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ARCHIV
FÜR
NATURGESCHICHTE.
GEGRÜNDET VON A. F. A. WIEGMANN.
IN VERBINDUNG MIT
PROF. DR. GRISEBACH IN GÖTTINGEN, PROF. von SIE-
BOLD IN FREIBURG, DR. TROSCHEL IN BERLIN, PROF.
A. WAGNER IN MÜNCHEN UND PROF. RUD. WAGNER
IN GÖFEINGEN
HERAUSGEGEBEN
voN
Dr. W. F. ERICHSON,
(HELMS-UNIV ERSITÄT ZU BERLIN.
PROFESSOR AN DER FRIEDRICH
NR
ZWOLFT. AHRGANG,.
Erster Band.
MIT ZVVÖLF KUPFERTAFELN.
BERLIN 1846.
IN DER NICOLAL’SCHEN BUCHHANDLUNG.
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Inhalt des ersten Bandes.
Beobachtungen über das Wachsthum der Vegetationsorgane in
Bezug auf Systematik. Dritter Abschnitt. Von A. Grisebach
Untersuchung über die Chromatophoren bei Loligo. Von Dr.
E. Harless. (Hierzu Taf. ].) - ah.
Beschreibung neuer oder weniger Bekannter Anneligen Erster
Beitrag: Sabella Lucullana Delle Chiaje; S.-luxuriosa Gr. n.
sp.; S. lanigera Gr. n. sp.; S. Josephinae Risso; S. penicillatus
Sav.; S. pavonina Sav. Von Ed. Grube, (Hierzu Taf. II.)
Neue Holothurien-Gattungen. Von Dr. F. H. Troschel
Versuch einer Darstellung der Organisation der Räderthiere,
nach eigenen Untersuchungen und in Bezug auf die neuesten
gegen die Ehrenbergschen Ansichten gerichteten Angriffe. Von
Dr. Oskar Schmidt. (Hierzu Taf. 111. Fi. ı-w.) .
Clepsine costata, neue Art. Von u Friedrich Müller.
(Hierzu Taf. III. Fig. 1.2) . L i ee
Uebersicht der Arten der Gattung Astacus. Vom Herausgeber
Ueber einen in der Meerenge von Messina gefundenen Delphin.
Aus einem Briefe des Prof. Anastasio Cocco an den Prof.
R. A. Philippi in Kassel, (Hierzu Taf.IV. Fig. C.) 5
Ueber den Charakter der Thierwelt auf den Inseln des indischen
Archipels, ein Beitrag zur zoologischen Geographie. Von Dr.
Sal. Müller.
Nachträge zu Gurlt’s Verscheen der Thiere, bei’ welchen Ento-
zoen gefunden worden sind. Fortsetzung., Von Creplin
Beschreibungen neuer oder wenig bekannter Anneliden. Zweiter
Beitrag: Canephorus elegans Gr.; Ammochares Ottonis Gr.;
Dasymallus caducus Gr.; Scalis minax Gr. Von Ed. Grube.
(Hierzu Taf. V.)
Macrocolus, eine neue Nagergattung aus De Panihe der Sprin:
ger. Von A. Wagner. -
Ueber die Beutelfledermaus aus Kurnden. en Dr. Ferd. Kirn
Professor in Stuttgart. (Hierzu Taf. VI.)
Seite
|
34
. 104
. 109
a)
. 161
. 172
. 178
Selte
Beobachtungen über den Nörz. Von Stan. Konst. Ritter von
Siemuszowa-Pietruski > 5 B 6 E £ . 183
Ueber den polnischen Biber. Von Demselben Fe: > Wet
Fernere Bemerkungen über den Bau der Ganoiden. Von Joh.
Müller. . . 190
Die Dreanisaiorverkältnisse der polygaskriseheh Inkeopen mit
besonderer Rücksicht auf die kürzlich durch Herrn v. Siebold
ausgesprochenen Ansichten über diesen Gegenstand. Von C.
Eckhard. (Hierzu Taf. VII und VIII.) 4 2 . 209
Die Entwickelungsgeschichte des Limnaeus stagnalis, ovatus und
palustris, nach eigenen Beobachtungen dargestellt von Dr. An-
ton Ferd. Franz Karsch zu Greifswald. ‘(Hierzu Taf. IX.) 236
Pflanzengeographische Uebersicht von Texas. Von Dr. Ferd.
Lindheimer Ä . B E27
Zur Gattung Oncodes (Ogoodes Dar). on Herausgeßi er .288
Ueber eine neue Art von Hypochthon (Proteus). Von Heinrich
Freyer. Mag. Pharm. Museal Custos. (Hierzu Taf. IV. F. 4.2.) 289
Ueber die contractilen Zellen der Planarienembryonen. Von
A. Kölliker. (Hierzu Taf. X. Fig. i—13.) & .291
Ueber Gammarus ambulans, neue Art. Von Dr. Frietich
Müller. (Hierzu Taf. X. Fig. 4—C.) e . 296
Ueber Acanthocercus rigidus, ein bisher noch urbekankeh Ento-
möstracon aus der Familie der Cladoceren. Von Dr. J. Ed.
Schödler. (Hierzu Taf. X. X1) . e . 301
Nachtrag zur Uebersicht der Arten der Gattung "Astacus. "Vom
Herausgeber . : i : } - e - N . 379
Beobachtungen über das Wachsthum der Vegeta-
tionsorgane in Bezug auf Systematik.
Von
A. Grisebach.
Dritter Abschnitt. (S. Jahrg. IX. S. 267. und X. S. 134).
Vom Phpyllostron.
D:s Wachsthum der Blätter im Sinne des Median - Gefäss-
bündels wurde im vorigen Abschnitte abgeleitet vom primären
Vegetationspunkt. Während des ersten Stadiums der Entwik-
kelung lagen die unter diesem Ausdruck begriffenen Mutter-
zellen in der Basis des Blatts oder am Knoten, so dass die
Zellenbildung in axipetaler Richtung zwischen dem schon vor-
handenen Theile der Lamina und dem Stengel erfolgte. So-
dann rückten sie, wenn das Blatt eine Stütze erhalten sollte,
dadurch, dass nun auch in entgegengesetzter Richtung Zellen
anfıngen sich zu bilden und sich den gebildeten einzureihen,
an die Grenze der Lamina und ihrer Stütze. Auf diesem
Entwickelungsgange beruht in vielen Pflanzenfamilien das Län-
genwachsthum des Blatts allein: aber in einer andern Klasse
von Formen, auf welche ich gegenwärtig die Aufmerksamkeit
zu lenken wünsche, ist jener Vegetationspunkt nur in den
Jüngsten Gebilden thätig. Hier erzeugt er eine mikroskopi-
sche Primordial-Lamina, das Phyllostrom, und von diesem
geht das fernere Wachsthum vermittelst eines neuen Systems
von Mutterzellen, des secundären Vegetationspunkts aus,
Das Phyllostrom ist von einem jungen Blatte weder in
seiner Form noch in seiner Entstehungsweise verschieden.
Es unterscheidet sich'nur dadurch, dass es nicht zu einem
ausgebildeten Blatte sich entwickelt, dass es nicht so frucht-
Archiv f. Naturgesch, XII, Jahrg. 1. Bd. 1
2) Grisebach: Beobachtungen über das Wachsthum
bare Mutterzellen besitzt, wie jenes. Man kann das Phyllo-
strom ein unentwickeltes Blatt nennen, gleich wie es unent-
wickelte Internodien giebt. Gewöhnlich nur Bruchtheile einer
Linie messend, wächst es zwar in vielen Fällen seitwärts zu
den Stipulen aus (Phyllostroma stipulatum): aber bei dieser
Bildung, atıf ‘welche ich’ die echten 'Nebenblätter (Stipulae)
einzuschrähken mich jetzt bewogen finde;'nimmt die Median-
länge des Phyllostroms nicht zu. Wo es keine Stipulen ent-
wickelt, bildet es nur den basilaren Stützpunkt für den Blatt-
stiel oder das ungestielte Blatt (Phyllostroma petiolare), Von
dem Gesetze, dass die Medianlinie des Phyllostroms unent-
wickelt bleibt, finde ich die einzige Ausnahme in der Blatt-
scheide der Gramineen, deren eigenthümlicher Entwicekelungs-
gang sich durch die Annahme erklären lässt, dass sie ein aus-
wachsendes Phyllostrom sei: denn eben dadurch unterscheidet
sie sich von andern Blattstützen, dass sie, wie das Phyllo-
strom, sich aus dem an ihrer Basis liegenden, primären Ve-
getationspunkte entwickelt. Uebrigens kann man auch jedes
Blatt, dessen Längenwachsthum auf dem primären Vegeta-
tionspunkt beruht, als ein auswachsendes Phyllostrom betrach-
ten und diese Ansicht erhält dadurch eine Stütze, dass die
Stipularbildungen des Phyllostroms sich durch alle ihre For-
men im Verwandtschaftskreise der Polygoneen und gewisser
Monokotyledonen am Blattstiele wiederholen.
In allen übrigen Fällen hört, nachdem das Phyllostrom
gebildet ist, die Thätigkeit des primären Vegetationspunkts
auf und nun beginnt die Entfaltung des eigentlichen Blatts
von der “pitze des Phyllostroms aus. Der secundäre Vege-
tationspunkt liegt hier, am Ende der Medianlinie des Phyllo-
stronis, demnach genau an demselben Orte, wohin der pri-
'märe Vegetationspunkt bei einem noch kurz gestielten Blatte _
erster Ordnung gelangt: aber die Thätigkeit am Phyllostrom
beruht nicht, wie hier, auf einer Verschiebung der Mutterzel-
len. Auf dem Phyllostrom ist ein neues System von Mutter-
zellen thätig: bei der Verschiebung des primären Vegefations-
punkts sind es noch die alten, nun in zwei entgegengesetzten
Richtungen thätigen Mutterzelleh, welche früher am Knoten
lagen. Dies geht hervor aus einer Vergleichuuß‘ Ae Entwik-
kelungsganges in beiden Fällen.
der Vegetationsorgane in Bezug auf Systematik. 3
a
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21 19 17 15 10 9 1
341
Die Verschiebung des primären Vegetationspunkts (A.)
hat zur Folge, dass der Blattstiel unter der axipetal gebilde-
ten Lamina sich axifugal entwickelt, während der secundäre
Vegetationspunkt (B.) gleich dem primären das Organ ur-
sprünglich axipetal aus sich herausschiebt. Das Phyllostrom
ist eine primäre und axipetale Bildung, der Blattstiel entsteht
secundär und axifugal.
Der secundäre Vegetationspunkt befolgt genau dasselbe
Bildungsgesetz, wie der primäre. Entweder schiebt er das
ganze Blatt aus der Spitze des Phyllostroms hervor, oder er
rückt später weiter hinauf an die Grenze von Blattstiel und
Lamina, indem er anfängt Zellen in zwei Richtungen zu er-
zeugen. Hierdurch wird das Phyllostrom zur Basis des
Blattstiels.
Beim Absterben des Blatts erfolgen häufig echte Gliede-
rungen an dem Orte, wo der secundäre Vegetationspunkt
seine Thätigkeit begann, an der Grenze des Blattstiels und
Phyllostroms. Die echten Stipulen sind aus seitlichen Vege-
tationspunkten des Phyllostroms hervorgeschobene Segmente
und sie sind daher häufig unter der Articulation des Blatt-
stiels befestigt.
Die Gewächse, bei denen der Medianus des Blattsystems
nur aus dem primären Vegetationspunkte hervorgegangen ist,
(Folium protogenum) nenne ich Protophyllarier (Plantae pro-
_ tophyllae). Die Gewächse, bei denen das Blatt (F?) auf einem
Phyllostrom ruht (Folium deuterogenum), heissen Deutero-
phyllarier (Plantae deuterophyllae).
Hauptarten des F. deuterogenum.
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Diese letzte, von mir noch nicht beobachtete Blattent-
wickelung, wofür man den bisher morphologisch unbestimmt
gebliebenen Ausdruck Frons zweckmässig verwenden kann,
hat Nägeli bei den Moosen kennen gelehrt, wo die Blätter
nach seiner Untersuchung *) sich wie Phyllodien entwickeln.
1) Zeitschr, ‚für wissensch. Botanik. H.2. S. 175. Nägeli hat bei
der Blatt- und Axen-Entwickelung zuerst die Geschichte der einzel-
nen Zellen entworfen, indem seine Arbeiten sich auf einfach gebaute
'Cryptogamen beschränken. Im dichten Parenchym der Phaneroga-
men hat meine Untersuchungsmethode diese Vollendung nirgends er-
reicht. Der Analogie zufolge könnte übrigens der Unterschied des
ungleichförmigen und des gleichförmigen Wachsthums so vorgestellt
werden, dass im ersteren Falle (A) bei fortschreitender binärer
Theilung der Zellen die eine der beiden Tochterzellen weniger oft als
die andere diesen Process wiederholt, im zweiten (B) dagegen Gene-
rationen von gleichmässig fruchtbaren Zellen erzeugt werden. Intercalar
würde das Wachsthum dadurch werden, dass die Mutterzellen an
fertige Gebilde grenzen (C). — Oder nach Nägeli’s Bezeichnungsweise:
der Vegetationsorgane in Bezug auf Systematik. 5
Ich wende mich jetzt zu den einzelnen Beobachtungen,
auf welche die dogmatisch vorangestellte Theorie sich gründet.
Erste Klasse. Deuterophyllarier.
Leguminosen. Folia composita-simplicia — Phyllodia.
— Stipulae.
I. Astragalus ponticus. Gefiedertes Blatt mit 15 bis 18
Blättchenpaaren.
a. Die jüngsten Blätter entsprachen in ihrer Gestalt einer
Lamina tripartita, segmentis lanceolatis, Die beiden seitlichen
Segmente (st.) sind behaart und dem mittlern, ungetheilten,
glatten Segmente (F?) an Länge gleich. Die gemeinschaftliche
Fläche an der Basis der drei Segmente ist das Phyllostrom.
b. Die Bildung der Blättchen erfolgt axifugal aus seit-
lichen Vegetationspunkten des Blattrandes. In der vorliegen-
den Entwickelungsstufe sind von der Blättchenreihe erst 5
bis 6 Paare angedeutet und zwar die der Spitze des Blatts
nächst gelegenen weniger, als die untern ausgebildet: ein
augenscheinlicher Beweis axifugaler Reihenfolge der die Blätt-
chen erzeugenden Bildungspunkte. Die untern Blättchen er-
scheinen als rundliche Serraturen am Blattrande; die obern
werden allmählig flacher, bis sie zuletzt und durch den flexuos
gebogenen Blattrand angedeutet sind. Die’ unterste Serratur
ist flacher und grösser, als die folgenden: sie wird späterhin
zum Blattstiel. Die Längendimensionen von st. und F? stehen
noch in gleichem Verhältnisse, wie bei a: das halbkreisför-
mige Phyllostrom trägt in der Mitte das Blatt, an den Seiten
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1 — Zellen, die wie die erste Mutterzelle sich fortpflanzen.
1 = Zellen, die weniger oft, z. B. nur einmal sich fortpflanzen.
1 Galrueikbare Tochterzellen.
6 Grisebach: Beobachtungen über das Wachsthum
die Stipulen. — Die erste Bildung der Blättchen aus margi-
nalen Vegetationspunkten entspricht demnach der axifugalen
Entwickelung des Petiolus communis und der Ort, den der
secundäre Vegetationspunkt jetzt einnimmt, Jiegt über dem
obersten Blättchenpaar an der Basis des Foliolum terminale,
welches vom übrigen Blatte noch nicht deutlich abgeson-
dert ist. \
c. F= 14”. — F? besitzt nun bereits sämmtliche'Blätt-
chen, die im axifugalen Sinne kleiner werden.
d. F = 3". — F? wird von den zweifach längern Sti-
pulen eingeschlossen. Blättchen conduplicativ bis zur Voll-
ie ihres Wachsthums.
.F=6". Der Blattstiel (P=1"") sondert sich vom
ea Blättchenpaare ab,
f. F= 11". Die Entwickelung der Iieretitich der Blätt-
ehenpaare am Petiolus communis erfolgt im axifugalen Sinne.
(P=2"; PC misst in den untern fünf Interstitien = 14",
4", 2”, 4”, 4”"; oberer Theil des PC mit Einschluss des End-
blättchens = 5"").
g- F = 25", UE> — 5; PC= 3"; 20, au au 10,
au 14", 14, 4195 41, 44 aM, zu, BuAT Foliolum ter-
minale = 4),
h. F — 48", P=> 2 10%; PC= 5 4) 4", 3", 3",
2300, ga gu gu gu gu qua gm, 41, Fol, term. = 14%),
Lathyrus purpureus. Zweiter Abschnitt X.
Thermopsis lanceolata. Gefingertes Blatt. Zweiter Ab-
schnitt IX.
Cytisus Laburnum. Zweiter Abschn. XV. ')
ll. Cercis canadensis. Einfaches Blatt. — Zur Bildungs-
zeit der Stipulen hat das Blatt ungefähr gleiche Länge mit
dem Phyllostrom. Aus dem Rande des letztern wachsen die
Stipulen neben dem secundären Vegetationspunkte hervor.
Späterhin ist der Zusammenhang der Nebenblätter mit dem
') Der Blattstiel ist dem Obigen zufolge bei Cytisus nicht aus
dem primären, sondern aus dem bei der Bearbeitung des zweiten
Abschnitts noch nicht unterschiedenen secundären Bildungspunkte
entstanden. Weil die Bedeutung des Phyllostroms damals noch nicht
vorlag, so ist in einigen, im Folgenden bezeichneten Beispielen statt
des primären gleichfalls dieser letztere zu verstehen.
der Vegetationsorgane in Bezug auf Systematik. ri
Blattstiele. kaum noch zu erkennen, weil das Phyllostrom sehr
klein bleibt und ihr Befestigungspunkt unterhalb der Articu-
lation des Blattstiels liegt.
II. Acacia decipiens. Entwickelung eines Phyllods.
a. Die jüngsten Blätter von kaum „4“ Länge bestehen
aus dem halbmondförmigen Phyllostrom, dessen convexer Rand
an dem Knoten befestigt ist und dessen Hörner zu den Sti-
pulen auswachsen. Am innern Rande der concaven Bucht
des Phyllostroms, auf dem dem Knoten entgegengesetzten
Endpunkte der Medianlinie, ist ‚eine Warze von Zellgewebe
sichtbar, bedeutend kleiner als die seitwärts darüber hervor-
ragenden Stipulen: diese Warze ist das auf dem Plyllostrom
am secundären Vegetationspunkte entstehende F?. Transito-
rische Haarbildung neben der Warze.
b. Die Stipulen wachsen, ihre lineare Form bewahrend,
bis zur Länge von 1” aus. Späterhin bleiben sie unverän-
dert und marcesciren frühzeitig. F? ist jetzt erst ‚4 Jang
und bildet einen schmalen, weisslich gefärbten Cylinder,, wel-
cher in der Folge der der Spitze des Plıyllods (ph) aufge-
setzte Dorn (sp) ist. Medianlänge des Phyllostroms, ‚wie
auch in den folgenden Entwickelungsstufen, unverändert: kleine
Bruchtheile 'einer Linie messend, daher von jetzt an (in Rück-
sieht auf die Blattlänge) gleich Null angenommen (F=F’ +0).
-e. Das Blatt ist # lang und linear. Die obere Hälfte
desselben (sp = +") ist dem weisslichen Cylinder in: b gleich
geblieben, die untere Hälfte (ph = 4“) hingegen grün gefärbt.
— Diese Veränderung. lässt eine zwiefache Erklärung zu, ent-
weder dadurch, dass der secundäre Vegetationspunkt das
Stück ph axipetal aus sich herausgeschoben hat, oder aber,
dass er selbst axifugal fortgerückt ist. Dass die letztere An-
nahme die richtige sei, ergiebt sich aus den folgenden Ent-
wickelungsstufen.
d. F= 1“, (ph= 3"; sp=#), Das Blatt, jetzt den
Stipulen an Länge gleich, hat die frühere Gestalt bewahrt und
ebenso scharf sind die beiden Hälften desselben dadurch zu
unterscheiden, dass sp kein Chlorophyll enthält. — Die Ver-
grösserung von sp auf die doppelte Länge kann daher nicht
mehr von einem am Phyllostrom thätigen, basilaren Bildungs-
punkte abhängig gewesen sein, sondern ist entweder eine
8 Grisebach: Beobachtungen über das Wachsthum
Folge der Zellenausdehnung oder dadurch bedingt, dass der
secundäre Vegetationspunkt jetzt an der Grenze von ph und
sp liegt.
e F=2 (ph= 1“; sp=1"). Das Blatt behält zwar,
wie bis zur völligen Ausbildung desselben, die lineare Form,
aber der obere Theil (sp) ist jetzt fester geworden und hat
sich zugespitzt, indem er an dem untern Ende breiter wird.
Man erkennt in ihm den nunmehr bereits fertig gebildeten
Dorn, in welchen der untere Rand des ausgewachsenen Blatts
ausläuft: deshalb ist er ohne Chlorophyll geblieben. Vergleicht
man diese Entwickelung mit der des einfachen Blatts von
Cercis oder mit der des gefiederten Blatts von Astragalus, so
ergiebt sich, dass in der That der Dorn von Acacia decipiens
eine Hemmungsbildung der Lamina folii oder des Foliolum
terminale eines zusammengesetzten Systems ist. Demzufolge
lag der secundäre Vegetationspunkt, wie bei jenen Gewächsen
an der Grenze von Blattstiel und Lamina, so hier an der
Basis des Dorns und der grüne, untere Theil des Blatts ist
ein Blattstiel oder, weil er sich flächenartig entwickelt und
statt des Blatts functionirt, ein Phyllod. Das Phyllod wächst
zuletzt bis zur Länge von 4“ aus und zwar, wie dessen
Gestalt zeigt, axifugal, also einem Blattstiele gleich (vergl.
zweit. Abschn. S. 135). Denn schon frühzeitig entsteht am
obern, der Axe zugewendeten Rande des Phyllods dicht. über
dem Phyllostrom ein kleiner Callus, der allmählig durch unter
ihm fortdauernde Zellenbildung von dem Phyllostrom sich
entfernt und zuletzt ebenso weit wie der Dorn des Phyllods
von demselben absteht. Das Phyllod erhält dadurch seine
dreiseitige Gestalt, die Flächen sind lateral, wie beim Iris-
Blatt. Der Callus bildet die obere und hintere, der Dorn
die untere und vordere, das Phyllostrom die untere und hin-
tere Ecke. Die Phyllodfläche ist aus dem von der Seite zu-
sammengedrückten Blattstiel marginal nach oben auf dieselbe
Weise hervorgewachsen, wie die Blättchen des gefiederten
Blatts aus seitlichen Bildungspunkten des Blattstiels entstehen.
Auch hierin zeigt sich daher die Analogie des Blattstiels mit
dem Phyllod. a
Rosaceen. Folia composita-simplicia. — Stipulae, nunc
rudimentariae.
der Vegetationsorgane in Bezug auf Systematik. 9
IV. Rubus idaeus. Bildung des gefiederten und gefinger-
ten Blatts, wie bei den Leguminosen. Stipulirtes Phyllostrom.
V. Kerria japonica. Die Kürze des Phyllostroms gestat-
tet nur einen geringen Zusammenhang zwischen dem Blatte
und den Stipulen. Beide Organe entstehen gleichzeitig als
Lamina profunde tripartita.
VI. Spiraea triloba. Abort der Stipulen, — Die Blatt-
knospe wird von zahlreichen Tegmenten eingeschlossen. Diese
sind lanzettförmig und an der Spitze behaart: ausserdem kom-
men innere Tegmente zwischen den Blättern vor. Die Blät-
ter selbst besitzen zu der Zeit, wo F? dem Phyllostrom an
Länge gleich ist und an der Spitze in drei stumpfe Zähne
ausläuft, zwei einwärts gekrümmte Stipulen, welche seitwärts
neben dem secundären Vegetationspunkte aus dem Phyllostrom
hervorgewachsen sind und sich später nicht weiter auszubilden
scheinen. Sie sind alsdann kaum um die Hälfte kleiner als
F?. — Es erhellt aus dieser Beobachtung, dass die Stipulen
auch in denjenigen Arten von Spiraea, wo sie im ausgebilde-
ten Zustande des Blatts fehlen, vorhanden sind und durch
wahren -Abort der Wahrnehmung verloren gehen.
Terebinthaceen. Folia composita — simplicia. — Sti-
pulae rudimentariae aut transitoriae.
VII. Ahus Cotinus. Aus dem abgerundeten, mikrosko-
pischen Phyllostrom entspringen am vordern Rande gleichzei-
tig die in rudimentärem Zustande verharrenden Stipulen und
das von ihnen eingeschlossene in der Form einer Warze er-
scheinende Blatt (F?). Hat es die doppelte Länge der Neben-
blätter erreicht, so stellt es einen oben schräg abgestutzten
Cylinder dar. Aus dem Rande der schrägen Endfläche wächst
später die entsprechende Lanına-Hälfte gefaltet hervor und
hierdurch wird der Blattstiel von der Lamina äusserlich ab-
gesondert, die ihm zu dieser Zeit an Länge gleich ist. Dem-
nach wird hier der mittlere Theil der Lamina, welcher in der
Folge der Medianus ist, früher gebildet als die Seitentheile,
gerade wie am Phyllod von Acacia decipiens der Flügel se-
cundär aus dem Blattstiele hervorwächst. Man könnte an-
nehmen, dass auch hier die ganze Lamina aus der Spitze des
Blattstiels hervorgehe, aber die schräge Endfläche ist früher
vorhanden, als dieser. Auf die Bildung der Seitenhälften des
10 Grisebach: Beobachtungen über das Wachsthum
Blatts folgt ein Zustand, wo der Blattstiel dreimal länger
wird als die Lamina, welche zunächst sich nicht vergrössert
und röthlich gefärbt ist. Die Axillarknospe wird von zwei
oder mehr Tegmenten eingeschlossen, die gleichfalls am Rande
diese Färbung zeigen. Diese Tegmente scheinen daher ganzen
Blättern zu entsprechen, nicht aber den Stipulen, die, wo sie
vorkommen, bei den ruhenden Blattknospen nicht selten zur
Tegmentbildung verwendet werden. Aber die Nebenblätter
der Terebinthaceen besitzen keine Entwickelungsfähigkeit und
sind deshalb bisher übersehen, wiewohl sie auf der zuletzt
beschriebenen Entwickelungsstufe noch als kleine Appendices
am Grunde des Blattstiels wahrgenommen werden können. —
Es ergiebt sich daher hieraus die systematische Folgerung,
dass die Terebinthaceen durch fehlende Nebenblätter nicht von
den Leguminosen und Rosaceen unterschieden werden können,
indem bei ihnen, wie bei einigen Arten von Spiraea, die Sti-
pulen nur durch eine Hemmungsbildung zurücktreten. Folgt
man der Annahme von der Verwandtschaft der Terebintha-
ceen mit Juglans, so würde die Entwickelungsgeschichte von
deren Blattknospe, wie sogleich gezeigt werden soll, ‚dieser
von Rhus abgeleiteten Bemerkung zur Bekräftigung dienen
VII. Juglans alba. Bildung: transitorischer. Stipulen.
a. Die ruhende Blattknospe, von Tegmenten umschlossen,
besteht im innersten Theil aus ungetheilten, linearen Blattan-
fängen und aus der ‚doppelten Anzahl von etwas .breitern,
nach oben gesägten Stipulen. Je zwei Stipulen und das von
ihnen eingeschlossene Blatt sind einem kurzen Phyllostrom
eingefügt und eine Zeit hindurch ungefähr gleich lang.
b. Die Bildung der Blättchen erfolgt wie bei Astragalus
zu einer Zeit, in welcher das Blatt (FE?) bei Weitem kleiner
ist als die inzwischen ausgewachsenen, den Tegmenten in
ihrer Form gleichenden, eiförmigen Stipulen.
e. Die Stipulen entwickeln sich nun nicht weiter und F
ist ihnen bald an Länge gleich. Sie scheinen späterhin abge-
worfen zu werden und so haben die Systematiker sie bisher
geleugnet.
Oxalideen. Folia composita. — Stipulae. Die. Stipu-
len sind in dieser Familie von Bartlivug und Endlicher irrthüm-
lich geleugnet, von Kunth jedoch wohl bemerkt.
der Vegetationsorgane in Bezug auf Systematik. 11
IX. Oxralis crenata. Die Stipulen wachsen Anfangs frei
aus dem Phyllostrom hervor und sind alsdann ebenso lang
als die Lamina trifida (F?), welche sie einschliessen. Von
dieser Zeit an entwickeln sie sich nicht weiter und am aus-
gewachsenen Blatte, wo sie dicht unter‘ der Articulation des
Blattstiels noch sichtbar sind, aber sehr wenig hervorragen, schei-
nen sie der Basis des Blattstiels angewachsen. Aber der breitere
Theil, zu dem sich der Blattstiel unter dem Artieulationspunkte
erweitert, ist eben das Phyllostrom, welches häufig, ohne die Ent-
wickelung zu beachten, als aus einer Verwachsung von Blattstiel
und Nebenblättern hervorgegangen angesehen worden ist: während
es eben allgemeines Bildungsgesetz ist, dass die Nebenblätter
aus der vordern Seitenecke des als einfache Lamina gebilde-
ten Phyllostroms hervorwachsen und die Unterscheidung freier
und angewachsener Stipulen (stipulae liberae und adnatae) bei
den Systematikern daher oft bloss auf einen Unterschied in
der Grösse des Phyllostroms hinausläuft. Ü
Zygophylleen. Folia composita-simplicia. — Stipulae:
in den beiden folgenden Beispielen abnorm gebildet, im ersten
als einfache, axillare Stipule, im andern stipellirt.
X. Melianthus major. Das Blatt entfaltet die in der
Knospenlage conduplieirten Seitenblättchen axifugal, wobei die
seitlichen Bildungspunkte sich zuletzt über die Interstitien
ausdehnen (Folium pinnatum, petiolo communi alato). Ueber
dem secundären Vegetationspunkte wächst das Phyllostrom zu
einer einfachen, oblongen Lamina aus (Stipula axillaris), welche
die Terminalblattknospe von der Blattseite aus umschliesst.
Das Blatt scheint späterhin aus dem Rücken des Phyllostroms
entsprungen, was jedoch nur darin seinen Grund hat, dass
der Stipularfortsatz bei dieser Art einfach ist und dem obern
oder vordern Rande des Phyllostroms entspricht, Unrichtig
ist daher die Darstellung de Candolle’s (Organogr. veget. 1.
p. 338), der denselben aus der Verwachsung zweier Neben-
blätter entstehen lässt, wie es bei Ficus wirklich der Fall ist.
Xl. Peganum Harmala. Diese Gattung kann wegen
ihrer Blattbildung nicht füglich mit den Rutaceen verbunden
bleiben und ich zähle sie daher mit Lindley zu den abwei-
chenden Formen der Zygophylleen, von denen sie sich durch
einfache und wie bei Melianthus alternirendeBlätter unterscheidet.
12 Grisebach: Beobachtungen über das Wachsthum
a. Einfaches Phyllostrom.
b. Phyllostrom mit zwei Stipulen und einfachem Secun-
där -Blatt.
c. F* spaltet sich in drei lineare Segmente.
d. Das Blatt wächst aus, indem entweder die Stipulen
nicht mitwachsen (Folium trifidum stipulatum), oder indem
sie sich zu langen, linearen Basilarsegmenten ausbilden (Fo-
lium tripartitum, segmento medio trifido). Im letztern Falle
erhalten die Stipularsegmente noch zuletzt kleine Basilarex-
erescenzen, die sich ebenso zu jenen verhalten, wie die Sti-
pellen zu Blättehen oder Blattsegmenten, z. B. bei Staphylea
(s. u.). Stipularbildungen sind bei Peganum auch an den Kelch-
blättern vorhanden,
Diosmeen. Bildung des Phyllostroms ohne Stipulen.
XII. Coleonema album. Zuerst bildet sich ein halbmond-
förmiges Phyllostrom, dessen vorderer, concaver Rand später
die Basis der Lamina umschliesst. Der secundäre Vegeta-
tionspunkt, aus welchem F? hervorgeschoben wird, beginnt
erst thätig zu werden, nachdem das Phyllostrom ganz ausge-
‚ bildet ist, indem dieses keine Stipulen entwickelt, sondern
nur durch seine Gestalt die Stellen andeutet, wo in andern
Familien die Nebenblätter auswachsen. So wie das Blatt der
südafrikanischen Diosmeen zur Erikoidenform gehört, so gleicht
auch das Phyllostrom, welches hier so klein bleibt, nach der
Ausbildung des Blatts dem Polster, auf welchem die Lamina
der Erika-Nadeln ruht: aber die Beziehung desselben zu der
Blattbildung ist ganz verschieden vom Sterigma der Eriken
und drückt die Verwandtschaft auch der einfachen Diosma-
Nadeln mit den zusammengesetzten Blättern anderer Diosmeen
aus. Denn hier geht das Blattpolster als Phyllostrom der
Bildung der Lamina voraus: das Sterigma hingegen ist die
späteste Bildung in der Entfaltung der Erika-Nadeln (s. u.).
XII. Agathosma molle. Das Phyllostrom liess sich hier
auch an den jüngsten Blattwarzen der Knospe nicht mehr
deutlich unterscheiden: der Analogie zufolge scheint es daher
hier nur noch kleiner zu bleiben, als im vorigen Fall. Der
Blattstiel entsteht zuletzt und die Entwickelung der Lamina
aus einem basilaren Bildungspunkte ist leicht zu verfolgen.
Rutaceen. Folia simplieia, exstipulata. Zweifelhaft
der Vegetationsorgane in Bezug auf Systematik. 13
wird diese Gruppe hierher gestellt, indem es mir nicht gelun-
gen ist, weder bei Ruta noch bei Boenninghausenia das Phyl-
lostrom aufzufinden. Die Analogie mit den Diosmeen ist es
daher, wie bei Agathosma, hier allein, wodurch ich bewogen
bin, nicht den Entwickelungsgang für verschieden, sondern
nur die Beobachtungen für unvollkommen zu halten.
XIV. Boenninghausenia albiflora. Entwickelung des Blatts
zum Folium bipinnatiseetum, woraus sich ergiebt, dass das
zusammengesetzte Blatt der Diosmeen dieser Gattung so we-
nig als Ruta zukommt.
a. Die jüngsten Blätter bestehen aus einer ungetheilten
Lamina.
b.F=+#". Das Blatt besteht zur Hälfte aus der ovalen
Lamina, zur Hälfte aus dem Blattstiel, an dessen Spitze jeder-
seits eine Serratur liegt. Diese Serraturen sind die Anfänge
der ersten Segmente.
ce.F=3"(P=#"; L=2%"). Drei Segmentenpaare
sind jetzt angelegt. Die Zwischenräume ihrer Insertionspunkte
in der Richtung vom Blattstiel zum Terminalsegment seien «,
P,y:soisteae=0; = #"; y—+ Segm. term. — 2',
N I EN Er | Re
Hu, 84 20):
eF=7"P=1",; L=6"fe = 1", P=1", y—
U Sts—=;8i]).
f. F — 14" (P — 2"; L = 42 [« = 3, ß = 2,
y=41#", S.t.=5#"]). Durch die späte Entstehung von
@ zwischen c und d, sowie durch den Uebergang von e zu
f wird die axipetale Entwickelung des Stipes communis klar:
wenn das Blatt ein gefiedertes wäre und demzufolge &, ß,:y
zum Blattstiele gehörten, so würde « früher gebildet werden
als # und in der letzten Entwickelungsperiode nicht noch um
das Dreifache sich verlängern, sondern längst ausgewach-
sen sein.
XV. Ruta graveolens. Die Blattsegmente entstehen suc-
cessiv an dem zwischen L und P gelegenen Vegetationspunkte
und entfernen sich‘ ebenso von einander, wie bei Boenning-
hausenia,
Geraniaceen. Folia simplicia. Stipulae.
XVl. Geranium palustre. Die jüngste Blattform, welche
14 Grisebach: Beobachtungen über das Wachsthum
untersucht ward, entsprach einen Folium tripartitum; der ge-
meinsame Basilartheil ist das Phyllostrom, die seitlichen Seg-
mente wachsen zu den Stipulen, das mittlere zu F? aus.
Wegen der Kürze des Phyllostroms ist später der Zusammen-
hang zwischen dem Blatte und den Stipulen gering. Anfangs
bleiben die Stipulen im Wachsthume zurück; F”* entwickelt
zwei Serraturen und stellt demnächst eine Lamina trifida dar.
Hierauf bildet sich der Blattstiel und nun nehmen die Stipu-
len an Grösse zu, umfassen sich gegenseitig und hüllen von
jetzt an die Terminalknospe ein. Sie treten in ein Stadium,
wo sie mit dem Blattstiel ungefähr gleich lang sind, von des-
sen oberem Ende nun die weitere Entfaltung des Blatts
ausgeht.
XVIl. Pelargonium macranthum. Einen Schritt weiter
zurück, als die Untersuchung von Geranium geführt ward,
war das Phyllostrom von gleicher Länge mit den Stipulen
und ‚der Lamina (Folium trifidum). Hierauf ein Folium tri-
partitum durch Wachsthum der Segmente und übereinstim-
mende Entfaltung mit der vorigen Gattung.
Tropaeoleen. Folia simplicia, exstipulata, (primordia-
lia stipulata).
XVIl. Zropaeolum majus. Bildungsgeschichte eines Fo-
lium peltatum. — Das Phyllostrom der Stengelblätter entwik-
kelt keine Stipulen (Ph. petiolare) und dient Anfangs einer
breiten Lamina zur Stütze, welche zwei Lappen seitwärts und
zwei andere rückwärts‘ treibt. Diese Lappen verschmelzen
späterhin durch ungleiches Wachsthum der Peripherie und der
zwischen den vordern und hintern Lappen vom Phyllostrom
aus abgesonderte Blattstiel erscheint alsdann der untern Fläche
der Lamina eingefügt. Die spätere, axifugale Entwickelung
des Blattstiels ist Abschn. 2. XIV. nachgewiesen.
Lineen. Folia simplicia. 'Phyllostroma exstipulatum.
XIX. Linum perenne: Das Phyllostrom bildet eine erst
eiförmigey dann 'rundliche Scheibe, an deren Endpunkt F?
zuerst als eine feine Spitze sich zeigt. Der secundäre Vege-
tationspunkt treibt die ganze Lamina hervor, ohne dass ein
Blattstiel sich absondert. Das sitzende Blatt ruht daher auf
dem unveränderten, nebenblattlosen Phyllostrom, ähnlich wie
bei Coleonema,
der Vegetationsorgane in Bezug auf Systematik. 15
Sapindaceen. Folia composita. Stipulae transitoriae
aut 0.
XX. Aesculus Hippocastanum. Drei Paar decussirte Teg-
mente hüllen die ruhende Blattknospe ein. Durch ihre Stel-
lung und den allmähligen Uebergang ihrer Gestalt in die der
Blattstützen (De Candolle Organogr. veget. t. 20) ergiebt
sich, dass sie Phyllostrome sind und ganzen Blättern entspre-
chen. Hierauf folgt nach innen ein zweites System von grös-
seren, durch Harz verklebten Tegmenten, welche gleichfalls
die Bedeutung des Phyllostroms haben. Die innersten ent-
wickeln zuweilen an der Spitze Blattrudimente, d. h. ein se-
eundärer Vegetationspunkt wird an ihnen thätig. Ebenso ent-
stehen sodann die eigentlichen Blätter innerhalb der Tegmente:
sie sind durch dichten Filz eingehüllt und von diesen getrennt.
An den äussern Blättern ist das Phyllostrom breit, von oblon-
ger Gestalt, und treibt zuweilen neben dem secundären Ve-
getationspunkte kleine Oehrchen hervor, die ächten Stipulen
entsprechen. Bei den meisten Blättern geht das Phyllostrom
zuletzt in die Basis des Blattstiels über, ohne von diesem
deutlich geschieden zu sein. Transitorische Nebenblätter sind
hier gleichsam nur als monströse Bildung zu betrachten.
XXI. Staphylea pinnata. Die Laubentwickelung dieses
Baums hat keine Analogie mit der der Celastrineen und dient
Bartling’s Behauptung zur Bestätigung, dass Staphylea den
Sapindaceen zunächst verwandt sei. Die ruhende Blattknospe
“ist nicht blos auswärts von einfachen Tegmenten umgeben,
sondern diese wechseln auch mit den Blättern im Innern der
- Knospe und geben sich hier durch ihre Stellung und Zahl
als echte Stipulen zu erkennen. Zwischen je zwei solchen
Stipulen (seitlichen Exerescenzen eines sehr kurzen Phyllo-
stroms) entsteht das gefiederte Blatt. Jedes Blättchen erhält
an seinem Insertionspunkte zuletzt zwei Basilarsegmente,
welche wie die am Stipes communis liegenden Blattsegmente
von Carum Carvi nicht mit dem Blatte in gleicher Ebene lie-
gen. Diese Basilarsegmente sind die als Stipellen und Stipu-
len von Staphylea beschriebenen Organe. Die echten Stipulen
fallen frühzeitig ab und sind von den Systematikern über-
sehen worden. Was sie als Stipnlen beschreiben, sind Or-
gane, die sich zum untersten Blättchenpaar genau ebenso ver-
16 Grisebach: Beobachtungen über das Wachsthum
halten, wie die Stipellen zu den übrigen Blättchen. — Dem-
nach sind hier die wichtigsten Entwickelungsstufen folgende:
a. Phyllostrom, jederseits mit einer blattartigen Exerescenz
(Stipula), am Ende der Medianlinie in das Blatt auslaufend.
b. Der Blattstiel entwickelt im axifugalen Sinne kleiner
werdende Seitenblättchen.
c. Die Stipulen sondern als innere Knospen-Tegmente
sich von dem auswachsenden Blatte ab.
d. Unter jedem Blättchen wachsen kleine Basilarsegmente
aus der obern Seite des Blattstiels hervor (falsche Stipulen
und Stipellen).
Acerineen. Folia simplicia. Stipulae transitoriae. —
Auch in dieser Familie, wie bei Juglans und Staphylea, hat
man die echten Stipulen bisher nur deshalb übersehen, weil
sie transitorische Gebilde sind.
XXI. Acer tataricum. Die ruhende Blattknospe ist der
von Aesculus ähnlich und wird von mehrfachen, decussirten
Tegmenten eingeschlossen, welche vermöge ihrer Stellung gan-
zen Blättern oder Phyllostromen entsprechen. Die Blätter im
Innern der Knospe, von zartem Bau und zusammengefaltet,
entspringen zwischen je zwei abgerundeten Stipulen, welche
den Tegmenten in ihrer Textur, aber nicht in der Form glei-
chen und zum Theil etwa dreifach kürzer als das Blatt mit
diesem einen kurzen Phyllostrom inserirt sind, Sie scheinen
frühzeitig verloren zu gehen.
Polygaleen. Folia simplicia. Phyllostroma exstipulatum,
XXI. Polygala myrtifolia. Das Phyllostrom von rund-
licher Gestalt läuft in, zwei abgerundet eiförmige Spitzen aus,
ähnlich wie bei Coleonema. In der Emarginatur entsteht der
Blattanfang als zarte Warze. Späterhin gleicht sich der obere
Rand des Phyllostroms aus, der Sinus verliert sich und das
Phyllostrom wird zur Basis der Lamina selbst. Die dichten
Haare, welche die Blätter in der Knospe bedecken, bilden
sich erst, wenn die Lamina eine im Verhältniss zum Phyllo-
strom bedeutende Grösse erreicht hat: so lange dieses emar-
ginirt ist, stören sie die Beobachtung noch nicht, wie später
der Fall ist.
Euphorbiaceen. Folia simplicia. Phyllostroma exsti-
pulatum aut stipulatum.
der Vegetationsorgane in Bezug auf Systematik. 17
XXIV. Zuphorbia orientalis.
a. Das eiförmig-dreiseitige Blatt ruht mit seiner truneir-
ten Basis genau auf dem Phyllostrom. Beide Organe sind in
ihrer Berührungslinie nach dem Rande zu Anfangs getrennt,
indem jederseits neben der Oommissur zwei oder drei Zellen
übrig bleiben, die sich berühren, ohne verbunden zu sein.
In der Folge verwachsen diese sich berührenden Zellen und
dadurch wird das Phyllostrom zum Basilartheil der ungestiel-
ten Lamina. Durch diesen in den jüngsten Knospentheilen
erkennbaren Verwachsungsprocess zwischen den sich berüh-
renden Rändern des Phyllostroms und der Lawina ist ein
solches einfach gebautes Blatt allein von einem protogenen
Blatte zu unterscheiden.
b. Das Blatt ist oblong-lanzettförmig, ‚hat die doppelte
Grösse erreicht und das Phyllostrom ist nicht mehr als sol-
ches zu erkennen.
c. Das Blatt wölbt sich concav, indem die äussern Blät-
ter der Terminalknospe in convolutiver Aestivation imbri-
eirt sind.
XNXV. Zuphorbia Peplus. Die Keimpflanze entwickelt
die Blätter ihrer Terminalknospe, wie die vorige Art.
XXVI. Euphorbia maculata. Die Erwartung, das Phyl-
lostrom an einer sogenannten stipulirten Euphorbie deutlicher
“entwickelt zu sehen, wurde nicht bestätigt, indem hier keine
echte Stipulen vorhanden sind. Die gegenüberstehenden Blät-
ter verbinden sich zu einem den Stengel umfassenden Knoten
(Nodus integer) und erst späterhin wachsen die Nebenblätter
aus dem Rande des Blattstiels hervor. In ihrer Entwickelung
entsprechen sie den Serraturen oder Lappen des Blattrandes
und diese Art falscher Nebenblätter, welche in die scheiden-
förmige Erweiterung des Blattstiels übergeht, ist daher als
Aurieula petioli zu bezeichnen !).
2) Wenn in dem vorigen Abschnitte die genetisch verschiedenen
Arten von Nebenblättern dem bisherigen Standpunkte der Morpho-
logie gemäss zusammengefasst worden sind, so haben wir jetzt be-
reits zwei Gebilde und werden noch ein drittes von den Stipulen
trennen müssen. Hieraus ergeben sich folgende Begriffsbestimmun-
gen für die bisher als gleichwerthige Organe angesehenen Neben-
blätter:
Archiv f. Naturgesch, XJ1. Jahrg. 1. Bd, 2
18 Grisebach: Beobachtungen über das Wachsthum
XXVU. Cluytia pulchella. Dies Gewächs besitzt gar
keine Nebenblätter: dagegen ist das Phyllostrom hier sehr
deutlich, es bleibt am ausgebildeten Blatte als abgesondertes
Polster am Grunde des Blattstiels sichtbar. Bei der Entste-
hung des Blatts ist es halbmondförmig gestaltet, nachher bildet
es eine quadratische Fläche, deren Breite etwas grösser ist
als die Dicke des aus diesem Grunde unterscheidbaren Blattstiels.
XXVII. Ricinus rutilans. Die Terminalknospe wird von
der Stipula oppositifolia des darunter stehenden Blatts um-
schlossen. Die Entwickelung dieses Hüllorgans scheint dem
von Begonia (s. u.) zu entsprechen, nur mit dem Unterschiede,
dass hier zwei echte Stipulen an der dem Phyllostrom gegen-
überliegenden Seite der Axe verwachsen: sie erscheinen daher
nur gegen die Axe geöffnet und abgesondert.
Malvaceen. Folia simplicia. Phyllostroma stipulatum.
Frühzeitige Trennung der Stipulen vom Blatt wegen der Kürze
des Phyllostroms.
XXIX. Malva moschata. Da durch die Anhäufung von
Schleim in den Organen der Blattknospe die mikroskopische
Analyse erschwert wird, so konnte ich nicht weiter zurück-
gehen, als auf eine Entwickelungsstufe, wo das Blatt von den
beiden Stipulen, die es einschliessen, getrennt erscheint. Die-
ses Lagenverhältniss, wobei die Form der Stipulen und des
Blatts sich eine Zeit lang gleich ist, entspricht der Entwicke-
lung des Involucrum am Kelche der Malvaceen in dem Grade,
dass, wenn man die Involucralblätter als die Stipulen der
Kelchblätter ansieht, ihre anscheinende Absonderung hierdurch
erklärlich wird. Schon an einem andern Orte (Gött. gel. Anz.
4845. S. 686) habe ich bemerkt, die Unterscheidung des Phyl-
lostroms von vorspringenden Zellen der Axe biete in man-
chen Fällen so grosse Schwierigkeiten dar, dass die Entwik-
1) Stipulae = Segmente des Phyllostroms.
2) Stipellae — Basilarsegmente aus seitlichen Bildungspunkten
des Stipes communis z. B. Sambucus, oder des Petiolus communis
z, B. Staphylea.
3) Auriculae — Segmente oder Serraturen des Blattstiels. Da-
hin gehören auch die Nebenblätter von Salix (Abschn. 2. VIII).
4) Squamae = in ihrer Ausbildung gehemmte Blätter oder Phyl-
lostrome z. B. Rubiaceen, Ampbhigastrien der Lebermoose.
der Vegetationsorgane in Bezug auf Systematik. 19
kelungsgeschichte, ohne Hülfe von Analogieen, für die einzelne
Pflanze nicht immer zum Abschluss führen würde. So habe
ich die Ansicht ausgesprochen (zweit. Abschn. S. 147), dass
die Nebenblätter von Ampelopsis ohne Zusammenhang mit
ihren Blättern zu entstehen schienen: allein durch eine grös-
sere Reihe von Beobachtungen finde ich mich geneigt, Schlei-
den’s Ansicht beizustimmen, dass alle echten Stipulen aus dem
Blatte entspringen, zu welchen sie gehören, nicht als ob ich
dieses Verhältniss stets hätte beobachten können, sondern so-
fern die Analogie mich nöthigt, die Ursache, weshalb ich in
einigen Fällen den Zusammenhang nicht deutlich erkennen
konnte, in der Kleinheit oder in dem rudimentären Zustande
des Phyllostroms zu erblicken. So ist es nun auch die Ana-
logie mit den Stipularbildungen anderer Familien, welche bei
Malva auffordert, dem Stadium, wo die Stipulen von ihrem
Blatte getrennt scheinen, ein anderes vorangehend anzunehmen,
wo sie aus einer beiden Organen gemeinsamen Phyllostrom-
fläche entspringen. Die erste beobachtete Bildungsstufe hat
demnach die Bedeutung eines Folium profunde tripartitum.
Sodann färbt das Blatt sich dunkler und fängt an Segmente
in der Form von Serraturen hervorzutreiben. Jetzt tritt eine
deutliche Vereinigung zwischen den unverändert gebliebenen
Nebenblättern und dem untern Theile des Blatts ein, sei es,
dass das Phyllostrom sich noch zu dieser Zeit vergrössere,
oder dass eine wirkliche Verwachsung zwischen dem Blatt-
stiele und dem innern Rande der Stipulen vor sich gehe.
Die weitere Entwickelung des Blatts entspricht der von Ge-
ranium,.
Rhamneen. Folia simplieia. Phyllostroma stipulatum,
nune exstipulatum. Frühzeitige Trennung der Stipulen vom
Blatte und spätere Verwachsung beider Organe,
XXX. Rhamnus infectoria,
a. Das Phyllostrom ist, wie bei Malva, so kurz, dass man
den Zusammenhang der Stipulen mit den Blattwarzen auf den
Jüngern Bildungsstufen nur mit Mühe wahrnimmt: Folium pro-
funde tripartitum, segmentis aequalibus eylindricis.
b. Die Nebenblätter werden breiter und, indem sie auf
diese Weise dem Mittelsegmente des Blatts mit dem innern
Rande sich nähern, tritt eine wirkliche Verwachsung zwischen
2%
20 Grisebach: Beobachtungen über das Wachsthum
den drei Segmenten ‚ein. Es entsteht eine Fläche, die vorn
in drei kurze Zähne, die Spitzen der Segmente, ausläuft (Fo-
lium rotundatum apice tridentatum), und die man, ohne auf
die frühern Zustände zurückzugehen, leicht mit dem Phyllo-
strom verwechseln könnte. Dass diese Fläche jedoch, deren
zwei Suturen eine Zeit Jang durch eine gewisse Ungleichheit
in der Zellenverbindung kenntlich bleiben, nur an der Basis
Phyllostrom ist und übrigens aus den drei Segmenten dieses
Organs besteht, geht auch aus der Stellung der mit beweg-
lichen Körnern angefüllten Drüsen (Corynidien) hervor, welche
in den ruhenden Blattknospen gewöhnlich das Phyllostrom
bekleiden und hier nur auf den Basilartheil der Fläche ein-
geschränkt sind.
c. Aus dem Mittelzahn wächst das Blatt hervor, während
die beiden Seitenzähne sich eine kurze Zeit gleichfalls ver-
grössern. Die letztern werden dadurch zu den ausgebildeten
Nebenblättern, die ‘daher aus dem untern Theile des Blatt-
stiels entspringen; ein Lagenverhältniss, welches demnach hier
wirklich auf einer Verwachsung des Blatts mit den Stipulen
beruht, während die meisten sogenannten Stipulae adnatae nur
deswegen den Blattstützen anhangen, weil der beiden gemein-
same.Körper Phyllostrom ist.
XXXI. Ilhamnus pumia. Eine Verwachsung zwischen
den Stipulen und dem untern Theile des Blatts tritt hier nicht
ein. Das Phyllostrom ist gleichfalls kurz und daher der Zu-
sammenhang des Blatts mit den Stipulen so gering, dass nıan,
ohne auf die jüngsten Zustände zurückzugehen, dieselben An-
sichten erhält, wie bei Malva. Der jüngste, beobachtete Zu-
stand entsprach indessen einem Folium profunde trifidum,
segmentis subaequalibus. — Die geringe Grösse des Phyllo-
stroms bei den Rhamneen ist wahrscheinlich Schuld, dass es
mir bei der exstipulirten Phylica ericoides bisher nicht gelun-
gen ist, dieses Organ vom Blatte zu unterscheiden.
Ampelideen. .
Ampelopsis hederacea. Abschn. 2. VlI. Vergl. die Bemer-
kung zu Malva.
Urticeen. Folia simplicia. Phyllostroma stipulatum.
XNXNI. Urteca urens.
a. Der Zusammenhang des Blatts mit den Stipulen ist
der Vegetationsorgane in Bezug auf Systematik. 21
wegen der Kürze des Phyllostroms so gering, dass man das
letztere von vorspringenden Zellen der Axe oder Ungleich-
heiten an deren Oberfläche nicht unterscheiden kann: Folium
profunde tripartitum, segmentis aequalibus.
b. Das Mittelsegment (F?) ist linear, die Stipulen lan-
zettförmig und jenem an Länge gleich.
c. Das Blatt wird durch Verschiebung des secundären
Vegetationspunkts kurz gestielt, die Lamina lanzettförmig:
diese überragt die ausgewachsenen, anscheinend frei stehenden
Stipulen fast um das Doppelte.
XXXIN. Ficus Carica. Bildung eines dem Blatte gegen-
überstehenden Nebenblatts.
a. Das Phyllostrom sehr junger Blätter stellt eine trapez-
ähnliche Membran, concav am vordern Rande, dar. Die bei-
den zugespitzten Hörner, welche die Concavität einschliessen
und deren Aussenrand geradlinig in das Phyllostrom übergeht,
sind die Stipulen. Am Ende der Medianlinie des Phyllostroms,
also it Grunde der Concavität ist die Janzettförmig-Jineare,
das Plıyllostrom zu dieser Zeit dreimal an Länge übertreffende
Lamina inserirt. Der Basilarrand derselben grenzt genau an
den Innenrand der beiden Stipulen.
b. Die Aussenränder des Phyllostroms und der Stipulen
verwachsen mit einander und umschliessen dadurch die Ter-
minalknospe, für die jene Organe num als Ochrea sich ver-
halten. Bei dem fernern Wachsthum sondert sich diese all-
mälig immer mehr von, dem Blatte ab, indem sie in der ur-
sprünglichen, als Blattstütze dienenden Medianlinie des Phyl-
lostroms sich nicht weiter verlängert. So wird sie nach und
nach zu einer Stipula oppositifolia, welche die Knospe umhüllt.
XXXIV. Platanus acerifolia. Bildung einer Ochrea.
a. Zwei Stipulen wachsen seitwärts aus dem Phyllostrom
hervor, wie bei Ficus.
b. Die Lamina ist gestielt und in Serraturen zerschnitten,
während das Phyllostrom sich nicht weiter verändert.
ec, Die Aussenränder der Stipulen verwachsen, wie bei
Ficus, und bilden eine Ochrea für die Terminalknospe.
d. Die Ochrea erreicht eine höhere Ausbildung, als bei
Fieus, indem sie auch an der Axillarseite sich schliesst und
22 Grisebach: Beobachtungen über das Wachsthum
am obern Rande in eine blattartige Fläche auswächst. Spä-
terhin wird sie durch basilare Articulation abgeworfen.
Amentaceen. Folia simplicia, Phyllostroma stipulatum.
XNXXV. Corylus Avellana. Das Phyllostrom entwickelt
gleichzeitig Stipulen und F?: Folium trilobum,
Begoniaceen. Folia simplicia. Phyllostroma stipula-
tum. Die Stipulen hüllen die Terminalknospe ein.
XXXVI. Begonia Martiana,
a. Das Phyllostrom trägt zwei oblonge Stipulen und zwi-
schen ihnen eine Lamina obovata, die dem Phyllostrom an
Länge gleich und doppelt länger als die Stipulen ist.
b. Die Stipulen wachsen aus und schliessen, mit condu-
plieativer Aestivation über einander greifend ar
die Terminalknospe ein. Diese vermöge ihrer Faltung abge-
plattete Knospenhülle kehrt dem Blatte den schmalen Rand
oder in andern Arten (Beg. dichotoma) umgekehrt die breite
Fläche zu. Während auf diese Weise die Knospe geschützt
wird, entfernt sich das Blatt seitwärts, indem der secundäre
Bildungspunkt über den abstehenden Blattstiel hinaufrückt.
Passifloreen. Folia simplicia. Phyllostroma stipulatum,
XXXVIL. Passiflora racemosa. Die Stipulen bilden sich
am Phyllostrom. Nachdem sie geformt sind, ist das Blatt
ein Folium sessile tripartitum, segmentis aequalibus. Der
einer Axillarknospe entsprechende Cirrus bildet alsdann einen
geraden, dünnen Cylinder von der Länge des Phyllostroms,
Violaceen. Folia simplieia, Phyllostroma stipulatum.
XXXNVIN Viola tricolor. Jüngster ‚beobachteter Zu-
stand: Folium trifidum, lobis oblongis indivisis, medio duplo
majori. Der Mittellappen wächst zum Blatte, die seitlichen
zu Stipulen aus, die gemeinsame Basilarfläche ist das Phyl-
lostrom.
Viola persicifolia. Abschn. 2. XI,
Frankeniaceen. Folia simplicia. Phyllostroma_exsti-
pulatum.
XXXINX. Frankenia Nothria. Das Blatt von 1“ Länge
zeigt am Grunde eine Erweiterung, welche am Rande gewim-
pert ist. Diese transversal oblonge Membran, auf welche das
Blatt gestützt erscheint, ist das Anfangs vom Blatte in höherm
Grade abgesonderte Phyllostrom; eine Bildung, welche für die
der Vegetationsorgane in Bezug auf Systematik, 23
Fraukeniaceen eine nähere, Verwandtschaft mit den stipulirten,
paracarpischen Familien andeutet und der Ansicht, dass sie
den Caryophylleen näher stehe, zuwider ist.
Zweite Rlasse. Protophyllarier.
Zu diesen gehören namentlich die Verwandtschaftskreise "
der Ranuneulaceen, Crueiferen, Caryophylleen, Calycifloren,
Saxifrageen und die monopetalischen Familien. Wahre Sti-
pulen habe ich bis jetzt in keiner der hierher gehörigen
Pflanzengruppen gefunden. Die mitzutheilenden Beobachtun-
gen beschränken sich hauptsächlich auf solche Fälle, wo die
Stipulen durch Organe von verschiedener, morphologischer
Bedeutung functionell ersetzt werden oder wo die Verwandt-
schaft mit entschiedenen Protophyllariern zweifelhaft erschien.
Ternstroemiaceen. Bildung der Knospentegmente aus
Blättern.
XL. Camellia japonica. Die Tegmente der Blattknospe,
die später zum Theil zu Blättern auswachsen, alterniren in
zwei opponirten, senkrechten Reihen (4). Jedes Blatt oder
Tegment besteht Anfangs aus einer eiförmigen, parenchyma-
tosen Lamina. An den ältern Blättern der Knospe entfaltet
sich die Lamina vom Rande aus zu einer ungemeinen Breite,
wodurch alle jüngern Blätter vollständig convolutiv umschlos-
sen werden. Die Lamina bedeckt alsdann die Terminalknospe,
wie ein spitzes Dach sich über sie ausbreitend, und gleicht
dem Cotyledo eines monokotyledonischen Embryo. So wer-
den der Reihe nach die jüngern Blätter der Knospe von dem
jedesmalig ältern eingehüllt (z. BB a+b von ec, a-b-+c
vond,a+-b-+c-+.d von e u.s. w.), ähnlich wie die Pla-
tanusknospe von ihrer Ochrea, jedoch auf die Weise, dass
Tegmente und Blätter gleiche Organe sind. Zur Zeit der
Knospenentfaltung wird sodann die übermässige Breite der
meisten Blätter durch rasches Längenwachsthum ausgeglichen.
Tamariscineen.
XLI. Myricaria germanica. Blattentwiekelung wie bei
Erika (s. u.) aus dem primären Vegetationspunkt.
Salieineen. Folia simplicia, auriculata. Bildung der
Knospentegmente aus Schuppen,
XLIl, Populus candicans. In der ruhenden Blattknospe
924 Grisebach: Beobachtungen über das Wachsthum
stehen abwechselnd convolutive Blätter und flache, harzige,
gewimperte Tegmente. Auswärts wird die Knospe von eben
solchen Tegmenten eingeschlossen. Ihrer Stellung nach sind
sie keine Stipulen, sondern ganzen Blättern entsprechende
Schuppen und den Tegmenten der Coniferenknospe analog.
XLIN. Salix viminalis. Die äussern Knospentegmente
sind denen von Populus gleich, die innern Organe der Knospe
wachsen zu Blättern aus. Wie sodann die sogenannten Ne-
benblätter an den Blättern spät sich bilden, als Segmente des
Blattstiels (Auriculae), ist früher gezeigt worden: Absch.2. VIII.
Caryophylleen.
Dianthus plumarius. Abschn. 2. II.
‚Chenopodeenm
Beta vulgaris. Abschn. 2. XI.
Onagrarien. Bildung von Corynidien an der Stelle
der Auriculen. D
XLIV. Fuehsia Iycioides. Die behaarten, jungen Blätter,
welche aus dem primären Bildungspunkte hervorwachsen, ent-
wickeln an derselben Stelle, wo die Auriculen von Salix
stehen, zwei transitorische Drüsen von rother Farbe, die den
Corynidien der Rubiaceen ähnlich sind und bald wieder ver-
schwinden. Zu der Zeit, in welcher diese Drüsen sich zeigen,
ist der Blattstiel noch nicht vorhanden, der in der Folge bis
zur halben Länge der Lamina sich vergrössert.
Calycantheen. r
XLV. Calycanthus flooridus. Die Blätter entwickeln sich
einfach aus dem primären Bildungspunkte und stellen diese
Gattung dadurch in nähere Beziehung zu den Calyeifloren,
entfernen sie weit von den Rosaceen, mit denen sie Endlicher
verwandt hält.
Cucurbitaceen. Alternirende Suppression der Inter-
nodien.
XLVI. Cyelanthera pedata. Die Wickelranke verhält sich
bei ihrer Bildung wie ein Blatt: während die Blätter hand-
förmig sich spalten und einen Blattstiel erhalten, treibt jene
nur ein einziges, basilares Segment aus dem dem Blatte zu-
gewendeten Rande (Cirrus bifidus). Das Internodium zwi-
schen dem Blatte und der Wickelranke bleibt unentwickelt
und so erhält diese eine schief seitliche Stellung gegen jenes.
der Vegetationsorgane in Bezug auf Systematik, 25
Bei den Cueurbitaceen wechseln daher entwickelte und un-
entwickelte Internodien regelmässig ab und so entsteht die
Aehnlichkeit der Wiekelranke mit einem Nebenblatte, die noch
dadurch vermehrt wird, dass die letztere keine Axillarknospen
produeirt. Bei Cyclanthera wird zwar in der Folge durch
ungleiches Wachsthum des Knotens die Axillarknospe zwischen
das Blatt und die Wickelranke gerückt, gehört aber seinem
Ursprunge nach zum Blatte.
Asarineen.
XLVN. Asarum canadense. Entwickelung des Blatts aus
dem primären Vegetationspunkte.
Umbelliferen.
Peucedanum alsaticum. Abschn. 2. IV.
Astrantia major. Abschn. 2. XVII.
Araliaceen.
XLVIN. Aralia spinosa. Eine Auxanometermessung zeigte,
dass bei den rasch wachsenden Blättern dieser Pflanze die
Blattscheide sich gerade so, wie bei Astrantia, durch interca-
lares Wachsthum über dem auf der unentwickelten Blattstütze
aufgetragenen Maasstabe mehrere Zoll verlängerte. Diese
Beobachtung kann dazu dienen, die Familie der Araliaceen
in der Folge schärfer zu umgrenzen. Sie thut die nahe Be-
ziehung zu den Umbelliferen dar und verweist Hedera in einen
andern Verwandtschaftskreis.
Saxifrageen.
Sazxifraga. hypnoides. Abschn. 2. II.
XLIX. Aydrangea hortensis. Blattentwickelung aus dem
primären Vegetationspunkte.
L. Philadelphus coronurius. Blattentwickelung wie bei
Hydrangea.
LI. Francoa appendiculata. Die Blattanfänge zu einer
Bulbillus-ähnlichen Warze angeschwollen, entfalten sich aus
dem primären Vegetationspunkte. Weder diese Gattung, noch
die Philadelpheen scheinen von dem Saxifrageentypus getrennt
werden zu können. 5
Celastrineen. Folia simplicia, auriculata, nunc exauri-
eulata. Die Knospe wird von Tegmentblättern oder vom Blatt-
stiel eingeschlossen.
LIl, Evonymus latifolius. Die schlank geformte Blatt-
26 Grisebach: Beobachtungen über das Wachsthum
knospe ist von zwei Paar decussirten Tegmenten eingeschlos-
sen. Da auch die Blätter bis in das Innere der Knospe auf
das Regelmässigste decussirt sind, so erhellt, dass die Teg-
mente Blättern entsprechen. Die Blätter entspringen aus dem
primären Bildungspunkte: wenn sich hier zuletzt der kurze
Blattstiel entfaltet, ist von den falschen Nebenblättern noch
nichts vorhanden. Hieraus ergiebt sich, dass R. Brown, wie-
wohl ihm Niemand gefolgt ist, völlig Recht hatte, die Oela-
strineen von den Rhamneen weit abzusondern. Ihre nächste
Verwandtschaft ist bei den Saxifrageen und Escallonien,
LIII. Zvonymus verrucosus. Die falschen Nebenblätter
sind lineare Segmente, welche spät aus seitlichen Vegetations-
punkten des Blatts hervorwachsen und in der Folge wieder
abfallen. An den Tegmenten der Knospe fehlen sie ganz.
LIV. Hedera Helix. Diese Gattung kann zu den Cela-
strineen gebracht werden als besondere Gruppe mit unterm
Ovarium, in Folge dessen die Eier herabhängen. Durch Po-
Iypetalie weicht sie von Cornus ab, welche Gattung ich zu
den Caprifoliaceen zähle. 4
a. Das Blatt, auf dem primären Bildungspunkte mit brei-
ter Basis aufsitzend, von eirunder Gestalt, ist conduplicativ
zusammengefaltet.
b. Durch Verrückung des primären Bildungspunktes erhält
das Blatt einen breiten, scheidenden Blattstiel.
c. Dieser Blattstiel breitet sich vom Rande aus fortwach-
send zu einer Ochrea für die Terminalknospe aus und son-
dert einen obern, ceylindrischen Theil unter der Lamina aus.
Dies ist einer der Beweise, dass eine Ochrealbildung eben
sowohl vom Blattstiele ausgehen kann, wie von den Neben-
blättern, durch deren Verwachsung sie bei Platanus entsteht.
Ericeen.
LV. Erica strieta. Die Blattwarzen werden basilar in
vierzähligen Wirteln aus der Axe hervorgeschoben. Erst spät
entsteht der weissliche Blattstiel, als letztes Gebilde des pri-
mären Vegetationspunkts. Die ausgebildeten Blätter gleichen
manchen Deuterophyllariern in hohem Grade wegen der schar-
fen Absonderung zwischen Lamina und Blattstiel: aber die
Entwickelungsgeschichte rechtfertigt die Zusammenstellung mit
den Rhodoreen,
der Vegetationsorgane in Bezug auf Systematik, Pr
LVI. Rüododendron ponticum.. Die nach dem Abfallen
der Tegmente stetig sich entfaltende Terminalknospe lässt
sich leicht in das Innerste verfolgen. Die Blätter besitzen
den einzigen für das Längenwachsthum bestimmten Vegeta-
tionspunkt an der Basis, wo das Blatt verdickt ist. Zwar
entstehen die Blätter in dreizähligen Wirteln, aber doch nicht
aus einem zusammenhängenden Knoten (Nodus integer), son-
dern aus drei abgesonderten Bildungspunkten.
Caprifoliaceen.
LVII. Sambucus nigra. Die ruhende Blattknospe wird
von zwei Paaren deeussirter Tegmente umschlossen («). Hier-
auf folgen zwei opponirte Blätter (?), einem kurzen Blattstiele
inserirt, mit gleich grossen convolutiven Segmenten, die am
Grunde stipellirt sind: die sogenannten Nebenblätter von Sam-
bucus sind gleichfalls Stipellen und gehören zu dem untersten
Segmentenpaar. Auf die beiden äussern Blätter folgen nach
innen wieder vier Tegmente (/) von ei-lanzettförmiger Gestalt
und mit gewimpertem Rande: sodann wieder zwei Blätter (6)
u. s. w. Je zwei Tegmente (7) schliessen ein Blatt (d) auf
dieselbe Weise zwischen sich, wie zwei Kelchblätter ein mit
ihnen alternirendes Blumenblatt. Die innern Tegmente schei-
nen nämlich einen einzigen vierzähligen Wirtel zu bilden,
aber die Symmetrie der Organe und die Analogie mit den
äussern Tegmenten fordert, dass auch die innern Tegmente
aus zwei opponirten Blattpaaren bestehend angesehen werden.
müssen, zwischen denen das Internodium sich nicht entwickelt.
Nebenblätter sind es nicht, weil sie nicht mit den Blättern
zusammenhängen. Auch sitzen an ihnen nicht die Corynidien,
sondern an den Stipellen: echte Stipulen und Phyllostrome,
oder wo diese fehlen, sind die Blätter selbst die Träger der
Corynidien in den ruhenden Blattknospen, d. h. derjenigen
Organe, in deren Zellen die stickstoffhaltigen Verbindungen
während des Winterschlafs aufbewahrt werden. An den Blät-
tern (Ö) sind die fünf Segmente auf einen einzigen Punkt zu-
sammengedrängt. Sie entstehen daher sämmtlich aus dem
verschobenen primären Bildungspunkte und das Blatt ist daher
nicht gefiedert, sondern pinnatisect,
LVII. Viburnum Opulus. Die Blattknospe ist, wie bei
Sambucus, von zwei Paar decussirten Tegmenten eingeschlos-
28 Grisebach: Beobachtungen über das Wachsthum
sen: jedoch fehlen die innern Tegmente ganz. Dieser Um-
stand dient zur Bestätigung der Annahme, dass sie auch bei
Sanmıbueus nicht als Nebenblätter, sondern als, unterdrückte
Blätter (Squamae) anzusehen sind. Das junge Blatt besitzt
eine Lamina pinnatiseeta und nähert sich in seiner Form dem
von Sambucus nigra, indem der mittlere, zusammenhängende
Theil des Blatts später als die Serraturen und Lappen sich
bildet.
_ LIX. Viburnum Lantana. Hier gehen auch die äussern
Tegmente als solche verloren. Die Blattknospe wird nur von
den äussern Blättern, d. h. von Tegmenten eingehüllt, welche
fähig sind zu Blättern auszuwachsen.
LX. Cornus paniculata. Die Blattknospe wird von einem
Paar opponirter Tegmente umschlossen, das zweite Paar ent-
wickelungsfähiger Schuppen ist auswärts noch durch Borsten
geschützt. Entwickelung der Blätter aus dem primären Bil-
dungspunkte.
Rubiaceen. Alternirende Suppression der Internodien.
Corynidien an der Stelle von Auriculen.
Rubia tinctorum. Abschn. 2. X.
LXI. Galium rubioides. Die auf das ungleichzeitige Wachs-
thum der Stellaten-Blätter gegründete Vermuthung, als seien
sie zum Theil Stipular-Bildungen, hat sich bei der Unter-
suchung jüngerer Blattknospen nicht bestätigt. Denn die frü-
her entwickelten, Axillarknospen tragenden Blätter stehen mit
den übrigen niemals in organischem Zusammenhang. Jedes
Blatt entspringt ohne Phyllostrom aus dem basilaren Vegeta-
tionspunkte eines selbstständigen Knotens (Nodus parlialis).
— Bei Galium rubioides, wo die Blattwirtel vierzählig sind,
ist in der Knospe das von Rubia beschriebene Bildungsgesetz
leicht wahrzunehmen. Die beiden Blätter, welche in der
Folge Axillarknospen erhalten, haben schon über die Warzen-
form hinaus zur elliptischen Fläche sich fortgebildet, wenn
das andere Blattpaar kaum von der Axenspitze abgesondert
ist. Dieses ist jünger als jenes. Nun entspricht aber jedes
jüngere Blatt einem höhern Insertionspunkte der Axe, als alle
früher gebildeten. Die Zahl der Knoten von der Stengelbasis
bis zu irgend einem Blatte oder Blattwirtel drückt genau das
Altersyerhältniss derselben zu den übrigen aus. Das jüngere
der Vegetationsorgane in Bezug auf Systematik. 29
Blatipaar von Galium rubioides gehört daher im Verhältniss
zu dem ältern Paare zu einem obern Knoten. Beide Blatt-
paare stehen in der That innerhalb der Knospe genau in
demselben Lagenverhältniss, wie bei Pflanzen mit op-
ponirt-deeussirten Blättern (z. B. aus den vorigen Beispielen
Evonymus, Viburvum, Cornus) die Blattipaare von zwei durch
ein in der Folge auswachsendes Internodium getrennte Kno-
ten. Das Internodium kann unentwickelt bleiben: dadurch
müssen zwei Blattpaare gleich Blüthenwirteln zusammenrücken.
Sind sie decussirt, so entsteht ein scheinbar vierzähliger Wir-
tel, und dies ist der Fall bei Galium rubioides. Um daher
hier den exacten, morphologischen Ausdruck für die vier zu-
sammengestellten Blätter zu gebrauchen, sind sie nicht als
vierblätteriger Wirtel zu bezeichnen, sondern als ein System
von zwei im Kreuze stehenden Blattpaaren, deren Internodium
nicht zur Entwickelung gelangt. Abwechselnd geht ein Inter-
nodium verloren, ein zweites entwickelt sich und so sind die
Blätter von je zwei Knoten so sehr genähert, dass sie im
Wirtel zu stehen scheinen. — Bei einem sechszähligen Stel-
laten- Blattwirtel gehen je zwei Internodien verloren und je-
desmal das dritte entfaltet sich, bei achtzähligen das vierte.
Bei Asperula molluginoides (Orucianella Auct.) sind die un-
tern Blattwirtel achtzählig, die obern werden sechszählig: das
heisst, unten bleiben auf vier Internodien drei unentfaltet,
oben auf drei zwei. Auch hier sind in der Knospe nur im-
mer je zwei opponirte Blätter von gleicher Länge oder,
was dasselbe bedeutet, in gleichem Abstande von der Sten-
gelbasis entstanden. — Bei den Stellaten wachsen die Blätter
‚der Knoten mit unentwickeltlem Internodium gewöhnlich zu
gleicher Grösse und Gestalt mit den übrigen aus und unter-
scheiden sich zuletzt nur durch die Unfähigkeit in ihrer Axille
Knospen zu erzeugen. Bei den echten Rubiaceen erleiden
zit dem Internodium auch die Blätter eine Hemmungsbildung
und sind im System bisher irrig als Stipulen beschrieben wor-
den. Die Rubiaceen-Nebenblätter entsprechen dem oben be-
stimmten Begriffe der zu Schuppen verkümmerlten Blätter
(Squamae). Alle Rubiaceen stimmen daher in ihrer Blatibil-
dung wesentlich mit den Caprifoliaceen überein, von denen
sie, wie die den Rubiaceen -Schuppen entsprechenden innern
30 Grisebach: Beobachtungen über das Wachsthum
Knospentegmente von Sambucus nigra lehren, durch die al-
ternirende Suppression der Internodien nicht hinreichend zu
unterscheiden sind.
LXI. Asperula stylosa (Crue. Tr.). Bei mehreren Stel-
laten sind drüsige Excrescenzen an der Basis des Blattrandes
wahrgenommen, welche man für rudimentäre Stipulen gehalten
und mit den Nebenblättern der echten Rubiaceen verglichen
hat. Ich habe sie bei vorliegender Art untersucht und mich
überzeugt, dass diese Drüsen nichts anderes sind wie die Co-
rynidien der jungen Blätter. Sie haben mit Stipularbildungen
ebenso wenig gemein, wie mit den Squamen der echten Ru.
biaceen.
Oleaceen. Folia pinnata aut simplicia.
LXIU. Syringa vulgaris. Blatientwickelung decussirt aus
dem primären Bildungspunkte. Die Tegmente der Blatiknospe
entsprechen ganzen Blättern.
LXIV. Fraxinus excelsior. Die Blattknospe wird von
zahlreichen Tegmenten eingeschlossen, die nach ihrer Stellung
ganzen Blättern entsprechen. Hierauf folgen die gefiederten
Blattanfänge, bei denen die Blättchen aus den seitlichen Bil-
dungspunkten des Blattstiels frühzeitig entspringen. Die Blät-
ter sind in braune Wolle gehüllt, deren Zellen braun gefärbte
Safıkügelchen enthalten. Man hat Fraxinus, wahrscheinlich
geleitel durch die, bei den Monopelalen seltenen, zusammen-
gesetzten Blätter, so wie durch die Apetalie einiger Arten,
mehrfach Familien aus der Reihe der Deuterophyllarier anzu-
reihen versucht z. B. den Acerineen, den Ulmen. Indessen
ist die Entwickelung der Blätter dieser Ansicht entgegen, und
wenn, wie vielleicht Grund ist anzunehmen, die Staubgefässe
nicht auf der Blumenkrone, sondern auf dem Torus entsprin-
gen, so würde die Familie der Celastrineen wohl diejenige
sein, zu welcher die Oleaceen die nächste Verwandtschaft
hätten.
Bignoniaceen. Folia pinnata,
LXV. Bignonia radicans. Das Blatt ist auch hier nach
der Entwickelung des Petiolus communis ein echt gefiedertes,
dessen Blättchen in der Knospe conduplicirt liegen, Die
Blattpaare stehen, wie bei den Oleaceen, decussirt.
der Vegetationsorgane in Bezug auf Systematik. 3
Apocyneen.
Vinca minor, Abschn. 2. S. 147.
Gentianeen,
Menyanthes trifoliata. Abschn. 2. V.
Polemoniaceen.
Phlox paniculata. Abschn. 2. I.
Synanthereen.
LXVI. Dahlia variabilis. Das Blatt stellt Anfangs eine
ungetheilte, ei-lanzettförmige Primordialfläche dar. Nachdem
sich der Blattstiel abgesondert und halb so lang als die La-
mina geworden ist, entstehen am Grunde der letztern, welche
zu dieser Zeit conduplicativ gefaltet ist, die beiden ersten
Segmente als lanzellförmige Serraturen. Folium pinnatisectum.
LXVI. Eine Synantheree des Göttinger Gartens (Mika-
mia scandens Hort. nec W.), welche wie Mikania stipulacea
den Stipulen ähnliche Bildungen besitzt, zeigte in ihrer Blatt-
entwickelung den Unterschied von Auriculen und echten Sti-
pulen ungemein deutlich. ei
a. Sitzendes, lanzettförmiges Blatt (basilarer Bildungs-
punkt).
b. Das Blatt, in seiner Form unverändert, wird von einer
kreisförmigen Membran gestützt, welche von der an der Ba-
sis truneirten Lamina scharf abgesondert ist (Verrückung des
primären Bildungspunktes).
_ e. Zwischen der am Grunde herzförmig gewordenen,
übrigens unveränderten Lamina und der kreisförmigen, am
HERE zurückgebliebenen Membran ist ein linearer Blattstiel
eingeschaltet. Die kreisförmige Membran ist demzufolge der
zuerst gebildete, basilare Theil des Blaltstiels (Peliolus basi
biauriculatus; vulgo: stipulae basi pelioli adhaerentes). Der
obere Theil des Blattstiels ist ferner axifugal entstanden , die
herzförmige Basis der Lamina axipetal.
Polygoneen. ‚Bildung der Ochrea aus dem Blattstiel.
LXVII. Rumex abyssinicus.
a. Aus einem Stengel umfassenden Knoten erhebt sich
eine Blattfläche von subulirter Form, deren breite Basis die
Axe scheidend umgiebt. Die schmale, kurze Spitze erscheint
als der zuerst gebildete Theil des Blatıs.
b. Der primäre Bildungspunkt liegt zwischen der zu einer
32 Grisebach: Beobachtungen über das Wachsthum
linearen Lamina ausgewachsenen Spitze und der am Knoten
stehen bleibenden Axenscheide oder der Ochrea, welche nun
am obern Ende auswächst, die inzwischen weiter entwickelte
Terminalknospe einschliesst und sich jetzt überhaupt der Pla-
tanus-Ochrea analog verhält. Aber bei der Platane war die
Ochrea eine Excrescenz des Phyllostroms, eine Stipularbildung:
bei Rumex ist sie die Exerescenz eines scheidenden Blattstiels.
c. An der äussern Seite der Axenscheide und unterhalb
der Ochrealexerescenz wächst der Blattstiel in axifugalem
Sinne aus.
Piperaceen. N
LXIX. Houttuynia cordata. Die Polygoneen-Ochrea wird
zur Auricula axillaris. — Der Stengel umfassende Knoten
trägt Anfangs eine lineare Blattfläche, deren oberer Theil die
convolutiy eingewickelte Lamina, der untere den Blattstiel
bildet. An der innern, der Axilla zugewendeten Seite des
Blattstiels treibt sodann eine Exerescenz, welche eine kurze
Zeit lang die Grösse des Blatts besitzt, dann aber weil zu-
rückbleibt. Diese der Ochrea entsprechende Excrescenz ist
wie die Lamina zusammengewickelt und umschliesst die Ter-
minalknospe. Nach deren Entfaltung bildet sie das axilläre
Nebenblatt. — Bei Saururus cernuus umfasst die scheidende
Basis des Blattstiels selbst die Terminalknospe: hier wird die
Ochrea zurückgeführt auf einen häutigen Blattstielrand (petio-
lus basi alatus). — Bei Piper ist der verdickte Blattstiel am
Grunde auf der obern Seite nicht selten tief gerinnt und er-
innert hierdurch an Saururus, so dass zwischen Piper und
den Polygoneen eine stetige, den Stipularbildungen parallel
gehende Formenreihe von zum Schutze der Terminalknospe
dienenden Excrescenzen in der Sphäre des Blattstiels sich
verfolgen lässt.
In Bezug auf die Monokotyledonen beschränke ich mich
auf die Widerlegung einer irrigen Angabe Morren’s, der be-
hauptet hat, bei Hydrocharis und Sagittaria wachse die Lamina
secundär aus dem Blattstiele hervor. Ich habe die Blattent-
wickelung des hierher gehörigen Verwandtschaftskreises bei
der Vegetationsorgane in Bezug auf Systematik. 33
Hydrocharis und Alisma verfolgt und ganz ähnlich gefunden,
wie bei den Polygoneen und Piperaceen.
LXX. Hydrocharis morsus ranae. Die Terminalknospe
wird von Auriculen eingehüllt.
a. Die Blattwarze wird zu einer kreisförmigen Fläche
und diese bildet in der Folge’ deh Terminaltheil der Lamina,
b. Sie wird von einer zweiten, flächenartig gebildeten
Membran gestützt, welche die Axe umschliesst, breiter ist als
die zuerst gebildete und von ihr abgesondert erscheint. Diese
bildet späterhin die scheidende Basis ‚des Blattstiels.
ec. Die Basis des Blattstiels wächst zu zwei Auriculen
aus, welche in ihrer Form und Lage Nebenblättern entspre-
chen und alsbald über das ganze Blatt: um die doppelte Länge
hinauswachsen. Zu dieser Zeit schliessen sie die Knospe,
indem sie sich imbricativ umfassen, 'vollständig ein. Das Blatt,
am Ende der Medianlinie. der Blattstielbasis zwischen beiden
Auriculen fortwachsend, tritt rückwärts aus der Knospen-
scheide, die sie bilden, hervor, . Die. breite Blattstielbasis, der
die Auriculen entspringen, misst in‘ der Medianrichtung nur
Bruchtheile einer; Linie, die, Auriculen imessen 4’, das Blatt
2". Das’ Blatt‘'besteht jetzt aus der herzförmigen Lamina
(#") und aus dem eylindrischen, ‚obern: Theile des Blattstiels
(14”%), welcher nach der Verrückung ‚des primären Bildungs-
punktes sich über: der scheidenden Basis gebildet hat,
+ d. Die herzförmige Lamina ist doppelt so lang geworden,
wie der Blattstiel,. — Das Wachsthum der Lamina und des
Blattstiels befolgt demnach einen alternivenden Gang, aber die
Lamina ist zuerst gebildet, wie, bei allen Gewächsen aus der
Klasse der Protophyllarier. — Alisma Plantago, verhält sich
zu Hydrocharis, wie Saururus zu Houttuynia, Die ‚scheidende
Blattstielbasis umfasst die Knospe, während die Lamina con-
volutiv zusammengewickelt ist: statt der Auriculen, functionirt
ein. geflügelter Blattstiel als Tegment der Terminalknospe.
Archiv f. Naturgeschichte, XII, Jahrg. 1, Bd, 3
34
Untersuchung der Chromatophoren bei Loligo.
Von
Dr..E.,Harless.
(Hierzu Taf. I.).
Man kennt eine Reihe von Bewegungserscheinungen an
höheren und niederen Thieren, welche entweder aus Mangel
aller Nerven oder aus Mangel an Nerven an den Theilen,
welche eine lebhafte Bewegung zeigen, seit dem Gebrauch des
Mikroskops schon geraume Zeit die Aufmerksamkeit der Natur-
forscher auf sich gezogen haben.
Dieses Interesse nahm um so mehr zu, als man die
Schranken zwischen dem Thier- und Pflanzenreich, welche die
Systematik aufgestellt hatte, nach einander fallen sah, bis end-
lich die willkürliche Bewegung als das letzte und einzig cha-
rakterische Merkmal für die Thiere hingestellt wurde und zur
Entscheidung der Frage: ob Pflanze, ob Thier, die mit der
Zunahme der Beobachtung und Entdeckungen auf diesem Ge-
biet statt klarer, immer verwickelter wurde, benutzt ward.
Ich brauche jedoch nur an die Geschichte der Ansichten über
die Spermatozoen zu erinnern, um zum Bewusstsein zu brin-
gen, 'wie schwierig es ist, zu entscheiden, was willkürliche,
was in der Organisation begründete organische oder um mich
dem neueren naturphilosophischen Sprachgebrauch zu aeco-
modiren, mechanisch geforderte Bewegung sei. Die Bewegung
an diesen Elementartheilen ist nach der übereinstimmenden
Ueberzeugung aller neuern Forscher keineswegs eine willkür-
liche, sondern wenn auch unerklärliche, doch aus dem Wesen
der geschwänzten Zelle eben so gut hervorgehende, wie die
Flimmerbewegung. Man fasste diese Erscheinungen unter den
Namen der elementaren Zellenphänomene zusammen, und
neuere Entdeckungen brachten noch andere Erscheinungen,
Untersuchung der Chromatophoren bei Loligo. 35
die man an Zellenmembranen aufland, unter diese Rubrik.
Es sind dies die von v. Siebold entdeckten Bewegungen ain
Dotter der Planaria und die von Henle an den Gregari-
nen aufgefundenen Contractionen der Zellenmembran dieser
Thiere; endlich rechnete man die von italiänischen Forschern
schon gekannten, von R. Wagner zuerst mikroskopisch unter-
suchten, Chromatophoren von Loligo zu diesen Gebilden,
welche solche elementare Zellenphänomene zeigen. Ueber
letzten Gegenstand bemerkt Kölliker flüchtig !), dass Expan-
sionen an diesen Chromatophoren wahrscheinlich durch con-
tractile Fasern erzeugt werden, und sagt, er hätte eine eigent-
liche Membran (Zellenwandung) nicht auffinden können. Auf-
"gefordert von R. Wagner, nahm ich die Untersuchung an vielen
Exemplaren lebender und todter Loligo-Individuen wieder vor,
und gelangte mit Hülfe eines ausgezeichneten Mikroskops von
Oberhäuser zu folgenden Resultaten, denen ich kürzlich noch
eine Beschreibung des ganzen Farbenspiels vorausschicke, wie
es mit unbewafinetem Auge verfolgt werden kann.
Bei Loligo finden sich über der ganze Oberfläche des
Konus in der grössten Menge verschieden gefärbte Punkte,
welche sich, so lange die Thiere leben, plötzlich theils ohne
äussere Veranlassung, theils auf mechanische und chemische
Reize zu einer grösseren Fläche ausdehnen; gewöhnlich sind
es immer grössere Gruppen, nicht vereinzelte Punkte, die die-
ses Phänomen darbieten. Die Form der Punkte ist nicht
regelmässig rund, sondern von den verschiedensten Linien
begränzt. Häufig verwandelt sich auch der Punkt in einen
hellen Ring. Die Farbenveränderung besteht nicht in der Um-
wandlung einer Grundfarbe in eine andere heterogene, son-
‚dern nur in einem Liehterwerden des ursprünglich dunklen.
Punkts' oder im Auftreten eines farbigen Fleckes auf einer
Stelle der Hautoberfläche, die dem unbewaffneten Auge als
weiss erschienen war, ein und derselbe Punkt bekommt bei
seiner Flächenausdehnung stets dieselbe, nie eine wechselnde
Grundfarbe, und es besteht der ganze Vorgang einzig und
allein in der Ausbreitung des ursprünglich eoncentrirten Farb-
stofles, der meist eine Mischung aus roth und blau, oder roth
”) Kölliker, Entwicklung der Cephalopoden p. 71.
3#
36 | E. Harless:
und'gelb, seltener. gelb. und blau ist, . Die nächste Frage ist
nun; ist ‚diese ‚ganze Erscheinung ein elementares Zellenphä-
nomen oder existirt ein’ complieirterer Apparat zu: ihrer Er-
zeugung;; hängt sie vom Nerveneinfluss ab, oder nicht?
Es war von vorne, herein nicht zu erwarten, „dass jene
Contractionen und Expansionen an einer einzigen elementaren
Zelle vor sich gehen, denn die Grösse der Chromatophoren
beträgt oft 0,090—0,500', ein Durchmesser, den keine tbie-
rische Elementarzelle hat; gleichwohl aber konnte das; Phä-
nomen durch das gleichzeitige Zusammenwirken einer Gruppe
von Zellen erzeugt sein. Ferner liess sich voraussetzen, dass
unter den gleichen auf die Hautoberfläche wirkenden äusseren
Einflüssen entweder ganz gleichzeitig alle diese Punkte oder
nach einander in einer bestimmten Richtung, entweder fort-
während oder regelmässig periodisch diese Veränderungen zei-
gen, wie wir es an den übrigen sogenannten elementaren Zel-
lenphänomenen beobachten. ‚Dass aber hier einzelne Parthien
oft ganz ohne äussere Veranlassung, jedesmal aber ‚auf ange-
brachte Reize diese Erscheinung zeigen, liess vermuthen, dass
einzelne Provinzen durch einen gemeinsamen Mechanismus
expandirt und contrahirt werden. Dass die Herrschaft‘ über
diesen Mechanismus von, dem Nervensystem ausging, liess sich
experimentell dadurch beweisen, dass das Phänomen nur so
lange dauert, als das Nervensystem. thätig ist, was sich.an dem
Anklanımern der Arme an feste Gegenstände bemessen lässt,
zweitens und hauptsächlich dadurch, dass das Phänomen jeder-
zeit mit der grössten Lebhaftigkeit eintrat, wenn man nicht
an dem gerade beobachteten, sondern irgend einem; anderen
ganz entgegengesetzten Punkt der Hautoberfläche mechanische
oder chemische Reize anbrachte, wenn man die meisten Saug-
näpfe kneipte oder die Centralorgane des Nervensystems me-
chanisch reizte, ein Beweis, dass diese Bewegung an den
Punkten nicht nur direkt, sondern auch durch Nervenreflex
erzeugt werden kann, 'was wir z. B. bei der Flimmerbewe-
gung ete. nie zu Stande bringen können.
Ueber alle diese theils vermutheten, theils experimentell
erschlossenen Punkte konnte nur die genaue mikroskopi-
sche Untersuchung Aufschluss geben.
Die hierdurch gewonnenen Resultate zerfallen in folgende
Untersuchung der Chromatophoren bei Loligo. 87
Theile. 1. Der Vorgang der Expansion im Allge-
meinen mikroskopisch betrachtet.
Nachdem man die Epidermis weggenommen und die Haut,
in der die Chromatophoren: eingebettet sind, unter das Mi-
kroskop ‘gebracht hat, bemerkt man, dass die Formverände-
rung an den fraglichen Körpern noch 40—20 Minuten nach
ihrer Trennung vom 'Gesammtorganismus fortdauert. Blitz-
schnell’ geschieht, mit Einem Ruck nach allen Seiten hin, die
Expansion, ganz allmählich 'und gleichmässig die Contraction.
Allein nach und nach ‚mit dem allmählichen Absterben der
Hautpartie ändert sich dieses Verhältniss.
Vorausgeschickt muss werden, dass die Form der ex-
pandirten Chromatophore eine ganz andere ist, als die der
contrahirten. Die letztere ist meist kreis- oder eiförmig;
die der ersteren ein unregelmässiges Polygonal von Bogen-
linien begrenzt. Die Differenz der Durchmesser beträgt oft
das Doppelte und Dreifache in den verschiedenen Contrac-
tionszuständen.
Beginnt nun das ganze Phänomen schwächer zu werden,
so nimmt nicht die Vergrösserung des Durchmessers gleich-
mässig ab, sondern die Winkel des Polygonals werden un-
gleichmässig vergrössert, so dass der eine, der vielleicht frü-
her nur 2—3° betragen hatte, jetzt 10— 20° hat, während
ein anderer noch eben so spitz wird, wie beim Beginn der
Beobachtung; endlich wird nur ein Winkel abwechselnd spitz
und stumpf, und die Expansion tritt ganz allmählich, nicht
mehr wie am Anfang mit einem Ruck ein.. Ferner ändert
sich sehr häufig die Form einer Chromatophore dadurch, dass
sie sich zusammenklappt, und dann das Ansehen eines zusam-
mengelegten Bogens Papier hat.
Nachdem auf diese Weise der Vorgang im Allgemeinen
beobachtet war, wurde es immer klarer, dass hier ein bestimm-
ter Mechanismus angebracht sein müsse, welcher diese Ver-
änderung der Form, diese Unregelmässigkeit der Bewegung
und Ausdehnung bei dem allmählichen Aufhören des Phäno-
‚mens bedinge. Aber welcher es sei, konnte nur nach sorg-
fältiger Abtrennung der Oberhaut und Isolirung des Gewebes
entschieden werden, in welchem die Chromatophoren einge-
bettet sind; zugleich ist zu bemerken, dass nur im ganz fri-
38 E. Harless:
schen Zustande die jetzt zu erwähnenden Gebilde der Beob-
achtung zugänglich sind, indem sie ausserordentlich schnell
der Fäulniss unterliegen.
ll. Der Mechanismus,
durch welchen die Chromatophoren ausgedehnt werden, ist
ziemlich complieirt, und es musste daher vor Allem das ganze
Gewebe, in dem diese Gebilde sich befinden, genau untersucht
werden. Dieses besteht aber aus Bindegeweb, das sich durch
seine gekräuselten wasserhellen Fasern ‘mit ihren einfachen
dunkeln Contouren hinlänglich charakterisirt; zweitens‘ aus
Nervenprimitivbündeln, die vielfach diese Haut durchsetzen,
und durch ihre doppelten Gontouren, ihren schnell gerinnen-
den Inhalt nicht zu verkennen sind; drittens aus einem Bal-
kengewebe von gerade verlaufenden, hie und da sich spalten-
den platten Fasern. Ihr Verlauf ist durch die mannigfache_
Kreuzung trotz der ziemlich weiten Maschen, die dadurch 'ge-
bildet werden, etwas schwierig zu beobachten. Viertens end-
lich aus den Chromatophoren selbst.
Als ich ein solches Paar Fasern verfolgte, theils um Eu
Charaktere genauer aufzufassen, theils um ihren Verlauf zu
eruiren, sah ich sie plötzlich erzittern, wie in Schwingungen
versetzte Saiten, mit grossen Excursionen. Zunächst vermu-
thete ich, dass die Contraction einer Chromatophore diese
Erscheinung zufällig hervorgerufen, allein endlich gelang es,
den organischen Zusammenhang zwischen beiden aufzu-
finden, aus dem sich ergab, dass die Expansion der Chroma-
tophore in eiher ‚Contraction der Faser seine Ursache hat.
Bevor ich jedoch zur Beschreibung des physiologischen Vor-
gangs übergehe, gebe ich den anatomischen Thatbestand. An jede
Chromatophore gehen 4—8 solcher platter Fasern unmittelbar
mit ihren Contouren in die der ersteren verschmelzend. Manch-
mal theilen sie sich noch kurz vor ihrer Verschmelzung mit
der: Chromatophoren-Hülle, wie Fig. 2. So wie sie sich con-
trahiren, ziehen sie nach verschiedenen Richtungen die Chro-
matophoren auseinander, die dann auch je nach den Fixa-
tionspunkten ‚der Fasern verschiedene Gestalt annehmen müs-
sen, indem einem jeden solehen Punkt eine sich ausziehende
Spitze des Polygonals entspricht. Dass aber in Folge dieses
Anspannens kein Vieleck mit geraden Linien, sondern mit
Untersuchung der Chromatophoren bei Loligo. 39
Bogenlinien, wie Fig. 4@a, erzeugt wird, beweist, dass in der
Organisation der Hülle ein Hinderniss, eine der Zugkraft ent-
gegengesetzte Kraft liegt, die in der Richtung der ganzen
Summe der Radien von der Peripherie gegen das Centrum
wirkt, sich sogleich in vollem Maass wieder geltend macht,
wenn die Fasern erschlaffen, worauf sich die Chromatophore
zu einem Punkte zusammenzieht; mit andern Worten es folgt
hieraus, dass die Membran der Chromatophore elastisch ist.
Sehr häufig sind 6—10 Chromatophoren so mit einander
verbunden, dass von: einer zur andern solche Fäden gespannt
sind, bei deren Contraction die mit einander verbundenen
gleichzeitig expandirt werden müssen; dadurch eben geschieht
es, dass diese Expansion in der Regel über grössere Gruppen
verbreitet ist.
1. Die genauere Untersuchung der einzeluen
Theile dieses ganzen Apparats ergab aber Folgendes:
Has A. Die Fasern,
die sich, wie in Fig. 8 ete., an die Chromatophoren auf die
angegebene Weise befestigen, sind 0,0023" breit, haben ein-
fache, nicht sehr dunkle Contouren, und in ihrem Innern eine
Menge feiner Pünktchen (Fig. 13). Sehr häufig, besonders
in einiger Entfernung von ihrem Insertionspunkt laufen
lange Spiralen von Fasern mit dunklen Contouren, bald mit
weiteren bald mit engeren Windungen (Fig. 11). Wozu die-
nen diese? Dreierlei ist möglich: Entweder dienen sie als
Bewegungsapparat dadurch, dass ihre Windungen sich nähern
und so die Faser, an der sie befestigt sind, verkürzen, oder
sie dienen blos zur Verstärkung der gerade verlaufenden Fa-
sern, um ihre Elastieität zu sichern, die durch einen anderen
Mechanismus in Anspruch genommen wird, oder endlich haben
sie blos die Bedeutung der von Henle sogenannten Kernfasern.
Das letztere ist am unwahrscheinlichsten; denn unsere Spira-
len schliessen nicht, wie die gewöhnlichen, Fibrillen (von
Bindegewebfasern) ein, sondern je eine Faser ist von einer
Spirale umwickelt, dann sind die Windungen selbst viel enger
und in der Mehrzahl der Fälle regelmässiger als bei den ge-
wöhnlichen.
Die zweite Möglichkeit, dass durch die Annäherung oder
Entfernung ihrer Windungen eine Verkürzung und Verlänge-
40 .E. Harless:
rung der umsponnenen Faser bedingt werde, musste als nicht
realisirt betrachtet werden, indem die genauste und lange Be-
obachtung nicht die geringste Bewegung in der Spirale er-
kennen liess. Umgekehrt musste sich aber jede Verlängerung
oder Verkürzerung, wenn sie im Verlauf der ganzen Faser
eintritt, an der umwundenen Stelle. durch Auseinandertreten
oder Näherrücken der Windungen bemessen lassen; allein,
wie gesagt, niemals konnte etwas: der Art beobachtet werden.
Man sah nur bei der Expansion und 'Contraetion der Chro-
matophore Excursionen 'an der ganzen Faser eintreten, so
dass d'd' in Fig. 14 die Richtung dd annahm. {
Auffallend ist, dass die Spiralen nie bis an den Rand der
Chromatophoren gingen, sondern‘ meist viel früher in der
Nähe der Insertionsstellen der Fasern im übrigen Gewebe sich
befinden. ri
Nach lange forkesbtzter Beobachtung der Insertionsstel-
len der Fasern an die. Chromatophoren gelang es endlich den
Grund hiervon, 'so wie von der Expansion ‘der Körper auf-
zufinden.
Es wurde oben gesagt, dass die Fasern zwischen ihren
Contouren eine Reihe von Pünktchen haben, die zwar nicht
so symmetrisch geordnet sind, wie an den Primitivbündeln der
willkürlichen Muskeln, in ihrer Form und Function aber ent-
schiedene Aelmlichkeit haben; es nähern sich nämlich‘ diese
Pünktchen einander so sehr, dass die Faser an der Insertions-
stelle anschwillt, oft 2—3mal dicker wird als sonst, und da-
durch verkürzt sich entsprechend der Dicekezu-
nahme die Faser.
Diese Diekezunahme wäre aber unmöglich, wenn hier
noch jene Spiralen liefen; sie sind dagegen dort nöthig, wo
keine solche Veränderungen der Dimension der Faser vor
sich gehen, um die Dehnung: und Zerrung zu vermeiden.
Denn zu grosse Dehnung würde verhindern, dass sich die
Chromatophore bis zum höchsten, geforderten Grad expan-
dirte, und dann würde bei der Zartheit der Faser diese selbst
während des ruckweise erfolgenden Zuges leicht gefährdet sein.
Dieses Anschwellen der Insertionsstellen (Fig. 12) bemerkt
man nur in dem Zeitraum, in dem das Phänomen schwächer
und langsamer eintritt. In diesem Zeitraum sieht man auch
Untersuchung der Chromatophoren bei Loligo, 4
am deutlichsten, dass die Veränderung der, Chromatophoren
von-den Fasern selbst. ausgeht; denn man bemerkt dann
oft 2— 3 Oscillationen (convulsivische Contraetionen) an den
Fasern, und erst "bei der, dritten oder vierten gelingt es die
Chromatophore an der ‚einen oder andern Seite etwas auszu-
ziehen.
Die Fasern inseriren sich, wie schon früher bemerkt, oft
an der 3ten oder 4ten mit Ueberspringen der 2ten oder 3ten
Chromatophore, zuletzt aber in dem. übrigen Gewebe, und
zwar auch hier häufig sich analog den elastischen Fasern ga-
belförmig theilend.
B! Der Körper der Chromatophoren
ist äusserst schwierig darzustellen, wegen seiner ausserordent-
lichen Feinheit und -Durchsichtigkeit. Nur‘ hier und da. sieht
man am Rand fein gekräuselte Linien, Fig. 15, deren. Durch-
messer 0,0047" ist; endlich: zeigte sich ein paar mal, nachdem
‚durch Quetschung das Pigment theilweise herausgetreten war,
die in Falten gelegte Membran Fig.;16 ganz mit feinen Pünkt-
chen besetzt, aber ohne alle Faserung.: Die eben angegebenen
feinen gekräuselten Linien sind ebenfalls nichts Anderes als
die zarten Falten ( Duplikaturen ) ‚dieser, Membran, die einen
contractilen Sack darstellt, hervorgegangen aus einer grossen
Summe einzelner Zellen, deren: Kerne; geblieben, deren Zel-
lenmembranen mit einander verschmolzen sind, so dass sie im
vollständig entwickelten Thier nicht mehr. erkamnt werden
können. Von ihr wird auch. der Faltenkranz Fig. 1 4 und
Fig. 14 e gebildet, der jedesmal: dann bemerkt wird, wenn der
Farbstoff nicht ganz die Chromatophore erfüllt.
j j C. Die Farbe
des contrahirten Gebildes ist stets um so saturirter, je näher
dem Mittelpunkt; am Rande befindet sich ein hellerer Saum,
(Fig. 14 0), der nur in sehr seltenen Fällen anders gefärbt ist
als der übrige Körper Fig. 7 cd. Je mehr die Chromatophore
expandirt wird, um so beller wird die Farbe und zwar zuerst
an den Punkten, wo sich‘ der Körper in ‚Spitzen, auszieht
Fig. 3 4a. Niemals aber tritt eine neue Farbe auf, sondern
nur die Tinte wird blässer, und: die einzelnen Pigmentkör-
perchen werden unterscheidbar. Dass mit diesem ' Blasserwer-
den zugleich. ein gewisser: Farbenwechsel verbunden ist, ver-
42 E. Harless:
steht sich von selbst, dieser wird aber nur in der Art statt-
finden können, dass ein sehr dunkelrother Punkt durch das
hellere Roth bis ins Orange sich färben kann ete. Es musste
nämlich entschieden werden, ob die Farbe nur durch eine
eigenthümliche, das Licht in einer bestimmten Weise brechende
Organisation der Hülle erzeugt werde, oder wirklich mate-
rieller Natur sei. Zu dem Ende wurden ‚die Objecte mit
Aether, Essigsäure und Salzsäure behandelt, von denen keine
im concentrirten oder verdünnten Zustand die Farbe veränderte.
Kaustisches Kali dagegen löste sogleich den Farbstoff auf,
ohne die Pigmentkörperchen,“ an welche derselbe gebunden
ist (Pig. 5 u. Fig. 9), im Anfang zu zerstören. Die Hülle der
Ghromatophoren dagegen platzte, es ergoss sich die kalische
Lösung des Farbstofls, in welcher wasserhell die Pigmentkör-
perchen schwammen, 0,0011 breit und 0,0044" lang. Zugleich
entstanden in der Pigmentlösung die Krystalle Fig. 10.
Dieser Farbstoff erfüllt jedoch sehr oft nicht vollständig
die‘ ganze Hülle, sondern liegt oft zerstreut oft in einen
Ring gruppirt in derselben, Fig. 17. Dieser helle Ring,
der oft sehr klein ist, mag auch vielleicht zur Deutung des-
selben als Zellenkern Veranlassung gegeben haben; allein wie
schon aus der Beschreibung des Körpers der Chromatophoren
ersichtlich ist, kann an diesem Gebilde von einem Zellenkern
oder der Deutung der Hülle als einfacher Zellenmembran nicht
mehr die Rede sein.
D. Die Form und Grösse
der Chromatophoren ist sehr verschieden. Im contrahirten
Zustand sind sie meist rund, im Durchschnitt 0,163''—0,300"’
gross. Die Form der expandirten ist, wie schon gesagt, ganz
abhängig von der Zahl und Stelle der Insertion der Fasern
an der Hülle. Oft dehnen sich die Chromatophoren von
0,163’ bis 0,675” Flächenraum aus. Der Cubikinhalt einer
contrahirten Chromatophore lässt sich mit Leichtigkeit aus
dem Flächenraum der expandirten, multiplieirt mit der Höhe
derselben, die aus dem hellen Saum sich berechnen lässt, an-
geben und beträgt im Durchschnitt 0,0689".
E. Die Nerven
werden nach einiger Maceration oder in Weingeist, wodurch
ihr Inhalt vollkommen gerinnt, ganz deutlich; meist geht ein
Untersuchung der Chromatophoren bei Loligo. 43
Primitivbündel, aus 2 oder 3 Fasern bestehend, über eine
Chromatophore geradlinigt oder einen grössern Bogen bildend
durch (Fig. 14 42C) und regt dabei wahrscheinlich die In-
sertionsstellen der Fasern zur Uontraction an; denn ihre Ab-
hängigkeit vom Nervensystem erhellt aus den Eingangs
angegebenen Thatsachen, -
So sehen wir in den Erscheinungen an den Ohromato-
phoren keineswegs ein einfaches Zellenphänomen, sondern
einen complieirten Mechanismus an einem zusammengesetzten
Gebilde und keiner einfachen Zelle auftreten, der unter
dem Regulator des Nervensystems steht. Die Chromatopho-
ren sind demnach aus der Kategorie, in die sie mit dem Dot-
ter der Planaria und den Gregarinen gestellt wurden, zu
streichen.
Erklärung der Abbildungen Taf. I.
Fig. 1. 4A der gefärbte zusammengezogene Theil der Chroma-
tophore, a die erste, 5 die zweite Faltenreihe der contrahirten Hülle.
Fig.2. a ein Theil der contrahirten Chromatophore mit dem
concentrirten Farbstoff, & die Fasern, die an ihrer Peripherie mit
der Hülle verschmelzen.
Fig. 3. A ein Theil der expandirten Chromatophore; bei «
wird die Farbe in Folge der Expansion blasser, 55 die expandirten
Fasern.
Fig. 4. 4 ein Stück expandirter Chromatophore, a« die Bogen-
linien des Polyeders, 5 die expandirenden Fasern, c deren Anschwel-
lungen an den Insertionspunkten.
"Fig. 5. @ eine contrahirte Chromatophore mit ihren Pigment-
körperchen, bb die Fasern.
Fig. 6. Eine zusammengeklappte-Chromatophore.
_ Fig. 7. Eine contrahirte Chromatophore, bei b etwas ausge-
zogen; sie hatte, was selten vorkam, einen grünen c und einen vio-
letten Saum d.
Fig. 8. Eine expandirte Chromatophore, an der man zugleich
an dem Rand, an dem sich keine Fasern inseriren, die Umklappung
a wahrnimmt, 45 die Fasern.
Fig. 9. Die Pigmentzellen einer Chromatophore.
Fig. 10. Krystalle, die aus der kalischen Lösung des Farbstoffs
anschossen.
Fig. 11. @ die expandirenden Fasern mit ihren Spiralen 5b.
44 .E. Harless: Untersuchung der Chromatophoren bei Loligo,
Fig. 12. ‘@ der Saum einer Chromatophore, 6 die expandirende
Faser, c ihre Anschwellung an der Insertionsstelle.
Fig. 13. Die Körnchenbildung in der Faser.
Fig. 14. Das Gesammtbild des Gewebes, in dem die Chroma-
tophoren eingebettet sind. ABC die Nerven, e die etwas expandirte
Chromatophore, 55 die zu ihr gehörigen Fasern, d’d’ und dd die
zu anderen Chromatophoren gehörigen, a das über ihnen liegende
Epithelium. ’
Fig. 15: Der feine Saum, der von der Hülle einer Chromato-
phore gebildet wird, ;
Fig. 16. Die Membran der Chromatophore, « das ei
Pigment, 5 die in Falten gelegte Hülle.
Fig. 17. Chromatophore mit ringförmig gelagertem Planet
45
Beschreibungen neuer oder weniger bekannter
Anneliden.
Erster Beitrag: Sabella Lucullana delle Chiaie, S. luxu-
riosa Gr. nov. sp, S. lanigera Gr. noy. spec., S. Josephinae
Risso, S. penicillus Sav., S. pavonina Say.
Von
Ed. Grube
(Hierzu Taf. 11.)
Durch die Liberalität der Herren Professoren Lichtenstein,
Burmeister, Otto, Gravenhorst und Brandt habe ich eine Reilıe
von Anneliden aus den unter ihnen stehenden Sammlungen
zur Untersuchung erhalten, welche theils neu oder nicht genau
genug. beschrieben, theils zwar bekannt, aber dennoch sehr
willkommen waren, da sie mir' eine Revision eigener und
fremder Arbeiten gestatteten, und zur Entdeckung mancher
Irrthümer verhalfen,
Ich werde hier zuvörderst mehrere Arten der Gattung
Sabella hervorheben, indem'ich zur vollkommeneren Verstän-
digung bemerke, was ich mit einigen Ausdrücken der lateini-
schen Diagnose bezeichnen will:
Unter Branchiae, Kiemen, verstehe ich die beiden Bü-
schel von Fäden, welche aın Vorderende der Sabella in der
Eortsetzung der Längsachse liegen, und von O. F. Müller
Federn, von Anderen auch wohl Fühler genannt werden, und
nenne sie Branchiae aequales, wenn beide gleich gebaut
und gleich gross sind, circulum simplicem componen-
tes, wenn das Blatt (Lamina basalis) jeder Kieme, auf wel-
chem die einzelnen Kiemenfäden stehen, in Form eines Krei-
ses eingerollt ist, und die Fäden nur eine einfache Reihe
bilden; beschreibt es hingegen mehrere Windungen, indem es
eine Spira bildet, so nenne ich die Branchiae bi- tri- etc.
46 Ed. Grube:
spirae Margo ventralis ist die dem Munde zugewen-
dete, innere Seite.der Kiemenfäden, M. dorsalis die entge-
gengesetzte, jene ist in der Regel gefiedert, diese nur selten.
Der ungefiederte Faden (la division imberbe Sav.), wel-
cher, nach innen von jedem, Kiemenbüschel zu den Seiten. des
Mundes steht, wird von mir Fühler, Tentaculum genannt,
der dem vordersten Leibessegment der Sabella aufsitzende,
aus, einer rechten und linken Hälfte bestehende-Kragen, Col-
lare, ist jede Hälfte weiter: in: Lappen zerschlitzt GOollare
lobatum, wenn nicht integrum, und die fleischigen Platten,
welche die Bauchseite des Leibes bedecken, Scuta ventralia.
Das Verhältniss, in welchem die Länge der Kiemenbüschel
zum ganzen Körper (Totum.corpus, d, h. die Kiemen
mitgerechnet) steht, habe ich, ebenso wie die Färbung dersel-
ben, in die Diagnose aufgenommen, obwohl beide wegen der
meist geringen Anzahl der untersuchten Exemplare noch nicht
als genügend sichere Charaktere zu. betrachten sind: ‚sie er-
leichtern nur in etwas die Bestimmung.
Alle hier beschriebenen Arten besitzen, wie die eisen,
2 einfache nackte Fühler an ihren Kiemenbüscheln ; doch muss
man aus der von Edwards (Ann, d. scienc. nat. TomX. p. 220)
gegebenen Andeutung entnehmen, dass es auch Sabellen mit
gefiederten, den Kiemenfäden ähnlichen Fühlern giebt.
1. Sabella Lucullana delle Chiaie Taf. I. Fig. 3
Branchis aequalibus, eirculum simpliceem componentibus,
tertiam vel quartam totius corporis partem adaequantibus, filis
12—18 albis violaceo-maculatis, margine et ventrali et dorsali
pinnatis, pinnis dorsalibus laxius positis, linearibus, latioribus;
corpore graciliore, collari integro, scutis ventralibus angu-
stioribus. (Charact. emendatus.)
Unter dem Namen Sabella Lucullana hat delle Chiaie in
seiner Memorie !) eine Sabella abgebildet, deren er. in..der
Erklärung der Kupfertafel nur flüchtig erwähnt, ohne ihr eine
Beschreibung zu widmen. Aus der, Anneliden-Sammlung der
Kaiserl. Akademie der Wissenschaften in Petersburg, sowie
des Hallenser Museums liegen: mir nun mehrere Exemplare
!) Vol. II, Tab. XLII. Fig. 23, 23. a, 24.
Beschreibungen neuer oder weniger bekannter Anneliden. 47
einer 'Art vor, die ich von dem so hervorstechenden Charak-
ter der Kiemenfäden geleitet, für eben jene Zucullana halten
muss, obwohl dann allerdings die citirten Figuren weit davon
entfernt sind, ein Abbild der Natur zu geben.
Die mir vorliegende Species gehört zu denjenigen Sabel-
len, deren Kiemenbüschel gleich gross sind und nur aus einer
Reihe von Fäden bestehen (Sabellae simplices Sav.), unter-
scheidet sich aber von allen diesen dadurch, dass die Kiemen-
fäden nicht blos an ihrem Innenrande zart gefiedert sind, wie
gewöhnlich, sondern auch an ihrer Aussen- oder Rückenseite
eine Reihe von weitläufiger gestellten Fiederpärchen tragen.
Die Kiemenfäden sind weisslich, auf der Aussenseite
mit einer Doppelreihe dunkelvioletter Fleckchen von dreiecki-
ger, trapezoidaler oder ovaler Form besetzt, welche sich
(paarweise) berühren oder gar verschmelzen, und unmittelbar
über den Fiederchen der Aussenseite stehen: zuweilen nehmen
die Fiederchen der Innenseite, an deren Basis sie sich be-
finden, dieselbe Färbung an. Rückenfiederchen zähle ich so
viele als Fleckchen (12 Paar und mehr), sie sind linearisch,
und etwas kürzer aber stärker als die Fiederchen der Innen-
seite, Letztere gehen Nicht ganz bis zur Spitze des Kiemen-
fadens. In jedem Kiemenbüschel finde ich 142, bei anderen
Exemplaren 18 Fäden von ziemlich gleicher Länge und einen
vollkommenen Kreis bildend: sie messen 4, bei anderen 4
des ganzen Körpers oder noch weniger. Die Basis der Kie-
men ist bräunlich. Ausser den gefiederten Kiemenfäden sieht
man an jedem Büschel noch einen ganz kurzen, weisslichen,
etwas eingekrümmten Fühler neben dem Munde nach der
Rückenseite zu.
Halskragen niedrig, aufstehend, in zwei Hälften getheilt,
welehe nicht weiter in Lappen zerfallen, und deren Rand
etwas ausgeschnitten und in der Mitte mit einem violetten
Fleckchen gezeichnet ist.
Leib verhältnissmässig kurz, noch einmal so lang oder
Jänger als die Kiemen, ziemlich dünn und eylindrisch, mit
flacherer Bauchseite, aus 38—46 Segmenten bestehend.
Zahl der Segmente bei ver-
schiedenen Exemplaren . . 38 38 41 43 46 50
Länge des Leibes (die Kiemen
nicht mitgerechnet) . . . 0,8° 4,1° 1,2° 1,2° 1,5° 1,6°
48 { j Ed. Grube:
Breite; bei einem mit-den Kiemen 2°,.langen Exemplar,
vorn 0,25.
Rückenseite des:Leibes weisslich:mit hräunlichemj Anfluge,
Bauchseite etwas ‚dunkler ‚ graubraun, die Baucliplatten‘ noch
dunkler: mit ‚einem violetten Anfluge oder braunschwarz, mit
zwei “mehr : oder minder; deutlichen | schwarzen Fleckchen.
Auch‘ findet sich an der Seite jedes Segments zwischen. dem
Bündel der Haarborsten und ‚dem Kämmchen der Hakenbor-
sten ein schwarzer Punkt, und‘längs dem. letzteren läuft ein
schwarzer Strich herab. ' :
Bei manchen Exemplaren ist die Ballskaeite ganz brain
und der Rücken weiss Ba: |
Borstenwechsel ®, d. h. an den ersten 8 Segmenten,
welche die vordere Abtheilung des Leibes bilden, stehen die
Hakenborsten unter den ‚Haarborstenbündeln, von dem ‚9ten
an kehrt sich die Anordnung um. In. der hinteren Abtheilung
sind die Bauchplatten durch eine Längsfurche halbirt,;, welche
schräg von. links ‚nach. rechts einsetzend: an dem $ten. oder
10ten Segment beginnt, in der vorderen) dagegen nicht, doch
sieht man an den ihrigen zuweilen eine Längslinie; dort stehen
die oben beschriebenen schwarzen Punkte niedriger, hier aber
höher, auch scheinen die Bauchplatten der vorderen Abtheilung
wie ihre Segmente überhaupt etwas kürzer, als die der hiute-
ren, in welcher. die Hälften der Bauchplatten' fast quadratisch
sind und eben so breit als der Zwischenraum zwischen ihnen
und den Bündeln der Haarborsten.
Borsten ganz bleich und zart: die Haarborsten aus
einem weisslichen kleinen Kegel hervortretend, am Ende etwas
geschweift und mit einem schmalen Saum, die Hakenborsten
ebenfalls von gewöhnlicher Form.
Die Röhren, die diese :Sabella baut, sind grau, dünnwan-
dig, von ‚einem 'gleichmässig feinen Material gemacht, wenig
länger als der Körper, und sitzen, nach den mir vorliegenden
zu urtheilen, in Gesellschaft zusammen, einander 'auf- und
angelagert, zwischen ibnen befanden sich junge Mytilus. Um
die Mündung von einer dieser Röhren fand ich einen ringför-
migen Wulst von Eierchen, wie ihn auch delle Chiaie abbil-
det, und auf mehreren der grösseren Röhren sass eine Menge
ganz kleiner auf.
Beschreibungen neuer oder weniger bekannter Anneliden. 49
Sollte nicht Risso’s Amphitrite ramosa ') dieselbe Art
sein? Seine Beschreibung enthält keinen offenbaren Wider-
spruch, doch zählt er 110 Segmente auf eine nicht bedeuten-
dere Körperlänge, und erwähnt nichts von den so charakte-
ristischen Rückenfiederchen der Kiemenfäden.
Einige Exemplare dieser niedlichen kleinen Sabella hatte
Herr Dr. Krohn in dem Neapolitanischen Meer gesammelt,
andere waren von der Küste bei Algier eingeschickt worden.
/2. Sabella luxuriosa Gr. nov. sp. Taf. Il. Fig. 4. 5.
Branchiis aequalibus, 5-spiris, quartam totius corporis
partem adaequantibus, albo rubroque vittatis, filis infimae spi-
rae margine et ventrali et dorsali pinnatis, pinnis dorsalibus
supra tantum apparentibus, ovato-oblongis (incurvis), corpore
crasso, collari lobato.
Ich habe nur 1 Exemplar untersucht, welches sich in der
Berliner Sammlung befindet.
S. Zuxuriosa steht in der Gruppe der Sabellen, die Sa-
vigny S. spirograpkes nennt, deren Kiemenfäden auf einem in
Spiren emporsteigenden Basalblatte sitzen, und deren bekann-
tester Repräsentant die $. znispira Cuv. ist.
Die Kiemen zeigen eine schmutzig kirschrothe (im Leben
vielleicht höhere und reinere) Färbung, welche über der Basis
ein paarmal mit einem ebenfalls unreinen Weiss in breiten
etwas verwischten Binden abwechselt, und ein geperltes oder
gekräuseltes Ansehen. Dies rührt davon her, dass die (be-
sonders starken) Kiemenfäden des äussersten (oder untersten)
Umganges an der Rückenseite ihrer oberen Hälfte rechts und
links eine Reihe länglich ovaler etwas gekrümmter, häufig zu-
gespitzter Blättchen oder Bläschen tragen. Die Innenseite
der Kiemenfäden ist wie gewöhnlich zart gefiedert, die Fieder-
chen nur wenig länger als die Fäden der äussersten Reihe
dick, und bis zur Spitze gehend. Die 5 Windungen des nie-
drigen Basalblatts, auf dem die Fäden stehen, erheben sich
nur wenig, woher die Kiemenbüschel wie kurze dicke Pinsel
») Hist. naturelle des principales productions de l’Europe meri-
dionale, Tome IV. p. 410.
Archiv f. Naturgesch, XII. Jahrg. 1. Bd. 4
50 Ed. Grube:
oder Quasten erscheinen. Die Länge der Pinsel beträgt etwas
weniger als 4 des ganzen Körpers.
Die Fühler sind weiss, schmal gesäumt und ziemlich
kurz (etwa 4 so lang als die Fäden der äussern Reihe: doch
sehe ich nur den linken, der rechte scheint abgerissen zu sein.
Der Halskragen zerfällt in zwei Hälften, deren jede
wiederum durch Randeinschnitte in zwei fast gleich breite
Lappen getheilt ist; zwischen denen der Bauchseite, welche
umgeschlagen sind, kommen mitten noch ein Paar ganz
schmale ") hervor, und ähnliche, nur kürzere zeigen sich zu
beiden Seiten der Mittellinie des Rückens, nach innen -von
den Rückenlappen, welche ich stehend fand und mit der Basis
der Kiemenblätter abschneidend.
Der Leib ist schmutzig weisslich gelb und graulich.
In der vorderen Abtheilung hat der Mittelrücken
eine ziemlich schmal dreieckige Form, weil die beiden Reihen
fleischiger Platten, die ihn einfassen und unmittelbar über den
Bündeln der Haarborsten stehen, nur langsam von vorn nach
hinten auseinanderweichen, er ist glatt, etwas wasserblau schim-
mernd und lässt kaum eine Andeutung von Segmenten erken-
nen. Auf der Unterseite dagegen sieht man 8 queroblonge,
ungetheilte Bauchplatten, deren Breite vom Halskragen bis
zur 4ten schnell abnimmt, und dann sich gleich bleibt, viel
schmäler als die der hinteren Abtheilung: rechts und links
davon befinden sich die kurzen Kämme der Hakenborsten.
In der hinteren Abtheilung des Leibes zeigt der
Mittelrücken, welcher überall ziemlich gleich schmal von den
queren Wülsten für die Hakenborsten eingefasst wird, eine
schwache Mittelfurche, die Mitte der Unterseite nehmen Bauch-
platten ein, welche viel breiter aber kürzer als die der vor-
deren Abtheilung sind, auch breiter als der Mittelrücken der
eigenen Segmente: in der vorderen Abtheilung ist der Leib
mehr cylindrisch, in der hinteren mehr flach gedrückt, flach
biconvex mit schneidenden, von den Haarborsten besetzten
Rändern. Das Schwanzende ist ziemlich schnell zugespitzt.
'‘) Diese schmalen Lappen der Bauchseite sind viel weicher als
die übrigen und stehen zwischen dem Halskragen und den Kiemen-
blättern.
Beschreibungen neuer oder weniger bekannter Anneliden. 51
Borstenwechsel #. Die Längsfurche der 9ten Bauch-
platte setzt schräg ein. Die Borsten zeigen nichts ungewöhn-
liches, das vorderste Bündel ist sehr klein und wie immer
ohne zugehörige Hakenborsten. Farbe der Borsten messinggelb.
er ganze Körper misst ungefähr 8,8° in der Länge, wo-
von 4,9° auf die Kiemenbüschel kommen, 0,9° in der Breite
im mittleren Theil, 0,8° am 6ten Segment, 1,1° am Halskragen.
Die Breite der Bauchplatten beträgt an der schmalsten Stelle
der vorderen Abtheilung 0,45°, am Anfang der hinteren 0,7°
und nimmt weiterhin noch etwas zu.
Segmente über 110, die letzten schwer zählbar, weil sie
zu gedrängt sind,
Die Röhre dieser Art war wenig länger als der Körper,
nahe der Mündung 1,2° diek, ihre Farbe grau, ihre Consistenz
lederartig, ihr unteres Ende einfach in einer Horizontalebene
gekrümmt, der übrige Theil senkrecht aufsteigend: bei einem
Einschnitt konnte ich zwei Lagen in ihrer Wandung unter-
scheiden, eine tiefere knorpelig-häutige, innen glatte und glän-
zende und eine äussere aus feinem Schlamm bestehende; an
manchen Stellen, namentlich unten fehlte die letztere,
Rücksichtlich der Bildung der Kiemenfäden hat $. Zuxru-
riosa eine verwandte Art an ‚S. vesiculosa Montague '); allein
bei dieser erwälnt Montague nur eines Bläschens an der Spitze
jedes Fadens, auch stehen in jedem Kiemenbüschel nur 28
Fäden.
Ei 3. Sabella lanigera Gr. nov. spec. Taf. 11. Fig. 1.
Branchiis aequalibus, eireulum simplieem componentibus,
sextam totius corporis partem adaequantibus, albo rubroque
vittatis, filis dorso nudis, 30—31:; corpore crassiore, collari
vix Jobato, seutis ventralibus angustioribus.
Das einzige Exemplar, das ich untersuchte, ist ein Eigen-
thum des Berliner zoologischen Museums.
Beide Kiemenblätter sind zirkelförmig eingerollt und
niedrig, das rechte trägt 31, das linke 30 Fäden, sie sind zart,
mit langen sehr feinen, reichlichen Fiederchen besetzt, daher
von fein wolligem Ansehen, weisslich, dreimal mit einem ver-
') Transact. Linn. vol. XI. p. 19.
4*
52 Ed. Grube:
blichenen nicht scharf abgesetzten Kirschroth gebändert, an
der Basis zeigen die Fäden selbst einen leicht violetten Glas-
schimmer.
Die Länge der ganzen Kiemenbüschel ist verhältnissmäs-
sig unbedeutend, denn sie messen nur c. 2°, etwa 4 der gan-
zen Körperlänge (reichen zurückgelegt bis zum 12. Segment).
Die Fühler sind kurz (etwa 4 der Kiemenfäden) und
stehen mitten vor dem Büschel.
Den Halskragen finde ich aufstehend, niedrig, nur mit-
ten auf der Rücken- und Bauchseite ansteigend, wie immer
aus zwei Hälften bestehend, die aber kaum weiter in Lappen
zerfallen: man sieht nur einen kurzen Längseinschnitt und
eine Art Falte, welche den untersten Theil des Kragens gegen
die Flanke absetzt, die Ränder selbst jedoch begeben sich
nicht aus einander und schlagen sich nicht um: der unterste
Theil ist bleichroth gefärbt, der übrige Kragen weiss.
Der Leib ist stark, vorn fast quadratisch im Durchschnitt,
dann.nimmt er an Höhe ab, ohne jedoch an Breite zu wach-
sen, und bleibt so vom 15ten Segment bis zum Ende, wo er
sich schnell zuspitzt; am Halskragen ist er am breitesten.
Die vordere Abtheilung des Leibes besteht aus 7
Segmenten: ihre Bauchplatten sind durch keine Furche ge-
theilt, und übertreffen an Breite, weniger an Länge, die fol-
genden, besonders lang ist nur die erste. Die Reihen der
Borstenbündel auf dem Rücken stehen sogleich vorn am Hals-
kragen weit aus einander.
Die hintere Abtheilung umfasst etwa 115 Segmente:
ihre Bauchplatten werden durch eine schräg einsetzende Mit-
telfurche halbirt, werden überall nicht breiter als die vorher-
gehenden, wohl aber wenigstens die vorderen etwas kürzer,
und entschieden schmäler, auch etwas minder dick, weshalb
die der vorderen Abtheilung gegen ihre Seitentheile noch
stärker abgesetzt erscheinen: Im Allgemeinen kann man die
Bauchplatten dieser Art schmal nennen, da die meisten nur
2 mal oder 2% mal so breit als lang sind, und erst die am
Ende stehenden merklich an Länge abnehmen.
‚ Borstenwechsel 2. Beschaffenheit der Borsten ähn-
lich der vorigen Art.
Länge des ganzen Körpers etwas weniger als 12°, des
Beschreibungen neuer oder weniger bekannter Anneliden. 553
Leibes selbst etwas weniger als 10°. Breite am Halskragen
c. 0,65°, weiterhin etwas weniger als 0,6. Zahl der Segmente
ungefähr 122.
Die Röhre von dieser Art habe ich nicht gesehen.
Obwohl diese Art in einigen Punkten sich Müller’s nie -
renförmiger Amphitrite ') nahe anschliesst, kann ich sie
doch nicht für einerlei mit ihr halten, namentlich ist Müller’s
Annelide viel schlanker und die Zahl der Kiemenfäden (dort
44) differirt gar zu sehr.
4. Sabella Josephinae Risso. Taf. II. Fig. 6.
Branchiis aequalibus, 5-spiris, spira altius adscendente,
tertiam totius corporis partem adaequantibus, fulvis violaceo
alboque vittatis, filis dorso nudis; scutis ventralibus omnibus
sulco longitudinali dimidiatis, anterioribus 2 exceptis; corpore
crasso, collari lobato. (Char. emend.)
Wenn man davon absieht, dass Risso seiner Ampbhitrite
Josephinae ?) Spiren von 4 Windungen zuschreibt, während
das vorliegende deren 5 besitzt, so finde ich sonst kein Be-
denken, beide für dieselbe Art zu halten.
Das einzige Exemplar, das ich untersuchte, gehört der
Petersburger Sammlung, und ist ihr von der Sieilianischen
Küste durch Herrn Grohmann zugeschickt worden.
Die Kiemen sind gleichgross, mit hoch aufsteigender
Spira von 5 Windungen, ockergelb, violett und weiss gebän-
dert und zwar in der Art, dass die Basis der Fäden und die
sie verbindende Membran gelb ist, dann folgt das Violette,
das überall nur fleckenweise auftritt, (und bald ganz ver-
schwindet), und hierauf das Weisse, das rücksichtlich seiner
Ausdehnung zwischen beiden die Mitte hält (und' oben eben-
falls fehlt): die 3te Binde, von unten ab gerechnet, ist schon
verwischt, und die Spitzen der Fäden erscheinen gleichmässig
bleich gelb, die Fiederchen selbst aber überall weisslich. Die
Fäden der untersten (und äussersten) Spirale, die längsten,
messen an der Rückenseite 6,0° und an der Bauchseite mit
’) Müller. Von Würmern des süssen und salzigen Wassers
Tab, XVL. p. 194.
?) Risso. |. c. p. 410
54 Ed. Grube:
dem Basalblatt 6,5°, also etwa die Hälfte des übrigen Körpers;
alle enden in keine nackte abgesetzte Spitze, sondern sind
bis oben hin mit allmählich an Länge abnehmenden Fieder-
chen besetzt.
Fühler ausserordentlich kurz, etwa nur so lang als die
Basalmembran hoch, weisslich.
Halskragen auf der Rückenseite wie gewöhnlich klaf-
fend, jede Hälfte in drei Lappen getheilt, die untersten seit-
lichen sind die ansehnlichsten, umgeschlagen, der umgeschla-
gene Theil fast schief herzförmig und violett, die untersten
mittleren stehend, schmal und violett, die seitlichen oberen
ebenfalls stehend, auf der Aussenseite violettgrau, auf der in-
neren rostgelb.
Leib graubraun, auf der Oberseite heller, vorn ziemlich
viereckig, hinten planconvex, nichts weniger als schlank.
Die vordere Abtheilung hatte 6 Segmente, deren
Bauchplatten mit Ausnahme der beiden vordersten wie die in
der hinteren Abtheilung durch eine Längsfurche getheilt wa-
ren: sie zieht sich sogar noch etwas in das 2te hinein, doch
ist sie allerdings in der vorderen Abtheilung weniger klaffend
als in der hinteren. Die Bauchplatten sind breit zu nennen
im Verhältniss zu ihrer Länge und der Körperbreite: der
Mittelrücken wird schon am 4ten Segment so breit als er
nachher bleibt, indem die ihn einfassenden Borstenkämme
schnell rechts und links aus einanderweichen.
In der hinteren Abtheilung sind die Bauchplatten
durch eine ziemlich breite Furche getheilt, ebenso breit als
in der vorderen, und nehmen allmählich an Länge ab.
Borstenwechsel %: Borsten messinggelb, von keiner
ungewöhnlichen Form.
Der Leib war nach seiner Rückenfläche eingekrümmt und
mass ungefähr 13°, der Körper mit den Kiemen über 19°:
grösseste Breite am 5ten Segment beinahe 1°, Zahl der ‚Seg-
mente etwa 176. — Die Röhre des Wurmes habe ich nicht
gesehen.
Man kann mit Recht die Frage erheben, ob $. Josephinae
Risso nicht mit S. volstacornis Mont. ') identisch sei, offenbar
!) Transact. Linn. Vol. VII. Tab. 7. Fig. 10. p. 84.
Beschreibungen neuer oder weniger bekannter Anneliden. 55
ihrer nächsten Verwandten. Was ich aus Montague's Be-
schreibung und Abbildung entnehmen kann, spricht für die
Verschiedenheit beider, namentlich zunächst der Umstand, dass
M. an der vorderen Abtheilung des Leibes (seinem Scutellum)
3 Reihen von Platten, an der hinteren aber deren 4 angiebt,
d. h. dass die Bauchschilder der vorderen Abtheilung bei sei-
ner Art ungetheilt waren, während sie bei der unsrigen bis
auf die beiden ersten halbirt sind. Weniger Gewicht möchte
ich darauf legen, dass bei S. volutacornis der Borstenwechsel
erst mit dem 4iten Segment auftritt, bei unserer Art mit dem
Tten: der letztere Charakter scheint schwankend (wenigstens
verhält es sich so bei S. znispira, von der ich eine Menge
von Exemplaren zu vergleichen Gelegenheit gehabt), der er-
stere, soweit meine Erfahrungen reichen, beständig. Die Kie-
men von S. volutacornis sind gelbbraun, kastanienbraun ge-
fleckt und bandirt, also ohne alles Weiss und Violett, der
Leib im Verbältniss zur Länge viel breiter, zumal im hinteren
Theil, und viel länger im Verhältniss zu den Kiemen, die
etwa noch einmal so kurz als bei unserer Art sind. Uebri-
gens geht aus Montague’s Beschreibung hervor, dass er, was
leicht verzeihlich ist, Bauch- und Rückenseite verwechselt hat.
Diejenige Annelide endlich, die Ratlıke fraglich als S. vo-
lutacornis Mont. beschreibt, stimmt weder mit dieser noch mit
S. Josephinae überein, gehört auch wahrscheinlich, da jeder
Kiemenbüschel nur 25 Fäden enthält, gar nicht einmal in diese
Abtheilung: ich würde sie ihrer Körperzeichnung wegen $.
rubripunctata zu nennen vorschlagen und neben meine $.
gracilis stellen.
5. Sabella peniecillus Sav.? Taf. II. Fig. 2.
Branchiis aequalibus, spiram simplicem componentibus,
dimidium fere corporis adaequantibus (vel etiam multo brevio-
ribus?), fulvis, haud maculatis, filis dorso nudis (41 —42),
apice subito attenuato, nudo, corpore crassiore, collari integro,
Der Berliner Sammlung angehörig.
In dem vorliegenden Ringelwurm glaube ich die von Sa-
») Act. Acad. Caes. Leopoldin. Vol. XX. P. 1. p. 221.
?) Systeme des Annelides. p. 79.
56 Ed. Grube:
vigny beschriebene, jedoch nicht eigens abgebildete 8. peni-
cillus zu erkennen, die er als einerlei mit Rondelet’s Pezieil-
lus marinus, aber als verschieden von Linne’s $. penicillus ')
aufstellt, obwohl ich eine bemerkenswerthe Abweichung finde:
es ist die im Verhältniss zum Leibe viel geringere Länge der
Kiemen.
Die Kiemenbüschel messen etwa nur 4 der ganzen
Körperlänge, während es bei Savigny heisst: „Branchies ega-
les en longueur ä la moitie du corps.” Hatte das vorliegende
Exemplar bei seiner jetzigen Kiemenlänge einen bedeutend
kürzeren Leib, so könnte man über diesen Unterschied leich-
ter hinweggehen, da ich auch bei ‚S. unispira Individuen von
sehr verschiedener Leibeslänge antraf, bei denen dann die
längeren verhältnissmässig kürzere Kiemen zu besitzen pfleg-
ten: hier aber würde gerade umgekehrt ein kürzeres Exem-
plar Kiemen haben, die im Verhältniss zu seiner Körperlänge
eine geringere Grösse zeigten, als bei dem Savignyschen
Exemplar, wie folgende Vergleichung vor Augen stellt:
Länge des gan- Länge der Zahl der
zen Körpers Kiemen Segmente
Exemplar Savigny’s 8° 4° 122
Exempl.d. Berliner Samml. 6,6° 1,8° c. 129.
Die fast gleiche Zahl der Segmente bei verschiedener
Leibeslänge würde weniger von Bedeutung sein, insofern auch
bei $. unispira zuweilen bei sehr verschiedener Leibeslänge
die Zahl der Segmente nur wenig abweicht *). Uebrigens
sind die Kiemenbüschel gleich gross, die Blätter, auf denen
die Kiemenfäden stehen, trichterförmig eingerollt und niedrig:
die Fäden selbst waren einfarbig, fahlgelb, an der Basis etwas
dunkler, nicht bandirt oder gefleckt, liefen in eine plötzlich
dünn abgesetzte nackte Spitze aus und hatten Fiederchen, die
unten etwa 3 mal so lang waren als der Faden dick. Ihre
Zahl betrug im linken Büschel 41, im rechten 42, und die
letzten 1 oder 2 Fäden jedes Büschels fielen durch ihre
Kürze auf, denn sie waren noch kürzer als die Fühler,
Die Fühler massen etwa % der langen Kiemenfäden.
!) Systema naturae. Edit. X1l. Nr. 814,
?) Grube, zur Anatomie und Physiologie der Kiemenwürmer p. 24.
Beschreibungen neuer oder weniger bekannter Anneliden. 57
Der Halskragen ist niedrig und besteht aus zwei, nicht
weiter zerschlitzten Hälften, deren Ränder auf der Bauchseite
umgeschlagen sind und so Lappen darstellen. Am Rande der
Rückenseite sieht man eine violette Färbung. Savigny be-
schreibt dagegen: le premier (segment) fendu en quatre lobes.
Leib dick, ganz vorn verengt 0,7° breit, bald dahinter
0,8°, schmutzig grau.
In der vorderen Abtheilung desselben sind die Bauch-
schilder ungetheilt, verhältnissmässig wohl doppelt so lang als
in der hinteren und wie hier braun gefärbt. Auf der Rücken-
seite beginnen die Bündel der Haarborsten sehr nahe der Mit-
tellinie, divergiren dann aber so rasch, dass das 7te bereits
kaum mehr von oben sichtbar ist. Die Bündel sind klein und
an ihrer Basis mit einem kleinen dunkelvioletten Halbkreis
umgeben, die Zahl der Segmente 9.
Die hintere Abtheilung umfasst c. 129 Segmente mit
getheilten etwa 6 mal so breiten als langen Bauchplatten, die
letzten waren sehr gedrängt und nahmen schnell an Breite
ab, während die Bauchplatten selbst kurz davor sich merklich
verbreiterten.
Borstenwechsel „5. Savigny giebt ihn bei seinem
Individuum #8 an. Die Borsten zeigten nichts Ungewöhnliches.
Die Röhre dieser Sabella ist mir nicht zu Gesichte ge-
kommen.
6. Sabella pavonina Sav.
Branchiis aequalibus, semiorbem simplicem componentibus,
quintam vel quartam totius corporis partem adaequantibus vel
etiam longioribus, filis dorso nudis, albis, violaceo-maculatis,
43—23; corpore gracili, elongato, collari integro.
Eigenthum des Berliner Museums, in welchem ich die Art
als 8. penicillus ohne nähere Angabe welcher Autorität von
Sars bestimmt fand: es kann aber nur die Müllersche Art !)
gemeint sein, die eben mit Savigny’s ‚S. pavonina identisch
ist. Fundort: die Nordsee.
Ich würde es für unnöthig halten, die Beschreibung die-
ser Art.zu wiederholen, stellten sich nicht einige Abweichun-
’) Zoologia Danica. Vol. 11. Tab. LXXXIX. Fig. 1. 2. p. 13.
58 Ed. Grube:
gen heraus, auf die ich für künftige Untersuchungen die Auf-
merksamkeit lenken möchte.
Die Kiemenbüschel sind gleich gross, und. bilden
jeder für sich etwa einen Halbzirkel mit 13 Fäden, welche
in gewöhnlicher Weise gefiedert, weiss und mit 9—10 paari-
gen Fleckchen von violettbrauner Farbe geziert sind: an die-
sen Stellen zeigen auch die Fiederchen einen bräunlichen An-
flug, sie sind etwa 3 mal so lang und länger als der Faden
dick und gehen bis zur äussersten Spitze hinauf. Das. Basal-
blatt ist weiss und niedrig.
Der Fühler weiss mit einem beinahe bis zur Spitze rei-
chenden Längsstrich von brauner Farbe, etwa 4 so lang als
die Kiemenfäden: die Membran, die rechts und links von
seinem unteren Theil herabsteigt und sich an die Kiemenfäden
setzt, ist violettbraun.
Der Halskragen hat zwei polsterförmig ansehwellende
Lappen an der Bauchseite, die nicht weiter zerschlitzt sind:
aber zwischen ihnen und den Kiemenblättern sieht man noch
ein paar häutige einfach gefaltete schmale Lappen.
Leib ziemlich cylindrisch, im Verhältniss zu seiner Länge
dünn, mit auffallend langen Segmenten, graulichweiss; der
Rücken erhebt sich gegen die Mittellinie flach dachförmig.
Bauchplatten nicht merklich dick, die Längsfurche, welche die
hinteren theilt, finde ich am Anfang jedes Segments stärker
eingedrückt. Die Wülste, in welchen die Hakenborsten in
zwei kurzen gegen einander gekehrten Halbmonden stecken,
sind nicht wie gewöhnlich stark in die Quere gezogen und
kurz, sondern rundlich-quadratisch, die Platten, aus denen
sich die Bündel der Haarborsten erheben, etwas grösser und
flacher.
Die vordere Abtheilung des Leibes hat 8, die hin-
tere c, 88 Segmente; Borstenwechsel also 5, Savigny giebt
ihn 7, an.
Länge des Körpers im Ganzen 4,4°, ohne die Kiemen-
büschel 3°, Breite an der dicksten Stelle 0,2°. Zahl der
Segmente c. 96.
Abilgaard giebt in ade Kiemenbüschel des Müllerschen
Thieres 23 Fäden an, Savigny an dem seinigen 21 bei einer
Körperlänge von 5 Zoll; sollten dies nur Altersunterschiede sein?
Beschreibungen neuer oder weniger bekannter Anneliden. 59
Erklärung der Abbildungen Taf. 11.
Fig. 1. Sabella lanigera Gr. von der Bauchseite gesehen, na-
türliche Grösse.
Fig. 2. Sabella penicillus Sav.? von der Bauchseite gesehen,
natürl. Grösse. a ein Stück eines Kiemenfadens stark vergrössert.
Fig. 3. Sabella Lucullana delle Chiaie, von der Bauchseite ge-
sehen, etwa 24 mal vergrössert.
Fig. 4. Sabella luxuriosa Gr. Vordertheil des Leibes von der
Rückenseite gesehen, natürl. Grösse. a Haarborsten, d Hakenborsten.
Fig. 5. Sabella luxuriosa Gr., von der Bauchseite gesehen.
a, b einzelne Kiemenfäden des untersten Umganges der Spira ver-
grössert, um die an der Rückenseite ihres oberen Theils sitzenden
Blättchen zu zeigen. @ ist die Ansicht vom Rücken, 5 von der Seite,
Fig. 6. Sabella Josephinae Risso, von der Bauchseite gesehen,
natürl. Grösse. a ein Stück von einem Kiemenfaden derselben ver-
grössert.
60
Neue Holothurien-@attungen.
Von
Dr. F. H. Troschel.
Wenn ich im Folgenden einige neue Gattungen von Ho-
lothurien aufstelle, so geschieht dies hauptsächlich deshalb,
weil dabei einige Beziehungen zur Sprache kommen, welche
bisher noch nicht gehörig gewürdigt sind. Es liegt im Wesen
der Holothurien, dass ihr Mund von Fühlern umgeben ist,
und deshalb werden die Verschiedenheiten in der Entwicklung
dieser Organe für die Systematik von Wichtigkeit. Man hat
bisher wohl die Zahl der Fühler und ihre Beschaffenheit zu
Charakteren von untergeordneter Wichtigkeit benutzt; aber
man hat noch nicht hinlänglich auf die verschiedene Entwik-
kelung derselben an einem Individuum geachtet. Linne er-
kannte das Verhältniss der Staubgefässe in seiner Didynamia
und Tetradynamia, und es sind dies wahrlich nicht seine
schlechtesten Klassen. Auch in der Abtheilung der Holothu-
rien kommt eine solche Regelmässigkeit der ungleichen Aus-
bildung der Fühler vor, und die Beobachter möchten, einmal
darauf aufmerksam gemacht, hierin ein vortrefiliches Merkmal
für die Unterscheidung der Gattungen finden, selbst bei den-
jenigen Arten, die schon bekannt gemacht sind. Ich gebe
gern zu, dass dieses Verhältniss nicht Gelegenheit zur Be-
gründung höherer Ordnungen geben werde, da die folgenden
Gattungen ganz verschiedenen Abtheilungen angehören, näm-
lich den Homoiopodes und Heteropodes Brandt’s, aber vor-
läufig muss eine sichere Sonderung der Gattungen sehr er-
wünscht sein.
Anaperus Nob. nov. Gen.
Corpus pedibus numerosissimis ubique obteetum. Ten-
tacula decem ramosissima, quorum duo (vel tres) multo mi-
Neue Holothurien- Gattungen. 61
nora. Anus papillis calcareis armatus. Musculi retractores
maximi. Stomachus museulosus.
Diese neue Gattung von Holothurien gehört zu Brandt's
Homoiopodes Dendropneumones Peripodes Sporadipodes, und
unterscheidet sich von Sporadipus Br, durch die 10 baumför-
migen Fühler, von denen zwei ventrale sehr klein sind.
1. Anaperus peruanus Nob.
Holothuria peruviana Lesson Cent. zool. pl. 46. p. Dan
Trepang peruviana Jäger Hol. p. 25.
Der Körper ist spindelförmig, aufgeschwollen und ver-
schmälert sich nach vorn und hinten. Ueberall durchbrechen
zahlreiche kleine Füsschen die weiche lederartige Haut. Eine
Bauchseite und Rückenseite sind nicht deutlich abgesetzt, je-
doch hat die Rückenseite die Neigung sich zu contrahiren, so
dass der After und der Kopf in die Höhe gehoben sind, was
an die Gattung Psolus erinnert. Der Mund ist von zehn
Fühlern umgeben, von denen zwei viel kleiner sind, als die
übrigen acht gleich grossen. Jeder der grösseren ist in meh-
rere Aeste getheilt, deren jeder einen Haufen weicher fein
verzweigter Fäden trägt; der unverzweigte Stamm der klei-
neren Fühler trägt ähnliche weiche verzweigte Fäden. Die
Fühler dieser und der folgenden Arten scheinen einer geringen
Veränderung ihrer Länge fähig zu sein; ihr Stamm besteht
aus „einer weissen, sehr festen hohlen Hautröhre, die viele
Kalktheile zu enthalten scheint, so dass es knirscht, wenn
man mit den Messer über ihre Oberfläche hinfährt. In dieser
Röhre liegt lose eine dünnhäutige andere Röhre, die sich mit
ebenso vielen Aesten verzweigt wie die äussere Röhre, und
die wohl dazu bestimmt ist, die feineren Zweige des Fühlers
aufzurichten und zusammenfallen zu lassen. Die hinteren 10
Spitzen des Kalkringes sind 4 so lang wie die Breite desselben.
Der Äfter ist von fünf kalkigen Papillen umgeben. — Das
Respirationsorgan theilt sich bei seinem Austritt aus der Kloake
in zwei baumförmige Aeste, welche ihrer ganzen Länge nach
mit ihren Verzweigungen an die Körperhaut angewachsen sind.
Farbe: dunkelviolett, auch die Kronen der Fühler sind
dunkelviolett.
Grösse: 6 Zoll.
62 Troschel:;
Vaterland: Peru. lm zoologischen Museum zu Berlin
durch v. Winterfeld mehrere Exemplare.
Dass die Lessonsche Abbildung wirklich diese Art vor-
stellt, ist wohl keinem Zweifel unterworfen; die beiden klei-
nen Fühler sind übersehen, was leicht geschehen konnte.
2. Anaperus carolinus Nob. nov. spec.
Diese Art hat eine sehr grosse Aehnlichkeit mit der Art
von Peru, hat auch auf allen Theilen des Körpers, namentlich
auf der Bauchseite sehr zahlreiche und kleine Füsschen, zeigt
auch die Neigung den Rücken zu contrahiren, und dadurch
Kopf und After erhaben zu tragen. Es finden sich jedoch
Unterschiede, welche die specifische Verschiedenheit beider
Arten ausser Zweifel setzen. Die Fühler sind ebenso baum-
förmig verästelt, haben aber einen kürzeren Stiel, was sie
etwas niedriger erscheinen lässt. Das Respirationsorgan be-
steht aus zwei weiten dünnhäutigen Säcken, die sich sehr we-
nig verästeln. Die hintern 10 Spitzen des Kalkringes sind
etwa 2 der Breite desselben lang. Die Blase am Kalkringe ist
sehr dünnhäutig und von eiförmiger Gestalt. An einem Exem-
plar ist der Darmkanal sehr gut erhalten: ein Schlund von
etwa 4 Linien Länge, von da an gerechnet, wo er aus dem
Kalkringe austritt, führt in den erweiterten Magen, aus wel-
chem hinten der Darm tritt, welcher mehrfach gewunden bis
zum After eine gleiche Weite behält. Schlund und Darm sind
längsgefaltet und setzen sich in ihren Faltungen vom Magen
sehr scharf ab; der Magen ist ebenfalls, aber feiner, längsge-
faltet, und ist von viel festerer musculöser Beschaffenheit.
Farbe: die Farbe ist an den Weingeist-Exemplaren nicht
mehr zu erkennen, scheint aber die Art von der vorigen zu
unterscheiden (bräunlich oder grünlich?). Die Fühler sind an
allen Exemplaren hell, und scheinen bräunlich gewesen zu sein.
Grösse: 2—3 Zoll.
Vaterland: Südcarolin.. Im zoologischen Museum zu
Berlin durch Crantz.
3. Anaperus fusus Nob.
‚Holothuria fusus O. F. Müll. Zool. dan. tab, 10.
Die citirte Abbildung zeigt sehr deutlich, dass die Art
in. die Gattung Anaperus gehört. Der Verfasser der Zoologia
Neue Holothurien- Gattungen. 63
danica hielt die beiden kleinen Tentakeln für verstümmelt,
Ich kenne diese Art nicht aus eigener Ansicht,
4. Anaperus eigaro Nob. nov. spec.
Der Körper ist cylindrisch, schmal, wie eine Cigarre,
hinten verschmälert, überall dieht mit verhältnissmässig sehr
grossen Füsschen besetzt. Die Haut ist weich. Um den
Mund stehen zelın Fühler, von denen sieben langgestielt mit
einer verzweigten Krone, drei sehr klein, nicht benachbart, und
leicht zu übersehen sind. Leider sind an den vorhandenen
Exemplaren die Fühler meist nicht mehr vorhanden; nur eins
hat sie vollständig. Deshalb bin ich nicht sicher, ob hier viel-
leicht das seltsame Verhältniss von 7 langen und 3 kleinen
Fühlern als individuell angesehen werden muss. Die Beob-
achtung anderer Exemplare dieser Art wird das leicht ent-
scheiden können. Darin liegt auch der Grund, weshalb ich
diese Bildung nicht zu einer neuen Gattung erhebe, was ge-
schehen müsste, wenn sieben grosse und drei kleine Fühler
hier die Regel sein sollte. Der After ist von mehreren klei-
nen rauhen Papillen umstelll. Das Respirationsorgan theilt
sich in zwei baumartige Aeste, welche frei sind. Die Blase
am Knorpelringe ist einfach, sehr gross und weit. Sie ist
1 Zoll lang, am Ende dicker, am Grunde eingeschnürt.
Farbe: dunkelbraun.
Grösse: 6 Zoll lang, $ Zoll breit.
Vaterland: Labrador. Im zoologischen Museum zu Ber-
lin durch Barth.
Orcula Nob. nov. Gen.
Corpus pedibus numerosissimis ubique obtectum. Tenta-
eula quindecim ramosissima, quorum quinque alternantia multo
minora. Papillae anales nullae. Musculi retractores maximi.
Stomachus musculosus,
Diese neue Gattung steht der Gattung Anaperus sehr
nahe, und unterscheidet sich von ihr hauptsächlich nur durch
die Beschaffenheit der Fühler, unter denen zwar einige eben-
falls verkümmert sind, aber nach einem ganz andern Prineip.
Eine Rücken- und Bauchseite lässt sich hier durchaus nicht
unterscheiden. Nur eine Art, welehe ich nirgends beschrieben
finde, gehört hierher. &
64 Troschel:
1. Orcula Barthii Nob. nov. spec.
Der Körper ist fassförmig, dick und kurz, an beiden En-
den stumpf abgerundet, am Weingeist-Exemplare mehr als
halb so breit wie lang. Die weiche lederartige Haut trägt
überall zahlreiche Füsschen. Der Mund ist von funfzehn
baumförmig verzweigten Fühlern umgeben, unter denen zehn
grosse und fünf kleine sich unterscheiden. Auf zwei grosse
folgt immer ein kleiner mit grosser Regelmässigkeit. Am After
sind keine harte Papillen wahrzunehmen. Das Respirations-
organ ist an dem vorhandenen Exemplare etwas zerstört,
scheint jedoch wie bei den Arten der Gattung Anaperus sich
in zwei baumförmige Aeste zu theilen; es ist an die Haut an-
gewachsen. Die Blase am Knorpelringe ist fast einen Zoll
lang, nicht sehr weit, und vom Grunde aus überall gleich dick.
Farbe: braun.
Grösse: 2 Zoll lang, 1 Zoll breit.
Vaterland: Labrador. Im zoologischen Museum zu "Ber:
lin durch Barth.
Colochirus Nob. nov. gen.
Pedes abdominales in tres ordines dispositi. Tentacula
decem arborescentia, quorum duo ventralia multo minora.
Musculi retractores maximi. Stomachus musculosus.
Diese neue Gattung von Holothurien gehört zu Brandt’s
Heteropodes Stichopodes und unterscheidet sich von Stichopus
Br. durch die zehn baumförmigen Fühler, von denen die bei-
den ventralen sehr’ klein sind.
1. COolochirus quadrangularis Nob. nov. spec.
Der Körper ist von harter Haut umgeben und ist vier-
kantig, so dass eine Bauchfläche, eine Rückenfläche und zwei
Seitenflächen unterschieden werden können, die alle gleich
gross sind, An jeder Kante zieht sich nicht sehr regelmässig
eine Reihe von verhältnissmässig sehr grossen Höckern hin,
40—12 in einer Reihe, aus deren Spitze die dorsalen Füss-
chen hervortreten. Ausserdem bilden drei ähnliche Höcker
in der Mitte der Bauchfläche dicht unter dem Munde eine
kleine Längsreihe. Die ventralen Füsschen sind sehr zahlreich
und stehen in drei Längszügen, einem mittleren und zwei
Neue Holothurien - Gattungen. 65
seitlichen, ‘unter der ganzen Länge des Thiers. Um den
Mund stehen zehn baumförmig verästelte Tentakeln, von denen
zwei der Rückenfläche, zwei jeder Seitenfläche, und vier der
Bauchfläche entsprechen; die beiden mittleren ventralen zeich-
nen sich durch ihre Kleinheit vor den übrigen acht gleich
grossen aus, sie sind jedoch ebenfalls baumförmig verästelt.
— Das Respirationsorgan theilt sich gleich nach seinem Aus-
tritt aus der Kloake in zwei Aeste, welche nur durch wenige
Fasern an die Körperhaut angeheftet sind.
Farbe: Sie ist an den Weingeist-Exemplaren nicht mehr
zu erkennen.
Grösse: 2 Zoll lang, die Breite ist etwa fünfmal ‘in. der
Länge enthalten.
Vaterland: Küste von Malacca. Im: anatomischen Museum
zu Berlin durch Cuming.
Diese Art hat viel Uebereinstimmendes mit der von Les-
son Centurie zool. pl. 31. fig. 1. p. 90 abgebildeten und be-
schriebenen Holothuria quadrangularis, mag auch wohl wie
diese blau gewesen sein. Die Füsschen der Bauchseite sollen
in derselben ohne Ordnung stehen. Dessenungeachtet würde
ich keinen Anstand nehmen, beide für identisch zu halten,
wenn nicht Lesson ausdrücklich 20 Tentakeln angäbe. So
stark kann man sich doch nicht verzählen. Wegen der Mög-
lichkeit der Uebereinstimmung nenne’ ich auch meine Art qua-
drangularis; sollten sie verschieden sein, so müssten sie sogar
verschiedenen Gattungen angehören, und dann können sie auch
beide den Namen quadrangularis führen.
Schliesslich will ich noch anmerken, dass ich bei Clado-
dactyla doliolum Brandt, Diequemarii Brandt, und syracusana
Grube, welche das zoologische Museum alle drei durch Grube
besitzt, dieselbe Bildung der Fühler finde, wie bei den Gat-
tungen Anaperus und Colochirus; es sind nämlich 8 grosse
und 2 kleine baumförmige Fühler vorhanden. Auch sie be-
sitzen sehr entwickelte Mundmuskeln, welche von den fünf
Längsmuskeln abgehen, um sich an den Kalkring anzuheften.
Sie sind dazu bestimmt, die ganze Mund- oder Kopfmasse,
welche ausgestülpt werden kann, zurückzuziehen. Ferner be-
sitzen die drei genannten Arten einen Muskelmagen. Freilich
unterscheiden sie sich auflallend genug durch die in 5 Längs-
Archiv f, Naturgesch, XJI. Jahrg. 1. Bd, 5
66 Troschel: Neue Holothurien - Gattungen.
zügen gestellten Füsschen. Die Cladodactyla pentactes Br.
(Holothuria pentactes Müll.) weicht von den eben genannten
Arten dadurch. ab, dass die zehn baumförmigen Fühler gleich
. gross sind, ist also von den übrigen generisch zu trennen.
Während: des Drucks dieses bereits vor längerer Zeit
geschrieben Aufsatzes habe ich die Untersuchungen über Ho-
lothürien wieder aufgenommen, und habe dadurch Resultate
gewonnen, ‘welche ich einer späteren Mittheilung vorbehal-
ten muss.
Nur so viel will ich bemerken, dass man genöthigt ist, dem
Eintheilungsprineip Grube’s nach dem Bau der Fühler den
Vorzug zu geben. Danach gehören alle besprochenen Gat-
tungen in die Abtheilung der Dendrochiroten. Ihre Anato-
mie ist eine sehr übereinstimmende. Sie besitzen musculi re-
tractores und einem Muskelmagen. -
Versuch einer Darstellung der Organisation der
Räderthiere, nach eigenen Untersuchungen, mit Be-
zugnahme auf die neuesten gegen die Ehrenberg-
schen Ansichten gerichteten Angriffe.
Von
Dr. Oskar Schmidt.
(Hierzu Taf. III. Fig. I—1V).
Eine Reihe von Jahren haben die Ehrenbergschen Ent-
deckungen im Gebiete der microscopischen Thiere fast nur
Bewunderer, Nachbeter und Abschreiber gefunden, mit Aus-
nahme der Anhänger einer gewissen philosophischen Schule,
Vertheidiger der Urzeugung, welche eine vorgefasste Mei-
mung gegen den kühnen Gedanken einer durch das ganze
Reich der beseelten Wesen in gleicher Vollkommenheit aus-
geprägten Organisation hatten, und abgesehen auch von dem
Streit der Botaniker um eine Anzahl von Formen, welche sie
als in ihr Bereich gehörig nicht aufgeben wollten.
Nun erheben sich in der neuern Zeit von mehreren Sei-
ten, aus England, Frankreich und Deutschland gewaltige Stim-
men, die Herrn Prof. Ehrenberg nichts Geringeres aufbürden,
als dass er in einer Kette von Täuschungen befangen gewesen
sei und somit eine Reihe falscher physiologischer Schlüsse
gemacht habe.
Diese Stimmen, in wie weit sie gegründet sind, zu prü-
fen, ist, bei der Ausdehnung des Gegenstandes, eigenstes In-
teresse der Wissenschaft. Die fraglichen Punkte beziehen
sich nicht nur auf die Infusorien im engeren Sinne, auch über
die Deutung der Organe der Räderthiere haben sich so man-
nigfache und ansehnliche Zweifel geltend gemacht, dass die Zoo-
logen jetzt mehr als je in Ungewissheit sein müssen, welche
+ Stelle im System sie jener Gruppe anweisen sollen.
5*
63 ©. Schmidt: Versuch einer Darstellung der Organisation
So findet denn wohl der nachfolgende Versuch einer
Darstellung der Organisation der Räderthiere seine Entschul-
digung.
Alles, worüber man allgemein einig ist, wird entweder
gar nicht berührt oder nur, wo eine gewisse Vollständigkeit
es erheischte, kurz angedeutet. Das Gegebene ist das Resul-
tat eigener Forschungen, hervorgegangen aus dem Bedürfniss,
mit eigenen Augen zu sehen, um urtheilen zu können.
Ich bediene mich, wo ich nicht ein Anderes bevorworte,
der Ehrenberg’schen Bezeichnungen, als der bekanntesten.
I. Der Verdauungs-Apparat.
4. Die Räderthiere zeichnen sich durch ihre grosse Ge-
frässigkeit und Gier aus. Selbst verstimmelt und der Auflö-
sung nahe, nehmen sie noch Nahrung auf. Es wird ihnen
aber die Zuführung derselben um; so leichter, ‚als mit jeder
durch die Räderorgane bewerkstelligten Fortbewegung die in
der Nähe des Thierchens sich ‚befindenden Nahrungstheilchen
in einen Strudel gezogen und der Mundöfinung nahe gebracht
werden oder ‚wenigstens nahe gebracht werden können.
Ueber die Bewegung der Wimpern, über die durch die
Radorgane hervorgerufenen optischen Erscheinungen, werden
wir unten Gelegenheit: nehmen weiter zu sprechen. Hierher
gehört die Frage, ob die Wimpern nicht etwa. als Fühler die-
nen, namentlich auch ‘zur Auswahl der Speise.
Im Allgemeinen scheint der Geschmackssinn der Räder-
thiere nicht sehr entwickelt zu sein, denn sie. verschlingen
ohne Unterschied Oscillatorien, kleinere und grössere Infuso-
rien, mit oder ohne Schale. Doch ist Auswahl ‚da, und grü-
nen, frischen Pflanzentheilchen geben sie immer den Vorzug
vor schon angegangenen. Wo und wodurch wird nun aber
die zuträgliche Speise erkannt? Erst nachdem sie in den
Schlundkopf aufgenommen oder schon vorher? Vielleicht wei-
sen: einige Thatsachen auf den richtigen Weg.
Das die Augen tragende Vorderende von Rotifer'ist rüs-
selförmig und mit'einem Wimperkreise besetzt, der nie zur
Ortsveränderung dient; sondern,' wenn’ man dem Thiere folgt,
ist es unverkennbar, dass es mit diesem Rüssel um' sich ‚fühlt
und untersucht. Oft, wenn es auf harte Gegenstände stösst, »
der Räderthiere nach eigenen Untersuchungen. 69
fährt es zurück, und immer erst nachdem es mit jenem Ap-
parat sondirt hat, entfaltet es die zwei seitlichen Räderorgane
und wirbelt um zu fressen. Es dient also hier unverkennbar
ein Wimperkreis als Tastorgan, ein Wimperkreis, der sich
seiner Struetur nach in nichts von einem Nahrung zuführen-
den unterscheidet. Beide haben dieselbe Empfindlichkeit und
werden fast krampfhaft bei jedem Anstoss eingezogen.
Beobachten wir ferner eine Hydatina oder Notommata,
so werden wir, besonders bei letzterer, ein ämsiges Umher-
fahren und öfteres Zurückprallen wahrnehmen; dann wieder
wird sie länger an einem Orte verweilen, immer wirbelnd,
aber noch nicht so stark, dass ein Zugang von Speise be-
merkbar würde, auch kaut sie noch nicht, bis endlich jener
starke Strudel erregt wird, während oder nach welchem das
Kauen eintritt. Viele aber von den zugeführten Objecten
werden wieder im Strudel ausgeworfen.
Was dort seinen besonderen Sitz im Tastrüssel hatte,
dieses Gefühls und Unterscheidungs- Vermögen scheint hier
und bei den übrigen des Rüssels entbehrenden Räderthieren
auf die eigentlichen, die Ortsveränderung vermittelnden Wim-
perkreise beschränkt zu sein, will man nicht, wie Einige,
jedoch ohne Begründung ihrer Behauptung gethan haben, in
mehreren den Schlundkopf umkränzenden Papillen den Sitz
eines feinern Geschmackssinnes suchen. Allerdings kann man
bei Brachionus urceolaris, namentlich wenn er sich zusammen-
gezogen hat, wohl auf diesen Gedanken kommen; doch 'möch-
ten diese Papillen eher den grössern Gehirn- oder Schlund-
Ganglienmassen angehören.
"2. Von dem Vorhandensein, der Anordnung und Function
der Zähne und des sie umgebenden Schlundkopfes kann man
sich so leicht überzeugen, dass es überflüssig wäre zu wie-
derholen, worin alle Beobachter übereinstimmen.
Ich führe nur eine Abnormität an, die ich bei Rotifer
vulgaris angetroffen, wo in einem der beiden steigbügelförmi-
gen Kiefer drei Zähne entwickelt waren statt der gewöhn-
lichen zwei. In die von den drei Zähnen gebildeten Furchen
‚passten die gegenstehenden regelmässigen zwei Zähne (Fig. IV).
Ebenso 'wenig kann man über die längere oder kürzere,
theile mit einem stielartigen vom Zalngerüst ausgehenden
70 0. Schmidt: Versuch einer Darstellung der Organisation
Schlundknochen versehene, theils ohne diesen vorkommende
Speiseröhre in Ungewissheit sein,
3. Hinter dem Oesophagus erweitert sich gewöhnlich der
Speisekanal, und hier sind ihm die sogenannten pancreatischen
Drüsen angeheftet,
v. Siebold ') nennt sie ‚zwei, selten mehrere dickwan-
dige, mit einem Flimmerepithelium ausgekleidete Blindsäcke,
deren Wände ebenfalls aus grossen Zellen zusammengesetzt
werden.” Dass es Blindsäcke sind, und vom Flimmerepithe-
lium habe ich mich noch nicht überzeugen können; vielmehr
scheinen die Organe durch und durch drüsiger Beschaffenheit
zu sein, Jedenfalls aber dienen sie wohl dazu, einen farb-
losen, die Verdauung befördernden Saft auszuscheiden.
Bei Rotifer und den verwandten Gattungen, deren Darm-
kanal sich nicht zu einem Magen erweitert, sondern eng ver-
läuft, ist derselbe bis zur Cloake von drüsenartigen bräun-
lichen Körpern umgeben, die Leber.
Herr v. Siebold ?) scheint mir nicht genau genug zu un-
terscheiden, wenn er allen Räderthieren in ‘gleichem Grade
diese Eigenschaft zuschreibt, indem er sagt: „diese (äusserst
dicken) Magen und Darmwände bestehen aus grossen Zellen,
welche, ausser einem farblosen Kerne, mit braun oder grün-
lich gefärbter feinkörniger Masse gefüllt sind und wahrschein-
lich die Stelle der Leber vertreten.”
Allerdings sind die Wandungen des Darmes im Allge-
meinen dicker als z. B. die des Ovarium, zeichnen sich auch
durch eine helle braune Färbung aus, doch Zellen und Zel-
lenkerne zu erkennen, ausser etwa bei den angeführten Gat-
tungen der Zygotrocha nuda Rotifer, Actinurus, Philodina
u. a., möchte schwer fallen.
Zur Stärke der Magenwandung trägt aber gewiss eine,
die innere Epithelialschicht umgebende Muskelschicht bei, da
Darm und Magen aller Räderthiere mehr oder weniger un=
willkürlichen Contractionen unterworfen sind.
Das erwähnte Flimmerepithelium ist es, welches den
1) Lehrbuch der vergleichenden Anatomie von v. Siebold und
Stannius. Berlin 1845. Erste Abtheilung. Erstes Heft. $. 136.
2) a.a. 0. $. 136.
der Räderthiere nach eigenen Untersuchungen. 71
Speisebrei in eine kreisende Bewegung versetzt, welche man
jedoch auch öfters vermisst.
Eine besonders auflösende Kraft hat übrigens der von
den pancreatischen Drüsen abgesonderte Saft nicht, ‘da die
verschluckten Objecte oft unverändert ausgeworfen werden.
U. Respirations- und Circulations-System.
4. Die für ein Respirations- und Circulations-System der
Räderthiere sprechenden Thatsachen liegen so 'an der Grenze
‚der Beobachtung, dass wir gezwungen sind, fast nur nach
Analogien die wenigen hierher gehörigen Erscheinungen zu
deuten.
Die neueste Ansicht über diesen Gegenstand ist die von
Herrn v. Siebold in dem schon angeführten ‚Werke vorgetra-
gene. Da sie von der des Herrn Prof. Ehrenberg sehr ab-
weicht, so scheint es mir zweckmässig, sie einer genauen
Prüfung zu unterwerfen. Sie ist vom Standpunkt der ver-
gleichenden Anatomie aus gegeben, ich muss aber bezweifeln,
dass sie nach den Grundsätzen der vergleichenden Anatomie
des Herrn v. Siebold selbst in der Hauptsache zulässig ist.
Wird es aber nachher auch mir nicht gelingen, ein klares
Bild über das eigentliche Verhalten der fraglichen Systeme
vor Augen zu stellen, so mag man den Grund in der Schwie-
rigkeit der Sache suchen; wenigstens hoffe ich der Wahrheit
näher gekommen zu sein.
5. Herr v. Siebold sagt '): ‚das einzige in diesen Thie-
ren wahrzunehmende Gefässsystem ist höchst wahrscheinlich
ein Wassergefässsystem, welches, seiner Organisation und be-
sehränkten Ausbreitung wegen, für ein Respirationsorgan wird
erklärt werden müssen. Es läuft nämlich in den meisten Rä-
derthieren zu beiden Seiten des Leibes ein schmales, band-
förmiges Organ herab, in welchem sich ein gefässartiger, star-
rer Kanal entlang windet. An dem vorderen Ende dieser
beiden Seitenbänder stehen mit den in denselben enthaltenen
'Gefässen mehrere kurze Seitengefässe in Verbindung, welche
in die Leibeshöhle frei ausmünden und in ihren Mündungen
einen äusserst schnell schwingenden Elimmerlappen besitzen.”
') 2.0. 0. $. 138.
72 0. Schmidt: Versuch'einer Darstellung der Organisation
Der ganze Akt soll aber’ so vor sich ‚gehen, ‘dass das
Wasser durch den im Nacken befindlichen Sipho' (der 'bei
vielen Gattungen auf eine blosse Oeffnung reduzirt ist) in die
Leibeshöhle eintritt, ‘von da durch die Seitengefässe in ‘die
langen Kanäle geführt wird. ‚In dem Hinterleibe der Räder-
thiere, heisst es weiter, nähern sich jene Seitenbänder ein-
ander und ihre beiden Gefässe vereinigen sich zu einer ge-
meinschaftlichen dünnwandigen, aber sehr lebhaft contractilen
Blase, welche ihren ganz wasserhellen Inhalt durch die Cloa-
kenöffnung nach aussen entleert.” Wir müssen nun‘hiermit
vergleichen, was Herr v. Siebold bei den’ vorhergehenden
Thierklassen unter Wassergefässsystem will verstanden wissen.
Das Wassergefässsystem der Polypen besteht darin, dass durch
Aufnahme von frischem Wasser’ in die: Leibeshöhle alle Kör-
pertheile unmittelbar bespült werden und ‘einen Respirations-
process unterhalten !); ähnlich wie bei den Turbellarien durch
das äussere Flimmerepithelium, welches fortwährenden Wasser-
wechsel bedingt, eine allgemeine Hautrespiration erhalten wer-
den soll.
Bei den Acalephen wird das Wassergefässsystem in seinen
Verzweigungen von Blutgefässen begleitet, auf welche es 'sei-
nen Einfluss ausübt ?). um
Auch bei den Echinodermen steht es in uhmilkalbilkhe
Verbindung mit dem Blutgefässsysteme ?).
Anderer Meinung ist Herr v. Siebold über die mit Flim-
merorganen versehenen Gefässe bei Trematoden (man erinnere
sich an Diplozoon paradoxum), welche er ansteht, ein Was-
sergefässsystem zu nennen, einmal, weil „sie nicht durch Oefl-
nungen mit der Aussenwelt in direeter Verbindung stehen”,
dann stelle sich auf der andern Seite wieder die Schwierigkeit
entgegen, ‚‚dass bis jetzt neben diesem flimmernden Gefäss-
systeme kein anderes, den Blutgefässen entsprechendes System
von Organen in den Trematoden beobachtet werden konnte 4).
6. Aber eben diese Worte lassen die Annahme, die Herr
v. Siebold bei den Räderthieren gemacht, nicht zu, denn seine
Angabe °), dass jene kurzen flimmernden Seitengefässe frei
») 2.2.0.8. 39ff. 2) 8. 624. 3) 8.89 ff.
») a.a. 0. 8.112. >) 8.138.
der Räderthiere nach eigenen Untersuchungen. 73
in die Leibeshöhle münden, finde ich durch keine Beobachtung
belegt, vielmehr deutet das abgerundete Ende derselben, wes-
wegen sie noch Herr Prof. Ehrenberg, wie ich glaube, durch
die Benennung ,„Knöpfchen” bezeichnet, auf ein gänzliches
Geschlossensein hin !). Natürlich könnte durch Endosmose
Wasser genug aufgenommen werden, aber dann stellt sich ja
auf der andern Seite wieder die Schwierigkeit entgegen, wie
bei den Trematoden, dass Herr v. Siebold’ kein den Blutge-
fässen entsprechendes System von Organen in den Räderthie-
ren beobachten konnte. Wozu sollte dieses abgeschlossene
Wassergefässsystem ohne ein ihm paralleles, unter seinem Ein-
flusse stehendes System von Saft oder Blut führenden Gefäs-
sen nützen? „Ein Blutgefässsystem aber, sagt er ?), lässt sich
bei den Rotatorien mit Sicherheit nicht nachweisen, daher man
annehmen muss, dass hier sämmtliche Organe von dem aus
den Wandungen des Darmschlauches herausschwitzenden Nah-
rungssafte unmittelbar getränkt werden” ?), eine Meinung, die
auch Herr Dujardin theilt. Aber würde sich der Nahrungssaft
hier nicht, statt sämmtliche Organe unmittelbar zu tränken,
init dem durch den Sipho eingelassenen Wasser vermischen
und mit ihm durch die contractile Blase und Cloake denselben
Weg gehen, oder höchstens in einer hohen Potenz von Ver-
dünnung seinen Zweck einigermassen erfüllen?
7. Herr v. Siebold, obgleich er die grosse Anzahl der
zitternden Organe bei Notommata myrmeleo und clavulata
kennt, scheint es übersehen zu haben, dass dieselben hier je-
derseits an einem besonderen, von jenen in die contractile
Blase mündenden Seitenbändern ganz getrennten Stamme
sitzen. Schon dieser eine Fall stellt sich der ganzen Hypo-
these v. Siebold’s entgegen, selbst wenh er mit uns von dem
Vorhandensein besonderer Saftgefässe überzeugt wäre. Jene
seitlichen Organe sammt der contractilen Blase sind daher
wohl etwas anderes, und ich muss sie an seinem Orte wieder
dem Geschlechtssysteme vindiziren.
- +) Nur mangelhafter Beobachtung ist es zuzuschreiben, wenn
Dujardin sagt: ils (les organes vibrants) m’ont toujours paru formes
Jun filament court, agite d’un mouvement ondulatoire. (Duj. Hi-
stoire naturelle des zoophytes. Infusoires. p. 590). \
?) a.a. O, $. 137. 3) 8. 137.
74 0. Schmidt: Versuch einer Darstellung der Organisation _
Die Bemerkung, dass sie bei den Formen, wo sie zu-
gleich die fimmernden Organe tragen, nach Verhältniss dicker
sind als bei Notommata myrmeleo und clavulata machte die
Vermuthung wahrscheinlich, dass auch dort die Flimmerorgane
durch einen besonderen Stamm (Gefäss) verbunden sind, der
aber seiner ganzen Länge nach mit dem Hoden verwachsen
ist: .Es ist denn dieser Kanal noch bei einer grossen Anzahl
von Formen von Werneck aufgefunden und in seinem grossen,
neuerdings von der hiesigen Akademie der Wissenschaften
erworbenen Werk über Infusionsthiere beschrieben und 'ge-
zeichnet worden.
Dass die zitternden Organe in irgend einer Weise die
Respiration vermitteln, daran ist wohl nicht zu zweifeln; vor-
züglich, wenn man durch vielfältige Beobachtung die Ueber-
zeugung gewonnen, dass der Körper der Räderthiere auch
wirklich von Fäden durchzogen wird, die man theils als Ner-
ven, theils aber auch als Saftgefässe anzuerkennen sich ge-
drungen fühlt, deren —— Verlauf aber anzugeben äus-
serst schwierig ist. N
8. Ich gestehe, dass, wie auf viele Beobachter, so auch
auf mich die sogenannten Seitenge.ässe (vasa transversa) bei
Hydatina senta und Rotifer etc. lange Zeit den Eindruck ge-
macht haben, als seien es Abschnitte des gegliederten Kör-
pers !). Doch da ich mehrere mit ihnen in Verbindung ste-
hende Nerven, die ich unten beschreiben werde, gefunden,
auch zum öfteren gesehen, dass besondere Fäden von ihnen
nach dem Darnıkanale führen (s. Fig. 2), so ist vor der Hand
mein Zweifel über ihre Natur als Gefässe gehoben. Als zum
Gefässsystem gehörig bei Brachionus urceolaris möchte ich
einen sehr frei flottirenden Faden betrachten, den man leicht
unten von der Krümmung des Hoden (Ehrbg.) an bis nach
der Blase verfolgt.
9. Dass durch den Sipho, oder, wo dieser fehlt, durch
die Nackenöflnung Wasser in die Bauchhöhle aufgenommen
wird, darüber sind die genaueren Beobachter einig. Nur wenn
dies geschehen, werden die Organe deutlich sichtbar, während,
’) Was dem entgegensteht, sie fur Muskeln anzusehen, werde
ich bei dem Kapitel von den Muskeln auseinandersetzen.
der Räderthiere nach eigenen Untersuchungen. 75
wenn das Wasser durch die von Zeit zu. Zeit, ‚nie.mit langer
Unterbrechung erfolgende Contraction des Körpers wieder
ausgetreten ist, die Beobachtung sehr gehemmt ist.
Ich bin übrigens der Meinung, dass auch zwischen ‚den
Räderorganen hindurch dem Wasser freier Zugang in die
Leibeshöhle gestattet ist, wo es frei alle Organe bespült. Die
näheren Vorgänge der hier stattfindenden Respiration sind
nieht ermittelt, wie auch über die nähere Theilnahme der Ci-
lien am Respirationsprocess bis jetzt nichts entschieden wer-
den kann.
1. Geschlechtssystem.
40. Der Eierstock zeigt sich als ein sehr dehnbarer, in
die Cloake mündender Schlauch, fast immer mit verhältniss-
mässig wenigen, auf verschiedenen Entwicklungsstufen befind-
lichen Eiern erfüllt.
Dass diese mit harter Schale versehen, von den meisten
Gattungen wirklich gelegt, oft noch nachher, am Hintertheile
des Mutterthieres befestigt, mit herumgetragen werden, ist be-
kannt, eben so, dass sie bei den Rotiferen noch in der Lei-
beshöhle platzen und diese hierin scheinbar eine grosse Ab-
weichung von den übrigen Räderthieren zeigen,
Herr v. Siebold, der auch in solchen noch nicht gebore-
nen Räderthieren schon die Flimmerorgane und contractile
Blase in Thätigkeit gesehen, findet auch hierin eine Bestäti-
gung seiner Annahme vom Wassergefässsystem. Es müssten
sich in diesem Falle die Jungen ganz frei in der Leibeshöhle
der Alten befinden, und er sagt daher 1): „Auf mich hat es
jedoch immer den Eindruck gemacht, als trennten ‚sich. die
herangereiften Eier der viviparen Philodineen von ihren Ova-
rien und geriethen dann frei in die Leibeshöhle, in welcher
sich später auch die ausgeschlüpften Jungen umherbewegten.
Vielleicht fehlen hier die Eierleiter, und schlüpft die Brut
durch eine besondere, neben der Oloakenöffnung befindliche
Mündung aus der Leibeshöhle der Mutter hervor.”
© Es wäre allerdings eine solche Bauchschwangerschaft
möglich, wenn, wie bei höhern Tbieren, der Eierstock nicht
’) a.a. O. $. 140. Anm, 1.
76 0. Schmidt: Versuch einer Darstellung der Organisation
im unmittelbaren Zusammenhange mit den Eileitern stände.
Von Eileitern aber in diesem Sinne ist bei Räderthieren nicht
die Rede. Wenn man will, kann man den eiwas verdünnten,
in die Cloake mündenden Hals des Eierschlauches oder Eier-
stockes so nennen. Auch die Vermuthung einer besonderen
Geburtsöffnung bei Philodineen bestätigt sich nicht. Das wahr-
scheinlichste ist daher noch immer, was Herr Prof, Ehrenberg
sagt 1), und womit auch die Beobachtungen von Werneck und
meine eigenen vollkommen übereinstimmen) ‘dass die im Leibe
ausgekrochenen Philodinen von der Haut des selır dehnbaren
Eierstocks umschlossen bleiben.
Woher bekommen sie aber dann das Wasser für ihr Was-
sergefässsystem? Kann man doch aber selbst in den von der
Eischale umschlossenen Jungen anderer Gattungen bei. ange-
strengter Beobachtung nicht nur die Kaubewegung, sondern
auch ein Flimmern wahrnehmen, Erscheinungen, die alle den
unwillkürlichen Kindesbewegungen vergleichbar sind.
41. So lange nicht überzeugendere Gründe gegen die
Deutung der contractilen Blase als vesicula seminalis aufge:
stellt werden, betrachten wir sie und die einmündenden Sei-
tenbänder als männliche Geschlechtstheile ?). Gewiss ist die
ununterbrochene Thätigkeit der Blase sehr auffallend und am
Ende nur durch die Annahme zu erklären, dass’ nicht auch
mit jeder Contraction Saamenentleerung verbunden ist.
IV. Muskelsystem.
12. Es beschönigt nichts mehr die ungenaue und ober-
flächliche Beobachtung, als wenn man sich, wie Herr Dujardin
in seinem Kapitel Des teguments et des organes locomoteurs ®)
!) Infusionsth. p. 483.
2) Mag man mit den französischen Schriftstellern die Tardigrada
zu den Räderthieren stellen oder nicht, jedenfalls ist die Analogie
zwischen den in Rede stehenden Organen der Räderthiere und den
von Herrn Doyere (Ann. des sc. n. Seconde serie. P. 14) beschrie-
benen männlichen Sexualtheilen jener Gruppe.sehr gross, Von Hrn.
Doyere sind dort die Zoospernien gefunden, und dies giebt einen
Grund mehr, zu hoffen, durch dieses Kriterium auch bei den Räder-
thieren künftig den gewünschten Aufschluss zu erhalten.
>) a.a. 0. p. 973 ff.
-
der Räderthiere nach eigenen Untersuchungen. 77
thut, ‘mit dem unbestimmten Begriffe einer masse oder sub-
stance contractile par elle m&me begnügt. Er: fasst denn
auch die Erscheinungen so wenig scharf auf, dass er die so-
genannten Nerven der Räderthiere nicht unterscheiden , zu
können eingesteht, wozu wahrlich nicht sonderlich viel gehört.
Die durch ihre Streifung und deswegen dunklere Färbung
sieh. von der gleichförmigen, weichen und ganz durchsichtigen
allgemeinen Körperbedeckung wohl unterscheidenden Bänder
im Körper der Räderthiere, welche dadurch, dass sie sich
sichtlich verkürzen, nicht indem sie Falten oder Wellen bilden,
sondern indem sie, besonders nach der Mitte zu, in die Breite
anschwellen, diese Bänder nennen wir mit eben dem Rechte
Muskeln, als wir von den Muskeln eines Ochsen sprechen.
Können wir in den meisten Fällen die Querstreifung nicht
nachweisen, so thun wir besser, zu meinen, es liege in der
‚ Unzulänglichkeit der Hülfsmittel, als sie ganz in Abrede zu
stellen; denn wer je die vielbesprochene Euchlanis triquetra
gesehen unter einem nur mässig guten Microscop (und mir
ist dies zu wiederholten Malen zu Theil geworden), kann hier,
wenn er nicht geradezu der Auffassung sich verschliesst, die
Querstreifung nicht Jeugnen.
Herr v. Siebold spricht !) von ‚‚mehr oder weniger deut-
liehen Querfalten, welche die in nicht contrabirtem Zustande
glatt erscheinenden Muskeln bei den verschiedenen Rotatorien
während der Contraction erhalten”; um so mehr, fährt er fort,
müsse es auffallen, dass bei Euchlanis triquetra nach Ehren-
berg’s Angabe die Längsmuskeln ganz wie bei den. Wirbel-
thieren quergestreift sein sollen. Ich, wie schon. erwähnt,
muss aus eigener Anschauung, von: der Herr v. Siebold. in
diesem Falle nichts sagt, die Angabe des Herrn Prof.) Ehren-
berg bestätigen. Was aber die Querfalten der Muskeln be-
trifft, so sind sie wohl auf das eigenthümliche Ziekzack der
einzelnen Muskelfasern bei der Contraction ‚zu reduciren, was
eine scheinbare Querfaltung des ganzen. Muskels hervorruft.
43. In der. Contraetion der Muskeln aber ist der beste
Anhaltepunkt gegeben, die Muskeln von anderen Organen,
die möglicher Weise ‚mit ihnen verwechselt werden. könnten,
») a.a. 0. $. 132. Anm. 1.
73 0. Schmidt; Versuch einer Darstellung der Organisation
zu unterscheiden, indem letztere, während der Muskel sich
verkürzt, an dieser Verkürzung nicht Theil nehmen, sondern
zur Seite in einem Bogen oder in einer Schlangenlinie aus-
weichen. Unsere vasa transversa, nach Herrn v. Siebold !)
ringförmige Quermuskeln, können wir dafür nicht ansehen,
weil ihnen die angegebenen Charaktere eines Muskels fehlen,
und diese dürften wir hier, bei der Ausdehnung der Organe
und ihrer oberflächlichen Lage am wenigsten vermissen.
Wie ganz anders erscheinen dagegen die langem Haut-
muskeln bei Rotifer. Ueberhaupt aber finden Contractionen
in der Querrichtung wenig statt, und wenn sie statt haben,
werden sie nicht durch peripherische, sondern durch radiale,
von den Seitenwandungen nach dem Intestinum gehende Mus-
keln bewirkt.
Auf eine detaillirte Aufzählung der einzelnen Muskeln
brauche ich hier nicht einzugehen.
In Fig. I. sind die Muskeln abgebildet, welche zur Con-
traetion der Saamenblase dienen.
V. Das Nervensystem.
414. Um zu zeigen, dass wir es bei den Räderthieren
nicht, wie Herr v. Siebold sagt ?): ‚mit einem sehr undeut-
lieh entwickelten, fast nur auf eine Nacken-Ganglienmasse be-
schränkten Nervensysteme” zu thun haben, sondern dass alle
die Organe, über deren: Bedeutung im Vorhergehenden gehan-
delt’ worden, je von besonderen Nerven begleitet werden, ent-
springend''aus verschiedenen Ganglien, theile ich das Ergeb-
niss genauer Untersuchungen mit, die ich in Bezug auf das
Nervensystem an Hydatina senta und Brachionus urceolaris
angestellt.
15. Es gelingt leicht, sich die von Herrn Prof, Ehrenberg
bei Hydatina senta beschriebenen Ganglien und Nerven zur
Anschauung zu bringen, nämlich die sogenannten Schlund-
Ganglien- ‘oder Gehirnmassen, die Nervenschlinge im Nacken,
das am Schlundkopf liegende grosse Ganglion mit seinen Fä-
den, das mehrere Nerven vereinigende, an der Bauchseite
zwischen dem vierten und fünften Quergefässe befindliche Gan-
1) 8.132. 2) a. a.0. $. 130.
z
|
der Räderthiere nach eigenen Untersuchungen. 79
glion, und ein gleiches noch weiter unten. Ausserdem aber
habe ich verschiedene Ganglien ermittelt, namentlich: in Be-
ziehung auf die verschiedenen Organe, welche sie mit Nerven
versorgen.
Diese Ganglien und Nerven sind wegen ihrer ungemeinen
Zartheit und grauweissen Farbe sehr schwer zu erkennen,
wozu noch der Umstand kommt,. dass sie meist sehr versteckt
liegen und nur bei der oder jener Verschiebung sichtbar wer-
den. Sie sind daher auch nicht zu beliebiger Zeit und an
dem ersten besten Exemplare in beliebiger Lage unter dem
‚ Mieroscop zu demonstriren, -
Leichter als bei gewöhnlichem Tageslichte stellen sie sich
bei dem grelleren Lampen- oder direkten Sonnenlichte und
sehr wohl auch bei nicht intensivem farbigen Lichte dar.
Ich gehe zur näheren Beschreibung.
16a. Liegt das Thierchen auf dem Rücken, so verschieben
sich nicht selten die pancreatischen Drüsen, Hoden und Mus-
keln so (Fig. I), dass man zwei Ganglien sieht, auf jeder
Seite eines. Es vereinigen sich in ihnen zwei aus dem Ge-
hirn kommende Nerven, die sich dann wieder trennen und an
die pancreatischen Drüsen gehen.
b. Was Herr Prof. Ehrenberg von allen Transversalge-
fässen vermuthet oder vielmehr nur unbestimmt ausspricht,
dass sie nämlich mit den oberen Ganglienparthien durch Ner-
venfäden in Verbindung stehen, kann ich wenigstens von zweien,
dem dritten und vierten mit Gewissheit bestätigen (Fig. I).
Diese Nerven, in der Mitte ihres Verlaufes zu einem Gan-
glion anschwellend, sind bei der Seitenlage des Thieres ganz
frei, nichts desto weniger aber, wegen ihrer besondern Zart-
heit und Durchsichtigkeit, nur bei der angestrengtesten Aufmerk-
samkeit sichtbar. Von diesen Ganglien scheinen ebenso er
Nerven nach den Darmkanale zu gehen.
c. Zwischen dem siebenten und achten Transversalgefäss
(Seitenlage) findet sich ein ansehnliches, aber meist zwischen
Eierstock, Hoden und contractiler Blase sich versteckendes
Ganglion (Fig. II), das mehrere Nerven abgiebt, zwei an den
Eierstock, je einen an die Hoden !), einen an die Cloake und
einen an das siebente Quergefäss.,
’) Ich habe zwar immer nur den Nerven des einen Hoden ge-
80 0. Schmidt: Versuch einer Darstellung der Organisation
d.' Auch‘ die Nerven der contractilen Blase haben sich
gefunden. Höchst wahrscheinlich gehen die eben beschriebenen
Hodennerven über auf die contractile Blase. Von dieser ab-
wärts nach dem achten Ringgefäss zu laufen drei Fäden (F.T]),
die’ sich bald verbinden und in fast gleicher Höhe mit dem
achten Ringgefäss ein Ganglion bilden. Der Nerv setzt sich
weiter fort und verliert sich zwischen den Muskeln des Gabel-
schwanzes.
17. Zur vollkommenen Bestätigung, dass ich in keiner
Täuschung befangen, diente mir, als sich bei Brachionus ur-
ceolaris, dem durchsichtigsten der Brachionen, die Ganglien
und Nerven nachweisen liessen, welche denen der Hydatina
im vorigen Paragraphen a, ce, d beschriebenen entsprechen.
Die Gestalt des Brachionus ist eine gedrängtere, das In-
testinum kurz; daher kommt es, dass das Ganglion, welches
bei Hydat. se. zwischen Schlundkopf und Pancreas liegt, hier
ausserdem, dass es hat zur Seite weichen müssen, in unmit-
telbarer Nähe des die Geschlechtstheile mit Nerven versor-
genden Ganglion sich findet !).
Zwischen diesen verschiedenen Fäden unterscheidet man
einen Muskel, welcher, an der Stelle des Panzers sich anhef-
- tend, von wo ein grosser Längsmuskel nach oben geht (F. III),
quer durch den Körper nach dem Intestinum sich erstreckt
und zu dessen Fixirung oder Seitenbewegung dient. Beide,
der Quer- und der Längsmuskel, werden von einem Nerven
begleitet, wie dies, bei der Zusammenziehung des Muskels der
geschlängelte Faden zeigt. Es ist dies die Verbindung mit
den oberen massigen Ganglien.
18. Ein langer Faden geht am Eierstock vorbei, um die
contractile Blase herum nach dem Schwanze. Hier verliert
er sich zwischen den Muskelu, giebt aber, vorher einen Ner-
ven ab mit zwei nahe bei einander liegenden Knötchen (F. I).
De EEE
sehen, doch ist es nicht gut denkbar, dass nicht auch dem anderen
Hoden sein Nerv zukäme, und dass ich diesen nicht gesehen, hat
wohl nur in der Lage des Thieres semen Grund.
1) Ich spreche nur von der einen Seite; auf der andern ist es
symmetrisch eben so.
der Räderthiere nach eigenen Untersuchungen. 8
Dieser Nerv lässt sich jederseits bis in die Ecke des Panzer-
ausschnittes für den Schwanz verfolgen.
19. Die Hoden stehen mit den Gehirnpartien durch einen
Faden in Verbindung (Fig. II). Ob dieser aber Gefäss oder
Nerv sei, wage ich. nicht zu entscheiden.
Erklärung der Abbildungen Taf. Il.
Fig. 1 HAydatina senta, von der Bauchseite gesehen.
Fig. ll. Hydatina senta, von der Seite.
Fig. 1. Brachionus urceolaris, von der Bauchseite gesehen.
Fig. IV. Monströser Zahnapparat von Rotifer vulgaris.
Erklärung der Buchstaben:
v vas
V, V2 V,—V, vasa transversa
i intestinum
t testis
ves. c, vesicula contractilis
ov ovarium
el cloaca
m musculus
g ganglion
n 7 nervus
el. p- glandula pancreatica
m. v. C. musculi vesiculae seminalis.
im
Ü
L =
ru. I
ER 10 7 3
Archiv 8. Naturgeschichte. XII, Jahrg. 1. Bd, 6
83
Clepsine costata, neue Art.
Von
Dr. Friedrich Müller.
(Hierzu Taf. II. Fig, 1,2.)
Diagnose: Corpus subcartilaginosum dilatatum fuscescens.
Dorsum vitta media longitudinali flava, nigro interrupta,
lineisque punetorum obscuriorum prominulis utrinque binis
ternisve quasi costatum, Oculi duo, subrotundi. Long.
12 — 16”,
Die Zahl der Augen unterscheidet diese neue Art fast
von allen bis jetzt beschriebenen Hirudineen; unter den Cle-
psinen stimmen nur (2. bioculata Sav. und sanguinea Fi-
lippi hierin mit ihr überein '); von beiden ist sie durch die
übrigen der angegebenen Charaktere, so wie durch den unten
zu beschreibenden Bau’ des Nahrungskanals hinreichend ver-
schieden. In Gestalt und Art der Bewegung steht sie der
Cl. marginata zunächst, und bildet gewissermassen ein Mittel-
glied zwischen dieser und der (U. verrucata.
Der Körper ist von etwas knorpliger Konsistenz, sehr
flach, bei erwachsenen Individuen sehr breit und nach vorn
verschmälert; bei den Jungen ziemlich schmal. Seine Farbe
ist grünlichbraun, auf dem schwach convexen Rücken bedeu-
tend dunkler als auf der ganz flachen Bauchseite. Mitten
über den Rücken verläuft vom Mund bis zum After eine gelbe
Binde, die durch drei oder mehr schwarze Flecken (von un-
gleicher Lage und Ausdehnung bei verschiedenen Individuen)
unterbrochen wird. Auf dem Kopf, der minder deutlich als
bei Cl. marginata gesondert ist, wird diese gelbe Binde brei-
!) Ausserdem hat Risso (Hist. des prineip. product. de l’Europe
merid. Tom. 4. p. 429) eine Sanguisuga marginata mit zwei Augen
beschrieben.
Clepsine costata, neue Art. 83
ter und trägt hier die beiden ansehnlichen, dem Vorderende
sehr nahe liegenden, schwarzen rundlichen Augenpunkte. Zwi-
schen dieser mittleren Binde und dem Seitenrande verlaufen
jederseits 2—3 durch dunklere Punkte gebildete Längslinien.
Die deutlichste dieser Linien ist von drei zu drei Ringen
durch einen weissen Punkt unterbrochen. Sowohl diese Längs-
linien, als die mittlere Binde springen ziemlich stark vor und
geben so dem Thier ein geripptes Ansehen. Der Fuss ist
gross, und auf der oberen Seite mit weissen Radien gezeich-
net. Der seitliche Rand des Körpers erscheint gekerbt, jeder
dritte Ring desselben ist durch dunklere Farbe ausgezeichnet.
Die inneren Theile zeigen alle wesentlichen. Eigenthüm-
lichkeiten der Clepsinen. — Von jedem Ganglion des Bauch-
strangs (dessen einzelne Ganglien um je drei Ringe, von ein-
ander entfernt sind) geht jederseits ein einziger Nerv ab, der
sich jedoch bald weiter theilt.
Die männlichen Geschlechtstheile zeichnen sich aus durch
eine auflallend grosse Ruthenscheide (Fig. 1c), und dadurch,
dass die Epididymis deutlich in zwei Abschnitte gesondert ist;
der in die Ruthenscheide einmündende vordere (Fig. 1.d) ist
enger, von einer festen sehnigen, glänzenden Haut umschlos-
sen, und von blassgelber Farbe, der hintere (Fig. 1e), der
die unmittelbare erweiterte Fortsetzung des gemeinschaftlichen
Hodenausführungsganges seiner Seite ist, ist auffallend weit,
anscheinend drüsig, von einer zarten Haut bekleidet und weiss
von Farbe. Die Zahl der Hodenbläschen, die ausser der Zeit
der Fortpflanzung bei den Clepsinen so leicht zu übersehen
sind, kann ich nicht bestimmt angeben,
" Der Uterus (Fig. 1 f) steht in der Mitte zwischen dem
der Ol. complanata und tessulata; mit dem der ersteren stimmt
er in der Form, mit dem der letzteren durch seine fleischige
Beschafienheit überein. In der Figur ist der obere Querbal-
ken desselben etwas nach hinten gezogen, um den darunter
liegenden Theil und den Durchtritt des Nervenstrangs deut-
licher zu zeigen. — An ilın heften sich zu beiden Seiten die
unter Magen und Epididymis nach hinten steigenden Schläuche
(Fig. 1g) an, welche in gewöhnlicher Weise die gewundenen
keimbereitenden Stränge der Clepsinen einschliessen.
Der Magen hat wie bei CZ. marginata, tessulata, verrucata,
6*
84 Friedr. Müller:
sieben Paar seitliche Anhänge, der Dünndarm, wie bei allen
(einheimischen) Clepsinen, vier Paare; das letzte Paar der
Magenanhänge steigt bis vor das vierte Paar der Darmanhänge
nach hinten, während es bei CZ. marginata und tessulata noch
über dies Paar hinausreicht, bei verrzcata schon vor dem
zweiten Paare der Darmanhänge endet. Es trägt an der äus-
sern Seite 4 Nebenanhänge (5 bei Cl. marg. und tess., keine
bei verr.). Sowohl diese Nebenanhänge des letzten Paares,
als die sechs vorderen Paare der Magenanhänge sind, wie bei
Cl. marginata, zierlich verästelt. So lässt sich auch diese
Art durch Zahl und Form ihrer Magenanhänge scharf von
allen übrigen unterscheiden, während auch hier die Vierzahl
der allen andern Hirudineen fehlenden Darmanhänge als ein
sämmtlichen Clepsinen gemeinsames Merkmal sich bestätigt.
Die wichtigste anatomische Eigenthümlichkeit unserer Art
ist jedoch der Bau des vor dem Magen gelegenen Theils des
Nahrungskanals. — Bekanntlich nähren sich die einheimischen
Clepsinen theils von den Säften der Mollusken, theils (X.
marginata und tessulata) vom Blute der (Fische (?) und)
Batrachier. Bei jenen beginnt gleich vor dem Magen der
lange eylindrische muskulöse Rüssel, während bei diesen, deren
Magen übrigens durch bedeutendere Verästelung sich auszeich-
net, vor demselben noch ein besonderes System von seitlichen
Anhängen des Nahrungskanals eingeschoben, und dadurch der
Rüssel auf ein 'verhältnissmässig weit geringeres Volumen re-
ducirt ist "). ' Clepsine costata schliesst sich im Bau des Ma-
gens eng an die letzteren an; dagegen beginnt gleich vor
demselben ein ausnehmend langer, nicht eylindrischer, sondern
nach vorn immer enger werdender Rüssel (Fig. 1a, Fig. 2),
und jederseits liegen neben diesem Rüssel, vor dem Magen,
der Ruthenscheide und dem vorderen Theile der Epididymis
zwei 'anschnliche weisse Drüsen, eine kleinere vordere, und
eine grössere hintere (Fig. 1b, Fig. 2), deren ziemlich lange,
anfangs weitere und noch von Drüsenmasse umgebene Aus-
führungsgänge, sich nahe dem Hinterende des Rüssels vereini-
gen'und sich hier in die Seiten desselben einsenken. Man
darf sie ‘wohl ohne Bedenken als Speicheldrüsen bezeichnen.
’) S, dies Archiv 1844. Taf, X. Fig. 14.
Clepsine costata, neue Art. {oA}
Bei keiner anderen Clepsine kenne ich ähnliche Drüsen; da-
gegen erinnert ihre Lage an das vor dem Magen gelegene
System von Anhängen bei (2. marginata und tessulata. Soll-
ten diese vielleicht dieselbe Function haben, während sie in
der einfacheren Form einer blossen Ausstülpung des Nahrungs-
kanals auftreten? —
Das Vaterland der Clepsine costata ist die Krim, wo sie
die Sümpfe der Jaila, d. h. der Hochgebirge am Südrande
der Halbinsel bewohnt. Ich erhielt mehrere Exemplare, die
Herr Prof. Dr. ©. Koch in Jena lebend aus ihrer Heimath
mitgebracht, durch die Güte des Herrn Geh. Rath Joh. Müller.
Nach des Herrn Entdeckers freundlicher Mittheilung sollen sie
in ihrem Vaterlande auf ähnliche Weise, wie unsere Sangui-
sugen, gefangen und medicinisch benutzt werden. Allerdings
macht es der Bau ihres Magens wahrscheinlich, dass sie vom
Wirbelthierblute leben; allein umsonst suchte ich nach einem
Apparate, mittelst dessen sie in die Haut des Menschen ein-
zudringen im Stande wären; auch gelang es weder Herrn
Prof. Koch, noch mir, sie an uns zum Saugen zu bringen, so
dass doch wohl die betreffende Anwendung einer weitern Be-
stätigung zu bedürfen scheint.
Erklärung der Abbildungen Taf. Ill.
Fig. 1. Rüssel, Speicheldrüsen und Genitalien,. der C/epsine co-
stata, von oben. Der die Genitalien bedeckende Magen ist wegge-
nommen.
a Rüssel; 4 Speicheldrüsen; ce Ruthenscheide; d vorderer, blass-
gelber,.e hinterer, weisser Theil der Epididymis; f Uterus; g die
die keimbereitenden Stränge einschliessenden Schläuche,
Fig. 2. Rüssel mit den Speicheldrüsen isolirt.
«@ Muskelfasern, die sich auf dem Magen ausbreiten, und zum
Zurückziehen des Rüssels dienen.
Pe
Uebersicht der Arten der Gattung Astacus.
Vom
An Herausgeber.
Durch Milne Edwards ist der Begriff der Gattung Asta-
cus auf solche Arten eingeschränkt, bei welchen der letzte
untere Halbring des Vorderkörpers, welcher das letzte Paar
der Gangfüsse trägt, gegen die vorigen beweglich ist. Dieses
Merkmal sondert Astacus von Homarus und Nephrops ab, wo
jener letzte Halbring mit den vorigen verwachsen ist, ‘welche
Gattungen aber auch ausserdem in ihrem inneren Bau und
ihrer Entwickelung sich auf solche Weise von den Süsswas-
serkrebsen entfernen, dass die Trennung in jeder Beziehung
gerechtfertigt ist. Durch dasselbe Kennzeichen schliesst sich
Astacus den Thalassinien an, welche Milne Edwards als eine
eigene Familie zu weit von den eigentlichen Astacinen abge-
schieden hat.
Milne Edwards beschreibt nur fünf Arten von Astacus,
und nennt noch eine sechste (Blandingü); es waren aber schon
vor ihm fünf andere bekannt gemacht ( Dauricus von Pallas,
torrenlium, von Schrank, Zeptodactylus von Eschscholtz, saxa-
tilis und tristis von Koch), Gleichzeitig wurden zwei neue
südrussische Arten (angwlosus, pachypus) von Ratlıke, dem-
nächst eine dritte ( Caspius) von Eichwald, sodann eine neue
Art aus Madagaskar von Milne Edwards selbst, eine aus Japan
von De Haan, endlich vor Kurzem noch eine sehr eigenthüm-
liche Art aus Nordamerika von Dr. Tellkampf hinzugefügt.
So sind bis jetzt 17 Astaci beschrieben; die hiesige Sammlung
besitzt noch 8 neue, mit welchen die Zahl der Arten in der
folgenden Aufzählung auf 25 steigt.
De Haan (Faun. Japon. Crust. p. 164) hat die Beobachtung
gemacht, dass die nordamerikanischen 4. Bartonü und affinis
eine Kieme weniger haben als 4A. Auviatils, Japonicus u. a.
Di We ee
x
Uebersicht der Arten der Gattung Astacus. 87
Ich habe von den neun bekannten amerikanischen Arten sechs'in
dieser Beziehung untersuchen können: und gefunden, dass A.
pellueidus, Carolinus, Mexicanus und Cubensis wit genannten
darin übereinstimmen, dass die Hüften des fünften: Paares der
Gangbeine ohne Kieme sind, während sie bei allen untersuch-
ten Arten der alten Welt eine Kieme tragen. Es scheint also
ein durchgreifender Uharakter der amerikanischen Astaci zu
sein, dass ihnen diese Kieme felılt.
Aus dem Flusskrebs von Madagascar hat bereits Guerin
eine eigene Gattung Astacoides gebildet, wegen vermeint-
lichen Mangels der Fühlerschuppen; die Fühlerschuppen sind
aber vorhanden, nur kleiner als gewöhnlich.‘ Dieser Krebs
weicht aber durch einen anderen Umstand von den übrigen
Arten von Astacus ab, nämlich durch: die Bildung der Schwanz-
füsse, deren Aeste, wie bei Homarus und Nephrops, häutig
und nur am Rande mit einer Reihe kleiner Kalkstückchen ein-
gefasst sind. Bei grösseren Stücken von Astacus, vorzüglich
bei A. leptodactylus, sieht man sehr deutlich, dass die Aeste
der Schwanzfisse aus Reihen kleiner Kalkstückchen zusam-
mengesetzt sind, aber die häutige Ausbreitung in der Mitte
fehlt allen anderen Formen von Astacus.
Unter den vier neuholländischen Arten, welche die hiesige
Sammlung besitzt, sind drei, welche zwei eigenthümlichen und
neuen Formen angehören. Die eine stimmt darin mit ‘den
amerikanischen Arten überein, dass die Hüften des fünften
Paares der Gangbeine ohne Kieme sind, sie zeichnet sich aber
vor allen anderen Arten der ganzen Gattung durch eine be-
sondere Bildung der Schwanzflosse aus. Die andere Form
verdient eine vorzügliche Beachtung schon wegen ihrer abwei-
chenden Lebensweise, nicht im Wasser, sondern: in der Erde,
welche natürlich auch eine abweichende Körperform bedingt.
Die hier angedeuteten fünf Gruppen in der Gattung Asta-
eus scheinen mir von höherer Bedeutung zu sein als blosse
Unterabtheilungen, sie können in der Folge vielleicht die Gel-
tung von Gattungen erlangen, vorläufig mögen sie als Unter-
gattungen betrachtet werden, welche sich nach folgender
Uebersicht unterscheiden.
I. Aeste der Schwanzfüsse häutig, am Rande
mit Kalkstückchen eingefast . . . „1. dstacoides
88 Erichson:
1. Aeste der: Schwanzfüsse einfach.
A. Aeussere Fühler neben den inneren ein-
gelenkt.
A. Schwanzflosse ganz kalkig.
e a. Hüften des fünften Fusspaares mit
einer Kieme . . . . 2. Astacus
b. Hüften des fünften Fusspaares on
Kieme vw. 4... 2.8. Cambarus
B. Schwanzflosse halb Häutier 0.4 Cherax
B. Aeussere Fühler unter den inneren ein-
gelenkt‘ |. . ". Be Be RE Br 07 7777777 2
Durch Astacoides Sohle ae sich an Homarus und
Nephrops, durch Zngaeus an die Thalassinien.
Die verschiedenen Untergattungen stimmen in Bezug auf
die ‚äusseren Geschlechtsorgane nicht alle überein. Bei Asta-
coides, Cherax und Engaeus unterscheiden sich die Geschlech-
ter nur in. der Lage der Geschlechtsöffnungen, der erste
Schwanzring ist ohne ‘alle fuss- oder griflelartigen "Theile, die
Schwanzfisse des zweiten Ringes sind auch beim Männchen
den folgenden gleich gebildet. Die Männchen ermangeln also
der ruthenartigen, vermuthlich den Samen leitenden Theile
gänzlich. Bei den Männchen der Untergattung Astacus finden
sich zwei Paare solcher griffelartigen Theile, welche gerade nach
vorn gerichtet getragen werden, das erste Paar dem ersten
Schwanzringe angehörend, das zweite aus den umgestalteten
Schwanzfüssen des zweiten Ringes gebildet. Bei den Weib-
chen sind die Schwanzfüsse des zweiten Ringes den folgenden
gleich gebildet, und der erste Ring zeigt statt der Griffel ein
Paar feiner, nach innen gerichteter Stielchen, aber nur bei
den grösseren Arten, bei den kleineren (A. tristis, torrentium,
Tasmanicus) fehlen auch diese. — Cumbarus hat grosse Ueber-
einstimmung mit Astacus, bei den Männchen sind ebenfalls
zwei Paare der ruthenartigen Griffel vorhanden, und zwar
noch stärker entwickelt als bei Astacus, eigenthümliche Bil-
dungen zeigend, welche an die der Taster der männlichen
Spinnen erinnern. Ferner zeichnen sich die Männchen von
Cambarus durch einen zapfenförmigen, hakenähnlichen Fortsatz
am zweiten Gliede des dritten (A. Carolinus, Bartonii, Mexi-
canus, Cubensis), oder des dritten und vierten Paares der
Uebersicht der Arten der Gattung Astacus. 89
Gangbeine aus (A. pellueidus, Blandingii, Wiegmanni). Die
Weibchen verhalten sich wie die von Astacus, nur dass die
Stielehen am ersten Schwanzringe überall deutlich sind.
Die Kluft, welche in der Bildung der äussern männlichen
Geschlechtstheile zwischen Cambarus und Astacus auf der einen,
und Astacoides, Cherar und Engaeus auf der anderen Seite
sich befindet, wird durch Zomarus und Nephrops ausgefüllt,
welche nur ein Paar Griffel und zwar am ersten Schwanzringe
besitzen, und die Schwanzfüsse des zweiten Paares den fol-
genden gleichgebildet zeigen. Ihre Weibchen verhalten sich
wie die der grossen Astacus., 2
In Bezug auf die geographische Verbreitung der Gattung
Astacus ergiebt sich, dass die Untergattung Astacws ihr Gebiet
über ganz Europa durch das nördliche Asien nach Neuholland
ausdehnt, dass die» Form Cambarus in 9 Arten den verschie-
denen Breiten Amerika’s angehört, während Jstacordes Mada-
gascar, so wie Cherar und Engaews Neuholland eigenthümlich
sind. In Neuholland tritt also Astacus in drei verschiedenen
Formen auf, während in den übrigen Erdtheilen je nur eine
einzelne vorkommt.
I. Untergatt. Astacoides.
Die äusseren Fühler neben den inneren eingelenkt.
Die Aeste der Schwanzfüsse häutig.
(Das Männchen ohne Gritfel am ersten Schwanzring, die
Schwanzfüsse des zweiten Ringes den folgenden gleich ge-
staltet).
41. A. (Astacoides) Madagascariensis.
Astacus Madagascariensis Milne Edw, Institut 1839. p. 152.
— Archives du Mus. d’hist. nat. II. p. 35. pl. 3.
Astacoides Goudotil Guerin Rev. Zool. 1839. p. 109.
In der Körperform unserem Flusskrebs nicht unähnlich,
abervonkräftigeremBau. Der Panzerschild glatt, einzeln punktirt,
an den Seiten des Magenfeldes einzeln gedornt, an denen der
Kiemenfelder scharf gekörnt. Der Schnabel kurz, mit aufge-
bogenem, und mit einer Höckerreihe besetztem Seitenrande, und
abgestutzter, in der Mitte mit zwei stumpfen Zähnchen bewaffneter
Spitze. Die Fühlerschuppen kurz, fastaufgerichtet, am Aussenrande
sägelörmig gekörnt. Die Schwanzflosse oben mit Stachelhöckern
besetzt. Die Scheere gross, glatt, einzeln punktirt, mit säge-
90 Erichson:
förmigem Innenrände, die Scheerenfinger Kräftig,, innen ge-
zähnt. Das Glied vor der Scheere innen mit einem starken
Zahn bewehrt. — Farbe im Leben grünlich braun,
Auf Madagascar, in den Flüssen.
II. Untergatt. Astacus.
Die äusseren Fühler neben den inneren eingelenkt.
Die Aeste der Schwanzfüsse und die Schwanzflosse ganz
kalkig.
Die Hüften des fünften Paares der Gangbeine mit einer
Kieme.
4. Schnabel am Rande gekerbt, vor der Spitze ge-
zahnt, oben gegen die Spitze hin mit einer
scharfen, gekerbten Leiste,
2. A. fluviatilis: Thorace sublaevi, lateribus subtiliter gra-
hulato, ad rostri basin utrinque unispinoso. -
4stacus Jluviatilis omn,
Ueber den grössten Theil von Europa verbreitet,
3. A. leptodactylus: Thorace tuberculato-scabroso, lateri-
bus subspinuloso, ad rostri basin utrinque an chelis
depressis (maris elongatis).
Astacus leptodactylus Eschsch. Mem. Soc. Imp. d. Nat. d.
Mose. VI. p. 109. T. 18. — Rathk. Mem. pres. ä l’Acad.
Imp. d. St. Petersb. p. div. sav. 111. 359. 70. T.4. F,1.2. —
Nordm. Voy. dans]. Russ. mer. d. M. Demidoff; Crustac. T. 1.
Die Unterschiede vom vorigen sind von Rathke sorgfältig
auseinandergesetzt. A. leptodactylus ist sogleich kenntlich an
dem überall rauhen, an den Seiten sogar scharf höckrigen
Panzerschilde; an der Schnabelwurzel zu jeder Seite zwei Zähne,
welche in gerader Linie hinter einander stehen, und von denen
der hintere sich beim A. fluviatilis oft durch eine leichte Beule
angedeutet findet. Die Fühlerschuppen lang, schmal, scharf
zugespitzt, nach innen viel weniger erweitert als beim A.
fluviatilis, die überstehenden Ecken der Schwanzschilder beim
Männchen lanzettförmig zugespitzt, beim Weibchen lanzett-
förmig, gleichschenklig (bei A. fluv. sind. sie stumpfer, und
der vordere Schenkel ist grösser). Die Scheeren sind flacher
als beim A. fluv., beim Männchen sind sie zugleich gestreck-
ter, namentlich sind die Scheerenfinger mehr oder weniger,
Uebersicht der Arten der Gattung Astacus. 91
oft‘ beträchtlich lang und dabei schmal. — Farbe der Ober-
seite (frisch) grau, bratn und gelb gemischt. — Er wird
etwas grösser als A. fluviatilis.
Im Osten von Europa, vorzüglich in den in das schwarze
Meer fallenden russischen Flüssen, und im schwarzen Meere
selbst. Unsere Sammlung erhielt ihn aus Ungarn und Kurland.
4A. leptodactylus var. caspia Eiehwald Faun. Caspio-
Caucas. p. 225. T. 36. F. 1 aus dem Kaspischen Meere ist
kleiner als der eigentliche A. leptodactylus, scheint sonst aber
nicht wesentlich verschieden zu sein, und ist vielleicht nur
unausgewachsen. 5
74. A. angulosus ‘): Thorace ad latera muricato, anguloso;
chelis depressis, latis.
Astacus angulosus Rathke Mem. pres. a l’Acad.:d. St. Pe-
tersb. p. div. sav. III. 364. 71. T. 4. F. 3.
Dem Weibchen des vorigen sehr ähnlich, die äusseren
Fühler aber viel kürzer, das Kiemenfeld des Panzerschildes in zwei
Hälften geschieden, die unter einem stumpfen Winkel in ein-
ander übergehen, in eine obere schmälere, plattgedrückte,
dachförmig nur wenig abwärts geneigte und ganz glatte, und
eine untere viel grössere, schwach gewölbte, fast senkrecht
stehende, und mit vielen verschiedentlich grossen, kegelförmi-
gen, spitzen Hervorragungen versehene. Die Scheeren bei
. beiden Geschlechtern fast ganz von der Form wie beim Weib-
chen des A. leptodactylus, nur noch etwas flacher, Im Leben
dunkel olivenfarben, schwarzbraun oder schwarzgrau,
In der Krim.
B. Der Schnabel am Rande gekerbt, vor der Spitze
gezahnt, oben mit undeutlicher glatter Leiste.
75. A. pachypus: „Thorace glabro, chelis magnis, erassis
robustis.”
Astacus pachypus Rathke Mem. pres. ä l’Acad. Imp. d. St.
Petersb. p. div. sav. III. 365. 72.
Dem A. fluviatilis sehr ähnlich, der Schnabel mit zahn-
losem, kaum angedeutetem Kiel, hinten schmäler, die Seiten-
*) Die mit einem + bezeichneten Arten sind mir hur aus den
Beschreibungen bekannt.
92 Erichson:
ränder stärker aufgebogen (etwa wie beim A. leptodactylus)
mit einer Reihe mässig grosser, stumpfer gelblicher Zähne;
die überstehenden Ecken der Schwanzschilder sind schmäler
und spitzer; die Scheeren sind dieker und die Finger kürzer
als der übrige Theil der Scheere, der Ausschnitt am inneren
Rande des beweglichen Fingers tiefer; die äusseren Fühler
länger. — Die Farbe im Leben ein dunkles, in Olivengrün
spielendes Braun.
In Südrussland, bei Nicolajew.
16. A. Caspius: „Thorax sublaevis, latus, rostralis spina
lateribus aliis mobilibus multo brevior, et in utroque mar-
gine exiguis aculeis flavo -transparentibus praedita; chelae
tales, quales in Astaco fluviatili; cauda extrema execisa.”
Astacus Caspius Eichw. Faun. Caspio-Caucas. p. 227. T.36. F.2.
Im Kaspischen Meere bei Baku.
Vielleicht vom vorigen nicht verschieden, aus den Be-
schreibungen wenigstens werden mir die Unterschiede nicht klar.
C. Der Schnabelrand glatt, vor der Spitze mit
einem Zähnchen.
7. 4. torrentium: Thorace lateribus granulato, carinula
longitudinali utrinque ad rostri basin obsoleta, chelis gra-
nulatis, carpis intus denticulatis.
Astacus torrentium Koch in Panz. Deutschl. Ins. 186. 24.
(Deutschl. Crustac. Myriap. etc. 36. 24).
Cancer torrentium Schrank Faun. Boica 111. 247. 2756.
„Etwas gestaucht, mit breitem Schnautzenschilde, ziemlich
gerade ziehenden, über den Augen kaum ein wenig aufwärts
gedrückten schmalen Seitenkanten, ohne Begleitung einer Längs-
kante auf der oberen Fläche, und mit sehr kurzer, nicht ge-
kielter Schnautzenspitze; die Fühlerdecken breit, sehr spitz
und über die Schnautze etwas vorstehend, die Seitenbeule
lang, uneben, oben mit geglättetem Kielchen. Der Hinterleib
schmal gewölbt. — Aufenthalt in Landseen, in welche sich
Bergwässer ergiessen. Wird in Brantwein hellockergelb.”
Koch a.a. O.
8. A. saxatilis: Thorace lateribus granulato, cariırula longi-
tudinali utringue ad rostri basin distineta, scabriuscula, an-
Uebersicht der Arten der Gattung Astacus. 95
tice dente terminata; chelis granulatis, carpis intus dentieu-
latis; eiliis lateralibus eaudae brevibus. .
Astacus saxatilis Koch in Panz. Deutschl. Ins. 140. 1. (Deutschl.
Crust. Myriap. ete. 7. 1).
„Die Schnantze sehr kurz, schwach gekielt, der Kiel aber
nicht gezahnt; die Seitenkante des Kopfschilds über den Augen
in die Höhe gedrückt, und ohne Begleitung einer Längsrippe
auf der oberen Fläche. Der Augenhügel sich weit rückwärts
verlängernd und uneben. Die Fühlerdecke kurz und breit.
Der Hinterleib schmäler als bei A. fluviatilis und tristis. —
Aufenthalt in steinigen kalten Flüssen und Bächen, hauptsäch-
lich im Gebirgswasser und meistens in ungeheurer Anzahl.
Wird im Weingeist gelb, behält aber die weissen Flecke auf
dem Hinterleibe.” Koch.a. a. ©. 186. 24. — Im Leben „Cae-
sius, ferrugineo -tinetus, caudae serie duplici macularum fla-
vescentium.”
9. A. tristis: Thorace lateribus granulato, carinula longitu-
dinali utrinque ad rostri basin distineta, scabriuscula; chelis
granulatis, carpis intus denticulatis; eiliis caudae lateralibus
longis.
Astacus tristis Koch in Panz. Deutschl. Ins. 140. 2.. (Deutschl.
Crust. Myriap. ete. 7.2).
' „Die Schnautze kurz und nicht gekielt, das Kopfschild
über den Augen in die Höhe gedrückt; die Fühlerdecke kurz,
an der Spitze verengt, an der Innenseite breit bauchig erwei-
tert, der Hinterleib breit, flach gewölbt, an den Seiten der
Ringschilde sehr lange Fransen. — Aufenthalt in schlammigen
-Gräben und schlammigen Bächen. Färbt sich in Brantwein
entweder nicht ab oder wird auf dem Rücken röthlich heller.”
Koch a. a. ©. 186. 24. — Im Leben „Nigro fuscus, maculis
albidis ad angulos anticos testarum caudae.”
Diese drei Arten sind in den Bairischen, vermuthlich in
allen süddeutschen Gebirgen zu Hause, Vom Ast. fluviatilis
sind sie jedenfalls verschieden, unter einander stehen sie aber
' in der nächsten Verwandtschaft, und werden sich wohl im
Leben besser unterscheiden, als dies’'bei todten Individuen
der Fall ist. Die von Herrn Forstrath. Koch unserer Samım-
lung mitgetheilten Individuen zeigen alle von ihm angegebenen
94 Erichson:
Kennzeichen, nur von dem schwachen Kiel auf dem Schnabel,
welcher beim A. saxatilis angezeichnet ist, zeigen: auch die
beiden anderen Arten eine Spur. Die dunkle Farbe .des A.
tristis rührt von einem Ueberzuge von Moder her;
710. A. Australiensis: Thorace laevi, chelis lJaevibus, mar-
gine interiore denticulato; carpis intus bispinosis.
Astacus Australiensis Milne Edw. Hist. nat. d. Crust. II. 332.
4. pl. 4.815.
In Neuholland.
D. Der Schnabelrand glatt und ungezahnt.
11. 4. Dauricus: Rostro elongato, apice subulato; carpis
spina forti intus, armatis.
Cancer Dauricus Pallas Spicileg. IX. p. 82. Uebers. S. 114.
Panzerschild oben weitläuftig punktirt, an den Seiten ge-
körnt; Schnabel fast bis an die Spitze des dritten Gliedes der
äusseren Fühler reichend, in der Mitte stark verengt zu einer
langen scharfen, etwas aufgebogenen Spitze. Die überstehen-
den Ecken der Schwanzschilder spitzwinklig. Die Scheeren
länglich, weitläuftig punktirt, die Scheerenfinger lang, oben
runzlig punktirt, mit einigen erhabenen Längslinien.
In den Zuflüssen des Amur in Daurien. (Von Hrn. Staats-
rath Gebler der hiesigen Sammlung mitgetheilt).
+12. 4. Japonicus: Rostro breviter triangulari, apice ob-
tuso, carpis spina forti intus armatis.
Astacus Japonicus De Haan in v. Sieb. Faun. Japon. Crust.
p. 164. T. 37. F. 7.
Das Panzerschild punktirt, an den Seiten gekörnt; Schna-
bel breit dreieckig mit stumpfer Spitze, so weit als die Stiele
der äusseren Fühler reichend. Die Scheeren ziemlich gross,
punktirt, mit scharfem Innenrande., N
In Japan.
13. A. Tasmanicus: Rostro oblongo-triangulari, apice acu-
minato, carpis muticis.
Etwas zusammengedrückt. Das Panzerschild fein punk-
tirt Der Schnabel etwa bis zur Mitte des dritten Gliedes
der äusseren Fühler reichend, nach vorn allmählich zugespitzt,
flach, mit scharfem, aufgeworfenem Rande. Die überstehenden
Uebersicht der Arten der Gattung Astacus. 95
Ecken der Schwanzgürtel abgerundet. Die‘ Scheerenbeine
kurz, das Glied vor der Scheere ohne Dorn, am Innenrande
fein sägeförmig gezähnelt; die Scheeren kurz, weitläuftig punk-
tirt, am Innenrande fein sägeförmig gezähnelt; die Scheeren-
finger kurz und dick, der unbewegliche allmählich zugespitzt,
der bewegliche am Grunde des Innenrandes ausgebuchtet. Die
äusseren Fühler dünn,"viel kürzer als der Körper.
(Ein Weibchen. Länge von der Schnabelspitze bis zum
Ende der Schwanzflosse 1” 9", des Schnabels fast 2", des
Scheerenbeines 1” 2”, der Scheere 6”, Breite der Scheere
22”; Breite des Panzerschildes 43”’, grösste Höhe \dessel-
ben 6").
In Vandiemensland. Von Herrn Schayer gesammelt.
III. Untergatt. Cambarus.
Die äusseren Fühler neben den inneren eingelenkt.
Die Aeste der Schwanzfüsse und die Schwanzflosse ganz
kalkig.
Die Hüften des fünften Paares der Gangbeine ohne Kieme.
4. Schnabelrand vor der Spitze mit einem Zahn.
. 14. A. (Cambarus) pellueidus: Oculis occultis.
Astacus pellucidus Tellkampf in Müll. Archiv f. Anat. 1844.
S. 383.
'" Von schlanker Form. Panzerschild weitläuftig und fein
punktirt, die Kiemenfelder fein gekörnt, vorn mit einer Reihe
kurzer, spitzer Stacheln eingefasst; das Magenfeld an den Sei-
ten mit spitzen, schräg nach vorn gerichteten Stacheln besetzt;
ein etwas grösserer Stachel jederseits an der Schnabelwurzel;
der Schnabel weit vortretend, flach ausgehöhlt, in eine lange
feine Spitze ausgehend. Die Augen klein und unter der
Schnautze versteckt. Fühlerblätter mässig gross, aussen mit
einem starken Dorn endigend. Die äusseren Fühler länger
als der Körper. Die Scheerenbeine lang, der Schenkel höcke-
rig, oben und unten stachelig, das Glied vor der Scheere ge-
körnt, innen vor der Spitze und unten an der Spitze je mit
einem Stachel bewafinet. Die Scheeren lang und schmal, fast
walzenförmig, punktirt, am Innenrande gekörnt; die Scheeren-
finger ungezähnt. — Farbe durchscheinend weiss.
96 » Erichson:
Das zweite Glied des dritten und vierten Beinpaars beim
Männchen mit einem hakenförmigen Fortsatz.
Länge von der Schnabelspitze bis zum Ende der Balmeanat
flosse 2" 8”, des Schnabels 34”’, der Scheerenbeine 2” 4'",
der Scheere 4" 4”, grösste Breite derselben 3’, des Panzer-
schildes 63".
In der Mammuthhöhle im Staate Kentucky in Nordame-
rika, : Von Herrn Dr. Tellkampf entdeckt, welcher unserer
Sammlung ein schönes männliches Exemplar zum Geschenk gab.
15. A. (Cambarus) affinis: Oculis exsertis.
Astacus affinis Say Journ. of the Acad. of nat. sc. of Phila-
delph. 1. p.168.n. 3. — Harlan Med. and Phys. Research.
p- 230. fig. 2.
Astacus Bartonü Milne Edw. Hist. nat. d, Crust. 11. 331. 2.
Panzerschild weitläuftig und fein punktirt, Kiemenfelder
an den Seiten dicht gekörnt, und vorn mit einem starken,
nach vorn gerichteten Stachel bewaffnet; Magenfeld an jeder
Seite mit einer Reihe feiner nach vorn gerichteter Stacheln;
an der Schnabelwurzel die gewöhnliche Längsleiste, welche
nach vorn in einen Dorn ausläuft. Schnabel weit vortretend,
oben flach ausgehöhlt, die Spitze schmal und scharf. Die
Fühlerblätter mässig gross, der Aussenrand an der Spitze in
einen Stachel vortretend. Die äusseren Fühler (beim Weib-
chen) etwas kürzer als der Körper. Die Scheeren breit, punk-
tirt, am Innenrande mit einem Kamme aus zwei Reihen nie-
dergedrückter Höcker eingefasst; die Scheerenfinger innen ge-
zähnelt. Das Glied vor der Scheere mit zwei Dornen, der
am Innenrande gross und hakenförmig nach vorn gekrümmt.
Der Schenkel des Scheerenbeines oben mit zwei spitzen Dor-
nen. — Wird 3" lang.
In den Flüssen Nordamerika’s, namentlich im Delaware
und seinen Nebenflüssen. — Die hiesige Sammlung erhielt ein
weibliches Exemplar aus Carolina durch Herrn Cabanis.
B. Schnabelrand ungezahnt.
46. A. (Cambarus) Carolinus: Chelis punctatis, intus
‚serrato-marginatis, digitis intus dentatis, carpis intus bispi-
-snosis; caudae lamella intermedia utrinque unispinosa.
Er hat grosse Aehnlichkeit: mit dem folgenden und ist
bisher vielleicht mit ihm: vermengt worden, muss aber von ihm
Uebersicht der Arten der Gattung Astacus. 97
unterschieden werden. Das Panzerschild ist grösser, die Kie-
menfelder sind gewölbter, nach innen scharf abgesetzt, und
treten so nahe an einander, dass nur ein schmaler linienförmiger
Zwischenraum auf dem Rücken zwischen. ihnen bleibt; sie sind
weitläuftig und fein punktirt und an den Seiten weitläuftig und
fein gekörnt. Das Magenfeld ist sehr glatt, an den Seiten mit
einzelnen zerstreuten Körnchen; die gewöhnlichen Längsleisten
an der Schnabelwurzel stumpf, auf jeder Seite von einer Punkt-
reihe begleitet, nach hinten divergirend; der Schnabel kurz, -
plötzlich zugespitzt, oben ausgehöhlt. Die Fühlerschuppen
lanzettförmig zugespitzt. Der Schwanz im Verhältniss schmä-
ler als beim A. Bartonii, alle Fächer der Schwanzflosse schmä-
ler und gestreckter, aır der Spitze stärker gerundet, der mitt-
lere Fächer an der Quernaht auf jeder Seite mit einem ein-
zelnen Dörnchen. Die Scheerenfüsse ziemlich kurz und kräftig,
das Glied vor der Scheere am Innenrande mit zwei Dornen,
die Scheere breit und kräftig, einzeln punktirt, am Innenrande
mit einem scharfen Kanım aus einer einfachen Höckerreihe
eingefasst; die Scheerenfinger kräftig, oben reihenweise punk-
tirt, innen gezähnt.
Beim Männchen hat das zweite Glied des dritten Bein-
paares einen hakenförmigen Fortsatz.
Länge von der Schnabelspitze bis zum Ende der Schwanz-
flosse 2” 4”, des Schnabels 12”, der Scheerenbeine 1" 10”,
der Scheere 10°, grösste Breite derselben 5“, des Panzer-
schildes 74”, Höhe desselben 7".
In Carolina in Nordamerika von Hrn. Cabanis aufgefunden.
Hierher gehört vielleicht A. affinis Milne Edw. Hist.
nat, d. Crust. II. 332. 3. auf den folgenden passt wenigstens
die bedeutendere Grösse (3—4”’) nicht. Die Verwechselung,
welche Milne Edwards mit A. affınis und Bartonii vorgenom-
men bat, ist vielleicht von Harlan herzuleiten, wo durch einen
Druckfehler im Text die Abbildungen unrichtig angeführt sind.
17. A. (Cambarus) Bartonii: Chelis punctatis, intus ser-
rulato-marginatis, digitis intus erenatis, carpis intus spinosis,
caudae lamella intermedia utrinque bispinosa.
Astacus Bartonii F abr. Ent. Syst. Suppl. 407. 3. — Say Journ.
© ofthe Acad. of nat. sc. of Philadelph. I. 167.2. — Harlan
Med. and Phys. Research. p. 230. f. 3.
Archiv f. Naturgesch. XJ1, Jahrg. 1. Bd, 7
98 , Erichson:
Kleiner und im Verhältniss breiter und flacher als der
vorige, und mit breiterem Schwanze. Das Panzerschild punk-
tirt, an den Seiten ziemlich dicht fein gekörnt, die Kiemen-
felder auf dem Rücken nur schwach begränzt, und etwas weit
auseinander stehend; die Längsleisten an der Schnabelwurzel
schmal, kaum divergirend; der Schnabel flach ausgehöhlt, erst
allmählich verengt, zuletzt ziemlich stark zugespitzt; die Füh-
lerblätter ziemlich gross, der Aussenrand gerade, in eine kleine
Spitze ausgehend, der Innenrand gerundet. Die Fächer des
Schwanzes kurz und breit, an der Spitze sehr stumpf gerun-
det; der mittlere Fächer an der Quernaht auf jeder Seite mit
zwei Dörnchen. Die Seheerenbeine ziemlich kurz, das Glied
vor der Scheere an der Innenseite mit einem hakigen Stachel
und hinter demselben noch mit einem kleinen Dörnchen be-
waffnet. Die Scheere kurz, breit, ziemlich flach, punktirt, der
Innenrand von einer etwas unregelmässigen Doppelreihe stum-
pfer Höckerchen eingefasst; die Scheerenfinger kurz, am In-
nenrand gekerbt, oben in Längsfurchen punktirt, — Wird bis
2” lang.
Beim Männchen hat das zweite Glied des dritten Bein-
paares einen kleinen hakenförmigen Fortsatz.
Sehr häufig in Nordamerika in Bächen. Die (nicht völlig
erwachsenen) Exemplare unserer Sammlung sind von Herrn
Cabanis gesammelt.
+18. A. (Cambarus) Blandingei: Chelis tuberculatis, elon-
gatis, subeylindrieis, digitis inaequalibus, carpis intus spino-
sis, rostro acuminato,
Astacus Blandingüi Harlan Med. and Phys. Research. p, 229.
fig. 1.
Panzerschild an den Seiten gekörnt, Kiemenfelder am Vor-
derrande mit einem kleinen Dorn; die Längsleisten an der
Schnabelwurzel vorn in einen Dorn ausgehend; der Schnabel
lang, bis zum Ende des dritten Gliedes der äusseren Fühler
reichend, allmählich zugespitzt. Scheerenbeine lang, das Glied
vor der Scheere innen mit zwei Dornen bewehrt, die Schee-
ren gestreckt und schmal, fast walzenförmig, überall mit klei-
nen Höckern besetzt; die Scheerenfinger schlank, leicht nach
innen gebogen, der bewegliche Finger etwas länger als der
andere, — Länge von der Schnabelspitze bis zum Ende der
Uebersicht der Arten der Gattung Astacus. 99
Schwanzflosse 3” 8“, der Scheerenbeine fast 4”, Breite des
Panzerschildes 1”.
Das zweite Glied des dritten und vierten Beinpaares beim
Männchen mit einem hakenförmigen Fortsatz.
In den südlichen Staaten von Nordamerika, häufig in
Sümpfen und Bächen.
19. A. (Cambarus) -Wiegmanni: Chelis tuberculatis, di-
_ gitis aequalibus, carpis intus dentatis, rostro lato, lanceolato.
Panzerschild punktirt, die Längsleisten an der Schnabel-
wurzel kurz, etwa bis zur Mitte des dritten Gliedes der äus-
seren Fühler reichend, der Schnabel breit, lanzettförmig zu-
gespitzt, oben flach ausgehöhlt, mit aufgeworfenem scharfen
Rande. Die Fühlerblätter sehr breit, der Aussenrand etwas
verdickt, mit überragender Spitze. Die Scheerenbeine ziem-
lich kurz, die Scheeren länglich, ziemlich schmal, oben und
unten gewölbt, mit kleinen Höckerchen etwas weitläuftig be-
setzt, am Innenrande die Höcker dichter und spitzer; die
Finger kräftig, gefurcht, in den Furchen punktirt; das Glied
vor der Scheere am Innenrande mit einigen Zähnen besetzt.
Der Schwanz etwas zusammengedrückt, schmäler als das Pan-
zerschild, nach hinten allmählich” etwas verschmälert.
Das zweite Glied am dritten und am vierten Beinpaar
beim Männchen mit einem hakenförmigen Fortsatz.
Länge des Körpers von der Schnabelspitze bis zum Ende
der Schwanzflosse 2”, des Schnabels 24”, des Scheerenbeins
1" 4", der'Scheere 8”, Breite derselben fast 3”, grösste
Breite des Panzerschildes 6”, Höhe desselben ebenfalls 6°".
In Mexiko. Von Deppe gesammelt.
20. 4. (Cambarus) Mexicanus: Chelis granulatis, graei-
libus, subeylindrieis, carpis mutieis rostro lato, apice obtu-
siusculo. L
Panzerschild etwas zusammengedrückt, überall dicht punk-
tirt, die Leisten an der Schnabelwurzel ziemlich stark vortre-
tend, nach hinten ein wenig divergirend; der Schnabel oben
flach ausgehöhlt, breit, nach vorn allmählich ein wenig verengt,
mit stumpfer Spitze und scharf aufgeworfenem Seitenrande,
Die Fühlerblätter breit, der Aussenrand in eine sehr kleine
Spitze vortretend. Die Seheerenbeine mässig lang, die Schee-
7*
100 Erichson:
ren schmal, fast walzenförmig, dicht gekörnt, die Scheerenfinger
fast etwas kürzer als die Hand, ziemlich dünn, das Glied vor
der Scheere etwas länger als breit, gekörnt, ohne grössere
Zähne an der Innen- und der Unterseite, Der Schwanz wenig
schmäler als das Panzerschild.
Das zweite Glied am dritten Beinpaar beim Männchen
mit einem hakenförmigen Fortsatz.
Länge des Körpers von der Schnabelspitze bis zum Ende
der Schwanzflosse 1” 11’, des Schnabels 2”, des Scheeren-
beines 1" 4", der Scheere 74”, Breite derselben 2‘, grösste
Breite des Panzerschildes 53“, Höhe desselben 54.
In Mexiko.
21. A. (Cambarus) Cubensis: Chelis granulatis, graeilibus,
subeylindrieis, carpis mutieis, rostro lato, apice acuminato.
Dem vorigen sehr ähnlich. Das Panzerschild punktirt,
das Magenfeld auf dem Rücken fast glatt; die beiden Längs-
leisten an der Schnabelwurzel deutlich, nach hinten etwas di-
vergirend, der Schnabel flach ausgehöhlt, breit, vorn an jeder
Seite zu einer scharfen Spitze ausgeschnitten. Die Fühler-
blätter sehr breit, vorn fast gerade abgeschnitten, der Aussen-
rand in eine sehr kleine Spitze vortretend. Die Scheerenbeine
ziemlich kurz, die Scheere schmal, fast walzenförmig, fein ge-
körnt, die Finger dünn, das Glied vor der Scheere gekörnt,
die Körnchen an der Innenseite zu spitzen Stacheln ausge-
zogen. Der Schwanz wenig schmäler als das Panzerschild.
Das zweite Glied am dritten Beinpaar beim Männchen
mit einem hakenförmigen Fortsatz.
Länge beim grössten Exemplar (Weibchen) von der
Schnabelspitze bis zum Ende der Schwanzflosse 2” 4, des
Schnabels 3”, des Scheerenbeines 1" 6", der Scheere 8”,
Breite derselben 24”, Breite des Panzerschildes 7”, Höhe
desselben 6°”, .
Auf Cuba. Von Herrn Ed. Otto gesammelt.
+22. A. (Cambarus) Chilensis: Chelis tumidis, supra sub-
tubereculatis, carpis muticis.
Astacus Chilensis Milne Edw. Hist. nat. d. Crust. 11. 333, 5.
Wird gegen 3” lang.
In Chile,
Uebersicht der Arten der Gattung Astacus 101
IV. Untergatt. Cheraps.
Die äusseren Fühler neben den inneren eingelenkt.
Das fünfte Beinpaar ohne Kiemen.
Die Schwanzflosse halb häutig,
Die Bildung der Schwanzflosse ist dieser Untergattung
eigenthümlic. An dem äusseren Seitenfächer ist das erste
Glied kalkig, das zweite häutig, an dem inneren Seitenfächer
läuft der mittlere Längskiel der Oberseite, welcher sonst bis
fast an die Spitze reicht, nur bis zur Mitte, endigt hier mit einem
kleinen Dorn, und von hier ab ist der Fächer häutig; am Mittelfächer
endlich bildet die Quernaht die Gränze zwischen dem kalkigen
und dem häutigen Theil. Im Uebrigen hat diese Untergattung
viel Uebereinstimmung mit Cambarus, weicht indess auch darin
ab, dass der erste Schwanzring bei beiden Geschlechtern ohne
Stiele, und das erste Paar der Schwanzfüsse auch beim Männ-
chen den übrigen gleich gebildet ist.
23. A. (Cheraps) Preissii.
Etwas zusammengedrückt, Panzerschild punktirt, an den
Seiten sehr fein gekörnt, Schnabel allmählich zugespitzt, glatt-
randig, bis an das Ende des zweiten Gliedes der äusseren
Fühler reichend. Die Fühlerblätter gross, eiförmig zugespitzt,
fast bis zur Spitze des dritten Gliedes der äusseren Fühler
reichend. Die Scheeren kräftig, nach innen und auf der Mitte
einzeln, an der Aussenseite dichter und gröber punktirt, der
Innenrand zu einer sägeförmig gezähnten Leiste erhoben; die
Scheerenfinger stark mit hakiger Spitze. Das Glied vor der
Scheere an der Innenseite mit einem Dorn. Die überstehen-
den Ecken der Schwanzschilder mit stumpfen etwas abgerun-
deten Winkeln.
Länge von der Schnabelspitze bis zum Ende der Schwanz-
flosse 3” 5", des Schnabels 3”’, des Scheerenbeines 2" 3",
der Scheere 1”, Breite der letzteren 5”, grösste Breite des
Panzerschildes 9", grösste Höhe desselben 10,
In dem südwestlichen Neuholland. Von Herrn Preiss
eingesandt.
102 ; Erichson:
V. Untergatt. Zngaeus.
Die äusseren Fühler unter den inneren eingelenkt.
Fünftes Beinpaar mit Kiemen.
Die Körperform dieser Krebse erinnert in hohem Grade
an die der Edwardsischen Thalassinien, es ist nämlich der
Schwanz an der Wurzel auflallend schmal, das Panzerschild
zusammengedrückt, der Schnabel klein, die vordere Mündung
eng, so dass die äusseren Fühler nicht mehr neben den inne-
ren stehen können, sondern nach unten gedrängt sind; auch
sind die äusseren Fühler minder entwickelt, ihre Geissel ist fein,
und die Fühlerblätter sind klein, Die Scheerenbeine sind oft
ungleich entwickelt, doch ist dies individuell, denn bei der-
selben Art findet man an einigen Individuen die rechte und
linke Scheere gleich gross, an anderen die eine (rechte)
Scheere vergrössert, und die andere um so kleiner, je grösser
jene ist. Die beiden folgenden Beinpaare haben nichts aus-
gezeichnetes, dagegen zeigen das vierte und fünfte eine eigen-
thümliche Bildung, indem das letzte Glied etwas breit, an der
Unterseite etwas rauh und mit Büscheln kurzer starrer Bor-
sten besetzt ist. Die Schwanzfüsse sind wie bei den eigent-
lichen Astacus gebildet, der erste Schwanzring ist aber ohne
Stiele, und auch die des zweiten Ringes sind beim Männchen
von den folgenden nicht verschieden. Die Schwanzflosse wie
bei den eigentlichen Astacus. Die Kalkschale ist nur dünn.
24. A. (Engaeus) fossor: Chelis utringue marginatis.
Das Panzerschild dachförmig zusammengedrückt, mit sehr
schmalem Rücken, fein punktirt, der Schnabel sehr klein mit
erhabenem Rande; die Fühlerschuppen klein, lanzettförmig.
Die Scheeren punktirt, auf der Aussenfläche oben und unten
gerandet, die Kante des oberen Randes aus zwei Reihen Hök-
ker gebildet. {
Das grösste Individuum hat folgende Maasse: Länge von
der Schnabelspitze bis zum Ende der Schwanzflosse 2" 23”,
grösste Breite des Panzerschildes 6”, Höhe desselben 73‘,
Breite der Schwanzwurzel 24".
25. A. (Engaeus) cunicularius: Chelis infra immarginatis.
Dem vorigen sehr ähnlich, aber bei genauerer Verglei-
chung in vielen Stücken verschieden. Das Panzerschild ist
Uebersicht der Arten der Gattung Astacus. 103
weniger dachförmig, und der Rücken mehr abgerundet; der
Schnabel ist etwas breiter, die Augen grösser, die Fühler-
schuppen gehen in eine schmale scharfe Spitze aus, die Schee-
ren sind auf der Oberseite aussen völlig ungerandet, und auch
innen nur schwach gerandet, und die Innenkante wird nur
aus einer einfachen Reihe von Höckern gebildet; die Schee-
renfinger ungezahnt; der Schwanz ist an der Wurzel nicht
ganz so schmal.
Von der ersteren Art habe ich etwa sechs, von der letz-
ten. nur ein Individuum verglichen. Beide sind in Vandie-
mensland von Herrn Schayer gesammelt. Ihre Lebensweise
weicht von der der übrigen Astacus-Arten bedeutend ab, in-
dem sie nicht im Wasser, sondern in der Erde wohnen. Herr
Schayer machte mir darüber folgende Mittheilung: „Die aus
Vandiemensland mitgebrachten Krebse leben unter der Erde,
im Marschboden, der im Winter stets nass, auch im Sommer,
wegen der lehmigen Unterschicht, feucht ist. Sie bohren ring-
förmige Löcher aus der Tiefe von 1 bis 2°Fuss nach der
Oberfläche, und werfen die dabei heraufgeschobene Erde, die,
wie bemerkt, nass und thonhaltig ist, zu einem kegelförmigen
Hügelchen zusammen. Den Pflanzenwurzeln scheinen sie nicht
gefährlich zu werden, denn obgleich sie in meinem Garten in
Menge vorhanden waren, so gedieh doch alles sehr gut.
Worin ihre Nahrung besteht, ist daher zweifelhaft. Im Was-
ser sterben sie ab.” — Dieser letztere Umstand lässt auf eine
verschiedene Bildung der Kiemen schliessen. Sie haben zwar
denselben büschligen Bau, sind aber bedeutend kleiner als bei
den Wasserkrebsen, und es fehlt die häutige Ausbreitung,
welche die letzteren am Ende der grösseren Bogen haben.
Das Absterben der Erdkrebse im Wasser scheint also darin
seinen Grund zu haben, dass die in demselben enthaltene Luft
bei ihren kleineren Kiemen dem Athembedürfniss nicht genügt.
— Die Nalırung besteht vermuthlich in Insecten, namentlich
mögen die Riedwürmer (Gryllotalpa australis) einen Theil
derselben ausmachen.
104 r
Ueber einen in der Meerenge von Messina gefun-
denen Delphin.
Aus einem Briefe des Prof. Anastasio Cocco an den Prof.
RB. A. Philippi in Kassel,
(In Maurolico Journal des literarischen Kabinets von Messina, neue Folge,
, Jahrgang I. Heft VI. Oktober 1841).
Hierzu Taf. IV. Fig. C.
Obgleich die Erscheinung eines grossen Cetaceums in’
unserm Meere eine ziemlich seltene Sache ist, so werden deren
doch von Zeit zu Zeit gefangen, welche wegen der Sonder-
barkeit der Gestalt und wegen ihrer grossen Dimensionen die
Bewunderung der Leute erregen, so dass sogar das Sehenlas-
sen derselben ein Gegenstand der Industrie und des Geldge-
winnstes wird. Wohl erinnere ich mich, dass vor vielen Jah-
ren ein ziemlich grosses Thier der Art gezeigt wurde, welches
die Leute, wie dieses, Organanti nannten, und welches gewiss
zum Subgenus Phocaena gehörte, da der Kopf desselben ab-
gerundet war, und ein Schnabel gänzlich fehlte. Welcher Art
dasselbe aber in Wirklichkeit angehört habe, kann ich jetzt.
nicht sagen, denn damals als ich es sah, verstand ich wenig
oder nichts von solchen Studien, allein wenn ich. jetzt nach
der Gestalt desselben urtheilen dürfte, so scheint es mir, es
sei der Delphinus globiceps von Cuvier gewesen.
Ich komme jetzt zu dem Delphin, welchen ich Ihnen be-
schreiben will, der zu dem Geschlecht Delphinus im ‚engeren
Sinne gehört, und den ich, da er wahrscheinlich für eine neue
Art zu halten ist, wegen der Hochachtung, die ich für. Sie
habe, mit Ihrem Namen belegen will, indem ich ihn De/phi-
nus Philippii heisse !).
‘) Meiner Meinung nach dürfte dieser Delphin, von dem leider
der Schädel nicht bekannt ist, identisch sein mit Delphinus micro-
Ueber einen in der Meerenge von Messina gefundenen Delphin. 105
Dieses Walthier, welches den 23sten des verflossenen
Monats September einige Fischer todt in der Meerenge von
Messina fanden, hat einen spindelförmigen Körper, und gleicht
ziemlich zwei mit ihrer Basis vereinigten Kegeln, die sich
ziemlich in der Mitte seiner Länge treffen, welche etwas ge-
ringer ist, als das Doppelte seines Umfangs. Der Rücken ist
breit und abgerundet bis zum Ursprung der Rückenflosse,
aber von dort bis zur Basis der Schwanzflosse wird er dünn:
In dieser ganzen Erstreckung werden die Seiten des Körpers,
welche vorne rund sind, etwas zusammengedrückt, und die
beiden Ränder verlängern in Gestalt von zwei schwachen Kie-
len über ‘zwei Drittel der Länge auf der obern und untern
Fläche der Schwanzflosse.
Der Kopf ist klein, wenig unterschieden vom übrigen
Körper, indem er von demselben durch keine Furche abgesetzt
ist, er zeigt aber eine leichte Einbiegung an der Stelle, wo
das Spritzloch sich befindet.‘ Die Stirn ist sanft geneigt, und
verlängert sich in eine conische Schnautze, welche weder flach-
gedrückt, noch verbreitert und an der Spitze abgerundet,
sondern erhaben, namentlich an der Basis, und stumpf ist.
Von den beiden Kiefern ist der obere der kürzere, und
verhält sich zur Länge der Brustflossen wie 13 zu 18; er. hat
die Gestalt eines Gänseschnabels, ist an der Spitze leicht ge-
krümmt, und an den Rändern schwach gebuchtet: der Unter-
kiefer ist etwas breiter und hat eine stumpfere Spitze. In
den Zahnbogen sind keine Zähne vorhanden, auch bemerkt
man in den Kiefern keinen Eindruck, der von Zähnen des
gegbnüberstehenden Kiefers hervorgebracht wäre. Dagegen
finden sich anstatt der Zähne Rauhigkeiten, oder sehr kleine
stumpfe Höckerchen, welche ohne Ordnung zusammengehäuft
vermischt stehen, dem Gefühl merkbarer als dem Gesicht, und
in der Winkelhälfte des Kiefers grösser sind. Die Zahnbogen
sind ferner eben, und ohne irgend erhabene Leiste. Der
pterus Cuv., den schon Risso im mittelländischen Meere angetroffen
und unter dem Namen D. Desmaresti beschrieben hat. Da jedoch
diese Art immer noch nicht gehörig gekannt ist, so ist die hier mit-
getheilte Beschreibung jedenfalls ein willkommener Beitrag zu ihres
genaueren Kenntniss. A. Wagener,
106 A. Gocco: Ueber einen in der Meerenge
Gaumen ist glatt, die Zunge dick und fleischig, und die
Augen, deren horizontaler Durchmesser doppelt so gross ist
wie der senkrechte, sind elliptisch etwas länger als ein (Siei-
lischer) Zoll (= 9,8" Rheinl.); sie stehen etwas hinter der
senkrechten Richtung des Spritzloches, und sind vom Mund-
winkel, in dessen Linie sie stehen, um fünf Sechstel der Länge
der Brustflosse entfernt; ihre Länge beträgt „1; von der Länge
des ganzen Wales. Die Iris ist von einer rothen Farbe, welche
der des Rebhuhns nahe kommt, und die Pupille ist schwärzlich.
Das Spritzloch auf dem Scheitel hat die Gestalt eines
halben Mondes, dessen Concavität nach der Schnautze gerich-
tet ist; es ist anderthalb mal so lang wie der grössere Durch-
messer des Auges,
Die Brustfinnen sitzen tief und im vordern Viertel
der ganzen Länge, zu welcher sie sich wie eins zu neunzehn
verhalten; sie sind unregelmässig eiförmig mit einer etwas
verlängerten stumpfen Spitze; der untere Rand ist diek und
abgerundet, der ‚obere dünn und schneidend, und entsteht aus
der Vereinigung zweier Linien, welcher einen leichten, stum-
pfen Winkel im vordern Drittheil bilden.
Die Rückenfinne ist beinahe sichelförmig, mit einem
dieken Vorderrand, welcher schief von vorn nach hinten und
von unten nach oben aufsteigt; der hintere Rand ist dünn und
concav; die Spitze stumpflich und etwas gekrümmt. Die Höhe
dieser Finne beträgt ein Neunzehntel der Gesammtlänge des
Wales; sie ist ungefähr halb so lang wie die Lappen der
Schwanzflosse, entspringt im hintern Drittheil des Körpers und
ist von der Basis der Schwanzflosse vier und ein halb mal
so weit entfernt als die eigene Höhe beträgt.
Die Oefinung der Vulva ist verlängert, an beiden Enden
verengt, und etwas kürzer als die Höhe der Rückenflosse;
der After, der dahinter liegt, ist ungefähr halb so gross.
(Die Lage dieser Organe ist nicht angegeben, auch ist nirgends
von den Zitzen die Rede).
Die Schwanzfinne ist halbmondförmig mit sehr offener
Bucht; ihre Lappen übertreffen anderthalbmal die Höhe der
Rückenfinne und enden mit einer nach hinten gerichteten ziem-
lich spitzen Spitze, und wit einem schwach ausgeschweiften
Hinterrand.
von Messina gefundenen Delphin. 107
Der Kopf, der Rücken und die obere Hälfte der Seiten
haben eine schwarze Schiefer-Farbe; die Seiten sind unten
bleifarbig, und der Bauch. ist heller und glänzender; die Flos-
sen haben ziemlich dieselbe Farbe, wie der obere Theil der
Seiten.
Die ganze Länge dieses Delphins betrug neunzehn Siei-
lianische Palmi (— 15% Fuss Rheinl.); der Umfang gegen zehn
Palmi (= 8 Fuss 24 Zoll Rheinl.) und das Gewicht funfzehn
Sieilianische Quintale (a 100 rotoli) (also 25,000 Pfund),
Nach der Beschreibung, welche ich Ihnen bis hierher ge-
geben habe, fühlen Sie, wie ich, das Bedürfniss, die Splanch-
nologie und die Osteologie dieses Delphins kennen zu lernen,
und besonders die der Schädel und Kieferknochen. Ich bin
überzeugt, dass hieraus das grösste Licht für die richtige Be-
stimmung der Art erhalten wäre, allein die Sucht nach Ge-
winn, genährt durch die Neugier der Leute, welche in Menge
hinströmte das Thier zu sehen, verlängerte die Ausstellung
desselben dergestalt, dass es zuletzt in eine Verderbniss über-
ging, die es ekelhaft machte ihm zu nahen; und auf der au-
dern Seite zerstückelten ilın die Fischer, um nicht den Ge-
winnst des Thrans zu verlieren, bei Nachtzeit ganz und gar,
bevor ich im Stande gewesen, wenigstens den Schädel dessel-
ben zu erwerben.
Nichts destoweniger will ich nicht unterlassen, Ihnen einige
meiner Betrachtungen mitzutheilen, die Sie vielleicht überzeu-
gen werden, dass unser Delphin nicht wohl zu einer der be-
schriebenen Arten gerechnet werden kann.
Erstlich weiss zwar jedermann, dass vollkommen zahn-
lose Delphine beschrieben sind, wie z.B. der Delphinus eden-
tulus von Schreber und der D. densirostris von Blainville,
Was den ersteren anbelangt, so unterscheidet er sich, abge-
sehen von anderen Merkmalen, durch die niedergedrückte,
breite, der des gewöhnlichen Delphins ähnliche Schnautze,
wenn sie auch um die Hälfte kürzer ist, und durch die gros-
sen Augen; wogegen mein Delphin einen kegelförmigen, keil-
förmigen, oben erhabenen Schnabel und sehr kleine Augen
besitzt, so dass man wahrhaft nach ihnen suchen muss, um
sie zu schen.
Es ist aber wicht so leicht zu beuriheilen, ob der Del-
108 Ueber einen in der Meerenge von Messina gefundenen Delphin.
phinus densirostris dieselbe Art ist, die ich hier beschreibe
oder nicht, da der berühmte Französische Zoologe nicht das
ganze Thier beschrieben hat, sondern nur ein Bruchstück eines
Unterkiefers. Wenn wir aber gerecht sein wollen, so würde
allerdings die pyramidalische Form derselben und der Mangel
der Zähne sehr wohl mit meiner Art übereinkommen, aber
die Zahnränder in jenem haben einen leichten, erhabenen Kiel
in der Mitte, welcher gänzlich in meiner Art fehlt, die im Ge-
gentheil ebene, und wie oben gesagt, mit Raulhigkeiten besetzte
Zahnränder hat.
Auch mit dem zweizähnigen Delphin, D. bidentatus Hun-
ter (s. Encyel. Tab. II. Fig. 3) scheint mein Delphin Aehnlich-
keit zu haben, besonders durch die Bildung des Schnabels,
welcher pyramidalisch ist, mit einer etwas verschmälerten und
gekrümmten Spitze des Oberkiefers, und durch die Stellung
der Rückenfinne, welche wirklich dem Schwanze näher steht;
aber ausserdem, dass dieser zwei Zähne an der Spitze des
Unterkiefers besitzt, ungeachtet er keine grösseren Dimensio-
nen zeigt als der unserige (wie der von Hunter beschriebene,
welcher gar nicht viel grösser als der meinige war, und doch
der Zähne nicht ermangelte), so scheint auch sein Kopf run-
der zu sein, und was noch mehr ist, die Flosse des Rückens
ist beim D. bidentatus nicht sichelförmig, sondern lanzettför-
mig, spitz und nach hinten geneigt.
109
Ueber den Charakter der Thierwelt auf den Inseln
des indischen Archipels, ein Beitrag zur zoologi-
schen Geographie.
Von
Dr, Sal. Müller.
Der indische Archipel ist durch seine geographische Lage,
seine ethnographischen und naturhistorischen Verhältnisse gleich-
sam eine Welt für sich. Als vermittelndes Glied vom indi-
schen Festlande und Australien, sind seine Naturerzeugnisse
grösstentheils formverwandt mit jenen dieser grossen Nach-
barländer, während sie da, wo sich in ihm die Grenze des
Uebergangs am entschiedensten ausspricht, in einer kleinen
Anzahl origineller Bildungen bestehen. Diesen Uebergangs-
strich bilden die Inseln Celebes, Flores, Timor und Buru; er
liegt also zwischen dem 136 und 145 Meridian- Grade östlich
von Ferro. Die Fauna und Flora der Gewürzinseln ist schon
vorherrschend Australisch (Papuisch); denn ausser der bis
Neu-Guinea verbreiteten Ordnung Chiroptera, und dem Ge-
schlechte Ss gehören alle in jener Gegend ursprünglich ein-
- heimische Säugethiere zu den Marsupialien. Die jetzt dort
wild lebenden Hirsche, Affen, Zibethkatzen, Ratten und Spitz-
mäuse sind durchgängig, was die grössern betrifft, nach histo-
rischen Nachrichten vorsätzlich, die kleinern vermuthlich zufällig
durch Schiffe aus den westlichen Ländern dahin versetzt worden.
Im Allgemeinen nimmt der botanische und zoologische Cha-
rakter Australiens seinen Anfang mit Celebes und Timor, so
dass diese beiden Inseln als die eigentlichen Scheidepunkte
der dortigen organischen Welt zu betrachten sind.
Der indische Archipel zerfällt demnach in geographisch-
naturhistorischer Hinsicht, der Länge nach in zwei Hälften
von ungleicher räumlicher Ausdehnung. Die westliche grös-
110 Sal. Müller; Ueber den Charakter der Thierwelt
sere Hälfte umfasst die Inseln Borneo, Sumbawa, Java, Suma-
tra und die Halbinsel Malakka; die ‘östliche Hälfte nur In-
seln des zweiten und dritten Ranges, nämlich Celebes, Flores,
Timor, Gilolo und etwa Mindanao in der äussern Umgrenzung.
Die bei Weitem grössere Ländermasse gehört folglich
der westlichen Hälfte an; und da dieser Theil in seiner gan-
zen Ausdehnung Hinterindien vorgelagert ist, und durch die
Halbinsel Malakka unmittelbar mit dem Continent zusammen-
hängt, so stimmt auch die organische Schöpfung des Archipels
überwiegend mit jener von Südasien überein. Um dieses durch
Belege zu erläutern, erlaube ich mir in einer kurzgefassten
Uebersicht die charakteristischsten Thierformen jenes interes-
santen Inselreichs hervorzuheben. Ich werde mich dabei bloss
auf die drei höhern Klassen der Wirbelthiere beschränken,
als diejenigen, welche im Allgemeinen die engste und abge-
schlossenste Verbreitung haben, dem Beobachter am meisten
in die Augen fallen, und somit nächst der Pflanzendecke vor-
züglich dazu beitragen, dem Lande ein eigenthümliches Ge-
präge zu verleihen.
Wir kennen gegenwärtig vom ganzen indischen Archipel,
mit Einschluss von Malakka und Neu-Guinea, nahe an 175
Säugethiere, von denen kaum 30 der östlichen Hälfte aus-
schliesslich angehören, während daselbst im Ganzen nur etwa
50 Arten vorkommen, die grösstentheils in Flederthieren (CAx-
roptera) bestehen. Diese schnell und leicht, in der ungestör-
testen Freiheit über Land und Meer ziehende Wesen, beson-
ders die meist hoch in die Luft sich erhebenden sogenannten
fliegenden Hunde (Pteropus), haben überhaupt unter allen
Mammalien Südasiens die weiteste und allgemeinste Verbrei-
tung. Diejenigen Geschlechter, welche bis jetzt blos in Einer
der beiden Hälften des Archipels beobachtet wurden, gehören
alle zu den kleinern Formen. Es sind die Gruppen Mega-
derma, Nycteris, Dysopes und Cheiromeles für die westlichen
oder grossen Sunda-Inseln, und für die östlichen, nämlich
Timor, Celebes und die Molucken, die in ihrer Flughautver-
wachsung etwas abweichenden Grossköpfe (Cepkalotes) und Har-
pyjen (Harpyia). 2
Weit beschränkter als bei den Fledermäusen, ist die Ver-
breitungssphäre aller übrigen, von der Natur durchaus an
auf den Inseln des indischen Archipels. 111
ihren Geburtsgrund gehefteten Landsäugethiere, und die Viel-
fältigkeit von diesen selbst, wird örtlich durch mancherlei
physikalische Umstände unmittelbar oder mittelbar bedingt.
Die Verbreitung der Früchte-, Blätter- und Gräserfressenden
Thiere hängt von der Beschaffenheit der Pflanzendecke ab;
die der Raubthiere von der hinreichenden Menge der zu ihrer
Nahrung bestimmten Geschöpfe. Da die östlichen Inseln durch-
gängig kleiner von Umfang, niedriger in ihrer Bodenerhebung,
im Allgemeinen unfruchtbarer, daher selten mit grossen Wal-
dungen prangend, und dabei viel unregelmässiger in ihren
klimatischen Verhältnissen sind, als die mit den grössten
europäischen Königreichen in Ausdehnung wetteifernden west-
lichen, ist auf erstern auch die Zahl der hauptsächlich von
vegetabilischer Nahrung lebenden Thiere verhältnissmässig nur
geringe. Dieses Missverhältniss in der Vertheilung der thieri-
schen Schöpfung daselbst, springt besonders in denjenigen Fa-
milien und Ordnungen grell in die Augen, welche sonst über
einen grossen Theil der alten und neuen Welt sich ausdehnen.
Der durch seine äussere Erscheinung und intellectuelle
Fähigkeiten gewissermassen berühmt gewordene Orang-utan,
die langarmigen und furchtsamen Gzbbors, die schlankgebauten
Semnopitheken: mit einem Worte der ganze höhere Thiertypus,
ist dem östlichen Halbtheil des Archipels gänzlich fremd, wäh-
rend derselbe sich im westlichen so höchst mannichfaltig und
reich in seiner Entwickelung zeigt. Celebes und Timor sind
die zwei östlichsten Inseln, welche noch Affen ernähren, aber
nur pavianähnliche, von den Geschlechtern Cercopithecus und
Cynocephalus, und zwar nicht mehr als 2 oder vielleicht 3
Arten, wovon eine, der längst bekannte ÜCercop. cynomolgus,
auch zugleich überall auf den grossen Sunda-Inseln sehr ge-
mein ist. Ueberhaupt verschwindet die Ordnung der Vier-
händer (Quadrumana) bereits auf den Molucken ganz und gar.
Denn selbst das kleine, in seinen Sitten fast froschartige Ge-
spenstthier (Tarsius spectrum), geht von Sumatra oder Banka
nur bis Oelebes, und der lichtscheue Faulaffe (Stenops tardi-
gradus) überschreitet, nach jener Richtung hin, nicht einmal
Borneo. — Unter den Nagern verbreiten sich die Eichhörn-
chen (Sciurus) und Flughörnchen (Pteromys) ostwärts bis
Celebes und nach den Philippinen; aber die Geschlechter
112 Sal. Müller: Ueber den Charakter der Thierwelt
Lepus und Aystrix gehören ausschliesslich den grossen west-
lichen Sunda-Inseln an. Auf diesen leben ferner aus der Fa-
milie der fleischfressenden Raubthiere, die Geschlechter My-
daus, Lutra, Canis, Herpestes, Potamophilus, Ursus, Arctictis,
Paradoxurus, Viverra, Felis u. a., von denen die sieben zuerst
genannten zum Theil schon mit Java den östlichsten Grenz-
punkt ihrer Verbreitungssphäre erreichen oder sich höchstens
bis Borneo erstrecken, und nur einzelne Arten aus den drei
letztern noch über diese grosse Insel hinaus vorkommen.
Der gemeine Palmenmarder (Paradozurus musanga) findet
sich nämlich von Malakka bis Timor; die Zibethkatze (Viverra
zibetha) ist heutigen Tags von Arabien bis Amboina verbreitet.
Man weiss jedoch, dass dieses Thier, der wohlriechenden Sub-
stanz wegen, welche es liefert, häufig lebend gehalten und
von der einen Insel nach der andern verkauft wird. Das
Katzengeschlecht, das sich auf Java und Sumatra in 'einer so
kraftvollen Entfaltung zeigt durch die Anwesenheit des Kö-
nigs-Tigers (Felis tigris) und des Panthers (Felis pardus), sinkt,
je weiter man sich östlich von jenen Inseln entfernt, bis zu
einer unmächtigen kleinen Katze herab, in welchem Zustande
es mit Timor, als der äussersten Ostgrenze seiner Verbreitung,
verschwindet. Auf Celebes scheint eine Pantherart zu leben,
die wir aber nicht näher kennen; auf Borneo sah ich bei den
Eingeborenen keine andere Felle und Zähne von Tigerkatzen,
als von der langschwänzigen Felis macrocelis, die ebenfalls
Sumatra bewohnt, und gleichsam nur ein ärmliches Bild liefert
von dem blutdürstigen und verwegenen „Herrn der Wege und
der Thiere” (Margapati und Pasupati), wie der grosse ge-
streifte Tiger in der alten Dichtersprache der Javaner genannt
wird. Ob Borneo einen wilden Hund besitzt, ist dermalen
noch unermittelt; auf Sumatra und Java aber existirt wahr-
scheinlich ausser dem (Cazis rutilans, noch eine zweite Art
dieses Geschlechts. Die Meinung, dass dasselbe den hinter-
indischen Ländern gänzlich fehle, ist jedenfalls ungegründet.
Die höchst sonderbaren Eichhörnchen ähnlichen Insecten-
fresser, welche unter dem generischen Namen Zylogale oder
Cladobates bekannt sind; das von diesen zu den Spitzmäusen
den Uebergang bildende Thierehen, welches ich Aylomys swil-
Zus nannte; endlich die rattenschwänzige Gymnura Rafftesii,
auf den Inseln. des indischen Archipels. 113
ein Thier, das seinem äussern Habitus nach an die südameri-
kanischen Beutelratten (namentlich an Didelphis Azarae) erin-
nert: sind lauter Formen, von denen der östliche Halbtheil
des Archipels keine Spur besitzt. In jenem dagegen tritt der
eigenthümliche Typus der Australischen Beutelthiere auf, von
denen sich Früchte fressende Arten vom Geschlechte. PAalan-
gista westlich bis Celebes und Timor verbreiten, und somit
auf diesen beiden Inseln ursprünglich mit den echt asiatischen
Thierformen zusammentreffen. Die Molucken bilden den eigent-
lichen Mittelpunkt der greifschwänzigen Phalangisten, indem
daselbst die meisten bekannten Arten. vorkommen, und weiter
östlich, in Neu-Guinea und Neu-Irland, sich nur einzelne der-
selben vorfinden. Auf Gilolo gesellt sich zu ihnen der eich-
hörnchenartige Flugbeutler ( Petaurus sciureus), wodurch die
nahe zoologische Verwandtschaft der Gewürzinseln mit Neu-
Guinea und Neu-Holland ganz besonders in die Augen springt.
Die Känguruform dagegen tritt erst in den so eben genannten
australischen Ländern auf. In Neu-Guinea, dem zunächst den
Molucken gelegenen Theile derselben, bilden die, während
meiner Reise im Jahre 1828, an der Westküste jener grossen
Insel entdeckten Baumkängurus (Dendrolagus), als Uebergang-
form zu den Phalangisten, eine sehr charakteristische Gruppe.
Raubbeutelthiere sind bis jetzt ebenfalls noch keine westlich
- den papuischen Inseln beobachtet worden, und bestehen auch
dort nur in den zwei Geschlechtern PAascogale und Perame-
Zes mit sehr wenigen Arten,
Eins der merkwürdigsten Thiere für den zoologischen
Vebergangsbezirk im indischen Archipel ist die Babirussa, ein
Geschöpf, das nirgends auf der Erde seines Gleichen hat.
Seine auflallende Körpergestalt ist Ursache, dass es, wie der
Orang-utan, schon um die Mitte des siebenzehnten Jahrhun-
derts in Europa bekannt wurde. Beiden hat die Natur ein
ziemlich enges Gebiet zur Wohnstätte angewiesen. Dem Orang-
utan wohl das ausgedehnte Borneo nebst Sumatra, aber seine
recht heimathliche Domäne ist eigentlich erstere Insel, wäh-
rend er auf Sumatra nur gleichsam sporadisch erscheint. Die
Babirussa bewohnt bekanntlich die Gebirgsinsel Buru, die ihr
nahe liegenden Xulla-Eilande und die östlichen Gestade von
Celebes. Letztere Insel nebst Sumatra sind endlich, so weit
Archiv 1. Naturgesch, XI, Jahrg. 1. Bil, 8
114 Sal. Müller: Ueber den Charakter der Thierwelt
unsere sichere Kenntniss reicht, bis jetzt die einzigen südasia-
tischen Länder , welehe Gazellen ernähren :. Celebes, die fast
mehr einem jungen Rinde, als einer ihrer zahlreichen übrigen
Gruppverwandten ähnlich sehende Antilope depressicornis; Su-
nıatra die ziegenartige Int. sumatrensis, die sich zunächst dem
Thär von Nepal, dem Ghordl des Himalaja-Gebirges, und der
Japanischen Ant. erispa anschliesst. Ein neueres Reisewerk
von einem Holländischen Marineofficier, der während eines
langen Aufenthalts in Indien viele der entlegeneren und noch
wenig. erforschten Inseln besucht hat, spricht von wilden Kü-
hen, von der Grösse einer zweijährigen europäischen Kuh,
mit geraden Hörnern und von schwarzer Hautfarbe, die auf
Timor-laut, im südöstlichen Theil des Archipels, nicht selten
sein ‘sollen. Wahrscheinlich eine noch unbekannte Antilope,
die nebst der oben genannten Celebischen Art und dem Mo-
luckischen Hirsch, zu den grössten Landthieren jenes hinter-
indischen Inselstrichs gehört. Welcher Unterschied daher in
der thierischen Welt jener östlichen Hälfte und der westlichen
des Archipels; indem auf den grossen Sunda-Inseln eine wilde
Rinderart (Bos sondaicus), zwei eigene Rhinoceroten, der
zweifarbige Tapir, und endlich der Koloss aller Landthiere,
der indische Elephant sich finden!
Da ich in dieser allgemeinen Uebersicht nur die für die
Fauna des indischen Archipels bedeutsamsten Formen hervor-
zuheben beabsichtige, so verlasse ich hiermit die Klasse der
Säugethiere und gehe zu jener der Vögel über.
Es sind hauptsächlich die Geschöpfe dieser Klasse, welche
den Eindruck eines Landes erhöhen und ihm Leben und An-
muth verleihen. Denn im ‘ganzen Thierreiche prangen die
Vögel mit den schönsten Farben, besitzen sie die angenehm-
sten Stimmen und erscheinen diese munteren Wesen allent-
halben häufig auf oflenen Feldern und Wiesen, in Gärten und
Dörfern, in den düstern Wäldern und an den öden Seeküsten.
Sie tragen daher wesentlich zur Begründung des eigenthüm-
lichen Charakters eines Landes bei, zumal in der heissen Zone,
wo sich die Natur so freigebig im Spenden von Schätzen
zeigt, und sie in ihrer üppigen Entwicklung nur wenig vom
Menschen gestört wird.
Der indische Archipel beherbergt mehr Vögel, als ganz
auf den Inseln des indischen Archipels. 115
Europa; auch mehr als die ganze nördliche Hälfte von Asien,
so weit wir darüber urtheilen können; jene Inselwelt ernährt
ungefähr den zehnten Theil von allen bekannten Arten, wenn
man deren Zahl auf 6000 ansetzt. Etwa 250 davon bewoh-
nen die östlichen Inseln, von Celebes bis Neu-Guinea; die
übrige grössere Anzahl die grossen westlichen, unter denen
Java allein, als die am besten erforschte, nahe an 300 Arten
besitzt.
In der dortigen Vögelwelt zeigt das Verhältniss der
stärksten Formenentwickelung einen Gegensatz zu den Säuge-
thieren, indem der bei weitem grösste Vogel des Archipels,
der Caswar, ausschliesslich der östlichen Gegend angehört,
nämlich dem Striche von Neu-Guinea bis Ceram. Den Sunda-
Inseln, wie ganz Asien, fehlt der kräftige straussartige Vogel-
typus ganz und gar. Charakteristisch für die östliche Hälfte
des Archipels sind ferner die merkwürdigen Maleo’s oder
Grossfusshühner (Megapodius), iiber die schon zu Anfang des
vorigen Jahrhunderts der Neapolitaner Gemelli-Carreri und
der holländische Geistliche Valentya ziemlich ausführliche
Nachrichten mitgetheilt, die aber dennoch erst in der neuern
Zeit in den ornithologischen Lehrbüchern Aufnahme fanden.
Ihre Verbreitungssphäre liegt innerhalb, der Philippinischen In-
seln, Neu-Guinea, Timor und Gelebes, also in derjenigen phy-
sikalisch eigenthümlichen Region, in welcher der östliche Mon-
sun stürmisch und regnerisch ist. Ausgezeichnet von allen
Vögeln insgesammt sind diese Hühner durch den überraschen-
den Umstand, dass sie weder selbst brüten, noch auch, wie
die Kuckuke und der Kuhfink, ihre Eier andern Vögeln zum
Ausbrüten unterschieben. Valentyn bemerkte schon, dass sie
dieselben in kleinen Hügeln von 3 bis 5 Fuss Höhe und 20
bis 24 Fuss Peripherie, aus Sand und dürren Blättern beste-
hend, verbergen und einzig vermittelst der Sonnenwärme und
des Gährungsprocesses, also ähnlich jenen der Krokodile, der
Schildkröten und anderer kaltblütigen Thiere, ausbrüten las-
sen, lJch habe selbst in den feuchten Küstenwäldern, an der
Westseite Neu-Guinea’s, viele derartige Erdhügel beobachtet,
die von meinen Amboinesischen Begleitern einstimmig für Ma-
leonester erklärt wurden. Aus Gould’s Mittheilungen geht
indessen hervor, dass auch die neu-holländischen Talegallen
g*
116 Sal. Müller: Ueber den Charakter der Thierwelt
sich auf ähnliche Weise fortpflanzen. Die grösste, in ihrem
Federkleid schönste und im erwachsenen Zustande durch einen
dicken Höcker am Hinterkopf merkwürdigste Art von Maleo,
bewohnt Celebes. Dieses ausgezeichnete Thier, von dem
Quoy und Gaimard im zoologischen Theil der Voyage de
l’Astrolabe p. 239, Pl. 25 den jungen Vogel fraglich unter
dem Namen Megapodius rubripes Temm. beschrieben und ab-
gebildet haben, dürfte aus verschiedenen Gründen die Bildung
eines eigenen Geschlechts, Maerocephalon, rechtfertigen ").
Genau über denselben hinterindischen Bezirk, der auch
wohl „Region der Sagopalme” genannt wird, sind aus der
Familie der Papageien die buntfarbigen Zorz?’s und die weissen
Kakatus verbreitet. ÜCelebes und Timor, oder vielleicht Flo-
res, bilden für beide Gruppen die westlichsten Länder. Aus
zwei andern Gruppen dieser zahlreichen und über die ganze
wärmere Zone der Erde verbreiteten Familie, besitzen dagegen
auch die westlichen Inseln einzelne Arten (Psittacus pondi-
cerianus, barbatulatus, malaecensis, vernalis, gulgulus). Eine
der auflallendsten Erscheinungen in der geographischen Ver-
breitung der Klettervögel, ist das Vorkommen des sogenann-
ten Fratzenvogels (Seythrops novae - hollandiae) auf Cele-
bes, wo derselbe sogar, von einigen Alfuresischen Stämmen,
ebenfalls als Wetterprophet betrachtet werden soll. Auf Ti-
mor habe ich ihn nicht beobachtet, was für die geographische
Zoologie um so bemerkenswerther ist. Auf dieser letztge-
nannten Insel kommt dagegen eine eigene Sphecothera vor,
welches Geschlecht früher blos auf einer einzigen Art von
Neu-Holland beruhte, die nur in der Grösse von ‘der Timore-
sischen abweicht. Endlich muss ich hier auch noch der grau-
farbigen Pinselvögel von den Geschlechtern Tropidorhynchus
und Prilotis gedenken, die sich von Neu-Holland und Neu-
Guinea bis Timor und Celebes verbreiten, nicht aber bis zu
!) Macrocephalon maleo T. Grösse von Euplocomus Macartneyi;
Rücken, Schwanz, Oberbrust und Schenkel dunkel schwarzbraun;
Unterbrust und alle übrige untere Theile schön röthlichweiss; Kopf
und Hals kahl, letzterer nur mit einzelnen kleinen und schmalen Fe-
dern bedeckt; der nach hinten gerichtete nackte Kopfhöcker ham-
merförmig; Schwanz abgerundet, und wie beim Haushuhn ein senk
recht stehendes Dreieck bildend.
auf den Inseln des indischen Archipels. 117
den. grossen Sunda-Inseln, auf denen sie durch die grünen
Blattvögel (Phylornis) ersetzt werden.
Dies wären so ziemlich die originellsten Vögeltypen vom
östlichen Halbtheil des Archipels. Auf den äussersten Inseln
nach Sonnenaufgang hin, vermengen sich seine Naturprodukte
mit den mehr und mehr fremdartigen Formen der australi-
schen Welt: wo andere Gewächse, andere Thierbildungen, ein
anderer Menschenschlag uns entgegentritt, Dort erscheinen
die metallschimmernden Epimachen, die zierlichen Kron-
tauben, wovon in neuerer Zeit eine zweite Art daselbst ent-
decktwurde;; diewunderbar geschmückten Paradiesvögel, die
ihres schönen Gefieders und sonstiger Eigenheiten halber von
den Moluckischen Händlern Manuk dewäta‘) d. h. Götter-
vögel genannt werden u. a. m. Ihre Aufzählung liegt ausser
den Entwurf dieses Aufsatzes. Ich kehre daher in den Kreis
desselben zurück.
