Arten, wie es die meisten der bisher angeführten
Zahlen verdeutlichen; es stimmt dies mit der bedeutenderen
Grösse des ganzen Thieres; die Schädel der zwei anderen
Arten sind etwa gleich gross. Die Schädelknochen des
T. I. sind ausserordentlich massig; dem mir vorliegenden
jungen Exemplare dieser Art ist wahrscheinlich durch Beil-
hiebe bei der Tödtung des Thieres ein keilförmiges Stück
aus dem Scheitel herausgehauen an der Stelle, wo sich die
beiden pariet. verbinden; durch einen Spalt, der von da
aus gerade senkrecht hinunter in die Schädelhöhle führt,
konnte ich die Dicke dieser Knochen genau messen; ich
fand sie hier 4 ctm. dick, während die Höhe des Schädels
vom basisphenoid. aus nur IIV2 ctm. beträgt; die Dicke
des basisphen. selbst beträgt aber 2 1/2 ctm. Dabei ist die
Diploe dieser Knochen nicht etwa weitmaschiges Gewebe,
sondern von äusserst compakter Struktur. Der Schädel
erhält dadurch ein ausserordentlich hohes Gewicht; die
Schädelhöhle selbst wird aber verhältnissmässig sehr klein.
Die Schädelknochen der beiden andern Arten sind durch-
gehends sehr viel dünner, ihre Schädel daher ganz be-
deutend leichter.
Der Schädel des T. Ind. erscheint auch viel ge-
drungener als der des T. Am. oder Pinch.; es kommt das
von dem vorhin erörterten Verhältniss des aufsteigenden
Maxillarastes zum Nasenhöhlenrand des Maxillarkörpers.
Wenn man den zahntragenden Theil des Schädels als fest-
stehend betrachtet, so erscheint die Schädelkapsel des T.
Ind. nach vor- und aufwärts verschoben im Vergleich zu
den anderen Arten; die Verbindungsstücke dieser beiden
Theile erhalten dadurch alle eine steilere Lage ; die Nasen-
höhle wird höher, der ganze Schädel verhältnissmässig
kürzer und höher; als Verbindungsstücke sind zu betrachten
der aufsteigende Ast des maxillare, das lacrimale, die vor-
dersten Seitentheile des frontale, das jugale imd der Joch-
ast des temporale ; diese haben auch in Wirklichkeit durch-
gängig eine steilere Stellung bei T. Ind. als bei den beiden
anderen Arten; ebenso steht der Hinterrand der äusseren
64 Ludwig Döderlein:
Oeffnung des foramen infraorbitale viel steiler bei T. Ind.
Die Gelenkgrube für den Unterkiefer muss mit dem tem-
porale in die Höhe gertickt sein, dadurch muss der proc.
angularis des Unterkiefers höher werden, während der
ganze Unterkiefer verhältnissmässig kürzer wird. Die
Schädel von T. A. und T. Pinch. sind dafür mehr in die
Länge gestreckt, der des ersteren unbedeutend mehr als
der des letzteren.
Bei hinterer Ansicht des Schädels fällt bei T. Ind. die
grosse Breite im Verhältniss zur Höhe auf, ebenso bei T.
Pinch., während der Schädel des T. Am. sehr schmal ist;
er erscheint bei dem letzteren als ein spitzwinkliches Drei-
eck, die Spitze natürlich oben, während er bei den anderen
Arten die Gestalt eines Vierecks hat, dessen obere Seite
unbedeutend schmäler ist als die untere. Es hängt dies
mit der verschiedenen Ausbildung der crista zusammen;
dieselbe ist wohl bei allen drei Arten deutlich ausgesprochen,
doch ist sie bei T. Ind. und Pinch. sehr niedrig und ihre
Oberfläche liegt bei ihnen in ihrem ganzen Verlaufe ziem-
lich in einer Ebene. Sie ist sehr breit bei T. L auch an
ihrer schmälsten Stelle, wo sie von den pariet. gebildet
wird ■— bei dem Stuttgarter Exemplare finde ich sie jedoch
nicht viel breiter als bei den anderen Arten; — an der-
selben Stelle ist sie bei T. P. ausserordentlich schmal, bei
beiden nimmt sie aber nach hinten und noch viel mehr
nach vorn sehr rasch an Breite zu. Bei T. L ist sie an
ihrem Beginne durch die sehr stark aufgewulsteten fron-
talia über die Ebene der nasalia gerückt, während sie bei
T. P. in ihrem ganzen Verlaufe in deren Ebene liegt. Ganz
anders ist dies bei T. Am. Der mittlere Theil der crista
ist auf einer grossen Strecke sehr schmal und dieselbe ver-
breitert sich nur im vordersten Theile der frontalia und
sehr wenig am occipit. sup. Ausserdem ist sie sehr stark
in die Höhe und nach hinten gezogen, so dass sie sich als
schmale Leiste auf dem Schädeldache erhebt und dem
Schädel die pyramidale Form gibt. Es sieht aus als ob
bei T. A. ein Druck stattgefunden hätte, um den Schädel
nach hinten und oben zu ziehen, denn besonders der hintere
lieber das Skelet des Tapirus Pinchacus. 65
Theil desselben ist länger, höher und schmäler als bei den
anderen Arten.
lieber die Gruben und Löcher des Schädels wurde
das meiste schon bei der Beschreibung der Schädelknochen
erwähnt.
Die Nasenhöhle erstreckt sich als enger Spalt noch
ein Stück weit in das intermax. nach vorne; die vordere
Grenze scheint bei den verschiedenen Individuen etwas zu
differiren und gibt nach meinem Erachten keinen speci-
fischen Charakter ab. Die Lage des foramen infraorbitale
differirt auch; sie entspricht unter meinen Schädeln bei
zwei T. Am. der vorderen Hälfte des 2. Backzahns, ebenso
bei T. Ind.; bei einem T. Am. liegt sie über der Grenze
des 2. und 3. Backzahnes, während sie bei dem vierten
T, Am. und bei beiden T. P. über der vorderen Hälfte des
3. Backzahnes liegt.
Foramen incisivum wird von dem hinteren Theile des
intermax. und dem vorderen Theile des maxillare gebildet.
Bei den jungen Thieren beginnt es in der Gegend der
hinteren Schneidezähne, bei den älteren an den Eckzähnen ;
seine Länge und Weite differirt nach den verschiedenen
Individuen; es endet bei dem jungen T. Am. schon ein
Stück vor dem ersten Backzahne, ebenso bei T. Ind.; bei
dem älteren T. P. am Vorderrande des 1. Backzahnes, beim
jüngeren und den alten T. Am. mit der Vorderhälfte des-
selben Zahnes.
Die Grösse der Choanen scheint auch nur von indivi-
dueller Bedeutung zu sein, doch ist das Verhältniss ihrer
Länge zur Breite bei den drei Arten ziemlich gleich; am
grössten sind die Choanen bei T. Ind. Die Schädelhöhle
ist vielleicht bei T. I. verhältnissmässig am kleinsten von
den drei Arten wegen der ganz ajisserordentlichen Dicke
der sie bildenden Knochen. Zu ihrer Beurtheilung habe
ich die gegenseitige grösste Entfernung der unteren Ränder
der pariet. gemessen und folgende Werthe erhalten: T. A.
juv. 0,081, T. I. juv. 0,094, T. P. juv. 0,076.
Ueber den Unterkiefer sind auch einige Verschieden-
heiten bei den drei Arten zu bemerken. Der des T. Ind.
ist wie alle übrigen Theile dieser Art viel massiger und
Archiv f. Naturg. XXXXIV. Jahrg. 1. Bd. 5
Bij Ludwig Dö der lein:
grösser, dazu ist, wie oben schon angedeutet wurde, die
Höhe des aufsteigenden Astes etwas grösser im Vergleich
zur Länge des Unterkiefers. Die Höhe des proc. angularis
beträgt vom unteren Rand des Unterkiefers an gemessen
bei T. A. 0,117, T. P. 0,112, T. 1. 0,149; die Länge des
Unterkiefers ist bei T. A. 0,285, T. P. 0,290, T. L 0,327.
Der Unterschied ist nicht sehr auffallend, aber immerhin
bemerkbar, besonders zwischen T. Pinch. und Ind. Die
Höhe des horizontalen Astes beträgt vom unteren Rand bis
zur Alveole des 1. Backzahnes bei T. A. 0,045, T. P. 0,045,
T. L 0,060. Die Länge vom Unterrande bis zur Spitze des
proc. coronoideus ist bei T. A. 0,153, T. P. 0,140, T. L
0,184, Der untere Rand des Unterkiefers ist bei T. A. in
seiner ganzen Länge gleichmässig convex gebogen, während
bei T. P. der hintere Theil dieses Randes geradlinig wird
dadurch, dass der hintere Winkel etwas abwärts gezogen
erscheint; ähnlich ist dies bei T. I. der Fall, ebenso konnte
ich es bei T. Bairdii bemerken. Roulin und Cuvier
haben dies bei T. P. und I. bemerkt und sie sehen darin
eine Aehnlichkeit mit Palaeotherium. Der hinterste Theil
des unteren Randes ist bei T. P. sehr stark einwärts
umgebogen, was bei T. A. in sehr geringem Masse der
Fall ist; T. L hält hierin die Mitte. Das foramen mentale
liegt bei einigen Individuen einfach, bei anderen doppelt,
manchmal auf beiden Seiten verschieden meist unter der
vorderen Hälfte des 1. Backzahnes, manchmal auch etwas
weiter nach vorn oder nach hinten gerückt. Doch sind
dies nur individuelle Verschiedenheiten. Ein kleines Ge-
fässloch fand ich auch bei einem T. P. und einem T. A.
unter dem Eckzahne, doch nur auf einer Seite entwickelt.
Was den Winkel betrifft, unter dem sich die beiden
Unterkieferhälften schneiden, so erhielt ich dafür folgende
Zahlen : Entfernung der Spitzen der processus coron. T. A.
0,102, T. P. 0,100, T. L 0,111. Entfernung der hinteren
inneren Alveolarränder des 4. Backzahnes: T. A. 0,051,
T. P. 0,059, T. I. 0,074. Entfernung der vorderen inneren
Alveolarränder des 1. Backzahns: T. A. 0,034, T. P. 0,034,
T. I. 0,046. Kleinste Entfernung der zwischen Eck- und
Backzähnen liegenden scharfen Ränder von einander: T.
lieber das Skelet des Tapirus Pinchacus. 67
A. 0,017, T. P. 0,018, T. I. 0,025. Wie ich bei den älteren
Thieren von T. Am. sehe, sind diese Zahlen und dasVer-
hältniss zu einander grossen Schwankungen unterworfen bei
derselben Art. Auffallend constant ist die Entfernung der
Spitzen der proc. coron. von einander, die bei den vier T.
A., die ich darauf untersuchte, im höchsten Falle 0,006
Differenz zeigte. Individuell verschieden scheint auch die
Stellung der Schneidezähne des Unterkiefers; bei T. Ind.
und einem erwachsenen Männchen von T. Am. lagen sie
vollkommen horizontal wie bei einem Schweine, während
sie bei den übrigen Exemplaren einen Winkel von mindestens
45 Grad mit der horizontalen Ebene bildeten.
Was die vom Alter abhängigen Unterschiede in der
Schädelform bei den Tapiren betrifft, so sind dieselben im
Ganzen gering; bei T. Am. und Pinch. hatte ,ich Gelegen-
heit, solche 'zu beobachten; die jüngsten Stadien, die mir
vorlagen, waren allerdings schon solche mit 5 Backzähnen
im Oberkiefer. Die Unterschiede sind hauptsächlich Ver-
wachsungen von Schädelknocheu und die Einwirkungen der
neu hervorbrechenden Zähne.
Bei den jungen Thieren sind die Occip. bas. und lat.
mit einander verwachsen bis auf die Naht der lateralia über
dem foramen magnum; dies ganze Stück aber ist noch
durch Nähte mit den Nachbarstücken verbunden. In dem
Stadium mit 6 oberen Backzähnen sind die occip, lat. unter
einander und mit den occip. bas. und sup. vollkommen ver-
schmolzen, ebenso das occ. bas. mit dem basisphen. und
dieses mit dem praesphen., was bei dem vorigen Stadium
noch nicht der Fall war. Mit den übrigen benachbarten
Knochen hängen diese bei T. Pinch. aber immer nur durch
Nähte zusammen; bei T. Am. sind solche beim erwachsenen
Thiere noch verschwunden auf dem ganzen Verlaufe der
crista zwischen occip. und pariet., zwischen diesen unter
einander, zwischen ihnen und den front, und zwischen den
front, selbst. Alle übrigen Knochen erhalten sich gesondert.
Bei T. Am. erscheint die Scheitelcrista in den verschie-
denen Altersstufen verschieden. Bei dem schon mehrfach er-
wähnten Stuttgarter Exemplare mit 4 oberen Backzähnen
schnitten sich die beiden Seitenflächen des Schädeldaches auf
68 Ludwig Böderlein:
dem Scheitel in einer ganz stumpfen Kante; diese stieg
noch nicht im geringsten zur Bildung der hohen crista
empor, sondern lag in ihrem ganzen Verlaufe in einer Ebene
mit der Oberfläche der nas. ; bei einem etwas älteren Thiere
mit 5 oberen Backzähnen steigt die crista ganz allmählich vom
Anfang der front, bis zum vorderen Theile des occip. sup. ;
in diesem ganzen Verlaufe bildet sie eine fast gerade Linie ;
beim ganz erwachsenen Thiere endlich steigt die crista bis
zum Beginn der pariet. stark und von da an immer weniger
und ihr oberer Rand stellt so in ihrem Verlaufe eine mehr oder
minder stark gebogene Linie dar. Die Erhebung der crista tritt
also erst ziemlich spät ein ; dann wird dieselbe aber nicht in
ihrem ganzen Verlaufe gleichzeitig höher, sondern die Er-
hebung findet zuerst an den weiter hinten liegenden Punkten
statt und erstreckt sich erst allmählig auch auf die vorderen;
beim jungen T. Am. ist auch die Hinterhauptsgrube im
occip. sup. viel tiefer als beim erwachsenen Thiere. Grossen
Einfluss auf die Schädelform hat auch die Vervollständigung
der Bezahnung. Vergleicht man die beiden Stadien des
T. Am., die mir vorliegen, nämlich das mit 5 oberen Back-
zähnen und das des ganz erwachsenen Thieres, so sind bei
dem letzteren im Oberkiefer zu den bei jenem schon vor-
handenen 5 Backzähnen noch zwei und zwar die grössten
hinzugekommen, ausserdem die grossen äusseren Schneide-
zähne und die Eckzähne; im Unterkiefer sind zu 4 Back-
zähnen ebenfalls noch die beiden grössten und die Eckzähne
dazugekommen. Die Reihe der schon beim jungen Thiere
vorhandenen Backzähne ist beim älteren fast unmerklich
kürzer geworden ; ich finde für die 5 Backzähne des Ober-
kiefers beim juv. 0,094, beim ad. 0,090—0,093; während
aber bei jenem die Gesammtlänge dieser Backzahnreihe
0,094 ist, beträgt sie bei dem erwachsenen Thiere 0,130—
0,136. Diese Verlängerung der Zahnreihe bewirkt eine
Verlängerung des Kiefers und zwar nach vorne, was daraus
zu sehen ist, dass die hintere Hälfte des jeweilig letzten
Zahnes immer etwas vor dem foramen opticum liegt; die
Anlage der hinteren Backzähne geschieht hinter demselben
und mit seinem Grösserwerden rückt der ganze Zahn all-
mählich vorwärts und schiebt dabei die ganze vor ihm
üeber das Skelet des Tapirus Pinchacus. 69
stehende Zahnreihe aucli vorwärts. Dieses Vorrücken kann
man auch an der Lage der Zähne zum Vorderrand des os
palatinum sehen; die Entfernung dieses Vorderrandes vom
Vorderrande der Choanen ist l5ei den jungen wie den alten
Thieren dieselbe; ich finde sie 0,036; diesem Rand ent-
spricht beim juv. die Grenze zwischen 3. und 4. Backzahn,
beim ad. die zwischen 4. und 5. Backzahn. Man kann
diese Lage daher nicht als specifischen Charakter einer
Tapirart angeben, wie es von einigen geschieht, wenn nicht
das Alter des Thieres genannt ist ; ausserdem kann bei
gleichaltrigen Thieren diese Lage entschieden innerhalb
ziemlich weiter Grenzen schwanken. Der Oberkiefer ver-
längert sich im Alter bedeutend, wie aus folgenden Zahlen
zu entnehmen ist: Die Entfernung des vordersten Kiefer-
randes vor den Schneidezähnen von dem Vorderrand der
Choanen beträgt bei juv. 0,162, bei adult. zwischen 0,177 —
0,197. Die Länge der hinteren Schädeltheile vergrössert
sich lange nicht in diesem Masse ; der Unterschied ist sogar
sehr unbedeutend: Entfernung des Vorderrandes der Choanen
vom Vorderrade des for. magnum ist beim juv. 0,163, beim
adult. 0,167-0,170.
Aehnliche Betrachtungen lassen sich für den Unter-
kiefer anstellen ; hier beträgt die Länge der 4 ersten Back-
zähne beim juv. 0,084, beim adult. 0,078 ; während für die
ganze Backzahnreihe bei juv. diese Zahl bleibt, wird sie
für den adult. 0,128. Der ganze Unterkiefer verlängert sich
von 0,285 beim jungen Thiere auf 0,302—0,321 bei dem
alten. Die Höhe des proc. augul. ist ziemlich dieselbe bei
den erwachsenen wie bei den jungen Thieren, nämlich bei
diesen 0,117, bei jenen 0,114—0,129.
Durch das Hervorbrechen der Eckzähne in beiden
Kiefern und des hauerartigen äusseren Schneidezahnes oben
verbreitert sich auch die Schnauze etwas mit dem Alter;
beim juv. ist ihre grösste Breite im Oberkiefer 0,041, im
Unterkiefer 0,037; beim adult. im Oberkiefer 0,043—0,049,
im Unterkiefer 0,041—0,047. Der Unterschied zwischen
den mir zugänglichen Exemplaren muss aber ein ziemlich
geringer sein, da bei dem jungen diese Zähne eben amHervor-
brechen sind und nicht mehr viel anDicke zuzunehmen haben.
70 Ludwig Döderlein:
Ehe ich den Schädel verlasse, möchte ich noch einige
Worte über den Nasenknorpel der Tapire bemerken, über
den ich nirgends eine Beschreibung finde; ich habe denselben
bei einem T. Pinch. und einem T. Am. beobachtet; bei
ersterem präparirte ich ihn selbst frei; bei beiden Arten
fand ich ihn ganz gleich. Er entspringt von der vorn con-
vexen senkrechten Platte des Siebbeins, ist unten am Vomer
befestigt und setzt sich oben an die untere Fläche der nas.
an. Als dünne hohe Wand durchzieht er in senkrechter'
Lage die Nasengrube. Sein oberer Rand verbreitert sich
nach beiden Seiten, indem er sich der ganzen unteren Fläche
der nas. anlegt und noch etwas über sie hinaussteht; diese
Verbreiterung erhält sich auf dem ganzen oberen Rande,
nimmt aber je vs^eiter nach vorne je mehr ab. Zu beiden
Seiten der nas. sendet der Nasenknorpel nach rückwärts
gerichtete Hörner aus, die sich in die oben beschriebenen
Gruben auf der Basis der nasalia legen. Diese Gruben hielt
Cuvier und Blainville für Ursprungsstellen der zum
Rüssel gehenden Muskeln. Der unter den nas. liegende
horizontale und senkrechte Theil des Knorpels verknöchert
in einigen Fällen bei alten Thieren, wie ich es an dem er-
wachsenen Männchen von T. Am. und auf einigen Abbil-
dungen des T. Ind. nach Home und Blainville sehe;
doch haben ganz alte Thiere, deren sämmtliche Zähne schon
sehr stark abgenutzt sind, keine Spur von einer solchen
Verknöcherung, wie der mir vorliegende Schädel des ganz
alten männlichen T. A. zeigt, bei dem das ganze Septum
noch knorplig ist. Ehe die Nasenknorpelplatte das Ende
des schmalen Spaltes erreicht, in den die Nasenhöhle nach
vorne ausläuft, theilt sie sich gabelförmig in ein oberes und
unteres Stück ; letzteres setzt sich nach unten bis zum vor-
deren Rande des foramen incis. fort, sehr dünn bleibend
und an Höhe immer mehr abnehmend. Der obere Theil
setzt sich in den Rüssel fort, aber nur eine kurze Strecke
und endet schon über den äusseren Schneidezähnen; die
Höhe dieses Stückes nimmt rasch ab, der obere Rand aber
ist verbreitert und bleibt so bis an's Ende, wo die unten
ansitzende senkrechte Lamelle schon verschwunden ist. Das
Ende dieses oberen Theils zeigt einen mittleren Ausschnitt,
Ueber das Skelet des Tapirns Pincbacus. 71
wodurch zwei seitliche Spitzen entstehen. Der ganze Knorpel
ist überaus reich an Gefässlöchern. Der über den knöchernen
Schädel hinausragende Theil des Tapirrüssels entbehrt also
vollständig der Knorpel; auch bei mikroskopischer Unter-
suchung Hess sich keine Spur von etwaigen isolirten Knorpel-
resten entdecken.
Eigenthtimiich ist das Verhalten dieses Nasalseptums
bei T. Bairdii; während dasselbe bei den übrigen Arten
knorplig ist und nur im Alter ein kleiner Theil desselben
unter den nas. verknöchern kann, ist bei dieser Art der
grösste Theil des Septums zu Knochen geworden, allerdings
auch erst bei dem erwachsenen Thiere. Auf die Form des
Septums scheint aber diese Substanzänderung keinen Ein-
fluss gehabt zu haben, wie ich nach dem Stuttgarter Exem-
plare schliessen muss. Knorplig scheinen nur die Ränder
und die Ausläufer zu bleiben; der Knochen ging ohne scharfe
Grenze in den Knorpel über. An dem Stuttgarter Schädel
sind nur die •'knöchernen Tbeile erhalten und diese sehen
an den Rändern aus, wie wenn ein Stück abgebrochen
wäre; dies war jedenfalls Knorpel. Während das erhaltene
knöcherne Septum vollkommen mit den entsprechenden
Theilen des knorpligen der andern Arten übereinstimmt,
fehlen ihm die äussersten seitlichen Ränder, die nach rück-
wärts gehenden Hörner und die beiden nach vorne gab) ig
verlaufenden Enden, die als knorplige Theile bei der Maze-
ration beseitigt wurden; die knöcherne Lamelle zieht sich
bis in den vorderen engen Spalt der Nasenhöhle hinein.
So viel ich sehen konnte, ist das Nasalseptum mit dem
nasale durchaus nicht verwachsen, sondern nur durch Nähte
verbunden. Der die vordere Nasalgrube bildende Theil des
maxill. ist in seiner Form etwas verändert, indem der die
Grube begrenzende Rand desselben scharf und an dem
Septum ein Stück weit in die Höhe gezogen ist, während
bei den anderen Arten dieser Rand stumpt und theilweise
abwärts gebogen ist. Wie T. Gill (Sillimans Amer. Journ.
July 1867.) richtig bemerkt, haben wir unter den normalen
Säugethieren mit Ausnahme desRhinoceros tichorhinus keines
mit so vollständig verknöchertem Nasalseptum als T. Bairdii ;
doch scheint bei Rh. tichorh. diese Verknöcherung schon in
72 Ludwig Do derleiu:
der Jugend bestanden zu haben, was bei T. Bairdii nicht
der Fall sein soll.
Rumpfskelet.
Während Cuvier und Blainville, wie letzterer aus-
drücklich angibt, durchaus keinen Unterschied in den Hals-
wirbeln der beiden von ihnen beschriebenen Arten finden,
sind nach meinen Beobachtungen an den drei Arten gerade
die Halswirbel fast die einzigen Theile des Skelets mit
Ausnahme des Schädels, welche in ihrer Form einige speci-
fische Unterschiede erkennen lassen. Am Atlas ist der
Spinalfortsatz bei T. Ind. in der Mitte am höchsten und
senkt sich nach vorne und hinten gleichmässig ; bei T. Am.
steigt er vorn gerade in die Höhe und bildet dort die grösste
Erhebung, nach hinten fällt er allmählich ab ; die Mitte
zwischen diesen beiden Formen hält T. Pinch. Am hinteren
Rand des oberen Bogens gehen bei T. Ind. die beiden
Bogenhälften geradlinig in einander über und biegen dann
weiter aussen beim Uebergang in die hinteren Gelenkflächen
mittelst eines starken Winkels nach hinten um ; bei T. Am.
treffen sich beide Hälften unter einem beträchtlichen Winkel
gehen aber geradlinig in die Gelenkflächen über; T. Pinch.
hält zwischen beiden die Mitte, indem er an beiden Stellen
einen kleinen Winkel macht. Zu beiden Seiten des nach
hinten gerichteten Kiels zeigt die untere Fläche des Atlas
bei T. Am. stark ausgeprägte Gruben, die bei T. Ind. und
Pinch. fehlen. Der obere der das foramen transvers. bil-
denden Seitenfortsätze ist viel breiter als der untere, beson-
ders gegen seinen äusseren Rand zu ; nach hinten zieht sich
dieser äussere Rand bei T. Am. in einen ziemlich langen
Fortsatz aus, der bei T. Ind. und Pinch. nur schwach ist.
Bei T. Am. und Pinch. ist dieser Rand stark convex, in-
dem er sich in seinem vorderen Theile nach dem das vordere
Gelenk bildenden Bogentheile umbiegt und mit diesem ver-
schmilzt; zwischen beiden Stücken bleibt noch ein Loch
vorhanden, das sich auf der oberen Seite an derselben Stelle
öffnete, wie das aus dem Rückenmarkskanal führende Nerven-
loch; bei T. Ind. findet eine solche Umbiegung des äusseren
Ueber das Skelet des Tapirus Pinchacus. 73
Randes und Verschmelzung nicht statt, und es zeigt sich
statt eines Loches nur eine Rinne ; dadurch erscheint auch
der Seitenfortsatz bei dieser Art schmäler und der äussere
Rand nur ganz schwach convex. Möglicher Weise ist aber
der zuletzt besprochene Charakter nur ein individueller,
denn ein bei Blainville abgebildeter Atlas von T. Ind.
zeigt statt der Rinne ein Loch wie die beiden anderen
Arten.
Am Epistropheus ist der obere, nach vorn geneigte
Rand des Spinalfortsatzes bei T. Am. convex, ebenso bei
T. Pinch. ; bei letzterem ist die hintere Fläche dieses Fort-
satzes weniger stark eingebogen als bei ersterem; der obere
Rand bei T. Ind. ist concav. Vom oberen Rande des vor-
deren Gelenkes geht bei dieser Art nach innen und oben
ein dünner Fortsatz aus, von dem bei T. Am. eine Andeutung
ist, während er bei T. Pinch. vollständig fehlt; bei letzterer
Art sind die Seitenfortsätze auch kürzer und weniger stark
nach hinten gebogen als bei den anderen Arten. Vom 3.
bis 7. Halswirbel nehmen bei T. Ind. die Spinalfortsätze
ziemlich gleichmässig an Höhe zu; bei T. Am. nur vom 3. bis
6., während der Fortsatz des 7. etwa doppelt so hoch ist als
am 6.; bei T. Pinch. sind diese Fortsätze auffallend klein,
die des 3. bis 5. Halswirbels erscheinen nur als kleine Höcker,
etwas grösser ist der des 6. und noch mehr der des 7.
Halswirbels. Bei T. Ind. stehen diese Fortsätze sämmtlich
senkrecht; bei T. Am. sind sie am 5. und 6. Halswirbel
nach vorwärts, am 7. etwas nach rückwärts geneigt, bei
T. Pinch. ebenso, aber der obere Seitenfortsatz ist bei T.
Pinch. stärker nach rückwärts gebogen als bei den anderen
Arten. Der untere Seitenfortsatz am 3. bis 6. Halswirbel
ist bei allen drei Arten bedeutend verbreitert; bei T. Ind.
ist er am 3. ziemlich kurz und sejir stark nach vorne ver-
breitert, beim 4. und 5. wenig länger und schmäler, beim
6. ist er sowohl nach vorn als nach hinten sehr stark ver-
breitert und dabei beträchtlich verlängert, wodurch er eine
beilförmige Gestalt erhält; er richtet sich gerade nach unten.
Bei T. Am. zeigen die Fortsätze wenig Unterschied von
einander; der 6. ist etwas länger und stärker verbreitert
als die übrigen, alle biegen sich stark nach unten, so dass
74 Ludwig Döderlein:
ihr unterer Rand ein giites Stück tiefer liegt als der untere
Kiel des Wirbelkörpers. Bei T. Pincli. gleichen die ge-
nannten Fortsätze denen bei T. Am., sie biegen sich aber
nur wenig abwärts, so dass ihr unterer Rand nicht tiefer
liegt als der untere Kiel der Wirbelkörper.
Die übrigen Wirbel schwanken in den einzelnen Re-
gionen ziemlich beträchtlich an Zahl, ohne irgend ein Ge-
setz erkennen zu lassen, indem etwa einer Abnahme der
Lendenwirbel eine Zunahme der Rückenwirbel entspräche ;
dies fiel schon Cuvier und Blainville auf. Bei drei
Skeleten von T. Am., die letzterer vor sich hatte, ist die
Zahl der Rücken- und Lendenwirbel folgende: 1) 20 R.
und 4 L.; 2) 18 R. und 5 L.; 3) 18 R. und 5L.; D'Alton
(Skelete der Pachydermen) gibt an 20 R. und 4 L.; bei
dem mir vorliegenden Exemplare ist sie 18 R. und 5 L.,
ebenso finde ich sie an dem Würzburger, Erlanger und dem
älteren Stuttgarter Exemplare; bei dem jüngeren T, Am.
im Stuttgarter Museum zähle ich 19 R. und 5 L. Die Regel
scheint bei dieser Art also doch 18 R. und 5 L. zu sein;
für T. Ind. kann ich eine solche Regel nicht aulstellen;
bei drei Exemplaren davon, die Blainville untersuchte,
fand er 1) 17R. undöL.; 2) 19 R. und 4L.; 3) 18 R. und
6 L.; ich fand bei meinem 19 R. und 5 L. ; bei T. Pinch.
zähle ich 20 R. und 5 L., die höchste Zahl bisher. Die
Zahl der Kreuzbeinwirbel wird von Cuvier und Blain-
ville auf 7 angegeben; D' AI ton gibt 4 an für T. Am.;
ich finde bei T. Ind. 5, bei T. Am. und Pinch. 6; doch ist
die Zahl bei einem Individuum nicht sehr sicher festzu-
stellen, da die Kreuzbeinwirbel ganz unmerklich in die
Schwanzwirbel übergehen. Die Zahl der Schwanzwirbel
ist nach Cuvier 7 an T. Am., doch fehlten seinem Exem-
plare nach Blainville mehrere derselben; letzterer findet
12, D'Alton 11; ich finde bei T. Ind. 10, doch fehlen hier
wahrscheinlich einige, bei T. Am. sicher 14, ebenso sicher
bei T. P. 13. Die Zahl der Wirbel in den verschiedenen
Rumpfregionen scheint also mit Ausnahme des Halses sehr
veränderlich zu sein nach den einzelnen Individuen.
Was die Form der Rücken- und Lendenwirbel betrifft,
so ist nach Cuvier der Spinalfortsatz des 2. Rückenwirbels
lieber das Skelet des Tapirus Pinohacus. 75
der längste, die Höhe der Fortsätze nimmt ab his zum 11.,
bis dahin neigen sie sich auch nach hinten; vom 11. ab
stehen sie senkrecht, sind quadratisch und fast gleich. Ich
finde bei T. Ind. den Spinal t'ortsatz des 1. Rückenwirbels
ein Stück grösser als den des letzten Halswirbels; diese
Höhe nimmt bis zum 3. R. zu, bleibt bei den folgenden 3
ziemlich gleich und nimmt ganz allmählich ab bis zum 14.,
dann wieder etwas zu bis zum 18. und bleibt von da an
gleich bis zum Kreuzbeine. Bei T. Am. ist der Spinal-
fortsatz des 1. Rückenwirbels etwas höher als der des letzten
Halswirbels, diese Höhe nimmt anfangs mehr, dann immer
weniger ab bis zum 14. R., bei den folgenden 3 wieder
etwas zu und bleibt dann gleich bis zum letzten Lenden-
wirbel. Bei T. Pinch. ist der Spinalfortsatz des 1. Rücken-
wirbels etwa um die Hälfte höher als der des letzten Hals-
wirbels, der 2. R. ist noch etwas höher, bis zum 13. nimmt
die Höhe gleichmässig ab, bei einigen folgenden wieder
etwas zu und bleibt bis zum Kreuzbeine dieselbe.
Die Richtung der Spinalfortsätze geht bei T. Ind. am
7. Rückenwirbel am meisten nach hinten und nähert sich
nach vorn und hinten immer mehr der senkrechten Stellung,
welche der 1. R. und vom 12. an die übrigen R. und Len-
denwirbel zeigen. Bei T. Am. sind die Spinalfortsätze vom
1. R. an nach hinten gerichtet bis zum 13., von da an
stehen sie wie auch bei den Lendenwirbeln senkrecht.
Ebenso ist es bei T. Pinch.
Das Ueberwiegen der Höhe über die Breite bei den Spinal-
fortsätzen, das bei den ersten Rückenwirbeln sehr bedeutend
ist, nimmt bei allen drei Arten bis zum 13. R. ab, von da an
sind diese Fortsätze an den Rücken- und Lendenwirbeln eben
so breit als hoch bei T. Ind., bei T. Am. etwas höher als
breit, während das umgekehrte bei T. Pinch. der Fall ist.
Die Querfortsätze des letzten Lendenwirbels verbinden
sich, wie schon Cuvier erwähnt, mit denen des ersten
Kreuzbeinwirbels; ich finde dies so bei T. Am. und Ind.;
bei T. Pinch. finde ich ausserdem auch die Querfortsätze
der beiden letzten Lendenwirbel verbunden ; der Querfort-
satz des letzten Lendenwirbels ist dabei nur halb so lang
als der des vorhergehenden; Blainville findet bei einem
76 Ludwig Döderlein;
T. Am. und einem T. Ind. die letzten 3 Lendenwirbel durch
ihre Querfortsätze verbunden. An dem Kreuzbeine finde
ich bei T. Am. sämmtliche Wirbel verschmolzen, bei T.
Pinch. nur die 4 ersten, während die 3 letzten und bei T.
Ind. alle nur durch Nähte verbunden sind. Bei dem älteren
Stuttgarter T. Am. waren die Kreuzbeinwirbel vollständig
verwachsen, bei dem jüngeren dagegen vollständig getrennt.
Ich finde nur die beiden ersten Kreuzbeinwirbel mit dem
ileum verbunden, während Blainville dies auch für einen
Theil des 3. angibt. Die Schwanzwirbel, von denen sich
die ersten nur dadurch von den letzten Sacralwirbeln unter-
scheiden, dass ihre Fortsätze sich nicht mehr vollständig
berühren, sind bei T. Am. wegen der noch ziemlich hohen
Spinalfortsätze fast so hoch als breit, während bei T. Ind.
und Pinch. die vorderen etwa dreimal so breit als hoch
sind wegen der geringen Höhe der Spinalfortsätze und der
ziemlich beträchtlichen Länge der Querfortsätze ; gegen das
Schwanzende zu gleicht sich dieser Unterschied mehr aus;
dies Verhältniss hat aber vielleicht nur einen sexuellen
Grund.
(iliedergürtel und Oliedmassen.
An den Gliedergürteln und Gliedmassen kann ich mit
Ausnahme solcher der Länge und Dicke der Knochen kaum
irgendwie merkliche Unterschiede anführen.
Der Vorderrand der scapula ist bei T. Am. ganz
gleichmässig convex und geht so in den oberen Rand über;
bei T. Ind. bildet der Vorderrand eine gerade Linie und
geht durch einen stumpfen Winkel in den oberen Rand
über ; T. Pinch. steht zwischen beiden Formen in der Mitte.
Der Ausschnitt des vorderen Randes ist bei T. Pinch. fast
kreisrund, bei T. Am. stark oval, der grösste Durchmesser
senkrecht, etwas weniger oval bei T. Ind. Die grösste
Breite der scapula hat T. Ind. dicht unter dem oberen
Rand, die beiden anderen Arten viel tiefer unten. Während
die Länge und Breite der scapula bei dem jungen T. Pinch.
merklich geringer ist als bei dem erwachsenen T. Am., ist
die Länge des humerus, radius und ulna bei jenem auf-
i
üeber das Skelet des Tapirus Pinchacus. 77
fallender Weise grösser als bei diesem, während sie etwa
die gleiche Dicke haben; diese Knochen sind also ver-
hältnissmässig länger und schmäler bei T. Pinch. als bei
T. Am.; ähnliches gilt für die hintere Extremität. Diese
Knochen sind bei T. Ind. etwas länger, dabei viel dicker
als bei den anderen Arten. Bei der vorderen Extremität
kann noch erwähnt werden, dass der 5. Metacarpus bei
T. Am. im Vergleich zu den übrigen Metacarpen kleiner
erscheint als bei den anderen Arten. Am Becken finde ich
den vorderen äusseren Rand des Darmbeines bei T. Ind.
stark convex, während er bei T. Am. und Pinch. fast gerad-
linig ist. Die anderen Unterschiede im Becken scheinen
mir vom Geschlechte bedingt zu sein. Der 4. Metatarsus ist
bei T. Ind. mehr gebogen als bei T. Am. und Pinch.
Sesambeine, von denen Blainville klagt, dass an
sämmtlichen ihm in Paris zur Verfügung stehenden Tapir-
skeleten kein einziges derselben mehr erhalten sei, finde
ich an meinen drei Skeleten fast durchgängig noch vor-
handen, nämlich an jedem Gelenke, das die erste Phalange
mit ihrem Metacarpale resp. Metatarsale bildet, je zwei. In
der allgemeinen Form gleichen sie einander sämmtlich;
nur in der Grösse, sowie in der mehr oder minder stark
gebogenen Gelenkfläche zeigen sie Unterschiede; sie be-
sitzen drei Flächen, eine obere gebogene als Gelenkfläche
und zwei seitliche, die unter einem spitzen Winkel zu-
sammenlaufen und eine sehr stark convexe Kante bilden.
Um die Dimensionen der Theile des Skeletes bemessen
zu können, füge ich noch eine Tabelle Fon Massen der
drei mir vorliegenden Skelete bei, indem ich mich haupt-
sächlich Cu vi er 's Tabellen anschliesse. Da das Exemplar
von T. Am., von welchem Cuvier seine Masse nahm, nach
seinen und Blainville 's Angaben genau von demselben
Alter war, wie T. Pinch. und T. Ind., von denen meine
Angaben stammen, indem nämlich 5 Backzähne im Ober-
kiefer hervorgebrochen sind, und da es ausserdem wie sie
weiblichen Geschlechtes war, so füge ich zur Vergleichung
die Masse dieses Thieres nach Cuvier bei.
78
Ludwig Döderlein;
üeber das Skelet des Tapirus Pinchacus.
79
80
Ludwig Döderlein:
T. Am.
$juv.
nach C UV.
T. Am.
^ adult.
Durchmesser von vorn nach
hinten in der Mitte des
Mittelstücks
Länge der tibia
Breite „ „ oben . , .
„ „ unten . . .
Durchmesser von vorn nach
hinten an der inneren Seite
Länge der fibula
Breite unten
Grösste Breite in der Mitte
des Mittelstücks
Länge des calcaneus an seiner
äusseren Seite
Breite der tibialen Rolle des
astragalus
Länge des astragalus an
seinem äusseren Rande .
Länge des 2. metatarsus . .
4
Breite in der Mitte des 2.
metatarsus
Breite in der Mitte des 3.
metatarsus
Breite in der Mitte des 4.
metatarsus
Länge der ersten Plialauge
der mittleren Zehe . . ,
Breite derselben in der Mitte i
0,031
0,235
0,080
0,044
0,024
0,215
0,026
0,014
0,096
0,043
0,048
0,103
0,118
0,100
0,016
0,023
0,019
0,036
0,024
Aus dieser Tabelle geht die auffallende Thatsache
hervor, dass, wenn die Masse des jungen T, Am. richtig
sind, woran ich nicht zu zweifeln wage, T. Pinch. ein be-
deutend grösseres Thier ist als T. Am. Gerade das um-
gekehrte schliesst man aber nach den Angaben der Autoren ;
keiner von ihnen belegt aber seine Angaben mit Zahlen.
(jeschlechtsunterschiede.
In die Augen fallende Unterschiede im Skelet, die
vom Geschlechte abhängen, scheinen mir nur auf das Becken
beschränkt zu sein. In der Literatur finde ich nirgends
Ueber das Skel(?t des Tapirus Piiichacus. 81
sichere Angaben über solche. Das mir vorliegende Skelet
des jungen weiblichen T. Pinch. zeigt vor allem viel kürzere
Sitzbeine als das des erwachsenen männlichen T. Am., dem
es ja sonst in der Grösse der Knochen zumeist mindestens
gleichkommt; kürzer ist bei ihm sowohl der nach aussen
vom foramen obtur. liegende Theil des Sitzbeins, der Hals,
wie der hinter demselben liegende. Das for. obtur. erscheint
daher bei diesem T. Pinch. fast rund, während es bei dem
männlichen T. Am. stark oval ist. Die beiden Sitzknorren
sind bei jenem viel weiter von einander entfernt als bei
diesem, hauptsächlich aus dem Grunde, weil die beiden
Darmsitzbeine sich unter einem viel stumpferen Winkel
schneiden bei T. Pinch. als bei T. Am. Die hintere Oeff-
nung des Beckens wird dadurch viel grösser. Da bei dem
männlichen Thiere das Sitzbein hinter dem for. obtur. viel
länger und zugleich breiter ist als bei dem weiblichen, so
ist hinter der Schambeinsymphyse bei jenem der Becken-
ausgang noch ein Stück weit sehr schmal, um dann plözlich
breiter zu werden, während bei lezterem der vorderste Theil
des Beckenausgangs sofort hinter der Symphyse sehr breit
ist. Ganz dieselben Eigenthümlichkeiten wie das Becken
des weiblichen T. Pinch. zeigt das Becken des mir vor-
liegenden T. Ind., so dass ich diesen entschieden auch für
ein weibliches Thier halte. Möglicherweise ist ein Ge-
schlechtsunterschied auch das schon oben erwähnte be-
deutende Ueberwiegen der Breite über die Höhe bei den
vorderen Schwanzwirbeln, das ich bei T. Pinch. und Ind.
bemerkte, während bei T. Am. diese Wirbel so breit als
hoch waren.
lieber den Einfluss des Geschlechtes auf die Grösse
bei Tapiren liegen einige Angaben vor, die sich jedoch
widersprechen. Blainville sagt in seiner Osteographie
S. 22: „Wir wissen aus den Beobachtungen von Bajon,
dass die männlichen Tapire durchgängig grösser sind als
die weiblichen." Dagegen finde ich in Wagner, Schreber's
Säugethiere S. 304: „Es ist beim zweifarbigen wie beim
amerikanischen gemeinen Tapir die Beobachtung gemacht
worden, dass die gefangenen Weibchen grösser sind als die
Männchen"; dasselbe führt Giebel (Säugethiere) an; doch
Archiv f. Natnrg. XXXXIV. Jahrg. 1. Bd. (J
82 Ludwig Döderlein:
erwähnen beide ihre Quellen nicht. Eine Bestätigung dieser
letzten Angabe aber finde ich in einem Schreiben des Herrn
Dr. Reiss, der verschiedene Masse, nach einem lebenden
männlichen T. Pinch. genommen (s. Anm.), anführt und
dazu bemerkt: „gewöhnlich sollen die Weibchen grösser
sein". Ich muss gestehen, dass mir diese Anschauung die
richtige dünkt, schon in der Erwägung, dass man im all-
gemeinen nicht so leicht ohne gehörige Beweise eine Aus-
nahme von einer Regel constatirt (die Regel bei den Säuge-
thieren ist, dass die Männchen grösser sind als die Weib-
chen), als man ohne diese eine Regel bestätigt.
Anmerkung. Diese Angaben, welche Herr Dr. Reiss
von Herrn Honstetter, Conservator am Jesuitencolleg in
Quito erhielt, sind folgende:
Länge des Tapirkörpers 140 ctm.
Davon kommen auf den Hals 14 ctm.
Höhe der Hinterfüsse 78 ctm.
Höhe der Vorderfüsse 92 ctm.
Umfang des Leibes 125 ctm.
Umfang der Vorder- und Hinterfüsse 38 ctm.
Umfang der Sckenkel 79 ctm.
Augenfarbe graubraun.
Ich habe im vorhergehenden immer nur vier Arten
von lebenden Tapiren angenommen, nämlich Tapirus Ame-
ricus, Pinchacus, Bairdii und Indiens, von weiteren Arten,
wie solche ja von Dr. John Edward Gray in grösserer
Anzahl aufgestellt wurden, kaum Notiz genommen; eine
kurze Betrachtung, die ich im folgenden versuche über die
Berechtigung zur Aufrechterhaltung dieser neuen Arten und
über die Erhebung einiger früherer Arten zu besonderen
Gattungen, wird dies genügend erklären.
Dr. Gray theilt (Proceed. Zool. Soc. Lond. 1867.
S. 876—886) die Familie der Tapiridae ein in die beiden
Tribus der Elasmognathina und Tapirina, für die er als
unterscheidende Merkmale angibt den sehr fraglichen Unter-
schied in der Grösse und Form der Nasenhöhle und die
üeber das Skelet des Tapirus Pinchacus. 83
Verknöclierung der anfangs knorpligen Nasensclieidewand
in höherem Alter, die bei den Elasmognathina fast den
ganzen Nasenknorpel ergreift, während sie bei den Tapirina
nur auf einen kleinen unter den nasalia liegenden Theil
desselben sieh beschränkt; zu den ersteren gehört nur
Elasni. Bairdii. Die Tapirina theilt Gray weiter ein in
die beiden Gattungen Tapirus und Rhinochoerus, von denen
jene ein mehr rundes, diese ein mehr viereckiges und breites
foramen magnum besitzen; jene haben eine schmale und
hohe (T. Pinchacus!) Occipitalcrista, diese eine breite und
abgeflachte; leztere haben auch eine breitere Stirn als jene.
Zum genus Tapirus rechnet er nun den gewöhnlichen
amerikanischen Tapir, der einen neuen Namen erhält :
Tap. terrestris; bei dieser Art werden auch einige Varie-
täten unterschieden, eine wegen einer etwas grösseren Lücke
zwischen Eck- und Backzähnen, eine andre wegen des
Umstandes, dass der Vorderrand der Choanen der Mitte
des 6. Backzahnes entspricht, während er bei den übrigen
erwachsenen Thieren dem Hinterrande desselben Zahnes
entsprechen soll; eine dritte Varietät hat einen überflüssigen
Zahn zwischen Eck- und Backzähnen. Von diesem T. ter-
restris trennt Gray eine neue von ihm aufgestellte Art T.
Laurillardi wahrscheinlich aus Venezuela, bei welchem
die nasalia nicht so lang als breit sind und vorne etwas
abgerundet, während bei dem gewöhnlichen Tapir dieselben
länger als breit und vorne spitz sein sollen; ausserdem ist
der Schädel etwas mehr in die Länge gezogen, die Lücke
zwischen Eck- und Backzähnen etwas grösser und die
Backzahnreihe selbst um V4 inches kürzer als bei T. ter-
restris ; bei diesem nämlich ist leztere 5V2 inches, während
sie bei T. Laurillardi nur 574 inches am ausgewachsenen
Thiere misst. Die dritte Art dieses Genus ist T. Pinchacus,
den Gray nur nach den Beschreibungen und Abbildungen
von Roulin, Goudot und Blainville kennt. Die Gat-
tung Rhinochoerus enthält nach Dr. Gray zwei Arten:
L Rh. sumatranus, der Schabrakentapir und 2. Rh. Me,
ein fabelhaftes Thier aus China, mit Elephantenrüssel,
Rhinocerosaugen und Tigerfüssen, das Eisen, Kupfer und
die grössten Schlangen frisst; man i'and es in chinesischen
84 Ludwig Döderlein:
.Bilderbüchern und auf sonstigen Kunstwerken dieses Lan-
des abgebildet. M. Abel Remusat sah darin die Dar-
stellung eines Tapir. M. Roulin nahm in seinem Bericht
über den von ihm entdeckten Tapir davon Notiz (Ann. sc.
nat. I. Ser. XVIII. S. 51) und bildete auch verschiedene
solche „Me des chinois" ab (tab. 5), den einen mit Adler-
flügeln und einem langen ornamentirten Schweif, die andern
ohne diesen Schmuck. Remusat hatte vermuthet, dass
ein noch unentdeckter Tapir in China lebe, Roulin weist
diese Ansicht entschieden zurück, indem er sagt, dass
höchst wahrscheinlich der Tap. Indiens, der ja nicht sehr
weit von China vorkommt, den Chinesen durch Reisende
bekannt geworden sei und zu diesen Fabeln und monströsen
Abbildungen Anlass gegeben habe. 38 Jahre nach Roulin 's
Abhandlung war in dem volkreichsten Lande der Erde noch
kein neuer Tapir entdeckt worden, Gray aber stellte nach
dieser Zeit seinen Rhinochoerus Me auf, und wenn man,
auf seine höchst mangelhafte Angabe über den Entdecker
dieser neuen Art gestützt, nach diesem und der Original-
beschreibung des Thieres sucht, stösst man endlich in den
Abbildungen zu Roulin 's Bericht auf eines jener höchst
merkwürdigen Geschöpfe (tab. 5. Fig. 1) aus den chinesischen
Bilderbüchern, das Dr. J. E. Gray genügte, eine neue
wissenschaftlich teststehende Art darauf zu basiren. An
diese beiden neugeschaffenen Tapirarten reihten sich im
Jahre 1872 noch vier weitere an. In diesem Jahre nämlich
erhielt das Brit. Mus. die Bälge und Skelete von 7 Tapiren,
die Mr. Buckley in Ecuador gesammelt hatte; Gray ent-
deckte unter denselben 3 neue Arten (Proc. Zool. Soc.
Lond. 1872. S. 483-492): L Einen T. Leucogenys (grau-
wangiger Tapir), der sich von dem in Columbia durch
Roulin und Goudot gefundenen T. Pinchacus, welchen
Gray nur aus deren und Blainville's Beschreibungen
und Abbildungen kennt, in Hinsicht auf den Schädel gar
nicht unterscheidet, in Hinsicht auf die Zeichnung des
Felles aber darin, dass er einen weisslichgrauen Fleck auf
den Wangen zeigt, der von Roulin und Goudot für T,
Pinch. nicht erwähnt wird. Von dieser neuen Art trennt
er 2. den T. Aenii>:maticus, den er aufstellt nach einem
lieber das Skelet des Tapirus Pinchacus. 85
ganz jungen Thiere, das statt grauer Wangen deren braune
besitzt, während die untere Seite des Kopfes, Halses und
der Brust weisslich ist. Mr, Buckley gibt an, es sei das
Junge eines erwachsenen Weibchens, das von Gray zu
T. Leucogenys gestellt wird, und dies alte Thier sei nur
aus dem Grunde erbeutet worden, weil es sein Junges nicht
verlassen wollte. Die 3. neue Art ist T. Ecuadorensis, der
in allem übrigen mit dem gemeinen T. Americanus über-
einstimmt, aber bei dem jungen Thiere, auf welches Gray
auch diese Art gründet, sind die Flecken und Streifen des
Fells etwas anders vertheilt, als bei, den Jungen des ge-
meinen Tapirs, die Gray vor sich hatte. In demselben
Bande der Proceed. S. 624— 625 verkündet Gray der Welt
die 4. neue Tapirart in diesem Jahre. Das Brit. Mus. hatte
den Balg und Schädel eines ganz jungen Thieres mit 3
oberen Backzähnen durch Mr. Bartlett aus Peru erhalten;
dies Thier gleicht vollständig dem gewöhnlichen T. Amer.,
ist aber etwas anders gezeichnet als die Jungen dieser Art
im Brit. Mus.; nach Gray genügt dies für eine neue Art,
die er T. Peruvianus tauft; der Schädel der Mutter dieses
Thieres und der von zwei andern Exemplaren aus derselben
Gegend, die auch durch Mr. Bartlett in den Besitz des
Brit. Mus. kamen, sind allerdings nicht im geringsten zu
unterscheiden von dem des Tap. Amer., wie Gray gesteht,
doch ist dies für ihn kein Grund, seine neue Art wieder
fallen zu lassen. Er gibt nun noch am Schlüsse dieses
Aufsatzes folgende Eintheilung der jungen im Brit. Mus.
befindlichen Tapire aus verschiedenen Lokalitäten:
1. Füsse und oberer Theil der Beine braun mit grossen
weissen Flecken von ungleicher Gestalt.
A) Oberer Theil des Kopfes braun, bedeckt mit kleinen
weissen Tupfen; Körper^ mit unregelmüssigen
weissen Streifen und weissen Linien oder Tupfen
(T. Terrestris).
B) Scheitel des Kopfes braun mit einigen kleinen
weissen Tupfen vor den Augen ; Seiten mit einem
unregelmässigen, manchmal unterbrochenen Streifen
und mit Reihen von kleinen weissen Tupfen zwischen
den Streifen. T. Peruvianus (Peruvian Amazones).
86 Ludwig Döderlein:
2. Füsse, Beine und oberer Theil des Kopfes und
Nackens einförmig dunkelbraun, ohne irgend welche
helle Flecken.
A) Seiten des Rückens mit Längsstreifen und mit
kleinen Flecken von ungleicher Grösse an den
Seiten. T. Aenigmaticus (Ecuador).
B) Seiten des Körpers mit Streifen von ungleicher
Länge und mit einigen kleinen Tupfen in schräger
Richtung; Hals und Bauch gelb. T. Ecuadorensis
(Ecuador).
So hat denn Gray im Verlaufe weniger Jahre die
Systematik um nicht weniger als 6 neue Tapirarten be-
reichert ; ich muss gestehen, dass meiner Ansicht nach auch
nicht eine einzige dieser sechs Arten irgend eine Berech-
tigung hat, als wissenschaftlich begründete Art noch länger
zu bestehen. Die einzige auf Unterschiede im Schädel
basirte Art ist T. Laurillardi ; doch sind die Punkte, in
welchen sich dieser von T. Amer. unterscheiden soll, so
geringfügiger Art und bei dem gemeinen Tapir selbst so
schwankend, dass diese Art unmöglich zu halten ist. Kurz
nachdem ich dies aufschrieb, fand ich eine Bestätigung
dieser Ansicht in den Proceed. Zool. Soc. Lond. 1868.
S. 441, wo Andrew Murrey sagt: „Professor Owen
hat mir mitgetheilt, dass nach seiner Meinung die osteo-
logischen Charaktere, auf welche Dr. Gray seinen Tap.
Laurillardi, Rhinoceros nasalis etc. basirt, von keinem spe-
cifischen Werthe sind; und diese Ansicht hat jeder euro-
päische Zoologe." Von Rhinochoerus Me will ich gar nicht
mehr reden. Die übrigen vier Arten sind einzig und allein
auf Unterschiede in der Zeichnung des Felles basirt, davon
drei nur auf die Zeichnung bei ganz jungen Thieren, die
noch ihr gestreiftes und geflecktes Jugendkleid besitzen;
die Skelete all dieser Thiere schliessen sich durchaus denen
der alten Arten an; zwei Thiere werden in andre Arten
als ihre betreffenden Mütter gestellt. Wenn auf solche
Weise bei der Aufstellung neuer Arten verfahren wird,
wird die Systematik mit einem so kolossalen Ballast von
blossen Namen beschwert, dass es für einen anderen als
üeber das Skelet des Tapirus Pinchacus. 87
den Autor dieser Namen vollends zur Unmöglichkeit wird,
sich irgendwie darin zurecht zu finden.
Ich kann also nicht den geringsten Grund dafür ein-
sehen, mehr als vier lebende Tapirarten anzunehmen. Diese
übrigens in verschiedene Gattungen unterzubringen, wie es
einige versuchen, halte ich für vollständig unnöthig und
unrichtig. Die Punkte, durch welche sich die verschiedenen
Arten von einander unterscheiden, sind verhältnissmässig
von sehr geringer Bedeutung^ so dass diese Formen, unter
eine Gattung Tapirus gestellt, sich sehr wohl mit einander
vertragen. Dass T. Ind. den beiden südamerikanischen
Arten etwas ferner steht, als diese untereinander, ist kein
Grund, ihn generell von ihnen zu trennen, und dass bei T.
Bairdii das Nasalseptum im Alter zum grossen Theil ver-
knöchert, ist vollends von viel zu geringer Bedeutung, ihn
bloss deshalb unter eine besondere Gattung oder gar Tribus
zu stellen. Rhinoceros tichorhinus zeigt diese Eigenthüm-
lichkeit in sicher noch höherem Grade, und doch rechnen
dieselben, welche die Gattung Elasmognathus befürworten,
dies Thier noch zur Gattung Rhinoceros. (T. Gill, Sillim.
Amer. Journ. July 1867. Vol. 43. pag. 370.)
Die lebenden Repräsentanten der Familie der Tapiridae
rechne ich daher in die eine Gattung Tapirus mit den vier
Arten T. Americanus, Pinchacus, Bairdii, Indiens.
Halten wir alle Thatsachen zusammen, die sich bei
der vorangegangenen Untersuchung ergeben haben, so sehen
wir in T. Pinchacus eine Art, welche ein Bindeglied vor-
stellt zwischen den beiden Arten T. Americanus und T.
Indiens. Mit jedem von beiden hat sie eine Reihe von be-
merkenswerthen Punkten gemeinsam, mehr und wichtigere
aber mit T. Americanus. Dem T. Ind. nähert sich T. Pinch.
und unterscheidet sich zugleich von T. Am. durch die Ab-
wesenheit der hohen crista, die dadurch bedingte breitere
Form des Hinterhauptes und die geringe Tiefe der Hinter-
hauptsgruben, durch den geradlinigen unteren Rand des
Unterkiefers, durch das Ueberwiegen der Breite gegen die
88 Ludwig Döderlein:
Höhe bei den Schwanzwirbeln, welches letztere möglicher-
weise nur geschlechtlicher Unterschied ist. Mit T. Am.
hat T. Pinch. gemeinsam und unterscheidet sich dadurch
zugleich von T. Ind : den leichteren und schlankeren Körper-
bau, den weniger gedrungenen Kopf, die sehr geringe Breite
der crista, die Form des sich in die nasalia einkeilenden
FrontalfortsatzeSj die Lage der Nasenbeingruben auf dem
Rande der nasalia und zugleich auf den frontalia und
maxillaria, die geringe Höhe der Nasengrube, die Form der
pterygoidea, die ungefähre Grösse der Zähne und des
Schädels, die Form des Atlas, der Scapula, ausserdem als
nicht zu unterschätzende Thatsache das Vaterland, lieber
Tap. Bairdii, den ich zu wenig kenne, kann ich mir kein
sicheres Urtheil bilden; doch scheint er mir entschieden
mehr den südamerikanischen Formen sich anzuschliessen
als der orientalischen.
Um die so weit auseinander liegenden Verbreitungs-
bezirke der beiden Gruppen von lebenden Tapiren, —
nämlich T. Ind. einerseits und T. Am. mit T. Pinch. und
T. Baird. andrerseits, — zu verstehen, müssen wir noth-
wendig auf eine frühere weitere Verbreitung der Tapirfamilie
söhliessen, ein Schluss, den die paläontologischen Ent-
deckungen vollkommen rechtfertigen. In Nordamerika wur-
den fossile Tapirreste entdeckt, die sich von T. Am. kaum
unterscheiden sollen: in Asien und Europa lebte der Tapir
vom Miocän bis zur späten Pliocänzeit in verschiedenen
Arten; hier ist auch der Entstehungsort dieser Familie zu
suchen. Werfen wir noch einen kurzen Blick auf einige
fossile europäische Tapire, von denen H. v. Meyer mehr
oder weniger vollständige Schädel von drei Arten (T. priscus
Kaup, T. Hungaricus Meyer, T. Helvetius Meyer) in den
Palaeontographica 1869 genau beschrieben und in natür-
licher Grösse abgebildet hat. T. priscus ist mindestens so
gross wie T. Ind., T. Helveticus kleiner als eine der leben-
den Arten; T. priscus ähnelt durch den stark herabge-
zogenen hinteren Unterkieferwinkel dem T. Pinch. und
auch dem T. Ind. (tab. 26). Die im Verhältniss zur Länge
des Unterkiefers sehr geringe Höhe des Gelenkfortsatzes
macht es wahrscheinlich, dass der ganze Schädel dieses
lieber das Skelet des Tapinis Pinchacus.
89
Thieres noch mehr in die Länge gezogen war als bei T.
Pinch. und T. Am. Bei T. Helveticiis Meyer fehlt die Er-
hebung der Occipitalcrista, dieselbe ist aber schmal und
die Nasenbeine liegen in der Ebene der crista; dies stimmt
ganz mit T. Pinch. Sehr wichtig ist der auf tab. 29, 30
und 31 abgebildete Schädel von T. Hungaricus Meyer. Bei
diesem Exemplare sind im Oberkiefer 6 Backzähe hervor-
gebrochen, es steht also im gleichen Alter wie der mir
vorliegende ältere T. Pinchacus ; mit diesem will ich auch
einige Zahlenangaben vergleichen, welche H. v. Meyer
von jenem werthvoilen Stück gemacht hat:
T Hung.
T. Pinch.
Länge der Backzahnreihe
Gegenseitige Entfernung des 1. Backzahnes
Entfernung des i . Backzahnes vom vorderen
Theile der Schnauze
Entfernung des 1. Backzahnes von der;
Eckzahnalveole j
Entfernung zwischen Eckzahn und letztem I
Schneidezahn
Breite der Schnauze am 3. Schneidezahn .
„ „ „ an den Eckzähnen . '
Schmälste Stelle des Oberkiefers . . .
Ganze Schädellänge
Grösste Breite der nasalia an der Basis..
0,112
0,041
0,057
0,0815
0,047
0,005
0.041
0;O43
0,034
0,383
0,0765
0,114
0,040
0,058
0,086
0,045
0,006
0,042
0,048
0,040
0,355
0,068
Der Schädel ist während des Versteinerns von oben
her gewaltsam eingedrückt worden; deshalb kann die Höhe
nicht als Vergleichungspunkt angegeben werden. Doch
scheint, wie Meyer angibt, der Schädel ursprünglich wirk-
lich sehr niedrig gewesen zu sein. Im übrigen stimmt
nach den angegebenen Zahlen der Schädel in Bezug auf
die Grösse fast vollkommen mit T. Pinch. überein; mit
dieser Art besitzt er auch noch andre xVehnlichkeiten ; der
obere Ausschnitt des hinteren Schädelendes erinnert, wie
V. Meyer selbst angibt, an T. Pinch., die crista des
Schädels ist nicht erhoben, dabei in der Mitte sehr schmal,
90 Döderlein: üober das Skelet des Tapirns Pinchacus.
wie bei T. Pinch. Ein Punkt bedarf noch der Erwähnung,
nämlich die Lage der Nasenbeingruben ; diese sind, wie
wir oben sahen, bei T. Ind. vollständig auf die Nasenbeine
beschränkt, bei den anderen lebenden Arten liegen sie nur
noch zum Theil auf denselben ; bei T. Bairdii sind sie nach
hinten und aussen gerückt, bei T. Am. und Pinch. ein
w§nig nach hinten und sehr weit nach aussen. Bei T.
Hung. liegen sie zum grossen Theil auf den Nasenbeinen,
öffnen sich mit breiter Furche nach der äusseren Seite
und scheinen sich noch etwas auf die frontalia herabzu-
ziehen. In diesem Punkte bildet also T. Hung. einen
Uebergang zwischen T. Ind. und den anderen lebenden
Arten. Wir sahen, dass T. Pinch. die Art ist, welche sich
am meisten von den lebenden Arten den europäischen
fossilen Arten anschliesst, dass aber diese fossilen Arten
auch einige Uebergänge von T. Pinch. zu T. Ind. zeigen.
Aus all diesem können wir schliessen, dass die Tapirfamilie
sich zu ziemlich früher Zeit in zwei Gruppen theilte, in
solche mit sehr breiter crista und solche mit sehr schmaler
crista (dieser Charakter ist vielleicht nicht ganz stich-
haltig); die Nasenbeingruben waren bei jenen vollständig
auf die nasalia beschränkt, bei diesen lagen sie zum Theil
auch auf den frontalia. Der einzige lebende Repräsentant
der ersten Gruppe ist T. Ind. ; die in den Siwalikhügeln
gefundenen Tapirreste gehören wahrscheinlich auch hieher;
zur letzteren Gruppe gehören die europäischen fossilen
Tapire (und nordasiatischen) und die amerikanischen leben-
den und fossilen; nach Amerika kam der Tapir erst in
später Zeit, nämlich im späten Pliocän; in Amerika erst
entwickelte sich die Form mit der hohen crista, neben ihr
bestand aber die Form mit der niederen crista fort. In
dem isolirten Central- und Südamerika, das noch andere
früher weit verbreitete, jetzt fast überall ausgestorbene alter-
thümliche Thierformen beherbergt, erhielten sich auch die
Vertreter der Tapirfamilie bis auf unsre Zeit, während sie
an allen anderen Punkten, die sie früher bevölkert hatten,
mit einziger Ausnahme von Malacca und den Sundainseln,
der Concurrenz besser angepasster Formen unterlagen und
ausstarben.
Kleinere Brnchstücke zur yergleichendeii Anatomie
der Arthropoden.
Von
G. Haller.
Hierzu Tafel II.
I. lieber das Athmungsorgan der Stechmückenlarven.
(Hierzu Abschnitt A Tafel II.)
Lässt man im Hochsommer ein Glas mit faulender
Flüssigkeit in einem kühlen, halbdunkeln Räume längere
Zeit stehen, so wird man dasselbe bald von einer grossen
Zahl äusserst lebhafter Larven bewohnt finden. Dieselben
sind sicherlich so allgemein bekannt, dass ich auf die ein-
lässlichere Beschreibung verzichten kann. Gewiss hat sie
schon ein jeder beobachtet, wie sie regungslos an der Ober-
fläche hängen, um sich im nächsten Augenblick beim An-
nähern der Hand oder einer leichten Berührung des Glases
mit blitzartiger Behendigkeit fallen zu lassen. Um so auf-
fallender war es mir, nirgends eine eingehendere Besprechung
dieser interessanten Wesen zu finden. Gerne würde ich
diese Lücke ausfüllen, allein sie bieten so Mannigfaches,
dass es mir unmöglich war die Beobachtungen in einem
Sommer zu vollenden. Da ich nun voraussichtlich dieses
Jahr einer kleinen wissenschaftlichen Reise wegen kaum
Zeit und Gelegenheit haben werde, diese Studien zu voll-
enden, sei es mir gestattet, wenigstens ein Bruchstück der-
92 G. Ilaller:
selben bekannt zu machen. Ich wähle hierzu den Re-
spirationsapparat, welcher für die vergleichende Anatomie
der im Wasser lebenden Insektenlarven nicht ohne Bedeu-
tung scheint. Niemand wird so sehr die Fehler dieser
Beschreibung spüren, wie gerade ich, auch muss ich für
die Zeichnungen um gefällige Rücksicht bitten, da dieselben
nach den Colophonium - Präparaten angefertigt werden
mussten. Hoffentlich findet sich Jemand, der, durch meine
kleine Studie aufmerksam gemacht, den interessanten Stoff
besser bearbeiten wird. Das eben Gesagte hat auch für
die beiden folgenden Bruchstücke seine volle Geltung.
Der Respirationsapparat der Culexlarven bietet in
hübscher Weise eine Verbindung der Tracheenkiemen der
Phryganeen- und Ephemeridenlarven (s. G e g e n b a u r 's
vergleichende Anatomie 1870 pag. 430) mit den Athem-
röhren mancher vollkommenen Wasserinsekten, z. B. der
Schweifwanze (Ranatra linearis) oder deren Verwandten
des Wasserscorpions (Nepa cinerea). Wir werden sehen,
dass der Gebrauch derselben in Wechselw^irkung beruht.
Vom ersten Leibesringel bis zum letzten verlaufen die
typischen zwei starken Längsstämme, welche durch ihre
Verzweigungen die sämmtlichen Körpertheile mit atmo-
sphärischer Luft versehen. Sie sind mit einer ausser-
ordentlich engen und feinen Chitinspirale umgeben und
verlaufen ziemlich parallel. Nur vor dem Kopfausschnitt
biegen sie fast in rechtem Winkel knieförmig nach innen,
um in den Kopf einzutreten. An dieser Knickung findet
sich eine contractile Blase, welche von einigen älteren
Forschern als „Athemblase" bezeichnet wurde. Die Irrig-
keit dieser Ansicht braucht wohl kaum berührt zu werden,
sie zeigt vielmehr drüsigen Bau und steht mit einem Zellen-
strang (ob Canal?) mit dem Kopfe in Verbindung. Wir
kennen nun zwar von im Wasser lebenden Thieren keine
Speicheldrüsen; trotzdem liegt der Gedanke an ein der-
artiges Gebilde nicht fern. Im letzten Körpersegmente
biegen die grossen Tracheen stamme seitlich ab und treten
in eine lange, in der Mitte bauchig erweiterte, weichhäutige
Athemröhre ein. Durch eine leichte Drehung verlaufen sie
nun nicht mehr parallel, sondern die eine liegt über der
Kleinere Bruchstücke z. vergleich. Anatomie d. Arthropoden. 93
anderen. Dagegen vereinigen sie sich nicht, sondern mün-
den getrennt. Entsprechend der breiteren Mitte der sie be-
herbergenden Röhre sind auch sie etwas erweitert. Ueber
ihre Mündung ragen drei spitze Zipfel hervor, welche durch
einen Mechanismus geschlossen werden können, und dann
klappenartig das Luftröhrensystem vor Eintritt von Wasser
und anderen Flüssigkeiten abschliessen. Das Spiel der-
selben lässt sich an lebenden Larven unter dem Mikroskope
recht hübsch betrachten.
So lange sich die Larve an der Wasseroberfläche an-
hängt, athmet sie durch die ofl'ene Mündung der Tracheen.
Wird sie dagegen beängstigt, so zieht sie die Klappenzipfel
zu und taucht unter. Jetzt gebraucht sie ähnlich anderen
im Wasser lebenden Verwandten die Tracheenkiemen. Diese
besitzt sie in Form langer und ziemlich schmaler lanzett-
licher Blätter, in denen sich feine Eudverästeluugen der
Tracheen verbreiten. Diese Gebilde sind ausserordentlich
zart und dünnhäutig. Sie stehen meist zu zweien bis vieren
auf einem kurzen und ebenso dicken Höcker, welcher dem
Hinterleibe auf der entgegengesetzten Seite wie die Athem-
röhre schräg angesetzt ist. Seine Oberfläche zieren lange,
fächerförmig verästelte Haare, die wir nebst ähnlichen Ge-
bilden später besprechen. In unserer Zeichnung (Fig. 1)
sind dieselben als entfernt zu denken. Wir .finden deren
ungefähr eilf. Leider habe ich vergessen aufzuzeichnen,
welcher von den grossen Hauptstämmen die Verzweigungen
für die Tracheenkiemen abgibt; soviel sich jetzt noch im
Praeparate erkennen lässt, ist es derjenige der entgegen-
gesetzten Seite. Die Eigenschaft der die Tracheenkiemen
bildenden Aeste im Präparate fast ganz undeutlich zu wer-
den, lässt mich dies bios aus einer seitlichen Lücke im
Haupttracheenstamme errathen.
Eine zweite Eigenthümlichkeit des Respirationsorganes
ist in einem reichen Luftreservoir begründet, das an der
Vereinigungsstelle des zu den Tracheenkiemen ziehenden
Astes mit dem longitudinalen Hauptstamme liegt. Es be-
steht aus einem oder mehreren Büscheln zahlreicher kurzer
und enger längsverlaufender Aestchen, welche wahrschein-
lich von der zweiten grossen Trachee versorgt werden.
94 G. Haller:
Ihre Bedeutung ist vermuthlicli darin zu suchen, dass dem
Thiere erspart werden soll; einen wenn auch noch so kurzen
Moment die Athmuug aussetzen zu müssen. Die in der
Endigungsweise des Hinterleibes ausgesprochene Asym-
metrie erstreckt sich übrigens auch auf die Haargebilde
zu beiden Seiten der zwei letzten Hinterleibsringel. Auf
der Seite der Athemröhre sind diese nämlich bedeutend
grösser als auf der gegenüberliegenden.
Bei der Puppe finden wir ganz ähnliche Verhältnisse.
Am Vordertheile, man möchte fast sagen in der Nacken-
gegend, fallen zwei kurze Hörnchen in die Augen. Es sind
die Mündungen der Tracheenstämme, welchen besondere
Klappen auffallender Weise zu fehlen scheinen. Am Hinter-
ende trägt sie die beiden Tracheenkiemen. Uebrigens
scheinen diese Verhältnisse bereits Oken aufgefallen zu
sein, er hat sie aber nicht richtig gedeutet. In Ermanglung
eines guten Präparates bin ich gezwungen, die Abbildung
des zweiten Jugendzustandes von ihm zu entnehmen.
Die vollkommene Stechmücke lässt weder von dem
einen noch anderen Apparate Ueberbleibsel erkennen. Sie
athmet gleich den anderen geflügelten Mücken durch Stigmata.
Bekanntlich befinden sich in ihnen nach den schönen Unter-
suchungen von Landois (Zeitschrift für wissenschaftliche
Zoologie Band XVII) die zur Tonerzeugung dienenden
schwingenden Membranen ausgespannt.
Sehr bemerkenswerth sind verschiedene Haargebilde,
welche auf das Leibesende und die die x\thmungsorgane
tragenden Anhänge des ersten Jugendzustandes vertheilt
sind. Wahrscheinlich thun die einen den Dienst von
Sinneswerkzeugen, die anderen aber denjenigen von Be-
wegungsorganen. Beginnen wir mit der Beschreibung der-
selben dem Verlaufe der Tracheen folgend, so bemerken
wir auf dem zwischen der Athemröhre und dem die Tracheen-
kiemen tragenden Höcker gelegenen dreieckigen Abschnitt
zahlreiche hellbraune Strichelchen. Sie sind unregelmässig
in mehrere Reihen geordnet. Vergrössert man dieselben
stärker, so beobachtet man mehrere Schmetterlingsschuppen-
artige Organe, die am freien Rande sehr zart gewimpert,
am anderen dagegen messerrückenartig verbreitert sind.
Kleinere Bruchstücke z. vergleich. Anatomie d. Arthropoden. 95
Halb von der Kante gesehen, gewinnen sie daher ein Bild
wie Fig. 5 a, von der Fläche betrachtet haben sie ungefähr
die Gestalt wie in Fig. 5 b. Obwohl sehr klein und nur
0,040 mm. gross, können sie doch sicherlich durch ihre Zahl
etwas zur Bewegung des Thierchens beitragen. Ihnen ge-
sellen sich zwei weitere Haargebilde zu (Fig. 6), die flossen-
oder fächerartig verbreitert sind. Sie unterscheiden sich
auf den ersten Blick von den später zu besprechenden
Sinneshaaren. Drei weniger verzweigte Gebilde stehen auch
auf der Athemröhre. Am Grunde und an der inneren Seite
der letzteren lassen sich ebenfalls eigenthtimliche Chitin-
gebilde wahrnehmen. Sie zeigen sich als in zwei dem
Rande nicht ganz parallel ziehende Reihen angeordnet und
haben die Gestalt von 3-, 4- und mehrzackigen gelblichen
Zähnchen. Bemerkenswerth ist, dass ihre Grösse vom
Grunde der Athemröhre, wo sie ca. 0,044 mm. messen, bis
zur Spitze stetig zunimmt, denn letztere sind bereits 0,077 mm.
lang. Was man aus ihnen zu machen hat, wird mir nicht
recht klar. Endlich habe ich hier noch jener eigenthüm-
lichen Haare zu gedenken, welche, wie ich weiter oben
erwähnte, neben dem Kiemenblättchen am Hinterrande des
diese tragenden Höckers stehen. Die einen von ihnen er-
weisen sich bei näherer Beobachtung als in zwei hinter-
einanderstehende Reihen geordnet, von denen jede etwa
eilf Stück zählt. Sie sind fächerförmig verzweigt und gegen
die Basis schwach eingebogen (Fig. 2). Diese stehen nach
aussen von den Tracheenblättchen, nach innen finden sich
stets nur zwei Haare, die zwar einfacher gestaltet, aber
ebenfalls verzweigt sind (Fig. 3). Aehnliche wie letztere
finden sich spärlich und regelmässig vertheilt auf der ganzen
Leibesfläche. Zuweilen findet sich unter den dichten Haar-
büscheln der gegenüberliegenden Seite ein unregelmässiges
Gebilde (Fig. 4), das grösser und stärker geformt und am
Ende in zwei Aeste ausläuft, von denen der eine kurz und
schwach hakenartig gebogen, der andere nach hinten und
oben gekrümmt ist. Haben wir hier eine pathologische
Erscheinung vor uns, oder dürfen wir darin einen einfachen
Apparat zum Festhäkeln an Schwimmpflanzen erkennen?
Sämmtliche eben beschriebenen Chitingebilde sind sehr
96 G. Haller:
hinfällig. Mit leichter Mühe lassen sich daher die Gebilde
an deren Grunde durch Karmintinction deutlich machen.
Wir erkennen dann ein feines knötchenartiges Gebilde, zu
dem zarte Faden ziehen. Gewissiich repräsentirt ersteres
ein Ganglion, letztere aber die vom letzten Leibesknoten
kommenden Nervenäste. In dem Falle hätten wir in den
verzweigten Haaren unzweideutige Sinnesorgane vor uns
und ich glaube, dass sich die erstaunliche Sensibilität des
Thierchens gegen äussere Einflüsse nur durch diese An-
nahme erklären lässt. Hängt die Larve an der Wasser-
oberfläche, so berührt die Spitze dieser Chitinbildungen
gerade den Spiegel. Es liegt deshalb nicht fern, in ihnen
dasjenige Organ zu sehen, welches die Leitungsfunction
bei dem raschen Wechsel der Athmungswerkzeuge über-
nimmt. Im Augenblicke wo die Athemröhre geschlossen
wird, treten die Gebilde unter Wasser und die Larve hat
sich der Tracheenkiemen zu bedienen. Dieser Wechsel ist
jedenfalls ein willkürlicher und auf Provocation durch
Sinneserapfinduugen hervorgerufen.
II. Die Cliitinorgaiie an der Saugplatte der Vordeifüsse
bei den Dytiscusmännchen.
(Hierzu Abschnitt B Ta^el H.)
Bei der Begattung umfasst das Dytiscusmännchen mit
seinen Vorderfüssen den Thorax des Weibchens und schmiegt
seine Füsse gegen eine seichte Furche an der Brust des
letzteren. Trennt man zwei Liebende sorgfältig aus ihrer
zärtlichen Umarmung, so gewahrt man auf der Stelle, dass
die ersten Tarsenglieder beider abweichend geformt sind.
Die drei ersten Segmente des Männchens nämlich sind zu
einer sogenannten Saugplatte umgeformt, diejenigen des
Weibchens normal geformt und mit beweglichen Schwimm-
borsten versehen. Obwohl nun jene bereits seit Langem
bekannt, bei der Charakteristik unserer Thiere glücklich
aufgefasst, ja sogar mehrfach in guten Abbildungen wieder-
gegeben wurde, scheint man doch nie auf den Gedanken
gekommen zu sein, dieselbe mit dem Mikroskope zu unter-
Kleinere Bruchstücke z, vergleich. Anatomie d. Arthropoden, 97
suchen. Weüigstens kann ich nirgends auch nur eine ein-
schlägige Notiz auffinden. Ich benutzte nun die Müsse im
mikroskopischen Praktikum meines verehrten und geliebten
Lehrers Herrn Prof. H. Frey, diese Beobachtungen nach-
zuholen. Leider konnte ich nur in absolutem Alkohol con-
servirte Exemplare zur Untersuchung bekommen und musste
mich daher auf die Beschreibung der Chitinbildungen be-
schränken. Doch nehme ich aus anfangs angegebenen
Gründen keinen Anstand dies zu thun, um so mehr, da es
von Interesse ist, zu sehen, vrie die Chitinhaare auch im
Dienste der Fortpflanzung verwandt werden.
Die Saugplatte an den Vorderfüssen der Dytiscus-
männchen hat im Ganzen eine etwas verschoben herzförmige
Gestalt. An ihrem Aufbau betheiligen sich blos die drei
ersten Tarsenglieder. Ihre Farbe kommt der der übrigen
Extremität gleich und spielt vom Röthlichen ins Bräunliche
über. Auf der Oberfläche dieses Haftorganes bemerken
wir eine feilenartige Rauhigkeit, hervorgebracht durch
mehrere Reihen von rundlichen, flach napf- oder schüssei-
förmigen Organen. Dieselben entsprechen hauptsächlich
zwei Typen und drei verschiedenen Grössen. Die zwei
umfangreichsten lassen sich ohne Mühe mit blossem Auge
erkennen, zur Wahrnehmung der übrigen bedarf es bereits
eines ziemlich starken einfachen Vergrösserungsglases. Jene
nehmen die Oberfläche des ersten Gliedes fast gänzlich
für sich in Anspruch. Der grösste liegt nach aussen und
spannt nicht ganz einen Millimeter im Durchmesser. Etwa
um die Hälfte kleiner ist der zweite nach innen gelegene.
Diese beiden sind nach ein und demselben Typus gebaut.
Von einem sitzenden compacten und dunkleren Mittel-
scheibchen aus ziehen radiär angeordnet wunderbar hübsch
verzweigte gelbliche Chitinhaare nach dem Rande zu (Fig. 4).
Zwischen ihnen spannt sich gleich der Schwimmhaut zwischen
den Zehen eines Wasser bewohnenden Vogels oder Säuge-
thieres eine farblose, glashelle Membran mit feiner aber
deutlicher Längsstreifuug aus. Sie geht nicht ganz bis zum
Rande der Schüsselchen, sondern die Verzweigungen und
Stämmchen der sie stützenden Haare ragen noch etwas
über sie hinaus. Auf der Innenfläche dieser Organe machen
Archiv für Natur g. XXXXIV. Jahrg. 1. Bd. 7
98 G. Haller:
sich rundliche Tropfen eines harzartigen dunkelbraunen
Secretes bemerkbar, welches offenbar den Zweck hat zu
verhindern, dass Wasser jene überziehe. Aus letzterer
Eigenschaft dürfen wir wohl schliessen, dass diese Organe
nach einem ähnlichen Prinzipe wirken, wie die glocken-
förmigen Haftnäpfchen am Fusse der Sarcoptiden, nämlich
durch Luftausschluss.
Auf dem zweiten und dritten ausschliesslich neben
den eben beschriebenen grösseren Organen auch auf dem
ersten Tarsengliede finden wir in mehrfache Querreihen an-
geordnete zahlreiche weit kleinere Gebilde anderer Form.
Dieselben bestehen aus einem einzigen hohlen und an der
Spitze geschlossenen Chitinhaare, das gleich den beweg-
lichen Schwimmborsten in einer Vertiefung inserirt ist und
an seiner Spitze eine flach schüsseiförmig ausgebreitete
glashelle, kaum merklich bräunlich gefärbte Chitinhaut
trägt. Letztere zeigt ein System radiärer Streifen, welche
wahrscheinlich ebenfalls ein Stützorgan darstellen. Ich habe
schon vorhin gesagt, dass diese Gebilde weit kleiner als
obige seien, sie messen nämlich im Durchmesser ungefähr
0,16 mm. und die sie stützenden Haare erreichen eine
durchschnittliche Höhe von 0,35 mm. Die Schwankungen
sind übrigens sehr unbedeutend. Ihre Zahl ist eine sehr
beträchtliche, auf dem ersten Tarsalgliede zählte ich ca. 45.
Auf dem zweiten Fusssegmente stehen in doppelter, anfangs
dreifacher Reihe etwa ebensoviel. Das letzte Glied endlich
besetzen 6 Querreihen, von denen eine jede im Durch-
schnitte 20 keulenförmige Haare trägt. Wir sehen, dass,
alle drei Segmente zusammengerechnet, sich die Anzahl
dieser zierlichen Haftgebilde auf mehr denn zweihundert
beläuft; an beiden Extremitäten sind also 400 kleine Saug-
näpfe vorhanden. Dass durch eine so grosse Zahl ein
anständiges Resultat erzielt werden kann, liegt auf der
Hand.
Endlich ist hier noch der die Saugplatte bedeckenden
unveränderten Haare zu gedenken. Derselben sind eben-
falls zweierlei vorhanden. Die einen treten uns am Rande
in Gestalt massig langer, aber sehr fester und stumpfer
Haare entgegen. In ihrem Verlaufe etwas nach aussen
Kleinere Bruchstücke z. vergleich. Anatomie d- Arthropoden. 99
und innen gebogen, bilden sie gleichsam ein schützendes
Körbchen für die zarten Gebilde, welche sie in Reihen um-
geben. Ausserdem finden sich breite und kurze keulen-
förmige Haare (Fig. 5), welche eine deutliche Längsriefung
zeigen und in festen Chitinringen inserirt sind.
III. Einiges über Poilyxenus Lagurus De Geer.
(Hierzu Abschnitt C Tafel U.)
Ein früher vielfach beschriebener; nun aber so ziemlich
in Vergessenheit gerathener Myriapode ist der ebenso auf-
fallend wie zierlich gebildete Poilyxenus (wohl richtiger
Polyxenus) Laguius De Geer. Der letzte Autor, welcher seiner
etwas ausführlicher gedenkt, ist meines Wissens Gervais,
welcher in den „Insectes apteres" Tom. IV pag. 64 noch
sagt: „C'est un petit animal fort curieux, et dont la mono-
graphie offrirait un veritable interet". Ich kann diese
Meinung nur unterstützen, und um wieder auf dieses kleine
Ungeheuer aufmerksam zu machen, sei es mir gestattet eine
unbedeutende Beobachtung über seine Chitingebilde hier
beizufügen.
Gervais gibt am angeführten Orte (Atlas Taf. 45.
Fig. 1 c) schon recht gute Abbildungen der auf dem Körper
stehenden kammförmigen Haare. Dagegen gedenkt er der
in den Schwanzanhängen dicht und zahlreich vereint bei-
sammen stehenden Borsten nur als „une paire de faisceaux
de poils en pinceau". Von ihrer ganz ausnahmsweisen,
höchstens mit den Kieselnadeln mancher Spongien zu ver-
gleichenden Form spricht er nicht. Es stehen dieselben
in den zwei Schwanzbüscheln in sehr grosser Anzahl bei-
sammen, da sie nun stets mit Luft gefüllt sind, verhüllen
sie sich dem Mikroskope gegenüber in ein hartnäckiges
Dunkel. Letzteres lässt sich nur durch sanften Druck auf
das Deckgläschen lüften, wodurch diese Schwanzbündel
vom Körper getrennt und die einzelnen Haare isolirt wer-
den. Tritt nun die Luft aus letzteren aus, so erschweren
die Gebilde durch ihre fast vollkommene Farblosigkeit
die Beobachtung ebenfalls wieder. Es lässt sich aber doch
100 G. Haller:
erkennen, dass sie am Ende hakenförmig gebogen sind
und hier in zwei oder drei, selten mehr, stumpfe und kurze
Gabeläste auslaufen, ihre Seiten sind dagegen von vorwärts
gerichteten Spitzen besetzt (Fig. 1). Zwischen diesen stehen
vereinzelte Chitingebilde, welche den auf der Körperober-
fläche stehenden Haaren ganz ähnlich sehen, diese aber an
Grösse überragen und hierin ihren Gefährten gleichkommen.
Inserirt sind die Schwanzbüschel in zwei am Hinter-
rande stehenden und halbmondförmigen Körperausschnitten.
Bei oberflächlicher Betrachtung scheinen dieselben durch
ein System sich schräge kreuzender Furchen in viereckige
Felder zerlegt. Bei starker Vergrösserung und genauer Ein-
stellung des Instrumentes auf den Rand der Ausschnitte
beobachtet man dagegen mehrere Reihen von stumpfen,
glashellen Zähnchen (Fig. 3). In den Vertiefungen stehen
die Haare und diese zwischen den letzteren wie ~ ich
weiss keinen treffenderen Vergleich — die Spreublättchen
zwischen den Einzelnblüthen einer Composite.
Bei uns fand ich Polyxenus Lagurus nie unter Geniste
oder Hecken, wie dies Koch angibt, sondern stets unter
der Rinde älterer Kirschbäume. Sie begleiten aber jene
in grösseren Nestern und ziemlich häufig bis an deren obere
Verbreitungsgrenze, welche sich in der Schweiz bekanntlich
bis zu einer Höhe von etwas mehr als 1000 Metern er-
streckt. Höher oben sammelte ich unser Thierchen nicht
mehr. Es ist wohl nicht die Temperatur, welche dasselbe
nicht höher steigen lässt, denn es behält auch im Winter
seine Beweglichkeit bei.
Die beträchtlich kleineren Obisium- und Cheliferarten,
welche mit ihm den Aufenthaltsort theilen, zeigen oft recht
unfreundschaftliche Anwallungen gegen dasselbe. Bringt
man beide auf einen und denselben Objectträger, so lässt
sich hübsch beobachten wie der kleine Afterscorpion den
grösseren Tausendfüssler mit seinen Scheeren kneipt und
festhält, ohne ihm freilich viel anthun zu können. Beim
Durchblättern meiner älteren Zeichnungen fand ich kürzlich
auch Copien von Chitinhaaren aus dem mikroskopisch
untersuchten Mageninhalt eines Baumläufers, Certhia fami-
liaris, deren Abstammung ich mir bisher nicht erklären
Kleinere Bruchstücke z. vergleich. Anatomie d. Arthroi^oden. 101
konnte. Bei der Vergleichung mit den oben beschriebenen
Gebilden ergeben sie sieb als identisch mit ihnen. Somit
scheint Polyxenus Lagurus auch die die Rinde nach In-
sekten absuchenden Vögel zu seinen Feinden zählen zu
müssen.
Erklärung der Abbildungen auf Tafel IL
Abschnitt A. Zu den Respirationsorganen der Culexiarven.
Fig. 1. Ende des Hinterleibes mit Athmungsröhre und dem die
Tracheenkiemen tragenden Höcker.
Fig. 2. Sinneshaar vom Tracheenkiemenhöcker.
Fig. 3. Die zwei der entgegengesetzten Seite.
Fig. 4. Abnormes Haar.
Fig. 5. Die Schmetterlingsschuppen-artigen Organe.
Fig. 6. Schwimraflossenförmiges Chitingebilde.-
Fig. 7. Die Zähnchen auf der Innenseite der Athmungsröhre.
Fig. 8. Puppe von Culex nach Oken.
Abschnitt B. Zu den Chitinapparaten der Saugplatte von Dytiscus.
Fig. 1. Vorderfuss des Männchens, schwach vergrössert. Die Saug-
platte ist mit * bezeichnet.
Fig. 2. Die Saugplatte von oben gesehen, ebenfalls nur wenig ver-
grössert. Beide Figuren etwas schematisirt.
Fig" 3. Keulenförmige Chitinhaare.
Fig. 4. Segment aus dem grössten schüsseiförmigen Organe.
Fig. 5. Eines der kleineren verwandten Organe, sehr stark ver-
grössert.
Fig. 6. Tangentialschnitt am äusserten Seitenrande des dritten Seg-
mentes, um Anordnung und Insertion der Chitingebilde
zu zeigen.
Abschnitt C. Zu den Chitingebilden von Polyxenus Lagurus L.
Fig. 1. Eines der mit den Kieselnadeln verglichenen Schwanz-
büschelhaare.
Fig. 2. Eines der grösseren kammförmigen von ebendaher.
Fig. 3. Die Insertiousstelle der Haargebilde, stärker vergrössert,
die hyalinen Zähnchen zeigend.
Beiträge zur Naturgeschichte wirbelloser Thiere vou
Kerguelenslaud.
Von
Professor Th. Studer
iu Bern.
Hierzu Tafel III— V.
lieber eine Fauna von Süsswassercrustaceen in Kergue-
lensland.
Während des 3V2 monatlichen Aufenthalts anf dem im
südindischen Ocean in 48— 50^ S. B. und 68— 7 P 0. L. ge-
legenen Kerguelensland, den ich als Mitglied der Expedition
zur Beobachtung des Venusdurchgangs zu machen Gelegen-
heit hatte, suchte ich so viel wie möglich mich über die
Fauna dieses trotz seiner Oede höchst interessanten Erd-
fleckes zu unterrichten. Bot doch gerade diese von allen
Erdtheilen weit entfernte Insel Gelegenheit, über so viele
Fragen der geographischen Verbreitung der Thiere und der
geologischen Veränderungen der Erdoberfläche Auskunft zu
geben. War es auch zunächst die Vogelwelt, deren Brut-
periode gerade in jene Zeit fiel einerseits und die merk-
würdige Meeresfauna andrerseits, welche sich der Beob-
achtung des Naturforschers aufdrängte, so bot doch bald
die niedere Thierwelt des Landes, so spärlich sie auch
vertreten war, ein nicht minder lohnendes Beobachtungs-
feld. Soweit es die Landformen betrifft, so hat dieselbe
durch die der englischen und amerikanischen Expeditionen
attachirten Naturforscher grösstentheils eine Bearbeitung
Th. Studer: Beitr. zur Natg. wirbell. Thiere von Kergueiensland. 103
gefunden (S. Kidder, Contribiition to the nat. bist, öf
Kergueiensland. Bull, of the unit. states nat. mus. 1876.
Insecta v. Waterhouse) (Eaton in Ann. Mag. Nat. bist. 76),
es bleibt mir nur noch übrig einer Süsswasserfauna zu er-
wähnen, deren Vertreter den bisherigen Beobachtungen ent-
gangen zu sein scheinen.
Kergueiensland stellt eine von Baum- und Strauch-
wuchs völlig entblösste Insel dar. Schroffe kahle Basalt-
kämme, die höhern beständig, die niederen den grössten
Theil des Jahres mit Schnee bedeckt, durchziehen das Land,
das fast beständig von Sturm und Regen gepeitscht wird.
Das sich niederschlagende Wasser sammelt sich von den
Höhen niederstürzend, in den Thälern, in denen eine spär-
liche Vegetation, hauptsächlich von Rasen der Azorella selago
gebildet, ihr Dasein fristet. Hier fliesst es mit langsamerem
Laufe in Bächen und Flüssen dem Meere zu. Wo tiefere
Mulden mit dichtem Untergrund sich finden, bildet es Seen
und Teiche, die in zahlloser Menge das niedere Land un-
terbrechen. In diesen wachsen grüne Conferven, Nitellen
und einzelne höhere Blüthenpflanzen, namentlich Ranun-
culus crassipes Hook. iVls Ross im Jahre 1840 die Insel
besuchte und daselbst einen Winter zubrachte, fanden seine
naturforschenden Begleiter Hooker und Mc. Cormick die
Seen völlig thierischen Lebens baar, auch Willemoes -
Suhm erwähnt in seinen Briefen von der Challenger Ex-
pedition (Z. Z. 24. Bd. 4. Heft) das Fehlen von Crustaceen
in den Süsswassertümpeln des Landes.
Bei unsrer Ankunft in Kerguelen am 26. Oktober 1874
war noch keine Spur von Leben in den zahlreichen Teichen
in der Nähe der Station an Betsy Cove an der NW.-Küste
zu entdecken, erst am 18. November fand ich in einem
kleinen Tümpel zwischen aufkeimendem Ranunculus Clado-
ceren und von da an zeigten sich in der ganzen Umgebung
die Teiche von Thierformen belebt. Es fiel das Auftreten
derselben in den eigentlichen Frühlingsanfang, von wo an
die Temperatur in der Nacht selten unter 3^ C. fiel, am
Tage auf 7— 10^ C. stieg, die Pflanzen sich mit unschein-
baren Blüthen bedeckten, die Ranunculus in den Teichen
und Bächen aufspriessten und die Sturmvögel ihre Brut-
104 Th. Studer:
höhlen aufsuchten. Eine fortgesetzte Untersuchung ergab
nun als Süsswasserbewohner Kerguelens eine Fliege, deren
Larven sich im Sande der Teiche fanden, den Tipuliden
gehörend und zunächst Hydrobaenus verwandt. 4 Clado-
ceren, zu den Gattungen Daphnia, Macrothrix, Pleuroxus
und Alona gehörend, eine Ostracode, zwei Copepoden des
Genus Cyclops und eine Oligochaete der Gattung Euaxes
am nächsten.
So erfreulich dieses Resultat auch war, so mussten
doch zunächst Zweifel aufsteigen, ob wir es hier wirklich
mit einer antochthonen Fauna zu thun haben oder mit pas-
siven Einwanderern. Es waren nämlich zwei Möglichkeiten
der Einschleppung, namentlich der Crustaceen, möglich.
Erstens von Seiten der die Insel regelmässig besuchenden
Robbenschläger vermittelst ausgeleerter Wassertonnen, zwei-
tens von Seiten der Seevögel. Der erste Fall ist sehr un-
wahrscheinlich, indem das Wasser in der Bucht von Betsy'
Cove gewöhnlich einem Bache entnommen wird, der am
SW.-Ende der Bucht einmündet. Das starke Gefälle des
Baches spült alle Unreinigkeiten rasch in die See. Ausser-
dem fanden sich die Formen in weiter Entfernung von dem
betreffenden Bachgebiet. Was die Einführung durch See-
vögel betrifft, z. B. durch Verschleppung von Ephippien, so
ist dieselbe noch weniger wahrscheinlich.
An anderer Stelle (s. Verhandl. d. Gesellsch. für Erd-
kunde zu Berlin 1876, 7 und 8) habe ich gezeigt, dass die
Vogelfauna Kerguelens einestheils von solchen Arten ge-
bildet wird, welche beständig das Land bewohnen oder
sich wenig von den Küsten entfernen und solchen, welche
gewöhnlich eine pelagische Lebensweise führen und nur
zum Brüten die antarktischen Inseln aufsuchen, die sie
Ende der Sommermonate mit den Mgge gewordenen Jun-
gen wieder verlassen. Diese, wie Albatrosse, Sturmvögel,
Sturmtaucher, mit ungemeiner Flugkraft begabt, könnten
allein als solche in Betracht kommen, welche im Stande
wären Eier von niederen Thieren von einer Insel zur An-
dern zu übertragen. Betrachtet man aber das Gebahren
dieser Vögel auf dem Meere, so erscheint dieses unmöglich.
Dieselben fliegen beständig Beute suchend über der Wasser-
Beiträge zur Natnrgesch. wirbelloser Thiere in Kerguelensland. 105
fläche dahin, haben sie diese erspäht, so erlaubt ihnen die
grosse Flugmaschine nicht, plötzlich anzuhalten und die-
selbe fliegend aufzuschnappen, sondern sie müssen sich
erst auf das Wasser niederlassen, die Beute schwimmend
zu erreichen suchen um nachher mühsam sich mit Hülfe
der Flügel und Schwimmfüsse wieder in die Luft zu er-
heben. Hierbei wird natürlich jede voq frühern Aufent-
haltsort anhaftende Unreinigkeit abgespült. Nie fanden
sich auch an den auf See oder auf Kerguelen geschossenen
Vögeln Erdklümpchen oder dergleichen, während sich in
ihrem Magen meist Reste von pelagischen Seethieren, bei
Albatrossen gewöhnlich von Oigopsiden Cephalopoden vor-
fanden, deren Fang immer ein Niederlassen auf das Wasser
bedingt.
Diese Umstände in Erwägung ziehend, dürfen wir
wohl mit ziemlicher Sicherheit die Süsswasserfauna Ker-
guelens als eine antochthone ansehn. Fragen wir aber nach
einem Zusammenhang derselben mit andern, namentlich
südamerikanischen und südaustralischen Faunen, so ist
durch die spärlichen Untersuchungen, welche wir von jenen
Gegenden besitzen, eine Vergleichung noch unmöglich.
Ausserdem scheinen nach den Untersuchungen von King
über die Cladoceren Australiens nur specifische Unterschiede
diese Formen von denen des Nordens zu trennen, dasselbe
würde mit denen Kerguelens der Fall sein, von denen
übrigens keine specifisch mit den von King beschriebenen
Arten übereinstimmt. Legen wir Gewicht auf die von King
erwähnte Thatsache, dass es ihm unmöglich war in Neu Süd
Wales Vertreter der Familien der Tolyphemiden und Sidi-
den zu flnden, so würde darin Kerguelen mit Australien
übereinstimmen, wenn ich mir damit schmeicheln könnte
die Cladocerenfauna Kerguelens erschöpft zu haben, eine
Meinung, von welcher ich natürlich weit entfernt bin.
I. Cladoceren und €yclopiden.
Hierzu Tafel III und IV.
Es folgt nun die Aufzählung der Cladoceren und Cyclo-
piden, welche in Kerguelen zu meiner Beobachtung kamen.
Ich erlaube mir bei der Benennung eines Theils der neuen
106 Th. Studer:
Arten meinen verehrten Freunden und Mitgliedern der Ex-
pedition zur Beobachtung des Venusdurchgangs ein Denk-
mal zu setzen.
A. Cladocera. a. Daphnidae.
1. Daphninae.
Simocephalus intermedius n. sp. ^). Die vorliegende Art
schliesst sich durch den allgemeinen Habitus, den Besitz
einer Impression zwischen Kopf und Rumpf, das Vorhan-
densein eines Nebenauges, den kurzen auf eine starke Ein-
buchtung des Kopfes folgenden Schnabel zunächst an die
Gattung Simocephalus Schödler an, weicht aber von die-
ser dadurch ab, dass das Männchen eine lange Borste an
dem verlängerten Tastfühler besitzt, ein Charakter, der es
der Gattung Ceriodaphnia Dana unterordnen würde, wenn
sich die letztere Gattung ihrerseits durch das Fehlen des
Schnabels und die gewölbtere und im Verhältniss zur Höhe
kürzere Schale nicht genügend unterscheiden würde. Es
ist deshalb unsre Form als eine Zwischenform zwischen
Ceriodaphnia und Simocephalus zu betrachten, welche aber
Simocephalus in der Gesammtbildung näher steht.
Der Kopf ist stark vorgewölbt vor dem Auge, dann
folgt vor der Schnabelspitze eine starke Einbiegung, der
Schnabel ist kurz und am Ende mit zahlreichen feinen
Haaren versehn. Das Auge ist gross mit deutlichen zahl-
reichen Linsen, das Nebenauge klein, punktförmig und sitzt
dem Gehirn direkt auf. Die Schale ist mehr oder weniger
rautenförmig, in der Mitte wenig höher als am Hinterrand,
der obere Rand schwach gewölbt, nach hinten in eine
stumpfe Spitze ausgezogen, der ünterrand fast gerade, der
Hinterrand nach unten und vorn gerichtet, daher der Un-
terrand kürzer als der obere. Sie zeigt keine deutliche
Felderung sondern mehr eine Funktirung, die auf dem
Vorhandensein von sternförmigen Zellen unter der Chitin-
schicht beruht.
Das Postabdomen ist gross, nach unten etwas ver-
schmälert, es zeigt oben einen hohen, sichelförmigen Fort-
1) Fig. I. a, b, c, d, e, f, g, h.
Beiträge zur Naturgesch. wirbelloser Thiere in Kerguelensland. 107
satz, auf den zwei rundliche Höcker folgen. Der Hinter-
rand ist ziemlich gerade und mit einer Reihe gekrümmter
gleich grosser Hakenborsten besetzt, die Endhaken gross,
gleichmässig gekrümmt und glatt. (Fig. b.)
Die Ruderantennen sind schlank, der viergliederige
Ast mit 3, der dreigliederige mit 4 Borsten, welche ein-
fach ungefiedert sind. Die Tastantennen des Männchens
sind sehr lang, halb so lang wie die Ruderantennen und
mit je einer langen, schwach gekrümmten kräftigen Borste
versehn. (Fig. a.)
Das erste Fusspaar (Fig. c.) ist lang, deutlich fünfgliedrig,
das letzte cylindrische relativ lang, das Basalglied trägt am
Ventralrande vier lange, einfach gegliederte Borsten, die mit
zwei Reihen feiner Haare besetzt sind, gleiche fiederartige
Haare tragen alle Ventralborsten der übrigen Glieder, die
ebenfalls gegliedert sind und von denen das vierte und
dritte Glied zwei, das zweite eine trägt, das Endglied hat
zwei nackte Borsten, wovon die eine ein halbmal länger
als die andere ist.
Am zweiten Fusspaar (Fig.d.) trägt das Coxalglied 15
fächerständige Borsten, die gegliedert sind und deren zweites
Glied bei den 14 obern feine Fiederhaare trägt, während
die 15. Borste grösser, gekniet und nur einseitig gefiedert
ist, dem dritten und vierten Beinpaar sind die umgeschlagenen
Innenlappen ebenfalls mit gegliederten Borsten versehn, die
Borsten des äusseren Astes (Branchialanhang) gefiedert.
(Fig. e, f, g.) Die Farbe ist rothbraun, die des Darmkanals
grün. Länge 2,5 mm.
Das Thier fand sich zuerst am 18. November 1874 in
einem Teiche landeinwärts etwa 10 Minuten von der Beob-
achtungsstation an ßetsy Cove entfernt. Die Thiere, in
ziemlicher Zahl auftretend, hatten noch keine Eier im Brut-
raume und schleppten zum Theil noch Reste des Ephippiums
mit sich. Am 20. waren schon Eier im Brutraum und zwar
in der Zahl von 4. Ein Männchen fand sich nur am 18.
vor. Später fanden sich die Thiere in allen ruhigen Tüm-
peln, wo der Boden feinsandig war und Ranunculus cras-
sipes wuchs.
108 Th. Studer:
Macrothrix Börgeni n. sp. (Fig. II.)
Diese von Baird aufgestellte Gattung gehört bekannt-
lich zu denjenigen Daphniden, deren Tastfühler eine be-
deutende Grösse erreichen, und deren Ruderantennen am
Basalglied des dreigliedrigen Astes eine lange Fiederborste
tragen, die nicht gegliedert ist.
Die vorliegende Art passt am besten in obiges Genus
Bairds, nur ist hier im Gegensatz zu den europäischen
Macrothrixarten ein Blindsack des Magens vorhanden und
sind die Ruderantennen relativ sehr mächtig entwickelt.
Die Schale ist kurz, mit hexagonaler Felderung ver-
sehen, der obere Rand gewölbt, der untere gerade mit be-
weglichen Borsten, der Hinterrand, vom untern durch eine
scharfe Kante abgesetzt, geht in den obern allmählich über.
Der Kopf ist massig, allmählich nach dem kurzen Schnabel
verschmälert, das Nebenauge deutlich, ebenso ein Nacken-
organ. Das Postabdomen ist breit, unten abgestutzt und trägt
zwei kurze gekrümmte Haken. Der Hinterrand trägt feine
von oben nach unten an Grösse zunehmende Zähnchen.
Die Antennen des ersten Paares an der Spitze des
Rostrum sind gross, keulenförmig und besitzen 5 Reihen
von feinen Tastborsten übereinander.
Die Ruderantennen zeigen ein mächtiges Basalglied,
die langen Borsten sind gegliedert, das zweite Glied fein
gefiedert, die lange gekniete Borste am ersten Glied des
dreigliedrigen Astes ist einseitig gezähnt und erreicht fast
die Länge der beiden andern Gliedern.
Die Farbe ist blass, das Thier durchsichtig. Länge
des Weibchens 1 mm. Im Brutraume 5 Eier.
Die Form fand sich seltener mit dem Simocephalus
zusammen vor, meist im Schlamme am Grund sich auf-
haltend.
Auch diese Art weicht durch den Besitz eines Nacken-
organs und eines Magenblindsacks von den europäischen
Macrothrixarten ab.
Lynceidae.
Älona WeinecM n. sp. (Fig. EL)
Die Gattung Alona charakterisirt sich nach Baird
durch die längliche, hinten abgestutzte Schale und das
Beiträge zur Naturgesch. wirbelloser Thiere in Kerguelensland. 109
Postabdomen, dessen Endhaken glatt oder nur mit einem
kurzen Basalzahn versehen sind. Die vorliegende Art gleicht
durch die glatte langgestreckte Schale sehr der Alona ob-
longa Mull, weicht aber durch die Form des Postabdomens
und das Verhalten der Borstenreihen am untern Schalen-
rand ab. Die Art charakterisirt sich durch den massig
langen Schnabel, die verlängerte fast rechtwinklige, hinten
abgestutzte, glatte Schale, die sich nach hinten etwas ver-
schmälert, da der Oberrand sanft gewölbt ist, der Unter-
rand gerade. Der untere Rand ist mit gleich grossen nach
hinten gerichteten Dornen besetzt. Der Pigmentfleck er-
reicht die Grösse des Auges. Das Postabdomen ist ver-
hältniösmässig schmal, nach hinten etwas verdickt. Der
Hinterrand mit einer Innern und einer äussern Stachelreihe
besetzt. Die Endhaken sind stark gekrümmt, glatt, bis
auf einen kurzen Basalzahn. Farblos, die Länge 0,8 mm.
Fand sich mit den frühem Arten gemeinsam. Der Brut-
raum enthielt 2 Eier. (Fig. IV.)
Pleuroxus Wittsteini n. sp.
Die Gattung Pleuroxus unterscheidet sich hauptsäch-
lich durch die hohe, hinten abgestutzte Schale und die
zwei Basalstacheln, die sich am Grunde der Endklauen vor-
finden. Vorliegende Art zeigt die Schale hochgewölbt, nach
hinten kaum abgestutzt, der Schnabel lang spitz. Der Ober-
rand der Schale trägt feine Härchen, der gerade Unterrand
nach hinten gerichtete Dornen. Die Schale zeigt starke
Furchen, die von der gefelderten Mitte ausgehn und nach
vorn stärker sind. Der Pigmentfleck ist fast so gross, wie
das Auge. Das Postabdomen massig breit mit zwei Schup-
penreihen am wenig verdickten Hinterrand. (Fig. a.) Die
Endklauen mit zwei kurzen Basaldornen. An den Ruder-
antennen ist der untere Rand der Glieder fein gezähnelt.
(Fig. b.) Die Form des Schnabels gleicht der Alona Karua
Kings. Länge 1 mm. Farbe braun.
Die Art fand sich mehr zwischen Conferven mit den
vorigen Arten ziemlich zahlreich.
Ostracoda. Cypridae.
Von Cypriden fand sich nur eine Art ziemlich selten
im Schlamm der Teiche vor. Dieselbe muss der Gattung
110 Th. Studer:
Candona Baird zugerechnet werden, da das zweite Glied
der untern Antennen kein eigentliches Borstenfascikel, son-
dern nur drei schwach verlängerte Borsten trägt.
Gandona Ählefeldi n. sp. (Fig. V und Va.)
Die Schale ist lang gestreckt, der untere Rand aus-
gebuchtet, der Hinterrand gerundet, vorn etwas abgestutzt,
der lange Schlossrand gerade, rings mit feinen Häärchen
besetzt, grob reticulirt. Das grosse zusammengesetzte Auge
sitzt fast in der Mitte.
Die Antennen des ersten Paares tragen mit Ausnahme
des zweiten Gliedes alle Borsten und zwar die erste eine,
das Endglied 5 Borsten, am zweiten Paar trägt das End-
glied 5 Borsten. Alle Antennenborsten sind glatt. Die ver-
wachsenen Furcalglieder enden mit 6 langen schwach ge-
krümmten Dornen. Die Farbe der Schale ist blaugrün.
Zwischen den aufgeklappten Schalen fand sich ein
grosses gelbes Ei.
Gopepoda.
Gyclopidae.
Die beiden Cyclopsformen, welche sich in fast allen
Teichen und Tümpeln nachweisen Hessen, haben, obschon
sie specifisch sich streng von einander scheiden, doch ein
gemeinsames Gepräge. Beide sind relativ schlank, haben
lange Antennen und lange schmächtige Furcalglieder, die
mit langen gegliederten Borsten versehen sind.
Gyclops Bopsini n. sp. (Fig. VI.)
Thorax länglich oval, der Cephalothorax so lang wie
die vier andern Thoracalglieder, die drei ersten dieser
gleich lang, sich allmählich verschmälernd, das letzte sehr
kurz und schmal, wenig breiter als die Abdominalglieder,
der erste Abdominalring gerundet, der zweite, mit zwei
seitlichen auf das nächste Glied verlängerten Ecken, die
folgenden fast quadratisch. Die Furcalgriffel so lang wie
die drei letzten Abdominalglieder, tragen am Ende zwei
lange, fein gefiederte Borsten, deren innere ein halbmal
länger, als die äussere. Das erste Fühlerpaar llgliedrig,
das erste Glied so lang wie die zwei folgenden, die fünf
nächsten quadratisch, die letzten länglich, alle mit steifen
Borsten besetzt. Das letzte mit vier Borsten am Ende. Das
Beiträge zur Naturgesch. wirbelloser Thiere in Kerguelensland. 111
zweite Ftihlerpaar trägt ein langes Basalglied mit einer
etwas verlängerten Borste. Die Mandibeln mit kurzem Schaft
und zwei langen Borsten, 1,2 mm. (Fig. b.) Das Weibchen
farblos, das Männchen roth. Seine Antennen stark gekniet.
(Fig. c.) Die Eiersäckchen fanden sich zuerst am 19. Nov.
dem Weibchen anhaftend. Das Thier fand sich mit dem
folgenden in allen Teichen vor vom Anfang November.
Cijclops Krülei n. sp. (Fig. VII.)
Der Thorax weniger regelmässig oval, die zwei ersten
freien Thoracalringe seitlich in Ecken ausgezogen, die über
den nächsten Ring übergreifen, der dritte Ring stark ver-
schmälert und gerundet, der vierte sehr kurz. Der erste
Abdominalring quadratisch, mit abgerundeten Ecken, der
zweite kurz, der dritte lang, rechtwinklig, die folgenden
viereckig, der letzte mit zwei Fortsätzen, die am Ende fein
gezähnelt sind, wie bei Cyclops serrulatus Fisch. Auffal-
lend ist hier die Vermehrung der Abdominalglieder. Die
Furcalgriffel sind lang und schlank und tragen am Ende
zwei lange Borsten, die in der zweiten Hälfte der Länge
gefiedert und deren innere ein halbmal länger als die
äussere ist.
Die vordem Antennen ITgliedrig, das erste Glied so
lang wie die zwei folgenden, die andern kürzer als breit,
mit Borsten besetzt. Am Basalglied des zweiten Antennen-
paars eine lange Borste, die fast bis zum hintern Rand
des Cephalothorax reicht. 2,5 mm. Farblos.
II. Anatomie der Brada mamillata Orube.
Hierzu Tafel V, Fig. 1—10.
Die Form des Wurmes ist spindelförmig, am vordem
Ende abgestutzt, nach dem hintern sich verschmälernd.
Dorsal stark gewölbt ventral abgeplattet, gegen das hintere
Ende zu cylindrisch werdend i). Der Mund ist nahe dem
Vorderende umgeben von wulstigen Lippen. Seine Gestalt
wechselt sehr, bald ist er »ein querer Spalt, bald mehr in
die Länge gezogen, in Ruhe V förmig, wobei sich eine
kurze Oberlippe und eine gespaltene Unterlippe unterschei-
1) S. Fig. 1.
112 Th. Stiider:
den lassen, häufig bei starker Oeffnuiig des Mundes, erhält
auch die Oberlippe eine mediane Einschnürung, wodurch
sie in zwei Lappen gespalten wird, ebenso wird jeder
Lappen der Unterlippe durch eine neue Einschnürung ge-
spalten i). Der After ist eine einfache Oeffmmg am Hinter-
ende. Die Körpersegracnte sind im mittleren Theile nur
dorsal deutlich von einander abgegrenzt, während die flache
ventrale Seite bis V4 vom Hinterende eine glatte Bauchfläche
bildet^). Jedes Segment, deren sich 28—30 zählen lassen,
trägt dorsal eine quere Reihe von warzigen Höckern, von
denen 8 grössere umgeben von zerstreuten kleineren sich
vorfinden. Das vorderste Segment umgibt die Mundöffnung
und kann im Leben sich ausstrecken und sich wieder wie
der Kopf einer Raupe in das zweite Segment zurück-
ziehn. Jedes Segment trägt lateral zwei Borstenbündel.
Die ventrale Borstenreihe, welche die Bauchfläche begrenzt,
steht auf kegelförmigen Höckern, die dorsale Reihe auf sehr
kurzen, kleinen Höckerchen. Diese Borstenhöeker fehlen
am ersten Segment.
Die Borsten sind einfach haarartig und lassen eine
Rindenschicht erkennen und einen Achsenstrang. Erstere
hat durch quere Einschnürungen, die in gleichmässigen
Abständen von einander folgen, ein geringeltes Ansehn,
letztere ist fasrig.
Die auf Höckern stehenden ventralen Borsten sind
gewöhnlich in der Zahl von 6—8; leicht gebogen dick und
ragen 1 — 2 mm. über die Haut vor, an der Biegungsstelle
sind sie etwas verdickt 3). Die dorsalen Borsten sind spär-
licher, fein haarartig und ragen 4 mm. über die Haut. Ihre
Structur ist dieselbe, nur erscheint die Rindenschicht zu
der fibrillären Achsenmasse verdünnt, was ihre Starrheit
sehr vermindert.
Am Kopfsegment sieht man in seinem contrahirten
Zustand und an in Spiritus conservirten Exemplaren nur
ein Borstenbündel, das aus lan^^en haarartigen Borsten be-
steht, die länger als die Dorsalborsten sind. Bei Dilatation
des Mundes überzeugt man sich leicht, dnss dieses Bündel
1) S. Fig. 2, 3, 4 von der Seite. 2) S. Fig. 5. 3) S. Fig. 6.
Beiträge zur Naturgesch. wirbelloser Thiere in Kerguelensland. 113
aus zwei vollständig getrennten Bündeln besteht, die in
zwei getrennten Borstensäckclien ihren Ursprung nehmen ^).
Von Kiemen oder Tentakeln ist nichts wahrzunehmen. Die
Länge des Thiers beträgt durchschnittlich 50 mm. Die
Farbe ist graubraun ohne opalisirenden Schiller der Haut.
Das Thier fand sich in grosser Menge neben andern Wür-
mern, Cirratuliden, Nephthys, Planarien, im Grunde von
Betsy Cove in Kerguelen, in einer Tiefe von 5—10 Faden,
wo es, beständig von einer Schlammkruste bedeckt, regen-
wurmartig im Schlamme wühlte.
Anatomie. Die anatomische Untersuchung wurde auf
Kerguelen an lebenden Exemplaren angestellt und an Spi-
ritusexemplaren nach der Rückkehr controlirt. Die Abbil-
dungen sind von Herrn Stud. Mieville theils nach Präpa-
raten ausgeführt theils nach Zeichnungen, welche ich auf
Kerguelen entworfen hatte. Zu besonderem Danke bin ich
Herrn Dr. A. Lang verpflichtet, welcher die mikroscop.
Zeichnungen nach Querschnitten ausführte. Die Querschnitte
sind auf die gewöhnliche Methode nach Einschmelzen des
Objects in Paraffin mit der Leyser'schen Schneidmaschine
gewonnen. Die Zeichnungen sind halbschematisch aus einer
grösseren Anzahl von Schnitten zusammengestellt.
Wir betrachten nach einander die Haut, Muskellage
und Eingeweide.
Haut. Die Haut besteht aus der Epithelschicht (In-
nere Zellschicht Clapar. derme Quatrefages) und der struc-
turlosen sie bedeckenden chitinösen Cuticula.
Erstere von einer durchschnittlichen Dicke von 0,014
mm. besteht aus einer einfachen Lage schmaler Cylinder-
zellen, deren jede einen deutlichen Kern in der Mitte ihrer
Länge besitzt. Die Zellen bleiben im ganzen Querschnitt
gleich, nur in den Höckern vergrössern sie sich gegen die
Spitze zu, um hier den Rand des Ausführungsgangs einer
schlauchförmigen Hautdrüse zu bilden, in deren Epithel sie
schliesslich übergehn. Die Borstensäcke sieht man eben-
falls deutlich von Epidermiszellen ausgekleidet, welche die
1) S. Fig. 2 und 3.
Archiv f. Naturg. XXXXIV. Jahrg. 1. Bd.
114 Th. Studer:
Matrix der Borsten zu bilden bestimmt sind. Diese Zellen-
lage ist nach unten scharf begrenzt, nach oben ist sie be-
deckt mit einer dicken, vollkommen structurlosen Cuticula,
die weder schichtenartige Lagen darbietet, noch feine
Strichelung zeigt. Breitet man die abgelöste Cuticula auf
dem Objectträger aus, so gewahrt man in weiten Abstän-
den grössere und kleinere Poren ; die grösseren finden sich
immer auf dem Gipfel eines Warzenhöckers und bezeichnen
die Ausmündungsstelle der einzelnen Höckerdrtisen. Die
Cuticula ist mit einer klebrigen Secretion bedeckt, welche
kleine Sandpartikelchen, Spongiennadeln, Diatomeenpanzer
u. a. zusammenleimt, die als eine dünne Hülle das ganze
Thier umgeben.
Die hauptsächlichsten Drüsen der Haut sind die schlauch-
förmigen Höckerdrüsen, die an der Spitze der Warzenhöcker
ausmünden. Es bestehn dieselben aus einem engen Aus-
führungsgang, der in eine flaschenförmige Erweiterung führt,
das Epithel der Haut geht einfach in das Drüsenepithel
über, ebenso schlägt sich die Cuticula in die Drüsenmün-
dung, verliert aber sogleich ihre Dicke und ist im Drüsen-
hals schon nicht mehr deutlich zu erkennen. Die Drüse
ist umgeben von einem netzförmigen verzweigten Balken-
werk, das den übrigen Theil des Höckers ausfüllt und sei-
nen Ursprung von der Ringmuskelschicht nimmt. In den
Maschen dieses Netzes lassen sich verschlungene Gefässe
erkennen, welche die Drüse umspinnen. Die Drüsen schei-
nen den klebrigen Stoff abzuscheiden, der die Sandkörner
zusammenkittet.
Eine zweite Art Drüsen finden sich als einfache taschen-
artige Einstülpungen der Haut zwischen den Höckern.
Muskulatur. Der Muskelschlauch besteht aus einem
continuirlichen Lager von Ringfasern und einer darunter-
liegenden mächtigen Längsfaserschicht. Die Ringfaserlage,
mächtig, besteht aus einfachen contractilen Fasern, ohne
Streifung oder andere Differenzierung, die sich zu einer
circulären Muskelplatte zusammenlegen, an den Borsten-
follikeln treten sie auseinander und lassen eine spaltför-
mige Oeffnung, durch welche die Borsten treten; starke
Bündel lösen sich ab und gehen zum Grund des Borsten-
Beiträge zur Naturgesch. wirbelloser Thiere in Kerguelensland. 115
follikels, ebenso gehen an der Basis der Höcker netzför-
mig sicli verzweigende Fasern ab, die das Stroma der
Höckerdrüsen bilden.
Auf die Ringfaserscliiclit folgt eine dicke Längsfaser-
schicht. Dieselbe besteht aus zahlreichen von einander
getrennten Muskelplatten, die in das Innere der Leibes-
höhle hinein ragen. Betrachtet man den Muskelschlauch
von Innen, so sieht man die Längsmuskeln in leistenartig
vorspringenden, von einander durch schmale Zwischenräume
getrennten Streifen hervortreten. Im Querschnitt stellen die
Streifen radiär in das Lumen der Leibeshöhle vorspringende
Platten dar. Jede dieser Leisten besteht aus platten contrac-
tilen Faserbündeln ohne weitere Structur. Diese Muskel-
leisten sitzen direkt der Ringmuskelschicht auf, an den
Borstenfollikeln setzen sie sich an das von den Ringmus-
keln zum Borstenfollikel gehende Muskelbtindel. Ventral
sind zwischen den Ventralborsten nur vier Muskelstränge,
wovon die beiden innersten die breitesten sind und zwischen
sich den Nervenstrang haben. Die inneren Bündel sind
breite Muskelmassen, von denen aus seitlich platte drei-
eckige Streifen gehn, die sich an die Borsten ansetzen.
Die mittleren ventralen Muskelstränge werden getrennt durch
ein fibrilläres Band, das aus Fasern besteht, die von der
Ringmuskellage ihren Ursprung nehmen; dieselben treten
rechts und links von der Medianebene aus, kreuzen sich
unter dem Nervenknoten und umschlingen dann den Darm
um sich über demselben zu einem Aufhängeband zu ver-
einigen, das sich in der Medianlinie des Rückens anheftet.
Die Längsmuskelschicht zerfällt demnach in vier seitlich
symmetrische Partieen, zwei dorsale und zwei ventrale,
wovon sich die dorsale durch die grössere Zahl und gerin-
gere Dicke der Muskelplatten auszeichnet.
V e r d a u u n g s a p p a r a t. Der Verdauungsapparat zer-
fällt in ein langes, schlingenförmig gewundenes Darmrohr,
zwei weisse Excretionsdrüsen und einen mittleren vom
Pharynx zum Magen verlaufenden Drüsensack mit grünem
Inhalt. Die ganze Masse ist in ein gemeinschaftliches
Mesenterium eingeschlossen, darin liegen die beiden weissen
Drüsen seitlich dem Eingeweideknäuel an, während die
116 Th. Studer:
grüne Drüse dorsal gelagert ist und mit ihrem blindsaek-
artigen Ende dem Magen anhaftet.
Das Verdauungsrohr bis zur absteigenden Darmschlinge
gelb, im unteren Theil grauschwarz, beginnt mit einem
kurzen becherförmigen muskulösen Pharynx, das Lumen
hat hier entsprechend der Bildung der Lippen einen herz-
förmigen Querschnitt und ist umgeben von einer kräftigen
Lage von Ringmuskeln, vier Retractoren heften sich dorsal
und ventral aU; von der Längsmuskulatur entspringend, die
Innenseite ist mit Cylinderzellen bekleidet und enthält
weder Zähne noch Zahnplatten. Dagegen erhebt sich am
Boden des Pharynx die Epithelschicht zu mehreren Reihen
von tentakelartigen Vorsprüngen.
Der Schlund geht über in eine enge Speiseröhre, die
in der Hälfte der Körperlänge sich zum Magen erweitert,
der einen weiten taschenartigen rechtsliegenden Blindsack
aufnimmt. Dieser steht durch eine enge Oeffnung mit dem
Magen in Verbindung und stellt so ein weites häutiges
Divertikel dar, der Darm krümmt sich vom Magen aus nach
oben und steigt bis in die Gegend des Pharynx, dort bildet
er eine Schleife und läuft nun gerade dorsal über dem auf-
steigenden Theil nach dem After; vom letzten Dritttheil des
Körpers an, wo er allein die Ausfüllung der Leibeshöhle
bildet, ist er durch regelmässige Dissepimente, welche die
Leibeshöhle in hinter einander liegende Kammern abtheilt,
eingeschnürt. Der Darm besteht aus einer äussern dünnen
Ringfaserschicht und einem Innern Epithelbelag von Cylin-
derzellen.
Die weissen Drüsen (Excretionsdrüsen Clap.) sind zwei
lange, schlauchförmige Organe von milchweisser Farbe, die
sich vom Pharynx bis zum Grunde des Magens erstrecken
und im Eingeweidepaket vom Peritoneum umhüllt sich mit
ihren Enden um den Magen schlingen, sie münden zu bei-
den Seiten in den vordersten Theil des Pharynx und be-
stehn aus einer äussern hyalinen Culicula und einem po-
lygonalen Plattenepithel im Innern. Das Sekret enthält
eigenthümliche Bläschen mit einer kugligen Concretion im
Innern. Ausser diesen Drüsen besteht noch ein sackartiger
Schlauch, welcher über dem Oesophagus liegt und sich an
Beiträge zur Naturgesch. wirbelloser Thiere in Kerguelensland. 117
den Magen anscliliesst. er mündet, wie Längsschnitte des
Pharynx zeigen, über dem Oesophagus nach aussen. Die
Wand enthält Muskelfasern. Im Wesentlichen lässt sich
auch eine structurlose Wand und ein polygonales Epithel von
grossen cubischen Zellen mit körnigem Inhalt nachweisen,
jede enthält ein bis zwei braune Körperchen, das Secret ist
dunkelgrün, enthält nur wenig zellige Elemente und stellt in
Alkohol geronnen, eine structurlose hyaline Masse von gelb-
lichgrüner Farbe dar. Das Blutgefässsystem wurde nicht
genauer verfolgt, ein Rücken- und Bauchgefäss existirt, das
Rückengefäss verläuft gerade und scheint sein Blut zum
Theil in Gewebslücken der Haut und in die Leibeshöhle
zu ergiessen. Man findet dieselbe stets mit Wasser gefüllt,
das die grüne Farbe des Blutes hat und zellige Blutkör-
perchen enthält. Ein ventrales Gefäss verläuft über der
Ganglienkette und steht in enger Verbindung mit den Ge-
schlechtsorganen. Das Nervensystem besteht in einer Bauch-
ganglienkette und einem kleinen Hirnganglion. Das Bauch-
mark schwillt in jedem Segment zu einem Ganglion an,
von dem namentlich Nerven zu den Borstenmuskeln abgehn.
Das Hirnganglion ist sehr klein und durch zwei lange
Commissuren mit der Bauchkette verbunden. Die Ge-
schlechter sind getrennt.
Die Geschlechtsorgane bestehen in acht Geschlechts-
drüsen, welche in paariger Anordnung im vorderen Körper-
drittel rechts und links von der Mittellinie des Bauches
liegen, jede hängt mittelst eines Gefässstieles an dem Bauch-
geiäss und dadurch mittelbar an der Bauchwand. Das
Gefäss verzweigt sich bei seinem Eintritt in das Geschlechts-
organ rasch in eine Anzahl kleiner Zweige. Sie bilden mit
einer Menge netzartig sich verzweigender Fasern ein Stroma,
das zuletzt Follikel bildet, die mit kleinen, scheinbar wan-
dungslosen Zellen ausgefüllt sind, innerhalb deren das Ei
liegt, oder zahlreiche kleine kernhaltige Zellen, welche
wohl die Spermatozoiden liefern. Keines der untersuchten
Individuen war geschlechtsreif. In einem Falle existirten
hinter dem vierten Eierstock der linken Seite noch zwei
rudimentäre Eierstöcke; zwei starke, kurze, etwas gewun-
dene Gefässe von der Dicke der Ovarialstiele entsprangen
118 Th. Studer:
von dem Baucbgefäss, um nach kurzem Verlauf blind zu
endigen. Ihre Wand schien bedeutend verdickt. Bei ge-
nauer Untersuchung fand sich auf der Wand des Gefässes
eine Reihe von grossen kernhaltigen kugligen Zellen, die
nach Analogie als Eizellen betrachtet werden dürfen, sie
waren bedeckt von einer dünnen hyalinen Membran.
Werfen wir noch einen kurzen Blick auf die Bildung
des Thiers, so sehen wir, dass dieselbe bis auf die Existenz
von Tentakeln und Kiemen mit der der Pheruseen Grube's
übereinstimmt, der gewundene Darmkanal mit dem blind-
sackartigen Anhang des Magens, die weissen Excretions-
drüsen mit eigenthtimlichem Sekret, die wir hier ebenso-
wenig wie Claparede bei Stylaroides für Speicheldrüsen
ansehn können, für die sie Quatrefages hält, da sie sich
erst in den vordersten Theil des Pharynx öffnete, die eigen-
thümliche grüne Drüse, kurz alle anatomischen Details
stimmen mit denen der Pheruseen überein. Dagegen fehlen
die Kiemen und die Tentakel. Weder im Leben noch an
Präparaten und mikroscopischen Querschnitten konnte ich
ähnliche Gebilde entdecken, dagegen finden sich im An-
fangstheil des Pharynx eine Anzahl kleiner tentakelartiger
Gebilde, wahrscheinlich sind diese analog den trois lan-
guettes ciliees, welche Claparede bei Stylaroides monilifer
beobachtet hat, die das Thier mitunter aus dem Munde
ausstösst. Es scheint in diesem Falle das Blut sich zum
Theil frei in die Leibeshöhle zu ergiessen, die mit grüner
Flüssigkeit von der Farbe des Blutes erfüllt ist, und sich
mit dem durch die Poren eindringenden Wasser zu mischen.
Eigenthümlich für das Thier sind auch die Höcker-
drüsen, die ich sonst bei keiner Pherusee erwähnt finde,
sie liefern das Secret, das die Sandtheilchen zusammenbackt,
die wie eine Hülle das Thier eng umgibt und sich seinen
Körperformen anschmiegt.
Stimp s on unterscheidet die Gattung Brada von Pherusa
Blev. und Quatrefages, Stylaroides Delle Chiaje und Cla-
parede dadurch, dass die vordersten Borstenbündel nicht
verlängert sind und den Kopf reusenartig überragen, danach
dürfen wir bis Kiemen und Tentakel an den beiden Arten
Beiträge zur Naturgesch. wirbelloser Thiere iu Kerguelensland. 119
von Grand Manan, die Stimpson kurz charakterisirt,
beschrieben sind, unsere Form noch zu dieser Gattung
rechnen.
Erklärimg der Abbildungen auf Tafel V.
Fig. 1. Ansicht des Wurmes von der Seite in natürlicher Grösse.
(Nach einem in Alkohol aufbewahrten Exemplare.)
Fig. 2, 3. Mundöffnung von vorn in verschiedenen Contractiouszustän-
den. (Nach dem Leben.)
Fig. 4. Kopftheil von der Seite.
Fig. 5. Wurm von der Bauchseite, die glatte Bauchfläche und die
ventrale Höckerreihe zeigend. Doppelt vergrössert.
Fig. 6. Rückenborsten.
Fig. 7. Brada vom Rücken aufgeschnitten. Hg Hirnganglion, spod
Weisse Excretionsdrüsen. grD Grüne Drüse. Dsch Auf-
steigender Darm, in Enddarra. dis Dissepimente. ov
Ovarien, vv Bauchgefäss.
Fig. 8. Querschnitt durch den hintern Theil des Wurms, y Aeusse-
rer Belag der Haut aus verkitteten Sandkörnern, c Cuti-
cula. h Epidermis, hdr Höckerdrüse, mtr Ringmuskel-
schicht, ml Längsmuskelschicht. mph Suspensorium des
Darms, dm Ringfaserlage des Darms, dd Darmepithel,
n Nervenstrang, ed Rückenborsten, cv Bauchborsten.
X Faserkreuzung.
Fig. 9. Längsschnitt durch einen Höcker, hdr Höckerdrüse, c Cuti-
cula. e Epithel, mf Muskelfasernetz, gk Gefäss.
Fig. 10. Querschnitt durch den Pharynx, mph Pharynxmuskeln.
dm Ringmuskel, ddr Epithel.
111. Eine neue Art von Ophryotrocha, 0. Claparedii n. sp.
in Kerguelensland.
Hierzu Tafel Y, Fig. 11.
In ihren Beiträgen zur Kenntniss der Entwicklungs-
geschichte der Chaetopoden (Z. Z. Bd. XIX) beschrieben
120 Th. Studer:
die Verfasser Claparede und Mecznikoff einen Wurm,
zu der Familie der Euniciden gehörend, welcher zur Ge-
schlechtsreife gelangt, ohne seine bei Andern nur als Lar-
venorgane fungirenden Wimperreifen zu verlieren, die
Ophryotrocha puerilis. Es war mir von grossem Interesse
in der Fauna von Kerguelensland eine wesentlich ähnliche
Form aufzufinden, als neuen Beweis zu der Ansicht, dass
embryonale, zugleich wahrscheinlich sehr alte Typen, den
ausgedehntesten Verbreitungskreis haben. Ich erinnere nur
an die weite Verbreitung der einander so nahe stehenden
Arten der Gattung Nebalia, welche Claus (Untersuchung,
zur Erforsch, der genealog. Grundlage des Crustaceensyst.
1876) als einen Urtypus der Phyllopoden und Malacostraken
beansprucht, des Limulus u. a. m. Es findet diese That-
sache darin eine Erklärung, dass die Faunen, je weiter
wir in der Geschichte der Erde zurückgehn, einen um so
gleichmässigeren Charakter über die ganze Erdoberfläche
besitzen. Formen, die sich aus jenen Zeiten bis auf unsre
Epoche erhalten haben, werden daher auch an weit von
einander entfernten Punkten auftreten können.
Die neue Ophryotrocha, für welche ich den Art-
namen Claparedi vorschlagen möchte, fand sich bei Ker-
guelen in der Strandzone in der Basis und Löchern einer
knolligen grünen Alge, welche mehr den Ufersaum gegen
die offene See zu, als die inneren Buchten bekleidete. Die
Thiere wurden vorläufig frisch untersucht und eine Anzahl
zur genaueren spätem Controle in Spiritus conservirt. Lei-
der gingen diese im Verlauf der Reise zu Grunde, so dass
die Beschreibung sich auf die mit nicht zureichenden Hülfs-
mitteln auf Kerguelen gemachten Beobachtungen und Zeich-
nungen beschränken muss.
Ophryotrocha Claparedi n. sp. ist ein Wurm von 6 mm.
Länge, der nach der Mitte zu etwas verdickte Körper be-
steht aus 23 Segmenten, von denen jedes mit einem Wim-
perreif umgeben ist. Das Kopfsegment ist birnförmig mit
zwei kolbigen retraktilen kurzen Fühlern, welche lange
Tasthaare tragen, ebensolche Tasthaare befinden sich am
vorderen Rande des Kopflappens; vor der Insertion der
Fühler, wo der Kopf eine Einschnürung zeigt, verläuft ein
Beiträge zur Naturgesch. wirbelloser Thiere in Kerguelensland. 121
Wimperreif. Am hintern Rande des Kopfsegmentes liegen
zwei violette Pigmentflecken als Augen. Die beiden nach-
folgenden Segmente tragen keine Anhänge, jedes nur einen
circulären Wimperkranz. Die folgenden tragen seitliche
Fussstummel, die kegelförmig und am Ende zweilippig sind,
jeder besitzt eine Nadelborste and ein Bündel zweigliedriger
Sichelborsten. Das Endsegment ist fast länger als breit,
nach hinten sich verschmälernd und trägt kolbige paarige
Aftercirren mit kurzen Tasthaaren. Am Kieferapparat sind
namentlich die Nebenkiefer charakteristisch, sie besitzen
einen langen platten Stiel und 7 vorspringende zahnartige
Leisten, von denen die untersten weiter von einander stehn
und mit feinen Zähnchen besetzt sind. Das Labrum scheint
sehr einfach ungezähnt zu sein. Die Farbe des Thieres
war milchweiss, was wohl hauptsächlich auf Rechnung der
Eier zu setzen ist, welche die Leibeshöhle erfüllten.
Vergleichen wir diese Art mit der von Claparede
und Mecznikoff im Mittelmeer entdeckten 0. puerilis, so
finden wir in ihr, abgesehn von der Grössendifferenz, welche
ziemlich erheblich ist, folgende Unterschiede. Der Kopf-
lappen ist nur von einem Wimperreif umgeben, die knopf-
förmigen, retractilen Fühler länger, der Kieferapparat etwas
abweichend gebildet, namentlich das Labrum einfacher. Im
Ganzen zeigen sich, vorausgesetzt, dass die Larvenentwick-
lung in gleicher Weise vor sich geht, wie bei 0. puerilis,
die Larvencharaktere noch reiner erhalten als bei der Mit-
telmeerform, wo die zwei weiteren Wimperreifen des Kopf-
lappens und die Bezahnung des Labrums am spätesten
auftreten.
Vorläuflge Bemerkung über das Begattungsorgan
der Tritonen.
Von
Dr. Jacques von Bedriaga.
Die UntersuchuDg, die ich seit zwei Jahren an dem
zoologisch-zootomischen Institut der Universität Jena über
den Bau der Harn- und Geschlechtswerkzeuge bei den Am-
phibien angestellt habe, Hess mich unter Anderem vermu-
then, dass ein ausgeprägtes Begattungsorgan beim mar-
morirten Triton nachweisbar sei, dass ferner ein wirklicher
Begattungsact, d. h. eine innere Befruchtung stattfinde, und
das Anschliessen der Geschlechtstheile beider Geschlechter
mittelst der warzigen, an den Wülsten der Cloake vertheil-
ten Gebilde bei den Schwanzlurchen geschehe.
Diese Vermuthungen sprach ich in meiner Disserta-
tionsschrift aus^), verzichtete jedoch darauf, letztere der
Oeffentlichkeit zu übergeben, da einerseits das zur Bestä-
tigung meiner Muthmassungen erforderliche Material mir
nicht zu Gebote stand, andererseits viele literarische Hülfs-
mittel mir leider nicht zugänglich waren.
Inzwischen war die innere Befruchtung von anderen
Forschern, z. B. von Wiedersheim, für die ovipare Sala-
mandrina perspicillata^)^ sowie auch andererseits die Bei-
hülfe der erwähnten warzigen Gebilde an den Lippen der
Cloake (brosses copulatrices) bei dem Begattungsacte nach-
1) Untersuchungen über die Geschlechts- und Harnwerkzeuge
der Amphibien. 1875. (Manuscript.)
2) Salamandrina perspicillata und Geotriton fuscus. Annali del
Museo Civico. Yol. VII 1875. Genua p. 35.
Jacques v. Bedriaga; Vorl. Bemerk, ü. d. Begatt. d. Tritonen. 123
gewiesen worden. Mir blieb daher nur noch übrig jenes
trianguläre, pilzartige Gebilde, das ich in der Cloakenhöhle
von Triton marmoratus fand und als Begattungsapparat
deutete, näher zu untersuchen.
Von den zu Käthe gezogenen Autoren der hervorra-
gendsten grösseren Werke hatten Latreille, duFayio
und Gravenhorst den mich interessirenden Gegenstand
wenigstens einiger Maassen in Betracht gezogen. Ersterer
gab in seiner „Histoire naturelle des salamandres de France"
(Paris 1800. p. 41) eine mit meinen eigenen Beobachtungen
zum Theil übereinstimmende Beschreibung. „Les organes
de la generation du male — sagt er — consistent en deux
pieces creusees en cuilleron, contigues ä un des bouts, et
s'ecartent ensuite, renferment une piece charnue, platte,
presque triangulaire, percee ä son extremite.'^
Ferner beschreibt du Fayio^) das Begattungsorgan
der Sozuren folgender Weise: „A l'extremite de cette In-
sertion (du rectum, de la vessie et des canaux deferents)
est un Corps cartilagineux (?) ; long d'environ deux lignes ;
il est en forme du mitre, dont la pointe est en haut, et
Selon toutes les apparences il tient lieu de la verge dans
cet animaP. Endlich suchte Gravenhorst-) aufs Eifrigste
Begattungsorgane bei den Amphibien nachzuweisen. Als
Curiosum mag hier seine Angabe Erwähnung finden, es
sei ihm geglückt, einen rudimentären Penis beim weib-
lichen Landsalamander ausfindig zu machen^)!
Meine eigne Untersuchungen verzögerten sich. Alle
meine Bemühungen, in Besitz marmorirter Tritone zu kom-
men, waren bis vor kurzem erfolglos. Das früher öfters
in der Umgebung von Paris vorkommende Thier war nach
Bericht meiner dortigen Lieferanten nur äusserst selten in
den letzten Jahren angetroffen worden^).
1) Observations physiques et anatoraiques sur plusieurs especes
de salamandres qui se trouvent aux environs de Paris. (Histoire de
TAcademie royale des sciences. Annee 1729 Paris 1731. p. 27.)
2) Reptilia musei zoologici Vratislaviensis. Lipsiae 1829. p. 99.
3) Vgl. 1. c. Tab. XIII. Fig. 1.
4) Den bekannten Fundorten des marmoratus will ich noch
124 Jacques von Bedriaga:
Als ich bereits die Hoffnung aufgegeben hatte, binnen
kurzem meine Untersuchungen von Neuem aufnehmen zu
können, wurde ich an einem schönen Frühlingstage dieses
Jahres durch mein einziges, im Aquarium in Gemeinschaft
mit einem weiblichen Kammmolch seit 1873 lebendes Männ-
chen Triton marmoratus angenehm überrascht. Durch die
Länge der Zeit versöhnt mit dem Leben in der Gefangen-
schaft und unter dem Einflüsse der reichlichen, fleischigen
Kost und anhaltend schönen Witterung erwachte in dem
Thierchen der Geschlechtstrieb, und da kein Weibchen sei-
ner Art die Gefangenschaft mit ihm theilte, so fing es an
dem weiblichen Triton cristatus nachzustellen. Dabei er-
schien der Triton im vollsten Hochzeitsputze. Die sonst
schmutzig dunkelgrüne Grundfarbe verschwand, um einer
schön ausgeprägten grüngelben Platz zu machen. Die dunkle
Zeichnung trat schärfer hervor. Die Unterseite wurde stel-
lenweise orangegelb und endlich erschien die sich in der
Mitte des lanzettförmigen Schwanzes hinziehende Längs-
binde silberglänzend. Auch war die sonst schwach ange-
deutete Leiste in der Mittellinie des Rückens zu einem
mächtigen ganzrandigen Kamm angewachsen. — Das ein-
same Weibchen (Triton cristatus) schien die Zärtlichkeiten
des verliebten Lebensgenossen zu gewähren, da es nicht
von der Stelle wich.
Das ergötzliche Liebesspiel verfolgend bemerkte ich
alsbald, dass der Triton marmoratus das Weibchen an der
Schnauze packte und seinen Körper derart bog, dass seine
Geschlechtstheile in Contact mit denen des Weibchens traten.
Jetzt griff er den hinteren Theil des Leibes seiner Gefähr-
tin, ihn mit den Hinterfüssen umfassend und eng an sich
anschliessend. Während das paarungslustige Thierchen sich
anstrengte, dieses Maneuvre hin und herzappelnd auszufüh-
ren, bemerkte ich deutlich das von mir früher constatirte
Gebilde, das zwischen den auseinander getretenen Kloaken-
wtilsten hervorragte und jetzt stark an Grösse zugenommen
hatte. Nach vollzogener Umarmung und darauf erfolgter
einen beifügen: Monaco. Nach der Angabe des Hauptgärtners zu
Monte-Carlo kommt das Thier im Garten des dortigen Casinos vor.
Vorläufige Bemerkung über das Begattungsorgan der Tritonen . 125
Trennung beider Thiere war letzteres noch sichtbar, da die
im erregten Zustande befindlichen äusseren Kloakenlippen
nicht zuklappten. Muthmasslich war auch jenes Gebilde
zu sehr aufgeschwollen, als dass die Schliessung hätte statt
finden können.
Das Resultat der Begattung konnte ich nicht consta-
tiren; ebenso blieb auch mein Entschluss, den Triton zu
seciren, unausgeführt. Das Exemplar ging mir leider ver-
loren. Wahrscheinlich sprang es bei einer seiner Evolu-
tionen aus dem Behälter heraus.
Durch die Güte des Prof L. Vaillant, gegenwärtig
Direktor am herpetologischen und ichthyologischen Labora-
torium des museum d'histoire naturelle zu Paris, erhielt
ich zwei in Spiritus conservirte Exemplare des marmorirten
Triton. Die Untersuchung eines männlichen Triton post
nuptias ergab folgendes: behufs Erweiterung der Kloaken-
spalte schnitt ich die vordere (obere) Verbindung der
äusseren wülstigen Lippen auf und kam somit auf die
lappenartigen Bildungen oder inneren Lippen, welche oben
an ihrem angeschwollenen Ende bekanntlich miteinander
verbunden sind. Um diese lippenartigen Bildungen ausein-
anderzusperren, setzte ich beide Spitzen einer zusammen-
gedrückten Pincette in die Spalte hinein. Die Lippen wichen
von einander, und das in der Kloakenhöhle etwas oberhalb
der Mündung des Rectums liegende, beinahe trianguläre,
pilzförmige Gebilde, das ich vor zwei Jahren in meiner
Dissertationsschrift beschrieben und abgebildet hatte, wurde
sichtbar. Bei Betrachtung mit einer Loupe erwies sich das
Gebilde aus zwei Theilen bestehend : aus einem fleischigen,
hutförmigen Körper und einem äusserst kurzen, ebenfalls
fleischigen, aber kaum wahrnehmbaren Stiele. Die stark
pigmentirte Oberfläche des Hutes war schwach gewölbt,
ich möchte sagen, sogar flach. Die ihr von Latreille
(1. c.) zugeschriebene Durchbohrung, und zwar an ihrem
äussersten Ende, konnte ich nicht wahrnehmen. Ebenfalls
ist es unrichtig, wenn du Fayio (I.e.) dem Gebilde knor-
pelige Beschafi'enheit zuschreibt.
Die Messung des oberen^ hutförmigen Theiles dieses
Gebildes, das ich durch Fig. 1 darzustellen gesucht habe,
126
Jacques von Bedriaga;
ergab ungefähr 2V2 mm. Die Section des ^^s- ^•
zweiten, mir ebenfalls von Prof. Vail-
lant zur Verfügung gestellten^) Männ-
chens derselben Art im vollsten Hoch-
zeitskleide bewies aufs Bestimmteste,
dass das Gebilde, um das es sich hier
handelt, ein wirkliches Begattungsorgan
ist. — Sobald ich die Kloakenwülste die-
ses Triton entfernt hatte, erschien das
Gebilde in seiner vollständigen Ausbil-
dung. (Vgl. Fig. 2, vier Mal vergrössert.)
Der winzig kleine Höcker des Triton post
nuptias war bei diesem zu einem stark
aufgeschwollenen, aus den inneren Lip-
pen hervorragenden Körper ausgewach-
sen und nahm die ganze ausgedehnte
Kloakenhöhle ein. Die Ränder des oberen Theils des Ge-
bildes, des Hutes nämlich, waren frei. Sie bildeten Falten,
welche die neben anstossenden lappenartigen inneren Lippen
deckten. — Die Oberfläche war spärlich pigmentirt, aber
stellenweise stark gewölbt. In ihrer Mitte konnte man
deutlich eine tiefe Rinne wahrnehmen 2).
Die Messung dieses in der Erection sich befindenden
Organs ergab : 5 mm. Länge und 4 mm. Breite.
An dem von mir halbschematisch dargestellten Quer-
schnitte (Fig. 3) dieses Begattungswerkzeuges ist eine radiär
sich im erectilen Gewebe verlaufende Muskulatur (b) deut-
lich sichtbar. Oberhalb der Rinne bei c sind zwei durch-
schnittene Nerven zu bemerken. Hie und da sind muth-
m asslich Bluträume (Vgl. Fig. 3 a) vorhanden. Querschnitte
lehren uns, dass die Pigmentirung, welche wir bei der
Betrachtung der Oberfläche wahrgenommen haben, das
ganze Gebilde durchzieht. Sie ist hauptsächlich an den
Rändern entwickelt. Eine eingehende mikroskopische Un-
1) Es sei mir gestattet, Herrn Prof. L. Yaillant hiermit öffent-
lich für seine Freundlichkeit meinen Dank auszusprechen.
2) Fraglich ist es ob Latreille diese Rinne in seiner Beschrei-
bung (1. c.) gemeint hat. Jedenfalls ist seine Bezeichnung derselben
als Durchbohrung falsch.
Vorläufige Bemerkung über das Begattungsorgan der Tritonen. 127
tersuchung ist mir zur Zeit, da mir kein Material zu Gebote
steht, niclit möglich.
Zum Schluss will ich bemerken, dass ich das Gebilde,
welches ich als Begattungsorgan betrachte, beim Triton
cristatus und Triton helveticus beobachtet habe, dagegen
bei Salamandra maculosa nicht ausfindig machen konnte.
Es wird ein Leichtes sein, das von mir beschriebene
Gebilde im Frühjahre in der Brunstperiode unserer ein-
heimischen Wassermolche an lebenden Exemplaren zu unter-
suchen und die noch schwebende, sehr wichtige Frage über
den Penis der Amphibien zu lösen.
Nachträglicher Zusatz.
Erst nach dem Druck des obigen Aufsatzes bin ich
auf eine Arbeit SpengeTs: „Das Urogenitalsystem der
Amphibien" (Arbeiten aus dem zool.-zoot. Institut in Würz-
burg III. 1876) aufmerksam geworden, in welcher das Vor-
handensein eines Begattungsapparates in Gestalt einer etwa
pilzförmigen Papille in der Kloake der einheimischen Tri-
tonen, deren Entdeckung ich mir zuzuschreiben geneigt
war, erwähnt Avorden ist. Trotzdem aber Dr. Spengel
über ein umfangreiches Material verfügte, unterliess er es,
auf diesen, wie er selbst sagt, sehr mannigfaltig geformten
Apparat näher einzugehen, da es ausserhalb seiner eigent-
lichen Aufgabe liege. Demungeachtet finden wir in seiner
Arbeit die von Duvernoy, Fitzinger und Günther
entdeckten und beschriebenen Begattungsorgane der Coecilien
eingehend erörtert.
Lacerta muralis yar. Rasquinetii m.
Von
Dr. J, von Bedriaga.
Mit diesem Namen belege ich eine prächtig gefärbte,
neuerdings von Dr. Rasquinet auf einem in der Nähe
von Arnao isolirt im Meere stehenden Felsen — ;,La Deva"
genannt — entdeckte Varietät der Lacerta muralis Laur.
Von dieser letzteren unterscheidet sie sich hauptsächlich
durch ihre Grösse und Färbung.
Die Gesammtlänge unserer Eidechse beträgt 18 cm.,
wovon auf den Schwanz 1X^/2 cm., den Kopf 17 V2 mm.
kommen. Die Färbung des Rückens, Kopfes und Schwanzes
ist dunkelölgrün, schwarz gestreift und punktirfc. Die Seiten
des Körpers auf himmelblauem Grunde schwarz genetzt.
Die Extremitätenpaare sind hellbraun schwarz gefleckt.
Die Kehlschuppen abwechselnd, schachbrettartig schwarz,
blau, braun und roth. Das Halsband, die mittlere longitu-
dinale Bauchschilderreihe, das Anale und die Unterseite
des Schwanzes sind roth colorirt, dagegen die erste longi-
tudinale Bauchschilderreihe und die Hälfte der zweiten
himmelblau. Während die roth gefärbten Schilder mehr
oder weniger schwarz pigmentirt sind, sind die blauen
Schilder fleckenfrei. Die Unterseiten der Vorderextremitäten
sind schmutzig rosa, die der Hinterextremitäten mannig-
faltig colorirt. Es wechseln hier mosaikartig blaue, schwarze,
rothe und hellbraune Schilder ab.
Diese durch ihre Farbenpracht und ihren Fundort an
die Faraglioni-Eidechse erinnernde neue Varietät gedenke
ich nächstens eingehend zu behandeln und ihre Beziehung
zur Lac. muralis vom Continente hervorzuheben.
Heidelberg im October 1877.
Die Ersclieiimng des Wanderns oder Ziehens
in der Thierwelt im Allgemeinen nnd der Vögel
im Besonderen.
Von
Dr. A. W. Malm,
übersetzt aus Göteborgs och Bohusläns Faiica. Göteborg 1876 — 77.
pag. 26 bis 49.
Unter den Phänomenen^ welche hier den Gegenstand
einer kurzen Darlegung- bildeten, hat vorzüglich eins von
Alters her nicht allein die Aufmerksamkeit der Forscher,
sondern überhaupt auch aller Derjenigen auf sich gezogen,
die sich einen offenen Sinn für Naturerscheinungen be-
wahrten. Es ist das, soviel ich weiss, bisher noch immer
ungelöste Räthsel, das sich im Wesentlichen hinter der be-
kannten Redensart: der Vogelzug, oder die Migration der
Vögel verbirgt. Diese Frage spricht uns um so mehr an,
weil sie vor so vielen anderen, unseren Lieblingen in der
Thierwelt, den Vögeln, gilt. Sie handelt von diesen luftigen,
beschwingten Wesen, w^elche besonders für uns Bewohner
des Nordens in so vielen Beziehungen einen unbeschreib-
lich hohen Werth haben. Es sind die Vögel, die durch
ihre gratiösen Bewegungen im Himmelsblau und im Grün
sowohl wie auf dem Wasser, die mit ihrem lebhaften
Gezwitscher, mit ihren* klangvollen Trillern und ihren
schmachtenden Tönen, ihren anmuthigen Formen und oft
glänzenden Farben, ihr liebevolles Zusammenleben, ihre
warme Sorge und oft zärtliches Bemühen für ihre Kleineu,
ihren bewunderungswürdigen KunstÜeiss, Auge und Ohr
eben Desjenigen innig fesseln, der sonst wohl gegen seine
Umgebung ziemlich unempfänglich bleibt.
Wer schickt nicht einen fröhlichen Gruss der Schwalbe
Archiv für Naturg. XXXXIV. Jahrg. 1. Bd. 9
130 Dr. A. W. Malm:
und der Weihe, wenn diese auf stillen Schwingen des
Frühlingtages klares Luftmeer durchkreuzen! Wer begrtisst
wohl nicht mit innigster Freude diese Beiden und die
Hunderte ihrer Anverwandten, wenn er sie endlich zu
unserem sonnenhellen Norden wiederkehren sieht! Die
Schafstelze auf der Wiese, goldgelb wie die neuerblühte
Butterblume; der Schwan, milchweiss wie der Schaum der
gelösten Woge ; der Lerche Triller, die da gleichsam hängt
wie eine lebende Glocke unter den Wolken; die unnach-
ahmlichen Töne der Nachtigall ; die Klage der Drossel ; der
Taube Säufzen im Walde: — Alles, Alles giesst neues
Leben in unsere durch des Winters Dunkel und Kälte
gleichsam vereisten Adern. Mit oder gegen unseren Willen
reissen die Vögel uns mit sich unter Jubel und Sang. Wir
können ihm nicht widerstehen, dem grossen Schauspiele,
das der Frühlingstag mit sich führt, wenn endlich der Zeit-
punkt eingetreten, wo kaum ein einziger Winkel aufzufinden
ist, in dem die Stimme der Vögel nicht erklingt. — Doch
so kommt der Herbst, die Blumen verblühen und auf den
Feldern fällt das Getreide, er drückt seinen bezeichnenden
Stempel auf das Laub der Baumkronen ; und die Zugvögel
eilen dem Süden zu. Stille wird's auf Berg und Thal.
Die Woge erstarrt. Der Schnee breitet sein Leichentuch
über die gleichsam gestorbene Erde und weit, weit weg
ist die fröhliche Schaar, die erst wiederkehrt, wenn ein
neuer Frühlingsmorgen herandämmert. Ein so grossartiges
Phänomen, wie das des Vogelzuges ist wahrscheinlich die
Ursache gewesen, dass man die periodischen Bewegungen,
welche in anderen Abtheilungen der Thierwelt vorkommen,
übersehen oder dass man wenigstens über dieselben nicht
weiter nachgedacht hat. Dazu gehört sogar das gleich-
artige Ziehen oder Wandern solcher Vogelarten, die wir
täglich in unserem eigenen Lande im Laufe eines Jahres
zu sehen Gelegenheit haben, wie z. B. das bei den Krähen,
Elstern, Goldammern, Dohlen und in milden Wintern auch
bei den Lerchen.
Während meiner Keise in Lappland im Jahre 1841
verzeichnete ich am 9. März für das Moniothal das Dorf
Muonioniska als die nördliche Grenze der Elster im Winter,
Die Ersch. d. Wanderns oder Ziehens i. d. Thierwelt etc. 131
und in Karesuando, das 8 Meilen weiter hinauf, aber in
demselben Thale liegt, dass diese Vogelart am 6. April
dort eintrifft; ohne Zweifel nach einem Fluge von einigen
Stunden während dieses frühlingsähnlichen Tages. Es
dürfte höchst wahrscheinlich Niemanden einfallen zu fragen,
wie es möglich war, dass sie den Platz wiederfinden
konnten, wo sie ohne Zweifel geboren waren, obwohl sie
sofort ihre alten Wohnungen wieder in Besitz nahmen.
Ein paar Tage später sah ich noch einige Elstern, doch
diese verschwanden noch an demselben Tage wieder.
Wahrscheinlich waren es Junge vom vorhergehenden Jahre,
die für sich einen Neubau einzurichten hatten, wo immer
sie es für gut fanden. Derartige kleine Reisen, ja sogar
der Zug der Vögel durch unsere ganze Halbinsel kommen
uns nicht wunderbar vor, wir sprechen kaum darüber, aber
das Auffinden des langen Weges nach dem südlichen Europa
und für eine grosse Anzahl unserer Zugvögel weit hinab
bis zu den Aequatorialgegenden Afrika's, dies erscheint uns
unerklärlich, weil es von Vögeln ausgeführt wird, von
Wesen, denen von der Menge im Allgemeinen nicht einmal
Reflectionsvermögen zuerkannt wird. Aber weshalb fällt
unser Urtheil über die Fähigkeit der Vögel, schliesslich
das Ziel für ihre Fahrt aufzufinden, so unvortheilhaft aus?
Ja, ohne Zweifel deshalb, weil wir eben in diesem Falle sie
nach unserem eigenen Massstabe messen. Wir können uns
leicht verirren, sogar in einer Gegend die uns nur in ge-
ringer Entfernung umgiebt. Die Vögel niemals! Wir
können leicht in der Irre gehen in einem Walde, in einer
einförmigen, bergigen Gegend, ja sogar in einem grösseren
Garten, so zwar, dass wir die entgegengesetzte Richtung
einschlagen, während wir glauben den Weg nach unserem
Heim anzutreten. — Nicht so der Vogel. Ein Sperling
oder eine Brieftaube, in einem Walde freigegeben, nehmen
sofort die Höhe über den Kronen der Bäume und inner-
halb weniger Minuten sind sie wieder bei den Ihrigen.
Etwas Aehnliches habe ich selbst beobachtet bei den Bienen,
und besonders bei der durch ihre Farbe von anderen sich
auszeichnenden italienischen Biene, welche sich sehr oft
von ihrem Korbe eine halbe schwedische Meile entfernt,
132 Dr. A. W. Malmi
um die Blumen ausziibeuten, aber doch hin und zurück
findet, wenn sie nur, wie dies immer geschieht, sofort bei
der Abfahrt die Höhe nimmt; die Fahrt geht dann direkt
auf's Ziel los. Dass der Lokalsinn des Vogels im Kleinen
genommen, im höchsten Grade ausgebildet ist, davon können
wir uns täglich überzeugen. Dass sein Gedächtniss im
üebrigen ebenso ausgebildet ist, dafür mag folgender Be-
weis vollkommen genügend sein.
Ich hatte einmal einen Kanarienvogel, der allein in
seinem Bauer war, als er mir plötzlich heftig erkrankte.
Um doch etwas für meinen Liebling gegen ein Uebel zu
thun, das sich nicht erforschen liess, gab ich ihm ein
warmes Bad und um ihn dann rasch abzutrocknen, über-
schüttete ich ihn mit Kartoffelmehl und legte ihn darauf,
eingehüllt in ein Stückchen Pelzfutter, wie es den Anschein
hatte nahezu todt, in den Sonnenschein in einem Fenster.
Ein paar Stunden später wurde er wieder in sein Bauer
hineingelassen und war am anderen Tage wieder vollkommen
hergestellt; aber sowohl da, als während der langen Zeit
zweier Jahre, die ich ihn noch besass, sträubte er seine
Federn, breitete die Flügel aus und hockte im Bauer, so-
bald ich mich demselben näherte, er konnte sicherlich die
Behandlung, die ihm von mir widerfahren war, nicht ver-
gessen.
Unterstützt von solchen Eigenschaften ist es nicht zu
verwundern, dass der Zugvogel diejenige Strasse kennt,
die er zuvor auf seiner langen Wanderung gezogen. Aus
einer Höhe von nur 2000 Fuss erfasst er die Gruudzüge
einer Erdoberfläche von wenigstens 100 Quadratmeilen.
Wenn er es bedarf, so kann er aus einer noch grösseren
Höhe mit einem Male zwei Breitengrade übersehen und
während seines fortgesetzten, eiligen Fluges erweitert sich
beständig sein Gesichtskreis, sowohl gerade aus wie seit-
wärts; er zieht daher, in der Erinnerung an die grossen
Grundzüge der Beschaffenheit der Erdoberlläche, seit-
dem er zum ersten Male diese Fahrt gemacht hat, ruhig
und sicher dem Ziele entgegen. Die Jungen folgen treu
dem Zuge gen Süden, gezogen und geführt von der Kraft,
die in der Liebe zu den Eltern und den Stammver-
wandten liegt.
Die Ersch. d. Wanderns oder Ziehens i. d. Thierwelt etc. 133
Es scheint mir demnach die Art und Weise leicht fass-
lich, in welcher die Vögel ihren Weg verfolgen, den einige,
wie z. B. gewisse Seevögel, längs der Küste nehmen, andere,
wie viele Fluss-, Sumpf- und Schwimmvögel mit anderen,
entweder den genannten Streifwegen, oder schliesslich den
grossen Flussdistricten folgen, und noch andere, wie z. B.
manche kleine Vögel und ihre Feinde u. s. w., nicht nur
diese Wege entlang, sondern auch über grosse Landstrecken
ziehen, während ihrer AVanderrunde zn finden vermögen;
diese Frage aber weshalb die Zugvögel auch kürzere
oder längere Reisen vornehmen, ist dem Forscher noch
immer die Antwort schuldig. Mangel an Nahrung hier
oder dort, kann nicht wohl allein die Ursache zu diesen
Zügen sein. Die beinahe ausschliesslich insektenessenden
Vögelarten ziehen bei weitem nicht alle nach einem wesent-
lich nördlicheren Gürtel; ebenso wenig alle Individuen
derselben Art, in Avelcher der Steinschmätzer und die Bach-
stelze unter vielen Anderen als Beispiel aufgeführt werden
können. Diese, welche den Winter in Afrika zubringen,
kommen sowohl im Sommer dort, wie in der Nähe des
— Nordkap — vor, überall beinahe gleichmässig ver-
breitet, gleich zahlreich oder gleich selten, sowohl hier wie
dort, wie gerade die Lokalverhältnisse passen; aber die-
jenigen Individuen die sowohl Winter wie Sommer un-
gleiche Breitengürtel wie auch die wegen ihrer Naturbe-
schaffenheit wesentlich ungleichen Längengürtel der Erde
bewohnen, sind einander so ungleich, dass sie in dem Grade
mehr oder weniger getrennte Racen bilden, so dass Man-
cher dieselben als Arten und Unterarten aufgeführt hat;
welches Alles aber im Falle man die, unserer Zeit zu-
nächstliegenden Ursachen ausser Betracht lässt, auf Ein's
herauskommen kann.
Wesentlich ungleiche Breitehgürtel-Racen dürften sich
in der Regel niemals untereinander vermischen, ebenso-
wenig wie die Längsgürtel-Racen, wenn auch die Indi-
viduen unter einem höheren Breitengrade dichter beisammen
sind; wie z. B. bei uns, oder noch nördlicher. Die ver-
schiedenen Längsgürtel-Raceu, theilweise hervorgerufen und
getrennt durch grosse Wasser oder auch bedeutendere Berg-
134 Dr. A. W. Malm:
rücken, gleichwie die verschiedenen Stämme, Familien und
Individuen, die jeder solcher Kace angehören, aber diese
alle zusammen auseinandergehalten durch den allen Or-
ganismen innewohnenden Selbsterhaltungstrieb, der be-
ständig seinen Ausdruck im Kampte um die Existenz hat:
alle diese, wenn sie auch, wie schon gesagt worden, all-
gemein über die Sommerstation ausgebreitet sind, entbehren
darum den nöthigen Raum für die Winterstation nicht,
wenn diese Stationen theilweise auch ineinander fallen;
und kann die Vertheilung unter beiden Verhältnissen für
viele Arten im Grunde dieselbe sein, denn die südliche
Grenzlinie für die Winterstation der Art ist auf Grund der
Form der Erde mehr in der Breite ausgedehnt wie in der
Sommerstation der Art, wo die südliche Grenzlinie der-
selben mehr nach Norden liegt. Bedenken wir daneben,
dass die Grenze im Norden weniger nach den Seiten hin
ausgezogen ist und mitunter so wenig, dass die Ausbrei-
tungszone der Art im Ganzen genommen sich der Form
eines Dreieckes nähert, so kann das Areal für die Aus-
breitung der Art sowohl Winter wie Sommer, wie auch
wann immer während der Zugzeit, ziemlich gleich sein;
wenn nämlich die geographische Lage für die Basis des
Dreieckes so der Zongrenze im Süden, während der käl-
teren Jahreszeit nicht weiter von der entsprechenden Grenze
während des Sommers entfernt liegt, wie die Grenze dieser
Zonen im Norden von einander entfernt sind. Zwei Drei-
ecke von welchen eines eine grössere Basis als das andere
hat, sind ja gleich gross, wenn nur die Höhe des anderen
in demselben Verhältnisse grösser ist.
Umstehende schematische Figur veranschaulicht was
eben gesagt worden. Wenn z. B. der Verbreitungsbezirk
des Steinschmätzers während des Winters durch das Drei-
eck Ä Ca' ausgedrückt wird, und das Sommerdreieck BDe
die Stationen bedeuten. — Die Basis Ä zeigt die Grenze
der Winterstation im Süden; B den nördlichsten Theil
Afrikas (oder südlichsten Europas), die Grenze der Sommer-
station im Süden. C ist belegen im südlichsten Theile
Europas und D am Nordkap. Hieraus ersehen wir, dass
in der Gegend x der Steinschmätzer das ganze Jahr hin-
Die Ersch. d. IVanderns oder Ziehens i. d. Thierwelt etc. 135
^ durch gefunden wird, doch dass
daneben in dieser Gegend wäh-
rend der verschiedenen Jahres-
zeiten die extremsten Breiten-
graden-Eacen vorkommen : die
nördlichste während des Winter-
aufenthaltes, die südlichste wäh-
rend des Sommeraufenthalts und
demnach diese Race hier brüten.
So zeigt sich die Ausbrei-
tung des Steinschmätzers jetzt.
/ /ct-\ \ Aber während der Eisperiode
^ / y ^ müssen wir uns aus rein klima-
/ /y . \\ tischen Ursachen die Sommer-
-^y > ' ' V y-^ und Winterstationen desselben
/• ^ \ so weit nach Süden verlegt den-
^^ ^ ken, wie wir dies in derselben
Figur mit den punktirten Linien EFe für die Sommer-
station und Äaa' für die Winterstation wiedergegeben
haben. Damals erstreckte sich die Spitze der Sommer-Zone
nicht länger als nach dem südlicheren Europa; die der
Winterstation bis zum nördlichen Afrika.
In dem Vorhergehenden habe ich es versucht die Art
und Weise, in welcher das Ziehen der Vögel vor sich geht,
anschaulich zu machen. Weiter unten will ich mich be-
streben die Frage, warum diese Züge vorgenommen werden,
zu beantworten. Zuvor aber mögen wir das Zugsphänomen
im Allgemeinen in nähere Betrachtung ziehen.
Die Zugvögel sind es nicht allein, die umherziehen! —
Der grösste Theil unserer — um uns hier an die skandi-
navische Fauna zu halten — Thierschaar, die den Winter
überlebt, muss zufolge einer oder der anderen Ursache sich
einen anderen Zufluchtsort als für den Sommer suchen.
Einige Thierarten suchen diesen auf, oder etwas oberhalb
der Erdoberfläche, wobei sie sich dann entweder ein warmes
Bett herrichten oder sich einen anderen Schlupfwinkel auf-
suchen, der sie einigermassen gegen die Winterkälte schützt.
Solche Thiere verbleiben in ihrer Geburtsgegend, und da
sie während dieser Zeit keine Nahrung zu sich nehmen,
136 Dr. A. W. Ui\m:
wäre es vielleicht richtiger gewesen, hier gar nicht von
ihnen zu sprechen; aber ich ha])e anderseits mich ver-
pflichtet gehalten, diese in ihrer Art bemerkenswerthen
Thierformen nicht mit Stillschweigen yai übergehen und
führe diese daher ebenfalls an, doch unter den besonderen
Namen :
1. Winter-Lieger. Hierher gehören alle unsere Fleder-
mausarten, der Igel, die Haselmaus^ der Bär und der Dachs.
Die Fledermaus, die ausschliesslich von ausgebildeten In-
sekten lebt, der Igel, welcher seine hauptsächlichste Nahrung
in Insekten, Larven, Würmern und Aehnlichem findet; die
Haselmaus, die von Vegetabilien lebt, wie Eicheln, Frucht-
kernen, Saamen u. s. w., der Bär und der Dachs, welche
sich hauptsächlich von saftigen Kräutern (z. B. Angelica)
und deren Wurzeln nähren, oder, wenigstens der Erstge-
nannte im Nachsommer von Beeren: wie Moltebeeren,
Preisseibeeren, Heidelbeeren u. s. w.; leiden alle Mangel
an solchen während des langen Winters, und da sie von
hier aus keine weiten Wanderungen vornehmen können,
so gehen sie zur Ruhe auf dem Lager, oder in derjenigen
Höhle, die sie sich selbst bereitet haben, oder auch, wenn
sie aus Mangel an hierzu nöthigen Gliedmassen dies nicht
können, so nehmen sie ihre Zuflucht zu hohlen Bäumen,
Grotten oder Spalten in Bergen und Mauern, wenn die
Nahrungsmittel zu Ende gehen und die Winterkälte sie
gleichsam lähmt.
Hierher gehören ausserdem verschiedene Spinnen und
Insekten, die sich unter der gelockerten Rinde kranker
Bäume schützen, wie auch gewisse Landschnecken, als
Helix pomatia, nemoralis, hortensis, fruticum u. a., welche
zu diesem Zwecke durch Absonderung einen Deckel fabri-
ciren und mit demselben ihre Schalenöö'nung verschliessen,
nachdem sie sich einen Ruheplatz auf der Erde ausgewählt
haben, doch an einem geschützten Platze, so zwischen den
Stengeln eines Krautes, die schliesslich fallen und sie mit
dem Schnee während der Winterzeit decken.
Die Thiere dagegen, die sich wirklich von der Sommer-
station entfernen, sei es auf kürzere oder längere Distanzen
von derselben, führen dies entweder in vertikaler,
Die Ersch. d. Wanderns oder Ziehens i. d. Thierwelt etc. 137
schräger oder horizontaler Richtung aus. Diejenigen,
welche sich der ersteren Art bedienen, nenne ich
2. Vertikal-Zieher. • Zu dieser Kategorie zähle ich
solche Thiere, die ihrer Nahrung bei Eintritt des Winters
auf oder etwas unter der Erdoberfläche beraubt sind,
und zwar dadurch, dass die Erde oft bis zu einer Tiefe
von 3 — 4 Fuss durchfriert und demzufolge die Nahrungs-
mittel, im Fall sie aus todten Organismen bestehen, unzu-
gänglich werden, oder, wenn sie lebend sind, selbst sich
zurückziehen müssen unterhalb des immer tiefer frierenden
Erdlagers. Hierher gehören der Maulwurf, die Sand-
eidechse, die Bergeidechse, die Blindschleiche, die
Viper und die Natternarten, alle Batrachier, folglich
die eigentlichen Frösche und Wassersalamander, eine grosse
Anzahl derjenigen Insectenlaj*ven, welche in der Erde
leben, Ameisen, Erdspinnen und Acariden, Myrio-
poden, Porcellionen, Regenwürmer und Weg-
schnecken. Sogar wenn die Lebensmittel einiger der-
jenigen, welche zu dieser Kategorie gehören, während der
kalten Jahreszeit zu linden sind, so können sie diese doch
weder auf, noch in der gefi'orenen Erde erreichen, weshalb
auch diese sich schliesslich machtlos fühlen und Schutz
und Aufenthalt in solchen Höhlen und Röhrenleitungen
suchen, die theils durch die Wirksamkeit der grabenden,
kleineren Säugethiere, theils durch die mehr oder weniger
vollständig verrotteten, in der Erde liegenden Wurzeln von
abgestorbenen Bäumen entstanden sind. Diejenigen, die
es nicht selbst vermögen sich in die Erde hinein zu graben,
wie die Amphibien, Ameisen, Erdspinnen und Schnecken,
suchen ihren Winterort an ungleichen Stellen, aber merk-
würdig genug, die Männchen eines Theiles der Batrachier
im Wasser; wogegen die, die aufgrund ihrer Organisation
im Stande sind sich innner tiefer und tiefer zu graben
oder zu bohren, in demselben Verhältnisse wie die Kälte
tiefer in die Erde dringt auch tiefer gehen, wie die In-
sektenlarven, aber vor Allen der Maulwurf und der Regen-
wurm, die noch tiefer eindringen; und da Ersterer, der
Maulwurf, demnach ebenfalls während dieser Jahreszeit
Zugang von Letzteren als Futter für sich hat, behält er
138 Dr. A. W. Malm:
seine volle Lebenskraft bei. Er erstarrt während dieser
Jahreszeit nicht, denn da die tieferen Erdschichten ihm
einen Aufenthalt bereiten, der nahezu wenig kälter ist wie
etwas mehr nach oben, wohin er bei Ankunft des Früh-
lings in Gesellschaft der Würmer und Larven zieht, um
daselbst wieder während der wärmeren Jahreszeit zu
bleiben. Wenigstens Schlangen und Ameisen liegen oft in
grossen Mengen beisammen, welches für sie ein Vortheil
zur Erhaltung der nöthigen, für das Leben erforderlichen
Wärme ist; aber solche Ansammlungen von Individuen
einer Art, wie auch anderseits die beinahe gleichmässig
vertheilten Individuen anderer Arten, wie die Kegenwürmer,
Schnecken, Maulwürfe u. s. w. werden sammt und sonders
von dem Selbsterhaltungstriebe, dem Kampf um's Dasein,
bestimmt.
Gesellige Thiere, wie auch allein für sich lebende
Thiere, müssen einen bestimmt grossen Raum für ihr Leben
haben. Hierdurch wird der Abstand, der zwischen allen
gefunden wird, bedingt, besonders während derjenigen Zeit
des Jahres, in der die Lebensthätigkeit in ihrer vollen
Kraft ist. Aber dieses Gesetz spielt nicht bloss eine be-
sonders bedeutende Stelle in der Frage von der Ausein-
anderhaltung der Individuen und Familien, sondern auch
bei der Frage in Bezug auf die entfernt von einander
liegenden Längen- und Breitengrade auf der Erde, hin-
sichtlich der Racen und Unterarten. Auch in der Erde
hat eine jede Insektenlarve und jeder einzelne Maulwurf
auf Grund des nöthigen Bedarfs an Lebensmitteln ebenso-
wohl seinen gleichsam abgesteckten Bezirk wie die Ameisen-
kolonien auf der Erde, und sind Angriffswaifen vorhanden,
dann wehe demjenigen Individuum, das die Grenze über-
schreitet und auf Seinesgleichen stösst. Der gierige Maul-
wurf schont nicht einmal bei solcher Gelegenheit seine
eigene Ehehälfte. Eben die Phänomene, die wir hier her-
vorgehoben haben, sind eine Art Umzug, der gleichwohl
sich nicht weiter erstreckt, als erforderlich oder von dem
Vermögen des Thieres sich zu rühren bedingt wird. Ein
anderes Phänomen, aber mit oft viel grösserer Ausdehnung
in Bezug auf die Länge des Weges für den Zug, ist für
Die Ersch. d. Wanderns oder Ziehens i. d. Thierwelt etc. 139
diejenigen Thierformen eigenthümlich, die einen leichteren
Weg- für sich offen haben, weicher letztere gleichzeitig in
ein Element führt, das auch im Winter dem Individuum
das für dasselbe nöthige Nahrungsmittel für den Fall ge-
währt, dass das Thier dann ein Bedürfniss dafür fühlt
oder auch ein solches zu sich nehmen kann. Die Thiere
welche zu dieser Kategorie gehören nenne ich:
3) Schräg-Zieher. Hierher gehijren in der Regel alle
diejenigen Thierformen, welche entweder während ihres
ganzen Lebens oder wenigstens in einem gewissen Ent-
wicklungsstadium sich im Wasser aufhalten. Hierher ge-
hören, merkwürdig genug, vielleicht alle männlichen Indi-
viduen unserer eigentlichen Frösche, demnach des Ge-
schlechtes „Rana" sowie die von unseren Wassersalamander-
Arten. Hierher gehören die Fische, sei es, dass dieses
Schrägziehen, das hervorgerufen durch das Abkühlen des
Wassers und schliesslicher Belegung desselben mit Eis,
sich von dem Innern der Flüsse weit hinaus ins Meer er-
streckt, wie es der Fall beim Zuge des Lachses ist; oder
auch nur bis zu nicht weit vom Strande liegenden tieferen
Stellen der Teiche, Flüsse oder Landseeu. Züge dieser
Art werden bei dem Herannahen des Winters von den
jüngeren Individuen der Fische im Allgemeinen, welche so
lange sie klein sind sich in der Nähe des Landes auf-
halten, wie auch von den Ausgebildeten, z. B. von Barschen,
Plötzen (Rothaugen), Aalen u. anderen vorgenommen.
Aehnliche Züge werden auch von all denjenigen Thier-
formen ausgeführt, die der Regel nach den Strandrändern
angehören, doch sich von diesen nicht weiter entfernen,
als die dünnere oder dickere Eisbedeckung vorschreibt.
Als Beispiel für die hierhergehörenden Thierformen führen
wir an, Wasserinsekten und ihre Larven, wie die Dyti-
sciden und Hemipteren, Larven und Puppen der Neu-
ropteren, Libellen u. s. w. Wasserspinnen, Krustaceen,
Egel, Planarien, Muscheln und Schnecken, sowie wenigstens
diejenigen der Strahlthiere, welche während des Sommers
dem Strandrande angehören, oder die violette Race der
gewöhnlichen Seesterne, Asterias rubens; welche Race sich
verhält zu der im tieferen Wasser vorkommenden, grossen
140 Dr. A. W. Malm:
hellrothen Race, wie z. B. der im nördlichen Afrika brü-
tende, aber im Winter tropische Steinschmätzer sich zu
der Race desselben Vogels verhält, welche in der Nähe
des Nordkaps brütet, doch im Winter ihren Aufenthaltsort
in Nordafrika nimmt. Es ist, auch bei der Frage um die
Thierformen dieser Kategorie, die Winter kälte im All-
gemeinen, die die ganze Schaar in schräger Richtung
gegen die Tiefe treibt. Bei allen diesen Thierformen
steigt die eigene Wärme gleichzeitig mit derjenigen, die
sich in dem Medium, in welchem sie sich befinden, vor-
findet, mit ihnen hinab. Die Lebensthätigkeit wird bei
einigen herabgestimmt, z. B. bei dem Aale in dem G-rade,
dass er in einen gelähmten Zustand verfällt. Andere da-
hingegen rühren sich frei und fahren fort Nahrung zu sich
zu nehmen, doch mit einer herabgestimmten Lebensthätig-
keit, die hier unter einer so niedrigen Temperatur nicht
wesentlich gesteigert werden kann, verfallen sie in einen
betäubten, schläfrigen Zustand, der mit dem zu vergleichen,
welcher aus Gründen, die hier nicht weiter entwickelt zu
werden brauchen, unter warmen Sommertagen beobachtet
werden kann.
Auch bei der Frage von den Thierformen, die dieser
Kategorie angehören, gilt das für die Racen allgemeine
Gesetz: der Auseinanderhaltung der Familien und Individuen
(bei vielen Arten besonders ausgeprägt, z. B. bei dem
Hechte), gegründet auf das Selbsterhaltungs-Princip, sowohl
während des Ziehens schräge nach aussen und innen als
auch während des beständigeren Aufenthalts auf den Sommer-
wie den Winterstationen. Aber dadurch hat jede Race,
sowohl in der Länge, — von der Tiefe bis zum Grunde, —
und in der Breite — (es ist die im Winter ausgebreitete,
aber im Sommer nach der Regel zusammengezogene Basis
des Stationsbezirks einer jeden) — ihren besonderen Zugs-
weg; sei es nun, dass es von dem Zuge nach oder von dem
Strandrande, oder von den tieferen Bassins hinauf nach den
Buchten oder dem Zusammenflusse grösserer Ströme gilt.
Die gleichzeitig in Bewegung gesetzten Schaaren hindern
einander in einen für die eine oder andere Schaar fremden
Bezirk einzudringen, welchen sie ausserdem von den vor-
Die Ersch. d. Wandenis oder Ziehens i. d. Thierwelt etc. 141
hergegangenen Zügen ohnedies nur gar zu gut wiederer-
kennen, so dass jede Race, jede Familie und jedes Indi-
viduum schliesslich nicht durch einen blossen Zufall nach
seiner Station für den Sommer und ebenso nach der für
den Winter zurückkommt. Es ist, wie man aus dem oben
Angeführten gefunden hat, eine „Na turn oth wendig-
keit", die ihren Zug bestimmt, die das schliessliche Ziel
angewiesen hat, wo gleichzeitig das Gedächtniss und das
Sehvermögen sicherer als sonst geschehen würde, ihnen
den Weg vorgesteckt und gesichert haben.
Aus diesen Darlegungen, die jetzt in der Hinsicht
auf die einfachsten und einfacheren, aber deswegen über-
sichtlicher und leichter in die Augen fallenden Erschei-
nungen, bei dem Zugsphänomen gemacht worden sind,
geht deutlich hervor, dass man mit grösserer Sicherheit zu
einer Erklärung derjenigen, wie man sich vorstellt am
meisten verwickelten und deshalb, wie es den Anschein
hat, schwerstaufzufassenden Erscheinungen, die innerhalb
dieses Phänomens, und demnach die Frage hinsichtlich der
lange Wege ziehenden Vögel betrifft, schreiten kann. Ich
gehe daher jetzt getrost zu demjenigen über, was noch
über diese anzuführen ist, nachdem zuvor noch einige Worte
über die Thierfo^men gesagt worden, die ich unter der
besonderen oder der letzten Kategorie zusammenführe, und
die ich bezeichne mit dem Namen:
4. Horizontal-Zieher. Zu dieser Kategorie rechne
ich die Züge, die in horizontaler Richtung auf kürzeren
oder längeren Wegen vorgenommen werden. Dieses sind
die am meisten in die Augen fallenden, weshalb sie jeder
Zeit die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben.
Ich habe in dem Vorhergehenden einen Theil dieses Phä-
nomens berührt und da bereits ,eine bestimmte Ansicht
mit Rücksicht auf eine andere, hierher gehörende Frage,
ausgesprochen. Hier ist indessen der Platz um das Hori-
zontalziehen in seinem Ganzen näher zu berühren, worauf
wir schliesslich eine Zusammenfassung der Resultate un-
serer Aufstellung vorlegen werden.
Das Horizontalziehen will ich hier unter folgenden
Rubriken behandeln
142 Dr. A. W. Malm:
A: Beständig.
B: Periodisch.
a: von Nord nach Süd und umgekehrt.
b: bald hierher , bald dorthin, innerhalb eines
weniger weiten Bezirkes.
c: Zufällig.
^ Der beständige Horizontalzug hat im Grunde
seine Ursache in dem Zurückweichen des Eises nach dem
Nordpole. Er begann beim Anfang unserer jetzigen Epoche
welche wir im Gegensatz zur Eiszeit Wasserzeit nennen
könnten; aber gleichwie die letztere in fortschreitender
Ausbildung begriffen ist, so findet der in Frage gestellte
Zug statt, wiewohl längere Zeiträume vergehen, bevor
das Phänomen deutlich hervortreten kann. Von dieser Er-
scheinung kann darum besonders gesagt werden, sie beruhe
im Grunde auf kosmischen Ursachen.
Es sind nicht bloss die Thiere sondern auch die Ge-
wächse, welche sich unter diesen Verhältnissen so all-
mählich im Lauf der Zeiten immer mehr hinauf nach
Norden gezogen haben; wie es scheinen will in Europa
mit einer deutlichen Tendenz für die nordwestliche Rich-
tung. Man hat wie bekannt dieses Phänomen die Beweg-
lichkeit der Fauna und Flora genannt. Diese Bewegung
geht noch jetzt vor sich und deren ungleiche, grössere Ent-
wickelungsepochen, abhängig von den sehr wesentlich un-
gleichen, aber nach einander vordrängenden Wachsthums-
verhältnissen, wie die Vegetation der Flechten und Moose
u. s. w. und der Zwergweidenarten, die Aespe, Birke,
Tanne, Fichte, Eiche, Buche etc. liegen deutlich vor, wenn
ich nur daran erinnere, dass die Lager in den Torfmooren
Dänemarks und Schoonens eine solche Folge der Ablage-
rung vom Boden nach oben zu aufweisen. Diese Landtheile,
die unter dem 56. Grade nördlicher Breite liegen, hatten
desshalb während ihrer Birkenperiode eine Flora und Fauna,
die damals im Grunde gleich war mit der, welche jetzt
unterm 70. Grade, oder dem nördlichsten Theile unserer
Halbinsel vorkommt. Aber die Ueberbleibsel der Merk-
zeichen aus der Eisperiode erinnern daran, dass zu einer
mehr entfernten Zeit die Fauna der Finnmarken damals
Die Ersch. d. Wanderns oder Ziehens i. d. Thierwelt etc. 143
nach dem südlichsten Europa, oder wahrscheinlich nach
dem nördlichen Afrika verlegt war; also nachdem 40. — 30.
Breitengrade!
Es ist deutlich, dass, da wir jetzt dazu kommen, die
mehr in die Augen fallenden Horizontalzüge zu berühren,
man mit Leichtigkeit finden wird, dass diese, gleichwie
die in dem Vorhergehenden angeführten, sich in dem Ver-
hältnisse, wie diese oder jene nördlichere Zone zu der Ent-
wickelung gelangt, dass sie die vorher mehr südlich vor-
kommenden Formen aufnehmen konnte, immer mehr nach
Norden hin ausgestreckt werden könnten.
Aber unter solchem successiven Vorrücken des
Zugweges, von Zeit zu Zeit, ist dieser Weg dem Ge-
dächtnisse, besonders bei den Horizontalziehern eingeschärft
worden und vor allen bei den Vogelarten, die es sowohl
konnten, die aus Mangel an erforderlichen Nahrungsmitteln
genöthigt waren, sich beim Herannahen der kälteren Jahres-
zeit zurückzuziehen. Von denjenigen Vögeln, die jetzt
im Gothenburgs- und Bohusläne ])rüten, rechne ich die
Hypoldis Linnaei und die Crithophaga miliaria zu denen,
die zu der in Frage stehenden Kategorie gehören. Jetzt
sind sie hier allgemein, die Letztgenannte wenigstens im
südlichen Theile des Gebietes. Vor 30— 40 Jahren wurden
sie innerhalb dieser Landschaft nicht angetroffen.
Das am meisten in die Augen fallende Phänomen des
periodischen Horizontalziehens ist die Bewegung,
welche im Herbste nach Süden und im Frühling nach
Norden stattfindet.
Unter den Säugethieren unseres Landes gehören
mindestens der Wolf und der Eisfuchs zu dieser Kategorie.
Hierher gehört weiter die weit überwiegende Anzahl der
229 Vogelarten, die bisher in unserer Landschaft gefunden
worden sind, und über deren Vorkommen zu ungleichen
Jahreszeiten eine weiter unten befindliche Uebersichtstabelle
einige nähere Auskunft giebt. Zum Vergleich folgt eine
ähnliche Tabelle, die Vogelfauna in dem nördlichsten Skandi-
navien betreffend. Alle Beide sind von einigen erklärenden
Anmerkungen begleitet, die sich auf das Vogelleben im
Winter beziehen.
144 Dr. A. W. Malm:
Zu der Kategorie, um die es sich hier handelt, ge-
hört bis auf wenige Ausnahmen nahezu unsere ganze Klein-
Vogelschaar, die aus 82 Arten besteht, somit alle unsere
Singvögel, Bachstelzen, Lerchen, Drosseln, Schmätzer,
Pieper, Schwalben, eine Menge unserer Finken, Sperlinge
u. s. w. Der Kuckuck, die Mandelkrähe, der Wendehals
und die Mauerschwalbe, unsere Tauben, eine grosse An-
zahl unserer Raubvogelarten, als Falken, die Weihe, Bus-
sarde, Sumpfweihen, der Flussadler u. a., welche bei uns
im Winter ihre Lebensbedingungen nicht finden würden.
Alle unsere Wader-Arten, welche dann ebenso biosgestellt
sein würden mit Ausnahme einer einzigen Art, Tringa
maritima, welche nur in der Weise unserer Fauna ange-
hört, dass sie im Winter vom hohen Norden zu uns herab-
kommt. Dass die eine oder die andere Heerschnepfe, die wahr-
scheinlich längst von nordher kommt, unter milden Wintern
Schweden nicht verlässt, dass die Wasserrallen mitunter
bei den warmen Quellen auf Island bleiben, beweist unter
Anderem nicht mehr noch weniger, als dass Vögel sich
zwischen Schnee und Eis aufhalten und den Winter, er-
tragen können, wenn sie nur hinreichendes und passendes
Futter haben. Hierher gehören schliesslich in milden Wintern
ungefähr die Hälfte und in strengen Wintern — alle unsere
Schwimmvögel, welche im ersten Falle zum grossen Theile
ihren Aufenthalt an unseren Flüssen haben, im letzteren
aber sich hinaus nach dem Kattegat, und noch weiter gen
Süden oder Südwest ziehen müssen im Falle dies, wie es
zuweilen eintrifft, ganz und gar zufriert.
Auch der eine oder der andere wirkliche Insekten-
fresser kann den Winter bei uns ertragen, falls das Indi-
vidium einen solchen Schaden erleidet, dass es die Seinen
nicht zu begleiten vermag. Es muss sich dann, von der
Noth gezwungen, an eine andere Diät gewöhnen. Hierzu
habe ich folgende zwei Beispiele anzuführen.
Am Abende des 15. November 184S suchte ein
kleines, an dem einen Flügel ein wenig beschädigtes Indi-
vidium der Phyllopneustes ahietina, Schutz auf meinem
Hausflur in Gothenburg. Es war hier damals bereits seit
einiger Zeit vollkommen Winter. Das Individuum Avar gut
t)ie Ersch. d. Wanderns oder Ziehens i. d. Thierwelt etc. 145
genährt und hatte den Magen vollgepfropft mit kleinen,
linsenförmigen, gelben Gewächssaamen.
Im Winter 1865 — 1866 hielt sich ein Exemplar der
Motacilla alba, — Bachstelze — in und bei einem Bauern-
gehöfte auf Hisingen auf, (bei Gothenburg) wo der Vogel,
der dort ein Liebling geworden war, bei etwas beschädigtem
Flügel, von allerhand Abfällen lebte; theils verweilte er
auf dem Hofe, theils in den Scheunen, woselbst er auch
sein Nachtquartier nahm.
Die vorauserwähnte tabellarische Uebersicht folgt
hier unten.
Uebersicht der Vogelfauna im Göteborgs- och Bohuslän
während der verschiedenen Jahreszeiten.
Von den 39 bei uns im Winter vorkommenden Arten
der Oscines lebt eine, nämlich die Flussdrossel, an den
Wasserbällen, Mtihlenbächen oder anderen offenen Wasser-
stellen und sucht seine Nahrung, unter den Krustaceen,
z. B. Gammarus pulex und Aselhis aquaticus, Wasser In-
sekten, deren Larven und Fischlaich. Der Zaunkönig, die
Spechtmeise und der Baumläufer leben von Puppen, Spinnen
und Insekten, die sie aufsuchen. Der Erste in Bergrissen,
an Gartenmauern, auf dem Boden unter dichten Büschen
und in Haufen von geschlagenen Zweigen oder auch unter
der aufgesprungenen Baumrinde, die sieben Meisenarten
Archiv f. Natui-g. XXXXIV, Jahrg. 1. Bd.
10
146 Dr. A. W. Malm:
leben von Insekteneiern, welche sie an den Zweigen der
Bäume aufsuchen. Alle die Anderen finden ihre Nahrung
in Früchten und Beeren, Saameu, Kadavern und in Abiällen
aus den Wohnungen der Menschen. -- Nur ein einziger,
der Lanitis excubitor, lebt alsdann hauptsächlich von
kleinen Vögeln.
Der Volucres-Ai'ten, welche bei uns im Winter ange-
troflfen werden, giebt es 8. Älcedo ispida, der Eisenvogel ^),
lebt an den Wasserfällen und Mühlenteichen und findet
seine Nahrung an kleinen Fischen, oder wenn Mangel
daran, an Wasserinsekten und Aehnlichem. Die sieben
Spechtarten leben von Insekten-Larven, die an kranken
Baumstämmen aufgesucht werden, wie auch von Ameisen,
deren Haufen sie durchbohren, und gewisse Arten, wie der
Grünspecht, greifen sogar die Bienenkörbe an.
Die 11 Raubvogelarten leben von warmblüthigen
Thieren. Die 6 hühnerartigen Vögel — 8 sind oben auf-
geführt, — aber 2 von diesen sind unsere Schneehühner-
Arten, die nur sehr selten diese Gegend besuchen — leben
von Knospen und Saamen. Die einzige Waderart Tringa
maritima lebt am Meeresstrande; und die 34 Schwimm-
vogelarten, von denen uns 22 nur im Winter besuchen,
müssen alle ihre Nahrung weit hinaus auf der See und
ausserdem weiter nach Süden suchen, wenn die Binnen-
seen und Flüsse sich überall mit Eis belegen.
1) Ich führe die alte deutsche Benennung an, die Bezug auf
die Rostfarbe an den unteren Körpertheilen des Vogels hat. Der in
den späteren Jahren entstandene Name Eisvogel — woher Is'vogel
bei uns — ist eine Verdrehung des älteren Namens und gibt eine
unrichtige Vorstellung von dem Leben des Vogels. Den Namen
Kungsfiskare — Königsfischer — welchen Sunde va 11 in üebersetzung
aus dem Englischen eingeführt hat, in unsere Sprache einzuführen,
ist überflüssiof.
Die Ersch. d. Wanderns oder Ziehens i. d. Thierwelt etc. 147
Uebersicht der Vogelfauna des nördlichsten Skandinaviens
zu den verschiedenen Jahreszeiten*).
Unter den 5 in den Enare- und Utsjoki-Lappmarken
im Winter vorkommenden Arten der Oscines, lebt eine,
nämlich die Flussdrossel, an den Wasserfällen und Waaken
von Wasser-Krustaceen, Insekten und von Fischlaich ; eine,
Poecüe cinduSj von Insekteneiern auf den Zweigen der
Bäume und von den Fettabfällen aus den Hütten der Lappen,
eine, der Haussperling, lebt von Abfällen aus den Woh-
nungen der Ackerbauer, ferner leben zwei, nämlich Peri-
soreus infaustiis und der Rabe hauptsächlich von dem
Fleische, dessen sie neben den menschlichen Wohnungen
habhaft werden können. Die beiden Arten Volucres, Picus
tridadylus und minor nähren sich von Insektenlarven, die
sie an kranken Baumstämmen aufsuchen ; die 6 Raubvogel-
arten leben von warmblütigen Thieren; der Auerhahn und
die beiden Schneehühner-Arten von Knospen der Bäume
und Büsche; und der hier allein vorkommende Wader,
Tringa maritima, sowie die 16 Arten Seh winimvögel, müssen
1) Auszug aus »Ornithologischer Beitrag zur Fauna Skandi-
naviens« (Ornithologiska bidrag tili Skandinavisk Fauna) von A. W.
Malra; gedruckt in Naturhistorisk Tidskrift af H. Kröyer, 2 R.,
2. Bd., S. 180—212. Kopenhagen 1844—1845.
148 l>r. A. W. Malm:
alle zusammen während dieser Jahreszeit ihre Nahrung
an, oder auf dem offenen Eismeere ausserhalb der Küsten
der Finnmarken suchen.
Es kann hier von besonderem Interesse sein, etwas
über die in Schweden während der Sommerzeit beobach-
tete Ausbreitung der Vögel nach Süden zu in der käl-
teren Jahreszeit bei uns zu erwähnen, geschöpft aus den
Anzeichnungen, die in der wichtigen, von J. H. (jiirney
redigirten, 1872 herausgegebenen Arbeit: Notes on the Birds
of Damaraland and the adjacent countries of South- West-
Afrika, by the late Ch. J. Andersson, vorkommen; also
im Nachlasse unseres durch seine vieljährigen Reisen in
diesen Gegenden berühmten Landsmanns. Ich führe hier mit
fetter Schrift die Arten an, die in unserem Lande brüten
und mit gesperrter Schrift solche, die während der Zugzeit
durch unsere Gegend ziehen. Genannte Landestheile sind
wie bekannt weit südlich vom A equator belegen, näm-
lich zwischen dem 15 » und 30 ^ südlicher Breite, demnach
wenigstens sechs Grade südlich vom südlichen Wende-
kreise hin. Innerhalb dieses Bezirks sind 430 Vogelarten
das ganze Jahr hindurch beobachtet worden; und dreissig
während der Regenzeit, (welche unserem tiefen Winter ent-
spricht) umfassen solche Arten, welche während des Vor-
sommers im Göteborgs- und Bohusläne hecken. Eine oder
die andere Art von diesen, z. B. Muscicapa grisola,
Hirundo rustica, Enneoctonus collurio, Galli-
nula chloropus, hecken sogar bis zum südlichen
Wendekreise hin, weshalb die Zone der Hausschwalbe und
des grauen Fliegenschnepper sich von d^ort bis hinauf
zur Höhe der Ausmündung des Ivalojokkis in den Enare-
See, oder bis zu dem 69 « nördlicher Breite erstreckt. Der
Verbreitungsgürtel in der Länge hat in runder Zahl für
eine jede dieser Arten eine Ausdehnung von 90 Graden.
Ausser diesen vier Arten, werden noch folgende mehr
oder weniger allgemein verbreitet während der Regenzeit
in den berührten tropischen Gürteln angetroffen:
Phyllopneustes trochilus, Calamodus schoe-
nohaenus, Oriolus galhda, Lantus minor, Budytes flava,
Agrodroma campestris, Ouculus canorus, Cora-
Die Ersch. d. Wanderas oder Ziehens i. d. Thierwelt etc. 149
cias garrula, Merops apiiistcr, Tinnunculus Linnei,
Coturuix Linnei.
Eine unglaublich grosse Menge dieser Arten kam im
Jahre 1845 sogar bis zur Capstadt, demnach noch 5^ süd-
licher — Ardea cinerea^ Oiconia Linnei. Glottis
Linneij Totanus glareola, Actitis hypoleucus, Jf a-
cJietes piignax, Tringa cctnutus, Tringa suharquatay
Tringa minuta, Caliäris arenaria, Telmalias major ^
Strepsilas interpres, Squatarola helvetica, Aegia-
lites hiaticula, Äcfochelidon cantiaca, Sterna hi-
rundo, Sterna caspia, Coprotheres pomarinus,
Lestris parasitica, und Colymhus minor.
Die grossen Veränderungen, die während der Regen-
zeit in der Nähe der südlichen Tropen stattfinden, hat A n-
dersson mit eigenen Worten in dem genannten Werke,
Pag. XXIX wie folgt geschildert.