Manche Arten der gefiederten Luftbewohner sind über
Jie ganze Ausdehnung des Archipels verbreitet, wie dies na-
mentlich, mit vielen Wad- und Schwimmvögeln, mit meh-
reren Raubvögeln (Halco leucogaster, pondicerianus etc.),
den essbare Nester bauenden Salanganen ?) (Cypselus
Fuciphagus und esculentus), dem gemeinen Heuschreckenjäger
(Halcyon collaris), der singenden Glanzdrossel (Lamprotornzs
cantor), Jem weissbauchigen Schwalbenwürger (Ocypterus leu-
corliynchus) u. s. w. der Fall ist. Allgemeiner ist die Verbrei-
tung sehr vieler Gruppen, aus denen man allenthalben einzelne
‚Repräsentanten findet, was sich besonders von den Geschlech-
tern: Falco, Strix, Corvus, Oriolus, Pitta, Ceblepyris, Edolius,
Muscicapa, Rhipidura, Myiothera, Pomatorhinus, Cuculus,
Centropus, Psittacus, Buceros, Alcedo, Dicaeum, Nectarinia,
Arachnothera, Hirundo, Cypselus, Caprimulgus, Podargus, Co-
Jumba, Perdix u. s. w. sagen lässt. Die meisten davon sind
indessen artenreicher auf den westlichen als auf den östlichen
’) Wovon das verdrehte Wort „Mauucode” bei Buffon, und „Ma-
nucodiata” bei neuern Zoologen für die Paradisea regia, Linn.
*) Wahrscheinlich ein verderbter Ausdruck, von dem Malayi-
schen: särang (Sundanesisch: söjang) ein Vogelnest, mit dem
“Alfıxum an, in welcher Zusammensetzung das Wort so viel heissen
würde als: Nest bauend, und mit dem Worte Burong; ein Nest
bauender Vogel.
118 Sal. Müller: Ueber den Charakter der Thierwelt
Inseln, nnd der Unterschied in dieser Beziehung ist bei eini-
gen sehr bedeutend. So z. B. kennen wir aus dem östlichen
Halbtheil nur 12 Tagraubvögel und 4 bis 5 Eulen, - während
uns von den westlichen Inseln, aus 'ersterer Abtheilung bereits
20 und aus jener der Nachtraubvögel 11 Arten gegenwärtig
bekannt sind. ‘Die drei grossen Sunda-Inseln beherbergen 10
Nashornvögel (Buwceros): Celebes hat zwei eigene Arten (Bue.
eassidix und eraratus); die Molucken haben nur eine mit Neu-
Guinea gemein (Due. ruficollis); auf Timor fehlt dieser Typus
ganz. Von den 15 eigentlichen Honigsaugern ( Neetarinmia)
des Archipels, gehören nur 5 ‘dem östlichen Theile an, wovon
sich 2 (Neet. frenata und aspasia) von Oelebes bis Neu-Guinea
verbreiten. Timor besitzt, wie aus vielen andern Thiergrup-
pen, auch aus dieser, eine selbstständige Art (Nectarimia sola-
ris). Von den 6 bekannten ‚Spinnenjägern ( Arachnothera)
lebt nur eine einzige im östlichen Theil, nämlich auf Neu-
Guinea. Die von den englischen Systematikern unter dem
generischen Namen Myzomela von den Nectarinien getrennten
Arten, mit meist schwarzem und weissem Gefieder, und ohne
Metallfarben, gehören dagegen ausschliesslich Timor, den Banda-
Inseln, Neu-Holland u. s. w. an. — Auch ünter den Wadvögeln
'sind weder alle von den westlichen Sunda-Inseln bekannte
Arten, noch alle daselbst vorkommende Geschlechter, über
Borneo hinaus, schon beobachtet worden. So namentlich ge-
hören die beiden Störche (Ciconia leucocephala und capillata)
nur den westlichen Inseln und dem benachbarten Festlande
an. Da diese Thiere, der Nahrung wegen, am liebsten in
sumpfigen Wiesen und den unter Wasser gesetzten Reisfel-
dern einherschreiten, und beide Bodenverhältnisse in den öst-
lichen Inseln, wo nur wenig Reis gebaut wird, ziemlich sel-
ten sind, ist ihre beschränkte Verbreitung nach jener Seite
hin leicht erklärlich. Reiher dagegen, grosse und kleine,
weisse und graue, bemerkt man allenthalben mehr oder weni-
ger häufig; und das nämliche findet statt hinsichtlich der Ge-
schlechter: Totanus, Tringa, Vanellus, Charadrius, Oedicne-
mus, Himantopus, Limosa, Numenius, Scolopax, Glareola,
Strepsilas, Gallinula, Porphyrio und einiger anderen.
Die grossen Sunda-Inseln werden ausserdem: von’ einer
nicht geringen Anzahl sonstiger Geschlechter bewohnt, die nür
‚auf den Inseln des indischen Archipels. 119
ihnen und dem’ nahen Festlande eigen sind. Ich will unter
diesen bloss hervorheben: den ährenhaubigen Pfau (Pavo spi-
cifer), der bis jetzt nur auf Java beobachtet wurde, während
sein‘ schon im grauen Alterthum dem: Abendlande bekannter
Geschlechtsverwandter, Pavo eristatus, in Bengalen und den an-
grenzenden Landschaften einheimisch ist. Einer der merkwür-
digsten Vögel, sowohl hinsichtlich seiner Flugwerkzeuge als
seiner Sitten, ‘ist der Argusfasan oder Auwau, ‘wie er, nach
seinem lauten Geschrei, bei den Malayen auf Sumatra heisst.
Derselbe bewohnt ausser dieser Insel; auch Borneo und be-
kanntlich Malakka nebst Siam und Pegu. Er ist einer der
selieuesten Vögel, die mir je vorgekommen sind, und die Ein-
geborenen behaupten, dass noch nie ein Kuwau mit dem
Feuergewehr erlegt worden sei. Dagegen wird er leicht bei
seinen Kampfplätzen im Walde, wo sich die Männchen um
den Besitz der Hennen bewerben, mit Schlingen lebend ge-
fangen, lässt sich aber mühsam zähmen. Als Zierde der hohen
Wälder von Sumatra, Borneo und der Malayischen Halbinsel,
dürfen auch die dureh ihr mehr‘ oder weniger prachtvolles
Federkleid sich auszeiehnenden Geschlechter: Oryptonyx, Euplo-
comus und. Polypleetron hier nicht unerwähnt bleiben. Wahre
Hühner, namentlich ‘der unserm Haushahn so nahe stehende
Gallus Bankiva, findet man dagegen von den westlichen Sunda-
Inseln bis Timor und Celebes verbreitet. Der Tjangegar
(Gallus furcatus), oder die zweite javanische, vom gewöhn-
lichen Hühnertypus etwas abweichende Art, ist jedoch allein
auf diese südwestliche Insel beschränkt. Die- Eingeborenen
fangen den Hahn häufig lebend und sperren ihn mit zahmen
Hennen zusammen, um durch deren gemischte Paarung Ba-
starde zu erzielen, von denen die männlichen Thiere mitunter
das herrliche metallgrüne Gefieder von ihrem wilden Vater
erben, und: als’ Seltenheit von den Grossen des Landes sehr
geschätzt und mit 40 bis 60 Gulden das Stick ‚bezahlt: wer-
den. Die in den Planches coloriees (Pl. 374) unter dem
Namen Gallus aeneus stehende Figur, ist nach einem solchen
hybriden Halın entworfen.
Beachtungswerth für die geographische Zoologie überhaupt
ist die zwischen den Wendekreisen in der östlichen Hemi-
sphäre mit Borneo oder höchstens Celebes, ihren Endpunkt
120 Sal. Müller: Ueber den Charakter der Thierwelt
erreichende Verbreitung mancher über beide Welten sich aus-
dehnenden Geschlechter, wie z. B. jenes der Spechte, von
dem man 16 Arten auf Java, Sumatra und Borneo findet,
während auf Celebes nur eine einzige (Picus fulvus) lebt,
und auf Timor und in den Molucken dieser Typus ganz und
gar verschwindet. Die weich und schön gefiederten Nagevögel
(Trogon), die muntern Baumkleiber (Sitia), die trägen aber
meist mit bunten und grellen Farben geschmückten Bartvögel
(Bucco) und andere weit verbreitete Geschlechter, verlieren
sich im Osten der Tropen bereits mit Borneo. — Mehr aus!
schliesslich der Fauna des hinterindischen Festlandes und den
Sunda-Inseln angehörend, und daher für jene Gegenden be-
sonders bezeichnend, will ich bier zum Schlusse noch anfüh-
ren: den prächtigen Feenvogel (Irena puella), die smaragd-
grüne Calyptomena, die lieblichen Safranmeisen (Perieroeotus),
die scheckigen Gabelstelzen (Zriceurus) und die grasgrünen
Häher (Kitta) > Jauter schmuckvolle Waldvögel, deren Typen
dem östlichen Theil des Archipels gänzlich mangeln.
Ich wende mich zur Klasse der Reptilien.
In einer Weltgegend, wo die zwei grossen belebenden
Agentien der Natur: Wärme und Feuchtigkeit in intensiver
Fülle vorhanden sind, welche bekanntlich auf die Oeconomie
der in Rede stehenden Thierklasse einen so mächtigen Einfluss
ausüben, lässt sich im Voraus eine ungewöhnliche Vielfältig-
keit dieser kriechenden und wenig: gefälligen Wesen vermu-
then. In der That scheint es, ausser dem tropischen Süd-
amerika, keinen Erdstrich zu geben, der hierin einen Vergleich
mit dem indischen Archipel aushalten könnte,
Wir kennen nämlich gegenwärtig von jenem: Inselreich
schon nahe an ‘460 Reptilien, die folglich fast den sechsten
Theil von allen beschriebenen Arten ausmachen. Ungefähr die
Hälfte davon besteht in Schlangen, aus welcher Abtheilung
uns von den Antillen nicht mehr als 25, aus Guyana etwa 50
und aus beiden Gegenden mit Brasilien und Paraguay, im
Ganzen nur ungefähr 80 Arten bekannt sind. Und wieviel
grösser ist nicht der Flächenraum jener Ländergebiete der
neuen Welt, im Vergleich zu sämmtlichen ostindischen Inseln !
Die Vertheilung der Reptilien über die Inseln des indi-
schen Archipels bietet ebenfalls mancherlei berücksichtigungs-
auf den Inseln des indischen Archipels. 121
werthe Erscheinungen dar; obgleich in dieser Klasse der Un-
terschied des Zahlenverhältnisses zwischen den westlichen und
östlichen Inseln weit geringer erscheint, als bei den Vögeln
und Säugethieren. Der östliche Theil, mit Inbegriff von Neu-
Guinea, Celebes und Timor, wird von 70 bis 80 Reptilien
bewohnt, die übrige westliche Hälfte von ungefähr 120 Arten.
Man ersieht schon hieraus, dass beide Halbtheile viele Arten
mit einander gemein haben, was besonders in Celebes auffällt,
wo neben einigen wenigen, die zugleich auf Amboina oder an
der Westküste von Neu-Guinea vorkommen, grösstentheils
solche angetroffen werden, deren Heimath sich westwärts über
Borneo, Sumatra und zum Theil bis Java erstreckt. Timor
steht, wie in mancher andern Hinsicht, so auch’in dieser, mehr
isolirt, und ist überhaupt verhältnissmässig arm an Thieren.
Die Molucken verbinden durch ihre kaltblütigen Wirbel-
thiere, fast noch offenkundiger als bei den andern Klassen,
die Insel Celebes mit Neu-Guinea, besitzen aber, wie letzte-
res Wunderland, daneben auch einige originelle Formen, '
Ich lasse in der folgenden Uebersicht, wie in jener der
Säugethiere, die ausschliesslich im Meere lebenden Geschöpfe
(Meerschlangen und Meerschildkröten) unberücksich-
tigt, da sie einerseits dem Auge stets unsichtbar bleiben und
also nichts zur eigentlichen Physiognomie des Landes beitra-
gen, und ausserdem ein Element bewohnen, das ihrer allsei-
tigen Verbreitung keine unmittelbaren Hemmungen entgegen-
stell. Verschiedene Meerschlangen (Aydrophis) verbreiten
sich von der Ostküste Neuhollands bis Ceylon; und die Meer-
schildkröten (Sphargis und Chelonia) bewohnen fast alle Meere
der heissen Zone. Etwas anderes ist es mit den Krokodilen,
die sich selten weit von den Küsten entfernep, auch häufig in
grosse, träge strömende Flüsse eingehen, ja unter welchen die
sogenannten Gaviale blos Süsswasserbewohner sind.
Aus der Gruppe der eigentlichen Krokodile (Crocodilus),
kommen im indischen Archipel' drei Arten vor, wovon zwei
bis jetzt nur in dessen westlichem Theil beobachtet wurden,
‚während die gemeine zweileistige Art, Crocod. biporcatus, an
allen Küsten (hauptsächlich in den Häfen, stilen Buchten und
weiten Flussmündungen), von Sumatra an bis über Neu-Guinea
hinaus in der Südsee, sich vorfindet. Zw den interessantesten
122 Sal. Müller: Ueber den Charakter der Thierwelt
Entdeckungen, welche ich während meiner letzten Reise im
Jahre 1837 in den ausgedehnten Niederungen im Süden ‚von
Borneo zu machen Gelegenheit fand, gehört ohne Zweifel: das
seitdem “ausführlich beschriebene Gavial- Krokodil, Crocod,
‚Schlegel. Dieses Thier, das durch den Bau 'seines Kopfes
den natürlichen Uebergang bildet von dem schmalrüsseligen
Ganges- Gavial zu den eigentlichen Krokodilen, bewohnt die
grossen Landseen jener Insel, ernährt sich hauptsächlich von
Fischen und Monitoren und ist, ungeachtet seiner 'beträcht-
lichen Grösse von ungefähr 15 Fuss, die es erreicht,‘ dem
Menschen 'keineswegs gefährlich. Die Malayen daselbst nen-
nen es sehr bezeichnend Zuxdja sapit, d. h. Zangenkroko-=
dil '). Diese ‘durch Körperbau und Sitten vom gewöhnlichen
Krokodiltypus abweichende und sich in beiden Punkten näher
dem Ganges- Gavial anschliessende Art, ist dadurch sowohl
dessen natürlicher Repräsentant in den Sunda-Gewässern, als
für diesen Theil des Archipels ein sehr charakteristisches Ge-
schöpf. — Als ganz eigenthümliche‘ Formen für den so ’eben
genannten Inselstrich, lassen sich aus der Familie der Eidech-
senartigen Thiere nur die Geschlechter Twehydromus und Tro-
pidosaura anführen, jedes mit nur einer Art, die ich äusserhalb
2) Wenn mit der Zeit dieses Thier zu einer eigenen Gattung
erhoben werden sollte, könnte man es, um die Bedeutung des ein-
heimischen Namens zu bewahren, Tomistoma (Zangenmaul) nen-
nen. Buäja oder Boäja ist im Malayischen der allgemeine Name
für die Krokodile. In der sogenannten Niederjavanischen Mundart
werden sie auch Bojo, Badj6 und Badjul genannt; im Hochjava-
nischen heissen sie Kelemman. Die Dajaks vom Bejadju-Stamme,
auf Borneo, kennen sie unter der Benennung Bedjai.. Im Sanskrit
führt das Ganges-Krokodil unter anderen die bildlichen Namen: Ja-
lahasti (wörtl. Wasser-Elephant) und Kumbhira (einem Elephan-
ten ähnlich sehend), die beide vermuthlich auf die lange rüsselartige
Schnauze des Thiers anspielen, und von welchen das zuletzt ge-
nannte Wort, im Bengalischen auch Kumbhila, Kumira und Ku-
mura ausgesprochen wird; im Hindostanischen lautet es Kumbhir.
Mehr gebräuchlich sind im Sanskrit die folgenden Benennungen für
den Gavial: Gohi, Godhä und Godhikä, welche sich in der Ben-
gali-Sprache inGhadiyäla und Ghadela umänderten, und woraus
der im dortigen Vulgär-Diälekt gebräuchliche Name Gariäl entstan-
den ist, der sofort durch die Europäer in Gavial verdreht wurde.
auf den Inseln des indischen Archipels. 123
Java nirgends beobachtete. Die kleinen harmlosen‘ Drachen
(Draco) verbreiten sich von Sumatra und Java ostwärts bis
Timor und Amboina; die Varanen (Moxitor), Galeoten (Calo-
tes), Gekkonen (Platydactyli, Hemidactyli und Gymnodactyli)
und Seinken (Seizcus) über alle Inseln des Archipels bis Neu-
Guinea und zum Theil weiter in die Südsee. In der Verbrei-
tung der einzelnen Arten dieser Geschlechter herrscht aber
grosse Verschiedenheit. Manche sind nur auf eine ‚einzige
oder höchstens einige wenige Inseln beschränkt, was nament-
Jich mit den meisten Drachen und Galeoten der Fall ist; auch
unter den Varanen findet dies bei mehreren Arten statt, wäh-
rend andere, wie z. B. Monitor bivittatus und chlorostigma
(jener von Sumatra bis Gilolo, dieser von Amboina bis Neu-
Guinea) eine weit beträchtlichere Verbreitungssphäre haben.
Dieselbe Erscheinimg stellt sich bei den Scinken und Gekko-
nen ein. Die erstern, welche bekanntlich im heissen Indien
die Stelle unserer Eidechsen vertreten, bilden unter allen da-
selbst lebenden Sauriern die an Arten und Individuen reichste
Zunft. Wir kennen von ihnen, aus dem Indischen Archipel,
bereits 15 bis 16 Arten, welche die neuern französischen
Herpetologen in eine Anzahl Unter-Geschlechter vertheilen.
Die meisten Arten traf ich auf Neu-Guinea an, nämlich acht,
von denen nur eine, der weit verbreitete Ablephurus Peronü,
‘auch im westlichen Theil des Archipels vorzukommen scheint.
Einige andere, wie den niedlichen blauschwänzigen Seineus Les-
sonii und den herrlich grünen Se. smaragdinus beobachtete i:h
‚ausserdem blos auf Amboina und Timor.
Jeh erinnere hier, der natürlichen Verwandtschaft wegen,
‚sogleich auch an die wirmerartigen Schleichen der Geschlech-
ter Zyphlops und Acontias. Von diesen träge‘ kriechenden
und leicht der Beobachtung entgehenden Geschöpfen habe ich
auf fast jeder Insel audere Arten angetroffen, im Ganzen 5
bis 6, die ich auf Sumatra, Java, Borneo, Timor und Neu-
Guinea sammelte,
Als ganz eigenthümliehes Thier für. das entfernte Neu-
Guinea, ist die von mir im Jahre 1828 entdeckte und damals,
in einer holländischen Zeitschrift, unter dem generischen Na-
men Centroplites (Tribolonotus, Bibr.) angedeutete 'Panzer-
Eidechse zu betrachten, die ihre nächsten Fornverwandten im
124 Sal. Müller: Ueber den Charakter der Thierwelt
südlichen Afrika, in den Gürtel-Eidechsen (Zozurus) besitzt.
Jenes sonderbare, mit einem harten, dornigen Panzer umklei-
dete Thier — dem äussern Ansehen nach fast ein Krokodil
in Duodecimo -- lebt an schattigen und feuchten Orten im
hohen Urwalde. — Ein nicht weniger charakteristisches Ge-
schöpf für die Thierwelt der Molucken ist der Amboinische
Basilisk (Histiurus), von dem schon der alte Valentyn, vor
mehr als hundert Jahren, ziemlich weitläufige Nachrichten mit-
getheilt hat.
Die Zahl sämmtlicher vom indischen Archipel bekannten
Eidechsenartigen Thiere beträgt gegenwärtig ungefähr 45 Arten.
An Landschildkröten ist jenes Inselreich auch keineswegs
arm. Vom Geschlechte Zmys kennen wir bereits sieben Ar-
ten, unter denen sich aber nur eine (Zmys couro), von Java
über Borneo und Celebes bis Amboina verbreitet, während
die sechs übrigen bloss auf die grossen westlichen Sunda-
Inseln beschränkt sind. Das nämliche gilt von den beiden
daselbst einheimischen dreiklauigen Süsswasserschildkröten
(Trionyz). Dagegen ist uns eine eigentliche Landschildkröte
(Testudo emys) von Sumatra, und eine zweite neue Art (Te-
studo Forstenü) von der Moluckischen Insel Gilolo bekannt.
— Weder Timor noch Neu-Guinea besitzen ein einziges Glied
aus den genannten drei Geschlechtern von Landschildkröten.
Die Verbreitung der Frösche bietet in geographischer
Hinsicht nur in so fern Interesse dar, als die westlichen und
östlichen Inseln meist ihre eignen Arten besitzen, deren Ge-
sammtzahl sich auf ungefähr 20 beläuft. Wasser-, Laub- und
Waldfrösche, in engerer Bedeutung, findet man allenthalben.
Das am wenigsten bekannte und merkwürdigste Geschlecht,
bilden die Wald- oder Hornfrösche (Megalophrys), die erst
in den neuern Zeiten im indischen Archipel entdeckt wurden,
und daselbst die südamerikanische Hornkröte ( Ceratophrys)
repräsentiren. Diese trägen, schwerfälligen Geschöpfe halten
sich am liebsten an dunklen und feuchten Stellen in den Wäl-
dern auf, und man findet sie bis zur Höhe von etwa 6000
Fuss über dem Niveau des Meeres. Des Nachts lassen sie
häufig einen lauten, ächzenden Ruf hören, der durch seine
tiefen 'Basstöne, wenn ‘er plötzlich aus der Nähe erschallt,
den Wanderer in den grossen einsamen Wildnissen erschreckt.
auf den Inseln des indischen Archipels. 125
In den Gebirgswäldern auf Sumatra fand ich eine noch un-
beschriebene Art dieser Gruppe (.Megalophrys rostrata), von
bedeutender Grösse, mit hörnerartig emporstehenden Augen-
liedern und langem, spitzem Rüssel, wodurch das Thier sein
ganz eigenthümlich komisches Ansehen gewinnt. — Unter den
Laubfröschen verbreitet sich eine bräunliche Art (Ayla rugosa)
von Java bis Timor; eine grosse und sehr hübsch grüne
(Ayla cyanea) von Amboina bis Neu-Guinea. Auch ein Was-
serfrosch ( Rana cancrivora) geht von den westlichen Sunda-
Inseln bis Timor. Kröten ohne Ohrdrüsen (Zombinator) findet
man, wenn gleich nur wenige Arten, von der West- bis zur
Ostgrenze des Archipels; aber eigentliche Kröten (Bufo) sind
mir weder auf Timor und in den Molucken noch auf Neu-
Guinea zu Gesicht gekommen. Thiere jedoch wie diese,
welche mehr die feuchte Finsterniss als das freundliche Son-
nenlicht lieben, bleiben dem Auge des Beobachters oft lange
entzogen. Auf den grossen Sunda-Inseln kommen drei Arten
vor, unter denen der leistenköpfige Bwfo scaber, der dort, wie
in Bengalen und im Dekhan, ein gewöhnlicher Bewohner der
Keller, Erdhöhlen und sonstiger dunkler Oerter ist.
Unter den 76 Schlangen, welche wir, ohne die Meer-
schlangen zu rechnen, gegenwärtig vom ganzen indischen Ar-
ehipel kennen, befinden sich 12 giftige Arten, die den Ge-
schlechtern: Trigonocephalus, Naja, Bungarus und Elaps an-
gehören. Die unschädlichen theilen sich in die folgenden
sechzehn Geschlechter: Tortrir, Calamaria, Coronella, Lyco-
don, Xenodon, Psammophis, Coluber, Herpetodryas, Dryophis,
Dendrophis, Dipsas, Python, Boa, Tropidonotus, Homalopsis
und Acrochordus.
Im Allgemeinen herrscht in der Vertheilung der nicht-
giftigen Schlangen, was nämlich die verschiedenen Gruppen
betrifft, in welche sie naturgemäss zerfallen, viel Gleichför-
migkeit. Die meisten Geschlechter dehnen sich nach allen
Seiten hin aus, aber die Zahl ihrer Arten variirt an den ver-
schiedenen Orten sehr bedeutend. Von Java, Sumatra und
Borneo sind uns einige funfzig Arten bekannt, von allen übri-
gen östlichern Inseln kaum dreissig, wovon fast die Hälfte in
Oelebes lebt und die insgesammt auch auf den grossen Sunda-
Inseln zu Hause sind. Einzelne Geschlechter, wie Xenodon,
126 Sal. Müller: Ueber den: Charakter‘ der: Thierwelt
Herpetodryas und Dryophis,, sind bis jetzt noch gar nicht ‚öst+
lich von Celebes beobachtet worden. Auch Wühlschlangen (Tor-
Zrix) und Spulschlangen (Calamaria) fand ich weder auf Ti-
mor noch in Neu-Guinea; gleichwohl sind uns einige.derselben
von Neu-Holland bekannt. Merkwürdig ist die Vertheilung
der Schlinger (Python und Boa). Der riesenhafte Python bi:
vittatus bewolnt nur die grossen westlichen Inseln; der viel
gemeinere Python Schneideri dagegen geht von da östlich bis
Amboina, wo er mit dem hübschen Python amethystinus und
der kleinen Boa carinata zusammentrifft, welche letztere zwei
sich von genannten Inseln bis Neu-Guinea verbreiten. Auf
Timor endlich findet man eine dem Amethystschlinger sehr
nahe stehende Art, die ich unter dem‘Namen Python timo-
rensis in meinem Reisebericht angeführt habe. Am weitesten
und allgemeinsten unter allen Landschlangen des Archipels
sind ohne Zweifel Dendrophis pieta und Homalopsis Schnei-
deri verbreitet, die man fast auf allen Inseln findet.
Die Giftschlangen, welche sich nach obigen Zahlenangaben
zu den nichtgiftigen wie 1 zu 6 verhalten, gehören grössten-
theils nur der westlichen Hälfte des Archipels an. Das Ge-
schlecht Z/aps ist das einzige, von dem man eine Art (BZlaps
Müller‘) auch in Neu-Guinea antrifit. Zwei andere (.Zlaps
Furcatus und bivirgatus) bewohnen die grossen Sunda-Inseln.
Die furchtbaren Kufien oder Dreieckköpfe ( Trigonocephalus),
welche die Vipern in jener Gegend repräsentiren, gehen öst-
lich nicht über die geographische Länge von Timor hinaus,
welche Insel den Trigon. viridis mit Sumatra und der Küste
Coromandel gemein hat. Celebes besitzt mit Borneo und Su-
matra den etwas grössern Trigon. MWagleri, zu dem sich auf
letztgenannter Insel noch eine dritte grüne Art gesellt ( Tiz-
gom. formosus). Java, das als Hauptpunkt der südlichen Län-
derkette des Archipels, in seinen Naturerzeugnissen überhaupt
weit mehr von dem nahen ‘Sumatra abweicht, als diese Insel
von Borneo, besitzt zwei eigene Trigonocephalen, ‘die 'beide
rothbraun sind, und wovon die eine Art (Trigon. rhodostoma)
keinen Rollschwanz hat, und somit nicht im Stande ist Ge-
büsche zu besteigen, wie dies namentlich die grünfarbigen
häufig zu thun pflegen. Als vorherrschend nächtliche Thiere
und von einem äusserst trägen Naturell, bringen diese gefähr-
auf den Inseln des indischen Archipels. 127
lichen‘ Giftschlangen glücklicher ‘Weise den’ Zeitraum: meist
schlafend im ihren Schlupfwinkeln zu, wenn der Mensch thätig
seinem Berufe nachgeht. — Die gemeine Brillenschlange (Naja
tripudians) erscheint als schwarze Race auf Java, Sumatra und
Borneo, von wo sie sich in nordöstlicher Richtung nach den
Philippinen wendet. Auf Celebes, den Gewürzinseln, Timor
und Neu-Guinea fehlt dieser Typus gänzlich. Das nämliche
ist mit dem Geschlechte Zungarus der Fall, obgleich sich
dessen beide Arten (ung. annularis und semifasciatus) ge-
meinschaftlich mit der Brillenschlange, von Java und Sumatra
nordwestlich bis nach Bengalen und Vorderindien verbreiten.
Ausser der berühmten echten Brillenschlange lebt auf den so
eben genannten Sunda -Inseln noch eine zweite Art dieser
Gruppe (Naja bungarus), die aber kaum einige Fuss lang zu
werden scheint, während daselbst die schwarze Cobra de Ca-
pello bisweilen die enorme Länge von zehn Fuss erreicht und
beinahe so dick wie ein Mannsarm wird. Zu Gaukelkünsten
wird sie von den dortigen Inselbewohnern nicht abgerichtet:
sie fürchten diese behende und bösartige Schlange zu sehr,
um sie sanft zu behandeln. Ganz eigenthümlich muthig und
wahrhaft Furcht erregend vertheidigt sich dieselbe, wenn ihr
von nahe Gefahr droht. Sie richtet sich dann plötzlich, einem
Stocke ähnlich, senkrecht auf, sich nur auf den Schwanz stüt-
zend, bläht ihren Hals breit auf, und wirft, unter wüthendem
Gezische, ihrem feindlichen Gegner einen weisslichen Geifer
entgegen, den die Malayen für Gift ansehen, und sie daher
Ular biludakh d. h. giftspeiende Schlange nennen.
Ich habe im Obigen ein flüchtiges Bild entworfen von
der thierischen Schöpfung einer Weltgegend, in der ich elf
der schönsten Jahre meines Lebens zugebracht. Man ersieht
daraus, welch ungemein fruchtbares und interessantes Feld
dieselbe der Naturforschung darbietet. Zahlreiche Inseln, be-
sonders im östlichen Theile des Archipels, sind indessen, im
vollsten Sinne des Worts, noch Terrae incognitae für uns,
so dass von dorither noch eine reiche Erndte zu erwarten
steht. Die Niederländische Regierung, die seit dem allgemei-
128 Sal. Müller: Ueber d. Charakt, d. Thierw. a. d. Ins, ete.
nen Frieden schon so viel für die Kenntniss der Länder- und
Völkerkunde gethan, lässt fortwährend mit anerkennungswür-
Jiger Sorgfalt die Naturschätze ihrer reichen ostindischen Be-
sitzungen wissenschaftlich untersuchen und die gewonnenen
Resultate, durch zweckdienliche Unterstützung, der gelehrten
Welt mittheilen. Der Reichthum der niedern Landthiere, so
wie jener der Seen, welche die in Rede stehende Inselwelt
umfluthen, erscheint in steigendem Verhältniss zu den höhern
Klassen; eine Betrachtung jener Wesen liegt aber ausser dem
Plane dieses Aufsatzes.
Leyden, im Oktober 1845.
129
Creplin: Nachträge zu Gurlt’s Verzeichniss der
Thiere, bei welchen Entozoen gefunden worden sind.
1. MAMMALIA.
ad 4. Zu den bis jetzt beim Menschen vorgekom-
menen Eingeweidewürmern ist noch hinzuzufügen:
Tetrastoma renale. Ren. feminae. Lucarelli.
(S. Isis, 1836, S. 290, angeführt aus Delle Chiaje,
Compendio di Elmintografia umana. Ed. 2da. Nap. 1833).
ad 114. Sus Scrofa.
Echinorrhynchus Gigas Gze. Int. tenue.
dt. AVES.
161°. Falco Aesalon.
Ascaris depressa Zed. Int. Creplin.
ad 162. Falco Albieilla.
Trichosomum. Inter tun. ventr. Creplin.
Monostomum nematoides Or. n. sp. Int. Otto.
Holostomum platycephalum Gr. Burs. Fabr. Crepl. Siebold.
(S. die Angabe Siebold’s von den Vögeln, in deren
Bursa Fabr. er theils dies Holostom), theils das Disto-
mum ovatum angetroflen hat, in diesem Archiv, Jahrg.
1836, Bd. 1, S. 114, Anm.). :
Distomum' erassiusculum R. Ves. fell. Idem.
Taenia globifera Batsch. Int. Idem.
‚ad 164. Falco apivorus. «
Spiroptera media Or. Ventr. Creplin.
Physaloptera alata BR. Ventr. Idem.
Taenia (globifera Batsch?) Int. Idem.
ad 165. Falco ater (F. fusco -ater).
Spiroptera media Or. Ventr. Schilling.
Ascaris depressa 7, ed. Int. Idem.
Holostomum Spathula Cr. Int. Iden.
Archiv f. Naturgesch, XII, Jahrg. 1. Bd. 9
130 Creplin: Nachträge zu Gurlt’s Verzeichniss der Thiere,
ad 166. Falco Buteo.
Trichosomum obtusum R. Oes. Mehlis.
Holostomum macrocephalum Cr. Int. Greplin.
Distomum ovatum R. Burs. Fabr. Mehlis.
ad 172. Falco gallicus.
Ascaris depressa L. Proventr. Schilling.
Echinorrhynchus globicaudatus Zed. Int. Mus. zool. Gryph.
ad 175. Falco lagopus.
Trichosomum obtusum R, Int. ten. Mehlis.
ad 181. Falco Milvus.
Holostomum Spathula Gr, Int. ten. Creplin.
ad 182. Falco Naevius.
Taenia margaritifera Or. (T. perlata & oeze). Int. Schill.
ad 183. Falco Nisus.
Trichosomum obtusum R. Int. ten. Mehlis.
‚Spiroptera (laticeps R.?) Oes. Idem.
Ascaris depressa Z. Int. Creplin. Mehlis.
Holostomum macrocephalum Cr. Int. Greplin.
Distomum ovatum R. Burs. Fabr. Mehlis.
Taenia. Ventr. Idem.
ad 184. Falco palumbarius.
Physaloptera megalostoma Or. Oes. et Proventr, Schillin g-
Holostomum macrocephalum Cr. Int. ten. Mehlis.
ad 186. Falco peregrinus.
Tetrameres (= Tropisurus Dies.) haemochrous Crepl. ')
2 Gland, proventr. Laurer.
ad 189. Falco rufus.
Echinorrhynchus globicaudatus Z. Int. Schilling.
ad 190. Falco Subbuteo,
Distomum ovatum R. Burs. Fabr. Mehlis. Siebold.
1)" Schon Wiegmann bemerkte mit Recht (im isten Bande
dieses Archivs, S. 338), dass der Name Tropisurus verworfen werden
müsse, da er erstlich grammatikalisch unrichtig gebildet und zwei-
tens, richtig gebildet, als Tropidurus, schon an eine Eidechsengattung
vergeben worden sei. Ich habe deshalb für die durch ihn bezeich-
nete Helminthengattung einen andern gewählt und nenne diese Te-
trameres (tsıoaueons, viertheilig), von der auflallenden Vierthei-
lung des so stark aufgetriebenen Mittelkörpers der Weibchen durch
die vier Längslinien. Cr.
bei welchen Entozoen gefunden worden sind. 131
ad 191. Falco Tinnuneulus.
Spiroptera (laticeps R.?) Oes. Mehlis.
ad 195. Strix brachyotus.
Spiroptera laticeps R. Oes. Mehlis.
_ decora Crepl. sp.n. 2. Oes. (?) Creplin.
Ascaris depressa Z. Int. Idem.
Distomum ovatum R. Burs. Fabr. Mehlis.
ad 196. Strix Bubo.
Spiroptera laticeps R. Oes. Proventr. Creplin.
ad 197. Strix dasypus.
Ascaris depressa Z. Int. Creplin. Mehlis.
ad 198. Strix flammea.
Spiroptera fallaz Sieb. Proventr. Siebold.
(S. Burdach’s Physiologie, 2te Aufl., Bd. 2, S. 209).
198’. Strix Nyctea.
Ascaris depressa Z. Int. ten. Creplin.
203°. Psittacus (auctumnalis?).
Ascaris truncata Z. Int. Creplin.
ad 205. Psittacus Erithacus.
Taenia (sp. n.?). Int. Otto.
207°. Gorythaix porphyreolopha.
Taenia filiformis R. Duoden. Owen.
(S. dies Archiv, 1835, Bd. 1, $. 336, aus Proceedings
of the Zool. Soe.).
r. 212°. Picus minor.
Taenia crateriformis Goeze. Int. Creplin.
ad 231. Lanius Collurio.
Filaria cylindrica Mehl. Pleura. Mehlis.
ad 232. Lanius Excubitor.
Nematoideum dub. Inter tun. ventr. Creplin.
ad 233. Lanius minor.
Nematoideum dub. Inter tun. ventr. Oreplin.
Distomum ovatum R. Burs. Fabr, Idem
ad 234. Lanius rufus.
Spiroptera euryoptera R. Inter tun. ventr, Mehlis.
ad 235. Corvus Oaryocatactes.
Echinorrhynchus (teres Westr.?); Int. Laurer,
ad 237. Corvus Cornix.
Strongylus trachealis Nathus. Trach. Creplin.
g%*
132 Creplin: Nachträge zu Gurlt’s Verzeichniss der Thiere,
ad 238. Corvus Corone.
Holostomum Sphaerula Dwuj. Int. Creplin. WA
Taenia Serpentulus Schrk. Int. Idem. \
ad 239. Corvus frugilegus.
Taenia 'undulata R. Int. Schilling.
ad 240. Corvus glandarius.
‚Spiroptera ornata Mehl. sp. n. Oes. Mehlis.
Ascaris conura Mehl. sp. n. Oes. Int. ten. Idem.
Distomum ovatum R.:Bursa Fabr. Siebold.
ad 241. Corvus Monedula.
Distomum ovatum R. Burs. Fabr, Siebold.
ad 242. Corvus Pica.
Taenia undulata R. Int. Schilling. Mehlis.
ad 244. Ooracias Garrulus.
Trichosomum (obtusum R.?) Int. ten. Mehlis.
Spiroptera truncata Cr. Inter tun. ‚ventr. Idem.
ad 249. Anthus arboreus,
Taenia platycephala R. Int. Mehlis.
253°. Alauda arborea.
Distomum macrurum R. Hepar. Mehlis.
ad 256. Sturnus'vulgaris.
Taenia dilatata Mehl. sp.ın, Int. Mehlis.
ad'266. Turdus pilaris.
Echinorrhynchus transversus R. Int. Mehlis.
ad 269. Turdus viscivorus.
Distomum ovatum R. Burs. Fabr. Siebold. PN \
ad 283. Fringilla coelebs.
Distomum ovatum R. Burs. Fabr. Creplin.
294b. Muscicapa (Phoenicornis) flammea.
Nematoidea (Ascarides?) Tela cell. subeutan,abdom. Sundevall.
(S. Isis, 1842, S. 531). f
295’. Muscicapa muscipeta.
Taenia (sp. n.?). Int. Schilling.
ad 298. Motacilla alba.
Filaria. Abdomen. Mehlis.
ad 299. Motacilla flava.
Filaria. Abdomen. Creplin..
304°. Malurus longicauda.
Endozoa quaedam elongata, filiformia, Cav. abd. Sundevall:
(S. Isis, a. a. O. S. 533).
' bei welchen Entozoei gefunden worden sind: 133
ad 305. Sylvia atricapilla.
Ascaris (?) Oystidicola Cr. sp. n.' In eystidibus. subeutaneis.
Sehilling.
ad 306. Sylvia cinerea.
Echinorrhynchus. Sub cute. Schilling.
ad 314. Sylvia phoenicura.
Fiaria, Abdom. Mus. anat. Gryph.
ad 326. Parus major.
Distomum ovatum R. Burs. Fabr. Siebold.
328?. Ampelis Garrulus.
Distomum (caudale R.?) Int. Mehlis.
329°. Cypselus affinis Gray. |
Cestoidea. Int. Sundevall.
(S. Isis, a. a. ©. S. 96).
ad 329. Cypselus apus.
Nematoideum. Int. vect. Creplin.
Distomum sp. n. Ves. fell. Siebold.
(S. dies Archiv, 1842, Bd. 2, 5.354).
Taenia depressa Sieb. Int. Siebold.
(S. Müll. Archiv, 1836, S. 51).
ad 334. Hirundo urbica.
Distomum ovatum R. Burs. Fabr. Siebold.
Distomum crassum Sieb. Int. Siebold.
(S. Dessen und Stannius’ Lehrb. d. vergl. Anat. Abth.1,
H. 1, S. 143, Anm.).
Taenia Mlnkradge Sieb. Int. Siebold.
(S. ebendas., S. 147, Anm. 25).
ad 337. Caprimulgus europaeus.
Nematoideum dub. Int. Laurer.
(S. Creplin, Nova obss. de Entoz., p.: 36).
342°. Columba Palumbus.
Taenia. Int. Schilling.
ad 348. Tetrao Urogallus.
Ascaris compar Schrank. Int. ten. Mehlis.
Taenia tumens Mehl. Int. ten. Idem,
ad 354. Phasianus colchieus.
Strongylus tenuis Mehl. sp. n. (?) Int, coee. Mehlis.
134 Creplin: Naohträge zu Gurlt’s Verzeichniss der Thiere,
ad 355. Phasianus Gallus.
Ascaris inflexa Z. In albumine ovi. Mus. zoo]. Gryph.
Ebenfalls im Weissen eines Eies vom Prediger Rimrod
in Quenstädt gefunden. (S. Riem’s physikal.-ökon.
Monats- u. Quartalschrift, 4ter Vierteljahrsband, S, 215).
Distomum dilatatum Miram, sp. n. Int. rect. et coec. pullo-
rum gallinac. Miram,
(S. Siebold in diesem Archiv, 1842, Bd. 2, S. 357, er
vermuthet, dass dies keine neue Art, sondern D. echi-
natum sei).
Distomum echinatum Z. Siebold.
(S. ebendas.).
Distomum ovatum R. Burs. Fabr. Siebold. Oviduet. Otto.
In Ovo Purkinje, Schilling, Siebold.
ad 358. Numida Meleagris.
Taenia. Int. Mehlis.
ad 359. Meleagris Gallopavo.
Ascaris vesicularis Froel. Int. coec. Creplin. Mehlis.
ad 360. Pavo cristatus.
Distomum cuneatum R. Oviduct. Gurlt.
ad 361. Otis Houbara.
Strongylus 2 (?). Pulm.
Nematoideum. Int.
(S. Isis, 1831, S. 407).
ad 362. Otis Tarda.
Strongylus tenuis Mehl. sp. n. (?) Int. coec. Mehlis.
Distomum ovatum R. Bursa Fabr. Otto.
} Meyer, Offenbachiensis.
ad 370. Ardea cinerea.
Fiaria (?). Cor. Barkow.
(S. Creplin, Obss. de Entoz., S. 84).
Distomum brachysomum Gr. Int. Creplin.
_ Bursicola Cr. Burs. Fabr. Idem.
ad 374. Ardea minuta.
Cystica dub. Tela cellulosa subeut. Mus. zool. Grypb.
ad 376. Ardea purpurea.
Filaria. Alessandrini.
(S. Isis, 1843, S. 530).
bei welchen Entozoen gefunden worden sind. 135
ad 378. Ardea stellaris.
Spiroptera triaenophora Mehl, (Dispharagus brevicaudatus
Dujard.) Proventr. Mehlis. Ventr. Creplin.
Ascaris microcephala R. Proventr. Creplin.
Holostomum patagiatum Cr. n. sp. Int. Idem.
(Ist von Rudolphi mit seinem Ampkistoma (.Larorum)
longicolle vermengt worden. Dujardin scheint beide
Würmer nicht gesehen zu haben).
Taenia. Int. Creplin.
ad 381. Grus cinerea.
‚Spiroptera (bieuspis R.?) Inter tun. ventr. Creplin.
Tetrameres haemochrous Cr. 2. GJand. proventr. Laurer.
Distomum ovatum R. Burs. Fabr. Creplin.
ad 382. Ciconia alba,
Distomum pictum Cr. Cloaca. Greplin.
(S. den Art. Distoma in der Ersch’- und Gruber’schen
Encyclopädie, S. 313 u. 316).
ad 383. Ciconia nigra.
‚Spiroptera rubella Mehl. sp. n. Inter tun. ventr, et in ventr,
Mehlis.
Tetrameres (haemochrous Cr.?). (Spiroptera inflata Mehl.),
Gland. proventr. Mehlis.
Strongylus. Inter tun. ventr. Mehlis.
386’. Limosa Meyeri.
Nematoideum. Inter tun. ventr. Creplin.
Taenia (Filum Goeze?). Int. Idem,
ad 388. Scolopax Gallinago.
Taenia Filum Gze. Int. Schilling.
ad 390. Scolopax Rusticula.
Distomum ovatum R. Burs. Fabr. Mehlis.
ad 393. Numenius Arquata.
Ascaris (?). In eystidibus inter tun. intest. aut ad intest.
Laurer.
Distomum ovatum R. Burs. Fabr. Creplin.
Taenia (variabilis R.?). Int. Schilling. Creplin.
ad 396. Totanus Calidris.
Schistocephalus dimorphus Cr. (statu nondum evoluto). Int.
Creplin.
136 Creplin: Nachträge zu Gurlt’s Verzeichniss der Thiere,
398°. Totanus hypoleueus.
Spiroptera obvelata Gr. Des. Schilling.
„ad 400. Tringa alpina.
Trichosomum. Int. Creplin.
‚Spiroptera coronata Mehl. sp. n. Inter tun. ventr. Mehlis.
Taenia‘sp. d. n. Int, ten. Idem,
ad'406. Tringa pugnax.
Spiroptera Talpa Cr. n. sp. 2. Inter tun. ventr. Laurer.
x 407°. Calidris arenaria.
Distomum leptosomum Gr. Int. Mehlis.
Taenia amphitricha R. Mehlis.
— . ‚(demniscis unimarginalibus secundis). Burmeister.
ad 408. Vanellus ceristatus.
Trichosomum obtusiusculum R. Inter tun. ventr. Mehlis.
Distomum ovatum R. Burs. Fabr. Oreplin.
408°. Vanellus melanogaster.
‚Spiroptera bicuspis R. Inter tun. ventr. Mehlis.
Taenia. Int. Idem.
ad 404. Strepsilas collaris. (Tringa Interpres).
Echinorrhynchi sp. n. Int. Schilling.
Taenia rectirostris Cr. .n. sp. Int. Idem. Creplin.
ad 409. ER er cantianus,
Spiroptera armata Gr. sp. n. 2. Inter tun. ventr. Cre plin,
Echinorrhynchus Lancea Wa Int. ten. Mehlis.
_ Zineatus Gr. sp. n. Int. Creplin.
Taenia vaginata R. Int. ten. Idem.
ad 411. Charadrius Hiaticula.
Trichosomum contortum Cr. Oes. et Proventr. Creplin.
_ Inter tun. ventr. Mehlis.
Spiroptera aculeata Cr. Oes. vel Proventr. Crepl, Mehlis.
Distomum brachysomum Cr. Int. coec. Creplin.
ad 412. Charadrius minor.
Echinorrhynchus inflatus Gr. Int. Mehlis.
ad 413. Oharadrius Morinellus.
Taenia. Int. Schilling.
ad 414. Charadrius pluvialis,
Trichosomum. Int. Mehlis.
Tetrameres (haemochrous Gr.?) (Spiropt. inflata Mehl.) Gland.
proventr. Mehlis.,
Pe.
.''bei welchen Entozoen gefunden worden sind. 137
Taenia. Mehlis.
ad 4148. Recurvirostra Avocetta.
Trichosomum contortum Cr. Oes. Creplin.
Taenia (rostellata armataque). Mus. zool. Gryph.
ad 419. Haematopus Ostralegus.
Trichosomum. Inter tun. ventr. Creplin. Mehlis.
‚Spiroptera 2 (?). Oes. vel Tun. ventrie. Creplin.
Taenia (sp. n.?). Int. Schilling.
ad 421. Fulica atra.
Strongylus nodularis R. Var. Inter tun. ventr. Mehl. Crepl.
_ Siebold.
(S. Burdach’s Physiologie, 2te Aufl. Bd. 2. S. 209).
Monostomum gibbum Mehl. n. sp. Int. coec. Mehlis.
‚Schistocephalus dimorphus Cr. (statu non evoluto). Int. Crepl.
ad 422. Gallinula chloropus.
Strongylus nodularis R. Var. (?). Inter tun. ventr. Mehlis.,
Monostomum gibbum Mehl. Int. coec. Idem.
Distomum (armatum). Int. vect. Idem.
= ovatum BR. Burs. Fabr. Siebold.
ad 424. Rallus aquaticus.
Echinorrhynchus. Int, Mehlis.
ad 425. Rallus Porzana.
Distomum ovatum R. Burs. Fabr. Siebold.
Oystica dub. Sub eute. Dr. v. Hagenow.
ad 428. Crex pratensis.
Distomum ovatum R. Burs. Fabr. Siebold.
429°, Sterna arctica.
Spiroptera (olwelata Cr.?). Oes. Mehlis.
Bothriocephalus. Int. Idem.
Schistocephalus dimorphus Or. (statu evoluto). Int. Idem.
429°. Sterna caspia.
Ligula sparsa R. Int. Creplin.
ad 433, Sterna macrura.
Holostomum pileatum Duj. Int. Creplin.
ad 434. Sterna minuta.
Schistocephalus dimorphus Or. (statu utroque). Int. Mus.
zool. Gryph.
434". Sterna risoria.
Spiroptera obvelata Gr. Oes. Schilling.
138 Creplin: Nachträge zu Gurlt’s Verzeichniss der Thiere,
ad 436. Colymbus arcticus.
Trichosomum. Int. ten. Mehlis.
Spiroptera crassicauda Cr. Inter tun. ventr. Idem.
Ascaris‘ spiculigera R. Oes. Idem.
Monostomum nephriticum Mehl. sp. n. Renes. Idem.
436°. Colymbus atrigularis.
Ascaris spieuligera R. Fauces. Schilling.
ad 437. Colymbus auritus.
Spiroptera g‘. Inter tun. ventr. Creplin.
ad 440. Colymbus cristatus,
Spiroptera hamata Cr. sp. n. ‘Inter tun. ventr. Crepl. Mehl.
Ascaris anuligera Cr. (Species memorata in meis Obss. noy.
de Entoz. p. 28. et hoc Arch., 1844, Vol. 1. p. 131, not.).
Int. Creplin.
Monostomum holostomoides Mehl. sp. n. Int. rect. Mehlis.
_ pingue Mehl. sp. n. Renes. Idem.
Holostomum coniferum Mehl. sp. n. Int. ten. Idem.
_ platycephalum Cr. Bursa Fabr. Creplin.
Distomum canaliculatum Mehl. sp. n. (Int. ten.?) Mehlis.
_ concavum Cr. Int. ten, Idem.
—_ intermedium Mehl. sp. n. (echinata). Int, Idem.
Bothriocephalus macrocephalus R. Int. Idem.
Taenia capillaris R. Int. ten. Idem,
ad 441. Colymbus minor.
Ascaris anuligera Cr. Int. Schilling.
Echinorrhynchus polymorphus Brems. Int. ten. Mehlis.
ad 442. Colymbus septentrionalis,
Trichosomum. Creplin.
Spiroptera adunca Cr. Ventr. (Proventr.? Int.?) Creplin.
Distomum sp. n. Ves. fell. Siebold.
(S. dies Arch., 1842. Bd. 2. S. 354).
Distomum xzanthosomum Cr, sp. n. Ves. fell. Creplin !).
Taenia capitellata R. Int. Mehlis.
1) Ich fand dies neue Distom, welches vielleicht einerlei Art
mit dem eben angeführten, von Siebold gefundenen, ist, am 3. Jan.
1839 und stellte es unter obigen Namen zur Helminthen - Sammlung
des hiesigen zoologischen Museums. Cr.
bei welchen Entozoen gefunden worden sind, 139
ad 443. Colymbus suberistatus.
Ascaris anuligera Cr. Int. Creplin.
Holostomum coniferum Mehl. Int. ten. Mehlis.
Distomum intermedium Mehl. Int, Idem.
_ ovatum R. Burs. Fabr. Idem.
Ligula simplieissima R. Int. Creplin.
Bothriocephalus. Duod. Mehlis.
Taenia abbreviata Mehl. sp. n. (rostellata). Idem.
— aspera Mehl. Int. Idem. Creplin. (Haec species,
Colymbo subcristato, quantum hucusque expertus sum, pror-
sus peculiaris, a Rudolphi [Synops. p. 145 et 488—9]
confusa est cum T. lanceolata G@ze. Vid. Mehlis, Isis,
1831. p. 196).
445°. Larus argentatoides.
Spiroptera obvelata Cr. Oes. Schilling.
Holostomum spathaceum Dujard. (Distoma R.) Int. Idem.
445”. Larus argentatus.
‚Spiroptera adunca Gr. Oes. Inter tun. ventr. Mehlis. Inter
tun. ventr. Creplin.
Monostomum (vel Distomum?) dub. Int. Mehlis.
Holostomum platycephalum Gr. Burs. Fabr. Crepl. Schill.
u variegatum Cr. Int. Schilling.
Distomum elongatum Mehl. Int. Mehlis.
(S. Isis, 1831. p. 177).
_ Lingua Gr. Int. Idem.
Bothriocephalus ditremus Cr. Int. ten. Creplin.
Taenia ciliata Mehl. sp. n. Int. ten. Mehlis.
— porosa R. Int. ten. Idem.
ad 446. Larus canus.
Triehosomum contortum Cr. Oes. Creplin.
Spiroptera adunca Cr. Oes. Inter tun. ventr. Mehlis. Inter
tun. ventr. Creplin.
Spiroptera obvelata Gr. Oes. Idem.
Nematoideum dub. Inter tun. ventr. CGreplin.
Holostomum platycephalum Cr. Burs. Fabr. Siebold.
_ spathaceum Duj. Int. Greplin.
Distomum ovatum R. Burs. Fabr. Idem.
Bothriocephalus cylindraceus R. Int. Mehlis.
Tuenia eiliata Mehl. Int. ten. Idem.
140 Creplin: Nachträge zu Gurlt’s Verzeichniss der Thiere,
Taenia porosa R. Int. ten. Idem. Creplin. Schilling.
ad 449. Larus fuscus.
Spiroptera adunca Cr. Inter tun. ventr. Greplin.
_ obvelata Cr. Oes. Idem.
Strongylus. Cell. infraorb. Siebold.
(S. dies Archiv, 1837. Bd. 1. S. 68).
Nematoideum dub. Inter tun. ventr. Creplin.
Holostomum platycephalum Cr. Burs. Fabr, Schill. Sieb.
ad 451. Larus marimus.
Spiroptera adunca Cr. Oes. Inter tun. ventr. Mehlis. Oes.
Mus. anat. Gryph.
Spiroptera obvelata Cr. Oes. Idem Museum.
Holostomum spathaceum Duj. Int. Schilling.
—_ variegatum Gr. Int. Idem. (Non in L. maximo.)
Distomum elongatum Mehl. Int. Mehlis. Creplin.
Bothriocephalus cylindraceus R. Int. Mehlis.
Taenia porosa R. Int. Schilling.
ad 452. Larus maximus Brehm.
Echinorrhynchus globicollis Cr. Int. Schilling. (Non in L.
marino Br. ')
ad 453. Larus medius,
Spiroptera adunca Cr. Ventr. Schilling.
ad 456. Larus ridibundus.
Spiroptera obvelata Cr. Proventr. ‘Schilling.
Strongylus. Cav. nasi. Idem.
(S. Creplin, Novae Obss. de Entoz. p. 36 und Sie-
bold, dies Arch., 1837. Bd. 1. S. 68).
Holostomum platycephalum Gr. Bursa Fabr. Creplin.
Distomum elongatum Mehl. Int. Idem.
Ligula sparsa R. Int. Schilling.
ad 457. Larus tridactylus.
Ascaris sp. n. Ventr, Mehlis.
Holostomum spathaceum Duj. Duod. Idem.
Bothriocephalus cylindraceus R. Int. Idem.
ad 459. Lestris parasitica.
Holostomum dub. Burs. Fabr. Mehlis.
!) Wenn dieser von L. maximus Br. wirklich der Art nach ver-
schieden ist. Cr.
bei welehen Entozoen gefunden worden sind. 141
... 459". ‚Lestris pomarina.
Holostomum platycephalum Cr. Burs. Fabr. Schilling.
ad 462. Halieus Carbo.
Holostomum platycephalum Cv. Burs. Fabr. Siebold.
Distomum complicatum Mehl. sp. n. Ves. fell. Mehlis.
463°. Halieus Graculus.
Ascaris spieuligera R. Oes. Mehlis.
Echinorrhynchus Hystrix Leuck. Int. Idem.
" Distomum spinulosum R. Int. Idem.
467°. Plotus melanogaster.
Endoz0a quaedam singularia. Oes. Sundevall.
(S. Isis, 1842. S. 794),
ad 468. Anas acuta.
Echinorrhynchus polymorphus Brems. Int. Mus. zool, Gryph.
468b. Anas Bernicla.
Monostomum alveatum Mehl. sp. n. Int. ten. Mehlis.
- verrucosum Z. Int. coec. Idem.
ad 469. Anas Boscas domestica.
Distomum oxycephalum R. Int. Mehlis.
Taenia laevis Bl. Int. Creplin.
— trilineata B]. Int. Mehlis.
ad 470. Anas Boscas fera,
Distomum spinulosum R. (?) Int. ten. Creplin.
ad 472. Anas Clangula.
Strongylus nodularis R. Inter tun. ventr. Mehlis. Creplin.
Ascaris spieuligera R. Int. Mus. zool. Gryph. ex Mus,
zool. Holmiensi.
Monostomum attenuatum R. Int. coec. Mehlis.
Holostomum gracile Mehl. Int. ten. Idem.
Distomum. concavum Gr, Int. Creplin.
_ echinatum L. Int, Mehlis.
_ ovatum R. Bursa Fabr. Creplin.
_ ozyurum Gr. Int. Mehlis. Mus. anat, Gryph.
Taenia aequabilis R. (?) Int. Creplin,
ad 475. Anas ferina, t
Spiroptera dub. Inter tun. ventr. Creplin.
Monostomum attenuatum BR. Int. coec. Mehlis.
Distomum echinatum 7. Int. coec. Creplin.,
E= ovatum R. Burs. Fabr. Idem.
142 Creplin: Nachträge zu Gurlt’s Verzeichniss der Thiere,
Distomum ozxycephalum R. Int. Mehlis. Int. ten. Creplin.
Taenia laevis Bl. Int. Creplin.
— trilineata B]. Int. Mehlis.
ad 476. Anas Fuligula.
Monostomum attenuatum R. Int. coec. Mehlis.
Distomum echinatum Z. Int. Idem.
_ oxyurum Cr. Int. Idem. Schilling.
Tuenia Malleus Gze. Int. Mehlis.
— megalops Nitzsch. Int. Schilling.
— sinuosa R. Int. ten. Mehlis.
— Trilineata B]. Int. Idem.
ad 477. Anas fusca.
Trichosomum brevicolle R. Int. coec. Mehlis. e
Spiroptera crassicauda Cr. Inter tun. ventr. Idem.
Strongylus nodularis R. Inter tun, ventr. Idem. Creplin.
Nematoidea dub. Cav. Nasi. Dr. v. Hagenow. (Seryantur
Berolini in colleetione Rudolphiana).
Monostomum alveatum ‚Mehl. Int. ten. Mehlis. Creplin.
_ attenuatum R. Int. coec, Mehlis.
Holostomum erraticum Duj. Int. ten. Creplin,
_ gracile Mehl. Int. ten. Mehlis.
Distomum concavum Gr, Int. Schilling.
_ constrictum Mehl. sp. n. Int. Mehlis.
— _ piriforme Cr. Int. Schilling.
Taenia microsoma Cr. Int. Idem.
— _ tenuirostris R. Int. Mehlis.
ad 478. Anas glacialis.
Tetrameres haemochrous Cr. Gland. proventr. Creplin.
Echinorrhynchus polymorphus Brems. Int. Greplin. Schill.
Monostomum alveatum Mehl. Int. Schilling.
£ —_ attenuatum R. Int. coee. Mehlis. Creplin.
Distomum brachysomum Cr. Int. eoec. Creplin.
— concavum Cr. Int. Schilling. _
_ Globulus R. Int. ten. Greplin.
_ ovatum R. Burs. Fabr. Idem.
u oxyurum Cr. Int. Schilling.
— piriforme Cr. Int. ten. Creplin.
Taenia Malleus & ze. Int. Idem,
-
bei welchen Entozoen gefunden worden sind. 143
ad 486. Anas leucophtlialma Bechst. (An. Ny-
raca et africana Gmel.).
Taenia megalops Nitzsch. Int. rect. Mehlis.
— sp. n. (T. lanceolatae af.) Int. ten. Idem. !)
ad 482. Anas Marila,
Strongylus nodularis R. Inter tun. ventr. Mehlis.
Monostomum alveatum Mehl. Int. ten. Creplin. Laurer.
_ verrucosum Z. Int. coec. Creplin.
Distomum concavum Gr. Int. Schilling.
—_ echinatum Z. Int. Mehlis. Int. ten. Creplin.
_ Globulus R. Int. ten. Creplin,
—— ovatum R. Burs. Fabr. Idem.
_ oxycephalum R. Int. Mehlis.
— spinulosum R. (?) Int. Creplin.
Taenia laevis B]. Int. ten. Idem.
— Malleus Gze. Int. ten. Idem.
— megalops Nitzsch. Int. rect. Idem.
— tenuirostris R. Int. Mehlis.
ad 484. Anas mollissima.
Trichosomum. Int. Creplin.
Monostomum alveatum Mehl. Int. ten. Idem. Schilling.
(Int. ten.?).
Monostomum verrucosum Z. Int. Mehlis.
Distomum_ constriectum Mehl. Int. Idem.
Taenia Malleus Gze. Int. Idem.
— mierosoma Cr. Int. Schilling.
— tenuirostris R. Int. Mehlis.
485°. Anas nigra.
Strongylus nodularis R. Inter tun. ventr. Mehlis. a
Distomum constrictum Mehl. Int. Mehlis.
= ozyurum Cr. Int. Schilling.
Taenia mierosoma Cr. Int. Idem. Laurer.
ad 487. Anas Penelope.
Strongylus nodularis R.
Monostomum alveatum Mehl. Int. Schilling.
») Siebold führt (in seinem und Stannius’ Lehrb. der vergl.
Anat. S. 147. Anm. 26) ebenfalls eine neue Taenia aus dieser Ente
an, welche er T. bifaria nennt,
444 Creplin: Nachträge zu Gurlt's Verzeichniss der Thiere,
ad 488. Anas Querquedula.
Strongylus nodularis R. Inter tun. ventr. Mehlis.
Distomum spinulosum R. Int. Jdem.
_ dub. Idem.
ad 492. Anas Tadorna.
Trichosomum. Int. Creplin.
Spiroptera crassicauda Cr. Inter tun. ventr. Mehlis.
Echinorrhynchus polymorphus Brems. Int. Idem.
Monostomum attenuatum R. Int. coec. Idem.
Distomum echinatum Z. Int. eoee. Creplin.
—_ oxycephalum R. Int. coec. et rect. Idem.
_ oxyurum Cr. Int: Idem.
494%. Anser aegyptiacus.
Echinorrhynchus polymorphus Brems. ( ‚filicollis R.) Extus ad _
Int. Creplin,
ad 494. Anser albifrons.
Holostomum graceile Mehl. Int. ten. Mehlis.
Distomum oxycephalum R. Int. Idem.
Taenia fasciata Gze. Int. ten. Idem.
ad 495. Anser einereus.
Strongylus tenuis Mehl. sp. n. (?) Int. coec. Mehlis.
Monostomum attenuatum R. Int. coec. Crepl. (Ans. domest.)
Distomum oxycephalum R. Int. Mehlis.
ad 497. Anser leucopsis.
Strongylus nodularis BR. Inter tun. ventr, Creplin,
Ascaris dispar Schrank. Int. coec. Idem,
Taenia setigera Froel. Int. ten. Idem.
498%. Anser rufescens Brehm (Ans. segetum Var.?)
Taenia setigera Froel. Int. Creplin.
498°. Anser torquatus.
Trichosomum. Int. ten. Creplin.
ad 500. Cygnus musicus.
Monostomum alveatum Mehl. Int. Schilling. ‘Mus. anat.
Gryph.
Monostomum attenuatum R. Int. coee. Mehlis.
Distomum echinatum 2. Int. Bovermann (Stud. Med. Gryph.
anno 1835). '
Distomum ovatum R. Burs. Fabr. Greplin.
bei welchen Entozoen gefunden worden sind. 145
Taenia microscopica Miram, sp. n. Int. ten. Miram.
(Bull. de la soc. imp. des naturalistes de Moscou, 1840,
No. II, p. 160, nach Siebold in diesem Archiv, 1842,
Bd. 2, S.363). Wahrscheinlich keine neue Art, sondern
Junge-von Tuenia aequabilis.
ad 501. Cygnus Olor, ferus.
Distomum echinatum Z. Int. erass. Creplin.
ad 503. Mergus Merganser.
Trichosomum brevicolle R. Int. coec. Mehlis.
Spiroptera crassicauda Or. Inter tun. ventr. Creplin. Mehlis.
Ascaris spieuligera R. Oes. Mehlis. Oes. Ventr. Schilling.
Monostomum attenuatum R. Int. Mehlis.
Holostomum exiguum Mehl. sp. n. Int. ten. Idem.
Distomum concavum Gr. Int. Mehlis. Int. ten. Mus. anat.
Gryph.
Distomum Globulus R. Int. Creplin.
_ oxycephalum R. Int. Mehlis.
Ligula simplieissima R. Int. Schilling.
Taenia multistriata R. Int. ten. Creplin.
ad 504. Mergus Serrator.
‚Spiroptera crassicauda Cr. Ventr. Inter tun. ventr. Creplin.
Mus. änat. Gryph.
Spiroptera obvelata Cr. Oes. (aut inter tun. ventr.?) Creplin.
Tetrameres (haemochrous Cr.?) Gland. proventr. Mehlis.
Ascaris spieuligera R. Oes. Mehlis. Oes. Proventr. Ventr.
Schilling.
Monostomum attenuatum RB. Int. coec. Mehlis. Schilling.
Holostomum exiguum Mehl. Int. ten. Mehlis.
2 gracile Duj. Int. ten. Idem. PR LERE.
Distomum concavum Cr. Int. Mehlis.
_ Globulus R. Int. erass. Creplin.
_ sp. n. Ves., fell. Siebold.
(S. dies Arch., 1842, $. 354).
Ligula simplieissima R. Int. Schilling.
Taenia Malleus Gze. Int. Mehlis. Schilling.
ad 505. Alca Torda.
Spiroptera crassicauda Cr. (?) Inter tun. ventr. Oreplin.
_ obvelata Cr. Oes, Mus. anat. Gryph.
Strongylus tubifer Nitzsch. Proventr. Schilling.
Archiv 1. Naturgeschichte. XT1, Jahrg. 1. Bd, 10
446 Creplin: Nachträge zu Gurlt’s Verzeichniss der Thiere,
Ascaris spieuligera R. Ventr. Idem.
Holostomum variegatum Cr. Int. Idem.
Disiomum concavum Cr. Int..ten. Creplin.
2 Globulus R. Int. Idem.
ad 506. Uria Grylle.
Distomum ovatum R. Burs. Fabr. Siebold.
_ spinulosum R. Int. Mehlis.
‚Schistocephalus dimorphus Cr. evolutus. Int. Schilling.
Burmeister (1825 Gymnasta Sunden-
sis) speeimina a se reperta donavit Mu-
seo zool. Gryphiswaldensi.
ad 507. Uria Troile.
Ascaris spieuligera R. Oes. Proventr. Schilling.
Holostomum vwariegatum Cr. Int. ten. Creplin.
Ligula sp. dub. Int.
Taenia dub. Int.
ııt. AMPHIBIA.
ad 508. Chelonia Mydas.
Kuhl et van Hasselt. Prius ab hisce
viris repertum inter oes. et ventr.,
posterius in ventr.
(S. Isis, 1822, S. 13 — 14).
Monostomum pseudamphistomum Or. sp. n. Otto.
Amphistomum scleroporum Cr. Ventr. vel Int. Idem.
(S. dies Arch., 1844, Bd. 1, S. 112 — 115).
Polystomum Mydae Kuhl et van Hasselt, qui id repere-
runt in Cavo nasi.
(S. Isis, a. a. O.)
509°. Emys lutaria.
Cucullanus. Siebold.
(S. Burdach’s Physiologie, 2te Aufl., Bd. 2, S. 209).
511°. Testudo marginata.
Ascaris dactylura R. Coec. Col. Creplin.
— Jholoptera R. Int. erass. (Ventr.) Idem.
512°. Testudo....
Ascaris styligera Mehl. sp. n. Int. erass. Mehlis.
ad 523. Alligator selerops.
Asearis. Ventr. vel. Int. ten. Otto.
Monostomum rubrum
_ album
bei welchen Entozoen gefunden worden sind. 147
ad 525. Lacerta agilis.
Filaria (?). Cerebr. fetus. Rathke.
(S. dies Archiv, 1837, Bd. 1, S. 335 — 36).
Dithyridium Lacertae Valene. !). Cav. abdom. Gurlt.
ad 532. Lacerta viridis.
Dithyridium Lacertae Nalenc.
(S. Ann. d. sc. nat., 3&me serie, Zool., Tome 2, p. 218
bis 51; mit Abbild.)
ad 546. Boa speciei non indicatae.
‚Solenophorus.
(S. Hodgkin, Lectures on the morbid anatomy of the
serous and mucous membranes, Vol. 1, p. 201).
546°. Boa aut Python speciei incertae.
Filaria (?). Pulm.
Endozoon Polystomo simile visum. Pulm.
Thom. Bell. Hodgkin.
ad 548. Python Tigris.
Ascaris anura Dujard. ?) Int. Otto,
ad 549. Python sp. n.
Solenophorus grandis Cr. (non Sol. megacephalus). Int. Otto.
ad 555. Coluber Natrix.
Strongylus. Int. Creplin.
561°. Trigonocephalus spec. dub.
Distomum heteromorphum Cr. sp.n. Os. Otto.
ad 563. Vipera Berus.
Strongylus 2. Int. Creplin.
Echinorrhynchus oligacanthus R. (?) Int. Creplin.
576. Triton alpestris.
Ascaris trichura Mehl. sp. n. Int. Mehlis.
Distomum crassicolle R. Int. Idem.
(S. Hodgkin, a.a.
0., $. 209).
’) Ist in dem Verzeichnisse der Endozoen-Sammlung der Königl.
Thierarzneischule zu Berlin irrig als ein Monostomum dubium auf-
geführt worden. Cr.
?) Diese Ascaris ist — aus Python bivittatus — bereits von A.
Retzius nach ihrem äussern und innern Baue trefflich beschrieben
und abgebildet worden in den Kongl. Vet.-Acad, Handlingar för ar
1829, Stockh. 1830, p. 103 ff,, Tab. V, welches dem Herrn Dujardin
unbekannt geblieben ist, der sie aber zuerst systematisch benannt hat.
Cr.
10 *
148 Creplin: Nachträge zu Gurlt’s Verzeichniss der Thiere,
ad 578. Triton taeniatus.
Strongylus auricularis Z. Int. Creplin.
Ascaris contorta Mehl. sp. n. Int. ten. Mehlis.
— Ttrichura Mehl. Int. Idem.
Diplodiscus subelavatus Dies. Int. Creplin.
Distomum crassicolle R. Int. Mehlis.
ad 580. Salamandra maculosa.
‚Strongylus auricularis Z. Int. Mehlis.
Distomum glabrum Cr. Int. Creplin.
ad 584. Bufo variabilis.
Diplodiscus subelavatus Dies. Int. Creplin.
ad 585. Bufo vulgaris.
Distomum cygnoides Z. Ves. urin. Mehlis.
ad 588. Rana esculenta.
Acanthosoma Chrysalis Mayer. (Endozxoon problematicum).
Periton. Mayer.
(S. Müller’s Archiv, 1844, S. 409— 10, mit Abbild.)
ad 589. Rana temporaria.
Distomum cygnoides Z. Ves. urin. Mehlis. Creplin.
591». Rana....
Trematodum. Renes. Valentin.
(S. Valentin’s Repertorium, Jahrg. 1843, S.90, Anm.)
5922. Pipa dorsigera.
Ascaris. Ventr. Otto.
Nematoideum dub. Ventr. Idem.
(S. dies Archiv, 1844, Bd. 1, S. 122).
IV. PISCES.
595°. Petromyzon fluviatilis.
Vermiculi Diplostomis similes. Cerebr. Joh. Müller.
(Dessen Vergl. Neurologie d. Myxinoiden, S. 30, nach
Siebold, dies Arch., 1842, Bd. 2, S. 361).
ad 600. Raja Batis.
Nematoideum. Ventr. vel. Int. Otto.
(S. Creplin, dies Arch., 1844, Bd. 1, S. 123 — 26).
Bothriocephali sp, n. duae. Ventr. vel Int. Otto.
bei welchen Entozoen gefunden worden sind. 149
ad 601. Raja clavata.
Discophorus tenax Mehl. (Nematoideum non descriptum).
Ventr. Mehlis.
Bothriocephalus tumidulus R. Int. Idem.
ad 606. Raja Rubus Bl. (=R. clavata L. d’).
Ascaris. A. Retzius. j
ad 612. Squalus griseus.
Monostomum impudens Cr. sp. n. Int. Otto.
Distomum foliiforme Cr. sp. n. Idem.
Tetrarrhynchus tenuicollis R. Idem.
Bothriocephalus auriculatus R. Idem.
_ corollatus R. Int. Miescher.
(S. Bericht üb. d. Verhandl. d. naturf. Ges. in Basel, IV,
S. 38 £.).
ad 613. Squalus Mustelus.
Distomum megastomum R. Ventr. } Pe
Bothriocephalus ruficollis Eysenh. Int. cr. y £
(S. Diesen in den Verhandl, d. Ges. naturf. Fr. in Ber-
lin, Bd. 1, St. 3).
619°. Acipenser Gueldenstaedtii.
Tristomum elongatum Nitzsch. Branch. earumque arcus.
Creplin.
ad 625. Acipenser Sturio.
Ascaris. Schilling.
Nematoideum. Ves. nat. Creplin.
Echinorrhynchus sp. n. S‘. Int. cr. Idem.
ad 631. Muraena Anguilla.
Trichinae sp. (?). Muse. Bowman.
(S. Philos. Transact., 1840, T. 1, p. 480).
Echinorrhynchus dasyacanthus Mehl. sp. n. Int. Mehlis. (Est
tamen fortasse Ech. angustatus R.).
Echinorrhynchus tuberosus Z. Int. Creplin,
Distomum. Ventr. Mehlis.
642°. Ammodytes Tobianus.
Bothriocephalus (parvus). Int. Creplin.
ad 643. Gadus Aeglefinus.
Ligula sp. dub. Mehlis.
ad 646. Gadus Callarias.
Ascaris clavata R. Int. Ventr. Creplin,
150 Creplin: Nachträge zu Gurlt’s Verzeichniss der Thiere,
Ascaris sp. n. Int. Mehlis.
Nematoideum (Ascaris?) Cav. abdonı. inter app. pylor. Mus.
anat. Gryph.
Distomi sp. duae dubiae. Ventr. Mehlis.
ad 650. Gadus Lota.
Filuria bicolor Cr. Int. ten. Creplin.
Echinorrhynchus tuberosus Z. Int. Idem.
Diplostomum volvens Nord. Lens cryst. Idem.
ad 654. Gadus Merluceius.
Distomum varium Eysenh. !) Ventr. Eysenhardt.
(S. Diesen a. a. O.)
Endozoon. Muse. abdominal. Allman.
(S. Ann. of Nat. Hist., VI, 382, nach Loven’s Ärsbe-
rättelse om Zoologiens framsteg iaren 1840-42, p- 147).
ad 663. Pleuronectes Flesus.
Bothriocephalus (perparvus). Inter tun. ventr. Greplin.
ad 664. Pleuronectes Hippoglossus.
Tristomum hamatum Rathke. Superficies cutis. ©. Fr. Mül-
ler. (Zool. dan., Tab. 54, Fig. 1—4. Hirudo Hippoglossi).
H. Rathke. (Acta Leop. XX, 1, p. 238 sq.; mit Abbild.)
Octobothrium digitatum Rathke. (= 0. palmatum Leuck.)
Branch. Rathke. (S. Acta Leop. a. a. O., p. 242 sq.; m. Abb.)
ad 666. Pleuronectes Limanda.
Ascaris collaris R. Oes. Schilling.
Distomum. Int. Mehlis.
ad 669. Pleuronectes maximus.
Nematoideum. Perit. Hep. Creplin.
Echinorrhynchus angustatus R. Int. Idem.
— tuberosus Z. Int. vel. Ventr. Idem.
') Diese Species ist von dem genannten Beobachter aus den Ru-
dolphi’schen Species, Dist. appendiculatum, cuudiporum, grandiporum
und rwfo-viride gebildet worden. — Ich bemerke bei dieser Gelegen-
heit, dass das Dist. appendiculatum R. nach meinen Beobachtungen
seinen eigentlichen Sitz im Magen der Fische hat, aus welchem es
auch wohl _bisweilen in die Speiseröhre hinaufsteigt. Einmal nur
habe ich es — vielleicht — im Darme, und zwar beim Gasterosteus
aculeatus, gefunden, und einmal ein einziges Exemplar in der
Schwimmblase eines Störs, Cr.
bei welchen Entozoen gefunden worden sind. 151
ad 672. Pleuronectes Platessa.
Echinorrhynchus Proteus Westr. Int. Schilling. Creplin.
ad 674. Pleuronectes Solea.
Ascaris collaris R. Int. Mehlis.
Scolex polymorphus R. Int. Idem.
Tetrarrhynchus lingualis Cuv. Idem.
675°. Pleuronectes...
Echinorrhynchus tumidus Mehl. sp. n. Mehlis.
ad 677. Cycelopterus Lumpus.
Nematoideum (Filaria?). Periton. Creplin.
—_ Inter tun. ventr. Idem.
Bothriocephalus fragiis R. Laurer.
ad 679. Cobitis Barbatula.
Echinorrhynchus Proteus Westr. Mehlis.
Silurus Glanis.
Echinorrhynehns globulosus R. Int. Greplin.
ad 695. Salmo Eperlanus.
Filaria bicolor Cr. Oyst. periton. Creplin.
Cucullanus elegans Z. Int. Ideın.
Echinorrhynchus Proteus Westr. Int. rect. Idem.
ad 697. Salmo Fario.
Echinorrhynchus claviceps Z. Int. Mehlis.
_ tuberosus Z.(—E. elaviceps Z.?) Int. Creplin.
701°. Salmo oxyrrhynchus.
Cucullanus elegans Z. Int. Creplin.
Spiroptera Cystidicola R. Ves. nat. Idem.
Ascaris obtusocaudata Z. Int. vel. App. pyl. Ventr. Idem.
Echinorrhynchus angustatus R. Int. Creplin.
ad 704. Salmo Salar.
Qucullanus elegans 7. Int. CGreplin.
ad 708. Salmo Thymallus.
Ascaris dentata Z. Int. Kölliker.
(S. Müll. Arch., 1843, S. 69).
710%. Salmo Umbla. i
Bothriocephalus (sp. n.?) Duod. Kölliker.
(S. ebenda, S. 91).
711°. Esox Belone.
Filaria Capsularia R. Perit. Greplin.
Nematoideum. VPerit. Idem.
152 Creplin: Nachträge zu Gurlt’s Verzeichniss der Thiere,
Echinorrhynchus Proteus W e&tr. Int. Idem.
— tuberosus Z. Int. Idem.
Tetrarrhynchus (sp. n.? T. attenuato R. afl.). Mus. zool,
Gryph.
Tetrarrhynchus minimus cystieus. Abdom. Ad viscera. Steen-
strup. (S. Dessen Schrift ü. d. Generationswechsel, S. 114,
Anm.). Sub eute. Creplin.
ad 711°. Esox Lucius.
Echinorrhynchus tuberosus Z. Int. Creplin.
715’. Clupea Finta.
bothriocephalus fragilis R. App. ‚pyl. Int. Creplin.
ad 716. Clupea Harengus.
Ascaris gracilescens R. Int. Creplin.
ad 719. Cyprinus Alburnus.
Distomum globiporum R. Int. Creplin.
Taenia torulosa Batsch. Ventr. Idem.
ad 721. Cyprinus Aspius.
Taenia torulosa Batsch. Int. Creplin.'
ad 723. Cyprinus Balerus.
Distomum globiporum R. Int. Creplin.
ad 724. Cyprinus Barbus.
Distomum globiporum R. Siebold.
(S. dies Arch., 1836, Bd. 1, S. 218).
Ligula simplieissima RB. Abdom. Mehlis.
ad 725. Cyprinus Blicca,
Echinorrhynchus Proteus Westr. Int, Creplin.
Distomum globiporum R. Int. Idem,
Diplozoon paradoxum Nordm. Branch. Vogt.
(S. Müll. Arch., 1841, S. 33).
726’. Cyprinus Buggenhagii.
Echinorrhynchus angustatus R. Int. Creplin.
_ globulosus R. Int. Idem.
ad 727. Cyprinus Carassius.
Ligula digramma Or. ‘) Abdomen. Mus. zool. Gryph.
!) Nach meinen Erfahrungen kommt in der Karausche nur diese
Ligula vor, und ich zweifle nicht, dass es dieselbe Art war, welche
Pallas (s. Neue Nord. Beitr., I, 1, S. 100) in diesem Fische gefun-
den hatte und Rudolphi in seiner Entoz. Hist. nat., II, 2, p. 22
bei welchen Entozoen gefunden worden sind, 153
(S. den Art. Eingeweidewürmer in der Ersch’- und Gru-
ber’schen Encyel., S. 296).
ad 729. Cyprinus cultratus.
Distomum (sp. n.?) Int. Creplin.
ad 730. Cyprinus Dobula.
Filaria ovata Z. Abdom. Mebhlis.
Distomum globiporum R. Ventr. Otto. Siebold (Int.?).
(S. den Letztern in diesem Arch., 1826, Bd. 1, S. 218).
ad 731. Cyprinus erythrophthalmus.
Diplozoon paradoxum Nordm. Branch. Creplin.
ad 733. Cyprinus Gobio.
Diplozoon (paradoxum Nordm.?). Branch. Vogt.
(S. Vogt, a.a. O.)
ad 736. Cyprinus Jeses.
Nematoideum (Int.?) Creplin.
Echinorrhynchus angustatus R. Int. Idem.
Distomnm globiporum R. Int, Idem.
ad 737. Cyprinus Leuciscus.
Diplozoon (paradocum Nordm.?). Branch. Vogt.
(S. Vogt, a. a. ©.)
ad 740. Cyprinus Phoxinus.
Distomum globiporum R. Int. Mehlis.
ad 741. Cyprinus rutilus.
Echinorrhynchus tuberosus Z. Int. Creplin.
Distomum globiporum R. Int. Idem.
Diplostomum volvens Nordm. Lens eryst. Idem.
ad 742. Cyprinus Tinca.
Echinorrhynchus angustatus R. Int. Creplin.
Lig. constringens nannte. Rudolphi verschmolz diese Species nach-
her in der Synopsis Entoz. mit L. simplicissima, obgleich in Pal-
las’ Beschreibung von der diese charakterisirenden einfachen Längs-
furche zu beiden Seiten des Körpers keine Rede ist, sondern nur
viele unregelmässige dergl. erwähnt werden. Es geht aus der ganzen
Beschreibung hervor, dass Pallas ein ziemlich zusammengezogenes
Exemplar vor sich hatte, und in diesem waren durch Runzelung zu
den beiden regelmässigen Längsfurchen sicher die übrigen abnormen
hinzu entstanden. — Eine ganz zweifelhafte Species ist die Lig. Pe-
tromyzontis branchialis, welches ich bei dieser Gelegenheit mit an-
zuführen mir erlaube. Cr.
154 Creplin: Naächträge zu Gurlt’'s Verzeichnis der Thiere,
ad 743. Cyprinus Vimba.
Holostomum Cuticola Nordm. Cutis. Creplin.
Distomum globiporum R. Int. Idem.
Caryophyliaeus mutabilis R. Int. Idem.
ad 748. Lepidopus Peronii.
Nematoideum. Otto.
(S. Creplin, dies Arch., 1844, Bd. 1, S. 127 fi.)
Echinorrhynchus vasculosus R. Idem,
Gymnorrhynchus ‘) reptans R. Idem.
ad 759. Gobius Jozzo.
Echinorrhynchus Proteus Westr. Int. Creplin.
762°, Gallionymus Lyra.
Iscaris magnivalvis Gr. sp. n. Int. Mus. zool. Holm.
762°. Cottus cataphractus.
Ascaris sp. dub. Mesent. Mehlis.
Scolex polymorphus R. Int. Idem.
ad 763. Cottus Gobio.
Ascaris. Int. Schilling (?).
Nematoideum (Filaria?). Perit. Idem (?).
Distomum longicolle Sieb. ?) Ves. urin. Siebold.
(S. Dessen u. Stannius’ Lehrb, d. vergl. Anat., Abth. 1,
H. 1, S.142, Anm. 3).
ad 764. Cottus Scorpius.
Ascaris. Mesent. Mehlis.
— sp. n.? Int. Creplin.
Nematoideum. Hepar. Idem.
ad 771. Trigla (Gurnardus?).
Ascaris. Mesent. Mehlis.
Tetrarrhynchus lingualis Cuv. Idem.
ad 775. Gasterosteus aculeatus.
Filaria bicolor Cr. Cyst. periton. Creplin.
Cucullanus elegans Z. Int. Idem.
Ascaris. Ren., Perit ad hep. Idem.
») Ueber diese nicht ferner beizubehaltende Gattung, s. meine
Bemerkung unten beim Gymnorrh. horridus Goods.
2) Mit dem Beiworte /ongicolle habe ich in meinen Observa-
tiones de Entoz. (1825), p- 57, das bei Perca cernua und P. fluviatilis
in Bälgen vorkommende Distom bezeichnet. Cr.
bei welchen Entozoen gefunden worden sind. 155
Echinorrhynchus tuberosus Z. Int. Idem.
Gyrodactylus elegans Nordm. In superficie cutis, Idem.
(S. meinen Aufsatz über Axine Belones Abildg. in
Froriep’s Neuen Notizen, Bd.7, No. 6).
ad 777. Gasterosteus pungitius.
Echinorrlumchus tuberosus Z. Int. Creplin.
Triaenophorus nodulosus R. Hep. (Non Intest.) Idem.
Taenia filicollis R. Int. Idem.
ad 782. Sparus erythrinus.
Polyporus Chamaeleen Grube. nov. gen. ac sp. Branch.
Grube.
(S. Dessen Actinien, Echinod. u. Würm. ete., S. 49 f.;
mit Abbild.)
ad 787. Sparus Raji.
Monostomum tenuicolle R. Otto.
ad 809. Perca cernua.
Filaria bicolor Cr. Cyst. perit. Creplin.
Echinorrhynchus globulosus R. Int. Idem.
Triaenophorus nodulosus R. Int. Idem.
ad 811. Perca fluviatilis.
Filaria bicolor Cr. Cyst. perit. Oreplin.
Echinorrhynchus tuberosus Z. Int. Idem.
Distomum longicolle Gr. Cyst. ad hepar. Olfers.
(S. J. Fr. M. de Olfers, De veget. et anim. corp. in
corp. anim,. reperiundis comm., p. 44, obs. 2).
ad 813. Perca Luciperca.
Ancyrocephalus paradoxus Cr. Branch. Creplin.
(S. den Art. Eingeweidewürmer a. a. O., S. 292, und
vergl. Siebold, welcher den Wurm auch, und zwar
etwas früher, als ich, an den Kiemen des Zanders ge-
funden hat, in diesem Arch., 1841, Bd. 2, S. 299).
816". Mullus auratus Risso.
Distoma pachysoma Eys. Int. ten. Eysenhardt,
(S. Diesen, a. a. O.)
ad 822. Zeus Faber.
Tetrarrhynchus. (Gymnorrhynchus ') horridus Goods.) Cyst.
in hepate et ad hepar. Goodsir.
’) Die Gattung Gymnorrhynchus ist, weil-sie nur dem Irrthume
156 Creplin: Nachträge zu Gurlt’s Verzeichniss der Thiere,
(S. Fror. N. Not., Bd. 20, N. 11; m. Abb.)
ad 823. Lampris guttata.
Hexacotyle (Polystomum) sp. n. Branch. Sars.
(S. Ann. d. sc. nat., T. VII, 1837, S. 247).
ad 835. Scomber Scombrus.
Filaria papilligera Gr. sp. n. (Fil. CapsulariaeR. afl.) Abdom.
Otto. Periton. Schilling.
Anthocephalus. Desir.
(S. Rayer, Arch. de med. comp., livrais 4/5).
836°. Proctostegus Prototypus Nardo (e fam.
Scombroidum).
Distoma Gigas Nardo. Ventr. Nardo.
— Raynerium Nardo. Int. Idem.
(S. Isis, 1833, S. 523 — 24).
V. CRUSTACEA.
845°. Crangon septemcarinata.
Filaria. Sub seuto dorsuali. Kröyer.
(S. Dessen Naturhist. Tidsskr., Bd. 4, S. 269).
845°. Carcinus Maenas.
Peltogaster Carcini Rathke. sp. n. Ad abdomen. H. Rathke.
(S. Acta Leop., XX, 1, p. 247—49; m. Abb.) j
vI. ARACHNIDA.
ad 852. Phalangium Opilio.
Distomum Cystidicola Cr. sp. n. Creplin.
Rudolphi’s, dass die Rüssel bei ihr unbewaffnet mit Haken oder
Stacheln seien, ihre Gründung verdankt, ganz zu streichen und die
zu ihr gerechneten Arten werden füglich denen der Gattung Teirar-
rhynchus angereiht. Cr.
bei welchen Entozoen gefunden worden sind. 157
vIi. ENSECTA.
1. Coleoptera.
857°. Carabus clathratus.
Filaria. Ventr. Schiödte.
(S. Siebold in diesem Arch., 1843, Bd. 2, S. 315).
865°. Galosoma sericeum,
Filaria. Ventr. Schiödte.
(S. Siebold, ebenda).
ad 875. Acilius sulcatus.
Endozoon dub. Sub tun. musculosa ingluviei. Schiödte.
(S. Sieb. das.)
879%. Aphodius conspurcatus.
Anguillina monilis Hamm. Int. ten. Hammerschmidt.
879°. Aphodius fimetarius.
Filaria (?) rigida Sieb. Cav. abdom. Siebold.
(S. Müll. Arch., 1836, S. 33).
889°. Melolonthae aprilinae Larva.
Ozxyuris Leuckarti Hamm. Int. coec. Hammerschmidt.
889°. Melolonthae Fullonis Larva.
Oxyuris gracilis Hamm. Int. coec. Hammerschmidt.,
890°. Trichius hemipterus.
Filarina vitrea Hamm. Int. ten. Hammerschmidt.
890°. Cetoniae marmoratae Larva.
Oxyuris depressa Hamm. Int. coec. Hammerschmidt.
(Die von Hammerschmidt in Insecten gefundenen Ein-
geweidewürmer sind in der Isis, 1838, S. 352—58, be-
schrieben und auf einer beigefügten Tafel abgebildet.
Die gregarinenartigen Gebilde, von denen er dort eben-
falls Beschreibungen und Zeichnungen liefert, und die
er, wie Siebold die Gregarinen, als Eingeweidewür-
mer betrachtet, kann ich nicht als Thiere anerkennen,
und führe sie deshalb hier so wenig, als überhaupt die
Gregarinen, in diesem Verzeichnisse auf. Cr.)
8904, Opatrum sabulosum.
Endozoon Caryopliyllaeo simile. Ventr. Schiödte.
(S. Kröyer’s Naturhist. Tidskr., Bd. 4, $. 208 — 9).
158 Creplin; Nachträge zu Gurlt’s Verzeichniss der Thiere,
2%. Hymenoptera.
ad 896. Bombus hortorum et terrestris.
Sphaerularia Bombi L. Duf. Abdom. Leon Dufour.
(S. Ann. d. sc. nat., 2de serie, Zool., T. VII, p. 9, Pl. 1,
A, Fig. 3).
896°. Bombus muscorum, silvarum et ter-
rester.
Sphaerularia Bombi L. Duf. 2 Cav. corp. Siebold.
(S. dies Arch., 1838, Bd. 1, S. 305, Bd. 2, S. 297).
3. Orthoptera.
ad 899. Blatta orientalis.
Oxyuris Diesingüi Hamm. Int. ten. Hammerschmidt.
Ascaris. Int. Siebold.
(S. Dessen Beiträge z. Naturgesch. d. wirbellosen Thiere,
S. 69).
904. Gryllotalpa vulgaris.
Oxyuris (?) Gryllotalpae L. Duf. Ventr. Leon Dufour.
(S. Ann. d. sc. nat. a. a. O.; Abb. Pl.1, A, Fig. 2).
4. Lepidoptera.
943b. Noctuae (?) Larva.
Filaria acuminata R. Abdom. Mehlis.
vied. MOLLUSCA.
1. Cephalopoda.
956°. Loligo Sepiola.
Monostomum Sepiolae D. Ch. Delle Chiaje.
(S. Isis, 1843, S. 478).
957®. Loligines. k
Monostomum, Amphistomum, Polystomum. Delle Chiaje.
(S. Isis, 1843, S. 479).
2. Gasteropoda.
ad 962. Succinea amphibia.
Filaria? Gordius? Cav. corp. Siebold.
(S. dies Arch., 1837, Bd. 2, $. 255).
bei welchen Entozoen gefunden worden sind, 159
965’. Planorbis marginatus.
Distomum Ovum Cr. sp. n. Creplin.
965°. Planorbis...
Distomum cysticum. Sub cute in regione ovarii. Henle.
(S. Müll. Arch., 1835, S. 597, Anm.)
ad 967. Limnaeus stagnalis,
“ Filaria (?). Baer.
967°. Paludina impura.
Filaria (?). ‚Baer.
968’. Firola carinata.
Distomum. Costa.
(S. Ann. dell’ Accad. degli aspiranti naturalisti di Napoli,
eit. in Guerin’s Revue, p. 1842, 199, nach Loven
a. a. 0. 8.137).
: 3 Acephala.
971». Anodonta aut Unio.
Filaria (?). Baer.
IX. ANNULA'TA.
972°. Lumbriconais marina Oerst.
Endozoa dub. Int. A. S. Oersted.
(S. Kröy. Naturh. Tidsskr., Bd. 4, S. 133; m. Abb.)
972°. Lumbricus rubellus Hofnstr.
Nematoideum. Vas sanguif. Fr. Müller, qui specimina duo \
a se d. 14. mens. Apr. 1845 Erfordiae reperta donavit
Museo zool. Gryph.
972°. Nephelis vulgaris.
Distomum cysticum. Cav. corp. Henle.
(S. Müll. Arch., 1835, S. 598, Anm.)
9724, Olepsine complanata.
Heptostomum Hirudinum Schomb, Fr. Müller. Schom-
‚ burgk.
(S. Fror. N. Not., Bd. 30, No. 9 !).
i ’) Nach mündlicher, vom Herrn Dr. Müller mir gemachter,
Mittheilung ist der Wurm im März 1844 von ihm entdeckt worden.
Cr.
160 Creplin: Nachträge zu Gurlt’s Verzeichniss der Thiere etc.
X. ZOOPHYTA.
973. Holothuriae sp.
Taenia echinorrhyncha D. Ch. Delle Chiaje.
(S. Isis, 1832, S. 557).
» 974. Cydippes sp.
Tetrastoma Playfairü Forbes et Goodsir. (— Scolex Aca-
lepharum Sars?) Ventr. Forbes.
(S. dies Arch., 1842, Bd. 3, S. 340).
975. Mnemia norvegica Sars.
Scolex Acalepharum Ss. Ventr. Sars.
(S. Das. 1845, Bd. 1, S.1—3; m. Abb.)
976. Bero& rufescens.
Distomum Beroes Will. Canal. aqu. Will.
(S. Das., 1844, Bd. 1, 5. 343—44; m. Abb.)
977. Velella spirans.
Distomum. Ventr. Philippi.
(S. Müll. Arch., 1843, S. 66— 67; m. Abb.)
978. Physophora tetrasticha Phil.
Distomum Physophorae Ph. Ventr. Philippi.
(S. ebenda, $. 63, 66; m. Abb.)
Bemerkung.
Die Angaben der in diesen Nachträgen als von Mehlis
gefunden aufgeführten Würmer habe ich, wenn nicht eine an-
dere Quelle genannt worden ist, einem Verzeichnisse vom
12. Oktober 1830, welches mir Mehlis von seiner Helmin-
thensammlung schickte, und einem Ersten Nachtrage zu dem-
selben, vom 31. Mai 1831, welches ich ihm ebenfalls ver-
danke, entnommen. Cr.
161
Beschreibungen neuer oder wenig bekannter
Anneliden.
Zweiter Beitrag: Corephorus elegans Gr., Ammochares
Ottonis Gr., Dasymallus caducus Gr., Scalis minax Gr.
Von
Ed. Grube
(Hierzu Taf. V).
‘ Corephorus Gr. gen. nov.
Char. gen. Corpus Terebellis simile; os anticum, lamina
eirros longos, tortiles gerente ceircumdatum: branchia una,
lobata, patelliformis, lamellosa, dorso corporis insidens;
pars corporis anterior setis et rostratis et capillaribus ar-
mata, posterior solis pinnulis uncinos gerentibus munita.
/ 6. elegans Gr. Fig. 1.
Branchia sinuosa, quadriloba, stilo brevi erasso sustenta,
segmento secundo insidente; parte corporis anteriore ex seg-
mentis 20, posteriore ex 32 fere composita, colore griseo,
paululum iricolore.
Die einzige bis jetzt bekannte Art dieser neuen Gattung,
nach einem einzigen Exemplar aufgestellt, welches Herr Prof,
Otto von seiner letzten Reise aus dem südlichen Italien mit-
gebracht hatte.
Auf den ersten Anblick erkennt man, dass diese durch
ihre Kiemenform sehr auffallende Annelide neben die Terebel-
len gestellt werden muss, mit denen sie im ganzen Habitus
übereinstimmt, und zunächst vielleicht neben die Gattung Te-
rebellides Sars, soviel ich aus der im Wiegmannschen Ar-
chiv mitgetheilten kurzen Charakteristik ersehe.
Das iste Körpersegment enthält den Mund, eine ansehn-
liche Längsspalte, ganz vorn gelegen in der Verlängerung der
Archiv 1, Naturgesch, XI, Jahrg. 1. Bd. 41
162 Ed. Grube:
Längsachse, und sendet ein fleischiges Blatt ab, welches ihn
von oben und von den Seiten überragt, indem es einen nur
an der Bauchseite unterbrochenen Kreis beschreibt. Den
Rand dieses Blattes besetzen zahlreiche, lange, mannichfach
gewundene, während des Lebens wahrscheinlich wie bei den
Terebellen sich lebhaft hin und her bewegende Fäden. Bor-
sten kommen an diesem Segment nicht vor.
Das 2te Körpersegment trägt jederseits nahe dem Rücken °
ein Bündel Haarborsten, und mitten auf dem Rücken ein Or-
gan, welches ich für die Kieme halten muss. Es hat etwa
die Gestalt einer Schüssel, aber mit mehrfach ein- und aus-
gebuchteten Rändern, und ist hinten nicht geschlossen, son-
dern läuft in zwei freie Zipfel aus, es besteht aus lauter senk-
rechten hinter einander stehenden häutigen Lamellen, und
wird von einem kurzen, dicken, fein quergestreiften fleischigen
Stiel getragen. Diese Kieme bildete, soweit ich mich über-
zeugen konnte, nur ein Ganzes, einen ununterbrochen fort-
laufenden Kranz von kammartig an einander gefügten Blättern,
nicht, wie in Terebellides, 4 Kämme. — Die Kieme erstreckt
sich über drei Segmente.
Das 3te, 4te, 5te und 6te Segment tragen jederseits nur
ein Bündel von Haarborsten, etwa in gleicher Höhe mit dem
ersten. An der Bauchseite des 3ten und 4ten Segmentes sehe
ich weitläufig laufende Längsfurchen, wodurch diese Theile
wulstig werden.
Von hier an bis zum 2isten Segment (exel.) zieht sich
seitlich ein nicht sehr breites, über der Fläche etwas hervor-
tretendes, dem Körper ganz anliegendes Band oder ein Saum,
über dem in jedem Segment ein Bündel von Haarborsten,
und unter dem ein doppelter Kamm von Hakenborsten (mit
langem Stiel) hervortritt. Beiderlei Borsten stehen in ovalen
platten Wülsten, welche in jenen Saum übergehen: die Haar-
borsten (Fig. 1a) sind äusserst zart, etwa 3mal so lang als
die Hakenborsten ihrer Segmente, und gegen die Spitze hin
an dem einen Rande äusserst schmal gesäumt, die Haken-
borsten aber nicht so kurz entenhalsförmig wie bei den Te-
rebellen, sondern lang gestielt (Fig. 1 b).
Vom 21sten Segment an verschwinden beiderlei Borsten,
und es treten schmale vom Körper abstehende, am freien
Beschreibungen neuer oder wenig bekannter Anneliden. 163
Ende etwas verbreiterte Flösschen (Fig. 1d) an ihre Stelle:
mit einer stärkeren Vergrösserung bemerkt man an dem freien
Endrand derselben einen messinggelben Schimmer, und er-
kennt zarte aber kurze Hakenborsten von ähnlicher Form wie
bei den Terebellen, als dessen Ursache. Ihr Schnabel ist
scharf geneigt, und, wie es scheint, fein kammartig einge-
schnitten, ihre Basis noch breiter als dort.
Weder von diesen Flösschen noch von der abweichenden
Form der Hakenborsten, welche, abgesehen von der Beschaf-
fenheit der Kieme, diese Gattung von Terebella scheiden
würden, ist an der bezeichneten Stelle bei Terebellides die
Rede, was mich nur darin bestärkt, dass beides verschiedene
Gattungen sind.
Endlich fehlen unserem Thier auch die Bauchplatten der
vorderen Abtheilung des Leibes, die bei Terebella vorkommen.
Der Leib nimmt nach hinten an Dicke, die Segmente an Länge
allmählich ab, so dass die hintersten schon undeutlich werden.
Die Farbe ist ein zartes Grau, am hinteren besser erhaltenen
Theil bemerke ich auf dem Rücken feine Querstreifung und
sanftes Farbenspiel, das den Terebellen ebenfalls abgeht.
Länge des Leibes ohne die Cirren ungefähr 4,3°, Breite
desselben vorn über 0,2°; Zahl der Segmente etwa 52. Ver-
muthlich lebt das Thier in Röhren.
Ich habe der Gattung den Namen 2007/90009 gegeben,
weil die ganze Gestalt der Kieme einigermassen an einen zier-
lichen Korb erinnert.
/ Ammochares Gr.
Char. gen. Corpus eylindratum, postice paululum attenua-
tum, segmentis elongatis compositum, paene pellucidum. Os
anticum, membrana campanulata, subtiliter laciniata eircum-
datum. Setae superiores capillares, penicillatae, inferiores
hamatae breviores, ceingula dimidiata componentes.
e A. Ottonis Gr. Fig. 2.
Lamina os eircumdante arbuseulis (6) laeiniata, arbusculis
elongatis, dichotomis, segmentis corporis longitudine deere-
scentibus, minus numerosis,.setis eapillaribus in dorso ipso
positis, hamatis coacervatis.
11*
164 Ed. Grube:
Die einzige bis jetzt bekannte Art dieses neuen Genus,
aufgestellt nach mehreren Exemplaren, welche Otto auf seiner
letzten Reise an der Küste des Mittelmeers gesammelt hatte.
Der Körper besteht aus eylindrischen langgezogenen Seg-
menten, welche nach beiden Enden hin, nach vorn rasch,
hach hinten langsam an Länge abnehmen, und deren Zahl im
Vergleich mit den meisten Anneliden nur gering ist. Die
Segmente zerfallen weder in deutliche Ringel wie bei Areni-
cola und Clymene, an welche wohl diese Gattung am meisten
erinnert, noch sind sie von einander scharf abgesetzt; nur
hin und wieder zeigt die Körpercontour- eine leichte Einker-
bung, welche der Grenze der Segmente entspricht und zwar
kurz vor der Stelle, an welcher das Borstenbündel hervortritt,
so dass das gegliederte Ansehen dieser Anneliden fast aus-
schliesslich durch die in Absätzen stehenden Borstenringe
und Büschel hervorgebracht wird.
Der Mund ist eine ansehnliche, unbewaffnete Oeffnung
am vordern Körperende, in der Längsachse gelegen, und von
einer glockenförmigen, weitspannenden breiten Membran um-
geben, in welche sich das erste Segment fortsetzt: der Vor-
derrand derselben ist tieflappig eingeschnitten, und die Lappen
bilden dichotomisch verzweigte Bäumcehen mit dieken Stäm-
men, 6 an der Zahl, welche regelmässig an der Peripherie
der Membran vertheilt sind, und von denen die beiden unter-
sten durch einen kleinen Vorsprung getrennt werden. Die
Aestchen sind langgestreckt und wenig verzweigt, und die
erste Gabeltheilung der Stämme geht bisweilen so tief, dass
sie fast in zwei zerfallen. Ob diese so zierlich verästelte,
dünn häutige Membran die Bedeutung von Tentakeln hat, oder
als Kieme fungirt, konnte ich natürlich nicht ermitteln; sie
erinnerte mich lebhaft an die freilich gröber gelappte Mem-
bran, welche an dem Ende des ausgestülpten Rüssels von Si-
punculus nudus steht, und dort den Mund umgiebt, und an
die zierlich gefiederten, ebenfalls rund um den Mund herum-
gestellten Fühler der Otkonia Fabrici Johnst.
Die beiden ersten Segmente sind nur kurz, und tragen
an jeder Seite ein durchsichtiges keulenförmiges Läppchen,
das ich bei einigen Exemplaren jedoch vermisste, und an des-
sen Stelle ich bei diesen einen Pinsel von Haarborsten be-
Beschreibungen neuer oder wenig bekannter Anneliden. 165
merkte. Unter einander finde ich diese beiden Segmente nicht
weiter deutlich geschieden, wohl aber das erste gegen die
oben beschriebene Membran durch eine Furche abgesetzt:
sein Vorderrand trug bei einem Exemplar ausserdem die Zeich-
nung eines vorn eingekerbten Bogens, wodurch wahrscheinlich
eine Verdiekung der Körperwand ausgedrückt ist.
Das 3te Segment ist länger als das 1ste und 2te zusam-
mengenommen, und etwa von gleicher Länge mit dem dten,
öten und 6ten: sie beträgt das Fünf- und Sechsfache ihrer
Breite. Diese wie die übrigen Segmente sind gleich bewafl-
net, oben mit einem Paar äusserst dünner Pinsel von zarten
bleichen Haarborsten, unterhalb derselben mit einem auf der
Rücken- und Bauchfläche unterbrochenen Gürtel von Haken-
borsten, welcher dem unbewafineten Auge als ein blass mes-
singgelber Reif erscheint.
Was an den Haarborsten besonders auffällt, ist ihr hohes
Hinaufrücken, denn sie stehen nur in geringer Entfernung von
der Mittellinie des Rückens: von papillenartigen Erhöhungen,
aus denen sie hervortreten, kann ich ebenso wenig eine Spur
bemerken als von bogigen Wülsten bei den Hakenborsten,
diese stehen vielmehr dicht gehäuft, nicht regelmässig in eine
oder zwei Zeilen gefügt wie sonst, und ihre Form ist die
eines gekrümmten Stieles, der (in der Sehne des Bogens ge-
messen) etwa 3 mal so kurz als die Haarborsten ist, und
dessen freies Ende in einen gleichmässig gekrümmten Haken
ausläuft, nicht aber in einen Schnabel wie bei Corephorus.
Vom 6ten Segment an nehmen die folgenden zwar lang-
samer als die vorderen, aber doch merklich genug an Länge
ab, so dass wir bald auf solche stossen, deren 2 oder 3 auf
eines der langen gehen, weiterhin aber auf noch kürzere,
olıne dass die Breite beträchtlich abnimmt. Der After liegt
als eine Längsspalte am Ende des letzten Segmentes, welches
kaum 1} mal so lang als breit ist.
Die Farbe des Körpers ist bleich und die Wandung so
durelischeinend, dass man das Darmrohr darunter verfolgen
kann. Es ist gerade ziemlich gleich weit und häufig mit Sand
gefüllt.
Die Länge eines Exemplars fand ich 6,2°, die Breite nur
166 Ed. Grube:
0,2°, die Zahl der Segmente 21, bei einem anderen etwas
kürzeren nur 19.
Diese Anneliden wohnen in durchsichtigen gallertartigen,
der Dünnheit ihres Körpers entsprechenden Röhren, deren
mittlerer Theil durch eine Kruste von anklebenden Sandkörn-
chen und Conchilienfragmenten eine grosse Festigkeit erhält.
Beide pflegen, wenn sie flach sind, mit ihrer hohen Kante der
Röhre angefügt zu sein, sich auch wohl dachziegelförmig zu
überlagern. Die Röhren fand ich an beiden Enden offen,
aber die Eingänge verengt, und ihre Länge übertrifft die des
Körpers zuweilen bedeutend: so mass eine nicht weniger als
14,4° bei 0,3 Dicke,
Nach meinem Dafürhalten würde man die Gattung Ammo-
chares (Sand-froh, von “og und xaiew) vorläufig am sicher-
sten neben Clymene stellen.
J
Dasymallus Gr.
Char. gen. Corpus eylindratum, longum, crassum, segmentis
numerosis compositum; Os subtus versum, lobulo brevi
prominente, pharynx exsertilis, inermis, margine plieatili;
setae partis anterioris et superiores et inferiores capillares,
posterioris, branchias gerentis, hamatae: branchiae ramosae,
D. caducus Gr. Fig. 3. Fig. 4.
Corpore praelongo, sordide-brunneo, pharynge exsertili
brevi, elavata; parte corporis anteriore brevissima, epidermide
reticulata; branchiis brevibus, cadueis.
Die einzige bis jetzt bekannte Art dieser neuen Gattung,
aufgestellt nach der Untersuchung von mehreren, aber nichts
weniger als gut erhaltenen Exemplaren, welche Otto an der
Küste des Mittelmeers gesammelt hatte.
Dieses Thier trägt durchaus den Habitus der Arenicolen;
der Körper ist dick, eylindrisch, bei manchen Exemplaren
vorn aufgetrieben, beträchtlich lang, aber aus ziemlich kurzen
Segmenten zusammengesetzt, welche nicht weiter in deutliche
Ringel zerfallen, wie bei Arenicola; die Färbung ist ein
schmutziges Braungrau.
Der Mund liegt nicht ganz terminal, sondern, zumal bei
nicht ausgestrecktem Pharynx, etwas nach unten, und wird
von einem dicken kurzen und stumpfen Lappen überragt, der
Beschreibungen neuer oder wenig bekannter Anneliden. 167
von der Rückenseite des 4sten Segmentes entspringt, und mit
dem ähnlich gelegenen, aber dünheren Theil von Arenicola zu
vergleichen ist.
Der ausgestülpte Pharynx ist nur kurz, an seinem freien
Rande faltig und gekräuselt und hier erweitert, also etwa
keulen- oder trichterförmig wie bei Arenicola Böckii. Seine
Epidermis unterscheidet sich durch ihre überaus fein maschige,
schuppenähnliche Musterung, von der der nächstfolgenden
Körpersegmente, auf welchen sie gröber genetzt ist, von weit-
läuftigeren Furchen durchzogen wird, und von dem Epithelium
der Innenfläche durch dessen Glätte, Zartheit und Mangel an
Schimmer, der wenn gleich im geringen Grade über sie selbst
verbreitet ist.
In der vordersten -Abtheilung des Körpers, die bei einem
besser erhaltenen Exemplar von geringer Grösse 13 Segmente
umfasst, fehlen die Kiemen gänzlich, und ich sehe jederseits
nur eine obere und eine untere Reihe zarter Bündel von
Haarborsten, die unmittelbar aus der Haut, nicht aus beson-
deren Borstenhaltern hervortreten, und beträchtliche Zwischen-
räume zwischen sich lassen,
Die Segmente der hinteren, unverhältnissmässig längeren
Abtheilung tragen, wie es scheint, ‚gar keine Haar-, sondern
bloss Hakenborsten, deren Wüilste ebenfalls jederseits 2 Rei-
hen über einander bilden (Fig. 4b). Die oberen sind oval
oder fast quadratisch mit abgerundeten Ecken, die unteren
viel mehr in die Quere gezogen, aber schmäler in der Rich-
tung von vorn nach hinten, diese begegnen sich fast in der
Mittellinie der Bauch-, jene in der der Rückenfläche, doch
mehr im Anfang der hinteren Abtheilung als weiterhin, wo
die oberen mindestens weiter aus einander zu rücken scheinen.
Zwischen den oberen und unteren Wülsten zeigt die Seiten-
wand des Leibes zwei breite unmittelbar über einander lie-
gende Bänder, eine Zeichnung, die wohl nur von der Anord-
nung der Längsmuskeln herrührt,
Was die Kiemen betrifit, so bin ich über die Ausdeh-
nung des Gebiets, in welchem sie sich zeigen, nicht vollkom-
men sicher, bei einem sehr grossen Exemplar sche ich sie
sogleich an dem ersten Segment der hinteren Körperabthei-
Jung, bei einem kleineren, in mancher Beziehung sogar besser
168 Ed. Grube:
erhaltenen, erst vom 83sten Segment derselben an, doch 'er-
kannte ich hier an einigen vorhergehenden auch noch Spuren
davon; der Uebelstand ist darin begründet, dass an Weingeist-
Exemplaren gar leicht die Oberhaut und mit ihr der fester
zusammenhängende Ueberzug der Kiemen verloren geht, so
dass von ihnen nur Flocken der Gefässe übrig bleiben, aber
auch dann, wenn die Oberhaut erhalten ist, sind oftmals die
Kiemen so wenig consistent, dass sie mit Recht die Bezeich-
nung „caducae” verdienen. Sie stehen an dem obersten Ende
der unteren Borstenwülste, was mich, da man diese Organe
an den oberen Borstenreihen zu finden gewohnt ist, anfänglich
irre leitete und mich bewog, die Bauchseite des Thieres für
die Rückenseite zu nehmen, und bilden immer ein einzelnes,
meistens sich dichotomisch verzweigendes Stämmchen, dessen
erste Theilung tief herab bis auf die Basis geht (Fig. 4a).
Fast überall sehe ich deutlich, dass sich der Borstenwulst in
Gestalt einer ziemlich hohen aber kurzen Falte über das Kie-
menbäumchen hinaus aufwärts fortsetzt, und dass dasselbe
gerade in diese hineingepflanzt ist.
Die Haarborsten (Fig. 3 a) sind äusserst zart, mit
einem ganz schmalen Saum an dem einen Rande der Spitze
versehen, und etwa 8 mal so lang als die Hakenborsten : diese
(Fig. 3b) haben eine lang S förmige Gestalt und endigen oben
mit einem ziemlich geradlinigen Schnabel, um den herum und
noch eine Strecke herab ein Saum läuft, wie an den unteren
Borsten einiger Euniceen; sie scheinen immer in 2 Kamm-
reihen zu stehen.
Ich habe nur ein ganz vollständiges Exemplar untersuchen
können: an diesem war das Schwanzende (Fig. 3) vor seiner
Spitze lanzettförmig verbreitert und flachgedrückt, wie bei
manchen Serpulen, seine Kiemen bestanden nur aus wenigen
gabelig gespaltenen Fäden, ragten aber doch seitlich über die
vorspringende Kante des Körpers, die sich zwischen den bei-
den Reihen von Wülsten bildete, merklich hinaus.
Das vollständige Exemplar mass 8,2° in der Länge, 0,4°
in der Breite und besass etwa 150 Segmente, ein anderes,
aber nicht vollständiges, hatte 34,5° in der Länge, 0,7° in der
Breite und gegen 200 Segmente; diese Annelide gehört also
jedenfalls zu den anselmlicheren, y
Beschreibungen neuer oder wenig bekannter Anneliden. 169
Ich habe für diese Gattung den Namen Dasymillus (daov-
wakkog dichtwollig) gewählt, weil die Kiemen so’ dicht hin-
ter einander stehen und so zarte Büschel bilden, dass das
Thier wie mit einem dichtwolligen Saum eingefasst aussieht,
und glaube, dass man sie in die Nähe von Arenicola stellen
muss. Der Darm scheint keinen Sand zu enthalten, ich sah
vielmehr im hinteren Theil eines Exemplars deutlich weiche
eiförmige Faecesklümpchen durchschimmern, was auf eine von
Arenicola verschiedene Lebensweise hindeuten würde.
Diesen Gattungen reihe ich die Beschreibung einer vier-
ten, ebenfalls neuen, an, die aber freilich nur nach einem sehr
schlecht erhaltenen Exemplar einer Art aufgestellt werden
konnte, und deshalb durchaus keine Ansprüche auf Vollstän-
digkeit macht; es ist möglich, dass wesentliche Theile -über-
sehen wurden, weil sie unkenntlich waren.
v Scalis Gr.
Char. gen. Corpus Pectinariae simile, parte anteriore seti-
gera, posteriore brevissina nuda. Os anticum, velo mem-
branaceo prominente; segmentum primum serie setarum ri-
gidarum, protentarum transversali armatum; branchiae pecti-
natae, dorso segmentorum proximorum insidentes,
Sc. minax Gr,
Parte corporis anteriore ex segmentis p. 20, posteriore
ex s.4 compositum, branchiarum pectinatarum paribus 3, den-
tibus pectinum»laeiniatis, setis superioribus capillaribus.
Diese Annelide verdanke ich gleich den früheren Otto’s
Sieilianischer Reise.
Der Körper besteht aus zweien, an Länge sehr verschie-
denen Abtheilungen, die vordere viel längere umfasst 20 oder
21 Segmente, die hintere nur 4; die erstere ist wahrscheinlich
an allen Segmenten, wiewohl ich sie am 2ten nicht sehe, mit
Borsten bewafinet, die letztere nackt mit platten, die Mitte
des Rückens und Bauches frei lassenden Wülsten eingefasst.
Diejenigen Borsten der vorderen Abtheilung, welche gut er-
halten sind, sind Haarborsten von ansehnlicher Stärke und
lebhaften Metallglanz: sie stehen in Bündeln längs den Rük-
kenrändern, an der Bauchseite einiger Segmente erkenne ich
170 Ed. Grube:
hier ebenfalls Wülste, ich kann aber nicht ermitteln, ob sie,
wie bei den verwandten Gattungen Hakenborsten tragen,
oder nicht.
Auf dem Rücken des 2ten, 3ten und 4ten Segmentes
stehen die Kiemen nahe dem Rande. Ihre Gestalt ist kamm-
förmig oder einseitig gefiedert, die Kammzähnchen oder Fie-
derchen sind jedoch nicht einfache Lamellen wie in Pectinaria,
sondern zerschlitzt und gelappt, so dass sie wie eine Reihe
kleiner Büsche oder Bäumchen aussehen, die auf einem ge-
meinsamen Stiele sitzen. Der Stiel ist leicht gebogen und
reicht mit seiner Spitze bis auf die Mitte des Rückens.
Die Borsten des 1sten Segmentes stehen nicht seitlich,
sondern sind alle nach vorn gerichtet, linearisch und dunkel
messinggelb, wie die übrigen, aber noch viel stärker und län-
ger — ihr vorragender Theil misst 0,4° — und bilden eine
quer über den Rücken laufende bloss durch eine mittlere
Lücke unterbrochene Reihe, jederseits stehen 15; unterhalb
derselben sieht man einen ansehnlich breiten und langen Lap-
pen oder eine Membran, die vorn mitten in einen Zipfel vor-
springt und die Mundöfinung überwölbt, welche unbewaffnet
scheint; doch ragen die Borsten noch über den Rand jener
Membran hinaus. Von Cirren kann ich keine Spur entdecken.
Das 1ste Segment ist viel länger als die beiden folgenden,
und diese wieder etwas länger als die übrigen, doch scheinen
die hinteren der ersten Abtheilung an Länge wieder zuzu-
nehmen.
Länge des Körpers 4,4°, des hintersten nackten Theiles
allein 0,3°; Breite vorn an der Borstenreihe des 1sten Seg-
mentes 0,6°, hinten am Anhang 0,3°.
Diese Gattung, der ich wegen der langen vorderen Bor-
sten den Namen Scalis (oxaAig Rechen) gegeben habe, würde
ich zwischen Peetinaria und Siphonostomum stellen, doch da-
für halten, dass sie der ersteren näher verwandt sei.
Erklärung der Abbildungen Taf. V.
Fig. 1. Corephorus elegans Gr., etwa 5 mal vergrössert, von
der rechten Seite gesehen; auf dem Rücken des 2ten Segmentes sieht
man die zierlich gefaltete, von einem Stiel getragene Kieme.
a. Eine Haarborste.
Beschreibungen neuer oder wenig bekannter Anneliden. 174
b. Ein Paar Hakenborsten mit langen Stielen, beide der vorderen
Abtheilung des Körpers angehörig, vergrössert.
ce. Eine von den kurzen Hakenborsten der hinteren Körperabthei-
lung, vergrössert.
d. Ein Flösschen der hinteren Körperabtheilung vergrössert, sein
freier Endrand ist mit den Hakenborsten c besetzt.
Fig. 2. Ammochares Ottonis Gr. etwa Amal vergrössert, von
der Rückenseite.
a. Eine Haarborste aus den auf dem Rücken stehenden zarten Pin-
selchen, vergrössert.
6. Einige gekrümmte Hakenborsten, welche die halbringförmigen
unter den Haarborsten gelegenen Wülste zusammensetzen.
c. Die zerschlitzte Membran des ersten Körpersegments von einem
anderen Individuum, um eine etwas andere Zertheilung der
Bäumchen zu zeigen.
Der Vordertheil des Körpers steckt in einer ganz durchsich-
tigen, gelatinösen Röhre: die mit Sandkörnchen ganz bedeckte Fort-
setzung derselben ist abgeschnitten.
Fig. 3. Dasymallus caducus Gr., etwa 2mal vergrössert: Vor-
der- und Hinterende von der linken Seite gesehen. Der Rüssel, der
unter dem Kopflappen aus der Mundöffnung hervortritt, ist nur we-
nig hervorgestülpt.
a. Haarborste.
db. Hakenborsten vergrössert.
Fig. 4. Dasymallus caducus Gr., ein anderes, grösseres Indivi-
duum, etwa 2 mal- vergrössert von der Bauchseite gesehen. Die
Oberhaut war hier an der vorderen Körperabtheilung deutlich gefel-
dert,.der Rüssel weiter ausgestülpt, die Zeichnung seiner Epidermis
schuppenartig.
„a. Eine Kieme, vergrössert, sie steht in Mitten einer gespaltenen
Hautfalte,
b. Einige Segmente der hinteren Körperabtheilung, von der linken
Seite gesehen. Die oberen Wülste für die Hakenborsten, des-
gleichen die über die Kiemen hinaufsteigenden Hautfalten sind
sichtbar, dagegen die unterhalb der Kiemen gelegenen Wülste
uns abgekehrt. Man sieht, dass die Kiemen sehr tief nach unten
sitzen.
172 Macrocolus, eine neue Nagergattung
Macrocolus, eine neue Nagergattung aus der
Familie der Springer.
Von
A. Wagner.
Unter einer Sendung im Branntwein aufbewahrter mexi-
kanischer Säugthiere, wie z. B. Bassaris astuta und Ascomys
mexicanus, befand sich auch ein Exemplar, das als Meriones
labradorius angegeben war. Es war durch den Branntwein
so erweicht worden, dass es zum Ausstopfen nicht mehr
brauchbar war, indem die Haare nicht mehr hinreichend fest
sassen, was jedoch nicht hinderte, seine äussere Beschaffenheit
ausreichend zu erkennen und ein vollständiges Skelet davon
anzufertigen. ‘ Bei näherer Besichtigung ergab es sich bald,
dass dieses Thier von Jaculus labradorius in höchst wesent-
lichen Stücken total verschieden ist und dass es zwar der Fa-
milie der Springer unter den Nagern angehört, aber keiner
der hinreichend gekannten Gattungen zugetheilt werden kann.
Ich habe daher aus ihm eine neue Gattung gebildet, der ich
den Namen Macrocolus (uaxoös, longus; #@Aov, membrum)
beilegte. Ihre hauptsächlichsten Merkmale sind in nachfolgen-
der Beschreibung angegeben,
In seiner äussern Beschaffenheit kommt der Ma-
erocolus, den ich im Deutschen mit dem Namen Bilchspringer
bezeichnen will, am nächsten mit den Sandspringern (Seirtetes)
und zwar mit dem Scirtetes tetradactylus, überein, unterschei-
det sich aber von diesen gleich durch die Kürze der Ohren
und die ganz andere Behaarung und Färbung des Schwanzes.
Der Kopf ist gross und breit, nach vorn plötzlich in
eine zugespitzte Schnautze übergehend. Die Oberlippe ist
nicht gespalten; nur die kleine Nasenkuppe ist nackt. Die
Schnurren sind sehr lang; die längsten weit über die Ohren
aus der ‚Familie ‚der Springer. 173
hinausreichend. Die Augen sind mässig gross. Die Ohren
sind klein, rundlich, innen und auch am äussern Rande
schwach behaart.
Das Missverhältniss in der Länge der vordern Gliedmas-
sen zu den hintern ist bei dem Bilchspringer -eben so gross
als bei den eigentlichen Springern. Die Vorderbeine sind
auffallend verkürzt und fünfzehig. Der Daumen ist sehr kurz
und trägt einen kleinen Plattnagel; die Finger sind verlängert
und mit mässig langen Sichelkrallen bewaffnet, unter denen
die des Mittelfingers die längste ist. Die Handsohle ist mit
Warzen besetzt. — .Die Hinterbeine sind beträchtlich lang und
nur vierzehig, indem der Daumen ganz fehlt. Die äusserste
Zehe ist am kleinsten, die drei andern ziemlich gleich, doch
die mittlere etwas länger. Die Zehen sind mit etwas stärkern,
aber kürzern Sichelkrallen als die Finger bewafinet. Der
Lauf ist auch auf der Unterseite behaart,
Der Schwanz ist ausserordentlich lang und dicht mit
kurzen Haaren bedeckt, die sich jedoch gegen das Ende ver-
längern und hier einen schwachen Pinsel bilden, der 5—6 Li-
nien über die Schwanzrübe' vorragt.
Das Gebiss ist gänzlich verschieden von dem von Dipus
und Scirtetes, so wie von Jaculus. Die Zahnformel lautet:
Schneidezähne a Backenzähne Bei Die Schneidezähne sind
röthlichgelb gefärbt und die obern von einer tiefen Längs-
furche ausgehöhlt. Die Backenzähne haben eine ganz einfache
Beschaffenheit: sie sind unregelmässig elliptisch, an der Mitte
der Vorderseite meist etwas in eine Spitze ausgezogen, der
untere erste mehr viereckig und beiderseits etwas ausgeschnit-
ten. Von vorn nach hinten nehmen die Backenzähne etwas
an Grösse ab; der letzte ist merklich kleiner als die vorher-
gehenden ').
Das Knochengerüste kommt im Allgemeinen mit dem
der eigentlichen Springer (Dipus und Scirtetes) überein, so
dass hauptsächlich nur dieDifferenzen von diesen anzugeben sind.
’) In der Fortsetzung von Schreber’s Säugthieren habe ich
auf Tab. COXXXIX. E, die demnächst ausgegeben wird, eine Abbil-
dung dieses Gebisses mitgetheilt.
174 A. Wagner; Macrocolus, eine neue Nagergattung
Der Schädel hat eine ungemeine Breite, worin er selbst
die Springmäuse noch übertrifft, und der grosse und ziemlich
platte Hirnkasten setzt schnell und auffallend von dem kurzen
und schmalen Schnautzentheil ab, der in fast gleicher Breite
nach vorn verläuft. Mit dem Schädel von Dipus und Seir-
tetes hat der des Bilchspringers die grösste Aehnlichkeit, und
der Hauptunterschied von beiden liegt in der Beschaffenheit
des Jochbogens, die daher zuerst erörtert werden soll. Bei
jenen beiden Gattungen bildet nämlich der. vordere Theil. des
Jochbogens eine weite Brücke über das untere Augenhöhlen-
loch, welche auf ihrer Vorderseite von den beiden sich be-
gegnenden Jochfortsätzen des Oberkieferbeins, auf ihrer Hin-
terseite von dem Joch- und Thränenbeine zusammengesetzt
wird. Anders ist es bei Macrocolus; hier fehlt der untere
Jochfortsatz des Oberkieferbeins, daher hier keine vollständige
Brücke zu Stande kommt und das untere Augenloch deshalb
nach unten offen bleibt. Nur der obere Theil dieser Brücke
ist vorhanden, indem der obere Jochfortsatz des Oberkiefer-
beins mit dem vordern und obern Ende des Jochbeins, sowie
mit dem Thränenbeine zusammenstösst und hier eine sehr
breite gewölbte Schuppe bildet, die ‚hinterwärts mit einem
dünnen Griffel an das Schläfenbein sich ansetzt, auch nicht
vorwärts wie bei den ächten Springern, sondern rückwärts
gerichtet ist. Die Paukenknochen sind noch beträchtlicher auf-
getrieben als selbst bei Dipus, der ohnedies in dieser Bezie-
hung die Gattung Seirtetes übertrifft. Scheitelbeine und Stirn-
beine sind eben so breit wie bei diesen beiden Gattungen und
eben so durch eine geradlinige Nath verbunden; das Zwischen-
scheitelbein ist jedoch nicht quer, sondern längsgestreckt.
Der Unterkiefer kommt in seiner Form ebenfalls mit den ge-
nannten Gattungen überein, doch ist sein Winkeltheil nicht
durehbohrt.
Die Wirbelsäule entspricht in ihrer Form der der eigent-
lichen Springer. Man zählt 12 Rückenwirbel, 9 Lendenwirbel,
4 Kreuzwirbel und 32 Schwanzwirbel; im Ganzen also 64
Wirbel. Von den 12 Rippenpaaren sind 8 ächte, — Schul-
terblätter, Schlüsselbeine und Becken halten im Allgemeinen
den Typus der genannten Gattungen ein.
Dasselbe gilt von der Form und den relativen Grössen-
aus der Familie der Springer. 1755
verhältnissen der vordern Gliedmassen. Auch der Ober- und
Unterschenkel sind nach dieser Norm gebaut, doch hat der
erstere an seiner Aussenseite einen dritten Rollhügel. Am
Fusse ist der Mittelfuss zwar ebenfalls bedeutend gestreckt,
doch unterscheidet er sich von dem der Gattungen Dipus und
Seirtetes, dass jede der 4 Zehen ihren besondern Mittelfuss-
knochen hat, so dass also deren 4 vorhanden sind. Obschon
diese 4 Knochen mit einander verwachsen sind, so kann man
doch nach ihrer ganzen Länge die Trennungslinie wahrneh-
men und am untern Ende sind sie auch wirklich von einander
gespalten. Die beiden mittlern Knochen des Mittelfusses sind
nur um ein Weniges länger als die beiden seitlichen. Die
Daumenzehe fehlt zugleich mit ihrem Mittelfussknochen; jede
der 4 andern Zehen hat ihre gewöhnlichen Phalangen.
Nachstehende Maassabnahmen geben eine nähere Einsicht
in die Grössenverhältnisse des Skelets.
Länge des Schädels (von der Nasenspitze bis zum
Binterhauptsloch)t. tamihmales ward num Binaht
Breite des Schädels zwischen den Gehöröffnungen 0 11
Erben wine, bau: ., adesßrslouige belusıb .
Fuss nebst Mittelkralle . . 2 2 2 20.
Die innern Weichtheile waren ganz zerstört, daher über
ihre Beschaffenheit nichts angegeben werden kann.
Aus voranstehender Beschreibung geht es zur Evidenz
hervor, dass der Bilchspringer weder mit der Gattung Dipus
und Scirtetes, noch mit Jaculus vereinigt werden darf. Von
diesen allen unterscheidet ihn schon die Beschaffenheit seines
Gebisses; von letzterem überdies der Umstand, dass die Hin-
terfüsse nur Azehig und der Schwanz dichter behaart ist. Von
En .. h an der Kranznath . . ..0 74
h, 5 zwischen den vorderen Joch-
Br Schuppen . . 2 ei 0
Länge der Hals-, Rücken- und endiene oinheleihe 1 10
un hi, Kiedswirbele Reihesugnöä.r “0 4
» » Schwanzwirbel-Reihe .= .. . hr 7
Dberarmknochen®l ndoyı nr. sale. Ka pur eh
Ellenbogenbein . . . ab. ran. Sale u ‘49
Hand nebst der Mittelkralle ae; ee ru) u
BEHBsRchpnkeluatsmg sans. Iauiz serien vol nie oo
‚1
.1
176 A. Wagner: Macrocolus, eine neue Nagergattung
Pedetes ist der Unterschied zu auffallend, als dass damit eine
weitere Vergleichung nöthig wäre. Dagegen hat Gray eine
Gattung Dipodomys aufgestellt, mit der eine solche allerdings
vorzunehmen wäre, zumal da sie gleich der unsrigen Mexiko
angehört. Indess ist sie bisher nur sehr mangelhaft geschil-
dert; die Beschaffenheit des Schädels und der Backenzähne,
so‘wie überhaupt des Skelets, noch ganz unbekannt. Dieser
Dipodomys kommt in der Beschaffenheit der Gliedmassen, des
Schwanzes und der Schneidezähne mit unserem Macrocolus
überein, dagegen werden ihm auswärts sich öffnende Backen-
taschen zugeschrieben. Beruht nun letztere Angabe nicht etwa
auf einer fehlerhaften Präparation des Felles, sondern auf einer
natürlichen Beschaffenheit, so ist eine weitere Vergleichung
beider Gattungen überflüssig, da in jenem Merkmale eine totale
Trennung des Dipodomys von Macrocolus, dem Backentaschen
ganz abgehen, gegeben ist. Als generische Merkmale für Ma-
crocolus lassen sich nunmehr folgende aufstellen: Habitus Di-
podum; auriculae breves rotundatae; pedes posteriores 4-da-
etyli; cauda longissima, pilosa, apice subpenieillata; dentes
primores superiores sulcati, molares $ simplices.
Der Art gebe ich den Namen Macrocolus halticus,
mit folgender Diagnose: M. supra fulvido-bruneus, infra albus;
cauda bicolore; vellere longo molli.
Die Färbung des Körpers hat viele Aehnlichkeit mit der
der Springer: oben bräunlich fahlgelb mit feiner schwarzer
Sprenkelung und an den Seiten mehr ins Isabellfarbige zie-
hend, unten weiss. Auch der Schwanz ist zweifarbig: oben
braun, unten weiss. Der Pelz ist sehr lang und weich. Die
Haare der Oberseite des Leibes sind dem grössten Theile ihrer
Länge nach dunkel schieferfarben, und nur an den Enden
bräunlich fahlgelb, zum Theil mit kurzen schwärzlichen Spiz-
zen oder auch mit einzelnen ganz schwärzlichen Haaren. Die
Haare der Unterseite sind einfarbig weiss. Die feine Behaa-
rung der Ohren ist auf der Aussenseite weisslich, doch ab-
wärts am Vorderende und auf der Innenseite dunkel; die lan-
gen Schnurren sind schwarz. Die Krallen sind Jicht hornfar-
ben. Mehr als angegeben, lässt sich bei der Beschaffenheit
meines Exemplares über die Färbung nicht sagen.
Die derbe Beschaffenheit der Knochen und das Verschwin-
aus der Familie der Springer. 177
den mehrerer Näthe lässt auf ein vollständig erwachsenes Thier
schliessen. Seine hauptsächlichsten Dimensionsverhältnisse sind
folgende:
Körper beiläufig . . . 4’6”
Schwanzrübe . . . .66
Schwanz mit Pinsel . .7 0
OR IN, 10.15
Hinterfuss mit Kralle . 1 6%.
Die Gattung Macrocolus ist eine interessante Erscheinung,
da in ihr auf der westlichen Halbkugel die Springer der alten
Welt einen noch näher verwandten Stellvertreter, als dies bei
Jaculus der Fall ist, gefunden haben.
Archiv f. Naturgesch. XII. Jahrg. 1. Bd 12
178
Ueber die Beutel-Fledermaus aus Surinam.
Von
Dr. Ferd. Krauss,
Professor in Stuttgart.
(Hierzu Taf. VI.)
Unter einer kleinen Anzahl von Fledermäusen, welche
das K. Naturalien-Kabinet in Stuttgart kürzlich von ‚August
Kappler aus Surinam erworben hat, befand sich auch ein in
Weingeist aufbewahrtes erwachsenes Männchen der Beutel-
Fledermaus, Saccopteryz.lepturus Jlliger.
Schreber hat diese höchst eigenthümliche Fledermaus
ebenfalls aus Surinam erhalten und sie zuerst als Vespertilio
lepturus in dem ersten Band seiner Säugethiere beschrieben
und auf tab. 57 gut abgebildet. Später hat sie Geoflroy nach
Schreber’s Beschreibung in sein genus Taphozous eingereiht,
unter welchem sie auch bisher von Fischer, Temminck und
Schinz angeführt wurde; nur Jlliger hat aus ihr in seinem
Prodrom. mammal. et avium das genus Saccopteryx gebildet,
was aber einige Bedenken erregt hat, da er hierzu ebenfalls
nur die einzig bekannte kurze Beschreibung Schreber’s zu
Grund gelegt hat, ohne selbst das Thier gesehen zu haben.
Geofiroy hat überdies einige Zweifel über das Vaterland dieses
Thieres ausgesprochen, die später auch Temminck in seiner
Monograph. de Mammalogie Il. p. 292 getheilt hat, indem er
bemerkt, dass es dem Museum in Leyden trotz der angestell-
ten Nachforschungen in einer langen Reihe von Jahren nicht
gelungen sei, eine ähnliche Species zu erhalten Endlich
meint sogar Schinz in seiner Synopsis mammal. I. p. 214,
dass sie, wenn sie wirklich vorhanden sei, nicht Surinam,
sondern irgend einen Theil von Afrika oder Asien bewohnen
müsse. Zuletzt hat sie ein gewisser Lemmert in der Isis
1844. p. 83 angeführt, wo er eine Uebersicht der vierfüssigen
Thiere, welche sich in der Kolonie Surinam finden oder finden
Ueber die Beutel-Fledermaus aus Surinam 179
sollen, gegeben hat, ohne jedoch dabei bemerkt zu haben, ob
er sie selbst gesehen hat.
Durch das vorliegende Exemplar sind nun alle Zweifel
über Existenz und Vaterland gehoben, und ich freue mich,
die Angabe von Schreber nicht allein bestätigen, sondern ihr
auch noch einige Bemerkungen beifügen zu können, durch
welche ich nachzuweisen hoffe, dass diese Fledermaus von
Taphozous getrennt und künftig unter dem ihr von Jlliger
geschaffenen Namen Saccopteryz angeführt werden muss. In
der Diagnose des genus Taphozous Geofir. heisst es nämlich:
Schneidezähne = in der‘ Jugend zuweilen = kein Zwi-
schenkieferbein, das durch einen Knorpel ersetzt ist; Backen-
zähne =; von welchen die vordern auf jeder Seite falsch
sind. Diese Merkmale lassen sich, abgesehen von dem Vor-
handensein eines Beutels oberhalb des Ellenbogens, mit meinem
Exemplar nicht ganz in Uebereinstimmung bringen, wie aus
der folgenden Beschreibung und Abbildung des Schädels Taf.
VI. fig. 1a—d zu entnehmen ist.
Der Schädel ist kurz, verhältnissmässig breit, ziemlich
niedergedrückt, auf der Nase flach und in der Mitte gefurcht.
Die Augenhöhlen stehen sehr weit vorn und sind hinten offen.
Der Zwischenkieferknochen ist, wie bei Cephalotes Peronii,
in Form von zwei deutlichen, bogenförmigen, beweglichen
Knochenblättchen fig. 1 d vorhanden, die von einander getrennt,
hart an den Eckzähnen liegen und in welchen zwei Schneide-
- zähnchen stecken. Diese stehen nicht in gleicher Reihe mit
den Eckzähnen, sondern ragen über diese ein wenig hinaus,
sind sehr klein, kaum 4 so lang als die Eckzähne, von ein-
ander entfernt, aber gegen einander gebogen, Der Unterkiefer
ragt an der Spitze mit der ganzen Reihe der Schneidezähne,
die daher nur mit den dicken obern Lippen correspondiren,
über den Oberkiefer hinaus, ist an den Seiten so schmal,
dass die obern Backenzähne fast ganz über die untern her-
vorstelien, und hat sechs dicht nebeneinander stehende Schneide-
zähnchen, die keilförmig, oben dreilappig und ebenfalls sehr
klein, kaum + so lang sind als die Eckzähne. Die Eckzähne
des Oberkiefers sind sehr gross, konisch, auf der äusseren
12*
180 Ferd. Krauss:
Seite stark convex, auf der innern etwas concay und vorn
und hinten an der Basis mit einem sehr kleinen, doch mit
blossem Auge sichtbaren Zacken versehen; die der untern
sind schmal, rund, etwas kleiner und nur an der vordern
Seite mit einem kleinen Zacken versehen.
Der Ober- und Unterkiefer haben je 5 Backenzähne, die
unter sich verschieden sind. Der erste des Oberkiefers
correspondirt mit dem zweiten des Unterkiefers und ist so
klein, dass er nur an dem vom Zahnfleisch befreiten Kiefer
und dann erst kaum mit blossem Auge zu erkennen ist; der
zweite ist wie der Eckzahn, nur etwas kleiner, aber an der
Basis der innern Seite mit einem kleinen Absatz versehen,
auf welchem der dritte Backenzahn des Unterkiefers kaut;
die drei übrigen Backenzähne, von welchen der vierte der
grösste und noch einmal so breit ist als der letzte, haben
ebenfalls solche Absätze, sind aber auf der äussern Seite so
erhaben, dass sie über die Backenzähne des Unterkiefers
herabgehen und diese bedecken; diese äussere Seite besteht
aus W-förmigen Quer-Lamellen, die in der Mitte ausgehöhlt
sind und daher an den Ecken kleine erhabene Höcker, und
zwar an dem dritten 4, am vierten 5 und am fünften nur 3
darstellen.
Die zwei ersten Backenzähne des Unterkiefers sind
ebenfalls den Eckzähnen ähnlich, aber breiter und kleiner,
der zweite ist grösser als der erste und mehr als halb so
lang als die Eckzähne; die drei übrigen Backenzähne sind
gleich gross, ziemlich schmal und haben auf der äussern Seite
2, auf der innern 3 Höcker, von welchen die äussern grösser
sind als die innern. — Es sind somit im Ganzen 32 Zähne
vorhanden, oder nur 30, wenn die beiden Schneidezähne des
Oberkiefers im Alter ausfallen sollten ; übrigens muss ich be-
merken, dass der Ossificationsprocess des Schädels vollendet
ist, denn in den Nähten ist keine cartilaginöse Masse mehr
bemerkbar.
Das Thier hat eine stumpfe Schnauze, vorspringende,
verhältnissmässig grosse und breite Lippen, von welchen die
untere mitten ein wenig ausgerandet ist, aber keine Grube
am Kinn hat. Die Zunge ist rauh; die Nase platt, ‘ohne Grube,
die Nasenlöcher sind klein und stehen dicht neben einander.
Ueber die Beutel-Fledermaus aus Surinam. 181
Die Ohren sind 7” lang, an der Spitze stumpf, am vordern
Rand convex, am hintern buchtig; die Ohrendeckel klein,
schmal, oben stumpf. ;
Was diese Fledermaus aber vor allen andern auszeichnet,
das ist ein 4” langer und 2” breiter, unbehaarter, sehr dünn-
häutiger, dem Anscheine nach aus einzelnen Windungen zu-
sammengesetzter Sack fig. 2, der in der Nähe des Ellenbogens
dicht an und zum Theil unter dem Vorderarm liegt und sich
auf der Rückenseite dicht am Vorderarmknochen in einer 4"
langen Spalte fig. 3 öffnet. Seine innere Oberfläche ist mit
feinen, weichen und gefalteten Blättchen ‚besetzt, die mit einer
weichen und wie es scheint, fettartigen Masse ausgefüllt sind !).
Von der Schulter geht mitten durch die vordere Armflughaut
ein schmaler Muskel fig. 2 u. 3a bis zur Oefinung des Sackes
und ein etwas schmälerer fig. 2 u. 3b von dem vordern Ende
desselben bis an den Rand der Flughaut etwa in der Mitte
des Vorderarms, die wahrscheinlich die Ränder der Falte aus-
einander zu ziehen die Funktion haben.
Die Zwischenschenkelhaut ist hinten in der Mitte abge-
stutzt. Das Uebrige ist bekannt.
par. Lin.
Länge des Schädels vom Hinterhaupt bis zur Spitze des
Se N ER 2 werke 058
Breite desselben von einem Inehhagen zum Kan |
Höhe desselben . . ea
Länge des Unterkiefers u e. 4,3
Breite desselben an dem hintersten EN En zum
BR, DENE N Te 47
Körper vom Maul bis zum Raus N ee Aa EA
Länge der Zwischenschenkelhaut . » » 2»... .41
BEREBESCHWanzes" I. 6
par. Zoll.
Ganze Breite des Thieres mit ausgespannter Flughaut . 7%
’) Ich habe nämlich einen Theil des Inhalts dieses Sackes mit
Aether behandelt und glaubte dabei bemerkt zu haben, dass etwas
aufgelöst wurde; die unlöslichen sehr dünnen Blättchen zeigten sich
unter dem Mikroskop bei 300maliger Vergrösserung als ein aus un-
regelmässigen, häufig 6seiten Zellen bestehendes Gewebe.
182 Ferd. Krauss: Ueber die Beutel-Fledermaus aus Surinam.
Der Gattungscharakter würde also jetzt heissen:
Saccopteryx Jlliger.
Dentes primores = superiores minuti, cylindriei, acuti,
distantes, in 2 ossieulä intermaxillaria, angusti, arcuati, mo-
1-1
1-1
distincti, conici, antice et postice ad basin processu parvo
bilia inserti; inferiores minuti, clavati, trilobi. Laniarii
instructi, primoribus sexies Jongiores. Molares 5, primi su-
periores minimi, oculo nudo vix distineti, simplices; secundi
et 2 antici inferiores conici, laniariis similes sed breviores;
reliqui tritores, 3-5-cuspidati. Rostrum produetum, obtusum,
Nasus prosthemate nullo. Auriculae mediocres, oblongae,
apice rotundatae, trago parvo, obtuso.
Corpus patagio digitali, lumbari et anali, membranaceis
denudatis cinetum; patagium anale trunco brevius, integrum,
medio truncatum. Sacculus parvus, membranaceus, in pagina
interiore patagii antipedum ad antibrachii basin, facie interna
plicatus et facie dorsali rima angusta aperiens. Cauda patagio
anali breviore, basi adnata, apice libera.
Syn. Vespertilio Schreb. — Taphozous Geoflr. — Ta-
phien Temm.
183
Beobachtungen über den Nörz.
Von
Stan. Konst. Ritter v. Siemuszowa-Pietruski.
Die Podhorodecer Menagerie besass einige Zeit hindurch
ein Thier, welches zu den seltenern Europäischen gehört,
und welches nebst dem Luchs, dem Biber und dem Bobak
die an Naturprodukten aller Art so reiche, leider aber bis
jetzt zu wenig bekannte Fauna Galiziens auszeichnet, nämlich
die kleine Sumpfotter oder den Nörz, dieses seltene Thier,
welches Linne und Buffon nie lebendig sahen, welches Cuvier
in seinem Systeme zu den Iltissen, und die ältern deutschen
Naturforscher zu den Ottern zählen. Ich glaube daher, dass
es nicht überflüssig sein wird eine genaue Beschreibung unse-
rer Nurka, so wie die Beobachtungen, welche ich an der le-
bendigen zu machen die Gelegenheit hatte, in diesen Blättern
mitzutheilen.
Der Nörz oder die kleine Sumpfotter, der Stein-
hund, Polnisch Nurka !) ezyli wydra mata, Französisch
le moenek ou le toungouri, Mustela lutreola Linne,
Glöger, Schreber, Putorius Jutreolus Cuvier, Boitard,
Wiegmann, Lutra lutreola Blumenbach, Jlliger.
Beschreibung. Die Länge von der Nasenspitze bis
zum Ende des Schwanzes beträgt 22”, von welchen 7” der
Schwanz einnimmt, die Schnautze dick mopsartig; 36 Zähne
und zwar 6 Vorderzähne in beiden Kiefern, 2 Hundszähne
oben und unten, 10 Backenzähne desgleichen, die Vorderzäline
sind conisch, der grosse Reisszahn unten hat innerhalb keinen
Höcker; an den beiden Seiten der hellbraunen Nase befinden
sich 2 weisse Flecken, welche den ganzen Unterkiefer be-
’) Nurka, d. h. Taucherin von nurzac untertauchen, woraus
wahrscheinlich der deutsche Nörz entständen ist.
184 v. Siemuszowa-Pietruski:
decken und sich bis an die Kehle erstrecken; die kurzen
breiten Ohren sparsam behaart; der kurze Hals nicht viel
dünner wie der Körper. Die Füsse haben 5 mit einer kurzen
Schwimmhaut verbundene Zehen und halb weiss, halb roth-
braun gefärbte Nägel. - Das herrlich glänzende zobelartige
Fell ist oben dunkelbrauner, am Halse und am Bauche etwas
heller Farbe, der Schwanz ist schwarz.
Aufenthalt. Dieses seltene Thier bewohnt Nordamerika,
Norwegen, Liefland, Schlesien und Galizien, hier aber im
Vergleich mit den andern Raubthieren in sehr geringer An-
zahl. Es ist nirgends häufig und dabei so scheu und vor-
sichtig, dass man es nur mit grosser Mühe erlegen und fast
nie lebendig erlangen kann, nur manchmal im Winter gelingt
es auf Tellereisen, die man im Schnee aufstellt, oder mittelst
eigens zu diesem Zwecke gemachter Schlingen. , Unser :be-
rühmter Naturforscher, der würdige Verfasser der Fauna und
Flora Gal., Prof. Dr. Alexander Zawadzki, erwähnt in seiner
Fauna, dass die Nörze zwar bei uns einheimisch sind, aber
doch immer zu den seltenen Thieren gehören. Der Förster,
von welchem ich mein lebendes Exemplar bekam, erzählte
mir, dass sie sich gerne in der Nähe von fliessendem Wasser
aufhalten, besonders wo tiefe Bäche die Urwälder der Kar-
pathen durchschneiden, vorzüglich lieben sie solche aufge-
schwemmte Stellen, an deren Ufer sich viele Erlen und Wei-
denklötze befinden, manchmal im Winter, besonders im Ja-
nuar und Februar, wenn die Gewässer mit Eis bedeckt sind,
lassen sie sich auch in der Nähe der menschlichen Wohnun-
gen sehen, hauptsächlich bei Kanälen, Teichen, Mühlen, wenn
solche Brücken, Dämme, Schleusen haben, auf welchen sie
sehr geschickt herumklettern. Endlich was ihre geographische
Verbreitung in Galizien betriftt, so muss ich noch bemerken,
dass man sie nie in den Ebenen gesehen hat, sondern immer
in Gebirgsgegenden und zwar am häufigsten in der Gebirgs-
kette des Samborer und Stryier Kreises, vorzüglich bei Mra-
znica, Mirun, Wetdrisz, Borynia und in der Skoler Herrschaft.
Die Nahrung besteht in kleinen Fischen, Krebsen und
Fröschen, von diesen letzten werden nur die Hinterschenkel
verzehrt.
Ueber die Fortpflanzung ist bis jetzt nichts bekannt,
Beobachtungen über den Nörz. 185
es scheint aber, dass der Nörz sich wie die Iltisse im April
begattet und dass die Jungen im Juni zur Welt kommen.
Sitten und Lebensweise. So wie der Nörz in sei-
nem Körperbau viele Aehnlichkeit mit den drei Arten der ihm
verwandten Thiere zeigt, nämlich mit dem Baummarder, der
Fischotter und dem Iltisse, so auch, was die Sitten und Le-
bensweise anbelangt, steht er zwischen diesen Thieren mitten
inne, und zwar mit dem Baummarder hat er den schnellen
Gang und die Geschicklichkeit im Klettern gemein, deswegen
hat man ihn schon öfters im Walde und zwar fern vom Was-
ser auf einem Baum kleine Vögel herumjagend gesehen, aber
er schwimmt auch eben so leicht wie eine Fischotter und
übertrifit diese letzte sogar in der Fertigkeit des Untertauchens
bei weitem, und endlich den Geruch, welchen er in der Angst
von sich giebt, das Schnauben und Bellen hat der Nörz mit
dem Iltisse gemein, daher sein Trivialname Steinhund.
Beobachtungen über den Gefangenen. Den 15.
Januar 1845 bekam ich einen herrlichen erwachsenen männ-
lichen Nörz, welcher in der MraZnicer Waldung, einer dem
Grafen Reman Karnicki gehörigen Herrschaft, lebendig gefan-
gen wurde; da aber das schöne Thier schon schwach und ent-
kräftet in meine Hände kam, so konnte ich nicht viel Hofl-
nung hegen, dasselbe lange am Leben zu erhalten, doch liess
ich zu diesem Zwecke für ihn einen geräumigen 4 Ellen lan-
gen und 2 Ellen breiten Behälter aus Brettern bauen, welcher
von der Fronte mit einem Drahtgitter versehen war, und in
‚welchem sich eine kleine Zelle befand, worin ein geräumiges
Gefäss mit frischem Wasser stand. Ilierin warf ich ihm täg-
lich 20—30 lebende Fische (Cobitis barbatula und Cyprinus
phoxinus) vor, und das schöne Thier fing sie sehr geschickt
im Wasser schwimmend und untertauchend, was sehr anzie-
hend zu sehen war; nach jedesmaligem Fange begab er sich
an eine trockene Stelle seines Käfigs, um die erhaschte Beute
rubig zu verzehren, Als ein nächtliches und noch dazu kran-
kes Thier verschlief er den ganzen Tag in einem absichtlich
dazu gestellien Kasten, erst mit Beginn der Abenddämmerung
fing er an lebhafter zu werden, anfangs war er sehr wild und
beissig, ich zweifle aber keineswegs, dass er sich mit der
Zeit vollkommen gezähmt hätte, allein der kurze Besitz ge-
186 v. Siemuszowa-Pietruski:
stattete nicht weitere Erfahrungen zu machen. Gegenwärtig
befindet sich dieses herrliche Exemplar ausgestopft im Lem-
berger Naturalien -Kabinet.
Ueber den polnischen Biber.
Von -
Demselben.
Die steigende Bodenkultur, deren natürliche Folge das
Austrocknen und Urbarmachen der Moräste und die Ausrot-
tung der Wälder den Menschen neue Quellen des Wohlstan-
des eröffnet, hat auf einige Thierarten sehr verderblich ge-
wirkt, und drohend nähert sich wenigstens in Mittel- Europa
das Bibergeschlecht seinem völligen Untergange, man muss
sich daher beeilen, um an den wenigen übriggebliebenen Bi-
berfamilien durch fleissiges Beobachten die Naturgeschichte
dieser Thiere zu vervollständigen. Da ich so glücklich war,
durch die Güte des Herrn August Reddik mag. pharmaciae in
Krakau einige schätzbare Notizen über die polnischen Biber
zu erhalten, so fühle ich mich verpflichtet dieselben in diesen
Blättern mitzutheilen.
Herr Reddik schreibt mir am 8. Februar 1846: ‚Vor
einigen Jahren haben verschiedene Warschauer Zeitschriften
die Nachricht von zwei Bibern mitgetheilt, welche in der Nähe
der Stadt unter einer Brücke an der Weichsel sich sehen
liessen, und dieses Ereigniss als etwas ausserordentliches, ja
wunderbares ausgegeben, schon damals hatte ich einen Aufsatz
über die Biber verfasst, unglücklicherweise verhinderte eine
langwierige Krankheit die Bekanntmachung desselben. Im
Anfange des vorigen Jahres las ich wieder mit der lebhaf-
testen Freude Ihren freundlichen Aufruf an diejenigen, die am
Bug wohnen und mithin diese Thiere an Ort und Stelle be-
obachten können, ich beeile mich daher das wenige, was ich
über die polnischen Biber zu erfahren die Gelegenheit hatte,
mitzutheilen. — Es traf sich als ich einst in Warschau wohnte,
. Ueber den polnischen Biber. 187
dass ein Waidjunge aus Zegrze in der Nähe der Vereinigung
des Bug mit der Narew Anfangs März 1822, als das Eis auf
den Flüssen aufthaute, einen erschossenen Biber brachte, wel-
chen ich wegen des damals zu verschiedenen Arzeneien stark
gebrauchten Bibergeils für 2 Dukaten kaufte, und weil dieses
Exemplar eine bedeutende Menge davon enthielt, so wurden
später noch 2 andere von demselben Jäger eingekauft. Der
oben erwähnte Waidjunge erzählte uns, dass er- sich seit meh-
reren Jahren mit der Jagd dieser Thiere abgebe und zwar
immer zu der Zeit, wenn der Bug und die Narew das Eis
ablegen, denn alsdann werden die Biber aus ihren Höhlen
vertrieben und retten sich auf grössere Eisblöcke, dieser Um-
stand ist für den Schützen von grosser Wichtigkeit und ver-
half auch unserem Waidjungen, mehrere und namentlich die
erwähnten drei Stück zu erlegen, denn im Sommer, obwohl
er ihre Schlupfwinkel kannte, war es ihm unmöglich einen
einzigen zu bekommen und zwar aus dem Grunde, weil die
Biber sehr schlaue und vorsichtige Thiere sind, die, sobald
sie nur von weitem Gefahr ınerken, auf der Stelle untertau-
chen und verschwinden.” Diese Aussage bestättigte Herr
Obrubski, Apotheker in Terespol am Bug; überzeugt, dass
sich die Biber in seiner Umgegend befinden, ging er viele
Nächte hindurch auf den Anstand, in der Hoffnung einige zu
erlegen, wenn sie auf ihre Nahrung, welche aus Erlen- und
Weidenrinde besteht, ausgehen, doch vergebens, er bekam nie
einen einzigen zu Gesicht, und wenn er eine oder zwei Nächte
versäumte, fand er ganz bestimmt an der frisch abgefressenen
Baumrinde und abgenagten Stämmchen sichere Spuren ihres
Vorhandenseins; inzwischen gelang es ihm einmal einen jun-
gen lebendigen Biber, der kaum 4 Monate alt sein konnte,
zu bekommen, welchen er ein halbes Jahr hindurch in einem
kleinen Teiche hielt und schöne Beobachtungen über die aus-
serordentliche Schärfe des Gesichts und Geruchssinnes dieser
Thiere zu machen die Gelegenheit hatte. Menschen und
Hunde witterte der kleine Biber von weiter Ferne und ver-
barg sich sogleich durch Untertauchen, die in einem Winkel
gelegten Nahrungsmittel, welche aus verschiedenartiger Baum-
rinde und aus kleinen lebenden Fischen bestanden, verzehrte
188 v. Siemuszowa-Pietruski: .
er im Verborgenen zur Nachtzeit, manchmal liess er auch ein
Geschrei hören, das zwar laut aber traurig klang.
„Im Jahre 1826 brachte derselbe Waidjunge wieder einen
erwachsenen männlichen Biber zum Verkauf, da wir aber
damals genug Bibergeil hatten, so wurde er abgewiesen und
begab sich zum Hutmacher, von nun an sah ich den Men-
schen nie mehr. Die frühern gekauften drei Biber sowie der
zuletzt gebrachte waren schöne grosse Exemplare, das grösste
Männchen hatte 3 Fuss Länge, von der Nasenspitze bis zum
Schwanzende gerechnet, der Kopf war 5 Zoll lang und 3 Zoll
breit und der Schwanz ein Fuss lang; es wog 30 polnische
Pfund. Das Gebiss bestand aus 20 Zähnen, in jedem Kiefer
40, nämlich 2 gelbe dicke vorragende Nagezähne, und auf
jeder Seite derselben nach einem leeren Raume 4 Backen-
zähne, von denen die obern vorn drei nach innen eine, und
umgekehrt vorn eine und auch innen drei Falten hatten. Die
Artkennzeichen stimmten vollkommen mit denen, welche unser
berühmte Zoolog, Professor Doctor Felix P. von Jarocryn
Jarocki ') in seiner vortrefllichen Zoologie angiebt, und war
der ganze Körper mit doppelten 1%’ langen gelbbraunen Haa-
ren bedeckt, der 4 Pfund schwere Schwanz glatt schuppig
und von grünlich brauner Farbe, bei der Zergliederung faı-
den wir am Bauche nach dem Schwanze zu 2 kleine zellige
Säckchen mit 5—6 Loth des berühmten Bibergeils (casto-
reum) polnisch Stroi bobrowy angefüllt, welcher alle guten
Eigenschaften des Amerikanischen besass.
Schliesslich muss ich noch bemerken, was mit dem Fleisch
geschah. Es war uns bekannt, dass der Biberschwanz ehe-
mals als leckeres Gericht auf den Tafeln der polnischen Ma-
gnaten aufgetischt wurde, da wir aber die rechte Art und
Weise, wie man diese Delicatesse zurichten soll, nicht wuss-
ten, so wurde er mit Blätterkohl zubereitet und schmeckte
vortrefflich, und in der That, es war eine fette, weisse, köst-
liche Speise, die aber einen balsamischen Geruch hatte; aus
den Rippen wurde ein Eingemachtes gemacht, und das übrige
Fleisch zu einem Schinken geräuchert, alles war mürbe und
gut, verbreitete aber den erwähnten balsamischen Geruch, das
') Gegenwärtig Direktor der Warschauer Naturalien-Kabinette.
Ueber den polnischen Biber. 189
Fell wurde dem Kürschner übergeben. — Was die geogra-
phische Verbreitung der Biber in Polen anlangt, so muss man
annehmen, dass sie ihren Hauptaufenthalt am Bug haben, denn
obwohl die oben erwähnten bei Serock, wo sich die Narew
mit dem Bug vereinigt, erlegt worden sind, so hat man bis
jetzt nie von dem Vorkommen dieser Thiere an jenem Strom
gehört; die 3 Stück, welche wir in dem Jahre 1822 ange-
kauft, derjenige, welchen wir im Jahre 1826 gesehen, die 2
unlängst bei Warschau gesehenen, so wie der im Jahre 1830
bei Elbing erlegte, haben sich bestimmt aus dem Bug dorthin
verirrt. (In Galizien bewohnen sie auch die Ufer der Wisnia
vorzüglich bei Rodatycere. Prof. Dr. Zawadzki bemerkt, dass
die Ueberschwemmungen im Jahre 1836 viele getödtet haben
sollen, an der Wisnia allein 4 Stück, welche in Lemberg des
Bibergeils wegen für 20 Fl. Conv. M. verkauft wurden, und
im Jahre 1838 war ich selbst so glücklich, der Zergliederung
eines Biberweibehens, welche im Lemberger Naturalien-Kabi-
nette stattfand, beizuwohnen, wir fanden in demselben 2 kleine
Fötus, welche sich bis jetzt daselbst befinden, die Mutter
nahm der Eigenthümer weg, Pietruski.) Auch muss man an-
nehmen, dass diese Thiere in Polen gar nicht zu den grossen
Seltenheiten gehören; weil aber gegenwärtig ihr Aufenthalt
nur auf den Bug und die Wisnia beschränkt ist, wo sie ihre
Höhlen an unzugänglichen Orten anlegen, und sie überdies noch
schlaue vorsichtige Thiere sind, die nur bei der Nacht ihre
Schlupfwinkel verlassen, so ist es allerdings begreiflich, warum
sie so selten erscheinen; erst dann würde man zu einer ge-
nauern Kenntniss der polnischen Biber gelangen, wenn ihr
Aufenthalt von einem Zoologen beobachtet würde. Vor der
Hand ist aber ihre gänzliche Ausrottung mit Recht zu befürch-
ten, wenn die Regierung keine Anstalten trifit, um sie gegen
die Nachstellungen gewinnsüchtiger Raubschützen zu sichern.”
Podhorodce bei Stryi in Galizien, den 1. März 1846.
190
Fernere Bemerkungen über den Bau der Ganoiden.
Von
Joh. Müller.
(Gelesen in der Akad. der Wissensch. zu Berlin am 12. März 1846.)
In der Abhandlung über den Bau der Ganoiden (Archiv
f. Naturgesch. 1845. Heft 1) habe ich einige wesentliche in-
nere Eigenthümlichkeiten der Ganoiden bekannt gemacht und
gezeigt, dass diese Thiere, welche den Knochenfischen im
Besitz des Kiemendeckels gleichen, von diesen durch den Be-
sitz einer Muskelschicht auf dem Arterienstiel und durch mehr-
fache Klappenreihen innerhalb des Arterienstiels, sowie durch
den Besitz eines Chiasma nervorum opticorum abweichen,
während die Knochenfische nur 2 Klappen am Ostium arte-
riosum der Kammer und keine Fortsetzung des Muskelfleisches
des Herzens auf den Arterienstiel besitzen, ihre Sehnerven
aber ohne Vermischung einfach kreuzend über einander weg-
gehen. In diesen Beziehungen stimmen also die Ganoiden
mit den Knochenfischen gar nicht, aber gänzlich mit den Se-
lachiern (Haifischen, Rochen und Chimären). Ausser diesen
allgemeinen und absoluten inneren Charakteren der Ganoiden
erwähnte ich andere, welche den Ganoiden zwar auch eigen-
thümlich sind, insofern sie niemals bei eigentlichen Knochen-
fischen beobachtet werden, welche aber doch nicht bei allen
Ganoiden vorkommen. Dahin rechnete ich unter andern die
Existenz einer respiratorischen Kiemendeckelkieme und der
Spiralklappe im Darmkanal. Erstere erscheint bei den. Stören,
Scaphirhynehus und Lepisosteus, fehlt aber den Polypterus und
Spatularia, die letztere wird bei den Stören, Scaphirhynchus,
Spatularia, Polypterus beobachtet, während sie den Zepisosteus
zu fehlen schien. Der Mangel der Spalte in der Netzhaut
der Ganoiden war auch noch nicht allgemein beobachtet. Der
Ueber den Bau der Ganoiden. 191
Zweck der gegenwärtigen Mittheilung ist, zu zeigen, dass die
absoluten oder constant allgemeinen Charaktere der Ganoiden
zahlreicher sind und mehrere der Charaktere, welche allen
Knochenfischen fehlen, aber nicht allen Ganoiden eigen zu
sein schienen, in der That allgemeiner sind.
Seit der letzten Abhandlung haben sich die Materialien
zur Anatomie der Ganoiden bedeutend vermehrt. Herr Dr.
Roemer hat mir eine Spatularia und eine hinreichende Anzahl
von Exemplaren des langschnautzigen Zepisosteus in Weingeist
aus Nordamerika geschickt.
Die neu erhaltenen Lepisosteus haben noch viel mehr
Klappen im Arterienstiel des Herzens als das in Paris unter-
suchte Exemplar, auch ist die Anordnung der Klappen ver-
schieden. In dem Pariser Exemplar waren 5 gleich ausgebil-
dete Längsreihen von 8 Klappen, also im Ganzen 40 Klappen
vorhanden. In den neulich untersuchten Exemplaren sind 8
Längsreihen von Klappen, darunter 4 Reihen grösserer und 4
Reihen kleinerer Klappen dazwischen. Die Hauptreihen ent-
halten 9 Klappen, die Nebenreihen theilweise weniger. Wären
alle Klappenreihen gleich ausgebildet, so wären 72 Klappen
vorhanden, es sind aber nur gegen 54 bis 60 ausgebildet.
Dieser Unterschied zeigt schon speeifische Verschiedenheit an.
Die von Dr. Roemer erhaltenen Exemplare sind die ge-
wöhnliche langschnautzige Art Lepisosteus bison De Kay zool.
of New-York part. III. Albany 1842. p. 271. Tab. 43. Fig. 139.
(Lepidosteus osseus Agass. poiss. foss. II. 2. p. 2. Tab. A. Fig.
inf. et sup.). Bei dem Pariser Exemplar war die Schnautze
kürzer, so wie beim Caiman Eneyel. method. Tab. 71. Fig. 292.
Lepisosteus platyrhynchus De Kay p. 273. Tab. 43. Fig. 137.
L. semiradiatus Ag. poiss. foss. II. Tab. A. Fig. med., welche
identisch zu sein scheinen. Spatularia hat innerhalb des mus-
eulösen Arterienstiels 4 Längsreihen Klappen, in jeder 3.
Eine wichtige neue Thatsache aus der Anatomie der Ga-
noiden betrifft die Ganoiden ohne Kiemendeckelkieme, Poly-
pterus und Spatularia.
Bei denjenigen Ganoiden, bei welchen die respiratorische
Kiemendeckelkieme fehlt, scheint die Kiemenarterie doch noth-
wendig einen Ast zum Kiemendeckel zu geben, so dass diese
Arterie gleichsam als Aequivalent jener Kieme oder als Aorten-
192 Joh. Müller:
bogen anzusehen ist. Ich habe dies, ohne es eben zu suchen,
beim Polypterus bichir beobachtet und es verhielt sich in meh-
reren Exemplaren in gleicher Weise. Denselben Ast der Kie-
menarterie zum Kiemendeckel fand ich dann auch bei der
mir von Dr. Roemer gesandten Spatwlaria }).
Hieraus geht wieder die tiefere Gesetzmässigkeit her-
vor, welche selbst die Abweichungen beherrscht. Bei Kno-
chenfischen ist die Verzweigung der Kiemenarterie immer auf
die Kiemen beschränkt und es ist nie beobachtet worden, dass
sie sich am Kiemendeckel verzweigt hätte. Wohl aber kennen
wir zu jenem Verhalten ein nicht ganz analoges Beispiel bei
Lepidosiren, wo die Kiemenarterie an der Kehlseite des Kopfes
sich verzweigt. Bei Lepidosiren erklärt sich die Erscheinung
aus der Gegenwart der Lungen, welche hellrothes Blut zum
Herzen schieken, so dass der Arterienstamm vom Herzen ge-
mischtes Blut zu den Kiemen sowohl, wie durch jenen Ast
und die Aortenbogen zum Körper führt. Bei Polypterus und
Spatularia ist die Erscheinung aus dem Eingehen der Kiemen-
decekelkieme zu erklären.
Die Verbreitung der Kiemenarterie in eine noch vor den
Kiemenbogen liegende wahre Kieme ist allgemein bei den Se-
lachiern. Alle von mir untersuchten Gattungen von Haifischen,
!) Dies Exemplar ist 1% Fuss lang und hat Zähne im Oberkie-
fer, Gaumenbeinen, Unterkiefer und auf dem vordern Theil der zwei
ersten Kiemenbogen, also Po/yodon folium Lacep., der aber viel-
leicht nur das junge der P/anirostra edentula ist, denn alle bisher
beobachteten Exemplare mit Zähnen waren jung und alle ohne Zähne
waren grössere. Siehe vergl. Anat. der Myxinoiden 1. p. 148. Auf
der Schwanzfirste sind Fulera wie bei den Stören und die Seiten des
obern Lappens der Schwanzflosse sind auch mit länglichen Knochen-
tafeln belegt. Der Isthmus der Kehle und die hintere und untere
Circumferenz der Kiemenhöhle sind mit dreilappigen Kartenherzför-
migen zerstreuten Schüppchen besetzt. Lacepede hat sich geirrt,
wenn: er dem Polyodon 5 Kiemenbogen zuschrieb, es sind nur 4.
Dasselbe Schicksal haben die Störe gehabt. Brandt schreibt ihnen
5 Kiemenbogen mit Kiemenblättern (und ausserdem die Kiemen-
deckelkieme) zu, aus Brandt und Ratzeburg ist dies Versehen
in die Monographie der Störe von Heckel und Fitzinger über-
gegangen. Kein Stör hat mehr als 4 Riemenbogenkiemen und dazu
die Kiemendeckelkieme.
Ueber den Bau der Ganoiden. 193
Rochen, auch die Chimaeren haben eine der Kiemendeckel-
kieme der Ganoiden analoge Vorkieme (von einer Pseudo-
branchie wohl zu unterscheiden) und ist also eben bewiesen
worden, dass die Gefässe dieser Vorkieme aus der Kiemen-
arterie entspringend, selbst dann noch vorhanden sind,
wenn die Vorkieme durch regressive Metamorphose einge-
gangen ist,
Ich habe schon früher ein ganz ähnliches gesetzmässiges
Verhalten bei den Gefässen der Pseudobranchien nachgewie-
sen. - Dort handelt es sich aber um Arterien, die aus Kie-
menvenen, nicht aus Kiemenarterien entspringen und welche
also hellrothes Blut führen. Ich erlaube mir den Leser an
die in der vergleichenden Angiologie der Myxinoiden nieder-
gelegten Thatsachen zu erinnern. Es giebt nämlich Haifische
mit Pseudobranchien im Spritzloch und ohne Pseudobranchien,
selbst ohne Spritzlöcher. Dieselbe Carotis, welche bei den
erstern durch das Wundernetz der Pseudobranchie durchgeht,
nämlich sich darin auflöst und daraus von neuem zusammen-
setzt, dieselbe macht bei Scymnus am Spritzloch nur eine
Doppelschlinge, weil die Pseudobranchie fehlt, oder macht bei
den Carcharias ohne Spritzlöcher und ohne Pseudobranchien,
an der Stelle, wo diese sein sollten, ein plexusartiges Ge-
winde, um dann wieder einfach fortzugehen. Die Gefässe be-
obachten also ganz dasselbe gesetzmässige Verhalten beim
Verschwinden der wahren Kiemen wie der falschen Kiemen,
im ersten Fall entsteht aus einem dunkelrothes Blut führenden
Ast der Kiemenarterie zur Kiemendeckelkieme durch das Ver-
schwinden der letztern eine Körperarterie; im zweiten Fall
entsteht aus einem hellrothes Blut führenden Ast der Kiemen-
venen, nämlich aus der Arterie der Pseudobranchie durch das
Verschwinden der Pseudobranchie eine Körperarterie. Die in
den Seymnus fehlende Pseudobranchie habe ich im frühen Fö-
tusalter gefunden. Abhandl. d. Akad. d. Wissensch. zu Berlin
a. d. J. 1840. p. 252. Hier» darf man wohl fragen, sollten
die Polypterus und Spatularia nicht auch im Fötuszustande
die Kiemendeckelkieme der Acipenser, Scaphirhynchus, Lepi-
sosteus besitzen, welche der allgemeine Plan der Ganoiden
aufnimmt und ist das von uns gefundene Aequivalent nicht
auch ebenso durch Reduction einer Kiemendeckelkieme her-
Archiv (, Naturgesch, X11, Jahrg. 1. Bd, 13
194 Joh. Müller:
vorgegangen? Wenn es aber auch nicht wäre, so ist doch.in
dem hier beschriebenen von allen Knochenfischen abweichen-
den Verhalten dem allgemeinen Plan der Ganoiden genug ge-
schehen.
So wie nun in dem Kiemendeckelast der Kiemenarterie
bei Polypterus und Spatularia ein letzter Rest der Kiemen-
deckelkieme erhalten ist, eben so findet sich bei Zepisosteus
eine Spur des Spritzlochs. Als solche betrachte ich eine
blinde Vertiefung am Gaumen nach innen von der Pseudo-
branchie, bei einzelnen Individuen dringt sie tiefer ein und
bildet einen engen Kanal, in ähnlicher Weise wie bei denje-
nigen Haifischen, die kein durchbohrendes Spritzloch besitzen,
den Carcharias. Da dieser Kanal bei dem Fötus der (arcka-
rias durchbohrend ist, so lässt sich dasselbe von den früh-
sten Jugendzuständen der Zepisosteus vermuthen. Der blinde
Kanal findet sich auch am Gaumen der Scaphirhynchus.
In der vorigen Abhandlung. musste ich wegen Mangels
an Materialien das Verhältniss der Gefässe der Kiemendeckel-
kieme zu denen der Pseudobranchie dunkel lassen, es wurde nun
vollends aufgeklärt. Die erstere erhält ihr Blut aus der Kie-
menarterie, die Kiemenvene der respiratorischen Kiemendeckel-
kieme verwandelt sich in die Arterie des Kiemendeckels.
Diese schlägt sich nach aussen um die Einlenkung des Zun-
genbeins am Os temporale, dringt wieder zur innern Seite
des Kiemendeckels und giebt die Arterie der Pseudobranchie.
Die Vene der Pseudobranchie wird Carotis interna, Es steht
also fest, dass die Kiemendeckelkieme der Zepisosteus respi-
ratorisch ist wie beim Stör, dass die andere Nebenkieme aber
Pseudobranchie oder Wundernetz ist, und zwar Rete mirabile
caroticum, wie bei den Plagiostomen und Stören ist, wie ich
es in meiner ersten Abhandlung voraus gesagt hatte.
Die Lepisosteus haben 2 Carotiden, eine äussere und in-
nere, von diesen Arterien steht nur die innere in der erwähn-
ten Beziehung zu der Pseudobranchie als Wundernetz. Die
Carotis facialis des Zepisosteus entsteht auf jeder Seite als ein
Ast der Kiemenvene der ersten der 4 Kiemen und dringt
jederseits durch eine besondere Oefinung des grossen Flügels
des Keilbeins in die Schläfenhöhle ein, um sich in den äus-
seren und vorderen Theilen des Kopfes zu verästeln. Die Ze-
Ueber den Bau der Ganoiden. 195
pisosteus zeichnen sich vor allen Fischen durch den Besitz der
Processus pterygoidei (gebildet vom basilaresphenoideum und der
ala ınagna) und die Einlenkung der Ossa pterygoidea an diesen
Fortsätzen aus, wovon mir weder unter den Ganoiden, noch
überhaupt unter den Fischen ein anderes Beispiel bekannt ist.
An der innern Seite dieses Gelenkes ist der Processus ptery-
goideus vom Basilare sphenoideum durch einen Halbkanal ab-
gesetzt. In diesen tritt dje aus der Pseudobranchie kommende
Carotis interna von unten ein, um sich nach aufwärts zu
wenden, und über jener Furche tritt auch sogleich die Ca-
rotis interna durch eine Oefinung ins Innere der Schädel-
höhle. Daher sich bei Injection der Vene der Pseudobran-
chie mit Quecksilber die Gefässe im Innern der Schädelhöhle
füllen.
Polypterus hat eine unpaare Carotis interna, welche aus
dem Zusammenfluss der Kiemenvenen entsteht und sehr eigen-
thümlich in der Mitte die Basis des Hinterhauptbeins durchbohrt.
Die Arterien der zelligen Schwimmblase des Zepisosteus
entspringen in grosser Anzahl aus der Aorta, die Venen gehen
zu den beiden Subvertebralvenen zurück. Die zellige Schwimm-
blase ist daher auch hier der Natur einer Lunge fremd.
Bei Polypterus entspringen die Arterien der Schwimm-
blasen aus der letzten Kiemenvene jeder Seite ungefähr an
der Mitte des an die Kiemenhöhle angewachsenen Kiemenbogens,
Die Venen der Schwimmblasen gehen zur mittlern Hohlvene,
welche auch die Lebervenen aufnimmt. Diese unpaarige eigent-
liche Hohlvene, welche von den paarigen Subvertebralvenen
zu unterscheiden, kommt als ein ansehnlicher Stamm vom
hintern Ende der Bauchhöhle vor dem After, wo sie mit den
Subvertebralvenen und der Vena caudalis zusammenhängt;
am hintern Ende der rechten grössern Schwimmblase, welche
bis an den After reicht, schlägt sie sich um das hintere Ende
der Schwimmblase vor dieselbe und begleitet sie, zwischen ihr
und dem rechten sehr langen Leberlappen gelegen, bis zum
Diaphragıma, Sie nimmt sehr viele quere Aeste aus der rech-
ten Schwimmblase und zuletzt die re der
rechten und linken Schwimmblase auf.
Die Schwimmblasen des Polypterus sind ganz von einer
13*
196 Joh. Müller:
Muskelhaut umgeben, ihre Schleimhaut zeigt nur sehr feine
parallele Fältchen in schiefen Reihen. Bei Lepisosteus bildet
die Musculatur Fleischbündel auf den Balken der Zellen-
abtheilungen, aber die Anordnung der kleinen Zellen ist von
den Trabeculae carneae ganz unabhängig. \
Alle Ganoiden besitzen wie die Selachier eine Schild-
drüse. Es ist Jie zuerst von Stenonis (Anat. Rajae) bei den
Rochen entdeckte Drüse, welche in der Mitte unter dem Kie-
mengerüst zwischen diesem und der Kiemenarterie liegt. Sie
ist neulich von Simon beim Störe als Schilddrüse beschrie-
ben, sie findet sich an derselben Stelle auch bei Polypterus
und Zepisosteus, gewöhnlich ist sie einfach, beim Polypterus
ist sie doppelt, ihr mikroskopischer Bau stimmt völlig mit der
Struktur der ‚Schilddrüse.
Die Gefässdrüsen auf der Oberfläche des Herzens der
Störe erscheinen bei den Spatularien wieder.
Agassiz, Valentin und van der Hoeven haben in
ihren Beschreibungen der Eingeweide des Zepisosteus die Spi-
ralklappe des Darms nicht bemerkt. Da die von mir unter-
suchten Exemplare des zoologischen Museums zu Paris ohne
Baucheingeweide, die im anatomischen Kabinet aufgestellten
Eingeweide aber nicht zur Hand waren, so musste ich es da-
bei bewenden lassen. Nun finde ich aber bei Untersuchung
der aus Nordamerika erhaltenen Exemplare, dass die Spiral-
klappe allerdings vorhanden ist, sie ist nur rudimentär, so-
wohl in Hinsicht ihrer Länge als ihrer Höhe. Der grösste
Theil des Darms ist davon frei, sie befindet sich erst gegen
das Ende vor dem Mastdarm; sie macht nur 3 Schrauben-
windungen und ist ganz niedrig, so dass sie funetionell (Ver-
mehrung der Oberfläche) ohne Wirksamkeit ist und nur ein
Ausdruck des allgemeinen Planes der Organisation der Ga-
noiden ist. Man sieht daraus auch, dass die Spiralklappe
derjenigen Fische, welche sie besitzen, Ganoiden, Sirenoi-
den, Plagiostomen, sich von der Grenze zwischen dem
chylopoetischen Darm und Mastdarm aus zu entwickeln be-
ginnt, dass sie von unten nach oben, nicht von oben nach
unten an Länge zunimmt. Das Maximum ihrer Entwickelung
erreicht sie, wenn sie wie bei Plagiostomen und beim Poly-
Ueber den Bau der Ganoiden. 197
pterus bis zur Stelle, wo sich die Galle ergiesst oder bis zur
Duodenalportion des Darmes hinaufreicht.
Die Existenz der Spiralklappe gehört nunmehr unter die
absoluten oder allgemeinen Charaktere aller Ganoiden, aber
bei keinem Knochenfisch ist etwas der Art beobachtet. Mehr-
reihige Klappen des Arterienstiels, Muskellage auf demselben
und Spiralklappe des Darms scheinen sich gegenseitig zu be-
dingen, wie bei den Selachiern, auch bei den Ganoiden. Wir
“ kennen keine Ausnahme. Kännten wir einen Ganoiden mit
Spiralklappe des Darnıs, dessen Arterienstiel und Herzklappen
noch nicht untersucht wären, so könnten wir voraussagen,
dass er eine Muskellage auf demselben und inwendig mehr-
fache Klappenreihen besitze. Und umgekehrt wäre uns letz-
teres bekannt, der Darm aber noch nicht untersucht, so
könnten wir mit eben so viel Gewissheit voraussagen, dass
die Spiralklappe vorhanden sein werde. Die ZLepidosiren un-
terscheiden wir mit Recht von den Ganoiden.
Die Geschlechtsorgane sind bei den Ganoiden nieht nach
einem gemeinsamen Plane gebildet, es giebt vielmehr unter
den Ganoiden in dieser Hinsicht eben solche tiefe Unterschiede
wie unter den Familien der Knochenfische. Bei den Stören
und Polypterus münden die Eileiter frei in die Bauchhöhle,
und die Eier werden aus der Bauchhöhle durch die Trich-
ter der Eileiter aufgenommen. Zepisosteus hat Abdonminal-
öffnungen neben dem After. Die Eierstöcke sind sackförmig,
die Eier entwickeln sich in der Dicke der innern Wand des
Sackes, welcher sich in den Eileiter fortsetzt. Die Eileiter
gehen nicht aus dem Ende, sondern aus der Mitte der Länge
der Säcke ab, so dass die Säcke nach vorn und hinten blind
sind. Die männlichen Geschlechtstheile bieten nichts eigen-
thümliches dar, der Samenleiter hat in seinem Verlauf einige
blasenartige Erweiterungen, seine Verzweigung in den Hoden
und der ganze Hoden liess sich vom Samenleiter aufblasen.
Der Samenleiter führt in den Harnleiter. Eine eigentliche
Harnblase ist nicht vorhanden, aber vor der Ausmündung des
Oanalis urogenitalis befindet sich eine beträchtliche sackartige
Erweiterung, in welche beim Weibchen auch die Eileiter ein-
münden. Die Harnblase fehlt auch den Polypterus. Der Um-
stand, dass es im Bau der Geschlechtsorgane der Ganoiden
198 Joh. Müller:
so grosse Unterschiede giebt, wie zwischen den Familien der
Knochenfische, ist sehr interessant für die Bedeutung und den
Umfang der Abtheilung, welche die Ganoiden im System ein-
nehmen müssen. Man sieht allein schon daraus, dass sie viel
mehr als eine Familie sind, und dass man ihre anatomi-
schen Eigenthümlichkeiten in keinem Fall als Cha-
raktere einer besondern Familie von Knochen-
fischen ansehen kann. Ihre Auffassung als Unterklasse
auf gleichem Range wie die Selachier, Knochenfische, Cyclo-
stomen, Sirenoiden wird hierdurch bestätigt und ebenso wird
die Familienverschiedenheit der Zepisosteus und Polypterus
von neuem bewiesen.
Im Auge des Lepisosteus fehlt der Spalt der Retina und
Processus faleiformis wie bei Polypterus, und auch die Cho-
roidaldrüse ist nicht vorhanden. Das Gehirn hatte sich nicht
erhalten.
Die Augennerven vertheilen sich bei beiden Fischen wie
gewöhnlich zu den Augenmuskeln, aber in dem Ursprung der-
selben bietet Zepisosteus eine sehr auflallende Abweichung
dar, die ich in mehreren Exemplaren immer gleich fand. Ner-
vus trochlearis und oculomotorius sind mit Aesten des Tri-
geminus vereinigt, d. h. sind Zweige von Aesten des 'Trige-
minus, beim Ursprung am Gehirn mögen sie wohl getrennt
sein und dann in den Trigeminus eingeschlossen werden, von
dem sie sich durch Präparation nicht trennen lassen. Trige-'
minus tritt durch 2 Oefinungen aus dem Schädel, ein kleinerer
Strang durch eine besondere Oefinung in der Ala parva,
der übrige Theil des Stammes durch eine Oeflnung zwi-
schen der Ala magna und Ala parva. Der erste Ast wird
dann zusammengesetzt aus zwei Wurzeln aus beiden Stämmen.
Nervus trochlearis und oculomotorius sind Zweige des durch
eine besondere Oefinung der Ala parva durchgehenden Astes
des Trigeminus. Der Stamm für den Rectus superior, inter-
nus, inferior und obliquus inferior schliesst auch die Fasern
für die Neryuli ciliares ein. Nervus abducens dagegen tritt
mit dem hintern Theil des Stammes des Trigeminus aus einer
Oefinung zwischen dem grossen und kleinen Flügel des Keil-
beins heraus.
Beim Polypterus sind die Augenmuskelnerven sämmtlich
Ueber den Bau der Ganoiden. 199
selbstständig. Trochlearis geht zu vorderst durch eine be-
sondere Oeflnung, die beiden andern Muskelnerven mit dem
ersten Ast des Trigeminus durch eine andere Oefinung.: Zum
ersten Ast des Trigeminus tritt noch eine Wurzel von dem
weiter hinten austretenden übrigen Stamm des Trigeminus
hinzu. Die Oefinung für den Trochlearis und die Oefinung
für den ersten Ast des Trigeminus, oculomotorius und abducens
befinden sich in der herabsteigenden Lamelle des Stirnbeins,
die Oefinung für den übrigen Stamm des Trigeminus zwischen
Stirnbein und Keilbein.
Der Ramus opercularis des Trigeminus erscheint bei Le-
pisosteus und Polypterus in gleicher Weise wie bei den Kno-
chenfischen, beim Zepisosteus tritt er durch einen Kanal der
Ala magna vom Trigeminus ab, durchbohrt dann das Os tem-
porale, verläuft nun eine Strecke an der äussern Seite des
Praeopereulum und tritt dann erst auf die innere Seite des
Kiemendeckels. Ich verweise auf die Abbildungen, die ich in
den Abhandlungen der Akademie geben werde.
Die Nebenkiemen des Lepisosteus erhalten Zweige vom
N. glossopharyngeus, der sich bei beiden Fischen mit dem
Ramus opercularis trigemini verbindet und sich wie gewöhn-
lich verästelt.
Nervus vagus tritt beim Lepisosteus durch eine Oeflnung
des Oceipitale laterale, beim Polypterus zwischen Oecceipitale
und Mastoideum aus. Beim Polypterus erhält die längere
rechte Schwimmblase vom rechten und linken Ramus in-
testinalis Zweige, die kleine linke Schwimmblase nur vom
linken Ramus intestinalis. Lepisosteus besitzt nur einen
Seitennerven, Polypterus hat deren zwei vom Vagus, einen
obern und einen untern, der erstere verläuft nahe der obern
Mittellinie unter dem Schuppenpanzer, der untere geht an der
Seitenlinie her mit dem Seitenlymphgang, beide liegen über
den knopfförmigen Enden der rippenartigen (aber von den
Rippen zu unterscheidenden) Fleischgräthen, welche sich mit
den Schuppen der Seitenlinie verbinden.
Hinter dem Vagus treten beim Polypterus noch 2 Nerven
durch den Schädel, durch Löcher des Os oceipitale, nämlich
der Hypoglossus für den Musculus sternohyoideus und ein
Nerve für die Brustflosse, welche letztere ausserdem noch 2
200 Joh. Müller:
Spinalnerven erhält. Bei ZLepisosteus osseus treten noch 4
Nerven hinter dem Vagus durch das Hinterhauptsbein, drei,
wovon der vorderste sehr fein, durch Löcher des Oceipitale
laterale, der vierte durch eine Oefinung im aufsteigenden Theil
des Oceipitale basilare, die beiden ersten verbinden sich 'aus-
sen zum Nervus hypoglossus für den Musculus sternohyoideus.
Die beiden hintern gehen zur Brustflosse. Hieraus ersieht
man klar, dass auf die Zahl der letzten Hirnnerven oder
Schädeldurchgänge hinter dem Vagus durchaus kein Werth zu
legen ist und eine übereinstimmende Zahl von Hirnnerven für
die Wirbelthiere gar nicht zu suchen ist.
Der Nervus sympathieus der Ganoiden verhält sich wie
bei den Knochenfischen, beim Polypterus verläuft er jederseits
der Aorta und steht mit den Spinalnerven durch sehr lange
Rami communicantes in Verbindung.
Noch ist eine sehr eigenthümliche Erscheinung an den
untern Dornen (des Schwanztheils der Wirbelsäule) der Ga-
noiden zu erwähnen, bekanntlich bleiben diese untern Dornen
beim Polypterus und Lepisosteus als besondere der Wirbel-
säule angehängte Knochen bestehen, ganz so wie die unteren
Dornen am Schwanz einiger Säugethiere. Vergl. Osteol. der
Myxin. 97. Das merkwürdige ist nun, dass diese untern Dor-
nen bei den Ganoiden mit knöchernem Skelet, Gunoidei. hol-
ostei, nicht wie bei andern Fischen aus der Vereinigung der
untern Apophysen der Wirbelkörper (welche bei den Fischen
im Jugendzustande besondere Knochenstücke sind) zu ent-
stehen scheinen, sondern dass sie bei Lepisosteus deutlich aus
der Vereinigung der Rippen selbst gebildet werden. Bei den
Knochenfischen ist es ganz anders; dort entstehen sie ohne
alle Ausnahme immer aus der Vereinigung der untern Apo-
physen der Wirbelkörper, d. h. der untern Wirbelstücke des
Fötus und bei sehr vielen Knochenfischen hängen die Rippen
noch an den untern Dornen am Ende des Bauches. Dieser
Unterschied der Gunoidei holostei, und Knochenfische gehört
zu den wesentlichsten osteologischen Abweichungen, welche
überhaupt in der Abtheilung der Wirbelthiere vorkommen.
Man muss demnach sehr gespannt sein, den Fötuszustand der
‘Wirbelsäule bei diesen Ganoiden kennen zu lernen. Bei den
Stören entsteht der untere Dorn wie gewöhnlich nur aus den
* Ueber den Bau der Ganoiden. 201
untern Wirbelstücken, welche die ganze Länge der Chorda
besetzen.
Von meiner ersten Abhandlung über den Bau der Ga-
noiden und das natürliche System der Fische hat Hr. C. Vogt
eine französische Uebersetzung in den Annales des sciences
naturelles 4845. Juillet geliefert und dieser Abhandlung einige
Bemerkungen folgen lassen; darin ist eine Beobachtung ent-
halten, wodurch diese Materie um eine wichtige Thatsache
vermehrt wird. Vogt hat bei Untersuchung der Amia calva
des Pariser Museums auf die von mir aufgestellten Charaktere
von den Klappen und dem Muskelbeleg des Arterienstiels der
Ganoiden in der Amia einen neuen Ganoiden der Jetztwelt
entdeckt. Er fand nämlich bei diesem Süsswasserfisch Caro-
lina’s, der von Cuvier (gleichwie auch Polypterus und Lepi-
sosteus) unter die Ölupeiden gebracht und den ich darunter
gelassen, 2 Querreihen von Klappen im Arterienstiel und in
jeder Reihe 5—6 Klappen, auch war der Arterienstiel wie bei
andern Ganoiden äusserlich von einer scharf abgegrenzten
Lage von Muskelfleisch umgeben. Amia hat nach demselben
Beobachter auch eine schraubenförmige Spiralklappe des Darıns,
welche einige Windungen macht, ohne jedoch den obern Theil
des Darms zu erreichen und welche also wie bei Zepisosteus
nur auf den Theil des Darms vor dem, Mastdarm beschränkt
ist. Ungeachtet dieser anatomischen Uebereinstimmung mit
Polypterus und Lepisosteus haben doch die Schuppen der Amia
mit den Schuppen jener Ganoiden durchaus keine Aehnlichkeit
und man sieht hierbei wieder, wie wenig man sich auf die
Sehuppen verlassen kann. Die Schuppen der Amia sind nichts
weniger als knöcherne Tafeln, sie sind biegsan und abgerun-
det. Unter den fossilen Fischen, welche Hr. Agassiz zu den
Ganoiden zählte, giebt es schon ähnliche Schuppen bei den
Megalurus und Leptolepis und es ist dies ein Grund mehr,
dass diese beiden Gattungen, über welche ich selbst bisher
wegen Mangels direkter Charaktere zu keinem bestimmten
Urtheil gekommen bin, *Ganoiden sein mögen. Auch im Ha-
bitus gleicht die Amia, wie jene, mehr den Knochenfischen,
als den übrigen Ganoiden. Ich hatte ihre äussern Charaktere
an dem Exemplare der zoologischen Sammlung zu Paris, so
202 Joh. Müller:
wie die zellige Schwimmblase an den ausgenommenen Bauch-
eingeweiden im anatomischen Kabinet ebendaselbst untersucht.)
Vogt glaubt, dass Amia ungeachtet des Baues des Arte-
rienstiels von ‚Sudis und Osteoglossum nicht getrennt werden
könne, da sie sonst so ähnlich seien. Swdis ist nach meinen
Beobachtungen ein Knochenfisch mit 2 Klappen am Ostium
arteriosum der Kammer, ohne Muskelbeleg des Arterienstiels
und ebenso verhält sich Oszeoglossum ?). Jene Meinung läuft
darauf hinaus oder kann so ausgedrückt werden, dass diese
Fische zusammen entweder Ganoiden oder zusammen Kno-
chenfische seien, sei es, dass die Sudis und Osteoglos-
sum der dmia oder die Amia den Sudis und Osteoglos-
sum folgen. In der That hält Vogt die 4dmia für einen Ga-
noiden und Swdis sei daher auch ein Ganoid. Weil nun Sudis
für einen Ganoiden erklärt wird, deswegen sollen die anato-
mischen Charaktere nicht exclusiv sein. Ich kan nur die
Grundsätze wiederholen, die ich in meiner vorigen Abhandlung
zur Ausscheidung der falschen Ganoiden entwickelt habe.
Weil die anatomischen Charaktere der Ganoiden jetzt die ein-
zigen wesentlichen geworden sind, die wir von ihnen kennen
und die an ihnen haften bleiben und weil sie exclusiv sind,
deswegen sind die Sudis und Osleoglossum gemeine Knochen-
’) In meinen Mittheilungen von 1842 und 1843 habe ich die
Amia übergangen. Sie gehörte mit zu denjenigen Fischen, über
welche ich im Herbst 1844 in Paris mich aufzuklären beabsichtigte.
In ihrem Habitus lag jedoch nichts, was die Idee eines Ganoiden bei
mir erregen konnte, dies war die Ursache, warum ich die Unter-
suchung des Herzens unterliess und sie bei den Clupeiden liess.
Um so verdienstlicher ist ‘die Beobachtung von Vogt, welcher
ohne Zweifel durch die Erinnerung an die abweichenden rund-
schuppigen Ganoiden der Vorwelt zu ihrer Untersuchung bestimmt
wurde. Aus meinen Notizen über Azua erwähne ich: keine Ne-
benkiemen, Oberkiefer nach aussen vom Zwischenkiefer, mit einem
Anhang; in der Kiemenhöhle unter und hinter den Kiemen ein eigener
langer spitzer, platter knorpeliger Fortsatz von runzeliger Haut
überzogen, am Isthmus befestigt, gegen den Schultergürtel gerichtet,
Schuppen länger als breit, weich biegsam, der Länge nach gestreift.
?) Die Abbildung des Osteoglossum bieirrosum in Spix pisc. bra-
sil. ist in Hinsicht des Schwanzes entweder feblerhaft oder ist von
einem Fisch mit monströsem Schwanz entnommen.
u a nn.
Ueber den Bau der Gänoiden. 203
fische, also aus demselben Grunde, aus dein die vielen andern
einst zu den Ganoiden gezählten Knochenfische daraus aus-
geschlossen werden mussten. Das war ja eben die Aufgabe
meiner Arbeit, Charaktere zu finden, welche über alle äus-
seren Formähnlichkeiten hinaus die Fische nach ihren funda-
mentalen inneren Verwandtschaften zusammenführen. Ich glaube,
dass diese Aufgabe für immer gelöst ist und ich kenne keine
äussern Charaktere, die wichtig genug wären, 2 Fische zu
verbinden, die ihrem innern Bau nach so verschieden sind
als ein nacktes und beschupptes Amphibium, So gewiss alle
nackten Amphibien übereinstimmen, dass sie ein Aortenherz
besitzen, so nothwendig dieses Herz allen beschuppten Am-
phibien fehlt, so scharf unterscheiden sich die Ganoiden und
die Knochenfische in diesem absoluten Charakter. Das Schick-
sal der Sudis und Osteoglossum ist sicher bestimmt durch
den Bau, den icli von ihnen angegeben und ebenso bestimmt
ist das Schicksal der Jmia als Ganoiden durch die Beobach-
tung von Vogt entschieden.
Man hielt ehemals die Zsox, Belone und Lepisosteus für
- so ähnlich und verwandt, dass sie vermöge ihrer Form in
demselben Genus standen. Nachdem die Lepisosteus entfernt
waren, schienen wenigstens die Gattungen Zsoxr und Belone
unzertrennlich zu sein; die Anatomie hat diese Verwandtschaft
zersetzt, dass davon keine Rede mehr sein kann. Siehe die
Abhandlung über die natürlichen Familien der Fische. Arch. f.
Naturg.1843.1. Und worin soll nun die bindende Verwandtschaft
der Amia mit den Sudis und Osteoglossum bestehen? und mit den
Erythrinus? die nach V ogt auch vielleicht Ganoiden sollen sein
können, «da sie doch wie bündig bewiesen ist, Characinen sind.
Amia, Sudis, Osteoglossum sind Fische mit weichen Flossen,
abdominalen Bauchflossen und mit schuppenlosem hartem Kopf,
grossen Backenknochen, langer Rücken- und Afterflosse, deren
Oberkiefer nach aussen vom Zwischenkiefer liegt. Darin
stimmen sie überein, was in gegenwärtiger Frage nicht die ge-
ringste Bedeutung hat; den harten schuppenlosen Kopf und grosse
Backenknochen haben unzählige Fische der verschiedensten
Abtheilungen und es ist so wenig etwas ausserordentliches
bei den Sudis als bei den Zrythrinus, Xiphoramphus und Xi-
phostoma und manchen andern Characinen. Die Schuppen der
204 Joh. Müller:
Sudis und Amia sind gänzlich unähnlich. Diejenigen der
Sudis (Arapaima), Heterotis, Osteoglossum sind mosaikartig
zusammengesetzt, auf der Oberfläche granulirt, die Schuppen
der Osteoglossum auch wie bei andern Knochenfischen con-
centrisch gestreift; die Schuppen der Amia sind nicht zusam-
mengesetzt und haben auf der Oberfläche parallele der Länge
nach verlaufende erhabene Linien.
Ich weiss noch weniger, warum Agassiz in der dritten
Lieferung seiner poissons fossiles du vieux gres rouge die
‚Sudis zu der Familie der Coelacanthen unter den fossilen Ga-
noiden bringen will. Er bildet sogar dort das Skelet eines
Sudis zur Erläuterung der Coelacanthen ab. Die Coelacanthen
sind nach Agassiz Fische, welche sich auszeichnen, dass
ihre Knochen und Flossenstrahlen hohl sind. Bei Coelacan-
thus heften sich die Ossa interspinosa auf die Frocessus spinosi
und die Flossenstrahlen sind unverästelt. Alles dies kann von den
‚Sudis nicht gelten. Wären die Szdis den Coelacanthen verwandt,
so würde ich es als erwiesen ansehen, dass die ächten Kno-
chenfische der Jetztwelt, allen frühern Folgerungen von Agassiz
entgegen, bis in die ältesten Formationen der Vorwelt hinab-
reichen. In der neuern Monographie hat Agassiz die Coel-
acanthen mit Hinzuziehung einiger Fische aus anderen Fa-
milien anders formulirt, als Ganoiden mit runden dachziegel-
förmigen Schuppen und gefalteten Zähnen. Diese runden
Schuppen würden sich von den Schuppen der Knochenfische
nur durch ihren Schmelz auszeichnen. Aber die Sudis haben
weder den Schmelz der Schuppen noch die Zähne der Coel-
acanthen. Genau genommen, so wissen wir überhaupt von
diesen allgemeiner gefassten Coelacanthen der Vorwelt nur
weniges und nur unsicheres. Die Ganoidnatur der ächten
Coelacanthen beruht meines Erachtens darauf, dass ihnen die
Wirbelkörper fehlen. Undina bei Graf Münster Beitr. V.
Taf. 1I., auch von mir selbst untersucht. Dagegen haben wir
von den Amia und Sudis ein über ihre Natur entscheidendes
Wissen und die unter sich gänzlich verschiedenen Organisa-
tionen der Amia und Sudis können schwerlich dazu dienen,
"die unsichere Familie der Coelacanthen aufzuklären. Da ich
diese Swdis an dem von Rich. Schomburgk eingesandten
Weingeist-Exemplare und Skelet längst in allen Beziehungen
Ueber den Bau der Ganoiden. 205
anatomisch untersucht habe, so kann ich für gewiss versichern,
dass sie sich nicht in einem einzigen Punkt von dem gemein-
samen Typus und Plan aller unserer gemeinen Knochenfische
der Neuwelt entfernen. Sie schliessen sich ferner durch die
Osteoglossum an die Megalops und Aotopterus und durch diese
selbst an die Chatoessus und Clupea. Dass sie durch die Pseudo-
branchien nicht einmal geschieden sind, sondern eine fortlau-
fende Reihe bilden, habe ich in der vorigen Abhandlung bewiesen.
Da 4Amia mit den übrigen Ganoiden in den bis jetzt un-
tersuchten Verhältnissen ihres Baues, in dem Muskelbeleg des
Arterienstiels, in seinen mehrfachen Klappenreihen, in der
Spiralklappe des Darms stimmt, so lässt sich mit grosser
Wahrscheinlichkeit voraussagen, dass sie auch ein Chiasma
nervorum opticorum, eine Schilddrüse und eine ungespaltene
Retina haben werde, und Ja sie keine Nebenkieme am Kie-
mendeckel hat, so lässt sich vermuthen, dass sie auch mit
Polypterus und Spatularia den Ast der Kiemenarterie zum Kie-
mendeckel als Aequivalent der Kiemendeckelkieme haben wird.
Die vergleichende Anatomie führt in ihrer vollkommenen Ge-
stalt zu solchen nothwendigen Consequenzen, dass sich für
die Organisationen Ausdrücke finden lassen, welche dem Aus-
druck einer Gleichung ähnlich sind. Sind diese Ausdrücke
erst gefunden, so müssen sich im gegebenen Fall, wie in einer
Gleichung, aus den bekannten Grössen die unbekannten be-
rechnen lassen.
Gegen die erneuerte Vergleichung und Zusammenstellung
der Siluroiden, insbesondere Loricarien mit den Stören und
Scaphirhynchus brauche ich mich wohl nicht anders zu ver-
wahren, als dass ich mich auf allgemein anerkannte Thatsachen
der Anatomie beziehe und ich bemerke nur, dass die Scapkirhyn-
chus, die ich anatomisch untersucht, den Stören vollkommen glei-
chen, nicht die geringste Aehnlichkeit mit denLoricarien weder im
Skelet noch in den Eingeweiden besitzen, und dass selbst ihre
Aehnlichkeit der äussern Gestalt nur metaphorisch ist, indem
sie sich bei genauerer Betrachtung der verglichenen Theile,
2. B. des Mauls, Schwanzes als völlige Unähnlichkeit heraus-
stellt. Es giebt hier so wenig Uebergänge als zwischen einem
Hecht und einem Haifisch. Loricaria und Scaphirhynchus sind
durch einen eben so grossen Abgrund von einander getrennt,
206 Joh. Müller:
Die anatomischen Charaktere der grossen Abtheilungen
müssen allerdings absolut, d. h. ohne Ausnahme sein, sie sind
es aber auch. Sie sind nur bis jetzt zu wenig beachtet. Wie _
viele Zoologen und Anatomen hätten es wohl bis jetzt beach-
tet, dass alle nackten Amphibien ein Aortenherz besitzen und
dass es allen beschuppten fehlt. Welches Amphibium ein
Aortenherz besitzt, das, wissen wir, verwandelt sich auch,
athmet in der Jugend mit Kiemen, später mit Lungen, und
welches Amphibium sich verwandelt, das hat auch ein Aor-
tenherz. Sobald ein Reptil ohne Aortenherz ist, so wissen
wir auch, dass es ohne Metamorphose ist und umgekehrt.
Dass es bei den Ganoiden nicht allein auf die Klappen-
reihen ankömmt, liegt auf der Hand, die anffallenden Unter-
schiede in den Klappen sind hier gleichzeitig mit der, tiefern
Verschiedenheit in dem Bau des Herzens, in der Existenz
oder dem Mangel einer ganzen Herzabtheilung. Was unter
den Amphibien besteht, ist nicht nothwendig unter den
Fischen vorhanden. Es ist aber doch beachtungswerth, dass
auch unter den Fischen diejenigen, welche eine auffallende
Metamorphose besitzen, mit einem Herz des Arterienstiels be-
gabt sind. Ich meine die Plagiostomen, deren Fötus-Larven mit
äussern Kiemen versehen sind. Von den Jugendzuständen
der Ganoiden wissen wir noch nichts. Unter den Sirenoiden
behalten die Protopterus (Lepidosiren annectens) die von Pe-
ters entdeckten äussern Kiemen.
Ich unterscheide von den absoluten die relativen anato-
mischen Charaktere. Organe, welche in einzelnen Familien,
Gattungen, Arten fehlen, wie die Schwimmblase, können nicht
zur Formulirung der grossen Abtheilungen oder Unterklassen
benutzt werden, aber sie haben einen relativen Werth bei
den untergeordneten Sectionen; d. h. das Organ, wenn es
vorkömmt, muss nach den Principien der Ordnung oder Fa-
milie formirt sein. Auf die Gegenwart der Schwimmblase ist
unter keinen Umständen irgend ein Werth zu legen, aber ihr
Bau ist, sofern sie vorhanden ist, unabänderlichen Gesetzen
unterworfen, welche wir kennen, sobald wir die wahren Ord-
nungen und Familien der Fische kennen. Nach diesem Gesetz
ist sie unter allen Physostomi abdominales und apodes mit
einem Luftgang versehen, sobald sie überhaupt da ist und
Ueber den Bau der Ganoiden. 207
entbehrt sie des Luftganges bei allen Anacanthini (subbrachii
und apodes), allen Acanthopteri, allen Pharyngognathi mit
stacheligen oder weichen Flossen. Nach diesem Gesetz der
relativen anatomischen Charaktere ist die Schwimmblase bei
den Oyprinoiden und Characinen in die Quere getheilt, und
bei den Cyprinoiden, Characinen, Siluroiden, sofern sie vor-
handen ist, ohne Ausnalıme mit dem Gehörorgan durch eine
Kette von Gehörknöchelchen verbunden.
Alles dies führte mich gerade zu dem entgegengesetzten
Resultat von demjenigen, was Vogt aus seinen Beobachtungen
gezogen und womit er seine Bemerkungen schliesst und ich be-
weise damit, dassdie anatomischen Charaktere in bestimmter Folge
der Abtheilungen, Ordnungen und Familien exelusiv sind, dass
man allein danach die Classification der Fische unternehmen
kann, auch ist es zu erwarten, dass die vergleichende Em-
bryologie der Fische, weit entfernt Thatsachen von abwei-
ehender Consequenz zu liefern, nur dasjenige bestätigen kann,
was uns die vergleichende Anatomie gelehrt hat, wie es auch
schon jetzt in Hinsicht der Embryologie der Knochenfische
und Plagiostomen vorliegt.
Unter den äussern Charakteren giebt es ähnliche wie die-
jenigen, welche wir als relative anatomische Charaktere be-
zeichneten und die gehören zu den wichtigern, z. B. die Fulera
sind nicht allen Ganoiden eigen, fehlen aber ohne Ausnahme den
Knochenfischen. Wo sie vorkommen, zeigen sie mit Evidenz
den Ganoiden und dessen ganze innere Struktur an. Sonst
sind die äussern Merkmale meist von untergeordneter Wich-
tigkeit. Auf Schuppen, Panzer und dergleichen ist niemals
„irgend ein Werth von Belang zu legen, das sind Sachen,
welche selten in Familien und meist nur bei einzelnen Gat-
tungen der Familien in Betracht kommen, Da noch öfter
vom Schmelz der Schuppen bei Ganoiden die Rede ist, so
will ich nur bemerken: Aria hat keinen Schmelz auf den
Schuppen, die Art Schmelz, die aus erhabenen Linien einer
von dem Körper der Schuppen verschiedenen Substanz be-
steht, kommt den mehrsten Knochenfischen zu, und wie-
der giebt es Knochenfische mit tropfartigem Schmelz, wie auf
‘den Schildern einiger Ostracion. Dass aber die Ostracion
Knochenfischesind, habeich in der vorigen Abhandlung bewiesen.
208 Joh. Müller: Ueber den Bau der Ganoilen.
Ueber die Stellung der Amia im System der Ganoiden
lässt sich schon jetzt bemerken, dass sie weder zur Familie
der Lepidosteini noch zu der der Polypterini gerechnet wer-
den kann. Denn von jenen wird sie durch den Mangel der
Fulera an den Flossen ausgeschlossen, von diesen durch den
Mangel der nur den Polypterus eigenen Flossenbildung, der
Polypterie der Rückenflosse. Ich halte Amia für den lebenden
Repräsentanten einer eigenen Familie der Ganoiden, deren
analoge Gattungen von ähnlicher Gestalt, Flossenbildung,
weichen Schuppen und knöcherner Wirbelsäule unter den fos-
silen Megalurus, Leptolepis, T’hrissops und ihren Verwandten,
überhaupt unter den Ganoidei holostei ohne Fulera der Flos-
sen leicht erkennbar sind. Die Verschiedenheit der Amidae
und der Coelacanthi als Familien der Ganoiden ist hinreichend
bewiesen durch das was oben über den unossifieirten Zustand
der Wirbelkörper bei Undina bemerkt.worden ist; abgesehen
davon, dass bei Macropoma auch Fulera der Flossen beob-
achtet sind. Die Zepidosteini sind sehr zahlreich durch die fos-
silen Ganoiden mit doppelten Reihen der Fulera an den Flos-
sen (Lepidotus und Verwandten), die Polypterini gar nicht in
der fossilen Vorwelt repräsentirt.
Zuletzt verdient erwogen zu werden, in wie weit Aus-
sicht vorhanden sei, dass die Zahl der noch lebenden Ganoi-
den durch fernere anatomische Untersuchung der Gattungen auf
die von mir gefundenen Charaktere vermehrt werden könne.
Unter den Seefischen dürften schwerlich noch Ganoiden ver-
borgen sein, und wenn es deren noch giebt, so dürften sie
unter den wenigen noch nicht untersuchten Gattungen von
Flussfischen mit abdominalen Bauchflossen zu suchen sein.
Nordamerika, namentlich die Fauna des Ohio, (Rafinesque ich-
thyologia ohiensis) würde hauptsächlich in Betracht kommen.
Unter einigen noch nicht wiedergesehenen Formen: scheint be-
sonders der Sarchirus vittatus des Rafinesque J. Acad.
Philad. I. 418. Taf. XVII. Fig. 2 beachtenswerth, den ich wegen
seiner äusseren Formen vorläufig zu den Scomberesoces ge-
zogen, und dessen Stellung durch -Untersuchung der Schlund-
knochen und der Herzklappen u. a. noch festzustellen ist.
209
Die Organisationsverhältnisse der polygastrischen
Infusorien mit besonderer Rücksicht auf die kürz-
lich durch Herrn v. Siebold ausgesprochenen An-
sichten über diesen Gegenstand.
Von
©. Eckhard.
(Hierzu Taf. VII. und VIll.)
1. Seit der Entdeckung und Vervollkommnung der Mi-
kroskope hat in allen naturwissenschaftlichen Diseiplinen, wo
dieses seine Anwendung finden kann, ein neues wissenschaft-
liches Streben begonnen, dem man seine Anerkennung nicht
versagen kann, weil es uns mit einer Menge der interessan-
testen Thatsachen bereichert hat, die man früher niemals ahnen
konnte. Auf dem Felde der Botanik haben sich R. Brown,
H. Mohl, M. J. Schleiden u. A. mit Erfolg versucht, und in
den zoologischen und anatomischen Gebieten sind nicht min-
der wichtige Arbeiten von J. Müller, Bischofl, Schwann, Rei-
chert etc. erschienen. Einen Hauptanstoss zu all diesen mi-
kroskopischen Forschungen gab unstreitig Ehrenberg durch
seine zahlreichen Arbeiten über eine Thierklasse, die vor ihm
. sieh nur weniger Arbeiter zu erfreuen gehabt hatte und deren
anatomische und physiologische Verhältnisse vor ihm so gut
wie unbekannt waren. Leider aber ist dieser Schatz trefllicher
Beobachtungen nicht nach Verdienst gewürdigt worden; Vielen
ist er unzugänglich gewesen, Andere aber haben die Beob-
achtungen entweder gar nicht oder nur flüchtig wiederholt
und deshalb Ansichten ausgesprochen, die einer wissenschaft-
liehen Kritik nicht Stich halten. Auch in dem im vorigen
Jahre erschienen „Lehrbuch der vergleichenden Ana-
tomie von v. Siebold und Stannius” hat v. Siebold in
Archiv f, Naturgesch. XI. Jahrg, 1. Bd, 414
210 C. Eckhard:
dem Abschnitt über Infusorien Ansichten über deren Bau aus-
gesprochen, die gänzlich von denen Ehrenberg’s abweichen.
Es bedurften diese daher einer vielseitigeren Beleuchtung, um
von subjecetiven Meinungen das zu sichten, was als ausge-
machte wissenschaftliche Wahrheit gelten kann; zumal da
schon in der Wissenschaft Ehrenberg’s Ansichten, weil auf
klare Beobachtungen gestützt, Anklaüg gefunden hatten. Herr
v. Siebold’s Meinungen über den Bau der Räderthiere hat H.
Schmidt schon im vorigen Hefte dieses Journals ausführlich
besprochen, ich versuche es durch diese Arbeit rücksichtlich
der Polygastrica. Dass ich mich ausführlich in die Organisa-
tion und Physiologie dieser Thiere einliess, hat einerseits
darin seinen Grund, dass wir bis jetzt keine Abhandlung be-
sitzen, die uns im Zusammenhange das hierher Gehörige vor
Augen führte (denn Ehrenberg’s Beobachtungen sind sehr zer-
streut und wollen selbst im grössern Infusorienwerk gesucht
sein), andererseits aber darin, dass ich einige bisher noch
nicht bekannte Beobachtungen gemacht habe, die vielleicht
von Interesse sein könnten.
2. Ehe ich zur eigentlichen Darstellung der Organisa-
tionsverhältnisse übergehe, muss ich eine Aeusserung des H.
v. Siebold im eitirten Werke näher besprechen. Es heisst
nämlich darin (p. 7): „Aber auch die als Polygastrica noch
übrigen Infusorien (nach Ausscheidung der Rotatorien) bedür-
fen einer weitern Beschränkung, indem die zu den Oloste-
rien, Bacillarien, Volvocinen gezählten Organismen und
wahrscheinlich noch viele andere darmlose Magenthiere Eh-
renberg’s in das Pflanzenreich verwiesen werden müssen.”
Der Streit über die Natur dieser Körper ist alt und datirt
sich von der Zeit ihrer Entdeckung. Unzählige Mal ist er
erneuert worden, bald von Zoologen, bald von Botanikern;
und obgleich dies geschehen, ist doch, wie es scheint, die
Wahrheit noch nicht festgestellt. Lehrbücher der Botanik und
Zoologie enthalten nicht selten beide eine und dieselbe Gat-
tung oder wohl gar Familie. Ich muss befürchten, dass bei
einer hier nochmals vorzutragenden Untersuchung es denen
lästig werde, welche schon vor längerer Zeit die Thiernatur
der vermeintlichen Pflanzen genügend dargethan haben, kann
mich aber derselben doch nicht überheben. Es wird daher
Die Organisationsverhältnisse der polygastrischen Infusorien. 211
zunächst nöthig sein, zu versuchen, die drei von Siebold ins
Pflanzenreich verwiesenen Familien wieder in ihr Recht ein-
zusetzen.
I. Closterien. Für ihre thierische Natur lassen sich
Gründe theils aus ihrer Bewegung, theils aus ihrer Organisa-
tion anführen.. Ich beobachtete an Blättern von (erato-
phyllum, wie viele Closterien mit einem Ende zierlich an
jenen festsassen, nach ce. +— 4 Stunde sassen viele von ihnen
in derselben Weise an einer höhern Stelle des Blattes, kein
einziges Thierchen lag auf der Seite, oder wäre der Länge
nach an dem Blatte angeheftet gewesen. Offenbar hatten sie
sich in jener Zeit von der untern zur obern Stelle des Blat-
tes fortbewegt. Beobachtet man ihre Bewegungen unter dem
Mikroskope, so sind diese zwar nicht so schnell wie die man-
cher anderer polygastrischer Infusorien, doch immer noch
deutlich als thierische zu erkennen. Sie schwimmen, nament-
lich im Sommer, nach den verschiedensten Richtungen
und Cl. acerosum, Lunula sah ich oft, wenn das Wasser auf
dem Objectenträger nach irgend einer Seite hinfloss, gegen
diese Richtung schwimmen, während Pflanzenstücke, Spirogyra-
Arten und Osecillatorien mit fortgerissen wurden. Hierin kann
ınan wohl nicht leicht etwas anderes als thierische Bewegung
erkennen; diese aber mittelst Electrieität erklären wollen, wie
H. Turpin ?) will, ist gekünstelt und nicht minder absurd, wie
die der Muskelfaser durch dieselbe Naturkraft von Strauss.
Aber auch die Organisationsverhältnisse der Closterien spre-
chen für ihre Thiernatur. Ich will mich bei: Erläuterung der-
selben an das auf Taf. VII..Fig. 1 abgebildete C/. acerosum hal-
ten. Wir sehen das in der Mitte verbreiterte Thier sich nach
beiden Seiten hin symmetrisch verlängern. In der Mitte zeigt
sich eine quere Spalte =, die vielleicht zur Aufnahme von
Nahrung dienen mag; da, wenn man diese Thiere längere Zeit
in gefärbten Wasser hält, man in ihrem Innern Häufchen von
Farbstoffen wahrnimmt. An den Enden sieht man jederseits
eine Blase 5, worin sich unaufhörlich kleine Körnchen: (?)
bewegen. Bei andern Species findet sich noch eine kleine
Oefinung r. Sie liegt mehr dem Rücken zu und steht viel-
') Sur les Closteries.
14%
212 C. Eckhard:
leicht mit der Zelle in Verbindung. Herr Ehrenberg sah hier
2 mal Fasern (Füsschen?) hervortreten. Im Innern finden
sich auf jeder Seite 2—4 Stränge s’ s’ s”" und eine Reihe (bei
andern Arten mehrere) drüsenartiger Körper d. Jene habe
ich bei der abgebildeten Species in ihrer gegenseitigen Lage
sich oft so sehr verändern sehen, dass ich das Zeichnen ein-
stellen und warten musste, bis sie wieder in ihrer ursprüng-
lichen Lage erschienen. Dies Alles ist nicht pflanzlich, und
wenn die Schale der Closterie horniger Natur sein sollte, wie
dies aus ihrem Krauswerden beim Erhitzen hervorzugehen
scheint, so würden sie dadurch noch sicherer aus dem Pflan-
zenreiche entfernt werden. 2
II. Bacillarien. Ueber die thierische Natur der hier-
her gehörigen Formen hat man eigentlich die meisten Zweifel
gehegt. Ich glaube indess, dass, wenn man alle Beobachtun-
gen, die bisher über diese Körper gemacht worden sind, zu-
sammenstellt, sie ins Thierreich zu verweisen sind. Erwägen
wir daher Folgendes:
Navieula Acus und Librile habe ich einige hundert mal
so deutlich gegen den Strom schwimmen sehen, wie Closte-
_ rien, so dass man gar nicht anders kann, als diese Bewegun-
gen von einem Willenseinfluss der Thiere abhängig ansehen.
Ueberdies sind die Schalen sämmtlicher Bacillarien viel com-
plieirter gebaut (siehe 3) als die andern anorganischen
Theile, welche man hin und wieder bei Pflanzen findet. Es
kommen wohl Kalkinkrustirungen, Krystalle ete. vor, aber
niemals solche symmetrisch gebildete Schalen wie bei den Ba-
cillarien. Die Pflanze hat nicht eine solche Macht über den
anorganischen Chemismus, dass sie anorganische Stoffe nach
ihrem Willen, unabhängig von den Gesetzen jenes, verarbeiten
könnte und wie wir sie voraussetzen müssen bei der Bildung
der Bacillarienschalen. Für die thierische Natur der Navicu-
larien spricht aber entschieden das Hervorstrecken von Füss-
chen an ihren vordern und vermuthlich auch untern Panzer-
öfinungen. Herr Ehrenberg sah es zuerst und beschrieb es
in den Schriften der Berliner Akademie '). Nach ihm beob-
achtete es Schmidt und im Spätherbst vorigen Jahres ist es
!) Aus dem Jahre 1836. p. 134 und 1839. p. 102.
Die Organisationsverhältnisse der polygastrischen Infusorien. 213
mir auch gelungen, zu sehen. Dass es nicht häufiger bemerkt
ist, liegt daran, dass solche Erscheinungen sich nicht erzwin-
gen lassen, sondern von glücklichen Umständen abhängen, die
man gerade treffen muss. Wenn endlich die Beobachtung
Wernecks '), welcher ein Peridinium im Innern einer Navi-
cula sah und meinte, dass dies gefressen worden wäre, wahr
sein sollte, wie_es sich von einem so scharfen Beobachter
kaum noch bezweifeln lässt; so wäre allem Streite über die
Natur der Bacillarien ein Ende.
III. Volvoeinen. Wie diese H. v. Siebold hat zum
Pflanzenreich verweisen können, ist mir nicht begreiflich; das
deutliche Auf- und Niedersteigen des Volvox globator, wenn
man ihn in Gläsern hält, die selbstständige Bewegung der
beiden Rüssel eines jeden Einzelthierchens, die von Ehrenberg
erkannte kontraktile Blase, lassen keine Zweifel mehr übrig.
Es liegt uns jetzt noch ob, die Gründe anzuführen und
zu prüfen, auf welche sich Herr v. Siebold’s Urtheil über die
Natur der drei genannten Familien stützt. Auf p. 8 u. 9 finden
sich folgende Bemerkungen, die wenn sie auch nicht sämmt-
lich als direkte Gründe der Ansicht des Verfassers angeführt
werden, doch als Stofi zu weiteren Betrachtungen dienen
können:
4) „Ganz anders verhält es sich mit den Ortsbewegungen
der niedrigsten Pflanzenorganismen (wohin bekanntlich auch
die besprochenen Familien gezählt werden), indem dieselben
nicht die Folge eines innern Willenseinflusses sind und von
keinem willkürlich kontraktilen und expansibeln Parenchym
ausgehen etc.” Aus den sub. I—IIl. angeführten Beobachtun-
gen scheint mir bestimmt hervorzugehen, dass die Bewegungen
wirklich von einem innern Willenseinflusse dieser Thiere ab-
hängig sind. Was aber die Behauptung betrifft, dass sie von
keinem willkürlich kontraktilen und expansibeln Parenchym
ausgingen, so ist dieselbe nicht erwiesen. Da der fast wasser-
helle Körper der Baeillarien noch von einem Kieselpanzer
eingeschlossen ist, so wird es wohl bei unsern jetzigen Seh-
mitteln und den bekannten Methoden optischer Untersuchun-
gen nicht gut möglich sein, die Körpercontrationen zu beob-
#) Monatsberichte der Berliner Akademie 1841. p. 109.
214 C. Eckhard:
achten. Ausserdem aber zeigen die von Ehrenberg als Eier-
stöcke gedeuteten Organe oft eine so verschiedene Anord-
nung, dass man leicht versucht ist, an eine Kontractilität und
Expansibilität des Körperparenchyms zu glauben.
2) „Wimperorgane kommen im Pflanzenreiche in Form
eines Flimmerepitheliums an den Sporen der Vaucheria und
in. Gestalt von einzelnen längern geisselförmigen Fäden. bei
den Sporen und Jugendzuständen verschiedener Conferven
vor, in welchen man gar manche von Ehrenberg als Mona-
dinen und Volvocinen beschriebene Organismen erkennt.”
Zu dieser Aeusserung ist. offenbar H. v. Siebold durch einen
Aufsatz von Thuret in den Annales des sciences naturelles,
welchen er auch eitirt, verleitet worden. Wenn wirklich
Flimmerorgane an Algensporen vorkommen, so sind doch diese
nie als die eigentlichen Organe der Bewegung anzusehen.
Die eigenthümlichen Bewegungen jener, welche gegenwärtig
die Naturforscher so sehr beschäftigen, geschehen auch ohne
Bewegungsorgane und sind ausserdem noch andern Substan-
zen, z. B. kleinen Staubpartikelchen eigen. Durch Ehrenberg’s
Beobachtungen an den Sporen der Saprolechnia (Conferva
ferax Gruith, Achlya N. ab Esenb.), die ich bestätigen kann,
scheint es erwiesen zu sein, dass chemische Prozesse dabei
besonders wirksam sind. Eine Stütze findet diese Ansicht
durch folgende Entdeckung: Ich beschäftigte mich vergangenen
Sommer eine Zeit hindurch mit Untersuchungen über den
Keimungsprocess unserer Getreidearten. Die kleinen Theil-
chen, welche sich neben den grossen Stärkmehlkörnern in
den Zellen des Samenkorns finden, zeigten anfangs nicht die
geringste Spur einer Bewegung; sobald aber die Keimung
begann, bewegten sie sich lebhaft und als das erste Blatt her-
vorsprosste, waren die Bewegungen so auffallend, dass ich
sie von denen der reifen Sporen der Achlya prolifera kaum
unterscheiden konnte. Dass Herr v. Siebold meint, in vielen
Organismen, die H. Thuret abbilde, erkenne man gar manche
von Ehrenberg als Monadinen und Volvocinen. beschriebene
Organismen, ist sehr richtig. Wer von beiden aber ist im
Irrthum befangen? Ist es Herrn Ehrenberg’s Fehler, wenn
Thuret Infusorien als Algensporen abbildet? Ich gedenke spä-
Die Organisationsverhältnisse der polygastrischen Infusorien. 215
ter in einer besondern Abhandlung auf den Aufsatz Thuret’s
einzugehen und die Unrichtigkeiten in demselben aufzuzeigen.
3) „Viele dieser niedern Pflanzengebilde (Bacillarien und
Diatomeen) sind ihrer Ortsbewegung wegen für Thiere gehal-
ten worden, obwohl die an ihnen bemerkbaren Ortsverände-
rungen nicht den geringsten Eindruck machen, als gingen sie
von einem innern Willen dieser Organismen aus.” Man sieht
sogleich ein, dass der subjective Eindruck, welchen diese
kleinen Geschöpfe auf den Beobachter machen, nicht als
Grund zur Entscheidung irgend einer Frage gelten kann; denn
auf wissenschaftlichem Gebiete verlangt man objective Gründe.
Auch muss ich gestehen, dass als ich diese Thiere zum ersten
Mal beobachtete, sie nur den Eindruck von diesen auf mich
machten. So haben wir beide ein und dasselbe beobachtet
und verschiedene Eindrücke erhalten.
Körperbedeckung.
3. Die polygastrischen Infusorien sind entweder gepan-
zert oder panzerlos. Wenn ein Panzer vorhanden ist, so be-
steht er entweder aus Kieselerde, die in manchen Fällen nicht
geringe Procente von Eisenoxyd enthält, oder er ist mehr
horniger Natur (Closterien). Die Schalen sind mannigfach
geformt: bald oval und an den Enden abgestumpft, bald sehr
schmal und an den Enden. stark zugespitzt, bald breit und'an
den Seiten symmetrisch ausgeschweift und welches der Ver-
schiedenheiten mehr sein mögen. Unter den panzerlosen giebt
es solche, die in grosser Zahl in schleimartige Massen zusam-
men eingeschlossen sind, z, B. die Ophrydinen, die oft zu
hunderten in grünen, dem Froschlaich nicht unähnlichen Ku-
geln beisammen leben. In dem Darm der Frösche kommen
Formen vor, von denen einige (namentlich Zursaria Ranarum)
in Schleimbälge eingeschlossen sind, was an ähnliche Vor-
kommnisse bei den Entozoen erinnert.
Bewegungsorgane.
4. Sie sind in mannigfaltiger Form vorhanden und geben
uns mit einen Beweis von der Unrichtigkeit der Ansicht, dass
die niedrigsten Thierformen durchweg eine einfachere, 'gleich-
mässigere und darum unvollkommnere Organisation zeigen,
216 C. Eckhard:
als die höhern. Um sie übersichtlicher zu haben, wollen wir
sie unter den nachfolgenden 3 Gruppen betrachten:
4) Bewegungsorgane, welche’um den Mund ge-
stellt sind. Die hierher gehörigen Organe, in welcher Form
sie auch vorkommen mögen, haben immer die Bedeutung von
Greif-, Tast- ete. Organen und müssten deshalb streng genom-
men von den Bewegungsorganen ausgeschlossen werden. Da
sie indess den Händen und ähnlichen Gebilden der höheren Thier-
arten entsprechen, so müssen sie hier aufgeführt werden. Bei den
Räderthieren sind sie viel vollkommner entwickelt als soge-
nanntes Räderorgan, das in den mannigfachsten und kompli-
cirtesten Formen erscheint. Die Polygastrica zeigen einfachere
Bildungen, doch immer noch Verschiedenheiten genug, um sie
näher zu betrachten. Am einfachsten erscheinen sie als 1—2
fadenförmige Rüssel oft von solcher Feinheit, dass sie nur
dann sichtbar sind, wenn man dieselben sich zwischen Farb-
theilchen bewegen sieht. Zahlreicher entwickelt kommen sie
vor bei Vorticella, Epistylis, Enchelys ete. In diesen Fällen
bilden sie um den. Mund herum einen Kranz, der entweder
aus einer oder zwei Wimperreihen besteht und dann oft über-
raschende Aebnlichkeit mit manchen Arten von Räderorganen
zeigt. Je nach der verschiedenen Form des Mundes erschei-
nen auch diese Wimperkränze verschieden. Bei manchen
können sie eingeschlagen werden; am regelmässigsten ist dies
der Fall bei Zpistylis grandis.
2) Bewegungsorgane, welche den ganzen Kör-
per bedecken, oder als seitliche Anhänge betrach-
tet werden können. Bei den meisten der Polygastrica
sind dies ebenfalls Wimpern, deren gewöhnlichste Anordnung
die ist, dass sich der Länge des Thieres nach Streifen (wahr-
scheinlich Muskelstreifen) ziehen, auf welchen jene angeheftet
sind. Sie erscheinen oft in grosser Anzahl. Andere zeigen
diese Wimpern in Kränze gestellt, welche in schiefer Richtung
den Körper in der Mitte umgeben, wie dies z. B. recht deut-
lich bei den Peridinieen zu beobachten ist. ‚Spirostomum am-
biguum zeigt eine der ganzen Länge des Körpers nach ver-
laufende Wimperreihe (6A). Bei den Stylonychien zeigen
sie eine auffallende Abänderung. Ihre längliche Mundspalte
ist von Wimpern gewöhnlichen Baues umgeben; aber die ihres
Die Organisationsverhältnisse der polygastrischen Infusorien. 217
Körpers sind mehr rigider Natur. Das auffallendste ist aber
an ihnen, dass sie nicht auf längs des Körpers verlaufenden
Muskelstreifen, sondern mehr zerstreut stehen und sich na-
mentlich am vordern und hintern Körperende entwickeln.
Eine jede Borste (so nennt man wohl diese Wimpern zweck-
mässiger) ist am Grunde eingelenkt und daher einer selbst-
ständigen Bewegung fähig, während bei den Wimpern gewöhn-
licher Art die Bewegungen derselben von den Streifen, auf
denen sie sitzen, abzuhängen scheinen. (Fig. 2).
3) Bewegungsorgane, welche dem hintern Theil
des Körpers angehören. Manche zeigen an dieser Stelle
nicht auffallende, sondern nur wie unter 2. beschriebene Wim-
pern; andere haben kleine Fasern, mit denen sie sich anhef-
ten (Stentoren), noch andere aber zeigen Theile, an denen
man vollkommener als irgend anderswo das Muskelsystem in
seinen primitivsten Formen studiren kann. Ich denke hierbei
besonders an die Vorticellen. Diese Thiere sitzen nämlich
an den Enden einfacher oder zertheilter Stiele, deren Struk-
tur bei denen, welche die Fähigkeit sich zurückzuschnellen
besitzen, diese ist. Eine Scheide (Muskelscheide) Fig. 3s
schliesst einen einfachen Muskel ein, der sich ein wenig über
der Anheftungsstelle der Scheide auf fremden Körpern verliert.
Der unverkennbare Zusammenhang der Bewegungen des Kör-
pers mit denen des Muskelstieles lässt schliessen, dass sich
der Muskel in das Thier selbst hineinverzweige. Diese Ver-
zweigungen zu beobachten ist mir aber bisher nur bei Vor-
ticella nebulifera gelungen. Ich sah zwei ganz deutliche, ob-
gleich sehr kleine (erst bei einer mehr als 400 maligen 'Ver-
' grösserung sichtbare) Fasern Fig. 3vv, sich in den Körper
hinein erstrecken. Ehrenberg sah eine ähnliche Fortsetzung
des Muskels in den Körper bei V. Convallaria. Ist dieser Stiel
nicht contrahirt, so ist auch das Thier in völliger Ausdehnung
seines ganzen Körpers; sobald es aber diesen zusammen-
‚schnellt, namentlich die Mundwimpern einzieht, so verkürzen
sich auch Scheide und Muskel (indem der ganze Stiel sich
spiralförmig zusammenwindet) und das Thierchen fährt an
seinem Stiele zurück; dehnt sich der Körper wieder aus und
werden namentlich recht deutlich die Mundwimpern entfaltet,
so geht auch der Stiel wieder aus seinem verkürzten Zustand
218 C. Eckhard:
in den verlängerten über. Es scheinen bei diesem Schnellen
die Mundwimpern und überhaupt der vordere Theil des Kör-
pers von Bedeutung zu sein, da Expansion und Contraction
des Stieles und Körpers sich gegenseitig bedingen. Welcher
Einfluss auf die so eben beschriebenen Bewegungen der Mus-
kelscheide und welcher dem Muskel zugeschrieben werden
muss, hat sich bis jetzt noch nicht mit Sicherheit ausmitteln
lassen. Soviel aber ist gewiss, dass zum vollkommenen
Schnellen dreierlei nothwendig ist: Unversehrtheit der
Muskelscheide, Unversehrtheit des Muskels und Anhef-
tung des ganzen Stieles, denn bei Vorticellen, deren Muskel
in unversehrter Scheide zerrissen war, bemerkte ich zwar ein
Zusammenschnellen des Körpers, nicht aber war dasselbe von
Einfluss auf Ausdehnung und Zusammenziehung des Stieles,
ebenso misslang bei andern, deren Scheide verloren gegangen,
der Muskel aber noch mit dem Körper verbunden war, jeder
Versuch des vollkommenen Schnellens. In beiden Fällen
waren die Thiere nicht mehr angeheftet. *) Unter den Räder-
thieren haben wir ein den Schnellvorticellen analoges Thier
in dem Conochilus volvox, bei welchem aber, abgesehen davon,
dass die Einzelthiere desselben nicht auf fremden Körpern
angewachsen, sondern mittelst ihrer Stiele mit einander ver-
bunden sind, der durch die Muskelscheide gehende Muskel
sich in drei oder mehr Bündel trennt, welche einzeln in den
Körper des Thiers verlaufen und sich an den innern Seiten
desselben festheften.
Die lebhaftesten Bewegungen zeigen unstreitig die Vi-
brionen, aber es ist bei unsern jetzigen Sehmitteln unmöglich,
Bewegungsorgane oder gar eine Muskulatur zu entdecken.
Nahrungskanal.
6. In Betreff dieses Theils sind durch H. v. Siebold die
meisten Einwendungen gegen die Ehrenberg’schen Ansichten
1) So viel mir bekannt, hat man bisher noch nicht auf den Ein-
fluss geachtet, welchen Muskel und Muskelscheide auf diese Bewe-
gungen haben. Es wäre daher zu wünschen, dass man die glück-
lichen Umstände, bei denen man einen von den Theilen versehrt hat,
nicht vorübergehen liesse, um mit Sicherheit zu ermitteln, welcher
Antheil der Muskelscheide und welcher dem Muskel bei dem Zusam-
menschnellen gebührt.
Die Organisationsverhältnisse der polygastrischen Infusorien. 219
gemacht worden. Ich werde im Folgenden die einzelnen
Theile des Nahrungskanals nach einander betrachten und an
den passenden Stellen v. Siebold’s Meinungen prüfen.
4) Mund. Zwar ist nicht bei allen polygastrischen In-
fusorien ein Mund direkt erkannt; doch lässt sich in vielen
dieser zweifelhaften Fälle mit Sicherheit auf denselben schlies-
sen, entweder durch ins Innere aufgenommene Nahrungsstoffe,
oder 1—2 längere Wimpern, welche man sonst um einen
Mund herum zu finden gewohnt ist, oder durch irgend einen
andern Umstand. Wenn er deutlich vorhanden ist, so bildet
er bald eine mehr oder weniger rundliche Oeffnung (Parame-
eium, Enchelys ete.), bald eine längliche Spalte (Stylonychia),
bald eine Spirale (Spirostomum), bald eine anders gestaltete
Oefinung.
Zahngebilde sind im Vergleich mit denen der Räder-
thiere, wo sie so mannigfach gebildet vorkommen, dass man
über sie allein eine Abhandlung schreiben könnte, sehr selten
und möchten kaum anders als bei Chxlodon, Nassula und Pro-
rodon teres beobachtet sein. Bei diesen Thieren ist die kreis-
förmige Mundöflnung in ihrem Innern rund herum mit Jläng-
lichen Borstenzähnen besetzt. Nach Ehrenberg sollen diesel-
ben bei P. teres beim Antrocknen des Thieres aus der Mund-
öffnung fortgeschleudert werden !). Ich habe dieses Infusorium
bloss einmal beobachtet und da ich auf diese Erscheinung
nicht vorbereitet war, sie nicht gesehen; wohl aber habe ich
damals die Drüse (6), welche noch nicht bei ihm bekannt
war, deutlich erkannt. Bemerkenswerth ist der eigenthümliche
Bau des Mundes bei Paramecium stomioptycha?). Er wird
nämlich von 3—4 Ringfasern @ umgeben, die von zäherer
und festerer Beschaffenheit sind, als das übrige Parenchym
des Körpers; an ihnen findet sich ein eigenthümlicher Anhang
= (Andeutung einer Zunge?)
Hier müssen wir nun auf eine Bemerkung des Herrn
v. Siebold näher eingehen. Es theilt nämlich dieser Natur-
nn
') Schriften der Berliner Akademie 1533. p.308 u. Infusorien p. 316.
*) Ehrenberg fand diese neue Species im Sommer 1845 zwischen
Eetosperma clavata und hatte die Güte, mir einige Exemplare zum
Studium zu überlassen (siehe kontraktile Blase),
220 C.Eckhärd:
forscher die Protozoen (so nennt er Ehrenberg’s Polvgastrica)
in Astoma und Stomatoda, indem er zu jenen: Astasieae, Pe-
ridinaea, Opalina, zu diesen die übrigen Familien der Poly-
gastrica rechnet. Abgesehen von der Frage, ob diese Ein-
theilung eine naturgemässe sei, findet sich hier noch einiges
zu berichtigen. Was die Astasieen anlangt, so ist zwar der
Mund nicht deutlich erkannt, lässt sich aber bei vielen ver-
muthen. Die Peridinien dürfen unmöglich sämmtlich zu den
Astomen gestellt werden, indem ?. pulvisculus‘) und einctum *)
keineswegs eines Mundes ermangeln. Von den Opalinen
hat offenbar H. v. Siebold ‘die Op. Ranarum Val., Bursaria
Ranarum Ehrb., wie dies aus einer andern Stelle hervorgeht,
zum Muster gedient. Mag nun der Verf. die übrigen Arten
der Gattung Bursaria ebenfalls zur Familie der Opalinen
rechnen oder nicht, auf keinen Fall dürfen ‚sie den Astomen
beigefügt werden; denn einen deutlichen Mund habe ich ge-
sehen bei: Bursaria truncatella, flava und wenn auch klein,
doch klar bei Ranarum. Dass die letztere bisher noch keine
Farbstofipartikelchen oder andere feste Nahrungsstoffe in ihr
Inneres hat aufgenommen, finde ich eben nicht sehr befrem-
dend; denn es leben diese Thiere im Innern anderer von so
zarten Säften, dass ihnen festere Theile nicht zur Nahrung
zusagen. Selbst wenn aber die Mundspalte nicht erwiesen
wäre, so würde ich mich noch besinnen, auf dieses Merkmal
einen so grossen Werth zu legen; denn zur Aufnahme sol-
cher Nahrungsmittel, wie sie die Opalinen geniessen, möchte
schon eine blosse Mundstelle genügen, eine Stelle des Kör-
pers von zarterm Bau, als die übrigen Theile, besonders ge-
eignet zur Durchlassung thierischer Säfte als Nahrungsstoffe.
Wir haben derartige Fälle bei den Eingeweidewürmern. Ihr
Rüssel hat keinen Mund und doch gehen von dem vordern
Theil desselben schlauchartige Organe aus, die wohl nicht
leicht anders als Ernährungswege gedeutet werden können.
2) Darmkanal. Die durch den Mund aufgenommenen
Nahrungsstofle gelangen zunächst in einen Schlauch, der sich
bei den verschiedenen Gattungen in verschiedener Richtung
durch den Körper hin zieht (Fig.5s). An ihm hängen mit-
1) Ehrenberg. Taf. XXI. Fig. 14. 2) Taf. XXI. Fig. 22.
Die Organisationsverhältnisse der polygastrischen Infusorien. 221
telst hohler Stiele ©, die Magenzellen x. Man könnte leicht
versucht sein, den Schlauch m —« einen Darm zu nennen;
seine Function aber lässt diese Benennung nicht zu; denn er
dient bloss zum Durchgang der Nahrungsstoffe, die sich erst
in den einzelnen Zellen anhäufen und hier zur Ernährung
verwendet werden. Seine physiologische Bedeutung ist daher
nur die eines Schlundes, während die einzelnen Zellen als
Magen und Darm funktioniren. Aus den Magenzellen gehen
die Stofle wieder zurück in den allgemeinen Schlauch, wan-
dern auch wohl von einer Zelle zur andern und entleeren
sich endlich durch den After. Diese Darmverhältnisse lassen
sich so vollständig, wie wir sie so eben auseinandergesetzt
haben, nicht direkt alle zu gleicher Zeit an jedem beliebigen
Individuum beobachten, weil sie von zartem durchsichtigen
Bau und keinem andern Brechungsvermögen sind, als das
Körperparenchym; die einzelnen Beobachtungen aber zwingen
zu einer solchen Ansicht.
a. Bei nicht allzukleinen Formen kann man deutlich
beobachten, wie die Nahrungs- oder künstlich angewandten
Fütterungsstofle stets auf einem bestimmten Wege in den
Körper gelangen; ja es giebt Fälle, wo dieser erste Theil des
Nahrungskanals auch dann beobachtet werden kann, wenn er
nicht in Thätigkeit ist, z. B. bei Zynstylis grandis, wo er dann
häufig an seiner innern Fläche mit Wimpern besetzt ist, die
sich sogar bei den Opercularien zählen lassen.
b. Dass aber der Nahrungskanal, dessen Anfang, wie so
eben angegeben, klar beobachtet werden kann, sich nicht nur
eine gewisse Strecke in den Körper hineinerstreckt und dann
aufhört, darüber kann man sich ebenfalls an Zpistylis grandis
belehren. Nimmt dieses Thierchen Farbstoffe auf, so bemerkt
man, dass, wenn dieselben die Strecke des Darms passirt
haben, welche auch sichtbar ist, wenn das Thier nicht frisst,
sich oft noch ein geraumes Stück fortverbreiten und dann
häufig erst in eine Zelle eintreten.
ec. Bei demselben Thiere fixirte ich einst das scheinbare
Ende des Darmkanals Fig. 67, um zu, sehen, welchen weitern
Verlauf die aufgenommenen Farbtheilchen nehmen würden.
Noch hatte das Thier keine Zelle im Innern gefüllt; plötzlich
waren es die beiden öö, obgleich ich bei noch keine Nahrung
299 "©. Eckhard:
hatte vorbeigehen sehen. Dies deutet nothwendig darauf hin,
dass die 2 gefüllten Zellen mit dem allgemeinen Schlauch in
einer Verbindung stehen müssen, von welchem aus sie gefüllt
werden; und wenn man, nachdem das Thier längere Zeit hin-
durch gefressen hat, solche gefüllte Zellen überall im Körper
verbreitet sieht, so hat man in dieser Erscheinung den Grund
für die Annalıme, dass der Darmschlauch von grösserer Länge
ist, als man es auf den ersten Anblick meinen sollte,
3. After. In den allermeisten Fällen werden die auf-
genommenen Stofle durch eine besondere Oefinung wieder
ausgeworfen. Bei einer grossen Zahl ist er direkt beobachtet
und liegt dann bald an dem dem Munde entgegengesetzten
Ende, oder neben demselben oder seitlich; bei andern dagegen
kann man oft durch eine besonders markirte Stelle auf seine
Anwesenheit schliessen.
Ich glaube, dass die angeführten Beobachtungen genügen
werden, die Richtigkeit der obigen Ansicht von dem Darm-
kanal der polygastrischen Infusorien darzuthun. In der Folge
werden noch einige Erscheinungen dieselbe unterstützen, und
wie ich hoffe, alle etwa noch vorhandenen Zweifel beseitigen.
Wenden wir uns nun zur Betrachtung der Ansicht des
H. v. Siebold über die Ernährungsverhältnisse der Polygastrica,
Da derselbe Astoma und Stomatoda unterschieden hat, so
musste er auch für jene eine Erklärungsweise ihrer Ernährung
suchen. Was in einem solchen Falle am nächsten liegt, näm-
lich Ernährung durch die allgemeine Körperhaut, hat er dann
auch gewählt. Für diejenigen Formen, bei denen nicht direkt
ein Mund oder mit Farbstoffe erfüllte Magenzellen erkannt
sind (deren Zahl aber höchst gering ist, denn selbst bei den
Navieulis, Closterien und Monadinen sind die letzten beob-
achtet), wollen wir gern bis auf weitere sichere Beobachtun-
gen eine solche unklare Ernährungsweise zugestehen. Was
aber die Gattung Opalina betrifft, die H. v. Siebold sieh be-
sonders zum Vorbild bei Auseinandersetzung der Ernährungs-
organe der Astomen genommen hat, so wollen wir seine
Meinung darüber hören. Er sagt p. 15:
„Die Opalinen zeigen an ihrer Körperoberfläche nirgends
eine Mundöffnung, nehmen niemals feste Farbenpartikelehen
in sich auf und lassen zu keiner Zeit fremdartige feste, etwa
Die Organisationsverhältnisse der polygastrischen Infusorien. 223
als Nahrung verschluckte Substanzen in ihrem Innern wahr-
nehmen. : Dass aber diese Opalinen mit ihrer Körperober-
fläche Flüssigkeiten einsaugen können, erkennt man an solchen
Individuen der Opalina Ranarum, welche sich in einem mit
vieler Galle angefüllten Mastdarme aufgehalten haben und
dann durch und durch grünlich gefärbt sind. Werden die
Opalinen, welche nur einen gewissen Grad von Feuchtigkeit
zu ihrer Existenz bedürfen, mit Wasser in. Berührung ge-
bracht, so saugen sie zu viel Feuchtigkeit aus demselben ein,
blähen sich dabei sehr stark auf und sterben nach und nach
ab. Es häuft sich bei solchen Opalinen die eingesogene
Feuchtigkeit in dicht stehenden hellen blasenförmigen Tropfen
unter der Hautbedeckung an. Dergleichen von einer wasser-
hellen Feuchtigkeit ausgefüllte Räume der Infusorien sind von
Ehrenberg als Magenblasen (ventrieuli) und von Dujardin als
vacuoles bezeichnet worden.” Ich habe schon theilweise diese
Bemerkung bei Betrachtung des Mundes berührt und füge
hier nur noch Folgendes hinzu. Die blasenförmigen Tropfen,
von denen hier H. v. Siebold spricht, sind nicht Folge des
eingesogenen Wassers; denn sie zeigen sich auch bei den
Exemplaren, die man eben aus dem Darm der Frösche her-
ausgenommen hat ohne Hinzuthuung von Wasser. Sie sind
freilich in dem letzteren sichtbarer, weil dann die Thiere,
die im Darme mehr zusammengefaltet liegen, sich ausdehnen
können. Auch ist es gar nicht begreiflich, warum bei denje-
nigen Individuen, die in einem mit Galle gefüllten Darme
lebten, sich diese durch den ganzen Körper hindurch verbrei-
ten und nieht auch in solehen Blasen, wie das Wasser er-
scheinen sollte oder warum nicht zum wenigsten das in bla-
senförmigen Tropfen erscheinende Wasser, in diesen Fällen
durch Galle gefärbt sein sollte. Die Ernährungsverhältnisse
der Stomatoden, wie sie oben auseinander gesetzt worden
sind, werden durch v. Siebold ebenfalls bestritten. ' Seine
Ansieliten darüber sind nach $. 12 im wesentlichen diese:
Die Polygastriea verschlucken mit dem Wasser die Nah-
rungsstoffe (Farbtheilchen). Dieses, so lange es noch am
untern Ende des Oesophagus ') hängt, erscheint als eine ge-
') H. v. Siebold läugnet nämlich einen Darmkanal und nimmt
224 ©. Eckhard:
stielte Blase. Diese wird durch Contraction des Oesophagus
abgelöst und sie erscheint dann als eine ungestielte, in wel-
cher die verschluckten Körper vollständig abgeschlossen lie-
gen. Die in Form von Blasen verschluckten Massen drängen
sich, wenn die Thiere zu viel gefressen haben, gegenseitig im
Körper, indem die frühern den spätern ausweichen. Biswei-
len geschieht es, dass solche mit festem Futter gefüllte Tropfen
in einander fliessen, was beweist, dass dieselben nicht von
besonderen (Magen-) Häuten umgeben sind. Dieser allerdings
sinnreichen Annahme steht Folgendes entgegen.
a. Es ist durch die Beobachtung kein Schlund erwiesen,
der nur ein Stück in den Körper fortsetzte und dann auf-
hörte, vielmehr sprechen die oben angeführten Erscheinungen
dafür, dass ein ununterbrochener Kanal vom Mund bis zum
After den Körper durchzieht.
6. Daher ist dann auch die ganze Theorie der Blasen
unhaltbar, was durch mancherlei Beobachtungen und Betrach-
tungen noch erhärtet wird.
Bei Vorticella microstoma ‘) sah ich sehr oft, wie vorn
in der Mundöffnung sich ein Häufchen von zu verschlucken-
den Nahrungsstoffen bildete, das ich nicht besser bezeichne,
als wenn ich es einen Bissen nenne. Nachdem dies, gesche-
hen, wurde er von dem Thiere in der Weise verschluckt,
dass die einzelnen Theilchen so zusammen blieben, wie sie
an der Mundöfinung gebildet worden waren. Der Bissen ging
dann durch den Darm eine ziemliche Strecke in den Körper
hinein und erschien in derselben Form in einer Magenzelle.
Hier hatte sich gewiss kein die Nahrungsstoffe einschliessen-
der Tropfen am untern Ende des vermeintlichen Schlundes
gebildet, denn die Bildung des Bissens geschah ja in der
Mundöfinung; aber anzunehmen, dass der Bissen am Ende
des Schlundes in einen Wassertropfen eingeschlossen worden
wäre oder ähnliche Erklärungsversuche dieser Thatsache wür-
den selbst gegen physikalische Gesetze verstossen. In andern
Fällen und dies ist namentlich bei Zpistylis grandis klar zu
blos einen Schlund an, der sich nur auf eine gewisse Strecke in den
Körper hineinzieht und dann endigt.
!) Ehrenberg. Taf. XXV. Fig.3.
Die Organisationsverhältnisse der polygastrischen Infusorien. 225
beobachten, ist, wenn Farbstoffe in grosser Menge vorhanden
sind, bisweilen der ganze Schlauch continuirlich bis zu einer
Zelle hin erfüllt. Beim Anblick eines Haufen Farbstofls wie
= Fig. 6 ohne einen Wassertropfen, in welchem derselbe ein-
geschlossen wäre, und des sich noch fortwährenden Füllens
dieses Raumes mit festen Theilen, verschwindet jede Vorstel-
lung einer Blase, wie sie H. v. Siebold beschrieben. — Das
Zusammenfliessen von solchen, feste Stoffe einschliessenden
Wassertropfen, habe ich höchst selten-und zwar nur dann
beobachtet, wenn die Thiere anfıngen zu sterben. Wenn es
aber auch H. v. Siebold häufiger und stets bei noch lebens-
kräftigen Exemplaren gesehen hat, was ich indess bezweifle,
so kann er daraus doch noch nicht folgern, dass diese Räume
von keinen Häuten umschlossen seien; können sie bei einem
gegenseitigen Drängen der erfüllten Magenzellen wegen ihres
zarten Baues nicht zerreissen?
Ich schliesse die Betrachtungen über den Ernährungskanal
mit einer Beobachtung, die mir am allergeeignetsten scheint,
v. Siebold’s Ansichten zu widerlegen. Ehrenberg entdeckte
nämlich, dass, wenn man Karmin und Indigo in Wasser zu-
sammenmischt, in welchem Paramecium Aurelia lebt, nach
kurzer Zeit bisweilen einige Zellen dieses Thierchens blos
mit rothen, andere nur mit blauen Farbstoffen erfüllt sind.
Ich habe dies auch gesehen, zuerst bei meinem Lehrer selbst,
mehrere Mal hernach. Hier reicht, wie ich glaube, die me-
chanische Erklärungsweise des H. v. Siebold nicht aus, da
wir es hier mit einer Erscheinung zu thun haben, die eine
‚nicht geringe Ausbildung des Geschmackssinnes voraussetzt.
Anmerk. 4. Seite 16 in der Note 1 heisst es bei Sie-
bold: Auch das bei Trachelius Ovum vorkommende und von
Ehrenberg (Die Infusionsthierchen p. 323. Taf. 33. Fig. XI. 1)
für einen verzweigten Darmkanal gehaltene Organ ist mir
immer nur als ein das äusserst lockere Parenchym durchzie-
hender, faseriger, keineswegs hohler Strang erschienen, der
durch seine Verästelungen dem Innern des Thieres ein grob-
maschiges Ansehen giebt.” Ich habe dieses Thierchen bisher
nur 2 mal beobachtet, weil es zu selten ist, und mir
daher noch keine sichere Meinung über dieses Organ bilden
können. Das aber darf ich mit Sicherheit behaupten, dass
Archiv f, Naturgesch, X11, Jahrg. 1. Bd. 15
226 C. Eckhard:
entweder H. v. Siebold es nie in natura beobachtet oder sei-
nen Bau gänzlich verkannt hat; denn es bedarf nur eines
flüchtigen Blicks ins Mikroskop, um sich davon zu überzeu-
gen, dass auch nicht im entferntesten hier von einem fase-
rigen Organ die Rede sein kann.
Anmerk. 2. Wenn H. v. Siebold den polygastrischen
Infusorien einen Darm abspricht, so weiss ich nicht, mit wel-
chem Recht er die Auswurfsstelle einen After nennt und
warum die Excremente nicht an einer jeglichen Stelle des
Körpers durchbrechen können?
Fortpflanzung.
6. Die Organe, wodurch die Erhaltung der Art bedingt
ist, haben für den Physiologen von jeher ein besonderes In-
teresse gehabt und sind daher auch stets mit einer besondern
Vorliebe behandelt worden. Die Feinheit der Theile und das
Geheimnissvolle des geschlechtlichen Prozesses haben für den
Forscher einen eigenthümlichen Reiz, der bei den Infusorien
durch die Kleinheit der Formen noch erhöht wird. Ich werde
mich daher auch auf diesen Gegenstand ausführlich einlassen.
Wenn wir uns zunächst fragen, auf welche Weise sich die
Polygastrica fortpflanzen, so ist darauf zu antworten:
4) Durch Lebendiggebären. Herr Ehrenberg hat
dies zuerst beobachtet bei Monas vivipara, wo die Erscheinung
nicht selten ist. Ausserdem ist nur etwas Aehnliches bei
Stentor coeruleus gesehen, worauf ich weiter. unten zurück -
kommen werde. Dies scheint H. v. Siebold übersehen zu
haben; denn p. 23 führt er nur als Fortpflanzungsweise der
Polygastrica Theilung und Knospenbildung auf.
2) Durch Zygose. Im Thierreich ist dieselbe bisher
blos bei den Closterien beobachtet. Es finden sich nämlich
im Herbste junge Closterien von der Gestalt, dass 2 Kugeln,
deren eine jede ‘nach beiden Seiten hin in eine Spitze ver-
längert ist, zusammengewachsen sind. Leider hat man bis
jetzt noch nicht die weitern Entwickelungszustände gesehen.
Man weiss nicht, ob durch ein innigeres Zusammenwachsen
der Kugeln nebst ihren Verlängerungen oder durch ein fort-
schreitendes Trennen vollständige Closterien gebildet werden,
obgleich das erstere wahrscheinlich ist. Sollten wir so glück-
Die Organisationsverhältnisse der polygastrischen Infusorien. 997
lich sein, bald darüber ins Klare zu kommen, und sollte sich
die Zygose als eine Art der Fortpflanzung der Polygastrica
erweisen, so würde sie nicht mehr so selten sein; denn sie
ist ausserdem noch beobachtet bei Spirogyra-Arten und einer
Schimmelbildung.
3) Durch Theilung. Sie geschieht entweder in die
Quere oder in die Länge oder bei ein und derselben Species
auch wohl nach beiden Richtungen. Sie ist offenbar bei man-
chen Familien eine der fruchtbarsten Fortpflanzungsarten, z. B.
bei den Bacillarien, Kolpodeen, Stylonychien etc. Bei den
ersten theilt sich regelmässig der Kieselpanzer mit und man
könnte vielleicht hierin noch einen Grund finden, sie den
Thieren zuzuzählen.
4) Durch Knospenbildung.
5) Eibildung ist zwar nicht direkt beobachtet, aber
die verschiedenen Grössen, in denen manche Polygastrica,
namentlich Vorticellen, vorkommen, lassen vielleicht auf eine
solche schliessen. Am auffallendsten sind die Differenzen in
der Grösse bei der Vorticella microstoma. Auf keinen Fall
können die so überaus kleinen Individuen dieser Art durch
Theilung entstanden sein; auch nicht durch Knospenbildung,
denn es ist bei dieser Species- eine solche noch nicht nach-
gewiesen. Hieran will ich eine Beobachtung schliessen, die
ich im Frühjahr 1845 am Stentor coeruleus machte, um wei-
tere Reflexionen daran zu knüpfen.
Fig. 7 stellt uns dieses Infusorium dar. In ihm bemerkte
ich 3—4 Kugeln in verschiedenen Entwickelungszuständen,
welche der Reihe nach durch die Fig. 8—14 dargestellt sind.
Im ersten Stadium ist der Inhalt der Kugeln, der aus kleinen
Körnehen besteht am unvollkommensten entwickelt; die Körn-
chen sind noch in geringer Anzahl vorhanden und die Kugel
ist, wenn sie im Körper liegt, wegen des körnigen Paren-
chyms des letzteren eben nicht sehr deutlich. Auf der zweiten
Stufe der Entwickelung Fig. 9 treten die Körnchen zahlreicher
“auf, der Inhalt ist daher concentrirter und die Kugeln können
dann sehr deutlich im Körper beobachtet werden. Fig. 10 «
stellt die dritte Entwiekelungsstufe vor; Körnchen beginnen
sich zusammenzuordnen in eine Reihe m. Bisweilen erschei-
15*
228 C. Eckhard:
nen sie an 2 Stellen auf ähnliche Weise gruppirt, wie es
Fig. 10 5 zeigt. Die auf diese Art geordneten und dicht neben
einander gedrängten Körnchen verschmelzen in ein drüsen-
artiges, doch helles Organ, an welchem aber keine Körner-
struktur mehr zu erkennen ist; manchmal ist dasselbe eben-
falls in 2 Theile getrennt, Fig. 11. 12. Zuletzt erscheint an
der Stelle des durchsichtigen drüsenartigen Organs eine Wim-
perreihe, offenbar der Mund; (Fig. 13 a) ob aber derselbe aus
jenem unmittelbar entstanden ist, habe ich nicht bestimmt er-
mitteln können, ist aber höchst wahrscheinlich, da einerseits
die Wimperreihe an der Stelle der hellen Drüse sich findet,
andererseits auch bei allen den Keimen, welche eine solche zei-
gen, jenes Organ fehlt. Gleichzeitig mit der Entwickelung
des Mundes zeigen sich auch 1—2 helle Blasen (Fig. 13. 14).
Am 18. Mai beobachtete ich im Innern des St. coeruleus einen
Keim wie Fig. 13, ich sah die Wimpern sich ganz deutlich
bewegen, die Blasen fehlten aber noch, und ich sah ihn dies-
mal nicht austreten. Am 2isten sah ich die vollständige
Form Fig. 13 und dieselbe auch austreten, während das alte
Thier fortschwamm. Ich fixirte nun das Junge, um seine
weitern Veränderungen, vielleicht das Zerplatzen der Schale
zu beobachten, musste aber nach Verlauf einer halben Stunde
die Beobachtung einstellen, -da ich wegen Anstrengung des
Auges nicht mehr für die Richtigkeit einer weitern Beobach-
tung bürgen konnte. Den 4. Juni sah ich einen Keim wie
Fig. 14 austreten; er unterschied sich von dem am 21. Mai
beobachteten dadurch, dass anfangs rund, sich mit einem Male
an seinem hintern Ende eine Einbiegung zeigte, eine Erschei-
nung, die man häufig an jungen, bisweilen auch an alten
Stentoren gewahrt, wenn sie aus der länglichen Form sich in
eine mehr oder weniger gerundete zusammenziehen. Später
habe ich das Austreten eines solchen Keimes noch einmal ge-
sehen und es scheint mir, dass der eigentliche Punkt der
Reife der sei, wenn sich anfangen Blasen zu zeigen. Bei.
‚Stentor polymorphus Fig. 15 habe ich 2 solcher Kugeln beob-
achtet, es ist mir aber nicht gelungen, irgend eine vollständig
ausgebildete austreten zu sehen. Im Herbste habe ich oft
darnach gesucht, diese Erscheinung wieder zu sehen, habe sie
aber niemals so vollständig, wie im Frühjahr beobachten
Die Organisationsverhältnisse der polygastrischen Infusorien. 229
können, obgleich derartige Kugeln auch in der spätern Jah-
reszeit gerade nicht seltene Erscheinungen sind.
Für was soll man diese Erscheinung halten? Verschluckte
Vorticellen, wie man mir mündlich eingewandt hat, können
es nicht wohl sein, da ich so verschiedene Entwickelungszu-
stände gesehen und sie auch immer nur an der einen Stelle
des Körpers, niemals weiter nach vorn beobachtet habe, was
nicht gut möglich ist, wenn es verschluckte Substanzen ge-
wesen wären. Ich glaube vielmehr, dass ich die ersten An-
fänge der Knospenbildung vor mir gehabt habe, welche ge-
wöhnlich an dieser Körperstelle zu erscheinen pflegt. Es ist
aber auch möglich, dass es eine eigene Art der Fortpflanzung
ist, analog der, welche Steenstrup ') und Andere bei manchen
Eingeweidewürmern beobachtet haben und welche darin be-
steht, dass im Innern von Mutterthieren Keime (bisher nicht
als Folge geschlechtlicher Einflüsse erwiesen) gebildet und
ausgeschieden werden, für welche letztere Ansicht die That-
sache zu sprechen scheint, dass ich, wie angeführt, jene Ku-
geln habe austreten sehen.
Wir haben bisher mit Fleiss von den eigentlichen Orga-
nen des Geschlechts geschwiegen, um uns nun den Betrach-
tungen über diese allein zu widmen. Herr Ehrenberg hat
2 Organe, 4 oder 2 kontraktile Blasen und in ein- oder mehr-
facher Anzahl vorkommende Drüsen, als Geschlechtsorgane
angesprochen ?). Ich will beide genauer betrachten und sehen,
welche Deutung sie erlauben:
A Die kontraktile Blase. Beobachtet man eine
Stylonychia (Taf. 1. Fig. 2) oder eine Bursaria, so bemerkt
man bei geringer Anstrengung eine ‚helle, ziemlich grosse
Blase. Sie scheint auf den ersten Anblick eine runde Oefl-
nung in der Haut zu sein, woher es auch gekommen ist, dass
mehrere Beobachter sie als mit der Respiration in Beziehung
stehend angesehen haben, ist es aber keineswegs, sondern
liegt im Innern des Körpers. Man kann sich leicht von die-
ser Lage überzeugen, wenn man die Thiere beobachtet (wie
») Ueber den Generationswechsel.
?) Ueber eine bis zu den Monaden hinab darstellbare Duplieität
des Geschlechts.
230 ©. Eckhard:
Ehrenberg. zuerst angab), indem sie sich um "ihre Längsachse
drehen. In dem Augenblicke, wo die Blase verschwindet,
sieht man deutlich, wie über die scheinbar offene Stelle sich
die Linien wegziehen, welche der Länge nach den ganzen
Körper überziehen und mit Wimpern besetzt sind. Oft hält
es schwer die Blase zu finden, wegen der Menge der Körn-
chen, die sich in der Haut finden. Die gewöhnlichste, höchst
constante Form ist die runde, fast nie beobachtet man eine
auffallend andere Gestalt. Bei einigen Gattungen aber zeigt
sie Strahlen, die sich bald kürzer, bald länger sternförmig in
den Körper hineinziehen. (Fig. 4). Ebenso sind die Varia-
tionen in der Zahl der Blasen gering; gewöhnlich eine (bei
den meisten Gattungen) oder zwei (Paramecium, Chilodon Ou-
cullulus). Bisweilen kommen wohl mehrere vor; dann aber
ist in der Regel das Thier in einer Theilung begriffen. Bei
Siebold findet sich $.17 einiges zu berichtigen. Nach ihm soll
Trachelius Meleagris eine Reihe von 8—12 runden kontra-
ctilen Räumen besitzen (p. 21) und Ehrenberg soll den farb-
losen Saft derselben in Folge einer optischen Täuschung als
mit röthlichem Verdauungssafte angefüllte Magenzellen ange-
sehen haben. Allein die Sache verhält sich so: die 8—12
runden Blasen erscheinen nicht in Folge einer optischen Täu-
schung, sondern wegen des in ihnen enthaltenen gefärbten
Saftes roth; denn wenn die Thiere zerfliessen, sieht man den
rothen Saft herausquellen. Ausserdem zeigt aber dieses Thier
noch 2 andere, die eigentlichen kontractilen Blasen. Den
8—10 rothen Blasen des Trachelius Meleagris scheinen mir
auch die bei ‚dmphileptus Meleagris ünd longicollis vorkom-
menden zu entsprechen, da ihre Kontractionen mir nicht so
erschienen, wie ich sie bei den andern Formen zu finden
gewohnt war. Dem Spirostomum ambiguum wird v. Siebold
ein kontraktiler Behälter in Form eines langen pulsirenden
Gefässes, das sich durch den langgestreckten Leib hindurch-
ziehe, zugeschrieben. Ich habe dies nie gesehen; vielleicht
hat H. v. Siebold die 4, 2 erwähnte Wimperreihe verkannt.
Ebenso sollen sich bei Stentor ausser dem grossen, runden
kontraktilen Raume am Vorderleibsende noch mehre .an-
dere solche Räume am Leibe seitlich heraberstrecken. Bei
meinen oben angeführten Untersuchungen über die Fortpflan-
Die Organisationsverhältnisse der polygastrischen Infusorien. 231
zungsverhältnisse der Stentoren habe ich wohl einige hundert
unter den Händen gehabt, niemals aber habe ich ausser dem
grossen kontraktilen Raum noch andere seitlich am Leibe ge-
sehen. Wahrscheinlich hat v. Siebold die ersten Entwicke-
lungszustände (vielleicht wie Fig. 8) zur Beobachtung gehabt.
Die wichtigste physiologische Eigenschaft dieser Blase ist, wie
schon angedeutet, ihre Kontractilität. Man sieht, wie sie von
Zeit zu Zeit sich kräftig, oft krampfhaft zusammenzieht, wie-
der ausdehnt und die Zusammenziehung wiederholt. In den
Fällen, wo die Blase sternförmige Ausbreitungen zeigt, werden
diese am Grunde zwiebelförmig aufgetrieben, gleichsam als
wenn ein wässriger Inhalt in sie hineingetrieben würde, was
aber keineswegs erwiesen ist, Es geschehen die Contractionen
bei einigen in regelmässigen, bei andern aber auch in unre-
gelmässigen Zeiträumen. Ich beobachtete mit Schmidt in
dieser Beziehung Paramecium Aurelia, Stylonychia pustulata
und Dursaria flava. Wir fanden, dass bei ?. Aurelia vom
Anfang einer Kontraction bis zur folgenden 6—8 und bei der
Stylonychia gegen 10—12 Sek. verflossen, dass dagegen bei
Bursarien sich nicht eine Zeit für die Wiederkehr der Zu-
sammenziehungen bestimmen liess. Nach diesen Bemerkungen
prüfe man, ob der Satz von Siebold allgemein richtig ist:
„Es finden sich hohle, rhythmisch kontraktile, gleichsam pul-
sirende Räume in manunigfaltiger Form, Zahl und An-
ordnung.”
Was das Vorkommen der kontraktilen Blasen bei den
einzelnen Familien betrifft, so ist sie bei den meisten erwie-
sen, Schon in der ersten Abhandlung über diesen Gegen-
stand ') wurde auf ihre Anwesenheit bei der Mehrzahl der
Formen aufmerksam gemacht und später sind in einzelnen
Abhandlungen Ehrenberg’s noch Fälle bekannt geworden, in
denen sie erwiesen, obgleich sie früher zu fehlen schien. In-
dess ist sie bis heute bei folgenden Familien noch nicht er-
kannt (vielleicht wegen Unzulänglichkeit der Sehmittel oder
anderer Umstände): Vibrionen, Arcellinen, Bacillarien, Closte-
rien, Colepinen, Dinobryinen.
") Ehrenberg: Ueber eine bis zu den Monaden hinab darstell-
bare Duplicität des Geschlechts.
22 - ©. Eckhard:
B. Die Drüsen.
Ausser den Blasen finden sich bei fast allen Polygastrieis
Drüsen von etwas festerer Beschaffenheit als der übrige Kör-
per. Man bringt sie sich am besten zur Anschauung, wenn
man das Infusorium ohne Auflegung von Glasplatten aus Was-
sermangel zerfliessen lässt. Ehrenberg unterschied in der ei-
tirten Schrift folgende Formen, unter welche sich alle ein-
ordnen lassen:
4. Die Kugelform, 2. Eiform, 3. Scheibenform, 4. Nie-
renform, 5. Bandform, 6. Perlschnurform, 7. Stäbchenform,
8. Ringform,
Sie scheinen zwar mehr verbreitet zu sein, als die Bla-
sen; sind aber doch auch bei einigen, obgleich wenigen, Fa-
milien nicht aufgefunden. Diese sind: (Colepinen, Vibrio-
nen, Dinobryinen und Arcellinen. Auch in Beziehung dieses
Organs finden sich bei Siebold ($. 21—23) einige Bemerkun-
gen, denen ich nicht beistimmen kann.
a. Es scheint ihm dieser Kern lose im Parenchym zu
liegen, da man nicht selten die Beobachtung mache, dass sich
die Infusorien um den in ihrem Innern still liegenden Kern
herumdrehten. Diese Erscheinung ist indess so oft nieht und
nur dann zu bemerken, wenn man längere Zeit hindurch un-
unterbrochen die Drüse fixirt und den übrigen Körper ausser
Acht lässt, stellt sich aber niemals ein, wenn man anfängt
zu beobachten und gleichzeitig Drüse und Körper berücksich-
tigt. Ich halte daher dieses Phänomen für eine optische Täu-
schung, zumal wenn ich daran denke, dass es nicht erklärlich
wird, wie die Drüse bei den verschiedenen Gattungen und
Species stets eine so konstante Lage behält, was sich nicht
bei einem so nachgiebigen Körperparenchyme, wie es v, Sie-
bold bei Betrachtung der Ernährungsverhältnisse vorausgesetzt
hat, erwarten liesse.
b. Auf p. 25 in der Note 2 spricht v. Siebold die Ver-
muthung aus, dass die Drüsen sich später vielleicht zu be-
sondern Thieren entwickelten, weil sie nach dem Absterben
der Infusorien nicht sogleich untergingen. Dies ist mir nicht
wahrscheinlich, da ich solche Kerne oft schon nach einer
halben oder ganzen Stunde, auch wenn Wasser in hinreichen-
der Menge vorhanden war, vergehen sah. Dass sie sich länger
Die Organisationsverhältnisse der polygastrischen Infusorien. 233
als die andern Körpertheile erhalten, darf nicht auffallen, da
sie von festerer Consistenz als diese sind.
Anmerk. Was das Vorkommen von Drüse und Blase
in einem und demselben Individuum betrifft, so ist zu bemer-
ken, dass in allen den Fällen, wo eine Blase vorhanden, auch
die Drüse erwiesen ist, oder sicherlich noch wird aufgefunden
werden können, wie uns mehre Beobachtungen gelehrt haben
(Prorodon teres), dass es aber einige Familien giebt, bei denen
die Drüsen wohl, nicht aber kontraktile Blasen gesehen sind
(Baeillarien, Closterien). — Sind beide Organe zugleich vor-
handen, so liegt, wenn man der Ehrenbergschen Ansicht über
die Bedeutung dieser Organe beipflichtet, die Vermuthung
nahe, dass sie mit einander in Verbindung stehen. Doch
ist dieselbe bis jetzt keineswegs bestätigt.
C. Deutung dieser beiden Organe.
Ehrenberg deutete diese Organe dahin, dass er die Drü-
sen als Hoden und die Blasen als Samenblasen ansprach. In
der That, diese Ansicht ist von ihm nicht ohne Grund aus-
gesprochen. Die Analogie dieser Blase mit dem kontraktilen
Organ der Räderthiere, das durch seine sichtbare Verbindung
mit dem Eierstock als Samenblase erwiesen zu sein scheint,
spricht für diese Deutung. Wiegmann, als er Ehrenberg’s
Entdeckung in seinem Jahresberichte erwähnte !), bemerkte,
dass vielleicht die kontraktile Blase ein Herz sein könne, Als
Grund führt er an: sie sei bei Längs- und Quertheilung der
Thiere stets schon vorgebildet, was darauf hinzudeuten scheine,
dass man es mit einem zum Lebensprocesse durchaus noth-
wendigen Organe zu thun habe, während dagegen Fortpflan-
zungsorgane, die sonst erst bei völliger Ausbildung des Kör-
pers zu functioniren anfingen, weder eine so frühzeitige Bil-
dung, noch eine so anhaltende Thätigkeit nothwendig machten,
Mich däucht aber, dass sich Wiegmann’s Einwand einerseits
dadurch entkräfte, wenn man bedenkt, dass die Theilung stets
eine wesentlich andere Entstehung des Individuums ist, als
die durch geschlechtliche Zeugung und dass daher die Ent-
wickelungsgesetze beider Arten der Bildung von neuen Indi-
viduen keineswegs dieselben sind; andererseits aber durch die
’) Wiegmann’s Archiv für Naturgeschichte 1831.
234 C. Eckhard:
Annahme, dass bei jeder Kontraetion nicht Samenflüssigkeit
entleert werde. H. v. Siebold hält auch mit Wiegmann die
kontraktile Blase für die erste Anlage eines Circulations-
systems und für den ersten Versuch eines Kreislaufs der Er-
nährungssäfte; aber nur in Folge dieser Voraussetzung:
„Höchst wahrscheinlich ist die Flüssigkeit, welche die durch
eine Art von Diastole sich aushöhlenden Räume ausfüllt, eine
aus dem Parenchym hervorquellende Ernährungsflüssigkeit,
welche bei der Systole wieder in das Parenchym zurückge-
trieben wird, wodurch die nöthige Bewegung und Vertheilung
dieses Nahrungssaftes bewirkt und eine etwanige Stagnation
desselben verhütet wird.” Da v. Siebold’s Ansicht nur hier-
auf gegründet, Wiegmann’s Einwürfe ich beseitigt zu haben
glaube und Ehrenberg’s Ansicht wenigstens eine, wenn auch
in der Wissenschaft nicht ausreichende, Analogie für sich hat,
so bekenne ich mich vorerst noch zur Meinung des Letztern;
verhehle mir aber nicht dabei, dass das Vorkommen von
Drüsen ohne Blasen (bei den Closterien und Bacillarien) mir
einen nicht nothwendigen Zusammenhang beider Organe
zu beweisen scheint. Doch ist es nicht unmöglich, dass bei
Vervollkommnung der Sehmittel, auch in diesen Familien die
kontraktilen Blasen noch entdeckt werden können.
Anmerk. Es wäre noch ein wichtiger Punkt, nämlich
die Augen, (der Räderthiere sowohl als der polygastrischen)
in Betracht zu ziehen gewesen; da indess dieselben auch H.
Schmidt in seiner Arbeit über die Räderthiere übergangen
hat, so giebt dies noch Stoff genug zu einer besondern Ab-
handlung, die wir baldigst erscheinen zu lassen versprechen.
Erklärung der Abbildungen Taf, VII und VI.
Taf. vl
Fig. 1. Closterium acerosum.
oo Blasen, in denen kleine Körnchen in unaufhörlicher Be-
wegung sind.
ss" s” kleine dünne Stränge, die ich in ihrer gegenseitigen
Lage sich verändern sah.
dd Drüsen.
ın Oeffnung (Mund).
Die Organisationsverhältnisse der polygastrischen Infusorien. 235
rr Oeffinungen, welche sich bei einigen anderen Arten von
Closterien finden und aus welchen Ehrenberg kleine
Füsschen hervorstrecken sah.
Fig. 2. Stylonychia pustulata.
m Mund.
b kontraktile Blase.
f die auf Höckern beweglichen rigiden Wimpern.
Fig. 3. Vorticella nebulifera.
6 kontraktile Blase.
x Magenzellen.
s Muskelscheide.
m Muskel.
vv Verlängerungen des Muskels.
/ Anheftung in der Muskelscheide.
Fig. 4. Paramecium stomioptycha.
aaa Fasern, welche ringsum die Mundöffnung umgeben.
x ein kleiner Anhang an den vorigen.
d Drüse.
s kontraktile Blasen mit ihren Strahlen.
Fig. 5. Eine Vorticelle.
m Mund.
s allgemeiner Nahrungsweg (Schlund ).
x Magenzellen.
ii hohle Stiele derselben.
a After.
Fig. 6. Epistylis grandis.
m Mund.
ii Magenzellen, die ich gefüllt sah, ohne gesehen zu haben,
dass Nahrungsstoffe das scheinbare Ende 7 des Schlun-
des passirt hätten.
x gefüllte Magenzelle im Zusammenhang mit dem allgemei-
nen Nahrungswege. f
Taf. v1.
Fig. 7. Stentor coeruleus.
b Blase.
k Keime,
d Drüse.
Fig. 8—14. Entwickelungsstufen der im Innern beobachteten
kugeligen Körper.
Fig. 15. Stentor polymorphus.
6 kontraktile Blase.
d Drüse,
e Keime, wie die beim St. coeruleus beschriebenen.
236 Karsch: Die Entwicklungsgeschichte
Die Eutwicklungsgeschichte des Limnaeus stagna-
lis, ovatus und palusiris
nach eignen Beobachtungen dargestellt
von
Dr. Anton Ferd. Franz Karsch
zu Greifswald.
(Hierzu Taf, IX.)
S, Stiebel: Moeno-Francofurtanus; Dissertatio Limnaei stagna-
lis anatomen sistens. Gottingae 1815. — Meckel’s deutsches
Archiv für Physiologie. Halle und Berlin 1815. Bd.1l. H.3.
p. 423— 26; — Ba. II. H.4. 9.557 — 68. 1816.
©. G. Carus: Von den äussern Lebensbedingungen der weiss- und
kaltblütigen Thiere, eine von der Königl. Akademie der Wiss.
zu Kopenhagen gekrönte Preisschrift. Leipz. 1824. 4. p. 51—70.
. Nova acta physico-medica Academ. Caesar. Leopoldino-Carolinae
etc. T. XVII. P. 11, p. 645—75: Recherches anatomiques et phy-
siologiques sur le developement du Planorbis cornea, presente
ü Pacademie royale des sciences de Paris le 23 Mars 1835 par
Emile Jaeqguemin. — T. XVI. P. I. p.3—87. Ueber die Ent-
wicklungsgeschichte unserer Flussmuschel von ©. G. Carus.
Carl Pfeiffer: Naturgeschichte deutscher Land- und Süsswas-
sermollusken. Weimar. III. Abth. 1821, 25 u. 28. fol. m. K.
Wiewohl die Gasteropoda pulmonata Blainv. durchweg
Zwitter sind, ohne indess dabei sich selbst befruchten zu
können, so ist doch bei den verschiedenen Gattungen dersel-
ben die Bildung und Lagerung des Geschlechtsapparats und
in Folge dessen die Art der Begattung vielfach verschieden.
Bei den Linmnäen bestehen aber die Geschlechtsorgane von
weiblicher Seite aus dem an der concaven Seite der Leber in
der untern Hälfte derselben gelegenen Ovarium, dem von da
an der Leber in gerader Richtung unter kleinen Biegungen
aufsteigenden, ausserordentlich feinen, dann weiter werdenden,
des Limnaeus stagnalis, ovatus und palustris. 237
mehrfach gewundenen mit mehren, besonders einer vor allen
an Grösse ausgezeichneten Sekretionsdrüse versehenen Ovi-
dukt, dem breiteren sogenannten Uterus und der wiederum
feinen weiblichen Scheide mit der äussern Geschlechtsöffnung;
von männlicher Seite aus dem Hoden mit Nebenhoden, dem
ausserordentlich langen, feinen, gewundenen Samenkanal und
dem Ruthenkörper. Das Nähere über diese einzelnen Organe
gehört nicht hierher und man kann es bei Stiebel ]. c., bei
Carus: Lebensbed. p. 57—59. T. 11. F.I—-VIl, sowie bei Cu-
vier in den Anat. des Mollusques nachsehen: uns küm-
mert nur die gegenseitige Lage der äussern Genitalien, um
eine entsprechende Einsicht in die Form der Begattung zu
gewinnen.
Unterhalb des rechten Tentakels, jedoch mehr nach aussen
hin, befindet sich bei den Limnäen die Oefinung für den aus
einem untern, dickern, bei den verschiedenen Arten verschie-
den gestalteten und gefärbten — der pars basilaris penis —
und einem obern, feinern, fast fadenförmigen, stets weisslichen
Gebilde — der pars filiformis penis — zusammengesetzten,
durchbohrten Ruthenkörper, der vermittelst kleiner Muskel-
bündel ganz -in das Innere des Thieres zurückgebracht wer-
den kann. Das orificium vaginae hingegen liegt zwar auch
mehr nach der rechten Seite des Thieres, aber weiter nach
hinten unter dem Kragen, also eine ziemliche Strecke von der
männlichen Geschlechtsöffnung entfernt, so dass eine Selbst-
befruchtung, wenigstens eine äussere, nicht füglich oder doch
nur durch eine sehr gezwungene, gleichsam verdrehte Stellung
des Ruthenkörpers vor sich gehen könnte,
Im Wesentlichen ist diese Bildung und Lagerung der
äussern Geschlechtstheile bei den oben genannten Limnäen
dieselbe, und es zeigen sich nur kleine, unbedeutende Diffe-
renzen. So ist bei Z. palustris die pars basilaris mehr dreh-
rund, von bläulicher Farbe, bei Z. ovatus mehr breit und
platt, und wie das ganze 'Thier, mehr gelblichgrün gefärbt;
beim L. stagnalis ist sie wieder — nämlich im Zustande der
Begattung — mehr platt, bläulich und sichtlich quer geringelt.