Eine so reich gedeckte Tafel bietet während der Regen-
zeit dann neben den dort mehr oder weniger stationären
Vogelarten noch Platz für die aus Mangel an Nahrung dorthin
vom Norden ziehenden VögeJ, die zur Zugzeit aufbrechen
mussten, wo die eintretende Kälte mehr oder weniger voll-
ständig die Speisekammer den Sommergästen verschloss
und damit wird gezeigt, dass die Fahrt dahin möglich ist,
weil die nothwendigen Erfrischungen ihnen auf dem gan-
zen Wege geboten werden.
Auf dieselbe Weise muss anderseits während der
trocknen Zeit unter den Tropen, wo aus diesem Grunde
der Mundvorrath im höchsten Grade knapp wird, ein Auf-
bruch für diejenigen aufs Neue stattfinden, welche von Alters
her dort ihre Heckheimat nicht haben und die mit oder
gegen ihren Willen verdrängt werden, und auch noch heu-
tigen Tages weichen müssen, vor^ den Naturverhältnissen
und vor denjenigen Vögeln, die während der Heckzeit diese
oder jene Zone in Besitz genommen haben, sowohl dort
unter der Gluth der tropischen Sonne, wie auch unter all
denjenigen Gürteln, die diese oder jene Familie oder Race
passiren muss, bis sie endlich dort angelangt ist, wo sie
ihre eigene Brutstätte haben, oder auch im Falle dort nicht
hinreichend Platz für die vermehrte Familie vorhanden
160 Dr. A. W. Malm:
ist, sich noch weiter nach Norden hinauf begeben muss,
um dort einen — Neubau anzulegen.
Von einigen Arten, z. B. dem Buchfinken, dem schwarz-
weissen Fliegenschnäpper u. s. w. ziehen die Männchen
eine ganze Woche früher fort als die Weibchen! Ist es
nicht vielleicht mit ihnen wie mit uns selbst, dass der
Mann, der Stärkere, vorausgehen muss, um das frühere
Heim in Besitz zu nehmen, oder ein neues auszuwählen?
Ein anderes Phänomen ganz allgemeiner Natur zeigt sich
darin, dass die ausgebildeten Jungen schliesslich auf eigene
Hand aus dem elterlichen Hause ziehen, um an einem
anderen Platze, aber in der Nachbarschaft, ihren Unterhalt
zu suchen; in dem einen, wie in dem anderen Falle, hier
wie sonst, wird dies hauptsächlich vorgeschrieben von
der starken Macht des Selbsterhaltungsprincips.
Der periodische Horizontalzug hierhin und
dorthin innerhalb eines weniger weitgestreckten
Umkreises wird von einem Theile kleiner Vögel vorge-
nommen, die jeden Winter im Lande Zugang zu dienlichen
Nahrungsmitteln haben; aber darum nicht immer an jedem
Platze. Innerhalb des Geburtsortes gebricht es bald, wenn
der Herbst eintritt, an Zugang zu Beeren, Insekteneiern,
Puppen, Larven, Spinnen und ähnlichem. Das Individium,
die Familie, oder der Schwärm zieht sich jetzt nach der-
jenigen Stelle, die bereits auf den vorgenommenen Streif-
zügen den besten Zugang zu dem Nachgesuchten gezeigt
hat, sei es nun, dass dieses hier oder dort vorkommt. Ist
das Nahrungsmittel in der Nähe reichlich vorhanden, welches
in der Kegel, wenn es sich um Beeren und Tannensamen
handelt, der Fall ist, so werden die Streifzüge eingeschränkt.
Deshalb kommen gewisse Vögel, die dieser Kategorie an-
gehören, nicht jedes Jahr nach einer bestimmten Gegend,
wenn auch, wie dies z. B. mit der Land- und Waldgegend,
in der Nähe Gothenburgs der Fall ist, diese gleichzeitig
einen z. B. mit Ebereschenbeeren reich gedeckten Tisch
aufzuweisen hat. Es gilt dies besonders von Ampelis gar-
rula, FyrrJiula Linnei und Pinicola enucleator. Denn der
periodische Horizontalzieher verlässt seinenOrt
nicht früher, als bis dienliches Futter ihm man-
Die Ersch. d. Wauderns oder Ziehens i. d. Thierwelt etc. 151
gelt; und um Befriedigung für seinen Bedarf zu
erhalten, geht er in der Regel nicht weiter als
nöthig ist um diesen Mangel ersetzt zu finden.
Der Wetterstrich ist hierbei gleichgiltig.
Zu dieser Kategoi'ie gehören: Troglodytes Lmne%
unsere sieben Meisenarten, Ämpelis garrula, Tinicola enu-
cleator, Fyrrhula Linnei, Loxia curvirostra und L. pityo-
psittaciiSj Nucifraga, caryocatactes, Certhia familiaris, Sitta
europaea, sowie unsere sieben Spechtarten. Wenn ein
Platz zufälligerweise so umgeändert wird, dass bei Ankunft
des Frühlinges hierhergehörende Vögel sehen, dass sie
auf demselben ihren Unterhalt haben können, wenn z. B.
daselbst ein Park angelegt worden, oder ein grösserer
Garten, welcher ausserdem passende Stellen für das Hecken
bietet, so kann, wovon ich manche Beweise anführen dürfte,
eben dies dazu Veranlassung geben, dass die^ Art eine
grössere Ausbreitung auch während der Heckzeit erhält,
besonders in Bezug auf solche Vogelarten wie Zaunkönig,
Kohlmeise, Blaumeise, Sumpfmeise, Baumläufer und Specht-
meise.
Entsteht dazu ein mehr oder weniger weit ausge-
dehnter Wald, so wird derselbe, nachdem er zur Entwick-
lung gelangt, alles dasjenige bieten können, was die eine
oder andere Spechtart zu ihrer Niederlassung bedarf. Einen
kahlen Districkt, wenn er auch fruchtbar ist, wie z. B.
die schoonischen Ebenen, aber vor Allem gewisse Orte in
Westphalen, werden nicht einmal von den hierher gehören-
den Vogelarten besucht. Eine solche Gegend bietet dahin-
gegen alle die Vortheile dar, die der Feldvogel für seine
Ansiedlung nöthig bat, wie eine solche Gegend dann auch
von gewissen periodischen Horizontal-Ziehern, wie der
Schneeammer, die Baumlerche, die Feldpfeiflerche, die
Taube, der Thurm- und Zwergfalke, die Bussarde, Chara-
clrius aprecariuSj der Kranich, die Graugans und noch
mehrere gesucht wird.
Um zu zeigen, dass die allgemeine Vorstellung, die
Vögel hielten sich ziemlich lange auf dem Wege, während
des Zuges auf, eine irrige sei, ist hier unten eine Tabelle auf-
gestellt worden, die die Zeit der Ankunft verschiedener
152
Dr. A. W. Malm:
unserer allgemeiner bekannten Vogelarten, an mehreren
Stellen, von welchen die beiden am weitesten getrennten
fünfzehn Breitengrade von einander liegend, angiebt. Ich
weiss nur zu gut, dass man mir den Einwand machen
könnte, es sei keineswegs sicher, »dass alle diese Stellen
1856
1842
1842
1841
1841
1848
1848
1848
1848
1848
1848
Gothenburg
57—580 _
Lyrigen
69° —
Jukkasjarwi
68« —
Enare
69° —
Tösslauda
58« —
Gelliwaara
67— 68<> —
Neder Calix
66*^ —
Stockholm
59— 60« -
Tösslanda
58« —
Gothenburg
57—58« —
Schoonen
55-56« —
A
E
A
E
A
E
A
E
A
E
A
E
A
E
A
E
A
E
A
E
Allgemein
Einzeln.
1'
u
12/
22/
/3
V3
24/
18'
/5
/5
26/^
'/5
V
"/4
*V6
1) Nach Italien kommt der Kukuk im April und nach Kamt-
schatka gegen den 10. Juni.
t) Im Jahre 1842, 15. Mai.
Die Ersch. d. Wanderns oder Ziehens i. d. Thierwelt etc. 153
auf demselben Ziigwege lägen. Für unseren Zweck aber,
dürfte die Tabelle nichts desto weniger hinlänglichen Auf-
schluss geben.
Hieraus geht unter Anderem hervor, dass nur die
kleine Strecke von Gothenburg bis Tösslanda für das Vor-
dringen der verschiedenen Vogelarten einen — bis acht
Tage erfordert, und einen Zeitunterschied von 11—42 Tagen
zwischen der Ankunft einer Vogelart zu Tösslanda und bis
nach Enare. Dass auch in der Nähe ein Zeitunterschied
nachzuweisen ist, der sich auf klimatische Verhältnisse
gründet, daran ist gar kein Zweifel; ich brauche nur an
das Factum zu erinnern, dass die Rauchschwalbe sich noch
viele Tage, ja sogar Wochen, z. B. an der Göta-Elf auf-
hält, nachdem sie die ganz nahe gelegene Umgegend ver-
lassen hat. An der Ersteren hat sie weit länger Zugang
an dem für das Leben Erforderlichen als nur wenig weiter
hinein ins Land. Das Vorhandensein eines offenen Wasser-
zuges, der bis in den Spätherbst hinein eine vergleichs-
weise höhere Temperatur hat, mildert dann in dem Grade
das Klima, dass ich mehr als einmal gesehen, wie die
Georginen noch unbeschädigt und im vollen Schmucke ihrer
Bltithen in der Nähe der ,,Fattighus Aue" bei Gothenburg
noch einen ganzen Monat später prangen, während ähn-
liche, die nur wenige hundert Ellen davon entfernt standen,
bereits durch den Frost von Grund aus zerstört wurden.
Da mir nun Angaben über die Ankunft einiger der
angeführten Vogelarten in viel südlicher gelegenen Gegen-
den im Jahre 1856 zu Gebote stehen, dürften eben diese,
zur Beleuchtung der vorliegenden Zeitunterschieds -Frage
hier anzuführen sein. Die Reflektionen machen sich von
selbst. (Siehe Tabelle auf folgd. Seite.)
Es bleibt mir nun noch übrig, einige Worte über
dasjenige zu erwähnen, was ich oben „zufälligen Hori-
zontal-Zug benannt habe, welche Phänomene im Ganzen
genommen eigentlich und überhaupt Nichts mit derjenigen
Frage, von welcher hier die Rede ist, zu schaffen haben.
Sie werden a priori nicht von dem Vogel selbst hervorge-
rufen, sondern sind eine Folge zufälliger Ursachen. Sie
hätten deshalb auch hier vollständig ausgeschlossen werden
154
Dr. A. W. Malm;
können; da ich aber wenigstens einen Fall anführen kann,
wo auch diese Art des Zuges unbedingt die Veranlassung
zu einer Art Ansiedlung in einem für die Genannten frem-
den Lande gewesen ist und für die Ausbreitung des Um-
kreises der Art, so habe ich dafür gehalten, den Platz für
diese Gruppe in diese üebersicht hineinrücken zu können.
Die dieser Kategorie angehörenden Vögel sind mit dem
entweder verirrten, oder von einem rasenden Sturme un-
widerstehlich fortgeführten Segler zu vergleichen, der gegen
seinen Willen auf eine im Ocean belegene Klippeninsel
geschleudert wird, oder dorthin sich rettet, wo er dann,
wenn nicht bald Rettung kommt, seinem Untergange rasch
entgegen geht. — Ein solcher zufälliger Zug kann auch
ganz und gar unfreiwillig sein, wie ich sogleich erzählen
werde. Der ziehende Vogel ist dann beinahe mit einem
Reisekammeraden von mir zu vergleichen, einem schottischen
Landmanne, mit welchem ich zu Edinburgh an einem Abende
in demselben Coupe zusammentraf und der gleich nach
dem Abgange des Zuges einschlief. Als er dann zur
Mitternachtszeit den Ruf „Station Newton", eine kleine
Stadt in der Nähe von Manchester, vernahm, erwachte er
erschrocken, da er gegen seinen Willen, wie man ihm er-
klärte, circa 30 schwedische Meilen über seine Heimath
hinaus an einen Ort geführt worden war, den er nicht
einmal dem Namen nach kannte. Ihm wurde geholfen
durch die Güte des Stationsinspektors, der obgleich mein
Die Ersch. d. Wanderns oder Ziehens i. d. Thierwelt etc. 155
Gelahrte zufälligerweise Diclit mit der nötliigen Kasse ver-
sehen war, ihm lächelnd versicherte, dass keine Gefahr
vorhanden sei, und dass er frei zurückfahren solle mit dem
aufwärtsgehenden Zuge, der binnen einer halben Stunde
zi^ erwarten sei. — Wie es gegangen wäre, z. B. mit einem
Haussperlinge, der in seiner Stelle gewesen wäre, darüber
können die Meinungen getheilt sein. Glaublich ist, dass
der fremde Sperling zu Grunde gegangen wäre, entweder
durch seinesgleichen oder durch einen Raubvogel. Das Fak-
tische scheint zu sein, dass ein Vogel, der zufälligerweise
in fremden Bezirk geräth, hülflos dasteht, wenn auch unter
Seinesgleichen, gleichwie viele unter uns selbst zu essen
vergisst und aus Hunger stirbt; oder auch im unglück-
licheren Falle, fällt er als ein Opfer „der Vogel- oder
Bauernfänger''. Das Selbsterhaltungsprincip, wenigstens bei
der Frage von den Vögeln, spielt eben hierbei eine hervor-
ragende Rolle, aber es ist derjenige Vogelstamm, der
an dem Platze zu Hause ist, welcher in der Regel über
den ungleichen Streit und Sieg entscheidet.
Da die Vogelarten, welche ich jetzt in Bezug auf die
faunistischen Verhältnisse unseres Orts anführen werde,
nur eine geringe Zahl ausmachen, so zähle ich dieselben
mit Anführung der Gegend im ganzen Kompasrunde, von
welcher sie wahrscheinlich zu uns gekommen sind, auf^-
1) Die im hohen Norden mitunter vorkommenden Answande-
rungen des Berg-Lemmings müssen zu dieser Kategorie hinzuge-
rechnet werden, obgleich es freiwillige Züge sind, deren Ursache
darin gesucht werden muss, dass in seiner Zone mitunter besonders
günstige Naturverhältnisse herrschen, welche die Entwickelung einer
für den Platz allzuzahlreichen Menge Individuen begünstigen, und
die deshalb ihre Rettung durch Auswanderung suchen müssen; aber
dann, oder wenn nicht schon vorher, beim Anbruche des Winters
gehen sie auf dem fremden Bezirk ihrem vollständigen Untergange
entgegen.
Der vor einer Anzahl Jahren von Asiens Steppen im Südost
kommende grosse Zug des Steppenhuhnes „Syrrhaptes paradoxus^^,
der ebenfalls Schweden berührte und aus welchem an einer und der
anderen Stelle, zum Wenigsten in Jütland sich einige Paar ansässig
machten, muss durch eine ähnliche Ursache hervorgerufen worden
sein.
156 Dr. A. W. Malm:
Als vom Norden hierhergekommen, nehme ich daher
auf, ein Individuum von Lagopus Linnei, und eins von La-
gopus alpinus, welche in letzterer Zeit geschossen worden
sind; einzelne wurden gesehen im südlichen Bohus-
läne, wohin sie aus einer oder der anderen Ursache ihren Weg
genommen hatten, was nicht unbedeutend südlich von der süd-
lichen Zongrenze dieser Vögel, den norwegischen Fieldgegen-
den ist. Ständen diese Funde nicht so vereinzelt da, dann
hätte ich sie natürlicher Weise hier nicht angeführt; son-
dern unter der Rubrik: „periodische Horizontalzieher". —
Loxia hifasciata und Croicocephaliis minutus, welche
hier das eine oder andere Mal ertappt worden, sind wahr-
scheinlich beide von Nordost, vom nordwestlichen Russland,
oder von der Umgegend des Ladoga hierhergekommen.
Die erstgenannte Art, die gleichzeitig an vielen Stellen im
Lande ertappt wurde, kann aus einer nicht zur Bekannt-
schaft gelangten Ursache ihre Fahrt erst nach West und
darauf in unserem Lande gen Süden, wo sie möglicherweise
in dem einen oder anderen Jahre ansässig gewesen ist und
geheckt hat, gesteuert haben; die andere muss in Folge
einer oder der anderen Ursache von den Ihrigen getrennt
und nach unserem Umkreise, der weit westlich von ihrem
Zugwege liegt, verschlagen worden sein. Ich dürfte hier
zu bemerken haben, dass das Eintreffen derselben erst
vor kurzer Zeit geschah, oder dann, als diese Art, wie
angenommen werden kann, nicht mehr auf Gottland hei-
misch war.
Der Vogel, den ich in der Fauna unter dem Namen
Eudytes halticus aufführte, dürfte vielleicht Sibirien an-
gehören, da er bei uns von Osten her eingetroffen ist.
Ein paar ähnliche Exemplare sah ich im Jahre 1863 im
zoologischen Museum zu Berlin. Von Südost und wahr-
scheinlich vom südlichen Russland sind sicherlich dasjenige
Exemplar von Fastor roseus und die Exemplare von Stri-
Ich zähle hierhin auch die zufälligen Auswanderungen des
Maikäfers und der Wanderheuschrecke, welche aus derselben Ur-
sache in Masse ausziehen müssen, um nämlich dem Hungertode zu
entgehen.
Die Erscb. d. Wanderns oder Ziehens i. d. Thierwelt etc. 157
giceps Swainsonn hierhergekommen, von welchen für jedes
an einem besonderen Platze in dieser Arbeit gesprochen
wird. Von Süden kommen hierher, Tryponocorax frugüe-
gus, Tiirtur Linnei, und Melanopelargiis niger, von welchen
die Erstgenannte vielleicht sich mit der Zeit bei uns häus-
lich niederlässt. Vom Südwesten, wahrscheinlich von Eng-
lands oder Hollands Küsten, haben wir hier hin und wieder
Aetochelidon cantiaca, und von Westen traf vor einigen
Jahren hier ein Exemplar der Shix flammea ein.
In dw Takelage eines Fahrzeugs, das am nämlichen
Morgen von Fredrikshavn abgesegelt war, fand man ein
Exemplar dieser Vogelart beim Einsegeln in den Hafen
Gothenburgs vor. Von Deutschland ist derselbe ein paar
Mal auf dieselbe Weise unfreiwillig nach der südlichen
Küste Schönens übergeführt worden und man nimmt an,
dass der Vogel in letzterer Zeit dort geheckt habe. Es
war die Art des Reisens dieses Vogels, welche die kleine
Erzählung von dem sicheren Schotten hervorgerufen hat.
Dass genannte Eule bei ähnlichen Gelegenheiten nach be-
endeter Morgenjagd mit Berechnung für den Tag in der
Takelage des Fahrzeugs Platz genommen hatte, dies ist
höchst wahrscheinlich; die Reise über das Meer aber zu
machen, war von ihr nicht mit in Rechnung gezogen
worden. So erging es ihr inzwischen, und wäre sie nicht
gefangen worden, so wäre sie natürlicherweise selbst ans
Land gegangen; aber dann, wenn bei einem Zoologen
eingekehrt, aufgenommen als eine für die Fauna Skandi-
naviens „Neue Vogel-Art"! Vom Nordwesten haben wir
mit Sicherheit erhalten ein Exemplar des Leiicus leuco-
ptems, wie anzunehmen ist, war dieselbe wahrscheinlich
fern von Grönland hierher gekommen. Alsdann Dysporus
hassanus und Procellaria pelagica aus derselben Richtung,
aber näher zu uns, oder von den Schetlands-Inseln oder von
Island, von wo sie unter heftigen, nordwestlichen Herbst-
Stürmen hierhergetrieben zu sein schienen.
Schliesslich führe ich hier noch ein paar von mir
festgestellte Facta hinzu, die ich während meines nahezu
zweijährigen Aufenthalts in den nördlichsten Gemarkungen
Lapplands an den citirten Orten aufgezeichnet habe. Am
158 Dr. A. W. Malm:
10. October 1841, somit bei vollem Winter, schoss ich ein
Männchen des TarrJidleus modidaris bei der Kirche von
Utsjoki, nahe dem 70ten ^ nördlicher Breite und am 6. No-
vember desselben Jahres bei Paxoma, 69 ^ im Enare-Lapp-
mark, ein Männchen des Favus major. Während der ganzen
Zeit meines Aufenthalts in Lappland, nördlich vom 68 ^^
sah ich nie mehr als diese zwei Exemplare beider Arten.
Dass sie gejagt oder verirrt dorthin gekommen waren, ist
darum wahrscheinlich, weil sie kaum eine Spur von Furcht-
samkeit zeigten. Bei der Utsjoki-Kirche wurde am 15. Oc-
tober desselben Jahres ein ebenfalls verjagtes, oder auf
andere Weise auf Abwege gerathenes Männchen von Alauäa
arvensis, abgezehrt und ermattet im Schnee hockend, er-
tappt. Diesen Vogel fand ich nirgends im Enare- oder Uts-
joki-Lappland ansässig, weshalb das Exemplar entweder
zufälligerweise von Südost dorthin gekommen war, oder,
was am wahrscheinlichsten ist, vom Westfinnmarken, als
es beim Herbstzuge anstatt dem norwegischen Küstenlande
zu folgen, aus Zufall zuerst den Weg in südlicher Richtung
an der Altenelf hinauf und darauf in den Bezirk der Ta-
naelf nahm, w^orauf es, dieser in nordöstlicher Richtung
folgend, schliesslich bei Utsjoki anlangte.
Die Lerche heckt indessen auch auf den bebauten
Feldern bei Karesuando.
Als Resultat des voraus angeführten, will ich schliess-
lich hier an dieser Stelle die wichtigsten, allgemeingültigen
Schlusssätze, zu welchen ich in dieser Frage gelangt bin,
im Ganzen genommen anführen, aber mit besonderer Hin-
sicht auf die Vögel.
1. Der beständige Zug, die Beweglichkeit der Fauna
und Flora, beruhen im Grunde auf kosmischen Ursachen.
2. Das bei allen Organismen stark ausgeprägte Selbst-
erhaltungs-Princip, das seinen Ausdruck in dem Kampfe
um die Existenz findet, bestimmt, besonders in der Frage
des periodischen Zuges, denjenigen Weg, den die Art,
Race, Familie, wie auch das Individuum zu nehmen hat;
doch die Organisation der dadurch bedingten Lebensweise
wird entscheidend für die Frage, ob der Zug in vertikaler,
Die Ersch. d. Wanderns oder Ziehens i. d. Thierwelt etc. 159
schräger und horizontaler Richtung im Allgemeinen vor-
genommen werden soll.
3. Der Winterlieger geht nicht zur Ruhe, bevor es
an Zugang zu dienlichen Lebensmitteln mangelt, wobei
die Lebensthätigkeit in dem Grade herabgestimmt wird,
dass er in eine Art Betäubung verfällt und sich an dem
ersten, besten Orte zur Ruhe begiebt.
4. Die Vertikalzieher, wie auch die Schrägzieher
treten ihre Wanderung nicht früher an, als bis die Winter-
kühle eintritt und sie theils des reichlicheren Zuganges
zu dienlichen Nahrungsmitteln beraubt, theils auch die
Eigenwärme, gleichzeitig mit der des Mediums, in welchem
sie leben, herabstimmt. Die Richtung für den Zug wird
in der Regel von der Beschaffenheit dieses Mediums be-
stimmt.
5. Der periodische Horizontalzieher verlässt einen
Ort nicht, bevor ihm nicht dienliche Nahrung fehlt; und
um darauf Befriedigung für seinen Bedarf zu erhalten, geht
er in der Regel nicht weiter, als nothwendig ist. Der
Wetterstrich ist hierbei im Grunde nicht bestimmend.
6. Nicht einmal die ziehenden kleinen Vögel verlassen
uns im Herbst der Kälte wegen, sondern nur deshalb, weil
alsdann ein hinreichender Vorrath an dienlichen Lebens-
mitteln nicht zu finden ist; aber es sind die nach Norden
zu in gewisser Weise stationären, es sind die nördlichsten
Arten und Formen, die die südlicher vorkommenden ver-
drängen, weshalb die ganze Masse sich nach und nach gen
Süden bewegt.
7. Gegen Norden ziehen die Vögel, sobald in den
Tropen die trockene Jahreszeit eintritt und den Zugang
zu dienlicher Nahrung bedeutend vermindert; aber es sind
die nach Süden zu in gewisser Weise stationairen, die in
der Nähe des Aequators wohnenden Arten und Formen,
die die nordwärts vorkommenden verdrängen, weshalb die
ganze Masse sich nach und nach gen Norden bewegt.
8. Für die ungleichen Arten gilt es als Regel, dass
nahe Stammverwandte in Gesellschaft miteinander ziehen.
9. Der Vogel wählt seinen Weg so, dass er bei Be-
darf Zugang zu einem nöthigen und sicheren Ruheplatze
160 t)r. A. W. Malm:
hat, den ihm nicht bloss das Festland, sondern auch die
Inseln gewähren müssen.
10. Die Vögel müssen der Regel nach solchen Strich-
wegen folgen, die ihnen hinreichende und passende Nah-
rungsmittel bieten, demnach dem Meeresstrande und den
Fhissthälern.
11. Die Vögel finden auf ihrem Zuge mit Leichtig-
keit denselben Weg gen Norden, welchen sie auf ihrem
ersten Zuge gen Süden benutzt haben unter Anderem des-
halb, weil die älteren Individuen den Weg kennen und den
Zug leiten.
12. Werden bereits hier vom Süden angelangte Vögel
plötzlich von einer tief gesunkenen Temperatur in Verbin-
dung mit Schnee und Unwetter überrascht, so kommen sie
oft in Menge um; aber nur deshalb, weil die bereits ent-
wickelten Schaaren von Insekten und anderen niedrigen
Thierarten bei diesem Ereignisse gleichzeitig mit ihnen zu
Grunde gehen, oder nicht zu erreichen sind, so dass der
Vogel, ermattet aus Mangel an Nahrung sich durch einen
Rückzug nicht zu retten vermag, sondern untergeht^).
13. Zufälliger Umzug von einem Orte wird nur dann
vorgenommen, wenn eine ebenfalls zufällige Ursache, wie
Irrflug oder Vertreibung in einer oder der anderen Weise
hierzu Veranlassung gegeben hat.
14. Vom Wetter getrieben, oder von Raubvögeln ge-
jagt, können die Vögel oft genöthigt werden, über den
1) Von einem solchen Phänomen war ich Zeuge in meiner
Kindheit zur Frühlingszeit 1829 in Lund. Hier in Gothenburg er-
eignete sich etwas Aehnliches im Jahre 1856, in den ersten Tagen
des Mai, wo unter heftigem Schneefall und Unwetter die Temperatur
plötzlich unter den Gefrierpunkt sank. Eine Menge der angelangten
kleinen Vögel wurden jjlötzlich ihrer Nahrung beraubt und wurden
am anderen Tage auf dem Schnee gefunden. Einige waren todt,
andere sterbend. Sogar der Buchfink ging in dem Grade zu Grunde
an gewissen Stellen in der Umgegend, z. B. bei Rägurden, dass
diese Vogelart sich erst viele Jahre später daselbst -wieder zeigte
und sich auf's Neue an dem Platze ansässig machte. Was unter
schweren Schneewintern unserem Stammvogel, dem Rebhuhn wider-
fährt, v/enn man sich seiner nicht besser annimmt, ist genügend
bekannt.
Die Ersch. d. Wanderns oder Ziehens i. d. Thierwelt etc. 161
Ocean, von einem Welttheile zum andern zu fliegen und
es liegen viele Beispiele von Flügen aus Nord-Amerika
nach Europa vor; da aber solche Vögel mehrentheils bei
den meist besuchtesten Handelsplätzen oder bei den End-
punkten von am mehrsten befahrenen Handelswegen über
das Meer, wie z. B. an der Westküste Englands, Gibraltar,
(nicht zu sprechen von Helgoland) ertappt worden sind,
so ist es höchst wahrscheinlich, dass solche verirrte Vögel
in einer späteren Zeit oft ihre Rettung durch dann und wann
erhaltene, nothwendige Ruhe und vielleicht sogar einmal
durch etwas erhaltene Nahrung an Bord von Schiffen ge-
funden haben.
Ich schliesse hiermit für dieses Mal eine Frage ab,
welche mich bereits seit der Zeit eines längeren Aufent-
halts in den Läpp- und Finnmarken beschäftigt hat. Die
Grundzüge für den Versuch zu einer Lösung derselben,
habe ich ebenfalls bereits vor vielen Jahren einem meiner
höchst geschätzten gewissenhaftesten Freunde mitgetheilt.
Viele Male habe ich das hierhergehörende Manuskript um-
gewendet, welches dann nach und nach, je nachdem meine
Ansichten sich befestigten, kompletirt wurde; es würde
aber wahrscheinlich doch nicht im Druck erschienen sein,
wenn ich mich nicht endlich entschlossen hätte dem bis
jetzt nun nahezu geordneten Inhalte einen Platz in dieser
Arbeit zu geben. —
Archiv f. Naturg. XXXXIV. Jahrg. 1. Bd. 11
Neues Verzeichniss der Thiere, auf welchen
Schmarotzer-Insecten leben.
Von
Gfiirlt.
Mit Hinzufügungen von Schilling.
A. Säugethiere.
1. Homo.
Pediculus Capitis L.
„ Vestimenti L.
„ Tabescentium?
Phthirius inguinalis Leach.
Pulex irritans L.
2. Inuus sinicus,
Pedicinus eury gaster Gervais.
3. Inuus sylvanus.
Haematopinus albidus Rudow.
4. Senmopithecus maurus.
Haematopinus obtusus Rudow.
5. Vespertilio auritus.
Pulex Vespertilionis Bouche.
Nycteribia Vespertilionis Fabric.
6. Vespertilio barhastellus,
Pulex Vespertilionis Bouche. Schilling.
7. Sorex araneus.
Haematopinus reclinatus Giebel.
8. Erinaceus europaeus.
Pulex Erinacei Bouche.
9. Talpa europaea.
Pulex Talpae Bouche.
10. Procyon Lotor.
Trichodectes Vulpis Benny (Trieb, micropus
Giebel).
Neues Vcrz. d. Thiere, auf welchen Schmarotzer-Insecten leben. 163
11. Ursiis arctos.
Trichodectes pinguis Nitzsch.
12. Meles vulgaris.
Pulex Melis G.
Trichodectes crassus N.
12b. Mephitis spec.
Goniodes Mephitidis Packard.
13. Mustela Erminea,
Trichodectes pnsillus N.
14. Mustela Foina.
Trichodectes pusillus N.
„ retusus N.
15. Mustela Furo.
Haematopinus piliferus D.
16. Mustela Maries.
Pulex Martis Bouche.
Trichodectes retusus N.
17. Mustela sibirica.
Pulex penicilliger Gmbe.
18. Mustela vulgaris.
Pulex Mustelae Schilling.
Trichodectes pusillus N.
19. Lutra vulgaris.
Trichodectes exilis N.
20. Canis familiaris.
Haematopinus piliferus D.
Pulex Canis Bouche.
„ Martis Bouche.
Trichodectes latus N.
21. Canis Vulpes.
Pulex Canis Bouche.
,^ Melis G.
Trichodectes micropus Gh. (Trich. Vulpis D.)
22. Felis Catus dorn.
Pulex Felis Bouche.
Trichodectes subrostratus N.
23. Sciurus vulgaris.
Pulex Sciurorum Schrank.
Haematopinus sphaerocephalus B.
164 Gurlt:
24. SpermophiUis Eversmanni.
Pediculus laeviusculus Grube. (Haematopinus
laeviusculus Gb.)
25. Myoxiis Nitela.
Pulex fasciatus Bosc.
Haematopinus leueophaeus Gb.
26. Lagotis Cuvieri.
Gyropus spec.
27. Mus agrarius.
Haematopinus affinis B.
28. Mus agrestis.
Haematopinus acanthopus D.
29. Mus harbarus.
Haematopinus spiculifer Gb.
30. Mus decumanus.
Pulex Musculi Boucbe.
Haematopinus spinulosus D.
31. Mus Musculus.
Pulex Musculi Boucbe.
Haematopinus serratus B.
32. Mus Rattus.
Haematopinus spiniger D.
33. Mus sylvaticus.
Haematopinus affinis B.
34. Hypudaeus ampMhius.
Haematopinus spiniger D.
35. Hypudaeus arvalis.
Haematopinus acantbopus D.
„ tumidus Scbill.
36. Meriones ?
Haematopinus clavicornis Gb.
37. Lemmus obensis.
Haematopinus bispidus Gb. (Pediculus bispidus
Grube.)
37b. Castor canadensis.
Platypsyllus castorinus Westwood.
38. Lepus Cuniculus.
Haematopinus ventricosus D.
Neues Verz. d. Thiere, auf welchen Schmarotzer-Inscctcn leben. 165
39. Lepus fimidus.
Haematopinus lyriocephalus D.
39b. Le2Ms cannabinus.
Trichodectes Leporis Ponton.
40. Erethizon dorsatum.
Trichodectes setosus Gb.
41. Cercolabes mexicanus,
Trichodectes mexicanus Rudow.
42. Dasyprocta Aguti.
Gyropus longicollis N.
43. Cavia cobaya.
Gyropus gracilis N.
„ ovalis N.
44. Bradypus tridadylus.
Gyropus hispidus N.
45. Elephas ?
Haematomyzus Elephantis Piaget.
46. Sus Scrofa dorn.
Haematopinus urius Gb. (Haemat. Suis Leach.)
47. Dicotyles torquatus,
Gyropus Dicotylis Macalistes.
48. Hyrax syriacus.
Haematopinus leptocephalus Gb. (Pediculus lepto-
cephalus Ehrenberg.)
Trichodectes diacanthus Ehrb.
49. Equus Asinus.
Haematopinus macrocephalus Gb. (Haemat. Asini
Steph.)
Trichodectes pilosus Gb. (Trichod. Equi Steph.)
50. Equus Cahallus.
Haematopinus macrocephalus Gb. (Haemat. Asini
Steph.)
Trichodectes pilosus Gb. (Trichod. Equi Steph.)
Gastrus Equi Meig. et aliae species (larvae).
51. Camelus ?
Haematopinus Cameli Gb.
52. Äuchenia Lama.
Trichodectes breviceps Rudow.
53. Camelopardalis Giraffa.
Haematopinus brevicornis Gb.
166 Gurlt:
54. Gervus Capreolus.
Melophagus Cervi Meigen.
Trichodectes longicornis N.
55. Gervus Dama,
Melophagus Cervi Meigen.
Trichodectes longicornis N.
56. Gervus Elaphus.
Melophagus Cervi Meigen.
Haematopinus crassicornis B.
Trichodectes longicornis N.
„ similis D.
57. Antilope arahica.
Trichodectes cornutus Gervais. (Trichod. longi-
ceps Eudow.j
58. Antilope Borcas.
Trichodectes cornutus Gerv. (Trichod. longiceps
Kudow.)
59. Antilope Rupicapra.
Haematopinus Rupicaprae Rud.
„ stenopsis B.
60. Gapra aegyptiaca.
Haematopinus saccatus Gb.
61. Gapra angora.
Trichodectes crassiceps Rud.
7, limbatus Gerv.
62. Gapra Guineae,
Trichodectes solidus Rud.
63. Gapra Hircus.
Oestrus Ovis Meig. (larvae).
Haematopinus stenopsis B.
Trichodectes Climax N.
64. Gapra Ihex,
Haematopinus forficulus Rud.
65. Gapra (Hircus) manifricia.
Haematopinus oviformis Rud.
^Q. Gapra manubrica.
Trichodectes manubricus Rud.
67. Ovis Aries.
Oestrus Ovis Meig. (larvae).
Neues Verz. d. Thiere, auf welcheu Schmarotzcr-Iusecten leben. 167
Melophagus ovinns Meig.
Trichodectes sphaerocephalus N.
68. Ovis melanocephala.
Trichodectes sphaerocephalus N.
69. Bos Buhalus.
Haematopinus tiiberculatus Gb.
70. Bos ca/fer.
Haematopinus phthiriopsis Gb.
71. Bos grunniens.
Pediculus punctatus Rud.
72. Bos Taurus.
Oestrus Bovis Meig. (larvae).
Haematopinus eurysternus Steph.
„ tenuirostris Gb. (Haem. vituli Steph.)
Trichodectes scalaris N.
73. PJioca groenlandica.
Haematopinus setosus B.
74. PJioca Jiispida.
Haematopinus annulatus Schill.
75. Fhoca vitulina.
Haematopinus setosus B.
76. Trichecus rosmarus.
Haematopinus Tricheci Bohemann.
B. Vögel.
77. Turdus Chrysdlani.
Nirmus Iliaci D.
78. Turdus iliacus.
Nirmus Iliaci D.
79. Turdus mandarinus.
Nirmus mandarinus Giglioli.
80. Turdus musicus.
Docophorus communis N.
„ Turdi D.
Nirmus marginalis N.
81. Turdus Merula.
Docophorus Merulae D.
Nirmus merulensis D,
168 Gurlt:
82. Turdus pilaris.
Docophorus communis N.
„ Meriüae D.
Nirmus intermedius N.
„ marginalis N.
Physostomum Mystax N.
83. Turdus ruficollis.
Physostomum Mystax N.
84. Turdus torquatus. *
Docophorus Merulae D.
Nirmus catenatus Schill.
„ intermedius N.
,, margmalis N.
Physostomum Mystax N.
85. Turdus viscivorus.
Docophorus communis N.
Nirmus marginalis N.
„ Viscivori D.
Menopon thoracicum Gb.
86. Cinclus aquaticus.
Docophorus laticeps Gb. (Docoph. Cincli D.)
87. Cinclosoma Pallasi.
Docophorus macrodocus N.
88. Pitta tlidlassina.
Nirmus fallax Gb.
89. Lusciola luscinia.
Nirmus lais Gb.
90. Lusciola rubecula.
Docophorus Rubeculae D.
Nirmus tristis Gb.
Physostomum agonum N.
91. Lusciola suecica.
Nirmus spec.
Physostomum simile Gb.
92. Saxicola Oenanthe.
Menopon exile N.
93. Saxicola ruhetra.
Docophorus nirmoides N.
94. Sylvia arundinacea.
Docophorus communis N.
Neues Verz. d. Thiere, auf welchen Schmarotzer-Insecten leben. 169
95. Sylvia curruca.
Docophorus communis N.
95b. Sylvia fitis.
Menopon spec.
96. Sylvia phragmitis.
Docophorus communis N.
jj passerinus D.
96b. Sylvia ütJiys.
Nirmus exiguus N,
Menopon agile N.
97. Troglodytes europaeus.
Menopon Troglodytis D,
Physostomum frenatum N.
98. Äccentor modularis.
Docophorus modularis D.
99. MotaciUa alba.
Docophorus communis N.
„ passerinus D.
Menopon pusillum N. (Menop. Citrinellae D»)
100. MotaciUa sulphurea.
Docophorus communis N.
„ passerinus D.
101. Hinmdo aniericana.
Trinoton stramineum Gb.
102. Hinmdo riparia.
Docophorus excisus N. *
Nirmus tenuis N.
103. Hirundo rustica.
Docophorus excisus N.
„ hirundinis Piaget.
Eureum Malleus N.
Menopon rusticum Gb. ^
104. Hirundo urbica.
Docophorus excisus N.
„ hirundinis Piaget.
Nirmus gracilis N. (Nirm. elongatus D.)
105. Muscicapa grisola.
Docophorus communis N.
106. Muscicapa petangua,
Menopon truncatum Gb.
170 Gurlt:
107. BomhyciUa garrula.
Nirmus brachythorax Gb.
Physostomum Bombycillae D.
107b. JEdolius hilohus.
Docophorus bituberculatus Gb.
107c. Malaconotus icterus.
Docophorus depressus Piaget.
108. Lanüis Collurio.
Docophorus communis N.
„ fuscicollis N.
Menopon camelinum N. (Menop. fusco-cinctum D.)
109. Lantus Excubitor.
Docophorus fuscicollis N.
Menopon camelinum N. (Menop. fusco-cinctum D.)
110. Lanius ruficeps.
Docophorus trigonophorus Gb.
111. Nectarinia lucida.
Docophorus communis N.
112. Certhia familiaris.
Nirmus gulosus N.
113. Arachnothera (Certhia) longirostris.
Docophorus lineatus Gb.
114. Sitta europaea.
Docophorus communis N.
Menopon minutum N.
115. Sitta nepaulensis.
Nirmus marginalis N.
116. Begulus cristatus,
Docophorus Eeguli D.
Physostomum frenatum N.
117. Parus ater.
Docophorus Pari D.
118. Parus caudatus.
Docophorus Pari D.
Nirmus quadrilineatus N.
119. Parus coeruleus.
Docophorus Pari D.
120. Parus major.
Docophorus communis N.
Neues Verz. d. Thicre, auf welchen Schmarotzer-Iusecten leben. 171
Docophorus pallescens D.
Menopon minutnm N. (Menopon sinuatum B.)
121. Farns palustris.
Docophorus pallescens D.
122. Tanagra hrasiliensis,
Nirmus brasiliensis Gb.
123. Pardalotus pimctatus.
Menopon spec.
124. Coccothraustes europams.
Docophorus communis N.
Nirmus Juno Gb.
125. Fringilla chloris.
Docophorus communis N.
126. Fringilla coelebs.
Docophorus communis N.
,j Rubeculae D.
Physostomum irasceus N.
127. Fringilla montifringilla.
Nirmus cyclothorax N.
128. Fringilla carduelis.
Docophorus communis N.
,, anceps Schill.
Menopon carduelis D.
129. Fringilla linaria.
Docophorus communis N.
130. Cord'uelis canadensis.
Colpocephalum flavum Rud.
131. Fasser domesticus.
Docophorus communis N.
„ Fringillae D. Schill.
„ Rubeculae D. Schill.
Nirmus subtilis Gb.
Menopon annulatum Gb.
132. Fasser onontanus.
Docophorus communis N.
Nirmus subtilis Gb.
„ cyclothorax N.
„ ruficeps N.
Menopon spec.
172 • Gurlt:
133. Paroaria cucullata.
Nirmus trithorax N.
134. FyrrJiula vulgaris.
Docophorus communis N.
135. Fyrrhula Serinus.
Physostomum irascens N.
136. Loxia curvirostra.
Nirmus limbatus N.
137. Loxia Tityopsittacus.
Nirmus propinquus Gb.
Menopon spec.
138. Emheriza citrinella.
Docophorus communis N.
„ Citrinellae Schill.
Nirmus delicatus N.
Menopon pusillum N. (Menop. Citrinellae D.)
Physostomum nitidissimum N.
139. Emherisa miliaria.
Docophorus communis N.
„ Citrinellae Schill.
140. Emherisa nivalis.
Docophorus communis N.
„ hamatus Pickard.
„ Rubeculae D.
Nirmus nivalis Gb.
j, thoracicus Pick.
Äl. Emberiza Sclioeniclus.
Physostomum nitidissimum N.
142. Alauäa arborea.
Docophorus communis N.
Menopon spec.
143. Alauda arvensis.
Docophorus communis N.
Menopon minutum N.
144. Alauda cristata.
Docophorus communis N.
145. Cassicus angustifrons.
Docophorus ambiguus Gb.
146. Cassicus cristatus.
Neues Verz. d. Thiere, auf welchen Schmarotzer-Insecten leben. 173
Docophorus ambiguus Gb.
Colpocephalum albonigrum Gb.
147. Cassiciis Yuaracari.
Menopoii pileatum Rud.
147b. Agelaius plioenicurus.
Nirmus ornatissimus Gb.
148. Sturnus capensis.
Docophorus capensis Gb.
149. Sturnus vulgaris.
Docophorus Leontodon N. (Docoph. Pastoris D.)
Nirmus nebulosus Gb.
Menopon cucullare N.
150. Sturnella pyrrJiocephala.
Nirmus oxypygus Gb.
150b. Gr acuta gallinacea.
Nirmus Iliaci D.
151. Gracula (Fastor) rosea.
Docophorus Leontodon N. (Docoph. Pastoris D.)
Nirmus Iliaci D.
152. Gracula tristis.
Nirmus Iliaci D.
153. Eulabes religiosa.
Nirmus Iliaci D
Colpocephalum spec.
154. Lamprotornis aurata.
Nirmus albidus Rud.
Colpocephalum spec.
Menopon spec.
155. Lamprotornis nitens,
Nirmus albidus Rud. '
15G. Corvus alhicollis.
Docophorus leptomelas N.
Nirmus leucocephalus N.
157. Corvus americanus.
Nirmus varius N.
158. Corvus Corax.
Docophorus semisignatus N.
Nirmus argulus N.
Colpocephalum subaequale N.
174 Gurlt:
Menopon anaspilum N.
„ gonophaeum N.
159. Corvus Cornix.
Docophorus acutofrontalis Schill.
„ atratus N.
„ ocellatus N.
Nirmus imicinosus N.
Colpocephalum deperditum Gb.
Menopon gonopliaeuni N.
„ mesoleucum N.
160. Corvus Corone.
Docophorus atratus N.
5, ocellatus N.
Nirmus uncinosus N.
„ varius N.
Menopon mesoleucum N.
161. Corvus Enca.
Docophorus crassiceps.
162. Corvus frugüegus.
Docophorus atratus N.
Nirmus argulus N.
„ varius N.
Colpocephalum subaequale N.
Menopon isostomum N.
„ mesoleucum N.
163. Corvus Monedula.
Docophorus guttatus N.
Nirmus varius N.
Menopon anathorax N.
163b. Corvus scapulafus.
Nirmus bipunctatus Kud.
Colpocephalum semicinctum Rud.
164. Nucifraga Caryocatactes.
Docophorus crassipes N.
Nirmus olivaceus N.
Menopon brunneum N.
165. Fregüus graculus.
Docophorus communis N.
Colpocephalum Fregili D.
Neues Verz. d. Thiere, auf welchen Schmarotzer-Insecten leben. 175
166. Fica caudata.
Docophorus snbcrassipes N. (Docoph. Picae D.)
Menopon eurysternum N.
167. Fica Nuttalli
Menopon eurysternum N, (Colpoc. eurysternum D.)
168. Garrulus glanäarius.
Docophorus fulvus N.
Nirmus affinis N. (Nirmus Glandarii D.)
Menopon indivisum N.
169. Cyanocorax coeruleus.
Nirmus spec.
Menopon spec.
170. Cyanocorax cristatiis.
Docophorus fuscatus N.
171. Psüorrhimis Morio.
Docophorus spec.
172. Ptilorrhynchus holosericeus.
Docophorus grandiceps Gb.
„ Ptylorrhynchi Ponton.
Nirmus spec.
„ Nitschi Ponton.
173. Sericulus regens.
Nirmus hecticus N.
174. Orioliis Gdlhida.
Docophorus ornatus N.
Nirmus mundus N.
Physostomum sulphureum N.
175. Paradisea apoda.
Nirmus satelles N.
Lipeurus leucopygus N.
176. Paradisea regia.
Nirmus satelles N.
177. Menura superha.
Nirmus submarginellus N.
178. Caprimidgus europaeiis.
Docophorus macropus Gb.
Nirmus hypoleucus N.
Eureum cimicoides N.
Menopon spec.
176 Gurlt:
179. Gypselus apus.
Anapera pallida Meig.
Stenapteiyx Hirundinis Leach.
Docopborus excisus N.
Menopon piüicare N. (Nitzschia Burmeisteri D.)
180. Trochüus ater.
Nirmus spec.
Physostomum spec.
181. Epimachus regius.
Nirmus satelles N.
182. Biglossa harüula.
Physostomum praetextum N.
183. Oxyrrhynchus cristatus.
Docopborus communis N.
184. Upupa Epops.
Docopliorus Upupae D.
Nirmus melanophrys N.
Menopon fertile N.
185. Merops aegyptius.
Nirmus Apiastri D.
186. Merops Äpiaster.
Docopliorus bifrons N. (Docopb. Meropis D.)
Nirmus Apiastri D.
187. Alcedo ispida.
Docopborus Alcedinis D.
Nirmus cepbaloxys N.
188. Dacelo coromanäeliana.
Docopborus mystacinus N.
189. Dacelo gigantea.
Docopborus Delpbax N.
Nirmus bracteatus N.
190. Coracias garrula.
Nirmus subcuspidatus N.
Menopon Virgo Gb.
191. Buceros abyssinicus.
Lipeurus docopborus Gb.
Colpocepbalum productum N.
192. Buceros Fistulator.
Lipeurus docopborus Gb.
Neues Verz. d. Thiere, auf welchen Schmarotzer-Insecten leben. 177
193. Buceros limhatus.
Lipeurus spec.
Colpocephalum ailurum N.
194. Buceros ruficollis.
Colpocephalum hirtum Rud.
„ productum N.
195. Buceros Ehinoceros.
Nirmus cephalotes N.
Menopon forcipatum N.
195b. Buceros leucopygus,
Nirmus taurus Gbl.
Docophorus pacliycnemis Gbl.
196. Prionites hahamensis.
Docophorus Prionitis Jardine.
197. Prionites Mamota.
Nirmus marginellus N.
197b. Prionites mexicanus,
Docophorus Dennyi Ponton.
198. Musophaga persa.
Lipeurus spec.
199. Musophaga variegata.
Lipeurus spec.
200. Musophaga violacea.
Colpocephalum subrotundum Gb.
201. Corythaix porphyrocephala,
Lipeurus spec.
202. Phoenicophaeus erythro gnathus.
Nirmus clavaeformis D.
203. Cuculus canorus,
Docophorus latifrons N.
Nirmus fenestratus N. (N. latirostrisB. N. CuculiD.)
Menopon phanerostigma.
204. Cuculus cyaneus.
Nirmus fenestratus N.
204b. Cuculus flahelliformis.
Docophorus laticlypeatus Piaget.
205. Centropus MenehecJci.
Lipeurus falcicornis Gb.
206. Centropus Goliath.
Lipeurus spec.
207. Centropus Philippinarum.
Nirmus subcuspidatus N.
Archiv f. Naturg. XXXXIV. Jahrg. 1. Bd. 12
178 Gurlt:
208. Scythrops novae HoUandiae.
Docophorus obcordatus Piaget.
Nirmus cliehirus N.
Menopon platygaster Gb.
209. Neomorphus cultridens.
Colpocephalum commune Rud.
210. Diplopterus naevius.
Nirmus sculptus Kolenati.
211. Rhamphastos chlororrhynchus.
Docophorus spec.
Nirmus Tocaiii Coinde.
212. Yunx torquilla.
Docophorus latiirons N.
„ serrilimbus N.
213. Picus canus.
Docophorus scalaris N.
Nirmus candidus N.
214. Picus flavinuchus.
Docophorus macrotrichus Kolenati.
215. Picus major.
Docophorus superciliosus N.
Nirmus stramineus D.
216. Picus Martius.
Nirmus heleroscelis N.
Colpocephalum inaequale N.
217. Picus medius.
Dococephorus scalaris N.
Nirmus superciliosus N.
„ stramineus D. (Schill.)
218. Picus minor.
Physostomum Mystax N.
219. Picus rohustus.
Nirmus stramineus D.
Colpocephalum inaequale N.
Menopon Pici D.
220. Picus vividis.
Docophorus scalaris N.
Nirmus candidus N.
„ stramineus D.
Menopon Pici D.
Neues Verz. d. Thiere, auf welchen Schmarotzer-Insecten leben. 179
221. Picoides ar oticus.
Lipeurus spec.
Menopon picicola Packard.
221b. Picoides dorsalis.
Menopon picicola Packard.
222. Psittacus albifrons.
Nirmus Eos Rud.
Colpocephalum heterocephalum N.
*222b. Psittacus (Cacatua) Eos.
Nirmus Eos Rud.
223. Psittacus erithaciis.
Docophorus gilvus N.
Lipeurus strepsiceros Gb.
Colpoceplialum heteroceplialum N.
224. Psittacus frenatus.
Lipeurus strepsiceros Gb.
Colpocephalum turbinatum D.
225. Psittacus Linnaei.
Nirmus spec.
226. Psittacus Lori.
Nirmus Glandarii D.
„ stramineus D.
227. Psittacus Macacuanna.
Lipeurus strepsiceros Gb.
228. Psittacus roseocapillus.
Nirmus Eos Rud.
229. Psittacus sulpliureus.
Lipeurus capreolus Gervaisr
„ spec.
Menopon spec.
230. Psittacus tindulatus.
Colpocephalum heterocephalum N.
Menopon spec.
230b. Psittacus (Platycercus) Baueri, scaptdatus, Pennantii ct.
Docopborus forjticula Piaget.
230c. Psittacus (Eclectus) sinensis puniceus.
Docophorus protrasus Piaget.
231. Macrocercus spec.
Docophorus Aracarac Coinde.
180 Gurlt:
232. Sarcorhamphus grypJius,
Lipeurus aetheronomus N.
„ assessor Gb.
Menopon Giyphus Gb.
233. Sarcorhamphus Papa.
Docophorus brevifrons N.
Lipeurus ternatus N.
Laemobothrium glutinans N.
Colpocepbalum megalops Gb.
Menopon fasciatum Rud.
„ breviceps Gb.
234. Gathartes Aura.
Docopliorus brevifrons N.
Lipeurus spec.
Laemobothrium laticoUe N.
„ spec.
Menopo^ spec.
235. Gathartes foetens.
Colpocephalum bicinctum N.
236. Neophron Monachus.
Lepeurus monilis N.
Laemobothrium validum N.
Colpocephalum oxyurum N.
237. Neophron percnopterus.
Lipeurus frater Gb.
Laemobothrium pallidum N.
„ spec.
Menopon albidum Gb.
238. Vultur cinereus.
Docophorus brevicollis N.
Lipeurus quadripustulatus N.
Laemobothrium spec.
239. Vultur fuhus.
Docophorus trigonoceps Gb.
Lipeurus perspicillatus N.
Laemobothrium giganteum N.
240. Vultur indicus.
Colpocephalum caudatum Gb.
Neues Verz. d. Thiere, auf welchen Schmarotzor-Iuse.cieu loben. 181
241. Vulhir Kolhii.
Lipeurus spec.
242. VuUur Rüppellii.
Nirmiis fiiccus N.
Lipeurus quadripustulatus N.
Colpocephalum flavescens N.
„ Haliaeti D.
Laemobothrium laticoUe N.
243. Gypaetus harhatus.
Nirmus cuzonius N.
Lipeurus quadripunctatus N.
244. Aquüa chrysaetos.
Docophorus pictus Gb.
„ aquilinus D.
„ orbicuJaris Rud.
„ longisetaceus Gb.
Nirmus fulvus Gb.
„ discocephalus N.
Lipeurus variopictus Gb. (Lip. suturalis Rud.)
Laemobothrium giganteum N.
Colpocephalum Impressum Rud.
245. Aquüa naevia.
Docophorus aquilinus D. (Schill.)
„ lobatus Gb.
Nirmus fuscus N. (Schill.)
Lipeurus quadripustulatus N.
Lipeurus sexmaculatus Schill.
Colpocephalum flavescens N.
246. Aquüa leucocephala,
Lipeurus sulcifrons D. •
247. Hdliaetos Alhicüla.
Docophorus aquilinus D. ^
„ macrocephalus N.
Nirmus discocephalus N.
Lipeurus variopictus Gb.
„ sulcih'ons D.
Laemobothrium giganteum N.
Colpocephalum flavescens N.
248. Haliaetos indus.
Docophorus pachypus Gb.
182 Gurlt:
249. Haliaetos Macei.
Colpocephalum ailurum N.
250. Circoetus gaUicus.
Docophorus triangiüaris Rud.
Nirmus leucopleurus N.
251. Tandion haliaetos.
Goniodes spec.
Colpocephalum pachygaster Gb.
252. Harpyia destructor.
Colpoceplialum flavescens N.
253. Gypogeranus serpentarius.
Lipeurus secretarius Gb.
Colpocephalum cucullare Gb.
254. Folyborus Clieriivay.
Docophorus spec.
Nirmus lunatus (?) Schill.
255. Polyhorus thanis.
Lipeurus Polybori Eud.
Colpocephalum Polybori Rud.
256. Ihycter sociabilis.
Lipeurus quadriguttatus Gb.
257. Milvus ictinus.
Nirmus fuscus N.
„ regalis Gb.
Colpocephalum flavescens N.
Menopon spec.
258. Milvus ater,
Docophorus spathulatus Gb.
Nirmus stenorhynchus Gb.
„ vittatus Gb.
„ lunatus Schill.
Colpocephalum tricinctum N.
259. Eosthramus hamatus.
Docophorus obscurus Gb.
260. Pernis apivorus.
Docophorus melittoscopus N.
j, aquilinus N.
Nirmus phlyctopygus N.
Colpocephalum flavescens N.
Neues Vcrz. d. Thiere, auf welchen Schmarotzer-Insecteu leben. 183
261. Basa lopJiotes.
Lipeurus antennatus Gb.
262. JBiiteo Cdlurus.
Colpoceplialum napiforme Rud.
263. Buteo GieshrecMi.
Docophorus caiididus Rud.
Goniocotes irregularis Rud.
264. Buteo Jaktal.
Docophorus leucogaster Gb. -
Nirmus flavidus Gb.
265. Buteo lagopus.
Docophorus eury gaster Gb.
Nirmus angustus Gb.
Colpocephalum bicinctum N.
266. Buteo lineatus.
Docophorus ßuteonis Packard.
266b. Buteo Swainsoni,
Nirmus buteonivorus Packard.
267. Buteo vulgaris.
Docophorus platystomus N.
Nirmus fuscus N.
Laemobothrium giganteum N.
268. Ästurina melanoleuca.
Nirmus Aguiae Gb.
269. Ästur Nisus.
Docophorus gonorrhynchus N. (Docoph. Nisi D.)
Nirmus Nisus Gb.
„ subfuscus Schill.
Colpocephalum spec.
270. Astur palimibarius.
Docophorus platyrrhynchus N.
Nirmus vagans Gb.
Colpocephalum flavescens N.
271. Nisus hracliypterus.
Docophorus femoralis Gb.
272. Circus aeruginosus (rufus).
Docophorus chelorrhynchus Gb.
Niraius fuscus N.
184 Gurlt: •
Nirmus socialis Gb.
Laemobothrium giganteum N.
Colpocephahim bicinctum N.
273. CircMs cineraceus (C. pygargus).
Nirmus socialis Gb.
Laemobothrium giganteum N.
274. Fälco Äesalon.
Nirmus rufus N.
„ Nitzschii Gb.
275. Falco Baclm.
Docopborus spec.
Goniodes spec.
Lepeurus spec.
Colpocephalum ailurum N.
276. Fdlco hracliydactylus.
Nirmus leucopleurus N.
277. Falco cyaneus.
Colpocephalum dubium Schill.
278. Falco coenäescens (Äccipiter fringillarius).
Nirmus rufus N.
279. Falco degener.
Colpocephalum flavescens N.
280. Falco leucostonis.
Nirmus spec.
Meuopon spec.
281. Falco islandicus.
Nirmus fasciatus Rud.
282. Falco peregrinus.
Nirmus Nitzschii Gb.
Colpocephalum flavescens N.
283. Falco sparverkis.
Colpocephalum Haliaeti D.
284. Falco suhhuteo.
Nirmus Nitzschii Gb.
Laemobothrium laticolle N.
285. Falco Tinnunculus.
Nirmus ruhis N. (N. platyrrhynchus Lionet.)
„ Kunzei Gb.
Laemobothrium hasticeps N.
Neues Verz. d. Thiere, auf welüheu Sclimarotzer-Insecten leben. 185
286. Falco rußpes.
Nirmiis Burmeisteri Gb.
„ quaclraticollis Rud.
Menopon lucidum Rud.
287. Falco uncinatus.
Docophorus aquilinus D.
Colpocephalum flavescens N.
288. Strix africana.
Docophorus ceblebrachys N.
Nirmus fuscus N.
289. Strix Äluco.
Laemobothrium nocturnum Gb.
290. Strix JBrachyotus.
Docophorus Cursor N.
291. Strix JBuho.
Docophorus Cursor N.
„ heteroceros N.
Menopon longipes Gb.
292. Strix flammea.
Docophorus rostratus N.
292b. Strix nehulosa.
Docophorus Syrnii Packard.
293. Strix nisoria,
Docophorus crenulatus Gb.
294. Strix nyctea.
Docophorus ceblebrachys N.
Lipeurus hexophthalmus N.
295. Strix Otus.
Docophorus Cursor N.
„ platystomus N. (Schill.)
296. Strix passerina.
Docophorus cursitans K.
297. Strix pygmaea.
Docophorus splendens Gb.
298. Strix super ciliaris.
Docophorus Virgo Gb.
299. Strix uralensis.
Docophorus heteroceros N. (Grube).
300. Strix Tengmdlmi.
186 Gurlt:
Docophorus pallidus Gb.
Menopon cryptostigmaticum N.
301. Strix virgmiana.
Nirmiis oculatus Rud.
302. Crax carunculata.
Lipeurus quadrinus N.
303. Crax ruhrirostris.
Menopon macropus Gb.
304. Crax Yarelli.
Lipeurus concolor Rud.
305. Penelope marail.
Goniodes bicolor Rud.
306. Penelope nigra.
Goniodes diversus Rud.
307. Penelope ParracJces.
Nirmus anclioratus N.
308. Opisthocomus cristatus.
Goniocotes curtus N.
Nirmus spec.
309. Columba domestica.
Pulex Columbae Boucbe.
Nirmus clavaeformis D.
Goniocotes compar N.
Lipeurus Baculus N.
Colpocephalum longicaudum N.
310. Columba livia.
Goniocotes compar N.
Lipeurus Bacillus N.
Colpocephalum turbinatum D.
311. Columba luctuosa.
Goniocotes compar N.
Lipeurus spec.
312. Columba Oenas.
Nirmus clavaeformis D.
Goniocotes compar N.
Lipeurus Baculus N.
Menopon giganteum D.
313. Columba Palumbus.
Nirmus clavaeformis D.
Neues Verz. d. Thiere, auf welchen Schmarotzer-Insecten leben. 187
Goniodes damicornis N.
Lipeurus Baculus N.
314. Coluniba risoria.
Lipeurus Baculus N.
315. Columha tigrina.
Colpocephalum longicaudum N.
316. Columha Turfur.
Goniocotes compar N.
Lipeurus Bacillus N.
317. CarpopJiaga aenea,
Menopon spec.
318. CarpopJiaga perspicillata.
Goniocotes Carpophagae Rud.
Lipeurus longiceps Eud.
319. CarpopJiaga samoensis.
Colpocephalum unicolor Rud.
Menopon quinqueguttatum Rud.
320. PJiaps cJialcoptera.
Goniocotes flavus Gb. (Goniod. flav. Rud.)
Lipeurus angustus Rud.
Colpocephalum albidum Gb.
321. Pterocles dlcJiata.
Nirmus alchatae Rud.
322. Pterocles LicJitensteini.
Nirmus spec.
323. Lagopus albus (L. salicett).
Nirmus cameratus N.
Goniodes heteroceros N. (Goniodes TetraonisD.)
Lipeurus Tetraonis Grube.
324. Lagopus alpinus.
Nirmus cameratus N.
Menopon Lagopi Grubß.
325. Lagopus scoticus.
Nirmus cameratus N.
Goniodes heteroceros N. (G. Tetraonis D.)
326. Tetrao Cupido.
Goniodes Cupido Gb.
327. Tetrao medius.
Goniodes bituberculatus Rud.
188 Gurlt:
328. Tetrao Tetrix.
Nirmus cameratus N.
Goniodes heteroceros N.
329. Tetrao ürogallus.
Nirmus quadrulatns N.
„ pallido-vittatus Grube.
Goniodes chelicornis N.
„ heteroceros N.
Lipeurus Tetraonis Grube.
„ ochraceus N.
329b. Tetrao BicJiardsoni.
Goniodes Merriamanus Packard.
330. Perdix afra.
Goniocotes gregarius N.
Goniodes isogenys N.
331. Perdix Chart onis,
Goniodes dispar N.
332. Perdix cinerea.
Nirmus spec.
. Goniocotes microtborax B.
Goniodes dispar N.
Lipeurus heterogrammicus N.
Menopon pallescens N. (Menopon Perdicis D.)
333. Perdix Coturnix.
Nirmus argentatus Schill.
Goniocotes asterocephalus N.
Goniodes paradoxus N.
Lipeurus cinereus N.
Menopon fuscomaculatum D.
334. Perdix petrosa.
Goniocotes pusillus N.
Goniodes securiger N.
335. Perdix rubra.
Goniocotes obscurus Gb.
Goniodes flaviceps N.
„ truncatus Gb.
Lipeurus obscurus Gb.
336. Crypturus cinereus.
Goniocotes clypeiceps Gb.
Neues Verz. d. Thlere, auf welchen Schmarotzer-Insecten leben. 189
337. Crypturus coronatus.
Goniocotes coronatus Gb.
338. Crypturus hannaquira.
Nirmus ansatus Riid.
„ Tinami Rud.
Goniodes dilatatns Gb.
Trinoton bigiittatum Rud.
339. Crypturus macrurus.
Goniocotes alienus Gb.
Goniodes aliceps N.
340. Crypturus rufescens.
Nirmus crassiceps Rud.
Goniodes lipogonus N.
341. Crypturus Tao.
Goniocotes agonus N.
„ longipes Gb.
Goniodes oniscus N.
Menopon brachygaster Gb.
342. Tinamus variegatus.
Goniocotes spec.
Goniodes paradoxus N.
343. Hemipodius pugnax. ^
Nirmus angusticeps Gb.
Lipeurus angustissimus N.
344. Ortyx virginiana.
Goniodes Ortygis D.
345. Numida meleagris.
Nirmus Numidae D.
Goniocotes spec.
Goniodes numidianus D.
Menopon Numidae Gb.
346. Meleagris gallopavo.
Goniodes stylifer N.
Lipeurus polytrapezius N.
Menopon stramineum N.
347. Lophopliorus impeyanus.
Nirmus caementitius N.
Goniocotes haplogonus N.
Menopon spec.
190 Gurlt:
348. Favo cristatus.
Goniocotes rectangulatus N.
Goniodes falcicornis N.
Menopon phaeostomum N.
349. Favo japonicus.
Goniocotes rectangulatus N.
„ spec.
Goniodes falcicornis N.
Lipeurus variabilis N.
Menopon pallescens N. (M. Perdicis D.)
350. Argus giganteus.
Goniodes curvicornis N.
Lipeurus ortliopleurus N.
Colpoceplialum appendiculatum N.
Menopon ventrale N.
351. Polyplectron tihetanum.
Menopon spinulosum Gb.
352. Phasianus colcJdcus.
Goniocotes chrysocephalus Gb.
Goniodes colcliicus Gb. (G. Colcliici D.)
Menopon fusco-maculatum D.
353. Phasianus Biardii.
Nirmus spec.
Goniocotes spec.
Lipeurus variabilis N.
Menopon pallescens N. (M. Perdicis D.)
354. Phasianus furcatus.
Colpoceplialum longicorne Rud.
355. Phasianus ignitus.
Goniodes longus Rud.
„ colcbicus Gb. (G. Colchici D.)
Lipeurus mesopelius N.
Menopon fulvo-maculatum D.
356. Phasianus lineatus.
Nirmus sellatus Rud.
Goniocotes dentatus Rud.
Lipeurus robustus Rud.
357. Phasianus nyothemerus.
Goniocotes albidus Gb.
Goniodes cervinicornis Gb.
Neues Verz. d. Thiere, auf welchen Schmarotzer-Insecten leben. 191
358. Phasianus picttis.
Nirmus crinitus Rud.
Lipeuriis mesopelios N.
359. Tragopon Satyrus.
Goniocotes diplogonus N.
360. Oreophasis derhyamis.
\ Goniodes eximius Rud.
361. Tdlegallus LatJiami.
Goniocotes fissus Rud.
Lipeurus crassus Rud.
362. Gallns JBanMwa.
Docopliorus spec.
363. GaTliis domesticus.
Pulex Gallinae Schrank.
Goniocotes liologaster N.
Goniodes dissimilis N.
Lipeurus heterograplius N.
„ variabilis N.
Menopon pallidum N.
364. StrutJiio Camehts.
Lipeurus Strutliionis Gervais.
Laemobothrium Lichtensteini Gb.
365. Dromaeiis novae Hollandiae.
Nirmus asymmetricus N.
„ stictochrous N.
„ brunneus N.
366. Oüs Nula.
Lipeurus turmalis Gb. (Nirmus turmalis N.)
367. Oüs tarda.
Nirmus unicolor N.
Lipeurus turmalis Gb. (Nirm. türm. N.)
368. Oüs tetrax.
Lipeurus antilogus N.
369. Falamedea chavaria.
Lipeurus simillimus Gb.
Menopon triste Gb.
370. Falamedea cornufa,
Lipeurus macrocnemis N.
371. Psophia crepitans.
192 Gurlt:
Lipeurus foedus N.
Laemobothrium gracile Gb.
372. DicholopJms cristatus.
Colpocepbalum breve Gb.
373. Grus halearica.
Colpocepbalum Semiluctus Gervais.
374. Grus cinerea.
Docophorus integer N.
Lipeurus hebraeus N.
Colpoceplialum macilentum N.
Menopon longum Gb.
375. Grus Leucogeranus.
Docopborus Furca Gb.
376. Grus novae HoTlandiae.
Docophorus novae Hollandiae Gb.
377. Grus pavonina.
Nirmus nigricans Kud.
Lipeurus maximus Rud.
Colpocepbalum tuberculatum Rud.
378. Grus Virgo.
Colpocepbalum macilentum N.
379. Mycteria crumenifera.
Lipeurus fissomaculatus Gb.
Colpocepbalum longissimum Rud.
380. Scopus Umhretta.
Nirmus umbricus N.
38 L Ardea coerulea.
Nirmus nigricans Rud.
Colpocepbalum Nyctarde D.
382. Ardea cinerea.
Lipeurus leucopygus N.
Colpocepbalum importuuum N.
383. Ardea egretta.
Colpocepbalum obscurum N.
384. Ardea leuce.
Lipeurus leucopygus N.
„ spec.
Colpocepbalum Nyctarde D.
385. Ardea Nycticorax.
Neues Verz. d. Thiere, auf welchen Schmarotzer-Insecten leben. 193
Lipeiirus leucopygus N.
Colpocepbalum importunum N.
„ trochioxumN. (Colp. Nyctarde D.)
386. Ardea purpurea.
Lipeurus leucoproctus N.
Colpocephalum Zebra N.
387. Ardea stellaris.
Docophorus ovatus Gb.
Nirmus tessellatus D.
Lipeurus stellaris D.
Laemobotbrium gilvum B.
388. Ardea ralloides.
Colpocepbalum zonatum Rud.
389. Dromas Ardeola.
Docopborus spec.
Nirmus stictocbrous N.
„ brunneus N.
390. Anastomus coromandelianus.
Docopborus completus N.
Lipeurus lepidus N.
Colpocepbalum occipitale N.
391. Anastomus lanielligerus.
Docopborus completus N. ^
Docopborus platyclypeatus Piaget.
Lipeurus lepidus N.
Colpocepbalum occipitale N.
392. Ciconia alba.
Docopborus incompletus N.
Lipeurus versicolor N.
Colpocepbalum quadripustulatura N.
„ Zebra N.
393. Ciconia Argula.
Docopborus breviloratus N.
394. Ciconia Maguari.
Docopborus subincompletus N.
395. Ciconia nigra.
Docopborus tricolor N.
Lipeurus maculatus N.
Archiv f. Natura. XXXXIV. Jahrg. 1. Bd. 13
194 Gurlt:
396. Oiconia Äbdimii.
Colpocephalum occipitale N.
396b. Ciconia (Myiotheria) aiistralis.
Docophorus horridus Gb.
397. Tantdlus Ibis.
Menopon spec.
398. Tantdlus loculator.
Docophorus heteropygus N.
Lipeurus loculator Gb.
Colpocephalum scalariforme Rud.
Menopon maculipes Gb.
399. Ibis aethiopica.
Docophorus emarginatus Piag-et.
Lipeurus spec.
Colpocephalum fusconigrum Gb.
400. Ibis alba.
Colpocephalum fusconigrum Gb.
401. Ibis Falcinellus.
Docophorus bisignatus N.
Lipeurus rhaphidius N.
402. Ibis Hagedosch.
Lipeurus spec.
Colpocephalum fusconigrum Gb.
403. Ibis Macei.
Docophorus clausus Gb.
404. Ibis rubra,
Docophorus fuscatus Gb.
„ hians Gb.
Lipeurus spec.
404b. Ibis Sacra.
Docophorus Foudrasi Coind.
Nirmus sacer Gb.
Colpocephalum leptopygos N.
405. Platalea aglaja.
Colpocephalum spec.
406. Platalea lemorhodia.
Docophorus sphenophorus N. (Doc. Platalea D.)
Lipeurus Platalearum Gb.
407. Phoenicopterus antiquorum.
Docophorus pj^gaspis N.
Lipeurus subsignatus Gb,
Neues Yerz. d. Thiere, auf welchen Schmarotzer-Insecten leben. 195
408. Glareola austriaca.
Nirmus ellipticus N.
409. Glareola orientalis.
Nirmus ellipticus N.
410. Cursorius (Tachydromus) isahellinus.
Nirmus lotus N.
Lipeurus lineatus N.
Menopon Cursorius Gb.
411. Oedicnemus crepitans.
Nirmus annulatus N.
„ Oedicnemi D.
412. Oedicnemus mexicanus.
Docophorus spec.
Lipeurus spec.
413. Charadrius alexandrinns.
Nirmus alexandrinus Gb.
414. Charadrius cantianus.
Nirmus obscurus N.
415. Charadrius cayennensis.
Nirmus obscurus N.
Colpocepbalum ochraceum N.
416. Charadrius curonicus.
Menopon lutescens N.
417. Charadrius Hiaficida.
Docophorus semivittatus Gb. (Doc. platygasterD.)
Nirmus bicuspis N. (N. fissus B.)
„ Hiaticulae D.
Colpocepbalum ochraceum N.
418. Charadrius longipes.
Colpocepbalum ochraceum N.
419. Charadrius minor.
Nirmus bicuspis N. (N. fissus B.)
420. Charadrius Morinellus.
Docophorus semivittatus Gb. (Doc. platygaster D.)
Nirmus punctulatus Gb.
Colpocepbalum obscurum N.
421. Charadrius pluvialis.
Docophorus Choradrii pluvialis Schill,
conicus D.
196 Gurlt:
422. Vanellus cristatus.
Docophorus temporalis Gb.
Vanelli Schill.
Nirmus junceus D.
Colpocephalum ochraceum N.
Menopon lutescens N.
423. Vanellus griseus.
Mrmus Vanelli D.
424. Vanellus variiis.
Docophorus Naumanni Gb.
Nirmus hospes N.
Colpocephalum flavipes Gb.
424a. Lobivanellus alhiceps.
Menopon albipes Gb.
425. Strepsüas interpres.
Nirmus furvus N.
„ holophaeus N.
„ subcingulatus N. (Nirm. Strepsilaris D.)
„ Vanelli D.
Menopon Strepsilae D.
426. Haematopus ostralegus.
Docophorus acanthus Gb. (Docoph. Ostralegi D.)
Nirmus ochropygus N. (Nirm. Haematopi Steph.)
Lipeurus brevicornis D.
Colpocephalum ochraceum N.
Menopon lutescens N.
427. Himantopus rufipes.
Nirmus semifissus N.
„ hemichrous N.
Colpocephalum ochraceum N.
428. Eecurvirostra americana.
Docophorus spec.
429. Eecurvirostra Ävocetta,
Nirmus decipiens N.
„ pileus N.
Lipeurus subsignatus Gb.
Colpocephalum ochraceum N.
Menopon micrandum N.
430. Limosa melanura.
Docophorus Limosae D.
Neues Vcrz. d. Thiere, auf welchen Schmarotzer-lusecten loben. 197
Nirmus cingulatus N. (Nirm. fusco-fasciatus Grube.)
„ obscuras N.
431. Limosa Meyeri.
Docophorus Meyeri Gb.
Nirmus obscurus N.
432. Limosa rufa.
Docophorus Limosae D.
Nirmus cingulatus N. (N. fuvofasciatus Grube.)
,j obscurus N.
„ Phaeopodis Gb. (N. Phaeopi D.)
Colpocephalum ochraceum N.
Menopon Meyeri Gb.
433. Totanus Calidris.
Docophorus mollis N.
Nirmus atteuuatus N.
Menopon nigropleurum D.
434. Totanus güvipes.
Nirmus Naumanni Gb.
435. Totamis Glareola.
Docophorus cordiceps Gb.
Nirmus obscurus N.
436. Totanus glottis.
Nirmus furvus N.
„ similis Gb.
437. Totanus hypoleucus.
Docophorus frater Gb.
Nirmus obscurus N.
Colpocephalum ochraceum N.
438. Totanus maculatus.
Docophorus cordiceps Gb.
Nirmus furvus N.
Colpocephalum affine N.
Menopon lutescens N.
439. Totanus ochropus.
Nirmus Ochropi D.
„ obscurus N.
440. Totanus semipalmatus.
Nirmus Vanelli D.
444. Scolopax capensis.
Nirmus truncatus N. (Nirm. Scolopacis D.)
198 Gui'lt:
445. Scolopax Gallinago.
Nirmus trimcatus N. (Nirm. Scolopacis D.)
„ tristis Gb.
Lipeurus spec.
446. Scolopax Gallinula.
Nirmus truncatus N.
447. Scolopax major.
Docophorus auratus N.
448. Scolopax rusticola.
Docophorus auratus N.
Lipeurus helvolus N.
Menopon icterum N.
449. MacrorrhampJms griseus.
Colpocephalum ochraceuni N.
450. Machetes pugnax.
Docophorus frater Gb.
Nirmus cingulatus N. (Nirmus fulvo-l'asciatus
Grube).
Nirmus holophaeus N.
Colpocephalum cornutum N.
Menopon lutescens N.
„ nigropleurum 'D.
451. Tringa Canutus (cinerea).
Docophorus Canuti D.
Nirmus cingulatus N. (Nirmus fulvo-fasciatus
Grube.)
Nirmus holophaeus N.
„ Vanelli D.
452. Tringa islanäica.
Docophorus congener Gb. (Docoph. Lari D.)
453. Tringa minuta.
Docophorus fusiformis D.
Nirmus obscurus N.
„ zonarius N.
Colpocephalum trilobatum Gb.
454. Tringa subarquata.
Nirmus cingulatus N. (Nirm. fulvo-fasciatus Grube.)
„ obscurus N.
„ Phaeopodis Gb. (Nirm. Phaeopi D.)
Colpocephalum umbrinum N.
Neues Verz. d. Thiere, auf weloheu Schmarotzer-Insecten leben. 199
455. Tringa variabüis (alpina).
Docophorus alpinus Gb.
„ variabüis D.
Nirmus obscurus N.
„ zonarius N.
Colpocephalum ochraceum N.
Menopon icterum N.
456. Calidris arenaria.
Nirmus obscurus N.
„ zonarius N.
457. Phalaroptis fimhriatus.
Nirmus fimbriatus Gb.
458. Phalaropus hyperhoreus.
Nirmus paradoxus Gb. (Nirmus Phalaropi D.)
459. Phalaropus lobatus.
Nirmus paradoxus Gb. (Nirmus Phalaropi D.)
460. Phalaropus rufescens.
Nirmus ciugulatus N. (Nirmus tulvo-fasciatus
Grube.)
461. Numenius Arquata.
Docophorus humeralis D.
„ testudinarius D.
Nirmus holophaeus N.
„ zonarius N.
„ pseudonirmus N.
„ Numenii D.
„ obscurus N.
Menopon nigropleurum D.
„ crocatum N.
462. Numenius linearis.
Colpocephalum Numenii Rud.
Menopon Numenii Rud.
463. Numenius phaeopus.
Nirmus Phaeopodis Gb. (Nirm. Phaeopi D.)
Colpocephalum ocellatum Rud.
Menopon ambiguum N.
464. liallus aquaticus.
Docophorus Ralli D.
Nirmus cuspidatus D.
20f ) ^ (i II r It :
Nirmus rallinus D.
Menopon tridens N. (Menopon scopulacorne D.)
465. Cr ex pratensis.
Nirmus attenuatiis N.
46.6. G-aUinula Chloropus.
Nirmus cuspidatus D.
;, minutus N.
Lipeurus luridus N.
Colpocephalum spec.
Menopon tridens N, (Menopon scopulacorne D.)
467. Gallinula orientdlis.
Goniodes cornutus Rud.
468. Ortygometra porsana.
Nirmus Mystax Gb.
Menopon tridens N. (Menopon scopulacorne D.)
469. Äramus scolopaceus.
Nirmus funebris N.
470. Forphyrio poliocephalus.
Nirmus lugens Gb.
471. Fulica americana.
Colpocephalum Fregili D.
472. Fulica atra.
Docophorus pertusus N.
Nirmus Fulicae D.
„ minutus N.
„ Numenii D.
Lipeurus luridus N.
Laemobothrium atrum N.
Colpocephalum Fregili D.
Menopon tridens N.
473. Fulica mitrata.
Docophorus pertusus N.
474. Podiceps auritus.
Nirmus fuscomarginatus D.
Lipeurus runcinatus N. (Nirmus Podicipis D.)
Menopon tridens N.
475. Podiceps cristatus.
Lipeurus runcinatus N. (Nirmus Podicipis D.)
Colpocephalum Dolium Rud.
Neues Verz. d. Thiere, auf welchen Schmarotzer-Insecien leben. 201
476. Fodiceps minor.
Lipeurus runcinatus N.
Trinoton spec.
Menopon tridens N.
477. Fodiceps rubricollis.
Lipeurus runcinatus N.
Laemobothrium atrum N.
478. Colymhus arcticus.
Docopborus colymbinus D.
Nirmus frontatus N.
479. Colymhus bicornis.
Docopborus colymbinus D.
480. Colymhus glacialis.
Docopborus colymbinus D.
481. Colymhus septentrionalis.
Docopborus colymbinus D.
Nirmus frontatus N.
482. Älea Torda.
Docopborus celedoxus N.
Nirmus citriuus N, (Nirmus Alcae D.)
Menopon lutescens N.
„ nigropleurum D.
„ obtusum N. (Menop. transversum D.)
483. Uria californica.
Docopborus celedoxus N.
484. Uria Grylle.
Docopborus megacepbalus D.
485. Uria lomvia.
Docopborus celedoxus N.
486. Uria Troite.
Docopborus semivittalus Gb. (Doc. platygaster D.)
„ celedoxus N.
487. Mergukis Alle.
Docopborus Merguli D.
488. Fratercula arctica.
Docopborus celedoxus N.
489. Simorhynchus microcerus.
Nirmus aetbereus Gb.
490. Phdlacrocorax africanus.
202 Gurli:
Nirmus spec.
Lipeurus brevicornis D.
491. Fhalacrocorax cristatus.
Lipeurus brevicornis D.
492. Pelecanus fuscus.
Lipeurus forficulalus N.
493. Pelecanus Onocrotdlus.
Lipeurus forficulatus N.
Colpocephalum eucarneum N.
494. Pelecanus philippinus.
Lipeurus forficulatus N,
495. Pelecanus ruficollis.
Goniodes mamillatus Rud.
496. Halieus hrasiliensis.
Docophorus Bassanae D.
Nirmus depressus Rud.
Lipeurus gyroceros N.
Goniodes spec.
Laemobothrium brasiliense Rud.
Colpocephalum commune Rud.
Menopon eurygaster N.
497. Halieus capensis.
Nirmus capensis Rud.
Lipeurus acutifrons Rud.
498. Halieus Carlo.
Docophorus Bassanae D.
Lipeurus toxoceros N.
499. Halieus cristatus.
Lipeurus brevicornis D.
500. Tachypetes leucocephalus.
Lipeurus crenatus Gb.
50L Plotus Änhinga.
Docophorus Bassanae D.
Nirmus spec.
502, Sula (Dysporus) Bassana.
Docophorus Bassanae D.
Lipeurus pullatus N.
„ staphylinoJdes D.
Menopon pustulosum N.
Neues Vcrz. d. Thiere, aufweichen Öclimarotzer-Iusocten leben. 203
503. Sula Fiber.
Lipeurus Siilae Riid.
504. Sula Piscator.
Lipeurus spec. *
505. Phaeton phoenictirus.
Docophorus hexagonus Gb.
506. Sterna acuflavida.
Docophorus brevicornis Gb.
507. Sterna JBergii.
Docophorus lobaticeps Gb.
Colpocephalum spec.
,, ochraceum N.
508. Sterna cantiaca.
Docophorus melauocepliahis E.
Nirmus longicollis Rud.
Copocephalum maurum N. (Colp. piceum D.)
509. Sterna caspia.
Docophorus melanocephalus B.
Nirmus caspius Gb.
„ griseus Rud.
510. Sterna Dougalli.
Nirmus anagrapsus N.
511. Sterna fissipes.
Docophorus lobaticeps Gb.
Nirmus phaeonotus N.
Colpocephalum maurum N. (Colp. piceum D.)
512. Sterna fuliginosa.
Nirmus birostris Gb.
513. Sterna Hinmdo.
Docophorus Bassanae D.
„ lobaticeps Gb.
Nirmus selliger N. (N. sellatus B.)
Lipeurus gjnricornis D.
514. Sterna leucoparia.
Docophorus Laricola N.
Nirmus anagrapsus N.
515. Sterna maxuriensis.
Menopon obtusum N. (Meuopon transversum D.)
516. Sterna minuta.
204 Gurit:
Nirmus nycthemerus N.
Colpocephalum ochraceum N.
517. Sterna nigra.
Nirmus obscurus N.
518. Larus arctieus.
Docophorus Cephalus D.
y, melanocephalus B.
519. Larus argeniatus.
Docophorus congener Gb. (Docoph. Lari D.)
;, melanocephalus B.
Nirmus lineolatus N. (Nirmus ornatus Grube.)
„ seiliger N. (N. sellatus B.)
520. Larus cahirinus.
Docophorus melanocephalus B.
Nirmus seiliger N. (N. sellatus B.)
Menopon obtusum N. (Menopon transversum D.)
521. Larus canus.
Docophorus congener Gb. (D. Lari D.)
Nirmus melanonys Schill.
„ lineolatus N. (N. ornatus Grube.)
Trinoton conspurcatum N.
522. Larus erhurneus.
Docophorus congener Gb. (D. Lari D.)
523. Larus fuscus.
Docophorus Cephalus D,
Nirmus seiliger N.
Colpocephalum Lari Packard.
Menopon obtusum N. (M. transversum D.)
524. Larus glaucus.
Nirmus lineolatus N. (N. ornatus Grube.)
„ striolatus N.
525. Larus Ileermoni.
Nirmus felix Gb.
526. Larus islandicus.
Docophorus congener Gb. (D. Lari D.)
527. Larus leucophaeus.
Nirmus seiliger N.
Lipeurus pelagicus D.
Colpocephalum Lari Packard.
Neues Verz. d. Thiere, auf welchen Schmarotzer- Insecten leben. 205
528. Larus Mandti.
Docophorus gonothorax Gb.
529. Larus marinus.
Docophorus congener Gb. (D. Lari D.)
,, gonothorax Gb.
Nirmus selliger N. (N. sellatus B.)
Colpocephalum Lad Packard.
530. Larus minutus.
Docophorus gonothorax Gb.
Nirmus eugrammicus N.
531. Larus redibundus.
Docophorus congener Gb. (D. Lari D.)
„ melanocephalus ß.
Nirmus punctatus N.
„ selliger N. (N. sellatus B.)
Menopon Phaeopus N. (Menopon Ridibundus D.)
532. Larus Risso.
Docophorus congener Gb. (Doc. Lari D.);
533. Larus tridactylus.
Docophorus congener Gb. (Doc. Lari D.)
„ gonothorax Gb.
Nirmus lineolatus N.
Colpocephalum maurum N. (Colp. piceum D.)
Menopon nigropleurum D.
„ obtusum N. (Menop. transversum D.)
534. Lestris arctica.
Docophorus Cephalus D.
535. Lestris crepidata.
Docophorus gonothorax N.
Nirmus triangulatus N.
536. Lestris parasitica.
Docophorus pustulosus N.
„ Cephalus D.
537. Lestris pomarina.
Docophorus euryrhnychus Gb.
„ Cephalus D.
Lipeurus modestus Gb.
Colpocephalum brachycephalum Gb.
538. Lestris Bichardsoni.
Nirmus triangulatus N. (N. normifer Grube.)
206 Gurlt:
539. Diomedea cMororrhyncha.
Lipeurus spec.
540. Diomedea culminata.
Lipeurus ferox Gb.
541. Diomedea exulans.
Docophorus thoracicus N.
Nirmus spec.
Goniodes lipogonus N,
Lipeurus Taurus N.
Lipeurus pederiformis Dufour.
Colpocephalum spec.
542. Diomedea fuliginosa.
Lipeurus meridionalis Rud.
543. Diomedea melanoplirys.
Lipeurus ferox Gb.
544. Procellaria capensis.
Lipeurus nigrolimbatus Gb.
Ancistrona Procellariae Westwood.
545. Procellaria chlor orrhyncha.
Lipeurus pelagicus D.
546. Procellaria gigantea.
Lipeurus melanocnemis Gb.
547. Procellaria glacialis.
Lipeurus caudatus Rud.
548. Procellaria glacialoides.
Colpocephalum cinctum Rud.
549. Procellaria mollis.
Docophorus Schillingi Gb.
Lipeurus nigricans Rud.
550. Procellaria spec,
Lipeurus nigrolimbatus Gb.
55 L Thalassidroma Leachii.
Lipeurus pelagicus D.
552. Thalassidroma pelagica.
Docophorus Thalassidromae D.
Lipeurus pelagicus D.
553. Puffinus fuliginosus,
Docophorus coronatus Gb.
554. Pachyptila coendescens.
Lipeurus clypeatus.
Neues Verz. d, Thiere, auf welchen Schmarotzer-Insecten leben. 207
555. Änser aegyptiacus.
Docophorus spec.
Lipeurus asymmetricus Rud.
„ rostratus Gb. (OrnithobiusrostratiisRud.)
Menopon spec.
556. Anser alUfrons.
Docophorus brevimaculatus Gb.
„ icterodes N.
Lipeurus jejunus N.
„ serratus N. (Lipeurus jejunus D.)
Trinoton squalidum D.
557. Änser JBernicla.
Lipeurus jejuuus D. (L. serratus N.)
558. Änser canadensis.
Lipeurus jejunus N.
559. Änser cygnoides.
Docophorus brunneiceps Gb.
560. Änser domesticus.
Docophorus adustus N.
Lipeurus lacteus Gb. (Lip. Tadornae D.)
Lipeurus jejunus N.
Trinoton conspurcatum N.
„ squalidum D.
56 L Änser ruficoIUs.
Trinoton conspurcatum N.
562. Änser Segetum.
Lipeurus jejunus N.
562b. Änser torquatus.
Lipeurus jejunus N.
563. Cygniis BewicM.
Docophorus Cygni D.
Lipeurus bucephalus Gb. (Ornithobius Cygni D.)
564. Cygnus canadensis.
Ornithobius ati'omarginatus D. (Lipeurus atro-
marginatus Gb.)
Ornithobius goniopleurus D. (Lipeurus goniopleu-
rus Gb.)
565. Cygnus ferus.
Nirmus junceus D.
Ornithobius Cygni D. (Lipeurus bucephahis Gb.)
208 Gurlt:
5G6. Cynus musicus/
Ornithobius minor Schill.
Colpocephalum minutum Rud.
Metopeuron punctatum Rud.
567. Cygnus Olor.
Ornithobius Cygni D. (Lipeurus bucephalus Gb.)
Ornithobius goniopleurus D.(Lip. goniopleunis Gb.)
Trinoton conspurcatum N.
568. Anas acuta.
Docophorus icterodes N. (Schill.)
Lipeurus sordidus N.
„ squalidus N. (Schill.)
Trinoton gracile Grube.
„ luridum N.
569. Anas JBoschas.
Docophorus icterodes N.
Nirmus tessellatus D. (G.)
Lipeurus squalidus N.
„ variabilis N.
Trinoton luridum N.
570. Anas Glangula.
Docophorus Chrysophthalmi D.
Trinoton luridum N.
57L Anas dypeata.
Docophorus ferrugineus Gb.
„ icterodes N.
Lipeurus sordidus N.
Trinoton squalidum D.
572. Ayias Crecca.
Docophorus icterodes N.
Lipeurus sordidus N.
„ squalidus N.
Menopon leucoxanthum N.
Trinoton luridum N.
573. Anas fdlcata.
Trinoton gracile Grube.
574. Anas ferina.
Docophorus icterodes N.
Lipeurus squalidus N.
Trinoton luridum N. (Schill.)
Neues Verz. d, Thiere, auf welchen Schmarotzer-Insecten leben. 209
575. Anas fuUgula.
Docophorus icterodes N.
„ obtusus Gb.
576. Anas fusca.
Lipeurus punctulatus Rud.
577. Anas glacialis.
Docophorus icterodes N.
Lipeurus Frater Gb.
578. Anas glocitans.
Lipeurus squalidus N.
Trinoton gracile Grube.
579. Anas Marila.
Docophorus icterodes N.
Nirmus obscusus N.
Lipeurus squalidus N.
580. Anas Melanotns.
Nirmus spec.
581. Anas mollissima.
Nirmus stenopygos N.
Lipeurus rubromaculatus Rud.
582. Anas moschata.
Lipeurus spec.
583. Anas nigra.
Lipeurus squalidus N.
Menopon lunarium Rud.
584. Anas Penelope.
Docophorus icterodes N.
Trinoton luridum N.
585. Anas Radfol.
Lipeurus squalidus N.
Menopon spec.
586. Anas rufina.
Docophorus icterodes N.
Nirmus stenopygos N. (Nirmus stenopyx B.)
Trinoton luridum.
587. Anas spectabilis.
Lipeurus gracilis Gb.
588. Anas Stelleri.
Docophorus icterodes N,
Lipeurus squalidus N.
Archiv f. Naturg. XXXXIV. Jahrg. 1, Bd. 14
210 Gurlt:
589. Anas querquedula.
Trinoton luridum N.
590. Anas strepera.
Lipeurus depuratus N.
Trinoton spec.
591. Anas tadorna.
Lipeurus lacteus Gb. (Lip. Tadornae D.)
592. Cereopsis novae Hollandiae.
Lipeurus australis Rud.
593. Mergus albellus.
Docophorus icterodes N.
Trinoton lituratum N.
„ luridum N.
594. Mergus Merganser.
Docophorus icterodes N.
„ bipunctatus Gb.
Lipeurus temporalis N.
Ornithobius goniopleurus D. (Lipeurus goniopleu-
rus Gb.)
595. Mergus Serrator.
Lipeurus temporalis N.
Trinoton lucidum N.
Helmintliologisclie Beiträge.
Von
Jos. Ulicny,
üymnaeial-Professor zu Tabor in Böhmen.
Hierzu Tafel VI.
Als ich mit dem Gedanken umging, die Verhältnisse
der Parasiten unserer Süsswasserlamellibranchiaten kennen
zu lernen, stiessen mir einige Dinge auf, die wohl einer ein-
gehenden Besprechung würdig sein dürften. Wiewohl dieses
Feld von ausgezeichneten Naturforschern bereits durchge-
arbeitet ist, so blieben und bleiben dennoch Dinge unbe-
kannt, um erst in späterer Zeit detegirt zu werden.
Obwohl man, nach den Parasiten derBivalven forsckend,
darauf gefasst sein muss, dass man etwas zu Gesichte be-
kommt, was von den Schmarotzern, welche derselben Ord-
nung angehören, wie diejenigen der sonstigen Thiere, in
nicht geringem Grade abweicht, und nachdem es bereits
bekannt geworden ist, dass zumal die hei-fälligen Trema-
toden sich durch absonderliches Aeussere auszeichnen: so
findet man gelegentlich Formen, die das bisher Gesehene
hierin noch zu überbieten scheinen. So verhält es sich
auch mit einer Art von Cercarien, die ich in Cyclas rivi-
cola Leach auffindig machte. Der Aufgabe gemäss, die ich
mir gestellt habe, nämlich zuvörderst das bereits Bekannte auch
für die Muscheln unserer Gewässer zu konstatiren, durch-
suchte ich — in Mähren während der Ferien weilend — die
Cycladiden und darunter namentlich C. rivicola, welche
212 Jos. Ulicny: '
dort die gemeinste Art ist. Ich holte ihrer aus dem Bache
Valova, einem Zuflüsse der March, über Hundert und unter-
zog sie meinen Beobachtungen. In einem einzigen Exem-
plare fand ich nun Cercarien, die ich auf den ersten Blick
für die C. macrocerca Fiiippi ^) ansehen zu können glaubte,
aber ich überzeugte mich nach näherer Betrachtung und
Vergleichung, dass diese Thiere, obwohl sie mit genannter
Art eine grosse Aehnlichkeit zeigen, doch in manchen
Stücken abweichend sind; dieser Umstand bestimmte mich,
hier darüber zu berichten. Es ist möglich, dass dieser
Schmarotzer die C. Cycladis rivicolae Dies, sei, welche
Siebold schon vor vielen Jahren gesehen, aber nicht be-
schrieben hat^).
Diese Cercarien waren in Sporocysten, welche ira
Durchschnitte die Länge von 1.5 Mm. hatten und beutei-
förmig waren. Sie enthielten eine nicht gar grosse Anzahl
voö Cercarien. Ueber das Organ, in welchem die Sporo-
cysten eingebettet waren, kann ich nicht mit Bestimtntheit
Nachricht geben, jedoch waren sie in der Leber, wie
Siebold von seinen Cercarien angibt, nicht zu finden,
sondern es dienten ihnen wohl die Geschlechtsorgane zum
Lager, welche jedoch dadurch ihre Produktivkraft nicht
einbüssten. Sobald eine Sporocyste einen Riss bekam
(Fig. 1), kamen alsogleich unsere Thierchen zum Vorschein,
mit ^einem hohen Grade von Beweglichkeit ausgestattet,
welche Eigenschaft eigentlich mehr ihren Schwänzen zu-
kam; diese behielten ihre schwingenden Bewegungen auch
dann für einige Zeit, nachdem sie sich vom Körper des
Thieres losgelöst hatten. Zum Abreissen des Schwanzes
reichte eine sehr geringe mechanische Kraft hin, oder sie
theilten sich selbst ab durch die schwingenden Bewegungen,
in welchen sie beständig begriffen sind.
Dieses Thier hat einen schief terminal gestellten Mund-
saugnapf. Oberseits dieses Napfes liegt ein Stachel, wie
man ihn von anderen Cercarien kennt. Der Bauchsaugnapf
1) Mem. pour. serv. a l'hist. gen. des Trera. Ann. d. sc. nat.
1854 tome II. p. 266.
2) Müllers Arch. f. Physiologie 1837 pag. 388.
Helminthologische Beiträge. 213
liegt etwa am Anfange des letzten Drittels des Körpers,
nimmt fast die ganze Breite des Thieres ein und kann aus
dem Körper ganz herausgestülpt werden. Von inneren
Organen habe ich nie etwas gesehen ausser dem Endtheile
des Exeretionsorgans.
Der eigentliche Körper dieser Cercarie bietet also
nichts Interessantes dar und ich will deshalb zu dem
schwanzartigen Anhängsel übergehen. Das Ende des Kör-
pers hängt durch einen kurzen dünnen Stiel als Verbin-
dungsglied mit einem Bulbus (Fig. 1 blb) in Verbindung,
der meistentheils die Form einer Birne hat und an seiner
Oberfläche in zahlreiche Falten zusammengeschlagen ist.
Das Innere dieses Bulbus ist mit einer dickflüssigen Materie
erfüllt, welche nach dem Abreissen des Schwanzes heraus-
quillt und in Spiritus gerinnt. Oefter sieht man in dessen
Inneren kleine Hohlräume (Fig. 1 hr). Dieser Bulbus geht
nun continuirlich in den Schwanz (Fig. 1 seh) über, indem
er sich vorhin etwas einschnürt. Dieser aufgetriebene Theil
des Schwanzes ist in einer in ihren Dimensionen viel
grösseren Blase — die ich Hülle nennen will — einge-
schlossen, welche im Ganzen auch birnförmige Umrisse
zeigt und vollkommen pellucid ist (Fig. 1 hl). Die Wände
dieser Hülle senken sich am vorderen Ende trichterförmig
nach innen ein, um hier eine Oeffnung zu lassen, durch
welche der Körper der Cercarie aus der Hülle mehr oder
weniger weit pfropfartig herausragt. Gelegentlich kann
man beobachten, dass sich die ganze Cercarie in die Hülle
zurückgezogen hat (Fig. 5), so dass sich dann das Hinter-
ende des Thierkörpers in den Bulbus (blb), weil dieser dem
Drucke leicht nachgiebt, hineinpresst. Die genannte Hülle
umschliesst nicht nur die Blase, sondern schliesst auch den
ganzen Schwanz ein, indem sie unterhalb der Einschnürung
der Blase sich an die Aussenwand des Schwanzes voll-
kommen anschliesst und seiner äusseren Gestaltung folgt.
Aber an Spiritusexemplaren habe ich öfter die Beobachtung
gemacht, dass sie sich stellenweise vom Schwänze abge-
hoben hat (Fig. 3). Eine ähnliche Erscheinung pflegt man
zu sehen, wenn sich die Oberhaut auch in Form von Blasen
ablöst; hier jedoch kann nur die oben erwähnte lieber-
214 Jos. Ulicny:
Zeugung Platz greifen, denn die Hülle setzt sich an ihrem
unteren Ende ohne Unterbrechung über den Schwanz fort,
was ja auch an lebendigen Exemplaren wohl zu sehen war.
Das Eingeschlossensein in der Hülle ist vielleicht der Grund
davon, dass sich der Schwanz nur unbeträchtlich dehnen
und wieder verkürzen kann.