Ebenso ist auch die pars filiformis bei den verschiedenen
Arten von verschiedener Dicke und Länge. — Da nun, wie
erwähnt, bei den Lininäen keine Selbstbefruchtung stattfinden
238 Karsch; Die Entwicklungsgeschichte
kann, es müsste denn sein, dass der ins Wasser gespritzte
Same vom orificium vaginae aufgenommen und durch die
Scheide etc. an seinen Bestimmungsort geleitet würde, so sind
sie trotz ihres Zwitterthums, wie die übrigen Schnecken, auf
eine andere Form der Begattung angewiesen, und diese ge-
schieht folgendermassen:
Wenn die Limnäen sich begatten wollen, so suchen sie
meist sehr seichte Stellen im Wasser oder die Oberfläche
desselben, wahrscheinlich um der Luft stets nahe zu sein, die
sie freilich eine ziemlich lange Zeit entbehren können, wie
sie ja bei trüber, stürmischer und kalter Witterung tagelang
auf dem Grunde der Gräben und Teiche mit den Schalen-
spitzen in den Wasserpflanzen festgewickelt liegen bleiben —
die sie jedoch in dieser Periode mehr als sonst zu bedürfen
oder mindestens zu suchen scheinen. Oft findet man sie sogar
ganz an trocknen Stellen des Ufers oder auf schwimmenden
Wasserpflanzen u. dergl., so namentlich den Z. palustris und
zwar hier immer in einer bestimmten Lage; das Weibchen
liegt nämlich mit der Schalenmündung nach dem Boden ge-
richtet, zu seiner Rechten eng sich anschliessend das Männ-
chen, die Schalenmündung dem Weibchen zugekehrt.
Aus der Darstellung der gegenseitigen Lage der äussern
männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane erhellt nun wei-
ter, dass bei den genannten Arten des Limnaeus auch keine
gegenseitige Befruchtung, wie sie bei andern Pulmonaten vor-
kommt, zu derselben Zeit füglich stattfinden kann: denn wenn
ein Limnaeus seine Ruthe in die Scheide eines andern ein-
geführt hat, so liegt die Ruthe des letztern, die gegenseitige
Stellung der Schnecken sei welche sie immer wolle, von der
Scheidenöffnung des erstern so weit entfernt, dass eine ge-
genseitige Begattung nur durch die gezwungenste Stellung
der Ruthe möglich ist. Nichts desto weniger kommt sie bis-
weilen vor; bei 2. palustris wenigstens — der beiläufig erwähnt
von allen Limnäen wohl der merkwürdigste sein möchte —
habe ich sie dreimal ganz entschieden beobachtet; die Ruthe
des einen war dabei ganz nach hinten gerichtet und schien
arg mitgenommen zu werden, da sie ausserordentlich schlaff
war und durchaus keine organische Turgescenz zeigte; in dem
einen Falle waren beide Ruthen kreuzweise über einander
des Limnaeus stagnalis, ovatus und palustris. 239
geschlagen. — In der Regel ist aber die Begattung einseitig:
das eine Thier vertritt nämlich die Stelle des Männchens, das
andere die des Weibchens. Ersteres naht sich, wenn es sich
zum Coitus anschickt, dem letztern mit hervorgestülpter, nicht,
wie Stiebel I. p. 423 sagt, mit erigirter Ruthe. Von Erection
sollte hier überhaupt keine Rede sein, da dies eine ganz ver-
kehrte Vorstellung von der Sache giebt. Wenn einige Na-
turforscher sogar der Ansicht sind, dass das eigenthümliche
sogenannte Wassergefässsystem, welches sich im Fusse der
Schnecken findet und an dessen Rande durch kleine Poren
ausmündet, auch zum Penis einige Aestchen abschicke, um
denselben während der Begattung zur Erection mit Wasser
zu füllen, so muss ich dem geradezu widersprechen, denn
erstlich ist es weder mir, noch auch irgend einem Naturfor-
scher bis jetzt gelungen, jene Aestchen nachzuweisen, zum
andern aber ist jene Erection, wenn man sie denn absolut so
nennen will, eine reine Muskelaction, wovon man sich schon
durch die Bewegungen der bald breit, rund, spitz, platt u.s.w.
werdenden pars basilaris hinlänglich überzeugen kann; drittens
findet man in dem erigirten Penis nicht mehr Wasser, als im
eingestülpten; auch findet endlich beim Z. palustris die Be-
gattung oft an trocknen Stellen statt, wo mithin an keine
Wasseraufnahme zu ‘denken ist. Es scheint sich diese Ansicht,
wie so manche andere, nur durch eine zu eilfertig angewandte
Analogie in die Wissenschaft eingeschlichen zu haben. — Die
Beschaffenheit des Ruthenkörpers ist aber folgende: Die pars
basilaris ist hohl, der sogenannte Samenkanal geht durch diese
ganze Höhle hindurch bis zur Spitze der pars basilaris und
scheint zugleich der Function des Einstülpens dieses Theiles
vorzustehen; denn wenn man den Grund der pars basilaris
fixirt, und an dem Samenkanal nach einwärts zieht, so stülpt
sich die Spitze der pars basilaris ein. Die. pars filiformis
scheint nur eine Fortsetzung des Samenkanals zu: sein, ‚mit
dem sie auch an Farbe, Form und Struktur völlig überein-
stimmt. So lange die pars basilaris nicht völlig herausgestülpt
ist, liegt die pars filiformis in der Höhle derselben eingebettet.
Wenn nun der Ruthenkörper an der Oberfläche des Thieres
hervortritt, so erscheint er erst mit seinem untern Theile als
ein faltiger Ring mit einer Vertiefung in der Mitte, die, indem
240 Karsch: Die Entwicklungsgeschichte
der Ring immer weiter 'hervortritt, mehr und mehr ausge-
glichen wird; endlich kommt der ganze Ruthenkörper zu
Tage; er ist mit einem wasserhellen Schleime umgeben, der
ihm trotz seiner sonst mehr dunkeln Farbe eine mehr bläu-
liche verleiht; je nachdem er sich mehr ausdehnt oder zusam-
menzieht in den verschiedenen Dimensionen des Raumes, er-
scheint er bald flach, bald drehrund u. s. w. Bis jetzt bemerkt
man an dem sich hin und her bewegenden bald sich verkür-
zenden, bald verlängernden Ruthenkörper nur. die pars basi-
laris, nicht aber die pars filiformis, wenigstens nicht ausge-
streckt, wohl aber sieht man dieselbe oder auch den Samen-
kanal, z. B. beim Z. palustris deutlich innerhalb der pars
basilaris in wurmförmiger Bewegung durchschimmern.
Das Männchen setzt sich nun meist an die rechte Seite
des Weibchens, befühlt und betastet dasselbe mit seinen Ten-
takeln und mit der Ruthe, um, wie Stiebel meint, einen Wol-
lustreiz bei demselben und Lust zum Coitus zu erwirken.
Mir schien es jedoch von Seiten des Männchens dieser Mass-
regeln nicht zu bedürfen, da sich das Weibchen immer sehr
willfährig zeigte, nicht nur aus seiner Schale so weit sich
hervorstreckte, dass es gleichsam das orificium vaginae dem
Männchen hinhielt, sondern auch oft mit seinem Fusse die
Schale des Männchens dabei so fest umklammerte und an sich
hielt, dass es gewissermassen nur mit Mühe von derselben
losgerissen werden konnte. Aus diesen Gründen erscheint
es wahrscheinlicher, dass dies Betasten nur das Suchen der
weiblichen Genitalöffnung bezweckt. Nachdem nun das Männ-
chen meist nach einigen vergeblichen Bemühungen die weib-
liche Geschlechtsöffnung gefunden hat, führt es langsam die
Ruthe in die Scheide ein. — Die pars basilaris penis scheint
bei der Begattung hauptsächlich nur zur Unterstützung und
zum Schutze des ausserordentlich feinen Samenkanals und
der pars filiformis — aus diesem Grunde wohl haben sie ein-
zelne Naturforscher mit dem praeputium verglichen — und
als muskulöser Theil zum Ausstülpen und Leiten der pars
filiformis, der eigentlichen Ruthe, zu dienen. Denn von ihr
dringt nur die äusserste Spitze, die sich zum Theil etwas
verdünnen und verlängern kann, in die Scheide ein; — am
tiefsten scheint die pars basilaris beim L. palustris in die
des Limnaeus stagnalis, ovatus und palustris. 24
Vagina einzudringen, denn es bleibt bei der Begattung von
derselben nur ein kleiner Theil sichtbar, mehr jedoch, wenn
mehre Individuen zusammenhängen, wo dann schon durch die
Schwere der anhängenden Last jener Theil gezerrt und aus-
gedehnt werden muss. — Wie tief die Spitze der pars fili-
formis sich in die weiblichen Genitalien einsenke, habe ich
bis jetzt trotz aller Versuche nieht mit Zuverlässigkeit ermit-
teln können; der Länge derselben nach zu urtheilen, möchte
sie wohl bis in den sogenannten Uterus dringen. Erst nach-
dem die Spitze der pars basilaris in die Vagina eingeführt,
wird übrigens die pars filiformis ausgeschoben. — So bleiben
die Thiere nun ruhig eine Zeit lang an einander hängen, zu-
weilen machen sie indess, “indem sie ihre Schalen hin- und
herwerfen, namentlich das Weibchen, vielfache Bewegungen,
wie man sie dieselben auch an heitern Sommertagen machen
sieht, wenn sie sich ausnehmend wohl befinden. Fig. 1 stellt
zwei sich begattende Limnäen dar.
Cuvier führt es als eine charakteristische Eigenthümlich-
keit bei den Limnäen auf, dass das für das eine Individuum
während der Begattung als Männchen fungirende Thier zu-
gleich für ein drittes als Weibchen diene und hält dies nach
der Lage ihrer Genitalien für unumgänglich nöthig (cf. das
Thierreich, geordnet nach seiner Organisation. Uebersetzung
von Voigt. Leipz. 1834. Bd. Ill. p. 105), wiewohl das Letztere
schwer zu begreifen sein möchte. Allein Gravenhorst in
Breslau (cf. dessen vergleichende Zoologie. Bresl. 1843. 4.
p- 102) führt dies blos beim Z. palustris gleichsam als eine
Merkwürdigkeit auf und scheint auch hier nicht recht daran
zu glauben. Beim Z. stagnalis habe ich dies Phänomen nicht
beobachtet, wohl aber beim ovatzs, am entschiedensten indess
beim L. palustris. Vom L. ovatus fand ich nie mehr als
drei, vom L. palustris aber oft gegen 6—8 Individuen auf
diese Art mit einander verbunden. Eins von ihnen agirt
dabei ausschliesslich als Weibchen, und dieses ist allein im
Stande, den ganzen ihm anhängenden Schwarm recht lebhaft
von der Stelle zu bewegen und mit ihm nach allen Richtun-
gen, selbst vom Boden des Behälters an einer glatten Glas-
wand hinauf- und hinunterzukriechen. Alle übrigen Individuen
verhalten sich indess meist ganz ruhig. Das diesen Weibehen
Archiv f, Naturgesch. XI. Jahrg. 1. Bd. 16
242 Karsch: Die Entwicklungsgeschichte
anhängende Männchen vertritt für ein drittes Individuum wie-
der die Stelle eines Weibchens und so fort bis zum letzten,
welches blos als Männchen auftritt.’
Die Thiere haften bei der Begattung sehr fest an einan-
der und man fühlt in der That einen kleinen Widerstand,
wenn man den Penis aus der Scheide herauszieht. Dabei
zieht sich die pars filiformis rasch in die pars basilaris und
die letztere beim Z. palustris ziemlich rasch, beim ovatus und
stagnalis langsamer in die Leibeshöhle zurück. Ueberhaupt
lassen sich die Thiere nicht leicht in der Begattung stören;
ich habe oft in der Begattung begriffene Thiere weite Strecken
und lange Zeit in der blossen Hand oder auch in einer trock-
nen Schachtel nach Hause getragen, ohne dass dieselben los-
liessen, wiewohl die Thiere sonst, sobald man sie aus dem
Wasser nimmt, oder auch nur berührt, sich sofort in ihr Ge-
häuse zurückzuziehen pflegen. Mit welcher Begierde die
Thiere, wenn sie einmal brünstig sind, den Coitus zu voll-
ziehen streben, das hatte ich mehrmals Gelegenheit zu beob-
achten. Ich hatte mehre Exemplare von Z. palustris, die je
zwei in der Begattung begriffen waren, auseinandergerissen
und in einer mit Wasser zur Hälfte gefüllten Flasche, in der
sie also wacker durcheinander geschüttelt werden mussten,
nach Hause getragen. Nichtsdestoweniger hatten sie hier kaum
eine Viertelstunde ruhig gestanden, als ich sie nunmehr zu
5—6 an einander hängen fand. Dies beobachtete ich mehre-
male. In diesen: Fällen fand unzweifelhaft eine mehrfache
Begattung statt, die sich indess auch beobachten lässt, wenn
die betreffenden Individuen nicht, wie es hier allerdings der
Fall war, beunruhigt werden. Ob dies indess nur der Fall
ist bei einer unvollständigen Begattung, d. h. dann, wenn keine
Befruchtung erfolgte, wie dies einige meinen, möchte sich
wohl schwerlich ermitteln lassen.
Die Dauer des Coitus ist sehr verschieden, selbst bei
Individuen derselben Art. Oft hangen die Thiere nur minu-
ten-, oft aber tagelang aneinander. Dass das Männchen nach
vollendetem Coitus das Weibchen auf das Schleunigste fliehe,
wie Stiebel I. p. 423 erwähnt, habe ich nie beobachtet. Beide,
Männchen sowohl als Weibchen, scheinen dann vielmehr meist
so erschöpft, dass sie sich kaum von der Stelle zu bewegen
des Limnaeus stagnalis, ovatus und palustris. 243
im Stande sind; oft sinken sie auf den Grund des Gefässes
nieder und liegen daselbst ganz ruhig, gleichsam trauernd,
entweder in die Schalen zurückgezogen oder auch lass daraus
hervorhängend. Beim Männchen des Z. stagnalis fand Stiebel
den Hoden gekrümmt, gleichsam krampfhaft zusammengezogen.
Was die Jahreszeit der Begattung angeht, so richtet sich
dieselbe viel nach den jedesmaligen Witterungsverhältnissen.
Im vorigen Jahre, in welchem die Witterung bis tief in den
April hinein einen mehr winterlichen Charakter an sich trug
— am 42ten fiel noch Schnee, und selbst in der letzten Mo-
natshälfte waren die Morgen und Abende noch sehr kalt —
wo also auch für die Entwicklung namentlich des niedern
thierischen Lebens eben keine günstigen Verhältnisse obwal-
teten, verspäteten sich denn auch die Wasserthiere bedeutend
und in den ersten Tagen des April war von Schnecken noch
keine Spur zu finden. Sonst soll sich übrigens unter gün-
stigen Verhältnissen, z. B. in Zimmern, nach Stiebel der Z.
stagnalis schon im Februar begatten. In diesem Jahre, wo
der Februar uns schon das schönste Frühlingswetter brachte,
fand man auch schon zu Ende des genannten Monats die
Limnäen überall mit dem Coitus beschäftigt. In der freien
Natur giebt Stiebel I. p. 423 zwar den März als die Zeit der
Begattung an, korrigirt sich aber schon sehr richtig H. p.558,
dass dieselbe den ganzen Frühling hindurch bis in den Sommer
hinein erfolge. Dasselbe ist beim L. palustris und ovatus
der Fall.
Wir kommen jetzt zur Entwicklung des Fichens. im
Thiere, und haben hier vorerst die weiblichen Geschlechts-
theile und besonders den Eierstock, in welchem die erste
Bildung desselben vor sich geht, im jungfräulichen und ge-
schwängerten Zustande zu betrachten und die Veränderungen,
welche mit denselben einerseits und mit dem nach der Be-
fruchtung sich entbildenden Embryo anderseits vorgehen, zu
verfolgen.
Das Ovarium erscheint im ungeschwängerten Zustande
aus mehreren unregelmässig geformten Bläschen zusammen-
gesetzt, die mit einer weisslichen, deutlich körnigen Flüssig-
keit gefüllt sind. Die genaue Darstellung dieses Organs ist
mit ausserordentlich vielen Schwierigkeiten verknüpft, Beim
16*
4A Karsch: Die Entwicklungsgeschichte
Planorbis corneus orientirt man sich am leichtesten darin; hier
liegt es nämlich ‘mehr oberflächlich auf der Leber und steht
nicht in so festem, organischem Zusammenhange mit dersel-
ben, auch ist-es fester und dauerhafter, so dass es leichter
vollständig abpräparirt werden kann. Beim Limnaeus aber
liegt es tiefer in das Parenchym der Leber eingesenkt, die
Wände zerreissen sehr leicht und es ist selten so vollständig
zu isoliren, dass es nicht entweder zerrisse und seine Flüs-
sigkeit zum Theil entleere, oder doch einzelne Leberpartikel-
chen daran hängen blieben, die dann allerdings leicht zu
grossen Täuschungen Veranlassung geben können, indem man
dieselben wegen ihrer bräunlichen Farbe leicht für Eierrudi-
mente zu halten verleitet wird. Vielleicht waren auch jene
Dotterrudimente, welche Stiebel im unbefruchteten Ovarium
als kleine Fettklümpchen beschreibt, nichts anderes, als solche
von der Leber äbgerissene Drüsenkörnchen, wenigstens be-
greife ich nicht, wie die wirklichen Eidotter irgend mit Fett-
klümpchen könnten verglichen werden. — Das Ovarium eines
noch nicht völlig ausgewachsenen, also auch noch unbefruch-
teten Limnaeus erscheint nun aus mehreren ungleichmässig
rundlichen Theilen zusammengesetzt, die offenbar Blasen dar- .
stellen, deren Wände ausserordentlich dünn und zart sind,
so dass sie leicht zerplatzen. Beim Zerplatzen selbst entlee-
ren sie eine weissgelbliche körnige Flüssigkeit. In das Ova-
rium mündet der dünne Ovidukt und scheint zu jedem Bläs-
chen einen Ast zur Aufnahme der Eichen abzusenden. Von
Eierrudimenten ist noch keine Spur zu finden.
Beobachtet man ein nach der Begattung exstirpirtes Ova-
rium, so zeigt dasselbe im Allgemeinen diese Struktur, nur
findet man in den einzelnen Bläschen deutliche, völlig runde,
grünlich braune Körperchen von feinkörniger Struktur; sie
finden sich von verschiedener Grösse und scheinen wegen
ihrer Lage sowohl, als auch wegen ihres Vorkommens und
ihrer speziellen Gestaltung für die Eierrudimente gehalten
werden zu müssen. (Fig. 2a, vergrössert Fig. 3a). Im Ovi-
dukt sind diese Körnchen nicht zu finden. Genauer betrach-
tet scheinen sie von einer wasserhellen, eng anschliessenden
Haut umgeben zu sein, welche einen ziemlichen Grad von
Festigkeit hat, so dass sie nicht leicht zerplatzt, und die
des Limnaeus stagnalis, ovatus und palustris. 245
Dotter selbst ohne Gefahr isolirt werden können. Zuweilen
gelingt es, durch einen günstig angebrachten Druck den kör-
nigen Inhalt von der Blasenwand ein wenig zu entfernen, so
dass man dieselbe dann recht deutlich unterscheiden kann.
Ein solches Präparat ist Fig. 35 abgebildet. Diese Haut
“scheint nichts anders, als die Bierschale zu sein, und die
G:ünde, welche für diese Ansicht sprechen, 'sind theils in
den folgenden Beobachtungen gegeben, theils aber ist das zu
berücksichtigen, dass es die Dotterhaut deshalb nicht sein
möchte, weil diese so zart und zerbrechlich ist, dass es am
ausgebildeten und bereits gelegten Ei kaum je gelingt, den
Dotter unverletzt zu isoliren, und selbst hier ist, wenn das
Isoliren auch gelang, niemals, so oft ich es versuchte, jenes
oben erwälmte Experiment gelungen. Es scheint somit die
Ansicht Stiebel’s, als ob (Archiv Il. 4. p.558) der herabstei-
gende Dotter erst im Eiergange mit der Schale umgeben
würde, als irrig verworfen, und dagegen die des Carus (Le-
bensbed. p. 52), nach welchem die Eierschale den Dotter
schon im Ovarium eng anschliessend zu umgeben scheint, als
die richtige angenommen werden zu müssen, wie das Fol-
gende noch deutlicher lehren wird.
Auch schon während der Begattung fand ich stets diese
Dotterkörperchen im Ovarium und sie scheinen allerdings
schon vor der Begattung gebildet zu werden. Man erkennt
ihre Identität sehr leicht an einem hellern Fleck an der einen
Seite, wie Fig-3@ zeigt. Ob dieser Fleck vielleicht dasselbe
sei, was M. Sars (Beitrag zur Entwicklungsgeschichte der Mol-
lusken und Zoophyten in Wiegmann’s Archiv für Naturgesch.
VI. Jahrg. H. Il. p. 199. Berl. 1840) in den ersten Tagen an
den Embryonen der Tritonia Ascanii hinwegdrücken konnte
und als die Vesicula Purkinjüi bezeichnet, wage ich nicht zu
entscheiden. — Ob übrigens diese Eichen im Ovarıum an
dessen Wände angeheftet seien oder frei in jener Flüssigkeit
schwimmen, ist mir ungewiss. Wahrscheinlich ernähren sich
die Eichen hier durch einfache Endosmose aus dem sie um-
gebenden flüssigen Medium, bis sie zu einer gewissen Grösse
angewachsen sind und durch die Begattung zum Hinabsteigen
in den Eierleiter veranlasst werden.
Eine zweite, überaus interessante Erscheinung ist die,
246 Karsch: Die Entwiekhungsgeschichte
dass sich im befruchteten Ovarium Samen findet, der dem
blossen Auge als eine weisse, fädige Masse erscheint, unter
dem Mikroskop aber eine unzählige Menge sogenannter Sa-
menthierchen zeigt, ja fast ganz aus denselben zu bestehen
scheint. Sie sind um ein Bedeutendes grösser als die mensch-
lichen Spermatobien und 'erscheinen als lange feine Fädchen
mit einem verhältnissmässig sehr kleinen Kopfe — denn dieser
ist oft 40—50 mal kürzer als das Schwanzende. — Sie be-
wegen sich eigenthümlich durch- und gegeneinander, indem
sie mit den Schwanzenden fest zu sitzen scheinen, und diese
Bewegung ist etwa der der elektrischen Hollunderkügelchen
unter dem Glasrezipienten oder um eine allgemeiner bekannte
Erscheinung zu wählen, dem Hin- und Herschwanken des
langen vom Strome bewegten Ufergrases zu vergleichen. Es
ist dieses ganz dieselbe Bewegung, welche auch bei pflanz-
lichen Gebilden gefunden wird, namentlich in den Sporidien
der Pilze, aber auch in den Antheridien der sogenannten
männlichen Blüten derjenigen Moose, welche solche männliche
Blüten haben, besonders deutlich z. B. im Polytrichum, nur
mit dem Unterschiede, dass hier jedes Spermatozoon in einer
besondern Zelle liegt, in welcher es sich spiralig bewegt,
scheinbar mit dem Schwänzchen angeheftet; — es ist ganz
dieselbe Bewegung, die sich auch an der Oberfläche derjeni-
gen Pseudoorganisationen zeigt, die man mit dem Namen
Schleimpolypen bezeichnet — das sogenannte Flimmerepithe-
lium. — Im Ovarium der Limnäen, Planorben und Paludinen
finden sie sich aber in ganzen Ballen zwischen den oben be-
schriebenen Eierstockbläschen und scheinbar dieselben ganz
einhüllend. Ein Stück eines solchen Ballens stellt Fig. 4
dar, von dem sich einige Thierchen losgelöst haben; Fig. 6
ist ein einzelnes Spermatozoon. — Man kann leicht einzelne
Stücke von diesem Ballen ablösen und dann erscheinen die-
selben als aus zwei Theilen bestehend, nämlich aus den Sper-
matozoen und einem festen Gebilde, welches im Innern des
Ballens liegt, an welches die einzelnen Thiere mit den
Schwanzenden angeheftet sind und von dem sie in divergiren-
den Strahlen sich entfernen, wie Figur 5 zeigt. Unter einer
Vergrösserung von 570 im Diameter erscheinen die einzelnen
Thierchen als Stäbchen mit einem dieken körnigen Ende, die
des Limnaeus stagnalis, ovatus und palustris. 247
oft einzelne Aeste abschicken (Fig. 7). Bei keiner einzigen
Vergrösserung bis 570 hinauf war in jenen Stäbchen irgend
‚eine Höhle noch Organisation zu entdecken. Einige Natur-
forscher halten indess diese Bildungen für elastische Röhr-
chen, in denen sie einen spiralig gewundenen Kanal gefunden
haben wollen, der erst den eigentlichen Samen enthielte und
denselben durch Zerplatzen der Röhrchen von sich gäbe.
Man findet diese Stäbehen, wenn man sie mit Wasser befeuch-
tet, in einer ausserordentlich lebhaften Bewegung, welche all-
mählich mehr und mehr abnimmt und am Ende völlig aufhört.
Ein Zerplatzen derselben war nie zu beobachten. Man findet
indess diese Röhrenballen nicht blos im Ovarium, sondern
auch im Eileiter, im Uterus und der Scheide des weiblichen
Thieres, und sie sind von denen, die man bei der Begattung
im Hoden, Samenleiter und der pars filiformis penis findet,
durchaus nicht verschieden.
Wenn jene Samenröhren wirklich das sind, wofür sie
gelten, wenn sie in der That aus den männlichen Geschlechts-
theilen zur Befruchtung in die weiblichen übergeführt sind,
so möchte es nach der Beobachtung des Samens im Ovarium
keinem Zweifel mehr unterliegen, ob die Eier erst im Eileiter
oder im Uterus befruchtet werden. Wenn daher die Meinung
Stiebel’s (I. p. 424), dass die Eier wahrscheinlich im Eigange
befruchtet würden, indem es unwahrscheinlich sei, dass der
Same durch den gewundenen Eigang in den Eierstock ge-
lange, im Uterus hingegen die Eier mit Schleim umhüllt seien,
so dass der Same sie nicht berühren könne; — wenn diese
Meinung im Grunde schon a priori sich selbst widerlegt, in-
dem ja doch von der Begattung aus irgend ein stimulus, sei
es nun ein rein dynamisches Prinzip, oder ein materielles
Substrat, bis zum Ovarium nothwendig gelangen muss, um
die dort befindlichen Eirudimente zum Sichablösen und Hin-
untersteigen in den Eierleiter zu bewegen: so kann nunmehr
diese Frage als vollkommen erledigt betrachtet werden, indem
auch a posteriori die Beobachtung einer andern Ansicht das
Wort redet. Mag nun der Same durch eine freilich nicht zu
erweisende, etwa peristaltische Bewegung des Eierleiters oder
durch die eigene Bewegung der Samenröhren selbst oder auf
irgend eine andere Weise in das Ovarium gelangen, gleichviel,
248 Karsch: Die Entwicklungsgeschichte
er findet sich so deutlich darin, dass ich mich nicht genug
wundern kann, wie ich ihn anfänglich übersehen konnte.
Was nun die übrigen weiblichen Geschlechtsorgane an- ,
belangt, so bereiten sich dieselben, wahrscheinlich durch den
Reiz bei der Begattung oder durch den eingespritzten Samen,
der vielleicht als ein fremder Körper im Organismus wirken
mag, zur Aufnahme und weitern Entwicklung. des Eichens
vor. Eierleiter, Uterus und Scheide sind mit Samen angefüllt
und fangen an sich allmählich dadurch zu erweichen und zu
erweitern, dass sie eine schleimartige Flüssigkeit absondern;
die Schleimdrüsen, besonders jene grosse Sekretionsdrüse
turgesziren bedeutend; es entwickelt sich überhaupt in allen
weiblichen Genitalorganen ein höheres Leben, eine organische
Turgescenz, die man nicht mit Unrecht eine Art Entzündungs-
prozess nennen könnte,
Das Eichen selbst steigt nun nach einiger Zeit, die bald
kürzer bald länger währt, nachdem der Dotter völlig ausge-
bildet ist, in den gewundenen Schlauch des Eileiters hinab.
Erst hier, im Eierleiter soll es nach Stiebel mit der Eierschale
umgeben werden. Er glaubt nämlich (Arch. II. 4. p. 558—59)
beobachtet zu haben, dass von der innern Wand des Oviduükts
die Schleimhaut sich ablöse und gleichsam eine decidua bilde,
dass. diese sich ablösende Schleimhaut die Dotterkeime wie
eine Röhre umhülle und durch stückweise gleichmässige Zu-
sammenziehung des Ovidukts zu ihrer definitiven Form gleich-
sam abgeschnürt würden, wodurch sie indess ihren Zusam-
menhang nicht ganz verliere, so dass die Eier wie an einen
Faden gereihet erschienen. Wir haben uns indess schon oben
für die Ansicht Carus’ ausgesprochen und 'zur Begründung
derselben einiges angeführt, dem wir hier noch einzelnes bei- |
zufügen uns veranlasst sehen. Erstlich scheint nämlich die
Schleimhaut des Ovidukts zur Bildung der Schalen einer sol-
chen Masse von Eiern, wie sie von einer Schnecke gelegt
werden, nicht auszureichen, man müsste dabei eine freilich
unerweisliche fortwährende Neubildung jener deeidua suppo-
niren. Dann ist nicht zu begreifen, woher die Eichen alle
dieselbe Grösse zeigen, da doch der Eierleiter und mithin auch
seine Schleimhautröhre durchaus nicht an allen Stellen ein
gleiches Lumen zeigt. Bei jener Zusammenschnürung des
des Limnaeus stagnalis, ovatus und palustris. 249
Ovidukts, deren ausserordentliche Gleichmässigkeit man übri-
gens bewundern müsste und deren Identität durch keine Be-
obachtung nachzuweisen ist, müssten sich ferner doch an den
beiden Enden der Eischale, da wo die Schleimhautröhre ab-
geschnürt wurde, Närbchen oder doch Verdickungen, Falten
und Unebenheiten finden, die sich indess nirgends nachweisen
lassen. Abgesehen davon, dass der Verwachsungsprozess der
abgeschnürten Partikel durch ein blos momentanes Einschnü-
ren nicht begreiflich wird, ist endlich auch nicht wohl einzu-
sehen, wie bei einer solehen Ablösung der Schleimhaut und
bei dieser Bildungsweise der Eierschale nicht, we nicht jedes-
mal, doch mindestens zuweilen auch andere Bildungen, als
2. B. Samenröhren und Schleimtheilchen, deren im Ovidukt
doch so. viele enthalten sind, und in welchen letztern, wie
Stiebel selbst sagt, die Rudimente umherschwimmen, mit von
der Eischale eingeschlossen werden; gleichwohl findet man im
Ei nie dergleichen Dinge, sondern immer nur reines Eiweiss.
Diese allerdings dringenden Gründe bestimmen uns ausser
den schon oben angeführten Beobachtungen zu der Ansicht,
dass die Eischale den Dotter bereits im Ovarium umgiebt.
Indem die Eichen nun vom Ovarium durch den Ovidukt
allmählich in den Uterus hinabsteigen, werden sie auf. diesem
Wege allmählich weiter ausgebildet, indem die Schale durch
Endosmose aus der sie umgebenden Flüssigkeit Eiweiss in
ihre Höhle aufnimmt und so nicht nur die Schale sich weiter
ausdehnt und vergrössert, sondern auch in ihren Wänden wie
durch eine sekundäre Schicht sich verdickt. Wenn daher
Stiebel in der Nähe des Ovariums Dotterrudimente ohne
Schale — d. I. ohne deutlich sichtbare Schale — in der Nähe
des Uterus aber solche mit der Schale und dem Eiweiss um-
geben fand, so ist dıes-ganz natürlich und widerspricht selbst
einigermassen seiner Ansicht von der Bildung der Eischale,
Richtig bleibt dabei doch immer die Ansicht, dass das Eiweiss
ein Produkt des Ovidukts ist, eine Ansicht, welche auch alle
Beobachter aussprechen (cf. Pfeiffer III. Helix pomat. p- 70.
not. 2; — Carus Lebensbed. p. 63 etc.)
Bis hieher hat also die Bildung des Eichens die spre-
chendste Aehnlichkeit mit der primären Zellenbildung über-
haupt. In der Pflanzenwelt bildet sich ja in dem bildbaren
250 Karsch: Die Entwicklungsgeschichte
Material ebenfalls zuerst der Cytoblast, diesen umhüllt dann
eine geschlossene Gallertblase, die von aussen her durch En-
dosmose Flüssigkeit aufnimmt, sich dadurch selbst ausdehnt
und den Nucleus nach der einen Zellenwand hindrängt —
auch beim Eichen der Schnecke zeigt der Dotter diese Lage,
ef. weiter unten. — Dieselbe Zellenbildung zeigt der thieri-
sche Organismus im adhäsiven Entzündungsprozesse, in dem
Cytoblasten — der exsudirten plastischen Lymphe — zeigen
sich zuerst Zellenkerne, die sich dann bei fortschreitender
Entwicklung mit einer Hülle umgeben und so die vollständige
Zelle bilden. — Das Eichen ist somit als eine einfache Zel-
lenbildung mit der Anlage zur höhern Fortentwicklung zu
betrachten; — als frei sich entbildende Zelle nimmt es mehr
eine sphärische Gestalt an, wie der Protococcus ete., treten
aber mehrere Zellen in engern Zusammenhang, so entstehen
auch hier, wie in der Pflanzenwelt, andere Formen, wie es
die Eichen der Paludinen — cf. weiter unten — aufs Deut-
lichste nachweisen.
Das nunmehr vollkommen in seinem -Dotter sowohl, als
in seiner Schale und seinem Eiweiss ausgebildete Eichen ge-
langt nun vom Ovidukt in jenen erweiterten Theil desselben,
den man ohne Grund mit dem Uterus verglichen und höchst
unpassend mit diesem Namen belegt hat. Jetzt hat das Eichen
bereits seine vollständige Ausbildung erlangt, was sieh daraus
aufs Evidenteste ergiebt, dass dasselbe schon fähig ist, sich
zu entwickeln und zum lebenden Embryo zu gestalten. Stiebel
wenigstens hat beobachtet, dass die Eichen im Ovidukt, wenn
er sie mit demselben herausnahm, das zweite und dritte Ent-
wicklungsstadium erreichten und nur umkamen, weil das Was-
ser den Ovidukt auflöste. (Arch. Il. 4. p. 559). Dies weiset
zugleich darauf hin, dass die spätere Umhüllung der Eichen
wohl meist nur zum Schutze, zur Anheftung derselben und
dazu bestimmt sein möge, dem ausgeschloflenen Schneckehen
die erste Nahrung zu bieten. In den Falten des sogenannten
Uterus nämlich befindet sich viel wasserheller Schleim, der
theils von den Schleimorganen, theils aber auch von den
Wandungen des Uterus selbst sezernirt werden mag. Von
diesem Schleime, der indess durchaus nichts Eiweissartiges
an sich hat, wie Carus (Lebensbed. p. 53) irrig meint, werden
des Limnaeus stagnalis, ovatus und palustris. 351
die allmählich in den Uterus hinabgetretenen Eichen umhüllt
und zu einer sogenannten Eierschnur gleichsam aneinander
gekittet. Jetzt ist die Bildung des Eies und seiner Umhüllun-
gen vollendet, und die Eierschnur fähig, ausgestossen zu
werden.
Diese bis jetzt beschriebene Bildung der Eier im Thiere
ist durchaus nicht an eine bestimmte Zeitdauer gebunden, und
es ist ganz unrichtig, wenn man mit Stiebel meint, es sei
allgemein der Fall, dass die Eier zwei Tage nach der Begat-
tung gelegt werden, denn nicht selten währt dieser ganze
Vorgang fünf bis acht Tage, ja noch länger.
Nachdem nun die Eier im mütterlichen Organismus den
bezeichneten Entwicklungsgrad erreicht haben, werden sie, in
jenen Schleim eingehüllt, durch die sich erweiternde Scheide
an die freie Natur abgesetzt, und diese ist eigentlich der Ute-
rus, in welchem die weitere Entwicklung des freilich lebens-
fähigen, aber noch keineswegs lebenden Dotters so wie auch
die eigentliche Geburt des jungen Mollusk vor sich geht.
Die Eierschnüre werden stets unterhalb der Oberfläche des
Wassers, bald höher, bald tiefer abgesetzt und zwar in fol-
gender Weise: Das Weibchen stellt sich zu dem Gegenstande,
an den es die Eierschnur anheften will, in eine solche Lage,
dass das orificium vaginae denselben fast berührt; daher
neigt es sich immer etwas auf die rechte Seite des Rückens,
wie es Rossmässler an einen Jaichenden Zimnaeus stagnalis
in seiner leonographie der Land- und Süsswassermollusken
(Leipz. 1836) I. T. IV. Fig. 84 sehr schön und deutlich abge-
bildet hat. Wenn das zuerst aus dem orifieium vaginae her-
vortretende rundliche Ende der Eierschnur an den Gegenstand
angeheftet ist, so rutscht das Weibchen langsam rückwärts,
das orificium stets nahe am Gegenstande haltend, von der
Stelle, so dass der übrige Theil der Eierschnur aus der
Scheide zum Theil hervorgezogen wird. Das die Vagina zu-
letzt verlassende Ende der Eierschnur ist meist etwas spitz
zulaufend, indem sich bei seinem Hervorkommen die Vagina
allmählich wieder zusammenzieht. Die ganze Eierschnur gleicht
somit einem Oylinder oder auch einer Wurst von verschiede-
ner Dicke und Länge (Fig. 8). Oft werden die Eier nicht
mit einemmale, sondern in mehreren Cylindern abgesetzt. Die
252 Karsch: Die Entwicklungsgeschichte
Gegenstände, an welche die Eierschnüre angeheftet werden,
sind nicht nur Steine, schwimmende Holzstückchen und aller-
lei Wasserpflanzen, als Potamogeton, Ranunculus ete., sondern
auch Schalen anderer Schnecken, welche mit denselben dann
ruhig umherschwimmen. — Indem die Schleimeylinder mit
dem Wasser in Berührung kommen, erhärten sie an ihrer
Oberfläche etwas, theils vielleicht durch eine Art Oxydations-
process, theils aber auch dadurch, dass sich allerlei Unrath
darauf ablagert, so dass sie alsdann mit einer eigenen Haut
umgeben scheinen, in welcher die Eichen von noch flüssige-
rem Schleime umhüllt liegen. Der Schleim selbst reagirt
übrigens weder basisch noch sauer.
In jeder Eierschnur findet sich eine Anzabl von Eiern,
oft zu 20, 30 bis 50 an der Zahl. Es liegen dieselben durch-
aus unregelmässig in dem Schleime vertheilt, und die Abbil-
dung, die Carus Lebensbed. T. 1. Fig. Il. von einem solchen
mit einer starken Loupe vergrösserten Eierschnurstückehen
des Limnaeus stagnalis giebt, ist daher leicht im Stande, eine
falsche Vorstellung von dieser Lage der Eier zu geben, und
dies ist auch der Grund, weshalb wir Fig. 10 eine Abbildung
derselben mittheilen. Um die Eierschnüre der Limnäen von
einigen ähnlichen anderer Thiere unterscheiden zu können,
fügen wir noch Folgendes bei:
Die Laiche der Planorben sind mehr unregelmässig und
platt und zudem mehr rigid, als die der Limnäen, sie werden
am liebsten an der Unterseite schwimmender Gegenstände ab-
gesetzt. Die Eier der eierlegenden Paludinen sind nicht von
Schleim umgeben, sondern sie lagern sich je zwei und zwei
in bald längern bald kürzern Reihen zusammen und jedes
Ende ist durch ein Eichen abgeschlossen. Jedes Eichen zeigt
an der Stelle, wo es mit einem andern zusammenstösst, eine
gerade Fläche, die freie Seite ist mehr unregelmässig gerun-
det (ef. Fig. 9). Diese Eier haben somit grosse Aehnlichkeit
mit den zusammengruppirten Pflanzenzellen. Sie sind auf
der Oberfläche mehr gewölbt, auf der untern, wo sie den
Gegenständen ankleben, mehr flach, oder vielmehr den Ge-
genständen, denen sie ankleben, angepasst, übrigens sehr rigid,
anfangs weisslich, später von gelblicher, dann mehr bräun-
licher Farbe. Ich habe eben eine solche Eierschnur vor mir,
des Limnaeus stagnalis, ovatus und palustris. 253
welche aus 46 Eiern zusammengesetzt ist, zudem eine klei-
nere, von demselben Individuum abgesetzte, die nur aus 6
Eiern besteht. — Ausserdem habe ich noch von einem Thiere
ähnliche Schleimeylinder gefunden, mit denen die der Limnäen
möglicher Weise verwechselt werden könnten, allein die
ausserordentlich längliche Form der darin suspendirten Eier-
chen möchten bei etwas genauerer Besichtigung kaum eine
Verwechslung zulassen; es entwickelten sich aus diesen Eichen
Insektenmaden, deren weitere Entwicklung ich leider nicht
verfolgen konnte.
Was nun die Eier selbst anbelangt, so bestehen sie im
Allgemeinen aus drei verschiedenen Bildungen, aus der Eier-
schale, dem Eiweiss und dem Dotter. Die Eierschale (Cho-
rion Carus) ist wasserhell und durchaus oval und regelmässig
gebildet. Sie zeigt sonst nichts Auffallendes, ist indess sehr
elastisch und vermag einem ziemlichen Drucke zu widerstehen,
ohne zu zerplatzen. Das von ihr umgebende Fluidum ist das
Eiweiss, welches sich als solches sehr deutlich durch die be-
kannte Reaktion mit Salpetersäure oder der Siedehitze cha-
rakterisirt. Man kann die im Schleimeylinder befindlichen
schon mit blossen Augen hinreichend sichtbaren Eichen da-
durch sehr deutlich darstellen, dass man den Schleimeylinder
mit einigen Tropfen Salpetersäure befeuchtet, welche durch
den Schleim und die Eischale hindurch wirkend das Eiweiss
oft augenblicklich zum Koaguliren bringt, woraus sich dann
auf eine ziemlich bedeutende endosmotische Kraft dieser
Theile schliessen lässt. Das Eiweiss röthet übrigens Lackmus-
papier. —
Das Wichtigste und Wesentlichste im Eichen ist indess
der Dotter, als derjenige Theil, aus welchem das junge
Schneekehen sich bildet. Dieser Dotter ist im Verhältniss
zum ganzen Ei ausserordentlich klein (Fig. 11@) und liegt
immer mehr nach der einen Wand der Schale hin, oft die
Schale ganz berührend; doch will ihn Jacquemin (]. c. p. 646.
$. 9) beim Planorbis, wo er sonst dieselben Verhältnisse
zeigt, zuweilen auch in der Mitte gefunden haben. Wenn
dies indess nicht auf Täuschung beruht, so ist es gewiss eine
sehr seltene Ausnahme von der Regel. Der Dotterpunkt ist
schon dem blossen Auge sichtbar und erscheint beim Zimn,
254 Karsch: Die Entwicklungsgeschichte
stagnalis und palustris als gelblicher, beim ovatws mehr als
weisslicher Punkt.
Meist ist in jedem Eichen nur ein Dotter vorhanden,
zuweilen finden sich indess zwei, ja Carus will deren bis
sieben beobachtet haben (Lebensbed. p. 53); allein dieses
Vorkommen mehrerer Dotterkugeln in einer Eischale muss
ziemlich selten sein, da ich bei den Myriaden Eiern, die ich
beobachtete, nur fünf mit einem zweifachen Dotter fand, nie-
mals aber mit dreien oder noch mehreren, und auch Jacque-
min (l. cc. $. 10. p. 646) beim Planorbis nur ein einziges Mal
einen zweifachen Dotter sah. Nur ein einziges Mal sah ich,
dass beide Dotter das zweite Entwicklungsstadium erreichten;
in den übrigen vier Fällen kam der eine Dotter gar nicht
zur Lebensäusserung. Dafür findet man aber auch Schalen
ohne Dotter; sie sind mehr langgezogen und unregelmässig,
wie die Windeier der Vögel; auch sie sind selten und ich
habe nur ein einziges gefunden. ,
Unter dem Mikroskop betrachtet erscheint der Dotter des
eben gelegten Eies durchaus kugelrund und aus einer körni-
gen Masse zusammengesetzt (Fig. 12, Fig. 13 ist ein einzelnes
Körnchen), die durch eine feine Haut, die sogenannte Dotter-
haut (Amnion Carus, Membrana vitellina, Chorion Sars) zu-
sammengehalten wird. Carus erwähnt hier freilich dieser
Haut nicht, allein Jacquemin charakterisirt sie deutlich als
eine durchsichtige, die granules umschliessende Dotterhaut
(I. c. $. 9. p. 646). Wenn Sars in seinem Beitrage zur Ent-
wicklungsgeschichte der Mollusken und Zoophyten p. 199 es
für falsch hält, wenn man die Eischale mit dem Chorion ver-
gleicht und dafür die Dotterhaut dem Chorion der Säugethiere
entsprechend erklärt, so hat er gleichwohl nicht minder Un-
recht, indem das Chorion der Säugethiere nur eine Hülle des _
Fötus ist, die mit der Nachgeburt ausgestossen wird, hingegen
hier die Dotterhaut ein integrirender Theil des Embryo selbst
ist und mit ‘zur Bildung des Thierleibes benutzt wird (cf.
unten).
Nach Carus erscheint der Dotterumfang nicht immer ganz
rund, doch soll man immer an zwei polar entgegengesetzten
Punkten hellere durchscheinende Stellen unterscheiden (Le-
bensbed. p. 53. Tab. I. Fig. IV. A.B.C.D.a.b). Doch er-
des Limnaeus stagnalis, ovatus und palustris. 255
wähnen weder Stiebel noch Jacquemin dieser Stellen und
auch ich habe sie bei keiner Vergrösserung entdecken kön-
nen. Zuweilen findet man freilich eine oder andere Uneben-
heit an dem Dotter, ja zuweilen sieht man förmliche blasen-
förmige Anhänge, allein diese scheinen nicht mit dem normalen
Embryoleben in Beziehung zu stehen, sondern vielmehr krank-
hafte Zustände desselben zu sein. Carus hielt diese Protube-
ranzen wohl deshalb für normale Gebilde, weil er beobachtet
zu haben meinte, dass sie die Achse bezeichneten, um welche
der Embryo später sich drehe, dass dies indess nicht der Fall
ist und nicht der Fall sein kann, ‚wird sich aus dem Folgen-
den ergeben, wo wir von der Rotationsbewegung im Speciel-
len reden werden.
Wir kommen nun zum interessantesten Theile unserer
Abhandlung, nämlich zur Entwicklung des Dotters im Eie,
einem Vorgange, der an wunderbaren Erscheinungen reich
genug ist, um unsere ganze Aufmerksamkeit zu fesseln. —
Wenn einige Naturforscher behaupten, dass die Eier mancher
Süsswasserschnecken mehrere Jahre lang fast — dies „‚fast”
ist übrigens ein mir, ganz unerklärlicher Zusatz — ganz ein-
getrocknet sein könnten und dennoch auskämen, wenn sie
wieder angefeuchtet würden (Gravenhorst vergleichende Zoo-
logie p. 109), so muss ich dem, mindestens was die Limnäen,
Paludinen und PJanorben angeht, durchaus widersprechen.
Diese Gattungen nämlich sind gewiss nicht zu diesen manchen
Süsswasserschnecken zu rechnen, und ich möchte es in der
That Keinem, der die Entwicklung ihrer Eier verfolgen will,
rathen, auf diese Meinung hin weniger sorgsam dieselben zu
behandeln. Denn abgesehen davon, dass die Eichen die em-
pfindlichsten Reagentien gegen äussere Einflüsse sind, so dass
man sie selbst im Wasser nicht ungestraft einer starken Son-
nenhitze aussetzen darf, — wie man denn die Laiche auch
meist an schattigen Stellen der Teiche und Gräben findet —
hat man besonders noch darauf zu achten, dass sich in dem
Wasser, in welchem die zu beobachtenden Eierschnüre sich
befinden, weder Pristleysche Materie noch auch Infusorien
bilden. Man würde sich dadurch, was allerdings auch von
nicht geringer Bedeutung ist, nicht nur die Beobachtung er-
schweren, ja ganz unmöglich machen, sondern man wird auch
256 - Karsch: Die Entwicklungsgeschichte
bald bemerken, dass die Dotterkugeln absterben, was man
daran erkennt, dass sie eine unregelmässige Form annehmen,
sich auflösen und dass nicht selten die Eischalen mit unzäh-
ligen Schaaren von Infusorien angefüllt sind. Vielleicht be-
obachtete schon Bomme (Acta Soc. Flessing. vol. Il. 1773)
eine ähnliche Erscheinung in den Eiern der Doris pilosa Müll.,
er sah nämlich im Rogen nach einiger Zeit viele ‚‚Raderdiert-
jes”; Stiebel beobachtete dies Phänomen nur in den spätern
Perioden, gegen den 14—16ten Tag, nachdem das Ei gelegt
war, sah aber nie über drei Infusorien in der Eiflüssigkeit
und ist der Ansicht, dass diese Thierchen sich hier durch ge-
neratio aequivoca bilden (Arch. II. 4. p. 560). Ich habe indess
oft solche Mengen derselben gesehen, dass es durchaus un-
möglich war sie zu zählen. Auch mir scheint es das Wahr-
scheinlichste, dass diese wenig ausgebildeten, meist den Mo-
naden angehörenden Thierchen sich hier durch Urzeugung
bilden; man sieht förmlich, wie die Dotterkugel sich in ihre
Körnchen auflöst und wie diese Körnchen allmählich Lebens-
thätigkeit gewinnen; während einzelne Thierchen, an Form
und Bildung von den Körnchen nicht zu unterscheiden, mun-
ter in der Eiflüssigkeit sich umhertummeln, scheinen andere
die ersten Spuren eigner Bewegung durch ein Hin- und Her-
wanken zu erkennen zu geben, durch ein Rütteln gleichsam
an der allgemeinen Körnchenmasse, an der sie noch fest zu
kleben scheinen. Es wäre unbegreiflich, wie die Thiere durch
die Eischale von aussen her in die Eiflüssigkeit gerathen soll-
ten, eben so unbegreiflich, wie die Eier derselben in das
Eichen geriethen, um sich daselbst zu entwickeln. Merkwür-
dig ist es in der That, dass man in den oft mit allerlei Un-
rath gefüllten, zuweilen gleichsam verpesteten, von Infusorien
aller Gattungen wimmelnden Gräben doch die Eichen unver-
sehrt sich entwickeln sieht und gewiss nur höchst selten In-
fusorien in den Eiern antrifit. Warum wagen sie sich denn
hier nicht in die Eier, die sie zu Tausenden umkreisen! Eine
eigenthümliche Erscheinung ist dabei auch die, dass die Dot-
ter, wenn sie abgestorben sind, meist dem Gesetze der Schwere
folgen und am tiefsten Theile des Eies, ganz auf der Schale
liegend gefunden werden, was man besonders deutlich bei den
Eiern «der Paludinen beobachten kann. Ob die Dotter bis
des Limnaeus stagnalis, ovatus und palustris 257
zum Beginne ihrer Rotationsbewegung mittelst eines feinen,
auch durch das Mikroskop dem Gesichte nicht zugänglichen
Fädchens an der Eischale gleichsam aufgehängt seien, ähnlich
wie es Pfeiffer bei den Eiern der Helix pomatia beobachtete,
wo dann dieser feine Faden zuerst beim Absterben der Auf-
lösung unterliege, oder ob die eigenthümliche Vitalität des
Eichens, die von allen Seiten gleichmässig auf den Dotter
wirke und ihn so schwebend erhalte, allein denselben früher
den Gesetzen der Schwere entfremde, möchte schwer zu ent-
scheiden sein.
Es ist mir nie möglich gewesen, Embryone, die schon
Lebensthätigkeit zeigten, wenn ich die Eichen austrocknen
liess, wieder zu beleben, wiewohl die zusammengeschrumpfte
Eischale sowohl, wie auch der Embryo sich, in Wasser gelegt,
in räumlicher Hinsicht bald wieder durch Aufnahme von Flüs--
sigkeit in den vorigen Zustand versetzten; eben so wenig
gelang es mit solchen Dottern, die noch auf der niedrigsten
Stufe der Entwicklung standen, nach einer derartigen Behand-
lung, sie zur Rotation zu bringen.
Wir kommen auf die Entwicklung des Dotters zurück;
denn dieser ist es, an dem von nun an die wesentlichsten -
Veränderungen vor sich gehen und der sich auf Kosten des
ihn umgebenden Eiweisses nun weiter ausbildet. Zuerst ist
zu bemerken, dass die Entwicklung des Dotters in den ver-
schiedenen Arten sowohl, als in den verschiedenen Eiern der-
selben Eierschnur durchaus nicht gleichen Schritt hält, wor-
auf schon Sars ]. c. p. 200 bei der Entwicklung der Tyitonia
Ascanii aufmerksam macht, und dass es deshalb ganz ohne
Nutzen, ohne bestimmten Zweck, ja ohne Sinn ist, die Ent-
wicklungsstadien nach Tagen bestimmen zu wollen. Man
braucht nur die Resultate der verschiedenen bis jetzt ver-
öffentlichten Beobachtungen zusammenzustellen und zu .ver-
gleichen, um sich von der Wahrheit dieser Thatsache zu über-
zeugen. So, um nur ein Beispiel aus vielen zu wählen, be-
merkte Carus (Lebensbed, p. 55) schon am 8— 9ten Tage
das Herz mit Vor- und Herzkammer, am 10 —AAten die
Schale, Stiebel hingegen konnte das Herz erst am 16ten Tage
bemerken (Arch. I. p. 425) und nach Arch. II. p. 566 gar erst
am 20sten Tage; von der Schale hingegen bemerkte er erst
Archiv f. Naturgesch, XII, Jahrg. 1. Bd. 17
258 Karsch: Die Entwicklungsgeschichte
am 25sten Tage die erste Spur (Arch. Il. 4. p. 566), wiewohl
er sie Arch. I. 3. p. 424 schon am 16ten Tage deutlich ge-
sehen haben will. — Wenn man überhaupt nur bedenkt, wie
sehr die Thierwelt und namentlich die niedern von äussern
physikalischen u. s. w. Einflüssen in ihrem Entstehen sowohl,
als in ihrem Fortbestehen abhängig ist, so wird man leicht
begreifen, dass, wie diese Einflüsse nie konstant sind und
verschiedene Individuen nie auf dieselbe Weise treffen, so
auch ihr Leben und ihre Entwicklung in zeitlicher Beziehung
keinen konstanten Typus haben kann, sondern vielmehr nach
den jedesmaligen äussern Momenten sich verschiedentlich ge-
stalten muss. Es ist indess auch nur die Reihefolge in der
Evolution der einzelnen Systeme und Organe, die für natur-
historische und namentlich physiologische und morphologische
Forschungen von Bedeutung ist. 3
Aber zur Sache! In dem gelegten Eie bemerkt man in
der ersten Zeit durchaus keine Veränderung, und man sieht
den Dotter in den ersten Tagen ruhig in der oben beschrie-
benen Lage und Struktur verharren. Dann aber, mit dem
2—3—6ten Tage oder noch viel später lockert sich die Kugel
mehr auf, es erscheinen deutliche Zellen und die körnige
Struktur concentrirt sich mehr nach dem einen Ende hin,
d. h. sie bleibt hier vorwaltend, wo denn auch der Dotter
dunkler erscheint, so dass der sonst homogene Dotter nun-
mehr aus zwei heterogenen Theilen, einen mehr zelligen und
einem mehr körnigen, opakern besteht. Dabei wird dann
auch natürlich der Dotter namentlich an dem zelligen Theile
merklich grösser und weicht dadurch einigermassen von der
rein sphärischen Form ab, cf. Fig. 14. Eben so beobachteten
es auch Carus und Stiebel, nur beschreibt Letzterer den Vor-
gang etwas undenutlich, indem er an dem gelben Dotter einen
schwarzen Punkt entstehen lässt (Arch. I. 3. p.124, II. 4. p.561),
wo er doch nach seiner Abbildung (11. T. Vl. Fig. 3) zu
schliessen, nicht von einem Punkte, sondern vielmehr von
einem Flecken hätte sprechen sollen. Jacquemin beobachtete
es bei den Planorben auf ganz ähnliche Weise, am vierten
Tage nämlich näherten sich die Körnchen mehr dem Oentrum,
der Rand wurde durchsichtig, der Dotter verlor etwas von
seiner Regularität (1. ec. p. 650). Ob man indess diese Con-
des Limnaeus stagnalis, ovatus und palustris. 259
centration in der Mitte oder an der Seite des Dotters be-
merkt, das hängt lediglich von der Lage des beobachteten
Eichens ab.
Ein wichtiger Widerspruch stellt sich hier bei den beiden
Beobachtern der Teichhornschnecken - Eier heraus, der aller-
dings nicht mit Stillschweigen darf übergangen werden. Nach
Carus nämlich (l. c. p. 55) ist jener zellige Theil das Rumpf-,
jener mehr körnige das Kopfende des Embryos. Nach Stiebel
hingegen (Arch. Il. p.562) scheint sich die Sache anders zu
verhalten; nach ihm bildet sich nämlich später jener Theil,
der von dem nicht im Centrum liegenden schwarzen Punkte
am weitesten entfernt ist, zum Kopfe aus, und von hier aus
nach dem hintern Ende zu sind die Bläschen immer kleiner
und undurchsichtiger. Es beruht indess diese Ansicht Stiebel’s
gewiss auf einer blossen Täuschung, denn man kann die Ent-
wicklung jener beiden Theile sehr genau verfolgen und wird
bis zum Ende der Entwicklung das Leberende wesentlich
von zelliger Struktur finden, das Kopfende dagegen mit dem
Fusse und den übrigen Theilen mehr fein körnig oder aus
feinern Bläschen bestehend, wie sich aus dem Folgenden und
den Abbildungen deutlich genug ergiebt.
Wir kommen jetzt zu einem Phänomen, welches eben
so viel Interessantes als Wunderbares und Unerklärliches der
Beobachtung darbietet, nämlich zur Bewegung des Embryos.
Diese Erscheinung ist freilich schon vor fast zwei Jahrhun-
derten beobachtet worden; Anton Leeuwenhook nämlich, jener
treflliche Naturforscher (Epistolae ad societaten regiam An-
glicam et alios illustres viros, ex belgica in Jatinam linguam
transv. Lugd. Batav. 1719. T. III. contin. II. epist. 95. p. 26)
sah dieselbe im Jahre 1695 an den Eiern seiner Veen-Oestres,
Veen-Mosseln (vielleicht, wie wenigstens Carus aus den un-
vollkommnen Beschreibungen schliesst, an der Unio tumida
Pfeil). Später sahen auch Ev. Home und Franz Bauer
(Philos. transaet. p. 45, Heusingers Zeitschrift für organ. Phy-
sik. Bd. I. p. 395) dasselbe Phänomen, welcher letztere es in-
dess von einer ganz andern Ursache ableitete. Auch Bomme
(ef. oben) sah vielleicht in jenen Raderdiertjes die Bewegun-
gen der Embryone der Doris pilosa Müll. Seit jener Zeit
schien es denn ganz vergessen zu sein und Stiebel gebührt
17%
260 Karsch: Die Entwicklungsgeschichte
jedenfalls das Verdienst, gleichsam zuerst auf diese neue Er-
scheinung aufmerksam gemacht zu haben. Wenn daher Jae-
quemin sagt, Carus sei der erste Beobachter dieser Embryo-
nenrotation, so ist er in grossem Irrthum, den er leicht hätte
meiden können, wenn er die Abhandlung des Carus über die
Entwieklung unserer Flussmuschel gründlicher gelesen hätte.
Uebrigens hat man dieselbe Erscheinung jetzt bereits bei den
Embryonen mehrerer Thiere auch aus andern Klassen beob-
achtet. Wenn indess Carl Pfeiffer (Naturgesch. ete. II. Abth.
p. 9) erzählt, dass ihm eine solche Achsendrehung bei den
Mytilaceen nie deutlich geworden sei, so kann uns das kein
Wunder nehmen, wenn wir erwägen, dass er dieselbe höchst
wahrscheinlich da suchte, wo sie allerdings nicht zu finden
war, nämlich in den noch im Ovariun befindlichen Eiern,
dass er hingegen die spätere Entwicklung derselben nach dem
Uebergange in die äussern Kiemenblätter nicht genau genug
verfolgte. Bis dahin nämlich, wo der Dotter erst seine völ-
lige Reife erlangt, ist auch wirklich noch keine Rotation vor-
handen
Bald nachher, nachdem der Dotter die oben bezeichneten
Strukturveränderungen erlitten hat, bemerkt man an ihm, meist
schon am 4ten Tage, dass er nicht mehr ruhig liegt, sondern
sich, immer an seinem Platze bleibend, um sich selbst bewegt.
Bei den Mytilaceen soll diese Bewegung in horizontaler Rich-
tung statt finden (Carus Flussmuschelentwicklung p. 29), eben
so bei den Planorben und zwar konstant von der Rechten
zur Linken (Jacquemin $. 28. p. 659), beim Limnaeus stagnalis
wird sie indess als eine vertikale, als eine Drehung um eine
horizontale Achse beschrieben, die zwar anfangs unregelmässig
und ungleich, nichts desto weniger aber stets in ganz be-
stimmter Richtung vor sich ginge (Carus und Stiebel 1. e.).
Am 5—6—10ten Tage wird diese Drehung besonders lebhaft
und deutlich, und es gesellt sich zu der einfachen Rotation
zugleich ein Fortrücken vom Platze, so dass nunmehr eine
an den Eiwänden spiralig fortschreitende Bewegung entsteht,
die der Bewegung der Planeten um die Sonne nicht unähnlich
sei (Arch. II. 4. p. 562. — Lebensbed. p. 62). Carus nannte
daher diese Bewegung die kosmische. Jacquemin beobachtete
diesen Uebergang in eine spiralig fortschreitende Bewegung
des Limnaeus stagnalis, ovatus und palustris. 261
bei Planorbis am 8—9ten Tage (I. e. $. 26. p. 658). In‘ spä-
terer Zeit, wo der Dotter mehr an Grösse zunimmt und im-
mer mehr von seiner ursprünglichen Kugelform. abweicht,
aber auch schon jetzt, ist diese fortschreitende Bewegung dem
unbewafineten Auge sichtbar.
Ich muss indess gestehen, dass ich diese Rotationsbewe-
gung nie so gleichmässig und in derselben Richtung gesche-
hend gesehen habe. Es kommt natürlich zu Anfang, wo der
Dotter noch eine ziemlich vollkommene sphärische Gestalt hat
und nicht auf der Eiwand aufliegt, sondern in der Eiflüssigkeit
frei suspendirt ist, bedeutend auf die Lage des Eichens auf
dem Objektträger an, wie und in welcher Richtung man die Bewe-
gung vor sich gehen sieht. Da diese Lage aber rein vom
Zufall abhängt und durch den Willen selbst des geschicktesten
Beobachters sieh nicht beliebig einrichten lässt, so ist es
durchaus unmöglich, jene Rotation als eine so bestimmte nach-
zuweisen, auch wenn sie wirklich eine so bestimmte wäre.
Bei einem Eichen z. B., das man zwischen zwei Gläsern lie-
gend in einer Rotation von der Rechten zur Linken begriffen
findet, wird man, wenn man nun das Doppelglas und somit
Eichen und Dotter umkehrt, so dass das früher unten Lie-
gende nun zu oberst liegt und umgekehrt, nunmehr die Ro-
tation von der Linken zur Rechten vorgehen sehen. Daher
sieht man denn auch bei den verschiedenen Eichen derselben
Eierschnur diese Rotation hier horizontal, und zwar bald von
der Rechten zur Linken, bald von der Linken zur Rechten,
dort aber vertikal und eben so bald von oben nach unten,
bald von unten nach oben sich erstrecken. Ganz dasselbe
ist und muss auch bei der spiralig fortschreitenden Bewegung
der Fall sein. — Aber auch au demselben Eichen wird wan,
wenn man es eine längere Zeit hindurch beobachtet, eine
solche Verschiedenheit in der. Richtung der Bewegung nicht
verkennen, obgleich man dem Eichen seine ihm einmal gege-
bene Lage lässt; man wird selbst beobachten, wie die eine
Bewegung nicht selten gerade in die entgegengesetzte ‚über-
geht, nachdem vorher auf einige Sekunden ein förmlicher
Stillstand aller Rotation eintrat. So fand ich es nicht blos
bei den Limmäen, sondern auch bei den Planorben und Pa-
Judinen.
262 Karsch: Die Entwicklungsgeschichte
Zur Erklärung dieser merkwürdigen Erscheinung hat man
seit den ersten Beobachtungen derselben sehr verschiedene
Ursachen angeführt und nachzuweisen gesucht. Franz Bauer
(ef. oben), der sie nur ein einziges Mal sah und nicht weiter
nachforschte, meinte, sie rühre her von dem Nagen eines in
das Ei geschlüpften Würmcehens, hielt sie also für eine blos
zufällige Erscheinung. Stiebel giebt für die einfache Rotation
keinen weitern Grund an; er sagt nur (II. p. 561), dass sie
die erste organische Bewegungsform sei und durch die Ein-
wirkung des Lichtes auf das organische Molekel hervorgerufen
werde; den Uebergang in die spiralig fortschreitende Bewe-
gung erklärt er auf rein mechanische Weise: dadurch näm-
lich, dass das Kopfende weiter hervorragt, als die übrigen
Theile, und dadurch, dass nun der oben berührte schwarze
Punkt, um den die ganze Masse sich dreht, nicht nur mehr
zur Seite, sondern auch mehr nach hinten zu liegen komme,
müsse bei jedem Umschwunge der Kopf mehr vorkommen
und so würde dann die Bewegung ausser der Rotation auch
eine Kreisbewegung längs der Wände des Eies (II. 4. p. 562).
— Es kann allerdings nicht in Abrede gestellt werden, dass
mechanische und physikalische Kräfte, namentlich aber das
Licht und die Wärme einen mächtigen modifizirenden Einfluss
auf jene Rotation ausüben, wi die Versuche von Carus (Le-
bensbed. p. 51) und Stiebel (11. 4. p.561) in Bezug auf das
Licht und die Wärme, und die Beobachtung, dass bei der
Drehung um die Horizontalachse die Rotation rascher ist,
wenn das wegen seiner Dichtigkeit schwerere Kopfende von
oben nach unten sich bewegt, hingegen ungleich langsamer,
wenn es von unten nach oben hinaufsteigt, in Bezug auf die
mechanischen Kräfte hinlänglich beweisen — Phänomene, von
deren Realität man sich bei jeder Beobachtung leicht über-
zeugen kann — wie sie aber den Grund dieser Bewegung
abgeben können, ist nicht wohl einzusehen.
Nach Carus beruht die Rotation auf einer durch Licht
und Wärme erregten Differenzirung der homogenen Dotter-
kugel in zwei, einen organischen Gegensatz bildende Hälften,
wodurch eine Anziehung, ein Einandersuchen zugleich mit
der Differenzirung hervortritt. Das Leberende soll dabei die
Bewegung zuerst beginnen und sich dem Kopfende nähern;
des Limnaeus stagnalis, ovatus und palustris. 263
da nun aber auch das Kopfende au dieser Bewegung Theil
nehmen muss, so erfolge eine allgemeine Rotation der ganzen
Dotterkugel ( Lebensbed. p. 61). Allein diese Argumentation
umhüllt alles mit noch grösserm Nebel. Worin besteht denn
jene Differenzirung zwischen Zellen- und Körnchenbildung,
zwischen Kopf- und Leberende, die beide als polar entgegen-
gesetzte Bildungen erscheinen lässt! Wie vermag der Einfluss
des Lichtes und der Wärme dieselbe aufzurufen! Wie entsteht
dieselbe Bewegung in andern organischen Molekeln, wo eine
solche Polarität zwischen Zelle und Zellenkörnchen nicht vor-
liegt! Dies und vieles andere bleibt bei dieser Erklärungsweise
unerklärt und darum dürfte diese Hypothese nicht als gültig
angenommen werden. — Weshalb diese Bewegung in eine
spiralig fortschreitende übergeht, erklärt Carus nicht. — Nach
seinen spätern Beobachtungen über die Entwicklung unserer
Flussmuschel (l. ce. p. 33) glaubt Carus die hier in horizontaler
Richtung vorgehende Rotation aus der durch den Beginn der
Athmung und des davon abhängenden Wirbels der Eiflüssig-
keit entstandenen Bewegung erklären zu müssen, und dies
könnte schon dem ersten Anscheine nach eher gelten. Die-
selben Ansichten nalım Jaequemin zur Erklärung der Rotation
seiner Planorbenembryone auf, er sagt l. c. p. 656. $.20: „La
cause fondamentale de ce phenomene de vibration est une
force electro-galvanique, qui s’etablit par suite de l’heteroge-
neite des diverses substances du corps de l’animal d’une part
et du milieu ambiant d’autre. Elle joue le röle principal dans
la respiration aquatique et les courans aux quels elle donne
naissance sont Ja cause primitive du mouvement de rotation
exerce par le vitellus pendant la premiere epoque du deve-
loppement puis qu’ils entrainent d’une maniere mecanique le
meme vitellus dans le sens de leur direction.” — Was indess
diese Ansicht angeht, so lässt sich beim ersten Beginne der
Rotation und während der ersten Zeit ihrer Dauer gewiss bei
der durchweg zelligen und körnigen Struktur des Dotters
kein Organ für die Respiration annehmen, geschweige denn
nachweisen; auch begreift ınan keineswegs, wie durch ein
solches gerade eine Rotation und nicht vielmehr ein stoss-
weises lortricken in gerader Richtung erfolge — man denke
an unsere Raketen und Feuerräder — man müsste bier wie-
264 Karsch: Die Entwicklungsgeschichte
derum eine eigenthümliche Beschaffenheit, etwa einen schrägen
Verlauf der Respirationsröhre supponiren, zudem ist es schon
schwer zu begreifen, wie überhaupt durch das Respiriren ein
Fortrücken stattfinden soll; wir finden es doch sonst bei kei-
nem Thier; die Larven der Libellen z. B. athmen bekanntlich
recht kräftig durch den After Wasser ein und aus, das Fort-
rücken vom Platze wird aber doch keineswegs dadurch bedingt.
Zudem scheint schon die Unregelmässigkeit, die bald hie-
hin bald dorthin sich erstreckende Richtung in der Bewegung
auf ein anderes Grundverhältniss hinzudeuten. Und wirklich
hat man in neuerer Zeit beobachtet, dass diese Bewegung von
Wimpern oder Cilien herrührt, die sich bei verschiedenen
Thieren an verschiedenen Körpertheilen, so am Vorderende
des Körpers, an den Fühlern oder über den ganzen Körper
finden. So tragen, um nur ein Beispiel zu nennen, nach den
Beobachtungen Lovens (Verhandlungen der Königl. Akad. d.
Wissensch. zu Stockholm, Sitzung am 20. März 1845, über-
setzt im Archiv skandinavischer Beiträge zur Naturgeschichte
von Chr. Fr. Hornschuch. Greifswald 1845. Th. I. H. I. p. 154)
die Arten von Zlysia, Bulla, Bullaea, Eulima und Cerithium
reticulatum Angl. an den dieken Rändern des grossen, den
Kopf umgebenden, aus zwei zugerundeten Lappen zusammen-
gesetzten Velum die Flimmerhaare; ähnlich verhält es sich
bei der Tritonia Ascanü (ef. Sars ]. e.) etc. Wenn einige
Schriftsteller, wie z. B. Dumortier, immer noch das Dasein
dieser Wimpern läugnen, so muss man dies wohl dadurch
erklären, dass es in der That ausserordentlich schwierig ist,
sich von der Existenz derselben zu überzeugen. Wenn man
die Wimpern bei den Limnäenembryonen gleich an dem sie
begrenzenden Rande sucht, so wird man sich vergebens be-
mühen sie zu entdecken, und die verschiedensten Vergrösse-
rungen sind nicht im Stande, dieselben deutlich an dieser
Stelle vorzulegen; wenn man indess die Oberfläche des Em-
bryo unter verschiedenem Fokus observirt, so wird man jene
eigenthümliche Flimmerbewegung, die sich durch eine wellen-
förmige, wogende Bewegung ähnlich dem Wogen der Korn-
ähren charakterisirt, nicht verkennen können. So kann man
sich leicht überzeugen, dass der ganze Embryonenkörper mit
derartigen kleinen und überaus feinen Wimpern besetzt ist,
des Limnaeus stagnalis, ovatus und palustris. 265
die je nach der Richtung der Rotation gerade in entgegen-
gesetzter Richtung sich bewegen. Es bliebe auch wirklich
keine andere Ursache der Bewegung übrig, da man eine Con-
traetion und Expansion der Dottermasse oder eines und des
andern ihrer Theile, wie sie allerdings in spätern Perioden
des Embryonenlebens auftritt, bis jetzt noch nicht zu entdek-
ken im Stande ist. — Hiermit fällt denn auch zugleich alles
dasjenige, was Carus über die später erfolgende Bildung der
Schalenwindungen und deren gesetzmässiger Gestaltung so-
wohl in seinen Lebensbedingungen p. 63—66, als auch be-
sonders in seiner so gepriesenen Schrift: Vom innern und
äussern Bau der Muscheln und Schnecken und von den Le-
bensbedingungen derselben, in dem Kapitel von der Schalen-
bildung und den Urformen des Schalengerüstes und in man-
chen andern Schriften so schön entwickelt hat und was von
da aus in so viele Lehr- und Handbücher übergegangen ist,
als ein Irrthum über den Haufen, wie denn schon Jacquemin
an der Richtigkeit dieser Argumentation nach seinen Beob-
achtungen mit Recht zweifeln musste; er sagt nämlich 1]. e.
II. Chap. 1. $. 28. p. 666: „ll est bien probable, que des mou-
vemens aussi prononces et aussi etendus que ceux-la influent
sur Ja forme de l’animal et notammant sur celle de sa co-
quille; mais d’une autre cote il me parait trop-hazarde, quoi-
que ingenieux d’admettre, que les tours de Ja coquille soient
les traces du mouvement de rotation de l’embryon, qui se
sont solidifiees, comme le pense Mr. Carus. Il est certain,
que chez la Planorbe les mouvemens de rotation ont long
temps cesser d’exister lorsque les premieres traces de la co-
quille se manifestent.”
Während dieser Rotation in der Eiflüssigkeit bildet sich
der Dotter nun in seinen einzelnen Theilen allmählich weiter
aus, und seine Animalität tritt nach und nach deutlicher her-
vor. Früher hatte der Dotter nur ein vegetatives Leben, er
war, wie das Vegetabil sein ganzes Leben hindurch, bis zur
beginnenden Rotation nur Pflanze, natürlich mit der Anlage
zu höherer Fortentwicklung und manifestirte sich denn auch
als solche durch seine Organisation, durch die einfache Zel-
len- oder Bläschenform, deren allmählich sich steigernder Le-
bensturgor, deren organisches Wachsthum nur physikalisch,
266 Karsch: Die Entwicklungsgeschichte
durch rein endosmotische Kräfte, nur pflanzlich, durch neue
Zellenbildung in den schon gebildeten Zellen bedingt war.
Das Thier aber, welches im Grunde nichts weiter ist als eine
von der Erde gelöste, in sich bewegte Pflanzenblase, nimmt
eine grössere Zahl physikalischer Agentien in sich auf und
willkürliche Bewegung ist der erste Charakter des Thieres.
Daher zeigt sich auch in den Embryonen der Schnecken
zuerst die Bewegung und zwar die willkürliche als die erste
Thätigkeit, das erste Zeichen beginnender Animalität und die
ersten Organe sind Bewegungsorgane und hier wieder die
allereinfachsten und niedrigsten Bildungen, Flimmer, Härchen,
Wimpern.
Derjenige Theil der Dotterkugel, welcher eine mehr kör-
nige Struktur zeigt, also das Kopfende, tritt nun allmählich
weiter aus der ganzen Kugel hervor und krümmt sich etwas
gegen das Leberende hin, wie es Fig. 15 und 17 zeigt. Denn
auch in der weitern Fortbildung des Embryo erscheinen wie-
derum die Anlagen für diejenigen Organe, welche in der spä-
tern Periode, im freien Naturleben des Mollusk für die Lo-
comotion bestimmt sind, zuerst. Diese Organe befinden sich
aber am Kopfe — denn das Leberende ist in der Schale un-
beweglich — der sich also zuerst aus der sphärischen Form
des Dotters herausbilden muss. Der Kopftheil scheidet sich
deshalb immer deutlicher vom Lebertheile ab und schon gegen
den 6ten Tag frühestens, ‘meist aber bedeutend später bemerkt
man an demselben die Anfänge der dreieckigen platten Ten-
takel als rundliche Auswüchse (Fig. 18a und 194) und des
ebenfalls dreieckigen, nun noch mehr rundlich erscheinenden
Fusses (Fig. 195). Von den übrigen Organen des Thieres,
namentlich den innern, ist noch nichts deutlich; das Leberende
erscheint durchweg aus grossen, ungleich gestalteten Bläschen
zusammengesetzt, welche mehr gelblich erscheinen. Zwischen
Kopf- und Schalenende wird auch der Kragen sichtbar, der
beide Theile von einander trennt.
Die Dotterhaut, die bald eher bald später, je nach dem
übrigen Entwicklungsgange des Thieres, undurehsichtiger und
zur Thierhaut, daher denn auch deutlicher wird, nämlich da
wo sie das Leberende umzieht, wird in späterer Zeit in ihren
Malpighischen Schleimnetze mit koblensaurer Kalkerde ange-
des Limnaeus stagnalis, ovatus und palustris. 267
füllt und bildet sich so zur Schale um. Je nachdem nun
diese Haut von den Beobachtern eher oder später gesehen
wurde, hat man auch die erste Schalenbildung in frühere oder
spätere Zeitperioden des Embryolebens versetzt. Jaequemin
sah schon am öten Tage das erste Häutchen der Schale;
meist wird jedoch erst später die Dotterhaut durch Dichter-
werden als Anfang dar Schalenbildung sichtbar. Durch Rea-
etion mit Salpetersäure lässt sich, wie man es gemeiniglich
versucht (cf. Pfeiffer ]. c. etc.) nie nachweisen, ob das, was
man darauf untersucht, wirkliche Schalenrudimente seien oder
nicht; dies wäre erst dann möglich, wenn in der Dotterhaut,
die sich allmählich erst zur dünnen Schalenmembran gestaltet,
die kohlensaure Kalkerde sich abgelagert hat. Die Schalen-
membran muss aber schon eher vorhanden sein, als jene sich
ablagert und durch Hinzutröpfeln von Salpetersäure jenes
Aufbrausen durch Entbindung des kohlensauren Gases entsteht.
Allmählich, gegen den 8 — 20sten Tag unterscheidet man
an der Basis und der innern Seite der Tentakelrudimente,
die nun schon ungleich deutlicher sich gestalten, auch deut-
liche schwarze Punkte, die Rudimente der Augen (ef. Fig. 20
und 215), ebenso eine Andeutung der Mundspalte (cf. F. 21)
und unmittelbar hinter dem Kopfe sieht man ein gelbes Or-
gan durchschimmern, welches Carus für die grosse Absonde-
rungsdrüse des Ovidukts hält. Das Dasein des Herzens ist
nieht eher nachzuweisen, bis es seine Pulsation begann, denn
da das ganze Leberstück noch aus grossen Zellen besteht,
so vermag man nicht mit Sicherheit anzugeben, welche Zelle
gerade als das Herz anzusprechen sei. Nach Stiebel erschei-
nen am 10ten Tage regellose Gefässe ohne Pulsschlag (1. 3.
p: 424), die aber nach Arch. II. 4. p. 565 erst mit dem 13 bis
14ten Tage hie und da anfangen sichtbar zu werden. Ich
habe dieselben indess ebenso wenig, wie Carus (Lebensbed.
p: 56. Nota) beobachten können, wüsste auch in der That
nicht, wodurch man ihre Identität nachweisen sollte. — Zu
gleicher Zeit bildeten sich nach Stiebel da, wo das Kopfende
zuerst aus der Bläschenkugel hervortrat, zwei aus einer grös-
sern Bläschenreihe bestehende, ligamentähnliche Stränge, die
dem Kopfe anlängen; der auf der linken Seite des Thiers
befindliche soll der Anfang des -Oesophagus, Jer auf der
268 Karsch: Die Entwicklungsgeschichte
rechten des Mastdarms sein (Arch. II. 4. p. 564), diese waren
ebenfalls nie zu finden; auch Carus suchte sie vergebens und
hat vollkommen Recht, wenn er sie nicht für das hält, was
sie sein sollen (Lebensbed. p. 56). Es ist ja bekannt, dass
der Mastdarm im entwickelten Thiere nicht bis zum vordern
Kopfende verläuft, sondern schon neben der Oefinung der
Respirationshöhle ausmindet, die Speiseröhre aber vom Munde
aus in der Mittellinie des Kopfes verläuft. Ich habe über-
haupt nie eine Form des Embryo gesehen, welche mit der
Stiebel’schen Abbildung (Archiv I. T. VI. Fig. 6) irgend die
mindeste Aehnlichkeit gehabt hätte. — In dieser ganzen Zeit
geschieht das Wachsthum des Embryo auf Kosten des ihn
umgebenden Eiweisses und zwar immer noch durch reine
Endosmose, wie bei den niedrigsten Protozoen; der Embryo
ist gleichsam noch ein Agastricum Ehrenb.
Indem nun der Embryo auf die angegebene Weise in
seiner Entwicklung immer weiter fortschreitet, tritt auch die
eigentliche animale Thätigkeit desselben inımer deutlicher her-
vor. Mit dem 16ten Tage, oft aber eher, oft später, sieht man
deutlich die Pulsationen des Herzens; doch ist der Tag des
ersten Auftretens dieser 'Pulsation ebenfalls nicht genau zu
bestimmen. Es liegt in dem ersten Drittel der Konvexität
der Schalenkrümmung und erscheint unter dem Mikroskop als
eine Doppelblase, welche, wie Stiebel sehr richtig beschreibt,
zwei aus lauter kleinen Ringelehen zusammengesetzte Ringe
neben einander bilden, die sich gegen den hohlen Raum in
ihrer Mitte von der Seite her bewegen und dann wieder von
einander entfernen. Man muss indess bedenken, dass ein
Ding unter dem Mikroskop oft ganz anders erscheint, als es
in Wirklichkeit aussieht, und von der Richtigkeit der Ansicht
Carus (Lebensbed. p. 55), dass das Herz in der That eine
Blasenform habe, von der natürlich unter dem Mikroskop nur
die peripherischen Theile sichtbar seien, kann man sich leicht
durch leise Veränderungen des Fokus überzeugen. Die bei-
den Herzblasen (cf. Fig. 19e, Fig. 202 und isolirt Fig. 22. 23.
24) liegen neben- oder wenn man lieber will, übereinander
und kontrahiren und expandiren sich wechselseitig, so dass,
wenn die eine (az) sich ausdehnt, sich die andere (4) zusam-
menzieht und umgekehrt (ef. Fig. 22.23. 24). Die dem Kopf-
des Limnaeus stagnalis, ovatus und palustris. 269
ende des Thiers zunächst liegende Herzblase ist als das Herz-
ohr oder die Vorkammer anzusprechen, welche in den spätern
Lebensepochen das Blut aus den Respirationsorganen auf-
nimmt; die am weitesten von dem Kopfende entfernte dagegen
als die Herzkammer. Die Pulsationen selbst sind ziemlich
regelmässig und können in ihrer Lebhaftigkeit und Frequenz
durch den Einfluss mechanischer und physikalischer Agentien
bedeutend gehoben werden. Ich zählte oft 100—108 Schläge
in der Minute, meist jedoch nur 40—60. Am stärksten ist
jedesmal die Thätigkeit der Vorkammer. Bei jedem Puls-
schlage wird das Herz zugleich von seiner Stelle gerückt,
gleichsam auf- und abgezogen, und eigenthümlich ist es, dass
das Herz langsamer pulsirt, wenn der Embryo eine kraftigere
willkürliche Bewegung macht. Die Pulsschläge sind indess
nicht immer durchaus regelmässig, und oft tritt momentan ein
völliger Stillstand ein, kurz es findet sich alles so, wie es
Carus (Lebensbed. p. 67. 68) mittheilte. — Die. Wände des
Herzens, die ausserordentlich dünn sind, erscheinen als aus
lauter kleinen wasserhellen Ringelchen bestehend, so dass sie
einem Netze nicht unähnlich sind. Diese Ringelchen sind
wahrscheinlich Bläschen; das Blut selbst ist wasserhell. —
Nach Stiebel (Il. p.566) erscheint das Herz am 20sten Tage
als längliche, einfache pulsirende Blase. Mir wollte dies nie
deutlich werden und ich sah es so lange, bis es wegen der
dunkler und undurchsichtig werdenden Schale sich der Beob-
achtung entzog, stets als Doppelblase mit der beschriebenen
Pulsation.
Mit dieser Bewegung steigert sich auch die willkürliche
Bewegung des Embryos. Die Wimpern sind verschwunder,
es findet keine eigentliche Rotation mehr statt und die Bewe-
gung geschieht durch Contraction und Expansion des Thieres,
indem es den Winkel, der vom Kopf- und Leberende gebildet
wird, verkleinert oder vergrössert und so gleichsam die Kör-
perenden als Flossen benutzt.
Die Organe der Reproduction treten naeh ebenfalls
auf. Das Protozoenleben hört dadurch vollends auf, dass
sich ein höher organisirter Nahrungskanal bildet. Von den
Reproduectionsorganen unterscheidet man den Mund mit der
Zunge, die Speiseröhre, zum Theil die Windungen des Darnıs,
270 Karsch: Die Entwicklungsgeschichte
den Magen und das Afterende des Nahrungskanals. Carus
sah, dass sich um diese Zeit der Magen schon mit Contentis
anfüllte und dass der Schlundkopf aus der Längsspalte des
Mundes — die Zunge? — sich absatzweise hervor- und zu-
rückschob. Von den übrigen Eingeweiden ist nichts deutlich
zu unterscheiden.
Das Organon luteum Stiebel’s ist zugleich mit dem Her-
zen ausgebildet. Es ist dies wohl dasselbe Organ, welches
Swammerdam als den Sacculus calcarius bei der Helix po-
matia beschreibt, und eben dass dessen Vollendung mit dem
Beginne der Schalenbildung, d. h. der Ablagerung der koh-
lensauren Kalkerde zusammenfällt, scheint für die Meinung
jenes alten Naturforschers zu sprechen, Jass es zur Bereitung
des Kalkstoffes der Schale dienen möchte. Stiebel hielt es
anfangs für eine Niere und fragt, ob nicht, selbst bei höhern
Thieren, dieses Organ an der Bildung des Knochensaftes An-
theil haben,könne, indem kein Organ ein blos aussonderndes
sei (Arch. Il. 4. p. 567), eine Frage, Jie sich freilich bei dem
jetzigen Stande der Wissenschaft noch nicht beantworten lässt.
Uebrigens ist dies Organ wohl dasselbe, welches Carus (Le-
bensbed. p. 55) als das gelbliche obere Secretionsorgan des
Ovidukts beschreibt und am 6—7ten Tage, also nach seinen
Beobachtungen ebenfalls vor der beginnenden Kalkablagerung
entstehen lässt; denn ein zweites gelbes Organ mit Ausnahme
der Leber, die allmählich dunkler wird, ist nicht zu entdecken.
— Die Richtigkeit der Swammerdam’schen Ansicht möchte
indess schwerlich erwiesen werden können und ich wüsste in
der That keinen einzigen genügenden Grund für diese Mei-
nung anzuführen. Wohl aber sprechen manche Gründe da-
gegen, und am meisten die Schalenbildung selbst. Denn
diese, nämlich die Ablagerung der kohlensauren Kalkerde be-
ginnt weder an allen Punkten der Membrana vitellina zugleich,
noch auch in der nächsten Nähe jenes Organi Jutei, sondern
gerade an der von ihm am weitesten entfernten Stelle, näm-
lich an der Leberspitze, und rückt von hier allmählich mehr
zum Kopfende vor, wie es auch in späterer Zeit, nachdem
der Embryo ausgeschloffen, der Fall ist. Um diesen Vor-
gang zu erklären, müssten neue Hypothesen ersonnen werden,
z. B. Gefässe, die von dem Organon luteum aus zur Haut
des Limnaeus stagnalis, ovatus und palustris. 27
und allen ihren Theilchen hinführen, um den im Organon Iu-
teum gebildeten Kalkstoff dort abzulagern, man müsste eine
eigene Reihefolge in der Entwicklung jener Gefässe supponi-
ren oder auch in der Art der Ueberführung jenes Kalkstoffes,
zu geschweigen der eigenthümlichen merkwürdigen, biochemi-
schen Thätigkeit, die dazu erforderlich wäre. Zudem ist es
ja auch vollkommen hinreichend, als das den Kalkstoff bil-
dende Organ die Haut selbst anzusprechen, wie ja überall im
Rete Malpighii, auch beim Menschen, durch lange andauernde
äussere Einflüsse sich gewisse Stoffe ablagern. Anfangs er-
scheint die Schale nur als ein dünnes durchsichtiges Häutchen
und ist auch nichts als die sich verdickende Dotterhaut; in-
dem sich nun aber das Leberende allmählich krümmt, nimmt
auch die Schalenhaut diese Krümmung mit an; es bildet sich
so die erste Schalenwindung, und indem das Wachsthum nun
immer in der einmal angenommenen Direction fortschreitet,
eine zweite, dritte und endlich noch eine vierte. Doch ist
dies ebenso wenig konstant nach Tagen abzumessen. Indem
nämlich die Schale ein ziemlich unwesentliches Organ des
"Thieres ist, findet ihre Entwicklung auch keineswegs so regel-
mässig statt, und die einzelnen Windungen bilden sich freilich
stets in gesetzmässiger, in der auseinandergesetzten Reihefolge,
aber in ganz ungleichen Zeiten aus: die Thiere verlassen oft
das Ei, wenn ihre Schale erst drei Windungen zeigt, oft erst,
wenn deren schon fünf gebildet wurden. Es hängt dies gröss-
tentheils von der mehr oder minder kräftigen Reproduction
des Thieres ab; ist das Thier nämlich, wie es oft geschieht,
sehr rasch gewachsen, so dass es in der Schale des Eies
nicht füglich mehr Raum hat, so wird dieselbe gesprengt und
das Schneckchen schlüpft heraus, ohne dass die Schalenwin-
dungen ihre vollständige Ausbildung erlangt haben; ist die
Reproduction aber nicht so stark, herrscht die intensive Ent-
wicklung vor, so bilden sich die einzelnen Theile des Thie-
res nach ihren speciellen Typen kräftiger aus und auch die
Schalenwindungen werden weiter entwickelt.
Die von Siebold für die Gehörorgane angesprochenen
Bildungen sind jetzt noch immer nicht zu unterscheiden.
Auch von den Respirationsorganen ist noch nichts sichtbar;
eine Lungenathmung ist nicht möglich, da das Eichen dazu
272 Karsch: Die Entwicklungsgeschichte
nicht Luft genug enthält, eine Kiemenathmung ist ebenfalls
nicht nachzuweisen, und wenn überhaupt eine Athmung statt-
findet, so möchte es wohl noch die allerniedrigste Form der-
selben, die Hautathmung sein, wenn man diese überhaupt
eine Athmung nennen will. — Geschlechtsorgane, Nerven und
Gefässe sind gleichfalls nicht zu beobachten: ihr Dasein ist
indess aus andern Gründen wahrscheinlich, wo nicht gewiss.
Die Schale wird allmählich durch stärkere Ablagerung von
kohlensaurer Kalkerde bernsteinfarbener und opaker und- oft
ist in den letzten Tagen des Embryolebens deshalb nicht ein-
mal der Herzschlag mehr zu beobachten. — Die Leber hat
noch durchaus nicht ihre duıfkelbraune Farbe, die sie nachher
zeigt; ebenso sind alle übrigen Theile noch mehr hell und
gelblich gefärbt. In ‘der letzten Zeit kriecht das Schneckehen
förmlich mittelst seines Fusses in der Eischale umher, gerade
so, wie die vollkommene Molluske.
Nachdem nun der Embryo in der Eierschale seine voll-
ständige Ausbildung erlangt hat, so weit es nämlich diejenigen
äussern und innern Organe des Thiers angeht, welche zum
Leben des Individuums nothwendig sind, nachdem er ferner
in seiner räumlichen Ausdehnung so weit gediehen, dass er
in der Eischale für seine Lebensäusserungen nicht hinlänglich
Platz mehr findet, so sprengt er endlich bald früher, bald
später, vom 22—60sten Tage, je nachdem die äussern Ver-
hältnisse seine Ausbildung begünstigten oder nicht, durch
kräftigere Bewegungen die Eischale, in der stets noch etwas
Albumen enthalten ist, und löst zugleich den Schleimeylinder
auseinander, der nunmehr das Ansehen einer Membrana floc-
eulenta gewinnt. Dies ist noch nicht die vollständige Geburt
des Schneckchens, denn es verweilt dasselbe noch eine Zeit
lang in dem Schleimeylinder, gerade auf dieselbe Weise, wie
es im Eichen lebte, nur mit.dem Unterschiede, dass die Di-
gestionsorgane nun ihre vollständigere Function antreten, Das
junge Mollusk verzehrt nämlich den Schleim und das resti-
rende Eiweiss: die Digestionsorgane sind vollständig ausge-
bildet, schon zeigen sich nach einigen Tagen kleine, längliche
ceylinderförmige Exeremente von grüner Farbe, woraus sich
ergiebt, dass auch die Leber bereits ihre Function gehörig
übernommen hat. ;
des Limnaeus stagnalis, ovatus und palustris. 273
Wahrscheinlich, ja gewiss sind jetzt bereits alle Organe,
die dem Individuum als solchem angehören, vollständig ent-
wickelt; ihre Grösse abgerechnet, denn das ganze Schneck-
chen ist noch nicht grösser als die Eischale war. Für die
Ausbildung der Athmungsorgane spricht das Athmen, das nun-
mehr beginnt, sobald die Schneckchen den Schleimeylinder
verzehrt oder verlassen haben, und von dessen Identität man
sich leicht durch die Ausdehnung der Respirationshöhle und
das Heraufkommen des Thiers an die Oberfläche des Wassers
überzeugen kann. Das Herz ist jetzt mehr muskulös und
macht noch weniger Pulsschläge wie früher, ich habe nie über
60 in der Minute gezählt. Die Geschlechtsorgane sind noch
am wenigsten ausgebildet; ihre Function gehört ja auch nicht
dem Individuum, sondern der Species an; Samenthierchen
sind nie vorhanden. Es ist mir nicht möglich gewesen, das
Nervensystem deutlich darzulegen, ebenso wenig das Gefäss-
system, und das Mikroskop lässt uns hier leider ebenfalls im
Stich. Ist das Thier indess erst bedeutend grösser geworden,
so lassen sich alle Organe en miniature bei ihm darlegen,
die sich auch beim ausgebildeten Thiere finden; dann sieht
man auch mit der grössten Dentlichkeit die Gehörorgane und
die kleinen Körperchen derselben in stets vibrirender Be-
wegung begriffen, die auch noch»eine lange Zeit hindurch
fortdauert, wenn man den Theil, in welchem sie sich befinden,
gänzlich igolirt hat. — Was die äussern Theile des Thieres
anbelangt, so sind auch hier alle Organe, ihre Grösse abge-
rechnet, vollkommen entwickelt. Fuss, Tentakel, Augen, Kra-
gen, Mund, Zunge, Respirationsöffnung, Geschlechtsöffnungen
mit eingestülpter Ruthe, After, alles ist vorhanden; die Schale
ist noch sehr zart, aber schon ziemlich, oft völlig undurch-
sichtig; zuweilen hindert sie jedoch nicht, den Herzschlag des
Thierchens zu beobachten. Man erkennt an ihr deutlich die
Struktur, woraus sich die Art der Ablagerung des Kalkes
ergiebt; am dünnsten erscheint sie beim ZL. ovatus, am stärk-
sten beim Z. palustris. Mit dem allmählichen Grösserwerden
des Thierchens wächst auch die Schale in allen Richtungen
des Raumes, wie es die Beobachter bei den Schnecken und
Muscheln beschrieben haben.
Es währt indess stets noch einige Wochen, ja Monate,
* Archiv f. Naturgesch. XII. Jahrg. 1. Rd, 18
274 Karsch: Die Entwieklungsgeschichte
bevor das Thhier seine völlige Grösse erreicht hat, und noch
länger, bis es fortpflanzungsfähig geworden ist. ' Es würde
überflüssig sein, wenn wir die Organisation des ausgebildeten
Thieres hier’ noch weitläufig erörtern wollten, da wir über
diesen Gegenstand bereits die schönsten Darstellungen be-
sitzen und das, was allenfalls in einzelnen Punkten zu berich-
tigen sein möchte, schon in dem Vorigen auseinandergesetzt
ist! ‘Wir verweisen daher auf die ‘oben bereits erwähnten
Abhandlungen von Carus, Stiebel und Cuvier und fügen nur
bei, dass es sich bei Z. ovatus und palustris im Wesentlichen
ebenso verhält. ’
Um das Ganze, was in dem Vorigen weitläufig ausein-
andergesetzt ist, mit einem Blicke zu überschauen und eine
gedrängte Uebersicht von der Entwicklung der Limmäen zu
gewinnen, scheint es nicht unzweckmässig zu sein, ‘die we-
sentlichsten Momente jener Entwicklung hier kurz zusammen-
zufassen. Es lassen sich dieselben auf folgende Punkte zu-
rückführen.
1. Die Limnäen begatten sich meist einseitig, so dass
das eine Thier blos die Rolle des Weibchens, das andere die
des Männcehens übernimmt, und zwar findet die Begattung oft
auch so statt, dass das für das eine Thier als Männchen fun-
girende für ein drittes zugleich die Stelle des Weibchens' ver-
tritt'u. s. f£ Zuweilen ist die Begattung aber auch gegensei-
tig. Sie findet den ‘ganzen Sommer "hindurch vom März bis
September statt, je nachdem die Witterung günstig. ist.
2. Die Dotterrudimente finden sich schon vor der Begat-
tung im Ovarium und zwar schon mit der Eierschale eng
umschlossen.
3. Die Befruchtung der Eichen findet im Ovarium statt,
in welches ‘der männliche Same eindringt, der sich durch seine
Samenfäden charakterisirt.
4. Von hier steigen die Eichen nach unbestimmter Zeit
in den Ovidukt hinab, wo sie mit Eiweiss sich füllen.
5. Alsdann 'gelangen sie, schon völlig‘reif, in den soge-
nannten Uterus, in welchem sie mit Schleimmasse umhüllt
und zu Schnüren vereinigt werden.
6. Die Schleimeylinder werden dann an Wasserpflanzen ete.
des Limnaeus stagnalis, ovatus und palustris: 275
unter der Oberfläche des Wassers abgesetzt und hier der
Natur und ihrem eignen Schicksal überlassen.
7. Der Dotter ist anfangs eine einfache Pflanzenblase,
welche in ihrem Innern eine körnige Masse enthält und. sich
durch einfache Endosmosis. auf, Kosten ‚des ihn: umgebenden
Eiweisses ernährt und vergrössert. Die Ernährung ist: somit
die erste im sich bildenden Thier auftretende Funktion, welche
die Haut übernimmt; das Thier ist blosse Pflanze, gleichsam
ein Protococcus,
8. Dann theilt sich der homogene Dotter in zwei hetero-
gene Theile, Kopf- und Schalenstück, deren: ersteres eine
mehr körnige, letzteres eine mehr zellige Struktur bis zum
letzten Stadium des Embryolebens zur Schau trägt.
9. Aber die Pflanze soll nicht ewig auf dieser Lebens-
stufe verharren; sie soll sich zum. Thierleib gestalten... Daher
bilden sich allmählich Wimpern und.der Dotter 'geräth in der
Eiflüssigkeit in eine durch jene Wimpern vermittelte, willkür-
liche, daher in den verschiedensten Richtungen, anfangs blos
rotirende, dann aber auch fortschreitende Bewegung, die er
bis zum Ende des Embryolebens. beibehält nur; mit: dem: Un-
terschiede, dass sie: zuletzt in eine. reine Muskelbewegung
übergeht. - Willkürliche Bewegung ist der erste Charakter des
Thierlebens.
10. Von den eigentlichen Organen des Thieres bilden
sich zuerst die Organe der, Locomotion, die amı Kopfe sitzen,
also der, Kopf aus, dann das Herz und.der Darm:oder 'Nalı-
rungskanal, also die individuelle Reproduction des Thier-
lebens. Die Schale ist eine Fortbildung der Dotterhaut, wes-
halb letztere weder mit dem Chorion noch Amnion der Säuge-
thiere verglichen werden. kann.
41. Dann erst tritt die Athmung und zuletzt die univer-
selle Reproduction in der vollkommenen Entfaltung der Ge-
schlechtsfunetion auf. — — — — — — — — —
Erklärung der Abbildungen Taf. IX.
Fig. 1. Zwei Linmmaei palustres in der Begattung begriffen.
a fungirt als Männchen, 5 als Weibchen, bei c sieht man den Penis.
Fig. 2, Ein Theil eines nach dem Coitus exstirpirten Eierstocks.
a die Eierrudimente in den Bläschen des Ovarii (c); ein Bläschen
ist geplatzt und hat die Flüssigkeit ergossen (A).
18 *
276 Karsch: Die Entwicklungsgeschichte des Limnaeus etc.
Fig. 3a. Ein isolirtes Eirudiment. Am obern Ende erkennt
man deutlich die Eischale, in 5 den hellern Fleck, die vesicula Pur-
kinjii (?). — Fig. 36. Unten die Eischale deutlich, oben das aus-
getretene Contentum derselben.
Fig. 4. Samenballen mit den Spermatozoen.
Fig. 5. In a der feste Theil, an dem die Thierchen mit ihren
Schwanzenden sitzen, 5 die Spermatozoen divergirend von @ sich
entfernend.
Fig. 6. Ein einzelnes Spermatozoon, a der Kopf, 5 das
Schwanzende.
Fig. 7. Ein Spermatozoon 570mal vergrössert, a der körnige
Kopf, 5 das Schwanzende, c ein Ast des letztern.
Fig. 8. Eine Eierschnur; a das hintere, 5 das vordere Ende.
Fig. 9. Eier von der Paludina,
Fig. 10. Eierschnurstück von Limn. stagnal. vergrössert.
Fig. 11. Ei, eben gelegt, mit Schale und Dotter (a).
Fig. 12. Dotter isolirt, aus lauter Körnchen bestehend.
Fig. 13. Ein isolirtes Dotterkörnchen vergrössert.
Fig. 14. Dotter in zwei heterogene Theile sich scheidend,
Leber-, 5 Kopfende.
Fig. 15. Dasselbe, bei «@ tritt das Kopfende deutlicher hervor
und krümmt sich schon etwas gegen den Lebertheil hin.
Fig. 16. Dasselbe von einer andern Seite angesehen.
Fig. 17. Das Kopfende krümmt sich schon mehr.
Fig. 18. Kopf- und Leberende deutlicher geschieden, bei « die
Tentakelrudimente.
Fig. 19. Dasselbe von der Seite her gesehen. a Tentakelrudi-
ment, & Fussrudiment, c Herzblasen.
Fig. 20. Dasselbe, nur bei 5 schon ein Auge.
Fig. 21. Das Kopfstück von vorn gesehen. Unten der triangu-
läre Fuss, « die Mundspalte mit der Zunge, 5 die Augen, ce die Ten-
takel.
Fig. 22. 23. 24. Herzblasen aus kleinen Bläschen bestehend.
23 und 24 die abwechselnde Contraction und Expansion der Vor-
und Herzkammer zeigend.
Fig. 25. Ein ausgeschloffner L. palustris vergrössert.
Fig. 26. Dasselbe von einer andern Seite.
Fig. 27 und 28. Ein ausgewachsner Limnaeus ovatus.
277
Pflanzengeographische Uebersicht von Texas.
Von
Dr. Ferdinand Lindheimer.
Allgemeine Vorbemerkungen:
I. Die Flora von Texas bildet nicht in der Weise den
Uebergang zwischen der Flora von Mexiko und der der ver-
einigten Staaten, dass sie gar keine oder nur wenige ihr allein
eigenthümliche Pflanzen aufzuweisen hätte. Dieses früher
so ziemlich allgemein verbreitete Vorurtheil hat man nun
wohl aufgegeben, nachdem der emsige englische Sammler
Drummond (im J. 1834) einen Theil des östlichen und süd-
lichen Texas abgesucht, nachdem der wissenschaftliche Dr.
Riddell, von New-Orleans, den Trinity aufwärts in das nord-
östliche Texas einige Streifzüge gemacht, Dr. Leavenworth
von Florida entlang der Ostgrenze botanisirt und endlich der
Franzose Berlandier, wie es scheint nur durchreisend, meh-
reres gesammelt hat.
Indess zu den bei weitem ergiebigsten Fundgruben sind
bis jetzt weder die Forscher noch die Sammler vorgedrungen.
Weder zu den Terrassen und Kuppen der Guadalupe - Quell-
gebirge, noch in die lieblichen Thäler von dem Liano und
der Sau Saba, noch zu dem über 100 Meilen nördlicher lie-
genden grossen Salzsee am oberen Brazos, noch zu den stei-
len Gebirgen an den Quellen des Nueces sind bis jetzt Samm-
ler oder naturwissenschaftliche Männer gekommen. Von dem
Lande jenseit des Nueces sagt Hooker: es sei ein glorious
field für den Sammler.
ll. In Mexiko, den vereinigten Staaten und Texas hat
sich mir die Bemerkung aufgedrängt, dass die Flora von Ame-
rika die von Europa unverhältnissmässig mehr durch die
278 Ferd. Lindheimer:
grosse Anzahl der Species als die der Genera übertrifit. Bei
der Art, die oft in der grössten Mannigfaltigkeit vorhanden
(z. B. bei Solidago, Aster, Oenothera, Gaura, Verbena etec.),
muss man noch die Unterart und Spielart bei der Bestimmung
zu Hülfe nehmen; ja oft strebt noch in den mannigfaltigsten
Zwischengliedern und Schattirungen der Bastard die Schran-
ken der Species zu durchbrechen,
III. Dass in einem terrassenförmig nach Südost sich ab-
dachenden Lande, das noch dazu nicht fern von den Tropen
sich befindet, die Vegetation auf den verschiedenen Breiten
verschieden sein müsse, kann man voraussetzen; aber dass
eine so geringe meridionale Verschiedenheit, als von durch-
schnittlich nicht mehr als 10 geographischen Meilen bei übri-
gens so ziemlich gleicher Höhe über der Meeresfläche‘ eine
so verschiedene Vegetation zur Folge hat, dass sie auch dem
mit dem Habitus‘ der einzelnen Pflanzen weniger vertrauten
Auge dennoch auflällt, ‘das hat. seinen ‘Grund grossentheils
wohl darin, ‘dass das zwischen den verschiedenen Flüssen lie-
gende Land geognostisch verschieden ist, während diese Flüsse
sb ziemlich von Norden nach Süden das Land durchschneiden,
IV. Ferner ist zu bemerken, dass dieselben Species an
der Küste früher blühen, als im Binnenlande. Nur 100 bis
120 engl. Meilen aufwärts von der Küste ist die Differenz der
Blüthezeit schon ein bis anderthalb Monat.
V. ‚Eine 'sonderbare Erscheinung ist es, dass mehrere
Gewächse gerade die beiden Extreme in ihrem Standort lieben,
dass sie entweder am Meer und Flussufer oder auf Felsen im
Binnenlande gefunden werden. So z. B. Juniperus virginiana,
Pinmus tueda, eine Art Gelbholz, eine neue Art von Berberis,
Opuntia ficus indica und O. frutescens und eine grosse
Yucca u.a.
Fangen wir ‘mit ‘unserer botanischen Uebersicht an das
Land von Texas in der Richtung von Osten nach Westen
flüchtig z udurchlaufen, ungefähr auf dem 30sten nördlichen
Parallelkreis.
In den angrenzenden Simpfen von Louisiana in den Ge-
senden der Sabine und des Neches herrscht das riesenmässige
Rohr Miegia macrocarpa vor und bildet mit der Zwergpalme,
Sabal Adansoni vermischt, Diekichte, die nur der furchtlose
Pflanzengeographische Uebersicht von Texas. 279
Jäger, ‚der. niemals ‚seine Richtung verliert, ‚durchdringen kann.
Die untermischten Bäume, sind bis‘ zur Unkenntlichkeit. mit
den grauen wehenden Büscheln der Zillandsea usneoides über-
hangen. Das Fiscum auf den. Bäumen ist die neue. Art, F\
rotundifolium und auf dem sunpfigen Boden findet sich
wanche. interessante Marsileacee. Eine herrliche. feuerfarb-
blühende, 5 bis 6 Fuss hohe 4sclepias, die ihr Haupt, aus. den
sumpfigen Gebüschen erhebt, ist eine neue Art, 4. kimanto-
plylla. Doch gehen wir westlicher ‘bis zum Trinidad, .da.ist
der Wald gemischt von Fichten, Eichen und wilden Nüssen
(Pinus taeda, Quercus falcata, alba, oblusiloba und Arten'von
Carya), auf der Prairie findet sich eine kleine Rose mit ku-
geliger Frucht, auf feuchten Niederungen der ‚gross-, und
schönblüthige Zysianthes glaucifolius. An den ‚Quellen ist
es eine allerliebste Dichromena und an den. Flussufern eine
bis 10 Fuss hohe Ahynchospora, die sich. von Gräsern. dem
Blick einprägen.
Zwischen dem Trinidad und dem San Jacinto liegt eine
breite öde Prairie, aber die Ufer des San Jacinto und‘ des
Buffalo Bayou sind dicht und weit ab mit Pinus taeda. be-
waldet, die hier manchmal bis zu 3 Fuss Durchmesser ud
120 Fuss Höhe gedeiht. Dichter an den Flussufern imponiren
nieht weniger Cupressus disticha, Liquidambar styracifiua und
Magnolia grandiflora, welche, wenn schon kleiner als ‚die
anderen, doch 2 Fuss Dicke und 80 Fuss Höhe erreicht und
mit wohlriechenden tellergrossen Blüthen monatelang geziert ist.
In Dickichten in der Nähe der Flüsse fallen besonders
als schönblühend auf das mit pfirsichrothen Blüthen prangende
Bäumchen Cereis canadensis, des Dogwood, Cornus ‚florida,
wit grossen oft zwei Zoll breiten weissen Blüthen dicht über-
säet, ferner Chionanthus virginicus von einer Fülle feinge-
spaltener zarter weisser Blümchen umzittert, (weshalb er: auch
hier fringetree und snowdroptree genannt wird). Ueber Bäum-
chen und Gebüsche schlingt sich mit seinen. gelben Blüthen-
guirlanden Wohlgerüche verbreitend, das seltene Gelsemium
sempervirens. Am Wasser finden sich die grossen Amarylli-
deen; Crinum americanum und Pancratium mexicanum mit
überraschender Blüthenbildung und fast betäubendem Wohl-
geruch, ferner Lobelia texensis n.s., die an Gestalt und Far-
280 Ferd. Lindheimer:
benglanz die L. cardinalis übertrifit. Zaurus Sassafras und
Vaccinium arboreum hier häufig, werden westlicher nicht mehr
gefunden. Von den schönen Prairieblumen will ich nur die
Cooperia Drummondii, eine herrliche Morea, deren Petala ul-
tramarinfarbig mit gelben Zeichnungen, die grosse reichblü-
hende Gaura Lindheimeri E. und die smalteblaue Zxia coe-
lestina erwähnen.
Auf feuchter Prairie und dann auch wieder auf sandigem
Boden finden sich die schön. blühenden Sträucher Glottidium
floridunum und Daubentonia longifolia. Die Prairieen sind
reich an Panicum- und Paspalum - Arten, unter denen sich
neues finden wird. Andropogon glaucus E. ist eine schöne
und neue Art.
Charakteristisch ist das auf Eichbäumen wachsende Farn-
kraut Polypodium incanum.
Einige dieser Gegend eigenthümliche und neue Pflanzen
sind: Zanunculus trachycarpus, Amorpha incana, Gaura exal-
tata, Ludwigia intermedia, ein Bvolvolus, Solanum texense,
Pentstemon digitalis, Tephrosia argentea ete. Auf dem Weg
nach dem Brazos hin, ungefähr 40 engl.M., fängt schon man-
ches an sich in der Vegetation zu ändern. Fichtenwälder
hören nach und nach auf und werden an Flüssen durch an-
dere Baumarten ersetzt. Auf der Prairie erscheinen Arten
von Phacelia, Astragalus und Vesicaria, die- östlicher nicht
vorkommen. Auf sandigen Stellen beginnt die Argemone
mezxicana und Helianthus cucumerifolius, die prächtige PAlox
Drummondiü, die zierliche Cristatella Jamesü, die sonderbare
Paronychia Drummondü und P. setacea und andere. Haben
wir den Brazos überschritten, so wird der Unterschied schon
auflallender. Gleich am Rande des Brazosthales kommt die
Vuchellia Farnesiana als Bäumchen vor, auf sandigen Stellen
der Prairie interessante Poa-Arten, das auflallende Petwloste-
mon obovatum, Dalea aurea, Nama texensis E. n. 5., Halea
Lukloviciuna, Zinnia elegans ete. und auf fruchtbarem, schwar-
zem thonigem Boden der Prairie erscheint jetzt Zygodesmia
aphıylla, Streptanthus hyacinthoides, Polygala Beirichüi, Gaura
Drummondi, Gaura sinuata, lpomopsis elegans, Oenothera
rhombifolia und noch vieles, das gleich diese Gegend als eine
andere in der Vegetation charakterisirt,
Pflanzengeographische Uebersicht von Texas. 251
Jenseits der westlichen Brazosprairie, kaum 20 engl. M.
ab vom Flusse, wechselt plötzlich die Scene. Während im
Osten von Texas die Vegetation noch den nordamerikanischen
Charakter hatte von continuirlichem gemischtem Wald, in dem
San Jacinto-Gebiet der Wald als breiter Fichten - Thalwald
erschien und im Brazosthale der Wald gemischt, aber grup-
pen- und strichweise gleichartig war, in den Prairieen da-
selbst aber nur kleine Waldgruppen (Islands genannt) sich
vorfanden, so erscheint hier zum erstenmale die Postoak-
Gegend, wie dergleichen Land hier schlechtweg genannt wird.
Nicht als Flusswaldung, sondern als continuirlicher Landwald
tritt hier die Quercus obtusiloba auf, die nur mit einer dünnen
Dammerdschiehte überdeckten Strecken von Trieb- und.Flug-
sand (quicksand) einnehmend. Für den Botaniker ist in die-
sen Wäldern weniger zu finden, aber doch einiges sehr In-
teressante, die schöne Palafoxia Hookeriana, von überraschen-
der Gestalt und Farbenpracht das Peztstemon flammeum n. s.,
eine Zwergpflaume, Postoak plum hier genannt, ist wohl von
Prunus chicasa, der sie ähnelt, verschieden. Auf den Hügel-
gipfeln der wellenförmigen Prairie, die gewöhnlich an den Post-
oakwald grenzt, finden sich kleine Baumgruppen von Quer-
cus cinerea und öfters Gebüsche von der kleinen krummästi-
gen Pflaume Prunus glandulosa. Im Postoak-Wald und den
daran grenzenden Prairieen kommen daselbst öfters, ganze
Strecken vor, die mit eisenhaltigem Thon und mit Eisenboh-
nen überdeckt sind. Ausschliesslich auf solchen Stellen er-
scheint Cereus eaespitosus, Portulaca pilosa, Bradburia hir-
tella. Doch vieles Interessante und Neue übergehend, wollen
wir weiter zum Westen eilen. Noch ehe wir an den Colo-
rado kommen, müssen wir uns noch etwas an dem oberen
Mill Creek verweilen, wo weisse Sandsteinfelsen zu Tage er-
scheinen, meistens-quellenreich an ihrem Fusse. Auf der
neuen Formation und Lokalität drängen zuvörderst dem Blicke
auf Convolvolus lobatus u. s., Mamillaria similis n.s., Mamil-
laria sulcata n. 5., Mamillaria vivipara, die früher nur in dem
oberen Missouri gefunden, Aectinella linearifolia, Hedeoma
eitriodora un. s., Aselepias Lindheimeri E. n. s., Euphorbia gra-
eillima n.s. u.a. Dem Colorado zueilend treffen wir wieder
282 Ferd. Lindheimer:
auf Postoakwaldung, an deren. sandigen Wegen häufig. unter
anderem Solidago petiolaris auflällt.
Auf kiesigen Hügeln in. diesen Wäldern erscheint zuerst
der schöne Zchinocactus selispinus n.s.. ‚Wo .die. Gegend ‚sich
nach dem Brazosthal hinsenkt, trefien wir wieder auf schwarz-
thonige Prairie. Zwei grosse über, mannshohe Euphorbien
bieten sich hier manchmal dem Blicke dar: ‚Zuphorbia bicolor
n. 5. und Z. wloleuca' n. s., ferner ein crotonartiges Gewächs
Hendecandra. tuberculata n,s, An manchen ‚Stellen bildet das
Flussthal weissliche thonige Niederungen. Hier erscheint nun
zuerst die Algarobia glandulosa häufiger, meist nur noch als
Gebüsch. Ein oft über einen Fuss breiter plattkugelförmiger
Caectus, mit‘ erhabenen Kanten und sonderbaren breiten ‚ge+
streiften Stacheln ist Zchinocactus gyracanthus E..n, s., am
Rand der Gebüsche findet sich, ‚obwohl, etwas selten „doch
schon. die interessante Opuntia frutescens. In den Mimosen-
gebüschen selbst stehen noch einige Mamillarien. Auf der
Westseite des Colorado finden sich wieder Postoak- Wälder,
dann Prairien.e Der San Marco ‘und Rio blanco sind hier
oben: nur schwach bewaldet, meist mit Ulmen. Die. Bäume
und Gebüsche sind ‚oft mit volltragenden Reben dicht, behan-
gen, namentlich ist Vilis Zabrusca fruchtbar. Ein ausgezeich-
net schönes violett gefärbtes Zryngium kommt ‚hier zuerst
vor. Wo die Prairie hügelig und steinig ist, kommen ‚viele
einzelne Bäume von Algaroba glandulosa vor. Auf. den Bäu-
men. wird die Tillandsea usneoides weniger häufig und es ‚er-
scheint dafür die kleine aufrechtstehende Tilandsea recurvata.
Verfolgen wir nun den 30sten Parallelkreis weiter, so kommen
wir auf. die felsige Wasserscheide der oberu Guadalupe;. dort
bin ich noch nicht gewesen und auch kein anderer Botaniker,
Denken wir uns von dem obern San Marco eine Linie
in südsüdwestlicher Richtung durch das Land, so, wird ‚diese
Linie die obere Guadalupe, den Cibolo, den San Antonio ‚und
den Nueces. durchschneiden und ungefähr bei Loredo an den
Rio Grande und die mexikanische Grenze treffen.
In dieser so eben angegebenen Richtung treffen wir noch
durch ‚alle westlichen. Flussgebiete von ‚Texas, welche der
dreissigste Grad der Breite nicht durchschneidet. In dieser
Richtung ist auch das Land, obwohl unbewohnt, doch be-
Pflanzengeographische Uebersicht von Texas. 283
kannter,' und ist uns möglich ‘wenigstens einiges in botani-
scher ‘Hinsicht darüber zu sagen.
An der oberen Guadalupe herrscht der Felsenboden und
auf ihm die Ceder vor. Auf oflenen Stellen kommen drei
bis vier Arten von kleineren Yuccas vor, an. Wuchs der hier
nicht seltenen Y. filamentosa ähnlich, doch in ‘den Blättern
von dieser sehr verschieden; ferner mehrere Arten von Ma-
millaria.
Den Cibolo finden wir in dieser Richtung als ein trock-
nes Felsenbett. Man glaubt, dass der Fluss bei dem: niedri-
gen Wasserstand in den Sommermonaten unterirdisch fliesse,
weil sein Bett weiter oben und weiter unten fortwährend mit
fliessendem Wasser gefüllt sei. Die ‚Ufer des Cibolo sind
wenig bewaldet. An manchen Stellen ist der felsige Grund
um und in dem Bette des Cibolo mit 'einem kleinen Wein-
stock (mountain grape hier genannt) überwachsen. Diese
kleine Yitis ist nur 2 bis 3 Fuss gross, aufrecht stehend, nicht
rankend, die Beeren so gross wie Erbsen. Weiterhin treffen wir
auf) steinige Hügel, die mit A/garobia glandulosa dünn bewal-
det sind. An fruchtbarern Stellen wachsen Eichen, meist
@. virens. Steinige Niederungen überziehen Gebiüsche von
Algarobia glandulosa. Das ist die Ansicht des Landes in der
angegebenen Richtung bis zum San Antonio-Fluss. Weiterhin
bin ich nicht gekommen. Das folgende weiss ich meist nur
vom Hörensagen, von Leuten, die auf den Raub an die mexi-
kanische Grenze auszogen.
Der Nueces ist wenig bewaldet. Er hat seinen Namen
von den Niissen, die die Spanier dort zuerst gefunden (ohne
Zweifel Juglans olivaeformis). Dort findet sich auch die
mexikanische Pulkepflanze. Ein ausgezeichnet schöner Baum,
den man an mehreren Orten hier als Zierpflanze kultivirt und
von dem der erste Samen vom Nueces mitgebracht worden
ist, ist Packinsonia aculeata L. Oberhalb der Mündung des
Rio frio ist der Nueces völlig waldlos. Zwischen dem obe-
ren Nueces und dem Rio grande liegt eine wald- und wasser-
lose Prairie,
Eine andere Linie, die Abdachungen des Landes anstei-
gend, wird eine eben so verschiedene und interessante Ab-
284 Ferd. Lindheimer:
wechselung in der Flora von Texas zeigen, als die eben ver-
folgte, welche die Abdachungen des Landes durchschnitt.
Wir wollen als Beispiel die Abdachungen des Guadalupe-
gebietes nehmen, bei der Halbinsel anfangend, die die Mata-
gordabai von der Espiritu-Santobai scheidet.
Strand flach, sandig, grossentheils aus Muscheltrümmern
bestehend, keine eigentlichen Dünen bildend.
3 Unmittelbar am Ufer der See: Cakile maritima; wenig
davon: Oenothera Drummondiü, Teucrium laevigatum, Gaillar-
dia picta; etwas höher stehend Gebüsche von Vachellia Far-
nesiana, einer unbekannten Berberis-Art (vide Torrey et Gray
Flora of North America p. 662) und einigen andern mir un-
bekannten Sträuchern vermischt mit einer holzigstrauchartigen
Erythrina, einer hochstämmigen ästigen Yxcca (die mit keiner
der in Eaton angeführten Arten stimmt) und ausgezeichnet
grossen Exemplaren von Opuntia ficus indica, während Opun-
tia frutescens hier schmächtiger und seltener vorkommt. Sehr
interessant ist ein kleiner Baum, der theils mit diesen Ge-
büschen vermischt ist, theils auch für sich selbst kleine Ge-
hölze bildet. Das Holz des Baums wird hier für das wahre
Gelbholz gehalten und auch als solches zum Färben gebraucht,
obwohl nahe verwandt, ist es doch keine Cladrastis. * Die
Frucht des Baumes ist eine zwei bis drei Zoll lange runde,
nicht gegliederte, nicht aufspringende, fast holzige Schote.
Der Same eine korallenrothe Bohne. Die Sträusse der blauen
Schmetterlingsblume haben einen Maiblumengeruch, die Blät-
ter sind gefiedert und immergrün, das Holz ist gelb und
schwer (ist wahrscheinlich ein südamerikanischer Baum).
In der Nähe des Meeres kommen hier vor:
Ranunculus trachycarpus, Polanisia graveolens, Silene an-
tirrhina, Spergula rubra, Linum Berendieri, L. virginicum,
Trifolium reflexum, Tr. carolinianum, Vieia Ludoviciana,
Astragalıs leptocarpus, Psoralea rhombifolia, Oenothera lini-
‚Folia, Cynosciadium pinnatum, Discopleura capillicea, Lepto-
caulis echinatus, Coreopsis Drummondü, Cor. tinctoria, Eri-
geron scaposum, Egletes texana n. s., die europäische Anthe-
mis arvensis, Sabbatia campestris, Heliotropium curassavicum,
Heterotheca scabra, Physalis maritima, Lindernia refracta,
Rumex britanica, Lechea Drummondü, Petalostemon emargi-
Pflanzengeographische Uebersicht von Texas. 285
natum, Lyonia maritima, Juncus bufonius, Chloris petraea,
Juncus polycephalus, Juncus marginatus, J. echinatus, Cyperus
articulatus, und wo der Boden thonig und mit Salztheilen
geschwängert, überall ein diöcisches Gras, ein neues Genus.
Auf thonigem angeschwemmtem Land an den Flussmündungen
grosse Exemplare von Zckinocactus gyracanthus und den
streitigen Grund behauptende Büschel einer Zimnetis- Art.
Mehr stromauf einzelne Ulmen, die vorige grosse Yucca
und Opuntien, doch nicht so kräftig. Nicht häufig eine 10
bis 20 Fuss hohe Fächerpalme (Chamaerops palmetto?). Den
Boden der kleinen Gehölze an den Küstenflüssen überzieht
die Urtica gracilis Raf,, Parietaria pennsylvanica und grössere
Arten von Phacelia. Der Boden der Prairie ist schwarze
thonige Dammerde, auf derselben noch einige Opuntieen, O.
vulgaris und kleinere Exemplare von 0. ficus indica. Der
vorherrschende Baum an den Flüssen und in wenigen Grup-
pen in der Prairie ist nun @uereus wvirens. Höher hinauf
folgt mit dieser untermischt an den Flüssen @. aquatica,
dann auch @. /alcata.
Steigen wir nun aus dem niederen Küstenland in die
wellenförmige Prairie (rolling prairie), 10 bis 20 engl. M.
von -der oben genannten Küste, da ist der Waldwuchs an den
Flüssen schon mächtig, @Quercus macrocarpa, Juglans. olivae-
formis, Cupressus disticha kommen hier schon in ihrer schön-
sten Ausbildung vor. An Abhängen kommt immer noch das
oben erwähnte Gelbholz vor, in den Gebüschen der Prairie
ein anderer interessanter Baum, den die Leute hier für Blau-
holz halten. (Blüthe und Frucht des Baumes habe ich nicht
gesehen, seine kleinen keilförmigen oder umgekehrt eiförmigen
Blättchen sind am Rande fein gekerbt, das Holz ist dunkel-
rothbraun und schwer). Ferner erscheint in diesen Gebüschen
die Mexican Persimon (eine Anonacee. Frucht kugelig, so
gross wie eine Kirsche, wohlschmeckend). Sumpfiges Land
von der See bis hierher ist oft dicht mit einer Marsilea über-
zogen. Auf sandigen Strecken finden sich schöne Arten von
Vesicaria, Astragalus und Phlox,
Weiter hinauf, 100 engl. M. von der Küste, wo schon
die Eisenconglomerate und ein der Nagelflue ähnliches Gestein
öfters zu Tage kommen, wo die Prairie hügelig wird und die
256 Ferd. Lindheimer:
Flüsse klarer werden und ‘deren Boden: oft :mit‘ Geröll' von
Kalk und Feuersteinen bedeckt ist, sind die Flusswaldungen
weniger mächtig. Die Ulme und Cypresse gewinnen die Vor-
hand, Juglans olivaeformis ist fruchtbar, während die Mexican
persimon 'baumartiger aber unfruchtbarer ist als im Nieder-
lande. Platanus occidentalis und Tilia americana sind nicht
so häufig und mächtig. Die Prairieen bieten im April den
schönsten Blumenreichthum dar, bei dem besonders Zupinus
subcarnosus mit Veilchengeruch und herrlichem Blau gemischt
mit einem schwefelgelb und feuerfarb variirenden Zuchroma
(n.s.?) auf dem frischen Grün der Wiesen reiche Figuren
bildet, die in Fülle und Gestalt an ostindische Schäwls er-
innern.
Wenig höher und wir sind in der Museiteowntry, Mimo-
senregion, wo die Algarobia glandulosa zum Baume wird und
lichte Wälder bildet, in denen dünnes aber nahrhaftes Gras,
das Museitgrass (Agrostis?) wächst. Unterholz ist da keins,
oft überzieht Geröll und Gebröckel von Kalk und Feuer-
steineh den ganzen Boden, die wie durch einen grünen Flor
nur mühsam von den wehenden haarfeinen Grashälmchen ver-
deckt werden. Gebüsche von Opuntia fieus indiea sind: mit
korallenartiger Starrheit streckenweise unter dem Schutze der
Mimosen gelagert. An Waldrändern und mit anderem Busch-
werk vermischt erscheint nun Opuntia frutescens kräftiger
und häufiger als in’ den’ unteren Gegenden. An den Fluss-
ufern waltet die Ulme vor, Cypressen sind mächtig, Platanus,
Tilia und Celtis nieht häufig. Die Flussbetten bestehen aus
solidem Felsen von grauem kreideartigem Kalk. In’den Fluss-
uferwaldungen ist Jeseulus flava (gelb und roth blühend)
häufig. In den Ufergebüschen erscheint die schöne Salvia
coccinea. Auf der Prairie an den Waldrändern ein'schönes
violett gefärbtes Zryngium (n.s.?), auf der Prairie nimmt zu-
weilen Helianthus praecox oder (oreopsis bicolor ganze Strek-
ken ein. ’
Oberhalb, nördlich der San Antonio Nacogdoches Strasse
erhebt sich hier das Land plötzlich‘ zu einer felsigen Hoch-
ebene, deren steiler Rand mit Cedern bewaldet ist. Auf der
Hochebene selbst erfreuen einige neue Mamillarien den Bota-
niker und "besonders schöne Exemplare von Zehinocactus
Pflanzengeographische Uebersicht von Texas. 287
setispinus, der in Vertiefungen der oft, wie Tropfstein löch-
rigen Felsblöcke auf einem Bisschen leichter schwarzer Damnı-
erde zur schönsten Ausbildung kommt. Die Cedern bilden
hier breite Waldstreifen an den Flussufern. Ungefähr 20 bis
30 engl. Meilen nördlicher wird die Gegend bergig. Kegel-
und sargförmige Berge herrschen vor, ihre Gipfel sind kahl
und die deutlichen und vielen horizontalen Streifen der Schich-
ten dieser rings gleichmässig abgerundeten Gipfel geben ihnen
ein sonderbares kreiselartiges Ansehen. Ebene Stellen sind
gewöhnlich voll Steingebröckel oder‘ Felsstücken, oder gar
den nackten Felsboden zu Tage zeigend, abschüssig oder
staffelförmig gegen die Berge ansteigend. An den Ufern der
kleineren Flüsse oft lange und’ hohe senkrechte Felswände.
An den Ufern der Flüsschen noch etwas verschiedener Baum-
wuchs, meist Ulmen. Auf Bergabhängen und niedriger lie-
genden Stellen fast nur Cedern. Einzelne Gebüsche sind von
einer strauchartigen Cereis gebildet. Eine kleine stämmige
Asclepiadee von auffallender Gestalt, aromatische kleine La-
biaten, und eine an Blüten überreiche rothe Gentianee (eine
‚Sabbatia) erinnern an die Flora der Alpen. Leider kann ich
nichts Genügendes über . diese dem Botaniker gewiss höchst
interessante Lokalität sagen, da ich selbst nur im Fluge und
in ganz anderen als botanischen Angelegenheiten durch die
Berge gezogen bin.
288
Zur Gattung Oncodes (Ogeodes Latr.).
Vom
Herausgeber.
Bei meiner Bearbeitung der Henopier !) habe ich in der
Gattung Oncodes (Ogcodes) die Stelle des Mundes, an wel-
cher bei den übrigen Gattungen der Rüssel vortritt, von einer
übergespannten Haut vollkommen verschlossen gefunden, und
demgemäss das Fehlen des Ruüssels und der Mundöffnung
überhaupt vorausgesetzt, da ich damals nicht Gelegenheit
zur Untersuchung lebender Individuen hatte. Vor Kurzem
erst führte mir der Zufall wieder einen lebenden Oncodes zu,
und ich überzeugte mich nun, dass wirklich ein Rüssel vor-
handen ist, er ist aber nur sehr kurz, tritt erst hinter jener
Hautfläche an der hinteren Seite des Kopfes vor, und ist ge-
rade gegen die Vorderhüften gerichtet. Nachdem das Insect
eingetrocknet ist, lässt sich von diesem Rüssel keine Spur
mehr erkennen, und es ist anzunehmen, dass bei allen übrigen
Oncodes-Arten ein ähnlicher Rüssel sich vorfinden wird.
Demnach ist die eigene Abtheilung, welche.ich a. a. ©, aus
Oncodes gebildet habe, als in der Natur nicht begründet auf-
zuheben, und die Gattung der Gruppe der Astomellen
(Ocnaea, Astomella, Pialea, Pterodontia, Acrocera, Terphis) zu
überweisen, in welcher siemit den beiden letztern Gattungen durch
die Bildung der Fühler übereinkommt, so wie sie sich durch die
Einlenkung derselben unter den Augen von ihnen unterscheidet.
Der oben erwähnte, in diesem Sommer von mir in mei-
nem Zimmer gefundene Oncodes gehört einer neuen Art an:
O. fumatus: Niger, abdominis segmentis dorsalibus albo-marginatis,
pectoris ventrisque lateribus albis, pedibus testaceis, femoribus
albidis, alis fuliginosis. — Long. 3 Lin.
Dem O. fuliginosus zunächst verwandt, welchem allein er in
der Färbung der Flügel gleicht. Der Mittelleib ist fein greis behaart;
die Lappen des Halskragens an der Spitze breit weisslich. Die Brust-
seiten weiss. Der Hinterleib auf der Oberseite schwarz mit schmal
weiss gesäumtem Hinterrande der einzelnen Ringe; der Bauch weiss
mit einem schwarzen Längsstreif in der Mitte. Die Beine röthlich
gelb mit weisslichen Schenkeln.
!") Entomographien S. 137.
289
Ueber eine neue Art von Hypochthon (Proteus).
Briefliche Mittheilung
von
Heinrich Freyer. Mag. Pharm.
Museal Custos.
\
(Hierzu Taf. IV. Fig. A. B.)
Die diesjährige, ungewöhnlich lange dauernde Ueber-
schwemmung des Unzflusses im Mauritzthale bei Planina
in Innerkrain, lieferte bei dessen Ablauf in unterirdische
Räume bei Lase, eine neue, noch unbeschriebene Art von
Proteus, welche ich seit 1836 bis zu diesem Jahre nicht
wieder zu sehen bekam. Die erste Erwähnung derselben ist
S. 45 meiner „Fauna der in Krain bekannten Wirbelthiere,
1842” geschehen. Ich füge hier eine getreue Abbildung bei,
so gut sie mein ungeübter Pinsel darstellen konnte. In dem
genauen Umrisse sind die Unterschiede in der Kopfform der
beiden Arten deutlich ausgedrückt, aber auch die Kiemen sind
bei beiden verschieden. Hypochthon Laurentii trägt dieselben
gewöhnlich aufwärts gekrümmt, dagegen liegen die des ge-
fleckten stets glatt und gerade und bleiben, auch wenn er sie
hebt oder ausbreitet, gerader, straffer. Es giebt fleischfarbige
und schwärzliche, gelbgefleckte in allen Grössen, deren ich
16 Stück an Herrn Hofrath Ritter von Schreibers lebend ein-
gesandt habe. Die Magdalenengrotte bei Adelsberg, über-
schwemmte Wiesentümpel bei Haasberg, zu Sittig, Strug, Hof
u.s.w. in Krain, Sign in Dalmatien, liefern nur den bekann-
#»ten. Die eigentliche Heimath dieses höchst interessanten Rep-
tils und seine noch immer in Dunkel gehüllte Fortpflanzung
zu erforschen, ist jetzt mein eifrigstes Streben, und wenn mir
die nöthigen Mittel zur Hand sein werden, hoffe ich diese
von Herrn Hofratlı v. Schreibers angeregte Aufgabe seiner
Archiv f. Naturgesch. X1J, Jahrg. 1. Bd 19
290 Freyer: Ueber eine neue Art von Hypochthon (Proteus).
Zeit zu lösen. Es werden deshalb die Hypochthonen in ihre
unterirdischen Gewässer verfolgt werden müssen.
Ich vermuthe nämlich, dass der zeugungsfähige, vollkom-
men ausgebildete Proteus noch nicht bekannt ist, seinen fin-
stern Wohnort nie verlässt, und dass es nur Quappen sind,
die bis jetzt zu Tage gefördert sind, deren Kiemen denen
der Salamanderquappe ähneln. ‘Geschlechtsorgane sind ja
auch schon an den Raupen nachgewiesen worden.
Erklärung der Abbildungen Taf. IV.
(Nach dem Leben in natürlicher Grösse).
Fig. A. Hypochthon aus der Unz zu Lase bei Planina, Adels-
berger Kreis, Anfangs Juli 1845 im Wiesenkessel von Bedin in Mehr-
zahl gefangen in Gesellschaft mit Weissfischen (krain. Klinji). —
Junges schwärzliches, goldgelb geflecktes Exemplar. Individuen von
B Grösse ebenso gefleckt, auf dunklerem, schwärzlichen ins Bläuliche
fallenden Grunde, wie bei Salmo Hucho. Es erscheinen auch fleisch-
farbige, goldgefleckte Exemplare, meist als jüngere Individuen. —
Bisher nur bei Lase! nach lang anhaltender Ueberschwemmung. Ich
erhielt daher im Jahre 1836 das erste Exemplar, und sah seit dem
keine bis in diesem Jahre. Im Tode verschwinden die gelben Flecke
und werden weisslich.
Fig. B. HAypochthon Laurentii Fitz. Grosses Exemplar von
Rupa bei Sittich im Neustedler Kreise. Am 15, Juli 19845 bei An-
schwellung des Rupa-Bächleins gefischt.
Fig. A.a. Straffliegende Kiemenbüschel, in ruhiger ‚Stellung.
Fig. a.a. - - ausgebreitet, nach ge-
schnappter Luft. »
Fig. B.b. Gewöhnlich aufwärts gebogene Kiemenbüschel in
rubender Stellung. 1
Fig. B.bb. Dieselben in ausgebreiteter Stellung. — b. Die ein-
zelnen Kiemenblättchen.
Laibach, den 1. Septemb. 1845.
291
Ueber die contraetilen Zellen der Planarien-
embryonen.
Von
A. Kölliker.
(Hierzu Taf. X. Fig. 1—13.).
Obwohl seit den Beobachtungen von v. Siebold über
die contractilen Dotterzellen der Planarien schon eine geraume
Zeit verstrichen ist, so hat doch Niemand weitere Bemerkun-
gen über dieselben veröffentlicht. Wenn ich im Nachstehen-
den einige wenige Erfahrungen über diese Zellen bekannt
mache, so geschieht es theils um von neuem auf eine merk-
würdige Erscheinung aufmerksam zu machen, theils um mei-
nem verehrten Freunde v. Siebold zu entsprechen, der seine
Erfahrungen von Jemand Anderm bestätigt zu sehen wünscht.
Die Zellen der Planarien, an welchen Contractionen
wahrgenommen werden, finden sich nur in befruchteten, in
der Entwicklung schon einigermassen vorgeschrittenen, mit
einer äusseren Hülle umgebenen Eiern, und zwar theils in
solchen, die noch in den Geschlechtstheilen enthalten sind,
theils in andern, die schon seit einiger Zeit gelegt wurden.
Obschon ich die Entwicklung der Planarien nicht genauer
studirt habe, so glaube ich doch, gestützt auf Erfahrungen an
andern Thieren, annehmen zu dürfen, dass diese Zellen keine ”
andern sind als diejenigen, die überall unmittelbar nach dem
Furchungsprocesse entstehen, weshalb ich den Namen ‚,Dot-
terzellen”, den ihnen v. Siebold beigelegt hat, mit einem
andern vertauscht habe; dagegen kann ich über das weitere
Schicksal derselben nichts angeben. Nach v. Siebold ent-
stehen in jedem Planarienei aus dem ursprünglichen einfachen
Haufen der Zellen, die in Folge der ersten Entwicklung sich
gebildet haben, später mehrere Embryonen, eine Behauptung,
19%
292 Kölliker:
der ich, obschon dieselbe auffallend erscheint, doch gerne
allen Glauben beimesse.
Die Beschaffenheit der contractilen Zellen der Embryonen
von Planaria lactea ist folgende (Fig. 1): Im ruhenden Zu-
stande sind dieselben meist rund, einige auch rundlich läng-
lich, oder länglich, ihre Grösse beträgt von 0,009 bis zu
0,024”, doch messen weit aus die meisten 0,014 bis 0,017'”.
Alle besitzen als Hülle eine zarte, nur durch eine einfache
Contour bezeichnete Membran, die an den im normalen Zu-
stande oder bei Zusatz von Speichel und Serum untersuch-
ten Zelleır auf keine Weise zu erkennen ist, wohl aber nach
dem Hinzufügen von Wasser oder Essigsäure aufs deutlichste
sich kund gibt, indem sie durch das Eindringen dieser Flüs-
sigkeiten in das Innere der Zellen von dem Zelleninhalte ab-
gelöst wird (Fig. 13a) und endlich wenigstens bei sehr vielen
Zellen unter den Augen des Beobachters selbst platzt. Der
Zelleninhalt besteht aus Flüssigkeit, Körnern und je ‚einem
Kerne, Erstere ist blassgelblich, zähe, eiweissartig; die Kör-
ner zeigen sich meist in bedeutender Menge, besitzen immer
eine sehr verschiedene Grösse, von unmessbarer Kleinheit
bis zu einem Durchmesser von 0,003”, und haben. offenbar,
wie ihre dunklen Contouren lehren, die Natur‘ von Fettkör-
nern oder mit Fett erfüllten Bläschen. Die Kerne endlich
sind rund, von 0,003 bis 0,004”, ohne Ausnahme inmitten des
Zelleninhaltes gelegen, mit feinkörnigem Inhalt und in man-
chen Fällen mit deutlichen Kernchen (nucleoli) versehen. Als
bemerkenswerth hebe ich hervor, dass dieselben durch Zusatz
von Wasser und Essigsäure gerade wie ihre Zellen sich ver-
ändern (Fig. 13). Diese Flüssigkeiten nämlich treten auch in
die Kerne ein, drängen die Kernmembran. von dem Kern-
“ inhalte ab, so dass die Kerne bis zu einer Grösse von 0,006
bis 0,009"' anschwellen, während ihr Inhalt etwas comprimirt
und dunkler sich zeigt, und das Ganze täuschend das Bild
einer it Kern und flüssigem Inhalt versehenen Zelle ge-
währt. In selteneren Fällen, dann nämlich, wenn die Einwir-
kung des eingedrungenen Wassers bedeutender wird, platzt
selbst die Kernmembran und es verschmilzt der Inhalt des
Kernes mit demjenigen der Zelle. Durch diese Erfahrungen
wird schlagend bewiesen, dass, die Kerne Membranen und
Ueber die contractilen Zellen der Planarienembryonen. 293
eigenthümlichen Inhalt besitzen, und ferner gezeigt, dass auch
Kerne, die sonst der Einwirkung von Wasser und Säuren so
energisch widerstehen, wenn auch nicht auf chemische doch
auf mechanische Weise durch diese Agentien zerstört werden
können.
Die Bewegungen der beschriebenen Zellen nun zeigen
sich begreiflicherweise nie bei Zusatz von Wasser und Säu-
ren; ich habe dieselben nur bei Zusatz von Speichel gesehen
und auch dann, wenigstens bei Planaria lactea, die mir allein
zu Gebote stand, lange nicht in allen Fällen. Wovon es ab-
hängt, dass man oft unter scheinbar ganz gleichen äusseren
Verhältnissen an den einen Zellen Bewegungen wahrnimmt,
an den andern nicht, weiss ich nicht, doch scheinen es eher
Umstände zu sein, die die Eier in toto betreffen, als solche,
die nur einzelne Zellen individuell berühren, da ich wenig-
stens als Regel in den einen Eiern gar keine Bewegung, in
andern solche an den meisten Zellen gesehen habe. Von der
Natur der Bewegung macht man sich am besten eine Vor-
stellung, wenn man dieselbe, wie sie an einer einzelnen Zelle
sich zeigt, mit einer abwechselnd eintretenden peristaltischen
und antiperistaltischen Zusammenschnürung eines Darmstückes
vergleicht. Nennt man z. B. an einer Zelle (Fig. 1) den einen
Pol 4, den andern 2, so nimmt man wahr, wie in einem
gegebenen Momente bei 4, in unmittelbarer Nähe des Poles,
eine leise ringförmige Einschnürung sich bildet (Fig. 2), die
der runden Zelle das Ansehen giebt, als ob sie mit einer
kleinen Warze versehen wäre. Langsam schreitet nun diese
Einschnürung in der Richtung nach Z weiter, die Zelle wird
erst leyerförmig (Fig. 3), dann, wenn die Einschnürung die
Mitte der Zelle erreicht hat, biscuitförmig (Fig.4), endlich
wenn dieselbe noch weiter nach 2 fortschreitet, wieder leier-
förmig (Fig. 5), bis zuletzt, wenn auch die letzte Einschnürung
um 2 (Fig. 6) verschwunden ist, die Zelle wieder rund wird
(Fig. 7). Zum Beweise, dass die beschriebene fortschreitende
Contraction nur in der Zellmembran ihren Sitz hat, dient,
dass während die Zelle in der Richtung von A nach 2 sich
einschnürt, der Zelleninhalt in seiner Gesammtheit (besonders
auffallend der Kern und die grossen Oeltropfen) eine sehr
deutliche und lebhafte Bewegung erleidet, die je nach. dem
294 Kölliker:
Sitze der Zusammenziehung in der Mitte oder in der Nähe
der Pole nach beiden Seiten fast gleichmässig, oder vorwie-
gend nach der einen oder andern Richtung vor sich geht.
Wenn nun die Zusammenziehung der Membran von 4 nach
B hin vollendet ist, so geht dieselbe nach einer kurzen Pause
nach der andern Richtung an, und die Zelle macht die schon
beschriebenen Formen, nur in umgekehrter Reihenfolge wieder
durch (Fig. 8—12). Ich habe viele Zellen bis auf zwanzigmal
ganz regelmässig in beschriebener Weise abwechselnd nach
der einen und andern Seite sich bewegen sehen und mit der
Uhr für die Dauer einer Contraction ungefähr eine Minute,
für die Zwischenzeit zwischen zwei Contractionen 12 bis 20
Sekunden gefunden, doch möchte ich nicht behaupten, dass
die Bewegungen immer mit dieser regelmässigen Abwechselung
und in gleichbleibenden Zeitmomenten vor sich gehen, beson-
ders da es mir, freilich in den nicht ganz normalen Verhält-
nissen, unter denen die Zellen bei einer mieroscopischen Un-
tersuchung sich befinden, einige Male vorgekommen ist, dass
einzelne Zellen zwei Mal nach einer und derselben Richtung
sich bewegten. — Auch der Grad der Zusammenziehung ist bei
verschiedenen Zellen verschieden; bei den einen entstehen
tiefe, bei den andern nur seichte Einschnürungen.
Hiermit schliesse ich diese wenigen Bemerkungen über
die Bewegung der in ihrer Art einzigen Zellen der Plana-
rienembryonen. Hätte ich während der Zeit, in der mir Pla-
narieneier zu Gebote standen, mehr Musse gehabt, so hätte
ich mir die Erforschung der Entstehung und weiteren Um-
wandlung dieser Zellen, der Dauer ihrer Bewegungen und
des Verhaltens derselben gegen Narcotica, verschiedene Wärme-
grade u.s.w. angelegen sein lassen, so aber musste ich mich
mit der Hauptsache begnügen. — Was die Ursachen und die
Bedeutung dieser Bewegungen betrifft, so bekenne ich meine
gänzliche Unwissenheit namentlich in Betreff des ersten Punk-
tes, Zwar reihen sich dieselben, obschon sie eine eigenthüm-
liche Langsamkeit besitzen, an diejenigen anderer Zellen (ein-
zellige Infusorien, Zellen der Herzanlage von Sepien- und
Alytes-Embryonen, Bildungszellen der Muskeln von Batrachier-
larven, Zellen im Schwanz von Botrylluslarven '), der Wim-
1) Die Bewegungen der 3 zuletzt erwähnten Zellenarten lassen
»
Ueber die contractilen Zellen der Planarienembryonen. 295
haare und Samenfäden an, insofern sie vom Nervensysteme
ganz unabhängig sind; allein mit dieser Analogie ist noch
nicht viel gewonnen, da der eigentliche Grund der Bewegun-
gen bei allen angeführten Zellen und anderen Elementen ganz
unbekannt ist. Eher liesse sich etwas über die Bedeutung
der Bewegungen der Planarienzellen sagen. Es scheint mir,
dass dieselben, indem sie den Inhalt der Zellen in beständiger
Bewegung erhalten und denselben sammt der Zellmembran
selbst einem wechselnden Drucke aussetzen, auf die Stoffauf-
nahme und Stoffabscheidung und chemische Veränderungen
innerhalb der Zellen von wesentlichem Einflusse sein könnten,
Wenn dem so ist, so liessen sich diese Bewegungen in Bezug
auf ihre Bedeutung wenigstens theilweise den Saftströmungen
in Zellen und den contractilen Räumen in einzelligen Infu-
sorien, z. B. in Opalina, parallelisiren.
Zürich im September 1846.
Erklärung der Abbildungen. Taf. X,
Contractile Zellen der Embryonen von Planaria lactea.
Die Buchstaben «—d bedeuten in allen Figuren die nämlichen
Theile.
a. Zellmembran,
b. Flüssiger Zelleninhalt.
ce. Fettkörner.
d. Zellenkern.
Fig. 1—6. Zellen in denen die Contraction von 4 nach 2 fort-
schreitet.
Fig. 7—12. Zellen in denen die Contraction von B nach A fort-
schreitet.
Fig. 13. Contractile Zelle mit Wasser behandelt.
a. Zellmembran.
6 Durch das eingedrungene Wasser c theilweise comprimirter
Zelleninhalt.
d. Kernmembran.
e. In den Kern eingedrungenes Wasser.
f. Comprimirter Inhalt des Kernes,
sich nicht direkt beobachten, sondern nur aus den Bewegungen der
mit diesen Zellen versehenen und ausgebildeter Muskelfasern erman-
gelnder Theile erschliessen.
296
Ueber Gammarus ambulans, neue Art.
Von
Dr. Friedrich Müller.
(Hierzu Taf. X. Fig. A—C.).
Als einzige Repräsentanten der Ordnung der Amphipoden
im Gebiet der deutschen Süsswasserfauna sind bis jetzt wohl
nur die beiden von Gervais zuerst unterschiedenen Gamma-
rus-Arten zu betrachten, der G. fluviatilis Edw. (Roeselii
Gery.) und G. pulex Fabr., da Koch’s G. putaneus nur eine
durch den Aufenthaltsort bedingte Varietät zu sein scheint.
Diesen beiden kann ich eine neue sehr eigenthümliche Art
derselben Gattung hinzufügen, die ich zu Anfang Juni dieses
Jahres in einem mit Lemna und Hydrocharis bewachsenen
Graben bei Greifswald auffand.
Schon Grösse, Farbe, allgemeine Körperform und Ma-
nieren unterscheiden sie zur Genüge von den genannten Ar-
ten. Sie ist im ausgestreckten Zustande gegen 2” lang, ein-
förmig dunkel schwärzlich- oder bräunlichgrün gefärbt, selten
heller und mehr gelblich, und trägt auf der Stirn zwischen
beiden Augen einen lebhaft schwefel- oder eitronengelben
querovalen, hinten in der Regel ausgerandeten Fleck, der
zugleich sich schwach über seine Umgebung erhebt. Der
Körper ist weit weniger zusammengedrückt, breiter,
an den Seiten gewölbter, als sonst in dieser und den
verwandten Gattungen gewöhnlich, und damit steht im Zusam-
menhang eine von der unserer anderen Arten abweichende
Bewegungsweise, nach welcher ich den Namen dieser Art
gewählt habe. Diese besteht nämlich in der Regel nicht in
dem sprungweisen Schwimmen auf der Seite, sondern in einem
aufrechten Gange. Dabei werden die drei letzten Abdominal-
segmente, die sehr kurz und zu einem Stück verwachsen
Ueber Gammarus ambulans. 297
sind, so untergeschlagen, dass ihre Rückenfläche wagrecht auf
dem Boden aufliegt; betrachtet man dabei den Körper von
oben, so sieht man an seiner hintern Hälfte die drei letzten
wahren Fusspaare seitlich weit hervortreten, während die vier
vorderen Paare fast immer unter dem Thorax verborgen blei-
ben. Dies ist auch die gewöhnliche Stellung des ruhenden
Thieres. Nur selten, besonders wenn es gestört und verfolgt
wird, schwimmt es nach Art des G. pulex, oder ruht auf der
Seite, die letzten Fusspaare nach dem Rücken in die Höhe
geschlagen.
Der Kopf ist klein, ohne vorspringende Stirn, mit ziem-
lich kleinen rundlichen Augen.
Die oberen Antennen sind etwa um die Hälfte länger
als die untern und erreichen ungefähr ein Drittel der Körper-
länge; die drei eylindrischen fast gleich langen Glieder des
Stiels, der bis etwa zur Mitte des letzten Stielgliedes der
unteren reicht, nehmen der Reihe nach an Dicke ab; die
Geissel, gegen 13 mal so lang als der Stiel, besteht aus
44 Gliedern,; die Nebengeissel, ausserordentlich klein,
wenig länger als das erste Geisselglied und dreimal dünner
als dasselbe, ist aus zwei Gliedern zusammengesetzt (Fig. C).
Das erste und zweite Glied der unteren Antennen sind
kurz, ersteres mit einem nach unten und vorn gerichteten
konischen Fortsatz, in welchem ein cylindrischer Kanal zu
verlaufen scheint, das dritte und vierte Glied lang, eylindrisch;
die Geissel, wenig länger als das letzte, vierte Stielglied,
besteht aus sechs Gliedern. Sämmtliche Geisselglieder der
Antennen tragen an ihrem Ende kurze Borsten; die Stielglie-
der sind der ganzen Länge nach mit einzelnen Borsten besetzt.
Bis zum vierten Segment des Thorax nimmt der Körper
an Breite, und die ansehnlichen Epimerien, die am Rande
schwach gewimpert sind, an Grösse zu. Der Rücken zeigt
weder auf diesen noch auf einem der folgenden Segmente
eine Spur von Zähnen oder Dornen. Die vier ersten Fuss-
paare, wie gewöhnlich nach vorn gerichtet, sind klein und
schwach, weit kürzer als die drei letzten, von denen das
sechste das längste is. Die Hände am ersten und zweiten
Paare sind fast vollkommen gleich gebildet, nur dass die des
zweiten Paares, wie der ganze Fuss, etwas länger und schlan-
298 Friedr. Müller: -
ker sind. Das4te und 5te Glied dieser Paare sind stark verdickt,
letzteres (das Handglied) länglich viereckig, und: wie die bei-
den vorhergehenden Glieder, an der hintern Seite mit zahl-
reichen starken Borsten bewafinet. Die Klaue, mässig ge-
krümmt, reicht bis zum Ende des fast gerade abgestutzten
mit kurzen Borsten besetzten Randes der Hand.
Die ersten Glieder der Jangen drei letzten wahren Fuss-
paare sind von beträchtlicher Grösse, oblong, doch nach unten
etwas verschmälert, (die des siebenten Paares sind die brei-
testen), am Hinterende gezähnelt mit feinen kurzen Borsten
in den Buchten der Zähne und etwas stärkeren am Vorder-
rande.
Die grossen, ovalen, die Eier schützenden Lamellen der
Weibchen sind am Rande mit einzeln stehenden langen Wim-
pern besetzt. Die Weibchen, deren Anzalil die der Männchen
bedeutend zu überwiegen scheint, wurden in der Mitte des
Juni mit Eiern angetroffen und gegen Ende des Monats be-
gannen die entwickelten Jungen die Bruthöhle der Mutter zu
verlassen.
Die drei ersten Abdominalsegmente sind ein wenig länger
als die des Thorax; die vordere Ecke ihres untern freien
Randes ist abgerundet, die hintere in eine nach hinten ge-
richtete Spitze verlängert. Die Schwimmfüsse, welche sie
tragen, sind von gewöhnlichem Bau, nur dass die langen Bor-
sten,‘ mit denen ihre Aeste besetzt sind, einfach und nicht,
wie z. B. bei G. pulex und locusta, gefiedert sind.
Die drei folgenden, letzten Abdominalsegmente
sind kurz und zu einem einzigen ungegliederten
Stück verschmolzen !), das an seiner untern Seite die
!) Selbst bei den jüngsten Thieren, die man der Bruthöhle der
Mutter entnommen, ist keine Gliederung zu erkennen. Ueberhaupt
sind diese Jungen den Alten schon ganz ähnlich; der Hauptunter-
schied liest in der geringern Zahl der Geisselglieder, deren man an
den oberen Antennen 4, an den unteren 3 zählt, während die Neben-
geissel schon ihre 2 Glieder besitzt. Das Längenverhältniss der
Fübler unter sich, zum Körper, der Stiele zu den Geisseln ist übri-
gens ziemlich wie später, indem die geringere Zahl der Geisselglie-
der durch verhältnissmässig grössere Länge ersetzt wird. Ausserdem
sind die Dornen, Borsten u. s. w. noch weit weniger ausgebildet; die
Ueber Gammarus ambulans. 299
drei letzten Afterfusspaare, an seinem Ende zwei kleine cy-
lindrische, an der Spitze mit (in der Regel 5) kurzen Dornen
bewehrte bewegliche Schwanzanhänge trägt. Die Enden
der Basalglieder des 4ten und 5ten Afterfusspaares liegen in
gerader Linie mit dem Hinterleibsende;, natürlich ist also das
Basalglied des weiter nach vorn eingelenkten 4ten Paares län-
ger als das des öten; die beiden Aeste des 4ten Paares sind
gleich, etwas länger als ihr Basalglied, und überragen die des
folgenden Paares, dessen Aeste etwa von gleicher Länge mit
ihrem ‚Basalglied, und bei dem der äussere Ast unbedeutend
kürzer als der innere ist. Basalglieder und Aeste sind am Hin-
terrand und an der Spitze mit starken kurzen Dornen be-
wehrt; ich zählte deren. (ohne die Enddornen) 4 an den
Aesten des 4ten und dem innern Aste des 5ten, 3 am äussern
Aste dieses letzteren Paares. Die Afterfüsse des sech-
sten Paares endlich sind ganz rudimentär, kaum als
eine winzige Spitze zwischen dem vorhergehenden Paare und
den Schwanzanhängen. vortretend; sie bestelen aus einem
dieken konischen Basalglied, auf welches ein kurzes an seiner
Hinterseite mit einigen Borsten besetztes weit kleineres End-
glied aufgesetzt ist (Fig. B).
Unter den bekannten Arten der Gattung ist eigentlich
keine, die der eben beschriebenen besonders nahe stände; am
meisten scheinen noch mit ihr übereinzustimmen G. Ermanii
Edw. aus Kamschatka, bei dem aber die sehr kurzen letzten
Afterfüsse zwei Aeste tragen und die Schwanzanhänge ohne
Haare und Dornen sind (Edw. Hist. nat. des Crust. III. p.49)
und G. Zebra Ratlıke von der Küste Norwegens, bei dem
aber die Nebengeissel völlig ungegliedert, die einfachen letz-
ten Afterfüsse ansehnlich gross, die Schwanzanhänge ganz
rudimentär sind (Nov, Act. Ac. Caes. Leop. Vol, XX. p.1.p. 74).
Rathke hält es für nicht unzweckmässig, die mit der
zuletzt genannten Art durch die Merkmale: „yeux eirculaires,
Zähnelung am Hinterrande des ersten Gliedes am 5ten—7ten Fusspaare,
die Dornen der Afterfüsse des Aten und 5ten Paares, mit Ausnahme
der Enddornen, fehlen noch, die Schwanzanhänge tragen einen ein-
zigen Dorn am Ende u.s.w. Das sechste Paar der Afterfüsse ist
verhältnissmässig grösser, doch ganz von derselben Form, wie beim
Erwachsenen.
300 Friedr. Müller: Ueber Gammärus ambulans.
fausses pates abdominales de la sixieme paire ne portant pas
deux grands articles ceilies” übereinstimmenden Arten als
eigene Gattung von Gammarus abzusondern. In diese würde
auch der G. ambulans zu stellen sein. Ueberhaupt dürften
wohl die in Form und Zahl ihrer Theile so verschiedenen
Afterfüsse und Schwanzanhänge ein passenderes Moment für
die generische Sonderung der zahlreichen unter Gammarus
und Amphithoe begriffenen Arten abgeben, als die Nebengeis-
sel; denn gewiss sind durch Modificationen im Bau der für
die Bewegung der Amphipoden so wichtigen Afterfüsse bedeu-
tendere Differenzen in der ganzen Lebensweise bedingt, als
durch die An- oder Abwesenheit der Nebengeissel, die über-
dies bei mehreren Gammarus zu einer fast verschwindenden
Kleinheit herabsinkt (G. ambulans, Zebra u. s. w.), und gewiss
ist z. B. unser G. ambulans bei weitem mehr als die grosse
Mehrzahl der Amphithoe-Arten von den typischen Formen
seiner Gattung (G. pulex, locusta) verschieden.
Schliesslich die Diagnose der Art:
Gammarus ambulans, fronte inermi, oculis subrotundis,
antennis superioribus inferiores excedentibus, flagello auxi-
liari minimo biarticulato instructis, dorso laevi, pedibus
spuriis paris sexti simplieibus, conieis, perexiguis, appen-
dieibus caudae duabus, brevibus, cylindrieis, apice spi-
nulosis.
Long. 2”, antennar. sup. 0,8”.
Erklärung der Abbildungen Taf. X.
Fig. A. Die 4 letzten Hinterleibssegmente, mit den 3 letzten
Paaren der Afterfüsse und den Schwanzanhängen.
Fig. B. Das letzte Paar der Afterfüsse, stärker vergrössert.
Fig. C. Der Stiel der obern Antennen mit der kleinen Neben-
geissel und dem Anfange der 14gliedrigen Geissel.
301
Ueber Acanthocereus rigidus, ein bisher noch un-
bekanntes Entomostracon aus der Familie der
Cladoceren.
Von
Dr. J. Eduard Schödler.
(Hierzu Taf. XI. und X11.)
Seit einiger Zeit mit Untersuchungen unserer Süsswasser-
Entomostraceen beschäftigt, habe ich, aufgefordert durch das
reichhaltige Beobachtungsmaterial, das ich hierzu in der Um-
gegend Berlins in Teichen, Gräben, Flüssen und Seen ‚vor-
fand, und besonders gefesselt durch die interessanten und noch
vielfach räthselhaften Erscheinungen, welche die Entwickelung
dieser Thiere darbietet, meine nähere Aufmerksamkeit auf die
Lophyropoden und ins Besondere auf die Cladoceren gerich-
tet, Ich liess es mir zunächst angelegen sein, einen Ueber-
blick von der hiesigen Fauna dieser Thierchen 'zu gewinnen,
und hatte hierbei die Freude, nicht allein zu fast allen bisher
bekannten Gattungen dieser Gruppe zahlreiche, an anderen
Orten bereits aufgefundene und beobachtete Repräsentanten
anzutrefien, sondern auch mehrere hierher gehörige, bis jetzt
noch unbekannte Formen aufzufinden. Zu Letzteren gehört
das Thierchen, das ich hier einer näheren Betrachtung unter-
werfen und womit ich die Veröffentlichung einer grösseren
Reihe von Beobachtungs-Resultaten beginnen will.
Das hier zu beschreibende Entomostracon, zur Familie
der Cladoceren gehörig, bildet einen interessanten Uebergangs-
typus von der Gattung Daphnia zu Lynceus (beide Gattungen
in der Umgrenzung verstanden, wie sie in neuster Zeit, jene !)
von Straus-Dürkheim, diese ?) von W. Baird bezeichnet wor-
’) Vgl. Memoires du Museum d’histoire naturelle. Tom VI. pag. 157.
?2)S. W. Baird, on British Entomostraca, — The Annals and
Magazine of natural history. XI. (1813.) p. 87.
302 "Ed. Schödler:
den sind.) — In nachfolgenden Zeilen aber wünschte ich, ab-
gesehen von dem Interesse, welches das als neu zu beschrei-
bende Thierchen schon an und für sich in Anspruch nehmen
dürfte, die Aufmerksamkeit der Leser zugleich auf ein anderes,
schon von O.F. Müller, dem um die Entomöstraceen so sehr
verdienten dänischen Naturforscher, unter dem Namen einer
Daphnia curvirostris ) beschriebenes Entomostracon zu len-
ken, dessen Milne Edwards in seiner „Histoire naturelle
des Crustaces“, in welchem Werke er den zeitigen Bestand
dieser Thiere zu geben beabsichtigte, sehr mit Unrecht gar
nicht erwähnt. Diese Daphnia curvirostris Müll. zeigt die
grösste Verwandtschaft mit unserem Thierchen und unterschei-
det sich von diesem nur durch einige äussere Charaktere, die
O. F. Mitller in seiner Beschreibung und Abbildung aber so
entschieden hinstellt, dass an einer Verschiedenheit beider
Formen als Species keinen Augenblick gezweifelt werden darf,
Da sich, wie bereits angedeutet worden, das in Rede
stehende Thierchen mit keiner der ‘bekannten Gattungen der
Cladoceren, meiner Ueberzeugung nach, vereinen lässt, bin ich
gezwungen, es als neue Gattung aufzuführen, für welche ich
den Namen Acanthocereus ?) vorschlage, ein Name, der mit
der Lebensweise des Thierchens in näherer Beziehung steht.
Der Acanthocereus lebt nämlich in Torfgräben und nährt sich
vom Torfschlamme, den er mit dem Strudel zu den Mundtheilen
spült, welcher durch die undulatorische Bewegung der Hinter-
leibsbeine erregt, perpetuirlich zwischen den Vorderrändern
der Schale hereinströmt, um frisches Wasser den Kiemen zuzu-
führen. Hierbei ist unvermeidlich, dass schlammige Massen sich
an den Ruderborsten der Beine festsetzen und diese mehr oder
weniger in ihrer freien Bewegung hindern. Um diesem Uebel-
stande abzuhelfen, bedient sich nun das Thierchen seines, nicht
nur an den äusseren saumigen Rändern, sondern auch an bei-
den Seiten mit Stachelchen bepanzerten Schwanzes, indem es
mit diesem zwischen die Beine fährt und sie, gleichsam aus-
kämmend, säubert. Zur Fortbewegung bedient sich der Acan-
thocereus des Schwanzes, wie Daphnia, nur dann, wenn er in
!) S. O,F. Müller, Entomostraca. 1781. p. 93. tab. XII. fig. 1. 2.
2) Von 7 &xay9e (dxayI96w) und #eoxos:
Ueber Acanthocercus rigidus. 303
Engpässe 'gerathen ist, in denen er am freien Gebrauch sei-
ner Ruderarme gehindert ist.
Die neue Species benenne ich: Ac. rigidus, nach den tın-
beweglichen, starren Randborsten der Schale, die so unbieg-
sam sind, dass sie bei etwas unzarter Beräksume viel eher ‚mit-
ten durchbrechen, als sich vom Rande ablösen. (Vgl. Fig. 14.)
Bevor wir aber auf den Gegenstand unserer Untersuchung
näher eingehen, mögen folgende Worte hier noch Platz und
Entschuldigung finden.
Man hat bis in die neueste Zeit, selbst bei generischen
Unterscheidungen dieser Thiere meist nur äusserliche und oft
ganz unwesentliche ‚Merkmale hervorgehoben. , Eine solche
Behandlungsweise muss jedoch den zeitigen Standpunkt der
Wissenschaft nothwendig unbefriedigt lassen. Die grossen Fort-
schritte, welche in neuerer Zeit auf dem Gebiete der Mikro-
skopie gemacht worden sind, geben dem Zoologen bei seinen
Untersuchungen Hülfsmittel an die Hand, welche ihm gestatten
sogar bei mikroskopisch. kleinen Tbierformen einen Grad von
Genauigkeit zu erreichen, wie er bisher bei vielen der grösse-
ren Thiere kaum hat möglich gemacht werden können. Zur
Bestätigung dieser meiner Aussage dürfte es genügen, ‚an die
vielen Bereicherungen und grossen Erweiterungen der Wis-
senschaft zu erinnern, welche diese den schöpferischen Unter-
suchungen des Herrn Prof. Ehrenberg im weiten Umfange der
mikroskopischen Thierwelt verdankt. Obgleich nun eine grosse
Zahl der Entomostraceen nicht unter die eigentlich mikrosko-
pischen Thierformen zu stellen sein wird, so erheischt doch
ihre gründliche Erforschung eine mehr oder weniger aus-
schliesslich mikroskopische Behandlungsweise. Vor Allem aber
darf die Beobachtung der Entwickelungsgeschichte nicht vernach-
lässigt werden, wenn man nicht, anstatt der Wissenschaft zu nüz-
zen, nur Verwirrungen hervorrufen will, wie solches in einem
neueren Werke des Herrn Forstrathis Koch ") in Regensburg, des-
sen Erwähnung ich hier nicht umgehen kann, nur allzusehr der
Fall ist. In diesem Werke hat Herr Koch eine grosse Zahl dieser
Thierchen offenbar melır gezeichnet und beschrieben, als be-
obachtet, daher sowohl die wesentlichen Unterschiede der Ar-
*) Koch, „Deutschlands Crustaceen und Myriapoden.
304 „Ed. Schödler.
ten nicht hinreichend erkannt, als auch öfter selbst bereits
bekannte Formen mit neuen Namen belegt. Um nur unter
mehreren einen uns hier nahe liegenden Fall hervorzuheben,
will ich bemerken, dass sich aus einer bei uns fast gemeinsten
Species der Gattung Daphnia, nämlich der D. pulex Müll.,
nicht weniger als vier neue Species gemacht finden, indem
als solche die verschiedenen Entwickelungs- oder vielmehr
Altersstufen angesprochen sind. Ausser der D. pulex‘) nämlich
ist noch aufgeführt eine D. longispina, die, wie schon Jurine
so entschieden nachgewiesen hat ?), nichts weiter ist als der
Jugendzustand der D. pulex; dann eine D. media, d. i. die
D. pulex im etwas vorgerückteren Alter, die durch das häu-
fige Häuten ein Stück von dem Stiel (Dorn, spina) an der
hinteren, oberen Schalenecke eingebüsst hat; ferner eine D,
ramosa, d. i. die völlig ausgewachsene D. pulex, und endlich
eine D. ephippiata, d. i. die mit dem, von ©. F. Müller soge-
nannten Ephippium versehene D. pulex, was Müller ?) bereits
beobachtet und ganz richtig erkannt hat. —
Nach dieser kleinen Abschweifung wollen wir nur noch
wenige Worte über die Beziehungen, in denen die neue Gat-
tung zu den übrigen der Familie steht, voranschicken,
Der Acanthocereus bildet, wie schon oben angedeutet
worden, eine Mittelform zwischen Daphnia und Lynceus: dem
ganzen Habitus nach, sowie nach der Struktur der Ruder-
arme und der hiermit zusammenhängenden Art und Weise der
Schwimmbewegung gleicht er den Daphnien; doch unterschei-
det er sich von diesen ganz wesentlich durch die Bildung sei-
nes Nahrungskanals, durch eine verschiedene Struktur der
Beine; der Antennen, sowie durch eine abweichende Forma-
tion der sogenannten Ephippien, — und schliesst sich durch
diese, von dem Typus der Daphnien abweichende Merkmale
enger an die Lynceen und zwar am nächsten der Untergat-
tung Macrothrix *) Bd. an.
!) Vergl. i. a. W. h. 35.n. 15; h. 35. n. 17; h. 37. n. 1; h. 35. n. 18,
und h. 35. n. 16.
2) S.Jurine Histoire naturelle des Monocles. Geneve. 1820. p. 117.
3) A. a. O. p. 84.
%) Vergl. Baird a. a. ©, p. 87. pl. 11. fig. 9. 10.
Ueber Acanthocercus rigidus. 305
Es wäre sehr wünschenswerth, Letztere einer umfassen-
deren Untersuchung zu unterwerfen, als es durch Baird aus
Mangel an Beobachtungsmaterial, wie dieser selbst eingesteht,
hat geschehen können; da dieses Thierchen mit dem ihm sehr
verwandten Monoculus roseus ') Jur. (Daphnia (?) rosea Milne
Edw.) einen höchst interessanten Uebergangstypus von dem
hier zu beschreibenden Thierchen zu den Lynceen darbieten
dürfte. Ja, ich gestehe, dass ich, um einer Vermehrung
der Zahl der Gattungen wenigstens vorläufig auszuweichen,
mich vielfach bemüht habe, eine Unterordnung des neuen
Thierchens unter die Untergattung Maerothrix. Bd. zu recht-
fertigen. Da solcher Vereinigung aber, wie unten gezeigt
werden soll, Differenzen der wesentlichsten Gattungscharaktere
entgegenstehen, wage ich nicht mich dafür zu entscheiden.
Wir werden bei unserer Betrachtung, wie aus dem oben An-
geführten schon hervorgeht, speciell nur auf die Gattungen
Daphnia und Lynceus Rücksicht zu nehmen haben; da der
Acanthocercus mit keiner der übrigen Gattungen, (ich meine
die als solche bereits begründeten, wohin die in letzterer Zeit
durch Herrn Koch von Daphnia getrennten neuen Gattungen
Pasithea und Eunica nicht gerechnet werden können), abge-
sehen von allen übrigen Gattungs- Charakteren, schon wegen
der entweder grösseren, oder kleineren Zahl und verschiede-
nen Struktur der Füsse vereinigt werden kann. Nach der
Zahl der Fusspaare nämlich lässt sich der zeitige Bestand der
ganzen Familie in folgende drei sehr natürliche Unterabthei-
lungen bringen:
- Divisio: Entomostraca s. Aspidostraca Burm.
. Ordo: Lophyropoda Latreille.
+ Familia: Oludocera Latr. s. Daphnidae Straus.
A. Duodecim pedibus:
Genus 1: Sida Strs.
Genus 2: Latona Strs. (?) ?)
!) Vergl. Jurine a. a. O. p. 150. pl. 15. fig. 4. 5.
2) Die Gattung Latona umfasst nur eine einzige Art, nämlich:
L. setigera Strs. (Daphnia setigera Müll.) und ist die einzige Gat- ı
Archiv 1, Naturgesch, X11, Jahrg. 1. Bd. ‚20
306 ‘Ed, Schödler:
B. Decem pedibus::
Genus 3: Daphnie (Müll.) Strs. ')
Genus 4: Acanthocereus mihi.
Genus 5: Zynceus (Müll.) Baird.
©. ©cto pedibus:
Genus '6: Polyphemus Müll.
Genus 7: Evadne Loven.
Genus. Acanthocercus.
Testa abdominalis. bivalviformis, margine postremo emar-
ginata, penultimum corporis segmentum ,nudum relinquens,
Gephalothorax parte superiore convexus et, rotundatus; in
rostrum ‚obtusum, longe ‚porrectum abiens;, media in parte
eius superiore et maxime prominente ‚oculus magnus compo-
situs; in, rostri apice, supra antennarum basi macula nigra,
quae vulgo dieitur oculus simplex. , Antennae lamellatae, pen-
dulae, valde compressae, curyatae, (cornu-copiae, non dissini-
les); in: apice inferiore v, libero lamellarum. linguiformium in-
aequalium fasciculo exornatae, Pedes natatorii duebus ‚ranıis
articulatis, fere aequalibus instrueti: ramus alter 4-articulatus,
alter 3-articulatus. .,Seta primi articuli rami, 3-articulati, per-
longa, margine ‚interiore spinulosa. ‚Labrum margine inferiore
v,\exteriose ‚eristatum. Abdominis pars anterior. in feninis
adultis subselliformis: Penultimum corporis segmentum. in
facie, exteriore 'v. dorsali spinulis densissime obsitum, Cauda
cum 'abdomine anteriore articulate coniuncta, inflexa; per mar-
ginem exteriorem v. superiorem paululum sulcata, duabus un-
guieulorum seriebus armata; in utroque latere spinulis densis-
tung der bekannten Süsswasser-Cladoceren, für die ich bis jetzt in
unseren Gewässern keinen Repräsentanten aufgefunden habe! "Sie ist
bisher nur von Müller untersucht und -besehrieben worden; in dessen
Angaben ist aber gerade die Zahl der Füsse,nicht zuverlässig bestimmt,
weshalb ich obiges Fragezeichen hinzufügte, obgleich nach allen
übrigen Charakteren die durch obige Stellung angedeutete nächste
Verwandtschaft mit Sida gerechtfertigt zu werden scheint:
") Indem ich hier vorläufig die Gattung Daphnia in der Begren-
zung hinstelle, welche ihr Straus-Dürkheim (a. bereits a. O.) ange-
wiesen hat, umfasse ich dadusch zugleich Koch’s beide Gattungen
Pasithea und Eunica; weil aus dem oben angeführten Grunde im
Folgenden doch nicht auf sie, als sichere Gättüngen näher eingegan-
gen werden könnte.
Ueber Acanthocercus rigidus. 307
sime obsita, Duae setae caudalesı perlongae, ‚rarissime.‚pilosae.
Pedes abdominales decem, testa omnino obtecti:, sex ‚anteriores
unguibus instructi, a quatuor posterioribus structura omnino
discrepantes. Intestinum, cuius extremitati cardiacae coeca
desunt, in penultimis corporis segmentis semel' conyolutum.
4. Acanthocereus' eurvirostris mihi,.,
Daphnia curvirostris Müll. ‚ef. ej. Entomostraca, pi. 93, tab.
XI. Fig. 4. 2. — Zool. Dan. prodr, 2403. nee
inflexa, testa antice pilosa, eornjeulis; pendulis.‘“
'Notae quibus' ex Mülleri ‚deseriptione ‚haee ‚species ab, se-
quente discrepat, ut auetoris; verbis utar,; hae ‚sunt: \. „Caput
(eephalothorax) antice infra. apicem lamina ‚serrulata divisum-
Duae setae eaudales (per totam longitudinem (?) ): pilis, ramg-
sis 'raris ‘obsitae,‘‘
2. Acanthocereus rigidus mihi,
Cephalothorax testa coriacea, pellucida arcte |yestitus; ‚la-
mina serrulata 'antice infra apicem non .dividitur. . Gephalotho-
raeis pars superior convexa et rotundata, inferior. lata.et plana
vel paululum concava. Antennae cornu-copiae non dissimiles mar-
gine anteriore et convexo ‚spinulosae; in,apice Jibero et dilatato
faseieulo octo Jamellarum Jlinguiformium, inaequalium, quaeı in
omnes partes radiatae prominent, exornatae. Pedum natatorio-
rum ramus 4-articulatus tribus. setis et .duabus spinis, 3-ar-
ticulatus quinque :setis unaque spina. instructns. Omnes_ ra-
morum ‘setae biarticulatae et. Jongissima illa ‚laterali, quae
primo articulo rami 3-artieulati insidet ‚atque margine. interiore
eilis perparvis, rigidis et quindecim : spinulis exornata_ est,
excepta, plumosae. ‚Juxta basin utriusque rami trunco spina
adhuc insidet. Testa. abdominalis ‚laeyis, pellucida, punctata,
angulis obtusa, fere ovata; marginibus liberis, parte superiore
marginis posterioris excepta, setis, rigidissimis. obsita, ı |; Setae
caudales biartieulatae, articulo terminali. solum ‚pilis tenuissime
exornatae, Corpus: \colore modo 'pallide flavescente, modo ru-
bro-flavescente. Longitudo, ab äpice rostri usque ad margi-
nem: testae postremum nobis metientibus. 7“ non superat.
Nach ‚dieser \in- Kürze a Charakteristik
wollen wir zu einer ausführlicheren Betrachtung unseres Thier-
chens übergehen und, zur besseren Uebersicht, zunächst eine
Jetaillirtere Beschreibung ‚der äusseren Gestalt desselben zu
20 *
308 Ed. Schödler:
geben und hierauf seine innere Organisation etwas näher zu
beleuchten versuchen.
1. Aeussere Gestalt,
Wir haben bereits oben die grosse Aehnlichkeit berührt,
welche der Acanthocercus bei oberflächlicher Betrachtung mit
dem Habitus der Daphnien zeigt und wovon die Betrachtung
der beigefügten Abbildungen ‚leicht überzeugen wird. Wie
in den verwandten Gattungen, wird schon durch die äussere
Bedeckung der Körper des Thierehens deutlich in zwei Theile
geschieden: in einem vorderen oder Cephalothorax (Fig. 1.2:
A. B.), welcher von der äusseren Bedeckung dicht umkleidet
wird, und in einen hinteren, den Hinterleib (abdomen) (Fig. 1.
2. B. C C, und Fig. 9.), welcher nur an seinem vorderen,
oberen Theile mit der, ihn sonst frei umhüllenden, der Form
nach zweiklappigen Schale verbunden ist.
Der Cephalothorax von dem Typus aller verwandten
Gattungen, mit Ausnahme der von W. Baird für eine Unter-
gattung des Lynceus angesprochenen Macrothrix, abweichend,
läuft nach vorn in einen stumpfen, weit vorgestreckten Rüssel
oder Schnabel aus, der aber weder nach unten und hinten
umgebogen, schnauzenförmig, wie bei den eigentlichen Daph-
niien, noch wirklich vogelschnabelartig, wie bei den eigentlichen
Lynceen ist. Von der Seite betrachtet (Fig. 2.) sieht der Ce-
phalothorax einem Kugelsegment nicht wnähnlich; von der
oberen d. i. Rückenseite aus betrachtet zeigt er eine mehr
rhomboidische Gestalt; die obere Portion desselben ist abge-
rundet, convex, an den Seiten etwas zusammengedrückt; die
untere ist fast gerade, oder nur wenig concay und geht nach.
hinten in die Oberlippe über.
Die äussere Bedeckung des Cephalothorax ist an. der
vorderen, sowohl oberen als unteren Portion zwar noch ganz
häutig und fest, aber doch sehr dünn und durchsichtig; dagegen
am oberen, hinteren Cephalothorax, wo die grösseren Muskeln
desselben sich inseriren, sehr stark, lederartig, weniger durch-
sichtig und unterscheidet sich -in Nichts von der eigentlichen
Hinterleibs-Schale. Sie ragt nicht, die Basis der Ruderarme
mehr oder weniger überdachend, wie bei Daphnia und Lyn-
ceus, an den Seiten hervor, sondern geht unmerklich in die
Ueber Acanthocercus rigidus. 309
äussere Umikleidung der Ruderarme über und verstattet ihnen
so die freieste Bewegung nach allen Richtungen. Beim aus-
gewachsenen weiblichen Thierchen bildet sich, durch den pe-
riodisch wiederkehrenden Hautwechsel und durch die etwas
grössere Wölbung, welche die Hinterleibsschale annimmt, be-
sonders auf der Rückenseite, wie bei den meisten der ver-
wandten Thierchen, eine Art Einkerbung (Fig. 1. 2. B.), die
sich als kleine Furche nach den Seiten und nach unten zu
fortsetzt und die Stelle anzeigt, wo die Hinterleibsschale bei
der Häutung sich ablöst, oder, was dasselbe ist, wo die Schale
in die äussere Bedeckung des Cephalothorax übergeht. Bei
jungen Individuen ist eine solche Einkerbung vor der ersten
Häutung noch gar nicht vorhanden und nach den ersten Paar
Häutungen auch nur in geringem Grade bemerkbar. In Be-
zug auf die Grössen - Dimensionen des hier als Cephalothorax
bezeichneten Körpertheils ist zu bemerken, dass sein grösster
Höhendurchmesser, der in der Gegend der Ruderarme zu neh-
men ist, ungefähr gleich dem der grössten Dicke oder Querdi-
inension sein und beide ungefähr 3 seiner Länge betragen werden.
An der schnabelförmigen Spitze des Cephalothorax''und
zwar an der unteren Seite derselben trägt unser Thierchen
das Paar der wirklichen Antennen (Fig. 2. 3. a. a.) (corni-
eula von O. F. Müller, les antennules oder les petites antennes
von den französichen Schriftstellern genannt.) Diese Organe,
die durch einen besonderen Muskel frei vorwärts und rück-
wärts bewegt werden können, und des geraden und verge-
streckten Kopfes wegen weiter vorgerückt erscheinen als bei
Daphnia und Lyneeus, sind hier, damit sie mit ihrem freien
Ende bis in den Strudel, der Nalırung zum Munde und frisches
Wasser zu den Kiemen führt, reichen, von grösserer Länge,
als in den verwandten Gattungen. Auch ihre Struktur ist
eine ganz abweichende und findet nur bei der Macrothrix Bd.
und dem Monoculus roseus Jur. ein Analogon. Sie sind
eingliedrig, gekrümmt, von den Seiten stark zusammen-
gedrückt, noch unten zu breiter werdend, füllhornähnlich;
am vorderen, convexen Rande, an dem sich der bewegende
Muskel inserirt, ziemlich fest und mit fünf kleinen Dornen
verziert.
Aus dem unteren, freien und breiteren Ende jeder An-
310 Ed. Schödler: |
tenne ragt ein Büschel von 8 zungenförmigen, ungleichen La-
mellen (Tentakeln) (Fig. Il) 'bervor, die. nach’ allen Seiten zu
strahlenförmig ausgespreizt' sind und jede in ein kleines warzen-
förmiges Knöpfchen enden. Am oberen schmaleren Ende und
„war an. der Aussenseite: jeder Antenne findet sich eine kleine,
rundliche , muschelförmige Vertiefung oder vielmehr Oefinung
(f), aus:der eine sehr zarte, bewegliche, Wimper hervorragt.
Ueber ‚der. Insertionsstelle der Antennen ist, wie bei den
meisten der verwandten Formen, ein schwarzer, rundlicher,
unbeweglicher Fleck (Fig. 2. 3. n.) sehr deutlich sichtbar, der
nach O. Fi Müllers Vorgange gewöhnlich für ein Nebenauge
dieser: Thierchen angesehen worden ist, Ueber \diesen, sowie
über das grosse sehr ‚bewegliche, zusammengesetzte Auge (Fig,
1.'2. und 14. A.), das die vordere, ‚obere und am meisten
hervorragende Stelle des Cephalothorax einnimmt und durch
die gemeinschaftliche Bedeckung desselben, die an dieser Stelle
aber: sehr dünn und glatt, ist, gegen äussere Einflüsse geschützt
wird, ‚siehe! weiter unten den Abschnitt über Sinnesorgane.
Die Ruderarme oder eigentlichen Schwinmbeine, pedes
natatorii, (antennae Müll. '), les bras Jur. ?), les grandes an-
tennes:;ou les rames Strs. ?), die Mandibular-Palpen Loven *),
the rami Bd. °), antennae maiores Zaddach ®)), für welche wir
die: Benennung beibehalten, welche ihre Funktion bezeichnet
und es hier unentschieden lassen wollen, ob sie nach Straus
wirklich für das erste Fusspaar oder nach der Mehrzahl der
übrigen ‚Schriftsteller für das zweite Antennen-Paar dieser
Thiere zu halten sein werden, haben beim Acanthocereus eine
ganz ähnliche Struktur, wie bei den Daphnien (Fig. 1. 2. 10).
Sie sind'über dem Oesophagus, vor den Mandibeln, innerhalb
der Krümmung, welche hier. der magenförmig: erweiterte Darm
macht, mit dem Cephalothorax verwachsen und bestehen jeder
aus einem ‚starken stielförmigen, zweigliedrigen. Basaltheile
(truncus), welcher sich an seinem oberen Ende in zwei frei
bewegliche, fast gleich lange, ästig-gegliederte Arme (rami)
theilt. ' Der Basaltheil dieser Organe (T. T.) ist stark, eylin-
»), (2), (2), () a. a. O.; (*) vel. Loven „Ueber Evadne Nord-
manni“ in diesem Archiv IV. (1838). 1. S. 155. — (°) E. G. Zaddach
„Synopseos Crust. Pruss. Prodromus.“ Reg. 1844, p, 21 et sqgq.
Ueber Acanthocercus rigidus. 31
drisch, anseiner Basis. etwas dicker als am oberen Ende ‚und
nicht nur am Cephalothorax ganz frei beweglich, sondern kann,
ungefähr initten ‘in seiner Längendimension,, zum Behuf des
Schwimmens ganz. ellenbogenartig, unter beliebigem Winkel
eingeknickt werden. Um die Ellenbeuge herum zeigt er, 6—8
Einschnürungen,, ‘die durch eben ‚so ‚viele Ringmuskeln, | wie
wir. weiter»unten «sehen ‚werden, bedingt werden.| Am äusse-
ren, ünteren Rande. der Ellenbeuge‘ stehen. auf einem kleinen
Fortsatz.zwei kleine, gleiche, gegliederte Borsten (s").
"Sonst wird die äussere Bedeckung von einer ‚zwarı dün-
nen, ‚durchsichtigen; aber. sehr festen Haut gebildet, welche
auf ihrer ganzen! Oberfläche mit kleinen schuppenartigen Tu-
berkeli oder Stachelchen bepanzert ist. ‚In Betrefl des Län-
gen-Verhältnisses ist zu bemerken, dass die Spitze. des ellenbo-
genförmig eingeknickten und nach, vorn gerichteten‘ Truncus
dei Schnabel des Cephalothorax nicht oder nur. unmerklich
überragt. (Vgl. Fig.2. u. 10.) Das obere Ende des Truncus
trägt endlich zur Seite jedes der beiden Aeste noch einen
ziemlich ‚starken Dorn (d,d).
Die beiden, dem eben beschriebenen Basaltheile gelenkig
eingefügten, nebeneinander stehenden, gegliederten Aeste (R. R‘),
an der äusseren Oberfläche wie dieser beschaffen, mit Schwimm-
borsten und Dornen versehen, sind fast gleich lang, cylindrisch,
und nehmen nach der Spitze zu allmählig an Durchmesser, ab.
— Der eine dieser Aeste und zwar der äussere (R‘) ist vier-
gliedrig, trägt an der Spitze des äussersten Gliedes drei
gleiche Schwimmborsten, einen kleinen Dorn (d’) und an der
Spitze des zweiten Gliedes noch einen etwas grösseren Dorn
(d‘). Was (die einzelnen Glieder dieses Astes anbelangt, so
ist das erste oder Basalglied das kleinste von allen, oben. et-
was schief abgestutzt und scheint ganz besonders zu bedin-
gen, dass dieser äussere Ast bald vor, bald hinter den ande-
ren gebeugt und so die Schwimmfläche dieses Ruderorgans
beliebig modifieirt werden kann.
Das zweite, mit einem \Doru bewaflnete Glied ist das
längste und zwar fast eben so lang, als Jdas vorletzte und
letzte, die einander an Länge ziemlich gleich, zusammenge-
nommen betragen, Der andere.etwas kürzere Ast jedes Ru-
derbeins (R) ist nur dreigliedrig; aber mit fünf gegliederten
312 Ed. Schödler:
Schwimmborsten und einem Dorn bewaffnet,’ welche‘ so ver-
theilt sind, dass drei’ einander ganz gleiche Schwimmborsten
und der Dorn \der' Spitze des letzten Gliedes, wie beim vori-
gen» Aste, 'aufsitzen, eine’ vierte'etwas längere Schwimmborste
der Spitze des mittelsten Gliedes und die fünfte,‘ längste und
stärkste dem ersten Gliede in! gleicher‘ Weise seitlich eingefügt
ist. ' Die‘ Glieder dieses Astes entsprechen respective dem
zweiten, vorletzten und letzten 'Gliede' des vorigen; 'doch ist
das erste Glied des inneren Astes etwas länger als das zweite .
des 4gliedrigen. Sänmtliche Borsten 'sind deutlich gegliedert
und mit Ausnahme jener längsten seitlichen (s‘), auf ihrer gan.
zen Länge dicht 'gefiedert. ") Die seitliche Borste des ersten
Gliedes (s‘) jedes dreigliedrigen Astes ragt nicht sowohl’ durch
ihre bedeutende Länge unter allen übrigen ‘hervor, wie‘ dies
bei‘der Macrothrix Bd. der Fall sein soll, als durch die et-
was bedeutendere Dicke und ganz besonders dadurch, dass
sie nicht, wie alle übrigen, gefiedert, sondern, am inneren
Rande bis zum ersten Gelenke mit kurzen, steifen- Wimpern
und von da ab mit fünfzehn kleinen Widerhaken oder Dornen
besetzt ist.
In der eben dargelegten Struktur der Ruderarme stimmt
unser Thierchen bis auf die Zahl und Struktur der einzelnen
Borsten ziemlich genau mit den Daphnien ?) überein. Es be-
dient sich, wie diese, der’ Ruderbeine fast ausschliesslich zur
Fortbewegung, welche ein ganz analoges sprungweises Schwim-
ınen, wie bei Daphnia und Sida ist. Wenn nun gerade nach
diesen Charakteren die neue Gattung als den Daphnien am
nächsten stehend bezeichnet werden musste, so unterscheidet
sie sich 'andererseits hierdurch ganz wesentlich von allen Lyn-
ceen ?) und lässt sich 'an der sprungweisen Schwimmbewe-
!) Aehnlich gefiederte Borsten besitzen alle wirkliche Daphnien
an ihren Ruderarmen, und es muss einer fehlerhaften Beobachtung
zugeschrieben werden, wenn Straus-Dürkheim (Memoires du Mus.
T. VI. p. 158) das Fehlen solcher Fiederung als specifischen Unter-
schied, z. B. bei D. sima, bei D. longissima, d, i. D. pulex im jugend-
lichen Zustande, hervorhebt.
2) Vgl. hierüber Straus-Dürkheim a. eben a O. p. 157.
®) Vgl. W. Baird a. a. O, p. 87 et sgg. tab. 11. fig. 4. 9. 10. 13., tab.
ıl. fig. 3. 10. a
Ueber Acanthocercus rigidus. 313
gung schon mit unbewafinetem Auge als Nicht-Lyneee er-
kennen. !)
Als äussere Theile des Cephalothorax sind nun noch die
Mundtheile zu betrachten, von denen sich eine Oberlippe (la-
brum), ein Paar Mandibeln und ein Paar Maxillen finden.
"Die Oberlippe (Fig. 2. 12. L.) bildet die unmittelbare
Fortsetzung der unteren Seite des Cephalothorax und wird in
ruhiger Lage, d. i. wenn sie den Mund verschliesst, ganz von
dem vorderen Theile der Schale bedeckt; sie kann jedoch zur
Aufnahme von Nahrung ziemlich weit nach unten und vorn
zurückgeschlagen werden. 'Sie bildet einen fleischig-muskulö-
sen‘ Körper, der an seinem Ende einen verdickten, abgerunde-
ten und dicht behaarten Lappen (l) und an seiner unteren
..') Ueber die Struktur der Ruderarme bei den Lynceen finden
sich in fast allen Handbüchern die unrichtigsten Angaben. Baird hat
das Verdienst, die Lynceen zuerst einer gründlichen Untersuchung un-
terworfen, die Gattungscharaktere derselben und unter diesen auch
die Struktur der Ruderarme zuerst ins Klare gebracht zu haben.
Wenn daher auch jene Angaben, die auf uncorrecten früheren Beob-
achtungen basiren und selbst die in Milne Edwards Histoire naturelle
des Crustaces T. 111. p. 374 und 386 enthaltenen Widersprüche hier
füglich unberücksichtigt bleiben dürfen, so glaube ich doch die fol-
gende, meines Wissens neueste Schilderung, welche Zaddach in sei-
nem bereits erwähnten Synop. Crust. Pruss. Prodr. S.27 bei Beschrei-
bung der Gattung Lynceus über diese Theile giebt, näher anführen
zusmüssen. Es heisst daselbst wörtlich so: „Antennae autem, ut in
Lynceo trigonello vidi, ab iisdem Daphniarum partibus nonnisi seta-
rum dispositione et structura discrepaut. Truncus duos habet arti-
culos, alterum breviorem, alterum longiorem et ad excipiendos ramos
apice triangularem. Ramorum anterior sive interior e guatuor arti-
eulis constat, quorum primus perbrevis,.... — Ramus posterior sive
exterior Zribus articulis, quorum ultimo tres setae longae insertae
sunt, compositus est, Setae omnes medio quidem articulatae, non
vero pinnatae sunt,” Eine solche Struktur der Ruderarme hat Baird,
der zwölf verschiedene Species der Gattung Lynceus beobachtet und
sehr genau beschrieben hat, unter denen sich auch der L. trigonellus
Müll. (Pleuroxus trigonellus Bd.) befindet, bei keiner derselben ge-
fünden. Ich selbst habe bis jetzt zehn verschiedene Species dersel-
ben Gattung, und unter ihnen gleichfalls den L. trigonellus, in unseren
Gewässern aufgefunden und vielfach beobachtet, aber niemals eine
Abweichung von dem durch Baird aufgestellten allgemeinen Typus
der Lynceen gefunden.
314 Ed. Schödler:
oder vielmehr äusseren, "abgerundeten Seite’ "einen‘ ‚starken,
helmförmigen Fortsatz (p) trägt. Die obere Seite der,Ober-
_ lippe ist flach rinnenförmig ausgehöhlt, geht unmittelbar'in den
Schlund “über und überdeckt ‘beim Kauen die. eigentlichen
Kauflächen ‘der Kiefer. Der 'helmförmige Fortsatz'(p), der
unter fast rechtem Winkel der Oberlippe aufgesetzt, an! seinem
vorderen convexen Rande’ sehr fest und mit kleinenDornen
verziert ist, dient den bewegenden Muskeln. derselben zur‘ In-
sertion und ragt 'bei der Bewegung der‘ Oberlippe "über den
Vorderrand der Schale hervor. "Ein soleher. Appendix findet
sich an ‘der Lippe der Daphnien !) nicht; er ist aber, und
zwar in noch grösserer Ausbildung,’ bei allen ‚Lynceen’?)) vor-
handen. ’
Die eigentlichen Kiefer des Acanthocereus unterscheiden
sich kaum von denen der verwandten Gattungen.
Die Mandibeln (Fig. 2.4, 10D.), die eigentlichen Kau-
werkzeuge dieser Thiere, sind bügelförmig gekrümmt, nach
Aussen convex,und an der inneren convexen Seite durch einen
starken Muskel mit dem Thorax, unmittelbar hinter der Inser-
tionsstelle der Ruderbeine, verwachsen. Das untere, ‚diekere,
rundliche, nach Innen umgebogene Ende trägt die eigentliche
Kaufläche (k), die scharf, zahnförmig gerieft oder vielmehr mit
8—10 zahnartigen Erhabenheiten versehen ist. — Hinter den
Mandibeln sitzen noch unmittelbar am Munde ein Paar Maxil-
len (Fig. 4. 5.), die aber sehr klein und schwierig zu erken-
nen sind; sie sind von analoger Bildung: am freien Ende mit
vier gekrümmten, fast borstenartigen Haken besetzt, aber mehr
horizontal nach hinten, gerichtet, während die Mandibeln in
fast vertikaler Richtung‘ den seitlichen und unteren Theil des
Thorax halsbandartig umfassen. — Andere Mundtheile habe
ich weder bei Acanthocereus, noch beim den verwandten For-
men unterscheiden können,
Der Hinterleib (abdomen), den wir nach Straus, Vorgange
hierin ıder Begrenzung nehmen, wie diese durch die äussere
’») Vgl. Straus, Mem. du Mus. T. V. p..399 und Jurine (a. a. O.
S. 94), der das Labrum ‚la soupape des mandibules“ benennt und
ganz bezeichnend so beschreibt: „de la forme d’une auge ou d’une
demigouttiere‘*,
2) Vel. W. Baird a. a. O. S. 85.
Ueber Acanthocercus rigidus. 315
‚Bedeckung (die eigentliche Schale) meist:schon:äusserlich mar-
‚kirt, wird , ‚geht \unmerklich in. den Thorax über, ist nur an
seinem; ersten Segmente mit der. Schale verwachsen, von: der
er. sonst ganz frei umhüllt ‚wird,
1 Was die Schale (Fig. 1.2. 14, SS.) zunächst ianbelangt,
die amı Vorderrande mit der oberen schaligen 'Bedeckung des
Gephalothorax'verwächst und in ihrer Begrenzung von dieser nur
durch. eine flache, schräg verlaufende Furche zu erkennen: ist,
so ist. .sie.der Gestalt, nach zwar; eine zweiklappige, bestelit
aber nicht wirklich aus zwei getrennten Valveln, wie-bei den
eigentlichen Daphnien «(D, magna, pulex, sima, serrulata), son-
dern.‚wie..bei den Lynceen ‚nur ‚aus einem Stück, das, ganz
dem Schilde (seutum) der. Apoden entspricht. - Von der, Seite
betrachtet (Fig. 2. 14.) hat die Schale eine mehr oder weniger
eiförmige Gestalt; sie; ist nach Aussen bauchig' erweitert, an
den Ecken abgerundet; am vorderen mit dem Thorax: verwach-
senen und am hinteren freien Rande tief ausgeschnitten, ‚und
it Ausnahme dieses ausgerandeten Theils am ganzen übrigen
freien Rande mit einem Kranz von ganz steifen, abstehenden,
unbeweglichen Borsten besetzt. Der Ausschnitt des hinteren
Schalenrandes gewährt dem sogenannten Schwanztheil (des Ab-
domens bei seinen. Bewegungen ganz freien Spielraum. Die
äussere Oberfläche der mehr oder weniger durchsichtigen Schale
ist glatt, schwach punktirt, wie die ganze übrige Epidermis des
Thierchens, ‘von der sie auch gebildet wird. Aus dieser Schale,
die den grössten Theil’ des Körpers umhüllt, ragen bei dem in
Ruhe befindlichen Thierchen nur die Krallen der vorderen 'Fuss-
paare, die. Endkrallen \des Schwanzes, die langen Schwanz-
‚borsten und die‘obere mit Stachelchen dicht 'bepanzerte Por-
tion des vorletzten. Körpersegments hervor,
+» Der Hinterleib (Fig. 1. 2. 9,:B.0 C’) ‚besteht aus
zwei deutlich gesonderten Theilen,, von,denen wir den vor-
deren und grösseren, welcher an seinen vorderen Ringen die
fünf Fusspaare trägt, mit Brandt als „Brusttheil des Hinter-
leibs‘, den hinteren, ‚der hier niemals Füsse trägt und ge-
wöhnlich unter ersteren zurückgeschlagen ist, als „Schwanz-
theil des Hinterleibs“ nicht unpassend zu benennen glauben ').
') Vgl. hierüber W. F. Erichson’s’Entomoer.. Berlin 1840, S. 19
.
316 Ed. Schödler:
Der vordere oder Brusttheil des Hinterleibs (B C) ist’vom
Rücken 'aus etwas platt gedrückt, bei erwachsenen Weibchen
in seinem‘ mittleren Theile ganz sattelförmig gekrümmt "und
lässt nur sehr undeutlich eine Sonderung in Leibesringe er-
kennen. ‘Durch die Krümmung dieses Brusttheils entsteht beim
weiblichen Thier zwischen ‘der Rückenseite und der inneren
Schalenwand 'ein nicht unbeträchtlicher leerer Raum, ' den zu-
erst Jurine, und ihm folgend auch Baird, mit dem Namen der
Matrix (la matrice!) bezeichnet haben, da er bestimmt ist
die Eier, sowie sie aus dem Ovarium heraustreten, aufzuneh-
men und so lange schützend zu bewahren, bis die juuge Brut
vollkommen ausgebildet ist und sich selbstständig zu "bewegen
und ernähren vermag. Diese Benennung werden auch wir im
Folgenden der Kürze halber beibehalten. — Die einzelnen
Ringe dieses Körperabschnittes sind so innig mit einander 'ver-
schmolzen, dass ihre Zahl nicht mit völliger Sicherheit zu 'be-
stimmen ist. lch zähle deren acht, oder vielmehr zwölf, in-
dem’ sowohl das erste Segment, welches allein mit der Schale
verwachsen ist, das Herz enthält und die drei vorderen Fuss-
paare trägt, als auch das letzte, welches mit seiner Oberfläche
zum Theil aus der Schale hervorragt und das erste an Aus-
dehnung noch etwas übertrifft, aus drei, aufs Innigste mit ein-
ander verschmolzenen Ringen zu bestehen scheint. Die kleine -
Differenz, welche sich zwischen dem Durchmesser der drei ersten
und letzten Ringe einerseits und dem der mittleren Ringe ander-
erseits bemerkbar macht, findet dadurch ihre Erklärung, dass
sich bei der Entwickelung des Embryo längs der Rückenlinie
dieser mittleren Leibesringe ein ziemlich breiter Streif ablöst
und mit der Schale verwächst (s. Fig. 2. E F.). Ueber diesen
Rückenstreifen, der sich bei allen Cladoceren und in grösster
Ausdehnung bei der Daphnia brachyura Zadd. ”) findet, wer-
den wir noch näher ‘zu sprechen weiter unten Gelegenheit
haben. — Das letzte Segment (G ©) lehnt sich mit seiner
Rückenfläche wieder näher an die Schale an und verschliesst
durch’ eine 'stumpfe, etwas hervorspringende Ecke (G) die
sogenannte Matrix. Es ist an seinem hinteren Theile, da, wo
——
!) S. Jurine a. a. O. S.104 und Baird a. a. O. S. 86.
2) Vgl, Zaddach a. a. O. S. 24.
Ueber Acanthocercus rigidus. 317
«
es in den Schwanztheil des Abdomens übergeht, von den Sei-
"ten stark zusammengedrückt und auf seiner bogenförniig 'ge-
krümmten Rückenfläche, so weit diese durch die Ausrandung
der Schale unbedeckt gelassen wird, wie bereits erwähnt, mit
kleinen Stacheln dicht bepanzert.
Die Füsse des Abdomens (Fig. 5—8). Ihre Beob-
- achtung ist einer der schwierigsten Punkte der ganzen’ Unter-
suchung, und es darf kaum befremden, wenn wir selbst in
den neusten Bearbeitungen hierher gehöriger Thierformen nicht
einmal zuverlässige Angaben über die Zahl der Fusspaare fin-
den. Die versteckte Lage dieser Theile, da sie'von der Schale,
die in gewissen Perioden der Häutung kaum durchscheinend
genannt werden kann, ganz überdeckt werden, die grosse Zahl
von Appendices, welche sie tragen, und ganz besonders ihre
stete, schnelle, undulatorische Bewegungen erschweren die Un-
tersuchung ungemein. Andererseits muss es meines Erach-
tens nothwendig gefordert werden, dass man wenigstens bei
generischen Unterscheidungen die Struktur der Beine näher
berücksichtige, als es bisher geschehen ist, da sich gerade
hierin sehr bedeutende und wesentliche Differenzen vorfinden
müssen, und, wie ich hinzufügen kann, wirklich vorhanden
sind. Es sind die Beine bei der Mehrzahl dieser Thierchen,
wie bekannt, wenigstens nicht unmittelbare Organe der Fort-
bewegung, sondern sie fallen vorzugsweise und vielleicht in
gleichem Grade, sowohl dem Systeme der Ernährung, als dem
der Respiration anheim. Wenn wir hierzu die Modification
rechnen, welche dieselben Organe, als wesentlichste Hülfsorgane
bei der Copulation, bei den Männchen erleiden, so dürfte
obige Meinung wohl hinlänglich gerechtfertigt erscheinen. —
Wir haben oben den zeitigen Bestand der ganzen Familie der
Cladoceren nach der Zahl der Fusspaare allein in drei Ab-
theilungen gebracht, die sich nach der Struktur dieser Or-
gane noch näher rechtfertigen lassen, wie wir an einem andern
‚Orte ausführlicher zu zeigen gedenken. Hier wollen wir nur
noch bemerken, dass von jenen drei Gruppen die mittlere
den eigentlichen Mittelpunkt der Familie repräsentirt, und
gleichzeitig auch die nächsten Beziehungen zu ‘der verwandten
Familie der Cypriden (Ordre des Ostracodes M. Ed.) öffen-
baret. Die erste jener Gruppen, welche die Cladoceren mit
318 Ed. Schöndler. :
“
sechs Paar Füssen umfasst, bildet nicht'nur durch. die grössere
Zahl der Füsse und deren Struktur, sondern ‚auch. durch ‚die
etwas abweichende Bildung ihres Herzens und: Nahrungskanals,
so. wie durch die ganze Lebensweise einen sehr hübschen
Uebergang zu der grösseren verwandten Gruppe der Phyllo-
poden (Ordre des Phyllopodes M.-'Ed.) und zwar ‚zunächst
zu den: Limnadien. Die letzte jener Gruppen, welche. die
Gladoceren mit 4. Paar Füssen einschliesst, bekundet nach. den-
selben: Charakteren den natürlichsten Uebergang zu. den. Co-
pepoden M..Edwards. — Gleich wichtige, wenn, nicht. noch
bedeutendere Beziehungen finden sich nun auch ‚gerade ‚in. .der
Struktur der Beine zwischen den einzelnen Gattungen: der
Familie. - Daher wollen: wir: in: möglichster Ausführlichkeit
näher darzulegen versuchen, was wir 'bei unserem; Thierehen
durch vielfache und vielfach wiederholte Untersuchungen, so-
wohl an lebenden, als: in Spiritus getödteten und erhärteten
Individuen, als übereinstimmendes- Resultat über die Struktur
dieser Theile gefunden: haben.
Anden 10 Füssen des Acanthocereus findet Re Jim Be
zug auf Strucktur und Funktion ein ganz wesentlicher Unter-
schied zwischen‘ den 3 vorderen Fusspaaren, die von.dem.ersten,
grösseren Segmente des Brusttheils, welches wir ‚eben; deshalb
als.aus 3 verschiedenen, mit einander innigst ‚verschmolzenen
Leibesringen bestehend annehmen, getragen. werden und. den
beiden letzten, welche dem vierten‘ und ‚fünften Ringe ‚ange-
hören; die übrigen Ringe besitzen keine Füsse und ebenso-
wenig. der weiter unten zu, betrachtende Schwanztheil des
Abdomens. Die 6 vorderen Füsse . beweisen. schon. durch
ihre Struktur, so wie noch ganz besonders das ‚erste. Paar
durch ' seine »dem Munde genäherte.. Insertion,, hinlänglich,
dass sie vorzugsweise ‚im Dienste des ‚Mundes; thätig.. sind,
was «auch durch‘ die ‚Beobachtung der Procedur. des Kauens
vollkommen bestätigt wird. Es erinnern ‚diese Beine, wie .die
vieler verwandten Thierformen: (der . Siphonestomen und
Poecilopoden ) an eine geistreiche ‚Hypothese ‚Oken’s, ‚nach
welcher die Kiefer aus den ‚Gliedern 'hervorgewachsen und
als die nach dem: Kopf 'hinaufgezogenen Füsse anzusehen sind,
welche Vorstellung gerade in. der Klasse. der Crustaceen.. bis
zur Evidenz bewiesen wird, . Auch. unser, Thierchen: und mit
Uchber Acanthocereus rigidus. 319
ihm seine’ nächste Verwandten ‚(die Lynceen); meinen wir, re-
präsentiren in ihren vorderen Fusspaaren noch einen ‚solchen;
wenn auch nur annäherenden Uebergangstypus,
Sämmtlichen Fusspaaren derselben ist ‚ein höchstens mit-
telbarer Antheil an der Fortbewegung zuzuschreiben, den. sie
durch die perpetuirliche, undulatorische Bewegung der „drei
letzten Fusspaare ausüben dürften‘, wodurch ein ‚anhaltender
. Strudel erregt wird, welcher, zum Vorderrande der Schale her-
einströmend, stets frisches Wasser zu den-Respirationsorganen
und gleichzeitig auch die nöthige Nahrung zu den Mundthei-
len führt. Die beiden vorderen Fusspaare aber. nehmen auch
selbst an dieser undulatorischen Bewegung nur selten Antheil;
dagegen sind ihnen, und zwar fast ausschliesslich, zwei andere
Funktionen der Extremitäten geblieben, nämlich das Ergreifen
und theilweise Zerkleinern der Nahrungsmittel. Diese nämlich, bis
in die Schale gelangt, werden von den scharf gezähnten Krallen
der Tarsus-Glieder gepackt und besonders vermittelst der. kräf-
tigen und mit starken Zähnen besetzten Krallen der Sehien-
beine des zweiten Fusspaares oberflächlich zerkleinert ‚und
erst dann vermittelst der gegliederten Borsten der Schienbeine,
so wie ganz besonders durch die vier Fressspitzen des ersten
Fusspaares zum Munde gebracht, von dem’ sie durch Auf- oder
vielmehr Zurückklappen Oberlippe aufgenommen und so den
eigentlichen Kiefern zur weiteren ‘Verarbeitung überliefert
werden.
' Die drei vorderen Fusspaare, die dem Obigen ‚gemäss
ebenso gut Kieferfüsse als Ruderfüsse genannt werden: dürften,
auf deren Beschreibung wir nun: zunächst übergehen, bestehen
aus vier, unter einander artikulirenden Gliedern, welche dem
‚Hüftstücke (coxa), Oberschenkel (femur), Unterschenkel oder
Schienbein (tibia) und dem eigentlichen Fuss- oder Endgliede
(tarsus) respective zu vergleichen sind. Das innerste.. oder
Hüftglied ist sehr kurz oder vielmehr‘ so’ sehr mit den‘seitli-
chen Muskeln des Körpers verwachsen, dass es nicht anders
als in und an der Bewegung dieser Füsse als vorhanden zu
erkennen ist, Mit ihm ist gelenkig verbunden ‘das viel grös-
sere, zweite Glied, welches wir als Oberschenkel bezeichnet
haben (Fig. 5—7. F,) Dieser ist, etwas schräg nach unten
und aussen vom Körper abstelhiend, "bald mehr oder: weniger
320 Ed. Schödler:
nach vorn zu, (wie bei dem ersten und zweiten Fusspaare),
bald fast ausschliesslich seitwärts gerichtet (wie bei dem drit-
ten Paare), viel länger als breit, von seiner oberen, vorderen
Seite etwas zusammen- oder flach gedrückt und trägt an sei-
nem inneren und zwar oberen Rande einen kleinen rundlichen,
mehr blattartigen, mit kurzen Borsten besetzten Fortsatz (b),
welcher sich auch bei Daphnia !) und Lynceus findet und je-
nem Fortsatz zu vergleichen ist, der auch an den Beinen der
Phyllopoden vorgefunden und bald Afterzahn (von Schäffer 2),
bald die freie, innere Basis (basis interna libera, von Bur-
meister ?) genannt worden ist. Diese buckelartig vorsprin-
genden Ecken der Oberschenkel der sechs vorderen Füsse
bilden hier, wie bei den Phyllopoden, längs der Bauchseite
eine Art Kanal, in dem ein Theil der Nahrung durch die ge-
gliederten Borsten der Schienbeine bewegt, leicht nach: dem
Munde hin gleiten kann. Diese Bewegung lässt sich sehr be-
quem beobachten, wenn man dem Thierchen auf dem; Ob-
jectträger des Mikroskops einen Tropfen durch. Karmin
oder Indigo gefärbten Wassers giebt. An dem unferen Theile
trägt die innere Seite jedes Oberschenkels, und zwar unmit-
telbar über der Gelenkstelle des Schienbeins, am etwas mehr
nach aussen gekehrten Rande, noch einen flaschen- oder birn-
förmigen, sackartigen Anhang (k), über den wir weiter unten,
in dem Abschnitt über Respiration, das Nähere. beibrin-
gen werden. Das so gestaltete zweite oder Oberschenkel-
glied, das an seiner übrigen Oberfläche ohne weitere Anhänge
und kahl erscheint, bildet mit dem nun folgenden Schien-
beine (tibia) ein deutliches Knie, dessen Kniebeuge oder Knie-
kehle, um mich so auszudrücken, am unbewegten, ruhenden
Beinchen einen fast rechten, in der Bewegung aber einen bald
stumpfen, bald spitzen Winkel bildet. Das Schienbein näm-
lich ist, während der Oberschenkel mehr oder weniger nach
aussen und vorn gerichtet war, mehr oder weniger nach un-
ten und innen gekehrt. Das Knie des zweiten Fusspaares
’) Vgl. L. Jurine a. a. O, p. 97. sq. Pl. 10. fig. 1—6.
2) Vgl. J. C. Schäffer, Der krebsartige Kiefenfuss mit der kurzen
und langen Schwanzklappe. Regensburg. 1750.
3) Vgl. H. Burmeister, Die Organisation der Trilobiten. Berlin
1843. 8. 19. p. 45. sq. Taf. VI. Fig. 9—15. B.
Ueber Acanthocereus rigidus. 321
(Fig. 6.) ist etwas mehr zugespitzt als das der anderen beiden
und passt in die Kniebeuge des ersten Paares, welche es in
der Regel ganz überdeckt.
Beim dritten Fusspaare ist das eigentliche Knie mehr nach
aussen gekehrt, da der Oberschenkel desselben fast ausschliess-
lich nach unten und aussen gerichtet, während das Schienbein
nach unten und innen gekehrt ist; weshalb auch die Gesammt-
bewegung dieses Fusspaares, der Richtung nach, von der der
beiden vorderen etwas abweicht. — Wenn wir nun aber auch
bisher die ‚Struktur dieser Beine zusammenfassend schildern
konnten, so zwingt uns die an jedem Fusspaare etwas abwei-
chende Bildung ‘des Schienbeins jedes Paar für sich zu be-
trachten. Dieses dritte Glied (T) nämlich zwar an allen
sechs Füssen fast von gleicher Länge mit dem Oberschen-
kelgliede, an seiner inneren Fläche blasenförmig aufgetrieben,
verdickt, mit gegliederten Borsten ‚oder: Krallen besetzt, an
seinem untern Theile, wo es in das Endglied übergeht,
bei allen Fusspaaren mehr oder weniger tief eingeschnit-
ten oder gespalten, zeigt aber gerade in .der Struktur
und Zahl seiner Anhänge sehr wesentliche Unterschiede.
Hat man diese einmal erkannt, so kann man jedes einzelne
Füsschen seinem Paaare nach aus dem grossen Gewirr, das
sie dem Auge bei der ersten Beobachtung darbieten, sehr
leicht unterscheiden und studiren. Die ganze nach aussen,
d. i. der inneren Schalenwand zugekehrte Seite ist bei allen,
wie die des Oberschenkels glatt, unbehaart (s. Fig. 5. 6.),
während die innere Fläche‘ dicht mit kurzen Härchen besetzt
erscheint (s. Fig. '5'.) Aber:schon der vordere Rand (oder,
wie es in Bezug auf das dritte Fusspaar fast richtiger heissen
müsste, der äussere Rand) zeigt eine Verschiedenheit; er ist
zwar, bei allen dreien von ziemlicher, fast hornartiger Con-
sistenz, da er vorzugsweise den bewegenden Muskeln zur
Insertion dient, trägt aber an den beiden Beinen des ersten
Paares 8—10 kurze, sehr starke, schräg nach unten ge-
richtete zahnartige Zacken, von denen immer je zwei eng
aneinander stehen (Fig. 5 u. 5’. z. z.). Diese zahnartige Rand-
verzierung fellt den, folgenden Fusspaaren.;, Ausserdem trägt
jeder Fuss des ersten Paares an dem oberen, inneren Theile
Archiv 1. Naturgeschichte,. XII, Jahrg. 1. Bd, 21
322 Ed. Schödler:
seines Kniees zwei fingerförmige, deutlich zweigliedrige und
den Vorderrand des Kniees weit überragende Fressspitzen (p).
Dieser Fressspitzen, welche anı inneren Rande ihres Endgliedes
fein gezähnt sind, und mit denen das Thierchen, indem es den
Fuss nach dem Munde zu erhebt, bis an die Kauflächen der
Mandibeln reichen kann, bedient es sich wie Finger bei dem
Aufnehmen seiner Nahrung. — Der hervorragende Rand der
verdickten, nach innen gekehrten Seite desselben Schienbeins
endlich bildet, wie bei den beiden folgenden Paaren, durch
deutliche Einkerbungen drei ruderlappenartige Abschnitte, welche
nlit'zehn in der Mitte gegliederten , fast gleichen, nach innen
gerichteten Borsten besetzt sind, von denen die drei, dem un:
teren Lappen angehörigen (u”) etwas kürzer und krallen-
artig erscheinen, während die übrigen deutlich gefiederte
Schwimmborsten sind. Die Fiederung erstreckt sich jedoch
nur auf das Endglied und ist bei den drei Borsten (s') des
mittleren Lappens so dicht, dass diese ein ganz pinsel- oder
bürstenförmiges Aussehen erhalten und dadurch sehr leicht be-
merkbar werden. — Die Schienbenme des zweiten Fusspaa-
res (Fig. 6 T), die an der nach innen gekehrten Seite eben-
falls dicht behaart sind, unterscheiden sich von denen des
vorhergehenden durch ihre etwas beträchtlichere Dicke, durch
einen Kranz von langen, feinen Wimpern, mit welchem, wie
bei dem dritten Fusspaare der Vorderrand um das Knie her-
um verziert ist und ausser dem bereits angedeuteten Mangel
der Fressspitzen und der Zähnelung am Vorderrande, ganz
besonders durch die Borsten und Krallen ihres hinteren, di i,
nach’innen gekehrten Rändes. Dieser nämlich trägt am obe-
ren seiner drei Ruderlappen neun gleiche, in der Mitte deut-
lieh gegliederte, am Endgliede schwach gefiederte, nebenein-
anderstehende Borsten (s); anstatt der drei dicht gefiederten
Borsten, wie wir sie am mittleren Lappen der vorhergehenden
Beine kennen gelernt haben, finden wir hier fünf sehr starke,
in der Mitte gegliederte und an der Innnenseite des Endgliedes
mit kräftigen Zähnen besetzte Krallen (u“‘); sie erreichen zwar
kaum die halbe Länge der oberen Borsten (s), sind aber viel kräf-
tiger gebaut, als diese. Mit diesen 10 sägeförmigen Krallen wird
nun vorzugsweise die oben berührte, oberflächliche Zerkleinerung
der Nahrung ausgeführt. — Unter diesen Krallen sitzen endlich auf
Ueber Acanthocercus rigidus. 323
dem (dritten Lappen noch drei mehr borstenartige, in der Mitte
gleichfalls gegliederte, ungezähnte Krallen (u‘). —
«u Auch‘ das dritte Fusspaar, obgleich es im Uebrigen dem
zweiten ganz: analog gebildet ist, unterscheidet sich am vor-
letzten Gliede (Fig. 7. T.) ‘wesentlich durch den Borstenkranz
des nach innen gerichteten, dreilappigen Randes. Dieser trägt
zwar an seinem oberen: Theile ebenfalls neun ganz ähnlich
gebildete Borsten' (s) und 'an seinem: unteren Lappen ‘drei
borstenartige, gegliederte Krallen (u‘‘); doch fehlen dem mitt-
leren Lappen jene‘'kräftigem, gezähnten Krallen und statt dieser
finden sich hier nur 5 oder 8 krallenförmige Borsten, die ge-
gliedert und an der Spitze schwach gefiedert erscheinen.
© Das eigentliche Fussglied (tarsus), wie wir den äussersten
Theil (R), in welchen das Schienbein jedes Fusses allmählich
ausläuft, weil er gelenkig und für sich beweglich mit diesem
verbunden ist, ist von viel geringerer Dieke und an seinem
unteren, zweilappig ausgeschnittenen Rande mit vier unglei-
chen, gegliederten Krallen versehen. ‘Von diesen Krallen,
welche ganz 'angelhakenförmig gekrümmt, oder über den Scha-
lenrand hinausgestreckt werden können, ist bei den beiden vor-
deren Fusspaaren: die äusserste und längste (u)'an ihrem End+
gliede fein, kammförmig gezähnt; die drei übrigen, kleineren
(u‘)' aber sind an demselben Theile bloss mit feinen , seitlichen
Querriefen versehen. Am dritten Fusspaare aber sind diese Kral-
len schon rein 'borstenartig und weder gezähnt, noch zahnar-
tig gerieft, sondern wie alle Schwimmborsten der Beine bis zum
‚Gelenk gefiedert.
"= Wenn’ wir nach solchen Struktur- Verhältnissen die bei
den‘ vorderen Fusspaare alsı Kieferbeine vorzugsweise an-
zusprechen' geneigt 'waren,: so werden wir 'nach : denselben
Verhältnissen das: dritte: Fusspaar als eine Uebergangsbildung
von einem Kieferfusse zum Ruderbeine bezeichnen können.
Dieses mittelste: Fusspaar ist im Dienste des] Mundes wolil
nur in sofern thätig, als es durch seine fortwährende, schnelle,
undülatorische Bewegung, welche in’ der Regel mit der der
‚hinteren Fusspaare ganz rhythmisch ist‘, jenen oben bezeich”
beten Strudel erregen hilft, gleichzeitig die darin enthaltenen
Nahrungstheile‘ zurückhält und den vorderen Beinen über-
liefert,
21*
324 ieiEduSchödler: n.
\\/Ueber: die Lage der drei vorderen. Fusspaare ‘wollen :wir
noch bemerken, ‚dass |'deri Unterschenkel eines jeden: ‚dieser
Füsse:mit‘ Seinen‘ sehräg' nach, innen gerichteten -Borsten‘ oder
Krallen‘ zum: grössten Theil ‚von dem Vorderrande: des nach-
folgenden, also der ‚erste'in dieser Weise von dem’ des.zweit
ten Fusses iu. s. 'w. überdeckt wird. ni das ad
Von diesen: 6. vorderen ‚Füssen nun, sind ihrer Struktur
nach (völlig verschieden‘ die der beiden ı letzten: Fusspaare;
welche auch: schon durchvihre schräg nach ‘unten und hinten
gerichtete: Stellung zum Körper von jenen abweichen. Sie
sind: zwar gleichfalls ausımehreren;, ‚und! zwar aus drei unter-
scheidbaren 'Gliedern zusammengesetzt, doch sind\.diereinzel-
nen Glieder unter ‘einander: nicht gelenkig verbunden;! son-
dern zu. einem fest 'zusammenhängenden' Ganzen 'verwach-
sen. +-Das erste Glied oder der oberste Theil (Fig.'8. F.),
welcher: dem Oberschenkel der vorderen Fusspaare zu ent-
sprechen‘ ‚scheint, | jenen: aber ‘an Länge übertrifit, ist von
den Seiten etwas zusammengedrückt und trägt: an seinem ‘hih-
teren oder‘ oberen ‚Rande ein ähnliches, birnförmiges Säck-
chen, wie die vorderen Fusspaare; doch findet: sich \an ihm
keine Spur von jenem inneren, rundlichen Vorsprung (der'ba-
sis interna :libera) der, vorderen Füsse. — Das zweite, dem
Schienbein entsprechende Glied: findet sich bei! jedem: dieser
4 hinteren Füsse zu einer grossen, blättartigen; scheibenför-
migen, durchsichtigen Lamelle‘(T) erweitert, welche ganz all-
mählich "in das'/obere ‚Glied. (F) übergeht:«\Diese 'Lamelle,
über die wir weiter unten noch näher zu sprechen haben wer-
den, ist in beiden »Fusspaären: fast'von derselben Gestalt und
Grösse und 'unterscheidet'sich nur durch die! Zahl’ der langen
nach oben (und hinten gerichteten «Borsten i(s),; welche, dem
oberen Rande derselben aufsitzen , ungegliedert und auf ihrer
ganzen! Länge; dicht gefiedert sind.ı.,Soleher: Borsten trägt..die
Lamelle des vierten Fusspaares dreisund die des letzten nur
zwei. Am ganzen übrigen freien Rande. ist jede’Lamelle mit
feinen Wimpern: besetzt und trägt nur an ihrem unteren Theile
vier (an vorletzten) oder fünf: (am: letzten. Fusspaare) kurze,
röhrenförmige,.imit'feinens Wimpern! gefranzte, Fortsätze:‘(t),
die gleichsam alsı die rudimentären: Krallen, und Borsten ‘der
Ueber Acanthotercus rigidus. 325
vorderen Beine zu betrachten‘ sind.”— Der vordere Rand je-
des der'vier hinteren Füsse läuft endlich an seiner äussersten
Spitze in einen unbeweglichen, klauenförmigen Fortsatz (R)
aus, der mit einer’ oder zwei gekrümmiten, 'ungegliedertens
dicht gefiederten Borsten besetzt ist und dem eigentlichen Fuss-
gliede (tarsus)‘der vorderen Füsse zu vergleichen sein möchte:
"* Die schräg nach hinten und unten 'gerichtete Lage macht,
dass die vier hinteren ''Füsse' etwas kürzer‘ erschienen als
die vorderen; sie ragen" nicht "über! den 'Sehalenrand 'hin-
aus. Es fehlt ihnen auch’ jene ’Kniebildung, die wir ‘an deu
vorderen ‘Beinen so deutlich’'ausgeprägt fanden.‘ ! Sie’ sind
so zu einander gestellt, dass die scheibenförmige Lamelle des
letzten ‘'Fusspaares einen’ Theil des in ruhender' Lage un-
ter- den‘ Bauch zurückgekrümmten ' sogenannten ‘Schwanzes
überdeckt und von der Lamelle des vorjetzten Paares wieder
zum Theil gedeckt wird. Sie sind in einer schnellen , unauf-
hörlichen, mit den Pulsationen des Herzens fast rhythinischen,
pendelnden Bewegung begriffen, ‚durch deren Hemmung der
Lebensprocess dieser Thierchen nicht‘ nur bedeutend beein-
trächtigt, sondern sehr bald gänzlich unterdrückt wird. Diese
Erscheinung habe ich mehrmals zu beobachten Gelegenheit’ ge-
habt, sowohl an Individuen, die ich der'bequemeren Obser-
vation halber ‘durch feine‘ Deckgläschen vorsichtig belastete,
als auch besonders häufig an solchen, welche ich in’nicht' oft
erneuertem Wasser längere Zeit gefangen gehalten hatte, "In
letzterem Falle versammeln sich ‘sehr bald Schaaren von
polygastrischen Infusorien und Räderthierchen, von denen viele
sich überall san Entomostraceen 'auf längere‘ oder: kürzere
Zeit‘ festsetzen und "besonders gern jene zarteren Theile
der‘ Beine zu ihrem Aufenthaltsorte wählen. ‘Hierdurch
wird nun die‘ Bewegung dieser: Theile’ mehr‘ oder’ weniger
gehemmt: und: allmählich ' gänzlich unterdrückt. Das’ allmäh-
lige Ableben solcher, auf die, genannte Weise "gleichsam
feindlich angefallenen und überwältigten’Entomosträceen findet
nicht, wie Jemand einwenden: dürfte, in einem Mangel an den
mothwendigen Lebensbedürfnissen, wozu hier’ frisches Wasser
mit den erforderlichen Nahrungsmitteln zu rechnen: wäre, seine
Erklärung; denn 'es fand statt, ‚selbst wenn ich ‘alle jene 'Be-
dingungen zu erfüllen suchte, sobald jene mikroskopisch-klei-
326 Ed, Schödler:
nen Feinde einmal, die Uebermacht.' gewonnen „hatte. ..Ja\,ıch
beobachtete. dieselbe Erscheinung bisweilen an einzigen. Fxem-
plaren, während ‚andere, die aus demselben ‚Glase entnommen
und befreit von jener feindlichen Bürde geblieben waren, un-
ter sonst gleichen Umständen munter fortzuleben; vermochten.
— Um gleich noch etwas hierauf Bezügliches einzuschalten, will
ich hinzufügen, dass unsere Süsswasser --Entomostraceen und
ihre Trabanten- Schaaren ‚von ‚Infusorien ‚von. der. Natur ‚ange-
wiesen sind, sich ‚einen ‚gegenseitigen. Dienst zu. erweisen);
Letztere sind die fast ausschliessliche/Nahrung für 'eine grosse
Zahl der Entomostraceen, während diese nach ihrem ‚Ableben
von Infusorien. verzehrt‘ werden, welche grosse Massen von
solchen Cadavern bis auf die festeren, schaligen Ueberreste in
überraschend kurzer Zeit verspeisen. ‘ Hierin bekundet. sich
ein. höchst » wichtiger Einfluss ,. den das \unsichtbar wirkende
organische Leben im grossen,Haushalte! der Natur ausübt, und
welcher meines Erachtens‘ nicht geringer! anzuschlagen sein
dürfte, als jener, welchen die. aasfressenden Vögel in. Bezug
auf die grösseren Thiere geltend’ machen. 5
Nach dieser kleinen Abschweifung wieder auf unser Thema
einlenkend, haben wir'hier zunächst die Differenzen, welche
in. der Struktur ‚der-Beine zwischen der neuen 'Gattung und
ihren verwandten ‚Formen bestehen, wenigstens: ‚noch kurz
anzudeuten. In dieser Beziehung ist die grosse. Verwand-
schaft des Acanthocercus mit den Lynceen besonders her-
vorzuheben,, zu. denen‘ er nach. alleiniger Berücksichtigung
der Hinterleibsbeine mit gleichem Rechte zu zählen wäre, als
eine alleinige Berücksichtigung ‚der Bildung der Ruderarme,
d. i. der ‚eigentlichen Fortbewegungsorgane, für. eine Unter-
ordnung unter:die Gattung Daphnia in Anspruch nehmen dürfte.
In den eben angeführten Verwandtschaften der neuen: Gattung,
nach der einen oder ‚anderen Seite hin, liegen aber gleichzei-
tig in umgekehrter :Weise ebenso ‘grosse und wichtige /Unter+
schiede und wenn wir. im 'Obigen nach der Bildung ‚der Ru-
derarme unser Thierchen als Daplinie ‚und als Nicht-Lyucee
zu bezeichnen geneigt waren, so würden wir es nach. 'der
Struktur seiner Fusspaare als Lyncee und Nicht - Daphnie
hinzustellen haben. — Zur näheren Bestätigung des Gesagten
Ueber Acanthocercus rigidus. 327
mag. es nach der einen Seite hin genügen, auf die ‚musterhaf-
ten Untersuchungen über diese Theile bei der Gattung ‚Daph-
nia von L. Jurine. (a. a. O.) und Straus-Dürkheim (Mem. du
Mus. V. p. 406. fi. pl. 29 fig. 11— 15.) in Kürze, zu ‚ver-
weisen, da schon eine oberflächlich vergleichende Betrachtung
des hier über die Struktur der fünf Fusspaare Beigebrachten
mit jenen Untersuchungen genügen wird, ‚die, grossen Differen-
zen nach dieser Seite hin,erkennen zu machen, ‚Nach. der an-,
deren Seite.'hin, -d. i. in Bezug ‚auf die.Lyneeen ‚können wir
unsere ‚Behauptung durch. keine. der früheren! Beobachtungen
genügend unterstützen; da selbst in den neuesten Beschreibun-
gen dieser Thierchen ‚gerade die, Partie der. Beine wegen der
grossen Schwierigkeit, welche die Untersuchung, darbietet, sich
zu. stiefmütterlich behandelt findet '); Wir begnügen uns ‚aber
hier damit, den Acanthocercüs, ‚was: die Struktur-Verhältnisse
seiner fünf Fusspaare anbetrifft, als nächsten Verwandten der
Lyneeen bezeichnet zu haben und behalten ‚es einer späteren
Arbeit vor, über die abweichenden Verhältnisse dieser Theile
zwischen ihm und den angrenzenden Gattungen „etwas Näheres
beizubringen.
Hinter dem letzten Fusspaare finden sich an der Bauchseite,
dem achten Leibesringe angelörig, nöch zwei unbewegliche,
etwas schräg vom Körper abstehende, muskulöse Fortsätze
(Fig. 2. und 9. v, v’), welche an ihrem oberen, etwas ‚dickeren
‚Ende ein wenig gebogen sind und an dem unteren, freien Ende
nach innen eine rundliche, verschliessbare Oefinung haben, die an
ihrem Rande ringsherum mit kurzen feinen Wimpern besetzt ist.
») Die ausführliehsten und meines Wissens neuesten Schilderun-
gen dieser Theile sind die von W. Baird und E. G. Zaddach (a. a. O.
P- 27.) gegebenen. Jene (W. Baird a: a, ©. p.&6. pl. 11. fig. 8.), welche
die umfassendere ist, möge zur Bestätigung des Gesägten hier anzu-
führen erlaubt sein; sie lautet wörtlich so: „The feed are five pairs
in number. The first pair are the largest, and consist each ‚of a
Nlechy sort of body, bent a little, strongly ciliated on its upper edge
and furnished at its extremity with five long and strong 'setae, which
in general project a li.tle beyond the edge of the valves. The other
pairs are diffieult, from their extreme delieaey of structure and trans-
pareney, to be mad’out. They are very much like’ those of the
Daphniae howewer in structure eonsisting of branchial plates and
finely plumo-e setae, and have the same functions and uses” —
328 Ed. Schödler:
Diese tubenartigen Anhänge, welche sich in etwas anderer Gestalt
sowohl bei den Lynceen als Daphnien ') finden, und auf welche
wir weiter unten noch’ einmal zurückkommen werden,;''halte
ich für die äusseren Geschlechtsorgane des weiblichen 'Thier-
chens. Jene untere Oeffnung ist daher’ als äussere Ge-
schlechtsöffnung (vulva) zu bezeichnen. Sie 'überragen mit
ihrem unteren Ende den’ Vorderrand des unter den Bauch zu-
rückgeschlagenen Schwanzes, werden aber von den grossen
blattförmigen Lamellen des letzten Fusspaares noch zum Theil
überdeckt und bilden gleichsam 'röhrenförmige Scheiden, jenen
vieler Insekten mit dem Unterschiede vergleichbar, dass sie
von den Funktionen einer wirklichen vagina tubiformis nur
die des Samenaufnehmens besitzen. MunınH
Der Schwanztheil des Abdomens (Schwanz, led
Fig. 2. und 9. CC’) ist mit ‘(dem vorderen’ Theile desselben.
gelenkig verbunden, wie bei den Lynceen; in der Regel’ un-
ter den Bauch zurückgeschlagen ; zeigt ‘keine Spur vonveiner
Sonderung in einzelne Ringe und gleicht seiner Grösse und
Gestalt nach am meisten dem des Eurycercus lamellatus Bd. 2):
lm
’) Ueber diese Organe bei: den Daphnien findet sich schon von
Straus-Durkheim (Mem. du Mus. V. p. 411. pl, 29., fig. 16a) folgende
Notiz: „Immediatement en avant, de cette derniere paire de membres
la meme segment porte en dessous une espece de queue roide. Elle
a la forme d’une longue spine legerement courbee en avant, et venant
se terminer pres du bord inferieur des valves. Cette spineoffre a
sa base un fort renflement, cache en grande partie par la derniere
paire de membres. Je n’ai point apergu de mouvement dans cet or-
gane, et je n’ai nullement pu m’eclairer sur son usage.” Der sonst
so genaue Beobachter irrt, wenn er nur Ein solches Organ bei den
Daphnien annimmt, weil er nur Eins gleichzeitig beobachten konnte.
wie es wegen des kleinen Abstandes, welcher zwischen beiden für die
freie Bewegung des Schwanzes bleibt, nicht leicht anders geschehen
kann. Es sind deren wirklich zwei vorhanden, wie schon die Zwei-
zahl der deutlich ausgeprägten, äusseren männlichen Geschlechtstheile
vermuthen liess, über die der genannte Beoachter aber ebenfalls im
Unklaren verblieben ist. Gerade bei den Daphnien, bei denen allein
von allen Cladoceren bis jetzt die Männchen sicher „erwiesen sind,
habe ich zuerst die obige Bedeutung dieser Organe erkannt und ıer-
theile sie denen des Acanthocercus eben nur nach der;Analogie ihrer
Bildung mit denen von Daphnia. — Vergl, hierüber weiter unten den
Abschnitt über innere Geschlechtstheile. intel
2) Vergl. Baird a. a. ©. p. 86 und 88.
\
Ueber Acanthocercus rigidus. 399
Er ist von den Seiten stark zusammengedrückt; "erscheint in
der Seitenansicht von fast rhombischer Gestalt; ist an der ün-
teren, ‚hinteren Ecke’abgerundet; längs’ des ganzen’ äusseren,
hinteren oder oberen’! Randes;, wie 'beivden’ Lyneeen ‚'gefürcht
und an jedem’ der''dadurch entstehenden seitlichen 'Säume''mit
eiher diehten Reihe, von’ kleinen Krallen" besetzt. "Seine 'sehr
beträchtliche Breite”erreicht! fast die ‘Hälfte der Länge.’ Die
äusserste Spitze; unter! welcher ‚sich der Darmkaial indem
After (Fig. 2. a')'endet, trägt, 'wie.bei/den' verwandten For-
men, zwei ‘grosse, sehr 'kräftige, feste Krallen (Fig. 9. w))
welche an den Seiten fein 'gezähnt 'sind’und an’ der Basis jede
wei ‘gleiche, ‘grössere; abstehende ‘ Zähnehen ‘haben. -"'Die
Oberfläche’ des Schwanzes ist, wie bereits erwähnt, 'voin'hiti=
teren Rande ab bis ungefähr zur Hälfte der Breite ‘dieht"nlit
kleinen 'Stacheln ‘bepanzerti' An‘ seinem oberen''Theile, un-
mittelbar unter der Gelenkstelle desselben mit'/dem !vorletzten
Segmente, trägt der Schwanz’ auf ‘einem sehr kürzen‘ rund-
lichen Fortsatze zwei sehr lange, schräg 'nach oben: gerichtete
Borsten (Schwanzborsten, setae caudales, Fig. 4. und 2. s’”)}
welehe ungefähr die Länge, der ‚ Hinterleibsschale erreichen,
deutlich ‚gegliedert und bei unserem, Thierchen am, oberen
Theile mit langen Wimpern ‚oder, Haaren dünn besetzt. sind,
Eine so bedeutende Länge der Schwanzborsten findet sich bei
keiner Species der verwandten Gattungen. Ob diese Borsten
nach Gruithuisen’s Meinung ') „ohne Zweifel, ein _Tastorgan,
den Bartfäden einiger Säugethiere vergleichbar”; oder nicht
vielmehr ein blosses Hülfsorgan beim Rudern (eine Art Steuer-
ruder) sein mögen, müssen wir hier dahingestellt sein lassen.
Durch den Schwanztheil des Abdomens unterscheidet sich
der Acantliocereus ebenfalls sehr deutlich von allen Daphnien,
bei denen, abgesehen von der mehr breit gedrückten For
und der eigenthümlichen, stachlichen Oberfläche, sich weder
eine solche Furchung längs des ganzen oberen Randes, noch
eine deutlich gelenkige Verbindung mit dem vorletzten Kör-
persegmente findet; weshalb’ diese auch bei der Bewegung
») Vergl.’Gruithuisen: Ueber die Daphnia Sima und ihren Blut-
kreislauf. — Nova acta academiae Caes. Leop. Carol. Tom XIV.
P.1. p: 402.
330 Ed. Schödler:
des, Schwanzes den ganzen Hinterleib mitzubewegen gezwun-
gen sind.
Ueber die Lebensweise des von uns "beobachteten
Thierchens, haben wir ‚oben gelegentlich Einiges angeführt und
ebenso, sein. Vorkommen in. Torfgräben, (hinter Moabit, in der
Nähe der Jungfernheide), die. von! Ceratophyllum;, ‚‚Callitriche
und verwandten’ Pflanzen dicht durchwachsen sind, bereits ge-
nannt. ; Wir. fügen’ deshalb nur noch hinzu, dass es sich sehr
gern in schlammige, ‚torfige Massen, aus denen es seine Nah-
rung (entnimmt, ''einwühlt, und in solcher Lage, oder sich an
Pflanzen mit seinen Ruderarmen anhängend, wie die Daphnia
Sima, lange Zeit träge verharrt und nur selten freiwillig und
so; munter umherschwimmend, wie die meisten der verwandten
Thierchen , beobachtet wird. )
Was endlich seine ‚Farbe anbetrifft, so wechselt dein
nach der Periode der-Häutung , im welcher sich das 'Thierchen
befindet, vom Weisslichgelb. bis zum Röthlichgelben und. er-
scheint ‚oft fast ziegelroth. Hiernach ist auch die Durchsich-
tigkeit der einzelnen Theile des Körpers eine sehr verschiedene.
II. Anatomie.
In diesem Abschnitt wollen wir versucheu, in der Kürze
ein Bild von der inneren Organisation des in Rede stehen-
den Thierchens zu entwerfen und auch hierbei gleichzeitig Al-
les näher berücksichtigen, was sich zur Rechtfertigung der
oben aufgestellten generischen Verschiedenheit geltend machen
lässt. Zu diesem Zwecke gehen wir zunächst zu dem Mus-
kelsysteme über.
41. Muskelsystem.
Hier werden. wir jedoch auch nur die eigentlich bewegen-
den Muskeln vorzugsweise berücksichtigen, welche in ihrer Thä-
tigkeit dem Auge des Beobachters mehr ‚oder weniger sichtbar,
sind, und von deren Natur als Muskel wir uns daher vollständig
überzeugen können. — Was die Textur der Muskeln im Allgemei-
nen betrifft, sobedarfsie hier keiner weiteren Berücksichtigung ; da
es eine längst erwiesene Thatsache ist, von der man sich auch
sehr leicht überzeugen kann, dass sie in den kleinsten Formen
der Crustaceen dieselbe deutliche Längs- und Querstreifung
zeigt, wie sie in den grössten der Säugethiere erkannt ‚wird. —
Ueber Acanithocereus rigidus. 331
Sämmtliche Muskeln: sind’ von gelblich weisser,‚oder|weisslicher
Farbe und «ie \meisten ‚derselben so zart ‚und " durehsichtig,
dass ‚man sie eben’ nur -in ihrer Thätigkeit’ deutlich.als Mus-
keln von. der übrigen spongiösen. Fleischmasse des Körpers
zu (unterscheiden. vermag. Zur, bequemeren Beobachtung jein-
zelner grösseren Muskeln , welche wieder ‚aus. einer /grösseren
oder kleineren Anzahl von Längsbündeln bestehen, ist, es
nicht nur ‚ganz praktisch, ‘sondern fast-nothwendig; siei' zuvor
einige Minuten in. Spiritus erhärten| zu. Jassen.
= ‚Wir beginnen ‚mit den Muskeln ‘des Ceobaleikoren on
gedenken zunächst derer, ‚welche; ‚den Antennen! angehören.
Es; sind ‚ein, Paar langgestreckte, feine, etwas platt; gedrückte,
fast fadenförmige Muskeln: (Fig. 2, 3. 12. m.),: welche sich un-
inittelbar ‚vor der Gelenkung der Oberlippe: inseriren , ‚längs
der‘ Unterseite 'des Kopfes verlaufend, in die‘: Antennen ‚je
einer ‚in jede. derselben selbst übergehen und sich; an: dem. con-
sistenteren, convexen Vorderrande' derselben festheften. ‚Durch
diese Muskeln: können die Antennen etwas gehoben und herab-
gesenkt, etwas vorwärts und rückwärts bewegt werden; sie sind
Jaher hier nur als Heber oder Senker' dieser Organe (m..levar-
tores antennarum) zu bezeichnen, !)
" Das Auge wird durch acht Muskeln (Fig. 2. und 10a)
a welche, ‘wie solches schon Straus ausgesprochen hat,
den: vier geraden Muskeln der höberen, Thiere ‚entsprechen.
Sie sind an, einem. Ende mit der, äusseren, ‚das! Auge rings
unmschliessenden Membrane verwachsen; verlaufen untereinan-
der convergirend ‚schräg nach hinten und ‚unten und inseriren
sich mit ihren anderen Enden am vorderen Theil. der grossen
Beuger der Ruderarme, Durch diese, Muskeln werden ‚dem
Auge, das unter der gemeinschaftlichen, äusseren. Bedeckung
‚des Kopfes frei beweglich ruht, folgende Bewegungen, welche
aber nur Umwälzungen um seinen Mittelpunkt sind, ertheilt:
bei alleiniger Wirkung der oberen und unteren Muskel-Paare
-.#),Straus-Durkheim. hat in seiner Anatomie von Daphnia (a. a. O.)
diese Muskeln der Antennen ganz übersehen; sie sind bei den Weibchen
der Daphnien auch in der That sehr zart und kaum zu entdecken; bei
den Männchen dagegen, bei denen die Antennen viel grösser werden und
ein sehr kräftiges Haftorgan zu tragen haben, werden diese Muskeln
sehr stark und gewähren jenen Organen eine schr freie Bewegung.
332 Ed! Schödler:
wird dasselbe um seine horizontale ‘Axe in einem Bogen von
ungefähr 60° gewälzt. Diese Bewegung ist die grösseste von
allen, deren das Auge fähig ist. Düurch' alleiniges Wirken ‘der
Muskeln wird dem Auge eine analoge Bewegung um seine ver-
tikale Axe ertheilt 'und ‘durch die gemeinsame Thätigkeit' aller
Muskeln ist 'es’ auch 'einer'grösseren oder kleineren pe reire
in den Zwischenrichtungen fähig. u
Die Oberlippe wird in ihrer Gelenkung mit dem’'Kopfe,
die wir als eine Art von’ Klappenverbindung (syndesis) ")'be-
zeichnen möchten, durch zwei lange, bandförmige Muskeln (m.
abductores labri, Fig. 2. und 12''m’) zur Aufnahme von Nah-
rungsstoffen weit nach unten und''vorn zurückgezogen. Diese
Muskeln inseriren sich mit ihren unteren, ‘fast sehnig erhärteten
Enden am-oberen vorderen Theile des Oberlippenhelmes ‘und
steigen ‘in fast‘ paralleler‘ "Richtung. mit‘ der Speiseröhre,
untereinander divergirend, schräg nach „oben 'und vorn ,"wo
sie'sich zwischen Auge und’ dem 'Magentlieile ‘des Darmes'an
die’ schalige Bedeckung des Kopfes’ 'anheften. "Das Zu-
rückklaffen öder enge Ueberklappen der‘ Oberlippe über die
Kiefer‘ '' während ‘des Kauens wird ‘nicht, "wie" Straus' bei
den Daphnien anzunehmen scheint, ' durch‘ das’ Erschlaffen' der
eben erwähnten, im Zurückziehen der Oberlippe sich con-
trahirenden Muskeln allein bewirkt, sondern noch‘ vorzugs-
weise ‘durch einen kürzeren starken Muskel (adductor labri),
welcher sich 'mit dem einen Ende an der inneren, oberen
Wand‘ der Lippe unterhalb der Mandibeln ausbreitet und mit
dem anderen 'vor der Gelenkung der Oberlippe, am’ Unter+
theile des Kopfes inserirt. — Ausserdem besitzt‘ die Oberlippe
noch folgende vier Paar Muskeln (Fig. 12. m’ und m’), wel-
che bestimmt 'sind, dem oberen, rinnenförmigen Theile der-
selben eine eigenthümliche, das Kauen und Verschlingen der
Nahrung ‚unterstützende Bewegung zu ertheilen; sie sind 'nur
sehr kurz, aber stark 'und''erstrecken sich quer durch den
eigentlichen Körper der Lefze, indem sie mit ihren oberen
und breiteren Enden die innere Wand der rinnenförmi-
gen Oberseite auskleiden und mit den entgegengesetzten En-
den sich entweder an der inneren unteren Wand ‚der, ‚Lefze
1) VergloH. Bike Entomologie. Berlin 1832. 1. S261.
Ueber Acantliocereus rigidus. 333
selbsti(m’')/ oder: des “helmartigen .;Fortsatzes- (m!) (derselben
anheften.' Die:beiden vorderen, dieser Muskelpaare' vermögen
den vorderen, „etwas erhabeneren: Theil der Oberlippenfurche,;
welcher :die Maxillen noch zum Theil überdeckt, .herabzuziehen
und: auf diese. Weise ein: Hinabgleiten der von diesen Kiefern
oberflächlich zerkauten: Nahrung. bis.‘ zu den, Kauflächen der
Mandibeln zu.\bewirken. Ist \nun. durch. die, ‚letzteren ‚die
Nahrung‘: vollständig. zerkleinert ‚und ‚bis ‚zum, Verschlingen
vorbereitet, so:-öflnet sich durch eine ganz entsprechende Thä-
tigkeit des anderen -Muskelpaares der Eingang in die Speise-
röhre,.d. is. derlseigentliche Schlund oder Rachen (faux) und
der Bissen gleitet\so in. diese. hinein '). .!Wir.\werden diese
Muskelpäare ihren: Funktionen ‚gemäss daher als, Herabzieher
oder Senker. der Lefzenfurche und zwar (die ersteren (m’’) als
Senker des vorderen Theiles (depressores marginis interioris
labri ‚ anteriores) ‚die‘ .anderen, welche den. abductor., Jabrj
zum Theil umschliessen ‚. als Herabzieher des hinteren Theils
oder als eigenthümliche: Schlundmuskeln ‚(depr. marginis. int,
labri posteriores s. musculi faueis) zu bezeichnen ) haben. , An
die Letzteren schliesst. sich. eine, ganz: eigenthümliche Muskel-
bildung: der Speiseröhre (Fig. 12. 0.) Diese ist nämlich, ‚wie
weiter unten. näher ‚ dargethan werden: 'soll, auf ihrer‘ ganzen
Länge gespalten, so dass sie aus zwei übereinander geklapp-
ten: rinnenförmigen: Theilen ‚besteht, 'von denen der ‘vordere
die unmittelbare Fortsetzung ‚der! Oberlippe bildet. Jede’ die-
ser Hälften besteht aus kleinen, Ringmuskeln, von denen die
vier ‚ersten an ihrer, Aussenseite ‚vier besondere, fast |band-
oder zungenförmige Muskeln tragen, oder sich in solche, nach
aussen fortsetzen. . Die vier Muskeln der vorderen Hälfte (m,),
welcheälso eben so vielen: Ringmuskeln derselben entsprechen,
inseriren. ‚sich mit: ihren anderen ‚Enden vor.der! Gelenkung der
Oberlippe an. der äusseren ‚Bedeckung dieses Kopftheils; die
ihnen ‚entsprechenden: vier. der. anderen Hälfte‘ (m,) verbinden
sich mit ihren. analogen Enden: mit dem m; adductor 'mandibu-
_ _.*) Diese, interessanten. Kauproceduren lassen sich am lebenden
Mbierchen sehr scharf beobachten, wenn man nur recht durchsichtige
Individuen zur Beobächtung auswählt, sie in angemessener, aber mög!
liehst behaglicher Lage und mit hinreichendem Nahrungsstoff enthal-
tenden Wasserquantum versehen unter das Mikroskop bringt.
334 Ed.iSchödler;
larum. ' Diese‘ acht Muskeln haben eine gleiche» Verrichtung,
wie die obenerwähnten Schlundmuskeln, ‘mit denen! sievin eine
und ‘dieselbe Kategorie zu stellen (und die einen als depres-
sores 8. retractores partis anterioris, die'anderen als retracto-
res part. 'post. oesophagi am besten zu bezeichnen)‘ sein‘ wer-
den. ' Sie zerren nämlich, ‘indem einer nach‘ dem andern sich
eontrahirt, den oberen Theil der Speiseröhrenhälften ‚ welche
sich mit ihren 'saumigen Rändern genau decken, weit: ausein-
ander und bereiten so dem verschluckten Bissen' einen beque-
men ‚Durchgang durch ‘diesen Theil der ‘Speiseröhre. 'i'Die-
serı Vorgang’ des Verschlingens wird ‘durch das’ successive
Erschlaffen "derselben Muskeln ‘noch bedeutend unterstützt
und beschleunigt.‘ Ist nun''aber der Bissen' auf solche! Weise
bis in jenen Theil der Speiseröhre gelangt, 'der'keine Spur
von solchen: bandförmigen Muskeln’ zeigt und welcher der'bei*
weitem 'grössere'ist, so wird. er durch die. den‘ Ringmuskeln
der Speiseröhre eigene selbstständige. Bewegung''allein weiter
expedirt, (Vergleiche'hiermit weiter unten den‘Abschnitt über
Digestions- Organe.)
Die “beiden Oberkiefer werden durch’ fünf Muskeln bi
wegt, von denen’ der stärkste (Fig. 4. M.) die beiden. Kiefer
unter einander und mit'dem 'Körper verbindet und zu diesem
Behuf sich von: der inneren, coneaven Fläche‘ einer Mandibel
zur anderen , quer durch .den-Körper erstreckt (adduetor man-
dibularum) und eine) kleine Bewegung nach aussen, ein‘'gerin-
ges Auseinanderklaffen ‘der Kauflächen zu bewirken hat. Die
eigentlichen Kaubewegungen, welche in’ einem Aneinander-
wetzen der gezahnten Kauflächen in der Richtung von vorn
nach hinten bestehen, werden durch die vier'übrigen Muskeln
(rotatores‘ mandibularum. ‚Fig. 40 .r und r')''ausgeführt,''von
denen‘ je’ ein Paar‘ jeder Mandibel angehört. ‚Sie: heften' sich
mit ihren oberen Enden an die äussere Bedeckung des Cepha-
lothorax und, den Darm von beiden'Seiten umschliessend, .in-
seriren 'sie‘sich mit’ den unteren''an' die seitlichen’ Flächen der
Mandibel - Bügel; der eine (r) an die vordere (rot. ante-
rior), der andere (r’) an die hintere Seitenfläche jedes Bügels
(rot, posterior mandibulae) und. bewirken, durch ihr wechsel-
weises Contrahiren ‚und Erschlaffen. jene Bemegunaud der Man-
dibeln. u
Ueber Acanthocercus rigidus. 335
Die bewegenden Muskeln der Unterkiefer habe ich wegen
der versteckten Lage und Kleinheit dieser Theile "nicht unter-
scheiden können; sie scheinen sich auf den m. adductor man-
dibularum zu stützen. Nach der Bewegung der Unterkiefer,
welche keine Drehbewegung, wie bei den Oberkiefern- ist,
dürfte jedem derselben ein Beuger und Strecker zuzuschrei-
ben sein.
Die grössten und 'kräftigsten aller Muskeln des’ Gephalo-
thorax sind die der Ruderarme; sie sind schon durch Straus
bei Daphnia zum Theil, doch nicht immer richtig beschrieben
und’ verzeichnet worden !) Es sind sämmtlich sehr ‘breite
Muskeln, die jeder aus einem Complex vieler Muskelbündel
bestehen. Der sogenannte Stiel (truncus) jedes Ruderarmes
wird dureh fünf solche, deutlich unterscheidbare'Muskeln be:
wegt, von denen zwei von einem Ruderarm zum anderen quer
durch (den Cephalothorax verlaufen und dadurch zugleich, wie
der m. adductor mandibularum dem Magentheile des'Darmes
zur Stütze dienen, sich bis in den oberen, 'dünneren Theil
jedes’ Truneus, dessen innerste Muskelschicht bildend, erstrek-
ken'und dort in mehreren Aesten und zwar der' eine an 'der
oberen Seite (Fig. 10 f), der andere an der untern .(f) inse-
riren. Sie sind die eigentlichen Beuger des Stiels (Hexores
truneorum); während die drei übrigen sich mehr als 'Heber
'und Strecker bekunden. ' Diese sitzen mit ihren ‘oberen
Enden an der hier sehr festen, schaligen Bedeckung des
Cephalothorax fest und‘ verlaufen," von ‘beiden Seiten den
Darm umringend, schräg nach ‘unten in’ den Ruderarm. Es
scheint jeder derselben aus zwei besonderen Muskeln zu be-
‚stehen; sie zeigen keine Spur von sehnigen Enden, sondern
heften' sich mit ihrer ganzen Muskelbauchbreite an die Schale
fest. Der vordere (1)' geht in einem fast bogenförmigen Ver-
lauf von oben schräg’ nach unten, dringt''an ‘der. unteren
inneren Seite in den Stiel und ‘scheint nicht über das Basal-
glied, an dessen innerer hinterer Wand’ er in mehreren Aesten
verläuft, hinauszugehen. Er zieht bei alleiniger Wirkung den
Stiel nach hinten und unten und ist Heber des Basalgliedes, levator
proprius artieuli basalis trunci, le muscle elevateur 'propre
’) Vergl. Mem, du Mus. d’hist. nat. V. p. 402 sq. pl. 29. fig. 2.
336 Ed. Schödler:
Ju. petit article de..Ja'base) du!,bras) von Straus genannt’ wor-
den. ; Die ‚beiden übrigen (l’,und 1”) ‚sind. fast,,eben so. breit,
aber von viel ‚grösserer, Längenausdehnung; sie erstrecken
sich. bis in! die. Spitze des Stieles, die äussere Muskelschicht
desselben bildend und senden Zweige bis: zu den Gliedern und
den. äussersten Schwimmborsten. der einzelnen Ruderarmäste,
Sie sind die eigentlichen Heber und Beweger dieser. Ruder-
organe, (levatores pedum natatoriorum |proprii) und als solche
sehon. ganz 'riehtig- durch Loven bei Evadne Normanni erkanut
worden,!).! Der vordere: (l'), dieser, beiden Muskeln (leyator
ped,./nat. proprius, anterior, oder le muscle elevateur.propre
du.bras ‚Straus) 'umkleidet die vordere, ‚obere Seite des gan-+
zen Stiels;’ geht dann ungefähr mit seiner halben Breite, in den
dreigliedrigen.. Ast (R) ‚über, und, verläuft ‚hier nach ‚oben zu
immer schmaler; werdend, in. eben ‚so viele einzelne, Zweige,
als Glieder, Schwimmborsten und. Dornen vorhanden: sind. ‚In
ganz, (entsprechender Weise verläuft, der, hintere,,(le musele
flechisseur ‚propre du bras,. nach Straus) ‚dieser Muskeln (l”).an
der: hinteren und: unteren‘ Seite des, Stiels und. versieht den
viergliedrigen ‚Ast (R’)! mit ‚den ' erforderlichen ‚. bewegenden
Muskeln. Er. ist daher seines ganz analogen Verhaltens ‚wegen
wohl mit Loven. richtiger. ‘als. hinterer'Heber des Ruderarmes
(levator 'ped. nat. ‚proprius posterior)‘ zu bezeichnen. —. Durch
das. gleichzeitige Wirken. der beiden letzteren Muskeln wird
der ganze Ruderarm gehoben; durch. die vorwaltende Thätig-
keit des einen oder des anderen dieser Muskeln erfährt 'er da-
gegen. eine kleine Drehung ‚um seine Axe nach vorwärts ‚(eine
Art Pronation) ‘oder ‚nach ‚rückwärts (Supination).,— Die:bei-
den Aeste, jedes Ruderarms, welche ‚als! Theile des Ganzen
den oben, erwähnten! Bewegungen. mehr. oder; weniger zu, fol-
gen gezwungen. sind, besitzen. aber ausserdem, noch |selbst-
ständige, von jenen undbhängige Bewegungen, welche dadurch
bedingt werden, ‚dass die Aeste selbst durch eine freie Ge-
lenkung(arthrodia) mit dem Stiel verbunden sind und dass
jeder ‚derselben wieder aus mehreren, in. gleicher Weise unter
einander. verbundenen: Gliedern! besteht. , Beide Aeste können
ausgestreckt, dicht neben einander gelegt, oder, wie zwei Finger,
1) Vergl;. Dies. Archiv IV. 1. p. 155. t. V. fig. 1. k*.
Ueber Acanthocercus rigidus. 337
beliebig weit ausgespreizt'und 'sogar ein wenig um ihre Län-
genaxe gedreht ‘werden. — Die Bewegung der einzelnen
Glieder ist weniger bedeutend und nur am Basalgliede des
viergliedrigen Astes recht in die Augen fallend. Dieser wird
nämlich dadurch ganz besonders befähigt, seine Stellung gegen
den anderen‘ Ast verändern und, indem er sich bald mehr
vor, bald neben oder hinter denselben in gespreizter Lage
wendet, die Richtung der Schwimmbewegung ganz beliebig
modificiren' zu können !), — Die Schwimmborsten der
Aeste endlich sind .den betreffenden Gliedern gelenkig einge-
fügt und können, ausser der Bewegung in ihren Gliedern, in
der freien Gelenkung mit dem Aste beliebig ausgespreizt,
oder wie in ein Büschel zusammengelegt werden. In Spreiz-
Lage bilden sie vermittelst ihrer Fiederung eine breite, dichte
Fläche, die eigentliche‘ Ruderfläche, mit der kräftige Schläge
gegen die Wasserfläche ausgeführt ‘und dadurch‘ die eigen-
thümliche' stoss- 'oder sprungweise Fortbewegung möglich ge-
macht wird. Die längere der seitlichen Borsten, welche der
Spitze des’ersten Gliedes (nicht der Wurzel des zwei-
ten, wie es nach Baird ?) bei'Macrothrix der Fall sein soll)
angehört, wird durch einen sehr kräftigen Muskel bewegt und
dient ganz besonders zum‘ Anklammern an Pflanzen oder an-
dere feste Gegenstände.
"Um ‘die 'ellenbogenartige Gelenkung jedes Ruderarmstieles
herum endlich finden sich noch 6—8 Ringmuskeln (s. Fig.
410. 10), welche die grossen Heber und Strecker des Stiels,
wie Bänder unischliessen und fest zusammenschnüren.' Da-
durch'werden: eben so viele Einschnürungen an der ‘äusseren
Oberfläche sichtbar.
Am Hinterleibe erwähnen wir nur kurz der verbin-
denden Muskeln, welche als sehr dünne Schicht die Leibes-
wandungen bilden und aus zahlreichen, innigst mit einander
’) Aus der sehr freien Gelenkung der Ruderarm-Aeste ist auch
ihre, verschiedene Benennung bei den Daplinien allein‘. zu erklären;
bei, denen einzelne, Schriftsteller den einen. Ast bald als vorderen
oder inneren, den anderen bald als hinteren oder äusseren bezeich-
nen. . Vergl. Jurine, Straus, M. Edwards a. d. a. O.
?) A. a. O. p.87.
Archiv f. Naturgeschichte. X11, Jahrg. 1, Bd, 22
338 Ed. Schödler:
verwebten Längs- und Querfaserschichten bestehen. Sie
sind trotz der Zartheit in scharfer Begrenzung bequem. zur
"Anschauung zu bringen, 'wenn man das Präparat vor. der Ob-
servation nit verdünnter Säure behandelt. Von dieser Mus-
kellage gehen alle radialen Muskeln aus, durch welche die
unter dem Herzen ausgespannte Membrane (s. weiter, unten),
der.'Darm,: die Ovarien oder andere, Organe fixirt' werden.
Au der Rückenseite verbindet dieselbe Muskellage die Schale
enger ‚mit den vorderen Leibesringen; lässt aber hier, wie es
scheint, einen von Muskeln freien Raum, 'welchen ‘das Herz,
unmittelbar unter, dem Parenchym der Schale ‚liegend, ein-
nimmt,
Den.bewegenden Muskeln des Hinterleibs gehören fast
ausschliesslich die breiten, starken Seitenmuskeln an, welche mit
ihren AnfängenitheilsanderSchale, (wodurch die Valveln derselben
willkürlich auseinander ‚und fast bis zur gegenseitigen ‚Berüh-
rung. der unteren ‚Ränder wieder, zusammengeklaflt werden
können '), theils ‚bis. an. der hinteren Portion der grösseren
Quermuskeln des Cephalothorax festzusitzen scheinen. Sie
bilden zwei dieht über einander liegende, sich gegenseitig
deckende Muskellagen, deren jede in ihrem: anfänglichen Ver-
laufe, zu, einem: breiten: Muskel verschmolzen erscheint, bald
aber in fünf getrennte, unter einander divergirende Muskeln
deutlich ‚geschieden schräg nach unten und. hinten! verlaufen
und: in die Beine übergehen. Jedes’ Beinchen wird durch
zwei Muskeln bewegt ?),; von. denen der eine, welcher der
äusseren jener Muskellagen. angehört, als Strecker (exten-
sor), der andere, von..der inneren Muskellage ausgehend als
Beuger (flexor) wirkt. Ersterer erstreckt sich, die Innen-
}) Durch eine ähnliche, aber viel kräftigere Schliessmuskelbil-
dung wird auch das willkürliche Auseinander- und Zusammenklaffen
der Valveln bei den Cypriden bewirkt, welche sich bei jeder annä-
hernden Gefahr schnell mit allen Leibesanhängseln in ihre Schalen-
‚panzer zurückziehen,
2) Bei Sida (erystallina) Strs. unterschied ich deutlich vier in
die 'Fusswurzel eindrigende Muskeln (zwei flexores und zwei ex-
tensores); ich vermuthete daher auch beim Acanthocercus diese
Muskeln in der Vierzahl; allein es gelang mir nicht mehr als zwei
zur Anschauung zu bringen.
Ueber Acanthocercus rigidus. 339
wand des Vorderrandes auskleidend von der Coxa bis zum
Tarsus und giebt an jedes Glied einen besonderen: Ast ab.
Er nimmt besonders im Schienbeine eine bedeutende Aus-
breitung an; 'da er hier jede Borste und Kralle mit einem
besonderen Muskel: zu versehen hat. Er übertrifft auf solche
Weise an Ausbreitung im Fusse den anderen, welcher dem
hinteren Rande angeheftet ist, aber nur bis zum Schienbein
zu verlaufen scheint.
Die ganze Bauchseite entlang verläuft ferner ein star-
ker, 'bandförmiger, zusammengesetzter Muskel, welcher am
m. adductor der Oberkiefer festsitzt; auf diese Weise den
Brusttheil auf der Bauchseite noch enger mit dem Cephalo-
thorax verbindet und sich in dem neun- bis zwölften Leibes-
ringe in mehrere Aeste theilt (Fig. 9. m). Von diesen Aesten
verläuft der mittelste längs des Vorderrandes des
Schwanzes, sich hier festsetzend, bis in die beiden Endkrallen.
Zwei Paar seitliche Aeste, von denen sich‘ jeder wie-
der 'gabelförmig theilt, wählen auf divergirenden Wegen
ihre Insertion an den hinteren Rändern des Schwanzes
und umschliessen so von beiden Seiten den Darmkanal.
Dürch kräftiges Anziehen dieser Muskeln wird der Schwanz
aus'seiner ruhenden, d. i. unter den Bauch zurückgekrümmten
Lage weit nach hinten ausgestreckt oder zurückgezo-
gen. — Die über die ruhende Lage, in welche der Schwanz
dureh Erschlaffen derselben Muskeln zurückkehrt, nach vorn
zu hinausgehenden Bewegungen werden durch acht schräg
verlaufende Muskeln ausgeführt, welche fast in ihrem ganzen
Verlauf dem vorletzten Körpersegmente angehören und deren
je vier auf jeder Seite (Fig. 9. m’) von der Innenwand der
|
stachlichen Riickenfläche in schräger Richtung nach der
Bauchseite verlaufen. Sie ahastomosiren unter einander
und inseriren sich mit ihren Enden unmittelbar unter der
_ Gelenkung des Schwanzes am Vorder-(Bauch-)rande des-
ı
selben und gewähren dadurch den oben erwähnten Streck-
muskeln desselben Theils bei ihren sehr kräftigen Contractio-
men noch einen festen Unterstützungspunkt. Sie werden ihrer
Function nach als eigentliche Beuger (flexores) des Schwan-
zes zu bezeichnen sein; während die anderen sich als Strek-
22%
310 "Ed. Schödler:
ker oder Zurirekziieher (extensores v.' retraetores nd
bewähren:
Die langen Schwanzborsten, die tief-in den Bee bis
hinter den After hin, eindringen, besitzen‘ endlich noch ‚jede
einen eylindrischen Muskel, welche. mit ihren‘ sehnigen
Anfängen zu einer‘ ArtıKnorpel verschmolzen‘ erscheinen,
der hinter dem After am unteren Schwanzrande fixirt ‘ist.
2. Von dem Verdauungsapparate.
Dieser besteht bei den Acanthocerken, ausser den Mund-
theilen, aus: der Speiseröhre, dem eigentlichen Darme
(oder Magen) und dem Mastdarme.
Ueber die Mundtheile (Kiefer und Lefze) wurde ul
oben das Nähere angeführt. Der Mund selbst, wie bei den
verwandten Gattungen weit nach hinten gerückt, wird in der
Regel ganz von der Oberlippe verdeckt. Es fehlt ein eigent-
licher'Rachen oder Schlund (faux), wenn man als solchen
nicht, wie wir oben gethan, den hinteren Theil der ausge-
furchten Lippe anspricht !).
Die Speiseröhre (oesophagus. Fig. 12.0). Auch ihre
merkwürdige Bildung, die vollständige Spaltung bis an den
Darm haben wir schon oben kennen. gelernt. Wir finden
darin ein Analogon, jedoch iu-noch weiterer Ausbildung, für
die'gabelförmige Theilung der Speiseröhre, wie 'solche..als
charakteristisch für eine Gruppe der Insekten (der BEER)
längst bekannt‘ist ?).
') Wenn man nach der älteren Ansicht von’ Latreille (Regne
animal Tom. 4) nur den verdickten, lappenförmigen Anhang ((lelobe
suspendu mach. ‚Straus a. a. 0.) als Labrum. betrachtet, so’ lässt
sich der übrige Theil des von uns als Labrum gedeuteten und hier
so vorwiegend ausgebildeten Körpers vielleicht nicht unpassend mit
dem sogenannten Schlingorgane (Pharynx) vieler Würmer ver-
gleichen; jedoch mit dem Bemerken, dass im vorliegenden Falle
dieses Organ innig mit dem Labrum verwachsen ist und, da diese
Thierchen fast ohne Unterbrechung kauen, permanent aus der Ra-
chenliöhle hervorgestreckt bleibt.
2) Vgl. Burmeister’s Entomologie, 1. S. 132.
Anm. Die oben beschriebene auffallende Bildung der Speise-
röhre ist nicht ausschliesslicher Charakter der neuen Gattung, Son-
dern scheint allen Cladoceren eigenthümlich zu sein. Sie findet
Ueber Acanthocercus rigidus. 341
Der Textur nach besteht jede Hälfte des ‘Oesophagus
aus zwei Häuten. Die äussere derselben ist eine zarte Mus-
kelhaut (tunica museularis), welche aus einer Reihe von
Haälbringmuskeln: besteht, deren untere. die . oben | beschrie-
bene Muskulatur: besitzen.‘ — Diese Muskelhaut wird innen
von einer/anderen dünnen, glashellen, glatten, strukturlosen
Haut’imkleidet, welche als unmittelbare Fortsetzung der äus-
seren Epidermis erscheint und in die innerste Wandung, des
eigentlichen Darms übergeht, Sie. entspricht ‚der Schleim-
haut (tunieä mucosa) der höheren Thiere und wird, ‚wie die
äussere Epidermis, mit jeder Häutung im ganzen Darmkanal
erneuert '). J 1 5
"Die Richtung des Oesophagus'geht vom Schlunde aus
zwischen Gehirn und der Wurzel der Ruderarme schräg nach
vorn und oben. — Die Vereinigung mit dem Intestinum
geschieht in ungefähr gleicher Höhe mit dem unteren Augen-
rande. Der Eingang in dasselbe scheint durch einen sehr
expansibeln Ringmuskel, welcher durch die Verwachsung: der
Oesophagus-Hälften entsteht, verselilossen zu werden.
"Der eigentliche Darm (intestinum) der Acanthocerken
(Fig. 2. 12. J) ist mit der Speiseröhre unter fast rechtem Win-
kel verbunden; nimmt eine bedeutende Erweiterung an, welche
er ‚fast unverändert auf seiner ganzen; Länge beibehält und
erscheint sehr diekwandig. ' Er krümmt sich um die Quer-
muskeln der Ruderarme, auf denen 'er it seiner vorderen
Portion ruht; geht zwischen den grossen Hebern derselben
Organe und den Drehern der Oberkiefer hindurch, unter dem
Herzen hinweg; m den Hinterleib über und, verläuft an dessen
Rückenseite‘ in derselben Krümmung, welche, jenem 'eigen-
thümlich ist. So bis in den Schwanztheil (und zwar" bis’ über
sich jedoch nicht bei allen Cladoceren in gleicher Vollkommenheit;
oft vereinigen sich beide Hälften schon vor dem Uebergange in den
Darm (bei einigen Daphnien z.B. D, magna). Doch scheint im Ju-
gendzustande vollkommene Theilung bei’allen vorhanden zu sein.
--*) Man thut deshalb. gut, sich für (die Untersuchungen über den
Bau des Nahrungskanals Objecte zu wählen, welche die Häutung
eben überständen haben; da unmittelbar vor der Häutung diese Un-
tersuchungen durch geringere Durchsichtigkeit sehr erschwert, wo
wicht gänzlich unmöglich werden.
342 Ed. Schödler:
das erste Drittel der Länge desselben ) gelangt, wendet er °
sich, um seine die Körperlänge übertreflende Länge zu pla-
eiren, gegen die Bauchseite und wieder zurück in das vor-
letzte Hinterleibssegment und kehrt, indem er'hier eine voll-
ständige Umwindung macht, wieder in den Schwanz zu-
rück, an dessen Spitze er, unterhalb der Endkrallen'in den
After (anus) mündet '). Diesen letzten Theil, von der Darm-
schleife bis zum After, bezeichnen wir seiner abweichenden
Textur halber als Mastdarm (rectum).
Der vordere, im Cephalothorax gelegene Theil des In-
testinums (extremitas cardiaca) hat eine nur unbedeutend
grössere Dicke als der übrige Theil, welchem er sonst in
Allem gleicht. Ihm fehlen die pankreatischen blind-
darmähnlichen Drüsensäcke (les deux coeca nach
Straus), welche die Daphnien besitzen ?) und welche über-
!) Der Bau des Darmkanals bietet einen sehr bequemen Gat-
tungscharakter dar, welcher bei den grösseren der hierher gehörigen
Formen schon mit unbewaffnetem Auge zu erkennen ist. Gleichwohl
sind diese Unterschiede, wie sie sich, abgesehen von allen Struktur-
verhältnissen, schon durch "die Länge des Darmschlauches geltend
machen, noch bis heutigen Tag nur unvollständig berücksichtigt wor-
den. Schon durch die Darmlänge bekundet sich die neue Gattung
als wesentlich verschieden von den Daphnien, welche nur ein ein-
faches, nieht gewundenes (die Leibeslänge nicht erreichendes)
Intestinum besitzen (s, Straus a. a. O. V.S.401) und bildet eine schöne
Mittelstufe zwischen diesen (den Daphnien) und den eigentlichen
Phyllophagen der Cladoceren, den Lynceen. Diese besitzen ein
mehrere Male gewundenes Intestinum, das sonach verhältnissmäs-
sig noch viel länger ist als das der Acanthocerken. Ausser der 1%
Windung nämlich, welche W. Baird (a. a. ©.) für die meisten seiner
Untergattungen in den vorderen (Füsse tragenden) Leibesringen
nachgewiesen hat, macht das Intestinum der Lynceen, mit Ausnahme
des Eurycercus Bd., auch noch eine und eine halbe Windung
in den hinteren (fusslosen) Leibesringen; so dass das Intestinum der
Lynceen drei Windungen macht, ehe es in den Mastdarm über-
geht. Beim Eurycercus (lämellatus) Bd. aber findet sich statt dieser
hinteren Darmwindung ein wirklicher Blinddarm (coecum). — Den
sorgfältigen Beobachtungen W. Baird’s ist jedoch sowohl diese Blind-
darmbildung beim Eurycercus (vergl. a. a. ©. p. 88. pl. 11. fig. 6), als
die hintere Darmwindung bei den übrigen Lynceen entgangen.
2) Vgl. Straus a. a. O. V. p. 401. pl. 29. fig. 6.
Ueber Acanthocercus rigidus. 343
haupt nur bei den Cladoceren mit einfachem Intestinum |vor-
zukommen scheinen.
Die Textur des dickwandigen Intestinums "lässt drei
verschiedene Hautlagen unterscheiden, ‚Ausser der ‚oben er-
wähnten: glasbellen und strukturlosen Schleimhaut, welche
die innerste Darmwandung bildet, findet sich. in unmittelbarer
Verbindung mit dieser eine zweite, welche ebenfalls struktur-
los, bisweilen aber ziemlich 'diek und schwammig erseheint;
Sie scheint der eigentlichen Darmhaut (membrana propria)
zu, entsprechen. Ihr liegt die Erneuerung der Schleimhaut
ob.’ — Zwischen der mittleren und der nun folgenden dritten
Hautlage ; welche eine feste, fleischige Muskelhaut (tunica
museularis) ist und aus einem zarten Gewebe yon Längs-
und Querfasern zu bestehen scheint, bleibt ein Zwischenraum,
der mehr als ein Fünftel des Darm-Lumens beträgt und eben
jenes diekwandige Aussehen bedingt. ‚Er wird von dicht an-
einander gedrängten, mit bräunlichgelber, granu-
lirter Flüssigkeit erfüllten Zellen ausgefüllt. - Dieses
zellig-Jockere Gewebe, von welchem das Intestinum auf seiner
ganzen Länge ringsherum umhüllt wird, ist ohne Zweifel das
stellvertretende Leberorgan, dessen flüssigkörniger Inhalt
durch Endosmose in den Darm gelangt und durch seine Ein-
wirkung die schnelle Verdauung dieser Thierchen bewirkt !).
Der Mastdarm (Fig. 12'.M) ist von gleicher oder noch
etwas grösserer Weite als der hintere Theil des Intestinums
und verläuft in schräger Richtung nach der Schwanzspitze.
Er wird von einer doppelten, zarten, durchsichtigen Mem-
brane gebildet, die aber sowohl an der inneren als äusseren
Wandung durchaus strukturlos erscheint und sieh nicht von
der oben erwähnten Schleimhaut unterscheidet. Als Zwi-
schenlage findet sich aber hier noch eine Schicht ringför-
miger Muskeln (Sphincteres ), welche besonders am unteren
=
’) Ein analog gebildetes Leberorgan scheinen alle Claduceren
zu besitzen. Es hat diese Leberbildung viele Aehnlichkeit mit jener
lockeren, grossmaschißen Darmhülle, welche v. Nordmann
(Mikroskopische Beiträge. 11. S.6 und 126) bei den parasitisehen En-
tomostraccen beobachtet und gleichfalls für die Leber derselben an-
gesehen hat.
344 Ed. Schödler:
Theile‘ sehr deutlich hervortreten und durch \Anastomosen zu
einer förmlichen Ringmuskelkette verbunden''sind. ‘Der letzte
dieser Muskeln (Sphineter ani) fixirt zugleich den! fe
am äusseren Schwanzrande. Loisioansy
Der so gebildete Darmkanal ist einer sehr lebhaften, fast
ununterbrochenen 'peristaltischen‘ und antiperistaltischen Be-
wegung unterworfen, ‘durch welche ‘der Speisebrei:im'Intesti£
num 'vielfach"hin’und her gewälzt'wird. Der:bei diesem Ver!
dauungsprocess ausgeschiedene Chylus' gelangt ‘durch Exos-
mose in die Leibeshöhle. — Der: unbrauchbare' Theil: des
Darminhalts (faeces) wird, sobald’ er 'aus' der‘ Darmschleife
in den Mastdarm gelangt ist, durch die Thätigkeit ser _.
muskeln mit grosser, Rapidität 'ausgestossen. voran
Von absondernden' Drüsen findet‘ sich ausm ‘der
öben betrachteten Leber, am ganzen Darmschlauche keine'Spur.
Im‘ sogenannten Labrum aber glauben wir "ein Paar 'rund-
liche, fast nierenförmige 'Conglomerate als drüsige Körper
(vielleicht als Speicheldrüsen, glandulae' salivales) an-
sprechen zu müssen, welche zwischen den Herabziehern: der
Lefzenfurche liegen und zwar so, dass der eine der vorderen
Portion des Labrums, ‘der andere aber’ der! Basis ‘des 'helm-
förmigen Aufsatzes angehört !). | ne obeilı derm
3. Von dem Respirations- Systeme. ac
u DEZTIE
Als Respirationsorgane haben wir drei ‚»erschiedane Kor-
men zu nennen. Die ‚erste ist, die Hinterleibsschale,
welche auch hier, , wie bei: den Daphnien ?). zugleich als
Kieme fungirt. Sie hat folgende Struktur: Unmittelbar unter
der Epidermis, ‚welche, sowohl; die nach ‚aussen,. als die
dem Körper zugekehrte Schalenwand überzieht, d. i, zwischen
beiden Epidermisschichten, liegt, eine dünne, homogene,
schwammige oder feinkörnige Parenchymschicht
von meist blassgelber Farbe, welche sich durch die ganze
') Ich fand dieselben Körperchen äıch in dem ganz ähnlich ge-
bildeten Labrum der Lynceen (Eurycercus lamellatus); doch schienen
sie mir bei den Daphnien zu fehlen.
?) Vgl. Gruithuisen, Ueber Daphnia Sima; a, a. 0. '
Ueber Acanthocercus rigidus. 345
Schale ‘erstreckt und sogar bis in den oberen Cephalothorax
fortsetzt.! Längs' des Rückenrandes erscheint dieses 'Paren-
chym zu jenem‘ Rückenstreifen (Fig. 2. E F)-verdiekt, anıdem
keine Spur von muskulöser Textur zu 'entdecken ist und von
dem‘ wir. ‚schon‘ oben’ gesprochen haben. —"Die Epidermis,
welche diese Parenchymsehicht‘ von' beiden‘ ‚Seiten umhüllt;
erhärtet an der Aussenwand der Schale (und ebenso an allen
übrigen Körpertheilen, wo Muskeln ihre Insertion zu nehmen
haben) zu‘ einer förmlichen Coriumschicht; an der Innen-
seite "dagegen ' erscheint! sie stets sehr zartiund‘durchsichtig,
sodass" es das’ Aussehen‘ gewinnt,’ als'"bestände die! Schale
aus ‘drei ihrer Natur "nach versehiedenen Theilen.; —
Durch fortwährendes' Bespülen’ der inneren Schalenseite mit
frischem Wasser scheint nun die:Oxydation des‘ in»einem-förm-
lichen 'Capillar-Kanalnetze durch: die-Schale: eirkülirenden Blu-
tes, wie’ gleich näher gezeigt werden: soll, vermittelt zu’werden.
“Aelnlich gebildet’ erscheint. die zweite,Form von Kie-
men, ‘als welche wir die grossen ‚scheibenförmigen Platten
(Lamellen) der beiden letzten ’Fusspaare (Fig.8 T) ansprechen,
Als’Mittelschieht' finden, wir ‚auch'hier eine sehr dünne
Lage von gleichgestaltetem Parenehym;,\ welches» auf ‚beiden
Seiten von einer äusserst zarten, durchsichtigeii, ee
ten’ Epidermis umkleidet wird! ln. mon! s
Als dritte Form‘ haben‘ wir endlich noch jene birn-
förmig gestalteten Anhängev'oder ‘Säckchen (Fig.