Die C. macrocercaFil. hat als Anfangstheil des Schwanzes
ebenfalls einen Bulbus, es fehlt hier aber die Hülle, von
deren Bestimmung und Bedeutung ich mir keinen Auf-
schluss zu geben vermag. Der Unterschied zwischen C.
macrocerca und dieser neuen ist nun offenbar: hier ist eine
Hülle des Schwanzes vorhanden, die Mundöffnung liegt
schief terminal, und es giebt keine inneren Organe; dort
ist ein enorm langer Schwanz ohne Hülle, der Mundsaug-
napf ist ventral und es verzieht sich von diesem zum Bauch-
saugnapfe jederseits ein Canal.
In Hinsicht auf den Bulbus und die Hülle dürfte
für dieses Thier die Bezeichnung Cercaria vesicata ent-
sprechend sein.
Ich bemühte mich seit der Zeit wiederholentlich, mit
diesem Parasiten in nähere Bekanntschaft zu treten, aber
nie ist es mir gelungen ihn wieder zu finden ; wohl begeg-
neten mir öfter bewimperte Embryonen der Trematoden,
sowie Redien mit unreifer Brut, aber niemals die wünschens-
werthen Cercarieu.
Ich gehe nun zu einem zweiten Parasiten der Bivalven
über, dessen Lebensgeschichte für uns ein Räthsel geblieben
ist, nämlich zur Gattung Bucephahss. Ich muss mich des
Ausdruckes „Gattung" bedienen, trotzdem es sich bloss um
ein Entwickelungsstadium eines uns in seiner Vollkommen-
heit unbekannten Wurmes handelt, weil sich ja kein Aus-
weg sonst darbietet. Diese Gattung also ist repräsentirt
durch den Biicephalns polymorphus Baer^) und durch B.
Haimeamis Lacaze-Duthiers ^). Der erstgenannte Bucephalus
lebt in den Reproduktionsorganen der Anodonten (ich fand
1) Beitr. z. Kenntn. d. nied. Th. in Nova acta phys.-med.
Bonnae 1827.
2) Mem. sur le Buc. Haime in Ann. d. sc. nat 1854. pag. 294
Helminthologische Beiträge. 215
ihn in Ä. cygnea aus der Moldau in Prag), der zweite je-
doch ist ein Bewohner von Seemuscheln und wurde beob-
achtet in den Gattungen Cardium und Ostrea. Er unter-
scheidet sich von B. polymorphus nicht nur durch seinen
Aufenthaltsort, sondern hauptsächlich durch seine Merkmale.
Obzwar die äusseren und anatomischen Verhältnisse dieser
Thiere so einfach sind, dass sie sehr wenige Anhaltspunkte
darbieten, — so meine ich eine Form, welche ich zu be-
obachten Gelegenheit hatte, — doch für eine eigene Art
ansehen zu müssen. Sowie bei den Cercarien die Gestaltung
des Schwanzes allein die Aufstellung einer eigenen Art be-
dingte, so verhält es sich auch mit den Bucephalen, denn
das Thier für sich zeigt keinen wesentlichen Unterschied
bei den beiden bekannten Arten, und ihre Verschiedenheit
liegt thatsächlich bloss in der Form der schwanzartigen
Anhängsel.
Bei der Durchsuchung der Anodonten gerieth mir nur
eine Form von Bucephalen in die Hände, welche mit B.
polymorpJms kaum identificirt werden kann, und die sozu-
sagen die Mitte hält zwischen B. Haimeanus und polymor-
phus, indem sie einige Kennzeichen von diesem, andere von
jenem an sich vereinigt. Was den Entwickelungsgang und
den Körper des Wurmes mit Ausschluss der Schwänze be-
trifft, so kann ich keinen Unterschied aufweisen, der von
Belang wäre, in Hinsicht der schwanzartigen Fortsätze ver-
hält sich aber die Sache anders. Bei B. polymorpJms schliesst
sich an den Körper zunächst ein bisquitförmiger mehr oder
weniger gedrungener Bulbus an, welcher mit breiter Basis
am Hinterende des Wurmes sitzt und zum Körper des
Parasiten im Ganzen eine senkrechte Stellung einnimmt,
sofern sich das Thier im Zustande der Ruhe befindet. Die
beiden Theile des Bulbus sind für sich unbeweglich und
werden aus ihrer Stellung zu einander nie verrückt. An
diesem Bulbus hängen die Schwänze in der Weise, dass
sie aus der Mitte an den beiden Enden der Längsachse
derselben entspringen. Die Schwänze nehmen bei dieser
Art die mannigfaltigsten Formen an, indem sie sich bald
strecken, bald zusammenziehen, bald parallele Contouren
zeigen, um im nächsten Moment die verschiedensten und
210 Jos. ülicny:
sehr beträchtlichen iVusbauchungen zu treiben, welche dem
Thiere ein wahrhaft monströses Aussehen verleihen. Diese
Anschwellungen behält das Thier auch, nachdem es in
Spiritus gethan worden ist. Dass sich an den Schwänzen
rosenkranzartige Knötchen gebildet hätten, wie Baer an-
giebt, habe ich nie gesehen^ nie gelang es mir auch zu be-
obachten, dass bei B. polymorphus die Schwänze eine so
enorme Länge im Verhältniss zum Körper erlangt hätten,
wie er es abbildet.
Bei dem Bucephalus, den ich hier beschreiben will,
sind die betreifenden Eigenschaften anders. Der Basaltheil
der Schwänze (die bisquitförmige Anschwellung des B.
polymorphus) erlangt hier eine grössere Differenzirung in
zwei selbständige Körper, da die Einschnürung hier eine
vollendetere wird. Jeder Theil ist für sich beweglich und
kann zur Leibesachse des Wurmes verschiedene Stellungen
annehmen. Diese Basaltheile sind von länglicher, wulst-
förmiger Gestalt und ihr Inneres besteht wie beim Baer '-
sehen Thiere aus beträchtlich grossen Zellen. Dadurch
schliesst sich dieser Schmarotzer an B. polymorphus an,
aber betreffs der Schwänze nähert er sich dem B. Hai-
meanus. Diese Anhängsel sind dem oberen Rande ihrer
Basaltheile inserirt und die Möglichkeit Ausbauchungen zu
bilden geht ihnen vollkonuuen ab, indem sie im grossen
Ganzen immer cylinderförmig verbleiben, ob sie sich schon
strecken oder in die Länge ziehen mögen. Diese Eigen-
schaft, die Schwänze zu verlängern, besitzen die Würmer
in hohem Grade, denn die v^usdehnung kann ein Vielfaches
der Körperlänge erlangen, wobei sie immer dünner und
dünner werdend in zahlreichen Umbiegungen sich durchein-
ander krümmen. Sind in diesem Zustande mehrere Indi-
viduen nahe bei einander, so entsteht durch das Unter-
einanderwinden der Schwänze ein gordischer Knoten, der
mit keinem Instrumente zu lösen ist. Diesen Umstand
habe ich bei B. polymorphus nie getroffen. Fühlt sich ein
oder der andere schwanzartige Fortsatz gereizt, so zieht er
sich zusammen, bleibt aber in seiner ganzen Länge gleich
breit, wobei sein äusserstes Ende fingerförmig abgesetzt
erscheint.
Helminthologische Beiträge. 217
Ich besitze diesen Bueephalus aus ADodoiita cellensis,
die ich aus dem ^-enauaten Bache herausfischte. Trotzdem,
dass ich über hundert Muscheln das Leben raubte, um noch
weiteres Material zu erhalten, blieb auch hier meine Arbeit
fruchtlos.
Um dieses Thier in der Naturwissenschaft einzu-
bürgern, belege ich es mit dem Namen Bueephalus inter-
medius, auf das Verhältniss zu den beiden bisher bekannten
Entwickelungsstadien der uns unbekannten Trematoden
Anspielung zu machen.
Erklärung der Abbildungen auf Tafel VI.
Fig. 1. Cercarla vesicata sehr stark vergrössert. Das Ende des
Körpers steckt theilweise in der Hülle hl, die sich dort
trichterförmig einbiegt, blb Bulbus mit den hr Hohl-
räumen, seh Schwanz.
Fig. 2. Der herausgestülpte Bauchsaugnapf (schematisch).
Fig. 3. Ein abgebrochener Schwanz; i der geronnene Inhalt des
Bulbus. Am Schwänze seh selbst sieht man, wie er von
der Hülle mit eingeschlossen ist. (Nach einem Spiritus-
exemplar.)
Fig. 4. Eine Sporocyste mit Cercarion erfüllt.
Fig. 5. Das Thier (t) hat sich ganz in die Hülle (hl) zurückgezogen
und sein Hinterende in den Bulbus blb hineingepresst.
Fig. 6. Bueephalus intermedius. Ein Schwanz ist zurückgezogen,
wogegen der andere sich ausgedehnt hat; er kann sich ver-
hältnissraässig noch viel mehr in die Länge ziehen als er
gezeichnet ist. bt Basaltheile der Schwänze; diese sind
am Obertheile angeheftet, f der fingerförmige Absatz.
Neue Beobachtimgeu an Helminthen.
Von
Dr. von Linstow
iü Hamelü,
Hierzu Tafel VIl-IX.
1. Bothriocephalus Osmeri n. sp.
Fig. 1.
Scolex Eperlani van Beneden \).
Im Peritoneum von Osmerus eperlaniis lebt eine Ce-
stodenlarve eingekapselt, die zu Bothriocephalus gehört; die
Form wird 5 mm, lang und 1 mm. breit; der Körper ist
lanzettlich, hinten dünner und spitzer endend als vorn,
durchsetzt von eiförmigen Kalkkörperchen; vorn stehen
zwei langgestreckte, von einem Hof umgebene Saugnäpfe,
die 0,6 mm. lang und schon mit blossen Augen sicht-
bar sind.
2. Bothriocephalus lanceolatus n. sp.
Diese ebenfalls geschlechtlich unentwickelte Art findet
sich eingekapselt in der Leber von Gadus callaris und frei
im Darm. Der Name einer Helminthenlarve ist immer als
ein provisorischer anzusehen und hat nur so lange auszu-
helfen, als die betreffende geschlechtsreife Form noch un-
bekannt ist; dem Gebrauche gemäss wäre die nun zu be-
schreibende Species mithin als Bothriocephalus Gadi cal-
lariae zu bezeichnen, wenn nicht Rudolphi diesen Namen
1) Les poissons des cötes de Belg. pag. 71. pl. V. Fig. 17.
Neue Beobachtungen au Helminthen. 219
bereits vergeben hätte für eine Art, die im Darmcanai dieses
Fisches lebt und geschlechtlich entwickelt ist. Die Gestalt
ist der der vorigen Art ähnlich ; die Länge beträgt 7 mm.,
die Breite 1,3 mm. Die beiden Sangnäpfe sind 1,1 mm.
lang, einer gestreckten 8 ähnlich geformt, in der Mitte am
engsten; die Kalkkörperchen sind kuglig. Olsson*) hat
diese Art beschrieben und abgebildet, aber nicht benannt,
und glaubt, dass van Beneden^) undWagener^) sie auch
angeführt haben, deren bez. Werke mir augenblicklich
nicht zur Hand sind.
Vorstehend beschriebene beide Formen sind Bothrio-
cephalus-Larven, und kann man wohl schliessen, dass sämmt-
liche Arten dieser Gattung derartige Larven besitzen, und
halte ich danach mit Leuckart die von Knoch für Botb-
riocephalus latus und proboscideus aufgestellte Behauptung
der directen Entwicklung für irrthümlich ; eine solche directe
Entwicklung würde auch aller Analogie in der Fortpflan-
zungsgesehichte der Helminthen, in specie der Cestoden,
entbehren, und ist um so unwahrscheinlicher, als ein Both-
riocephalus-Embryo nicht die mindeste Aehnlichkeit mit
einem geschlechtsreifen Thiere dieser Gattung hat, beson-
ders gar keine Saugnäpfe zeigt; hat doch Knoch selbst
bei Gasterosteus einen jungen, eingekapselten Bothrioce-
phalus gefunden; auch eine wahrscheinlich hierhergehörige
Form Wagen er 's ^) citirt Ollson^) und 13 andere Both-
riocephalus-Larven zählt Diesing^) auf.
3. Taenia omphalodes Herm.
Fig. 2.
Im Darm von Arvicola campestris Blasius gefunden.
Die Länge beträgt 215 mm., nirgends finden sich Kalk-
1) Lund's Univers. Arsskrift HI, pag. 29 No. 2 u. 3, Tab. I.
Fig. 2-3.
2) Vers Cest. Tab. XV. Fig. 17.
3) Entwickl. d. Cest. Fig. 140.
4) Nova acta XXIV Tab. IV, Fig. 74.
5) ibid. pag. 21.
6) Revision der Cephalocotyleen. Abtb. Paramecocotyleen. pag.
249—252.
220 Dr, von Liustow:
körperchen; der Scolex ist dreieckig, vorn kreissegment-
ibrmig begrenzt, daselbst 3,6 mm. breit. Die Saugnäpte sind
kesseiförmig, mit nach vorn gerichteter Oeffnung, die 0,72
mm. breit ist, ihre Muskulatur ist schräg gekreuzt; die
Proglottiden, welche die männlichen Geschlechtsorgane
zeigen, sind 1 mm. lang und 3 mm. breit, die Eier ent-
haltenden aber 2 mm. lang und 4 mm. breit. Die Ge-
schlechtsöffnungen stehen unregelmässig abwechselnd. Die
Girren sind lang und in der Mitte dicht mit Dornen be-
setzt, nach der Spitze zu schwächer. Die Eier sind kug-
lig, mit dreifacher Hülle, die Embryonalhäkchen sind un-
gemein fein, 0,0046 mm. lang; der Eidurchmesser beträgt
0,04 mm. Der Embryo besteht aus einem kugligen Köpf-
chen, an dessen Scheitel die Häkchen stehen; dann folgt
ein dünner Hals und hierauf eine grössere Blase, die in
der Eihülle vielfach gefaltet ist.
4. Taenia inermis n. sp.
Fig. 3.
Lebt im Darm von Arvicola campestris. Länge 160
mm. Der Scolex ist etwas knopfförmig verdickt, 1,02 mm.
breit, die Saugnäpfe sind eiförmig, 0,29 mm. lang und 0,22 mm.
breit. Der Körper zeigt überall Kalkkörperchen, die aber
sparsam gestreut sind; die dünnste Stelle des Proglottiden-
körpers, hinter dem Scolex, ist 0,58 mm. breit. Die Pro-
glottiden, in denen die männlichen Geschlechtorgane aus-
gebildet sind, sind 0,48 mm. lang und 2,5 mm. breit, wäh-
rend die letzten 0,8 mm. lang und 4 mm. breit sind, ihre
Contouren sind wellig. Die Geschlechtsöffnungen stehen
einseitig; der Cirrus hat gegen das Ende eine Stelle, wo
er äusserst feine Dornen trägt; ebensolche hat die Vulva
an einer 0,16 mm. vom Rande entfernten Stelle. Die Eier
gleichen denen der Taenia omphalodes.
Es sind bis jetzt 12 Tänien aus Ratten und Mäusen
beschrieben, von denen Taenia murina Duj. und micro-
stoma Duj. einen Hakenkranz haben; die hierunter näher
beschriebene Taenia diminuta Rud. hat einen fünften,
scheitelständigen Saugnapf, Taenia brachydera Dies., im-
bricata Dies, und leptocephala Crepl. haben ein unbewaff-
netes Rostellum, Taenia Canis lagopodis Viborg hat Saug-
Neue Beobachtungen an Helminthen. 221
näpfe, deren grösster Durclimesser quer gestellt ist, die
oben angeführte Taenia, omplialodes Herrn, und Taenia
umbonata Molin baben unregelmässig abwecbselnde Ge-
schlechts Öffnungen und Taenia Musculi Rud., Ratti Mus.
Vind. und Muris sylvatici Rud. sind werthlose Namen; die
beiden letzten sind ohne Scolex und die erste in der Bauch-
höhle gefunden, und keine der Arten ist beschrieben.
5. Taenia diminuta Rud._
Fig. 4.
Im Darm von Mus decumanus, 530 mm. lang. Der
Scolex hat einen Durchmesser von 0,21 mm., die Saugnäpfe
mit wulstigen Rändern sind 0,11 mm. lang und 0,082 mm.
breit; im Scheitel steht ein kleiner fünfter Saugnapf von
0,033 mm. Durchmesser; Rudolphi's Beschreibung, Oris
limbo inderdum prominulo^' scheint sieh hierauf zu bezie-
hen. Hinter dem Scolex ist der Körper 0,18 mm. breit,
die Geschlechtsöffnungen stehen einseitig. Die Glieder, in
denen die männlichen Geschlechtsorgane entwickelt sind,
sind 0,3 mm. lang und 2 mm. breit ; die letzten haben eine
Länge von 0,54 und eine Breite von 4 mm. Die Eier
sind kuglig, sie haben 2 membranöse und eine dritte,
innere, compacte Hülle, zwischen der 2. und 3. ist ein
grosser Zwischenraum. Die äussere Eihaut hat 0,052 mm.
im Durchmesser; die Embryonalhaken sind 0,011 mm. lang.
Richtig unterscheidet Rudolphi diese Art von T. ompha-
lodes durch den viel kleineren Scolex und die etwas grös-
seren Eier.
Die hakenlosen Tänien sind zum Theil sehr schwer
auseinander zu halten ; Form, Anzahl und Grösse der Haken
bei den bewaffneten Arten, etwa vorhandene verschiedene
Formen am selben Individuum, sind sichere Anh altepunkte
zur Unterscheidung der Arten; bei den unbewaffneten aber
sind die wichtigsten Fragen, ob die Geschlechtsöffnungen
einseitig oder regelmässig, oder unregelmässig abwechselnd
stehen, ob ein fünfter, scheitelständiger Saugnapf, oder ein
unbewaffnetes Rostellum vorhanden ist, wie die Breite der
Glieder sich zur Länge verhält, welche Linie der Rand
derselben bildet, welche Form der Cirrus hat, ob er be-
222 • Dr. von Linstow:
dornt ist oder nicht, welche Form, Richtung und Grösse
die Saugnäpfe haben, welche Form und Grösse die Eier
und, die Embryonalhaken besitzen, wie lang die ganze Tänie
ist, ob Kalkkörperchen vorhanden sind und von welcher
Form; welche Form und Grösse Scolex und Saugnäpfe
haben ; alle diese Punkte geben schliesslich genügende Sicher-
heit, die Arten auseinander zu halten.
6. Taenia acuta Rud.
Diesings^) Beschreibung dieser Art lautet u. A. :
„Rostellum armatum, aperturae genitalium . . . . se-
cundae", etc. und beschrieb ich 2) dieselbe Species, auf
welche Die sing 's Diagnose passt; in der That sind die
Geschlechtsöffnungen einseitig und ist ein bewaffnetes Ro-
stellum da; van Beneden ^) nun beschreibt unter dem
Namen Taenia obtusata Rud. eine Form, welche sich von
T. acuta in nichts unterscheidet; die Haken haben genau
dieselbe Form, Anzahl und Grösse, wie meine T. acuta;
Diesing'sO Beschreibung von T. obtusata lautet u. A.
„Aperturae genitalium alternae" etc. und gehört die Art
zu denen, deren Ueberschrift lautet: „Rostellum nullum,
OS inerme"; mithin ist van Beneden's Taenia obtusata
zu Taenia acuta Rud. zu ziehen.
7. Cysticercus dithyridium Dies.
Fig. 5.
Piestocystis dithyridium Dies.
In Lacerta agilis fand ich über 100 Exemplare frei
in der Bauchhöhle und 2 eingekapselt in der Leber. Der
Körper ist weiss, an der Vorderseite trichterförmig ein-
gezogen, so dass eine Herzform entsteht; die Länge beträgt
3 mm., die Breite 2 mm.; am Hinterende ist eine con-
tractile Blase. Der Scolex mit dem Anfang des Proglot-
1) Systema Helminthum I. pag". 539.
2) Dieses Archiv 1875, I pag. 185—186, tab. II. Fig. 4—6.
3) Les parasites des Chauves souris pag. 32—33. pl. VII. Fig.
11—12.
4) 1. c. pag. 505.
Neue Beobachtungen an Helminthen. 223
tidenkörpers, dessen beginnende Segmentirung schon deut-
lich ist, liegt eingestülpt, bogig gekrümmt im Innern der
Blase, deren Wandung mit zahllosen Kalkkörperchen dicht
durchsetzt ist. Durch vorsichtigen Druck kann man den
Scolex hervorstülpen; er hat 4 Saugnäpfe, die 0,3 mm.
lang und 0,25 mm. breit sind, aber keine Haken noch auch
ein Rostellum. Aus der Grösse und Form der Saugnäpfe
allein wird man also auf die Tänie schliessen können,
deren Larvenform dieser Cysticerkus ist. Die Tänien unse-
rer einheimischen Vögel (etwa T. melalops ausgenommen,
deren Saugnäpfe doppelt so gross sind), Amphibien, Rep-
tilien und Fische kann man mit Gewissheit ausschliessen,
da keine hakenlose Art unter ihnen Saugnäpfe von auch
nur annähernd derselben Grösse besitzt. Es blieben also
nur Säugethiertänien und unter diesen wird man vor Allem
an oben geschilderte Taenia inermis denken müssen, welche
ebensolche Saugnäpfe besitzt, van Beneden^) hat für
einen derartigen freien Cysticerkus aus dem Darm von
Vesperugo serotinus ohne Grund den neuen Gattungsnamen
Milina eingeführt.
8. Monostonmm echinaüim n. sp.
Fig. 6.
Aus dem Darm von Pandion haliaetos. Die jüngsten
Exemplare, nur die Anlage der Dotterstöcke zeigend, messen
0,84 mm. in der Länge, und 0,4 mm. in der Breite ; sie
besitzen einen kleinen, schwanzartigen Anhang, der den
älteren Formen fehlt.
Die grösseren Exemplare sind von gestreckt-ellip-
tischer Gestalt, vorn schmaler als hinten, 1,8 mm. lang
und hinten 0,42 mm. breit. Der Körper ist mit feinen
Stacheln dicht besetzt, die aber nur am Rande des Körpers
und auch hier nicht immer sichtbar sind ; zu hinterst liegen
schräg nebeneinander die beiden Hoden, davor seitlich die
Vesicula seminalis inferior, schräg vor dieser der Keim-
stock; in der Mitte des Körpers zeigt sich ein grosses birn-
1) Les parasites des Chauves-souris pag. 31 — 32, pl. VII, Fig.
1-10.
^24 Dr. von Linstow:
förmiges Organ von ^3 Körperdurchmesser, die dünnere
Seite nach vorn gerichtet, in dem die Geschlechtsorgane
münden, und zwar hinten die weibliche Geschlechtsöffnung
von mächtigen Ringmuskeln umgeben, mit grosser kreisförmi-
ger, klaffender Mündung; davor liegt die männliche Ge-
schlechtsöffnung, die auch rund, aber kleiner als erstere ist.
Die traubigen Dotterstöcke liegen am Rande des Körpers, in
dessen mittlerem und hinterem Drittel, vor den Geschlechtsöff-
nungen sich oft vereinigend ; die Dotterkörner sind kugelrund.
Dicht vor jedem Hoden zieht sich ein Verbindungsgang
der Dotterstöcke schräg von der einen Seite nach der
anderen; der HauptausmUndungsgang verläuft im rechten
Winkel zur Längsaxe des Körpers zwischen Vesicula se-
minalis inferior und Keimstock. Die Eier sind gestreckt,
wenig zahlreich 0,052 ram. lang und 0,25 mm. breit; an
der dem Deckel gegenüberliegenden Seite findet sich oft
eine kleine Auflagerung auf der Schale. Die Vesicula
seminalis superior ist auffallend gross und liegt als ein
aus mehreren ovalen Theilen bestehendes Organ dicht hinter
der Geschlechtspapille. Der Mundsaugnapf ist 0,082 mm.
breit, dahinter folgt ein elliptischer, kleiner Schlundkopf;
zwischen beiden der Verbindungskanal ist 0,05 mm. lang;
0,12 mm. hinter dem . Schlundkopf gabelt sich der Darm
in spitzem Winkel; die beiden Schenkel verlaufen parallel,
den Körper der Länge nach in 3 gleiche Drittel theilend,
bis zur Geschlechtspapille, wo sie sich zum Rande des
Körpers wenden, und ganz hinten endigen.
Dujardin^) beschreibt ein Monostomum espansum
Crepl. aus demselben Vogel, das 7 bis 8 mal grösser ist;
ein kleinerer vorderer Theil ist 3,9 mm., ein längerer, hin-
terer 1,4 mm. breit. Die Art ist also ganz anders gestaltet,
als unsere; sie ist ohne Hautbewaffnung und ist das Ova-
rium 9 mal hin- und hergewunden, was bei Mon. echina-
tum nicht der Fall ist, wo es unregelmässig angeordnet
ist. Monostomum hystrix Molin ist ausser unserer die ein-
zige Art, welche eine mit Stacheln bewaffnete Haut besitzt.
1) Histoire des Helmintbes pag. .345 — 346.
Neue Beobachtungen an Helminthen. 225
9. Distomum atomon Rud.
Fig. 7.
Aus dem Darm von Platessa flesus. Der Form der
Eier wegen erwähne ich diese Art; dieselben sind dünn-
schalig, gross, wenig zahlreich, 0,069 Mm. lang und 0,039
Mm. breit, der Deckel ist platt, wenig gewölbt, und am
entgegengesetzten Pol befindet sich ein stumpfer Haken,
der mit breiter Basis der Eischale aufsitzt. Aehnliche
Haken besitzen die Eier von Distomum ferruginosum m. ')
aus Barbus fluviatilis; dieselben spielen ohne Zweifel bei
der Verbreitung der Eier eine Rolle, wie auch die langen
Fäden, mit welchen die Eier von Diplozoon und manche
Monostomum-Arten versehen sind.
10. Distomum cMlostomum Mehlis.
Fig. 8.
Diese Art aus dem Darm von Vesperugo noctula ist
langgestreckt, 0,92 mm. lang, hinter dem längsovalen Mund-
saugnapf stark verschmälert, von hier an nach hinten zu
wieder langsam an Dicke zunehmend, bis zu einer Dicke
von 0,22 Mm., in den hinteren zwei Dritteln dieses eiför-
migen Endkörpers sind die Eier angehäuft. Etwas hinter
der Mitte des Körpers findet man den kreisförmigen Bauch-
saugnapf, der 0,11 Mm. Durchmesser hat; nach vorn von
diesem liegt der Cirrusbeutel, vor diesem die traubenför-
migen Dotteranhäufungen. Der Mundsaugnapf ist eigen-
thümlich gestaltet; er ist olivenförmig im Umfang und be-
steht gewissermassen aus 2 Lippen, die in der Längsaxe
des Körpers stehen und sich hinten vereinigen. Hinter
diesem Saugnapf, dessen Länge 0,19 Mm. beträgt, folgt ein
kleiner Schlundkopf; die Eier sind 0,031 Mm. lang und
0,015 Mm. breit. Die Beschreibung, welche Diesing"^) von
dieser Art, als deren Wirthe er 9 Fledsrmausarten anführt,
giebt „Os terminaliter longitudinaliter bilabiatum, acetabu-
lum ore minus centrale apertura circulari", lässt es nicht
1) Dieses Archiv 1877, I pag. 185, tab. XIV Fig. 27.
2) 1. c. pag. 349.
Archiv f. Natnrg. XXXXIV, Jahrg. 1. Bd. 15
226 Dr. von Linstow:
ungewiss, dass die von mir gefundene und vorstehend be-
schriebene Form hierhergehört; von Distomum lima unter-
scheidet sich diese Art durch den Mangel einer Stachel-
bekleidung und weit geringere Grösse.
van Beneden^ beschreibt unter dem Namen Disto-
mum chilostomum eine Form, die 2 Mm. lang und V2 Mm.
breit und von gestreckt-eiförmiger Gestalt ist; beide Saug-
näpfe sind kreisförmig und gleich gross, so dass die Die-
s in g' sehe Beschreibung des Distomum chilostomum durch-
aus nicht auf diese Art passt, für die also wohl ein ande-
rer Name zu wählen wäre.
11. Diplostomum lenticola n. sp.
Fig. 9.
Lebt in der Linse von Abramis vimba, Länge 0,55,
Breite 0,46 Mm., soweit man solche Grössenangaben bei
der stetigen Formveränderung machen kann, denn das Thier
bleibt keinen Augenblick unbeweglich; Mund und Bauch-
saugnapf haben 0,066 Mm. im Durchmesser; hinter letzte-
rem liegt ein grosser, kugelförmiger, aus Drüsen zusammen-
gesetzter, mit grosser kreisrunder Oeffnung versehener
Körper; die Drüsen sind mit ihren Ausmündungsgängen
alle nach der Mitte gerichtet und die Oeffnung kann sich
in verschiedenen Formen schliessen, wobei der Rand ge-
faltet wird ; die Enden der Darmschenkel biegen von hinten
in denselben hinein. Den ganzen Körper durchziehen netz-
förmig verzweigte Excretionsgefässe, die sich beiderseits
hinten in einen starken Ast sammeln, der in eine grosse
contractile Blase mündet. Links und rechts vom Mund-
saugnapf liegen Leimdrüsen, deren Sekret in porenförmigen
Oeffnungen durch die Haut nach aussen tritt. Grosse,
wenig zahlreiche Kalkkörperchen finden sich im ganzen
Körperparenchym zerstreut; in der Haut bemerkt man
äusserst feine, in sich kreuzenden Reihen stehende Spitzen,
die nur bei guter Beleuchtung und sehr starken Vergrös-
serungen sichtbar sind; in der Zeichnung konnten sie nicht
wiedergegeben werden.
1) 1. 0. pag. 27. tab. VI Fig. 7. 8. 19.
Neue Beobachtungen an Helminthen. 227
Von Diplostomum volvens unterscheidet sich diese Art
durch die Bewaffnung der Haut und dadurch, dass die
Excretionsgefässe in eine Blase münden, deren sich bei
Dipl. volvens zwei finden.
12. Dactylogyrus alatiis n. sp.
Fig. 10.
Lebt an den Kiemen von Blicca bjoerkna und ist ver-
hältnissmässig gross, 0,9 Mm. lang und 0,24 Mm. breit. Die
beiden grossen, nach der Rückenfläche gerichteten Haken
messen 0,042 Mm., seitlich setzen sich 2 bogenförmige Chi-
tinleisten an den Hakenast eines jeden, die wie die Stützen
eines Schirmes wirken, indem sie die Haut bogenförmig
von den Haken fern halten; verbunden werden die beiden
grossen Haken durch eine flügeiförmige 0,029 Mm. breite
Klammer. Kleine Haken findet man 14, von denen 4 grösser
sind und 0,026 Mm. messen, während die 10 anderen 0,02
Mm. lang sind. An der Bauchfiäche, unmittelbar unter der
Haut, liegt ein halbmondförmiges Querstück von 0,023 Mm.
Breite, 2 complicirte Chitinapparate, die bald in einander
verschlungen, bald durch einen Zwischenraum getrennt sind,
bezeichnen die Geschlechtsöffnungen; der vordere, männ-
liche, ist an einer Seite flächenförmig verbreitert und zeigt
hier eine parallele Streifung.
13. Dactylogyrus minor Wagener.
Fig. 11.
Findet sich ebenfalls an den Kiemen von Blicca bjoerkna.
Die Länge beträgt 0,42 Mm., die Breite 0,072 Mm. Die
Haftscheibe ist vom Körper nicht durch eine Einschnürung
getrennt; der Kopfzipfel ist durch eine Einkerbung tief
gespalten. Die grossen Haken sind 0,033 Mm. lang, ihre
Klammer ist 0,025 Mm. breit; die 5 mittelsten Randhaken
jederseits messen 0,024 Mm., die hintersten beiden sind
weit kleiner und dünner, 0,015 Mm- lang, und die beiden
vordersten haben eine Länge von 0,02 Mm. ; bei den beiden
letzten ist die dickere Basis relativ länger als bei den
anderen; das unpaare Chitinstück an der Bauchseite ist
vierarmig und 0,019 Mm. breit. Die Eier sind gross, dünn-
228 Dr. von Linstow:
schalig, unregelmäss rundlich, von blassgelber Farbe, 0,066
Mm. lang und 0,049 Mm, breit; jedes Individuum enthält
nur ein ausgebildetes Ei. Der Cirrus ist fast gradlinig mit
schwach hakenförmig gebogener Spitze und verdickter Ba-
sis; er erinnert in der Form etwas an die Raudhaken,
14. Bactylogynis tuba n. sp.
Fig. 12.
An den Kiemen von Squalius leuciscus. Der Kopf
ist abgerundet, vierzipfelig. Die grossen Haken sind schlank,
stark gekrümmt, mit nach innen gebogener Spitze, 0,013
Mm. lang, an der Convaxität steht eine bogige Chitinleiste,
die von der Steile der grössten Krümmung nach der Spitze
geht; die 14 Randhaken sind alle gleich gross, an der
Basis kolbig verdickt, 0,023 Mm. lang ; die Klammer zwischen
den grossen Haken ist 0,23 Mm. breit; ein unpaares Stück
an der Bauchseite fehlt.
Der vordere Chitinapparat an der männlichen Ge-
schlechtsmünduug zeigt einen stark gekrümmten Cirrus («).
eine bogenförmige Zuleitungsröhre zu demselben {ß}j die
an der Samenblase eine runde Mündung hat {y), und ein-
zelne Stützbalken {ö und «); dahinter, von diesem Apparat
getrennt, liegt die chitinige Mündung des weiblichen Ge-
schlechtsapparats, eine gebogene Röhre (C) mit runder Mün-
dung (t]) und einem sich abzweigenden Röhrchen (Ü-). Die
Eier sind genau von derselben Farbe, Form und Grösse
wie die von Dactylogyrus minor.
15. Dactylogyrus cornu n. sp.
Fig. 13.
An den Kiemen von Abramis vimba, 0,66 Mm. lang,
0,15 Mm. breit; die Haftscheibe des Schwanzendes ist durch
eine tiefe Einschnürung vom Körper getrennt; die beiden
grossen Haken sind 0,046 Mm. lang, die 14 Randhaken
0,033 Mm., das unpaare Stück an der Bauchseite ist Oarmig
und 0,031 Mm. lang, die Klammer 0,029 Mm. breit. Der
Chitiuapparat der männlichen Geschlechtsöffuung ist höchst
Neue Beobachtuiigeu au Helminthen. 229
complicirt, a ist der Cirrus, ß die Zuleitungsröhre; dahinter
liegt eine spiralig- aufgerollte Chitinröhre mit trichterför-
miger Mündung an der Vesicula seminalis inferior; man
findet bald beide Chitinapparate in einander verschlungen,
bald um ihren mehrfachen Durchmesser von einander ge-
trennt.
16. Dactylogyrus sphyrna n. sp.
Fig. 14.
Eine grosse, für die blossen Augen deutlich sichtbare,
langgestrekte Art, die an den Kiemen von Abramis vimba
lebt. Die Länge beträgt 1,4 Mm., die Breite 0,18 Mm.
Der Kopf zeigt 6 Zipfel mit Ausmündungsgängen von Leim-
drtisen; der Darm ist zweischenklig. Die beiden grossen
Haken sind hammerförmig und messen 0,069 Mm., die
Klammer zwischen ihnen ist 0,029 Mm. breit; von den 14
Randhaken sind die beiden vorderen viel grösser und
stärker, als die übrigen 12, die in 6 Gruppen zu je 2 ver-
theilt sind; erstere sind 0,043 Mm. lang, letztere 0,02 Mm.
Das Chitingebilde an der Vesicula seminalis inferior ist
spiralig gewunden und gleicht sehr dem homologen Gebilde
von Dactylogyrus cornu; der vordere Apparat lässt sich
mit Worten schwer beschreiben und bitte ich, denselben
in der Abbildung nachzusehen.
17. Dactylogyrus amphihothrium Wagener ^).
Fig. 15,
An den Kiemen von Acerina cernua. Länge 0,9 Mm.,
Breite 0,3 Mm.; die beiden grossen Haken sind 0,033 Mm.
lang, die 14 Randhaken messen 0,034 Mm., die Klammer
ist 0,026 Mm. breit und das unpaare Stück an der Bauch-
seite 0,013 Mm. Die diese Haken tragende Haftscheibe
ist längsoval und kann mittels zweier Muskeln ganz einge-
stülpt werden. Wagen er giebt keine Beschreibung und
Abbildung der Chitinapparate der Haftscheibe, dagegen
hat derselbe die Chitinbewaffnung der Geschlechtsmün-
dungen abgebildet.
1) Natuurkundige Verhandelingen, Haarlem XIII, pag. 57, 58,
60, 97, 99, tab. XI Fig. 3 u. 4, tab. XII Fig. 1 u. 4.
230 Dr. von Linstow:
Dactylogyrus besitzt eine Vesicula seminalis siiperior
und inferior, deren jede an den einander zugekehrten Seiten
einen Chitinapparat führt; der vordere, an der Ves. sem.
sup. pflegt der complieirtere zu sein ; er besteht aus einem
Cirrus («) und einer in denselben hineinleitenden^ bogigen
Röhre (ß), die den Samen aus der Ves. sem. sup. in den
Cirrus zu führen hat; ausserdem finden sich gewöhnlich
verschiedene Stützapparate {ö u. e); der Chitinapparat an
der Ves. sem. inf. ist stets viel einfacher und besteht meis-
tens nur aus einer gebogenen Röhre (c), die nach aussen
eine runde Mündung (rj) hat. Während diese beiden Chi-
tinapparate gewöhnlich durch einen beträchtlichen Zwischen-
raum getrennt sind, findet man sie auch mitunter vereinigt,
und liegt nichts näher als die Vermuthung, dass dann der
Same von der Ves. sem. sup. in die Ves. sem. inf. tiber-
geleitet wird, oder mit anderen Worten, dass diese Exem-
plare im Zustande der Selbstbegattung sind, wenn man so
sagen darf.
Die Bewaffnung der Schwanzscheibe besteht aus 2
grossen Haken, die nach der Rückenfläche zu ihre Spitzen
heraustreten lassen und zwischen sich eine unpaare Klammer
haben. Die nach der Bauchseite mit ihren Spitzen heraus-
tretenden Randhaken sind in der Zahl 14 vorhanden ; wenn
sie an Grösse verschieden sind, so stehen vorn die grössten ;
an der Bauchseite der Klammer gegenüber steht oft ein
anderes, unpaares ChitinstUck, das zu Muskelansätzen dient;
bei der Beschreibung des Dactylogyrus malleus habe ich ^)
dasselbe irrthümlich an die Rückenfläche verlegt.
18. Gasterostomum fimbriatum v. Siebold.
Die Larve fand ich ausser an den früher angegebenen
Fundorten eingekapselt an den Kiemen und in den Mus-
keln von Gobio fluviatilis und an den Kiemen von Squa-
lius leuciscus.
19. Trichosoma hrevispiculum m.
Im Darm von Lota vulgaris. In den jüngst gefunde-
1) Dieses Archiv 1877, 1 pa^. 182.
^ Neue Beobachtungen an Helminthen. 231
nen weiblichen Exefhplaren fanden sich Eier, die noch
nicht beschrieben sind; sie sind dicht mit glänzenden, runden
Kügelchen besetzt, dünnschalig, 0,059 Mm. lang und 0,029
Mm. breit. Das Männchen ist 2,94 Mm. lang und 0,06 Mm.
breit ; die Länge des Oesophagus verhält sich zum hinteren
Körperabschnitt wie 7:3; das kurze, kräftige Spiculum misst
0,26 Mm., die Scheide ist glatt^ das Hinterleibsende läuft
in zwei halbkugelförmige Lappen aus. Das Weibchen ist
6,1 Mm. lang und 0,072 Mm. breit; der Oesophagus ver-
hält sich zum hinteren Körperabschnitt wie 7 : 6.
Beide Geschlechter nehmen von vorn nach hinten stetig
an Breite zu; die Bänder sind Seitenbänder, deren Breite
sich zum Körperdurchmesser verhält wie 8:17; die glän-
zenden Pünktchen in ihnen sind sparsam.
20. Trichosoma exiguum Duj.
Fig. 16.
Im Magen und Darm von Erinaceus europaeus.
Das Männchen ist 5,9 Mm. lang und 0,06 Mm. breit,
das Weibchen misst 10,6 resp. 0,1 Mm. Die Länge des
Oesophagus verhält sich zum übrigen Körper bei ersterem
^wie 4:5 bei letzterem wie 4:8. Die Eier sind 0,049 bis
0,066 Mm. lang und 0,021 bis 0,026 Mm. breit; sie sind
gitterförmig mit welligen, hellen Leisten besetzt, die theils
mit der Längsaxe, theils in spitzem Winkel mit derselben
verlaufen; die Zellen des Zellkörpers sind viel kürzer als
breit; man findet zwei Seitenbänder, die sich zum Körper-
durchmesser verhalten wie 7 bis 9:20.
Eberth's^) Beschreibung der Bursa stimmt nicht ganz
mit den von mir beobachteten Verhältnissen; jederseits vor
der Cloake steht ein häutiger Lappen, jederseits hinter
derselben ein anderer, kleinerer, beide zeigen zarte Quer-
falten ; der hintere ist durch einen fingerförmigen Ausläufer
des Körpers gestützt; nach der Rückenseite zu und an der
Wurzel ist er mit dem der anderen Seite verwachsen;
übrigens sind beide Lappen paarig und von einander getrennt.
f
1) Unters, an Namatoden. pag. 56.
232 Dr. von Lins low: ,
21. Eucoleus tenuis Duj.
Fig. 17.
Du jard in 's 1) Beschreibung ist sehr dürftig und zum
Theil unrichtig; ich fand die Art in den Bronchien von
Erinaceus europaeus. Das Männchen ist 8,5 Mm. lang und
0,096 Mm. breit, das Weibchen misst 12,9 resp. 0,108 Mm.
Die Haut ist quergeringelt. Der Anus steht terminal. Der
vordere durch den Oesophagus gebildete Körperabschnitt
verhält sich jautl hinteren beim Männchen wie 1:2, beim
Weibchen wie 1:3; an Längsbändern finden sich zwei
breite Seiten- und ein schmales Bauchband; ihr Breiten-
verhältniss zum Körperdurchmesser ist bei den ersteren wie
5:12, bei letzterem wie 1:9. Die Bänder tragen keine
Stäbchen, sondern stumpfkegelförmige Erhabenheiten, die
in der Cutis stehen und in die Cuticula hineinragen, ohne
sie zu durchsetzen; letztere ist schwach dellenförmig ein-
gedrückt über ihnen; dicht unter der Oberfläche in der
Mitte tragen diese kleinen Kegel eine dunkle Zeichnung,
wodurch sie von der Fläche gesehen, wie helle Kreisflächen
mit einem dunkeln Mittelpunkte aussehen. Die 0,072 Mm.
langen und 0,033 Mm. breiten Eier haben eine dreifache
Hülle ; die innerste zeigt an der Ausenseite ein feines Netz-
werk heller Leisten, die ganz unregelmässig nach allen
Richtungen verlaufen. Das männliche Schwanzende ist ab-
gerundet, nach der Bauchseite hin schräg abgestutzt mit
2 sehr kleinen Papillen jederseits am äussersten Ende be-
setzt, die sogenannte Cirrusscheide ist 0,54 Mm. lang, bedornt,
aber es ist kein Cirrus in ihr aufzufinden. Das Rudolphi'sche
Genus Trichosoma wurde von Dujardin in Trichosoma
s. pr., Thominx, Eucoleus, Calodium und Liniscus getrennt,
von denen ersteres Genus sich nur durch die Körperform,
Calodium durch Vorhandensein einer häutigen Bursa,
Liniscus durch die Dünnigkeit der vorderen Körperhälfte
und Thominx durch die Zähnelung der Scheide desselben
unterscheidet, Eigenschaften, die zur Aufstellung von neuen
Gattungen nicht berechtigen, bei der übrigens ungemein
grossen Aehnlichkeit der Arten. Dagegen ist das bei
1) Histoire des Helminthes. pag. 24 — 25.
Neue BeobachtuDgen an Helminthen. 233
Eucoleus angegebene Fehlen eines Spiculum allerdings ge-
eignet, als Merkmal einer besondern Gattung zu dienen,
jVngesichts der grossen Bedeutung, die das Spiculum in der
Systematik der Nematoden mit Recht bekommen hat. Das
Genus Eucoleus hat 2 Arten, aerophilus und tenuis, von
denen erstere in den Luftwegen des Fuchses, letztere in
denen des Igels lebt; es ist hierbei aber zu bemerken, dass
der Umstand, dass bei beiden kein Spiculum gefunden ist,
noch nicht beweisend dafür sein kann, dass auch keins
vorhanden ist, denn die Dornen der Scheide können es
völlig unsichtbar machen; bei dem sehr ähnlich gebildeten
Trichosoma contortum ist das Spiculum ein äusserst zartes,
hyalines Organ, das erst sichtbar wird, wenn es frei zu
Tage tritt, von der bedornten Scheide umgeben aber völlig
verschwindet; bei Eucoleus tennis haben Duj ardin,
Eberth, Schneider und ich, bei Eucoleus teuuis Du-
j ardin und ich kein Spiculum aufgefunden, während
Creplin bei der Beschreibung ersterer Art ein solches
erwähnt, und Schneider meint, bei lebenden Exemplaren
eins gesehen zu haben; sollte sich dieses bestätigen, so
müssten beide Arten dem Genus Trichosoma zugetheilt
werden.
22. Nematoxys tenerrimus n. sp.
Fig. 18.
Im Darm von Anguilla vulgaris. Das Thier ist klein
und zart, langgestreckt, farblos und hyalin und gehört zu
den Meromyariern. Das Männchen ist 4,3 Mm. lang und
in der Gegend der Girren 0,1 Mm. breit. Der Oesophagus
misst ^^7,6 der Körperlänge, die hintere Hälfte ist zu einem
gestreckten Bulbus angeschwollen und trägt sehr undeut-
liche Ventilzähne; der Schwanz ^ misst Vi4 der Körperaus-
dehnung und ist pfriemenförmig zugespitzt; es finden sich
2 gleichgrosse, 0,25 Mm. lange Girren mit breiten Seiten-
membranen, zwischen denen ein keilförmiges accessorisches
Stück von 0,056 Mm. Länge steht; die hintere Einfassung
der Cloake ist chitinisirt; 4 prä- und (3 postanale Papillen
findet man jederseits, von welchen letzteren die 3., 4. und
6. seitlich, alle übrigen mehr bauchwärts stehen.
234 Dr. von Linstow:
Das noch unentwickelte Weibchen ist 3,6 Mm. lang
und 0,11 Mm. breit; die Vulva liegt in der vorderen Körper-
hälfte; ausser den angegebenen Papillen zeigen weder
Männchen noch Weibchen am Körper welche, ausser am
Kopfende; die Mundöffnung ist kreisförmig, im Innern
stehen 3 wenig ausgeprägte Lippen, die jede eine Spitze
tragen, denen zwei spitze Ausläufer des Körperparenchyms
aussen in der Wandung der Mundhöhle gegenüberstehen;
am Kopfende entspringen 2 sehr breite Seitenmembranen;
vorn am Kopfende stehen seitlich 2 sehr kleine Papillen.
23. Füaria paxnMifera n. sp.
Fig. 19.
Lebt zwischen den Magenhäuten von Sylvia palustris ;
das Männchen ist 4,7 Mm. lang und 0,079 Mm. breit; der
ganze Oesophagus misst V12, der Schwanz V28 der Körper-
länge ; der vordere, nur chitinöse Theil des Oesophagus ist
0,13 Mm., der muskulöse 0,26 Mm. lang; die Haut ist quer-
geringelt, der Kopf trägt 2 conische, gleiche Lippen, welche
die Bauch- und Rttckenseite einnehmen ; von jeder zieht
sich eine Halskrause herab, die sich bald gabelt und geht
jeder der beiden Aeste in der Submedianlinie bis zur Ent-
fernung von 0,19 Mm. vom Kopfende herab; 0,16 Mm. vom
Kopfende steht in der Bauch- und Rückenlinie eine Papille,
wo sonst die sogen'. Nackenpapille sich zu finden pflegt.
Die Schwanzseite zeigt 4 prä- und 8 postanale Papillen
jederseits, die sehr prominent sind und auf einem halb-
kugelförmigen: Vorsprung stehen; der linke Cirrus ist 0,15,
der rechte 0,098 Mm. lang, die Bursa ist breit.
24. Füaria Muscicapae n. sp.
Zwischen den Magenhäuten von Muscicapa atricapilla
lebt diese Art, die ich nur im Weibchen beobachtet habe;
dasselbe ist 11,5 Mm. lang und 0,15 Mm. breit. Die Cutis
ist sehr stark und besteht aus 2 Schichten, die äussere
ist regelmässig quergeringelt, gelblich, und zeigt ausserdem
Längsstreifung ; die innere ist färb- und structurlos, etwas
dicker als erstere. Der Kopf zeigt 2 conische Lippen, von
denen die ventrale etwas kleiner ist; in den Submedian-
linien laufen gerade, doppelte Krausen, die keinerlei Bie-
Neue Beobachtungeu aii Helminthen. 235
giingen oder Schlingen machen und 0,33 Mm. von der Kopf-
spitze endigen. Das heträchtliche Vestibulnm ist 0,16 Mm.
lang, der vordere Theil des Oesophagus misst 0,33 Mm.,
der hintere, vom Drüsenkörper umgeben 0,75 Mm.; der
Schwanz ist 0,13 Mm. lang, conisch verjüngt und mit ab-
gerundeter Spitze. Die Eier sind sehr zahlreich, dick-
schalig, elliptisch, 0,029 Mm. lang und 0,016 Mm. breit; die
Vulva liegt etwas hinter der Körpermitte ; der durch sie ge-
bildete vordere Körperabschnitt verhält sich zum hinteren
wie 7:6. Vulva und Anus münden auf einer rundlichen
Vorwölbung, erstere ist von concentrischen Ringen der Cutis
umgeben.
25. Filaria ecMnata n. sp.
Fig. 20.
In dem Darm von Alburnus lucidus. Die Individuen
sind geschlechtlich noch nicht entwickelt; Länge 1,8 Mm.,
Breite 0,078 Mm.; der Oesophagus misst Vs, der Schwanz
Vi7 der Gesammtlänge. Die Haut hat 45 Querreihen von
Stacheln, die bis zum After reichen, jede aus 25 — 35 Stacheln
bestehend, die nach hinten zu zahlreicher aber schwächer
werden; jede Reihe ist in der Seitenlinie unterbrochen; die
Muskulatur ist ebenso dick wie die Haut, diese ist fein
quergeringelt. Die Mundhöhle hat im Innern kleine kugel-
förmige Erhabenheiten; der Oesophagits schwillt hinter der
Mitte allmählich zu der doppelten Dicke an, die er Anfangs
hat; der Schwanz ist kegelförmig, die Spitze plötzlich
etwas verjüngt.
Die Art ist mit Filaria denticulata verwandt, doch
stehen die Stacheln nicht, wie bei dieser Form, an jedem
Querringel der Haut, sondern an jedem 5. bis 6.
26. Strongylus polygyrus Duj.
Fig. 21.
Im Darm von Arvicola campestris, zum Theil auch in
sackartigen Ausbuchtungen des Darms, die durch die Para-
siten hervorgerufen zu werden scheinen.
Der Körper ist röthlich, spiralig aufgerollt, das Kopf-
ende zeigt eine Epidermisverdickung, die Mundöffnung ist
dreieckig, um dieselbe herum stehen 4 Papillen, die Haut
236 Dr. von Liustow:
zeigt etwa 16 Längsleisten, die zum Theil wellig verlaufen;
ausserdem finden sich an ihr Querstreifen, die in denselben
Abständen wie die Längsleisten stehen.
Das Männchen ist 4 Mm. lang und 0,078 Mm. breit,
die 2 nadeiförmigen Girren messen 0,54 Mm.; die Bursa
hat jederseits 6 Rippen, von denen die erste vorwärts
gekrümmt ist und die zweite an ihrer äusseren Hälfte
doppelt ist.
Das Weibchen ist 7,2 Mm. lang und 0,096 Mm. breit,
die Vulva liegt 0,24 Mm. vom Kopfende entfernt; der Anus
findet sich 0,098 Mm. vom Schwanzende, die äusserste,
feine Schwanzspitze ist 0,016 Mm. lang; die Eier haben
eine Länge von 0,075 und eine Breite von 0,043 Mm.
27. Äscaris adunca Rud.
Fig. 22.
Im Magen von Alosa vulgaris gefunden. Die Ober-
lippe, auf die bei der Artbeschreibung der Askariden so
viel Werth gelegt wird, ist etwas anders, als Schneider')
sie beschreibt und abbildet; ihre Breite verhält sich zur
Länge wie 3:4. Die Pulpa der Lippen ist eine doppelte,
eine innere und eine äussere ; die innere zeigt an der Ober-
lippe am Vorderrande 2 kolbige Hervorragungen. Das
Schwanzende ist mit feinen Spitzen besetzt.
Beobachtungen an Nematodenlarven.
28. Ascaris capstdaria Dies.
Fig. 23.
= Agamonema capsularia Dies. e. p.
Unter dem Peritonealtiberzug von Darm, Mesenterium
und Leber von Alosa vulgaris und Trutta salar.
Länge 20 Mm., Breite 0,54 Mm.; Oesophagus Vs,
Schwanz Vie? der Gesammtlänge. Die Haut ist querge-
ringelt; der Körper verdünnt sich nach dem Kopfe hin
stark, das Schwanzende ist dick, abgerundet, der Anus
steht dicht vor demselben, die äusserste Schwanzspitze ist
1) Monographie der Nematoden pag, 48, Tab. II, Fig. 9.
Neue Beobachtungen an Helminthen. 237
ein kleiner, dünner Kegel. Das Kopfende trägt einen nach
der Bauchfläche gerichteten Bohrzahn; um denselben herum
stehen 4 Papillen, unter denen sich ein ovaler, drüsenartiger
Körper befindet. Der Oesophagus besteht aus 2 Schichten,
von denen die innere an ihrem äusseren Umfange spiralige
Chitinleisten zeigt. Zwischen Oesophagus und Darm ein-
geschaltet ist ein eigenthümlicher Körper, der bei auf-
fallendem Licht milchweiss, bei durchscheinendem schwärz-
lich-braun aussieht; bei einem 11,7 Mm. langen Exemplar
ist derselbe 0,3 Mm. lang; von demselben entspringt nach
vorn ein Blinddarm von 1,1 Mm. Länge, nach hinten ein
anderer, der 2 Mm. lang ist; beide zeigen ein enges, gleich-
massiges Lumen.
Das Thier liegt lockig aufgerollt, unbeweglich an
seiner Stelle; in Wasser gethan, bewegt es sich bald leb-
haft, und ist eine Embryonalform des Genus Ascaris.
29. Ascaris Eperlani n. sp.
= Nematoideum Salmonis eperlani Rud.
= Aganionema bicolor Dies. e. p.
Fig. 24. '
Larvenform.
Lebt in der Rückenmuskulatur von Osmerus eperlanus
und zwar so, dass man durch einen Druck, der seitlich an
jeder Seite auf den unverletzten Fisch einwirkt, den Para-
siten hervordrängen kann, eine grosse, 23,4 Mm. lange und
0,72 Mm. breite Form. Die Haut ist regelmässig querge-
ringelt, die Ringel sind sehr breit. Der Kopf ist dreilippig,
die Pulpa der Oberlippe ist länger als breit, cylindrisch,
vorn abgerundet. Der Oesophagus misst Vs, der Schwanz Vi so
der Körperlänge. Der Darm verlängert sich nach vorn in
einen, neben dem Oesophagus liegenden 0,6 Mm. langen
Blindsack, das Seitenfeld nimmt Ve der Körperbreite ein.
Das Schwanzende ist kegelförmig mit abgerundeter Spitze ;
das Körperparenchym sowohl wie die dasselbe bedeckende
Cutis sind am Ende in eine feine, sich plötzlich verjün-
gende Spitze ausgezogen. Die Seitenmembranen sind durch
eigenthümliche, pfeilspitzenartige Verdickungen gestützt.
238 Dr. von Linstow:
Embiyonalform.
Die hierhergehörige Embryonalform ist bisher als
Agamonema bicolor beschrieben worden; die pfeilspitzen-
artigen Verdickungen der Seitenmembranen sind auch hier
vorhanden; gefunden habe ich dieselbe aussen an der
Magenwand von Osmerus eperlanus; sie ist 8,8 Mm. lang
und 0,23 Mm. breit ; der Oesophagus misst V?? der Schwanz
V49 der KörperlängC; der Blinddarm ist deutlich entwickelt,
das Kopfende trägt einen bauchständigen Bohrzahn.
30. Äscaris communis Dies.
= Agamonema commune Dies.
Fig. 25.
Embryonalform.
Lebt aussen am Darm von Gadus callarias, Länge
11*,2 Mm., Breite 0,28 Mm.; Oesophagus V9; Schwanz V55
der ganzen Körperlänge ; letzterer ist am Ende in eine feine
Spitze ausgezogen; der Kopf hat einen bauchständigen
Bohrzahn; unter der Haut sind die 3 zukünftigen Lippen
schon vorgebildet; in den Submedianlinien steht je eine
Papille, von denen die 2 dorsalen über der späteren Ober-
lippe, die 2 ventralen über je einer der späteren Unterlippe
stehen. Der Darm beginnt mit einem kugligen Bulbus, von
dem ein schmaler Blinddarm 0,68 Mm. weit nach hinten
verläuft und 0,24 Mm. nach hinten vom Beginn des Darms
entspringt von demselben ein ähnlicher aber viel breiterer
Blinddarm, der 0,66 Mm. parallel dem Oesophagus sich
nach vorn streckt.
Larvenform.
Die Larvenform, ohne Bohrzahn, mit 3 Lippen, fand
ich am Ovarium von Gadus callarias ; die Haut ist unmess-
bar fein quergeringelt.
31. Äscaris Flesi n. sp.
Fig. 26.
Am Darm und der Leber von Platessa flesus einge-
kapselt, eine Embryonalform von 1,02 Mm. Länge und
0,049 Mm. Breite. Kopfende mit bauchständigem, stumpfem
Bohrzahn; im Körperparenchym am Kopfe, rücken- und
Neue Beobachtungen an Helminthen. 239
bauchständig je eine grosse Blase; Gestalt kurz und dick,
Haut schwach quergeringelt, Muskulatur kräftig ; der Oeso-
phagus misst Vßj der Schwanz V21 der Körperläuge; am
Ende des ersteren entspringt ein neben dem Darm ver-
laufender 0,3 Mm. langer Drüsenschlauch; der Schwanz ist
kurz, abgestumpft-kegelförmig, vom Anus an sich plötzlich
verjüngend. Hinter der Körpermitte liegt au der Bauch-
seite eine bohnenförmige Geschlechtsanlage. Die Seiten-
linien sind deutlich.
32. Ascaris piscicola n. sp,
Fig. 27.
Lebt eingekapselt in der Magenwand von Esox lucius,
am Peritoneum von Blicca bjoerkna und in der Magen-
wand von Cobitis fossilis.
Embryonalform.
Die Länge beträgt 0,51 Mm., die Breite 0,023 Mm.;
am Kopfe steht ein bauchständiger Bohrzahn; der Oeso-
phagus misst Vöj der Schwanz V'15 der ganzen Länge.
Larvenform.
Die Form des Kopfes ist aus der Abbildung ersicht-
lich; die Länge beträgt 1,2 Mm., die Breite 0,051 Mm.
Der Anfang des Darmes ist bulbusartig angeschwollen; der
Schwanz ist pfriemenförmig verjüngt mit etwas abge-
rundeter Spitze; der Darm ist deutlich aus Zellen zusammen-
gesetzt; die relativen Längenverhältnisse von Oesophagus
und Schwanz findet man wie bei der Embryonalform.
Es ist möglich, dass die Formen aus verschiedenen
Fischen verschiedene Arten repräsentiren, ich kann aber
keine Unterschiede finden.
33. Ascaris Siluri n. sp.
Fig. 28.
Embryonalform mit Bohrzahn; die Form ist lang ge-
streckt, die Muskulatur kräftig; Länge 0,84 Mm., Breite
0,026 Mm.; Oesophagus V556, Schwanz V'22,5 der Gesammt-
länge. Die beiden rundlichen Vorragungen des Mundes,
von denen die nach der Bauchseite zu grösser ist und den
240 Dr. von Linstow:
Bohrzahn trägt, sind durch bogige Chitinstabchen gestützt.
Die Haut ist glatt. Die Art lebt in kugligen Kapseln in
Darmwand und Leber von Silurus glanis, die einen Durch-
messer von 0,8 Mm. haben.
34. Äscaris Osmeri n. sp.
Fig. 29.
Findet sich in verschiedenen Eingeweiden von Os-
merus eperlanus eingekapselt. Die Gestalt ist dick und
gedrungen, die Haut fein quergeringelt. Länge 1,3 Mm.,
Breite 0,082 Mm., Oesophagus V?, Schwanz Vi9 der Körper-
länge. Das Mundende trägt einen kleinen Bohrzahn an
der Bauchseite. Leicht kenntlich ist die Form durch das
sondenknopfförmig abgerundete Schwanzende.
35. Äscaris Carpionis n. sp.
Kommt vor eingekapselt in der Darmwand von Cy-
prinus carpio. Der Körper ist gestreckt und schlank, der
Mund trägt einen kleinen Bohrzahn; der Schwanz ist
pfriemenförmig verjüngt, das Ende etwas abgestumpft.
Länge 0,88 Mm., Breite 0,02 Mm.; der Oesophagus misst
V5,5, der Schwanz Va ^^i' Körperlänge. Die Grösse des
Schwanzes unterscheidet die Art von den Verwandten.
36. Äscaris Äcerinae n. sp.
Fig. 30.
In Magen- und Darmwand von Acerina cernua sehr
zahlreich eingekapselt. Die Länge beträgt 1,2, die Breite
0,039 Mm., der Oesophagus misst Vö, der Schwanz V24 der
Körperlänge. Die Haut ist ohne Querringelung, der Mund
zeigt an der Bauchseite einen stumpfkegelförmigen Bohr-
zahn; neben dem Anfang des Darms erstreckt sich ein
0,84 Mm. langer Blindsack; derselbe ist hyalin, hat ein
kleines Lumen und ihm, nicht dem Darm, gehört ein Bul-
bus an, der vom Oesophagus entspringt. Der Schwanz
ist stumpfkegelförmig, hinter dem After befindet sich ein
rundlicher Wulst.
Die hier aufgeführten Helminthen gehören zum Genus
AscariS; und unterscheidet man bei ihnen eine durch den
embryonalen Bohrzahn kenntliche Formenreihe, und eine
Neue Beobachtungen an Helminthen. 241
weiter entwickelte, die ich Larvenform genannt habe;
derselben fehlt der Bohrzahn, und hat sie am Mundende
drei Lippen, wie die geschlechtsreifen Individuen der Gat-
tung Ascaris. Auffallend ist die relativ ungeheuere Grösse,
welche die Embryonalformen u. A. von Ascaris capsularia,
Eperlani und communis erreichen.
37. Agamonema Flcsi n. sp.
Am selben Ort mit Ascaris Flesi , findet sich eine
andere Nematodenlarve, die eine viel gestrecktere Körper-
form hat; Länge 0,79 Mm., Breite 0,023 Mm., Oesophagus i/r.,
Schwanz ^/e der Gesammtlänge. Das Mundende ist durch
8 kleine Kügelcheu ausgezeichnet, die Darmwand ist mit
glänzenden Körnchen durchsetzt, der Schwanz ist lang und
pfriemenförmig.
38. Agamonema Acerinae n. sp.
Fig. 31.
Lebt in den Muskeln von Acerina cernua; der Muskel
ist au der betreffenden Stelle dadurch nicht verändert, und
umgiebt den Parasiten keine Kapsel. Derselbe ist laug
gestreckt, am dicksten in der Gegend des Afters, daselbst
0,015 Mm. messend; die Länge beträgt 0,54 Mm. Am
Kopfende ist der Körper 0,013 Mm. breit. Das Mundende
ist abgerundet, das Schwanzende verjüngt sich vom After
an langsam, es misst Vs der Körperlänge, das Ende ist
zugespitzt. Der Oesophagus ist sehr lang, Vs Gesammt-
länge einnehmend, der Darm ist dunkel pigmentirt oder
gekörnelt, die. Haut ist nicht quergeringelt, das Mundende
kegelförmig zugespitzt mit gerade gestutztem Ende.
39. Agamonematodum Necrophori n. sp.
Fig. 32.
Lebt in der Leibeshöhle von Necrophorus vespillo.
Die Länge beträgt 0,43 Mm., die Breite 0,026 Mm. Die
Haut ist sehr fein quergeringelt. Das Mundende trägt eine
halbkugelförmige Verdickung, der Oesophagus, der V354
der Körperlänge misst, zeigt 2 Anschwellungen; in der
hintersten befindet sich ein Zahnapparat, vorn mündet er
in einen Bohrstachel. Der Darm besteht aus deutlichen
Archiv f. Natiirg. XXXXIV. Jahrg. ]. Bd. IG
242 Dr. von Linstow:
Zellen; die Schwanzlänge beträgt V12 der ganzen Grösse;
das Ende ist gerade abgestutzt mit einer quadratischen,
saugnapfartigen Vertiefung ; übrigens glaube ich auch andere
Exemplare gesehen zu haben, bei denen der Schwanz, der
dann länger war, gewöhnlich pfriemenförmig endigte. Das
Thier erinnert sehr an das Genus der freilebenden Nema-
toden Tylenchus und fand sich in einem Exemplare in
Menge.
40. Ägamonematodum Vespillonis n. sp.
Fig. 33.
Findet sich mit voriger Art am selben Orte. Länge
0,37 Mm., Breite 0,023 Mm. Die Haut ist in grösseren Ab-
ständen regelmässig quergeringelt; das Mundende ist rund-
lich, das Schwanzende spitz pfriemenförmig. Der Oeso-
phagus misst V4, der Schwanz Vg d^er Körperlänge; die
Zellen des Darms sind deutlich; an dessen Mitte liegt eine
bohnenförmige Geschlechtsanlage; der Oesophagus nimmt
von vorn nach hinten an Dicke zu.
41. Ägamonematodum Juli n. sp.
Fig. 34.
Findet sich im Darm von Julus terrestris. Das Thier
ist 0,54 Mm. lang und 0,029 Mm. breit. Die Haut ist regel-
mässig dicht quergeringelt. Das Mundende ist etwas verdünnt,
vorn ist eine Art Mundbecher, in dessen Mitte ein kleiner
Bohrstachel steht. Der Oesophagus zeigt am Ende eine
Anschwellung, er misst V4 der Körperlänge ; die Darmwand
ist mit vielen glänzenden Kernen durchsetzt; der Schwanz
ist lang, fein pfriemenförmig zugespitzt, V477 der Körper-
länge messend.
42. Sphaerularia Bombi Dufour.
Fig. 35.
Den Embryo findet man massenhaft in der Leibeshöhle
mancher Bombus-Arten, z. B. von Bombus hortorum, im Früh-
jahr, wenn sie von einem oder mehreren geschlechtsreifen
Exemplaren dieses seltsamen Parasiten bewohnt werden. Sie
sind 0,75 Mm. lang und 0,033 Mm. breit; der Körper ist nach
Neue Beobachtungen an Helminthen. 243
beiden Seiten zu abgerundet, das Kopfende dicker als das
Schwanzende. Der Oesophagus nimmt etwa '/e der Körper-
länge ein; der Darm lässt sich nicht verfolgen, ein Anus ist
nicht vorhanden. Die äussere Haut, die sehr stark ist, zeigt
Querringel, die innere ebenfalls, aber viel feinere, dichter
stehende; der ganzen Länge nach ziehen sich 2 Seiten-
bänder hin, ähnlich wie bei manchen Trichosomen, die
genau Vs der Körperbreite messen und in denen dicht
gedrängt kreisrunde Zellen mit einem kleinen glänzenden
Kern stehen.
An den Wurzeln von Moos finde ich eine Nematoden-
form, welche diesen Thieren ganz gleicht, nur ist sie etwas
grösser, 1 Mm. lang und 0,043 Mm. breit, das Schwanz-
ende ist etwas dicker, übrigens gleicht die Form in jeder
Hinsicht den beschriebenen Embryonen.
Eine weiter entwickelte Form, die ich abgebildet habe,
zeigt die Querringel der äusseren Haut nur noch am Kopfe,
die der inneren aber überall; der Darm macht sich nur
durch eine schwach gelbliche Färbung bemerkbar,, ein Anus
ist nicht vorhanden, der Oesophagus hat etwa Vs his Ve
der Körperlänge; alle inneren Theile sind durch sehr auf-
fallende, runde Zellen der inneren Haut verdeckt, die einen
stark glänzenden Kern führen und die Haut von vorn bis
hinten durchsetzen. Die Muskulatur ist stark geschwunden,
die Bewegungen sind sehr träge; die Seitenbänder von Vs
Körperdurchmesser sind vorhanden in der äusseren Haut,
ihre Zellen und Kerne werden aber von denen der inneren
verdeckt. Dieses ist der seltsamste Nematode, den ich
bisher gesehen habe; die glänzenden Kerne sind schon
bei einer 100-fachen Vergrösserung sichtbar, und bieten
ein eigenthümliches Bild dar, und kann es wohl nicht frag-
lich sein, dass wir hier die Larve von Sphaerularia Bombi
vor uns haben, die aus ihrem Wohnthier ausgewandert ist,
um, nachdem sie den Sommer über im Freien gelebt hat,
während des Winters sich in ein überwinterndes Bombus-
Weibchen einzubohren, in dem es sich dann geschlechtlich
entwickelt.
244 Dr. von Linstow:
Erklärung- der Abbildungen.
Tafel VII.
Fig. 1. Kopfende von Bothriocephalus Osmeri.
Fig. 2. Scolex von Taenia omphalodes.
Fig. 3. Scolex von Taenia innermis.
Fig. 4. Scolex von Taenia diminuta.
Fig. 5. Cysticercus dithyridium.
Fig. 6. Monostomum echinatum (jung).
Fig. 7. Ei von Distomum atamon.
Fig. 8. Distomum chilostomum.
Fig, 9. Diplostomum lenticola.
Bei den Dactylogyren bezeichnet a die grossen Haken,
b die Kandhaken, c die Klammer, d das unpaare Stück
der Bauchseite, e den vorderen (männlichen), f den hin-
teren (weiblichen) Chitinapparat der Geschlechtsöffnungen,
g das Kopfende.
« bedeutet Cirrus, ß Zuleitungsröhre, y Mündung der-
selben in die Saamenblase, ö und f einzelne Stützbalken,
C Röhre an der Mündung der unteren, weiblichen Saamen-
blase, T] deren Mündung nach aussen, ü sich abzweigendes
Röhrchen.
Dactylogyrus alatus.
Dactylogyrus minor.
Dactylogyrus tuba.
Dactylogyrus cornu.
Tafel VIII.
Dactylogyrus sphyra.
Dactylogyrus amphibothrium.
Männliches Schwanzende von Trichosoma exiguum von
der Seite.
Stück vom Längsband von Eiicoleus tenuis im Längsschnitt.
Nematoxys tenerrimus, a Kopf, b Männliches Schwanzende.
Filaria papillifera, a Kopf von der Rückenseite, b Männ-
liches Schwanzende.
Filaria echinata, a Kopf von der Seite, b ein Haken von
der Seite.
Strongylus polygyrus, männliches Schwanzende.
Ascaris adunca, Oberlippe von der Rückenfläche.
Ascaris capsularia, Kopf der Embryonalforra von der
Rückenseite.
Neue Beobachtungen an Helminthen. 245
Tafel IX.
Fig. 24. Ascaris Eperlani, a Kopf der Larvenform von der Rücken-
seite; b pfeilspitzenförmige Verstärkung der Seitenmem-
branen.
Fig. 25. Ascaris communis, Kopf der Embryonalform von der Seite.
Fig. 26. Ascaris Flesi, Kopf der Embryonalform von der Seite.
Fig. 27. Ascaris piscicola, a Kopf der Embryonalform von der Seite,
b Kopf der Larvenform von der Seite.
Fig. 28. Ascaris Siluri, Kopf der Embryonalform von der Seite.
Fig. 29. Ascaris Osmeri, a Kopf der Embryonalform von der Seite,
b Schwanzende.
Fig. 30. Ascaris Acerinae, Kopf der Embryonalform von der Seite.
Fig. 3L Agamoneraa Acerinae.
Fig. 32. Agamonematodum Necrophori.
Fig. 33. Agamonematodum Vespillonis.
Fig. 34. Agamonematodum Juli.
Fig. 35. Sphaerularia Bombi, a Embryo aus Bombus hortorum,
b Larve aus Mooswurzeln.
Ichthyologische Notizen.
Von
Dr. von Linstow,
in Hameln.
Flatessa flesus L.
V. Siebold^) giebt an, dass der Flunder in der ersten
Hälfte dieses Jahrhunderts drei Mal als grosse Seltenheit
im Stromgebiete des Rheins gefangen ist, einmal bei Mainz,
einmal bei Klingenberg am Main, einmal bei Metz in der
Mosel; ausserdem soll er sich in der Maas und Scheide
zeigen, und ist übrigens, wie alle zur Familie der Pleuro-
nectiden gehörigen Gattungen und Arten, als Seefisch an-
zusehen.
Nach diesen Angaben war ich erstaunt, bei Hameln
am 29. März dieses Jahres ein 26 Cm. langes Exemplar zu
erhalten, darauf am 20. Mai ein zweites von 20 Cm. Länge,
dem nach einigen Tagen 3 andere ähnliche folgten.
Die hiesigen Fischer, welche sie beim Lachsfang an-
trafen, nennen den Fisch „Scholle", und geben überein-
stimmend an, er sei ein constanter Bewohner der Weser;
gegen 100 Exemplare werden jährlich gefangen, die aber
nicht gross sind und alle durchschnittlich die angegebene
Grösse haben; ausnahmsweise werden hier vorkommende
Exemplare bis zu 3 Pfund schwer.
Älosa vulgaris Cuv.
Da V. Siebold^) bemerkt, dass über das Vorkommen
des Maifisches im Wesergebiet keine Nachrichten gegeben
1) Die Süsswasserfische von Mitteleuropa pag. 78.
2) 1. c. pag, 331.
Ichthyologische Notizen. 247
sindj ich aber von den hiesigen Fischern erfahren hatte,
dass ein Maifisch hier gefangen wird, so war ich bemüht,
mir Exemplare dieses Thieres zu verschaffen, um zu con-
statiren, ob der Fisch, der hier gefangen wird, Alosa vul-
garis oder A. finta sei. Anfang Juni er. erhielt ich einen
schönen, 4V4 Pfund schweren Maifisch; er war 59 Cm.
lang; die Schuppen unterhalb der Rückenlinie zeigten Reihen
dem Rande der vorhergehenden Schuppe parallel stehender
schwärzlicher Pünktchen; auch der Kiem^ndeckel war mit
schwärzlichen Pünktchen dicht besetzt. Die Zahlen der
Flossenstrahlen waren folgende:
P:1.15; D:4.16; V:1.8; A:2.3; C:19.
Die Zahl der Strahlen an den Kiemenbögen fand ich so:
1:122; 11:115; 111:92; IV:67.
Da wir nach Troschel's Untersuchungen im Stande sind,
die beiden Alosa- Arten leicht zu unterscheiden, so bedarf
es weiter keiner Auseinandersetzung, dass es sich hier um
Alosa vulgaris handelt. Der Fisch wird nach Angabe
hiesiger Fischer mitunter zu 30 Exemplaren auf einmal
gefangen, in diesem Jahre hat mau hier indessen nur im
Ganzen so viel erhalten. Der Maifisch ist auf seiner Reise
zum Laichgeschäfte ein schöner, schmackhafter, fetter Fisch :
im Juli wandert er in's Meer zurück und ist dann kleiner,
mager und unansehnlich, sowie angeblich ungeniessbar.
Eine zweite Art dieser Gattung soll in der Weser nicht
vorkommen.
Leuciscus älhurnolucidus m.
Ich erhielt einen kleinen Fisch von 15 Cm. Länge
und 3 Cm. Höhe, der die Gestalt und das Aussehen von
Alburnus lucidus hatte, dabei aber auffallender Weise die
Zahnformel 5—5 besass, weshalb ich denselben genauer
untersuchte. Das Maul ist nach oben gerichtet, doch steht
es nicht gänzlich aufwärts wie bei Alburnus lucidus; die
Schuppen sind leicht abfallend, schön silberglänzend mit
deutlichen Radien; die Gestalt ist ziemlich gestreckt, die
Mitte haltend zwischen der sehr gestreckten Form eines
Alburnus und der mehr bauchigen z. B. eines Leuciscus;
die Schuppen enthalten sehr blasse, rhombische Krystalle.
248 Dr. von Linstow:
Das Auge ist gross, Iris und Flossen sind ohne Roth, die
Afterflosse beginnt unter dem Ende der Rückenflosse; sie
steht nach ihrer Grösse und Anzahl der Strahlen in der
Mitte zwischen der Afterflosse eines Alburnus und eines
Leuciscus. Die Schlundzähne sind schlank, ihr Ende ist
stark hakig gebogen, die Kauflächen sind unregelmässig
gekörnelt, nicht regelmässig gekerbt. Der hinterste Zahn
jederseits ist horizontal geneigt wie bei Leuciscus rutilus;
an der Stelle, wo sonst bei Alburnus die 2. Zahnreihe
steht, bemerkt man links ein kleines, rundes Knötchen.
Zum Vergleich mögen hier die Zahlen der Schuppen
und Flossenstrahlen dieses Fisches zwischen denen von
Leuciscus rutilus und Alburnus lucidus stehen.
Zahn- , Zahl der Flossenstrahlen. gchuppenzahl.
Alburnus lucidus 2.5—5.2
Leuciscus alburnolucidus, 5 — 5
Leuciscus rutilus (5 — 6)— 5
3.8 |L15, 2.8 8.17-20
3.8 jL13j2.8, 3.15
3.10— 1111.15 2.8 3.9— 11
8.47-53,3
7.52.4
7—8.42—44.3-4
Man wird nach Vorstehendem die Form für einen Bastard
zwischen Alburnus lucidus und Leuciscus rutilus halten
müssen.
Alburnus lucidus geht Bastardbildungen mit Scardinius
erythrophthalmus (Alburnus Rosenhaueri) und mit Squalius
cephalus (Alburnus dolabratus) ein, Leuciscus rutilus aber
mit Blicca bjoerkna (Bliccopsis abramorutilus), Abramis
brama (Abramilopsis Leuckartü), Abramis melanops (Abra-
mis rhinosimus) und mit Scardinius erythrophthalmus
(Scardinius anceps) ein, und hat obige Annahme somit
nichts Unwahrscheinliches.
Trutta solar L.
Der Lachs wird bekanntlich bei Hameln, wo eine
Wehr quer durch die Weser gezogen ist, viel gefangen;
die Hauptfangzeit beginnt Ende März und hört Anfang
Juli auf; um diese Zeit fängt man die 3-jährigen Thiere,
die zum ersten Mal zum Laichen in den Fluss kommen;
sie sind 16 — 24 Pfund schwer und ist ihr Fleisch blass-
röthlich; durchschnittlich werden hier jährlich 3000 Stück
Ichthyologische Notizen. 249
gefangen, mitunter bis 3600, in diesem Jahre hat man aber
nur etwa 1000 bekommen, da im Frühjahr andauernd hohes
Wasser war, wobei die Wehr überfluthet war und den
Fischen kein Hinderniss im Stromaufwärtsschwimmen bot.
Nach Aussage der Fischer soll kein erwachsener Lachs
die Weser wieder verlassen ; was hier nicht gefangen wird,
wird weiter oben oder in den Nebenflüssen gefischt. Die
alten Lachse beginnen ihre Wanderung sehr viel später;
sie ziehen vom Juni bis Oktober, sind oft weit leichter
(man fängt Exemplare, die nur 5 Pfund schwer sind) und
ihr Fleisch ist weiss und nicht so wohlschmeckend wie
das der jungen und sind unter diesen viele sogen. Haken-
lachse i); mikroskopisch findet man in diesem weissen
Lachsfleisch gar keine Fettkügelchen, und an der Stelle
derselben zahllose kleine, gestreckt-rhombische Krystalle,
welche im Aussehen in der Mitte stehen zwischen Fett-
und Cholestearinkry stallen ; einzelne Lachse zeigen sich auch
im Winter. Zur Lachszucht verschafft man sich hier
einige Thiere beiderlei Geschlechts, denen man einen
starken Bindfaden durch einen Kiemendeckel zieht, welcher
am Ufer befestigt ist, um die Fische so lange im Wasser
am Leben zu halten, bis sie legereif sind; letzteres ist ein-
getreten, wenn man an der Bauchkante anstatt eines härt-
lichen Längswulstes eine weiche Rinne fühlt. Dann wird
das Weibchen aus dem Wasser genommen und Kopf und
Schwanz über dem Rücken möglichst zusammengebogen,
wobei durch Spannung der Bauchdecken entweder von
selbst oder durch ein sanftes Streichen die Eier hervor-
spritzen; man lässt diese entweder in eine leere oder mit
Wasser gefüllte Schaale oder ein Tuch fliessen und dann
sofort den Saamen hinzutreten, der auf dieselbe .Weise ge-
wonnen wird. Der Fischmeister behauptet, die Eier könnten,
wenn sie befruchtet werden sollen, nur wenige Augenblicke
im Wasser sein, ohne mit Saamen in Berührung zu kommen,
da sie sich sonst mit Wasser imbibiren und für die Sper-
matozoen unzugänglich werden ; man gewinnt daher oft den
Saamen vorher und lässt den Rogen zu diesem fliessen.
1) V. Siebold, 1. c. pag. 293.
250 Dr. von Li n stow: Ichthyologische Notizen.'
Die befruchteten Eier werden in fein durchlöcherte Stein-
guttöpfe gethan, mit einem Deckel zugedeckt und in einem
überdachten Gebäude, an dessen Erdboden eine Quelle, in
mehrere Arme getheilt, in steinerne Rinnen gefasst, fliesst;
in den Rinnen stehen die Töpfe reihenweise, so dass das
Wasser in langsamem Strome durch sie hinfliesst; 6— 7^ R.
ist die beste Wassertemperatur, 8^ ist schon Treibhaus-
wärme, in der die Eier sich wohl entwickeln und zwar
schnell, aber sehr unsicher. Bei P brauchen die Eier
120 Tage, bei 4» 90, bei 7<> 60 Tage zur Entwicklung des
Embryo's; 6 Wochen lang bedürfen die jungen Fische keiner
Nahrung; sie zehren dann von dem ihnen anhängenden
Dottersack, der immer kleiner wird und endlich ganz ab-
fällt, worauf sie in's Freie gesetzt werden müssen. Das
Einlegen der Eier in die Bruttöpfe beginnt im November.
Es wird bekannter Massen behauptet, dass die Lachse
zum Laichen immer in d i e Flüsse gehen, in denen sie sich
aus dem Ei entwickelt haben; sie müssen sich dann von
den Flussmündungen nicht allzuweit entfernen; gewiss ist,
dass der Lachsfang bei Hameln nach Einrichtung der Brut-
anstalt, die V4 Stunde von der Stadt liegt, etwa den
6-fachen Ertrag gegen früher geliefert hat.
Hameln, den 13. November 1877.
Kurze Notizen über einige neue Crustaceen sowie
über neue Fundorte einiger bereits beschriebenen.
Von
Dr. Robby Kossmann,
a. o. Professor a. d. Universität Heidelberg.
I.
In nachfolgenden Zeilen gebe ich ganz kurz die Defi-
nitionen der von mir in den letzten Jahren untersuchten
neuen Crustaceen. Ich füge dem auch einige Notizen bei,
die zur Erweiterung unserer Kenntnisse über die Verbrei-
tung bereits bekannter Formen dienen können. Die aus
dem rothen Meer stammenden Formen sind ausführlicher
besprochen in meinem Buche: „Zoologische Ergebnisse
einer Reise in die Küstengebiete des rothen
Meeres, Leipzig 1877, 4^." Die aus dem Mittelmeer
stammenden sind mir durch Herrn Prof. Camill Heller
zur Bestimmung übergeben worden, der sie seinerseits aus
der zoologischen Station zu Neapel erhielt; endlich ein
Discoplax gehört seit Jahren den Sammlungen des Heidel-
berger zoologischen Museums an.
Braehyura.
Species novae:
Lophactaea Helleri.
Margo anterolateralis compressus, ter leviter incisus.
Pedes superne compressi. Regiones thoracis anteriores
252 Dr. Robby Kossmann:
sulcis bene circumscriptae, posterolateralis et cardialis con-
fiuentes. Lobi ^) 2 F, 1 M, 2 M. (indivisus), 1 P, 4 L
pro se quisque distincti, lobus 3 M lobo 4 M, lobus 2 L
lobis 1 L et 3 L, lobus 5 L lobo 6 L coaliti. Thorax
glaber, laevis, fulviis, latus 23 mm.
Duo specimina, e mari rubro.
Conf. Kossmann, Zool. Ergehn.^ Malacostraca p. 21,
tah. 7, fig. 2.
Psaumis nov. gen.
Actaeae pars. Antennae externae articulus primus
marginem postorbitalem non attingit.
Psaumis ^labra.
Margo anterolateralis non compressus, dentibus 5 ob-
tusis instructus, quorum primus (extraorbitalis) a secundo
vix est divisus. Margo posterolateralis valde excavatus.
Margo suborbitalis non denticulatus. Lobi frontales, gastri-
cales, hepaticales (excepto lobo 1 L) sulcis bene circum-
scripti, cardiales {1 F et 2 F) coaliti; lobi protogastricales
(2 M) antice bisulci, lobus mesogastricalis {3 M) tripar-
titus, parte anteriore usque inter epigastricales projectä.
Thorax antice valde convexus, fronte declivissimä, postice
planus; superficie glabrä, granulatä. Pedes, glabri, granu-
lati, nodosi. Color fulvus, maculis rubris insignis. Latit.
circ. 17 mm.
Unum specimen, e mari rubro.
Conf, Kossmann, l. c. pag. 27, tah. I, fig. 4, tah III,
fg. 11.
Liomera Edwards!.
Thorax latissimus (Latitudo : Longitudo = 1,61:1);
digiti cochlearis instar excavati ; antennae externae articulus
primus marginem postorbitalem non attingit. Margo antero-
lateralis dentibus 5 instructus, primo, secundo, tertio ob-
tusissimis, quarto quintoque acutioribus. Lobi similes atque
in Carpilode laevi A. Milne Edwards, sed lobus 2 M
a lobo 1 M sulco separatus et antice bisulcus, lobi 2 L
et 3 L coaliti, bene circumscripta Margines supraorbitalis
et infraorbitalis sulcis duobus minime profundis tripartiti,
1) Dana, United States Exploring Expedition, Crustacea I, p. 29.
Kurze iNotizen über einige neue Crustaceen etc. 253
sine dentibus vel graniilis. Superficies dorsi pedumque lae-
vis, glabra, fusca. Latit. c. 14,5 mm.
Umim speeimen, e mari rubro.
Conf, Kossmann, l. c. pag. 28.
Epixaiithiis rugosus.
Epixantbo corroso A. Milne Edwards affinissi-
mus, sed totä superficiei dorsalis parte anteriore rugosus.
Thorax longitudinaliter convexior, ravus. Latit. 28 mm.
Duo specimina, e mari rubro.
Conf. Kossmann, l. c. pag. 36.
Pilumniis brachytrichns.
Margo frontalis 4-dentatus, dentibus medianis rotun-
datis serratis; externis angulisque internis marginis super-
ciliaris acutis. Margo supraorbitalis fissurä unä divisus,
infraorbitalis serratus, angulo interno paullulum produeto,
a dente extraorbitali fissurä separatus. Margo anterolate-
ralis dentibus 5 (extraorbitali incluso) instructus, quorum
seeundus minimus, inferior, obtusus, ceteri acuti. Super-
ficies dorsalis in regionibus hepaticalibus tantum rugis
spinulisque ornata, in ceteris laevis. Totum corpus dense
pilosum, pilis brevissimis, fuscis, aequaliter distributis (non
penicillorum modo insertis).
Quattuor specimina laesa, e mari rubro.
Conf. Kossmann^ l. c. pag. 39.
Paragalene nov. gen.
Thorax gibbus, regionibus anterioribus declivibus,
margine frontali brevi, antero-lateralibus brevibus, postero-
lateralibus paullulum convergentibus. Regiones branchiales
et epimerales convexae. Digiti acuminati, abdomen maris
7-articulatum. Palatum colliculo instructum; coUiculus in-
cisurä (suturä prima episternali) divisus in partem poste-
riorem, cristam acutam, et partem anteriorem vix conspi-
cuam. Margo anterior articuli tertii maxillarum externarum
rectus, marginem labialem, cui est parallelus, non attingens.
Antennae internae longae, transversae; antennarum exter-
narum articulus primus brevissimus, mobilis, seeundus longus
marginem frontalem attingens, in lato orbitae hiatu interno
Situs, quem non explet. Epistoma (area praelabialis) neu
est divisum lineä elevatä.
254 Dr. Robb y Koss mann: ♦
Diese Gattung verkettet in auffallender Weise die
Gattungen Menippe, Galene, und Pilumnus mit ein-
ander. Der erstgenannten ist sie besonders ähnlich durch
die Beschaffenheit der äussern Antennen; aber die deut-
liche Ausbildung der Endostomleisten, sowie das auf der
Kürze der Anterolateralränder, der massigen Convergenz
der Posterolateralränder und der sehr entwickelten Epime-
ralregion beruhende üeberwiegen der hintern Körperhälfte
entfernt sie davon. Auch der Gattung Galene steht unsere
Gattung nahe wegen der Beschaffenheit der äusseren An-
tennen, und nähert sich derselben auch hinsichtlich der
allgemeinen Körperform, bis auf den scharfen und stark
bewaffneten Vorderseitenrand, welcher jener fehlt. Dagegen
trennt das Vorhandensein von Endostomleisten unsere Form
vollständig von der Gattung Galene. Was endlich die
Pilumni angeht, so nähert sich Paragalene in der
Körperform diesen am meisten, nur ist bei letzterer die
Stirn noch um ein weniges schmaler und sind die Postero-
lateralränder noch etwas weniger convergent. Auch die
Form der äussern Mavillen und des Lippenrandes ist bei
beiden Gattungen fast dieselbe, und die Endostomleisten
unterscheiden sich nur dadurch, dass ihre vordere Hälfte
bei Paragalene undeutlich wird. Die Antennengegend
jedoch ist wesentlich von der bei Pilumnus verschieden;
die inneren Antennen sind viel grösser, deren Grundglied
tritt stark hervor und betheiligt sich an dem Abschluss des
auffallend weiten innern Augenhöhlenspaltes, der auch
nicht annähernd von dem 2. Gliede der äussern Antennen
ausgefüllt wird. Auch ist bei Pilumnus das Grundglied
der letztern weder so auffallend kurz, noch so beweglich.
Als nebensächlicher Unterschied, der kaum als Gattungs-
charakter verwendet werden kann, muss die vollständige
Nacktheit des Carapax unserer sehr grossen Art angeführt
werden.
Paragalene ueapolitana.
Confer definitionem generis. Margo anterolateralis
dentibus quinque acutis (incluso extraorbitali) instructus,
quorum quartus et quintus prominentiores , acutissimi,
omnesque spinulosa Frons angulis externis rectis, dentibus
Kurze Notizen über einige neue Crustaceen etc. 255
duobus medianis prominentibus, extrinsecus deflexis. Margo
supraorbitalis indivisus, granulatus, tiiberculo superciliari
obtuso, dente extraorbitali parvo, acuto; margo ini'raorbitalis
denticulatus, dente postorbitali (interno) maximo, acuto,
dente infraorbitali (externo) magno nee minus acuto. Lobi
protogastricalis (2 M) et epigastricalis {1 M) coaliti,
sulcis bene circumscripti, antice lineis spinulosis terminati,
lobus mesogastricalis antice et extrinsecus bene circum-
^riptus, parte anteriore longissimä usque ad lobos epi-
gastricales projectä. Regio hepaticalis duabus lineis pro-
minentibus spinulosis a dentibus anterolateralibus quarto
et quinto intrinsecus ductis instructa. Superficies tboracis
giabra, granulata; pedes primi paris, superficie externa
granulatä, interna laevi, carpo ab interiore parte bidentato,
manu maximä, digitis acuminatis, curvis, vix dentatis.
Pedes ceteri longissimi, teretes, unguiculo minimo armati.
Latit. 47 mm.
Unum specimen, mari mediterraneo.
Discoplax Pagenstecheri.
Species affinissima D. longipedi A. Milne Edwards
(Crustaces de la nouvelle Caledonie, nouv. Arcb.
du Museum d'hist. nat. t. IX p. 293 tab. XV. Dens
anterolateralis minimus, in nostro specimini dexter vix
conspicuus, margo anterolateralis valde granulatus. Regiones
epigastricalis et protogastricalis laeves. Margo frontalis
rectus, laevis, non interruptus. Lobi protogastricales sepa-
rati sulco retro bifurcato brevi; nee minus adest sulcus trans-
versus inter regiones mesogastricalem et urogastricalem,
aliusque brevissimus inter regiones protogastricales et
hepaticales, terminatus impressione quadam ellipticä. Im-
pressiones similes reperiuntur in angulis lateralibus posteri-
oribusque lobi mesogastricalis. Latit. 55 mm., pedibus in-
clusis 200 mm., longitudo 45 mm.^
Unum specimen fem., e mari australi. Museum
Godeffroy vendidit Museo universitatis Ruperto-
Carolae pro Varuna litterata.
Pseudograpsus erythraeus.
Pseudograpso (Heterograpso) barbimano
Hell. (Novarar eise) affinissimus, fronte latiore, declivi,
256 Dr. Robby Kossmann:
m argine frontali et thoracis superficie laevibus, regionibus
nou distinctis. Digiti chelarum maris basibus distantes, hiatus
pilorum pinnatorum fasciciüo expletus. Longit. 10 mm.
19 specimina, e mari rubro.
Conf. Kossmann, l. c. pag. 61, tah. I, fig. ö.
Ebalia orientalis.
Regio hepatiealis profundissime, posterolateralis mimis
excavata, regiones gastricalis lateralesque editae, duobiis
singulae tuberibus instructae. Corpus totum supra subtiliuJS,
infra crassius granulatum. Long. 12 mm.
Unum specimen fem., e mari rubro.
Conf, Kossmann, l. c. pag. 65, tah. I, fig. 6.
Myra subgranulata.
Forma carapacis simillima Myrae affini, sed spina
media marginis posterioris acutiore. Adsunt in margine
laterali cristae tres parallelae, quarum suprema et iniima,
cristis Myrae affinis similes, breves, denticulo termi-
nantur, media vero non, ut in Myra affini, ab oculo
usque ad spinam mediam marginis posterioris dueta est,
sed, inter denticulos illos incipiens, spinä externa marginis
posterioris terminatur. Superficies parcius granulata, quam
in M. affini; granuli in linea mediana longitudinali con-
fertior, sicut in M. carinata. Longit. 10 mm.
Unum specimen masc, e mari rubro.
Conf. Kossmann, l. c. pag. 65, tah. I, fig. 6.
Aiioiuiira.
Epidromia nov. gen.
Cepbalothorax , praesertim diniidio anteriore valde
convexus. Margo anterolateralis usque ad angulum labialem
productus est. Palatum colliculo instructum. Feminae
sulci Sternales . . .? Pedes Cryptodromiae sirailes.
Epidromia granulata.
Frons triloba, lobus medius maxime defiexus, episto-
mati junctus ; lobi exteriores obtusi, sicut margines supra-
orbitales sursum reflexi; tuberculum superciliare obtusum,
extraorbitale obtusissimum. Suicus minime profundus, inter
tuberculum extraorbitale et marginem infraorbitalem in-
cipiens, marginem anterolateralem dividit in partes duas
Kurze Notizen über einige neue Crustaceen etc. 257
dentibus ternis instructas, quorum Intimus in angulo labiali
Situs. Margo infraorbitalis duobus dentibus instructus,
posterolateralis vix granulatus.
Lobi epigastricales {1 M) coaliti, a lobis protogastri-
calibus {2 M) vix separati, lobus mesogastricalis (3 M)
bene circumscriptus, sulco longitudinali bipartitus, lobus
urogastricalis (4 M) bene circumscriptus. In regione he-
paticali duo adsunt tubercula obtusa, in regione laterali
lobus coalitus e lobis 5 L et 5 L.
Superficies dorsalis ante sulcum cervicalem granulata,
postice /laevis, vix tomentosa pilis pinnatis brevissimis
(0,1 — 0,18 mm.). Digiti paullulum excavati, dentibus ob-
tusis. Color fuscus. Longit. 9 mm.
Duo specimina mascuL, e mari rubro.
Clibanarius mediterraneus.
Tarsus compressus articulo praecedenti pedis brevior.
Oculi antennarum extern arum pedunculo aliquantum
breviores, internarum pedunculum fere aequantes, squamä
basali triangulari, acuminata. Antennarum externarum palpi
spiniformes gracillimi, setosi, pedunculum aequantes. Dentes
tres frontales obtusissimi sinibus vix conspicuis separati.
Carapacis regio antecervicalis quasi ovalis, postice angu-
stior, setis longis parce ornata. Carpus triqueter, margi-
nibus superioribus setosis, piano superiore glabro. Manus
compressa marginibus rotundatis, parce setosa, piano su-
periore prope marginem utrumque rugä tenerä in digitum
continuatä instructo. Digiti claudentes, dentati, apice corneo.
Color flavescens, regio carapacis anterior longitudi-
naliter striata, striis violaceis rubre limbatis. Oculorum
pedunculi annulis duobus rubris, uno basali, uno apicali,
insignes; squamae basales rubrae, ad apicem albae. An-
tennae internae flavescentes, articulus ultimus annulis
rubris, uno ad basin, uno ad apicem, antennae externae
annulis rubris numerosis ornatae. Pedes omnes striis
quatuor longitudinalibus, latis, interruptis, plerumque rubre
limbatis, insignes, qui tamen in articulis superioribus
pedum primorum confluunt. — Longit. cephalothoracis
12 mm.
Unum specimen, e mari mediterraneo.
Archiv f. Natiirg. XXXXIV. Jahrg. 1. Bd. 17
258 Dr. Robby Koasmann: Notizen üb. einige Crustaceen etc.
Ich füge diesen Besclireibungen neuer Arten ein Ver-
zeichnisse bereits bekannter Formen hinzu, welche von mir
zum ersten Male im rothen Meer gefunden sind (vergl.
Kossmann, Zool. Ergebn.y Malacostr.).
Mithrax triangularis (M. Edw.) mihi, var. afri-
cana mihi.
Atergatopsis granulata M. Edw.
Etisus laevimanus Randall.
Eurycarcinus natalensis Krauss.
Pilumnus ursulus Adams et White, (? Cancer
incanus FoRSK., Pilumnus Forskälii (M. Edw.?)
Gelasimus annulipes M. Edw., var. albi-
mana
Herpetologisclie Studien,
Von
Dr. Jacqnes von Bedriaga
in Heidelberg.
Hierzu Tafel X.
Die vorliegende Arbeit, die den Anfang einer Reihe
von Abhandlungen ähnlichen Inhalts bildet; soll das reich-
haltige Material an Mauereidechsen Südeuropas der Wissen-
schaft zugänglich machen.
Ich bitte daher diesen Erstlingsversuch, wie die nächst-
folgenden Studien lediglich als einen kleinen Beitrag zur
Kenntniss der Reptilienfauna Europas anzusehen.
Das theilweise von mir selbst gesammelte, theilweise
durch die reiche Unterstützung meiner Freunde gewonnene
Material sichert den Anfang dieser Unternehmung. Die
von mir in Aussicht gestellten Reisen nach den Küstenge-
bieten des Mittelmeeres, des Schwarzen Meeres und des
Kaspischen Sees behufs Erforschung der Inseln werden,
wie es so zahlreiche Beispiele dokumentiren, noch manches
bizarre Gebilde der Natur, noch manchen interessanten
Fund liefern und zu der Durchführjing dieser Studienserie
beitragen.
Durch die ausserordentliche Güte meines verehrten
Freundes Dr. EmilRasquinet, gegenwärtig Chef des
Laboratoriums der Compagnie Royale Asturienne ist es
mir vergönnt im folgenden ersten Berichte meiner Studien
einige interessante Lacerten aus Nordspanien abzuhandeln.
Behufs einiger Schlussbemerkungen über die gegenseitige
260 von Bedriaga:
Verwandtschaft und geographische Verbreitung der stid-
europäischen Mauereidechsen werde ich der Beschreibung
der von Herrn Dr. Ras quin et entdeckten Thiere eine
Uebersicht der schon bekannten murales Mittel- und Süd-
Europas folgen lassen.
Den Herrn Dr. Emil Rasquinet zu Arnao, Gene-
ral Nicolas von Soroko in St. Petersburg, Viceconsul
Spengelin in Corfu, Dr. M. Braun in Würzburg und Prof.
Pagenstecher in Heidelberg, welche diese Arbeit in der
einen oder anderen Weise förderten, spreche ich meinen
Dank aus.