5—8K) anzuführen, welche wir als»ällen Füssen: angehörig
bereits kennen gelernt haben. Die versteckte ’Lage dieser
Theile liess mich jedoch ihre Struktur nicht genügend erken-
nen: ‘da die schnell pendelnde Bewegung der Beinchen: an
lebenden Individuen kaum ihre Form und Insertion | unter-
scheiden lässt. Durch Alkohol erhärtete ‘Präparate. liessen
mich als Inhalt jener Säckchen eine feinkörnige, weissliche
Masse erkennen, welche der geronnenen. Blutmasse, dieser
Thierchen sehr ‚ähnlich sieht. -— ; Ich ertheile ihnen aber
hier ‘obige Bedeutung "schon ' wegen‘ der "grossen (Ana-
logie mit jenen Fussanhängseln sehr 'nahe verwandter En-
tomostraceen (der Phyllopoden), welche bei diesen in neuerer
Zeit sogar vorzugsweise als Respirationsorgane angesprochen
346 Ed. Schödler:
worden sind '). Die Identität ‘dieser beutelförmigen Fuss-
anhänge bei den Phyllopoden ?) und Daphnien hat: schon
Straus ?) ausgesprochen. Sie scheinen jedoch nicht bei allen
Cladoceren vorzukommen, sondern den Achtfüssern derselben
zu fehlen; denn sie wurden weder von Loven bei Evadne,
noch von mir am Polyphem aufgefunden. |
4. Von dem Circulations-Systeme.
Ueber das Gefässsystem ‚der Daphnien besitzen wir zwei
Abhandlungen, in denen Perty *) und Gruithuisen ‚ihre
Beobachtungen, welche sie an zwei verschiedenen Species hier-
über ‘gemacht, mitgetheilt haben. Die schon oben eitirte Ar-
beit von Gruithuisen, auf welche Perty als die umfassen-
dere selbst verweist, enthält neben mehreren Irrthümern ‚recht
schätzenswerthe Aufschlüsse über das in Rede stehende Sy-
stem. ‘Wir werden die darin enthaltenen, von der ‘Wahrheit
abweichenden Punkte im Folgenden gelegentlich zu bemerken,
hier um so mehr veranlasst, weil leicht der Vermuthung Raum
gegeben werden könnte, als existirten solehe Abweichungen als
generische Differenzen zwischen Daphnia und dem Acanthocercus.
Den Centralpunkt des ganzen Gefässsystems. bildet das
blasenförmige Herz (Fig. 1. 2. 15. 16 H), welches durch seine
lebhaften Pulsationen sehr leicht in die Augen fällt. Es kann
mit Recht ein Arterienherz genannt werden. — Seine
Lage: im ersten Segmente des sogenannten Brusttheils, un-
mittelbar unter dem Parenchym der Rückenwand, über dem
Intestinum,' von dem es nur durch eine, gleich näher zu be-
trachtende Membrane geschieden wird, ist schon oben an-
gedeutet worden. Es ist von länglich ovaler Gestalt,
Seine Länge erreicht fast das Doppelte seiner Höhe. Seine
Längenaxe ist unter etwas spitzen Winkel gegen die des Kör-
ı) Vgl. Burmeister, Die Organisation der Trilobiten. S. 45 ff.
und Zaddach, De Apodis cancrif. anat. et hist. evol. p. 14.
2) Ueber frühere, abweichende Deutungen derselben Theile bei
den Phyllopoden vgl. Schäffer, „Der krebsartige Kiefenfuss” —
und Berthold „Beiträge zur Anatomie des krebsartigen Kiefenfus-
es”. Isis 1830. p. 685.
3) A. a. O. V. p. 406.
») Ueber den Kreislauf der Daphnien. Isis 1832. S. 725 f.
Ueber Acanthocerceus rigidus. 347
pers gerichtet; aber ziemlich parallel mit der des darunter
liegenden Darmtheils. ‘Durch diese schräge Lage wird es
bedingt, dass das Herz, von der Rückenseite aus betrachtet, fast
kreisrund erscheint (vgl. Fig. 4 und 16). — Am vorderen
Theile verengert es 'sich in einen kurzen, aber. deutlichen
dünnen Hals (bulbus arteriosus). "Auf jeder der ‚beiden Sei-
ten ist es mit einer grossen Querspalte (r) versehen.
Diese öffnen sich weit im Zustande der Contraction, welche
in der Richtung der Höhenaxe erfolgend, das Blut in die Ar-
terien treibt und gewähren zugleich dem aus dem Körper
zurückkehrenden Blute freien Eintritt in das Herz. Die sau-
migen Ränder dieser Querspalten, welche am expandirten Her-
zen vollkommen geschlossen sind, scheinen sich an der Innen-
fläche klappenartig zu decken und K jenen innigen Ver-
schluss noeh zu verstärken,
Von der eigentlichen Textur des Herzens, welche den
sehr schnellen und kräftigen Pulsationen zu Folge 'eine sehr
ausgebildete sein muss, lässt sich nur ‚an der äusseren Ober-
fläche ein deutliches Muskelgeflecht erkennen. Man muss
zu diesem Zwecke durch vorsichtiges Pressen die Pulsationen
des Herzens, aber ohne eine Verletzung herbeizuführen, be-
deutend tenıperiren. Jenes Muskelgeflecht nun besteht Jarin,
dass, wie Meridiane um den Globus, hier kräftige Muskelstrei-
fen, die wieder vielfach unter einander anastomosiren, nach
allen Richtungen in der Herzwandung verlaufen und sich alle
(wie jene) in zwei Punkten (Polen), einem oberen und einem
unteren kreuzen. — Durch mehrere feine Muskelfäden, welche
nach den umliegenden festen Theilen abgehen, wird. das Herz
an diese fixirt '):
») Was die Lage und Strukturverhältnisse des Herzens
anlangt, so fand ich eine Abweichung von den hier beschriebenen
weder bei den Daphnien, noch bei den Lyneeen. Dagegen unter-
scheiden sich die beiden grösseren Gruppen der zwölffüssigen
(von ihnen untersuchte ich zwei verschiedene Species von Sida, S.
erystallina und eine noch unbenannte, neue Art) und achtfüssigen
Cladoceren ganz wesentlich durch die Bildung ihres Centralgefäss-
organs. Erstere nähern sieh dadurch, wie schon oben angedeutet
wurde, der Herzbildung der Phyllopoden (vgl. hiermit Zaddach, De
Apodis canerif. anat. p 17. tab. Il. fig. IV. V). — Ueber die Achtfüsser
vergl. Loven a. a. O. 8.158. Taf. V. Fig. 1. 2.
348 Ed. Schödler:
"Eine mehrfach veranstaltete Bestimmung der Zahl der
sehnellen Pulsationen ergab mir als Mittelzahl in runder Summe
zweihundert und funfzig Herzschläge ‘in einer Minute !)..
Von einem zweiten oder Venenherzen, ‘das nach
Gruithuisen‘?) und Perty bei den Daphnien vorhanden 'seih
soll, habe ich ‘weder’ eine Spur bei’ den Acanthocerken; noch
bei den Daphnien oder: Lynceen, ‘noch bei einer der übrigen
Gattungen‘ auffinden können.‘ — Unter dem Herzen aber findet
sich (bei allen ‘Cladoceren‘) eine ‘zarte, sehr durchsichtige,
muskulöse Membrane 'ausgespannt, ‘welche die Höhlung, in»der
das Herzchen liegt, nach allen: Seiten auskleidend verschliesst
und nur für die aus dem Hinterleibe und der Schale 'zurück-
kehrenden grossen 'Venenkanäle freie Oefinungen lässt.’ Da-
durch wird jene Höhlung zu einer Art Blut-Behältniss®),
welches dem Atrium cordis der höheren Thiere vergleich-
bar ist und in welchem das Herz wie eine kleine‘ Saug-
pumpe fungirend liegt; indem es’ mit jeder Systole das Blut
indie Arterien treibt und mit jeder Diastole durch die beiden
Querspalten wieder frisches Blut in sich aufnimmt. u
Aus dem Herzen (dem Arterienherzen Gruith.) "wird
nun das Blut durch folgende Arterien (d. h. vom Herzen
ausgehende @efässemit eigenen Wandungen) inalle
Theile des Körpers geführt 4): unbe ran er
!). Ich; machte (in Ermangelung einer Sekundenuhr) digse, Be-
stimmung (wobei ich sehr wohl darauf bedacht war, dass ich das
zu beobachtende Thierchen in bester Lebensthätigkeit und in mög-
lichst behaglicher Lage unter das Mikroskop brachte) in der Weise,
däss ich zu zählen versuchte, wie viele solcher Herzschläge genau
auf einen meiner eigenen Pulsschläge zu rechnen seien. Hiernach
ergab sich (als ziemlich genaue Mittelzahl meiner Pulsschläge 70 in
1 Minute angenommen), dass sieben Herzschläge des Acanthocer-
cus mit zweien der meinigen ziemlich isochronisch waren; woraus
sich in runder Summe obige Mittelzahl leicht ergiebt.
2) A. a. O. 8.404.
>») Es ist dieser Blutbehälter jedoch nicht mit dem zweiten Her-
zen Gruithuisen’s in Einklang zu bringen. Vgl. a. a. O, S. 405 und
die dazu gehörige Abbildung.
%), Das Vorhandensein eigenwandiger arterieller Gefässe
bei den 'Daphnien hat schon Gruithuisen (a. a. O. S. 404) ausge-
sprochen. Entgegengesetzter Meinung ist Zaddach, der (De Ap.
canc. anat. p. 33) eigenwandige blutführende Gefässe allen nie-
ee 0 EI 9
Ueber Acanthocereus rigidus. 349
Der: oben sogenannte bulbus arteriosus' (Fig: 15. 16a),
den Gruithuisen ganz bezeichnend als aufsteigende Arte-
rie (arteria aorta) beschrieben hat, theilt sich gleich bei sei-
nem Uebergange in den‘ Cephalothorax in drei (nicht in
zwei wie 'Gruithuisen 'S. 404 angiebt) verschiedene: Aeste,
welche die Arterien des Cephalothorax bilden... Von
diesen drei Arterien verläuft die mittliere (0),' welche ' der
artere ophthalmique des Audouin und‘ 'M.:Edwards !)
vergleichbar, in ‘gerader ‚Richtung nachdem’ Auge zu in das
Parenchym ! des: oberen Cephalothorax eindringt und als
eigenwandiges Gefäss- nicht "über die’ grossen Heber der
Ruderarme hinauszugehen scheint. 'Sie setzt'sich aber durch Ca-
pillarkanäle bis über das Auge hinweg‘ fort‘ und‘ erscheint
somit als das 'ernährende'Gefäss des oberen’ Cephalothorax ?).
Viel leichter zu erkennen und in seinem Verlaufe zu verfol-
gen ist jeder 'dervseitlichen, "ganz gleich bedeutenden
Aeste (Fig: 15 aa’), welche den arteresiantennaires ÄAud.
und M. Edw. entsprechen.‘ Diese‘'Arterie ist auch von Grui-
thuisen alsıoberer Ast der aufsteigenden Arterie,'je-
doch irriger Weise‘ als unpaarig vorhanden’ schon beschrie-
ben wörden. Jede dieser Arterien: (sowohl die rechte als
linke) verläuft, nachdem’ sie’sich unmittelbar hinter ihrem Ur-
sprunge aus.der Aorta 'gabelförmig getheilt hat, mit ihreni
grösseren ‘Zweige in schräger Richtung, zwischen Intestinum
(d.h. zur Seite desselben‘) und: den Hebern der Ruderarme
nach vorn, bis ungefähr zum vorderen Rande des Intestinums;
hier geht sie abermals ‚eine Spaltung! in zwei Aeste (a? und
a?) ein welche sämmtliche Organe des! Kopfes mit Blut ver-
deren Erustaceen abspricht., Ich muss diese Behauptung Zaddach’s,
soweit sie die Cladoceren betrifft, als unbegründet zurückweisen;
indem ich nach der durch vielfache eigene Untersuchungen gewon-
nenen Ueberzeugung der Ansicht a gie s beizupflichten
gezwungen bin.
..*) Vgl. „Recherches anatomiques et re sur ‚la ir.
culation dans les Crustaces” par Audouin; et, Milne Edwards. Anna-
les des sc. nat. XI. p. 360.
2) Diese Arterie, welche beiallen ikdoderkh vorhanden, jedoch
etwas schwierig zu erkennen ist, hat Gruithuisen bei Däphnia über-
sehen.
350 Ed. Scehödler:
sorgen. Der obere (a?) dieser Arterienäste nährt das Auge
und die Antennen; während der andere (a?) als nutritive Ar-
terie für Gehirn, Speiseröhre und Mundtheile sich nach unten
und hinten wendet. Sämmtliche Endzweige dieser Arterien
aber erreichen nicht als eigenwandige Gefässe die
Theile, welche sie mit ihrer Flüssigkeit nähren sollen; sondern
zerfliessen gleichsam ‚noch ehe sie bis zu jenen| gelangt
sind in je einen, oder, da sich dieser meist bald wieder theilt,
in mehrere. sogenannte Capillarkanälchen. Essind dies
wandungslose, kanalförmige Lücken des Parenchyns,
in’ denen sich die erhährende Flüssigkeit bis zu und in den
betreffenden Theilen herum bewegt. Wir werden hierauf noch
einmal zurückkommen.
Der kleinere der oben erwähnten Zweige (a®), de
durch die erste gabelförmige Thieilung der zuletzt betrachteten
Arterie entstanden (der unterste Ast der aufsteigenden Arterie
nach Gruithuisen), theilt sich wiederum in zwei Zweige, von
denen der eine in die häutige Bedeckung des Thorax über-
geht und hier zu verlaufen scheint, während der andere und
zwar der stärkere in den Ruderarm eindringt und: als veigent-
liche Armarterie an dessen unterer Seite bis in die äus+
serste Spitze verläuft. Diese Arterie verliert gleich nach ihrem
Eintritt in den Arm ihre eigene Gefässwandung. Sie sendet
auf ihrem Wege von Zeit zu Zeit Querkanälchen nach der
entgegengesetzten Seite des Arms, welche sich hier zu einem,
von der Spitze aus immer stärker werdenden, zurückfliessen-
den Blutstrome, der Armvene vereinigen.
Durch die bisher betrachteten Arterien wird somit Blut
aus dem Herzen zu allen Theilen des Cephalothorax ge-
führt. — Dem Hinterleibe gehören folgende Arterien an:
Am vorderen Theile der unteren Seite des Herzens
entspringt eine Arterie (die absteigende Arterie nach Gruit-
huisen), welche sich gleich nach ihrem Austreten aus dem
Herzen in zwei starke Aeste (b.b) theilt, von denen: einer
auf der rechten, der andere auf der linken Seite, den Darm
umringend, in schräger Richtung nach der Bauchseite verläuft,
an jeden Fuss einen besonderen Zweig absendet und bis in
den Schwanz hinabsteigt.. Diese Arterie ist bei Daphnia auch
Ueber Acanthocercus rigidus. 351
=
schon von Jurine und Straus ') beobachtet, aber von
ihnen, wie von Gruithuisen unrichtiger Weise für die
einzige und zwar unpaarige Hinterleibsarterie gehalten
worden. Sie entspricht mit der gleichnamigen der anderen
Seite, ihrer Lage nach, den von Audouin und M. Edwards
sogenannten Arteres hepatiques, ohne jedoch mit diesen
gleiche Function‘ zu haben; da sie ausser den Füssen nur
noch besonders: das Ovarium und überhaupt die an der Bauch-
seite gelegenen Organe zu nähren scheint ?).
Endlich entspringt noch eine Arterie aus der hinteren
Portion der Unterseite des Herzens (c), welche vollkommen
der Artere sternale Aud. und M. Edw.’s zu entsprechen
scheint. Sie findet sich ebenfalls bei den verwandten Gattun-
gen; ist aber von Gruithuisen gänzlich übersehen worden °).
Sie verläuft längs des Intestinums bis zum vorletzten Hinter-
leibssegmente, woselbst sie sich gabelförmig theilt, mit jedem
ihrer Aeste (c'.c’') schräg-seitwärts in den Schwanz hinabsteigt
und‘ ganz besonders für den Darmkanal oder für‘ die der
Rückenseite des Hinterleibs zunächst liegenden Theile über-
haupt bestimmt zu sein scheint.
Von den bisher betrachteten Blutgefässen, durch welche
die ernährende Flüssigkeit aus dem Herzen in alle Körper-
theile verbreitet wird und deren Totalverzweigung wir das
arterielle Gefässsystem nennen wollen, sind alle übrigen,
durch die das Blut von den betrefienden Organen zurück, in
die Kiemen und aus diesen wieder zum Herzen geführt wird,
die Venen durch keine natürlichen Scheidewände gesondert *);
1) Vel. a. a. O, V. p.412. pl. 29. fie. 20. b.
2) Auch Gruithuisen beobachtete hiermit übereinstimmend,
dass die absteigende Arterie den Darmkanal (also auch die Leber)
nur sparsam mit Blut versorge (a, a. O. S. 405).
?) Von dem Vorhandensein dieser Arterie bei Daphnia findet
sich schon eine Notiz bei Schäffer (vergl. die grünen Armpolypen
und die geschwänzten und ungeschwänzten zackigen Wasserflöhe.
Regensburg 1755. S. 43. Taf. 11. Fig. 2), dessen Beobachtung Straus
(a. a. 0, V. 8. 390) mit Unrecht in Zweifel zieht,
*) Ganz willkürliche Scheidepunkte der Art (zwischen
Arterie und Vene), wie sie Gruithuisen (a. a. O. S. 406) aufstellt,
können daher hier keine Bedeutung haben; sie sind wenigstens, da
352 Ed. .Schödler:
-
sondern beide Systeme gehen unmittelbar in einander über
und ‚das aus dem Herzen strömende Blut ist auch nur zum
Theil wirklich, arterielles. Das Venensystem aber zeigt‘
noch die Eigenthümlichkeit, welche schon Gruithuisen erkannte
und welche durch die neueren Untersuchungen von Lund),
Schultze ?), Krohn ?), Zaddach *) u. A. als gültig für
die meisten Gruppen der Crustaceen wohl erwiesen ist, dass
ihm durchweg eigenwandige Gefässe abgehen. ‘Die
venöse Blutmasse bewegt sich frei durch die respiratorischen
Organe und die übrigen ‚Leibestheile, entweder in. Kanälen
der. oben beschriebenen Art (Capillarkanälen Gruithuisen)
oder in grösseren Strömen, zu welchen diese Oapillarkanäle
sich vereinigen, und welche durch eigends hierzu ausgespännte
Membranen ‚gebildet. werden. . Durch solche Membranen schei-
nen ‚auch besonders die Uebergänge aus ‚den »grösseren
Venenströmen in-die respiratorischen Organe. und. umgekehrt
vermittelt zu, werden. ‚Am deutlichsten zu erkennen ist jene
Membrane, welche sich als Fortsetzung der unter'dem Herzen
ausgebreiteten längs des ganzen Intestinums, unmittelbar. über
demselben ausspannt und so zwischen der. Rückenwandung
und dem Intestinum einen grossen Kanal bildet, ‚im wel-
chem die. Hauptvene des Hinterleibs (die, aus.dem
Klauenschwanze aufsteigende Vene’ Gruith.) zum Her-
zen, d..i. in! das es umgebende Blutbassin. strömt‘).
— .
die Begriffe des Arteriellen und Venösen hier durchaus’ nicht
streng festzuhalten sind, nicht geeignet, unsere Einsicht in diese’ Ver-
hältnisse zu fördern.
1) Vgl. Lund, Zweifel über das Dasein eines Circulationssystems
bei den Crustaceen. Isis. 1825.:8. 594 ff. — Dess. Forigenekuie Un-
tersuchungen. Isis. 1829. 8.1299 ff. ' \
2); Lund.und Schultze,: Fortgesetzte Untersuchungen. Isis.
1830. S. 1222 ff. IE)
3) Krohn, Ueber das Gefässsystem des Flusskrebses. Isis. 1834.
S.518 ff, va
*) Zaddach, De Apodis cancer. anat. 8. 15 ff.
5) Den vorderen Theil dieser Hinterleibsvene, der sich nur
nach vorn etwas halsförmig verengt, um seinen Inhalt durch die
oben erwähnte Oeffnung ‚in ‚das; sogenannte ‚Atrium, des Herzens zu
ergiessen, haben Perty,und Gruithuisen für ein zweites oder
Venenherz erklärt. Er schliesst sich nach hinten nicht (wie
u
Ueber Acanthocercus rigidus. 353
Unmittelbar unter dieser zarten, durchsichtigen und, wie es
scheint, durchweg muskulösen Membrane, verläuft die Arte-
rie des Darmkanals, durch deren lebhafte Pulsationen jene
kleine Erschütterungen zu erleiden und in ihren, die Blut-
strömung beschleunigenden schwachen Vibrationen unterstützt
zu werden scheint.
Wir haben oben bei der Betrachtung der Arterien ge-
sehen, dass diese sich sämmtlich von ihrem Ursprunge aus
dem Herzen bis zu ihrem Uebergange in die zu ernährenden
Körpertheile vielfach gabelförmig theilen. Wenn wir dieses
Auseinandergehen, die immer zunehmende Ver-
zweigung als Eigenthümlichkeit der Arterien festhalten, so
werden wir an der umgekehrten Erscheinung, also an der
successiven Wiedervereinigung jener feinen Kanäle,
als welche wir die Arterien (Kapillararterien Gruith.)
verliessen, die sonst hier von der Natur versagte Un-
terscheidung zwischen Arterie und Vene durch den gan-
zen Körper, mit Ausschluss der respiratorischen Organe
sehr leicht machen können. Als Venen werden wir also
hiernach jene Blutströmchen bezeichnen, welche aus dem
Kopfe zurückkehrend sich jederseits dem oberen Theile
des Thorax zuwenden und, nachdem sie sich immer mehr
durch Vereinigung mit den aus diesem Theile zurück-
strömenden Kanälchen und ganz besonders durch Aufnahme
der Armenvenen verstärkt haben, in die Schalenkieme ein-
treten. Der Uebergang in dieses ohne Zweifel wie das Schild
der Apoden respiratorische Organ erfolgt jederseits, wie
auch Gruithuisen richtig beobachtet hat, durch zwei Kanäle,
welche den vaisseaux aflerens des branchies Aud. und Milne
Edwards ') zu vergleichen sind. Hier -verbreiten sie sich
nun zum Behuf der Respiration in ein wahres Netz von
Kapillarkanälen, indem sie sich wiederholentlich gabelför-
ınig theilen, vielfach unter einander anastomosiren und
sich ewdlich alle in jenem gemeinschaftlichen,
an seiner vorderen Portion) durch eine halsförmige Verengerung
von dem ganzen übrigen Kanale ab, und deshalb ist seine obige
Deutung unzulässig.
') A. a. O0. 5.360.
Archiv 1, Naturgeschichte, XH, Jahrg. 1, Bd, 23
354 Ed. Schödler:
unpaarigen, grossen Kanale (den vaisseaux aflerens des
branchies Aud. und M. Edw.’s !) vergleichbar) wieder vereini-
gen, welcher in der verdickten Parenchymschicht des Rücken-
randes nach vorn zu verlaufend, sich durch eine trichterför-
mige Mündung in den Blutbehälter des Herzens ergiesst.
Durch diesen Kanal, den gemeinschaftlichen Stamm der
Schalenkiemenvenen, wird dem Herzen vollständig oxydirtes
Blut zugeführt. Anders verhält es sich, wie wir gleich sehen
werden, mit der oben genannten Hinterleibsvene.
Eine andere Venenpartie verläuft im unteren Cephalo-
thorax und begiebt sich in die Kiemen der Beine. Sie
beginnt mit ihren ersten Anfängen schon in den Kapillarvenen,
welche von den Antennen, dem Gehirn und den Mundtheilen
herkommen: und scheint alle Venenkanäle, welche die Organe
des unteren Thorax und der vorderen Portion des Hinterleibs
entsenden, in sich zu vereinen. Diese Partie ist der direkten,
Beobachtung zum. grossen Theile unzugänglich. Es hält schon
sehr schwer, die Bluteirculation in den Kiemen. selbst (ich
meine nur die als solehe oben gedeuteten blattförmigen Theile
der hinteren Fusspaare) zu erspähen. Doch gelingt es, wenn
man durch vorsichtiges Pressen die schnelle Bewegung der
Kiemenbeine ein wenig zu hemmen. sucht. , Die hier zu oxy-
dirende Blutmasse strömt (in der in. Figur 8. durch Pfeile
angegebenen Richtung) am Vorderrande des Beinchens nach
unten, durchfliesst, in sechs bis acht dicht neben einander
verlaufende Kanäle ausgebreitet, die eigentliche Kieme und
kehrt am entgegengesetzten Rande wieder in die Leibeshöhle
zurück. Die Uebergänge dieser Blutströmung in) die Beine
und aus diesen zurück, so wie, die weitere Communication
bis zum Herzen hin, sind bei den Acantlıocerken und den mei-
sten der verwandten Formen kaum zur klaren Anschauung
zu bringen. — Diese Lücke glaube ich durch eine Beobachtung
ausfüllen zu können, welche ich an einem kleinenLynceus,
am Chydorus sphaericus Bd. machte. Es war im Spät-
sommer, als ich ein Exemplar dieses Thierchens unter das
Mikroskop bekam, an dem mir die Bluteirculation (ohne ge-
rade hierauf observiren zu wollen) in den grossen Venen-
') A. a. 0. $. 361.
Er
Ueber Acanthocereus rigidus. 355
kanälen sogleich in die Augen fiel; sie hatte in einem so auf-
fallenden Grade statt, wie ich sie zuvor noch nicht an ihm
gesehen hatte. Das Thierchen selbst zeigte von üppigster
Lebensfülle und stand im Begriff, seinen Häutungsprocess
einzugehen. Das Herzchen war in grösster T'hätigkeit und
es fand das lebhafteste Zu- und Abströmen des Blutes statt.
Allein das eigentlich Auffallende des Phänomens bestand für
mich darin, dass ich, was ich zuvor noch nie beobachtet,
ganz deutliche Communicationen zwischen den Respirations-
organen der Beine und dem Herzen wahrnahm. Die oben
betrachtete Venenpartie der vorderen Bauchseite nämlich
strömte, nachdem sie in den Beinen den Atlımungsprocess
bestanden hatte, in drei breiten Kanälen (auf jeder
Seite), welche auf gleiche Weise‘ wie der oben beschriebene
Kanal der grossen Hinterleibsvene gebildet zu sein schienen
und wie diese unmittelbar unter der Leibeswandung verlie-
fen, in schräger Richtung der Rückenseite zu und ergoss sich
in den vorderen Theil jener Hinterleibsvene (also nicht unmittel-
bar in das sogenannte Atrium des Herzens selbst). Von die-
sen drei Kanälen (den Canaux branchio-cardiaques
Aud. und M. Edw.’s !) vergleichbar) gehörte je einer dem
vierten und fünften Beine (Kiemenbeine) an; während der
dritte den drei vorderen Beinen allein zu genügen schien.
Da ich dieselbe Beobachtung an wenigstens zehn
verschiedenen Individuen derselben Art wiederholt und
mich jedes Mal in überzeugendster Weise von der Rich-
tigkeit der ersten Beobachtung überführt habe, so glaube
ich mich berechtigt, die eben beschriebenen Kanäle für die
normalen Communicationen zwischen den Respirationsor-
ganen der Beine und dem Herzen halten zu. dürfen. Da
sich ferner im ganzen übrigen Blutkreislauf keine erheb-
Jiehe Differenz zwischen irgend welchem Lynceus und dem
Acanthocercus nachweisen lässt, so glaube ich die Gültigkeit
jener an Lynceus gemachten Beobachtung auch auf die neue
Gattung (ja vielleicht auf alle Cladoceren) ausdehnen zu
dürfen.
Es bleibt uns zur vollständigen Ergänzung des Gesammt-
’) Vergl. a. a. O. S. 361.
23%
356 Ed. Schödler:
blutkreislaufes noch übrig, die Venen des eigentlichen Hinter-
leibs von ‚ihren Anfängen aus zu ‚verfolgen. Wir erkennen
diese au dem oben aufgestellten Merkmale zuerst ‚deutlich in
dem Schwanztheil ‚des Hinterleibs, wo sie die unmittelbare
Fortsetzung ‚der Hinterleibsarterien bilden. Sie umgehen in
immer zunehmender Vereinigung. jederseits ‘den unteren
Theil: der‘ Darmschleife und verlaufen von. da ab iin
dem oben beschriebenen. Kanale Jängs der Rückenseite,
dem vereinigten Stamme der Hinterleibsvene, welche überdies
noch den durch‘ Exosmose ausgeschiedenen Chylus in sich
aufnimmt und mit diesem, vermischt auf dem oben beschriebenen
Wege zum Herzen gelangt. Von solcher Mischung von ve-
nösem ‚Blute und Chylus zeigt, schon die. grosse ‚Ungleichheit
der einzelnen. Blutkügelchen. in diesem Venenkanal, — Auf
diesem Wege erhält also das Herz Blut, das: vorher. keiner
Respiration unterworfen war... Da dieses mit dem ‚übrigen
vermischt: von dem Herzen. durch Imbibition aufgenommen
und durch die Arterien gleichfalls in den Körper geführt
wird, so ergiebt sich die Richtigkeit der oben vorangeschick-
ten. Behauptung, über ‚das Ineinanderfliessen beider Systeme
von selbst ').
5. Von dem Nervensysteme.
Der Untersuchung des Nervensystems stehen weniger
Hülfsmittel zu Gebote, als die mikroskopische Analyse der
Gefässe, Muskeln und anderen Organe in Anwendung bringen
kann. Sie ist nur an lebenden, ganz durchsichtigen Objeeten
zu veranstalten und vermag der versteckten Lage wegen nur
einen Theil desselben zur klaren Anschauung zu bringen.
Diese zugängliche Partie des Nervensystems umfasst das Ge-
hirn mit seinen Hauptverzweigungen.
') Die von Gruithuisen (a. a. ©. S.406) gemachten Schlussbe-
merkungen können wir hier füglich übergehen; sie finden ihre Er-
ledigung im Verlaufe der obigen Betrachtung. Von einem Wechsel-
verhältniss, das zwischen der Ruderbewegung der Arme und dem
ungestörten Fortbestehen des Blutkreislaufes vorhanden sein soll,
habe ich niemals etwas beobachtet.
Ueber Acanthocercus rigidus. 357
Das Gehirn (eerebrum, Fig. 2 und 11.C) ist ein grosser,
von den Seiten stark zusammengedrückter, lappenförmiger
Nervenknoten von länglich viereckiger Gestalt, welcher vor
der Speiseröhre im unteren Cephalothorax und zwar so ge-
legen ist, dass seine Längendimension in etwas schräger Rich-
tung von unten nach oben aufsteigt. Es erscheint an seiner
vorderen und breiteren Partie etwas mehr angeschwollen als
an seiner hinteren und schmäleren und besteht aus einer kaum
durchscheinenden, feinkörnigen, grauweissen Substanz ').
Aus dem Gehirnganglion und zwar an seiner Vorder-
fläche entspringen:
"Zwei sehr starke Sehnerven (nervi optiei Fig. 11 0),
welche aus den oberen Ecken hervortreten und in ziemlich
gleicher Richtung mit der Längenaxe des Gehirns schräg nach
der hinteren Fläche des grossen Auges gerichtet sind. Sie
sind von konischer Gestalt und als zwei vollkommen von
einander getrennte Nerven nur im Embryo zu erkennen. Sie
verwachsen mit ihren stumpfen, verdickten, dem Auge zuge-
kehrten Enden schon sehr früh zu einem starken Bulbus,
welcher einen Büschel sehr feiner Nervenfäden in das Auge
selbst absendet. An ihrer Basis, d. i. den unteren, zugespitz-
ten Enden scheinen diese Nerven jedoch selbst bei ganz aus-
gewachsenen Thierchen getrennt zu bleiben.
Am unteren, mehr abgerundeten Theile derselben Fläche
nehmen zwei andere Nerven (Fig. 11.n.n) ihren Ursprung,
welche nach der Spitze des Rostrums verlaufen und in die
Antennen übergehen. Wir werden sie deshalb als Fühler-
nerven (nervi antennales) bezeichnen können. Sie haben
bei den Acanthocerken des mehr ausgestreckten Kopftheils
wegen eine verhältnissmässig grössere Längenausdehnung als
bei den Daphnien und Lynceen und sind ihrer freieren Lage
wegen auch bequemer als bei diesen zu beobachten, Sie
umgehen jederseits über‘ der Basis der Antennen den soge-
') Die hier beschriebene Gestält und Lage erleidet in den
verwandten Formen grössere oder kleinere Modificationen, die sich
aber alle aus der abweichenden Bildung des Kopftheils von selbst
ergeben. Vergl. hiermit Straus a. a. O. V. S. 396. P1.29. Fig. 6 und
Loven a. a. O. S. 151. Taf. V, Fig. 5.
358 Ed. Schödler:
nannten schwarzen Fleck und schwellen hier zu kleinen
Ganglien. (g. g. „les deux petits ganglions. fusiformes” ’)
an, welche feine Nervenfädchen san jenen abgeben. . Vor-
her aber entsendet jeder Fühlernerv. noch. zwei Zweige,
einen oberen (a), welcher sich an die häutige'Bedeckung
des Vorderkopfes begiebt und einen unteren (b),, welcher
dem bewegenden Muskel des Fühlers angehört.‘ Der Fühler
selbst wird seiner ganzen Länge nach (s. Fig. 3) vom ‚Haupt-
zweige (c) des Nerven durchlaufen ; im.letzten Viertel dieser
Länge aber schwillt dieser wieder ein wenig an. und ‚spaltet
sich in einen Büschel von eben so vielen Nervenfäden,, als
zungenförmige Tentakeln aus der Fühlerspitze ‘hervorragen.
Aus der hinteren Fläche des Gehirns, entspringen fol-
gende Nerven: R N
Die lappenförmig vorspringende untere: Ecke ‚sendet
einen, wie es scheint, unpaarigen Nerven (n') aus, welcher
in die Oberlippe eindringt (nervus Jabri) und auf, seinem
Wege vorzugsweise die Muskeln dieses Theils mit ‚Nerven-
fäden zu versehen scheint.
Der obere Rand endlich giebt zwei ziemlich. starke
Nervenstränge (n”n”) ab, welche in etwas schräger Richtung
nach hinten verlaufen, die Speiseröhre umfassen und in ihrer
Vereinigung, welche unterhalb des m. adductor der Oberkie-
fer Statt hat, das erste Ventralganglion bilden. Letzteres
vermochte ich schon nicht mehr mit Sicherheit zu unterschei-
den ?); völlig unzugänglich für direkte Beobachtung ist, die
ganze übrige Ventralganglienkette.. Von jenem Nervenringe
aber, der die Speiseröhre umfasst, salı ich noch deutlich jeder-
seits zwei Nervenzweige nach oben abgehen. Der vordere
und schwächere derselben (d), welcher unmittelbar vor der
Speiseröhre entspringt, scheint an den. vorderen. Theil des
Darms zu verlaufen; der hintere und stärkere (f). dagegen
dringt in den Ruderarm ein. !
') Vergl. Straus a. a. O. V. S. 398.
2) Am. deutlichsten unterschied ich das erste Ventralganglion bei
einer verwandten Form, der Daphnia brachyura Zadd., welche über-
haupt für die’Observation der Nervenyerzweigungen als sehr geeig-
net zu empfehlen ist.
Ueber Acanthocercus rigidus. 359
6. Von den Sinnesorganen.
Das Sehorgan ist hier, wie in den verwandten Gat-
tungen, durch ein grosses, zusammengesetztes, sphä-
risches Auge (Fig. 1. 2.0 und 11 A) vertreten, dessen Lage
schon oben genügend bezeichnet wurde, Es ruht frei beweg-
lich unter der an dieser Stelle sehr zarten und glatten
häutigen Bedeckung des Kopfes und ist durch die innigste
Vereinigung zweier, eigentlich zusammengesetzter Augen
entstanden '). In deutlicher Trennung (wie Fig. 13 A’ dar-
stellt) sind beide Augen jedoch am Embryo zu unter-
scheiden; sobald das Junge die Matrix verlässt, ist solche nur
noch an einer schwachen Ausrandung des hinteren Augen-
randes und an den noch fast ganz getrennten Sehnerven zu
erkennen. Das vollkommene Auge ist mit Ausnahme der
hinteren Fläche, welche ein wenig abgeplattet ist, sehr stark
convex und besteht aus folgenden Theilen:
Der dunkele Kern des Auges, welcher den grössten Theil
desselben einnimmt, wird von einem schwarzbraunen
Pigment gebildet, das von einem sehr zarten Häutchen um-
») Diese Verschmelzung der beiden Augen zu einem grossen
Auge, die allen Cladoceren und in grösster Vollkommenheit der
hiernach benannten, verwandten Familie der Cyclopiden (Mono-
euli) eigenthümlich ist, beginnt schon bei den Phyllopoden und
lässt sich von diesen ausgehend bis zu jenen eigentlichen Einaugen
hin in allmählich zunehmender Progression verfolgen. Eine gegen-
seitige Annäherung der beiden, bei den Branchipoden weit von
einander getrennten Augen zeigen schon die Limnadiiden (vergl.
Brongniart, Memoire sur le Limnadia. Mem. du Mus. VI. p.85);
eine Verwachsung an den Vorderrändern findet sich schon bei den
Apoden (vgl. Zaddach, De Apod. etc. p.45). Weiter vorgeschrit-
ten finden wir sie unter den Cladoceren, bei denen sie nur selten
(wie bei Daphnia sima, D. mucronata) am völlig ausgewachsenen
Thierchen noch durch eine deutliche Ausrandung des hintern Augen-
randes zu unterscheiden ist, Bei denLynceen und achtfüssigen
Oladoceren, sowie bei den Cyproiden (mit Ausnahme von Cy-
pridina) schwindet die Spur einer solchen Verwachsung immer
mehr, bis sie sich endlich in den Cyclopiden ganz verliert. —
Gegen solche Entstehungsweise des einen grossen Auges dieser
kleinen Krebse spricht sich Jurine (Hist. nat. des Monocles p. 137)
aus; jedoch, wie es scheint, mehr aus Liebe für die von ihm gewählte
Benennung dieser Thierchen,
360 Ed. Schödler:
schlossen zu ‚sein scheiut und: sich der näheren Betrachtung
als eine flüssig-körnige Masse ergiebt, welche beim Zer-
quetschen die lebhafteste Molekularbewegung zeigt. In die-
sem Pigmente sitzen, über die ganze, nach aussen gekelrte
Hemisphäre des Auges verbreitet und dicht neben ‚einander
gelagert die Krystallkörperchen (coni erystallini), deren
ich vier und zwanzig zählte. Sie haben (vergl. Fig. 13 k)
eine fast birnförmige Gestalt; ‚sind durchsichtig, von weisser
Farbe und bedeutender Consistenz. Mit ihren verdickten und
convexen Enden ragen sie weit aus dem, Pigmente hervor,
Mit den unteren, dünneren,. fach-abgestutzten Enden scheint
der Nerv in Verbindung zu stehen, welcher an der hinteren
Augenfläche in einem, Büschel von eben so vielen einzelnen
Fäden in das Pigment eindringt, als Krystallkörperchen vor-
handen sind. — Zwischen diesem inneren Kern des Auges
und der äusseren, dasselbe ganz umschliessenden Membrane
(cornea), die sehr dünn und durchsichtig, ‚aber ziemlich fest
ist, bleibt noch ein deutlicher Zwischenraum, welcher von
einer klaren, durchsichtigen Flüssigkeit erfüllt zu sein scheint,
— Ueber die Muskeln des Auges wurde schon oben das Nä-
here angeführt.
Den Sinnesorganen ist ferner ohne Zweifel der. schon
mehrfach erwähnte unbewegliche schwarze Fleck zu-
zuzählen, der in der Spitze des Rostrums, unmittelbar über
der Insertionsstelle der Antennen zwischen den kleinen Gan-
glien der Antennen-Nerven liegt (Fig. 2 und 3n) und durch
seine dunkele Farbe sehr leicht sichtbar wird. Er erscheint
hier, von der Seite (d. i. am lebenden Thierchen en profil)
betrachtet als rundliches, drüsenartiges Körperchen,
von gleicher Farbe mit dem Augenpigmente; ist verhältniss-
mässig zwar grösser als bei den Daphnien, jedoch kleiner als
bei den Lynceen und. viel kleiner als das zusammengesetzte
Auge. . Seine Natur blieb. bis jetzt noch ‚ganz. zweifelhaft.
O. F. Müller, der erste Beobachter desselben, vindieirte ihn
der scheinbar grossen Aehnlichkeit wegen, welche er mit dem
wahren Auge besonders bei den Lynceen zeigt, dem Ge-
sichtsorgan!). Diese Deutung desselben als zweites oder
») Vergl. O. F. Müller a. a. ©. 8.67.
Ueber Acanthocercus rigidus. 361
Nebenauge findet sich auch noch'in vielen Handbüchern ver-
breitet. Auf die Unhaltbarkeit: dieser Deutung hat zuerst
Jurine !) aufmerksam gemacht; ebenso später Straus ?),
der an Daphnien '(D. pulex) und Baird.?), welcher an
Lyyneeen (Eurycereus) denselben Punkt untersuchte. Sie
gelangten‘ dureh ihre Untersuchungen übereinstimmend zu der
Ueberzeugung, dass jenes dunkele Körperchen kein
Auge sein könne; ohne jedoch ermitteln zu können, welche
andere Bedeutung in ihm zu suchen sei. Um dieser auf die
Spur zu kommen, unterwarf ich dasselbe Organ einer
vergleichenden mikroskopischen Untersuchung. Ich fand
es, variirend in Gestalt und Grösse bei allen Clado-
ceren wieder *), die mir zu untersuchen vergönnt war; doch
sind nicht alle gleich geeignet, Aufschluss über dessen Natur
zu geben. 7
Dass jener Punkt oder Fleck kein Auge ist, darüber
belehrt uns, glaube ich, schon hinlänglich eine vergleichende
Betrachtung seiner äusseren Gestalt. Sie, durch die Mül-
ler gerade vorzugsweise zu seiner Deutung verleitet wurde,
nimmt bei einigen Daphnien eine so eigenthümliche Ausdeh-
nung an, welche, wenn an diesen die erste Beobachtung ge-
macht worden wäre, wohl kauni auf die Vorstellung eines Auges
geführt haben würde. Bei der Mehrzahl der Arten ist sie, in
der Seitenansicht (d. i. am lebenden Thierchen en profil
entnommen): zwar mehr oder weniger rundlich, augenför-
mig (bei Sida, den Lynceen, Acantlıocerken, vielen Daphnien);
jedoch deutlich Jangstreckig, scharfeckig, rhomboi-
disch bei der Daphnia serrulata Kch. und dem jugend-
liehen Thierchen der D. sima Müll. und noch mehr in die
Länge gezogen, ganz spindelförmig, besonders am oberen,
dem Gehirnganglion zugekehrten Ende fadenförmig ausge-
») Vergl. Jurine („La täche noire immobile”) a. a, ©. 8. 147.
+?) Vergl. Straus („Le point noir”) a. a. O. V. 8.398 und VI,
8.158;
2) Vergl. Baird („The bleak spot”) a, a. O. S. 81.
*) Beim Lynceus longirostris Müll., wo jener vermeintliche
Augenfleck vermisst wurde (vgl. O. F. Müller, Entomostraca S. 76),
ist er seiner Kleinheit und versteckten Lage wegen nur weniger leicht
in die Augen fallend,
362 Ed. Schödler.
zogen bei der ausgewachsenen D. sima. — Von der
unteren, d.i. der Bauchseite aus tritt die Gestalt desselben
Organs nur in wenigen Fällen deutlich hervor. Am geeig-
netsten ist auch hierzu wieder noch die Daphnia sima, bei
der eine ziemlich tiefe, deutliche Ausrandung seiner un-
teren Fläche, sowie eine zipfelförmige Verengerung
desselben nach jeder Seite, d,i. nach dem Grunde jedes Füh-
lers hin sichtbar wird. Bei allen anderen Arten ist kaum
mehr als ein mehr oder weniger rundlicher, dunkler Fleck zu
unterscheiden.
Betrachten wir die Lage desselben Organs, ‚so glauben
wir auch hieraus einerseits noch Zweifel an der Richtigkeit
jener früheren Deutung, andererseits aber deutliche Andeu-
tungen einer anderen Bedeutung entnehmen zu können, Seine
Lage ist zwar überall eine ganz bestimmte; sie bekundet, bei
allen Arten eine möglichst nahe Verbindung mit dem Grunde
der Fühler und scheint nur in dem Grade zu variüiren, als
sich die Kopfbildung und mit ihr auch die Insertion der
Antennen (s. oben) verändert. Tief in der Fleischmasse
des Kopfes liegt dieses Organ bei einigen Daphnien (D. magna,
pulex) und fast im Mittelpunkte des eigentlichen Kopfes bei
Sida. Bei dieser Gattung, welche die Antennen an den Kopf-
seiten (an den Wangentheilen, wenn ich mich so ausdrücken
darf) trägt, wird es sogar von den Vorderrändern des hier
deutlich zweilappigen Gehirnganglions ganz umschlossen.
Dieser Umstand, sowie noch der, dass der Theil der häutigen
Kopfbedeckung, unter welchem jenes Organ liegt, beim Acan-
thocerceus, bei den meisten Lynceen (bei Baird’s Unter-
gattungen: Eurycercus, Pleuroxus, Peracantha und
einigen Daphnien (D. mucronata Müll.) weder so glatt noch
durchsichtig wie über dem wahren Auge ist, scheint mir noch
besonders gegen Müller’s Auslegung zu sprechen,
Um noch nähere Aufschlüsse über; den.Bau des obigen
Organs zu erlangen, als solche auf dem bisherigen Wege
durch unmittelbare Beobachtung desselben am lebenden Thier-
chen möglich waren, versuchte ich dasselbe durch ein Paar
Querschnitte und ‚durch vorsichtiges Herausquetschen ganz
bloss zu legen. Es gelang mir, dies, auch. wirklich bei
Daphnia sima, dem Acanthocercus und Euryeereus,
nn ae
D
Ueber Acanthocercus rigidus. 363
und zwar am besten, wenn ich das Präparat in verdünnten
Alkohol ein wenig erhärtete, wodurch das Organ selbst keine
Veränderung erleidet. Ich erkannte auf diesem Wege ein
mehr oder weniger deutlich herzförmig gestaltetes drüsiges
Körperchen (Fig. 3n'), dessen dunkel gefärbter Inhalt von
einem äusserst zarten Häutehen zusammengehalten wird und
sich in Nichts ‘von dem schwarzen Augenpigmente zu
unterscheiden scheint. 'Er besteht in einer ebenso gefärb-
ten und im wunerhärteten Zustande ebenso körnig-flüs-
sigen Masse, welche beim Zerquetschen gleichfalls eine
sehr. lebhafte Molekularbewegung zeigt. — Der untere,
verdickte und ausgerandete Theil dieses Organs läuft an sei-
nen zipfelförmigen Ecken in zwei äusserst feine Kanäl-
chen aus, durch welche das Organ vermittelst einer Oeff-
nung über dem Grunde jedes Fühlers mit der Aussen-
welt commuftteirt. Dieser Oefinung, beim Acanthocereus
an der Seite des Fühlers gelegen (Fig. 3f), wurde schon
oben gedacht; sie liegt bei Daphnien und Lynceen, denen
eylindrisch oder konisch gestaltete Antennen eigen sind, am
Vorderrande derselben. Von dieser Communication des
Organs mit der Pore am Grunde der Fühler überzeugt man
sich wiederum am leichtesten bei der ausgewachsenen Daphnia
sima; bei ihr nämlich sind die verbindenden Kanälchen ge-
wöhnlich bis zum Grunde der Fühler mit derselben Masse
erfüllt, welche den Kern des Organs bildet; ja es gelingt so-
gar bisweilen der -Versuch, diese Masse durch vorsichtiges
Pressen aus dem Kerne in jene Kanälchen hineinzudrängen.
Die oben berührte Metamorphose, welche dieses Or-
gan bei Daphnia sima zeigt, besteht nur darin, dass es sich
hier an seinem oberen, geschlossenen, gewöhnlich abgerun-
deten Ende in einen Jangen Zipfel erweitert und dadurch jene
langstreckige, spindelförmige Gestalt (in der Seitenansicht) ge-
wälrt. Bei allen übrigen Arten nimmt dieses Organ schon
am Embryo, noch ehe er die Matrix des Weibchens verlässt,
diejenige Gestalt an, in welcher es bei dem ausgewachsenen
Thierchen angetroffen wird. Die Entwickelung desselben im
Embryo geschieht ganz gleichzeitig mit der des Auges.
Wenn nun aber aus den angeführten Strukturver-
hältnissen und der Lage des in Rede stehenden ‘Organs
364 Ed. Schödler:
überhaupt ein Schluss auf seme Natur erlaubt sein‘ darf,
so möchte ich jenen vermeintlichen Augenfleck der Clado-
ceren, so sonderbar es auch klingen mag, dem Gehör-
organe derselben vindieiren. Seine constante Lage am
Grunde der Fühler, sowie seine Communication nach
aussen scheinen ‘deutlich hierfür zu sprechen '). Ich halte
dieses Organ somit für das Analogon jener drüsigen Kör-
per, welche im Grunde der inneren Fühler bei den grossen
Krebsen gefunden und als Repräsentanten des 'Gehörorgans
betrachtet werden ?). Von einer näheren Bestätigung dieser
Deutung durch den Nachweis von Otolithen, kann hier um
so weniger die Rede sein, als das Vorkommen derselben bei
den Crustaceen überhaupt noch nicht erwiesen ist.
Ein anderes Sinneswerkzeug finden wir endlich ganz un-
verkennbar noch in den Fühlern selbst, oder vielmehr in
jenem Büschel äusserst zarter Lamellen ig. 2. 3.1.1)
vertreten, welche aus dem freien Ende jedes Fühlers nach
allen Seiten strahlenförmig hervorragen °). In jede Lamelle
dringt ein besonderer Nervenzweig (s. oben). Ihnen liegt
die schon oben angedeutete Function ob, den zum Munde
und den Kiemen strömenden Wasserstrudel zu sondiren, Sie
scheinen hiernach der Sitz eines sehr ausgebildeten Tast-
organs zu sein oder vielleicht jenem Organe zu entsprechen,
») Bemerkenswertli erscheint mir noch der Umstand, dass bei
Evadne, wo Loven dieses Organ vermisst zu haben scheint, ein
anderes hinter dem Auge, mitten auf der inneren Fläche des Kopf-
schildes (vergl. Loven a. a. O. S. 147. Taf. V. Fig.1.2.5.h) auftritt,
das jedoch weder seiner Lage, noch Struktur nach mit jenem
zu vergleichen ist und grosse Verwandtschaft mit dem soge-
nannten Nebenauge der Phyllopoden (vergl. Zaddach De Apod.
etc, S.48 ff.) zu verrathen scheint.
2) Vergl. Arthur Farre „Ueber das Gehörorgan bei den Cru-
staceen” Philos. Transact. of the Soc. of London. 1843. p- 283.
3) Die oben beschriebene zungenförmige Gestalt dieser Ten-
takeln scheint nur den Acanthocerken und der Untergattung von
Lynceus: Macrothrix Bd. eigenthümlich zu sein; bei Sida,
den Daphnien und übrigen Lynceen sind sie ganz fadenför-
mig und nur wenig stärker als die in sie verlaufenden Nervenfäden;
aber gleichfalls in warzige Knöpfchen auslaufend. -
Ueber Acanthocercus rigidus. 365
das im Grunde der äusseren Fühler bei den grossen Kreb-
sen gefunden und als Geruchsorgan gedeutet worden ist ').
7. Von den Fortpflanzungs-Organen.
Wir‘ sind hier gezwungen, unsere Betrachtung auf die
weiblichen Geschlechtsorgane zu beschränken ?); da alle
Individuen, welche ich bisher beobachtete, nur Weibchen zu
sein schienen. Die grosse Aehnlichkeit aber, welche der weib-
liche Geschlechtsapparat der Acanthocerken mit dem der
Daphnien, von denen auch die Männchen bereits bekannt
sind, bestimmt mich, die neue Gattung für getrennten
Geschlechts zu halten. Die Männchen scheinen hier, wie
in den verwandten Gattungen, sehr selten zu sein, oder we-
nigstens nur zu gewissen Zeiten vorzukommen und besitzen
vielleicht eine so grosse Aehnlichkeit mit den Weibchen (wie
unter den Phyllopoden bei: Apus), dass sie eben dadurch
ihrer Entdeckung so leicht entgehen ?).
») Vergl. Arthur Farre a. a. O. n
2) Einige Beiträge zur Anatomie und Physiologie der männ-
lichen Fortpflanzungsorgane verwandter Entomostraceen ge-
denke ich an einem anderen Orte binnen Kurzem zur Kenntniss ge-
langen zu lassen.
#) Einer derartigen Ursache möchte ich auch zuschreiben, dass
bei den eigentlichen Lynceen bisher noch keine Männchen un-
terschieden wurden. — Auch die meines Wissens bisher allein be-
kannten Männchen einiger Daphnien können im Vergleich mit dem
massenhaften Vorkommen dieser kleinen Krebse mit Recht selten
genannt werden. Sie werden am häufigsten im Herbste angetroffen
und sterben nach vollzogener Befruchtung der Weibchen sehr bald
ab. Sucht man sie aber durch Isolirung von den Weibchen von der
Vollziehung dieses Aktes abzuhalten, so kann man sie viele Monate
hindurch lebend erhalten. Ich hegte auf diese Weise Männchen der
‚Daphnia magna und pulex vom September bis in den Februar.
Nur die Männchen dieser beiden Arten scheinen bisher (vergl. O. F.
Müller, L. Jurine und Straus a. a. ©.) beobachtet worden zu sein.
Ich fand im Spätsommer des vorigen Jahres auch ziemlich häufig
die Männchen von Daphnia retieulata, sowie (jedoch. seltener
und zwar in der Spree bei Strahlau) die des Lymceus longi-
zostris Müll. (Eunica Keh.) und Mitte September desselben
Jahres auch ein Männchen der Sida erystallina im See bei Gru-
newald. Erstere habe ich auch in diesem Jahre wieder angetroffen;
366 Ed. Schödler:
Der weibliche Geschlechtsapparat der Acanthocer-
ken tritt in allen seinen Theilen doppelt auf und erfüllt
fast den ganzen freien Raum, welcher im vorderen Theile
des Hinterleibs zwischen Darm und Leibeswandungen vorhan-
den ist. Jede der seitlichen, einander ganz gleichen. Hälften,
die an ihm zu unterscheiden sind, besteht aus einem Keim-
stoeke (ovarium proprium), welcher einen fast birnförmigen
Behälter (Fig. 9. 0") darstellt, an der Bauchseite ‚der. vorderen
(Füsse tragenden) Leibesringe gelegen, vielleicht mit dem ‚der
anderen Seite verbunden ist und» sich. durch ‚seine ‚blasse Fär-
bung und Durchsichtigkeit auszeichnet. Derselbe ist mit ein-
fachen runden Zellen, den eigentlichen Eikeim en. dicht an-
gefüllt. Mit seinem vorderen Theile, der sich allmählich .hals-
förmig verenget, steigt er in schräger Richtung nach..oben,
wendet sich in ungefähr gleicher‘ Höhe mit dem Darm wieder
rückwärts und geht in den Anfang des Eierleiters oder
eigentlichen Uterus über. Der kurze, enge Theil, wel-
cher den Uebergang aus dem Keimstocke in den Uterus ver-
mittelt, kann als Tuba Fallopii betrachtet werden. Der
hierauf folgende erweiterte, schlauchförmige Uterus (Fig.9.0’0)
verläuft neben dem Darmkanale bis in den achten Leibesring,
wo er sich der Rückenseite nähert und. bier, vermittelst einer
verschliessbaren Oeffnung (l'ouverture uterine ‚nach
Jurine) mit der Matrix (einer hier deutlich ausgebildeten,
sehr geräumigen Bruthöhle) communicir. Er behält fast
während. des ganzen Verlaufs bis zu seiner Ausmündung eine
gleiche Weite bei; ist, nur sehr dünnwandig, aber dennoch
einer kräftigen peristaltischen Bewegung fähig. In ihm erhal-
ten die Eier ihre erste Entwickelung.
Soweit hat die Untersuchung dieser Organe keine grossen
Schwierigkeiten. Der mit befruchteten Eikeimen angefüllte
Uterus *) besonders ist in allen Fällen sehr bequem ‚zu be-
nach Letzterem aber suchte ich seitdem vergeblich. Sie’alle besitzen
äusserliche Hülfs-Copulationsorgane und werden schon daran sehr
leicht erkannt. Bei den Daphnien ist sogar schon an der jungen
Brut das Männchen vom Weibchen zu unterscheiden.
') Ihm entsprechen die von Straus (a. a. O. S.413) und von
Baird (a. a. ©.'8.86) als Ovarien der Daphnien und Lynceen be-
schriebenen Theile.
Ueber Acanthocercus rigidus. 367
obachten.. Schwieriger ist die Entscheidung der Frage, welche
Bedeutung den Theilen zuzuschreiben sei, die hier als sehr
wesentliche Anhänge der Ovarien auftreten und von denen
aus die Befruchtung ‚der Eikeime vermittelt zu werden scheint.
Hierher gehört ein gewisser schlauchförmiger An-
hang jedes Ovariums, den ich in Fig. 9 mit R bezeichnet
und hier vielleicht in zu bestimmten Umrissen angedeutet
habe; da ich ihn mir bis jetzt nur bruchstückweise zur An-
schauung bringen konnte, ja bei vielen Individuen gar nicht
zu entdecken vermochte. Er besteht in einem von einer
grau-weissen, feinkörnig flüssigen Masse erfüllten
Schlauche, der mit dem Anfange des Uterus in Verbindung
zu stehen scheint und welchen ich wegen der grossen Aehn-
lichkeit, die ich zwischen seinem Inhalte und dem der
Hoden (den Spermatozoiden) der Daphnien-Männchen fand,
für ein Receptaculum seminis zu halten geneigt bin ‘).
Er erstreckt sich vom Anfange des Uterus nach hinten fast
bis an die Darmschlinge; schien an dieser Stelle eine sack-
förmige Erweiterung anzunehmen und sich von hieraus wie-
der nach vorn windend endlich in die (der betreffenden
Seite angehörige) muskulöse Röhre (v), deren schon oben
gedacht wurde, zu verlaufen.
Als den Fortpflanzungsorganen zugehörig sind endlich
noch jene Massen röthlich-gelber, körnig-blasiger
Körperohen zu betrachten, welche in sehr verschiedener An-
häufung und Grösse durch den ganzen Hinterleib frei zer-
streut zu liegen scheinen und sich bei allen Entomostraceen
wiederfinden. Es sind äusserst dünnwandige, einfache,
') Ich entdeckte diese Anhänge der Ovarien zuerst in den Lyn-
ceen (Eurycercus, Chydorus), wo sie von gleichem Inhalte erfüllt
sind, aber in verhältnissmässig viel weiteren Schläuchen bestehen,
und fand sie auch in Daphnia (sima) wieder. Allein ich vermochte
weder bei den Lynceen, noch bei Daphnia ihre Verbindung mit jenen
muskulösen Röhren an der Bauchseite (den Pseudo-Scheiden,
um mich so auszudrücken, welche gleichsam wie eine ausgezogene
Coxa des letzten Fusspaares erscheinen) zu entdecken. Hier schie-
nen sie mir vielmelir vom Anfange des Uterus bis tief in den Schwanz
zu verlaufen, wo ich ihre Spur verlor,
368 Ed. Schödler:
runde Zellen, deren Kern von einer fettig-glänzen-
den, klaren Flüssigkeit gebildet wird. Sie erfüllen den
Hinterleib in manchen Perioden in so massenhafter Weise,
dass derselbe dadurch ein fast ziegelrothes Aussehen gewinnt.
Da sie sich vorzugsweise um die Generationsorgane herum
gelagert finden, aus allen Theilen der Leibeshöhle ‚suecessiv
nach diesen zu vorrücken und von diesen (bei Weibchen) mit
Jeder Brut immer mehr ‚und mehr aufgezehrt werden, :so
glaubte ich Anfangs, in ihnen Dotterstöcke repräsentirt
zu sehen, Eine Bestätigung dieser Vermuthung glaubte ich
darin zu finden, dass ich dieselben Körperchen in ganz un-
veränderter Gestalt und Grösse auch wirklich im Ute-
rus wiederfand, sobald hier nur die beginnende Entwickelung
der Eikeime, von denen sie sich jedoch deutlich unterscheiden,
zu beobachten war. Hier Anfangs ganz unregelmässig zer-
streut liegend, schaaren sie sich bald um eben so viele
Centra (wie ich es in Fig. 9 auch darzustellen versucht habe)
zusammen, als Eier in jedem Uterus zur Entwickelung gelan-
gen. In den Eiern selbst, sowie diese aus dem Uterus in die
Matrix treten, um hier zur weiteren Entwickelung zu gelangen,
ergiebt sich der grosse, helle Keimfleck (das Purkinj e’ches
Bläschen), welcher vom Mittelpunkte des Eies aus durch die
dunkelgefärbte, eigentliche Dottermasse hindurchschimmert,
bei näherer Untersuchung als ein Aggregat obiger Zellen. —
Auf dieser und der folgenden Entwickelungsstufe haben die-
selben Kügelchen auch schon Jurine’s grösste Aufmerksamkeit
in den Embryonen der Daphnien erregt!) und sind auch in
den Eiern vieler anderen verwandten Thiere längst beobach-
tet worden ?); ohne dass ihre physiologische Bedentung hat
genügend ermittelt werden können. Sie scheinen einer Ver-
vielfältigung durch Theilung zu unterliegen. Ihr primitives
Erscheinen, glaube ich, ist nicht in den sich entwickelnden
Eiern, ja vielleicht auch nicht einmal in den Weibchen
überhaupt zu suchen, sondern vielleicht in den Männchen,
in denen sie ebenfalls um Hoden und Darm gelagert, in
’) Vergl. Jurine a. a. O. 8.114.
2) Vergl. Burmeister, Beiträge zur Naturgeschichte der Ran-
kenfüsser. Berlin, 1834. S. 14.
EEE
Ueber Acanthocercus rigidus. 369
grösster Menge auftreten, In dieser Vermuthung bestärkte
mich noch besonders eine Beobachtung, die ich im Monat
September an Daphnia sima machte Bei mehreren,
frisch eingefangenen Weibchen dieser Art fand ich nämlich
die ganze Leibeshöhle und auch jene Pseudo-Scheiden
bis an ihre äussere Mündung ganz strotzend von sol-
chen Körperchen erfüllt, so dass es das Aussehen hatte, als
habe hier eben eine Aufnahme derselben von aussen her
und zwar durch jene Scheiden stattgefunden. Letzteres
schien noch dadurch bestätigt zu werden, dass die in den
Scheiden enthaltenen Kügelchen auch wirklich aus jenen suc-
cessiv in die Leibeshöhle vorrückten und hier, wie oben an-
gegeben, nach und nach verbraucht zu werden schienen. —
In den Embryonen sind sie nicht mit den sogenannten Em-
bryonalzellen zu verwechseln, welche oft eine sehr ähn-
liche Färbung und Gestalt haben, sich erst durch ihre Ein-
wirkung auf Kosten der Dottermasse bilden und. die begin-
nende Gestaltung der Embryonen bezeichnen.
Die Fortpflanzung des Acanthocereus selbst zeigt
in ihren Erscheinungen keine wesentliche Abweichung von
der der verwandten Gattungen. Sie geht auch ohne Zuthun
eines zweiten Individuums von Statten und scheint die be-
kannte, besonders bei den Daphnien!) wohl über allen
Zweifel erhobene Thatsache von Neuem’ zu bethätigen, dass
eine einmalige Befruchtung der Weibehen für meh-
rere Generationen ausreicht. Um mich hiervon zu
überzeugen, separirte ich mehrere ‚Junge, die eben der Brut-
höhle entschlüpft waren und noch keine Spur von Fortpflan-
zungsorganen erkennen liessen. Allein ich konnte nicht er-
mitteln, bis zu welcher Descendentenstufe diese interessante
Erscheinung sich erstrecke, Ich verfolgte sie nur ein Mal
bis zur dritten Generation; gewöhnlich starben mir die
Individuen, an welchen ich diese Beobachtungen machte, schon
früher ab; jedoch, wie es schien, nur aus Mangel an der ge-
wohnten, natürlichen Nahrung ?).
’) Vergl. Jurine a,a. O.S.124ff. und Ramdohr, Beiträge zur
Naturgeschichte einiger deutschen Monoculus-Arten. Halle 1805. 8,27 ff.
+2) Geeigneter für solche Beobachtungen sind die Daphnien und
Archiv f. Naturgesch. X11. Jahrg. 1. Bd. 21-
wr
370 Ed. Schödler:
Es erinnert diese Erscheinung, mit der jene dotterähn-
lichen Körperchen vielleicht in. Verbindung stehen, wohl
zunächst an die bekannte Analogie, welche die Fortpflanzung
der Aphididen (Blattläuse) darbietet. Inwieweit wir es aber,
wie bei den Aphididen, auch hier mit sogenannten ammen-
den Generationen, mit Bildungen vollkommenster
Ammen !) zu thun haben mögen, muss ferneren Forschun-
gen anheimgestellt bleiben.
Die Entwickelung der Brut wird auf zweifache
Weise vermittelt. Die eine ist auf eine schnelle Artver-
mehrung berechnet; der anderen liegt die Arterhal-
tung ob.
Im ersteren Falle treten bereits in der Entwick-
lung begriffene Eier (Eiembryonen) aus dem Uterus
in die Bruthöhle und werden hier. vom Mutterthierchen bis
zu ihrer vollendeten Entwicklung umhergetragen, gleichsam
ausgebrütet. Die Vermittelung des Mutterthierehens ist in
diesem Falle durchaus nothwendig. Der ganze Vorgang
der Entwiekelung aber ist wie bei den Daphnien ?2). Er
zeigt so auflallende Aehnlichkeiten mit dem vieler lebendig-
gebärenden Thiere, dass man ihn wohl geradezu als ein Le-
bendiggebären hat bezeichnen wollen ?). Ein solcher Ei-
embryo hinterlässt keine Spur von Eihäuten in der Brut-
höhle und hat folgende Bestandtheile: Sein Centrum nimmt
der schon oben besprochene Keimfleck ein. Um diesen
herum, den grössten Theil des Embryos ausmachend, ist. die
körnig -blasige, hier schmutzig braungefärbte Dottermasse
gelagert. Auf diese folgt eine verhältnissmässig nur geringe
meisten Lynceen, welche weniger, wählerisch in ihrer Nahrung, und
somit leichter zu unterhalten sind. Bei Daphnia magna verfolgte
ich dieselbe Erscheinung bis in die fünfte Generation; noch
weiter bei Lynceen (Chydorus sphaericus und Pleuroxus trigonel-
lus). — Vergl. hiermit Jurine a, a. O. S. 154.
') Vergl. Steenstrup, Ueber den Generationswechsel oder die
Fortpflanzung und Entwickelung durch abwechselnde Generationen,
eine eigenthümliche Form der Brutpflege in den niederen Thierklas-
sen. 1842, S. 121 ff.
2) Vergl. Jurine, ebendas. p. 112 ff. pl. 9. Fig. L—10.
?) Vergl. Ramdohr a.a. 0.8.22. Jurine a,a. 0.8.115. ,
17
Ueber Acanthocercus rigidus. 37
Eiweissschicht und endlich das Ganze umschliessend findet
sich noch ein äusserst feines, sehr durchsichtiges und aus-
dehnbares Häutchen. Dieses zarte Häutchen aber ist eine
eigentliche Keimhaut und geht nach und nach in die äussere
Leibeswandung des Embryo über.
Die Zeit, welche eine Brut zu ihrer vollständigen Ent-
wicklung bedarf, von der ersten sichtbaren Eibildung im Ute-
rus bis zum Ausschlüpfen der Jungen aus der Bruthöhle ge-
rechnet, beträgt in den Sommermonaten nur selten weniger
als 4 Tage und nimmt unter sonst gleichen Umständen in
demselben Grade zu, als die mittlere Temperatur abnimmt.
— Die einzelnen Bruten folgen gewöhnlich so auf einander,
dass sich der Uterus schon wieder mit frischen Eikeimen füllt
und eine neue Brut vorbereitet, während die alte noch im
letzten Stadium ihrer Entwickelung begriffen ist. — Die Zahl
der Jungen, welche mit jeder Brut zur Entwickelung gelan-
gen, ist verschieden und wächst mit dem Alter des Thier-
chens; doch fand ich sie niemals grösser als sechs.
Ein wahres Eierlegen finden wir im anderen Falle,
dem die Function der Arterhaltung obliegt. Er besteht in
der Entwicklung sogenannter Wintereier, welche von Zeit
zu Zeit statt jener Eiembryonen gebildet werden. Viele En-
tomostraceen nämlich, zu denen auch die neue Art gehört,
durchleben kaum das Sommerhalbjahr. Andere bewohnen
wieder fast ausschliesslich Gewässer, welche bald im Win-
ter, bald im Sommer gänzlich oder zum Theil austrocknen;
wodurch diese Thierchen oft einen sehr plötzlichen Untergang
finden. Für alle diese Fälle sind nun jene Wintereier
bestimmt. — Da dieselben ganz unabhängig vom Mutterthier-
chen zur Entwickelung gelangen sollen und oft eine lange
Zeit hindurch allen Temperatureinflüssen widerstehen müssen,
so werden sie auch schon im Uterus, in welchem sie länger
als jene Eiembryonen verbleiben, zu diesem Behufe mit einer
doppelten Eihülle versehen. Die äussere derselben ist
ziemlich dick, durchsichtig und widersteht einem nicht unbe-
deutenden Drucke, ehe sie platzt. Die innere Hille, welche
die Bestandtheile des Eies umschliesst und nicht mit der oben
erwähnten Keimhaut zu verwechseln ist, ist äusserst zart,
- ganz glashell, aber dennoch einer sehr bedeutenden Ausdehn-
21%
372 Ed. Schödler:
barkeit fähig. — Solche Eier, tragen. bei ihrem Austreten aus
der. Geschlechtsröhre nicht. die geringste Spur einer. begon-
nenen Entwicklung und: haben eine ganz compacte, vegelmäs-
sig eiförmige Gestalt.
Die Daphnien bilden, für sie, bekanntlich noch beson-
dere, ganz eigenthümliche, zellig-wandige. Eierkapseln, welche
man ephippia genannt hat !). Eine „entsprechende, aber viel
einfachere Bildung findet sich auch beim Acanthocercus.
Bei ihm und ebenso auch bei den Lynceen wird gewöhnlich
Jie ganze Hinterleibsschale, ohne eine bemerkbare Metamor-
phose eingegangen zu sein, zu solchem Eierbehälter verwendet
(vergl. Fig. 14). , Das ganze Eierpacketchen wird. bei: der
nächsten Häutung abgelegt und. mit; bewunderungswürdiger
Geschicklichkeit: an Pflanzen oder an die Wände des Gefässes,
in welchem man die Thierchen gefangen hält, angeklebt. Von
seinem Anheftungspunkte losgerissen , sinkt.es zu Boden und
unterscheidet sich auch dadurch ‘von ‚den; ‚Ephippien der
Daphnien, die immer specifisch leichter ‘als Wasser
sind ‚und, dem freien Spiel der Wasseroberfläche ‚überlassen
bleiben. — Auch in Bezug auf die Zahl der Eier unterschei-
den sich die Eierpacketchen des Acanthocercus (und ebenso
auch die. des Eurycercus lamellatus) von denen der Daph-
nien.. Im jenen scheint dieselbe mit dem Alter des Weib-
chens zu, wachsen; denn ich fand in denen der neuen Art
‘bald 2, 3 und 4 Eier und in denen des Eurycercus.sogar
2 bis 10 Eier. In den Ephippien der Daphnien ist die Zahl
der Eier: stets permanent und scheint nicht über zwei
hinauszugehen. Letztere ‚haben aber dann eine so ‚bestimmte
Lage zu ‚einander, dass man bisweilen schon ‚aus ihr, allein
mit völliger Sicherheit ‚die Species, welcher jene: angehören,
entnähmen kann ?),
!) Vergl, Straus, Mem, du Mus. V. p. 415; pl 29. Fig. 16 et 17.
2) Aus der gesetzmässigen Eierlage (die durch ganz bestimmte
Struktur-Verhältnisse bedingt wird) der einander sehr ähnlichen
Ephippien von Daphnia magna und pulex allein lässt sich z. B,
nachweisen, dass das von Straus (a a. O. Fig. 16 und 17) als der D.
pulex zugehörig abgebildete Ephippium nicht von dies ki sondern
nur von der D. magna sein kann. ;
Ueber Acanthocerceus rigidus. 373
Auf den Hergang der Entwickelung in solchen Eiern
werden wir ausführlicher zurückkommen. Er nähert, sich am
meisten der Eientwickelung der Phyllopoden.
Durch welche der beiden, in Kürze bezeichneten Brut-
pflegen aber die jungen Acanthocerken atıch ihre Entwik-
kelung erhalten haben mögen, so sind sie dem Mutterthierchen
stets vollkommen ähnlich. Sowie sie aus der Bruthöhle
oder dem Ephippium entschlüpfen, sind ‚sie auch bis auf die
Fortpflanzungsorgane vollständig ausgebildet und schwimmen
munter und ganz unbekümmert um das Muttertlierchen
im Wasser umher !). Sie wachsen sehr schnell heran: sind
im Sommer nach einem Zeitraum von 12 bis 15 Tagen schon
wieder fortpflanzungsfähig und häuten sich während dieses
ersten Wachsthums gewöhnlich drei Mal. Die Häutungen
dehnen sich bei diesen Thierchen bekanntlich auch auf alle
inneren Schleimhäute aus und wiederholen sich periodisch ?)
durch das ganze spätere Leben.
Erklärung der Figuren.
Sämmtliche Figuren sind in vergrössertem Maassstabe gezeichnet.
Fig.1. Acanthocercus rigidus, von der Rückenseite aus
gesehen. Natürliche Grösse $”. — TT die Ruderarme; H das
Herz; OO die Ovarien (Uterus im geschwängerten Zustande); SS
die Hinterleibsschale; s’ die längere seitliche Ruderarmborste; s’”
die Schwanzborsten.
Fig. 2. Dasselbe Thierchen in der Seitenansicht; die Brut-
höhle (EG) ist mit fast vollständig entwickelten Embryonen erfüllt;
der linke Ruderarm an der Wurzel (W) abgeschnitten. O das Auge;
aa die Antennen; C das Gehirn; L die Oberlippe; H das Herz; SS
die Schale; JJ der Darmkanal.
Fig. 3. Die Rüsselspitze mit den Antennen (a a) und dem schwar-
zen Flecke (dem muthmasslichen Gehörorgane n und n').
Fig. 4. Die Kiefer: DD das Mandibeln-, EE das Maxillen-Paar.
Fig. 5. Ein Fuss des ersten Fusspaares von der äusseren
Seite gesehen; p die Fressspitzen desselben.
‘) Niemals habe ich zu beobachten Gelegenheit gehabt, was
Pritchard, Microscopie Cabinet p. 90 von Chydorus sphaeri-
cus erzählt: „The young play near their parent, and at the approach
of danger swim for protection within the shell of tie mother, which
she, conscious of their feebleness, immediately closes.”
?) Vergl. hiermit Jurine a. a. O. S. 117 fl.
374 Ed. Schödler: Ueber, Acanthocercus rigidus.
Fig. 5..: Derselbe Fuss von der inneren. Seite.
Fig. 6. Ein Fuss des zweiten Paares von der äusseren Seite;
u” eine Kaukralle des Schienbeines.
Fig. 6. Derselbe von der inneren Seite.
Fie. 7. Ein Fuss des Äritten Paares von der äusseren Seite.
Fig. 8. Ein. Fuss des vierten Paares.
In Fig. 5—8 sind die einander entsprechenden Theile mit glei-
chen Buchstaben bezeichnet worden und zwar der Schenkel mitF,
das Schienbein mit T, der Fuss mit R; k ist das allen Füsschen
eigenthümliche Kiemenbeutelchen; ss’ sind Ruderborsten; u, u,
u” u” krallenförmige Greif- oder Kauwerkzeuge.
Fig. 9. ‚Der von der Schale: befreite Hinterleib mit den Fort-
pflanzungsorganen der einen Seite.
Fig. 10... Ein Theil des Cephalothorax, besonders für die Mus-
kelstruktur des Ruderarmes (T) entworfen; 1,1',1” Heber des Ruder-
armes; f,f Strecker desselben, rr Dreher zug Oberkiefers; mm
Muskeln des Auges; J’ein Stück des Darms.
Fig. 11. A das Auge des aüsgewachsenen Thierchens “er ein
Theil des Nervensystems: ,C das Gehirn, o der Augennerv; nn das
Fühlernervenpaar; n”n” der Schlundring; n’ ein nnpaarer (?), Nerv
des Labrums.
Fig. 12. L die Oberlippe; O die Speiseröhre; mm’...m, Mus-
keln dieser Theile; J das vordere Ende des Darms.
Fig. 1%. JJ die Darmschlinge; M der Mastdarm; A After.
Fig. 13. A’ Auge im Embryozustande; k Krystallkörperchen
des ausgebildeten Auges.
Fig. 14. Ein Wintereier-Packetchen (ephippium).
Fig. 15. Das Herz (H) mit‘ den Arterien-Verzweigungen von
der Seite gesehen; r eine Herzspalte.
Fig. 16. Dasselbe von oben.
a 375
Nachtrag zur Uebersicht der Arten der Gattung
Astacus.
Vom
Herausgeber.
Nachdem ich eine Aufzählung der Arten von Astacus (in
diesem Bande, S. 86) gegeben hatte, habe ich noch die Be-
schreibungen mehrerer Arten aufgefunden, welche zur Ver-
vollständigung der Uebersicht hier nachgetragen werden mögen.
Eine nordamerikanische Art ist von Randall Journ. of
the Acad. of Nat. Scienc. of Philadelphia. VII. (Pt. 1.);p. 138.
T.7. (1839) bekannt gemacht worden, welche dem A. (Cam-
barus) affınis zunächst verwandt, und vermuthlich: gleichfalls
ein Cambarus ist.
Astacus Oreganus ‚‚testa Sranulata, bimaculata,, fronte
valde producta.”
Der Körper braun, gekörnt. Der Schnabel in 'eine lange
feine Spitze auslaufend, an jeder Seite einzahnig. Das Magen-
feld des Panzerschildes an jeder Seite mit fünf Dornen, näm-
lich drei vor und zwei hinter den Seitendornen; dıe Kiemen-
felder jeder mit einem grossen rothen Fleck. Das Glied vor
der Scheere mit einem scharfen Dorn an der Innenseite; der
Schenkel des Scheerenbeines oben mit einem Dorn an jeder
Seite. — Länge 4".
Im Columbiafluss an der. Westküste Nordamerika’s.
Die übrigen Arten sind aus Neuholland, und von Gray
aus der Sammlung des britischen Museums im Anhange, zu
Eyre’s Journ. of Expeditions of Discovery into central Austra-
lia. Vol. I. (1845) beschrieben worden.
\Astacus Franklini Gray a. a. 0. p. 440. N.1. T.3. F.1.
Panzerschild an den Seiten: gewölbt, ‚hinten: an den Seiten
etwas gerunzelt, der Schnabel kurz, mit aufgebogenem, gezäh-
neltem Rande, Die Scheeren zusammengedrückt, runzlig, mit
376 Erichson:
dickem gezähneltem Rande; das Glied vor der Scheere an der
Innenseite mit 4 oder 5 kegelförmigen Dornen, von denen
der vorderste der stärkste ist.
Die Seiten des zweiten, Sehwanzringes stachlig. j
Von Vandiemensland.
Dem A. Madagascariensis sehr ähnlich, namentlich in der
Kürze des Schnabels und in.den Stachelhöckern des zweiten
Schwanzringes ihm gleichend, in der Länge der Scheerenfinger
aber abweichend; auch scheint die Schwanzflosse ohne Sta-
chelhöcker zu sein. Vermuthlich eine zweite Art der Unter-
gattung Astacoides.
Astacus quinguecarinatus Graya. a. O.p.410.N. 2.
T.3. F. 3. ah
Panzerschild glatt, etwas gewölbt, oben mit drei Kielen.
Der Schmabel lang, zugespitzt, glattrandig, die Seitenränder
jeder in einen Kiel nach hinten fortgesetzt. Die Scheeren
lang, zusammengedrückt, glatt, mit verdicktem, gezahnten,
oben gewimperten Innenrande. Das Glied vor der Scheere
an der Innenseite mit zwei kegelförmigen Dornen.
In. Westaustralien, in der Nähe des Schwanenflusses ein-
heimisch.
Jedenfalls ein Cheraps und dem A. Ch. Preissii nahe
verwandt, indess durch die fünf Längsleisten auf dem Panzer-
schilde unterschieden.
Astacus bicarinatus Gray a.a.O. p. 410. N.3. T.3.
BE U 22
Panzerschild glatt, etwas niedergedrückt, oben auf jeder
Seite vorn mit einer Längsleiste. Der Schnabel lang, flach,
an der Spitze dreizähnig. Die Scheeren etwas zusammenge-
drückt, glatt, mit dünneren, leicht gezähneltem Innenrande.
Das Glied vor der Scheere dreieckig, der vordere Innenwin-
kel in eine spitze Ecke vorgezogen. Die mittlere Schwanz-
flosse mit zwei allmählich etwas auseinander weichenden Kie-
len, und gleich den übrigen Blättern am Ende dünn und
biegsam. | Die innere Seitenflosse jede mit zwei Kielen; "welche
jeder in einen Dorn auslaufen.
Von Port Essington.
Dieser Krebs stimmt in vielen Punkten mit meinem Abta-
Nachtrag zur Uebersicht der Arten der Gattung Astacus. 377
eus Tasmanicus überein, nur passt die dreizähnige Schnabel-
spitze nicht, welche auch die Abbildung nicht darstellt, auch
entfernt ihn das Vaterland, und die Angabe einer biegsamen
Spitze der Schwanzflossen würde eher auf eine Art der Un-
tergattung Cheraps schliessen lassen.
Neuholland scheint besonders reich an Astacus-Arten zu
sein, deren jetzt schon acht festgestellt sind; es ist hier aber
noch eine weitere Ausbeute in Aussicht. Herr Eyre brachte
die Zeichnung von einen Krebse aus dem Murray mit, wel-
cher dem Ast. 5-carinatus gleicht, aber die fünf Leisten auf
dem Panzerschilde nicht hat und 3 bis 4 mal grösser ist, näm-
lich über 6" lang wird. Dieser Krebs findet sich in den an-
geschwemmten Flächen des Murrayflusses in Südaustralien,
die zu ‚Zeiten überfluthet werden. Während der trockenen
Jahreszeit findet er sich tief unter der Erde in einer Art Win-
terschlaf, und wird in Gärten und auf Feldern öfter ausge-
graben. Wenn die Ueberschwemmung eintritt, welche ge-
wöhnlich im August oder September ihren Anfang nimmt und
bis zum Februar oder März dauert, stellt sich der Krebs im
Wasser ein. Anfangs ist er matt und mager, bald aber wird
er fett und feist, und gewährt den Eingebornen viele Wochen
Jang eine reichliche Nahrung. In einzelnen Jahren tritt der
Murray nicht aus; in diesem Falle bleibt der Krebs anderthalb
Jahre unter der Erde. — Ausserdem kommt im Murray noch
ein Krebs vor, der 44 Pfund schwer wird. Ein kleinerer
Krebs lebt in den Lachen des Torrens-Flusses (Eyre Exp. I.
5.408). Durch die Mittheilungen des Herrn Eyre wird das
Vorkommen der Flusskrebse in Neuholland erklärlich, wo die
meisten Flüsse während des grösseren Theils des Jahres aus-
getrocknet sind. Es finden sich also die neuholländischen
Astacus-Arten unter zweierlei Bedingungen in der Erde: 1.
Wasserkrebse, welche während der trockenen Jahreszeit dort
nur ihre Zuflucht nehmen, 2. Erdkrebse der Untergattung En-
gaeus, welche wirklich in der Erde leben.
Berichtigungen. Y
..129, Z. 10 v. u. (bei Dist. crass: R. Ves. fell. st. Idem 1. Creplin,
„133, 2. 8 v. u. st, Nova l. Novae.
. 147, Anm. 2, Z.3 v. o. st. ar. Ar,
. 457, letzte Z. st. Tidskr. 1. Tidsskr. .
.158, Z. 2 v. o. st. terrestris 1. terrester.
.159, Z. 22 v. o. st. Hofmstr. 1. Hoffmstr.
S. 161, 163, 1. Canephorus (zavngvoos) st. Corephorus (x007pogos).
Ferner 1. zu der Ueberschrift, S. 129, Nachträge ete., noch: Fortsetzung
Dunmun nn
Gedruckt bei den Gebr. Unger in Berlin.
ARCHIV
FÜR
NATURGESCHICHTE.
GEGRUNDET VON A. F. A. WIEGMANN.
IN VERBINDUNG MIT
PROF. DR. GBISEBACH IN GÖTTINGEN, PROF. von SIE-
BOLD IN FREIBURG, DR. TROSCHEL IN BERLIN, PROF.
A. WAGNER IN MÜNCHEN UND PROF. RUD. WAGNER
IN GÖTTINGEN
HERAUSGEGEBEN
voN
Dr. W. F. ERICHSON,
PROFESSOR AN DER FRIEDRICH-WILHELMS-UNIVERSITÄT ZU BERLIN,
ZWÖLFTER JAHRGANG.
Zweiter Band.
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BERLIN 1846.
IN DER NICOLAVSCHEN BUCHHANDLUNG.
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Inhalt des zweiten Bandes.
Seite.
Jahresbericht über die Arbeiten für physiologische Botanik in
den Jahren 1844 und 1845. Von H. F. Link
1
Bericht über die Leistungen in der Naturgeschichte der a
thiere während des Jahres 1815. Vom Prof. Andr. Wagner
in München 5 . 113
Bericht über die Keisiunpen in der Na chi der Vögel
während des Jahres 1845. Von Demselben . 164
Bericht über die wissenschaftlichen Leistungen in der Natınee-
schichte der Insecten, Arachniden, Crustaceen und Entomostra-
ceen während des Jahres 1845. Vom Herausgeber . 185
Bericht über die Leistungen in der Pflanzengeographie und der
systematischen Botanik während des Jahres 1845. Von Dr.
A. Grisebach ö . 313
Bericht über die Leistungen ii in der Herpetologie während des
Jahres 1845. Von Dr. F. H. Troschel . 395
Bericht über die Leistungen in der Ichthyologie Fährend des
Jahres 1845. Von Demselben . 399
Bericht über die Leistungen in der Natuigeächichte der Mollus-
ken während des Jahres 1845. Von Demselben . 42
b; Da Kiel. °.
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Jahresbericht über die Arbeiten für physiologische
Botanik im Jahre 1844 und 1845.
Von
H:.E,.L i.n,k.
Allgemeines.
Die Physiologie, und mit ihr die physiologische Botanik,
ınachte, wie man meinte, in der Ruhe bedeutende Fortschritte,
indem die Zahl der Mitarbeiter sich immer mehrte und die,
allerdings sehr verschiedenen Meinungen, wenigstens nicht mit
auffallender Heftigkeit vertheidigt wurden. Da erschienen einige
Männer, welche sich bemühten diese Ruhe zu stören, welche
nicht allein ihre Meinungen mit grosser Heftigkeit vertheidig-
ten, sondern auch die anders Denkenden angriffen, sie zum
Kampf herausforderten, ja sogar zuweilen verhöhnten. Unter
diesen will ich vor allen anderen drei nennen: Liebig, Gau-
dichaud und Schleiden. Alle drei schreiben gut, Liebig sogar
vortrefllich, allen dreien fehlt es nicht an Geist und Scharf-
sinn, aber alle drei können sich in ihrem Eifer nicht halten,
sondern überlassen sich einer Heftigkeit, die, wenn auch ihnen
nicht selbst auf einige Zeit schadet, vielleicht sogar hilft, um
rasch berühmt zu werden, doch immer der Sache, welche sie
vertheidigen wollten, nachtheilig ist.
Liebig sagt in der ersten Ausgabe seines berühmten
Buches: Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Agri-
eultur und Physiologie (Braunschw. 1840) S. 35. „Sobald den
Plıysiologen die geheimnissvolle Lebenskraft in einer Erschei-
nung entgegentritt, verzichten sie auf ihre Sinne und Fähig-
keiten, das Auge, der Verstand, das Urtheil und Nachdenken,
alles wird gelähmt, so wie man eine Erscheinung für unbe-
greiflich erklärt.” Das ist nun wohl der Fall nicht gewesen;
sie haben auch wohl äusserst selten eine Erscheinung für un-
begreiflich erklärt, vielmehr gar oft im Gegentheil gefehlt; aber
Archiv 1. Naturgesch. X11, Jahrg. ?. Bd, A
2% H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
gesetzt, sie hätten es gethan, so könnten sie doch immer jenen
Naturforschern, welche Alles auf Mechanik und mechanisch
wirkende Kräfte wollen gegründet wissen, dreist zurufen:
Sagt uns doch, ihr Schmähenden, habt ihr denn die Grund-
lehre eurer ganzen Mechanik, habt ihr die Mittheilung der
Bewegung nur im Geringsten begriffen, ist sie nicht von allen
Erscheinungen, die uns umgeben, die unbegreiflichste? Und
wenn nun geantwortet würde, es sei die erste, die gemeinste
und die gewisseste Erfahrung, worauf man sicher etwas grün-
den könne, so liesse sich doch leicht erwidern, dass sei der-
selbe Fall mit dem Leben, und man könne nicht einmal die
Frage nach einer Mittheilung der Bewegung aufwerfen, ohne
zu leben. Was eben gesagt wurde, möchte man vielen Natur-
forschern, besonders im Auslande, zu einer sorgfältigen Er-
wägung empfehlen, wenn sie die mechanischen Erklärungen
bis auf das Aeusserste treiben, wo sie ohne Haltung gleichsam
in der Luft schweben. Dutrochet mag zum Beispiel dienen,
der alle Bewegungen an den Pflanzen mechanisch erklären
will, durch Endosmose und Exosmose, durch Ein- und Aus-
strömen von Säften in Zellen und Gefässen, welche die Mem-
branen durchdringen, die Zellen anfüllen und ausdehnen, und
vermittelst dieser Ausdehnung Bewegungen hervorbringen, auch
im Ausströmen ein Zusammenfallen und entgegengesetzte Be-
wegungen verursachen sollen. Und doch sind die Erschei-
nungen der Endosmose und Exosmose, welche dieser Theorie
zum Grunde liegen, keinesweges ihren Gründen nach erforscht;
es ist durchaus nicht nachgewiesen, dass der Wechsel der
aufgelösten Stoffe durch die leblose Membran, welchen wir
in jenen Versuchen gewahr werden, in den Pflanzen durch
die lebende Membran der Zellen geschehe, aus dem einfachen
Grunde, weil wir nicht finden, dass nahe liegende Zellen ver-
schiedene Säfte enthalten, wodurch ein solcher Wechsel könnte
hervorgebracht werden; es ist nicht einzusehen, wie das all-
mälige Einströmen und Ausströmen in der Endosmose und
Exosmose die raschen Bewegungen, namentlich der Mimosa
pudica zu bewirken vermöge, worauf Dutrochet seine Theorie
anwendet; es ist endlich nach Grundsätzen der Mechanik nicht
erklärt, wie jenes Ausdehnen und Zusammenfallen der Zellen
im Stande sei, ganze Theile der Pflanze zu erheben. Den-
für physiologische Botanik. 3
noch betet das Volk nach, einst Decandolle an der Spitze!
— doch still, damit ich nicht in den Fehler verfalle, den ich
an Andern rüge.
Ist es nicht besser, statt mit solchen Erklärungen und
deren Darstellung die Wissenschaft in ihren Fortschritten zu
hemmen, fürs erste auf eine Lebenskraft zurückzugehen, deren
Gesetze zu bestimmen, unser Zweck, und zugleich unsere
nicht ungegründete Hoffnung bleibt.
Einigermassen, doch nur einigermassen hat Liebig in
Rücksicht auf die Lebenskraft in den gewöhnlichen Weg ein-
gelenkt. In dem Buche: Die organische Chemie in ihrer An-
wendung auf Physiologie und Pathologie (Braunschw. 1842),
in dem dritten Theile, wo von den Bewegungserscheinungen
im Thierorganismus die Rede ist, sagt er (S. 200): „Wenn
die Lebenserscheinungen, nämlich als Aeusserungen einer
eigenthümlichen Kraft angesehen werden, so müssen die Wir-
kungen dieser Kraft an gewisse erforschbare Gesetze gebunden
sein, die mit den allgemeinsten Gesetzen des Widerstandes
und der Bewegung im Einklange sind, welche die Weltkörper
und Weltkörpersysteme in ihren Bahnen erhalten, wodurch
Form- und Beschaffenheits- Aenderungen in den Körpern be-
dingt werden, ganz abgesehen von dem Stoff, welcher als
Träger der Lebenskraft sich darstellt, oder der Form, in: der
sich die Lebenskraft äussert.” Der Verfasser ist durchaus
nicht klar in seinen Ansichten über die angebliche Lebens-
kraft. Was heisst, in Einklang stehen? Sollen sie dieselben
sein, oder nur ähnlich? Man sieht nicht ein, warum sie nicht
gerade entgegengesetzt, oder ganz verschieden sein könnten.
Aber auch über eine rein physische Kraft, über die Schwere
hat der Verfasser nicht klare Ansichten. Er sagt (daselbst
S. 205): „Von einer gewissen Höhe herabfallend, macht er
(der Stein) einen bleibenden Eindruck an dem Orte, den er
berührt, von einer noch grössern Höhe (längere Zeit) fallend,
macht er ein Loch in die Tischplatte; seine eigene Bewegung
theilt sich einer gewissen Anzahl Holztheilchen mit, die nun
mit dem Stein selbst fallen. Keine dieser Eigenschaften be-
sass der ruhende Stein. Die erlangte Geschwindigkeit ist
stets die Wirkung der bewegenden Kraft. Sie ist unter sonst
gleichen Umständen dem Druck proportional. Bin frei fallen-
A%
A H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
der Körper gewinnt nach einer Secunde eine Geschwindigkeit
von 30 Fuss. Derselbe Körper, auf dem Monde fallend,
würde in einer Sekunde eine Geschwindigkeit von z%%5 F.
— 0,1 Zoll gewinnen, weil dort die Intensität der Schwere
(der Druck, welcher auf den Körper wirkt, die bewegende
Kraft) 3600 mal kleiner ist.”
Wir wollen uns nicht bei den einzelnen Ausdrücken auf-
halten, die nicht immer richtig angewendet wurden, wir wollen
nur fragen: Warum sagt Liebig nichts von dem Gesetze der
Trägheit, welches allen mechanischen Bestimmungen zum
Grunde liegt, welches eben macht, dass die Geschwindigkeit
eines fallenden Körpers immer zunimnit, je längere Zeit er
fällt. Galilei wandte es an, ohne es auszusprechen, als er
den Satz fand, dass die Räume, durch welche ein Körper fällt,
sich verhalten, wie die Quadrate der Zeiten, in welchen er
fällt. Newton nannte es das Gesetz der Trägheit (lex iner-
tiae), stellte es an die Spitze seiner Prineipia Philosophiae
naturalis mathematica, und drückte es folgendermassen aus:
Ein Körper beharrt in seinem Zustande der Ruhe und der
Bewegung in derselben Richtung und mit derselben Geschwin-
digkeit, bis eine bewegende Kraft ihn zwingt, diesen Zustand
zu verändern. Es ist vielleicht in Deutschland der Naturphi-
losophie zuzuschreiben, dass man dieses Gesetz bei der Er-
klärung der Naturerscheinungen vergessen, wenigstens über-
sehen hat, sogar dass Naturforscher, wie Liebig, die wahrlich
der Naturphilosophie nicht huldigen, dieses Gesetzes nicht er-
wähnen. Nicht allein die zunehmende Geschwindigkeit beim
Falle der Körper wird dadurch erklärt, sondern auch die ge-
meinsten, täglichen Erscheinungen auf der bewegten Erde
können ohne dasselbe nicht erklärt werden, warum nämlich
ein Stein am Hause, am Thurme herabfällt, warum er nicht,
wenn man ihn an der Westseite eines Hauses fallen lässt,
weit hinter dem Hause zur Erde kommt, indem das Haus auf
der äusserst schnell sich drehenden Erde, von ihm gleichsam
wegfliegt, warum endlich dennoch beim Falle des Steines von
einem hohen Thurme eine Abweichung geschieht, indem die
Spitze des Thurms sich schneller bewegt, als der Boden am
Fusse desselben, zu welchem der Stein herabkommt. Doch
ich schäme mich, Sachen lehren zu wollen, die zum ersten
für physiologische Botanik. 5
Schulunterricht gehören. Mit Recht schrieb Newton den Kör-
pern eine Trägheit zu und nicht ein Beharrungsvermögen, wie
einige Physiker den Körpern beilegen wollten. Denn der
Körper hat, so lange er diesem Gesetz unterworfen ist, kein
Vermögen, er ist in einer völligen Apathie, er vermag nicht
sich in Bewegung ‘zu setzen, wenn er in Ruhe ist, er vermag
nicht die Bewegung, die er. von Aussen ohne seine Mitwirkung
bekommen hat, im Geringsten zu ändern, mit einem Worte
sei es gesagt, er ist leblos. Hier haben wir also einen be-
stimmten, scharfen Charakter von Leblosigkeit, von dem. wir
ausgehen können, von dem wir ausgehen müssen, wenn von
Leben und Lebenskraft die Rede sein soll. Der Gegensatz
des Lebens gegen diese Trägheit, diese Apathie ist klar; ein
Körper muss lebend genannt werden, wenn er sich selbst aus
der Ruhe in Bewegung zu setzen, oder wenn er die Bewe-
gung, worin er sich befindet, zu ändern oder überhaupt zu
bestimmen vermag, woraus dann leicht folgt, was man Lebens-
kraft zu nennen hat. Nur eine Anwendung des Gesagten.
Ist die allgemeine anziehende Kraft eine Lebenskraft? Die
Antwort ist verneinend, der Körper nähert sich einem andern
nur so weit als er angezogen wird, er selbst setzt sich da-
durch nicht in Bewegung, er bestimmt seine Bewegung nicht
aus eigener Kraft, sondern sie wird nur durch die Anziehung
eines andern bestimmt. Dadurch wird es allein möglich, dass
der Astronom mit Bestimmtheit und Genauigkeit die Bewe-
gungen der Himmelskörper berechnen kann. Wir finden hier
also eine Kraft, welche zwar andere Körper in Bewegung zu
setzen vermag, aber nicht den Körper, worin sie sich befindet,
und durch den sie wirkt. Es ist gar nicht einzusehen, warum
es nicht Kräfte geben sollte, welche den Körper, worin sie
sich befinden, in Bewegung zu setzen vermögen, da wir sehen,
dass es in den lebenden Körpern Bewegungen giebt, die nicht
von äussern Kräften abzuleiten sind. Wir nennen sie Lebens-
kräfte, Sie sind nicht im Geringsten unbegreiflicher als die
anziehende Kraft, ja sie sind es noch weniger, als diese. Al-
lerdings hat Newton für die anziehende Kraft das Gesetz ge-
funden, dass die Stärke, womit sie auf einen Körper wirkt,
sich umgekehrt verhalte, wie das Quadrat der Entfernung die-
ses Körpers von dem Mittelpunkte der Anziehung. Aber hat
6 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
man dieses Gesetz für andere Kräfte erwiesen, gilt es für
Cohäsion, Elasticität, magnetische Kraft u. s. w.?
In den Chemischen Briefen, deren Erscheinen in das Jalır
1844 fällt (Heidelberg) sagt Liebig (S. 18): Sie (die Aerzte)
und ihre Geistesverwandten verdriesst es, dass die Wahrheit
so einfach ist, obwohl es ihnen mit aller Mühe nicht gelingt
sie praktisch zu nützen, daher geben sie uns die unmöglich-
sten Ansichten und schaffen sich in dem Worte Lebenskraft
ein wunderbares Ding, mit dem sie alle Erscheinungen erklä-
ren, die sie nicht verstehen. Mit einem durchaus unbegreif-
lichen, unbestimmten Etwas erklärt man alles, was nicht be-
greiflich ist!!”
Dass die Körper sich nur in bestimmten Verhältnissen
chemisch verbinden, ist allerdings ein Gesetz für die Verbin-
dungen, aber ich möchte doch wissen, nach welchem Gesetz
die chemischen Zerlegungen geschehen. Ist die zerlegende
Chemie etwas anders, als ein Verzeichniss des Erfolges von
Versuchen, die man über einzelne Körper angestellt hat, und
zwar jeden einzelnen Versuch nach einer bestehenden Form
berechnet? Ist das Wort Verwandtschaft mehr als ein Wort?
In der Chemie ist nichts erklärt; Alles ist in der Chemie un-
begreiflich.
Die Lebenskraft hat dagegen allgemeine Gesetze. Sie
hat das Gesetz des Perjiodismus, das gerade dem Gesetze der
Trägheit entgegensteht, dass nämlich die Bewegung sich ver-
mehrt bis zu einem gewissen Grade, dann aber wieder sich
vermindert; sie hat das Gesetz der Gewohnheit, dass nämlich
die Gegenwirkung nicht immer der Wirkung gleich ist, son-
dern sich mindert, je öfter die Wirkung wiederholt wird. —
Doch ich schreibe keine allgemeine Physiologie.
Liebig’s oben erwähntes Buch, Die organische Chemie in
Anwendung auf Physiologie und Pathologie, bleibt immer ein
treflliches Buch. Es ist eine Nachweisung, wie sich das Ver-
hältniss der Bestandtheile der Säfte und der festen Theile des
tierischen Körpers aus den Verhältnissen der Bestandtheile
der Nahrungsstoffe ableiten lässt. Gewiss der erste Schritt,
um die Ernährung des thierischen Körpers und die Secretio-
nen in demselben zu erklären, aber nur der erste Schritt, und
die zerlegenden sowie die verbindenden Kräfte kennen wir
für physiologische Botanik. 7
nicht. Sie scheinen allerdings mehr zu den physischen Kräf-
ten zu gehören, als zu den Lebenskräften, aber wenn wir
auch dieses gefunden haben, wird es doch noch immer darauf
ankommen zu bestimmen, wodurch zuletzt diese Kräfte in
Thätigkeit gesetzt werden. Und für den Arzt wird es doch
vorzüglich darauf ankommen, die Thätigkeit jener Kräfte zu
mehren, oder ihre Thätigkeit, wenn sie zu gross ist, zu min-
dern. — Einstimmen muss man mit Liebig, ja man möchte
mit seiner Heftigkeit schelten, wenn man sieht, ‚wie manche
Physiologen das Wort Leben missbrauchen, aber darum sind
nicht alle Physiologen zu tadeln, wenn sie das Wort Lebens-
kraft richtig gebrauchen, nämlich da, wo die chemischen Kräfte
ihrer Natur nach nicht mehr wirken können. Es ist allerdings
nöthig, mit Physik und Chemie so weit vorzudringen, als man
kann, aber man muss nur beiden Wissenschaften nicht mehr
zutrauen, als sie zu leisten im Stande sind.
Mit grosser Entschiedenheit ist Gaudichaud gegen Mir-
bel in der Akademie der Wissenschaften zu Paris aufgetreten.
Beleidigt durch einige Ausdrücke, deren sich Mirbel in seiner
Abhandlung über den Bau des Stammes der Dattelpalme be-
dient hatte, welche Gaudichaud nicht mit Unrecht auf sich
deutete, protestirte er, sogleich nach der Vorlesung jener Ab-
handlung, in wenig Worten gegen dieselbe, und erklärte das
System von Mirbel für unrichtig, auch erschienen bald darauf
im Jahre 1843 zwei Abhandlungen, um seine Protestation zu
rechtfertigen. Es ist davon im Jahresbericht für 1842 und 43
geredet worden, sowie von seinen Recherches generales sur
l’Organographie ete. des plantes im Jahresbericht für 1841. In
den Comptes rendus vom Jahre 1844 findet sich nun die
dritte und vierte Protestation gegen Mirbel (I. S. 597 u. 899).
Er hat nicht abgelassen; im Jahre 1844 las Mirbel eine Ab-
handlung über den Bau des Stammes von Dracaena australis,
wovon weiter unten die Rede sein wird, und in den Comptes
rendus von 1845 finden sich nicht weniger als sieben Vor-
lesungen gegen jene Abhandlung von Mirbel. Schon viele
Jahre vorher war Gaudichaud von seiner Theorie so einge-
nommen, dass er Einwürfe, die man ihm mündlich machte,
kaum anhörte oder auf Untersuchungen verwies, die er in der
Folge bekannt machen wollte. Seine Schreibart ist kurz, fast
8 H. FE. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
aphoristisch, entscheidend, doch nicht ohne Wiederholungen,
aber sagt er, sich entschuldigend: ich muss so lange wieder-
holen, bis mein System allgemein angenommen ist. Von sei-
ner Beharrlichkeit lässt sich erwarten, dass er nicht nach-
geben wird.
Diese Beharrlichkeit zeigte Gaudichaud auch in seinem
Leben. Er war Pharmaceut, machte als Pharmacien botaniste
die Untersuchungsreise unter dem Befehl von Freycinet mit,
und ging im Jahre 1817 im September an Bord der Corvette
Urania, die am 14. Februar 1820 an den Maluinen Schiffbruch
litt. Sie war von Port Jackson gegen Süden gesegelt, traf
dann auf einige Eisbänke, ging nun um Cap Horn und warf
in der Bai Bon Succes am Feuerlande Anker. Ein heftiger
Windstoss zwang sie die Anker zu kappen und in See zu
gehen. Einige Tage nachher, bei dem schönsten Wetter von
der Welt, stiess sie auf verborgene Felsen in der Nähe der
Maluinen und zwölf Stunden später auf den Sand der Fran-
zösischen Bai oder Bucht der Einsamkeit genannt, wo sie
sich noch befindet. Es war vier Uhr Nachmittags, als sie auf
den Felsen stiess, und vier Uhr Morgens, als sie auf der
Sandbank scheiterte und dort unterging. Die Zwischenzeit
zwischen diesen beiden Begebenheiten war eine schreckliche
Nacht voll Angst und Gefahren. Gaudichaud kam glücklich
davon, aber alle seine Sammlungen waren unter Wasser und
konnten, nachdem sie sechs und dreissig bis vierzig Tage unter
Wasser gewesen waren, erst herausgezogen werden. Er war
gewungen jedes Paket, sogar jeden Bogen mit süssem Was-
ser auszulaugen und zu trocknen, und so gelang es ihm wäh-
rend der vier Monate, die er hier zubrachte, von 6000 Pflan-
zen-Exemplaren ungefähr 4000 zu retten. Mit der Corvette
la Physicienne, welche die Regierung auf den Maluinen ge-
kauft hatte, kam er nach Frankreich im December 1820 zurück.
Hier gab er den botanischen Theil der Reisebeschreibung
heraus, und machte auch den Entwurf zu seiner Organogra-
phie und Physiologie der Pflanzen. Dann ging er wieder im
Jahre 1831 auf der Fregatte Herminie unter dem Commando
von Villeneuve Bargemont nach den Küsten von Süd-Amerika.
Die Fregatte umsegelte zweimal Cap Horn und kehrte 1832
von Rio de Janeiro nach Frankreich zurück, Gaudichaud erhielt
für physiologische Botanik. 9
aber” die Erlaubniss, in Brasilien zu bleiben, aus welchem
Lande er im Juni des Jahrs 1833 wieder auf der Corvette
La Bonite, Capt. Duränd, in Toulon ankam. Im Jahre 1835
im April übergab er seine Bemerkungen über die Organogra-
phie, Organogenie und Physiologie der Pflanzen dem Institut,
und im December desselben Jahres, an dem Tage, als ihm der
Preis aus der Monthyonschen Stiftung zuerkannt wurde, verliess
er Paris, um auf der Corvette La Bonite seine dritte Reise
zu machen. Er ging im Februar 1836 von Toulon ab, und
kehrte auf demselben Schiffe am Ende des Jahres 1837 wieder.
Als er gerade in Canton war, wählte ihn das Institut zum
Mitgliede. Diese Nachrichten habe ich aus der Lebensbe-
schreibung in. der Revue generale biographique genommen,
welche noch hinzufügt: Gaudichaud, dieser energische Mann,
mit der Revolution 1789 geboren und in ihr aufgewachsen,
habe viele Duelle gehabt, ‚‚mais’”, heisst es weiter, ‚tous ceux
qui ont connu M. Gaudichaud savent, que jamais il n’alla au
devant de ces sortes d’affaires”. — Es ist nicht ganz ohne
Absicht, dass ich diese Nachrichten von Gaudichaud’s Leben
hierher gesetzt habe.
„Was ist”, sagt er (s. Compt. rend. 1844. 1. 598), „eine
monokotyle Vegetabilie ihrem ersten Ursprunge nach, z. B.
ein Dattelbaum? Eine belebte (animee) Zelle, welche einen
Embryo oder eine Knospe hervorbringt. Ein Embryo, alle
Botaniker wissen es jetzt, ist eine freie, isolirte, unabhängige
Zelle. Dieser Embryo, oder dieses primitive Phyton, ist ein
Individuum für sich, welches seine eigenthümliche Organisation
und seine eigenthümlichen Functionen hat. Das erste In-
dividuum bringt bald ein zweites hervor, das zweite ein drit-
tes, das dritte ein viertes und so fort während des ganzen
Lebens der Pflanze. So wie der Embryo seine Organisation
und seine eigenthümlichen normalen Functionen hat, eben so
werden auch die Individuen, welche von ihm und von allen
denen entstehen, welche auf ihn folgen, die ihrigen für sich
haben, Jas heisst, modificirt nach den Stufen ihrer Entwicke-
lung und ihres Alters, indem unmittelbar und beständig das
zweite auf das erste, das dritte auf das zweite und so fort
eines auf das andere gepfropft ist. Das erste Individuum, der
Embryo, nimmt die Prineipien seiner Existenz von aussen her,
10 H. F. Link; Jahresbericht über die Arbeiten
von Wasser, Luft, Licht und Wärme, besonders aber ausdem
Eiweisskörper (perisperme), wenn er vorhanden ist, der den
Embryo säugt und dadurch resorbirt wird, das zweite wird
vom ersten ernährt, das dritte vom zweiten und ersten, das
vierte von den drei andern, so wie auch von den vorher ge-
nannten Elementen, woraus dann folgt, dass, wenn die Phytons
ganz entwickelt sind, das erste sehr schwach bleibt, das zweite
etwas stärker wird, das dritte noch stärker, und dass alle fol-
genden nach und nach stärker werden, auch mehr zusammen-
gesetzter in Form und folglich auch in Functionen bis zum
Normalblatt, welches die höchste Stufe von Organisation er-
reicht hat.”
Alle Botaniker wissen es jetzt, sagt Gaudichaud, dass der
Embryo eine Knospe ist. Daraus wird nun bald gefolgert,
die Knospe sei dem Embryo ganz ähnlich, und werde auch
Wurzeln haben, wie jene. Aber nein, der Embryo ist keine
Knospe und die Knospe kein Embryo. Es ist eine alte und
alltägliche Erfahrung, welche ich kurz auf folgende Weise aus-
zudrücken pflege: der Embryo — durch Befruchtung entstan-
den — setzt die Art fort, die Knospe das Individuum. Der
Zweig mit Knospen von einem Borsdorfer Apfelbaum gepfropft,
bringt immer wieder Borsdorfer Aepfel hervor, der Same von
einem Borsdorfer Apfel nie, Unähnlich in dieser Haupteigen-
schaft mögen sie auch sonst unähnlich sein, und es folgt nicht,
dass die Knospe Wurzeln habe, wie der Embryo.
Ferner, das Blatt ist kein Individuum; es ist nur ein sol-
ches in Verbindung mit den Knospen und diese zeigen im An-
fange fast nur Zellgewebe, äusserst wenige Spiralgefässe.
Solche Knospen untereinander vereinigt, bilden Mirbel’s Phyl-
lophor.
Wir wollen Gaudichaud weiter hören.
„Nach den alten Theorien bildet sich das Gefässsystem
des zweiten Individuums durch Abtrennung von Gefässen des
ersten Individuums, und so weiter in den folgenden. Das Ge-
fässsystem des zweiten Individuums ist. also aus einem Theile
des ersten zusammengesetzt. Aber wenn die Gefässorganisa-
tion des zweiten Individuums zusammengesetzter ist, als die
des ersten, so kann also das Gefässsystem des zweiten nicht
von dem Gefässsystem des ersten gebildet sein. Giebt man
für physiologische Botanik, 11
zu, dass alle Gefässe des Embryos in das Primordialblatt über-
gehen, so müsste dieses immer nur die Organisation des Em-
bryo haben. Doch diese Theorie ist, glaube ich, mit Recht
jetzt verlassen. Nach der Theorie, welche Ihnen am 12. Juni
(von Mirbel) vorgetragen ist, müssten aus der innern Peri-
pherie des Embryo, die Gefässe des Primordialblattes hervor-
kommen. Hier treffen wir auf dieselben Schwierigkeiten. In
der That, was wird aus dieser Theorie, wenn wir Ihnen durch
eine grosse Menge von Thatsachen beweisen, dass in der Re-
gel das Primordialblatt weiter in der Organisation ist, als das
Embryoblatt, und dass z. B. das vierte und fünfte Blatt fast
immer mehr Gefässe enthält, als die drei oder vier ersten;
wenn wir ferner durch dieselben Thatsachen darthun, dass
nicht allein das Cotyledonarblatt keine Gefässe dem Primor-
dialblatte zuschickt, sondern auch, dass in vielen Fällen es
keine von oben erhält, und dann allerdings nur eine ephemere
Existenz hat, In diesem Falle hört das erste Blatt, da es
nicht durch das zweite Blatt gestärkt und gewissermassen be-
lebt wird, sehr bald auf zu existiren. Ist dieses nicht ein
ofienbarer Beweis von der individuellen Vitalität der Phytons.”
Mirbel behauptet, meine ich, dass alle Gefässe des Palm-
stammes nicht allein aus der innern Peripherie des Embryo
kommen, sondern auch, dass überall, wo die Blätter entsprin-
gen, neue Gefässe sich entwickeln, dass sie also an den Rin-
gen inwendig in der Peripherie des Stammes hervorkommen.
Ich glaube nicht, zufolge der Untersuchungen, welche ich dar-
über angestellt habe, dass Mirbel Recht hat; ich finde keine
Holzbündel oder Gefässbündel, welche von den Ringen auf
der innern Seite des Stammes ausgehen, vielmehr kommen
alle von der Basis des Stammes und durchziehen ihn dann
der ganzen Länge nach. In der Nähe der Peripherie drängen
sich die Gefässbündel so dicht zusammen, dass man sie mit
Mühe sondern und ihren Verlauf finden kann.
Gaudichaud fährt fort: „Wir werden natürlicher Weise
dieses Prineip auf das Anwachsen der Stämme, Blätter, Früchte
u.s. w. anwenden, auch werden wir sie bis auf die Blüthen
und andere flüchtige Theile der Vegetabilien ausdehnen, Wir
wollen sie auch sogleich auf die Stämme der Vellosia anwen-
den, die, da sie fast nichts von den Blättern erhalten, welche
12 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
am Ende der Aeste sich befinden, immer sehr dünn bleiben,
aus dem einfachen Grunde, weil die Wurzelgefässe der Blät-
ter, welche die Verdickung der Stämme werden hervorgebracht
haben, sich sogleich bei ihrem Entstehen nach der äussern
Rinde (& l’exterieur du perixyle) wenden und so als Wurzeln
(a l’etat de racines) längs den Zweigen, den Aesten und Blät-
tern,‘ bis in den Boden herabsteigen. Das Primordialblatt
(das erste nach dem Embryo) empfängt ohne Zweifel Leben
und Nahrung vom Enıbryo, aber nichts weiter; das Primordial-
blatt giebt eben so Leben und die Hauptnahrung dem zweiten
Blatte und eben so ist es mit dem zweiten Blatte im Verhält-
niss zu dem dritten u. s. w.”
In diesem aphoristischen Stil schreibt Gaudichaud bestän-
dig, der noch dadurch anffallender wird, dass die Perioden von
einander abgesetzt werden und eine neue Zeile anfangen.
Er sagt ferner (a. a. O. S. 610): „In der That, wenn die
3eobachtung zeigt, dass der Embryo, dieses kleine isolirte
Wesen, ursprünglich nur aus Zellgewebe besteht, und dass
dieses Zellgewebe durch seine physiologische Wirkung die
Gefässe erzeugt, dass die Gefässe in dem Stammgliede (meri-
thalle tigillaire) anfangen, dann in dem Blattstiel- und Blatt-
flächengliede erscheinen, dass sie schon ganz gebildet oder
doch vorgezeichnet sind in diesen Gliedern (dans les parties
merithalliennes), ehe sie sich in dem Wurzelknöpfchen (mam-
melon radiculaire) zeigen, so führt uns schon die Analogie
darauf, dass es eben so sein muss mit der Organisation der
andern Individuen, von welcher Art sie auch sein mögen, die
von der Pflanze hervorgebracht werden. Diese Thatsache,
ich wiederhole es, ist eine Hauptsache und des Nachdenkens
würdig. Ich bin mehre Mal darauf zurückgekommen, und
werde noch darauf zurückkommen, weil sie, wie ich glaube,
der Schlüssel zur vegetabilischen Organographie ist, weil sie
die Theorie der Glieder (merithalles) in sich fasst, die ich
vertheidige, und weil sie alle anderen Theorieen hinter sich
zurücklässt (infirme)”. In diesen Worten ist allerdings die
Grundlage des Systems enthalten.
Die ganze Theorie von Gaudichaud beruht darauf, dass
die Knospen dem Embryo völlig gleich sind, und dass sich
in jenen Wurzeln oder wurzelartige Theile bilden, wie in
für physiologische Botanik. 13
diesem, wenn das Stämmehen auswächst. Es wird dadurch
das Wachsen in die Dicke erklärt, welches allerdings seine
Schwierigkeit, besonders in den Monokotylen und zwar in
dem Caulom der Palmen hat. Es ist schon oben gesagt wor-
den, dass zwischen dem Embryo und den Knospen die Ueber-
einstimmung nicht so gross ist, als Gaudichaud meint. Bloss nach
einer doch nur einseitigen Analogie werden den Knospen Wur-
zeln zugeschrieben, welche in dem Stamm abwärts wachsen.
Wenn Mirbel die Verdickung des Palmstammes dadurch er-
klärt, dass neue Gefässe von dem innern Umfange des Stam-
mes entspringen, so hat die genauere Darstellung des ganzen
Vorgangs dennoch ihre grossen Schwierigkeiten, abgesehen
davon, dass man diesen Ursprung der Gefässe bei genauer
Untersuchung nicht findet. Aber die Schwierigkeiten fallen
weg, wenn man ein seitliches Anwachsen annimmt, wie es
sich beim ersten Blick wahrscheinlich macht. Ich habe in
meinen Vorlesungen über die Kräuterkunde (II. Heft. Berlin
1845. S. 309) gezeigt, dass der Stamm der Dattelpalme in der
Jugend einer Zwiebel sehr ähnlich ist, welche ebenso erst in
die Dicke wächst, und dann in den Stamm aufsteigt; ich habe
ferner daselbst (S. 237) Beobachtungen angeführt, woraus sich
ergiebt, dass im Stamme der Dikotylen eine Schicht bald dicker,
bald dünner anwächst, welches doch besonders auf ein seit-
liches Anwachsen deutet. Tief hinab gehen also die Wurzeln
der Knospen nicht in den Stamm. Dass etwas Zellgewebe aus
den Knospen in den Stamm herabwachse, ist höchst wahr-
scheinlich, ob aber Gefässe aus den Knospen in den Stamm
wachsen, ist zweifelhaft, tief dringen sie auf diese Weise nicht
ein. (S. m. Vorles. a. a.O.S.265). Ueberhaupt nehmen Mir-
bel und Gaudichaud zu wenig Rücksicht auf das Anwachsen
und Anlegen eines Gefässes an das andere.
Der beharrliche Mann, wie sein Leben zeugt, wird schwer-
lich etwas von seiner Theorie den Gegenreden aufopfern, und
wenn dieses auch selbst die unparteiischen Prüfer endlich zu
ermüden vermag, so sollte es doch nie so weit gehen, dass
man die Theorie unangesehen verwirft.
Von allen den im Anfang genannten Botanikern ist
Schleiden der heftigste. Sowie er eine entgegengesetzte
Meinung antrifit, verwirft er sie sogleich und so entschieden,
14 H. F. Link; Jahresbericht über die Arbeiten
dass auch nicht eine kleine richtige Seite daran bleibt. Noch
schlimmer geht es dem, der solche Meinungen geäussert hat;
an ihm bleibt gar nichts Gutes. So hat er, bis auf einige
wenige, alle botanischen ‚Schriftsteller gegen sich erregt, und
mancher seiner Lehren den Eingang bei Andern versperrt.
Es muss nicht abhalten, das Gute und Treffende bei ihm zu
erkennen. Wenn man den geraden, entschiedenen Gaudichaud
sieht, so erwartet man wohl eine Beharrlichkeit in seinen Mei-
nungen, aber Liebig’s liebenswürdiges Aeussere lässt den
scharfen Mann nicht ahnden, und eben so lässt der stille
Schleiden nicht vermuthen, dass er alle anders Gesinnten nie-
dertreten möchte. Die erste Ausgabe seiner Grundzüge der
wissenschaftlichen Botanik wurde in Frankreich nicht mit Un-
recht ein Libell genannt; dieser zweiten würde man mit Un-
recht jenen Vorwurf im Ganzen machen, wenn auch im Ein-
zelnen sich jene Heftigkeit zeigt, welche in seinem Innern
ihren Grund haben mag. Nach einer bescheidenen Zueignung
an Humboldt, die jedem ansprechen muss, der Humboldt kennt,
folgt sogleich in der Vorrede folgende Stelle: „Unendlich
schwer ist es, das Bildungsmittel ganz wieder fortzuschaffen,
und nur die Bildung selbst zu behalten, die erstickte Kraft
nur selbständig und in’ selbstgewählten Zwecken frei zu ver-
wenden. Im Grossen zeigt sich das am auffälligsten in dem
lächerlichen Vorurtheil für lateinisch-philologische Erudition
und der mittelalterlich klosterseligen Bücherweisheit, welche
als ererbte Dyskrasie in unserer Bildung alle wahrhaft leben-
dige Entwickelung krankhaft verrenkt und verkrüppelt er-
scheinen lässt, und selbst da wo sie am allerabsurdesten auf-
tritt, in den Naturwissenschaften, noch immer uns die frische
Lebensquelle trübt.” Wenn dieses vor hundert Jalıren oder
noch früher gesagt wäre, so möchte man es ein Wort, geredet
zur rechten Zeit, nennen, aber jetzt kommt es wahrlich zu
spät. Jetzt müssen wir vielmehr den Männern danken, die,
wie Humboldt, den Sinn für alte Sprachen und philologische
Erudition noch lebendig zu erhalten wissen. Humboldt hat
dieses in sehr vielen Schriften und noch zuletzt im Kosmos
auf eine Weise gethan, die, wie man hoffen kann und wün-
schen muss, Einfluss auf ein Zeitalter haben wird, welches .
nur zu sehr das Leichte vorzieht, damit anfangen und damit
für physiologische Botanik. 15
enden möchte. Ich will hier nicht von der Wirkung auf den
Geist reden, welche die wunderbare Kraft und Einfachheit der
alten Sprachen hervorbringt, wenn man sich dem Eindruck
ganz überlässt, ohne an die Verwässerung zu denken, die sie
durch jede Uebersetzung in neuere Sprachen erdulden müssen.
Dies gehört nicht hierher. Aber in den Naturwissenschaften
ist wahrlich ihr Gebrauch nicht absurd, wenigstens in der be-
schreibenden Naturgeschichte sehr zu empfehlen und bis jetzt
auch immer beibehalten worden. In diesen Sprachen verstehen
sich alle europäischen Nationen, die von uns Deutschen be-
schriebenen Pflanzen und Thiere erkennt man wieder von
Lissabon bis Moskau, Zwar redet Schleiden von Speciestän-
delei, doch das ist wieder in seiner Art und Weise zu viel
gesagt, denn zuerst muss man wissen, wovon die Rede ist,
und die Speciesbestimmung muss als Alphabet der Wissen-
schaft gelten, und dann führt sie einleitend zur Beantwortung
einer der wichtigsten Fragen in der Botanik, nämlich was
Art, was Abart sei und wie letztere hervorgebracht werde,
Es ist vielleicht sehr zweckmässig, dass Schriften, welche sich
über jene gleichsam mechanische Darstellung der Gegenstände
erheben, überall in der Muttersprache geschrieben werden,
aber es wäre sehr gut, wenn überall so viel Lateinisch ge-
lernt würde, dass man aphoristisch geschriebene Lehrbücher,
besonders in den Naturwissenschaften, im ganzen Auslande
verstände. Noch immer wissen Engländer, Franzosen, Italie-
ner wenig von dem, was bei uns in den Naturwissenschaften
geschehen ist. Wir, bei denen es zur Jugendbildung gehört,
die Sprachen jener Nationen zu lernen, kommen leichter zu
den Kenntnissen der Ausländer, als diese zu den unsrigen,
weil unsere Sprache für diese Nationen viel zu schwer zu
erlernen ist. Bis jetzt haben die Russen in den Schriften für
jene Wissenschaften sich meistens der lateinischen, französi-
schen und deutschen Sprache bedient; aber wenn sie anfangen
sollten, nur in ihren Sprachen zu schreiben, und zugleich
grosse Fortschritte in den Wissenschaften zu machen, dann
werden wir entweder unwissend bleiben oder ihre Sprache
lernen müssen. Aber Schleiden verwirft das Lernen aus Bü-
chern, und nach ihm würde es nicht darauf ankommen, ob
wir lernen, was die Ausländer beobachtet haben, oder nicht.
16 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
Er sagt in derselben Vorrede: „Höchstens in und. mit Büchern
kann man etwas wahrhaft Bildendes, das edlere Menschliche
in uns Förderndes lernen, aber nie und nimmer aus Büchern.
Das Lernen aus Büchern ist die geheime, unbeargwohnte
Quelle, aus welcher zuerst die Unlauterkeit und Lügenhaftigkeit
genährt wird, die unser ganzes neueres Leben vergiftet, die
uns von Jugend auf gewöhnt nichts selbst zu sagen, zu den-
ken, zu thun, sondern nur mit fremden erborgten und ererb-
ten Gedanken unsere magere, dürre Seele auszustopfen, um
diese Fülle für Gesundheit auszugeben.” Er kommt oft dar-
auf zurück, dass er sich bestrebt habe eigenthümlich und ori-
ginell zu sein. „lch — sagt er in derselben Vorrede — hatte
es versucht, einmal ganz ohne die Berücksichtigung des schon
Dagewesenen, aber ausgerüstet mit allen den Hülfsmitteln, die
die neuere Zeit uns zu Gebote gestellt, nur die ganze Wis-
senschaft unmittelbar aus der Betrachtung der Natur wieder
neu zu erfinden, und so erhielt meine Arbeit eine Originalität
der Anschauungsweise, die abgesehen von ihrer Richtigkeit,
immerhin etwas Anziehenderes hat, als das historisch-philolo-
gisch zusammengetragene Material.” Der Verfasser täuscht
sich etwas. Wo Lärm ist, laufen Knaben und Müssiggänger
herbei. In seinen Ansichten hat er weit weniger Originalität
als Thouars, Turpin, Agardh, Nees v. E., Oken, und in der
Darstellung selbst ist Gaudichaud durchgreifender und be-
stimmter. Was die Richtigkeit betrifft, so lässt sich diese nicht
so leicht und so bald beurtheilen, dass sie auf das Urtheil
des Lesers einen besondern Einfluss haben könnte. Beim
Stamme z. B. folgt er in der ersten Ausgabe seines Buches
der Lehre der französischen Botaniker von den Axen, die er
allerdings genauer bestimmt, und beim Palmstamm kritisirt er
das, was ich vom Caulom gesagt habe, ohne etwas Originelles
dafür zu geben. Die originellen Schriftstelier sind wahrlich
nicht diejenigen, welche der Wissenschaft den meisten Vortheil
gebracht haben, vielmehr haben sie oft die Fortschritte ge-
hemmt, und ich würde es für keine Empfehlung halten, wenn
man sagte, Schleiden sei originell in seinen botanischen Leh-
ren. WUeberhaupt empfiehlt er die kritische Methode, ja er
hält sie sogar für die einzig richtige, aber Kritik lässt sich
nicht denken ohne vorhergehendes System; sie steht sogar der
für physiologische Botanik. 47
Eigenthümlichkeit und Originalität entgegen. Sie ist in einem
hohen Grade schätzbar, und wir würden dem Scharfsinn des
Verfassers dankbar sein, wenn-er seine Kritiken zwar bestimmt
und scharf, aber ohne jene Auswüchse gäbe, die der Wirkung
mehr schaden als sie fördern. Es ist ebenfalls sehr schätzbar,
wenn ein Schriftsteller in der Naturwissenschaft nichts sagt,
als was er selbst gesehen hat, aber es ist nicht möglich, eine
Wissenschaft aus der Betrachtung der Natur neu zu erfinden;
man muss wissen, worauf man bei der Betrachtung achten
sall, und darauf muss man durch Unterricht und zwar zuletzt
atıs Büchern gekommen sein. Ohne diese Mittel würde man
lauter Erfindungen machen, die längst bekannt wären. Wenn
man es nicht aus Büchern gelernt hätte, würde man nicht
wissen, dass Jod die Stärke blau färbt; ich musste dieses Mit-
tels bei meinen früheren Untersuchungen entbehren, was nach-
her die Wissenschaft sehr gefördert hat. Es ist im höchsten
Grade übertrieben, ja falsch, dass Bücher die Unlauterkeit und
Lügenhaftigkeit nähren, die unser ganzes Wesen vergifte,
Eher kann man das gesellschaftliche Leben überhaupt anklagen,
welches allerdings manche Verstellungen nothwendig macht,
damit wir uns nicht auf den Strassen schlagen.
Indem der Verfasser in der Methodologischen Grundlage
(S. 23) gegen den Dogmatismus kämpft, fällt er folgendes un-
gerechte Urtheil über Endlicher’s und Unger’s Grundzüge
der Botanik (Wiem 1843). ‚Auf die höchste Spitze getrieben,
sagt er, findet sich diese falsche Form in dem neuesten Werke
von Endlicher und Unger, dessen Erscheinen man unter der
Aegide solcher Namen nur ernstlich bedauern kann. Mir
scheint es, dass, abgesehen von manchem im Einzelnen zu
Tadelnden, was später zu berühren ist, das ganze Buch in
einer streng scholastischen Weise für unsere Zeit ein schlim-
mer Missgriff ist. Von Anfang bis zu Ende schreitet es in
systematisch an einander gereihten leeren Namenserklärungen
fort, die um so unfruchtbarer sind, als die Verfasser meisten-
theils nicht einmal sich die Mühe gegeben haben Beispiele zu
nennen. Das, was allein das eigentlich Gehaltvolle und die
wirkliche Grundlage des Gesagten sein könnte, nämlich Ent-
wickelungsgeschichte, Anatomie und Physiologie wird, in sich
selbst sehr mager und unbedeutend, den einzelnen Abschnitten
Archiv f, Naturgesch. XII, Jahrg. 2. Bd, B
18 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
hinten angehängt, weder formell noch materiell mit dem doch
allein hieraus Abzuleitenden in Verbindung gesetzt.” Alle
Kenntniss in den Naturwissenschaften beruht auf Begriffen,
denn jede Thatsache wird als Begriff gefasst. Nur dadurch,
dass sich die Wahrnehmung eines Gegenstandes oder einer
Begebenheit wiederholt, wird sie als ein Mannichfaltiges in
die Einheit des Begriffs aufgenommen, und in dieser Form
gelangt sie zur Kenntniss. In allen Wissenschaften, besonders .
in der Naturwissenschaft muss von bestimmten Begriffen an-
gefangen werden. ‚Wir müssen zuerst einen bestimmten Be-
griff von einem Theile eines organischen Körpers haben; die
äussere Form, die Verbindung mit anderen Theilen ist das
erste, das wichtigste, worauf zu sehen ist, denn daran erken-
nen wir den Theil; der innere Bau, das Anatomische, ist eine
zwar nothwendige, aber doch dem Ganzen untergeordnete Be-
stimmung. Die Entwickelungsgeschichte kommt nachher, denn
erst muss ich wissen, was und woraus es sich entwickelt, und
ganz zuletzt folgt die physiologische Untersuchung der Art.
Nun gestehe ich, dass mir kein Lehrbuch der Botanik bekannt
ist, welches in einer aphoristischen Kürze seinen Zweck so
treffend erfüllt, als die Grundzüge der Botanik von Endlicher
und Unger. Dass ich in manchen, sogar vielen Lehren der
Verfasser nicht mit ihnen übereinstimme, thut nichts zur Sache,
denn es ist nicht möglich, in einem so reichen Gegenstande
überall das Richtige zu treffen. Schleiden tadelt als Beispiel
den Unterschied, den die Verfasser zwischen Kegelboden und
Scheibenboden machen, indem sie vom Blütenboden reden,
und thut eine Menge Fragen, die sich leicht erledigen lassen,
wie ich meine. Der Scheibenboden hat unter dem Ovarium
rund umher einen Vorsprung, welcher dem Kegelboden fehlt,
und diesen Vorsprung halten die Verfasser, so verstehe ich
sie, für die Andeutung eines andern Stengelgliedes, welches
hier anfängt. So haben sie allerdings die Gegenwart der man-
nichfaltigen Theile unter dem Ovarium erklärt, denn Erklären
heisst den innern Zusammenhang der Erscheinungen zeigen.
Nur habe ich einen Zweifel, ob nicht immer unter dem Ova-
rium ein Ansatz sich befindet, welcher den Anfang eines an-
deren Gliedes andeutet.
Die Lehre von den Gliedern des Stammes, merithalles,
für physiologische Botanik. 19
wie sie die Franzosen wie gewöhnlich mit einem barbarischen,
aus griechischen Wörtern gegen alle Analogie zusammenge-
setzten Ausdrucke nennen, ist alt. Man nannte die Stelle,
wo ein Blatt mit einer Knospe sich befindet, einen Knoten
und sah diesen als den Anfang eines Gliedes an. An den
Gräsern ist jeder Knoten deutlich der Anfang eines Gliedes:
an den Palmen sind die Glieder dicht an einander geschoben
und schon weniger kenntlich; an den Labiaten, Karyophylleen
u. s. w. mit gegenüberstehenden Blättern sind die Knoten und
mit ihnen die Glieder ebenfalls deutlich, an den Gewächsen
mit wechselnden Blättern laufen sie in einander, Wenn wir
den Ausdruck Knoten als Bezeichnung eines Gliedes ansehen,
so mögen wir mit E. und U. sagen, beim Kegelboden ist über
den Staubfäden kein Knoten mehr bis zum Ovarium, wohl
aber beim Scheibenboden.
„Das Eigenthümliche der inductiven und heuristischen
Methoden, sagt Schleiden (S. 25), besteht darin, dass man
überhaupt zunächst von allen Hypothesen abstrahirt, kein Prin-
eip voraussetzt, sondern von dem unmittelbar Gewissen, von
den einzelnen Thatsachen ausgeht, diese rein und vollständig
auszusondern sucht, nach ihrer innern Verwandtschaft anord-
net, und ihnen selbst die Gesetze, unter denen sie stehen, die
sie als Bedingung ihrer Existenz voraussetzen, abfragt, und
so rückwärts fortschreitet, bis man bis zu den höchsten Be-
griffen und Gesetzen gelangt, bei denen sich eine weitere Ab-
leitung als unmöglich erweist.” Das mag sehr richtig sein,
aber es ist am wenigsten auszuführen, wenn man zur Grund-
lage der Untersuchung Entwickelungsgeschichte, Anatomie und
Physiologie nimmt. Das zweite Buch, Die Lehre von der
Pflanzenzelle, fängt auf folgende Weise an (S. 197): ‚Nur in
einer Flüssigkeit, die Zucker, Dextrin und Schleim enthält
(Cytoblasteme), können sich Zellen bilden. Es geschieht auf
zweierlei Art. 4. Die Schleimtheile ziehen sich zu einem
mehr oder weniger rundlichen Körper, Zellenkern (Cytobla-
stus) zusammen, und verwandeln an ihrer ganzen Oberfläche
einen Theil der Flüssigkeit in Gallerte, einen relativ unlös-
lichen Stofi; es entsteht eine geschlossene Gallertblase, in
diese dringt die äussere Flüssigkeit ein und dehnt sie aus, so
dass jener Schleimkörper auf einer Seite frei wird, an der
B*
20 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
andern der innern Wandung ankleben bleibt; er bildet dann
eine neue Schicht an seiner freien Seite und wird so in einer
Duplicatur der Wandung eingeschlossen, oder er bleibt frei
und wird dann meist aufgelöst und verschwindet. Während
der allmählichen Ausdehnung der Blase wird dann in der Re-
gel die Gallerte der Wandung in Zellstoff verwandelt, und
die Bildung der Zelle (cellula) ist vollendet. 2. Der gesammte
Inhalt der Zelle theilt sich in zwei oder mehr Theile, und
aus jedem bildet sich sogleich eine zarte Gallertmembran, so
sind mehrere Zellen fertig, die dann aber die Zelle, in der
sie entstanden, von vorn herein genau ausfüllen.” Wie viel
Ungewisses wird hier zum Grunde gelegt! In der Erklärung
sagt der Verfasser sogleich selbst, wir wären noch lange nicht
über die Flüssigkeit im Klaren, woraus die Zellen sich bilden.
Das ist so gewiss, dass der Verfasser mit „Es scheint” anfangen
sollte. Es ist ferner nicht gewiss, wird von Vielen bezwei-
felt, auch von mir, dass ein Cytoblast sich eher als die um-
gebende Zelle bildet; wir haben es nicht gesehen. Wenn in
einer hellen Flüssigkeit sich Körner zeigen und nachher Zel-
len, so folgt nicht, dass diese aus jenen sich bilden, auch
sind dann die jungen Zellen oft leer, ohne Körner, auch wohl
mit mehr Kerner. Man kann es ferner nicht sehen, es ist
hypothetisch, dass der Zellenkern einen Theil der Flüssigkeit
in Gallerte verwandele; es ist eben so hypothetisch, dass die
äussere Flüssigkeit in die Gallertblase dringe und sie aus-
dehne; es ist endlich nicht weniger hypothetisch, dass die
Gallerte der Wandung in Zellstoff verwandelt und so die
Zelle vollendet werde. Es ist hier keinesweges meine Ab-
sicht, behaupten zu wollen, dass jene Sätze falsch sind; ich
wollte nur sagen, dass man damit nicht anfangen müsse, nicht
mit dem Zweifelhaften, Ungewissen.
Schon einige Mal habe ich erinnert, dass man die Zellen
der Algen nicht als Analogieen ansehen könne, um daraus
die Entwickelung der Zellen in den Phanerogamen zu erklä-
ren. Die Zellen der Algen sind eher mit den Stengelgliedern
der Phanerogamen zu vergleichen, als mit den einzelnen Zel-
len, woraus der Stengel besteht. Die Zellen der Algen
stecken in einer langen Röhre, und wurden daher schon von
Roth utrieuli und zwar utriculi matricales genannt, Die son-
für physiologische Botanik. 21
derbaren Vorgänge, die wir in manchen dieser Algenzellen
bemerken, z. B. in Spirogyra, Stellulina u. a. scheinen sie
auch als eigenthümliche Organe zu charakterisiren.
Beiläufig sagt der Verfasser (S. 205): ‚Um falschen An-
sichten vorzubeugen, muss ich hier bemerken, dass die von
Link vorgetragene Theorie der Krystallisation, nach welcher
die Krystalle aus Zusammenfliessen kleiner Rügelchen ent-
stehen sollen, auf mangelhafter Beobachtung beruht.” — Es
ist mir niemals eingefallen, so etwas zu sagen. Wenn man
ein frisches Präcipitat, z. B. von kohlensaurem Kalk schnell
unter das Mikroskop bringt, so bemerkt man zuerst lauter
Kügelchen und zum Beweise, dass sie flüssig sind, sieht man
sie in grössere Kügelchen gar oft zusammenfliessen. Dann
entsteht plötzlich der Krystall; in dem erwähnten Falle, nach
Verschiedenheit der Temperatur, ein Rhomboeder oder ein
Arragonitkrystall. Schleiden hat das nicht gesehen und meine
kleine Schrift: Ueber die Bildung der festen Körper, Berlin
4841, nicht gekannt. Meine Freunde H. und G. Rose und
Poggendorf haben es gesehen. Doch weiter. „Zuerst ist doch
wohl natürlich, dass, wenn man das Entstehen der Krystalle
beobachten will, man dazu nicht die Präcipitation wählt, die
von den Chemikern zu der sogenannten tumultuarischen Kry-
stallisation gerechnet wird, sondern dass man zuerst die Be-
obachtung bei einfach aus concentrirten Flüssigkeiten anschies-
senden Krystallen macht. Hier bemerkt man jedesmal, z. B.
beim Salpeter, Platinsalmiak, am schönsten und leichtesten
beim Zinksalmiak u. s. w., dass der Kernkrystall plötzlich in
keinem angebbaren Zeitmoment in der ganz klaren und klar
bleibenden Flüssigkeit hervorspringt und dann scheinbar ruhig
in fast unmerklichen Pulsen durch Ansatz von Aussen fort-
wächst.” — Wenn einige Chemiker die Präcipitation zur tu-
multuarischen Krystallisation rechnen, so haben sie übel ge-
than. Das angegebene Mittel zur Beobachtung ist durchaus
unpraktisch. Lässt man die concentrirte Auflösung langsam
verdunsten, so kann man den anfangenden Krystall äusserst
schwer beobachten, lässt man sie plötzlich erkalten, so ent-
stehen die Krystalle so plötzlich und in solcher Menge, dass
sich der einzelne Krystall schwer verfolgen lässt. Am besten
nimmt man langsam krystallisirende Niederschläge, z. B. von
23 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
kohlensaurem Kalk; wovon sich auch sehr wenig unter das
Mikroskop bringen lässt. Bei schnell krystallisirenden Nie-
derschlägen z. B. von schwefelsaurem Kalk gelingt es nicht
immer, den ersten Zustand von Kügelchen wahrzunehmen, die
Krystallisation folgt zu schnell, aber eben deswegen gelingt
die Beobachtung zuweilen höchst überraschend. Doch weiter.
— „Lässt man dagegen unterm Mikroskop zwei Flüssigkeiten,
die einen Niederschlag bilden, zusammentreten, so bemerkt
man im Augenblick der Berührung das plötzliche Entstehen
einer beide Flüssigkeiten trennenden Membran. Bei genauer
Beobachtung erkennt man, dass diese Membran ganz aus Kry-
stallen besteht, von denen einige gleich deutlich zu erkennen
sind, andere bei stärkerer, noch andere bei den stärksten Ver-
grösserungen sich als Krystalle zu erkennen geben, bis end-
lich die kleinsten selbst bei den stärksten Vergrösserungen
nur als Punkte erscheinen. Stört man die Flüssigkeiten nicht,
so wachsen allmählich einige der entstandenen Krystalle zu
beiden Seiten in die Flüssigkeit hinein; mischt man aber die
Flüssigkeiten, so löst sich ein grosser Theil der Krystalle
augenblicklich wieder auf, andere wachsen stetig fort, und
neue Kernkrystalle entstehen plötzlich an Stellen, wo die
Flüssigkeit ganz klar ist.” — Die Beobachtung ist im Ganzen
richtig, die sogenannte Membran ist eine Wand von trüber
Flüssigkeit. So lange man sie als scheinbare Membran sieht,
besteht sie nicht aus Krystallen, aber sehr bald entstehen diese
und dann besteht sie daraus. Eine solche trübe Wand er-
scheint auch, wenn man das Gefrieren von Wasser mikrosko-
pisch beobachtet. S. Poggendorfl’s Annal. B. 64. (1845). S. 479.
Endlich — „Nach meinen vielfältigen und sorgfältigen Beob-
achtungen glaube ich überhaupt, dass jede unorganische Ma-
terie, wenn sie ohne Störung in den festen Zustand übergeht,
augenblicklich Krystallform annimmt, die meisten der soge-
nannten pulverigen Niederschläge bestehen aus Krystallen, und
bei andern verbietet die relative Kleinheit überhaupt über ihre -
Form zu sprechen.” — Das ist allerdings die gewöhnliche
Meinung. Aber Ehrenberg hat zuerst gezeigt, dass viele Fos-
silien aus kleinen an einander gereihten Kügelchen, also nicht
aus Krystallen bestehen, und wenn der Tropfen, worin der
Niederschlag von kohlensaurem Kalk unter dem Mikroskop
für physiologische Botanik. 23
sich befindet, zu schnell austrocknet, so zeigt sich zwischen
den Rhombo@dern noch eine Menge von Pulver, welches ganz
aus kleinen Kügelchen besteht. Der pulverige Zustand der
Materie, den, meine ich, Weiss fast allein als einen besondern
Zustand annimmt, möchte demnach nicht zu verwerfen sein.
Dass übrigens die Krystalle in der Flüssigkeit nicht vorgebil-
det sind, sondern dass erst ein Kern aus einer Flüssigkeit
plötzlich entstehe, welcher sich nachher vergrössert, zeigen
meine mikroskopischen Beobachtungen über die Präcipitate
offenbar.
Was der Verfasser (S. 53 folg.) von der Entstehung der
Gestalten in der Natur sagt, ist im Ganzen richtig und tref-
fend. Die Gestalt schliesse entweder bei der Entstehung die
Mutterlauge, d. i. die bildende Flüssigkeit, aus, oder sie
schliesse sie ein. Das Erste ist bei den unorganischen Kör-
pern der Fall, das Letzte bei den organischen. Ich möchte
nicht sagen, dass der Krystall bei seiner Entstehung die bil-
dende Flüssigkeit ausschliesse, den das ganze Kügelchen, oder
das ganze Häufchen von Kügelchen geht, in den oben er-
wähnten Versuchen, in den Krystall über. Auch scheint diese
Bestimmung seiner eigenen Meinung über die Krystallisation
zu widersprechen, nach welcher der Krystall in der Flüssig-
keit schon vorgebildet sein soll, und indem er sich vergrös-
sert, nur Theilchen aus der bildenden Flüssigkeit anzieht.
Wohl aber ist es von grosser Bedeutung, dass der organische
Körper sich innerhalb einer Hülle bildet, wo die äussern Ein-
wirkungen nach dem Mittelpunkte der bildenden Flüssigkeit
gerichtet sind. Wenn der Verfasser sagt: Wir charakterisiren
also hier den Begriff Organismus als das Verbältniss der Ge-
stalt zur eingeschlossenen Mutterlauge und Leben als Wech-
selwirkung zwischen der Mutterlauge und der Gestalt, so wird
er selbst das Ungenügende dieser Charakterisirung bei einigem
Nachdenken -einsehen. Dagegen ‘habe ich mit Vergnügen ge-
lesen, was der Verfasser (S. 64 folg.) von den Mineralien,
Pflanzen und Thieren sagt. Es ist darin — wenn er es nicht
übel nehmen will — ein dichterischer Anflug, der wenn er
die Thatsachen nicht entstellt, eine angenehme Deecoration der
Rede giebt.
Die Abhandlung über das Mikroskop ($. 82 folg.) ist alleı
2A H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
denen, welche sich-mit diesem Gegenstande beschäftigen, sehr
zu empfehlen, ungeachtet ich am Ende folgende Stelle finde
(S. 105): „Man meint es gehöre zu einer mikroskopischen
Beobachtung nicht viel mehr als ein gutes Instrument und ein
Gegenstand, dann könne man nur das Auge über das Ocular-
glas halten, um au fait zu sein. Link, in der Vorrede zu
seinen phytotomischen Tafeln spricht diese grundfalsche Ansicht
so aus: „„lch habe meist die Beobachtung meinem Zeichner,
dem Herrn Schmidt, ganz allein überlassen, und die Unbefan-
genheit des Beobachters, der mit allen Theorieen der Botanik
unbekannt ist, bürgt für die Richtigkeit der Zeichnungen.’
Das Resultat dieser Verkehrtheit ist, dass Link’s phytotomische
Tafeln, trotz seines berühmten Namens, so unbrauchbar sind,
Jass man geradezu wenigstens den Anfänger, der daraus ler-
nen will, davor dringend warnen muss, damit er sich nicht
durch lauter falsche Anschauungen verwirre. Link hätte eben-
falls ein Kind oder einen operirten Blindgebornen um die
scheinbare Entfernung des Mondes fragen, und wegen ihrer
Unbefangenheit das beste Urtheil erwarten dürfen. So gut,
wie wir mit unbewaffneten Augen von unseren Kinderjahren
an erst sehen lernen u. s. w.” — Ich muss doch die Vorrede
zu meinen Anatomisch-botanischen Abbildungen (I. Hft. 1837)
hierher setzen: ‚Die Anatomie des menschlichen Körpers hat
erst die grossen Fortschritte gemacht, deren sie sich erfreut,
seitdem die Gelehrten angefangen haben, das, was sie sahen,
durch geschickte Künstler abbilden zu lassen, Diesem Bei-
spiele möchte ich folgen, so viel ich vermag. Denn selten
verstehen die Gelehrten gut zu zeichnen, und wenn sie es
auch verstehen, so haben sie doch keine Zeit dazu. Dazu
komnt nun noch, dass sie gar oft darstellen, was sie nie
sahen, oder was sie, von irgend einer Theorie verführt, glaub-
ten gesehen zu haben. Besonders ist dieses der Fall, wenn
man die Gegenstände durch ein Mikroskop sehen muss. Am
besten schickt sich dazu ein tüchtiger Künstler, dem aber alle
anatomische Wissenschaft fremd ist, dem man aber auch nicht
vorschreiben muss, was er sehen soll. Ein junger Künstler,
C. H. Schmidt, der sich damit beschäftigt Pflanzen zu malen,
hat seit sieben Jahren die innern Theile der Pflanzen, durch
ein Mikroskop betrachtet, bei mir ‚gezeichnet. Nachdem er
für physiologische Botanik. 25
sich an das Mikroskop gewöhnt hatte, sagte ich zu ihm, er
möge nur zeichnen, was er sähe, und immer geradezu wider-
sprechen, wenn ich anders wolle. Er bekümmert sich nicht
um die Theorieen der Gelehrten, auch nicht um meine. Von
einer grossen Menge von Abbildungen lege ich einige vor,
die mir sehr genau und fleissig gemacht scheinen, und werde
damit fortfahren, wenn die Unternehmung Beifall finden sollte.”
Ich überlasse also dem Zeichner die Beobachtung keineswegs,
wohl aber die Zeichnung; ich verbessere ihn, verlange aber
nicht sogleich Folgsamkeit, wie ein junger blöder Künstler
wohl hat, sondern Widerspruch, Ich gestehe, ich dachte an
die Abbildungen über das Circulationssystem der Pflanzen
und zwar besonders an Meyen’s Darstellung des Netzes der
sogenannten Lebensgefässe auf den Blättern von Alisma Plan-
tago. Die kurze Vorrede zum zweiten Heft der Anat. botan.
Abbildungen endigt sich mit den Worten: Aber wir lernen
sehen, sowohl mit den Augen, die uns die Natur giebt, als
mit den Augen, die uns die Kunst macht. Seitdem bis jetzt
(im Januar 1846) arbeitet Herr Schmidt fünf Tage in der
Woche des Morgens bei mir, ausgenommen während meiver
Herbstreisen, und zeichnet nichts, was ich nicht selbst genau
beobachtet habe, auch sind meine Augen, Gottlob! so scharf
als sonst. Ich habe den Zeichner für mikroskopische Zeich-
nungen gebildet, und nach sieben Jahren war er es so, dass
ich ihn konnte mitreden lassen, jetzt nach 46 Jahren noch
mehr. Wie kann man Jemanden für so thöricht halten, dass
er unter seinen Augen zeichnen lässt, ohne zu sagen, worauf
es ankommt. Ich bitte Herrn Schleiden, nieht andere Leute
für dumm zu halten, und sich allein für klug.
Doch ich muss den Leser um Verzeihung bitten, dass
ich weitläuftig geworden bin, da es meine Person betraf.
Also noch etwas über einen rein wissenschaftlichen Gegen-
stand. „Schon oben, sagt der Verfasser in dem Kapitel von
dem Leben der Zelle (S. 273) ist die Eigenschaft der Zelle
erwähnt, Flüssigkeiten durch sich durchzulassen. Es ist eine
ganz überflüssige und unbeholfene Hypothese, hierbei an kleine,
unsichtbare Poren zu denken, vielmehr stehen hier Membran
und Flüssigkeit in demselben Verhältniss zu einander, wie
Salz und auflösendes Wasser. So wie hier in jedem Massen-
26 H. F. Link; Jahresbericht über die Arbeiten
differential (sit venia verbo) sowohl Salz als Wasser vorhan-
den ist, so auch in der Membran Zellstoff und Wasser, nur
mit dem Unterschiede, dass die Membran nie durch das Was-
ser verflüssigt wird, weil sie nur eine bestimmte geringe
“Menge auflöst und dann nicht eher neues Wasser aufnimmt,
als bis ihr das zuerst aufgenommene wieder entzogen worden
ist.” — Wo sollen nun die Wassertheilchen in der Membran
sich befinden? Nirgends anders können sie vorhanden sein,
als in den Zwischenräumen der Membran, wie klein diese
auch sein mögen, und wie klein die Theilchen der Membran
sein mögen, zwischen welche die Wassertheilchen eindringen.
Es müssen durchaus solche Zwischenräume, und die nennen
wir unsichtbare Poren, vorhanden sein, wenn man nicht eine
Durchdringung von Membran und Wasser bis ins Unendliche
annehmen will. Abgesehen davon, dass eine solche Durch-
dringung sich nicht wahrnehmen, nicht einmal vorstellen lässt,
würde doch Wasser und Membran zu einer nicht scheidbaren
Materie werden. Auch wäre jene Durchdringung eine völlig
grundlose Hypothese. Gewiss ist aufgelöstes Salz nur in den
Zwischenräumen des Wassers vorhanden; auflösbare Körper
treiben die Kohlensäure aus den Poren des Wassers, weil sie
solche selbst einnehmen. Unsere ganze Physik müsste eine
Aenderung erleiden, wenn man die unsichtbaren Poren ver-
werfen wollte. Nur die Naturphilosophie könnte hier eine
Erklärung geben, da nach ihren Lehrsätzen alle Materie ein-
ander ursprünglich gleich ist, und eine in die andere Cohä-
sionsvermehrung und Cohäsionsverminderung zu setzen ver-
mag, worauf die Unterschiede beruhen. Und doch würde es
ihr schwer werden, bei Membran und Wasser Auskunft zu
finden, ohne solche Poren anzunehmen. Wollen wir denn,
die wir mit dem Mikroskop zu arbeiten gewöhnt sind, uns
anmassen, alles sehen zu können? Da haben wir die ver-
schiedenen Gasarten, von denen wir keine sehen, und in denen
wir grosse Zwischenräume annehmen müssen, um die Erschei-
nungen zu erklären, welche bei der Vermengung derselben
unter einander und mit Wasserdämpfen sich zeigen. Dass
solche Poren keine zerstreute leere Räume sind, versteht
sich wohl, sondern in den meisten Fällen mit zarter Materie,
Luft, Wärmestoff und dergl. gefüllt.“ Die Membran der orga-
für physiologische Botanik. ar
nischen Körper lässt Flüssigkeiten durch, in der Endosmose
vermuthlich durch elektrische Strömung geführt, im lebenden
Körper werden diese Poren, wie es scheint, geschlossen und
geöffnet; eine Wirkung der Lebenskraft, die sich in vielen
andern Fällen als Contraetion und Expansion zeigt.”
Schleiden folgt in seinen philosophischen Ansichten durch-
aus Fries und hat eine Flugschrift gegen Hegel und Schelling
geschrieben, worin er nicht ihr System angreift, wie er selbst
sagt, sondern nur ihre Unwissenheit in der Naturkunde zu
zeigen sucht. Anhänger beider Philosophen möchten manches
dagegen zu erinnern haben, auch meine ich, die Anhänger
von Fries gegen die Darstellung und Anwendung der Friesi-
schen Philosophie. Ich rechne mich selbst mehr zu den letz-
tern. Es ist hier nicht der Ort darüber zu reden. Von
Oken sagt der Verfasser nichts, der doch wohl eine Rücksicht
verdient hätte. Doch ich will keinen Streit herbeiführen, der
hier und unter diesen Umständen keinen Nutzen der Wissen-
schaft bringen möchte.
Sonst sind wissenschaftliche Streitigkeiten von Nutzen
für die Wissenschaften. Sie vermehren nicht allein die Theil-
nahme an der Wissenschaft selbst, indem sie etwas Neues in
den einförmigen Gang derselben bringen, sondern sie haben
auch den Vortheil, dass der Streitende die Gründe für seine
Meinung noch mehr entwickelt, um eine klare Darstellung zu
geben und den Gegner zu überzeugen. Ob das Letzte ge-
lingen werde, muss der Streitende dahin gestellt sein lassen;
so viel ich weiss, ist es nie sogleich oder sobald der Fall,
oft aber kommt die Ueberzeugung des einen oder des andern
später. Der Vortheil der Entwickelung der Gründe für oder
gegen eine Behauptung fällt ganz weg, wenn man im Streit
abspricht, das heisst ohne Gründe verwirft. Am wenigsten
bringt es der Wissenschaft Vortheil, wenn der Streit mit einer
wahrhaft originellen Grobheit geführt wird, wie Hr. Schleiden
zu thun pflegt.
Es ist sehr unrecht; wenn man der Naturphilosophie vor-
wirft, sie achte die Thatsachen nicht, sondern verfahre nach
blossen erdichteten Vorstellungen. Das ist nicht der Fall ge-
wesen. Oken, Nees v. E., Wilbrand legen wie alle anderen
Naturforscher Thatsachen zum Grunde, und fehlen nur darin —
28 » H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
nach meiner Ansicht — dass sie solche unter Begriffe von
zu weitem Umfange bringen. So werden von ihnen unter
dem Begriff von Polarität so viele verschiedene Erscheinungen
gebracht, dass die Bestimmung und Anwendung des Begriffs
zu willkürlich wird. Im Allgemeinen bedeutet Polarität einen
Gegensatz nach verschiedenen Richtungen. Ein solcher findet
allerdings in der Natur Statt, jedoch so überall, dass die Be-
rufung darauf nicht allein langweilig, sondern auch überflüssig
wird, und von wichtigern genauern Untersuchungen abzieht.
Eine genauere schärfere Bestimmung der Begriffe ist nothwen-
dig, und diese‘ erfordern auch genauere und schärfere Be-
stimmungen der Thatsachen. Die Gegner der Naturphilosophie
haben in dieser Rücksicht ebenfalls gefehlt. So ist der Be-
griff von Zelle, allgemein gefasst wie jetzt, an sich nicht zu
verwerfen, sieht man aber, wie Embryosack, Mark- und Rin-
denzelle, Spiralgefäss und Glied der Algen darunter so zusam-
mengefasst wird, dass von dem einen gelten soll, was von
dem andern gilt, so läuft man Gefahr in die grössten Irrthü-
mer zu fallen. Den grössten Schaden hat die Naturphiloso-
phie dadurch gethan, dass sie die mechanische Physik nicht
allein verwarf, sondern auch verachtete. Darüber sind die
Grundlehren der Physik, die Lehren von der Bewegung, im
Unterricht so vernachlässigt worden, dass ihre Unkunde auch
bei den Gegnern der Naturphilosophie in dem Vorhergehen-
den zu rügen war.
Innerer Bau der Gewächse.
Ueber keinen Gegenstand der physiologischen Botanik,
wenn wir die Entstehung des Embryo ausnehmen, ist in den
letzten Jahren so viel gearbeitet worden, als über die Ent-
stehung und Bildung der Zellen. Es ist allerdings ein Be-
streben nach Gründlichkeit, welches auf die ersten Anfänge
der Pflanze zurückführt, und in dieser Hinsicht sind die Un-
tersuchungen sehr zu schätzen. Zuerst hat derjenige, dem
wir das Meiste in dieser Hinsicht zu verdanken haben, Hugo
von Mohl: Einige Bemerkungen über den Bau der
vegetabilischen Zelle in der Botanischen Zeitung
von H. v. Mohl und L. v. Schlechtendal. Berlin 1844.
St. 15 folge. S. 273 folg. geliefert. Es waren Hartig’s Unter-
für physiologische Botanik. 29
suchungen über den Bau der Zellen und dessen Annahme
einer innersten Haut der Zellen, einer Ptychode, wie er sie
nennt, welche ihn zu diesen Forschungen veranlassten. ,„Un-
tersucht man den einjährigen Trieb eines Baumes, oder den
Stamm einer einjährigen Pflanze, welche man vor Vollen-
dung ihres Wachsthums in Branntwein legte und längere Zeit
in demselben aufbewahrte, so findet man in allen denjenigen
Zellen und Gefässen, deren secundäre Schichten ihre voll-
ständige Bildung noch nicht erreicht haben, eine innere Mem-
bran, welche sich von den übrigen Zellhäuten auffallend un-
terscheidet. Diese Membran stellt eine vollständig geschlos-
sene, dünnwandige, zellenartige Blase dar, welche in der fri-
schen Pflanze genau an der innern Wandung der Zelle anliegt
und deshalb der Untersuchung entgeht, während sie bei den
in Branntwein aufbewahrten Exemplaren zusammengezogen
ist, und sich mehr oder weniger von der Zellenhaut ablöste.”
Er nennt diese zellenartige Blase den Primordialschlauch; er
fand ihn in einer. Reihe von dikotylen Gewächsen, z. B. Sam-
bucus Ebulus, Ficus Carica, Pinus sylvestris, Asclepias sy-
riaca, Hoya carnosa, Euphorbia canariensis, Caput Medusae
u.s.w. Bei den Monokotylen bemerkte er ihn in der Spitze
des Stammes und der Wurzel. — Man kann aber auch statt
des längern Aufbewahrens der Pflanzentheile in Weingeist, auf
eine kürzere Weise dazu gelangen, diesen Schlauch wahrzu-
nehmen. Gewöhnlich reicht es hin, das Präparat auch nur
wenig® Minuten lang der Einwirkung von Salpetersäure oder
Salzsäure auszusetzen; sättigt man alsdann diese Säure mit
Ammoniak und färbt das Präparat durch Jod, so kommt der
Primordialschlauch eben so schön als durch lange Aufbewah-
rung in Weingeist zum Vorschein. Da nun der Primordial-
schlauch in allen jungen Zellen sich findet, so meint der Verf.,
dass er zur Bildung und Vermehrung der Zellen beitrage,
denn, setzt er hinzu, es sind nur zwei Arten der Zellenver-
mehrung denkbar, entweder Theilung der ältern Zellen durch
Bildung einer Scheidewand, oder Bildung von Zellen in Zel-
len. Er meint nun in der Cambiumschicht von Pinus sylve-
stris, Sambucus Ebulus, Asclepias syriaca, Euphorbia Caput
Medusae zwei Primordialschläuche gesehen zu haben, ehe eine
Scheidewand zwischen ihnen erschien, wodurch also die letzte
30 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
Entstehung bestätigt würde, Doch ist er darüber keineswegs
ausser Zweifel. Mit Schleiden’s Theorie komme die eben ge-
äusserte im Ganzen überein, nur meine Schleiden, der Nucleus
bilde die Zellhaut. Mohl hingegen meint die Zellhaut umgebe
immer den Kern, ferner sei nach Schleiden die erste Zellhaut
auch die spätere, äussere Haut der Zelle, nach Mohl wird die
Haut des Primordialschlauches zur äussern Haut. Herrmann
Karsten in seiner Abhandlung de cella vitali habe den Pri-
mordialschlauch schon gesehen, aber ihn mit den innern Zel-
lenschichten verwechselt. Von den verschiedenen Zellen-
schichten führt der Verfasser mehrere treffende Beispiele an,
und schliesst gegen Hartig’s Meinung auf folgende Weise:
„Das Vorausgehende zeigt, dass eine bestimmte Entscheidung
darüber, ob die Zellen von einer besondern Haut ausgekleidet
sind, keinen geringen Schwierigkeiten unterliegt, indem theils
optische Täuschung — (ein Lichtschein, wie Mohl meint),
— theils eine geringe Modification in der Substanz der inner-
sten Zellenschicht, wie eine solche auch .an zwischen lie-
genden Schichten vorkommen kann, leicht zum Glauben, man
habe eine solche Haut gefunden, Veranlassung geben kann.
Hartig habe seine Beweise von den Zellen in Taxus baccata
hergenommen, von denen Mohl schon längst gezeigt, dass
eine dritte Schicht dort vorhanden sei.
Dankbar müssen wir es anerkennen, dass Mohl zuerst
die wahre Beschaffenheit der Zellenhaut gelehrt hat, dass näm-
lich die Wandung der Zellen und Gefässe, aus einer primären
äussern, undurchlöcherten, und aus einer secundären, meist
von Oeffnungen durchbrochenen Membran zusammengesetzt
seir. Es ist die Grundlage unserer Kenntnisse über diesen
Gegenstand. Wir wollen mit Payen hinzusetzen: die äussere
Haut wird durch Jod nicht gelb gefärbt, wohl aber der innere
Ansatz. Mohl setzt hinzu, die innere Membran bestehe aus
über einander liegenden Schichten. Allerdings nicht selten,
besonders in den festen, knorpligen, sogenannten steinigen
Zellen, wovon der Verfasser auch in dieser Abhandlung viele
auffallende Beispiele anführt, aber nicht in allen, wenigstens
erkennt man sie durchaus nicht. Warum sollen wir sie denn
annehmen, da wo wir sie nicht sehen? Wie der Primordial-
schlauch zur besondern für sich bestehenden Zelle werde, ist
für physiologische Botanik. 3
von dem Verfasser keinesweges dargethan, und es wird noch
unten davon die Rede sein, dass er sich nicht allein in den
jungen Zellen findet, sondern auch in völlig ausgewachsenen,
ja sogar nicht selten in alten Zellen, wenn sie nur nicht zu
fest und knorplig sind. Wenn aber Mohl sagt, die Vermeh-
rung der Zellen geschehe entweder. durch Theilung der ältern
Zellen vermittelst einer neu gebildeten Scheidewand, oder
durch Bildung von Zellen in Zellen, so ist ofienbar noch eine
dritte übersehen, nämlich die Bildung von neuen Zellen zwi-
schen alten. Mirbel hat in seiner Abhandlung über Marchan-
tia dieses schon gezeigt. Mir scheint diese Art der Vermeh-
rung die wahre zu sein. Ich habe in der Anatomie der
Pflanzen in Abbildungen H. 1. T.1. die Anatomie der Zwiebel
von Amaryllis formosissima zeichnen lassen. Hier sieht man
Fig. 4 an der Basis der Blätter, wo sie bekanntlich besonders
anwachsen, eine Zone von kurzen, seitwärts ausgedehnten
Zellen mit dünneren Wänden, als die darüber und darunter
befindlichen, daher sie neu entstanden scheinen, auch werden
die darin enthaltenen Körner nicht von Jod blau gefärbt, wie
die Körner in den darüber und darunter befindlichen Zellen.
Die letztern Zellen sind gross und vieleckig, auch von ziem-
lich gleichem Durchmesser und enthalten grosse Amylumkör-
ner. Wenn man jene transversalen Zellen der Länge nach
ausgedehnt sich vorstellt, so erhalten sie eine Form wie die
darüber befindlichen vieleckigen. Diese transversalen Zellen
scheinen mir die neu entstandenen, und zwar da entstanden,
wo die grossen vieleckigen Zellen sich von einander entfern-
ten und eine Lücke liessen. Dass beim Anwachsen der Theile
solche Lücken entstehen müssen, ist nothwendig. Beim An-
wachsen des Stammes in die Dicke werden die Bastbündel
vom Mark entfernt und dazwischen wachsen die Holzschichten
an, die gewiss nicht die Theile aus einander treiben können,
zwischen denen sie anwachsen, sondern diese müssen durch
ein besonderes eigenthümliches, lebendiges (vitales) Ausdeh-
nungsvermögen von einander sich entfernen, damit das An-
wachsen geschehen könne. Die Physiologen, indem sie ihren
Blick zu dem Kleinen wenden, verlieren oft das Grosse aus
den Augen, und so auch dieses eigenthümliche Vermögen.
Uebrigens hat Mohl nicht bewiesen, wie er selbst mit grosser
32 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
Bescheidenheit gesteht, dass durch die Primordialschläuche die
Vermehrung der Zellen geschehe.
Sonst sind die Beobachtungen, welche Mohl über
jenen Schlauch mittheilt, wie sich erwarten lässt, genau und
richtig. Ich habe nicht allein Pflanzentheile untersucht, die
lange Zeit in Weingeist gelegen, sondern auch und viel öfter
solche, welche einige Zeit in Salpetersäure eingeweicht waren.
Es ist gar nicht nöthig, dass man die Salpetersäure durch
kohlensaures Ammoniak neutralisire, sondern man darf die
Schnitte nur durch Wasser ausspülen, um die Resultate eben
so deutlich zu haben. Die Färbung mit Jod macht die Ge-
genstände noch deutlicher und ist daher sehr zweckmässig.
Es ist auch nicht nöthig, dass man Theile nehme, die noch
nicht ausgewachsen sind, es ist hinreichend, dass sie nur nicht
zu hart und. ausgetrocknet sind, um dieselben Resultate zu
haben. lch habe dieses an manchen Pflanzen versucht; unter
diesen will ich nur die Blätter von Allium Porrum nennen,
weil in den Laucharten sich die kugelrunden, hellen Körper
finden, die gleichsam eine Zelle innerhalb der andern bilden,
und zuweilen die Untersucher in der Meinung bestärkt haben,
als ob die jungen Zellen innerhalb der alten vorhanden wären.
Wir wollen sie Afterzellen nennen. Wenn man Längsschnitte
mit der Oberfläche parallel, oder auch senkrecht auf -dieselbe,
sowohl in dem obern grünen, als dem untern ungefärbten
Theile des Blattes macht, und sie wie gewöhnlich unter einem
° Wassertropfen bei gehöriger Vergrösserung betrachtet, so
sieht man in dem weissen Theile nur die hellen Zellen rein
und durchsichtig, in dem grünen bemerkt man hier und da
etwas von jenem körnig zelligen Stoff, welcher sich in den
meisten Zellen findet, auch kommen die hellen kugligten Af-
terzellen vor. Benetzt man aber die Schnitte mit Salpeter-
säure einige Minuten, spült sie nun mit Wasser aus, und färbt
sie mit Jodtinktur, so findet man Alles verändert. Im innern
Raum der Zellen sieht man nun einen Schlauch von gelblicher
Farbe und fast von der Gestalt der Zellen, doch mehr oder
weniger unregelmässig, oft zerrissen, von ihren Wänden mehr
oder weniger entfernt, also mehr oder weniger zusammenge-
zogen. Er ist überall mit jener körnig zelligen Materie an-
gefüllt, und wenn Afterzellen vorhanden waren, so finden sie
. für physiologische Botanik. 33
sich innerhalb des Schlauches an verschiedenen Stellen, dunk-
ler gefärbt als der Zellenschlauch und durchaus mit Körnern
erfüllt. Die äussere Zellenhaut ist durchsichtig und ganz un-
gefärbt geblieben. Was nun aber besonders auffällt, sind die
kleinen, warzenartigen Zapfen am Rande des Schlauches,
welche in Höhlungen der äussern Zellenhaut passen, zwischen
denen diese Haut rundlich aufgetrieben erscheint, ja man sieht
zuweilen dunkel angedeutete Schichten in diesen angeschwol-
lenen Stellen.
Nach diesen Untersuchungen muss ich also Hartig über
den Bau der Pflanzenzelle meinen Beifall geben. Die Haut
des Schlauches ist offenbar seine Ptychode, eine Haut, die
sich in die sogenannten Poren der äussern Haut versenkt und
wirklich eine für sich bestehende, den innern Inhalt umfas-
sende, aber zu den secundären Schichten gehörende Haut ist,
denn sie wird durch Jod gelb gefärbt, da hingegen die äussere
Haut, Hartig’s Eustathe, und die Zwischenlage, Hartig’s Asta-
the, ungefärbt bleiben. Hartig möge es mir nicht verargen,
wenn ich solehe Kunstwörter nicht annehme. Sie sind nicht
allein völlig überflüssig, sondern erschweren auch die Wissen-
schaft; es sind die Häute, welche die Wissenschaft bei jeder
Erneuerung wieder abstreifen muss. Die innere Haut der
Zelle oder die Haut des Schlauches gehört mit der Spiralfaser
zu den seceundären Bildungen und hat unstreitig eine Bezie-
hung zur Bildung der Spiralfaser, wenn auch nicht so, wie
Hartig schon viel- zu bestimmt angegeben hat. Ich führe hier
sogleich an: ‘
Das Leben der Pflanzenzelle, deren -Entste-
hung, Vermehrung, Ausbildung und Auflösung von
Dr. Theodor Hartig. Berlin 1844. 4. Die Schrift be-
darf einer genaueren Prüfung, welche sich nicht im Kurzen
geben lässt. Hier nur etwas darüber, In dem ersten Ab-
schnitte: Das Leben der Pflanzenzelle in der Periode der
Zellenmehrung, sagt der Verf.: a) „Entstehung der Zellen.
Zellen entstehen nur im Innern einer Mutterzelle. Sie sind
ursprünglich einfache Ptychodenzellen mit flüssigem Inhalte,
dem Zellsaft. Im Verlauf ihrer Entwickelung spaltet sich die
Ptychode in eine innere und äussere Ptychodenhaut, dadurch
entsteht ein vom Zellraume gesonderter Ptychodenraum. In
Archiv f. Naturgesch, X1, Jahrg. 2. Bd, Ü
34 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
letzterem sondert sich aus dem Zellsafte eine dem Milchsafte
ähnliche Flüssigkeit, der Ptychodensaft. Im Ptychodensafte bildet
sich die neue Zellbrut, die zu dreifach verschiedenen Zellenarten,
zu Verdauungs-, Fortpflanzungs- und Farbzellen sich entwik-
kelt. Die Verdauungs- (Metacard-) Zellen verrichten das
Geschäft weiterer Verarbeitung des Zellsafts. Die Fortpflan-
zungs- (Epigon-) Zellen entwickeln neue Zellbrut dreifach
verschiedener Natur in ihrem Ptychodenraume, wie die Mut-
terzelle selbst. Die Schönfarb- (Euchrom -) Zellen bilden in
ihrem Ptychodenraume das Euchrom (wohin auch die Chloro-
phylisubstanz gehört) und das Stärkmehl.” Es folgen nun
Beobachtungen, worin über den Inhalt der Zellen viele, so
weit ich nachgesucht habe, richtige und genaue Angaben vor-
kommen. Wohl zu genaue, denn das was hier gesehen wird,
scheint mir den Namen der Zellen nicht zu verdienen, höch-
stens könnte man sie Zellkerne, Zellbläschen oder mit dem
Verfasser selbst Kernkörperchen nennen. Sie sind immer von
sehr verschiedener Grösse, von verschiedener Gestalt, nie,
wenn sie auch dicht zusammengedrängt sind, regelmässig eckig,
also nicht durch innere Ausdehnug gebildet, nie regelmässig
gestellt, und oft scheinen sie inwendig ganz dicht zu sein,
wie die Stärkmehlkörner. Am regelmässigsten sind die After-
zellen, wie ich sie oben genannt habe, die wiederum kleine
Zellkörner enthalten. Auch die Chlorophylikörner haben in
den saftigen Pflanzen und in den Wassergewächsen eine ziem-
lich regelmässige Bildung, doch scheinen sie dicht, und über-
haupt von den äussern umgebenden Zellen ihrer Natur nach
sehr verschieden. Der Cytoblast erscheint mir als eine kör-
nige Masse, die mit einer Haut umschlossen sein mag, was
ich nicht entscheiden will, dem Verfasser ist er eine vollkom-
men entwickelte, nicht jugendliche Zelle. Er sagt von ihm
Folgendes: „Es ist wohl kaum zu bezweifeln, dass die Zell-
brut des Cytoblasten und der Kernkörperchen eben so, wie
die des Ptychodenraumes, unter Resorbtion der äussern Pty-
chodenhaut frei und fortbildungsfähig werden können; allein
eben so gewiss ist es, dass die Zellbrut nicht ausschliesslich
daher stammt, da sie sich in gleicher Weise, wie im Innern
des Cytoblasten, auch an andern Stellen des Ptychodenraumes
der Zelle bildet, wo keine Cytoblasten vorhanden sind. Ich
für physiologische Botanik. 35
glaube sogar, dass in der Regel der Cytoblast keine Fort-
pflanzungszellen erzeugt, seine Function vielmehr die Verar-
beitung und Umwandlung des Zellsaftes im Ptychodensaft sei.”
Wenn der Verfasser das Letzte glaubt, so darf er nicht sagen,
das Erste sei kaum zu bezweifeln. Es ist im Gegentheil sehr
zu bezweifeln, und durch keine Beobachtung des Verfassers
erwiesen. Bei allen diesen Untersuchungen wäre es sehr zu
wünschen, dass man die Gegenstände genau unterschiede.
Was von den Algen gilt, kann darum nicht als geltend für
Phanerogamen angenommen werden, noch weniger, was an
Pilzen beobachtet ist, wie es der Verf. thut. Die Beobach-
tungen an den Zellen der unreifen und reifen Beeren von
Solanum nigrum sind schätzbar, aber es ist ein Gegenstand
für sich, der auch für das Reifen der Früchte wichtig werden
kann, und es wäre zu wünschen gewesen, der Verfasser hätte
eine genaue Vergleichung in dieser Rücksicht angestellt.
Uebrigens sagt der Titel: Das Leben der Pflanzenzelle, zu
viel. Von dem Leben der Pflanzenzelle weiss mein Freund
Hartig eben so viel, als ich, das heisst, nichts. Leben ist
Bewegung aus innerm Antriebe, und die Bewegungen der
Säfte in der Zelle, wodurch die Bildungen hervorgebracht
werden, kennen wir nicht.
Schleiden sagt in seinen Grundzügen der wissenschaft-
lichen Botanik S. 200: Ueberall glaube ich hier auch im jüng-
sten Zustande der Zelle eine zarte Membran aus einem durch
Jod nicht gefärbt werdenden Stofl unterscheiden zu können,
welche den Cytoblasten vollständig von allen Seiten umschliesst.
Mohl hat mich, wie es scheint (Botan, Zeit. 1844. Nr. 15 folg.)
nieht verstanden, indem er sich an einen allerdings übel von
mir gewählten Ausdruck hielt, durch welchen ich in der ersten
Bekanntmachung meiner Entdeckungen die Sache glaubte an-
schaulich machen zu können. Sobald sich aber diese primäre
Zellenmembran nur etwas durch Ausdehnung vom Cytoblasten
entfernt hat, findet man sie auf ihrer ganzen inneren Fläche
sehr häufig mit einem zarten Ueberzug eines halbflüssigen
(gar oft in netzartig anostomosirenden Strömchen eirculirenden)
Sehleimes bedeckt, der zuweilen granulos, zuweilen ganz ho-
mogen und wasserhell, durch Salpetersäure, Alkohol und Jod
aber stets sichtbar zu machen ist, dies ist Mohl’s Primordial-
G6*#
36 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
schlauch” Die körnig zellige Masse, Cytoblast genannt,
scheint allerdings immer von einer zarten Membran umgeben.
Zuerst ist jene Masse dicht zusammen, später vertheilt sie
sich und dann erst ist es möglich die Bewegung der kleinen
Körner zu sehen. In den Markzellen der eben entwickelten
Zweige von Weiden (z. B.) liegt jene Masse noch ziemlich
dicht zusammen, in den einjährigen Zweigen hat sie sich ver-
theilt und getüpfelte Zellen gebildet. Mir scheint es nun, dass
jene noch zarte Membran sich an die Wände der Zelle gelegt
hat, an einigen Stellen durch den secundären Ansatz tiefer
eingedrungen, ist bis auf die äusserste Membran, wodurch
dann die scheinbaren Löcher oder Tüpfel entstanden sind.
Die Zäpfchen an dem durch Salpetersäure abgelösten Schlauch,
die in Vertiefungen der Zellhaut passen, die Anschwellungen
zwischen ihnen scheinen dieses zu beweisen. Die Salpeter-
säure wirkt wahrscheinlich nur dadurch, dass sie die Theile
zusammenzieht und sichtbar macht. Die Haut um den körni-
gen Inhalt, nachdem sie von den Zellwänden abgelöst ist,
wird nur schwach gelb durch Jod gefärbt und mag wohl ur-
sprünglich gar nicht gefärbt werden. Dass sich diese Haut
an die äussere Zellenhaut anlegt, durch die Wirkung der Sal-
petersäure aber wiederum davon abgezogen wird, scheint mir
aus dem Vorhergehenden klar, aber eben darum ist sie kein
Primordialschlauch.
Die Abhandlung von Unger über das Wachsthum
der Internodien von anatomischer Seite beobach-
tet in der Botanischen Zeitung 1844. S. 498 folg. ge-
hört vorzüglich hierher. Der Verf. hat an Campelia Zanonia
die Zellen der Internodien gezählt und ihre Zahl mit der
.Länge und Breite verglichen, woraus zuerst ‘die Folgerung
entstand, dass die Vergrösserung der Glieder fortwährend
durch Anwachsen neuer Elementartheile erfolge, ferner, dass
die Vergrösserung der Internodien der Axe zugleich durch
Zusatz neuer Elementartheile und durch Vergrösserung bereits
vorhandener erfolge. Er geht dann weiter und stellt die
Frage auf, wie und auf welche Weise beim Wachsthum der
Internodien der Zusatz neuer Elementarorgane (Zellen) er-
folge. Er betrachtet einen durch mehrere Internodien gehen-
den Längsschnitt, wo sich dann zeigt, dass in den Internodien
für physiologische Botanik. 37
selbst und nicht in dem Knoten die Bildung neuer Elemen-
tartheile vor sich geht. „Betrachten wir ein Zellgewebe, sagt
er ferner, in welchem Neubildungen vor sich gehen, etwas
genauer, so werden wir es sehr auffallend finden, dass nicht
sämmtliche Zellen gleich starke (dicke) Wände besitzen, son-
dern dass im Gegentheil einige derselben zarter gebaut sind,
andere hingegen selbst kaum bemerkbar werden. Hieraus
lässt sich mit vieler Wahrscheinlichkeit schliessen, dass diese
letztern späterer Entstehung sind, und ich zweifle kaum, dass
irgend ein Beobachter sowohl die Thatsache als den Schluss
in Abrede stellen wird.” Es war nun die Frage, ob die
Scheidewand einfach oder doppelt sei. Der Verf. wählte zu
dieser Untersuchung junge sich eben erst entwickelnde Haare
der neu entstandenen Blätter von Syringa vulgaris. Er suchte
durch Einwirkung chemischer Substanzen eine Verdichtung
und Zusammenziehung des feinkörnigen Inhalts hervorzurufen,
‚um die Wände besser untersuchen zu können. WVerdünnte
Mineralsäure leistete etwas, am besten wirkte aber Behand-
Jung zuerst mit Aetzkali, dann mit Jod. Hierbei blieben aber
jene Scheidewände immer einfach. Der Verfasser meint also,
dass dieses der Anfang einer Theilung in mehr Zellen sei,
und nennt daher diese Zellenvermehrung die merismatische,
Joch eilt er über diesen Gegenstand zu rasch hinweg. Da
Unger sich gegen Schleiden’s Theorie von der Zellenbildung
geäussert hatte, so erhält der Entdecker der Spermatozoen
(oder wie man sie nennen will) in den Antheren der Moose
und der Flimmerbewegung der Sporen der Algen u. s. w. in
den Grundzügen der Wiss. Bot. S. 210 folgende Weisung:
„Quer- und Längsschnitte und ein Blick durchs Mikroskop,
und wäre es auch noch so gut, genügen heut zu Tage wahr-
lich nicht mehr bei phytotomischen Untersuchungen.”
In der Zeitschrift für wissenschaftliche Botanik v. Schlei-
den und Nägeli (Zürich 1844) findet sich im ersten Heft eine
Abhandlung von Nägeli über Zellenkerne, Zellen-
bildung und Zellenwachsthum, worin von den Phane-
rogamen Schleiden’s Lehre vorgetragen wird. Im zweiten
Heft (das. 1845) ist ein Aufsatz überschrieben: Begriff der
Zelle. Nachdem der Verfasser einige Bemerkungen gegen
Sehleiden’s Definition gemacht hat, sagt er: „Der Begriff der
38 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
Zelle liegt darin, dass eine Partie von organischen ‚Stoffen
sich individualisirt, mit einer Membran sich bekleidet, durch
dieselbe nach aussen durch Aufnahme und Abgabe von Stoffen
eorrespondirt, und im Innern sieh chemisch ‘und plastisch
verändert.” Der Anfang ist sehr richtig, der Begriff der Zelle
liegt darin, dass eine Partie von organischen Stoffen sich in-
dividualisirt, so dass die festen Theile zu äusserst eine Hülle
bilden, innerhalb welcher sich wenigstens zum Theil flüssige,
oder auch luftförmige Stofie befinden. Ob in allen Zellen
ein fester Körper zuerst entsteht, gehört nieht zum Begriff,
auch ist es noch nicht durch die Beobachtung überall erwie-
sen. Der Zellenkern, wie er mir und andern erscheint, ist
ein unregelmässiger Haufen von Körnern oder Bläschen, der
mehr der rohe Anfang einer Bildung als eine ursprüngliche
Bildung selbst scheint, die hier, wie fast überall, aus einer
Flüssigkeit hervorgeht. Ganz recht sagt der Verf., der Be-
griff des Organismus vereinige zwei wesentliche Momente,
dass er lebt und dass er sich fortpflanzt. Wenn aber hinzu-
gesetzt wird, beides habe seinen Grund darin, dass er aus
Zellen bestehe, so ist wahrlich der Grund nicht einzusehen.
Wenn erwiesen wird, dass Brown’s Molekulen sich aus innerm
Triebe bewegen, so leben sie, welche innere Form sie auch
haben mögen. Der Organismus erfordert eine Wechselwir-
kung der Theile unter einander als Organe, welche allerdings
durch eine Bewegung von Flüssigkeiten im Innern am leich-
testen geschieht, aber es folgt nicht, ist unerwiesen und gegen
die Erfahrung, dass er ganz aus Zellen bestehe. Wenn ge-
sagt wird, dass er aus Zellen entstehe, so antworte ich, das
sei allerdings wahrscheinlich, aber nichts weiter. Bei der Un-
tersuchung über den Begriff! von Pflanze und Pflanzenreich,
wird viel auf die Abwesenheit des Stickstoffs in der Membran
der Pflanzenzelle gerechnet, so wie auf die Gegenwart des
Stickstoffs im Thierreiche. Aber wenn sich in der Membran
mancher Pflanzenzelle Stickstoff befände, würde die Pflanze
darum aufhören Pflanze zu sein? Boussingault hat gezeigt,
dass sich in den Pflanzen viel Stickstoff befindet, wo? ist
keinesweges ausgemacht. Ueberhaupt ist es eine verkehrte
Methode, mit der Chemie in der Naturgeschichte anzufangen,
und zwar erstlich, weil die chemische Analyse die schwierigste
für physiologische Botanik. 39
ist, zweitens,‘ weil sie unerschöpflich ist und keine als die
letzte darf angesehen werden, und endlich, weil sie uns über
die innere Beschaffenheit der organischen Körper keine Aus-
kunft giebt, wie die isomeren Körper beweisen. Die Mem-
bran der Pflanzen ist isomer mit dem Stärkmehl, wie Payen
gezeizt hat, und doch sind beide verschieden genug.
Einige Untersuchungen über die Vermehrung
von Zellen, von Dr. Schaffner in Herstein. Flora
4845. 481: „‚Ist es erlaubt, sagt der Verf., aus den dargeleg-
ten Untersuchungen Folgerungen zu ziehen, so vermehren
sich durch primäre Zellenerzeugung: 1) die Cambiumzellen
(die sich später entwickeln in Prosenchym und Gefässzellen),
2) die Bastzellen, in frühster Jugend von den Cambiumzellen
nicht wesentlich verschieden, aber ein eigenes System bildend;
3) ein Theil der Parenchymzellen, wozu vorläufig die Blatt-
zellen (mit Ausnahme der Kotyledonenzellen) und die Paren-
ehymzellen der Aepfel- und Pflaumenfrucht gehören — wenn
nämlich das Fehlen der Tochterzellen hier bestätigt werden
sollte. —” Darauf kommt nichts an, sondern nur ob die
sogenannten Tochterzellen wirklich solche sind, nämlich aus
der Mutterzelle hervortreten. — „Durch Bildung von Töch-
terzellen vermehren sich die übrigen Parenchymzellen, z. B.
die Mark- und Rindenzellen u. s. w.” (???) — „Eine Ver-
mehrung der Zellen durch Theilung findet bei phanerogamen
Gewächsen bestimmt nicht Statt.” (?)
In einem Nachtrage über die Milchsaftgefässe räthı er gar
nichts zu lesen, da das meiste darüber Gesagte viel Wider-
sprüche enthalte, er führt Bischoff und Schleiden an. Meiner
hat er nicht erwähnt. Im ersten Hefte meiner Vorlesungen
über die Kräuterkunde würde er manches gefunden haben,
nnd eben so viele Abbildungen im ersten Hefte meiner Ana-
tomie der Pflanzen in Abbildungen, !
Recherches sur les premieres modifications
de la matiere organique et la formation des cellu-
les par Mr. Öoste. Compt. rend. 1845. 2. 911. 1396:
Die Abhandlung betrifit besonders die thierische Zelle und
sucht durch Betrachtung mehr als Untersuchungen darzuthun,
dass die Theorie, als ob der Kern die Zelle erzeuge, auf
keinen sichern Erfahrungen beruhe.
40 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
Die vorhergehenden Untersuchungen über die Art, wie
neue Zellen entstehen, veranlassten mich zu fortgesetzten
eigenen Beobachtungen. Wenn es nämlich darauf ankonmt,
das. Fortwachsen der Zellen in den Phanerogamen kennen zu
lernen, ohne die Erscheinung mit andern nicht hierher gehö-
rigen zu vermengen, so bleibt es am zweckmässigsten das
Verfahren anzuwenden, was Unger gebraucht hat. In dieser
Absicht liess ich Zwiebeln von Allium Cepa auf einem mit
Wasser gefüllten Blumenglase wachsen, und an den hervor-
gewachsenen Wurzeln Zeichen mit Tusche machen, eines dicht
an der Zwiebel, eines dicht an der kegelförmigen Spitze und
eines in der Mitte zwischen beiden. Nach einigen Tagen
waren die Wurzeln gar sehr angewachsen; die kegelförmige
Spitze gar nicht, so viel sich bemerken liess, die Basis wenig,
am meisten das Stück zwischen der Spitze und der Mitte,
Das letzte wurde noch einmal in der Mitte eingetheilt, und
es fand sich, dass wiederum der Theil gegen die Spitze sehr
stark, der gegen die Mitte sehr wenig’ angewachsen war. Ein
Längsschnitt von dem Zeichen an der Spitze bis gegen das
obere Zeichen durchgeführt, in Salpetersäure eingeweicht und
nun mit Jod behandelt, zeigte sehr viele kurze Zellen in der
Nähe der Spitze, die nach oben zu allmälig länger und zuletzt
sehr lang wurden. Doch waren die Zellen im Umfange der
Wurzel länger als die gegen die Mitte. In allen hatte sich
die innere Haut von den Zellenwänden getrennt und um den
körnigen Inhalt zusammengezogen, welcher stark braun gefärbt
war. Der dadurch entstandene Schlauch trug die Gestalt der
umgebenden Zellen, deren Wände durchaus nicht von Jod
gefärbt erschienen. In jeder Zelle fand sich der kugelrunde
Schlauch, den ich oben eine Afterzelle genannt, ebenfalls
braun gefärbt und mit einer körnigen Masse erfüllt. Er lag
immer in dem längern Schlauch, aber an verschiedenen Zellen
bald an den Enden, bald in der Mitte, bald gegen die Mitte.
Es schien also hier eine Entstehung kurzer Zellen, da wo
das Anwachsen am stärksten sich zeigte, Statt gefunden zu
haben, die sich dann verlängert und das Anwachsen vollbracht
hatten. Eine Theilung der Zellen konnte ich mit Deutlichkeit
nicht wahrnehmen. — Wie an den Wurzeln hatte ich an den
jungen hervorgewachsenen Blättern derselben Zwiebel ähnliche
für physiologische Botanik. 44
Zeichen machen lassen; eines in der Nähe der Zwiebel, eines
dieht unter der Spitze und eines in der Mitte zwischen den
beiden andern Zeichen. Das Zeichen an der Spitze war nicht
verändert; die Spitze des Blattes wie die Spitze der Wurzel
nicht angewachsen; der Theil von dem Zeichen an der Spitze
bis in die Mitte hatte wenig zugenommen, ganz anders als
an den Wurzeln, wo dieser Theil am meisten gewachsen war,
dagegen hatte der Theil des Blattes gegen die Basis gar sehr
zugenonmen, welcher hingegen an den Wurzeln nur einen
geringen Zuwachs bekommen hatte. Es wurde nun ein Längs-
schnitt in einem bezeichneten Blatte mit der Oberfläche paral-
lel, von der Basis des Blattes an der Wurzel nach oben zu
gemacht, und wie vorher behandelt. Auch hier zeigten sich,
was vorher an der Wurzel bemerkt wurde, an der Basis des
Blattes gegen die Stelle, von wo das Wachsthum ausging,
kurze, wenn auch nicht breitere Zellen, welche sich naclı
oben gegen die Mitte des Blattes immer verlängerten. Die
Entstehung dieser kurzen Zellen und die Verlängerung der-
selben bedingte offenbar das Anwachsen des Blattes, wie ich
schon in den Vorlesungen ü. d. Kräuterkunde S. 83 bemerkt
und Anat. d. Pfl. in Abbild. H. 1. T.1. F.4b habe abbilden
lassen. Es war durchaus kein Hervortreten einer Zelle (Toch-
terzelle) aus einer andern (Mutterzelle) zu beobachten, und
der innere Schlauch blieb unverändert ein innerer Schlauch,
und wurde auf keine Weise zum äussern. So ist es beim
Anwachsen der Zellen in den Theilen der Phanerogamen.
Was im Einbryosack geschieht, oder auch in den Zellen der
Algen, die, wie die sonderbaren Erscheinungen in den Zellen
der Spirogyren zeigen, eine andere Bedeutung haben als die
Zellen der Phanerogamen, gehört nicht hierher, und es kann
kein Schluss von jenen sogenannten Zellen auf die Zelle in
eigentlicher Bedeutung gemacht werden. — Die Spitzen der
Wurzeln und der Blätter, welche nicht anwachsen, bestehen
aus sehr kurzen Zellen, welche insgesammt einen bedeutenden
Kern enthalten, der aber, wie in den übrigen Zellen des Blat-
tes und der Wurzel, nie sich zu einer besondern Zelle aus-
bildet.
Ueber das Eindringen der euticula in die Spalt-
öffnungen von H. v. Mohl. Botan. Zeit. 1845. S. 1.
42 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
Die verschiedenen: Angaben hierüber veranlassten den Verf.
einige Untersuchungen über denselben anzustellen. Er
bediente sich dabei der Methode, den zu untersuchenden
Abschnitt der Blätter mit Jodtinktur zu färben, mit Wasser
auszuwaschen und alsdann der Einwirkung der Schwefelsäure
auszusetzen. Durch die letzte wird nicht bloss die gelbe
Färbung der durch Jod gefärbten Outicula erhöht, sondern es
wird besonders der Vortheil erreicht, sagt der Verf., dass die
Epidermiszellen der meisten Pflanzen je nach der Stärke der
angewendeten Säure unter Blaufärbung aufgelockert oder völ-
lig aufgelöst werden, weshalb die Guticula auf eine sehr.leichte
Weise von denselben unterschieden und getrennt werden kann.
Als allgemeines Resultat ging aus diesen Untersuchungen her-
vor, dass, wie Payen angegeben hatte, eine unmittelbare Fort-
setzung der Cuticula in die Spaltöffnungen eindringt, und sich
in Form einer von beiden Seiten sehr stark zusammengedrück-
ten Röhre zwischen den Porenzellen zur Athemhöhle hinab-
zieht. Dass diese Röhre weder beim Eingange in die Spalt-
öffnung noch weiter unten zwischen den Porenzellen geschlos-
sen ist, darüber kann bei sorgsamer Untersuchung nach des
Verfassers Meinung kein Zweifel Statt finden. An der innern
Mündung der Spaltöffnung angekommen, breitet sich . diese
Röhre in eine kleinere oder grössere trichterförmige Erwei-
terung aus, welche die untere Seite der Epidermis, so weit
sie die Athemhöhle von aussen abschliesst, bekleidet. In Be-
ziehung auf diese trichterförmige Erweiterung kommen bei
verschiedenen Pflanzen Verschiedenheiten vor, welche der
Verf. angiebt. Es überzieht nämlich die Cuticula nur die
Wandungen der Athemhöhle, ohne in die Intercellulargänge
zu dringen, oder sie dringt in einige oder auch in alle solche
Gänge, welche mit der Athemhöhle in Verbindung stehen. Zu-
letzt sagt der Verf. etwas darüber, ob die Guticula eine eigene
von der Epidermis verschiedene Haut sei, Er glaubt dieses
nicht, sondern ist der Meinung, dass ihre Eigenthümlichkeit
von einer Umwandlung der Substanz der äussern Sehichten
der Epidermiszellen selbst herrühre. — Darf ich es mir er-
lauben, einmal leicht, wie der Verf, von mir sagt, (wenn auch
nicht grazios) darüber hinzugehen, so würde ich sagen, es
komme nicht darauf an, wie die Guticula entstehe, sondern
für physiologische Botanik, 43 _
ob sie aus den äussern Wänden der Zellen der Epidermis
bestehe, und da man dieses nicht sieht, so muss sie für eine
eigene Membran gelten, bis dieses gefunden ist. Allerdings
bleibt die Frage, wie sie entstehe, Aber darüber müssen wir,
wie über alle Entstehung im organischen Körper, einen hellen
Blick erwarten, der noch nicht gethan ist.
Untersuchungen über die zellenartigen Aus-
füllungen der Gefässe Von einem Ungenannten.
Botan. Zeit. 1845. S. 225. Der Verfasser zeigt zuerst,
dass diese Ausfüllungen aus wahren Zellen bestehen, oder
dass sie, wie er sich ausdrückt, der gewöhnlichen einfachen
Pflanzenzelle analoge Erscheinungen sind. Diese Zellen ent-
stehen überhaupt erst im Alter; an einjährigen Aesten von
Vitis vinifera und Sambucus nigra, so wie in den Stengeln
von Cucurbita Pepo waren die Gefässe im Sommer leer, spä-
ter im Oktober und Anfangs November enthielten sie nur
kleine, an der Gefässwand festsitzende Zellchen in geringer
Anzahl, einen Monat später fand er sie reichlich mit grössern
und kleinern Zellen versehen. An einem vierjährigen Zweige
von Robinia Pseudacacia verhielt sich der äusserste Jahrring
wie die einjährigen Zweige jener Gewächse; die drei innern
waren ganz mit Zellen erfüllt. In Bezug auf ihre Anheftung
machte er die merkwürdige Beobachtung, dass die kleinen
Zellchen stets an der Seite des Gefässes befestigt sind, wo
dasselbe von Holzzellen oder dem Parenchym der Markstrahlen
umgeben ist, nie aber an einer Wand, die von einem daneben
liegenden Gefäss begrenzt wird. Ferner sah er, dass ein
solches Zellchen stets vor einem Gefässtüpfel liegt, der mit
den Tüpfeln der benachbarten äussern Zelle correspondirt,
Er glaubte ferner zu sehen, dass die Membran des Bläschens
mit der — der äussern Zelle und dem Gefässe angehörenden
und die beiden Tüpfelkanäle verschliessenden — primären
Membran in einigem Zusammenhange stehe, und dass’dasselbe
in seinem ersten Beginne eine Ausdehnung dieser primären
Membran in die Gefässhöhle sei. Die innere Zelle verdankt
also ihre Entstehung der Wirksamkeit und Fortbildung einer
angrenzenden äussern Zelle. Man sche dieses am deutlich-
sten, wenn man Präparate von Vitis vinifera und Sambucus
nigra dieser Gefässe mit Kalilauge behandele. Um ermüdende
44 H. F. Link: Jahresberieht über die Arbeiten
Umschreibungen zu vermeiden, setzt er hinzu, wird man nicht
umhin können, die Gegenstände mit Namen zu belegen, näm-
lich die alte Zelle, von dem blasenartigen Sack, den er Thylle
nennt, zu unterscheiden, welche beide zusammen ein 'Ge-
sammtorgan bilden. Nun kommen Betrachtungen über die
Entstehung und Bildung dieser so wie anderer Zellen. Die
Untersuchungen des Verf. verdienen die grösste Aufmerksam-
keit und eine genaue Wiederholung, um diese Beobachtungen
einer sonderbaren Erscheinung zu bestätigen oder zu berichtigen.
Ueber die chemischen Eigenschaften der Pflanzenzelle
haben wir zuerst genaue und zur Uebersicht zusammengestellte
Versuche von Payen erhalten, nachdem er vorher seine vor-
trefllichen Untersuchungen über die Stärke gemacht hatte.
Alle diese Untersuchungen sind bereits 1842 in seinen Me-
moires sur les Developpemens d. Vegetaux abgedruckt. Zuerst
stellte er seine Versuche mit dem Zellgewebe an, worin ausser
der Membran wenig andere Stoffe enthalten sind, und zwar
mit sehr jungen Theilen, z. B. den Eichen vom Mandelbaum,
vom Birn- und Apfelbaum und von Helianthus annuus, mit
den zarten Häuten, welche an den coagulirten Tropfen ent-
stehen, die aus den Einschnitten in die Gefässe der Gurke
ausfliessen, ferner mit dem Marke junger Zweige von Sam-
bucus nigra, mit ein- und zweimal gereinigter Bauniwolle,
den Spongiolen von Wurzeln, und dem Marke von Aeschy-
nomene paludosa (Reispapier). Alle diese Substanzen wurden
mit verdünnter Salzsäure und Ammoniak mehrmal behandelt,
zwischendurch mit Wasser ausgewaschen, endlich mit Wein-
geist und Aether erschöpft. Sie wurden dann stark getrock-
net, so viel als möglich gepulvert und nun mit Kupferoxyd
erhitzt. Er fand als Resultat der Elementaranalysen eine Zu-
sammensetzung von C?* H??* 0? isomer mit Stärke. “Hierbei
giebt er einen leichten direkten Versuch an, die Zellmembran
unter dem Mikroskop zu erkennen. Er bringt einen kleinen
Schnitt, z. B. von Reispapier, in einem Wassertropfen unter
das Mikroskop, setzt zwei oder drei Tropfen von einer wäss-
rigen Jodauflösung hinzu, welche eine leichte gelbe Färbung
hervorbringt, und zuletzt einen Tropfen concentrirter Schwe-
felsäure. Zuerst entsteht dann eine blaue Färbung der Mem-
bran und endlich eine völlige Auflösung derselben, so dass
für physiologische Botanik. 45
nur gelbe Spuren von den in der Membran enthaltenen Stof-
fen übrig bleiben. Besser als dieses von Payen angewandte
Verfahren ist es, die Schnitte für die Untersuchung mit dem
Mikroskop unter einen Tropfen von Wasser zu bringen, dann
Salpeter- oder Salzsäure, einen Tropfen, beizumischen, zwei
Minuten ungefähr stehen zu lassen, mit Wasser auszuwaschen
und nun mit Jodtinktur zu färben. Die reine Membran er-
scheint nun ganz ungefärbt, zuweilen hier und da bläulich
von aufgelöster Stärke, und alle andern fremden Stoffe dun-
kelgelb gefärbt, so dass man sie leicht von der Membran un-
terscheiden kann. Auf diese Weise wurden die oben erzähl-
ten Beobachtungen mit den Blättern von Allium Porrum und
den Wurzeln von Allium Cepa gemacht. Man muss beden-
ken, dass hierbei die Jodkörner aufgelöst werden, und will
man also diese wahrnehmen, so darf man keine Säure an-
wenden. Kehrt man den Versuch um und betrachtet zuerst
die Schnitte mit Jodtinktur, so erkennt man allerdings die
Stärke, aber man darf keine Salpetersäure hinzusetzen, weil
diese die jodisirten Substanzen auflöst, und die Membran zu-
rücklässt, welche nun, wenigstens nicht leicht, zu erkennen
und zu zeichnen ist. Doch sieht man bei diesem Verfahren
deutlich in dem Innern der Zellen die Häute der Bläschen,
deren Inhalt aufgelöst ist. Aetzkali und Aetznatrium nehmen
ebenfalls den Inhalt der Membranen weg, und lassen diese
allein, obwohl in einem undeutlichen Zustande zurück. Doch
ich kehre zu Payen’s Untersuchungen zurück, Er prüfte nun
ferner auf Elementaranalyse die durch manche Auflösungsmit-
tel erschöpften Blätter von Endivien und von Ailanthus glan-
dulosa, das innere Zellgewebe von Agave americana, die Spi-
ralgefässe von Musa sapientum, die Würzelehen von Mais,
die Theile, welche der Verdauung der Thiere widerstanden
hatten, das Gewebe des Albumen von Mais und Korn, das
Albumen von Phytelephas und von Dattelkernen, ‘die Haare
der Samen vom virginischen Pappelbaum, die vegetabilischen
Häute, welche das Nest der Wespen bilden, das innere Holz
von Eichen, das Holz von Coniferen, ferner Conferva rivula-
ris und oscillatoria, die Membran von Agaricus edulis, ver-
muthlich Ag. campestris L., vorher setzt er auch neben Ohi-
eoree Endivie den Namen Scariola. Was werden alle chemi-
46 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
schen Untersuchungen helfen, wenn man. nicht bestimmt sagt,
was man untersucht hat! Hierauf folgen Untersuchungen der
Stoffe, welche sich in den Zellen befinden, in welchen auch
Stiekstoff vorkommt. — Ich habe diese Anführungen hierher
gesetzt, um auf eine Abhandlung von Fromberg über die
Cellulose zu kommen, welche sich in den Scheikundigen
Onderzoekingen 2 D. S. 36 findet und im Auszuge im Journ.
f. praktische Chemie 32. B. S. 198. Er hat Cetraria islandica
und Agarieus albus auf Elementar- Analyse untersucht und
findet die Resultate mit denen von Payen gefundenen ziemlich
übereinstimmend. Er macht dann folgende Bemerkung: „Auch
bin ich von der vollkommenen Richtigkeit seiner Versuche
überzeugt, doch kann ich nicht läugnen, dass ich verwundert
bin erstlich, nirgends angeführt zu finden, dass er eine Be-
stimmung des Aschengehalts vorgenommen habe ausser in sei-
ner ersten Abhandlung (Annal. d. Sciene. natur. 2 Ser. T. 11.
p- 27), da er doch, wenn er durchaus keine Asche gefunden
hätte, dieses hätte erwähnen müssen. Da ferner keiner der
von mir erwähnten analysirten Stoffe gänzlich von der soge-
nannten inkrustirenden Substanz frei gewesen ist, da die Re-
sultate der Versuche von Payen zu derselben Folgerung füh-
ren, was sich auch erklärt aus der von ihm beobachteten
Innigkeit, womit diese Stoffe in das primäre Zellgewebe ein-
dringen, da ferner die in dem Pflanzenreiche allgemein ver-
breitete Kieselerde sehr wahrscheinlich in diese Stofle wird
eingedrungen sein, so scheint es nicht glaublich, dass die un-
tersuchten Pflanzengewebe gänzlich frei sein sollten von Rie-
selerde.” Die Erinnerung ist sehr richtig. Payen giebt den
Aschegehalt bei den Pflanzentheilen an, die noch nicht von
den auf der Cellulose abgesetzten Stoffen befreit sind, auch
finden sich 10,80 an 100 Kieselerde in den Blättern der En-
divie angegeben, aber gar keine in den bis zur Cellulose er-
schöpften Blättern derselben Pflanze. Das ist sehr unwahr-
scheinlich, denn die Menge der Kieselerde in den nieht ge-
reinigten Blättern der Gramineen wird zu 12,25 angegeben,
von den gereinigten Blättern finde ich keine Analyse. Hier
muss aber die Menge der Kieselerde in der Cellulose sehr gross
sein, denn das durchgeglühte Blatt wird ganz in Kieselerde
so verwandelt, dass man unter dem Mikroskop alle Theile
für physiologische Botanik. 47
genau unterscheiden kann; eine merkwürdige Erscheinung, die
noch eine genaue Untersuchung erfordert, da sie dem, was
wir über die Cellulose wissen, widersprechen.
In denselben Scheikundigen Onderzoekingen a. a. O. S. 62
Journ. f. praktische Chemie a. a. O. S. 204 befindet sich auch
eine Analyse der Samen des Phytelephas Ruiz et
Pavon (Elephantusia Willd.) ') von Baumhauer. Er
giebt das Resultat mit folgenden Worten an: ‚Aus unseren
Versuchen ergiebt sich deutlich, dass das Perispermium des
Phytlephas nicht, wie Payen sagt, aus reiner Cellulose be-
steht, verunreinigt mit Albumin, zwei stickstoffhaltigen Sub-
stanzen, Kieselerde, zwei fetten Körpern und Salzen, sondern
dass es ausser diesen, von welchen das Albumin, die zwei
stickstoffhaltigen Stoffe und die zwei fetten in äusserst gerin-
ger Menge in demselben vorkonmen, noch eine abgesetzte
Materie enthält, welche in ihrer procentischen Zusammen-
setzung sich sehr wenig von der Cellulose unterscheidet.”
Wir wollen hiermit verbinden, was über das Stärkmehl
in dieser Periode gesagt worden ist. Zuerst: Merkwürdige
Formen von Stärkmehlkörnern in Sarsaparillwur-
zeln und im Wurzelstock von Hedychium Gardne-
rianum beschrieben und abgebildet von G. Bischoff in der
Botanischen Zeitung 1844. S.385. Die Körner in der
ersten Wurzel bilden sehr oft eine Halbkugel oder ein halbes
Ellipsoid, auch hängen sie mit ihren Grundflächen zusammen,
oder es sind vier und mehr Körner regelmässig zusammen-
gefügt. Diese verschiedenen Formen sind genau beschrieben
und abgebildet. Der Verf. vergleicht sie mit den Zusammen-
fügungen mancher Pollenkörner, man konnte sie auch mit einer
Capsula tricocca oder tetracocca vergleichen. Es liessen sich
noch einige andere hinzufügen. Mir ist die Form vorgekom-
men, wo-ein eckiges kleines Korn in der Mitte liegt, und die
andern fünf umher gestellt sind, so dass die ganze Gestalt
einer regelmässigen fünfblättrigen Blume nicht unähnlich war.
’) Es sei eine ganz überflüssige Veränderung des Wortes Phy-
telephas in Elephantusia, meint ein Botaniker. Aber Phytelephas
heisst ein Pflanzen-Elephant, und ein solches Pflanzenthier ist doch
gar zu schrecklich.
48 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
Der Verf. macht hierbei die Bemerkung, dass die concentri-
sche Schichtung bei Tageslicht nicht merklich. war, bei ge-
dämpftem Lampenlichte hingegen merklich wurde. - Auch an
Körnern von Kartoffelstärkmehl fand der Verfasser eine Zu-
sammensetzung von zwei Körnern. Das Stärkmehl in dem
Rhizom der Scitamineen ist sonderbar genug. Die Körner
sind stielrund, bogenförmig gekrümmt oder sogar winkelför-
mig gebogen, sie gehen von der Keulenform in allerlei Ge-
stalten über, welche oft Aehnlichkeiten mit einem Hutpilze
haben und die dadurch, dass sie zwischen den Ringen einge-
schnürt sind, die schichten- oder schalenförmige Zusammen-
setzung deutlich erkennen lassen, wobei jeder Hauptring. wie-
der eine grössere oder geringere Anzahl von äusserst feinen,
parallelen, bogigen Querstreifen zeigt. Die grössern Abthei-
lungen bezeichnen ohne Zweifel die einzelnen Körner der
Zusammensetzung, deren jedes wieder fein geschichtet ist.
Ueber das Amylum der Gloriosa superbaL. von
Julius Münter. Botan. Zeit. 1845. S. 193. Die Form
der Stärkmehlkörner, welche sich im Rhizom der genannten
Pflanze befinden, ist zuweilen vollkommen rund oder auch
elliptisch, doch bei weitem die meisten Körner sind von einer
oder von mehreren ebenen Flächen begrenzt, die bald in einem
Neigungswinkel, bald in einer Ecke zusammenkommen, Würde
man ein Ei, sagt der Verf., in seiner Mitte senkrecht auf die
Längenaxe durchschneiden, so dass durch den Schnitt zwei
paukenförmige Hälften entstehen, so würde man genau im
Grossen Formen vor sich haben, wie sie häufig diese Stärke
von Gloriosa zeigt. Andere Stücke gleichen einer Form, die
entstehen würde, wenn man parallel der Längsaxe von einem
Ei ein beliebiges Stück abschnitte; wieder andere stellen Ku-
gelausschnitte vor, d. h. Stücke, welche von zwei ebenen in
einem Neigungswinkel von 120° sich schneidenden Flächen
und einer sphärischen Fläche begränzt werden. Zuweilen
sieht man drei ebene und eine sphärische Fläche, und endlich
erkennt man auch rein stereometrische Formen, Penta@der,
Hexaöder und Oktaöder. Zuweilen finden sich auch Stücke
von unbestimmter, schwer zu beschreibender Form. Auch
Maranta bicolor Kerr. und Jatropha Manihot zeigen penta&-
drische Amylumkörner. Der Verf. führt dieses als Beweis an,
für physiologische Botanik. 49
dass auch eine organische Verbindung in Krystallform auftre-
ten könne, und in dieser Rücksicht bedient er sich des Aus-
_ drucks Drusen. Man bemerkt nun, dass solche Drusen so-
gleich zerfallen, so wie sie aus der Zelle genommen ins Was-
ser des Objektträgers kommen, welches sonst nicht der Fall
ist, sondern die Körner bleiben in andern Pflanzen zusammien-
hängend. Der Verf. geht nun zu der Untersuchung über,
wie diese Stärkmehlkörner entstanden und gebildet sein könn-
ten. Es ist zuerst denkbar, sagt er, dass nach Art der Kry-
stallbildung das Amıylumplasma (gleichsam die Mutterlauge)
sich an die kleinen zuerst sich aussondernden Kügelchen an-
legt und so aus der fortschreitenden Anlagerung an die äus-
sere Oberfläche grössere Stücke hervorbringt. Wir mögen
zu des Verf. Darstellung hinzufügen: dass sich die Körner
um einen Kern bilden, wie man gewöhnlich von der Bildung
der Krystalle annimmt. Hier müsste nun, nach dem Verf.,
bei Zwillingskörnern der Kern des einen Individuums dicht
neben dem Kern des andern Individuums liegen und zwar in
der Nähe der Ebene, worin beide zusammengefügt sind, oder
in der Nähe des Paukenfells, wenn man die obige Verglei-
chung beibehalten will. Dieses ist aber nicht, sondern der
Kern liegt in der Tiefe der Pauke, am Ende des elliptischen,
oder sphäroidischen Abschnittes (dieses geht auch aus den
von Bischoff gegebenen Abbildungen hervor). Nun geht der
Verf. zu der Frage über, ob nicht vielleicht die eckige Form
durch den Druck der umgebenden Zelle könne entstanden
sein. Aber dieses ist nicht der Fall, da Körner die eckige
Gestalt haben, wo noch Platz für sie in der Zelle ist. Aus
allem diesen geht nun hervor, sagt der Verf., dass der Druck
nicht die Ursache der Entstehung der Stärkedrusen sein kann.
„Nach allem dem, setzt er hinzu, bleibt nur noch die Aus-
sicht auf die der Pflanzenwelt eigene Bildungsweise. Von der
Pflanzenzelle wissen wir es ganz bestimnit, ‘dass die concen-
trischen Conturen, z. B. bei den sogenannten Steinen der Holz-
birnen u. s. w. lediglich der centripetalen Schichtenbildung ihr
Dasein verdanken. Nichts steht aber auch der Ansicht ent-
gegen, dass die Schichten des Stärkekorns durch centripetale,
d. bh. innere Ablagerung entstanden sind, vielmehr unterstützt
wird diese lypothese durch die Thatsache, dass der so-
Archiv f, Naturgesch. XI1,. Jahrg. 2. Bd. D
50 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
genannte Kern nach‘ Fritzsche‘ oder die Centralhöhle nach
Schleiden wasserreicher und gleichsam gelatinös ist. Denn
sobald man Schwefelsäure unter dem Mikroskop zu den Stärke-
körnchen bringt, und diese den inneren Schichten das Wasser
zu entziehen beginnt, so tritt an die Stelle des Kerns eine
Luftblase; dasselbe geschieht, wenn das Stärkekorn erhitzt
wird; ja schon wenn frische Stärke bei gewöhnlicher Luft-
temperatur trocknet. Die letztere, weder von Fritzsche noch
Schleiden beobachtete Erscheinung erklärt daher auch die
Spaltbildung in der Nähe des Kerns. Wenn nun aber, wie
aus diesen Beobachtungen hervorgeht, der Kern und dessen
nächste Schichten wasserreicher sind als die äussern, d. h.
wenn sie weicher und noch weniger consolidirt als die äussern
sind, so darf man eben so sicher annehmen, dass diese cen-
tralen, den Kern umgebenden Schichten die jüngern sind, die
peripherischen die ältern. — Hält man nun diese Hypothese
als die wahrscheinlichere fest, so ist keine Schwierigkeit vor-
handen, die Stelle zu erklären, wo der Kern hinkommen soll.
Je nachdem die Schichten dick oder dünn ausfallen, muss
auch der Kern mehr oder weniger excentrisch liegen, ja es
ist sogar notliwendig, dass er excentrisch liegen muss‘ bei
grossen Kügelehen. Denn sobald die centripetale Schichten-
bildung gleichmässig in allen Punkten der innern ‚Oberfläche
ist, so würde bald ein Zustand eintreten, der die Weiterbil-
dung unzulässig macht, indem die überall gleich dieken Wände
die Durchlässigkeit neuen Nahrungsmaterials hindern würden,
dagegen tritt dieser Zustand nie ein, wenn eine Stelle des
Korns dünner als die andere ist. Bei dickern Zellenwänden
sind für die erleichterte Nahrungszufuhr bekanntlich andere
Mittel gesetzmässig in Anwendung gekommen, nämlich die
Tüpfelkanäle.“ Der Verf, fügt noch hinzu: ,„Bescheiden wir
uns vorläufig nit dem auf negativem Wege gefundenen Satze,
dass ein dem Zellenbildungsprozesse ähnlicher Vorgang auch
für die Stärkekörner anzunehmen ist, dessen Wie? Aufgabe der
fernern Forschung sein muss.“ Es ist sehr erwünscht, dass der
Verf. von‘ den gewöhnlichen Erklärungen der Bildung des
Stärkemehls abweicht. Ich bin ganz der Meinung des Verf,
dass sich das Stärkekorn von Aussen nach Innen bildet, dass
dieses aber nach einem eigenthümliehen Bildungsprocess ge-
für physiologische Botanik. 5|
schehe, der zwar mit dem Bildungsprocess der Zelle Achn-
lichkeit hat, nur noch nicht immer völlig geregelt ist. Die
Excentrieität der Schichten um den Kern möchte ich allein
dieser unregelmässigen Bildung zuschreiben. Das Stärkekorn
saugt, wie es scheint, von allen Seiten die Feuchtigkeit ein
und bildet inwendig die Schichten erst später aus. Eine solche
innere Bildung ist auch die Ursache der regelmässigen Ab-
sonderung der Körner in der Sarsaparillwurzel, die dann end-
lich bis zur äusserlich krystallinischen Form der Körner in
den Knollen der Gloriosa superba übergeht, wie der Verf.
zuerst gefunden hat. Nicht alle Körner in demselben Knol-
len, sogar neben einander haben dieselbe Gestalt, einige sind
ganz abgerundet von aussen, einige sind von einer Seite
abgerundet, von der andern in zwei Ebenen eingeschlossen,
weil sie sich dort ursprünglich von einander sonderten, andere
sind von allen Seiten in ebenen Flächen eingeschlossen, wie
das mittlere Korn in der Zusammensetzung von Körnern der
Sarsaparillwurzeln. So möchte ich diese krystallinischen Ge-
stalten innern Sonderungen der Körner zuschreiben, zu wel-
cher Meinung mich die Amylumkörner in der Zwiebel von
Ornithogalum (Myogalun) nutans geführt haben. Doch der
Verf. wird darüber selbst seine Untersuchungen mittheilen,
Hier fügt er noch einige Bemerkungen über das bei, was
Schleiden in seiner Systematischen Botanik gesagt hat. Die
formlose Stärke aus dem Samen von Coriandrum minus rühre
vom Eintrocknen her, eben so sei dieses der Fall mit den
becherförmigen Stärkekörnern im Rhizom von Iris pallida.
Gegen Meyen läugne Schleiden mit Unrecht das Vorkommen
scheibenförmiger Körner in den Oannaeeen, in Canna- varia-
bilis z. B. finde man nur solelhe. Was unter Arrowroot-Mehl
im Handel vorkomme, sei gar sehr verschieden, und der Verf.
giebt auch diese Verschiedenheiten an, Von Taeca pinnatifida
kommt das meiste käufliche. Eben das gelte auch vom Sagu.
In Rad. (Stolones) Iwaranceusae könnte er keine becherför-
migen Körner finden, wie sie Schleiden angiebt. Ich erwarte
die Fortsetzung dieser genauen und treflliehen Untersuchun-
gen des Verf.
Einige Bemerkungen über die Bildung des Amy-
lums von K. Müller, Botan. Zeit. 45. 833 sind an Uhara
D*
52 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
erinita angestellt und zeigen nach des Verf. Ausdrücken Fol-
gendes:. Die Cytoblasten sind es, welche sich zu Stärkmehl
umbilden, und dieses geht nur in schon fertigen Zellen
vor sich.
Note sur les phenomenes de polarisation pro-
duits ä travers les globules feeulaces par M. Biot.
Compt. rend. 1844. 1. 795. Schon früber hat der Verf. die
Stärkekügelchen durch zwei kreuzweise unter einem rechten
Winkel über einander liegende Prismen betrachtet, jetzt hat
er den Apparat dahin abgeändert, dass er eine Platte von
Marienglas zwischen die beiden Prismen bringt, so dass eine
Mittellinie zwischen den beiden Axen mit den Hauptschnitten
der Prismen einen Winkel von 45° macht. Dann sieht man
die Masse des Kügelchens von lebhaften Farben erleuchtet,
deren Niiancen mit der Zahl der Lagen wechseln, und mit
der Richtung, nach welcher die Lichtstrahlen durchgehen, so
dass man, wie in einem Gemälde, alle Biegungen der Um-
risse, alle Undulationen ‚der Oberfläche, alle Besonderheiten
der Structur, und die geringsten zufälligen Aenderungen ge-
wahr wird. — Allerdings für andere Fälle vielleicht vortrefi-
lich. Hier möchte jedoch bei der grossen, zufälligen Mannig-
faltigkeit der Structur der Stärkekügelchen die Sache weniger
bedeutend sein. \
Doch wir gehen von den Zellen zu den Gefässen über.
Ich habe in dem Jahresbericht von 1841 in diesem Archiv
Jahrg. 1842. 11. 96 einige Bemerkungen über das Werk von
C. H. Schultz. über die Cyklose in den Pflanzen gemacht.
Gegenerinnerungen finden sich in einem Buche von demsel-
ben Verf., wovon noch weiter unten die Rede sein wird:
Die Entdeckung der wahren Pflanzennahrung, Ber-
lin 1844, S. 54. Er sagt dort, in Rücksicht auf meine: Erin-
nerungen: „Es kommt hier also auf zwei Punkte wesentlich
an; einmal, ob es richtig ist, dass ich die hier ‚sogenannten
Baströhren Lebenssaftgefässe genannt habe, und zweitens, ob
die Saftströme bei Commelina coelestis ohne Spur von. Ver-
ästelung ein Kreisen (Rotation) der Körner wie bei. Vallis-
neria sei.“ Alles ist entstellt, und ich bin daher gezwungen,
das Wesentliche meiner Erinnerungen im Kurzen zu. wieder-
holen. Schultz hat die Bewegung der Säfte in den sogenann-
für physiologische Botanik. 53
ten eigenen Gefässen zuerst gesehen, er hat auch zuerst gute
Darstellungen von diesen Gefässen gegeben. Aber um seine
Hypothese von einer Oyklose durchzuführen, hat er solche
Gefässe, die er Lebenssaftgefässe nennt, vielen Pflanzen zu-
geschrieben, worin sie sich nicht finden. So sollen sie in
der Rinde vieler Bäume sein, namentlich der Birke, aber ich
sehe dort nur Bastsöhren, und niemand hat sie dort gesehen,
selbst der Verf. stellt sie nur im Querschnitt dar, nicht im
Längsschnitt, also weiss man nicht, ob er sie wirklich gesehen
hat. Aın auffallendsten ist es bei Commelina coelestis, wo im
Stamme, in der Nähe der Spiralröhren, verästelte Lebenssaft-
gefässe ausgehen und sich über die nahgelegenen Zellen ver-
breiten sollen. Er hat sogar eine Abbildung davon gegeben.
Aber ich sehe neben den Spiralröhren nur Reihen von Paren-
chymzellen, worin Körner kreisen wie in den Zellen von Val-
lisneria; dann kommen andere Reihen von weitern Zellen, in
denen sich Saftströme zeigen, gewiss nicht in Gefässen ein-
geschlossen. Also keine Spur von verästelten Gefässen. Das
Resultat ist: Die Bewegung der Säfte in den sogenannten
Lebensgefässen ist eine solche Art von Bewegung, wie wir
sie auch sonst in den Pflanzen gefunden haben, nämlich, wie
das Kreisen in den Zellen der Pflanzen, zuerst von Corti
entdeckt, von Meyen an Vallisneria zuerst genau beobachtet,
und die Saftströme, zuerst von Rob. Brown in den ‚Haaren
der Tradescantia beobachtet. Auch die Bewegung der Flüs-
sigkeit in den Gliedern der Chara gehört hieher. Der Verf.
sagt unter andern Folgendes: „Es ist zu bedauern, dass der
Verf. den angestrengten Bemühungen und Aufopferungen, eine
solche Aufgabe zu lösen, so wenig Achtung hat abgewinnen
können, dass er sie vielmehr gänzlich verkennt, und sich
durch die unnütze Gegenwirkung gegen die Ausbildung
von Wahrheiten, deren Grösse und Bedeutung im Auslande
zuerst hat anerkannt werden müssen, den Ruhm abschneidet,
zur Förderung derselben mitgewirkt zu haben.” Ein Beispiel
von der unbegreiflichen Arroganz des Verf., die an fixe"Idee
gränzt. Die Akademie zu Paris hat seiner Abhandlung über
die eigenen Gefässe den Preis zuerkannt, wie niemand tadeln
wird, aber sie hat zugleich erklärt, dass sie an seinen Mei-
nungen keinen Theil nehme. Keine Akademie ist im Stande,
5A H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
alles Einzelne zu prüfen, was ihr in den Preisschriften vor-
gelegt wird, und so konnte es auch hier die Pariser nicht.
Eine Analyse des Milchsafts von Asclepias syriaca von
demselben Verf. findet sich in Flora. Jahrg. 1844. S. 374.
Etudes phytologiques par Mr. le Comte de Tristan. 4&me
Men. Recherches sur les reservoirs et canaux lati-
eiferes. Annal. d. science. natur. 38. T.1. p. 176. Die
Abhandlung ist ganz gegen Schultz gerichtet. Man finde
Theile an den Pflanzen, wo es keine Milchgefässe gebe, sie
können also nieht zur Ernährung dienen. Ueber die Eigen-
schaft des Milchsafts (latex). Verschiedenheiten der vaisseaux
laticiferes. Ein Auszug aus dieser Abhandlung lässt sich nicht
wohl geben.
Stamm und Wurzel.
Ueber die Abhängigkeit des Wachsthums der
dikotylen Bäume in die Dicke von der physiolo-
gischen Thätigkeit der Blätter von H. Mohl. Botan.
Zeit. 1844, S. 89. Nach der Theorie von Du Petit-Thouars,
sagt der Verf., steht die Verdiekung des Stammes mit der
Entfaltung der Knospen, also mit der Entstehung und Aus-
bildung neuer Blätter im Zusammenhange, und beruht auf
Jem Umstande,, dass die Knospen, nach Art einer keimenden
Pflanze, Wurzelzasern treiben, welche zwischen der Rinde
und dem Stamme abwärts wachsen und eine neue Holzschicht
erzeugen; nach einer andern Theorie hängt das Wachsthum
der Bäume in die Dicke von der Thätigkeit der Blätter ab,
indem sie den Nahrungssaft bereiten, welcher zur Erzeugung
neuer Holzschichten verwendet wird. Um hierüber zu ent-
scheiden, mass der Verf. den Stammumfang von einigen, etwa
achtjährigen, in kräftigem Wachsthum stehenden Bäumen in
verschiedenen Zeiten von Anfange bis Ende der Vegetations-
zeit und berechnete die mittlere tägliche Zunahme des Stamm-
umfanges für jeden dieser Zeitabschnitte. Die Bäume waren:
Gymnocladus canadensis, Gleditschia macracantha, Tilia ar-
gentea, Populus graeca, Favia lutea und Morus alba. Eine
Tabelle des Wachsthums ist beigefügt. Aus den Bemerkungen,
welche der Verf. zu diesen Beobachtungen macht, heben wir
Folgendes heraus. An Pavia Iutea waren am 22. Juni die
für physiologische Botanik. 55
Endknospen bereits erschienen, das Diekwachsthum nahm nun
aber, statt zu erlöschen, in der folgenden Periode bis zum
2. August noch etwas an Stärke zu, und sank dann erst bis
auf eine geringe Grösse herab. Es vergrösserte sich der Um-
fang des Stammes vom 2. März bis zum 22. Juni, also vor
Entwiekelung der Endknospen, um 11,8 Millimeter, vom 22.
Juni bis zum Ende des Jahres um 16,2 Millimeter, so dass
also der bedeutend grössere Theil des Zuwachses in die Zeit
fällt, in. welcher keine Blätter zur Entwickelung kommen.
Dasselbe war der Fall, wenn gleich nicht auf eine so auflal-
lende Weise, bei Gleditschia und Gynmmocladus. Daraus zieht
nun der Verf. den Schluss, dass diese Beobachtungen der
Lehre von Petit Thouars ganz widersprechen. — So schätzbar
sie an sich sind, so werden doch die Anhänger von Petit
Thouars sich nieht dabei beruhigen, sie werden einwenden,
dass die Wurzeln der Knospen zwischen Rinde und Stamm,
wodurch sich der Stamm verdickt, im Anfange noch klein
und zart wären, dass sie aber dann mit der Thätigkeit der
Blätter zunähmen, und so die Verdiekung des Stammes be-
wirkten. — Noch fügt der Verf. hinzu, dass mit der ersten
Vergrösserung und Entfaltung der Knospen auch der Stamm-
umfang, wenn auch nur in geringem Maasse zunehme. Er
meint also, dass zur ersten Verdickung des Stammes im Früh-
jahre ein schon im Jahre zuvor bereiteter Nahrungsstoff ver-
wendet werde, ohne dass die Blätter ihn zubereiten. —
Warum nicht? Wenn es auch durch viele Versuche ausge-
macht scheint, dass die Blätter zur Bereitung des Nahrungs-
saftes dienen, so ist doch gar kein Grund vorhanden, diese
Bereitung auf die Thätigkeit der Blätter allein einzuschränken,
wenn die Beobachtungen auf eine andere Art der Bereitung
bestimmt hindeuten. — Zuletzt gegen Agardh’s Behauptung,
dass die Bäume in der ersten Hälfte des Sommers vorzugs-
weise in die Länge, in der zweiten vorzugsweise in die Dieke
wachsen, welche durch die Beobachtung nicht bestätigt wird,
Ueber das Wachsthum der #Internodien von
anatomischer Seite betrachtet von Prof. Unger.
Botan. Zeit. 1844. 5.489. Es ist von dieser Abhandlung
schon oben S. 36 geredet worden. Dort musste sie angeführt
werden, wegen der Entstehung neuer Zellen durch Theilung,
56 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
eine Entstehung, welche ich auf die Algen allein beschränken
möchte. Hieher gehört das Anwachsen der Theile überhaupt,
wo der Verf. sehr bescheiden sagt, Jass es in einem speciel-
len Falle,. nämlich in Campelia Zanonia, ‘nicht allein durch
Entstehung neuer Zellen, sondern auch durch Vergrösserung
der früher entstandenen geschehe. Wohl könnte man diesen
Satz auf alle Phanerogamen wenigstens ausdehnen.
In den Compt. rend. 1844. T. 1 finden sich S.-899 und
972 die Quatriemes Notes relatives a la protestation de Mr.
Ch. Gaudichaud, wovon bereits geredet ist.
Suite des recherches anatomiques et physio-
logiques sur quelques vegetaux monocotyles pär
Mr. de Mirbel. (Second Memoire). Gompit. rend.
1844. 2. 689. In dieser Abhandlung giebt der Verf, eine
sehr genaue Beschreibung des Stammes der Dracaena austra-
lis (Cordyline australis) in Rücksicht auf den innern Bau, be-
sonders in Rücksicht auf den Verlauf der Gefässbündel. Er
sucht nämlich darzuthun, dass sie aus der Wurzel und aus
der innern Wand des Stammes entspringen. Nicht allein den
erwachsenen Stamm, sondern auch den jungen hat er mit gros-
ser Sorgfalt beschrieben. Meine Meinung über diesen Gegen-
stand habe ich zuerst ausgesprochen auf der Versammlung
der Italienischen Gelehrten in Mailand und sie befindet sich
abgedruckt in den Atti della sesta reunione degli Scienziati
ltaliani tenuta in Milano, Milan. 1845. 4. p. 511, etwas aus-
führlicher in der Flora 1845. S. 272, ferner in den Vorlesun-
gen über die Kräuterkunde, 2. Abth. Berl. 1845. S. 309. ‚Es
ist dort von der Dattelpalme die Rede. Beim Keimen ver-
längert ‚sich der Embryo, oder der Kotyledon, wie gewöhnlich
bei den Monokotylen, und spaltet sich in eine Scheide, aus
deren Basis der Stamm nach oben hervorwächst, und die
Wurzel nach unten. Jener, mit einer: Scheide umgeben, ent-
hält in seinem Innern ‘einen kleinen knollenartigen Körper,
aus Parenchym und umherziehenden feinen Spiralgefässen be-
stehend, nach oben bildet er sogleich eine aus lauter Blättern
bestehende Knospe, wie es bei den Monokotylen gewöhnlich
ist. Die Blätter erreichen eine bedeutende Länge, indem der
Stamm eine fast kugelrunde Knolle bleibt. Untersucht man
ihn nun nach einer Reihe von Jahren, etwa sechs bis acht
für physiologische Botanik. S7.
Jahren, so findet man beim Durchschnitt einen Kern, welcher
ganz und gar von einem Geflecht von Gefässbündeln durch-
zogen ist, die sich in den mannichfaltigsten Richtungen durch-
kreuzen. Eine Rinde von Parenchym umgiebt den Kern, auch
befindet sich oben unter der Knospe eine Schicht von Paren-
chym als Rinde, durch welche Gefässbündel vom Kern zu
den Blättern gehen. So gleicht also die junge Palme ganz
und gar einem Zwiebelstock, der sich von der wahren Zwie-
bel nur durch den Mangel der fleischigen Deckblätter unter-
scheidet. ‘ Durchschneidet man ein Stück. von dem hohen
Stamme einer Dattelpalme, so findet man eine Menge Gefäss-
bindel der Länge nach den Stamm durchziehend. Gegen
den Umfang stehen sie immer dichter zusammen, und im Um-
fange selbst am dichtesten, gegen die Mitte hingegen lockerer,
mehr mit Zellgewebe umgeben und in des Stammes Mitte am
lockersten. Betrachtet man aber die Holzbindel genauer, so
sieht man, dass sie keinesweges einander parallel sind, son-
dern dass sie sich auf eine mannichfaltige Weise durchkreuzen,
aber dabei nur sehr kleine Winkel machen. Der Palmstamm
ist also ein in die Länge ausgewachsener Zwiebelstock.
Auf diesen zwiebelartigen Zustand des jungen Palmıstam-
mes haben weder Mirbel noch Gaudichaud Rücksicht genom-
men, auch nicht bestimmt darauf, dass die Palme bloss am
Gipfel wächst und dass dort allein die Gefässbündel aus dem
Innern entstehen und nach den Blättern zu wachsen. Ich
kann also Gaudichaud’s Meinung nicht sein, dass die Gefäss-
bündel von den Blättern ausgehen, ungeachtet er mich oft
unter einer sonderbar genug gewählten Reihe von Männern
anführt, die seiner Meinung sind. Auf der andern Seite kann
ich aueh mit Mirbel nicht übereinstimmen, dass Gefässbündel
vom Innern des Stammes ausgehen. Das Anwachsen geschieht
allein oben am Gipfel, und dort kommen die Gefässbündel
aus dem Innern.
Die Abhandlungen von Gaudichaud gegen Mirbel be-
finden sich in den Compt. rendus. 1845. I. 1375. 1436. 1677.
11.99. 201. 261, wozu auch noch die Abhandlung über den
Stamm von Ravenala in demselben Jahre I. 391 gehört.
Ueber den Wachsthumsprocess der Palmen, be-
sonders über den Faserverlauf im Palmgestamme,
58 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
trug der Dr. von Martius einen Aufsatz vor, welcher in
den Gelehrten Anzeigen d. K. Bayerischen Akade-
mie der Wissenschaften im Febr. 1845 abgedruckt ist.
Die Resultate hat der Verf. der Akademie der Wissensch. zu
Paris mitgetheilt, sie sind demgemäss in den Compt.‘ rend.
1845. I. 1038 aufgenommen; Gaudichaud hat sich rasch dar-
über und dagegen S. 1207 vernehmen lassen, auch Mirbel
wird nicht damit zufrieden sein. Das liess sich erwarten; wer
einen Mittelweg gehen will, wird von beiden Seiten gestossen.
Die Gefässbündel, sagt der Verf., entstehen an dem Scheitel
des Aufwuchses, in dem Knospenkern oder Phyllophor nach
Mirbel, zwischen dem neuern bildungsfähigen Zellgewebe,
welches hier eine eigenthümliche, die darunter liegenden ältern
Theile gleichsam mantelförmig überziehende Schicht bildet;
und zwar entstehen sie so, dass die neuern stets ausserhalb,
und mehr oder weniger oberhalb der bereits vorhandenen
gebildet werden. Dies wird im Verlauf der Abhandlung auf
folgende Weise erläutert. Da die junge Pflanze bereits in
ihrer ersten Periode nach dem: Keimen mit tutenförmigen, an
der Peripherie der Axe hervorkommenden Scheidenblättern
versehen ist, und auch diese, wie alle spätern Blätter, ihre
Gefässe von der Axe erhalten, so muss die erste frühste Ent-
wicekelung von Gefässen eine peripherische sein, und diese
Suecession wird beibehalten, so lange überhaupt Blätter ge-
bildet werden. Das obere Ende der Gefässbündel, sagt der
Verf. ferner, geht gegen den Grund des Blattes hin, das un-
tere Ende verlängert sich schräg abwärts, als ein feiner blos
aus Prosenchym bestehender Faden, welcher aber nie in die
Wurzel übergeht. Die Orte, wo die Gefässbündel auf dem
Scheitel der Knospe entspringen, sind’ organisch vorbestimmt,
hier liegen sie mit ihrem obern Ende schräg nach dem Innern
convergirend, und verlängern sich nach beiden Seiten hin,
d. h. wachsen nach unten und nach oben. Der Ort, wo das
obere Ende des Gefässbündels zum Blatt tritt, liegt entweder
auf derselben Seite des Stammes, auf welcher der Gefässbün-
del überhaupt verläuft, oder dem Ursprungspunkte des Ge-
fässbündels schräg e diametro gegenüber, in welchem letztern
Falle also der Gefässbündel den ganzen Stamm schräg durch-
setzt. Jeder Gefässbündel kreuzt bei zunehmender Länge und
für physiologische Botanik. 59
Dicke des Scheitels andere Bündel, entweder im Innern des
Stammes oder näher an der Peripherie, da wo er steil an-
steigend, oder plötzlich in horizontaler Richtung nach aussen
liegend ins Blatt tritt, — Unstreitig das Treffendste, was über
diesen Gegenstand gesagt worden ist, und ich freue mich,
dass dadurch bestätigt wird, was ich vorher, nur nicht aus-
führlich gesagt habe. Doch muss ich gestehen, dass ich über
das Wachsthum der Gefässbündel nach oben und nach unten
in Zweifel bin. Es liegt in der Darstellung des Verf. nichts,
wodurch dieses Anwachsen nach zwei Richtungen bewiesen
würde. Es geschieht, wie ich meine, immer nach oben, jedoch
auf die Weise, wie wir es im Zwiebelstock an der Basis des
jungen Stammes sehen, nur kreuzen sich die Bündel, so wie
der Stamm heranwächst unter geringern Winkeln. Zuweilen
mögen manche Bündel stärker divergiren, wie der Verf. Mir-
bel beistimmend sagt. Dass auch hier junge Gefässbündel
zwischen ältern entstehen, welches wie in den dikotylen Bäu-
men gewiss geschieht, zweifele ich nicht.
Sulla teoria di Meritalli di Gaudichaud Jal
Prof. Gius. Meneghini, Giornale encycelop. italiano
T.1.p. 17. Schon im Jahre 1843 geschrieben zur Zeit der
Versammlung der Gelehrten zu Lucca, soll diese Abhandlung
vorzüglich dazu dienen, um auf Gaudichaud’s System auf-
merksam zn machen. Er entwirft die Grundlage dieses Sy-
stems, welche in der Einheit des Axensystems der Pflanze
mit dem Appendikularsystem besteht, wo die Pflanze betrachtet
wird, als zusammengesetzt aus Phytons, Mitteldingen so zu
sagen von Blatt und Stamm. Der Verf. nimmt dieses System
als ausgemacht an, sucht es zu erläutern durch die Achnlich-
keit mit den Thieren, und meint, es müsse den grössten Ein-
fluss auf die Organographie haben. Es wäre zu wünschen
gewesen, dass der Verf. mit dem Scharfsinn, den er besitzt,
die ganze Theorie genauer untersucht hätte. Er würde dann
gesehen haben, dass die Darstellung des Systems auf einer
willkürlichen Annahme beruht, die nur Willkürliches erzeugen
kann. Dass die radieula im Samen der Dikotylen, der Gräser und
Cyperoiden der künftige Stamm ist, wissen wir schon seit
dreissig Jahren, aber bei den übrigen, Monokotylen. ist es
nicht der Fall. Dass alle Theile eines organischen Wesens
60 H. F. Link; Jahresbericht über die Arbeiten
ursprünglich Eins sind, kann niemand bezweifeln, dass es
sich aber sogleich in diese Theile entwickelt, und dass die
entwickelten Blätter, z. B. nicht der ganze Stanım sind, zeigt
ebenfalls der erste aufmerksame Blick. Der Verf. sagt, seine
Erklärung von Gaudichaud’s System sei folgende: Die Fibern
steigen weder abwärts noch aufwärts; sie bilden sich in dem
präexistirenden Zellgewebe durch eine allmälige Verwandelung
der Parenchymzellen; es sind die Ströme der Nahrungssäfte
und der herabsteigenden Säfte, welche die Organisation der
Fibern bestimmen, wozu die mechanische Wirkung derselben
und die Materialien, welche dadurch herbeigeführt werden,
beitragen u. s. w. Aber jene Verwandlung ist nicht erwiesen,
höchst wahrscheinlich ‘ganz falsch, und die Strömungen der
Säfte können sich plötzlich ändern;: in dem keimenden wur-
zelnden Kotyledon der Monokotylen steigen sie plötzlich nach
oben in den Stamm und nach unten in die Wurzel. Doch
es ist vielleicht nicht Recht, eine ältere Abhandlung zur Beur-
theilung hervorzusuchen, da der Verf. seit der Zeit in seinen
Untersuchungen fortgeschritten ist,- und wir von ihm noch
Vieles zu erwarten haben.
Nouvelles recherches sur le developpement
des axes et des appendices dans les vegetaux, par
M. €. Naudin. Annal. d. Science. naturell, 3 Ser. T. 1.
p- 162. Diese Bemerkungen sind meistens richtig und treffend,
wenn sie auch nicht neu sind. Die blattartigen Theile (ap-
pendices), sagt der Verf., sind das Seitenprodukt einer Axe,
die anfangs nur aus Zellen besteht, auch enthalten sie eben-
falls im Anfange nur Zellen, keine Gefässe, und die Spitze
dieser Axe, das Centrum einer Knospe, stellt eine Warze
(mammelon) dar, welche mit dem Marke zusammenhängt. In
dem zweiten Hefte meiner Ausgewählten 'anatomisch- botani-
schen Abbildungen sind viele Figuren, welche Jieses deut-
licher ‚darstellen, als der Verf. gethan hat, aber so geht es,
wir arbeiten mit den Ausländern parallel, gehen aber in der
Regel einige Schritte voran. Doch nein, der Verf. kennt
wirklich Duchartre, Guillard und Schleiden, die über diesen
Gegenstand sollen gearbeitet haben. Neuerlich sind in zwei-
ten Heft der Anatomie der Pflanzen in Abbildungen wiederum
Darstellungen über diesen Gegenstand gegeben worden. Was
für physiologische Botanik. 61
er nur. von einigen Monokotylen sagt, dass sich nämlich. die
Stelle, wo die Gefässe entstehen werden, durch eine Modifi-
cation des Zellgewebes auszeichnet, gilt von den meisten
Pflanzen, und ist ebenfalls in dem eben angeführten Hefte
dargestellt worden. Der Unterschied, den der Verf. zwischen
Axe und bJattartigen Theilen angiebt, dass nämlich jene mit
dem äussern Ende fortwachsen, indem an: diesen zum äusser-
sten Ende nichts hinzukommt, ist nicht ganz richtig, denn
zum äussersten Ende oder dem äussersten Umfange der Axen-
theile kommt wirklich auch nichts hinzu, eben so wenig als
zur Spitze und dem obern Umfange der Blätter. Der Verf.
verwechselt dieses nıit einem andern Gegenstande, dass näm-
lich das Blatt vor dem Blattstiel erscheint und entwickelt
wird, und führt dabei Morren an, der (gegen mich) behauptet
hatte, dies finde bei den Wasserpflanzen, z. B. Hydrocharis
Morsus ranae nicht Statt, aber wenn man die ganze Pflanze
betrachtet, sieht man deutlich die Anfänge der Blätter, ehe
eine Spur vom Blattstiel zu sehen ist. Was der Verf. von
der Entwiekelung der Monokotylen sagt, ist höchst mangel-
haft; er redet allein und zwar sehr oberflächlich von der
Zwiebel von Nareissus Pseudonareissus. Dass die Gefässbün-
del sich aus dem Stamm in die Wurzel fortsetzen, ‚hätte er
ebenfalls sehr auflallend im ersten Heft meiner ausgewählten
anatom.-botan. Abbild. schen können. Einen treffenden Ge-
danken hat er, um spadix von einer Aehre zu unterscheiden;
in den meisten Fällen bedecken nämlich Blätter. den Gipfel
der Knospe, hier aber wächst er nackt aus.
Recherches mierometriques sur le developpe-
ment des parties elementaires de latige annuelle
des plantes dicotyledonces par M. G. Harting. An-
nal. d. Science. naturell. 3 Ser. T. 4. p. 210. Von. die-
ser grossen und reichhaltigen Abhandlung ist es schwer’ einen
Auszug zu geben, ohne die Grenzen zu überschreiten, die für
eine Zeitschrift, wie diese, bestimmt sind. Der. Verf., redet
nur von den diesjährigen (heurigen) Trieben der dikotylen
Pflanzen. Zuerst die Art und Weise, wie er seine mikrome-
trischen Untersuchungen angestellt hat. Dann der Satz, dass
man einen jährigen Trieb ansehen kann, als sei er aus meh-
reren Individuen, Gliedern (merithalles) von verschiedenem
62 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
Alter zusammengesetzt, aber von demselben ursprünglichen
Bau, so dass man aus* der Untersuchung der verschiedenen
Glieder desselben Triebes auf die Veränderungen schliessen
kann, die ein Glied des Triebes im Verlauf seines Wachs-
thums erlitten hat. Das jüngste Glied des Gliedes ist ‚wie
bekannt das äusserste, und eine oberflächliche Untersuchung
zeigt schon, dass die untern Glieder zuerst zu wachsen auf-
hören. Nun folgen die Untersuchungen über das Anwachsen
der Triebe von Tilia parvifolia in Tabellen gebracht, und
zwar: Zunahme der einzelnen Glieder in der Länge, Anwach-
sen des einzelnen Gliedes im verschiedenen Alter, Anwachsen
des Markes, Vermehrung der Zellen des Markes, Vergrösse-
rung des Längen- und Querdurchmessers; Gefäss und Bast-
schichten, Querdurchmesser in Verhältniss zum Anwachsen
des Längsdurchmessers; Parenchymschicht der Rinde. Zahl
der Zellenreihen, Verhältniss des Durchmessers dieser Schicht
zum Durchmesser des Gliedes, Anwachsen der Zellen dieser
Schicht in Vergleichung mit dem Anwachsen der Markzellen;
Kallenchymschicht nach Schleiden "), nämlich die Schicht von
ausgezeichneten langen Zellen, welche sich an manchen Pflan-
zen unter der Epidermis finden. Zahl der Zellen in den pe-
ripherischen ‘Schichten. Dann folgen ähnliche Untersuchungen
über Humulus Lupulus, auch über den nucleus (cytoblaste)
in den Markzellen, die Körperchen in Bastschichten, Anwach-
sen eines Zweiges, der seiner Blätter an der Spitze beraubt
war. Ferner Untersuchungen über ‘die Triebe von Aristolo-
chia Sipho, Phytolacca decandra; Sempervivum arborescens.
Nun folgen die Resultate: 1. Das Anwachsen jedes Gliedes
hängt ab von der Bildung neuer Zellen, von der Ausdehnung
der Zellen und von der Verdickung der Zellenwände. 2. Die
Vermehrung der Zellen findet in drei Richtungen Statt, nach
dem Radius radiale Vermehrung, nach der Peripherie periphe-
rische Vermehrung, und nach der Axe, Längsvermehrung,
longitudinale Vermehrung. 3. Die radiale Vermehrung findet
sich nur in’ der Knospe. 4. Diese Vermehrung geschieht
durch Querwände, welche in den schon vorhandenen Zellen
!) Ein eben so elegänter als überflüssiger Ausdruck, sagte mir
einst Schleiden bei einer ähnlichen Veranlassung.
für physiologische Botanik. 63
entstehen, ohne dass diese nachher resorbirt werden; die so
gebildeten Abtheilungen 'isoliren sich immer mehr und mehr
dadurch, dass sie sich nach allen Seiten ausdehnen. 5. Die
Ausdehnung der Zellen in der radialen Richtung ist gleich-
förmig und gleich, so dass die Durchmesser immer dasselbe
Verhältniss behalten, bis die Verholzung geschieht. 6. Die
verholzenden Schichten (Gefässschichten und Bast) dehnen
sich erst dann radial aus, wenn die Wände der fibrosen Zel-
len anfangen diek zu werden, aber mit einer Kraft, welche
diejenige übertrifit, womit das Mark und das Rindenparenchym
sieh. ausdehnt. 7. Während dieser Periode dehnen sich die
Höhlungen der Zellen und Gefässe gleichförmig aus, welches
auch noch geschieht, wenn die Verdickung der fibrosen Zellen
angefangen. Der grössere Raum, den die Gefäss- und Bast-
schichten in den ältern Gliedern einnehmen, muss dieser Ver-
diekung zugeschrieben werden, und folglich nicht einem Ab-
satz auf die innern Wände. — In einer Anmerkung sagt der
Verf., die Entwickelung der Frucht in den Drupaceen und
des Albumens in dem Samen einiger Monokotylen zeige, dass
die Verdickung auch durch den Absatz auf die äussern Wände
geschehe. Ist es denn nothwendig, dass die Ausdehnung
durch eine Verdiekung geschehe? Das Zwischenwachsen von
Zellen und Gefässen, welches in ältern Stämmen unbezweifelt
geschieht, deutet auf eine Ausdehnung ohne alle Verdickung.
8. Die Erweiterung der Zellen, welche die verschiedenen
Schichten bilden, geschieht in der Regel (wenigstzus im Mark,
im Rindenparenchym und der Epidermis) mit einer gleichen
Kraft nach allen Richtungen. Doch leidet dieses Ausnahme
nach dem Wachsthum. 9. In den Stämmen der Pflanzen,
worin sich kein Oentralkanal entwickelt (Tilia, Aristolochia )
vermehren sich die Zellen, welche das Mark, den Bast und
das Rindenparenchym bilden, nicht peripherisch, sondern nur
nach der Längsaxe. Nur in den Schichten der Epidermis und
des Kallenchyms bemerkt man eine peripherische Vermehrung.
40. In den eben genannteh Pflanzen nimmt die Zahl der Ge-
fässbündel nicht zu, auch nicht die Zahl der Gefässe. Der
Durchmesser der letztern nimmt zu in Verhältniss der Aus-
delmung der Gefässschichten. 11. In den Pflanzen hingegen,
wo sich ein Centralkanal entwickelt, vermehren sich die Zellen
64 H, F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
aller Schichten peripherisch, es ist eben so mit den Gefässen. -
Diese Vermehrung verursacht; wie der Verf. meint, die Ab-
sorption der Säfte in der innern Zelle und die Austrocknung
derselben, auch wie nım aus einander gesetzt wird, die’ Ent-
stehung der‘ innern Höhle. 12. Wenn sich im Mark oder
Rindenparenehym Gummikanäle finden (Tilia), so nehmen diese
beim Anwachsen wenig im Durchmesser zu, wohl aber ver-
mehren sie sich, nehmen aber, wenn die Verlängerung ge-
schehen ist, wiederum ab und werden verdickt. Sie sind übri-
gens in der ersten Jugend schon vorhanden. . 13. In. den
Stämmen, worin sich kein Centralkanal bildet, hängt das An-
wachsen in die Breite von der radialen Ausdehnung der Zel-
len ab, ausgenommen die Schichten des Rallenchyms und des
Markes. ‘In den Stämmen, wo ein Centralkanal sich findet,
ist der Antheil, den die Vermehrung und Ausdehnung. der
Zellen daran nimmt, verschieden. 414. Das Letzte gilt auch
von dem Anwachsen in die Länge. 15. Die Vermehrung der
Zellen der Länge nach, so wie ihre Ausdehnung findet an
allen Punkten des Gliedes zugleich Statt, aber in den Glie-
dern, die sich noch verlängern, sind die Zellen des Markes,
des Rindenparenchyms und: der Epidermis an der Spitze des
Gliedes kürzer als an der Basis, und diese wiederum kürzer,
als die an der ‚Spitze des folgenden ältern Gliedes. Wenn
die Ausdehnung der Zellen an der Basis aufgehört hat, fährt
die der Zellen an der Spitze noch einige Zeit fort. 16. Die
kleinsten Zellen vermehren sich am meisten, so die Zellen
der Epidermis mehr als des Rindenparenchyms, und. diese
mehr als des.Markes, doch geschieht dies nicht verhältniss-
mässig. '17. Wenn das Glied noch sehr jung ist, so geschieht
das Anwachsen meistens nur durch Vermehrung der Zellen.
Wenn die Glieder einer Pflanze, nachdem die Verlängerung
geschehen ist, eine wenig verschiedene Länge haben (Tilia,
Humulus, Aristolochia), so machen die Zahlen der Mark- und
Rindenzellen in den jüngern Gliedern eine'geometrische Pro-
gression. Man bemerkt ferner, dass die Glieder desto weni-
ger anwachsen, je jünger sie sind, und dass, wenn das An-
wachsen im Alter sich beschleunigt, es in einer geometrischen
Progression geschieht. Alles dieses beweist, dass die Ver-
mehrung der Zellen ‚selbst in einer solchen Progression ge-
für physiologische Botanik. 65
schieht. Jede Zelle z. B. theilt sich in zwei, jede der letz-
tern wiederum in zwei u.s. f. So wie die Glieder älter wer-
den, wird das Anwachsen noch stärker, weil dann die Aus-
dehnung der Zellen sich mit der Vermehrung vereinigt. End-
lich nimmt das Anwachsen immer mehr ab, weil nachdem die
Vermehrung der Zellen aufgehört hat, die Ausdehnung noch
etwas fortdauert. 18. Man kann also in dem Anwachsen der
jährigen Triebe der Dikotylen drei Hauptperioden unterschei-
den; erstlich, wo das Glied noch einen Theil der Knospe
ausmacht und nur eine radiale Vermehrung der Zellen Statt
findet; zweitens, wo das Glied zugleich in die Länge und in
die Dieke wächst, und zwar wiederum, a. wo dasselbe nur
durch Vermehrung der Zellen wächst, oder 5. durch Vermeh-
rung und Ausdehnung der Zellen zugleich, oder endlich e.
durch Ausdehnung derselben allein; drittens, wo das Anwach-
sen in der Richtung der Axe aufgehört hat, aber die Erwei-.
terung nach den Seiten noch fortdauert. 19. Da der Längs-
durehmesser der Zellen in den Gliedern, die sich nicht mehr
verlängern, derselbe bleibt, so muss die verschiedene Länge
der Glieder nur von der Entwickelung einer grössern Menge
von horizontalen Schichten herrühren. Der Verf. schreibt
die Unterschiede, die man bemerkt, wenn man auf die Witte-
rung beim Anwachsen Rücksicht nimmt, diesem Umstande zu,
indem nämlich bald mehr, bald weniger solcher Schichten ent-
wickelt werden. 20. In den Zellen des Markes und des Rin-
denparenchynis der jüngsten Glieder, wo das Anwachsen fast
nur durch Vermehrung der Zellen geschieht, findet man eine
Materie, die aus sehr kleinen Kugeln besteht. Nur wenige
Zellen haben einen Kern (Cytoblast), worin ein Körperchen
(eorpuseule) enthalten ist. Im Gegentheil sieht man in man-
chen Zellen kleine Gruppen oder nur Kreise, die aus diesen
Kügelchen bestehen. Untersucht man das folgende ältere
Glied, so erkennt man in einer grossen Anzahl von Zellen,
und in dem darauf folgenden Gliede (wo Vermehrung und
Ausdehnung der Zellen zugleich geschieht) in allen Zellen
sehr wohl entwickelten Kerne, ganz durchsichtig und mit ihren
Körperchen versehen. Im Querschnitt erscheinen sie im Cen-
trum der Zellen, im Längsschnitt sieht man, dass sie meistens
an der Wand der Zelle befestigt sind. Sie haben eine abge-
Archiv 1, Naturgeschichte, X11, Jahrg. 2. Bd, E
66 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
plattete Gestalt, daher sieht man sie schwer von dieser Seite.
In dieser Epoche ist die körnige Materie meistens verschwun-
den. In dem jüngsten der Glieder, die sich nicht mehr ver-
längern, und gewöhnlich auch in dem noch folgenden Gliede
findet man noch Kerne in wenigen Zellen, aber sie neh-
men gewöhnlich die Seitenwände der Zellen ein. In den
ältern Gliedern verschwinden sie. 21. Während der ersten
Periode des Anwachsens des Stammes hängt weder die Erzeu-
gung neuer Zellen, noch die Ausdehnung derselben, noch die
Verdickung ihrer Wände von der Gegenwart der Endknospe
oder von den Blättern ab, die sich am Ende des Gliedes be-
finden.
Diese vortrefllichen Untersuchungen können den Grund
legen zur Lehre vom Anwachsen der Gewächse. Es ist sehr
zu wünschen, dass ähnliche Untersuchungen angestellt werden
über Dikotylen, deren Stengel bestimmt durch Knoten geson-
dert ist, und dann über Monokotylen. Die wmerismatische
Vermehrung der Zellen für die Pflanzen, welche der Verf.
untersucht hat, scheint mir bewiesen. Dass aber die entste-
hende Scheidewand doppelt sein muss, kann wohl nicht be-
zweifelt werden, aber die Art, wie sie entsteht, ist noch zu
erforschen. In vielen Fällen geht das Anwachsen gewiss nicht
in einer geometrischen Progression, und dort muss ein Zwi-
schenwachsen von Zellen Statt finden, vielleicht mit einer me-
rismatischen Theilung verbunden.
Doch es ist durch alle Untersuchungen völlig entschieden,
dass beim Anwachsen oder Fortwachsen der Pflanzentheile
keine Bildung von Zellen in Zellen Statt findet, wenn man
nicht, was doch uneigentlich wäre, eine merismatische Theilung
dahin rechnen wollte. Keinesweges will ich eine solche Ent-
stehung da läugnen, wo ganz neue Körper und Theile gebil-
det werden, und die Entstehung der jungen Pflanze im Em-
bryosack ist selbst schon Erzeugung von Zellen in Zellen.
Ueber das Drehen Jer Stämme nach dem Licht soll in
einem Artikel berichtet werden, wo von den Wirkungen des
Lichts auf die Pflanzen überhaupt die Rede sein wird
Dutrochet hatte Beobachtungen über die Bewegungen der
freien Spitzen rankender Gewächse gemacht, wovon im vori-
gen Jahresbericht die Rede war. In den Compt. rend. 1844.
für physiologische Bötanik. 67
2. 295 sind Beobachtungen von demselben Verf. über die
Bewegungen der freien Spitzen windender Ge-
“wächse angestellt. Sie geschehen in derselben Richtung wie
der Stamm sich windet. Dutrochet bringt damit die Spiral-
stellung der Blätter in Verbindung. An Solanum Dulcamara
sei die Windung des Stamines bald von der Rechten zur Lin-
ken, bald umgekehrt, und auch die Spirale der Blätter eine
doppelte. Hierbei erinnere ich nur daran, dass Mohl das
Drehen sowohl der Stämme als der Ranken, wo sie keine
Stütze haben, schon bemerkt hat. Dutrochet giebt nun sogar
die Zeit an, in welcher die Drehungen geschehen, doch scheint
nicht viel Beständiges daran zu sein.
Dutrochet hat auch die Bemerkung gemacht, dass an Epi-
lobium molle Lam. (E. parviflorum Schreb.) einige Stämme
sogleich in die Erde wachsen, wie die Wurzeln. Sie
sind dicker, als die aufrechten Stämme, und haben mehr Rin-
densubstanz, welcher Dutrochet das Absteigen in die Erde
zuschreibt, oder die Dicke der Rindensubstanz rührt von der
Feuchtigkeit der Erde her. S. Compt. rend. 1845. II. 1186.
Boucherie giebt Nachricht, dass Holzschnitte auf seine
Weise präparirt, s. Jahresber. f. 1840. S. 360. 384, sich drei
Jahre in der Erde gehalten, während andere unpräparirte von
derselben Holzart, an demselben Orte ganz verfault waren,
S. Compt. rend. 1845. II. 1153.
Auf die Morphologischen Mittheilungen von
Wydler. Bot. Zeit. 1844. 641. 657. 688. 705 will ich nur
aufmerksam machen, da sie keinen Auszug erlauben, Der
Verf. legt hier eine sinnreiche Darstellung zum Grunde, welche
Al. Braun (Flora 1842. 694) gegeben hat. Nur wären statt
der undeutlichen und schiefen Ausdrücke, ein- und zweiaxig,
andere zu wählen, da diese höchst undeutlich sind. Beson-
ders hat Wydler in diesen Untersuchungen den merkwürdigen
Bau der Solaneen darzustellen gesucht. Er ist so ausgezeich-
net, dass man die natürliche Ordnung daran erkennt, doch
findet sich ein ähnlicher bei andern natürlichen Ordnungen
und einzelnen Gattungen, z. B. den Borragineen, Phytolacca
und anderen.
E*
68 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
Wurzel. Knollen. Stacheln. Ranken. Glandeln.
Spaltöffnungen.
Ueber das Bestreben der Wurzeln in die Erde
(eigentlich nur in Quecksilber) zu dringen, von Payer.
Compt. rend. 1844. I. 993. Im Jahre 1829, sagt der Verf.,
bemerkte Pinot, dass Samen von Lathyrus odoratus, die er
hatte auf Quecksilber keimen lassen, mit ihren Wurzeln in
das Quecksilber drangen. Man behauptete nachher, dass die-
ses Eindringen nur von dem Gewicht des Samens herrühre,
andere beobachteten gar kein Eindringen, und de Oandolle
meinte, das Eindringen rühre von der Steifheit der Wurzel
her. Payer stellte nın Versuche darüber an und fand, dass
die Wurzeln von Polygonum Fagopyrum, ungeachtet sie steif
und diek genug sind, auf der Oberfläche bleiben, da hingegen
die viel zartern Wurzeln von der Kresse (Lepidium sativum)
ziemlich tief eindringen. Auch das Gewicht trägt nichts dazu
bei. Zieht man eine Wurzel wieder aus dem Quecksilber,
so dringt diese nicht wiederum ein, wohl aber treibt sie zu-
weilen weiter und dieser neue Theil dringt dann ein. Licht
und \ärme verstärken das Vermögen einzudringen. Der
Verf. meint, das Vermögen der Wurzeln in die Erde zu drin-
gen, rühre von dem Vermögen her, das Licht zu fliehen und
gute Erde zu suchen, das heisst das Unbekannte durch das
noch mehr Unbekannte erklären. Wir erhalten hier nur einen
Auszug aus der Abhandlung.
Nur das Resultat einer Abhandlung von Durand über
denselben Gegenstand findet sich Compt. rend. 1845.
J. 861. Geschichtlich führt er zuerst die Beobachtung von
Pinot an und setzt hinzu, dass Dutrochet diese Erscheinung
nur dem Druck des Samens zugeschrieben habe, dann redet
er von Mulder’s Untersuchungen, zu derselben Zeit angestellt,
welche das Gegentheil beweisen. Nun führt er die Resultate
seiner Versuche an. Befestigt man die Samen über der Ober-
fläche des Quecksilbers, so dringen die Wurzeln ein, geschieht
dieses aber nicht, so dringen sie nur ein, wenn die Samen
an die Seite zwischen Glas und Quecksilber kommen, oder
wenn sich aus dem Wasser von der organischen Materie eine
Schicht niedersetzt, welche das Pflänzchen befestigt. Die
u
für physiologische Botanik. 69
Samen von Polygonum Fagopyrum geben keine solche Mate-
rie dem Wasser ab, daher dringen die Wurzeln nicht ein.
Der Bericht der Commission über beide Abhand-
lungen ist Compt. rend. 1845. I. 1257 geliefert. Manches,
was in jenen Abhandlungen nicht gesagt, sondern nur ange-
deutet wurde, ist mehr auseinandergesetzt. Der Berichterstat-
ter Dutrochet tadelt an Payer’s Abhandlung, dass er nicht
angegeben, ob und wie er die Samen über dem Quecksilber
befestigt habe. Aus Durand’s Abhandlung wird Folgendes
angeführt: Wenn die Samen von Polygonum Fagopyrum beim
Keinien gehörig befestigt werden, so dringen die Wurzeln
allerdings in das Quecksilber. Liegen überhaupt Samen, ohne
befestigt zu sein, auf Wasser über Quecksilber, so verlieren
sie so viel an Gewicht, als das Wasser wiegt, dessen Stelle
sie einnehmen, drücken also weniger auf das Quecksilber und
können daher nicht eindringen. Sind sie in diesem Falle nur
wenig bedeckt, so dringen sie etwas ein. — Es ist, wie oben
erwähnt worden, die halbfeste Schicht von niedergeschlagenen,
organischen Substanzen, welche das Pflänzchen auf der Ober-
fläche des Quecksilbers festhält und die künstliche Befestigung
ersetzt. Da die Samen von Buchweizen dem Wasser keine
organischen Substanzen abgeben, so darf man nur etwas von
einem Extract in das Wasser bringen, um denselben Erfolg zu
haben. Nun folgen eigene Versuche von dem Berichterstatter
(Dutrochet). Wir haben, sagt er, mehre Arten von Samen
zu diesen Versuchen gebraucht, namentlich die von Lathyrus
odoratus; aber nie haben wir gesehen, dass die Würzelchen
dieser Samen sich tiefer in das Quecksilber versenkten, als
durch den Druck verursacht wurde, den das Gewicht der
Samen auf die Würzelchen ausübte, das heisst nicht über 3
Millimeter, Der Bericht schliesst damit, dass die Erscheinung
nach bekannten Naturgesetzen erfolge, dass Herr Durand ent-
deckt habe, das Eindringen der Würzelchen in Quecksilber
hänge von der Befestigung des Samens ab, und wenn diese
nicht Statt finde, dringen die Würzelchen nur so tief ein, als
der Druck des Samens beträgt. Der Bericht wirft Herrn
Payer Ungenauigkeit in Beschreibung seiner Versuche vor,
aber noch mehr könnte dieses von dem gelten, was der Be-
richterstatter von seinen Versuchen erzählt. Denn es ist gar
70 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
nichts von der Richtung der Würzelchen ‘gesagt, welche in
das Quecksilber eindrangen und darauf kommt es doch an,
wenn der Druck des Samens es war, welcher die Würzelchen
in das Quecksilber hineingetrieben hatte. Ferner wird es als
etwas leicht Erklärliches angesehen, dass die Wurzeln in
Quecksilber eindringen, wenn der Samen befestigt ist, da doch
das Merkwürdige allein darin liegt, und es ist sonderbar genug,
wenn das angeführt wird, was Durand sagt: Liegen überhaupt
Samen, ‘ohne befestigt zu sein, auf Wasser über Quecksilber,
so verlieren sie so viel an Gewicht als das Wasser wiegt,
dessen Stelle sie einnehmen, drücken also weniger auf das
Quecksilber und können daher nicht eindringen. Denn durch
die Befestigung wird das Gewicht ganz aufgehoben, und des
Gewichts wegen würden die Wurzeln gar nicht eindringen;
es bleibt also nichts übrig, als der Trieb der Wurzel herab-
zusteigen und es ist merkwürdig, dass dieser durch Queck-
silber nicht zurückgehalten wird. Besonders merkwürdig ist
der Versuch von Payer, der die Wurzeln von Lathyrus odo-
ratus durch mehrere Schichten von Quecksilber in einem sinn-
reich dazu eingerichteten Apparate herabsteigen sah. Auch
ist es merkwürdig, dass wenn man die Wurzel aus dem Queck-
silber wieder herauszieht, der eingedrungene Theil nicht wie-
der eindringt, sondern der neue hervorgetriebene, ein Ver-
such, der alle mechanische Erklärung ausschliesst. Die Ver-
suche über das Eindringen der Würzelchen von lose liegen-
den keimenden Samen auf Quecksilber scheinen mir unbe-
deutend.
Eine Bemerkung, die schon oft gemacht ist, wird in den
Compt. rend. 1845. Il. 360 von H. Jaubert wiederholt,
dass nämlich an der Seite, wo die Aeste der Bäume am stärk-
sten sind, auch sich starke Wurzeln finden. Er sagt, dass er
“ dieses gar oft in der Sologne beim Ausroden von Bäumen
gefunden habe. Es ist gut daran zu erinnern, da diese Beob-
achtungen dafür sprechen, dass die Nahrungssäfte durch die
Spiral- und punktirten Gefässe aufsteigen, und zwar, da die
Gefässe nicht verästelt sind, von der Wurzel an in gerader
Richtung. Dass aber die Zweige Biegungen annehmen, wie.
Jie Wurzeln, wie hiernach einer Beobachtung angeführt wird,
scheint zufällig.
für physiologische Botanik. 71
Treviranus hat eine merkwürdige Knollenbildung
bei Sedum amplexicaule DC. in Botan.Zeit. 1845.
S.265 beschrieben. Bei diesem Gewächse, sagt er, sind die
neuen, zur Reproduction bestimmten Triebe an ihrer Spitze
auf etwa eines Zolles Länge stark verdickt, und zugleich hier
die Blätter sehr gedrängt, die am untern Theile des Triebes
weitläuftig stehen. Um die Zeit der Sonnenwende stirbt der
Hauptstamm, welcher geblüht hat, nicht alleinab, sondern
auch die Seitenzweige, deren verdickte Spitzen eben jene
neugebildeten lebenden Triebe sind. Untersucht man diese
Triebe, so zeigt sich von dem vertrockneten scheidenförmigen
Untertheile der Blätter völlig -eingehüllt, eine eylindrische
Masse von Zellgewebe, in deren Zellen sich Stärkekörner
befinden, und die Axe derselben nimmt ein kleiner Kreis von
Fasern und Gefässen ein und an der Spitze bemerkt man
eine Knospe aus einigen Blattanfängen bestehend und mit den
Narben abgefallener Blätter bezeichnet, Es ist ein Knollen,
welcher sich durch das Ineinanderfliessen dichtgedrängter Blät-
ter gebildet hat. Gegen die Mitte des Augusts treiben diese
Knollen neue Blätter, welche den Stengel des künftigen Jah-
res, der in eine Blüte endet, bekleiden, die aber nicht schei-
denartig sind wie die, welche die Knollen umgeben, sondern
halbeylindrisch, wie die Blätter von Sedum acre, reflexum
u.a. m.
Pietro Savi über die Stacheln an Amarantus
spinosus. Giorn. eneiel. Ann. 4. T.1. P. 17. 310. Diese
Stacheln sind keine stipulae, behauptet der Verf., wie man
geglaubt hat, sondern es sind die untersten früh entwickelten
Blätter eines Axillarastes. Die Meinung des Verf. ist sehr
richtig, sie stehen in dem Winkel eines Blattes tief unten an
dem Axillaraste, und der Hauptbeweis besteht darin, dass sie
in ihren Winkeln Büschel von Blüten haben, welches bei sti-
pulae nie der Fall ist. Es wäre allerdings sonderbar genug,
wenn an einer Art von Amarantus stipulae vorkommen, welche
man an keiner andern Art, auch nicht an verwandten Gattun-
gen bemerkt hat.
Ueber die Ranken der Oucurbitaceae von At-
tilio Tassi. Giorn. eneyel. A.1.T.1.P.2.p.382. Gegen
die Meinung, dass sie stipulae seien. Als Gründe führt er
72 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten '
vorzüglich das Beispiel von Sieyos Buderoa Hook. an, deren
wechselnde Blätter an einer Seite und zwar unter der Basis
ein, drei oder sechs Fäden haben, wovon im letzten Falle
aber nur drei oder vier zur vollkommenen Entwickelung
kommen. Auch spricht der Verf. von dem, was auf den Ita-
lienischen wissenschaftlichen Congressen darüber gesagt wurde.
Auguste St. Hilaire (Memoir. d. Musee. T. 9. p. 192), den der
Verf. nicht nennt, ist es, der-diese Ranken für stipulae hält,
und das Beispiel von Elaterium und einer Abänderung von
Cueurbita Pepo anführt, die stipulae statt der Ranken hervor-
gebracht hatte. Darüber habe ich schon in meinen Elem.
Philos. botan. T. 1. p. 318.319 gesagt: „Aber die sogenannten
Nebenblätter am Kürbis hatten an der Spitze eine kleine
Ranke; die Ranke hatte also (wie der Stachel oft thut) Blät-
ter hervorgebracht. An Elaterium scheint diese kleine Ranke
absorbirt. Denn die wahren Nebenblätter entstehen nie an
einer Seite des Blattes allein, sie sind sehr selten gestielt,
und der Stiel ist nie rund, wie fast immer die Ranke. Die
Ranke, ‚wovon hier die Rede ist, steht eben so neben dem
Ast wie der Stachel, und ist auch ein überflüssiger Ast.”
A. St. Hilaire redet auch darüber in seiner Morphologie ve-
getale p. 185. 186 und sagt gegen den Grund, dass die Ranke
auf einer Seite des Blattes sich befinde, man finde an einer
Seite des Blattes eine entwickelte, an der andern Seite eine
verkiimmerte stipula (Ervum monanthos) und von dort bis
zum gänzlichen Mangel sei ein kleiner Schritt (?). Auch
habe er an einer Cucurbitacee im Pariser Garten zwei Ran-
ken bemerkt. Meine El. Ph. bot. kamen schon 1837 heraus,
die Morphologie 1841. Etwas müsste sich doch Herr. Tassi
aus Italien herausbewegen.
Nuove ricerche sulla struttura dei Cistomi
fatte da Gugl. Gasparrini. Napoli. 1844. 4. Der Verf.
hat schon früher einen Beutel oder Sack beschrieben, welcher
an der Spaltöffnung nach innen zu anhängt. Diese Beutel
nennt er cistomi, weil sie an den Spaltöffnungen (stomi) be-
festigt sind. In der vorliegenden kleinen Schrift beschreibt
er nun Kanäle, welche von den Säcken ausgehen sollen.
Seine Untersuchungen sind besonders an Caetus peruvianus'
angestellt, dann auch an Ornithogalıum nutans und Arum ita-
für physiologische Botanik. 73
lieum. Ich habe die Untersuchungen an Cactus peruvianus
ebenfalls angestellt, und die Säcke ebenfalls, aber nicht die
Seitenkanäle, die der Verf. ebenfalls nur an einigen abgebildet
hat, nicht an allen. Aber man muss die Epidermis stark mit
Salzsäure kochen, um den Sack zu erkennen, und so scheint
dieser Sack nichts zu sein, als die innere Haut des Luftbe
hälters, in den sich die diekere Oberhaut (cuticula) hinein-
gezogen und ihn überzogen hat, wie schon von Mohl bemerkt
worden. Auch hat Mohl ebenfalls gefunden, dass die Ober-
haut zuweilen sich in das Zellgewebe hineinerstreckt, ‘und
dort gleichsam Kanäle bilde. Eine zu starke Behandlung
mit Säuren stört zu sehr den Zusammenhang der Theile, so
dass man die wahre Beschaffenheit nicht mehr erkennt, und
das ist hier der Fall. — Die Kanäle, ‘welche der Verf. aus
Ornithogalum nutans abbildet, habe ich nicht gefunden.
Ueber die harzartigen Ausschwitzungen der Bir-
ken hat K. Müller einige Bemerkungen Bot. Zeit. 1845.
793 geliefert. Unter der Epidermis zeigt sich ein kleiner
Haufen von Zellen mit Grünstoff gefüllt, der sich wenig über
die Oberfläche erhebt, nach und nach grösser wird und die
Oberhaut zerreisst. Es legen sich nun melir Zellen über ein-
ander an und bilden ein Köpfehen mit einem mehr oder min-
der dicken Füsschen, den untern Zellen. Die äussern Zellen
verwandeln sich weiterhin ganz in einen harzartigen Stoff
und sind mit einer dichten spröden Masse umgeben, wobei
doch das Füsschen unverändert bleibt. Endlich fallen die
Körner aus der Epidermis heraus. In Weingeist oder Aether
löst sich die dichte Masse in eine schleimige Masse auf, ohne
Spur von zurückbleibenden Membranen (die sich aber gar
leicht in der schleimigen Masse verbergen können). Der Verf.
führt die chemischen Untersuchungen des Betulins an; es ist,
wie es mir scheint, eine Art von Stearopten.
Blätter.
Einige Bemerkungen über die Blattstellung
der Dikotyledonen v. K. S. Kunth. Bericht d. Akad.
d. Wiss. z. Berlin f. October 1843. Die Stellung der
Blätter stimmt mit der der Knospen überein, sagt der Verf.,
und wenn eine Knospe entstehen soll, drängt sich ein Theil
/
7A H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
des Markes durch den Holzkörper nach der ‘Oberfläche des
Stengels. Die Stelle, wo dies erfolgt, wird durch die Anord-
nung der Holzbündel bedingt, so sind die einjährigen Triebe
der Eiche fünfeckig und die Blätter stehen auch in fünf Blatt-
zeilen. Versucht man die Blätter auf dem kürzesten Wege
durch eine Linie zu verbinden, so kann dies nur in spiraliger
Richtung geschehen und zwar von der Linken zur Rechten,
auch muss die Spirallinie, um das zunächst stehende Blatt zu
erreichen, eine Holzkante überspringen, um zu einem Blatte
zu gelangen, welches derselben Reihe angehört. Nicht immer
sind fünf Kanten vorhanden, doch lassen sich immer bei die-
ser Blattstellung fünf Holzabtheilungen annehmen. Der Verf,
bringt nun die zweizeilige Blattstellung an den Zweigen von
Castanea vesca auf die fünfzeilige, indem er sagt, dass wenn
man mit der hintern ungepaarten Blattzeile anfängt, die vierte
und dritte ausgebildet, die erste, zweite und fünite aber zu-
rückgeblieben sind. Auf eine ähnliche Weise bringt er die
Jdreizeilige Blattstellung von Alnus glutinosa auf die fünfzei-
lige. Von den wechselnden (zerstreuten, sagt der Verf., wel-
ches aber der Gegensatz von büschelicht ist) Blättern
konmt der Verf. zu den entgegengesetzten Blättern, welche
er nun wie jene betrachtet, als nicht in gleicher Höhe, in
einem senkrecht auf die Axe gemachten Querschnitte stehend,
sondern nur genähert wechselnd. Eben so verfährt derselbe
mit den wirtelförmigen oder quirlständigen Blättern. Dieser
schätzbare Beitrag zur Lehre von der Blattstellung verdient
alle Aufmerksamkeit, und es ist gewiss von Wichtigkeit, bei
der Blattstellung auf die Kanten des Stammes Rücksieht zu
nehmen.
Hiermit ist zu verbinden: Ueber die Stellung der
Blütentheile v. K. S. Kunth in d. Berichten d. Akad.
d. Wiss. z. Berlin. Febr. 1844. Sämmtliche Elemente
einer vollständigen Blüte, sagt der Verf., bilden mehrere de-
primirte, gleichgliedrige Wirbel (Wirtel), und lassen sich ent-
weder durch eine einzige, oder durch zwei parallel laufende
Spirallinien verbinden. Hiernach müssen ein- oder zweispiralige
Blüten unterschieden werden. Die Organspiralen der dikotyledo-
nischen Blüte bestehen typisch aus fünfgliedrigen zweispiraligen
Wirteln. Doch kommen auch einspiralige Blüten vor, in diesem
für physiologische Botanik. 75
Falle ist sie gewöhnlich‘ dreiwirtlig, der erste Wirtel stellt
Kelchblätter, der zweite Staubgefässe, der dritte Pistille dar.
Diese Blüten sind die einzigen wahren apetalischen, indem es
andere apetalische Blüten giebt, die sich durch die Zahl und
"Stellung der Staubgefässe aber leicht unterscheiden, wohin
die Thymelaeen, Polygoneen u. a. gehören. Die Blüten der
Monocotyledonen unterscheiden sich von den zweispiraligen
dikotyledonischen bloss durch die dreigliedrigen Wirbel, und
haben also eben sowohl als diese einen Kelch und eine
Blumenkrone aufzuweisen, man schreibe ihnen also fälschlich
ein Perigonium zu. Hierbei will ich nur die Bemerkung
machen, dass dieser Ausdruck von Ehrhart herrührt und Kelch
und Blume (corolla) zugleich bedeutet. Das Wort ist sehr
gut gebildet. P. externum ist Kelch, P. internum ist Blume
(corolla). Man kann also den Ausdruck bequem gebrauchen,
wo eine Mittelform vorhanden ist, wie bei sehr vielen Mono-
kotylen, besonders aber bei den Thymelaeen, den Polygoneen
der Phytolacca u. a., denn der wahre Kelch eines Chenopo-
dium ist dem Baue nach sehr verschieden von dem Kelch
oder Blume einer Daphne.
Su di un proposto problema di Filotassi, dis-
quis. di Anton. Prestandrea. Messina 1843. Ein H.
Argentano hatte in einer Zeitschrift (Interprete Ann. 4. Nr. 7)
ein Problem aus der Lehre von der Blattstellung zur Auflö-
sung aufgegeben, und es ist erfreulich zu sehen, dass diese
deutsche Lehre bis Sicilien vorgedrungen ist, welches aller-
dings nicht würde der Fall gewesen sein, wenn nicht in den
Annal. d. Science. natur. der vortreflliche Bericht darüber von
Martins und Bravais erschienen wäre, Das Problem ist: An
einer Pflanze mit spiraler Blattstellung winde sich die Spirale
43mal um den Stamm, und der Divergenzwinkel betrage
43744 Grad, man suche die Zahl der Blätter oder blattartigen
Theile, welche den Cyelus bilden. Die Auflösung ist sehr
leicht. Nennt man den Divergenzwinkel d, die Zahl der Win-
dungen z, die Zahl der blattartigen Theile im Cyelus m, so
o
Bu} . » Pr
‚ wo man eine der drei Grössen
als gesucht z nennen kann. Auch wird hier 1374-4 = u
gesetzt, woraus (137 +44) x = 360°.13 und r—=34 folgt.
ist nach Schimper d—= a
m
76 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
Die Aufgabe ist eine Erinnerung an Schimpers Lehren, wenn
auch nur Al. Braun genannt wird, wobei die Divergenz der
umfassenden Spirale (spire generatrice) zu 13744 Grad nach
Bravais angenommen wird. Der Verf. hält viele Reden über
die Hülfe, welche eine Wissenschaft der andern leisten kann,
wovon dieses als Beispiel gegeben wird, und rechnet dabei
das Exempel Anfängern vor.
Schimper’s Darstellung der Blattstellung ist unstreitig
eine sehr sinnreiche, indem sie die schwankenden Aeusserun-
gen über die Spiralstellung der Blätter zu einer umfassenden
Uebersicht zusammenfasste. Die oben gegebene Formel muss
als die Grundformel betrachtet werden, woraus die übrigen
abzuleiten sind. Die Anwendung auf entgegengesetzte und
wirtelförmige Blätter, auf die Blätter der Axillaräste, sogar
auf die Einwickelung der Blätter in den Knospen, so wie auf
die Blütentheile, ist nicht weniger scharfsinnig. Schimper’s
Darstellung ist etwas unbehülflich, es war also sehr zweck-
mässig, dass Al. Braun dieses System genauer, ausführlicher
und klarer auseinandersetzte. Nun erschien eine vortreffliche
Abhandlung von den Herren L. und A. Bravais in den Ann.
d. Science. natur. 2 Ser. T. 7. p. 42—110. Die Verf. betrach-
ten die spiralen Stellungen der Blätter und blattartigen Theile,
die sekundären Spirallinien, wie sie auf der entwickelten
Fläche eines Stammeylinders sich darstellen,- wo nämlich die
Spirallinien von der Rechten zur Linken, und die von der
Linken zur Rechten einander schneiden, und beweisen als die
Grundlage der ganzen Theorie, dass nämlich, wenn die Zah-
len jener beiden Reihen von Spirallinien unter einander Pri-
märzahlen sind, so giebt es eine Spirallinie, welche alle Blatt-
stellen begreift, eine erzeugende (spire generatrice), oder un-
fassende Spirale, haben sie aber einen gemeinschaftlichen
Divisor, so entstehen wirtelförmige Stellungen. In dem ersten
Falle werden die Winkel, sowohl der besondern Spiralen
(secundären Spiralen) und der einzelnen Glieder in den Spi-
ralen mit der Horizontallinie, die secundären Divergenzen
mit der Divergenz der erzeugenden oder allgemeinen Spirale
verglichen. Nennt man die Zahl eines Gliedes in einer se-
eundären Spirallinie », die Divergenz dieser Spirale d», die
Divergenz der allgemeinen Spirale di und »» die Zahl der
für physiologische Botanik. 77
Windungen dieser Spirale, um zum Gliede 2 zu gelangen, so
ist di —= m. 360° + dn. Die Formel dient zur Berech-
nung der Divergenz der allgemeinen Spirale. Er findet dann
durch direkte Beobachtungen, dass diese Divergenz in den
meisten Fällen = 137° 30' 28” einem irrationalen Winkel ist,
in einigen andern seltenen Fällen ist der Winkel, ebenfalls
irrational = 99° 30' 6", oder 77° 57' 19" oder 151° 8' 8".
Alle diese Winkel werden, wenigstens nach ihrem mittlern
Werth, durch die Ungleichheit der auf einander folgenden
Glieder und andere lokale Umstände nicht geändert. Der
Zusatz, wenigstens nach ihrem mittlern Werth, ist besonders
bei Schimper’s Art und Weise die Divergenzwinkel zu finden
wohl zu merken, indem man nicht immer auf einen gerade in
einer Verticallinie darüber befindlichen Blatttheil trifft. Es
wird auch bemerkt, dass man, um dahin zu gelangen, oft die
äussere Rinde wegnehmen muss, um die falschen Kanten von
den wahren zu unterscheiden. Die Verf. dehnen die Bemer-
kungen auch auf die falschen Wirtel aus, sie zeigen, dass die
umfassende Spirale bis zu den unterirdischen Stämmen dringt,
dass die Richtung der Spirale an Stamm und Aesten gleich-
gültig ist, aber auf die Richtung der windenden Stämme kei-
nen Einfluss hat. Die Convergenz zweier Spiralen in eine,
wie man sie zuweilen bemerkt, kann von dem Abortiren einer
Spirale oder einem Zusammengehen zweier Spiralen in eine
herrühren, wie denn überhaupt eine ganze Reihe ausbleiben
kann, wodurch die Existenz vieler Reihen zweifelhaft wird.
Es schien mir zweckmässig, wiederum an diese Abhandlung
zu erinnern, da sie weniger gelesen scheint als sie verdient,
denn sie enthält sehr viele, nicht allein theoretische Betrach-
tungen, sondern an den Pflanzen selbst angestellte Untersu-
chungen. Was darüber in den vorigen Jahresberichten von
Meyen gesagt worden, schien mir nicht ganz zutrefiend.
In meinen Grundlehren der Kräuterkunde Th. I. S. 450.
451 suchte ich einen allgemeinen Ausdruck für die von Schim-
per und Braun gegebenen Darstellungen, damit man sie leich-
ter übersehen könne. Die Abhandlung von Bravais kannte
ich nicht; sie erschien 1837 zugleich mit den Grundlehren.
Ich ging von Schimper’s Lehren aus. Es sei die Zahl der
Blätter (wir verstehen darunter auch Bracteen) zwischen
78 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
zweien, in einer Längslinie zunächst auf einander folgenden
Blättern , die aber in « Windungen um den Stamm gestellt
sind. Projieirt man sie auf einen Wirtel, so ist die Distanz
zwischen zwei nächsten Blättern gleich einem Winkel = der
seinen Scheitel in der Axe des Stammes hat; zieht man aber
diesen Kreis amal auseinander, so wird der Winkel Fr Dies
ist Schimper’s Satz, wobei eine alle Blätter umfassende Spi-
rale angenommen worden, auch der Umfang des Kreises —1
gesetzt ist. Die mit der Axe des Stammes parallele oder
convergirende Linie, zwischen zwei in dieser Linie stehenden
Blättern wollen wir die Hauptlinie nennen, weil es die ist,
wovon man bei dieser ganzen Untersuchung ausgeht. Um
nun die Lage eines jeden Blattes oder Gliedes in der ganzen
umfassenden Spirale kennen zu lernen, wollen wir den Ab-
stand desselben von der Hauptlinie suchen. Das ersie Glied
. . . . [7
ist, wie so eben gezeigt, um den Winkel — entfernt, das
N 2a b 3a :
zweite um —, , das dritte um Zus. w, welches, wenn wir
jeden Winkel von 360° oder 1 abziehen, die Reihe 1 5,
2a 3a 5 2
1— —, 1— — u.s.w. giebt. Also überhaupt
m m
m—a m — 2a m — 3a m—na m— ma
m ? m H m N m ar m 2
womit sich die Reihe endigt, weil nur 2 Glieder vorhanden
sind. Da hier bei Bestimmung des Abstandes der ganze Um-
fang des Kreises mehrmal durchlaufen ist, so müssen wir
diese Umläufe bei der Berechnung der Zahlen weglassen, um
den wahren oder kleinsten Abstand zu finden. Es sei m—=21,
a=S$, wie Al. Braun für Tannenzapfen gefunden hat, so sind
die Zähler, ohne Rücksicht auf die Zeichen zu nehmen
13.5.3.10.2.6. 7.1.9. 4
4.9.1. 7.6.2.10.3.5.13.
Es kehren also die Zahlen in der zweiten Hälfte wieder, wie
aus der Gestalt der Reihe folgt, und wenn 72 eine ungerade
Zahl ist, wird die mittlere Zahl verdoppelt. — Für r==5,
a2 der gewöhnlichste Fall, haben wir 3.1.1.3, woraus
sich sogleich ein doppeltes Ueberspringen der Kanten ergiebt,
für physiologische Botanik. 79
wenn etwa der Stanım regelmässig fünfkantig sein sollte und
die Blätter auf den Kanten sitzen. Wenn m in ra aufgeht,
so bricht die Reihe ab, auch ehe alle Blätter oder Glieder
in der Spirale aufgestellt sind, weil alsdann der Quotient ein
Vielfaches (in geraden Zahlen) von = wird, dem Grundwin-
kel des Abstandes eines Blattes von dem andern, wodurch
ein Blatt in eine gerade Linie über das andere fällt, und mit
demselben eine Hauptlinie macht. Einundzwanzig Blätter
kann man in 2.4.5.8.10.11.13 Windungen der um-
fassenden Spirale stellen, aber nicht in 3.6.7.9.12, weil
diese Zahlen ein Produkt 2@ geben können, worin 2 = 21
aufgeht, nämlich 7.3, 7.6, 3.7,9.7, 2.7. — Es ist hier
nicht der Ort, die Anwendung auf die secundären Spiralen
zu zeigen, deren Zahl und Eigenschaften sich aus der Fun-
damentalreihe sehr gut ableiten lassen, wie in dem angeführ-
ten Buche geschehen ist. Mir scheint es, als ob jene Reihe
am leichtesten alle Fälle der Blattstellung übersehen lässt und
ich habe sie daher wiederum in Erinnerung gebracht, auch
einiges umständlicher und verständlicher angegeben.
Die Abhandlung von Naumann über den Quincunx als
Grundgesetz der Blattstellung im Pflanzenreiche in Poggen-
dorff’s Annalen hat der Verf, zwar unverändert, aber doch
von Druckfehlern gereinigt, besonders abdrucken lassen. In
dem vorigen Jahresberichte ist davon die Rede gewesen.
Die Polarität der Knospen und Blätter von
Max Wichura. Flora 1844. 161. Vielleicht ist die Mei-
nung des Verf. aus folgenden Stellen am besten zu übersehen.
„Wenn man von einem Knospenpunkte zu dem nächst höhern
gelangen will, sagt er, so kann dies allemal auf zwei ver-
schiedenen Wegen geschehen. Der eine erhebt sich in der
Richtung naclı Rechts, der andere in der Richtung nach Links.
Versucht man dies an einem Stengel, dessen Knospen durch
die Divergenz 5 von einander getrennt sind, so ist es freilich
ganz gleichgültig, ob man den Weg nach Rechts oder nach
Links einschlägt, da beide gleich lang sind, Bei allen übrigen
Divergenzen aber muss der eine der beiden Wege kürzer
sein, als der andere, und nun fragt es sich: 41. Folgen die
Knospen dieses Stengels, wenn man sie entweder sämmtlich
80 H. F. Link: Jahresbericht über die-Arbeiten
auf dem längern oder sänmtlich auf dem kürzern Wege mit
einander verbunden denkt, in derselben Richtung über einan-
der, so dass die Verbindungslinie eine continuirliche Spirale
darstellt, oder ist dieses nicht der Fall? 2. Welcher der bei-
den. ungleich langen Wege läuft nach Rechts, welcher nach
Links? Die Erörterung der ersten dieser beiden Fragen lässt
uns erkennen, dass neben den zahlreichen Pflanzen, für welche
dieselbe zu bejahen ist, auch solche existiren, bei denen die
Richtung der Spirale mit jedem Knospenpunkt in die entge-
gengesetzte umwandelt. Wenn wir also dort die Verbindungs-
linie eine continuirliche Spirale nannten, werden wir sie hier
nach Analogie dessen, was in der Geometrie eine gebrochene
Grade heisst, mit dem Namen einer gebrochenen Spirale be-
legen. Beispiele dieser Stellung bieten uns die zweireihigen
Knospen, eines Theils der Papilionaceen, von Tilia, Celtis,
Cerecis, Ulmus, Carpinus, Corylus, Morus, Statice, Begonia,
Phyllanthus und viele andere.” Ich habe einen Zweig von
Tilia grandifolia vor mir, und finde eine gar nicht seltene
Blattstellung, nämlich #2, und nach der Fundamentalreihe sind
die Divergenzen der einzelnen Glieder: 2.1.4.7.10, also
eine kleine und drei grosse Distanzen, wodurch die Blätter
fast zweireihig erscheinen, es aber keinesweges sind; sie
stehen vielmehr deutlich in einer continuirlichen Spirale. Der
Verf. fährt fort: „Es unterscheidet sich also überhaupt das
System der continuirlichen Spirale, yon dem der gebrochenen
nicht nur durch die Richtung, in welcher die Knospen ‚auf
einander folgen, sondern auch durch das innere Wesen der
Knospen selbst. Knospen, welche in derselben Richtung,
eine über die andere sich entwickeln, den Stengel von zwei
oder mehreren Seiten umgeben, stehen unter einander in einem
gleichartigen Verhältnisse, welches häufig in regellose Un-
gleichheit ausartet. Dies ist der Zustand der Indifferenzknos-
pen. Diejenigen hingegen, welche in zwei, um weniger als
den halben Umfang des Stengels von einander abstehenden
Reihen in stets wechselnder Richtung über einander folgen,
sind symmetrisch und das Produkt gleichartiger, aber nach
entgegengesetzten Richtungen wirkender Kräfte und dies ist
der Zustand der Polarität. Aber alle Knospen und Blätter
des Stammes wachsen doch von unten auf, und ich sehe nicht
für physiologische Botanik. 81
ein, wie Polarität hier wirken soll. Sie wirkt immer in ge-
rade entgegengesetzten Richtungen und nicht in Winkeln, So
schätzbar es ist, einen Gegenstand nicht einzeln und für sich,
sondern im Ganzen zu betrachten, so gehört doch die Pola-
rität nicht hierher, wenn man nicht dem Worte Polarität Ge-
walt thun will. Die Grunderscheinung ist Aufsteigen in einer
Spirale, aus einer Wirtelstellung.
Morphologische Mittheilungen von Wydler. Zur Cha-
rakteristik der Blattformationen ausser der Blüte,
Bot. Zeit. 1844. S. 625. W. redet hier von einigen Schim-
‚perschen Bestimmungen der Blätter. Er theilt die Blätter an
einer Pflanze in Niederblätter, Laubblätter und Hochblätter,
ferner jedes Blatt in Scheide, Stiel und Spreite. Die Laub-
blätter sind: a. Scheidenblätter, aus blossen Scheiden be-
stehend, z. B. Iris; 2. Stielblätter bloss aus einem Stiel be-
stehend, z.B. Acacien, Indigofera juncea, Lathyrus Aphaca;
‚c. Laubblätter aus Scheide und Stiel, z. B. Allium Cepa; d.
Laubblätter aus Blattstiel und Spreite, wie die meisten Pflan-
‚zen; e. Spreitenblätter aus blossen Spreiten, z. B. Folia ses-
'silia; /. Laubblätter aus Scheide, Stiel und Spreite, z. B.
Arum, Palmae, Rheum, Umbelliferae, Leguminosen, Rosaceen.
— Manches hiervon ist anwendbar. Der Name Scheide ist
nicht unzweckmässig, auch kann man leicht damit die Unter-
schiede ganze und halbe Scheide bezeichnen. Statt des un-
_ deutschen Wortes Spreite haben wir Platte, Blattplatte. Die
Blätter von Iris bestehen nicht aus blossen Scheiden, sondern
aus Scheide und Blattplatte, Allium Cepa hat ebenfalls eine
Blattplatte, wie man an jüngern Blättern sieht. Die Abthei-
dung e zeigt, dass die ganze Abtheilung keine bestimmte,
trefiende Uebersicht darbietet, denn das Verhalten der Haupt-
nerven und Nervenvertheilung überhaupt ist übergangen.
In diesem Archiv 1844. 1]. 134 finden sich Beobach-
tungen über das Wachsthum der Vegetationsor-
gane in Bezug auf Systematik von A. Grisebach.
Die Beobachtungen sind an Phlox panieulata, Dianthus plu-
marius, Saxifraga hypnoides, Peucedanum alsaticum, Menyan-
thes trifoliata, Aristolochia Sipho und Ampelopsis hederacea
angestellt. Auch finden sich Bemerkungen über das Wachs-
tihum der Nebenblätter. Da die Beobachtungen so zu sagen
Archiv f. Naturgesch. XT1, Jahrg. ?. Rd, F
82 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
individuell sind, so lässt sich kein Auszug daraus geben.
Ein Nachtrag findet sich S. 345 mit einer bestimmten An-
gabe der Vegetationspunkte in den Scheiden der Blätter.
Sonderbar genug, dass hier von Mutterzelle und ‘darin ent-
haltenen Tochterzellen geredet wird, da doch der Verf. S. 138
aus der Beobachtung an Phlox panieulata den Schluss zieht,
dass hier das longitudinale Wachsthum der Lamina durch
Mohl’s Zellentheilung bewirkt werde, h
Ueber Zucker auf den Blättern vom Pr. von
Schlechtendal. Bot. Zeit. 1844. 6. Der Verf. beschreibt
vorzüglich Zuckerdrüsen an Viburnum Tinus, welche sich am
Rande der Blätter näher an der Basis befinden, auf jeder
Seite eine, welche wie ein stumpfes Zähnchen vorsteht. Auf
diesen Drüsen erhebt sich, wenn man die Pflanze im Winter
im Zimmer gehalten hat, ein weisses Klümpehen von Zucker.
Da die Klümpcehen von Zucker an Viburnum Tinus, so wie
an Rhododendron ponticum und an Clerodendron fragrans
nur an Pflanzen im Zimmer beobachtet. wurden, so vermuthet
der Verf., dass die Trockenheit es ist, welche die zucker-
artige Flüssigkeit verdichtet.
Ueber Zuckerdrüsen der Blätter von Unger.
Flora 1844. S 703. An vielen Acacien, z. B. A. longi-
folia, armata, verticillata, myrtifolia, sah der Verf. eine zucker-
artige Flüssigkeit abtropfen und fand bei genauer Untersu-
chung an der Basis des Phyllodiuns zunächst dem Wulste'an
dem obern Rande eine kleine punktförmige Vertiefung, die
der Ausführungsgang einer spaltförmigen Höhle in der Sub-
stanz des Phyllodiums ist. Diese Höhle wird von eigenthim-
lichen dünnwandigen Zellen umgeben, die zusammen einen
Drüsenapparat bilden, in welchem der Zuckersaft angesammelt
und aus demselben nach und nach entleert wird. Zwei Ge-
fässbündel stehen mit den Zuckerdrüsen in Verbindung, geben
Zweige dahin ab, deren Gefässe kurzgliedrig und gekrümmt
werden, und sich so in das Parenchym ihres Umfanges ver-
lieren. Der Verf. fügt noch einige Bemerkungen hinzu, be-
sonders über honigartige Aussonderungen aus den Blättern
und Zweigen, welche durch Insekten verursacht werden.
Ueber die Vermehrung von Cardamine praten-
sis L. vermittelst der Blätter von Jul Münter. Bot.
für physiologische Botanik. 8
Zeit. 1845. S. 537, ‚Der Verf. beschreibt genau ‚die Ent-
wickelung von jungen Pflanzen aus den Blättern der Carda-
mine. pratensis, meistens nach. Cassini, deren Richtigkeit
Sclileiden verdächtig gemacht hatte. Das halbkugelförmige
Knötehen, ‚woraus sich die Pflanze entwickelt, befindet sich
da, wo.die 3 Hauptnerven des Foliolum aus einander in das
Blatt hineinstrahlen. Die Wurzeln entspringen an der obern
Seite, wachsen im Anfange aufwärts und nachher, wenn sie
lang genug werden, abwärts. Ausser diesem entsteht oft noch
‚eine zweite Knospe aus dem Centrum der Mittelrippe, Am
‚merkwürdigsten ist die Bestätigung der Cassini’schen Beob-
achtung, dass die Blätter der Cardamine pr, sich ablösen,
unter Wasser sich erhalten und dort junge Pflanzen treiben.
Der Verf. salı hierbei ein Verschwinden des Chlorophylis und
meint hierbei nicht mit Unrecht, dass dieses zur Ernährung
der jungen Pflanze beitragen möge.
Herr Pietro Savi hat ebenfalls die Entwickelung junger
‚Pflanzen aus den Blättern von Cardamine pratensis in dem
Gärten zu Pisa beobachtet, und beschreibt solche mit kurzen
Worten in einer Anmerkung zu Meneghini’s und Savi’s
Abhandlung über die Anhängsel der Blättehen von
Acacia cornigera in Giorn. enciclop. l. 1406. Diese
Anhängsel befinden sich an der Spitze der Blättchen, und
‚zwar nur der untern Blättchen, den obern gegen die Spitze
‚fehlen sie, sind elliptisch länglich (elittico allungate ), haben
den sechsten oder achten Theil der Länge des Blättchens,
‚eine weissgelbliche Farbe und einen Mittelnerven, der eine
‚Fortsetzung des Blattnerven ist. Um. den Mittelnerven be-
finden sich Spiralgefässe, sonst besteht älles aus Zellgewebe.
Es wird dann über den morphologischen Charakter dieser
‚Anhängsel geredet, und von der Meinung, dass diese Anhäng-
sel fehlgeschlagene Gemmen sein möchten, nach Gaudichaud’s
Lehre, nach welcher das Blatt ein Phyton ist. Obgleich sich
wicht läugnen lasse, dass die Blätter so können betrachtet
werden, wo denn als Beispiel Cardamine, pratensis angeführt
wird, so müsse man sie doch mehr als Degenerationen der
Extremität der Zähne der Blätter selbst, oder ihres ganzen
Umfangs betrachten (come degenerazioni dell’ estremita delle
dentellature delle foglie stesse e del Joro totale). Wäre dieses
F*
84 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
nicht, so müsste man sie als Glandeln ansehen, welches doch
ihrer beständigen Stellung am Rande der Blätter und besonders an
den meist hervorstehenden Punkten derselben widerspricht. —
Diese Anhängsel sind offenbar sogenannte Glandeln, welche
keinen Saft absondern. Ihr morphologischer Charakter, wie
es mir scheint, ist Andeutung einer weitern Fiederung des
Blattes. Vielleicht meinen die Verf. dasselbe.
Kirschleger beschreibt die stipulae Platani.
Flora 1844. 725. Diese allerdings längst bekannten Theile
beschreibt der Verf. nur, weil Endlicher sagt bei Plataneae,
stipulae nullae. Aber Endlicher hat Recht, es sind keine sti-
pulae, es sind ochreae, wie man sie an den Polygoneae u.
a. m. findet. Sie stehen ‚nicht an den Seiten der Blattstiele,
sondern umgeben den Axentheil über der Basis des Blattstiels.
Blüte. Befruchtung.
Zur Kenntniss der Inflorescenz von Cannabis,
Humulus, Urtica und Parietaria, ferner von Parnassia
palustris, Erodium und Impatiens v. Wydler. Flora 1844,
735. 757.759. Enthält genaue Darstellungen und Ergänzun-
gen zu der Abhandlung in der Linnaea 1843, wovon in dem
vorigen Jahresberichte die Rede war, auch Bemerkungen über
die Ramification der letztgenannten Pflanzen. Auch vergleiche
man hiermit die Bemerkungen des Verf. über ‚die Blattstellung
von Polycarpon tetraphyllum. Flora 1845. 33.
Einige Bemerkungen über Symmetrie. der Blu-
menkrone von D. Wydler. Bot. Zeit. 1844. 609. Die
morphologischen Untersuchungen des Verf, sind sehr undeut-
lich mitgetheilt. „Bekanntlich, sagt der Verf., lässt sich die
Mehrzahl symmetrischer Blumenkronen durch eine Linie in
zwei gleiche Hälften theilen, welche man sich von der Ab-
stammungsaxe der Blüte ausgehend, durch die Mitte der obern
unpaaren Kelchblätter und der untern unpaaren Kronenblätter
nach dem Tragblatt der Blüte hingezogen denkt. Unter an-
dern gehören hierher die Blumenkronen von Pinguieula, Utri-
eularia, der Labiaten u. s. w.” Aber die Blumenkrone ist
eine körperliche Gestalt, welche durch eine Linie nicht kann
in zwei gleiche Hälften getheilt werden, wohl aber durch eine
Ebene. Der Verf. will sagen, ein Querschnitt der Blüte in
für physiologische Botanik. 85
der Nähe der Basis, ein Grundriss der Blüte, wird durch eine
Linie in zwei gleiche Hälften getheilt. So stellen auch die
beigefügten Figuren die Sache vor. Mit einer andern Dar-
stellung liessen sich manche Resultate ziehen, die sich aber
hier nicht geben lassen.
Morphologische Betrachtungen über Arduina
bispinosa von Pietro Savi. Giornal. eneiel. I. 113.
Bemerkungen über einige mikroskopische und
oberflächliche Organe der Pflanzen von P. Savi.
Giorn. botan. italiano I. 27. Der Verf. beschreibt die
Papillen mit ihrem Inhalt, die sich auf den Blüten von Chrys-
anthemum indiecum Thunb. befinden. Er hält sie für Glan-
deln. Ich finde es nicht erwähnt, dass diese Papillen schon
längst auf allen wahren Blumenkronen gefunden und beschrie-
ben sind. » Mit Unrecht wird der blaue Staub auf den Blät-
tern von Chenopodium und Atriplex hierher gerechnet. Er
besteht aus Wachskügelchen.
Ueber merismatische Zellbildung bei der Ent-
wicklung des Pollens von Dr. F. Unger. 1844. Eine
vortreflliche Abhandlung auf wenigen Blättern. ‚Meinen Be-
obachtungen zufolge, sagt der Verf., erscheinen die ersten
Spuren der erneuerten Organisation in der reifen Mutterzelle
als sehr dünne, zarte Streifen, welche entweder quer durch
die Mitte derselben, oder je nach der Lage der Mutterzelle
seitlich verlaufen. Diese Streifen sind, wie man sich eben
“durch Drehen der Mutterzellen überzeugen kann, nichts An-
deres, als äusserst dünne und durchsichtige. Wände, welche
die gleichförmige Körnermasse in mehrere Partien sondern.
Diese Wände, die sich nothwendig aus dem eben genannten
Inhalt herausbilden müssen, sind noch so hinfällig, dass sie
im Wasser aufgelöst werden, was für ihre Beschaffenheit aus
Gummi spricht. Gleichzeitig mit dieser Erscheinung tritt aber
auch eine selbstständige Sonderung des gekörnten Schleimes
ein, welche sich besonders dadurch zu erkennen giebt, dass
sich von diesem Momente an in jeder Portion ein Zellkern
zu entwickeln anfängt. Die Ausbildung jener Wände schreitet
noch vorwärts, so dass sie bald nicht nur eine grössere Festig-
keit, sondern auch eine bedeutendere Dicke erlangen. Der
erste Ansatz zur wahren imembranartigen Ausbildung (die
86 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
frühere Anlage kann kaum noch eine solche genannt werden)
geschieht sichtlich von den Wänden aus nach dem Mittel-
punkte zu. Zuerst erscheinen vorspringende Leisten und von
diesen aus krystallisiren gleichsam die Häute immer mehr
nach innen, so dass man die Fortschritte stufenweise verfol-
gen kann.” Weiter. „Es giebt also keine Spezialmutterzellen,
welche gesondert und von der Mutterzelle umschlossen wären,
sondern nur Spezialmutterzellen, welche sich als Fächer der
Mutterzellen bilden, und nur auf der höchsten Stufe ihrer
Ausbildung eine theilweise Sonderung erfahren.” Das Resul-
tat also ist, dass auch im Pollen nirgends eine Zellenbildung
aus einem Zellenkerne entsteht.
In Flora 1844. S. 359 theilt Facehini die Untersu-
ehungen von Amici in Florenz über die Befruch-
tung des Embryo mit, welche Schleiden’s Tlteorie von
der Entwickelung des Embryo entgegen sind. Schleiden ver-
säumt nicht sogleich zu antworten das. 787. Facchini
liefert also den italienischen Text zu Amici’s Ab-
handlung, wie er sich in den Verhandlungen der Scienziati
von Padua befindet, mit den Bemerkungen, dass die Anwesen-
den von Amiei überzeugt worden wären. Darauf beschuldigt
nun Schleiden das. 593 alle Anwesenden einer krassen
Unwissenheit und schimpft über die Abbildungen von Amieci
nach seiner Weise. Wer wissen will, wie Amiei, der Ent-
decker der Pollenschläuche, behandelt wird, mag diese Auf-
sätze lesen. Doch wir verlassen mit Vergnügen diesen Ge-
genstand und wenden uns zu einem ausgezeichneten Werke,
Versuche und Beobachtungen über die Be-
fruchtungsorgane der vollkommneren Gewächse
von ©. Fr. Gärtner. Stuttgart, 1844. 8. Wir erhalten
hier einen solchen Reichthum von Versuchen und Beobach-
tungen mit einer grossen Ruhe und Umsicht angestellt, dass
wir mit Recht behaupten können, kein Werk habe in neuern
Zeiten so viel Beiträge zur Physiologie der Pflanzen geliefert,
als dieses. Es ist hier nicht der Ort, alles genau durchzu-
gehen, es kann hier nur im Allgemeinen und Etwas von dem
Mannichfaltigen angegeben werden, was hier zu finden ist.
Auch kommt zu dem Neuen und Eigenthümliehen überall die
Rücksicht auf andere Meinungen, die mit Gründen und Er-
zu
für physiologische Botanik. 87
fahrungen widerlegt und bestätigt werden. 1. Von der Blume.
Ursachen der Abortion und. des Abfallens der Blume. 11. Von
Jem Kelche. Wenn die Befruchtung des Ovariums nicht an-
geschlagen ist, schwindet der Kelch und nimmt ein krankhaf-
tes Ansehen an, hat aber die Befruchtung des Ovariums Statt
gefunden, so erhält er sich mehrere Tage, je nach Art der
Pflanzen. Ill. Von der Blumenkrone. Auf die Corolla hat
die Castration keinen Einfluss, und das Vorhandensein ‚der
Staubgefässe ist überhaupt zur Integrität und vollkommenen
Ausbildung nicht nothwendig. In der Regel entwickeln sich
die Griffel später als die Blumenkrone, nur bei einigen findet
der umgekehrte Fall Statt, z. B. Lychnis diurna, vespertina,
Dianthus barbatus, superbus. Wenn in diesem Falle die Nar-
ben mit dem eigenen Staube bestäubt werden, während die
Blume noch wenig oder halbentwickelt ist, so wird das Wachs-
tbum der letztern gehemmt oder hört ganz auf. Ueber den
Tagschlaf der Blume sind viele Beobachtungen und Versuche
augestellt; die Befruchtung hat grossen Einfluss darauf. IV.
Von der Nektar-Absonderung in den Blumen. Mehr zur Wi-
derlegung mancher aufgestellten Meinungen als zur Aufstel-
lung bestimmter Gesetze. V. Von den Staubgefässen der
Pflanzen. Die Beobachtung ist merkwürdig, .dass die Hybri-
dirung zur Contabescenz der Antheren geneigt mache. Die
Dauer der Kraft des Pollens ist bei verschiedenen Pflanzen
sehr verschieden, auch verschieden von der Dauer der Gon-
ceptionsfähigkeit der weiblichen Organe. Was der Verf. von
den Pollenschläuchen und von dem Eindringen derselben in
Jie Mikropyle sagt, steht allerdings mit dem Uebrigen in kei-
nem Verhältnisse. VI. Ueber die Wärmeentbindung in den
Blumen. Viele eigene Beobachtungen. Sie zeigt sieh auch
an den weiblichen Organen, und hängt oft mit dem Geruch
zusammen. VII. Von dem Pistill. VII. Von den Reizbar-
keits- und den Bewegungs-Erscheinungen an den Blumen und
Befruchtungsorganen der Pflanzen. Eine Menge Versuche
und Beobachtungen, besonders über die Reizbarkeit der Narbe
von Mimulus. Entwickelung derselben. Abgeschnitten und
in feuchtem Sande erhalten, verhielt sie sich eben so wie un-
abgeschnitten, Zerstörung der einen Narbe hat keinen bedeu-
tenden Einfluss, Erschütterung wirkt nicht darauf. Versuche
88 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
mit chemischen Reizmitteln. Unter diesen sind auch Ver-
suche mit Morphiumöl (ein Gemenge aus Morphium und ol.
Papaver.), welche beweisen, dass die Reizbarkeit und Bewe-
gungsfähigkeit der Narbe des Mimulus durch das Morphiumöl
geschwächt und endlich_ zerstört wird. Eben dieses ist auch
der Fall mit dem Strychninöl. Die Castration hatte auf’ die
Reizbarkeit keinen weitern Einfluss, als dass dadurch die
Dauer der Blume und so auch der- Narben verlängert wurde.
Versuche über die Einwirkung des eigenen Pollens; sie ist
nur zur Zeit der Conceptionsfähigkeit vorhanden; chemische
Reize wirken aber auch ausser dieser Zeit. Bei manchen
Blumen ist Bewegung zur Zeit der Conception ohne Reiz-
barkeit; Beobachtungen über das Verhalten der Blumen von
Tropaeolum majus u. a. Beobachtungen an Stylidium, IX.
Von der Befruchtung der vollkommenen Gewächse. Die De-
hiscenz der Antheren tritt bei manchen Gewächsen regelmäs-
sig vor der Oefinung der Blume ein, bei den meisten nach-
her. Wirkung von Licht, Wärme, Feuchtigkeit. Nie gelang es
dem Verf. an abgeschnittenen und in Wasser gestellten Zweigen
dikotyledonischer Pflanzen reife Samen zu erhalten. Andere
Beförderungen der Befruchtung. An Malva mıauritiana waren
erst vierzig Pollenkörner im Stande Befruchtung zu bewirken,
Aehnliche Versuche an Tropaeolum majus. Vorsichtsmaass-
regeln und Erscheinungen bei künstlichen Befruchtungen. Die
Eichen können auch ohne Befruchtung eine Zeit hindurch
fortwachsen, doch ohne einen Embryo zu erzeugen. Erschei-
nungen im Eichen und Samen nach der Befruchtung an zwölf
Blumen von Lychnis vespertina beobachtet, Aehnliche Beobach-
tungen an Staphylea pinnata vier Monate hindurch; in beiden
Fällen mit genauern anatomischen Beschreibungen, doch ohne
Abbildungen. Seinen Beobachtungen über den Embryo von
Corydalis reiht er die meinigen über Angraecum an, aber ihm
blieben die Abbildungen in den. Anatom. -botan. Abbildungen.
unbekannt, die den grossen Unterschied würden gelehrt haben.
X. Von der Abortion der Blumen, Früchte und Samen. Kür-
zer als die übrigen Abtheilungen. XI, Von der Erzeugung
von Früchten mit keimungsfähigen Samen ohme Pollenbestäu-
bung. Die Beobachtungen Anderer darüber werden beurtheilt
und ihre Mangelhaftigkeit wird gezeigt. Eigene Beobachtun-
für physiologische Botanik. 89
gen gaben ein völlig negatives Resultat. XII. Von dem
Fruchtungsvermögen der Gewächse. XIII. Von der Afterbe-
fruchtung. So nennt der Verf. mit Kolreuter eine nicht be-
zweckte Befruchtung mit eigenen Pollen. XVI. Von Bestäu-
bung der Narbe mit fremdartigen Materien. Eigene Versuche
des Verf. gegen Henschel’s bald vergessene Versuche. Mit
Sehnsucht erwarten wir den zweiten Theil.
Ueber die Blüte der Gräser finden sich Untersuchun-
gen in einer Schrift von Röper: Zur Flora Mecklen-
burgs. 2 Th. Rostock, welche wir jedem Botaniker zu
lesen empfehlen. Sie ist besonders gegen Schleiden’s Theo-
rie, dass nämlich die untere und äussere Klappe der glumella
oder die palea inferior, mit der obern und innern Klappe der
glumella, die ursprünglich aus zwei Klappen besteht, eine
dreiblättrige Blumenhülle mache. Wie Schleiden’s Tadelsucht
ihn zu den grössten Inconsequenzen verleitet, wird hierin
deutlich gezeigt. Ueberdiess kommen hier noch viele andere
Untersuchungen vor, welche von Wichtigkeit sind. Da ich in
den ‘meisten Fällen des Verf. Meinung bin, so ist es über-
flüssig Bemerkungen zu machen. Auch ist hier nicht der
Ort, den wahren Blütenstand von Lolium temulentum (Crae-
palia Schrank) auseinander zu setzen, den der Verf. zu ver-
kennen scheint, Nur noch eine Erinnerung. Der Verf. nimmt
den Philologen zum Trotz Ausdrücke wie sepalum, tepalum
u, dergl. in Schutz. Das Wort ist eine so merkwürdige,
wunderbare Ausgeburt des menschlichen Geistes, dass man
damit keine Kindereien treiben muss; ein unglückliches Ver-
fahren, welches in spätern Zeiten De Candolle besonders er-
neuert hat. ‘ "
Ueber die Bedeutung der untern Blumenspelze
der Gräser von Hugo v. Mohl. Botan, Zeit. 1845. 33,
Der Verf. zeigt ebenfalls durch eine Analyse der gewöhnlichen
Monstrosität der Blüte von Poa alpina, dass die untern Blu-
menspelze nicht als ein Perigonialblatt, sondern als Deckblatt
zu betrachten ist.
Note sur l’organogenie de la fleur des Malva-
cees par M. P. Duchartre. Compt. rend. 1844. 1. 487.
1845. 1. 349. Rapport ib. Il. 417 und ausführlich Ann. d.
Science, natur. 3 Ser. T. 3. p. 123. Rapp ort p. 150. Zuerst
90 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
entsteht der äussere Kelch, dann der innere aus einem Stück.
In diesem erhebt sich eine Kugel, die fünf Warzen. zeigt,
welche sich bald wieder in zwei Theile theilt, und so hat die
Blume schon in dem frühesten Zustand zehn Staubgefässwar-
zen. Nun erscheinen zunächst am Kelch fünf kleine Falten,
ziemlich weit von einander entfernt, die Anfänge der Blumen-
blätter. Die Blume ist also im Anfange fünfblättrig. Dann
folgt die Entwickelung der Staubgefässe nach innen ‚auf eine
doppelte Art, erstlich durch concentrische Kreise, die nach
innen fortwachsen und dann durch die Verdoppelung. der
Staubgefässe. Sie sind wirklich den Blumenblättern gegen-
überstehend, aber man sieht an vielen Malvaceen die Staub-
fädenröhre über den Staubfäden sich verlängern ‚und fünf
Zähne bilden, die mit den fünf Gruppen des Androceums
wechseln, also die innere Reihe von Staubfäden vorstellen.
Die Bildung der Pistille ist verschieden und der Verf. nimmt
vier verschiedene Arten dafür an.
Hiermit hängt zusammen: Observations sur l’orga-
nogenie de la fleur et en partieulier de l’ovaire
chez les plantes ä placenta central libre par M.P.
Duchartre. Compt. rend. 1844. I. 1105. Entwickelung
der Blüte der Primulaceae. Zuerst zeigt sich der Kelch aus
einem Stück und nicht aus mehren, wie Schleiden will. Dann
sieht man fünf Warzen, woraus die Staubfäden sich entwik-
keln, die Erscheinung der Blumenkrone scheint den Staub-
fäden voran zu gehen, wenn sie mit den Abtheilungen der
Blume wechseln, sonst aber zu folgen. Das Pistill zeigt sich
mit der Blumenkrone zugleich als ein Kegel und die Placen-
tenwarze füllt das Ovarium an. Dann erhebt sich. das Ova-
rium und bildet den stylus. Die Spitze der placenta verlän-
gert sich, erst später und dringt dann erst in den Styluskanal
ein, hängt also im Anfange nicht mit der Narbe zusammen,
Der Rapport über diese Abhandlung von Ad. Brongniart,
Ach. Richard und Gaudichaud ist im Ganzen beifällig.
Hiermit vergleiche man die Abhandlung von Gelez-
noff über die Entwickelung der Blüte von Trade-
seantia virginiea, Bullet. de la Societe imper. des
Naturalistes a Moscou T. 16. 1843. Flora 1844. 144.
Bot. Zeit. 1844, 183.
für physiologische Botanik. 91
Die Akademie zu Neapel hat Nachricht gegeben von den
Abhandlungen, die ihr zur Antwort auf das Pro-
gramm über die Caprification zugekommen sind,
Die Abhandlung Nr. 4 verwirft den Einfluss, den sie auf die
Befruchtung hat. Man finde immer weibliche Blüten in den
Früchten, ‘keine männliche, und die Befruchtung (der Feigen
bleibe ein Geheimniss. Der Verf. empfiehlt überhaupt die
Caprification nicht. — Die Abhandlung Nr. 3 führt auf fol-
gende Schlüsse: 1. Der Caprificus ist nicht das Männchen
der zahmen Feige, wie man geglaubt hat. 2. Da die Struk-
tur der Blüte und der Samen in den Abänderungen der zah-
men Feige durchaus gleich ist, so sieht man nicht ein, warum
die Caprification in einigen Abänderungen nöthig sein soll,
in andern nicht. 3. Das Insekt beschleunigt das Reifen nicht,
trägt auch zum Ansetzen der Früchte nichts bei und eben so
wenig zu ihrer Befruchtung. 4. Das Abfallen der Früchte
von Caprifieus, worin keine Larven sind, beweist nichts, denn
wenn der Baum viel Früchte ansetzt, fallen sie“doch ab,
wenn auch Larven darin sind. 5. Die Ursachen des Abfallens
muss man in andern Umständen suchen: im Klima, Abwech-
selung der Witterung u.s. w. 6. Die Oaprification ist ganz
unnütz, sowohl zum Reifen als zum Ansetzen der Früchte,
— Die Abhandlung Nr.5 hat zum Schluss: Die Wirksamkeit
des Cynips auf die zahmen Feigen ist ganz mechanisch und
dient wie jeder andere Reiz, nur "die Reife der Früchte
etwas zu beschleunigen. Wo man dieses also nicht nöthig
hat, ist die Caprification ganz unnütz und sogar der vollkom-
menen Reife der Früchte ganz nachtheilig. — Die Abhand-
Jung Nr. 6 hält doch die Caprification für nöthig, aber nur
für die abortiven Feigen. Nur eine Abhandlung, deren aber
nur kurz erwähnt wird, meint, dass sie auch zur Befruchtung
nothwendig sei. — — In meiner Jugend hatte ich Gelegen-
heit, die Caprification in Portugal zu beobachten, und in mei-
ner Reisebeschreibung habe ich schon gesagt, dass die Capri-
fieation auf die Befruchtung keinen Einfluss habe. Wohl aber
werden manche Abänderungen dadurch grösser und schöner,
wenn sie von diesem kleinen Cynips durchstochen werden,
wie die Abhandlung Nr. 5 sehr wohl sagt.
In der Thüringer Garteuzeitung Nr. 1 und 2
99 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
=
redet Prof. Bernhard über die Bastardformen. Er
meint jetzt, dass die sogenannten Bastardformen der Gattung
Gymnogramma (Ceropteris) wohl nicht durch Befruchtung,
sondern durch Verwachsung der Wurzeln unter einander ent-
stehen möchte, weil sie in den Treibhäusern gesellschaftlich
keimen. Als Beispiel führt er Cytisus Adami an, dadurch
entstanden, dass C. purpureus auf C. alpinus gepfropft sei,
wodurch ein Mischling entstand, der sich oft wie ein Bastard
verhielt, oft zu seinen primitiven Verhältnissen zurückkehrte,
indem er bald purpurne, bald gelbe Blüten hervorbrachte. —
Das wäre sonderbar genug und das erste Beispiel, dass auf
liese Weise Bastarde entstehen könnten.
Frucht. Samen. Keimen desselben,
Memoire sur les developpements et les carac-
teres des vrais et faux arilles par J. E. Planchon.
Montpell. 1844. Ein vortrefilicher Beitrag zur Kenntniss
der Veränderungen des Samens im frühen Zustande. ' Zuerst
eine Geschichte der Bedeutung des Wortes arillus. Dann
Untersuchung des Eichens in Passiflora. Da sich hier eine
Erweiterung des Nabelstranges erst nach der Befruchtung bil-
det, da sie mit dem Samen nur um die äussere Nabelöffnung
(hilum) zusammenhängt und am entgegengesetzten Ende weit
geöffnet ist, da also dieses Gebilde mit der allgemein ange-
nommenen Bestimmung des Wortes arillus übereinkonmt, so
nennt der Verf. dasselbe einen wahren arillus.. Ganz anders
verhält sich der arillus von Euonymus latifolius, wenn er
gleich in manchen Kennzeichen “mit dem vorigen überein-
kommt. Nach dem Falle der Blumenblätter und der Staub-
gefässe wächst das Eichen noch etwas, dann entsteht um den
Rand der Exostome eine Wulst, welche anwächst, sich in
einen membranösen Rand ausbreitet, und indem er sich gegen
die Basis des Eichens umschlägt, eine hemisphärische Decke
bildet, welche die Basis des Eichens bedeckt, aber die mi-
eropyle ganz unbedeckt lässt, da hingegen der wahre arillus
die micropyle bedeckt. Der Verf. nennt den arillus von Euo-
nymus einen falschen, oder einen arillodes. Die Definitionen
dieser Theile sind nun: der wahre arillus ist eine accesso-
rische Bedeckung des Eichens, welche sich um die Nabel-
für physiologische Botanik. 93
öffnung (hilum), wie die eigenen Bedeckungen entwiekelt und
die Exostome bedeckt oder bedecken würde, wenn sie sich
so weit entwickelt. Der falsche Arillus oder Arillodes ist
eine Ausdehnung der Ränder der Exostome, die sich um
diese Oefluung zurückschlägt, sie aber immer unbedeckt
lässt. Beispiele von wahren Arillen geben die Dillenia-
ceen, die Samydeen, die Bixineen, Nyınphaea coerulea
und alba, doch fehlt er in Nufar Jutea. Ferner wird als Bei-
spiel angeführt Chamissoa und dann eine Beschreibung von
dem Samen des Cytinus Hypocistis gegeben. Das Ovarium
dieser Pflanze ist mit einem Schleim angefüllt, an dessen
Wänden sich ästige, jedoch compact aufeinanderliegende pla-
centae befinden. Die Beschreibung der Ovula und Samen
will ich mit seinen eigenen Worten anführen: Ovula ortho-
tropa, creberrima, minutissima, oceidua, utrinque attenuata,
basi arillata. Integ. unicum, vasculis destitutum, arete adhae-
rens, membranaceum, pellueidum, apice perforatum. Nucleus
solidus, cellulosus, ovulo conformis, subdiaphanus. Arillus
irregulariter cupuliformis, brevis, crassus, margine inaequalis
e cellulis laxis latis constans, vix quartam ovuli partem in-
feriorem obtegens, ab eodem facillime secedens. Semina (in
fructu siccato) ovulis conformia, pallide lutea, mucilagine in
lacrymas solidas, vitreas coagulata involuta. Arillus et inte-
gumentum ut in ovulo, prior non raro oblitteratus. Nucleus
solidus, omnino cellulosus. Embryo nullus. Der Verf. meint
wirklich, es sei kein Embryo vorhanden, denn da das oyulum
orthotropum sei, so könne die Befruchtung nicht anders als
durch den Schleim des ovarium geschehen. Doch sollte der
ganze Nucleus nicht Embryo sein? Zu den falschen Arillen
rechnet er nun die sonderbare Umhüllung des Samens in
Opuntia, deren Entstehung aus zwei Seiten- Ausdehnungen
des Nabelstranges hier gezeigt wird. Auch gehört hieher der
bereits erwähnte unächte Arillus von Euonymus latifolius;
eben so ist die Warze in den Euphorbiaceen nur. der ver-
diekte Rand der Exostome, und der sogenannte Arillus in
‚den Polygaleen kommt damit sehr überein. In Clusia flava
muss man annehmen, dass die äussere Umhüllung des Eichens,
einfach in dem grössten Theile ihrer Ausdehnung, jenseits
der Exostome sich in zwei ungleiche Verlängerungen verdop-
94 H. F. Link+ Jahresbericht über die Arbeiten
pelt. Zweifel, ob nicht der Arillus der Muskatnuss hierher
gehöre. Strophula nennt der Verf. glandulose Auswüchse
längs der Raphe, unabhängig von Nabelstrang und der Exo-
stome und führt als Beispiel die Samen von Arum canadense
an, Zuletzt Geschichte der Eichen einiger Veronica-Arten -
und zwar V, hederaefolia und V. Cymbaria, wie auch Bemer-
kungen über die Gattung Avicennia. Die eigenthümliche
Decke des Samens der letztern entsteht aus dem Embryosäck,
der sich in Veronica in ein Albumen verwandelt. Der Em-
bryosack der Avicennia hat den Kern (nucelle) im Ovarium
zerrissen, -und ebenso zerreist der Embryo durch. ein zu
rasches Keimen in der Frucht den Embryosack. In: Veronica
hederaefolia wird das Eichen schon früh nur auf den Embryo-
sack redueirt und ist ohne Bedeckung. Das Genauere muss
man beim Verfasser nachsehen.
In einer Abhandlung, die H, Guglielmi Gasparini
schon 1842 in der Akademie zu Neapel vorgelesen
hat, sucht er darzuthun, dass die Frucht der Opuntia
nur ein Zweig ist, zu diesem Zweck eingerichtet. Die Eichen
stehen im Anfange in der mittlern Höhlung in Reihen, den
Wandungen der Höhle, ist kein besonderes Organ, wie das
Ovarium in andern Pflanzen, sondern es entsteht aus einem
besondern verwickelten Fasergewebe, welches zu dieser Bil-
dung eingerichtet ist. Dieses Fasergewebe ist zugleich podo-
spermum und trophospermum.. Das freie Podospermum, ob-
gleich sehr kurz, ist die ‚erste Membran des Eichens; nach
der Befruchtung bedecken sie sich mit Zellen (otricelli), welche
von dem Anwachsen des äussern Zellgewebes herkommen und
die pulpa bilden, wodurch die Samen sich von einander ent-
fernen und in die pulpa verlieren. Die pulpose Masse mit
dem Samen hängt nicht am receptaculum oder an der Spitze
des blühenden Astes, sondern an der obern Rinde, wo die
Blumenblätter, Staubfäden und die äussern Griffel ent-
stehen, vermittelst eines Fasergewebes, welches herabsteigt,
um sich in den Samen zu endigen. — Der Gegenstand ver-
dient genauere Betrachtungen, nicht allein in Rücksicht auf
die Verwachsung des Kelchs mit dem Ovarium, sondern be-
sonders auch in Rücksicht auf Planchons Untersuchungen, die
eine Ergänzung von Gasperini’s scheinen,
für physiologische Botanik. 95
Note sur P’embryogenie du Taxus baccata par
Mr. de Mirbel et Spach. Compt. rend. 1844. ]. 114.
Ausser dem Embryo, der sich entwickelt, fanden die Verf,
noch zwei Blasen, von denen sie nicht glauben, dass sie ab-
ortirte Embryone sind, denn lange ehe der Embryo erscheint,
heften sich diese Blasen mit ihrer Basis an die Spitze des
Embryosacks, und der Schlauch (boyau), welcher über einer
jeden ist, verlängert sich durch die nucelle bis nahe an die
Oberfläche der höchsten Spitze. Daher glauben die Verf.,
dass die Blasen bei der Befruchtung dienen.
Untersuchung einiger vegetabilischen Mon-
strositäten, welche den Ursprung des Pistills und
der Eichen erläutern können, von Adolphe Bron-
gniart. Compt. rend. 1844. |. 513. Es ist die Frage,
ob die Samen an der Axe oder an den Rändern der Kapil-
larblätter entstehen. Das Beispiel, was ich bekannt machen
will, sagt der Verf., zeigt in seinen Karpellen alle Stufen der
Blattbildung, es zeigt am Rande Eichen, bald kaum verschie-
dene von den normalen Eichen, bald unmerkliche Uebergänge
zu Seitenlappen ‘des Karpellarblatts. Es ist von einem Del-
phinum elatum hergenommen, welches 1841 im Pariser Gar-
ten blühte.
Ueber die Entwickelung des Eichens, des Em-
bryo und der anomalen Korollen der Ranuncula-
ceen von Barneoud. Compt. rend. 1845. 11. 352. So
wie die Reilıen der Staubfäden sich verdoppeln, sielit man an
ihrer Basis zwei ovale ziemlich genäherte Platten, die mit
dem Kelch wechseln und ein wenig weiter nach innen in einer
andern Ebene, fünf andere eiförmige Platten, kleiner als jene
beiden und den Abschnitten des Kelchs gegenüber. Dieses
zeigt, dass die beiden spornförmigen Blumenblätter in einen
andern grossen Wirtel gehören, wovon die andern Ele-
mente regelmässig abortiren, auch der folgende Wirtel abor-
tirt. — Das Eichen ist immer anatrop, hat aber drei ausge-
zeichnete Typen. Dem ersten zufolge macht es eine halbe
Drehung um sich selbst, aber in horizontaler Richtung und
die Exostome ist gegen die Placentarseite des Ovariums ge-
richtet, wie bei den Helleboreen und den Paeonieen, anatropie
transverse. Nach dem zweiten Typus dreht sich das Eichen
96 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
vertikal und der Rand der Exostome ist gegen die Basis der
Karpelle gekehrt, anatropie infere, wie bei den Ranunculaceen;
nach dem dritten ist das Eichen hängend und die Exostome
gegen den Gipfel des Fachs gekehrt, anatropie supere, wie bei
den Clematiden und Anemoneen, Der Embryosack ist vor
der Befruchtung da, er füllt sich mit Zellen, die zum Albumen
werden.
Recherches chimiques sur la maturation des
fruits. Compt. rend. 1844. 784. Der Gegenstand ist
einer der wichtigsten, und da die chemischen Veränderungen
beim Reifen der Früchte sehr ausgezeichnet sind, vielleicht
nicht so schwer zu erreichen. Aber einzelne Bemerkungen
gegen den und jenen, wie sie hier gegeben werden, helfen zu
nichts, Die Versuche müssen nur zuerst mit einer Frucht
angestellt werden, und es wäre dazu die Kirsche vorzuschla-
gen, da sie schnell reift und grosse Veränderungen beim Rei:
fen erleidet, auch ist die Analyse, wie es mir scheint, leichter
als mit Birn u. s. w. -
Keimen von Chaerophyllum bulbosum von Prof,
Kirschleger. Flora 1845. 401. Die Samen hatten im
Frühling mit zwei Kotyledonen gekeimt, aber zwischen den
Kotyledonen entstand keine Knospe, wohl aber entwickelte sich
an der Basis des Stämmchens_ eine Knolle, welche ‘noch in
demselben Jahre Wurzelblätter, im folgenden Jahre Stanın,
Blüten und Früchte trug. — Die Sache ist nicht unbekannt,
und schon lange an Bunium Bulbocastanum beobachtet.
An account of some seeds buried in a sandpit
which germinated, by Will. Kenmp. Annal..of Nat.
Hist. V. 13. p. 89. Die Sandschicht, worin die Samen sich
fanden, war beinahe 22 Fuss unter der Oberfläche, Sie keim-
ten und es war Polygonum Convolvulus und eine Abart von
Atriplex patula, auch Rumex Acetosella und eine Atriplex
u. s. w., Jauter gemeine brittische Pflanzen. Der Verf. bringt
ein ungeheures Alter heraus, indem er annimmt, der Tweed
habe das Thal durchflossen, und. die Samen abgesetzt, ehe ein
grosser Trapgang es durchsetzte. — Vermuthlich wird man
mit weniger Zeit auskommen bei genauer Untersuchung. Bil-
liger ist das, was Wahlberg in den Berichten der Schwedischen
Akademie der Wissenschaften erzählt. S. Flora 1845, 61.
für physiologische Botanik. y7
Er hatte mancherlei Pflanzen, ausländische und schwedische,
gesäet. Vier Jahre hindurch wurde der Platz nun mit Bau-
materialien belegt, und als diese weggenommen und der Bo-
den aufgegraben wurde, wuchsen mehrere Pflanzen hervor,
welche früher dort geblüht hatten.
Blüte- und Reifezeiten mehrerer wild wachsenden und
kultivirten Pflanzen, welche als Massstab für die Entwicke-
lung der Vegetation in verschiedenen Punkten des Herzog-
thums Nassau im Jahre 1842 beobachtet worden sind, in
Jahrbüchern des Vereins für Naturkunde im Her-
zogthum Nassau von Dr. RK. Thomä. Wiesbaden
1844. Die Pflanzen sind: Ribes rubrum, Grossularia, Fra-
garia vesca, Rosa canina, Primula veris et officinalis, Samnbu-
eus nigra, Prunus spinosa, domestica, avium, Pyrus Malus,
Secale cereale, Triticum vulgare, Hordeum vulgare, Avena
sativa, Solanum tuberosum, Vitis vinifera, Juglans regia, Ca-
Stanea vesca.
Einzelne Ordnungen und Gattungen der Phanero-
gamen in Bezug auf Physiologie,
Description of the female flower and fruit of
Rafflesia Arnoldi, with remarks on its affinities,
and an illustration of the structure of Hydnora
africana. By R. Brown. Transact. of the Linn. Soe,
V01.19. P. 3. (1844) 221. Mit der gewohnten Genauigkeit
und dem bekannten Scharfsinn des Verf. untersucht er die
genannten Gegenstände, und redet darüber mit einer gewissen
Gemüthlichkeit, die an den Gegenstand fesselt. Erläutert ist
alles durch die vortrefllichen Zeichnungen von Ferdinand
‘ Bauer. Das Ovarium von Hydnora kann man betrachten,
als bestehend aus drei zusammenfliessenden Pistillen, welche
wirklich Wandplacenten haben, die aber nur an der Spitze
der Höhlung hervorkommen. Es würde aber sehr schwierig
sein, Rafllesia auf diesen Typus zurückzuführen. Der Verf.
beschreibt nun die Entwickelung der Ovula von Rafflesia im
j ngsten Zustande, welche mit der Bildung der meisten Pha-
nerogamen Bermkomn!: indem der untere Theil der papilla
sich erweitert, einen Becher bildet und das künftige Integu-
ment und den Nucleus umschliesst. So stellt der Verf. die
Archiv 1. Naturgesch. X1, Jahrg. 2. Bd [&
98 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
Sache dar, mit Recht, nicht so wie Mirbel. Ilier entsteht
eine Biegung, wie bei manchen Phanerogamen, doch nur in den
obern Theile des funieulus, da sonst in den Phanerogamen-
Pflanzen die Krümmung in dem Theile des funiculus hervor-
gebracht wird, welcher mit der testa verwächst. Die Ursache
mag sein, sagt R. Br., weil dem Samen von Rafflesia die
testa fehlt. Nur an Cytinus sah der Verf. Pollenschläuche.
Die testa in dem Samen der Räfflesia ist keine andere als die,
welche sich am unbefruchteten Eichen zeigt, und sehr hart,
die innere Membran ist dünn, der Nucleus scheint ganz aus
Zellgewebe zu bestehen, aber man bemerkt in der Mitte des-
selben einen cylindrischen Theil, der aus andern grossen hel-
len Zellen zusammengesetzt ist, welchen der Verf. für den
Embryo hält, Der Same von Hydnora ist in manchen Stücken
verschieden von dem Samen der Rafflesia. Der Nueleus hat
ein dichtes Albumen, in welchem ein sphärischer Embryo ge-
funden wird. In Cytinus sind die Samen klein und haben an
ihrer Basis die zweigetheilte Membran, welche man am sicher-
sten für eine Verlängerung der Testa ansehen kann. Diese
ist leicht zu trennen vom Nucleus, welcher aus einer gleich-
förmigen Zellenmasse zu bestehen scheint, wie in den Orchi-
deen. Dass die Spiralgefässe in den Rafflesiaceae und den
Balanophoreae nicht fehlen, wird zuletzt behauptet und hinzu-
gesetzt, dass oft äusserlich sehr verschiedene Pflanzen im in-
nern Baue ähnlich sind; ich möchte hinzufügen, z. B. Oyea-
deae und Coniferae. Zuletzt die botanische Beschreibung der
weiblichen Blüte und Frucht von Rafenia Arnoldi und Hy-
dnora africana.
G. Heinzel de Macrozamia Preissii. Nov. Act.
Acad. Leop. Vol. 21. P. 1. p: 203 ist eine zu Breslau er-
schienene Inaugural-Dissertation, die es wohl verdient in
diese Sammlung aufgenommen zu werden. Die Beschreibung
der Pflanze ist sehr gut, und die Rücksichten auf die Physio-
logie fleissig genommen. Es ist hier nicht vom Stamm und
Blättern die Rede, obwohl diese wichtig genug sind, sondern
von den männlichen und weiblichen Geschlechtstheilen. Aller-
dings ist es sonderbar genug, dass die harten einfächerigen
Antheren aus der Schuppe bei den meisten Arten unregel-
mässig hervorgehen. Der Verf, beschreibt ‚einen kleinen Sti-
für physiologische Botanik. 99
pellüs, worauf die Anthere sitzt, sehr richtig, ich habe ihn
bei andern Cycadeen gefunden, und finde immer ein Gefäss-
bündel darin. Der Verf. giebt nun eine abenteuerliche Mor-
phologie, nach welcher die Schuppen aus lauter zusammen-
gedrehten Staubfäden (filamentis) bestehen sollen. So ge-
waltsam darf man im Pflanzenreiche nicht verfahren, und es
ist viel besser gar keine Morphologie als eine erzwungene.
In Rücksicht auf das Eichen folgt er Rob. Brown nicht, son-
dern er meint, was dieser für ein Exostomium hält, sei viel-
mehr ein Stigma. — Eine umständliche Recension dieser
Sehrift vom Dr. Gottscehe in Altona findet sich in der
Bot. Zeit. 1845. S. 366. 377. 398. 413. 433. 447. 507, welche
aber sehr viel Eigenthümliches enthält und daher alle Auf-
merksamkeit verdient. So findet sich hier eine genaue Unter-
suchung der Ovula von Encephalartus longifolius mit verglei-
ehenden Beobachtungen anderer ÜOycadeen und Coniferen.
Wir können den Untersuchungen des Verf. nicht folgen, da
dieses eine besondere Abhandlung veranlassen würde.
Ueber den Bau eines erwachsenen Stammes
von Cyeas eireinalis von F. A. W. Miquel. Linnaea
1844. 125. Tab. IV, V, VI. Eine gute Beschreibung eines er-
wachsenen noch lebenden Stammes, wie wir sie noch nicht
‘haben. Vorzüglich ist der innere Bau merkwürdig. Er be-
‚steht aus einem Rinden-Parenchym, welches aus drei Lagen
von Zellen besteht. Das Holz ist in eoncentrischen unglei-
-ehen und unregelmässigen Lagen abgetheilt, welche durch .
mehr oder weniger starke Schichten vom Amylum führendes
Zellenparenchym von einander getrennt sind. Jede Holzlage
„ist durch deutliche Markstralen in fast viereckige oder keul-
förmige Holzparthien getheilt. Betrachtet man die grossen
Holzlagen, so sieht man, dass sie einen sehr geschlängelten
Verlauf haben. Die seitwärts gehenden Gefässe durchbohren
die Rinden und gehen zu den Schuppen und Blättern. Die
Gefässe des Holzes sind alle getüpfelt. Die Wurzel war zum
Theil abgehackt, kam doch aber im Ganzen mit dem Stamm
überein. Ich habe schon in den Icon. sel. 'an. bot. t. 2 den
Unterschied gezeigt, welcher zwischen dem Baue der Dikoty-
len und. der Cycadeen Statt findet, ‚die Gefässe gehen nicht
gerade in die Höhe, wie in den Dikotylen, und durchziehen
G*
100 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
die Rinde überall nach den Blättern und Schuppen, welches
in den Dikotylen nur an einzelnen Knospen der Fall ist.
Später habe ich in einer kleinen Abhandlung in der Akademie
der Wissenschaften ‘zu zeigen gesucht, dass die Schuppen
eigentlich die Blätter, die sogenannten Blätter aber eigentlich
Zweige sind. Daraus wird besonders das Keimen sehr be-
greiflich. Merkwürdig ist besonders die Pfahlwurzel, welche
sonst allen Monokotylen fehlt.
Observationes de ovulo et embryonibus Cyea-
dearum. Auct. T. A. Guil. Miquel. Ann. d. Se. nat.
3. Ser. T. 3. 193. Folgende Perioden der Entwickelung des
Eichens scheinen hier zu unterscheiden: 1. Vor der Befruch-
tung wird das Zellgewebe des Nucleus unter dem Amnion
ganz absorbirt und eine Höhle gebildet, worauf das Amnion
liegt. Die Höhlung des Amnion wird im Gegentheil von der
Basis an nach und nach mit Zellgewebe erfüllt. 2. Diese
Höhlung des Nucleus voll Schleim bildet nun eine Zellen-
masse, die mit den Wänden der Hüllen nicht zusammenhängt,
aber von einer Membran, die mit der Membran des Amnion
zusammenhängt, eingeschlossen zum Albumen wird. Die Ent-
stehung des Albumens hängt nicht von der Befruchtung ab,
denn ‘es findet sich auch in unfruchtbaren Samen. Die Bil-
dung der engeren Höhlungen im Amnion scheint von der Be-
fruchtung abzuhängen. 3. Indem sich im Ammnion die eigen-
thümlichen Höhlungen bilden und der Embryoblastanon (nach
Hartig) nach unten herauswächst, steigt das ganze Amnion,
die äusserste Membran ausgenommen, in den 'ausgehöhlten
Scheitel des entstehenden Albumen herab, und wird davon
eingeschlossen, und die Spitze des Eiweisses wird durch die
äussere offene Spitze des Amnion mützenhaft bedeckt.’ 4.
Jetzt wird das Zellgewebe des Amnion, absorbirt, weich; die
Säcke bleiben, welche den Schleim durchziehen und nach
oben von einer weichen Membran bedeekt und dadurch ver-
bunden werden. ‘5. So wie der Embryo grösser, wird das
Embryoblastanon nach oben zurückgeschlagen zusammenge-
drückt, die schleimige Materie, welche die Säcke umgiebt,
vertrocknet, die Membran, welche sie bedeckt, schwindet, so
dass beim reifen Samen an der Spitze der hervortretenden
Wurzel unter der gebliebenen Membran des Amnion das E m
für physiologische Botanik. 101
bryoblastanum mit den Säcken "als eine amorphe Masse ge-
funden wird. — Der Verf. redet nun von den Antheren der
Oyeadeen und sagt, dass sie wie andere Antheren, cellulae
fibrosae enthalten. Endlich charakterisirt er die Gattungen
Oycas, Macrozamia, Encephalartos, Zamiä nach der Gestalt
des Embryo. — In einem Nachtrag T. 4. p. 79 wird die’ Ent-
stehung des Albumens vor der Befruchtung bestätigt.
On the plurality and development of the Em-
bryo in the seeds of Coniferae. By Rob. Brown.
Ann. of Natur. History T. 13. p. 369. Diese Abhandlung
wurde schon vor der British Association in Edinburgh 1834
vorgelesen, dann aber erst in den Annal. d. Scienc. natur,
October 1843 französisch abgedruckt, worauf die obige folgt.
Nachdem der Verf. an seine früheren Aeusserungen über die
Pluralität der Einbryonen in den Gycadeen erinnert, und die
Aehnlichkeit der Cycadeen mit den Coniferen gezeigt, berich-
tet er nun über seine Beobachtungen an den Samen von
Pinus sylvestris. Die ‚erste und bedeutendste Veränderung,
sagt er, ist die Erzeugung oder Absonderung eines bestimm-
ten Körpers in dem Nueleus des Ovulum, der vor der Be-
fruchtung eine dichte gleichförmige Substanz ist. In diesem
Zustande hat der eingeschlossene Körper oder ‘das Amnion
eine etwas concave Gestalt und ist mit zerrissenem Zellge-
webe bedeckt, das entweder von der Sonderung an der Spitze
des ursprünglichen Nucleus herrührt, oder von einem Anhang,
- der es mit der Spitze verbindet. Unter der concaven Spitze
ist das Amnion bis auf ein Viertel der Länge hell, weiter
unten aber dunkel; es besteht aus Zellgewebe, Ehe die Em-
bryonen oder die Funieuli erscheinen, sind die Areolae, wo
sie entstehen werden, sichtbar. Diese Areolae, drei oder
fünf an der Zahl, wie sie an den Lerchenbaum 1827 im Mai
beobachtet wurden, liegen in einer kreisförmigen oder ellipti-
schen Reihe nahe an ‘der Spitze, womit sie ‘durch einige
schwer sichtbare Punkte communiciren. An Pinus sylvestris
waren sie im Juni oder Juli schon weiter, vier bis sechs an
der Zahl, bestauden aus konischen Membranen von einer
braunen Farbe, die Spitzen gegen die Oberflächen gekehrt,
indem die Basis in die heller gefärbte zellige (pulpy) Masse
des Amnion überging. Zu jeder von diesen konischen Mem-
102 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
branen oder bis in ihre Nähe erstreckt sich ein langer Fu-
niculus einfach oder mit wenigen Aesten, in der Regel aus
vier Reihen von langen durchsichtigen Zellen bestehend. Das
obere Ende von jedem Funiculus war bedeutend dicker, von
einer platten, sphärischen Form und in jeder Zelle war einer
von den Körnern (areolae), wie sie in den Monokotylen häufig
vorkommen. In Pinus Pinaster ist der Funiculus ohne alle
Querwände, doch erscheinen sie zuletzt an den Enden. Dass
nun jeder von den dunkeln Körpern, womit die Funiculi en-
digen, Embryonen in ihren Anfängen sind, sieht man, wenn
man sie bis zur Entwickelung verfolgt. Der Verf. schliesst
daraus, dass die Vielheit der Embryonen in der Ordnung der
Coniferen völlig constant sei. — In einem Postseript von 1844
zeigt nun R. Brown, dass er die Pluralität der Embryonen
in den Cycadeen bereits in seinen Prodrom. Flor. N. Hollan-
diae angegeben habe. Doch die Hauptsache habe Petit Thowars
entdeckt. Er kommt nun auf Schleiden’s Theorie und sagt:
Schleiden hat die Existenz meiner Areolae oder Corpuscula
erkannt, die er grosse Zellen in dem Embryosack oder Al-
bumen nennt; er behauptet, dass es ihm gelungen sei, ‚die
ganzen Pollenschläuche (pollen tubus) von den Papillen im
Nucleus (nucleus papillae) bis zu dem Grunde dieser Gor-
puseula frei zu präpariren. Aber, wenn meine Beobachtungen
richtig sind, setzt Br. hinzu, und sie ‚scheinen von Mirbel
bestätigt zu werden, so werden die Gorpuseula in Pinus bis
zum folgenden Frühling oder Sommer nicht entwickelt, und
wenn also Dr, Schleiden’s Behauptung richtig. ist, so muss
der Pollen wenigstens 12 Monat inactiv. bleiben, "Unmöglich
sei dies nicht, meint Br., aber wenn es auch sei, so führe ‚es
doch noch nicht zu der Annahme von Schleiden’s Theorie.
Was aber die Cycadeen betrifft, setzt Br. hinzu, so ‚bliebe es
auf alle Fälle ausgemacht, dass die Vergrösserung der Frucht,
die Verdichtung des Albumen und‘ die völlige Bildung der
Corpuseula in ihrer Spitze ganz unabhängig vom männlichen
Einfluss sei; denn er habe dieses in Fällen in England ge-
sehen, als die männlichen Pflanzen der untersuchten weib-
lichen Cycadeen in England noch ni@ht existirten.
Ueber die Apocynces, von Alphonse de Candolle
für physiologische Botanik. j 103
Ann, d. Seiene. natur. 3 Ser. T. 1. 235 führe ich hier an,
wegen der Untersuchungen der Stipulae dieser Pflanze.
Memoire sur Ja famille des Primulacces par M.
J. E. Duby. Geneve 1844. Keimen der Samen von Uy-
cJamen, wo eigentlich sogleich der grosse Knollen sich bildet,
und die Kotyledonen sich nicht entwickeln.
Recherches sur le developpement et la struc-
ture des Plantaginees et des Plumbaginees par M.
E. M. Barneoud. Compt. rend. 1844. 11. 262.. I. Plan-
taginees, ‘Wenn man die Blüte in ihrem ersten Zustande
betrachtet, so sieht man, dass die Entwiekelung von Aussen
nach Innen geschieht, gegen Schleiden’s Theorie. Die Blume
besteht zuerst aus vier Zäpfchen (mamelons), Jie ganz die
Struktur und Form der Antheren haben, auch jedes ein Bün-
del Spiralgefässe besitzt und sich in eine Röhre vereinigen. Die
Blume ist. also eine Röhre, welche die Staubfäden trägt, wie -
an den Gomphreneen und Achyrantheen. Die Ränder der
Klappen des Ovariums sind zuerst ganz von einander entfernt,
und nähern sich immer mehr, kommen aber nie ganz zusam-
men, und-es giebt also keinen axilen Körper im Oyarium für
‚diese Ordnung.
Il, Plumbaginees. Die Symmetrie scheint hier auomal,
weil eine Reihe von Staubfäden vorhanden, den Blumenblät-
tern gegenüber. Aber der Verf. hat an Plumbago micrantha
‚die Anfänge von Staubfäden entdeckt, die aber bald ver-
‚schwinden, so dass nun die Reihe der grossen Staubfäden an
der Regel ist.
' Observation sur le genre Aponogeton et sur
ses affinites naturelles par J. E, Plauchon.. Ann..d.
Seiene. natur. 3 Ser. T. 1. 107. S. auch Compt. rend.
1844. 11. 227. Mit Recht eutfernt der Verf. diese Gattung von
den Saurureen und bringt sie den Alismaceen nahe. Das
Keimen wird hier besonders genau beschrieben. Ein ‚Koty-
ledon, woran zwei Wurzelanlagen und eine Plumula aus einer
Spalte, deren Blätter sich aber nicht scheidenartig_einschlies-
sen. Doch es ist nöthig, die Figuren selbst zu vergleichen.
Sull’ anatomia dell’ Aldrovanda vesiculosa dal
Prof. Parlatore. Giorn. enciclop. I. 237. Compt.
rend. 1844. I. 998, Eine genaue Beschreibung dieser
104 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
Pfianze, die durch ihre Bläschen (ampullae), eigentlich Blatt-
platten, wie Utricularia, bekannt ist. Folgendes ist merkwür-
dig: „Der Theil, welcher an den Bläschen sitzt, ist aus läng-
lichen und 'unregelmässigen Zellen’ gebildet und‘ zeigt ganz
sonderbare Körper, wie ich sie nie bemerkt habe,’ und wie
sie, meine ich, noch von keinem Botaniker bemerkt wurden.
Diese Körperchen, sehr zahlreich und nahe bei einander, zei-
gen sich als kleine offene Scheeren, weil man mit Leichtigkeit
daran’ vier Arme erkennt, die in der Mitte durch eine Art von
Knoten vereinigt sind. Ich finde dieselben scheerenartigen Platten.
Ueber die Stammoberfläche und den Markzel-
leninhalt von Nufar luteum Sm. von J.' Münter.
Botan. Zeit. 1845. 505. Der Verf. hat die merkwürdige
Beobachtung gemächt, dass die Gruben am Stamm (cormus)
unterhalb der Blattstielnarben, von freiwillig sich ablösenden
Wurzeln entstehen; ein Fall, der bis dahin im Pflanzenreiche
noch nicht beobachtet ist. In den Markzellen fand er die
Formen von Amylum wieder, die er früher an Amylum von
Alstroemeria beobachtet hatte. |
Recherches sur Ja structure et le develope-
ment de Nufar lutea par M. Aug. Treeul. Ann. d.
Soc. nat. 3 Ser. T. 4. 286. Eine Anatomie, die manches
Treffende angiebt. Der Verf. hat noch zu wenig Uebersicht
in Untersuchungen dieser Art, und es würde viel zu weitläuf-
tig werden, diese Abhandlung zu beurtheilen.
Sur la Clandestine d’Europe par Duchartre.
Compt. rend. 1844. 1. 93 enthält die Nachricht, dass die
Clandestina europ. auf den Blättern und den jungen Stämmen
Spaltöffnungen hat. Ein Rapport über die ausführliche Ab-
handlung findet sich Compt. rend. 1845. I. 1268. Der
Olandestine fehlt der sogenannte etui medullaire, es sind auch
keine Markstralen vorhanden.
Note sur l’Orobanche Eryngii Vauch. par M. P.
Duchartre, Ann. des sciene. nat. 3 Ser. T.4. 74, Die
Orobanche Er. habe Spaltöffnungen. Ueber die Abwesenheit
der Markstralen.
In dem zweiten Hefte meiner Vorlesungen über die
Kräuterkunde ist über den Bau des Stammes sehr viel gesagt,
was, soviel ich weiss, anderwärts nicht gesagt ist. Ich wollte
für physiologische Botanik: 105
in diesem Bericht, bei’ Gelegenheit des Stammes nicht davon
reden, weil mir schon früher vorgeworfen wurde, dass ich
mich selbst zu oft angeführt. Doch wünschte ich sehr, dass
manche Gegenstände, z. B. die Einkeilungen im Holz und’ in
der Rinde, und ihr‘ Unterschied von den Markstralen nicht
übersehen würde.
Farn. Moose. Lichenen., Algen. Pilze.
Neue Arten der Gattung Isoötes aus Algerien
beschreibt Bory St. Vincent. Compt. rend. 1844. 1.
1167. Sie sind ausser Isoetes Delilii, Is. longissima aus
Siimpfen, und terrestres, nämlich I. Duriei, Hystrix. Bory führt
dabei an, ©]. Richard habe gesagt, ‘die Isoeteae müsste eine
eigene natürliche Ordnung ausmachen, und eben dieses mag
man auch von Salvinia und Pilularia sagen. Schon Roeper, Zur
Flora Mecklenburgs. Erst. Theil. 1843, worin viel Treffendes
besonders Spezielles über die Farn enthalten ist, hat mir vor-
geworfen, dass ich die Lykopodiaceen zu den Farn gerech-
net, und ein Aehnliches kann man von’ den Equisetaceen
sagen. Doch möchte ich die ganze Klasse vereinigt lassen,
weil die Ordnungen derselben gleichsam die Repräsentanten
einer Flora der Vorwelt zu einer gewissen Zeit sind. ‘Auch
tragen sie den Charakter jener Gewächse; überall sieht man
das Unentwickelte, noch nicht Gesonderte; der Stamm der
Lykopodien ist seinem innern Bau nach Wurzel; der Wedel
ist ein Schaft und ein Blatt zugleich; ‘die männlichen und
weiblichen 'Geschlechtstheile sind noch in den Salviniaceen
zusammengezogen u. S. w.
Bewegliche Spiralfäden an Farn von €. Nägeli.
Zeitschr. f. wissensch. Botanik 1H. 169. ' Auf der un-
tern Fläche des Keimblattes, am Rande, selten auch auf einer
Oberfläche stehen drüsenartige Organe. Häufig scheint es,
als ob sie blos von einer einzigen Zelle gebildet wären, mei-
stens erkennt man, dass es ein Sack ist, welcher aus einer
einfachen Zellschicht besteht. Dieser Sack ist mit scheinbar
körnigem und undurchsichtigem Inhalte erfüllt. Er platzt an
der Spitze und lässt eine Anzahl kleiner runder Zellchen
heraustreten. Diese Zellchen bewegen sich lebhaft im Wasser.
In jedem liegt ein spiraliger Faden, welcher, indem die Mem-
\ -
106 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
bran des Zellchens reisst, frei-wird und dann die gleiche Be-
wegung zeigt, wie die Samenfäden der Moose, Lebermoose
und Charen. Eine interessante Zugabe zu den Beobachtun-
gen über diese Entophyten.
Lamellen der Moosblätter von K. Müller, Lin-
naea T.18.p.99. Die erhabenen Streifen, welche man auf
der obern Fläche mancher Moosblätter an der Seite und in
Verbindung mit dem Nerven findet, sind zuerst von Trevira-
nus genau untersucht worden und hier wiederum genau
abgehandelt. Sie bestehen aus einer Reihe ‘von ausgezeich-
neten Zellen. Von einem Zweck ist wohl ‚nicht zu reden;
sie gehören zum Bildungsprineip.
De evolutione sporidiorum in capsulis Musco-
rum. Dissert. inaug. ser. Bo. Jung. Scato Georg
Lantzius Bening. Gött. 1844, Ein: vortrefllicher Beitrag
zur Untersuchung der Moose. Die Gruppirung der Sporidien
in eine vierfache Stellung, in eine Tetraktys, ist seit Mohl
oft beobachtet worden, doch Niemand hat diese Bildung vom
ersten Ursprunge an so genau beobachtet als der: Verf. Aus
seinen Beobachtungen folgt, dass die Sporidien in den Kap-
seln der Moose, durch eine öfter wiederholte Bildung von
Zellen in Zellen geschehe, die z.B. in Polytrichum viermal,
in Hypnuni dreimal, in manchen andern Moosen aber nur
zweimal geschieht. Ob die Trennung der Zellen von innern
Wänden oder von den körnigen Stoffen ausgehe, könnte noch
wohl gefragt werden: vermuthlich tragen beide dazu. bei; es
bildet sich eine Wand um die Trennung des Kerns. — Bil-
dung von Zellen in Zellen kommt im einfachen Laufe der
Vegetation nirgends vor, wohl aber, wo die Vegetation in
Generation zurückkehrt.
Wachsthumsgeschichte der Laub- und Kar
moose von C. Nägeli. Zeitschr. f. Wissenseh. Bot.
2H. 138. Die Wachsthumsgeschichte von ‚Echinometrium und
mehrerer Lebermoose erlaubt keinen Auszug.
G. Mettenius Beiträge zur Entwickelungsge-
schichte der beweglichen Spiralfasern von Chara
hispida. Bot. Zeit..1845. 17. Die beiden Fühlfäden, die
Thuret constant beobachtet hat, sah ich nicht, sagt der Verf.
— Ich sah sie gar wohl, und das ändert die Sache ganz und gar.
ern
für physiologische Botanik. 107
Identität der Faser- und Schleimhautconferve
von Dr. Schaffner. Flora 1844. 568. Wahrscheinlich
gemacht, aber nicht erwiesen. Diese kleinen Wesen sehen
sich gar sehr ähnlich. Es sind keine Conferven sondern Pilze.
“ Caulerpa prolifera Ag. von C. Nägeli. Zeitschr.
f. wiss. Botanik 1 H. 131. Entwickelungsgeschichte
von DelesseriaHypoglossum von Dems. Das. 2H. 121.
Für die Algen trifft die deskriptive Botanik mit der phy-
siologischen so nahe zusammen, dass man beide nahe zusam-
menstellen muss. Es findet sich in Annals of Natural History:
T.13.375 on british Desmideae von Ralfs; T.14.240 on the
fructification of Gloiosiphonia capillaris von Dav. Landsbo-
ronglı; ibd. 256. 361 on british Desmideae, Fortsetzung.
Wiehtig für die Beschreibung der Algen ist ferner: Sur
la structure des Ctenodus, Delisea et Lenormandia par Mon-
tagne, Annal. d. Sc. nat. 3 S. T. I. 151; Note sur quelques
Algues a frondes reticulees par M. J. Decaisne ibd. T. 2. 233;
Note sur la mode de reproduction du Nostoc verrucosum
par M. Gust, Thuret ibd. 319: Observations sur les Tetra-
spores par M.M. Crouan ibd. 365.
Ueber die Farbe des rothen Meers von Mon-
tagne. Ann. d’Hist. nat. T. 2. 332. Nachrichten darüber
und Bestätigung von Ehrenberg’s ‚frühern Beobachtungen. Es
ist eine Alge, die Ehrenberg Trichodesmium erythraeum nennt.
Del genere Geramium e di aleune sue specie
(dal Pr. Meneghini. Giorn. eneicl. I. 178.'. Eine Kritik
von Kützing’s Abhandl. in Linnaea. T. 15. Prof. Meneghini
"beschäftigt ‚sich vorzüglich mit den Algen.
Zur Entwickelungsgeschichte der Charen von
K. Müller. Botan. Zeit. 1845. 393 folg. Es ist schon
oben viel über die Bildung der Zellen gesagt worden. Hier
findet man besonders eine Entwickelungsgeschichte der Zellen
in Ohara aus Cytoblasten,
Ueber Haematococeus pluvialis von J. v. Flo-
tow in d. Verhandlung der K. L. ©. Academ. d. Na-
turforsch. B.12. Abth.2. 413. Eine wichtige Abhandlung.
Der Verf. beschreibt mit der grössten Sorgfalt und Genauig-
‚keit die Verwandlungen einer 'kleinen Alge oder eines kleinen
Infusionsthierehens, Haematococeus pluvialis in die verschie-
108 H. F. Link: Jahresbericht über die Arbeiten
densten Formen. Es fand‘ sich ursprünglich in dem Regen--
wasser einer Granitplatte' (bei Hirschberg) eine rothe ‘Materie,
die aus äusserst zarten, kugligen, glänzenden, mit ‚einer im
feuchten Zustande karminrothen, krumigen Masse erfüllten
Bläschen bestand; an das Papier angetrocknet, war! ihre
Farbe 'zinnoberroth. Diese Körner erlitten nicht allein nach
einiger Zeit eine Farbenveränderung, besonders ins Grüne,
sondern es ‚entstanden Ende September und Anfang Oktober
Bewegungen der Körner und. zwar 1. Fortbewegung in einer
Curve (Längsbewegung); 2. Heben und Senken iin Schlangen-
linien; 3. rotirende Bewegung. Nun wurde aus dem erwähn-
ten Tümpel geschöpftes Wasser von Zeit zu Zeit untersucht,
und die veränderten Formen mit einer ausserordentlichen Ge=
nauigkeit betrachtet und beschrieben. So kamen am 30. No-
vember Fadenbildungen vor, am 13. December untersucht er
von dem am 9. Oktober geschöpften und seitdem im geheiz-
ten Zimmer gehaltenen Regenwasser, und sah ein Infusions-
thierchen, Astasia pluvialis, der A. nivalis Shuttlew nahe ver-
wandt. Ich kann den Gedanken nicht abweisen, sagt er, dass
diese Astasia aus Haematococcus entsprungen, nur eine hö-
here Entwiekelungsstufe desselben sei. Ihre Uebereinstimmung
in Farbe und Inhalt mit den Haematococeus-Kügelchen selbst,
die Menge Mittelformen von, bewegten, ganz runden, von erst
ein wenig, dann immer mehr ovalen oder eirunden und läug-
lichen, warzenlosen oder bewarzten Gestalten lassen kaum zu,
zwischen den phytonomisch ' oder infusorisch belebten Indivi-
duen eine absolute Grenze zu ziehen. In keinerlei Aufgüssen
wird man diese Astasia pluvialis: entstehen ‘sehen, - welchen
nicht Haematococcus pluvialis beigemischt war, der zu ihrer
Erzeugung eine nothwendige Bedingung ist. Zwischen beiden
findet auch eine stete Wechselwirkung Statt; die Astasia ver-
mehrt sich durch Theilung, ihre Brut aber wird theilweise
wieder Haematococeus. lch muss dies wenigstens annehmen.
Der Verf. sah nämlich in aufgestellten‘ Schalen den Haemato-
coceus sich mehren und an die Ränder sich anlegen, auch
infusoriell belebte Individuen dazwischen, aber nie den danı
ruhenden Haeınatococeus sich theilen. Er liess Haematocoecus
entfernen, und er fand dann, dass jeder Wechsel von Wärme
und Feuchtigkeit, vorausgesetzt, dass das Element rein’ ist,
für physiologische Botanik. 109
und die Kügelchen ihre Reife erlangt haben, in dem H. plu-
vialis eine Formveränderung hervorbringen. AufBeobachtungen
folgen Versuche mit eben derselben grossen Genauigkeit erzählt.
Sie sind mit Aufgüssen von Haematococcus angestellt, und
enthalten eine Menge sehr merkwürdiger Beobachtungen von
den mancherlei Formen, welche dieses Wesen hervorbringt,
aber wir müssen den Leser selbst auf die Abhandlung ver-
weisen. Der Verf. schwankt, ob er den Haematococcus zu
dem Thierreiche oder dem Pflanzenreiche bringen soll, bleibt
aber bei der letztern Meinung stehen,
' Denselben Gegenstand behandelt eine kleinere Schrift:
Ueber die Verwandlung der Infusorien in niedere
Algenformen von Dr. Fr. Traug. Kützing. Nord-
hausen 1844. 4. Nach dem Geschichtlichen, wobei auch
Flotow’s Abhandlung angeführt wird, erzählt der Verf. einige
Beobachtungen, woraus hervorgeht, dass Chlamidomonas Pul-
visceulus gar vielfacher Veränderungen fähig sei, dass sich aus
ihm eine 'entschiedene Algenspecies, Stygeoclonium' stellare
entwiekele, dass aber auch noch andere Bildungen aus ihr her-
vorgehen, welche ebenfalls einen entschiedenen Algencharakter
an sich tragen, obgleich sie zum Theil der äussern Form
nach auch für ruhende Infusorienformen in ib genom-
men werden können.
Im Schlussworte sagt der Verf.: „Die Naturgeschichte
der Organismen ist bisher nach zweierlei Methoden behan-
delt, je nachdem man das Objekt als ein Fertiges oder als
ein Werdendes betrachtet. — Als Erfinder der definirenden
Methode in der Naturgeschichte kann Linne, als Erfinder der
exponirenden Methode Goethe angesehen werden.” Warum
spricht der Verf, ein trefllicher Kopf, solche Reden nach?
Kann man wohl einen Körper als einen werdenden betrach-
ten, wenn man nicht weiss, was er zu werden bestimmt ist?
Muss man nicht immer mit der bestimmenden (definirenden)
Methode anfangen, und dann erst zur exponirenden über-
gehen? Haben es nicht alle Naturforscher so gemacht? Hat
man nicht zuerst die Frosch- und Salamander-Arten bestimmt,
und musste man es nicht, um die Metamorphosen, die sie in
der Jugend erleiden, nicht zu verwechseln? Ferner sagt der
Verf.: „Ein Theil unserer Gelehrten behauptet, es sei noth-
110 H. F. Link: Jabresbericht über die Arbeiten
wendig, dass man zwischen den Pflanzen und Thieren scharfe
Grenzen annehme, weil ohne diese Annahme die Wissenschaft
in phantastischen Mystieismus ausarte,” Nun, so seharf wird
man sich doch nicht ausgedrückt haben. Aber wenn ich
Thiere und Pflanzen unterscheide, so muss ich doch wissen
wodurch. Ehrenberg nimmt den ursprünglich von Blumen-
bach gegebenen Charakter der Thiere, den Behälter (Magen)
an, woraus das Ganze ernährt wird. Es ist hier nicht: der
Ort darüber zu reden, ob dies richtig sei, oder nicht, Hat
Haematococcus einen Magen, würde Ehrenb. fragen? Nicht,
nun so ist er auch kein Infusionsthier, sondern‘ ein Theil,
der Same einer Alge, der vielleicht durch ‚mehre Metamor-
phosen gehen muss, ehe er sich ganz entwickelt. So. ist
auch die Spore von Ectosperma (Vaucheria) mit ihren Flim-
mern darum noch kein Thier, wohl aber, wie Unger recht
sagt, im Uebergange zum Thierzustande, sofern wir nämlich
auf die eigenthümliche Bewegung sehen. Uebrigens sind Be-
obachtungen und Versuche, wie sie hier von Kützing und
Flotow erzählt worden, von grosser Wichtigkeit, nur wünschte
ich den letztern einen etwas einfachern Gang.
Ueber die Spiralfaserzellen bei den Pilzen. Bo-
tan. Zeit. 44. 369. Nachdem der Verf. Pr. v. Schlechtendal
berichtet, was bereits Roman. Hedwig, später Corda darüber
gesagt, führt er seine eigenen Beobachtungen an einigen
trocknen Trichien an. Die Zellen sind entweder nicht sehr
lang und dann an beiden Enden zugespitzt, enthalten wenige
Spiralen, wodurch die Zellenwand wie ausgespannt wird, oder
die Zellen sind sehr lang, gabelig verästelt und vielfach durch
einander gewirrt. Ferner haben die ‘Sporen immer einen
grössern Durchmesser als die Spiralfaserzellen, die ühörbaup!
zur Beobachtung starker Vergrösserungen bedürfen, ,
Ueber Lanosa nivalis Frs. von Prof. Unger in
Grätz. Bot. Zeit. 1844. 369. Dieser sonderbare weisse
Fadenpilz, von welchem der Verf. zuerst die röthlichen (sich
abschnürenden?) Sporidien beschreibt, dessen nur Fries und
Corda erwähnen, fand sich in grosser Menge unter dem weg-
thauenden Schnee am Ende Februar und Anfang März um
Grätz. Der Verf. schreibt ‘die plötzliche Vegetation dieses
Pilzes dem Umstande zu, dass ungeachtetet ‚des starken
für physiologische Botanik. 111
Schneefalls im Januar und Februar dennoch der Boden un-
gefroren blieb.
Eine Kranke, die besonders an schwerem Schlingen litt,
brach Pilzsporidien aus, die zuweilen schnurweise an einander
gereiht waren. H. Gruby versicherte sich, dass alle ihre Nah-
rungsmittel frisch und gut waren. Compt. rend. 1844. I. 586.
Beobachtung von Cysten mit Fadenpilzen aus
dem innern Gehörgange eines Mädchens von Prof. -
‚Mayer. Müller’s Arch. 1844. S.404. Nach Beschreibung
und Abbildung ist der Pilz entschieden Mucor Mucedo.
In dem Bericht der Schwedischen Akademie der Wissen-
schaften von 1844 ist ein Beispiel von Tödtung der Fische
durch Achlya prolifera. Mein Freund Lichtenstein hat mir
einen kleinen Fisch Cyprinus Alburnus mitgetheilt, dessen
Maul durch die herausgewachsene Achlya prolifera ‚ganz ver-
stopft war. Fast alle Fische in dem Teiche waren dadurch
zu Grunde gegangen. Ich sah bei der Untersuchung, dass
„der angegebene Unterschied von Achlya und Saprolegnia un-
richtig ist, dass nämlich manche Fäden Querwände hatten,
manche nicht.
Identität der Schleimhaut- und Faserconferve
von Dr. Schaffner. Flora 1844. 567, ferner Flora 1845.
‚501. Als Nachtrag zu seiner Bemerkung über die Schleim-
“haut-Conferven führt der Dr. Schaffner an, dass dieses Ge-
‚wächs Byssocladium fenestrale ist. Auch fand er dieses Bys-
‚socladium in dem Auswurf eines an Lungentuberkeln Leiden-
den. Auch die staubähnlichen Borken von Porrigo leprosa
"und die Krusten des skrofulösen Grindes sind eine Abän-
derung von Byssocladium fenestrale. Flora 1845. 501.
Es ist kein Zweifel, dass viele dieser Pilze noch unent-
wickelt sind. Wie viele Rhizomorphen bildet nicht der Thal-
Jus vom Merulius (Xylophagus) Vastator, dem Hausschwamm.
Und noch auffallender sind die Fäden, welche sich in Zucker-
wasser, in eingemachten Sachen, ja sogar in den Auflösungen
" weinsteinsaurer Salze entwickeln. Man muss sie lange Zeit
fortwuchern lassen, ehe man gewahr wird, dass diese Fäden
immer zu Penicillium glaueum gehören. Ich kann nicht genug
empfehlen diese Pilze, wo man sie findet, sich selbst lange
zu überlassen, damit man ihre wahre Fructification sche. Bis
112 H. F. Link: Jahresber. über die Arbeiten für physiol. Botanik
jetzt ist noch viel: Verwirrung in dieser Lehre. — Ueber den
Gährungspilz ist nichts entscheidendes Botanisches erschienen.
Monstrositäten.
Ueber einige Blattmissbildungen von dem Her-
ausgeber, von Schlechtendal. Bot. Zeit. 1844. 441.
457. Ist eine Uebersicht beobachteter Blattmissbildungen und
folglich keines Auszugs fähig.
Auch die von Kirschleger beschriebenen Monstrositäten
müssten ganz abgeschrieben werden. S. Flora 1844. 129
566. 728; 1845. 402. 613. Ich erwähne noch der Antho-
lysen von Valentin N. Act. Acad. Leop. 18. 1. 223, der
beiden Fälle von Duchartre Annal. d. Science. natur,
3Ser.T.1. 292 und von Cappari Giorn, eneicl. T. 2. 261.
Su di una rarissimae speciale ramificatione
della Yucca aloifoliaL. relaz. di Antonio Prestan-
drea da Messina. Messina 1845. 8. Sogar selten sind
doch solche Verästelungen besonders in warmen Klimaten
nicht. Oft habe ich Verästelungen des scapus von Agave
americana unter dem Blütenstande bei Messina selbst gesehen.
Sehr sonderbar ist eine Monstrosität von Primula sinen-
sis,'wo auf dem Stylus sich ein becherförmiger Körper be-
fand und darauf die nackte Placenta. Babington Ann. of
Nat. Hist. 13. 464. Viele Monstrositäten von Gentiana cam-
pestris beschreibt Dr. Dickie das. 15. 87. |
Monstrositäten von Digitalis purpurea, Generationen hin-
durch beobachtet von Vrolik. Flora 1844. I.
Sehr interessant ist noch, was Pr. v. Schlechtendal
über die Monstrosität der Kapsel von Papaver somniferum
sagt. Bot. Zeit. 1845. 6.
Ein Nachtrag über Ernährung der Pflanzen u. s. w. wird
nachfolgen.
Sean:
Bericht über die Leistungen in der Naturgeschichte
der Säugthiere während des Jahres 1845.
Vom
Prof. Andr. Wagner
in München.
Billig beginnen wir unsern Bericht mit der Anzeige eines
neu 'angefangenen Unternehmens, das für die Therologie von
der grössten Bedeutung zu werden verspricht. Dies ist die
Natural History of the Mammalia by G. R. Waterhouse.
Hlustrated with engravings on wood and coloured plates.
London 1845. 8.
Diese Naturgeschichte soll in ausführlieher Darstellung alle Ar-
ten Säugthiere, sowohl die lebenden als die untergegangenen, schil-
dern. Alle Gattungen und viele Arten sollen theils durch Stahlstiche,
theils durch Holzschnitte erläutert werden; ausserdem werden noch
einzelne charakteristische Theile, wie Schädel, Zähne, Füsse etc. in
besonderen Abbildungen dargestellt. Jeden Monat soll ein Heft in
‚Oktav erscheinen, das mit illuminirten Tafeln 3 Schilling, mit schwar-
zen. 2 s. 6d. kostet; bis jetzt sind 5 Hefte ausgegeben, welche sich
mit den Macropoden unter den Beutelthieren und mit den Gabel-
thieren (Monotremen) befassen. Die Beschreibungen sind mit gros-
ser Genauigkeit und Ausführlichkeit entworfen; die Literatur, sorg-
fältig berücksichtigt, selbst die deutsche, von der die meisten eng-
lischen Therologen und Ornithologen sonst gar keine oder nur eine
höchst mangelhafte Kenntniss haben, erlangt hier die gehörige Be-
rücksichtigung. Die Abbildungen sind gut gearbeitet, und da das
Ganze glücklicher Weise nicht auf ein Luxuswerk zur 'Ergötzung
müssiger Dilettanten, sondern auf den wissenschaftlichen Gebrauch
berechnet ist, so wird es auch einen Preis erlangen, der seine Ver-
breitung in grössern Kreisen möglich macht. Bei dem Reichthume
der nice Sammlungen an Material und bei der Trefflichkeit,
mit der Waterhouse die Bearbeitung ausführt, wird hiermit die the-
rologische Literatur zu einem ihrer bedeutendsten Werke kommen,
Bei der Ordnung der Beutelthiere werden wir näher auf den Inhalt
der bisher erschienenen 5 Hefte eingehen.
Archiv f, Naturgeschichte,. X11. Jahrg. 2. Bd, Hl
114 Andr. Wagner: Bericht über die Leistnngen in der
Systematisches Verzeichniss aller bis jetzt bekannten
Säugethiere oder Synopsis Mammalium nach dem Cuvier’schen
Systeme von Dr. H. Schinz. 2ter Band.
Mit diesem 2ten Bande, der mit den Nagern beginnt und mit
den Wallen endigt, hat Schinz seine Synopsis Mammalium vollendet:
Da sie weniger aus einer strengen kritischen Prüfung der Arten her-
vorgegangen ist, als vielmehr nur eine Zusammenstellung der in der
Literatur aufgeführten Spezies beabsichtigt, so hätte wenigstens die
letztere sorgfältiger verglichen werden sollen, womit es sich aber
der Verf. etwas zu leicht gemacht hat. So sind z. B, die Walle fast
ganz aus Fischer’s Synopsis Mammalium entnommen, ohne dass
Rapp’s und Schlegel’s Arbeiten dabei in Berücksichtigung gekommen
wären und die Abweichungen von ersterem sind nicht immer zum
Vortheil ausgefallen. Fischer z. B. unterscheidet die ihm zweifel-
haften Arten mit einem Sternchen und führt die meisten derselben
nicht unter fortlaufenden Ziffern an; beides hat aber Schinz nicht
befolgt und dadurch eine Menge Arten erhalten, die wohl auf dem
Papiere, aber nicht in der Natur existiren. Ebenso hätte er sich,
wenn er nicht die Original-Abhandlungen nachschlagen wollte oder
konnte, genauer an die Ausdrücke von Fischer halten sollen, um
nicht in Fehler zu verfallen. So z.B, giebt letzterer von Delphinus
Bredanensis ganz richtig an: „Ad oras Batavas. Van Breda”, indem
der bekannte Naturforscher Breda diesen Delphin an den holländi-
schen Küsten beobachtet hat; diese Angabe ändert Schinz dahin:
„habitat ad oras Bataviae” und setzt dann noch hinzu: „bei Breda
gefangen”, wodurch der Delphin nach Java verlegt und aus dem Be-
obachter eine Stadt gemacht wird. Solche Ungenauigkeiten kommen
öfters vor, wie z. B. die Errichtung der Gattung Hesperomys Bach-
man und Wagner zugeschrieben wird, während sie von Waterhouse
ausgeht, Delphinus Fitzroyi ins indische Meer verwiesen wird, wäh-
rend er an der patagonischen Küste gefangen wurde, überdies nicht
zu den eigentlichen Delphinen, sondern zu den Phocaenen gehört.
Immerhin aber wird diese Synopsis Denen, welche keinen grossen
literarischen Apparat besitzen und gleichwohl eine Uebersicht der
Säugthier-Arten wünschen, gute Dienste leisten.
Schreber’s Säugthiere, fortgesetzt von Andr. Wag-
ner. Vliter Band.
Mıt dem Doppelhefte 123a und 129 hat Ref., nachdem die 4 Ab-
theilungen des Supplementbandes vollendet sind, den 7ten Band be-
gonnen, welcher den Ruderfüssen und Wallen bestimmt ist. Da das
Manuskript bereits vollständig vorliegt, so wird im laufenden Jahre
der Druck dieses Bandes beendigt und damit das ganze Werk ge-
schlossen werden. Die angezeigten beiden Hefte bringen den Text
von der Ordnung der Ruderfüsser.
Naturgeschichte der Säugthiere während des Jahres 1845. 115
Die geograpliische Verbreitung der Säugthiere, dargestellt
von A. Wagner (Abliandl. der mathem. physikal. Klasse der
k. bayerisch. Akadem. der Wissenschaften IV. Abth. 2.)
Diese 2te Abtheilung, die gemässigte Provinz -von Nordamerika
und die tropische südasiatische Provinz behandelnd, ist zu Ende des
hier in Betracht kommenden Jahrganges ausgegeben worden.
Nomenclator zoologicus. Auctore L. Agassiz. Fasc. VII
et VII.
Enthält, nebst Anderem, Zusätze und Berichtigungen zu dem
früheren Namensverzeichnisse der Gattungen der Säugthiere und
Vögel.
Im vergangenen Jahre ist beendigt worden: Owen’s
Odontography, or a Treatise on the Comparative Anatomy of
the Teeth, their physiological relations, mode of development
and microscopie structure in the Vertebrate Anfals, Lond.
1840 — 1845. 2 Bde. gr. 8.
Ein klassisches Werk über das Zahnsystem, dessen grössere
Hälfte sich mit den Säugthieren befasst. Der eine Band enthält den
Text und der andere die Abbildungen mit 150 Tafeln, wovon 74 auf
die erste Klasse kommen. Besonders wichtig ist diese Arbeit durch
die genaue Darstellung des mikroskopischen Baues der Zähne, so
wie der Beschaffenheit ihrer Entwickelung, worüber der Verf. eine
reiche Erfahrung sich in allen Ordnungen erworben hat, Von aus-
gezeichneter Schönheit und Genauigkeit sind die dazu gehörigen Ab-
bildungen. Wenn von Owen auch sonst gar keine andere Arbeit als
nur diese vorläge, sie allein wäre ausreichend seinem Namen in der
Geschichte der Naturwissenschaften ein ehrendes Andenken zu sichern.
En
- Würdig stellen sich diesem Werke zur Seite: J. Hyrtl’s
vergleichend anatomische Untersuchungen über das innere Ge-
hörorgan des Menschen und der Säugthiere. Prag 1845. 139 S.
mit 9 Kupfertafeln. fol.
"Während bei den drei untern Klassen der Wirbelthiere die Be-
schaffenheit des innern Gehörorgans schon seit längerer Zeit Gegen-
stand genauer Untersuchungen geworden ist, hat es hieran noch sehr
bei den Säugthieren gefehlt, was theils von der Schwierigkeit der
Behandlung dieses Sinnesorgans herrührt, theils, und vielleicht haupt-
sächlich, von dem Umstande, dass bei einer solchen Untersuchung
der Schädel zertrümmert werden muss, wozu man sich natürlich bei
enen und theuern Stücken nicht leicht entschliesst. Hyrtl hat
ses Opfer gebracht, dafür aber auch die merkwürdigsten Resul-
tate erlangt. Eine ausserordentliche Menge von Schädeln aus allen
Ordnungen der Säugthiere hat er auf das innere Gehörorgan unter-
sucht, so dass uns jetzt auf einmal ein klares Bild von dessen ver-
1*
116 Andr, Wagner: Bericht über die Leistungen in der
schiedenen Bildungsverhältnissen vorliegt. Mit unübertrefflicher Ge-
nauigkeit ist diese Arbeit durchgeführt, und das Interesse an dersel-
ben wird durch die reichlich eingeflochtenen physiologischen Bemer-
kungen nicht wenig erhöht. Auch die Abbildungen entsprechen in
ihrem Werthe ganz dem des Textes. Es ist diese Arbeit eine der
gelungensten und erfreulichsten, welche das vorige Jahr geliefert hat.
Von Blainville’s Osteographie ist Heft 16—18 erschienen, die
Gravigrades (Elephas und Dinotherium) und die Onguligrades (Hy-
rax) enthaltend. Die Zeichnungen sind fortwährend musterhaft durch
Genauigkeit und Schönheit. S
In Marburg ist von F. Knorz eine Inaugural- Dissertation de
pili structura et genesi erschienen, welche ausser fleissiger Zusam-
menstellung der Literatur (doch: ist Erdl’s wichtige Abhandlung über-
sehen) auch mehrere eigenthümliche Beobachtungen bringt.
Ein Werk, von dem es für den Ruhm seines Verfassers
zu bedauern ist, dass es nicht schon vor 50 Jahren im Druck
herauskam, sind die Descriptiones animalium quae in itinere
ad maris australis terras per aunos 1772, 1773 et 1774 su-
scepto. collegit, observavit et delineavit Joannes Reinol-
dus Forster. Nune demum' editae auctoritate et impensis
Academiae litterarum regiae Berolinae curante H. Lichten-
stein. Berol. 1844.
Bekanntlich hatte Joh. Reinh. Forster nebst seinem Sohne Georg
Forster unter Cook eine Weltumsegelungs- Reise ausgeführt. Die
von ihnen beobachteten Thiere hatte der Vater beschrieben und der
Sohn abgebildet; durch Ungunst der Umstände kam jedoch dieses
Werk nicht zur Publication, sondern die Kupfer geriethen in die
Bibliothek von Banks und der handschriftliche Text seit 1800 in die
Bibliothek zu Berlin. Beide wurden seit dieser Zeit zwar mehrmals
benutzt, aber niemals vollständig, so dass immer noch viel im Rück-
stand blieb. Auf Lichtenstein’s Anregung entschloss sich die Berliner
Akademie zur Herausgabe des Textes und ersterer unterzog sich,
deren Besorgung. Wenn nun auch gleich ein grosser Theil der hier
beschriebenen Arten nicht mehr neu ist, so ist es doch von grossem
Werthe, dass die Originalbeschreibungen Forster’s endlich einmal
vollständig zur Publizität gebracht worden sind. Fische und Vögel
machen den Hauptgegenstand der Beschreibungen aus, doch sind
auch die Säugthiere nicht vernachlässigt und die Antilopen sogar in
einer besondern Monographie behandelt. Lichtenstein hat sich den
Dank aller Zoologen erworben,’dass er sich der grossen Mühe un-
terzogen hat, das Forster’sche Manuskript zu einem Gemeingute der
Wissenschaft zu machen.
Unter den Reisen, die zur Förderung der Naturgeschichte
beigetragen haben, ist zuerst zu nennen: Narrative of the
Naturgeschichte der Säugthiere während des Jahres 1845. 117
United States Exploring Expedition. During the years 1838,
1839, 1840, 1841, 1812. By Charles Wilkes, U. S. N.
Commander of tlıe Expedition. In five Volumes and an Atlas.
Philadelph. 1845. gr. 8.
" Die erste Weltumsegelungs-Reise, welche von der Regierung der
Vereinigten Staaten Nordamerika’s ausgerüstet wurde, theils um die
für den Wallfisch- und Robbenfang höchst wichtigen Stationen in
der Südsee genau kennen zu lernen und die einheimischen Interessen
daselbst zu vertreten, theils aber auch, um zur Förderung wissen-
schaftlicher Zwecke ebenfalls mitzuwirken. Ausser tüchtigen See-
offizieren wurden deshalb in letzterer Hinsicht der Expedition bei-
gegeben: Hale als Sprachforscher, Pickering und Peale als Na-
turforscher überhaupt, Couthry als Conchyliolog, Dana als Mine-
ralog, Rich als Botaniker, Drayton und Agate als Zeichner,
Brackenridge für Gartenbau-Interessen. An Wilkes hatte die Ex-
pedition einen erfahrenen und humanen Befehlshaber, der mit eben
so viel Ausdauer als Geschick die lange und bei ihrem zweimaligen
Vordringen gegen den Südpol auch sehr schwierige Reise zu einem
gedeihlichen Resultate führte. Sein Name wird für alle Zeiten in
der Reihe der berühmten Seefahrer mit Ehren genannt werden. Die
5 vorliegenden Bände enthalten die Geschichte der Reise und ge-
hören hinsichtlich der Pracht und Vollendung ihrer äussern Ausstat-
tung zu dem Ausgezeichnetsten, was je aus den Officinen hervorge-
gangen ist, wobei es nicht wenig lobenswerth ist, dass gleichwohl
jeder unnützer Luxus vermieden wurde, , Die Kosten der Herausgabe
sind von der Regierung bestritten worden.
Ueber den Fortgang der beiden andern Südpolar-Expe-
ditionen, des Erebus and Terror unter dem Kommando von
Ross, und des Astrolabe unter der Leitung von D’Urville
können wir für diesmal nichts berichten, da uns von der hier
einschlägigen zoologischen Abtheilung der ersteren keine neuen
Lieferungen zugekommen sind, von der französischen aber
der Text zu dieser Partie noch gar nicht begonnen hat.
Es ist bei dieser Gelegenheit ein grosser Uebelstand zur Sprache
zu bringen, der mit der Herausgabe der neueren französischen Reise-
werke, die auf Kosten der Regierung erscheinen, verbunden ist.
Während die Engländer in solchen Fällen jede Abtheilung gesondert
halten und jede Thierklasse in besondern Heften zugleich mit den
u ‚gehörigen Kupfern ausgeben, so dass das Publikum immer eine
Einsicht in den Fortgang des ganzen Werkes und eine leichte
. utzung der erschienenen Abtheilungen hat, geht in den französi-
schen Reisewerken Alles confus durcheinander, so dass in einem
Hefte die heterogensten Gegenstände beisammen liegen, von einzelnen
Klassen Kupfer erscheinen, während Jahre lang dazu der Text nicht
118 Andr. Wagner; Bericht über die Leistungen in der
nachfolgt, was zur Folge hat, dass man solche Werke unbenutzt lie-
gen lassen muss, bis sie endlich einmal zum Abschlusse gekommen
sind, der gewöhnlich nicht mit besonderer Eile herbeigeführt wird.
Dabei werden diese Reisen meist in eine Breite ausgedehnt, die
zwar der Leser durch Ueberschlagen vermindern kann, die aber von
unsern Bibliotheken, denen solche Werke nicht wie den französischen
geschenkt werden, mit theuerem Gelde erkauft werden muss. Am
Weitesten hat es in dieser Hinsicht der Astrolabe gebracht, indem
in der Reisebeschreibung auf den Bericht des Kommandanten auch
noch in einem besondern weitläufigen Anhange die Berichte der Of-
fiziere und Schiffsärzte folgen, so dass, wer Lust hat, das Nämliche
mehrmals, nur immer in andern Worten, lesen kann. Dies geschieht
selbst in der Erzählung der Prostitutionen, die schamloser Weise auf
Tahiti begangen wurden; Schilderungen, die man freilich nicht in
einem unter den Auspizien des Ministers Guizot erscheinenden Reise-
werke gesucht hätte. — In Ermangelung eines vorliegenden Textes
haben wir daher auch nichts über den Fortgang der Publicationen
der Weltumsegelungs-Reise der Venus unter Kommando von Du
Petit-Thouars und der nordischen Expedition zu berichten. D’Or-
bigny’s Reisebeschreibung, deren Bekanntmachung schon vor zwölf
Jahren begonnen, will wie eine Schraube ohne Ende gar nicht zum
Abschluss gelangen. Der ornithologische Theil ist ins Stocken ge-
rathen und der therologische hat sich begnügt vor längerer Zeit
einige Tafeln als verlornen Posten auszustellen. Jacquemont’s
Reise, deren Publication bereits vor zehn Jahren ihren Anfang nahm,
hat glücklicher Weise ein Ende gefunden; von ihr werden wir bei
Aufführung der Lokalfaunen noch besonders zu sprechen haben,
Von den zoologischen Jahresberichten, welche von der
schwedischen Akademie ausgehen, ist eine neue Fortsetzung
erschienen unter dem Titel: Arsberättelse om Zoologiens
franısteg under ären 1840—1842. Till Kongl. Vetenskaps-
Akademien afgiven af Zoologiae Intendenterna vid Rikets Na-
turhistorika Museum. Första delen (Anim. vertebrata) af ©. J.
Sundevall. Stockh. 1844. xıy u. 322 S. 8.
Sundevall’s Bericht erstreckt sich über alle Leistungen in der
Naturgeschichte der Wirbelthiere, die innerhalb der Jahre 1840— 1842
publizirt worden sind. Auch die fossilen Thierüberreste aus dieser
Abtheilung, sowie die Menschenrassen sind von ihm in Betracht ge-
zogen worden. Sein Bericht zählt mit grosser Vollständigkeit die
im bezeichneten Zeitraume erschienenen Leistungen auf und theilt
eine Menge werthvoller Bemerkungen über dieselbe mit. Es ist
Jaher sehr zu bedauern, dass seiner allgemeinern Verbreitung durch
die Sprache, in er er verfasst ist, ein grosses Hinderniss in den
Weg gelegt wird.
Naturgeschichte der Säugthiere während des Jahres 1845. 119
Die Lokal-Faunen sind mit Arbeiten wieder gut bedacht
worden.
Catalogo metodico dei Mammiferi europei di Carlo L.
Principe Bonaparte. Milano. 365. 4.
Nach Voraussendung einer allgemeinen Uebersicht über das Sy-
stem der Säugthbiere folgt die Aufzählung der europäischen Arten,
wobei jeder einige Synonyme beigegeben und in der Regel eine Ab-
bildung citirt ist. Als europäische Arten sind von dem Prinzen fol-
gende Arten aufgeführt:
1. PRIMATES. — 1. Inuus sylvanus.
1. FERAE. — a. Canidae: Canis lupus und aureus. — Vul-
pes vulgaris, melanogaster, corsac und lagopus.
b. Viverridae: Herpestes Widdringtoni. — Genetta vul-
garis.
c. Felidae: Lyncus borealis, cervarius, Iynx, pardinus, chaus.
— Felis catus.
d. Mustelidae: Lutra vulgaris. — Mustela lutreola, vulga-
ris, boccamela, erminea. — Putorius vulgaris und sarmaticus. —
Martes foina, abietina und zibellina. — Gulo luscus. — Meles
taxus.
e. Ursidae: Ursus niger?, arctos und formicarius, — Tha-
larctos maritimus.
11. PINNIPEDIA. — a. Phocidae: Phoca vitulina, foetida
(annellata), groenlandica und barbata. — Pelagius monachus. —
Stemmatopus cristatus. — Halichoerus gryphus.
b. Trichechidae: Trichechus rosmarus,
IV. CETAE. — a. Delphinidae: Delphinorhynchus co-
ronatus und micropterus. — Delphinus delphis und rostratus. —
Tursio truncatus. — Phocaena communis, orca, melas (globi-
ceps), Rissoana und grisea. — Delphinapterus leucas. — Hype-
roodon diodon. — Epiodon Desmaresti. — Monodon mono-
ceros.
b. Physeteridae: Physeter macrocephalus.
c. Balaenidae: Balaenoptera rostrata Schreb. tab. 336. —
Balaena mysticetus.
V. BELLUAE. — a. Sus scrofa. — b. Equus caballus.
VL PECORA. — a. Cervidae: Capreolus caprea und py-
gargus, — Cervus elaphus und corsicanus. — Dama platyceros.
— Tarandus rangifer. — Alces palmatus.
b. Bovidae: Saiga tatarica. — Capra caucasica, ibex, pyre=
naica und aegagrus. — Ovis orientalis und musmon. — Rupicapra
capella und pyrenaica. — -Bos urus und taurus.
"VL. CHIROPTERA. — Dysopes Cestonii. — Plecotus auri-
tus und brevimanus. — Capaccinius megopodius. — Myotis mu-
rinus, Bechsteinii, Daubentoni, dasyenemus und ? Nattereri. — Se-
120 Andr. Wagner: Bericht über die Leistungen in der
lysius, emarginatus und mystacinus. — Miniopterus Orsinü (s.
Schreibersii). — Noctula serotina (V. noctula), turcomana und
Leisleri. — Vespertilio murinus, scrotinus, alcythoe, aristippe,
leueippe, Savii, Bonapartii und borealis (s. Nilssoni). — Pipistrel-
lus Nathusii, Kuhlii, marginatus, ursula, typus (V. pipistrellus) und
nigricans Gene? — Barbastellus Daubentoni (V. barbastellus). —
Rhinolophus clivosus, ferrum equinum und hippocrepis.
VII. BESTIAE. — a. Talpidae: Talpa europaea und coeca.
b. Soricidae: Myogalea moschata. — Galemys pyrenaica.
— Crossopus fodiens. — Sorex araneus (s vulgaris Nath.), al-
pinus, Antinorii, pygmaeus und rustieus. — Pachyura etrusca. —
Crocidura musaranea (cum var. S. thoracicus) und leucodon.
c. Erinacidae: Erinaceus europaeus und auritus.
IX. GLIRES. — a. Sciuridae: Sciurus vulgaris, italicus? und
anomalus. — Tamias striatus. — Pteromys volans. — Spermo-
philus citillus, musicus, mugosaricus, fulvus und undulatus. — Ar-
ctomys bobac und marmota.
b. Muridae: Myoxus glis, dryas, quercinus und avellanarius.
— Dipus halticus und sagitta. — Alactaga acontion und jaculus.
— Meriones tamaricinus, meridianus und opimus. — Sminthus
loriger und betulinus. — Micromys vagus, agilis?, agrarius und
minutus. — Mus Pecchiolii, sylvaticus, hortulanus, musculus, islan-
dieus?, leucogaster?, tectorum, decumanus, rattus, — ? Musculus
frugivorus, dichrurus. — Cricetus nigricans, frumentarius, arena-
rius, phaeus, accedula.
c. Castoridae: Castor fiber. — Lemmus lagurus, torquatus,
norvegieus, schisticolor. — Arvicola terrestris, monticola, Musig-
nani, pertinax, amphibius, medius, ratticeps, arenicola, insularis,
agrestis, arvalis, Savii, incertus, subterraneus, socialis, oeconomus,
nivalis, rutilus, glareolus. )
d. Bathyergidae: Chthonoergus talpinus.. — Spalax
typhlus und Pallasii.
e. Hystrix cristata.
f: Lepus aquilonius, variabilis, borealis, hibernieus?, timidus,
canescens, mediterraneus, cuniculus, vermicula Gray? — Lagomys
pusillus
Im Ganzen sind 207 Arten aufgezählt und ist also wie das
neueste, so das reichhaltigste Verzeichniss europäischer Arten; bei
den Wallen sind indessen mehrere Veränderungen anzubringen, wie
dies eine Vergleichung mit meiner deinnächst beendigten Menrer-
phie der Walle ergeben wird.
Schulz, Fauna Marchica. Berl. 1845 ist mir noch nicht zu Ge-
rat gekommen.
Verzeichniss der in Würtemberg gegenwärtig häufiger
vorkommenden, theils in freiem, theils in gezähntem; Zustande
Naturgeschichte der Säugthiere während: des Jahres 1845. 121
lebenden Säugthiere, von G. Jäger (Würtemberg. naturw.
Jahreshefte I. S. 236).
Als merkwürdigere Vorkommnisse sind anzuführen: die Wild-
katze, hin und wieder in den Wäldern, der Hamster, in einzel-
nen Jahrgängen in der Gegend von Heilbronn und im Hohenlohischen
vorkommend, namentlich wurden im Jahre 1842 mehrere in der Ge-
gend von Heilbronn getödtet,; der Biber, noch einzeln und selten
an der Donau bei Ulm; das Wildschwein, selten mehr frei in
den Wäldern. Der Luchs ist seit Menschengedenken nicht mehr ge-
sehen worden; in einer Jagdordnung von 1742 ist er indess noch
unter den jagdbaren Thieren aufgeführt. Beigegeben sind interes-
sante Bemerkungen über die ältere Fauna Würtembergs,
Einige Bemerkungen über die Fauna um Udskoy Ostrog
am ochotskischen Meer finden sich in Th. v. Middendorff’s
Bericht von seiner im Jahr 1844 unternommenen sibirischen
Reise (Bullet. de la classe physico-math. de l’Acad. de Pe-
tersb. IV. p. 18 und 231).
Von Landsäugthieren wurden blos Rennthiere und Bären ge-
sehen. Das Meer ist unerklärlich leer an Brutvögeln, dagegen voll
Robben. Delphinus leucas sah M. täglich schaarenweise; am 13. Juli
zogen deren bei seinem Standort über tausend vorbei. An demsel-
ben Tage unternahmen die Wallfische auch eine Wallfahrt, deren
Ursache in der Ferne sichtbare Orca-Delphine zu sein schienen;
diese hielten die Höhe und die Wallfische drängten sich dergestalt
dicht an das Ufer, dass einige derselben sich schon in den Riffen
verirrten. Ueber 4% Stunden dauerte ununterbrochen ihr Zug, so
dass die Gesammtzahl auf 500 geschätzt wurde. In der Kopfform
ähnelten sie vollkommen der Balaena mysticetus, doch spricht die
Geringfügigkeit der gefundenen Barten für eine andere Spezies; „dass
kein Wasser ausgespritzt wird, war evident.”
Zwei Werke über die südasiatische Fauna sind beendigt
worden. Das eine gehört zu Jacquemont’s Reise und führt
den Titel: Voyage dans PInde par V. Jacquemont pendant
les annees 1828. Atlas. Planches des descriptions des collec-
tions. Paris 1844.
Die zoologische Ausbeute ist sehr unbedeutend, so dass die
ganze zoologische Abtheilung in diesem Atlas nicht mehr als 24 Ta-
feln aufzuweisen hat, wovon 8 auf die warmblütigen Thiere kommen.
Diese Tafeln stellen dar: 1. einen ganz jungen Tiger, 2. Felis Jac-
quemontü Is. Geoffr.,. 3. Schädel von Kelis chaus, caligata und
Jacquemontü, 4. Pteromys inornatus, 5. Arctomys caudatus Jacg,
6. Antilope Hazenna ls. Geoffr., 7. Phasianus albieristatus Gould
8. Ardea Bray Is. Geoffr. Der Text zu den Säugthieren und vo.
122 Andr. Wagner: Bericht über die Leistungen in der
geln ist von Is. Geoffroy gearbeitet, und zum grössten Theil von
uns schon in den früheren Jahresberichten erwähnt.
Desto bedeutender ist das andere Werk: Verhandelingen
over de Natuurlijke Geschiedenis der Nederlandsche overzee-
sche Bezittingen door de Leden der Natuurkundige Gommissie
in Indie en andere Schrijvers. Uitgegeben op Last van den
Koning door ©. J. Temminck. Zoologie. Leiden. 1839 bis
1844.
Hiermit ist ein Unternehmen zum Abschluss gekommen, dessen
grossen Werth wir schon mehrmals in unsern Jahresberichten her-
vorgehoben haben; ein Hauptwerk unserer Literatur, das von nun
an das Fundament zur Kenntniss der Thierwelt des indischen Archi-
pels abgiebt. Wir sind der holländischen Regierung zum grössten
Danke verpflichtet, dass sie in grossartiger Weise die Mittel zur
Herausgabe dieses Werkes verwilligt und dadurch zum Fortschritte
unserer Wissenschaft kräftiglich mitgewirkt hat. Die therologische
Parthie in selbigem besteht aus folgenden Stücken: 1. Ueber die
Säugthiere des indischen Archipels von S. Müller S. 1— 57 nebst
Tabellen. — 2. Beiträge zur Naturgeschichte des Orang-Utans
von H. Schlegel und S. Müller S. 1. — 3. Anatomische Unter-
suchung eines erwachsenen Orang-Utans männlichen Geschlechtes
von G. Sandifort 5.29. — 4. Monographische Uebersicht der Gat-
tung Semnopithecus von S. Müller und H. Schlegel S.57. —
5. Ueber die zur Zeit bekannten Eichhörnchen des indischen Ar-
chipels von denselben Verf. S. 85. — 6. Beschreibung eines Fleisch-
fressers aus der Familie der Zibethkatzen, des Potamophilus
barbatus, von denselben Verf. S. 115. — 7. Ueber eine neue Art
von Zibethkatzen auf Borneo S. 121. — 8. Ueber 3 Beutelthiere
aus der Familie der Kängurus S. 129. — 9. Beschreibung einer
neuen Art fleischfressender Beutelthiere, Phascogalea melas.
S. 149. — 10. Beschreibung eines merkwürdigen Insektenfressers,
Hylomys suillus. S. 153. — 11. Ueber die auf den indischen In-
seln lebenden Arten der Gattung Hylogalea, S. 159. — 12. Ueber
die wilden Schweine des indischen Archipels. S. 169. — 13, Bei-
träge zur Naturgeschichte der Nashörner des indischen Archipels.
5.183. — 14. Ueber die Rinder des indischen Archipels. S, 195. —
15. Ueber die Hirsche des indischen Archipels. S. 209; sämmtlich
von Nr. 7 an (gleich den meisten vorangehenden) von S. Müller
und H. Schlegel gearbeitet. — Zu dieser Abtheilung gehören 45
Tafeln, darunter etliche Doppeltafeln, die mit der grösst-möglichen
Vollendung verfertigt sind und dadurch würdig dem gediegenen Texte
zur Seite stehen. Von den aufgezählten Abhandlungen sind in unsern
frühern Jahresberichten schon mehrere zur Sprache gekommen; die
andern werden im gegenwärtigen in Betracht gezogen werden.
7
Naturgeschichte der Säugthiere während des Jahres 1845. 123
Wahlberg. übersandte an ‚die ‚schwedische Akademie
einen kurzen Bericht von seiner Reise im südlichen Afrika.
Derselbe befindet sich in der Öfversigt af K. V. A. Förhandl.
Arg. 2. S. 56 (ausgezogen im Archiv skand. Beitr. z. Naturgesch. 1.
3.$. 413) und man ersieht daraus, dass Wahlberg äusserst reichhal-
tige Sammlungen, namentlich auch von Säugthieren, zusammenge-
bracht hat. Seine Bemerkungen über die Nashorn-Arten werden wir
später mittheilen.
Von A. Smith’s Nlustrations of the Zoology of South Africa
hat das Jahr 1845 wieder 2 Hefte, Nr. 22 u. 23 gebracht, in denen 3
Arten von Säugthieren beschrieben und abgebildet sind.
J. v. Tsehudi’s Untersuchungen über die Fauna Pe-
ruana auf einer Reise in Peru während der Jahre 1838, 1839,
1840, 1841 und 1842. St. Gallen, haben bereits die therolo-
gische Abtheilung vol!ständig in den ersten 6 Heften geliefert,
Ueber den Werth dieser ausgezeichneten Arbeit brauchen wir
uns nur auf unsern vorjährigen Bericht zu berufen, indem Alles, was
wir von den ersten Lieferungen sagten, auch von den folgenden gilt.
Reich an neuen Beobachtungen, gründlich und gediegen in der Fest-
stellung der Arten, treu in den Abbildungen, gefällig in der äussern
Ausstattung und doch dabei fern von unnützer luxuriöser Pracht,
den Mann der Wissenschaft, nicht den Dilettanten ins Auge fassend,
haben wir hier ein Werk vor uns, wie wir zum Nutz und Frommen
unserer Wissenschaft uns recht viele wünschen möchten.
Dasselbe können wir leider nicht sagen von einer andern
Fauna, auf deren Erscheinen wir uns sehr gefreut hatten:
Audubon and Bachman, the viviparous quadrupeds of
North-America. New-York.
Die nordamerikanische Säugthier-Fauna ist wegen ihrer Ver-
wandtschaft mit der europäischen, zumal durch ihre stellvertretenden
Arten, so interessant, gleichwohl bisher gerade in Bezug auf letztere
noch keineswegs mit der erforderlichen Genauigkeit untersucht, dass
Bachman eben deshalb Gelegenheit hatte eine höchst verdienstliche
Arbeit auszuführen. Durch seine Reisen in Europa ist er mit unse-
rer Literatur, unsern Sammlungen und unserer Fauna bekannt ge-
worden und von ihm ist deshalb am ersten eine genaue Auseinan-
dersetzung der nordamerikanischen Arten mit Angabe ihrer verwandt-
schaftlichen Verhältnisse zu den europäischen zu erwarten, Leider
aber hat er sich den Maler Audubon zugesellt, der daraus ein Bil-
derwerk gemacht hat, das, wenn es vollständig sein wird, über tau-
send Gulden zu stehen kommt, also einen Aufwand erfordert, um
den man fast alle nordamerikanischen Säugthier-Arten sich anschaf-
fen kann. ‚Unter solchen Umständen kann es natürlich für den Na-
turforscher vom Fache gar keine Frage sein, was er vorzieht, ob
124 Andr. Wagner: Bericht über die Leistungen in der
die Natur oder ihre Kopie, mag diese auch mit noch so viel Kunst
gefertigt sein. Es wird aber — und dies ist der grosse Uebelstand
— nur höchst wenigen Naturforschern die Benutzung dieses Bilder-
krames möglich werden, da es selbst den grössern Bibliotheken
nicht; zugemuthet werden kann, denselben, mit Hintansetzung des An-
kaufes streng wissenschaftlicher Werke, sich anzuschaffen. Wenn
also der Text von Bachman nicht besonders zu haben sein wird,
was Ref. dermalen noch nicht in Erfahrung hat bringen können,
wenn etwa das Bilderbuch von Audubon ein unerlässliches Anhängsel
ist, so mag zwar diese Fauna in den Zirkeln der reichen Dilettanten
eine Verbreitung finden, in den wissenschaftlichen Kreisen dagegen
wird sie so ziemlich als nicht vorhanden behandelt werden. Bis
jetzt hat Ref. nichts weiter als etliche Hefte vom Bilderbuche ge-
sehen; vom Text ist ihm noch nichts zugekommen. Ueber derartige
Luxuswerke, die zum grossen Schaden der Wissenschaft jetzt immer
mehr in unsere Literatur sich eindrängen, theilt Ref. ganz das Ur-
theil, das J. v. Tschudi über sie ausgesprochen hat und das im or-
nithologischen Berichte mitgetheilt werden wird.
Lund hat seine interessanten Untersuchungen über die
brasilischen Thiere der Vor- und Mitwelt fortgesetzt und in
den Abhandlungen der dänischen Akademie von 1843 eine
neue Arbeit erscheinen lassen unter dem Titel: Om de nule-
vende og uddöde Arter af Rovdyrenes Familie paa det tro-
piske Brasiliens indre Höisletter. Förste Afdeling: Hunde-
gruppen. S.1— 78 mit Tab. 40— 46.
Wie schon der Titel aussagt, handelt es sich in dieser Arbeit
von den brasilischen Arten der Familie der Hunde, sowohl von den |,
noch lebenden als von den ausgestorbenen, deren Ueberreste Lund
in den brasilischen Höhlen entdeckt hat. Wir werden auf diese
treffliche Abhandlung bei Vorführung der Arbeiten über die Familie
der Hunde zurückkommen und werden sie dann ausführlicher be-
sprechen.
Durch die Arbeit von Lund sind wir bereits auf das pa-
laeontologische Gebiet hinüber geführt, und reihen somit gleich
unsere Anzeige von den hier uns zur Kenntniss gekommenen
anderweitigen Leistungen an.
Zur Fauna der Vorwelt. Fossile Säugthiere, Vögel und
Reptilien aus dem Molasse-Mergel von Oeningen. Von H.
_ v.Meyer. Frankf. 52 S. fol. mit 12 Tafeln Abbild.
Die Versteinerungen von Oeningen gehören zu den berühmtesten
in der Welt, daher H. v. Meyer eine dankenswerthe Arbeit mit ihrer
genauen Bestimmung und ihrer Darstellung in meisterhaften Zeich-
nungen vorgenommen hat. Unter den Ueberresten von Säugthieren
Natürgeschichte der Säugthiere während des Jahres 1845. 195
hat er erkannt: 1. Mastodon, 2. Canis palustris, 3. Lagomys oenin-
gensis und Meyeri. An Ueberresten von Vögeln haben sich vorge-
funden: eine Feder, ein kleiner Schädel mit Federn und Schnabel
versehen, ein Unterschenkel nebst dazu gehörigem Mittelfuss und
Ueberresten von Zehen. Mit Sicherheit konnten diese mangelhaften
Fragmente von Vögeln keiner bestimmten Gattung zugewiesen werden.
A History of British Fossil Mammalia and Birds. By
R. Owen. Lond. 1845. Part 7 — 10.
Im verwichenen Jahre sind uns hiervon 4 Hefte zugekommen,
welche die Diekhäuter mit Einschluss der Einhufer zu Ende bringen
und den Anfang von den Wiederkäuern liefern.
Deseriptive and illustrated Catalogue of the Fossil Or-
ganie Remains of Manımalia and Aves contained in the Mu-
senm of the Royal College of Surgeons of England. Lond.
1845. 391 S. 4. mit 10 Kupfertafeln.
Der Verf. dieses Katalogs ist weder auf dem Titel noch in der
Vorrede genannt, doch werden wir nicht irren, wenn wir die Ver-
muthung aussprechen, dass das vorliegende Verzeichniss unter
Owen’s Leitung angefertigt wurde und dass ganze Parthien wohl
von ilım unmittelbar bearbeitet sind. Man staunt bei der Durchsicht
über den Reichthum an urweltlichen Ueberresten, die in einer Samm-
lung aufgehäuft sind, wo man sie gar nicht gesucht hätte. Aus
Owen’s früheren Arbeiten weiss man schon zum Theil, welche kost-
bare Schätze aus den verschiedenartigsten Ländern hier aufbewahrt
sind. Genauer wird man mit ihnen bekannt aus diesem Katalog, der
allein aus der Klasse der Säugthiere 1549 Nummern an fossilen
Ueberresten derselben aufzählt, die folgenden Gattungen angehören:
1. Carnivora: Ursus, Gulo, Putorius, Canis, Machairodus, Hyaena,
Felis. — 2. Rodentia: Castor, Trogontherium, Ctenomys. — 3.
Edentata: Megatherium, Megalonyx, Mylodon, Scelidotheriuın,
Glyptodon. — 4. Pachydermata: Toxodon, Elephas, Mastodon,
Dinotherium, Lophiodon, Coryphodon, Tapirus, Palaeotherium, Rhi-
noceros, Acerotherium, Elasmotherium, Macrauchenia, Equus, Hippo-
potamus, Hexaprotodon, Anthracotherium, Sus, Choeropotamus, Hy-
racotherium, Anoplotherium, Dichobune. — 5. Ruminantia: Came-
lopardalis, Cervus, Palaeomeryx, Microtherium, Sivatherium, Bos. —
6. Cetacea: Delphinus, Monodon, Hyperoodon, Zeuglodon, Physe-
ter, Balaena, — 7. Marsupialia: Diprotodon, Nototherium, Ma-
eropus, Hypsiprymnus, Phascolomys, Dasyurus, Thylacinus. — Man
ersieht schon aus diesen Angaben die Wichtigkeit der hier aufbe-
wahrten Ueberreste, Alle sind in diesem Katalog besonders aufge-
führt und, wo es nöthig war, auch ausführlich beschrieben. Die
vomOwen aufgestellten Gattungen Diprotodon und Nototherium findet
man hier zuerst umständlich geschildert, Der Katalog ist also weit
mehr als ein Namensverzeichniss, er ist zugleich wesentlich be-
126 Andr, Wagner: Bericht über die Leistungen in der
schreibender Art und giebt so viele neue Aufschlüsse, dass er einen
wichtigen Beitrag zur Palaeontologie bildet. ‘Noch ist der vortrefi-
lich auf Stein ausgeführten 10 Tafeln, Ueberreste von Glyptodon,
Diprotodon und Nototherium darstellend, zu erwähnen, unter denen
insbesondere auf Tab. 7, 8 und 9 aufmerksam zu machen ist, da sie
in einer eigenthümlichen Tuschmanier gearbeitet sind, die mit glei-
cher Vollendung die sanftesten wie die kräftigsten Töne zulässt,
während die Schärfe der Umrisse allenthalben bewahrt bleibt.
Fauna antiqua sivalensis, being the Fossil Zoology of
the Sewalik Hills in the north of India. By Hugh Faleoner
M.D. and Proby T. Cautley, Letter-press. Part, I. 1846.
8. — Ilustrations. Part. I. 1845. fol.
H. Falconer, Militairarzt in Indien und Cautley, Capitain
bei der bengalischen Artillerie, haben sich schon seit längerer Zeit
durch Entdeckung höchst merkwürdiger Ueberreste urweltlicher
Thiere in den Sewalikbergen des nördlichen Indiens bekannt gemacht.
Den unvollständigen früheren Mittheilungen soll jetzt die vollständige
Beschreibung nachfolgen, und Falconer hat sich deshalb nach Eng-
land begeben, um dieselbe dort auszuführen. Der Anfang ist mit
den rüsseltragenden Dickhäutern gemacht und es liegen uns bereits
2 Hefte vor, wovon das eine den Text, das andere die Abbildungen
eröffnet. Nach diesen Proben darf man sich ein Werk von Bedeu-
tung, auf gründlichen Untersuchungen und genauer Kenntniss der Li-
teratur beruhend, versprechen. Dasselbe wird übrigens nicht blos
die in den Sewalikbergen ausgegrabenen Ueberreste, sondern auch
solebe aus andern Gegenden Indiens, welche ähnliche Denkmale ge-
liefert haben, schildern. Der Text erscheint in Oktav, was sowohl
der bequemern Benutzung als auch der Verminderung der Kosten
wegen sehr zu billigen ist; die Abbildungen dagegen, welche vor-
trefllich auf Stein ausgeführt sind, in Folio. Der Titel dürfte übri-
gens hinsichtlich des Ausdrucks: Fossil Zoology verbessert werden,
denn nur die Objekte, aber keineswegs die Kenntniss derselben ist
fossil.
Anleitungen zum Präpariren und Aufbewahren sind mir
aus eigener Durchsicht zwei bekannt geworden:
Demonstrative Naturgeschichte oder Erfahrungen und Be:
lehrungen über das Sammeln, Präpariren, Klassifieiren, Auf-
stellen, Verwahren und Demonstriren der Naturkörper aller
drei Reiche, nebst Beschreibung der Lebensweise der Thiere,
so wie ihrer Körperhaltung bei allen Bewegungen, von Dr.
A. Held. Stuttg. 536 S. mit 7 Taf. Abbild. 8. e
Der Verf. dieses Buches hat in der Kunst des Präparirens und
Aufstellens der Thiere eine unübertroffene Meisterschaft erlangt, wie
dies die von ihm bearbeiteten Gegenstände in unserer, Sammlung
Naturgeschichte der Säugthiere während des Jahres 1845. 127
bezeugen und wie solches Rudolf Wagner in Bezug auf die Monti-
rung der Skelete in seinen lcones zootomicae $. ıy bereits attestirt
hat. Er theilt nur im vorliegenden Buche seine Methode mit und
nicht nur dies, sondern zugleich seine Erfahrungen über die Lebens-
weise, Sitten und Bewegungen der Thiere, wie sie ihm aus einer
langen Beobachtung bekannt geworden sind und womit der Präpa-
rator vertraut sein muss, wenn er naturgemässe Darstellungen für
die Sammlungen liefern will. Diese Abtheilung des Buches ist aber
nicht blos für den Präparator, sondern für jeden Zoologen höchst
belehrend, da die Schilderung der Lebensweise der Thiere durch-
gängig auf eigenthümlichen Beobachtungen ruht, indem der Verf. von
Jugend an jede Gelegenheit zur Anstellung derselben benutzt und mit
scharfem Blicke aufgegriffen hat. Es soll daher dieses Buch, als ein
sehr belehrendes, den Naturforschern bestens empfohlen sein.
Der Conservator oder praktische Anleitung Naturalien
aller Reiche zu sammeln, zu conserviren und für wissenschaft-
liche Zwecke wie auch zum Vergnügen aufzustellen. Von
Streubel. Berl. 396. 8.
Die Erfahrungen eines grossen Meisters in der Kunst des Prä-
parirens, des Inspektors Rammelsberg, sind hier zu Grunde gelegt.
Nebst dem ist aber viel Fremdartiges, das man in einem solchen
Buche nicht gesucht hätte, wie denn z.B. von S. 71—253 eine Ueber-
sieht der in Deutschland wild wachsenden phanerogamischen Pflan-
zenfamilien und Gattungen mitgetheilt wird. Für den eigentlichen
Zweck bleibt also nicht sonderlich viel Raum übrig.
Zuletzt erwähne ich noch eines Werkes, wenn gleich es
nur in allgemeineren Beziehungen den Gegenstand unseres
Berichtes berührt, Es ist dies die Histoire des sciences de
Vorganisation et de leur progres comme base de la philoso-
phie, par M. D. de Blainville.
Bis jetzt sind 3 Bände von dieser Geschichte der Wissenschaf-
ten, die sich mit den organischen Naturreichen befassen, erschienen
und ein vierter soll noch nachfolgen. Dies ist ein seltsames uner-
freuliches Buch. Man erfährt aus selbigem nur, wie der Verf. nach
seinen subjektiven Meinungen die Geschichte sich construirt, nicht
wie sie objektiv sich gestaltet hat. Man nehme nur z.B. die Liste
der Namen, die er als Contemporains aufführt. Diese sind: Jussieu.
— Vieg d’Azir. — Pinel. — Bichat. — Broussais. — Gall. — La-
marck (Cuvier). — Oken (Kant, Fichte, Schelling, Goethe, Oken).
Man staunt sowohl darüber, welche Namen hier als Repräsentanten
der sogenannten organischen Wissenschaften genannt, als auch dar-
über, welche nicht genannt oder in welcher Stellung sie genannt
sind. So macht man Geschichte; eine Kunst, die allerdings in neue-
rer Zeit es zur grossen Virtuosität gebracht hat. Während hier
123 Andr. Wagner: Bericht über die Leistungen in der
Vieg d’Azir und Pinel eine Bedeutung erlangen, die sie in der ge-
sehichtlichen Entwickelung der Naturgeschichte gar niemals gehabt
haben, wird dagegen Cuvier in einer Weise herabgesetzt, die blos
Indignation erregen kann. Man höre nur, was unter anderem 11.
p- 409 über ihn zu lesen ist: „Esprit penetrant,.il parut capable de
tout; mais n’aborda jamais aucune difficulte serieuse pour la resou-
dre. ]l savait choisir tout ce qui se pretait a une exposition rapide
et facile; eloignant avec soin toutes les diffieultes, il eerivit le plus
souvent pour ceux qui lisent, mais non pour ceux qui etudient. —
ll ne restera que peu de chose de lui dans la science, .... deja son
systeme zoologique est abandonne; il en est de meme de son systeme
paleontologique. et de sa theorie de la terre. Il ne restera que des
faits nombreux d’anatomie comparee et de paleontologie. Cuvier
n’est done pas l’Aristote des temps modernes, puisqu’il n’a point
embrasse le cercle des connaissances humaines. — Il ne pouyait
done pas caracteriser une epoque; il n’est peut-etre que le comple-
ment de Lamarck dans la seule direction anatomique. So wagt von
einem der hochbegabtesten Naturforscher aller Zeiten, auf dessen
Riesenschultern die ganze neuere Zoologie und Palaeontologie ruht,
ein Mann zu sprechen, der sich denn doch bei einiger Bescheiden-
heit zuvor die Frage hätte beantworten sollen, ob ihn denn wohl
das stimmfähige Publikum als eine Autorität zur Aburtheilung über
Cuvier gelten lassen würde. Blainville dünkt sich freilich unendlich
erhaben über seinen Vorgänger, weil er glaubt den ganzen cerele
des connaissances humaines umspannt und mit der Macht philoso-
phischer Speculation durchdrungen zu haben, während Cuvier sich
nur auf einen Theil des menschlichen Wissens beschränkt und über-
dies der Naturphilosophie gar keinen Respekt bezeugt, ja vielmehr
sie als eine den richtigen Entwickelungsgang der Naturwissenschaft
störende Erscheinung bezeichnet habe, Wir treten auch in dieser
Beziehung der Meinung Cuvier’s bei und sind des weitern Dafürhal-
tens, dass jeder Unbefangene, der nur einigermassen die Richtung
und Leistungen der neueren französischen, sogenannten naturphiloso-
phischen Schule kennt, sie mit uns theilen wird und wirklich theilt,
indem sie in der That blos innerhalb eines sehr kleinen Kreises ru-
mort, ausserhalb desselben aber gar keine Notiz von ihr genommen
wird. Höchst ergötzlich ist es, das Urtheil Blainville’s über die
deutsche Philosophie zu lesen, die ihm offenbar nicht aus dem Quel-
lenstudium, sondern aus dem Referate eines Dritten bekannt ist, wie
er sich denn auch einmal hinsichtlich eines Ausspruchs von Kant
ganz naiv auf eine Mittheilung von Spix beruft. Ueber Goethe,
auf den er zunächst in seiner Eigenschaft als Naturforscher zu
sprechen kommt, fällt er ein noch weit schlimmeres Urtheil als über
Cuvier, indem er ll. S. 484 sagt: „Goethe, le Voltaire de l’Alle-
magne, qui avec son esprit satanique, sa vanite oorgueilleuse,. va
saper de front toute morale et toute idee grande.” So wenig Ref.
Naturgeschichte der Säugthiere während des Jahres 1845. 129
den Götzendienst, den eine grosse Menge mit Goethe treibt, theilt,
so wenig kann er ihm seine grossartigen Leistungen durch die An-
griffe eines beschränkten Zeloten, der nicht einmal der Sprache des
Dichters mächtig ist, verkümmern lassen. Am Befremdlichsten tritt
uns in Blainville’s Geschichte eine engherzige religiöse Anschauungs-
weise entgegen, wie man sie ganz anderswo als_bei einem Mitgliede
des pariser Institutes gesucht hätte. So z. B. heisst es von Haller
(111. p. 475): „on est attendri de cette elevation continuelle de son
äme ä Dieu, qui faisait de toute sa vie une admirable priere; ‚on
voit qu’il manquait une chose a sa consolation et l’on regrette
qu’elle ne lui ait point ete donnee, c'est la foi. orthodoxe.” Blain-
ville begnügt sich nicht damit, als höchste Aufgabe der Wissenschaft
die Versöhnung des Wissens mit dem Glauben darzustellen, sondern
ihren Zeitpunkt bezeichnet er mit der Devise: „These catholique
dernier besoin de la science.” Und damit man nicht etwa meine,
dass dieses letzte Bedürfniss noch in. grauer Ferne uns vorschwebe,
sondern bereits realisirt sei, braucht man nur die Tabelle anzusehen,
auf welcher in immer grösser werdenden Kreisen die Namen der
Männer, welche die verschiedenen Entwicklungsstufen und Richtun-
gender sogenannten organischen Naturwissenschaften repräsentiren,
eingetragen sind, bis zuletzt ein allergrösster Kreis kommt, in dem
"nur obige Devise zu lesen ist, während der dankbaren Mit-. und
Nachwelt es vorbehalten bleibt, den Namen des grossen Reformators
der Naturwissenschaften selbst einzutragen und seiner Thesis sich
anzubequemen,
Simiae,
"Von Breschet ist eine Abhandlung angekündigt: Recherches
anatom. et phys. sur la gestation des Quadrumanes, welche in den
Mem. de l’Acad. des sciences de Institut de France XIX, (1845)
erschienen, uns aber noch nicht zugekommen ist.
Simiae catarrhinae. Ueber die auf den Sunda-Inseln
lebenden ungeschwänzten Affen-Arten hat Sal. Müller die
Resultate seiner umfassenden Untersuchungen bekannt gemacht.
Da dieselben in unserem Archive S. 72 eingerückt sind, so ist
jede weitere Anzeige hier überflüssig, nur will Ref. bemerklich
machen, dass er mit S. Müller’s Festsetzung der Arten vom Orang-
Utan und den Gibbons vollkommen einverstanden ist und schr viele
Belehrung aus dieser interessanten Abhandlung geschöpft hat.
En Ueber die indischen Affen mit Einschluss der in Assam,
Arracan und Tenasserim sich ‚ aufhaltenden hat E. Blyth
seine Beobachtungen mitgetheilt.
Sie finden sich im Journ, of tlıe Asiat, Soc. of Bengal 1844. Nr.
66 und daraus in den Ann. of nat. hist. XV, p. 449, Nachstehende
Arten kommen daselbst vor:
Archiv 1. Naturgesch, XI, Jahrg. 2. ld I
130 Andr. Wagner: Bericht über (die Leistungen in der
1) Hylobates syndactylus, nach Helfer bis zum 15° n..Br. ver-
breitet. — 2. H. Lar, gemein in Tenasserim, nordwärts bis nach
Arracan und südwärts bis zur Strasse von Malakka. — 3. H. Hulock,
auf den Bergzügen von Assam, Sylhet und Arracan.
4. Semnopithecus Entellus, in Bengalen und Assam; Cuttack?
— 5.8. Anchises Elliot, Central-Tafelland der indischen Halbinsel
und Fuss der westlichen. — 6. $.'schistaceus, Nepal. — 7. S. Pria-
mus Ell., Koromandelküste. — 8. $. hypoleucos Blyth, Travancore
und Malabar. — 9. $. pileatus Blyth, Tipperah und Chittagong. —
10. S. cephalopterus Zimm., Geylon und Nilgherries. — 11. $. ob-
scurus (©. eristatus? Raffl.), Arracan, Tenasserim, südwärts bis zur
Strasse und wahrscheinlich (?) Sumatra.
12. Macacus silenus, Ceylon und die benachbarten Bezirke der
Halbinsel. — 13. M. nemestrinus (2), Arracan, Tenasserim. — 14,
M. Rhesus, Bengalen, Assam, Nepal, Simla. — 15. M. assamensis,
Assam, — 16. M. cynomo/gus?, Arracan, Tenasserim. — 17. M. ra-
diatus, indische Halbinsel. — 18. M. sinieus, südlichster Theil von
Indien und Ceylon.
Aus den weitläufigen Bemerkungen Blyth’s dürfte hier Folgendes
hervorzuheben sein. Vom Hulock hat. er ein Exemplar gesehen,
welches durch seine blasse Färbung sich ganz demjenigen annäherte,
das als A. choromandus bezeichnet wurde. Die Schlankaffen bringt
er in 2 Gruppen, wovon die eine Jen $. obseurus, pileatus und .ce-
phulopterus, die andere die übrigen Arten umfasst; letztere, die meist
unter S. Entellus eonfundirt wurden, sind charakterisirt durch ihre
Physiognomie und haben einen Haarwirbel an der Stirne, etwas hin-
ter dem Augenbraunen-Kamme. Es wäre sehr zu wünschen, dass
Blyth sich mit der Monographie der Schlankaffen von H, Schlegel
und $. Müller bekanft gemacht hätte, damit er daran ‚seine, neu
aufgestellten Arten hätte prüfen können.
Observations on the external characters and habits of
the Troglodytes niger by Thomas S. Savage, and on its
organization by Jeffries Wyman (Boston Journal of Natu-
ral History. IV. 3 (1843) p. 362, 4 (1844) p. 377.
Missionar Savage, am Kap Palmas in Oberguinea stationirt, hatte
an die naturhistorische Gesellschaft in Boston mehrere Stücke vom
Schimpanse, zugleich mit seinen Beobachtungen über die Lebens-
weise und die äussern Charaktere dieser Thiere eingeschickt. Die
eingesandten Stücke bestanden aus einem fast ganzen Skelete, dem
Kopfe mit den Integumenten bedeckt, den Respirations-, so wie den
männlichen und weiblichen Geschlechtsorganen und den vordern und
hintern Händen, Alles von Erwachsenen; ausserdem ein ganzes Exem-
plar von einem jungen Männchen. Dieses Material benutzte Wyman
zu einer höchst sorgfältigen und genauen Vergleiehung mit Tyson’s
und Owen’s Angaben von dem äussern und innern Bau des Schim-
‘
Naturgeschichte der Säugthiere während des Jahres 1845. 191
panses, und indem er ältere’ und auch mehr Exemplare als die ge-
nannten Beobachter vor sich 'hatte, konnte er jene Arbeiten in meh-
reren Stücken vervollständigen. Sehr werthvoll sind ebenfalls die
mitgetheilten Beobachtungen von Savage üher die Lebensweise die-
ser Thiere, da sie die ersten authentischen sind und wir daraus er-
sehen, dass die Schimpanses auch in dieser Hinsicht mit ihren sun-
daischen Verwandten, den Orang-Utans, übereinkommen. Nur das
Wichtigste soll aus dieser trefllichen Abhandlung hier hervorgehoben
werden.
Die Länge erwachsener Thiere beträgt fast 5’. Die Augenbrau-
nen-Leiste bei allen auffallend vorspringend. Die Alten können ihre
Hand nicht nach Art der menschlichen ausbreiten, indem die Finger
durch lange Verwendung zum Greifen gekrümmt und zusammenge-
zogen sind. Diese Contractionen sind von der Art, dass sie beim
vierfüssigen Gang auf den Knöcheln anstatt auf den Handsohlen
ruhen, weshalb an jenen Theilen die Haut sehr verdickt ist. Owen
fand am Schädel die Näthe deutlich- erhalten, während sie Wyman
an einem älteren Exemplare ganz vermisste, auch das Unteraugen-
höhlenloch nicht einfach, sondern gedoppelt, ja an einem anderen
Individuum sogar dreifach wahrnahm. Wirbel sind vorhanden: 7
Halsw., 13 Rückenw., 4 Lendenw. und 9 Kreuz- und Steissbeinwir-
bel. Die Samenbläschen des Männchens sind im Verhältniss zu den
menschlichen ausserordentlich gross, wie dies bei den Weibchen
mit der Clitoris der Fall ist. Der Fruchthälter ist ähnlich dem
menschlichen, doch weniger birnförmig. Der Kehlkopf ist mit einem
grossen häutigen Sack versehen, der mit den Ventrikeln communizirt,
und beim jungen Exemplare eine andere Beschaffenheit zeigte als
sie Vrolik angab. Anstatt nämlich einfach zu sein, war er, der
Mitte des Kehlkopfs gegenüber, zweispaltig, wobei jeder Zipfel eine
birnförmige Gestalt hatte und sich unter dem Schlüsselbein bis zur
Achsel ausdehnte.
Die Nahrung der Schimpanses besteht im Freien in Früchten,
doch werden sie in der Gefangenschaft leicht an das Fleisch gewöhnt.
Ihre Wohnstätten erbauen sie sich auf Bäunten, doch gleichen sel-
bige mehr Nestern als Hütten, wie sie irriger Weise von einigen
Naturforschern genannt wurden. Gewöhnlich bauen sie nicht hoch
über dem Boden und legen ihr Nest aus Aesten und Zweigen an, die
niedergebogen oder auch theils abgebrochen und eingeflochten wer-
den. Bisweilen sieht man es auch gegen das Ende eines starken
belaubten Astes in einer Höhe von 20—30 Fuss über dem Grunde;
in einem Falle entdeckte es Savage sogar noch höher. Ihr Aufenthalt ist
kein ständiger, sondern wird zur Aufsuchung der Nahrung und der
Ruhe nach Umständen gewechselt. Selten averden mehr als ein oder
zwei Nester auf einem Baume oder in der Nähe beisammen gesehen;
ein einzigesmal wurden fünf gefunden. Sie leben nicht in „Dörfern”,
wie die älteren Erzählungen fabelten, werden auch mehr paarweise
132 Andr.Wagner: Bericht über die Leistungen in der
als in Horden gesehen, doch sollen sie bisweilen in grösserer An-
zahl sich zum Spielen versammeln. In der Ruhe nehmen sie ge-
wöhnlich eine sitzende Stellung an. Mitunter trifft man sie wohl
stehend und gehend an, wenn sie aber so entdeckt werden, werfen
sie sich gleich auf alle Viere und entfliehen. Ihre Organisation ist
von der Art, dass sie nicht aufrecht stehen, sondern vorwärts sich
neigen; daher legen sie auch beim Stehen die Hände auf den Hinter-
kopf oder die Lenden, um das Gleichgewicht, wie es scheint, nicht
zu verlieren. Wie schon erwähnt, sind die Finger der Erwachsenen
gekrümmt und können nicht vollkommen «estreckt ‚werden. | Ihre
natürliche Stellung ist auf allen Vieren, wobei der Körper vorn auf
den Knöcheln ruht. Sie sind vortreffliche Kletterer, schwingen sich
von Ast zu Ast auf eine grosse Entfernung hin und springen mit er-
staunlicher Geschicklichkeit. Niemals scheinen ‚sie zum Angriffe
überzugehen und ihre Vertheidigung beschränkt sich auf Beissen, , In
ihren Gewohnheiten sind sie sehr unreinlich; in der Gefangenschaft
essen sie selbst ihre eignen Exkremente. Nach der allgemeinen
Sage der Eingebornen sollen diese Affen einst Mitglieder ihres eig-
nen Stammes gewesen, aber wegen ihrer schlechten Aufführung von
aller menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen worden sein, wo, sie
dann durch Verharren in ihren schlimmen Gewohnheiten endlich in
ihren gegenwärtigen Zustand versanken. Trotz dieser Verwandtschaft
werden sie gleichwohl von den Negern gegessen. Die Schimpanses
zeigen einen merkwürdigen Grad von Intelligenz und die Mütter eine
grosse Liebe zu ihren Jungen.
Horsfield brachte Cantor’s Beobachtungen über zwei
Arten Schlankaflen der malayischen Halbinsel zur Publizität
(Ann. of nat. ‚hist. XV. p. 497).
Der eine ist der Semnopithecus cristatus Horsf, der sowohl auf
der Prinz Wales-Insel als auf der gegenüberstehenden Seite der ma-
layischen Halbinsel vorkommt. Der andere wird von Cantor als eine
neue Art unter dem Namen Semnopithecus halonifer folgen-
dermassen charakterisirt: „nitide cinereo-nigrescens, crista occipitis
cana, abdomine subalbido, cauda subcinerea; facie, auribus, manibus,
pedibus tuberibusque ischiatieis nigris; palpebris labiisque lacteis
veluti,. halonibus circumdatis; tarsis palpebrarum nigris, phalan-
gibus digitorum primis membrana inter se junctis. Juvenis palli-
dior, crista oceipitis cinerea,.facie nigro-coerulescenti. Neonatus
nitide fulvus.” Scheint nahe verwandt dem S. maurus Horsf. und
der Magen ist, mit einigen Modificationen von derselben Beschaffen-
heit wie bei den andern Arten,
J. E. Gray trenme von ÜCercopithiecus Petaurista eine
besondere Art unter dem Namen (©. melanogenys ab (Ann.
of nat. hist. XVI. p. 212).
Er unterscheidet sich durch die Vertheilung der Farben an den
Naturgeschichte der Säugthiere während des Jahres 1845. 133
Wangen, die bei C. melanogenys unten schwarz, oben gelblich sind,
während bei C. Petäurista sie oben schwarz und unten gelblich sind,
gleich der Kehle und Brust; 2 durch den Nasenfleck, der bei dieser
oval und länglich, bei der neuen Art breit und herzförmig ist, 3
durch die allgemeine Färbung. Bei der grossen Veränderlichkeit der
Färbung von C. Petaurista scheint die neue Art noch wenig gesichert
zu sein. — Gray giebt mn eine schematische Anordnung
der Meerkatzen.-
a. Gesicht fleischfarbig, Backenbart weiss: .e. cynosuros.
5. Gesicht schwarz, Backenbart weiss: «. keine Stirnbinde, €.
sabaeus; 3. deutliche Stirnbinde, kein Kinnbart, ©. pygerythrus, ©.
engytlithia (\) und C. ruber, y. deutliche Stirnbinde und Kinnbart,
©. Diana.
ce. Gesicht schwarz, Backenbart geringelt: €. albigularis, mona,
Campbellü?, leucocampyz, labiatus, Temminckii, Burnettü, pogonias.
d. Nase röthlich: €. erythrotis.
ee. Nase blau, unten weiss: ©. cephus.
JS. Nase weiss: CO. nictitans, petaurista und melanogenys.
Auch Blyth will in den Ann. of nat. hist. XV. p. 461 eine neue
Meerkatze: Cercopithecus chrysurus, unbekannter Heimath»
aufstellen, doch kann ich nicht finden, wodurch sie sich von C. sa-
baeus unterscheiden soll.
Owen hat abermals einen fossilen Zahn eines urwelt-
lichen Makakos bekannt gemacht (Rev. zool. p. 352).
Derselbe wurde in der Grafschaft Essex in einer Süsswasser-
Formation gefunden, die zu der Abtheilung gehört, welche L.yell mit
dem Namen neuer Pliocene bezeichnet; mit ihm kamen ausserdem
noch Ueberreste vom Mammuth, vom Rhinoceros leptorhinos und
vom Rinde vor. Es ist dies der vorletzte obere rechte Backenzahn,.
der seiner Form nach einem Thiere aus der Gattung der Makakos
angehörte. Indem Owen dann die Fundorte der fossilen Affenüber-
reste bespricht, ist es ihm immer noch nicht bekannt, dass ich be-
reits vor sieben Jahren das vollständigste Bruchstück, das hiervon
in Europa gefunden wurde, in diesem Archiv und in den Abhandlun-
gen der Münchener Akademie beschrieben habe.
Simiae platyrrhinae. Is. Geoffroy hat in den Ar-
chives du Museum d’hist. nat. IV. 1 u. 2 (1845) p. 5 von. sei-
ner Description des mammiferes-nouveaux ou imparfaitement
eonnus etc. eine Fortsetzung mit der Ueberschrift: »Singes
americains geliefert, worin die beiden Gattungen Chryso-
und Nyctipithecus behandelt sind und am Schlusse noch
eine Schilderung von Callithrir moloch beigefügt wird,
Von dieser- Abhandlung hat Is. Geoffroy schon früher in den
Compt. rend. von 1843 einen Auszug geliefert, dessen wir bereits in
134 Andr. Wagner: Bericht über die Leistungen in der
unserem Jahresbericht. über die Leistungen aus dem Jahre 1843 'ge-
dachten. Wie damals unterscheidet auch hier der Verf. 4 Arten von
Chrysothrix, nämlich 1. Saimiris sciureus Auct., 2. S. ustus n.sp.,
3.5. entomophagus D’Orb. und 4.,S. lunulatus n.sp.— Der $.ustus (8, A
dos.brüle), beruht auf einem einzigen Exemplare, das Geoffroy sen. im
J. 1808 aus demKabinet zu Lissabon wegnahm und es nach Paris brachte.
Diesen S. ustus unterscheidet derVerf vondemS.sciureusdurch dieFär-
bung desRückens. Während nämlich bei letzterem der Rücken längs der
Mittellinie olivengrün, an den Seiten, auf dem Kopf und dem grössten
Theil der Gliedmassen und des Schwanzes graulich ist, ist dagegen
bei S. ustus der Rücken sowohl ‚längs der Mittellinie als an den
Seiten roth, und, schwarz gemischt, wobei das Roth vorn und an den
Seiten, das Schwarz hinten vorherrscht; die Haare sind hier an der
Wurzel gelblich, dann rostroth mit schwarzer Spitze. — Der S. en-
tomophagus wird durch die Diagnose charakterisirt: „Pelz hell-
gelblichgrau, etwas dunkler auf dem Rücken;, Vorderarme und vier
Hände gelb; Nacken und Oberseite des Kopfes schwarz (erwachsener
Zustand oder schwärzlich (jung).” — Der S. lunulatus beruht auf
A..v. Humboldt’s Titi de l’Orenoque, von dem übrigens kein Exem-
plar in. ‚der Pariser Sammlung existirt, . Is. Geoffroy charaktexisirt
diese Art, „si son existence est confirmee”, durch die Phrase: „Pelz
goldgelb; auf dem Kopf 2 schwärzliche Halbmonde.”
Von Nyetipithecus nimmt Is, Geoffroy ebenfalls 4 Arten an:
1. N. felinus Spix (Douroucouli von Fr. Cuvier, aber nicht von
Humboldt), 2. N. lemurinus n. sp., 3. N. trivirgatus Humb. und 4.
N. vociferans Spix., endlich wird auch noch S. 23 die Miriquouina
so behandelt, als ob sie von den vorhergehenden verschieden wäre.
Aus Autopsie kennt der Verf. weder den N. vociferans, noch den N
trivirgatus; von letzterem sagt er, dass er seit Humboldt nicht wie-
der gesehen und beschrieben worden sei. Sehr ausführlich wird der
N. lemurinus beschrieben und in einer schönen Abbildung darge-
stellt. Charakterisirt wird er durch folgende Diagnose; „Pelz grau,
oben roth gewässert, an den Leibesseiten und auf der Aussenseite
der Gliedmassen grau, unter dem Bauche und der Brust (aber nicht
unter dem Halse) orangegelb. Schwanz schwarz, mit mehr oder
weniger Roth gemischt, an der Wurzel unten röthlich und oben röth-
lichgrau. Auf der Stirnmitte ein schwarzer, wenig ausgedehnter
Fleck zwischen 2 weissen Flecken, und mehr nach aussen 2 schwarze
Streifen. Ohren sehr kurz” Den Namen lemurinus hat Is. Geoffroy
gewählt, weil der Pelz eben so wollig als bei den Makis ist. Diese
Art ist gemein in den Waldungen der gemässigten Zone von Quindiu
in Neu-Granada, die 1400 Metres und darüber hoch liegen,
ls. Geoffroy kommt also hier auf 2 Gattungen zu sprechen, die
ich ebenfalls mit grosser Ausführlichkeit in den Abhandlungen der
Münchner Akademie der Wissenschaften vom Jahre 1837, in meiner
Fortsetzung von Schreber’s Säugthieren vom Jahre 1840 und bei
Ex
Naturgeschichte der Säugthiere während des Jahres 1815. 135
etlichen Gelegenheiten auch in unserm Archive behandelt habe. Von
allen diesen Arbeiten hat weiter nichts als meine Diagnose von
Chrysethrix entomophagus, die ich in diesem Archive mittheilte, den
Weg zu den französischen Professor gefunden, der gleich seinem
Collegen Blainville es selır bequem findet die deutsche Literätur so
viel als möglich zu ignoriren. Wenn ich hier diesen Umstand rügend
hervorhebe, so geschieht es nicht blos in der Empfindung ‘verletzten
persönlichen, sondern hauptsächlich des nationalen Selbstgefühles,
das vom Auslande Beachtung der Leistungen seiner wissenschaft-
lichen Institute und aller grössern wissenschaftlichen Unternehmun-
gen der Einzelnen mit demselben Rechte zu fordern hat, als umge-
kehrt das Ausland dasselbe anderwärts von seinen Leistungen erwar-
tet. Akademische Denkschriften, die noch dazu an alle Akademien
versendet werden, Journale, wie z. B. unser Archiv, Arbeiten, wie
meine Fortsetzung von Schreber’s Säugthieren, welche im Laufe von
zwölf Jahren nach und nach alle Ordnungen monographisch behan-
delt und mit einer Menge Abbildungen erläutert hat, unbeachtet zu
lassen, zeigt eine Geringschätzung deutscher Wissenschaft, die man
nicht gleichgültig hinnehmen kann. Doch wieder zurück zur Sache.
Was Is. Geoffroy’s Aufstellung einer neuen Art von Saimiris
unter dem Namen $. zs/us anbelangt, so ist zu bemerken, dass diese
Art nichts weniger als stichhaltig ist, sondern dass darunter nur alte
ausgefärbte Individuen von Chr. seiurea zu verstehen sind, von welch
letzterer G. blos jugendliche Exemplare kennt. Der 8. ustus ‚ist
daher ganz zu kassiren und nur Chrysothrix seiurea zu belassen.
Natterer hat eine Meuge Exemplare desselben aus den verschie-
denen Altern mitgebracht und 2 davon, Männchen und Weibchen,
die von der Barra do Rio Negro abstamımen, und ganz mit dem S.
ustus übereinkommen, uns überlassen. Diese Art ist es, die von
Daubenton, Pennant (sein Orange ape), Barrere, Froger und
Schreber (bei letzterem ein jüngeres Thier) gemeint ist und die
im nordöstlichen Theil vom tropischen Südamerika ihre Verbrei-
tung hat.
"Von dieser Ch. sciurea hat Spix keine Exemplare mitgebracht,
wohl‘ aber von einer andern Art, die er in 3 Exemplaren bei Ega
am Solimoes (50 Stunden westlich von der Barra do Rio Negro)
erhielt Diese Art, die ich in unserm Museum als Chr. nigrivit-
tata bezeichnet habe, ist bisher nirgends erwähnt, denn wenn auch
Humboldt’s Titi de ’Orenoque durch die Kopfzeichnung daran exin-
nert, so passt seine übrige Beschreibung nicht dazu, wenn anders
dieser letztere Theil der Schilderung sich nicht auf Chr. sciurea be-
zieht, da A. v. Humboldt wirklich von 2 Arten spricht. Die Heimath
dieser Art scheint der nordwestliche Theil des tropischen Südame-
rikas zu sein. — Was zuletzt Geoffroy’s Charakteristik der Chr. en-
tomophaga anbelangt, so ersche ich aus seinen Angaben, dass er
keine alten ausgefärbten Exemplare vor sich hatte. Diese Art gehört
dem südwestlichen Theil des tropischen Amerikas an.
136 Andr. Wagner: Bericht über die Leistungen in der
Vorstehende 3 Arten, die auch verschiedene Verbreitungsbezirke
zu haben scheinen, lassen sich folgendermassen charakterisiren: 1.
Chrysothrix migrivitiata Wagn., supra olivaceo-cana, nigro-adspersa;
dorso minus splendide colorato; vitta nigra utrinque ante et supra
auriculas ducta; antibrachiis manibusque saturate ferrugineo- fulvis.
— 2%. Chr. entomophaga D’Orb., supra olivaceo-serina, nigro-
adspersa; dorso splendide colorato; capite supra aterrimo; antibra-
ehiis manibusque splendide aureo-fulvis — 3. Chr. sciurea Auct,,
supra olivaceo-flavescens, nigro-adspersa; dorso splendide aurantiaco-
mixta; capite supra e nigro flavidoque subtilissime punctulato vit!
tisque privato; antibrachiis manibusque dilute rubigino-fulvis.
Was die Nachtaffen anbelangt, so hat sich Is. Geoffroy durch
Nichtbeachtung unserer Arbeiten viel vergebliche Mühe mit der Un-
terscheidung ihrer Arten gemacht. Schon im Jahresberichte von
1842 habe ich erklärt, dass Gray ganz richtig den N. felinus Spix
spezifisch von N. trivirgatus abscheidet und habe nach Natterer’s
Mittheilungen von letzterem eine vollständige Beschreibung gegeben.
Der N. trivirgatus ist also nicht, wie Geoffroy behauptet, seit Hum-
boldt’s Zeiten nicht wieder gesehen und beschrieben worden, son-
dern beides hat durch Gray und Natterer statt gehabt und zwar in
Schriften, die aller Welt zugänglich sind. Eben so ist es durch
Rengger, der freilich auch deutsch schrieb, seit dem Jahre 1830
nachgewiesen und in meine Monographie aufgenommen, dass der
Miriquina mit N. felinus eine und dieselbe Art ausmacht. Ferner
ist N. lemurinus identisch mit N. vociferans Spix, worüber Geoffroy
nicht einen Augenblick hätte zweifelhaft bleiben ‘können, wenn er
meine im Jahre 1840 erschienene Beschreibung ‘desselben, nebst den
späteren Bemerkungen in meinen Jahresberichten, gelesen hätte,
Das einzige Verdienst, was also dem Verf. bleibt, ist, dass er mehr
Exemplare von dieser Art als Spix vorgeführt und zugleich die Dif-
ferenzen im Schädelbau angegeben hat. Die 3 Arten der Nachtaffen
sind, wie ich noch zufügen will, auch nach ihrer geographischen
Verbreitung in ähnlicher Weise wie die Saimiris geschieden, ;
Zuletzt hält sich G. noch für berufen nach Schädel- und Zahn-
bau die generischen Unterschiede zwischen Chrysothrixz und Calli-
tıriz festzusetzen. „La confusion”, sagt er, „qui a ete faite si long-
temps et que l’on fait chaque jour encore, entre deux groupes
aussi differents que le sont les Saimires et les Callitriches, sufft
pour montrer combien les caracteres generiques de ces
derniers ont öte peu rigoureusement etablis.” Darauf habe
ich zu bemerken, dass ich dieser Confusion bereits im 2ten Bande
der Abhandl. der München. Akademie von 1837 in einer 6 Seiten
langen Auseinandersetzung der zwischen Callithrix und Chrysothrix
im Bau des Schädels und der Eckzähne bestehenden Differenzen ein
Ende gemacht, und natürlich auf diese Arbeit bei meiner Schilderung
der amerikanischen Affen in: Schreber’s Fortsetzungen vom Jahre
Naturgeschichte der Säugthiere während des Jahres 1845. 137
1840 mich bezogen habe. Aber freilich sind diese Arbeiten in deut-
scher Sprache erschienen, die von nicht wenigen französischen und
englischen Schriftstellern wie eine Art Barbaren-Sprache gemie-
den wird.
Die Gattung Mycetes bereicherte J. E. Gray auf ein-
mal mit nicht weniger als 4 neuen Arten und gab zugleich
in der Richtung der Stirnhaare ein neues Eintheilungsprinzip
für diese Gattung an (Ann. of nat. hist. XVI. p. 217).
a. Stirne hoch, mit rückwärts gelegten, einen Kamm
über die Mitte des Kopfes bildenden Haaren. x
1. M. ursinus Nwd. (M. fuscus, M. stramineus, M. barbatus foem.
Sp. t.332); braun oder schwärzlich, gelb überlaufen; Haare ziemlich
steif, braun mit gelblichen Spitzen.
2. M. seniculus Kuhl., röthlich kastanienfarben; Rückenmitte
goldgelb; Haare bis zur Basis einfarbig, kurz, ziemlich steif, ohne
Unterwolle, am Kopf kurz.
3. M. laniger n. sp., Färbung eben so, aber Haare verlängert,
sehr weich, an der Basis dunkelbraun, an der Spitze golden oder
kastanienfarben, mit dichter Unterwolle, am Kopfe ziemlich. lang.
Columbien. {
4. M. bicolor n. sp., schwarz; Haare ziemlich steif, einförmig -
schwarz, Seiten der Lenden gelb gescheckt; Haare dieser Gegend
schwarz, mit breiter, mittelständiger falber Binde. Brasilien.
b. Stirne mit vorwärts gerichteten Haaren; Scheitel
glatt mit ausstrahlenden Haaren.
5. M. auratus n. sp , dunkelroth-kastanienbraun, Rücken und
Seiten goldgelb; Haare ziemlich kurz und steif, an der Basis dunkel;
Bart dunkler. Brasilien.
6. M. caraya Humb., schwarz; Haare ziemlich lang und steif,
einförmig schwarz; die Seiten, zumal an den Weichen, mit einge-
imengten röthlichen 'Haaren. Brasilien.
7. M. barbatus Spix (tab.32 9); schwarz; Umfang des Gesichts,
Hände, Füsse, Innenseite der Schenkel und Schwanzende graulich;
Haare mässig lang, ziemlich steif, einfarbig Brasilien.
8. M. beelzebul Linn. (M. rufimanus Kuhl); schwarz; Hände,
Füsse, obere Linie und Ende des Schwanzes, Fleck vor den Ohren
und am Knie röthlichgelb; Haare ziemlich weich, einförmig schwarz
oder röthlich, mit einigen braunen Schulterhaaren, Brasilien.
9. M.villosus n. sp., schwarz, Haare sehr lang, weich, einfar-
‚big, an den Wangen unter den Ohren bräunlich an der Basis. Bra-
‚silien.
Ausser diesen 9 Arten bleiben noch 2 übrig: M. chrysurus und
Navicaudatus, welche Gray den verglichenen Exemplaren nicht völlig
anpassen konnte.
Ich glaube, dass dieses neue Eintheilungsprinzip nebst den A
neuen Arten zugleich fallen wird. Zuvörderst kann ich versichern,
138 Andr. Wagier: Bericht über die Leistungen in der
dass, an den vielen Exemplaren, welche die Münchener Sammlung
von M. Caraya und M. fuscus besitzt, also von Arten, die Gray unter
seine beiden Gruppen vertheilt, die Kopfbehaarung von gleicher
Weise ist, nämlich die Stirnhaare aufgerichtet und rückwärts stre-
bend, die Scheitelhaare vorwärts strebend, wodurch ein Querkamm
gebildet wird. Bei unsern Exemplaren von M. seniculus Kuhl ist in
Folge schlechten Ausstopfens die Richtung der Kopfhaare nicht mit
Sicherheit zu bestimmen, dagegen bei einem M. ursinus Kuhl ist sie
gerade so wie bei dem Caraya. Diese Art der Kopfbehaarung dürfte
also wohl der ganzen Gattung gemein sein, wird bei alten Individuen
sich stärker aussprechen, dabei, wie bei den Rollaffen, mancherlei
individuelle Verschiedenheiten darbieten. Dasselbe gilt auch bezüg-
lich der grössern oder geringern Länge der Haare des Pelzes und
wohl auch von ihrer gröbern oder feinern Qualität. Die 4 Arten,
welche hier Gray als neu aufstellt, fallen mit den bekannten zusam-
men. ' Ueber die Auseinandersetzung der Arten von Brüllaffeu ist
mein vorjähriger Jahresbericht, so wie die bereits gedruckte dritte
Abtheilung meiner Darstellung der geographischen a ik der
Säugthiere S. 62 zu vergleichen.
Pucheran kündigte 3 neue Arten aus den Gattungen
Gebus und Hapale an (Rev, zool. p. 335).
a. Cebus versicolor; Kopf oben und seitwärts bis hinter die
Ohren, eben so Kinn und Unterhals weiss. Gegend zwischen den
Ohren schwarz, vorn in einer Spitze endend, im Nacken ins Braune
übergehend. Mitte des Rückens dunkelblond, auf der Kruppe ins
Röthliche übergehend; die Seiten braungrau: Brust, Unterleib und
Gliedmassen, aussen wie innen, lebhaft roth; die vier Hände aber
schwarz. Schwanz an der Wurzel der Kruppe gleichfarbig, im mitt-
lern Drittel dunkel braungrau und im letzten hellblond. Dem C.
chrysopus verwandt, aber schon durch das Schwarz des Nackens
und der Hände verschieden. Von Santa Fe de Bogota.
b. Hapale Geoffroyi aus Panama ist identisch mit dem von
Spix als H. Oedipus var. beschriebenen und abgebildeten Exem-
plare, das in unserer Sammlung aufbewahrt wird, und das ich eben-
falls als eigene Art nunmehr ansehe, seitdem ich mit der H. Oedipus,
wie sie Daubenton und Humboldt beschrieben, genauer bekannt ge-
worden bin. T fi
c. Hapule Jlligeri; Kopf und Gesicht schwarz, Oberlippe
weiss behaart, Nacken, Unterleib und vordere Gliedmassen röthlich,
die 4 Hände schwarz mit Roth melirt; auf den Hintergliedern und
der Unterseite des Schwanzes an seiner Basis ist das Roth vorherr-
schend. Heimath wahrscheinlich Columbien. — Ist nur eine geringe
Abänderung von H. fuscicollis Spix- und wird deshalb noch in den
Kreis der vielen Farbennüancen von N. labiata gehören.
Prosimii. \Wie Blyth (Ann. of nat. hist. XV. p. 461) be-
merklich macht, kommt der Nyctivebus tardigradus in den, unteren
Naturgeschichte der Säugthiere während des Jahres 1845. 139
Theilen von Bengalen nicht vor, sondern mag sich vielleicht in den
Berggegenden aufhalten. In Arracan ist er gemein und scheint auch
in Assam und Tenasserim vorhanden zu sein.
Chiroptera.
Ueber die indischen Handflügler theilte Blyth (Ann. of nat. hist.
XV. p. 462) weitläufige Bemerkungen mit, da er jedoch Temminck’s
Monographie nicht vergleichen konnte, bleiben viele <einer Bestim-
mungen unsicher, und es wird daher Ref. nicht weitläufig auf diese
Arbeit dermalen eingehen, da überdies zu hoffen steht, dass sie noch-
mals mit vollständigeren literarischen Hülfsmitteln von Blyth aufge-
nommen werden wird.
Frugivora. Blyth machte a. a. O. bemerklich, dass sowohl
der Pteropus assamensis MeClell. als der Pt. leucocephalus Ho dgs,
zu Pt. medius s. Edwardsü gehören und dass Hodgson’s Preropus
Pyrivorus mit Pt. marginatus identisch sei. ,
Hstiophora, Besondere Aufmerksamkeit hat Blyth a. a. ©.
den indischen Kammnasen zugewendet, die er nach Gray’s Vor-
gange in 2 Gattungen, Rhinolophus und Hipposideros bringt.
Sykes Rhinolophus dukhunensis hält Blyth für identisch mit Ah.
speoris, von dem Gray’s Hipposideros apiculatus das Männchen und
H. penicillatus das Weibchen ist. Als indische Arten von Hipposi-
deros charakterisirt er: 1. 4. armiger Hodgs., 2. /arvatus Horsf.?,
3. vulgaris Horsf.?, 4. speoris Schneid., 5. fulvus Gray und 6. muri-
nus Gray et Elliot.
Von Rhinolophus im Sinne Gray’s charakterisirt Blyth ebenfalls
6 indische Arten: 1. Rh. mitratus Blyth, 2. perniger Hodgs., 3. tra-
gatus Hodgs., 4. macrotis Hodgs., 5. subbadius Hodgs., 6. lepidus
Blyth.
In unserem Archiv hat Ref. (S. 148) eine merkwürdige Art von
Kammnasen aus Benguela unter dem Namen Rhinolophus gigas auf-
gestellt.
Blyth (a. a. O. S. 463) machte die Beobachtung, dass Mega-
derma Iyra sich von kleinern Fledermäusen nährt, denen sie zuerst
das Blut aussaugt; nach einer anderen Wahrnehmung von Frith
machen Frösche ihre Hauptnahrung aus.
0 Derselbe theilte a. a. O. die Beschreibung eines in Indien’ häufig
vorkommenden Rhinopoma mit, welches keinen Unterschied darbietet
von dem Rh. mierophyllum, wie es von Geoffroy. beschrieben und
abgebildet worden ist.
Ru | ı
_ _ Gymmorhina. Waterhouse legte eine ausführliche
Beschreibung einer neuen Art Grabflatterer von den Phi-
lippinen vor.
Taphozous philippinensis, vellere brevi fuscesoente vel castaneo,
140 Andr. Wagner: Bericht über die Leistungen in der
corpore subtus pallidiore; pilis ad basin albescentibus; auribus me-
diocribus. Länge 3" 14".
Ueber Schreber’s Vespertilio lepturus, den Geoflroy
unter Taphozous einreihte, während Jlliger aus ihm die Gat-
tung Saccopteryx bildete, wurden von J. E Gray neue Auf-
schlüsse bekannt gemacht (Ann. of nat. hist. XVI. p. 279).
Seit Schrebers Zeiten hatte kein Naturforscher Gelegenheit wei-
tere Auskunft zu geben über diesen Handflügler, der sich durch einen
eigenthümlichen Sack am Ellbogen auszeichnete. Neuerdings erhielt
Gray 2 Exemplare aus Brasilien, welche genau mit Schreber’s Figur
übereinkommen. Der Sack ist ungefähr einen halben Zoll lang und
sitzt an der untern Seite des Vorderarmbeins in kurzer Entfernung
vom Ellbogengelenke; seine innere Seite ist gefaltet und scheint eine
ölige Flüssigkeit abzusondern, am oberen Rande ist eine schlitzför-
mige Oeffnung. Von der Seite des Halses verläuft ein starkes Band
zur Mitte des Sacks und ein anderes erstreckt sich von der andern
Seite desselben zu der Haut am Vordertheil des Flügels. Gray be-
merkt, dass Saccopteryx näher mit Emballonura als mit Taphozous
verwandt ist.
Zur Kenntniss der so lange räthselhaft gebliebenen Gat-
tung TAyroptera hat Cantraine einen neuen schätzbaren
Beitrag geliefert.
Er erhielt ein Exemplar aus Surinam, dem er zum Unterschiede
von der Thyroptera tricolor Spix den Namen Th. bicolor beilegte
(Bullet. de ’Acad. de Brux. XII. 1. 1845. p. 489 mit Fig.). ‚Oberseite
und Flughaut russbraun, am Rumpfe dunkler als an den Extremi-
täten; Unterseite weiss. Ganzer Nasenrücken behaart, nur das Ende
der Schnautze nackt; Ohr geräumig, Tragus tiefliegend, gekrümmt,
zugespitzt und in der Mitte ziemlich fleischig. Metatarsus eine ähn-
liche Scheibe wie der Daumen tragend; Sporn 2 etwas von einander
abstehende Fortsätze gegen den Rand der Schenkelflughaut absen-
q
23
dend. Backenzähne jederseits ar
Körper Sal la 1/0 0,049 Langer Finger . . . 0,063
Schwanz . . . » . 0,029". 'Kleiner' "- 20,048
Oberarm 27.0.2". 0,020 © Schenkel 7 ,70,015
Vorderarm 2. 2% .00,0988° » Schienbein . ..,9"0,018
Ref. bemerkt hierbei, dass die von Rasch beschriebene Thyroptera
3+3 ‚ kldapd
3+3
Fortsatz gegen den Hautrand abschickt und die Farbe der Oberseite
als leberbraun angegeben wird; im Uebrigen stimmen die Verhält-
nisse. An unserem, von Spix mitgebrachten Exemplare ist die Farbe
russig röthlichbraun, dem licht Kastanienbraunen sich nähernd. Ueber
Backenzähne hat, ferner der Sporen (wie es scheint) nur einen
Naturgeschichte der Säugthiere während des Jahres 1845. 141
den seitlichen Fortsatz des Sporns lässt sich beim schlechten Zu-
stande dieses Individuums nichts angeben. Der Vorderarm desselben
misst 0,047, so dass also unser Exemplar grösser ist. Zwischen
diesem und dem von Rasch: beschriebenen scheint kein spezifischer
Unterschied zu bestehen; vielleicht könnte dies aber mit Cantraine’s
Th. bicolor der Fall sein. Da diesem jedoch die genaue Beschrei-
bung von Rasch, die in unserem Archive mitgetheilt wurde, unbe-
kannt geblieben ist — man scheint sich’s in Belgien mit unserer Li-
teratur zum Theil ebenfalls bequem zu machen — so müssen wir
unsere Entscheidung so lange zurückhalten, bis eine solche Verglei-
chung uns vorgelegt sein wird.
Von 6 neuen Arten von Vespertilio, die Cuming auf
den Philippinen gesammelt. hatte, lieferte Waterhouse in
den Ann. of nat. hist. XVI. p. 49 genaue Beschreibungen und
gruppirte selbige nach folgendem Schema:
I. Schwingen bis zum Ende des Schienbeins reichend.
a. Ohren mässig oder ziemlich klein, gerundet; Klappe ziemlich
kurz, an der Spitze gerundet; Sporn kurz.
«. Nasenlöcher durch einen mässig breiten Raum
getrennt und fast seitwärts geöffnet . . .1. F. tristis.
#. Nasenlöcher mit schmalem Zwischenraum
und fast vorwärts geöffnet . . . . ....%. V. Eschscholtzü,.
b. Ohren gross und zugespitzt; Klappe lang, schmal und zugespitzt;
Sporn lang.
a. Hinterfuss sehr breit . . 2. .2.......3 V.macrotarsus.
Pß- - schmächtig . .-2 2,2... ..4 V. pellucidus.
1. Schwingen bis zur Zehenwurzel reichend.
_ a. Ohren kurz, abgerundet; Klappe kurz . . .5. V. Meyeni.
b. - gross, zugespitzt; - lang . . .6. V. rufo-pietus.
Vespertilio splendidus wurde als neue Art vom Ref. in
diesem Archive S. 148 unterschieden; sie stammt von der Insel St.
Thomas. — V. Nattereri Kuhl wurde von Mc Coy in Irland aufge-
funden (Ann. XV. p. 270).
- In den Bullet. de Moscou 1845. p.489 brachte Evers-
mann eine Schilderung der in den uralischen Vorbergen von
ihm beobachteten Vespertilionen zur Publication.
' Die Arten sind: 1. Vesperugo noctula, 2. V. Leisleri, 3 V. Na-
thusü, 4. V. turcomanus Evm., 5. V. discolor.. — 6. Vespertilio
Brandtii Evm., 7. V. Nattereri, 8. V. Daubentonü. — 9. Plecotus
auritus. Alle diese Arten sind sehr ausführlich beschrieben nach
dem von Keyserling und Blasius gegebenen Muster, das bei dieser
Abtheilung für immer festgehalten werden muss; zugleich ist auch
von den ersten 8 Arten auf 2 Tafeln die Ohrbildung mit der
Schnautze, von einigen auch die Form der Zähne bildlich dargestellt.
142 Andr: Wagner: Bericht über die Leistungen in der
— Von seiner neuen Art: Vespertilio Brandtii giebt er die
Diagnose: ‚‚dentes primores superiores bifidi, interni in tomii dire-
ctionem positi, externi transversi; auriculae ovatae obtusae capite
longiores, trago lanceolato acuminato; notaeum rufofuseum, gastraeum
27
egriseum.” Körper 1” 7”, Ohr am Aussenrande 7”.
H. v. Meyer ist so glücklich gewesen aus den Knochen-
resten von Weisenau Theile herauszufinden, welche ganz ent-
schieden von 2 Gattungen Handflügler ‚herrühren. (Jahrb. für
Mineral. S. 798).
Diese Theile bestehen in der rechten Unterkieferhälfte, der zwar
die Zälıne fehlen, aber doch alle Alveolen enthält, ferner in dem
Oberarmknochen, der in beiden Thieren auffallend unähnlich ist,
und in der obern Hälfte einer Speiche. Diese uubezweifelten ter-
tiären Fledermaus. Ueberreste sind von denen aus dem Montmartre
spezifisch verschieden. Bis zur genauern Ermittelung der Gattungen
legt ihnen M. die Namen Vespertilio praecox und V. insignis bei.
Diese Entdeckung ist um so wichtiger, als bisher nur eine Spezies,
V. parisiensis, aus dem Tertiärgebilde des Montmartre bekannt war;
ausserdem nur noch zwei Zähnchen aus dem eocenen Sand von Ky-
son, von denen es nach Owen möglich wäre, dass sie fledermaus-
artigen Thieren angehört hätten.
Insecetivora,
Die im indischen Archipel lebenden Arten der Gattung
Hylogalea (Üladobates) sind nunmehr durch H. Schlegel
und S. Müller in den Verhandelingen over de Natuurlijke
Geschiedenis der Nederlandsche overzeesche bezittingen p. 159
festgesetzt und durch vortreflliche Abbildungen erläutert
worden.
Als Ref, in seiner Fortsetzung. von Schreber’s Säugthieren an
die Bearbeitung der Spitzhörnchen kam, fand er die Bestimmung der
Arten in der grössten Unsicherheit vor. Während Horsfield und
Desmarest 3, Temminck wenigstens 5 Arten annehmen, erklärte da-
gegen Schlegel und Is. Geoffroy, dass es ihnen nicht gelungen sei,
spezifische Unterschiede auszumitteln. Aus Mangel an Material
konnte nun Ref. zwar nicht die: bisherige Unsicherheit in der Be-
stimmung der Arten vollständig heben, doch war er wenigstens im
Stande nachzuweisen, dass jedenfalls Cladodwtes javanica spezifisch
verschieden sei von (/. Zaxa, den er übrigens nur nach dem Skelete
kannte, so wie von einem Borneoschen Exemplare, dem er den Na-
men.Cl. speciosus beilegte. Mit ungleich grössern Hülfsmitteln und
auf die unmittelbaren Beobachtungen in der Heimath dieser Thiere
gestützt, haben sich nun H. Schlegel und S. Müller an die,,Revi-
sion dieser Gattung gemacht, und wenigstens die Arten des indischen
Naturgeschichte der Säugthiere während des Jahres 1845. 145
Archipels gründlich auseinander gesetzt, deren sie folgende 4 anneh-
men. 1. /ylogalea tana, Schnautze sehr lang und spitz; Nase mit
einem spitzen Winkel auf der Schnautze auslaufend; Krallen gross,
an den Vorderfüssen sehr lang; zwischen den oberen Eck- und
Schneidezähnen ein grosser Zwischenraum; Schwanz etwas kürzer
als Körper, stark zweizeilig. Farbe dunkel rothbraun, meist mit
„schwarzen Mittelstreif längs des Rückens; ganze Länge 1%. Suma-
tra, Borneo. — 2. H. ferruginea, Schnautze ziemlich verlängert;
Nase hinterwärts durch eine senkrechte Linie begrenzt; Krallen mit-
telmässig, die vordere nicht länger als die hintere; äusserste Zehe
der Hinterfüsse kürzer als die 2te; Schwanz ungefähr von der Länge
des Körpers, aber schmäler als bei H. tana. Farbe braun, unten
licht rothbraun; etwas kleiner als H. tana. Sumatra, Java, Borneo,
— 3. H. javanica; Schnautze etwas minder verlängert als bei N. 2,
Nase ebenso durch eine gerade Linie begrenzt; äussere Zehe der
Hinterfüsse länger als die 2te; Schwanz länger als der Körper und
schmal. Pelz olivenfarbig, unten lichter. Länge 1’. Sumatra, Java,
Borneo. — 4. H. murina n. sp., Schnautze ziemlich verlängert und
schmal; Schwanz fast rund, sehr wenig behaart und von der Länge
des Körpers. Oben olivenbraun, ins Rothbraune; Unterseite, ein
Streif unter dem Auge und ein anderer über den Wangen weiss; auf
den Wangen ein breiter schwarzer Streif. Länge 3‘. Borneo. —
Meinen Cl. speciosus stellen die Verf. zu Cl. tana, worin ich ihnen,
nachdem dieser jetzt gehörig gekannt ist, beistimme,
Von Aylomys suillus haben jetzt S. Müller und Schlegel
a. a. O. S. 153 die ausführliche Beschreibung nebst den Abbildungen
mitgetheilt.
Hodgson versuchte in den Ann. of nat. hist. XV. p. 269 eine
Aufzählung der in Nepal vorkommenden Spitzmäuse, deren er 4 Ar-
ten unterscheidet: 1. Sorez murinus, 2. S. pygmaeus, 3. $.? memori-
vagus, 4. $.? soccatus. Da es ihm jedoch an Gelegenheit gebrach
die Literatur zu vergleichen, er also auch nicht wusste, auf welche
Merkmale es zur Unterscheidung der Arten bei dieser Gattung an-
kommt, so lassen sich die seinigen nicht bestimmen.
N: Funck berichtete in den Bull. de l’Acad. de Bruxell. XI.
D. 371, ‚dass er auf seiner Reise durch die Provinz Cuma die be-
Bee "Höhle der Guacharos besucht und darin eine neue Art
Bauie angetroffen habe von der Grösse einer Ratte mit vier-
eckiger Schnautze und mit orangefarbig bordirten Ohren. Das Exem-
plar ging verloren, war aber meiner Meinung nach keine Spitzmaus,
solche bisher aus Südamerika nicht bekannt sind, sondern viel-
it ein Solenodon.
_Sorex capensis und flavescens Geoffr. wurden von A. Smith
in seinen Illustrat. beschrieben und tab. 45 abgebildet.
vers ab m
BETT u
144 Andr. Wagner: Bericht über die Leistungen in der
Carnivora.
Zuvörderst ist aufmerksam zu machen auf die vortreft-
liche Abhandlung über das Zahnsystem der Fleischfresser,
welche Owen in seiner Odontography S. 473 eingeriickt hat.
Das Hauptverdienst derselben ist eine genauere Auseinander-
setzung des Zahnwechsels bei den verschiedenen Gattungen. Blain-
ville’s Eintheilung der Backenzähne in avant molaires, principale et
arriere molaires verwirft er ganz als eine, auf kein festes Princip
gebaute, da jener sie z. B. bei den Katzen an drei verschiedenen
Orten auch jedesmal verschieden formulirt habe. Owen theilt die
Backenzähne in solche, die durch andere ersetzt werden, und in
solche, die ein für allemal ständig sind. Diese Eiutheilung schliesst
allerdings alle Willkürlichkeit aus, hat aber doch mchr physiologi-
schen als zoologischen Werth, da nach ihr die obern Reisszähne in
eine andere Klasse als die untern fallen, indem jene wechselnd, diese
ständig sind. Zur Feststellung der Gattungen werden wir also doch
immer bei der Eintheilung von Cuvier bleiben müssen und dabei die
ausgezeichnete Arbeit von Wiegmann über das Gebiss der Raubthiere
zum festeren Anhaltspunkte nehmen.
Ursina. J. v. Tschudi hat in seiner Fa peruana
5 Arten von Nasua unterschieden,
Ausser 1. der N. socialis nimmt T. 2. die N. solitaria Neuw. an
und fügt ihnen noch 3 Arten zu: 3. N. Zeucorhynchus (rostro
albo, cauda corporis longitudine, concolore in adultis) aus dem In-
nern Brasiliens; 4. N. vittata (fusca, facie capiteque nigerrimis,
vitta nigra a cervice ad dorsi medium porrigente; cauda fasciata)
nach einem Exemplare aus Guiana;, 5. N. montana (supra ex rufo-
fusca, nigro-irrorata, subtus nigricans, rostro nigricante; facie grisea
sine maculis orbitalibus, macula nigra post auriculas; gula pectore-
que albicantibus; cauda fasciata corporis longitudine aliquantulum
minori) aus der höchsten Gegend der peruanischen Waldregion, doch
hat T. nur ein Exemplar beobachtet. — T. drückt sein Bedenken
aus, ob die Zoologen ihm unbedingt in Anerkennung dieser Arten
beistimmen werden, und Ref., obwohl ganz ausser Stande hierüber
etwas Sicheres. bestimmen zu können, ist doch von der wirklichen
Verschiedenartigkeit der ersten 3 Arten noch nicht überführt, da we-
nigstens die Schwanzfärbung bei N. 3 nichts Eigenthümliches ist,
indem, wie auch Rengger zugesteht, selbst bei der N. socialis mit-
unter der Schwanz einfarbig gefunden wird. Am ersten hätten unsers
Bedünkens N. 4 und 5 ein Recht auf spezifische Anerkennung, zumal '
wenn die Standhaftigkeit ihrer Charaktere an zahlreichen Individuen
nachgewiesen werden könnte. Am sichersten würde man zur Ent-
scheidung bei dieser Gattung, deren Färbung so veränderlich, kom-
men, wenn an den Schädeln die spezifischen Unterschiede demonstrirt
rd.
Naturgeschichte der Säugthiere während: des Jahres 1845. 145
werden könnten; gegen ein solches Argument müsste jeder Zweifel
fallen. Uebrigens erkennt es Ref. mit Dank an, dass T. uns auf die-
jenigen Merkmale in der Färbung aufmerksam gemacht, welche man
von nun an zur Ermittelung der Arten ins Auge zu fassen hat.
Mustelina. Während bisher keine Art von Mustela
mit Gewissheit aus Südamerika bekannt war, hat auf einmal
v. Tschudi deren Vorkommen daselbst a.a.O. S.110 erwiesen.
Es ist ein Wiesel, dem T. den Namen M. agilis beilegt, mit der
Diagnose: „supra ex rufo canescens, subtus albicans”, und das auf
den kalten de Hochebenen der peruanischen Cordillere lebt, also
in einer Höhe, in welcher es der tropischen Hitze entrückt ist.
Auch von der Fischotter hat v. Tschudi eine neue Art. ent-
deckt, die Lutra montana (supra obscure fusca, rufo-fusco irro-
rata, subtus nigricans), welche 9000° hoch über dem Meere in den
Flüssen der peruanischen Cordilleren sich aufhält.
Viverrina. Viverra Boiei und Potamophilus barbatus wur-
den von H. Schlegel und S. Müller in den Verhandel. S. 121 und
115 durch Beschreibungen und Abbildungen vollständig erläutert.
Canina. Zur genauern Kenntniss der südamerikani-
schen Hunde-Arten haben Waterhouse, v. Tschudi und
Lund erhebliche Beiträge beigebracht.
Durch Bridges wurden aus Chili mehrere Felle eingesendet,
die Waterhouse in den Ann. of nat. hist. XV. p.427 einer nähern
Prüfung unterwarf. Er fand darunter 2 Arten Füchse, ganz verschie-
den von dem Canis fulvipes von Chiloe. Der eine nähert sich am
meisten dem Canis magellanicus und dürfte wohl nur eine Varietät
desselben sein, die sich durch ein schlankeres Ansehen unterscheidet,
was jedoch vielleicht lediglich vom kürzern Pelz herrührt; eine Dif-
ferenz, die wohl auf Rechnung der Verschiedenartigkeit des Klimas
kommen kann. Durch das schlankere Ansehen nähert sich der chi-
lische Fuchs beträchtlich dem C. Azarae, von dem er sich jedoch
unterscheidet durch den Mangel von Schwarz am Kinn, durch leb-
haftere Rostfarbe der Ohren und einige Verschiedenheit in der Fär-
bung der Gliedmassen. Die Hinterbeine ermangeln des schwarzen
Flecks über der Ferse, der sich bei C. Azarae findet. Der Schwanz
ist länger und unten von einer prächtigen Rostfarbe, während er bei
0, Azarae in dieser Gegend blass ist. Dies ist nach Bridges der
Culpeo der Eingebornen und Molina’s. — Der 2te Fuchs ist der
C. Azarae, der kleiner ist und sich mehr auf die tiefer liegenden
Gegenden beschränkt, wo er in den Provinzen Valparaiso, Aconca-
gua und Colchagua häufig ist und bei den Eingebornen den Namen
Chilla führt.
Archiv #, Naturgeschichte, XM. Jahrg. 2. Bd, K
446 Andr. Wagner: Bericht über die Leistungen im der
Nach seinen Beobachtimgen beanstandete J. v. Tschudi
in seiner Fauna peruana $S. 121 die von Lund und dem Ref.
vorgenommmene Scheidung des C. Axarae in 2 oder selbst
3 Arten.
Er bemerkt, dass er den von Azara, dem Prinzen vom Neuwied,
Rengger und Waterhouse beschriebenen Fuchs auch in Chili und
Peru wieder gefunden habe, und zwar so, dass die Beschreibung,
die jeder von demselben giebt, wieder auf den von ihm beobachteten
Fuchs passe. Unter einer Menge von 900—1000 Stück habe er alle
Färbenabänderungen von einförmig tief Schwarzbraun durch Roth-
braun, Rostroth, Gelblichgrau und Silbergrau bis ins rein Weisse
gefunden, ja bei den Jungen des nämlichen Wurfes seien die einen
dunkel, die andern hell. Ref. wird bei Besprechung der nächstfol-
genden Arbeit auf diese Bemerkungen zurückkommen.
Lund’s ausführliche, in den Denkschriften der dänischen
Akademie aufgenommene Abhandlung über die lebenden und
ausgestorbenen, in Brasilien vorkommenden Arten aus der
Familie der Hunde, ist dem Ref. nunmehr zugekommen.
Der Hauptinhalt ist schon auf Grundlage eines früheren Aus-
zuges vom Ref. in unserem Archive 1843. 1. S.352 mitgetheilt wor-
den, daher hier nur noch auf Einiges, was zur Vervollständigung
dient, aufmerksam gemacht werden soll. Lund bringt die Familie
der Hunde in 2 Gruppen. Die Iste Gruppe ist charakterisirt durch
% Mahlzähne im Unterkiefer und umfasst die Gattungen Canis und
Palaeocyon. Die Gattung Canis zerfällt wieder in 2 Abtlieilungen,
nämlich a. in die omnivore Reihe, zu der gehören «. die Arten
ohne Scheitelleiste auf dem Schädel, d. h. der Canis brasiliensis,
Fulvicaudus und vetulus unter den lebenden, und €. robustior, prota-
lopez: und af. fulvicaudo unter den ausgestorbenen Arten. Zu ß.
oder den Arten mit Scheitelleiste gehört blos der C. jubatus. Die
andere Abtheilung begreift b. die carnivore Reihe, nämlich den
C. familiaris und C. Iycodes (letzterer ausgestorben). — Die Ilte
Gruppe hat nur einen Mahlzahn im Unterkiefer und begreift 3 Gat-
tungen: Speothos, Icticyon und Abathmodon.
Was die 3 lebenden brasilischen Hundeärten anbelangt, so hat
sie jetzt Lund so ausführlich beschrieben, von allen auch die Schä-
del, von €. vetulus überdies das ganze Thier abgebildet, dass sich
nunmehr ein sicheres Urtheil über sie fällen lässt. Demnach steht
€. fulvicaudus für sich und kann mit keiner der beiden anderen
Arten verwechselt werden. Eben so unterscheiden sich €. vetulus
und €. brasiliensis sowohl in der Statur und im Knochengerüste
als auch in der Färbung sehr bedeutend von einander. Während C.
vetulus ein schmächtiges, schlankes, hoch- und feinbeiniges Thier
ist mit kleinem Kopfe, sehr spitzer Schnautze und langem Halse, ist
dagegen der C. brasiliensis ein kräftig 'gebautes, untersetztes Thier
’
Naturgeschichte der Säugtliere während des Jahres 1845. 147
mit kürzeren und schwereren Gliedmassen, grösserem Kopf uhd kür-
zerem Schwanze, besonders aber zeichnet sich der Hals durch seine
beträchtliche Stärke aus, so dass er dicker als selbst der Kopf ist.
Wodurch sie aber schon in weiter Entfernung unterschieden werden
können, ist die Farbe, die bei C. vetulus ins Weissliche, bei €. bra-
siliensis ins Schwärzliche fällt. Grosse Differenzen bieten auch die
Schädelformen dar. Bei letzterem ist der Schädel weit kräftiger
und breiter, die Schläfenleisten stossen auch bei alten Thieren wei-
ter hinten erst zusammen; der Unterkiefer ist an seinem wnteren
Rande fast gerade, bei C. vetulus etwas gebogen und insbesondere
ist bei €. brasiliensis der aufsteigende Ast weit. breiter als bei jenem.
Vergleiche ich nun diese Lund’schen Arten mit den von mir im
Archive 1843. I. S.356 beschriebenen, so ergiebt sich folgendes Re-
sultat. Der Canis brasiliensis stimmt mit dem C. melanostomus Mus.
Vindob., dessen Schädelbau ich leider nicht kenne, überein und
scheint auch identisch mit Azara’s Aguarachay oder Rengger’s C.
Azarae (hec Neuw.), der zufolge der Beschreibung ein stärkeres
Thier ist als der C. Azarae Neuw., dunklere Färbung, namentlich an
Schnautze und Füssen, und dessen Pupille, nach Rengger, bei hellem
Tage zu einer kleinen vertikalen Spalte sich zusammenzieht. —
Ganz verschieden davon ist der von dem Prinzen von Neuwied, Wa-
terhouse und mir beschriebene C. Azarae, der mit C. vetulus iden-
tisch ist und dessen Pupille auch im Sonnenlichte rund ist. —
Mein €. melampus kommt am nächsten dem C. brasiliensis durch
robuste untersetzte Gestalt, dunkle Färbung und den Schädelbau,
insbesondere durch die Breite des aufsteigenden Astes des Unterkie-
fers, so dass, wenn er nicht eine selbstständige Art sein sollte, was
ich i in Ermangelung von Beobachtungen weder bejahen noch vernei-
nen will, er nur eine Abänderung von C. brasiliensis, aber keines-
wegs von C. vetulus (€. Azarae Neuw.), sein könnte. Dieser C. me-
lampus, von dem ich im Schreber’schen Werke tab. 92E eine Abbil-
dung geliefert habe, scheint auch identisch mit Cuvier’s Guaracha
zu sein,
v Bei dieser Gelegenheit will ich auf ein Merkmal aufmerksam
machen, durch welches sich die Füchse der alten Welt und Nord-
1erika’s von den südamerikanischen unterscheiden. Bei allen Füch-
sen d der alten Welt und Nordamerika’s, deren Schädelbau mir be-
kannt i ist (nämlich bei C. vu/pes, famelicus, pallidus, bengalensis,
corsac, lagopus, Julvus, cinereo- argenteus), treffen die von Cuvier
egebenen Merkmale zu, d. h. flache, fast horizontale Ausbreitung
er tern Stirnfortsätze und eine Grube darauf; während dagegen
en mir dem Schädelbau nach bekannten südamerikanischen Ar-
nämlich bei C. brasiliensis, vetulus, Fulvicaudus, melampus) der
del den Schakalstypus einhält, indem jene Fortsätze niederge-
hogene ‚und ohne Grube sind. Dies muss nach Cuvier’s Angabe auch
bei E. canerivorus und bei dem Guaracha der Fall sein. Ob wohl
K*
148 Andr. Wagner: Bericht über die Leistungen in der
die südamerikanischen sogenannten Füchse eine Schwanzdrüse haben?
Mir ist keine Angabe hierüber bekannt.
Um: nun nochmals auf. die von J. v. Tschudi gemachten Be-
merkungen hinsichtlich des C. Azarae zurückzukommen, glaube ich
jetzt genug Anhaltspunkte geboten zu haben, damit wir durch ihn
erfahren können, in welchem Verhältnisse der von ihm beobachtete
Fuchs zu den von Lund und mir beschriebenen Arten steht.
Den Icticyon venaticus, den Lund früher zu der Familie der
Marder zählte, will er jetzt bei der der Hunde untergebracht wissen);
allein nicht blos die Beschränkung der Mahlzähne auf einen einzigen
in jeder Kieferhälfte, sondern auch ‘die vollkommen dachsähnliche
Gestalt verweisen ihn unter die Marder.
Von einem wilden Hunde auf Malakka gab Cantor
Nachricht (Ann. XV. p, 498). 4
Er nennt ihn Chrysaeus soccatus, „ore vulpino, superne fer-
rugineo-fulvus, pilis dorsi nigro-apiculatis, infra subfulvus; rostro,
naso, labiis, palpebris striaque obliqua carpali nigris; caudae pen-
dulae vulpinae besse apicali nigro; digitis (5, 4) pilis longioribus
occultis veluti soccatus.” Da auch der hintere Backenzahn im Un-
terkiefer fehlt, so haben wir wohl nichts anders als den C. primae-
vus vor uns. S
Von einem neuholländischen wilden Hunde gab Ref. in
Schreber’s Fortsetzungen auf tab. 87B eine Abbildung un-
ter dem Namen Canis nigrescens.
Es ist dies ein kräftiger untersetzter Hund mit aufrechten Ohren
und robuster Schnautze, durchaus zu den Hunden und Schakals,
nicht zu den Füchsen gehörig. Seine Hauptfarbe ist rostig- oder
wolfsgelb, wobei jedoch die Oberseite des Halses, Leibes und
Schwanzes fast ganz schwarz ist. Dieses Exemplar wurde von Dr.
Preiss erkauft, der es aus Neuholland mitgebracht hatte. Bei seiner
Verschiedenheit vom Dingo in der Färbung wollte ich es von dem-
selben durch den Namen C. nigrescens unterscheiden; der nachste-
henden Mittheilung zufolge, welche ich dem erwähnten Reisenden
verdanke, scheint dies jedoch nicht der Fall zu sein. „Dieser neu-
holländische Hund”, schreibt mir Dr. Preiss, „kommt überall in
West- und Südwest- Australien vor und ist der Wahrscheinlichkeit
nach identisch mit dem in Ost-Australien (C. familiaris und Austral-
asiae Desm.). Die Farbe möchte wohl bei diesem Hunde kein Un-
terscheidungskennzeichen abgeben, denn er ist grösstentheils röth-
lichbraun, seltener schwarz und am seltensten weiss. Wenn ausge-
wachsen, ist er von der Spitze der Schnautze bis zur Schwanzwurzel
2% Fuss lang. Während des Tages lebt er in hohlen Bäumen, Fel-
senhöhlen oder in Dickichten und geht nur des Nachts auf Raub
aus. Er wird oft von den Wilden gezähmt und zur Jagd abgerichtet,
was aber nur dann möglich ist, wenn die Frauen der Wilden ihm die
Naturgeschichte der Säugthiere während des Jahres 18145. [49
Brust reichten. Dennoch aber verläugnet er seine wilde Natur nicht,
wenn ein Europäer sich ihm nähert. ‘Im wilden Zustande ist er
scheu und wird durch ein Feuer, welches während der Nacht unter-
halten wird, von den Schafheerden leicht verscheucht. Wird diese
Vorsicht nicht getroffen und er geräth unter die Schafe, so beisst
er mehrere todt und schleppt einige davon. Die Schäferhunde und
alle andern Haushunde geben die Ankunft des wilden Hundes, wel-
cher nieht bellt, sondern heult, durch starkes Bellen und Hin- und
Herlaufen zu erkennen, fürchten sich jedoch, wenn ihrer auch meh-
rere beisammen sind, ihn anzugreifen, weil er nicht wie andere
Hunde beisst, sondern schnappt und mit’ jedem Male ein Stück Flei-
sches aus seinem Gegner reisst. Er wird von den Wilden West-
Australiens Tuda und von denen in Neu-Südwallis Dingo oder Miree
genannt. Er kommt niemals als Haushund vor, weil es den Ansied-
lern nicht gelingt ihn zu zähmen. Wenn Cunningham sagt, die
australischen Hunde verbreiteten einen sehr übeln Geruch, so muss
ich bekennen, dass mir dies nicht bekannt ist, obwohl ich beim Ab-
bälgen zweier gegenwärtig war. Zu bedauern ist, dass er das Ge-
schlecht nicht angegeben hat; denn die Männchen vieler Beutelthiere
verbreiten zur Begattungszeit einen sehr widerlichen Geruch. Man
vermuthet, dass der australische Hund von Neu-Caledonien einge-
führt sei.”
' Hyaenina. Von den in den Höhlen des Seveckenbergs bei
Quedlinburg gefundenen Hyänen-Ueberresten gab €. G. Giebel eine
Beschreibung, zugleich mit einer kritischen Musterung der bisher
aufgestellten Arten, von welchen er nur 2 anerkennt: Hyaena spelaea
Goldf, und H. prisca Serr. (Isis S. 483).
Felina, Grill berichtete von einer Katze, die, Eichhörnchen
aufsäugte. Der Katze, welche 3 Junge geworfen hatte, hatte man 2
weggenommen und an deren Stelle ein Paar junge, noch blinde Eich-
hörnchen gelegt. Sie gelangten weit früher als die zurückgebliebene
junge Katze in den Stand umher zu springen, wo man die Pflegmut-
ter oft mit ihnen spielen und sich über ihren Fortschritt freuen sah
(Arch. skand. Beitr. 1. S. 453).
Ball stellte zweifelhaft als neue Art eine 5 Felis melanura nach
einem lebenden Exemplare auf, das noch vor Publication seiner Be-
schreibung die Färbung merklich änderte, daher mit Sicherheit noch
ze bestimmbar ist (Ann. of nat. hist. XV. p. 286).
ET
a Marsupialia.
« 4
ge: Owen hat neuerdings den Mangel eines eigentlichen
us callosum bei den Beutelthieren behauptet (Ann. of
nat. hist. XVL p. 101).
. Er'wurde dazu veranlasst durch eine Uebersetzung meines Jah-
resberichts von 1842 in dem ersten Bande der Ray Society, worin
150 Andr. Wagner: Bericht über die Leistungen in der
ich Mayer’s Behauptung, dass den Beutelthieren ein corpus callo-
sum zukomme, aufgenommen hatte. Darüber bemerkt nun Owen
Folgendes: „Die grosse Querbinde oder die Commissur, welche die
beiden Hemisphären vereinigt, indem sie sich von der einen zur an-
dern über die Seitenventrikel spannt, welche als solche deut-
lich sichtlich ist bei den untersten Nagern oder andern placentalen
Säugthieren mit dem glattesten und nach dem äussern Ansehen ein-
fachsten Gehirn, — diese grosse Commissur oder das Corpus callo-
sum wird, wie ich nach wiederholten Untersuchungen abermals ver-
sichern kann, bei allen bekannten Gattungen von Beutelthieren ver-
misst. Wenn das schmale Querband, welches die hippocampi ma-
Jores mit einander am vordern Theil des fornix vereinigt, sollte, wie
ich es auch anfänglich zugestanden hatte, als ein Rudiment des cor-
pus callosum betrachtet werden, so mag es dem vergleichenden Ana-
tomen frei stehen diesen Namen darauf anzuwenden. In der That
aber ist eine grosse Kluft vorhanden zwischen dem Verhalten der
Hirneommissuren bei den implacentalen Säugthieren und zwischen
dem, welches wir bei den untersten placentalen finden.”
} Graf Derby theilte die Bemerkung mit, dass sein Aufseher es
mit angesehen habe, wie das eben geborne junge Beutelthier in den
mütterlichen Beutel gelangt. Eine trächtige Bettongia stellte sich
nämlich aufrecht in eine Ecke ihres Behältnisses, brachte in dieser
Stellung das Junge zur Welt, nahm dann dasselbe mit den Vorder-
pfoten und steckte es in den Beutel (Ann. of nat. hist. XV. p. 435).
Dasyurina. Gould charakterisirte in den Ann. of
nat. hist. XV. p. 131 zwei neue Arten von Phascologale:
1. Ph. calurus; „cinerea, subtus pedibusque albis, indistinctis-
sime flavo-tinctis; cauda corpore longiore, dimidio basali pilis bre-
vibus rufis, apicali pilis longis nigris obsita; auribus magnis ad basin
flavescentibus obsitis.” Körper 5”, Schwanz 5%". — 2. Ph. crassi.
caudata; „supra cinerea, flavo-tinceta; corpore subtus pedibusque
albis; auribus medioeribus externe macula nigra ornatis; cauda brevi
erassa.” Körper 34”, Schwanz 7° 1'”. j 2
Eine ausführliche Beschreibung mit Abbildungen lieferten S.
Müller und H. Schlegel von ihrer Ph. melas in den Verhandel.
p- 149. tab. 25.
Opposina. J.v. Tschudi machte uns in seiner Fauna
peruana mit 3 neuen Arten der Gattung Didelphys bekannt:
1. D. ornata; „supra rubiginoso - fusca, nigro-irrorata, subtus
albicans; pectore candido, interscapulio macula oblonga alba ornata;
capite supra fascia intermedia nigra, utrinque griseo limbata; cauda
corpore longiore, dimidio longitudinis densissime pilosa. Körper
11”, Schwanz 1%’. — 2. D. noctivaga;, supra brunea, nigro-irro-
rata, lateribus fulvis, subtus albido-flavescens; cauda corporelongiore,
basi anguste pilosa; oculis eireulo nigro cinctis. ‚Körper 6” 9”,
Naturgeschichte der Säugthiere während des Jahres 1845. {51
Schwanz. 7” 4”, — 3. D. impavida; supra bruneo-rubiginosa uro-
pygio saturatiore, subtus alba; fascia nigra ab oculis ad rostri api-
cem porrigente; cauda basi pilosa, fere corporis longitudine. Kör-
per 6° 3, Schwanz 5" 4”.
Bridges machte darauf aufmerksam, dass bei Didelphys ele-
gans das Weichen beträchtlich kleiner als das Männchen und sein
Schwanz sehr dick und fleischig ist (Ann. of nat. hist. XV. p. 427).
Owen hat in seiner Odontography p. 381 wiederholt es
bestätigt, dass Chironectes im Gebiss mit Didelphys überein-
stimme.
Ogilby hatte nach einem ihm von Natterer zur Ansicht mitge-
theilten Exemplare die Anzahl der Backenzähne nur zu 42 angegeben,
indem er in jeder Kieferhälfte blos 2 Lücken- und 3 Backenzähne
vorfand, und weder ich noch Waterhouse (in der Natur. Library XI.
Marsupialia) waren früher, in Ermangelung von Exemplaren, im
Stande diese Angabe zu berichtigen. Seitdem habe ich Gelegenheit
gehabt, die von Natterer mitgebrachten Exemplare zu. untersuchen,
darunter auch das, welches Ogilby zur Ansicht hatte, und kann es
allerdings bestätigen, dass er an letzterem die Zahl der Zähne rich-
tig angegeben hat; allein O. hat es übersehen, dass dieses Exemplar
ein noch jugendliches war, indem seine Körperlänge noch nicht ganz
95° misst, während sie bei alten 13” beträgt. Bei alten Thieren
habe ich die Zahl der Zähne ganz so befunden wie bei Didelphys,
DEN. AbrdO h 1-1 3.37, Ah,
nämlich 8 Schneidez., 1.1 Eckz.; 3,3 Lückenz. und 7,2 ächte
Backenzähne, also im Ganzen 50 Zähne. — Bei dieser Gelegenheit
will ich zwei Irrthümer: berichtigen, die sich in Ogilby’s Beschrei-
bung eingeschlichen haben Derselbe schreibt nämlich den Chiro-
nectes grosse Backentaschen zu, während von solchen an den von
mir untersuchten Exemplaren keine Spur wahrzunehmen ist, mir
überdies Natterer versichert hat, dass solche gar nicht vorhanden
wären. Dann vergleicht auch O. den Schwanz des Chironectes mit
dem des Hydromys und sagt, dass wenn er vom Thiere getrennt
wäre, man nicht zu unterscheiden vermöchte, von welchem er her-
stamme. Dies ist völlig unrichtig. Der Schwanz von Ch, ist an der
Wurzel auf eine ganz kurze Strecke vom Rückenpelz überzogen,
der in gleicher Erstreckung, oben wie unten, plötzlich aufhört; der
ganze übrige Theil ist nackt, im Leben oben cylindrisch gewölbt,
unten flach gedrückt, dabei nach unten gekrümmt. Derselbe ist mit Jau-
ter kleinen, meist etwas rhomboidalen, keineswegs aber in wirtelartige
Reihen gestellten Schuppen bedeckt, zwischen denen, zumal auf der
‚Unterseite, einzelne kurze anliegende Härchen zum- Vorschein kom-
‚men, die erst bei näherer Besichtigung in die Augen fallen. — Rich-
tig ist Ogilby’s, auf Natterer’s Autorität begründete Angabe vom
Vorkommen des Beutels bei den Weibchen von Ch., wie ich mich
davon durch Autopsie überzeugt habe.
I
152 Andr. Wagner: Bericht über die Leistungen in der
Zu‘ Perameles hat Gould eine neue Art hinzugefügt
(Ann. of nat. hist. XV. p. 130):
Sie heisst P. arenaria; Pelz rauh, graulichbraun, mit vielen
schwarzen Haaren, die auf dem Rücken eine Art Sattel und an den
Seiten eine Binde bilden; Ohren ziemlich lang und dreifarbig. Kör-
per 14%”, Schwanz 4}, Ohren 15”.
Scamdentia. Die Phalangisten (Untergattung Dromi-
cia) bereicherte Gould mit einer nenen Art (Ann. of nat.
hist. XVI. p. 49):
Dromicia conciuna, von Phalangista nana Geoffr. verschie-
den durch geringere Grösse, scharfe Trennung der obern (lichtbrau-
nen) und untern (weissen) Farbe und durch Mangel irgend einer
Erweiterung der Schwanzwurzel. Körper 33“, Schwanz 34“ Von
Westaustralien.
Macropoda. Mit grösster Gründlichkeit ist diese Fa-
milie sowohl in ihren lebenden als ausgestorbenen Arten von
Waterhouse in seinen Nat. Hist. ‘of the Mammalia, ‚Heft
2—5 behandelt worden.
In meiner Beschreibung dieser Familie hatte ich beständig zu
klagen über die mangelhaften und confusen Angaben und Unterschei-
dungen der Arten, da selbst an einem Orte zusammen lebende Zoo-
logen, wie Ogilby und Gray, auf einander in Festsetzung der Arten
keine Rücksieht nahmen, so dass ich S..100 bei Erwähnung einer
Spezies von Potorus, die Ogilby nach seiner gewöhnlichen Weise so
dürftig bezeichnete, dass sie nicht wieder zu erkennen war, klagend
ausrief, dass der Oedipus kommen möchte, der uns die Räthsel der
englischen Sphinx auflösen könnte. Dieser Oedipus ist nun wirklich
in der Person von Waterhouse erschienen und durch ihn ist auf ein-
mal Ordnung und Licht in die chaotische Verwirrung der Arten ge-
bracht worden, Bei sorgfältiger Vergleichung, der Sammlungen von
Londen und Paris konnte er“Concordanz in die Synonymik bringen,
die Nominalarten. beseitigen und die: wahren Arten in-ihre rechten
Grenzen zurückführen. Durch diese gediegene kritische‘ Sichtung
ist es denn geschehen, dass.die Anzahl der;Spezies ausserordentlich
reduzirt und auch die durch Gould ungebührlich' zersplitterten Gat-
tungen auf den rechten Bestand zurückgeführt worden sind.' ‚Dadurch
hat sich W. ein ungleich grösseres Verdienst erworben, als wenn
er. noch so viel neue Arten aufgestellt hätte, wie es beisihm der
Fall nicht ist. ‚Bei dieser Gelegenheit will Ref. bemerken, dass'er
nunmehr seinen Halmaturus leptonyx zu kassiren hat, da er durch
die. Acquisition zweier frischer ‚und erwachsener Exemplare von
H. Bennettü, sich überzeugte, dass bei, diesen Art’ die grössere ‘oder
geringere Dicke der Krallen ein veränderliches; Kennzeichen ist.
Naturgeschichte der Säugthiere während des Jahres 1845. 153
"Die von Gould in den Ann. of nat.:hist. XV. p. 129 neu aufge-
stellten Arten: Macropus gracilis und Hypsiprymnus platyops hat
W. bereits aufgenommen und zugleich gezeigt, dass exsterer mit M.
dama identisch ist,
Von zwei ausgestorbenen Gattungen riesenhafter Grösse:
Diprotodon und: Nototherium, deren Ueberreste in Australien
gefunden werden, hat uns Owen Nachricht gegeben.
Die Ueberreste von Diprotodon sind im Catal. of the fossil
organic remains contained in the Mus. of the' College of Surgeons
p- 291. tab. 6, 7 und 10 beschrieben und abgebildet, ferner hat ihrer
Owen in den Ann. of nat. hist. XV]. p. 142. erwähnt. Sie verbinden
die Merkmale von Halmaturus mit denen von Phascolomys. — No-
totherium ist in demselben Katalog S. 314 tab. 8, 9 und 10: geschil-
dert und werden 2 Arten N. inerme und N. Mitchelli unter-
schieden. }
Rodentia.
Seiurina, Mit 4 Arten aus Südamerika ist die Gat-
tung Seiurus bereichert worden.
Sciurus tricolor Poepp.; supra ‚nigro-ochraceo irroratus,
subtus rufescens; cauda basi nigra, apice rufa. Körper 12”; aus
Peru (Tschudi’s Fauna peruana S. 156. tab.11). — 2, Sc. rufoni-
ger Puch., Rückenlinie, schwarz, Seiten roth, Kinn und Unterleib
grau, letzterer ins Gelbliche ziehend, Brust gelb; Schwanz zweizeilig,
seine Haare roth und schwarz geringelt, mit 2 (?) weissen Spitzen.
Grösse des Guerlinguet; Heimath Santa F& de Bogota (Pucheran in
der Rev. zoo]. p. 336). — 3. Se. chrysurus Puch, kleiner, Ohren
nur etliche Linien ‚über die Kopfbehaarung vorragend, Farbe, der
Oberseite ähnlich der des Guerlinguet, aber dunkler; Schwanz rund,
‚au.der Basis ebenso. gefärbt, das Uebrige goldroth. , Von demselben
Fundort (Rev. zool. p.337). — 4. Se. gilvigularis. Natt.. vom
Ref. im Arch. S, 148 charakterisirt; Se. rufoniger könnte mit ihm zu
‚einerlei Art gehören.
2 $. Müller und H. Schlegel haben in den Verhandel,
p. 105 eine Monographie der indischen Arten von Pteromys
‚geliefert, dabei aber auch noch auf die anderen Länder Rück-
sicht |genommen. )
Won ihnen erfahren wir, dass Pr. sagitia in der Färbung und
Behaarung der Wangen sehr veränderlich ist, so dass Pt. genibarbis
und /epidus von Horsfield, ferner mein Pt. aurantiacus und Water-
house’s Pt. Horsfieldii damit zu vereinigen ist. — Von Anomalarus,
‚welchen die Verf. bei den Flughörnchen belassen, machen sie eine
2te Art von der Goldküste als 4A. Pelii bekannt, der sich von A.
154 Andr. Wagner: Bericht über die Leistungen in ‚der
Fraseri durch ansehnlichere :Grösse,,und eine etwas andere Farben-
vertheilung unterscheidet.
Myoxina. Von einem neu entdeckten Schläfer, Myozus
orobinus, theilte Ref. im Archive S. 149 die Diagnose mit.
Dipoda. Ueber die Lebensweise einiger in der Gefangen-
schaft gehaltener Springmäuse legte R. Heron in den Ann. of
nat. hist. XV. p. 286 seine Erfahrungen vor.
Chinchillina. Unter mehreren von Bridges aus Chili ein-
gesendeten Fellen erkamte Waterhouse auch Lagidium peruanum
(Lagotis Cuvieri), das auf der chilischen Seite der Andes in der
Provinz Aconcagua acquirirt wurde und vollkommen mit einem In-
dividuum, das in der Nähe von Mendoza gefunden worden war, über-
einstimmte. _
Oryeterina. Waterhouse charakterisirte eine neue
Art von Octodon (Ann. of nat. hist. XV. p. 428):
O. Bridgesii aus Chili, von O. Cumingii (Dendrobius Degus)
verschieden durch erheblichere Grösse, minder lebhafte Färbung,
längeren; und minder deutlichen gepinselten Schwanz ‚und. weisse
Füsse. Körper 8“ 6“, Schwanz 5" 8,
Ref. stellte in diesem Archive S. 145 zwei neue Gattun-
gen: Mesomys und Isothrix auf.
Erstere mit einer Art: M. ecaudatus, letztere mit 3: I. bistriata,
pachyura und pagurus. Ausserdem charakterisirte er noch 2 ändere
Arten: Loncheres grandis und Dactylomys amblyonyz; alle aus
Brasilien.
Murina. Gould bereicherte diese Familie mit 5 neuen
Arten aus Neuholland (Ann. of nat. hist. XVI. p. 425).
Sie heissen: 1. Mus lineolatus, 2. Mus gracilicaudutus,
3. Mus albocinereus, 4. Hapalotis murinus und 5. Poda-
brus macrourus. Letzterer ist einer dem Ref. ganz unbekannten
Gattung zugewiesen, ist/3”9, der Schwanz 3" 2“ lang. Pelz weich,
oben aschgrau, schwarz gesprenkelt, an den Seiten blasser mit gelb-
lichem Anfluge, unten und an den Füssen etwas gelblich überlaufen;
Oberseite des Kopfs mit schwarzer Längsbinde; Ohren mässig;
Schwanz an der Wurzel sehr dick, geschuppt, oben mit kleinen
schwarzen und gelblichen Härchen, unten mit weisslichen besetzt. —
Hapalotis murinus hat einen ungemein weichen Pelz, oben zart
ockergelb, am Rücken‘ mit Schwarz gesprenkelt, unten ‚weiss; Ohren
ziemlich gross, weiss. behaart; Schwanz ‘mit kurzen Härchen besetzt.
Körper 5’ 64, Schwanz 3” 9".
Hodgson führte'in den Ann.’ of nat, hist. XV. p. 266 aus Nepal
48 Arten von Ratten und Mäusen vor. Da er jedoch selbst bei meh-
reren zweifelhaft ist, ‘ob 'sie zu Mus gehören oder nicht,da von
Naturgeschichte der Säugthiere während des Jahres 1845. 155
keiner die Beschaffenheit des Zahnbaues angegeben wird und man
also nicht einmal der Gattung versichert ist, 'so ist aus diesen An-
gaben nicht viel mehr als Das zu ersehen, dass es in Nepal ziemlich
viele Arten von Mäusen und mausähnlichen Thieren giebt, die aber
erst einer genauen Untersuchung bedürftig sind.
Aus dem Sennaar sind vom Ref. im Archive S. 149 von Mus 2
Arten: M. limbatus und fuscirostris, ebendaselbst auch eine Renn-
maus aus Syrien: Meriones myosuros aufgestellt, letztere überdies in
Schreber’s Fortsetzungen tab. 232A abgebildet worden.
A. Smith hat in seinen Illustrations 2 südafrikanische
Arten, Mus pumilio Sparrm. und Mus dorsalis Smith be-
schrieben und auf tab. 46 abgebildet.
Ref. hatte, als er in Schreber’s Fortsetzung die Beschreibung
von Mus pumilio zu geben hatte, auf die Verschiedenheiten aufmerk-
sam gemacht, die nach Sparrmann’s Schilderung derselben zwischen
ihr und den mir vorliegenden kapischen Exemplaren statthatten,
weshalb ich letztere unter dem Namen M. vittatus absonderte., Nach
einer schriftlichen Mittheilung von Dr. Sundevall, der das Ori-
ginal-Exemplar von Sparrmann untersuchte, ist aber dasselbe nur im
jugendlichen Zustande und die Differenzen rühren lediglich vom Alter
her, so dass also M,. pumilio und vittatus zusammen gehören, —
Mus dorsalis ist eine neue Art, die auf der Oberseite röthlichbraun
gefärbt ist, mit einem dunklen Rückenstreif; die Unterseite rostig
weiss, der Körper misst 4”, der Schwanz 44".
Unter dem Namen Zypuwdaeus Nugeri und A. a
scente fuscus (!) führte Schinz in seiner Syn. mamm. 11.
p- 237 u. 240 zwei neue schweizerische Wühlmäuse ‚auf und
wandelte ferner den Namen 4. alpinus in H. nivicola, um.
Der H. alpinus ist von mir bekannt gemacht worden nach 3
ser die ich von Nager aus Ursern erhielt. Sie waren, wie
ch angab, keineswegs gleichfarbig, und seitdem ich noch von dem-
en Sammler 4 neue Exemplare dazu bekam, hatte sich diese
erenz noch gesteigert. Unter diesen 7 Exemplaren gehören 4 zu
er Art, die Schinz H. Nageri nennt, 2 zu seinem H. nivicola und
das letzte kann ich nur mit einigem Bedenken zu H. Nageri rechnen.
Die Aenderung des Namens H. alpinus in H. nivicola ist unnöthig
und, da keine Maus auf dem Schnee wohnt, auch unrichtig. Wo-
* durch sich der H. rufescente fuscus (!) vom H. arvalis unterscheiden
EN, ist mir nicht klar geworden; Differenzen im Gebiss sind auch
cht angegeben.
Hesperomys hat einen ziemlichen Zuwachs. an Arten er-
‚halten.
dm. Pschudi führte dieser Gattung 3 Arten aus Peru zu: H.
destructor, melanostoma und leucodactylus; Ref. (im Ar-
156 Andr. Wagner: Bericht über die Leistungen in der
chiv S.147) 9 Arten, nämlich H. Zeucodaectylus (verschieden von
dem vorigen), concolor, leucogaster, eliurus, pygmaeus,
brachyurus, fuliginosus, caniventris und maniculatus,
wovon die erstern 8 Arten Brasilien angehören, die letzte Labrador.
Von Hesperomys trennte J. v. Tschudi in seiner Fauna
peruana. S. 178 eine Gattung Drymomys ab, mit folgenden
Merkmalen:
„Habitus murinus, rostrnm subacutum , labrum fissum, auriculae
magnae; cauda longa, squamata, tota parce pilis tecta. Dentes mo-
lares sensim minores, elongati, sulcis longitudinalibus transversisque
divisi et primus et secundus maxillae superioris pila bicuspidata.”
Dem Gebisse nach ein Bindeglied zwischen den Mäusen der alten
und neuen Welt. Hieher eine Art aus Peru: D. parvulus.
Castorina. In den vor Kurzem, uns zugekommenen
Mem., de. Strasbourg Ill. 3° livrais. 1843. liess Lereboullet
einrücken:: Notes pour servir»ä l’anatomie du Coipou Aate
potamus coipus) mit 2 Tafeln Abbildungen.
Schon im Jahresberichte über die Leistungen von 1843 hat Ref.
der Untersuchungen des Verf. über die Bruüstdrüsen erwähnt. Hier
kommen nun noch dazu Bemerkungen über die Organe der Ernäh-
rung, die Geschlechts- und Harnwerkzeuge und eine ausführliche
Schilderung des Skelets. Letzteres vergleicht er mit dem des Bibers
und des Hydrochoerus und findet, dass es sich diesem mehr als
jenem .annähert.
Hystrieina. Von J. v. Tschudi wurde ein Sphin-
gurus bicolor aufgestellt.
In’ der Fauna peruana p. 186. tab. 15 wird er von ihm durch fol-
gende Diagnose bezeichnet: „S. supra aculeis longis 'bicoloribus ve-
stitus (sulphureis et nigris), rostro rufo-fusco, auriculis nigricantibus;
subtus aculeis brevibus, setis intermixtis, ornatus; abdomine dilute
bruneo, regione inguinali rufescente; caudae apice ex rufo-nigricante.”
Länge des ganzen Thiers 2’ 1“, des Schwanzes 1‘ 1“. In den Urwäl
dern Perw’s als grösste Seltenheit. !
Ueber das Stachelschwein am Aetna finden sich von 1.4
vagni einige Notizen in der Isis S. 614.
Edentata.
In dem Catalogue of the foss. org. remains in the Mus. of the
College of Surgeons sind Tab. 1—5 vortreffliche Abbildungen von
wichtigen Ueberresten der Gattung G/yptodon geliefert worden.
Waterhouse bearbeitete im isten Hefte seiner Nat. Hist. of the
Mammalia ' die‘ Monographie der Gabelthiere (Monotremata) mit
grosser Ausführlichkeit und Genauigkeit" Vom 'Ornithorhynchus
Naturgeschichte der Säugthiere während des‘ Jahres 1845. 157
nimmt er gleich, mir. nur ‘eine. Art an; von: Tächyglossus führt er
zwar 2 auf: T. acwleatus und setosus,:doch äussert er den Zweifel,
ob letzterer nicht vielleicht blos als eine Vandiemensland eigenthüm-
liche klimatische Varietät anzusehen sein möchte.
Solidungula.
Von den Pferderassen handelte ein kurzer Aufsatz von W. Bau-
meister in den Würtemb. naturw. Jahreshefte 1. S. 114.
_ Gemmellaro’s älterer Bericht von einer milchgebenden Maul-
eselin ist in die Isis S. 604 aufgenommen, doch scheint mir der Fall
nicht hinreichend verbürgt.
- - Owen unterschied in der Hist. of Brit. foss. Mamm.p.392 einen
Equus plicidens aus den Höhlen Oreston’s von dem nah verwand-
ten E. primigenius durch die Form des 5ten oder innern Prismas
der obern Backenzähne und durch seinen Zusammenhang mit dem
vordern Lappen, des Zahns, während bei E. primigenius das Ste
Prisma oval und inselartig ist. —ılm Cat. of foss. Mamm. of.the
Coll. of Surgeons p. 235 wies Owen nach, dass die in Südamerika
gefundenen fossilen Pferdüberreste einer eigenthümlichen Art, von
ihm Equus curvidens benannt, angehörten.
Pachydermata..
Ueber die urweltlichen Arten dieser Ordnung hat das
vorige Jahr ziemlich viele und meist wichtige Arbeiten gebracht.
Owen hat seine Beschreibung der hierher gehörigen Ueberreste
aus England in seiner .Hist. of Brit. foss. Mamm. mit dem Anfang
des 10ten Heftes beendigt. — Im Katalog des Museums des College
of Surgeons sind die darin aufbewahrten fossilen Ueberreste von
Pachydermen ausführlich beschrieben worden. — Falconer hat
seine Fauna antiqua sivalensis mit den Dickhäutern und zwar zu-
nächst mit den Gattungen Elephant und Mastodon eröffnet, und bei
der Gründlichkeit und Umsicht, mit der er zu Werke geht, erregt
seine Arbeit grosse Erwartungen. — Von Laurillard ist ein kur-
zer, aber lehrreicher Artikel über das Dinotherium im Dict. univ.
d’hist. nat. V. p. 35 erschienen.
A. C. Koch hat eine Abhandlung geschrieben: „Die Riesenthiere
der Urwelt oder das neu entdeckte Missourium theristocaulodon
At:
‚Die dem indischen Archipel eigenthümlichen Arten von
KRlinoceros und Sus sind durch $S, Müller und H, Schlegel
153 Andr.Wagner: Bericht über die Leistungen in der
in den Verhandel. ausführlich‘ beschrieben und in vortrefl-
lichen Abbildungen dargestellt worden.
Es sind dies: Rhinoceros sondaicus und sumatranus; ferner Sus
vittatus, verrucosus, celebensis, timoriensis und barbatus.
Wahlberg bezweifelte die Berechtigung des Akinoceros
Keithloa als eigene Art angesehen zu werden.
Er sagt hierüber (Arch. skand. Beitr. I. S. 427) Folgendes:
„Nachdem ich dieses als neue Spezies beschriebene Thier gesehen
habe, kann ich nicht umhin den Ausspruch zu thun, dass ich meines
Theils an der Selbstständigkeit desselben als Spezies zweifle, ja dass
ich fast das Gegentheil mit Sicherheit zu behaupten wage. Ich habe
eine sehr grosse Anzahl schwarzer und weisser Nashörner selbst
getödtet und tödten lassen und an ihnen die Beobachtung gemacht,
dass die Hörner bei den beiden Arten in der Gestalt sowohl, als
der Grösse und Farbe stark variiren. Im Allgemeinen haben die
Weibchen die längsten Hörner, aber die Männchen viel dickere. Die
hintern Hörner der alten Weibchen des schwarzen Rhinozeros sind
fast immer über halb so lang als das vordere, da hingegen jene bei
den Männchen die Hälfte des letztern nicht erreichen. Die beiden
Keithloa, welche mir zu Theil wurden, waren beide Weibchen und
ich erstaunte in der That, als ich aus Smith’s Beschreibung ersah,
dass das Individuum, ‚welches: er. erhalten :hatte, ein Männchen ge-*
wesen war, denn dies widerstritt ganz und gar der Ansicht, welche
ich von der Sache gefasst hatte.”
Ruminantia.
C. J. Sundevall hat in den Vetensk. Akad. Handl. 1844
p. 121 eine methodische Uebersicht über die Wiederkäuer
bearbeitet.
Der Raum gestattet es uns nicht, auf diese umfassende wichtige
Arbeit so einzugehen, wie. sie es verdiente; Ref. muss sich darauf
beschränken nur ganz in.der Kürze ihren Inhalt anzugeben. In einer
langen, in schwedischer Sprache abgefassten Einleitung prüft der
Verf. den Werth der Merkmale, welche zur systematischen Einthei-
lung der Ordnung der Wiederkäuer bisher benutzt. wurden und findet
in der Bildung der Hufe das Hauptanhalten zur Charakteristik der
Abtheilungen;, es sind daher auch auf 2 Tafeln die wichtigsten Huf-
formen abgebildet. Ein zweites Kapitel handelt in der Kürze von
der geographischen Verbreitung der Wiederkäuer, von denen der
Verf. 141 Arten auflührt. Im dritten Kapitel folgt in lateinischer
Sprache die methodische Uebersicht der Familien, Gattungen und
Arten, alle durch Diagnosen genau bezeichnet und mit vielen kriti-
schen Bemerkungen versehen; die Camelina und Caprina allein sind
noch im Rückstand geblieben. ‚Von dieser höchst wichtigen Ab-
Näturgeschichte der Säugthiere während des Jahres 1845. 159
handlung ist ein kurzer Auszug im Archiv skand. Beiträge 1. S. 440
erschienen
Ueber die Ernährung des Foetus der Wiederkäuer legte Rapp
in den Würtemb. naturwiss. Jahresheften I. S. 67 einige Bemerkun-
gen vor.
Tylopoda. Die wichtigste Arbeit, welche seit langer
Zeit in dieser Familie erschienen, ist J. v. Tschudi’s mo-
nographische Bearbeitung der Gattung Auchenia in seiner
Fauna peruana S. 219.
Damit ist nun auf einmal die bisherige Unsicherheit in der Fest-
stellung. der Arten beseitigt, indem der Verf. durch zahlreiche Be-
obachtungen nachzuweisen vermochte, dass 4 Arten in dieser Gat-
tung bestehen, nämlich Auchenia Lama, A. Huanoco,, A. Paco und
4. Vicunia. Diese 4 Arten werden genau beschrieben und ihre Le-
bensweise und Verbreitung ausführlich geschildert, von A. Vicunia
auch eine Abbildung gegeben.
Zu bemerken ist noch: Walton, das Alpaca, seine Einführung
in den brit. Inseln etc. Aus dem Englischen. Reutlingen.
Cervina. Zur Kenntniss des innern Baues der Giraffe
sind. 2 wichtige ‚Beiträge geliefert worden.
a. Recherches historiques, zoologiques, anatomiques et paleon-
tologiques sur la Girafe, par MM. Joly, Prof. de zool.a la Faculte
des sciences de Toulouse et A. Lavocat, Chef des travaux anatom.
a l’ecole veterin. (Mem. de la soc. d’hist, nat. de Strasb. 111.3.
p-1— 124 mit 17 lith. Tafeln). Eine aus (dem Sennaar eben ange-
kommene, noch junge Giraffe starb in Toulouse und dies gab den
genannten Verff. Gelegenheit eine genaue Untersuchung derselben
vorzunehmen und wurde dadurch Veranlassung zu einer vollständi-
geren monographischen Bearbeitung dieser Gattung. Sehr ausführ-
lieh ist die Literatur behändelt, doch war den Verff. die wichtige Ab-
handlung von Cretzschmar und Rüppell nicht bekannt; von der ana-
tomischen Abtheilung ist besonders ausführlich die Osteologie und
Myologie bearbeitet. Das sogenannte dritte Horn haben sie an
ihrem Exemplare gerade so gefunden wie Owen, Rüppell und Ref.;
dagegen wird S. 64 angeführt, dass Lavocat an dem Schädel einer
erwachsenen Giraffe im pariser Museum ganz unzweifelhaft ein drit-
tes Horn wahrgenommen hätte, das mit einer sehr erweiterten Basis
auf der mittlern Vorragung der Stirnhöhlen aufsass. Am Skelet
einer alten Giraffe bemerkte der nämliche in der Mitte der Stirne
eine beträchtliche, sehr rauhe Vorragung, aber die Basis des Horns
war nicht mehr distinkt; sie war, wie er meint, mit den Stirnbeinen
verschmolzen. Lavocat will daraus folgern, dass das Horn ein Pro-
dukt des Alters sei, in der Jugend fehle und im vorgerückten Alter
nicht mehr von den Knochen, welche es tragen, unterschieden sei.
160 Andr. Wagner: Bericht über die Leistungen in der
Die Gallenblase war nicht vorhanden. — b. Aanteekeningen bij het
ontleden van eene Nubische Giraffe, door A. A. Sebastian (Tijd-
schr: voor natuurl. Geschied. XU. p. 185 mit 1 Tafel). Diese Unter-
suchungen sollen als Erläuterungen und Zusätze zu denen; von Owen
angesehen werden. Das sogenannte dritte Horn an seinem, noch
jungen Exemplare hat er gerade so wie Owen, nämlich als eine
blosse Anschwellung der Stirn- und Nasenbeine, gefunden; die Pole-
mik, die-aber deshalb S. gegen Rüppell eröffnet, gilt nicht diesem,
sondern Cretzschmar. Eine Gallenblase hat er, wahrgenommen, aber
eine sehr kleine; sie ist in der Verbindung mit der Leber abgebildet.
Am Colon hat S. an der Einmündungsstelle des Dünndarms eine
Eigenthümlichkeit entdeckt, die weder von Owen noch von Joly und
Lavocat bemerkt wurde. Man sieht nämlich daselbst auf der Schleim-
haut grössere und kleinere Zellen mit einer runden oder ovalen
Oeffnung und einige dieser Zellen sind wieder&durch Wände in Fächer
abgetheilt. Von dieser Eigenthümlichkeit ist eine Abbildung mitge-
theilt, ausserdem noch vom Magen und Gehirne; letzteres im Längs-
durchschnitt.
Eine neue Gattung hat Ogilby unter dem Namen Hye-
moschus errichtet (Ann. of nat. hist. XVl. p. 350).
Sie beruht auf dem afrikanischen Moschus aquaticus, dessen
Schädelbau erst jetzt bekannt wurde. In der Grösse der Pauken-
knochen kommt die neue Gattung mit Tragulus überein, unterscheidet
sich aber dadurch, dass während bei diesem die, Zwischenkiefer
gross, dreieckig, hinten abgestutzt und über die Basis der oberen
Eckzähne hinaus sehr verlängert sind, bei Hyemoschus dagegen die
Zwischenkiefer schmal, kurz und nicht über die Basis der oberen
Eckzähne vorgestreckt sind.
Ueber die Hirsche sind schätzbare Beiträge zuge-
kommen.
Die ganze Abtheilung umfasst die kritische systematische An-
ordnung ihrer Arten von Sundevalla.a.0, — Die in Abbildungen
schon länger durch S. Müller und H. Schlegel vorgeführten Arten
des indischen Archipels sind nunmehr auch durch sehr ausführliche
Beschreibungen in den Verhandeling. S..209 geschildert worden. —
Verschiedene Bemerkungen über die Zähne des Hirsches wurden. von
Rapp in den Würtemb, naturw. Jahresheft. I S. 64, vorgelegt. —
Cervus antisiensis, von Pucheran ‚unvollständig geschildert, ist
durch J. v. Tschudi in seiner Fauna peruana’$. 241 ausführlich
beschrieben und auf Tab. 18 abgebildet worden. — In den Bullet. de
Moscou 1845. N. 3.'p.214 wurden durch’ Eichwald etliche aus dem
Altai gebrachte Ueberreste des Cervus euryceros s. megaceros 'be-
schrieben, dann seine. Verbreitung ‚besprochen und endlich es für
„mehr als wahrscheinlich” erklärt, dass der Riesenhirsch erst vor
ein Paar Jahrhunderten ausgerottet worden sei. — Höchst genau
Naturgeschichte der Säugthiere während des Jahres 1845. 161
und vollständig ist diese Art von Owen (in seiner Hist. of Brit. foss.
Mamm. p. 444) unter dem Namen Megaceros kibernicus geschildert
worden.
Graf Mandelslohe gab von einem schönen Unterkiefer von
Palaeomeryxz Scheuchzeri aus dem Süsswasserkalk von Steinheim
Nachricht und liess denselben auch abbilden in den Würtemb. na-
turw, Jahresh. I. S. 152. Ebenda S. 255 machte Krauss bemerk-
lich, dass er 2 Backenzähne derselben Art aus dem Süsswasserkalke
von Hohenmemmingen erhalten habe.
Bettington fand, wie er in den Ann. of nat. hist. XVI. p. 137
berichtete, auf der Insel Perim im Golfe von Cambay, ausser Ueber-
resten von Mastodon, Nashorn, Hirschen, Antilopen, Rindern, Kroko-
dilen etc., auch noch einen Schädel, der mit dem des Sivatheriums
Aehnnlichkeit hatte, aber sich gleich dadurch unterschied, dass die
vordern Hörner von einer zusammenfliessenden Basis entstanden. Es
ist zu wünschen, dass den unklaren Angaben eine genaue Beschrei-
bung nachfolgen möchte.
Cavicornia. Die schon erwähnte systematische Ein-
theilung der Hohlhörner von Sundevall enthält auch schätz-
bare Beiträge zur genauern Kenntniss zweifelhafter oder un-
richtig gedeuteter Arten.
Nur Einiges kann hier zur Sprache kommen. Cervus latipes Fr.
Cuy. ist das Weibchen von Antilope quadricornis. Antilope unctuosa
Laur. hält S. nicht für verschieden von C. defassa. A, leucophaea
erklärt er für eine selbstständige Art, die ehemals in der Kapkolonie
häufig gewesen, nunmehr ausgerottet sei. Buffon’s Koba glaubt er
in einem Exemplare aus dem Sennaar wieder erkannt zu haben.
Wahlberg fand auf seinen Reisen in Südafrika die bisher nur in
einem Exemplare gekannte Antilope nigra ziemlich zahlreich in den
Motitlebergen in der Nähe des Moriquaflusses, wo er sie verschie-
dene Male in Truppen von 15—20 erblickte und auch mehrere Indi-
viduen erlegte (Archiv skand. Beitr. S. 414).
In Jaequemont’s Voy, dans P’Inde. Descript. des colleet. IV. p. 74
stellte Is. Geoffroy eine Antilope Hazenna auf, die er jedoch
nicht vollständig beschreiben konnte, weil er nur ein einziges, und
überdies weibliches Exemplar vor Augen hatte. Jedenfalls ist sie
mit A. Bennettii nahe verwandt.
In dem Bullet. de la elasse physic.-math. de Petersh. IV. p. 257
ist enthalten ein Aufsatz über „die Turjagd am Kaukasus nebst Be-
merkungen über die Lebensweise des Turs und des kaukasischen
Rebhuhns, von Dr. Kolenati.” Der Name Tur, den Rouillier für
seinen Aegoceros Pallasii anwendete, wird hier von der Capra cau-
easiea gebraucht und dabei bemerkt, dass ihn hie und da auch der
Aegagrus führt: Da K. keine Beschreibung seines Turs giebt, so
bleibt die systematische Benennung ungewiss.
Archiv 1, Naturgesch, X11. Jahrg. 2. Bd. L
162 Andr. Wagner: Berieht über die Leistungen in der
Ueber einen milchgebenden Bock, der gegenwärtig in der pariser
Menagerie lebt, gab Is. Geoffroy ausführliche Auskunft. Die
Quantität Milch, die er liefert, ist von einem Tage zum andern ver-
schieden. Sie beträgt von $ Litre bis 2 Decilitres (Rev. zool. p.323).
In ausführlicher Beschreibung und mit vortrefilichen Ab-
bildungen haben H, Schlegel und S. Müller die Rinder
des indischen Archipels erläutert (Verhand. p. 195. tab. 35—41).
Wild kommt nur eine Art auf den sundaischen Inseln vor, der
Bos sondaicus. Unter den zahmen ist der Büffel am gewöbnlichsten,
nächstdem die Zebus, sehr selten europäisches; Vieh. Der 2. son-
daicus gehört mit 3. taurus und B. frontalis zu einer Gruppe, und
kommt letzterem am nächsten. Die Verff. zeigen ferner, dass 2.
Jrontalis und B. gaurus eine und dieselbe Spezies ausmachen, was
ihnen: insbesondere aus einer genauen Vergleichung eines von Deles-
sert mitgebrachten Schädels zur Gewissheit geworden ist.
AufSpilsbury’s Notizen über fossile Ueberreste vom Nerbudda,
meist Rindern angehörig, kann hier nur aufmerksam gemacht werden,
da jene zu dürftig, und die Abbildungen meist zu sehr verkleinert
sind, um eine genaue Bestimmung zuzulassen (Journ. of the As. Soc,
of Bengal 1844. No. 153). 3
Pinnipedia.
Diese Ordnung ist vom Ref. in Schreber’s Fortsetzungen Heft
128a. und 129 bearbeitet worden.
Unter -6 Schädeln von Halichoerus grypus fand Reinhardt 3,
bei welchen im Oberkiefer hinter dem fünften Backenzahn noch ein
sechster, aber bedeutend kleiner und einwurzelig, vorhanden war.
Cetacea.
Sirenia. In den Bullet. de Petersb, IV. p. 167 wurden
angekündigt: Observationes ad Cetaceas herbivoras s. Sirenia
et praecipue ad Rhytinae historiam generalem et affinitates
spectantes; auetore J. F. Brandt.
Sie sollen in den Abhandlungen der Akademie erscheinen. Wich-
tig ist die a. a. ©. S. 135 berichtete Auffindung eines Schädelfragments
der Rhytina auf der Beringsinsel.
Beiträge zur Kenntniss der amerikanischen Manatis von
H. Stannius. Rostock, 37 S. 4. mit 2 Tafeln.
Eben. im Begriff, den. vorliegenden Jahresbericht abzusenden, er-
halte ich diese wichtigen Beiträge, um in der Kürze noch über sie
zu referiren. Der Verf. weist gleich mir den spezifischen Unter-
schied zwischen dem brasilischen und surinamschen Manati nach,
nur in Bezug anf letzteren ausführlicher, da er von demselben einen
Naturgeschichte der Säugthiere während des Jahres 1845. 163
Schädel besitzt. Sehr genau wird die Beschaffenheit der Mund- und
Nasenhöhle und des Gebisses erörtert; den Kehlkopf findet der Verf.
in grosser Uebereinstimmung mit dem des Dujongs. Er entdeckte
ferner sehr ausgebildete Wundernetze, namentlich in der Cervical-
gegend und Brusthöhle, wo sie im Wesentlichen sich wie beim Del-
phin verhalten, von Owen aber beim Dujong ganz vermisst wurden.
Cete. Ueber die Benutzung der auf den Wallfischen
lebenden Schmarotzer zur Unterscheidnng, der Wallfisch-Arten
brachte Kröyer in seiner Tidsskrift IV. S. 474 (daraus Isis
S. 915) interessante Bemerkungen vor.
Durch Roussel’s Untersuchungen ist es dargethan, dass sich auf
dem südlichen Wallfisch (Balaena australis) 3 Arten Cyamus (C.
erraticus, ovalis und gracilis) und 2 Balanen (Tubicinella balaenarum
und Coronula balaenaris) finden. Keine dieser 5 Arten ist bisher
auf irgend einer der andern Wallfisch-Arten angetroffen werden, auch
nicht auf B. mysticetus, woraus K. mit ziemlicher Sicherheit zu
schliessen glaubt, dass dieser nicht identisch mit B. australis ist.
Auf Balaena longimana findet sich Cyamus Ceti und Diadema balae-
naris (Lepas diadema Chm.), auf welchen wieder Otion auritum
(0. Cuvieri Leach) befestigt zu sein pflegt. Das Otion Cuvieri,
welches sich nach Bennett auf dem Pottfisch aufhält, wird sicherlich
nicht identisch mit dem von B. longimana sein. Es scheint, dass
bestimmten Wallfsch-Arten auch bestimmte Schmarotzer-Arten zu-
kommen, deren Kenntniss zur Unterscheidung der ersteren also von
Werth sein dürfte. — Was K. gegen Eschricht’s Muthmassung, als
ob unter dem Nordkaper die B. australis zu verstehen sein möchte,
beibringt, ist allerdings begründet; dagegen ist er im Irrthume, wenn
er von der Angabe Eschricht’s, dass B. longimana am Kap, bei Java,
Japan und Kamtschatka vorkomme, behauptet, dass sie nicht doku-
mentirt sei. Dies ist sie allerdings: die Dokumente haben Cuvier
und Schlegel geliefert.
_ Beobachtungen über die Ausdauer im Tauchen wurden von Hol-
böll hinsichtlich Balaena mysticetus, Delpkinus albicans und pho-
caena, und Phoca groenlandica angestellt (Isis S. 701).
Der von Forster in seinen Descript. animal. p. 280 geschilderte
Delphinus Delpkhis ist offenbar identisch mit D. Novae Zelandiae von
Quoy und Gaimard, wodurch diese Art eine Bestätigung erlangt.
al
L*
164
Bericht über die Leistungen in der Naturgeschichte
der Vögel während des Jahres 1845.
Vom
-Prof. Andr. Wagner
in München.
Ein Werk hat im vorigen Jahre begonnen, das, wenn es
ihm gelingt einen guten Fortgang zu gewinnen, zu einem
grossen Umfang heranwachsen wird; es ist dies die leono-
graphie ornithologique. Nouveau recueil‘ general de
planches peintes d’oiseaux, destine a servir de suite et de
complement aux planches enluminees de Buffon et aux plan-
ches coloriees de MM. Temminck et Laugier de Chartrouse;
par O. Des Murs. Paris. 1° livrais.
Wie der Titel aussagt, soll diese Iconographie als eine Fortset-
zung der ähnlichen Werke von Buffon und Temminck angesehen
werden, weshalb sie auch das nämliche Format beibehalten hat.
Buffon hat in den Planches enluminees auf 973 Tafeln 1020 Arten
dargestellt; Temminck hat in den Planches coloriees auf 600 Tafeln
661 Arten abgebildet. Beide Werke enthalten daher nicht mehr als
1681 Spezies, lassen also einem Fortsetzer noch einen weiten Spiel-
raum über. Dieses erste Heft der Planches peintes giebt Darstel-
lungen von Aqua Isidori Desm., Neomorpha Gouldü Gray, Poe-
phila mirabilis Humbr., Columba Rivoli Prey., Merganetta chilen-
sis Gay (M. armata Gould) und M. columbiana Desm. — Das
Unternehmen von Desmurs kann ein wissenschaftliches Verdienst
erlangen, wenn es zwei Gesichtspunkte festhält. Der eine fixirt sich
auf die Bearbeitung von Monographien, da die Publikation von bunt-
scheckig neben einander gestellten Arten, auch wenn sie alle neu
sind, an und für sich gar keinen oder nur einen geringen Werth für
den wissenschaftlichen Naturforscher haben kann. Die Art erlangt
für letzteren nur als Glied einer im Zusammenhange geschilderten
Lokal-Fauna, oder als Glied in der Kette eines ganzen Ringes, Werth
und Bedeutung. Der andere Gesichtspunkt wird von Desmurs selbst
angedeutet, indem er es als ein Bedürfniss ausspricht, dass die durch
Bericht über die Leistungen in der Naturgeschichte der Vögel. 165
ihre enormen Preise schwer oder gar nicht zugänglichen Publikatio-
nen in einem einzigen Werke vereinigt werden möchten. Und hier-
mit berührt er den wundesten Fleck im gegenwärtigen Stande der
Ornithologie, indem die bildlichen Darstellungen durch unnützen
Luxus auf einen Preis gebracht worden sind, der mit ihrem wahren
Werthe ausser allem Verhältnisse steht, und deshalb die meisten
wissenschaftlichen Naturforscher nöthigt entweder von der Omitho-
logie ganz abzusehen, oder sich nur noch ihrem anatomischen Theile
zuzuwenden. In unsern frühern Klagen hat diesmal J. v. Tschudi
in der Einleitung zu seiner Schilderung der peruanischen Vögel mit
eingestimmt und zwar lässt er sich hierüber auf S. 7 folgendermassen
vernehmen: „Es haben sich der Ornithologie mehr als-irgend eines
andern Zweiges der Naturwissenschaften unglücklicher Weise Natu-
ralienhändler, Dilettanten und Maler bemächtigt. Erstere geben, um
ihre Gegenstände möglichst vortheilhaft zu verkaufen, neue Namen
mit schlechten oder ohne Diagnosen. — — Die Dilettanten geben
oft eben so untaugliche Diagnosen wie die Naturalienhändler, schlecht
in Beziehung auf die Charaktere und unverständlich hinsichtlich der
Form. — — Die Maler endlich, insbesondere die überseeischen, die
im Selbstverlage entweder Faunen ganzer Länder oder Monogra-
phieen einzelner Familien herausgeben, bieten auf eine andere Weise
dem-Studium der Ornithologie bedeutende Schwierigkeiten dar. Ihre
Werke, welche grösstentheils prachtvoll ausgeführt sind, erreichen
einen Preis, der selbst von den grössern Bibliotheken nicht mehr
bezahlt werden kann. In ganz Deutschland sind nur noch drei Bi-
bliotheken, deren Hülfsmittel ausreichen solche Prachtwerke anzu-
schaffen, deren wirklicher Gehalt gewöhnlich ungemein gering ist. —
Die Naturforscher verlangen keine Gemälde von Thieren, die theurer
‚zu stehen kommen als die Objekte selbst, sondern einfache natur-
getreue Zeichnungen als Beigabe zu einer genauen Beschreibung;
und wenn diese letztere so abgefasst ist, wie es der jetzige Stand
der Zoologie verlangt, können auch Abbildungen entbehrt werden.
— — Die Herausgeber jener Werke haben es sich also selbst zuzu-
schreiben, wenn von ihren Arbeiten keine Notiz genommen wird; die
Naturforscher sollten sogar sich vereinigen dieselben nie zu benutzen,
um auf diese Weise jenem literarischen Unfuge Einhalt zu thun.”
G. R. Gray’s höchst verdienstliches Werk: ‚the Genera
of Birds” hat einen guten Fortgang gehabt, indem im Jahre
1844 noch Heft 6—8 und im Jahre 1845 Heft 9—20 er-
aschienen sind.
Sehr zu wünschen wäre es gewesen, dass zur grössern Verbrei-
7 dieses wichtigen Unternehmens die colorirten Abbildungen ganz
weggeblieben wären, da sie den Preis auf mehr als das Doppelte
bringen, gleichwohl zur Charakteristik der Gattungen völlig über-
Nüssig sind.
166 Andr. Wagener: Bericht über die Leistungen in der
Bemerkungen über diese Arbeit theilte G. Hartlaub in der
Isis S. 895 mit. ‘Unter gerechter Anerkennung der grossen Verdienst-
lichkeit derselben, macht er zugleich auf einige Mängel und Febler
in der Synonymik aufmerksam, wie ‘solche bei einem so höchst
schwierigen Unternehmen gar nicht ausbleiben können, daher alle
Ornithologen zusammenstehen sollten die ihnen möglichen Berich-
tigungen zur Publizität zu bringen.
Der Fasciculus 7 et 8 des Nomenclator zoologieus,
auctore Agassiz, hat zur Klasse der Vögel Addenda et Oor-
rigenda geliefert.
Hartlaub machte hierzu in der Rev. zool. p. 342 die Bemer-
kung, dass er darin die Gattungen Mymornis von Hermann und Rhi-
mamphus, Helmitheros und Symphemia von Rafinesque vermisse,
Ein lang erwünschtes Werk ist erschienen; Prechtl’s
Untersuchungen über den Flug der Vögel. Wien. 259 S. 8.
mit 3 Kupfertafeln. 3
Es ist dies eine höchst beachtenswerthe, meisterhafte Arbeit, die
Frucht umfassender vieljähriger Untersuchungen. ‘Sie zerfällt in
zwei Theile, von denen der erste das Naturhistorische und Physio-
logische, der zweite die Mechanik des Fluges behandelt. So genau
und gründlich als es hier geschieht, ist noch nie die Anatomie und
Physiologie des Flugapparates der Vögel in allen seinen Spezialitäten
behandelt worden. Diese Arbeit, so wie die später zu besprechen-
den Untersuchungen Joh. Müller’s über den untern Kehlkopf der Pas-
serinen, gehören zu den bedeutendsten Leistungen, welche unser Jah-
resbericht diesmal zu erwähnen hat.
Thienemann hat eine „Fortpflanzungsgeschichte der
gesammten Vögel nach dem gegenwärtigen Standpunkte der
Wissenschaft”, Leipz. 1845 begonnen.
Das erste Heft, das allein bisher erschien, behandelt die Strausse
und Hühnerarten, von welchen es einen Text von 6 Bogen und 10
Tafeln Abbildungen von Eiern liefert. Im Ganzen sollen 100 kolo-
rirte Tafeln erscheinen. Obschon die Fortpflanzungsgeschichte in
ihrer Totalität berücksichtigt wird, so macht doch die Hauptsache
die Schilderung der Eier aus, und die Tafeln enthalten auch keine
andere Abbildungen als die von Eiern. Die Abbildungen sind von
vorzüglicher Schönheit, daher dem Unternehmen der beste Erfolg
zu wünschen.
Ueber die Analogie der Form der Eier mit der der Skelete wur-
den von Lafresnaye interessante Bemerkungen in der Rey. zool.
p: 180 u. 239 vorgelegt.
Die Lokal-Faunen wurden mit vielen Beiträgen Aadschk
wie nachstehende Aufzählung der hauptsächlichsten beweist.
Naturgeschichte der Vögel während des Jahres 1845. 167
Ornithologischer Beitrag zur skandinavischen Fauna, ge-
sammelt in dem nördlichsten Skandinavien vom 24. Jan. 1841
bis zum 26. Juli 1842, von A. W, Malm.
Ursprünglich in Kröyer’s naturh. Tidsskrift 1844. p. 180 einge-
rückt und von Hornschuh im Archiv skand. Beitr. 8. 272 übersetzt;
reich an eignen Beobachtungen.
Lindermayer’s Schilderung der griechischen Vögel wurde von
Brehm in der Isis S.324 durch Bemerkungen erläutert, wobei ihm
die Ansicht von 73 Stück Vögeln, die Lindermayer dem Museum in
Altenburg aus Griechenland übersendet hatte, zum näheren Anhalts-
punkte diente.
Schlegel’s Bearbeitung der Vögel Europa’s, gezeichnet von
Susemihl, ist bis zur 27sten Lieferung vorgeschritten.
Yarrell lieferte ein Supplement to the History of British Birds;
zugleich erschien seine History of Brit. Birds in 2ter Auflage.
Die ornithologische, von S. Müller und H. Schlegel
bearbeitete Abtheilung der Verhandelingen over de natuurl.
Geschiedenis der Nederl. overzeesche bezittingen ist beendigt
worden.
Die hier beschriebenen Vögel gehören zu Falco, Pitta, Necta-
rinia und Buceros, und es ist zu bedauern, dass sich die Arbeit
nicht über alle Gattungen erstreckt. Wie wenig übrigens die hier,
so wie in der Land- en Volkenk. niedergelegten zahlreichen ornitho-
logischen Novitäten noch in Frankreich bekannt sind, mag folgender
Vorfall beweisen. Hartlaub machte in der Rev. zool. 1846. p. A
bemerklich, dass Dicaeum Leclancherii Lafr. identisch sei mit D.
celebicum S. Müller, Verhand. Timor p. 162. — Darauf hin erwie-
derte Lafresnaye: „nous ignorions entierement que dans un petit
(!) travail intitule Verhand. Timor (!!) par S. Muller, cet auteur
Peüt deja nomme Dicaeum celebicum.”
Unter dem Titel: Illustrations of Indian Ornithology erscheint
von T. C. Jerdon in Madtras ein auf 50 Tafeln berechnetes Bilder-
werk, das neue oder noch nicht abgebildete Vögel aus dem südlichen
Indien entbalten soll. Vom isten Hefte mit 12 Tafeln ist der Inhalt
in den Ann. of nat. hist. XV. p. 274 angezeigt und einige Berichti-
gungen angebracht. — Seinen früheren Schilderungen der indischen
Vögel fügte Blyth einen weiteren Appendix bei im Journ. of the
Asiat. Soc. of Bengal. N. S. n. 65. p. 361. Ref. will nur aufmerksam
machen auf die hier neu aufgestellten Gattungen: Gampsorhynchus,
Orthorhinus, Eurycercus, Turdinus, Alcippe, Setaria, Jole, Pipri-
— Eyton lieferte eine Beschreibung mehrerer für neu änge-
sehener Arten von Malakka in den Ann. of nat. hist. XVI. p. 227;
Hartlaub führte jedoch 7 derselben auf schon bekannte Arten zu-
rück (Rev. zool. 1816. p.4).
168 Andr. Wagner: Bericht über die Leistungen in der
E. Rüppell’s systematische Uebersicht der Vögel Nord-
Ost-Afrikas, nebst Abbildung und Beschreibung von funfzig
theils unbekannten, theils noch nicht bildlich dargestellten Ar-
ten. Frankf. 140 S. gross 8.
Der Verf. liefert hiermit eine systematische Zusammenstellung
aller der Arten, welche von ihm im nordöstlichen Afrika beobachtet
wurden. Eine Reise nach England gab ihm Gelegenheit auch! die-
jenigen Vögel kennen zu lernen, welche Major Harris und Dr.
Roth in Schoa gesammelt hatten, und sie werden von ihm in diesem
Verzeichnisse aufgeführt, so ‘wie auch etliche Raubvögel aus der
Reise des Herzogs Paul Wilhelm von Würtemberg. Im Gan-
zen werden vom Verf. 532 Arten aufgezählt, darunter bezeichnet er
als neue Arten: Ceeropis melanocrissus, Promerops minor,
Nectarinia cruentata, Drymoica robusta, Curruca cho-
colatina, Salicaria leucoptera, Parus dorsatus (wahr-
scheinlich mit P. leuconotus Guer. identisch), Parisoma fron-
tale, Crateropus rubiginosus, Malaconotus chryso-
gaster, Lamprarnis purpuroptera und superbus, Ploceus
Slavoviridis, erythrocephalus und intermedius, Pionus
Slavifrons und rufiventris, Dendrobates schoensis,
Yunxz aequatorialis, Glareola limbata, Lobivanellus
melanocephalus, Gallinago aequatorialis?, Rallus abys-
sinicus, Anas leucostigma (Anas sparsa Smith), Pkalacro-
corax lugubris. Die Abbildungen sind zwar nicht kolorirt, aber
vortrefflich auf Stein gezeichnet.
Drummond’s List of Birds found in the vieinity of Tunis and
Biserta, from observations made during a month’s visit from April
21 to May 21 (Ann. of nat. hist. XVI. p. 102), ist ein interessanter
Beitrag zur Charakteristik der Fauna des Mittelmeerbeckens. So
kurz auch des Beobachters Aufenthalt war, so konnte er sich doch
in dieser kurzen Frist von der Anwesenheit von ungefähr 135 Arten
versichern.
J. v. Tsehudi begann in der 6ten Lieferung seiner Un-
tersuchungen über die Fauna Peruana die ornithologische Ab-
theilung mit Vorausschickung einer systematischen Zusammen-
stellung der aus Peru bekannten Vögel.
Diese Zusammenstellung weicht etwas von dem Conspectus ab,
der in unserem Archiv 1844 vom Verf. mitgetheilt wurde, indem er
sich durch Vergleichung mehrerer Sammlungen als früher, zu einigen
Verbesserungen und Berichtigungen veranlasst sah.
Hieran reihen sich an 2 Abhandlungen von Lafresnaye in der
Rey. zool. p. 113 u. p. 81: Ueberblick über die Vögel Columbiens
und Vergleichung der Vögelfauna der östlichen Gegenden Südameri-
ka’s mit der der westlichen Gegenden des nämlichen Kontinents.
Naturgeschichte der Vögel während des Jahres 1845. 169
„..C.:Hollböll’s ornithologischer Beitrag zur grönländischen
Fauna (in Kröyer’s Tydsskrift IV. S. 361 und, daraus in der Isis
S.739) ist eben so ausführlich als lehrreich, mit einer Menge eigen-
thümlicher Beobachtungen.
Von Gould’s Birds of Australia sind uns Heft 18, 19 und 20
zugekommen. — Unglücklicher Weise hatte Brehm Gelegenheit in
Altenburg einige neuholländische Vögel zu Gesicht zu bekommen,
was ihn, ohne irgend eine Kenntniss von der einschlägigen Literatur
sich verschaffen zu können, sogleich zur Errichtung neuer Arten vor-
schreiten liess (Isis S. 356). ‚Ihre Zurückführung auf bereits beschrie-
bene übernahm ebenda S. 665 Hartlaub, mit der wohlberechtigten
Warnung, dass Brehm ein andermal von der Benamung neuhollän-
discher Vögel abstehen möchte. — In der Zoology of the voy: of
H. M. S. Erebus and Terror hat G. R. Gray in den beiden folgen-
den Heften (Part IX. und X) die Schilderung der neuseeländischen
Vögel zu Ende gebracht und 14 prächtige Tafeln mit Abbildungen
beigegeben.
Ueber die Stubenvögel sind mir bekannt geworden:
1) Naturgeschichte der Stubenvögel Deutschlands. Anleitung
zur Kenntniss, zur Wartung und zum Fang derselben für Die-
jenigen, welche sie pflegen und selbst fangen wollen. Nach
vieljährigen durchaus eigenen Beobachtungen von Dr. C. F.
W. Siedhof. Braunschw. 360 S. 8. — 2. Bulile, Naturge-
schichte der domestizirten Thiere. 6 Heft: Stubenvögel.
Ref. kennt aus eigener Durchsicht nur das erstere von diesen
Büchern und kann dasselbe, als ein dem angegebenen Zwecke voll-
kommen entsprechendes, aufs Beste anempfehlen. — In der Isis
5.805 und 885 gab Brehm Zusätze und Nachträge zu seinem „Hand-
buche für den Liebhaber der Stuben-, Haus- und aller der Zähmung
werthen Vögel”, und theilt darin viele interessante Bemerkungen so-
wohl über die Pflege als über die Lebensweise der Stubenvögel mit.
em‘, Aceipitres.
Von. dieser Ordnung hat Gould in seinen Genera ‚of
Birds bereits nachstehende Abtheilungen behandelt:
‚ Sarcoramphinae n.6 mit den Gattungen: Neophron in 2 Ar-
ten, Surcoramphus ebenfalls mit 2, und Cathartes mit 3 Arten. —
Aquilinaen.13, nämlich Agwila mit 16, Spizaötus mit 13, Morphnus
mit 3, Thrasaötus mit 1, Cachinna mit 1, Circaötus mit 9, Pandion
mit 3, Haliaötus mit 10, Pontoaetus mit 6, Helotarsus mit 1, Ha-
liastur mit 3 Arten. — Falconinae.n. 7, nämlich Falco mit 13,
‚Aypothriorchis mit 14, Jeracidea mit 2, Tinnunculus mit 13, Jerax
mit 6, Harpagus mit 1 Art. — Accipitrinae n. 8, nämlich Astur
mit 18, Jschnaceles mit 2, Micrastur mit 4, Aceipiter mit 34, Palior-
170 Andr. Wagner: Bericht über die Leistungen in der
nis mit 3, Melierax mit A Arten. — Milvinae n.14, nämlich Baza
(Lophotes) mit 3, Avicida mit 1, Pernis mit 6, Milvus mit 6, Nau-
clerus mit 2, Rostrhamus mit 1, Cymindis mit 2, Elanus mit A,
Gampsonyx mit 1, Jctinia mit 2 Arten. — Circinae n.15, nämlich
Polyboroides mit 1, Serpentarius (Gypogeranus) mit 1, Circus mit
13 Arten.
Ferner von Nachtraubvögeln: Buboninae n. 17, nämlich Bubo
mit 12, Ephialtes mit 17, Ketupa mit 3 Arten. — Surninae n. 16,
nämlich Surnia mit 3, Nyctea mit 1, Athene mit 44 Arten. — Syr-
ninae n. 18, nämlich Syrnium mit 11, Otus mit 12, Nyetale mit 2:
Arten. — Striginae n.19, nämlich $zröz mit 12, Phodilus mit 1 Art.
Als neu aufgestellte Arten sind weiter zu bemerken: Falco
Isidori und Haliaötos vociferoides (!) von Desmurs in der
Rey. zool. p. 175 und für erstere Art auch in der Iconogr. ornithol.;
Lafresnaye lieferte zu beiden Arten Bemerkungen in der Rey.
2001. p.209. — Buteo leucocephalus und plumipes von Hodg-
son aus Nepal in den Ann. of nat. hist. XVI p. 207. — Astur bar-
batus von Eyton aus Malakka ebenda S.227. — Jeracidea oc-
cidentalis aus Westaustralien von Gould ebenda XV. p. 132. —
Falco percontator aus Yucatan von S. Cabot im Boston Journ.
of nat. hist. IV. n.4. p.460 beschrieben. — Circus pallidus erscheint,
wie A. v. Nordmann in den Bull. de Petersb. IV. p. 102 bemerk-
lich machte, alle Jahre gegen Ende März bei Odessa.
Von Nachtraubvögeln: Athene malaccensis von Eyton in
den Ann. of nat. hist. XVI. p.228. — Athene maculata und Boo-
book von Gould in den Birds of Austral. n. 18, sowie Siriz ca-
stanops und personata n.19 abgebildet.
In den Verhandel. over de natuurl. gesch. haben S.Müller und
H. Schlegel von Falken geschildert: Falco Reinwardti, ptilorhyn-
chus, ichthyaetus und humilis.
Passerinae.
Ueber die bisher unbekannten typischen Verschiedenheiten
der Stimmorgane der Passerinen hielt Joh. Müller einen
Vortrag, von dem einstweilen in den Monatsberichten der
Berlin. Akad. ein Auszug mitgetheilt ist.
Nach des Verf. Untersuchungen der Stimmorgane ist die Unter-
scheidung der Singvögel und Picarien nach der von Nitzsch vor-
ausgesetzten durchgreifenden Verschiedenheit an einer grossen Zahl
von Gattungen unhaltbar. Das Stimmorgan der Passerinen ist kei-
neswegs so übereinstimmend gebaut; die wichtigsten typischen Ver-
schiedenheiten desselben sind bisher unbekannt geblieben. Der
Kehlkopf, wie er den Picarien eigen sein sollte, dehnt sich, wie
J. Müller nachweist, über viele unter den Singvögeln eingereihte
amerikanische Gattungen aus. Dann giebt es andere eigenthümliche
Naturgeschichte der Vögel während des Jahres 1845. 171
zusammengesetztere Kehlkopfbildungen mit einem oder mehr als
einem Muskel, vom sogenannten Singmuskel-Kehlkopf gänzlich ab-
weichend und nach einem andern Prinzip gebildet. Endlich ist die
zusammengesetzteste Muskulatur, was die Zahl der Muskeln betrifft,
zwar der sogenannte Singmuskelapparat, aber es giebt eine bei wei-
tem muskulösere Form des Stimmorganes, welche zu höchst klang-
reichen, auch der Modulation fähigen Tönen benutzt wird und doch
mit dem Bau des sogenannten Singmuskelapparates nicht die ge-
ringste Aehnlichkeit hat.
„Nach dem Typus der Picariae Nitzsch mit nur einem dünnen
Muskel versehen, und also keine Singvögel, sind”, wie der Verf. zeigt,
„die mehrsten Ampelinen von Swainson oder Nitzsch; wie Cepha-
lopterus (nach v. Tschudi’s Beschreibung) verhalten sich auch Gym-
nocephalus (G. calvus), Ampelis oder Cotinga (A. pompadora), Ru-
picola (R. cayana); Gymnocephalus gleicht dem Cephalopterus auch
in dem Besitz der Erweiterung der Luftröhre. Alle diese Vögel
haben nur einen einzigen sehr dünnen Kehlkopfmuskel, der wie die
Verlängerung des Seitenmuskels der Luftröhre erscheint. Diese
müssten nach den Prinzipien von Nitzsch zu den Picarien ausge-
schieden werden, so wie schon Coracias, Upupa etc. aus demselben
Grunde ausgeschieden wurden. — Die bunt zusammengesetzte Fami-
lie der Ampelinen Sw. und N. enthält auch Vögel mit Singmuskel-
apparat: das sind die Bombicylla; und dann enthält sie das Aeus-
serste, was von muskularer Kehlkopfausbildung unter allen Vögeln
vorkommt, aber nach einem vom Singmuskelapparat verschiedenen
Model: das sind die Chasmarhynchus.”
„Eine Elimination der fremdartigen wird aber bei einer andern
Abtheilung schon ganz unmöglich. In der Familie der Laniaden,
unter den Lanius Cuv., giebt es Vögel mit Singmuskelapparat, das
sind die europäischen und afrikanischen Lanius und die australischen
_ Barita; die südamerikanischen Formen Thamnophilus haben keinen
Singmuskelkehlkopf, sondern nur einen Muskel. Die Unterfamilie
der Thamnophilini Sw. wird hierbei nicht bestätigt, denn die Mala-
conotus Sw. stimmen in Hinsicht des Singmuskelapparats völlig mit
den eigentlichen Lanius; diese Gattung Malaconotus ist überhaupt
unsicher, wie so manche andere ohne Anatomie gegründete. Da-
gegen findet sich der einfache Muskel und der eigenthümliche Kehl-
kopf der Thamnophilus wieder bei den Myiotheren, welche man an
einem andern Ort aufgestellt hat,”
„Die Opetiorhynchus besitzen den Singmuskelapparat nicht:
sie haben jederseits 2 Muskeln, ihr eigenthümlicher Kehlkopf steht
dem der Thamnophilus und Myiothera am nächsten.”
" Die Gattung Muscicapa Cuy. bietet noch grössere Verschie-
denheiten als die Gattung Lanius Cuy. dar. Den zusammengesetzten
uskelapparat der europäischen Singvögel haben nur die Musci-
capa im engsten Sinne, europäische und afrikanische Vögel und die
172 Andr. Wagner: Bericht über die Leistungen in der
afrikanischen Museipeta Sw. und Platystera Jard. Selb. Die ameri-
kanischen Museicapiden haben nichts vom Singmuskelapparat, son-
dern nur einen Muskel, welcher dick, wie in den Tyrannus, Elaenia,
Platyrhynchus, aber auch sehr dünne sein kann, wie in den Myio-
bius, Mionectes, Pyrocephalus.”
„Die Pipriden haben keinen Singmuskelapparat, sondern einen
bald diekern, bald dünnern einfachen Singmuskel.”
„Mehr als die Hälfte aller untersuchten Gattungen amerikani-
scher Passerinen haben nichts vom Singmuskelapparat, der in Ame-
rika in den Familien oder Gattungen der Fringilla, Tanagra, Sylvia,
Hirundo, Cassicus, Turdus, Dolichonyx, Sturnella, Nectarinia und
ihren Untergattungen wieder erscheint.”
„Auf der andern Seite complizirt sich die Muskulatur des Kehl-
kopfs in mehreren der sogenannten Picariae N. (Coccyges Sundey.),
in den Colius, noch mehr in den Trochilus und Psittacus, und selbst
die Alcedo, bei denen Nitzsch alle Spur eines Muskels vermisst,
stehen den Tyrannus in dem breiten, aber einfachen Singmuskel
nahe. — Der einzige Muskel, der sich in manchen Passerinen
Nitzsch’s schon bis nahe dem Verschwinden verdünnt hat, verschwin-
det völlig in einigen Picarien: den Prionitis, Trogon, Rhamphastos,
Corythaix.”
Joh. Müller hat hiermit den Weg gezeigt, auf dem von nun an
alle Gattungen, Familien und Ordnungen neu zu begründen sind,
nämlich den anatomischen, wobei die Beschaffenheit des untern Kehl-
kopfs eine Hauptberücksichtigung erheischt. Statt leerer Bälge, die
bisher fast ausschliesslich nur im Handel zu beziehen waren, müssen
fortan- die ganzen Thiere im Weingeist den Hauptartikel der Samm-
ler und Händler ausmachen. Der prinzipienlosen Gattungsmacherei
der Dilettanten wird dadurch ein Ende gemacht und die Ornithologie
wieder zu wissenschaftlicher Geltung gebracht. Die ganze systema-
tische‘ Anordnung der von Nitzsch unter dem Namen der Passerinen
und Picarien begriffenen Vögel, also der Hauptmasse der ganzen
Klasse, ist auf der von Joh. Müller gegebenen Grundlage nunmehr
neu aufzubauen; eine Arbeit, die als auf festen Stützen ruhend, auch
ein dauerhaftes Gebäude herstellen wird. Müller’s Untersuchungen
sind daher von höchster Wichtigkeit und gerade zur rechten Zeit
gekommen, um von Neuem die wissenschaftlichen Naturforscher der
Ornithologie zuzuwenden, von der der überhandnehmenden Dilettan-
tismus sie immer mehr zu verscheuchen gedroht hat. Wenn Ref,
zur Zeit die frühere Gruppirung der Gattungen noch beibehält, so
geschieht es nur deshalb, weil ein grosser Theil derselben auf seinen
innern Bau noch nicht untersucht, folglich in seiner älteren Stellung
provisorisch zu belassen ist,
Corvinae. In den Genera of Birds hat Gray die Gar-
rulinae und Callaeatinae verzeichnet.