I. Lacerta muralis var. Basquinetii mihi^).
Durch die Entdeckung der schönen schwarzblauen
Eidechse auf dem Faraglioni-Felsen bei Capri angeregt,
unternahm Dr. E. Rasquinet im Sommer dieses Jahres
einen Ausflug von Arnao aus auf die der spanischen Küste
schräg gegenüberliegende unbewohnte Felsen-Insel „La
Deva", um die dortigen Lacerten kennen zu lernen. —Wie
wir aus der brieflichen Mittheiiung des Herrn Rasquinet
erfahren, ist diese Insel ein im Meere isolirt stehender,
von dem Festlande circa 350 Meter entfernter Quarzitfels,
der ähnlich wie der seiner Zeit beschriebene, den Zoologen
neuerdings wohl bekannte Faragiioni ziemlich steil aus
dem Meere hervorragt und sich gegen 90 Meter über das
Meeresniveau erhebt. Die Höhe der gegenüberliegenden
Küste ist durchaus dieselbe. Die weiteren Angaben Dr.
Rasquinet 's über die topographische Lage des Felsens
lauten wörtlich folgender Massen: Die Deva-Insel ist offen-
bar durch die Arbeit des — gerade an der cantabrischen
Küste — mit grosser Kraft brandenden Meeres durch Unter-
waschungen des Bindegliedes mit dem Continent im Laufe
der Jahrtausende entstanden. Sie liegt fast genau in der
Mitte zwischen Arnao und der Mündung des ziemlich be-
deutenden Flusses „Nalon", von jedem der beiden Punkte
je 6 Kilom. und von Aviles nicht ganz 10 Kilom. entfernt. ~
Der Umfang dieses Felsens soll 1 Kilometer betragen.
1) Archiv für Naturgeschichte I, 1878.
Herpetologische Studien. 261
Die Erreichung der La Deva scheint mit überaus
grossen Schwierigkeiten verknüpft zu sein und gelang die-
selbe Dr. Ras quin et nur desshalb, weil er als Chef des
Instituts über die dazu erforderlichen Mittel verfügt. Seine
Expedition dahin auf einem Dampfer der Gesellschaft war
von grossem Erfolge gekrönt. Seine schon hoch gespannten
Erwartungen wurden bei Weitem tibertroffen, als er auf
dem nur spärlich mit wildem Kohl, Farnkräutern und Brenn-
nesseln bewachsenen Quarzit-Fels einer prächtig gefärbten
Eidechse habhaft wurde.
Dr. Rasquinet überliess mir in der liberalsten Weise
seinen schönen Fund zur Untersuchung. Aus der von mir
angestellten Diagnose ergab es sich, dass die Eidechse von
La Deva eine neue und interessante Varietät der Lacerta
muralis Laur. darstellt. Ich benenne sie daher zu Ehren
ihres Entdeckers : Lacerta muralis var. Rasquinetii.
I. KörpergestaltundG rosse.
Unsere Eidechse ist von schlanker, gestreckter Körper-
gestalt. Der Kopf des einzigen, mir zu Gebote stehenden
Männchens ist nach vorn zugespitzt und verschmälert. Der
sogenannte Discus palpebralis ist äusserst schwach winklig
erhoben.
Die Gesammtlänge von der Schnauzenspitze bis zum
Schwanzende beträgt 185 mm. ; die Länge des Kopfes, von
der Schnauzenspitze bis an den hinteren Rand des Hinter-
hauptsschildes 18 mm., der grösste Umfang des Kopfes ist
34 mm., die Breite der Schädeldecke an ihrer breitesten
Stelle 8 mm. Die Ansatzstelle des Pileus an den Rumpf
zählt 7 mm. Der grösste Höhendurchmesser des Kopfes =
8V2 nam. Die Rumpflänge, nach der üblichen Weise gemessen,
beträgt 70 mm. Die wirkliche Schwanzlänge ist mir leider
unbekannt, da mein Exemplar einen regenerirten 115 mm.
langen Schwanz deutlich zu erkennen gibt.
2. Aeussere Körper bedeck ung.
a) Kopfschilder: Das ziemlich breite Scutellum fron-
tale bildet nach vorn einen starken Bogen, ähnlich wie es
262 von Bedriaga:
Braun*) für seine Lacerta melisellensis angiebt, nach
hinten einen stumpfen Winkel. Das fünfeckige Scut. inter-
parietale ist ungefähr dreimal so lang, als das dahinter
liegende beinahe ovale Sut. occipitale. Scuta parietalia
sind nach hinten ganzrandig und nicht im mindesten ab-
gerundet. Zwischen letzteren und dem nächst liegenden
grösseren, hinteren Augenschilde sind zwei kleine Schild-
chen eingeschoben, von denen das Eine zu den Scuta su-
praocularia gehörig sich erweist, das andere aber muth-
masslich als abgetrennter Theil vom vorderen Ende des
Scheitelschildes bezeichnet werden könnte. Die Scuta pa-
rietalia stossen mit ihrem hinteren Ende theilweise an das
eben erwähnte mehrzählige Schildchen, theilweise an die
Scheitelschilder. Das erste vorn liegende Augenschild ist
äusserst klein. Die Ränder der Scuta frontonasalia er-
weisen sich als stark wellenförmig. Das Internasale ist
viereckig, Scut. rostrale stark in die Breite entwickelt. Das
mittelgrosse Nasenloch wird hinten von dem sich gegen
seine Basis erweiternden Nasofrenalschilde umgeben. Scut.
frenale stimmt mit der von Schreiber in seiner Herpetolo-
gia europaea p. 325 gegebenen bildlichen Darstellung über-
ein. Scut. praeoculure hat ein zackiges Aussehen. Das
ziemlich grosse Scutellum massetericum ist von sechseckigen
in ihrer Grösse mit den Scuta postocularia übereinstim-
menden Schläfenschildern (scuta temporalia = squamae tem-
porales) umgeben. Das längliche Tympanalschildchen um-
giebt zum Theil den Vorderrand der Ohröffnung. Die den
Rand des Oberkiefers umsäumenden Oberlippenschilder sind
sieben an der Zahl. Die diesen letzteren analogen Subla-
bialen bestehen aus sechs grösseren und zwei kleineren
äusserst kleinen Schildern. Submaxillarien giebt es sechs,
von denen das sechste hintere in Folge seiner unbedeu-
tenden Grösse leicht mit einer Kehlschuppe identificirt
werden kann.
b) Rückenschuppen: Die Schuppen des vorderen Kör-
pertheils sind glatt, dagegen die des hinteren gekielt. Ihre
Gestalt ist rundlich.
1) Arbeiten a. d. zool. zoot. Institut Würzburg, Bd. IV, 1877.
Lacerta Lilfordi und Lacerta muralis, Tafel I Fig. 12a. .
Herpetologische Studien. 263
c) Das ganzrandige Halsband besteht aus neun fünf-
eckigen Schildern, von denen das mittlere doppelt so breit
ist als die übrigen seitlichen.
Die Brustgegend vom Halsbande an bis zur ersten
aus sechs Schildern bestehenden Querbauchschilderreihe
wird von siebzehn grösseren und vier kleineren unter den
Wurzeln der vorderen Extremitäten liegenden Schildern ge-
bildet. Die erste Reihe nach vorn besteht aus vier vier-
eckigen und einem mittleren dreieckigen Schilde. Die
übrigen seitlichen Schilder sind fünfeckig.
d) Bauchschilder: Sechs longitudinale Bauchschilder-
reihen. Die Gestalt der Schilder des mittleren Paares ist
trapezisch. Ihre Grösse ist im Verhältniss zu den anstos-
senden seitlichen, langen und breiten Bauchschilderreihen
unbedeutend. Uebrigens sind die den vorderen Extremi-
täten zunächst liegenden Schilder unansehnlich und nehmen
in ihrer Grösse gegen die Mitte des Bauches zu. Das E i-
me rasche Oberschildchen fehlt nur mit wenigen Ausnahmen.
Die Zahl der Querreihen ^) ist 23 ; die aus winzig kleinen
Schildern bestehenden, an der Grenze der Analgegend lie-
genden Querreihen sind nicht inbegriffen. Es sind dieser
undeutlich angedeuteten Reihen ungefähr drei.
Das fünfeckige Anale ist verhältnissmässig gross.
Während die der Spalte zugekehrte Seite frei von Schuppen
ist, werden die nach vorn sehenden Seiten von elf ovalen
Schildern begrenzt.
e) Die Schwauzschuppen sind deutlich gekielt und
enden ganz stumpf.
f) Die aus achtzehn Poren jederseits bestehenden
Schenkelporenreihen stossen nicht an einander, sondern
lassen einen Zwischenraum von etwa 2 mm.
3. F ä r b u n g u n d Z.e i c h n u n g.
Die Grundfarbe der Rückenregion, der Schädeldecke
und der Oberseite des Schwanzes unserer Lacerta bezeich-
1) Die Querreihen zähle ich stets, indem ich von der ersten,
bei Lacerta muralis aus sechs, bei Lac. ocellata aus zehn Schildern
bestehenden Reihen beginne. Diese Art und Weise der Abgrenzung
der Brustgegend von dem Bauche scheint mir die rationellste zu sein.
264 von Bedriaga:
net ihr Entdecker Dr. Rasquinet als dunkel- oder
schmutzigölgrün. Das mir im Herbst übersandte Männchen
dieser Eidechse zeigt ein dunkelbraunes Colorit mit nur
äusserst schwacher Tendenz ins Grüne. Aller Wahrschein-
lichkeit nach hat das Thierchen seine ursprüngliche Fär-
bung eingebüsst und steht dem Häutungsprocesse nah^).
Die Mittelzone der Oberseite erweist sich dunkelbraun,
die Seitenzonen etwas heller. Die seitlichen Theile des
Körpers sind prachtvoll himmelblau. Die Schädeldecke
dunkelbraun mit einer Neigung in das Grüne. In der
Mittellinie des Oberkörpers verläuft eine schwarze Flecken-
binde, welche sich etwa hinter der Schwanzwurzel verliert.
Diesem Mittelbande parallel ziehen sich mehr oder weniger
regelmässig in Querreihen angeordnete, schwarze, meistens
zarte Streifen hin. Diese Streifenserien nehmen ihren Ur-
sprung hinter den Scuta parietalia; gegen die Seiten des
Körpers verästeln sie sich und bilden eine Netzzeichnung.
Dabei tritt selbstverständlich die himmelblaue Grundfarbe
nur in den Maschen dieses Netzwerkes zum Vorschein. Es
ist dies eine Erscheinung, die uns öfters zu der irrthüm-
lichen Annahme führt, die Zeichnung sei die Grundfarbe
und der in der Wirklichkeit zu unbedeutenden Augenflecken
reducirte Grundton sei das Zeichnungselement. — Die
grössten Maschen sind oberhalb der Wurzeln der Vorderextre-
mitäten und erscheinen als blaue Ocelli.
Die zwei zarten Längsbinden, die an der Ohröffnung
ihren Ursprung nehmen und jederseits eng aneinander liegen
sind untereinander durch zahlreiche Querstreifen verbunden.
In der Gegend des eben erwähnten Ocellus, oberhalb des
Vordergelenkes, stossen sie mit dem Netzwerke zusammen.
Die Schädeldecke ist braun gefärbt. Die Wangen,
mit der Ausnahme des unter dem Auge liegenden Ober-
lippenschildes, das schön blaugrün colorirt ist, sindschmutzig-
rosa mit schwarzen Punkten. Die Kehlschuppen sind ab-
wechselnd schachbrettartig schmutzig weiss, schwarz, blau,
1) Die Färbung des Rückens, die ich auf meiner Tafel Fig. 1
wiederzugeben versucht habe, entnehme ich aus den von Dr. Ras-
quinet behufs richtiger Wiedergabe des Colorits angeführten Farben-
tafeln. '
Herpetologische Studien. 265
braun und roth gelärbt. Die Unterlippenschilder auf schmut-
zigrosa Grunde braun gefleckt. Ebenso Scuta submaxil-
laria. Das rothgefärbte Halsband ist frei von irgend einer
Zeichnung. Plica gularis zeigt einen leichten rosa Anflug.
Besonders schön und grell sind die Farben der Bauch-
gegend. Die mittleren vier longitudinalen Bauchschilder-
reihen und die Brust sind roth, die seitlichen Schilderreihen
himmelblau. Letztere Farbe geht theilweise auf die da-
neben liegenden rothen Schilderfolgeu über, so dass wir
Schilder wahrnehmen, die zur Hälfte blau und zur Hälfte
roth gefärbt sind. Während das mittlere Paar der Schilder-
reihen hie und da spärlich punktirt ist, und die blauen,
nach aussen liegenden Reihen jeglicher Fleckung entbehren,
sind die übrigen zur Hälfte blau und roth gefärbten Reihen
und Brustschilder stark gefleckt. Das Anale und das an-
grenzende Schilderkränzchen sind prachtvoll roth.
Die Unterseite der Vorderextremitäten ist schmutzig
rosa-grau gefleckt, die der Hinterextremitäten dagegen man-
nigfaltig colorirt. Es wechseln hier mosaikartig blaue,
schwarze, rothe und hellbraune Schilder ab. Die Fusssohlen
sind schmutzig rosa. Die Extremitäten sind auf hell brau-
nem Grunde dunkel gefleckt. Der Schwanz ist oben braun,
unten roth gefärbt und spärlich punktirt.
Zwei von Dr. Ras quin et eingefangene Exemplare
dieser schönen Varietät der muralis, von denen das eine
unglücklicherweise entkam, waren ausgewachsene, gleich-
grosse und gleichgefärbte Männchen.
Ich kann daher leider über die Grösse, Körpergestalt
und das Farbenkleid des Weibchens nichts angeben und
gehe somit zur Beschreibung der Mauereidechse von Astu-
rien, und zwar aus der Gegend von Arnao über, indem
ich für noth wendig erachte einige Bemerkungen über den
Speciesnamen „muralis" vorauszuschicken.
Bekanntlich wurde die in Deutschland in der Rhein-
gegend und dem Donauthale häufig vorkommende braune
Mauereidechse zuerst von Aldrovandi in seinem im Jahre
1663 erschienenen Werke „De quadrupedibus digitatis ovi-
266 von Bedriaga:
paris" beschrieben und Lacerta vulgaris genannt. Diese
Benennung aber erwies sich' unpraktisch, da der Ausdruck
communis oder vulgaris, wie Leydig treffend bemerkt, je
nachdem der Beobachter im Süden oder Norden lebt, auf
verschiedene Arten sich bezieht und dadurch zu endlosen
Verwirrungen führen würde. Der Nachfolger Aldrovan-
di's, der verdienstvolle Laurenti, bezeichnete die betref-
fende Eidechse als Seps muralis, welche Benennung heute
noch freilich in etwas modificirter Weise — indem näm-
lich der Gattungsname „Seps" in den ihm zur Zeit ent-
sprechenden Namen ;,Lacerta" umgeändert — , die braune
Mauereidechse bezeichnet. Indem die von Laurenti ge-
gebene Beschreibung zur Diagnose des Typus von muralis
erhoben wurde, galten sämmtliche übrige von jener Be-
schreibung durch Färbung oder andere Merkmale abwei-
chenden Formen der Mauereidechse für Abarten und wurden
selbst von den kritisch verfahrenden Forschern der Lacerta
muralis Laur. untergeordnet.
Als ich die grüne Mauereidechse Süditaliens, die grös-
ser ist als die Laurenti'sche Form, kennen lernte, war
ich erstaunt, in derselben nur eine Varietät der braunen
muralis erblicken zu müssen. Die nähere Betrachtung und
Vergleichung des sogenannten Typus und der grünen Ab-
art jedoch erwies, dass beide ebenso gut als Arten gelten
könnten, und dass die grüne Mauereidechse einer beson-
deren Benennung bedürfe. Sie wurde von mir damals mit
dem Namen „Lacerta muralis neapolitana" belegt.
Wenn wir überlegen, dass Lacerta muralis Laur. ebenso
gut wie Lac. muralis neapolitana und so viele andere in
jüngster Zeit bekannt gewordene Eidechsen, ächte Mauer-
eidechsen sind, so müssen wir entschieden die Lauren-
tische Bezeichnung ;, Lacerta muralis" lediglich als Collectiv-
Bezeichnung betrachten, dagegen die bis jetzt unter dem
Namen Lac. muralis Laur. bekannte Eidechse mit einem
passenden Namen belegen. Aus Prioritätsrücksichten war
ich darauf bedacht, einen älteren, brauchbaren Species-
namen zu restituiren, stiess jedoch dabei auf unüberwind-
liche Schwierigkeiten und wurde endlich nach langem Suchen
gezwungen, die in Rede stehende Eidechse als Lacerta mu-
Herpetologische Studien. 267
ralis fusca zu bezeichnen. — Um zu beweisen, dass ich
nicht etwa nach eigener Willkür verfahren bin, will ich
Einiges über die Ergebnisse des von mir gemachten Ver-
suchs mittheilen, umsomehr als möglicher Weise dies von
Bedeutung für die Synonymik sich erweisen dürfte.
Die Speciesbenennung Laurenti's sericea (Synops. rept.
p. 61 und 160) und argus (1. c. p. 161), welche zweifels-
ohne sich auf seine Lac. muralis beziehen, sind aus fol-
genden Gründen nicht acceptirbar. Einmal weil die von
Merrem^) gegebene Diagnose „cauda longitudine dupla
corporis, squamis scutisque glabris collarii adnato" mit
der Wirklichkeit nicht gut übereinstimmen will und daher
leicht neue Verwirrungen verursachen könnte. Andererseits
kann die Bezeichnung Seps argus, welche sich, wie schon
Dujes^) richtig erkannte, auf die junge braune Mauer-
eidechse bezieht, nicht gewählt werden, da Seba^) mit
diesem Namen eine amerikanische Art belegt hat. Ausserdem
hatten Glückselig (Böhm. Rept. u. Amph. im Lotos 1851
p. 113) unter Lacerta sericea die Zauneidechse — Daudin
(Hist. nat. d. reptil. III. 1803 p. 152) die Smaragdeidechse
gemeint. — Aehnliche Resultate ergab die Durchmusterung
beinahe sämmtlicher Werke der Nachfolger Laurent! 's
von Lacepede bis zur neuesten Zeit. Man wird daher
kaum missbilligen, wenn ich die Laurenti'sche Benennung
„Lacerta muralis" als Collectiv- Bezeichnung für sämmtliche
Mauereidechsen erkläre und die speciell braune muralis
als Lacerta muralis fusca benenne.
IL Lacerta muralis fusca [== L. muralis Laur.)
a) Lacerta muralis fusca aus A r n a o ( A s t u r i e n) .
Was die Grösse und Körpergestalt anbetrifft, so weicht
diese Mauereidechse von der Var.^ Rasquinetii insofern ab,
als sie schlanker gebaut und etwas kleiner ist.
1) Versuch eines Systems der Amphibien. Marburg 1820.
p. 63.
2) Memoire sur les especes indigenes du genre Lacerta. Ann.
scienc. natur. XVI, 1829 p. 382.
3) Locuplet. rerum natural. Thesaurus. Amstel. 1734—65. tom. I
pl. LXXXV flg. 3.
268 von Bedriaga:
Die Totallänge des Männchens beträgt 155 mm., wo-
von auf den Schwanz 97 — 98 mm., auf den Kopf 12V2-nim.
kommen. Die Messung von der Kopfspitze bis zum Schwanz-
ende ergiebt circa 50 mm.
Die Gesammtlänge des Weibchens ist 140 mm., die
Kopflänge 11 mm. Die Schwanzlänge = 90 mm. Der
Umfang des Kopfes des ersteren 26 mm. Breiteste Stelle
der Schädeldecke = 6 mm. Beim Weibchen beträgt der
Umfang des Kopfes 22 mm., die Breite 5 mm.
Aeussere Körperbedeckung: Die Schilder und Schuppen
dieser Eidechse weichen nur wenig von denen der Lac.
Rasquinetii ab. Nur folgende Unterschiede sind erwähnens-
werth: das öfters viereckige Interparietale ist drei Mal so
lang, wie das Scut. frontale; nach hinten verschmälert es
sich und läuft manchmal spitz aus. Scutellum occipitale
ist trapezisch. Die dem Nacken angrenzende Seite leicht ab-
gerundet. Die Scuta parietalia sind ebenfalls hinten stark
abgerundet. Das unter dem Auge liegende Oberlippenschild
ist sehr lang. Als seine Verengerung kann das eine der
Scuta praeocularia gelten. Das eigentliche vordere Augen-
schild ist klein und von ovaler Gestalt. Das grosse Fronto-
parietalschild ist viereckig. Das Massetericum sehr ent-
wickelt. Das Tympanale liegt verhältnissmässig hoch. Die
fünfeckigen Kinnschilder sind besonders in der Nähe des
Halsbandes gross, so dass sie ein zweites Collare bilden.
Die Brustgegend besteht aus ungefähr 20 grösseren und
kleinen Schildern. Die Zahl der Querbauchschilderreihen
ist 23. Die 23ste Reihe, welche an die Praeanalschilder
grenzt, besteht aus winzig kleinen Schildchen. Oberschilder
sind vorhanden. Die Ränder des grossen Anale sind vorn
von 8 grösseren ovalen Schildern bedeckt. — Die Schenkel-
porenfolge besteht jederseits aus siebzehn Poren.
Färbung und Zeichnung : Was die Farben und Zeich-
nung anbetrifft, so bieten meine Gefangenen, welche ich der
Güte desHerrnDr. F. Rasquinet verdanke, untereinander
bedeutende Abweichungen. Indem ich davon absehen will
in alle Einzelnheiten ihrer Verschiedenheiten einzugehen,
werde ich nur drei Farbenvarietäten vorführen.
Erstes Exemplar. Männchen. Grundfarbe der Ober-
Herpetologische Studien. 269
Seite hcllnussbraiiD. Die Seitenregionen zeigen Tendenz
in's Rothe. In der Mittellinie des Körpers zieht sich ein
aus weit von einander entfernten, dunkelbraunen Flecken
bestehendes Band hin. Auf jeder Seite oberhalb der Ohr-
öflfnung nimmt ein Seitenstreifen seinen Anfang um sich
etwa neben dem Vordergelenk in der die Seiten zierenden
Netzzeichnung zu verlieren. Die Schädeldecke ist auf hell
nussbraunem Grunde sehr spärlich dunkelbraun gefleckt.
In der Sonnenbeleuchtung hat die Farbe einen grünlichen
Ton. Das Massetericum schillert prachtvoll grün. Die Ober-
seite der Extremitätenpaare ist hellnussbraun und nur we-
nig gefleckt. Dicht hinter dem Schultergelenk ist auf
beiden Seiten ein blaugrüner Augenfleck bemerkbar, wie
wir es seiner Zeit bei Lac. muralis viridiocellata ähnlich
beschrieben haben, nur mit dem Unterschiede, dass bei
der lerzteren der Ocellus von einer ausgesprochenen grünen
Tinte ist und keine Neigung in Blau ergiebt. — Die Kehle
ist hochgelb, mit braunen Punkten. Die erste longitudinale
Bauchschilderreihe blaugrün mit bräunlichen Flecken ge-
ziert. Die mittleren Bauchreihen und die Unterseite der
Extremitäten und des Schwanzes röthlich. Die Oberseite
des Schwanzes hellnussbraun mit zwei schwarzbraunen
Fleckenreihen.
Weibchen. Die Farben sind die nämlichen wie beim
Männchen, auch ist der Kopf fleckenfrei und der oberhalb
der Wurzel der Vorderextremitäten liegende Augenfleck
nicht blaugrün, wie es beim Männchen der Fall ist, sondern
rein blau colorirt.
Zweites Exemplar. Männchen: Farbe der Ober-
seite wie beim ersteren Exemplar. In der Mittelzone des
Rückens ziehen sich drei zickzackartige braune Flecken-
streifen hin. Die Seitenregionen sind äusserst stark ge-
fleckt; die Grundfarbe erscheint hier als kleine Mackeln.
Bei näherer Betrachtung dieser Zeichnung kann man deut-
lich genug sehen, dass dieselbe aus zwei parallelen Streifen
besteht und, dass diese Streifen gegeneinander Aeste bilden
und diese sich wiederum verbinden. Die Grenze dieser
Seitenzeichnung stellt ein vom Auge sich hinziehendes
goldgelbes, schmales Band, der das sich in der Schwanz-
270 von Bedriaga:
Wurzel verliert. Die Seitenzeichnung ist jedoch nicht ohne
Unterbrechungen, die durch einen sich von der Schnauze und
unter dem Auge hinziehenden hellen Streifen verursacht
vrerden. Es stösst dieser Streifen an den oberhalb des
Vordergelenks liegenden, blaugrtinen Augenfleck um hinter
diesem seinen weiteren Lauf fortzusetzen. lieber den Vor-
derextremitäten ist jederseits ein blauer Augenfleek. Die
hellnussbraune Schädeldecke ist stark dunkelbraun gefleckt.
Die Hinterextremitäten haben nebst dunkelbraunen Flecken
runde gelblichbraune Ocelli. Die Unterseite, nämlich die
Kehle, der Bauch und Schwanz sind rosagelb. Die erste
seitliche Bauchschilderreihe rosa braun gespritzt.
Weibchen: Das Weibchen ist in der Farbenauswahl
und Vertheilung dem Männchen vollkommen gleich.
Drittes Exemplarenpaar. Eine schwach ausge-
prägte braune Mittellinie zieht sich auf dem hellnussbraunen
Rücken hin. Die Seitentheile des Körpers sind derart genetzt,
dass grössere Felder aus der Grundfärbung hervortreten. Die
Kopfdecke ist fleckenfrei, auch der Schwanz ist nur spärlich
braun gespritzt. Die Supralabialen gelb, das Masseterium
braun und dunkelbraun gefleckt. Die hinteren Extremi-
täten sind auf hellnussbraunem Grunde hellgelb getüpfelt.
Prächtig ausgebildete blaue Augenflecken liegen über den
Wurzeln der Vorderextremitäten. Die Unterseite des Körpers
ist citronengelb mit braunen Tupfen. Die röthliche Umrandung
jedes Tupfens giebt dem Bauche und der Kehle ein zier-
liches Aussehen. Das Anale hat in seiner Mitte einen
grossen braunen, ebenfalls roth umrandeten Augenflecken.
Die erste longitudinale Bauchschilderreihe ist blau colorirt
mit schwarzbraunen Punkten. Die Unterseite der Extre-
mitäten und des Schwanzes sind gelb ohne Fleckung, die
Kehle dagegen prachtvoll gelb mit braunen hie und da
verbreiteten Tupfen.
Die Färbung einer 10 cm. langen Mauereidechse, die
aus derselben Localität stammt, ist gleichmässiger und
weniger anmuthig, als die der ausgewachsenen. Die dunkel-
nussbraune Grundfarbe hat einen grünlichen Ton ^). Pileus
1) Es dünkt mir, dass der dunkle Ton der Oberseite mit der
Neigung- zur grünen Farbe zusammenhängt.
Herpetologische Studien. 271
SO wie auch der Schwanz sind stark grünlich. Die Mittelzone
wird von zwei gelben Streifen abgegrenzt. Die Unterseite ist
grünlich,' perlmutterartig aussehend und entbehrt mit Aus-
nahme der ersten seitlichen Bauchschilderreihe jeglicher
Flecken.
b ) Lacerta nmralis fiisca aus dem Neckar gebiete,
der Umgebung von Paris, der Riviera und Tyrol.
Körpergestalt und Grösse: Was die Gestalt des
Körpers anbetrifft, so weicht diese so gut wie gar nicht
von der eben beschriebenen Mauereidechse aus Arnao ab ^),
dagegen ist die Grösse verschieden: Die Totallänge von
den mir vorliegenden grössten Exemplaren aus Heidelberg
und Fontainebleau bei Paris beträgt 181 mm. beim Männ-
chen und 147 bis 150 mm. beim Weibchen, wovon beim
ersteren 116 mm., beim zweiten 97 bis 99 mm. auf den
Schwanz kommen. Die Kopflänge beim Männchen misst
16 mm., die Kopfbreite 8 mm., der Umfang des Kopfes
circa 30 mm. Die Entfernung der Schwanzwurzel von
der Spitze des Kopfes beträgt 65 mm. Der Umfang des
Rumpfes circa 37—38 mm. Die Länge des Kopfes beim
Weibchen beträgt IIV2 mm., die Kopf breite 574 mm., der
Umfang des Kopfes circa 25 mm. Die Länge von der
Spitze des Kopfes bis zur Schwanzwurzel 50 mm.
Das Hauptmerkmal der Geschlechter dokumentirt sich
in dem verhältnissmässig grösseren Umfang des Rumpfes
an seiner Ansatzstelle an den Kopf.
Aeussere Körperbedeckung: Der schönen und
im allgemeinen präcisen Darstellung Schreiber 's (Vergl.
seine Herpetologia europaea S. 411) hätte ich nur folgendes
hinzuzufügen: Das verhältnissmässig grosse Occipitale ist
trapezisch oder auch zuweilen dreieckig. Das vier- oder
fünfeckige Scutellum interparietale ist doppelt so gross wie
1) Die Kopfform kommt in denselben Lokalitäten ebenso oft
pyraraidocephal vor, wie platycephal; es ist daher die Eintheilung
Eimer's nach der Kopfform, wie ich schon früher gezeigt habe,
nicht wohl möglich.
272 von Bedriaga:
das Occipitale; viereckig kommt es nur dann vor, wenn
das Hinterhauptschild eine dreieckige Form aufweist. Es
läuft dabei nach hinten ganz schmal aus^). Die Scuta
parietalia liegen dabei in geringer Entfernung von einander.
Scuta frontonasalia bilden zuweilen ein in ihrer Mitte
liegendes ziemlich breites Schild. Eine ähnliche Darstellung
giebt Braun^) von der Lacerta filfolensis, nur mit dem
Unterschiede, dass dieses mittlere Schild bei den von mir
untersuchten Individuen aus Heidelberg eben so lang ist
wie die Scuta frontonasalia, während bei Brau n sich dieses
Schild — von ihm treffend Scutellum interfrontonasale
benannt — kürzer als jene sich erweist. Die Gestalt des Inter-
nasalschildes und die Grösse der Scuta frontonasalia werden
dabei selbstverständlich modificirt. Die Zahl der Supra-
labialia ist sechs oder sieben, die der Sublabialien sechs.
Was die Submaxillaren betrifft, so steht es uns frei ent-
weder fünf oder acht anzugeben. Es liegen nämlich in den
meisten Fällen hinter dem fünften, grössten Submaxillaren-
paare drei kleine, mehr oder weniger in ihrer Grösse gleiche
Schilder, welche entweder gar nicht in Betracht gezogen
werden dürfen oder, wenn mitgezählt, die Zahl der Unter-
kieferschilder auf acht erhöhen.
Das Massetericum ist meiner Meinung nach stets vor-
handen und zwar in bedeutender Grösse. Das Tympanale
ist oval. Den Bauch bilden — die aus kleinen Schildern
bestehende Reihe in der Nähe des Anale mitgerechnet —
21 Querreihen. Die Oberschilder sind sehr klein. Auch
ist das Anale kleiner als das der muralis aus Arnao.
Färbung und Zeichnung. Die Farben undZeich-
nungen sind in ein und derselben Localität ausserordent-
lich verschieden. Der genauen Uebersicht halber will ich
die drei am häufigsten vorkommenden Formen vorfübren.
Nr. 1. Auf dunkelbraun gefärbtem Rücken ist in der
Mitte eine dunkle Fleckenreihe angedeutet. Die Seiten
1) Dieses Verhalten des Occipitale und Interparietale ist keines-
wegs ein ausnahrasweises und anormales.
2) Lacerta Lilfordi und Lac. muralis Taf. 1, Fig. 14 a in den
Arbeiten aus dem zool. zootom. Institut in Würzb. Bd. IV, 1877.
Herpetologische Studien. 273
sind von einem schwarzen Netzwerke geziert. Die Maschen
dieses Netzwerkes lassen den Grundton hervortreten. Je-
doch erscheint dieser nicht gleichmässig, sondern die höher
gelegenen Maschen sind stets kaffeebraun, die zu unterst
liegenden hellnussbrauu. Die oberhalb der Wurzel der
Vorderextremitäten liegende Masche ist nicht wie die ihr
folgenden kaffeebraun, sondern gelbgrün oder hellnussbrauu
gefärbt. Die Kopfdecke ist leicht punktirt. Die Ober-
lippenschilder roth, die AVaugen bräunlich gefärbt und
schwarz gespritzt. Die Submaxillarien roth, mit schwachem
braunen Anfluge. Kehle, Bauch und Unterseite der Extre-
mitäten sowie des Schwanzes lebhaft ziegelroth. Entweder
fehlt jegliche Zeichnung und erhält das Thier so ein
grelles, eigenthtimliches Aussehen; oder es befindet sich
auf jedem Schilde, — die mittleren Longitudinalreiheu
meistens ausgenommen, — ein schwarzer Punkt oder
Streifen. Zuweilen ist die Zeichnung so stark vertreten,
dass die Hälfte jedes Schildes schwarz colorirt erscheint.
Gewöhnlich ist in diesen Fällen die Netzzeichnung der
Seiten viel üppiger. Die erste longitudinale Bauchschilder-
reihe ist entweder gleichmässig prachtvoll blau, oder zur
Hälfte blau und roth gefärbt, mit oder auch ohne Fieckuug.
Das Anale ist einfarbig ziegelroth. Die Sohlen röthlich.
Die Oberseite der Extremitäten trägt auf hellbraunem
Grunde abwechselnd schwarze und hellnussbraune Mackeln.
Die geschilderte Farbenauswahl und Vertheilung der
Farben und Zeichnung betrifft das männliche Geschlecht
ebensogut wie das weibliche.
Nr. 2. Die Oberseite ist heller als bei der eben be-
sprochenen Form. Die Zeichnung ist im allgemeinen die-
selbe, nur nicht so stark ausgeprägt. Die Grundfärbung
gegen die Bauchseite hin geht ins rosagelb. Der öfters
erwähnte Augenfleck ist gelblich oder grüngelb. Die Unter-
seite der Kehle, des Bauches und der Extremitätenpaare
ist schmutzig weiss, oder auch mit einem schwachen röth-
lichen Ton. Das Thier ist gefleckt, und zwar öfters stark
gefleckt, oder manchmal auch fleckenfrei. Die erste longi-
tudinale Bauchschilderreihe entweder einfarbig blau oder
mit schwarzen Mackeln, oder röthlich.
Archiv f. Natiirg. XXXXIV. Jahrg. 1. Bd. jg
274 von B e d r i a g a :
Nr. 3. Grundfarbe der Rtickenseite braun mit einem
bronzegrünen Schiller; in der Mittellinie zieht sich ein
Zickzackstreifen hin. Die Seitenflächen zeigen fleckige oder
streifige Zeichnungen, die Kehle einen bläulichen Anflug.
Bauch weisslich oder gelblich. Die seitliche Bauchreihe blau.
c) Lacerta muralis fusca aus Dalmatien.
Das mir von einem Berliner Thierlieferanten aus Dal-
matien, ohne nähere Angabe des Fundortes, zugestellte
Exemplar (Männchen) ist so sehr von den oben vorgeführten
Mauereidechsen verschieden, dass ihm eine besondere Be-
schreibung gebührt.
Körpergestalt und Grösse: Tracht im allgemeinen
schlank, Kopf von niedergedrückter Form, stark in die
Länge gezogen. Beine um ein Weniges länger als die der
bekannten Mauereidechsen. — Totallänge 205 mm., wovon
17 mm. auf den Kopf, 135 mm. auf den Schwanz kommen.
Die Entfernung der Kopfspitze von der Schwanzwurzel
beträgt 70 mm. Kopfbreite = 6 bis 6^2 mm. Kopfumfang
31 Mm. Rumpfumfang circa 35 mm^).
Aeussere Körperbedeckung: Das Scut. occipitale
und interparietale verhältnissmässig sehr klein. Die übrigen
Kopfschilder sind stark in die Länge gezogen und sehen
denen der Lac. muralis neapolitana eher ähnlich als denen
der muralis fusca. — Das Massetericum ist von bedeutender,
sogar auffallender Grösse. Die dasselbe umgebenden Schil-
der dagegen winzig klein. Das Tympanale ebenfalls klein.
5 Sublabialien und ebensoviel Submaxillarien. 6 Supra-
labialien. Scut. mentale ist nach hinten zum Theil ge-
spalten, was auf eine Abnormität zurückzuführen ist. Das
Halsband besteht aus zehn verhältnissmässig kleinen Schil-
dern. Die Bauchschilder, derer es 20 Querreihen giebt,
sind sehr gross. Die vorderen Ränder des ziemlich grossen
Anale sind ganz von den angrenzenden Schildern verdeckt.
Von den zwei Reihen dieser besteht die untere aus sechs
grösseren ovalen Schildern, die obere aus einer Anzahl von
sehr kleinen runden Schilderchen. Die Oberschilder, un-
1) Drr Rumpfumfang mag auch grösser sein; das mir zu Ge-
bote stehende Exemplar nämlich ist stark abgemagert.
Herpetologische Studien. 275
gefähr von der Mitte des Rumpfes an sind nach hinten zu
so entwickelt, dass sie als ein viertes Paar von longitudi-
nalen Schilderreihen angesehen werden können.
Die Rückenschuppen sind schwach gekielt. Die
Schwanzschuppen haben einen deutlich ausgesprochenen
Kiel und sind gegen ihr freies Ende ganzrandig.
Schenkelporen. Die Zahl der Schenkelporen konnte
ich nicht sicher feststellen. Da das von mir untersuchte
Thierchen Narben auf beiden Extremitäten deutlich zu er-
kennen gab, waren nur 17 nachweisbar.
Färbung undZeichnung. Auf dunkel graubraunem
Rücken läuft in der Mittellinie ein zickzackartiges schwarzes
Band. Die Seiten sind durch ein schwarzes Netzwerk ge-
ziert. Da die Maschen nur von sehr unbedeutender Grösse
sind, tritt die Grundfärbung auf den seitlichen Theilen des
Körpers wenig zum Vorschein. Kopf, Extremitätenpaare
und Schwanz sind auf duukelgraubraunem Grunde schwarz
gesprenkelt. Kehle abwechselnd sohwarz und weiss. Die
Submaxillarien sind auf blauem Grunde stark schwarz
gezeichnet. Die Bauchseite ist bläulich weiss; die erste
seitliche ßauchschilderreihe prachtvoll blaugrün colorirt;
auf jedem Bauchschilde zeigt sich ungefähr in der Mitte
oder auch mehr nach vorn ein ziemlich grosser, schwarzer
Fleck; dieselben Flecken finden sich auf dem bläulich-
weissen Grunde der Unterseite der Extremitätenpaare und
des Schwanzes. Das Analschild ist beinahe ganz schwarz
und lässt nur am vorderen Rande die Grundfärbung er-
kennen. Die Sohlen sind schmutziggrau. Oberhalb der
Wurzel der Vorderextremitäten sind scharf ausgeprägte
blaugrüne Augenflecke vorhanden.
d) Lacerta muralis fusca von den Balearen,
wurde bereits von Dr. M. Braun in seinem interessanten
Beitrage zur Reptilienfauna der kleinen Inseln des Mittel-
meeres (vergl. Lacerta Lilfordi und Lac. muralis, Arbeiten
aus dem zoolog. zootom. Institut in Würzburg. IV. 1877.)
eingehend behandelt. Indem ich auf diese inhaltreiche
Schrift hinweise, will ich nur des Zusammenhanges halber
eine kurze Uebersicht der von Braun untersuchten braunen
Mauereidechsen geben.
276 von Bedriaga:
1. Lacerta muralis fusca der Umgebung von
Mahon. Tracht im allgemeinen schlank. Kopf nach
vorn zugespitzt und verschmälert, beim Männchen einer
vierseitigen Pyramide ähnlich. Die Gesammtlänge beträgt
beim Männchen 175 mm., wovon 102 mm. auf den Schwanz
und 18 mm. auf den Kopf kommen. Rumpflänge 78 mm.
Kopf breite = 8 mm. — Die Länge des Weibchens beträgt
140 — 150 mm. Rumpflänge = 60 mm. Schwanzlänge etwa
90 mm. Länge des Kopfes 14—15 mm. Breite 6 — 6,5 mm.
Aeussere Körperbedeckung: Das Frontale ist
nach vorn winklig geformt und entsendet manchmal zwischen
die beiden Frontonasalschilder einen Fortsatz (das Scu-
tellum interfrontonasale Braun's), der sich, ähnlich wie wir
es oben bei Lac. muralis fusca aus Heidelberg und der
Riviera gesehen haben, abschnürt. Das Interparietale ist
ebenso lang oder sogar länger als das Occipitale. -- Die
Zahl der Querbauchschilderreihen nach Braun 26—29^).
Das Anale ist von 6—8 Schildern umgeben. Die Schwanz-
schuppen rechteckig, gekielt. — Die Zahl der Schenkel-
poren ist 24. — In Betreff der übrigen Kennzeichen weist
Braun auf die von Schreiber in seiner Herpetologia
enropaea p. 412 gegebene Beschreibung hin.
Färbung und Zeichnung: Die Grundfarbe des
Rückens ist ein schmutziges Grün, das beim Männchen
mehr grün, beim Weibchen mehr gelblich oder auch dunkler
ist. Quer über den Rücken laufen zackige Flecken, beim
Männchen von dunkelbrauner, fast schwarzer, beim Weib-
chen von grünlichbrauner Farbe. Die Schädeldecke ist
graubraun, schwarz gefleckt; an den Seiten des Kopfes
herrscht das Grün vor, das allmälig am Kinn in Weissgrau
übergeht ; die Unterkieferschilder sind grau, dunkel ge-
sprenkelt. Dicht hinter dem Schultergelenk ist auf jeder
Seite ein grüner Augenfleck. Die Oberseite der Extremi-
tätenpaare zeigt helle runde Flecke. Die Farbe der Bauch-
1) Nach meiner oben geschilderten Art und Weise, die Quer-
bauchschilderreihen zu zählen, ergaben sich bei den mir von Herrn
Dr. M. Braun übersandten menorquinischen Manereidechsen nur
21 bis 22 Querreihen.
Herpetologische Studien. 277
Seite ist weissgrau; die erste Longitudinalreihe der Bauch-
schilder ist mit schönen blauen Flecken geziert.
2. Lacerta muralis fusca von der Isla del
Colon. Die allgemeine Körpergestalt und Grösse weicht
nach Braun nicht von der eben geschilderten Eidechse
von Mahon ab.
Färbung und Zeichnung: Der mittlere Theil des
Rückens ist dunkel graubraun mit schwachgrünlichem Ton.
Zu beiden Seiten des Rückgrates ziehen wellenförmige
vielfach unterbrochene dunkelbraune Streifen hin; an den
Seitentheilen des Rückens sind in L'ängsreihen angeordnete
grüngelbe, runde Mackeln sichtbar. Oberhalb der Wurzel
des Vorderextremitätenpaares liegen schwarze Flecke. Die
Oberseite des Kopfes ist dunkel grünlich, braun gefärbt
und schwarz gesprenkelt. Die Kehle ist auf weissgrauem,
leicht grünlichen Grunde mit einem dunkleren Ringe ver-
sehen. Der Bauch weissgrau mit einem Stich ins Röth-
liche. Die 'erste longitudinale Bauchschilderreihe ist ab-
wechselnd blau und schwarz gefleckt. Die Schilder der
zweiten Longitudinalreihe tragen je eine schwarze Mackel.
Der Schwanz ist auffallend metallisch-grün colorirt.
3. Lacerta muralis fusca von der Isla del Rey.
Gestalt des Körpers, Grösse und äussere Körperbedeckung
stimmen völlig mit der mahonesischen Form überein.
Die Oberseite des Körpers ist broncebraun mit einem
Stich ins Rothbraune; zu beiden Seiten der Wirbelsäule
laufen wellenförmige, dunkelbraune, mitunter fast schwarze,
schmale Bänder, welche öfters in unregelmässige Flecken
sich auflösen. An diese grenzt von aussen jederseits ein
gelblichgrüner, schmaler Streifen, der nach hinten sich bis
an die Oberschenkel hinzieht; derselbe besteht aus einzel-
nen, zuweilen auch verbundenen runden Flecken. Dieses
Fleckenband wird von aussen wiederum von dreieckigen,
schwarzen Flecken begrenzt. Endlich schliesst sich an
dieses letztere auf jeder Körperseite vom seitlichen Rande
der Scuta parietalia anfangend, ein vorn zusammenhängendes,
nach hinten aber in einzelne Flecken sich auflösendes
gelbes oder gelbgrünes Band. Die übrigen seitlichen Theile
des Rückens enthalten in hellem Braun gelbe, runde
278 von Bedriaga:
Mackelü. Hinter dem Schultergelenk auf jeder Seite liegt ein
grosser, schwarzer Fleck und daneben ein kleiner gelber
Ocellus. Die Oberseite des Kopfes ist auf dunkeloliven-
grünem oder mehr braunem Grunde schwarz gesprenkelt.
Die Seiten des Kopfes sind braun. Das Scutellum masse-
tericum grün. Bauch, Hals und Unterseite des Schwanzes
sind kupferroth und zwar der Bauch, mit Ausnahme der
ersten Longitudinalreihe der Bauchschilder, welche blaue
Flecke tragen, einfarbig, dagegen Hals und die seitlichen
Theile des Schwanzes schwarz gesprenkelt. Mitunter
kommen aber auch am Bauche verschiedene Zeichnungen
vor. Der Schwanz ist an seiner Wurzel braun, im Uebrigen
grün colorirt.
Die vierte von Dr. Braun angeführte Form von der
Isla de Saragantanas soll im Allgemeinen nicht von den
erwähnten Formen abweichen.
Die bis jetzt noch herrschende Ansicht, es seien die
verschieden gefärbten und gezeichneten braunen Mauer-
eidechsen an bestimmte Oertlichkeiten gebunden, hatte die
auf den Farbendifferenzen basirte Auflösung von Lacerta
muralis fusca {= L. muralis Laur.) in zahlreiche Species
und Varietäten zur Folge. Betrachten wir aber die Mauer-
eidechsen des Binnenlandes in ihren Fundstellen selbst
uüd begnügen wir uns nicht mit den nur zufällig in unsere
Hände gerathenen Exemplaren aus einzelnen Oertlichkeiten,
so werden wir bald einsehen müssen, dass die Farben-
unterschiede der continentalen Mauereidechsen rein indi-
vidueller Natur sind ; dass ferner die verschieden gefärbten
Individuen keineswegs räumlich von einander getrennt sich
erweisen, und endlich dass die sogenannten Arten und
Abarten sich in der buntesten Weise kreuzen.
Mehrjährige diesbezügliche Erfahrungen lassen mich
mit Bestimmtheit behaupten, dass durchaus keine Spaltung
der braunen Mauereidechse auf dem Binnenlande möglich
ist, und dass Varietäten, nämlich auffallende Abweichungen,
lediglich in isolirten Localitäten, wie z. B. auf Inseln, zu
Stande kommen.
Herpetoiogische Studien. 279
Sämmtliche folgenden Varietäten der Autoren wären
demnach zweifelsohne zurückzuweisen:
1. Razoumowsky's Varietäten 1, 2, 3 und 4
(Histoire naturelle du Jorat et de ses environs, tome I,
pag. 104 et 105. 1789).
2. Da ud in 's fünfte Varietät ä huit rangees longi-
tudinales de plaques sous le corps^) ist nichts anderes als
eine Lacerta muralis fusca mit bedeutend entwickelten Ober-
schildchen, eine Erscheinung, die seinerzeit bei derFara-
glioni-Eidechse beschrieben worden ist.
3. Dumeril und Bibron's Varietäten c und d
(Erpetologie generale tome V, pag. 233. 1839).
4. Podarcis muralis var. rubriventris Bonaparte -).
= Var. a Schreiber (Herpetologia europae?. pag. 408. 1875).
5. Podarcis muralis var. flaviventris Massalongo^)
= Var. p. Schreiber (1. c. pag. 409).
Ferner als Synonyme der Lacerta muralis fusca sind
zu betrachten:
1. Lacerta Brongniardii Daudin bist. nat. gen. d.
reptil. III, pag. 221 (1803) = Var. s. Schreiber (1. c.
p. 410).
Trotzdem die Zusammengehörigkeit der Lacerta Brong-
nardii Daud. mit L. muralis fusca schon von Merrem^)
und nachträglich von Dujes^) erklärt wurde, und trotz-
dem ich selbst die Mauereidechsen in Fontainebleau oft
genug zu vergleichen Gelegenheit hatte und die Lac.
Brongniardii als eine stark gefleckte (reticulata Schreiber)
Lac. muralis fusca anzusehen geneigt war, war ich dennoch
nicht vollkommen sicher, die von Daudin gemeinte La-
certa vor mir zu haben, da D audio in seinem Werke
„histoire naturelle des reptilles III, pag. 221" uns folgende
1) Daudin: Histoire naturelle, generale et particuliere des
reptiles, tome III, p. 219. 1802— 1S04.
2) IcoDOgrafia della Fauna italica II, fic. c. 1836.
3) Saggio di un' Erpetologia popolare verouese. Verona, 1854.
p. 25 und 26.
4) Versuch eines Systems der Amphibien p. 67. 1820.
5) Memoire sur les especes indigenes du genre Lacerta. Annales
des Sciences naturelles, tome XYl, p. 383. 1829.
280 von Bedriaga:
Diagnose dieser Eidechse angiebt: lezard brongniardien,
ayant les rengees de grains poreux du dessous des cuisses
prolongees et reimies ensemble au devant de Tanus. —
Indess ist dieser Punkt, der die Identität von Lac. muralis
fusca mit Lac. Brongniardii scheinbar streitig machte, ver-
schwunden. Unter einer grösseren Anzahl der von mir
bezüglich des Verhaltens der Schenkelporen neuerdings
untersuchten Lacerten, traf ich bei drei Individuen dies
Incontacttreten der Schenkelporenreihen oder Bögen. —
Was die Angabe Da ud in 's betrifft, es seien zwei räumlich
beschränkte Mauereidechsen (Lac. Brongniardii und L. mu-
ralis) in Fontainebleau, so ist dieselbe, wie ich aus meinen
eigenen Erfahrungen urtheilen kann, völlig unmotivirt.
2. Lacerta Laurenti Daudin hist. nat. gen. d. i;eptil.
III, pag. 227.
3. Lacerta maculata Daudin (op. cit. p. 208).
Entgegen der Ansicht von Milne-Edwards, Lacerta
maculata wäre eine Varietät der L. muralis fusca, bin ich
der Meinung, dass die Daudin 'sehe gefleckte Mauer-
eidechse identisch mit L. muralis fusca ist. Muthmasslich
ist es eine stark pigmentirte braune Mauereidechse, deren
Grundfärbung nur spärlich durch die Maschen eines Netz-
werkes hervortritt und die in Alkohol sich in Blassviolet
oder Graugrün verfärbte.
4. Lacerta Merremia Risso (histoire naturelle des
principales productions de l'Europe meridionale III, 1826)
= Var. m. Schreiber (op. cit. 1. c).
5. Lacerta agilis Latreille et Sonini (histoire natu-
relle des reptiles 1802),
6. Lacerta praticola Eversmann in Nouv. mem. de
la soc. imper. d. nat. de Moscou, III, p. 345 (1834).
Die Ableitung der Lacerta muralis var. Rasqui-
netii von Lacerta muralis fusca.
Wenn wir die eben gegebene Beschreibung der La-
certa muralis var. Rasquinetii und der Lacerta muralis
fusca speciell aus der Umgebung von Arnao näher ins
Auge fassen und uns die Mühe geben wollen, die seiner
Zeit geschehenen Discussionen von Eimer, Braun und
Herpetologische Studien. 281
mir über die Verwandtschaftsverhältnisse der Lacerta fara-
glioniensis zu Lacerta muralis neapolitana einerseits und
die Beziehung der Lacerta Lilfordi zu Lac. muralis fusca
von Menorka andererseits ins Gedächtniss zurückzurufen,
so werden wir unumgänglich auf die Annahme von einer
eventuellen Abstammung der L. Rasquinetii von der conti-
nentalen Form geführt, welche auf Grund einer eingehenden
Prüfung der Merkmale beider Eidechsen gelöst werden
dürfte. Dergleichen nähere Untersuchungen ergeben zwar
grosse Differenzen betreffs der Grösse und Gestalt des
Körpers ; daneben aber auch bei einer Sondirung derselben
Beweise, welche sämmtliche Gegenpunkte entkräften und
eine unmittelbare Ableitung der Mauereidechse von La Deva
von jener des Binnenlandes ermöglichen. Sollten wir aber
etwa darauf bedacht sein die direkte Verwandtschaft dieser
beiden Lacerten bestreiten zu wollen, so wäre vor allem
der auffallenden Maasse und Körperbaudifferenzen zu ge-
denken. Aus der oben geschilderten Beschreibung ergiebt
sich eine Gesammtlängedifterenz von ungefähr 30 mm.
Wenn wir aber bedenken, dass jene Messung der Lac.
muralis var. Rasquinetii an einem Exemplar ausgeführt
wurde, das einen regenerirten Schwanz deutlich zu erkennen
giebt, und die Rumpfdifferenz (,= 20 mm.) ebenso wie
die Kopflängedifferenz (= 5V2 mm.) in Betracht ziehen,
dürfte der Unterschied der Totallänge unsers Thierchens
um ein Bedeutendes grösser sein. Ausserdem ist unsere
neue Eidechse im Verhältniss zu ihrer Nachbarin von Arnao
von überaus kräftigem Bau und erinnert uns somit an die
schon beschriebene und im Laufe dieser Abhandlung noch-
mals hervorgehobene Lacerta muralis neapolitana, indem
sie die Grösse und die Gestalt der letzteren erreichen
dürfte. Trotzdem diese wenigen angeführten Merkmale von
vorneherein eine etwaige Ableitung der Lac. Rasquinetii
von der braunen, gewöhnlichen Form streitig machen könnten,
gelten dennoch, da wir ähnliche Abweichungen betreffs der
Grösse und Körpergestalt bei den insulanischen Rassen
bereits kennen gelernt haben, so gut wie nichts und sind
lediglich auf die Wirkung der natürlichen Zuchtwahl zu-
rückzuführen.
282 von Bedriaga:
Aehnlich wie die Faraglioni-Eidechse ist die Rasqui-
netii auf ein räumlich sehr bescliränlUes Terrain, einen
Felsen angewiesen, wo die Coneurrenz unter ihres Gleichen
eine viel beträchtlichere sein mag, als dies auf dem Conti-
nente der Fall ist. Während die schwächer gebauten im
Kampfe untergingen, bildete sich selbstverständlich eine
starke Race aus.
Gehen wir zur Betrachtung der äusseren Körperbe-
deckung der Eidechse von La Deva und der Lacerten von
Arnao über, so sehen wir nur nebensächliche Differenzen und
keineswegs solche, welche als Eigenthümlichkeiten der
Rasquinetii gelten können. Es sind dies genau dieselben
Abweichungen, welche die Eidechsen aus einer und derselben
Localität aufweisen, wie es z. B. bei dem mir zu Gebote
stehenden Dutzend Lacerten von Arnao der Fall ist, näm-
lich Merkmale rein individueller Natur. Höchstens wären
vielleicht die ausserordentlich entwickelten Schläfenschilder
bei der Lac. Rasquinetii erwähnenswerth.
Ein viel auffallenderes ünterschiedsmerkmal dagegen
bildet wiederum bei oberflächlicher Betrachtung ihre Fär-
bung und Zeichnung. Bei näherer Untersuchung jedoch
lassen sich sämmtliche Farben der Lac. muralis fusca aus
der Umgebung von Arnao bei der var. Rasquinetii wieder-
finden, indem hier keine etwaige Zurückdrängung der
Farbentöne der Mauereidechsen vom Continent stattfindet,
und somit keine Erscheinung, wie wir solche bei Lac.
faraglioniensis und Lac. Lilfordi kennen gelernt haben, zur
Geltung kommt. Es findet bei der in Rede stehenden
Eidechse nur einerseits eine Verdunkelung, andererseits
aber eine Ausbreitung und Sättigung des schon bei der
Lacerta Asturiens vorhandenen Colorits statt. Indem die
hellnussbraune Tinte der Rückenseite der letzteren bei der
Rasquinetii um ein Bedeutendes dunkler wird, erhält sie
sonderbarerweise eine Tendenz ins Grüne und verleihet
somit dem Rücken und der Oberseite des Kopfes ein dunkel-
ölgrünes Aussehen. Die Extremitätenpaare, welche im
allgemeinen bei der continentalen Form lichter colorirt er-
scheinen, entbehren dieser Neigung in den grünen Ton.
Die blaue Farbe, welche bekanntlich bei der braunen Mauer-
Herpetologische Stiidieu. 283
eidechse nur die erste Longitudinalreihe der Bauchschilder
ziert, erweitert sich gegen die Seitentheile und die Bauch-
seite hin. Ihre Vertheihmg in den Maschen des schwarzen
Netzwerkes, das die Seiten umspinnt, giebt dem Thiere
ein wahrhaft prächtiges Aussehen ; dabei ist die erste, am
vorderen Theile des Körpers liegende Masche ihrer Lage
nach genau dem blauen oder blaugrtinen iVugenfleck der
Lac. muralis fusca entsprechend. Die Ausbreitung des
blauen Colorits gegen die Bauchseite hin ist beschränkt
und geht das Blau nur über die erste seitliche Reihe der
Bauchschilder hinaus, indem es die nach aussen sehende
Schienenhälfte der zweiten Longitudinalreihe ziert, während
die übrig gebliebenen Theile dieser Reihe sowie die mitt-
leren Reihen, nebst Brustgegend, Halsband und Unterseite
des Schwanzes prächtig roth gefärbt sind, wie es die bei-
folgende Figur darstellt. Endlich ist die schwarzbraune
Zeichnung der Lac. muralis von Asturien bei der Rasqui-
netii vollständig schwarz und üppig entwickelt.
Wenn seiner Zeit das total abweichende Farbenkleid
der Lac. faraglioniensis von dem der muralis neapolitana
uns nicht hinderte, jene von dieser abzuleiten, so sind wir
um so mehr berechtigt, die Färbung der Var. Rasquinetii
auf die der muralis fusca zurückzuführen und alle Bedenken
gegen die direkte Abstammung der neu entdeckten insu-
lanischen Form von der binnenländischen zu beseitigen und
die Eidechse von La Deva als eine ausserordentlich grosse,
kräftig entwickelte und üppig bekleidete Lacerta muralis
fusca zu betrachten.
Es bliebe mir schliesslich noch übrig, einige Worte
über die Farbenumwandlung unseres Thierchens hinzu-
zufügen. — Wenn wir geneigt sind die verhältnissmässig
kräftige Körpergestalt und die ausserordentliche Grösse
der Rasquinetii der Wirkung der natürlichen Zuchtwahl
und dem Gebundensein des Thieres an ein beschränktes
Jagdgebiet zuzuschreiben, so müssen wir die Ursachen,
welche die Farbenumwandlung begünstigt haben, wiederum
in etwaigen eigenthümlichen Eigenschaften ihres Fund-
ortes suchen.
Die Felseninsel „La Deva", der Wohnort unserer
284 von Bedriaga:
Eidechse, ist, wie bereits bemerkt, nur spärlich bewachsen,
und zwar oben mit wildem Kohl, Farnkräutern und Brenn-
nesseln, unten mit etwas Gras. Es besteht der Fels aus
weissem, mit dem des correspondirenden Continents durch-
aus homogenem. Quarz und ist daher mit Bestimmtheit als
ein durch stattgefundene Erdrevolutionen vom Festlande
abgetrennter Block zu betrachten. Auf diesem Gesteine,
dessen Farbe ich auf meiner Tafel darzustellen gesucht
habe, geniesst unsere Eidechse ihr Dasein, ohne sich um
etwaige Feinde zu bekümmern. Denn nach der Angabe
ihres Entdeckers ist die Felseninsel La Deva ausser den
Lacerten nur von wilden Kaninchen bewohnt und von
Möven besucht. — Aehnlich wie es bei der Faraglioni-
Eidechse der Fall ist, sind uns also durchaus keine An-
haltspunkte dafür gegeben, dass die Rasquinetii von anderen
Reptilien oder irgend welchen Feinden verfolgt ist und
können v/ir daher keineswegs ihre Färbung als eine
schützende Verkleidung ansehen, sondern wir müssen uns
vielmehr an die einzig mögliche, von mir schon öfters her-
vorgehobene Erklärung des Farbenumwandlungsprocesses
durch die unmittelbare Einwirkung der Sonnenstrahlen
wenden. — Was seiner Zeit für Lac. faraglioniensis ge-
äussert wurde ^), wäre buchstäblich betreffs der Rasquinetii
zu wiederholen. Nur müsste man hinsichtlich der letzteren
das berichtigen, dass die Einwirkung der Sonnenstrahlen
auf La Deva nicht von gleicher Intensität ist wie beim
Faraglioni-Felsen und der Isla del Ayre, dem bekannten
Fundorte der Lac. Lilfordi, und dass desshalb auch die
Verdunkelung des Farbenkleides als eine verhältnissmässig
geringe sich erweist. Ausserdem vermisst man hinsichtlich
der Färbung der Bauchseite bei Lac. Rasquinetii das Auf-
treten von dunklen oder blauen Tönen, wie wir es bei der
1) von Bedriaga: üeber die Entstehung der Farben bei
den Eidechsen. Jena. 1874.
von Bedriaga: Die Faraglioni-Eidechse und die Entstehung
der Farben bei den Eidechsen. Eine Erwiderung an Herrn Prof.
Eimer. Heidelberg. 1876.
von Bedriaga: Beiträge zur Kenntniss der Farbenbildung
bei den Eidechsen (Bull. soc. imper, natur. Moscou. 1877. Heft H).
Herpetologische Studien. 286
faraglioniensis oder Lilfordi kennen gelernt haben, mit der
Ausnahme der zweiten Longitiidinah-eihe der Bauchschilder,
welche zum Theil blau gefleckt ist. Es. scheint diese Er-
scheinung überhaupt eine besondere Eigenschaft der braun
gefärbten Lacerta muralis zu sein. Denn die zahlreichen,
von mir zur Untersuchung gezogenen Exemplare aus den
verschiedensten Gegenden zeigten eine mehr oder weniger
starke Tendenz in den rothen Ton, nie aber eine Neigung
in das Blau. Dagegen traf ich noch keine Lac. muralis
neapolitana, deren Buchseite ins Röthliche spielte, sondern
stets zeigte sich eine Neigung ins Blaugrau.
Das von Lacerta faraglioniensis auf ihrem neuen Wohn-
orte, dem Faraglioni-Felsen erworbene zahme Wesen konnte
ich bei der Rasquinetischen Eidechse nicht constatiren. Ich
wäre fast geneigt gewesen zu glauben, dass sie ihre ur-
sprüngliche Unbefangenheit während der Reisestrapazen
und im Kerkerleben eingebüsst habe ^ ), wenn mir nicht die
schriftliche Mittheilung des Herrn Dr. Rasquinet vor-
liegen würde, in welcher er mir über Mangel an Kunst
und List, den Eidechsen nachzustellen, klagt.
Falls wirklich, wie es allem Anschein nach anzu-
nehmen ist, die Lac. Rasquinetii keine Verfolger auf La
Deva besitzt, so ist vielleicht der Grund ihrer Furchtsam-
keit der, dass ausser ihr der Felsen noch von wilden Ka-
ninchen bewohnt wird, welche öfters die Ruhe der Ei-
dechsen stören.
Lacerta muralis neapolitana m^).
Mit diesem Namen belegte ich eine Form derMauer-
1) Die Furchtlosigkeit einerseits und die Scheu andererseits
ist meiner Erfahrung nach bei den Eidechsen individueller Natur
und wird ebensogut die erstere wie letztere in der Gefangenschaft
entweder eingebüsst oder erworben. Ich habe Gelegenheit zu be-
obachten, dass die Faraglioni-Eidechse, mit der neapolitanischen
grünen Mauereidechse zusammen im Käfig gehalten, ihre Furcht-
losigkeit öfters einbüsst und dem Beispiele der muralis neapolitana
folgend, recht scheu und bissig wird.
2) J, V. Bedriaga: lieber die Entstehung der Farben bei
den Eidechsen, Jena, 1874.
286 von Bedriaga:
eidechse, welche grösser ist als Lacerta muralis fusca und
vorzugsweise in Italien, Sicilien, Dalmatien und vielleicht
auch in Spanien vorkommt.
Trotzdem dieser Eidechse öfters in den älteren her-
petologischen Werken gedacht wurde und dieselbe noch in
jüngster Zeit untersucht worden ist, finde ich mich dennoch
genöthigt nochmals hier eine kurze, aber möglichst präcise
Diagnose des Thierchens zu geben, um desto leichter auf
die Discussion der bisher herrschenden Ansichten über diese
Mauereidechse einzugehen.
Körpergestalt und Grösse. Der Körper ist wie
bei allen Mauereidechsen schlank, und zwar beim Weib-
chen um ein Bedeutendes zarter gebaut. Der Kopf ist
entweder pyramidal, namentlich beim Männchen, oder
niedergedrückt. Der Supraorbitaibogen ist beim Männchen
stärker entwickelt als beim Weibchen.
Die Totallänge der grössten, mir vorliegenden Männ-
chen beträgt 220 mm., wovon auf den Schwanz 155 mm.,
auf den Kopf 19 mm. kommen. Die Entfernung der Schnauzen-
spitze von der Schwanzwurzel ist ungefähr 73 — 75 mm.
Grösster Umfang des Kopfes = 38 mm. Grösster Breiten-
durchmesser des Kopfes = 11 mm. Grösster Höhendurch-
messer des Kopfes 10,3 mm. — Die Gesammtlänge des
Weibchens =^175 mm., wovon auf den Schwanz 110 mm.,
auf den Kopf 16 mm. kommen. Der Umfang des Kopfes
= 28 mm. Der grösste Breitendurchmesser des Kopfes
beträgt 9 mm., der des Pileus 7V2 mm.; der Höhendurch-
messer des Kopfes = 7V2 mm.
Aeussere Körperbedeckung. Was die äussere
Körperbedeckung betrifft, so will ich kurz die wesentlichen
Differenzen zwischen dieser muralis und der muralis fusca
andeuten.
Ein flüchtiger Blick auf die Beschilderung dieses
Thierchens genügt, um sofort die verhäitnissmässig unbe-
deutende Entwickelung des Scut. interparietale und oCci-
pitale wahrzunehmen, und es bliebe nur noch betreffs der
Kopfschilder zu bemerken, dass das Occipitale meistens
dreieckig, das Tympanale von unbedeutender Grösse ist
und das Scut. massetericum öfters ganz vermisst wird. —
Herpetologische Studien. 287
Die Brustgegend weist 33 grössere Schilder auf. Sechs
longitudinaie Bauchschilderreihen. Zwanzig Querreihen.
Die Oberschilder sind von sehr verschiedener Grösse.
Färbung und Zeichnug. Die Grundfarbe des
Rückens im vorderen Theile vorherrschend grün, von
grasgrün bis olivengrün, selten graugrün. Gegen die
Schwanzwurzel hin nimmt die grüne Färbung des Rückens
allmälig ab und geht in ein braun, fahlbraun oder
zimmtbraun über. Die seitlichen Theile des Körpers
sind selten grün, und zwar nur bei den grasgrünen Exem-
plaren, dagegen entsprechen sie den hinteren Theileu des
Körpers in ihrer Färbung. Die Rücken- und Seitenzeich-
nung ist höchst mannigfaltig. Bei einigen z. B. zieht
sich in der Mittellinie ein ununterbrochener, schwarzer
Streifen hin, der sich in der Schwanzgegend in Mackeln
auflöst, bei anderen besteht dieses Band selbst im vorderen
Theile des Körpers aus getrennten Flecken. In gewisser
EntfernuDg von diesem Bande liegen jederseits wiederum
schwarze Fleckeureihen und sind öfters gegen das Rück-
grat hin von weissen Streifen umsäumt. Dabei sind die
Flanken entweder schwarz oder schwarzbraun gefleckt oder
entbehren jeglicher Zeichnung. Im ersteren Fall treten
die Flecken zuweilen sehr zahlreich auf und bilden, indem
sie zum Theil zusammenfliessen und sich verspinnen, die
Seitenregionen einnehmende Netzwerke. Koinmt ein sol-
ches Netzwerk zu Stande, so wird selbstverständlich der
Grundton zurückgedrängt und erscheint nur in den Maschen.
Dieses Netzwerk wird entweder von dem ihm zunächst
liegenden Längsband durch die Grundfarbe, die hier als
Streifen erscheint, getrennt, oder es tritt mit den Rücken-
bändern durch vielfache Querstreifen und Verästelungen in
Berührung. Die auf diese Weise stark genetzte, grüne
muralis ^) habe ich besonders häufig in der Nähe von
.Messina auf dem sandigen Boden, dicht am Meere getroffen.
Andererseits fand ich eine grosse Anzahl Individuen auf
der italienischen Halbinsel, welche jeglicher Rückenzeich-
1) Es wäre vielleicht richtiger die neapolitanische Mauer
eidechse als Lacerta muralis viridis zu bezeichnen.
288 von Bedriaga:
nung entbehrten; wobei die Seiten des Körpers entweder
nur schwach schwarzbraun oder braun gefleckt oder
fleckenfrei waren. Die Decke des Kopfes ist auf dunkel-
braunem, zimmtbraunem oder grünlichgrauem Grundtone
bei den stark genetzten Exemplaren schwarzbraun ge-
sprenkelt. Die Wangen und Unterkiefer sind häufig hell-
grün oder bläulich gefärbt. Die Oberseite der Extremi-
täten braun, graubraun oder auch grünlich; öfters gefleckt,
gestreift oder genetzt. Ueber den Wurzeln der Vorderex-
tremitäten ist jederseits ein meistens prachtvoll ausgebil-
deter, blauer Augenfleck, der öfters schwarz umrahmt er-
scheint. Die Bauchseite und Unterseite der Extremitäten-
paare vollkommen weiss oder mit nur äusserst schwachem
graublauem Anfluge. Die ersten longitudinalen Reihen der
Bauchschilder sind blau colorirt, wobei die Schienen dieser
Reihen zuweilen schwarz und weiss punktirt oder gestreift
sind. Die Oberseite des Schwanzes ist braun, braungrün
oder graugrün, mit oder häufiger ohne Fleckung.
Die mir aus Dalmatien, leider ohne nähere Angabe
des Fundortes übermittelten Exemplare unterscheiden sich
von den italienischen dadurch, dass ihre Seitenregionen
und der hintere Abschnitt des Rückens gleichmässig zimmt-
braun gefärbt sind. Die so colorirten Stellen glänzen bei
Sonuenbfeleuchtung wie Gold. Auch sind die Unterkiefer
bei diesen Exemplaren leicht röthlich angehaucht. — Total
braune Individuen scheinen höchst selten vorzukommen.
Schliesslich wäre noch zu bemerken, dass Farben und
Zeichnung keineswegs sich nach den Geschlechtern richten.
Das endlose, individuelle Variiren der Lacerta muralis
fusca finden wir noch im grösseren Massstabe bei unserer
muralis neapolitana. Wie dort, so auch hier wurde letztere
in zahlreiche, möglichst von einander geschiedene Ab-
arten zergliedert und mit den verschiedensten Namen be-
legt. Wenn auch solche Emsigkeit der älteren Autoren
uns heut zu Tage unangenehm berührt, indem sie
selbstverständlich zu nicht geringen Confusionen führt,
sind wir dennoch geneigt, dieselben zu entschuldigen,
Herpetologische Studien. 289
insofern Forscher wie Dumeril, Bibron, Daudin
u. s. w. ihre Untersuchungen meistens nach den an sie
geschickten, in Alkohol conservirten Thieren ausführten,
wobei sie einer näheren Fundortsangabe und der Mittheilung
von anderen, zuweilen sehr wichtigen, in den Augen eines
inkompetenten Lieferanten aber nebensächlich erschei-
nenden Thatsachen betreffs der Lebensweise der zuge-
stellten Thiere entbehren mussten. Vielmehr gilt der Vor-
wurf jener unleidlichen Zersplitterungsmethode unseren
Zeitgenossen, die besonders auffallend jüngst betreffs der
grünen Mauereidechse zu Tage trat. Die hervorragendste
Stelle in dieser Hinsicht gebührt zweifelsohne Eimer,
welcher sich die Aufgabe stellte die genannte Mauereidechse
in ihrer Heimath selbst eingehend zu untersuchen. — In
seinem Werke über Lacerta muralis coerulea (Zoologische
Studien auf Capri Heft IL Leipzig 1874) unterscheidet
Eimer vier Varietäten unserer Lac. muralis neapolitana.
Zwei von ihnen wurden zum ersten Male als solche von
Eimer erkannt und „elegans" und „modesta" benannt, die
anderen zwei dagegen erlitten nur eine Umtaufe. Unter
diesen letzteren meine ich die Lac. muralis var. striata,
welche nach eigener Angabe des Verfassers die campestris ^)
1) Diese Eidechse kenne ich zwar nicht aus eigener Anschau-
ung-, kanfiL jedoch mit Bestimmtheit behaupten, dass sie mit unserer
neapolitanischen muralis identisch ist. Werfen wir einen Blick in
die Arbeiten Leyd ig 's undEimer's so ergiebt sich dies von selbst.
Während ersterer meint (vergi. Die in Deutschland lebenden Arten
der Saurier. Tübingen, 1872. p. 228) Lac. albiventris Bonaparte sei
synonym mit var. campestris, vereinigt Eimer die letztere mit seiner
muralis striata (Zoolog. Studien auf Capri, Heft II, p. 25). Infolge
dessen haben wir folgende Combination:
Var. campestris = L. muralis var. striata.
Var. campestris = Podarcis muralis albiventris.
Var. striata = Podarcis muralis albiventris.
Ferner erfahren wir von Eimer (1. c. p. 28), dass seine maculata
identisch mit Podarcis murajis albiventris ist, oder was, wie es sich
von selbst ergibt, Lac. muralis var. striata Eimer = L. muralis
var. maculata Eimer (!). Zweifelsohne stellen striata Eimer und
albiventris Bonaparte nichts anderes vor als unsere Lac. muralis
neapol., daher ist var campestris = muralis neapolitana. Leyd ig
Archiv f. Naturg. XXXXIV. Jahrg. 1, Bd. 19
290 von Bedriaga:
de Betta's und Leydig's ist und die Lac. muralis var.
raaculata, welche ebenfalls nach dem Geständniss Eimer 's
nichts anderes als Podarcis muralis albiventris Bonaparte
ist (vergl. die Bemerkung unten). Behufs Prüfung dieser
von Eimer vorgeschlagenen Eintheilung will ich die vier von
ihm aufgeführten Varietäten der Reihe nach untersuchen.
a) Var. striata Eimer (1. c. p. 25). Unter striata ver-
steht Eimer eine verhältnissmässig wenig gefleckte Mauer-
eidechse, welche am häufigsten auf der Insel Capri und
in Neapel vorkommen soll. Die Grundfarbe des Rückens
dieser Varietät ist vorherrschend grün, selten in Braun ge-
trübt. In der Mittellinie zieht sich ein aus schwarzen oder
schwarzbraunen Flecken bestehendes Band hin. Diesem
parallel laufen jederseits ein Streifen aus dunklen Flecken
und ein weisser Streifen. Darauf folgen die dunkelge-
fleckten Flanken. Ueber den Vorderextremitäten befinden
sich bei beiden Geschlechtern schöne, blaue Augenflecken.
b) Eimer's zweite Varietät, die elegans, zeichnet sich
durch die gleichmässig grüne Färbung der vorderen Hälfte
des Körpers aus, sowie durch ihre Eleganz, welche unter
anderem auf die Wirkung der Farbe zurückgeführt wird,
ferner durch ihre ausserordentliche Scheu und endlich durch
die grosse Länge des Schwanzes im Vergleich zu den
übrigen drei Varietäten 0- Oberhalb der Wurzel der Vorder-
extremitäten sind blaue Augen zu erkennen.
meint (1. c. 228) dass die campestris sich durch die Lebensart von
der Stammform (als Stammform betrachtet Leydig die muralis
Laur.) unterscheidet, indem dio campestris nicht etwa an Mauern,
Felsen oder Steinen, sondern lediglich unter dem Gebüsch des freien
Feldes lebt. Ich will anknüpfend hier bemerken, dass ich in der
Nähe des Colosseums in Rom Lacerta muralis neapol. auf einem
spärlich mit Bäumen bepflanzten Felde getroffen habe und dass die
Gegend insofern sie beeinflusst hatte, als sie die Schnelligkeit der
Locomotion eingebüsst hat und in ihren Bewegungen eher der Zaun-
eidechse sich näherte. — Die von mir verfolgten Individuen retteten
sich, ähnlich wie es die vivipara thut, indem sie auf die Bäume
hinauf kletterten.
1) Vergl. die von Eimer beigegebene Masstabelle (op. cit.
p. 33). Die Gesammtläuge der elegans beträgt 217 mm., die der
maculata 215 mm.
Herpetologische Studien. 291
c) Als modesta (1. c. p. 26) bezeichnet Eimer eine
Form, welche jede Spur von Streifung und Zeichnung ent-
behrt, mit der Ausnahme eines sehr rudimentären, beiden Ge-
schlechtern eigenen, gelblichgrünen Fleckens, welcher über
der Wurzel der Vorderextremitäten sich befindet. Der Rücken
ist zimmtbraun, die Seiten des Unterkopfes leicht grünlich.
d) Var. maculata Eimer (1. c! p. 27). „Die striata,
meint Eimer, geht in eine grob gefleckte Form über,
welche ich mit einem besonderen Namen, maculata, be-
zeichnen will, obschon die Zwischenformen zwischen der
striata und ihr ebenso zahlreich oder zahlreicher siüd, wie
die Endform selbst."
Diese Bemerkung Eimer 's selbst genügt, um eine
seiner Varietäten ohne Zögern zu streichen, und man muss
sieh geradezu wundern, in welchem Grade der Verfasser
sich selbst widerspricht. — Die Endform Eimer 's, die
maculata, ist meiner Ansicht nach lediglich die ausge-
wachsene striata Eimer. Uebrigens berührt dieser selbst
diesen Punkt im Laufe seiner Abhandlung. Die von ihm
angeführte Thatsache die Zwischenform der striata und
maculata wären zahlreicher wie die Endform selbst, beruht
nur darauf, dass die ausgewachsenen Thiere (Eimer 's ge-
fleckte Form) schwerer zu fangen sind, als die jungen
Individuen; eine uns längst bekannte Erscheinung. — Was
die elegans betrifft, so erkläre ich diese Varietät eben so
wenig motivirt; wie die striata und zwar einerseits weil
die Abwesenheit oder das nur spurweise Vorhandensein
der Zeichnung unmöglich bei der grünen süditalienischen
Mauereidechse für ihre etwaige Zersplitterung in Abarten
ins Gewicht fallen kann, andererseits weil der Grad von
Scheu bei muralis (natürlich den Fall ausgenommen, dass
an Stelle der angeborenen Scheu die Furchtlosigkeit auf-
tritt, wie z. B. bei L. faraglioniensis) ein sehr schwankendes
Kriterium für die Aufstellung einer Varietät ist und end-
lich weil die von Eimer für elegans angegebene, grösste
Länge nicht mit dem Texte genau übereinzustimmen scheint;
denn bekanntlich nennt Eimer als die Stammform der
grössten capresischen Mauereidechse var. coerulea (= fara-
glioniensis mihi) die maculata und nicht etwa die elegans.
292 von Bedriaga:
Zwar wird dabei die Rumpflänge der ersten mit 72 mm.,
die der zweiten mit 68 mm. angegeben, dennoch ergiebt
sich eine grosse Confusion, wenn wir die Ableitung der
coerulea Eimer von der elegans oder maculata bei Eimer
verfolgen und die verschiedensten Schwanzlängen (bei
elegans 148 mm., bei maculata 143 mm., bei coerulea 95,
110, 136 und 160 mm.) angegeben finden.
Während eine der Varietäten Eimer 's nur eine Spur
von Zeichnung auf dem hinteren Theile des Körpers zeigt,
entbehrt seine vierte (vgl. unsere Var. c)Varietät sogar dieser
Spur! Eine auch nur oberflächliche Beobachtung der sUd-
italienischen Mauereidechsen in ihrer Heimath selbst ge-
nügt, um die Aufstellung von Abarten auf der nur spuren-
haft vorhandenen Zeichnung oder auf dem totalen Mangel
derselben basirt als vollständig unstatthaft zu erklären.
Wie unkonsequent Eimer in seiner Abhandlung über
L. coerulea verfahren ist, beweisen uns mehrere aus der-
selben wörtlich entnommene Sätze. Auf Seite 26 seines
Werkes nämlich giebt Eimer folgende Diagnose seiner
L. modesta: „Als modesta bezeichne ich eine Form, welche
auf der Höhe der Ausbildung gleichfalls jede Spur von
Streifung verloren hat, und welche zugleich aller
und jeder Zeichnung entbehrt, mit Ausnahme eines
sehr rudimentären, beiden Geschlechtern eigenen, gelblich-
grünen Flecks anstatt des blauen Auges über die Wurzeln
der Vorderextremitäten. Ebenso fehlen die blauen Flecken
der Flanken. Ihr Rücken ist gleichmässig zimmtbraun
gefärbt, welche Farbe auf der Rückenhöhe, von der Gegend
des Kopfes an bis gegen die Schwanzwurzel hin, unter
dem Einflüsse erhöhter Lebensthätigkeit in ein schillerndes
Grüngelb oder Gelbgrün übergeht. Kopfdecke, Extremi-
täten und Schwanz sind gleichfalls zimmtbraun." — Etwas
weiter (vergl. S. 29) heisst es aber: „Zahlreiche Zwischen-
formen verbinden nun diese vier Abarten (maculata, striata,
modesta und elegans), jedoch nicht regellos nach allen,
sondern nur nach bestimmten Richtungen hin. Sie führen
alle zur striata: elegans wie modesta können, wie schon
bemerkt, mehr oder weniger deutliche Spuren von
Streifung zeigen."
Herpetologische Studien. . 293
Es sei mir erlaubt, hier nochmals betreffs der grünen
miiralis aus Italien zu bemerken, dass sämmtliche Farben-
und Zeichnungsdifferenzen individueller Natur sind und
dass die von Eimer sogenannten Varietäten nicht etwa,
wie es von ihm fälschlich angegeben wird, räumlich be-
schränkt sind, sondern dass sie vielmehr geseHig leben und
sich in der buntesten Weise kreuzen.
Die Exemplare der muralis, nach denen Dumeril und
Bibron ihre Beschreibung ausführten, hatte ich Gelegen-
heit im Pariser Museum zu, vergleichen und kann somit
mit mehr oder weniger grosser Bestimmtheit sagen, dass
die sieben in der generellen Herpetologie aufgeführten
Varietäten: a, b, g, h, i, j und k nichts anderes als unsere
Lac. muralis neapol. vorstellen. Der Grund, dass die Au-
toren des rühmlichst bekannten Werkes die neapolitanische
Mauereidechse in so zahlreiche Abarten getheilt haben, ist
der, dass ihnen in den meisten Fällen Exemplare post
mortem zu Gebote standen, ferner dass sie die Thiere, wie
schon erwähnt, nicht in ihrem Fundorte untersuchten und
sich durch die mannigfaltigen Tinten und Zeichnungen,
welche im xA.lkohol ihre Frische wohl eingebüsst hatten,
irre führen Hessen. — DumeriTs Varietät b scheint der
von mir beschriebenen, grünen muralis aus Dalmatien zu
entsprechen. Var. k traf ich in grosser Menge an in Sicilien
in sandigen Gegenden am Meeresstrande. Es ist eine am
Rücken stark, am Bauch schwächer schwarz gemakelte
muralis neapol. Sie wurde von Prinz Bonaparte ^) mit
dem unpassenden -) Namen Podarcis muralis var. nigriventris
belegt und entspricht nach allem der Var. t Schreiber;
vergl. seine Herpetologia europaea p. 410.
1) Iconografia della Fauna italica II. Amfibi. Roma, 1832 — 1841.
2) Die Beifügung von „nigriventris" ist meiner Meinung nach
insofern unrichtig, als diese Eidechse nur schwarz gesprenkelt und
nicht etwa, wie man leicht erwarten kann, gleichmässig schwarz
colorirt ist. Es reproducirt Eimer in seinem schon citirten Werke
den nämlichen Fehler, indem er die ebenfalls am Bauche schwarz
gesprenkelte genuesische Mauereidechse als nigriventris bezeichnet.
Dies Verfahren Eimer 's wundert uns umsomehr als er in dem-
selben Werke eine am Bauche einfarbige Eidechse vorführt und
dieselbe nach diesem Merkmale „coerulea" nennt.
294 ven Bedriaga:
Bonaparte 's Olivaceus albiventris (= Var. Genei
Cara, Monografia della lucertola comune di öardegna,
Cagliari 1872) scheint L. muralis neapolitana juv. zu sein.
Als weitere Synonyme unserer Eidechse dürften sich
folgende erweisen:
1. Podarcis muralis albiventris Bonaparte, Iconogr.
d. Fauna ital. iig. c = Var. c. Schreiber (Herpet. europ.
p. 408).
2. Lacerta tiliguerta Latreille, hist. nat. d. reptil. I
pag. 239 (1802) = Var. q. Schreiber, l. c. p. 408.
3. Podarcis muralis Bonaparte, op. cit. fig. b = Var.
k Schreiber.
4. Lacerta hifasciata Risso, hist nat. de l'Eur. merid.
III, p. 10, 87. (1826).
5. Podarcis muralis var. cupreiventris Massalongo Erpet.
pop. veron. pag. 22, 36 (1854) := Var. w Schreiber op.
cit. p. 410.
6. Lacerta puccina Ratinisque Schmalz Carrat. alc.
gen. e spec. anim. e piante d. Sicil. pag. 8, 20 (1810 =
Var. X Schreiber 1. c.
7. Var. Cetil Cara Monografia d. lucertola com. di
Sardegna pag. 30 (1872).
8. Lac. saxicola Eversmaun Lac. imp. ross. in Nouv.
mto. de la soc. imper. d. nat. de Moscou III, p. 349 (1834).
Zweifelsohne ist die saxicola Eversmann L. muralis
neapolitana und nicht die Lac. taurica wie es Schreiber
angiebt (1. c. pag. 420). Die Identität ergiebt sich von
selbst sobald wir die Diagnose Evers man n's, welche ich
hier folgen lasse, mit meiner obigen Beschreibung der mu-
ralis neapolitana vergleichen. — „Ihr Kopf ist sehr platt-
gedrückt, zugespitzt, doppelt so lang als breit, die beiden
grossen Hinterhauptsschilder haben an der Basis noch ein
kleines fünfeckiges Schildchen zwischen sich, wie bei L.
agilis etc., zwischen dem Nasenloche und dem Augenwinkel
sind drei Schilder: zwei unregelmässig fünfeckige von fast
gleicher Grösse, nur das erste, weil das Nasenloch etwas
eingreift, wenig kleiner, beide stehen nebeneinander; das
dritte Schild trapezförmig, so gross als beide erste zu-
sammen. Die Schläfe sind mit kleinen Schuppen bekleidet,
Herpetologische Studien ^ 295
mitten steht ein grösseres rundes Schildchen (wie hei L.
muralis). Die Nasenlöcher sind wie bei L. agilis etc. gebildet.
Der Halskragen besteht etwa aus 8 — 10 Schuppen. Der
Bauch hat in jeder Querreihe sechs Schilder von ungefähr
gleicher Grösse. Der Rücken ist fein beschuppt; die
Schuppen bestehen an den Seiten aus rundlichen, in der
Mitte des Rückens aus länglich sechseckigen Körnern. Der
Schwanz ist ungleich deutlicher geringelt als bei den vorigen
Eidechsen, die Kiele der Schuppen sind sehr hervorstehend,
so dass jeder Ring ein- und ausspringende Kanten hat,
festonirt ist. — Der ganze Oberkörper hat eine lauchgrüne
Farbe, überall mit schwarzen Flecken besetzt; nur die
Seiten, in der Dicke des Kopfes, sind stark mit braun
tingirt, so dass auf dem Rücken ein breiter grüner Streifen
in der Breite des Kopfes übrig bleibt, der an den Seiten
durch die braune Farbe und durch die schwarzen Flecken
in denselben zackig begränzt ist. Die Flecken in den rein-
grünen Streifen stehen nicht ganz regelmässig, jedocl^ lassen
sich im allgemeinen zwei Hauptreiheu bemerken. Der
Bauch ist schön weiss mit Perlmutterglanz, die äussersten
Bauchschilder sind mehr oder weniger schön himmelblau."
Breves speciei varietatumque diagnoses.
Lacerta muralis.
Diagn.
Long. 115—240 mm. — Corpus: gracillimum. Caput
depressum vel pyramidale. Cauda longissima. Squamae:
plerumque carinatae, dorsales: granosae, rotundae, ovatae,
triquetrae, quadratae, hexagonae et ex omnibus partibus
aequales, angulis aut acutis aut rotundis. Scuta ventris
rectis angulis oblouga aut quadrata aut trapezae forma sex
ordinibus ordinata. Scuta supernumeraria, quae in supe-
riore parte numerantur plerumque inveniuntur. Squamae
caudae, carinatae. Rostrum acuminato- depressum. Scutum
nasofrenale: unum, rarius duo. Tempora plerumque gra-
nosa. Scutum massetericum distinctum, non raro nullum.
Collare integrum. Dentes palatini parvi, obtuso-conici
erectiusculi, sed non semper adsunt. Fori femorales 15—24.
296 von Bedriaga:
mas.
Caput majus. Pedes posteriores: validiores. Caudae
radix crassior. Arcus supraorbitalis bene procreatus.
fem.
Caput minus (brevius etangustius) quam praecedentis.
Pedes posteriores temiiores. Caudae radix non crassa.
Pori femorales minus multi. Arcus supraorbitalis vix
procreatus.
I. LacertcL muralis neapolitana de Bedriaga.
Diagn.
Long. cT 215—220 mm. — Supra viridis; dorsum et
latera nigre maculata, striata, reticulata vel Immaculata.
Supra radicem pedum priorum in utraque parte ocellus
coerulescens. Series longitudinalis prima scutorum ventris
coeruleo colore maculata. Venter subalbidus, interdum
rubens, unius coloris vel nigris punctis distinctus. lugulum
coeruleum.
Habitat in Africa, Hispania, Italia, Sicilia, Dalmatia,
Graecia, in meridiana parte Russiae et in insulis maris
raediterranei saepissime invenitur.
Lacerta muralis neapolitana v. Bedriaga: Ueber die
Entstehung der Farben bei den Eidechsen. Jena 1874. —
Lac. maculata, striata, modesta, elegans Eimer : Zoologische
Studien auf Capri IL Leipzig 1874. — Podarcis muralis
albiventris Bonaparte: Iconografia della Fauna italica IL
Roma 1832—1841 u. s. w.
IL Lacerta viridiocellata de Bedriaga.
Diagn.
Long. (^ 220 mm. Supra fuscesceus; dorsum et la-
tera nigre maculata et striata. Supra radicem pedum
priorum in utraque parte ocellus viridis. Venter subal-
bidus, jugulum subalbum et glauca tendentia praeditum.
Series longitudinalis prima scutorum ventris subviridis.
Habitat in Sicilia.
Lac. viridiocellata v. Bedriaga: Beiträge zur Kennt-
niss der Mauereidechsen im Archiv für Naturgeschichte.
Heft IL 1877.
Herpetologische Studien. 297
III. Lacerta faraglioniensis de Bedriaga.
Diagn.
Long. (^ 215—240 mm. Caput et dorsiim nigrum.
Latera coeriüeo colore maculata. Supra radicem pedum
priorum ocellus viridis. Pedes posteriores saepe viridi
maculati. Genae, jiigulum, venter coeriüea.
Habitat in Faraglioni circa Capri.
Lac. muralis var. coerulea Eimer: Verhandlungen der
physikal.-medicin. Gesellschaft in Würzburg 1872, IIL
Sitzungsbericht X. — Lac. faraglioniensis v. Bedriaga:
lieber die Entstehung der Farben bei den Eidechsen. Jena,
1874. — Lac. muralis var. coerulea Eimer: Zoolog. Studien
auf Capri IL Leipzig 1874. — Lac. muralis var. coerulea
Eimer: Nachschrift zu seiner Abhandlung über L. muralis
coerulea. Darmstadt 1874. — Lac. faraglioniensis v. Bedri-
aga: Die Faraglioni-Eidechse und die Entstehung der Farben
bei den Eidechsen. Eine Erwiderung an Prof. Eimer.
Heidelberg 1876. — • Lac. faraglioniensis v. Bedriaga: Bei-
träge zur Kenntniss der Mauereidechsen im Archiv für Natur-
geschichte Heft IL 1877. — Lac. faraglioniensis Braun:
Arbeiten aus dem zoolog.-zootom. Institut in Würzburg. IV.
1877. — Lac. faraglioniensis v. Bedriaga: Beiträge zur
Kenntniss der Farbenbildung bei den Eidechsen im Bulletin
de la societe des naturalistes de Moscou IL 1877.
IV. Lacerta filfolensis de Bedriaga.
Diagn.
Long. J" 212 mm. Dorsum et latera nigra subcoeru-
leo-viridibus maculis conspersa. Venter: lividus.
Habitat Filfola circa Malta.
Lac. filfolensis v. Bedriaga: die Faraglioni-Eidechse
und die Entstehung der Farben bei den Eidechsen. Heidel-
berg 1876. — Lac. filfolensis Bräun: Arbeiten aus dem
zoolog.-zootom. Institut in Wtirzburg IV. 1877. — Notiz
von Dr. A. Günther in den Ann. and magaz. of natural
history, vol. XIV p. 159. 1874.
V. Lacerta melisellensis Braun.
Diagn.
Long. ^ 139. Latus superius fuscum, in dorso häbens
298 von Bedriaga:
fascias clari coloris sex in longitudinem pertinentes. Venter
coeruleus.
Habitat in Melisello circa Lissa.
Lac. melisellensis Braun: Arbeiten aus dem zoolog.-
zootom. Institut in Würzburg IV. 1877.
VI. Lacerta archipelagica de Bedriaga.
Diagn.
Long. ? Dorsum nigrum ordinibus viridium macu-
larum praeditum; venter niger; femora nigra et viride
maculata.
Habitatio: Cyclades.
Lac. archipelagica V. Bedriaga: Die Faraglioni-Eidechse
und die Entstehung der Farben bei den Eidechsen. Heidel-
berg 1876. — Lac. muralis var. ß. Erhard: Fauna der
Cycladen I. Theil, Leipzig 1858. pag. 80. — Lac. var. b.
Schreiber: Herpetologia europaea. Braunschweig 1875.
p. 408. — Lac. archipelagica Braun: Lac. Lilfordi und
L, muralis. Arbeiten aus dem zoolog.-zootom. Institut in
Würzburg IV. 1877.
VII. Lacerta muralis fusca de Bedriaga.
Diagn.
Long. cT 155—205 mm. In superiore parte cinereo-
olivacea vel fuscescens in dorso lateribusque fasciam habens
obscure fuscescentem vel nigrescentem vel maculatam vel
reticulatam. Subtus albida vel rubescens vel colore citri
vel cana. Supra radicem peduni priorum in utraque parte
ocellus coerulens vel viridis. Series longitudinalis prima
scutorum ventris coeruleo vel viridi colore maculata.
Habitat muros, rupes. In regionibus adRhenum Da-
nubiumque sitis, in Belgia, Helvetia, Gallia, Hispania,
Italia, Dalmatia et in insulis maris mediterranei saepissime
invenitur.
Lac. vulgaris Aldrovandi: de quadrupedibus digitatis
oviparis. Bononiae 1663 p. 625. — Seps muralis Laurenti :
Specimen medicum exhibens synopsin reptilium emendata.
Vindobonae 1768. p. 66. — Lac. muralis Latreille: Histoire
des salamandres de France. Paris 1800. XVI, 2a. — Lac.
muralis Dumeril et Bibron: Erpetologie generale. Paris
Herpetologische Studien. 299
1834. V, p. 228. — Podarcis muralis var. rubriventris Bona-
parte: Iconografia della Fauna italica II. Roma 1832, —
L. muralis Leydig: Die in Deutschland lebenden Arten der
Saurier. Tübingen 1872. p. 225. — Lac. muralis Schreiber :
Herpetologia europaea. Braunschweig 1875. p. 408. — Lac.
muralis Braun: Arbeiten aus dem zoolog.-zootom. Institut
in Würzburg. (Lacerta Lilfordi und L. muralis) IV, 1877.
VlII. Lacerta Lilfordi Günther.
Diagn. ^
Long, d^ 175 mm. Latus superius nigre splendescens,
in lateribus maculae nonnullae coeruleae. Venter sapphiri
lapidis colore.
Habitat in insula Ayre circa Menorka.
Zootoca Lilfordi Günther: Ann. and magaz. of nat.
bist Ser. IV. vol. XIV. p. 15B. (1874). - Lacerta Lilfordi
V. Bedriaga: Die Faraglioni-Eidechse und die Entstehung
der Farben bei den Eidechsen p. 18. Heidelberg 1877. —
Lac. Lilfordi Braun: Lac. Lilfordi und L. muralis. Arbeiten
aus dem zoolog.-zootom. Institut in Würzburg IV. 1877.
IX. Lacerta muralis var. Rasquinetii de Bedriaga.
Diagn.
Long. (^ 185 mm. Dorsum et caput coloris olei e
viridi nigricantis et nigris lineis depictum. Latera coeru-
lea et nigra reticulata. Series scutorum ventris media
rubra, laterales coeruleae et passim nigris punctis distinctae.
Habitat in insula La Deva circa Arnao.
Lac muralis var. Rasquinetii v. Bedriaga: Archiv für
Naturgeschichte Heft I. 1878.
Lacerta Schreiberi, nova species.
Diese prächtig gefärbte Eidechse wurde ebenfalls von
meinem verehrten Freunde Dr. E. Rasquinet in den
Wäldern von Arnao in Asturien entdeckt und mir zur
Untersuchung freundlichst überlassen i).
1) Es sei mir hier gestattet, dem Herrn Dr. Rasquinet für
seine ausserordentliche Güte sowie für die herrliche Bereicherung
unserer Eidechsenkunde Europa's auf's wärmste zu danken.
300 von Bedriaga:
Dem hochverdienten Herpetologen der Neuzeit Dr.
Egid Schreiber in Görz zu Ehren benenne ich das
Thierchen „Lacerta Schreiberi" und gehe zu dessen Be-
schreibung über.
Diagn.
Long. 107 mm. — Caput latum. Squamae dorsales
et caudales carinatae. Scutum occipitale lalum. Inter-
parietale maximum. Nasofrenalia duo. Frenalia duo.
Scutum massetericum nullum vel minimum. Scutorum ab-
dominalium series octo. — Supra concolor fuscescens. In la-
teribus series quattuor macularum flavarum. Venter luridus.
Habitat in Hispania.
Körpergestalt und Grösse. Die Gestalt unserer
Eidechse im allgemeinen ist äusserst zierlich und zart ge-
baut. Der wenig abgeplattete Kopf endigt vorn in einer
ziemlich stumpfen Schnauze, so dass das Rüsselschild rund
erscheint, was uns lebhaft an die junge L. viridis erinnert.
Dabei ist der Hals ziemlich breit. Die Vorderfüsse reichen
nur bis zur Augenöffnung und die Hintergliedmaassen sind
etwas länger als die Hälfte des Rumpfes. Letztere sind
von ausserordentlicher Zartheit. An der Schwanzwurzel
ist keine Verdickung bemerkbar.
Die Totallänge des grössten, mir zu Gebote stehenden,
männlichen Exemplars, welches ich für ausgewachsen halte,
beträgt 107 mm., wovon auf den Schwanz 67 mm. und
auf den Kopf 9 mm. kommen. Die Rumpflänge von der
Schnauzenspitze bis zur Schnauzenwurzel erreicht ungefähr
40 mm. Die Kopfbreite an der breitesten Stelle, nämlich
zwischen den beiden Augen gemessen, ergiebt 5 mm. Der
grösste Breitendurchmesser des Kopfes dürfte nur ein kleines
damit differiren. Grösster Höhendurchmesser des Kopfes
= 5 mm. Grösster Umfang des Kopfes circa 20 mm.
Aeussere Körperbedeckung. Kopfschilder:
Wenn wir die beigegebenen Figuren (3 und 4) betrachten,
so ergiebt sich eine Aehnlichkeit im Verhalten und der
Gestalt der Schilder der Schädeldecke unserer L. Schreiberi
mit der L. ocellata juv., wie sie Schreiber in seinem
Werke „Herpetologia europaea" p. 424 Fig. a darstellt.
Am auffallendsten stimmen das breite und stark entwickelte
Herpetologische Studien. 301
Sc. interparietale und Sc. frontoperi^talia übereiu. Die
Parietalia dagegen scheinen etwas kürzer zu sein. Ihre
Aussenseite ist auch nicht im mindesten abgerundet. Ferner
ist das breite Occipitale insofern abweichend, als es eine
ovale Form besitzt. Sein Querdurchmesser übertrifft das
anstossende Interparietale. Letzteres trägt eine kleine Ver-
tiefung in der Mitte, welche öfters auch bei den übrigen
Arten von Lacerten beobachtet wurde. Sc. frontale hat
eine beträchtliche Breite und Länge. Es ist nach vorn
winklig gestaltet. Das Internasale ist ebenfalls gross, nach
vorn leicht abgerundet; nach hinten zu läuft es gegen das
Frontale spitz aus und sieht somit einem Kreisausschnitte
ähnlich. Die Scuta frontonasalia werden natürlich dadurch
beeinflusst. Der Supraorbitalbogen ist ziemlich stark ent-
wickelt. Aehnlich wie es bei Lac. ocellata der Fall ist,
sind zwei Nasofrenalschilder vorhanden. Von den zwei
Frenalschildern ist das eine höher liegende grösser und
fünfeckig, wogegen das untere kleiner und dreieckig ist.
Sc. frenooculare ist sehr stark entwickelt. Sc. praeocularia
sind drei. Scutella supraciliaria ebenfalls drei. Das Tym-
panale ist nicht vorhanden, auch das Messetericum ist nicht
deutlich erkennbar. Die Schläfen sind mit zwölf grösseren
und einigen kleineren Schildern bedeckt. Es sind sechs
Supralabialien und ebensoviel Sublabialien ; das vorderste
ist fünfeckig, das zweite viereckig, die übrigen länglich
gestaltet. Das erste von den fünf Submaxillaren ist klein.
Die Submaxillarenpaare gehen \on der Hälfte des dritten
Paares auseinander.
Halsband, Bauchschilder und Anale. Das aus
acht Schildern bestehende, freie Halsband entbehrt eines
grösseren, mittleren Schildcheus, indem die zwei mittleren
etwas auseinanderweichen und einen Zwischenraum deut-
lich zu erkennen geben. — Der longitudinalen Bauch-
schilderreihen sind es vier Paare, von denen das mittlere
aus unansehnlichen Schildern besteht, das zweite dagegen
grössere und länglich gestaltete -Schilder aufweist. Das
dritte und vierte besteht wiederum aus kleinen Schienen.
Es sind 26 Querreihen von Bauchschildern. Die Ober-
schildchen sind meistens vorhanden und etwas abweichend
302 von Bedriaga:
von denen der anderen Lacerten vertheilt. — Die Brust-
gegend bestellt aus 37 grösseren Schildern. — Das Anale
ist fünfeckig, von neun Schildchen umgeben, welche in
zwei Reihen angeordnet sind. Vorn grenzt an das Anale
ein grösseres Schildchen.
Rücken- und Schwanzschuppen. Die Rücken-
schuppen sind beinahe oval, gekielt. — Die Schwanzschuppen
sind ebenfalls gekielt und enden stumpfwinklig.
Die Zahl der Schenkelporen beträgt 16.
Farbenkleid. Der obere Theil des Körpers ist
prachtvoll gleichmässig braun colorirt. Der Rücken glänzt
in der Sonne wie Gold. Kopfdecke und Oberseite des
Schwanzes sind bedeutend lichter braun, man möchte sagen
hellnussbraun. Es scheint dabei, als ob der Schwanz durch-
sichtig wäre, was zum Theil auf die Wirkung des Colorits,
zum Theil aber auf die besonders zierliche Ringelung und
die zarte Beschaffenheit der Schuppen zurückzuführen ist.
Auf beiden Seiten des Körpers ziehen sich vier Reihen von
hellgelben Flecken hin. Dieselben sind meistens rund,
andere wiederum sind oval und sehen wie Argusflecken
aus. Wenn man diese Fleckenreihen näher betrachtet, so
erscheinen sie sehr regelmässig vertheilt. Indem nämlich
die zweite Reihe von der ersten in einer gewissen Ent-
fernung liegt, befindet sich jeder Augenflecken dieser Reihe
ungefähr zwischen je zwei der obersten Flecken. Die
dritte Reihe entspricht der ersten, die vierte wiederum der
zweiten. Bei Sonnenbeleuchtung haben sie einen Stich ins
Grünliche. Jeder dieser Augenfiecke ist leicht dunkelbraun
umrandet, so dass die gelbe Farbe besonders schön auf-
tritt. Die Supralabialien sind abwechselnd dunkelbraun
und gelb gefärbt. Vom vierten Augenschilde zieht sich ein
hellgelber Streifen am Rande der Augenöffnung entlang bis
zum fünften Sublabialschilde incl. hin. Diesem parallel
läuft ein zweiter, ebenfalls gelber Streifen am vorderen
Rande der Ohröffnung. Zwischen diesen beiden Streifen
sind 2—3 Schläfenschuppen gelb colorirt. — Die Augen-
lieder sind schwarz. — Die Bauchseite ist gelbgrün. Kehle
weisslich. Die Unterseite der Gliedermassenpaare ist gelb,
während die Oberseite hellbraun erscheint.
Herpetologische Studien. 303
Die Färbung der jungen Thiere ist von der der aus-
gewachsenen in einigen Punkten abweichend zu nennen.
Die Oberseite des Körpers ist grünlichbraun. Kopf hell-
nussbraun. Die Argusflecken sind weisslich mit einem
Stich ins Gelbe. Wangen weisslich. Supralabialien eben-
falls. Der Bauch ist gelblich. Die gelben Gliedmassen
und der ebenso gefärbte Schwanz erscheinen äusserst zart
und sind durchsichtig wie Glas. — Das Massetericum ist bei
einem Exemplar deutlich zu erkennen. Auch war bei diesem
nämlichen Individuum die Zahl der Schenkelporen 12.
In der Gefangenschaft erweist sich L. Schreiber! recht
zahm und frisst unbefangen die ihr vorgesetzten Fliegen.
Ueber die Fundstelle der Schreiberi theilt mir Dr.
E. Rasquinet folgendes mit: „Die anderen Eidechsen (die
in Rede stehenden nämlich) wurden in der Nähe des Dörf-
chens Raices 3,5 Kilom. von Arnao 4 Kilom. von Aviles
und 800 Meter vom Meere am Fusse der gegen Süden fast
senkrecht aufsteigenden Felswand, aus Quarzitconglomerat
bestehend und circa 100 Meter hoch gefunden, und zwar
die eine Eidechse mitten in dem daselbst befindlichen
Kastanienwäldchen, welches durch die oben erwähnte Fels-
wand gegen die Mittagssonne äusserst geschützt ist und
durch die Nähe des Meeres stets eine feuchtmilde Tempe-
ratur besitzt. Eine zweite traf ich unfern der oben be-
schriebenen Localität, allerdings auf offener Chaussee an.
(Die erstere — von Raices — fing ich übrigens auch auf
einer sonnigen Lichtung jenes Wäldchens, also beide sich
sonnend.) Grössere Exemplare habe ich nicht gesehen."
Betrachtungen allgemeiner Art über die in Europa
lebenden Eidechsen.
Nachdem wir in den letzten Jahren eine Anzahl von
Mauereidechsen aus den verschiedensten Gegenden Europa's
kennen gelernt haben, bleibt uns noch übrig, dieselben zu
vergleichen und nach Anhaltspunkten einer eventuellen Ver-
wandtschaft der bekannt gewordenen Formen zu suchen. —
Wenn wir die genetische Beziehung der Lacerta Lilfordi
zu der muralis fusca, die Ableitung der Lac. faraglionien-
sis von der muralis viridis oder neapolitana uns zu ver-
304 von Bedriaga:
gegenwärtigen die Mühe geben wollen und die Zurtiek-
führung unserer Lac. muralis var. Rasquinetii von der
braunen Mauereidechse Asturiens nicht bezweifeln, so dienen
diese Thatsachen nicht nur als gewisse Unterlage für die
eben erwähnte Aufgabe, sondern liefern uns von vorne
herein die Möglichkeit, sammtliche Mauereidechsen in einen
engeren Zusammenhang zu bringen.
Betrachten wir die eben gegebene Uebersicht der
Mauereidechsen, so ergiebt sich, dass Lacerta muralis auf
dem Festlande nur in zwei wohl geschiedenen Formen
auftritt, und zwar als Lac. muralis neapolitana und als
Lac. muralis fusca, welche räumlich ziemlich von einander
getrennt sind. Erstere, eine grössere und kräftiger ge-
baute, grüne Eidechse kommt bekanntlich nur im süd-
lichen Europa vor, besonders häufig in Italien, Dalmatieu,
Griechenland, Algier, auf vielen Inseln des Mittelmeeres
und aller Wahrscheinlichkeit nach auf der pyrenäischen Halb-
insel ^). Die zweite dagegen ist eine kleinere, schwächer
gestaltete, braune Form, welche nicht nur auf die süd-
licheren Regionen angewiesen ist, sondern auch nördlichere
Gebiete bewohnt.
Entgegen den herrschenden Ansichten sind beide
Formen als relativ constant zu bezeichnen. Die zahlreichen
Eintheilungen dieser beiden Formen und die Zersplitterung
in unendliche, gut abgetrennte, sogenannte Varietäten sind
lediglich auf individuellen Unterschieden basirt. Aus ver-
schiedenen Gründen — sei es aus gewissen Vorurtheilen
oder wiegen Mangels an Vergleichung der betreffenden
Thiere aus verschiedenen Gebieten, — wurden die in den
Bereich der individuellen Variationen gehörigen Merkmale
als genügende Diagnose für die Aufstellung von neuen Ab-
arten ja sogar neuen Arten, angenommen.
1) Nach den Exemplaren des Pariser Museums zu urtheilen,
kommt die muralis neapol. in Spanien vor. — Der mir leider unzu-
gängliche Katalog Bosca's (Catalogue des Reptiles et des Amphibies
observes en Espagne, en Portugal et aux iles Baleares. Anales de
la sociedad espauola de Historia natural t. VI, 1877) dürfte darüber
nähere Auskunft ertheilen. Aus einem Berichte über diese Arbeit
Bosca's ersehe ich, dass Podarcis muralis für die erwähnten
Gegenden angegeben sein soll. Näheres fehlt jedoch darüber.
Herpetologische Studien. 305
Wenngleich die Durchmusterung von ähnlichen, zweifel-
haften Punkten leicht geschehen könnte und damit das
Scheinbare von dem Faktischen mit einem Schlage zu
trennen wäre, herrschen dennoch die einmal eingeschliche-
nen, irrthümlichen Ansichten über die Spaltung sowohl der
Lacerta muralis neapolitana als der Lac. muralis fusca in
Varietäten, welche meistens nur durch Farbendifferenzen
motivirt sind. Nun entsteht selbstverständlich die Frage,
wie kommen diese Farbendifferenzen zu Stande und warum
können sie lediglich als solche individueller Art gelten ? —
Wenn Leydig in seinem rühmlichst bekannten Werke
über die in Deutschland lebenden Arten der Saurier sich
folgenderweise ausdrückt: ^ Immerhin ist es bezüglich der
L. muralis ebenso richtig, wie für L. viridis, dass man nach
der Farbe allein nicht mit Sicherheit das Geschlecht be-
stimmen kann", so gilt dies als einer der Gründe eben der
so zahlreichen Farbenunterschiede unserer muralis. Trotz-
dem wir den ganz entgegengesetzten Fall bei den den
Reptilien vorangehenden und folgenden Klassen kennen,
ist die Bemerkung Leydig's nicht nur für die Lacerten,
sondern im Grossen und Ganzen für sämmtliche Kriech-
thiere richtig, und wir müssen uns diese Eigenthümlichkeit
zweifelsohne als durch die bekannte, gemischte oder beider-
seitige Vererbung entstanden betrachten. — In seinem
Werke „The descent of man" p. 37 (1871) äussert sich
Darwin betreffs der Lacerten in der nämlichen Weise.
Meine diesbezüglichen Erfahrungen ergeben, dass
wir durchgängig keine wesentlichen Farbendifferenzen bei
beiden Geschlechtern, speciell der muralis des Binnenlandes
wahrzunehmen vermögen ^), dass ferner auch die secundären
1) Ich kann es mir nicht versagen hier des den Lacerten zu-
geschriebenen Hochzeitschmuckes zu gedenken. — Die im Frühjahre
eingefangenen Exemplare von L. m. fusca waren stets einförmiger
und weniger grell colorirt, dagegen waren die im Spätherbst in
Heidelberg getroffenen braunen Mauereidechsen prachtvoll gefärbt.
Ihr Bauch war hochroth ! — Diese Erscheinung bewog mich zu der
an einem anderen Orte gemachten Aeusserung, dass die Eidechsen
ihr Colorit erst nach und nach unter wiederholten Häutungen er-
halten. — Leydig, welcher bekanntlich die Meinung vertritt, die
Farbensättigung bei den Lacerten sei als Hochzeitsputz aufzufassen,
Archiv f. Naturg. XXXXIV. Jahrg. 1. Bd. 20
306 vonBedriaofa:
Charaktere sich amphigon vererben und dass eben diese
unconstante, freiwillige Uebertragung der elterlichen Eigen-
schaften das Auftreten so zahlreicher, individueller Merk-
male verursacht. Dabei müssen wir uns nicht etwa vor-
stellen, dass bei fortgesetzter beiderseitiger Uebergabe von
Charakteren sich diese derart combiniren, dass sich die
Geschlechter schliesslich ausgleichen und zu keinen Ab-
weichungen Anlass geben müssten. Nein, dazu ist diese
Uebertragung eine zu willkürliche, das Auftreten früher
dagewesener, nur zeitweise vermischter Eigenschaften zu
häufig. Ausserdem mag die gleichzeitige Anhäufung von
letzteren leicht zur Ausbildung ganz neuer Charaktere
führen: mit einem Worte, es giebt die geschilderte Art der
Vererbung von Merkmalen viel mehr Grund, als dies bei der
geschlechtlichen Vererbung der Fall ist, zu den auffallend-
sten Differenzen, nicht nur in der Färbung und Zeichnung
der Hautdecke der Lacerten, sondern auch hinsichtlich
ihrer morphologischen Eigenschaften, und wir müssen
öfters bei der Bestimmung des Geschlechts das Secirmesser
zur Hand nehmen.
Wenn wir weiter gehen und uns die Mühe geben
wollen, das Treiben der Mauereidechsen zu beobachten, so
werden wir einsehen, dass sich die verschiedensten, ganz
abweichend colorirten Individuen untereinander kreuzen,
was ebenfalls nothwendig zum Variiren führen muss.
Die Anpassung an einen bestimmten Ort, diese mäch-
tige Hemmung der Vererbung, bleibt hier gänzlich ausge-
schlossen. — Das Gebundensein an einen bestimmten Fund-
ort könnte meiner Meinung nach insofern auf die Färbung
eine Wirkung ausüben, als die Belichtung, die Temperatur
u. s. w. sich in diesem Fall als constant erweist, nicht aber,
wie viele Forscher angeben, weil sich die Eidechsen an
den Boden u. s. w. anpassen. Derartige Beziehung an
giebt demungeachtet in seinem Werke über die in Deutschland
lebenden Arten der Saurier pag. 200 folgendes ganz mit meiner
Annahme übereinstimmendes an: „Ganz besonders verdient hervor-
gehoben zu werden, dass die Männchen nicht mit grünem Kleid die
Winterquartiere verlassen, sondern diesen Farbenschmuck erst all-
mählich unter wiederholten Häutungen erhalten."
Herpetologische Studien. 307
einen bestimmten Fundoi;t existirt besonders bei auf dem
Festlande lebenden Lacerten höchstens in der Phantasie
der Vertreter dieser Ansicht. Von einer Anpassung, wie
sie Eimer ^) bei seiner Lac. muralis var. elegans entdeckt
haben will, kann unter keinen Umständen die Rede sein.
Ausser den angeführten Gründen für die Ausbildung
von individuellen Charakteren muss ich noch eines ge-
denken, nämlich dass ein zufälliges Eintreten von Eigen-
schaften und die Modification der älteren leicht durch den
Einfluss des Klimas, der Nahrung vielleicht oder andere
Wirkungen eines von einzelnen Individuen neu bezogenen
Ortes zu Stande kommen kann.
Wenn wir einen Blick auf die geographische Ver-
breitung der muralis werfen, so müssen wir mit Leydig
annehmen, dass diese Art in Deutschland nachträglich aus
wärmeren Strichen eingewandert ist. Wenden wir uns
beispielsweise nach Italien, um von hier aus ihre Wande-
rungen zu untersuchen, so tritt sie uns namentlich im süd-
lichen Theile der Halbinsel grün gefärbt und besonders
gross entgegen. Begeben wir uns gegen Norden, so werden
wir die unter dem Namen muralis neapolitana bekannte
Eidechse nur hie und da verbreitet finden, dagegen um so
häufiger die kleinere Lac. muralis fusca. Im westlichen
Theile Italiens, etwa von Genua an, folgen wir ihr am
Meeresstrande entlang bis in das Gebiet der See-Alpen.
Ob sie von hier aus in Spanien eingewandert ist, bleibt
unentschieden 2). Ich bin geneigt eher anzunehmen, dass
die Eidechse dorthin von Algier gelangt ist.
Aus dem Departement Bouches du Rhone verbreitete
sie sich muthmasslich in Frankreich, in der Schweiz und
der Rheingegend. Andererseits zog sie nach Osten, eben-
falls dem Meeresufer entlang und von hier aus nachträglich
in das Donauthal. Ihr Vordringen nach Osten, sei es der
1) Vergl. seine zoolog. Studien auf Capri Heft II, 1874.
2) Obschon L. muralis fusca für Spanien sicher nachgewiesen
ist vermisse ich sie in der Herpetologie Spaniens von Antonio A
Machado (Erpetologia hispalensis seu catalogus metodicus reptilium
et amphibiorura, MCCCLIX.)
308 von Bedriaga:
Donau oder dem Meeresufer entlang, ist noch nicht genau
festgestellt worden. In der Dobrutscha, ferner im Cau-
casus^) war sie nachgewiesen. Im südlichen Theile Russ-
lands, namentlich im Charkow' sehen Gouvernement, traf
ich eine äusserst dunkelgrün gefärbte muralis gesellig mit
den zierlichen, der Gattung Podarcis angehörenden Lacer-
tiden. Nach der Angabe der Reisenden kommt sie auch
in der Krim vor.
Der bekannten Thatsache entsprechend, dass die Kälte
verkleinernd auf die Organismen wirkt ^), ist die Bewohnerin
der nördlicheren Gegenden, die L. muralis fusca gegen-
über der muralis neapolitana kleiner und zarter gebaut.
Letzteres gilt natürlich nur für die kälteren Gegenden, in
welchen sich diese Eidechsenarten niedergelassen haben,
und ich will hier hervorheben, dass muralis fusca beinahe
die Grösse der L. muralis neapol. in den wärmeren Re-
gionen, z. B. auf den Balearen erlangt; auch treffen wir
im dürren, sonnigen Dalmatien im Gebiete der Lac. muralis
neapol. eine ausserordentlich grosse, braune Mauereidechse
an, welche ich oben beschrieben habe.
Während die Verkleinerung der muralis ihre Erklärung
gefunden, bietet die Vergegenwärtigung der Umwandlung
im Farbenkleide, das Auftreten eines dunkleren Colorits
bei L. muralis fusca besondere Schwierigkeiten. Zwar sind
1) Vergl. Eversmann: Lacertae imperii rossici, in Nouv.
mem. de la soc. imper. d. natural, de Moscou III, pag. 345 (1834).
Unter Lacerta praticola meint der Verfasser ohne Zweifel die
muralis fusca. '
2) Ich will bemerken, dass das kältere Klima besonders auf
die Reptilien einwirkt. Während eines grossen Theils des Jahres
mangeln in den kälteren Gegenden die zum Wachsen und Gedeihen
dieser Thiere erforderlichen Subsistenzmittel, so wie der' für sie hin-
längliche äussere Wärmegrad, weshalb sie gezwungen sind, eine
lange Zeit in der Erstarrung oder im Winterschlafe zuzubringen.
Dadurch fällt gewissermassen fast die Hälfte Zeit aus ihrem Leben
hinweg, während in den warmen und heissen Klimaten die Rep-
tilien Jahr aus Jahr ein ziemlich dasselbe Lebensverhältniss be-
haupten und sich demgemäss auch entsprechend ihrem grössern
numerischen Verhältniss, zu einer bedeutenden Grösse und Stärke
zu entwickeln vermögen.
Herpetologische Studien. 309
wir seit der Entdeckung der von mir früher im Archiv be-
schriebenen Lacerta muralis viridiocellata zur Annahme
berechtigt, dass die grüne Mauereidechse nicht die alleinige
Vertreterin der muralis in Süditalien ist; dennoch scheint
die Thatsache, dass, falls die Ableitung von muralis fusca
von der muralis neapol. richtig ist, die umgewandelte und
beispielsweise in Deutschland eingedrungene muralis speciell
braun colorirt ist, meiner Hypothese betreffs der Farben-
ausbildung direkt zu widersprechen.
Im Jahre 1874 hatte ich nämlich versucht, die Farben
der Eidechsen durch den Lichtreiz entstanden, zu betrachten.
Ich war damals zum Schlüsse gekommen, dass die Farben
ihren Ursprung der gegenseitigen Stellung zweier ver-
schieden gefärbten Pigmente verdanken und dass letztere
je nach der Intensität der Sonnenstrahlung höchst mannig-
faltig sich erweist und die verschiedenen Töne der Haut-
decke der Lacerten hervorzubringen im Stande ist. Nach
dieser meiner Hypothese entsprechen stets die Stufen der
Ausbildung des Colorits den Einwirkungen der Beleuchtung,
und zwar derart, dass das Auftreten der dunkleren Tinten
einer relativ intensiveren Wirkung der Sonnenstrahlung
entspricht. Als Beweis dafür galt damals die bekannte,
schwarzblaue Faraglioni-Eidechse, welche am meisten auf
ihrem, im Meere isolirt stehenden Felsen der Strahlung
ausgesetzt ist. — Um über jenen, meiner Hypothese wider-
sprechenden Punkt ins Klare zu kommen, müssen wir vor
Allem festhalten einmal, dass die Verkleinerung der mu-
ralis nicht unumgänglich mit dem Auftreten der braunen
Farbe Hand in Hand geht, indem nämlich einerseits braun
colorirte Mauereidechsen in den wärmeren Gegenden vor-
kommen (ich erinnere hier nur an die in Messina entdeckte
braune und 22 cm. lange L. muralis viridiocellata und an
die von Dr. Braun beschriebene braune Mauereidechse
der Balearen) andererseits dass sich muralis fusca neben
der muralis neapolitana in Dalmatien findet, ferner dass,
obgleich der Winter in Norditalien, z. B. wo L. m. fusca
hauptsächlich auftritt, rauher ist als im Süden der Halb-
insel, dennoch die Sonne während der Eidecbsensaison
310 von Bedriaga:
eben so glühend scheint^); endlich, dass mmalis neapoli-
tana in der Gegend von Udine, Triest, Verona-) und in
Frankreich ^) vorkommt.
Aus all dem eben Angeführten können wir zu fol-
gender Schlussfolgerung gelangen : es giebt gewisse Striche,
welche besonders der Einwirkung der Sonne ausgesetzt
sind, während öfters die daneben liegenden weniger inten-
siv beleuchtet werden. — Auf diese Weise bildeten sich
sowohl im südlichen Theile Italiens als im Norden neben
der muralis neapol. die braunen Mauereidechsen aus.
Während die braun gewordene Lacerta im Süden ihre
Körpergrösse und Gestalt nicht einbüsste (L. muralis viri-
diocellata) wirkte das Klima des Nordens auf die Grösse
des Thierchens in retrograder Weise ein; die Temperatur
und gleiche Intensität der Sonnenstrahlung im Süden zeigte
dagegen ihren Einfluss auf die Ausbildung des Farben-
kleides und ihrer Körperlänge in progressiver Weise.
Die Lösung der Frage, warum speciell die braun ge-
färbte muralis und nicht etwa die grüne in Mitteleuropa,
d. h. in das Rhein- und Donauthal, eingewandert ist, wäh-
rend sie von DumeriH) für Frankreich nachgewiesen
1) Bekanntlich verbringen die Eidechsen auch in den wärmsten
Gegenden den Winter in Erstarrung und erfreuen sich der mitunter
während dieser Jahreszeit sengenden Sonnenstrahhmg nicht. In
Messina und Mentone traf ich nie eine L. viridis, welche bekanntlich
später als muralis ihren Winterversteck verlässt, vor Ende April.
2) Bei Verona hatte ich keine Gelegenheit gehabt die dortigen
Eidechsen kennen zu lernen. Ich urtheile nur nach den im zoologi-
schen Museum zu Florenz conservirten Exemplaren der muralis nea-
politana aus der Gegend von Verona.
3) Vergl. Dumeril's Aeusserung darüber in der Erpetologie
generale pag. 234, Variete g.
4) Jedenfalls stammt jene Varietät g Dumeril's nicht etwa
aus der Provence, Dauphine oder Isle de France, da ich diese
Gegenden aus eigenen Erfahrungen kenne und noch nie auf meinen
Excursionen eine grüne muralis augetroffen habe. Einen Beweis,
dass letztere nicht in der Provence vorkommt, bietet die L. ocellata.
Diese, aus dem Departement Bouches du Rhone stammend, verzehrt
nämlich in der Gefangenschaft die braunen Maaereidechsen mit sicht-
lichem Behagen, während sie die grünen unberührt lässt. — Es sei
mir gestattet, hier eine Bemerkung über Lac. faraglioniensis einzu-
Herpetologische Studien. 311
wurde, lässt sich leider zur Zeit nicht geben. Es ist nicht
unmöglich, dass die grün gefärbte muralis ihren Schwestern
gefolgt ist, aber nachträglich aus uns unbekannten Gründen
ausstarb. Möglicherweise hatten die grünen Mauereidechsen
ausser den klimatischen Verhältnissen noch mit Verfolgern
zu kämpfen, von welchen sie auf den Felsen eher als die
braune muralis bemerkt wurden und denen sie schliesslich
unterlagen, während die Färbung der muralis fusca mehr
Schutz bot und sie sich nur zu aklimatisiren brauchte, um
in Mitteleuropa fortzubestehen. Damit will ich keineswegs
etwa sagen, dass es an Verfolgern der grünen Mauer-
eidechse in Italien fehlt, sondern nur, dass Verluste sich
unter günstigeren klimatischen Verhältnissen leichter decken
dürften.
Während wir grosse Schwierigkeiten haben, eine
Mauereidechse heut zu Tage in ihren Wanderungen auf
einem bestimmten Orte des Continents zu fixiren und uns
die damaligen Eigenschaften des Ortes, welcher die Aus-
bildung ihrer Färbung beeinfiusste, vorzustellen, bieten die
jetzt auf den Inseln lebenden Lacerten ein mehr oder
weniger vollständiges Bild ihrer allmählichen Farbenum-
wandlung. Wir können uns daher mit weniger Mühe in-
schalten. Bekanntlich wirft Braun in seiner Schrift über Lac. Lil-
fordi die Frage auf über die Uebereinstimmung der Färbung der
jungen schwarzen Lacerten von Isla del Ayre mit derjenigen der
ausgewachsenen, unveränderten, menorquinischen Eidechsen. Es
stellte sich aus seinen höchst interessanten Vergleichungen die von
mir schon früher geahnte Thatsacbe heraus, dass L. Lilfordi in ihrer
Farbenentwickelung die Farbenstufen ihrer Ahnen durchläuft. Dabei
äusserte sich Braun mit Recht über die lückenhafte Kenntniss hin-
sichtlich der Färbung der L. faraglioniensis juv. Da diesem Uebel
bis zum nächsten Jahre nicht abzuhelfen ist, will ich wenigstens
meine Muthraassungen hierüber kurz mittheileu. Die bei mir seit
Jahren in der Gefangenschaft lebenden Faraglioni-Eidechsen ver-
zehren die jungen, braunen Mauereidechsen, welche man zu ihnen
in den Käfig einsetzt, verschmähen dagegen gänzlich die grünen
neapolitanischen Lacertchen. Dieses bewegt mich zur Annahme,
dass die Thierchen mitunter in ihrem beschränkten Jagdgebiete auf
ihre eigene Brut angewiesen sind, und dass eben ihre Jungen braun
gefärbt sein müssen.
312 von Bedriaga:
sofern die Umwandlungen der continentalen Form repro-
duciren, als wir unsere lückenhafte Kenntniss hinsichtlich
derselben durch einzelne, aus der Umwandlung der insu-
lanischen Eidechsen bekannte Momente ausfüllen.
Wir kennen bekanntlich bereits sechs interessante,
insulanische Formen, welche sämmtlich in ihrer Grösse
und Körpergestalt mehr oder weniger, in ihrer Färbung
dagegen sehr bedeutend von den Continentalformen ab-
weichen, indem stets auffallende Verdunkelungen der Haut
eintreten. Wenn in der Erklärung der ersten Eigenschaften
die Forscher übereinstimmend sich äussern, bietet der
zweite Punkt Anlass zu den verschiedensten Muthmassungen.
Die bekannte Eimer 'sehe Anpassungstheorie ^) für Lac.
faraglioniensis hatte ich als den Verhältnissen durchaus
widersprechend dargestellt^), ebenfalls hatte ich die Meinung
Seidlitz's^) es komme eine zeitweilige Absperrung der
directen Sonnenstrahlen durch das schwarze Pigment zu
Stande, das als Ausrüstung gegen die sengende Strahlung
der Sonne zu betrachten, leider bezweifeln müssen^). —
Dass es sich um eine schützende Färbung bei den Eidechsen
nicht handeln kann, die an einen bestimmten, räumlich
beschränkten Fundort gebunden sind, finde ich neuerdings
durch Braun in seiner citirten Schrift über Lac. Lilfordi
bestätigt. Ich kann mich daher nicht enthalten, diesbe-
zügliche Aeusserung Braun 's hier wörtlich wiederzugeben:
„Ziemlich soweit die Pflanzen reichen, sahen wir auch
die Eidechsen, je weiter von der Salzhütte fort desto
seltener. Eine Strecke war mit gebleichten Disteln be-
wachsen, auf diesen lagen die Eidechsen behaglich sich
sonnend und jedenfalls durch ihre schwarze Farbe von den
gelben Blättern und dem hellen Boden sehr abstechend.
Auch nicht den mindesten Schutz haben diese sonnen-
liebenden Thiere bei der hellen Bodenbeschaffenheit durch
ihre Farbe, im Gegentheil die letztere macht sie auffallend;
1) Zoologische Studien auf Capri Heft II, 1874.
2) Die Faraglioni-Eidechse etc. 1876.
3) Beiträge zur Descendenz-Theorie. Leipzig 1876. pag. 8.
4) Bullet, de la soc. imper. d. natur. de Moscou 1877, No. S.
Beiträge zur Kenntniss der Farbenausbildung bei den Eidechsen,
Herpetologische Studien. 313
für das dunkle Versteck in Mauerritzen, unter Steinen, im
Gebüsch kommt die Farbe gar nicht in Betracht, dort sind
helle wie dunkle Thiere gleich geschützt. Wenn unsere
Eidechsen Verfolger hätten, so könnte eine schwarze Race
nicht mehr bestehen, sie wäre längst ausgerottet oder sie
hätte eine andere Lebensweise, die sie dem ihnen verderb-
lich werdenden Tageslicht entzieht, anfangen müssen oder
endlich sie hätte nach den Stellen der Insel übersiedeln
müssen, welche ihr vermöge ihrer Farbe eher einen Schutz
bieten konnte; ich erwähnte bereits Eingangs, dass die
Isla del Ayre da, wo das Meer und die Brandung hinzu-
kann, aus einem mehr oder weniger dunklen, blaugrauen
Kalkstein besteht, der stark zerklüftet ist; diese Theile
entbehren jeglicher Erdschicht, jeglicher Vegetation, auf
ihnen oder in ihrer Nähe haben wir auch nicht eine Eidechse
gesehen, es meiden also unsere Thiere grade diejenigen
Stellen, die ihnen den besten Schutz bieten könnten, wenn
sie einen solchen brauchten. Jedem nachstellenden Vogel
(Eimer lässt seine Lac. faraglioniensis bekanntlich von
Möven verfolgt sein) müsste es ein Leichtes sein, in kür-
zester Zeit sich von den ruhig sonnenden Eidechsen die
besten Bissen auszusuchen und zu erbeuten, die Tagraub-
vögel haben ein so gutes Gesicht, dass sie z. B. aus
grosser Höhe die auf fast gleich gefärbtem Ackerboden
dahineilende Feldmaus erkennen und erjagen, um wie viel
leichter müsste dies hier der Fall sein, wo schwarz auf
beinahe weiss — der grellste Farbengegensatz — liegt!
Eine solche Verfolgung findet auf Ayre nicht statt und am
allerwenigsten von Möven, die wieBedriaga*) richtig be-
merkt, unsres Wissens gar nicht den Eidechsen nachstellen.
Grade weil die schwarzen Eidechsen so zahlreich auf der
Insel sind und weil die letztere ihnen keinen Schutz ge-
währt, kann von einer Verfolgung derselben nicht die Rede
sein; ich glaube, sie erfreuen sich eines unbehelligten Da-
seins auf der stillen Insel ; denn selbst der Hund des Salz-
fabrikanten scheint mit ihnen gute Freundschaft geschlossen
zu haben, wie wir bei unserer Mahlzeit in der Salzhütte,
1) Die Faraglioni-Eidechse etc. pag. 8.
314 von Bedriaga:
die uns von dem Besitzer mit spanischer Zuvorkommen-
heit zur Verfügung gestellt worden war, bemerkten ....
Die Eimer 'sehe Anpassungstheorie ist für die Lacerta
faraglioniensis von Bedriaga als den Verhältnissen wider-
sprechend dargestellt worden und auch auf Isla delAyre ist
nach meinen Erfahrungen nichts zu finden, welches sich in
Einklang mit den Eimer'schen Anschauungen bringen
Hesse; selbst wenn wirklich einmal der Wohnort einer
schwarzen Eidechse als gleichgefärbt mit dem Thier ge-
funden wird, so liegt zwar Anpassung an die Farbe des-
selben nahe, wenn es wahrscheinlich zu machen gelingt,
dass zur Zeit der Isolirung der betreffende Fels auch wirk-
lich so war, wie er heute erscheint; vollständig nackte
Felsen sind sehr ungünstige Aufenthaltsorte und müssen
eher zum Aussterben der bei der Trennung dort zufällig
vorhandenen oder bald nach derselben irgendwie dahin ge-
langten Thiere führen, weil ihnen das allernothwendigste,
die Nahrung fehlt. Die Zeit, welche nöthig ist, um eine
wenn auch geringe Bodenschicht durch Verwitterung und
damit die Möglichkeit zur Vegetation und in Folge dessen
zu einer Fauna zu bilden, ist viel zu gross, als dass in
unserem Falle die Eidechsen, auch wenn sie noch so gut
angepasst schon sind, sich erhalten könnten. Haben wir
es aber erst mit Verwitterungsvorgängen und mit einer
Art von Selbstcultur des Felsens zu thun, oder sind von
Anfang an diese Verhältnisse auf dem Felsen vorhanden,
so bestehen auch sicherlich Farbendifferenzen zwischen den
einzelnen Localitäten der mannigfachsten Art und es ist
dann nicht einzusehen, warum gerade blos die eine Farbe
von Einfluss gewesen sein soll, und noch dazu diejenige,
die auf solchen Stellen sich findet, wo die Eidechsen sich
nur zufällig und selten aufhalten, weil sie da nicht das
antreffen, was sie zum Leben gebrauchen — Nahrung, Ver-
stecke für sich, für die Eier etc. Hierdurch wollte ich über-
haupt als unwahrscheinlich, wenn nicht unmöglich hinstellen,
dass die Farbe des Bodens in unserem Fall von irgend
welchem Einfluss auf die Farbe seiner Bewohner ist."
Dass von keiner Anpassung zum Boden bei Lac. mu-
Herpetologische Studien. 315
ralis var. Rasquinetii die Rede sein dari; versichert mir
ihr Entdeclier Dr. E, Rasquinet, welcher meine Polemik
mit Herrn Prot. Eimer gut kannte und die Bodenbe-
schaffenheit von der Felseninsel La Deva genau desshalb
untersuchte. Als Beweis dafür übersandte er mir ein Felsen-
stück von La Deva, dessen Farbe ich auf meiner Tafel wieder-
zugeben versucht habe. — Aehnliches dürfte sich von Lacerta
filfolensis, welche ich nächstens zu untersuchen gedenke, von
Lac. melisellensis Braun und von Lac. archipelagica ergeben.
Wenn wir sämmtliche, uns bekannte Thatsachen über
die Verdunkelung der Hautdecke bei den speciell auf
kleineren Inseln oder auf den isolirten Felsen lebenden
Lacerten sondiren, so werden wir auf keine andere Er-
klärung dieser Erscheinung geführt, als auf jene, welche
ich öfters hervorgehoben hatte.
In meinem im Bulletin de la societe imper. des natu-
ralistes de Moscou No. 3, 1877 neuerdings niedergelegten
Betrachtungen über die ontogenetische und phylogenetische
Farbenausbildung bei den Lacerten hatte ich die bereits
früher in meinen Beiträgen zur Kenntniss der Mauer-
eidechsen berührten Muthmassungen eingehender geprüft
und die Farbenausbildungsfolge sinnlich darzustellen ge-
sucht. Unter anderem hatte ich in beiden erwähnten Arbeiten
die braune Farbe als Uebergangstinte von Grün zu Schwarz
bezeichnet. Kurz darauf, nachdem meine Beiträge zur Kennt-
niss der Mauereidechsen zum Druck eingesandt wurden 0,
erschien die Arbeit Braun 's, in
welcher er die schwarze Lac.
Lilfordi, ganz mit meinen Muth-
massungen übereinstimmend, von
einer braunen muralis Menorka's
abzuleiten sich geneigt erklärt. —
Wir können uns daher ohne Zau-
L. muralis neapoy ^^^.^ ^.^ g^^^.^^ ^^^ Ausbildung
von Lac. faraglioniensis unter
• dem Bilde einer Spirale, wie nebenstehend, versinnlichen.
1) Anfangs December wurden die Beiträge, welche erst im
nächst folgenden Jahre im Druck erschienen, eingesandt. Die Schrift
Braun's dagegen wurde mir im April oder Mai 1877 zugestellt.
316 von Bedi'iaga:
Sollten wir einen Stammbaum aller uns bekannten
Formen der muralis aufstellen, so möchten wir vor allem,
wie ich es hier darzustellen bemüht gewesen bin, die insu-
lanischen Eidechsen als selbständige, divergirende Zweige
ansehen.
archipel. melisell, faragl. Lilfordi. filfolen. Rasquinetii.
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muralis? nepol.? neapol. fusca. neapol. fusca.
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muralis.
Wenn ich L. muralis neapolitana als Stammform der
filfolensis und der melisellenis bezeichne, so geschieht dies,
in Betreff der ersten, hauptsächlich deshalb, weil sie eben
in ihrer Grösse, Körpergestalt und der Vertheilung der
Kopfschilder der neapolitana ähnlich sieht. Die Zurück-
ftthrung von L. melisellensis auf die neapolitanische Mauer-
eidechse schliesse ich aus der Angabe Braun 's, welcher
die Stammform seiner Eidechse der Varietät striata Eimer
(= L. m. neapol. mihi) als gleichaussehend erklärt^).
Bezüglich der archipelagica ist bis jetzt leider nichts
mit Bestimmtheit zu sagen.
Was die Ableitung von L. muralis faraglioniensis von
muralis neapolitana betrifft, so bin ich geneigt, den Uebergang
durch Vermittelung der Lacerta viridiocellata zu betrachten.
1) Braun meint in seiner Schrift über L. Lilfordi, dass ich
geneigt wäre, L. faraglioniensis als Art zu bezeichnen. Ich will be-
merken, dass ich mich im Gegentheil gegen die Bezeichnung dieser
Eidechse als Species in meiner Abhandlung über die Entstehung der
Farben bei den Eidechsen p. 16 ausgedrückt habe. — L. faraglio-
niensis wäre höchstens als eine beginnende Art zu bezeichnen.
Herpetologische Studien. 317
Ein Abkömmling von muralis neapol. scheint mir auch
Lacerta Dugesii Milne Edwards zu sein ^). Die Thatsache,
dass S t r a u c h 2) die neapolitanische Mauereidechse in
Algier fand, ferner dass Dumeril und Bibron^) sie für
Teneriffe angeben, bestimmen mich zu dieser Annahme. —
Trotz meiner Bemühungen L. Dugesii lebend zu erhalten,
ist dies mir dennoch nicht gelungen und ich musste mich
mit Spiritus-Exemplaren, welche ich der Güte des Herrn
Prof. Pagenstecher verdanke, begnügen. Die mir zu
Gebote stehenden männlichen Individuen sehen im allge-
meinen der L. m. neapol. sehr ähnlich, und ich wäre ge-
neigt gewesen, sie in die neapolitanische Form einzureihen,
wenn die nähere Untersuchung nicht einige bedeutende
Differenzen ergeben hätte. — Einerseits bietet die Gestalt
des Kopfes einen Unterschied dar, andererseits aber treffen
wir bei der Dugesii ein abweichendes Verhalten der Kopf-
schilder. Was ersteres betrifft, so dürfte sich die Kopfge-
stalt am Besten aus den hier angeführten Maassen ergeben!:
Kopflänge = 16 mm.
Grösster Breitendurchmesser des Kopfes = 11 mm.
Grösste Breite der Schädeldecke = 7 mm.
Grösster Höhendurchmesser des Kopfes = 9 mm.
Grösster Umfang des Kopfes =: 35 mm.
Umfang des Halses = 36 mm.
Wir ersehen aus dieser Uebersicht, dass der Kopf
überaus spitz enden muss, und dass der Hals stark ver-
dickt ist.
Andererseits finden wir, wie schon erwähnt, bei der
Dugesii besondere Eigenthümlichkeiten betreffs der Kopf-
schilder, welche sich kurz folgendermassen zusammen fassen
lassen: zwei Nasofrenalschilder und stets Fehlen des
Massetericum's, welch' letzterer Umstand wir als Ausnahme
1) Die Annäherung der L. Dugesii zu der muralis, jedoch
ohne nähere Erörterungen darüber, finde ich bereits bei Leydig
(Die in Deutschland lebenden Arten der Saurier, p. 232).
2) Essai d'une Erpetologie de l'Algerie (raem.de l'acad. imper,
d. scienc. de St. Petersburg VII, ser. IV, No. 7, 1862).
3) Erpetologie generale pag. 233 t. VI. Variete b.
318 von Bedriaga:
bei L. muralis neapolitana angeführt haben ^). Was das
Occipitale betrifft so ist ganz falsch, wennMilne-Edwards
meint, dass Dugesii kein Occipitale besitzt; bei beiden mir
zu Gebote stehenden Exemplaren ist dieses Schildchen sehr
schön entwickelt.
Anknüpfend an die von mir schon früher anderswo
geschehenen Aeusserungen über die Verwandtschaft der
Eidechsen, will ich hier dieselben nach eingesammelten,
diesbezüglichen Erfahrungen insofern aprobiren, als ich
die Stammform der muralis neapolitana immer noch in der
Lac. viridis sehe. Den Uebergang dürfte die L. doniensis ^)
bilden. Letztere ist allem Anscheine nach die strigata
Eichwald ^) und gehört weder zur viridis noch zur muralis,
wie esLeydig*) anzunehmen geneigt ist, sondern ist eine
Mittelform zwischen diesen beiden ^). Hinzufügen will ich
noch, dass ich die Lacerten agilis und vivipara beide und
nicht nur die erste, wie es bekanntlich Leydig thut^),
von der Smaragdeidechse ableite, und zwar weil die Zaun-
eidechse ebenso gut wie die Berg- oder Waldeidechse die
verhältnissm'ässig feuchten Gegenden bewohnt und dadurch
die Leydig 'sehe Zurückführung der vivipara auf die
muralis mir unmotivirt erscheint.
In meiner ersten Schrift, die Entstehung der Farben
betreffend, war ich geneigt, die Zauneidechse für eine
Mestize der L. viridis und der muralis zu betrachten, eine
Behauptung, welche einer Bestätigung noch bedarf.
Die gegenseitigen Verwandtschaftsverhältnisse der La-
certen sind meiner Ansicht nach folgendermassen be-
gründbar :
1) Bei Lac. faraglioniensis fehlt öfters das Massetericuni.
2) V. Bedriaga: Ueber die Entstehimg der Farben bei den
Eidechsen p. 14. Jena 1874.
3) Fauna Caspio-Caiicasia. Petropoli MDCCCXLI.
4) Die in Deutschland lebenden Arten der Saurier p. 280.
5) Lac. strigata kann schon aus dem Grunde nicht mit der
muralis identisch sein, weil sie stets 8 longitudinale Reihen von
Bauchschildern besitzt, während letztere nur ausnahmsweise diese
Zahl von Bauchschilderreihen aufweist indem die Obersohildclion
eine besonders entwickelte Grösse erreichen.
6) Die in Deutschland lebenden Arten der Saurier p. 241.
filfolensis. faraglioniensis.
Herpetologische Studien. 319
Lilfordi. Rasquinetii.
archipelagica
Dugesii. fusca.
1 tiliguerta?
viridiocellata. I
I
? viridiocellata.
I
neapolitana.
erythronotus. j
I strigata.
vivipara. agilis. j
cyanolaema.
viridis,
alba.
sansaniensis.
I
spec?
Diese Uebersicht ist insofern unvollständig als L.
taurica Palas, L. ocellata Daudin, L. oxycepbala Schlegel
und L. Schreiben Bedriaga fehlen. Es wäre jedoch zur
Zeit gewagt, diese Eidechsenarten in den Stammbaum ein-
zuverleiben, und ich will nur bemerken, dass L. Schreiberi
am meisten sich der ocellata nähert.
Was L. cyanolaema Glückselig betrifft, so muss die-
selbe wenn nicht gerade als Varietät, so doch als eine
distinkte, blaukehlige Smaragdeidechse betrachtet und ihr
Hauptmerkmal, die blau gefärbte Kehle nicht ausschliess-
lich dem männlichen Geschlechte zugeschrieben werden.
Dies habe ich genügend, wie mir scheint, anderswo erör-
tert. Ebenso unmotivirt sind viele, andere, als secundäre
Sexualcharaktere geltende Färbungs- und Zeichnungseigen-
thümlichkeiten. Hierher gehört auch die Ansicht, nur die
männlichen Mauereidechsen und auch die nur zur Brunst-
zeit seien am Rücken und besonders am Bauche lebhaft
colorirt, ferner die Angabe, dass die Argusflecke nur beim
Männchen und zwar im Frühjahre schön auftreten, und
endlich dass dergleichen Verschönerungselemente nur bei
820 von Bedriaga:
den geschlechtsreifen Lacerten sich ausbilden. Die von
mir in der Umgebung von Nizza erbeuteten, jungen Exem-
plare der Perleidechse waren stets lebhafter colorirt als die
Alten, auch war die Zahl der blauen Augenflecke bei ihnen
viel grösser, als es bei den ausgewachsenen der Fall ge-
wesen ist.
Es seien mir nur noch einige Worte betreffs der Lac.
erythronotus (= Seps ruber Laurenti) und L. tiliguerta
gestattet. Die schöne rothrückige agilis wurde von mir
in Ischl gefangen und mit dem Namen Jschlensis" be-
legt. Aus Prioritätsrücksichten will ich diese Bezeich-
nung zurücknehmen und die Fitzinger'sche „erythronotus"
restituiren.
Lacerta tiliguerta hatte ich oben als gleichbedeutend
mit der muralis neapol. aufgeführt. Jedoch dürfte die
tiliguerta als besondere Varietät der letzteren gelten. Diese
sardinische Lacerta ist bekanntlich grösser als die nea-
politanische Form, dagegen ist ihr Kopf spitzer geformt. —
Die nähere Kenntniss dieser Eidechse wird uns die Auf-
klärung betreffs ihrer Beziehung zur muralis neapolitana
geben; bis dahin aber führe ich dieselbe sammt der Du-
gesii als Abkömmlinge der grünen Mauereidechse in meinem
Stammbaume auf.
Heidelberg, im December 1877.
Erklärung der Abbildungen auf Tafel X.
Fig. 1. und 2. Lacerta muralis var. Rasquinetii,
Fig. 3. Lacerta Schreiberi.
Fig. 4. Lacerta Schreiberi Kopf, vergrössert.
Fig. 5, Farbe von der Felseninsel „La Deva".
Beiträge zur Anatomie der Hautdecke bei
Säugethieren.
Von
Hugo Ribbert, cand. med.
(Hierzu Tafel XI.)
Die nachstehenden Mittheilungen sind die Resultate
von Untersuchungen, die ursprünglich auf ein engeres Feld
gerichtet waren, als es nach der allgemein gehaltenen
Ueberschrift scheinen könnte. Sie gingen aus von den Be-
mühungen, bei einheimischen Säugern Bildungen aufzu-
finden, die dem von meinem verehrten Lehrer Prof. Leydig ^)
beschriebenen „Schwanzstachel" des Löwen entsprächen.
Neben den in dieser Hinsicht erhaltenen Resultaten theile
ich einige kleinere Beobachtungen, den Bau der Lederhaut
betreffend, mit. Das Bestreben, die Ansicht Leydig's
über den Schwanzstachel des Löwen als einer Art Tast-
organ womöglich zu bestätigen, und die zu dem Zweck
noth wendige Untersuchung der fraglichen Gebilde auf Nerven-
endigungen, führte mich allmählich auf das Gebiet der
letzteren in der Haut der Säuger überhaupt. Der grössere
Theil meiner Mittheilungen erstreckt sich auf dieses Ge-
biet. Die Reihenfolge der die Haut zusammensetzenden
Gewebe, von innen nach aussen gerechnet, giebt mir den
Weg zur Beschreibung des Gefundenen.
1) Müller'sches Archiv 1860.
Archiv f. Naturg. XXXXIV. Jahrg. l. Bd. 21
322 Hugo Ribbert:
Lederhaut.
a. Glatte Muskulatur.
Die Lederhaut des Schwanzes raaneher Säuger ist
von Interesse durch ihren Gehalt an glatter Muskulatui*,
über deren Existenz noch vor wenigen Jahren Meinungs-
verschiedenheiten vorhanden waren. Wenn in einer im
Jahre 1871 unter Stieda erschienenen Inaugural-Disser-
tation die Existenz der glatten Muskulatur in der Säuge-
thierhaut gänzlich in Abrede gestellt wurde, so ist dieser
Irrthum schon von Leydig^ und nachher auch in einer
neuen unter Stieda erschienenen Dissertation berichtigt
worden. Zur Veranschaulichung dieser jetzt wohl von
keiner Seite mehr geläugneten glatten Fasern dürfte nicht
leicht ein Objekt geeigneter sein, als das von mir unter-
suchte. In erster Linie leistet hier gute Dienste die
Schwanzhaut des Hundes, nächstdem die des Schafes. Es
fallen an senkrecht auf die Hautoberfläche nach der Längs-
richtung des Schwanzes geführten Schnitten ohne besondere
Präparation die breiten zwischen den Haarschäften gegen
den Haarbalg herabziehenden Bündel in die Augen. Die-
selben entspringen dicht unter den Zellen des Rete in ein-
zelnen kleineren Partien, die von Bindegewebszügen ihren
Ursprung nehmen. Aus der Vereinigung dieser einzelnen
Partien geht ein Strang hervor, dessen Dicke sehr variabel
ist, oft weit hinter der des Haarschaftes zurückbleibt, oft
den letzteren an Durchmesser übertrifft. Das Bündel in-
serirt am Haarbulbus.
"Wenn auch zur Veranschaulichung dieser Verhältnisse
einfache Aufhellung des Objektes genügt, so sind doch
besondere Präparationen nicht zu verwerfen. Das Chlor-
gold besonders liefert ausserordentlich leicht zu tibersehende
Bilder. Die intensiv roth gefärbten Muskelbündel heben
sich von dem weniger gefärbten Bindegewebe scharf ab.
Die Zahl der Muskelbtindel variirt. Man kann jedoch
1) Die Hautdecke und Hautsinnesorgane der Urodelen. Morpho-
logisches Jahrbuch IL
Beiträge zur Anatomie der Hautdecke bei Säugethieren. 323
meist in dem Zwischenraum zweier Haare zwei, nicht
selten sogar drei solche zählen.
Weniger ausgezeichnet sind alle diese Verhältnisse in
der Schwanzhaut des Schafes, noch weniger in der des
Kalbes und Ochsen. Gar keine glatte Muskulatur fand
sich im Schwänze des Igels, des Schweines, des Ameisen-
bärs, des Schnabelthieres.
b. Papillen.
a) Vorkommen.
An unbehaarten oder nur mit spärlichen Haaren ver-
sehenen Hauttheilen pflegt die Epidermis eine grössere
Dicke zu erreichen. Da in sie keine Capillaren eintreten,
so würde ihre Ernährung nur langsam vor sich gehen
können. Diesem Mangel helfen die Papillen mit ihren
Capillarschlingen ab. Sie finden sich demgemäss auf un-
behaarten Hautpartien besonders entwickelt und entsprechen
ihrer Bestimmung gemäss in Bezug auf ihre Höhe der Höhe
der Epidermis, sind lang und schmal wenn diese eine be-
deutende Dicke zeigt und sind bei niedriger Epidermis
gleichfalls nur klein. Man hat sie bis jetzt konstant ge-
funden in der Haut der Nase, der Lippen, der Brustwarzen
und der Sohlenballen der Säuger. Ferner beobachtete
Leydig sie in dem sogenannten „Schwanzstachel" des
Löwen. Es ist dies nach seiner Beschreibung eine am
Schwanzende des Löwen befindliche rundlich-kegelförmige
Warze mit abgeschnürter Basis und von einer gewissen
elastischen Weichheit, welche die Bezeichnung „Schwanz-
stachel" nicht rechtfertigt. Das Gebilde selbst, seiner
Form nach einer Haarwurzelpapille vergleichbar, zeigt auf
Schnitten in der nicht sehr dicken Epidermis zahlreiche
sekundäre Papillen, jede mit einer Capillarschlinge ver-
sehen. Auch zahlreiche Nerven sind innerhalb der Leder-
haut deutlich zu unterscheiden. Auf Grund dieser ana-
tomischen Zusammensetzung glaubte Leydig annehmen zu
dürfen, dass das Gebilde „physiologisch wohl mit einer
feineren Gefühlsempfindung betraut sein wird, man könnte
auch sagen, gleich einer Fingerspitze eine Art Tastorgan
darstellt".
ä24 Hugo Ribbert:
Ferner sprach Leydig die Vermuthung aus, nicht
allein dem Löwen möchte eine derartige Bildung zukommen,
und er fand diese Vermuthung bestätigt durch die Angaben
einer älteren Monographie eines anonymen Verfassers über
diesen Gegenstand, der ganz entsprechende Befunde auch
für den Schwanz des Puma-Löwen, des Auerochsen, des
Beutelthieres und verschiedener langhaariger Affen aufführt.
Meine Aufgabe war, ähnliche Gebilde bei unsern ein-
heimischen Säugern aufzusuchen. Natürlich richtete sich
mein Augenmerk zunächst auf den näheren Verwandten des
Löwen, auf unsere Hauskatze, bei der nach der angeführten
Monographie nichts Aehnliches sich finden soll. Das ist
nun nicht ganz richtig. — Allerdings ist ein Analogon des
„Schwanzstachels" nicht an jedem Individuum vorhanden,
vielmehr wird es gleichsam als Ausnahme nur dann und
wann getroffen. Ich habe sieben Katzen untersucht, aber
nur an einer das Gewünschte gefunden. Wenn ich den
Haarbüschel am Ende des Schwanzes auseinanderschlug,
brachte ich mir, wie Leydig beim Löwen, ein gänzlich
haarloses rundlich-kegelförmiges Gebilde zur Ansicht, wie
es Fig. 1 darstellt. Aber ein wesentlicher Unterschied von
der Beschreibung Leydig 's fiel mir gleich ins Auge. Es
war dies der Umstand, dass ich keine „Warze" vor mir
hatte, die der SchAvanzspitze aufsass, sondern dass das
Schwanzende selbst den Kegel darstellte, und dieser dem-
gemäss auch keine Einschnürung in seiner Basis, d. h. an
der Grenze gegen die behaarte Haut zeigte. Was aber
Consistenz und anatomischen Bau desselben angeht, so be-
stand zwischen dem „Stachel" des Löwen und dem der
Katze kein Unterschied. Auch mir zeigten Schnitte eine
nicht sehr dicke Epidermis mit flachen Papillen und in
diesen enthaltene Capillarschlingen. Nerven konnte ich,
wie Leydig, in den Papillen nicht nachweisen. Ueber-
einstimmend mit den Verhältnissen beim Löwen fanden
sich in den umgebenden Hautpartien keine Papillen.
Die Farbe des Kegels war schwarz. Dieser Umstand
hinderte wohl, dass derselbe, wie das beim Löwen der Fall
ist, durch durchschimmerndes Blut eine röthliche Fär-
bung erhielt.
Beiträge zur Anatomie der Plautdecke bei Säugethieren. 325
Die Exemplare, die keinen „Schwanzstachel" auf-
wiesen, zeigten auch keine Spur von papillärer Erhebung
am gedachten Ort.
Der äusseren Form nach entsprachen meine Befunde
an einigen Schafen und Rindern dem „Schwanzstachel" des
Löwen mehr. Hier konnte ich die fraglichen haarlosen
Bildungen wirklich als „Warzen" bezeichnen, die auf dem
abgerundeten Schwanzende emporragten und mehr oder
weniger spitz zulaufende Kegel darstellten. Ihre Oberfläche
war nicht wie beim Löwen glatt, sondern durch unregel-
mässig sich abschuppende Epidermis rauh. Besonders war
diese Rauhigkeit am Schaf vorhanden, wohl desshalb, weil
die ausserordentlich dichte Behaarung des Schwanzes, die
ja dessen Spitze überragt und verdeckt, eine rasche Ent-
fernung der abgestossenen Schuppen verhindert. Diese
Auflagerungen konnte ich jedoch durch Abreiben leicht ent-
fernen und die Kegel bekamen dann eine ziemlich glatte
Oberfläche. Beim Schaf hatte diese eine weisse Farbe, beim
Ochsen war die Epidermis durch Pigment graubraun gefärbt.
Durchschnittlich hatte die Basis der „Warzen" einen
Durchmesser von 4 Linien. Die Höhe betrug je nach
der spitzeren oder stumpferen Kegelform ebensoviel oder
weniger.
Ohne den Umstand, dass ich die gleichen Gebilde an
mehreren Exemplaren immer an gleicher Stelle auf der
Mitte des abgerundeten Schwanzendes und alle dem ana-
tomischen Bau nach übereinstimmend antraf, würde ich
sicherlich versucht gewesen sein, einen einzelnen Befund
für pathologisch zu erklären. Davon kann aber unter
diesen Verhältnissen keine Rede mehr sein.
Ich fand die kegelförmigen Gebilde an 2 Ochsen und
2 Schafen. Im Bau stimmten sie wie gesagt im Wesent-
lichen überein. Ein Schnitt durch die Achse des Kegels
gelegt, zeigte eine Epidermis, deren Dicke an der Basis
des Kegels geringer, an seiner Höhe beträchtlicher war.
Die Papillen zeigten sich tiberall schön entwickelt, be-
sonders an einem Exemplar vom Ochsen, wo sie neben ge-
ringer Breite eine ungewöhnliche Länge erreichten.
Von diesen dem „Löwenstachel" entsprechenden Bil-
326 Hugo Ribbert:
düngen zur ganz behaarten Schwanzspitze machte ein beim
Ochsen vorhandener Befund den Uebergang. Zwischen den
auseinander gelegten Haaren präsentirte sich eine rund-
liche unbehaarte Fläche, die aber nicht über das Niveau
der Haut erhaben war und auf Schnitten zwar Papillen
erkennen Hess, die aber nicht oder kaum höher waren als
die der umgebenden behaarten Partien.
An den Schwanzstachel des Löwen lässt sich eine
Bildung anreihen, die durch Myrmecophaga repräsentirt
wird. Der Schwanz derselben ist auf etwa 2/5 seiner Länge,
von der Spitze an gerechnet, auf der Unterseite unbehaart.
Die Spitze ist ebenfalls haarlos. Diese freie Fläche ist
mit querlaufenden Einschnitten versehen, die etwa ^U cm.
von einander entfernt liegen und von einem Rande der
Fläche zum anderen hinüberziehen. Auf Schnitten erkennt
man, dass die zwischen den Einschnitten liegenden Partien
mit breiten Papillen versehen sind, welche gegen die Ein-
schnitte hin an Höhe allmählich abnehmen und in den-
selben ganz verschwunden sind. Die Epidermis grenzt sich
hier auf eine Strecke, die in den zwischen den Einschnitten
gelegenen Partien etwa 5—6 Papillen enthalten würde,
geradlinig gegen die Lederhaut ab. Ebenso nehmen die
Papillen allmählich ab, gegen den Rand der freien Fläche
hin. Der behaarte grössere Theil des Schwanzes zeigt
durchaus keine Papillen.
Gegenüber den Beobachtungen Leydig's am Löwen
und meinen eigenen an der Katze und Myrmecophaga,
denen zufolge in den behaarten Hauttheilen dieses Organes
die Papillen fehlen, waren diese in den erwähnten Fällen
von Schaf und Ochsen auch in den behaarten Partien vor-
handen. Nur waren sie entschieden niedriger, als in den
haarlosen Gebilden, vielleicht, wie ich erwähnte, mit Aus-
nahme des Ochsen, der nur jene rundliche Fläche aufwies.
Ich machte ferner die eigenthümliche Beobachtung, dass
die Höhe der Papillen vom Ende des Schwanzes gegen
dessen Wurzel hin und mit ihr die Höhe der Epidermis
allmählich abnimmt. Schliesslich verschwinden dieselben
entweder schon auf der Haut des Schwanzes oder erst auf
der des Rumpfes gänzlich.
Beiträge zur Anatomie der Hautdecke bei Säugethieren. 327
Das Vorhandensein von Papillen war jedoch nicht
nur an solche Thiere gebunden, die eine dem „Schwanz-
stachel" entsprechende Bildung besassen. Auch solche die
gänzlich behaart waren, zeigten bei einzelnen Gattungen
durchweg einen entwickelten Papillarkörper. Auch in
diesen Fällen trat die Abnahme der Papillen an Höhe gegen
die Schwanzwurzel hin hervor. Besonders ausgezeichnet
war in letzter Hinsicht der Schwanz eines Kalbes. Die
Spitze desselben besass ziemlich hohe Papillen. In der
Entfernung von zwei Zoll von derselben waren letztere
kaum noch halb so hoch, und in der Entfernung von vier
Zoll sowie auf dem ganzen übrigen Organe war jede pa-
pilläre Erhebung verschwunden. Da ich nun in der Schwanz-
haut ganz junger Kälber das Fehlen aller Papillen be-
obachtete, in der des Ochsen oder der Kuh aber regel-
mässig in ihrer ganzen Ausdehnung Papillen vorhanden
waren, so ist der Schluss erlaubt, dass sich im Schwänze
des Kindes der Papillarkörper erst mit zunehmendem Alter
des Thieres entwickelt und zwar von der Spitze fort-
schreitend zur Wurzel.
Wie beim Rind so ist auch beim Schwein der in
Rede stehende behaarte Theil mit einem ausgeprägten
Papillenkörper versehen, der die gleiche Grössenabnahme
erkennen lässt. Erwähnung verdient die hier ungewöhnlich
grosse Anzahl der Papillen, zwischen denen meist nur sehr
schmale Epidermiszapfen vorhanden waren. Bei keinem
Schweine zeigte sich ein Analogon des „Schwanzstachels".
Alle aufgeführten Säugethiere sind mehr oder weniger mit
langer Schwanzwirbelsäule versehen, auch diejenigen, welche
in der oben citirten Monographie als mit Bildungen ver-
sehen genannt werden, die dem „Schwanzstachel" ent-
sprechen. Von kurzgeschwänzten Säugern ist kein Beispiel
vorhanden. Aber auch langgeschwänzte Säuger zeigen
nicht alle in der Haut des Schwanzes von denen der Haut
des Rumpfes abweichende Verhältnisse. So scheint z. B.
der Theil beim Hunde ohne jeglichen Papillarkörper zu
sein. Wenigstens ist mir kein Exemplar mit einem solchen
zu Gesicht gekommen. Ebensowenig konnte ich bei der
Maus etwas Besonderes auffinden.
328 Hugo Ribbert:
Von kurzgeschwänzten Säugern habe ich untersucht
das Wiesel, das Kaninchen, den Maulwurf, den Igel,
den Hamster, die Ziege. In allen diesen Fällen erhielt
ich ein negatives Resultat.
Ueberblicken wir diese Mittheilungen mit Rücksicht
auf die Ansicht Leydig's, es möchte sich bei dem „Schwanz-
stachel" vielleicht um ein besonderes Tastorgan handeln,
so müssen wir bekennen, dass wir neue Gründe für diese
Annahme nicht gefunden haben. Wir haben keine be-
sonderen Nervenendigungen auffinden können. Wenn wir
aber nach den jetzt allgemeiner werdenden Beobachtungen
den Hauptsitz der Endigung der Hautnerven in die Epi-
dermis verlegen müssen, so gewinnt dadurch die obige An-
nahme wegen der, ja besonders in den dem „Schwanz-
stachel" entsprechenden Gebilden stark entwickelten Epi-
dermis eine festere Grundlage. Ich werde auf den Punkt
weiter unten noch einmal zurückkommen.
ß. Inhalt der Papillen.
Das Innere aller erwähnten Papillen Hess immer nur
Capillarschlingen erkennen. Es war ja auch von vorn-
herein nicht wohl wahrscheinlich, dass sich in denselben
auch Tastkörperchen finden würden, zumal da, wie Ley-
dig ^) schon in seiner Arbeit über die äusseren Bedeckungen
der Säugethiere ausspricht, die Papillen vorzüglich zur Er-
nährung der Epidermis bestimmt erscheinen. Capillaren
fehlen dagegen nie. Dieselben bilden wie gewöhnlich mehr
oder weniger gewundene Schlingen. Nur beim Schwein
verlaufen sie in besonders ausgezeichneter Weise. Man
bemerkt in den Papillen des Schwanzes auf den ersten An-
blick räthselhafte Gebilde (vergl. Fig. 2 bei b). Dieselben,
setzen sich zusammen aus dicht nebeneinanderliegenden
runden oder lang oder kurz ausgezogenen Figuren, die
mehrfach conturirt erscheinen, immer aber zwei Conturen
mit besonderer Schärfe hervortreten lassen. Von dem
äusseren Contur dieser Körper sieht man nun, wenn sie
nicht zu dicht gedrängt liegen, gelegentlich gebogene oder
1) Müller 's Archiv. 1859.
Beiträge zur Anatomie der Hautdecke bei Säugethieren. 329
gerade Linien abgehen, die entweder in der Masse sich
verlieren oder in die äusseren Conturen benachbarter Körper-
chen tibergehen. Diese Eigenthümlichkeit und der Um-
stand, dass man an den eine Papille ausfüllenden Complex
solcher Gebilde zuweilen ein unverkennbares grösseres Ge-
iass herantreten sieht, führte zu der richtigen Ansicht; dass
man es mit Capillarknäueln zu thun hat, die so dicht ge-
wunden sind, dass man in jeder beliebigen Richtung nie
eine Capillare in ihrer Längsrichtung durchschneidet,
sondern sich immer nur Querschnitte derselben zur Ansicht
bringt.
Noch klarer wird ihre Natur, wenn man in der Leder-
haut liegende weniger gewundene Capillaren betrachtet
und an ihnen ebensolche rundliche Gebilde als Querschnitte
erkennt. Durch Maceration und Zerzupfen der Capillar-
knäuel gelingt es ausserdem, die Schlingen zu entwirren.
Solche Capillarknäuel füllen die betreffende Papille ganz
aus und haben als Ganzes im Allgemeinen die Gestalt der-
selben, sind lang und schmal, wenn es die Papillen sind,
breit und niedrig bei ebenso geformten Papillen. Sie füllen
entweder nur gerade die Papillen aus, ohne sich in die
Lederhaut weiter fortzusetzen, oder das Letztere ist der
Fall. Man sieht dann nicht selten die Knäuel mehrerer
nebeneinanderliegender Papillen zusammentreten und einen
grösseren Complex bilden.
Diese Capillarknäuel finden sich nun nicht nur in den
Papillen, sondern noch tief in der Lederhaut, wo sie dann
keine irgendwie bestimmte Form zeigen und in Masse sehr
variiren, so dass man oft nur vier bis fünf Querschnitte
nebeneinander findet, während in anderen Fällen die Zahl
derselben kaum festzustellen ist. Auch auf der Haut des
Rumpfes sind dieselben eigenthümlichen Bildungen vor-
handen, nur fallen sie hier weniger auf, weil die von
ihnen in der Haut des Schwanzes so charakteristisch er-
füllten Papillen fehlen. Eine Injektion der Gefässe gelang
nicht ganz nach Wunsch, doch Hess sie immer genug er-
kennen zur Bestätigung, dass man wirklich Capillarknäuel
vor sich hat.
330 Hugo Ribbert:
Epidermis.
Bei Gelegenheit der Untersuchung vergoldeter Schnitte
vom Schwänze des Schafes fielen mir in der Epidermis
die Körperchen auf, welche von verschiedenen Seiten als
Nervendigungen angesprochen werden, mit Ausläufern ver-
sehen sind und sich mit Chlorgold dunkel färben. Sie
stimmten in allen wesentlichen Punkten mit den von
Langerhans 1) beschriebenen Zellen überein. Eine Ver-
gleichung derselben mit den gleichen Gebilden anderer
Hautstellen führte mich immer mehr auf das specielle Ge-
biet der Endigung der Hautnerven, auf das sich meine
letzten Untersuchungen allein bezogen.
Die Endapparate der Hautnerven bildeten seit mehreren
Jahren ein beliebtes Gebiet mikroskopischer Untersuchungen.
Trotzdem sind einheitliche Resultate noch nicht gewonnen.
Es wurden von einer Reihe von Autoren für bestimmte Ge-
biete der Haut varicöse Fasern, einfache Verlängerungen
der Hautnerven als Endigungen derselben beschrieben.
Dieselben verzweigen sich vielfach zwischen den Epidermis-
zellen und enden einfach oder mit knopfförmiger An-
schwellung. Für andere Gebiete der Haut und Schleim-
haut machten ebenfalls eine Anzahl von Forschern jene
Langerh ans 'sehen Körperchen als Endapparate der Haut-
nerven wahrscheinlich. Die erstere Ansicht wurde haupt-
sächlich auf Grund von Untersuchungen der Cornea ge-
wonnen. — Es war zuerst Hoyer^j im Jahre 1866, der
für die Cornea nicht nur ein äusserst feines subepitheliales
Netz, sondern auch ein unzweifelhaftes Eindringen mark-
loser aus jenem Netz entspringender Nervenfasern in das
Epithel kennen lehrte. Es gelang ihm jedoch nicht, den
weiteren Verlauf der letzteren festzustellen. Daran hinderte
ihn die Unzulänglichkeit der angewandten Methoden.
Kölliker^) veröffentlichte im selben Jahre eine Be-
1) Virchow's Archiv Bd. 44 S. 325.
2) lieber den Austritt der Nervenfasern in das Epithel der
Hornhaut. Reichert's und du Bois-Reymond's Archiv 1866.
3) Nervendigung in der Hornhaut. Würzburger naturwissensch.
Zeitschr. Bd. VI 1866.
Beiträge zur Anatomie der Hautdecke bei Säugethieren. 331
obachtung, der zufolge die in das Epithel eintretenden Fasern
eine Strecke weit nach aufwärts verlaufen, dann horizontal
umbiegen und frei enden.
Weit genauere Resultate ergab schon die folgende
Arbeit C oh n he im 's 1), der sich der Vergoldungsmethode
bediente. Seinen Befunden zufolge verlaufen die aus dem
subepithelialen Netz aufsteigenden Fasern theils nur bis
dicht unter die oberste Grenzlage des Epithels, theils sogar
über dieselbe hinaus und ragen frei über die Oberfläche
der Cornea empor. In beiden Fällen enden sie mit knopf-
förmiger Anschwellung. Auf ihrem Verlauf durch das Epi-
thel geben sie vielfach Seitenzweige ab, die bei Betrachtung
von der Oberfläche des Präparates sich als geschläugelte,
ebenfalls knopfförmig anschwellende und oft anastomo-
sirende Linien darstellen. Diese Angaben Cohnheim's
wurden im Wesentlichen durch Hoyer^) in einer neuen
Arbeit, deren Resultate ebenfalls mit Hülfe des Chlorgolds
gewonnen wurden, bestätigt. Nur bestreitet er die Richtig-
keit der Cohnheim 'sehen Angaben über den Verlauf der
Nervenfasern bis auf die Oberfläche der Cornea und hält
die von jenem beschriebenen knopfiförmigen Endigungen
auf derselben für abgelöste Theile des Epithels. Ein
weiterer bemerkenswerther Punkt dieser Arbeit wird weiter
unten erwähnt werden. Ferner wurde der geschilderte
Verlauf der Epithelnerven der Cornea von Lawdowsky^)
befürwortet.
Alle diese Resultate wurden an Säugethieren, beson-
ders der Cornea des Kaninchens, gewonnen. Ausdrücklich
wurde von Hoyer hervorgehoben, dass die Cornea des
Frosches über den Verlauf der Epithelnerven nur schlechte
Aufschlüsse giebt, ein Punkt, den ich ebenfalls noch be-
rücksichtigen werde.
Aehnliche varicöse Fasern als Endigung der Haut-
1) Virchow's Archiv Bd. 38 S. 343.
2) lieber die Nerven der Hornhaut. Archiv f. mikr. Anat.
1873 p. 220.
3) Das Saugadersystem und die Nerven der Cornea. Arch.
f. mikr. Anat. 1872.
332 HugoKibbert:
nerven beschrieb Eimer^ aus den Tastkegeln der Maul-
wurfschnauze. Eine richtige neuere Arbeit über denselben
Gegenstand ist die von v. Mojsisovics^). Derselbe
schildert aus der äusserst dicken Epidermis der Schnauze
des Schweines ein Verhalten der Hautnerven, das dem für
die Cornea von den erwähnten Beobachtern geschilderten
entspricht. Er verfolgte die Nerven von Hauptstämmen an
bis an das Epithel und sah sie hier als marklose, vielfach
verzweigte Fasern verlaufen und zum Theil bis in die
höchsten Zellschichten vordringen.
Die Reihe der Autoren, die eine Endigung der Haut-
nerven in besonders gestalteten in der Epidermis liegenden
Zellen beschrieb, beginnt mit Langerhan s^). Es hatten
zwar schon Hansen^) und Lipmann^) eine Verbindung
von Nerven mit den Kernen der unteren Zellenlagen des
Epithels beschrieben. Aber einmal ist keine sichere Be-
stätigung ihrer Angaben erfolgt, und andererseits waren
die Zellen, deren Kerne zu Nerven in Beziehung stehen
sollten, sowohl in dem Epithel des Froschlarvenschwanzes,
dem von Hansen benutzten Objekt, als in dem von Lip-
mann untersuchten Corneaepithel keine besonders gestal-
teten, sondern gewöhnliche von den übrigen in nichts unter-
schiedene Epithelzellen. Lange rhans dagegen fand in
der menschlichen Haut im Grossen und Ganzen birnförmig^
gestaltete mit varicösen Ausläufern versehene Zellen, die
durch Chlorgold dunkel gefärbt wurden. Er sah auch aus
der Lederhaut aufstrebende mit den Zellen in Verbindung
tretende Fasern, die ebenfalls vergoldet waren, deren Zu-
sammenhang mit unzweifelhaften Nerven er jedoch nicht
darzuthun vermochte und die er demgemäss auch nicht als
nervöse Elemente anzusprechen wagte. Glücklicher in
1) Die Schnauze des Maulwurfs als Tastwerkzeug. Arch. f.
mikr. Anat. 1871,
2) Sitzungsberichte der k. Acad. der Wissensch. in Wien 1875.
3) a. a. Ort.
4) lieber die Nerven im Schwänze der Froschlarven. Arch.
f. mikr. Anat. 1868.
5) Vir oho w 's Archiv Bd. 48 S. 218.
Beiträge zur Anatomie der Hautdecke bei Säugetbieren. 333
diesem Punkte war Podpokaewi). In der Haut des
Kaninchens fand er jene Langer bans 'sehen Körperchen,
deutlich mit Nerven in Verbindung stehend. Er betont,
dass es besonders an Horizontalschnitten leicht sei, sich
dieses Verhältniss zur Anschauung zu bringen. Vertikal-
schnitte seien dazu weniger geeignet. Eberth^) be-
obachtete ebenfalls die Haut des Kaninchens, aber haupt-
sächlich an Vertikalschnitten. Vielleicht gelang es ihm
desshalb nicht, sich eine deutliche Vereinigung der Nerven
mit den Langerhans 'sehen Zellen zur Anschauung zu
bringen. Er hebt jedoch hervor, dass er den Zusammen-
hang allerdings zuweilen gesehen zu haben glaubt. — Eines
anderen Objektes, der Kuhzitze, bediente sich Eimer^).
Die verzweigten Zellen fand er in reichlicher Menge und
in den wesentlichen Merkmalen tibereinstimmend mit den
aus anderen Objekten beschriebenen. Aber auch ihm gelang
es nicht den Nervenzusammenhang zu sehen. In Bezug auf
die Beschreibung der Ausläufer der Zellen weicht er von
den übrigen Forschern ab, die eine knopfförmige An-
schwellung als Endigung derselben beschreiben. Er stellt
ein Vorkommen derartiger Verdickungen in Abrede, viel-
mehr sollen die Ausläufer zu gewöhnlichen Epithelzellen
und deren Kernen in Beziehung treten. Aus der Mund-
höhlenschleimhaut des Kaninchens und besonders vom
harten und weichen Gaumen beobachtete zuerst E 1 i n *)
einen klaren Zusammenhang der Hautnerven mit oblongen,
unregelmässig gestalteten mehr in den oberflächlichen Rete-
schichten gelegenen Zellen. Es färben sich jedoch durch
die Vergoldung auch andere in der Tiefe liegende Zellen
von verschiedenen Formen, solche, die sich von den übrigen
Epithelzellen kaum unterscheiden, bis zu solchen, die mit
deutlichen Ausläufern versehen sind. Einzelne Nervenfäden
1) üeber die Endigung der Nerven in der epithelialen Schicht
der Haut. Arch. f. mikr. Anat. 1869.
2) Die Endigung der Hautnerven. Arch. f. mikr. Anat. 1870.
3) Die Nervendigung in der Haut der Kuhzitze. Arch. f.
mikr. Anat. 1872.
4) Zur Kenntniss der feineren Nerven der Mundhöhlenschleim-
haut. Arch. f, mikr. Anat. 1871.
334 Hugo Ribbert:
gelangen ohne Verbindung mit jenen Zellen bis unter die
Hornschieht; diese sowohl wie die Ausläufer der Zellen
enden knopfförmig. Ganz ähnliche Resultate, ebenfalls ver-
zweigte Zellen mit Nervenverbindung beschreibt ferner
Chrschtschonovitsch^) aus der Vaginal- und Uterus-
schleimhaut des Kaninchens.
Vielleicht haben wir hierher auch die vonLuschka^)
und Boldyrev^) aus der Kehlkopfschleimhaut des Ka-
ninchens beschriebenen birnförmigen , das Licht stark
brechenden und mit Chlorgold sich färbenden Körper zu
rechnen, die freilieh in der Lederhaut liegen, aber von
Beiden als Endorgaue der Hautnerven beschrieben wurden.
Wäre so für die Wirbelthiere eine Endigung der Haut-
nerven in Zellen erst neuerdings nachgewiesen, so war das
gleiche Resultat für die Wirbellosen schon längst gewonnen.
Und einzelne Forscher, in erster Linie Leydig, hatten
schon früher aus dieser Thatsache für die Wirbelthierhaut
eine entsprechende Nervenendigung für wahrscheinlich ge-
halten. Leydig, der ja auch zuerst in einer grossen Reihe
von Fällen Ganglienzellen als Endapparate der Hautnerven
bei Wirbellosen nachwies, sprach^) schon 1859 jene Ver-
muthung aus, für die er schon selbst einen Anhaltspunkt
in seinem Lehrbuche der Histologie ^) gegeben hatte, wo er
in dem Epithel der Schleimkanäle des Barsches Nerven sich
mit rundlichen, in einer becherförmigen Vertiefung des
Epithels liegenden Zellen verbinden sah.
In neuerer Zeit hat zuerst Eimer^) im Jahre 1872
aus einer Beobachtung an Wirbellosen einen Wahrschein-
lichkeitsschluss auf die Wirbelthiere gemacht. Er hat im
Anschluss an die erwähnte Arbeit über die Nervenendigung
in der Kuhzitze in einer vorläufigen Mittheilung ausge-
sprochen, dass ihm auf Grund seiner Untersuchung von
1) Wiener Sitzungsberichte 1871.
2) Schleimhaut des cavum laryngis. Mikr. Arch. 1869.
3) Beitrag zurKenntniss der Nerven, Blut- und Lymphbahnen
der Kehlkopfschleimhaut. Arch. f. raikr. Anat. 1871.
4) Zur Anatomie der Insekten. Arch. f. Anat. u. Physiol. 1859.
5) S. 57. F. 31.
6) Arch. f. mikr. Anat. 1872.
Beiträge zur Anatomie der Hautdecke bei Säugethieren. 335
Beroe, die ihm die in der Kuhzitze nicht zu demonstrirende
Verbindung von Ausläufern verzweigter Zellen mit Nerven
ergeben hatte, auch für das dem Wirbelthier entnommene
Objekt die Langerh ans 'sehen Zellen als Nervenend-
apparate wahrscheinlich würden. Er fand nämlich in der
Epidermis von Beroe Zellen mit Ausläufern. Gleiche Zellen
lagen in der Lederhaut. Diese standen einerseits mit
Nerven, andererseits durch die nach oben strebenden Aus-
läufer mit den in der Epidermis liegenden Zellen im Zu-
sammenhang, so dass also letztere ebenfalls, wenn auch
indirekt mit Nerven in Verbindung waren. Er beschreibt
jedoch auch, dass nicht alle Ausläufer der in der Leder-
haut liegenden mit ähnlichen Zellen der Epidermis zu-
sammenträten, sondern einzelne auch für sich im Epithel
verliefen.
Ausser Eimer hat dann später L ey d i g ausführlicher
dasselbe Thema behandelt. Seine Ansicht von der Ana-
logie der Nervendigung bei Wirbellosen und Wirbelthieren
spricht er einmal aus in der Mittheilung über die Schwanz-
flossen, Tastkörperchen und Endorgane der Nerven bei
Batrachiern ^). Andererseits widmet er an einem anderen
Orte 2) dem Gegenstande eine längere Auseinandersetzung.
Er hebt hier hervor, dass seine im Jahre 1859 ausge-
sprochenen Vermuthung durch den Nachweis verzweigter
Zellen in der Wirbelthierepidermis und deren Zusammen-
hang mit Nerven sich bestätigt habe. Abgesehen hiervon
ist Folgendes von allgemeinerem Interesse. Seiner Ansicht
nach unterscheidet man fälschlich zwischen Zellen mit Aus-
läufern, die bis jetzt nur pigmentlos beschrieben wurden,
und den schon längst bekannten pigmentirten verzweigten
Zellen der Epidermis. Vielmehr sind beide Zellen wegen
ihrer gleichen Lage und ihrer, abgesehen vom Pigment,
übereinstimmenden Beschaffenheit, durchaus gleicher Natur,
eine Ansicht, die er auch früher schon wiederholt ausge-
sprochen hatte und die ihn veranlasst, auch die pigmbnt-
1) Arch. f. mikr. Anat. Bd. XII.
2) Die Hautdecke ur.d Schale der Gastropoden S. 35. T r o s c h e I 's
Archiv 1876.
336 Hugo Ribbert:
losen Zellen für kontraktil zu halten. Weitergehend spricht
er sich auch für die Identität der sogenannten Chromato-
phoren der Lederhaut und der beschriebenen pigmentirten
und pigmentlosen Zellen der Epidermis aus, da beide in
nichts Wesentlichem von einander abweichen. Dafür spricht
auch der Umstand, dasS; wie in der Epidermis die Zellen
mit und ohne Pigment sich vorfinden, auch in der Leder-
haut den Chromatophoren entsprechende pigmentlose Zellen
angetroffen werden, die in der Literatur als sogenannte
Bindegewebskörperchen bekannt sind.
Ein Zusammenhang der Chromatophoren mit Nerven
wurde von Leydig^) nachgewiesen an einer in Salzsäure
macerirten Eidechse, in deren Lederhaut die Nerven sich
schön abhoben und leicht bis zur Vereinigung mit jenen
Zellen verfolgen Hessen. Es wurde also auch hierdurch
auf einem Umwege, der zunächst die Identität der Chroma-
tophoren der Lederhaut und der verzweigten Zellen der
Epidermis darthut, die Natur letzterer als Nervenendappa-
rate wahrscheinlich gemacht.
Zu verwundern ist, dass von dieser Arbeit Leydig's,
die wegen ihrer verschiedenen neuen Gesichtspunkte von
grossem Interesse ist, eine neuere Arbeit keine Notiz nimmt.
Es ist dies die Arbeit E dingers ^), die uns für die Wirbel-
losen einen interessanten Beitrag über die Anordnung der
Hautnerven und der Nervenendzellen liefert. Aus der Haut
zweier in Osmiumsäure gelegenen Exemplare von Ptero-
trachea beschreibt er die durch eine braune Färbung deut-
lich sich abhebenden Gebilde. Ein in die Epidermis ein-
tretender Nerv sendet in regelmässiger Weise seine Seiten-
zweige ab. Diese verschmelzen je mit dem Fortsatz einer
Zelle, die man bei Wirbelthieren als Lange rh ans 'sches
Körperchen bezeichnen würde. Diese hängen nun ihrer-
seits an dem Nerven wie die Blätter am Zweige, eine An-
ordnung, die Edinger zu dem Vergleiche mit einer
Epheuranke veranlasst.
1) Die in Deutschland lebenden Arten der Saurier, Tü-
bingen 1872.
2) Die Endigung der Hautnerven bei Pterotracbea. Arch. f.
mikr. Anat. 1877.
Beiträge zur Anatomie der Hautdecke bei Säugethieren. 337
Gehen wir die über die Hautnervenendigung ange-
führten Resultate durch, so fällt auf, dass mit besonderer
Ausnahme der Cornea und der Schweineschuauze für die
ganze übrige Haut und Schleimhaut, von allen Beobachtern
einstimmig eine Endigung in Langerhans 'sehen Zellen
angenommen wird. Nur für die Cornea wurden von allen
Beobachtern einfache varicöse Fortsetzungen der Hornhaut-
nerven als Endigung derselben beschrieben. Und zwar
stimmen alle Beschreibungen derselben in den wesentlichsten
Punkten überein. Aus dem subepithelialen Netz aufstei-
gende Fasern, die varicös bis zu den obersten Zellschichten
verlaufen und sowohl selbst wie ihre Seitenzweige, die sie
auf ihrem Verlaufe durchs Epithel abgeben, knopftormig
endend — das ist der Typus der Endigung des Hornhaut-
nerven.
Vorkommende Abweichungen, wie etwa die Frage, ob
die varicösen Fasern auch frei auf der Oberfläche der
Cornea enden, sind von untergeordneter Bedeutung. So
sehr übereinstimmend nun die Berichte aller Beobachter
ausfallen, so sehr muss es dennoch die Aufmerksamkeit
erregen, dass das Corneaepithel, eine direkte Fortsetzung
der den ganzen Körper bedeckenden Zellenlage, in Bezug
auf seine Nervenendigung so bedeutend von derselben ab-
w^eichen sollte. Diese Ueberlegung Hess mich an der
Vollkommenheit der früheren Resultate zweifeln, um so
mehr als auch in der Literatur sich eine Andeutung findet,
die sich auf eine mit den Verhältnissen der übrigen Haut
übereinstimmende Auffassung beziehen lässt. EsistHoyer,
der anführt, dass sich in den Verlauf der im Epithel
liegenden Fasern nicht selten eine „abnorme Verdickung"
einschaltet. Eine solche enthielten besonders die in der
flach ausgebreiteten Cornea zahlreich sich darstellenden
Seitenzweige der Epithelnerven. Sucht man einmal nach
Langerhans 'sehen Zellen in der Cornea, so liegt es nahe,
an diese „abnormen Verdickungen" als an unvollkommen
gefärbte Nervenendzellen zu denken. Diese wirklich nach-
zuweisen, wollte mir lange nicht gelingen. Ich untersuchte
auf sie die Cornea der Säuger wie die der Amphibien,
besonders des Frosches.
Archiv f. Naturg. XXXXIV. Jahrg. 1. Bd. 22
338 Hugo Ribbert:
Von letzterer bemerkt schon Hoyer, dass sie den
Untersuchungen auf Nervenendigungen grosse Hindernisse
in den Weg stelle. Es fehlt nämlich ein subepitheliales
Nervennetz. Die in Folge dessen aus dem tiefer gelegenen,
sich leicht färbenden Plexus entspringenden Fasern steigen
senkrecht auf und sind wegen ihrer Feinheit schon im
Corneagewebe schwer, in das Epithel hinein gar nicht zu
verfolgen. Dann aber bildet den hauptsächlich hindernden
Faktor die stets äusserst starke Färbung des Epithels, die
bei Anfertigung auch der feinsten Schnitte eine genügende
Durchsichtigkeit vermissen lässt. Aus diesen Gründen ge-
lang es auch mir erst nach vielen vergeblichen Versuchen
ein sowohl für die Betrachtung der horizontal ausgebreiteten
Cornea als für die feiner Schnitte genügend klares Objekt
zu gewinnen. Bei Untersuchung der flach ausgebreiteten
Membran stellten sich die regelmässig polygonalen Zellen
des Epithels klar zur Ansicht. (Fig. 3 a.) Wo drei oder
mehrere derselben zusammenstiessen, gewahrte man dunkel-
gefärbte Figuren, die Langerhans 'sehen Körperchen der
übrigen Epidermis. Ihre Ausläufer erschienen keilförmig
zugespitzt, gewöhnlich zwei, drei oder vier an der Zahl.
Meist waren es drei und diese gingen dann von den Spitzen
einer dreieckigen Zelle ab. Die Grösse des Zellkörpers
wechselte innerhalb nicht sehr weiter Grenzen und wurde
von der einer Epithelzelle höchstens um das Dreifache über-
troffen. Da die letzteren scharfe Conturen zeigten, so waren
natürlich auch die zwischen ihnen liegenden Lange rh ans '-
sehen Zellen deutlich umschrieben. Auf zwei Epithelzellen
kam durchschnittlich eine der letzteren.
Diesem Verhalten entsprechende Bilder ergaben sich
auf Vertikalschnitten. (S. Fig. 3 b.) Hier zeigte sich, dass
die beschriebenen gefärbten Körperchen nur in der untersten
Schicht des Epithels ihren Sitz hatten und fast regelmässig
mit den cylindrischen Zellen desselben abwechselten, so
dass nur selten zwei der letzteren direkt aneinanderstiessen.
Der Zellkörper lag dem Corneagewebe meist dicht an oder
erreichte dasselbe wenigstens durch kurze Fortsätze. Er
war von geringerem Volumen, etwa halb so gross wie eine
Epithelzelle. Seine Form war meist die eines unregel-
Beiträge zur Anatomie der Hautdecke bei Säugethieren. 339
massigen, zuweilen stabförmig ausgezogenen Rechtecks,
dessen Längsrichtung senkrecht zum Corneagewebe stand.
Je nachdem die rechtwinkelige Form stark ausgesprochen
war, oder sich mehr der quadratischen näherte, war die
Höhe beider Zellarten gleich oder um die halbe Höhe einer
Epithelzelle verschieden. Die Zahl der Ausläufer betrug
selten mehr als vier, von denen zwei kürzere gegen das
Corneagewebe, zwei längere nach oben verliefen. Letztere
wurden allmählich äusserst fein und Hessen sich mehr
weniger weit verfolgen, doch nicht bis unter die höchsten
Zellenlagen. Anastomosen der Ausläufer konnte ich nicht
nachweisen, einmal weil die grössere Anzahl derselben zu
kurz war, um sich gegenseitig erreichen zu können, ferner
weil die oberen längeren Ausläufer fast parallel aufwärts
verliefen und keine Seitenzweige abgaben.
Die Conturen der Zellen traten auf diesen Vertikal-
schnitten weniger scharf hervor, als bei horizontaler Be-
trachtung.
Eine Verbindung mit Nerven sah ich nicht, da diese
nur ungenügend gefärbt waren. Aber auch so sind die Re-
sultate zufriedenstellend. Sie zeigen, dass wenigstens die
Froschcornea eine Ausnahmestellung nicht einnimmt, dass
sie vielmehr wie die Haut des Körpers ihre Langer-
hans'sehen Zellen besitzt.
Die Cornea der Säuger ergab mir ein Gleiches. Meine
Vergoldungsversuche fielen an diesem Objekt nicht ganz
so befriedigend aus. Den Mangel muss ich auf Rechnung
des überhaupt nicht sicher zu handhabenden Chlorgoldes
schieben, das besonders für die Untersuchung der Cornea
nicht Alles leistet.
Wie einerseits in beliebiger Epidermis sehr häufig nur
die Langerhans 'sehen Zellen gefärbt werden, ohne dass
von Nerven eine Spur zu entdecken wäre, so werden auch
umgekehrt nicht selten Nerven, aber keine Nervenendzellen
vergoldet. Das letztere Resultat war das von Cohnheim
und den Uebrigen beschriebene.
Die meisten meiner Präparate zeigten mir Verhält-
nisse, die schon von den Autoren beschrieben waren ; wobei
ich nur hervorhebe, dass es auch mir nicht gelang, die
340 Hugo Kibbert:
Cohn heim 'sehe Endigimgsweise auf der Cornea-Ober-
tläche zu sehen. Auch die wenigen besseren Objekte geben
die zu beschreibenden Resultate keineswegs in so über-
sichtlicher Weise wie ich sie zusammengestellt habe. Viel-
mehr musste" ich mir dieselben aus einzelnen Bruchstücken
zusammentragen. Darum sind sie aber nicht weniger sicher.
Es fehlte eben nur die klare Uebersicht der aus der Frosch-
cornea beschriebenen Bilder, die ich einem Gesichtsfeld
eines Schnittes entnommen habe.
In den wenigen brauchbaren Objekten bemerkte ich
zunächst in den Verlauf der varicösen Fasern eingeschal-
tete Figuren, die allerdings nur als „abnorme Verdickungen"
bezeichnet werden konnten. Ausser diesen aber fanden
sich andere, die mehr als das waren. Sie stellten rund-
liche, längliche mit langen oder kurzen Ausläufern ver-
sehene Formen dar, die sich nicht von den anderwärts be-
schriebenen Langerhans 'sehen Zellen unterscheiden und
daher als solche anzusprechen sind. Dieselben fanden sich
meist in den unteren Lagen des Epithels, wo unzweifelhafte
Nerven nicht selten sich mit ihnen verbanden. Letztere
gelangten auf verschiedene Weise ins Epithel. Entweder,
aus der Tiefe emporsteigend und unter dasselbe gelangt,
bogen sie zunächst rechtwinkelig um und entsandten, dem
Epithel parallel verlaufend, Seitenzweige in dasselbe empor,
bis sie selbst unter nochmaliger rechtwinkeliger Umbiegung
ebenfalls eindrangen, oder sie stiegen senkrecht aus dem
Corneagewebe direkt in das Epithel auf. Gewöhnlich trat
zu einer Zelle nur eine Nervenfaser, doch sah ich auch,
wie eine Faser noch innerhalb des Corneagewebes sich in
zwei feinere Fibrillen spaltete, die beide zu einer Zelle
traten.
Mannigfach verzweigte Ausläufer sind auch im vor-
liegenden Objekt für die Langer hans 'sehen Zellen cha-
rakteristisch. Auch in Bezug auf Anastomosen finden
sich keine Abweichungen von anderen Objekten. Die
meisten Ausläufer sind nicht sehr lang, nur ein Theil durch-
setzt die ganze Dicke des Epithels, Sie sowohl, wie ihre
Seitenzweige enden einfach oder knopflförmig.
Auch in höheren Lagen des Epithels kommen die in
Beiträge zur Anatomie der Hautdecke bei Säugethieren. 341
Frage stehenden Zellen vor. Ihre nach unten entsandten
Ausläufer gehen zum Theil in unzweifelhafte Nerven über,
zum Theil in die oberen Ausläufer tiefer gelegener Zellen.
Wie an anderen Objekten wird sich natürlich auch
hier nicht für jede Zelle der Nervenzusammenhang nach-
weisen lassen, ebensowenig, wie sich zu jeder Nervenfibrille
die zugehörige Zelle demonstriren lässt.
Nach diesen Befunden hätten wir also für die Cornea
des Frosches und der Säuger Langerhans'sche Zellen
kennen gelernt, deren Lage im letzteren Objekt mit der
aus der Haut des Rumpfes bekannten übereinstimmt, insofern
sie nämlich in allen Schichten des Epithels gefunden
werden, während die Cornea des Frosches in sofern ab-
weicht, als die beschriebenen Zellen nur in der untersten
Epithellage gefunden werden.
Die Langer hans 'sehen Zellen sind von den Autoren
bis jetzt nachgewiesen worden in der menschlichen Haut,
in der Haut der Kuhzitze, in der Haut und Schleimhaut
des Uterus und Gaumens des Kaninchens; an den beiden
ersten Objekten gelang der Nachweis der Verbindung mit
Nerven nicht, bei allen den Kaninchen entnommenen Theilen
liess er sich geben. Die Zellen sind leicht mit Chlorgold
zu färben. Weniger geeignet erscheint die Osmiumsäure,
die mir in keinem Falle gute Bilder lieferte, auch wenn
Nerven reichlich sichtbar waren. Leydig brachte sich die
Körperchen mit Hülfe der Chromsäure zur Anschauung.
Es unterliegt natürlich keinem Zweifel, dass die ver-
zweigten Zellen sich auch bei allen anderen Säugern an
entsprechenden Theilen nachweisen lassen. Eine Auf-
zählung aller der Objekte, in denen ich sie antraf, wäre
daher überflüssig. Nur einige Besonderheiten führe ich an.
Wenngleich die von allen Autoren hervorgehobene
birnförmige Gestalt die bei weitem häufigere ist, so fehlen
doch auch andere Formen nicht. So war der Zellkörper
in der Epidermis des Schafschwanzes rundlich, oval, stab-
förmig gestreckt. Auch die dreieckige Form mit drei von
den Ecken entspringenden Ausläufern war nicht selten.
342 Hu^^o Ribbert:
Eine völlig bestimmte Lage hatten die Zellen nicht inne.
Sie fanden sich sowohl in den tiefern wie in den höheren
Lagen der Epidermis, was ich ausdrücklich hervorhebe, da
sie von einigen Autoren nur in die Höhe des Stratum pellu-
cidum verlegt werden. Der Formwechsel des Zellkörpers
war besonders ausgesprochen in den entfernter von der
Lederhaut liegenden Zellen. Die derselben näheren zeigten
meist eine birnförmige Gestalt, mit breiter Basis der Leder-
haut zugewandt, mit der Spitze zwischen die Epidermis-
zellen hineinragend. Von der Basis traten längere oder
kürzere Fortsätze in die Lederhaut, ohne dass bei dem
Mangel an gefärbten Nerven eine Verbindung mit solchen
nachzuweisen gewesen wäre.
Die zur Lederhaut senkrechte Richtung der Längs-
achse der birnförmigen an der Grenze des Epithels liegenden
Zellen war auch in der Kalbslippe, besonders in der Um-
gebung der Papillen klar ausgesprochen. Dasselbe Objekt
war ausserdem vorzüglich zur Demonstration der langen
varicösen Ausläufer geeignet, welche die Epidermis in allen
Schichten und Richtungen durchzogen.
Was die Vergoldung der Zellausläufer betrifft, so
stellten sich letztere nicht immer varicös dar. Häufig findet
man sie nur aus aneinandergereihten Punkten bestehend,
die ohne weitere Verbindung hintereinanderliegen. In
anderen Fällen fand ich sie ohne Varicositäten als glatte
Linien verlaufend, so in der Epidermis des Schafes, in
einzelnen Fällen in der Cornea und noch sonst an einigen
Orten. Aber gerade dass diese verschiedenen Formen in
unregelmässiger Weise bald hier bald dort vorkommen be-
weist, dass sie lediglich als verschiedene Vergoldungsresul-
tate aufzufassen sind, und dass vielleicht nur die varicöse
Form wegen ihrer weitaus grösseren Häufigkeit als der
Wirklichkeit entsprechend anzusehen ist.
In allen bis dahin angestellten Untersuchungen hatte
ich absichtlich nur pigmentlose Hautstücke verwandt. Dazu
war ich gekommen durch Bemerkungen der Autoren, die in
dem Pigment einen hindernden Faktor für die Untersuchung
sahen. Nun erhielt ich zufällig ein schwach pigmentirtes
Hautstück vom Schweineschwanz und hier fielen mir an frisch
Beiträge zur Anatomie der Hautdecke bei Säugethieren. 343
untersuchten Schnitten verzweigte Pigmentzellen in den tiefe-
ren Epidermislagen auf. Ich erinnerte mich einer Bemerkung
Eberth's^), der derartige Zellen auch aus der Kaninchen-
haut erwähnt, aber ebenfalls bemerkt, dass wegen ihres
Vorhandenseins pigmentirte Hautstücke zur Untersuchung
nicht geeignet seien, da leicht Verwechselungen zwischen
den Langer hansischen und den pigmentirten Zellen vor-
kommen könnten. Nun kam mir aber von vorneherein der
Gedanke, beide Arten von Zellen möchten identisch sein
und ich wurde in dieser Ansicht durch die oben erwähnten
Auseinandersetzungen Leydig's bestärkt. Dieser erwähnt
an gleicher Stelle auch, dass schon Schwalbe 2) ähnliche
Pigmentzellen mit Ausläufern, die anastomosiren und viel-
fach auch abgetrennt von den Zellen angetroffen werden,
aus den papillae circumvallatae des Schafes beschrieben
hat. Ich habe die Pigment- und Langerhans'schen Zellen
nun weiter verglichen und bin ebenfalls zu dem Resultate
gekommen, dass beide als identisch anzusehen sind. Es
geht dies aus folgenden Punkten hervor.
1) Lediglich in dem vorhandenen oder fehlenden Pig-
ment Grund zur Annahme der Verschiedenheit beider Zellen
zu finden, geht nicht an, weil dann ja, wie schon Leyd ig
bemerkt, dies auch einen Unterschied zwischen pigmen-
tirten und pigmentlosen Epidermiszellen bedingen mtisste.