EP ER
eat een
Naturgeschichte der Vögel während des Jahres 1845. 173
Garrulinae n. 11 mit den Gattungen: Lophocitta in 1, Garru-
Zus in 5, Perisoreus in 3, Cyanocorax in 21, Psilorhinus in 4, Cissa
in 2 Arten. — Callaeatinae n.20 mit den Gattungen: Callaeas in
1, Struthidea in 1, Temnurus (Dendrocitta) in 10, Crypsirhina in 1,
Ptilostomus in 3, Conostoma in 1 Art.
Hartlaub, indem er in der Rev. zool. p.52 eine Beschreibung
von Garrulus Brandtii Eversm. aus dem Altai mittheilte, nahm
ebenfalls eine Aufzählung der zu Garrulus gehörigen Arten vor und
fand deren 8, obwohl er die Gattung Podoces nicht, wie es Gray
gethan, mit darunter begriff, Diese Differenz rührt davon her, dass
erstlich Gray mit jenem G. Brandtii noch nicht bekannt sein konnte
und den @. Krynicki übersehen hat, ferner dass er @. /anceolatus
und gularis, die Hartlaub trennte, mit besserem Rechte vereinigte,
und den sehr unbestimmt gekannten @. albifrons nicht mit aufnahm.
Vom Corvus (Nucifraga) Coryocatactes berichtete Nordmann
im Bullet. de Petersb. IV. p. 104, dass er sich nun des Bürgerrechts
desselben in der Fauna Pontica versichert habe, indem er im Okto-
ber des vorigen Jahres an vielen Stellen um Odessa in Familien von
— 9 Stück gesehen wurde.
Striekland begnügte sich inoch ‚nicht mit den von Gray
anerkannten generischen Sonderungen der -Garrulinen, son-
dern trennte von Cyanocorax eine besondere Gattung Cya-
nocitta ab (Ann. of nat. hist. XV. p. 260 u. 342).
Der Gattung Cyanocitta legt St. folgende Merkmale bei: Schna-
bel mässig, Breite an der Basis die Höhe überschreitend; Oberkiefer
an der Basis BEE neu; gegen die Spitze schwach zusammen-
gedrückt; Firste auf * der Länge gerade, dann allmählich abwärts
gekrümmt; Commissur fast bis gegen die Spitze gerade, dann abwärts
gebogen; Ausrandung ziemlich obsolet, Dillenkante aufwärts ge-
krümmt, Höhe jedes Kiefers fast gleich, Nasenlöcher mit zurück-
gekrümmten Borstenfedern bedeckt; Stirnfedern keinen aufrechteu
Kamm wie bei vielen Cyanocorax bildend. Ganze Länge 11 — 12”.
Gefieder mehr oder weniger blau, zumal an den Schwingen und am
wanz, der gewöhnlich schwarz gebändert ist. Füsse, Schwingen
nd Schwanz wie bei Cyanocorax. Die Arten von Cyanocitta finden
sich von Mexiko bis in die kältern Theile Nordamerika’s verbreitet,
während die von Cyanocorax den warmen Theilen Südamerika’s an-
gehören. — Strickland stellte bei dieser Gelegenheit eine neue Art
auf: Cyanocitta superciliosa, von der er jedoch bald darauf
erkannte, dass sie mit C. californica Vig. identisch ist.
Won der Insel Tschusan im chinesischen Meere machte Gould
einen Corvus pastinator bekannt (Ann. of nat. hist. XVI. p. 48)
und in den Birds of Austral. n. 20 bildete er C. coronoides ab. —
Aus Yucatan stellte $. Cabot im Boston Journ, of nat. hist. IV.
n.4.p.464 einen Corvus vociferus auf.
174 Andr. Wagner: Bericht über die Leistungen in der
Ampelidae. Die Pachycephalinae ordnete Gray in
seinen Genera of Birds n. 9 in folgender Weise an.
Leiothrix mit 8, Pteruthius mit'5, Pardalotus mit 9, Calyptura
mit 1, Pachycephala mit 20, Eopsaltria mit 2, Ptilochloris mit A
Arten. — Unter Pachycephala hat Gray bereits mitgezählt die von
Gould in den Ann. of nat. hist.. XV. p. 133 und XV1. p. 63 neu auf-
gestellten Arten: P, Gilbertii und glaucura; beide sind von
ihm, nebst P. rufigularis, in den Birds of Austral. n. 18 abgebildet
worden. — Als neue Art wurde von Hodgson in den Ann. of nat.
hist. XV. p-326 Leiothrix (Proparus) chrysotis zugefügt.
Lafresnaye machte in der Rev. zool. p.94 den Periceroco-
tas cinereus bekannt und ebenda S. 451 theilte er einige Bemer-
kungen über die Gattung Aypothymis (Ptilogenys) mit.
Fringillidae. Gray hat bis jetzt folgende Abtheilun-
gen aus dieser Abtheilung behandelt.
Loxianae n.20, nämlich Loxiu mit 6, Psittirostra mit 1, Pa-
radoxornis mit, 3 Arten. — Pyrrhulinae n 6, nämlich Carpodacus
mit 10, Crithagra mit 11, Catamblyrhynchus mit 1, Spermophila
mit 58, Pyrrhula mit 4, Uragus mit 1, Strobilophaga mit A Arten.
— Alaudinae n. 7, nämlich Alauda mit 13, Melanocorypha mit 7,
Pyrrhulauda (\) mit 5, Ortocoris mit 3, Megaalophonus mit 11, Mi-
rafra mit 6, Certhilauda (!) mit 8 Arten. — Phytotominae n.15
mit der einzigen Gattung PAytotoma in 3 Arten.
Hodgson errichtete aus nepalesischen Fringilliden 3 neue Gat-
tungen: Pyrrhulinota! (aus Pyrrhula und Linota), Propasser
und Pyrroplectcs; ausserdem charakterisirte er eine Lozia hi-
malugana und eine Propyrrhula rubeculoides (Ann, of nat.
hist. XV]. p. 206).
Brehm glaubte 3 neue deutsche Vogelarten, nicht Sub-
species, sondern Species, auf einmal entdeckt zu haben (Isis
S. 243).
Es sind dies 1. Lanius Feldeggii, „Schnabel wie bei L. spi-
nitorquus, Grösse zwischen diesem und L. minor mitten innestehend,
Zeichnungen fast wie beim letztern, mit weissem Achselfleck,
Schwanz wie bei ersterem”. Weibchen und Junge noch unbekannt.
— 2. Crucirostra rubrifasciata, „auf dem Oberflügel zwei
sehr deutliche, 2—3 breite, röthliche oder gelbgrüne, oder gelb-
lichgraue Binden.” — 3. Orucirostra trifasciata, „die weissen
Binden auf dem: Oberflügel so schmal, dass, selbst wenn sie voll-
ständig sind, die schwarze Stelle zwischen ihnen nach einmal so
breit ist als sie selbst, Beim alten Männchen steht über der. ober-
sten weissen noch eine röthliche; der Schnabel ziemlich schwach.”
Sonstige neue Arten sind: Ploceus mariquensis aus Süd-
afrika von A. Smith in den Illustrat. of the Zool. of South: Africa,
Naturgeschichte der Vögel während des Jahres 1845. 175
n.23. tab. 103. — Pyrrhula nana aus Madagascar von Pucheran
in der Rev. zool. p. 5%. — Ayphantornis flavigula an der
Goldküste und H. modestus aus Senegambien und Abyssinien von
Hartlaub in der Rev. zool. p.406. — Macronyxz Ameliae aus
Südafrika (Port Natal) von L. de Tarragon in der Rev. zool.
p-452. — Desmurs machte ebenda S.447 bemerklich, dass seine
Poephila mirabilis identisch ist mit Gould’s Amadina Gouldiae. —
Estrelda bella und oculea wurden von Gould in den Birds of Austr.
n. 18 abgebildet.
Sturnidae. Von Gray in den meisten Abtheilungen
bereits behandelt, wozu wir noch seine Oriolinen bringen,
Oriolinae n. 20, nämlich Sphecoteres mit 3, Oriolus mit 24,
Sericulus mit 2, Oriolia mit 1 Art. — Graculinae n. 20, nämlich
Gracula mit 5 Arten. — Quiscalinae n. 13, nämlich Scolecopha-
gus mit 2, Quiscalus mit 13, Scaphidurus mit 7 Arten. — Agelai-
nae n. 8, nämlich Molothrus mit 3, Agelaius mit 16, Leistes mit 5,
Amblyramphus wit 1, Chrysomus mit 3, Dolichonyx mit 2 Arten. —
leterinaen.6, nämlich Cacicus mit 15, Icterus mit 22, Nanthornus
mit 13, Yphantes mit 1 Art.
Sehr interessant sind A. v. Nordmann’s Mittheilungen
über das gemeinschaftliche Nisten der Rosenstaare (Bull.
de Petersb. IV. p. 98).
Im Jahre 1844 erschienen die Rosenstaare in der ganzen Um-
gegend von Odessa schon während des Aprils in ungeheuern Schaa-
ren. In den letzten Tagen Aprils und Anfangs Mai wurden sämmt-
liche Steinhaufen und Felsenwände von den Vögeln förmlich in Be-
schlag genommen und in die Spalten Reisig, Strohhalme, Wolle
u. dgl. zusammengetragen, um daraus ein Nest zu bereiten, in wel-
ches das Weibchen 6—9 Eier hineinlegte. Die Eier sind ziemlich
gross, von einer kurzen rundlichen Form, doch auch mitunter von
gewöhnlicher Eiform, sogar länglich. Ihre Farbe ist hell weissbläu-
lich, oder auch kaum merklich grünlich, zuweilen jedoch, besonders
ausgeblasen, weissbläulich mit hell fleischrothem Anfluge. Ist das
Brutgeschäft abgethan, etwa Mitte Juli, so, versammeln sich sämmt-
liche Vögelhaufen einer Gegend, ziehen in einen dem Brutorte zu-
nächst liegenden Garten, in dessen Nähe sie einen reichlichen Vor-
ratlı von Heuschrecken schon früher ausfindig gemacht haben,
und bedecken im wahren Sinne des Wortes mit ihrer ungeheuern
Anzahl die daselbst befindlichen Bäume, wobei sie einen ausser-
ordentlichen Lärm vollführen, zumal Abends, bevor sie zur Nacht-
ruhe sich begeben.
‚Einen Oriolus musicus aus Yucatan glaubte S. Cabot als
eigene Art anschen zu dürfen (Boston Journ. of nat. hist, IV.n. 4.
p- 463).
176 Andr. Wagner: Bericht über die Leistungen in der
Dentirostres. Von Gray wurden 2 Abtheilungen be-
handelt. Y
Dicerurinae n.12, nämlich: Arzamus mit 11, Anais mit 1, Di-
erurus mit 22, Chibia mit 1, Bhringa mit 1, Chaptia mit 1, Melae-
nornis mit 1, Irena wit 2 Arten. — Thamnophilinae n. 16, näm-
lich: Thamnophilus mit 54, Laniarius mit 22, Vanga mit 1, Chau-
nonotus mit 1, Cracticus mit 7 Arten.
Brehm’s Lanius Feldeggi ist schon vorhin gelegentlich
der neuen Kreuzschnäbel angeführt worden. — Ferner aus Fernando
Po von Fraser Muscicapa Fraseri und Tephrodornis
ocreatus (Ann. of nat. hist. XV. p.128). — Colluricincla par-
vula aus Neuholland von Gould in den Ann. of nat. hist. XVI.
P- 335. — Muscicapa tricolor aus Malakka®? von Hartlaub in
der Rev. zool. p.407. — Ebenda p. 341 von Lafresnaye Tyran-
nula icterophrys und Tyrannulus nigro-capillus; beide
von Bogota. — Derselbe gab im Mag. de Zool. n.41 eine Abbildung
von Conophaga (Todirostrum) ruficeps. — Von Gould wur-
den in den Birds of Austral. abgebildet: Dierurus bracteatus n. 20
und Graucalus melanurus n. 19.
Auf einen Vogel von Malakka mit dem Schnabel von Museipeta,
aber mit langen weichen Schwanzdeckfedern begründete Eyton seine
Gattung Philentoma mit der einzigen Art: Ph. castaneum.
Auf Hodgson’s Gattungen Chelidorynz, Hemichelidon,
Hemipus in den Ann. of nat. hist. XVI. p.202 kann nur verwiesen
werden. ?
Subulirostres. Dasselbe gilt von Hodgson’s Gat-
tungen: Stachyris, Mizornis, Erpornis, Ixulus, Py-
ctoris, Pnoepyna, Oligura, Dimorpha, Digenea,
Synornis, Muscisylvia, Nemura, Tarsiger, Horei-
tes, Tribura, Horornis, Temnoris (Vgl. Ann.‘of nat.
hist. XVI. p. 193).
Als neue Arten wurden aufgestellt: von Strickland in den
Ann. of nat. hist. XV. p. 126: Prinia olivacea und icterica,
Cossypha poensis, Andropadus latirostris und gracili-
rostris; sämmtlich von Fernando Po. — Malurus pulcherri-
mus aus Neuholland von Gould sowohl in den Ann. XV. p. 133 als
in den Birds of Austr. n. 20. — Von demselben in den Ann. XV.
p- 63: Sphenocacus gramineus, Cysticola campestris, Ca-
lamoherpe longirostris, sämmtlich aus Australien. — Parus
seriophrys und BEeRFEUN Oreoeincla rostrata, Jantho-
cincla subunicolor aus Nepal von Hodgson in den Ann. XV.
p- 3%6. — Pycnonotus ruficaudatus, Malocopteron squa-
matum und aureum, Icos metallicus, Brachypteryx ma-
culatus, nigrigularis und acutirostris aus Malakka von
Naturgeschichte der Vögel während des Jahres 1845. 177
Eyton in den Ann. XVl. p. 238. — Myioturdus fusco-ater,
Hylophilus semi-brunneus und flavipes aus Bogota von La-
fresnaye in der Rev. zool. p. 341. — Von demselben ebenda S.367:
Haematornis chrysorrhoides aus Macao, Trichophorus
ceaniceps, Trichixos pyrrhopyga Less. aus Indien. — Hart-
laub erkannte, dass seine Zoothera melanoleuca identisch ist mit
Turdus Wardii Terd. (Rev. zool. p.407); derselbe lieferte im Ma-
gas. de Zool. n.44. tab.50 eine Abbildung von Jora Lufresnayi. —
Von Gould wurden in den Birds of Austral. abgebildet: Sphenoea-
cus gramineus n. 19, Sericornis humilis n. 19 und $. magnirostris
n.20, Acanthiza lineata n.20, Gerygone chloronotus n.20.
- Von Enodes trennte Lafresnaye wegen der Form der Nasen-
löcher eine besondere Gattung Scissirostrum ab, mit einer Art
Sc. Pagei aus Celebes (Rey. zool. p. 93 und im Magas. de Zool.
n,43. tab.59); ebenda charakterisirte er noch 2 neue Arten: Peri-
erocotus cinereus von den Philippinen und Dicueum Leclan-
cherii von Celebes,
Certhiaceae. Lafresnaye stellte aus den Gattungen
Thriothorus und Campylorkynchus 8 neue Arten aus Bogota
und Mexiko auf (Rev. zool. p. 337).
Sie heissen Thriothorus fasciato-ventris, rufalbus (!),
leucotis, maculipectus und striatulns; Campylorhynchus
zufinucha, brevirostris und megalopterus.— Lafresnaye
lieferte ferner ebenda S.449 Notizen zur Berichtigung der Synony-
mik von Tatare longirostris.
In den Birds of Austral. wurden von Gould abgebildet: Meli-
threptes gularis n. 20, M. validirostris und melanocephalus n. 19;
ferner Ptilotis pericillatus n. 18, chrysotis n.19, sonorus, versicolor
und flavescens n.%.
Von den Honigvögeln des indischen Archipels haben S.
Müller und H. Schlegel in den Verhandel. 2te Abth. S. 653
eine ausführliche Darstellung mit 4 Tafeln Abbildungen ge-
geben.
Es sind 3 Gattungen, welche der indische Archipel von diesen
Vögeln besitzt: Nectarinia, Myzomela und Arachnothera; erstere
mit 15, die andere mit 2 und die letzte mit 6 Arten.
_ Mirundinaceae. Von seinen Hirundininae gab Gray
in den Genera of Birds n. 11 folgende Uebersicht:
2 Hirundo mit 48, Atticora mit 4, Progne mit 6, Cotyle mit 7
Chelidon mit 2 Arten.
ur
\ _ Archiv 1. Naturgeschichte, XH, Jahrg, 2. Bd, M
178 Andr. Wagner: Bericht über die Leistungen in. der
Clamatores.
Macrochires. Von den Üypselinae giebt Gray in den
Genera of Birds n. 10 folgende Zusammenstellung:
Cypselus mit 17, Macropteryx mit A, Collocalia mit 4, Acanthy-
dis, mit 13 Arten.
Neue Kolibris: Ornismya (!) Isaacsoni aus Bogota und
O. Lindenii aus Venezuela von Parzudaki in der Rev. zool.
p- 95 u. 253. — Von Bourcier und Mulsant wurden in den Ann.
des sciences phys. et nat. de Lyon. IV. (1843) als neue Arten be-
schrieben: Trochilus Prunellii, Geoffroyi, Guimeti, Poort-
manni, Prevostii, chrysogaster, cyanotus, viridigaster,
eyanifrons, Leadbateri, fallax, Riefferi, cupripennis,
Goudoti, anthophilus und Barroti,
Caprimulginae. A. Smith theilte in seinen Illustrat.
of the Zool. of South Africa n. 22 von 4 Arten Caprimulgus
die Beschreibung und Abbildungen mit.
Sie heissen Caprimulgus natalensis, rufigena, lenti-
ginosus und europaeus.
4egotheles leucogaster ist eine von Gould aus Neuhol-
land unterschiedene Art (Ann. of nat. hist. XV. p. 132). — N. Funk
besuchte während seiner Reise durch die Provinz Cuma die be-
rühmte Höhle der Guacharos und lieferte etliche anatomische No-
tizen über den Steatornis (Bull. de l’acad. de Bruxelles XI. p. 371).
Todidae. Gray vertheilte in den Genera of Birds
n.14 seine Coracianae in folgender Weise:
Brachypteracias (}!) zählt 2, Coracias 8 und Eurystomus 7
Arten.
Pucheran bemühte sich in der Rey. zool. p. 369 der Coracias
caudata ihre Selbstständigkeit zu vindiziren.
KLipoglossae. Die auf dem indischen Archipel verbreiteten
13 Arten von Buceros wurden von H. Schlegel und $. Müller in
den Verhandelingen 1. p.21 beschrieben. — Alcyone azurea wurde
von Gould in den Birds of Austral. n. 19 abgebildet.
Zygodactyli.
Galbulidae. Des Murs errichtete in der Rev. zool.
p: 207 eine neue Gattung, der er den schauderhaften Namen
Galbaleyrhynchus gab.
Er ist aus den drei Namen Galbula, Alcedo und Rhynchus auf
barbarische Weise zusammengestoppelt und die Gattung sell den
Uebergang von Galbula zu Alcedo darstellen. Der Schnabel ist von
monströser Grösse, die Zehen paarig gestellt. Die hierher gehörige
Art @. leucotis stammt von Bogota. N
Naturgeschichte der Vögel während des Jahres 1845. 179
Cuculinae. Gray verzeichnete in den Genera of
Birds die Trogonidae n.12 und die Orotophaginae n. 13.
Trogonidae: Trogon mit 24, Priotelus mit 1, Apuloderma
mit 1, Harpactes wit 11, Calurus mit 7 Arten. — Crotophagi-
nae: Crotophaga mit 6, Phoenicophaus mit 4, Dasylophus mit 2,
Carpococeyz mit 1, Zanclostomus mit 7, Rhinortha mit 1, Scythrops
mit 1 Art. =
Als neue Arten wurden von Gould in den Ann. of nat. hist,
XVI. p. 61 zugeführt: Trogon puwella aus Südamerika, Cuculus
optatus, insperatus und dumetorum aus Neuholland. — Von
Pucheran wurden 2 neue Arten aus Madagaskar Cuua serriana
und Reynaudii in der Rev. zool. p. 51, und ausführlicher im Mag.
de Zool. 43e livrais,, beschrieben und im letzteren auf tab. 55 und 56
auch abgebildet.
Bucconidae. Lafresnaye stellte in der Rev. zo0l.
p- 179 von Micropogon 2 neue Arten auf: M. Bourcierii
und Zartlaubii,; beide von Bogota.
„Picinae. Gray behandelte in den Genera of Birds 3
seiner Unterabtheilungen dieser Familie:
Piceinae n. 17: Picoides mit 3, Pieus mit 35, Campephilus wit!
10, Dryocopus mit 8, Chrysocolaptes mit 5, Dendrobates mit 15, He-
micercus mit 5 Arten. — Picumninae n. 18: 'Pieumnus mit 11,
Sasia mit 2 Arten, — Yuncinae n.29: Yunz mit 3 Arten.
Lafresnaye entwarf in der Rev. zool. p. 1 u. 366 eine kurze
Monographie von Picumnus, worin er 10 Arten charakterisirte.
A. Malherbe beschrieb in der Rev. zool. p. 373 und 399 zehn
neue Arten von Picus, nämlich: P. Stricklandi aus Mexiko, P.
Jardinii desgleichen, P. numidicus aus Nordafrika, P. phyr-
rhogaster aus Südafrika, P. rubropygialis aus Bengalen, P.
Kirkii von Tobago, P. rufoviridis aus Südamerika, P. zan-
thoderus von Madras, P. Smithii aus Südafrika, P. chrysono-
tus Less. aus Indien.
Als neue Arten von Malakka charakterisirte Eyton in den Ann,
of nat. hist. XVI. p. 229: Picus rubiginosus, Dendrocopus
sordidus und Tripsurus auritus.
Psittacinae. Von Gray wurden in den Genera of
Birds 3 Unterabtheilungen erörtert:
Cacatuinae n. 17: Microglossum mit 2, Cacatua wit 9, Lic-
melis wit 2, Calyptorhynchus mit 11, Nestor mit 2, Strigops mit 1,
Br mit 1 Art. — Lorinae n. 18: Oharmosyna mit 1, Lorius
mit | ', Eos mit 10, Coriphilus mit 9, Eclectus mit 7 Arten. — Arai-
nae n.19: Ara mit 13, Conurus mit 43, Enicognathus mit 1 Art.
Neue Arten: Conurus Phaeton aus Tahiti und Psittucus
180° Andr. Wagner: Bericht über die Leistungen in der
amazonicus aus Bogota von Des Murs in der Rev. zool. p. 449
und 207. — Palaeornis modestus und Lorius superbus,
beide unbekannter Heimatlı von Fraser in den Ann. of nat. hist,
XVI. p. 60. — Platycercus pulcherrimus aus Neuholland von
Gould ebenda XV.p. 114. — Von Gould wurde in den Birds of
Austral. abgebildet: Platycercus icterotis n.18, pileatus n.19,
flaviventrisn.20, Cacatua eosn.20, Psephotus haema-
tonotus n. 19, Polytelis melanura und Barrabandi n. 18,
Pezoporus formosus n. 18.
Von Brehm erschien das äte Heft seiner Monographie der Pa-
pageien,
Amphibolae. Die Musophaginae werden von Gray
in den Genera of Birds n.14 folgendermassen vertheilt:
Musophaga mit 1, Turacus (Corythaix) mit 8, Schizorhis mit 5
Arten.
Columbinae.
Gray ordnete seine 3te Unterfamilie der Tauben, die
Gourinae n. 14, in folgender Weise an:
Columbina mit 6, Zenaida mit A, Chamaepelia mit 7, Peristera
mit 19, Ocyphaps mit 1, Petrophassa mit 1, Chalcophaps mit 2,
Phaps mit 5, Geophaps mit 3, Calaenas mit 3, Verrulia mit1, Star-
nuenas mit 3, Goura mit 2 Arten.
Zu Lophyrus (Goura) fügte Fraser eine 3te Art hinzu: Z.
Victoria aus Neuguinea (Ann. of nat. hist. XV. p. 360). — In den
Birds of Austral. n.18u.19 wurden von Gould abgebildet: Geope-
lia cuneata und tranguilla.
Gallinaceae,
Diese Ordnung wurde von Gray in seinen 'Genera of
Birds diesmal reichlich bedacht:
Lophophorinaen. 7: Lophophorus mit 1, Tetraogallus (Me-
galoperdix) mit 1, Pucrasia mit 1 Art. — Tinamidae n.8: Tina-
mus mit 16, Nothura mit 5, Rhynchotus mit 2, Tinamotis mit 3
Arten. — Gallinae n. 9: Gallophasis (Euplocamus) mit 13, Gallus
mit 11, Ceriornis mit 3 Arten. — Tetraoninae n.10: Tetrao mit
9, Bonasa mit 2, Lagopus mit 8 Arten. — Pteroclinae n. 11:
Pterocles mit 12, Syrrhaptes mit 1 Art. — Thinocorinaen. 13:
Attagis mit 3, Thinocorus mit 4 Arten. — Pavoninae n.15: Pavo
mit 3, Polypleetron mit 6, Crossoptilon mit 1 Art. — Opisthoco-
minaen. 15: Opisthocomus mit 1 Art. — Phasianinae n. 18: Ar-
gus mit 1, Phasianus mit 6, Thaumalea mit 2 Arten. — Melea-
grinae n. 19: Meleagris mit 2, Numida mit 5 Arten.
Brandt’s Bemerkuugen über die russischen Arten von Phasia-
aus und Megaloperdix im 3ten Bande der Bullet. de Petersb. wurden
schon im vorigen Jahresberichte besprochen.
Naturgeschichte der Vögel während des Jahres 1845. 181
Hornschuch hat im Archiv skand. Beitr. I. S.397 Nils-
son’s Beobachtungen „über Auer-, Birk- und Pfau-Hennen
und weibliche Enten mit männlichem Gefieder, so wie über
Bastarde von Auer-, Birk- und Schneehühnern” zusammen
gestellt.
Nilsson ist wohl der erste, der Auerhennen mit einer, dem
männlichen Gefieder sehr ähnlichen Bekleidung beobachtete; es waren
dies immer Weibchen mit verkümmertem krankhaftem Eierstock.
Er fand aber auch, dass sterile Birkhennen die Tracht des Birkhah-
nes annehmen, und führt auch noch ein analoges Beispiel von einer
Pfauhenne und einem Entenweibchen an. — Die Frage, ob der Rak-
kelhahn (Tetrao medius) ein Erzeugniss des Birkhahns und der Auer-
henne, oder des Auerhahns und der Birkhenne sei, ist noch nicht
entschieden; Nilsson erklärt sich indess für erstere Annahmen. Ueber
die Sterilität des Rackelhuhns, welche von den meisten Jägern und
Naturforschern angenommen wird, ist noch keine direkte Erfahrung
zu erzielen gewesen. Für die Sterilität spricht, dass der Rackelhahn
keinen eigenen Falzplatz behauptet, sondern nur auf die der Birk-
und Auerhähne kommt und sie vertreibt. — Der Bastard des’ Birk-
hahns mit der Weiden-Schneehenne findet sich nur selten und blos
in solchen Gegenden, wo beide Arten mit einander vorkommen.
Auch Bastarde vom Birkhahn und der Haushenne sollen gefunden
werden und ein solcher dem Reichsmuseum überschickt worden sein,
doch fehlt es noch an zweifelloser Constatirung des Thatbestandes.
Ein Rebhuhn von Malakka bezeichnete Eyton in den Ann. of
nat. hist. XV]. p.230 als Perdix Charltonii.
"Mit dem Hemipodius varius nahe verwandt, aber viel kleiner
ist der Hemipodius scintillans, den Gould neuerlichst aus
Westaustralien bekannt machte (Ann. of nat. hist. XV]. p. 335).
Desmurs unterschied in der Rev, zool. p. 176 eine Mesites
unicolor, deren spezifische Verschiedenheit von M. variegata ihm
indess noch nicht über alle Zweifel feststeht; gleich der letzteren
kommt sie von Madagaskar.
Cursores.
Owen hat vom Dinornis abermals Ueberreste aus Neu-
seeland erhalten (Ann. of nat. hist. XVI. p. 143).
Sie stammen von einer neuen Lokalität her und gehören A von
den bereits beschriebenen Arten an, worunter die 3 riesenhaftesten
sind. Eine von diesen, welche an Grösse fast dem Strausse gleich-
kommt, zeigt an allen Knochen der Gliedmassen die doppelte Dicke
im Verhältniss zu ihrer Länge, und giebt demnach den kräftigsten
und stärksten Vogel zu erkennen, der jemals existirte. Von der
gigantischen Spezies wurden Wirbel, Rippen und ein fast ganzes
Brustbein, am meisten dem des Apteryx gleichend, eingesandt. Auch
der Hirntheil von einem Schädel wurde erlangt, der hinsichtlich der
182 Andr. Wagner: Bericht über die Leistungen in der
Grösse auf Dinornis struthoides beziehbar ist, viele Eigenthümlich-
keiten zeigt und eine auffallende Aehnlichkeit mit demselben Theil
an der Dronte’und dem Apteryx zeigt.
Ueber das Historische in der Naturgeschichte der Dronte hat
Hamel in dem Bullet. de l’Acad. de Petersb. IV. p. 49 eine inter-
essante Zusammenstellung vorgelegt.
Grallae.
Alectorides. Eine Aufzählung der Palumedeinae er-
schien in Gray’s Genera of Birds n.9.
Palamedea ist bei der einzigen Art (P. cornuta) geblieben, da-
gegen ist zur Chauna chavaria noch eine zweite Art, die Ch. Der-
biana durch Gray zugefügt worden, von der er zwar eine Abbil-
dung, aber keine Beschreibung mittheilt.
Fulicariae. Von Gray wurden in seinen Genera of
Birds nur die Gallinulinae n. 10 und Heliorninae n.8 behandelt.
Gallinulinae: Porphyrio mit 17, Tribonyz mit 2, Gallinula
mit 11, Fulica mit 10 Arten. — Heliorninae: Heliornis (Podoa)
mit 1 und Podica ebenfalls mit 1 Art. Gray will jetzt die Helior-
ninae unter die Colymbidae gestellt wissen, was sicherlich verfehlt ist.‘
Pucheran fand sich noch nicht befriedigt mit den Gattungen,
in welche die Ralliden zerlegt wurden, sondern glaubte in der
Rev. zool. p. 277 noch 4.neue zufügen zu müssen. In die erste der-
selben, Aramides von ihm benannt, will er die grossen südameri-
kanischen Arten bringen, deren Typus Gallinula cayennensis ist. Die
2te Gattung, Rallites enthält die kleinsten Arten wie z. B. Rallus
pusillus etc. Die dritte Gattung, Porphyriops, wird von den ame-
rikanischen Arten gebildet, deren Typus Fulica crassirostris ist, und
die äte Gattung, Biensis ist für einen madagaskarischen Vogel be-
stimmt, dem Pucheran den Namen B. typus giebt.
In den Ann. of nat. hist. XVl. p.49 kündigte Gould eine Fu-
lica australis aus Neuholland an, und ebenda S.230 Eyton einen
Rallus superciliaris von Malakka. — Eine mit Gallinula eury-
zona nahe verwandte Art stellte Lafresnaye unter dem Namen
Gallinula euryzonoides aüs Indien auf (Rev. zool. p. 368). —
Von Tribonyx ventralis fertigte Gould in seinen Birds of Austral.
n. 20 eine Abbildung. — Ortygometra affinis wurde von Gray
in der Reise des Erebus. Birds p. 14 charakterisirt.
Grwönae. Von Gray in den Genera of Birds n. 15 in
3 Gattungen abgetheilt:
Grus mit 8, Scops (Anthropoides) mit 3, Balearica mit 2 Arten.
Sundevall lieferte einige Bemerkungen über den Zug der Kra-
niche und tadelte es, dass Gray in seiner List of the genera of Birds
unsern Kranich von der Gattune Grus ausschliessen und ihn in eine
neue, Namens Megalornis einsetzen wollte (Skand. Arch. S. 312).
\
>
|
Naturgeschiehte der Vögel während. des, Jahres ‚1845. 153
Gray hat jedoch bereits in. den. Genera, of Birds seine Aenderung
zurückgenommen.
Erodii. Von Gould wurde ein neuer holländischer Reiher
in den Ann. of nat. hist. XV]. p.335 als Ardea (Herodias) pi-
cata bekannt gemacht.
Limicolae. In den Genera of Birds wurden von Gray
die Tringinae n.16 und Chionidinae n. 12 verzeichnet.
Tringinae: Hemipalama mit 2, Philomachus (Machetes) mit 1,
Tringa mit 26, Eurinorhynchus mit 1, Heteropoda mit 1, Calidris
mit 1 Art. — Chionidinae (von Gray zu den Hühnervögeln ge-
stellt): Chionis mit 2 Arten.
Zwei neue Gattungen: Leptopus und Thinornis, wur-
den in dieser Familie errichtet; erstere von Fraser in den
Ann. of nat. hist. XV. p. 431, letztere von Gray in der Zool.
of the voy. of Ereb. and Terror. Birds p. 11.
& Bei Leptopus ist der Schnabel gerade so, wie bei Totanus
chloropygius gebildet, während die Füsse denen von Hiaticula tri-
collaris gleichen; hierher L. Mitchellii aus Chili. — Thinornis
unterscheidet sich von Hiaticula durch die Länge und Dünne des
Schnabels, die Stärke und Kürze des Tarsus und durch die Stärke
der Zehen; hierher TA. Rossi: von der Auckland -Insel.
Zu Glareola wurden 2. neue Arten hinzugefügt:
1. @. limbata von Rüppell in seiner systematischen Ueber-
sicht der Vögel Nordost-Afrika’s S. 113. tab. 43, in Abyssinien und
um Djetta in Arabien. 2. @. Geoffroyi von Pucheran in der
Rev. zool. p.51 aus Madagaskar.
Sonstige neue Arten: Gallinago Bernieri von Pucheran
in der Rey. zool. p. 279. — Gallinago aucklandica von Gray
in der Zool. of the voy. of Ereb. Birds p.13. tab. 13, von der Auck-
land-Insel. — Von Gould wurden in den Birds of Austral. n. 18
Haematopus longirostris und fuliginosus, und n. 19 Hiaticula bi-
cincta und nigrifrons abgebildet.
Desmurs glaubte in der Rev. zool. p. 274 die Omithologen
darauf aufmerksam machen zu müssen, dass der von Gould für Vö-
gel dieser Familie angewendete Name Pedionomus nicht zu gebrau-
chen sei, weil, was bisher übersehen worden sei, Vieillot die Trap-
pen als Pedionomi bezeichnet habe. Diese Aenderung wird allerdings
nöthig, nur hat schon der Nomenclator zoologieus von Agassiz dar-
auf aufmerksam gemacht, auch muss ein besser construirter Name
u den Desmurs vorschlägt, in Anwendung ge-
mi
acht werden.
_ Sundevall wies nach, dass Gray mit Unrecht den Namen Nu-
mendus auf eine Gattung übertrug, deren Typus Scolopazx gullinago
ist, und dass er seine gewöhnliche Bedeutung behalten müsse (Arch.
skand. Beitr. S. 312).
184 Andr. Wagner; Ber. ü. d. Leist. i. d. Naturgesch. d. Vögel
Natatores.
Longipennes. Die Larinae und Rhynchopinae sind
es, die von Gray in den Genera of Birds n. 16 u. 17 behan-
delt wurden.
Larinae: Stercorarius (Lestris) mit 5, Rähodostethia mit 1,
Larus mit 37, Xema mit 2, Rissa mit 2, Pagophila mit 1 Art. —
Rhynchopinae: Rhynchops mit 4 Arten.
Thompson suchte in den Ann. of nat. hist. XVI. p. 357 nach-
zuweisen, dass Larus capistratus keine von L. ridibundus ‚verschie-
dene Art ist. — Larus Bridgesii aus Chili wurde von Fraser
ebenda S.60 als neue Art aufgestellt. Aydrocheilodon albi-
striata aus der Südsee wurde von Gray in der Reise des Ereb.
Birds p. 19 unterschieden und tab. 21 abgebildet.
Tubinares. Gould lieferte in den Birds of Austral. n. 18
u.20 die Abbildungen von Thalassidroma marina und Nereis.
Unguirostres. Von Gray wurden 4 seiner Unter-
abtheilungen in den Genera of Birds verzeichnet.
Cygninae n.6: Cygnus mit 9 Arten. — Anserinaen.7: (e-
reopsis mit 1, Anser mit 8, Bernicla mit 16, Nettapus mit 3 Arten.
— Anatinae n. 11: Dendrocygna mit 7, Tadorna mit 3, Casarka
mit 3, Aiz mit 2, Mareca mit 7, Dafila mit 3, Anas mit 23, Quer-
quedula mit 15, Pterocyanea mit 5, Chaulelasmus mit 1, Spatula
mit 3, Mulacorhynchus mit 1, Cairina mit 1 Art. — Plectropte-
rinae n. 12: Anseranas mit 1, Plectropterus mit 1, Sarkidiornis mit
3, Chenalopex wit 4 Arten. Zur Unterscheidung des Cygnus Bewickis
theilte Gerbe in der Rey. zoo]. p. 244 ausführliche Bemerkungen
mit. — Merganetta columbiana wurde als 2te Art dieser Gat-
tung von Desmurs in der Rey. zool. p. 179 zugefügt. — Mergus
orientalis aus China wurde ven Gould in den Ann. of nat. hist.
XVI. p- 48 aufgestellt. — Querquedula hottentotta von A.
Smith in: den Ilustrat. of the Zool. of South Africa tab. 105. — Von
Gould wurden in den Birds of Austral. abgebildet: Malacorhynchus
membranaceus n.18, Anas superciliosa und punctata n.19, Spatula
rhynchotis, Oygnus atratus, Leptotarsis Eytoni n.20.
Steganopodes. Die Pelecaninae wurden von Gray
in den Genera of Birds n. 9 folgendermassen angeordnet:
Sula mit 11, Graculus mit 34, Pelecanus mit 10, Atagenmit? Arten.
Aus Abyssinien unterschied Rüppell in seiner syst. Uebers. der
Vögel Nordost-Afrik. S.134. tab, 50 einen Phulacrocorazlugubris.
Pygopodes. Podiceps australis von Neuholland und
Vandiemensland ist eine der vielen neuen Arten, die Gould von daher
in den Ann. of nat. hist. XV. p. 142 bekannt machte. — Eudyptes
pachyrhynchus wurde von Gray in der Reise des Erebus. Birds
p- 17 charakterisirt.
s
Bericht über die wissenschaftlichen Leistungen in
der Naturgeschichte der Inseeten, Arachniden, Cru-
staceen und Entomostraceen während des
Jahres 1845.
Vom
Herausgeber.
Im diesjährigen Berichte habe ich zunächst auf ein Paar
Aureden, welche Newport an die Entomologische Gesell-
schaft zu London als zeitiger Vorsitzer derselben gerichtet
hat, die Aufmerksamkeit zu lenken, welche sie durch ihren
tief wissenschaftlichen Geist in Anspruch nehmen: An Address
delivered at the anniversary meeting of the Entomologieal Society
of London, on the 22nd January 1844, by George Newport F.
R. C. S., President, London 1844, und An Address delivered
ad the adjourned anniversary meeting of the Entomological
_ Society of London, on the 10th February 1845, by George
Newport, F. R. €. S. President, London, 1845. Der Verf.
behandelt zunächst die Angelegenheiten = Gesellschaft, giebt
iber den Zustand ihrer Sammlungen Nachricht, mustert so-
dann ihre Thätigkeit, erörtert mit besonderer Vorliebe und
Gediegenheit die physiologischen Arbeiten, berichtet sodann
über die entomologischen Leistungen in Einen ausserhalb
der Gesellschaft, und wendet sich endlich zur auswärtigen
Literatur, wo man allerdings mit Verwunderung gewahrt, dass
der sonst so gründliche Verf. in diesem Theile auf ein ihm durch-
aus fremdes Feld geräth. In dem letzteren Berichte rühmt
der Verf. den erfreulichen Aufschwung, den die entomologische
une des Britischen Museums nimmt, welche in Kurzem
‚einer der reichhaltigsten heranwachsen dürfte, und erwähnt
er Reichthümer, welche das Huntersche Museum an Zerglie-
j ngen von Insecten enthält, fast alle von Hunters eigener
Hand.
Archiv f. Naturgesch. XII. Jahrg. 2. Bd, N
186 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
Auch die Sitzungen der Entomologischen Gesellschaft zu
Paris sind von ihrem Vorsitzer Oberst Goureau mit einer
Anrede eröffnet (Ann. d. ]J. Soc. Ent. d. Fr. S. 5), in welcher
die praktische Anwendung der Entomologie ins Auge gefasst,
und namentlich eine für den Seinebezirk gegebene amtliche
Verordnung über das Abraupen geprüft wird. Ueber die wis-
senschaftlichen Arbeiten der Gesellschaft im Jahre 1844 stat-
tete Desmarest den Bericht ab (ebenda S. 15).
Ueber die wissenschaftliche Thätigkeit in den Vereinigten
Staaten von Nordamerika hat J. Morris einen höchst anzie-
henden Vortrag gehalten (im National- Institute, Aprilsitzung
4844, abgedruckt in Sillim. Am. Journ. II. Ser. I. S. 17. 1846).
Der Vater der amerikanischen Entomologie ist Melsheimer,
ein Deutscher, welcher als Feldprediger mit Braunschweigschen
Truppen nach Amerika kam, von den Amerikanern gefangen wurde
und sich dort niederliess. Er stand in entomologischer Verbindung
mit Knoch, dem er viele amerikanische Insecter mittheilte (welche
sich jetzt in der hiesigen Sammlung finden). Er gab ein Catalogue
of the Coleoptera of Pennsylvania heraus, welcher in Nordamerika
als Grundlage für die Artenkenntniss betrachtet wird. Seine Samm-
lung ging nach seinem Tode 1840 auf seinen Sohn John Melsheimer,
ebenfalls Geistlichen, über, nach dessen Tode sie Eigenthum eines
anderen Sohns Dr. F. E. Melsheimer wurde, der noch jetzt ein thä-
tiger Entomolog ist, eine Menge Käferarten in den Proceed. Acad.
Nat. Sciene. Philalph. beschrieben hat, und bedeutende Handschriften
über Schmetterlinge, vorzüglich die Eulen besitzt, auf deren ge-
legentliche Veröffentlichung gehofft wird. — Ein anderer thätiger
Entomolog aus früherer Zeit ist der verstorbene Prof. Peck zu Cam-
bridge in Massachusetts, welcher mehrere Abhandlungen in dem
„Massachusetts Agricultural Repository and Journal geliefert hat. —
Darauf wird Thom. Say genannt, dessen ausgebreitete und glückliche
Thätigkeit leider durch einen frühzeitigen Tod unterbrochen wurde,
Unter den gegenwärtig thätigen Entomologen sind vorzüglich Major
Leconte und sein Sohn John Leconte, Dr. Harris, Prof.
Hentz und Prof. Haldeman zu erwähnen; der letztere hatte eine
vollständige Monographie der Cerambyeinen für die Transact. of the
Am. Phil. Soc. bereit. Im Allgemeinen spricht sich jetzt bei den
Nordamerikanischen Entomologen das Bestreben aus, die Bearbeitung
ihrer Fauna nicht mehr den Europäern zu überlassen, und sie sind
bereits sehr thätig, ihre neuen Arten zu beschreiben. Da dies all-
gemein in verschiedenen Gesellschaftsschriften geschieht, welche bei
uns wenig verbreitet sind, bleiben uns diese Arbeiten im Ganzen
wenig zugänglich. Ein grosser Fortschritt wird es sein, wenn die
Naturgeschichte der Inseeten während des Jahres 1815. 187
Fauna der Vereinigten Staaten erst in selbstständigen Werken und
in grösserem Zusammenhange behandelt wird.
In England hat sich ein Verein gebildet unter der Be-
zeichnung „Ray Society”, dessen Wirksamkeit für die Na-
turwissenschaften bedeutend zu werden verspricht.
Sie ist nämlich dahin gerichtet, Schriften zoologischen oder bota-
nischen Inhalts drucken zu lassen, neue Ausgaben verdienstvoller
Werke, so wie Uebersetzungen von Abhandlungen und selbstständigen
Büchern zu veranstalten. Jedes Mitglied zahlt jährlich eine Guinee
und erhält dafür einen Abdruck von jedem in dem Jahre herausge-
gebenen Werke. Ueber ein Jahr hinaus erstreekt sich die Verpflich-
tung der Mitglieder nicht. Es ist mir nicht bekannt, ob die Gesell-
schaft auch ausserhalb ihres geschlossenen Kreises für die Verbrei-
tung ihrer Werke Sorge trägt, indem sie dieselben in den Buchhandel
stellt, was gewiss dann von Wichtigkeit wäre, wenn sie bedeutende
selbstständige Werke herausgiebt. Es mag dies aber in England
Schwierigkeiten haben, wie überhaupt die mangelhzfte Einrichtung
des englischen Buchhandels die Entstehung dieser und ähnlicher
(d. Parker, Camden, Sydenham u. a.) Gesellschaften hervorgerufen
zu haben scheint. Zu dem ersten Unternehmungen des Ray Vereins
gehört die Uebersetzung der Jahresberichte unseres Archivs, und es
ist erfreulich zu bemerken, wie dadurch der Einfluss derselben er
weitert worden ist, und Erörterungen veranlasst sind, mit welchen,
wenn man den Gegenstand derselben überhaupt beachtete, hervorzu-
treten nicht der Mühe werth gehalten wurde, so lange die Berichte
nur in deutscher Sprache vorlagen.
| Agassiz’s Nomenclator Zoologicus ist jetzt bis auf das
allgemeine Reßister vollendet, und enthält das Ööte Heft die
Neuroptera und Orthoptera, das Ste Heft Nachträge zu den
- Crustaceen, Hemipteren, Orthopteren und Neuropteren, und
die Hymenopteren, das 9te und 10te Heft die Lepidoptera,
Strepsiptera, Diptera, Myriapoda, Thysanura, Thysanoptera,
Suctoria, Epizoa und die Arachniden, das fite Heft endlich
die Coleoptera.
Ueber die Ausführung nur eine Bemerkung, die jedem Namen
beigefügte Ableitung betreffend. Dieselbe war in vielen Fällen leicht
ı geben, wo sie nämlich von den Namengebern selbst angezeichnet
. In den übrigen Fällen ist sie oft schwer zu ermitteln, und es
azu eine genaue Sprach- und Sachkenntniss erforderlich. Häufig
die Ableitung dem Sprachkundigen allein zugefallen, welches oft
Y nderliche Missgriffe unvermeidlich machte. Diese sind in vielen
Fä leicht zu berichtigen, und thun der Brauchbarkeit des Werkes
‚um so weniger Abbruch, als dieser etymologische Theil gerade als
‚der unwesentlichste des Werkes erscheint.
N*#
188 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
In der Vorrede prüft der Verf. die Gesetze der zoologischen
Namengebung. Mit Recht führt er sie auf Linne zurück und weiset
nach, dass die in der Philosophia botanica gegebenen Regeln auch
auf die Zoologie anzuwenden seien. Dann werden die von den Eng-
lischen Gelehrten aufgestellten Gesetze (Vergl. Ber. f. 1843. S. 249)
gemustert. Einige Bemerkungen hieraus sind nicht zu übergehen.
Die Familien- und Gruppennamen sind bisher noch völlig ausser
Gesetz gewesen, die Engländer erkannten diesen Uebelstand und
gaben in der Regel den Familien die Endung idae, den Gruppen
die Endung inae. Agassiz verwirft beides, weil die griechische En-
dung idae sich nicht mit lateinischen Wörtern (z. B. Equidae), die
lateinische Endung inus sich nicht mit Wörtern griechischen Ur-
sprungs (z. B. Cynocephalinus) vertrage. In dem ersteren Falle hat
Agassiz durchaus Recht, und Equidae, Corvidae und dergl. sind un-
statthafte.Bildungen, im zweiten Falle geht Agassiz aber zu weit,
denn wenn einem griechischen Wort die lateinische Endung us
gegeben wird, steht ihm auch die Adjectiv-Endung inus zu (z.B Ca-
melus, Camelinus). Hinsichts der Familiennamen spricht Agassiz die
Ansicht aus, dass auch hier die ältesten Namen, so weit sie an sich
zulässig sind, beibehalten werden müssten, und ich habe mich bei
dem Antheil, welchen ich an der Ausführung des vorliegenden Wer-
kes genommen, auf das vollkommenste überzeugt, dass dies der ein-
zige richtige Weg sei. Dadurch wird die auf einer anderen Seite
wohl wünschenswerthe Gleichmässigkeit der Namensendungen aufge-
geben, dieselbe wäre aber ohnehin schwer durchzuführen, weil wir
bald Wörter lateinischen, bald solche griechischen Ursprungs zu be-
handeln haben. — Ferner stellen die Engländer die Regel auf, wer
eine neue Gattung beschreibt, müsse die Ableitung des Namens und
die Art, welche als Gattungstypus zu betrachten sei, angeben.
Agassiz tritt diesem Vorschlage zum Theil bei, wenigstens was die
Angabe der Ableitung betrifft, ich kann mich mit jener Vorschrift
aber durchaus nicht einverstanden erklären, so weit sie die Angabe
des Gattungstypus betrifft, denn ich halte es für fehlerhaft, eine Gat-
tung, welche mehrere Arten und selbst verschiedene Formen enthält,
auf einem bestimmten Typus zu gründen. Es liessen sich über
manche andere Vorschriften noch weitere Bemerkungen machen, ich
gehe indess nicht darauf ein, in der Ueberzeugurg, dass in dieser
Sache das Beispiel mehr wirkt als alle Lehren, und setze gern vor-
aus, dass diejenigen Naturforscher, welche sich selbst achten, auch
ihren Werken die möglichst vollendete Form zu geben bemüht sein
werden. \
Agassiz hat 31,000 Namen in seinen Verzeichnissen gesammelt,
und es hat sich ergeben, dass von diesen ungefähr 3000 zugleich an
Pflanzen und Thiere, und nicht weniger als 10,000 an Thiere dop-
pelt und mehrfach vergeben sind. Es wird einer besonderen Auf-
merksamkeit bedürfen, um dieses Uebel auszubessern, ‘Agassiz legt
TE ne
Naturgeschichte der Iusecten während des Jahres 1845. 159
diese Sorge den Monographen an das Herz, besser würde es aller-
dings sein, wenn dies in einem, die Botanik und die Zoologie um-
fassenden Werke geschehen könnte. Jedenfalls hat Agassiz darin
vollkommen Recht, wenn er das Recht, die vorhandenen Namen zu
ändern, Niemanden einräumt, als wer zugleich eine gründliche syste-
matische Arbeit liefert. Dies ist jetzt, wo der Nomenclator zoolo-
gieus so weit vorliegt, möglich gemacht, und wird dann vollends
sehr erleichtert sein, wenn erst der Index generalis erschienen sein
wird.
Ueber den Bau und die Bildung der Blutkörperchen hat
Newport der Königlichen Gesellschaft zu London eine Ar-
beit vorgelegt, in welcher nachgewiesen wird, 1. dass die
Blutkörperchen der Insecten denen der Wirbelthiere entsprechen,
und 2. dass die Verrichtung derselben der der absondernden
Zellen vergleichbar sei.
Indem der Verf. R. Wagner’s Ansicht, dass das Blut der Insecten
dem Chylus der Säugthiere entspreche, entgegentritt, nimmt er viel-
mehr an, dass die Blutkörperchen bei den Insecten nicht nur mit
denen der Wirbelthiere übereinstimmen, sondern auch ähnliche Ver-
änderungen erleiden. Diese Veränderungen der Blutkörperchen tre-
ten in vier Stufen auf: 1. Molekule, den Chylusmolekulen der
Wirbelthiere entsprechend; 2. haferförmige oder kernartige Kör-
perchen, den wahren Chyluskörperchen der Wirbelthiere vergleich-
bar; 3. Kügelchen oder Kernchen; 4. Scheiben, welche nur bei
einigen Gliederthieren vorkommen, und den Rothklutkörperchen der
Wirbelthiere entsprechen. Diese Formen sind verfolgt von einem
Zeitpunkt, wo das Körperchen ausserordentlich klein ist, und wo
noch kein Kern in ihm zu entdecken ist, bis zu ihrer vollständigen
Entwickelung, wo der Kern ein von einer Menge Kernchen zusam-
mengesetzter Körper ist. Das Körperchen berstet dann und wird
zugleich mit den meisten Kernchen im flüssigen Theile des Blutes
aufgelöst, indem die Centralkernchen allein die Kügelchen zu bilden
scheinen, welche bei Schmetterlingen noch weiter in Scheiben ent-
wickelt werden. Fast sämmtliche haferförmige Körper, welche das
Blut der Raupe zeigt, verschwinden während des Puppenstandes der
Schmetterlinge, wo die Veränderung und Entwickelung des Baues
am thätigsten von Statten geht, und sehr viele der Körperchen,
welehe noch im Blute vorhanden sind, bis der Schmetterling die
Puppe verlässt, werden berstend in die Blutgänge der Flügel getrie-
ben, und wirken so unmittelbar auf die Bildung und Festigung dieser
{ eile in ihrer raschen Entwickelune. Diese Thatsachen betrachtet
ewport als Beweis für die Richtigkeit der Ansicht, welche die
lutkörperchen mit den absondernden Zellen der Drüsen vergleicht.
Fror. N. Notiz. 34. Bd. $.9. Ann. d. Se. nat. 3. Ser. 11. $. 361. In
stitut 2. Juill. 1845).
190 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
Die Luftröhren in dem zusammengesetzten Auge der
Gliederthiere sind von Dr. Brants untersucht worden (v. d.
Hoev. en de Vries. Tijdschr. v. naturl. Gesch. en Physiol.
All. p. 233, pl. 3).
Bei Musca domestica tritt ein Paar röhriger Luftgefässe aus
dem Mittelleibe in den Kopf, vereinigt sich über dem Gehirn, geht
dann aber wieder auseinander nach aussen, jedes einen weiten Luft-
behälter bildend, welcher den Augennerven umkreiset. : Aus diesem
Luftbehälter gehen zahlreiche Aeste, welche sich unterhalb der Ner-
venplatte, von welcher die Pyramidalfäden ausgehen, verbreiten, die
Nervenplatte durchbohren und in röhrenförmige, blinde Schläuche
ausgehen, welche zwischen den Pyramidalfäden gelagert sind. (Py-'
ramidalfäden sind die Nervenstränge, welche von der Sehnervenplatte
zu den Glaskegeln gehen). Zwischen den Schläuchen verbreiten sich
feine Luftröhrenästehen Aehnlich ist der Bau bei den übrigen In-
secten, nur dass es oft schwer ist, den Zusammenhang zwischen den
blinden Schläuchen und den Luftröhren zu sehen, den der Verf. bei
Musca domestica deutlich erkannt hat. Einen Spiralfaden in der
Wandung dieser Schläuche zeigte M. domest. so wenig als Tabanus
tropieus und Libellula vulgata, dagegen fand er sich bei Aeschna
und einigen Zweiflüglern, z. B. Eristalis tenax vor, aber nur bei 400
maliger Vergrösserung wahrnehmbar. In diesen Schläuchen erkennt
der Verf. dieselben Theile, welche Will als muthmassliche Bewe-
gungsfäden gedeutet hatte, und zeigt, dass dieser geschickte und
glückliche Zergliederer dadurch die wahre Beschaffenheit dieser
Theile verkennen musste, dass er Augen untersuchte, welche lange
in Weingeist gelegen hatten. Die Untersuchung der Nerven wird
durch solche Behandlung allerdings erleichtert, die der Luftgefässe
verlangt aber frische Insecten.
Ueber die Bedeutung der, Augen bei dem Insecten hat
Newport der Entomologischen Gesellschaft zu London einige
werthvolle Erfahrungen mitgetheilt: On the means by which
the Honey Bee finds its way back to the Hive, Transact. Ent.
Soc. Lond. IV. S. 54.
Es sind früher die Meinungen darüber getheilt gewesen, ob die
Honigbiene dureh ihr Gesicht nach ihrem Stocke zurück geleitet
würde, oder durch das Gehör oder den Geruch. Für die erstere
Ansicht schien der Umstand zu sprechen, dass die Biene, sobald sie
sich beladen hat, geraden Wegs zurückkehrt. Diese Ansicht wurde
durch folgenden Versuch bekräftigt: Ein Bienenstock wurde im März
aus dem Schauer genommen und Angesichts desselben, in einer Ent-
fernung von 10—15 Klafter ausgestellt, An einem warmen Tage
flogen mehrere Bienen aus, aber keine kehrte zurück, dagegen fand
sich eine Anzahl von Bienen am Schauer an der Stelle ein, die der
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. 191
ausgestellte Korb eingenommen hatte, und alle diese Bienen waren
offenbar in grosser Verlegenheit. Es geht daraus hervor, dass die
Bienen nur durch das Gesicht ihre älte Wohnstelle erkannten. Dies
bestättigte dem Verf. der berühmte Bienenzüchter Dr. Bevan, welcher
ihm mittheilte, dass er, wenn er einem Bienenkorbe eine neue Stelle
gebe, er ihn jedesmal eine Zeitlang geschlossen halte, um die Bienen
aufdie Veränderung aufmerksau zu machen; auch finde er es vortheil-
haft, die Eingänge der verschiedenen Körbe mit verschiedenen Farben zu
bezeichnen, um das Verirren der Bienen zu verhüten. Auch ist es durch
das Gesicht, wodurch die Drohnen während des Schwärmens die Königin
ausfindig machen. Eine ähnliche hohe Ausbildung des Gesichts zeigen die
Libellen, Tagschmetterlinge, überhaupt alle in der freien Luft sich
bewegenden Insecten, und sie sind durch den Bau des Auges auch
durchaus dazu befähigt. Die Weitsichtigkeit der Inseeten hängt
überhaupt von zwei Umständen ab, vom Durchmesser und der Wöl-
bung der Hornhaut, und von der Entfernung der Hornhaut, von der
Netzhaut oder der Ausbreitung des Sehnervenfadens. In beiden zei-
gen sich bei verschiedenen Insecten verschiedene Verhältnisse, die
mit der Verschiedenheit der Lebensweise in Uebereinstimmung zu
sein scheinen.
Ueber die Mitie!, mit welchen verschiedene Thiere auf
stark polirten senkrechten Flächen gehen, von Black wall
(Annals of uat. hist. XV. p. 115).
Neue Versuche, um die früher vom Verf. im 16ten Bande der
Tr. Lin. Soc. aufgestellte Ansicht zu bekräftigen, dass es nämlich
mittelst einer klebrigen Aussonderung geschehe. — Fein gepulverter
Höllenstein wurde am Boden und den Wänden eines wohl gereinigten
Glasgefässes vertheilt, und verschiedene Insecten und Spinnen hin-
eingethan, welche, nachdem sie darin herumgekrochen, später nicht
mehr im Stande waren, an senkrechten, glatten Flächen zu kriechen.
Darauf sah der Verf., bei starker Vergrösserung, aus den haarför-
migen Papillen der Haftläppchen an Schmeiss- und Stubenfliegen auf
einen mässigen, auf Schenkel, Schiene und Fuss ausgeübten Druck eine
Flüssigkeit hervorquellen, welche an der Luft gerann. Auch konnte
der Verf. die Spuren solcher Flüssigkeit an senkrechten Glasflächen,
an welchen Insecten und Spinnen gekrochen hatten, unter starker
Vergrösserung und Beleuchtung und unter günstigen Winkeln wahr-
nehmen. Endlich waren die Insecten unter der Luftpumpe so lange
im Stande, an senkrechten Glaswänden zu kriechen, als sie überhaupt
kriechen konnten, ja einige Fliegen starben an der senkrechten Wand
anhängend, ein Beweis, dass sie nicht durch den Luftdruck in dieser
Lage gehalten werden. Zu den Versuchen dienten Coceinella 22pun-
ctata, Forficula auricularia, Apis mellifica, Vespa vulgaris, Musca
domestica und vomitoria, Philodromus dispar und Drassus sericeus
Spence (Transact, Ent. Soc. Lond. IV, 8.18) tritt Blackwall’s
192 Erichson: Bericht über die wissensch, Leistungen in der
Erklärung bei, und will dieselbe auf eine grosse Zahl von Insecten
ausgedehnt wissen.
Voyage au Pole Sud et dans l’Oceanie sur les corvettes
V’Astrolabe et la Zelee pend. l’ann. 1837—1840 sous le com-
mand. d. M. Dumond D’Urville.
Der Zoologische Atlas ist bereits auf 21 Lieferungen herange-
wachsen, welche einen grossen Reichthum an Crustaceen und Insec-
ten enthalten, der aber durch den noch fehlenden Text erst zugäng-
lich gemacht werden muss.
Inseeten.
Histoire des fnsectes traitant de leur moeurs et de leur
inetamorphoses en general et comprenant une nouvyelle classi-
fication fondee sur leur rapports naturels, par Emile Blan-
chard, aide naturaliste au Museum d’histoire naturelle de
Paris; Paris, 1845.
Dies zwei Bände starke Werkchen bildet einen Theil eines
„Traite complet d’histoire naturelle” und ist nur nach dem Mass-
stabe einer Buchhändler-Unternehmung zu beurtheilen. Es sind zwar
sowohl viele der Dejean’schen und ähnliche bisher nur dem Namen
nach bekannt gewesene Gattungen aufgenommen, als auch mehrere
neue eingeführt, sie sind aber alle so dürftig und oberflächlich ge-
schildert, dass diesen Aufstellungen ein wissenschaftlicher Werth nicht
beigelegt werden kann. Wie unreif und übereilt das Buch überhaupt
ist, lässt sich aus folgendem Beispiel entnehmen: „Der Mund der
Schmetterlinge besteht aus einem in der Ruhe eingerollten Rüssel,
welcher hauptsächlich aus der sehr entwickelten Un-
terlippe gebildet wird. Die Unterkiefer befinden sich an jeder
Seite in der Gestalt sehr zarter Fäden, deren jeder einen
äusserst feinen Taster trägt u. s. w. (2. Bd. S. 318).
Genera quaedam Insectorum iconibus illustravit et de-
seripsit I. Burmeister.
Nach längerer Unterbrechung ist dies Werk mit drei neuen Hef-
ten vermehrt und geschlossen. Das Ste Heft enthält Fulgora nebst
Pyrops, Euchirus, Ulopterus, das te Heft: Trichopius, Hoplostomus,
Rhagopteryx und die Mundtheile mehrerer Cremastocheiliden -Gat-
tungen; das 10te Heft (1846 ausgegeben) enthält Copris, subg. Helio-
copris, Pelidnota, Trichius subg. Clastocnemis und Trigonopeltastes.
Arcana Entomologiea or Ulustrations of new, rare and
interesting Insects, by J. ©. Westwood,
Auch dieses Kupferwerk ist mit der 24sten Lieferung geschlossen
worden. Es ist zu bedauern, dass Unternehmungen dieser Art, selbst
wenn sie, wie es hier der Fall war, allen Anspruch darauf haben,
nicht die nöthige Theilnahme und Unterstützung finden.
Naturegeschichte der Inseeten während des Jahres 1815. 193
Fauna Insectorum Europae, cura E. F, Germar. Fasc.
XXIN. Halae imp. Künmel.
Dies Heft enthält ausser von mehreren unten anzuführenden Ar-
ten schöne Abbildungen von Cieindela Fischeri Ad., Polydrusus vit-
tatus, Dorcadion Kindermanni, Sturmii Waltl, Saperda phoca Fröhl.,
Polyopsia bipunctata (Sap. bipunctata Zoubk.), Dasypogon litura
Zell., Tabanus trieolor Zell., Sargus melampogon Zell., Syrphus
dispar Loew., Callicera rufa Schumm.
Symbolae Physicae, seu lcones et descriptiones Insecto-
rum, quae in itinere per Africam borealem et Asiam oceiden-
talem, F. G. Hemprich et ©. G. Ehrenberg studio novae ant
illustratae redierunt. Percensuit Dr. Fr. Klug, Regis iussu
et impensis edidit Dr. C. Ehrenberg. Decas quinta. Berol.
Impensis Reimeri. 1845.
Die Verhältnisse haben eine lange Unterbrechung im Erscheinen
dieses Werkes herbeigeführt, wodurch die vorliegende Lieferung erst
spät zur Veröffentlichung gelangt ist, obschon der grösste Theil der
Tafeln längst vollendet war. Sie enthält von Coleopteren einen
Theil der Lamellicornien, von Hemipteren die Pentatomiden, von Hy-
menopteren die Chrysiden, ferner die Gattungen Larra, Palarus, Phil-
anthus, Cerceris, Megilla, Saropoda, Eucera, von Lepidopteren drei
neue Arten aus den Gattungen Euploea und Vanessa.
Meletemata Entomologica, auctore Dr. Fr. Kolenati.
Fasc. 1, 2, Petrop. 1845.
Der Verf. hat im Auftrage des K. Bot. Gart. die Kaukasusländer
bereiset, und theilt in diesem Werke seine entomologischen Entdek-
kungen und Beobachtungen mit. Die vorliegenden Hefte geben das
erste eine Uebersicht über die Cieindeleten, Carabieinen, Dytisciden
und Gyriniden, das zweite über einen Theil der Hemipteren. Die
neu aufgestellten Arten habe ich grossentheils, wenigstens bei den
Käfern, in der Sammlung des Verf. zu sehen und näher zu vergleichen
Gelegenheit gehabt. Im ersten Hefte ist die Verbreitung der Insec-
ten im Kaukasus im Allgemeinen betrachtet, und die Landschaft zu
‚diesem Zweck in fünf Gebiete getheilt.
1. Das‘Alpengebiet, fängt mit der oberen Walderenze, in
einer Höhe von 900— 1300 Klafter an, und reicht bis auf die höch-
sten Rücken und Gipfel des Hochgebirgs. Der-Sommer ist in diesem
Gebiete kurz, und eben so kurz ist die Erscheinungszeit der Insecten.
A. Der Schneebezirk, die höchsten schneebedeckten Rücken
und Spitzen der Alpen einnehmend, fängt im Kaukasus mit 1400, in
den Armenischen Hochgebirgen mit 1500, im Hochgebirge des Ararat
und nördlichen Persiens mit 1600— 1700 Klafter an und reicht bis
auf eine Höhe von 1400--2000 Kl. — In diesem kalten Gebiet leben
schr wenige, aber ihm eigenthümliche Insecten, deren noch viele zu
194 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
entdecken sein mögen, fast ausschliesslich Käfer, namentlich Carabi-
cinen von flacher Form aus den Gattungen P/atychrus, Feronia,
(Omaseus, Pseudomaseus, Platysma), Nebria, Culathus, Amara,
Treehus und Tachys, welche den Onisciden, Myriapoden sowie den
Schnecken des Hochgebirgs nachstellen; ferner Philonthus, Lathro-
bium, Xantholinus, Hister, Helops, Elmis, Hydraena, Ochthebius,
Meriones und Otiorhynchus. Kaum ein Schmetterling, und von Or-
thopteren, Neuropteren und Hemipteren keine Spur. Bemerkenswerth
ist, dass alle Käferformen ungeflügelt sind, wodurch allein schon ihre
geringe Verbreitung bedingt wird.
B. Der Alpenbezirk reicht von der unteren Schneebezirks-
grenze bis an die obere Waldgrenze (v. 1200 —1700 Kl. bis 900 bis
1300 Kl.). Ausgezeichnet durch Pflanzenreichthum. Zahlreich sind
Käfer, Schmetterlinge und Hemipteren, aber sehr sparsam die Or-
thopteren und Neuropteren, die Singeicaden fehlen ganz. Vorherr-
schend sind von Käfern die Gattungen Carabus, Pristonychus, Ago-
num, Poecilus, Pterostichus, Haryalus, Leirus, Bembidium, Colym-
betes, Emus, Omalium, Tuachyporus, Aleochara, Synaptus, Ludius,
Hister, Byrrhus, Elmis, Hydraena, Sphaeridium, Cercyon, Ontho-
phagus, Aphodius, Geotrupes, Hoplia, Apion, Cleonis, Bothynoderes,
Omias, Phytonomus, Sibinia, Campylorhynchus, Gymnetron, Leptura,
Pachyta, Saperda, Donacia, Cassida, Guleruca, Haltica, Timarcha,
Gastrophysa, Colaspis (ich finde unter diesen vielen genannten Gat-
tungen keine, welche für den Bezirk der Alpenpflanzen bezeichnend
sein möchte, auffallend aber erscheint der Mangel der Form der
Hochgebirgs-Chrysomelen, Oreina Chevr.); von Lepidopteren: Par-
nassius, Colias, Sutyrus, Polyommatus, Hesperia, Chelonia, Zygüena,
von Hemipteren Cicadella, Rhopalus, Cydnus, von Orthopteren For-
Jicula, Gomphocerus und Oedipoda.
ll. Das Waldgebiet reicht von der oberen Waldgrenze bis
zum Fuss der Berge hinab, wo Gehölz und Gebüsch aufhören und
Weiden sich ausbreiten. Indess steigt das Waldgebiet an den Flüs-
sen noch tiefer hinab (von 900—1300 bis 200 Kl.).
A. Der Hochwaldsbezirk ist mit Ausnahme der Melasomen
und eigentlichen Orthopteren reich an Insecten aus allen Ordnungen
und Gattungen, unter den Käfern vorzüglich an Procerus, Procrustes,
Carabus, Calosoma, allen Formen der Holzkäfer u. s. w., unter den
Schmetterlingen an Argynnis, Vanessa, Sphinz, Syntomis, Spinnern,
Spannern, Wicklern und Schaben, unter den Hemipteren an Cicadel.
len, Rhynchocoris, Pentatoma, Aradus, unter den Orthopteren an
Blatta.
B. Im Niederholzbezirk herrschen vor von Käfern Cicin-
dela, Polystichus, Brachinus, Panagaeus, Callistus, Chlaenius, Lieci-
nus, Badister, die Sternoxen, Malacodermen, Teredilen, Clavicornen,
Palpicornen, Sisyphus, Onthophagus, Aphodius, Geotrupes, Melo-
lontha, Omaloplia, Hoplia, Amphicoma, Trichius, Cetonia, Helops,
Naturgeschichte der Inseeten während des Jahres 1815. _ 195
Cistela, Lagria, Nylophilus, Mordella, Oedemera, Anthouomus, Or-
chestes, Ceuthorhynchus, Cionus, Cis, Triphyllus, Clytus, Saperda,
Pachyta, Leptura, Lema, Adimonia, Galeruca, Luperus, Haltica,
Chrysomelu, Cryptocephalus, Clythra, Phalacrus, Coccinella, Psela-
phus; von Schmetterlingen Ayınphalis, Satyrus, Vanessa, Limenitis,
Hesperia, Zygaena, Sesia, Lithosia, Noctuen, Schaben; von Ortho-
pteren Blatta, Heterogamia, Forficula, Nya, Mantis, Saga, Qedi-
poda, Decticus, Locusta; die Hemipteren sind zahllos, hier kommen
die Singeicaden vor; von Neuropteren Myrmeleon und Mantispa;
Hymenopteren und Dipteren schwärn.en in grosser Menge.
ll. Das Flurgebiet begreift hüglige Felder, in welche das
Niederholz allmählich übergeht, und welche entweder Sümpfe oder
nasse und kräuterreiche Wiesen oder Brachen, oder Saatfelder ein-
schliessen. In den Sümpfen kommen vorzugsweise Chlaenius, Ago-
num, Bembidium, Donacia, Haemonia, ferner Truzalis, unzählige
Neuropteren und Dipteren, von Hemipteren endlich Sa/da vor. —
Auf den Wiesen und Triften finden sich hauptsächlich Onthophagus,
Onitis, Copris, Gymnopleurus, Blüthenkäfer, Blüthenwanzen, zahlreiche
Orthopteren, besonders Wanderheuschrecken und Locusten. Die
Brachen sind früher beackerte, jetzt wieder verwildernde Landstrek-
ken, auf denen allgemach mit den ursprünglichen wilden Pflanzen
auch die übrigen ursprünglichen Erzeugnisse wieder erscheinen. Auf
den Saatfeldern herrschen Zabrus, Cratonychus, Anisoplia, Melo-
lontha, Rhizotrogus, Bruchus, Haltica, und es erscheinen von Zeit zu
Zeit die Wanderheuschrecken.
IV. Das Steppengebiet, nicht höher als 200 Kl. ansteigend,
ist wieder in zwei Bezirke zu theilen.
A. Die Strauchsteppe (Burian der Russen, der Verf, setzt
irrthümlich hinzu, Jungle der Engländer, die letzteren bezeichnen
solche Gegenden mit Serub), mit Sträuchern, Halbsträuchern und
Gestripp bedeckt aus folgenden Pflanzengattungen: Ephedra, Paliurus,
Cotoneaster, Cytisus, Astragalus, Alhagi, Glyeyrrhiza, Xanthium,
Artemisia, Verbascum, Eremostachys, Peganum. Hier leben an Kä-
fern: Cymindis, Dromius, Ditomus, Acupalpus, Stenolophus, Dinodes,
Lieinus, Dolichus, Stomis, deinopus, Trechus, Falagria, Capnodis,
Sphenoptera, Synayptus, Agrypnus, Cardiophorus, Isosoma, Dasytes,
Tillus, Lethrus, Scarabaens, Tunyproctus, Omuloplia, Cetonia, Ten-
iyria, Gnathosia, Pedinus, Heliopathes, Cistela, Steropes, Myodes,
MMeloe, Cerocoma, Mylabris, Lydus, Epicauta, Lytta, Zonitis, Anon-
eodes, Mycterus, Spermophagus, Psalıdium, Plinthus, Pholicodes,
Lizus, Larinus, Ceuthorhynehus, Cionus, Chrysochus, Lema, Cly-
peaster, Chilocorus, Scymmus, Pselaphns, Claviger. — Holzkäfer und
Chrysomelinen fehlen fast, ebenso Schmetterlinge; Hymenopteren
und Dipteren sind sehr spärlich, die Orthopteren dagegen in uner-
messlicher Menge, namentlich Saga, Bradyporus, Phaneroptera, Co-
nocephalus, Decticus, Calliptamus, Oedipoda, Eremobius, Heteroga-
196 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
mia, Empusa, Mantis, von Hemipteren mehrere Arten von Singeiea-
den, und mannigfaltige Heteropteren, an Neuropteren Myrmeleon,
Ascalophus, Mantispa.
B. Dürre Steppen, Abhänge oder Ebenen mit spärlichem
und magern Pflanzenwuchs, und einem aus aufgelösten vulkanischen
Steinen gebildeten, dürren, trockenen, bei gelegentlicher Nässe aber
fruchtbaren Boden. Auf demselben wachsen folgende Pflanzen: He-
lianthemum, Ceratocarpus, Paronychia, Gnaphalium, Arenaria, Ho-
henackeria, Valerianella, Onosma, Phyteuma, Schismus, Pterotheca,
Thymus, Teucrium, Poa, Stipa, Aeluropus, Glaucium, Papaver, Gyp-
sophila, Trinia, Dodartia, Cousinia, Asterothrix, Lasiospora, Dian-
thus, Cymbocarpum, Artemisia. An Käfern leben hier Cieindela,
Lithocharis, Ateuchus, Tanyproctus, Pandarus, Opatrum, Leichenum,
Microzoum, Mylabris, Cleonis, Lixus, Larinus, Baris, Stenopterus,
Dorcadium, Hispa, Dibolia, Entomoscelis, Chilocorus, an Orthopte-
ren Eremobius, Thrynchus, Tetrix und Nocarodes, an Hemipteren
Phyllomorpha;, keine Schmetterlinge, auch keine Hymenopteren mit
Ausnahme von Mutillu, keine Dipteren.
V, Das Meeresgebiet.
A. Die Salzsteppen gehören nach der Bodenbeschaffenheit
und der Natur des Pflanzenwuchses unter diesen Begriff, obgleich
sie zuweilen fern vom Meere und höher als dasselbe liegen. Die
Salzsteppe macht sich durch aus dem Boden ausschlagendes Salz
kenntlich, so wie durch stehende Salzwässer und eigenthümliche
Pflanzen, wie Trinia, Gypsophila, Salsola, Aeluropus, Nitraria, Ana-
basis, Halocnemis, Schoberia, Lagonychium, Chenopodium, Halosta-
chys, Salicornia, Glinus, Tamarix, Statices, Zygophyllum, Harmala,
Capparis. Hier zeigen sich nur einige Käferformen: Megacephala,
Pogonus, Ditomus, Ophonus, Perotis, Anthicus, Tentyria, aus an-
deren Ordnungen ist kaum ein Insect zu bemerken,
B. Der Meeresstrand. Hier finden sich die fleischfressenden
Heteromeren, welche die ausgespülten Muscheln verzehren, nämlich:
Erodius, Pimelia, Trachyderma, Akis, Scaurus, Tentyria, Tagenia,
Blaps, Pedinus, Steropus, ausserdem Aeinopus, Zabrus, Blethisa,
Pogonus, Cephalotes, Sphodrus, Scarites, Ditomus, Zuphium, Gyri-
nus, Coccinella, Cartallum, Parandra, Trox, Ateuchus, Silpha,
Hister, von Hemipteren Galgulus, Ochtherus, Hebrus.
Im Allgemeinen ist der Kaukasus, vorzüglich aber Transkauka-
sien, an Schmetterlingen, Hymenopteren und Dipteren nicht reich,
sehr reich dagegen an Käfern, Hemipteren und Orthopteren. Der
Verf. leitet diese Erscheinung zum Theil von der sengenden Som-
merhitze her, unter welcher schon in der Mitte des Juni die Pflan-
zen verdorren, und. die Insecten daher auf die kurze Frühlingszeit
beschränkt werden. Dann tragen die insectenfressenden Nager und
die unendliche Menge der zum Ueberwintern schaarenweise heran-
fliegenden Zugvögel viel zur Verminderung der Raupen und Puppen
0
we
or
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. 197
bei. Ausserdem brüten in Transkaukasien die Schwalben, Bienen-
fänger, Stelzen und Fliegenschnäpper zweimal im Jahre, und zwar
Anfang Mai’s und Ende Juni’s und stellen, ihre Bruten zu füttern,
allen weichschaligen Insecten gierig nach. Schliesslich bemerkt der
Verf., dass der Kaukasus in seiner Flora und Fauna ganz europäisch
sei, dass in dem Gebiet zwischen dem Kaukasus, dem Ararat und
den Ghilanischen Hochgebirgen die Fauna und Flora anfange ein
etwas asiatisches Gepräge zu erhalten, und erst hinter dem Ararat
und den Ghilanischen Gebirgen rein asiatisch aufträte,
In Jacquemont Voyage dans l’Inde pendant des an-
nees 1828—32 sind die Insecten von Blanchard bearbeitet
worden, es ist aber dieser Theil des grossen Reisewerks nicht
reichhaltig. Die wenigen neuen Arten werden unten aufge-
führt werden.
In Eyre’s Journals of Expeditions of Discovery in to
central Australia and overland from Adelaide to King George’s
Sound ete. London 1845” findet sich im ersten Bande ein
naturgeschichtlicher Anhang, in welchem von Gray drei
Astacus-Arten, von Doubleday einige Schmetterlinge, von
White einige Inseeten aus den Ordnungen der Orthoptera,
Neuroptera und Hemiptera beschrieben sind.
Die Reise an sich hat ein hohes Interesse, es war aber weder
der Zweck derselben, Sammlungen von Naturgegenständen zu ma-
chen, noch erlaubte es die Lage des Reisenden auf der beschriebenen
Unternehmung sie zuletzt mit sich zu bringen. Was nun hier be-
schrieben ist, ist der Reise selbst fremd. Ein naturwissenschaftlicher
- Anhang wird da von Wichtigkeit sein, wo, wie in Dieffenbach’s Neu-
seeland, eine möglichst vollständige Uebersicht über die Natur-
erzeugnisse des bereisten Landes gegeben wird, oder wenn die eige-
nen Sammlungen des Reisenden wissenschaftlich bearbeitet werden.
So, wie es hier geschehen ist, wird nur der Wust der einzeln und
noch dazu an einem Ort, wo sie nicht leicht jemand sucht, beschrie-
benen Arten vermehrt, schwerlich zum Gewinn für die Wissenschaft.
Ich muss mich um so mehr dagegen aussprechen, als dies schon
Nachahmung gefunden hat.
Ueber die Inseeten - Fauna der Ansiedlung Adelaide
im Süden von Neuholland hat Hope einige interessante Mit-
theilungen aus den Briefen von Fortnum gemacht (Trans-
act. Ent. Soc. Lond. IV. S.100, Proceed. Ent. Soc. S. 98)
und zugleich eine Reihe der von Fortnum eingesandten Co-
leopteren beschrieben.
Nach der Schilderung Fortnum’s ist die Gegend von Adelaide
schön und fruchtbar, einem Park gleich, im Sommer (Mitte Decem-
198 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
bers) mit einer Wärme 'von 110° Fahr., im Winter mit 40— 50° F
Sie ist aber nicht reich an Insecten. Vorherrschend sind Ameisen,
mannigfaltig in Grösse und Form, dem Anschein nach die Raubkäfer
theilweise ersetzend. Diese letzteren finden sich grösstentheils unter
losen Baumrinden. Ueberaus häufig ist ein kleiner Elaphrus- artiger
Käfer (ohne Zweifel Scopodes). Von Adelotopus sind drei Arten ge-
sammelt. Staphylinier sind nicht häufig, Onthophagus (drei Arten)
und Aister (vermuthlich Saprinus) flogen nach Menschenkoth. Ein
Trox ist sehr häufig. Eine kleine Cassida (?, von Hope nicht näher
bestimmt) wurde unter Callitris- Rinde gefunden. Von Orthopteren
kam eine Forficula vor, Blatten in grosser Zahl, von Mantis inter-
essante kleine Formen mit geflügelten Männchen und ungeflügelten
Weibchen, von Phasmiden mehrere Arten, namentlich eine mit Phyl-
lium verwandte Form, am Ufer einer Bucht die Larve einer Xya
und zwei schöne Arten von Gryllaeris. Unter den Neuropteren sind
drei Arten von Mantispa, sieben von Myrmeleon und eine von Asca-
laphus bemerkt.
Ueber die Schmetterlinge jener Gegend gab Behr in
einem aus Bethanien geschriebenem Briefe einige Nachricht
(Entom. Zeit. S. 210).
Er schildert ebenfalls die Fauna derselben als auffallend arm.
Unter Tagschmetterlingen findet sich ein Papilio, wie Demoleus, und
vielleicht mit Citronenbäumen eingeführt, ferner einige Pontien, 3
Vanessen, 3 Hipparchien, mehrere Lycaenen. Am Interessantesten
ist ein mit Castnia nahe verwandter Schmetterling, welcher im Pine-
forest (die Kiefer der Ansiedler ist Callitris) fliegt, und in Färbung
und Benehmen unserer N. Parthenias gleicht. Die Nachtvögel sind
bei weitem zahlreicher, namentlich schien die Zunft der Microlepi-
dopteren an Artenreichthum der europäischen Fauna nichts nachzu-
geben. Einzelne tropische Formen tauchen hier auf, namentlich un-
geheure Hepiolus und ein Erebus. (Da die vom Dr. Behr gesammel-
ten Schmetterlinge von der hiesigen Königl. Sammlung angekauft
sind, kann ich die obigen Angaben noch etwas vervollständigen. Die
Pontien sind Pieris Aganippe und Teutonia Don., die Vanessen F
Calybe God., Itea F. und eine noch unbenannte der V. Cardui sehr
ähnliche Art, die Hipparchien sind A. (Lasiommata) Merope F.
— deren beide Geschlechter als zwei verschiedene Arten gezählt
worden sind — und Singa Boisd. Der Lycaenen sind 10 Arten,
auch sind drei Arten von Thymelen gesammelt Die mit Castnia
verwandte Gattung ist kürzlich von Doubleday unter der Benennung
Synemon aufgestellt worden; Behr’s Sammlung enthielt 4 Arten der-
selben. Unter den Spinnern sind mehrere Neuholland eigenthümliche
Formen, eben so fehlen Agaristen nicht (A. /atina Don., tristifica
Hüb. und 2 noch unbestimmte Arten).
Ueber die entomologischen Eigenthümlichkeiten von Neu-
-
f u. . 22.00
Naturgeschichte der Inseeten während des Jahres 1845. 199
seeland ist in der entomologischen Gesellschaft zu London
eine Abhandlung von Stevenson gelesen worden (die Proceed.
ders. Ann. nat. hist. XVII. S. 285).
Nachdem die Eigenthümlichkeiten des Klimas und der Vegetation
erläutert worden (dieser Theil der Abhandlung ist nicht mitgetheilt),
widerlegt der Verf. die Ansicht, dass Neuseeland arm an Insecten
sei, der mächtige Pflanzenwuchs erfordere eine grosse Zahl von In-
secten, um ihn in Schranken zu halten, und in der That bilden die
Tetrameren drei Viertel der Coleopteren. Nur zwei Cieindelen wur-
den beobachtet und nur wenige Carabici und Staphylinier. Die Ela-
teriden waren zahlreicher, aber keine Buprestiden wurden gefunden.
Die Clavicornier sind auch nicht häufig und nur sehr wenige Luca-
niden und Cetonien, keine Spuren von Geotrupiden, und nur zwei
oder drei Heteromeren giebt es. Unter den Curculioniden sind meh-
rere von sehr sonderbarer Form, die Larven einiger mit Brenthus
verwandter Käfer bohren im harten Holz der Bäume, die Longicor-
nen sind in Menge vorhanden. Die Larven einiger der grösseren
Arten werden von den Eingebornen gegessen, entweder roh oder
halbgeröstet. Nur zwei Coccinellen. Unter den Orthopteren sind
die kleinen Grashüpfer zahlreich, in alten Bäumen findet sich sehr
häufig eine grosse, abentheuerliche, ungeflügelte Heuschrecke ( Dei-
nacrida White), wo sie sich in Löchern der Rinde versteckt. Fer-
ner 2 Forficula- und 5—6 Arten von Libellen. Von Cicada sind drei
Arten beobachtet. Von Hymenopteren nur 7—8 Arten, darunter eine
Biene mit grossen Blüthenstaubladungen an den Hinterbeinen, Unter
den Dipteren spielen die Aasfliegen überall eine wichtige Rolle, Ti-
puliden und Moskitos sind in Menge vorhanden, aber entschieden
nur wenige Schmetterlinge, deren einige an englische erinnern, wie
der Distelfalter und der Admiral.
Die Erforschung der in den Ameisennestern lebenden In-
secten fährt fort die Entomologen zu beschäftigen.
Zur Beurtheilung der in den Ameisennestern vorkommen-
den Inseeten, insbesondere der Käfer. Von einem süddeut-
schen Entomologen (Entom. Zeit. S. 119).
Der Verf. findet, dass Märkel in seinen verdienstvollen Arbeiten
den Begriff der Myrmecophilen zu weit ausgedehnt habe, und sucht
deshalb denselben fester zu stellen, indem er diejenigen Insecten,
welche wirklich eine Beziehung zu den Ameisen haben, in zwei
Gruppen theilt.
Bet. Ameisengäste, Ins. formiceticola, d. h. solche, welche we-
4 . . . .. . F *
mi tens in einem ihrer Verwandlungszustände ausschliesslich in
Ameisennestern vorkommen, z. B. Cetonia aurata, Claviger.
E97 Ameisenfreunde, Ins. myrmecophila, solche, welche nur
im Zustande der vollendeten Entwickelung, und auch dann nicht aus-
schliesslich in den Ameisennestern und deren nächster Umgebung
200 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
angetroffen werden. Diese Bestimmungen können aber nicht aus-
reichen und es steht offenbar Cetonia aurata in einem ganz anderen
Verhältniss zu dem Ameisennest als der Claviger. Man könnte unter
den Bewohnern der Ameisennester einen Unterschied machen zwi-
schen den Nestfreunden und den Ameisenfreunden. Die er-
steren, welche man auch Ameisengäste nennen könnte, werden von
den Ameisen geduldet, die letzteren sind ihre Hausthiere. Zu den
ersteren gehören die Larven der Cetonien und Clythren, ferner die
Rüssel- und Holzkäfer; diese finden ihre Nahrung in dem Baustoff
des Nestes, mit welchem manche Larve in das Nest getragen werden
mag, und dort ihre Verwandlung übersteht. Auf solche Weise mögen
die Ptinus, mehrere Rüsselkäfer u, a. m. in das Ameisennest ge-
rathen. Ich untersuchte auf diese Vermuthung eine Anzahl der Sten-
gelstückchen aus Ameisennestern, und fand verhältnissmässig viele
ausgefressen. Die eigentlichen Ameisenfreunde sind in ihrem Dasein
mehr auf die Ameisen selbst angewiesen, wie es vom Qlaviger be-
kannt ist, und wie ein ähnliches Verhältniss bei den Lomechusen
und mehreren Staphyliniern stattzufinden scheint. In beiden Abthei-
lungen vielleicht, in der ersten gewiss, wird man unter gelegentlichen
und beständigen Freunden zu unterscheiden haben. So gehören z. B.
eine Reihe von Cryptophagus-Arten zu den gelegentlichen Nestfreun-
den, während Emphylus glaber ein beständiger Nest- oder selbst
Ameisenfreund ist. Es ist hier der Beobachtung noch ein weites
Feld offen. N
Die Myrmecophilen in Berlins nächster Umgebung. Von
B. Grimm (ebenda S. 123. 131).
Es sind vom Verf. 69 Arten, meist Käfer beobachtet, unter denen
einige neue Staphylinier, welehe unten namhaft gemacht werden sollen.
Von Interesse sind aber auch die Beobachtungen des Verf., welcher
oft A—5 Stunden vor einem Ameisenhaufen verweilte und dem Ge-
wühl vor demselben zusah. Gegen Abend kommen viele der Ein-
wohner, namentlich die Histeren, hervor und machen Ausflüge. Di-
narda Märkelii zeigte zu den Ameisen eine ähnliche Beziehung, wie
Müller sie an Claviger entdeckte. Der Verf. sah nämlich wiederholt,
dass die Dinarda bei Annäherung einer Ameise den Hinterleib über-
bog, und dass in dieser Stellung die Ameisen die Behaarung der Hin-
terleibsspitze beleckten. Diese Gunst wurde aber nicht jeder Ameise
zu Theil. Zugleich hält der Verf. Märkel’s Vermuthung, dass eine
grosse Anzahl der Myrmecophilen den Excrementen der Ameisen
nachgehen, für gegründet, und fügt hinzu: „Vielleicht stehen sogar
die Geschlechtsameisen selbst in irgend einer, noch unerklärten Be-
ziehung zu den Myrmecophilen”. Diese anscheinend sonderbare An-
sicht scheint in folgender, im Eingang mitgetheilter Bemerkung ihre
Begründung zu finden: „Es ist mir aufgefallen, dass ich in den gros-
sen Kolonien niemals Geschlechts- oder weibliche Ameisen beobach-
Naturgeschichte der Inseeten während des Jahres 1845. 201
tete, und dass die Ameisenfreunde hier um so häufiger waren, je
zahlreicher dieselben sich vorfanden”.
Die Verhältnisse aufzuklären, in welchen die Ameisenfreunde zu
den Ameisen stehen, bedarf es noch vieler einzelner Beobachtungen.
v. Kiesenwetter (Entom. Zeit. S. 226) sah in einem Bau der Form.
fuliginosa eine Myrmedonia funesta, welche von einer Ameise trotz
alles Sträubens länger als eineViertelstunde festgehalten wurde, und nach-
dem er endlich beide in ein besonders Gläschen gesperrt, hatte nach
längerer Zeit die Myrmedonia die Ameise mitten von einander ge-
bissen und theilweise verzehrt. Auch erinnert sich der Verf. einmal
in einem Haufen der F. fuliginosa, in welchem die Myrmedonien in
unglaublicher Zahl vorhanden waren, eine grosse Menge einzelner
Leiber und Köpfe von Ameisen gefunden zu haben, er möchte indess
daraus keineswegs folgern, dass die Myrmedonien als Raubthiere
unter den Ameisen leben, weil man im Gegentheil findet, dass Amei-
'senhaufen, welche reichlich mit Myrmedonien besetzt sind, Jahre
lang bei gleicher Stärke bestehen.
Luceiani (in Toskana) hat die Bemerkung gemacht, dass Bren-
thus Italicus beständig in Gesellschaft der Formica nigra lebt, und
zwar in den Gängen derselben in faulem Eichen- und anderem Holz.
(Annal. d. 1. Soc. Ent. d. Fr. II. Bull. S. cır).
j Beobachtungen über die Beziehungen der Ameisen zu den Blatt-
läusen sind von Robert beschrieben (Ann. d. sciene. nat. 3. Ser. II.
5.99). Neue Thatsachen haben sich nicht ergeben.
Bei der vielseitigen Aufmerksamkeit, welche die vorig-
jährige weit verbreitete Kartoffelkrankeit auf sich zog, kamen
auch die an den kranken Kartofleln vorgefundenen Insecten
_ um so eher zur Sprache, als Einige in ihnen die Ursache
des Uebels sehen wollten. Unter allen wissenschaftlichen Er-
örterungen hat die von Ehrenberg (Bericht über die Ver-
handl. d. K. Preuss. Acad. d. Wissensch. zu Berlin, 1845.
S. 296) das Verhältniss derselben am treflendsten dargestellt:
„Die Inseeten und Würmer, welche man in ganz verdorbenen
faulen Kartoffeln findet, haben, wenn es auch noch so viel wären,
gar kein Interesse für die Kartoffelkrankheit oder den Kartoffelbau,
wohl aber haben solche Thiere ein bedeutendes Interesse, welche
} die gesunden Kartoffeln so beschädigen, dass sie davon erkranken
müssen oder können. Die Larven der Trauermücken (Seiara), welche
oft sehr zahlreich in faulen Kartoffeln sind, haben ebenfalls in dieser
iehung kein Interesse erregt, wohl aber haben sehr zahlreiche,
e, an sich unbedeutend erscheinende Beschädigungen der Ober-
_ Näche der Kartoffeln durch Inseeten verschiedener Art die Aufmerk-
samkeit des Verf. lebhaft gefesselt. Die Urheber derselben schienen
Er vielartigrzu sein, doch zeichneten sich drei Thiere entschieden
_ aus. Eines derselben ist ein kleiner, rothfleckiger, weisser Vielfuss,
Archiv f, Naturgesch. X1l. Jahrg. 2. Bd, 10}
mn?
202 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
Julus (Blaniulus) guttulatus, welcher kleine runde Löcher in die
Oberhaut frisst, und zu 10 bis 20 Individuen in einer Kartoffel wohnt.
Häufig bei Wismar im September und selten bei Berlin im October
fand ihn der Verf. Bei Pyrmont fand ihn zahlreich im September
Herr Dr. Menke. Die übrigen sind Limax agrestis, die nackte Erd-
schnecke und eine Phalänenraupe, welche bei Berlin (Rixdorf) viel
beschädigt hatte. Es scheint die Raupe der Noctua (Agrotis) sege-
tum zu sein. Solche, oft kleine unscheinbare Verletzungen, lagen
gewöhnlich, wo keine Warzen waren, im Centrum der kranken
Stellen.”
Auch Guerin hat über die Acarier, Myriapoden, Insee-
ten und Helminthen, welche in kranken Kartoffeln sich finden,
Untersuchungen angestellt:
Von Acariern kamen zwei neue, verschiedenen Gattungen ange-
hörende Arten vor, welche von ihm Glycyphagus fecularum und Ty-
roglyphus feculae benannt sind. Von Myriapoden ist ebenfalls Julus
guttulatus genannt. Die-Insecten gehören theils zu den Coleopteren
theils zu den Dipteren: 1. ein Staphylinier, der Gattung Calodera
nahe stehend (vermuthlich eine Homalota, wenigstens habe ich H.
angustula mit ihrer Larve in faulenden Kartoffeln gefunden). — 2.
Eine Staphylinier-Larve, vermuthlich zu Nr. 1 gehörend. — 3. Eine
andere Coleopteren-Larve, einer der kleinsten Arten der Fungicolen
angehörig. — 4. Eine sehr kleine Art von Trichopteryx (rugulosa
Guer.), kaum 0,3” lang. — 5. Eine von Herrn Roger bei Metz beob-
achtete Elateren-Larve, welche sowohl die gesunden als kranken
Kartoffeln anfrisst, und überhaupt dem Getreide und Gemüse, so wie
vielen Zierpflanzen sehr schädlich ist. — 6. Eine kleine kaum 23”
lange neue Fliegenart, Limosina Payenii. — 7. Eine Fliegenlarve,
vermutlich die der Limos. Payenii. — 8. Eine grössere Fliegenlarve,
welche einer anderen Art zugehören muss. — 9. Eine dritte Zwei-
flüglerlarve, welche eine junge Tipularien-Larve zu sein scheint.
Die in den kranken Kartoffeln gefundenen Helminthen gehören zu
Rhabditis, wohin auch die Vibrionen des Weizens, Kleisters und
Essig gezählt werden, und bilden eine neue Art Rh. fecularum Guer.
Der Verf. erklärt sich gleichfalls zu der Ansicht, dass alle diese
Thiere nicht die Kartoffelkrahkheit verursachen, sondern erst in
Folge derselben sich einfinden. (Compt. rend, XXI. S.876. Froriep's
N. Notiz. 36 Bd. S.185 Rev. Zool. 8.395. Amnal. d. I. Soc. Ent. d. Fr.
lt. Bull. S. cv). ı
Die Ansicht, dass die Kartoflelkrankheit wenigstens theilweise
thierischen Ursprungs sei, ist vörzüglich von Gruby vorgetragen,
welcher eine Milbe so wie zwei Arten von Würmern, ‘der eine mi-
kroskopisch, der andere dem blossen Auge sichtbar, nebst einer
Schwarzsucht und einer Pilzkrankheit als Ursachen der Epidemie
aufstellte (Compt. rend. XXI: 'S. 696). — Guerin erklärte die Milbe
für Glyeiphagus fecularum, die Würmer vermuthet er möchten In-
Naturgeschichte der Inseeten während des Jalıres 1845. 203
sectenlarven sein (Rev. Zool. S. 358), der mikrosköpische Wurm
könnte wohl eher auf Rhabditis bezogen werden.
Focke in seiner gehaltvollen Schrift „Die Krankheit der Kar-
toffeln im Jahre 1815, Bremen 1846” bildet aus den kranken Kar-
toffeln eine Milbe und ein Stück einer Insectenlarve ab, welche letz-
tere er für die Larve der Sciara vitripennis hält; die Anlage der Luft-
gefässe lässt jedoch auf eine Muscarien-Larve schliessen.
Goureau (Ann. d. ]l. Soc. Ent. d. Fr. Il. S. 75) theilte
seine Beobachtungen über die Insecten mit, welche im Car-
duus nutans leben.
Diese Insecten sind die kleinen Schmetterlinge Catoptria Car-
duana Guen. und Eupoecilia hybridella Guen. Die Raupe der erste-
ren lebt im Grunde des Blüthenbodens, die der letzteren am Grunde der
Haarkronen der Samen, deren Keim sie ausfrisst. Im Blüthenboden
leben ferner in besonderen Zellen die Larven des Rhinocyllus lati-
rostris und der Trypeta (Urophora) cuspidata und zwar in den
mittleren Zellen die des ersteren, in denen am Rande die der letz-
teren. Zwischen den einzelnen Blüthen des Blüthenkopfes findet sich
in Menge eine rothe Cecidomyien-Larve, von deren Raube eine kleine
Blüthenwanze, Anthocoris fuscus lebt. Als schmarotzende Hymeno-
gieren finden sich Bracon urinator in den Larven des Rhinocyllus,
Eurytoma verticillata, Semiotus diversus?, Trigonoderus umabilis?,
und zwei Arten von Entedon in den Larven der Trypeta, endlich
erzog der Verf. noch eine Cyaips, welche er als C. zitida bestimmt,
deren Galle am Blüthenkopf oder am Stiel gesessen haben mochte.
(a Eine wichtige Arbeit über fossile Ueberreste von Inseeten
ist in England erschienen: A history of the Fossil Inseets in
the Secondäry Rocks of England, by the Rev. P. B. Brodie,
London, 1845.
Striekland (Rep. of the Brit. Assoe. f. 1845. S. 55) stattete
_ über dies Werk folgenden Bericht ab: „Die Kenntniss fossiler In-
secten, welche bisher noch sehr beschränkt war, ist durch Rev.
Brodie beträchtlich erweitert, und zwar aus zwei Hauptgruppen,
aus Wealden und Lias. Aus Wealden sind nicht weniger als 74 In-
secten aus Brodie’s Sammlung von Westwood beschrieben und
abgebildet. Sie sind im Allgemeinen durch ihre geringe Grösse
merkwürdig und aus ihren zoologischen Charakteren nimmt West-
wood ab, dass sie dem gemässigten Klima angehören; die grossen
_ Käfer, Heuschrecken, Cicaden unserer Tropen fehlen, dagegen finden
kleine Rüsselkäfer, Schnaken, Libellen, Blattläuse, wie sie ge-
ärtig in Europa vorkommen. Dies ist um so auflallender, als
N riesenmässigen Reptilien und die merkwürdigen Pllanzenformen
der Wealdenbildung auf ein tropisches Klima schliessen lassen. Man
muss deshalb entweder annehmen, dass die europäischen Insecten-
formen mit Parnbäumen und anderen tropischen Erzeugnissen gleich-
j 0*
’
204 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
zeitig vorhanden waren, oder, was wahrscheinlicher ist, dass diese
Insecten auf einem grossen Flusse aus einem kälteren Landstrich in
das grosse im warmen Klima liegende Wealdenbecken geschwemmt
wurden, wie noch heutigen Tages aus Oberkanada und dem Felsen-
gebirge die Erzeugnisse einer kalten Himmelsgegend durch den Mis-
sisippi in den mexikanischen Meerbusen mit tropischen Palmen und
Alligatoren zusammengeführt werden. Ein anderes Ergebniss über-
raschender Art ist aus diesen Untersuchungen an das Licht gekom-
men, nämlich eine merkwürdige Uebereinstimmung der fossilen In-
secten mit den gegenwärtig lebenden Formen, so dass sie sich meist
in die Familien und selbst in die Gattungen der gegenwärtigen Fauna
einreihen lassen. Nur einmal hat Westwood einen neuen Gattungs-
namen aufgestellt, und zwar für eine Form, welche sowohl dem Lias
als dem Wealden angehört.”
Diese neue Gattung nennt Westwood Orthophlebia, und er
hat sie auf Flügelabdrücken errichtet, welche im Geäder dem von
Panorpa am nächsten kommen. Am deutlichsten sind die Hautflüge]
und die Decken ausgedrückt, undeutlicher sind Flügeldecken und
ganze Insecten. Die Bestimmung der Käfer nach den vorliegenden
Abdrücken unterliegt daher noch grosser Schwierigkeit und Unsicher-
heit, leichter und sicherer ist die der Inseeten mit Hautflügeln und
Decken nach dem Geäder. Dass diese Insecten einem gemässigten
Klima angehört haben, scheint mir eine etwas gewagte Annahme zu
sein, und wenn Westwood (S.xır) sie auch dadurch bekräftigt, dass
unter den Abdrücken Blattläuse vorkommen, welche unseren Tropen
fehlen, so ist dies letztere nicht, allgemein gültig, denn in Ostindien
giebt es Blattläuse. Dagegen erscheint das Ergebniss vollkommen
sicher, dass die in den secundären Felsen aufbewahrten Ueberreste
der Inseceten mit den jetzt lebenden Insecten eine nahe Uebereinstim-
mung zeigen, so dass die Insectenwelt keine grossen Veränderungen
erlitten zu haben scheint.
Coleoptera.
„Die Gattungen der deutschen Käfer-Fauna, nach der
analytischen Methode bearbeitet, nebst einem kurzgefassten
Leitfaden zum Studium dieses Zweiges der Entomologie, mit
zwei Kupfertafeln, von Ludw. Redtenbacher, Dr. med.
Wien 1845”.
Dies Werkchen ist dazu bestimmt, den Anfänger in die Entomo-
logie einzuführen, und ist zu diesem Behuf sehr zweckmässig ein-
gerichtet. Die Einleitung enthält folgende Abschnitte: 1 Von den
verschiedenen äusseren Theilen und Organen der Käfer. Il. Von den
äusseren Eigenschaften, welche mehreren Organen derselben zukom-
men. Ill. Von dem Vorkommen und dem Fange der käfer nebst den
dazu erforderlichen Requisiten. IV. Von der ferneren Behandlung
a
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. 205
der gefangenen Käfer. V. Von der zweckmässigsten Art eine Samm-
lung anzulecen und im guten Zustande zu erhalten. VI. Von der
Untersuchung kleiner Körpertheile ‚der Käfer, insbesondere der Fress-
werkzeuge. — Vll. Vom Gebrauch der folgenden zwei Tabellen.
Vlll. Uebersicht der Ordnungen der Insecten. Die erste der Tabellen
ist zur Bestimmung der Familien, deren 72, die zweite zur Bestim-
mung der Gattungen, deren 738 aufgenommen sind. Einige neu auf-
gestellte Gattungen sollen unten namhaft gemacht werden.
Die Darstellung des Verfahrens, welches der Verf. zur Untersu-
chung kleiner Körpertheile, namentlich der Mundtheile anwendet, ist
auch in der Entom. Zeit. S.295 mitgetheilt worden. Zur Aufbewah-
rung dieser Theile empfiehlt der Verf., dieselben zwischen Glasplatten
in reinen Canadabalsam einzulegen.
Milne Edwards hat der Pariser Akademie Untersuchun-
gen von Blanchard über das Nervensystem der Käfer vorge-
legt (Compt. rend. XXI. S. 752).
Die Ursprünge der Nerven für die Mundtheile bemerkt M. E.,
seien bisher noch wenig beachtet, er finde eine grosse Ueberein-
stimmung bei vielen Käfern. Die Nerven der Oberlippe entspringen
aus dem unteren Theile des Gehirnganglion, die anderen Mundtheile
erhalten ihre Nerven aus dem unteren Kopfganglion, so dass die
Aeste für die Mandibeln am meisten nach aussen, die für die Unter-
lippe am meisten nach innen liegen.
Ferner trägt M.E. vor, dass man die paarigen Eingeweidenerven
mit Unrecht als zum Nahrungskanal gehörig betrachte, er habe sich
durch genaue Untersuchungen überzeugt, dass das erste Paar an das
Rückengefäss, das zweite an die Luftgefässe seine Aeste gebe. Dies
ist die Bestättigung und Erweiterung einer Beobachtung, welche ich
- schon vor 14 Jahren gemacht habe (Gen. Dyt. S.11), es ist dies
aber, wie aus Brandt’s Untersuchungen über die Mundmagennerven
hervorgeht, kein allgemein gültiges Gesetz. Darauf bemerkt M. E,,
dass er sich auch mit vergleichenden Untersuchungen über das Ner-
vensystem der Käfer und deren Larven beschäftigt und dadurch die
Einsicht gewonnen habe:
1. Dass die Eintheilung in Stämme und Familien nur in so weit
als wohl begründet angesehen werden könne, als sie vorzugsweise
auf organischen Kennzeichen beruhe;
2. dass das Nervensystem, da es mehr als jeder andere Theil
des Organismus Abweichungen zeige, welche mit den bedeutenden
Abtheilungen zusammentreffen, bei der Würdigung der natürlichen
Verwandtschaften vorzüglich berücksichtigt werden müsse;
8. dass für die untergeordneten Abtheilungen die Kennzeichen
sich leichter in der Gestalt des Nahrungskanals, der Geschlechts-
organe und des Systems der Anhänge (d. h. Fühler, Mundtheile und
Beine) finden werden.
Es würde ein wunderliches System geben, wollte man die Fa-
206 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
milien nach dem Nervensystem, die Hauptgruppen derselben nach
dem Nahrungswege, die Untergruppen nach den Geschlechtstheilen,
die Gattungen endlich nach den Anhängen bestimmen. Wir müssen
alle Abtheilungen, gross und klein, so aufnehmen, als sie uns die
Natur zu geben hat, und den Organismus als ein Ganzes betrachten,
wie er es ist, und in welchem jedes organische System sein Recht
hat, und selbst in seiner Anwendung auf die ‘Systematik geltend
macht. So wird es einzelne Familien geben, in welchen das Nerven-
system in eigenthümlicher und beständiger Form auftritt und bei
einer andern wird es die äussersten Abweichungen zeigen, während
eine besondere Bildung eines andern Organs für dieselbe bezeichnet
wird, Der Verf. wäre überhaupt nicht mit dem Ausspruch einer
überwiegenden Wichtigkeit des Nervensystems für die Eintheilung
aufgetreten, hätte er zahlreichere Untersuchungen angestellt, oder
hätte er die Arbeit seines Schülers näher geprüft. In der letzteren
ist überdies ein verkehrter Weg eingeschlagen, indem aus’den ein-
zelnen Familien nur einzelne oder einige Formen als Vertreter der-
selben untersucht sind. Um zu einem wissenschaftlich genügenden
Ergebniss zu gelangen, musste der volle Inhalt jeder Familie geprüft
werden, freilich ein sehr mühevolles Verfahren, wobei man aber
nicht, wie bei jenem oberflächlichen, dem Zufall anheim gegeben ist,
ob man das Rechte trifft oder nicht. — Die Abhandlung des Herrn
Blanchard, welche in den Ann. d. sc. 1846 erschienen ist, kommt im
nächsten Bericht zur Sprache.
Eine Abhandlung von Schiödte „Ueber die Stellung
der Ptilien im Systeme, ‚nebst einigen Andeutungen über die
Systematik der Clavicornen” (Kröy. Nat. Tidsskr. N. R. 1.
S. 380, deutsch in der Ent. Zeit. S. 189) gewährt einen zwar
flüchtigen aber doch reichhaltigen Blick in die systematischen
Verhältnisse einer bedeutenden Reihe von Käfer-Familien.
Nach der Zahl der Malpighischen Gefässe zerfallen die Keulhör-
ner in zwei Gruppen, in solche mit 4 und solehe mit 6 Malp. Ge-
fässen. Zu den ersteren gehören die Palpatoren, Histerinen, Silpha-
len, Scaphidilier, ferner die Anisotomiden, Pselaphier, Staphylinier,
endlich die Trichopterygier, zu den letzteren die, Nitidularien, Engi-
diten, Cryptophagen, Dermestinen, wenigstens einige der Byrrbier,
ferner sämmtliche Latreille’schen Xylophagen, sie gehören zu wel-
chen Familien sie wollen, also auch die von ihnen, welche sich den
oben genannten Gliedern seiner Clavicornen anschliessen. Diese
Reihe dürfte, fährt der Verf. fort, ehe zur Bestimmung ihrer syste-
matischen Verhältnisse geschritten werden kann, mit denjenigen unter
Latreille’s Serricornes zu vergleichen sein, bei welcher sich die Mal-
pighischen Gefässe in ähnlicher Weise verhalten. Claviger und Pha-
lacrus so wie Heterocerus und die Parniden waren vom Verf. noch
nicht untersucht. Beachtenswerth ist die Bemerkung, dass bei den
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. 207
meisten Keulhörnern, wo das Duodenum bei einer natürlichen Fami-
lie mit blinden Anhängen versehen ist, dieselben bei den kleinen
Formen an Anzahl und Weite (nicht aber an verhältnissmässiger
Länge abnehmen). So verhält es sich mit den Choleuen im Gegen-
satze zu Neerophorus und Silpha, mit den Aleocharinen u. a. im
Vergleich mit den Staphylininen, mit Cyrtusa im Vergleich mit dem
grösseren Lioden, mit Abraeus im Vergleich zu Hister, mit Cercus
und Meligethes im Vergleich mit Cyllodes und Pocadius, mit Episte-
mus im Vergleich zu Antherophagus. (Diese Bemerkung ist um so
weniger zu übersehen, als sich ein gleiches Verhältniss zwischen
den grossen und kleinen Formen einer Familie auch in der Ausbil-
dung des Flügelgeäders zeigt, also an einem ganz verschiedenartigen
Organ.) Die Trichopterygier haben jene Duodenum-Anhänge sehr
entwickelt, woraus schon hervorgeht, dass sie nicht als Zwergform
irgend einer anderen Familie eingeschlossen werden können, Erheb-
liche Unterschiede finden sich zwischen mehreren Familien der oben
. epwähnten ersten Reihe in der Bildung der Hoden; ein eigenthüm-
|
.
licher zusammengesetzter Bau der Samenblasen ist den Histerinen
mit den Hydrophilinen gemein, und der Verf. betrachtet deshalb die
Histerinen als das Bindeglied der Clavicornen und Palpicornen.
Mikroskopische Untersuchungen über den Bau der Flü-
geldecken bei den Käfern, von Bernard-Deschamps (Ann.
d. se. nat. 3. Ser. Il. S. 354).
Die Käfer Europa’s, nach der Natur beschrieben von Dr.
H. ©. Küster, mit Beiträgen mehrerer Entomologen (Nürn-
berg, b. Bauer und Raspe). 2. u. 3. Heft.
Das Werk ist im raschen Fortschreiten und macht viele neue
Arten bekannt. Dankenswerth ist es auch, dass der Verf. öfter grös-
sere Reihen von Arten aus einer Gattung folgen lässt: durch solche
monographische Behandlung kann dies Unternehmen an Wichtigkeit
gewinnen, Den vorliegenden Heften sind je zwei Tafeln mit Abbil-
dungen von Gattungsrepräsentanten beigegeben, welche trefllich in
der Zeichnung, im Stich nur noch etwas kräftigere Behandlung zu
wünschen übrig lassen, welche sich indess, bei grösserer Uebung des
Künstlers, H. Bruch, in diesem Fache, von selbst finden wird.
Deutschlands Insecten von J. Sturm, 16. u. 17. Bänd-
chen. (Käfer). (Nürnb. b. Verf.).
Das 16te Bändehen enthält die Bearbeitung der beiden schwie-
rigen Gattungen Meligethes und Cryptopbagus, und die überaus
schönen Abbildungen müssen das Bestimmen der Arten für die Folge
wesentlieli erleichtern. Der Verf. hat die Güte gehabt, mir die Ta-
feln von Oryptophagus unausgemalt mitzutheilen, und so sauber auch
die Ausmalung ausgeführt ist, scheint es mir doch als hätte durch
dieselbe der Stich einen Theil seiner Schönheit eingebusst. Es hät-
ten auch die Abbildungen der beiden abgehändelten Gattungen, in
208 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
denen die Färbung so wenig Anhalt für die Bestimmung bietet, füg-
lich schwarz bleiben können, obgleich dadurch allerdings eine Ab-
weichung von der Behandlung der ganzen Reihe der früheren Bände
herbeigeführt worden wäre. Das 17te Bändchen enthält eine Mono-
graphie der Trichopterygier von Dr. Gillmeister.
Naturgeschichte der Insecten Deutschlands, von W. F.
Erichson. Erste Abtheilung: Coleoptera. III. Bd. 1ste u. 2te
Lief. Berlin, 1845.
In den vorliegenden Lieferungen sind die Familien der Scaphi-
dilia, Trichopterygia, Anisotomidae, Phalacrides, Nitidulariae, Co-
Iydii, Rhysodides und ein Theil der Cucuiipes abgehandelt.
Novae in Fauna Fennica Coleopterorum species, deseri-
ptae a F. G. Maeklin (Bull. Mose. 1845. II. S. 544).
Sechs neu aufgestellte Arten, welche unten näher aufgeführt
werden. p
„Notices entomologiques sur le gouvernement et la ville
de Kiew” vom Baron M. von Ghaudoir (ebenda S. 158).
Die vorliegenden Mittheilungen beziehen sich auf die Pselaphier,
die Scydmaenen, die Catops, Colon und Monotoma. Der Verf. giebt
auch in der Einleitung einige Nachrichten über die Bodenbeschaf-
fenheit der genannten Landschaft. Die Gegend von Kiew ist eine
Ebene, welche nur von den tiefen Einschnitten der Wasserläufe
durchbrochen wird: der des Dnieper hat eine Tiefe von 2— 300°.
Der Grund dieser Schluchten, welcher nur im Frühling vom ange-
schwollenen Wasser bedeckt wird, ist bald sandig, mit magerer Ve-
getation, bald sumpfig, zum Theil auch Weideland oder mit Flugsand
bedeckt. Die obere Ebene ist mit Kiefer- oder Eichenwäldern be-
deckt, aber junges Holz, so dass eigentliche Holzinsecten noch feh-
len, bevölkert von der Myrmica rubra. Die Nester der Form. rufa
fehlen fast ganz. Nirgend finden sich Geschiebsteine, welche in an-
dern Gegenden so vielen Insecten zur Zuflucht dienen. Eine zweite
vom Verf. untersuchte Gegend, die von Jitomir, ist noch flacher, aber
sie ist mit 100jährigen Wäldern bedeckt, von zahlreichen Flüssen
durchschnitten, welche Sümpfe bilden, in den Niederungen grosse
blumenreiche Wiesen. Die trockenen Flächen, vorzüglich die Kie-
ferwälder sind mit zahllosen Ameisennestern besetzt, welche sich
indess auch in den Birken- und Eichenwäldern finden. Das Klima
ist hier weniger mild als zu Kiew, so dass sich südlichere Formen,
als Pelor blaptoides nicht mehr finden. _
Von V. v. Motschoulsky sind ebendaselbst mehrere Abhand-
lungen aufgenommen, welche sich auf die Käferfauna des Russischen
Kaiserstaats beziehen: Remarques sur ma collection de Coleopteres
russes (I. 8.3). — Lettre ä la Societe Imperiale des Naturalistes de
Moscou (I. 8.269). — Die coleopterologischen Verhältnisse und die
Käfer Russlands (1. S. 3). — Observations sur le Musee entomolo-
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1815. 209
x
gique de l’Universit& Imperiale de Moscou (11.332). Da diesen Auf-
sätzen ein wissenschaftlicher Maasstab nicht angelegt werden kann,
so ist in diesem Bericht nicht näher auf sie einzugehen.
Charakteristik der vonHrn. Dr. Schrenk in den Jahren
1842 und 1843 in den Steppen der 'Dsungarei gefundenen
neuen Coleopteren-Arten; von Dr. Gebler (Bull. d. ]. class.
phys. math. de l’Acad. Imp. d. sc. de St. Petersb. III. S. 97).
34 neue Arten, welche unten einzeln aufgeführt werden.
Einige neue Käferarten von Assam sind von Hope (Trans-
act. Ent. Soc. Lond. IV. S.73) und von Parry (ebenda S.73),
neue Arten aus China (theils von Tschusan, theils aus der
Gegend von Canton) von Hope (ebenda S.4) beschrieben.
Einige Käfer — hauptsächlich Cieindelen — von Macao sind
von Ch®evrolat (Rev. Zool. S.95) bekannt gemacht.
Einen Beitrag zur Fauna von Mosambik hat Prof. Ber-
toloni (Nuov. Annal delle Scienz. Nat. 2. Ser. IV. S. 416)
geliefert, indem er 22 Arten auflührt, welche von Herrn For-
nasini in der Umgegend von Inhambene gesammelt sind.
Diese Arten sind folgende: 1. Manticora latipennis Hope; 2.
Anthia thoracica F., 3. A. Burchellii Hope; A. A. Fornasini; 5.
Thermophila Ranzani; 6. Th. leucospilota; 7. Tefflus Megerlei
Leach; 8. Lycus palliatus F.; 9. Pachylomerus (Ateuchus) femoralis
Kirby; 10. Gymnopleurus splendidus Dej.; 11. Orycetes Boas F.; 12.
Popilia bipunctata F.; 13. Dieranorhina Derbiana Melly; 14. Amau-
rodes Passerinii Melly; 15. Cetonia Alessandrini; 16. Moluris Berto-
Zoni Hope; 17. Moluris hirtus; 18. Brachycerus sacer Latr.; 19. Pur-
_ puricenus Medici; 20. Callichroma Caffra F., 21. Tragocephala va-
riegata; 22. Sagra amethystina Dej. — Eine grosse Uebereinstim-
| mung dieser Fauna mit der der Weihnachtsländer ist zu erwarten,
da die Proy. Inhambene, in welcher diese Käfer gesammelt sind, un-
mittelbar an dieselben gränzt, ausserdem zeigt sich, dass ein Theil
der Arten, wie n.2und8 nach dem Cap, andere wie n. 7und 22 nach
Guinea und dem Senegal, noch andere wie n. 10 und 18 nach dem
Sennaar hin sich verbreiten. Die Diagnosen, mit welchen die neu
aufgestellten Arten (n. 4, 5, 6, 15, 19, 21) bezeichnet sind, werden
unten mitgetheilt,
Guerin (Rev. Zool. S.283) gab einige Nachrichten über
die Reise des Herrn Delegorgue in Südafrika, vorzüglich in
der Nähe der Weihnachtsbai, im Gebiet der Masilikatzi. Diese
Nachricht ist mit den Diagnosen einiger neuer, vom Rei-
senden gesammelter Arten begleitet, welche im Mag. d. Zool.
abgebildet werden sollen.
.
210 Erichson: Bericht über die wissensch, Leistungen in der
Einen kleinen Beitrag zur Fauna der Vereinigten Staaten
lieferte John L. Le Conte: , Deeriptions of some new and
interesting Insects, inhabiting the United States. Read before
the Boston Soc. Nat. Hist. Novemb. 6, 1844. (Boston Journ.
of Nat. hist.). .
Beschreibungen der von Capt. King bei der Aufnahme
der Maghellansstrasse gesammelten Insecten, von J. Curtis
(Transact. Lin. Soc. XIX. S. 441. T. 41).
Die Fortsetzung einer im XVlll. Bande der Linn. Transact. an-
gefangenen Arbeit, einen Theil der Käfer enthaltend, und zwar die
Familien der Histerinen, Hydrophilier, Lamellicornen und die Hete-
romeren.
Waterhouse hat aus den Sanımlungen von Darwin
einige neue Formen von Heteromeren (Ann. nat. hist. XVI.
S.317) und die Käfer-Fauna der Galapagos- Inseln (ebenda
S. 19) bearbeitet.
Die letztere ist arm und unscheinbar, zeigt einige Uebereinstim-
mung mit der Westseite von Peru, überhaupt hat die Fauna durch-
aus das Gepräge Amerika’s, wie sich denn auch der Hydrophilus
isteralis F. dahin verbreitet. Die meisten Arten sind natürlich neu,
die übrigen der bekannten gehören zu den allverhreiteten (Corynetes
rufipnes, Dermestes vulpiuus),
Cicindeletae. Eine neue Gattung, welche Amblycheila und
Omus gleicht, durch grosse Augen aber an Dromica erinnert, ist von
Guerin (Bull. d. 1. Soc. Ent. d. Fr. 2. ser. 111. p. xcv) aufgestellt:
Dromochorus: Lefze quer und die Wurzel der Mandibeln bedek-
kend; Taster von gleicher Linge, mit etwas verdicktem und an der
Spitze abgerundeten Endgliede; die Lippentaster dem Munde ange-
legt und nicht herabhängend; das Kinn stark ausgebuchtet, mit einem
starken keselförmigen Zahn in der Mitte der Ausbuchtung; die Augen
gross, vorragend; die ersten Glieder der Vorderfüsse bei den Männ-
chen schwach erweitert, verlängert, unten mit einer Bürste aus sehr
dichten einfachen Haaren; die Flügeldecken von sehr verlängerter
Eiform; keine Flügel darunter. Die Art D. Pilatei: „ater, opacus,
capite magno, oculis pallidis, prominentibus, labro transverso, flavo,
ante medio tridentate, mandibulis palpisque flavis apice nigris, elytris
punctis subimpressis obsoletis cyaneo-virescentibus” ist von Velasco
in Texas.
Cieindela ist wit einer Menge neuer Arten bereichert worden,
nämlich:
©. fasceiato-punctata (Friv.) von C. sylvatica hauptsächlich
durch die nieht narbigen Flügeldecken unterschieden, aus der Türkei,
durch Germar (Faun. Ias. Europ. XI. 1).
Naturgeschichte der Inseeten während des Jahres 1845. 211
©. Kirilowii (Fisch.) vom Balhasch-See in der Dsungarei,
durch Gebler (Bull. Acad. St. Petersb. 1. 97. 1).
C. Assamensis, latipennis, (Heptodonta) Hopei durch
Parry (Transact. Ent. Soc. Lond. IV. 5.84) von Assam.
€. flavo-macnlata (Koll.), vom Verf. selbst als örtliche Ab-
änderung der €. aurulenta F. betrachtet; C. dorsolineo/ata, der
©. lugubris Dej. sich anschliessend; €. Candei, der €. cancellata
und catena sehr ähnlich; ©. speculifera, der C. perplexa Dej.
verwandt; C. anchoralis, der C. longipes F., und (©, ysamımo-
droma, der C. tenuipes Guer. nahe stehend; endlich C, nivi-
eincta, welche mit C. limosa Saund. übereinstimmen könnte, wenn
nicht den Flügeldecken ein breiter weisser Saum beigelest würde,
alle von Macao bei China, durch Chevrolat (Rev. Zool, S. 95).
€. Audubonii (Bost. Journ,) aus dem Missurigebiete durch Le-
comte.
C. Clausseniiaus Minas Geraes in Brasilien (nach meiner Ansicht
von C. apiata Dej. nicht abzusondern); €. ferrugata aus Mexiko
(schon als C. Sommeri von Mannerheim beschrieben); €. palliata
von Cumana in Columbien (vielleicht Abänd. der C, auraria Sch.
Kl); €. fulgidiceps ebendaher (unter dem Namen C. daedalea
Nob. aus der hiesigen Sammlung mehrfach versandt); €. Minarum
aus Brasilien durch Putzeys (Premie. Ent. S.13 — 17).
Carabiei. Eine vorzügliche Bereicherung erhielt diese Fa-
milie durch eine ihr gewidmete Abhandlung Premices Entomologi-
ques, von Putzeys (in den Mem. d. ]. Soc. roy d. Scienc. d. Liege
T.1.S.353— 416, und auch in besonderem Abdruck unter obigem
Titel, Lüttich, bei Dessain erschienen). Sie enthält: 1. einen mono-
graphischen Ueberblick über die Gattung Pasimachus und eine neue
_ verwandte Gattung. 2. Beschreibung von 62 neuen Cicindeleten und
Carabicen.
Der Zuwachs, den diese Familie durch diese und einige andere
Arbeiten erhalten hat, wird sich am leichtesten in der systematischen
Folge überblicken lassen.
Carabicini. Von Mannerheim wurde nachgewiesen, dass
der Cychrus striato-punctatus des Chaudoir nur Abänderung des
C. ventricosus Esch., dagegen der ©, interruptus Men., in welchem
Chaudoir den C. ventricosus zu erkennen glaubte, eine besondere Art sei,
(Observations critiques sur quelques especes de Carabiques de Californie.
Bull. d. 1, Class. phys. math, d. l’Acad. Imp. d. St. Petersb. IV. S.105).
Unter dem Namen Carabus (Procrusticus) Paiafa. bil-
dete White (Ann. nat. hist. XV. pl. 8. f.3) eine merkwürdige neue
aus Xanthos ab, welche wohl als ein Procrustes anzusehen zu
sein scheint.
Carabus Lafossei Feisthamel (Ann. d. 1. Soc, Ent, d. Fr. III.
8.103. T.2) aus Tschusan zeichnet sich durch eine Spitze aus, in
welche die Flügeldecken sich verlängern, die übrigens auf ähnliche
Weise wie bei C. smaragdinus gekörnt sind.
2]2 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
Eine neue Gattung Platychrus errichtete Kolenati (Melet.
1. S.25) für die Carabus-Arten von flacher Gestalt, welche Fischer
bereits mit Tribax bezeichnet hatte, als €. Puschkini Ad., Riedelüi
Men., Creutzeri F., depressus Bon. u. s. w.
Calosoma erhielt eine Bereicherung an ©. clathratum Kole-
nati (Melet. 33.36) aus Transcaucasien, 0. nigrum Parry (Trans-
act. Entom. Soc. IV. p.85) aus Assam, ©. Curtisii und ©. australe
Hope (ebenda S.104) von Adelaide in Neuholland, C. Zepidum
und ©. triste Leconte (Bost. Journ.) aus dem Missurigebiete und
€. blaptoides Putzeys (Prem. 48.47) aus Mexiko.
2. Panagaeini: Tefflus Delegorguei („niger, thorace
punctato, latiore quam longiore, elytris sulcatis, suleis elevato-pun-
etatis, tibiis extrorsum longitudinaliter sulcatis. Long. 55, lat. 20 mill.)
Guerin (Rev. Zool. p. 235), aus Südafrika, ferner Panagaeus
Mezicanus aus Mexiko, und Coptia brunnea aus Cumana (Ve-
nezuela) Putzeys (Prem. 49. n. 48. 49).
Odacanthiini. Casnonia Funckii aus Cumana und O. mar-
ginestriata aus Mexiko (Putzeys Prem. 18. n. 6.7).
Agra Klugii Desselb. (ebenda. 20. n.8) aus Venezuela. Da
der Name schon vergeben ist, hat der Verf. sie später A. humilis
genannt. ,
Lebiini. Diese Gruppe wurde mit einer neuen Gattung ver-
mehrt:
Cylindronotum Putzeys (Prem. S.22) mit Calleida zunächst
verwandt, von der sie sich durch das Kinn, welches keinen Zahn in
der Ausrandung hat und auch in der Körperform durch das fast
walzenförmige Halsschild unterscheidet. ©. aeneum, aus Cayenne
(die hies. Königl. Sammlung besitzt diese Art aus Columbien, und
eine zweite aus Brasilien. Der Gattungsname ist aber zu ändern,
da Faldermann schon eine Tenebrionen-Gattung Cylindronotus ge-
nannt hat).
Neue Arten sind:
Cymindis rufescens, ruficollis, tricolor Gebler (Bull.
Acad. Petersb. 111. S.98) aus der Dschungarei.
Calleida basalis, nitida, cordicollis Putzeys (Prem.
S. 20. n. 9—11), die zweite aus Brasilien, die beiden andern aus
Mexiko.
Miscelus unicolor Desselb. (ebenda S.23.n.13) aus Java.
Dromius subfasciatus und multiguttiatus Desselb.
(ebenda n.14.15) von Cumana (nach meiner Ansicht stehen beide
Arten passender unter Tetragonoderus).
Cryptobatis hexagona Desselb. (ebenda n. 16) aus Brasilien.
Lia comma, albosinuata Desselb. (ebenda n. 17.18) eben-
daher. — Lia fasciata St. var. Desselb. (ebenda) ist Lebia elegans
Mannerh.
Von Lebia beschreibt Putzeys (ebenda n. {19—40) eine Menge
Naturgeschichte der Inseeten während des Jahres 1855. 213
von Arten: L. longipennis, pendula, Minarum, marginata,
scutellata, annulipennis, N. nigrum, nigrofasciata, cir-
cularis, angusticollis aus Brasilien, L. rotundipennis aus
Cayenne, L. Heydenii aus Neugranada, L. rugiceps (später di-
stinguendu genannt), C. nigrum, Cumanensis, maculicol-
lis, granaria, apicalis (später terminalis genannt) von Cu-
mana, L. nigriventris, ceutromaculata, Bonellii aus Me-
xiko, L. Dupontii aus Vandiemensland.
Coptodera bifasciata und elongata Desselb. (ebenda
n. 41. 42), die erstere aus Brasilien, die zweite aus Mexiko; €. bi-
einceta Hope (Transact. Ent. Soc. Lond. IV. S.15) von Canton in
China.
Brachinini. Zwei neue Arten von Brachinus sind B. brun-
nipennis und atripes Putzeys (Prem. n. 44. 45) aus Brasilien.
Anthiini. Neue südafrikanische Anthien sind von Bertoloni
(a. a. O. S. 419. n. 4—6) aus der Gegend von Inhambene, von Guerin
(Rev. Zool. S.235) aus dem Gebiete der Masilikatzi, aufgestellt wor-
den, die ersteren mit folgenden Diagnosen; Anthia Fornasini:
nigra, punctata, vix hirsuta, elytris costatis, margine externo tomento
ferrugineo tecto; aptera; long. 4%, lat. 1% cent. — Thermophila
Ranzani: nigra, semisplendens, capite thoraceque cordato pedibus-
que tenuiter punctulatis, elytris costatis, scrobiculis seriatis concavis,
tomentosis; costis internis postice interminatis; aptera; long. 3%, lat.
1 cent. (Scheint mit Anth. alveolata Reiche s. vorigjähr. Bericht
einerlei zu sein). — Therm. leucospilota: nigra, capite impresso,
thorace cordiformi oblongo punctulatis, abdomine ovato, elytris an-
tice costatis, postice maculis duabus rotundis tomentosis candidis;
aptera; long. 3 cent., lat. 9 mill. — Die Arten‘von Guerin sind:
Anthia Massilicata: Nigra, ovata, labro utringue emarginato,
elytris 8costatis, margine albo integroque, angulum humeralem non
attingente; long. 41, lat. 14 mill. — A. cephalotes: nigra, elongata,
parallela, labra leviter utringue emarginato, capite magno, supra
duabus vittis longitudinalibus maculaque alba utrinque infra oculos,
medio thoracis vitta lata flava; elytris elongatis, sulcatis, maculis
tribus (una scutellari) basalibus fulvoflavis, postice albo marginatis;
long. 31, lat. 9% mill.). — A. graphipteroides: Nigra, depressa
et postice dilatata, vitta lata longitudinali flava in medio capitis,
thoracis et basi suturae; elytris basi profunde sulcatis foveolatisque,
duabus maculis transversalibus obliquisque ultra medium flavis; long.
28, lat. 9 mill.
. Helluonini. Helluo brunneus Putzeys (Prem. n. 43) ist
eine neue Art aus Brasilien.
Pseudomorphini. Silphomorpha orectocheiloides und
topus Fortnumi Hope (Transact. Ent. Soe. Lond. S. 101)
sind neue Arten aus Adelaide in Neuholland.
Scaritini. „Note monographique sur le genre Pasimachus et
Zn A
214 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
sur un nouveau genre voisin”. Putzeys Prem. S. 1. — Die neue
Gattung nennt der Verf. Molodbrus, ein Name, der vielleicht besser
vermieden wäre, da er bei den Dipteren, wenn auch jetzt nur als
Synonym, vorkommt. Sie unterscheidet sich von Pasimachus durch
folgende Merkmale: Das Endglied der Maxillartaster länger als das
vorhergehende, nach der abgerundeten Spitze hin breiter werdend.
Die Nebenzungen häutig, an den Seiten der Zunge aus einander wei-
chend, innen und hinten kurz behaart. Die Fühler kürzer, die Glie-
der mehr kegelförmig, alle ungekielt. Das Halsschild bald ohne
Hinterecken, halbkreisförmig, bald fast herzförmig mit deutlichen
Hinterecken. Die Flügeldecken eirund, sehr gewölbt, mit abgerun-
deten Schulterecken, tief gestreift oder gefurcht, in den Zwischen-
räumen punktirt; der kleine Schrägstreif an der Wurzel der Naht
deutlich. Die Mittelschienen in der Mitte mit einem starken Zahn,
unter demselben wie ausgerandet, über demselben noch mit zwei
oder drei deutlichen Zähnchen. Die Trochanteren der Hinterbeine
zugespitzt, wie bei Scarites. — Mit Carenum stimmt die neue Gaät-
tung mehr noch als mit Pasimachus überein und unterscheidet sich
wesentlich nur durch die Gestalt der Lippentaster, aber auch durch
ihre Heimath Mexiko. Ausser dem Pas. rotundipeunis Chevr. be-
schreibt der Verf, noch zwei neue Arten M. purpuratus und
splendidus. Von Pasimachus führt der Verf. nur 5 bereits be-
kannte Arten auf.
Lecomte (Boston Journ.) unterschied mehrere nordamerikani-
sche unter dem Scarites subterraneus F. verwechselte Arten: 1. Se.
substriatus Hald.: mandibularum parte exteriore suleo laevi, pro-
fundo, linea elevata obliqua diviso; parte interiore oblique striatä;
long. 1453—12”; in den südlichen Staaten, unter Baumrinden. — 2.
Sc. Ephialtes: mandibulis totis oblique striatis, capite antice ru-
goso; impressionibus frontalibus rugosis; long. 144°“, mit den vori-
gen. — 3, Se. intermedius: mandibularum sulco valde profündo,
indiviso, laevi, impressionibus frontalibus latioribus, rugosis, profun-
dioribus; long. 12”; in den westlichen Provinzen. — 4. Se. subter-
ranews auct.: mandibularum sulco laevi, rugulis solum paueis in-
distinetis; impressionibus frontalibus laevibus; long. 9" ;’überall. —
5. Se. affinis: mandibularum sulco linea obliqua elevata diviso,
laevi; impressionibus frontalibus rugosis, linea obliqua solita satis
distincta,; long. 9”, überall. — 6. Se. patruelis: mandibularum
sulco profundo, excavato, laevi; impressionibus frontalibus profunde
rugosis; long. 6}; in Georgien, unter Holzstückchen.
Dyschirius ruficollis Kolenati (Melet. 1. 5.23) ist eine neue,
dem D. gibbus verwandte Art aus Transkaukasien.
Harpalini. Als neue Arten sind hier aufzuführen:
Ophonus Caucasicus Kolenati (Melet. S.59) vom Kasbek,
Harpalus rotundicollis Desselhb. (ebenda S. 65) von Tiflis. —
Selenophorus (?) Galapagoensis und Amblygnathus {!) ob-
>
Naturgeschichte der Inseeten während des Jahres 1945. 215
seuricornis Waterhouse (Ann. nat. hist, XVl. S. 22) von den
Galapagos-Inseln, Amblygnathus suturalis Putzeys (Prem. n. 54)
von Cumana, ferner Harpalus cyanescens, diffieilis, tre-
choides Hope (Transaet. Ent. Soc. Lond. IV. S.14) von Canton in
China. — Vielleicht ist auch Amara orientalis Desselb, (eben-
daher hier aufzuführen, und ebenso zweifelhaft ist die Gattungsbe-
stimmung von Jeinopus australis Desselb. (ebenda S.105) von
Adelaide in Neuholland.
Pterostichini. Ueber Aguosoma Men: spricht Mannerheim
die Ansicht aus, dass sie eine eigene, allerdings dem Stenomorphus
Dej. nahe stehende Gattung sei, indem „die verlängerte Gestalt des
Halsschildes, der im Verhältniss kleine Kopf, die unbedornte Aussen-
kante der Hinterschienen, die ungewöhnliche Kleinheit der Füsse,
so wie die eigenthümliche Form der hinteren Schienen, welche in
der Mitte erweitert, flachgedrückt und der ganzen Länge nach mit
tiefen Furchen versehen sind”, eine ungezwungene Vereinigung mit
Stenomorphus nicht zulassen (Observ. erit. sur quelg. especes de
Carabiques de Californ. Bull. Acad. ä Petersh. IV. .S. 108). — Ich
kann mich an den Stücken unserer Sammlung von diesen Unterschie-
den nicht überzeugen.
Drei neue Gattungen sind von Putzeys a. a. O. aufgestellt:
Geta (5.47), mit Morio und Homalomorpha zunächst verwandt,
von denen sie sich durch einfachen Zahn in der Ausrandung des
Kinnes unterscheidet, auch sind die Fühler noch kürzer als bei
Morio. Der Körper ist sehr flach. Die Streifen der Flügeldecken
reichen mit Ausnahme des 5ten und 6ten bis zur Spitze. Die Art,
G. Lacordairei, ist in Brasilien einheimisch.
Marsyas (S.52), mit Cynthia Latr, und Euchroa Brull. ver-
wandt, von beiden dadurch unterschieden, dass das Endglied der Ma-
xillartaster schwach beilförmig ist. Die Art M. aeneus ist
in Brasilien zu Hause, und ist dem Anschein nach Perty’s Poecilus
thalassichroma, indess ist dessen Abbildung zu schlecht, als dass
sich hierüber mehr als die Vermuthung aufstellen liesse,
Corax (8.54). Eine Zwischenform zwischen Pereus und Stero-
pus, den letzteren ähnlicher, von dem es durch eine Sumnie von
„Mehr und Weniger” abweicht. Ausserdem hat der letzte Bauchring
des Hinterleibes bei den Männchen von Steropus eine kurze Quer-
leiste, bei Corax eine lange scharfe Längsleiste. — Cor. Ghilianii,
eine neue Art aus Andalusien.
\ Eine neue Art aus Asturien ist Steropus Lacordairei Put-
zeys (ebenda n. 52. — Omaseus fornicatusKolenati (Melet. S. 45)
_ scheint mir von O. Caspius Men. nicht verschieden, Platysma Kus-
bekiana Dess. vom Kasbek ist mir unbekannt, Amara adaman-
tina Dess. von den Armenischen Alpen ist A, obsoleta Dej., leb-
haft gefärbt, 4. weruginosa Desselb. vom Caucasus ist A. curta
“
216 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
Dej. — Feronia calathoides und Galapagoensis Water-
house (Ann. nat. hist. XVI. S.21) sind von den Galopagos-Inseln,
Anchomenini. Sphodrus Schrenkii Gebler (Bull. Acad. St.
Petersb. 111. S.99) ist eine neue dem Sph. laticollis ähnliche Art aus
der Kirgisischen Landschaft Karkaruli. — Pristonychus convezus
und Mannerheimii aus Transkaukasien, und Calathus peltatus
aus Somchetien sind von Kolenati (Melet. I. S.40) entdeckte Arten.
Trechini. Zwei neue deutsche Arten von Trechus stellte Put-
zeys (Prem. n. 56.57) auf: Tr, ovatus aus der Steiermark und
Tr. pulchellus aus der Sächsischen Schweiz.
Lachnophorus pallidipennis Putzeys (ebenda n.55 ist eine
neue Art aus Cumana.
Ders. (Entom Zeit. S. 136) sichtete die dem Bembidium An-
dreae ähnlichen Arten auf folgende Weise: 1. Beine ganz hellgelb.
A. Halsschild herzförmig: 1. B. fluviatile Dej. — B. Halsschild etwas
herzförmig. a. alle Streifen verschwinden vor der Spitze, der sechste
fehlt oder ist kaum sichtbar. «. Grundfarbe schwarzgrün mit roth-
gelben Flecken: 2. B. Lusitanicum, eine neue Art aus Portugal.
— ?. Grundfarbe der Flügeldecken weisslich gelb mit schwarzer
Naht: 3. B. concinnum Steph., kommt bei Ostende und Antwerpen
an Stellen vor, die bei der Fluth vom Meere bedeckt sind. — b. die
Streifen bis zur Spitze verlängert, der sechste deutlich. «. Hals-
schildswurzel in der Mitte stark punktirt, die Mittellinie bis zur
Wurzel verlängert, die Taster an der Spitze schwarz: 4. B. Andreue
F. — #. Die Halsschildswurzel in der Mitte kaum punktirt, die Mit-
tellinie die Wurzel nicht erreichend, die Taster ganz gelb; 5. B.
eruciatum Dej. — II. Die Schenkel schwarz oder braun. A. Die
ersten Fühlerglieder rostroth. a. Halsschild herzförmig: 6. B. oblon-
gum Dej. — b. Halsschild an der Wurzel erweitert: 7. B. sawatile
Gyll. — B. Das erste Fühlerglied rostroth, die folgenden an der
Wurzel rostroth. a. Die Steifen breit, tief, stark punktirt: 8. B.
Bruzxellense Wesm., femoratum Gyll., Schiödt. — b. Die Streifen
wenig tief, schwach punktirt: 9. B. femoratum St. Dej. Steph. Er.
Ders. (Prem. n.60) beschrieb als Bemb. Dejeanii eine neue
Art, welche viel Aehnlichkeit, namentlich in der Zeichnung, mit No-
taph. fumigatus hat, indess nach der Skulptur des Kopfes eine Leia
ist. Der Verf. hat sie bei Antwerpen auf dem rechten Scheldeufer
gefunden (sie ist auch bei Erlangen von Dr. Rosenhauer entdeckt
worden).
Schaum (Entom. Zeit. 5.402) beschrieb den Klaphr. nebulosus
Rossi als eine vierte Art der Tachypus-Gruppe, und unterschied das
auf Sardinien und Corsica einheimische B. Andreae Germ. Fn. Eur.
18. 2 als Bembl. Küsteri von dem B. pallidipenne Jll. des nördl.
Europa.
VonKolenati (Melet. 1.S.68—80) sind folgende neue Arten auf-
gestellt: Trechus melanocephalus aus Armenien, Tr. umauroce-
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. 217
phalus vom Kasbek (scheint mir von Tr. minutus nicht verschie-
den zu sein). — Tachys dibrachys, inaequalis, anomala,
drei ausgezeichnete, einander sehr ähnliche Arten, Notaphus hama-
zus aus Armenien (mir unbekannt), Peryphus Menetriesii vom
Caucasus (desgl.)., — Leia Maeotica. — Tachypus pietus aus
Transkaukasien, f
Neue amerikanische Arten sind Tachys sulcatus, Bembidium
longipenne, Reichei, centroplagiatum Putzeys (Prem.
n.58.59.61.62) von Cumana und Notaphus Galapagoensis Wa-
terhouse (Ann. nat. hist. XVI. p.21) von den Galapagos-Inseln.
Dytiscidae. Ueber mehrere zweifelhafte Hydroporus-Arten
hat Dr. Schaum in der Ent. Zeit. S.404 Aufklärung gegeben:
1. Hydroporus ambiguus des Aube ist einerlei mit H. vittula
Er. — 2. Hydr. piceus St. Er. und H. pubescens Gyll. Aub., melauno-
cephalus St. gehen in einander über, und hierhin gehören auch H.
piceus, scopularis und pubescens Schiödte. — 3. H. nivalis Heer ist
eine eigene Art, und H. foveolatus Heer zufällige Abänderung davon.
-— 4. H. elongatulus St. Er. ist von Aube, nicht beschrieben, und
der H. elongatulus des Schiödte ist davon. verschieden. — 5; H. @yl-
lenhalii des Schiödte ist einerlei mit A. piceus Steph. Aub. (nec. St.
Er.).— 6. H. acuminatus St. ist allem Anschein nach nichts anderes
als H. angustatus St. Er. Aube, Schiödt. — 7. Eine neue dem H.
umbrosus verwandte Art ist von Kiesenwetter entdeckt und H. ze-
glectus benannt. — 8. H. alpinus und bidentatus sind ohne Zweifel
Männchen und Weibchen einer Art.
v. Kiesenwetter (ebenda S.149) hat auch von Hydroporus
unistriatus eine zweite, glanzlose Form des Weibchens aufgefunden,
Germar (Faun. Ins. Europ. 23. 3) stellte eine neue Art Hy-
droporus semirufus (collaris Dahl) aus Mittel-Italien auf, und
gab zugleich eine Abbildung des H. /autus Schaum aus dem Manns»
felder Salzsee (ebendas. n. 4).
Kolenati (Melet. 1. S.82) stellte vier neue Arten auf: Aga-
bus luniger aus Armenien, Hydroporus stearinus vom Kara
bagh, H. Airumnus aus Armenien, und H. symbolum aus Trans-
kaukasien (der letzte ist von H. geminus nicht verschieden, die bei-
den ersten sind mir nicht bekannt,
Neue aussereuropäische Arten sind Dytiscus marginicollis
Lecomte (Bost. Journ.) aus dem Missuri, Copelatus? Galopa-
goensis Waterhouse (Ann. nat. hist. XVI. p.23) von den Gala-
pagos-Inseln und Haliplus Sinensis Hope (Transact. Ent. Soc:
Lond, IV. 15. 10) von Canton in China.
e- Gyrinites. v. Kiesenwetter stellte gegen Suffrian die An-
sicht auf, dass Orectochilus villosus ein Nachtinsect sei, wenn gleich
der Käfer von S. im hellen Sonnenschein an der Oberfläche des
Wassers gesehen sei, weil es namentlich bei Schmetterlingen öfter
Archiv I, Naturgesch, XJl, Jahrg. 2, Bd, pP
Pa
318 Erichson: Bericht über die wigsensch! Leistungen in der
sich ereigne, dass Nächtthiere bei hellem Tage umherschwärmten (Ent.
Zeit. S.147). Jene Meinung, dass der O. villosus ein Nachtinsect
sei, ist von Ahrens als eine Vermuthung hingeworfen, und seitdem
von vielen Schriftstellern wiederholt worden. Ich glaube, wir sind
jetzt im Stande sie zu beseitigen. Das Haarkleid des Orectochilus
und der ihm zunächst verwandten Gyrinen ist dem der Parniden
gleich, und dient ohne Zweifel, wie es bei diesen der Fall ist, einen
Firniss abzusondern, durch welchen eine grössere Luftmasse einge-
schlossen wird, mit der die Käfer im Stande sind, lange unter dem
Wasser auszuhalten, Daraus ergiebt sich, dass die so behäarten
Gyrinen bestimmt sind, in der Tiefe zu leben, und es hat wenig Wahr-
scheinlichkeit, dass sie „nur des Nachts in munteren Kreisen auf
dem Wasser umhertaumeln.” Wünschenswerth wäre es, dass ein
Entomolog, welcher Gelegenheit hat, sich lebende O. villosus zu
verschaffen, sie längere Zeit im Glase beobachten möchte,
Buprestides. Germar (Entomol. Zeit. $.,227) setzte die
europäischen Arten von Eurythyrea aus einander: 1. E. micans
(B. micansP.), zu welcher der Verf. B. aurulentaRossi zu ziehen geneigt
ist, welche indess sicher zu E. austriaca gehört. —- 2. B. earniolica
(Bup. carniolica Hbt.) eine bisher übersehene oder mit der folgenden
3. E. austriaca (B. austriaca L. F., quercus Hbt.) verwechselte
Art, von welcher sie sich u. a. durch die Form des Schildehens un-
terscheidet, welches bei ihr abgerundet ist, während es bei E,
austriaca wohl dreimal so breit als lang ist. — Als 4te Art ist 2.
aurata Pall. angezeigt, welche dem Verf. nur aus den Angaben
von Pallas und Maännerheim bekannt war. (Sie gleicht der E.
ınicans Am meisten, nähert sich aber in der Gestalt des Schildehens
der E. austriaca an). 6
Klingelhöfer (ebendas. S. 347) stellte eine Ohrysobothris, deren
Larve bei Darmstadt in Kiefernpflänzlingen lebte, als neue Art! Chr.
Pini auf, indem ihm Gory’s Beschreibung seiter Chr. Solieri
nieht vollkommen mit jenem Käfer übereinstimmte. Ich kant diese
Bedenken um so weniger theilen, als Gory’s Beschreibungen höchst
mangelhaft sind und höchstens zur Ergänzung seiner nur mittelmäs-
sigen Abbildungen dienen köhnen. Den Häuptunterschied der neuen
Art von Chr. affinis, die weiteren Gruben der Flügeldecken, giebt
Gory richtig an, über die übrigen Unterschiede geht er flüchtig
hinweg. ya
Lueeciani (in Toskana) fand die Larven der Bupr. festiva in
trockenen Wurzeln des Wachholder (Juniper. comm.), wo sie zwi.
schen Holz und Rinde ihre Gänge gefressen hatten, welche mit dem
gegen die Epidermis befindlichen Puppenlager endigten, Unter der
Rinde der Aeste desselben Strauchs fanden sich in Menge B. undata,
taeniata, Cavolini (Ann. d. ], Soc. Ent. d. Fr. 11. Bull. S. cxu).
Neue neuholländische Arten sind: Stigmodera Fortnumi,
Bremei, coccinata, Parryi, @uerinii Hope (Transact. Ent.
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. 219
Soc. Lond. IV. S.102) von Adelaide — Dass die zweite und dritte
Art als Conognatha bezeichnet sind, scheint ‚auf einem Schreibfehler
zu beruhen, um so mehr als beide Gattungen nicht wesentlich ver-
schieden sind.
Eucnemides. Hypocoelus attenwatus ist von Mäklin
(Bull. Mosc. II. S.547) als neue finnländische Art aufgestellt, und
vorzüglich durch die Bildung der Fühler und des Halsschildes von
H. filum unterschieden. Sollte sie nicht das andere Geschlecht sein?
— Eine neue Art ist Galba chrysocoma Hope. (Transact. Ent.
Soc. Lond. IV. S,14. T.1.F.3) aus der Gegend von Canton in China.
Elaterides. Lacon Kokeilii Küster (Käf. Europ. 11. 6.)
von Laibach im Krain, unterscheidet der Verf. durch vorn weniger
verschmälertes Halsschild, etwas vortretende Ecken und wenig ge-
wölbten Rücken desselben, hinten mit zwei sehr kurzen Querleisten;
md fast flache Flügeldecken, — Cardiophorus pietus Germar (Faun.
Europ. 23.6.) aus der Türkei (richtiger wohl aus Vorderäsien) scheint
mir- von der im Caucasus einheimischen kleineren gleichnamigen
Faldermannschen Art verschieden zu sein. — Callirhipis angu-
losa Desselb. (ebenda n.5), gleichfalls angeblich aus der Türkei
(der Käfer ist in Kleinasien, namentlich bei Smyrna zu Hause), wird
eine eigene Gattung bilden müssen, welche zunächst mit Cebrio und
Phyllocerus verwandt, von. der zu den Rhipiceriden gehörenden
Callirhipis selbst der Familie nach sich unterscheidet. — Ampedus
suturalis Gebler (Bull. Acad. St. Petersb. III. S.99) aus der Dsun-
garei, ist eine neue ausgezeichnete Art, welche.die hiesige Sammlung _
auch von der Eversmannschen Reise nach Bokhara besitzt und nach
meiner Meinung ein Limonius ist. — Neue Arten sind ferner
Diacanthus fuscipennis „fusco-niger, antennis pedibusque ni-
gris, prothorace undique fortiter punctato, linea media impressa,
elytris fuscis, costatis, long. 20—22 mill.”) Blanchaxd:in Jacquem.
Voy. dans l’Inde, aus Kaschmir, Alaus irroratus Parry (Trans-
act, Ent. Soc. Lond. IV. S.85). von Assam, dgrypnus orienta-
lis, Ludius ochropus, Juteipes, Alineatuws Hope (ebenda
5.9) von TVsehusan und PAysorhinus Galapagoensis Water-
house (Ann, nat. hist. XV1. $. 25) von den Galapagos-Inseln.
Auf einem bebauten Felde fand Luecciani männliche und weib-
liche Puppen von Cebrio gigas in ihren Puppenhöhlen im lehmigen
‚Boden, , Die abgelegte Larvenhaut glich der des Tenebtio molitor,
d. 1, Soc. Ent. d. Fr. 1. Bull. S.xı). Aus: diesem Vergleich
heint bei der äussern Aehnlichkeit der Tenebrionen- und Elateren-
hervorzugehen, dass Cebrio wirklich eine Elaterenlarve hat.
" Lampyrides. Als neue Art wurde von Reiche (Ann. d. 1.
Soc. Ent. d. Fr. 11. p. 353) Aspisoma candelaria, von Bahia in
Brasilien, aufgestellt, und die von Herrn Mocquerys dort gesammelte
Larve derselben von Goureau (ebendas. 5.343) beschrieben. Sie
pP %*
220. Erichson; Bericht über die wissensch. Leistungen in der
hat grosse Uebereinstimmung mit der Larve unserer Lampyris no-
etiluca, und zeichnet sich vor dieser nur dadurch aus, dass sie auf
die ‘Unterseite des vorletzten Ringes ein Paar gelber Blasen hat,
welche vermuthlich leuchten. Wenigstens hatte. Herr Mocg. das
Leuchten der Larve beobachtet,
Colophotia flavida Hope (Transact. Ent. Soc, Lond. IV.
p: 10) ist eine neue Art von Tschusan,
Lyeides. Ebendaher ist Lycus Cantori Dess. (ebenda).
Omalisus sanguinipennis Dej. Lap. ist von Costa auf dem Berge
von St. Angelo bei Castellamare bei Neapel aufgefunden, und in den
Ann. dell’ Accad. degli Aspir. Natur. I. (1843) S.205 ausführlich be-
schrieben,
Melyrides. Neue Arten sind Malachius fulvicollis
Gebler (Bull, Acad. Petersb. II. S.99) aus den Steppen am Bal-
ehasch-See in der Dsungarei und
Dasytes nigricans und fuscipennis Hope (Transact. Ent.
Soe. Lond. IV. S. 105) von Adelaide in Neuholland.
Clerii. Der Marquis Spinola hat diese Familie in
einer reich ausgestatteten Monographie „Essai monographique
sur les Olerites, Insectes Coleopteres’” behandelt.
Die Grundlage der Bearbeitung bildet die Dejeansche Sammlung,
aus welcher der Verf, die die Clerier enthaltende Abtheilung durch
Ankauf erworben, und durch Beiträge von mehreren Seiten her auf
235 Arten erweitert hatte. Die Eintheilung des Verf. ist folgende:
4. Der Prothorax aus nur zwei Stücken, der Rückenplatte und
dem Prosternum gebildet.
B. Die Flügeldecken mit ihrem Seitenrande an die Hinterleibs-
seiten schliessend.
I. Unterfam. Cleroiden. Die Netzaugen unten ausgerandet, die
Fühler vor den Augen eingelenkt.
a. Füsse deutlich 5gliedrig.
b. Fühler sägeförmig. 1. Cylidrus Latr. (8 Arten). — 2. Denops
(1 A). — 3, Tillus T. (6 A.). — 4. Perilypus n. Gatt. mit einmal
gezahnten Klauen (1 neue A. aus Mexiko). — 5. Callitheres Dej.
(4 A.). — 6. Priocera Rirby (6 A.). — 7, Axina Kirb. (2 A.).
b.b. Die Fühler allmählich nach der Spitze hin verdiekt. 8. Xy-
lobius Guer., später Stenocylidrus genannt, (Till. azureus Rl.
und Xyl. elegans Guer. von Madagascar.) — 9. Systenoderus n. G.
mit, einfachen Klauen und an der Wurzel tief eingeschnürtem Hals-
schilde (2 neue A., eine aus Mexiko, die andere aus Columbien). —
10, Colyphus Dup. mit einmal gezahnten Klauen und fast walzen-
förmigem Halsschilde (5 neue Arten, A aus Californien, 1 aus Colum-
bien). — 11. Cymatodera Hope (8 A.). — 12. Xylotretus Guer,
eine neuholländische Form, welche von Serobiger, und Chalcielerus
schwerlich zu trennen ist (3 A.).
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 18455 221
a,a. Die Hinterfüsse mit nur 4 von oben sichtbaren Gliedern.
13. Tilticera (1 A. Cl. Javanus Dej.). — 14. Tenerus Lap. (8 A. —
ist einerlei mit Cylistus Kl.). — 15. Serriger, die 4 letzten Fühler-
glieder sägeförmig, die Endglieder beider Tasterpaare einander gleich,
beilförmig (1 neue Art aus Mexiko). — 16. Omadius Lap. (4 A.). —
17. Stigmatium Gray (1 A.). — 18. Thanasimus Latr. (Cler. mutilla-
rius, formicarius, Amaculatus F. u, a. m. 8 A.). — 19. Natalis Lap.
(Notox. porcatus F. 3 A.). — 20. Thaneroclerus Lef. (2 A.). — 21.
Trogodendron Guer. (Trichod. fasciculatus Schreib.). — 22. Notoxus
F. (6 A. — Obgleich der Verf. sonst auf Form und Skulptur ein be-
sonderes, auf die Färbung nur geringes Gewicht legt, vereinigt er
doch hier die in der Skulptur so deutlich unterschiedenen N. dome-
sticus St. und pallidus Ol. mit N. mollis F., wie es auch eben so
mit Unrecht mit Cl. formicarius und rufipes geschehen ist). — 23.
Olesterus, n. Gatt. mit stark beilförmigem Endgliede beider Ta-
sterpaare, über die Flügeldeckenspitze hinausreichenden Hinterschen-
keln, ausgezeichnet durch kapuzenförmiges Halsschild, welches herab-
geneigt sich der Mittelbrust anlehnt (1 neue Art vom Schwanenfluss).
2. Serobiger (CI. splendidus Newm. vom Schwanenfluss). — 25.
Clerus FE. (rufus Ol. u. a. 39 A.). — 26. Chaleiclerus, 3 A. aus
Neuholland, von Serobiger nicht zu trennen, — Der Verf. unterschei-
det sie dadurch, dass, bei Scrobiger eine 3gliedr., bei Chalcicler.
eine Agliedr. Fühlerkeule sich findet. — 27. Yliotis Sp. (Y. Passe-
rinii Sp. = Trichodes ochropus Kl., zeigt aber die Fussbildung von
Corynetes). — 38. Zenithicola Sp. (Clerus australis Dej., Tricho-
des australis Kl.). — 29. Tarsostenus Sp. (Oler. univittatus Ross.)
— 30. Eburiphora Sp. (E. Reichei Sp. = Opil. callosus Kl.). —
. Trichodes F. (18 Arten). — 32. Aulicus Sp. (Cler. instabilis
ewm. Trichod. instab. Kl. aus Neuholland, und 1 neue Art aus Me-
xiko. — 32.a. Muisca Sp., von der vor. Gattung durch weniger
breite Endglieder der Taster unterschieden (1 neue Art von Bogotä).
— 33. Platyelerus Sp. (Cl. planatus Lap. = Opilus planat. Kl.
2A.). — 34. Phloiocopus Guer. (tricolor Guer. Icon. Reg. an. 2 A.)
— 35. Enoplium F. (serraticorne F. und E. Apunctatum Say). — 36:
Pelonium Sp. (pilosum Forst. 26 A.). — 37. Apolopha Sp., Füh-
ler 9gliedr. mit 3gliedr. Keule (1 neue Art aus Columbien). — 38,
Monophylla Sp. Fühler undeutlich 9gliedr., das letzte viel länger
als die übrigen zusammengenommen (Enopl. megatoma Dej. und
ag (Macrotelus) terminatus Say, Kl.),
IL Unterfam. Hydnoceroiden. Die Augen innen oder gar
t ausgerandet. Die Fühler am Innenrande der Augen stehend.
ar ©. Die Augen innen ausgerandet.
A 39. Phyllobaenus Dej. mit durchblätterter Fühlerkeule (Ph.
ansversalis Dej.). — 40. Epiphloeus Dej. (6 A.). — 41. Plocamo-
er 'ru Sp. von der vor. Gattung nur durch sehr kurze, flachgedrückte
Glieder der Fühlerschnur und langhaarige Keule unterschieden (1
neue A, aus Columbien). — 42. Ichnea Lap. (8 A.).
22% Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
c.c. Augen’ ohne merkliche Ausrandung.
43. Evenus Lap. (1 A.). — 44. Lemidia Sp. (Hydnocera nitens
Newm.)..— 45; Ellipotoma Sp. Fühler 10gliedr. mit 3gliedr, Keule
(1. neue A. aus Columbien). -— 46. Hydnocera Newm. (10 A.).
B.B. Flügeldecken seitlich erweitert.
1IL. Unterfam. Platynopteroiden: 47. Erymanthus Kl. (1 A.)
— 48. Platynoptera Lap. (3: A.). — 49. Pyticera Dup. eine Enoplien-
form mit’11 deutlichen Fühlergliedern (1 neue A. aus Brasilien).
4.4. Prothorax aus vier Stücken, der Rückenplatte, dem Pro-
sternum.und zwei Episternen, zusammengesetzt.
IV. Unterfam, Corynetoiden: 50. Ryparus mit zur. Auf-
nahme der. Schienen ‚gerinnten Schenkeln (‚Cler. tamentosus Dej.). —
51. Lebasiella Sp. (L. erythrodera = Enopl. lepidum Kl. nach
Spin.) — 52, Orthopleura (Enopl. damicorne und sanguinicolle).
— 153. ‚Chariessa Perty (Ch. ramicornis Perty und Brachymorphus _
vestitus Dej.). — 54. Notostenus Dej. (1 A.). — 55. Corynetes Payk.
(4 A.). — 56. Necrobia Latr. (6.A.). — 57. Opetiopalpus Sp. (Cor.
seutellaris Pz. AA.). — 58. Paratenetus Sp., eine heteromerische
Gattung, welche gewiss.nicht hierher gehört, sondern sich zunächst
an. Anaedus ‚Dej. schliesst, (Cor. punctatus Dej,, 2 A.).
Was das Kennzeichen betrifft, welches die Unterfamilie der Co-
rynetoiden von den übrigen absondert, so sind 1. die Theile, welche
hier am Prothorax zum Vorschein kommen, nicht Episterna, sondern
es sind. die Hüftanhänge (Trochantin), welche hier wie bei den Te-
lephoriden u. a. zu Tage. liegen; 2. findet dies nicht bei den Coryne-
toiden ‚allein. ‚statt,, sondern man kann. auch bei günstiger Richtung
der Vorderbeine bei allen übrigen Cleriern, diese, Theile ‚wahrneh-
men. Jene. Abtheilung. muss also eingehen. Zu bedauern ist, dass
die Grössenverhältnisse. der Fussglieder nicht, die. ‚gehörige Berück-
sichtigung gefunden haben, sie,‚erfordern allerdings eine sehr sorg-
fältige Beobachtung, würden aber auf so, sichere ‚Grundlagen der
Eintheilung geführt-haben, wie.sie sich, in.Klug’s Monographie dar-
gelegt finden. (S. d. Jahresber. f. 1842. S.177)., Uebrigens bemerkt
der Verf, mit Recht, dass sein Werk, ‚welches schon durch ‚seine
äussere, schöne: Ausstattung, und dureh ‚den. Reichthum ‚der ‚Abbil-
dungen (47 Tafeln) eine ausgezeichnete Stelle’ unter den neueren Er-
scheinungen.in der entomologischen Literatur ‚einnimmt, ‚durch Klug’s
inzwischen ‚erschienene Monographie nicht überflüssig ‚gemacht sei,
indem, abgesehen von der Verschiedenheit ‚der, systematischen, Be-
handlung; in. beiden ‚Arbeiten, in jeder ‚eine. sehr grosse Reihe von
Arten beschrieben wird, die der anderen fehlt. Spinola hat im An-
hange bereits den Versuch gemacht, die den beiden Monographien ge-
meinschaftlichen Arten ‚auf einander zurückzuführen, oft mit Glück,
oft.aber auch nicht; hier ist um so weniger der Ort, diese Einzie-
hungen. zu berichtigen oder zu vervollständigen, als Klug selbst die
Absicht hat, seine, BEER hierüber, wesentlich hekannt zu
machen. t
Naturgeschichte der Insecten während ‚des Jabres.1845. 223
Schliesslich ‚beschreibt der Verf. noch zwei Gattungen, welche
obschon anscheinend den Cleriern ähnlich, doch ‚denselben nicht: an-
gehören: Eurypus Kirb. und Dupontiella., Die letztere ist neu
und ihre Stellung zweifelhaft; sie erinnert durch ihre schlanke Form
und den langgestreckten Kopf an Denops, hat ‚deutlich ögliedr. Füsse,
aber ohne Haftläppchen; einfache Klauen, eine dreigliedrige sägeför-
mige Fühlerkeule, kurze Taster mit fast eiförmigen Endgliedern.
Eine Art D. ichneumonoides, ist aus Columbien, eine zweite,
nach einem- sehr beschädigten Stücke beschriebene und deshalb zwei-
felhafte D. fasciatella ebenfalls aus Südamerika.
"Haftlappen an den Fussgliedern betrachtet der Verf. als eines
der wesentlichen Merkmale der Clerier, und hiernach würde die
chilesische Gattung Epxclines allerdings in diese Familie gehören,
ı wo sie eine durch ihre verlängerte äussere Lade der Maxillen aus-
gezeichnete Gattung bilden würde. Der Verf. hatte den E. Gayi
anfänglich unter Cymatodera eingereiht, später zwar sich von der
Eigenthümlichkeit der Gattung Epiclines überzeugt, aber Rücksich-
ten gefunden, welche ihn von der Beschreibung der Arten zurück-
hielten. -
Ptiniores. Guerin hat folgende Eintheilung der Bostrichi-
den (Apate F.) aufgestellt (Bull. Soc, Ent. de Fr. 2. ser. IN. p. xvı):
1. Der Kopf unter dem Halsschilde ganz oder theilweise ver-
deckt, A. Der Körper walzenförmig. 4A. Die beiden ersten Glie-
der der Fühler länger oder so lang als die fünf folgenden zusammen.
1. Apate: Die Fühlerkeule kürzer als die Fühlerschnur, stark säge-
förmig. (A. terebrans Pall., franeisca Ol., monacha Ol. u. a); — 2.
Xylopertha Guer.: Die Keule so lang oder länger als die Füh-
lerschnur, wenig oder gar nicht sägeförmig. (A. minuta F., truncata
Dej., Zongicornis F., sinuata F. u. a. — 3. Trypocladus Guer.:
Die Keule länger oder so lang als die Schnur, stark durchblättert,
(4A. muricata, bidentata, Ol. unidentata F. u. a.).
B. Die beiden ersten Glieder der Fühler kürzer als die fünf
folgenden zusammen: 4. Rhizopertha Steph. Die Keule stark
sägeförmig. (4A. pusilla F.). — 5. Bostrichus Geoffr. Die Keule
einfach (A. cornuta Ol., bicornuta Latr., Zuctuosa Ol., capucina
Geoffr. u. a.).
3. Der Körper nicht walzenförmig, oben etwas niedergedrückt:
6. Dinoderus Steph. (A. elongata Payk. u. a.).
Il Der Kopf frei. A. Der Körper walzenförmig: 7. Heterar-
thron Guer., 8. Exopsoides Guer. (Welch’ ein Name!) — 2. 9.
sides Westw. — 10. Ezops Curt., 11. Psoa Fab.
Die neuen Gattungen Heterarthron und Exopsoides sind nicht
näher bezeichnet, — Zu bemerken ist nur noch, dass Dysides von
Periy aufgestellt ist, und’ dass Trypocladus Guer. mit Aukaezlon
Duftschm. (Faun, Austr. I. 8.85) zusammenfällt. '.!
Apate nigriventris Küster (Käf. Europ. II. 12) aus Nord.
224 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
afrika, ist unter demselben Namen schon von Lucas aufgestellt, ist
aber, wie ich im Bericht für 1843 (8.274) gezeigt habe, Abänderung
von Bostr, luetuosus Ol.
Hope (Transact. Ent. Soc, Lond. IV. S.16.17) führte zwei neue
Arten, Apute reiecta und rufa, von Canton in China auf.
Silphales. Chaudoir (Bull. Mosc. I. S.195) theilte eine
Aufzählung der in der Landschaft von Kiew vorkommenden Arten
von Catops und Colon mit, welche von der ersten Gattung 17, von
der zweiten 14 Arten enthält. Neue Arten sind Caztops longipen-
nis „dem C, umbrinus verwandt, ein wenig grösser, etwas länglicher,
das Halsschild breiter, an den Seiten mehr gerundet, die Flügeldecken
weniger bauchig, flacher, länglicher; die Fühler dünner, das letzte
Glied feiner, zugespitzter.” — Cat. sericatus, die kleinere Form
des ©. sericeus, ebenfalls nicht durch bestimmte Merkmale, sondern
wiederum durch Mehr und Weniger vom Verf. unterschieden. —
Col. reetangulus, dem C. brunneus ähnlich, die Hinterecken
rechtwinklig, an der Spitze etwas abgerundet, die Hinterschenkel
des Männchens einfach. — Col. sinuatus: die Halsschildseiten
einen stark abgerundeten Winkel vor der Wurzel bildend, und nach
vorn leicht ausgebuchtet; Hinterschenkel des Männchens einfach, an
der Wurzel verdünnt, erweitert und im rechten Winkel an der Spitze
abgeschnitten. — Col: subdepressus, dem C. brunneus ähnlich,
kleiner, kürzer, hinten mehr gerundet, weniger gewölbt u. s. w.,
Hinterbeine des Männchens eben so gezähnt, aber der Zahn schwä-
cher. Als bemerkenswerth für die Lebensweise der Colon führt der
Verf. an, dass er die meisten derselben (11 Arten) allein in einem
Birkenwalde auf einer trockenen Stelle im Kraute, und zwar auf
einem kleinen Fleck von weniger als 100 Klafter im Geviert, und
auch nur an einigen warmen Abenden im Mai gefangen habe.
Seydmaenides. Chaudoir (a. a, O. S.181) lieferte eine
Aufzählung der bei Kiew beobachteten Scydmäniden, "nämlich 19
Scydmaenus, 3 Eumierus, 2 Eutheia, -1 Megaloderes. Sieben neu
aufgestellte Arten von Scydmaenus sind von Herrn Dr. Schaum nach
vom Verf. mitgetheilten Stücken geprüft (Entom, Zeit. 1846. S. 355),
und danach: Scydm. tuberculatus Ch. für Abänderung von. Sc,
collaris, Se. propinguus Ch. für etwas breitere Form desselben,
Sc. vicinus Ch. für Sc, exilis Er. St., Sc. minutus Ch. und .pa-,
rallelus ‚Ch. für neue Arten aus der Gruppe des Sc. angulatus,
Se. fimetarius Ch. für hellere, vermuthlich unausgefärbte, Stücke
des Sc. hirticollis, Se. minimus Ch. für nanus Märk, erklärt. Den
Sc. minutus, welcher Name schon bei Fabricius und Gylienhall vor-
kommt, hat Herr Schaum Sc. pumilio genannt.
‚ Pselaphii. Ders. (ebenda S. 163) hat, auch die bei Kiewil
gefundenen Pselaphier gemustert, und 3 Batrisus, 1 Tyrus, 1'Tricho-
nyx; 10 Euplectus, 2% Drimium, 9 Bytlinus, 1 Tychus, 5 Bryaxis,
" Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845, 225
2 Pselaphus aufgezählt. Trichonyz ist eine neue aus dem Psel.
suleicollis Rehb. gebildete Gattung, von Euplectus deshalb abgeson-
dert, weil an den Füssen sich zwei sehr ungleiche Klauen finden, die
innere fein, fast borstenförmig. Die neu aufgestellten Arten sind
"Herrn Dr. Schaum ebenfalls meist zur Ansicht zugesandt, und von
ihm (a. a. 0.8.353) Euplectus gracilis Ch. als vermuthlich
nur kleine Stücke von E. Karstenii, E. nigricans Ch. als dunkel
gefärbte Stücke von E. bicolor Denny, E. Zativentris für E.
Schmidtii Märk., Bythinus Chaudoiri Hochh. für B. crassicornis
Aube, B. distinctus Ch. als muthmasslich einerlei mit B. securiger
beurtheilt worden. Trimium brevipenne Ch. ist eine eigene Art,
welche sich ausser durch die Form des letzten Fühlergliedes u. a.
durch stets rostgelbe Farbe unterscheidet, und unter welcher Dr.
Schaum (a. a. 0.) mit Unrecht die von mir in den Käf. der Mark
Brandenh. angegebene rothgelbe Abänderung vermuthet; letztere sind
nur unausgefärbte Stücke von Tr. brevicornis.
Von Maeklin (Bull. Mosc. II. S.550) ist Euplectus Fenni-
cus als neue Art aufgestellt worden, welche indess von Herrn Dr.
Schaum (a. a. O. 8.358) für einerlei mit E. bicolor Denny. (Psel.
glabriculus Gyll.) erkannt worden ist.
Hope (Transact. Ent. Soc. Lond. IV. S, 106. T. 7. F.1) lieferte
Beschreibung und Abbildung des Articerus Fortnumi, einer von
Fortnum zu Adelaide in Neuholland in einem Ameisennest entdeckten Art.
Sstaphylinii. „Ueber die Linneischen Arten von Staphyli-
nus”, von Westwood (Transact. of the Ent. Soc. of Lond. IV. S. 45).
Eine Anzeige über diese Abhandlung ist nach den Proceed. Ent. Soc.
schon im Bericht über 1841 (S. 210) gegeben, der ich hier nur noch
Einiges hinzufüge. Der Staph. murinus der Linneischen Sammlung
ist St. nebulosus L., auf welchen allerdings auch die Angabe ‚inter
- majores, non maximus numerand.” besser zutrifft, — Ueber St. ma-
zillosus scheint L. ursprünglich den St. olens F. verstanden zu haben.
— Unter St. erythropterus befinden sich in Linne’s Sammlung 4
Stücke, 3 sind caesareus Cederh., das vierte castanopterus Gr. Der
Zettel ist unter einen der ersteren gesteckt: da hieraus hervorgeht,
dass L. selbst beide Arten verwechselt hat, muss man sich jedenfalls
an seine Beschreibung halten, in welcher er unverkennbar den casta-
nopterus vor sich hatte. — Staph. rufipes L. ist einerlei mit meinem
Tachin. rufipes (pullus Grav.).
v. Kiesenwetter (Entom. Zeit. S. 222) theilte Bemerkungen
über einige Arten der Staphylinier mit:'1. Myllaena grandicollis des
, ist einerlei mit M. gracilis Heer. — 2. Gymnusa varie-
gata, eine bei Dresden entdeckte neue Art mit Zeichnungen von
gelblicher Behaarung. — 3. Homalota atramentaria erhielt der Verf.
von Prof. Waltl aus Kempten, also nicht von der Meeresküste. — &
Stenus pieipennis Er., in Mehrzahl bei Dresden gefangen, hat ge:
wöhnlich schwarze Flügeldecken, die Hinterleibsbildung des Männ-
226 Erichson: Bericht über die, wissensch. Leistungen in. der
chens wie bei St, tempestivus. — 5. Stenus nitidus Boisd. ist bereits
an verschiedenen Orten des mittleren Deutschlands aufgefunden, —
6. Philonthus salinus des Verf, kommt zuweilen mit seidenglänzendem
Halsschilde vor. — 7. Quedius suturalis, eine neue, dem Q. mau-
rorufus verwandte, Art’ aus verschiedenen 'Gegenden Deutschlands.
Grimm (ebenda 8.126.131) hat die Reihe der in Ameisennestern
lebenden Staphylinier mit mehreren neuen Arten vermehrt: Myr me-
donia ruficollis, der M. lugens: verwandt, aus der Steiermark;
Ozxypoda hospita und occulta, beide der O. togata sehr ähn-
lich, ‘bei Berlin, die erstere aus den Nestern der F. fuliginosa, die
zweite aus denen der F. rufa, Leptacinus angustatus, in Ber-
lin in einem Mistbeetkasten, wo eine Kolonie der F. brunnea hauste,
entdeckt. N
Einige neue Arten aus Finnland sind von Mäklin (Bull. Mose.
II. 8.544) beschrieben worden: Oxypoda picea, der ©. promi-
scua ähnlich, durch die Fühlerbildung verschieden; Placusa de-
pressa, unter Kieferrinde lebend; Latkrobium rufipes, dem L.
punctatum ähnlich, mit längerem, sparsamer punktirten Halsschilde,
feiner punktirten Flügeldecken, rothen Beinen; beim Männchen der
öte und 6te Bauchring mit seichter Längsrinne und der letztere an
der Spitze ausgeschnitten.
„Ueber die Gattung Micralymma” hat Schiödte eine lehrreiche
Abhandlung geschrieben (Kröy. Naturh. Tidskr. N. R. I. S. 370. T.4),
Ref. hatte von ‚dieser Gattung nur ein einziges auf Glimmer: aufge-
klebtes Stück aus Aube’s Sammlung zur Untersuchung, welche deshalb
mangelhaft, bleiben ‚musste. „Der Verf, zeigt, dass die Gattung, zu
den Omalinen gehören müsste, indem sie die wesentlichen Merkmale
derselben, stützende Trochanteren, Nebenaugen u. s, w. hesitze. Zu-
gleich zeigt der Verf., dass auch den Omalinen die, ‚von mir abge-
sprochenen Nebenzungen zukommen, sie. sind. mit, der, Innenfläche
der Zunge verwachsen, und von oben yon den Stämmen der Lippen-
taster verdeckt, so dass sie bei durchfallendem Lichte nicht sichtbar
werden. Daher rührt es auch. wohl, dass sie von, mir ‚übersehen
sind. Der: Verf. hat sich aber übereilt, wenn er meine Abbildungen
der 'Unterlippen überhaupt als verfehlt bezeichnet, weil sie die auf
der Innenfläche liegenden Nebenzungen anf der äusseren Fläche dar-
stellen, denn ‚wer diese Theile unter, dem Mikroskop bei duxchfal-
lendem Lichte, auch ohne Anwendung des Pressschiebers, untersucht,
wird immer finden, dass die Nebenzungen sich: auf ‚beiden: Seiten
fast gleich deutlich darstellen. Für meinen Zweek, war es mir ‚daher
nicht..von. Bedeutung, die Lage’ der: Nebenzungen besonders darzu-
stellen. Es könnte mit. eben so viel Recht Jemand tadeln, dass\ich
immer nunr‘einen Lippentaster abgebildet‘ habe, da,doch in der Natur
zwei vorhanden sind. — Der Verf. unterscheidet zwei Arten, M. bne-
vipenne E.(Ontal. brev. Gyll., Mier. Johnstonis Westw.) von dexSee-
küste Schwedens, Norwegens und Schottlands, „labio.fulero stipiti-
v
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845- 227
busque palporum exsertis” und M. brevilinguwe, neue Art aus
Grönland „labio fulcro stipitibusque palporum obsoletis.” Ich habe
ein Bedenken, nicht gegen die Arten, sondern gegen das zur Unter-
scheidung benutzte Merkmal, welches wohl nur auf etwas Zufälligem
beruht, indem unter den Staphyliniern das Vermögen vorkommt, die
Zunge vorzustrecken und in gewissem Maas zurückzuziehen, so dass
also die Zungenstütze und die Stämme der Lippentaster bald vor
dem Kinn vortreten, bald von demselben verdeckt erscheinen. Vergl.
‚meine G. et Sp. Staphyl. S.10. (Diese Abhandlung ist verdeutscht in
der Linnaea Entomolog. 1. 1846. 5.156 aufgenommen).
Misterini. x. Kiesenwetter machte darauf aufmerksam,
dass HAister Amaculatus F. in den Dunghaufen den Aphodien nach-
stellt und sie frisst. (Entom. Zeit. S.227). Ich habe dasselbe am A.
Anotatus beobachtet (auf den sich vielleicht auch die Bemerkung
des Verf. bezieht), es scheint indess dieser Zug in der Lebensweise
unter den Histeren nicht allgemein zu sein, wenigstens sah ich 4.
Jimetarius Hht,, welcher an derselben Stelle schwärmte, an dem
Aphodien-Schlachten keinen Antheil nehmen.
Hister fasciolatus Gebler (Bull. St. Petersb, 11. S. 100,
2,8) aus der Dsungarei, scheint mir, übereinstimmend mit der An-
sicht des Verf., einerlei mit Hist. interruptus Fisch, (nec Payk.) zu
sein, Ich habe diese Art schon vor 12 Jahren Bieren. ornatus
genannt (Klug Jahrb. S. 176).
Curtis (Transaet. Lin, Soc. XIX. S.441) stellte Air neue süd-
amerikanische Arten auf: Hister Matthewsit von Valparaiso
(einerlei mit Saprinus bisignatus des Ref.), Hist, furcatus
von Rio (einerlei mit Saprinus connexus des Ref., Hist. con-
nexus Payk.) und Hist. castanipes (laevis, niger, thoraeis late-
ribus punctulatis, elytris pedibusque castaneis, illis stria suturali
furcata, duabus aliis aequilongis alteraqgue humerali breviore; 13”)
von Gorrite an der Mündung des Platastroms; vermuthlich ebenfalls
ein Saprinus, »
"" Eine Bearbeitung der Nordamerikanischen Histerinen im Boston
Acad. Journ. 1815 von Maj. Lecomte ist mir ic nicht zugänglich
nerirnee karl
um
Mydrophilii. Ueber die früheren ‚Stände desı Speroheus
emarginatus gab v. Kiesenwetter Nachricht (Entom: Zeit. S. 220).
Die Weibchen dieses Käfers tragen bekamntlich die Eier in einem
Sack eingesponnen mit sich herum. In diesen Säcken sind je 50-55
Bier enthalten. ‘Die Jungen kommen aus dem Eiersacke an der dem
Bauch der Mutter zugekehrten Seite 'hervor, 'sind sehr ‘beweglich
und munter, und obgleich sie nicht schwimmen können, kriechen sie
lebhaft unter der Oberfläche des Wassers oder 'an Wasserpflanzen
umher. Sie nähren sich vom Raube‘ und liessen sich ‚mit Mücken
und Fliegen ernähren. In ihrem Baue kommen sie sehr mit den Hy-
228 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
drophilen-Larven überein. Ausgewachsen sind sie 4—5”’ lang. (Mir
ist an den eben ausgekommenen Larven die beträchtliche Weite der
Hauptstämme der Luftgefässe. aufgefallen, welche wie ein Paar
Schläuche im Körper liegen),
Von Curtis (Transaet. Lin. Soc. XIX. S. 442) hat zwei neue
südamerikanische Arten aufgestellt: Aydrophilus chalybeatus
aus Brasilien und 4. ochripes von Valparaiso und Brasilien. Der
letztere scheint der H. nitidulus Brull. d’Orb. Voy. zu sein. — Hy-
drobius neglectus Hope (Transact. Ent. Soc. Lond. IV. 8.16)
ist von Canton, — Sphaeridium Amaculatum Küster (Käf.
Europ. 11.23) von Sardinien (auch Sieilien), mit kleinem Fleck an der
Spitze der Flügeldecken neben der Naht, und dunkleren Beinen,
scheint mir nur eine örtliche Abänderung des Sph. scarabaeoides zu
sein, um so mehr als auch bei uns zuweilen so dunkel gefärbte
Stücke vorkommen; ausser der Färbung findet sich kein Unterschied.
Seaphidilia. Diese von Latreille in den Gen. Cr. et Ins.
aufgestellte Familie ist vom Ref. (Deutschl. Ins.) zwar auf Scaphi-
dium F. beschränkt, .aber in sechs Gattungen zerlegt. Von der heu-
tigen Gattung Scaphidium hat Europa nur eine Art (4imaeulatum),
indem Sc. immaculatum F. zu Scaphium Kirb. verwiesen ist. Die
dritte europäische Gattung Scaphisoma zählt in Deutschland 4
Arten, Sc. agaricinum, boleti, assimile Schüpp. und fimbatum
Dahl. Diesen älteren Gattungen sind drei neue hinzugefügt, Cypa=
rium, mit keulförmigen Fühlern und bedornten Schienen, aus einer
neuen Art, A. palliatum aus Mexiko, Amalocera, mit haarfeinen
Fühlern "und freiem Schildehen, ebenfalls aus einer neuen Art A,
picta aus Brasilien, und Baeocera aus Sc. concolor F. gebildet,
mit haarfeinen Fühlern, bedecktem Schildchen, von Scaphisoma
hauptsächlich durch die Verhältnisse der Tasterglieder und die Füh-
ler abweichend, an denen nur die drei Endglieder etwas verdickt sind.
Trichopterygia. Eine vom Ref. in den ‚Ins. ‚Deutschl.
S..43 ‚aufgestellte Familie, welche. viel Eigenthümliches zeigt, be-
sonders in der Mund- und Fussbildung. Die Füsse sind dreigliedrig,
zwischen den Klauen@mit einer Haftborste von ähnlicher Form, wie
sie bei vielen Milben vorkommt. Von den Mundtheilen sind die
Lippentaster von ungewöhnlicher Kleinheit, die Stämme: derselben
aber in einen ladenartigen Lappen verlängert. Die Familie’ ist in
zwei Gruppen getheilt:' die erste, Ptilina hat zwei Laden an den
Maxillen, die Fühler haarförmig, die Flügel federförmig. Der Hin-
terleib zeigt bei dem Einen 7 Ringe, bei Tröchopteryx (Tr. ato-
maria u. a.) sind die Hinterhüften zu einer Deckplatte erweitert,
bei Ptilium (Pt. minutissimum u. a.) sind sie einfach. Bei den
Andern finden sich 5 Hinterleibsringe: hier sind ‘die Hinterhüften
wieder einfach bei Ptenidium (Pt. pusillum), zu Deckplatten er-
weitert bei Nossödium (Derm: pilosellus Marsh.). — Die zweite
ER ZEERERR
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. 229
Gruppe Sphaerina, auf dem Sphaerius acaroides Waltl gegründet,
hat nur 3 Hinterleibsringe, die Flügel sind zwar lang gewimpert,
aber von gewöhnlicher Bildung, die Maxillen haben nur eine Lade,
den gespaltenen, vierspitzigen Mandibeln fehlt die grosse Mahlfläche,
welche die Ptilinen haben; in den wesentlichen Kennzeichen der Fa-
milie, der Bildung der Unterlippe so wie der Haftborste an den
Füssen stimmen beide Formen überein,
Gillmeister’s Monographie der Trichopterygia (in Sturm’s
Deutschl. Ins. 17tes Bändchen) zeichnet sich vor Allem durch unge-
mein schöne Abbildungen aus, bei welchen der Verf. als Zeichner
und Herr Friedr. Sturm als Kupferstecher an Vollendung gewett-
eifert haben. Nur die beiden ersten Tafeln, welche die Zergliede-
zungen geben, muss ich verwerfen, weil sie viele Unrichtigkeiten
enthalten, namentlich ist die Darstellung der Mundtheile ganz ver-
fehlt; es scheint als habe der Verf. zu schwache Vergrösserungen
angewandt. Die von mir aufgestellten Gattungen hat der Verf. nicht
anerkannt, bei mehreren seiner Arten bin ich zweifelhaft, wohin sie
gehören; dies ist auch der Grund, weshalb ‘sie in meiner: Arbeit
nicht aufgenommen sind, obgleich der Verf, mir Beschreibungen
derselben handschriftlich mitzutheilen die Gefälligkeit hatte. In den
meisten Fällen aber sind die beiden Bearbeitungen gemeinschaftlichen
Arten schon auf einander. zurückgeführt, da der Verf, meine, Be-
schreibungen anführen konnte. Den Vorwurf aber, den derselbe mir
macht, als habe ich „die Sündfluth in der entomologischen Syn-
onymie um ein Bedeutendes vermehrt”, kann ich nicht annehmen;
denn ich habe nur einen bis dahin handschriftlich gebliebenen Namen,
den des Omalium microscopicum Waltl, geändert, um Verwirrungen
vorzubeugen, da von W. drei Arten unter diesem Namen versendet
werden; alle übrigen Bamensänderungen kommen auf Rechnung des
Verf, selbst.
„Ueber die systematische Stellung der Ptilien” hat Heer in Er-
widerung auf Schiödte’s Abhandlung (S. o. S.206) eine Mittheilung
in der Entom. Zeit. S. 307 gemacht.
„Ueber die Ptilien Russlands” hat V. v. Motschulsky (Bull.
Mose. 11. 8.505) geschrieben, die Arbeit ist aber, sowohl was die
Beschreibungen der Arten als die vom Verf. gegebenen Abbildungen
derselben betrifft, durchaus ungenügend,
wmn\
Anisotomidae. Diese Familie ist vom Ref. in den Ins.
Deutschl. bearbeitet. Sie steht mit den Silphalen in der nächsten
andtschaft, und es wird auf die Kenntniss der früheren Stände
e Entscheidung beruhen, ob sie nicht mit derselben zu vereinigen
‚Sie umfasst die älteren Gattungen Anisotoma und Agathidium,
"zwei Gruppen Anisotomini und Agathidini geschieden, er-
ere mit bedornten Schienen, mit nach den Gattungen verschiedener,
nach dem Geschlechte (sexus) aber gleicher Fussgliederzahl; die
letztere mit meist glatten Schienen und nach dem Geschlecht ver-
2330 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
schiedener Fussgliederzahl. (Die Männchen haben immer 5,5,4, die
Weibchen entweder 5,4,4 oder 4,4,4 Fussglieder). Die erste Gruppe
enthält die Gattung Triarthron Märk., Hydnobius Schm., Anisotoma
F., Cyrtusa Colenis (beide im Jahresber. f. 1841 schon angezeigt),
Agaricophagus Schm., die zweite Gr. enthält ausser Agathidium und
Liodes (Leiodes Schm.), die neue Gatt. Amphicyllis (globus F. mit der
Abänd. A. staphylaeum Gyll. und globiformis Sahlb.) durch Agliedrige
Fühlerkeule u. s. w. von Agathidium abweichend. In geographischer
Hinsicht bemerkenswerth ist der Umstand, dass diese Familie fast
ausschliesslich der europäischen Fauna angehört, und nur einzelne
Arten von Hydnobius, Liodes und Agathidium auch in Nordamerika
und Mexiko einheimisch sind.
Phalacrides. Eine vom Ref. in „Deutschl. Ins.” neu be-
gründete Familie, der Gattung Phalacrus entsprechend, welche weni-
ger den Erotylenen, denen Latreille sie einschloss, als den Nitidu-
larien verwandt erscheint, von denen sie hauptsächlich durch kuglige
Vorderhüften abweicht. Auch hier ist noch von der Kenntniss der
früheren Stände näherer Aufschluss über die natürlichen Verwandt-
schaften zu erwarten. Die einheimischen Arten theilen sich in zwei
Gattungen Phalacrus (corruscus) mit grossem Schildchen und kur-
zen Füssen und ohne deutliche Enddornen der Schienen, und Ole- _
brus (bicolor u. s. w.) mit gestreckten Hinterfüssen, an denen na-
mentlich das erste Glied verlängert ist. — Eine mit Olibrus ver-
wandte aussereuropäische Form bildet eine dritte Gattung Lito-
chrus (Sphaerid. testaceum F. u. a. A.), bei welcher das zweite
Glied an den lang gestreckten Hinterfüssen verlängert ist. Eine vierte
südeuropäische Gattung To/yphus (Ph. granulatus Dej.) mit nicht
verlängerten Hinterfüssen und zugleich deutlichen Enddornen, weicht
in der Körperform und der Bildung der Beine etwas von 2 übri-
gen ab.
Nitidulariae. Der Bearbeitung dieser Familie in seinen
Ins. Deutschl: hat Ref. seite frühere Eintheilung (s, Jahrb..£ 1842.
S.183. u. f. 1844. S. 101) zum Grunde gelegt, nur mit der Abänderung,
dass die Gruppe der Strongylinen auf sölche Nitidularien beschränkt
ist, bei welchen der Hinterrand des Halsschilds auf die Wurzel der
Flügeldecken übergreift, so dass also die Gattungen Pria, Meligethes,
Thalycra und Pocadius noch in der Gruppe der Nitidulinen aufge-
hommen sind.
Die Gatt. Meligethes ist von Sturm im 16ten Bändchen seiner
„Deutschl. Ins.” abgehandelt, und durch trefflliche Abbildungen er-
läutert, welche in dieser Gattung von besonderem Werth sind, da
die Unterschiede der Arten oft wenig in die Augen fallen, und zum
Theil vorzüglich in der Zahnung der Vorderschienen liegen, die der
Verf, denn auch immer besonders dargestellt hat. Während Dejean
in seinem Catalog nur M. pedicularia und aenea als Arten aner-
VE
“ Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. 231
kannte, sind von Herrn St. bereits 29 Arten abgebildet, und da Ref.
kurz nachher in seinem Werke noch 21 neue deutsche Arten hinzu-
fügen konnte, scheint noch eine weitere Nachlese in Aussicht zu sein.
Cryptarcha quadrisignata Küster (Käf. Europ. 1. n. 15),
bei Erlangen in Gesellschaft der Cr. strigosa und imperialis einmal
gefunden, scheint mir ein zwerghaftes Stück der ersteren dieser bei-
milie der Colydier einen Theil der Latreille’schen Xylophagen zu-
‚sammengefasst, welche an allen Füssen vier Glieder und zugleich
kuglige Vorderhüften haben, Mit ihnen verbinden sich noch einige
Gattungen, welche von Latreille mit Unrecht theils zu den Pentame-
ren, wie Colobicus, theils zu den Heteromeren, wie Sarrotrium u.a.
gezählt waren. Ref. hat a. a. ©. zugleich eine Uebersicht über den
Inhalt der ganzen Familie gegeben, welche sich auf folgende Weise
in Gruppen und Gattungen gliedert.
4. Hinterbeine genähert.
1. Gr. Synchitini. Die Bauchringe des Hinterleibes von glei-
cher Länge. |
"A. Die Schienen ohne Enddornen. Die drei ersten Fussglieder
ziemlich gleich kurz.
‚, a. Die Fühler vorgestreckt und nicht unter den Kopf zurückzu-
legen. 1. Sarrotrium J1l. (3 deutsche Arten). — 2. Cortieus Dej.
Latr. (4 südeuropäische Arten). — 3. Rhagodera Mann. — 4. Dio-
desma (1 deutsche Art).
b. Die Fühler unter den Kopf zurückzulegen. 5. Rechodes,
neue Gattung mit 2 afrikanischen Arten. — 6. Ulonotus, neue Gat-
tung mit 1 Art aus Neuseeland. — 7. Endophloeus Dej. (3 südeuro-
Päische Arten). — 8. Priolomus, neue Gattung mit 1 neuen Art
aus Madagascar. — 9. Sparactus, neue Gattung (Ditoma inter-
Fupta Er. aus Vandiemensland). — 10. Cözelus Ziegl. Latr. — 11.
Tarphius, neue Gattung mit 1 Art aus Sieilien. — 12. Paryphes,
neue Gattung aus Columbien (1 Art).
© °B. Die Schienen ziemlich gleich’ dick, mit kleinen feinen End-
dormen, die drei ersten Fussglieder ziemlich gleich kurz,
va. Mandibeln mit zweizähniger Spitze. (Fühlerkeule zweigliedrig):
13. Ditoma (Bitoma Hbst.). — 14. Phlveodalis, neue Gattung aus
Brasilien (1 Art). — 15. Cerehanotis, neue Gattung aus Mädagas-
car (2 Arten). — 16. Trachypholis, neue Gattung aus Ostindien
(Oparr. hispidum F.). — 17. Colobicus Latr.
- _ b. Mandibeln mit einfacher Spitze. 18. Diplotoma, neue Gat-
ng aus Madagascar (2 Arten). — 19. Synchita Hellw. (S. Juglandis).
— 20. Cicones Curt.
©. Die Schienen an der Spitze ein wenig erweitert, und hier
ger den kleinen Enddornen noch mit feinen Dörnchen besetzt,
€ drei ersten Glieder der Füsse gleich kurz. — 2. Lusconotus,
}
| den Arten zu sein. ,
Colydii. Ref. (Deutschl. Ins. I. S.251) hat unter der Fa-
BF
-
232 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
neue Gattung (1 Art aus Mexiko). — 22. Phloeonemus Dej. (1 Art
aus Columbien).
D. Die Schienen mit längeren Enddornen, das erste Fussglied
länger als die mittleren: — 23. Meryx Latr. — 24. Acropis Burm.
— 25. Plagiope, neue Gattung (1 Art aus Portorico).
1. Gr. Colydiini. Der erste Bauchring des Hinterleibes länger
als die übrigen. j j
A. Die Einlenkung der Fühler vom Stirnrande verdeckt: — 26.
Mecedanum, neue Gattung von ungewöhnlich langstreckiger Form,
aus Madagascar. — 27. Aulonium, neue Gattung, die europäischen
Arten Trogosita sulcata F. und Colyd. bicolor Herbst, und mehrere
amerikanische Arten, als Colyd. bidentatum F. und Col. parallelo-
pipedum. Say enthaltend, — 28. Colydium F. — 29. Eulachus, neue
Gattung mit einer neuen Art aus Westindien.
B. Die Einlenkung der Fühler frei. — a, Augen vorhanden. 30,
Nematidium, neue Gattung (Col. eylindricum F.). — 31. Teredus
Dej. — 32. Oxzylaemus, neue ‚Gattung (Lyet. cylindrieus Panz.,
2 Arten). — b. Keine Augen. 33. Aglenus Er. (Hypoph. brunneus
Gyll.). — 34. Anommatus Wesm.
B. Die Hinterbeine auseinandergerückt.
I. Gr. Bothriderini. Der erste Bauchring ‘des Hinterleibs
länger als die übrigen. Der Taster fadenförmig. — 35. Deretaphrus
Newm.. — 36. Sosylus, neue Gattung (Codyd. rufipes F.)..— 37.
Bothrideres De).
IV. Gr. Pycenomerini. Die Bauchringe des Hinterleibes von
gleicher Länge. Die Taster fadenförmig. —: 38. Pycnomerus Er.
(Lyct. terebrans F.). .
V. Gr. Cerylini, Das vorletzte Glied der Taster verdickt, das
letzte klein , pfriemförmig. — 39. @/yptolopus, neue Gattung aus
Brasilien (1 Art). — 40. Phüothermus Aube. — 41. Cerylon Latr,
(4 deutsche Arten). — 42, Discolom.a, neue Gattung, (1. Axt aus
Cuba). — 43. Mychocerus, neue Gattung (3 amerikanische Arten).
Ueber die Gattung Rhagodera habe ich nachträglich zu bemer-
ken, dass die oben genannte Mannerheim’sche von der Eschscholtz-
schen verschieden ist: Die letztere ist heteromerisch und gehört zu
den Zopheriten; den von Mannerheim als RA. tubereulata Eschsch.
beschriebenen Käfer aber. hatte Eschscholtz unter der Bezeichnung
Lyctus? serricollis der. hiesigen Sammlung mitgetheilt.
Die von Redtenbacher (d. Gatt, S, 24.155) errichtete Gattung
Anoectochilus fälit mit meinem Aulonium zusammen.
Paussili. Westwood hat seine neuere Monographie dieser
Familie in den Arcan. Ent. fortgesetzt und zum Schluss geführt. Es
sind noch die Gattungen P/atyrhopalus und Paussus abgehandelt und
mit zahlreichen Abbildungen erläutert worden (T. 68 u, 88—94). Neue
Arten sind Platyrhopalus angustus aus Ostindien (S. 78. T. 68.
F. 3) mit welchem (5.190) Pl. suturalis W. (S.161. T.88.F.1)
Naturgeschichte der Insecten während. des Jahres 1845. 233
"vereinigt wird, Paussus Boysii (S.177. T. 92. F. 2.T. 90, F. 6),
ebendaher, P. denticulatus (S. 179. T. 92. P.1. T, 90, F.17) eben-
daher; P. Latreillei. (8.184. T.91.F.5) aus Sierra Leona und
vom Senegal, P. cölipes (S.185. T.93. F.3) von Sierra Leona,
Paussus aethiops Blanch. (S. 186. T.93.F.6) aus Nubien, P.
Shuckardi(S. 187. T. 92, F. 5) aus Südafrika, P.cognatus (S. 189.
T.94.F.3) aus Bengalen, P., Saundersii (S.190. T.94.F.6) aus
| Ostindien. Auch die systematische Stellung der Paussilen ist vom
Verf, vielseitig geprüft worden, wobei sich ihm ergeben hat, dass
sie eine vereinzelte und höchst abweichende Gruppe bilden (S. 168).
Sehr lehrreiche und wicbtige Mittheilungen sind inzwischen von
Capt. Boyes über Paussus gemacht (Journ. of the Asiat. Soc. of
Bengal, N. Ser. 1943. 1. 8.421) und im Auszuge in den Ann. of Nat.
- hist. XV. S. 88 und in Westw.+Arcan. Ent. a. a, ©, mitgetheilt. ‚Der
Verf. betrachtet sie als den Caraben verwandt, um so mehr als die
Füsse eigentlich 5gliedrig sind. Im Fluge sind sie äusserst flink und
beweglich, und lassen sie sich nieder, so ziehen ‚sie die Flügel so
schnell ein, dass es scheint, als wären sie heruntergefallen, auch
sitzen sie dann noch einige Minuten still, wie es viele Caraben zu
thun pflegen. Ihr Gang ist aber sehr langsam und unbeholfen; die
Fühler sind dabei vorgestreckt, und zuweilen in zitternder Bewegung.
- Das diesen Käfern beigelegte Vermögen zu puffen, wie die Brachinen,
_ _ wird vom Verf. bestättigt; der Dunst hat einen Geruch nach Sal-
petersäure und entschieden ätzende Eigenschaften. Die Beule, welche
- sich bei mehreren Arten am Rande der Flügeldecken findet, hat
unter sich einen ähnlich gestalteten Anhang des Hinterleibes, welcher
eine eiterartige Flüssigkeit bereitet, welche in der Gefahr über die
Flügeldecken ergossen wird. Einige vom Verf. entdeckte neue Arten
sind in Westwood’s Monographie aufgenommen, in der Abhandlung
“ von Boyes sind sie zwar beschrieben und abgebildet, aber nicht be-
mannt. — Die Paussus wurden vom Verf. in hohem Grase geschöpft,
die meisten jedoch in dunklen Nächten bei Licht auf einem Bogen
weissen Papiers gefangen (Proceed. Ent. Soc. S. 76). — Eine sehr
wiehtige Entdeckung des Verf. ist die der Verwandlung von Paussus
(Ceratoderus) bifasciatus Koll., (ebenda S. 104) und ‘wünschenswerth,
dass sie bald möchte veröffentlicht werden, da dadurch ein Aufschluss
ee. die Stellung der Familie erhalten werden könnte,
2
4 Bhysodides. Vorläufig ist von Ref. (Deutschl. Ins. S. 297)
aus Rhysodes und Clinidium eine eigene Familie gebildet, deren Ver-
'wandtschaft zu den Carabicinen, obgleich schon von Kirby angedeu-
‚tet, doch moch nicht hinlänglich gewürdigt war, Sie spricht sich
'vornämlich in gleicher Gliederung des Hinterleibes, der Beine und
zum‘Theil selbst der Brust aus, namentlich ist die Unterseite des
Prothorax der der Caraben durchaus entsprechend, nur mit der Ab-
weichung, dass hier die bei den Caraben vorhandene Nahtlinie zwi-
‚schen Prosternum, und Episternen fehlt. In dieser Bildung den, Pro-
1 Archiv f. Naturgesch. XJL, Jahrg. 2. Bd, Q
234 Erichson: Bericht über die wissensch, Leistungen in der
thorax schliessen sich die Rhysodiden aber auch den ‘Cucujen an,
wo wenigstens bei den Passandrinen eine sehr ähnliche vorkommt,
Die von denen der Caraben sehr abweichend gebildeten Mundtheile
sind bisher noch nicht richtig dargestellt gewesen. Die Maxillen
zeichnen sich durch zwei lange borstenförmige Laden aus; das Kinn
ist mit der Unterfläche des Kopfes verwachsen, die Unterlippe an’ der
Innenseite desselben angeheftet, zweilappig, lederartig. Die beiden
Gattungen Rhysodes und Clinidium sind dadurch unterschieden, dass
bei der ersteren zusammengesetzte, bei der letzteren nur einfache
‘Augen sich finden, ich habe mich aber später überzeugt, dass es
unter Olinidium auch ganz blinde Arten giebt, wie Kirby es beschrie-
ben hat.
Rhysodes trisulcatus Germar aus Sicilien ist in der Faun. Ins,
Europ. 23. 7. abgebildet. R r
Cucuiipes. Ref. (Deutschl. Ins.) stellte in dieser Familie
folgende Eintheilung auf. A. Passandrini. Maxillen‘ durch einen
Fortsatz des Kehlrandes bedeckt, die Füsse bei beiden Geschlechtern
Sgliedrig. 1. Passandra Dalm. — 2. Hectarthrum Newm., 3. Cato-
genus Westw., 4. Ancistria Hifgg. (Colydium retusum F.); 5. Sca-
lidia, neue südamerikanische Gattung; 6. Prostomis Latr. (Mega-
gnathus Dej.). — B. Cucuiini. Fussglieder des Männchens hete-
romerisch, Maxillen frei, Mandibeln ohne Mahlfläche: 7. Cuewius F.,
8. Palaestes Perty (Camptognathus Dej.), 9. Platisus Er.; 10. Pedia-
cus Shuck. (Biophloeus Dej.); 11. Phloeostichus Redt.; 12: Ino Lap.,
13. Laemophloeus Dej., 14. Lathropus, neue Gattung (Trogosita se-
picola Müll). — €. Brontini. Mandibeln mit einer Mahlfläche,
Maxillen frei; Füsse in beiden Geschlechtern Sgliedrig: 15. Dendro-
phagus Schönh.; 16. Brontes Payk.; 17. Platamus, 18. Telephanus,
zwei neue, die folgende mit der vorhergehenden verbindende ameri-
kanische Gattungen; 19. Psammoecus Boud.; 20. Silvanus Latr. (Die
Gattung Adelina Chevr. ( Cucuius Planiıs FR.) gehört nicht hierher,
sondern zu den Tenebrionen).
Germar (Faun. Ins. Europ. 23. 10) bildete unter den Namen
€. puniceus einen Käfer ab, den ich (a. a. O.) als C. haematodes von
C. sanguinolentus unterschieden habe. Der C. puniceus Eschsch.
Mann. von Sitkha nähert sich‘ durch seine rothen Beine mehr dem
nordamerikanischen C. clavipes. — Ebendas. T. 10 Ban En
auch eine Abhildung des Phloeostichus denticollis,
Uryptophagides. Chaudoir (Bull. Mose. Il. 8. 206) er-
richtete eine neue Gattung Myrmecinomus auf, welche sich zwi-
schen Paramecosoma und Atomaria einreihen könnte, mit der erste-
ren kommt sie in der Stellung der Fühler überein, weicht aber durch
die Bildung der Füsse ab, an welchen das vierte Glied so gross’ist
als die vorhergehenden. Die Fühler zeichnen sich dadurch. aus, dass
ausser den drei letzten eine Keule bildenden Gliedern auch das fünfte
=
u
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. 235
Glied’ dicker ist als die übrigen. Zugleich weicht die Gattung von
den übrigen ‘dieser Familie’ dadurch ab, dass der letzte obere Hinter-
leibsring von den Flügeldecken unbedeckt ist. Ueberhaupt' scheint
mir ihre Stellung in dieser Familie noch nicht ganz unzweifelhaft zu
sein. M. Hochhuthii.ist ein, einer kleinen schmalen Monotoma
im: Ansehen ähnliches Käferchen, welches bei Kiew im Neste der
Form. rufa entdeckt wurde, ‘da es auch schon von Herrn Schüppel
bei Berlin angetroffen worden ist, wird es sich auch in Deutschland
wohl wieder auffinden lassen,
Dermestini. Hope (Transact. Ent. Soc. Lond. IV. S. 105)
stellte einen Anthrenus australis von Adelaide auf; sollte es
nicht ‚ein abgeriebener Anthr, varius sein, welcher auch schon in
Neuholland eingeführt ist?
- Zamellicornia. Bemerkungen über die blätterhörnigen Kä-
fer der Neapolitanischen Fauna sind von Ach. Costa mitgetheilt
worden (Osservationi intorno ai Coleotteri Lamellicorni del Regno
di Napoli, Ann. dell. Accad. degli Aspirant. nat. di Napoli Il. 19. 3.
1844). Der Verf. vergleicht zunächst die neapolitanische Fauna mit
der anderer Gegenden Europa’s, namentlich Südfrankreichs, beschreibt
dann drei neue Arten (s. u.) und liefert zuletzt ein Verzeichniss der
im Neapolitanischen gefundenen Arten. Im ersten Abschnitte finden
sich über das Vorkommen einzelner Arten einige Mittheilungen, unter
denen folgende vorzugsweise einer Erwähnung wertli sind. In der
Nähe der Rauchspalten des Vesuv, wo die sandige Lava eine Wärme
von 67° R. hat, findet sich eine eigenthümliche Art von Aphodius,
welcher vom Prof. Costa bereits als Aphod. Macri (Atti della R.
Accad. dell. scienc. I, 39. 5) beschrieben ist; ausserdem fanden sich
dort (im Mai 1836) Aphod. urenarius, merdarius, scybalarius, gra-
narius, ausser Arten anderer Familien, unter denen Dromius qua-
drillum vorherrschte. — Pachypus excavatus hält sich an feuchten
Stellen am Meere auf, und der Verf. vermuthet, dass die Larve des-
selben in den Stämmen des (Vitex) Agnus castus lebt. >
Ateuchini. In den Symbolae Physicae sind von Klug meh-
ere neue Arten yon Ateuchus und Gymnopleurus dargestellt worden.
Ateuchus compressicornis, aus den Wüsten Arabiens, ist dem
A. sacer und pius zunächst verwandt, A. parumpunctatus, aus
Unterägypten und Syrien, steht in naher Verwandtschaft mit A. pun-
otieollis Latr., wenn nicht unter diesem Namen die gegenwärtige Art
mit’den A. Armeniacus Mann. verwechselt wird; ein besonderes In-
teresse bietet eine dritte Art, 4. PR PR SICH] mit verlängerten
Vorderbeinen und vielzahnigen Vorderschienen, von Alexandrien, dar,
indem sie Mnematium mit Ateuchus verbindet, in der Weise, dass
entweder A. multidentatus als ein geflügeltes Mnematium oder die
Mnematien als ungefügelte Ateuchen zu betrachten sind. Von den
vier neuen Gymuopleuren, welche alle im Wüsten Arabien einhei-
Q*
336 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
misch sind, gehören @. anthracinus zu denen mit Azähnigem, @.
atratus, lacunosus und elegans zu denen mit a
Kopfschilde. br
Westwood (Proceed. Ent. Soc. S.100) machte zwei neue süd-
afrikanische Arten dieser Gruppe, Scarabaeus (Sebasteos) Ga-
lZenus und Sceliages Hippias bekannt; die neue Untergattung
Sebasteos ist mit folgenden Kennzeichen aufgestellt: „Antennae ar-
tieulis 3. et 4. 5to duplo longioribus, 5to et 6to brevibus; elypeus
radiatus, subtus tridentatus. Tibiae anticae angulatae, extus Aden-
tatae, dentibus 2 apicalibus inter se remotis, intus serrulatae dente-
que medio armatae. Tarsi 2 postici articulis subelavatis.”
Derselbe (Descriptions of some Coprophagous Lamellicorn
Beetles from New-Holland; Transact. Ent. Soc. Lond. IV. S. 114. T.8)
hat eine Arbeit über die Ateuchinen Neuhollands veröffentlicht, welche
aus den Proceed. Ent. Soc. schon im Bericht für 1942 angezeigt ist.
Hier sind die neuen Arten durch genauere Beschreibungen und durch
Abbildungen erläutert. Abgebildet sind: Temnopleetron rotundum —
der Gattungsname bezieht sich, auf den abgestutzten Enddorn der
Vorderschienen, eine Eigenthümlichkeit des Männchens vieler Ateu-
chinen, also keineswegs dieser Gattung -— Tessarodon angulatus,
Coproecus hemisphaericus, Aulacium carinatum, Cephalodesmius ar-
miger. Diese Abhandlung ist ein höchst schätzbarer Beitrag zur
Kenntniss der Neuholländischen Insectenwelt.
Aus der Gruppe der Coprini sind mehrere neue Arten von On-
thophagus und Copris beschrieben worden, nämlich; |
Onthophagus chalybeus, dem O. Iphis ähnlich, aus dem
Wüsten Arabien, 0. melanocephalus vom Ambukohl in Aethio-
pien und O. in fuscatus aus dem Wüsten Arabien, beide, dem O,
furcatus verwandt, O. sellatus und O. nitidulus aus Oberägyp-
ten, beide mit einfachem Nackenhorn der Männchen, sämmtlich von
Klug in den Symb. Physicae, Onth. Sinicus Hope (Transact. Ent,
Soc. Lond. IV. S.6) von Tschusan.
Copris Sinicus und Sinensis Desselb, (ebenda) ebendaher,
Copris semisquamosa Curtis (Transact. Lin. Soc. XIX. S.443)
von Rio Janeiro und C. punctatissima Desselb. (ebenda S. 444)
von Chiloe. Die letzte ist das Weibchen der Copr. torulosa
Eschsch. Entomogr.
Aus der Aphodien-Gruppe ist in den Symb. Phys. von Klug
eine Reihe neuer Arten dargestellt worden: A. contractus, von
Ambukohl, zu Colobopterus Muls. gehörend, zeichnet sich, durch
seine kurz gedrungene Form aus, A. Zucidus und leucopterus,
von Alexandrien, beide dem A. merdarius ähnlich, 4A. desertus,
dem A. sordidus nahe stehend, aus dem Wüsten Arabien, A. hiero-
glyphicus, dem A. conspurcatus verwandt, von Alexandrien, 4.
drunneus aus Nubien, 4. vitellinus von Alexandrien, beide dem
Aph. nitidulus ähnlich, 4, angustatus, der ungefleckten. Abänd,
Naturgeschichte! der Insecten während des Jahres 1845. 237
des A. bimaculatus ähnlich, aus Oberägypten, A. rutilus, von der
Grösse und‘Form des A, rufus St., aus dem Wüsten Arabien, Psam-
modius laevicollis, ebendaher, mit einzeln punktirtem, unge-
furchten Halsschilde, Endlich noch eine neue Gattung Corythode-
rus, mit erhöhtem, hinten eigenthümlich gefaltetem Halsschilde,
kurz dreieckigem Kopfschilde, schwach zweizähnigen Vorderschienen,
ungedornten, an der Wurzel. stark zusammengedrückten hinteren
Schienen, gleich langen, zusammengedrückten Fussgliedern und sehr
feinen Klauen. Die Art C. Zoripes, nur 14’ lang, ist von Dongola.
Costa (a. a. O.) stellte zwei neue Arten auf: Die eine Oxyo-
mus arenarius (S.17.N.1) ist ein ausgezeichneter, auch auf Si-
cilien einheimischer Rhyssemus, die andere, Psammodius laevi-
pennis (S.18.N. 2), von der Grösse des Ps. poreicollis, aber hinten
breiter, vorzüglich durch die Flügeldecken mit feinen eingegrabenen
Längslinien, in deren Grunde sich auch mit einer scharfen Lupe
keine eingestochenen Punkte bemerken lassen, ausgezeichnet; 'an san-
digen Küsten.
Zwei neue Arten sind ferner Euparia nigricans (W.) und
Ryparus Desjardinii (Guer.) Westwood (Proceed. Ent. Soc.
5.93), die letztere aus Isle de France, die erstere unbekannten Va-
terlandes.
Die Gruppen der Trogiden und Geotrupiden sind von
. Westwood einer genaueren Prüfung unterworfen worden: On the
Lamellicorn Beetles, which possess exserted Mandibles and Labrum,
and 10jointed Antennae, Transact. Ent. Soc. Lond. IV. S. 155. T. 11. 12).
Die beiden genannten Gruppen erscheinen durch so viele Zwischen-
formen verbunden, dass die bisher aufgestellten Kennzeichen zur
Unterscheidung derselben nicht ausreichen. Der Verf. entwirft dem-
nach folgende Eintheilung: h
- - Geotrupidae: Antennarum clava .articulo basali infundibuli-
formi, maxillarum lobi membranacei; Jabium lobis plerumque por-
rectis. -
A. Antennae 11-articulatae. Geotrupes, Lethrus, Athyreus, Ele-
phastomus, Bolboceras.
3. Antennae 10-artieulatae. — a. Prothorax integer.
b. Tibiae anticae eg — c. Mandibulae
om .uneinatae . . 200 0. Hybosorus
0»66, Mandibulae Jatiores, - - 2. "Ungues bitdi—
2. Tibiae posticae in medio inermes . . . . Sülphodes
nee. Tibiae posticae in medio dentatae . . . Coelodes
dd. Ungues simplices . » . .» 2.2... .. Chaetodus
bb. Tibiae anticae bidentatae . . . . . . Apalonychus
aa, Prothorax canalieulatus . . . . . . . Anaides.
”
= Progidae: Antennarum clava artieulis liberis; maxillarum lobi
eornei, externo ciliato-dentato; Jabium lobis plerumque retractis.
238 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
A. Antennae 9-articulatae. j
a. Corpus breve, latum . ... 2202... Jegialia
aa. Corpus longum parallelum . . . ... . Chiron "WW
B. Antennae 10-articulatae. Ama
b. ‚Corpus supra Denen mentum profunde
ineisum . .W. ul ime al Aesfprigeinaie
bb. Corpus plus minus convexum; mentiim haud
profunde ineisum,
ce. Caput sub pectus haud contractile; corpus
haud globosum, ;
d. Pedes mediocres, tarsis gracilibus.
e. Prothorax maximus, antice subbituberculatus Geobius
ee. Prothorax mediocris, antice haud subbitu-
bereulatus.
f. Prothorax antice plus minusve retusus, dorso i
irregulari, caput saepius cornutum in dd;
maxillarum lobts internus denticulatus.
&- Mandibulis Adentatis . . . 2... . . Orphnus
gg. Mandibulis 3dentatis . ... » » + =. . Dröodontus
ggg. Mandibulis 2dentatis . , . degidium
ff. Prothorax et caput simplicia; an .
lobus internus in spinam curvatum productus Ochodaeus
dd. Pedes abbreviäti, tarsis crassis . . . . Trox, sen
ce. Caput sub pectus contractile; corpus glo-
bosum .... a. orale Re und
die von Wertär- Hatok äBeedonderten Untergattungen.
Genau genommen finden sich aber unter diesen beiden Abthei-
lungen mehrere enthalten, und natürlicher gestalten sich die Reihen,
wenn die oben aufgeführten Gattungen in folgende Gruppen vertheilt
werden:
1. Geotrupes, Lethrus, Athyreus, Bolbocerus (mit Einschluss yon
Elephastomus).
2. Hybosorus, Silphodes, Coelodes, Apalonychus. .
3. Hybalüs (Geobius), Triodontus, Orphnus, Aegidium, Ochodaeus.
4. Trox (mit Einschluss von Phoberus), Chaetodus, Anaides, Cry-
ptogenius, Acanthocerus (mit den verwandten, von Germar un-
terschiedenen Gattungen).
Hinsichts der Kennzeichen und der Einordnung dieser Gruppen
verweise ich auf meine Ins. Deutschl. — Die Gattungen Aegialia und
Chiron müssen ‘den Aphodien angeschlossen werden; eine diesen ent-
sprechende Form der Copriden ist die von W. übergangene Gattung
Aulonocnemis RI.
Indess gehört die vorliegende Arbeit zu den ausgezeichnetsten
durch die genaue mit vielen Zeichnungen erläuterte Darstellung einer
Reihe neuer oder noch unvollkommen bekannt gewesener Gattungen:
I. Hybosorus Mae L. ist naturgemäss beschränkt, jedoch müssen
FRE
a2 2, dan A nu
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845, 239
die Arten noch genauer festgestellt werden. Der Verf. führt deren
8 auf: 1. H. arator F. M’L. aus Südfrankreich und Spanien (unter-
scheidet sich von der Art, welche ihrer Verbreitung nach arator F.
sein könnte). — 2. H. latipes Germ. (ist Acanthoc. aphodioides Germ.)
— 2. H. orientalis aus Ostindien (hierzu gehört Scar. stereorator
Hbst.). — 4. H. Roei, ebendaher und nach W. eigener Meinung
schwerlich verschieden. — 5. H. Laportei W., aratur Lap. vom
Senegal (nach meiner Meinung der wahre arator). — 6? 4, nitidulus
Duf. Lap. ‚ ebendaher (nach Dejean’s ohne Zweifel richtiger Bestim-
mung ein Orphnus). — 7. H. thoracicus, ebendaher (vermuthlich
Abänd. des eigentl. Arator). — 8; A. pinguis W., von Sierra Leona
(vielleicht eine auch am Senegal, in Kordofan und Abessynien vor-
kommende Art, welche von den übrigen durch dichte Wimpern der
Halsschildseiten abweicht. — Die von mir als H. arator (F.) ange-
nommene Art hat eine sehr weite Verbreitung, nämlich über ganz
Afrika mit Einschluss von Madagaskar, nach Arabien und nach den
Inseln Italiens und Griechenlands, Portugal, auch findet sie sich in Nord-
amerika, es ist hiernach also die Angabe von W., dass die Gattung
auf die alte Welt beschränkt sei, zu berichtigen). — U. Si/phodes
W., zeichnet sich vorzüglich durch einen von W. nicht hervorgeho-
benen Umstand aus, dass nämlich die Lefze mit dem Kopfschilde
verwachsen ist; die sechs Arten, $. Indica, Madagascariensis,
dubia, Sumatrensis, Philippinensis und @Gambiensis sind
alle nach ihrem Vaterlande benannt, — Phaeochrous Lap. ist
trotz. der dürftigen Angaben dieselbe Gattung, und der Ph. emargina-
tus Wied. desselben wahrscheinlich einerlei mit Sumatrensis, — III.
Coelodes (nicht Coilodes), eine südamerikanische Form, enthält 4
Arten, 1. C. gibbus (Hybos. gibbus Perty, brasiliensis Lap., gemina-
tus Dej,) aus Brasilien, 2. C. Chilensis W. aus Chile, 3. C. casta-
neus (Bugq.) aus Columbien, 4. C. parvulus W. aus Brasilien, nach
des Verf, Ansicht yielleichtnur Abänd. einer einzigen Art. — IV. Chaeto-
dus W., eine ebenfalls südamerikanische Gattung, welcher 1. Ch.
piceus W. und 2. Ch. irregularis W., beide aus Brasilien, ange-
hören, die dritte Art, C'h.? basalis W., aus Cayenne, von welcher
der Verf, ein Stück ohne Kopf beschrieb, bildet eine eigene Gattung
Dicraeodon des Ref., welche in die Reihe von Hybosorus gehört.
— .V. Anaides, (Adelops Dej.) bildet mit Chaetodus und Crypto-
genius ‚eine Zwischenform zwischen Trox und Acanthocerus, welchen
letzteren sie sich schon durch die eigenthümlich gestrichelte Unter-
seite annähern; eine Art A. fossulatus W. aus Südamerika, —
VL Apalouychus (Trichops Dej.) mit einer Art A, Waterhou-
sei von Cuba; der Verf. hat nur Männchen gekannt, das Weibchen
ist, von plumperem Bau und hat einfache Klauen. — VJI. Crypto-
genius W. mit einer Art Cr. Miersianus W. aus Neugranada
(auch Brasilien). — VIIL Geobius Brull. (Hybalus Dej., welcher
Name auch vorzuziehen ist, da Dejean eine Carabengattung Geobius
340 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in. der
beschrieben. hat) 'mit 2'Arten, G. Dorcas (Copr.. Dorcas.F:, Hyb.
cornifrons Dej.) und G. barbarus Lap, — IX. Triodontus. W.,
gleicht Orphnus sehr, weicht aber auch ausser den Zähnen der'Man-
dibeln durch die Bildung des Halsschilds ab; auf einer kleinen, unter
dem Namen Orphn. Madag.ascariensis verbreiteten, und als O. niti-
dulus von Guerin in der Icon. R. A. abgebildeten Art gegründet, —
4Aegidium Dej:, ‚eine südamerikanische Form mit vier.'Arten:' 1.
Ae. Columbianum Westw. aus Columbien, 2. de. parvulum
Billb. (Ae. muticum Dej. von Guadeloupe, 3. de. haedulus Dej.
aus Brasilien, 4. de.? Guianense W. aus Guiana, von den übrigen
Arten durch kürzere Gestalt u, s.. w. ein wenig abweichend. — XI.
Orphnus M’Leay, mit 10 Arten: 1. 0..bicolor (F.) M’L, — 2. 0.
Mysoriensis Westw. von Mysore, — 3..0. picinus W. von.Bom-
bay, — 4. O. impressus W. aus Mittelindien, — 5. O. nanus W.
aus Ostindien, — 6. 0. Meleagris Dej. vom Senegal, — 7..0, Mac
Leay Lap: ‘ebendaher, vielleicht derselbe, — 8. 0. Senegalensis «Lap.
ebendaher, — 9. 0. Verreauzii Reiche vom Cap, —: 10,0, nitz-
dulus Duf. Dej. Cat. (unbeschrieben) vom Senegal.
Die russischen Arten der Gattung Lethrus wurden von Gebler
(Bull. Mose, 1. S. 327) auseinandergesetzt. 1. L. cephalotes auct.,
in Podolien, Südrussland und der östlichen Kirgisensteppe. — 2. L.
seopurius Fisch., in der östlichen Kirgisensteppe. — 3. L. Kare-
lini Gebl., in derselben Steppe an den Flüssen Lepsa und Tentek.
— 4. L. longimanus Fisch., aus der nördl. und östl. Kirgisensteppe.
5. L. crenulatus Gebl., neue Art, aus gleicher Gegend 'mit n.3.
— 6. L. podolicus Fisch., eine zweifelhafte, von Besser und Dejean
als kleine Abänd. des L. Cephalotes mit an der Spitze abgeschnitte-
nem Kopfschilde und kürzerem und von der Spitze nicht verdeckten
Fortsatze der Mandibeln, betrachtet. — In einem Zusatze (ebenda
S. 337) setzte Fischer v. Waldheim die Unterschiede zwischen
L: cephalotes und podolicus ausführlich auseinander, und fügte noch
zwei neue Arten hinzu: L. dispar, mit einem die Mandibel selbst
überragenden Fortsatz derselben beim Männchen, von Ekatherinos=
law, und Z. bulbocerus, die kleinste Art, mit nicht abgestutzter,
sondern zugerundeter Fühlerkeule, aus der östlichen Kirgisensteppe.
„Die Coleopteren-Gattungen Arhyreus und Bolboceras, dargestellt
nach den in der Sammlung hiesiger Königl. Universität davon vor-
handenen Arten, von Dr. F. Klug (Abhandl. der Kön. Acad. d. Wis-
sensch. z. Berlin a. d. J. 1843. Berl. 1845. S.21).” Von Athyreus sind
17 Arten beschrieben, davon sind neu: 4. A. trituberculatus aus
Brasilien, 6. A. /Zanuginosus aus Columbien und Brasilien, 7. 4.
angulatus von Cuba, 8, 4. mexicanus aus Mexiko, 10. A. cya-
nescens aus Brasilien, 11. A. aeneus, desgl., 12. A. corint hius,
desgl., 13. 4. anthracinus, desgl., 14. A. violacens, desgl., 16.
A. Kordofanus aus Kordofan. — Von 26 Arten von Bolboceras
sind neu: 3, B. coronatus, aus dem südwestl. Neuholland, A. 2,
Natürgeschichte der Insecten während (des Jahres 1845. 241
quadricornis, desel., 6. B.ezcavatus, desgl., 9. B.castaneus
aus Brasilien, 10. 3. /utulentus, desgl., 11. B. validus, aus dem
Wüsten Arabien, 14. B: trisulcatus, aus Bengalen, 16. B: ca-
pensis, vom Cap, 22. B. bonariensis, aus Montevideo, 25. 2.
lZucidulus, aus Brasilien, 26. B. caesus, aus dem Britischen Gu-
iana. Die Abhandlung ist durch schöne Abbildungen erläutert.
Athyreus frontalis Parry (Transact. Ent. Soc. Lond. IV,
S.85) ist eine neue dem A. orientalis Hope verwandte Art aus Assam.
Curtis (Transact. Linn. Soc. XIX. S. 444) stellte 3 Chilesische
Arten von Troz auf: Tr. bullatus, eine grosse ungeflügelte meue
Art; Tr. lacrymosus’ ist als Tr. brevicollis schon von Esch-
scholtz (Entomogr.) beschrieben; Tr. trisulcatus ist dem euro-
päischen Tr. scaber so ähnlich, dass sich kaum ein Unterschied an-
geben lässt. Alle drei Arten sind von Valparaiso. — Acanthoce-
rus muricatus Desselb. (ebenda) ebendaher, scheint mir mit
Acanthoc. posticus Germ. (Zeitschr. IV. S. 144) übereinzustimmen.
Costa (Ann. dell Accad. degl. Aspir, 11. S. 19) stellte einen neuen
Hybosorus unter der Benennung AH. Hopei auf, die genaue Beschrei-
hung macht es indess unzweifelhaft, dass es nichts als Trachy-
scelis aphodioides Latr. ist.
Hope hat die aus den Proceed. E. S. bereits im Jahresber. für
1842. S.195 erwähnte Phaenognatha Erichsoni von Port Essington
durch eine treffliche Abbildung erläutert. Sie schliesst sich wohl
der brasilischen Gattung Aclopus des Ref. zunächst an,
Die Dynastiden-Gruppe bereicherte Hope mit zwei neuen
Gattungen: Dipelicus (Transact. Ent. Soc. Lond. IV. S. 7. T. 1. F.1)
zeichnet sich besonders durch das stark beilförmige Endglied der
Lippentaster aus. Die Mandibeln ungezahnt, die Maxillarlade drei-
zähnig, der untere Zahn 3-, der an der Spitze 2zackig. Der Kopf
mit einem kleinen Horn, das Halsschild eben; die Beine kurz, stark,
die hinteren Füsse mit erweitertem ersten Gliede; die Enddornen
der Hinterschienen blattförmig erweitert. Dip. Cantori, von
Tschusan. — Corynophyllus (ebenda S.112. T.6. F.4) durch eine
verlängerte, an der Spitze erweiterte, gekrümmte Fühlerkeule aus-
gezeichnet; die Mandibeln aussen erweitert gerundet; die Maxillen
nit kurzer, lang behaarter Lade; die Stirn zweihöckrig, die Füsse
schlank. ©. Fortnumi, von Adelaide‘in Neuholland.
“ Neue Arten sind Scarabaeus quadridens Gebler Bullet.
Acad. Petersb. III. 5.100) von Tschuifluss in der Dsungarei, dem Se.
bidens Pall. ähnlich, aber kugliger und von anderer Farbe, braun,
unten rostroth. — Dynastes Cantori Hope (Transact. Ent. Soc.
Bond. 1V.S.76) von Assam, dem D, Hardwickii ähnlich, mit welchem
er, nach der Ansicht des Verf. eine eigene, von Chalcosoma ver-
schiedene Gattung bildet. — Oryctes Galapagoensis Water-
house (Ann. nat, hist. XVI. S.26) von den Galapagos-Inseln. — Xy-
Zotrupes pubescens von den Philippin, Ins. unterscheidet Ders,
242. Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in’ der
(Transaet. Ent. Soc. Lond. IV. 8.40) durch seidenartige Behaarung
vom X. Oromedon. — Oryctomorphus pietus Curtis (Trans-
act. Linn. Soc: XIX, S.447. T. 41.F.1) von Valparaiso ist das Weib-
chen des ©. variegatus Guer. -
„Bemerkungen über die Gattung Cryptodus und deren Ver-
wandte”, von Westwood (Transact. Ent. Soc. Lond. IV. S.19, T.2).
Wieder eine schätzbare Abhandlung, welche zur Kenntniss einiger
zweifelhafter und neuer Formen einen wichtigen Beitrag liefert, ohne
indess den fraglichen Punkt zur Entscheidung zu bringen. Es han-
delt sich nämlich um die Stellung von Cryptodus; der Verf. hat sie
dadurch zu ermitteln gesucht, dass er eine Reihe von Gattungen
nachweist, welche augenscheinliche Uebereinstimmungen mit Crypto-
dus haben, damit ist aber noch nicht der Nachweis geführt, dass
durch diese Uebereinstimmungen eine wirkliche Verwandtschaft be-
dingt wird. Den einzigen sicheren Weg gewährt in solchen Unter-
suchungen die Prüfung der Merkmale, auf denen die fraglichen Abthei-
Jungen beruhen. Die mit Cryptodus hier verglichenen Gattungen
Rhizoplatus, Actinobolus und Leptognathus W. sind schon im Jah-
resber. f. 1841. S.227 nach den Proceed. E. S. aufgeführt worden.
In Betreff der Arten von Cryptodus habe ich hier nur noch zu be-
merken, dass die dem Verf. gemachte Mittheilung, in der Berliner
Sammlung befinde sich eine grosse, 16” lange Art, auf einem Irrthum
beruhen muss, denn von den drei Arten, die sich hier finden, ist keine
grösser als Cr. anthracinus des Ref., welche von Cr. Tasmannianus
W. nicht verschieden ist.
Die vollständige Monographie der asiatischen Ruteliden-Gat-
tung Parastasia ist von Westwood in den Transact. Ent. Soc. Lond,
IV. S:91 geliefert worden (vergl. Jahresber. f. 1841. S. 228). Im
Nachtrage sind noch drei neue Arten P. scutellaris, dimidiata
und nitidula, aus dem Sund von Singhapur, mit den Beschreibun-
gen des Ref. aufgenommen, Im Ganzen sind jetzt 15 Arten bekannt,
Melolonthiden-Gruppe: „Ueber die Flugperiode der Maikäfer
und Beschreibung einer neuen‘ Species Melolontha rhenana
Bach”, von M. Bach. (Verhandl: des naturhist. Vereins der preuss,
Rheinlande. 2. Jahrg. S. 17). Die vermeintlich‘ neue Art ist die ‘durch
dickere weisse Behaarung und’ durch den dem Weibchen fehlenden
Aftergriffel ‘von M. vulgaris verschiedene M. albida Dej. Muls,,
welche bisher in Deutschland noch. nicht. beobachtet war. ,— Der
Verf. nimmt freilich nach ‚wenigen Wahrnehmungen, für die) Rhein-
lande eine dreijährige Flugperiode an, welche Annahme. von. Wirt-
gen: (ebenda S.62) durch eine grössere Reihe von. Beobachtungen
bestättigt wird. Entsprechende Beobachtungen sind in der Entomol.
Zeit., 5.243 vom Niederrhein und der Weser angezeigt.
„Beitrag zur näheren Kemntniss der Hoplia life Dftschm.?
von Dr. Rosenhauer (Ent. Zeit. S. 243).
"rn
Naturgeschichte der Inseeten während’ des Jahres 1845. 243
Neue südasiatische Arten sind: Mimela sapphirina Parry
(Transact. Ent. Soc. Lond. IV, S. 85) aus Assam, Mimela Downe-
sit, Popilia Macclellandii, castanoptera, Holotricha Si-
nensis, plumbea, Serica sinica Hope (ebenda S.7) von Tschu-
san, Melolontha Chinensis (vermuthlich einerlei mit Melolonth.
(Oplosternus) Chinensis Guer. Voy. Favor.) und Auomala con-
troversa Desselb. (ebenda S.13) von Kanton. — Eucheirus qua-
drilineatus Waterhouse von den Philippin. Ins. ist (ebenda S.41)
ausführlich beschrieben.
Anoplognathus (Calloodes) Grayianus White „supra
laete metallico-virescens, flavo-circumdatus, subtus ferrugineus, me-
tallico-tinctus; long. 12— 13%” aus Neuholland (Ann. nat. hist, XV.
S.38) weicht von den übrigen Anoplognathen durch mehr vollkom-
men eirunden Umriss, und die den letzten obern Hinterleibsring fast
bedeckenden Flügeldecken ab; die weitere Begründung der Untergat-
tung ist an einem anderen Orte zu erwarten.
Einen namhaften Beitrag zur Kenntniss südamerikanischer Me-
lolonthiden hat Curtis (Transact. Linn. Soc. XIX. S, 448) gelie-
fert. Eine neue Gattung Tribostethes ist aus Brachysternus ca-
staneus Lap. gebildet, welche von Brachysternus ausser einigen Un-
terschieden in den Mundtheilen durch einfache Klauen abweicht. —
Darauf ist die Gattung Callichloris Dej. beschrieben. Callichl. per-
elegans Curt., einerlei mit Aulacopalpus elegans (Dej.) Burm. Guer.
- ist aber nicht mit Aulacopalpus Guer. zu verbinden. — Lexco-
thyreus? spurius aus Brasilien, und L.? antennatus von Mon-
teyideo, sind zwei neue Arten von Geniates, aus der Abtheilung, wo
die Männchen ohne Kinnbart sind. — Die Gattung Sericoides Guer.
(Cumptorhina Kirby) ist durch eine Beschreibung und Abbildung
erläutert, und eine neue Art $. atricapilla (Kirby) beschrieben.
— Athlia rustica des Ref, der Gattung und Art nach von Neuem be-
schrieben. — Pacuvia, neue Gattung, scheint zunächst mit Liogenys
Guer. verwandt zu sein, von der sie sich durch 9gliedrige Fühler
unterscheidet: P. castanea, neue Art, von Valparaiso. — Accra,
neue Gattung, Fühler 9eliedr,, mit langem dünnen dritten Gliede und
mit schmaler 3gliedr. Keule, Beine lang, die Füsse lang und dünn,
unten unbehaart, das erste Glied von der Länge des 2ten, die Klauen
dünn, einfach; Lefze vortretend: A. Zucida, neue Art von Port St.
Elena, vom Ansehen eine Serica. — Colporhina bifoveo-
data, ein neuer Brasilischer Käfer, welcher Plectris mit Ceraspis
zu verbinden scheint, dessen Fühler und Mundtheile nicht näher be-
- schrieben sind; mit stumpf zweizähnigen Vorderschienen, dünnen und
_ behaarten Füssen, und an der Spitze gespaltenen Klauen. — Macro- '
dactylus marmoratus, neue Art aus Chiloe.
"Die Gattung Maechidius Mae L. ist von Westwood (Transact.
Ent. Soc. Lond: IV. 5.78) einer sorgfältigen‘ Prüfung unterworfen
worden. Der Verf. weist ihre natürliche Verwandtschaft mit den
244 Erichson: Bericht über die wissensch« Leistungen in der
Melolonthiden nach, und meint,‘ dass sie sich einigen; der ‚vielen
kleinen ‘Aphodius-artigen Melolonthiden Neuhollands anschliessen
werde, Sie 'hat indess viel Eigenthümliches. ' Es sind 6 Arten M.
Kirbianus (Trox spurius Rirb.), M. Hopianus, M. Mellianus, M.. Mac
Leayanus, M. Raddonanus und M. rufus beschrieben. Die Gattung
Geobatus Dej. ist mit Maechidius einerlei.
Ein kritisches Verzeichniss aller bisher bekannt re
Arten der Cetonien-Gruppe ist von Schaum in den Annal d. |.
Soc. Ent. d. Fr. Ill. S.37 mitgetheilt worden.
Eine kritische Uebersicht der Arten, von Trigonophorus und
Rhomborhina lieferte Westwood (Transact. Ent. Soc. Lond. IV:
S:87) und gab zugleich die Beschreibungen und Abbildungen zweier
neuer Arten T. gracilipes und Rh. dives aus Sylhet.
Eine neue Goliathidenform ist von White (Ann. nat.vhist. XV.
5.39) bekannt gemacht: O(ompsocephalus, Kopfschild des Mäm-
chens nach vorn in zwei aufgebogene, abgestutzte und ausgerandete
Hörner verlängert, das Halsschild vorn in einen spitzen Höcker vor-
tretend. Die Vorderschienen des Männchens innen stark gezähnelt,
aussen dreizähnig: C. Horsfieldianus, in Abessynien von Dr.
Roth auf der Gesandtschaftsreise des Capt. Harris nach Schoa ge-
sammelt. Eine Abbildung dieses Käfers nach 'beiden Geschlechtern
lieferte auch Westwood Arcana Ent. T.95. — Reiche (Rev, Zool,
S. 119) vermuthet, dass das von White beschriebene (und von Westw,
abgebildete) Weibchen zu einer anderen Art gehört, von welcher er
das Männchen besitzt. und. welche er C: Galinieri nennt. Sie
würde sich von C. Horsfieldianus durch geringere Grösse, Mangel
der Eindrücke auf dem Halsschilde und durch schwarze Flecken auf
den Flügeldecken (die bei jenen einfarbig gelb sind) unterscheiden.
Ausserdem lieferte Westwood .(a.a. O.) eine, Abbildung von
Goliathus giganteus W., nach einem Stücke aus Herrn Turners
Sammlung, das, wie das Drurysche, vom Gaboonflusse stammt. —
Waterhouse (Transact. Ent. Soe. Lond. IV. S.36) lieferte ausführ-
liche Beschreibungen der schon im: Jahresber. für 1841 erwähnten
Mycteristes Cumingüü, Lomaptera cupripes, nigro-aenea, Macronota
Philippinensis und nigrocoeruleu, alle von den Philippin. Inseln. —
Eine neue Art ist noch Cetonia Alessandrini Bertoloni
(a. a.0. S.421.N.15) „nigra, splendens, punctata, thorace vitta mar-
ginali flava; elytris macula fulva magna interrupta, ultimo. segmento
abdominis quadrimaculato; long. 1 cnt. 24 mill.; der C. ee
F. Ol. ähnlich, von Inhambene in Südafrika.
Ueber das Vorkommen und die Verwandlung der Ein von
Cetonia aurata F., von Braselmann (Verhandl. d. naturhist. Ver-
eins der preuss. Rheinlatrde 2. Jahrg. 8.38):
Die Lucaninen sind von Parry (Transact. Ent. Soc. Diond,
IV. 8.55. T.1. F.4) mit einer neuen Gattung -Mitophyllus berei-
chert worden, welche durch.ihre ungetheilten Augen sich an Platy-
ı
» Naturgeschichte der‘Inseeten während des Jahres 1845. 245
eerus schliesst, und sich durch die drei fadenförmig verlängerten
Fühlerblätter des Männchens auszeichnet: M. irroratus, von Neu-
seeland, ist dem Platycerus caraboides an Grösse und Form ähnlich,
aber mit‘anliegenden Härchen bekleidet. — Derselbe Käfer ist von
Guerin unter der Benennung Ptzlophyllum Godeyi bekannt ge-
macht (Ann. d. l. Soc. Ent. d. Fr. Ill. Bull. S. xevn).
-» /Eine Reihe neuer Arten wurde von Hope aufgestellt: Lucanus
Confweius (Transact. Ent. Soc. Lond. IV.S.5) von Tschusan, L.
Oantori, Mearsi, platycephalus, Mucclellandii, Dorcus
Antaeus, Tityus, Reichei, punctilabris, Blanchardi,
cögnatus und Chevrolatii (ebenda S. 73) von Assam und Sylhet.
— Vier neue Arten von Aegus wurden von Westwood aufgestellt:
Ae. platycephalus, uegualis, Malabaricus und distinctus
(Proceed. Ent. Soc. S. 101) das Vaterland (Mababar) ist nur bei der
dritten Art angegeben. — Der von Curtis unter dem Namen Dor-
cus rufo-femoralis Guer.? (Transact, Linn. ‚Soc. XIX, S. 456)
beschriebene bei Port Famine häufige Käfer scheint mit Dorcus fe-
moralis Guer. Rev. Zool. 1839. S. 303 einerlei zu, sein.
.- Hope hat ein Verzeichniss seiner reichen Sammlung von Luca-
ninen veröffentlicht: A Catalogue of the Lucanoid Coleoptera in the
Collection of the Rev. F. W. Hope, together with descriptions of
ihe new, species therein contained. London 4845, Diese Schrift ist
eine angenehme Gabe, indem der Verf. yon einer Menge neuer. Arten
die zum Theil in, verschiedenen Zeitschriften zerstreuten Beschrei-
bungen gesammelt mittheilt, die Arten selbst aber sorgsam geordnet
hat. Dies ist besonders mit der ausgedehnten Gattung Lucanus der
Fall, welche hier Dorcus Aegus u. a. unter sich begreift, welche
- aber nach der Zahl der Fühlerblätter, der Bewaffnung der Schienen
u. s. w. vielfach in Abtheilungen gebracht ist. Eine neue Gattung
Sclerognathus mit einer neuen Art, Sc/. costatus, aus Brasi-
lien, hat Aehnlichkeit: mit Xiphodontus, namentlich auch darin, dass
das, ‚Halsschild des Männchens gehörnt ist.
‚Die Larve und FURRE des Figulus striatus Westw, sind von
Blanchard (Hist. nat. d. Ins. T. 8) abgebildet.
Menebrionites. Neue Arten der Eroditen-Gruppe ‘sind
Zophosis nitida und Capnisa (?) Schrenkii Gebler Bull.
Acad. Petersb. 111. S. 100 aus der Steppe am Tschuifluss in der
‚Dsungarei.
Die Tentyriten-Gruppe bereicherte Waterhouse (Ann. nat,
hist. XVL) mit zwei neuen Gattungen: Stomion ($. 27) stimmt mit
‚dem deutlichen Schildchen, den queren und nicht von der Seitenfalte
des Kopfes bedeckten Augen, dem abgestutzten Kinne und den ein-
fachen Schienen mit Anatolica überein, hat aber die Fühler dünner
mit verdickten Endgliedern, das Kinn ohne Ausrandung und die Kör-
‚perform von eigentlichen Helops.' Drei'neue Arten St. Galapa-
goensis, helopioides, laevigatus sind von den Galäpagos-
246 Erichson: Bericht über die’wissensch. Leistungen in der
Inseln» — Megalophrys (ebenda S. 321) schliesst sich'an'Hylithus,
Thinobatis, Evaniosomus und Melaphorus durch ungetheilte, gewölbte
und stark: gekörnte Augen; die Fühler sind'wie bei den beiden letz-
teren, nach der Spitze hin nicht verdickt, aber mit’ längerem dritten
Gliede, der Kopf ist kürzer, das Halsschild an den Seiten gerandet;
1 neue Art, M. Patagonica), von Port Desire an der Südspitze von
Amerika.‘ — Neue Arten sind Thinohatis rotundicollis Wa-
terhouse (ebenda S. 320) vermuthlich ebendaher, ferner Dentyria
Zaevicollis und Anatoliea tatarica Gehler Bull. Acad. St,
Petersb. 111..S.102) aus der Dsungarei.
Neue Arten ‘der Pimeliten-, Macropoditen-"und Akidie
ten-Gruppen sind Pimelia punctaia, Trigonoscelis Schren-
kii,, Adesmia Gebleri (Mann.) und Akds truncata Desselb,
(ebenda S. 101) ebendaher. j
Aus der Nycteliten-Gruppe gab Curtis (Transact. Linn: Soc.
XIX. S. 461-467. Taf. 41. F.9—16) Beschreibung und Abbildung einer
Reihe meist neuer Arten: Emalodera multipunctdta von Port
Famine, Nyctelia caudata von Port St. Elena, N. undatipen-
nis, ebendaher, N. Fitzroyi Curt. Waterh. Proc. Zool. Soc., von
Valparaiso, N. granulata Curt. Waterh. ebenda, vom Cap Gregory,
N. Bremii Waterh. Ann. nat. hist. XIII., von Cap Fairweather, N.?
eorrugata, ebendaher, weicht von Nyctelia darin ab, dass, wie
bei’ Epipedonota, die Vorderschienen länger sind als die Füsse und
dass der äussere Dorn an der Spitze fehlt, in den Mundtheilen und
im Ansehn stimmt sie ganz mit Nyctelia überein. — Mötragenius
araneiformis von Port Elena, Epipedonota BAARTE WARE POCHE:
ebendaher.
in der Tageniten-Gruppe errichtete Waterhouse eine neue
Gattung Grammicus (Ann. nat. hist. XVI. S. 323) vom Ansehn einer
Tagenia, näher noch mit Microtelus verwandt, von diesen und allen
anderen verwandten Gattungen unterschieden durch die kleinen Augen,
welche ganz oberhalb des Seitenrandes des Kopfes liegen. Eine
neue Art: G. Chilensis, 13” lang, mit zwei Leisten auf dem Hals-
schilde und vier auf jeder Flügeldecke, ist von Valparaiso.
Neue Arten aus dieser Gruppe sind: Ammophorus Galapa-
goensis, bifoveatus, obscurus Desselb, (ebenda S. 30). von den
Galapagos-Iuseln, ferner Scotobius Akidoides Desselb. (ebenda
S. 319) von Port Desire in Patagonien, Scotod. bullatusiund Le-
ptynoderes twberculatus Curtis (Transact. Linn. Soc. XIX.
S. 459, 460. T. 41. F. Du: der erstere von Port Famine und‘ an en
der ‚zweite von Port 'St. Elena. ultra
Die Praociten-Gruppe bereicherte Waterhouse (Ann: wu
hist. XVI. S. 317) mit einer neuen Gattung Platestihes, welche in
naher Verwandtschaft mit Gyriosomus und Praoeis steht, und sich
namentlich ‚dureh. die Körperform auszeichnet, indem der Rücken
fast ganz flach ist. , Pl. sölphordes ist von Port Desire in Patagonien,
» Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. 247
Eine neue Art ist Praocis laevicosta Curtis (Transact.
-Linn. Soc. XIX. S.457) von Valparaiso.
Neue südafrikanische Arten der Moluriten-Gruppe sind: Mo-
Zuris hirta Bertoloni (a.'a. O. S.423.n.17) „nigra, 'hirta, capite
thoraceque crebre reticulato-venosis, punctatis, scutello minimo, ely-
tris tuberceulatis, tubereulis inaequalibus postice recurvis; long. 4 cent,
Von Inhambene, — Moluris cubica, discoidea und variolosa
Guerin (Rev. Zool. $.285) aus den Natalländern.
Neue Arten der Blaptiden-Gruppe sind: Blaps transver-
salis und caudata und Prosodes brevis Gebler (Bull. Acad.
St. Petersb. 111. S. 102), die ersteren aus den Steppen am Tschui, die
„ letzte aus den Steppen am Ajagus-Flusse. — Ferner Nycterinus
rugiceps Curtis (Transact. Linn. Soc. XIX. 5.468) von Valparaiso.
Bei der Aufstellung einer neuen Gattung der Pedinoetes gab
Waterhouse (Ann. nat. hist. XVI. S.34) folgende Uebersicht über
die Pediniten-Gruppe:
1. Ungeflügelt mit verwachsenen Flügeldecken.
1. Die Augen durch den Seitenrand des Kopfes getheilt.
4A. Die Vorderschienen gegen die Spitze hin deutlich erweitert.
A. Die Fühler kurz, schnurförmig .... . . Heliophilus
B. Die Fühler mit meist umgekehrt kegelförmi-
gen Gliedern.
a. Die Mittelschienen gegen die Spitze erweitert. Pedinus
“0.00 b Die Mittelschienen gegen die Spitze nicht
wiss erweitentirwgigu.d den lassjezmmaly op Mi; Isocerus
.B. Die Vorderschienen gegen die Spitze hin nicht
ar brweiterudoji tilain Igor asp. dat youmaiwall ©; Pedinvecus
© 2. Die Augen unbedeckt (nicht vom Kopfrande getheilt).
04. Das Kopfschild gerade abgeschnitten oder
hin schwach gerundet. .2....... 0.020, Platyscelis
B. Das Kopfschild vorn ausgerandet.
Kite! A. Die Fühler deutlich an der Spitze verdickt Eurynotus
0 0B. Die Fühler mit länglichen, nicht dickeren
Bndgliedem zu oa a hier. van Hab. ‚Dendarus
1. Geflügelt, die Flügeldecken frei.
AR 4. Die Augen vom Kopfrande getheilt .... . Blapstinus
3. Die Augen von den Seiten unbedeckt . . ... Opatrinus.
Die neue Gattung Pedinoecus hat das Ansehn von Blapstinus,
unterscheidet sich aber durch längere Beine und gewölbtere, verwach-
sene Flügeldecken. Die drei Arten P. Galapagoensis, costa-
tus und pubescens sind neue Arten von den Galapagos-Inseln.
u dlphitobius? punetatus Curtis (Transact. Linn. Soc. XIX.
‚8,469) von Valparaiso, ist vermuthlich ein Blapstinus.
Neue Arten aus dieser Familie sind Opatrum terrosum.
Küster (Käf. Europ. 11.28) aus Sardinien, Upis Sinensis, Ama-
nyapmis curbonurius, Epilampuspulcher und chrysosti-
248 Erichson: Bericht ‚über die wissensch. Leistungen in der
etus Hope (Transact. Ent. Soc. Lond. IV. S.16) von.Canton, und
folgende von Curtis (Transact.. Linn. Soc. XIX. S.469) beschrie-
bene: Epilasium rotundatum (Dej.) von Maldanado und Gor-
rita, Epitragus aeneo-brunneus von Rio Janeiro, Ep! semi-
castaneus von Gorrite und Prostenus hirsutus von St. Ca-
tharina,
Hope (Transact: Ent. Soc. Lond. IV. S. 106) hat eine Reihe
neuer Arten aus Neuholland aufgestellt, aus den Gattungen Trigo-
notarsus, Tagenia, Platynotus, Opatrum, Isopteron, Endophloeus,
Neomida, Tetraphyllus, Cnodalon, Tenebrio, Helops, Allecula. Ein
Theil dieser Arten muss wegen unzulänglicher Bestimmungen der
Gattungen (z: B. Platynotus, Tagenia, Endophloeus) zweifelhaft blei-
ben. Die neue. Gattung Trigonotarsus wird mit Coelus verglichen,
und der Verf. verspricht in Kurzem eine Abbildung ‚derselben zu
geben.
Guerin bemerkte, dass das überall verbreitete als Margus Jer-
rugineus bekannte Käferchen die Gattung Stene Steph., zugleich aber
die ältere Gattung Tribolium Mac Leay bilde, und also Tribolium
castaneum M’L., Colyd. castan. Hbst. benannt werden müsse (Ann. d.
1. Soc. Ent. d. Fr. Ill. Bull. S. 16. 117). Es ist dabei zu bemerken,
dass Mac Leay sein Tribolium irrthümlich als pentamerisch angiebt,
woraus sich erklärt, dass die Gattung so lange verkannt werden
konnte.
Mordellonae. Guerin (Ann, Soc. Ent. d. Fr: III. Bull.
S.ıxıx) fand in trockenen Stengeln von Euphorbia und zwar in einem
Gange im Mark die Darye von einer Mordella, die er als aculeata? be-
zeichnet; diese Bestimmung ist aber wohl nicht richtig, denn die von mir
im Archiv 1842, 1.S.372 beschriebene Larve der M, aculeata lebt in
faulem Holze; auch hat der Verf, meine Beschreibung übersehen,
indem er bemerkt, dass diese Larven noch unvollkommen bekannt
seien.
Zwei neue südamerikanische Arten sind von Curtis ‘(Transaet.
Linn. Soc. XIX. S.474) beschrieben: Mordella tachyporiformis
von St. Paul und M. argenteipunctata von Conception.
Hagriariae. Hope (Transact. Ent. Soc. Lond. IV. S. 11)
machte Lagria nigricollis von Tschusan, mit derselben unbe-
richtigten und unvervollständigten Diagnose bekannt, welche ich
schon im Jahresb. f. 1842. S.159 als unverständlich. bezeichnet hatte.
Meloides. Neue Arten sind Cerocoma Wagneri Küster
(Käf. Europ. 11. 32) aus Algier, Mylabris Mannerheimii Geb-
ler (Bull. Acad. Petersb. I. S. 103. n. 20) aus. der Steppe am: Ajagus-
Flusse, — Mylabris Jacquemontii („Omnino niger, elytris flavis,
fasciis tribus, prothorace gracile”) Blanchard (Jacquem. Voy. dans
VInde) aus Kaschmir, — Teiraonyz 7Tguttatus und cunctus
Curtis (Transact. Linn..Soe, XIX. S, 472), der. erstere von Concep-
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. 249
tion, der zweite von Lima, — Tmesidera violacea, assimilis,
rubricollis Hope Transaet. Ent. Soc. Lond. IV. S.103 von Ade-
laide.
Oedemeritae. Nacerdes? alternans Curtis (a.a. ©.
S.473) von Gorrite an der Mündung des Platastroms, und Nacerdes
Chinensis Hope (Transact. Ent. Soc. Lond, 1V. S.10) von Tschu-
san sind als neue Arten aufgestellt.
Curculionides. Schönherr’s „Genera et Species Curcu-
lionidum” ist mit der zweiten Lieferung des 8ten Bandes oder 4ten
Supplementbandes geschlossen worden. Dies Werk ist trotzdem,
dass es sich auf die Bearbeitung einer einzelnen Familie beschränkt,
eins der grössten, welches die neuere entomologische Literatur auf-
zeigen kann, und giebt eine Probe von dem unermesslichen Umfange
der Insectenwelt, in welcher eine einzelne Familie zahlreicher auf-
tritt, als in anderen Theilen des Thierreichs ganze Klassen, es scheint
selbst, dass diese in ihrer Nahrung auf das Pflanzenreich angewie-
sene Familie, demselben an Artenreichthum kaum nachstehen wird;
denn welche Pflanze ernährt nicht ihren Rüsselkäfer, und wie manche
nicht deren mehrere, selbst eine grössere Anzahl? Als Schönherr
vor 30 Jahren die Bearbeitung der Rüsselkäfer aufnahm, waren
7—800 Arten bekannt, sein Werk enthält jetzt gegen 7000 Arten,
welche in 644 Gattungen vertheilt sind. Die Eintheilung und Aus-
einandersetzung der Gruppen und Gattungen ist die Arbeit des Verf.,
in der Beschreibung der Arten ist er von seinen Landsleuten kräftig
unterstützt, von denen Boheman allein ausser 20 neuen Gattungen
3050 neue Arten, Gyllenhall 1573, Fahraeus 601, Munk von Rosen-
- schöld 122 ausführliche Beschreibungen geliefert haben.
Die vorliegende letzte Lieferung enthält den Schluss der Cry-
ptorhynchiden mit folgenden neuen Gattungen vermehrt: Hete-
ropus (Chevr.) vor Desmidophorus stehend, mit einer neuen Art
vom Senegal; Acentrus (Cheyr.) mit einer südeuropäischen Art
(4. histrio Dej.); Pantoteles mit Cryptorhynchus sehr nahe ver-
wandt, und hauptsächlich durch die hinter den Vorderhüften nicht
deutlich gefurchte Brust unterschieden, mit 2 neuen Arten aus Süd-
amerika; Traphecorynus, aus Ooelosternus anzius und inaequalis
von Madagascar gebildet, mit Ithyporus verwandt, mit welcher letz-
teren Gattung jetzt Colobodes IV. S. 465 verbunden ist; ferner Lob-
ops, ähnlich dem Conotrachelus, aber näher verwandt mit Piazurus,
mit einer neuen Art aus Brasilien. Eine neue Gruppe Campylo-
scelides „antennae mediocres, funiculus 7articulatus, clava subso-
lida, indistinete articulata. Rostrum deflexum, teres. Pedes antici
basi distantes; tibiae eurvatae” geht den Rhynchophoriden vorher,
und besteht aus den neuen Gattungen Campyloscelus und dmor-
baius mit je 1 Art aus Guinea und Epiphylax mit 2 Arten aus Ma-
dagascar. Die us. sind bereichert mit den neuen
Archiv 1. Naturgesch. AJ1, Jahrg. 2. Bd, R
250 Erichson: Bericht über ‚die wissenseh, Leistungen in der
Gattungen: Harpacteriuws, im Körperbau sowohl. Rhina als
Baridius ähnlich, mit.2 neuen Arten aus Brasilien; Litorhynchus
mit einer neuen Art aus Assam, und Phacecorynus (Calandr.
Sommeri Burm.). Endlich ist den Cossoniden Microxylobius
Chevr. zugefügt worden. In einem Nachtrage wird noch eine Anzahl
neuer Arten und Gattungen beschrieben. Die letzteren sind: Dia-
phanops (Westermanni Sch. vom westlichen Neuholland), eih
Bruchus-ähnlicher Käfer, von Lacordaire als eine Sagra-Form be-
trachtet (s. u.) — Deuterocrates, eine von Imhoff aufgestellte An-
thriben-Gattung; Rhyparophilus, mit Polyphrades verwandt, neu-
holländisch; Porophorus vom Cap, Strophosomus ähnlich, Ere-
psimus aus Brasilien, Sciaphilus ähnlich, Geotragus, vom Hima-
laja, Cyclomus ähnlich; Periorges aus Brasilien, Promecops zu-
nächst stehend; Catamonus, vom Cap, mit Tropirhinus nahe ver-
wandt, Terapopus vom Cap, Brachystiylus, auf Chlorophanus
acutus Say gegründet, mit Phyllobius verwandt; Aoplocnemus aus
Neuholland, den Eurhinus gleichend, Peltophorus aus Mexiko, Zyg-
ops ähnlich. una
Labram und Imhoff’s „Die Gattungen der Rüsselkäfer” ist
mit zwei’neuen (12te und 13te) Lieferungen fortgesetzt; worden. ‚Die
12te Lieferung enthält die Darstellung der. Gattung Brachycerus,
welche: auf folgende Weise eingetheilt wird: 1. Ende der vordersten
Schienen. abgerundet, Füsse unten schwammig; Br. tuberculosus Sch.
aus Guinea. — 11. Vordere Schienen am Ende erweitert, die äussere
Ecke in die Quere gerundet, ausgedehnt. Füsse ziemlich dick, unten
mit häufigern oder sparsamern Haaren versehen. A. Halsschild an
den Seiten gerundet: Br. albarius, cornutus, curruca, texatus, per-
tusus Sch. B. Halsschild seitlich mit einem Dorn bewaffnet oder
eckig: Br. obesus var. d Sch, apterus var. y Sch. (dieser Käfer bil-
det eine eigene Art, wohin tessellatus, Dregei Seh. u. a, m. als Ab-
änderungen gehören), sacer Latr; (= bufo Koll. Sch.), duplicatus
Sch. — N: Vordere Schienen am Ende buchtig eingeschnitten, der
äussere Winkel in einen Zabn vorgezogen, Füsse, vorzüglich die
hintersten ziemlich dünn, unten mit sparsamen, steifen Haaren ver-
sehen, ‚Hinterkörper, kuglig eiförmig oder fast viereckig. A. Der
äussere Endzahn der vordern Schienen abgestutzt; Br. Besseri, albi-
dentatus Sch. — B. Der äussere Erdzahn der vordern Schienen zu-
gespitzt: Br. superciliosus, undatus Sch. In der 13ten Lieferung sind
die Gattungen Microcerus (grisescens Sch,), Rligus (horridus,, Fal-
dermanni, irroratus), Cydianerus (araneiformis), Polyteles (Guerini),
Entimus (splendidus ), Phaedropus (togatus) und eine neue Gattung
der Rhinomaceriden, Mesoptilius, ausgezeichnet durch eine gefie-
derte Fühlerschnur, ‚mit; einer , neuen. Art. M. apicalös aus Neu-
granada.
Walton (Ann. nat. hist. XV. S. 331. 392) lieferte die Fortsetzung
seiner kritischen Untersuchungen über (die britischen Apionen (übers.
''Naturgeschichte der Inseeten während des Jahres 1845: 251
Entom. Zeit. S. 229. 256.279), und theilte ferner (Ann, nat. hist: XVI.
S.224) ähnliche sehätzbare Untersuchungen über die Gattung Oxy-
stoma und Mag@dalis mit (übers. Entom. Zeit. 1846. S.183). „Nach-
träge zu den Beschreibungen einiger Apionen” gab Germar (Entom.
Zeit. S. 141). — Mehrere im Schönherr’schen Werke alsı neu be-
sehriebene Arten dieser Gattung wurden von Schaum (ebenda
8.144.410) auf ältere Arten zurückgeführt.
Derselbe (ebenda S 86.410) zeigte, dass mit Choragus Shep-
pardi Kirby vereinigt werden müssen: Anthribus Bostrichbides Müll.,
Germ. Mag. IV. S.188.4, Anthrib. pygmaeus Robert Guer. Mag. d.
'Zool. 1832. T. 16 und Alticopus Galeazzi Villa Sch., und dass als
eine zweite Art Brachytarsus bostrichoides Sch. dieser Gattung an-
gehört, welche, da sie von A. bostr. Müll. sich unterscheidet, als
Ch. pteeus Schm. aufzunehmen ist; ferner dass Anthrib. bilineatus
Germ. Wett. Ann. zu Tropideres signatus Sch. gehört.
' Suffrian (ebenda S. 98) setzte seine „Bemerkungen über einige
deutsche Rüsselkäfer, mit besonderer Beziehung auf Schönbherr’s G.
et Sp. Cureulionidum” fort. Urodon conformis Chevr., den Schönh.
als Abänderung des U. suturalis aufführt, ist eine eigene, in den
Rheinlanden einheimische Art. — Lizus paraplecticus lebt, nach
Murfields, die Beobachtungen von Dieckhoff bestätigender Mittheilung,
nur in den Stengeln von Sium latifolium. — Tychius Schneideri,
nach frischen Käfern beschrieben, lebt in Anthyllis vulneraria. —
Bei vielen Ceuthorhynchus- Arten findet sich ein mehr oder weniger
auffallender Geschlechtsunterschied, indem die Weibchen einen je
nach der Art verschieden gestalteten Eindruck auf dem letzten Hin-
terleibsringe haben.
Schilling (Arbeit. d. Schles. Gesellsch, f. vaterl. Kultur im J.
1845) setzte seine Auseinandersetzung der schlesischen Rüsselkä-
fer fort.
Eine neue Anthriben- Gattung Ormiscus ist von Waterhouse
(Ann, nat. hist. XV]. S. 37) aufgestellt. Sie hat mit Araeocerus Aehn-
lichkeit, weicht aber ab durch längliche Form der Augen, unmittelbar
r denselben, in einer kleinen Grube eingelenkte, Fühler mit aus
„drei dieht aneinander schliessenden Endgliedern gebildeter eiför-
iger Keule. 0, variegatus, auf den Galapagos-Inseln von Dar-
win gesammelt.
- Redtenbacher (Gatt. $.96) errichtete für Rhunomacer leptu-
0 eine eigene Gattung Nemonyz, da aber Rh. attelaboides der
männliche Diodyrhynchus ist, muss der Gattungsname Rhinomacer
ir den ersten erhalten bleiben,
Die beiden von Waterhouse aufgestellten, wit Rhynchites ver-
wandten Gattungen Metopon und Minurus (s. Bericht f. 1842. 8.206)
sind in den Transact. Ent. Soc. Lond. IV. S; 69 ausführlicher be-
schrieben -und T. 5. F. 1.2 abgebildet.
R*
252 Erichson: Bericht über die wissensch, Leistungen in der
Neue Arten sind Bruchus magnicornis Küster (Käf. Europ.
11.36) von Ragusa, (scheint mir das Männchen des B. dispar zu
sein). — Caryoborus Germari Desselb. (ebenda 11. 37) aus
Dalmatien. — Bruchus biguttatus „omnino flavo-sericeus, ‚ely-
trorum punctis ‚duobus posticis nigris, long. 5mill.” Blanchard
(Jacquem. Voy.) aus Kaschmir, Cleonus Samsonowii, elonga-
tus, Schrenkii, Otiorhynchus ursus Gebler (Bull. Acad. Pe-
tersb. 111. S.103) aus der Dsungarei, Promeces Sinensis Hope
Transact. Ent. Soc. Lond. IV. S.17) von Canton, Brachyaspistes
velatus Chevrolat (Rev. Zool. S. 98) von Macao, Polycleis
plumbeus Guerin (ebenda S.286) aus den Natalländern, Ot7o-
rhynchus cuneiformis und Anchonus Galapagoensis Wa-
terhouse (Ann. nat. hist. XVI. S..38) von den Galapagos-Inseln. —
Coeliodes zonatus Germar (Faun, Ins. Europ. 23.9) aus der
Steiermark.
‚ Die Entwickelungsgeschichte des Rhinocyllus latirostris ist von
Goureau (Ann, d. ]. Soc. Ent. d. Fr. 11. S. 77) beschrieben. Guerin
(ebenda Bull. S,xxxıı) beobachtete die Larve des Ceuthorynchus
sulcicollis, welche an Kohlwurzeln in fleischigen Gallen lebt, zur Ver-:
wandlung aber in die Erde geht; Blanchard (ebenda S,ıy und Hist.
nat. 'd. Ins. 11. S.114) stellte die früheren Stände des Pachymerus
Pandani, einer neuen Art aus Madagascar, dar, welche in den
Früchten von, Pandanus lebt. j
Beobachtungen über Aylesinus erenatus sind von Guerin (Ann.
d. 1. Soc, Ent. d. Fr. III. Bull. S. xxym), — über mehrere Eccoptogaster-
Arten von Letzner (Arb. d. Schles. Gesellsch.), — über die Verhee-
rungen des Bostrichus curvidens unter den Weisstannen des süd-
lichen Deutschland von v. Weidenbach (Ent. Zeit. S, 116) mitge-
theilt worden. — Bostrichus Euphorbiae Küster (Käf. Europ.
11. 39) ist eine neue von Handschuch bei Ragusa entdeckte Art,
welche in den Stengeln der Euphorbia dendroides lebt; ihre Bohr-
löcher finden sich im Centrum der Blüthenstengel, und machen sich
durch ausgeflossenen Saft und Excremente kenntlich.
Cerambyeini. Eine neue Untergatt. der Prionier stellte
White (Ann. nat. hist. XV. S, 109. T.8.F.1.2) unter der Benennung
Prionacalus auf. Sie kommt im Wesentlichen mit Psalidognathus
überein, und unterscheidet sich vorzüglich durch kurze Lippe, die
kurzen, dem Anschein nach in der Naht verwachsenen Flügeldecken
des Männchens, und die starken breiten zusammengedrückten Schen-
kel des Weibchens. Da die Unterlippe bei den verschiedenen Arten
von Psalidognathus sich verschieden gebildet findet, ist keiner dieser
Unterschiede wesentlich, und wird der Prionac. Cacicus des Verf.
(schwarz mit rothen Beinen und Fühlern) aus Mexiko, als eine eigen-
thümliche, in beiden Geschlechtern ungeflügelte Art von Psalidogna-
thus zu betrachten sein.
EEE
Ber
\
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845: 253
In der Gruppe der eigentlichen Cerambycinen bildete Hope
(Transact. Ent. Soc. Lond. IV. S. 11) eine neue Gattung Trirachys,
von Hamaticherus durch je einen Dorn am 3ten, ten und ten Füh-
lerglied und zwei Dornen an den Flügeldecken abgesondert. Man
betrachtet sie wohl natürlicher als eine Unterabtheilung von Hama-
ticherus. Tr. orientalis des Verf. ist von Tschusan. — Ebendaher
ist Hamatich. Cantori, eine grosse, dem H. Paris verwandte Art.
Küster (d. Käf. Europ. II. 42—49) hat eine Reihe zum Theil
neuer Arten von Humaticherus aus dem europäischen Faunengebiet
beschrieben, nämlich 42, H. heros. 43. H. nodicornis Küst., aus
Dalmatien, ist H. nodulosus Germ. (Reis. n. Dalmat.). — 44. H. ve-
_ lutinus Dej. Brull. Muls. — 45. H. orientalis Küst., neue Art von
Brussa in Kleinasien, 46. H. carinatus Küst., ebenfalls neue Art
aus Dalmatien, 47. A. Thirkii Küst., neue Art aus Brussa, —. 48.
H. eerdo, — 49. H. Nerii Chev. Er. — Ich bemerke bei dieser Ge-
legenheit, dass der im Jahresb. f. 1842. S. 214 erwähnte Ham. Mir-
beckii Lucas, aus Algier, den die hiesige Sammlung vor Kurzem aus
Paris erhielt, nicht wie ich aus der Beschreibung vermuthete, H. ve-
lutinus Dej., sondern eine eigene Art ist, welche auch auf Sieilien
vorkommt.
Ausserdem "sind als’neu aufgestellte Arten aufzuführen: Purpu-
ricenus Fellowsii White (Ann, nat. hist. S.111. T.8. F.4) von
Xanthus, welcher indess einerlei ist mit dem P. dalmatinus Sturm.
Cat. 1843. T.6. F.2. — Purpuricenus Medici Bertoloni (a. a.
0. 8.422. n, 19): niger, antennis corpore longioribus elytris vittis
dorsalibus duabus transversalibus purpureo-ochraceis, long. 1 cent.
8 mill., von Inhambene in Südafrika. — Dorcasomus Delegor-
guei Guerin (Rey. Zool. S.286) ebenfalls aus Südafrika. — C/y-
tus 5-maculatus Gebler (Bull. Acad. Petersb. 11]. S.104) vom
Tschuifluss in der Dsungarei, dem C. Verbasci ähnlich, C/ytus Ma-
caumensis Chevrolat (Rev. Zool. S.98) von Macao (China).
Zwei neue Callidien- Gattungen führte Redtenbacher (Gatt.)
auf, nämlich Leioderes, wegen des ausgerandeten Mesosternum
von Phymatodes unterschieden, mit einer neuen’ Art, und Notho-
rhina (Callid, muricatum Sch., scabricolle Redt.). Letztere Gat-
tung hat G. R. Rath, Schmidt schon Drymonius genannt.
Neue Arten der Lamien-Gruppe sind:
Tragocephala variegata Bertoloni (a. 4,0. S.423.n. 21)
„nigra, supra flavo-maculata, subtus flavo albo cinereoque variegata,
antennis nigris longitudine corporis, thorace spinoso, spinis apice
nigris, pedibus cinereis; long. 3 cent. 3 mill.”, von Inhambene in Süd-
afrika. — Lamia (Batocera) Downesii und Parryi Hope
(Transaet, Ent. Soc. Lond. IV. S.76.77) aus Silhet und Batocera
Calanus und Porus Parry (ebenda S.86) ebendaher, Mono-
hammus alternatus und Oplophora Horsfieldii Hope
(ebenda 8. 12, die letztere abgebildet T.1. F.2) von Tschusan; —
254 Erichson: Bericht über die wissensch, Leistungen in der
Coptops annulata Chevrolat (Rev, Zool. S. 98) von Macao. —
Lamia BelliiLeconte (Bost. Journ.) aus; dem Missuri- Gebiet
und. den südlichen Staaten (ist L. scalator F.)
Waterhouse (Transact. Ent. Soc. Lond, IV. S. 42) Jieferte aus-
führliche Beschreibungen von. Doliops cureulionoides und geometrica
von ‚den Philippin. Inseln.
Guerin (Ann. .d. 1. Soc. Ent. d. Fr. IH. Bull. S.ıxv) beobachtete
die Naturgeschichte der Agapanthia marginella, welche im südlichen
Frankreich dem Getreide nachtheilig wird. Die Larve lebt in den
Halmen, welche sie von innen anfrisst, sich zum Herbst in die Wur-
zel begiebt, wo sie überwintert und sich verwandelt. Den yon ihr
bewohnten Halmen. brechen die Aehren ab. Der Käfer erscheint in
der Mitte des Juni, wo das Getreide in Blüthe steht; er nährt sich
von den Staubbeutel. — Die Larve. und Puppe der Lam, Rubus
ist von Blanchard Hist. nat. d. Ins, T.11 abgebildet.
Die Leptureten-Gruppe ist mit folgenden neuen Arten berei-
chert: Rhagium ru fiventre (Find) Germar (Faun. Ins. Europ.
23.16) aus dem Banat, Pachyia picta (Mannerh.) Mäklin (Bull. _
Mose. 11. 5.549) aus Finnland und Daurien, Toxotus tamento-
4 und Stenura nebulosa Gebler (Bull. Acad. Petersb. III.
S. 105..n. 27.28) aus der Dsungarei.
Buquet (Ann. Soc. Ent. d. Fr. III. Bull..S.xı) bemerkte, dass
das Weibchen der von ihm im Mag. de Zool, aufgestellten Gattung
Heteropalpus einfache Taster habe, nichts desto weniger sei die Gat-
tung zu erhalten,
Lucciani fand am 30. August auf einem angebauten Felde in
einer Tiefe von 6 Zoll ein kugliges, aus zusammengeklebten Erd-
körnchen bestehendes Gehäuse, welches die Nymphe des Vesperus
Zuridus enthielt, Diese verwandelte sich, schon nach Verlauf von
zwei Tagen. (Ann. d. l. Soc. Ent. de Fr. III. Bull. S. cxı).
Ueber die Gliederung der Cerambycinen-Larven sind von Leon
Dufour weitere Untersuchungen mitgetheilt worden (ann d. 1, Soc.
Ent. Ill. S. 493).
COhrysomelinae. Eine monographische Bearbeitung die-
ser Familie hat Lacordaire begonnen: „Monographie des
Coleopteres subpentameres de la famille des Phytophages”,
deren erster Theil den dritten Band der Memoires de la So-
ciete Royale des Sciences de Liege bildet, indess auch unter
dem. obigen Titel besonders erschienen ist. Es ist ein Unter-
nehmen von solchem Umfange, dass man es als eine Lebens-
aufgabe betrachten kann, und welches in dieser Hinsicht sich
Schönherr’s Werk über die Curculionen zur Seite stellt. Es
ist zu wünschen, ‚dass die Umstände diese Arbeit möglichst
begünstigen und fördern, welche durch ihre Gediegenheit ihre
)
L
.
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|
4
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. 255
Stelle unter den werthvollsten. Erscheinungen in der entomo-
logischen Literatur einnehmen wird.
Der Verf. hat sich überzeugt, dass die Familien der Eupoda und
Cyclica Latr. von den eigentlichen Chrysomelinen natürlich sich nicht
absondern lassen, und hat sie deshalb unter der von Dumeril vor-
geschlagenen Benennung Phytophaga vereinigt; mir scheint dieser
Name aber nicht passend, denn 1. sind die anderen Familien der so-
genannten Subpentameren, namentlich auch die der Curculionen und
Cerambyeinen eben so ‚ausschliesslich Phytophagen, 2. ist die Be-
zeichnung Chrysomelinen passender, weil sich, die Familie ‚haupt-
sächlich auf Linne’s Gattung Chrysomela gründet, 3, hat selbst die
Benennung Chrysomelinae das Alters-Vorrecht, indem Latreille schon
vor Dumeril (in der Hist. nat. d. Crust, et Ins.) sie für die, ganze
Familie mit Einschluss der später abgesonderten Gruppen gebrauchte.
Die ganze Familie theilt der Verf. in zwei Abtheilungen Aposta-
sicerides und Metopocerides, je nachdem die Fühler auseinan-
der stehen oder genähert sind. Die erste Abtheilung enthält die
Gruppen: Sagrides, Donacides, Criocerides, Megalopides,
Olythrides, Cryptocephalides, Eumolpides, Chrysome-
lides, die zweite umfasst die Galerueides, Hispides, Cassi-
dides. Die beiden letzten Gruppen hat der Verf. hauptsächlich in
Rücksicht auf ihre Larven getrennt gehalten, indess sind die Beob-
achtungen noch zu vereinzelt, als dass sich schon jetzt beurtheilen
liesse, in wie weit die Verschiedenheit durchgreifend ist. Vielleicht
hat der Verf. in der Unterscheidung Recht. Dann hätten aber auch
die Halticen, welche er theils bei den Galeruciden theils bei den
Eumolpiden untergebracht wissen will, folgerechter Weise als eigene
Gruppe erhalten werden müssen, indem ihre Larven als Blattminirer
angegeben werden. Dies gilt namentlich für die Form der H, nemo-
rum (Phyllotreta Dej.). Andere, deren Larven frei auf den Blättern
leben und sich unter der Erde yerpuppen, wie H. oleracea (Grapto-
dera Dej.) würden zu den Galeruciden gestellt werden müssen. Ich
stimme dem Verf. vollkommen bei, wenn er die Sprungfähigkeit die-
ser Käfer als von untergeordneter Bedeutung betrachtet, doch kann
“ich durchaus nicht zugeben, was der Verf. S.xxvı behauptet, dass
nämlich das Sprungvermögen der Halticen mit der Auftreibung der
Hinterschenkel durchaus nicht im geraden Verhältniss stehe. We-
‚nigstens bei unseren einheimischen Arten habe ich stets die Sprung-
= mit der Dieke der Hinterschenkel im geraden Verhältniss ge-
a und ich zweifle, dass die Theorie uns irre leitet, wenn wir
an Verhältnis bei allen Halticen voraussetzen. Man darf nur nicht
erwarten, dass der Käfer immer von seiner vollen Kraft Gebrauch
# macht. Im vorliegenden ersten Bande hat der Verf. die Gruppen der
Sagriden, Donaciden, Crioceriden und Megalopiden bearbeitet. Ihm
stand ein reiches Material aus den vorzüglichsten Pariser sowohl
als auch mehreren deutschen Sammlungen zur Benutzung, und eben
256 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
so ausgezeichnet wie durch den reichen Inhalt ist die Auseinander-
setzung durch Schärfe und Klarheit.
Die Gruppe der Sagriden enthält 9 Gattungen, unter denen
die über Südasien und Afrika verbreitete Sagra am artenreichsten ist
(33 Arten), am formenreichsten ist Neuholland, dem 6 Gattungen an-
gehören, welche zum Theil als Bruchiden betrachtet gewesen sind:
Megamerus Mac L, (1 A.) — Prionesthis, neue Gattung von der
vorigen hauptsächlich durch ungespaltene Zunge und ‚eiförmiges End-
glied der Taster unterschieden (1 A.). — Carpophagus MacL. (1 A.)
Rhynchostomis neue Gattung, durch den in einen Jängeren Rüssel
verlängerten Kopf ausgezeichnet (1 Art: Rh. curculionides, einer-
lei mit Diaphanops Westermanni Schönh. S. 0.). — Meeynodera Hope
(1 Art: Lema cowalgica Boisd., M. pieta Hope, Mesophalacrus Spi-
nolae St.). — Ametalla Hope (2 Arten). — Eine südamerikanische
Form ist Atalası's, neue Gattung, am nächsten mit Mecynodera
verwandt, von der sie sich hauptsächlich durch vortretende Vorder-
ecken des Halsschildes und zwischen die Mittelhüften vorragendes
Metasternum unterscheidet (1 Art: M. Sagroides, aus Buenos
Ayres). Endlich gehört die durch ihre gespaltenen Klauen von den
übrigen abweichende Gattung Orsodaena (15 Arten) der nördlichen
Halbkugel, Europa und Nordamerika an. Y
Die Donaciden-Gruppe umfasst nur die beiden Gattungen Do-
nacia und Haemonia, Die erstere enthält 68, die zweite 9 Arten.
Die Crioceriden-Gruppe enthält wieder eine grössere Zahl
von Gattungen 1. Syneta Esch. (6 Arten). — 2. Zeugophora Runze
(4 Arten, der Verf. führt hier als zweifelhaft eine Reihe von Hope
unter Auchenia aufgestellter Arten auf, es ist ihm aber entgangen,
dass die Auchenia der Engländer eine Galerucen-Form ist). 3. Me-
gascelis Dej. (52 Arten). — 4. Plectonycha, eine neue, südameri-
kanische Gattung (5Arten) mit der folgenden 5. Lema F. (ausser 16
dem Verf. nur aus Beschreibung bekannten, 257 Arten) darin über-
einstimmend, dass die Klauen dicht aneinander schliessen, und darin
unterschieden, dass bei Plectonycha das Metasternum nach vorn eine
Vorragung bildet, bei Lema nicht. Zu Lema gehören von den euro-
päischen Arten L. rugicollis, cyanella, Erichsonii, flavipes, melan-
opa, und eine neue L. Hoffmannseggii aus Portugal, die übri-
gen zu: 6. Crioceris (43 Arten nebst 3 zweifelhaften), wo die Klauen
auseinander stehen. 7. Brachydactyla, neue Gattung, unterschei-
det sich von Crioceris vorzüglich durch die mehr kugelförmigen und
etwas auseinander stehenden Vorderhüften (2 Arten). 8. Rhaebus
(1 Art). 9. Eubaptus, eine südamerikanische neue ebenfalls Bru-
chen-ähnliche Gattung, von mehr eirunder Form, mit einfachen Klauen
und mit einer Vorragung der Mittelbrust (1 Art). 10. Ateledera,
ebenfalls eine südamerikanische neue Gattung, von der Form einer
Oedemera, mit einem ähnlich verlängerten Halsschilde wie bei Agra,
und mit ähnlichen Fühlern wie die von Megascelis (1 Art).
Rn
Naturgeschichte der Inseeten während des Jahres 185. 257
Die Gruppe der Megalopiden ist in 6 Gattungen zerlegt: 1.
Mastostethus, mit kegelförmig nach vorn vortretendem Metaster-
num (59 Arten). — 2. Homalopterus Perty, die Flügeldecken seitlich
gekielt, mit senkrecht abfallenden Seiten (2 Arten). — 3, Agatho-
merus, die Flügeldecken gleichmässig gewölbt, an der Naht schlies-
send; das Schildchen rundlich dreieckig. (M. discoideus, sellatus Rl.
u. a. 23 Arten). — 4. Megalopus P., die Flügeldecken mit klaffender
Naht (16 Arten). — 5. Temnaspis, von der vorigen Gattung durch
das an der Spitze abgerundete Schildchen unterschieden (4 Arten).