2) Ein ebenfalls schon von Leydig angeführter Grund
für die Identität beider Zellen ist ihre gleiche Lage. Sie
werden meist in den unteren Epidermisschichten angetroffen.
Wenn aus Eberth's Bemerkungen hervorzugehen scheint,
dass nur die pigmentlosen Langerhans'schen Zellen in
höheren Lagen vorkommen, so kann ich dementgegen an-
führen, dass ich auch Pigmentzellen in gleich hohen Lagen
angetroffen habe.
3) Ferner führt Leydig an, dass beide Zellen hüllen-
lose Protoplasmaballen sind, die gleichmässiger Weise v^ari-
cöse anastomosirende Ausläufer aussenden.
4) Beide Zellen zeigen gleiche Reaktion gegen das
1) a. a. 0.
2) Arch. f. mikr. Anat. Bd. IV 1868 S. 159.
344 Hugo Ribbert:
Chlorgold. Schwierig ist das allerdings wahrzunehmen,
wenn das Pigment schon an sich eine dunkle Farbe, ähn-
lich der vergoldeter Zellen, hat. Wenn es dagegen hell-
bräunlich erscheint, ist die dunkelblaue Farbe des Chlor-
goldes nicht mit der durch das Pigment bedingten Farbe zu
verwechseln. Dieses ist ausserdem selten so gleichmässig in
dem Protoplasma vertheilt, dass es die durchaus gleich-
mässig dunkle Goldfarbe vortäuschen könnte. Eine Pig-
mentzelle, die gleichzeitig gefärbt ist, lässt sich von einer
gefärbten pigmentlosen Zelle nicht unterscheiden.
5) Mit der Annahme der Verschiedenheit beider Zellen,
wäre man dann auch, vorausgesetzt, dass man die Langer-
hans'sehen Zellen als allgemein verbreitete Gebilde an-
sieht, zu der unwahrscheinlichen Annahme gezwungen, dass
sich neben den Pigmentzellen auch noch andere pigment-
lose verzweigte Zellen fänden. Ferner würde man sich
die Frage vorzulegen haben: Verschwinden mit dem Pig-
ment einer Hautstelle zugleich auch die verzweigten Zellen,
in denen dasselbe abgelagert war, oder bleiben sie und
sind dann neben den Langerhans 'sehen Zellen noch
andere pigmentlose Zellen mit Ausläufern vorhanden, die
nicht zu Nerven in Beziehung stehen?, eine Frage die man
wohl nur im Sinne der Identität beider Zellenformen be-
antworten kann.
6) Endlich lassen sich zwischen den Zellen mit und
ohne Pigment alle Uebergänge nachweisen. Schon die
Zellen eines Schnittes zeigen einen Unterschied in der
Dichtigkeit des Pigmentes, der noch deutlicher auf Schnitten
verschiedener Objekte hervortritt. Andererseits finden sich
Zellen, die nur die ersten Spuren einer Pigmentablagerung
zeigen. So bemerkte ich sie in der Schleimhaut des Hunde-
gaumens. Bei oberflächlicher Betrachtung konnte ich von
verzweigten Zellen keine Spur entdecken. Bei schärferem
Zusehen fand ich jedoch feine Pigmentlinien, die sich weiter
verfolgt als Grenzsaum Lange rh ans 'scher Zellen darstellten,
deren Inneres von Pigment völlig frei war. Dasselbe war
nur in den Ausläufern und der Grenzschicht des Proto-
plasmas vorhanden. Ohne dasselbe würde die Zelle nur
durch Reagentien sichtbar geworden sein.
Beiträge zur Anatomie der Hautdecke bei Säugethieren. 345
Diese verzweigten Pigmentzellen wird man nun in mit
Pigment versehenen Hautstellen überall finden. Dasselbe
zeigt eine besondere Vorliebe für die Langerhans 'sehen
Zellen. Sogar wenn diese völlig mit Pigment durchsetzt
erscheinen wird man nicht selten vergeblich in den Epi-
dermiszellen danach suchen. Tritt es dann auch in diesen
auf, so findet es sich zuerst um den Kern abgelagert. Erst
wenn die Ablagerung noch allgemeiner wird, sind auch die
Epidermiszellen mit Pigment durchsetzt. Aber auch wenn
das in noch so hohem Grade der Fall ist, wird man die
verzweigten Figuren immer mit Leichtigkeit an ihrer
dichteren Pigmentirung erkennen. Durch Maceration in
35 % Kalilauge gelang es mir leicht, die fraglichen Zellen
mit ihren allerdings der grösseren Länge nach abgerissenen
Ausläufern zu isoliren.
An Grösse des Körpers und Beschaffenheit der Aus-
läufer, sowie an Zahl wechseln die Pigmentzellen vielfach.
Die Grösse des Zellkörpers steht bei Objekten desselben
Thieres meist im umgekehrten Verhältniss zur Höhe der
Epidermis, die Ausläufer im Verhältniss zu derselben. So sind
die später zu beschreibenden Pigmentzellen der Schweine-
schnauze bei der ausserordentlich dicken Epidermis mit
sehr langen, die des Schwanzes mit kurzen Ausläufern
versehen (Fig. 2 bei a), umgekehrt ist der Zellkörper hier
grösser als dort.
Die Ausläufer stellen sich meist als aus dicht anein-
andergereihten Pigmentkörnern bestehende Linien dar, die
erst durch Vergoldung des die einzelnen Körner verbin-
denden Protoplasmas als kontinuirliche, wenn auch vari-
cöse Fasern erscheinen. Dabei können die einzelnen Körner
mehr weniger weit von einander entfernt liegen, oft so
entfernt, dass sie nicht als zusammenhängende Linie impo-
niren. Diese Form der Ausläufer ist jedoch nicht immer
ausschliesslich vorhanden. In der Haut des Igels z. B.
traf ich Zellen an, deren Ausläufer breitere pigmentirte
Protoplasmabänder darstellten, die entweder einfach stumpf
oder mit keulenartiger Anschwellung endeten. Von diesen
breiteren Fortsätzen entsprangen nicht selten zahlreiche
feinere. Was die Zahl der Pigmentzellen angeht, so scheint
346 Hugo Ribbert:
sie mir in den unbehaarten Hautpartien durchweg grösser
zu sein als in den behaarten. Weniger zahlreich finden
sich die Zellen z. B. in der Haut des Kalbes, in der sie
noch in der Nähe der durchtretenden Haare am häufigsten
anzutreffen sind. Schon weit zahlreicher werden sie in
der wenig behaarten Haut des Schweines, noch zahlreicher
in der ganz haarlosen Schweineschnauze. Sehr verbreitet
traf ich sie ferner in der Epidermis des Schwanzstachels
der Katze. Was den Schwanz der Säuger überhaupt an-
geht, so wollte es mir scheinen, als ob die Pigmentzellen
an der Spitze desselben zahlreicher seien als in seiner
übrigen Haut, auch wenn er bis zur Spitze behaart war.
Dadurch gewinnt die Vermuthung Leydig's über den
Schwanz der Säuger als eines Tastorganes an Grundlage.
Was den behaarten Hautpartien an Zahl der Pigmentzellen
in der Epidermis abgeht, wird ihnen gewöhnlich durch die
grosse Anzahl der in der äusseren Haarwurzelscheide, der
direkten Fortsetzung der Epidermis, liegenden gleichen Ge-
bilde reichlich ersetzt. Ich habe die Zellen hier meist
ausserordentlich dicht liegend angetroffen, in nichts von
denen der Epidermis unterschieden. Auch pigmentlose
Langer hans 'sehe Zellen konnte ich mir hier durch Chlor-
gold leicht zur Anschauung bringen. Besonders schön
lassen sie sich auf Querschnitten der Haare demonstriren.
Wie ich schon bei der Zusammenstellung der Lite-
ratur anführte, hat neuerdings v. Mojsisovics aus der
Schweineschnauze Nervenendigungen beschrieben, die den
aus der Cornea von Cohnheim und Hoyer mitgetheilten
entsprechen. Die Nerven der Lederhaut dringen entweder
an der Spitze der Epidermiszapfen, oder erst, nachdem sie
in den sehr langen Papillen eine Strecke weit aufgestiegen
sind, in die Epidermis ein und verlaufen hier als varicöse,
verzweigte, anastomosirende Fasern. Wenn ich aber schon
für das Corneaepithel, das doch eine gewisse Ausnahme-
stellung gegenüber der Epidermis einnimmt, die Kesultate
der Autoren anzweifelte, so musste ich hier, wo wir es mit
gewöhnlicher Epidermis zu thun haben, diesen Zweifel in
Beiträge zur Anatomie der Hautdecke bei Säugethieren. 347
noch höherem Masse hegen. Und so war ich auch fest
überzeugt , dass v. Mojsisovics entweder die Zell-
körper, zu denen die varicöseu Fasern gehören mussten,
übersehen, oder dass auch hier das Chlorgold seine Schuldig-
keit nicht gethan hatte. Auch Leydig spricht über die
von V. Mojsisovics beschriebenen Endigungen seinen
Zweifel aus.
Nun erwähnt der Verfasser, dass er die häufig vor-
kommenden durch Pigment schwarz erscheinenden Schweine-
öchnauzen absichtlich bei seinen Untersuchungen über-
gangen habe. Da es mir nun auf Grund meiner Ausein-
andersetzungen über die verzweigten Pigmentzellen genügte,
wenn ich diese in meinem Objekt nachweisen konnte, so
war mein Augenmerk zunächst gerade auf die von v. Moj-
sisovics vermiedenen pigmentirten Schnauzen gerichtet.
In diesen fand ich Alles nach Wunsch.
Die gewöhnlichen Epidermiszellen des gedachten Ob-
jektes enthalten wenig Pigment. Die verzweigten Zellen
sind durch dasselbe leicht kenntlich (Fig. 4). Sie liegen
meist dicht an der Lederhaut, in die sie nicht selten ein
kleines Stück hineinragen. Am dichtesten trifft man sie
in der Spitze der Epidermiszapfen, oft dreissig und mehr
an der Zahl. Dementsprechend finden sich auch hier die
zahlreichsten Anastomosen ihrer Ausläufer. Letztere sind
von verschiedener Länge. Bei tiefer gelegenen Zellen sind
die nach unten sich erstreckenden kurz. Höher gelegene
Zellkörper haben oft nach oben und unten gleich lange
Ausläufer, die immer vielfach verästelt erscheinen. So lang
sie nun aber in einzelnen Fällen sein mögen, völlig genügt
ihre Länge nicht, um sie ohne Weiteres für identisch mit
den von v. Mojsisovics beschriebenen varicösen Fasern
anzusprechen. Dazu kommt, dass die Mitte der Epithel-
zapfen sowie die höchsten Epidermislagen keine Pigment-
linien enthalten, da die um die Papillen herumliegenden
Zellen nur kurze seitliche Ausläufer entsenden. Ich er-
klärte mir diese Abweichungen so, dass ich annahm, die
Ausläufer seien nur eine gewisse Strecke weit pigmentirt,
darüber hinaus schwinde alles Pigment oder es sei nur in
so grossen Abständen vorhanden, dass man nicht den Ein-
348 Hu^o Kibbert:
druck zusammenhängender Linien bekomme. Diese Ver-
muthung musste ich als bestätigt ansehn, als ich an ver-
goldeten Schnitten die Ausläufer nicht selten in der von
V. Mojsisovics für die varicösen Fasern beschriebenen
Ausdehnung verfolgen konnte.
Alles dies hatte ich aber nur an dem pigmentirten
Objekte gefunden. Für den, der an der Identität der Zellen
mit und ohne Pigment zweifelte, musste noch der Beweis
der Gegenwart Lan ge r ha ns 'scher Körperchen auch in
pigmentlosen Objekten erbracht werden. Es war nun auch
in der That nicht schwer, in derartiger Epidermis die ge-
wünschten Zellen aufzufinden und zu erkennen, dass sie
im Wesentlichen mit den beschriebenen Pigmentzellen tiber-
einstimmten.
Aber auch hier Hess mich das Chlorgold zuweilen im
Stich, indem es die gesuchten Zellen nicht färbte. Schon
daraus erklärte ich mir, dass v. Mojsisovics sie nicht
sah. Ein weiterer Nachtheil der Vergoldung ist der, dass
die Epidermiszellen, besonders in den der Lederhaut nahe
gelegenen Schichten, gerade also da, wo die Langer-
hans'sehen Zellen vorzüglich liegen, sich oft so bedeutend
färben, dass letztere nur bei genauerer Betrachtung aufge-
funden werden können. Dass v. Mojsisovics aber selbst
auch Andeutungen der fraglichen Gebilde sah, gesteht er
ein, nur glaubte er diesen Befund seiner Seltenheit und
Inconstanz wegen vernachlässigen zu dürfen.
Zum Schluss bleibt mir noch zu erwähnen, dass es mir
gelang an Schnitten einer pigmentirten Schweineschnauze
den Nervenzusammenhang verzweigter Zellen nachzuweisen.
Die Nerven der Lederhaut waren in reichlichster Menge
zu demonstriren und leicht bis zum Eintritt in das rete
Malpighii zu verfolgen.
Dieses war nun aber so intensiv gefärbt, dass ob-
gleich die Langerh ans 'sehen Zellen ihrer noch dunkleren
Farbe wegen nicht allzu schwer aufzufinden waren, die
Nerven sich nicht bis zur Vereinigung mit ihnen verfolgen
Hessen. Ich zog daher die von v. Mojsisovics ge-
rühmte 35 % Kalilauge in Anwendung, die nach seiner
Angabe auf vergoldete Schnitte so einwirkt, dass alle nicht
Beiträge zur Anatomie der Hautdecke bei Säugethieren. 349
nervösen Elemente zerstört werden und nur die nervösen
erbalten bleiben. Ein derartig günstiges Resultat konnte
ich nun nicht erzielen, aber immerhin hellte mir das Reagens
meine Schnitte genügend auf, um mir ein klares Bild des
Nervenzusammeuhanges zu liefern. Figur 5 giebt das Ge-
sehene wieder. Ein Nerv gab ziemlich nahe dem rete drei
feinere Zweige ab, von denen der mittlere sich mit einer
der Lederhaut naheliegenden Zelle verband, ein zweiter
erst nach längerem Verlauf in der Epidermis ein Langer-
hans'sches Körperchen erreicht. In den Verlauf des
dritten .schaltete sich, ehe er sich mit einer grössern Zelle
verband eine kleinere dreieckige ein.
ImUebrigen kann ich den Beobachtungen von v.Moj-
sisovics nichts Neues hinzufügen. Denkt man sich in
die von ihm beschriebenen varicösen Fasern innerhalb des
rete nahe der Lederhaut Langerhans 'sehe Zellen einge-
schaltet so erhält man ganz mit den meinigen überein-
stimmende Bilder.
Fassen wir kurz zusammen, was unter den mitge-
theilten Beobachtungen über die Endigung der Hautnerven
von besonderer Wichtigkeit ist, so verdienen folgende
Punkte hervorgehoben zu werden :
1) Alle in die Epidermis eintretenden Nerven enden
in Lang er hans 'sehen Zellen.
2) Die Langerhans 'scheu Körperchen finden sich
bald mit, bald ohne Pigment.
350 Ribbert: Beitr. z. Anatomie d. Hautdecek bei Säugethieren.
Erklärung der Abbildungen auf Tafel IX.
Fig. 1. Spitze des Katzenschwanzes. Zwischen den ausgebreiteten
Haaren das kegelförmige Schwanzende.
Fig. 2. Vertikalschnitt der Haut des Schweineschwanzes.
Bei a die verzweigten Pigmentzellen der Epidermis.
Bei b die Capillarknäuel.
Fig. 3. a) Horizontalschnitt d. vergoldeten Froschcornea Zwischen
den polygonalen Epithelzellen die Langerhans 'sehen
Körperchen.
b) Vertikalschnitt der Froschcornea. In der unteren
Epithellage die L an g er h ans 'sehen Körperchen.
Fig. 4. Vertikal schnitt der Haut der Schweineschnauze zur Demon-
stration der verzweigten Pigmentzellen.
Fio-. 5. Vertikalschnitt der vergoldeten Haut der Schweineschnauze
zur Veranschaulichung des Nervenzusammenhanges Langer-
hans'scher Zellen.
Versuch einer natürlichen Anordnung der Spinnen
nehst Bemerkungen zu einzelnen Gattungen.
Von
Dr. Ph. Bertkau in Bonn.
Der Grund, der mich zur Veröffentlichung dieses Ver-
suches in seiner unvollkommenen Gestalt veranlasst, ist
einmal die Ueberzeugung, dass ich in der nächsten Zeit
keine Gelegenheit haben werde, die Lücken auszufüllen,
die ich wegen mangelnden Materials nothgedrungen lassen
musste, und dann das Bestreben, an einem beschränkten
Material die Verwendbarkeit bisher ganz oder fast ganz
unberücksichtigt gebliebener Orgauisationsverhältnisse für
eine natürliche Systematik zu erläutern. So finden also
in dem Rahmen des nachfolgenden Systemes nur deutsche
Gattungen Platz ; von diesen dürften aber auch die meisten
die Nachbarschaft, in die ich sie verwiesen habe, wohl
nicht mehr wechseln. So richtig es nämlich einerseits ist,
dass eine befriedigende Anordnung einer Thiergruppe nur
das Resultat eines nach allen Richtungen hin ausgedehnten
Studiums sämmtlicher Mitglieder dieser Gruppe sein kann,
und so wenig daher dieser, ausschliesslich auf deutsche
Vertreter der Spinnen gegründete Versuch Anspruch erheben
kann, als endgültig abgeschlossenes System betrachtet zu
werden, so unzweifelhaft ist es andererseits, dass auch bei
einem beschränkten Material die Bedeutung gewisser Eigen-
thümlichkeiten im Bau des thierischen Körpers für eine
naturgemässe Anordnung hervortreten kann. Die aus-
ländischen Gattungen habe ich eben deshalb unberück-
sichtigt lassen müssen, weil ich gerade über die Verhält-
nisse, die ich bei der systematischen Anordnung als von
852 Ph. Bertkau:
hervorragendem Werthe habe kennen lernen, nichts erfahren
konnte. Es wird mir sehr lieb sein, wenn sich andere
Forscher, die im Besitze eines umfangreicheren Materials
sind, durch diesen Versuch veranlasst sehen werden, die
darin angewandten Principien auf ihre Haltbarkeit zu
prüfen.
Die Schwierigkeiten, die die Spinnen einer naturge-
mässen und übersichtlichen Klassifikation darbieten, liegen
in ihrer Organisation begründet, die einerseits auf einer
niedrigen Stufe äusserer Gliederung steht und andererseits
in den wenigen Tbeilen selbst nur geringe Unterschiede
zeigt. Ein Vergleich mit den Insekten wird sofort klar
machen, was ich meine. Während bei den Insekten der
Körper aus einer grösseren Zahl frei bleibender Metameren
besteht, die in ihren wechselnden Verwachsungsverhältnissen
ein treffliches Hülfsmittel der Klassifikation darbieten, ist
der Spinnenleib nur in zwei Abschnitte gesondert *). Der
Kopf entbehrt mit den Fühlern eines der Organe, das fast
in allen Insektenordnungen durch die Mannichfaltigkeit seiner
Gliederzahl und deren Form natürliche Familien begründet.
Von den Flügeln gilt dasselbe wie von den Fühlern. Aber
selbst in den Theilen, die der Spinnenleib besitzt und die
bei anderen Arthropodenordnungen wohl eine grössere
Mannichfaltigkeit zeigen, spricht sich bei den Spinnen eine
grosse Einförmigkeit aus. Die Zahl der Augen ist mit
wenigen Ausnahmen 8, und es zeigt sich, dass die Ver-
schiedenheit der Zahl bei der Aufstellung von Familien
von zweifelhaftem Werthe ist; die Mundtheile sind durch-
weg nach demselben Plane gebaut; das einzige Taster-
paar 5-, die Beine (mit sehr seltenen Ausnahmen) 7-gliedrig.
Nehmen wir nun noch die Spinnwarzen hinzu, so sind alle
die Theile genannt, die als von aussen sichtbar am ehesten
in Betracht kommen würden, aber hier für die Systematik
von zweifelhaftem Werthe sind, weil sie eben fast keine
Unterschiede zeigen.
1) Einige tropische Arten scheinen eine Ausnahme zu machen.
Vers, einer natürl. Anordnung der Spinnen nebst Bemerk, etc. 353
Ist nun eine solche Uebereinstimmung sehr geeignet,
eine Spinne sofort erkennen zu lassen, so bringt sie anderer-
seits die Schwierigkeit mit sich, den wenn auch nicht
grossen Formenreichthum dieser Ordnung in natürliche
Gruppen zu vertheilen. Da die äussere Gliederung zur
Lösung dieser Aufgabe wenig einlud, so griffen die Syste-
matiker zu Unterschieden, die sonst nur als Fingerzeig bei
der Aufsuchung der natürlichen Verwandtschaftsbeziehungen
benutzt zu werden pflegen: zu den Unterschieden in der
Lebensweise.
Schon Aristoteles hatte auf die verschiedene Art und
Weise aufmerksam gemacht, in der sich die Spinnen ihrer
Beute bemächtigen und die neuere Systematik bis auf die
jüngste Zeit hat z. Th. in erster Linie die Lebensweise
und Form des Gewebes bei der Klassifikation in Betracht
gezogen, wenn sich auch die Ansichten über den Werth
der so gewonnenen Kategorieen geändert haben und die-
selben von Unterfamilien zu Familien und sogar Unter-
ordnungen aufgerückt sind. Es würde den Plan vorstehender
Zeilen weit überschreiten, wenn ich mich auf eine Kritik
der verschiedenen neueren Systeme einlassen wollte, die
z. Th. in der Form von Verzeichnissen ^) neue Familien
aufführen, ohne deren Charaktere anzugeben, so dass man
die letzteren etwa aus den Gattungen, die sie umschliessen,
errathen muss, was oft in der That nicht leicht ist.
Obwohl nun von verschiedenen Araneologen ausge-
sprochen wird, dass mit der verschiedenen Lebensweise
und der verschiedenen Form des Gewebes eine Verschieden-
heit der inneren Organisation sich vereinigt finde, so sind sie
uns den Beweis dieser Behauptung doch schuldig geblieben,
und das Unzulängliche der bisherigen Systematik erhellt
am besten aus den durchaus schwankenden Ansichten, in
welche Familie die eine oder andere Gattung zu stellen
sei, mehr noch aber daraus, dass Gattungen, die in der-
selben Familie stehen, grössere Verschiedenheiten unter-
1) So E. Simon: Araneides nouveaux ou peu connus du midi
de l'Europe; (Memoires de la Societe Royale des Sciences de Liege.
(II) Tome IV und V). Cambridge: General List of the Spiders
of Palestine and Syria (Proc. Zool. Soc. London 1872 p. 212).
Archiv f. Naturg. XXXXIV. Jahrg. 1. Bd. 23
354 Ph. Bertkau:
einander zeigen, als mit Gattungen die in einer anderen
Familie, oder gar Unterordnung stehen.
Dieser üebelstand zeigt sich auch bei einem Werke,
das für die Bestimmung der Gattungen, durch die umfang-
reichsten Kenntnisse des Verfassers von der höchsten Be-
deutung ist, bei Thorell's On European Spiders. Nova
Acta Regiae Societ. Scient. Upsal. (III) Vol. VII. Da ich
dieses Werk als das wichtigste der in den letzten Jahren
über Systematik der Spinnen erschienenen betrachte, so
werde ich im weiteren Verlauf öfters Gelegenheit haben,
meine abweichenden Anschauungen zu begründen, und
brauche daher jetzt nicht weiter darauf einzugehen.
Bei dem folgenden Versuche habe ich mich bemüht,
alle mir bekannten Organisationsverschiedenheiten bei der
Diagnose der Unterordnungen und Familien zu berück-
sichtigen, dabei aber die Form des Gewebes nur im äusser-
sten Falle zu verwenden, weil dasselbe ja an dem todten
Objekt nicht mehr erkannt werden kann. Als ein von den
bisherigen Systematikern fast gänzlich vernachlässigtes
Merkmal habe ich die Athmungsorgane etwas mehr berück-
sichtigt, deren systematische Bedeutung ich bereits bei einer
früheren Gelegenheit ^) nachgewiesen habe. Ich will hier
ins Gedächtüiss zurückrufen, dass alle bekannten Spinnen-
arten auf der Unterseite des Abdomens 2 Stigmen besitzen,
die zu Fächertracheen (sog. Lungen) führen. Bei einigen
wenigen einheimischen finden sich hinter diesen beiden
2 ebensolche Stigmen % die entweder ebenfalls zu Fächer-
oder zu Röhrentracheen führen ; ich bilde aus diesen Arten,
1) Dieses Archiv. XXXVIII. I. p. 208 ff.
2) Es sei hier bemerkt, dass man unter dem Mikroskop an
verschiedenen Stellen der Haut (sowohl des Sternum als des Ab-
domens) einige quer oder schräg zur Längsachse des Körpers ge-
stellte Spaltöffnungen sieht, die wie ein kleines Stigma von einem
hornigen Saum umgeben sind. Bei aufmerksamerem Zusehen er-
kennt man, dass ein kleines, kegelförmiges Gebilde aus ihnen ent-
springt und sie sich dadurch als eigenthümliche Modifikation eines
Porenkanals mit Haar ausweisen. Weitere Mittheilungen über diese
Poren, an die mir ein Nervenast heranzutreten schien, behalte ich
mir vor.
Vers, einer natürl. Anordnung der Spinnen nebst Bemerk, etc. 355
die somit 4 Stigmen haben, die Unterordnung Tetrasticta ^).
Bei den meisten einheimischen Spinnen aber findet sich
hinter dem ersten Stigmenpaar eine einfache, mediane Quer-
spalte, bald breiter, bald schmäler, bald nahe bei den
Stigmen, bald (und das ist am häufigsten der Fall) den
Spinnwarzen genähert. Diese Spalte führt zu einem Tra-
cheensystem, das in seiner verschiedenen Entfaltung eben-
falls noch für die Systematik Verwendung finden kann.
(Es fehlt, soweit mir bis jetzt bekannt ist, ausser den Tetra-
sticta nur der Gattung Pholcus; s. unten.) Alle die Gat-
tungen, bei denen die Tracheenspalte entfernt von den Spinn-
warzen liegt, sind auch mit stark entwickelten Tracheen
versehen; bei denen, wo diese Spalte unmittelbar vor den
Spinnwarzen liegt, sind die Tracheen bald 4 (oder 2) ein-
fache Schläuche, bald verästelte, bald auch fast ebenso
hoch entwickelt wie bei den ersteren. In diesem Falle
verräth schon die bedeutendere Breite des Spaltes die
grössere Entfaltung des Tracheensystems, und man kann
sich bei zweifelhaften werthvolleren Objekten hiernach
richten.
Synoptische Uebersieht der Unterordnungen und Familien.
1 (3) Auf der Unterseite des Abdomens befinden sich
zwei Paar von Stigmen; Ovarien und Hoden sind ring-
förmig geschlossen, der Eingang zu den Samentaschen
ist eine einfache, unverhornte Querspalte unmittelbar vor
der Mündung der Oviducte; der Taster der Männchen
mit ganz oder zum grössten Theil verhorntem ^Bulbus,
dieser daher bei der Begattung ohne Formveränderung
(Subordo Tetrasticta) 2.
2 8 Augen. Alle 4 Stigmen führen zu Fächertracheen
(sog. Lungen); 6 Spinnwarzen; die vordersten Paare
sehr kurz, eingliederig, das hinterste Paar 3-gliederig
aufwärtsgekrümmt, auf der Unterseite mit Spinnröhren
versehen. Mandibeln horizontal vorgestreckt ; die Klaue
bewegt sich in einer Vertikalebene parallel der Längs-
1) Dem Principe nach fällt diese Unterordnung mit Dufour's
Äraignees quadripulmonaires zusammen.
356 Ph. ßertkau:
achse des Körpers; mehrere receptacula seminis
Farn. Atypidae.
Nur 6 Augen; die beiden hinteren Stigmen führen in
ein Tracheensystem, das aus 2 starken Hauptstämmen
und von denselben büschelig ausgehenden feinen Röhr-
eben besteht. Die (6) Spinnwarzen nahezu von gleicher
Grösse, eingliedrig, auf der Endfläche mit Spinnröhren
versehen ; Mandibeln vertikal oder schräg nach vorn ge-
richtet; die Klaue bewegt sich daher in einer zur Längs-
achse des Körpers quer oder schräg gestellten Ebene
und liegt in der Ruhe der Innenseite des Basalgliedes
auf; nur ein receptaculum seminis Farn. Dysderidae.
3 (1) Auf der Unterseite des Abdomens befinet sich nur ein
von hornigen Rändern umgebenes Stigmenpaar, das zu
Fächertracheen führt; in grösserer oder geringerer Ent-
fernung von demselben findet sich (mit Ausnahme von
Pholcus) eine einfache Hautspalte, die zu Tracheen führt;
Hoden und Eierstöcke zweischenkelig; (Eingang zu den
Samentaschen gewöhnlich auf einer verhornten Platte
mit 2 Oeffnungen; Tasterbulbus der Männchen meist
nur theilweise verhornt, zum grossen Theile aber die
Wand des Trägers elastisch und im Ruhezustand zu-
sammengelegt und z. Th. in dem letzten Tasterglied
verborgen) (Subord. Tristicta) 4.
4 (8) Vor den 6 hervorragenden Spinn warzen (zwischen
diesen und der Tracheenspalte) ein Feld, auf dem zahl-
reiche feine Spinnröhrchen stehen (cribellum); vorletztes
Glied der Hinterbeine an seiner nach aussen (und etwas
nach vorn gewandten) Seite mit 2 Reihen regelmässig
gestellter, gebogener Haare (calamistrum) besetzt (im
weiblichen Geschlecht) 5.
5 (7) Vor dem cribellum eine breite Querspalte, die zu
einem hoch entwickelten Tracheensystem führt . . 6.
6 Cribellum ein einziges, ungetheiltes Feld von beträcht-
licher Ausdehnung; Eingang zu den Samentaschen hinter
einem spitzigen Zipfel der Bauchhaut versteckt, Gewebe
ein Stück eines Radgewebes; Eier in einem langen,
röhrenförmigen Säckchen .... Farn. Uloboridae.
Cribellum in der Mittte durch eine Leiste in zwei sym-
Vers, einer natürl, Anordnung der Spinnen nebst Bemerk, etc. 357
metrische Hälften getheilt, oder, wenn ungetheilt, sehr
wenig entwickelt; Oeffnung der Samentaschen frei
liegend ; Eier in mehreren bikonvexen, runden Säckchen ;
Gewebe unregelmässig Farn. Dictynidae.
7 (5) Vor dem Cribellum eine enge Querspalte, die zu 4
einfachen Tracheenröhren den Eingang bildet . 7a b.
7a Cephalothorax rechteckig, vorn so breit, wie hinten,
vorn kugelig herabgewölbt ; die 4 Mittelaugen einander
genähert, die hinteren Mittelaugen die grössten; Seiten-
augen von einander und von den zugehörigen Mittel-
augen entfernt Farn. Eresidae.
7b Cephalothorax lang fünfeckig oder dreieckig, vorn
verschmälert; Augen in 2 Querreihen und die Seiten-
augen in der gewöhnlichen Entfernung von den Mittel-
augen Farn. Amaurobiidae.
8 (4) Nur 6 Spinnwarzen; Cribellum und Calamistrum
fehlen 9.
9 (24) Alle Augen von annäherend gleicher Grösse . 10.
10 (20) Zwischen den beiden Hauptkrallen findet sich eine
schwächere, schwächer gezähnte Nebenkralle . .11.
11 (17) Ein nur schwach entwickeltes Tracheensystem,
bestehend in (4, selten 2) einfachen Schläuchen; Tra-
cheenspalte daher schmal 12
Ohne alle Tracheen, daher auch keine Querspalte vor
den Spinnwarzen; je 3 und 3 Augen seitlich zusammen-
stehend Fam. Pholcidae.
12 4 Tracheenschläuche; Taster der Männchen mit zum
grössten Theil unverhorntem Träger, der in der Ruhe
zusammengerollt und z. Th. in dem letzten Tasterglied
versteckt ist 13.
2 Tracheenschläuche ; 6 Augen ; Taster der Männchen mit
ganz verhorntem lang fiaschenförmig gestaltetem Träger,
der sich über die Mündung des Samenbehälters als lange
fadenförmige Spitze fortsetzt . . . Fam. Scytodidae.
13 Die Mündung der Eileiter befindet sich fast in der Ver-
bindungslinie der Innenwinkel der Stigmen; der Eingang
zu den stark verhornten Samentaschen auf einer ver-
hornten Platte der äusseren Bauchhaut .... 14.
Die Mündung der Eileiter befindet sich in der Mitte
358 l^h Bertkau:
hinter den Stigmen; unmittelbar davor ist eine zweite
Spalte, die zu einer abgeplatteten Tasche fuhrt, aus der
die (3) Samentaschen entspringen Fam. Pachygnathidae.
14 (16) Alle Spinnwarzen kurz, zusammengeneigt . . 15.
15 Entfernung der vorderen Mittelaugen von dem Kopf-
rande grösser, als von den hinteren Mittelaugen ; Basal-
glied der Oberkiefer' ohne Basalfleck; verfertigen ein
unregelmässiges Gewebe .... Fam. Theridiidae.
Entfernung der vorderen Mittelaugen vom Kopfrande
kleiner (oder wenigstens nicht grösser) als von den
hinteren Augen; Basalfleck vorhanden; machen ein rad-
förmiges Gewebe Epeiridae.
16 (14) Hinterste Spinnwarzen länger als die übrigen,
zweigliederig Fam. Agalenidae.
17 (11) Höher entwickeltes Tracheensystem, bestehend aus
Hauptstämmen mit spiraiigen Verdickungsleisten und
büschelförmig davon abgehenden Röhrchen ... 18.
18 Alle Spinnwarzen kurz, nahe bei einander gestellt 19.
Die hintersten Spinnwarzen sehr lang, gegliedert; Spinn-
warzen etwas entfernt von einander Fam. Hahniidae.
19 Die zu den Tracheen führende Querspalte befindet sich
in der Mitte des Hinterleibes . Fam. Argyronetidae.
findet sich am Ende des Hinterleibes, dicht vor den
Spinnwarzen Fam. Micryphantidae.
20 (10) Keine Nebenkralle ausser den beiden Haupt -
krallen 21.
21 Dicht vor den Spinnwarzen eine kleine Querspalte, die
zu einem wenig entwickelten Tracheensystem führt.
(Die Tracheen sind entweder 4 einfache, oder baum-
artig, nicht büschelförmig verästelte Röhrchen ohne
Spiralfaden 22.
Hinter der Genitalspalte, beträchtlich vor den Spinn-
warzen findet sich eine breite Querspalte, die zu einem
hoch entwickelten, auch im Cephalothorax verbreiteten
Tracheensystem führt. (Tracheen baumartig verzweigt,
mit Spiralfaser) Fam. Anyphaenidae.
22 Zweites Beinpaar das längste 23.
Zweites Beinpaar nie länger als die übrigen
Fam. Drassidae.
Vers, einer natürl. Anordnung der Spinnen nebst Bemerk, etc, 359
23 Vier einfache Tracheenschläuche Farn. Micrommatidae.
Vier verästelte Tracheenschläuche . Fam. Thomisidae.
24 (9) Grössenimterschied zwischen den Augen beträcht-
lich») 25.
25 2 Krallen an den Füssen, daneben Federhaarbüschel;
Tasterkralle verkümmert ; vor den Spinn war zen eine an
beiden Ecken fast kreisrund erweiterte Spalte, die zu
einem wohl entwickelten Tracheensystem führt. Cephalo-
thorax rechteckig, vorn nicht verschmälert ; die vorderen
Mittelaugen am grössten, metallisch glänzend
Fam. Attidae.
Neben den beiden Hauptkrallen eine Nebenkralle; Taster-
kralle wohl entwickelt; 4 einfache Tracheenschläuche;
die 4 vorderen Augen sind fast von gleicher Grösse; die
hinteren Mittelaugen am grössten . Fam. Lycosidae.
1. Unterordn. Tetrasticta.
Ich stelle hier die alte Unterordnung Latr ei 11 e 's, die
Tetrapneumoues 2), in etwas erweitertem Umfang wieder
her. Eine Aenderung des Namens schien mir um so mehr
geboten, als die Bezeichnung Tetrapneumones srnf die Dys-
deriden nicht passen würde. Diese Modilication der alten
Eintheilung der Spinnen in Tetrapneumones und Dipneu-
mones scheint mir aber durchaus nothwendig, und wenn
Thor eil (On European Spiders p. 42 Anm. 2) es als eine
Errungenschaft ansieht, diesen Gegensatz verlassen zu haben,
so muss ich es gerade für einen wesentlichen Uebelstand
seines Systems halten, die alten Tetrapneumones mit den
einzelnen „Unterordnungen" der Dipneumones auf gleiche
Stufe gestellt zu haben, während sie doch nur der Ge-
sammtsumme dieser Unterordnungen d. h. den Dipneumones
selbst gleichwerthig sind. Denn wenn man auch über den
1) Diese Charakteristik der Vagabundae durch die Grössen-
unterschiede der Augen ist schon von Walckenaer (Tableau des
Araneides p. 1; Paris 1805) gegeben, nicht, wie Simon (Araneid.
nouv. etc. p. 8) zu glauben scheint, von ihm zuerst aufgestellt.
2) Araignees quadripulmonaires vonDufour, welcher, in dem
Glauben, Dysdera habe 4 sog. Lungen, diese Gattung mit dea
Mygaliden vereinigte.
360 Pb. Bertkau:
Werth und die Bezeichnung der verschiedenen systemati-
schen Kategorien zweifelhaft und verschiedener Ansicht
sein kann und nur das praktische Bedürfniss darüber ent-
scheidet, was als Familie, Unterordnung, Ordnung u. s. w.
gelten soll, so muss man dagegen von einem natürlichen
System verlangen, dass die als gleichwerthig bezeichneten
Gruppen in der That auch gleichen Werth haben, dass die
Unterschiede zwischen denselben annähernd gleich viel
wiegen. Dass dabei der Umfang dieser Gruppen manchmal
ein sehr verschiedener ist (wie hier z. B. die Tristicta
wohl mehr als dreissigmal so viel Arten enthalten wie die
Tetrasticta), ist ein Missstand, dessen Abänderung nicht in
der Macht des Menschen liegt und der jedenfalls geringer
anzuschlagen ist, als der eben gerügte.
Der Zuwachs, um den hier die Tetrasticta gegenüber
den Tetrapneumones vermehrt erscheinen, wird von Gattun-
gen aus der Familie der Dysderiden geliefert, deren nahe
Verwandtschaft mit den Tetrapneumones schon von ver-
schiedenen Araneologen erkannt worden ist*). Eine Ver-
einigung der Dysderiden mit den alten Tetrapneumones
scheint mir durchaus geboten. Nicht allein ist es die Vier-
zahl der Athmungsöffnungen, die diesen Spinnen allein 2)
zukommt, sondern auch die ringförmig geschlossene Ge-
stalt ^) der Geschlechtsdrüsen, (sowie die Einfachheit im
Bau der äusseren Begattungstheile, namentlich im männ-
lichen Geschlecht). Durch diese Verhältnisse sind sie von
den übrigen Spinnen scharf geschieden^), wozu noch die
verhältnissmässig geringe Entfernung kommt, um die die
1) So von Menge, Preuss. Spinnen, p. 299.
2) lieber Argyroneta, sowie die Dictynidae, Micryphantidae
und Attidae s. unten.
3) Ich habe mich bei Atypus, Dysdera, Segestria in beiden
Geschlechtern von der Ringform der Geschlechtsdrüsen überzeugt,
während ich in meinem „Generationsapparat" u. s. w. (dieses Archiv
XXXXI. 1. p. 235) noch keine Beobachtung über den Hoden einer
der genannten Gattungen gemacht hatte.
4) Suytodes (und Pholcus) in beiden Geschlechtern, Tetragnatha
und Pachyguatha im weiblichen Geschlechte näheren eich ihnen
einigermassen.
Vers, einer natürl. Anordnung der Spinnen nebst Bemerk, etc. 361
Allgen von einander abstehen ^). Dabei zeigt die „Familie"
der Teraphosoidae allein fast schon alle jene Verschieden-
heiten, die auch bei den Tristicta zu beobachten sind; wie
namentlich durch Äusserer^) gezeigt ist, so dass nicht
recht zu verstehen ist, warum z. B. die Krallenzahl hier
einen Grund für die Aufstellung einer besonderen Familie
abgeben soll, und dort nicht. Eine Eintheilung der Terri-
telariae in Familien hätte keine Schwierigkeit, da es sich
nur darum handeln würde, den von Äusserer aufgestellten
Gruppen den Werth von Familien und den schon z. Th.
vorhandenen Namen die Bedeutung von Familiennamen
beizulegen. Indem ich die Ausführung dieses Gedankens
dem Monographen dieser Unterordnung tiberlassen will,
greife ich ihm nur für die einzige einheimische Gattung.
Atypus, vor, auf welche ich die Familie der Atypidae
gründe.
(Es sei hier bemerkt, dass sowohl die Füistaüdae^ die
noch Simon (Aran. nouv. ou peu connus etc. p. 9), als
auch namentlich die Catadyso'idae, nicht in diese Unter-
ordnung gehören, obschon sowohl Thoreil (On Europ.
Spiders p. 43), als auch Simon (a. a. 0. p. 6) und Äusserer
(a. a. 0. p. 131) sie hier haben. Hentz^) betrachtete die
Gattung Catadysas, auf welche die Familie begründet ist,
als Untergattung von Mygale. Aus der kurzen Cha-
rakteristik ist über die natürlichen Verwandtschaftsbe-
ziehungen nicht viel zu entnehmen. Der Grund, weshalb
Hentz diese Gattung in nähere Beziehung zu Mygale
brachte, ist wohl der, dass die Klaue an den Mandibeln
sich abwärts einschlägt (Hentz legte bekanntlich auf die
Gestalt der Mandibeln ein sehr grosses Gewicht) und dass
die Palpen nahe am Ende der Maxillen articulieren. Doch
zeigt die Abbildung (Plate X. 16 oder Occ. Pap. Plat.
1) Ueber Catadysas Hentz siehe unten.
2) „Beiträge zur Kenntniss der Territelariae," Verhandl. Zool.-
Bot. Ges. Wien. XXI. p. 117 ff., und „Zweiter Beitrag" u. s. w.
ebenda XXV. p. 125 ff.
3) Araneides of the United States. Boston Journal of
Natural History. VI. p. 287 und Occasional Papers of the
Boston Society of Nat. History. II p. 160.
362 Ph. Bertkau:
XVII. 16) eine etwas schräge Artikulation, wie sie z. B.
auch bei Micrommata vorkommt. Die Abbildung verräth
in der Augenstellung, der Körpergestalt, den bestachelten
Vorderbeinen einen Repräsentanten der Micrommatiden oder
Philodrominae, und in eine dieser Familien resp. Unter-
familien wird wahrscheinlich Catadysas als einlache Gattung
gehören. Vielleicht steht sie auch zu Zora unter den
Drassiden in näherer Beziehung, was namentlich wegen
der langen Hinterbeine wahrscheinlich ist).
Unsere wenigen deutschen Arten dieser Unterordnung
sind demnach auf 2 Familien vertheilt, die der Atypidae
und die der Dysderidae. Es w^ürde sich vielleicht em-
pfehlen, die Atypidae nebst den übrigen bisherigen Tera-
phosoidae (und Liphistioidae Thor.) als Tetrapneumones
oder Territelariae in sine engere Verwandtschaft zusammen-
zufassen. Die ihnen gemeinsamen Unterscheidungsmerk-
male wären die 4 Fächertracheen, 8 Augen ^), 3-gliederigen
hinteren Spinnwarzen gegenüber den Dysderiden.
Da ich nicht weiss, wie viel von den Eigenthümlich-
keiten, die Atypus zeigt, den übrigen Atypidae zukommt,
so beschränke ich mich darauf, dieselben bei Atypus an-
zugeben.
A. Tetrapneumones (Territelariae).
1. Familie Atypidae mihi.
Die Maxillen lassen die Taster auf einer starken seit-
lichen Erweiterung am Grunde, nicht an ihrer Spitze,
gelenken. Mandibeln vorn ohne Zähne (nach Äusserer
a. a. 0. p. 132).
1. Gatt. Atypus Latr. (Oletera Walck.).
6 Spinnwarzen '^); das erste Paar sehr klein, das zweite
Paar grösser, das dritte lang, dreigliederig, aufwärts ge-
krümmt; die Unterlippe klein und mit dem Sternum ver-
1) Die 6-äugigeii Gattungen Pelecodon Dol. und Masteria
machen eine Ausnahme.
2) Die meisten Zoologischen Handbücher geben den Tetra-
pneumones im Allgemeinen nur 4 Spinnwarzen.
Vers, einer natürl. Anordnung der Spinnen nebst Bemerk, etc. 363
schmolzen. Basalglied der Mandibeln unten schneidig, mit
einer einfachen Reihe starker Zähne. Tasterkralle des
Weibchens stark und gezähnt; Beine mit 2 Haupt- und
einer Nebenkralle, ohne Scopula. Alle Krallen kräftig und
stark gekrümmt. Giftdrüse sehr klein, ganz am Ende des
Basalgliedes ^ der Mandibeln steckend. Die männlichen
Uebertragungsorgane sind eiförmig mit langer Spitze, durch
welche der in dem schlauchförmigen Samenbehälter befind-
liche Samen entleert wird; daneben ein« nach den Arten
verschieden gestaltete Platte, als eine der gewöhnlichen
Anhänge des Trägers. Die Samentaschen des Weibchens
sind zahlreich (13 — 14 jederseits), keulenförmig mit ver-
engtem Halse. Spermatozoen mit Kopf und Schwanz zu 4
in ein kleines, kugeliges Coenosperm vereinigt.
Von dieser Gattung sind aus Deutschland mit Sicherheit
drei Arten bekannt: A. piceus Subz., affinis Eichw., anachoreta
Auss. Eine vergleichende Diagnose dieser drei Arten hat
Fickert in der Zeitschrift für Entomologie (Herausgegeben
vom Verein für schlesische Insektenkunde zu Breslau), Neue
Folge, Sechstes Heft p. 99 f. gegeben, und nachdem ich
das Originalexemplar von A. anachoreta eingesehen habe,
zweifele ich nicht an der Selbständigkeit dieser von Thor eil
mit A. affinis Eichw. identificirten Art. Am längsten be-
kannt ist A. piceus (Sulz.) = Oletera Atypa Walck. ^). Die
Weibchen dieser Art graben an sonnigen Bergabhängen,
seltener auf ganz ebenem Boden, Röhren in der Erde, die
sie mit ihrem Gespinnst auskleiden. Das obere Ende der
Gespinnströhre, auf der Aussenseite mit kleinen Stückchen
von Moos-, Gras- oder Haidekrautstengeln verwebt und
dadurch seiner Umgebung ähnlich gemacht, liegt flach auf
dem Boden oder steigt an seinem Ausgange zwischen Gras
u. s. w. ein wenig in die Höhe. Ist die Röhre bewohnt,
so ist ihr Eingang bei Tage immer durch einige Fäden
zugezogen, so dass ihr Ende eine kegelförmige Spitze zeigt ;
im Grunde, den Kopf nach oben, sitzt die Spinne. Im
1) Die Grundzüge der Zoologie (III. Aufl.) von Claus
führen p. 586 die beiden Synonyma Atypus Sulzeri Latr. und Oletera
picea (Sulz.) als verschiedene Arten auf.
364 Ph. Bertkau:
Frühjahr sieht man häufig die Enden der Röhre ausge-
rissen und in Bruchstücken neben einer neu angelegten
Röhre liegen. Dann findet man auch sehr oft neben oder
vor dem Eingang kleine Erdhäufchen aufgeworfen *), so
dass wahrscheinlich ist, dass die Röhre tiefer und weiter
gemacht wird. Mitte Juni tritt mit der letzten Häutung
die Geschlechtsreife ein; die abgestreifte Haut liegt dann
vor der Wohnröhre, Von dieser Zeit ab (26. Juni, 3. Juli)
finden sich auch die Männchen. Mit Ausnahme eines ein-
zigen, das ich Mitte Juli todt auf dem Wege fand, habe
ich noch keines anders als bei dem Weibchen in dessen
Wohnröhre angetroffen -) ; beide sitzen friedlich bei einander.
Doch scheinen die Männchen weit seltener zu sein als die
Weibchen, da ich durchschnittlich auf 10 von Weibchen
bewohnte Wohnröhren nur eine mit Männchen und Weib-
chen antraft). Ob ein Männchen mehrere Weibchen be-
fruchtet, kann ich nicht angeben, gewiss ist aber, dass man
vom 20. Juli ab kein erwachsenes Weibchen mehr in seiner
Wohnröhre ohne Eiersäckchen findet. Diese Eiersäckchen
sind linsenförmig, in ein feines Gespinnst eingehüllt, das
sich oben und unten in einen bandartigen Stiel verlängert.
Die beiden Enden dieses Stieles sind an der Wand der
Wohnröhre befestigt, so dass das Eiersäckchen der einen
Seite der Röhrenwand dicht anliegt; die Stelle, an der es
befestigt ist, liegt 2—3 Zoll über dem Boden der Röhre.
1) Dieselbe Beobachtung raachte C. Dietze, mitgetheilt von
Dr. C. Koch im Zool. Garten. Frankfurt. XII. p. 330.
2) Koch giebt an, dass man die Männchen zur Paarungszeit
häufiger bei Tage langsam umher wandelnd antreffe. Beitr. zur
Kenntniss der Nassauischen Arachniden. Jahrb. d. Nass.
Vereins für Naturk. Jahrg. XXVIl u. XVIII. p. 198 und Lebens-
weise und Vorkommen einer centraleuropäischen Würg-
spinne, Atypus Sulzeri Latr., Zool. Garten, XII. p. 332.
3) In 7 Röhren, die ich vor Anfang Juni ausgrub, fand ich
ebenfalls nur Weibchen (vor der letzten Häutung stehend). Bekannt-
lich legen die geschle-chtsreifen Männchen der meisten Spinnenarten
kein Wohn- und P^'anggewebe mehr an ; doch glaube ich die erwähnte
Erscheinung eher aus der Seltenheit der Männchen als mit der
Annahme erklären zu müssen, dass auch die jungen Männchen
keine Röhre bewohnten.
Vers, einer natürl. Anordnimg der Spinnen nebst Bemerk, etc. 365
Im September sind die Jungen ausgeschlüpft, bleiben aber
noch in dem Säckchen, von der Mutter bewacht, um sich
erst später zu zerstreuen und selbst Röhren anzulegen.
Die zweite der bei Bonn beobachteten Arten ist A. affinis
Eichw., die zwar weniger bekannt, aber namentlich in Nord-
europa weiter verbreitet zu sein scheint als A. piceus.
Im Gegensatz zu letzterer Art, deren Männchen man fast
nur zur Begattungszeit (bei den Weibchen) auffinden kann,
wurden von dieser Art die Männchen sehr häufig frei um-
herschweifend gefangen, und zwar zu den verschiedensten
Jahreszeiten. Die eigentliche Zeit scheinen indess die Mo-
nate October und November zu sein, während welcher ich
in diesem Jahre gelegentlich 13 Stück aufi'and; am 6. Januar,
20. Mai, 6. Juni desselben Jahres hatte ich ebenfalls je ein
Exemplar gefunden und von Schwelm aus wurde mir durch
H.Arnold ein Exemplar zugesandt, das am 13. September
frei umherlaufend gefunden worden war. Im October 1874
endlich hatte ich ein Männchen dieser Art bei einem Weib-
chen ausgegraben; da ich damals indess diese Art noch nicht
kannte, so habe ich das Weibchen nicht weiter beachtet. Die
Weibchen der beiden Arten (und wahrscheinlich auch von
A. anachoreta) scheinen einander weit ähnlicher zu sein
als die leicht zu unterscheidenden Männchen, und es ist mög-
lich, dass die Beschreibungen mancher Araneologen beide
Arten mit einander verwechselt haben ; mit Sicherheit lässt
sich daher vorläufig ein Weibchen als zu der einen oder
anderen Art gehörig nur dann bestimmen, wenn man das
zugehörige Männchen bei ihm findet.
B. 2. Fam. Dysderidae.
6 Augen vorn auf dem Kopf, nahe bei einander;
4 Stigmen auf der Unterseite des Abdomens, zwischen den
vorderen die Genitalspalte. Die forderen Stigmen führen
zu Fächer-, die hinteren zu Röhrentracheen. Dicht vor der
Mündung der Oviducte befindet sich der Eingang zu dem
einzigen^), medianen Receptaculum seminis, an dem sich
1) Die Angabe Menge's (Preuss. Spinnen p. 30) von Samen-
taschen rauss auf einem Irrthum beruhen.
366 Ph. Bertkau:
ein schmälerer Anfangs- und breiter, sackäbnlich gestalteter
Endtheil unterscheiden lässt, welch letzterer gewöhnlich
gegen den ersteren umgeklappt ist. Geschlechtsdrüsen ring-
förmig; die Spermatozoen zu grösseren oder kleineren Coeno-
spermien vereinigt. Die Uebertragungsorgane der Männ-
chen einfach; der Träger grossentheils verhornt, das Lumen
des Samenbehälters weit. Bei der Begattung schiebt das
Männchen beide Palpen zugleich in die Samentasche ein
(bei Dysdera und Segestria beobachtet).
Die Familie der Dysderiden in dem mir bekannten
Umfange ist eine der am besten charakterisirten; ich rechne
zu ihr mit Bestimmtheit die Gattungen Dysdera, Ariadne,
Segestria, Harpactes und Oonops Templet.; ob Schoeno-
bates Blackw. ebenfalls dahin gehört, kann ich nicht ent-
scheiden.
(Besonders wichtig ist diese Familie wegen der Ein-
fachheit der männlichen Uebertragungsorgane, namentlich
bei der Gattung Segestria (vielleicht auch bei Oonops und
Schoenobates Pavesii Sim. ; s. unten), die erst das Ver-
ständniss der Rolle erschlossen hat, die der Paipusanhang
bei der Begattung spielt, worüber man meine früheren ^)
und die unten folgenden Angaben vergleichen möge. In
der That kenne ich ausser den selteneren Scytodes und
Atypus keine einheimische Art, die die Bedeutung der von
mir als Samenbehälter und Träger 2) bezeichneten Theile
klarer erkennen Hesse als Segestria und die Dysderiden
überhaupt. Ferner zeigen sich bei Segestria (bavarica) die
Spermatophoren oder Cönospermien in einer solchen Form,
dass ihre wahre Natur als Vielheit von Spermatozoen sofort
erkannt wird, und die andern Arten, bei denen dieselben
kleiner sind, führen dadurch zu jenen Bildungen hinüber,
wie sie bei den meisten Spinnen vorkommen, wo ein ein-
ziges Spermatozoid von einer glashellen Masse umgeben
ist und in diesem Zustande ruhende Kugeln (Kleisto-
1) Ueber den Generationsapparat der Araneiden ; dieses Archiv
XLI. I. p. 240 fif.; Sitzgsber. Niederrh. Ges. f. Natur- und Heilk.
Sitz, vom 19. Febr. 1877 p. 28 ff.
2) Generationsapparat p. 241 f.
Vers, einer natürl. Anordnung der Spinnen nebst Bemerk, etc. 367
Spermien) darstellt, die man so lange für die wahren
Spermatozoiden gehalten hat).
Früher hat man diese Gattungen, so weit dieselben
bekannt waren, zu den Tubitelen gestellt und auf die
nahe Verwandtschaft mit den Drassiden hingewiesen. Um
nicht weiter zurückzugehen: West ring in seinen Araneae
suecicae p. 299 hat sie unter der Familie Drassidae, Menge
in den Preuss. Spinnen p. 297 zwischen Agalenidae und
Drassidae*), Thoreil (On European Spiders p. 152) hinter
den Drassidae, zwischen dieser Familie und den Filista-
tidae; Lebert in: die Spinnen der Schweiz (Neue Denk-
schriften der allgemeinen schweizerischen Ges. für die ge-
sammten Naturwissenschaften. Bd. XXVII. Abth. IL) p. 200
wieder mit den Agaleniden und Drassiden in einer Familie.
Forscht man nun nach dem Grunde dieses Verfahrens, so
kann ich keinen anderen finden, als dass Dysdera mit
Drassus-arten eine oberflächliche Aehnlichkeit und Segestria
(wie die zu den Agaleniden gestellte Gattung Amaurobius)
ein röhrenförmiges Gewebe mit trichterförmig erweiterter
Oeffnung macht. Der Bau dieser Spinnen ist aber ein von
den Drassiden und (so weit wir bis jetzt wissen) von allen
übrigen (die Territelariae ausgenommen) so abweichender,
dass es sich nur, so lange man von ihnen nichts weiter
wusste, als dass sie 6 Augen haben, entschuldigen Hess,
wenn man sie als Familie in die Unterordnung der Tubi-
telen, oder gar als Unterfamilie zu den Drassiden rechnete.
Die deutschen Gattungen lassen sich nach folgendem
Schema unterscheiden :
1. Die Mittelaugen stehen mit den hinteren Seitenaugen
in einer Linie 2
Die Mittelaugen stehen mit den vorderen Seitenaugen
in einer Linie Gatt. Segestria.
2. Mandibeln senkrecht gestellt .^ 3.
Mandibeln schräg, fast horizontal gerichtet Gatt. Dysdera.
1) Menge weist allerdings auf die nahe Verwandtschaft von
Dysdera mit Ätypus hin; Thoreil trägt dieser Verwandtschaft
wenigstens insofern Rechnung, als er auf die Dysderiden die früher
zu den Mygaliden gestellten Filistatiden und auf diese die Territe-
lariae folgen las st.
368 Ph. Bertkau:
3. Eine Nebenkralle an den Füssen, (Augen von ungleicher
Grösse) Gatt. Harpactes.
Nur zwei Krallen an den Füssen; (Augen von gleicher
Grösse) . Gatt. Oonops.
1. Gatt. Segestria. Die Männchen dieser Gattung
haben das Endglied des Tasters einwärts geschlagen, so
dass die lange von dem Ende des Samenbehälters durch-
bohrte Spitze des Trägers bis zum Hüftglied des ersten
Beinpaares reicht. Am 17. Mai 1875 fand ich ein sol-
ches Männchen (von Seg. bavarica, und später wiederholt
von dieser Art und von S. senoculata) mit angezogenen
Beinen an einem Faden von der Decke herabhängen. Dabei
machte es mit den Palpen von Zeit zu Zeit Bewegungen,
die die Spitze des Trägers dem Htiftgliede des ersten Bein-
paares näherten. Da hier nun ein dunkleres Pünktchen
sichtbar ist, so glaubte ich eine Zeit lang, die Hoden
mündeten bei dieser Art an der angegebenen Stelle^) und
die beschriebenen Bewegungen hätten den Zweck, den
Samenbehälter mit Sperma zu füllen. Doch habe ich mich
später davon überzeugt, was von vornherein wahrscheinlich
war, dass bei den Männchen dieser wie aller anderen
bekannten Spinnen die Hoden am Anfang des Hinterleibes
münden. Da nun Scytodes thoracica, deren Taster in ähn-
licher einfacher Weise gebildet ist, denselben ebenfalls
unter die Brust schlägt, und da bei einer Ablösung des-
selben stets einige Coenospermien aus der grossen Oeffnung
hßrvorquillen, so halte ich es für wahrscheinlich, dass diese
Haltung der Taster den Zweck hat, das Austreten des
Samens zu verhindern ^j.
In den allgemeinen Verhältnissen der üebertragungs-
organe der Männchen und der Samentaschen der Weibchen
zeigt sich bei den mir bekannten Arten dieser Gattung
1) Ich habe diese Vermuthung in der Herbstversammlung des
Naturh. Vereins d. preuss. Rheinl. u. Westf. am 4. October 1875.
Correspondenzbl. p. 107. ausgesprochen.
2) Eine genaue Darlegung der Verhältnisse kann ich allerdings
nicht machen ; wahrscheinlich aber wird der Blutzufluss, der bei der
Begattung, also bei dem Austreiben des Samens ganz unzweifelhaft
in erster Linie wirkt, dadurch abgesperrt.
Vers, einer natürl, Anordnung der Spinnen nebst Bemerk, etc. 369
eine grosse Uebereinstimmung ; bei S. senoculata ist der
Träger in eine sehr lange Spitze ausgezogen (Fig. 1); bei
Seg. florentina ist dieselbe kürzer und bei S. bavarica am
kürzesten. Ein erheblicherer Unterschied ist zwischen den
Coenospermien dieser Arten hervorzuheben. Während die-
selben nämlich bei Seg. bavarica sehr gross sind und
60 — 100 Spermatozoiden enthalten^), sind sie bei Seg.
senoculata klein und enthalten meist nur 4 Spermato-
zoiden, oft auch nur 3. (Fig. la) (S. florentina scheint
hinsichtlich der Coenospermien die Mitte zwischen beiden
deutschen Arten zu halten; doch Hess sich an Spiritus-
exemplaren dies nicht mit Sicherheit erkennen,)
2. Gatt. Dysdera. Der Taster der Männchen ist haupt-
sächlich dadurch von dem von Segestria unterschieden,
dass der Träger gegen das Ende hin seine hornige Wan-
dung gegen eine elastische verliert; der Samenbehälter ist
namentlich in seinem unteren 'Theile geräumig weit; die
Coenospermien wie bei Seg. senoculata, die einzelnen
Spermatozoiden mit kleinem Kopf und langem Schwanz 2).
Die Samentasche der Weibchen ist herzförmig gestaltet;
vorn, wo der engere Hals sich verbreitert, mit 2 Horn-
leisten (Fig. 6).
3. Bei Harpactes Hombergii ist der Träger cylindrisch,
sein abgestutztes Ende mit 2 flügelähnlichen Platten, die
das kurze Ende des Samenbehälters (Eindringer) zwischen
sich nehmen (Fig. 2). Die Coenospermien sind auch hier
klein mit vier Spermatozoiden; die Samentasche ist einfach
kugelig oder linsenförmig mit sehr kurzem Halse.
4. Die systematische Stellung der Gattung Oonops
scheint noch als zweifelhaft betrachtet zu werden. Thor eil
(On Europ. Spiders p. 158) bekennt, dass er die Gattung nur
auf die Autorität Black wall 's hin zu den Dysderiden ge-
stellt habe, da er sich an den theilweise zerstörten Exem-
plaren von der Existenz von 4 Stigmen nicht habe über-
1) Vergl. Fig. 4 auf Taf. VII zum „Generationsapparat".
2) Leydig bildet die Sperraatozoen von Dysdera als spindel-
förmig mit einem Hautsaum ab; Müller's Archiv 1855. Taf. XVII.
Fig. 41b. und Histologie p. 534. Fig. 261. F b.
Archiv f. Naturg. XXXXIV. Jahrg. 1. Bd. 24
StÖ Ph. Bertkau:
zeugen können; Cambridge (General List of the Spiders of
Palestine and Syria etc. in Proc. Zool. Soc. London. 1872
p, 224) sagt von seinem Oonops punctatus (einer Art, die
übrigens in der Tasterbildung von der Type der Gattung,
0. pulcher, erheblich abweicht): The spiracular openings
are (as far as I could ascertain, though I am not certain
upon the point) four in number; diese Bemerkung kann
bei ihrer Unbestimmtheit um so weniger ins Gewicht fallen,
als es, wie erwähnt, zweifelhaft ist, ob die Art der Gattung
Oonops angehört. Simon (Araneid. nouv. etc. p. 41 ff.)
spricht die Ansicht aus, dass diese Gattung sich von dem
normalen Typus der Dysderiden sehr weit unterscheide, um
eine besondere Unterfamilie (die dann auch wohl Schoeno-
bates Pavesii Sim. umfassen würde), daraus zu bilden, ja,
sie vielleicht sogar von den Dysderiden zu entfernen; ein
zweites Stigmenpaar hat auch er nicht sehen können. —
Die übrigen Organe näheren, nach der Ansicht Simon 's
Oonops den Scytodidae (auch Thor eil glaubte eine An-
näherung an diese Familie wahrzunehmen): les cheliceres
sont petites, verticales ä crochets faibles; . . . .; le membre
male tient un peu des deux types, cependant la longue
pointe sötiforme qui prolonge le bulbe, montre plus d'ana-
logies avec le type Scytodes.
Bei dieser Ungewissheit, die über die systematische
Stellung dieser Gattung herrscht, war es mir daher in hohem
Grade erwünscht, als ich durch die Freundlichkeit des
Herrn Dr. van Hasselt Gelegenheit fand, ein Weibchen
von Oonops pulcher Tempi., dem Typus der Gattung, zu
untersuchen. Dabei stellte sich denn unzweifelhaft heraus,
dass diese Gattung zu den Dysderiden gehört. Sie hat
nämlich allerdings 4 Stigmen, und die hinteren führen zu
Tracheen, deren Verlauf und Verbreitung ich freilich nicht
habe verfolgen können. Die Hauptstämme sind ziemlich
lang und verästeln sich im Hinterleibe nicht (lösen sich
aber wahrscheinlich im Cephalothorax in ein Büschel
feiner Fäden auf). Die Struktur ihrer Wand ist ähnlich
der von Dictyna, doch sind die Spiralleisten und Höcker
etwas feiner und die ersteren weiter von einander entfernt.
Zwischen dem vorderen Stigmenpaar befindet sich die
Vers, eiuer natürl. Anordnung- der Spinnen nebst Bemerk, etc. 371
Genitalspalte, in die die Eileiter münden; es findet sich
auch bei dieser Gattung wie bei den anderen Dysderiden
nur eine Samentasche; dieselbe ist kugelig gestaltet mit
langem, etwas verschlungenem Halse und mündet auf einer
kleinen Erhöhung an der vorderen Wand der erwähnten
Hautfalte aus (Fig. 8). Während somit die weiblichen
Theile eine Aehnlichkeit mit Harpactes zeigen, sind die
Uebertragungsorgane des Männchen (nach der Zeichnung
BlackwalTs wenigstens in seinen Spiders of Great Britain
andireland. PI. XXIX. Fig. 271 d. e.) denen von Segestria
sehr ähnlich gebildet. Mit Scytodes haben dieselben nur
eine oberflächliche Aehnlichkeit, da bei dieser Art der
Samenbehälter seitlich ausmündet und die „longue pointe
setiforme qui prolonge le bulbe" bei Scytodes eine solide
Fortsetzung des Trägers ist; vgl. unten bei Scytodes.
Da nun die Gattung Oonops eben auf die analysierte
Art gegründet ist, so ist kein Zweifel daran, dass sie eine
Dysderide ist ; sollten andere Arten erhebliche Abweichungen
zeigen, so würden sie eben nicht zu Oonops gehören. Dies
scheint mir z. B. mit Oonops punctatus Cambr. ^) der Fall
zu sein, der als Dysderide nur seiner geringen Grösse nach
Oonops näher steht, während die Palpen des Männchens
eine total verschiedene Form aufweisen (Cambridge selbst
vergleicht sie mit denen von Dysdera erythrina); diese Art
wird wohl einen anderen Gattungsnamen zu bekommen
haben.
Wie es mit der Gattung Schoenobates zu halten ist,
kann ich nicht sagen. Bekanntlich ist das einzige Exem-
plar, auf welches Black wall diese Gattung (und Art,
S. Walkeri) gründete, in Canadabalsam aufbewahrt und
zerquetscht; die Angaben über die Zahl der Augen und
über die Struktur der Palpen sind einerseits zu unvoll-
ständig, um ein sicheres Urtheil zu gestatten, und anderer-
seits würden diese Charaktere allein nicht entscheidend sein.
Dagegen scheint mir Seh. Pavesii Sim. mit Sicherheit in
vorstehende Familie zu gehören; hier ist aber eben die
1) General List of the Spiders of Palestine and Syria etc.
a a, 0. p. 224.
372 Ph. Bertkau:
Frage, ob die Art in die Gattung Schoenobates gehört;
Cambridge, dem Simon Exemplare mitgetheilt hatte,
glaubt, wenn ich eine Bemerkung Simon 's (a. a. 0. p. 42)
richtig verstanden habe, dass die Art zur Gattung Oonops
zu rechnen sei.
Wie in anatomischer Hinsicht, sp zeigt nun die Familie
der Dysderiden auch mit Bezug auf die Begattung eine
Eigenthümlichkeit, die (ausser bei Scytodes) bei anderen
Spinnen nicht beobachtet ist; ich meine das gleichzeitige
Einführen beider Copulationsorgane in die Samentasche,
was hier um so mehr überraschen muss, als die Samentasche
in der Einzahl vorhanden ist. Da dieser Modus mir
interessant genug scheint, so will ich hier die Begattung
von Segestria und Dysdera mittheilen.
Ich brachte beide Geschlechter von Segestria bavarica
(am 13. Mai 1877) zusammen; sofort kroch das Männchen
unter den Leib des Weibchens und fasste denselben mit
seinen Mandibeln an dem schmalen Stiel zwischen Cephalo-
thorax und Hinterleib; aus der Mundöifnung ergoss sich
eine helle Flüssigkeit, die die ganze Gegend um die Geni-
talspalte herum benetzte ^). Die Taster waren im Vergleich
zu ihrer gewöhnlichen Stellung ungefähr um 90<* um ihre
Axe gedreht, so dass der Bulbus, der sich sonst an der
Unterseite findet, jetzt die Innenseite einnahm. Dabei
waren sie etwas gekrümmt und machten ein- und auswärts
drehende Bewegungen, die dazu führten, dass die feinen
Spitzen in die Spalte eindrangen. Von diesem Momente
1) Das Einspeicheln des Samens ist von Menge oft beob-
achtet und beschrieben worden. Die Flüssigkeit stammt jedenfalls
aus den traubenförmig gebauten Drüsen, die ihr Entdecker, Was-
mann, als Speicheldrüsen deutete und bei Mygale in einer Spalte
der Oberlippe münden Hess ; ich sehe sie bei unseren einheimischen
Arten vorne in den Schlund, auf desoen Unterseite münden. Warum
diese Drüsen, wie Gegenbaur will, nicht das Homologon der
Insectenspeicheldrüsen sein sollen, dieses vielmehr durch die Gift-
drüsen dargestellt werden soll, sehe ich nicht ein. Ebenso unver-
ständlich ist mir, wenn Grab er (Insecten. I. p. 60 Anm.) die bisher
vergeblich gesuchten Speicheldrüsen der Spinnen in
einzelligen, flaschenförmigen Drüsen, die auf einer Platte der Unter-
kiefer ausmünden, gefunden haben will.
Vers, einer natürl, Anordnung der Spinnen nebst Bemerk, etc. 373
an hörten die regelmässigen Bewegungen auf; das Weib-
chen verhielt sich mit angezogenen Beinen während der
ganzen Zeit ruhig. Versuche, das Paar in eine andere Lage
zu bringen, führten dazu, dass das Männchen die gewöhn-
liche Stellung, auf dem Boden sitzend, aber mit etwas er-
hobenem Vorderleibe annahm, und das Weibchen senkrecht
in die Luft hielt, wobei allerdings die Hinterleibsspitze sich
auf den Boden stützte. Während der ganzen Zeit war der
Tasterbulbus so gerichtet, dass seine Längsachse mit der
des Körpers des Weibchens zusammenfiel und die Spitze
natürlich nach vorn sah und sich so in den engen Ein-
führungsgang der Samentasche hineinschieben konnte.
Ebenso habe ich die Begattung von Dysdera (rubi-
cunda?) wiederholt wahrgenommen. Das Männchen hatte
seine 3 vorderen Beinpaare von unten her über den Cephalo-
thorax des Weibchens zusammengelegt; seine Längsrichtung
war senkrecht zu der des Weibchens, so dass es eigentlich
auf dem Kopfe stand, wenn, was bisweilen geschah, das
Weibchen auf den Rücken zu liegen kam. Die ausge-
breiteten Mandibeln hatten auch hier das Weibchen unge-
fähr am Hinterleibsstiel gefasst und beide Palpen waren
zu gleicher Zeit in Thätigkeit. Die Genitalspalte war weit
geöffnet, und die Palpen wurden, während das Ende des
Bulbus in derselben steckte, in gleichsam bohrender Be-
wegung aus- und einwärts gedreht ; auch hier waren sämmt-
liche Theile von einer aus der Mundöffnung strömenden
klaren Flüssigkeit vollkommen nass. Das Paar Hess sich
dadurch nicht stören, dass ich es in die Hand nahm; um
genauer sehen zu können, fasste ich das Weibchen bei den
ausgestreckten Vorderbeinen und legte es auf den Rücken,
wobei ich die beschriebenen Vorgänge in aller Deutlich-
keit sehen konnte.
Bei Harpactes Hombergii habe ich wenigstens den
Versuch einer Begattung beobachtet, der mich vermuthen
lässt, dass auch diese Art beide Palpen zu gleicher Zeit in
das Receptaculum Seminis einführt, und so ist es denn
wahrscheinlich, dass alle Dysderi den diese Eigenthümlich-
keit zeigen, die mir unter den übrigen Spinnen nur bei
Scytodes bekannt geworden ist.
37 i Ph. Bert kau:
Ich habe bei der Beschreibung der Einzelheiten dieser
Familie deshalb so lange verweilt, weil ich zeigen wollte,
wie weit die Unterschiede derselben von den übrigen
Spinnen gehen. In der Einzahl der Samentasche stehen
die Dysderiden ganz allein da; im übrigen Generations-
apparat und in der Vierzahl der Athmungsorgane näheren
sie sich den Territelariae, mit denen ich sie deshalb in
eine Unterordnung vereinigt habe. (Je mehr Einzelheiten
wir kennen, um so leichter wird es, die verwandtschaft-
lichen Beziehungen zu beurtheilen und ich möchte desshalb
bezweifeln, ob die von Cambridge^) aufgestellte Familie
der Tetrablemmiäae zwischen den Oecobiidae und Dysde-
ridae ihren natürlichen Platz findet. Die Abbildung lässt
nur zwei Stigmen sehen; der männliche Palpus ist aller-
dings einigermassen dem der Dysderiden ähnlich, was in-
dessen nichts beweist; den Besitz von nur 4 Spinnwarzen
haben sie mit einer grossen Zahl von Territelarien gemein-
sam, obgleich sie wieder dadurch von denselben verschieden
sind, dass diese 4 Spinnwarzen gleich gross sind u. s. f.).
2. Unterordn. Tristicta.
In dieser Unterordnung vereinige ich alle einheimische
Spinnen mit Ausnahme derAtypiden und Dysderiden. Ihr
gemeinsames Kennzeichen ist dies, dass sie nur ein Paar
Athmungsorgane haben und dahinter, in grösserer oder
geringerer Entfernung, eine einfache Querspalte, die zu
einem Tracheensystem von verschiedener Ausbildung führt,
und dass ihre Geschlechtsdrüsen nicht ringförmig, sondern
zweischenkelig sind. Die weitaus grösste Zahl der ein-
heimischen Spinnen gehört in diese Unterordnung, und
darin mag wohl der Hauptgrund liegen, dass sie am voll-
ständigsten in Familien (oder sogar Unterordnungen) zer-
legt ist. Wenn ich mich gleichwohl zur Aufstellung einiger
neuer Familien entschlossen habe, so geschah dies desshalb,
weil ich bei manchen Gruppen von Gattungen Unterschiede
bemerkte, die mir mindestens eben so erheblich zu sein
1) On some new Genera and Species of Araneida. Proc. Zool.
Societ. London 1873. p. 114. PI. XII. Fig. 1.
Vers, einer natürl. Anordnung der Spinnen nebst Bemerk, etc. 375
schienen, wie die zwischen manchen anerkannten Familien
bestehenden. Sollte es sich herausstellen, dass durch eine
weitere Verfolgung des hier angenommenen Princips bei
exotischem Material eine zu grosse Zersplitterung herbeige-
führt wird, so würde eine allgemeine Reduction der bis-
her geltenden Familien nothwendig werden. Obwohl die
Namen der meisten Familien die alten sind, so ist doch,
mit einziger Ausnahme der Attidae, ihr Umfang ein anderer.
3. Fam. Drassidae.
8 Augen *) in 2 oder 3 Reihen (2, 4, 2), nur zwei Krallen an
den Füssen, mit 3 an Länge wenig verschiedenen Spiunwarzen-
paaren und ohne Calamistrum, zweites Beinpaar nie das längste;
vor den Spiunwarzen eine Querspalte, die zu 4 einfachen Tracheen-
schläuchen führt.
Den Charakteren dieser Familie, wie sie ihr Mono-
graph, L. Koch angegeben hat 2), habe ich nur den von
den Tracheen hergenommenen hinzugefügt, wodurch Any-
phaena von dieser Familie ausgeschlossen ist. Habituell
und in ihrer Lebensweise zeigen die Mitglieder derselben
einige Mannichfaltigkeit und vielfache Anklänge an andere
Familien. Phrurolithus erinnert z. B. an die Theridiiden,
und von C, L. Koch wurden in der That einige Phruro-
lithusarten beschrieben, die jetzt als Lithyphantesarten bei
den Theridiiden stehen; Chiracanthium ähnelt etwas den
Epeiriden ; Zora erinnert an die Lycosiden, Liocranum und
Agroeca an die Agaleniden, wozu letztere von Thor eil
auch gestellt wird, Drapeta an die Philodromiden. Von
deutschen Gattungen sind demnach hierhin zu rechnen:
Gnaphosa Latr., Prosthesima L. Koch, Micaria Westr.,
Drassus Walck., Phrurolithus C. L. Koch, Clubiona Latr.,
Liocranum L. Koch, Trachelas L. Koch, Chiracanthium
C. L. Koch, Agroeca Westr., Zora C. L. Koch, Apostenus
Westr., Drapeta Menge.
L. Koch giebt (Drassiden, p. 2 und 6) alsGattungs-
1) Die systematische Stellung der sechsäugigen Gattung Thysa
Kempelen ist zweifelhaft.
2) Die Arachniden-Familie der Drassiden (Nürnberg. Heft
I— VII). p. 1.
376 Ph. Bertkau:
diagnose von Gnaphosa (= Pythonissa) an, dass der untere
Falzrand der Mandibeln eine gezahnte Platte darstelle.
Diese Bildung ist so zu erklären, dass die Zähnchen, die
wie gewöhnlich den Falzrand besetzen, sehr klein und
zahlreich und an ihrer Basis mit einander verschmolzen
sind; so wenigstens schien es mir bei G. lucifuga, der
einzigen Art, die ich auf diese Bildung habe untersuchen
können. Demnach ist die Bildung bei G. nocturna, die
schon L. Koch als Ausnahme anführt, wesentlich ver-
schieden: hier findet sich ein einziger, sehr langer
und etwas gebogener Zahn, dessen Rand auch keine
Spur einer Zähnelung aufweist. Da nun ferner bei dieser Art
die hintere Augenreihe gerade ist und somit auch das ältere
Merkmal nicht zutrifft, so wird sie wohl aus der Gattung
Gnaphosa entfernt werden müssen. (Aehnlich scheint es
mit Gn. variana zu sein. Eine frühere Notiz und Zeich-
nung sagt mir von dieser Art, dass ein eigentlicher Falz
nicht vorhanden ist; jedenfalls fehlen sowohl Zähne wie
die erwähnte Platte. Dagegen erwähnt T h o r e 1 1 (On Europ.
Spiders p. 150) von G. variana, dass die hintere Ecke der
Klauenfurche in eine kleine Platte ausgezogen sei; ich
kann mir diesen Widerspruch nicht erklären, da bei der
charakteristischen Zeichnung dieser Art die Identität des
von mir untersuchten Exemplars unzweifelhaft ist.) Die
Stellung der Gattung Zora scheint nicht ganz sicher zu
sein. Menge (Preuss. Spinnen p. 399) rechnet sie mit
Micrommata, Thanatus, Philodromus und Artanes in die
Familie der Philodromidae, obwohl das 4. Beinpaar das
'^längste ist. Da die Gattung nur 4 unverästelte Tracheen-
röhren besitzt, so würde sie in meine Familie Sparassidae
gehören, wenn sie überhaupt von den Drassiden entfernt
würde. — Ueber Catadysas Hentz s. oben p. 361.
4. Fam. Sparassidae mihi^).
8 Augen (von verhältnissmässig geringer und annähernd gleicher
Grösse, vielfach von einem Kranz feiner Haare umgeben). Das zweite
Beinpaar das längste; Füsse mit 2 Krallen und mit Federhaar-
1) Respirationsorgane etc. p. 232. Ich hatte den Familien-
namen nach Sparassus gebildet, obwohl die Art (virescens) jetzt zu
Micrommata gerechnet wird und ich jetzt umgekehrt sagen raüsste,
Vers, einer natürl. Anordnung der Spinnen nebst Bemerk, etc. 377
büscheln; 4 einfache Tracheenschläuche; (Mandibularklaue am Innen-
rande nicht gesägt). Machen kein Fanggewebe, sondern erjagen
ihre Beute im Laufe.
Ob sich diese Familie wird behaupten lassen, be-
zweifele ich selbst sehr stark; der einzige Unterschied von
den Philodrorainen unter den Thomisiden liegt in dem
Umstände, dass ihre Tracheen 4 einfache Röhren sind. In
der Lebensweise stimmen sie vollkommen mit den Philo-
drominen tiberein; gleich diesen legen sie sich auf die
Lauer und erjagen ein in ihrer Nähe sich zeigendes Beute-
thier im Laufe; ihre Eier bewachen sie mit flach ausge-
breiteten Füssen. Ausser Micrommata rechne ich mit Sicher-
heit hierher die alte Gattung Thanatus C. Koch, die mir
die Typen zweier Gattungen zu enthalten scheint. Aufge-
stellt für Thanatus formicinus (Clerck) von C. L. Koch,
wurde sie mit einigen Arten bereichert (parallelus, oblongus),
die in der Augenstellung mit Th. formicinus übereinstimmen,
habituell dagegen sehr abweichen durch die bedeutende
Länge des Hinterleibes bei geringer Breite, die zugleich
kleiner ist als die des Cephalothorax. Ich schlage daher
für Thanatus parallelus und oblongus einen neuen Gattungs-
namen vor:
Metastenus n. g. Sparassidarum. Cephalothorax cor-
datus, leviter convexus; abdomen cylindraceum, plus
duplo longius quam latius. Type: M. oblongus Walck.
Von deutschen Arten würden demnach nur noch Th.
formicinus (Clerck), arenarius Thor, und sabulosus (Menge),
welche letztere Art auch bei Bonn vorkommt, in die Gat-
tung Thanatus gehören, während oblongus (Walck.) (paral-
lelus C. L. Koch und maritimus Menge, wenn letztere
eigene Arten sind) der neuen Gattung einzureihen sind.
Die Gattungsverschiedenheit der genannten Arten erkennt
Menge dadurch an, dass er (Preitss. Spinnen p. 396 und
398; 410 und 411) oblongus und maritimus zu Thanatus,
formicinus und sabulosus zu Philodromus rechnet.
dass ich die Gattung Sparassus nicht kenne. So lange bis indessen
gezeigt ist, dass Sparassus verzweigte Tracheen besitzt, glaube ich
den Familiennamen beibehalten zu können und ihn nicht jetzt schon
gegen Micrommatidae vertauschen zu müssen.
378 Ph. Bertkau:
5. Farn. Thomisidae.
8 Augen ; Schenkel (namentlich der beiden vorderen Beinpaare)
zusammengedrückt; die Kniegelenke fast in einer Horizontalebene
mit denselben. Zweites Beinpaar das längste; weiblicher Taster mit
Kralle; Füsse mit 2 Krallen; Federhaarbüschel vorhanden oder fehlen.
Die 4 Tracheenschläuche verästelt, aber auf den Hinterleib beschränkt.
Legen kein Fanggewebe an, sondern beschleichen ihre Beute,
entweder im Laufe, oder zwischen Blüthen u, s. w. auf dieselbe
lauernd. Ihre Bewegungen führen sie fast mit gleicher Geschicklich-
keit rück- und seitwärts, wie vorwärts aus.
Den bisherigen Charakteren dieser Familie habe ich
die Verästelung der Tracheen hinzufügen können, die ich
bei allen unten folgenden Gattungen konstatiert habe und
die V. Sie hold schon längst*) für Xysticus viaticus ange-
geben hatte. Durch Annahme dieses Merkmales sind aller-
dings 2 bisher mit den Thomisiden vereinigte Gattungen
aus dieser Familie entfernt worden (s. die vorhergehende
Familie), und ich glaube, dass sie dadurch an Einheit nur
gewonnen hat, indem jetzt in der That nur Kr ab ben-
spinnen zu ihr gehören.
Nach dem Besitze oder Mangel von Federhaarbüscheln,
nach dem geringeren oder bedeutenderen Unterschiede in
der Entwickelung der vorderen und hinteren Beinpaare und
dem damit zusammenhängenden Unterschiede in den Be-
wegungen zerfällt diese Familie in die beiden Unterfamilien
der Philodrominae und Thomisinae, zwischen denen Mo-
naeses den Uebergang vermittelt. (Ich halte diese Gattung,
von der ich allerdings nur M. cuneolus (C. L. Koch) aus
eigener Anschauung kenne, für wohlberechtigt; da Simon
indess neuerdings ^) seine frühere Opposition gegen die-
selbe aufgegeben hat, so brauche ich nicht näher hierauf
einzugehen.) Die dritte Unterfamilie, die Thor eil (On
Europ. Spiders p. 174) in dieser Familie unterscheidet,
muss indessen eingehen. Dieselbe ist auf eine von Menge
1850 3j unter dem Namen Anetes coeletron*) beschriebene
1) Lehrbuch der vergl. Anatomie der Wirbell. Thiere. p. 535
Anmerkung 10.
2) Aran. nouv. etc. p. 11,
3) Verz. Danz. Spinnen; Neueste Schriften Danz. Ges. 4. p. 71.
4) So nennt sie Menge a. a. 0. In der erwähnten brief-
Vers, einer natürl. Anordnung der Spinnen nebst Bemerk, etc. 379
Art begründet, die sich durch den Mangel von Tarsal-
klauen und Spinnwarzen auszeichnen soll. Der Grund,
wesshalb diese vermeintlich neue Gattung von Thorell
zu den Thomisiden gestellt wird, scheint der von Menge
angezogene Vergleich mit Arkys lancearius Walck. zu sein,
die zu den Thomisiden gezählt wird. Wie mir nun
Menge auf eine Anfrage gütigst mittheilte, ist Anetes eine
Epeiride, die beim herbstlichen Laubkehren gefangen wurde
und wahrscheinlich durch Hin- und Herstossen mit dem
„Rechen" ihre Krallen verloren habe. Von deutschen
Gattungen rechne ich zu den Philodrominae: Philodromus,
Artanes ; zu den Thomisinae : Monaeses, Thomisus, Misu-
mena, Diaea, Xysticus, Coriarachne.
6. Fam. Anyphaenidae mihi.
8 Augen; Füsse mit 2 Krallen, daneben Haarbüschel; auf der
Unterseite des Abdomens eine Querfalte, von der ein hochentwickeltes
Tracheensystem seinen Ursprung nimmt, das wesentlich aus 2 Haupt-
stämmen mit zahlreichen Verästelungen besteht.
Die Beschaffenheit des Tracheensystems vonAnyphaena
scheint mir durchaus die Aufstellung einer neuen Familie
zu rechtfertigen, da alle Drassiden. soweit wir bisher
wissen, nur 4 einfache, plattgedrückte Röhren besitzen, die
dicht vor den Spinnwarzen ausmünden. Das Vorhanden-
sein der Querfalte, die zwei median verschmolzenen Stig-
men entspricht, wurde von L. Koch ^j entdeckt und von
ihm zur Gattungsdiagnose von J^>^l/p/^aewa benutzt; Thor eil 2)
vermuthete an dieser Stelle die Mündung von Tracheen,
wie bei Argyroneta, undMenge^) fand dieselben wirklich
auf. Die Beschreibung Menge's ist indessen nicht ganz
correkt, wie ich schon trüber *) gezeigt habe, und ich halte
es nicht für überflüssig, hier eine etwas ausführlichere Dar-
liehen Mittheilung nennt er sie A. coelenteron, was mich vermuthen
lässt, dass coeletron ein Druckfehler ist.
1) Die Arachnidenfamilie der Drassiden; p. 2 u. 194.
2) On European Spiders; p. 137 und 144.
3) Preuss. Spinnen; p. 334.
4) Sitzungsberichte der Niederrh. Ges. für Natur- und Heil-
kunde. 1876 p. 35.
380 Ph. Bertkau:
Stellung davon zu geben (Fig. 10). Dasselbe kommt von
den bereits beschriebenen am nächsten dem von Dictyna,
mit dem ersten Unterschiede jedoch, dass hier die Ecken
der Spalte nicht erweitert sind und dadurch auch nicht den
Schein von zv^ei getrennten Oeffnungen erregen. Der
wesentlichste Unterschied liegt in der Art ihrer Verästelung:
die Hauptstämme senden nämlich nicht wie dort und bei
allen bisher bekannten Arten Büschel feinerRöhrchen
aus, sondern verästeln sich baumartig, indem die
Aeste immer dünner werden. Ferner ist bemerkenswerth,
dass auch bis in die feinsten Verästelungen hinein sich ein
Spiralfaden wahrnehmen lässt. Die von Menge behauptete
Anastomose der Hauptstämme findet dagegen nicht statt.
(Das Tracheensystem dieser Art (sowie das von Uloborus ;
s. unten) nähert sich durch die Art der Verästelung und
den Besitz des Spiralfadens auch in den feinen Röhrchen
am meisten dem der Insekten. Auch in den feinen Röhr-
chen von Dysdera ist ein solcher Spiralfaden vorhanden,
wenn auch optisch schwer wahrnehmbar ; sein Dasein wird
indessen durch Ansichten wie in Fig. 9 dargestellt, die man
durch Zerreissen erhält, bewiesen. Demnach sind die beiden
bisher für die Tracheen der Spinnen im Gegensatze zu den
Insektentracheen hervorgehobenen Eigenschaften (kein Spi-
ralfaden und keine Verästelung der feineren Röhrchen)
nicht mehr gültig, und es bleibt nur noch die mangelnde
Anastomose der beiderseitigen Hauptstämme (oder vielmehr
dieselbe ist durch eine Verschmelzung der beiden Stigmen
ausgedrückt). Ob bei Gibocellum wirklich die beiden Haupt-
stämme anastomosiren, wäre demnach einer erneuten und
sorgfältigen Untersuchung werth; vgl. A. Stecker in
diesem Archiv. 1876 p. 337; Taf. XX. Fig. 4.)
Vorstehende Familie umfasst bis jetzt nur die eine
Gattung Änyphaena, die in Deutschland nur durch eine
Art, Ä. accentuata (Walck.) vertreten ist. Sie hält
sich, ohne ein Gewebe zu machen, den grössten Theil
des Jahres unter Baumrinde oder zwischen Blätter ver-
steckt auf; im Mai sind die Geschlechter fortpflanzungs-
fähig, und man findet um diese Zeit die Männchen
lebhaft auf Gesträuchern und niederen Bäumen umher-
Vers, einer natürl. Anordnung der Spinnen nebst Bemerk, etc. 381
laufend. Wahrscheinlich hierdurch wurde Walckenaer^)
veranlasst, diese Art mit Aranea smaragdula, rosea, ornata
unter den Grottiformes zu vereinigen, ähnlich, wie die
vagabundierende Lebensweise der Eresusmännchen lange
Zeit die Anschauungen über die natürliche Verwandtschaft
der Eresiden getrübt hat. Zum Eierlegen spinnen die
Weibchen Blätter (gerne die von Rhamnus frangula, die
besonders weich sind und auch von Mou. cuneolus zu diesem
Zwecke benutzt werden) zusammen und bewachen die ab-
gelegten Eier. Mit der Eiablage geht eine auffallende Ver-
änderung ihrer bis dahin gelben Grundfarbe ins dunkele
vor sich; ein solches Weibchen scheint Lebert^) für eine
eigenthümliche Varietät gehalten zu haben: (Var. obscura). —
Die dort eingeführte Vereinigung dieser Gattung mit Argy-
roneta kann ich wegen der verschiedenen Krallenzahl an
den Füssen nicht billigen.
7. Familie Attidae.
Cephalothorax viereckig gestaltet, mit flachem Rücken und
steil abfallender Stirn; 8 Augen von ungleicher Grösse in 3 Quer-
reihen; die vier vorderen dicht bei einander am Vorderrande
des Kopfes, die mittelsten am grössten und mit Metallglanz;
die übrigen in 2 Querreihen, entfernt von einander. Taster-
kralle verkümmert. Füsse mit 2 Krallen und 2 Federhaarbüscheln.
Besitzen ein hoch entwickeltes Tracheensystem^ das in einer Quer-
spalte ') vor den Spinnwarzen beginnt und sich bis in den Cephalo-
thorax erstreckt. Samentasche mit langem, oft verschlungenem Ein-
gange. — Sie machen kein Fanggewebe, sondern beschleichen ihre
Beute, die sie dann im Sprunge zu erhaschen suchen.
Diese Familie, deren ausländische Mitglieder meist durch
Bekleidung mit bunten Schuppen geziert sind, ist eine der
am leichtesten kenntlichen und am besten definierten. Die
1) Fauna Parisienne; IL p. 225.
2) H. Lebert. Die Spinnen der Schweiz. Neue Denkschr.
der allgemeinen Schweiz. Gesellsch, für die ges. Naturwissenschaften.
Bd. XXVII. Abth. II. p. 242.
3) Menge wiederholt auch neuerdings (Preuss. Spinnen p. 461
und weiter) die Angabe von zwei kreisrunden Oeffnungen; die-
selben sind indessen, wie ich mich auch jetzt überzeugt habe, nur
die beiden erweiterten Enden einer einzigen Quer spalte, hier
sowohl, wie bei Dictyna und den Mieryphantiden.
382 Ph. Bertkau:
nächsten Beziehungen scheint sie mir zu den Thomisiden
zu haben, nicht aber zu den Eresiden und Lycosiden; s.
unten. Von dem Vorhandensein des Tracheensystems habe
ich mich hei den Gattungen Salticus, Leptorchestes, Epi-
blemum, Heliophanus, Marpessa, Dendryphantes, Euophrys,
Attus und Ictidops ^J überzeugt; ich zweifele aber nicht,
dass es bei allen wirklichen Attiden vorhanden ist.
8. Fam. Lycosidae.
8 Augen von ungleicher Grösse: gewöhnlich die vier vorderen
klein, die vier hinteren von beträchtlicher, vfenn auch unter sich
verschiedener Grösse. Augen in 3 (selten vier) Querreihen gestellt.
Füsse mit 2 Hauptkrallen und einer Nebenkralle. Tasterkralle vor-
handen und gezähnt. Neben den Fächertracheen vier einfache
Röhrentracheen. Diese Spinnen machen kein Fanggewebe, sondern
erhaschen ihre Beute im Laufe. Ihre Eiersäcke heften sie gewöhn-
lich am Hinterleib an und tragen sie z. Th. unter Mithülfe des
vordersten Bein-, des Tasterpaares und der Mandibeln bis zum Aus-
schlüpfen der Jungen mit sich herum.
Die Familie der Wolfs spinnen ist bisher gewöhn-
lich in nahe Beziehung zu den Springspinnen gebracht
worden, und neben den Krabbenspinnen sind diese
beiden in der That die einzigen grösseren Gruppen
unserer einheimischen Spinnen, die kein Fanggewebe an-
legen. Eine weitere Uebereinstimmung zeigt sich in der
verschiedenen Grösse und der Stellung ihrer 8 Augen.
In den wesentlichen Verhältnissen ihres Baues indessen
zeigen die Wolfsspinnen eine nur sehr geringe Annäherung
an die Springspinnen. Ihre allgemeine Körpergestalt er-
innert sehr an die Drassiden, von denen sie sich durch
den Besitz einer Afterkralle und als Lichtfreunde unter-
scheiden; durch die grabende Lebensweise ähneln einige
den Territelarien, und von Tasche nberg 2) wurde sogar
die Gespinnströhre eines Atypus für solche einer Lycoside
gehalten. Wahrscheinlich nutzen sich beim Graben die
Krallen ab und erklärt sich auf diese Weise eine Bildung,
die ich bei allen erwachsenen Exemplaren von Lycosa in-
1) Fickert schlug diesen Namen für Aelurops Thor, vor,
da Aelurops schon von Wag 1er für eine Säugethiergattung ver-
geben sei. Zeitschr. f. Entomologie. Breslau. 1875. V. p. 74.
2) Brehra's lUustr. Thierleben. 6ter Band. p. 594.
Vers, einer natürl. Anordnung der Spinnen nebst Bemerk, etc. 383
quilina beobachtet habe, dass nämlich die Krallen wie ab-
geschnitten erscheinen und zwar die äussersten Zähne am
stärksten (Fig. 7). — Die Sorge für die Jungen theilen
sie mit anderen Spinnen; Pholcus und Scytodes z. B.
tragen ihre Eiersäckchen ebenfalls zwischen den Mandibeln,
Nesticus und Neottiura Menge (= Theridium aut. ex parte)
am Hinterleibe angesponnen. Die deutschen Arten lassen
sich in zwei Unterfamilien unterbringen nach folgendem
Schema :
Die beiden hintersten Augen weiter nach eüiander als
die vorhergehenden Lycosini.
näher bei einander als
die vorhergehenden Oxyopini.
Die Oxyopini enthalten in unserer Fauna nur die eine
Gattung Oxyopes, mit der einzigen Art ^) 0. ramosus (Panz.).
Von den meisten neueren Autoren wird dieselbe als der
Typus einer besonderen Familie angesehen, die den Ueber-
gang zu den Attiden vermitteln soll. Indessen habe ich
bei der Untersuchung eines Weibchens von 0. ramosus
in allen den Punkten, in denen sich die Attiden von den
Lycosiden unterscheiden, Uebereinstimmung mit den letzteren
gefunden; der Umstand, dass diese Spinne springt, fällt
nur leicht in's Gewicht, da manche Clubionaarten dasselbe
thuen. — Ein Exemplar dieser Art fand ich auf einer
Haide ihr an einem Haidekrautstengel angeheftetes Eier-
säckchen bewachend, das indessen von einer Ichneumoniden-
larve ganz aufgezehrt war; bis jetzt hat sich der Schma-
rotzer noch nicht entwickelt.
9. Fam. Argyronetidae Menge. ^)
8 Augen; Taster des Weibchens mit starker Kralle; Füsse
mit 2 Hauptkrallen und einer Nebenkralle; Spinnwarzen kurz; ein
1) Das Vorkommen von 0. lineatus (C. L. Koch) in Deutsch-
land ist wohl noch nicht bewiesen, da Barta, der sie in seinem
Verzeichniss d. Spinnen des nördl. Böhmens (Archiv f. d.
Naturwissenschaftliche Landesdurchforschung von Böhmen. I. Bd.
IV. Abth. p. 137) anführt, sie möglicher Weise mit 0. ramosus ver-
wechselt hat.
2) Preuss. Spinnen p. 293.
384 Ph. Bertkau:
hoch entfaltetes Tracheesystem, das in einer Querspalte hinter
der Genitalspalte entspringt und aus zwei mächtigen Längs-
stämmen und büschelig von denselben abgehenden feinen Röhrchen
besteht.
Aus demselben Grunde, weshalb ich für Anyphaena
die Aufstellung einer besonderen Familie für nöthig hielt,
nehme ich mit Menge vorstehende Familie an, wenn die-
selbe auch gegenwärtig nur eine Gattung zählt. Durch
ihre Lebensweise im Wasser ist dieselbe so ausgezeichnet,
dass Clerck sie bekanntlich als Äquatica allen anderen
Spinnen, als Aereae gegenüberstellte. Wenn Black wall ^)
seinen Widerspruch gegen die Berechtigung einer besonderen
Familie mit dem Hinweise auf die Gewohnheiten einiger
Lycosiden zu begründen sucht, so berücksichtigt er eben
die Verschiedenheit nicht, die zwischen einem gelegentlichen
Untertauchen einer sonst nur über das Wasser laufenden
Art, und dem beständigen Aufenthalt im Wasser, wie es
bei Argyroneta während der guten Jahreszeit der Fall ist,
besteht. Dazu kommt nun noch der Besitz der von Grube
und Menge entdeckten Tracheen. In meinem früheren
Aufsatze konnte ich nicht nach Augenschein über dieselben
mittheilen und referirte einfach die Angaben Menge's.
Ich möchte daher jetzt die Gelegenheit ergreifen, einen
Irrthum zu berichtigen. Die beiden Hauptstämme münden
nicht in getrennten Stigmen aus, sondern vereinigen sich
vor ihrer Mündung zu einem einzigen kurzen Stamme, der
in einer medianen Spalte, wie bei Anyphaena ausmündet.
Das vordere Ende dieses gemeinsamen, kurzen Stammes
ist nun auch jedenfalls der von Menge als elastisches
Band gedeutete Theil.
10. Fam. Micryphantidae mihi 2).
8 Augen; (weiblicher Taster ohne Kralle), Füsse mit 2 Haupt-
krallen und einer Nebenkralle; Spinnwarzen kurz; Tracheen hoch ent-
wickelt, münden vor den Spinnwarzen in einer Querspalte, die an
ihren Ecken erweitert ist. Kein Cribellum und Calamistrum.
1) Spiders of Great Britain and Ireland p. 138.
2) Respirationsorgane etc. p. 232 (ex parte).
Vers, einer natürl. Anordnung der Spinnen nebst Bemerk, etc. 385
Ausser der geringen Grösse, der verschiedenen Lebens-
weise und der Lage des Traeheenstigmas am Ende des
Hinterleibes kenne ich kein körperliches Merkmal, das die
Glieder dieser Familie mit Sicherheit von der vorher-
gehenden schiede, da ich nicht weiss, ob die Tasterkralle
allen den bisher zu den Theridiiden gerechneten Arten fehlt,
die das hoch entwickelte Tracheensystem von Bictyna z. B.
besitzen. Ausser den Arten, von denen ich es schon früher
gemeldet, kommt dasselbe nach meiner eigenen Untersuchung
folgenden zu: Gonatium cheliferum^) (Wid.); Erigone den-
tipalpis; Lophomma cristatum; Micryphantes tenuipalpis
Menge, sowie einer Reihe anderer dieser kleinen Arten,
deren specifische Bestimmung mir nicht gelang. Menge 2)
giebt es ausserdem bei Tmeticus (cristatus Menge, spini-
palpus Menge, graminicolus Sundev.), Lophocarenum (stra-
mineum, bihamatum, acuminatum, parvulum, erythropus,
apiculatum, scabriculum, dicholophum, globiceps, crassi-
palpum, elongatum), Dicyphus (bicuspidatus), Microneta
(scrobiculata), Micryphantes an. Diese von Menge zum
grössten Theil neu aufgestellten Gattungen enthalten ATten,
die von den meisten Autoren den Gattungen Erigone und
Walckenaera zugetheilt werden. Sie scheinen auch darin
übereinzustimmen, dass die Weibchen keine Tasterkralle
besitzen und die Männchen durch bizarre Bildungen, Haar-
büschel u. s. f. am Cephalothorax (und theilweise an den
Tastern) ausgezeichnet sind. Mit Sicherheit lässt sich der
Umfang dieser Familie, d. h. die dahin zu ziehenden Arten,
nur durch eine Untersuchung der Tracheen feststellen.
Zu diesem Zwecke ist indess eine Zergliederung nicht
absolut nöthig, da man bei frischen (d. h. nicht längere
Zeit in Alkohol aufbewahrten) Exemplaren sowohl in den
Beinen als auch im Cephalothoraxstiel dieselben wahr-
nehmen kann, meist auch in der Breite der Spalte vor den
1) Ich bediene mich der Nomenklatur Menge's, da es mir
nur durch die getreuen Zeichnungen und sorgfältigen Beschreibungen
dieses Forschers möglich war, die aufgeführten Arten zu identifi-
ciren,
2) Allerdings mit der Angabe zweier getrennter Tracheen-
öffnungen.
Archiv f. Naturg. XXXXIV. Jahrg. 1. Bd. 25
386 Ph. Bertkau:
Spinnwarzen einen Anhaltspunkt zur Beantwortung dieser
Frage hat. — Die grosse Zahl der Menge 'sehen Gattungen
scheint im Allgemeinen keine Annahme gefunden zu haben ;
doch möchte sich dieselbe im Interesse einer bequemeren
Uebersicht der jedenfalls zahlreichen Arten wohl empfehlen.
Aus dem Grunde habe ich auch vorläufig den von mir 1873
gewählten Namen beibehalten, obwohl Thorell gezeigt
hat, dass die Gattung Micryphantes C. Koch neben Walcke-
naera Blackw. fallen muss; aber Micryphantes Menge hat
eben einen ganz anderen Umfang als Micryphantes Koch
und Walckenaera Blackw.
Die 4 nun folgenden Familien setzen bei Black wall
die Ciniflonidae zusammen, worin er alle diejenigen 8-äugigen
Spinnen vereinigte, die mit Cribellum und Calamistrum aus-
gerüstet sind. Von Seiten der übrigen Araneologen hat
diese Familie keine Annahme gefunden, und sie ist in der
That aus verschiedenartigen Elementen zusammengesetzt,
wenn sich diese Verschiedenheit z. Th. auch als nicht so
gross herausstellt, als man wohl bisher angenommen hat.
11. Fam. Dictynidae mihi*).
8 Augen ; Tasterkrallen vorhanden und gezähnt ; Füsse mit
2 Hauptkrallen und einer Nebenkralle; mit Cribellum und Cala-
mistrum und wohlentwickeltem Tracheensystem. Machen ein unregel-
mässiges Gewebe und legen ihre Eier in Zwischenräumen in 3 — 4
kleinen Häufchen ab, die von einem linsenförmigen Gewebe um-
hüllt werden.
Diese Familie unterscheidet sich von der vorher-
gehenden wesentlich durch den Besitz von Cribellum und
1) Der Name ist allerdings schon von Simon (Aran. nouv.
etc. du midi de l'Europe, p. 9) und von Cambridge (Systematic
List of the Spiders at present known to inhabit Great Britain and
Ireland in Trans. Linn. Soc. XXX. p. 319 ff. und General List of
the Spiders ofPalestine and Syria a. a. 0. p. 213 und 260) angewandt
worden, wenn auch z. Th. in anderem Umfange und immer ohne
Diagnose. Simon rechnet zu seinen Dictynidae die Gattungen
Dictyna Sund., Argenna Thor., Amaurobius C. Koch, Lethia Menge,
Titanoeca Thor., also die, die bei Thorell die Unterfamilie der
Amaurobiinae ausmachen. Cambridge rechnet an erster Stelle noch
die Gattung JEresus dazu; an der zweiten Stelle scheint er die
Familie in demselben Umfange anzunehmen wie ich.
Vers, einer uatürl. Anordnung der Spinnen nebst Bemerk, etc. 387
CalamistruDi (und einer starken Tasterkralle); in beiden
Punkten stimmt sie mit der folgenden tiberein, von der sie
sich durch die stärkere Tasterkralle, Form des Gewebes
und Gestalt der Eiersäckchen unterscheidet. Mit Sicher-
heit gehört hierhin die Gattung Dictyna in dem gegen-
wärtigen Umfange, bei der das Cribellum in 2 Formen vor-
kommt: bei D. viridissima *) und variabilis ist das Feld der
Spinnröhren durch eine mediane Längsleiste in 2 Hälften
geschieden ; bei den übrigen mir bekannten Arten ist es ein-
fach (vgl. Fig. 13). In Bezug auf die Gattung Lethia bin ich
auch kaum zweifelhaft. Dieselbe ist von Menge aufgestellt,
der (Preuss. Spinnen p. 251, 6. Vorkommen und Lebens-
weise) von L. stigmatisata [= L. puta (Cambr.)] ausdrücklich
sagt: von Dictyna durch die fehlenden Luftröhren unter-
schieden. Nun habe ich aber ein Weibchen von L. humilis
(Blackw.), das mir van Hasselt freundlichst zugesandt
hatte, untersuchen können und bei diesem die Tracheen
wie bei Dictyna wahrgenommen. Die übrigen Verhältnisse
stimmen auch mit der Beschreibung Menge's von L. varia
überein, und so wäre es denn nicht unmöglich, dass Menge
die Tracheen übersehen hätte. Das Cribellum ist wie bei
Dictyna arundinacea, d. h. ohne Mittelleiste (Fig. 13). Ob
die Gattung Argenna Thor, ebenfalls zu dieser Familie
oder zu den Amaurobiidae zu zählen ist, kann ich nicht
entscheiden; da Thor eil auf die nahe Verwandtschaft mit
Dictyna und Hahnia hinweist, die beide ein wohl ent-
wickeltes Tracheensystem haben, so ist ihr Platz bei dieser
Familie wenigstens sehr wahrscheinlich, die demnach in
Deutschland und Schweden die 3 Gattungen Dictyna, Lethia
und Argenna zählen würde. Die Frage, ob nicht Dictyna
viridissima und variabilis mit Rücksicht auf ihr abweichend
gestaltetes Cribellum eine besondere Gattung bilden würden,
will ich hier nur anregen.
12. Fam. üloboridae mihi (= Epeiroidae. Subf. üloho-
rinae Thor., saltem ex parte).
Wie vorige Familie; Tasterkralle schwach; Gewebe (horizontal,)
1) Es ist dies die „kleine grüne Spinne," die ich in „Respi-
rationsorgane etc." p. 218 nicht benennen konnte.
388 Ph. Bertkau:
kreisförmig oder ein Sector eines Kreises; Eiersäckcheu lang röhren-
förmig. (Cribellum gross, ungetheilt.)
Die Unterschiede dieser von der vorhergehenden
Familie sind gering, soweit der Körperbau in Betracht ge-
zogen wird; wesentlichere Unterschiede liefert die Form
des Gewebes, die Thor eil veranlasste, sie als Unterfamilie
der Epeiro'idae anzusehen. Indessen ist zu bemerken, ein-
mal, dass die Form des Gewebes nicht ganz die der Epei-
riden ist, und ferner, dass nicht nur Cribellum und Cala-
mistrum, sondern auch die Athmungsorgane Uloborus
wenigstens von der genannten Familie entfernen. Ich gebe
in Fig. 11 eine Abbildung des Cribellum und des Anfanges
des Tracheensystemes von Uloborus, wie ich es bei einigen
Weibchen von U. Walckenaerii Latr., die ich der Freund-
lichkeit des Herrn Dr. C. Koch in Wiesbaden verdanke,
gefunden habe. Ausgezeichnet ist dasselbe durch die baum-
artige Verästelung und den Besitz des Spiralfadens auch
in den feineren Röhrchen. In wie weit die Gattung HyptioteSj
die durch die Längenverhältnisse der Beine von Uloborus
wesentlich abweicht, in dieser Hinsicht tibereinstimmt, kann
ich nicht angeben, und ich weise ihr daher nur vorläufig
einen Platz in dieser Familie an, die demnach aus den
Gattungen Uloborus und Hyptiotes bestehen würde.
(Nahe verwandt scheinen mit dieser Familie die von
Cambridge aufgestellten Miagrammopidae und die Dino-
pidae zu sein.)
13. Fam. Eresidae.
Cephalothorax rechteckig gestaltet, Rücken nach vorn kugelig
herabgewölbt; Augen entfernt von einander; die Mittelaugen einander
genähert und die hinteren grösser; Taster mit starker und stark
gezähnter Kralle; Füsse mit 2 Hauptkrallen und einer Nebenkralle;
Spinnwarzen kurz; mit (getheiltem) Cribellum und Calamistrum;
Tracheensystem 4 einfache Röhren, fast verkümmert. Haben eine
sesshafte Lebensweise, indem sie ein röhrenförmiges Gewebe anlegen,
in dessen Grunde sie sitzen.
Ueber die systematische Stellung der E resident)
1) Welche Gattungen in diese Familien gehören, kann ich
heute ebensowenig sagen wie früher; die Gattung Palpimanus, die
bei Thor eil (On European Spid. p. 119; 201} die Unterfamilie
Palpimaninae bildet, rechne ich mit Bestimmtheit nicht dazu.
Vers, einer natürl. Anordnuiij^ der Spinnen nebst Bemerk, etc. 389
(oder vielmehr der Gattung Eresus, von der ich allein
Kenntniss habe,) habe ich mich an einer anderen Stelle *) so
ausführlich ausgesprochen, dass ich hier nicht näher darauf
einzugehen brauche. Da aber der ausgezeichnete Kenner
der Arachniden, Dr. Ludw. Koch, mir brieflich seine
Ansicht mittheilte, dass dieEresiden (nebst den mir nicht
genau bekanten Dinopiden) näher mit den Attiden als mit
den Tubitelen (speciell mit Amaurobius) verwandt seien,
so will ich hier wenigstens die Charaktere, die für eine
Verwandtschaft mit den Attiden sprechen könnten, kurz
beleuchten. Es sind dies die rechteckige Form des Cephalo-
thorax und die Stellung der Augen in drei Reihen. Während
aber bei den Attiden (sowie den ihnen näher stehenden Tho-
misiden) der Rücken des Cephalothorax ziemlich flach, und
die Stirn senkrecht, oder gar zurückgeneigt ist, wölbt sich
bei Eresus der Rücken von seiner höchsten Stelle regel-
mässig nach dem vorderen Kopfrande herab. Ebenso ist
die Aehnlichkeit der Augenstellung nur eine scheinbare.
Bei beiden Familien stehen allerdings die 4 vordersten
Augen in einer Querreihe und die 4 hinteren in 2 Reihen.
Bei den Attiden stehen indessen die vorderen Augen
dicht bei einander und die Mittelaugen sind am grössten;
die Augen der zweiten Reihe (die also den hinteren Mittel-
augen entsprechen würden) sind von einander und von
den ersteren weit entfernt und die kleinsten. Bei Eresus
dagegen stehen die vorderen Mittelaugen von den Seiten-
augen entfernt, die hinteren Mittelaugen, die die grössten
sind, dicht hinter den vorderen. Vergleicht man ausserdem
den Rest der Diagnosen beider Familien, so bleibt wohl
kein Zweifel übrig, dass Eresus und die Attiden nichts mit
einander gemein haben.
Dass bei den Arten der Gattung Eresus die bunte
Färbung der Männchen sehr von der einfachen dunkelen
der Weibchen abweicht, habe ich a. o. a. 0. ebenfalls ge-
zeigt, und es wird eine dankenswerthe Aufgabe sein, die
beiden Geschlechter, die C. L. Koch und andere Forscher
1) Verhandlungen des naturh. Vereins der preussischen Rhein-
lande und Westfalens. XXXIV. p. 261 ff.
390 Ph. Bcrtkau:
meist als getrennte Arten beschrieben haben, zusammenzu-
finden, soweit dies noch nicht geschehen ist. Die schwarzen
Weibchen, die ich bei Bingen (und später auch bei Linz
a. ßh.) gefunden hatte , zog ich zu E. cinnabarinus
(Oliv,), und dass dies richtig war, wurde durch einen
späteren Fund, wo ich beide Geschlechter zusammen
antraf, bestätigt. Lebert^) führt aus der Schweiz neben
E. cinnabarinus und E. illustris C. Koch, E. annulatus (als
synonym mit E. moerens C. Koch) an. Ob in der That
E. moerens als weibliche Spinne zu E. annulatus gehört,
ist wohl noch eine offene Frage, Jedenfalls sind die von
mir gefundenen Weibchen nicht E. moerens 2); ich habe
die Vermuthung, dass letztere als Weibchen zu E. Audouinii
Brülle (= E. puniceus C. L. Koch) gehören, die beide in
Griechenland vorkommen und durch bedeutendere Grösse
von unseren Arten unterschieden sind.
(Ich habe bei den Exemplaren, die ich zu Hause
züchte, das Cribellum und Calamistrum in Thätigkeit ge-
sehen ^) und darüber sowohl in den oben angeführten Ver-
handl. des naturhist. Vereins, als auch später, nach ge-
nauerer Beobachtung, in den Sitzungsber. der Niederrh.
Gesellsch. f. Natur- und Heilkunde 1877 p. 333 Mittheilung
gemacht. Da indessen beide Schriften keine weite Ver-
breitung zu haben scheinen, so will ich hier die betreffende
Stelle aus den Sitzungsberichten nochmals zum Abdruck
bringen: „Ferner berichtete Dr. Bertkau über eine Be-
obachtung, die ihn das sog. Calamistrum in Thätigkeit
hatte sehen lassen und lediglich die Vermuthung Black-
1) a. a. 0. p. 295 f.
2) Lebert hatte dunkele Weibchen vor sich und macht seine
x^ngabe nach einer brieflichen Notiz von Dr. L. Koch, dem ich ein
Exemplar der von mir gefundenen Art mitgetheilt hatte.
3) Dieselbe Beobachtung hat B. G. Wilder bei Hyptiotes
cavatus (Hentz) (== Cyllopodia cav. Hentz) gemacht, ohne bemerkt
zu haben, dass es nicht die gewöhnlichen Spinnwarzen, sondern die
auf dem, Cribellum mündenden Spinnröhrchen sind, aus denen der
zusammengesetzte Faden hervorgehaspelt wird. So erklärt sich auch
seine Meinung, dass der Faden dieser Art nicht „curled" sei. Proc.
Am. Assoc. for the Advancement of Science. 1873. B. p. 268.
Vers, einer natürl. Anordnung der Spinnen nebst Bemerk, etc. 391
wall 's bestätigt, die diesen eigenthtimlicli angeordneten
Haaren der Hinterbeine eine Rolle bei dem Verfertigen der
flockigen Gewebe in Verbindung mit dem sog. Cribellum
ziigetheilt hatte. Die Beobachtung war an Eresus cinna-
barinus $ gemacht worden. Nachdem die Spinne einige
derbe Fäden aus den gewöhnlichen Spinndrüsen gezogen
hatte, setzte sie sich mit den 3 vorderen Beinpaaren auf
diesem Gewebe fest und hielt nun das letzte Beinpaar so,
dass das Calamistrum des einen Beines gerade an das
Cribellum kam, während die Klaue des anderen Beines
das erste ungefähr am letzten Gelenke stützte. Mit dem
Calamistrum fuhr nun die Spinne sehr rasch 80—90 Mal
über das Cribellum wodurch aus den feinen Spinnröhren
des letzteren ein breites, flockiges Band, in der Mitte durch
einen dunkelen Streifen unterbrochen, hervorgehaspelt wurde.
Hatte dasselbe eine gewisse Länge erreicht, so wurde es
zwischen die Klauen der Hinterbeine genommen, ausge-
spannt, und so dem derben Gewebe eingefügt, das dadurch
bei allen mit einem Cribellum und Calamistrum versehenen
Gattungen das eigenthümliche flockige Ansehen gewinnt.
(Der dunkele Streifen in der Mitte des Bandes rührt jeden-
falls davon her, dass das Cribellum bei dieser wie den
meisten Arten getheilt ist; entscheiden Hesse sich diese
Frage durch Beobachtung des Gewebes von Uloborus, bei
welcher Gattung die Spinnröhrchen ununterbrochen das
ganze Feld bedecken). Hatte die Spinne eine Zeit lang
mit dem Calamistrum des einen Fusses gearbeitet, so löste
sie denselben durch den anderen ab. Bekanntlich besitzen
die geschlechtsreifen J" kein Cribellum, ein Calamistrum
nur zum Theil, während die jungen beide Organe in gleicher
Entwickelung wie die $ haben. Das Cribellum ist somit
ein interessantes Beispiel für ein Organ, das im Laufe der
Entwickelung rudimentär wird, aber nur bei dem einen
Geschlecht. Diese Erscheinung erklärt sich durch den Um-
stand, dass die entwickelten Spinnenmännchen kein Fang-
gewebe mehr anlegen, und also ein Organ entbehren können,
das lediglich der Herstellung eines solchen dient.")
392 Ph. Pertkau:
14. Farn. Amaurobüdae mihi.
8 Augen in 2 Querreihen; Cephalothorax von gewöhnlicher
Bildung; Taster des Weibchens mit starker, gezähnter Kralle; Füsse
mit 2 Hauptkrallen und einer Nebenkralle; die gewöhnlichen Spinn-
warzen kurz; Cribellum und Calamistrum vorhanden. 4 einfache
Tracheenröhren.
Machen ein (röhrenförmiges) Fanggewebe (ob auch Titanoeca?).
Von der vorhergehenden unterscheidet sich diese Fa-
milie nur durch die Gestalt des Cephalothorax und die
Augenstellung; von den JDictynidae durch die einfachen
Tracheenröhren. Durch den Besitz des Cribellum und
Calamistrum (sowie die kürzeren Spinnwarzen) scheint mir
diese Familie auch hinlänglich von der folgenden unter-
schieden zu sein, um eine Trennung zu rechtfertigen, wenn
ich auch nicht läugnen will, dass auf den ersten Blick
eine grosse Aehnlichkeit zwischen der Gattung Amaurobius
und Caelotes besteht, die darin ihren Ausdruck findet, dass
eine Art letzterer Gattung [C. atropos (Walck.)] lange Zeit
unter ersterer stand (als A. subterraneus oder terrestris
C. L. Koch). Indessen ging es ja ebenso mit Ciubiona und
Anyphaena, Phrurolithus und Lithyphantes, Meta und
Nesticus, und dieser Umstand hat keine Bedeutung mehr,
nachdem wirkliche und fassbare Unterschiede in der Or-
ganisation aufgefunden sind, wie sie hier thatsächlich be-
stehen. Mit Sicherheit kenne ich nur zwei hierhinge-
hörende deutsche Gattungen : Amaurobius C. L. Koch und
Titanoeca Thor. ; über Ärgenna Thor. s. bei den Dictynidae.
15. Fam. Agalenidae mihi (= Agalenoidae Subf. IL
Agaleninae Thor, ex parte).
8 Augen (oder augenlos); ohne Cribellum und Calamistrum,
das oberste Spinnwarzenpaar meist beträchtlich länger als die übrigen,
gegliedert, auf der Unterseite des letzten Gliedes mit Spinnröhrcheu
besetzt; Tasterkralle vorhanden, FÜsse mit 2 Hauptkrallen und einer
Nebenkralle; 4 einfache Tracheenschläuche
Verfertigen meist ein horizontales Gewebe von un-
regelmässig sich kreuzenden Fäden, das am einen Ende
sich trichterförmig verengert; in dem Trichter sitzt die
Spinne. Ich rechne zu dieser Familie nur Gattungen der
2. Unterfamilie {Agaleninae) von Thorell's Agalenoidae;
Vers, einer uatürl. Anordnung der Spinnen nebst Bemerk, etc. 393
ausgeschlossen sind indessen Hahnia und Cryphoeca, die
bei mir die folgende Familie bilden, und Agroeca, die ich
wegen der mangelnden Nebenkralle zu denDrassiden rechne,
wohin sie mir auch aus dem Umstände besser zu passen
iScheint, weil sie nach meinen Erfahrungen kein Fangge-
webe verfertigt. Mit Sicherheit rechne ich demnach hier-
hin Caelotes Blackw., Tegenaria Latr., Cicurina Menge,
Agalena Walck., Textrix Sundev., (Hadites Keys.). Die
Gattung Histopona Thor, wird wohl auch hier ihren Platz
finden, was mir dagegen von Cyhaeus L. Koch nicht so
unzweifelhaft ist, da sie durch eingliedrige obere Spinn-
warzen in dieser Familie ziemlich isoliert wäre.
16. Fam. Hahniidae mihi.
Wie vorige, aber Tracheeusystem aus Hauptstämmen mit
büschelig von denselben ausgehenden feinen Röhrchen; die obersten
Spinuwarzen weit entfernt von einander.
Die wenigen Arten, die diese Familie bilden, wurden
bisher meist zu den Agaleniden gerechnet, zu denen sie
sich etwa verhalten, wie Anyphaena zu den Drassiden, die
Micryphantiden zu den Theridiiden, die Dictyniden zu den
Amaurobiiden. Von Menge wurden 3 Arten (Hahnia pra-
tensis, pusilla und silvicola) zu den Theridiiden, eine als
neu beschriebene Art von Cryphoeca (von Thor eil auf
H. silvicola begründet) dagegen zu den Agalenidae gestellt
(als Cr. latitans). Dabei bemerkte Menge ^), (was auch
schon ' andere Beobachter gethan hatten,) dass alle drei
Arten von Hahnia in wichtigen Organen des Leibes Ver-
schiedenheiten zeigten und doch wieder im ganzen so sehr
übereinstimmten, dass er nicht gewagt habe, für die ein-
zelnen Arten besondere Gattungen aufzustellen. Ich glaube,
dass in diesen Worten am deutlichsten ausgesprochen liegt,
dass diese Spinnen eine höhere systematische Kategorie
als blosse Gattung, d. h. eine Familie bilden. Ausser von
Hahnia pratensis habe ich das Tracheensystem von einer,
wie es scheint, neuen Art untersucht und beide überein-
stimmend gebaut gefunden. (Auch hier muss ich Menge
1) Preuss. Spinnen, p. 256 Anm.
394 Ph. Bertkau:
gegenüber erklären, dass eine einfache Querspalte vorhanden
ist, in die ein sehr kurzer Stamm ausmündet, der sich bald
in 2 Hauptstämme gabelt. Das vordere Ende dieses ge-
meinsamen Stammes, zwischen dem Ursprung der beiden
Hauptstämme, ist nun das „Querbändchen", das Menge i)
erwähnt und abbildet.)
(Ob an dieser Stelle sich die Enyoidae würden ein-
reihen lassen, kann ich nicht entscheiden, da ich keine
Mitglieder dieser Familie aus eigener Anschauung kenne;
dasselbe gilt von den Hersiliidae.)
17. Farn. Scytodidae mihi.
6 Augen in drei Paaren; Oberkiefer sehr schwach; Taster
ohne Kralle, statt derselben knopfartig verdickte Haare; Füsse mit
2 Haiiptkrallen und einer schwachen Nebenkralle -). Tasterbulbus
des Männchens ganz verhornt, von einer langen, soliden Spitze
überragt; 2 Samentaschen mit langen, verschlungenen Zuleitungs-
canälen, die in den Ecken der einfachen, nicht verhornten Genital-
spalte münden. Nur zwei einfache Tracheenschläuche, indem die
beiden mittleren der vier bei den meisten (einheimischen) Spinnen
vorhandenen verkümmert sind.
Wegen der 6 Augen wurde die einzige Gattung dieser
Familie, die in Deutschland beobachtet ist (Scytodes), von
C. L. Koch mit den Dysderiden vereinigt und auch Simon
in seinem neuen System bringt sie in nähere Beziehung
zu dieser Familie als zu den Pholciden und Theridiiden.
Indessen sind die Doppelzahl der Samentaschen, die Ver-
kümmerung ^j der Tracheen (Fig. 12), die überaus schwachen
Mandibeln und die Entfernung der Augen von einander
ausreichende Gründe, um diese Gattung von den Dysderiden
zu entfernen, wenn auch in den männlichen Begattungs-
organen eine Annäherung an dieselben ausgesprochen ist^).
1) a. a. 0. p. 254 und Tab. 149, 150.
2) Nicht, wie ich in „Respirationsorgane etc." p. 231 angab,
ohne dieselbe.
3) In „Respirationsorgane etc." p. 230 habe ich nach der Unter-
suchung eines einzigen Exemplars irrthümlich 4 Röhren angegeben;
vgl. übrigens auch Sitzungsber. d. Niederrh. Ges. für Natur- und
Heilkunde. Bonn 1876 p. 35, und Yerh. d. Naturh. Vereins preuss.
Rheinl. u. Westf. 1875. Correspondenzblatt No. 2. p. 107.
4) Ob Scytodes (wie zu vermuthen, aber immerhin noch zu
Vers, einer natürl. Anordnung der Spinnen nebst Bemerk, etc. 395
Da mir eine genügende Darstellung des Palpus dieser
Gattung nicht zu Gesicht gekommen ist ^), so gebe ich eine
ausführlichere Beschreibung dieses bei gegenwärtiger Gat-
tung wie bei den Tetrasticta durch seine Einfachheit aus-
gezeichneten Organs (Fig. 3). Das Endglied des männlichen
Tasters ist wenig von dem des weiblichen verschieden, nur
an der Basis etwas angeschwollen, und dann verschmälert.
Aus der verdickten Basis entspringt nun seitlich der ganz
verhornte Bulbus von flaschenförmiger Gestalt. Im Innern
desselben verläuft in einmaliger Windung der schlauch-
förmige Samenbehälter mit verhältnissmässig grossem Lumen
und steigt dann in den Hals des Trägers, um seitlich aus-
zumünden- (0) ; der Träger verlängert sich über diese Stelle
hinaus in eine äusserst feine, lange, solide Spitze. —
Auch die Begattung ist bei dieser Spinne bemerkenswerth;
ich beschreibe sie hier, wie ich sie am 13. Mai 1877 von
S. thoracicus beobachtete 2). Das Männchen stand aufge-
richtet, auf den Hinterleib und die beiden hinteren Bein-
paare gestützt; mit den Mandibeln hatte es (ähnlich wie
Dysdera und Segestria, s. oben) das Weibchen, das von
ihm ganz getragen wurde, an der Bauchseite (doch tiefer
als bei Segestria) fest gepackt. Die Taster des Männchens
fuhren längere Zeit wie suchend über die Genitalspalte
des Weibchens hin, wobei die langen Endfäden sich
kreuzten, bis sie endlich Eingang fanden. Auch jetzt
blieben sie in fortwährender Bewegung, wurden vorge-
schoben und zurückgezogen und drangen dabei immer tiefer
bestätigen ist) paarige Geschlechtsdrüsen besitzt, kann ich nicht
angeben.
1) Thorell's Abhandlung: Om hanen af Scytodes thoracicus
Latr. ist mir nicht zugänglich; die kurze Beschreibung indessen, die
er aus dieser Abhandlung in den Remarks on Synonyms p. 470 An-
merk. 2 abdruckt, lässt mich vermuthen, dass auch dort der Samen-
führende Schlauch nicht als solcher erkannt ist.
2) Thoreil giebt in seinen Remarks on Synonyms p. 582 an,
dass van Hasselt im Versl. van de dertiende algemeene Vergade-
ring d. Nederl Ent. Vereeniging. Tijdschr. voor Entom. I, 2. p. 241
Beobachtungen über die Copulation dieser Art mitgetheilt habe; ich
finde an genannter Stelle nur berichtet, dass er Scytod. thoracica $
lebend und ^ in Spiritus vorgezeigt habe.
396 Ph. Bertkau:
ein, so dass die Fäden ganz und auch der „Hals" des
Trägers nebst Samenbebälter theilv/eise verscb wunden waren ;
je tiefer sie vordrangen, um so mehr näherten sich die
Endglieder der Taster, wie ja natürlich ist, da die Mün-
dungen der Samentaschen dicht neben einander liegen.
Bemerkenswerth ist hierbei, dass auch bei dieser Lage der
beiden Spinnen der rechte Palpus die rechte, und der linke
die linke Samentasche versorgte, wie aus ihrer gekreuzten
Stellung hervorgeht. (In allen von mir beobachteten Fällen,
wo das Männchen auf dem Kücken des Weibchens oder
neben demselben sitzt, findet dasselbe statt, gleichviel ob
beide Geschlechter nach derselben, oder nach entgegenge-
setzten Seiten gerichtet sind. Meine früheren Aufzeich-
nungen sagen über Tetragnatha dasselbe ; bei Pachygnatha,
die sich wie Tetragnatha mit zugewandtem Kopf und
Brust paaren, habe ich später keine Gelegenheit ge-
habt, einschlägliche Beobachtungen anzustellen.) Aus der
gegebenen Darstellung folgt, dass der lange fadenförmige
Fortsatz, dessen Zweck mir früher ^) noch zweifelhaft war,
die Bedeutung hat, dem eigentlichen Samenbehälter und
Träger den Weg zu weisen und zu bahnen. Auf ihn würde
also die Menge'sche Bezeichnung „Eindringer" passen;
doch wendet Menge, soweit ich beurtheilen kann, dieses
Wort bei den übrigen Spinnen auf einen anderen Theil des
Palpus an.
18. Farn. Phoicidae.
8 oder 6 Augen, die seitlichen in Gruppen von 3 vereinigt;
Mandibebi sehr schwach ; Tasterkralle verkümmert ; Füsse mit
2 Hauptkrallen und einer Nebenkralle, (Tarsus und Metarsus ge-
ringelt); kein Cribellum und Calamistrum; ohne Tracheen.
Die Pholciden, die in unserer Fauna durch die einzige
Gattung Pholcus, auf welche sich allein die nachfolgenden
Bemerkungen beziehen, vertreten sind, zeigen gewisse Eigen-
thümlichkeiten, die sie mit den Scytodiden theilen, so dass
dadurch eine Vereinigung beider in einer Familie wohl
1) Sitzungsberichte der Niederrh. Gesellach. für Natur- und
Heilkunde. Bonn, 1877. p. 29.
Vers, einer natürl, Anordnung dor Spinnen nebst Bemerk, etc. 397
verständlich wird. Zu den von ThorelP) angeftilirten
Aehnlichkeiten lässt sich noch hinzufügen, dass auch Scy-
todes die Eier lose in ein Häufchen verwebt mit den Man-
dibeln herumträgt. Doch sind auch die Abweichungen
der Gattung Scytodes und Pholcus so bedeutend, dass ihre
Unterbringung in zwei verschiedene, wenn auch benach-
barte Familien, dadurch gerechtfertigt erscheint. Zunächst
ist zu bemerken, dass bei Pholcus der weibliche Taster
zwar keine eigentliche Kralle trägt, aber doch den Stumpf
einer solchen, während, wie oben erwähnt, Scytodes an dieser
Stelle drei eigenthümliche Haare hat. Der männliche
Taster, bei Scytodes durch die wenig veränderte Beschaffen-
heit seines letzten Gliedes ausgezeichnet, ist bei Pholcus
ganz anders gebildet. Lebert hat zwar eine vergrösserte
Darstellung und ausführliche Beschreibung 2) desselben ge-
geben ; da ich indessen nicht überall mit ihm übereinstimme,
so halte ich es nicht für tiberflüssig, wenn ich hier meine
Auffassung mittheile (Fig. 4). Das vorletzte Glied des
Tasters des Männchens ist ungemein dick und gross, ei-
förmig und lässt an seiner verschmälerten Endfläche das
letzte Glied gelenken. Dieses ist in seiner ersten Hälfte
fast halbkugelig gewölbt und setzt sich dann am distalen
Ende in einem abgeplatteten, verbreiterten Theile fort.
Ganz an der Basis des Endgliedes nun, an der etwas aus-
gehöhlten Innenseite entspringt der ziemlich regelmässig
kurzeiförmig gestaltete Träger, dessen Wandung grossen-
theils verhornt ist und in dessen Innerem man den Samen-
behälter verlaufen sieht. An einer der langen Seite, (da,
wo eine kleine Achse die Oberfläche des Ellipsoids treffen
würde,) ist die Wandung elastisch und in einen breiten
Fortsatz zusammengedreht, der eine dreieckiggestaltete
Platte trägt; die Oberfläche derselben ist mit kleinen sich
schuppenartig deckenden Erhöhungen besetzt. Zwischen
1) On Europ. Spiders, p. 99 f.
2) Lebert, üeber den Werth und die Bereitung des Chitin-
skeletes der Arachniden etc. Sitzungsber. math. naturw. Classe.
Kaiserl. Akad. Wissensch. Wien. 69. Bd. I. Abthlg. p. 634 £f. Taf. II.
Fig. 14 und Spinnen der Schweiz, a. a. 0. p, 198 Fig. 37.
398 Ph. Bertkau:
dem Körper des Trägers und dieser Platte entspringt aus
dem beide verbindenden Isthmus ein zweimal verschlun-
gener Fortsatz, der mir hohl zu sein scheint, und in den
sich wahrscheinlich der schlauchförmige Samenbehälter fort-
setzt. — Eine wesentliche Differenz zwischen Leber t's und
meiner Auffassung, ist demnach die, dass ich als vorletztes
Glied ansehe, was Lebert als Basaltheil des letzten
(Schiffchens bei Lebert) ansieht; die übrigen Abweichun-
gen in unser beider Anschauungen betreffen unsere total
verschiedene Auffassung von dem Theile^ der als Aufbe-
wahrer des Samens dient, und diese hier auseinanderzu-
setzen würde mich zu weit führen.
Die Samentaschen sind bei Pholcus kurz flaschen-
förmig. In Betreff der Beobachtung der Begattung, auf
die ich im Vergleich mit Scytodes gespannt war, bin ich
nicht glücklicher gewesen als van Hasselt ^).
Höchst eigenthümlich ist bei dieser Gattung ein Um-
stand, den ich nirgends erwähnt finde, nämlich die secun-
däre Gliederung der beiden letzten Fussglieder, namentlich
an den vorderen Beinpaaren (Fig. 14). Diese BiMung ist
ganz analog wie bei den langbeinigen Opilioniden und
scheint in beiden Fällen in der Länge der Beine ihren
Grund zu haben, ohne dass dadurch die Pholciden
mit den Opilioniden in nähere Verwandtschaft
träten als die übrigen Spinnen; es ist eine Analogie,
aber keine Homologie.
Was Pholcus am meisten vor Scytodes und (soweit
wir bis jetzt wissen) vor allen anderen Spinnen auszeichnet,
ist der Mangel anderer Athmungsorgane als des einen,
vorne im Hinterleibe gelegenen Paares von Fächertracheen 2).
Es wäre nicht undenkbar, dass die Respiration z. Th. durch
die Haut des Hinterleibes vor sich geht, die an vielen
Stellen eine grosse Feinheit besitzt.
Während meist wohl die Ansicht verbreitet ist, dass
1) fitudes sur le Pholcus opilionoides Schrank. Archives Neer-
landaises. V. p. 9 ff. des Separatum.
2) Sitzungsber. Niederrh. Ges. Natur- und Heilkunde 1876.
p. 35 und Verh. Naturh. Ver. preuss. Rheinl. u. Westfalens. 1875.
Correspondenzbl. No. 2 p. 107.
Vers, einer natürl. Anordnung der Spinnen nebst Bemerk, etc. 399
Ph. opilionoides als südliche Art bei uns nur in Häusern
vorkomme, habe ich sie sowohl im Siebengebirge bei Bonn
als auch in Luxemburg (bei Weckern) unter Steinen im
Freien aufgefunden. Wenn sie demnach aus dem Süden
zu uns eingewandert ist, so ist -sie doch gegenwärtig als
acclimatisirt zu betrachten. In Häusern habe ich sie hier
noch nicht gefunden, wohl aber in Niederwalluf (im
Rheingau).
19. Fam. Theridiidae.
8 Augen; Oberkiefer ohne Basalfleck; Taster des Weibchens
mit einer Kralle, Füsse mit 2 Hauptkrallen und einer Nebenkralle,
die Vorderbeine die längsten^), meist viel länger als die hinteren.
Kein Cribellum und Calaraistrum ; Spinnwarzen kurz, vor denselben
eine schmale Qaerspalte, die zu 4 einfachen Tracheenröhren führt.
2 Samentaschen, deren Mündungen ausserhalb der Mündung der Ei-
leiter, auf einem verhornten, manchmal hervorragenden Plättchen
sich befinden. Ziehen unregelmässig Fäden, oder machen ein un-
regelraässiges Deckengewebe.
Obwohl die Theridiiden nach Abgabe der Micryphan-
tiden und Pachygnathiden unter sich homogener ge-
worden sind, so sind sie doch noch eine in unserer Fauna
umfangreiche Familie, die von Black wall und Menge
noch in 2 zerlegt wird, indem beide noch eine Familie
Linyphidae annehmen; die Unterschiede beider Familien,
bei Black wall gar nicht, bei Menge wesentlich auf das
Gewebe begründet, scheinen mir indess zu geringfügig zu
sein. Die Grenzen dieser Familie, namentlich gegen die
Micryphantiden hin, werden sich erst allmählich festsetzen
lassen. Von den Agaleniden sind sie durch die gleich
langen, kurzen Spinnwarzen, von den Amaurobiiden
durch den Mangel eines Cribellum und Calamistrum, von
den Micryphantiden durch die einfachen Athmungs-
organe, von den Pachygnathiden, durch die aussen, vor
der Genitalspalte mündenden beiden Samentaschen unter-
schieden. Am meisten Aehnlichkeit bleibt ihnen noch mit
den Epeiriden, so dass man oft, wenn man das Gewebe
nicht kennt, ausser Stande sein wird, über die Zugehörig-
1) Bei einigen Linyphia-arten, z.B. L. clathrata Sund., ist das
vierte Beinpaar um ein geringes länger als das erste.
400 Ph. Bertkau:
keit zu dieser oder jener Familie zu entscheiden. (Das
von Thor eil angegebene Unterscheidungsmerkmal, von
dem Abstände der Mittelaugen untereinander und vom Kopf-
rande hergenommen, hat wohl praktische Bedeutung, so
lange es eben zutrifft, kann aber doch nicht als ein die
Verschiedenheit zweier Familien bedingendes Merkmal an-
gesehen werden.) Mit Sicherheit sind hierher zu rechnen
folgende Gattungen, bei denen ich mich von dem Vorhanden-
sein 4 einfacher Tracheenröhren, z. Th. bei verschiedenen
Arten überzeugt habe: Episinus Walck., Linyphia (Latr.),
Nesticus Thor., Ero (C. L. Koch), Theridium (Walck.),
Steatoda (Sund.), Lithyphanthes Thor., Asagena Sundev. —
vielleicht auch Cybaeus L. Koch; vgl. oben p. 393.
Pachygnatha rechne ich zur folgenden Familie; die
an Arten ausserordentlich reichen Gattungen Erigone und
Walckenaera enthalten Arten, welche den Stamm meiner
Micryphantiden bilden, obwohl ich nicht sagen kann,
ob alle unter Erigone und Walckenaera beschriebenen Arten
in diese Familie, oder doch nicht ^einige zu den Theri-
diiden gehören. Die Gattung Pholcomma scheint mir in
diese Familie zu gehören, doch kann ich nach Untersuchung
eines einzigen c^ von Ph. gibbum (Westr.) nichts sicheres
hierüber sagen.
20. Farn. Pachygnathidae mihi (= Pachygnathidae Menge
+ Tetragnathidae Menge).
Wie vorige; aber die Genitalspalte ist mehr oder weniger weit
hinter die Stigmen gerückt, und die Mündungen der (3) Sam entaschen
liegen am Grunde einer (bei Pachygnatha kürzeren, bei Tetragnatha
längeren) Tasche, die vor der Mündung der Ovidukte entspringt.
Der wesentlichste Unterschied dieser von den beiden
nächstverwandten Familien (Theridiidae und Epeiridae)
liegt in der Bildung der Samentaschen, deren 3 vorhanden
sind, eine kleinere mittlere und 2 grössere seitliche ^).
Diese entspringen vom Grunde einer halbkreisförmigen
Tasche, die unmittelbar vor der Mündung der Eileiter (und
1) Danach sind die Angaben in „Generationsapparat etc/
p, 252 zu berichtigen.
Vers, einer natürl. Anordnung- der Spinnen nebst Bemerk, etc. 401
äusserlich anscheinend in derselben Spalte) sicli öffnet, so
dass hier das Verhältniss ähnlich wie beiAtypus und den
Dysderiden ist. Mit den Eileitern seihst sind aber die
Receptacula Seminis hier ebenso wenig in direktem Zu-
sammenhang wie anderwärts. Dazu kommt die mächtige
Entfaltung der Oberkiefer im männlichen Geschlecht, die
zum Festhalten des Weibchens während der Begattung ver-
wandt werden.
Obwohl die nahe Beziehung zwischen Pachygnatha
und Tetragnatha von vielen Forschern annerkannt ist, wird
man doch vielleicht die Vereinigung beider in einer
Familie wegen der verschiedenen Form des Gewebes ^j be-
anstanden. Dann bliebe nichts weiter übrig,, als beide
Gattungen zum Typus einer besonderen Familie zu erheben,
wie Menge gethan hat. Dazu konnte ich mich indessen
nicht entschliessen, um nicht die Zahl der Familien zu sehr
zu vermehren, und weil ich bei der sonst so grossen Aehn-
lichkeit auf die Form des Gewebes geringeres Gewicht
lege 2). Die Familie enthält bei uns nur wenige Arten in
den angeführten Gattungen Pachygnatha und Tetragnatha.
21. Fam. Epeiridae Menge.
Wie Theridiidae, aber Oberkiefer mit Basalfleck. Gewebe rad-
förmig, ans von einem Mittelpunkte ausstrahlenden Radien und die-
selben in mehr oder weniger regelmässiger Weise verbindenden
Spiralfäden bestehend.
Das wesentliche, wichtigste Kennzeichen dieser Fa-
milie liegt in dem eigenthümlichen radförmigen Gewebe,
1) Soweit ich die Lebensweise von Pachygnatha kenne, machen
diese Spinnen überhaupt kein Fanggewebe.
2) Es verdient bemerkt zu werden, dass die bisherige Ein-
theilung nach dem Gewebe (zwar richtig, aber) inconsequent verfuhr,
indem sie zu den Inaequitelen sowohl wie den Tubitelen Gattungen,
die überhaupt nicht weben, stellte. Nur die Orbitelen waren von
solchen nicht webenden Arten frei geblieben, was wieder eine (und
diesmal falsche) Inconsequenz war. Denn wenn das Princip einmal
durchbrochen war, wenn also nicht webende Gattungen nach ihrer
sonstigen Verwandtschaft placiert wurden, so gehörte Pachygnatha
mit Tetragnatha zusammen; Sundevall hatte diesen Schritt gethan,
später aber wieder rückgängig gemacht.
Archiv f. Natiirg. XXXXIV, Jalirg. 1. Bd. 2G
402 Ph. ßertkan:
das ihre Mitglieder verfertigen, und soweit wir bis jetzt
wissen, allein verfertigen ^). Diese Familie erscheint hier
in einem kleineren Umfange, als bei den meisten Autoren,
indem nicht nur Uloborus (und Hyptiotes), aus denen schon
Simon und Cambridge eine besondere Familie gebildet
hatten, sondern auch Tetragnatha ausgeschlossen sind.
Die Uloboriden sind ausser durch Cribellum und
Calamistrum durch das hoch entfaltete Tracheensystem ver-
schieden; bei Tetragnatha liegt der Grund wesentlich in
der Verschiedenheit der Samentaschen der Weibchen, wo-
durch diese Gattung namentlich unter den Epeirideu, bei
denen, wie bei den Theridiiden, die Mündungen der Samen-
taschen sehr oft auf hervorragende Theile gerückt sind,
sehr isoliert stehen würde. Es gehören demnach nur fol-
gende deutsche Gattungen in die Familie in dem Umfange,
wie ich sie mit Menge annehme: Epeira, Argiope, Cyrto-
phora, Singa, Cercidia, Zilla und Meta.
Aus vorstehender Uebersicht der Familien lässt sich
leicht entnehmen, welche Differenzen zwischen den ein-
zelnen Familien bestehen und ob man dieselben für aus-
reichend halten will. Wenn man gegen einige der neu
aufgestellten Familien den Einwand erhebt, dass sie doch
auf gar zu wenig Arten begründet seien, so erwidere ich
dagegen, dass über die Berechtigung von Familien allein
die morphologischen Unterschiede entscheiden und dass
diese hier schärfer gefasst und in bedeutenderem Umfange
nachgewiesen sind, als es lange bei längst bestehenden
Familien der Fall war; übrigens mag sich das auch ändern,
wenn wir erst mehr ausländische Arten kennen werden.
Die Anordnung der Familien in einer Linie trägt ihrer
natürlichen Verwandtschaft wenig Rechnung, da sich diese
eben nur bei einseitiger Berücksichtigung eines Merkmals
in Gestalt einer Linie darstellen lässt. Aus der Darstellung
auf folgender Seite lassen sich die verwandtschaftlichen
Beziehungen leichter ersehen.
Wer sich unter dieser Zusammenstellung einen Stamm-
1) Das Gewebe der uloboriden scheint dem der Epeiriden am
nächsten zu kommen.
404 Ph. Bert kau:
bäum denken will, mag es thun; einen Commentar dazu
zu schreiben halte ich für überflüssig, da ein solcher eben
nur in die Form eines Vorganges das kleiden würde,
was eine Vergleichung obiger Diagnosen als Thatsache
lehrt. So würde man z. B. sagen: Die Epeiridae und
Theridiidae haben sich aus gemeinschaftlicher Grundlage
von Webespinnen entwickelt, indem die ersten sich ge-
wöhnten, die Fäden regelmässig radial und koncentrisch
zu ziehen, die letzteren unregelmässige Gewebe anzulegen,
u. s. f.
Im Allgemeinen halte ich die Tetrasticta für ursprüng-
licher als dieTristicta ^), wie sich dies in der erhaltenen Dupli-
cität ihrer hinteren Stigmen und in der Einfachheit der männ-
lichen Begattungsorgane ausspricht. Wenn man die mangel-
haften Befunde der Paläontologie zur Bestätigung heran-
ziehen-darf, so wird diese Anschauung durch die Paläonto-
logie unterstützt. Der älteste Rest einer unzweifelhaften
Spinne ist von Roemer^) als Protolycosa anthracophila
beschrieben und abgebildet, und wie auch der Name besagt,
als Lycoside gedeutet worden. Indess hat schon Thor eil
darauf aufmerksam gemacht, dass gewisse Verhältnisse
mehr für eine Territelarie sprechen. (Ohne die Gründe
untersuchen zu wollen, die diese fossile Spinne sogar in
nahe Beziehung zu Liphistius setzen, will ich doch auf
einen Punkt aufmerksam zu machen nicht verfehlen, der
mir weder von Roemer noch auch von Thoreil richtig
gedeutet zu sein scheint und ebenfalls als Wahrscheinlich-
keitsbeweis für eine Territelarie gelten kann. Es sind
dies die beiden stachelförmigen Fortsätze, die an der
rechten Seite des Körpers, nach hinten gerichtet, sich finden
und von denen der eine auf seiner vorderen Fläche mit
sehr kleinen, schief nach abwärts gerichteten Dornen be-
setzt ist. Ich sehe in diesen „Fortsätzen" das
1) Haeckel (Gener. Morph. II. p. XCVII) hält umgekehrt
die Attiden für die ältesten Spinnen und die Tetrapneumones für
einen Ast, der sich hoch über die Dipneumones entwickelt habe. Ich
habe mich vergebens bemüht, stichhaltige Gründe für diese Ansichten
aufzufinden.
2) Neues Jahrbuch etc. 1866. p. 136 ff. Taf. III. Fig. 1, 2, 3.
Vers, einer naiürl, Anordnung der Spinnen nebst Bemerk, etc. 405
hintere Paar Spinnwarzen der Territelarien und
in den kleinen Dornen die Spinnröhren. Es ist frei-
lich ein gewagtes Unternehmen, eine solche Deutung nach
dem Anschauen einer Zeichnung auszusprechen, indessen
liegt eine solche Deutung hier sehr nahe. Es erklärt sich
auf diese Weise das Fehlen der Fortsätze an der linken
Seite (da eben die scheinbar rechte Körperseite die Unter-
seite und der Körper also um seine Längsachse um p. p. 90^
gedreht ist) ; ferner würde das Fehlen der Spinnwarzen bei
dem sonstigen guten Erhaltungszustande schwer begreiflich
sein; endlich glaube ich, dass eine Deutung auf noch jetzt
bestehende Verhältnisse eben desshalb schon mehr Beifall
verdient. Es dürfte demnach auch nur scheinbar sein,
dass sich diese Fortsätze in der Mitte des Leibes befinden,
wie es für Spinnwarzen allerdings ungewöhnlich i) ist; das-
jenige, was als Hinterleibsende erscheint, mag wohl nur
herausgequetschter Leibesinhalt sein). Ist diese Anschauung,
dass die Tetrasticta die älteren Spinnen sind, richtig,
so würden im Allgemeinen unter denTristicta diejenigen
als am meisten abgeändert zu betrachten sein, die das am
meisten verkümmerte Tracheensystem besitzen, und nach
diesem Princip habe ich die Familien der Tristicta ange-
ordnet. Die Analogieen finden, so gut es geht, ihren
Ausdruck in dem Nebeneinanderstehen.
Da ich in den Familiendiagnosen und noch mehr bei
der speciellen Besprechung einzelner Gattungen häufig die
äusseren Begattungsorgane und deren Theile habe erwähnen
müssen, über die noch z. Th. sehr abweichende Ansichten
herrschen, so halte ich es nicht für überflüssig, in einer
gedrängten Darstellung das Resultat .meiner früheren Arbeit
unter Berücksichtigung der entgegenstehenden Ansichten zu
geben. — Als ich im Sommer 1874 an die Untersuchung
des Generationsapparates ging, war das einzig brauchbare
1) Ungewöhnlich, aber doch vorkommend; s. Cambridge,
Ann. a. Mag. Nat. Hist. (4. ser.) XIV. p. 172 ff. Plate XVII. Fig. 2.
(Gen. Mutusca) oder ibid. XV. p. 249 f. (Gen. Liphistius),
406 Ph. Bertkau:
das von Menge über diesen Gegenstand mitgetheilte.
Dieser überaus sorgfältige Forscher, der die Spinnen in
ihrer Lebensweise seit nahezu 40 Jahren studiert hat, unter-
schied ^) an dem männlichen Taster als wesentlich 2 Theile:
den Eindringer (Embolus) und den Samenträger (Spermo-
phor), welch letzteren er als zungenförmig, blattartig u. s. f.
beschreibt ; am einen Ende ist er mit Wärzchen besetzt und
daher zum Zurückhalten der Samenkörperchen wohl ge-
eignet. Wie ich im „Generationsapparat" p. 240 aus-
sprach, konnte ich mir eine befriedigende Vorstellung nach
den Beschreibungen nicht machen und suchte auf meinem
eigenen Wege zu einem Verständniss der Tasterbildung zu
gelangen, das sich mir erschloss, als ich den höchst ein-
fach gebauten Taster von Segestria (bavarica) studiert
hatte, p. 240 ff. Ich lernte als den Samenbewahrenden
Theil hier einen Schlauch kennen, der in einem Träger
aufgerollt war, und fand, dass dies Verhältniss bei allen
anderen Spinnen dasselbe ist, so dass, seiner Bedeutung
nach, ein Schlauch und keine Platte Samenbehälter,
Spermophor ist, wie auch später Menge mir brieflich zu-
gestand. Etwas früher 2) hatte Fickert diesen Schlauch
ebenfalls gefunden; aber bei der eigenthümlichen Behand-
lungsweise des Tasters (er legte denselben in Kalilauge
oder untersuchte frischgehäutete Exemplare, bei denen der
1) Preuso. Spinnen, p. 25.
2) Die erste Mittheilung über diesen Gegenstand scheint
Fickert in den (nach einer handschriftlichen Notiz am 17. Sept. 1874
ausgegebenen) Entomologischen Miscellen, herausgeg. vom
Verein f. schlesi sehe Insekt enkunde (Ueber einen Aus-
führungsgang der männlichen Copulationsorgane bei den
Araneiden) gemacht zuhaben. Ich hatte eine kurze Angabe über
das Resultat meiner Beobachtung in der Herbstversammlung des
Naturh. Ver. preuss. Rheinl. u. Westfalens am 5. October 1874
(Correspondenzbl. No. 2. p. 98) gemacht. Obwohl der Druck der
ausführlicheren Mittheilung in diesem Archiv sich verzögerte, so er-
hielt ich doch von der Angabe Fickert's von diesem vermeintlichen
Drüsenausführungsgange erst nach Vollendung des Druckes Kennt-
niss und konnte sie daher damals nicht widerlegen. Vgl. auch
Sitzgsber. Niederrh. Ges. f. Natur- und Heilkunde. 1877.
p. 28 ff. (19. Febr.)
Vers, einer natürl Auordnuug der Spinnen nebst Bemerk, etc. 407
Schlauch natürlich noch keinen Samen aufgenommen hatte),
sowie unter dem Einflüsse der alten Vorstellung von dem
Spermophor als einer Platte, sah er in diesem Schlauche
den Ausftihrungsgang einer besonderen (Prostataähnlichen)
Drüse, die er Tasterdrnse nannte; diese Drüse sollte ihr
Secret über den auf dem Spermophor befindlichen Samen
ausgiessen. Am rückhaltlosesten schloss sich Lebert dieser
Deutung an, der demnach wie Fickert als Spermophor
solche Theile bezeichnet, denen ich als äusseren Partieen
des Trägers nur untergeordnete Bedeutung zuerkenne *).
Die Untersuchung eines frischen, nicht in Kalilauge ge-
legten Tasters würde sofort das Richtige dieser meiner
Anschauung aufs schlagendste beweisen. Lebert selbst
scheint bei Betrachtung des Tasters von Segestria senocu-
lata über die Bedeutung der vermeintlichen Befeuch-
tungsdrüse zweifelhaft geworden zu sein; wenn er aber
weiterhin (p. 201) ausspricht, es sei wichtig, gerade bei
dieser Art das Secret dieser Drüse sehr genau zu unter-
suchen, so kommt dieser Wunsch um 2 Jahre ^) zu spät, da
1) Fickert bezeichnet z. B. die Platte a am Taster von Atypus
(Fig. 5) als Spermophor (Ueber die Unterscheidungs-Merk-
male der drei deutschen Atypus-Formen, in: Zeitschrift f.
Entomologie. Breslau, Neue Folge. 6. Heft. p. 99 ff.); Lebert nennt
die Platte a von Pholcus (Fig. 4) Samenträger (Spinnen der
Schweiz, p. 198), und scheint anzunehmen, dass bei Segestria die
Spermatozoon auf der Aussenfläche des Tasterbulbus sich befinden.
2) Vielleicht sogar um 17 Jahre. Es wäre nämlich möglich, dass
Blanchard in seiner Organisation du regne animal (Arach-
nides) auf PI. XX schon Spermatophoren aus den Tastern abgebildet
hätte; leider habe ich keine Einsicht in das angeführte Werk nehmen
können und nur durch Blanchard 's Auszug (Compt. Rand, de l'Acad.
des Sciences de Paris. L. p. 727 ff. und Rev. et Mag. de Zool. pure
et appliquee 1860. p. 173 ff.) Kenntniss davon erhalten. Zu meinem
Bedauern hatte ich diese Notiz bei Veröffentlichung des „Generations-
apparates etc." übersehen und will daher hier kurz einige Bemer-
kungen anschliessen. Zunächst schreibt Blanchard allgemein den
Gattungen Segestria und Dysdera Spermatophoren zu, die ,,dans
leur Interieur une immense quantite de spermatozoides filiformes"
enthalten ; bei S. bavarica, Dysd. erythrina und rubicunda (Harpactes
Hombergii) sind nach meinen Beobachtungen nur 4 Spermatozoen
vereinigt. Ferner lässt er diese Spermatophoren hervorgehen aus
408 Ph. Bertkau:
ich schon 1874 Spermatophoren als Inhalt dieses Schlauches
(nicht Drüse!) wenigstens bei S. bavarica nachgewiesen
habe. Sowohl van Hasselt^) wie Menge '"^j tiberzeugten
sich inzwischen ebenfalls, dass der Inhalt dieses Schlauches
Samenelemente seien und weichen nur darin von mir ab,
dass nach ihnen gewissermassen nur die Entwickelungs-
zellen der Spermatozoen in diesen Schlauch aufgenommen
werden; ich habe indessen schon früher (Sitzber. d. Niederrh.
Ges. 1877. p. 30) gezeigt, wie die Entstehung dieser Mei-
nung zu erklären ist und dass die Kugeln, die den Inhalt
des Schlauches ausmachen, als Cönospermien aufzu-
fassen sind.
Neuerdings wendet nun auch Menge das Wort Sper-
mophor zur Bezeichnung des Schlauches an. Indem ich
diese Terminologie (statt des von mir früher gebrauchten
Samenbehälter) acceptire, schlage ich die Annahme
folgender weiterer Benennungen vor: der umgewandelte
Theil des Tastergliedes ist der Tasterb ulbus. Derselbe
besteht im wesentlichen aus dem Träger und dem darin
befindlichen Spermophor, deren Wandungen z. Th. ver-
schmolzen sind (nach dem Ende des Spermophor hin);
dieser gemeinsame Theil ist der Einbringer oder Em-
den Entwickelimgszellen der Spermatozoideii: „Les petites vesicules
ordinaires dans lesquelles se forment les spermatozoides continuent
ici ä se developper en augmentant cousiderablement de volume et
deviennent en quelque sorte des spermatophores." Ich theile diese
Anschauung aus dem Grunde nicht, weil in den frisch gehäuteten
Männchen die Hoden nur freie Spermatozoen, und erst später in
dem vorderen Theile die Cönospermien enthalten, woraus hervorgeht,
dass nachträglich fertige Spermatozoen durch Kittsubstanz ver-
einigt werden. Der Passus, der mich vermuthen lässt, dass Blan-
chard diese Cönospermien auch als Inhalt des Tasterschlauches
nachgewiesen habe, lautet: Ces corpuscules se rencontrent tous dans
le meme etat durant une grande partie de l'annee .... dans l'ar-
ticle des palpes des mäles .... (M. E. Blanchard. De la fecon-
dation et du liquide seminal chez les Arachnides).
1) Kon. Ak. van Wetensch. te Amsterdam. Proc.-Verb. 25.
Maart 1876 p. 3.
2) Preuss. Spinnen p. 459. — Der dort gegebene historische
Rückblick scheint mir nicht ganz genau zu sein.
Vers, einer natürl. Anordnung der Spinnen nebst Bemerk, etc. 409
hol US (nach Menge). Die sonstigen Tlieile, die sich am
Träger in Gestalt von Platten, Haken ii. s. w. befinden,
mögen (ebenfalls nach Menge) als Halter, retinamla
bezeichnet werden, ohne dass diese Benennung etwas über
die Funktion aussprechen solP).
Bonn, den 26. Januar 1878.
Erklärung der Abbildungen.
Fig. 1. Taster des geschlechtsreifen Männchens von Segestria seno-
culata; la Ende des Bulbus vergrössert. Man sieht den
Samenbehälter mit den kugeligen Cönospermien, deren eines
aus der Mündung am Ende herausgetreten ist.
Fig. 2. Derselbe von Harpactes Hombergii; derselbe ist an seinem
Ende von 2 flügeiförmigen Fortsätzen (a und a') überragt,
zwischen denen das fadenförmige Ende des Samenbehälters
(Eindringer) liegt.
Fig. 3. Derselbe von Scytodes thoracicus. Bei 0 Mündung des
Samenbehälters.
Fig. 4. Mandibeln und Taster des Männchens von Pholcus opilio-
noides. b Fortsatz an der Basis der Mandibeln (Homologon
des Basalflecks?) 1, 2, 3, 4, 5 Glieder des Tasters, a Ge-
rippte Platte als Anhang des eiförmigen Trägers (Spermo-
phor Lebert's).
Fig. 5. Tasterendglied von Atj'pus affinis. Bei 0 Mündung des
Samenbehälters; a Spermophor Fickert's.
Fig. 6. Samentasche von Dysdera rubicunda. a eine verhornte
Partie stärker vergrössert.
Fig. 7. (Durch Graben abgenutzte?) Hauptkrallen von Lycosa in-
quilina auseinandergeschlagen; die Afterkralle ist nicht
gezeichnet.
Fig. 8. Samentasche von Oonops pulcher.
1) Bei Scytodes hat ein solcher Theil nach der Beobachtung die
Bedeutung, dass er als Wegbahner dient; bei Atypus hat die Platte a
höchst wahrscheinlich dieselbe Bedeutung.
410 Ph. Bert kau: Vers, einer uatürl. Anordnung der Spinnen etc.
Fig. 9. Aufgerollte Spiralfaser der feinen Tracheenröhren von
Dysdera rubicunda, durch Zerreissen erhalten.
Fig. 10. Anfang dos Tracheensystems von Anyphaena accentuata.
Fig. 11. Cribellum und Beginn des Tracheensystems von Uloborus
Walckenaerii,
Fig. 12. Tracheensystem von Scytodes thoracicus. a Verkümmerte
mittlere Röhren; b ein dem Stigma nahe liegendes Stück
der äusseren Röhren, stärker vergrössert.
Fig. 13. Cribellum von Lethia humilis Blackw.
Fig. 14. (Geringelter) Fuss von Pholcus opilionoides, letztes Glied.
Reflexionen über die Theorie, durch welche der
Saison-Dimorphismus bei den Schmetterlingen
erklärt wird.
Von
Dr. P. Kr am er
in Schleusingen.
Ich werde hier in wenigen Zeilen die merkwürdige
Erscheinung besprechen, welche Professor Weismann in
seinen Studien zur Descendenzlehre zum Gegenstand einer
sehr eingehenden Behandlung gemacht hat, nämlich den
Saisondimorphismus der Schmetterlinge. Dabei soll nicht
sowohl das thatsächliche Material vermehrt als vielmehr
die Theorie der in Betracht kommenden Erscheinungen
beurtheilt werden. Eine solche Theorie giebt Prof. Weis-
mann betreffs der Vanessa Levana und der dazugehörigen
Sommerform Vanessa Prorsa. Es sei mir erlaubt die
Hauptmomente dieser Theorie aus der schönen Schrift Wei s-
mann's zu entnehmen. „Vanessa Levana hat zur Eiszeit
nur eine einzige Generation im Laufe eines Jahres gehabt.
Als das Klima allmählich wärmer wurde, musste ein Zeit-
punkt eintreten, in welchem der Sommer so lange dauerte,
dass eine zweite Generation sich einschieben konnte. Die
Puppen der Levanabrut, welche bisher den langen Winter
über im Schlafe zubrachten, um erst im nächsten Sommer
als Schmetterling zu erwachen, konnten jetzt noch während
desselben Sommers, in dem sie als Räupchen das Ei ver-
lassen hatten, als Schmetterling umherfliegen und erst die
von diesen abgesetzte Brut überwinterte als Puppe. Somit
war ein Zustand hergestellt, in welchem die eine Gene-
ration unter bedeutend andern klimatischen Verhältnissen
412 P. Kramer:
heranwuchs als die zweite." „Was nun die Wirkung des
Klima's anbetrifft, so wird dieselbe zu vergleichen sein der
sogenannten cumulativen Wirkung, welche gewisse Arznei-
stoffe auf den menschlichen Körper ausüben/' „Die Wir-
kungen Summiren sich und so kann eine allmähliche Ver-
änderung in Farbe und Zeichnung hervorgebracht werden."
Um der Sache Schritt für Schritt auf den Grund zu
gehen mögen folgende Annahmen gelten, die an sich völlig
aller und jeder Discussion entzogen und ganz allgemein
gültig sind.
Zur Zeit, als es möglich wurde, dass eine Sommer-
generation von Vanessa Levana aufkommen konnte, seien
a Individuen vorhanden gewesen, ^ Männchen und ^ Weib-
ar
chen. DerVervielfältigungscoefficient sei r, so dass also ^
Keime angelegt werden. Ist - der Abnahmecoefficient so
L
ar t^
gehen -^ • , Individuen von dieser Generation zu Grunde,
u t
sei es als Eier oder Räupchen oder Puppen, und es bleiben
also noch zum Ausschlüpfen bereit 7^*— r— Individuen.
u t
Auf diese übt die Sommerwärme ihren Einfluss aus. Wird
ausserdem die Annahme gemacht, dass die Anzahl der vor-
handenen Thiere sich im Allgemeinen nicht ändere, so wird
sich für diese Generation und ebenso für jede andere in
entsprechender Weise eine Gleichung bilden lassen, aus
welcher, wenn es nöthig wird, gewisse Schlüsse gezogen
werden können. Für die weitere Betrachtung ist nun eine
Bemerkung Weis man n's, die aus Versuchen abstrahirt
ist, von grosser Wichtigkeit, nämlich „dass die Individuen
in verschiedenem Grade geneigt sind auf solche Einwir-
kungen (wie Wärme) zu reagiren; dass die Disposition,
die gewöhnliche Entwickelungsrichtung aufzugeben, ver-
schieden gross ist bei verschiedenen Individuen".
Es werde hiernach jedesmal die Anzahl der vor-
handenen Individuen in n gleich zahlreiche Gruppen zer-
legt, von denen die eine durch die Einwirkung der Wärme
während des Verpuppungszustandes eine gewisse, noch so
Reflexionen über d. Saison-DimorphiäTü-as bei Schmetterlingen. 413
geringfügige Veränderung der Säftezusammensetzung er-
fahren möge. Diese Veräadenmg werde, um überhaupt
damit arbeiten zu können, künftig durch « bezeichnet, so
däss a die Einheit der Veränderung bedeute. Alsdann
werde die Aenderung, die die zweite Gruppe erfährt, durch
2ß, die Aenderung, welche die dritte Gruppe erfährt, durch
3a u. s. f. bezeichnet. Es findet gar keine weitere Grössen-
bestimmung über a statt, so dass auch noch n« eine noch
so gering^ Aenderung des Chemismus bedeuten kann. Es
ist leicht zu übersehen, dass aus den vorhandenen Puppen
jedesmal ^ • r • — 7 Individuen ausschlüpfen, welche irgend
einen Grad der Veränderung bereits durch den ersten Sommer
erfahren haben.
Zur grösseren Vereinfachung — die aber im Wesent-
lichen gar nichts ändert — kann die Wintergeneration, da
sie keinen hemmenden und keinen fördernden Einfluss
auf die Ausbildung der Sommergeneration ausübt (Weis-
mann, Studien I, p. 48), aus der Betrachtung ausgesondert
werden, und ich nehme dem entsprechend an, es folge
Sommergeneration direkt auf Sommergeneration.
Für die weitere Betrachtung kann man nun mehrere
Gesichtspunkte geltend machen, welche die Entwicklung
der Sommerform beherrschen. Sie lassen sich in folgende
nicht gleichzeitig geltende Annahmen zusamnienfassen:
1) Die individuelle Anlage zur Abänderung wird selbst
durch die geringfügige Wirkung der Sommerwärme inner-
halb des Zeitraums von der Eiszeit an bis heute nicht be-
einflusst, so wird man a als Einheit beibehalten können.
2) Die individuelle Anlage zur Abänderung wird be-
einflusst: so wird man zu jeder Generation eine neue
Variabilitätseinheit «i «2 . . . ansetzen müssen.
Ich bin geneigt, nach den Vei*suchen, die A. Weis-
mann selbst angestellt hat, und unter dem Einfluss
der Ueberlegung, dass je länger eine Entwicklung schoa
dauert, die Tendenz davon abzuweichen mindestens nicht
grösser wird, den ersten Fall als der Natur der hier in Rede
stehenden Sache angemessen zu halten, obgleich ich nicht
prinzipiell gegen den zweiten bin. Für die Rechnung
414 P. Kramer:
empfiehlt sich zunächst der erste, doch kann auch jeden
Augenblick der zweite benutzt werden. Ist irgend einer
dieser Fälle gewählt, so muss man sich in Betreff eines
anderen Punktes entscheiden. Es wird nämlich von der
grössten Wichtigkeit sein, wie man sich bei den Nach-
kommen irgend eines Individuums die Neigung zu variiren
denken muss. Auch hier sind zwei Fälle zu unterscheiden,
nämlich I) die sämmtlichen Nachkommen eines Individuums
besitzen sämmtlich gleiche Neigung, die gewöhnliche Ent-
wickelungsrichtung aufzugeben, oder II) die Nachkommen
irgend eines Individuums zeigen wieder alle Gradabstufungen
in dieser Neigung. Ich muss mich nach den bisher vor-
handenen Erfahrungen dahin entscheiden, dass in dieser
Hinsicht der zweite Fall vorliegt. Meiner Schlussreihe lege
ich also die Fälle 1) und II) zu Grunde. Hieraus ergiebt
sich unter Hinzunahme des Grundsatzes der cumulativen
Wirkung der Vererbung und unter Anwendung der abge-
kürzten Bezeichnung y für ^ folgendes:
Aus den- Individuen mit der Abänderuno; a stammen
n °
av^
im ganzen -^ Thiere, welche wieder in n Gruppen nach
ihrer Neigung zu variiren zerfallen, ebenso geschieht es
mit den — Individuen der Gruppen mit der Abänderungs-
grösse 2a, 3« . . . Es häuft sich also auf die Abänderungs-
grösse a der ersten Gruppe, die durch Vererbung auf die
zweite Generation übertragen wird, entweder a oder 2a
oder 3a . . . Ebenso häuft sich auf 2a der zweiten Gruppe
entweder a oder 2a oder 3a u. s. f. Gleiches gilt von den
folgenden Gruppen bis zur n ten. Es werden in der zweiten
Generation Geschöpfe auftreten mit der geringsten Ver-
änderungsgrösse 2a und der grössten (2n)a. Die Anzahl
av^
derer, welche die Abänderungsgrösse 2a besitzen, ist -y>
die Anzahl derer, welche die Abänderungsgrösse 3a be-
2av^
sitzen, ist — —^ die Anzahl derer, welche die Abänderungs-
Reflexionen über d. Saison-Dimorphismus bei Schmetterlingen. 415
grosse 4a besitzen, ist — ^, also die Anzahl derjenigen,
welche die Abänderungsgrösse sa besitzen ist ^^ 2 y
wenn s^n + l ist. Von der Gruppe, bei welcher (s+1)«
d.h. (n+2)a als Abänderungsgrösse gilt, nimmt die Anzahl
der in den Gruppen vorhandenen Thiere wieder ebenso ab,
so dass die Zahl der Thiere mit 2n als Abänderungswerth
wieder -^ beträgt. Für die weitere Berechnung ist daran
zu erinnern dass die Zahlen 1, 2, 3, . . . auch als Binomial-
coefficienten li, 2i, 3i . . . aufgefasst werden können. Die
Gesetze der Rechnung mit Binomialcoefficienten werden die
Summirungen erleichtern.
In der dritten Generation von Schmetterlingen ver-
mehrt sich die Anzahl der zu unterscheidenden Gruppen
bereits auf 3n— 2, da die geringste Abänderungsgrösse 3a,
die höchste 3na ist und dies im ganzen 3n— 2 Zahlen gibt.
Die ersten Gruppen, welche als Abänderungsmaass 3a bis
(n+2)a besitzen, sind 22^, 32^, . . . (n + l)2^ Indi-
viduen stark, ebenso die n Gruppen vom Ende der Reihe
an, nämlich diejenigen welche als Abänderungsmaass 3na
bis (2n + l)a besitzen. Die Zwischengruppen, also diejenigen,
deren Abänderungsmaasse von (n-t-3)a bis 2na reichen,
av^
sind zahlreicher als die Individuenzahl (n+l)2-^ angiebt.
Die Zahl jedoch, welche die ihnen zugehörige Anzahl von
Individuen darstellt, folgt einem complicirteren Gesetz, so
dass es ohne die Schlüsse zu beeinträchtigen gestattet sein
mag, an ihre Stelle stets die Zahl (n+l)2^ zu setzen.
(Man wird sich die hier ganz allgemein gehaltenen Aus-
drücke leicht veranschaulichen, wenn man statt n sich eine
bestimmte kleine Zahl etwa 5 denkt und nun darnach die
Gruppen bildet, welche die verschiedenen Abänderungs-
maasszahlen bekommen müssen.) Man beobachtet nun leicht,
dass die Gruppen von derjenigen an, die das geringste
Abänderungsmaass besitzt, bis in die Mitte der Reihe be-
ständig an Individuenzahl zunehmen und dass genau in
416 P. Krämer:
demselben Maasse, als diese zunehmen, der Rest der Gruppen
an Individuenzahl wieder abnimmt. Wird mit denselben
Grundsätzen die Betrachtung* weiter geführt, zugleich auch
jede solche Individuenzahl, welche nicht mehr nach dem
Binomialcoefficientengesetz aa+(a+l)a+(a+2)a . . . (a + r)a
= (a4-r+l)a+l gebildet werden kann, ersetzt durch die
Grösse der letzten nach diesem Gesetz gebildeten Anzahl,
welche Zahl kleiner ist als die eigentlich geltende, so wird
man nach jeder beliebigen noch so langen Zeit 1) die An-
zahl der vorhandenen Gruppen, 2) die Anzahl der Individuen
in jeder Gruppe angeben können.
So wird, wenn die Zahl n, welche die Anzahl der
Gruppen angiebt, die ursprünglich durch die Neigung zur
Abänderung von einander unterschieden sind, gleich 1000
gedacht wird, nach 400 Jahren sich die Reihe der Zahlen,
welche die Anzahl der Individuen in den nach der Ab-
änderungsgrösse zu unterscheidenden Gruppen angeben,
folgendermaassen gestalten : 4 400 -^7^ 401 400 —^^ ' ■ '
^y4oo ay''^^
1399400 -^0 ' darauf die ganze Mittelschicht mit 1399 -^^^
in jeder Gruppe; dann nehmen die Zahlen wieder ab nach
demselben Gesetz, wie sie gewachsen sind.
Das geringste Maass der Abänderungsgrösse würde
400«, der höchste 400000« sein.
Die Anzahl der Gruppen wäre 400.1000 — 399 =
399601.
Aus der Anzahl der Gruppen muss man, da die An-
zahl der überhaupt vorhandenen Thiere unverändert bleiben
soll, in so fern auf die ursprüngliche Anzahl der Individuen
schliessen können, als in demjenigen Jahre, wo die Be-
rechnung abgebrochen wird, mindestens noch soviel Indi-
viduen gedacht werden müssen, dass jede von den am
wenigsten umfangreichen Gruppen aus einem Individuum
bestehen kann.
Ich komme zu den Schlüssen aus der Betrachtung.
Es ist klar, dass
1) durch cumulative Vererbung unter den hier be-
sprochenen Verhältnissen eine ungeheure Menge von Thier-
Reflexionen über d. Saison-Dimorphismus bei Schmetterlingen. 417
gruppen derselben Art entsteht, die unter sich verschiedene
Abänderungsmaasse habe ;
2) diejenigen Gruppen, welche das geringste und höchste
vorhandene Abänderungsmaass besitzen, am wenigsten zahl-
reich sind, dagegen die Gruppen welche ein mittleres Maass
von Abänderungen erfahren haben, am zahlreichsten sind;
3) eine ununterbrochene Reihe von Abänderungen
jederzeit existirt;
4) auch eine beliebig grosse Zeitdauer hierin nichts
ändert. ^
Das würde für Vanessa Levana soviel bedeuten, als
dass in der That eine gewisse vielleicht nicht unbeträcht-
liche Abänderung durch die Sonnenwärme allmählich her-
beigeführt worden wäre, dass aber die Verschiedenheit
zwischen den äussersten Formen der Abänderung und der
geringsten ungleich grösser sein muss als die zwischen der
geringsten und der ursprünglichen Stammform, denn in
Ziffern ausgedrückt wäre nach x Generationen bei Unter-
scheidung von n verschiedenen individuellen Empfänglich-
keiten gegen Wärme die Formdifferenz zwischen Stamm-
form und der am wenigsten abweichenden Abart x, dagegen
die zwischen der am wenigsten abweichenden und der am
meisten abweichenden Abart x(n— 1). Bei Vanessa Levana
und Prorsa ist in Wirklichkeit hieran nicht zu denken,
auch ist eine so mannigfach abgestufte Reihe von Prorsa-
formen nicht bekannt.
Somit wäre das Ergebniss unserer genauen Betrachtung
der Entwicklung nicht zu dem gewünschten und von Prof.
Weis mann geforderten Ziele gediehen, eine einzige von
der Winterform wesentlich verschiedene Sommerform ver-
ständlich zu machen. Denn wenn auch zugegeben werden
mag, dass „die Levanaform sehr viel constanter als die
Prorsaform" ist, so ist doch das Maass der Formverschieden-
heiten unter den Prorsaindividuen auch im entferntesten
nicht zu vergleichen mit der faktischen Farben- und Zeich-
nungsdifferenz einer Prorsa- und einer Levanaform. Dazu
kommt aber nun noch etwas sehr wesentliches. Es ist
völlig unbegreiflich, wie durch solche cumulative Vererbung
und Beeinflussung durch Temperatur differenzen eine be-
Archiv f, Natnrg. XXXXIV. Jahrg. 1. Bd. 27
418 P. Krämer:
stimmte Zeichnung in eine andere bestimmte Zeichnung
übergehen kann. Es liegt überhaupt auf der Entstehung
der Ornamente auf Schmetterlingsfltigeln und wo sie sonst
vorkommen das allertiefste Dunkel, welches auch durch die
Bemerkung auf Seite 43 der Studien nicht gehoben wird.
Man beachte hierzu folgende Schlüsse. Da sich die
gesammte Grundfarbe der Levana aus einem hellen Roth-
braun in das Schwarzbraun der Prorsaform umwandelte, so
lässt sich heute nicht mehr sagen, an welchem Punkte die
neue Vertheilung respektive Anhäufung des neuen Farben-
stoffes beim Beginn des klimatischen Einflusses sich vollzog.
Die Porimaformen, welche Prof. Weis mann durch Rück-
schlag erklärt, haben zum Theil ein so merkwürdig sowohl
von Prorsa als Levana verschiedenes Muster, dass man
durch sie nicht auf sichere Stationen der Umbildung zu-
rückgewiesen wird. Ist es nun denkbar, dass bei allen
Individuen die klimatische Beeinflussung genau dieselbe
Flügelstelle in ihrem Chemismus umgestaltet? Bei der
bis jetzt erkennbaren Säftevertheilung des Insektes ist es
kaum zu begründen, dass alle Individuen, die einem ver-
änderten klimatischen Einfluss ausgesetzt waren, genau an
demselben Orte ihre Flügel den Einfluss sichtbar werden
Hessen, und dass bei jeder neuen Generation dieselbe
Nachbarregion in die Umänderung hineingezogen wurde.
Und dieses oder ein ähnliches Verhältniss muss obgewaltet
haben, wenn eine bestimmte Zeichnung aus der Reihe der
aufeinanderfolgenden Beeinflussungen sich ergeben sollte.
Hat es aber nicht obgewaltet, so folgt, dass aus der unge-
heueren Anzahl von verschiedenen Abänderungsgrössen, die
durch die vorangehende Berechnung sich ergeben hatte,
sich eine ebenso grosse Anzahl von Richtungen ergiebt,
nach welcher die Farbenmenge auf den Flügeln der ur-
sprünglichen Levana sich ändern konnte. Wir stehen somit
zum zweiten Male vor einem Formenchaos, dessen Noth-
wendigkeit sich aus theoretischen Betrachtungen ergiebt,
und welches sich in der Natur doch nicht findet.
Die Schwierigkeit zu lösen, ist nicht Sache dieses
Aufsatzes. Aber es ergiebt sich aus der neuen Behandlung
des gewählten Themas, dass sich doch mannigfach neue
Reflexionen über d. Saison-Dimorphismus bei Schmetterlingen. 419
Fragen erheben, welche bei der gewöhnlichen Behandlungs-
weise gar nicht einmal bemerkt werden. Sie allein ist im
Stande, unter Zuhilfenahme der nun einmal gemachten
Voraussetzungen von Vererbung und Variabilität von dem
angenommenen Ausgangspunkt an gewissermassen die Er-
scheinungen entstehen zu lassen. Wo alsdann die so theo-
retisch gewonnenen Erscheinungen mit den wirklich be-
obachteten nicht übereinstimmen, gilt es gerade, wie es
bei Erklärung rein physikalischer Vorgänge schon längst
Sitte geworden ist, die Voraussetzungen da, wo sie irrig
zu sein schienen, zu ändern. Prof. Weis mann ist über-
zeugt, „dass die Entstehung der Prorsaform eine allmähliche
war, dass die Umänderungen, welche im Chemismus des
Puppenlebens entstanden und schliesslich zur Prorsazeich-
nung führten, ganz allmählich eintraten, zuerst vielleicht eine
Reihe von Generationen hindurch ganz latent blieben, dann
in ganz leichten Zeichenänderungen sich gaben und erst
nach langen Zeiträumen die volle Prorsazeichnung hervor-
riefen." Bei Anwendung unserer Methode zur Gewinnung
dieses Resultats ergiebt sich dagegen auf klarem und Jedem
zugänglichem Wege, dass in wichtigen Punkten das zu ge-
winnende Resultat nicht erreicht wird. In dem vorher-
gehenden sollte ein Beispiel gegeben werden, wie es nicht
allein möglich ist, solche Erscheinungen mathematisch zu
behandeln, sondern dass es für ein gedeihliches Fortschreiten
der zoologischen Studien unabweislich nothwendig ist, auch
diese Art der Behandlung zu Rathe zu ziehen. Es wurde
ein verhältnissmässig einfaches gewählt und auch dieses
nur nach einem der am Anfang namhaft gemachten Ge-
sichtspunkte behandelt. Jeder der andern Gesichtspunkte
führt indessen zu einem durchaus ähnlichen Resultat.
Schleusingen, October 1877.
Beiträge zur Keniitniss des Hermaphroditismus
und der Spermatophoren bei nephropneusten
Gastropoden.
Von
Dr. Georg Pfeffer.
Hierzu Taf. XIII.
Bei der anatomischen Untersuchung der auf dem Ber-
liner Zoologischen Museum befindlichen Nephropneusten
aus der Abtheilung der Naniniden kamen Resultate zu Tage,
die ich des allgemeineren Interesses wegen der Arbeit
selber, die sonst mehr Material zur Systematik bietet, ge-
sondert vorausschicke. Es bilden die beiden folgenden
Artikel Erweiterungen unserer Kenntniss vom Zwitterapparat
und den Spermatophoren der Stylommatophoren.
Der Zwitterapparat der Trochonanina-artigen
Naniniden.
Diese Gruppe wurde nach den Schalencharakteren
unter dem Gattungsnamen Trochonanina Mousson zusammen-
gefasst, ist aber auf Grund anatomischer Verschiedenheiten
besser in mehrere Gattungen zu zerspalten. Anatomisch
untersucht wurde von C. Sempera) Trochonanina mossam-
bicensis Pfr., von mir ausser dieser noch Tr. radians,
Schmeltziana, filocincta, percarinata und Ibuensis.
Gemeinsam haben sie alle eine Anhangsdrüse am
Penis und den Mangel des M. retractor penis; hingegen
1) Reisen im Archipel der Philippinen. 2 Th. 3. Bd. 1. Heft.
Wiesbaden 1870.
Beitr. z. Kenntn. d. Hermaphroditismus u. d. Spermatophoreri. 421
ist der Samenleiter bei Tr. Schmeltziana und radians durch
starkes Bindegewebe an einer Stelle am unteren Theil des
Penis festgeheftet, bei den anderen Arten verbindet er sich
durch einen Muskel mit dem obersten Theile des Uterus.
Bei den weiter vom Typus sich entfernenden Arten Tr.
percarinata und Ibuensis findet sich ein Gang, der von der
Prostata nach dem Blasenstiel führt.
Ich lasse jetzt die Beschreibung der sechs von mir
untersuchten Arten folgen.
Die Verhältnisse von Tr. radians und Tr. Schmeltziana
sind einfach und erhellen aus den Abbildungen.
Bei Tr. filocincta zeigt der Penis oberhalb der Insertion
des Samenleiters einen drüsigen Sack mit schwacher Muskel-
schicht. Die wenigen in einer steilen Spirale um ihn
henimlaufenden Muskelfasern laufen an der Spitze zusammen
und setzen sich an den Oviduct. Der untere Theil des
Penis ist ein Sack, der eine stark drüsige Innenwand be-
sitzt. Das Lumen war vollständig mit Secret gefüllt. Kurz
unter der Insertion des Samenleiters schien sich eine Aus-
sackung zu befinden; es kann dies jedoch Quetschungser-
scheinung sein, da das Präparat seiner Winzigkeit wegen
nur mikroskopisch unter dem Deckgläschen untersucht
werden konnte. Die Aussackung blieb übrigens bei jeder
Verschiebung des Deckglases.
Die Beschreibung des Geschlechtsapparates von Tr.
mossambicensis hat Semper 1. c. pag. 42 gegeben. Ich
fasse jedoch, bewogen durch die Befunde bei andern Gruppen-
mitgliedern, manches anders auf. — Der Penis sitzt ver-
mittelst eines muskulösen Bandes am obersten Theil des
Uterus fest. Oberhalb dieser Anheftung setzt sich der Penis
geisseiförmig fort und unterhalb desselben nimmt er das
Vas deferens auf, welches, dünn beginnend, sich allmählich
verdickt und dann wieder verjüngt, ohne dass bei den
beiden von mir untersuchten Exemplaren sich besondere
kalkführende Stellen gezeigt hätten.
Bei Tr. percarinata trennt sich die Prostata i) an
ihrem unteren Ende in das Vas deferens und einen Gang,
1) Ich verstehe hier unter „Prostata" nicht den histiologisch
422 Georg Pfeffer:
der in den unteren Theil des Blasenstieles mündet. Der
Penis setzt sich oberhalb der Insertion des Samenleiters
eine Strecke Flagellum-ähnlich fort. Weiter nach vorn ist
er durch einen Muskel mit dem Oviduct verbunden. An
dieser Stelle setzt sich der untere keulenförmige Theil des
Penis an, während der obere sich in gerader Fortsetzung
noch eine Strecke verlängert. Aufgeschnitten zeigt sich
dieser untere Theil des Penis als ein hohler Sack, der im
Innern als Fortsetzung des oberen Penistheiles ein ge-
wundenes Gebilde, wahrscheinlich ein Homologon der Penis-
papille trägt. Es endigt knopfartig; eine Oeffnung konnte
ich nicht erkennen. Unterhalb dieses Papillenendes ver-
engert sich der Penissack plötzlich zu einem sehr dünnen
Endabschnitt.
Die Grenitalien von Tr. Ibuensis haben etliche Aehnlich-
keit mit denen der vorigen Art, weichen aber noch be-
deutend viel weiter vom Typus ab. Eine individuelle Ab-
normität ist nicht vorhanden, denn der Kichtigkeit nach-
folgender Schilderung stehen die übereinstimmenden Resul-
tate dreier wohl gelungenen Sectionen zur Seite. — Der
Uterus hängt an seinem oberen Theile sowol mit dem oberen
Theile der Prostata, wie mit dem Homologon der Scheide
zusammen, welch letztere sich nicht nach aussen öffnet. An
derselben Stelle inserirt sich auch der Anheftemuskel des
Penis und die Blase, welche in ihren unteren Theil den
von der Prostata herkommenden Gang aufnimmt. Mit seinem
anderen Ende mündet der Oviduct frei nach aussen. Es
fanden sich in demselben immer mehrere Eier, von denen
die dem offenen Ende des Oviductes am nächsten liegenden
schon mit Schalen versehen waren, während die oberen
derselben entbehrten. Dieser Umstand gab schon bei dem
ersten Präparat die richtige Auffassung dieses merkwürdigen
Ausmündungsverhältnisses an die Hand. Der Penis zeigt
eine Art von Flagellum und einen ferneren Blindsack, wahr-
als diese Drüse zu bezeichnenden Theil, sondern die morphologisch
sich als ein Ganzes präsentirende und in den Beschreibungen von
Schneckengenitalien so genannte Verbindung des Samenleiters mit
derselben.
Beitr. z. Kenntn. d. Hermaphroditismus u. d. Spermatophoren. 423
scheinlich die bei der Gruppe gewöhnliche Anhangsdrüse,
an der sich der Anhefte muskel des Penis inserirt.
Bei der letztbeschriebenen Schnecke ist eine Copu-
lation unmöglich, weil der Penis keinen Ausweg nach aussen
hat. Das einzige Orificium ist das des Oviductes. Hin-
gegen steht einer Beförderung der Samenelemente nach der
Blase durch jenen eigenthümlichen oben angeführten Gang
nichts im Wege, so dass bei ungleichzeitiger Entwickelung
von Spermatozoen und Eiern im Grunde immerhin der Be-
fruchtungsvorgang dem typischen gleicht.
Bei Tr. percarinata finden wir wiederum den Gang
von der Prostata nach der Blase, der bei der vorigen Art
die Function des Penis unnöthig machte. Ob letzterer im
vorliegenden Falle functionslos ist, vermag ich nicht zu
sagen; jedenfalls ist an der Penispapille eine Oefihung
nicht zu erkennen, und ich mochte zur Feststellung des
Lumens nicht das einzig vorhandene Präparat vollständig
zerschneiden.
Die anderen Gruppenmitglieder zeigen keine Einrich-
tung zur Erleichterung der Selbstbefruchtung, hingegen aber
solche zur Erschwerung der Wechselbefruchtung. Denn
einmal würde bei Tr. mossambicensis n. filocincta (ebenso
percarinata) bei der Ausstülpung des Penis vermöge der
Anheftung desselben an den Uterus auf die. Anheftungs-
stelle und in Folge dessen auf den Zwittergang und die
Zwitterdrüse ein starker Zug ausgeübt. Da nun die Zwitter-
drüse fest in die Leber eingebettet ist, ebenso die Eiweiss-
drüse, der Zwittergang aber bei einem ganz geringen Zuge
schon von der Zwitterdrtise abgerissen wird, so kann man
sich kaum die Möglichkeit der Ausstülpung des Penis
vorstellen.
Andrerseits aber — und das gilt auch für Tr. radians
und Schmeltziana — ist kein Musculus retractor penis vor-
handen, der den ausgestülpten Penis wieder zurückziehen
könnte.
Es geht daher aus dem Vorhergehenden hervor, dass
für die Gruppe der Trochonanina-artigen Schnecken eine
Wechselbefruchtung unwahrscheinlich, und dass aus ana-
tomischen Gründen für Tr. Ibuensis eine Selbstbefruchtung
424 Georg Pfeffer:
angenommen werden muss, für Tr. percarinata leicht er-
klärt werden kann. Wie eine Selbstbefruchtung bei den
andern vier Arten geschehen könnte, darüber ist freilich
auf anatomischer Grundlage bisher nichts festzustellen.
Die Spermatophoren in der Familie der Naniniden.
Die Methode, die einzelnen hohlen Theile des Ge-
schlechtsapparates zur Erforschung ihres Innern Baues zu
zerschneiden — ein Grundsatz, der zuerst von S e m p e r in
methodischer Weise durchgeführt ist — führte auch zur Auf-
findung einer Anzahl von Spermatophoren.
Der Spermatophor fand sich bei Nanina resplendens
und N. Wallacei im Penis, bei den anderen in der Blase,
meist in der Einzahl, bei Macrochlamys sinica jedoch in
der Anzahl von zwei, und bei M. sogdiaua in der von drei
und etlichen Fragmenten.
Die Spermatophoren zeigen im Allgemeinen denselben
Typus. Sie bestehen aus einem wurstförmigen Theil mit
dünner weisser Hornwaüdung, der an dem einen Ende eine
blinde Spitze in Gestalt eines Stachels besitzt, während er
sich an dem anderen Ende in eine dünnere lange dunkel
hornbraun gefärbte Röhre fortsetzt. Gegen das freie Ende
zu geht die Röhre in eine Halbröhre über und endigt mit
einer mundstückartigen Erweiterung, welche mit einer ein-
fachen oder doppelten Stachelkrone verziert ist. Dieser
röhrenförmige Theil ist — und zwar für gewisse Regionen
in constanter Weise — mit einfachen oder mehrfach ver-
zweigten Stachelbildungeu versehen.
Unter Einfluss von Wasser quillt der Inhalt zu dem
mundstückartigen Ende heraus (s. Fig. 13c) als ein ziemlich
zäher Strang mit keulenförmig verdicktem Ende. Er ent-
hält viel hyaline Chitinfasern, die namentlich an dem ver-
dickten Ende entwickelt waren und aus demselben hervor-
standen, und eine Unzahl von zierlichen meist ovalen oder
lanzettlichen Kalkkörperchen, wie sie sich im Penis der
Zonitiden sehr häufig, vielleicht immer finden. Diese
Körperchen befinden sich namentlich an der Wand des
wurstförmigen Theiles, so dass diese, eigentlich hyalin,
dadurch milchweiss gefärbt erscheint.
Beitr. z. Kenntn. d. Herraaphroditismus u. d. Spermatophoren. 425
Der Spermatophor von Macrochlamys sogdiana zeigt
eine doppelte Krone an dem offenen Ende und eine den
ganzen dünneren Theil des Gebildes einnehmende Besetzung
von einfachen Stacheln. Das gleiche gilt von M. sinensis.
Der bei Stoiiczka (Journ. Asiat. Soc. Bengal Vol. XL
Pt. 11. 1871 pl. XVII) abgebildete Spermatophor von M.
honesta hat keine Krone und eine Besetzung mit ver-
zweigten Stacheln.
Diesem sehr ähnlich ist der von Stoiiczka (1. c.
pl. XVI) abgebildete Spermatophor von Sesara infrendens,
doch ist das eine freie Ende nicht mundstückartig erweitert
und die bald einfachen, bald verzweigten Stacheln stehen
einseitig.
In dem Flagellum des Penis von Nanina ^) resplendens
fand sich ein Stück eines Spermatophoren, welcher eine
doppelte Stachelkrone trug und eine Strecke davon einige
stumpfe Hornzacken.
Die beiden echten Nanina-arten, bei denen ich Sper-
matophoren fand, N. fulvizona und N. Wallacei, zeigten
eine einfache Stachelkrone, darauf folgend eine Region von
zahlreichen Wirtein einfacher Stacheln, und dann — bei
N. fulvizona durch einen beträchtlichen Zwischenraum ge-
trennt — eine Region von verzweigten Stacheln, und bei
N. Wallacei, vor Anfang des wurstförmigen Theiles, eine
Region von einfachen Stacheln.
Sem per bildet (1. c. t. III. Fig. 24) einen Spermato-
phoren von Rotula rufa ab. Er entbehrt der Spitze am
wurstförmigen und der Stacheln am röhrenförmigen Theil,
ebenso der Starrheit, durch welche sich die oben be-
schriebenen Capreoli auszeichnen; am mundstückförmigen
Ende sind die Zackenbildungen erhalten.
Bei Urocyclus (Parmarion) flavescens setzt der wurst-
förmige Theil nach dem einen Ende nicht so plötzlich ab,
um den Sf achel zu bilden, sondern verjüngt sich ganz all-
mählich ; noch mehr nach der andern Seite, wo das röhren-
1) Diese Schnecke gehört ^mit Semper's Gruppe Xesta C (s.
Phil.) u. N. siamensis, politissima und isabellina in eine beondere
Gattung, die sich ziemlich nah zu Macrochlamys stellt.
426 Georg Pfeffer:
förmige Ende durch einen äusserst dünnen, dunkelbraunen,
hohlen Hornfaden ohne mundstückartige Erweiterung ge-
bildet wird. Das ganze Gebilde ist in vielen Windungen
sprungfederartig aufgerollt und entbehrt durchaus aller
Stachelbildungen.
Der Spermatophor von Eurypus Semper verdünnt sich
allmählich nach beiden Seiten, entbehrt ebenfalls der Stachel-
bildungen und ist sprungfederartig aufgerollt. Die Win-
dungen sind nicht sehr zahlreich und zeigen einen Kiel,
der aber nicht median, sondern fast tangential der convexen
Seite der Windung aufsitzt. (Aehnlich wie an der Schale
von Planorbis marginatus.) Ich fand einen solchen Sperma-
tophoren bei Eu. cascus und Eu. Hoyti.
Die Bildungsstätte der Spermatophoren ist entweder
das Flagellum oder der Penis in seiner ganzen Ausdehnung.
Bei N. resplendens fand ich das mundstückartig gebildete
Ende im Flagellum und bei N. Wallacei einen vollständigen
Capreolus, welcher, in derselben Lage wie bei N. resplen-
dens, das ganze Lumen des Penis ausfüllte.
Es wäre interessant, festzustellen ob sich zu derselben
Begattungsperiode nach Ausstossung des einen Spermato-
phoren noch ein oder mehrere neue bilden. Bei der Com-
plicirtheit und Grösse des Gebildes ist das kaum anzu-
nehmen, und eine solche Feststellung würde nach den Be-
obachtungen bei Macrochlamys (s. oben p. 425) einen Grund
mehr dafür abgeben, den Begriff des wechselseitigen Herma-
phroditismus unserer Landschnecken so einzuschränken,
dass nur bei noch intacten Individuen derselben Begattungs-
periode eine wirkliche wechselseitige Befruchtung statt-
findet, dass aber in allen andern Fällen das intacte Thier
nur als Männchen, das schon begattete als Weibchen fuugirt.
Beitr. z. Kenntn. d. Hermaphroditismus u. d. Spermatophoren. 427
Erklärung der Abbildungen auf Tafel XIII.
Fig. 1. Genitalien von Trochonanina radians.
Fig. 2. Dieselben von Tr. Schmeltziana; der obere Theil ist abge-
rissen und fehlt.
Fig. 3. Dieselben von Tr. filocincta.
Fig. 4. Dieselben von Tr. mossambicensis.
Fig. 5. Dieselben von Tr. percarinata. An der mit y bezeichneten
Stelle ist das Präparat zerrissen. Der Penis ist im Durch-
schnitt gezeichnet, um die Penispapille zur Anschauung zu
bringen.
Fig. 6. Genitalien von Tr. Ibuensis. or ist das Orificium, vag das
Homologen der Scheide.
Fig. 7. Spermatophor von Macrochlamys sogdiana, 7a das eine
Ende desselben.
Fig. 8. Stück eines Spermatophoren von M. sinensis.
Fig. 9. Spermatophor von M. honesta nach Stoliczka.
Fig. 10. Spermatophor von Sesara infrendens nach Stoliczka.
Fig. 11. Das eine Ende des Spermatophoren von Nanina resplendens.
Fig. 12. Spermatophor von N. fulvizona.
12a Das eine Ende desselben.
Fig. 13. Spermatophor von N. Wallacei.
13a Penis derselben Schnecke im Durchschnitt, um die
Lage des Spermatophoren zu zeigen.
13b Das eine Ende dieses Spermatophoren.
13c Dasselbe, von der andern Seite gesehen, mit Hinweg-
lassung der Stacheln. Der Inhalt quillt unter Einfluss
von Wasser heraus.
Fig. 14. Spermatophor von Urocyclus flavescens.
ma = Der den Trochonaniniden eigenthümliche Anheftemuskel des
Penis.
dp = Der von der Prostata nach dem Receptaculum seminis füh-
rende Gang.
X = Männliche Anhangsdrüse.
rs = Receptaculum seminis.
ga = Eiweissdrüse.
de = Ductus hermaphroditicus.
NB. Die Stacheln oben an den Spermatophoren Fig. 11 und 13b,
ebenso die Krone an Fig. 7a sind glatt zu denken.
Universitäts-Bnclidruckerei Ton Carl Georgi in Bonn.
raf.I.
Fig. 8.
Fi ff. iß.
Fig. 15.
Kg. 18.
Fig.30. Pig.31. Fig.28.
Fig. t.9. Fig. 23.
Fig. 2a.
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1878.
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1878.
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J878.
Taf'.YJl.
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1878.
Taf.Vm.
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LitK.Tnstitut v.TVii'h. Greve.Berlm.
J878.
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v.Linstow i^z.
liÜi.Iiis tilat T.Willi Greve , B erlin
T(ü:x.
V. BedrJaia pinx.
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i^>'''^'Xv
LithTneLiLiilv.'Wilh.Greve fieriin.
1878,
TafXm.
LTth-, Instit-ut. v.WiÜl GreTe B erlin
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