6. Poecilomorpha Hope, durch die ungetheilte Zunge, welche bei den
übrigen zweilappig ist, unterschieden (6 Arten), Die letzte Gattung
enthält alle afrikanischen, die vorletzte die ostindischen Arten, die
vier ersten Gattungen sind durchaus amerikanisch.
Die in dem: Lacordairischen Werke enthaltenen deutschen Arten
hat Suffrian einer ausführlichen und sehr gründlichen Musterung un-
terworfen (Entom. Zeit. 1845. S. 302, 327, 359. 1846. S. 51, 80, 152).
Reiche (Ann. d. 1. Soc. Ent. d. Fr. 11. S.xrvı) theilte einige Be-
merkungen über die Gattungsverschiedenheiten bei den Hispiden mit.
Neue Arten von Cässida sind C. apicalis Gebler (Bull. Acad.
St, Petersb. III. ‚S. 30) aus der Dsungarischen Steppe, und C. pipe-
rata Hope (Transact. Ent. Soc. Lond. IV. S. 12) von Tschusan.
Neue Arten der eigentlichen Chrysomelinen sind Ohrysomela
unicolor und Gastrophysa ruficeps Gebler (Bull. Acad. Pe-
tersb. III. S.105) aus der Dsungarei.
Blanchard (Ann. d. ]. Soc, Ent. d. Fr. S.ıv) bemerkte, dass
von der Gattung Dia drei Arten auf Sicilien vorkommen: 1. Eumolp.
aerugineus F., 2. D. nitida Dahl., 3. eine neue Art D. odlonga
Blanch., etwas grösser als die übrigen, die Flügeldecken kaum brei-
ter als das Halsschild.
-Ferner sind Eumolpus ögnicollis Hope (Transact. Ent. Soc.
Lond. IV. 5.17) von Canton, E. pyrophorus Parry (ebenda S. 86)
von Assam, und Chrysochus punctatus Gebler (Bull. Acad.
St. Petersb. 111. S.106) als neue Arten aufgestellt worden.
Ueber die Entwickelung und Fortpflanzung der Clythren. und
Cryptocephalen hielt Dr. Rosenhauer einen sehr lehrreichen Vor-
trag bei der Versammlung der deutschen Naturforscher zu Nürnberg,
1845. (Amtl. Bericht über die 23. Versamm]. deutsch. Naturf. und
Aerzte in Nürnb.. S. 179). Beobachtet sind C/ythra laeviuscula,
Apunctata, Asignata, Labidostomis pubicollis n. sp., humeralis, longi-
mana, Coptocephala Amaculata, Pachybrachis hieroglyphicus, COry-
ptocephalus Coryli, dispar, 12punctatus, Moraei, sericeus, vittatus,
minultus, Disopes Pini. Die Larven der ächten Clythren leben nur
in Ameisennestern, und sie leben nur von animalischer Nahrung, In-
seeten sowohl als Fleisch von Säugthieren. Todte Ameisen fressen
sie nicht, der Verf. vermuthet daher, dass ihnen die Nahrung von
den Ameisen zugetragen wird. Die Labidostomis-Laryen finden sich
258 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
unter Steinen, allerdings in der Nähe von Ameisen, aber nicht an
dieselben gebunden, wie. es scheint, ‚Coptocephala scheint Vegeta-
bilien zu fressen, wie dies auch bei allen Cryptocephalen mit Ein-
schluss von Pachybrachis und Disopus der Fall ist; sie bewegen die
Blätter mach ‚Art. .der Schmetterlingsraupen. — Diese Larven sind
bekamntlich Sackträger. Das Gehäuse wird von Koth gemacht, dem
Wachsthum angemessen erweitert, längliche Stücke auf der Unter-
seite und schräge an den. Seitentheilen eingesetzt. Das Material
wird: vom After, der in ‚der natürlichen Lage unter die Brust ge-
krimmt.ist, zum: Munde befördert, hier gehörig mit Schleim ver-
arbeitet, an seine passende Stelle gebracht und festgedrückt. Das
Gehäuse ‘der ‚Clythren ist dünn, kunstreich gemacht, mit mehreren
Längsrippen auf der Oberseite, das der Labidostomis mit, ziemlich
langen Haaren vermischt, deren Bau vom Verf. nicht näher ‚unter-
sucht wurde; das der Cryptocephalen ist dieker, fester, selten mit
einigen ‚erhöhten Linien versehen. Bei den Häutungen und bei der
Verwandlung wird das Gehäuse verschlossen, bis auf eine kleine
Oeffnung. Bei der Verwandlung dreht sich die Larve, um, und der
Käfer kommt an dem blinden Ende des Gehäuses hervor, wo er ein
rundes Stück ausbeisst. Das erste Gehäuse erhält schen das Ei von
der Mutter, diese fasst das eben gelegte 'eylindrische Ei mit beiden
Hinterfüssen, , und bedeckt es auf eine höchst regelmässige Weise
von unten bis oben mit einer Kothschicht, die in kleinen länglichen
Parthien gelegt, und mit dem After ganz genau angepasst wird. Der
Vorgang dauert ungefähr % Stunde. Die Clytlıren und viele Crypto-
cephalen legen die Eier ohne sonstige besondere Anhänge, und lassen
sie fallen, oder werfen sie weg, sobald sie sie umhüllt haben, die
der Pachybrachis haben einen besonderen zapfenförmigen Anhang,
die der Coptocephala Amaculata werden mit einem langen haararti-
gen Stiel an Pflanzen befestigt. — Als Parasiten beobachtete der
Verf. bei Cryptoceph. 12punctatus zwei Pezomachus, darunter Pez.
vagans Gray. und zwei Pteromalinen, darunter Eupelmus annulatus
Nees. Auch aus den Puppen des Cryptoceph. minutus kam ein klei-
ner Pezomachus aus.
Chevrolat (Ann. d. 1. Soc. Ent. d. Fr. I. Bull. S.ır) theilte
die Bemerkung mit, dass die Larven der Cryptocephaliden von hol-
zigen Stoffen leben. Nach seiner Meinung zehren die Clythra-Lar-
ven in den Ameisennestern von den dort aufgehäuften Holzstückchen.
Cryptocephalus-Larven waren von ihm am Reiserholz gefunden, und
an den Reisern nagend beobachtet. Auch finden sie sich im Walde
von St. Germain in Menge unter trockenem Eichenlaube, wo sie
wahrscheinlich kleine Holzstückchen finden. Der Verf. meint, dass
diese Larven sich von denen der übrigen Chrysomelinen entfernen
und denen der Lamellicornien annähern, was bei oberflächlicher An-
sicht allerdings der Fall zu sein scheint.
(Der Widerspruch in den Erfahrungen von Rosenhauer und Che-
vrolat über die Nahrung der Clythra-Larven löst sich durch die Be-
un Se
|
Naturgeschichte der Inseeten während des Jahres 1845. 259
trachtung, dass viele Insecten, welche ursprünglich Pflanzenfresser sind,
doch auch die Fleischnahrung nicht verschmähen, Eine solche Er-
fahrung machte Ratzeburg an den Larven der Chrysomela tremulae.
Forstins. I. Nachtr. S. 54).
Neue Arten von C/ythra und Cryptocephalus aus Nordafrika
stellte Lueas (Revue Zool. 8.120) auf: 1. Cl. (Labidostomis) ru-
bripennis, von Oran. — 2. Cl. hybrida (scheint mir Cl. 4notata
F. zu sein). — 3. Cl. (Labidost.) forcipifera, von Oran. — 4.
Cl. (Lachnaea) stramineipennis, von Oran. 5. Cl. (Coptoceph.)
dispar, von Calle. — 6. Cl. (Smaragdina) gratiosa. 7, Cl.
(Cyaniris) unicolor, von Calle und Constantine. 8. Cryptoce-
phalus cicatricosus, von Oran. 9. Cr. Dahlii (die Dejean’sche
Art, aber schon unverkennbar als Cr. Spunetatus Dalm. Schönh, Syn.
11.368. 72beschrieben und wahrscheinlich auch von Olivier als Cr. curvili-
nea abgebildet). 10. Or. gravidus (ebenfalls der von Dejean benannte,
auch in Südfrankreich einheimische Käfer). Da wir in Kurzem eine
umfassende Bearbeitung der Clythren von Lacordaire zu erwarten
haben, wird diese kurze Anzeige hinreichen. — C/ythra nigri-
/rons Hope (Transact. Ent. Soc. Lond. IV. S,12) ist eine neue Art
aus Tschusan.
Ueber die Neuholländischen Cryptocephalen ist von Saunders
eine Bearbeitung (Descriptions of the Chrysomelidae of Australia
allied to the Genus Cryptocephalus, Transact. Ent. Soc. Lond. IV,
8.141) erschienen, welche nach den Proceed. E.S. schon im Bericht
f. 1842 (S. 219) angezeigt worden ist, «wozu indess noch mehreres
nachzutragen sich findet. Der Verf. sagt, dass (die neuholländischen
Cryptocephalen von den: übrigen sich entfernen, vorzüglich in der
Art, wie bei den meisten das Schildchen hinten ansteigt, und sich
fast in rechtem Winkel über die Fläche der Flügeldecken erhebt;
ich finde hierin. aber keinen namhaften Unterschied, und es muss
dem demnächstigen Monographen dieser Gruppe vorbehalten bleiben,
das Verhältniss der neuholländischen zu den übrigen Formen festzu-
stellen. Nach der Form der Fühler und der allgemeinen Körper-
gestalt hat der Verf, mehrere Untergattungen aufgestellt, welche zu-
nächst in zwei Reihen zerfallen, je nachdem die Seitenränder des
Halsschilds glatt oder gekerbt sind. Die ersteren sind nach der Füh-
‚lerform auf folgende Weise eingetheilt:
die 6 letzten Gl. eine deutliche
in Keule bildend . „ . ... .„ Dicenopsis
fast keulfi p
n ae die 7 letzten Gl. allmählich an \
Dicke zunehmend . . . . Idiocephala
Fühler /schwerdförmig . 1 Habe . Aporocer«
das Ste.Gl. zweimal so lang als
en das4te . .. 2'200, Mitocera
fadenf di ,
ern das Ste Gl. höchstens eben so
lang als.das dte . » 2. . Ochropsis.
260 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
Es ist hierbei auf die Geschlechtsverschiedenheit in der Fühler-
bildung nicht Rücksicht genommen, sie ist aber öfter bemerklich
genug, so dass die Männchen’ mancher Idiocephalen von Mitocera
keinen Unterschied zeigen. — Der zweite Theil dieser Arbeit wird
im nächsten Bericht angezeigt werden.
Neue Arten der Galerucen und Halticen sind Galeruca atri-
pennis und erosa Hope (Transact. Ent. Soc. Lond. IV. S. 17) von
Canton, und Haltica Galapagoensis Waterhouse (Ann. nat.
hist. XV]. S. 39), von den Galapagos-Inseln.
Germar (Faun. Ins. Europ. 23. 17) bildete die Orestia alpina
des Dej. Cat. ab, und bemerkte, dass sie wegen ihrer deutlich Aglie-
drigen Füsse mit zweilappigem vorletzten Gliede, und ihrer zuge-
spitzten Taster nicht zu den Endomychiden gerechnet werden könne,
dass sie sich in der Fussbildung mehr den Erotylenen anzunähern
scheine, von diesen sich aber in der Bildung der Fühler, Mandibeln
und Taster entferne. Mir scheint die Gattung unter den Halticen
ihre natürliche Stelle zu finden, und zwar zunächst an Crepidodera
Cheyr. sich anzureihen.
Guerin (Ann. d. ].-Soc. Ent. d. Fr. Ill. Bull. S.ıxvır) berichtete
über den erheblichen Schaden, welchen die Larven einer zu H. ole-
racea gerechneten Haltica in mehreren Gegenden Frankreichs am
Wein anrichten.
Coceinellidae. Neue Arten sind: Coccinella vitlata
Gebler (Bull. Acad. St. Petersb. III. S. 106.34) aus der Dsungari-
schen Steppe, €. 18spilota, succinea, tetraspilota Hope
(Transact. Ent. Soc. Lond. IV. S. 13) von Tschusan, Seymnus Ga-
lapagoensis Waterhouse (Amn. nat.‘hist. XVI. S.41) von den
Galapagos-Inseln.
Eine Monographie der Gattung Alexia theilte Redtenbacher
(Ent. Zeit. S. 315) mit. Sie enthält die drei bekannten Arten A. g7o-
bosa (Phalacr. gl, Sturm), A. pilifera (Tritom. pilif. Müll.) und 4.
pilosa (Tritom. pilos. Panz.), zugleich aber auch eine genaue Be-
schreibung der Gattung. Der Verf. ist der Ansicht, dass dieselbe
neben Triplax und Tritoma ihre richtige Stellung habe, da aber nur
vier Fussglieder vorhanden sind, wird sie dieser Familie zugewiesen
werden müssen.
Endomychidae. Germar (Faun. Ins. Europ. 23.18) bildete
Lycoperdina rubricollis Dahl, aus Ungarn, ab. Aus diesem
Käfer hat Chevrolat in Dejean’s Catalog die Gattung Hylava gebil-
det, gegen deren Aufnahme der Verf. Bedenken trägt, weil der Un-
terschied in der Fühlerkeule, auf welchem diese Gattung beruhe, um
so ‘weniger durchgreifend ‚sei, als alle Lycoperdinen-Arten in diesem
Theile Abweichungen darböten, so dass die Form der Fühlerkeule
hier nur Art-, nicht aber Gattungsmerkmal sein könne.
Bde
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. 261
Lathridii. Chaudoir (Bull. Mosc. ll. p.%09) führte 13 bei
Kiew gesammelter Arten von Monotoma, unter denen eine neue, M,
trapexicollis, auf.
Orthoptera.
Spectra. Ueber die Wiedererzeugung der Beine sind von
Fortnum in Adelaide Beobachtungen. an Diura violascens gemacht
(Proceed, Ent. Soc. S.99)., Einer über 1°” langen, Baeillus-ähnlichen
Larve derselben war beim Fange ein Mittelbein abgebrochen. Sie
wurde mit jungen Eucalyptus-Blättern gefüttert, und wuchs sehr rasch.
Bei der ersten Häutung, erschien an dem alten Stumpf ein kleines
Bein, aber ohne ausgebildete Glieder. Bei der zweiten Häutung er-
reichte das Bein die Hälfte der natürlichen Grösse und alle Glieder
waren ausgebildet. Nach der dritten Häutung erschien bei der Puppe
das Bein von mehr als zwei Drittel der natürlichen Grösse, und bei
der Verwandlung zum vollkommenen Insect hatte das Bein seine voll-
ständige Grösse gewonnen. Nach der Häutung verzehren die jungen
Phasmen jedesmal die abgelegte Haut.
Loeustariae. Ueber den merkwürdigen Bau der Spermato-
zoiden in dieser Familie hat v. Siebold seine Untersuchungen mit-
getheilt (Ueber die Spermatozoiden der Locustinen. Act. Acad. Caes.
Leop. Carol. Nat. Cur. XXI. 1. S.251. T. 14. 15).
Acridii. Nach den Mittheilungen von Guyon (Compt. rend.
XXI. S. 1107) so wie von Lucas und Audinet Serville (Ann. d.
1. Soc. Ent. d. Fr. ]II. Bull. S. xxxı. xxxıx. cxy) erschienen in Alge-
xien zahlreiche Heuschreckenschwärme von deridium peregrinum Ol.;
diese Heuschrecke ist es auch, welche von den Arabern gegessen
wird.
v. Siebold (Entom. Zeit. S.322) bemerkte, dass Gryll. coeru-
lescens L. und G. fasciatus Germ. zu einer Art gehören, da sie sich
nur durch die Färbung der Unterflügel unterscheiden. Die blauflüg-
lige Abänderung scheint mehr dem Norden, die rothflüglige mehr dem
Süden anzugehören; in Mitteldeutschland treffen beide zusammen,
denn in der fränkischen Schweiz, bei Muggendorf, Rebenstein u. s. w,
traf der Verf. beide in bunter Menge durch einander an.
Eine neue neuholländische Art ist Petasida ephippigera
White in Eyre Journ. of Expedit. 1. S. 432. T.4. F.1.
Psoeidae. Westwood theilte einige Bemerkungen "über
diese Familie mit (Observations upon the structural Character of
the Deatlı Watch, Atropos pulsatoria, with Decription of a new Bri-
tish Genus in the Family to which it belongs. Transact. Ent, Soc.
Lond. IV. S. 71). Bei zahlreichen Psoeus fand der Verf. 13, bei Atro:
pos pulsatoria 15 Fühlerglieder. Auch überzeugte sich der Verf,
durch Untersuchung lebender Psocen von verschiedener Grösse, dass
die Lippentaster so gut wie die Maxillartaster vorhanden sind, (Ver-
262 Erichson: Bericht‘ über die wissensch. Leistungen in der
muthlich 'hat der Verf. die ladenartigen' Theile der 'Unterlippe als
Taster genommen, ‚Ref. wenigstens hat Latreille’s Angabe über’den
Mangel der Lippentaster nur bestättigen können, 's. Germ, Zeitschr.
1. 8.153). Die neue Form Clothilla studiosa mit etwa 27 Fühler-
gliedern ist nach den Proceed. E. $. schon im Jahresber. für 1840.
S. 196 aufgeführt.
Libellulinae. Eine Monographie der Britischen Libelluli-
nen ist von W. F. Evans herausgegeben: British Libellulinae or
Dragon-flies, Lond. 1845, 8.
Schneider musterte die von Zeller in Sicilien (Entom. Zeit. S.339)
und die von Loew in Kleinasien (ebenda S. 110. 153) gesammelten Li-
bellulinen, unter den letzteren finden sich mehrere neue Arten: L’-
bellula ampullacea von Kellemisch, Z. anceps von Mermeriza,
L. taeniolauta von Rhodus, L. eryihroneura von Kellemisch
und Patara, L. morio von Kellemisch, Jdeschna mierostigma,
ebendaher, Cordulegaster insignis desgl. (kommt auch in Sy-
rien vor), Gomphus flexuosus, ebenfalls von Kellemisch, @. as-
similis desgl.; Epallage Fatime Charp. von Davas und Merme-
riza ist nach. ausgefärbten Stücken. und. beiden Geschlechtern neu
beschrieben.
Libellula caudalis Charp. wurde von Hagen (Entom. Zeit.S.318)
nach den verschiedenen Alterabstufungen der Färbung geschildert,
und von den verwandten Arten unterschieden. Zu den Abänderungen
der L. caudalis gehören L. Hellmanni und fallax Ev., L, albifrons
Sel. Ramb., L. ornata Britting., L. platyura Sundew. i. lit. Die
verwandten Arten sind 1. L. aldifrons Burm., exusta Sund. i. litt.,
sylvicola Hag., L. leucorrhinus Charp, part., L. fallax var. Eversm.
— 2. L. leucorrhinus Charp., rubicunda Curt. Brit. Ent., nemoralis
Hansem, i. litt., gracılis Hag. i, litt. — 3. L. rubicunda L. F., pra-
tensis Hansem., infuscata Eversm. — 4. L. pectoralis Charp. Sel,,
melanostigma Ev., rubicunda Ramb., rubicunda var, Müll.
„ 1
KEphemerides. Diese Familie ist von Pictet in einer vor-
trefflichen Monographie erläutert worden: Histoire naturelle des In-
sectes Neuropteres. Seconde Monographie, Famille des Ephemerides,
Geneve, 1845. Die Mundtheile der Larven tragen auf eine sehr be-
stimmte Weise das Gepräge des Orthopterenmundes, indem die la-
denartigen Theile der Unterlippe vollkommen ausgebildet sind; zu-
weilen tritt zwischen ‘denselben auch noch die Zunge vor., An den
Maxillen ist nur eine Lade entwickelt; die Mandibeln zeichnen. sich
durch eine quergeriefte Mahlfläche an der Innenseite ‚aus.‘ Bei der
Verwandlung bleiben alle harten Theile der Mundtheile in der Pup-
penhaut zurück, und die Mundtheile. bleiben weich, auch scheinen
die Lappen der Unterlippe zu verschwinden und: die Taster, welche
sowoll an der Lippe als an den Maxillen vorlianden sind, verkür-
zen sich, wenn sie, beim Subimago noch etwas, länger als. bei der
Natürgeschicht® der Iusecten während des Jahres 1845. 263
Larve ‘erscheinen. Die Flügel ‘des Subimago unterscheiden sich von
denen‘ des eigentlichen Imago darin, dass: sie dicht mit Härchen oder
Häkchen besetzt sind; der Hinterrand ist ausserdem ‚mit längeren
Haaren: besetzt, welche bei den Gattungen Potamanthus und 'Cloe
oft dem blossen Auge sichtbar sind. Bei den vollkommen ausgebil-
deten Eintagsfliegen sind die Flächen der Flügel vollkonımen glatt,
der Vorderrand ist mit kurzen anliegenden Dörnchen weitläufig be-
setzt, der Hinter- und Innenrand ist mit hornigen Bildungen in der
Form von Schuppen und Fäden bewehrt; bei Palingenia longicauda
ist die Fläche des Flügels mit Höckerchen besetzt.
“Die Eintheilung der Familie in Gattungen ist folgende.
a. Die Flügel genetzt, mit zahlreichen Querherven.
b. Die Augen beim Männchen einfach.
c. Drei Schwanzborsten.
d. Dieselben gleich.bei beiden Geschlechtern .. , Ephemera
dd. Die mittlere derselben verkümmert, ee
beim Männchen . . . 2.000, Palingenia
. ec. Zwei Schwanzborsten, er Sn einer ek Baetis
bb. Augen des Männchens doppelt . . . . . . Potamanthus
aa. Die Flügel mit wenigen Quernerven.
e. Augen des Männchens doppelt . . . »...., . Cloe
ee. Augen des Männchens einfach. N
De Aweigklügel Sn, ./lneiiitl emwanmtarıın mas nz rarAERTR
TI. Nier Elüeel; in: - 2 2.2.» Oligoneuria.
Die vom Verf. anerkannten u, Mn sich auf folgende
Weise in diese Gattungen.
1. EphemeraL. 1. E, vulgata, Europa; 2. E. danica Müll.
Mitteleuropa; 3. E. glaucops n. sp. Schweiz, Italien, Deutschland.
4. E. guttulatan. sp. aus der Neuchateler Sammlung.
1. Palingenia Burm. 1. P. virgo (Ol.) Ebene von Mittel-
europa; 2, P. puella n. sp. von Neuorleans; 3. P. limbata Serv.
Nordamerika; 4. P. albicans Perch. Brasilien, 5. P. Indica Koll.
Ostindien. 6. P. dorsalis Burm. Brasilien; 7. P. longicauda (Ol.
Eph. flos aguae Jll.) Holland, Belgien, Ungarn (auch Deutschland).
"DI. Baetis Leach. 1. B. fluminum n. sp. bei Genf am Rhone,
2. B. venosa (Deg. F.) Europa, 3. B. cyanops Pict. am Rhone, 4.
B. montana n. sp. Schweizer Alpen. 5. B. purpurascens n. sp.
Schweiz, 6, B. lateralis Curt. (phaeopa Steph.) Schweiz, England.
7. B. semicolorata Curt. (basalis Steph.) Schweiz. 8; 3. semitinct«
Schweiz. 9 B. obscura Steph. Genfersee; 10. B. cerea n; sp: .desgl.
11. 2. sulphurea Müll. Rhoneufer. 12. B. flaveola Koll. Nord-
amerika; 13. 3. guttata n. sp: Chile, 14. 3. Australasica Neu-
holland. 3
IV. Potamanthus m. g. 1. P. Ferreri n. sp. Turin. & P.
Iuteus (Lin.) Europa, 3. P. marginatus L. desgl., 4. P. Geeri Pict.
(vespertina Zett., fusca Burm.) desgl.; 5. P, eastaneus n.sp: Gen-
264 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
fersee; 6. P. brunneus n. sp. Schweiz; 7. P. cinctus (Retz.) ‘Genf.
8. P. erythrophthalmus (Schr.) Europa; 9. P. gib bus n. sp. Schweiz,
10. P. aeneus.n. sp. desgl. 11. P.? inanis.n. sp. Brasil.
V. Clo& Burm, (Cloeon Leach.). 1. C. bioculata (L.) Europa.
2. ©. Rhodanin.sp. häufig am Rhoneufer; 3. ©. fuscata (L.) Genf;
4. ©. pumila Burm. Deutschland. 5. €. translucida n.sp. Schweiz,
Oesterreich, Turin, 6. €. a/pina n.sp. Schweizer Alpen, 7. ©. me-
lanonyz n. sp. desgl. 8. ©. litura Piet. Schweiz, 9. ©. fasciata
Koll. Brasilien. 10. C. undata n. sp. Mexiko. 11. ©. diptera (L.)
Europa.
VL Caenis Steph. (Oxyeypha Burm.). 1. C. Zactea Hoffm.
Deutschl., Engl., Schweiz. 2. €, grisea n. sp. Schweiz. 3. ©. ar-
gentata Koll. Sicilien, 4. C. varicauda Koll. Oberägypten, 5
€. luctuosa Burm. Deutschland, 6. €. oopAhora Koll. Sardinien.
VII. Oligoneura.n.g. 1. O. anomala Koll. Brasilien. Diese
Gattung zeichnet sich auch durch geringe Zahl der Längsnerven und
verkümmerte Beine aus.
Die Gattungen unterscheiden sich auch sehr durch die Bildung
und Lebensweise der Larven, soweit dieselben bekannt sind. Der
Verf. giebt darüber folgende Uebersicht.
4A. Grabende Larven.
a. Kiemen büschelförmig . . . > 202... Ephemera
b. Kiemen in Form gewimperter Blättchen . . Palingenia
B. Kriechende Larven, mit einfachen Schwanzborsten.
a. Körper sehr fach... ww 2.02. Baetis
d. Körper nicht fach . . . : 22020. 2 Potamanthus
۩. Schwimmende Larven mit angkewimpbrieu
Schwanzborsten . . . ern) Am IOEL
Clo& fusca ist von !Sohneider (Entom. Zeit. S. 340) als eine
neue Art aus der Gegend von Messina aufgestellt.
Neuroptera.
Ueber die Neuropteren der Linne’schen Sammlung machte Ha-
gen in der Entom. Zeit. S.155 eine Mittheilung.
Ebendas, gab Schneider: ein Verzeichniss der von Herm Prof.
Dr. Loew im Sommer 1842 in der Türkei und Kleinasien gesammel-
ten Neuropteren (S. 153), und: ein Verzeichniss der von Herrn Ober-
lehrer Zeller im Jahre 1844 in Sieilien und Italien gesammelten Neu-
ropteren (S. 338). Neue Arten sind Ascalaphus rhomboideus
von Rhodus (8.153). Megistopus? variegatus, von Rom, ver-
muthlich eine eigene Gattung, für welche in Bezug auf den Mangel
der Spornen an allen Schienen der Verf. den Namen @ymnocene-
mia vowschlägt (S.343). Mucropalpus fuseinervis, aus Oester-
reich (S.344). Chrysopa viridana und elathrata von Neapel,
die letztere auch von Sicilien (S.345), Hydroptila fuseicornis
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. 265
von Messina (S.346), Sericostoma flavicorne von Kellemisch
in Kleinasien (S. 155).
Eine neue schlesische Art ist Chrysopa pallida Schneider
(Arbeit d. Schles. Ges.), welche durch schmale Flügel und schwarze
Färbung des Cubitus von den übrigen abweicht. — Die als neue neu-
holländische Art aufgestellte Chrysopa maculipennis White
(Eyre Journ. I. S. 432. T. 4. F.2) ist Osmylus strigatus Burm.
Die von Rambur beschriebenen Arten von Raphidia wurden von
Schneider (Entom. Zeit. S.250) gemustert. Diese kleine Abhand-
lung ist für die Kenntniss der Arten von Wichtigkeit, da sie aus der
Prüfung der von R. beschriebenen Stücke selbst hervorgegangen ist,
Guerin theilte der Entomol. Gesellsch. zu Paris (Ann. Soc. Ent-
ll. Bull. S.xxxıy) die Beobachtung mit, dass die Puppe von Raphi-
dia lebhaft herumlaufe, und da sie von Anderen im ruhenden Zu-
stande angetroffen sei, stellt er die Ansicht auf, dass die Raphidien
sich in Hinsicht der Verwandlung gleichzeitig als Orthopteren und
Neuropteren verhalten. Dies ist aber nicht der Fall, Raphidia hat -
eine ruhende Puppe, welche erst dann zu laufen anfängt, wenn der
wesentliche Theil der Verwandlung vorüber ist. Man sagt also rich-
tiger, die Raphidia läuft nach überstandener ner umher,
ehe sie die Puppenhaut abstreift.
Hymenoptera.
Die Histoire naturelle ‚des Insectes. Hymenopteres. Par .
M. le Comte Lepelletier de Saint Fargeau, ist mit dem
dritten Bande, 1845, fortgesetzt worden.
Dieser Band enthält die sämmtlichen Grabwespen, mit mehreren
neuen Gattungen und einer grossen Zahl neuer Arten bereichert, die
letzteren bedürfen zum Theil noch einer besonderen Prüfung, um so
mehr ‘als der Verf. in der Literatur, vorzüglich der neueren, sehr
fremd war. Dies ist auch nicht ohne Einfluss auf die systematische
Behandlung gewesen, welches sich namentlich in den letzten Fami-
lien, den Scolieten und Mutillarien, bemerklich macht.
Hymenoptera Europaea, praecipue Borealia, formis typicis
nonnullis_specierum generumve exoticorum aut extraneorum
propter nexum Systematicum associafis, per Familias, ‚Genera,
Species et. Varietates disposita et descripta’ab A, @, Dahl-
bom. Tomus Sphex in sensu Linnaeano, Lund. 1843 — 45.
Der Anfang dieses Werkes ist schon im Jahresber. f. 1843 ange-
zeigt worden, jetzt liegt die erste Abtheilung vollendet vor. Eine
ungemein fleissige Arbeit, gleichwohl ist die Kenntniss der Literatur
für ein Werk dieser Art nicht ausreichend. Unangenehm ist es aber,
dass man nicht weiss, wie man mit dem Buche daran ist, denn wie
es sich ankündigt und wie es ist, ist es weder eine Monographie
Archiv 1, Näturgeseh, X, Jahrg. 2, Bd,
266 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
noch eine Fauna; nach meiner Ansicht hätte der Verf. besser gethan,
seine Arbeit auf die ihm vollständiger bekannte skandinavische Fauna
zu beschränken. Die Berücksichtigung der Mundtheile für die Ein-
theilung der Hymenopteren weiset der Verf, zurück, besonders um
die Anfänger damit nicht zurückzuschrecken, ich kann dagegen nur
bemerken, dass die Wissenschaft nicht der Anfänger wegen da ist,
und dass ihr an den Jüngern, die vor solchen Schwierigkeiten zurück-+
weichen, kein Verlust entsteht.
Tenthredinetae. v. Siebold wies eine Tenthr. (Allant.)
intermedia als das Männchen der T. (All.) Coryli nach. (Entomol.
Zeit. S.325). Diese Beobachtung ist auch schon von Saxesen ge-
macht worden: Vier Verzeichn. als Beitr. zur Kenntniss d. Faun. u.
Flora des Harzes S. 13.
Urocerata, Westwood (Memoirs on various Species. ‚of
Hymenopterous Insects, I. On the Economy and Relations ‚of the
Genus Xiphydria. : Transact. Entomol. Soc. 1V. 8.123. T. 10. F.1—17)
beschrieb die früheren Stände von XArphydria, wies die Stellung der
Gattung in dieser Familie als naturgemäss nach, und widerlegte die
neuerlich von Spinola vorgetragenen angeblichen Beobachtungen über
eine schmarotzende Lebensweise der Holzwespen.
Ichneumonides. Eine Bearbeitung der belgischen Ichneu-
monen hat Wesmael unternommen: Tentamen dispositionis metho-
dicae Ichneumonum Belgii, auctore C. Wesmael Prof. Bruxell. (1844).
Academ. Roy. d Bruxell. T.XVIN. (1845). Ein sehr wichtiger Bei-
trag. zur Artenkenntniss, theils durch. Berücksichtigung der in der
Skulptur liegenden Unterschiede, theils durch vielfache Aufklärung
über die oft so verschieden gebildeten und gefärbten Geschlechter
einer Art, theils durch eine eigenthümliche Eintheilung. Die in die-
ser Abhandlung bearbeitete Gattung Ichneumon ist in ähnlicher Aus-
dehnung wie von Gravenhorst angenommen, indess ist Alomya und
Hoplismenus noch darin aufgenommen, Stilpnus dagegen zu Cryptus
verwiesen. Diese Gattung ist auf folgende Weise in 5 Gruppen
getheilt:
a. Abdominis segmentum primum spiraculis inter medium et api-
cem sitis.
5. Metathorax spiraculis linearibus vel lineari-ellipticis, raro URAN.
c. Petiolus abdominis nullatenus depressus.
d. Abdomen feminarum apice acutum, segmento ultimo Bpaheeı ab
origine terebrae plus minus distante
1. Ichn. oxypygi (Ich. grossorius Gr.)
dd. Abdomen feminarum apice obtusum vel at saltem segmento
ultimo. ventrali terebram attingente
2. Ichn. amblypygi (Ich. subsericans Gr.)
cc. Petiolus abdominis paululum depressus (i. e. diametro eius
transversali paulo maiore quam diametro verticali
3. Ichn, platyuri (Ich. pedatorius Gr.)
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. 267
"5b. Metathorax spiraculis ‘eircularibus
4. Ichn. pneustici (Ich. melanogonus Gr.)
“ aa. Abdominis segmentum primum spiraculis in medio sitis
. 5. Ich. heterogastri (Alomya ovator Gr.)
Die weitere Eintheilung in Untergattungen ist folgende:
I. Ichn. oxypygi: «a, Scutellum ut plurimum ‚parum convexum,
apicem versus sensim. leniter declive. — d. Clypeus margine antico
anguste reflexo: 1. Subg. Eristicus (l. clericus Gr. 1.sp.). — bb.
Clypeus immarginatus. — c. Tarsi feminarum anteriores paulum di-
“ latati: 2. Subg. Eupalamus (I. oscillator, 5 ; deliratorius g‘ Gr.,
9: pallipes 2 Gr. 2sp.). — cc. Tarsi absque dilatatione. d. Clypeus
antice emarginatus: 3, Subg. Chasmodes (I. motatorius, lugens Gr.
2sp.). dd. Clypeus margine antico integro vel interdum subbisi-
nuato. e. Abdomen feminarum segmento dorsali octavo exserto, te-
xebra valvis latiusculis: 4. Subg. Exephanes (I. hilaris Gr. 2 sp.)
— ee. Abdomen segmentis septem dorsalibus distinetis: 5. Subgen.
Ichneumon (1. lineator Gr. 117 sp.). — aa. Scutellum gibbulum,
postice abrupte declive: 6. Subg. Hoplismenus (H. perniciosus
Gr. 3sp.):
I. Ichn. amblypygi. a.- Abdomen feminarum compressum,
apice truncatum; clypeus margine antico bisinuato: 7. Subg. Lime-
rodes (A nov.sp.). — aa. Abdomen oblongum vel subovatum. 5.
Abdomen feminarum segmentis septem dorsalibus; antennae marium
articulo flagelli nullo externe dilatato. — c. Pedes solita inter se
longitudinis relatione, tibiis rectis. d. Tarsi subtus setosi. e. Cly-
peus margine antico recto: 8. Subg. Amblyteles (1. fasciatorius
Gr. 38 sp.). — ee. Clypeus margine apicali medio angulato: 9. Subg.
Acolobus (I. albimanus Gr. 2sp.). dd. Tarsi (feminarum saltem)
subtus brevissime tomentosi, setis nullis vel subnullis. /. Scutellum
modice convexum: 10. Subg. Hepiopelmus (1. leucostigmus Gr.
3sp.). /f. Scutellum subpyramideum. g. Clypeus margine apicali
medio obtuse subangulato: 11. Subg. Trogus (Tr. lutorius Gr.
2sp.). — gg. Clypeus margine apicali recto; 12. Subg. Automa-
Zus (Tr. alboguttatus Gr. 1 sp.). — cc. Pedes anteriores ratione
posticorum breviusculi, postici validi tibiis subarcuatis, A. Tarsi
unguieulis simplieibus: 13. Subg. Anisobas (1. cireulatorius Gr.
25p.). — hh. Tarsi unguiculis serratis: 14. Subg. Listrodomus
(I. nyethemerus Gr. 1 sp.). — 5b. Abdomen feminarum segmento
dorsali octavo breviter exserto, Antennae marium articulis 12— 16
externe subdilatatis; tibiae 'graciles, posteriores subarcuatae: 15.
Subg. Hypomecus (1.n. sp.). ;
I. Ichn. platyuri. a. Abdominis segmentum primum flexura
media gibba: 16. Subg. Probolus (1. fossorius Gr. 1sp.). — aa.
Abdominis segmentum primum flexura plana, interdum hicarinata. D,
Seutellum gibbulum, lateribus immarginatum: 17. Subg. Euryla-
Ss“
268 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
bus (2sp.). — 5. Scutellum gibbulum, lateribus totis vel ultra me-
dium marginatis: 18. Subg. Platylabus (]. pedatorius Gr. 15 sp.)
IV. Ichn. pneustici. A. Planoscutellati, «a. Metathorax
apice medio ultra coxas posticas non prominulo. d. Clypeus aeque lon-
gus ac latus, metathorax bispinus: 19, Subg. Apaeleticus (2n.sp.)
— 5b. Clypeus latior quam longior, metathorax muticus vel submu-
ticus. ec’. Clypeus margine apicali levi et mutico. d. Mandibulae
in dentem unicum desinentes; 20. Subg. @nathoxys (I. marginel.
Zus Gr.? 1sp.). dd. Mandibulae apice subbidentatae, dente supe-
riore valido, dente inferiore brevissimo: 21. Subg. Herpestomus
(I. brunnicornis Gr. 8sp.). — ddd. Mandibulae apice dentibus duo-
bus subaequalibus instructae. e. Abdominis segmentum 2. impressione
basali nulla. f. Mandibulae feminarum margine infero sinuato; an-
tennae marium flagello filiformi: 22. Subg. Colpognathus (I. ce-
lerator Gr.). — ff. Mandibulae marginibus integris. g. Postscutel-
lum biscrobieulatum: 23. Subg. Dicaelotus (I. pumilus Gr. 3sp.).
— gg. Postscutellum laeve; antennae marium flagello basi attenuato:
24. Subg. Centeterus (I. opprimator Gr. 3sp.). — ee. Abdominis
segmentum 2 juxta basin distinete vel subobsolete impressum. 7,
Segmentum secundum scrobiculis duobus basalibus; 25. Subg. Ne:
matomicrus (1An.sp.) — Ah. Segmentum 2. impressione basali
transverso-lineari: 26. Subg. Phaeogenes (Il. stimulator Gr. 34 sp.)
— c?, Clypeus apice medio late excavato: 27. Subg. Oiorhinus
(1.n.sp.). — c®. Clypeus intra marginem apicalem foveola media
impressa: 28. Subg. dethecerus (Ae. dispar W., I. ischiomelinus
var 1 Gr., 6sp.). — c*. Clypeus margine apicali summo toto abrupte
depresso: 29. Subg. Diadromus (I. troglodytes Gr. 9 sp. — nach-
träglich mit Aethecerus vereinigt). — c°. Clypeus apice unidentatus:
30.Subg. Misetws (1.n. sp.). — aa. Metathorax apice subcaudatus:
31. Subg. Oronotus (1n.sp.). — B. Gibbososecutellati: 32,
Subg. /schnus (I. thoracicus Gr. 3 sp.).
V. Ichn. heterogastri: 33. Subg. Alomya (4. ovator Gr,
1 sp.).
„Ueber die Ausbildung und Umbildung der Flügel und Flügel-
zellen, besonders der areola (mittelsten Cubitalzelle) in der Familie
der ächten Schlupfwespen (Ichn. genuini)” legte Grayenhorst seine
Untersuchungen in den Arbeit. u. Veränd. der Schles. Gesellsch. vor,
Beobachtungen über die Larven von Microgaster theilte Gou-
reau (Ann. d. l. Soc. Ent. d. Fr. III. S. 355) mit. ‚
. Chaleidiae. Westwood trug in der Entom: Gesellschaft
zu London eine Abhandlung über die Lebensweise der Gattung ‚Pal-
mon Dalm. vor (Proceed. S.103) und zeigte, dass die Arten dersel-
ben, so weit ihre Lebensweise bekannt ist, in den Eierhülsen der
Mantiden vorkommen. Die Arten sind: 1. P. bellator Dalm., 2. P,
clavatellus Dalm., 3. P. pachymerus Westw., Priomerus pach. Walk.,
4. P. religiosus Westw., aus den Eiern der Mantis religiosa; 5,
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. 269
P. insularis Westw., aus den Eiern einer‘ Mantis von Isle de
France, 6. P. fraternus Westw., mit der vorigen; 7. P. obscurus
Westw. vom König Georgs-Sund; '8. P. melleus Westw., aus den
Eiern einer Mantis aus Brasilien. — Eine verwandte neue Gattung
Pachytomus Westw. unterscheidet sich von Palmon nur durch den
plattgedrückten verlängerten Hinterleib des Männchens, nur vier Dor-
nen der Hinterschenkel, erweitertes Grundglied aller Füsse und die
Lebensweise, die Art, P.Klugianus Westw., lebt nämlich nach Art
der Blastophagen in (ägyptischen) Feigen.
Procetotrupii. Förster machte einen Zwitter der Diapria
elegans bekannt. (Entom. Zeit. S. 390). i
Chrysidides. Klug hat in den Symb. Phys. T.45 einen
namhaften Beitrag zur Kenntniss dieser Familie geliefert: Parnopes
ist mit einer neuen Art, P. elegans, von Ambukohl bereichert. Die
Beschreibung der neuen Arten von Chrysis ist für die Eintheilung
der Gattung von Bedeutung: Bei der eigentlichen Chrysis sind die
Mandibeln einfach zugespitzt, und die Unterlippe ist kurz, kegelför-
mig. Bei den Einen ist der Hinterrücken in einen Fortsatz verlän-
gert (Pyria Enc.), zur Unterabtheilung derselben mit 6zähniger Hin-
terleibsspitze gehört Chr. nobilis (Pyria stilboides Spin., Stilbum
6dentatum Guer.) von Ambukohl; — bei den Anderen ist der Hin-
terrücken einfach; zur Unterabtheilung derselben mit Azähniger Hin-
terleibsspitze gehören Chr. chlorospila von Ambukohl und Chr.
coelestina von Fajum. — Eine Untergattung Spintharis ist für
solche Arten aufgestellt, welche vor der Spitze einmal gezahnte Man-
dibeln und eine verlängerte, gespaltene Unterlippe haben. Zur iten
Unterabtheilung mit Azähniger Hinterleibsspitze gehören Chr. zan-
thocera von Alexandrien, maculicornis ebendaher, humeralis
von Ambukohl, refu/gens ebendaher, frontalis von Sakkahra,
fascioluta von Ambukohl. — Bei der 2ten Unterabtheilung findet
sich an der Hinterleibsspitze nur ein Zähnchen auf jeder Seite; Chr.
prasina von Dongola (wohin Chr. bihamata Spin. als Abänd. ge-
hört). Chr. viridissima von Sakkahra und Chr. pumila von
Ambukohl, — Zur 3. Unterabtheilung mit glattrandiger Hinterleibs-
spitze gehört Chr. integerrima aus dem Wüsten Arabien.
Spheeides. Lepelletier (a. a.O.) stellte in dieser Familie
zwei neue Gattungen auf: Dynatus (S.332) weicht nach den ange-
gebenen Gattungskennzeichen von Sphex nur durch Sgliedrige Ma-
xillartaster ab, und enthält eine neue Art, D. Spinolae, unbekann-
ten Vaterlandes (‚Sans patrie” sagt der Verf.!) — Coloptera
(S. 387) von Ammophila und Miscus dadurch unterschieden, dass nur
zwei Cubitalzellen vorhanden sind, mit einer neuen Art, ©. barbara,
von Oran.
Die von Dahlbom (Hymen. Europ.) in dieser Familie errich-
teten Gattungen habe ich schon im Jahresber. f. 1843. 5.308 aufge-
270 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
führt; 'es ist hier nur zu bemerken, dass Chalybion vom‘ Verf. im
Nachtrage S.432 als Untergattung von Pelopoeus eingeordnet wird,
und dass die Absonderung derselben wirklich hauptsächlich auf der
blauen Farbe beruht.
Pompilii. Lepelletier (a. a. O.) bringt diese Familie in
zwei Abtheilungen: Pompilites mit bei beiden Geschlechtern lose
gegliederten, aufgerollten Fühlern und Pepsites mit bei den Männ-
chen geraden Fühlern. In die erste gehören Aporus, Euagetes, Pla-
niceps, Salius, Micropteryx, Calicurgus, Pompilus, Anoplius, Macro-
meris, in die zweite Ceropales, Ferreola, Pepsis, Pallosoma. Die
neue Gattung Euagetes (S.390) beruht auf dem Aporus bicolor der
Encycl., und unterscheidet sich von Aporus durch zweizähnige Man-
dibeln, gewölbten Hinterleib und im Flügelgeäder dadurch, dass die
2te Cubitalzelle den ersten, die 3te den zweiten rücklaufenden Nerven
aufnimmt. — Micropteryx (Pomp. brevipennis F.) hat kurze, den
ersten Hinterleibsring nicht überragende, runzlige Flügel. — Cali-
curgus umfasst diejenigen Pompilus-Arten (z. B. P. exaltatus) mit
kammförmig beborsteten Vorderfüssen und gezähnelten und dornigen
Hinterschienen, während Pompilus auf solche (z. B. viaticus) be-
schränkt ist, wo die Vorderfüsse einfach, höchstens gewimpert, die
Hinterschienen gezähnelt sind, und Anoplius diejenigen (z. B. pe-
tiolatus) enthält, wo die Vorderfüsse ganz einfach und die Hinter-
schienen ungezähnelt sind. — Macromeris ist auch als neue Gattung
aufgeführt, es ist aber vergessen worden, dass dieselbe schon in
Guer. Mag. Zoo]. 1.ann. abgebildet wurde. — Ferreola ist in seiner
Abtheilung dadurch ausgezeichnet, dass der Prothorax länger als der
Mesothorax, der Metathorax noch länger als beide zusammen, der
ganze Mittelleib also sehr langstreckig ist: eine neue Art, F. Al-
gira von Bona. — Pallosoma von Pepsis dadurch unterschieden,
dass die Fühler des Männchens nicht verdickt sind, und dass der
erste rücklaufende Nerv dicht an dem Scheidungsnerven der 2ten und
3ten Cubitalzelle mündet; entl. Peps. nıgrita F. u. a.
Dahlbom’s (Hym. Eur. S. 440) hat folgende Gattungen der
Pompilier: 1. Dolichurus Spin., 2. Ceropales, 3. Salius (vergl. Jah-
resh. f. 1843. S.310); 4. Homonotus, von der vor. Gattung durch
schmalen Körper, glatten, vorn und hinten gerade abgeschnittenen
Mittelleib, lange dünne Fühler unterschieden, ohne Zweifel der eigent-
liche Salius F., 5. Entypus, ‚der vor. Gattung ähnlich, ‘durch eine
tiefe Seitenfurche des Prothorax ausgezeichnet, 6. Pluniceps Latr.,
7... Aporus Spin., 8. Pompilus, 9. Pogon«us (der Name wäre wegen
der schon vorhandenen Pogonus, Pogonias zu vermeiden gewesen)
von der folg. Gattung dadurch unterschieden, dass der‘ Qubital- und
Discoidalnerv in 'den 'Flügelrand auslaufen, und ‚dass die: Maxillen
stärker behaart sind: den P. bifasciatus, hircanus, intermedius und
variegratus enthaltend; — 10: Agenia Schiödt: — 11. Ctenocerus,
Fühler des Männchen kammförmig, Cr. Klugii, schwarz, Amerika?
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. 271
Das ist Alles was der Verf. angiebt; wahrscheinlich.hat er ein In-
seet aus der hiesigen Sammlung im Sinne, welches Westwood auch
schon gelegentlich erwähnt; dies Insect ist aber nicht aus Amerika.
Es kann wohl nicht gestattet werden, einen Namen nach flüchtiger
Erinnerung des Gegenstandes aufzustellen, der obige Gattungsname
ist ohnehin nicht mehr frei. — 12. Priocnemis Schiödt. Klauen un-
ten einzähnig. — 13. Cyphononyz, neue Gattung, von der vorigen
nur durch an der Spitze gespaltene Klauen abweichend, den P. la-
vicornis F., P. castaneus Kl. u. a. enthaltend. — 14. Hemipepsis,
neue Gattung, von Priocnemis durch unten zweizähnige Klauen un-
terschieden: P. /uteipennis F., fulvipennis F,, flavus F. u. a. — 15.
Pepsis F.
Larratae. Klug (Symb. Phys.) beschrieb folgende Arten
von Palarus: P. Dongalensis von Ambukohl, P. Zepidus von
Sakkahra, P. /aetus von Fajum (diese beiden Arten sind von Spi-
nola unter P. histrio verwechselt), P, ambustus von Sakkahra.
Eine neue Gattung Bricyrtes ist von Lepelletier (a. a. O.
8.53) aufgestellt und von Nysson durch folgende Kennzeichen unter-
schieden: Seiten des Hinterrückens nach hinten verlängert, aber nicht
in einen Dorn ausgehend; die Spitze der Radialzelle weiter als die
dritte Cubitalzelle von der Flügelspitze entfernt; die beiden genann-
ten Zellen haben eine gemeinschaftliche Seite. Die Art, B. Servil-
- Zei ist von Philadelphia. — Dahlbom (Hym. Eur. S. 514) führt eine
neue Gattung Notoglossa auf, welche von Oxybelus sich durch
nichts als zungenförmige Gestalt des Dorns des Hinterrückens un-
terscheidet. Von einer anderen neuen Gattung, welche hinter Nysson
eingereiht ist, Entomosericus, ist nichts gesagt, als dass sie sehr
sonderbar ist (S. 486).
Bembecides. Aus der Gattung Stizus (hier Larra genannt)
sind von Klug in den Symb, Phys. T.46 folgende Arten dargestellt:
1. L. lepida von Fajum in Aegypten, 2. L. zonata aus dem
Glückl. Arabien, 3. L. succinea von Ambukohl, 4. L. citrina
von Fajum, 5. L. antennata aus Syrien, 6. L. Syriaca eben-
daher, 7. L. unnulata desgl., 8. L. tenella von Dongola, 9. L.
dichroa von Sakkahra in Aegypten, 10. L. bixonata (Stix. biz.
Spin.) von Fajum, 11. L. fuliginosa von Syene, 12. L.infuscata
von Ambukohl, 13. 2. apicalis aus dem Glückl. Arabien, 14. 2.
Jasciata F. von Ambukohl. Die Arten 8, 10, 11, 43 sind auch in
der Deser. d. Egypt. abgebildet, die übrigen mit Ausnahme von 14
_ ganz neu.
' Dahlbom (Hym. Eur. $.479) begründete seine Gatt. Sphecius
durch einige Abweichungen im Flügelgeäder von dem von Stizus,
und rechnete ausser der Sph. speciosa Dr. noch eine französische
Art, Stiz. nigricornis Duf. dazu. Natürlicher stellte Lepelletier
(Hym, 111. $.288) unter der Benennung Hogardia mit zwei ameri-
272 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
kanischen Arten, H. rufescens (Stiz. Hogardi Latr.) von St. Domingo
(auch auf Cuba einheimisch) und A. speciosa (Sph. specios. Dr.) aus
Nordamerika, dieselbe Gattung ‚mit dem Unterschiede von Stizus auf,
dass die Nebenaugen hier auf der Stirn, bei Hogardia auf dem Schei-
tel stehen. -
Crabronites. Klug (Symb. Phys. T. 47) bereicherte die
Gattung Philanthus und Cerceris mit folgenden Arten: Phil. dimi-
diatus von Ambukohl, PA. pallidus ebendaher, Cerc. histrio-
nica von Sakkahra und Fajum, ©. albisecta von Ambukohl und
Doebbe in Dongola, €. vidua aus dem Wüsten Arabien, (. insig-
nis aus dem Glückl. Arabien, C. annulata von Fajum, €. pul-
chella von Fajum, C. excellens von Sakkahra.
Dahlbom (Hym. Eur.) stellte eine neue Gattung Ant hophi-
Zus auf, welche mehrere Nordamerikanische Arten (PAil. politus Say,
Phil. vertilabris F. und Vespa (nicht PAxl.) gibbosa F.) enthält, und
sich von Philanthus dadurch unterscheidet, dass die Hinterleibsringe
nicht eingeschnürt sind, und dass die Analzelle der Hinterflügel: hin-
ter, dem Ursprunge des Cubitalnerven geschlossen ist. — Unter dem
Namen Simblephilus erhebt der Verf, den Phil. petiolatus, Spin.
zu einer neuen Gattung, es ist ihm aber entgangen, dass diese Art
zu Trachypus Kl. gehört (s. Jahresb. f. 1841. S. 271), welchen der
Verf, unter den Spheciden untergebracht hat, der aber hier bei Phil-
anthus an seiner natürlichen Stelle steht.
Eine neue Gattung Didesmus (S.502 Diamma S.225) bildete
Ders. aus Cerceris petiolata Spin., in Rücksicht auf die von Spinola
beschriebene eigenthümliche Gestalt des Hinterleibes.
Unter dem Namen Entomognathus errichtete Ders, (S, 295)
eine neue Gattung für Crabro brevis V.d. Lind., welcher durch einen
Ausschnitt der Mandibeln von Lindenius Lepell. abweicht. Die Gat-
tung Megapodium (ebenda) ist später (S.510) als mit Dasyproctus
Lepell. übereinstimmend eingezogen worden.
Crossocerus, ‚Blepharipus, Thyreopus, Ceratocolus, Solenius Le-
pell. sind von Dahl'bom:als Untergattungen von’Crabxo betrachtet;
diesen sind.noch drei neue Untergatt. zugefügt: Br achymerus(S.519):
Hinterleib gelbgefleckt, Brust‘ und Hinterrücken: dicht und fein längs-
gestrichelt, Schenkel kurz, verdickt: eine noch unbeschriebene‘ Art
Cr: Megerlei. — Anothyreus. (ebenda): Hinterleib gelbgefleckt,
Kopf und Mittelleib lederartig, matt, punktirt, behaart, Hinterrücken
zunzlig; Beine und'Fühler einfach: Cr. /apponicus Dahlb. — Eeti-
meniuws (5.389): Hinterleib gelbgefleckt, Brustseiten längsgestrichelt,
Hinterrücken runzlig; Fühler bei beiden Geschlechtern 12gliedr.. beim
Männchen einzelne Glieder ausgerandet; die Mandibeln: am Innen-
rande zwischen Wurzel und Mitte mit einem starken Zahn, an der
Spitze beim Männchen zwei-, beim Weibchen dreizähnig: Solen. rubi-
cola Duf., Cr. vagus F,, Sol; dives Lepell., Or, guttatus V. d. Lind,
Cr. rugifer n. sp. i i
Naturgeschichte der Insecten wäbrend des Jahres 1845. 273
Seolietae. Lepelletier (a.a.0.) hat von Scolia zwei Gat-
tungen, Campsomeris und Colpa abgesondert; Campsomeris: ge-
wöhnlich drei Cubitalzellen, gewöhnlich zwei rücklaufende Nerven
von der zweiten Cubitalzelle aufgenommen. —- Scolia: drei oder
vier Cubitalzellen; ein einziger rücklaufender Nery von der zweiten
Cubitalzelle aufgenommen; — Colpa: drei oder vier Cubitalzellen,
spatelförmige Enddornen der hinteren Schienen.
Vespariae. Lucciani theilte einige hübsche Beobachtungen
über Eumenes coarctata mit (Ann, d. 1. Soc. Ent. d. Fr. II. Bull,
S.cx). Er erzog aus den Nestern derselben Mesoleptus albitarsus
und Chrysis ignita. Vom Eumenes finden sich jährlich zwei Bruten,
die eine entwickelt sich im Juni, die andere im August; die letztere
braucht zu ihrer Entwickelung nur 23 Tage, die erstere überwintert
im Larvenstande; er schliesst sich zu diesem Zweck in einem Ge-
spinnst von weisser Seide ein, während die Parasiten (wohl der Me-
soleptus) sich ein röthliches Gehäuse von knorpliger Beschaffenheit
weben. Die für die Eumenes-Larve eingetragene Nahrung besteht
aus drei bis vier lebenden Raupen (und der Mesoleptus ist wahr-
scheinlich mit denselben hereingebracht).
Westwood beschrieb die Beobachtungen, welche er an einem
von Frankreich nach England übergesiedelten Stock der Polistes
gallica machte (Transact. Ent. Soc. Lond. IV. S. 136). Er theilt hier
die Beobachtung Audouin’s mit, dass bei den Larven derselben die
Luftlöcher sich nur am 2. und 3. Thorax- und am ersten Hinterleibs-
ringe finden, eine dadurch bedingte Eigenthümlichkeit, dass durch
die Erweiterung dieses Theils des Vorderkörpers der Zutritt der
Luft zu dem in der Zelle enthaltenen hinteren Theile abgehalten wird.
(Bei der Larve der Polistes versicolor habe ich mich indess über-
zeugt, dass auch die folgenden 8 Hinterleibsringe ihre Luftlöcher
haben).
Apiariae. Eine Monographie der britischen Arten von Pros-
opis (HBylaeus) ist von Smith in (Transact. Ent. Soc. Lond. IV. S.29,
T.3) erschienen. Es sind 9 Arten, meist nach beiden Geschlechtern
beschrieben, und zum Theil durch Abbildungen erläutert. 1. H. an-
nulatus Kirb. Mon. 2. A. annularis Kirb. Mon. 3. H. signatus Kirb.
Mon. 4. H. dilatatus Kirb. Mon. 5. H. pallidens Kirb. neue Art,
| Männchen, mit weissem Gesicht, gelben Mandibeln und stärker punk-
tirtem Mittelleibe. 6. H. cornutus Kirby, neue Art, Weibchen, sehr
ausgezeichnet durch ein Paar Hörnchen auf dem Kopfschilde. 7. 4.
plantaris, neue Art, Männchen, wiederum ausgezeichnet durch er-
weitertes erstes Glied der Mittelfüsse. 8. H. punctulatissimus,
neue Art, beide Geschlechter. 9. H. hyalinatus, ebenfalls eine
neue kleinere Art, beide Geschlechter, — Der Verf. glaubt, dass die
Gattung schmarotzt, er konnte nie ihre Nester ausfindig machen, fand
sie aber häufig an einer Stelle, wo Andrena Afzeliella in Menge nistete,
Be
374 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
Ders. hat die britischen Arten von Bomhus, Nomada, Megachile
und Osmia gemustert in einer von Newman herausgegebenen Zeit-
schrift „The Zoologist”, welche mir bisher noch nicht zugänglich
gewesen ist.
Klug hat in den Symb. Phys. T. 49. 50 folgende meist Meue.Ar-
ten’ der Gattungen Megrlla, Saropoda und Eucera beschrieben und
abgebildet: Meg. scopipes ( Anthoph. scopip. Spin.) aus Aegypten, M,
vetula aus dem Wüsten Arabien, M. Zanata von Alexandrien, M.
robusta, socia, caliginosa aus Syrien, M, nubica Lepell, von
Ambukohl und aus Aethiopien, M. vidua aus Aegypten, M. con-
einna aus Syrien, M. incana von Ambukohl, M. mucorea von
Dongala, M. valga aus dem Wüsten Arabien, M. crocea aus Don-
gala, M. farinosa aus dem Glückl. Arabien, M. alternans aus
Aegypten und Sakkahra. — Saropoda byssina, lutulenta, te-
nella ebendaher. — Eucera (mit 2 Cubitalzellen) Aelvola und
nigripes aus Syrien (mit drei Cubitalzellen): E. ruficollis (Macroe.
rufie. Brull. Lepell., Tetralonia atricornis Spin., Macroe. alternans
Brull.) aus Aegypten, E. Zanuginosa ebendaher, E. erinita aus
Syrien, E. atrata, cuniculina und pumila von Kahira,
In Jacquem. Voy. dans ’Inde sind von Blanchard zwei neue
Arten beschrieben: Bombus pictus, „Niger, prothorace antice po-
sticeque albo sive pallido piloso, abdomine flavo-piloso, fascia nigra
apiceque rufo”, von Kaschmir, und Xylocopa lativentris
„Omnino nigra, pilis nigris vestita, alis violaceis, nitidissimis”, wahr-
scheinlich das Weibchen von X. latipes F
Newport (On the habits of Megachile centuneularis: Transact.
Ent. Soc. Lond. IV. 8.1) beobachtete die genannte Biene beim Nest-
bau und bemerkte, dass sie eine Zeitlang mit Stücken von Rosen-
blättern abwechselnd einen anderen Stoff eintrug, der sich als Baum-
wollenzeug ergab. Als der Verf. später das Nest öffnete, zeigte sich,
dass die Biene das Zeug angewandt hatte, um den sehr buchtigen
Grund des Ganges, in welchem das aus fünf Zellen bestehende Nest
angelegt war, zu ebnen, Zum Eintragen eines Stückes Rosenblatt,
die Zeit; des Ausfliegens, Abschneidens und Heimkehrens eingerech-
net, brauchte die Biene höchstens 45, zuweilen nur 30,Secunden.
Smith (ebenda S,34) beobachtete die Nester der Osmia, leuco-
melaena in trocknen Brombeerzweigen. Der Gang geht etwas wel-
lenförmig in dem Mark. Die Zellen liegen hinter einander, 5 an der
Zahl, In gleichen Zweigen nistet ein Odynerus (Epipone), dessen
Gänge unterscheiden sich dadurch von denen der Osmia, dass das
ganze Mark ausgeräumt ist, — Den Epeolus variegatus beobachtete
der Verf. als Schmarotzer von Colletes suceincta.
Die Eingebornen von Neuholland haben eine sigaiihimliche Art,
die Stöcke ‚der 'einheimischen Bienen (Melipona) ausfindig zu machen.
Sie fangen eine Biene, kleben ihr mit: Gummi ein weisses Federchen
an, lassen sie wieder ‚fliegen, und setzen ihr nach; ‚stolpern dabei
+ Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. 275
über Bäume und Büsche, verlieren sie aber selten aus dem ‚Gesicht,
bis sie auf diese Weise zum Neste geleitet worden sind (Eyre Journ.
of Exp. 11. S. 273).
Lepidoptera.
Lepidopterologische Beiträge. IV. Von Dr. Ad. und O.
Speyer, Ueber den äusseren Bau der Schmetterlinge in den
drei ersten Entwickelungsstadien. Isis, S. 816.
Freyer Neue Beiträge zur. Schmetterlingskunde, Heft
74 —80.
'Herrich-Schäffer Systematische Bearbeitung der Schmet-
terlinge von Europa. Heft 10— 12.
In der Bearbeitung des Textes sind die Tagfalter und damit der
erste Band zum Schlusse gebracht.
Anzeige von Boisduval’s ,„‚Genera et Index methodicus
Europaeorum Lepidopterorum”” mit Bemerkungen von Freyer
(Isis. S. 645).
Ergänzungen, Zusätze und Berichtigungen zu Dr. Her-
_ rich-Schäffer’s „Nomenclator Entomologieus” von Garduus
x
(Ebenda S. 87).
_ Catalogue methodique des Lepidopteres d’Europe, distri-
bues en familles, tribus et genres, avec l’exposee des carac-
teres sur lesquelles ces divisions sont fondees et l’indication
des lieux et des epoques ou l’on trouve chaque espece: pour
servir de complement et rectification & Y’histoire naturelle des
Lepidopteres de France, devenue celle des Lepidopteres d’Eu-
rope_par.les supplements qu’on y a. ajoutes,, par M. P,A.J.
Duponchel. Paris 1845,
" Europaeorum Microlepidopterorum Index methodicus, sive
Pyrales, Tortrices, Tineae et Alucitae Linnaei secundum novum
naturalemque ordinem dispositae, nominibus genuinis restitutis,
synonymia ‚accurate elucidata, locis indicatis, novisque specie-
bus aut larvis brevi descriptis; auctore A. Guenee, Pars 1.
sistens Tortrices, Phyeidas, Crambidas Tinearumque initium,
Paris 1845.
Dieses mit grossem Fleisse ausgearbeitete Verzeichniss ist auch
unter der Ueberschrift „Essai sur une nouvelle classification des Mi-
corolepidopteres et catalogue des especes Europöennes connues jus-
qua ce jour par M, A.'Guen&e in den Ann. d, 1. Soc, Ent. d. Fr.
111. 8.105.297 erschienen. Vorausgeschickt ist eine sehr anziehende
276 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
Einleitung, in welcher der Verf. seine Ansichten über die Behandlung
der Namen ausspricht, in Bezug auf einige Abänderungen, welche von
Zeller gegen den in der Lepidopterologie herrschenden Gebrauch
gemacht sind. Es ist auf der einen Seite allerdings nicht zu läugnen,
dass die von Linne bei den kleinen Nachtschmetterlingen eingeführten
eigenthümlichen Namenendigungen Manches für sich haben, obgleich
von Neueren viele höchst abgeschmackte Namen hinzugefügt: sind,
auf der andern Seite geht man aher zu weit, wenn man auf einem
Gebrauch wie auf einem Gesetze besteht, und Herr Zeller ist im
vollen Rechte, wenn er für die Lepidopterologie dieselben Gesetze
in Anspruch nimmt, welche für die übrigen organischen Naturkörper
gültig sind.
Die Microlepidopteren der Provinz Preussen, von A. v.
Tiedemann (Preuss. Prov. Blätt. S. 525). ;
Nachtrag zum Verzeichnisse der preussischen Schmetter-
linge, von Dr. H. R. Schmidt in Danzig (ebenda S. 278).
Enumeration des Insectes lepidopteres de la Belgique par
E. de Selys Longehamps. Mem. d. l’Acad: Roy. d. Sciene.
d. Liege. T. II. S. 1— 35.
Tagschmetterlinge 88, Sphingiden 36, Bombyeiden 104, Noctuen
214, Phalaeniden 217, Pyraliden 61, Tortrices 140, Crambiden 36,
Tineen 108, Pterophoriden 47, im Ganzen 1021 Arten; da sich noch
gegen 80 unbestimmte Tortrices und Tineen vorfinden, schlägt der
Verf. die Zahl der beobachteten Arten auf 1100 an. Einige als neue
beschriebene sind unten namhaft gemacht.
Beitrag zur Lepidopteren-Fauna von Oberkärnthen und Salzburg.
Von Dr. Niekerl in Prag (Entom. Zeit. S. 57, 85, 104, 212).
Lepidopterologische Bemerkungen theilten ebend. Freyer (S. 22.
286. 333), Keferstein (S. 357) und v. Prittwitz (S.245) mit.
Einige exotische Schmetterlinge sind von Doubleday (Ann.
nat. hist. XVI. S. 176, 232, 304) und van der Hoeven (Tijdschr. f.
natuurl. Geschied. XII. S. 251. T. 4) bekannt gemacht.
Die Beschreibung einiger merkwürdiger Abänderungen von Le-
pidopteren ist von Brittinger (Entom. Zeit. S. 108) mitgetheilt.
Ein Zwitter von Smerinthus Populi ist von Thrupp in den
Transact. Ent. Soc. Lond. S.68 beschrieben. Zwitter von Euprepia
purpurea und Hipparchia Janira bildete Freyer (Neue Beitr. T. 458.
F.4 und T. 464. F.4) ab.
Papiliones. Mehrere neue Arten von Papilio sind von Dou-
bleday in den Ann. nat. hist. XVI. beschrieben: P. Aidonius
(S. 178) vom Himalajah. P. Elphenor (8.305) von Sylhet, P. Evan
(S.235) ohne Vaterlandsangabe, P. Bromius (S.176) aus dem Lande
der Aschanti. Der letztere ist dem P. Nireus zunächst verwandt,
von welchem der Verf. die südafrikanische Form als P. Lyaeus un-
terscheidet,
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. : 277
Zugleich bemerkt der Verf. (S.304), dass die von ihm und von
Westwood aufgestellten, von mir im Jahresber. f. 1842 zusammenge-
zogenen P. Ganesa und Arcturus, Polyeuctes und Bootes, Xenocles
und Pollux, alle as Sylhet, wirklich sechs verschiedene Arten sind
und spricht die Ueberzeugung aus, dass ich die Beschreibungen nicht
eingesehen habe, sondern durch unrichtige Nachrichten aus England
irre geleitet sei. Wäre das letztere der Fall gewesen, würde ich
nicht verfehlt haben, meinen Gewährsmann zu nennen. So wie ich
die Sache jetzt finde, sehe ich wohl ein, dass ich zu weit gegangen
bin, aus einer anscheinenden Uebereinstimmung der Beschreibung
auf die Uebereinstimmung der Arten zu schliessen, denn 1842 hatte
Doubleday’s P. @anesa einen grossen blauen Fleck auf den Hinter-
füügeln (near the external angle is a large brilliant blue patch
Gray Zool. Misc. 11. p. 73), im Jahre 1846 ist er dadurch kenntlich,
dass er keinen blauen Fleck auf den Hinterflügeln hat (P. Ganesa is
in both sexes destitute of tlue splendid blue patch on the po-
sterior wings so conspicuous in P. Arcturus. Ann. n. h, XVI. S.305).
Dieser Widerspruch, den wenigstens der finden muss, der die
Schmetterlinge nicht in der Natur vor Augen hat, giebt mir Veran-
lassung zu der Erinnerung, wie wenig Licht in die Wissenschaft
durch Aufstellung und Beschreibung vereinzelter Arten gebracht wird;
es ist eine Selbsttäuschung, wenn die Beschreiber meinen, damit
künftigen Bearbeitern einen Vorrath zu: bereiten, in der Mehrzahl
der Fälle wird für sie nur ein Unrath aufgehäuft, den sie wegzu-
schaffen haben. Es liegt dies in der Natur der Sache, denn eine
gute Beschreibung einer einzelnen Art zu entwerfen, ist, besonders
‚wenn sie zugleich kurz sein soll, meist eine schwierige Arbeit, weil
sie die Berücksichtigung aller schon vorhandenen Arten voraussetzt.
Dazu kommt, dass solche Beschreibungen aus den verschiedensten
oft schwer zugänglichen Zeit- und Gesellschaftsschriften zusammen-
gesucht werden sollen. Auf dem Festlande hat man sich schon mehr.
fach von der Unzweckmässigkeit vereinzelter Beschreibungen überzeugt,
und Dejean ging bekanntlich so weit, dass er,sie ganz unberücksich-
tigt wissen wollte. Jetzt wird ein Papilio aus Sylhet nach dem an-
dern beschrieben, “warum wird nicht lieber durch eine zusammen-
hängende Bearbeitung derselben eine Abhandlung geliefert, welche
unfehlbar wissenschaftlichen Werth haben würde?
Danaides. Neue Arten dieser Gruppe sind Euploea (Danais)
Dorippus Klug (Symb. Phys. T.48) von Dongala und Ambukohl
und /dea Blanchardi Marschall (Rey. Zool. p.168) von Bor-
neo; diese letztere ist kleiner als I. Agelia, von der Grösse der 1.
Lyncea, anders gefleckt, und mit gleichsam berauchtem Hinterrande
der Flügel.
- Nymphalidae. Ueber das Flügelgeäder von Argynnis hat BE.
Doubleday genauere Untersuchungen mitgetheilt: Remarks on the
Genus Argynnis of the. Eneyel. meth., especially in regard to: the
378 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in’ der
subdivision by means of Characters drawn from the Neurätion of
the Wings; Transaet. Linn. Soc. XIX. S. 477. T. 42. — In der Be-
stimmung des Flügelgeäders ist der Verf. im Allgemeinen Lefebvre
gefolgt, indess mit einigen Abänderungen, welche aus folgender Auf:
fassung hervorgehen: „Nach der normalen Bildung der Insectenflügel
sind zwei verschiedene Abtheilungen von Luftgefässen oder Nerven
vorhanden, von denen drei der vorderen, drei der hinteren Flügel-
hälfte angehören; bei solchen Arten, wo die Flügel den möglichst
normalen Bau haben, sind auch alle diese Nerven vollständig und
ihrer eigentlichen Bestimmung gemäss entwickelt; in tieferen Stufen
finden wir zuerst einige der Nerven weniger ausgebildet, aber noch
ihren Dienst erfüllend, dann verkümmern sie allmählich und gehen
zuletzt ganz ein; diese Abstufung ist theils von der Stellung, welche
die Arten im natürlichen System einnehmen, theils von ihrer Le-
bensweise abhängig.” „Die drei oberen Nerven sind im Vorderflügel
eines grossen Theiles der Heteroceren vorhanden, aber der unterste
oder Discoidalnerv fehlt oft, obgleich seine Aeste bleiben; bei den
Rhopaloceren fehlt er beständig und seine Aeste sind entweder mit
dem Subcostal- oder Mediannerven verbunden.” Nach dieser Ansicht
finden sich bei den Rhopaloceren ein’Mediannerv mit beständig drei
Aesten, über demselben zwei Discoidalnerven, dann der Subcostal-
nerv mit gewöhnlich 5, zuweilen 'aber auch nur mit 3 Aesten, ‘Bei
den Suspensi ist die Zahl dieser Aeste fast ohne Ausnahme 5, bei
den Suceineti ist sie weniger beständig, besonders bei den Erycini-
den. — Die Gattung Argynnis des Godart zeigt immer 5 Subeostal-
äste, welche, wie der Verf. glaubt, nie mit’dem Costalnerven in Ver+
bindung treten. Durch Entfernung von Arg. Alcandra, Aceste und
Lucinda, und'durch Hinzufügung einiger Cethosien gestaltet sich Ar-
gynnis zu einer sehr natürlichen Gruppe, welche sich vorzüglich in
Rücksicht auf die Subcostaläste, auf folgende Weise gliedert:
1. Agraulis Vanillae und Moneta.
2. Arg. Thais, Olagia u. a., wohin auch trotz der abweishenen
Färbung Terinos Clarissa Boisd, gehört,. weshalb Terinos als
Untergattungsname dienen mag.
3. Arg. Jole.
4. Die Gattung Phalanta Horsf. mit Einschluss von Arg. Eryman-
this und Prosope.
5: Arg.. Egesta.
6. Die Gattung Clothilda Blanch, ey i
7. Boisduval’s Abtheil, Maores von Argynnis, mit Einschhiss von
4A. Lathonia und einiger anderen, als Niphe und Chüldrenae: aus
der alten, und Aphrodite, Cybele und Diana aus der neuen Welt.
8. Boisduval’s Abtheil. Minores, mit Ausnahme einiger Arten, aber
mit Einschluss mehrerer Arten aus den gemässigten Theilen von
Nord- und Südamerika. — Die Gattung Melitaea. hat, ebenfalls drei
Abtheilungen,. die eine ist zahlreich in Europa;; die zweite, aus.M.
7
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. 279
Phaeton und Chalcedona Boisd. bestehend, ist auf Nordamerika be-
schränkt, die dritte (z. B. Arg. Tharos und Ismeria) verbreitet sich
in zahlreichen Arten von der Hudsonbay bis zu den hohen Breiten
der südlichen Halbkugel. -
Freyer bildete (N. Beitr.) Argynnis polaris (T.439.F.1.2)
aus Lappland und Melitaea Boisduvalii Somm. (T.441.1) von
Labrador, ab, die letztere ist indess von Boisduval schon in Ind.
meth. mit Recht als Abänd. von Arg. Chariclea beurtheilt worden.
In Bezug auf Vanessa Prorsa und Levana theilte Pierret (Ann.
d. 1. Soc. Ent. d, Fr. II. Bull. S.ıxxvı) Beobachtungen mit, aus wel-
chen er zeigt, dass bei warmer Witterung V. Prorsa, bei kühler und
nasser dagegen V. Levana entstände, — Die Raupe der. Limenitis
Camilla wurde von Dems. (ebenda) auf Xylosteum vulgare gefunden,
Als neue aussereuropäische Arten dieser Gruppe beschrieb Klug
(Symb. Phys. T.48): Vanessa Limnoria und YV. Orthosia, die
erstere aus dem Glückl., die zweite aus dem Wüsten Arabien, beide
der V. Laodice verwandt. — v. d. Hoeven (Tijdschr. X1..S: 251.
T.4) Aterica Edwardsii aus Guinea. — Doubleday (Ann. nat.
hist. XVI. S. 178.232) Apatura Namouna unbestimmten Vater-
landes; Adolius Euthymius von Himalajah, Diadema Bois-
duvalii aus dem Aschantigebiet, D. Anthedon aus Westafrika,
D. Nyetelius, Nama, Lisarda aus Sylhet.
" Satyrides. Folgende Arten wurden von Freyer (N. Beitr.)
als neue abgebildet: Hipparchia Pontica Friv. (T.475. F.2.3)
aus Creta, (später von Friv. als H. Amalthea versandt), — H. Vir-
dius (T.463. F.1.2) aus Südrussland, der H. Actaea F. Bryce O.
anscheinend sehr nahe stehend, und vielleicht nur Abänderung der-
selben. — H. Crambis Somm. (T.440. F.3.4) aus Labrador, —
H. Rhamnusia (T.457.F.2.3) aus Sicilien, durchaus nur eine ört-
liche Abänd. von Eudora, — H. Demophile (T.439. F.3.4) aus
Lappland, schwerlich mehr als örtliche Abänd. von Davus, — H.
Arcanoides (T.457.1) angeblich aus der Schweiz, nach einer von
Eversmann an Keferstein mitgetheilten Bemerkung: (S. Entom. Zeit.
S. 359) aus Algier; — H. Thyrsis Friv. (T.475. F.1) aus Creta.
Doubleday (Ann, nat. hist. XV1. S.234) stellte als neue Mor-
phiden-Art TA aumantis Diores, und als Satyriden (ebenda $. 306)
Hetaera Esmeralda von Para und Argyrophenga Antipo-
dum aus Neuseeland auf. Die neue Gatt. Argyrophenga schliesst
$ich nahe an Erebia, erinnert durch verlängerte Taster und kurze
Fühler an Libythea, und zeichnet sich ausserdem durch Silberzeich-
nungen auf der Unterseite der Hinterflügel aus.
Lyeaenides. Polyommatus Polonus ist eine zwischen P,
Adonis und Corydon stehende neue Art, welche Zeller (Entomol,
Zeit. 8.351) beschrieben hat. P. Trochilus und Psylorita Friv.
sind neue Arten aus Creta, von Freyer N. Beitr. T.440.F.1 und
7.469, P.3.4, die letztere auch von Herrich-Schäffer Suppl.
N
280 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
F. 328, 329 abgebildet, — ıP. Bella Herr. Schäff, (8.127. F,227.
228) ist eine noch zweifelhafte neue, mit P. Aegeon zunächst ver-
wandte Art aus Brussa. — Ebendaher ist Lycaena candensDes-
selb. (F. 229.230). — L. Oranula Freyer (N. Beitr. T.455. F.1.2)
aus Lappland ist nur eine kleinere Abänd. der L. Virgaureae,
Hesperides. Herrich-Schäffer (a, a. O.) vereinigte alle
europäischen Arten wieder. in eine Gattung Hesperia. — Eine neue
Art ist H. Phlomidis Friv. (Suppl. F,8.9) aus der Türkei,
Sphingides. Van der Hoeven (Tijdschr. XII. S.254) weist
die von mir im Jahresb. f. 1840 gemachte Bemerkung, dass die von
ihm abgebildete Deslephila tridyma mit Sph. Peneus Cram. einerlei
sei, zurück; vor der Hand muss ich jedoch bei meiner früheren An-
sicht bleiben. Darin sind wir einverstanden, dass Cramer’s Abbil-
dung eine schlechte sei. Eine gute Abbildung des fraglichen Schwär-
mers findet sich aber bei Pallisot Beauvois als Sph. accentifera
(Ins. rec. en Afr. et en Am. T.24. F.1), so dass van der Hoeven’s
Art jedenfalls eingezogen werden muss.
Chelonarii, Freyer (N. Beitr. T.446.452) bildete die frü-
heren Stände von Zygaena Lonicerae und Astragali, ab; beide Ar-
ten auf Wicken, Klee u. dergl., die letztere namentlich ‚auf Hippo-
crepis comosa und Lotus siliquosus. — Z. Pythia Friv. Desselb,
T.473. F.1 (von Frivaldsky auch als Z. Kefersteinii versandt), von
Creta, ist nur Abänderung von Z. punctum.
Niekerl entdeckte auf den Kärnther Alpen, in einer Höhe von
7000° eine neue Art, Atychia chrysocephala (Entom. Zeit.S. 93,
FreyerN. Beitr. T. 458. F. 1.2).
Freyer,(Entom. Zeit. S.333) macht von Neuem wahrscheinlich,
dass Eup. Urticae Abänd. von Eu. Menthastrü sei,
Neue .neuholländische Arten. sind Callimorpha selenaea,
Chelonia pallida und Ch. fuscinula Howbkedays in Eyre Ex-
ped. 1. S. 437. T. 5. F.2—4.
Bombyces. Neue Arten von Lithosia sind L. melanomos
und FreyeriNickerl (Entom. Zeit. S. 104. Freyer N. Beitr. T.459.
F.2.3) von den Kärnther Hochalpen und L. Ayalina Friv. (Freyer
N. Beitr. T.473.F.2) von Creta.
Eine neue neuholländische Sackträger-Art ist TAyridopteryz
nigrescens Doubleday (Eyre Exp. 1. S. 437. T.5.F.1).
Die früheren Stände der Gastropacha Neogena, Eversmanni und
populi sind von Freyer (N. Beitr. T. 470. 476. 477) dargestellt.
Döbner (Entom. Zeit. S.217) zeigte an, dass die Raupe von
Orgyia selenitica sich in der Nähe von Aschaffenburg den Lärchen
sehr verderblich gezeigt hatte, ohne, im gemischten Bestande, die
Kiefern zu berühren. Keferstein (ebenda S.357) hat sie bei Erfurt
auch auf Eichen und Schlehen beobachtet, ohne dass sie jedoch
denselben geschadet hätte.
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. 281
v. Prittwitz (ebenda $.249) machte auf die eigenthümliche
Bildung der Hinterbeine des Männchens des Hepiolus hectus aufmerk-
sam. Dohrn und Keferstein (ebenda S. 331. 357) zeigten indess,
dass dieselbe schon von Degeer beobachtet sei.
Lucas (Ann. Soc. Ent. d. Fr. 111. Bull. S. ı1. Lv. x. Lxxum. LXXXIV)
hatin Paris eine Brut der Saturnia Cecropia aus dem Ei aufgezogen,
und seine Beobachtungen an derselben ausführlich mitgetheilt. Er
hofft, den Schmetterling in Frankreich einheimisch zu machen, so
dass er auf Seide benutzt werden könne.
Derselbe (ebenda S.rxxxır) theilt die Beobachtung mit, dass
bei Bomb. Mori zuweilen zwei Raupen ein gemeinschaftliches Ge-
spinnst machen: es sind immer Männchen und Weibchen, und so ge-
lagert, dass das Weibchen zuerst ausschlüpfen muss; die Schmetter-
linge kommen aber selten zur vollständigen Entwickelung. Pierret
zeigte einen ähnlichen Fall von 3. Everia, Duponchel von Calli-
morpha dominula an (ebenda).
Ueber die Bildung der Seide hat Robinet Untersuchungen an-
gestellt (Compt. rend. T. XVII. Fror. N. Not. 34. Bd. S. 54), aus denen
sich ergab, dass die Seide schon innerhalb der Spinngänge, und
zwar schon vor der Vereinigung derselben, fest wird. Dadurch, dass
‘ die Raupen das Knie, welches durch die Vereinigung der Seiden-
gänge gebildet wird, andrücken können, sind sie im Stande sich an
dem abgesponnenen Faden aufzuhängen.
Grill zeigte einen Fall an, wo eine Raupe von Cossus ligni-
perda lebend im Magen eines geschlachteten Schafes gefunden wurde
(Öfvers. K. Vet. Acad. Förhandl. 1845. S. 12).
NWoetuae. Freyer (N. Beitr.) hat eine Reihe neuer und we-
niger bekannter Arten dieser Familie abgebildet: Noctua Lappo-
nica T.455.F.4 aus Lappland. — Agrotis Nagyagensis T.448.
F.1.2 aus Siebenbürgen; — Agr. bardana T.471. F.3 vom Ural.
— 4gr. deplana Ev. T. 448. F.3 ebendaher. — Agr. quadrangylum
Ey. T. 471. 2 ebendaher. — Apamea Nickerlii T. 466. F.4 von
Prag. — 4. vinetuncula Hüb. T.468. F.1 (Abänd. der A, furuncula
nach Boisd.) — A. rubeuncula T.468 (von Boisd. ebenfalls mit Recht
schon als Abänd, von A. latruncula beurtheilt). — A. Zucens T.468.
F.3 aus der Berliner Gegend (Abänd. von A. nictitans) — 4. erupta
T7.472. F.1.2 ebendaher (unter den verschiedenen Namen, unter wel-
chen diese Eule schon bekannt gemacht ist, muss Haworthi als der
älteste erhalten bleiben. S. Entom. Zeit. 1844. 8.107). — Hadena
cana Ey. T.448. F.4. T.479. F.2. — H. Behenis Nickerl T. 467. F. 4
- von Nickerl in Salzburg entdeckt, der H. Cubulali sehr nahe stehend;
— AB. retina Friv. T. 478. F.2 aus Creta. — Leucania maculata
Ev. T.449. F.4. — L. lineata Ev. T.478. F. 1 vom Ural. — Cara-
drina lutea 7.455.F.3 aus Lappland (schwerlich von C. palustris
Hü. zu unterscheiden). — ©. aspersa Ramb. T. 467. F.1.2 und ©.
Germainil Boisd. T.467. 3 aus Südfrankreich; — Cosmia eximia
Archiv f, Naturgesch. XJ1, Jahrg. 2. Bd, T
2823Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
T.442. F.3, aus der Türkei, eine schöne, der C, abluta verwandte
neue Art. — C. Weissenbornii T.466. F.3, eine nach ‚einem 'ein-
zigen verkrüppelten Stück aus der Erfurter Gegend. aufgestellte,
höchst unsichere Art, welche besser nicht veröffentlicht wäre, viel-
leieht eine Abänd. von C. 00.— Cleophana superba T. 441, F.1.
aus. der Türkei; — Plusia Zosimi Hü. T. 449, F.1. — PI, Eugenia
Ey. T.449.F.2. — Pl. Sevastina T.455.F.5, aus Lappland, einer-
lei mit Pl. macrogamma Ev., welche Eversmann später mit Recht
als Abänd. mit Pl. Jota verbunden hat; — P/. mandarina T.479.
F,3 vom Ural, der Pl. gamma sehr nahe stehend, als deren Abän-
derung sie von Kindermann versendet wird; — Ophiusa Cuilino T.449,
F.3 vom, Ural (Eversmann bemerkt, dass sie von der O. Cail. in
Boisduval’s Sammlung verschieden sei, Keferstein dagegen versichert,
dass seine aus Frankreich und vom Ural erhaltenen Stücke überein-
stimmen. Entom. Zeit. S.359. Eversmann dürfte indess doch Recht
haben, ich kann wenigstens die Verschiedenheit der hier abgebildeten
von der spanischen O. Cailino bestättigen); — Anthophila lito-
rea T.479.F.1 vom Ural (von A. caliginosa Hü. kaum verschieden;
— Erastria Skafiota Friv. T. 473. F.3 von Creta.
Zeller (Entom. Zeit. S.354) setzte die Unterschiede 'von An-
thophila rosina Hü. und purpurina aus einander; die erstere ist in
der Wiener Gegend einheimisch, die letztere kommt erst bei Ofen vor.
Von folgenden Eulen bildete Freyer in den N. Beitr, die frü-
heren Stände ab: Triphkaena consegua T.453; Apamea didyma T.443;
Miselia iaspidea T. 465; Cosmia 00 T.554; Xylina somniculosa T.462;
Cleophana lithorhiza T. 460; Oucullia umbratica T. 447; Catocala
concubina T. 461.
Van der Hoeven (Tijdschr. XI. T.4) bildete Noctua dotata
F., sowohl nach dem Ex. aus Fabricius’ Sammlung, als nach einem
anderen aus Japan ab; ferner eine neue Art Plusia Duvernojii
“aus Brasilien. — Doubleday beschrieb Aeontia? pulehra aus
Neuholland (Eyre Exped. 1. S.439, T. 5. F.5). — Blanchard (Hist.
@. Ins. T. 17. F.6) gab eine Abbildung eines südafrikanischen Schmet-
terlings, den er als Caloptera formosa bei den Bären einreihte;
derselbe ist jedoch schon als Vaillantina von Stoll T.31.F.3 ab-
gebildet und gehört eher zu den Eulen.
Geometrae. Metzner (Entom. Zeit. S. 183) bemerkte, dass
Geon. Lapidosaria Frey. mit Halia Stevenaria Boisd. zu verbinden
sei, und beschrieb Ennomos trinotata aus der Türkei, Fido-
nia tessularia aus Südrussland und Larentia columbata aus
der Türkei als neue. Arten. Freyer (Neue Beitr. T.474) bildete
zwei neue. Arten Fidonia baltearia von Orenburg und Boar-
mia. luridaria von Ural ab, und stellte die früheren Stände von
Cidaria pyralaria (T.444) und Ennomos euonymaria (T.480) dar.
— De Selysı Longehamps (a. a..0. S. 27.28) stellte» Bub olda
obliterania (zwischen E. ligustraria.und ferrugaria) und dAnarites
Naturgeschichte der Insecten während des Jalıres 1845. 283
Donkeriaria auf, die erstere von Spa, die zweite aus der Lütti-
‚cher Gegend.
Pyralides. Freyer (N, Beitr.) bildete Botys praetextalis
Tr. und ämbalis Hü. (T.450. F,1.2), ferner eine ausgezeichnete neue
Art Pyralis Weissenbornialis (T.478.F.4.5) aus Creta, und
die früheren Stände von Botys terrealis (T.456) ab. — De Selys
Longchamps (a. a. O. S.28) beschrieb Hydrocampa ‚obscur.a-
Zis, der H. potamogalis zunächst verwandt und vielleicht nur dunk-
lere Abänderung derselben, aus Belgien.
Tortrices. v. Prittwitz (Entom. Zeit. S.245) erzog aus
den Samenköpfen der rothen Flockenblume Tortr. minorana. Hü.,
und lieferte eine vergleichende Beschreibung derselben und der T.
dubitana. Ferner entdeckte er auch das Weibchen der im vorigen
Jahre aufgestellten T. salicetana, aber nur ein einzelnes unter einer
Unzahl von Männchen (ebenda S.248). — Freyer (N. Beitr. T. 450)
bildete T. Lathoniana Hü. und T. Parreyssianan.sp. ab, die
letztere ist indess nach des Verf. eigener Angabe nur kleinere Ab-
änd. von T. hydrargyrana Ev.
Alucitae. De Selys Longchamps (a. a.0.S.29) stellte
Pterophorus-hemididactylus als neue Art auf: sie ist von Pt.
didactylus nur durch geringere Grösse (5%” Flügelspannung) unter-
schieden. !
Diptera
„Dipterologische Beiträge” von Prof. Dr. Löw. Pro-
gramm des Königl. Friedr. Wilh. Gymnasiums zu Posen, 1845.
„Diptera Scandinaviae disposita et descripta” auct. Zet-
terstedt. Tom. IV. Lundae 1845.
Das Werk schreitet ununterbrochen vor. Der vorliegende Band
enthält die Fortsetzung der Muscarien, nämlich die Sarcophagarien,
Muscarien und einen grossen Theil der Anthomyziden.
„Erster Beitrag zu einer künftig zu bearbeitenden Dipte-
- rologie Russlands, von B. A. Gimmerthal” (Bull. Mose,
1845. 1. S. 287).
Dieser erste Beitrag verzeichnet 15 Arten von Culex, 2 von Ano-
' -pheles, 1 von Aedes, 3 von Corethra, 56 von Chirenomus.
„Grönlands Antliaten, beschrieben von ©. Stäger (Kröy.
- Nat, Tidsskr. II. R. I. S. 346).
Von 55 Arten, welche dem Verf. aus dieser Fauna Kakaunt ge-
worden sind, sind nicht weniger als 24 über den grössten Theil von
Europa verbreitet, 15 Arten kommen auch in Lappland vor und
scheinen überhaupt im hohen Norden sehr verbreitet zu sein, so
dass nur 16 Arten Grönland eigenthümlich zu sein scheinen. Diese
95 Arten sind: Ouwlez nigripes Zett., Chironomus hyperboreus n. sp.,
turpis Zeit,, frigidus Zett., variabilis Stäg., basalis n. sp., byssinus
T#
284 Erichson: Bericht über die wissehsch. Leistungen in der
Meig., aterrimus Mg., picipes Mg:, Diamesa Waltlii Mg., Tanypus
pictipennis Zett., crassinervis Ztt., tibialis n.sp., Ceratopogon sor-
didellus Ztt., Erioptera fascipennis Zett., Tipula nodulicornis Zett.,
Trichocera maculipennis Mg., Boletina groenlandica n. sp., Sciara
iridipennis Zett., flavipes Mg., Simulia vittata Ztt., Rhamphomyia
nigrita Ztt., Dolichopus groenlandicus Ztt., Helophilus arcticus Zitt.,
borealis n. sp., Syrphus topiarius Mg., tarsatus Ztt., lapponicus Ztt:,
ambiguus Ztt., hyperboreus n. sp., Sphaerophoria strigata n. Sp.,
Sarcophaga mortuorum Mg., Musca erythrocephala Mg., groenlan-
dica Zett., Anthomyia dentipes Mg., ürritans Mg., frontata Zett.,
trigonifera Ztt., arctica Ztt., triangulifera Ztt., scatophagina Zit.,
siriolata Mg., ruficeps Mg., ciliata Mg., Scatophaga squalida Mg.,
litorea Mg., fucorum Mg., Cordylura haemorrhoidalis Mg., Helomyza
tibialis Ztt., geniculata Ztt., Piophila casei Mg., pilosa n. sp., Ephy-
dra stagnalis Mg., Notiphila vittipennis Zett., Phytomyza obscu-
rella Fall. :
Ueber die dipterologischen Abhandlungen von C. Ron-
dani sind in der Isis 1845. S. 719 fernere Nachrichten. gege-
ben. S. d. vor. Ber. S.148.
Die vierte Abhandlung (1842) handelt über den Geschlechisunier:
schied von Phasia dispar (erassipennis und analis), dissimilis, ‚tae-
niata. — Die fünfte Abhandl. (1843) betrifft die in Getreidehalmen
lebenden Larven von Chortophila sepia, Urophora signata, Phyto-
phila (Cecidomyia) cerealis. — Die sechste Abhandlung (1843) stellt
mehrere neue Gattungen auf (Leopoldius erostratus) ein Conopier,
Albertia (Stomoxys s. Ramphina pedemontana); Rainiera (Calobata
calceata), Ludovieius impar, ein Dolichopod. S, u. — Die neunte
Abhandl, (1844) gründet eine neue, von Cheilosia abgesonderte Gatt.
Dinanthea (aurea n. sp. und euprea, Conops cupr. Scop.). Diese
Abhandlungen finden sich in den Nuovi ‘Annali delle Scienze natur.
di Bologna. Ueber die folgenden Arbeiten des thätigen Verf. wird
ausführlicher berichtet werden.
Die zweiflügeligen Insecten vom rs bci Gesichtspunkt
aus betrachtet, nebst einer systematischen Zusammenstellung
der geographischen Vertheilung derselben, von Dr. Hensler.
Freiburg 1845.
Culicina, Loew (Beitr. S.3) musterte die Gatt. Anopheles
und fügte ihr eine neue Art zu, A. pictus „alis maculatis, femoribus
anticis basi incrassatis”; long. 3” von Rhodus und der gegenüber-
liegenden Küste Kleinasiens. — Gimmerhal (a. a. 0. S.295) stellte
‚dedes rufus als eine mit A. cinereus näher zu vergleichende
Art auf.
Tipulariae. Ders. (ebenda) stellte folgende neue Arten auf:
Corethra pilipes von Riga, Chironomus albicinctus ‚eben-
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. 285
daher, Ch. livonensis aus Livland, Stäger (a. a.O.) beschrieb
Chironomus hyperboreus, basalis und Tanypus tibialis
aus Grönland.
Ueber die früheren Stände des Ceratopogon gieniculatus Guer.
hat Leon Dufour seine Beobachtungen mitgetheilt (Ann. d. l. Soc.
Ent. d. Fr. III. S.215).
Loew (Beitr.) erörterte drei aus in Kopallack eingeschlossenen
Tipularien gebildete Gattungen; Syringomyia, eine Erdmücke,
von der Gestalt und dem Rüsselbau einer Limnobia, der Flügelbau
dem von Aporosa Macq. vergleichbar, von welcher die gegenwärtige
Gattung sich nicht allein durch den Mangel der vorderen Hülfsader»
sondern auch durch den kurzen Rüssel unterscheidet. Diplonema,
eine Gallmücke, vom Ansehen einer Psychoda, am Körper, auf den
Flügeln, so wie an den Fühlern und Beinen eben so behaart, ausge-
zeichnet durch den Bau der Fühler, welche an Länge dem ganzen
Inseet gleichkommen. — Philaematus, eine schlankfüssige, leicht-
flüglige Gallmücke, überall mit langer feiner Behaarung verdeckt,
zunächst mit Haemasson Loew verwandt, von welcher sie sich durch
verlängerte Hüften, und kurzen, an der Wurzel die verlängerten Ta-
ster tragenden Rüssel unterscheidet. Der Verf. unterwirft hier die
Eintheilung der Gallmücken überhaupt einer Prüfung, und bildet
nach. dem Flügelgeäder folgende Anordnung:
1. Flügel vielnervig. A. Zweiter Längsnerv einfach gegabelt.
Phalaenomyia Loew, Diplonema.
B. Zweiter Längsnery unvollständig doppelt gegabelt.
Nygmatodes Löw, Philaematus Löw, Posthon Löw, Haemasson
Löw, Phlebotomus Rondani, Psychoda Latr.
ll. Flügel wenignervig. A. Zweiter Längsnerv nicht gegabelt.
Cecidomyia Meig., Phytophaga Rond., Ozyrhynchus Rond.,
Campylomyza Mg% Lasioptera Mg.
B. Zweiter Längsnerv gegabelt.
Lestremia Macq., Zygoneura Mg., Microsciara Rond., Catocha
‚7 Halid., Anarete Halid. etc.
_ Ders. (Entom. Zeit. 5.394) beschrieb Lasioptera obtusa
und Anarete albipennis, zwei neue Arten aus der Gegend von
Cassel,
Eine neue Pilzmücke ist Boletina Grönlandica Stäger
a. a. 0.$.356 („nigro - fusca, thorace cinereo, vittis tribus nigris,
intermedia gemina, pedibus calcaribusgue flavis, coxis posticis, fe-
morum posticorum apice tarsisque omnibus fuscis; long. 2%”; mas
abdomine unicolore, ano nigro; fem, segmentis abdominis flavo-mar-
n Gimmerihal Bull. Mosc, 1. S.330) stellte eine neue Gattung
Crapitula auf: sie hat grosse Uebereinstimmung mit Penthetria,
weicht aber durch 12gliedr. Fühler, und auch im Flügelgeäder ab:
Or. Motschulskii „atra holosericea; thorace postice aurantio, alis
fuscis; long. 23—3”'” ist aus dem östlichen Sibirien,
286 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
Ders. (ebenda S.326. Entom. Zeit. 8.151) theilte Beuiakungee
über Dilophus antipedalis mit.
Tachydromiae. Wahlberg (Öfvers. K. Vet. Akad. För-
handl. S.253) wies die Beziehung nach, in welcher die Bildung der
Beine bei dieser Familie zur Lebensweise steht, indem die verdick-
ten und mit starren Borsten besetzten Mittelbeine dazu dienen, den
Raub festzuhalten, während er ausgesogen wird,
Scenopinii. „Ueber die systematische Stellung von Sceno-
pinus und Beschreibung ‚einer neuen Art” von Loew (Entom. Zeit,
S. 312). Die anatomische Untersuchung hat dem Verf. den Aufschluss
gegeben, dass Scenopinus sich dem Xylonomen (Thereua) zunächst
anschliesst, und sich wahrscheinlich zwischen dieselben und die Xy-
lophagen stellen wird. Später fand der Verf., dass seine Beobach-
tung nur die Ansicht von Bouche besttätigt, welcher schon die Ueber-
einstimmung in den früheren Ständen von Scenopinus und Thereua
erkannt hatte. — Die neue Art ist Sc. Zeller: aus Sicilien.
Dolichopodes. Rondani (S. Isis 1845. S. 719) theilt Sy-
bistroma auf folgende Weise in drei Gattungen:
A. Mares tarsis duobus dilatato-orbiculatis et articulis duobus
aristae elongatis.
B. Arista in utroque sexu articulis duobus elongatis composita,
apice haud incrassatis (Sybistroma Meig.).
BB. Arista in mare tantum biarticulata, artieulis elongatis et
distinete incrassatis (nodicornis et Wiedemann).
AA. Maris tarsi nulli dilatato-orbiculati; arista mase, tantum
biarticulata, apice spathulata: artieulo primo longissimo, terminante
brevissimo. (Ludovicius impar).
Medeterus magius Loew (Entom. Zeit. $. 392) ist eine neue,
durch wunderliche Anhänge der Vorderfüsse des Männchens ausge-
zeichnete Art aus Sicilien.
Stratiomydae. Eine neue Gattung Alliocera, ist von
Saunders (Transact.. Ent, Soc, Lond. IV. p. 62. pl. 4.£.1) aufgestellt.
Sie ist zunächst mit Stratiomys verwandt, und unterscheidet sich
vorzüglich durch die Fühler, deren Endglied (bei beiden Geschlech-
tern) vor der Spitze erweitert ist, die Spitze selbst dieser Erweite-
rung-schief aufgesetzt. Die Art, 4. graeca, welche auch in Form
und Färbung den Stratiomys-Arten, wie Str. chamaeleon, ähnelt,
wurde in Albanien, an den Ufern des Golfs vom Ambracia im April
und Mai auf Dolden gefangen.
Loew (Beitr.) setzte die unter Oxycera hypoleon verwechselten
Arten auseinander: 1. O. Meigenii Stäg. „magna nigro flavoque va-
ria, lunula humerali flava” ist Strat. hypol. Fab. Preyssl. Panz, Ozye.
hypol. Meig. — 2. 0. Fallenii Stäg. „magna, nigro flavoque varia;
pedibus flavis, femoribus antieis basi nigris” ist Strat. hypol. Fall.
Oxye. hypol. Zett. — 3. O, pulchella Meig. „magna, nigro flayoque
Naturgeschichte der Inseeten während des Jahres 1845. 287
varia, 'alis byalinis; pedibus flavis; femoribus omnibus late nigris”
ist O. hypoleon Stäg. — Eine durch schwarze Beine ausgezeichnete
neue Art ist 4. O, dives: „magna nigro-flavoque varia, pedibus ni-
gris” aus Schlesien (auch in Kärnthen einheimisch). — In Betreff der
Musca hypoleon Lin. weist der Verf. mit überzeugenden Gründen
nach, dass sie auf keine dieser Arten zu beziehen sei, sondern auf
eine Oxycera, welche vielleicht Abänd. der ©. trilineata ist, von
welcher sie durch ihre gelbe Grundfarbe abweicht, und welche viel-
leicht eigener Art ist.
\
Syrphici. Die Gattung Ceria wurde von Saunders (Ann.
Soc. Ent. Lond. IV. S. 63, 67. T. 4. F.2—6) mit mehreren neuen Arten
bereichert. Der Verf. theilt die Arten in zwei Gruppen nach der
Form des Hinterleibes: A. Hinterleib walzig, schwach keulförmig:
C, conopoides L., subsessilis J1l., vespiformis Latr., intricata Saund,,
neue Art aus Albanien, scutellata Macg. und orzata Saund., neue
Art von der Nordwestküste von Neuholland. — B. Hinterleib deut-
lich keulförmig: C. zuvana Wied,, eumenioides Saund., Hope: Saund.
neue Art von Sierra Leona, Gambiana Saund., neue Art vom Gam-
bia, dreviscapa Saund., neue Art von Port Philip in Neuholland.
€. afra Wied,, welche der Verf. in die erste Gruppe stellt, gehört
ebenfalls zur zweiten. — Amerika spricht der Verf. die Gattung
Ceria ab, unsere Sammlung besitzt jedoch einige Arten aus diesem
Welttheil. ’
Ein Beitrag zur Verwandlungsgeschichte des Mecrodon mutabilis
von Elditt ist in der Entom. Zeit. S.384. T.1. F.6—14 mitgetheilt-
Die Larve ist von eigenthümlicher Bildung, und von mehreren Na-
turforschern für eine Landschnecke (Parmula v. Heyd., Scutelligera
Spix) gehalten worden. Schlotthauber hat die Naturgeschichte des
Insects ausführlich dargestellt, doch ist seine in der Versammlung
der Naturforscher zu Göttingen vorgelegte Abhandlung noch nicht
erschienen. Die vorliegenden Mittheilungen beziehen sich auf die
Puppe, welche, wie allgemein in dieser Familie, in der erhärteten
Larvenhaut enthalten ist. Von der Puppenhaut gehen nach aussen,
vom oberen Theile des Kopfes hinter den Augen mit einer kugel-
förmigen fleischigen Anschwellung entspringend, ein Paar derbhornige
- Stiele nach aussen, welche die Hülse durchbohren, und wie Hörner
hervorstehen. Sie dienen der Fliege, um beim Ausschlüpfen die Puppen-
hülse zu zerbrechen, und sind zugleich die Luftgänge der Puppe.
Nach der Versicherung des Verf. treten die zu diesen Gängen gehen-
den Tracheen aus dem Inneren des Kopfes heraus. , Dies ist
ganz ungewöhnlich, man möchte eher glauben, dass sich die Lappen
des Prothorax näher an den Kopf legen, und dass von ihnen jene
Hörner ausgehen. Dann wäre alles in der Ordnung, Auch die hin-
teren Luftlöcher der Larve finden sich an der Puppenhülse noch vor,
am hinteren Theil derselben auf einer kleinen Erhöhung liegend; sie
fübren auch in Tracheen, welche aber nur der Innenseite der Hülse
283 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
anliegen, und so weit des Verf. Untersuchungen reichen, keine Ver-
bindung mit der Puppenhaut haben.
Die italienischen Arten der Gattung Chrysotoxum sind von Ron-
dani beschrieben: Species Italicae generis Chrysotoxi ex Insectis
Dipteris, observatae et distinctae a. C. Rondani; fragmentum deci-
mum ad inserviendum Dipterologiae Italicae. Ann. d. 1. Soc. Ent. .d.
Fr. III. S.193. — Die Arten sind auf folgende Weise auseinander-
gesetzt: A. Articulus 3. antennarum duplo eirciter longior‘ primis
duobus coniunctis. Sp. 1. Chr. Italicum Rond. (Chr. arcuatum
Ross.). — AA. Articulus 3. antennarum aut magis aut minus brevior
primis coniunetis aut vix longior. B. Fasciae flavae intermediae
2.3. et4. segmenti abdominis latitudine subaequales. C. Abdomen
omnino lutei-fulvi-cinctum a basi ad anum: Sp. 2. Chr. Cisalpi-
num Rond. In Mittel-Italien nicht häufig. — CC. Abdomen lateribus
aut omnino nigris aut, alternis lutescentibus et nigris. D. Articulus
primus antennarum manifeste longior secundo: Sp. 3. Chr. Par-
mense Rond., selten im Parmesischen. — DD. Articulus 1.antenna-
zum secundo subaequalis nisi brevior. E. Fasciae abdominales ex-
trinsecus antice et postice convexae, marginibus posticis flavis seg-
mentorum: Sp. 4. Chr. chrysopolita Rond. Im Parmesischen,
nicht häufig. — EE. Fasciae abdominales extrinsecus marginibus
segmentorum postice tantum coniunctae, nisi liberae. — F. Scutel-
lum macula nulla determinata, maris femora basi nigricantia: Sp. 5.
Chr. fasciolatum Meig. — FF. Scutellum macula centrali nigra de-
terminata. — @. Fasciae abdominales latera tangentes et lineis mar-
ginalibus posticis apice coniunctis: Sp. 6. Chr. elegans Loew. —
GG. Fasciae abdominales nec latera tangentes nec lineis marginali-
bus coniunctae: Sp. 7. Chr. arcuatum F. — BB. Fascia tertii seg-
menti abdominalis exilissima, praecedente et subsequente distincte
dilatatis. 4. Femora omnino flavescentia: Sp. 8. Chr. tricinctum
Rond. (bicinetum Ross.). — HH. Femora omnino nigricantia: Sp. 9.
Chr. bicinctum L.
Die Italienischen Arten von Merodon sind von Demselb. einer
Prüfung unterworfen worden: Sulle Specie Italiane del genere Me-
rodon, Memoria XIV. per servire alla Ditterologia Italiana (Nuovi
Annali delle Scienz. Nat. 2, Ser. IV. p. 254).
Der Verf. giebt über die Arten folgende Uebersicht:
a. Pedes omnino nigri, vel raro prope en tantum anguste
subrufescentes.
b. Tibiae posticae intus tuberculatae in mare.
c. Thorax pilis fulvis vel luteis antice tectus, postice nigris.
Spec. 1. M. Bulborum Rond. (d equestris F., transversalis
Meig. © nobilis Meig.
cc. Thorax pilis omnino fulvis vel luteis tectus.
Spec. 2, M. tuberculatus Rond. (d‘ Narcissi F. 9 constans
Ross., flavicans F., ferrugineus F.?) Diese beiden Arten sind selten
in Italien,
Naturgeschichte der Inseeten während des Jahres 1845. 289
5b. Tibiae posticae non tuberculatae in utroque sexu.
d. Antennae articulo tertio subovato, non distinete elongato nec
subprismatico.
Spec. 3. M. clavipes F. (Q gravipes Ross.). Sehr häufig auf
den Vorbergen der Appeninen im Mai auf Blüthen der Euphorbien,
dd. Antennae articulo tertio distincte elongato seu subprismatico.
e. Thorax haud manifeste albo - vittatus.
Spec. 4. Mer. senilis Meig. Aeusserst selten.
ee. Thorax distincte albido quadrivittatus.
Spec. 5. M. Italicus Rond. (Z‘ Melancholicus Fab. Mg. Q na-
tans F. Meig.). Nicht sehr selten auf den Vorbergen der Appeninen.
aa. Pedes saltem basi tibiarum distincte et satis late rufescentes.
f. Abdomen haud rufo-maculatum nec rufo-tinctum.
&. Antennae articulo extremo distincte elongato.
Spee. 6. M. cinereus F. (posticatus Meig.?)
zg. Antennae articulo tertio subovato, non elongato.
h. Coxae posticae apophysi subspiniformi instructae.
i. Abdomen vittis albidis non signatum.
Spee. 7. M. aeneus Mel.
ii. Abdomen saltem segmento tertio vittis duabus albidis trans-
versis signatum.
Spec. 8. M. sub fasciatus Rond., neue Art aus Sicilien. Bräun-
lich schwarz, etwas metallisch, behaart, die Behaarung auf dem
Kopfe und Mittelleibe weisslich, letzterer mit einem schwarzen Bü-
schel an der Flügelwurzel und einer undeutlichen schwarzen Binde.
Auf dem Hinterleibe der 2te und 3te Ring in der Mitte bleichhaarig,
der dritte Ring mit zwei weissen Querbinden, der letzte Ring an
der Wurzel schwärzlich behaart. Vorder- und Mittelschienen röth-
lich mit breitem braunen Ring. Hinterschienen braun, an der Wur-
zel und Spitze sehr schmal röthlich. Fühler gelblich braun mit
schwarzer Borste.
hh. Coxae posticae inermes, vel tuberculo tantum brevissimo in-
structae.
Bi Spec. 9. M. funestus F. Eine der gemeinsten Arten.
-fS. Abdomen saltem basi rufo -vel testaceo-maculatum.
'k. Coxae posticae in mare appendicibus longiusculis instructae.
Spec. 10. M. armipes Rond. Rev. Zool. 1843. Ausser dem Fort-
satz an den Hinterhüften haben die Hinterschenkel noch in der Mitte
einen Höcker, und die Hinterschienen zwei Anhänge am Ende. Zwei
Männchen bei Parma gefunden.
kk. Coxae et tibiae posticae inermes.
1. Tarsi vel omnino vel late nigricantes saltem superne.
‚m. Thorax superne grisei-trivittatus quamvis saepe parum mani-
feste. Fasciolae albicantes praesertim segmenti tertii, margini
antico subparallelae,
Spec, 11. M. varius Rond,, eine der gemeinsten Arten in Ita-
"290 Eriehson: Bericht über die wissensch, Leistungen in der
lien, vom Mai bis September, in der Farbe äusserst veränderlich.
Die Grundfarbe des Mittelleibes schwärzlich erzfarben, mit blass-
röthlicher oder weisslicher Behaarung; die drei mittleren der’grauen
Striemen: genähert.. Schildehen gleichfarbig mit blasserer Behaarung.
Die Grundfarbe des Hinterleibes gelblich oder röthlich, auf dem
Rücken: unregelmässig schwarz gefleckt oder schwärzlich mit röth-
lichen Seiten und Einschnitten, ı
mm. Thorax magis vel minus sed semper manifeste albido qua-
drivittatus. Fasciae albieantes abdominis obliqui.
Spec. 12. M. nigritarsis Rond., neue sehr seltene Art aus
dem Parmesischen, von M. spinipes durch schwärzliche Färbung
der Füsse und mehr braun an den Schienen; von M. ruficornis durch
die deutlichen Striemen des Mittelleibes, von M. rufitibius durch die
schwärzlichen Füsse und Schienenringel unterschieden.
2!. Tarsi omnino rufi vel rufescentes.
n. Antennae nigrae vel nigricantes articulo textio.
Spec. 13. M. spinipes F. (viaticus Meig.?) nicht selten in Mittel-
Italien.
nn. Antennae rufae vel rufescentes, saltem articulo tertio,
0. Articulus tertius antennarum subeircularis.
Spec. 14. M. Sicanus Rond., neue Art aus Sicilien, unterschei-
det sich von allen anderen leicht durch die ziemlich kreisrunde Form
des dritten Fühlergliedes; sonst stimmt er in hohem Grade mit M.
spinipes, ruficornis und rufitibius überein, ist indess ein wenig grösser,
00. Articulus tertius antennarum ovatus.
p. Tibiae nigricante annulatae. Thorax yittis albidis indistinetis.
Spec. 15. M. ruficornis Meig.
pp. Tibiae omnino fulvae. Thorax vittis quatuor albidis magis
vel minus sed semper manifestis.
Spec. 16. M. rufitibius Rond, (J avidus Rossi 9 Pruni Rossi).
Gemein in ganz Italien.
Merod, armipes Rondani ist in Guer. Mag. d, Zool, Ins. Ti 154
abgebildet.
Bouche (Entom. Zeit. S.150) bemerkte, dass der eigentlich
südeuropäische Merodon Narcissö F. seit einigen Jahren durch Ein-
führung der Zwiebeln von Narcissus niveus aus Italien und dem süd-
lichen Frankreich in mehreren Gärten einheimisch geworden sei,
und dass er sich durch Erziehung desselben vielfältig überzeugt habe,
dass die Art in der Farbe und Zeichnung sehr abändere, und ‚dass
M. ephippium, transversalis, nobilis, constans, ferrugineus, flavicans
und rufus des Meigen nichts als Abänderungen des M. Nareissi sind.
Der Verf. beschreibt eine Reihe von zwölf Abänderungen dieser Art.
Bigot (Ann. d. 1. Soc. Ent. d. Fr. IN. Bull.’ S.ıxıv) zeigte, dass
bei den Weibchen von Volucella die Fühlerborste stärker und auch
stärker befiedert ist als bei den Männchen. Sehr auffallend ist dies
bei Volucella bombylans.
Naturgeschichte der Inseeten während des Jahres 1845. 291
Stäger (a. a. ©.) beschrieb drei neue Arten aus Grönland:
Helophilus borealis, Syrphus hyperboreus, Sphaeropho-
ria strigosa. — Loew bildete in Germ. Faun. Ins. Europ. 23. 22,
23, Eristalis pulchriceps (Helophilus pulchr. Meig.) und als neue
südeuropäische Art E. fasciatus ab; die letztere, der ersteren
sehr ähnlich, aber durch einfarbige Augen unterschieden, gehört zu
den weiter verbreiteten Arten, welche von den Philippinen bis zum
Senegal vorkommt, deren Weibchen E. 5lineatus F. Wd., eine Ab-
änd. des Männchen E. 5striatus F. Wd. ist. Der Name E, fasciatus
ist ohnehin von Wiedemann schon gebraucht.
Rondani (Guer. Mag. d. Zool. Ins. T.155) bildete seinen Sp«-
zigaster Appenini ab. Derselbe hat eine grosse Uebereinstimmung
mit dem Weibchen des Syrphus dispar Loew (S. Germ. Faun. Ins.
Europ. 23. 24), indess zeigt die Abbildung den Hinterleib nach vorn
mehr allmählich verschmälert und die Knie sind gelb.
Desvignes beschrieb die in England gefangene Didea fasciata
Maegq. (Proceed. Ent. Soc. Lond. S. 101).
Henopii. Loew bereicherte derocera mit einer neuen von
Zeller auf Sicilien entdeckten Art A. trigramma (Entomol. Zeit.
S. 290).
Conopica. Die Geschlechtsunterschiede der Conopier und
Myopinen sind von Rondani geprüft worden: Sulle differenze ses-
suale delle Conopinae et Myopinae negli Insetti Ditteri; Memoria
XI per servire alla Ditterologia Italiana (Nuovi Annali delle Scienz.
Natur. 2. Ser. II, 1845. S.5). Die Untersuchungen haben zu folgenden
Ergebnissen geführt: 1. Die Haftläppchen und Klauen der Füsse sind
deutlich länger bei den Männchen einiger Conopier. — 2. Der klap-
penförmige Bauchfortsatz ist den Weibchen mehrerer Conopier und
Myopinen eigenthümlich. — 3. Dieser Fortsatz gehört nicht dem
vierten, sondern dem fünften Ringe an. — 4. Der fünfte Hinterleibs-
ring ist bei den Weibchen mehrerer Conopier sehr kurz. — 5. Bei
dem grössten Theile der Myopinen und bei allen Conopiern ist das
Hornstück, welches bei einem der beiden Geschlechter vorkommt,
den Weibchen eigen, und nicht den Männchen, wie man allgemein
‚angenommen hatte. — 6. Daraus folgt, dass man den Anhang bei
Dalmania irrthümlicher Weise als einen männlichen Theil betrachtet
hat. — Die Weibchen sind demnach kenntlich, entweder durch ge-
zingere Länge’der Haftlappen und Klauen der Füsse, oder durch Ge-
genwart eines mehr oder minder entwickelten und verschiedentlich
gestalteten Hornstücks an der Hinterleibsspitze, oder durch eine
klappenförmige Erweiterung eines Bauchringes oder durch verhält-
nissmässige Kürze des fünften Hinterleibsringes.
Ders. vertheilte die italienischen Conops-Arten in mehrere Gat-
tungen: Genera Italica Conopinarum, distincta et descripta a Cam.
Rondani; fragmentum XII ad inserviendum Dipterologiae Italicae
292 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
(Guer. Mag. d. Zool. Ins. T.153). Der Verf. setzt die Gattungen auf
folgende Weise aus einander: A. Proboscis crassiuscula et. brevis,
epistoma vix superans. Gen. 1. Leopoldiws Rond. (L. erostratus
und diadematus Rond., der letztere neu und hier abgebildet)., —
AA. Probosceis magis vel minus exilis et ultra epistoma satis’ aut
valde producta. B. Capsula valviformis ventralis in femina ampla
et manifesta, oviductus apice subacuminatus. €. Abdominis segmen-
tum 5. in femina sexto subaequale; capsula ventralis inferne subro-
tundata lateribus impresso-compressa. — Gen. 2. ConopaeiusRond.
(©. Afasciatus Deg., flavipes L. und flavifrons Mg.). CC. Abdominis
segmentum 5. in femina valde angustius praecedente et subsequente;
capsula ventralis inferne acuminata, subdentiformis. D. Abdomen
prope basin distinete aut valde coarctatum; proboscis ultra produ-
ctionem frontis elongata, apice non distincte dilatata; femora postica
prope basin tantum modo irregulari incrassata: Gen. 3. Conops (C.
pusilla Mg., lacerus Meg., vittata F., macrocephala L., ferner die
nicht italienischen C. rufipes und maculata), — DD. Abdomen sub-
eylindricum, seu prope basin non distinete angustatum; proboseis
non producta ultra apicem frontis, dilatatione apicali distinetissima;
femora regulariter incrassata: Gen. 4. Conopideus Rond. (C. fer-
ruginea Macq.). — BB. Capsula ventralis in femina indistineta;
oviduetus tubereuliformis, subhemisphaericus: Gen. 5. Comwopilla '
Rond. (©. ceriaeformis Meg.).
Oestrides. Eine ausführliche Abhandlung über die schon im
vorjährigen Berichte erwähnte Outerebra nozialis hat Goudot in
den Ann. d. sciene. nat. 111. 221 geliefert. Bemerkenswerth ist, dass
das Insect vorzüglich das Rindvieh befällt, und während Pferde und
Maulthiere verschont bleiben, geht es häufig Hunde 'an und selbst
Menschen, wie der Verf. in eigener Person an verschiedenen Körper-
theilen mit den Larven besetzt wurde. Dieselben leben, wie die von
Oestrus bovis, in Beulen unter der Haut. Vermuthlich ist der noch
immer zweifelhafte Oestrus hominis auf diese Bremse zu beziehen,
obschon es möglich ist, dass auch noch andere Dipteren unter (der
Haut vorkommen. Es sind besonders Schmeissfliegen (Calliphora,
Lucilia), welche ihre Eier in Geschwüre legen, so dass sich bald
Fliegenlarven darin finden; diese sind auch öfter als Oestrus 'hominis
angesprochen worden (S. auch Fror. N. Notiz. 36. Bd. 8.33).
Sundevall (Öfvers. K. Vet. Acad. Förhandl. 1844. S.162. 1815.
S.98) berichtete über eine, unter der Haut bei einem Kinde 'gefun-
dene Zweiflüglerlarve, und Bensiuite zugleich, dass keine Zweiflügler-
art in Scandinavien lebe, von welcher ein solches Vorkommen be-
kannt wäre. Nach der eben angezeigten Abhandlung von Goudot
wäre allerdings hierbei an Oestrus, namentlich an einen verirrten
Oestrus bovis zu denken. Ein genaueres systematisches Studium der
Oestriden- und Muscarien-Larven muss in der Zukunft in solchen
Fällen auf die richtige Spur lenken, und ist daher wünschenswerth,
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. 293
dass alle ähnliche Fälle gesammelt und die vorgefundenen Larven
für eine spätere Untersuchung aufbewahrt bleiben.
Memoire sur l’Anatomie et la Physiologie du Gastrus Equi, par
J. L. Schröder van der Kolk. Amsterd. Sülpke, 1845 (macht
den 1iten Theil der Niewe Verhandl. d. eerste Klasse van het Kon.
Nederl. instit. aus).
Muscariae. Neue Untersuchungen über die Zweiflügler aus
der Gruppe der Tachinarien von M. Macquart (Ann. d.]. Soc. Ent.
d. Fr. Il. S.237. T.4—6). In einer allgemeinen Betrachtung prüft
der Verf. die Borsten dieser Fliegen in ihrer Wichtigkeit sowohl für
das Leben des Insects als auch für die Systematik, ebenso das Flü-
gelgeäder. In der besonderen Bearbeitung ist der Anfang mit den-
jenigen Tachinarien gemacht, welche eine dreigliedrige Fühlerborste
haben, und sind die Gattungen auf folgende Weise aus einander
gesetzt:
Das zweite Glied der Fühlerborste mehr als doppelt so lang
als das erste. A. Das 3te Fühlerglied kürzer als das 2te. B. Taster
verlängert: Gatt. 1. Echinomyia Dum. — B.B. Taster kurz:
Gatt. 2. Cuphocera (Micropalpus ruficornis Macg. Meig.). — 44.
Das 3te Fühlerglied länger als das 2te. C. Taster kurz: Gatt. 3.
Micropalpus Macg. — CC. Taster verlängert. D. Fühlerborste
gebrochen. Rüssel kurz. E. Körper breit: Gatt. 4. Gonia Mg. —
EE. Körper schmal. F. Gesicht geneigt, erste Hinterzelle der Flü-
gel den Rand vor der Spitze berührend: Gatt. 5. Jlligera Mg.
FF. Gesicht gerade, erste Hinterzelle den Rand an der Spitze be-
xührend: Gatt. 6. Thryptocera Macg. — DD. Fühlerborste ge-
rade, Rüssel verlängert. G. Rüssel nur an der Wurzel gebrochen:
Gatt. 7. Aphria Rob.D. (Oliveria Mg.). — GG. Rüssel doppelt
gebrochen: Gatt. 8. Siphona Mg.
_ „Beschreibung zweier neuer Zweiflügler - Gattungen”, von Ron-
dani (Descrizione di due generi nuovi di Insetti Ditteri. Memoria
XII per servire alla Ditterologia Italiana. Nuovi Annali delle Scienze
naturali. 2. Ser. II. p.25. T.1). Die beiden neuen Gattungen sind
mit Thryptocera Macg. zunächst verwandt, und da sie mit Gonia in
einigen Merkmalen, namentlich der Gestalt der Fühlerborste über-
_ einstimmen, die sie von den übrigen Tachinarien unterscheiden, bil-
det der Verf. aus ihnen eine kleine Gruppe Gonichetae mit fol-
den Kennzeichen: Proboscis brevis crassiuscula, numquam bicu-
‘ Palpi semper elongati, circiter usque ad marginem anticum
epistomatis. Antennarum articulus tertius longior secundo vel lon-
simus. Aristae articuli duo primi vel saepius secundus tantum
u minusve distincte cubitatus: si raro brevis, tunc vel facies
ncte buccata vel vena prima transversaria magis proxima se-
eundae, quam secunda cubito quintae Jongitudinalis. Oculi semper
distantes in utroque sexu. — In dieser Gruppe unterscheidet der
Verf. sechs Gattungen auf folgende Weise:
294 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
4. Vena secunda transversaria, nisi abest, magis proxima' primae
quam cubito venae quintae longitudinalis, si fere aequidistans
aristae articulus secundus manifeste elongatus. — Areola quinta
exterior ad apicem alae eirciter aperta.
3. Vena quinta longitudinalis ad cubitum interrupta.
C. Vena secunda transversaria completa 1. Actia R:D.
CC. Vena secunda transversaria nulla . 2.PhytomypteraRond.
BB. Vena quinta longitudinalis non interrupta.
D. Aristae articuli primi tertio breviores.
— Macrochetae abdominis superae mar-
ginales tantum segmentis secundo et
bertioe 1er 4. lan DER. .3. Thryptocerä Macg.
DD. Aristae articuli primi elongati eir-
ceiter ut tertius. — Macrochetae abdo-
minales intermediae et marginales seg-
mentis secundo et tertio . . » . „4 Bigonicheta Rond.
44. Vena secunda transversaria magis distans a prima quam a
cubito venae quintae longitudinalis, — Areola quinta exterior
aperta longe ab apice alarum.
E. Facies obliqua, non buccäta; genae
nudae. — Macrochetae aliquae inter-
mediae segmentis secundo et tertio ab-
dominis . . . 00.0.9. GermariaR.D.
BEE. Facies non obliqua, magis vel minus
buccata, Genae plus minusye setigerae.
Macrochetae nullae intermediae segmen-
tis seeundo et tertio abdominis . . . 6. @onia Meig.
Bei der neuen Gattung Phytomyptera reichen die Fühler bis
zum Untergesicht, das zweite Glied kurz, gewimpert, das dritte gross,
aussen an der Spitze schräg abgeschnitten. Die Fühlerborste in der
Verbindung des zweiten und dritten Gliedes schwach gekniet, das
zweite Glied etwas verlängert, das erste sehr kurz. Die Augen kahl.
— Eine neue Art Ph. nitidiventris: Gesicht weisslich mit gelb-
licher Stirnstrieme, Mittelleib grauschwarz. Hinterleib glänzend
schwarz, die Wurzel der einzelnen Ringe an den Seiten schwach
weisslich schimmernd. Flügelschuppen bräunlich gelb. Flügel was-
serklar. ° Beine schwarz. Fühler an der Wurzel röthlich. — Bei
Bigonicheta veichen die Fühler fast bis zum Untergesicht, das
erste Glied ist kurz, gewimpert, das dritte sehr lang, prismatisch.
Die Fühlerborste mit drei fast gleich langen Gliedern, in den Gelen-
ken zweimal gekniet. Die Augen deutlich behaart. B. Mariettii:
Gesicht bräunlichgreis mit schwach röthlicher Stirnstrieme, Mittel-
leib dunkel bräunlichgreis, vorn mit vier dunkleren Striemen. Hin-
terleib schwarz, die einzelnen Ringe an der Wurzel mit bräunlich
greiser Binde. Flügelschuppen blassgelblich. Flügel fast wasserklar.
Beide neue Arten aus dem nördlichen Italien.
Naturgeschichte der Inseeten während des Jahres 1845. 295
Die Kenntniss der Ocyptera-Arten ist noch ferner erweitert wor-
den; Winnertz (Entom. Zeit. S.33) theilte genaue Beschreibungen
einiger Meigenschen Arten — 0. cylindrica F., interrupta, pusilla —
nach von Meigen selbst bestimmten Stücken mit. Loew (ebenda
S.170) erörterte diese Arten durch weitere kritische Prüfung und
musterte demnächst die von Zeller auf Sicilien gesammelten Arten,
unter denen sich zwei neue O. carinata und O. crassa auszeich-
nen. Eine dritte neue Art ist O. excis« aus Ungarn (die letzte ist
auch in den Beitr. S.19 beschrieben.
Leon Dufour (Ann. d. 1. Soc. Ent. d. Fr. Ill. S.205) entdeckte
in Schwalbennestern eine Fliegenlarve, welche dort schmarotzt, in-
dem sie von den jungen Schwalben Blut saugt. Sie ist walzenför-
mig, nach vorn etwas zugespitzt, der erste Ring als Saugnapf gestal-
tet, in dessen Mitte der Mund liegt, welcher mit’ seinen hakenförmi-
gen Mandibeln das Anbohren der Haut verrichtet. Der hinterste
Körperring ist zu einer fünfeckigen Hautplatte erweitert. Zur Ver-
wandlung lassen sie sich aus dem Neste fallen, unter welchem sich
dann die reifen Larven und die. Puppentönnchen finden. Die Fliege
ist vom Verf. Lucilia dispar genannt und mit folgender Diagnose
bezeichnet: L. viridis vel coerulea, facie orbitisque griseo-subsericeis,
pilosis, vitta frontali, antennis pedibusque atris; alis elaris (sie!),
nervo externo-mediano a eubito concavo; calyptris albis.- Fem. tho-
race viridi-aeneo, vittis 5 aeneis, abdomine viridi. Mas maior, uni-
formiter coeruleus, thorace vittis 5 abbreviatis vix distinguendis. —
Long. 10—13 Mill. — Hab. in floribus Gall. mer. occ.
Loew hat in seinen Beiträgen mehrere Muscarien - Gattungen
einer Prüfung unterworfen:
Sapromyza: Unter $. Zitura hat Meigen als Abänderungen zwei
verschiedene Arten vereinigt, welche als $. Wiedemanni (var.1)
und S Baumhaueri (var.2) unterschieden werden. Eine neue,
durch eine verlängerte Klaue der Hinterfüsse ausgezeichnete Art ist
S. anisodactyla aus dem westlichen Deutschland.
Ulidia: Macquart hat Timia Mg. mit dieser Gattung verbunden,
letztere ist aber nicht sowohl durch die in Grübchen ruhenden Fühler
als durch einfache 5te Längsader der Flügel unterschieden, welche
bei Ulidia gegabelt ist. Unter Ulidia haben die meisten Arten in
übchen ruhende Fühler und nur U. demandata hat sie frei auf-
gend, Solchen, welche hierin einen Gattungsunterschied anneh-
en, schlägt der Verf. für diese Art den von Latreille aufgestellten
Mosillus vor. Ulidia im engern Sinne ist mit mehreren neuen
n vermehrt worden: U. nigripennis aus Schlesien und Posen,
U. parallela aus Schlesien, U. albidipennis von Rhodus und
Mermeriza, U. atrovireus aus Kleinasien, U. megacephala
von Makri, Mermeriza, Rhodus.
Platystoma: den drei bereits beschriebenen Arten P/. umbrarum,
rufipes und seminationis ist eine vierte Pl. pubescens von Rhodus
zugefügt.
296 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
Mycetaulus, eine neue Gattung der Sepsideen 'mit folgender
Bezeichnung: „oris apertura mediocris, setis mystacinis utrinque
una; palpi lati, alarum neryus auxiliaris cum longitudinali primo
connatus, longitudinalis sextus usque ad marginem alae productus;
cellulae basales retractae, minutissimae; abdomen depressum.” M.
Hoffmeisteri lebt bei Cassel im Herbst auf faulenden Fliegen-
schwämmen,
Tetanocera: Auseinandersetzung folgender Arten. 41. T. odseu-
ripennis von Rhodus und aus Kleinasien, der folgenden sehr nahe,
verwandt. 2. T. marginata; 3. T. cincta; 4. T. recta (reticulata
Fall.), der folgenden sehr ähnlich; 5. T. rufifrons Mg. 6. T. rufa,
Musc, ruf. Panz. T. cucullaria Mg. — 7. T. divisa, neue, der vor.
ähnliche Art aus der Posener Gegend. — 8. T. cucularia, Musc,
cue, Lin. aus Pommern, eine bisher verkannte und übersehene Art.
— 9. T. lineata, 10. T. aratoria, 11. T. dorsalis; 12. T. obliterata,
13. T. gracilis, neue Art von Rhodus.
Enkel; diese von v. Roser aufgestellte Gattung ist von Chlor-
ops durch mehrere Merkmale unterschieden und hier mit folgender
Bezeichnung festgestellt: „antennarum articulus secundus orbicularis,
seta biarticulata crassissima, pilosa, oris apertura pilis subtilioribus
eincta, mystacinis duobus erassioribus; scutellum elongatum, planum,
transverse subtiliter rugulosum; alarum costa'usque ad nervum lon-
gitudinalem quartum crassior; nervi transversales approximati; oris
partes ut in Chlorope.” Die bekannten Arten sind: 1. Chi. cornuta,
2. Chl. femoralis Mg., wenn diese wirklich von der sehr veränder-
lichen Chl. eornuta wesentlich verschieden ist, 3. Chl. brevipennis.
Elachiptera brevip. Macg. (Die auf dem unwesentlichen Merkmal
der Kürze der Flügel gegründete Gattung Elachiptera ist mit Recht
verworfen); diesen ist eine Ate neue Art, Or. bimaculata, von
Rhodus, zugefügt.
Hydrellia bereicherte Derselb. (Entom. Zeit. S. 398) mit zwei
neuen Arten H. alboguttata und annulata aus dem westlichen
Deutschland.
Piophila pilosa Stäger (Kröy. Nat. Tidsskr. N. R. I. S. 368)
ist eine neue Art aus Grönland.
Diopsis Hearseiana Westwood, eine kleine,neue, der D,
brevicornis Say verwandte Art, lebt nach Hearsey’s Mittheilung in
Indien in verschiedenen Monaten und Orten theils an Fensterschei-
ben, theils auf Orangen- und Citronenblättern, theils auf Gurken-
kraut; sie scheinen entweder von der süssen Aussonderung der Blatt-
läuse sich zu nähren oder von den Blattläusen selbst. — Da Sykes
die D. Sykesii als räuberisch angegeben hatte, ist das letztere eher
anzunehmen. (Proceed. Ent. Soc. Lond. S. 99).
Rondani theilte die Beobachtung mit, dass die Larve der Jgro-
myza aeneoventris Fall., aenea Meig. im Mark der Stengel des Car-
duus nutaus lebt. Ehe sie sich verpuppt, bohrt sie einen Gang durch
Naturgeschichte der Inseeten während des Jahres 1845. 297
die Rinde; welcher nur von der dünnen Epidermis verschlossen bleibt
(Ann..d. l. Soc. Ent. d. Fr. 11. Bull. S.xıvu).
Coriacea. Anatomische und physiologische Forschungen über
die zweiflügligen Insecten der Familie der Pupiparen” von Leon
Dufour (Annales des science. nat. 3. Ser. III. p. 49. fl.2.3). Die Un-
tersuchungen sind an Hippobosca equina, Ornithomyia viridis und
Melophagus ovinus angestellt. So übereinstimmend diese Insecten
sonst gebaut sind, findet sich eine auffallende Verschiedenheit in der
Zahl der Stigmaten, deren Melophagus neun, Hippobosca und Ormi-
thomyia nur sechs Paare haben. Bei Melophagus findet sich näm-
lich ein Paar zwischen dem Pro- und Mesotlhorax, das zweite auf
dem Metathorax, beide Paare gleich gross, rund; das dritte auf der
Bauchseite an der Hinterleibswurzel sehr versteckt, das vierte dem
dritten sehr nahe, an den Seiten mehr nach oben, die drei folgenden
an den Hinterleibsseiten, die beiden letzten Paare in der Ausrandung
der Hinterleibsspitze. Bei Hippobosca und Ornithomyia ist das vor-
dere Paar der Thoraxstigmen sehr gross, das hintere fehlt; die Hin-
terleibsstigmen sind sehr klein und schwer zu erkennen, die vier
ersten Paare haben ganz die Stellung, wie die vier Paare, die bei
Melophagus auf das erste folgen, welches hier fehlt; das fünfte senkt
sich auf der Oberseite und ein wenig nach aussen in den ersten
haarigen Höcker der Hinterleibsspitze. Die Luftgefässe des Hinter-
leibes sind einfach, ohne Luftsäcke, und auch die bei.den Zweiflüg-
lern sonst gewöhnlichen grossen Luftbehälter an der Hinterleibswur-
, zel fehlen. Dagegen finden sich sowohl bei der geflügelten als bei
der ungeflügelten Form in gleicher Entwickelung im Mittelleibe zwi-
schen den Muskeln Luftbehälter vor, die oberflächlichen mehr röh-
renförmig, die tiefer liegenden blasenförmig. —, Die Ganglien des
Mittel- und Hinterleibes sind alle zu einem grossen runden Nerven-
knoten vereinigt, welcher in der Mitte des Mittelleibes liegt und von
dem die Nervenstränge strahlenartig ausgehen; zwei Paare grosser
Stränge gehen in den Hinterleib, die inneren an die Geschlechtstheile,
die äussern an den Nahrungskanal. — Die Speichelgefässe erstrecken
sich bis in die Hinterleibswurzel, wo sie bei Melophagus mit einer
kugligen Anschwellung endigen, während bei Hippobosca und Ornitho-
myia das Ende darmförmig und gewunden ist. In der Mitte des Mittel-
- Jeibes dehntsich der Speichelgang bei allen zu einem runden, flachgedrück-
ten Behälter aus. Der Nahrungskanal, von beträchtlicher Länge, bie-
tet wenig Bemerkenswerthes dar. Am Mastdarm finden sich vier
kleine kugelförmige Körper, zu denen beträchtliche Luftgefässe tre-
ten, und die der Verf. als Muskeln betrachtet. Gallengefässe vier,
mit freien Enden und sehr zart. Die männlichen Geschlechtswerk-
zeuge bieten wenig Bemerkenswerthes dar. Die Hoden werden aus
einen einfachen, zusammengeknäuelten Samengefäss gebildet, die Sa-
menblasen gefässförmig, bei Hippobosca und Melophagus in zwei
gleich lange Aeste, gespalten, hrä BRCHTR einfach, mit einem
Archiv f. Naturgesch. X1l, Jahrg. 2 U
298 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
kleinen taschenförmigen Anhang an der Stelle des zweiten Ästes.
Die weiblichen Geschlechtswerkzeuge verdienen aber besondere Auf-
merksamkeit. Die Eierstöcke bestehen jeder nur aus einer ein-
fachen, ein einziges Ei enthaltenden Tasche, der eine, in dem das
Ei in der Entwickelung weiter vorgeschritten ist, grösser als der
andere. Der Samenbehälter am Eileiter in zwei Schenke getheilt,
welche bei Melophagus einfach sind, bei Hippobosca noch mehrere
Seitenäste haben. Die paarigen Schleimgefässe bei allen drei Gat-
tungen sehr gross und baumförmig verästelt. Unterhalb dieser An-
hänge erweitert sich der Eileiter zu einer Art von Gebärmutter, in
welcher das Junge bis zum Puppenstande gezeitiet wird. Die Ent-
wickelung des Jungen bot dem Verf. viel Abweichendes dar, und er
war nicht im Stande weder ein förmliches Ei im Eierstock noch
eine Larve in der Erweiterung des Eileiters zu erkennen. Beide
schienen ihm aus einer formlosen Masse zu bestehen. Die Eihaut
löste sich nicht aus dem Eierstock, als das Ei in den Eileiter hin-
abstieg, sondern blieb mit dem oberen Ende angeheftet, so dass das
Junge noch in der Erweiterung des Eileiters wie an einem Strang
aufgehängt erschien, den der Verf. als einen eigentlichen Nabelstrang
betrachtet, und der erst zerriss, als sich Luftgefässe im Körper des
Jungen gebildet hatten; diese münden in ein Paar Stigmen, welches
sich an dem der Geschlechtsöffnung des Mutterinsects zugewandten Hin-
terende des Jungen befinden. Dieser Theil der Beobachtungen, wird
noch einige Berichtigungen erfahren müssen. Es verdient übrigens
alle Anerkennung, dass der unermüdet thätige Verf. sich mit den
neueren anatomischen Forschungen der Deutschen und ‚ Engländer
vertraut zu machen sucht.
Gimmerthal (Ent. Zeit. S. 152. Bull. Mose. 11. S.328) bemerkte,
dass in Kurland allgemein behauptet wurde, dass Ornithobla pallida
Meig. ein Schmarotzer des Elenn sei, und machte den Vorschlag,
den Gattungsnamen in Alcephagus umzuändern. — v. Siebold
(Ent, Zeit. S.275) wies aber die Unwahrscheinlichkeit der obigen
Behauptung nach, und theilte eine von ihm gemachte Beobachtung
mit, nach welcher das Elenn vom Lipoptena cervi bewohnt wird.
A. Costa hat eine kleine Arbeit über einen Schmarotzer. der
Biene geliefert: „Storia completa dell’ Entomibia apum A. Costa
(Nuovo genere d’insecti ditteri) et su i danni che arreca alle api da
miele (Istituto d’incoraggiamento Vol. VII). Diese Entomibia des
Costa ist indess schon vor langer Zeit von Nitzsch ihrer systemati-
schen Stellung nach richtig beurtheilt, und von ihm Braula (coeca)
genannt worden. Nach Costa’s Darstellung ist sie übrigens nicht
blind, sondern hat zwei einfache Augen, je ein am inneren Rande
der Fühlerwurzel.
Hemiptera,
Unter dem Titel ,„Entomologie Frangaise, Rhynchotes” hat
Amyot in den Amnal, d. ]. Soc. Ent, d, Fr. Ill. p. 369 die französi-
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. 299
sche Hemipterenfauna zu bearbeiten angefangen, mit Anwendung einer
„Mäthode mononymique”. Der Verf. findet es nämlich lästig, dass
die Namen, besonders die Gattungsnamen so oft gewechselt werden,
und kehrt deshalb zu der von Buffon festgehaltenen Weise einfacher
Namen zurück. Die tiefere wissenschaftliche Bedeutung der Linnei-
schen Benennungsweise hat der Verf. sich nicht klar gemacht.
Kolenati’s Meletemata Entomologica Hft. II. enthält die Bear-
beitung der Coreiden, Lygaeiten und Capsinen der Kaukasusländer;
da ich noch nicht Gelegenheit gehabt habe, die hier aufgestellten
heuen Gattungen und Arten näher zu prüfen, werde ich mich mit
der blossen Aufzählung derselben begnügen. \
Für die Abtheilung der Homopteren ist eine Arbeit von Bohe-
mat, in welcher er die Kenntniss der schwedischen Fauna durch
einen namhaften Beitrag meist neuer Arten erweiterte, von Wichtig-
. keit (Nya Svenska Homoöptera, beskrifna af C. H. Bolieman: Kongl.
Vet. Acad. Handl. för ar 1845. S.21—63. — Vet. Acad. Öfvers. 1845.
S. 155).
” Pentatomides. In den Symbolae Phys. (T. 43. 44) hat Klug
die Pentatomiden der Ehrenbergschen Reise bearbeitet; neue Arten
sind Tetyra (Trigonoscelis) subspinosa von Alexandrien, Cyd-
nus hispidulus aus dem Wüsten Arabien, €. pilosulus von
Alexandrien, Aelia virgata aus Syrien, de. fuliginosa aus
Abessynien, Sciocoris conspurcatus von Alexandrien und Am-
bukohl, Sc. pallens von Alexandrien, Sc. cribrosus aus dem
Wüsten Arabien, Cimez poecilus aus dem Wüsten Arabien, ©.
iucundus ebendaher, C. coloratus von Ambukohl, C. linea aus.
Syrien, €. miliaris von Ambukohl, ©. virens vom Sinai, ©, tar-
satus ebendaher.
Coreides. Kolenati’s (a.a. 0.) neue Gattungen und Arten sind:
Centrocoris (neue Gattung Coreus gleichend) Westwoodii, va-
riegatus, pallesceus, — Coreus disciger, eine neue Untergat-
j tung, Palethrocoris „antennarum articulo tertio alato” bildend,
— Porizus Caucasicus, rufescens. — Alydus hirsutus,
_ Tragacänthae, — Hebecerus (neue, Meropachys Lap, glei-
chende Gattung) persieus. — Berytus Caucasicus, — Rhub-
docoris (neue, an Leptocoris erinnernde Gattung) arcuata.
Lygaeites. Derselb. (ebenda) beschrieb aus dieser Fami-
;“ als neue Arten: Lygueus Asiaticus und ventralis, — Pa-
Nymerus anomalus, Ibericus — Platygaster margina-
dus, — Heterogaster bicolor, Coronillae, Waltlii, — Cy-
mus Origani, Saturejae, Hyrcanieus.
Eine Monographie der im Neapolitanischen Reiche einheimischen
Arten von Ophthalmicus hat Costa (Annal. dell’ Accad. degli Aspir.
Nat. 1, 1813. S.203) geliefert, Die Arten sind; 4. mit Halbdecken
ohne Hautstück: 1. O. gryllöides. — B. mit vollständigen Halbdek-
Ur
ER
300 Erichson; Bericht über die wissensch. Leistungen in der
ken: 2.0. erythrocephalus (Sald. eryth. Enc.). — 3. 0. pallidi-
pennis: „prothorace et scutello minus fortiter at erebrius et undi-
que ‚aequaliter impresso-punctatis, niger, nitidus, prothoraeis angulis
postieis, abdominis, punctis marginalibus, metathoracis subtus angulis
postieis albidis; ‚elytrorum corio albido, macula transversa in mar-
gine postico nigra, membrana alba hyalina; pedibus testaceis, femo-
ribus medio nigris; — long. 1%, lat. 3°”; neue Art aus der Umgegend
von Neapel; vielleicht fällt O. angularis Fieb. mit ihr zusammen. —
A. O. lineola „prothorace et scutello minus fortiter et crebriuscule
impresso-punctatis, niger, nitidus, prothoracis linea intermedia im-
punctata alba, elytris albo-hyalinis, corii margine postico fusco -ni-
gricante, pedibus pallide testaceis; long. 1%, lat. 3”; ebenfalls aus
der Gegend von Neapel, vielleicht von der gleichnamigen Art Ram-
burs nicht verschieden.
Kolenati (a. a. O0. S.94) führt O. (Geocoris), angularis Fieb,
als kaukasische Art auf und verbindet O. Siculus Fieb. als Weibchen
mit derselben.
Capsini. Die von Kolenati (a.a. O0.) aufgestellten Arten
sind: Miris Taucasica, Polymerus (Lophyrus) Meyeri,
Phytocoris alpina, albida, Heterotoma oblonga, cincta,
— Die. neu errichtete Untergattung Lophyrus muss wenigstens
diesen schon mehrfach gebrauchten Namen wechseln. N
Aradites. Leon Dufour (Ann. d. 1. Soc. Ent. d. Fr. II.
8.225. T. 3. n.ıı) beschrieb Aradus Perrisii als neue Art aus
dem südwestlichen Frankreich. Es ist Arad. leptopterus Germ.
Reduvini. Westwood (Transact. Ent. Soc. Lond. IV. 8.119.
T.7) beschrieb die im Jahresb. f. 1843 nach den Proceed. E, S. be-
reits aufgeführten Eetrichodia imperialis und Platymerus ducalis
vom Palmencap und die neue Gattung Ectinoder us, die letztere,
mit welcher Pristeuarma Serv. synonym ist, enthält drei Arten, E,
longimanus Westw., vermuthlich von Singhapur, E. Philippen-
sis Westw. von ‚den Philippin. Inseln, und E. bipuncetatus, Prist,
bipunctata Serv. et Am. — Hinzugefügt ist noch eine neue Art von
Holoptilus, welche zugleich eine neue Untergattung Orthocnemis
bildet; indem sie die deutlich dreigliedrigen Fühler und die einfach
borstigen Schienen von Holoptilus mit den gefleckten und ‚geäderten
Halbdecken von Ptilocnemis verbindet; die Art, Hol. (Orth.) ba-
salis Westw. ist von Adelaide in Neuholland. yuk
Notonectides. Ball zeigte die Thatsache an, dass Coriza
striata laute und starke Töne hören lasse, einigermassen dem Zirpen
der Heuschrecken vergleichbar. Das Thier war dabei 2%” unter
Wasser, der Ton gleichwohl so laut, dass er durch die geschlossene
Thür in einem anstossenden Zimmer vernommen wurde, Fräulein.
Ball hatte den Laut vor zwei Jahren zuerst und seitdem häufig ge-
hört, und H, Ball sich von der Richtigkeit der Beobachtung überzeugt
Naturgeschichte der Insecten während des Jahres 1845. 301
(On noises produced by one of the Notonectidae. Report of the
British Association f. 1845).
Fulgorellae. Boheman (a. a. O.) entdeckte in Schweden
ausser De/phax limbata F, (anceps Germ., signifera Boh. Vet. Acad.
Öfvers. 164, 30) zwei neue Arten dieser, Gattung. D. speciosa und
D. perspicillata. Gu£erin (Ann. Soc. ‚Ent. Fr. Il. Bull. xcyr)
stellte eine neue der F. candelaria, verwandte Art, Fulgora cya-
nirostris, aus Java auf. — White Ann. nat. hist. XV, S,36 be-
schrieb als neue Arten Poeeiloptera dianthus aus Indien, ver-
muthlich von Java, P. papilionaria von Java, Aphaena leuco-
sticta von den Philippin. Ins. und Aph. delicatula von Nankin.
— Nachträglich (S. 119) bemerkte der Verf., dass seine Poec. dian-
thus mit P. eirculata Guer. zusammenfalle.
. Membracides. Ueber die früheren Stände von Centrotus
cornutus und Genistae hat Ach. Costa neuere Untersuchungen ange-
stellt (Note, sulle larye e metamorfosi de’ Centroti cornutus e Ge-
> nistae: Annal. dell’ Accad. degli Aspiranti Nat. d. Napoli 1I., 1844.
S.36). Der Verf. hatte früher diese Larve für eine eigenthümliche
Insectenform gehalten, und eine eigene Gattung daraus gebildet,
welche er anfangs Trigonosoma, später Cophosoma nannte; jetzt
nimmt er (diese Gattung wieder zurück. Bei der grossen Ueberein-
stimmung ihrer Larven hält der Verf, es für unzweckmässig, sie in
verschiedene Gattungen zu bringen. Endlich bemerkt er, dass die
Larve des €. Genistae bei Neapel stets nur ‘auf Colutea arborea,
niemals aber auf Ginster gefunden werde.
..Cicadellae. Boheman (a. a. O.) hat die Schwedische Fauna
mit folgenden, meist neuen Arten bereichert: Eupeliw. spathulata
Germ., — Deltocephalus calceolatus, formosus, frigidus,
bipunctipennis, — Athysanus argentatus (Fab.), quadrum,
pieturatus (Sahlb.), — Thamnotettix flaveola, paludosa,
ntennata, Cyane, atricapilla, 5notata, intermedia,
adumbrata (Sahlb.) — Typhlocyba Wahlbergii, mollicula,
“eoronula, pullula, parvula, Zetterstedtii, aureola, —
Bythoscopus faleiger, — Jassus Tiliae, scutellatus,
Rubi, Alni, fuscinervis.
White (Ann. nat. hist. XV. S, 34) machte eine neue Gattung
u
_ Ancyra bekannt, welche einige Aehnlichkeit mit Eurymela_ hat,
und sich durch seitlich erweiterten Kopf, — ohne dass, wie bei
Eürymela die Wangen erweitert wären — und eigenthümliche Bil-
dung der Flügel auszeichnet: Die Decken haben nämlich am Hinter-
rande einen Ausschnitt, und beim Männchen an der Spitze einen
- Jangen fadenförmigen, am Ende verdickten Anhang; die Unterflügel
endigen mit einer hakenförmigen Spitze. A. appendiculata ist
von Moulmein (Hinterindien).
"Zugleich stellte Derselb. (ebenda S. 35) eine Reihe Cercopis-
502 Erichson; Bericht über die wissensch. Leistungen in der
Arten von. den. Philippin. Inseln auf: C. Proserpina, Theora,
Charon, perspicillaris, zanthomelaenu, mactans.
In Betreff der Gattung Eurymela bemerkte Derselb. (ebenda),
dass nach Herrn Harringtons Mittheilung in Neuholland die verschie-
denen Arten Mannafliegen genannt werden. Sie bohren die grüne
Rinde der Gummibäume (Eucalyptus) an, der Saft fliesst dann aus,
trocknet und fällt zu Boden, zuweilen in grossen Massen. Diese
Mamna hat einen sehr süssen Geschmack. — Eine neue Art von
Eurymela ist E. /aeta White in Eyre Exped. ]. S.433. T.A. F. 3;
zwar ist die Gattung als „Eurybrachys” bezeichnet, da die Abbildung
aber unverkennbar eine Eurymela darstellt, scheint dies auf einem
Schreibfehler zu beruhen.
Stridulantia. Eine neue Form nenholländischer Cicaden
wurde von Demselb. (ebenda S.433. T.4. F.4.5) unter dem Gat-
tungsnamen Tettigarcta aufgestellt; sie zeichnet sich sowohl
durch den kleinen schmalen Kopf als das breite, an den Seiten eine
Ecke bildende, nach’hinten in starker Rundung erweiterte Halsschild,
die Art T. tomentosa auch durch dichte Behaarung des Kör-
pers aus.
Aphidii. Bemerkungen und Berichtigungen zu den von Boyer
\de Fonscolombe beschriebenen Pflanzenläusen sind von Kaltenbach
mitgetheilt (Verhandl. des naturhist. Vereines der preuss. Rheinlande
2. Jahrg. S.8 und Entom. Zeit. S.14). — Die Arbeit von Boyer deF.
ist im ‚Bericht f. 1841 (S.309) angezeigt. Nach den Untersuchungen
von K. ist Aph. Artemisiae Boy. = A. Tanacetaria K.. — Aph. Isatis
B. = A. Brassicae L. — 4. Lonicerae B. = A. Xylostei Schr.
A. Onobrychis B. — A. Pisi K. = Ulmaria Schr., welcher jelztere
Name das Vorrecht hat. — 4. Persicae B. = A. Persicae R. — 4
Pruni Mahaleb B. wahrscheinlich = A. Padi L. — 4. Rhamni B,
ist"versohieden von A. Rhamni Kalt., daher derselbe die letztere
jetzt mit A) Frangulae bezeichnet. — A. Verbasci B. vermuthlich
— A, Verbasei Schr. — A. Roboris F.? Boy. A. Roboris L. — A.
Filaginis B. vielleicht — Pemphigus Gnaphalii K. — A. Pyri B. =
A. Crataegi.K. — A. radicum B. vermuthlich — Trana radicis RK, —
Phylloxera quercus RK. — Vacuna coccinea v. Heyd. — Piytosern
coccinea K. -— Phylloxera longirostris B. — Lachnus quercus L.
Ueber die übrigen Arten ist im "Allgemeinen nicht- mit Sicherheit zu
entscheiden.
Coceides. Costa entdeckte auf den Höhen von Posilipo eine
neue Art von Calypticus, welche auf Mesembrianthemum aeinaciforme
lebt, und aus einer schaumigen, rein weissen Ausschwitzung einen
walzenförmigen Behälter für: die Eier und Jungen bildet, Das alte
Weibchen ist roth, die Jungen sind hellgrün (Decrizione di una no-
vella specie di Cocciniglia del genere Calittico Cost, che vive,sopra
il Mesembriantliemum aeinaciforme: Annal, dell’ Accad, degli Aspir.
Naturgesohiobte der Inseeten. während des Jahres 1845. 303
Nat, .d. Napoli 11. 1844. 8. 273). — Die. Gattung Calyptieus ist 1827
vom Verf. aufgestellt, mit zwei Abtheilungen Monaspidea ‚und Poly-
aspidia, je nachdem ‚der. der. Gattung eigenthümliche, ‚durch Aus-
sehwitzung gebildete Schild aus’ einem oder mehreren Stücken be-
steht. . Sie stimmt also ‚mit Aspidiotus Bouche (1834) überein.
Thysanura.
Bemerkungen zur Abhandlung des Herrn Nicolet über die Podu-
rellen, vom Abbe Bourlet (Rey. Zool. p. 62). Der Verf. verdächtigt
die Beobachtungen von Nicolet über den inneren Bau dieser Thier-
chen, weil es ihm selbst nicht gelungen sei, unter dem Microscop
das Geringste davon wahrzunehmen. Das kann wohl sein, denn um
mit dem Microscop etwas auszurichten, muss man auch mit dem
Instrument umzugehen wissen. Von Herrn Nicolet, der als Zeichner
an vielen ausgezeichneten zoologischen Arbeiten mitgewirkt hat, darf
man erwarten, dass er in microscopischen Untersuchungen bewandert
ist. Der Verf. glaubt ferner Herrn N. in der Darstellung der Blut-
strömungen auf einen Fehler zu ertappen, indem er das Blut sich von
vorn nach hinten bewegen liesse, während doch feststände, dass das
Blut im Rückengefäss von hinten nach vorn ströme. Es bedarf aber
nur eines Blickes auf die Abbildung (T.4. F.3), wo N. die Blutströ-
mungen angedentet hat, um sich zu überzeugen, dass hier ein Miss-
verständniss obwaltet. Es mögen daher die Bedenken des Verf. über
diesen Theil der Nicolet’schen Arbeit ihr Bewenden haben.
Die Feststellung der Arten, bemerkt der Verf., bedürfe grosser
Umsicht, indem die Thierchen in Grösse, Farbe, Ansehn grossen Ver-
schiedenheiten nach dem Alter und anderen Umständen unterworfen
seien, und dass nach seinen Erfahrungen viele der Nicolet’schen Ar-
ten eingezogen werden müssten. Er führt dieselben auf folgende
Weise auf die von ihm beschriebenen Arten zurück:
Achorutes tuberculatus, eigene Art.
" Anurophorus fimetarius = Adieranus fimetarius B.; A. laricis
= Adier. corticinus B.
" Podura aquatica — Hypogastrura aquatica B., P. similata =
Hypogast. murorum, jung; P. eyunocephala = dies. jung; P. cella-
ris — dies.; P. armata — Podura palustris B.; P. rufescens = Hy-
pogastr. aquatica, jung.
Desoria glacialis, eigene Art; D. virescens = Podura trifa-
sciata B;; D. tigrina — dies.; D. fulvomaculata = Podura bifa-
sciata B.; D. cinerea — nivalis B.; D. cylindrica = Podura villosa
B.; D. »iatica — dies.; D. pallida = dies.; D. ebriosa — dies.;
D, annulata — P. annulata B., D. riparia = Pod. palustris B.; D.
fusca = dies. kleiner.
. Cyphodeirus capueinus = Lepidocyrtus curyicollis, jung; ©,
gibbulus — dies. kleiner, jung; C. lignorum — dies.; C. pusillus =
dies.; aeneus —= dies, etwas älter; €. agilis = dies, braun, nach
304 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
Alter oder Oertlichkeit; ©. parvulus = dies.; ©. albinos — Lepido-
eyrt. argentatus B.
Tomocerus plumbeus = Macrotoma plumbea B. (Diese Art
rollt die Fühler nicht auf, wie es Herr N. angiebt, dies ist einer an-
deren Art 'eigenthümlich, welche B. deshalb M. spiricornis nennt),
T. celer = dies. jünger,
Degeeria. Alle 11 von N: unterschiedenen Arten erklärt B.
für Abänderungen von Podura cursitans.
‚Orchesella melanocephala = Aetheocerus rufescens B.; O. wl-
losa — dies. brauner und haariger; O0, fastuosa — Aeth. pulchricor-
nis B.; O. unifasciata — Aetlı. einetus B.; 0. sylvatica — Aeth. ru-
fescens B.; ©. bifasciata —= Aeth. cinctus B.
Sminthurus signatus — Dicyrtoma dorsimaculata B. Abänd.;
S. oblongus vielleicht neue Art; S. viridis — Sminthurus viridis B.;
S. fuscus = Dieyrtoma atropurpurea B.; S. ornatus —= Dicyrt. dor-
simaculata B., andere Abänd.; $. Coulonii — dies.
Arachniden.
Araneae
Blackwall hat seine zahlreichen Beobachtungen zusam-
mengestellt und in den Ann. nat. hist. XV. S. 221 mitgetheilt:
Researches ‚into the Structure, Functions and Occonomy of
the Araneidea.
Ueber die Entwickelung der Spinnen im Eie ist in Halle
eine Inaugural-Schrift erschienen: Observationes quaedam de
Aranearum ex ovo evolutione, auct. @G. H. de Wittich.
Epeirides. Koch (Die Arachn. 12. Bd. S. 94. T.A417) hat bei
der Gattung Mithras das vierte Paar Augen gefunden, welches die
äusseren Augen der vorderen Reihe bildet, sie sind ‚aber sehr klein
und schwer zu entdecken, stehen auch den mittleren Augen der hin-
teren Reihe am nächsten. Wegen der eigenthümlichen Stellung der
Augen und abweichenden ‚Lebensweise will der Verf. eine eigene
Familie auf dieser Gattung begründet wissen. Neben beiden Ge-
schlechtern des M. paradoxus ist eine neue Art abgebildet, M. un-
dulatus aus der Oberpfalz.
Theridides. Koch (Die Arachniden 12. Bd. 4. 5. 6. Heft) hat
die Gattungen Phrurolithus, Eucharia, Galena, Ero, Linyphia, Meta,
Theridium, Pachygnatha, Micryphantes, Hahnia durch Abbildungen
zum Theil neuer Arten erläutert. Die neuen Arten sind: "Phruro-
lithus pallipes aus Baiern, Eucharia atrica.aus Deutschland,
Galena xzonata, vermüthlich aus Aegypten, Ero atomaria von
Bamberg, Linyphia furcula, von Regensburg, L. marginata,
in Deutschland, Frankreich, L. terricola, in den Gebirgswaldun-
rn
6 A
Naturgeschichte der Arachniden während des Jahres 1845. 305
gen der Oberpfalz und bei Karlsbad, L. aurulenta, auf St. Tho-
‚mas, L. circumflexa, in Baiern, Theridium reticulatum bei
Karlsbad, Pachygnatha tristriata und P. wanthostoma,
beide in Pensylvanien, Micryphantes laminatus, M. phaeops,
M. alutaceus, M. hystricus, M. villosus in Baiern einheimisch.
‚Thomisides. Ders. (ebenda 12. Bd. 2. 3.4. Hft.) bildete eine
Reihe von Arten der Gattungen Ocypete (Olios Walk.), Eripus, Se-
lenops, Delena, Thomisus, Sparassus und Thanatos ab. Neue Arten
sind: Ocypete megacephala vom Vorgeb. der Gut. Hoffn., O.
derasa ebendaher, O, melanogaster desgl., O. detrita aus
Afrika, O.,gracilipes unbek. Vaterl., O. murina aus Ostindien,
O.tersa aus Morea, O. thoracica von Java, O. draco von St.
Thomas, Delena impressa aus Neuholland, Thomisus Smacu-
Zatus aus Ostindien, Th. capparinus aus Ungarn, Th. cerinus
und Th. devius ebendaher, TA. /uctans aus Pensylvanien, Xy-
sticus confluens und X. graecus aus Griechenland, letzterer
auch aus Ungarn, Sparassus ligurinus aus Griechenland, Tha-
natus striatus aus Baiern.
Drassides. Ueber das Vorkommen des Clotho Durandii im
südlichen Frankreich machte Lucas eine_Mittheilung (Ann. d. |,
Soc. Ent. d. Fr. IM. Bull. S. xxv).
_ Dysderides. Derselb. (ebenda S. 67. T.1. F.2) machte eine
neue Art Scythodes longipes, aus Mexiko bekannt. Walkenaer
glaubte darin Scythodes rufipes Lucas (Guer. Mag.) zu erkennen
(ebenda, Bull. S.xc), indess wies Lucas (ebenda S, xcı) die Ver-
schiedenheit beider nach.
Mygalides. Der Gattung Actinopus fügte Lucas eine neue
Art A. Pertii aus Nordamerika zu (Note sur une nouvelle espece
d’Araneide appartenant au genre Actinopus, de M. Perty, Ann. Soc;
Ent. Fr, III. S.57. T.1.F,1). Zugleich bemerkt der Verf., dass er
in Nordafrika eine mit Actinopus sehr nahe verwandte Spinne auf-
gefunden habe, welcher er den Gattungsnamen Oyrtocephalus
beilegt; die Unterschiede yon Actinopus bestehen in dem sehr brei-
ten und stark gewölbten Vordertheil des Vorderleibes, den weit aus
einander stehenden Augen, den dicken und vortretenden Mandibeln
und der schmalen, eirunden Brustplatte. Der Verf. hat zwei Arten
in Algerien gefunden; vielleicht gehört auch Actinopus aedificatorius
Westw. (von Tanger) in diese Gattung, sie scheint indess von jenen
Arten verschieden zu sein.
—
Solifugae,
Scorpionides. Eine beachtenswerthe Abhandlung hat Paul
Gervais veröffentlicht: Remarques sur la famille des Scorpions et
description de plusieurs @speces nouvelles de la collection du Museum.
306 Erichsom:; Bericht über die wissensch. Leistungen in der
(Archives du Museum d’hist. ınat. T.1V.S, 203. Taf.11. 12), welche
der Bearbeitung dieser Familie in den Ins. Apter., (Suit. a Buff‘) zum
Grunde gelegt ist. Der Anordnung der Scorpione ist durch folgende
Betrachtungen ihre Richtung festgestellt: 1. Der Schwanz, anfangs
breit und dick, wird allmählich schlank und dünn; 2. die Kämme
nehmen allmählich an Länge und Zahl der Zähne ab, 3. die Zahl der
Augen steigt von 12 auf 10, dann auf 8 und zuletzt auf 6 herab.
Demgemäss ordnen sich die acht Untergattungen, welche der Verf.
annimmt, auf diese Weise: 1. Androctonus Ehr., 2. Centrurus Ehr.,
3. Atreus Koch, 4. Telegonus Koch, 5. Buthus Leach, 6. Chactas,
neue Untergattung mit dem Ansehn von Buthus, aber nur zwei Paar
Seitenaugen; 7. Scorpius Ehr., 8. Ischnurus Koch. — Androctonus
ist in Südeuropa, Westasien und Afrika einheimisch, Centrurus Ame-
rika fast eigenthümlich, Atreus findet sich in der alten und neuen
Welt, ist besonders artenreich in Amerika, fehlt aber in Europa;
Telegonus ist eine amerikanische Form, der sich eine neuhollän-
dische Art nahe anschliesst; Buthus ist vorzüglich in Asien und
Afrika zu Hause, kommt aber auch in Nordamerika vor; Chactas
gehört dem tropischen Amerika an, Scorpius ist auf den nördlichen
Theil der alten Welt, besonders das Gebiet des Mittelmeers be-
schränkt, Ischnurus verbreitet sich über die auf der südlichen Halb-
kugel liegenden Theile der alten Welt und Nordamerika. — Endlich
ist noch eine Reihe meist neuer Arten beschrieben und durch Ab-
bildungen erläutert: Sc. Androctonus Madagascariensis und
curvidigitatus von Madagaskar; armillatus aus Hinterindien
und.den Philipp. Ins. — Atreus Edwardsii aus Columbien, De-
geerii aus Chile, Hemprichii von Cuba, biaculeatus Latr. von
Mexiko und Guyana, odscurus ebendaher, forcipula aus Colum-
bien, spinicaudus aus dem Kaffernlande, maculatus Degeer aus
Columbien, Peroni: von Timor, margaritatus von der Indisch.
Ins. Puna, spinaz aus Indien. — Buthus (Brotheus) Whitei von
Mexiko, Lesueurii aus den Verein. Staaten von Nordamerika. —
Telegonus squama von Vandiemensland, vittatus von Chile und-
Peru, Ehrenbergii aus Peru; — Chactas maurus Degeer aus Me-
xiko und Guyana, Vanbenedenii aus Columbien, granosus aus
Mexiko; — Scorpius Hardwickii vom Himalajah, Tschnurus
elatus aus Columbien, Cumingii von den Philipp. Inseln, Wai-
giensis aus Waigiu, trichiurus aus dem Kaffernlande. Din
Koch (Arachniden 12. Bd. 1.Hft.) bildete folgende neue Arten
ab: Lychas scutilus aus Ostindien und Z. Paraensis aus Para
in Brasilien.
Obisides. Loew (Dipterologische Beiträge S.29. Anm.) be-
schrieb eine kleine neue Art von Chelifer, wegen der lebhaft koral-
lenrothen Farbe des Vorderleibes und der Taster Ch. corallifer
genannt, zu Ofen auf Ulidia demandata schmarotzend gefunden.
Lau "# 2 0 dd 2 ze
Naturgeschichte der Arachniden während des Jahres 1845. 307
Galeodides. „Observations sur l’organisation d’un type de
la elasse des Arachnides, le genre Galeodes, par M. Blanchard
(Compt. rend. XX1. 8.1383). DerVerf. fand die Blinddärme phlebenterisch
entwickelt, nichts desto weniger aber die Luftgefässe sehr ausgebil-
det, welche, wie er sagt, zuerst von Milne Edwards in der neuen
Ausgabe von Cuviers Regne An. dargestellt sind. Sie sind indess
schon längst bekannt durch Ehrenberg. Dann ist der Verf. darauf
gekommen, aus den Ursprüngen ihrer Nerven die Mundtheile zu deuten.
Die Zangen bestimmt er deshalb als Antennen, weil er gefunden
haben will, dass ein aus dem oberen Hirnknoten entspringender Ner-
venknoten sich in ihnen verzweigt. (Ich habe im Jahresb. f, 1844.
S.68 gegen die Deutung der Zangen als Antennen den Umstand an-
geführt, dass sie ihre Nerven nicht aus dem Gehirn empfangen).
Die Mandibeln findet der Verf. in verkümmertem Zustande unter der
Oberlippe. Die Vorderbeine betrachtet er als den Kieferfüssen der
Crustaceen entprechend.
Opiliones,
Gonyleptides. Einige neue Arten sind von Koch (Arach-
nid. 12. Bd. 1.Hft.) abgebildet, nämlich Stygnus forcipatus aus
Columbien, Goniosoma vatrazx und Gonyleptes pectinatus,
beide aus Brasilien.
Acta,
„Erste Abhandlung über die Acarier, besonders über die Ath-
mungsvorrichtung und die Mundtheile dieser Thiere”, von Dujardin
(Ann..d. sc. nat. 3. ser. Hl. p.1). Von ‘dieser der Pariser Academie
vorgelegten Arbeit ist nach dem in Berichten derselben (Compt. rend.)
mitgetheilten Auszuge bereits im vor. Jahresb. eine Anzeige gemacht
worden, welcher nur noch einige Angaben hinzuzufügen sind.
Der Verf. fand, wie vor ihm Treviranus, nur einen einzigen Ner-
venknoten, und hei wiederholten Untersuchungen gelang es ihm weder
einen anderen Nervenknoten, noch einen Schlundring zu sehen. —
Die Augen sind meist vier an der Zahl, ungestielt und vereinigt, oder
paarweise auf der Rückenfläche genähert, zwischen dem ersten und
zweiten Fusspaar. Bei den Trombidien allein sind gestielte Augen
bemerkt, diese sind aber nicht einfach, wie man geglaubt hat, son-
dern doppelt oder mit je zwei ungleichen Hornhäuten. Penthaleus
zeichnet sich durch eine andere Eigenthümlichkeit aus, indem er im
Nackefi ein einzelnes, aber aus acht bis zehn kleinen Hornhäuten
zusammengesetztes Auge führt. Einige andere haben ein einziges
Auge im Nacken, wie gewisse Oribates und Molgus. — Die Ge-
schlechtswerkzeuge sind noch sehr ungenügend bekannt, Trombidium
ist das einzige, wo der Verf,, wie Treyiranus, einen zweiarmigen
röhrigen Eierstock geschen hat; hei den übrigen scheinen sich die
308 Erichson|: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
Eier im 'Körpergewebe zu entwickeln. — Ueber die naturgemässe
Eintheilung der Acarier giebt der Verf. schliesslich folgende Andeu-
tungen: „Zunächst lässt sich aus solchen mit zangenförmigen Mandibeln
eine Reihe bilden, welche von Gamasus, wo ein vollständiges Luft-
röhrensystem vorhanden ist, bis zu Acarus herab verfolgt werden
kann. Eine zweite Reihe wird diejenigen umfassen, deren Mandibeln
mit einer Klaue endigen, und welche meist zugleich ein doppeltes
Athmungssystem für das Ein- und Ausathmen haben. Eine dritte
Reihe enthält die mit griffelförmigen Mandibeln. Einige Gattungen
endlich, wie Ixodes, Limnochares, Cheyletus müssen vorläufig eben
so viele Zwischengruppen bilden.”
Dr. Gros hat über Milben eine Menge von zum Theil nur
flüchtig Angedeuteter Beobachtungen mitgetheilt (Bull. d. 1. Soc, Imp.
d. Mose. S. 397, Taf. 11), aus welchen ich Fol&endes heraushebe. So
lange das Thier sich ruhig verhält, sieht man keinen merklichen
Blutumlauf, sobald es aber die Beine und Mandibeln bewegt, sieht
man eine lebhafte „eirculation globuleuse.” Wenn man eine Milbe
unter Wasser, oder noch besser unter Essigsäure bei durchfallendem
Lichte beobachtet, sieht man in den Beinen den Gefässkanal, sehr
deutlich, nicht aber. die Muskeln. Diese lassen sich aber, wenn man
eine Milbe eintrocknen lässt und dann mit Wasser bedeckt, in.den -
Gelenken der Beine erkennen. — An der Milbe der Horniss und zuweilen
auch bei der des Hister unicolor findet sich eine schmarotzende Milbe,
von + bis # Millim., an den Beinen, oft zwei an einer Milbe und
immer an den Beinen. Der vordere Theil des Körpers ist von einem
Schilde bedeckt; von den vier Fusspaaren endet das erste mit einer
grossen; stark gekrümmten Klaue, mit welcher das Thierchen sich
anklammert, die beiden folgenden Paare haben kleine Klauen, das
letzte, kürzere ein Büschel aus langen Haaren an der’ Spitze. Der
Verf. schlägt für diese’ Milbe den Namen Scutacarus femoris
yor.. — Beim Auerhahn fand der Verf. unter der Haut und selbst'an
den Muskeln einen Schmarotzer ‚von 1:Millim. Länge; walzenförmig
und an beiden Enden zugerumdet. Vier Fusspaare, die Füsse kurz,
dreigliedrig, mit einigen Haaren: ‚Die beiden ersten Haare stehen
dicht am Kopf, die beiden andern weiter abwärts, nach der Mitte
des Körpers hin. Am Hintertheil unterscheidet man eine Haut, welche
dem Körper das Ansehn giebt, als wäre er von- einem Balg' einge-
schlossen. Am Kopf ein Saugrüssel. — In der Muffel des Hundes,
Fuchses, Pferdes, Rindes u. s. w. findet man auch‘ einen Demodex,
welcher ein wenig in seinen Formen abändert. Sollte der, welcher
sich an der Wurzel der weiblichen Schamhaare findet, fragt der Verf.
schliesslich, von dem an der Nase verschieden sein?
Gruby hat ebenfalls Beobachtungen über das Simonsche Thier-
chen angestellt, und dasselbe unter 60 Personen von verschiedenen
Nationen bei vierzig gefunden. Auch beim Hunde kommt es vor,
wo es bei grosser Menge eine Hautkrankheit hervorbringt. (Compt.
Naturgeschichte der Crustaceen; während des Jalıres 1845. 309
xend. XX. S.569). ‚Die Nachricht, welche der Verf. vom Tode des
Herrn Simon giebt, beruht auf, einer Verwechselung ‚mit einem an-
deren Gelehrten, gleichen Namens.
Lucas beschrieb eine Zecke, welche in der Menagerie des Pa-
riser Pflanzengartens am Python, Sebae 'an der inneren Augenhöhlen-
wandung gefunden wurde, unter der Benennung Ixodes transver-
salis. Die genannte Riesenschlange stammt vom Senegal; die Zecke
war aber auch auf andere Art (Boa constrietor) übergegangen,
welche neben derselben ihre Stelle hat.
E Ueber eine in England auf Rindern vorkommende Art von Ixodes
legte Shadbolt der Microscopischen Gesellschaft in London. seine
Beobachtungen ‚vor (Ann. nat. bist. XVL S. 64).
Pyenogonides,
Quatrefages hat eine ausführliche Abhandlung über den Bau
der Pyenogoniden veröffentlicht (Memoire sur l’organisation des
Pyenogonides, Annal. des sciene. nat. 3. ser. IV. S. 69), deren wesent-
licher Inhalt schon im vorigen Jahresbericht nach dem Auszuge der
Compt. rend. mitgetheilt worden ist. Der Verf. spricht sich auch
weitläuftig über die systematische Stellung der Pycenogoniden aus,
und entwickelt die Ansicht, dass dieselben niedere Crustaceen seien,
den niederen Milben unter den Arachniden vergleichbar, Diese Dar-
stellung entbehrt aber durchaus der logischen Begründung, weil sie
nicht von den wesentlichen Merkmalen der genannten Rlassen ausgeht.
j ©" Nymphon giganteum ist von Goodsir als neue Art aufge-
stellt, mit folgenden Kennzeichen: „Taster zweimal so lang als der
Rüssel, die beiden letzten Glieder derselben gleich lang; die Kiefer-
zangen sehr lang und linienförmig; die Paztngenden Füsse länger
als die ersten vier Glieder der Gangfüsse” Die Spannung der Beine
beträgt 6”. In der See, bei Embeton (Proceed. of the Berwickshire
Naturalist’s Club. II. Nr. 12. Annals nat. hist. XV. S. 293).
Yan Crustaceen.
0 Die Crustaceen-Fauna des Staats Neu-York ist mit Rücksicht auf
_ die nordamerikanischen Crustaceen überhaupt bearbeitet worden in
_ einem grossen, die Naturgeschichte von Neu-York überhaupt behan-
delnden, auf Kosten des Staates herausgegebenen und schön ausge-
statteten Werke: Zoology of the New York Fauna, By James De
Kay. Part IV. Crustacea, Albany 1844,
"Die Crustaceen der Jacquemont’schen Reise (s. 0.) sind von
Milne Edwards bearbeitet worden. Da der Reisende an den Kü- '
sten nicht weilte, konnte seine Ausbeute auch nicht bedeutend sein,
und sie beschränkt sich auf 3 Arten, von welchen indess die eine
neu ist und zugleich eine neue Gattung bildet.
Die Kenntniss der reichen nordischen Orustaceenfauna ist durelı
Kröyer’s unermüdliche Forschungen durch eine Reihe neuer Arten
+
2
310 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen ih der
und Gattungen vermehrt worden. (Kareinologiske Bidrag. eur
telse. Kröy. Naturh. Tidsskr. N.R. I: S. 453-638. T.6. 7).
Crustaceen aus schwimmenden Tangmassen sind von BEER
beschrieben worden: Description of some Animals found amongst
the Gulfweed. Annals nat. hist. XVI. p.73. T.7. Die Thiere waren
theils zwischen 25° und 36° N. B. und 4° W.L., theils unter dem
40° N. B. gesammelt wörden, und die von beiden Fundorten stimmten
fast ganz überein. Es sind Nautilograpsus minutus Edw., Hippolyte
ensiferus, Palaemon natator, Amphitoe pelagica, Bopyrus squillarum,
die letzte aus der Hipp. ens., deren meiste Stücke mit diesem Schma-
rotzer besetzt waren.
Untersuchungen über das Nervensystem verschiedener Crustaceen
sind von S. Tommasini und T. Livio de Sanctis mitgetheilt
(Nota sul sistema nervoso di taluni Crostacei: Annal. dell’ Accad.
degli Aspir. Natur. di Napoli 11. 1844. S. 121).
Decapoda.
Gecareinii. Der oben erwähnte von Jacquemont entdeckte
Krebs ist von Milne Edwards Gecarcinucus Jacquemontii
genannt worden., Er steht in gewisser Hinsicht in der Mitte zwischen
den Gattungen Gecarcinus, Cardisoma und Uca, Der ersten schliesst
er sich durch die allgemeine Körperform und die Bildung der Stirn
an, den Cardisomen nähert er sich sehr in der Art der Einlenkung
der Endgeissel der äusseren Kieferfüsse, und hat mit Uca die Abwei-
chung von den übrigen Gattungen gemein, dass das Deckelstück der
äusseren Kieferfüsse den Mund vollkommen schliesst, ohne eine
Lücke in der Mitte zu lassen; sie weicht von Uca aber darin ab,
dass das dritte Glied der äussern Rieferfüsse breiter als lang ist und
die Geissel in der Mitte des Vorderrandes trägt. Diese Landkrabbe
lebt in den Morästen des hohen Thals von Hindaoni und ist sehr
häufig zu Keurli. 5
Astacini. Gray (Eyre Exped. 1, S.407. T.3) hat drei neue
neuholländische Arten von Astacus beschrieben: A. Franklinii,
quinquecarinaltus und bicarinatus.
Carides. Zwei neue Gattungen der Garneelen sind von O.
G. Costa aufgestellt (Su due nuovi geheri di Crostacei Decapodi Ma-
erouri Nota: Annal, dell’ Accad. degli Aspir, Natur. di Napoli II. 1844.
S.285). 1. Typton, zur Gruppe der Alpheen gehörend, zunächst mit
Pontonia verwandt, unterschieden indess durch das Fehlen der blatt-
artigen Platte der äusseren Fühler, das weder starke noch nach
unten gebogene Rostrum, und dadurch, dass keine Fühlergeissel an
der Spitze gespalten ist. Die Art, Tr. spongicola „rostro acuto
gracili, spina supraorbitali rostrum aequante, segmento caudali ultimo _
spinis tribus, colore albo, mitido” findet sich nicht selten'in den Höh-
lungen der Spongia tubulosa. — 2. Periclimenes gehört zur Gruppe
u
ll U LAlL U a u
Naturgeschichte ‘der Crustaceen während des Jahres 1845. 311
der Palaemonen und wird vom Verf. wegen derBildung der Fühler u. s.w.
von Hyppolyte abgesondert; es sind indess die Unterschiede, auf
welche er Gewicht legt, nicht hervorgehoben, und in der Beschrei-
bung kam ich kein Kennzeichen auffinden, welches nicht eher Art-
als Gättungsmerkmal sein mögte. Dagegen zeichnet sich die Art
sehr durch ihre Färbung aus: P. insignis „hyalina, maculis ocel-
laribus lateralibus quatuor totidemque dorsalibus, in thorace unica,
triangulari. Am Vorgebirge von Posilipo gefischt.
Kröyer a. a. O. beschrieb eine neue nordische Art von Pas:-
phae: P. tarda, und lieferte eine ausführliche Beschreibung von
Pandalus borealis Kröy.
Derselbe (ebenda) machte ein mit Mysis oculata in der Nähe
von Spitzbergen gefangenes Krebschen als Myto Gaimardii, wel-
ches sich vielleicht einmal als früherer Entwickelungszustand eines
Decapoden ausweisen könnte, mit folgender Gattungsbezeichnung be-
kannt: Branchiae nullae. Septem pedum thoracicorum paria; primum
secundum tertiumque palpo instructa, quartum palpo et flagello;
quintum, sextum septimumque simplicia, et palpo et flagello desti-
tuta. Sextum pedum abdominalium par cum cauda conhatum. Man-
dibulae nullo armatae palpo, Flagella antennarum superiorum non
articulata.
Stomapoda.
Eine neue Art ist Gonodactylus setimanus DeKay (a,a.
0.5.34. T.8. F.23) in dem Magen eines Kabeljau gefunden.
Amphipoda,
Aus dieser Ordnung sind die meisten der von Kröyer (ä.a. O.)
beschriebenen Krebse, unter denen folgende neu: 1. degina lon-
gispina, aus dem Christiania-Fiord, — 2.Siphonocoetus, eine neue
zunächst mit Corophium verwandte Gattung der Gammarina gresso-
ria, mit einer Art $. zypicus, welche an der Grönländischen Küste
vorkommt, und in einer Röhre aus Steinchen und Muschelstücken
wohnt. — 3. @laucome, ebenfalls eine neue Gattung der Gamma-
rina gressoria von niedriger und breiter Gestalt, mit flachgewölbtem
glatten Rücken, kleinen Schenkelplatten, plumpen Fühlern u. s. w.
am meisten mit Ischyrocerus verwandt, aus einer ebenfalls grönlän-
dischen Art, @/. leucopis gebildet. — A. Eusinus, eine neue mit
Gammarus und Amphithoe. nahe. verwandte, aber schon durch die
Form der beiden ersten Fusspaare. abweichende Gattung der Gam-
marell. salt.; die beiden ersten Fusspaare, unter sich von gleicher
Grösse und Gestalt, haben eine grosse blattförmige scheerenartige
Hand, mit grosser, aber dünner Klaue, das vorhergehende (Aritt-
letzte) Glied lang, schmal, hinten mit einem Fortsatz, der bis zur
Mitte der Hand reicht; die Art E, cuspidatus ist ebenfalls aus
312 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in. der
Grönland. — ‚5; Dulichia, eine merkwürdige: neue, Gattung, welche
in verschiedener Hinsicht als Uebergangsglied zwischen Gammarellen
und Caprellinen erscheint, namentlich in der langgestreckten. Form,
der fussartigen Beschaffenheit, .der Fühler, der ‚Verwachsung des
sechsten und siebenten Vorderleibsringes, dem nur aus 5 Ringen be-
stehenden Schwanze, dem Verschwinden der Epimeren, den verlän-
gerten, mit einer Greifklaue endigenden Beinen des äten bis 7ten Paa-
res. Dulichia spinossima ist gleichfalls aus Grönland."
Die folgenden sind schon früher (Tidsskr. IV. S. 150—159) auf-
gestellt, und hier durch ausführliche Beschreibungen und zum Theil
durch Abbildungen erläutert. Stegocephalus inflatus, Pontoporeia
femorata, Leucothoe glacialis, welcher hier eine neue Art aus Grön-
land Leucoth. clypeatu zugefügt ist, Phoxus Holbölli, plumosus.
— Endlich hat der Verf. die Arten der in seinen Grönl. Amphipod.
aufgestellten Gattung Anonyx auseinandergesetzt: 1. 4. ampulla
(Canc. ampulla Phipps, Anon. lagena Kr. Grönl. Amph. Q, -Inon.
appendiculosus Kr. ib. ,g', Lysianass. Lagena Edw., Lysianass., ap-
pendiculata Edw.). — 2. A. Vahlii Kröy. (Lysianass. Vahlü, Edw.)
— 3. A. gulosus, neue Art, aus Grönland. 4. A. Zitoralis, neue
Art, von, Spitzbergen. — 5. A. plautus, neue Art aus Grönland,
Talitrus quadrifidus DeKay (a.a.O. S. 36. T.9. F.27) ist
eine neue Art von Neu-York, wo sie häufig unter Steinen und See-
tang vorkommt.
Isopoda
Unter dem Namen Fluvicola stellte DeKay (a.a.0.S.53.
T. 10. F.37—39) eine neue Gattung mit zwei Arten F7. Herrickii
und Fi. tuberculata auf, welche er am zweckmässigsten hier un-
terzubringen glaubt; es ist dies aber jedenfalls eine merkwürdige
Form von Inseeten-, wahrscheinlich Käferlarven, von welcher
ich auch schon in diesem Archiv 7. Jahrg, 1841. 1. S, 107. Bem. 2 eine
Nachricht gegeben habe.
Die Gattung Cymothoa bereicherte Ders. mit zwei neuen Arten:
€. triloba (8. 46. T.10. F.40) sehr häufig auf verschiedenen Fischen,
und €. olivacea, im Hafen von Neu-York, an den Kiemen und im,
Munde des Rhombus triacanthus.
Myriapoda.
Chilognatha. Eine neue Art von Julus ist von Lucas in
Südfrankreich, bei Toulon entdeckt, und als J. albolineatus be-
schrieben (Annal. Soc. Ent. Fr. 11.'S. 365. T.7. 1) in \
Chilopoda. Newport hat eine Fortsetzung seiner, im von,
Jahresb. (S. 175), angezeigten Arbeit geliefert (Monograph, of the
Class Myriapoda, Order Chilopoda; Transact. Linn. Soc, XIX. S, 349;
T.40). Die vorliegende Abtheilung enthält eine Auseinandersetzung
Naturgeschichte der Entomostraceen während des Jahres 1845. 313
und Beschreibung sämmtlicher Arten der Chilopoden, nach dem rei-
chen Stoff, welchen die Londoner Sammlungen dem Verf. darboten.
Die Anordnung ist ein wenig abweichend von dem im vor. Berichte
mitgetheilten Entwurf:
1. Fam. Cermatiidae. 1. Cermatia, 18 Arten.
U. Fam. Lithobiidae. 2. Lithobius, 19 Arten, — 3. Henicops,
2 Arten.
ll. Fam. Scolopendrellidae. 4. Scolopendrella, 2 Arten.
IV. Fam. Scolopendridae.
4. Unterfam. Scolopendrinae: 5, Scolopendra, 58 Arten,
6. Scolopoeryptops, 5 Arten, — 7. Uryptops, 6 Arten, — 8. Theatops,
1 Art.
B. Unterfam,. Heterostominae: 9. Branchiostoma, & Arten,
— 10. Heterostomu, 11 Arten, — 11. Scolopendropsis Brandt, 1 Art.
€. Unterfan, Cormocephalinae: 12. Cormocephalus, 13 Arten,
— 13. Rhombocephalus, 5 Arten.
V. Fam. Geophilidae: 14. Megistocephalus, 5 Arten, — 15. Ar-
thronomalus, 7 Arten, — 16. Gonibregmatus, 1 Art, — 17. Geophilus,
18 Arten,
Die neue Gattung Aranchiostoma, welche übrigens anders
benannt werden muss, beruht auf folgenden Kennzeichen: „Antennae
pedesque elongati. Dentes triangulares, acuti, mandibularis maxi-
mus; spiracula circularia, membrana branchiformi corrugata intus
vestita; pedes postfemi graciles, spinis minutis, articulari plerumque
j obsoleta.”
Entomostraceen.
Ostracoda.
Cypris hispida De Kay Zool. of the New-York Fauna IV.
5.64. T. 10. F. 48. 49) ist eine neu& nordamerikanische Art.
Copepoda.
Vogt (Beiträge zur Naturgeschichte der Schweiz. Crustaceen:
Neue Denkschriften der Allgem. Schweiz, Gesellsch. f. d. Naturwis-
sensch. VII. 5.17. T.2) beschrieb Cyclopsine alpestris als eine
neue Art, welche der C. staphylinus am nächsten kommt, sich indess
durch die Form der hinteren Antennen unterscheidet, welche bei der
neuen Art zweigespalten, bei jener einfach sind; ferner durch blatt-
artige Hinterfüsse, fehlende Schwanzborsten beim Weibchen, den
' nur wenig Eier enthaltenden Eiersack u. s. w. Die Farbe ist-rosen-
roth mit lebhaften karminrothen Flecken längs der oberen Körper-
fläche. Das Thierchen fand sich in Menge in einer kleinen von
Archiv f, Naturgesch, XJJ, Jahrg. 2, Ba, V
EN
D
314 Erichson: Bericht über die wissensch. Leistungen in der
grünen Algen erfüllten Lache am Fusse des Aargletschers in einer
Höhe von 8500 ü..d. M., also an der Schneegränze, in Gewässern
welche nie über 2° erwärmt sind und nur während 3—4 Monaten
fliessen, die übrige Zeit des Jahres hindurch aber fest eingefro-
ren sind.
Goodsir hat einige mit Saphirina verwandte neue Copepoden
beschrieben: On Several new species of Crustaceans allied to Sa-
phirina (Ann. nat. hist. XVI. S.325). Die Thierchen sind Sterope
ovalis, armatus, interruptus, Carillus oblongus, Zaus
spinatus benannt, die Beschreibungen sind aber mangelhaft, die
Abbildungen unvollständig, so dass es nicht möglich ist, die Kenn-
zeichen der neuen Gattungen festzustellen, was vom Verf. selbst auch
nicht geschehen ist. Ueber das Vorkommen ist nichts weiter ange-
geben, als dass diese Thierchen in Gesellschaft der Pontien schwimmen.
Siphonostoma.
Zur Kenntniss des Baues des Argulus foliaceus hat Vogt einen
schätzbaren Beitrag geliefert (Beitr. zur Naturgesch. der Schweiz,
Crustaceen: N. Denkschr, d. allgem. Schweiz. Gesellsch. f..d. ges,
Naturwissensch. 8.3. T.1). Besonders wichtig sind die Beobachtun-
gen des Verf. über den Kreislauf. Jurine hatte die keulförmige Mund-
höhle, welche in beständiger Bewegung ist, als das Herz betrachtet,
das wirkliche Herz liegt zwar in derselben Körpergegend, aber mehr
nach dem Rücken hin, und bildet einen länglichen Schlauch, dessen
Wände man beim lebenden Thiere auf’s Deutlichste sich wellenför-
mig zusammenziehen sieht. Auch die Blutströmungen sind, der gros-
sen Menge rundlicher Blutkörperchen wegen, welche die Gefässe
erfüllen, bei der Durchsichtigkeit des Thiers in grosser Ausdehnung
zu erkennen. An vielen Gefässen konnte der Verf. deutliche Wan-
dungen sehen, au anderen Stellen, besonders den, Behältern, vermisste
er sie, und es schien hier das Blut wirklich nur in den Zwischen-
räumen der Organe enthalten zu sein.- Vom Vorderende des Her-
zens aus gehen mehrere Arterien an die Organe des Kopfes, andere
arterielle Gefässe gehen, . wahrscheinlich ebenfalls vom Vorderende
des Herzens entspringend, an den Seiten desselben nach dem hinteren
Körperende, in der Gegend des ersten Paares der Ruderfüsse sich
vereinigend und erst am Spalt der Schwanzspitze sich wieder thei-
lend. Vorher giebt sie noch je einen Ast für dies Fusspaar ab. Die
übrigen Ruderfüsse scheinen ihre Arterien von einem an der Seite
des Körpers verlaufenden Gefäss zu erhalten. Die Arterien der
Füsse verlaufen am Vorderrande bis zum Ende des zweiten Gliedes,
biegen sich dann um und laufen auf der Hinterseite zurück. In die
Ruderglieder dringt das Blutgefäss nicht ein, noch weniger in die
Borsten und Stachelu. Deshalb können die Ruderfüsse auch nicht
als Athınungsorgane betrachtet werden, Das zurücklaufende Blut
da U Le in u
Naturgeschichte der Entomostraceen während des Jahres 1845. 315
sammelt sich in einem Paar, je zwischen dem Saugnapf und ersten Fuss-
paar auf jeder Seite befindlicher Behälter, von wo aus es durch eine
grosse Anzahl Zweige über den Seitenschild des Körpers nach hin-
ten strömt. : Die Hauptarterie des Seitenschildes läuft längs der äus-
seren, die Hauptvene längs des inneren Randes, erstere von vorn
nach hinten, letztere in umgekehrter Richtung, um unter der Brücke
des Seitenschildes hindurch in das Herz einzutreten. Unzählige Ca-
pillarnetze vermitteln auf dem Seitenschilde den Uebergang des Blu-
tes aus der Arterie in der Vene. Bei der grossen Vertheilung des
Blutes durch vervielfältigte Capillarnetze auf dem Seitenschilde,
der Lage dieser Netze auf der unteren Fläche des Schildes, in un-
mittelbarer Nähe ‘der Füsse, welche, auch wenn das Thier ruht,
durch ihr beständiges Schwingen einen steten Strom von frischem
Wasser an der Unterfläche des Seitenschildes unterhalten, kann es
keinem Bedenken unterliegen, den Seitenschild mit seinen Capillar-
netzen als das Athmungsorgan zu betrachten. — Mit dieser Verthei-
lung der Gefässe steht wahrscheinlich auch die schon von Jurine
richtig erkannte Verästelung des Darmkanals in Beziehung, dessen
Anhänge in den Seitenschild eindringen, wo sie sich nach Art eines
Capillarnetzes verzweigen, und nahe am Rande des Schildes in fei-
neren Verzweigungen blind enden. Sie ‘sind meist mit Nahrungs-
flüssigkeit, oft auch mit brauner körniger Substanz erfüllt, welche
lebhaft hin und hergetrieben wird. „Offenbar, sagt der Verf, begün-
stigt diese Anordnung eine stete Wechselwirkung der in dem Darm-
kanal enthaltenen Stoffe, welche in die Circulation durch Endosmose über-
gehen, mit dem Respirationsmedium und auf diese Weise schnelleren
und kräftigeren Umsatz.” — Die Mundtheile beschreibt der Verf. als
aus einem beweglichen, namentlich vorstreckbaren Stachel und zwei
Paarefi im Grunde des Mundes liegender, sich nach innen bewegen-
der Hornplättchen bestehend. Diese letzteren muss man wohl als
zwei Kieferpaare betrachten; den Stachel deutet der Verf. als einer
Oberlippe entsprechend: sollte er aber nicht aus einem Paar ver-
einigter Kiefer bestehen? Die neben den Augen liegenden haken-
und tasterförmigen Theile sieht der Verf. mit Recht als aus den drei
Paaren der Thoraxbeine zusammengesetzt an.
Cirripedia.
„Bemerkungen über Cirripedien, nebst Beschreibung einiger Ar-
ten, welche an Schiffen ansitzend gefunden, die aus Ichaboe an der
Westküste von Südafrika gekommen”; von Mac Gillivray (Edinb.
New Philos. Journ. xxxvun. S. 294. xxxıx, 5. 171). Die Schiffe waren
von Aberdeen in Schottland durch das Atlautische Meer über die
Azoren bis in die Nähe des Vorgebirges der Guten Hoffnung, und
nach einem kurzen Aufenthalt zu Ichaboe, einem Inselchen unter
15° 26° 5.B., wo Guano eingenommen wurde, über St. Helena und
1% Mo -
316 Erichson: Ber. über die wissensch. Leist. in der Naturg. ete.
- die Inseln des Grünen Vorgebirgs zurückgesegelt. Bei ihrer Rück-
kehr in Aberdeen waren sie mit Cirripedien besetzt, welche keines-
wegs Ichaboe angehören, sondern wahrscheinlich auf der Höhe des
Atlantischen Meeres aufgenommen wurden; bei der Ankunft in Aber-
deen waren alle todt, obschon zum Theil noch frisch. Diese Cirri-
pedien sind vom Verf. genauer untersucht und beschrieben. Es sind
Lepas anatifera, L.nauta, neue Art, der vorigen ähnlich, von
Einigen mit L. anserifera verwechselt, L. incurvata, ebenfalls eine
neue, durch ihre halb-herzförmige, gekrümmte Form ausgezeichnete
Art — Cineras membranacea (Lepas memb. Mont., ©. vittata Leach).
— Otion auritus (Lepas aur. Lin., Otion Cuvieri Leach). — Bala-
nus porcatus. Lepas unatifera und incurvata sassen oft dicht neben
einander, oft auch an einander, die eine auf dem Stiel der anderen
befestigt. Auf beiden sass Cineras membranaceus sehr häufig, ge-
wöhnlich auf den Stielen, zuweilen auf dem Mafıtel, selten auf der
Kalkschale. Otion sass gewöhnlich für sich, häufig haftete aber
Cineras auf den Stielen desselben oder seinem Mantel. Lepas nauta
fand sich nur an einem einzigen Schiffe. Diese Cirripedien sassen
nicht blos auf dem Holze, sondern auch auf dem Eisen und. selbe
auf dem Kupferbeschlage der Schiffe.
Ueber Trilobiten ist eine sehr lehrreiche und treffliche Schrift:
„Ueber einige böhmische Trilobiten, von Dr. Ernst Beyrich, mit
einer Kupfertafel, Berlin, 1845” zu erwähnen. Ueber mehrere schwe-
dische Trilobiten hat Loven sehr genaue und umsichtige Untersu-
chungen mitgetheilt (Öfvers. Kongl. Vet. Acad. Förhandl. 1845. S. 46.
104. T. 1.2). %
317
Bericht über die Leistungen in der Pflanzengeo-
graphie und systematischen Botanik während des
Jahres 1845.
Von
Dr. A. Grisebach.
Die Betrachtung, dass der grösste Theil der literarischen
Erscheinungen auf dem Gebiete der systematischen Botanik
sich auf die Bearbeitung einzelner Florengebiete bezieht und
deshalb in den bisherigen pflanzengeographischen Jahresberich-
ten berücksichtigt werden musste, hat den Verfasser derselben
überzeugt, dass durch eine veränderte Anordnung des Stofls
und unter angemessenen Beschränkungen der Darstellung auch
die Systematik in das Bereich dieser Uebersichten gezogen
werden kann, ohne den durch die Zwecke des Archivs- vor-
geschriebenen Raum zu überschreiten. Das Jahr 1845 ist
ohnehin an pflanzengeographischen Ergebnissen verhältniss-
mässig arm gewesen, so dass der gegenwärtige Zeitpunkt zu
einem erstem Versuche, die botanischen Jahresberichte jenem
Gesichtspunkte gemäss zu erweitern, geeignet erscheint. Hier-
durch werden sie, indem sie in Verbindung mit denen über
- Pflanzeuphysiologie das ganze Gebiet der Botanik umfassen,
erst zu einer den zoologischen Berichten entsprechenden Voll-
ständigkeit und damit, wie ich hoffe, zu einer grössern prak-
tischen Brauchbarkeit gelangen. Eine wesentliche Beschrän-
kung des botanischen Berichts bleibt freilich bestehen, nämlich
- die, dass aus der Uebersicht der systematischen Arbeiten so-
> wohl der Abdruck von Pflanzenbeschreibungen als die Nach-
weisung über einzelne Arten schon bekannter Gattungen aus-
geschlossen ist: aber nicht bloss der Raum gebietet hierauf
zu verzichten, sondern auch überflüssig wäre es, hier zu wie-
derholen, was auf so dankenswerthe Weise in den Zusammen-
RR
318 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
stellungen mehrerer botanischer Zeitschriften und Repertorien
alljährlich geleistet wird.
A. Pflanzengeographie.
Die allgemeineren Darstellungen über Pflanzengeographie
(vergl. Jahresber, für 1842. S. 376) von R. B. Hinds sind
im verwichenen Jahre fortgesetzt (Memoirs on geographic bo-
tany in Ann. nat, hist. vol. 15), enthalten jedoch wie die frü-
heren, fast nur bekannte Thatsachen und Ansichten, wobei
nicht selten auch Irethümer sowohl im Faktischen als in den
Folgerungen unterlaufen.
Wir finden hier diesmal z. B. Schätzungen der vorhandenen Pflan-
zen *), Bemerkungen über Schöpfungscentra, die H. leugnet, über
Verbreitung gewisser Familien, über mittleres Areal für die Exten-
sion jeder Art, Grundsätze zur Vergleichung zweier Floren, zur Phy-
siognomik u. s. w. Nur auf eine dieser Ansichten finde ich Veran-
lassung einzugehen, indem eine gleichzeitige, durch Originalität aus-
gezeichnete Arbeit von Forbes dadurch unter einen angemessenen
Gesichtspunkt gestellt wird. Der veralteten Hypothese von einem
einzigen Schöpfungscentrum, von welchem aus alle Pflanzen über
den Erdboden verbreitet seien, sowie der spätern Annahme, dass
einige wenige Centra einer solchen Wanderung der Organismen zu
Grunde liegen, setzt H. den allgemeinen Satz entgegen, dass überall,
wo Pflanzen ihre Lebensbedingungen fanden, auch ursprünglich die
heutige Vegetation entstanden sei. Jeder Wanderung der Pflanzen
entgegen, giebt er nicht einmal solche Veränderungen des ursprüng-
lichen Zustands zu, dass dadurch einzelne Arten könnten ausgerottet
und aus der Reihe lebendiger Organismen verschwunden sein: wäh-
rend doch ein solches Ereigniss z. B. für endemische Gewächse von
St. Helena ebenso gewiss feststeht, als für den Didus ineptus. Die
historischen Wechsel des Waldbestandes, die unter unsern Augen
und nicht bloss im Gefolge des Menschen vor sich gehenden Wan-
derungen einzelner Gewächse lassen sich nicht mit einem Satze ver-
einigen, der in solcher Allgemeinheit ausgesprochen ist. Die That-
sache, dass gewisse Inseln des indischen Meeres, wie z. B. Darwin
dargestellt, nur angespülte Pflanzen besitzen, von denen sie dicht
bewachsen sind, widerlegt im Hinblick auf die ihnen benachbarten,
*) H. schätzt die Zahl der bekannten Pflanzen zu 89,170, der auf
. dem, Erdboden vorhandenen; zu. 134,000 ‚Arten. ‚Er stützt sich auf
Zählungen der in den vier ersten Bänden von de Candolle’s Prodro-
mus enthaltenen Arten. Dies sind 20,100 sp., darunter: 3875 Legu-
minosen, 1631 Rubiaceen, 1009 Umbelliferen, 990 Cruciferen, 759
Caryophylleen, 715 Myrtaceen u. s. w.
> u 9 nn Ze
Pflanzengeographie während des Jahres 1845, 319
Eilande mit endemischer Vegetation die Annahme von überall ver-
breiteter Erzeuguneskraft oder beschränkt sie wenigstens auf beson-
dere, schöpferische Epochen. Erwägt man die wohlbekannten That-
sachen, welche H. übrigens ohne Sicherheit und Genauigkeit im Ein-
zelnen zur Begründung seiner Meinungen anführt, so lassen sie aus-
ser den seinigen auch anderweitigen Hypothesen freien Spielraum.
Seine Sätze sind folgende: 1. Je weiter die Vegetationsbezirke durch
das Meer von einander abgesondert sind, desto weniger Pflanzenarten
haben sie gemein. Daher die grosse Menge gemeinschaftlicher Arten
in den drei Erdtheilen der arktischen Zone, und um so grösser der
Gegensatz, je weiter man nach Süden vorrückend die Floren ent-
sprechender Climate vergleicht, indem die Erdtheile in der südlichen
Hemisphäre weiter auseinander treten. 2. Theilt man die ganze Erde
in sechs Florenbezirke — was freilich willkürlich genug sein würde
— so erhält man für jeden derselben fast nur endemische Arten,
wozu man beifügen kann, dass dasselbe Resultat auch dann noch
eintritt, wenn man über 30 Florenbezirke annimmt. 3. In entspre-
chendem Clima verschiedener natürlicher Floren kehren zwar ähn-
liche Formen, nicht aber gleiche Arten wieder. 4. Es giebt Inseln
mit durchaus endemischer Vegetation, die daher nicht durch Wan-
derung von auswärts ihre Pflanzen können empfangen haben u. s. w.
Alle diese und ähnliche Erfahrungen widerlegen gewiss die Wande-
zung der Pflanzen von einem Punkte der Erdoberfläche zu allen
übrigen, die auch schwerlich jetzt noch irgend ein Naturforscher
annimmt: allein von hieraus ist eine weite, durch Thatsachen nicht
ausgefüllte Lücke in der Argumentation bis zu der Behauptung, dass
es überhaupt keine Schöpfungscentra gebe, sondern dass jeder Punkt
die Gewächse erzeugt habe, die er besitze. Wir wissen, dass einige
Gegenden der Erde viel reicher an endemischen Arten sind als an-
dere, ohne dass Boden oder Clima diesen Reichthum erklären. Wie
nach den Radien eines Kreises, in dessen Mittelpunkt ein Schöpfungs-
centrum gelegen wäre, nimmt der Reichthum an endemischen Formen
in der Richtung auf irgend eine klimatische Grenze ab, daher man
z. B. in Europa von westlichen, östlichen, südlichen Pflanzenformen
sprechen kann, die ostwärts, westwärts oder nordwärts allmählich
eine nach der andern sich verlieren. Zwischen einer Insel, die nur
endemische Pflanzen besass, wie St. Helena, und einem Bezirke des :
Continents, der, wie Spanien oder Jllyrien, an endemischen Arten
reich ist, scheint kein anderer Unterschied obzuwalten, als dass hier
zu den letztern durch Wanderung sich auch noch andere Pflanzen
von auswärts gesellt haben, was dort wegen der Entfernung des
Festlandes nicht leicht geschehen konnte. Ueberblicken wir alle
gegebenen Thatsachen und suchen die einfachste Theorie, ihren Zu-
sammenhang zu erklären, äuf, so müssen wir bei der Annahme so
vieler Schöpfungscentra, als Bezirke endemischer Pflanzen äuf der
Erde gegeben sind, stehen bleiben. So schwierig es bei der Ver-
320 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
mischung der Schöpfungsheerde im weiten und zusammenhängenden
Bereich der Continente sein wird, ihre ursprünglichen Centra im
Einzelnen zu bestimmen, immer wird dies die wichtigste Aufgabe
der Pflanzengeographie bleiben. Nur das Problem der Schöpfungs-
heerde giebt dieser Wissenschaft einen eigenthümlichen Inhalt und
erhebt sie über den Vorwurf, ein, Aggregat disparater Sätze aus ver-
schiedenen Disciplinen zu sein: denn nur unter diesem Gesichtspunkte
ist ihr eine bestimmte und selbstständige Untersuchungsmethode, ein
fortschreitender Entwickelungsgang geboten. Von den Beobachtungen
über das geographische Areal jeder einzelnen Pflanzenart ausgehend,
hat die Pflanzengeographie zuerst zu bestimmen, welche Schranken
der gegebenen Verbreitung die Mischung des Bodens oder die Glie-
derung des Festlands gesetzt hat; hierauf weist sie die klimatische
Sphäre der Arten nach; und findet sie nach dieser doppelten Be-
schränkung, dass das natürliche Areal enger sei, als das mögliche:
so hebt das geologische Problem an; was Boden und Klima nicht
bewirkt haben, das muss auf historischen Gründen, auf der ‚Ge-
schichte der Erde beruhen. Wenn gleicher Boden und gleiches
Klima nur ähnliche, nicht aber gleiche Formen erzeugt haben, so
weist uns dies auf einen Schöpfungsact verschiedener Art, also auf
ein geologisches Moment hin. n
Neben einer solchen Verknüpfung geologischer und pflanzengeo-
graphischer Untersuchung hat E. Forbes nun einen anderweitigen
Versuch gemacht, die Verbreitung der Pflanzen zu geologischen
Schlussfolgerungen zu benutzen (Report of the meeting of the Bri-
tish association held at Cambridge in Ann. nat. hist. 16. p. 126).
Vergleicht man die Verbreitungscentra (specific centres) der in Gross-
britannien einheimischen Pflanzen, das heisst die Mittelpunkte ihres
geographischen Areals, so ergiebt sich, dass der grösste Theil der
Oberfläche des Landes zur deutschen Flora gehört. Auf demselben
Raume finden sich zugleich die Verbreitungscentra der wenigen Ar-
ten, welche den britischen Inseln eigenthümlich sind. Neben diesem
Hauptareal lassen sich nach gleichem Grundsatze vier. kleinere Ve-
getationsgebiete unterscheiden: 1. Die Gebirgslandschaften des west-
lichen Irlands besitzen eine Anzahl von Pflanzen mit dem nordwest-
lichen Spanien und den Pyrenäen gemeinschaftlich; 2. Südirland,
Devonshire, Cornwallis und die Kanal-Inseln mit dem westlichen
Frankreich; 3. das südöstliche England, besonders dessen Kreide-
distrikte, mit Nordfrankreich; 4. die Hochlande von Wales, Nord-
england und:Schottland mit den norwegischen Fjelden. Diesen Zu-
sammenhang durch Boden und Klima zu erklären, hält F. nicht für
zulässig und sucht also dem oben entwickelten Grundsatze gemäss
geologische Ursachen auf. Er glaubt sie in ehemaligen: Landverbin-
dungen zwischen Grossbritannien und dem Continent zu finden, die
in frühern. geologischen Perioden, namentlich der Tertiärzeit, bestan-
den ‚haben sollen: nicht als ob ein solcher Verband, wie er ihn zur
Pflanzengeographie während des Jahres 1845. 321
Erklärung gebraucht, geologisch feststände, sondern eben durch diese
pflanzengeographischen Verhältnisse sucht er seine geologischen Hy-
pothesen zu stützen. Von diesem, allerdings nicht tadelfreien Be-
streben geleitet, beschränkt F. sich nun, nicht bloss im Allgemeinen
solche Landverbindungen zu behaupten, sondern, indem er durch
vorausgesetzte Hebungen und Senkungen des Bodens zu bestimmten
Ansichten über die Reihenfolge der eingetretenen Veränderungen ge-
langt, unterscheidet er sogar jene Floren nach den Zeiträumen, in
denen sie entstanden sein sollen. Auch möchte ich hierbei wenig-
stens dies einräumen, dass, wenn zwei verschiedene Floren in der
That demselben Boden und Klima angehören, allerdings die einfachste
Hypothese ist, ihren Ursprung verschiedenen, geologischen Epochen
zuzuschreiben: sind aber, wie ich annehme, klimatische Bedingungen
für die bezeichnete Vertheilung britischer Gewächse vorhanden, so
würde der Fehler nicht in der Methode, sondern in deren Anwen-
dung liegen, welche F. zu folgenden Ergebnissen geführt hat. Nach
ihm entsprechen die oben unterschiedenen Vegetationsgebiete eben
so viel geologischen Zeiträumen, so dass die westirische Flora die
älteste, die der Hochlande die vierte und die nach Deutschland wei-
sende die jüngste sein würde. Die erstgenannte stamme aus einer
Zeit, in welcher quer durch’s atlantische Meer eine Bergkette Irland
mit Spanien verbunden habe: dadurch erkläre sich ihre Verschie-
denheit von der Vegetation der Hochlande, wiewohl auch sie dem
Gebirgscharakter entspreche. Ferner sei in der zweiten und dritten
Periode der Kanal zuerst westwärts, dann auch im Osten durch
Landverbindungen geschlossen gewesen und dadurch die Verbreitung
französischer Pflanzen nach England vermittelt. Die alpine Flora
der Hochlande erklärt F. durch Agassiz’s Eiszeit: damals wären die
britischen Alpen niedrige Inseln gewesen, nach Norwegen hinüber-
‚reichend und mit arktischer Vegetation bekleidet, die nach erfolgter
Hebung und dem Wechsel des Klimas unterworfen, sich allmählich
auf die Gipfel der neu entstandenen und noch bestehenden Berge
zurückgezogen habe. Endlich habe sich auch der Meeresgrund der
Nordsee selbst gehoben, habe zwischen England und Deutschland
grosse Ebenen trocken gelegt, auf denen der Elk und andere ausge-
storbene Vierfüsser gehaust und worüber die deutschen Gewächse
eingewandert seien: — bis dann zuletzt das Meer durch neue Sen-
kung wird wieder vollgeflossen sei, nachdem der wichtige Zweck,
Rosen und Dornen über’s Meer zu verpflanzen, erfüllt war. Weiter
kann man wohl das Spiel mit Hypothesen nicht treiben, die ich hier
nur um deswillen vollständig wiedergebe, weil F. mit diesem Anlauf
eine neue Bahn in der Pflanzengeographie brechen zu wollen scheint,
da jener ersten Vorlesung seitdem schon ähnliche gefolgt sind. Die
Kritik seines Unternehmens liegt einfach in der Verneinung eines der
ersten Sätze, womit er anhebt: actuelle Naturkräfte, das Meer,
Flüsse, Luftströmungen, welche die Samen verbreiten, oder Thiere
322 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
und der Mensch selbst seien, um die Wanderung er Pflanzen über
die britischen Meere zu bewirken, in der Mehrzahl der Fälle unzu-
reichende Mittel. Ich behaupte, dass diese Kräfte vollkommen aus-
reichen, falls die importirten Samen nur das entsprechende Klima
und den naturgemässen Boden finden. Jene westeuropäischen Pflan-
zen, welche, durch das atlantische Küstenklima bedingt und je nach
‘dem Grade dieser Abhängigkeit bald mehr bald weniger tief in den
Continent sich verhreitend, den Verf. hier nach Spanien, dort nach
Frankreich hinweisen, sind auf der Küstenlinie des Festlandes selbst
gleichfalls nicht überall anzutreffen, sondern fehlen oft auf weiten
Strecken, deren Boden ihnen nicht zusagt: wenn man z. B. Erica
einerea vom Rhein bis zum Fjord von Bergen nirgends beobachtet,
wer wollte hier verschwundene Landverbindungen voraussetzen, wo
noch jetzt der Zusammenhang grossentheils besteht, ohne doch zur
Verbreitung jenes Strauchs beizutragen? Wenn die Alpen so viel
alpine Pflanzenarten mit arktischen Gegenden gemeinschaftlich be-
sitzen, so ist noch leichter: zu bemerken, wie wenig das zwischen
diesen Endpunkten gelegene Festland zur Aufklärung solcher Ueber-
einstimmungen dient: die Ebenen, welche ohne jenen alpinen Schmuck
z. B. von Kola bis zu den Karpaten reichen, eignen sich doch wohl
weniger zum Transport fremdländischer Gewächse, als ein Meer,
das rasch die Samen hinüberströmt. Oder wenn F. bei der Ver-
breitung der arktischen Pflanzen wieder die Eiszeit ins Spiel brächte:
wie wird er so manche_mitteleuropäische Arten der Sierra Nevada
oder des Pindus über die weiten Landstrecken herüberbefördern,
wodurch sie von ihrem Schöpfungscentrum getrennt sind? wie wird
er durch die complicirtesten Dislocationen die Minuartien und Que-
rien in geologischen Zusammenhang setzen, die zwischen Castilien
und der Krim nirgends gedeihen mögen? Es ist nicht abzusehen,
weshalb das Wasser ein grösseres Hinderniss für die Verbreitung
der Pflanzen sein. sollte, als ein Boden, der sie nicht trägt: grosse
Meere freilich scheiden ab, wenn keine Strömung querüber führt
oder wenn beiden Küsten ungleiche Klimate zugetheilt sind.
Zur Lehre von der Vegetationszeit in verschiedenen Kli-
maten hat A. Erman einen Beitrag geliefert (Arch, für arrrer
land. Bd. 5. S. 617—640).
Er prüft die Frage, in welchem Verhältniss die Butiiebeiäig:
stufen der Vegetation zu der Temperatur stehen, bei welcher sie in
verschiedenen Breiten bei denselben Pflanzenarten eintreten, Seine
Untersuchung führt nur zu dem negativen Resultat, dass ein von
Quetelet vermuthungsweise ihm mitgetheiltes Gesetz nicht begrün-
det sei: dieses sollte darin bestehen, dass gleiche Entwickelungsstufen
an zwei verschiedenen Orten dann eintreten, wenn die Summe der
Quadrate der Tagestemperatur seit dem: Anfang der Vegetationszeit
für beide gleich wird. B. zeigt zugleich, dass die Entwickelungs-
EEE 20000 WERL ZEIEDERBETWET
Pflanzengeographie während des Jahres 1845. 323
stufen und die Summen der auf sie einwirkenden Temperatur an ver-
schiedenen Orten keineswegs in geradem Verhältniss stehen.
Aus dem Gebiete der pflanzengeographischen Physiogno-
mik ist eine Bemerkung von J. D. Hooker zu erwähnen
(On Fitchia in Lond. Journ. of Bot. 1845. p. 640).
-_ Auf mehreren entlegenen Eilanden mit endemischer Flora finden
sich Holzgewächse aus der Familie der Synanthereen, welche zum
Landschaftscharakter wesentlich beitragen und eigenthümlichen Gat-
tungen angehören, die auf den Continenten nicht vertreten sind, Zur
Erläuterung dient folgende Uebersicht:
St. Helena besitzt 4 gen, 10 sp. Synanth,, alle Holzgewächse.
JuanFernandez „ 8 „ 17, ns darunter 3 gen. 12 sp. Holzg.
Gallopagos nid, n,,21.» „ ” Id ”
Neu-Seeland ,„ 30 „ 60 „ 4 ne REN RER
Elisabeth-Eiland, zum Vegetationsgebiet der Südsee-Inseln süd-
licher Hemisphäre gehörig, aber der Insel Juan Fernandez und dem
amerikanischen Continent mehr als die übrigen genähert, besitzt
ebenfalls den neuen Cichoraceen-Baum Fitchia, während den übrigen
Inseln dieser Archipele ähnliche Pflanzenformen abgehen.
l. Europa
Von v. Ledebour’s Flora rossica (s. Jahresb. für 1841
u. 1843) erschien 1845 das sechste, 1846 -das siebente Heft
(Vol. 11. P. 2).
Die statistischen Verhältnisse der darin abgehandelten Familien
sind folgende: Synanthereen 890 sp. [Vernonieen nur vertreten durch
die kaukasische Gundelia; unter den Eupatorieen neben westeuro-
päischen Gattungen Nardosmia mit 7 arktischen Arten; Asteroideen
enthalten die auf Asien beschränkten Gattungen Turezaninowia, Ca-
limeris, Arctogeron, Diplopappus, Rhinactina, Myriactis, Brachy-
actis, Dichrocephala, Karelinia, Eclipta und die bis zur Krim ver-
breitete Siegesbeckia; unter den Senecionideen, wozu aus Sibirien
die Helenieen Richteria und Cancrinia, die Chrysanthemee Brachan-
themum, vom Altai Waldheimia, vom: Kaukasus Cladochaeta und
Ambilyocarpum, aus Podolien Senecillis gehören, sind die artenreich-
sten Gattungen Artemisia (83 sp.), Senecio (52sp.), Achillea (31 sp.),
Pyrethrum (29'sp.); unter den Cynareen, wozu vom Altai Acantho-
cephalus, Haplotaxis (3 sp.);, Ancathia, aus Sibirien Alfredia (A sp.),
aus den Steppen Cousinia (20 sp.), 4eroptilon und aus Armenien
Acantholepis, Chardinia, Oligochaeta kommen, sind am artenreich-
sten Centaurea (61 sp.), Cirsium (51 sp.), Serratula mit Jurinea
(86 sp.), Saussurea (32sp.); Cichoraceen enthalten aus den Steppen
Heteracia und Microrhynchus, vom Kaukasus Asterothrix, aus der
Krim /ntybellia, aus Armenien und Sibirien Youngia (5sp.), aus Si-
birien Jzeris und Nabalus, von Sitcha Apargidium, und an grössern
324 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
Gattungen Hieracium (25sp.), Crepis (23 sp.), Scorzonera (19 sp.),
Lactuca (17 sp.), Tragopogon (17 sp.)]; 'Lobeliaceen 2 sp.: L. dort-
manna und in Ostsibirien L. sessilifolia; Campanulaceen 66 sp.: dar-
unter Michauzxia und Symphyandra vom Kaukasus, Platycodon aus
Daurien, als artenreichste Gattungen Campanula (36 sp.) und Adeno-
phora (10 sp); Vaccinieen 11 sp.: darunter Asp. von Sitcha, 1 sp.’ von
den Aleuten und V. Arctostaphylos vom Kaukasus; Ericeen 36 sp.:
auf den Kaukasus beschränkt 2 Rhododendra und Axalea pontica
von da bis Dombrowitza in Lithauen verbreitet, auf Sibirien be-
schränkt 4 sp. von Cassiope, Bryanthus, 2 sp. von Amothamnus, 5 sp.
von Rhododendron, auf Sitcha 2sp. Cassiope, Menziesia, 1 sp. Phyl-
lodoce, Kalmia und Cladothamnus; Pyroleen 7sp., den deutschen
Arten entsprechend; Monotropeen 1 sp.
Von Trautvetter’s Kupferwerk (Plantarum imagines
Floram rossicam illustrantes, Monachii, 1845. 4. s. vor, Jah-
resb.) erschienen das öte und 6te Heft, Taf. 21—30 enthaltend.
Die Petersburger Akademie hat angefangen, Beiträge
zur Pflanzenkunde des russischen Reichs herauszu-
geben (Lief. 1. Petersb. 1844. 30 pag. in 8., Lief. 2. 67 pag.
u. 6 Taf,, Lief. 3. 56 pag., Lief. 4. 93 pag. ib. 1845.
Das erste Heft enthält eine Lokalflora des Gouvernements Tam-
bow (unvollständig, mit 312 sp.), das vierte Beiträge von Ruprecht
zur Petersburger Flora. Derselbe Verf. hat in der dritten Lieferung
sich über die Farne und Charen des russischen Reichs verbreitet:
in dieser Arbeit sind auch einige neue Farne aus Sibirien, der Mon-
golei und dem amerikanischen Russland, so wie Charen aus der
Soongarei publicirt.
Von allgemeinerem Interesse ist das zweite Heft, worin Rus
precht seine botanische Reise in den höchsten Norden des euro-
päischen Russlands beschrieben hat. In dem ungünstigen Sommer
des Jahres 1841 sammelte er im östlichen Theil des Gouvernements
Archangel, namentlich am Mesen, auf der Halbinsel Kanin und auf
der Insel Kalgujew. Vom skandinavischen Lappland unterscheidet
sich der Naturcharakter des Landes zunächst dadurch, dass die Wald-
grenze bis in die Nähe des Polarkreises zurücktritt, wodurch grosse,
baumlose Tiefebenen längs des arktischen Meeres ausgesondert wer-
den. So fehlen auf Kanin (mit Ausnahme eines unter 674° N. Br.
gelegenen, bereits absterbenden Abies-Gehölzes) die Nadelholz-Wäl-
der ganz, halten sich um den Indega-Fluss etwa 5 g. Meilen vom
Meer und überschreiten kaum den Polarkreis jenseits der Petschora.
Ebenso reicht die Kultur der Gerste und Kartoffel nur bis zur Stadt
Mesen. Auf die Wälder folgt nordwärts zunächstein Gürtel‘ von
niedrigen Birken und Weidengesträuch, sodann die Zwergbirke nebst
den arktischen Ericeen und zuletzt hört mit diesen auch der zusam-
menhängende Rasen alpiner Regionen auf: es gedeihen nur noch
Pflanzengeographie während des Jahres 1845. 325
einzelne Ranuneulaceen, Saxifrageen und Gräser, ohne den Boden
vollständig zu bedecken. — Es wurden auf dieser Reise im Ganzen
342 phanerogamische Pflanzen gesammelt, eine Ausbeute, die auch
dadurch von der skandinavisch-lappländischen Flora abweicht, dass
sie einen beträchtlichen Antheil nichtskandinavischer Arten einschliesst.
Elf neue und durch Abbildungen erläut@rte Arten gehören zu den
Gattungen Ranunculus, Viola, Parnassia, Saliv und Poa (7sp., von
den übrigen je 1sp.).
Von Czerniaiew rühren zerstreute Bemerkungen über
den Einfluss des Klimas auf die Vegetation der Ukraine her,
womit er die Beschreibung einiger neuen Pilze einleitet (Bul-
letin des naturalistes de Moscou, T. 18. P.2. p. 132— 157).
Viele Gewächse sind durch die tiefe Isochimene ausgeschlossen,
während die hohe Sommerwärme der Kultur des Mais und mehrerer
Cucurbitaceen günstig sein soll, so wie der Verf. auch hieraus die
sonderbare Thatsache zu erklären versucht, dass die Beeren von
Solanum nigrum in der Ukraine ihr narkotisches Princip verlieren
und bei der Reife zuckerhaltig und essbar werden. Vor der anhal-
tenden Dürre des Sommers, die auf den Vegetationscharakter der
benachbarten Steppe in so hohem Grade einwirkt, schützt hier den
Wald und Acker die 10 bis 15 Fuss tiefe Humuserde (Tscherno Sem:
vergl. Jahresb. f. 1843. S. 377). Deshalb gedeihen hier vorzüglich die
Waldbäume, welche tiefe Wurzeln treiben, z. B. Eichen, Linden,
Ulmen, Pyreen; die Rothtanne (P. Abies), welche auf der dünnen
Erdkrume Skandinaviens vorherrscht, ist in der Ukraine unbekannt
und die Eschen gehen oft in der trockenen Jahreszeit zu Grunde.
Der tiefe Humusboden treibt manche einheimische Stauden hier zu
ungemeiner Höhe: Cephalaria tatarica wird 9, Delphinium elatum
5—6’ hoch; Disteln und Umbelliferen werden gewöhnlich doppelt
so gross, wie in andern Gegenden; unter den Pilzen giebt es 3° breite
Hüte von Polyporus und Leuzites, die neue Morchella alba wird
einen Fuss hoch. Aber das sonderbarste Bild dieses üppigen Ent-
wickelungstriebs gewährt der neue Bovist Lycoperdon horrendum:
eine Schwammkugel von 3 Fuss Durchmesser. Dieser Pilz, sagt der
Verf., vermag in der That einen nicht geringen Schrecken einzujagen:
wenn er im finstern, Walde plötzlich vor Augen steht, meint man
ein niedergekauertes Phantom in weissen oder braunen Gewändern
zu erblicken. Es muss wohl ein grosser Vorrath von Nahrungsstoffen
für die Pflanzenwelt in dieser schwarzen Erde Südrusslands nieder-
gelegt sein, der dieses wuchernde Wachsthum bedingt: denn auch
der Roggen wächst hier, wie in den besten Gegenden Englands oder
Deutschlands, ohne jemals Dünger zu erfordern. — Was die Pilze
der Ukraine betrifft, so hebt Cz. die ungemein reiche Mannigfaltig-
keit ihrer Formen der Species-Armuth von Moosen, Lichenen und
Farnen gegenüber hervor. Naclı seinen Untersuchungen besitzt die
326 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
Ukraine allein über 1000 Hymenomyceten, aber noch charakteristi-
scher ist der Reichthum an Gasteromyceten. Weinmann zählt in
seinem 1836 erschienenen Prodromus für ‚ganz Russland 300 Bauch-
pilze auf, während Cz. in der Ukraine allein schon beinahe die dop-
pelte Zahl von Arten aufgefunden hat: darunter viele neue Formen
und einige neue Gattungen;
Weinmann hat die Laubmoose des russischen Reichs bearbei-
tet (Bullet. Moscou T. 18. P.1. p.409—489 und P.2. p. 447 —503):
seine neuen Arten gehören zu Funaria (1 sp.) und Aypnum (4 sp.).
— Kaleniczenko beschreibt 10 neue Pflanzen aus Südrussland
und dem Kaukasus- (das. P. 1. p.229—240): 2 Umbelliferen ( Pimpi-
nella, Pastinaca), 2 Leguminosen (Arthrolobium), 6 Synanthereen
(Inula 2 sp., Centaurea 3 sp., Jurinea).
Die Reise durch Lappland von A. Bravais und Ch.
Martins (Bibliotheque univ. de Geneve, 1845. 2. p.147—173)
durchschneidet das nördliche Skandinavien fast auf demselben
Wege, den L. v. Buch in seinem berühmten Werke über den
hohen Norden .beschreibt, als er vom Alten-Fjord in Finmar-
ken nach Torneä am bottnischen Meerbusen zurückkehrte.
Aber die französischen Reisenden glauben unter günstigeren
Umständen die Vegetationsgrenzen gemessen zu haben, daher
ihre Ergebnisse hier einen Platz finden müssen. Sie vollen-
deten ihrerseits die beschwerliche Reise vom 6. bis 26. Sep-
tember 1839: indem sie bemerken, dass theils wegen der
Gewässer, die zu überschreiten, theils wegen der Mücken-
schwärme des Jappischen Sommers, die zu vermeiden sind, der
September der einzige Monat sei, der zur Reise sich eignet.
In den Wäldern von Alten (70° N.Br.) massen die Kiefern bis
zu 60° Höhe, die Birken durchschnittlich 45. Am dritten Tage wurde
die obere Terrasse des Kjölen-Plateau’s überschritten. Unter dem
Namen Nuppivara erhebt sie sich hier nur bis zu 600m, aber sie ist
ähnlich gebaut, wie die weit höher gelegenen, wellenförmig gestal-
teten und seenreichen Hochflächen der Langfjelde: auf nacktem Fels-
boden besitzt sie nur dürftiges Gestrüpp von Betula nana, nebst
Empetrum, Andromeda tetragona, oder Salix lapponum mit Juni-
perus communis. An der Südseite folgen zunächst wieder Birken-
wälder und reichen über Kautokeino hinaus nicht weiter als bis Ka-
resuando (68° 36): denn von hieraus bedeckt ein einziger, zusammen-
hängender Kieferwald das ganze Land bis zum bottwischen Busen.
Gemessene Vegetationsgrenzen:
Nordabhang des Kjölen im Thal von Alten.
Pinus sylvestris. Geschlossener Wald. — 249m,
_ Einzeln , zwerghaft. — 500m,
Pflanzengeographie während des Jahres 1845. 327
Betula pubescens. Geschlossener Wald. — 380m,
_ Als Krummholz. — 432m,
_ _ Lokal. — 534m.
Südabhang des Nuppivara.
Betula pabescens. — 477m, 480m. (Die neben einander gestellten
Ziffern bedeuten die Ergebnisse verschiedener Messungen.
Sorbus aucuparia. — 477m.
Wasserscheide zwischen Eismeer und Ostsee. Gegend von Kala-
nito bis Suvajervi.
Pinus syWwestris. — 341m. 374m,
Betula pubescens. — 493n. 498m, 50m. 530m,
Sorbus aucuparia. — 474m.
Um Karesuando.
Pinus sylvestris. — 440.
Ein Verzeichniss der um Karesuando vorkommenden Phanero-
gamen von Laestadius ist dem Reisebericht eingeschaltet,
‚
Ein Bericht von Blytt über seine botanische Reise durch
das Thal Valders in Norwegen enthält grösstentheils nur aus-
führliche Fundortsverzeichnisse (Bot. Notiser 1845. Nr. 1—3).
Doch knüpft der Verf. an seine Darstellung der Kalkvegeta-
tion bei Torpen einige Bemerkungen über den Einfluss des
Kalks auf die Verbreitung norwegischer Gewächse..
Es giebt dort nur wenige kalkstete Pflanzen und manche in an-
deren Ländern auf den Kalkboden eingeschränkte Arten wachsen auf
Norwegens Gneissformation. B. erkennt in Norwegen nur folgende
Phanerogamen als kalkstet an: Anemone ranunculoides, Trifolium
montanum*, Libanotis*, Monotropa, Stachys arvensis, Carduus
acanthoides*, Ophrys myodes *, Neottia nidus avis, Malaxis Loeseli:
nur die mit einem Sternchen (*) versehenen Arten sind meines Wis-
sens auch in andern Gegenden kalkstet, auch die angeführten Liche-
nen und Moose sind es nicht überall. Indem B. sodann das bekannte
Unger’sche Verzeichniss kalksteter Pflanzen der Kritik unterwirft,
scheidet er daraus folgende Arten aus, die in Norwegen auf der
Gneissformation und zum Theil nur auf dieser wachsen: Hepatica
triloba, Corydalis fabacea, Astragalus glyeypliyllus, Dryas, Rubus
saratilis, Sorbus Aria, Cotoneaster vulgaris, Sawifragu oppositifolia,
Asperula odorata, Pyrola rotundifolia, Arctostaphylos alpina, Fagus,
Tazus, Convallaria majalis, vertieillata, Polygonatum, Calamagro-
stis sylvatica, Brachypodium gracile. — Grimmia apocarpa, Hy-
pnum Halleri, Lecidea vesicularis und cundida, Gyalecta. cupuluris.
Aehnliche Unterschiede zwischen Norwegen und Tirol weist B.
auch in Bezug auf diejenigen Pflanzen nach, welche nach Unger häu-
figer auf Kalkboden, als auf andern Substraten in den Alpen vor-
kommen. ’
Das Dovrefjeld schildert W, P, Schimper, besonders
328 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
dessen Laubmoose, von denen er auf dem oft beschriebenen
Boden sogar noch mehrere neue Arten entdeckt hat (Regensb;
Flora 1845..8. 113— 128).
Schwedische Arbeiten zur skandinavischen Pflanzen- To-
pographie: Andersson plantae vasculares eirca Quiekjock
Lapponiae lulensis (Upsal. 1845. 8. 36 pag.); enthält 356 sp.;
Lagerheim und Sjögren botanische Bemerkungen auf einer
Reise von Stockholm nach dem Snaasahög in Jemtland im
Jahre 1844 (Bot. Notiser 1845. Nr. 14); Schagerström
conspectus vegetationis Uplandicae (Upsal. 1845. 8. 83 pag.):
enthält 870 sp.; Lindeberg eine Excursion am Mälarsee
(Bot. Notiser 1845. Nr. 12); Lindgren Notizen über die Ve-
getation am Wenersee (das.): mit Beschreibung einiger neu
unterschiedener Hutpilze; Lindeberg über die Umgegend
von Grenna am Wetternsee (das. Nr. 4). — Systematische
Beiträge zur schwedischen Flora: Andersson Salices Lap-
poniae cum figuris 28 specierum (Upsal. 1845. 8. 90 pag.):
nach Fries’ Ansichten bearbeitet; Lund conspeetus Hymeno-
mycetum circa Holmiam crescentium (Christiania, 1845. 8.
118 pag.).
Zur dänischen Pflanzen- Topographie: Petit Bemerkun-
gen über die Vegetation des südwestlichen Seeland (Kröyer’s
naturhistor, Tidskr. Zweite Folge. Bd.1); J. Lange über die
Vegetation auf Laaland und Falster (das.): für eine ziemlich
grosse Anzahl von Pflanzen, welche hier genannt werden, liegt
auf diesen Inseln die nördliche Verbreitungsgrenze.
Zur britischen Pflanzengeographie bereitet Watson neue
Arbeiten vor, über deren Plan er berichtet (Lond. Journ. of
Bot. 1845. p. 199 — 208). Mit Recht beabsichtigt er hierbei
die topographischen Fundortsbereicherungen von den allge-
meinern Untersuchungen abzusondern, die ein wirkliches wis-
senschaftfiches Interesse darbieten.. Die beiden Pflanzenregio-
nen, welche er in Grossbritannien unterscheidet, nennt er
Agrarian und Arctic region: das Areal der Getreideregion
falle mit der Verbreitung von Pteris aquilina zusammen.
Beiträge zur britischen Pflanzen - Topographie: Balfour
über Exeursionen auf der schottischen Halbinsel Kantyre und
der Hebride Isla (Ann, nat. hist. 15. p. 425—26); Gardiner
über die Hochlande von Braemar (Botanic rambles in Braemar,
u an
Pflanzengeographie während des Jahres 1845. 329
Dundee, 1844): in pittoreskem Styl geschrieben; Moore über
die seltenern Pflanzen von Yorkshire (Report of Brit. Asso-
eiation held at York p. 70—714); Andrews über die Insel
Arran an der westirischen Küste (Lond. Journ. of Bot. 1845.
p: 569—70).
Britische Lokalfloren: Power über die irische Grafschaft
Cork (The botanists guide for the county of Cork in: Con-
tributions towards a Fauna and Flora of the county of Oork.
London, 1845. 8.): enthält 885 Phanerogamen und 936 Kıy-
ptogamen; Jenner über die Umgegend von Tunbridge-Wells
in Kent (A Flora of Tunbridge Wells. Tunbr., 1845. 8.):
bezieht sich auch zugleich auf Kryptogamen.
Systematische Arbeiten über britische Pflanzen: Bell
Salter drei neue Rubus-Arten (Ann. nat. hist. 15. p. 305);
Babington über Cuscuta (das. 16. p. 1—3): darin Abbildun-
gen von ©. Trifolii und ©. approximata Bab., letztere mit
Melilotus-Samen aus Ostindien eingeführt; Parnell über Grä-
ser (Descriptions of the grasses of Great Britain, illustrated
by 210 figures); Spruce über neu aufgefundene Moose
(Lond. Journ. of Bot. 1845. p. 169—195): 23 Laubmoose mit
4 neuen Arten; Taylor über 6 für Grossbritannien neue
Lebermoose (das. p. 276— 278): darunter eine neue Art; Sal-
wey seltene Lichenen von Wales (Ann. nat. hist. 16. p.90—99);
Hassall a history of the British Freshwater Algae, including
the Desmideae and Diatomaceae, with upwards of 100 plates
(London, 1845. 2 Vol. 8.). Der Phytologist (s. vor. Jahresb.)
wird fortgesetzt. — Von Sammlungen getrockneter Pflanzen
sind zu erwähnen: Salicetum britannieum auct. Leefe (s. Jah-
resb. für 1843) Fase. Il.: vergl. die kritischen Bemerkungen
von Sonder (in Ann. nat. hist. 15. p. 275); Mc Calla Algae
hibernicae. Vol. 1. (Dublin, 1845. 4.): mit 50 sp.; Ayres My-
eologia britannica (London, 1844): 50 sp. enthaltend, als Fort-
setzung von Berkeley’s Heften zu betrachten.
- VandenBosch hat die dritte Fortsetzung seiner Flora
von Seeland (s. Jahresb. für 1842) publieirt, die Lichenen
und einige Nachträge enthaltend (v. d. Hoeven Tijdschr. Vol. 12.
p-1—22): z. B. sind in den niederländischen Küstenlandschaf-
ten aufgefunden Cerastium tetrandrum, Trifolium subterraneum,
Ventaurea nigra häufig verbreitet, Salix holosericea, Carex
Archiv 1. Naturgesch. XJ1, Jahrg. 2, Bd, W
330 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
trinervis (C. rigida Fl. leydens.), Zygodon viridissimus. — Die
Beiträge zur kryptogamischen. Flora der Niederlande von
Dozy und Molkenboer sind fortgesetzt (das. S. 257—288):
Pilze, darunter einzelne neue und durch Abbildungen erläu-
'terte Arten enthaltend.
Allgemeine Werke über die deutsche Flora: Reichen-
bach’s Icones Vol. 7. Dec. 5—10. mit den Najaden, Alisma-
ceen, Hydrocharideen, Nymphaeaceen und einem Supplement
zu den Gräsern; Sturm’s Flora Abth. 1. Ilft. 89. 90, nament-
lich mit Viola-Arten und Labiaten; v. Schlechtendal’s und
Schenk’s Kupferwerk Bd. 6; Lincke’s Publication Hft. 50
bis 59; Koch’s Synopsis ed. Il. Fasc. 3 (Lips. 1845) mit den
Farnen, nebst Nachträgen und Register: ein Auszug dieses
Werks erschien als unerlaubter Nachdruck unter dem Pseu-
donym Herold; Nees v. Esenbeck’s Genera plantarum Flo-
rae germanicae, fortgesetzt von Putterlick und Endlicher
Fase. 24 (Bonn, 1845. 8.). — Specielle Arbeiten zur Syste-
matik deutscher Gewächse: Sauter’s neue Beiträge zur Flora
Deutschlands (Regensb. Flora 1845. S. 129—132): unbedeu-
tende Notizen nebst Diagnose einer neuen Riccia; Perktold
die Hypnen Tyrols (Neue Zeitschr. des Ferdinandenms. Bd. 11);
Rabenhorst’s Deutsche Kryptogamen-Flor (s. vor. Jahresb.)
Bd. 2. Hft. 1:. die Lichenen enthaltend; Roemer die Algen
Deutschlands (Hannover, 1845. 4. Mit 11 Tafeln): auf Süss-
wasseralgen und besonders auf die Formen-beschränkt, welche
der Verf. auf dem Oberharz aufgefunden und die er durch
schlechte Lithographien ungenügend erläutert, ohne bei der
von Kützing entlehnten Systematik die Entwiekelungsgeschichte
zu berücksichtigen; Kützing’s Phycologia germanica (Nord-
hus. 1845. 8.): Die Gesammtflora umfassend, zwar nur wenige
Wochen später als voriges erschienen und mit Benutzung des
Roemer’schen Materials, dennoch ganz unabhängig von dem- .
selben bearbeitet und, wiewohl bekannten systematischen Aus-
stellungen unterworfen, zum Verständniss von des Verf. grös-
serem Algenwerk unentbehrlich.
Deutsche Lokalfloren: F. Wimmer Flora von Schlesien.
Ergänzungsband. (Breslau, 1845. 12.); J. ©. Metsch Flora
hennebergica, ein Beitrag zur Flora des Thüringer "Waldes
preuss, Antheils. (Schleusing., 1845, 8.); F. Schultz Flora
der Pfalz (Speier, 1846, 8,): doch schon 1845 erschienen.
u
Pflanzengeographie während des Jahres 1845. 331
In der Abhandlung von Metsch über Pflanzen um Swi-
nemünde (Regensb. Flora 1845. S. 705—708) ist eine Ueber-
sicht von den Pflanzenformationen auf der Insel Usedom ent-
halten.
Der sandige Boden dehnt sich bald zu Ebenen, bald vertieft er
sich, um Torflager oder salzige Seen aufzunehmen, bald wölbt er
sich zu Höhen, die zum Theil mit Kiefern, selbst mit ansehnlichen
Buchenwäldern bekleidet sind. Die Dünen längs der Küste werden
durch Wurzeln von Glumaceen oder Salix befestigt. Nur einige cha-
rakteristische Pflanzen können, da der Verf. nur die seltenern Arten
‚aufführt, hier erwähnt werden:
1. Formation der Dünenpflanzen; z, B. inne arenaria und
baltica, Elymus arenarius, Carex arenaria, Kochia hirsuta, Hali-
mus portulacoides, Petasites spurius, Anthylls maritima.
2. F. der Halophyten: z. B. Aster salignus, Erythraea linari-
folia, Zannichellia pedicellata, Juncus balticus, Scirpus Rothir, Hie-
rochloa borealis.
3. F. der Sumpfpflanzen: z. B. Thalictrum aquilegifolium, Bar-
barea stricta, Helosciadium inundatum, Lysimachia thyrsiflora,
Euphorbia palustris, Salix daphnoides und rosmarinifolia, Stratiotes,
Carex filiformis, Calamagrostis stricta.
4. F. der Torfpflanzen: 2. B. Ledum Ei em Betula fruticosa,
Empetrum, Myosotis sparsiflora.
3. F. der Stauden auf sonnigen Hügeln: z. B. Thalictrum minus
und simple, Silene viscosa, Ononis hircina,
6. F. der Wälder: z. B. Arabis arenosa, Vicia villosa, Peuceda-
num ÖOreoselinum, Arctostaphylos officinalis, Pyrola chlorantha,
media und umbellata, Goodyera repens.
v. Mohl schrieb eine Abhandlung über die Flora von
Würtemberg (Würtemb. naturwissenschaftliche Jahreshefte.
Jahrg. 1. S.69—109. Stuttg. 1845. 8.).
Er beginnt mit allgemeinen Bemerkungen über die wissenschaft-
liche Bedeutung von Lokalfloren. Er stellt als Aufgabe, die Ver-
breitungsgrenzen der Arten innerhalb eines grössern Gebiets zu un-
tersuchen und zu diesem Zweck z. B. die würtembergische Flora
mit der der Nachbarländer zu vergleichen. Auf diesem Wege weist
er nach, dass Würtemberg bei einer naturgemässen Eintheilung
Deutschlands seinen Nachbarfloren anheimfällt und keine eigenen
Vegetationscentra besitzt. Als vier besondere Gebiete unterscheidet
v. Mohl das Flusssystem des Neckar und Tauber, den Schwarzwald,
‚die rauhe Alp und die oberschwäbische Tertiärebene,
1. Das zwischen dem schwäbischen Jura und Schwarzwald ge-
legene Neckargebiet ist in Rücksicht auf Pflanzenverbreitung als ein
Theil des Rheingebiets anzusehen. Eine nicht geringe Zahl von
Pflanzen findet am Jura ihre Ostgrenze, aber mit alleiniger Ausnahme
w*
332 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
von Orobus albus (bei Tübingen) wächst vom Neckar zum Tauber
keine Art, welche nicht auch das Rheinthal besässe. Allein im Ver-
hältniss zu diesem letztern ist das diesseitige Gebiet arm: denn
„einer allgemeinen Erscheinung gemäss” bleiben mit der Verengerung
eines Flussbetts manche Pflanzen zurück, welche stromabwärts häufig
sind. Uebrigens giebt der Verf. doch ein Verzeichniss von mehr als
50 Arten, welche jenen Zusammenhang beweisen, und woraus wir
folgende als charakteristische Formen des Rheingebiets herausheben:
Helianthemum oelandicum (vineale), Myagrum perfoliatum, Isatis
tinctoria, Diplotawis tenuifolia und muralis, Althaea hirsuta, La-
thyrus hirsutus, Rosa gallica, Helosciadium nodiflorum., Oenanthe
peucedanifolia, Carum Bulbocastanum, Crepis pulchra, Lactuca sa-
ligna, Artemisia pontica, Centaurea nigra, Heliotropium europaeum,
Calamintha officinalis, Mentha rotundifolia, Parietaria difusa,
Spiranthes aestivalis, Scirpus mucronatus. Geognostisch betrachtet
zerfällt das Neckar- und Tauber-Gebiet in den Bezirk des Muschel-
kalks, des Lias und Keupers. Unter diesen äussert besonders der
Muschelkalk, wie in Thüringen, den erheblichsten Einfluss auf die
Verbreitung der Pflanzen, während Lias und Keuper, als weniger
gleichartige Formationen, einer grössern chemischen Manniefaltigkeit
der Erdkrume Raum geben. Ein Verzeichniss von etwa 20 Sand-
pflanzen, dagegen von fast 100 Gewächsen des Muschelkalks weist
nach, wie der letztere die Zahl der einheimischen Arten in bedeu-
tenderem Masse steigert, als die übrigen Formationen.
2. Der Schwarzwald, dessen Erdkrume aus buntem Sandstein
oder plutonischen Gesteinen abstammt, besitzt auf würtembergischem
Gebiet nur einige wenige ihm eigenthümliche Phanerogamen, indem
die höheren Erhebungen dieses ohnehin pflanzenarmen Gebirgs zu
Baden gehören. Unter den Pflanzen des würtembergischen Schwarz-
walds, sofern sie nicht auch in andern Gegenden des Königreichs
vorkommen, ist ferner keine einzige, welche nicht über den grössern
Theil der deutschen Gebirge verbreitet wäre, so dass z, B. alle ge-
nannten ausser Crocus vernus auch am Harze vorkommen. Verglei-
chen wir hiermit, was Kirschleger über den ganzen Schwarzwald
im Allgemeinen bemerkt hat (s. Jahresb, für 1843), so dürfen wir
dieses Gebirge nicht zu den selbstständigen Vegetationscentren der
deutschen Flora zählen, indem dessen Phanerogamen sämmtlich als
von den Alpen, Vogesen, dem Jura oder den xheinischen Gebirgen
eingewandert angesehen werden können,
3. Die rauhe Alp (schwäbischer Jura) besitzt die charakte-
ristische, von der Schweiz bis Franken gleichmässig verbreitete Ve-
getation des Jurakalks. Indessen sind, obgleich das mittlere Niveau
der Hochfläche mehr als 2000° beträgt und einzelne Gipfel sich über
3000" erheben, die alpinen Pflanzenformen, welche auf dem höhern
Jura der Schweiz häufig sind, hier grösstentheils ausgeschlossen und
selbst die wenigen Arten (7 sp.), welche zu dieser Kategorie gehör en
Pflanzengeographie während des Jahres 1845. 333
sind meist nur an einzelnen Punkten aufgefunden: dagegen viele Kalk-
pflanzen aus den Thälern der Voralpen bier allgemein vorkommen.
Etwa 50 Arten sind in Würtemberg nur auf der rauhen Alp gefun-
den, 34 Kalkpflanzen sind mit dem Neckargebiet gemeinschaftlich,
18 Arten mit Oberschwaben für sich, 16 andere mit diesen beiden
Gebieten und 5 mit dem Schwarzwald. Als charakteristische Formen
können aus der Liste der dem schwäbischen Jura eigenen Pflanzen
mit Hinweglassung solcher, die in den Kalkalpen verbreitet sind,
etwa folgende bezeichnet werden: Thalictrum galioides, Thlaspi
montanum, Sisymbrium austriacum, Erysimum 'crepidifolium und
odoratum,.Dianthus caesius, Linum flavum (bei Ulm), Coronilla
montana und vaginalis, Sorbus latifolia, Leontodon incanus, Doro-
nicum Pardalianches, Jasione perennis, Specularia hybrida, Digitalis
dutea, Nepeta nuda, Orchis pallens, Aceras anthropophora, Iris ger-
manica.
4. Die oberschwäbische Tertiärebene, 1250’—2000' über dem
Meer zwischen Jura und Alpen gelegen, ist geographisch ein Theil
des oberbairischen - Plateaus und besitzt auch dessen Vegetation,
während der Jura weit weniger, als man erwarten sollte, damit
übereinstimmt. Schon die Torfmoorbildung ist hier dieselbe, wie
in den bairischen Moosen. Oberschwaben, wiewohl am wenigsten
botanisch durchforscht, ist wahrscheinlich der pflanzenreichste Theil
Würtembergs vermöge des fruchtbaren, kalkhaltigen Molasse-Bodens,
der nicht unbeträchtlichen Niveau-Differenzen, des Wasserreichthums
und der Nachbarschaft der Alpen, von denen manche Gewächse, wie
in Baiern, herabgespült werden. — Das Verzeichniss oberschwäbi-
scher Pflanzen, die im übrigen Würtemberg noch nicht beobachtet
sind, umfasst über 90 Arten. Darunter sind, mit Ausschluss der Al-
penpflanzen, als charakteristisch zu bezeichnen: Ceratocephalus fal-
catus, Viola lactea, Linum viscosum, Alsine stricta, Potentilla nor-
vegica, Saxifraga Hirculus, Helosciadium repens, Gentiana utricu-
losa, Pedicularis Sceptrum, Primula acaulis, Betula humilis, Stra-
tiotes, Iris graminea, Allium suaveolens, Juncus tenuis, Carex capi-
tata, microglochin, chordorrhiza, cyperoides und Heleonastes.
Ueber die Verbreitung von Alpenpflanzen nach dem bairisch-
oberschwäbischen Plateau theilt v. M. scharfsinnige Naturbeobach-
tungen mit. Er unterscheidet verschiedene Arten der Verbreitung:
1. Die Samen werden beständig auf's Neue mit den Gewässern her-
abgeschwemmt und die Individuen, welche keimen, sind daher nur
zufällige Bewohner des Gerölles am Ufer, ohne festen Standort:
- 2. B. an der Jller Campanula caespitosa, Hutchinsia alpina u. s. w.
2. Andere Alpenpflanzen, welche auch in den Alpen selbst auf dem
Gerölle der Flüsse wachsen, finden ihre Lebensbedingungen in der
Hochebene wieder und bilden daher hier eine bleibende Formation:
z. B. Myricaria, Salix daphnoides, Epilobium rosmarinifolium. 3.
Andere Gewächse der alpinen Flora kommen in der Ebene auf Torf-
334 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
mooren, weit entfernt von den jetzigen Alpenflüssen, in geselliger
Verbreitung vor: z. B. Bartsia alpina, Primula Auricula, Gentiana
acaulis in grossen Massen auf den oberbairischen Moosen, Veratrum
album auch in Oberschwaben. In den Alpen wachsen diese Pflanzen
zum Theil auf ganz verschiedenen Standorten: doch soll nach der
Meinung des Verf. kein Zweifel darüber stattfinden können, dass sie
gleich den früher genannten aus den Alpen herstammen, wiewohl
sich nicht mehr ermitteln lässt, unter welchen Bedingungen diese
Ansiedelungen erfolgt seien. Er erklärt in dieser Beziehung Zucea-
rini’s Ansicht für eine sehr gewagte Hypothese, wonach die ersten
Samen in vorhistorischer Zeit durch dieselben Fluthen herabge-
schwemmt sein sollen, durch welche die ganze Tertiärebene mit
Alpenmolasse ausgefüllt und als Festland entstanden ist. Diese Idee
ist schon deshalb unstatthaft, weil die Erscheinung vom Vorkommen
der Alpenpflanzen in Torfmooren offenbar dieselbe ist, die wir auch
im nördlichsten Dentschland vor uns haben, wo z. B. Primula fari-
nosa, Swertia perennis, Salix daphnoides unter gleichen Bedingungen
anzutreffen sind. Der humose Wiesenboden der Alpen ist der Torf-
substanz wohl nicht so ganz fremdartig, das Klima in Oberbaiern
wohl für manche Pflanzen nicht so sehr abweichend von dem Meck-
lenburgs, als dass dieses gleichzeitige Wachsthum einzelner ‚Arten in
entlegenen Ebenen und auf dem Gebirge jede Erklärung durch Boden
und Klima unzulässig machte: dann aber brauchen wir keine geolo-
gische Ursachen hypothetisch uns auszumalen. Reichen nicht Luft-
strömungen aus, einen winzigen Gentianeen-Samen, die Wolle einer
Weide nach allen den Orten von Deutschland, ja wohl von Europa
hinzuführen, wo Klima und Boden ihr Keimen und Gedeihen erlaubt?
Welches hingegen der ursprüngliche Standort sei, ob Ebene oder
Alpe, scheint mir eine müssige Frage, weil sie keiner wissenschaft-
lichen Lösung fähig ist. A. Aehnlich verhält es sich mit einigen Al-
penpflanzen, welche im südöstlichen Winkel Oberschwabens eine
beträchtliche Verbreitung erlangt haben: z. B. Rhododendron ferru-
gineum, Gentiana. asclepiadea, Campanula barbata, Streptopus um-
plexifolius u. a. Dass dieselben, urtheilt v. M., ursprüngliche Ge-
wächse Oberschwabens seien und dass ihre Abstammung nicht in
den Alpen zu suchen sei; diese Ansicht werde einem Jeden, der aus
eigener Anschauung mit den Vegetationsverhältnissen der Alpen ver-
traut sei, ganz unhaltbar erscheinen, wiewohl wir nicht im Stande
seien auszumitteln, wie sie an ihre jetzigen Standorte gelangt sind.
Das Letztere scheint mir einfach, wenn wir bedenken, dass eben der
grössere Theil dieser Gewächse auch auf den Sudeten und andern
entfernten Gebirgen gedeiht, also wahrscheinlich eine weite klima-
tische Sphäre und zugleich Mittel erleichterter Verbreitung durch
die Luft besitzt: wie aber die erstere Frage durch Anschauung ent-
schieden werden könne, verstehe ich nicht, da doch eine Pflanze
ebenso üppig und allgemein auf einem secundären als primären Stand-
Pflanzengeographie während des Jahres 1845. ; 335
orte sich ausbreiten kann, wie z. B. die Distel der Pampas von Bue-
nos Ayres lehrt, die in der alten Welt, wo sie einheimisch, nur auf
einzelnen Punkten gefunden, dort in geselligster Gemeinschaft die
Ebene bedeckt.
Den Schluss der wichtigen Arbeit macht ein Namenverzeichniss
aller bis jetzt in Würtemberg gefundenen Phanerogamen ohne Stand-
orte, nur 1287 Arten enthaltend, d. h. über 100 Arten weniger als im
Königreich Hannover (nach meiner Handschrift) bekannt sind: wo-
durch das Urtheil v. M.’s, dass in Würtemberg noch viel aufzufinden
sei, gerechtfertigt erscheint.
In der Topographie des Oberpinzgau’s (s. Jahresb. für
4840. S.441) befindet sich eine mir durch Beilschmied’s
Auszug (Regensb. Flora 1845. S. 501—507) jetzt bekannt ge-
wordene Arbeit von A. Sauter über die pflanzengeographi-
schen Verhältnisse dieses Bezirks, der zwischen den Tauern
und Kitzbühler Thonschiefer- Alpen das Längsthal der oberen
Salzach begreift.
"Wir finden hier neben Verzeichnissen seltenerer Arten eine
Uebersicht der Pflanzenregionen, jedoch ohne dass die Quelle der
Höhenangaben bezeichnet ist. 1. Region des kultivirten Landes.
2400 —4000° an der Südseite, — 3000° ander Nordseite des Gebirgs.
Weidegründe wechseln hier mit Waldungen, spärlicher sind Wiesen
und Aecker. Die meisten Laubhölzer, namentlich ist Alnus incana
häufig, gehen nicht höher. — 2. Waldregion. Durchschnittlich 3500°
bis 5500. Pinus Abies, die den Bestand bildet, soll jedoch nur bis
5000° gedeihen, P. Picea bis 4000', dagegen P. Cembra hier und da
die obern Abhänge bewaldet und an der Tauernkette sogar his 6000°
ansteigt, ebenso hoch wie P. Larix. — 3. Alpine Region. Durch-
sehnittlich 5500 —8000°. Auch sie besitzt wenig Wiesenfläche, mehr
nackten Fels und Gerölle. Die subalpinen Gesträuche bilden hier
keinen geschlossenen Gürtel: Rhododendron ferrugineum findet sich
gruppenweise bis 6000°; Zwergweiden, Empetrum, Arctostaphylos
und Azalea procumbens bis 7000°.
Ueber die Pflanzenregionen bei Trient im südlichen Tyrol
las Perini in der Versammlung der italienischen Naturfor-
scher (Atti di VI riunione p. 460). e
Eine botanische Excursion im nördlichen Istrien hat L. v.
Heufler beschrieben (die Golazberge in der Tschitscherei.
Triest, 1845. 4.).
" Südlich von der Fiumaner Strasse sammelte der Verf. am 16.
Juni auf einem nur 3410’ hohen Bergzuge des Karst 300 Pflanzen-
arten und diese werden in der lJuxuriös gedruckten Schrift nach ihrem
Vorkommen aufgezählt. Auf der beigefügten Charte sind in der
Richtung vom adriatischen Meere bis zur Spitze des Terglou folgende
336 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
Regionen des illyrischen Küstenlandes, jedoch ohne Angabe, wie die
Höhen bestimmt wurden, unterschieden: 1. 0’—500'. Olivenregion.
2. — 2000’. Eichenregion (wobei fehlerhaft, dass die Region der
nordeuropäischen von der der mittelmeerischen Arten nicht unter-
schieden ist. 3. 2000’—4800'. Buchenregion. 4. —6500'. Krumm-
holzregion. 5. —8500'. Region der Alpenkräuter. 6. — 9036’. Schnee-
region. — Die Vegetation der Golazberge zerfällt in Eichenwald
(1500’— 2000’: Quereus Robur, pedunculata, Cerris und pubescens),
Buchenwald (2000'—3410'), Bergwiesen und rupestre Formation. Ne-
ben dieser Haupteintheilung werden noch besondere Gruppirungen
aufgeführt: z. B. Gesträuche von Ornus im untern, von Corylus Avel-
lana im obern Theile der Eichenregion, Kräuterwiesen mit Cytisus
und Genista u. S. w.
Ein Verzeichniss der seit dem Erscheinen der neusten
Schrift über die Flora des Banat (Rochel’s Reise in das Banat.
4838) in dieser Provinz aufgefundenen Pflanzen hat Wierz-
bicki publieirt (Regensb. Flora 1845. S. 321 — 325); ebenso
Prof. Fuss in Hermannstadt ein Verzeichniss von 319 sie-
benbürgischen Pflanzen mit Fundorten (Archiv des Vereins
für siebenbürg. Landeskunde. Bd. 2. Hft. 3).
Die Abhandlung von O. Heer über die obersten Gren-
zen des thierischen und pflanzlichen Lebens in den Alpen der
Schweiz (Zürich, 1845. 4.) ist zwar wegen der darin beschrie-
benen und abgebildeten neuen Insecten der Schneeregion für
Zoologie wichtiger als für Botanik, enthält jedoch einige schätz-
bare Beobachtungen über die Pflanzenformen, welche unter
besonderen Bedingungen noch über der Sclneelinie (8500')
vegetiren. -
Weit über Phanerogamen und Moose reichen Lichenen hinaus,
die auch auf dem Gipfel des Montblanc vorhanden sind. Von allen
Phanerogamen fand H. im höchsten Niveau Androsace glacialis (pen-
nina Gaud.) bei 10700’ auf dem Piz Linard; von dieser Höhe abwärts
der Reihe nach von 10700’ bis 10000' auf verschiedenen Firninseln,
d. h. wegen der Lage oder Abdachung schneefreien Plätzen der rhä-
tischen Alpen: Gentiana bavarica var. imbricata, Silene acaulis,
Chrysanthemum alpinum, Ranunculus glacialis, Cerastium latifolium
var. glaciale, Saxifraga oppositifolia und bryoides, Cherleria, Poa
laxa. Zu diesen gesellen sich zwischen 10000’ und 9000’ noch 50,
und bis 8500’, d. h. bis zur Schneelinie abwärts noch 46 andere Ar-
ten, so dass die ganze Flora der Schneeregion in den rhätischen
Alpen aus 106 Phanerogamen besteht, welche sich auf 23 Familien
vertheilen, Alle diese Gewächse sind perennirend, die meisten Rasen
bildend, also auch ohne Samenreife sich fortpflanzend, alle klein und
» . Kup ERDE
Pflanzengeographie während des Jahres 1845, 537
niedergedrückt, daher weniger von der Luft- als Bodenwärme affıcirt:
ja die beiden einzigen Holzgewächse sind Zwergweiden, die ihren
Stamm fast ganz in die Erde verstecken. Und doch erhebt sich auch
die Bodentemperatur in den angegebenen Höhen wahrscheinlich nur
kurze Zeit über den Gefrierpunkt. Dass dennoch das Wachsthum
dieser Pflanzen möglich sei, erklärt der Verf, sehr richtig aus der
Kürze ihrer Vegetationszeit, indem sie, ins Tiefland versetzt, ohne
Ausnahme als Frühlingspflanzen sich verhalten, die in wenigen Wo-
chen vom Ausschlagen zur Fruchtreife gelangen, während hingegen
ihr Winterschlaf um so länger andauert. Ausserdem zeigen sie im
Tieflande sämmtlich die grösste Unempfindlichkeit gegen die Kälte,
so dass sie selbst in der Blüthezeit, von Frost überfallen, keineswegs
leiden. Auch wenn an ihrem hohen Standorte einmal für sie in
einem Jahre gar kein Frühling erwachte, so würden sie selbst eine
mehrjährige Winterruhe ertragen, ohne abzusterben. Bei Vegeta-
tionsbedingungen, welche so verschieden von denen des flachen Lan-
des sind, ist es erklärlich, dass die Phanerogamen der Schneeregion
freiwillig in die Thäler sich niemals verbreiten. Bei den Kryptoga-
men ist es anders: denn je niedriger die Organisation stehe, desto
weniger, meint H., brauchte die Form umgebildet zu werden, um
sie dem fremdartigen Klima anzupassen.
Mougeot und Nestler haben von ihrer bekannten
Sammlung getrockneter Kryptogamen aus den Vogesen, in
Verbindung mit W. P. Schimper, die zwölfte Centurie her-
ausgegeben (Stirpes eryptogamae Vogeso-Rhenanae. Fasc. XII.
Bruyere, 1844. 4.).
Französische Lokalfloren und Beiträge zur Systematik
französischer Pflanzen: Obseryations sur quelques plantes Lor-
raines par Godron (Nancy, 1835. 8. 31 pag.): Nachträge zu
dessen Flora von Lothringen enthaltend; Choulette Synöpsis
de la Flore de Lorraine et d’Alsace. Partie I: Tableau analy-
tique (Strassb. 1845. 16.); Cosson et Germain Flore de-
seriptive et analytique des environs de Paris (Paris, 1845. 8.
2 Vol.): durch Genauigkeit und systematische Untersuchungen
ausgezeichnet, z. B. über Astrocarpus Olusii, Trifolium pari-
siense, Euphrasia Jaubertiana, Potamogeton tuberculatus, Ca-
rex Mairii Aufschlüsse gewährend; Puol catalogue des plan-
tes, qui croissent dans le departement du Lot (im Annuaire
du departement p. 1845 et 1846): bis Hexandria reichend; F.
Schultz Fortsetzung der Mittheilungen über französische
Orobanchen (Regensb. Flora 1845. p. 738); Desmazieres
elfter Beitrag zur französischen Kryptogamenkunde, Pilze ent-
haltend (Ann, sc. nat. 1845. 3. p. 357—370).
338 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
Die im vorigen Jahresbericht erwähnten, trefflichen Unter-
suchungen von Ch. Martins über das Klima Frankreichs
sind. jetzt in ‚grösserer Ausführung publieirt worden und: mit
einer Darstellung der pflanzengeographischen Verhältnisse ver-
mehrt (Essai sur la meteorologie et lä geographie botanique
de la France: besondere Abtheilung des eneyelopädischen
Werks Patria. La France ancienne et moderne. Paris. 8.):
. Die französische Pflanzengeographie gründet sich inzwischen nur
auf die in Duby’s Botanicon gallicum gegebenen Thatsachen. Durch
eine Reihe von Verzeichnissen wird die Vertheilung von etwa 3700
Phanerogamen über Frankreich gezeigt: 1. 1250sp. sind durch das
ganze Land verbreitet, d.h. sie konimen zugleich in den Lokalfloren
von Boreau, Godron, Cosson und Germain, Dumortier und in Ben-
thams Catalog der Pyrenäen-Flora vor. 2. Etwa 30 sp., grösstentheils
in. Mitteleuropa weit verbreitet, entsprechen in Frankreich dem Vo-
gesen- und Seine-Klima (s. vor. Jahresb.). 3. Etwa 30 sp. des Rhein-
thals sind auf das Vogesen-Klima beschränkt: von diesen ‚werden
Gebirgspflanzen der Vogesen getrennt, die jedoch ‚auch auf anderen
französischen Gebirgen vorzukommen scheinen, ferner südliche For-
men des Rheinthals (10 sp.), die inzwischen nach ihrer Verbreitung
vielmehr mit der dritten Liste zu coordiniren sind. 4. Etwa 30 sp.
nordwestliche Pflanzen, die dem Seine-Klima entsprechen. 5. Das
centrale Frankreich bildet ein Uebergangsgebiet vom Norden zum
Süden und hat nur 3 sp. eigenthümlich. 6. 750 sp. südfranzösische
Pflanzen entsprechen dem Garonne- und Rhone-Klima, finden. sich
aber zugleich auch im mittelmeerischen Gebiet. 7. 800 sp. sind auf
das mittelmeerische Klima beschränkt. 8. 500 sp. gehören der suh-
alpinen Region französischer Gebirge an, welche M. zwischen dem
46° und 49° N.Br. auf das Niveau von 600 bis 1600m, südlich vom
45° von 1000m bis 1800m rechnet. 9. 300 sp. wachsen über dieser
Grenze in der alpinen Region. — Zum: Schluss folgen auch 'Pflanzen-
listen nach den Standorten.
In derselben Schrift publieirt M. auch folgende Messungen von
Vegetationsgrenzen im Dauphine:
Roggenkultur. Obere. Grenze.
Col de la Vachere Nordseite 1745m. Südseite 2110m .
Fagus sylvatica. O. Gr.
Grande Chartreuse 1465m. Col des 7 Lacs. 1475m,
Pinus Abies. O. Gr. *
Grande Chartreuse 1631m. Strauchartig —1900m .
P. Picea. O..Gr. -
Col des 7 Lacs Nordseite 1770m, Südseite 2015m.
Alnus viridis. O. Gr.
Col des 7 Lacs Nordseite 1910.
u en Sn ee ee Mr u re u
Pflanzengeographie während des Jahres 1845. 339
Sorbus aucuparia. O. Gr.
Col de la Vachere Nordseite 000m.
Rhododendron. Untere Grenze.
Col des 7 Lacs Nordseite 1160m. Grande Chartreuse 1660». Col
de la Vachere Nordseite 2125m.
Obere Grenze.
Col de la Vachere 2410m.
Pinus Cembra. Untere Grenze.
Col de la Vachere 1740m,
Obere Grenze.
Col Longet 2515m.
P. Larix. O. Gr.
Col Longet 2515.
Zwei öde, fast wüste Gegenden an der südfranzösischen
Küste hat v. Daum beschrieben (Bemerkungen über die Land-
wirthschaft in Südfrankreich. Charlottenb., 1844. 8.):
Die Ebene der Crau, südlich von Arles gelegen, fast 25 Qua-
dratstunden gross, eine Kiesfläche mit einzelnen, jedoch nahrhaften
Stauden und Gräsern, auf welcher kein Ackerbau getrieben werden
kann, sondern nur 300000 veredelte Schafe vom Spätherbst bis zum
Frühling, bis sie in die Sennen der Seealpen ziehen, zur Weide
gehen, und welche man gegenwärtig anfängt, durch künstliche Be-
wässerung in Wiesengrund zu verwandeln; sodann die Ebene der
Camargue im Rhonedelta, eine sumpfige Salzmarsch, fast zur Hälfte
Wasserfläche und Sumpf, übrigens Weideland und wenig Acker, wo
man jedoch mit Hülfe eines grossen Kapitals gleichfalls beginnt,
durch Entwässerungskanäle Grosses zu leisten. Ueber den Acker-
bau in der Provence bemerkt der Reisende, dass wegen des Wein-
stocks, der viel Dünger erfordert, ohne dem Vieh Nahrung zu geben,
vorzüglich das Augenmerk auf Futterbau gerichtet sei: denn da es
keine Wiesen gebe, müsse der Luzernklee auf dem Acker Alles lei-
sten, Dies zeichnet den Naturcharakter des Landes.
In Cuynat’s Topographie von Catalonien (Memoires de
V’academie de Dijon. 1845) befindet sich ein Catalog der in
dieser spanischen Provinz beobachteten Pflanzen (2.p.91—100).
600 Arten werden aufgezählt, allein dieselben sind grossentheils
an den mittelmeerischen Küsten weiter verbreitet, als dass sie eine
xichtige Vorstellung von dem eigenthümlichen Gepräge der cataloni-
schen Vegetation, welche noch nicht dargestellt ist, zu verschaffen
vermöchten.
Als Beitrag, diese Lücke auszufüllen, ist Willkomm’s
Skizze des Monserrat zu erwähnen, womit er seine botani-
schen Berichte ans Spanien beschliesst (Bot, Zeit. 1846).
Dieses isolirte Conglomerat-Gebirge, welches der Reisende im
April besuchte, ist kaum über 3000' hoch, allein die Kuppe nur durch
P2
340 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
ein tiefes Felsenthal zugänglich, das in nordwestlicher Richtung ein-
schneidet, während die Aussenseiten unersteiglich steil sich erheben.
In Catalonien reicht die „warme Region”, ohne Zweifel der R. des
Chamaerops (s. unten) entsprechend, kaum über 1000’, daher der
grösste Theil des Monserrat „der Bergregion” (R. der immergrünen
Eichen) angehört, und der Gipfel sogar die subalpine Region (R. der
Kiefer) erreicht. Mittelmeerische, sodann mitteleuropäische sind in
diesem Gebirge mit einer Anzahl pyrenäischer Pflanzen. gemischt.
In der untern Region tragen die Höhen von Bruch Wälder von Pinus
halepensis und Pinea: übrigens ist dieselbe von freudig vegetirendem
Montebaxo bekleidet, aus immergrünen Eichen, Pistacia Lentiscus,
Erica arborea und andern Sträuchern gebildet. -Charakteristische
Pflanzen: Genista hispanica, Euphorbia oleifolia G., Globularia Aly-
pum, Coris monspeliensis, Passerina tinctoria Pourr.; in mittlerer
Höhe: Polygala sawatilis Lag., Erodium supracanum, Sarcocapnos
enneaphylla, Carduus tenuiflorus Salzm., Ramondia pyrenaica, Con-
volvulus sawatilis. Die obere Region war in jener Jahreszeit noch
nicht entwickelt, doch blühten Arczostaphylos uva ursi, Globularia
nana Lam., Nareissus Jonquilla.
Die artenreichsten Familien der Flora von Castilien bilden nach
Reuter’s Sammlung, welche 1232 sp. enthält, folgende Reihe (Bois-
sier Voy. en Espagne. 1. p.207): Gramineen (161 sp.), Leguminosen
(130), Synanthereen (125), Cruciferen (74), Caryophylleen (64), Um-
belliferen (61), Labiaten (53), Serophularineen (52), Rosaceen (38),
Ranunculaceen (33), Boragineen (31), Chenopodeen (26).
Die Sierra Morena besitzt nach Willkomm (a.a.0.) unge-
achtet ihrer gewaltigen Länge und Breite eine ungemein gleichmäs-
sige Vegetation: Mit einer durchschnittlichen Breite von 8 g. Meilen
reicht sie von Murcia bis Algarvien, aber nur als Mittelgebirge,
dessen Kämme grösstentheils nur zu 2—3000’ ansteigen und dessen
höchste Erhebungen kaum 5000’ hoch sind. Durch dichte Bewaldung
oder hohe, schattige Gesträuche, durch diese zusammenhängende,
grüne und frische Vegetation unterscheidet sich die S. Morena von
allen übrigen Gebirgen Andalusiens, die nur noch einzelne Flecken
Wald und einen niedrigern, dürrern Montebaxo besitzen. Geogno-
stisch betrachtet ist das Hauptgestein der S. Morena Sandstein, der
als Grauwacke den grössten Theil des Gebirgszuges zusammensetzt,
A bis 6 g. Meilen breit in sanft gerundeten Bergen und wellenförmi-
gen Kuppen hervortretend, bei Almaden mit Thonschiefern, in der
Provinz Huelva mit Gneis wechselnd und südwärts gegen die Tief-
ebene des Guadalquivir von andern Sandsteinformationen umschlos-
sen. Sodann wird der mittlere Theil des Gebirgs durch die mächtige
Granitformation von Cordova durchbrochen, welche als Hochebene
von Hinojosa sich nordwärts senkt und sich hier an weisse Quarz-
gesteine anschliesst, die zwischen Almaden und Fuencaliente die
höchste Kette der ganzen Sierra zu bilden scheinen. Nach diesen,
Pflanzengeographie während des Jahres 1845, 34
wiewohl petrographisch unbedeutenden, geognostischen Gegensätzen
riehtet sich dem Reisenden zufolge der Charakter der Vegetation.
Auf der Grauwacke ist bis nach Portugal hinein der vorherrschende
Strauch Cistus ladaniferus, welcher die S. Morena in einer Länge
von mehr als 50 g. Meilen überzieht und „häufig ganze Quadratmei-
len ausschliesslich bedeckt.” Nächst diesem sind allgemein PAxlly-
rea angustifolia, Rosmarinus und ein Helianthemum. Die Wälder
der Grauwacke bestehen aus immergrünen Eichen, aus Quercus Hex,
Ballota und Suber: die erstere bleibt jedoch meistens strauchartig.
Das öde und wasserarme, aber dicht bevölkerte Granit-Plateau ist
sehr steril: doch besitzt es ausgedehnte Wälder von Quereus Ilex
und Ballota, übrigens nur sehr kümmerliches Gesträuch von @. lex,
vermischt mit Cistus ladaniferus, Phillyrea angustifolia und Arbutus
Unedo. Die südlichen Sandsteinketten haben einen ungemein üppi-
gen und mannichfaltigen Montebaxo, der bei der Stadt Cordova mit
Gehölzen von Pinien und mit Korkeichen wechselt. Die Quarzge-
steine der Mancha sind gleichfalls von einem sehr formenreichen
Montebaxo bedeckt, unter dessen Sträuchern Ciszus populifolius sich
auszeichnet. Endlich gesellen sich in Huelva zu den übrigen Sträu-
chern auch portugiesische Formen, als Genista tridentata, Ulex
genistoides, mit diesen Erica umbellata, Teuerium fruticans, He-
lianthemum halimifolium. — Leider hat W. die Frühlingsvegetation
der S. Morena, die am interessantesten sein wird, nicht kennen ge-
lernt. Aber erst mit dem Juli beginnt hier die Dürre des Sommers,
dann giebt es bis zum Herbst fast keine blühende Kräuter mehr.
Sehr gleichmässig verbreitet erscheinen. im Herbste verschiedene
Zwiebelgewächse, z.B. Squilla maritima, Scilla autumnalis, Leuco-
jum autumnale, Merendera Bulbocodium u. a.
Die wichtigste Bereicherung der Pflanzengeographie im
verflossenen Jahre ist die grosse Arbeit Boissier’s über den
Südrand von Granada und die Sierra Nevada (Voyage bota-
nique dans le midi de l’Espagne. T.4. Narration und Geo-
graphie botanique. 241 pag. Paris, 1845. 4.: über die früher
erschienenen systematischen Abtheilungen dieses Kupferwerks
[T. 2] s. Jahresb. f. 1840 u. 1841).
B.’s treffliche Darstellung begreift die Küstenterrasse zwischen
Gibraltar und Almeria landeinwärts bis zur andalusischen Hochfläche
und schliesst daher die höchsten Kettengebirge Südspaniens vollstän-
dig ein. Längs der ganzen Küstenlinie erhebt sich sogleich, fast im-
mer ohne Vorland, eine Reihe von einander abgesonderter Gebirgs-
züge aus marmorartigem Kalkgestein, deren Westende jedesmal am
höchsten ansteigt, während ostwärts der Grat allmählich sich senkt:
zu diesem System gehören die Serrania de Ronda (6000), Sierra
Tejeda (6600'), Sierra Gador (7000). Diese Ketten, welche der Küste
parallel laufen, sind als südliche Randgebirge des spanischen Plateaus
342 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
zu betrachten: denn ihr nördlicher Fuss geht in einer Höhe von
2000’ bis 2500' unmittelbar in die Hochebene von Ronda, die Vega
von Granada oder in die grossen Flächen von Guadix und Baza
über. Nur auf 22 Stunden Länge, auf der Linie von Durcal unweit
Granada bis Almeria, ist zwischen den Randketten und der Hoch-
fläche noch die beinahe doppelt höhere, jedoch schmale Kette der
Sierra Nevada eingeschaltet, deren höchste Gipfel bis zu 11000' an-
steigen: sogar die Pässe liegen im westlichen Theile nicht unter
9500', während nach Osten die mittlere Höhe des Kamms bis 8000’
sich zu senken scheint. Die Hauptmasse der S. Nevada ist Glimmer-
schiefer, aber bis zu 6000’ sind an ihren Flanken secundäre und ter-
tiäre Formationen mitgehoben. Als ein bedeutender Bestandtheil
des Gebirgs ist der Distrikt Alpujarra zu bezeichnen, das Längsthal
zwischen der Küstenkette S. Contraviesa und der S. Nevada nebst
den südlichen Querthälern der letztern begreifend. — Einige der von
B. barometrisch gemessenen Höhen sind: Plateaustädte Ronda —2300',
Granada —=2200'; S. Nevada: Meierei San Geronimo —=5064', Col
de Vacares — 9477, Picacho de Veleta = 107%8, Mulahacen
— 10980". x
Vier Pflanzenregionen, welche B. in Südgranada unterscheidet,
haben ihm 1900 Gefässpflanzen geliefert, die er für vier Fünftel aller
dort einheimischen zu halten geneigt ist. Zu den allgemeinen Cha-
rakteren der Flora rechnet B., dass zahlreiche Formen den Boden
gesellig bedecken, und ferner, dass unter allen Ländern Europa’s
Südspanien an dornigen Gewächsen das reichste ist und dadurch an
die vorderasiatischen Steppen erinnert, wiewohl die Dornen entwik-
kelnden Familien nieht dieselben sind.
Die warme Kegion (R. chaude) begreift den Küstenabhang bis
zum Niveau von 2000’. Intensive atmosphärische Niederschläge fallen
während des October und November; die weniger regelmässige Früh-
lings-Regenzeit dauert vom Februar bis März, zuweilen bis in den
April; ununterbrochene Dürre herrscht vom April bis Ende Septem-
ber: die trockene Jahreszeit hat also hier wahrscheinlich eine län-
gere Dauer, als an irgend einem andern Punkte der mittelmeerischen
Flora. Ueber die Vertheilung der Wärme werden fast dreijährige
Beobachtungen. aus Malaga von Haenseler (1836 — 1839) mitgetheilt,
deren Temperatur-Extreme und monatliche Mittel, aus den entspre-
chenden Monaten der Beobachtungsjahre *) berechnet, folgende
Werthe ergeben:
Med. Max. Min. Med, Max. Min.
Januar 120,25 170,22 ..6%,2 März 159,81, 219,62 10%,0
Februar 149,3 180,25 61 April .17%,8 259,0 ©1.119,25 -
*) Die von mir berechneten Mittel beziehen sich für Juni, Juli
und August auf 2, für die übrigen Monate auf 3 Jahre, |
EN
Pflanzengeographie während des Jahres 1845. 343
Med. Max. Min. s Med. Max. Min.
Mai SARA 5 150,72 Sept. 240,4. 299,87 , 199,37
Juni 239,4. 26°,87200,421.0ct. 220,25: 259,9 19°,25
Juli 269,2 31%87.0.23%5 Nov. 18°,15:) 22°,75 11%
August ©26°%,8 30%,6 230,75 Dec. 15°,75 21%,0 80,5
Mittlere Jahrestemperatur = 17°,3.
Die Vegetation durchläuft folgende, diesem Klima entsprechende
Phasen: nach der trockenen Jahreszeit entwickeln sich Liliaceen mit
den ersten Regen des October oder November; hierauf folgen die
annuellen Pflanzen, die den ganzen Winter hindurch blühen; in den
April und Mai fällt die Blüthezeit der meisten Gewächse; im Juni
und Juli, wo die jährigen Kräuter sämmtlich verdorrt sind, blühen
noch Stauden aus den Familien der Synanthereen, Umbelliferen und
Labiaten; vom August zum September herrscht endlich die tiefste
Ruhe des Pflanzenlebens, so dass nur noch zwei oder drei Liliaceen,
Mandragora und Atractylis gummifera übrig bleiben. — Botanisch
ist die warme Region zunächst durch Chamaerops charakterisirt,
welcher grosse Strecken bedeckt und der Kultur entzieht: wie in
Valencia steigt er nur bis 2000' an. Unter den Kulturgewächsen
entsprechen die Orangen gleichfalls genau dem Bereich dieser Re-
gion. Uebrigens ist der Boden vorzüglich dem Weinstock einge-
räumt, dessen Trauben gegen Ende August reifen. Die Cerealien
bedürfen der Bewässerung von auswärts: wohin das Gebirgswasser
durch sein Gefälle oder durch Aquaeducte gelangt, sieht man zuwei-
len die reichsten Mais- und Weizen-Felder, umschattet von Orangen-
und Morus-Bäumen. Aber solche Oasen sind selten an diesen nack-
ten und dürren Gehängen, wo der Weizen schon in, der letzten
Hälfte des Juni, die Gerste im Mai geerndtet wird. Auf ein schma-
les Litoral, welches bald als salzhaltige Lagunen-Fläche, bald als
Hügelstreifen die Küstenketten umgürtet und nur bei Malaga eine
grössere Alluvial-Ebene aufnimmt, sind hingegen die Kulturgewächse
der heissen Zone beschränkt (0'—600'), wie das Zuckerrohr, die
Baumwolle, Batate, desgleichen die Dattelpalme und Ceratonia,
ebenso die eingewanderten Agaven und Opuntien, so wie mehrere
einheimische Gewächse, als Aloe perfoliata, Withania: einheimische
Bäume fehlen in diesem Litoral ausser der Weisspappel durchaus.
Ueberhaupt zählt B. für die warme Region 19 Baumarten auf, unter
denen jedoch ein Theil gleich den Agrumen fremden Ursprungs ist.
Als einheimisch können nur gelten: — 2000’ ansteigend Ceratonia,
Zizyphus, Punica, Celtis australis, Populus alba und in die folgende
_ Region reichend, wo sie häufiger werden, Ficus Carica (0 — 3000",
am Südabhange — 4000’), Olea europaea (s. u.), Quereus Ballota und
lusitanica (— 3000), Q. Suber (—A000'), @. ex (—4500') und Pinus
Pinaster (5. u). — Zu den wichtigsten Formationen der warmen Re-
gion gehören: a. Maquis (Montebaxo). Gesträuche von 3 bis 6’
Höhe bedecken den grössten Theil des geneigten Bodens, aus Cha-
344 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
maerops, mehreren Cisten, namentlich ©, /adaniferus, albidus und
Clusü, Pistacia Lentiscus, Rhamnus Iycioides, Philyrea, zahlxeichen
Genisteen, am häufigsten Genista umbellata und Retama sphaero-
carpa, und aus einigen Eichen gebildet, in deren Schatten zahlreiche
annuelle Kräuter und Gräser im Winter und Frühling blühen , selte-
ner später entwickelte Stauden. Gesträuche von Nerium bezeichnen
den feuchten Uferboden. d. Campi. Auf nackter Oede herrschen
Thymbra capitata, Lavandula multifida, Teuerium Polium und zahl-
reiche Stauden, unter denen Kentrophyllum arborescens ‘sich aus-
zeichnet. An andern Orten tritt an deren Stelle die gesellige Ma-
crochloa tenacissima. An diese beiden Hauptformationen schliessen
sich sodann noch die Halophyten des Litorals, die Gewächse, die
auf nacktem Fels, die in den Sümpfen von Malaga heimisch sind,
endlich die Pflanzen des Kulturlandes mit seinen Hecken von Agaven
und Opuntien. — Zu den endemischen Formen der warmen Region
von Granada gehören: Calha europaeu (Celastrus Voy.), Genista
umbellata und gibraltarica, Sarothamnus baeticus und malacitanus,
Ulex baeticus, Leobordea lupinifolia, Ononis gibraltarica und fili-
caulis, Elaeoselinum Lagascae und foetidum, Lonicera cunescens,
Withania frutescens, Triguera ambrosiaca, Lycium intricatum, La-
Juentea rotundifolia (nach Willkomm, fehlt bei B.), Digitalis lacı-
niata, Sideritis lasiantha und arborescens, Salsola Webbii, Passerina
canescens und villosa, Osiris quadrifida, Euphorbia medicaginea und
trinervia, Quercus Mesto, Salix pedicellata, Ephedra altissima.
Die zweite Region (R. montagneuse), oder die Region des spa-
nischen Plateaus, ist Spanien eigenthümlich und mit der Gebirgs-
vegetation anderer europäischer Länder nicht vergleichbar. Zur
Einleitung in B.’s Darstellung schicke ich hier eine Bemerkung über
die klimatische Ursache dieses eigenthümlichen Verhältnisses voraus.
In Italien, Dalmatien, in der Türkei finden wir unmittelbar über der
immergrünen Region waldreiche Abhänge mit mitteleuropäischen
Baumformen und andern diesseits der Alpen heimischen Gewächsen:
Laubhölzer, die im Winter die Blätter verlieren, fangen oft schon
bei 1200' oder 1500' an, diese zweite mitteleuropäische Region zu
bezeichnen, In Spanien werden von Boissier, wie von Andern, zwei
immergrüne Regionen unterschieden: eine untere, die nach ihrem
Vegetationscharakter mit der italienischen oder dalmatischen über-
einzukommen scheint und bis 1500’ in Catalonien, bis 2000’ in Gra-
nada reicht, eine obere, die von 2000’ bis über 4000’ sich ausbrei-
tend den grössten Theil Spaniens einschliesst und im ganzen euro-
päischen Süden keine Analogie hat. Es ist durch Schouw’s Unter-
suchungen dargethan, dass die klimatische Ursache der immergrünen
Vegetation am Mittelmeer in der Dürre des Sommers liegt, welche
die nordeuropäischen Gewächse nicht ertragen. Ausserhalb Spaniens
finden die letztern auf den südeuropäischen Gebirgszügen ihre Le-
bensbedingungen wieder, in der Nähe der Wolkenregion, wo auch
ı He ee 2 tn A
u
Pflanzengeographie während des Jahres 1845, 345
im Sommer die Luft aus dem Wasserdampf Nebel bildet, wo die
gesunkene Temperaturskale das nördliche Klima wiederholt. Die
spanischen Hochflächen ‘hingegen ‘sind im Sommer noch :dürrer, als
die Küstengegenden: hier folgen auf den feuchtmilden Frühling, \der
alle Pflanzen zur Blüthe treibt, ein heisser, trockner Sommer, ein
kalter Winter, die drei Jahreszeiten der russischen Steppe scheiden
sich aus. Wenn sich‘ hierdurch erklärt, dass einige Gewächse des
spanischen Plateaus in der Krim oder auf den kleinasiatischen Hoch-
flächen wiederkehren, so ist deren’Anzahl doch nur klein: denn der
Gegensatz des insularen vom excessiven Klima des innern Kontinents
macht sich hier so sehr geltend, dass der grösste Theil der spani-
schen Pflanzen die hohe Winterkälte der ‘östlichen Hochebenen und
Steppen nicht erträgt. Es muss daher ein grosser Theil der spani-
schen Plateau-Flora aus‘ endemischen Gewächsen bestehen, weil
solche klimatische Bedingungen nirgends in Europa wiederkehren,
Dies macht sich in Centralspanien (s. Jahresb. f. 1843) noch viel auf-
fallender bemerklich, als in Granada, wo auf den Abhängen des Ge-
birgs der Plateau-Charakter weniger entwickelt und auch die Vege-
tation 'formenärmer ist. Allein .es ist klar, dass in 'einem solchen
Klima mehr Pflanzen der immergrünen Küsten-Region fortkommen
können, als des nördlichen und mittlern Europa’s.'— Boissier, um
zu ihm zurückzukehren, rechnet die dem spanischen: Plateau ent-
sprechende Region in Granada von 2000’ bis 4500’ 'an nördlichen, bis
5000’ an südlichen Abhängen. In diesem Bereich, aber nicht fern
von der untern Niveaugrenze, liegen die Städte Granada und Ronda,
wo im Winter das Thermometer regelmässig einige Tage 3—4° unter
den Gefrierpunkt fällt. An der obern Grenze, z. B.'im Dorfe Tre-
velez in den Alpujarras, bleibt der Schnee sogar 4 Monate liegen,
vom December bis April. Die Sommerwärme ist in Granada oft
grösser, als an der Küste, aber die nächtliche ‘Abkühlung sehr be- .
merklich. Die Vertheilung der atmosphärischen Niederschläge ist
dieselbe, wie in der untern Region: nur dass im Sommer sich nicht
selten an der S. Nevada Gewitterstürme ausbilden und daher der
Boden selten so vollkommen ausdorrt, wie unten. — Der Ackerbau
ist wesentlich Weizen- und Mais-Kultur, deren obere Grenze zugleich
Grenze der Region ist. Im Juli, oder an höhern Standorten zu An-
fang August wird der Weizen geerndtet. Bis‘ zu demselben Niveau,
wie der Weizenbau, reicht auch die Kultur der Obstbäume: die Ka-
stanie, Morus und Wallnuss bis 5000’, etwas höher Birnen und Kir-
_ sehen (letztere lokal bis 6500'). Am merkwürdigsten aber ist die
;
Erscheinung, dass hier, ganz abweichend von ihrem horizontalen
Areal, der Oelbaum und Weinstock nahezu bis zu gleichen Niveau-
grenzen fortkommen (Olea am Nordabhang bis 3000', am Südabhang
bis 4200’; Vitis bis 3500’ und 4200’). — Die Formationen der zweiten
Region sind fast dieselben, wie in Castilien:#. Maquis von glei-
chem Ansehen, wie in der untern: Region, aber grösstentheils aus
Archiv f. Naturgesch,. X1J, Jahrg. 2. Bd, X
346 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
verschiedenen Arten gebildet. Genisteen und Cisteen' sind hier all-
gemeiner, namentlich vorherrschend Cistus populifolius, Genista hir-
suta, ferner Sarothamnus arboreus, Ulex provincialis, Daphne Gni-
dium, Rosmarinus u. a, — 'b. Lichte Waldungen von Pinus Pi.
naster (1200'—4000') und P. halepensis (2—3000°) oder: von immer-
grünen Eichen, nämlich von Quercus Iex, Ballota, Suber'(s. 0.).
Das Unterholz wird auch hier von Cistus- Sträuchern gebildet, ‘die
um so dichter wachsen, je weiter die Bäume auseinander rücken,
Charakteristische Formen der Waldvegetation: Cistus laurifolius,
populifolius und salvifolius, Lithospermum prostratum, Herniaria
incana, Scabiosa tomentosa u.a. In der Serrania de Ronda ersetzt
diese Haine ein gemischter Waldbestand von Adies Pinsapo B. (3500'
bis 6000’) und Quercus alpestris B. (3000'— 6000’). : Ausser den ge-
nannten kommen nur noch folgende Bäume in dieser’ Region vor:
Fraxinus excelsior (3000'— 5000), Ulmus campestris: (2000'-- 4000)),
Populus nigra (2000'—5000') und Pinus Pinea (3000').. — €. Tomil-
lares. Niedrige Halbsträucher und Stauden aus: den Familien ‚der
Labiaten, Synanthereen und Cistineen bilden eine ‚dichte Pflanzen-
decke, aus welcher stellenweise hohe Stipa-Rasen sich absondern,
Charakteristische Formen: TAymus Mastichina, zygis und: hirtus,
Salvia Hispanorum, Teucrium capitatum, Sideritis hirsuta, Helian-
themum hirtum, Stipa Lagascae, Linum suffruticosum,. Artemisia
Barretieri und campestris, Lavandula Spica und: Stoechas, Heli-
chrysum serotinum, Santolina, rosmarinifolia. — d. Wiesen‘von
harten, hohen Gräsern, welche das Vieh wenig berührt, ‚aus Avena
‚Klifolia und bromoides, Festuca granatensis und Macrochloa tena-
cissima bedecken einzelne Abhänge. — e. Cynareen-Vegetation auf
Brachäckern des Thonbodens. — ‚f. Gyps- Vegetation mit. Halophy-
ten (vergl. Reuter’s Beschreibung von Castilien im Jahresb. f. 1843),
besonders auf den Hochflächen von Guadix ‘und Baza | verbreitet.
Charakteristische Pflanzen, meist glauceseirend und zum Theil’ mit
fleischigen Blättern: Peganum, Frankenia thymifolia und corymbosa,
Lepidium subulatum, Ononis crassifolia, Helianthemum, squamatum,
Statice, Atriplex, Salsola, Juneus acutus. — Zu den endemischen
Formen der zweiten Region von Granada gehören ausser. den ge-
nannten z. B.: Aplectrocapnos baetica, Crambe filiformis, Hyperi-
cum baeticum und caprifolium, Rhamnus velutinus, Ules baeticus,
Genista biflora und Haenseleri, Sarothanınus affınis, Ononis spe-
ciosa, Anthyllis tejedensis, Saxifraga gemmulosa, Elaeoselinum mil-
lefolium, Lonicera splendida, Santolina canescens, viscosa und pecti-
nata, Centaureu acaulis, Clementei, Prolongi und granatensis, Cy-
nara alba, Chamaepeuce hispanica, Digitalis laciniata, Salvia can-
delabrum, Thymus longiflorus, Teuerium fragile und Huenseleri,
Salsola Webbii und genistoides, Euphorbia Clementei und, leuco-
tricha, Oligomeris glaucescens.
Dritte Region (R. alpine B.'s) von 4500’ (5000’)—&000'. “Der
Do ua
Pflanzengeographie während des Jahres 1845, 347
Name für diese Region ist nicht glücklich gewählt, da man sie höch-
stens mit der subalpinen Vegetation ‚der-Alpen vergleichen könnte.
Allein da hier neben vielen endemischen wenigstens ein grosser Be-
standtheil (2) aus mitteleuropäischen Gewächsen besteht, so würde
es passender sein, nach diesen die Region zu bezeichnen. Aber
wichtiger als über den Namen ist die Frage, ob die Region natur-
gemäss begrenzt sei. Hierbei fällt es: sogleich auf, dass die Baum-
grenze, welche in den meisten Gebirgen so scharf die mitteleuropäi-
sche von der alpinen Region abscheidet, hier in die Mitte der letz-
tern fällt (6000'— 7000’), wie sie B. nämlich bestimmt hat. Zu den
Bäumen, welche hier vegetiren, gehören Pinus sylvestris, Tazus,
Salix caprea, Sorbus Aria, also in der That Formen des mittel-
europäischen Waldes. Mögen nun gleich an der S. Nevada die Wäl-
der überhaupt so sehr zurücktreten oder im Laufe der Zeit ver-
schwunden sein, dass sie wenigstens heutiges Tags auf den Natur-
charakter des Gebirgs nicht bedeutend einwirken, so. ist es doch,
um Vergleichungen mit andern Gebirgen möglich zu machen, noth-
wendig, nach der Verbreitungssphäre solcher Arten die Regionen zu
bestimmen, welche einen, grossen Theil von Europa bewohnen und
daher für das Klima einer einzelnen Region den sichersten Massstab
abgeben. Bei der Eintheilung eines Gebirgs in Regionen soll nicht
bloss aufgefasst werden, in welchen Höhen die Vegetation einen ent-
schiedenen Wechsel erleidet, sondern auch wo die Klimate anderer
Breiten annäherungsweise wiederkehren: eine Bestimmung, die nur
durch Vergleichung der vertikalen Verbreitung gleicher Gewächse
möglich ist. Hierzu kommt noch ein anderer ‚entscheidender Grund,
‚welcher dazu nöthigt, die Regionen der S. Nevada jenseits der Baum-
grenze (R. alpine zum Theil und R. nivale B.’s) in eine einzige zu-
sammenzufassen.. Zwischen beiden stellt B. keinen andern durch-
greifenden Unterschied fest, als dass in der Region nivale Schnee-
flocken im Sommer liegen bleiben und dass die höhern Sträucher
fehlen. Denn dass zugleich mit der Höhe die alpinen Gewächse
selbst.sich vielfach ändern, finden wir überall in den obern Gebirgs-
zegionen,. die man hiernach beliebig eintheilen könnte, ohne die
Richtigkeit und Deutlichkeit des Bildes dadurch zu erhöhen, Nun
entspricht aber offenbar die Region der Genista aspalathoides den
Rhododendren der Alpen, den Zwergbirken und Weidensträuchern
des Nordens: Formationen, die man stets zur alpinen Region gerech-
net oder als subalpine von dieser ausgeschieden hat. Hiernach
schlage ich für Granada folgende Regionen vor, die mit andern Ge-
birgsländern Südeuropa’s vergleichbar sind und wobei das Auffal-
lendste, dass die alpine Region einen sehr weiten, die mitteleuropäi-
sche einen sehr engen Höhenumfang hat, der allgemeinen, anderwei-
tig von mir erörterten Thatsache gegenüber verschwindet, dass in
Europa die Baumgrenze südwärts von den Alpen sich nicht erhebt.
x*
348 - Grisebach: Bericht über die Leistungen’in der
A. Immergrüne Region. 0’— 5000’ (4500). . b sah am
a. Region des Chamaerops. 0'—2000'. (R. chaude B/s.)
db. Region der Cisten. 25000’ (4500'). (R. 'montagheuse'B?s‘)
B. Mitteleuropäische Region oder R. der Kiefer. 5000’) (4500) bis
6500. (R. alpine B.’s zum Theil.) uLZe BE
©. Alpine Region. 6500' — 11000’. ‚h undi EDIT E IT?
a. Region alpiner Sträucher. 6500°—8000'. (R, alpine 2. Th.)
5. Region alpiner Stauden und Gräser, 8000" ARAUNBr (R.ni-
vale B.’s.) n He
Allein wir müssen hier der weitern Darstellung Boissier’s folgen und
daher die beiden Regionen, welche in seiner R. alpine enthalten
sind, zusammenfassen. Im obern T'heile derselben bleibt der Schnee
schon Ende September liegen und die letzten Schneemassen schmel-
zen erst Anfang Juni (also Klima der alpinen Region ‘der ’Alpen),
während im untern Theil der Boden nur vier Monate von Schnee
bedeckt ist (also Klima der Coniferen-Region). ‘Die Vertheilung der
Wärme entspricht übrigens der Küstenlage: der Winter’ ist nicht kalt,
im Sommer nie über 25° Wärme. Die atmosphärischen Nieder-
schläge vertheilen sich "hier über das 'ganze Jahr, indem ‘Nebel und
Gewitter im Frühling und auch den Sommer’ hindurch den Erdboden
frisch 'erhalten und zwar’ im höhern Grade am nördlichen‘ als am
südlichen’ Abhange, woraus 'sich der grössere Pflanzenreichthum‘ der
Nordseite des Gebirgs erklärt: damit sind’ folglich alle’ Vegetations-
bedingungen des eisalpinischen 'Buropa’s gegeben. — Ackerbau wird
hier nur ‘wie im Garten, an den Sennhütten (Hato’s), getrieben: Kar-
toffeln und’ Roggen), letzterer meist nur bis 6300), an einem einzigen
Orte des Südabhangs'sogar noch bei 7600. Feste Wolinsitze fehlen,
nur als Weide wird der Boden genutzt, doch"ohne \dem Vieh’ die
reiche Nahrung’ anderer Gebirge darzubieten: denn der‘ zusammen-
hängende Wiesenrasen ist selten und auch hier bedecken Sträucher
und Dornen: den grössten Tlieil ‘der Abhänge. —! Formationen der
mitteleuropäischen Region: a. Gesträuche von Surothammus sco-
parius, Genista ramosissima und ‘Quercus Toza, bis’'6000' ansteigend;
an den Sennhütten statt dessen Dickichte von Rosw'canina. und Ber-
beris vulgaris. — b. Lichte Wälder von Pinus syloestris (5000'—
6500’), auf der S. Nevada von geringer Ausdehnung, ’die Bäume nur
20 bis 30' hoch; auf der Serrania de Ronda die bei der vorigen Re-
gion erwähnten Pinsapo- Wälder "nebst einzelnen‘ Taxus-Bäumen
(5—6000°). Auch'die Sierra de las Almijarras, südlich von der’Stadt
Granada, ist zum Theil 'bis zum "Gipfel von 'Nadelholz''bewaldet
(s. u.), so wie denn’ überhaupt‘ die heutigen Wälder nur Vals' die
Ueberreste des zerstörten Coniferengürtels erscheinen, der einstmals
alle diese Gebirge umkleidete. Auch‘in den Flussthälern der 'S. Ne-
vada’ finden sich einzelne Baumgruppen, als Ueberreste''grösserer
Gehölze, worunter folgende Arten, zum Theil nur in einzelnen Stäm-
men vorkommen: Sorbus Aria (5000'—6500'), Cotoneaster granatensis,
Pflanzengeographie während des Jahres 1845, 349
(5000'’—6000'), Adenocarpus decorticans (4500'—5500'), Acer opulifo-
Zium: (5000'—-6000'), FPrazinus ezcelsior (3000'-5000), Salix caprea
(6000’— 6500) und Lonicera arborea (6000'— 7000'), die unter allen
Bäumen am höchsten steigt. — c. Dornige Halbsträucher von
niedrigem Wuchs bilden mit a. eine isohypsile Formation, die be-
sonders dem Kalkboden angehört: Erinacea hispanica, Genista hor-
rida, Astragalus creticus, Vella spinosa und Ptilotrichum: spinosum.
— Sodann besitzt die Region noch mannichfaltige Felspflanzen, be-
sonders das Kalkgestein: endlich sumpfige Quellen nebst beschränk-
ten'Wiesen in den Thälern, und dieses simd die Standorte, wo die
meisten mitteleuropäischen Arten sich vorfinden. — Formationen,
die nach meiner Beurtheilung zur alpinen Region zu zählen sind: a.
F. des Piorno (Genista aspalathoides). Dieser Strauch, lokal zu-
weilen durch Juniperus nana und Sabina ersetzt, bildet übrigens
einen breiten, zusammenhängenden Vegetationsgürtel (—8000') und
verbreitet sich abwärts, gleich den Alpenrosen,- eine Strecke weit
in die Waldungen herab (—5500')., 6. Wiesen von harten Gräsern
sondern sich, auf abhängigem Boden zwischen dem Piornogesträuch
aus. Sie bestehen aus Avena ‚filifolia, Festuca granatensis und. du-
riuscula, Agrostis nevadensis; — Zu ‚den: endemischen Formen der
dritten Region B.’s gehören ausser ‚den genannten z. B.: Sarcocapnos
erassifoliu, Silene Boryi, tejedensis und nevadensis, Arenaria pun-
gens undıarmeriastrum, Erodium trichomanefolium und drei andere
sp.; Anthyllis tejedensis und Ramburei, Astragalus nevadensis, Pru-
nus Ramburei, Sazifraga Haenseleri, Reuteriana, arundana, biter-
nata und spathulata, ‚Reutera gracilis und procumbens, Butinia
bunioides, Scabiosa pulsatilloides, Pyrethrum radicans und, arunda-
num,ıSenecio Boissieri und elodes, Haenselera granatensis, Odontites
granätensis, Thymus granatensis und membranaceus, Teuerium fra-
güe, compactum und andere sp., Passerina.elliptica und nitida,
„Vierte Region (R.' nivale). 8000'’—41000'. Einzelne Schneeflocken
verschwinden niemals ganz: eine zusammenhängende Schneedecke
liegt wenigstens 8 Monate. Die Erde wird auch im Sommer durch
den schmelzenden Schnee stets feucht gehalten. Sennhütten findet
man nicht mehr, wiewohl das Vieh wohl so hoch hinaufgetrieben
wird. — Die Vegetation besteht aus alpinen Stauden und Gräsern.
Von niedrigen Sträuchern gehören nur vier Arten'entschieden dieser
Region an: aber darunter sind Pilotrichum spinosum und Salix
hastata äusserst selten, die beiden andern Veecinium uliginosum
und Reseda complicata erheben den'holzigen Stamm nicht vom Bo-
den. Borreguiles werden die Alpenmatten genannt, welche hier
eine dichte, feine Grasnarbe von Nardus strieta, Agrostis nevaden-
sis, Festuca Hallert und duriuscula besitzen: auf diesem Rasen wach-
sen Leontodon, Ranunkeln, 'Gentianen und andere Alpenkräuter. Oder
die rasenförmig wachsenden Stauden überwiegen und verdrängen die
Grashärbe: z. B. Silene rupestris, Arenaria tetraquelra, Potentilla
350 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
nevadensis, Artemisia granatensis, Plantago nivalis. Aus kleinen
Seen, so wie aus einem einzigen Fleck Gletschereis entspringen die
Alpenbäche, wo in feuchten Schluchten. höhere: Stauden erscheinen,
als Eryngium glaciale, Carduus carlinoides, Digitalis: purpurea,
Endlich folgen die Pflanzen der‘ Gerölle, wie Papaver pyrenaicum,
Ptilotrichum purpureum, Viola nevadensis u. a., SO wie des ‚anste-
henden Gesteins, z. B. Androsace imbricata, Draba hispanica, Ara-
bis Boryi, Sazxifraga mixta. — Zu den endemischen Formen ge-
hören ausser den genannten: Ranunculus acetosellifolius und demis-
sus, Lepidium stylatum, Silene Boryi, Arenaria pungens, Bunium
nivale, Meum nevadense, Erigeron frigidus, Leontodon Boryi und
mierocephalus, Crepis oporinoides, Jasione amethystina, Gentiana
Boryi, Echium flavum, Linaria glacialis, Holcus caespitosus, Trise-
tum glaciale, Festuca pseudoeskia und Clementei. u
Zur Statistik der Flora von Granada verdienen nach B.’s Anga-
ben folgende allgemeinere Verhältnisse angeführt zu werden, Die
artenreichsten Familien der systematischen Abtheilung von B.’s Werk
sind: 239 Synanthereen (darunter 80 Cynareen, 65 Cichoraceen, 64
Senecionideen, 29 Asteroideen und 1 Eupatorinee), 202 Leguminosen,
164 Gramineen, 105 Cruciferen, 97 Umbelliferen, 95 Labiaten, 90 Ca-
ryophylleen (darunter 39 Sileneen, 31 Alsineen und 20 Paronychieen,
63 Serophularineen, 38 Cistineen, 38 Ranunculaceen, 37 Rubiaceen,
36 Boragineen, 34 Chenopodeen, 33 Rosaceen, 33 Liliaceen, 32 Cy-
peraceen und 30 Orchideen, — Statistische Uebersicht der vier, von
B. angenommenen Regionen. In der ersten Region wurden 1070
Arten beobachtet, wovon nur + in der zweiten Region gleichfalls
vorkamen, nur einige wenige Pflanzen sonniger ‘Standorte auch in
den obern. In jener Summe sind 542sp. ©, 442 2,, 46 @%) begriffen:
meines Wissens ist dies die einzige bis jetzt bekannte Gegend, wo
die Zahl der jährigen Gewächse ebenso gross oder grösser.ist, als
der ausdauernden. Zu den 442 2, „gehören, 19 ‚Bäume (s..0.), 58
Sträucher unter und 68 über.3’ Höhe, die übrigen sind Stauden.
Unter den Sträuchern sind 22 Leguminosen (14 Genisteen), 14 Cisti-
neen, 13 Labiaten (niedrige Halbsträucher), 6 Chenopodeen, A Aspa-
rageen (2 Smilax), 4 Amentaceen, 4 Solaneen u. s..w. Die Region
besitzt 860 Dicotyledonen, 200 Monocotyledonen, 10 Gefässerypto-
gamen, vertheilt unter 82 Familien, unter denen die artenreichsten
folgende: Leguminosen (147), Synanthereen (124), Gramineen (106),
Cruciferen (47), Umbelliferen (47), Labiaten (46), Caryophylleen (46),
Chenopodeen (33), Serophularineen (26), Cistineen (21), Boragineen
(20). Kryptogamen sind sehr selten, indem die Dürre den Moosen,
das Kalkgestein den Flechten nicht zusagt. Nach geographischer
Verbreitung zerfällt die Flora der ersten Region in folgende Bestand-
theile: a. Etwa 200 für Spanien endemische, oder bis zur Berberei
oder zur Provence verbreitete Arten. Nur 12sp. kehren im Orient
wieder. Charakteristische Familien: 12 Cruciferen (zur Hälfte Bras-
D
Pflanzengeographie während des Jahres 1845. 351
sieeen), 20: Leguminösen (darunter 13 Genisteen), 24 Synanthereen
(darunter 11: Cynareen), 11 Serophularineen (9 Linarien), 13 Labia-
ten. 6. Etwa 770 mittelmeerische Pflanzen, die eine grössere, jedoch
auf die Küsten des mittelländischen Meeres beschränkte Verbreitung
haben. ce. 200. mitteleuropäische Pflanzen, grossentheils entweder
Ruderal- oder‘ Sumpf-Gewächse. — In der zweiten Region beob-
achtete B. 698 Arten, von denen 4 auch in die dritte Region und
einige noch höher änsteigen. Darunter sind 202 ©, 465 2. und 31@.
Zu den 2j. gehören 21 Bäume, 43 höhere, 68 niedrige Sträucher:
unter den höhern Sträuchern sind 11 Leguminosen (10 Genisteen),
4 Cistineen, 4 Caprifoliaceen, 4 Rosaceen; unter den Halbsträuchern
der Tomillares 13 Labiaten (4 Thymus-Arten), 12 Synanthereen
(5 sp. Santolina), 7 Cistineen, 7 Leguminosen (Genisteen und Astra-
galus tumidus), 4 Eriken, 4 Chenopodeen, 3 Thymeleen. Die Region
besitzt 597 Dicotyledonen, 93 Monocotyledonen und 8 Farne, ver-
theilt unter 65 Familien, unter denen die artenreichsten folgende:
Synanthereen (97), Leguminosen (50), Labiaten (44), Cruciferen (41), ı
Umbelliferen (40), Gramineen (36), Scrophularineen (27), Cistineen
(23). Kryptogamen werden häufiger, Baumlichenen beginnen bei
3300’ in der Serrania de Ronda. Nach geographischer Verbreitung
geordnet, besitzt die zweite Region folgende Bestandtheile; a. 220
spanische Pflanzen, darunter 32 sp. bis zur Provence verbreitet, 9 sp.
im Orient wiederkehrend. Charakteristische Familien: 15 Cruci-
feren, 15 Leguminosen (11 Genisteen), 15 Umbelliferen, 33 Synanthe-
reen (19 Cynareen), 15 Scrophularineen, 17 Labiaten. db. Etwa 220
mittelmeerischre Pflanzen. c. 260 mitteleuropäische Pflanzen. — In
der dritten Region sammelte B. 422 Arten: darunter 333 2), 78©,
11@. Zu den 2, gehören 14 Bäume, 44 grossentheils niedrige Sträu-
cher: unter diesen 9 Labiaten (Thymus 5 sp.), 8 Leguminosen (6 Ge-
nisteen, 2 Astragaleen), 5 Rosaceen, 4 Thymeleen. Die Region be-
sitzt 358 Dicotyledonen, 54 Monocotyledonen und 10 Farne, vertheilt
unter 52 Familien, unter denen die artenreichsten folgende: Synan-
thereen (55), Leguminosen (29), Gramineen (29), Cruciferen (29),
Caryophylleen (29), Labiaten (27), Scrophularineen (24), Umbelli-
feren (20). Unter den Kryptogamen sind hier die Moose am reich-
lichsten. Nach geographischer Verbreitung geordnet, besitzt die
dritte Region: a. 182 spanische Pflanzen, unter denen 101 sp. bis jetzt
auf Granada eingeschränkt erscheinen. Charakteristische Familien:
12 Cruciferen, 14 Caryophylleen, 15 Leguminosen, 21 Synanthereen,
12 Serophularineen, 16 Labiaten. 5. 185 mitteleuropäische Pflanzen.
c. 55 mittelmeerische Pflanzen. — In der vierten Region fand B.
117 Arten, von denen % auch in der dritten vorkommen. Darunter
sind nur 5©, 3@ und 1092,; ferner 97 Dicotyledonen, 16 Mono-
cotyledonen und 4 Farne, vertheilt unter 34 Familien, unter denen
die artenreichsten: Synanthereen (16), Gramineen (11), Cruciferen
(11), Caryophylleen (8), Scrophularineen (8), Ranunculaceen (5),
352 Grisebach: Bericht,über die Leistungen.in der
Gentiäneen (5). Unter den Kryptogamen sind Steinlichenen häufig.
Nach geographischer Verbreitung geordnet, ‚besitzt: die vierte Re-
gion: a. 45 spanische Pflanzen, wovon 30'sp. bis:jetzt der S. Nevada
eigenthümlich, 13 sp, auch in den: Pyrenäen einheimisch sind.‘ 2.166
Alpenpflanzen, ‚zum ‘Theil auch in den 'nordeuropäischen Ebenen
wiederkehrend, ..c. 6 Arten, -welche die S..Nevada mit zudem Bi
europäischen 'Gebirgen gemein hat. ’
Ueber ganz‘ Andalusien verbreiten sich ‘die bötminahde
Reisebriefe Willkomm’s (a. a. ©.) und dienen sowohl zür
Bestätigung ‚als Ergänzung der. systematisch durchgebildeten
Darstellung. Boissier's.
In der S. Nevada fiel dem deutschen Reisenden sogleich, auf,
dass sie viel kahler und auch an. Gesträuchen ärmer sei, ‚als. die
übrigen spanischen Gebirge. Die nördlichen Abhänge fand er, wie
B., pflanzenreicher und feuchter, als die Alpujarras. In der Serrania
de Ronda sah er die Pinsapo-Wälder, eines Baums, der den Wuchs
der Kiefer mit der Rinde und Zweigstellung der Fichte (Rothtanne)
verbinde, aber durch die dichten, kurzen Nadeln bedeutend abweiche.
In, früherer Zeit ist, ein grosser Theil..der Serrania von Pinsapo-
Wäldern bedeckt gewesen, aber. allmählich ist die Abholzung so weit
fortgeschritten, dass, man den Pinsapo als Baum nur noch auf hoch-
gelegenen Standorten sieht: aber als Gesträuch findet man ihn an
den Abhängen bis 3000’ herab. ‚Ebenso soll: die Sierra Tejeda, Do-
lomitgebirge zwischen Granada und Velez. Malaga, ehemals von
Taxus-Wäldern bedeckt gewesen sein, von deren spanischem Namen
Tajo des Gebirges, Namen abgeleitet wird: jetzt stehen dort nur. noch
einzelne Bäume‘ an. der Taxus-Quelle (Fuente del Tejo). Die nie-
drigere, östliche Fortsetzung der S. Tejeda, die oben erwähnte S.de
las Almijarras, ist zwischen Motril und Granada noch jetzt von Na-
delholz und Eichen theilweise bewaldet, von Pinus,Pinea, halepensis
und Pinaster, von Quercus llex und lusitanica. An den Küstenabhän-
gen dieses Gebirgszuges ist, auch die Heimath ‚der Catka europaea,
eines Strauchs, ‚der. zwischen Nerja und ‚Motril allgemein anzutreffen
ist. — Die Gebirge im östlichen ‘Theile yon Granada scheinen in
ihrer Vegetation mit der S., Nevada am meisten übereinzukommen:
so. die gleichfalls kahle S. de Alfacar (7000'), welche die fruchtbare
Vega Granada’s von der öden, dürren Hochebene um Guadix trennt:
Lavandula Spica nebst einigen Cisten ‚bildet dort die ‚gesellige Be-
kleidung der nackten Abhänge. Die Ebenen von-Guadix und Baza
besitzen ‚die. Vegetation des Gypses und salzhaltigen Bodens. Dann
folgt an der Grenge gegen Murcia. das hohe Kalkgebirge Sagra bei
Huescar (fast 8000'), ‘wo grössere. Rieferbestände (P. sylvestris) vor-
kommen; die Vegetation scheint 'auch hier der der S. Nevada ähn-
lich zu sein, so wie z. B, daselbst Lonicera arborea beobachtet ist.
Dasselbe gilt von der S. de Filabres bei Almeria (7000'), wo W. eine
Reihe der für die S. Nevada endemischen Pflanzen antraf,
Tr
Pflanzengeographie während des Jahres 1845, 3553
“Die andalusische Tiefebene oder das Thalgebiet des'Guadalquivir
steht dem südlichen Hochlande an Pflanzenreichthum nach, aber ist
auch sorgfältiger angebaut, namentlich in der Gegend von Sevilla.
Die wüst liegenden Strecken zwischen Sevilla und Huelva fand W.
mit Zwergpalmen bedeckt, auch Gehölze von Pinien und Korkeichen
waren häufig. ‘Im Herbste blühten hier allgemein mehrere Liliaceen,
auch die Amaryllidee Carenoa lutea B. (Pancratium humile Cav.).
Längs der sandigen Küste, innerhalb ‘der Lagunen und Salzsümpfe,
die z. B. bei Huelva weithin sich ausdehnen, reichen von der Strasse
von Gibraltar bis zur Mündung des Guadiana Pinienwälder, deren
Unterholz den Küstenverzweigungen der S. Morena gegenüber aus
Cistus ladaniferus, Ulex Boivini u.a. besteht. Am. östlichen End-
punkte dieses Küstenstrichs, auf der Sierra von Algesiras, traf. der
Reisende einen prachtvollen Hochwald von Korkeichen mit. Oelbäu-
men, wie nirgend in Spanien, ebenda wo ‚Rhododendron ponticum
von Boissier erwähnt wird.
"1 Algarvien "besuchte W. im Februar 1846. Drei Regionen Wverden
hier in der Landessprache unterschieden. a. Der sandige Küsten-
strich (Cousta), kaum zwei Stunden landeinwärts reichend, 'war
ursprünglich eine von den Wogen zerrissene Wüste, ist äber durch
Industrie, namentlich bei Tavira, in paradiesisches Gartenland mit
Plantagen von Südfrüchten, Weingärten und Weizenfeldern umge-
wandelt worden. Zwischen Faro und Albufeira unterbricht 'diese
Kulturfläche ein ausgedehnter Pinienwald mit Erica umbellata,. Cha-
rakteristische Pflanzen: Empetrum album, Ulex Boivini und geni-
stoides; Myagrum iberioides, Arenaria emarginata, Linaria praecox
und Zinogrisea, Aristolochia baetica (glauca Brot.), Scilla odorata
und pumila. — b. Das Hügelland (Barrocäl), bis 1000' reichend,
sehr coupirt, aus verschiedenen Kalkconglomeraten bestehend, ist
gleichfalls fruchtbar und wasserreich: doch liegt viel guter Boden
wüst, mit Montebaxo bedeckt. Die Vegetation war noch zurück:
um Loule z. B. wurden Erica australis und lusitanica, Osyris qua-
dripartita, mehrere Nareissen bemerkt. — c. Die Gebirgsregion
(Serra), eine letzte wellenförmige Fortsetzung der S. Morena, wie
diese aus Grauwacke und Thonschiefer, nur im westlichsten Theil,
in der Serra de Monchique, aus Granit und Basalt gebildet, erschien
dunkelgrün, doch unwirthbar. Merkwürdig ist und spricht für den
grossen Einfluss des geognostischen Substrats, dass selbst hier noch
die Sträucher der spanischen S. Morena herrschen, namentlich all-
gemein Cistus ladaniferus, verbunden freilich mit den beiden Eriken
des Barrocäl. Bewaldet sind hingegen die Thäler um die Serra de
Monchique mit Kastanien und Korkeichen, mit denen Rhododendron
ponticum in Gemeinschaft wächst. Diesks Gebirge erhebt sich nach
portugiesischen Messungen zwar nicht über 3800’, aber die Vegeta-
tion. wird oben subalpin, andalusischen Höhen von 5—6000' entspre-
chend, was ich jedoch mit dem Verf. nicht sowohl der Wärmecapa-
354 Grisebach: Bericht über die’ Leistungen in der
eität des Granits, als vielmehr dem; Aufhören des Plateau-Einflusses
zuschreiben möchte. Nicht die Stürme sind es, wodurch das Klima
unter das natürliche Maass herabgedrückt werden soll, sondern’ das
benachbarte Meer und Tiefland lassen im vertikalen Sinne eine nor-
male Abnahme der Temperatur zu, wogegen Andalusien und ganz
Spanien in dieser Hinsicht sich abnorm verhalten ‚und die Vegeta-
tionsgrenzen übermässig in die Höhe rücken.
Schouw hat seine Arbeit über die italienischen Nadel-
hölzer (s. Jahresb. f. 1841) jetzt in grösserer Ausführung, mit-
getheilt (Ann. sc. nat. 1845. 1. p. 230).
Verbreitungsbezirk der Arten; 1. Pinus sylvestris L. (wozu
P. uncinata DC. gezogen wird). Südabhang der Alpen 6000’ — unter
1000' am Tagliamento; Apennin des Montferrat. 2. P. Pumilto Hk.
Südabhang der Alpen 4000’— 7500. 3. P. magellensis Sch. (P.
Pumilio Ten. und Mughus Guss.) soll sich zu 4., wie 2. zu 1. verhal-
ten. Abruzzen am. Majella 5600’ —8300°. 4. P. Larieio.Poir. (P.
sylvestris und nigrescens Ten.) bildet die Wälder des Aetna,.4—6000°.
Calabrien und Abruzzen am Majella. P. nigrieans Host und ‚P. Pal-
lasiana Lamb. seien wahrscheinlich dasselbe: wie ich gleichfalls, an-
genommen, 5. P. Pinaster Ait. Apennin. 0'-—2800’ am Monte Pi-
sano, 6... P. Pinea L. Apennin bis Genua mit 5. 0’—1500' im. west-
lichen ; Apennin,, — 2000’ im südlichen Italien. 7. P. kalepensis
Lamb. Ganz Italien bis zum Apennin. 0’—2000' an der Somma bei
Spoleto...8..P. drutia Ten. Calabrien, am Aspromonte' bei Reggio
2400'— 3600’. . Scheint. mir jedoch von P, Laricio ‚nicht ‚hinlänglich
verschieden. 9. P. CembraL. Alpen 4—6500'. 10. Abies ezcelsa
DC. (P. Abies L.) Alpen... 1000’ ( Tolmezzo) —7000’ (Stilfser Joch).
11. Abies pectinata DC. (P, Picea L.). Von den Alpen bis zu
der Madonie. 1000'— 4500’ ‚in. den Alpen, — 5500’ im Apemnin. 12.
Larix europaea. Alpen 1500' (am Piave) — 7000. 13. Cupres-
sus sempervirens.L. Alpen bis Sicilien 0'—2500'. 14. Junipe-
rus communis L. Südlich bis 40°. , Alpen 0'—5000'. 15; J. nana
W. Alpen 5— 7500’; Apennin. 16. J. hemisphaerica Prl. Aetna
5—7000'. Calabrien. 17. J. Oxycedrus L. Apennin 1000’— 3000’.
18..J. macrocarpa Sibth. Längs beider Meere von Pisa bis Siei-
lien. 19.1J. Sabina L. Alpen; Apemnin. 20. J. phoenicea L.
Längs beider Meere von. Nizza bis Sieilien.. 21. Taxus baccata
L. Alpen; Apehnin. ; n
Eine Flora von Palermo hat Parlatore begonnen (Flora
palermitana. Vol. I. Firenze, 1845. 8.). Der erste Band ent-
hält nur Gramineen (130 sp.) in sehr ausführlichen Beschrei-
bungen. 4
Neue Arten: Avena Heldreichü, Melica nebrodensis, Vulpia pa-
normitana und. attenuata (Festuca sicula Mor.).
Pflanzengeographie während des Jahres: 1845. 355
Ueber die Vegetationszeit des Weizens. (Triticum vulgare
hybernum) finden wir‘ bei v. Daum (a. a. 0. S. 347) folgende
Beobachtungen aus dem Jahre 1842.
Mittl. Saatzeit. Erndtezeit.
Malta = 1De. ..... .,.. 13 Mai. ’= 164 Tage.
Sieilien — 1 Dec. . . Palermo = 20Mai. — 171 „
Neapel = 16 Nov. . ...... 2Jm. = 1% „
Rom = 1Nov. ....2.0..0.:2 Jul = 242 1,
Berlin ..21,.,5./1* enden
‚Einige Bemerkungen über die Vegetation von Dalmatien
las Link in der Berliner Gesellschaft für Erdkunde (Monats-
berichte Bd. 2).
Einzelne Pflanzen aus Griechenland und Kleinasien liess
Visiani nach Parolini’s Sammlungen abbilden (Memorie dell’
Istituto Veneto. Vol. 1. 1843): 6 Labiaten (Thymus, Stachys),
2 Boragineen (Anchusa, Lycopsis), Dianthus Webbianus und
Sedum Listoniae. Die hier neu, aufgestellten Arten waren in-
dessen zum Theil schon anderweitig beschrieben,
ll. Asien
Von Gr. Jaubert’s und Spach’s Illustrationes planta-
rum orientalium (s. Jahresb. für 1843) sind Lief. 11—18 er-
schienen (Paris, 1844. 45). Ausführlicher bearbeitete Familien
und Gattungen: Polygoneen, Asarineen, Chenopodeen, Legu-
minosen, namentlich Genisteen (darunter G. gracilis t. 143 =
G. carinalis m.), Cousinia. — In Lorent’s 'orientalischer
Reise (Wanderungen im Morgenlande. : Mannheim, 1845, 8.)
sind 35 Arten von Hochstetter als neu publicirt, meist aus
Syrien und Armenien. — Sechs von Kotschy am persischen
Meerbusen gesammelte Algen haben Endlicher und Die-
sing beschrieben (Bot. Zeit. 1845. S. 268).
Mahlmann hat die von Chanykoff herrührenden Be-
obachtungen über das Klima von Bokhara bearbeitet, (Berliner
Monatsber. für Erdkunde. Bd. 2. S. 132—140).
Beständig herrschen Nordwinde im Chanat, also stets in der
Richtung von.der Steppe zum Hindu-Kusch, wodurch die Regenlosig-
keit und continentale Wärmevertheilung erklärlich sind. In 8 Mo-
naten wehte der Wind nur zehnmal in entgegengesetzter Richtung.
In der Stadt Bokhara (1116’ über dem’Meere) fand Ch., jedoch in
einem strengen Winter, die mittlere Wintertemperatur = —1?,5 C,,
d.h. tiefer, als mit Ausnahme von Peking unter gleicher Breite be-
356 Grisebach: Bericht über die Leistuneen'in’ der
obachtet worden ist. Die Bäume schlagen: zwischen dem 20. März
und 10, Aptil aus. ‘Die Vegetation der ‚Steppe, zwischen Samarkand
und Karschi dauert nur von Mitte März bis Ende April. Aber ‚die
Temperatur bleibt ‘von Mitte März bis Ende November hoch und
wird im Sommer exoessiy.
In Tschihatcheff’s Rigzögsäre über den östlichen. Altai,
namentlieli das Quellengebiet des Jenisei (Voyage dans l’Altai
oriental. Paris, 1845. 4.) befindet sich ein Verzeichniss der
vom’ Reisenden auf theilweise unbetretenem Boden gesammel-
ten Pflanzen, welche, von Turezaninow bestimmt, mit der Ve-
getation der Nachbarländer übereinstimmen. ß
An Bäumen kommen vor: Larix sibirica, Abies Pichta, Pinus
sylestris und Cembra, Alnus viridis, Betula alöa, Salz Potelirana,
pentandra und stipularis Turez., Populus alba, tremula und. lauri-
Folia, Sorbus aucuparia. —, Von Turczaninow’s,Flora der Bai-
kalgegenden (s., vor. Jahresb.) erschienen als Fortsetzung (Bull. Mos-
cou. 1845) folgende Familien und Gattungen: 1 Adona, 1. Oornus, 6
Caprifoliaceen, 7 Rubiaceen, 6 Valerianeen, 2 Scabiosa sp.
G. Reichenbach beschrieb Ei Orchideen der Gö-
ring’schen Sammlung aus Japan (Bot. Zeit. 1845. S. 333).
Von R. Wight’s Kupferwerken über die Flora von Hin-
dostan (Jahresb. für 1840) sind laut Anzeige: folgende Abthei-
lungen erschienen: von den’ Jllustrations of Indian Botany
Vol. 2. P.1. mit‘ 39 Tafeln’ (Madras, 1841); von: den Icones
plantarum Indiae orientalis, nach Vollendung des ersten aus
16 Heften und 318 Tafeln bestehenden "Bandes Vol. 2 ‚mit
318 Tafeln '(ib..1840—42) und Vol. 3. P.1—3 mit’ 409 Tafeln
(ib. 1843—46). ' Ausserdem hat W. ein Spieilegium’neilgher-
rense mit 50 Tafeln 'herausgegeben (ib. 1846. ’4:), worin aus-
gewählte Pflanzen der Nielgherrie’s abgebildet sind: dies
scheint jedoch nur ein Auszug 'aus dem vorigen Werke zü
sein (vergl. Gardner’s Bemerkung ‘im Lond: Journ. ‘of Bot.
4845. p. 565). — Nach’ einer brieflichen Mittheilung' findet sich
in dem zu Delhi erscheinenden Quarterly med. and lit. ‚Jour-
nal (1845. p. 34—118) eine Abhandlung,.über indische 'Coni-
feren von Madder. — Gardner, der brasilianische Rei-
sende, welcher jetzt Vorsteher des Eartänk zu Columbo auf
Ceylon ist, berichtete über. botanische Excursionen in ‚den
Nielgherries; (a, a. 0..p.393—409. u, A keine: dor:
tiger. Pflanzen aufzählend. ernun
De Vriese hat ein Kupferwerk über gewählt Pfän«
.
Pflanzengeographie während des Jahres’ 1845. 357
zen atıs niederländisch Indien herauszugeben angefangen (Nou-
yelles 'recherches sur’ la Flore des possessions Neerlandaises
aux Indes , orientales. Fasc. 1. mit 3 Tafeln. Amsterdam, 1845.
fol.):; enthält die Beschreibung neuer Styraceen ‚aus Sumatra
und Java, ‚eine ‚Abbildung‘“der, Casuarina. sumatrana,..so wie
‘der neuen’ Pinus Merkusii ‘aus Sumatra. — Hasskarl setzt
seine 7 zerstreuten Bemerkungen über javanische Pflanzen so-
wohl in ‚der Regensburger Flora (1845. S. 225 u. f.: Rubia-
ceen enthaltend), als in v. d. Hoeven’s Zeitschrift ‚fort (Bd, 12.
S.77u; f.: darin Malvaceen. und | verwandte.) Familien).
Montagne bearbeitet Lichenen und Moose von'den Philip-
pinen nach Cuming’s Sammlungen (Lond. Journ. of Botan.
1845. p.3 11).
| 2. ir..Afrika j
"Beiträge zur Flora’ von Abyssinien hat Fresenius nach
Rüppell’s Sammlungen bearbeitet (Mus. Senckenbergian,
Vol. 111. 1845) : ausführliche Beschreibungen der schon früher
publicirten Polygoneen und neue Synanthereen enthaltend.
"Hier ist auch eine Abbildung des abyssinischen Lobeliaceenbaums
Gibarra (Rhynchopetalum montanum = Jibera des vor. Jahresber.)
mitgetheilt und der Habitus folgendermassen geschildert: | auf 6—- 7’
hohem, hohlem ‚Stamm eine Krone lanzettförmiger Blätter und hoher
Blüthentrauben, demnach von Rüppell in Simen zwischen 11000’ und
12000° in kleinern Dimensionen, als von Harris in Schoa, beobachtet '
| (vergl. vor. Jahresb. S. 389). — Einige neue abyssinische Cichoraceen
Rüppell’s hat C. H. Schultz beschrieben (das. 8.47).
\ Neue Algen’ aus der Colonie Natal bearbeiten Endlicher
| und Diesing (Bot. Zeit. 1845. 'S. 288-290).
AiThahalt u
IV. Amerika,
"Zu "einer Pflanzensammlung von den Küsten der Davis-
Strasse und Baffıns-Bay giebt Seller in den Annals of natu-
ral history (Vol. 16. p. 166—174) einzelne im nn Be-
merkungen.
"Die auf den meteorologischen Stationen der vereinigten
Staaten seit 1819 erhaltenen Resultate hat Forry verglichen
und, ‚die, Vertheiluug der Wärme nach verschiedenen Gesichts-
punkten verfolgt (Amerie. Journ. of Science,.4844: extrahirt
- imBiblioth, de Geneve. Vol. 57, p. 140-150).
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342 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
Die ungemeine, ja beispiellos grosse Anhäufung, süssen Wassers
in den canadischen Seen, welche bei einer mittleren, Tiefe von. 1000’
eine Fläche von fast 4000 g. Quadratmeilen einnehmen, verschafft
den nördlichen Staaten bis tief in das Innere des östlichen Waldge-
biets ein insulares Klima. Excessiv wird der Gegensatz von Winter
und Sommer daher erst jenseits des Missisippi, aber auch zwischen
den Seen und dem atlantischen Meere, z; B. in Niedercanada, sind
die Temperatur-Extreme etwas grösser, als in Michigan einerseits
oder an der Küste von Neu-Schottland andererseits. In den südlichen
Staaten ist die Jahrescurve unter dem Einfluss zweier Meere noch
schwächer gekrümmt, als im Norden, bis sie in Florida einer fast
tropischen Gleichmässigkeit Raum giebt. Hier beträgt die Differenz
zwischen der‘Temperatur des: Sommers und Winters zu Key-West
nur 6°,2 C.; hier sprossen das ganze Jahr hindurch Blumen, ohne
allgemeinen. Winterschlaf. Während eines Zeitraums von 6 Jahren
stieg auf dieser Station das Thermometer nicht über 32°, sank nicht
unter 7°. Die atmosphärischen Niederschläge sind in Florida un-
gleichmässig vertheilt: im Innern kommen auf das Jahr 309 heitere
Tage, an der Küste 250 und an.den Seen im nördlichen Theile des
Staats nur 117, aber überall ist die Luft reich an Wasserdampf und
Thaubildung häufig. ?
Mac Nab setzte seinen botanischen Reisebericht, aus
Nordamerika fort (Ann. nat. hist. 15. p. 65 u. 351). — Ber-
keley. publieirte. einige neue Pilze aus Ohio (Lond. Journ.
of Bot..1845. p. 298—313).
Die Nachweisungen Geyer’s über ‘den Vegetstionscha:
rakter der Prairieen diesseits und jenseits der Rocky Moun-
tains (Lond. Journ. of Bot. 1845. p. 479 — 492 u. 653 — 662)
schliessen sich, in Verbindung mit Fremont’s Forschungen
(s. u.), unmittelbar an die Darstellung des Prinzen von Wied,
welcher die ersteren zwar durch allzu aphoristische Form! bei
Weitem nachstehen, aber an systematischer Pflanzenkenntniss
ebenso sehr überlegen sind.
Der Reisende stieg vom Staate Missouri aus durch das Osage-
Gebiet den Platte-Fluss bis zu dessen Quellen an den Rocky Moun-
tains aufwärts, überschritt das Gebirge und den californischen Colo-
rado ungefähr unter dem 42sten Parallel und gelangte auf diesem
Wege in das Oregon-Gebiet. Am untern Kanzas im Distrikt Osage
(39° N.Br.) ist die West- wie,die Südgrenze der Prairieen ' nicht
mehr fern, die südlich vom Arkansas (nach,D. de Mofras’ Charte)
an die Wälder von Neu-Mexiko (37°) sich anschliessen. Deshalb
zeigen sich schon hier die Thalwälder längs der Ströme mannigfal-
tiger, die Prairieen blumenreicher, ihre Sommerdürre verkürzt sich.
Die allgemeinsten Arten unter den Laubhölzern von: Jllinois, fast
u
- »»Pflanzengeographie während des’ Jahres 1845. 343
dieselben, welche der Pr. v. Wied nennt (Jahresb; f. 1842. S. 424),
die noch am untern Missouri den Uferwald bilden, finden hier all-
mählich ihre Westgrenze und nehmen an Höhe ab, je mehr man dem
sandigen Thalwege des Platte sich nähert. Aber die Stauden: dieser
fruchtbaren Prairie werden um so mannigfacher und durch ununter-
brochenen Blüthetiwechsel ersetzen sie sich den Frühling und ganzen
Sommer hindurch. Im April erscheinen einzelne Frühlingspflanzen;
im Maäi und Juni steht auf unermessliche Weiten die ganze Wellen-
fläche in Blüthe z. B. von Amorpha canescens, Batschia, Castilleja,
Pentstemon Cypripedium candidum u. a.;, dann folgen höhere Stau-
den: Petalostemon, Buptisia, Phlox aristata,, Asclepias tuberosa, Li-
lium 'canadense, Melanthium virginicum; und zuletzt im, späteren
Sommer fast ausschliesslich Synanthereem; hohe Heliantheen bis zum
niedrigen Aster sericeus.
Mit dem Kalkstein des Missouri, der diese Vegetation begünstigt,
endigt am Platte der reichere Prairienboden: nun folgt die untere,
900’ —1000' hohe Terrasse, die weiterhin stromaufwärts an die obere
Steppen-Hochfläche sich anschliesst. Granitgerölle bilden die'steinig
sandige Erdkrume, die über horizontal geschichteten Sandsteinen und
bituminösen Schiefern sich ausbreitet. Die Inselwaldung des Stroms
ist nun auf " Populus canadensis, Ulmus americana und fulva, Ne-
gundo und Celtis occidentalis beschränkt; am Ufer herrschen Ge-
sträuche von Salix longifolia, nebst Amorpha frutescens, Rosa
parvifolia, Rubus occidentalis und Rhus glabrum. Auf der offenen
Prairie, die im Mai und Juni von atmosphärischen Niederschlägen
befeuchtet wird, währt die Vegetation doch kaum länger als diese
kurzen Frühlingswochen. Aus der Prairieenflora, die zwar nach
Standorten abgetheilt, jedoch vom Verf. nicht übersichtlich geordnet
ist, können folgende Formen als charakteristisch genannt werden:
von Leguminosen Astragalus z. B. A. adsurgens und caryocarpus,
Ozytropis, Phaca, Petalostemon, Psoralea, Glycyrrhiza, Schrankia ;
Malvaceen Sida coceinea; Cacteen Marillaria simplex und Opuntia
missurica; Onagrarien Oenothera, Gaura; Synanthereen namentlich
"Heliantheen z. B. Echinacea, Rudbeckia, Heliopsis, ferner Artemisia
z.B. A. caudata, Lygodesmia; Scrophularineen Pentstemon, Castil-
leja; Hydrophylieen Ellisia Borragineen Batschia ;' Nyctagineen Ca-
Iymenia; Liliaceen Yucca; Gramineen z. B. Sesleria dactyloides,
Crypsis, Stipa, Agrostis, Eriocoma u. a.
Das übrige, grosse Gebiet bezeichnet G. als obere und Salz
führende Terrasse (Saline desert Region), deren Areal sich weithin
zu beiden Seiten der Rocky Mountains vom Missouri bis zum untern
Oregon gleichmässig ausdehnt: eine öde, auf Sandsteinen ruhende
und von 1200’ bis über 4000’ allmählich ansteigende Hochfläche, so
dass die Ketten des Felsgebirgs, ihrem hohen Mittelrücken aufgesetzt,
keineswegs als Vegetationsscheide zu betrachten sind. Als Grenzen
dieser unermesslichen, doch überall Weidegrund bietenden Steppe
360 Grisebach:), Bericht über die Leistungen in der
nennt G. im Norden den. Saskatchawan und Winnipeg-See, im Osten
(gleich dem Pr. v. Wied) eine Linie, die durch Jowa oder den.ehe-
maligen Sioux-Distrikt’der Länge nach hindurchläuft (grosser Sioux-
Fluss und Moines-Fl.), im Süden den obern Arkansas, im Westen
die Mündung des Wallawalla in den Oregon (deutlicher bei Fremont
die Vereinigung der beiden Hauptgabeln dieses Stroms, des: Lewis-
River‘ und 'obern Columbia): also etwa 38%--54° N. Br. und 77°—101°
W:L: von Ferro. Mit Ausnahme‘ der Coniferen-bekleideten Rocky
Mountains (pine- and snow-elad central chain) ist dieser ganze Raum
waldlos: Derselbe Charakter der Flora,' den der Pr.’ v. Wied vom
obern Missouri geschildert, ist allgemein der herrschende. Auch
jenseits: der Rocky Mountains, ebenso wie ‘im: Quellengebiet des
Platte, ist die Steppe vonrzwei geselligen Artemisia-Sträuchern be-
wachsen (Art. tridentata und cana); überall bis am Oregon hinab
bewohnt den salzhaltigen ‚Boden der Pulpy-Thorn Surcobatus ver-
mieularis (S. Maximiliani, N.) auch Salt-cedar genannt: ein vielsten-
geliger, 3—8' hoher Sträuch mit abstehenden, dornigen: Aesten und
dunkelgrünem, 'saftigem Laub. Bei der Aehnlichkeit des, Klimas und
Bodens 'der Prairieen mit den russischen Steppen ist die Thatsache
bemerkenswerth, dass. diese aus Wied’s Sammlungen zuerst als eigen-
thümlich erkannte Gattung, nach dem Zeugniss sowohl Lindley’s als
Torrey’s (Fremontia ej,, Butis, vernucularis Hook.) eine ächte Che.
nopodee: ist, (Lond. ‚Journ. ‚of Bot. 1845. p. 1 u. 481) und mit andern
Halophyten aus derselben Pflanzengruppe in.Gemeinschaft wächst. —
Die übrigen Gesträuche der obern Steppe sind im, allgemeinsten:
Elaeagnus argentea und Shepherdia argentea,,, sodann ‚dmorpha'
frutescens, Rosa parvifolia und holzige Synanthereen z.B, Iva, Bi:
gelovia, Auf \die Missouri-Gegenden unterhalb der Mündung des
Yellowstone ‚scheint Juninerus andina (J. repens bei Wied) nebst
Yucca angustifolia beschränkt. — Die fernere Absonderung meh-
rerer.Vegetationsbezirke im.Gebiete der obern Terrasse bei Geyer
ist nicht ‚klar genug durchgeführt. Als charakteristische Formen
können betrachtet werden: von Leguminosen ‚Astzragalus, Homolobus,
Psoralea, Glyeyrrhiza, Hosackia, Schrankia, Amorpha; Cruciferen
Stanlaya pinnatifida,;. Loaseen, Bartonia ornata; Onagrarien Oeno-
thera;, Cacteen Opuntia missurica,; Umbelliferen Cymopterus; Syn-
anthereen ausser ‚den genannten Sträuchern mehrere Chrysopsideen,
Cichoraceen, Achillea; Scrophularineen. die Gattungen der untern
Terrasse; Chenopodeen ausser Sarcobatus; Kochia, Salsola, Cheno-
podium, Atriplex; Liliaceen Calochortus, Allium; Iris; Triglochin
maritimum; Carex; Gramineen 2. B. Triticum missuricum, Hordeum
jubatum, Ceratochloa. |
Geographisch verständlicher wird Geyer’s Darstellung (durch das
Ausgezeichnete Reisejournal Fremont’s, der als Chef einer. Ent-
deekungs-Expedition, aber auch mit botanischen Kenntnissen ‚ausge-
rüstet, die ganze nordamerikanische Prairieen-Steppe bis zum untern
Pflanzengeographie während des Jahres 1845. 361
Oregon und Obercalifornien in verschiedenen Richtungen mit dem
glücklichsten Erfolge durchdrang (Narrative of the Exploring expe-
dition to the Rocky Mountains in 1842 and to Oregon and North
California in 1843—44. Washington, 1845: mir nur aus dem englischen
Nachdrucke, London 1846. 8. bekannt). Diesseits der Rocky Moun-
tains folgte F. zuerst demselben Wege am Platte-Fluss, wie Geyer,
das zweite Mal zog er am Kanzas und dessen Nebenflüssen zur Cen-
tralkette hinauf. Das Land steigt von der Gabelung des Kanzas
(79° W.L.) ganz allmählich bis zum Fusse der Rocky Mountains an
und ebenso senkt sich der Boden wieder auf der Westseite des Ge-
birgs bis zum Zusammenfluss des Lewis und Oregon: wie sich aus
folgender, von Ost nach West die ganze Steppe durchschneidenden,
durch F. barometrisch bestimmten Niveaulinie ergiebt. Gabelung
des Kanzas (79° W.L.) = 92%6'; Platte-Fl. (81°) = 2000’; Platte-Fl.
(83°) = 2700’; Fort Laramie am Platte (87°) = 4470’ und fast unter
gleichem Meridian Fort Vrains (40° 16' N. Br.) = 4930, so wie Ar-
kansas-Fl. (38° 15’ N. Br.) — 4880’; Artemisien-Steppe am östlichen
Fuss der R. Mountains (41° 36’ N. Br. u. 90° W.L.) = 68%0'; South
Pass durch die R. Mount., in einer tiefen Depression ohne Gebirgs-
charakter, (42°27’) = 7490; Fuss der R. Mount. am obern Lauf
des californischen Colorado (41° 46') = 6230’; Fort Hall am Lewis
(43° N, Br. 95° W.L.) = 4500’; Lewis-Fl. (43° 49 u. 99°) = 2100';
Lewis-Fl. (44° 17’ u. 100° W.L.) = 1880.
Die offene Prairieensteppe jenseits der Rocky Mountains ist all-
gemein von den. Artemisia-Sträuchern bewachsen, zwischen denen
das Vieh jedoch auch überall Futter an nahrhaften Gräsern findet.
Ein eigenthümlicher Strauch ist die Spiraeacee Purshia tridentata,
der die Artemisien häufig begleitet. Nahrungspflanzen zur Noth für
die jagenden Indianer sind, entsprechend der Psoralea esculenta am
Missouri, hier: Valeriana edulis (Tobacco-root), Cirsium virginia-
num, Anethum sp. (Yampeh) und Kamassa (Kamas) Fr. indeser. —
Erst in den tiefern Gegenden kehren die Uferwaldungen von Cotton-
Wood (Populus) wieder, die auf der obern Terrasse ganz zu fehlen
scheinen. Wo an der Gabelung des Oregon die Prairie endigt (101°
W,L.), beginnen die waldigen Vorberge der westlichen Alpenkette,
die den Rocky Mountains an Ausdehnung zu vergleichen ist und,
allenthalben über die Schneegrenze hinausragend, dieselben vielleicht
an Höhe übertrifft. Als Fortsetzung der californischen Anden führt
sie in Obercalifornien den Namen Sierra Nevada, am Oregon Blue
Mountains und Oascaden-Kette, wo sie an der Südseite des vereinig-
ten Stroms bei Fort Vancotver noch zu hohen Schneebergen, wie
‘zum Mount Hood, sich erhebt. Am Oregon bestehen die Wälder
dieses Hochgebirgs (zwischen 2700' und 3800' durchwandert), die nur
von den schönsten Wiesenabhängen unterbrochen werden, aus Bir-
‚ken, aber hauptsächlich aus verschiedenen Nadelhökern, welche
durch die ungeheuersten Bean sich auszeichnen, wie sie nir-
"Archiv f Naturgesch, XJJ, Jahrg. 2, Bd, ’ Y
362 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
gend sonst auf dem Erdboden beobachtet sind. Die Lärelen; waren
zuweilen 200’, hoch (p. 182), ebenso hoch die Fichten bei; einem
Stammdurchmesser bis zu 7’: bei den exstern war der ungetheilte
Stamm unter der Krone zuweilen 100 gemessene Fuss lang. Tannen
(white spruces), bis zur Wurzel Zweige tragend, schienen demunge-
achtet 180, vielleicht 200' zu messen. — Die Cascaden-Kette scheidet
das milde Klima der Westküste des Oregon- Gebiets von den trock-
nen: Prairieen ebenso scharf, nur in umgekehrtem Sinne, wie die 'pe-
ruanischen Anden das wüste Litoral von dem feuchteren Hochlande.
Jenes Meridiangebirge, welches der Columbia etwa 25 bis 30 Meilen
von der Mündung quer durehschneidet, fängt die Nebel und Regen
auf, welche vom stillen Meere herübergetrieben werden, aber in den
heitern Himmel der Steppe nicht eindringen. An den Stromschnellen
des Columbia, den Dalles innerhalb der Gebirgslinie, ist bereits die
Regenzeit unbekannt, welche an der Küste den Winter bezeichnet,
und diese Jahreszeit macht sich dort (45° N. Br.) nur durch ‚eine
leichte Schneedeeke bemerklich, welche kaum zwei Monate den Erd-
boden bedeckt: Die Ursache der Winterregenzeit an der Mündung
des Oregon, wo westliche Luftströmungen: hertschend sind, scheint
mir einfach darin zu liegen, dass im Sommer das Meer, im: Winter
das Festland der kältere Punkt ist, so. dass während der letztern
Jahreszeit die feuchten Seewinde über der Küstengegend rasch ihre
Feuchtigkeit verlieren müssen. Die hinter dem, Gebirge gelegene
Steppe hingegen ist Hochland, als solches übertrifft sie die Küste an
Wärme und Trockenheit und kann daher nicht leicht aus, westlichen
Luftströmungen den Wasserdampf niederschlagen. Dasselbe gilt aber
hier auch für andere Himmelsrichtungen, aus denen der Wind wehen
mag, so dass nicht, Steppe, sondern Wüste zwischen den Rocky
Mountains und californischen Anden sich ausbreiten würde, wenn
dieses Binnenland nicht eben von denselben Gebirgen aus so reich-
lich bewässert und dadurch auch zu lokalen Niederschlägen geschickt
würde. Uebrigens erklären die klimatischen Verhältnisse des Ore-
gon-Gebiets auch die vom Pr, v. Wied geschilderte Dürre der Prai-
rieen am Missouri; vollkommen. ;
Vom Columbia zog F. am östlichen Fusse der Sierra Nevada
bis zum 39sten Breitegrade südwärts, der Grenzlinie zwischen Steppe
und Waldregionen folgend. Unter dem 42sten Grade, an der süd-
lichen Wasserscheide des Oregon-Stromgebiets, erhebt sich das Bin-
nenplateau zu einer westöstlichen, nicht waldlosen Gebirgskette, wo-
durch ein Zusammenhang der californischen Anden (S. Nevada) mit
den Rocky Mountains ‚bewerkstelligt zu werden. scheint. Südlich
von dieser Kette liegt ein wüstes, wahrscheinlich zum’ grossen Theil
unbewohnbares Hochland, das, nach Bodenbeschaffenheit- und Gefälle
mit den unwirthbarsten Gegenden Persiens zu vergleichen, die cali-
fornische Salzwüste genannt zu werden verdient (great interior Ba-
sin F.’s). Ein indianischer Führer. wies auf sie mit den Worten hin:
Pflanzengeographie während des Jahres 1845. 363
„dort sind die grossen Jlanos — no hay agua, no hay zacatä, nada”
— d. h. Ebenen ohne Wasser, ohne Graswuchs: „jedes Thier, das
hineingeräth, müsse sterben.” Rings von Randgebirgen umgeben,
nördlich durch die Oregon-Wasserscheide, südlich durch eine ähn-
liche, Schnee bedeckte Kette gegen den Colorado und zu beiden
Seiten von der S. Nevada und den Rocky Mountains begrenzt, besitzt
sie nur Binnengewässer, die sich in der Wüste oder in salzigen Seen
verlieren, und ist vielleicht viele Tagereisen weit dürr und quellen-
leer. Da der grösste Theil noch von keinem Reisenden betreten
ward, so ist man rücksichtlich des Niveau’s auf folgende Messungen
E.'s, die freilich nur den äussern Rand angehen, beschränkt: auf dem
Plateau grosser Salzsee Utah (41° 30' N. Br. u. 95° W.L.) — 4200,
Pyramid Lake am Fuss der S. Nevada (39° 51’) = 4890’, Fuss der
S. Nevada (38° 50’) = 50%’; auf den Randgebirgen Bear River am
Abhang der Rocky M. (42° u,.93°) — 6400, Pass vom Bear River
zum Colorado (41° 39') = 8230', Pass über die S. Nevada nach der
Bai von S. Francisco (38° 44') = 9338. — Von den Prairieen des
Missouri, wie von der Artemisien-Steppe am Oregon unterscheidet
sich die Salzwüste durch excessive Dürre, felsigen Boden mit vulka-
nischen Gesteinen, durch allgemeinern Salzgehalt der Erdkrume und
zufolge dieser Bedingungen durch Mangel. nahbrhaften Graswuchses:
doch lässt die Stärke und Zahl der von den Randgebirgen einströ-
menden Flüsse auf Oasen an ihren Gewässern schliessen. Die Ve-
getation besteht fast nur aus strauchartigen Chenopodeen, mit denen
- streckenweise die Artemisien und längs der S, Nevada und südlich
[4
vom Aisten Breitegrad auch Ephedra occidentalis als ein immergrü-
ner Strauch verbunden sind, Die allgemeinste Chenopodee ist auch
hier Sarcobatus vermicularis; sodann wird Obione erwähnt, wovon
O. rigida Torr. und Fr. nebst einer andern neuen Art am Utah vor-
kamen; Salicornia bedeckte gleichfalls das Ufer dieses Sees. — Die
Gehölze des Randgebirges nördlich vom Utah bestanden aus Laub-
hölzern: Populus, Salix, Quercus, Crataegus, Alnus, Cerasus,
Unter dem 39sten Breitegrade wurde die Sierra Nevada mit
grossen Schwierigkeiten tief im. Winter überstiegen, um in das Thal
des Sacramento zu gelangen. Der: unterste Waldgürtel an der Wü-
stenseite des Gebirgs bestand aus einer Fichte mit essbaren Samen
(Pinus monophylla Torr.), einem Baum von 12—20' Höhe und höch-
stens 8’ Stammdurchmesser, der die Indianer neben einigen Wurzeln
und den Lächsen der Gewässer ernährt. Weiter aufwärts wurde
diese Fichte (nut pine) etwas grösser bis zu 15’ Durchmesser. Aber
erst bei 6000’ erreichte man Nadelholz-Wälder höhern Wuchses und
anderer Art, von einen üppigeren Vegetation begleitet, in welcher
man die ersten Vorboten eines schönern Klimas begrüsste. Bei 8000'
war der Wald wieder gigantisch, fast wie am Oregon: rothe Fichten
bis 140’ boch und von 10’ Durchmesser (Pinus colorado der Mexi-
kaner) vorherrschend,, neben diesen 130’ hohe Cedern (tall cedars),
Y*
364 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
und zwei Arten von Tannen gleich hohen Wuchses (white spruce
und hemlock spruce). Trappgesteine bilden weithin den fruchtbaren
Boden dieser prächtigen Hochwälder. An der Westseite des Gebirgs
gelangte F. unter dem Coniferen-Gürtel in eine Region immergrüner
und anderer Eichen, was Hinds’ Schilderung vom Landschaftscharak-
ter der Gegend von $, Francisko entspricht: hier entzückte nach den
Eindrücken der Wüste den Reisenden der üppigste Frühlingsflor in
den Thälern des Sacramento und S. Joachim,
Auf der Rückreise überstieg F. die californischen Anden auf
einem weit niedrigeren Passe unter dem 36sten*Grade und kehrte,
dem Colorado parallel reisend, am Südrande der Salzwüste nach
dem grossen Salzsee und den Rocky Mountains zurück, Diese
Strasse, der Caravanenweg von Neu-Mexiko nach Californien, war
steinig und gebirgig (etwa von 5000’ bis 2000’ gegen den Colorado
abgedacht): die Vegetation dürftig, dem Charakter der californischen
Flora entsprechend. Ein hoher Zygophylleen-Strauch (Zygoph. ca-
lifornicum Torr. Fr.), eine Yucca und zahlreiche Cacteen sind über
weite Räume die bezeichnenden Pflanzenformen. Und bis an die
Yucca-Gehölze reicht von Norden her die Artemisia tridentata der
Steppe, ohne dass der Reisende den erstern den Vorzug gäbe, da
ihm vielmehr die steife und unsymmetrische Gestalt der Yucca als
das widerwärtigste Gebilde der Natur erschien. Unter den Gesträu-
chen dieser Gegend erwähnt er Ephedra occidentalis, Garrya elli-
ptica, welche dichte Gestrüppe an den Flussufern bildet, eine 20
hohe Mimosee Spirolobium odoratum Torr. Von den nördlichen For-
men verbreiteten sich bis hierher (36° N: Br.): Pinus monophylla,
Purshia tridentata, Populus und Salix an den Flussufern.
Die Schneelinie der Rocky Mountains wurde am Snow -Peak
(42°—43° N. Br.) auf 11800’ geschätzt (d. h. geschätzt 1800’ über dem
gemessenen Punkte 10000‘). Dieser Berg, dessen 13570’ hohen Gipfel
F. erstieg, gehört zu der Nebenkette der Windriver-Berge, wird in-
dessen für den höchsten des ganzen Systems gehalten. Ueber der
Coniferen-Region, deren Niveaugrenzen hier nicht bestimmt worden
sind, besitzt derselbe eine reiche, alpine Vegetation, die nach den
angeführten Beispielen, wie die der Alpen durch arktische, so durch
Formen aus Hudsonien wesentlich charakterisirt wird.
Höchst merkwürdig sind die Angaben F.’s über die Baumgrenzen
des nordamerikanischen Continents, wodurch sich herausstellt, dass
dieselben weit höher liegen, als unter entsprechender Breite in Eu-
ropa. Nicht bloss in den californischen Anden reichten die Nadel-
holzwälder über 8000’ hinaus, sondern an der Ostseite der Rocky
Mountains in der Gegend der sogenannten Parks, im Quellengebiet
der südlichen Platte-Gabel und des Arkansas (39° 20’ N.Br.), befand
sich F. bei 10430’ noch innerhalb der Waldregion (our elevation
here was 10430’ and still the pine forest continued and grass was
good — we continued our road, occasionnally through open pines,
De EEE | 5
Pflanzengeographie während des Jahres 1845. 365
with a very gradual aseent — and having ascended perhaps 800 feet,
we reached the summit of the dividing ridge, which would thus have
an estimated height of 11200’: p.314). Hiernach ist für die Baum-
grenze der Rocky Mountains in der Breite von Valencia ein Niveau
von 11000’ anzunehmen: die höchsten Baumgrenzen Südeuropa’s, un-
ter so ungleich wärmern Isothermen, liegen kaum über 7000. Wenn
so gross der Einfluss der nordamerikanischen Hochlande wäre, die
vertikale Abnahme der Sommertemperatur zu mässigen, so ist man
berechtigt, ähnliche Erscheinungen in Centralasien zu erwarten. Al-
lerdings giebt es eine dieser Voraussetzung entsprechende Beobach-
tung, die einzige, welche mir bekannt ist: vom Spiti-Thal in Klein-
Tibet, wo nach Jacquemont in gleicher Höhe, jedoch südlicherer
Breite (32° N. Br.), indessen nur niedrige Bäume fortkommen. Aber
die Wärme ist’s nicht allein, die in Nordamerika den geschlossenen
Hochwald zu so beträchtlichen Höhen ansteigen lässt: auch die
Feuchtigkeit der Luft oder des Bodens muss hierbei berücksichtigt
werden. In Südeuropa steigt mit zunehmender Wärme die Baum-
grenze nicht, die vielmehr an der Südseite der Alpen oft höher liegt,
als an irgend einem südlicher gelegenen Punkte des Continents. In
Tibet, wo das Hochland selbst zum Niveau der Baumgrenze sich
erhebt, ist nicht Kälte, sondern Trockenheit die Ursache der Be-
schränkung des Baumwuchses. Nun haben beide nordamerikanische
Gebirgszüge mit einander gemein, dass sie unter südeuropäischer
Polhöhe weit über die Grenze des ewigen Schnees sich erheben.
Durch die Schneemassen wird hier der austrocknende Einfluss des
tief unter den Wäldern liegenden Plateaus aufgehoben: nicht so in
Tibet, wo Plateau-mässig das Land bis zur Schneelinie ansteigt, Auf
den nordamerikanischen Gebirgen, wie auf der Südseite der Alpen,
thaut im Sommer Wasser genug von den grossen Schneefeldern, um
die Hochwälder zu befeuchten: hierin besitzen sie eine dauernde
Feuchtigkeitsquelle, auch wenn die Prairieen Monate lang ohne Re-
gen bleiben, niemals versiegend, während am Pindus und Apennin
der winterliche Schnee gar bald verzehrt ist, während in Tibet der
geschmolzene Schnee auf der Hochfläche gleich wieder verdunstet,
ohne den Boden zu befruchten. .
Im botanischen Anhange zu Duflot de Mofras’ Werke
über die Westküste von Nordamerika (Exploration du terri-
toire de l’Oregon etc. 2 Vol. 8. Paris, 1844) wird ein Ver-
zeichniss von ungefähr 300 californischen Pflanzen mitgetheilt,
welches jedoch ältern Quellen entlehnt und durch Druckfehler
bis zur Unbrauchbarkeit entstellt ist,
-_ In dem Werke selbst finden sich folgende Angaben über den
Verlauf der Jahreszeiten in Californien: 1. In Obercalifornien, z. B.
in der Breite von S. Francisko (38° N. Br.), dauert die regnichte
Jahreszeit bei herrschendem Südostwind von Oktober bis März.
366 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
Von April bis September wehen nordwestliche Luftströmungen und
dann regnet es niemals, wiewohl Küstennebel nicht selten ‚entstehen,
dann verliert der Boden sein Grün (2. p. 46). Wegen dieser langen
Dürre ist die Masse der atmosphärischen Niederschläge geringer, als
in Südeuropa. — 2. Die dürre Westküste von Niedercalifornien (30°.
bis 23° N. Br.) hat hingegen ihre Vegetationszeit nebst atmosphäri-
schen Niederschlägen im Sommer (1. p: 239), — 3. An der Ostküste
dieser Halbinsel, am Cap "Lucas, im californischen Golf (mer ver-
meille) und an. der Nordwestküste von Mexiko findet eine Umkehrung
des Passats statt (inversion de l’alize 1. p. 171), indem hier südwest-
liche, oder, westliche Winde herrschen. In Mazatlan (23° 12’) fällt
die Regenzeit mit südwestlichen und westlichen Luftströmungen zu-
sammen, die trockne Jahreszeit mit nordwestlichen (1. p. 172): eben
so bei. $. Lucas, wo diese letztern Moussons vom November bis
zum Mai herrschen (1. p.229). Innerhalb des Golfs, wo die Mous-
sons, wiewohl ausserhalb des Wendekreises, dieselben sind, scheint
die Regenmenge sehr abzunehmen: die Einbildungskraft könne sich
nichts Traurigeres, Verlasseneres denken, als diese beiden Küsten,
welche der Wassermangel wüst gelegt (1. p. 205).
Plantae Lindheimerianae von Gray finde ich citirt, wahr-
scheinlich die Ausbeute Lindheimer’s aus Texas enthaltend,
kenne dieses Werk inzwischen noch nicht.
A. Richard und Galeotti beabsichtigen eine Monogra-
phie der mexikanischen Orchideen herauszugeben, welche 460
Sp. umfassen wird, unter denen beinahe der dritte Theil neu
ist: von diesen neuen Arten haben sie vorläufig Diagnosen
publicirt (Ann. sc. nat. 1845. T. 3. p. 15—33). — v. Schlech-
tendal’s diesjährige Beiträge zur ınexikanischen Flora be-
ziehen sich auf die Asphodeleen (Bot. Zeit. 1845).
Purdie (Jahresb, f. 1843) hat seine botanischen Berichte
aus Jamaika fortgesetzt (Lond. Journ. of Bot. 1845. p. 14—27).
An der Nordseite der Insel sollen die Cacteen fehlen, die an der
Südküste allgemein sind.» Dort, bei Bath, war das etwa 3000’ hohe
Küstengebirge mit einem Hochwalde von Podocarpus Purdiena Hook.
bedeckt, einem (der grössten Waldbäume Jamaikas: ein gefallener
Baum mass über 100’, bis zur Krone 40/, in Mannshöhe über der
Wurzel 3%' Durchmesser. P. coriacea findet sich über dem Niveau
von 5000’ oder 6000”. — Die Kaffeeplantagen liegen an der Südseite
der Insel, z. B. am Pass von Kingston nach Bath, zwischen 3000’
und 6000’: höher gedeiht Coffea nicht.
In Caracas von Moritz gesammelte Farne hat Kunze
aufgezählt und neue Arten beschrieben (Botan. Zeit. 1845.
S.281—288). — Von Bentham’s Bearbeitung der Schom-
PP OREEESFR
Pflanzengeographie während des Jahres 1845. 367
burgk’schen Pflanzen aus Guiana sind die Polygoneen (14 sp.)
und Thymelaeen (3 sp.) erschienen, so wie von Nees v.
Esenbeck dessen Acanthaceen (17 sp.) (Lond. Journ. of Bot.
1845. p. 622 — 637). Einzelne Arten seiner Sammlung hat
Schomburgk selbst beschrieben (das. p. 12. 375). — Gard-
ner hat, als Fortsetzung seiner frühern Arbeit, die Diagnosen
von 100 neuen, in Brasilien von ihm entdeckten Pflanzen pu-
blicirt (das. p. 97—136). Ueber die Bearbeitung von @.s
Moosen (s. vor. Jahresb.) ergreift K. Müller noch einmal
das Wort (Bot. Zeit. 1845. S.89 u. f.). — Naudin’s fortge-
setzte Beiträge zur brasilianischen Flora (s. vor. Jahresber.)
begreifen die Melastomaceen (Ann, se. nat. 3. p. 169 —192. u.
4. p. 48—57).
Eine botanische Exeursion, am. Chimborazo beschreibt
Jameson (Lond. Journ. ‚of Bot. 1845. p. 378—385).
An der Westseite der westlichen Cordillere von Ecuador, zu
welcher der Chimborazo gehört, schlagen sich die Wasserdämpfe
der Seewinde nieder: hier herrscht daher gleichzeitig mit der Re-
genzeit der Küste von Guayaquil feuchte Witterung von Ende De-
cember bis Mitte Mai, während am östlichen Abhang und auf der
Hochfläche von Riobamba der Himmel heiter ist. Dieser Gegensatz
ist von bedeutendem Einfluss auf die Vegetation: so sind die zahl-
reichen Calceolarien, die Alstrogmerien auf den westlichen Abhang
beschränkt; so fimden sich hier in den obern Regionen hochstämmi-
gere Holzgewächse isohypsil mit den Gesträuchen der centralen Cor-
dillere. Zwischen 13000' und 14000’ bildet die Sanguisorbee Poly-
lepis lanuginosa einen eigenen Gehölzgürtel, wobei J. bemerkt, dass
diese Bäume in höherem Niveau wachsen möchten, als irgendwo
sonst auf der Erde Baumwuchs beobachtet ist. Abwärts folgt am
Wege von Riobamba nach dem an der Westseite der Chimborazo-
Kette gelegenen Orte Guaranda eine Wiesenregion von gleichem Um-
fange, bis man bei 12000’ auf’s Neue Gehölze von Aristotelia Maqui
und Columellia sericea antrifft, in denen das Unterholz aus Synan-
thereensträuchern, Rosaceen, Melastomaceen und Serophularineen
besteht. — Der Bericht wird mit einer Liste der zwischen 12000'
und. 14000’ vorkommenden Pflanzenfamilien geschlossen. Fast 250
Arten, welche hier von J. beobachtet sind, vertheilen sich auf etwa
50 Familien. Die artenreichsten sind: 29 Synanthereen, 15 Scrophu-
larineen, 11 Gramineen, 11 Rosaceen, 8 Leguminosen, 7 Gentianeen,
7 Umbelliferen, 7 Cruciferen; 14 Farne und 13 Laubmoose; ferner
charakteristische ‚alpine Formen: Ranunculaceen (5), Caryophylleen
(4), Ericeen (4), Vaccinieen (3), Valerianeen (4), Orchideen (5), Cy-
peraceen (3). Südamerikanische Formen: Loaseen (2), Passifloreen
368 Grisebach: Bericht über die Leistungen"in der
(1), Escallonia (1), Columellia (1), Solaneen (5), Lobeliaceen (2).
Von tropischen Formen finden sich noch in diesem Niveau: Mela-
stomaceen (4), Homalineen (1), Loranthaceen (2), Bromeliaceen (2).
Bridges schreibt über den ersten Erfolg seiner botani-
schen Reisen in Bolivien (das. p. 571).
Von einem sehr wichtigen Werke über Chile von Cl],
Gay ist uns die erste Lieferung der botanischen Abtheilung
zugekommen (Historia fisica y politica de Chile por Cl. Gay.
Botanica. Tom. 1..p. 1—104. Paris, 1845. 8.). Die Diagnosen
sind lateinisch, die Beschreibungen spanisch, Das Werk soll
in der Reihenfolge des Prodromus alle chilesischen Gewächse
umfassen und durch ausgezeichnete Kupfer eine Auswahl der-
selben erläutern: aber auch Gartenpflanzen sind aufgenommen.
Die in dem ersten Hefte abgehandelten, einheimischen Gattungen
sind folgende. Ranunculaceen: 7 Anemone, 2 Hamadryas, Barneou-
dia, 13 Ranunculus, A Psychrophila, Paeonia; Magnoliaceen: 2 Dry-
mis; Anonaceen: 1 Anona; Lardizabaleen: 2 Lardizabala, 1 Boguila;
Berberideen: 23 Berberis; Papaveraceen: 3 Argemone, Papaver;
1 Fumaria. .
V. Australien und oceanische Inseln,
J. D. Hooker tritt gegen die hergebrachte Meinung auf,
wonach alle oder doch die meisten Südsee-Inseln zu demsel-
ben Schöpfungsheerde gehören (Lond. Journ. of Bot. 1845.
p- 642). L
Die Aechnlichkeit ihrer Vegetation sei mehr scheinbar als wirk-
lich und hauptsächlich theils in Litoralpflanzen, theils in solchen
Gewächsen ausgesprochen, welche mit dem Menschen über ihre ur-
sprüngliche Heimath hinaus nach Osten gewändert sind. Dass aber
die ursprüngliche Vegetation, zu welcher diese eingebürgerte sich
gesellt hat, wenigstens für die grössern Inselgruppen endemisch sich
verhalte, zeige z. B. eine Vergleichung der Flora des Sandwich- und
Societäts-Archipels, die beide unter ähnlichen klimatischen Bedin-
gungen, der eine nördlich, der andere südlich vom Aequator gelegen
sind. Nur wenige unter den hervorstechenden Gattungen finden sich
in beiden Gruppen zugleich. Aermer sind die Societäts-Inseln, aber
tropischer in ihren Formen und weniger eigenthümlich: hier über-
wiegen die grossen Familien der heissen Zone, wie Malvaceen, Le-
guminosen, Apocyneen, Urticeen, auch Melastomaceen und Myrta-
ceen. Von den eigenthümlichen Formen der Sandwich-Inseln, den
Synanthereen, Lobeliaceen, Goodenovieen und Cyrtandraceen findet
man hingegen wenige oder gar keine Repräsentanten. Andere Fa-
milien, wie die Gräser, Euphorbiaceen, Rubiaceen u. a., die in bei-
Pflanzengeographie während des Jahres 1845. 369
den Archipelen zahlreich sind, bleiben doch nach Massgabe der Arten
grösstentheils abgesondert.
Derselben Ansicht über den endemischen Charakter der Flora
der Sandwich-Irseln begegnen wir auch bei Hinds (Ann. nat. hist.
45. p.91—93). Mit andern und zwar den verschiedensten Floren
sind nur vereinzelte Vergleichungspunkte nachzuweisen. Unter 165
Arten, die der Reisende dort und zwar an der Küste sammelte, ist
die Hälfte endemisch. Physiognomisch betrachtet, ist die Waldmasse
in Vergleich zu andern Tropenländern gering, die Bäume sind nicht
hoch und nur in feuchte, geschützte Thäler zusammengedrängt. Cin-
ehonaceen, Guttiferen, Sapindaceen, Euphorbiaceen sind hier mit
Farnbäumen und einer einzigen, ursprünglich einheimischen Palme
verbunden.
Das Werk von Strzelecki über Neuholland enthält eine
Reihe werthvoller Angaben über die Vegetationsbedingungen
dieses Continents (Physical description of New South Wales
and Van Diemens Land. London, 1845. 8.).
Die extratropische Südostküste besitzt ziemlich regelmässig
wechselnde Luftströmungen, die von den Moussons der Nachbarmeere
abhängen, aber sich ungleich unter den verschiedenen Breiten ver-
halten. Bei Port Jackson und Port Macquarie (32° S. Br.) herrschen
Aequatorialströmungen im Sommer, Polarströmungen im Winter; in
Port Philip (Südostende des Continents) Aequatorialströmungen im
Winter, Polarströmungen im Sommer; in Vandiemensland überwiegen
die Aequatorialströmungen im ganzen Jahre (p. 168). Die Regen-
menge ist an der Küste weit bedeutender, als man erwarten sollte:
im Mittel beträgt sie in Neusüdwales — 48”,6, in Vandiemensland
—=41",3 (p.192). Der Temperaturgang ist weit gleichmässiger, als
in der nördlichen Hemisphäre unter entsprechenden Breiten, wie sich
aus folgender Zusammenstellung (p. 229) ergiebt:
Woolnorth
PortMacquarie. P.Jackson. P.Philip. in Vand.L.
Mittlere Temperatur +20° C. +192C. +16%3C. —+14°,1C.
M. Sommertemperat. +23°,9 , +23%2 ,, +20%8, +16
M.Wintertemperatur +16°,1 „ -+15%1 , +11%9,, —+12%3 ,,
Maximum i. Sommer + 31%,3 „') +2798 „?) +32,5 2) +20°%,4 ®)
Minimum im Winter + 82 „’) + 7°%,4 „?2)+ 9,7 ,2) + 8 >)
Die geognostischen Verhältnisse sind für die Vegetation, wie für die
Kultur des Bodens, nach S. yon der entscheidendsten Bedeutung,
was sich aus einer Vergleichung von Neusüdwales und Vandiemens-
land ergiebt. In Neusüdwales überwiegen Granite, Sandsteine und
!) Der wärmste Monat ist der November, der kälteste der August.
?) Der wärmste Monat ist der November, der kälteste der Juli.
?) Der wärmste Monat ist der Januar, der kälteste der August.
’
[2
370 Grisebach: Bericht über die Leistungenin der
Conglomerate, Kalksteine sind nur auf wenige Oertlichkeiten 'be-
schränkt; in Vandiemensland herrschen Porphyre, Grünsteine, ‘Basalte
und Trachyte, auch Kalkgesteine sind häufiger (p.360).: Dort 'begün-
stigt Kieselgehalt des Bodens die nächtliche Abkühlung und würde
noch nachtheiliger wirken, wenn nicht ‘die dichtere Vegetation zu
häufiger Wolkenbildung Anlass gäbe (p. 219). Aber die geringe Menge
löslicher Bestandtheile in der Erdkrume macht sie nur für einheimi-
sche Gewächse, also zum Weideland geeignet, nicht für den Ackerbau.
Die botanischen Briefe aus Neuholland von Leiekhardt
(Lond. Journ. ofBot. 1845. p. 278—291), vor dessen grosser,
an Erfolgen. nie übertroffener Entdeckungsreise durcl. das
Innere des Continents geschrieben und nicht zur Publicität
bestimmt, erwecken die entschiedene Hoffnung, dass auch die
botanische Charakteristik Australiens durch ein ‚solches Talent
zur Beobachtung aufgefasst und mit ebenso glücklicher Feder
wiedergegeben, diesem Reisenden einst einen kedeniE Ben Ge-
winnst verdanken wird.
Systematische Beiträge zur australischen Flora: Sonder’s
Diagnosen von 76 neuen Algen aus Preiss’ Sammlung von
Swan River (Bot. Zeit. 1845. S.49—57); Berkeley’s neue
Pilze (54 sp.) ebendaher nach Drummond’s Sammlung,
J. D. Hooker schrieb eine Abhandlung über die Ver-
breitung der Coniferen in der südlichen Hemisphäre (Lond.
Journ. of Bot. 1845. p. 137—157).
Vandiemensland besitzt 10 verschiedene und für die Insel ıende-
mische Coniferen, die zum Theil nur an beschränkten. Standorten
vorkommen und meist von ‘Gunn entdeckt sind: Callitris australis
Br. (Oyster-Bay-Pine), ein 50'—70' hoher Baum; €. Gunnii D. Hook.
(Native Cypress), 6'— 10/"hochz Artärotazis 3 sp.; Mierocachrys te-
tragana.D.Hook., ein 15'—20' hoher Baum; Podocarpus ‚alpina Br,,
Strauch am Mount Wellington im Niveau von 3’—4000'; ‚P, Lawren-
ci? D. Hook.; Phyllocladus asplenifolia Rich. (Celerytopped Pine)
50'—60' hoch; Dacrydium Franklinü D. Hook. ‚(Huon-Pine); der
schönste Baum von allen, 60.—100’ hoch bei 2!—8 Durchmesser,
aber von beschränktem Vorkommen, jedoch am Macquarie -Hafen
als Schiffsbauholz gebraucht. — Uebersicht der Verbreitung der bis
jetzt aus der südlichen Hemisphäre bekannt gewordenen Coniferen :
16 sp. in Neuholland (10 Callitris, A Podocarpus, 2 Araucaria an
der Moreton-Bai), 10 sp. in Tasmanien (s.o.); 13sp. in Neuseeland
und den Südsee-Inseln (6 Podocarpus, darunter an der Inselbai am
häufigsten ‚der Kaikatia = P. dacrydioides Rich., 3 Daerydium, Thuja
Doniana Hook, Phyllocladus trichomanoides Don, Dammara austra-
lis = Kauri Pine, Araucaria ezxcelsa Ait. = Norfolk Island Pine und
Pflanzengeographie während des Jahres 1845. ya
wahrscheinlich auf diese Insel ‘beschränkt; 8 sp. in Südamerika
(4 Podocarpus in Chile und Brasilien, Thuja chilensis Hook. = an-
dina Pöpp., Th. tetragona Hook. — Alerse von Chiloe, Araucariu
brasiliensis = Brazilian Pine, Ar. imbricata — Chili Pine, auf den
Anden von 37° bis 46° S.Br., zweifelhaft bleibt Juniperus uvifera
Don von Cap Horn; etwa 6sp. in Südafrika und«Mauritius (2 Podo-
carpus, 3 Pachylepis, darunter P. Commersoni von Mauritius, Juni-
perus capensis Lam. zweifelhaft.
Von J. D. Hooker’s Kupferwerk über seine antarktische
Reise liegen uns bereits 15 Lieferungen vor (The Botany of
the Antaretic Voyage. London, 1845. 4.).
Der Vegetationscharakter des Lord-Aucklands-Archipels ist deut-
licher, als früher (Jahresb. f. 1843) dargestellt. Es wurde bereits
erwähnt, dass über diese Inseln, deren vulkanischer Boden sich in
sanften Hügelformen bis zu 1500’ erhebt, Wälder, Gesträuche und
Weidegründe gleichmässig vertheilt sind. Metrosideros lucida bildet
auf dem reichen Humusboden der Küste den Wald, vermischt mit
einem baumwüchsigen Dracophyllum, nebst Unterholz von der Ru-
biacee Coprosma, Veronica-Sträuchern und Panax. Wie in Neusee-
land herrschen im Schatten der Holzgewächse gesellige Farnkräuter.
Unter ihnen ist’eins, Aspidium venustum Hombr. Jacquin., welches
sein üppiges Laubdach vom Gipfel eines 2—4 hohen, 6” starken
Stamms ausbreitet, etwa wie die Zwergpalme an den tropischen Him-
mel, so hier an das Klima der neuseeländischen Farnbäume durch
die Anlage des Wuchses erinnernd. Oberhalb der auf die Küste be-
schränkten Waldregion stehen die Gesträuche für sich bis zum Ni-
veau von 800’, wo allmählich holzlose Triften von Stauden und Grä-
sern sie verdrängen. Diese Stauden entfalten Blumen von alpiner
Farbenpracht und sind grossentheils vikariirende Arten arktischer
Gewächstypen, wie Gentiana, Veronica, Cardamine, Ranunculus. —
Campbells-Insel ist von Felsen, wie St. Helena, umgürtet und daher
ohne zusammenhängende Waldregion. Im Innern von Wiesen be-
deckt, besitzt sie nur in einzelnen geschützten Lagen die von Ge-
sträuchen beschatteten Farne der Aucklands. Unter den antarkti-
schen Formen gedeiht hier auf den felsigen Höhen eine grosse, gold-
gelbe Liliacee (Chrysobactron) in solcher Ueppigkeit, dass der Far-
benton ihrer Blüthen von den Vorüberschiffenden bis auf eine eng-
lische Meile von der Küste bemerkt wird.
Uebersicht der Flora des Lord-Aucklands- Archipels und der
Campbells-Insel: 3 Ranuneulaceen (Ranunculus), A Cruciferen (Car-
damine), 4 Caryophylleen (Stellaria, 3 Colobanthus), 1 Drosera,
1 Geranium, 3 Rosaceen (Sieversia und 2 Acaena), 3 Epilobium,
1 Callitriche, 1 Metrosideros, 1 Montia, 1 Bulliarda, 3 Umbelliferen
(Pozoa und 2 Anisotome), 1 Panax, 1 Aralia, 7 Rubiaceen (6 Co-
prosma und Nerter«), 11 Synanthereen (Trineuron, Ceratella, 3 Le-
pfinella, Oxothunmus, Helichrysum, 2 Plenrophylium, Celmisia, Gna-
372 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
phalium), 3 Stylidieen (2 Dracophyllum und Forstera), 1 Lobeliäcee
(Pratia), 1 Epacridee (Androstoma), 1 Myrsinee (Suttonia), 2 Gen-
tiana, 2 Myosotis, 3 Veronica, 2 Plantago, 1 Rumex, 2 Urtica, 8
Orchideen (2 Thelymitra, 2 Caladenia, Chiloglottis, Acianthus, 2 in-
determ.), 2 Asphodeleen (Chrysobactron, Astelia), 5 Junceen (2 Jun-
ceus, 2 Rostkovia, Luzula), 1 Restiacee (Gaimardia), 6 Cyperaceen
(3 Carex, Uncinia, Isolepis, Oreobolus), 14 Gramineen (2 Hierochloe,
A Agrostis, Trisetum, Bromus, 2 Festuca, 3 Poa, Catahrosa), 17
Farne (5 Hymenophyllum, Aspidium, 3 Asplenium, Pteris, 2. Lomaria,
2 Polypodium, Phymatodes, Grammitis, Schizaea); 66 Moose in Ver-
bindung mit Wilson bearbeitet; 85 Hepaticae von D. Hooker und
Taylor bearbeitet; 30 Lichenen von denselben, 57 Algen von D,
Hooker und Harvey; 15 Pilze von Berkeley. Unter den Kryptoga-
men sind manche Arten europäisch, unter den Phanerogamen nur
einige wenige, die entweder eingeführt sind oder, als Varietäten auf-
geführt, der Bestimmung nach nicht zweifellos erscheinen.
Mit der elften Lieferung des Werks beginnt die Flora der ant-
arktischen Länder, unter welcher Bezeichnung alle Breiten zwischen
45° und 64° S.Br. zusammengefasst werden: namentlich gehören hie-
her die vom Reisenden besuchten Punkte von Fuegia, von der Süd-
westküste Patagoniens, die Falklands, Palmers Land und einige be-
nachbarte Inseln, Tristan d’Acunha und Kerguelens Land. — Ueber-
sicht der bis jetzt abgehandelten Familien: 15 Ranunculaceen (Ane-
mone, 8 Ranunculus, 3 Hamadryas, 3 Caltha), 1 Magnoliacee (Dri-
mys), 3 Berberis, 11 Cruciferen (Arabis, 2 Cardamine, 3 Draba,
Pringlea antiscorbutica = Kohl von Kerguelens Land s. Jahresb, f.
1843, Thlaspi, Senebiera, 2 Sisymbrium), 1 Bixinee (Azara in Süd-
chile), 4 Viola, 1 Drosera, 13 Caryophylleen (Lychnis, Sagıina, 4
Colobanthus, 4 Stellaria, Arenaria, 2 Cerastium), A Geranium, 2
Ozxalis, 2 Celastrineen in Fuegia (Maytenus, Myginda), 1 Rhamnee
ebenda (Colletia), 8 Leguminosen (2 Adesmia, 3 Vicia, 3 Lathyrus),
15 Rosaceen (2 Geum, Rubus, Fragaria, Potentilla, 10 Acaena), 2
Onagrarien (Fuchsia in Fuegia, Epilobium), 6 Halorageen (Myrio-
phyllum, Hippuris, Callitriche, 3 Gunnera), 5 Myrtaceen (Metroside-
ros auf‘dem Chonos-Archipel, 2 Myrtus, 2 Eugenia), 1 Montia, 1
Bulliarda, A Ribes, 3 Saxifrageen (2 Escallonia, Cornidia, 2 Saxi-
fraga, 2 Chrysosplenium, Donatia). Die Umbelliferen sind noch
nicht vollendet.
Die Bearbeitung der antarktischen Te a im Londoner
botanischen Journal (s. vor. Jahresb.) ist fortgesetzt worden: 38
neue Hepaticae sind von D. Hooker und Taylor publieirt (1845.
p. 79—97), 76 neue Algen von D. Hooker und Harvey (p. 249 bis
276 und 293—298) und von denselben die neuseeländischen Algen
(bis jetzt 124 sp.) aufgezählt (p. 521—551).
Zu. dem durch Dumont d’Urville’s antarktische Reise
veranlassten Kupferwerk ist jetzt der erste.Band des botani-
systematischen Botanik während des Jahres 1845. 373
schen Textes erschienen, die Zellenpflanzen von Montagne
enthaltend (Voyage au Pole Sud et dans l’Oceanie sur les
corvettes Astrolabe et Zelee. ‘Botanique. T.1. Plantes cellu-
laires. Paris, 1845. 8.).
Die ganze Ausbeute besteht aus 438 Algen, 42 Lichenen, 48 He-
paticae und 40 Moosen. In der Vorrede sind Verzeichnisse der in
beiden Hemisphären zugleich zwischen dem Pol und dem 50sten Pa-
rallel gefundenen Kryptogamen mitgetheilt (dies sind 9 Algen, 66 Li-
chenen, 11 Hepaticae und 14 Moose); ebenso eine Liste der zugleich
in hohen und in tropischen Breiten vorkommenden Arten (171 sp.),
endlich von kosmopolitischen Arten (8 Algen, 6 Lichenen, 5 Hepati-
cae, 10 Lebermoose). — Die neuen Gattungen Montagne’s waren
schon früher in einem Vorläufer der jetzigen Arbeit bekannt gemacht
— Die Kupfertafeln zur phänerogamischen Abtheilung von Hom-.
bron und Jacquinot, deren Text noch nicht erschienen, haben,
so vortrefllich sie auch gezeichnet sind, vom jüngern Hooker eine
scharfe Kritik erfahren (Lond. Journ. of Bot. 1845. p. 28).
B. Systematik.
Dem Charakter der bisherigen systematischen Literatur
gemäss waltet auch jetzt die Beschreibung neuer Formen vor,
wogegen der tiefern Begründung des Pflanzensystems auch
die tüchtigen Kräfte sich immer noch allzu sehr entziehen.
Da aber dieser Bericht die letztere Richtung vorzüglich ins
Auge fassen soll, so wird die Kürze desselben nicht allein
in mangelhafter Kenntniss der Literatur, von der wichtige
Schriften oft zu spät mir zugehen, Entschuldigung suchen,
sondern zugleich in dem gewählten Plane der Arbeit begrün-
det sein.
‚Von De Oandolle’s Prodromus systematis naturalis
(Paris. 8.) wurde im Januar 1845 der neunte Band heraus-
gegeben, dem im April 1846 der zehnte folgte. Die abge-
handelten Familien werden unten erwähnt werden. — Von
Walpers’ Sammelwerk der in neuern botanischen Schriften
enthaltenen Diagnosen (Repertorium Botanices systematicae.
Lips., 1845 — 46. 8.) erschienen 1845 in den letzten Heften
des dritten Bandes der Abschluss der Labiaten, in dem bis
jetzt nicht weiter fortgesetzten vierten Bande (Fase. 1.) die
Verbenaceen, Myoporineen, Selagineen, Stilbineen, Globula-
rineen und Plantagineen, so wie im fünften Bande Supple-
374 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
mente zu den polypetalischen Familien der ersten Bände, na-
mentlich ein Nachdruck von Jussieu’s Monographie der Mal-
pighiaceen.: doch sind diese Auszüge und Abdrücke bekanhıt-
lich nichts weniger als correct.
Von, Sir. W. Hooker’s lcones plantarum wurde eine
Lieferung von 50 Tafeln 'publicirt ( Part 15. Vol. 8. P. 1. Nr,
701-750. London, 1845. 8.).
Leguminosen. Bentham bearbeitet die Mimoseen und giebt
von dieser Pflanzengruppe eine vollständige Synopsis der Gattungen
und Arten (Lond. Journ. of Bot. 1844—45): im verflossenen Jahre
nur Inga mit 134 sp. Diese Gattung ist hier in einer engern Be-
grenzung aufgefasst (— Euing‘a Endl.), indem B. bemerkt, dass ent-
weder die monadelphischen Mimoseen, d. h. } aller bekannten, in
eine einzige Gattung zusammenfallen, oder auch die Blattbildung als
generischer Charakter anerkannt werden muss. So unterscheidet er
Inga nur durch einfach gefiederte Blätter von Picetholobium (mit
doppelt gefiederten Blättern), gewinnt aber auf diese Weise auch
habituelle Charaktere in der längern, pubescirenden Blüthe, in der
dickern, am Rande geschwollenen Hülse, Ohne Zweifel ist es als
richtiger Grundsatz anzuerkennen, dass, wenn man höhere Abthei-
lungen des Systems, wie Familien, nach Vegetationscharakteren be-
grenzt, die unteren Kategorieen, nämlich die Tribus und Gattungen
in dem Falle eben sowohl darauf beruhen können, wo eine natür-
liche Gliederung der Gruppe dadurch erreicht wird. — Die neue
Sophoree Alerandra, ein Baum des britischen Guiana mit kolossa-
len Blumen, ist von Rob. Schomburgk beschrieben worden (das.
1845. p. 12). — Die Revision der Gattung Genista von Spach (Ann.
sc, nat. III. Ser. Vo]. 2..3), enthält zwar eine, bedeutende Anzahl neu
aufgestellter Arten, aber ist, gleich den frühern systematischen Ar-
beiten des Verfassers, keineswegs als Abschluss gder dem Geiste
der Wissenschaft entsprechende Darstellung des vorhandenen Mate-
rials, sondern nur als eine übermässig weitläuftige Aufzählung von
descriptivem. Detail anzusehen. Die neuen Arten sind zum Theil
nur unbedeutende Formen, wie sich z. B. schon aus der Beschrei-
bung mehrerer zu G. tinctoria gehöriger ergiebt; die Diagnosen von
übergrosser, durch nichts erforderter Länge, bieten keineswegs eine
Synopsis der distinctiven Charaktere, vielmehr, ihrem Zweck wider- '
sprechend, neben den ausführlichen noch besondere, abgekürzte Be-
schreibungen, welche die Erkenntniss der Art als solcher nicht er-
leichtern, sondern, indem sie zu den festen auch veränderliche Cha-
raktere aufnehmen, dieselbe nothwendig erschweren müssen. Von
grösserer Bedeutung ist die Aufstellung der. Sectionen und Subgenera,
die zwar unnöthig vermehrt sind, aber doch analytische Einzelnheiten
und neue Beobachtungen enthalten, die für einen künftigen Monogra-
phen nützlich sein werden, Als eigene Gattungen sind von Genista
”
systematischen Botanik während. des Jahres 1845. 35
abgesondert: Dendrosparton Sp. (3. p-152) = Spartium aetnense
Biy., so wie Gonocytisus Sp. (p.153) = Sp. angulatum L.
Myrtaceen. D. Hooker und Harvey beschreiben Back-
housia n.gen. aus Neusüdwales (Bot. mag. 1845. t. 4133).
;Melastomaceen. Von Microlicia trennt Naudin M. alsine-
Jolia DC. und variabilis Mart. wegen ihres etwas abweichenden An-
therenbaus als Uranthera und behält Chaetostoma DC. bei, ohne
dass im aufgestellten Charakter ein distinctives Merkmal von Micro-
licia vorhanden ist (Ann. sc. nat. 111. 3. p. 189. 190). Arthrostemma
seet. Monochaetum erhebt er unter dem Namen der Section zur
eigenen Gattung (4. p.48). — Neue Gattungen: Octomeris Naud.
Sträucher der Anden, wozu auch Mel. octoxa Humb. Bonpl. gehört,
(p.52); Stephanotrichum Naud. (p.54) und Ohiloporus Naud.
(p.57), beide aus Neugranada. +
Lythrarieen. Hierzu bringt Planchon (Lond. Journ. of Bot.
1845. p. 474) Henslowia Wall. (Henslowiaceen Lindl.), welcher Gat-
tung er eine Capsula loeulicida, valvis medio septiferis basi et apice
comnexis zuschreibt und sie neben Abatia R.P. stellt. Nach der Ab-
bildung in der Flora peruviana hält er auch Alzatea R.P. (Celastri-
nea dubia) für. eine Lythrariee und zieht, jedoch nur auf die Be-
schreibungen der Pflanzen gestützt, als zweifelhafte Synonyme zu
Henslowia Crypteronia Bl. (Rhamnea dub. Endl.) und Quilanum
Blanc. (dub. sedis Endl.).
Diosmeen. Planchon zieht hierher eine dioeeische Gattung
von Holzgewächsen des malaiischen Archipels, welche er, jedoch
ohne den Bau des Ovariums zu kennen, als Rabelaisia n. gen. be-
schrieben hat (a. a. O.p.519). Bei dieser Gelegenheit kündigt der
Verf. Reformen in der Begrenzung der Diosmeen an, mit denen er
die Zanthoxyleen zu vereinigen gedenkt, nachdem er von dieser letz-
tern Gruppe, wie schon bei Bennet angedeutet, Brucea und Arlan-
thus getrennt und nebst der bis jetzt zu den anomalen Polygaleen
gestellten Soulamea (Cardiophora Benth. nach Autopsie des Verf.)
mit den Simarubeen verbunden hat. — Eine mit Zanthoxylon nahe
verwandte Gattung, Thamnosma n.gen., aus Obercalifornien, ist
von Torrey und Fremont beschrieben (Frem. Exploring Expedit.
Americ. edit. nach Bot. Zeit. 1847. 8.41).
Ochnaceen. Hostmannia n. gen. (Hook. ie. t. 709) aus Su-
rinam wird ungeachtet ihres zweifächerigen Ovariums von Sir W.
Hooker zu dieser Familie gerechnet.
Euphorbiaceen. Zwei australische Gattungen hatPlanchon
beschrieben (a. a. ©. p. 471. t. 15.16): Stachystemon Pl. mit Pseud-
anthus und Bertya Pl. mit Calyptostigma zunächst verwandt,
Sapindaceen. Die im Handel neuerlich vorgekommenen
Schlangensamen (Snake-seed) sind die von der Testa befreiten „ spi-
ralförmig gewundenen Embryonen einer Sapindacee, Ophiocaryon
Schomb., des Snake-Nut-Tree am Essequibo, den der Entdecker,
376 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
Rob. Schomburgk, früher zu den Anacardiaceen gezählt hatte,
jetzt aber vollständiger beschreibt und zur richtigen Familie beimet
(a. a. ©. p.375—378).
Malvaceen. Eine bedeutende Untersuchung über die Blüthen-
entwickelung der Malvaceen hat Duchartre bekannt gemacht (Ann.
sc. nat. I. 3. p. 123—150), über deren Verdienst Ad. Jussieu sich
ausführlich ausspricht (Compt. rendus. 1845. Aug. p. 417—426). Der
Aussenkelch scheint bei seiner ersten Bildung als Bracteensystem
aufzutreten. Den synsepalischen Kelch lässt Duch., wie alle ein-
blättrigen Blüthenhüllen überhaupt, nicht durch Verwachsung ur-
sprünglich abgesonderter Organe entstehen, wie Schleiden gewollt
hat: sondern zuerst bilde sich eine zusammenhängende Kelchbasis
(bourrelet continu), aus deren oberem Rande die 5 Kelchblätter her-
vorwachsen. Nach meinen neuern Untersuchungen, namentlich am
Kelch der Onagrarien, ist diese Ansicht ihrem Hauptgedanken nach
in der Natur begründet, aber die Reihenfolge der Erscheinungen un-
richtig dargestellt: zuerst entstehen die freien Organspitzen, dann
aber verschmelzen die basilaren Bildungspunkte durch laterale Ver-
grösserung jedes einzelnen und somit wird also nach Bildung der
Loben eine zusammenhängende Kelchbasis (tubus calycis) aus dem
Torus hervorgeschoben. Eine Randverwachsung von Blüthenorganen
desselben Wirtels ist, wo sie vorkommt, der Allgemeinheit dieses
Processes gegenüber nur als Ausnahme zu betrachten. — Die wich-
tigste Entdeckung Duchartre’s bezieht sich auf die Stellung der Staub-
gefässe und dient zur Bestätigung für die vermuthete Affinität der
Malvaceen mit den Rhamneen. ‘Nachdem der Kelch angelegt ist,
bilden sich etwas früher als die Blumenkrone (ebenso wie bei meh-
reren Familien mit opponirten Staubgefässen) diese letztern als fünf
mit dem Kelch alternirende Blattanfänge (mamelons). Diese theilen
sich, kaum gebildet, zunächst in zwei Segmente (dedoublement col-
lateral), auf ähnliche Weise, wie ein getheiltes Blatt (leur develop-
pement se faisant plus fortement des deux cötes que sur la ligne
mediane, il en resulte, ä la place des cing eminences primitives, cing
paires de petits mamelons arrondis). Mit der Theilung der ersten
Staubgefässe ungefähr gleichzeitig erscheinen die Petalen, die mit
jenen in Opposition stehen, in bedeutendem Abstande von einander.
Die Polyandrie wird dadurch hervorgebracht, dass vor jenen 10 päar-
weise verbundenen Staubgefässen, also an der Innenseite derselben,
sich die gleiche Bildung mehrmals wiederholt (dedoublement paral-
lele: sur un cercle plus interieur apparaissent cing nouvelles paires
de mamelons, opposees aux premieres). Diese Vervielfältigung der
Staubgefässe sieht D. nicht als Entstehung neuer opponirter Wirtel
auf dem Torus an, sondern scheint sie, und gewiss mit Recht, aus
einer Erweiterung der primären Blattsubstanz nach innen abzuleiten.
Die Polyandrie wird sodann oft noch durch eine zweite collaterale
Theilung der einzelnen Staubgefässe erhöht. Bei Malope trifida und
u un
7
.
systematischen Botanik während des Jahres 1845. 377
einigen andern Arten hat D. sogar zuletzt noch eine dritte collate-
rale Theilung sowohl der Anthere als des Staubfadens beobachtet,
so dass hıer und vielleicht allgemein die Antherae uniloculares als
‚Hälften eines wirklich dimidiirten Staubgefässes zu betrachten wären.
Fünf Zähne auf der Staubfadenröhre, ‘die mit den Blumenblättern
alterniren, sollen in der Knospe allgemein sein, und werden 'ohne-
überzeugende Argumente für einen zweiten Kreis von Staubgefässen
erklärt. — Beim Pistill der Malvaceen nimmt D. vier Grundformen
am, von ‘denen die beiden ersten darin übereinkommen, dass ‘sich
‚ zuerst ein fünfseitiger, zusammenhängender Wulst (bourrelet penta-
gonal) im ’Umfange der Axenspitze (mamelon central) aus dem Torus
erhebt, dessen Ecken den Blumenblättern gegenüberstehen (wenig-
stens bei Malope ist diese Lage erwähnt): aus dem Rande dieses
Wulstes wachsen nun erst entweder zahlreiche Carpophylle hervor
(Malopeen), oder nur auf den Ecken deren fünf (Hibisceen). Auch
bei den Malveen und Sideen geht der Carpophyllbildung ein Wulst
voraus, der aber hier nicht fünfseitig, sondern ringförmig ist: die
Zahl der aus dessen Rande hervorwachsenden Carpophylle ist hier
ganz unbestimmt. Am abweichendsten scheinen endlich Pavonia und
einige verwandte Gattungen, wo auf einem ringförmigen Wulst sich
. @war zuerst zehn Griffelänfänge zeigen sollen, die aber nachher zu
fünf Ovarien verschmelzen. '
" "Hypericineen. Cosson und Germain (Flore de Paris) er-
kennen Spach’s Gattung Elodea (Hyper. elodes) an, indem sich die-
selbe durch parietale Placentation von Hypericum unterscheide, Ay-
pericum habe dagegen eine Placenta centralis. Der Unterschied
scheint mir hingegen nur darin zu liegen, dass die parietalen Pla-
centen bei Hypericum in der Fruchtaxe zusammenstossen, bei Elodea
nicht: ob dies ein generischer Charakter ist, wird erst eine künftige
Monographie der Familie entscheiden, indem Spach’s Arbeit dazu
nicht ausreicht.
Caryophylleen. J. Gay’s Monographie von Holosteum (Ann,
se. nat. 11. 4. p.23—44) zeichnet sich durch die bekannte Genauig-
keit des Verf. äus, leidet aber an der mit solcher Genauigkeit leider
so oft verbundenen Weitschweifigkeit, namentlich endlosen Citaten.
G. stellt in dieser Abhandlung folgende neue Gattungen auf: Rhod-
alsineG.(p. 25)= Arenaria procumbens V., die sich von allen übri-
gen Alsineen durch Stamina biseriata unterscheiden soll, was nur
ein sehr relativer Charakter ist; und Greniera (p. 27) = Alsine
Douglasü Fzl. und Arenaria tenella Nutt.: durch scheibenförmig zu-
‚sämmengedrückte Samen ausgezeichnet.
_ Cacteen. Eine wissenschaftliche Uebersicht der Cacteen ver-
danken wir dem Fürsten Salm, dem Besitzer der grössten Samm-
lung des Continents (von gegen 700 Formen), aber auch zugleich
einem der vorzüglichsten Kenner dieser schwierigen Pflanzengruppe
(Cacteae in horto Dyckensi eultae, additis tribuum generumgue cha-
Archiv f, Naturgesch, X, Jahrg. 2, Bd, Z
378 Grisebach: Bericht; über die Leistungen in, der
racteribus emendatis a Principe Jos. de Salm-Dyck, Paris, 1845. 8.).
Neu ist ‚darin die Gattung Pfeiffera S. (p. 40). uleeliae
Cucurbitaceen. ‘ Für die. ‚Seringe -De Candolle’sche Ansicht,
dass ‚der Medianus der Carpophylle: in der, Axe der Frucht stehe,
und dass die Fruchtfächer durch ‚reyolutive Randkrümmung, derselben
gebildet werden, ist Wight im Madras Journal ‚of Science aufgetre-
ten: und sucht: nebst Gardner (Lond. Journ. of Bot..1845.,p. 401)
diese paradoxe: Theorie durch den ‚Entwickelungsgang. des Ovariums
zu unterstützen. Die, äussere Fruchtwand wird. ‚nach,‚Gardner nur
von. .der Kelehröhre gebildet, an welche im Ovarium. von Coceinia
indica.:die Dissepimente ‚sich nur lose anlegen, ohne damit zu. ver-
wachsen.« Auch der ‚Verlauf der Gefässbündel, deren; ‚Hauptstämme
hier ‚und »bei Bryonia in der .Axe liegen, spreche für 'Seringe. ‚Vor
Allem! aber müsste bei der. Lösung. dieser Frage, ‚auf,die ‚sichere | Un-
terscheidung der' Placenten von wirklichen ‚Carpophyllen Rücksicht
genommen werden, ‚was bis jetzt nicht geschehen ist; ‚höchst unwahr-
scheinlich .‚bleibt,: dass 3 Blätter hier ‚aus; der. Axenspitze hexyor-
wachsen sollen. — Payer bemerkt: (Ann, ‚se, ' nat. 111. 3..p. 163), dass
an.den untern Knoten, wo. 3 Gefässbündel.in den Blattstiel, eintreten,
der Stengel. der. Cucurbitaceen keine Ranken besitze, dass hingegen
für die’ obern Blätter, je nachdem ein oder zwei Ranken vorkommen,
nur zwei Gefässbündel oder nur das mittlere bestimmt sind. ‚Er\.er-
klärt dadurch die, schiefe Lage der Axillarknospe, die. immer, dem
mittlern Gefässbündel gegenüber: liegt und daher da, ‚wo „wie ‚ge-
wöhnlieh,, nur, eine ‚Ranke ‚das Blatt ‚beg gleitet, eine schiefe, Stellung
erhält. Allein ex beweist damit, nicht, ‚dass die Ranken Blattsegmente
oder Stipulen sind, wogegen, wenn man sie für ganze Blätter erklärt,
dies ‚durch jüngere Entwickelungsstufen vor aller Gefässbi an ‚nach-
gewiesen werden kann (dies, Archiv 1846. S. 24). ai
Crueiferen. Barneoud bat'!die kleine Grunpe dan Schizope-
taleen bearbeitet, wozu ausser der Hauptgattung (mit-2sp,); Pez-
veymoudia n, gen. Barn, aus,Chile (mit 4 sp.) gehört, (Ann. sc.
nat. 111. 3. p. 165 — 168).. Der Charakter beschränkt sich auf die ge-
theilten Blumenblätter und die ästigen Haare,, indem Perreymondia
die. getheilten Cotyledonen nicht besitzt, sondern einen ‚gewöhnlichen
notorrhizeischen Embryo, und, da dies der einzige Unterschied, wohl
als; Gattung nicht bestehen kann, — Trautvetter trennt von, Mat;
thiola M. deflexa Bg. als Microstigma Tr. (Pl. ‚ross, ‚imagines
T.25)- — Neue Gattungen: „Lyrocanpa Hook. Harv. „(Lond,
Journ. of Bot. 1845. p. 76), mit einer Silicula panduriformis, von Coul-
ter in Californien entdeckt; Dirhyrea Hary, (das. p. 77), mit Biscu-
tella verwandt, aus gleicher Quelle; Ozystylis Torr. Frem. (Ex-
plor. Exp. u. a. a. O.S.41), sehr ausgezeichnet, an die Capparideen
anerenzend, ebenfalls aus Californien, Pr inglea, Anders, d. ‚Hook,
(Antaret. 'Voy. p. 238. T. 90. 91), der oben erw ähnte ‚Kergueleus-
Cabbage. h
}
’
\
systematischen Botanik»während des Jahres: 1845. 379
" Papaveraceen. Neue Gattungen aus Californien: Rom-
neya Harv. (a. a. O. p.'73), von Papaver namentlich ‚durch Trimerie
der beiden äussern: Wirtel unterschieden; Aretameco» Torr. Frem.
(a.a. O.p:40), nach der Beschreibung »ur durch Semina strophio-
lata von Papaver abweichend.
‚Ranunculaceen. Ueber die bis jetzt nur unvollständig mit-
getheilte Arbeit von Barneoud ı(Compt. rend. 1845. 2. p: 352—354)
ver&l den physiologischen Jahresb. von Link (8.95). — Cl. Gay
hat zwei chilesische Gattungen gegründet: Psychrophila (Hist. de
Chile. Bot.'1.p.47.T.2), von Caltha abgesondert, und Barneou-
dia (ib. p. 29. T.1. F.'2), mit Helleborus verwandt.
"Saxifrageen. Einen von Gardner auf den Orgelbergen bei
Rio entdeckten Strauch beschreibt derselbe als Raleig'hia (Lond.
Journ. of Bot. 1845. p.97) mit folgendem, wesentlichen Charäkter:
itheiliger, valvirter Kelch; keine Corolle; zahlreiche, perigynische
Staubgefässe; einfächeriges: Ovarium ‚mit einfachem Griffel und 3
(2) Placenten, die zahlreiche Eier tragen und später auf der Mit-
tellinie der Kapselklappen: stehen; Samen mit axilem Embryo; oppo-
nirte, am Grunde verbundene, gesägte Blätter. Sie wird vom Ent-
decker zu den Bixaceen gerechnet, aber von Bentham mit Recht
zu den Cunonieen, neben Belangera gestellt, indem sie durch) rein
parietale Placentation zwar. von ‚diesen ein Uebergangsglied zu den
parietalen Familien bildet, aber, durch, die Insertion ‚von den letztern
sich ‚unterscheidet. Eine ganz verschiedene Ansicht über Raleighia
vertritt Planchon (ib. p.476), indem er, auf Autopsie, sich beru-
fend, diese Gattung für kaum generisch trennbar erklärt von der Ly-
thrariee Abatia (s..o.): was nur in dem Falle, dass sowohl Gardner
als Bentham die Früchte und Samen ganz falsch beschrieben, hätten,
begründet sein, könnte, £
Umbelliferen; Neue Gattung vom Lord- Aucklands- Archi-
pel: Anisotome D. Hook. (Antarct. Voy. p. 76. T.8—10). — Die in
der, Phytographia canariensis ‚aufgestellten Umbelliferen, Tanssulaceny
U.5.W. bleiben bis zum Abschluss des Werks zurück.
his Epacrideen Neue Gattung: Androstoma D. Hook. von
den Aucklands (Antaret; Voy. p. 44. T.30).
"0 -Myrsineen. Neue Gattung: Labisia Lind]. (Bot. reg. 1845.
T. 48), aus Penang, durch induplicative Aestivation der Corolle ab-
weichend. !
Bignoniaceen. Im Prodromus ‘ist diese Familie nebst den
Sesameen (Vol. 9) nach Vorarbeiten des ältern De Candolle vom
Sohne abgehandelt. Die Sesameen, welche hier auch die Pedali-
neen begreifen, scheinen nur deshalb von den Bignoniaceen getrennt
zu sein, weil ei quinärer Fruchttypus angenommen ist. Von Sesal
mum‘ werden die afrikanischen Arten als Sesamopteris abgeson- .
dert; von Bignonia folgende Gattungen unterschieden: Pachyptera,
Macfadyena = B. uncinata Mey:, Anemopaegma Mart, Distietis
Z#
.
380 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
Mart:, Pithecotenium‘ Mart., Cybistax Mart., Adenocalymna Mart.,
Sparattosperma \Mart., Heterophragma = B. .quadrilöcularis
Roxb., Craterocoma Mart. — Die’ von’ Endlicher den Gesneriäceen
angereihten Crescentieen bilden hier die zweite‘ durch Fructus inde-
hiscens und Semina aptera charakterisirte Tribus der Bignoniaceen,
besonders in Madagascar vertreten: abgesondert von Tanaeerum ist
Kigelia = T. pinnatum W., neu Parmentiera aus Mexico. —
Zweifelhaft bleibt die Stellung von Bravaisa — rn bibra:=
cteata Bert.
Gesneriaceen. Nachdem die Gesnerieen schon frühöeä im nHBöh
dromus erschienen waren, bleiben im 9. Bande die Cyrtandraceen 4
noch als selbstständige Familie bestehen, ebenfalls vom ältern De Can-
dolle schon vorbereitet. Hierher ‘wird. mit, Recht als besondere;
durch septicide Capseldehiscenz bestimmte Gruppe Ramondia,, Ha-
berlea nebst Conandron Zuce., aus Japan gezogen. \
Acanthaceen. Neue Gattungen: Lankesteria Linde. won
Sierra Leone (Bot. reg. Miscell. 1845. p.86.); Whitfüeldia Hook,
ebendaher (Bot. mag. t. 4155.); Salpiwanthia Hook. von Tanne
(das. t. 4158.). si
Scerophularineen. Bentham’s Monographie füllt den gröss-
ten Theil des 10. Bandes vom Prodromus. Mit Ausnahme der Sal-
piglossideen, die ungeachtet der anisomeren Staubgefässe passender
ausgeschlossen und zu den Solaneen gebracht werden würden, be-
sitzen alle Gattungen imbricative Corollenaestivation. Die Stellung
des vierten und fünften Blumenblatts, welche die Oberlippe in der
Lippenblume bilden, scheidet die beiden Haupttribus, indem sie wäh-
rend’ der Knospenlage bei den Antirrhineen die äussern sind, bei den
Rhinantheen umschlossen werden. Neue Gattungen. 'Salpiglossi-
deen: Leptoglossis aus Peru. Antirrhineen: ats dem westlichen
Nordamerika Chionophila und Eunanus—= Mimulus nanus Hook.
und andere; aus Chile Melosperma. KRhinantheen: Tricholoma
(neben Limosella) aus Neuseeland; Camptoloma aus Südafrika,
Bryodes von Mauritius; Syntäyris (wozu Wulfenia reniformis
Benth. gehört) aus dem westlichen Nordamerika; Radamwea und
Rhaphispermum aus Madagaskar; Micrargeria aus Ostindien;
Synnema= Pedicularis avana Wall. aus Ava. Von Gerardia sind
abgesondert: Otophylla, Silvia und Graderia. Was die spe-
cielle Behandlung betrifft, so zeichnet sich Bentham’s Arbeit durch
naturgemässe Gliederung der Gattungen und durch 'zweckmässige
Zusammenziehung der Formen sehr vortheilhaft aus: die neuen Arten
sind ungemein. zahlreich. — Webb hat über die Verwandtschaft der
eanarischen Gattung Campylanthus Rth. Bemerkungen mitgetheilt
(Ann, sc. nat. 111. 3...p- 33.), deren Stellung auch Bentham zweifel-
haft geblieben ist. Von den Veroniceen unterscheide sie sich durch
den ‘Charakter der Staubgefässe:: bei jenen seien 2 hintere, bei Cam-
pylanthus 2 vordere Staubgefässe entwickelt, wie bei Anticharis und
systematischen Botanik während des Jahres 1845. 381
Achetaria. W. bildet daraus eine besondere Gruppe, worin ihm eher
beizustimmen, als indem er sie den’ Salpiglossideen ‘und Solaneen
zu nähern wünscht, von denen sie durch die Aestivation abweicht.
Solaneen. Cyphomandra Märt. = Solani sp. R. P., vonSendt-
ner monographisch bearbeitet, unterscheidet sich von Solanum durch
ein grosses Connectivum (Regensb. Flora 1845. $. 161 — 176.). —
Neue Gattungen; Jochroma Benth. — Habrothamnus Lindl. ol.
(Bot. reg, 1845. t.20.), aus Ecuador; Salpichroa und Hebecla-
dus Miers = Atrope sp. Amer. austr. (Lond. Journ..of Bot. 1845.
p-321.); Lycioplesium und Chaenestes Mrs. —= Lyeü sp. Amer.
austr, (ib. p. 330..336.); Dorystigma Mrs. = Jaborosae sp. chi-
lensis Hook. ol. (ib. p: 347); Trechonaetes Mrs. (ib. p. 350.) aus
Chile; Pionandra Mrs. = Witheringiae sp. Mart. u.a. (ib. p. 353.)
'" Nolaneen. Im Jahre 1844 hatte Lindley im Botanical Register
Nolana in 5 natürliche Gattungen getheilt und die dazu gehörigen
Arten bezeichnet. Jetzt hat sich auch Miers mit den Charakteren
dieser kleinen Gruppe beschäftigt (a.'a. O. p. 365. 469.) und einen
neuen Typus aus Chile, Alidrexia (p.505.), beschrieben. M. be-
trachtet sie als Mittelglied zwischen den Borragineen und Convol-
vulaceen: von den erstern vorzüglich habituell und durch die Lage
des Embryo, von diesen ‚durch die getrennten Oyarien unterscheid-
bar, , Grabowskya (Borraginee bei Endl., Solanee nach Andern) bilde
den Uebergang zu den erstern, die Dichondreen zu. den letztexn.
Will man ‚eine ‚Grenze zwischen den Borragineen und Convolyulaceen
festhalten, so müsste man, entweder die Nolaneen als besondere
Familie anerkennen und die Dichondreen ihnen. beirechnen, ‚oder
aber, den Blüthenstand und die Aestivation der Borragineen voran-
stellend, beide Gruppen mit den Convolvulaceen verbinden, M. da-
gegen zieht nur Grabowskya, als besodere Tribus zu den Nolaneen
und lässt die Dichondreen bei den Conyolvulaceen.
Eryeibeen. Erycibe, ein anderes Uebergangsglied von den
Convolyulaceen zu den Borragineen, haben DeCandolle der ältere
und jüngere im Prodromus (Vol. 9.) gleichfalls als besondere Familie
abgesondert, besonders durch den fehlenden Griffel und das einfäche-
rige Ovarium bewogen,
Hydroleaceen. Sie sind von Choisy im Prodromus bear-
beitet (Vol. 10.). A. De Candolle bemerkt, dass bei Aydrolea die
Capseldehiscenz marginicid, bei den übrigen Gattungen loculicid sei,
und er glaubt, dass bei den letztern ein einfächeriges Ovarium mit
nach der Axe vorspringenden Placenten anzunehmen sei, wonach er
vorschlägt, dieselben mit den Hydrophylleen zu vereinigen. Dagegen
erklärt sich Choisy, jedoch ohne diese Argumente zu entkräften.
- Hydrophylleen. Von’A, De Candolle sind'sie im Prodro-
mus (Vol. 9.) bearbeitet, der von Eutoca zwei Typen absondert:
Microgenetes aus Chile und Miltitzia aus Californien.
" Polemoniaceen, Ebendaselbst von Bentham bearbeitet, “
382 Grisebach : Bericht über. die Leistungen, in der
Gonvolvulaceen ‚Choisy’s Bearbeitung im Prodromus (das.)»
ist weniger ‚gut, als die andern Theile,des,‚Werks, von. der Kritik
aufgenommen. ‚Neue, von ihm aufgenommene, Gattungen: sind Mar-
cellia Marxt, aus Brasilien. und Seddera Hochst.;Steud. aus Abyssinien.
— Pfeiffer (Bot, Zeit. 1845..S.673.) sondert, yon Cuscuta .C. epili-
num als Epilinella ab, indem ‚diese Art einen fünfblättrigen ‚Kelch
besitzt; ‚ebenso, die. Arten mit: kopfförmiger Narbe als Enge/man-
nia, ein Name, der schon vergeben sein wird“ jotf)
Borragineen. - A De Candolle'hat' sie," nach Vorarbeiten
seines Vaters, im Prodromus (Vol: 9. 10:) auf ausgezeichnete! Weise
bearbeitet und in vier Tribus gegliedert: Cordieen, Ehretieen ‚' He
liotropeen 'und Borrageen. ‘Neue Typen: Gynaion (am Cordia
monstri?) vom Himalayah; Meratia,' mit Myosotis verwandt," von
Caracas, Von Helotropium‘ werden abgesondert Heliophytum
und Pentacarya, von Onosmodium Maharang a mit einer ‚Co-
rona: basilaris, jaus dem. Himalayah; | von Lithospermum Pentalo-
phus aus den Prairieen;' von ‚Cynoglossum Gruvelia aus Chile;
von Echinospermum'Heterocarium,, mehrere Arten aus; den sasia-
tischen 'Steppen. — Moristrennt Bug lossites—= B: er 'DE:
von. 'Borrag:o (Turiner Samenkatal. f. 1845).
" Avyiceunieen. Griffith legte der Linnean Society die Ent-
wickelungsgeschichte des Ei’s von Avicennia vor (Proceedings ( öf Linn.
Soc. Nov. 1844 in Änn. nat. hist. 15. p. 197.). Avicennia hat eine freie
Centralplacente mit hängenden Eiern, welche keine Integumente zu
besitzen scheinen, ünd von St. Hilaire für Funiculi gehalten sind.
Der Embryosack a6 fruchtbaren Ei’s wächst nach der Befruchtung
in der Axe des Nucleus nach beiden Seiten aus, tritt aus der vor-
dern Seite desselben hervor und erlangt hier seine Hauptentwicke-
lung, die erst ausserhalb des ursprünglichen Eis anfangt mit Albu-
menablagerung verbunden zusein. Späterhin "bildet sich 'auf der
vordetn Seite des Albumen’s eine dem Cotyledonar-Ende ’des 'Em-
bryo’s entsprechende Grube, während gleichzeitig der Embryosack
rückwärts in die Placenta hineinwächst und sich in ihr verzweigt.
Aus jener Grube wächst zuletzt der Embryo selbst hervor, 86 dass
im reifen Samen nur noch die Radicula vom Albumen eingeschlossen
ist, die Cotyledonen hingegen frei aus demselben hervorragen.
Gentianeen. Sie sind, von mir im Prodromus bearbeitet
(Vol. 9.). Neue Typen: Gyrandra aus Mexico, Pagaea ‚aus Süd-
amerika. Von Sabdatia habe ich abgesondert Lapithea, von $e-
baea Exochaenium, von ‚Canscora, Pladera und von Leianthus
Petasostylis.
g wis A E Ir
Loganiaceien. So wie, diese: Gruppe im: Prodromus: (Voll 9),
we ‚sie.von «P«; Die Caudolle, 'bearbeitet; und vom! Sohn: revidint isty:
begrenzt wird: umfasst sie, die abweichenden! Pormen ‚aus mehreren
verwandten. Bamilien;: nämlich \aussex.deit! bei Endlicher. aufgenom-
systematischen Botanik während des Jahres 1845. 383
"menen Typen die Spigelieen nebst Mitrasacme, Mitreola und Poly-
Preinlerh, ferner Lachnopylis Hochst. und Gelsemium Juss.
'Jasmineen. Nach Wight’s und Gardner’s Untersuchung
(Caleutta Journ. of nat. hist. und Lond. Journ. of Bot. 1845. p. 338.)
steht zwischen diesen und den Öleineen die zweifelhaft zu llex ge-
stellte Gattung Azima Lam. (Monetia \'Her.). Von den Oleineen
unterscheidet sie sich wesentlich nur durch Tetrandrie, durch auf-
rechte Eier und fehlendes- Albumen, von dem Jasmineen durch Po-
Iypetalie und Dioecie, d. h. durch Charaktere, welche, einzelfi bei
den, Oleineen vorkommen: im Habitus ‚gleicht sie kletternden Jas-
mineen.
"Caprifoliaceen. C.A, Meyer lieferte eine Monographie, der
Cornus-Arten ohne Involucrum (Mem. de St. Petersb, 1845., abge-
druckt in Ann. sc. nat. Ill. A. p. 58 — 74.) Sie begreift 13 sp. und
“unter diesen 4 neu unterschiedene.
. Synanthereen. Neue Gattungen: Antarktische bei D. Hoo-
ker: Trineuron, Ceratella und Pleurophyllum von den
Aucklands (Antarct. Voy. Part 2.); Brachyactis Led. (Fl, ross. 2.
P- 495) — Conyza altaica.DC.;, Leucopodum Gardn. (Lond, Journ.
ofBot. 1845. p- 124.), Conyzee mit opponirten Blättern aus Brasilien;
Nicolletia Gray (Frem. Explor. Exped,. u. a,a.O. p.55.), Tage-
tinee aus Californien, Ceradia Lindl. (Bot. reg. Misc. 1845. p. 11.),
succulente Erechthitee aus Westafrika; Fifchia D. Hook. (Lond.
Journ. of Bot. 1845. p. 640.), Cichoraceenbaum; Harpochaena
Bung. (Delect. sem. dorpat. 1845.) — Acanthocephalus Kar. Kir., zu
den Hyoserideen übertragen; Heterachaena Fres. (Mus. Sen-
ckenb. 3. p. 74.), Cichoracee aus Abyssinien. — Spach hat Micro-
lonchus monographisch bearbeitet (Ann. sc. nat. Il, 4. p. 161 —169.):
8 sp., zum Theil aus Algerien, werden unterschieden.
Plantagineen. Die Monographie von Barneoud (Monogra-
phie generale de la famille des Plantaginees,,, Paris, 1845. 4. 52 pag.)
ist nur eine, Exposition der Arten (114 sp., woyon 14 sp; neu) mit
kurzen ‚Diagnosen nach. den reichhaltigen ‚Materialien ‚der Pariser
und Genfer Museen. Bei Littorella, hat B. die Entdeckung gemacht,
dass ‚vor der Befruchtung das, Ovarium zweifächerig ist und dass
von zwei, Eiern, die ;an der Basis der dünnen Scheidewand, entsprin-
gen, das ‚eine frühzeitig verschwindet. Auf, die in dem, Antherenbau
von,, Plantago liegenden Charaktere hat der Verf. keine Rücksicht
genommen. — Die Bolivische Bougueria De C's. ist bei Hooker
abgebildet (Lond. Journ. ‚of Bot. 1845. t. 19.).
- ‚Aristolochieen, ‚Griffith stellte die neue Gattung Asipho-
nie aus Malakka auf (Linn. Transact. 19. ,p. 333.);und, beschrieb aus-
führlich, ‚Thottea Rottb. (ib.,p. 325).
ı. Rafflesiaceen. Eine wichtige "Abhandlung über diese Gruppe
von Griffith: ist bald;nach der von R. Brown herrührenden «siehe
Link’s physiol. Jahresb.) in der Linnean Society vorgelesen (Linn.
384 Grisebach: Bericht über,die. Leistungen in der
Transact., 19. p- 303—347. t.34—39). G. hält, die Rhizantheen für
eine künstlich ‚zusammengebrachte Klasse und erklärt, sie, für einen
Rückschritt in der Entwickelung des botanischen Systems. Der Em-
bryo, den er als homogen bezeichnet, weicht, wie R. Brown (s. u.)
bereits bemerkt hat, nicht von dem anderer Parasiten, z. B. Orchi-
deen, Orobanchen, ab, Aber Balanophora und Sarcophyte besitzen
als Oyalum einen einfachen Sack (simple sacs, without any, integu-
ment or definable punctum), vielleicht dem nackten Nucleus der Lo-
ranthaceen analog: deshalb können sie nicht mit den Rafflesiaceen
verbunden bleiben, deren Ei vollkommen organisirt ist. — Eine neue
Rafflesiacee, Sapria vom Himalayah, wird ausführlich von Griffith
beschrieben. Sodann folgen Untersuchungen über die Cytineen. Die
Staubgefässe von Aydnora betrachtet G. mit E. Meyer als indefinit
und zu einer dreitheiligen Säule verbunden; auch die Antheren von
Cytinus (C. dioecus Juss.) möchte er lieber für einfächerig halten,
Die Terminalzähne der Columna erklärt er hier nicht für Narben-
rudimente, sondern für Connectivwucherungen, Die Bildung des Pi-
stills von Hydnora vergleicht er mit Papaver und Nymphaea; das
Stigma steht hier mit den Placenten in einer solchen organischen
Verbindung, dass man, daraus einen neuen Einwurf gegen Schleiden’s
axile Placentation schöpfen könne, (stigma discoideum, trilobum,
e lamellis plurimis in placentas totidem pendulas undiqus oyuliferas
productis). — G.’s Ansichten stimmen in den wesentlichsten Punkten
mit denen R. Brown’s überein, Der letztere beharrt bei seiner
frühern Idee, dass Rafflesia mit den Cytineen eine Verwandtschafts-
reihe bilde, die, wie auch G. anzunehmen scheint, den Asärineen
zunächst stehe, dass jedoch keine Beziehung von dieser zu den Ba-
lanophoreen statt finde. Seine Abhandlung (Linn. Transact. 19. p. 221
bis 239. t. 22—30) ist der schon, im Jahre 1834 gelesene und damals
im Auszuge bekannt gewordene Aufsatz, wozu jetzt ein Supplement
(ib. p. 240249) mit einer systematischen Uebersicht der Rafflesia-
ceen hinzugefügt ist. Dieselben werden in folgende Tribus abge-
theilt: Rafflesieen (Roflesia, Sapria, Brugmansia), Hydnoreen
(Bydnora), Cytineen (Cytinus), Apodantheen (Apodanthes und
Pilostyles).‘ Hiernach lautet der Familiencharakter: Perianthium mo-
nophyllum, regulare; corolla 0 (in Apodantheis 4petala); stamina:
antherae’mumerosae, simpliei serie; ovarium: placentis' pluribus po-
lyspermis, ‘oyulis orthotropis v. in quibusdam recurvatione apicis,
penitus v. partim,, liberi füniculi' quasi anatropis (also Iycotropis m.);
pericarpium indehiscens, polyspermum; embryo indivisus, ‘cum v.'
absque albumine; parasiticae radieibus (V. Apodantheae ramis) Dieo-
tyledonearum. — Bei Raflesia ist das Ovarium’ in der ‚Blüthe gröss-
tentheils frei vom Perigonium und in der Frucht vollständig: Der
Bau des Pistills bleibt ein morphologisches Räthsel die zahlreichen,
unregelmässigen Höhlen desselben, deren Wände von Eiern bedeckt
sind, könnten, "falls man die Fortsätze des 'Discus als Griffel be-
1
systematischen Botanik während des Jahres 1845. 385
trachtet, als abgesonderte (aber zusammenhängende), Ovarien ein-
facher Pistille gelten, ‚die in mehrern Reihen: concentrisch um eine
ideale Axe geordnet wären. Allein dieser Deutung. widerspricht die
neue R..Cumingi von Manilla, wo die Zahl der Ovarien; bedeutend
grösser ist als jener Discus-Fortsätze. ‚Auch die ‚Placenten. von
Hydnora klären diese Schwierigkeit nicht auf, deren Bau .R.,Brown
ähnlich wie Griffith deutet; (the placentae may be said’ to be conti-
nuations of the subdiyisions: of the, stigmata; — the ovarium.of Hyd-
nora may be regarded as composed of three confluent pistilla, having
placentae really parietal, but only produced at, the top of the ca-
vity). Der Samen von Rafllesia besitzt eine harte Testa, die dem
einfachen Integument des Ei’s- entspricht. In einem losen'Zellgewebe
(Albumen) ist der Embryo als ein cylindrischer Körper (Embryo in:
divisus Br.) eingeschlossen. Bei Aydnora liegt der sphärische, Em-
bryo in einem cartilaginösen, Albumen; bei Cytinus konnte in. der
Testa des sehr kleinen Samens nur ein homogener Nucleus erkannt
werden, wie bei den Orchideen.
Balanophoreen. Ueber die Verwandtschaft derselben äussert
sich R. Brown (a. a. O.) bis jetzt nicht positiv, bemerkt aber Fol-
gendes gegen ihre Vereinigung mit den Rafflesiaceen zur Klasse der
Rhizantheen: 1. dass ein Embryo, gerade wie bei diesen Parasiten
gebildet, bei den Orchideen vorkomme und sich bei Orobanche
wiederhole; 2. dass der anatomische Bau der Gewebe (Armuth an
Gefässen, Beschränkung derselben auf die Form der Spiralgefässe)
nicht als Charakter der Rhizantheen dienen könne: a. weil die Co-
niferen mit den Wintereen so nahe im Gewebe übereinkommen;
b. wegen der Eigenthümlichkeit des Holzkörpers vieler Lianen, die
sich in verwandten Gattungen nicht wiederfindet; c. weil in manchen
Familien grosse Abweichungen des anatomischen Bau’s auf einzelne
Gewächsformen beschränkt sind, z. B. bei den Loränthaceen, wo
das Holz von Myzodendron Bks. (statt Misodendron Aut.) nur aus
gestreiften Gefässen (vasa scalariformia) besteht. — Nach Griffith
(a. a. O.) bestehen die Balanophoreen aus folgenden Gattungen: Ba-
lanophora (wozu 5neue, indische Arten hinzugefügt werden), Lungs-
dorffia, Phaeocordylis Gr. (Sarcocordylis Walt.?), Helosis und Scy-
balium. ‘Was ihre systematische Stellung betrifft, so spricht sich G.
dahin aus, dass sie problematisch als Urticeen-Form mit homoge-
nem Embryo aufgefasst werden können: äber andererseits bemerkt
er, dass ihr Pistill an die Sporangien der Moose erinnere und dass
der Griffel vor der Befruchtung geschlossen, nachher geöffnet sei.
Bei Phaeocordylis gleichen die Haare, in welche die Früchte einge-
bettet sind, den Paraphysen von Neckera. Deutlicher 'ergiebt sich
G.’s Ansicht vom Bau der Familie aus dem Charakter von Balano-
phora: Flores dielines (rarissime monoclines); S bracteati, perigonio
3—5sepalo valvato, staminibus totidem monadelphis bilocularibus
(in unica specie multiloeularibus); Q ovariis nudis’stipitatis, recepta-
386 Grisebäch:"Bericht über /die "Leistungen in der
culo 'apice incrassato-glanduloso affıxis, 'stylo setaceo persistente,
stigmäte ineonspicto, fructu pistilliformi'sieco.'2= Von den Baläno-
phoreen!schliesst’G. aus: Sarcophyte‘ von unbekannter Verwandt:
sehaft) vielleicht mit einer Tendenz zu det Urticeen; und Mystrope:
talon''Harv., welches nur mit Cynomorium einige Verwandtschaft
habe und’ eitWleder als eigne Familie (planta sui ordinis) oder äls
problematische Loranthäceen-Form mit homogenem Embryo zu be.
trachten''sei. Beide Gattungen sind nach Harvey’schen Exemplaren
genau beschrieben. Die Beschreibung: von Sarcophyte ist von der
gewöhnlichen Därstellung”sehr abweichend (namentlich: cölumnae
stamineae.3(—-4), antheris indefinitis unilocularibus stipitatis), allein
Endlicher ‘hat 'schon‘ Aehnliches über den Bau der Staubgefässe
bemerkt.
Thymeläeen. Neue Gattungen aus Guiana, nach 'Schom-
burgk’s Sammlung: Lasiadenra Benth. (Lond. Journ. of Bot. 1815,
p- 632) und @oodallia Benth. (ib. p. 633).
Santaleen. Bei Osyris, dessen Ei sich übrigens wie bei San-
talum, entwickelt, wächst, nach. Griffith der Embryosack ‚aus dem
Nucleus: heryor..und lagert das Albumen;,; wie bei Avicennia, ‚nur in
in. diesem; hervorragenden. Stücke. ab .(Proced.. of Linn; Soc. «Nov,
1844 in- Ann, .nat. hist..15. p- 197). dinssifst
Loranthac.een.|, Aus, Myzodendron bildet R: Khan die Tri-
bus der. Myzodendreen mit folgendem; Charakter: ‚Ovula 3,.in.apice
placentae ‚centralis ‚suspensa, unum. fertile (durch ‚diesen Bau. den
Santaleen; ‚angenähert); flos.,g\, nudus;, appendices plumosae.in Q et
embryo. indivisus, ‚radicula ex alhnmipe £ exserta (Linn. nun air
P«1232).
Polygoneen. Newe Ba ann ie Jaub; Sp:
(Jlustr., or. t. 107 — 109), in. Persien und. Arabien» einheimisch; TA y-
sanella, Gray, (Pl. .Lindheimer.) — Polygonum ‚fimbriatum; Sym-
meria ‚Benth. (Lond. Journ. of ‚Bot. 1845..p 630), dioeeischer Baum,
vom; Essequiho. unlian
Chenopodeen,,, a N. ist: in. der ‚amerikanischen Aus-
gabe. von. Frem.ont’s Exploring Expedition als. Kremontia, abgebil-
det «(t.3). — Neue Gattumgen;,Pterochiton, Torr. Frem, (das.
u.a: a. 0. S.57),- aus dem westlichen ‚Nordamerika; Physogieton
und. Halothamnzzs Jaub., Sp.\(J1l. or, t,.135..136), aus, Persien’.
Urticeen. „Gasparrini, trennt, von Ficus' folgende Arten ‚ge-
nerisch, (Ann,..sc. nat. UL 3..p. 338— 348): Tenorea= F,stipulata;
Urostigma=F. religiosa,und.6 andere. sp.; Visiania==F\ ela»
stica;. Cystogyne = 'F, leucostictau; GalogIychia'= F.. Saussu:
zeana DC. und ‚galactophora, Ten., Covellia=,F. ulmifolid. Auch
in. E: Carica sieht .en,; indem. er wohl..zuviel Gewieht, auf ‚den Um-
stand. legt, ‚dass .Oynips‘ Psenes, nur, auf dern ‚wilden ‚Feigenbaume,
(Caprificus); lebt. nicht, ‚nur..2, verschiedene.) Arten, ‚ sondern) ‚sogar.
2 Gattungen ,„ dieser, als, Ficus=F. Cariew, foenuina Lund ı ‚Capri
fieus=F. Carica androgyna L. unterscheidet.
systematischen Botanik während des Jahres 1845. 587
ol Saurureen. Spathium chinense‘ Lour. beschreibt Decaisne
und: bildet daraus die Gattung ee ge (Ann, se, nat. IN. 3:
p: 100-—102).
‚Piperaceen.‘-Miquel hat einen sehr’ reichhaltigen Nachtrag
zu seiner Monographie geliefert, der nach dem Hooker’schen Herba:
rium- bearbeitet'ist (Lond.' Journ. of Bot: 1845. p. 410470).
Coniferen. ‘Ueber die Diagnostik der europäischen Pinus-Arten
hielt Koch einen Vortrag in der Versammlung deutscher Naturfor-
scher (Regensb. Flora 1845. S. 673— 683). — Die neue Gattung Mz-
erocachrys D. Hook. (Lond. Journ. of Bot. 1845. p. 149) ist oben
erwähnt. 3
"> Gnetaceen. Eine 'gründliche Monographie von Ephedra 'ver-
danken wir den Untersuchungen von C. A. Meyer, von welcher ein
Auszu®, die Diagnosen von 19 Arten enthaltend, im verflossenen
Jahre erschienen ist (Bullet. Petersb. 5. p. 3 — 36).
Cycadeen. Link sucht zu beweisen, dass die Stellung der
Cycadeen bei den Coniferen unhaltbar sei und dass sie näher mit
den Palmen verwandt seien (Regensb, Flora 1845. 3.289). Auch ab-
gesehen vom Embryo widerlegt Schleiden’s Beobachtung der Cam-
bialschicht unter der Rinde (Grundzüge der Bot. 2. Ausg. 2. S. 152)
solche Ansichten vollkommen, Die Blätter der Cycadeen erklärt L.
nach Miquel’s Vorgange für Axenorgane. — Miguel hat sich ge-
nauer, als in seiner Monographie geschehen, über die Blüthe und
besonders über Ei und Embryo der Cycadeen ausgesprochen und
seine Untersuchungen durch Abbildungen erläutert (Ann. sc. nat. III.
3. p- 193— 206. t. 8. 9). Gegen die Ansicht, dass die einfächerigen
Antheren als Antherenfächer zu betrachten sind, macht M. mehrere
Einwürfe. Sie wachsen, wie Antheren, aus dem Spadix hervor, sind,
wie ‚diese, 'von einer Spiralzellenschicht umgeben, öffnen sich mit
einer 'Spalte, werden zuweilen durch Haar-Reihen von einander ab-
gesondert und entwickeln den Pollen, wie die einfächerigen Antheren
anderer Pflanzen: aber alle diese Verhältnisse gelten auch von dimi-
diirten Antheren, z.B. hei Salvia, so dass die Antherenfächer der
Oyeadeen sich von diesen nur durch ihre grosse Anzahl unterschei-
den. — Wiewohl die Entwickelung des Embryo bei den Cycadeen
noch nicht beobachtet ist, so steht doch durch die Vergleichung des
Ei’s mit dem Samen und durch die Entwickelung des erstern im
unbefruchteten Zustande als sicheres Ergebniss fest, dass die Be-
‚fruchtung nach demselben Gesetz yor sich geht, wie bei den Coni-
feren. Damit aber ist für das natürliche Pflanzensystem, so fern
dasselbe wesentlich sein oberstes Prineip aus den Reproduktions.
örgätien 'schöpft, ein scharfer und eigenthümlicher Charakter der
Gymnospermen allen übrigen Phanero ‚amen und auch den nackt-
samigen Lorauthaceen gegenüber gewonnen, nämlich der, dass nicht
unmittelbar aus dem Pollenschlauch der Embryo sich entwickelt,
sondern aus der Terminälzelle eines’ cellulosen Strangs, des Embryo.
988 Grisebach: Beriehtüber\die Leistungen in der
trägers (Funiculus -R. Br. ;» Embryoblastanon‘Härt. Migq.), welcher
nach der. Befruchtung von. besondern Behältern, den‘Embryobläse-
säckchen (Corpuscula R. Br.) aus in das Endosperm. hineinwächst:
Von. den Goniferen unterscheidet sich! das unbefruchtete,Ei, der Cy-
eadeen durch+ die Absonderung mehrerer 'umhüllender: Zellenschich-
ten, unter denen die innerste Haut Spiralgefässe' besitzt, so: dassıdie-
selben mehr dem Begriff eines Arillus. als’ eines Integumenten-Systems,
wie M. will, ‚zu entsprechen. scheinen (Stratum externum,/carnosum,
seeundum. ligneum, ‚tertium —=textus cellularis laxus intus.spiroideis
vasis pertensus). ‚Die Behauptung, ; dass, diese Zellenschichten . vor
dem Nucleus entstehen sollen, bedarf der Bestätigung und ist viel-
leicht, nur ‚daraus zu erklären „; dass die Beobachtung nicht früh ge-
nug begonnen, ward. In:dem obern, bleibenden. Theile des Ei’s oder
der Nucleus-Warze (Amnios R. Br., Kernwarze Schleid.) hat M. zwei
oder mehrere, um die Axe des Organs geordnete ‚Embryoblastsäck-
chen (Cayitates Miq., Corpuscula.R. Br.) gefunden, ohne Schleiden’s
Darstellung des Coniferen-Ei’s zu beachten, wonach diese im pbern
Theile des Endosperms ‚entstehen. Er erklärt ausdrücklich, dass die
Nucleuswarze oder vielmehr die Embryoblastsäckchen die Bedeutung
des Embryosacks haben, nicht aber die Höhle, in der das Albumen
entsteht, welches daher nach seiner Deutung im Nucleus erzeugtes
Albumen sein würde: er sieht nämlich die Nucleuswarze als „ein
zusammengesetztes Amnios an‘, dessen „einzelne Embryosäcke“ die
Embryoblastsäckchen wären. Ferner hat.M. aus ‚dem, Samen den
Zusammenhang der gewundenen Embryoträger mit den Embryoblast-
säckchen nachgewiesen, ebenso die Anastomosen der erstern, und
endlich eine verschiedene Form des Embryo an allen vier Gattungen
aufgefunden, wonach sie unterschieden werden können, Im Nach-
trage (4. p. 79) erkennt er, wiewohl er selbst im unbefruchteten, Ei
die Embryoblastsäckchen nie, habe finden können, R. Brown’s Beob- ?
achtung (Ann. nat. hist. 1844. May) an, wonach sie unabhängig von
der Befruchtung entstehen können. Diese Beobachtung findet eine
Bestätigung durch die übereinstimmenden , Angaben Gottsche’s
(Bot. Zeit. 1845. S. 402), der eine ausführliche, kritische Abhandlung
über die Blüthe der Cycadeen und Coniferen geschrieben hat (das.
nr. 22—27), worin seine Beobachtungen an lebenden Cycadeen ein-
gestreut, sind. Nach G, besitzen ‚die Embryoblastsäckchen, die bei
Cupressus nur einfache, grössere Zellen ‚des Endosperms sind, bei
Macrozamia und Encephalartos, wo, sie 1”' lang und etwa 3" ‚breit
sind (S. 399. 400y, eine, cellulöse, Wand, was wohl eine spälgen Ent-,
wickelungsstufe sein dürfte. Auch G. hat inzwischen nicht ‚vermocht,
die widersprechenden Behauptungen über die Bedeutung. dieser Säcke
beim Befruchtungsakt durch neue Beobachtungen auszugleichen, wie-
wohl er, gegen Hartig.und für Schleiden auftretend, ‚die Vermuthung
ausspricht (S. 417), dass. auch bei den Cycadeen die Pollenschläuche
in die Embryoblastsäckchen eindringen. Wenn ich, gleich nicht an-
systematischen Botanik während des Jahres 1845. 389
stehe, diesen ‚Punkt! als durch die Beobachtung bei den 'Coniferen
sichergestellt anzuerkennen, so ist’ doch von hier aus noch eine
unausgefüllte Lücke übrig bis zu Schleiden’s Ansicht, dass 'sich der
Pollenschlaueh weiterhin zum Embryoblast selbst verlängere, womit
weder R. Brown’s noch Miquel’s bildliche Darstellung vom Ursprung
des Embryoblasten aus einer kugelförmigen, in dessen Säckchen ein-
geschlossenen, einem Pollenkorn ähnlichen Zelle zu vereinigen: ist.
Diese beiden Figuren, ‘die eine von den Coniferen, ‘die andere von
den Cycadeen hergenommen, sind so übereinstimmend, dass sie nicht
angezweifelt werden können. Sie lassen meiner Ansicht zufolge nur
die, einzige Deutung zu, dass im vorgebildeten Embryoblastsäckchen
die Spitze des Pollenschlauchs nur eine erste Embryonalzelle erzeugt
und dass diese in der Folge, nachdem der Pollenschlauch längst zer-
stört ist, zum Embryoblast auf eine ähnliche Weise auswächst, ‚wie
Anfangs der Pollenschlauch aus der Pollenzelle. Nach dieser, Hypo-
these bestände der einfachste Ausdruck für die Befruchtung der
Gymnospermen ‚darin, dass ihr Embryo nicht im Pollenschlauche
selbst, sondern in der Spitze einer Tochterzelle desselben entsteht,
welche zu einer Zeit, wo sie ihre Mutterzelle längst verloren hat,
erst sich zu entwickeln beginnt.
-, Palmen. Von v. Martius’ grossem Palmenwerke erschien die
achte Lieferung (Monach. 1845. fol.), den Schluss des Textes, eine
Abhandlung über fossile Palmen von Unger und den Anfang der Mor-
phologie der Familie aus v. Martius’ eigner Feder enthaltend. Der
Text liefert die Vollendung von Phoenix und; die, Coceineen, Die
morphologische Abtheilung, worin bis jetzt vom, Stamm, und der
Blattbildung gehändelt wird, ist mehr histologischen und physiolo-
gischen, als systematischen Inhalts. Auf die bei der Keimung ent-
stehende fibröse Wurzel folgt alsbald die Rhizom-Bildung aus einem
axillaren Zweigsystem der Stengelbasis ($. 23) mit neuen Radicellen,
die überall aus der Rindenschicht des Rhizoms hervorbrechen kön-
nen ($. 24), während die Zweige höherer Ordnung nur aus Axillar-
knospen der Blattrudimente des Rlizoms entstehen, daher gleich
dem Stamme nur Blatt-Gefässbündel 'besitzen und nicht selten zu
Turionen auswachsen. Der ältere Palmenstamm ruht, nachdem die
frühern Radicellen. abgestorben, auf: Adventivwurzeln, die‘ seitwärts
aus dem untern, Theile des Stamms, meist in der Nähe von Blatt-
narben, entspringen : wobei Schleiden’s Erklärung dieses Phänomen’s
(Grundzüg. I. Ausg. 2. p. 122) in Abrede gestellt wird. —' Die ’Struktur
des Stamms; ist sehr ausführlich abgehandelt. Die,Ergebnisse stim-
men wesentlich mit denen y. Mohl’s ‚überein: neu ist die Bemer-
kung, dass die Gefässbündel nicht immer an derselben Seite des
Stamms zur Rinde zurückkehren, wo ihr Blatt liegt, sondern nach
der entgegengesetzten, so dass sie in schiefer Richtung den ganzen
Stamm durchsetzen. Das Gefässbündelsystem der Wurzelu und des
Stamms sull geschieden sein. — Die Morphologie des Blatts ist noch
390 Grisebach: Berieht'über die Leistungen in ‚der
nicht beendet und weicht in der Genese zum Theil von Mirbel'ab.
Nach .den, Tafeln scheint es klar, ‚dass die Segmente wirklich durch
Zerreissung einer 'einfachen Lamina entstehen. Der Verlauf’ der 'seit-
lichen Gefässbündel bezeichnet schon die Segmente, wenn die La-
mina, noch einfach |ist, j ann
Typhaceen. Schnitzlein hat diese Gruppe bearbeitet (die
natürl. Familie'der Typhaceen mit besonderer Rücksicht auf die
deutschen Arten. ‘Nördlingen, 1845. 4. 28 Seiten). Die morphologi-
schen Betrachtungen stützen sich auf eine genaue Untersuchung des
Bau’s von Typha’'angustifolia und Sparganium natans. Der Verf.
hält die Typhaceen den Cyperaceen näher verwandt als’ den Aroi-
deen, wogegen die Structur des Samens streitet. Die sterilen Staub:
gefässe erklärt er für 'Perigonien, was durch ihre ga
schichte genau’ bewiesen werden müsste.
Orchideen. Neue Gattungen: Dialissa Lindl. (a 'cen- ;
tury of new Genera and Species of Orchideous plants in Ann. nat,
hist. 15. p. 107), neben Stelis, aus Neu-Granada; Helc’a Lindl. (Bot.
reg. 1845. Misc. p: 18), neben Trichopilia, aus Guayaquil; Porpax
Lindl. (ib. p. 63), neben Eria, aus Ostindien; Galeottia "Rich.
Galeott. (Orchidographie mexicaine in Ann. Sc. nat. II. 3, p- 3),
neben Maxillaria; Galeoglossum und Ocampoa Rich. Gal. (ib.
p. 31), zwei Neottieen. — Lindley hat systematische Uebersichten
von Miltonia (Bot. reg. t.8), von Odontoglossum (ib. Misc. p. 49 —
59) und von mehreren Sectionen von Epidendrum gegeben (ib. P. 22
—29 und 65— 179): die NEtZIgENADAtE, ‚rüber begonnene Moin
ist hiemit vollendet worden. forlgrom
Irideen, Herbert hat seine Bearbeitung von Cracus Torlge-
setzt (Bot. reg, 1845. t. 37 und Misc. p.1—8, 31. 80 — —83)., 2:
Taccaceen. An der Grenze dieser Gruppe (mit hemerkens-
werther ‚Tendenz zu Burmannia), steht die neue Gattung Thismia
Griff. von Tenasserim, monocotyledonischer Repräsentant, der Rhiz-
antheen (Linn. Transact. 19, p..343). and
Amaryllideen. ‚Von Haemantlıus anna
nassa Herb. = H. dubius Ktl. (Bot. xeg. 4845...Mise.,p-16)..0
Liliaeeen. Newe\Gattung: "Chrysobactron‘D.‘ Hook.
(Antaret. ‚Voy. p.'72. t. 44.:45) s.'0. — Von der neuholländischen
Gattung Blandformia' gab ei eine kleine ne '(Böt.
reg. 1845. t. 18). urbumid)
Junceen. Eine auf den Anden von'Neu-Gränada, bei 5000 Me-
ter Höhe wachsende, Rasen bildende, dioecische Pflanze, Goudotia
n. gen., hatDecaisne beschrieben und den Junceen angereiht (Ann.
se. Hat. 4. p.8A), wovon sie durch ein gefärbtes) 'sechsblätttikes,
von dreiblättriger Hülle umgebenes Perigonium abweicht: weshalb
jene 'Stellung,'da auch die Struktur des Samens noch unbekannt,
nur als eine provisorische anzusehen ist.
A
systematischen Botanik während des Jahres 1845. 391
„Cyperaceen. ‚v Schlechtendal schrieb einige, ‚Bemerkun-
gen über Scleria (Bot, Zeit. 1845. nr. 28 — 30):
‚Gramineen. Die; beiden Paleae erklärt v. Mohl für das Pro-
dukt. verschiedener. Axen und 'sucht 'hiedurch-R.;Brown’s Theorie:der
Grasblüthe zu widerlegen, wobei. er die vivipare.Monstrosität, von
Poa alpina ‚als, entscheidendes ‚Argument , benutzt (Bot. Zeit. 1845.
3.33—37)., Auch ich .habe.die Ansicht, wonach.diese Organe Bra-
eteen sind, zu vertheidigen versucht (Gött.. gel. Anz. 1845. S. 683
—687). — Parlatore hat aus, diropsis, agrostidea, DC. und Adira
agrastidean Guss, die; Gattung. Antinoria gebildet , (Fl) paler-
mit. 1. p. 92).
Farne... Von Kunze’s Kupferwerk (Die Farnkräuter iu colo-
rirten ‚Abbildungen, Leipzig, 1845. 4) erschien die, 8..Lieferung des
ersten Bandes mit Taf. 71—80. — Presl gab, einen Nachtrag zu sei-
ner Pteridographie heraus, worin Gattungen, und Arten ansehnlich
vermehrt sein sollen (Supplementum tentaminis Pteridographiae, con-
tinens genera et Species ordinum,.g. d, Marattiaceae, Ophioglossa-
seae, Osmundaceae,. Schizaeaceae et Lygodiceae., Pragae, „1815. 4.
119 pag,). — Von Sir W. Hooker’s Species, filieum; hat der dritte
Band, mit 20 Tafeln die Presse verlassen. — J. Smitlutrennt einige
Arten des Archipel’s von Oxygonium als Syngramm.a (Lond, Journ.
of ‚Bot. 1845. p- 168).
Moose, Nägeli hat eine gediegene und, physiologisch reich-
baltige ‚Abhandlung über das Wachsthum der. vegetativen:Organe ‚bei
den Laub-ı und ‚Leber-Moosen bekannt gemacht (Zeitschr...für wis-
senschaftl. Bot. ‚Hft, 2, S. 138 — 209), ‚woraus. die, systematische; Fol-
gerung sich ergiebt, dass ‚bei dem Moosblatt ein, eigenthümliches
Bildungsgesetz obwaltet: Die Spitze des Organs wird zuletzt, ‚die
Basis zuerst durch. Zellenbildung angelegt, während ‚das Wachsthum
der einzelnen Zellen früher an der Spitze als an der Basis. des, Or-
gans, sich abschliesst. Ueber die Keimung bemerkt N. (8.175), dass
sie sich bei den Moosen, wie bei den Farnen, verhalte:; in ‚beiden
entsteht die Axe aus einer einzigen Mutterzelle des Proembryo, wo-
durch „die frühere Annahme, dass der. Vorkeim cin Geflecht. bilde
und dass aus diesem Geflecht das Stämmehen ‚durch, Verwachsung
mehrerer Zellfäden entstehe, widerlegt ist.“ ‚In beiden Familien ‚aber
hat, jene Mutterzelle nur die Fähigkeit, nach ‚oben. auszuwachsen,
woraus ‚folgt, das alle Wurzeln einen lateralen Ursprung, haben, aber
nicht, wie Schleiden will, dass gar keine Wurzeln vorhanden seien.
Ebenso wie die erste Axe des Mooses aus einer Mutterzelle des Pro-
embryo (Sporenkeimfaden N’s) sich entwickelt, so verhält, sich, z. B,
bei Phascum auch die Entstehung von neuen, Axen aus gewissen
aarwurzeln (Brutkeimfaden N,’s), während andere, ‚gleichgeformte
urzeln diese Bildungsfähigkeit nicht besitzen sollen und .daher nach
5 Auffassung die einzigen, wahren Wurzeln sind. — Bruch und
Schimper, jetzt auch in n Verbindung mit Gümbel, ‚haben in. vier
392 Grisebach: Bericht über die Leistungen in der
Lieferungen ihrer europäischen Moosgeschichte die Gattungen Schi-
stidium, Grimmia und Racomitrium herausgegeben (Bryologia euro-
paea. Fasc. 25— 28. Stuttg., 1845. 4). — Hampe begann ein Kupfer-
werk über Moose unter ‘dem "Titel: Icones muscorum 'novorum 'v.
minus cognitorum (Dec. 1—3. Bonn., 1844—45, 8). — K. Müller
bearbeitete eine Uebersicht ‘von Macromitrium *(Botan. Zeit. 1845.
nr. 32.33). — Neue Gattungen: Garckea K. Müll. (das. S. 865),
aus Java; aus Chile Leptochlaena Mont. (Cing. Centurie de plan-
tes cellulaires exotiques nouv. in Ann. sc. nat. 111. 4. p. 105), Aschist-
odon (ib. p. 109), Diplostichon (ib. p. 117) = Pterigynandrum
longirostrum Brid., und Eucamptodon (ib. p. 120. 366. t. 14); vom
Lord-Aukland-Archipel, Sprucea Wilh. Hook. — Holomitrium Brid.
und Lophüöodon Wilh. Hook. = Cynodon Brid. (Autarct. Voy.).
Lebermoose. Von der Synopsis Hepaticarum, welche Gott-
sche, Lindenberg und Nees v. Esenbeck gemeinschaftlich her-
ausgeben, erschienen 1845 das 2te und 3te, 1846 das Ate Heft, womit
dieses wichtige Werk bis auf ein hinzuzufügendes Supplement be-
schlossen ist (Hamburg, 8. 624 Seiten). Folgende neue Gattungen sind
darin unterschieden: Acrobolbus N. aus Irland; Gotischea N. —
Jung. Sect. Nemorosae Aligerae,;, Sphagnoecetis N,—J. Sphagni
Dies. u. a; Liochlaena N. = J. lanceolata; Mieropterygium
= J Pterygophyllum u, a.; Polyotus G. = Jung. sp. Hook. und Tayl.
aus der Südsee; Thysananthus Ld. = Trullania Sect. Bryopteris;
Omphalanthus = Jung. sp. american. u. a.; AndrocryphiaN.
= Noteroelada Tayl., Carpolipum N. = Carpobolus Schwein.
Lichenen. Montagne beschreibt die neue Gattung Stego-
bolus aus Cuming’s Sammlung von den Philippinen (Lond, Journ. of
Bot. 1845. p. 4). — Zu den Collemaceen gehört das neue, von 'Mon-
tagne und Berkeley beschriebene Genus Myriangium, welches
in den Pyrenäen, in Algier und am Swan River gefunden ist (ib.
p. 72); es bildet einen Ucbergang zu den Pilzen, indem es äusserlieh
einer Dothidea gleicht.
Algen. Nachdem die Tetrasporen der Florideen bei den Fucoi-
deen nachgewiesen waren, hat sie Montagne auch bei einer Con-
fervee, der von Durieu bei Algier entdeckten Gattung ThAwastesiu
Mont., zuetst aufgefunden, die sich von Zygnema nur durch diesen
Charakter unterscheiden soll (Compt. rendus. 1845. Oct.): die Gat-
tung ist indess 'späterhin zweifelhaft geworden, indem bei mehrern
andern" Zygnemeen gleichfalls Tetrasporen entdeckt worden ‚sind
(Revue botan. 1846. p. 469). — Decaisne und Thuret haben sich
mit den Antherideen der Fucoideen beschäftigt und weisen nach, dass
der Gegensatz zwischen ihnen und den Sporangien ebenso gross sei,
wie bei den Charen oder Moosen (Ann. sc. nat. 3, p.5—15. t. 1. 2).
— K. Müller untersuchte die Entwickelungsgeschichte der Charen
(Bot. Zeit. 1845. nr. 24 —27. t.3). Die grosse, mit Amylum gefüllte
Zelle des Sporangium ist als eine, von zwei Zellenschichten einge-
systematischen Botanik während des Jahres 1845. 393
kapselte Spore zu betrachten, die bei der Keimung aus ihren Hüllen
hervorwächst (Fig. 4. 6). Vorher ist schon an die Stelle des Amy-
lum Cytoblastem getreten, wobei vielleicht der trübe Saft einer klei-
nern, unter der Spore gelegenen und mit ihr im Sporangium einge-
schlossenen Zelle (Fig. 1. 2) eine wichtige Rolle spielt. Von Anfang
an entwickelt sich die Axe, wiewohl ein blosser Zellenfaden, in zwei
entgegengesetzten Richtungen, wie Wurzel und Stengel: dasselbe hat
Kaulfuss gesehen, und Nägeli Aehnliches von der Caulerpa-Zelle eben-
falls gezeigt. Später entfalten sich aus Adventivwurzeln der untern
Stengelzellen „neue“ Individuen (Turionen nach Fig. 10). Weit spä-
ter entstehen die Wirtelzweige und Rindenzellen des Stengels von
Chara, welche der Verf. in der Terminalknospe verfolgt hat: erstere
entspringen aus longitudinaler Theilung des Zelleninhalts der Termi-
nalzelle (Fig. 12), diese aus einer Wucherung der Zweige ähnlich
wie bei Batrachospermum. — Fresenius hat eine Abhandlung über
den Bau der Oscillaterien publieirt, worin eine historische Kritik der
diese Gewächse betreffenden Beobachtungen enthalten ist (Mus. Sen-
ckenberg. 3. S. 263— 292). — Neue Algengattungen. Fucoideen:
Cymaduse Decs. Thur. (Ann. sc. nat. 111. 3. p. 12) = Fucus tuber-
eulatus Huds.; Pelvetia D. Th. (ib.)—=F. canaliculatus; Oxothal-
lia D. Th. (ib.) = F. nodosus L. (Physocaulon Kütz): so dass für
-Fucus nur F. vesiculosus und serratus übrig bleiben; Pinnaria
Endl. Dies. (Bot, Zeit. 1845. S. 283), neben Laminaria, von Port Na-
tal; Contarinia Endl. Dies. (das. S. 289) ebendaher, neben Scyto-
thalia; Stereocladon Hook. Harv. (Lond. Journ. of Bot. 1845.
p: 250) vom antarktischen Amerika; Scytothamnus Hook. Harv.
(ib. p. 531) = Chordaria australis Ag. von Neuseeland. Florideen:
. Die Sphärococcoideen Dieranema Sond. von Swan River (Bot. Zeit.
ı
1845. S. 56), Sarcomenia Sond. ebendaher (das.), Phalerocar-
pus Endl. Dies. von Port Natal (das. S. 290), AcanthococcusHook.
Harv. vom antarktischen Amerika (a. a. O0. p. 261) und Aydropuntia
Mont., schon früher aufgestellt, jetzt ausführlich beschrieben und als
abweichende Form zu dieser Gruppe gestellt (Voy. au Pöle Sud.
Bot.1. p.166. t. 1); die Rhodomeleen Lenormandia Sond. nec
Mont., Kützingia Sond. und Trigenea Sond. von Swan River
(a.a.0.8.54), Epineuron Harv. von Neuseeland — Fucus lineatus
Turn. u.a. (a. a. O. p. 352); die Lomentariee C/adhymenia Harv.
von Neuseeland (das. p.539); die Cryptonemeen Apophlaea Hary.'
von Neuseeland (das. p. 549) und Gelinaria Sond, von Swan River
(a. a. O. S.55); die Ceramieen Hanowia, Ptilocladia und Da-
syphila Sond. von Swan River (a. a. O. S.52. 53). Conferva-
eeen: die Siphoneen Struvea Sond, von Swan River (a. a. O. S.49),
Cladothele Hook. Hary. von den Falklands (a. a. O. p.293), Der-
besia Solier = Bryopsidis sp. (Revue bot. 1. p. 452); die Confer-
- voidee Arechongia Meneg. — Phycophilae Kütz. sp. et Confervae
J
\
auctor (Atti di VI riunione p. 456).
Archiv f. Naturgesch. XJJ, Jahrg. 2, Bd, Aa
394 Grisebach: Bericht über systematische Botanik etc.
Pilze. Das Kupferwerk von Harzer ist mit dem 16. Hefte ge:
schlossen (Naturgetreue Abbildungen der vorzüglichsten, essbaren,
giftigen und verdächtigen Pilze. Hft. 16. Dresden, 1845. 4). — Neue
Gattungen und monographische Bearbeitungen. Pyrenomyceten.
Von ‚Sphaeria trennt de Notaris folgende Typen: Venturia,
Massaria=Sph. inquinans Tod., Rose/linia=Sph. aquila Fr.,
Bertia — Sph. moriformis Tod. (Atti di VI riunione p. 484 — 487,
t.1). Leveille beschreibt Lembosia und Asterina (Champign.
exotiques in Ann, sc, nat. III. 3. p. 58. 59); Montagne die neuen
Pezizoideen Aymenobolus aus Algerien: (das. 111. 4. p. 359) und
Aserophallus aus Cayenne (das. p. 360). — Gasteromyceten,
Montagne beschreibt aus Algerien Xy/opodium und Lasioderma
(das. p. 364); Czerniaiew aus der Ukraine Endoptychum (Bull.
Mose. 1845. 2. p. 146), Trichaster (ib. p. 149), Endoneuron
(ib. p. 151), Disciseda (ib. p. 153) und Xyloidion (ib. p. 154):
Die Tuberaceen Choiromycees Vitt. und PrcoaVitt. haben die bei-
den Tulasne monographisch bearbeitet; Podascon pistillaris
Fr. von den Cap-Verdischen-Inseln hatBerkeley beschrieben (Lond,
Journ. of Bot. 1845. p. 291—293. t. 10). — Hyphomyeeten: Sphae-
romyces Mont. von Algier (a. a. O. p. 365). — Coniomyceten:
Polydesmus Mont. (das. p. 365); Phylacia Leveill. (a. a.0. p. 61),
aus der zu den Coniomyceten zu ziehenden Gruppe der. Cytispo-
reen; Piptostomum Lev. (das. p. 65). Podisoma ‚macropus
auf Juniperus virginiana wird von Wyman und Berkeley beschrie-
ben (Lond. Journ. of Bot, 1845. p. 315 — 319. t. 12).
DEE 6 AMOMEEEEN VE |
Bericht über die Leistungen in der Herpetologie
während des Jahres 1845.
Von
Dr. F. H. Troschel.
In „Journals of expeditions of discovery into central
Australia and Overland from Adelaide to King Georges Sound
in the Years 1840—41 ct. by Edward John Eyre,“ London
4845. 8. Vol. I. p. 415 ist ein Verzeichniss der Reptilien ge-
geben, welche im King George's Sound gefunden wurden, von
Neill. Es werden 7 Schlangen aufgezählt.
v. Tschudi gab in diesem Archiv 1845 p. 150 einen
„Conspectus Reptilium quae in Republica Peruana reperiuntur
et pleraque observata vel collecta sunt in itinere,“ Daselbst
werden 7 Schildkröten, 34 Echsen, 17 Schlangen und 18 Ba-
trachier, also im Ganzen 76 Amphibien aufgeführt.
Osservationi zootomico-fisiologiche sulla respirazione delle
Rane, Salamandre e testuggini di Bartolomo Panizza
(Nuovi Annali delle Scienze naturali Serie II. 3. 1845. p. 37
und Annales des sciences nat, troisieme serie IN. p. 230).
Chelonmii.
Berthold machte die Bemerkung, dass Cinyxis homeana im
westlichen Afrika lebe, während man sich neuerlich der Ansicht hin-
neige, dass die Gattung amerikanisch sei. (Comptes rendus XXI.
p- 447).
Rüppell bildet im dritten Bande des Museum Senkenbergianum
1845 eine neue Schildkröte von Schoa südlich von Abyssinien ab:
Cinyzis schoensis testa oblonga subquadrata, antice subdepressa, po-
stice globosa, scutellis vertebralibus 1, 4 et 5 convexis, 2 et 3 pla-
nis, colore flavo-umbrino, margine anteriore cultrato subexciso, po-
steriore rotundato, pedibus anterioribus macro-lepidotis, unguibus
quinque lamnaribus robustis; pedibus posterioribus cute reticulata,
unguibus quatuor latis subelongatis; cauda supra lamina unguilari
terminali.
Aut
396 Troschel: Bericht über die Leistungen in der
Trionyxz Mortoni Hallowell Proc. Philadelphia 11. p. 120. Verf.
kennt nur den Jugendzustand. Afrika.
Sauri.
Coleonyx Gray noy. gen. aus der Familie der Geckonen.
Annals XVI. p. 162. Zehen etwas zusammengedrückt, gleich dick
in ihrer ganzen Länge, am Ende stumpf; Ränder einfach, abge-
rundet, oben mit einer Reihe und seitlich mit drei Reihen sechs-
seitiger Schuppen bedeckt, unten mit einer Reihe kleiner Querschup-
pen; am Ende jeder Zehe breite Schuppen, die eine Scheide für die
kleinen Krallen bilden, und eine Schuppe bedeckt die Nath zwischen
beiden Schuppen von oben. Afterschuppen deutlich, in einer wink-
ligen Reihe; Schuppen körnig mit Reihen grösserer Granula. Schwanz
eylindrisch, mit Ringen grösserer Tuberkeln, unten am After ange-
schwollen, und mit breiten Tuberkeln jederseits. C. eleguns von Be-
lize im tropischen Amerika.
Ferner beschreibt Hallowell folgende Echsen in den
Proceedings of the Academy of nat, seienc. of Philadelphia II,
als neu: j
Calotes versicolor p. 247: grün und olivenfarbig gemengt, unten
hellolivenfarbig. 20”. Liberia.
Tropidolepis africanus p.171: oben kleigrau, Kopf bräunlich. 7”.
Afrika.
Euprepis Blandingii p.58: oberhalb broncefarbig mit vielen
schwarzen Flecken, eine Reihe weisser Flecke an der Seite, darunter
eine breite schwarze Binde und eine hinter dem Auge; dicht unter
dieser eine weisse schmale Binde, unterhalb grünlich silbergrau. 5”.
Liberia in Westafrika,
Plestiodon Harlani p.170: oben hellbraun, an den Seiten zahl-
reiche dunkle senkrechte Binden, mit weissem Zwischenraum, unten
hellgelb. 10”. Afrika.
Leiolepis Auduboni p.246: bräunlich chocoladenfarbig mit grünen
und gelben Flecken. 17”. Columbia. }
-
Serpentens.
Auch aus dieser Abtheilung finden sich neue Arten von
Hallowell in Proceedings: of Philadelphia Vol. II:
Python liberiensis p.249 von Liberia,
Coluber laevis Hallowell p. 118 oben broncefarbig mit 8 oder
10 gelblichen Binden. Bauchschilder 150, Schwanzschilder 100.
2%" Der Name ist vergeben. — C. Phillipsiü p. 169 grünlich oliven-
farbig mit schwarzen Flecken, unten theegrün. 3’4”, Bauchschilder
172, Schwanzschilder 22. — €. ater von sehr dunkler Farbe. Bauch-
schilder 144, Schwanzschilder 72. Alle von Liberia. — €. Spiwiü
\
Herpetologie während des Jahres 1845. 397
p- 241 oben seegrün, unten strobfarbig. Bauchschilder 164, Schwanz-
sehilder 113. 5%. — ©. fuscus oben dunkelbraun, unten strohfarbig.
Bauchschilder 190, Schwanzschilder 115. 3%. — C. Pickeringü
p-242 oben seegrün, unten strohfarbig. Bauchschilder 160, Schwanz-
schilder 128. 7’. — C. vittatus schwarz, jederseits eine weisse Binde.
Bauchschilder 156, Schwanzschilder 36. %. — C. fuliginosus oben
dunkelbraun, unten strohfarbig, Schwanz unten braun gefleckt. Bauch-
schilder 158, Schwanzschilder 28. 14. — (©. Ashmeadii p. 244 asch-
farbig, eine Reihe dunklerer, weissgerandeter Flecke, eine dunkle
Binde hinter dem Auge, ein dunkler Fleck jederseits am Nacken.
Bauchschilder 191, Schwanzschilder 113. 13'. — €. variegatus bräun-
lich mit aschgrau gemischt, eine Reihe brauner, weiss gerandeter
Querbinden mit Zwischenräumen von %”. Bauchschilder 178, Schwanz-
schilder 96. 1%. — C. atratus p.245 oben schieferfarbig mit einer
weissen Binde am Hinterhaupt. Bauchschilder 145, Schwanzschilder
46. 13”, Alle von Columbien (Südamerika).
Leptophis gracilis p. 60 oben grasgrün, unten heller, am Nacken
milchweiss, an jeder Seite eine dunkle Binde. Länge des Körpers
193”, Länge des Schwanzes 14”. Bauchsch. 159, Schwanzsch. 153. —
L. Kirtlandü. Kopf oben und an den Seiten broncefarbig, eine
weisse Binde von der Schnauze bis an den hinteren Winkel des
Oberkiefers, Körper oben dunkelbraun, schwarz gewölkt, unten eben
so dunkel, nur der vordere Theil ist schmutzig weiss. Schwanz-
schilder 154. Länge des Körpers 154”, des Schwanzes 9" 10”. —
L. viridis p. 172 oben grün, unter der Kehle milchfarbig. Bauch-
schilder 211, Schwanzschilder 107. Alle drei aus Liberia,
Dipsas carinatus p. 119 oben bräunlich mit zahlreichen gelben
Binden, unten gelblich. Bauchschilder 247, Schwanzschilder 273,
Afrika. — D. Blandingü p.170 oben hellgelb, an jeder Seite eine
Reihe bleifarbiger Flecken, der Kopf ist oben hellblau, unten gelb.
Bauchschilder 272, Schwanzschilder 131. Liberia.
Trigonocephalus Colombiensis p. 246 gelblich aschfarbig, jeder-
seits eine Reihe dreieckiger dunkler Flecke, dazwischen zahlreiche
Punkte von derselben Farbe; eine Reihe dunkler Flecken jederseits
am Bauche, 1’ 8”. Bauchschilder 207, Schwanzschilder 70. Columbien.
Batrachia.
Von einem in Gestein eingeschlossenen Frosch ist ein
neues Beispiel vorgekommen. In der Penydaran-Kohlengrube
in Südwales fand sich beim Sprengen bei einer Tiefe von
135 Fuss ein Frosch, dessen Rücken genau in die Höhlung
passte. Er war sehr schwach und konnte kaum kriechen,
seine Augen waren vollkommen ausgebildet, aber hatten keine
Selkraft, sein Mund war geschlossen und konnte nicht geöfl-
398 Troschel: Bericht über die Leistungen in der
net werden. (Cardiff Guardian. London and Paris Observer,
No. 1035, Febr. 23, 1845. — Froriep’s Notizen XXXIIl. p. 329).
Rana Bibroni Hallowell Proc. Philadelphia glatt, mit Längs-
falten auf dem Rücken, grau mit dunklen Flecken, eine weisse Längs-
binde in der Mitte. Liberia.
Perialia nov. gen. Gray in Journals of expeditions of disco-
very into Central Australia and Overland ct. by Edward Jolın Eyre
Vol. I. p. 406. Zunge rund, ganz, Gaumen concav mit 2 Gruppen von
Zähnen zwischen den innern Naslöchern, Kiefer mit Zähnen, Augen
vorgequollen, Trommelfell kaum sichtbar, Haut glatt, Schenkel ziem-
lich kurz, Zehen vorn 4, hinten 5, am Ende spitz, fast frei, die vierte
Hinterzehe lang, die übrigen ziemlich kurz ; Knöchel mit einem läng-
lichen, zusammengedrückten, hornigen, scharfrandigen Tuberkel an
der Innenseite der Basis der Innenzehe; Männchen mit einem imnern
Stimmsack unter der Kehle. Kopf und Körper zusammengedrückt
und hoch. P. Eyrei vom -Murrey River und P. ornata von Port
Essington.
In demselben Werke ist Cystignuthus dorsalis Gray Annals 1841
und Phryniscus australis Dum. Bibr. abgebildet.
Ixalus concolor Hallowell Proc. Philadelphia 11. p. 60 oben ein-
farbig hell chöcoladenfarbig, Kiefern und Kehle schmutzig weiss,
Bauch und Unterseite der Beine dunkel chokoladenfarbig. Kopf und
Körper 10’, Hinterbeine 1” 3%”. Liberia.
Bufo einereus Hallowell Proc. Philadelphia 1. p. 169, oben
aschfarbig mit dunklen Flecken, unten gelb, 2”. Der Näme ist ver-
geben. Afrika.
Pouchet theilte der Pariser Akademie mit, dass die
Spermatozoen des Triton cristatus hinten eine sehr feine Mem-
bran, eine Flosse ‚besitzen, welche am Rande gefaltet ist.
Den freien Rand derselben hat man früher für einen gewun-
denen Fadeiı genommen. Die: Bewegung geschieht durch Un-
dulationen der Flosse (Comptes rendus XX, p. 1341).
. 399
Bericht über die Leistungen in der Ichthyologie
während des Jahres 1845.
Von
Dr. F. H. Troschel.
Von der Ichthyologie der ,‚Voyage of H. M. S. Sulphur
under the command of Captain Sir Edward Belcher ‚‘“ bearbeitet
von John Richardson, ist der Anfang (öte Lief.) bereits im
vorigen Jahresberichte besprochen. Im Jahre 1845 ist die
Abtheilung der Fische beendet. Im Ganzen enthält sie 98
Seiten Text und 30 Tafeln in Steindruck. Mehrere neue Ar-
ten und auch einige neue Gattungen sind aufgestellt, die in
verschiedenen Erdgegenden gesammelt sind.
Von v. Siebold’s „Fauna japonica“ erschienen im Laufe
des Jahres 1845 die 7te, Ste und 9te Lieferung der Fische,
bearbeitet von Temminck und Schlegel. Der Text behandelt
den Schluss der Scomberoiden, die Familie der Taenioiden,
Teuthyer, Mugiloiden, Blennioiden, Gobioiden, Pediculaten
und den Anfang der Labroiden.
In dem „Report of the fifteenth Meeting of the britisch
association for the advancement of science held at Canıbridge
in June 1845. London 1846,“ ist eine Uebersicht der Chinesi-
schen Fische von Richardson enthalten, denen der Verf. die
Fische von Japan nach der Fauna von v. Siebold hinzugefügt
hat. ’Sehr reich ist die Aufzählung durch die Benutzung der
Abbildungen geworden, welche John Reeves von solchen Fi-
schen hat anfertigen lassen, die auf den Markt von Canton
kommen; deren sind 340 Arten. Die Zahl’der neuen Arten
ist nicht unbeträchtlich, daher beschränke ich mich meist imten
auf Nennung der Namen. Es sind aufgezählt: 15 Haifische,
49-Rochen, 1 Stör, 39 Pleetognathen, 5 Lophobranchier, 3
Öarpopterygier, 37 Oyelopoden, ‘93 Percoiden, '7 Mulliden,
50 Panzerwangen, 27. Sciaenoiden, 5 Maeniden, 17 Sparoiden,
400 Troschel: Bericht über die Leistungen in der
6 Teuthyer, 21 Squamipennen, 3 Fistulariden, 7 Mugiloiden,
15 Labyrinthfische, 11 Labroidei etenoidei, 35 Labroidei ey-
cloidei, 6 Scomberesoces, 8 Blennioiden, 73 Scomberoiden,
22 Pleuronecten, 2 Gadoiden, 25 Siluroiden, 52 Cyprinoiden,
7 Scopelinen, 1 Salmonoid, 22 Clupeoiden, 28 Apodes —
also im Ganzen 661: Arten:
In „Journals of expeditions of discovery into central
Australia and Overland from Adelaide to King Georges Sound
in the Years 1840—41 ct. by Edward John Eyre”, London
1845. 8. Vol. I. p.418 findet sich ein Verzeichniss der in King
George’s Sound gesammelten Fische von Neill. Im Ganzen
enthält das Verzeichniss 59 Fische. Von vielen ist nur der
Gattungsname bestimmt, und es sind die Zahlen der Flossen-
strahlen, so wie der Name bei den Eingebornen hinzugefügt.
In einer Aufzählung solcher Thiere, die für die Fauna
Irlands neu sind, giebt Thompson Brama Raji Cuv. 2, an.
(Annals XV. p. 311).
Cenni sui pesci d’acqua dolce della Lombardia di F. de
Filippi. Estratti dalle Notizie naturali e civili sulla Lom-
bardia Vol.l. Milano 1844. (Nuovi Annali della Scienze na-
turali. Serie H. 3. 1845. p. 81). Es werden hier 34 Arten auf-
gezählt, unter denen mehrere neue, deren Diagnosen unten
angegeben sind.
Storia naturale di quei peseiolini. volgarmente tra noi
conoseiuti ‚col nome di Cicinelli o Cieinielli del Prof. Costa.
(Atherina hepsetus, Clupea sprattus und Gobius Aphya). (An-
nali dell’ accademia degli Aspiranti naturalisti. II. 1844. p. 88).
Agassiz legte der britischen Versammlung für den Fort-
schritt der Wissenschaften zu York im September 1844 einen
Aufsatz vor: Memoire sur les poissons fossiles de’ l’Argile
de Londres. (Annales des sciences naturelles troisieme serie
tom. Il. p. 21). Derselbe ist in sofern für die Systematik der
Fische der Jetztwelt wichtig, als’ darin auf Charaktere: einer
Anzahl von Familien aufmerksam gemacht wird, die sich an
den Schädeln finden. Es ‚sind die Familien ‚der Pereoiden,
Sparoiden, Teuthyer, Xiphioiden, Scomberoiden, Sphyraenoi-
den, Labroiden, Blennioiden, Scomberesoces, Glupeiden, ‚Ga-
doiden und Aale in: dieser Beziehung erwähnt. 1660
Ichthyologie während des Jahres 1845. 401
Physiologische Bemerkungen über die Statik der Fische
von J. Müller, als Auszug aus dem letzten Theil der ver-
gleichenden Anatomie der Myxinoiden in Müller’s Archiv 1845.
p- 456.
In einem Nachtrag über den Bau der Ganoiden spricht
J. Müller über die verschiedene Bedeutung des truneus arte-
riosus bei den verschiedenen Fischen. (Bericht der Akademie
zu Berlin von 1845. p. 33).
Blanchet zeigte an, dass bei Marseille im Hafen alle
Fische vor einigen Jahren starben und an der Oberfläche
schwammen. Er schiebt das auf Schwefelwasserstoff, welcher
sich aus den Seiffabriken kommend in das Wasser mischte.
Er will dadurch den plötzlichen Tod, wie er bei den verstei-
nerten Fischen vorgekommen sein muss, zum Theil erklären.
(Comptes rendus XX. p. 112).
Ebenda p. 252 macht Morren darauf aufmerksam, dass
die im Wasser aufgelöste Luft einen sehr verschiedenen Reich-
tihum an Sauerstoff hat, eine Folge der Einwirkung des Lich-
tes und der Gegenwart der verschiedenen mikroskopischen
Thierchen und Wasserpflanzen. Im Mittel enthält die aufge-
löste Luft 32 — 33% Sauerstoff, wenn derselbe bis 19 oder
185 sinkt, dann sterben die Fische.
Dipnol
Lepidosiren paradoxa. Monographie von Joseph Hyrtl.
Prag, 1845. 4. Mit 5 Kupf. Ist mir nicht zu Händen ge-
kommen.
Nähere Angaben über einen dem Lepidosiren annecteus
verwandten Fisch von Quellimane von Peters (vergl. den
vorjährigen Bericht p. 191) finden sich in: Müller’s Archiv
1845. p.1. Dazu drei Tafeln mit Abbildungen,
Ebenda p. 534 theilt Heckel seine Ansicht mit, dass der
Peters’sche Fisch generisch von Lepidosiren paradoxa ver-
schieden, und ihm ‚daher der Owen’sche Name Protopterus
annectens zu restituiren sei.
Teleostei.
Acanthopteri.
Ambassis Vachelii Richards. Report. p. 221. D. 7—1.9; A. 3.9.
Canton.
402 Troschel: Bericht über die Leistungen’ ih der
Serranus megachir, shippan, variegatus, ‚Reevesi, Aaästsapo-
mus, cyanopodus Richards. Report von China.
Mesoprion hoteen Richards. Report von Canton,
Hapalogenys maculatus Richards. Report von Canton.
Scolopsides pomotis Richards. Report von Canton.
Lobotes incurvus und eitrinus Richards. Report von China.
Priacanthus tayenus Richards. Report von ‚China,
Upeneus tragula Richards. Report von Canton.
Prionotus horrens Richards. Sulphur A..9 mit ründen Brust-
flossen und P. birostratus A. 1. 10 mit abgestutzten Brustflossen.
Beide vom Golf Fonseca an der Westseite Amerika’s.
Richardson stellt im Sulphur eine neue Gattung Centrider m-
ichthys-in der Nähe von Cottus auf, die sich durch das’ Vorhan-
densein 'von Gaumenzähnen auszeichnet. Die Haut ist mit kleinen
Stachelehen' besetzt. Dahin gehört‘ Cottus asper Richards. 'Fauna
boreal. americ.; und eine neue Art C. ansatıs von China mit in die
Höhe gebogenem Stachel des Vordeckels, scheint mit none unci-
natus Schlegel Faun. jap. identisch.
Eine neue Art der Gattung Chirus Steller (Labrax Pallas) be-
schreibt Richardson Sulphur als Ch. denarius D. 4. 25; A. 1. 3.
Die vierte Seitenlinie ist nicht unterbrochen. Sitka.
Scorpaena leonina Richards. Report von Canton. |
Platycephalus cultellatus Richards. Report von Canton,
Sebastes caurinus Richards. Sulphur mit hoher bogenförmiger
Rückenflosse, und ungefleckten Flossen. Sitka. — S. longiceps Ri-
chards. Report. p. 214. D. 13. 10; A. 2. 6. — 8. serrulatus ib! D. 13.
11; A. 3. 5. Beide von China.
Synanceia breviceps Richards. Sulphur mit kürzerem Kopf als
bei'S. astroblepa Rich. D. 13.12; A. 2.13. China.
Pelor tigrinum Richards. Report von Canton.
Sciaena lucida Richards. Sulphur D.8—1.2%6; A. 2. 11. Chinay.
— Sc. crocea id. Report von. Canton,
Otolithus Reevesü, aureus, tridentifer Richards. Report, alle
drei von Canton.
Corvina grypota und albiflor« Richards. Report von Canton.
Pristipoma pihloo, chloronotum, gaallinaceum,, grammopoecilum
Richards, Report.
Lethrinus anatarius Richards. von Canton.
Chrysophys auripes und xanthopoda Richards. Report von
Canton. |
Crenidens leoninus Richard. Report von "Cahton. ET
Hoplegnathus maculosus Richards. Report von Canton.
Ophicephalus puticola, Jovis Richards. Report von Canton.
Mugil zanthurus, melancranus, strongylocephalus, ventricosus
Richards. Report p. 249 von China. —ıM, japonicus und Bar
cheilus Temminck und Schlegel Faun. jap. n)
Ichthyologie während des Jahres 1845. 403
Chorinemus leucophthalmus und delicatulus Richards. Report
von China.
Trachinotus auratus und melo Richards. Report von China.
Seserinus Vachelüü Richards. Report von Canton,
Caranz cancroides, cestus und margarita Richards. Report
von Canton,
Seriola purpurascens, aureo-vittata, quinque-radiata und inter-
media Temminck und Schlegel. Fauna japon.
Dieselben stellen ebenda eine neue Gattung Erythrichthys
auf: Eine Reihe sehr feiner Zähne imr Zwischenkiefer; eine schmale
Binde im Ober- und Unterkiefer; zwei aneinanderstossende Rücken-
flossen; Schuppen von mittlerer Grösse, fast viereckig. B. 6. D. 10
— 2.10; A. 3.10. Die Art hat keinen Namen,
+ Ebenda eine zweite neue Gattung Scombrops. Eine Reihe
grosser spitzer Zähne im Unterkiefer; im Zwischenkiefer vorn eine
Reihe viel kleinerer Zähne, dahinter in der Mitte ein Paar grosser
Zähne, die jederseits von zwei kleineren begleitet sind; hechelför-
mige Zähne am Vomer und am Gaumen, D. 8—2.13; A. 2.12%. Die
Art ist ebenfalls ohne Namen.
Coryphaena japonica ib.
Stromateus japonicus desgl.
* Zeus nebulosus ebenso, höher als die andern Arten, schuppenlos.
D. 8—6.7; A. 1.6.
Equula nuchalis ih. mit einem schwarzen Fleck am Nacken.
D. 8.17; A. 3.15.— E. rivulata mit schiefen schwärzlichen Streifen
am Rücken. D. 8. 16; A. 3.14.
Richardson stellte in den Annals XV. p.346 eine neue Gattung
aus der Familie der Scomberoiden auf: Gasteroschisma. Der
Bauch ist scharf, und die grossen Bauchflossen, welche hinter den
Brustflossen liegen, werden von einem Spalte desselben aufgenom-
men. Seitenlinie unbewaffnet. Brustflossen klein, Rückenflossen ver-
einigt, mit falschen Flossen. After\gegen das Ende der Bauchspalte,
Schuppen ‚zart, ziemlich gross. Zähne klein, borstenförmig.- 5,Strah-
len in der Kiemenhaut. Kiemenöffnung weit.. Eine Art. @. melampus.
Cepola hungta Richards. Keport von Canton.
Lophotes Capellei Temminck und Schlegel. Die Stirnleiste
bildet einen weniger scharfen Winkel; die erste Rückenflosse ist hö-
her als bei cepedianus; die Rückenflosse geht bis zur Afterflosse;
Mund weniger vertical. D. 1.8— 212; A. 3. 18,
Amphacanthus aurantiacus D. 14. 9; A. 8.8 und A. albopuncta-
tus Temminck und Schlegel in der Fauna japonica.
- Blennius auro-splendidus und fasciato-latoceps Richards. Re-
port von Macao,
-Petroscirtes (Blennechis) Bankieri Richards. Sulphur, = Schnei-
detähne; Schwanzflösse Joderuchth rot einem kurzen Faden. Hong
Kong.
A0A Troschel: Bericht über die Leistungen in der
Stichaeus hexvagrammus Temminck und Schlegel Fauna jap.
B. 6. D. 40. A. 29.
Gunnellus nebulosus D. 74. A. 2.36 und @. crassispina D. 78.
A. 2. 40 ebenda.
Eine neue Gattung Dictyosoma der Verfasser der Fauna japo-
nica unterscheidet sich vom Gunnellus und Zoarces durch völliges
Fehlen der Bauchflossen. B. 6. D. 58.9; A. 2.43. Die Art ist na-
menlos geblieben.
Eine interessante Gattung Calloptilum stellte Richardson
Sulphur auf; sie scheint zu den Blennioiden zu gehören. Körper
beschuppt, eylindrisch, Kopf kurz, stumpf, Mund klein, kleine Zähne
in den Kiefern, Augen seitlich, vorn, Wangen und Vordeckel be-
schuppt. Kiemenöffnung weit, Kiemenhaut mit sechs Strahlen. Ein
langer Strahl im Nacken. Zwei gegliederte Rückenflossen mit vielen
einfachen kleinen Strahlen dazwischen, zwei Afterflossen ebenfalls
mit kleinen Strahlen dazwischen, Brust- und Schwanzflossen klein,
Bauchflossen ‚sehr lang, vor den Brustflossen, mit drei langen Strah-
len, und 16 kleinern Strahlen am hinteren Rande. Seitenlinie ganz
oben am Rücken, China. Das Berliner Museum besitzt die einzige
Art €. mirum von den Philippinen. Nach der Untersuchung J, Mül-
ler’s besitzt sie keine Nebenkieme; die Bauchflossen scheinen nur
articulirte Strahlen zu enthalten. Magen ohne Blinddarm. Darm
ganz gerade, ohne Absonderung des Magens, keine Schwimmblase.
Gobius fasciato-punctatus, ommaturus, stigmothonus Richards.
Sulphur von China. — @. platycephalus, ripilepis, margariturus
Richards.Report ebenfalls von China. — @,favimanus D.8—15; A. 12;
V. 10. — @. brunneus D. 6—10; A. 8; V. 12. — @. olivaceus D. 6
—10; A. 8. 8; V. 10. — @. virgo B. 4. D. 8-36, A. 1. 26; V. 10. —
G. hasta D. 8-20; A. 17, V. 10. Diese 5 Arten sind von Tem-
minck und Schlegel in der Fauna Jap. aufgestellt.
." Boleophthalmus aucupatorius Richards. Sulphur von China
D. 5—26; A. 1.25. — B. campylostomus id. Report von Canton.
Apocryptes serperaster Richards. Report von Macao.
Amblyopus rugosus Richards. Report von Macao. — A. Lace-
pedii Temminck und Schlegel B. 5; D. 6. 42, A. 1. 41.
Periophthalmus modestus ebenda.
Eleotris cantherius Richards. Report von Macao. — E. ob-
scura Temminck und Schlegel ist verwandt mit E. tumifrons
€. V., hat aber eine flache Stirn. D. 7—9; A. 8. — E. ozycephala
ib. D. 6—9; A. 9. -
Callionymus longicaudatus ib. D. A—9; A. 8. — C. variegatus
ib. D. A—8; A. 7. — CO. Valenciennei ib. D. A—9; A. 9 (8). — C.
Zunatus ib. D. 4—9; A. 9. — C.altivelis ib. Die erste Rückenflosse
ist hinten ohne Membran, die zweite Rückenflosse ist sehr hoch und
besteht ganz aus verästelten Strahlen, und der Vorderdeckel verlän-
gert sich einfach in zwei ziemlich breite Stacheln. D. 4—8; A.ı7.
U nn
Ichthyologie während des Jahres 1845. 405
Gobiesox tudes Richards. Sulphur einfarbig, eine Reihe klei-
ner cylindrischer Zähne in den Kiefern, oben dahinter ein Haufen
kleinerer. B. 5; D. 8; A. 5. China? 5".
Achille Costa las in der 6. Versammlung der Italieni-
sehen Naturforscher: Osservazioni interno alle Echeneidi in
generale ed in particolare su l’Echeneis Musignani (Annali
dell’ academia degli Aspiranti naturalisti II. 1844. p. 234.)
Chironectes tridens Temminck und Schlegel zahl mit sehr
kleinen Bauchflossen. D. 3—11 (12); A. 7.
Eine neue Gattung in der Familie der Armflosser, von der sich
bereits eine kurze Notiz in Oversigten over Videnskabernes Selskabs
Forhandlinger for 1844 S. 140 findet, beschreibt Henrick Kroyer in
seiner Naturhistorisk Tidskrift zweite Folge I. p. 639 ausführlich: Ce-
ratias forma valde compressa et exaltata. Rictus sat magnus, ver-
ticaliter fere fissus. Dentes mediocris magnitudinis, mobiles, conici,
subincurvi ossium intermaxillarium maxillaeque inferioris, nulli vero
vomeris vel palati. Apertura branchialis infra pinnas pectorales, sat
magna, rotundata. Membrana branchiostega radiis sex. Tria arcuum
- branchialium paria binis Jaminarum branchialium seriebus instructa;
duo paria externa libera, tertium par margine interiori faucibus con-
natum. Pinnae ventrales-nullae; pectorales minimae, sed brachiis
suffultae sat longis; dorsalis anterior duobus modo composita radiis
liberis mobilibus, altero longissimo capitis, altero medii ferme dorsi;
Jorsalis posterior et analis perbreves, pinnae caudali maximae valde
approximatae. Radii omnium pinnarum magna ex parte liberi, e
cute conjungente prominentes (insigniter vero radii pinnae caudalis
et pectoralis), cartilaginei, non articulati, apieibus mollibus, filifor-
mibus. Squamae verae nullae; innumeri vero harum loco aculei
ossei recurvi, e basi scutiformi surgentes. Vesica natatoria nulla;
appendices duae pyloricae parvae. Sceleton molle et cartilagineum.
Die Art ©. Holbölli ist ganz schwarz. D. 1.1.4; A. 4; C. 8. Grönland.
Anacanthini.
Platessa velafracta und balteata Richards. Report von Canton.
Hippoglossus orthorhynchus und goniographicus Richardson
Report von Canton. —. H. dentex Richards. Sulphur mit langen
pfriemförmigen Zähnen D. 47; A. 33. China.
Solea ommatura, ovalis, foliacca, ovata Richards. Report
von China.
Plagiusa aurolimbata, puncticeps, nigrolabeculata, grammica,
melampetala, favosquamis Richardson Report von China.
Pharyngognathi,
Labrus eöthinus Richards. Report von Canton. — L. rubigi-
nosus Temminck und Schlegel. D. 9—11; A. 3.9 (10).
406 Troschel: Bericht über die Leistungen in der
Cienolabrus aurigularis und rubellio Richards. Sulphur von
China, ?
Cossyphus cyanostolus und ommopterus Richards. von Canton.
Julis exornatus und thersites Richards. Report von China. —
J. poecilepterus, pyrrhogramma und cupido von’ Temminck und
Schlegel Fauna japon.
Xyrichthys puniceus Richards. Report von Canton. — X. dea
Temminck und Schlegel. D. 2—11. 9; A. 3. 12.
Cheilinus nebulosus Richards. Report von China.
Eine neue Gattung Cirrhilabrus ward von Temminck und
Schlegel aufgestellt. Sie hat ein gezähntes Praeoperculum, eine
unterbrochene Seitenlinie, der Kiemendecket ist beschuppt, die Bauch-
flossen sind in lange Fäden ausgezogen. B. 5; D. 11.9; A. 3.9. Die
Art hat nach der Sitte der Verf. keinen Namen.
Scarus pyrrostethus Richards. Report von China.
Calliodon chlorolepis Richards. Sulphur von China.
Pomacentrus notostigmus Richards. Sulphur ein heller Fleck
auf dem Rücken, eine solche Nackenbinde, eine Linie unter dem
Auge und ein runder Punkt oben auf dem Deckel. D.13. 13. A. 2.12.
Südsee ?
Glyphisodon Bankieri Richards. Report p. 253. D. 13. 11,
A. 2.11. China.
Heliases reticulatus Richards. Report p. 254. D. 12. 15; A. 2.13.
China. ;
Amphiprion chrysargyrus Richards. Report von China.
Belone ciconia Riehards. Report von Canton.
Exocoetus monocirrhus Richards. Report von China,
Physostomi.
Silurus zanthosteus Richards. Sulphur mit 4 Bartfäden, brau-
ner Schwanzflosse mit der braungerandeten Afterflosse zusammen-
hängend. B. 15; D. 5, 6 oder 7; A. 80, Chusan. Canton.
Bagrus crinalis, limbatus, bouderius (an Pimelodus?), Vachelö
Richards, Report von China.
Galeichthys stanneus Richards. Report von Canton.
Arius falecarius Richards, Sulphur. Maxillar-Bartfäden von
Länge desKopfes, Brustflossen roth, Rückenflosse schwarz gerandet.
D. 1.7; A. 19. Canton.
Pimelodus mong, fulvidraco Richards. Report von Canton.
Clarias pulicaris Richards. Sulphur. D. 64; A. 47. China.
Peters beschreibt in Müllers Archiv 1845 p. 375 das
elektrische Organ des Zitterwelses, Malapterurus electricus.
Es besteht aus einer fingerdicken Schicht von faserig zelligem
Ansehen, welche sich über den ganzen Körper. erstreckt,
mi ns nn.
N
Ichthyologie während des Jahres 1845. 407
und anı Bauche ihre grösste Dicke hat. Bei der Untersuchung
unter dem Mikroskop besteht es aus einer äusserst feinen
Haut, die sich leicht in feine Fältchen legt, welche man nicht
mit Fasern verwechseln darf, und aus runden mikroskopi-
schen Körperchen, welche eine gallertartige Masse zusammen-
setzen.
Catalogo metodieco ct. Verzeichniss der Europäischen
Cyprinen nebst Bemerkungen über den 17. Band der Histoire
naturelle des poissons von Valenciennes, vom Prinzen Carl
Lucian Bonaparte. 4. Mailand 4845, ist mir nur aus der
Anzeige in der Revue zool. 1845. p. 298 bekannt, geworden.
Die Europäischen Cyprinen werden in zwei Unterfamilien ge-
theilt, in Cyprinini und Leueiscini, deren erste 7, die zweite
13 Gattungen enthält, zu denen im Ganzen 126 Arten auf-
gezählt werden. Die angefügten Bemerkungen über den 17. Band
der Hist. nat. des poissons sind ausführlich a. a. O. mitgetheilt.
und enthalten zahlreiche Berichtigungen, welche sich meist
auf die Species beziehen, und welche alle hier zu wieder-
holen. der Raum nicht gestattet.
Einige Bemerkungen iiber Cyprinen der Belgischen Fauna,
als Berichtigung des 17. Theils der Hist. nat. des Poissons
von Valencieunes macht Selys-Longchamps in der Revue
zool, 1844. p. 399.
Cyprinus atrovirens, flammans, hybiscoides, acuminatus, scul-
poneatus, abbreviatus Richards. Report von China,
Abramis terminalis Richards, Report von Canton,
Gobio Iutescens Filippi ]. c. ore infero, parvo, oculis laterali-
bus, corpore subquadrilatero, pinna caudali apieibus acuminatis,
superiori longiusculo D. 10; A. 8.
Chondrostoma jaculum Pilippi ]. c. longitudine altitudinem sexies
superante; squamis argenteo-micantibus. D. 11. A. 12.
Drei neue Arten Leueiseus bei Richards. Sulphur Z. hypo-
phthalmus, nobilis, bambusa von China. Ebendaher L. recurviceps,
moritorella, hemistictus, machaerioides, piceus, zanthurus, eurri.-
culus, homospilotus Richards. Report. — L. pagellus Filippi dor-
sali elevata; corpore depresso, spatio interoculari sesquimajore dia-
metro oculi; oculo magno, capite longiuseulo, quartum longitudinis
eorporis cauda excepta subaequanti. D. 11 (12). A. 11 (12). — L.
scardinius Filippi corpore crassiusculo; altitudine longitudinem pa-
rum ultra ter superante, capite parvo; fronte convexa; spatio inter-
oeulari duplo diametro oculi; ore infero; dorsali ventralibus oppo-
sita, D. 11. A, 11. — L. pauperum Filippi corpore depresso, al-
408 Troschel: Bericht über die Leistungen in der
titudinem longitudine quatuor superante; pinna dorsali -altiuscula;
capite brevi; spatio interoculari duplo diametro oculi. D. 12. A. 12.
Aspius alborella Filippi l. c. longitudinem altitudinem quintu-
plo superante; dorsali ventralibus valde retroposita. D. 11. A. 14 (16).
Cobitis psammismus Richards. Report von Canton.
Horae ichthyologicae. Beschreibung und Abbildung neuer
Fische von J. Müller und F. H. Troschel. Heft 1 und 2.
Berlin 1845. Unter diesem Titel haben die Verf. eine Mono-
graphie der Characinen, welcher andere folgen sollen, her-
ausgegeben. Es ist dies eine weitere Ausführung der Syno-
psis dieser Familie, welche bereits früher in diesem Archiy
1844. p. 81 bekannt gemacht worden ist. Die Familie der
Charaeinen ist in dieser Schrift durch eine neue Gattung Ago-
niates gegen die Synopsis vermehrt, auch sind einige neue
Arten hinzugefügt. Die neuen Arten sind auf 41 Kupfertafeln
abgebildet, auch ist die Bezahnung aller Gattungen, als
Hauptcharakter dargestellt.
Saurus argyrophanes Richards. Report von China?
Eine neue Gattung Astronesthes stellt Richardson Sulphur
auf. Die Haut ist schuppenlos, ein Bartfaden an der Spitze des Un-
terkiefers, im Zwischenkiefer lange Hundszähne, im Oberkiefer,
Gaumen, Unterkiefer und auf der Zunge pfriemförmige Zähne. Fett-
flosse. Die Gattung unterscheidet sich von Odontostomus beson-
ders durch den Bartfaden. Eine Art A. nigra 3”, wahrscheinlich von
China. B. 15; D. 15; A. 14.
Clupea isingleena,nymphaea, coeruleovittata, flosmarisRichards.
Report von China.
Alosa Reevesi Richards. Report von China.
Chatoessus aquosus Richards. Report von China.
Megalops eurtifilis Richards. Report von China.
Elops purpurascens Richards. Report von China.
Eine neue Art der Grayschen Gattung Coilia von China nennt
Richardson Sulphur €. Grayi B. 10; D. 12; A. 86.
Aus der Familie der Muraenoiden ist eine ziemliche Anzahl Ar-
ten von Richardson Sulphur beschrieben und abgebildet. Anguilla
avisotis und clathrata, beide von Canton. — Congrus (Muraenesox)
tricuspidatus Mc Clelland und Zepturus ebendaher. — Ophisurus
dicellurus und vimineus von China. — Muraena isingleena, Reevesiü,
tessellata, pavonina, tlyrsoidea, polyxona fast alle von China. —
Moringua lumbricoidea. — Ichthyophis vittatus. — Sphagebranchus
quadratus von China.
Von Demselben sind im Report Ophisurus spadiceus, Mu-
raena cerino-nigra und Monopterus helvolus aufgestellt.
EZ 2
Ichthyologie während des Jahres 1845. 409
Plectognathi.
Tetrodon. albo-plumbeus Richards. Sulphur an Rücken und
Bauch rauh, an den Seiten glatt; oben bleifarbig mit weissen: Flek-
ken. — T. spadiceus id. ungefleckt, die Stachelchen des Rückens
und Bauches hören vor der Mitte auf. — T. luterna id. Nase mit
Fäden, purpurbraun mit dunklen Wolken, und weissen Flecken,
Bauch weiss mit honiggelben Streifen.
‘Richardson Sulphur beschreibt mehrere neue Arten’ Balistes:
aureolus, castaneus, hihpe, Vacheli.
Monacanthus lineolatus Richardson Report of the britisch
Association p. 201. A. 34; C. 12, P. 13. Etwa 12 horizontale Linien
auf dem Körper. China.
Lophobranchii.
Pegasus latirostris Richardson, der Schnabel ist fast so breit
wie lang. China.
Ganoideiüi.
Der in diesem Archive’ enthaltene Aufsatz über den Bau
und die Grenzen der Ganoiden von J. Müller (1845 I. p. 9)
ist von Vogt ins Französische übersetzt und es sind von
demselben Bemerkungen über Amia calva hinzugefügt (Annales
des sciences naturelles 1845. IV, p- 1). . Diese Bemerkungen
gehen dahin, zu zeigen, dass die vielen Klappen im Arterien-
stiel, welche bei Amia vorkommen, auch bei andern Fischen
als bei Ganoiden, bei den Clupeiden vorkommen könnten.
Die Abhandlung von J. Müller erschien in erweiterter
Form in den Schriften der Academie zu Berlin vom Jahre 1846
begleitet vau 6 Kupfertafeln. Hier spricht sich der Verf. auch
über den Aufsatz von Vogt aus, und erklärt die dort, gege-
benen Thatsachen für beweisend, dass Amia ein wirklicher
lebender Ganoid sei. i
John Humphreys zeigt den Fang eines Hausen, Acipen-
ser Huso bei Cork an. Annals XV. p. 213.
Selaehli.
Portlock gab eine Notiz über die Eier von Seyllium
Gatulus, welches die gemeinste Art von Corfu ist (Annals XV.
p- 261 und 345).
Archiv 1. Naturgesch, XL, Jahrg. 2, Bd, Bb
410 Troschel:-Bericht über ‚die,Leistungen in der
Cantor fand in einem Hammerfisch (Zygaena laticeps
Cantor), 18 Foetus, von denen 7 männliche. Er hält diesel-
ben für identisch mit Zygaena Blochii Val,, so dass’ letztere
Art der Jugendzustand von laticeps wäre. Diese Fölus waren
über '1 Fuss lang.
Natalis Guillot übergab er Academie zu ‚Paris, eine
Note, in welcher er auf eine grosse Höhle zwischen dem Rück-
grat und dem Verdauungskanal bei den erwachsenen Rochen
aufmerksam macht. Vorn commuünieirt die Höhle mit den Ve-
nen durch zwei. sehr kleine Löcher, ‚das Innere ist in Zellen -
getheilt, Alles Blut muss durch diesen grossen Raum,gehen,
um zum Herzen zu gelangen. Diese Beobachtung schliesst
sich an die von Milne. Edwards und Valenciennes kürzlich
erörterten Thatsachen in Betreff, der, durch. Lücken. unterbro-
chenen Circulation bei den Mollusken (Comptes: rendus XXI.
p. 1179). — Milne Edwards hält diese Thatsache bei den
Rochen für neu und bemerkt, dass ‚gleichzeitig Robin etwas
Aehnliches bei den Haien gefunden habe., Ebenda p. 1185 und
p. 1282.
Mateucci macht neue Beobachtungen ‚am Zitterrochen
bekannt (Comtes rendus XXl. p. 575; Hroriene NO:
p- 241).
Stark beschreibt Aulais XV. p. 121 ein een Or-
gan bei den Rochen, das bei Raja Batis mehr ‚entwickelt, ist,
als bei den übrigen Arten. Es ist ein breites Kissen ‚an jeder
Seite des Schwanzes, und besteht aus Scheidewänden, deren
Zwischenräume wieder durch Scheidewände getheilt werden,
Die so entstandenen Räume sind mit Gallerte erfüllt. Die
zugehörigen Nerven entspringen von dem achten Paar und die
Endfäden bilden breite regelmässige Schlingen in der Gallerte,
Goodsir fügt ebenda darüber hinzu, dass jede Höhlung an
den Wänden Nervenschlingen enthält, die meist zu drei und
drei vereinigt sind: jede,Schlinge enthält eine oder mehrere
mit Kernen versehene Körperchen. Mit diesen Nervenschlin-
gen sind Blutkügelchen-Schlingen gemischt. Das Innere der
Höhlungen ist mit Gallerte' erfüllt, welche im Innern einen
leeren Raum hat.) Die ‚Gallerte ‚besteht aus Feldchen, die
dureh Stäbe gebildet werden. , Goodsir. schliesst,damit,'.dass_
Ichtyologie während des Jahres 1845. 411
dies Organ das Ansehen eines electrischen habe, hält das aber
nicht für hinreichend, es wirklich für ein solches auszugeben.
Retzius: Om de förmenta elektriska organerna hos de
icke elektriska Rockorna. (Öfversigt af Kongl. Vetenskaps Aca-
demiens Förhandlingar första ärgangen 1844. Stockholm 1845.
p. 177). Die Untersuchungen beziehn sich anf Raja batis und
Squalus acanthias.
Rhinobatus hynnicephalus Richards. Report von Canton.
Nareine lingula Richards. Report von China.
Trygon carnea Richards. Report von China.
Leptoeardii.
Quatrefages hat das Rückenmark des Branchiostoma
lubrieum Costa’ (Amphioxus lanceolatus Yarrell) aus hinter
einander liegenden ‘Anschwellungen bestehend ‘gefunden, und
vergleicht diese mit den Ganglien der Gliederthiere. Die Ner-
ven entspringen von der Mitte des Ganglions. ' Das vordere
Ganglion sieht Verf. als Gehirn aıf, von ihm sah er 5 Nerven-
paare entspringen. Das zweite Paar bildet die Augennerven,
die sich am Ende in eine ringförmige Pigmentmasse verdik-
ken, 'woran eine Kristalllinse liegt, Das Geruchsorgan , wie
es Kölliker beschreibt, wird bestätigt. (Comptes rendus XXI.
p- 519).
-}
Bb *
42
Bericht über die Leistungen in der Naturgeschichte
der Mollusken während des Jahres 1845.
Von
Dr. Troschel,
Die Gehäuse uud sonstigen Gebilde der Mollusken in
ihrem naturhistorischen oder anatomisch physiologischen Ver-
halten, so wie ihre Nutzanwendung, ihr Vorkommen in Ver-
steinerungen u.'»s. w. dargestellt von Dr. Heinrich Karl
Geubel. Mit einem Vorwort von Wilbrand. Frankfurt a. M,
1845. Es thut mir.leid, diesmal den Bericht über die Fort-
schritte der Wissenschaft fnit einem Werkchen beginnen zu
müssen, das offenbar nur einen Rückschritt 'erstrebt. Verf.
bemerkt ganz naiv, dass er eine zu unvollständige Conchylien-
sammlung und kein Mikroskop besitzt. Es sind keine Unter-
suchungen, sondern nur Betrachtungen über die Produkte der
Mollusken niedergelegt, und die bekanntesten Organisations-
Verhältnisse scheinen dem Verf. unbekannt. Verf. will eigent-
lich die Gehäuse wieder zu Ehren bringen, und um dem Le-
ser eine Vorstellung zu geben, zu welchem Resultat derselbe
kommt, theile ich nur sein System mit: 1. Käfermollusken
(Chiton), 2. Schuppenmollusken (Balanus, Lepas), 3. Röhren-
mollusken (Arytaena, Cleodora, Pholas, Solen, Mya, Denta-
- Jium), 4. Schalenmollusken a. gleichschalige (Unio, Anodonta,
Cyclas), d. ungleichschalige (Pecten, Terebratula, Ostrea),
5. Gehäusemollusken «a. mit Deckel (Cyelostoma, Nerita,
Turbo), d. Deckellose (Voluta, Limaeina), e. mit unvollkom-
menen Schalen (Bulla, Patella, Testacella), 6. Nacktmollusken
a. mit verborgenen Schälchen (Limax, Pleurobranchus, Aply-
sia), d. eigentlich nackte (Doris, Clio, Phyllirho&), 7. Wir-
belmollusken (Octopus, Sepia), Das wird genügen.
Unter dem gemeinsamen Titel „Bibliothegue conchyliolo-
gique‘“‘ gab Chenu ’ältere conchyliologische Schriftsteller mit
A Naturgeschichte der Mollusken während des Jahres 1845. 413
französischem Text von Neuem heraus. Die premiere serie
enthält vier Bände: I. Donovan British shells mit 48 Tafeln.
II. Martyn Le Conchyliologiste universel mit 56 Tafeln.
II. Say Conchyologie americaine mit 17 Tafeln; Leach, die
Conchylien aus dessen Melanges zoologiques mit 9 Tafeln;
Conrad Nouvelles coquilles d’eau douce des Etats unis suivie
de la Monographie du genre Aneulotus, et du tableau synoptique
des Najades d’Amerique mit 4 Tafeln; Rafinesque Mono-
graphie des coquilles bivalves fluviatiles de la riviere Ohio
mit 4 Tafeln. IV. Montagu Testacea britannica mit 12 Ta-
feln. Dieser Band ist von 1846. Die deuxieme serie beginnt
mit dem ersten Bande von 1845, der alle Mollusken aus den
Transactions of the Linnean society of London enthält; sie
sind aus 37 Abhandlungen zusammengestellt, die von 1791—
1835 publieirt worden sind. "Dazu 43 Tafeln. — Der Her-
ausgeber giebt dadurch Gelegenheit in den Besitz dieser aller-
dings wichtigen Werke zu gelangen, kann jedoch die Originale
dadurch nicht ersetzen. Man kann z. B. nicht danach eitiren,
und es bleibt immer der Zweifel der Treue der Copien, wenn
man nicht die einzelnen verglichen hat.
Von Philippi’s Abbildungen und Beschreibungen neuer
oder wenig gekannter Conchylien erschienen in regelmässiger
Folge im Jahre 1845 die 1. und 2. Lieferung des zweiten Ban-
des. Erstere enthält Tafeln aus den Gattungen Helix, 'Buli-
mus, Trochus, Fusus, Tellina und Arca, die andere Fissu-
rella, Trochus, Natica, Cylindrella, Astarte, Venus.
Kiener’s Species general et lconographie des coquilles
vivantes hatte seinen regelmässigen Fortgang. Im Jahre 1845
erschienen die Lieferungen 405 bis 112. In ihnen ist der Text
für die Gattung Cypraea mit 145 Arten, unter denen 13 neu
enthalten, so wie die Tafeln für die Gattung Conus.
Von @. B. Sowerby’s Thesaurus Conchyliorum or figu-
res and deseriptions of recent shells erschien noch im Jahr
1844 Part V. mit den Monographien der Gattungen Terebra,
von der 103 Arten auf 5 Tafeln abgebildet sind, und Voluta
mit 58 Arten auf 10 Tafeln. Erstere Gattung ist von Brins-
ley Hinds bearbeitet.
Unter dem Titel: ‚‚Systematisches Conchylien-Cabinet von
Martini und Chemnitz. Neu herausgegeben von H. C, Küster“
414 'Troschel: Bericht über die Leistungen. in. der
erscheint seit dem Jahre. 1837 in Nürnberg ‚ein Werk-in.Hef-
ten, das die alten Chemnitzschen Abbildungen mit neuem Text
und hinzugefügten Tafeln, auf; denen neuere Arten ‚abgebildet
sind, liefert. ‚Dies Unternehmen geht regelmässig ‚fort. In den
früheren Berichten ‚ist: 'es übergangen , weil\mir das; Werk hier
in Berlin bisher nicht ‚zugänglich war, . Da'im 5. Heft ‚des
10. Jahrganges'dieses Archivs, eine Uebersicht der erschienenen
Hefte 'angeheftet wurde, sehe‘ ich; mich. einer nachträglichen
Anzeige des Ganzen überhoben, ‘und beschränke mich, hier
auf die 6. im Jahre 1845 erschienenen: Lieferungen, Sie, ent-
halten Abbildungen aus den Gattungen Turbinella, Fasciola-
ria, Pyrula, Fusus, Tritonium, Strombus, Pterocera , Rostel-
laria, Chenopus, Tritonium, ferner, von Helix, Bulimus, Glan
dina; Clausilia, Pupa und endlich von Aenigma, einen; neuen
Muschelgattung (s. unten). Der Text bezieht ‚sich auf.die ‚Gat+
tungen: Turbinella, Strombus,' Turbo) bearbeitet. ‘von Philippi,
Auricula, Jaminia, 'Scarabus, so |wie,auch:von.Aenigma.. Die
Zahl der! neu aufgestellten ‚Arten ist nur gering. 1... In.
D’Orbigny begann sein ‚neues Werk. ‚unter; dem Titel
Mollusques vivants et fossiles au; Description de, toutes ‚les
especes de cöquilles'/et,.de Mollusques classees: suivant/ leur
distribution geologique 'et‘geographique. » Avec un Atlas, -Mir
ist nur. die,serste Lieferung (1845) | bekannt geworden. Das
Ganze istauf:40. Bände 8,und. auf 300 Tafeln in ‚demselben
Format berechnet. Es‘ soll. .das Allgemeine über die einzelnen
Klassen, eine Organographie; und'alle Gattungen und’ Species
umfassen. In jeder Gattung: sollen ‚die Arten nach: ‚geologi- .
schen und geographischen Rücksichten ‘geordnet werden...)
The Conchologist’s 'Nomendlator.. By Agnes Gatlow,
assisted by Li Reeve, London 1845. 8. ist mir nichtıbekannt
geworden. Aria
Scholtz gab in Menke’s Zeitschrift 1845. p. 97 Zusätze
zu. 'seiner Abhandlung über die Molluskenfäuna Schlesiens,
worin ‚einige Arteıı und viele Fundorte hinzugefügt werden;
so dass jetzt das Verzeichniss 133 Arten in26, Gattumgen ent-
hält; Hieran schliessen sich" Bemerkungen’ zu einigen Arten
von Menke, ebenda p. 110. {
Von ‘der bereits im. Jahre 1844 begonnenen Uebersicht
der. Mollusken der ‚deutschen ‚Nordsee von,Menke in dessen
EN
un
an aan
Naturgeschichte‘ der Mollusken während des Jahres 1845. 415
Zeitschrift,’ erschien im Jahr 1846 die Fortsetzung p: 33 und
p.'49. Es werden Auricula_ tenella'Mke. ‚'Limnaeüs) balticus
Nils., L. fuscus Pf., Paludina stagnalis Mke., Rissoa interrupta
Mke., exigua Des Moul. und pedicularis 'n. ‚sp: beschrieben.
Die Synonymie ist hinzugefügt: Ferner‘p. 49 Littorina.litto-
rea, L. rudis: Mke., obtusata Mke.
Catalogue: des Mollusques terrestres et fluviatiles ‚obser-
ves dans' le departement de la Moselle par M. Aug. Joba.
Metz 1844. 8. 16 Seiten‘ und: eine Tafel Abbildungen. . ‚Ent-
hält‘ nach‘ der‘ Anzeige von ‘Philippi in Menke’s: Zeitschrift
94 Arten. i ?
"Auch die ‚Histoire des Mollusques: terrestres et fluviatiles
vivant dans les Pyrenees oceidentales par. -C. Mermet. ‚Pau
(ohne Jahreszahl), ‚Extrait du Bulletin de ‚la Societe (des: scien-
ces, Lettres et Arts’ de Pau. 8. 96 Seiten, ist mir nur’ aus der
ebenda befindlichen Anzeige Philippi’s bekannt geworden. ‚Es
sind 129 Arten angegeben.
"> Description des Mollusques'terrestres et fluviatiles du Por-
fugal par Arthur 'Morelet. Paris 1845.| Durch dieses schön
ausgestattete Werkchen erhalten wir einen lange vermissten
Aufschluss über die Portugiesische Molluskenfauna. ' Im Gan-
zen kommen hiernach 118 Arten von Binnenmollusken in Por-
tagal vor, von denen 77'auch in Frankreich sich finden, drei
andere auch auf den westlichen Inseln vorkommen (Testacella
Maugei, Helix barbula,‘undAncylus 'striatus) und von denen
38 meist neue Arten Portugal eigenthümlich zukommen.’ Alle
neue Arten sind sehr zierlich' auf 14 colorirten Tafeln ‚abge-
bildet, und sind durch‘ Diagnose und ‚Beschreibung im Texte
festgestellt; auch sind Bemerkungen über Verwandtschaftsver-
hältnisse und Fundort hinzugefügt. Da das Buch in Deutsch-
land wohl weniger ‘allgemein verbreitet ist, werden: .die Dia-
gnosen der neuen Arten unten mitgetheilt.
Thompson. macht in den Annals XV. p.:311 eine Reihe
Mollusken bekannt, welche für die Fauna Irlands neu sind,
unter denen mehrere neue. Doris ‚obvelata Johnst., Polycera
punetilucens :d’Orb., Eolis violacea Ald. Hanc,, Actaeon viri-
dis-Mont., Bulla producta Brown, Bulla hyalina (zu welcher
Verf. drei Arten von Brown zählt, Utriculus candidus er-
wachsen, pellucidus halberwachsen, minutus jung), Volvaria
416 Troschel: Bericht über die Leistungen in der
subeylindrica Brown, Rissoa’costulata Risso,, 'Buceinum:zetlan-
dicum Forbes. "Die neuen: Arten, ‘welche abgebildet sind, "sind
unten‘ passenden Orts verzeichnet. en?
Contributions towards a Fauna and Flora: of the County
of Cork London 1845: 8. ist mir'nur''aus der Anzeigein den
Annals XV. p. 419 bekannt geworden...Die Evertebratä sind
von Humphrey’ bearbeitet; 'es'sind darin enthaltenvon Süss-
wassermollusken 54 Gasteropoden und«5.Conchiferen, von
Seemolusken'68'Gasteropoden: und 106 'Acephalen. ' |
Landsborough gab: ein Verzeichniss:von-etwa‘80 Mol-
lusken, die sich in der Lamlash Bay finden. (Annals XV..p1'225.)
Derselbe machte ' ebenda‘ p. 327, eine: Notiz. über einige
Seltenlieiten an der''Westküste von Schottland bekannt. Er
fand daselbst Crania personata,' Aplysia' pünctata und.depilans.
Die Farben von Actaeon viridis Mosits werden N be-
schrieben.
A. Oersted lieferte in Kröyer’s Nedsırhistariek Tidsskrift
zweite’ Folge l.'p. 400 ein Verzeichniss ‘von 'Thieren , welche
er im Christianafjord bei Drobak, wo «O.'F. Müller viel Stoff
zu seiner Zoo]. danica’ fand, gesammelt hat. : Von Mollusken
sind- 20: Gasteropoden, »'2 Brachiopoden,, »31 Testacden und
2 Tünicaten aufgezählt.
D’Orbigny’s' Arbeit |‚Rechzscheg sur: les oil qui pie
dent'a la distribution‘ geographique des’ mollusques 'cötiers ma- ,
rins“, von welcher bereits in (dem ‚vorjährigen Bericht:p.308
die Anzeige‘ gemacht |ist, ist in den’ Annalesdes- sciences. na=-
turelles troisieme serie Ill. p.. 193 erschienen; « Ich füge “nur
noch die Zahlen der ‚Arten, wie sie’ in.den: einzelnen: Faunen
Südamerika’sı angegeben: sind," hinzu.! Die Küstenfauna der
Malvinen besitzt 7 Arten, die an den: Küsten Patagoniens nicht
vorkommen. ''Nordpatagonien hat 49 eigenthiimliehe, Arten, mit
la Plata sind ihm 13, mit Ja‘ Plata und: Rio «de Janeiro 42:.ge-
mein. ‘La Plata hat’ 7 eigenthümliche Arten, «mit Rio de Ja-
neiro ist ihm 'ausser‘den 12 patägonischen nur. noch eine'ge-
mein: Das’ tropische Brasilien besitzt 65 eigene Arten. Wenn
Verf, die Küsten von Brasilien 'als' die. heisse, alle südlicheren
Küsten‘ als die‘ gemässigte Zone bezeichnet, so:kommen auf
die gemässigte Zone‘ 80 Arten, auf: die heisse, 65, und beideir
gemein ‚sind 13 Arten. Das giebt" im Ganzen für ‚die Ostküste
Naturgeschichte der Mollusken während des'Jahres 1815. 417
Südamerika’s 158 Arten. Von diesen kommt nur eine, näm-
“lieh ‘Siphonaria Lessonii Blainv., auch im stillen Ocean vor,
und zwar im Süden von Patagonien und im Süden von Chili.
— Chili, hat 45 eigene Arten, mit Cobija und Arica gemein 9,
mit Cobija, Arica und Callao gemein 16. Cobija und Arica
haben 45 eigenthümliche Arten , mit Callao gemein sind 45.
Callao besitzt 40 eigenthümliche Arten, mit Payta und Guaya-
quil gemein ist ihm nur 4. Payta und Guayaquil haben wie:
der 67 eigenthümliche Arten. So kommen hier 45 Arten auf
die gemässigte Zone, 127 auf die heisse, beiden gemein: sind 24.
Philippi machte in Menke's Zeitschr. 1845 p. 68 Be-
merkungen über ‘die Molluskenfauna‘ von Massachusetts nach
Gould’s Report on the Invertebrata of Massachusetts. Cam-
bridge 1841. 8. (373 Seiten 'und 15 Tafeln). Zuerst werden
die'269 Arten aufgezählt; dann eine Vergleichung dieser Fauna
mit denLändern des Mittelimeers, 22 Arten, also84 ; mit Grossbri-
tannien 59 Arten , also 20$;;mit Grönland 128 Arten, also 264,
Hierauf folgten einige. kritische Bemerkungen über die Arten.
>" Plummer machte sein. Verzeichniss der um Richmond,
Wayne ‘County, Indiana’ vorkommenden 'Land- und Süsswas-
sermollusken bekannt. Es sind 30 Schnecken, 'unter denen
49 Helix, und 4 Muscheln, unter denen kein 'Unio, ‚(Silliman
American Journ. Vol. XLVII. p. 95.)
+ In Silliman’s: American. Journal of science and arts Vol.
XLVII. p. 271 findet sich ein Catalogue 'of the shells of Con-
nectient by. the.Jate James H. Linsley. Darin werden ausser
42 Annulaten und 16 Cirrhopoden 495 Conchiferen, 149 Ga-
steropoden und 3 Cephalopoden aufgezählt. Neue Arten sind
nicht ‚beschrieben.
'Milne Edwards machte seine Beobachtungen über die
Cireulation der,Mollusken bekannt, (Comtes rendus XX. p. 261;
Ann. de se. nat. troisieme serie III. p. 289; und Frorieps No-
tizen XXXIV, p. 81 und p. 97.) Seine Untersuchungen an
Octopus, Loligo, Helix, Tritonium, Haliotis, Aplysia, Mactra,
Pinna und Ostrea ergeben, dass die Venen nicht als geschlos-
sene Kanäle das Blut zu den Athmungsorganen führen, son-
dern dass sie in die grosse Leibeshöhle sich öffnen, von wo
dann die Athmungsorgane wiederum das Blut empfangen. Es
ist also der Circulationsapparat nicht vollständig, sondern’ die
4
418 Troschel: Bericht über die Leistungen in der
Venen. sind durch'grosse'Lücken ‘unterbrochen. ' Häufig fehlen
die Venen ganz, und werden. durch die Lücken'ersetzt. Durch
Einspritzungen in die Leibeshöhle einer Schneeke füllen sich
die‘ Venen, "und auch die Kiemen (oder' Lungen)‘ und das
Herz. 'So steht die Beobachtung Cuvier’s, "dass bei Aplysia
das Blutsystem*sich in. die Bauchhöhle münde, nicht mehr ein-
zeln‘'da. "Auch schliessen 'sich die Beobachtungen Owen’s und
Valeneiennes 'an ‘Nautilus, so‘ wie die von Delle‘ Chiaje an
Pecten "hier an. ) T j
Pouichet macht Prioritätsansprüche , 'er'hat den 'Gegen-
stand schon bei Limax ruber in seinen 'Recherches sur l’ana-
tomie ‘et’la physiologie’ des ee berührt re ren+
dus XX. p.354). H ua)
In einem ‘andern Aufsatze'theilen Milne Bdwilden und
Valenciennes'fortgesetzte Beobachtungen über diesen Ge-
genstand) mit.: Es ’kam''den ‘Verfassern darauf‘ 'an, zu‘ erfor-
schen ‚wie weit diese Bildung des Circulationsapparates in der
Klasse der Mollusken verbreitet sei. Nicht bloss frische, 'son-
dern schon längere Zeit in Weingeist aufbewahrte Exemplare
lassen sich von der Bauchhöhle aus’ injieiren und 'so 'hat''sich
auch 'bei Eledone ‚ Argonauta, Sepia, Sepiola, Onchidium,'Do-
ris,'Polycera, Tritonia, 'Seyllaea, Dolabella, Notarchus, Am-
pullaria, Buceinum, Patella, ‚Chiton ein "ähnliches Verhalten
gezeigt." Ferner 'bei Cardiumy''Venus 'und Solen.' Auch bei
Pneumodermon ist 'ein’ Ausspritzen der Kiemengefässe von’der
Bauchhöhle' aus’ gelungen. Da bei den’Ascidien’ bereits früher
von Milne' Edwards Aehnliches’ nachgewiesen'ist, 'sorist es
wohl keinem Zweifel unterworfen ‚dass ‘diese Unvollkommen-
heit des Circulationsapparates der ganzen Mollusken-Klasse
ohne Ausnahme zukomme. (Comptes rendus XX. p. 750; Ann.
d. sc, nat. IN. p. 314; Froriep’s Notizen XXXIV.''p!257. 0
Owen theilte in einem Briefe an Milne Edwards (Comp-
tes rendus XX. p. 965; Ann. d. sc. nat. III. p. 315) mit, dass
die Brachiopoden ein ähnliches lückenhaftes Venensystembe-
sitzen wie die übrigen Mollusken. Bei Terebratula flavescens
öffnen sich die'beiden Herzohren frei in die Eingeweidehöhle.
Auch'die ‘Vorhöfe ‘der beiden Herzen bei Lingula "anatina
empfangen das Blut durch Oeffinungen aus''der Eingeweide-
höhle, von wo es ins Herz und dann wie bei’Terebratula in
SC Pa AT I En -
Naturgeschichte der Mollusken während des Jahres 1845. 419
die Gefässe' ‘des Mantels: und den Atlimungsapparat geführt
wird. In den Ann. d. sc. nat. ist der Aufsatz durch Abbil-
dungen erläutert.
Steenstrup gab eine Schrift heraus, die wohl‘ geeignet
ist die Aufmerksamkeit der Naturforscher auf sich zu ziehen:
Undersögelser over Hermaphroditismens Tilvaerelse i naturen.
Kjöbenhavn 1845. Dieselbe ist aus dem Dänischen übersetzt
von Hornschuch: Untersuchungen über‘ das Vorkommen des
Hermaphroditismus in der Natur, Greifswald 1846. Das Werk-
chen: ist von 2 Tafeln mit Abbildungen begleitet, deren zweite
der Anatomie der Geschlechtsorgane der Zwitterschnecken
gewidmet ist; Verf. leugnet, das Zwitterthum in der Natur
völlig.‘ Man mag gern zugeben, dass viele Thiere, die bisher
für! Zwitter gehalten: wurden, wirklich getrenntes Geschlecht
besitzen, aber. gerade in dem Abschnitt, welcher die Schnek-
ken betrifit, darf man sich den Ansichten des Verf. nicht fügen.
Derselbe: ist der Ansicht, die sogenannten Zwitterschnecken
besitzen :doppelte Geschlechtsorgane, von denen ‚immer: nur
eins thätig, das andere jedoch unthätig sei, etwa wie der rudi-
mehtäre zweite,Eierstock ‚mancher Vögel. | Das drüsige' Organ
hinten in-der Leber 'wäre immer der thätige Theil, Eierstock
oder Hode, das zungenförmige Organ der entsprechende unthä-
tige Theil, beide Ausführungsgänge verlaufen neben einander,
und der sogenannte Penis entspreche der gestielten Blase,
welche letztere immer der thätigen Seite angehöre. Der Be-
weis gegen diese Ansicht ergiebt sich aus der gegenseitigen
Begattung , nach welcher beide Individuen Eier legen, was
nicht der Fall sein könnte, wenn ein Individuum nur Männ-
chen wäre. Die Meinung des Verf,, dass eine solche Begat-
tung auch von zwei Weibchen, freilich ohne Folgen, bewerk-
stelligt werden könnte, würde einen widernatürlichen Luxus
der Natur voraussetzen. Besonders ‚zeigt die gegenseitige aber
nicht gleichzeitige Begattung, sowie die kettenweise Begattung
mehrerer Individuen, worauf Karsch in einem Anhange der .
Uebersetzung p. 122 aufmerksam macht, die wirkliche Zwitter-
natur dieser Thiere.
Albany Hancock lieferte eine ‚sehr ‚interessante Notiz
über den Apparat der bohrenden Schnecken und Muscheln
Annals XV. p. 113. Er fand, dass bei den Eolidien' die Zun-
420 Troschel: Bericht über (die Leistungen in der
genzähne aus Kiesel bestehen, und meint, dass dies auch bei
Buceinum und andern der Fall sei. So schliesst er, wäre das
Durchbohren von Muscheln gleichsam als ein Durchnagen leicht
zu: erklären. Bei Pholas und Teredo ist der vordere Theil des
Thieres auf der Oberfläche mit Kieseltheilchen versehen, welche
die‘ Haut raulı machen, und so ‘können Holz, Kalk und
hartes Gestein leicht durchbohrt werden. Auch Saxicava ru-
gosa ist mit einer Reibefläche von Kieseltheilchen versehen.
Dieselbe ist ganz vom vordern Theile des Mantels gebildet,
dessen vereinigte Ränder verdickt sind und eine‘ Art' Kissen
bilden, das nach den Willen‘ des Thieres vorgestreckt werden
kann. Der Fuss ist klein, tritt durch eine enge Oeffnung und
trägt den Byssus, welcher die Schale im Grunde der Höhlung
befestigt, und so den Bohrungsapparat in unmittelbarer Be-
rührung mit dem zu durchbohrenden Gestein erhält,
Pfeiffer giebt in Menke’s Zeitschrift 1845 p. 21 Kriti-
sche Bemerkungen, die sich auf die Synonymie ‘von Arten
aus den Gattungen Helix, Bulimus, Pupa, Cyclostoma, Halio-
tis, Venus und Pisidium beziehen.
Ebenda‘'p. 60 hat Derselbe Kritische Bemerkungen über
einige‘ von Lea beschriebene Heliceen ‘bekannt gemacht.
Cephalopoda.
Eine ins Einzelne gehende Darstellung der Circulations-
verhältnisse bei Octopus giebt Milne Edwards Annales d.
sc. nat. troisieme serie III. p. 341 mit, 4 Tafeln. Auch hier
findet sich wieder ein Jückenhaftes Venensystem,, so dass die
innere Körperhöhlung zwischen den Eingeweiden mit Venen-
blut erfüllt ist.
Bei einer Aufzählung von 9 Cephalopoden der nordischen Fauna
beschreibt Loven eine neue Art: Rossia’ glaucopis pinnis mediis,
brachiis membrana basali connexis, acetabulorum serie duplice ar-
matis, tentaculis gracilibus, membrana apicali dimidio infra. basin
tori sita. ‚Bei Hammerfest. .(Öfversigt af Kongl. vetenskaps-Acade-
miens Förhandlingar 1845. Stockholm 1846. p. 121.)
Einen neuen Cephalopoden aus der Gattung Octopodoteuthis
Rüppell, die bei 8 Armen die Flossen von Loligo hat, besprach
Krohn in diesem Archiv XI. 1. p. 47.
; Ueber das Thier von Spirula erhielten wir nähere Kennt-
niss durch Gray (Annals XV. p. 257).
|
|
Naturgeschichte der Mollusken während des Jahres: 1845. 421
Die beiden längeren Arme’ sind nicht vollständig an dem vorhan-
denen Exemplar; die acht kürzeren sind auf der inneren Fläche mit
sehr kleinen gestielten mit Hornring versehenen Saugnäpfen in 6 Rei-
hen besetzt. Die Arme sind gleich weit von einander entfernt, mit
Ausnahme der beiden Bauchpaare, welche durch eine breite seichte
Grube an der Unterseite des Kopfes getrennt sind. Das untere Paar
jederseits ist innen und aussen durch eine kurze Membran vereinigt,
welche zusammen eine kurze Scheide,um die Basis des Stiels der
langen Arme bilden. Flossenartige Anhänge ‚sind nicht vorhanden,
der Körper ist hinten zusammengedrückt, und lässt hinten einen Theil
der Schale sehen, doch scheint es, als ob dieselbe beim lebenden
Thier ganz von den Hautlappen bedeckt gewesen wäre. Die Schale
liegt senkrecht, so dass die letzte Windung dem Rücken entspricht.
Das Ende des Körpers hinter ‚der Schale ist abgerundet, und von
einer runden ziemlich dicken Drüse mit centraler Höhlung bedeckt,
und die Linie zwischen der Drüse und dem Mantel ist mit Sandkör-
nern bedeckt, die wahrscheinlich von der Drüse abgesondert sind.
Kopf und Arme an dem Weingeistexemplar sind röthlich mit vielen
kleinen Rostflecken, der Mantel ist hell gelblich, und die Drüse am
Ende des Körpers ist rothbraun. Der Mantel ist vorn rundum frei
und obne Knorpelstück. Der vordere Rand bildet oben in der Mitte
eine Spitze, und unterhalb eine jederseits neben dem Trichter, Der
Trichter ist nicht mit dem Mantel verwachsen. Das lebende Thier
kann nach Belieben steigen und sinken. Von der Anatomie ist nichts
mitgetheilt, weil Verf. das einzige Exemplar nicht verletzen wollte.
Der Aufsatz ist durch Abbildungen erläutert.
Gasteropoda.
Nudibranchia.
A Monograph of the British Nudibranchiate Mollusca,
with figures of all species. By Joshua Alder and Albany
Hancock. London 1845. 4. No. 1. Mit 10 Tafeln. (Doris
flammea, D. Johnstoni, Idalia aspersa, Dendronotus arbore-
scens, Eolis tricolor, E. Farrani und E. despecta.), Dieses
Werk, was in den Annals XVI. p. 252 sehr lobend angezeigt
ist, ist mir leider noch nicht zu Händen gekommen.
Souleyet: kommt noch "einmal ausführlich auf die im
vorigen Jahresbericht p. 307 besprochenen Phlebenteraten von
Quatrefages zurück (Comptes rendus XX. p. 73), und weist
nach, dass ihre Organisation im. Wesentlichen ‚wicht von der
der Gasteropoden abweiche. Nach ihm sind Herz, Gefäss-
system, Kiemen,, After vorhanden; die sogenannten Veräste-
422 Troschel: Bericht über die EUBNEIEDENE der!
lungen ‘des Verdautmgskanals erklärt er wie früher für Gal-
lengänge, auch vom Geschlechtsapparat wird angegebe en ,"er
sei den übrigen Nacktkiemern analog. — Ueber Auen Ha
Verf. hinzu, die Tasche‘ am, Rücken, welche Quatrefages für
den’ Magen genommen, sei die Lunge wie bei den 'Limnaeen,
mit‘ denen 'sie‘ auch in der Lebensweise übereinstimmten, an
ihr liege das Herz, den Vorhof nach hinten und gegen die
Lungenhöhle gewendet. Der Oesophagus durchdringt sehr zart
den Schlundring, erweitert sich zu einem Vormagen), und
gleich dahinter: zu: dem wirklichen Magen; oben von ihm’ent-
springt ‘der Darm neben dem Eintritt des Schlundes, "wendet
sich erst nach vorn, dann nach hinten und’ öffnet sich rechts
neben der Mittellinie vor der Oeflnung. der Lungenhöhle.. Die
. grüne Leber erfüllt die, ganze Körperhöhle und: giebt dem
Thier die ‘Farbe. ''Der' Geschlechtsapparat' ist‘ zwitterig.‘ In
der Jugend ist das Thier von einer mit einem Deckel versehe-
nen 'nautilusartigen Schale versehen. "Verf. will diese Gattung
den Lungenschnecken anreihen, und ‚sie namentlich in die
Nähe von Onchidium setzen, nachdem man. sie gewöhnlich zu
den‘ Aplysien, Delle‘ Chiaje zu: den: Planarien und Quatrefages
zu den“Phlebenteraten gestellt hat. Die Stellung im System
muss doch erst noch gründlicher nachgewiesen werden.
Quatrefages antwortet auf das Vorhergehende ebenda
p- 152, und behauptet‘ Souleyet habe bei Eolidia den Magen
für das Herz genommen, und ihn injieirt, ‘auch gäbe es kein
Gefässnetz an den Rückenanhängen. Den Lungensack bei
Actaeon leugnet er, OARRR
Souleyet leugnet wiederum (ebenda p. 238), die Ver-
wechselung des Herzens mit dem Magen und das. Fehlen des
Gefässnetzes'der Rückenanhänge, und bleibt bei seiner Ber
tung der Lunge.
Von Albany Hancock und Dennis Eübtetoi er-
schien in den Annals XV. p. 4 und’'77 ein Aufsatz über die
Anatomie der Gattung Eolis mit 5 Tafeln. Derselbe 'behan-
delt den Verdauungsapparat. Es sind zwei Kiefer vorhanden.
Die Zunge bestelit bei allen ‘Arten aus einer Reihe Platten,
die am Hinterrande) 'einen oder mehrere Zähne tragen, Die
Zungen von E. papillosa, nana, alba und olivacea sind abge-
bildet, ebenso die Kiefer von E. papillosa und coronata. Die
Naturgeschiehte.der Mollusken während des’ Jahres 1845. 423
cheinische Untersuchung: ergiebt, dass die Zähne, welche die
Zunge bewafinen, ‚aus; Kiesel: bestehen. ‘Von der 'Mundmasse
führt ein enger Oesophagus in den Magen, der sich bekannt-
lich nach hinten in einen blinden Schlauch fortsetzt, von wel-
chem beiderseits ;alternirende Gefässe abgehen, die sich zu
den Kiemen! verästeln. Vor dem verlängerten 'Schlauch tritt
das kurze Rectum aus dem Magen und führt zum‘ After. ı Es
sind die Verdauungskanäle von E. papillosa, coronata, oliva-
cea und despecta abgebildet. Die drüsige Masseıin den Kie-
men,;am Ende der Verästelungen des Nahrungsschlauches er-
klären.die Verf. für Leber. ., Im Ende jeder Kiemenpapille ist
ein ovales Bläschen enthalten, das mit der Leber communieirt
und: sich! an der Spitze nach aussen öffnet. Dies Bläschen
enthält läugliche Körper mit langem haarförmigen Anhange,
so. dass dieselben ganz das Ansehn von Spermatozoen gewäh-
ren. Die Verf. wollen jedoch über (die wahre Natur derselben
noch nichts entscheiden. » Wenn die Thiere sich’ frei bewegten,
sahen ‘die Verfasser die eingenommene Nahrung nur in dem
Magen und denı grossen Anhang hin: und 'herwallen, nur wenn
ein Thier, gepresst wurde, traten Theile der Nahrung bis in
die Leber und in’ das: Bläschen am Ende der Kiemenanhänge,
so/ dass: ‚dieser Fall nur als, etwas krankhaftes anzusehen: ist.
Die Speicheldrüsen sind sehr klein, und liegen zwischen den
Kiefern 'und den’ Muskeln der Wangen. Sie bestehn: jederseits
aus zwei Massen, die durch einen schmalen Gang verbunden
sind. Der Ausfülrungsgang geht nach hinten und öffnet sich
in den Anfang des Oesophagus.
„Alder und Hank beschrieben 7 neue Arten ‚Eolis, nämlich Eolis
glauca, inornata, punctata, tenuibranchialis, amoena, elegans und
amethystina. Alle von Torbay. (Annals XV. p..311.)
Allman giebt in den Annals XVI. p. 145 eine Anatomie
von Actaeon viridis, die von drei Tafeln mit Abbildungen be-
gleitet ist. Die Zunge besteht aus einer Reihe stachelartiger
Platten. Der kurze Oesophagus hat einen kropfartigen, klei-
nen Anhang. Der Magen ist Jängsgestreift, und von ihm führt
ein kurzer Darm zum rechts gelegenen After. ‚Vier Speichel-
drüsen sind vorhanden, von denen sich zwei vor der Mund-
masse in einen kurzen Kanal, der zur Mundmasse führt, er-
giessen; die beiden andern münden dicht über dem Austritt
des Oesophagus in die Mundmasse, die letzteren sind sehr
AA Troschel: Bericht über die Leistungen in der
lang und bilden eine schmale Röhre mit kleinen Blindsäcken.
Kurz vor dem Eintritt des Schlundes in den Magen'tritt(das
vielfach verästelte Organ (die Leber) aus, welches sich nach
vorn und hinten durch den ‘ganzen Körper verbreitet.‘ Ein
rundliches Organ in der Mitte am Rücken, 'das von einem
ringförmigen Gefäss umgeben ist, sieht Verf. als Herz mit der
Vorkammer an. In dieses ringförmige Gefäss münden die
Gefässe, ‘welche aus den lappenartigen Ausdehnungen des
Rückens kommen, daher denn die Rückenlappen als Kiemen
zu deuten sind. ‘Der Schlundring besteht aus 7 Ganglien.
Augen und Gehörsorgane sind vorhanden; die letzteren stehn
am Ende eines Stiels, der zwischen dem ersten und'zweiten
Ganglion entspringt. Das Thier ist zwitterig. "Der Hoden ist
gefaltet, länglich und liegt rechts, an ihm liegt seitlich eine
gestielte Blase; nach hinten führt ein kurzer Kanal in einen
birnförmigen Körper, von 'welchem 2 Kanäle abgehen; der
eine führt zu’ einem länglichen Körper, der wieder nach hin-
ten einen Gang) entsendet, ‘der sich verästelt aber nicht weit
verfolgt werden konnte, der andere führt nach vorn, ist das
vas deferens:und: endet hinter dem rechten Fühler in die Ruthe,
Hinten unter jeder Kieme liegt ein Eierstock; er'ist ein, viel-
fach verästeltes Organ, das überall ‘sackförmige kleine‘ An-
hänge mit körniger Masse hat, ausserdem sitzen an ihm viele
grössere kuglige Säcke, welche die Eier enthalten. ' Der Zu-
sammenhang mit den übrigen Geschlechtsorganen, und die
Ausführungsöffnung: ist nicht beobachtet. ‘Die Eier werden'in
spiralförmig gewundenen Scheiben abgelegt. ‘Die Jungen
schlüpfen schon nach 6 Tagen aus, hatten wie die übrigen
Nudibranchien eine Schale mit Deckel und ein Wimperorgan
am Kopfe. — Schliesslich giebt Verf., um die Stellung der
Gattung Actaeon im System zu begründen, folgende Ueber-
sicht der Eintheilung der Nudibranchien, die auf dem Ver-
halten der Leber und der Kiemen begründet ist:
4. Fam. Dorididae. Leber massig. Kiemen in der Mitte
des Rückens, um den After gestellt. Doris, Polycera ct.
2. Fam. Tritoniadae. Leber massig. Kiemen längs den
Seiten oder zerstreut.- Tritonia, Sceyllaea, Thetis.
3. Fam. Eolididae. Leber ästig. Kiemen papillenartig
oder verzweigt. Eolis, Alderia, Dendronotus, Glaucus et.
Ds
Naturgeschichte der Mollusken während des Jahres 1845. 495
4. Fam. Actaeonidae. Leber ästig. Kiemen blattartig.
Actaeon, Placobranchus?
Vogt giebt in den Comptes rendus XXI. p. 821 einige
Bemerkungen über. die. Embryologie von. Actaeon, ‚dessen
Begattung und das einige Zeit darauf erfolgte Eierlegen er beob-
achtete. Die Entwickelung der Eier verfolgte er dann einen
Monat lang. Zuerst von allen inneren Organen sah er das
Ohr sich bilden, dann die Schale mit Deckel. Das Herz war
nach einem Monat noch nicht beobachtet.
A. v. Nordmann lieferte unter dem Titel: ‚Versuch
einer Monographie des Tergipes Edwardsii, ein Beitrag zur
Natur- und Entwickelungsgeschichte der Nacktkiemer,“ eine sehr
sorgfältige, Arbeit, welche in den Memoires de l’Academie
Jmperiale des Sciences de St. Petersbourg, par divers savants
etrangers T. IV. abgedruckt ist. Fünf Steindrucktafeln beglei-
ten die Abhandlung.
. Das schwarze Meer ist sehr arm an niederen Thieren, und Verf.
fand von Nacktkiemern nur zwei Arten, welche er der Gattung Ter-
gipes zuzählt, deren Gattungs-Charakter er folgendermassen auffasst:
Tentacula ‚duo filiformia, elongata, ante duos oculos in vertice po-
sita. _Caput discretum, processu frontali filiformi vel triangulari
utrinque instruetum. _Dorsum appendieibus turgidis, elavatis, per
paria seriebus duabus longitudinalibus dispositis; ano inter primum
et secundum par sito. Aperturae sexuales in latero dextro anteriore.
Die beiden neuen Arten sind: T. Edwards corpore albido, proces-
subus frontalibus elongatis, filiformibus, appendicibus dorsalibus cla-
vatis, simplicibus 8. 2". — T. adspersus corpore albido‘supra ma-
eulis coerulescentibus adsperso, processubus frontalibus brevioribus
triangularibus; appendieibus dorsalibus clavatis 10, quorum 3 ante-
riora paria ad basin furcata. 13”. — Die nun folgenden anatomischen
Untersuchungen beziehen Er auf T. Edwardsii. Dem Oberkiefer
entspricht eine kleine, dreieckige, knorplige Platte, ausserdem sind
zwei Seitenkiefer vorhanden. Die Zunge besteht (wie es bei allen
Aeolidiern, Phlebenteraten der Fall zu sein scheint), aus einer ein-
zigen Längsreihe von Platten, deren jede halbkreisförmig gebogen
ist, und nach hinten am convexen Rande etwa 12 Zähne trägt, deren
mittlerer der grösste ist. Zum Magen führt ein kurzer Oesophagus.
Vom Magen entspringt ein Kanal, der sich fast geradlinigt bis zum
Hinterende des Körpers erstreckt, dort blind endet, und in. seiner
änge in jeden Anhang des Rückens einen Ast abgiebt. Am Anfange
dieses, ‚Kanals entspringt der Mastdarm, der sich am Rücken, etwas
rechts zwischen den ersten und zweiten Rückenfortsatz öffnet, Unter
und hinter dem Magen liegt die Leber, die nur mit einem Kanal
Archiv 1. Naturgesch, XJ1, Jahrg, 2, Bd. Ce
426 Troischel: Bericht über die Leistungen in der
hinten in’ den Magen mündet; vorn in der Leber liegt ein ovaler Kör-
per von intensiv gelber Farbe, den Verf. als Gallenblase ‚deutet. Zwei
Speicheldrüsen, die bis an den hintern Theil des Magens reichen,
sind vorhanden. — Das Herz liegt dicht unter der Rückenhaut, und
besteht aus Vor- und Herzkammer. Auffallend ist es, dass das aus
der Vorkammer entspringende Gefäss, welches sich bald in zwei
Aeste theilt, deren jeder sich bald wieder spaltet, als Aorta geschil-
dert wird, und die beiden aus der Herzkammer entspringenden als
Venen, was nach der Analogie mit den übrigen Mollusken gerade
umgekehrt sein müsste. Am Austritt der Aorta aus der Vorkammer
findet sich eine Klappe. Das Blut umspült ausser den kurzen Ge-
fässen frei alle Eingeweide, so dass also auch hier die Unterbrechung
der Venen, wie sie auch Milne Edwards und Valenciennes darstellen
(s. oben), beobachtet worden ist. Die Rückenanhängsel, in welche
sich die Aeste des Darmkanals erstrecken, für Kiemen zu halten ist
Verf. nicht geneigt. — Der Schlundring besteht aus 4 Ganglienpaa-
ren, von denen ein oberes vorderes Paar, das Augen und Gehör-
organe trägt, ein oberes hinteres, das die Verbindung der vorderen
Ganglien herstellt, ein seitliches und ein unteres Paar unterschieden
werden können, — Die gemeinschaftliche Geschlechtsöffnung liegt
rechts. zwischen dem Fühler und dem ersten Rückenanhang. Sie ist
die Oeffnung einer rundlichen Geschlechtshöhle, in welche drei Aus-
führungsgänge münden, die der männlichen und weiblichen Ge-
schlechtsorgane und der Schleimblase. Eine mit Samenthierchen ge-
füllte grüne Blase, die einen kurzen Gang von der Lebergegend her
empfängt, und sich durch einen Ausführungsgang in die Geschlechts-
höhle mündet, sieht Verf. als Hoden an. Der weibliche Apparat wird
‘geschildert, als aus Eierstöcken bestehend, die durch kurze Gänge
in Befruchtungstaschen münden, und aus einem grossen Uterus, in
den .diese wieder münden. Solcher Befruchtungstaschen finden sich
A—8, und jede derselben trägt 3—6 Eierstöcke. Die Entwickelung
der Eier in diesen, so wie die Entwickelung der Samenfäden in den
Samentaschen ist deutlich beobachtet. Sollte nicht die Deutung der
Geschlechtsörgane vielmehr so zu ändern sein, dass die Samen-
taschen als wirkliche Hoden, mit besonderen Ausführungsgängen an-
gesehen würden, und dass die grüne Blase, entsprechend der bekann-
ten gestielten Blase der Zwitterschnecken, dazu bestimmt sei, die
Samenflüssigkeit bei der Begattung aufzunehmen? Verf. glaubt hier
eine Selbstbefruchtung dadurch nachweisen zu können, dass er ganz
kleine Individuen isolirte, und später beinahe von allen einige Eier
erhielt, die sich entwickelten. — Der zweite grosse Abschnitt be-
trachtet die Entwickelungsgeschichte. Die Eier werden in Blasen
von 1 Linie Länge abgelegt, welche 1—80 Eier enthalten. Im Grossen
ist die Entwickelung'so, wie sie Sars von den Nacktkiemern darge-
stellt hat. Eine Schale und Wimperorgane am Kopf sind in der Ju-
gend vorhanden. Beiläufig wird erwähnt, dass sich von der Dotter-
Naturgeschichte ‘der Mollusken während des Jahres 1845. 497
masse einzelne Körnchen loslösen, die sich in mit langen Wimper-
büscheln besetzte, frei im. Ei schwimmende Körper verwandeln.
Verf. sieht sie als parasitische Wesen an und giebt ihnen den Namen
Cosmella hydrachnoides.
Joshua Alder kommt auf die Gattungen Euplocamus,
Triopa und Idalia zurück, welche Philippi als identisch an-
sieht. Er bemerkt zunächst, dass die Riemen immer mit Wim-
pern besetzt sein müssen, wenn auch dazu mikroskopische
Untersuchung gehört, dass aber natürlich nicht ‚alle gewim-
perte Anhänge als Kiemen anzusehen sind. Zur Gattung
Euplocamus zählt Verf. die Arten, welche auch seitliche Kie-
men haben, croceus und ramosus. Als den Typus für die
Gattung .Triopa sieht er Doris clavigera Müll, an, wozu auch
D. fimbriata und lacera Müll. gehören mögen; Idalia cirrhigera
und laciniosa seien sehr passend in die Leuckartsche Gattung
Idalia gestellt. Annals XV. p. 262.
Alder und Hancock bilden aus Tritonia arborescens eine neue
Gattung Dendronotus, die sich von den übrigen 'Tritonien durch
die Gestalt ihrer Fühler, und durch die baumförmigen Kiemen unter-
scheidet. Wegen der abweichenden Verdauungsorgane wird sie in
die Familie der Aeoliden gestellt. (Report of the 15 Meeting ‚of the
british Association p. 65; Annals XVI. p. 124.)
Eumenis nov. Gen. Alder und Hancock. Körper länglich,
vierkantig; Kopf nach unten, mit hornigen Kiefern. Zwei Fühler am
Rücken, keulenförmig und blättrig, mit Scheiden. Kiemen papillös,
an einer wellenförmigen Mantelausdehnung, jederseits am Rücken.
Fuss linienförmig. Geschlechtsöffnungen rechts. Der verzweigte Ver-
dauungsapparat setzt-die Gattung zu den Eolidien, die mit vielen Rei-
hen von Zähnen besetzte Zunge zu den Tritonien, so dass die Gat-
tung zwischen beiden Familien einen Uebergang bildet; ich sehe dar-
in einen Beweis, dass die Familien noch keineswegs scharf begrenzt,
und richtig aufgefasst sind. Die Art heisst E. marmorata und kommt
an britischen Küsten vor. (Annals XVI. p. 311.)
Peach bildet die eben aus dem Ei geschlüpften Jungen
einer Doris, die weiter nicht bestimmt ist, ab. (Annals XV.
p- 445.)
Doris Ulidiana Thompson Annals XV. p. 312 verwandt mit
D. muricata Müll. — D. diaphana verwandt mit bilamellata, pusilla
verwandt mit depressa, subguadrata und oblonga sind von Alder
und Hancock (Annals XVL p. 313) beschrieben
Goniodoris castanea Alder und Hancock Annals XVI. p. 314.
‘ Co* .
128 ‘ Tros chel:'Bericht über: .die' Leistungen in. der
" Tectibranchia;
Aplysia nexa Thompson Annals XV. p. 313 dunkel karminroth,
Mantel schwarz gerandet. 1”. Torbay und Belfastbay.
Inferobranchia.
Morelet beschreibt in dem oben citirten Werk über Por-
tugisische Mollusken 3 neue Arten Anceylus:
4A. vitraceus testa conoideo-compressa, membranacea, nitida,
flavo-virescente, intus violacea, decussatim striata; angulatim costu-
lata; 'apice excentrico, obtusiusculo; apertura subrotundo-elliptica.
— A. strictus testa longitudinali, flavo-virescente, decussatim striata;
apice, postice acuminato; apertura elliptico-angusta, antice subdila-
tata. — 4. obtusus testa ovato-conoidea, rugosiuscula, opaca, fusca
vel nigricante, intus coerulescente; apice obtuso, postico; apertura
ovata depressiuscula, antice subdilatata.
Pulmonata.
Paasch beschrieb. die Geschlechtsapparate von Helix
aspera,, austriaca, incarnata, umbrosa, strigella, ericetorum,
striata, ı frutieum, verticillus, cellaria, Clausilia ventricosa,
Bulimus radiatus, Arion hortensis, Physa fontinalis. Der Auf-
satz ist von zwei Tafeln mit Abbildungen begleitet. (Dies
Archiv 1845. I. p 34.)
Arion sulcatus Morelet 1. c. omnino niger, margine radiato,
castaneo; clypeo granuloso; corpore suleis taeniaeformibus exarato.
Apertura branchiali subantica, -— A. fuligineus ib. fuligineus, margine
angusto, radiato, rubescente, antice flavo; clypeo gibboso, vermicu-
lato; corpore ruguloso; apertura branchiali subantica. — A. timidus
ib. fusco-nigricans; margine lutescente, radiato, linea castanea bipar-
tito; clypeo parvo, vermiculato; corpore cylindraceo, postice obtu-
sim conoideo, rustice sulcato; capite tentaculisque brevibus, saepius
semireductis; cavitate branchiali antica.
Limax nitidus ib. aterrimus; elypeo laevi, gibboso; corpore cy-
lindraceo, subrugoso; cavitate branchiali subpostica. — L. angui-
Jormis ib. fusco-virescens; corpore eylindraceo, utringue nigro-fasci-
ato, rugis tenuibus strietim reticulato; celypeo elongato, depresso,
laevi, atomis nigris notato; capite tentaculisque coeruleis, sub clypeo
Saepius contractis, cavitate branchiali antica. — L. sguammatinus ib.
parvulus, gracilis, aureo-virescens; lateribus coerulescentibus; tenta-
eulis nigris; corpore minutim'reticulato, quadrifasciato; lineis late-
ralibus parallelis, dorsalibus in unum convergentibus; apertura media.
—ıL, viridis ib. nigrö-viridis, omnino 'laevis; corpore 'cylindraceo,
obtusim truncato, obsolete carinato; clypeo paryulo augusto; tenta-
Naturgeschichte der Mollusken während des Jahres 1845. 429
eulis nigris; eavitate branchiali intermedia. — L. lumbricoides ib.
gracilis, carnicolor, atomis nigris notatus; corpore subcarinato, po-
stice acuminato, rugosiusculo; clypeo striis adversis sulcato, ante-
rius libero, valde contractili.
Succinea longiscata Moreletl. c. ist länger und regelmässiger
als amphibia, und der Mundsaum ist symmetrisch gekrümmt und
parallel der Axe. — $. virescens ib. entspricht der S. Pfeifferi, aber
sie ist bauchiger, die Spindel ist weiss, die Schale gelblich grün. —
'$. abbreviata ib. klein, kuglig, grün, mit weiter rundlicher Mündung.
Beliz (Nanina) Pfeifferi Philippi. Dies Archiv 1845. I, p. 62.
Nach Menke Zeitschr. 1845. p. 14 ist Helix striatula Linn. — Ca-
rocolla limbata Phil., Leucochroa limbata Beck, Helix amanda Rossm.,
Helix Boissyi Terver. — Helix rimata Klett und striolata Klett, die
derselbe früher beide für H. striatula L. gehalten, werden jetzt erstere
für eine junge conspurcata Drap., letztere für eine junge candidula
Stud. gehalten. H. lenticula Fer,, die ebenfalls von mehreren für
H. striatula erklärt ist, hält Menke davon für verschieden. — Ebenda
p- 25 finden sich kritische Bemerkungen desselben Verf. über H. algira,
leucas, pupa, barbara Linn.
Ueber die specifischen Unterschiede von Helix nemoralis und
H. hortensis spricht v. Voith (Menke’s Zeitschr. 1845. p. 92) und hebt
hervor, dass hortensis mehr Neigung habe durchsichtig zu werden,
kommt aber doch zu keinem recht durchgreifenden Resultat.
_ Leguillou beschreibt 6 neue Arten Helix in der Revue zool.
1845. p. 187. H. Foullioyi Triton Bay; Hogoleuensis Carolinen; un-
dulata Triton Bay; Tritoniensis Triton Bay; sphaeroidea Essington
Bay (Nord-Australien); spiralis Arrow-Inseln. — 19 Arten Helix be-
sehreibt Pfeiffer als neu Proc. zool. soc. 1845 April. — Desglei-
chen ebenda Mai 8 Arten; ferner 18 Arten. — Desgleichen ebenda
Juni 10 Arten. — A. simplicula Morelet ]. c. testa parvula, lenticu-
lari, subprominula, valde umbilicata, tenuissime striata, pallide cor-
nea; ultimo anfractu subangulato, subtus convexiusculo; apertura
depressa, peristomate simplici. — H. turriplana ib. testa pallide
cornea, depressa, umbilicata, carinata, punctis eminentibus scabri-
uscula; apice levi, planissimo, taeniato; anfractibus marginatis; ul-
timo subtus turgido, circumsulcato; apertura depressa, angusta, sub-
tetragona; peristomate flexuoso, replicato, calloso, albo-labiato,
bidenticulato; extus plieis geminis impressis signato. — H. serrula
ib. testa lenticulari, carinata, umbilicata, lamelloso-striata, pallide
fulva; apertura subrotundo-angulata. — H.ponentina scheint die spä-
ter von Pfeiffer als H. Lisbonensis bei Philippi Abbild. II. tab. VI. -
f.10 beschriebene Art zu sein. — AH. eistorum ib. testa utrinque or-
bieulato-convexa, depressiuscula, umbilicata, subtiliter striata, tenui,
supra fuscescente, subtus cineracea, subcornea, flammulis albidulis
undatim variegata; ultimo anfractu subangulato, zonula nigricante
interrupta cincto; apertura ovata; labro columellari arcuato. —
430 Troschel: Bericht über die Leistungen in der
H. inchoata ib. testa orbiculato-conyexa, tenui, perforata, corneo-
lutescente vel avellanacea, saepius pellucida, interdum absque ni-
tore; spira prominula; anfractibus 'subplanis, striatulis, infimo fasei-
ato, subtus turgidulo; apertura subrotunda; Jabro simpliei, fragili.—
H. trachelodes, Menke in dessen Zeitschr, 1845. p. 131 von Guinea,
— 13 Helix-Arten beschreibt Pfeiffer ebenda p. 152.
Die 6te Helix-Tafel bei Philippi Abbild. enthält folgende neue
Arten; H. chinensis Ph., helvacea Ph., pyrrhozona Ph. von China,
H.nigritella Pfeiffer aus dem stillen Ocean, tenwicostata Dunker
von Mexico., Ausserdem sind auf derselben Tafel H. nanioides Ben-
son, Testae Phil., cromyodes Pfr., Humboldtiana Valenc., stigma-
tica Pfr., muscarum Lea, cubensis Pfr., intertexta Binney, epistylium‘
Müll. abgebildet. i
Pfeiffer veröffentlichte in Menke’s Zeitschrift 1845. p. 81 eine
Uebersicht der mit innern Lamellen versehenen Helix-Arten. Es wer-
den 4 Gruppen unterschieden: «a. Wölbung des letzten Umganges
unbewaffnet, eine oder mehrere Lamellen in dem Basalttheile der
Mündung (Sagda Beck), dahin: Cookiana Gmel,, epistyloides Fer,,
epistilium Müll., macrodon Mke., gularis Say, interna Say, marga-
rita Pfr. n, sp., Rafinesquea Fer, — d. Vorletzter Umgang unbewaff-
net, in der letzten Windung mehrere von der Mitte ausstrahlende
Reihen zahnförmiger Lamellen. Dahin H. lineata Say und multiden-
tata Gould. — c. Wölbung des letzten Umganges mit einer oder meh-
reren Lamellen besetzt, rechter Saum unbewaffnet. Dahin: H.ticho-
stoma Pfr., und Öilamellata Pfr. n. sp. — d. Mündung beiderseits
verengert durch scharfe Lamellen auf der Wölbung des vorletzten
und im Innern des letzten Umganges, dahin: H. eolina Duclos, Pro-
serpina Pfr. n. sp. von Jamaica, lamellosa Fer., contorta Fer,, opa-
rica Anton, sewlamellata Pfr. n. sp. von der Insel Gambier.. — Als
eine andere Gruppe werden wegen des zurückgeschlagenen Mund-
saums angesehen; H. Rivolii Desh., achatina Gray n. sp., pollo-
donta d’Orb,, seulpturata Gray n. sp. von Damarha in Südafrica.
Auf der sechsten Helix-Tafel bei Philippi Abbild. sind auch zwei
neue Arten der Gattung Streptaxis abgebildet: S7. aweus Dunker
und Dunkeri Pfr. beide aus Brasilien, Diesen fügt Pfeiffer die
Diagnosen von 4 neuen Arten, die nicht abgebildet sind, hinzu: St.
albida, deplanata, ovata und pyriformis. Letztere stammt von der
Insel Rodriguez, die ersteren drei sind unbekannten Vaterlandes.
Eine neue Gattung von Heliceen stellt Pfeiffer unter dem Na-
men Geomelania auf. Proc. 1845. May: testa imperforata, tur-
rita; apertura integra, efiusa; peristoma simplex, reflexum, ad hasin
appendieula porrecta instructum. G. jamaicensis von Jamaica. Long.
12; diam. 4 mill, \
Tomogeres turbinatus Pfeiffer. Proc. zool. Soc. 1845. May
aus Brasilien,
Bulimus caledonicus Petit de la Saussaye Revue: zool. 1845.
Naturgeschichte der Mollusken während des Jahres 1845. 431
p: 53, verwandt mit Auricula auris bovinae. Mündung eng mit dickem
Rande, Labrum oben mit einer Falte, Labrum aussen zusammenge-
drückt, oben stark ausgerandet. Neu Caledonien. — Bulimus gilvus
Pfeiffer Proc. zool. soc. 1845. May von der Insel Bohol. — Ebenda
B. leopardus, egregius, canaliculatus und castaneus von demselben.
— Ebenda Juni B. Grayanus, coarctatus, Deshayesi, Thompsonii,
siquijorensis von demselben. — B. venezuelensis Nyst. von Cumana
und coloratus ebendaher. (Bulletins de l’Academie de Bruxelles XII. 1.
p: 227; vergl. auch Menke Zeitschr. 1845. p. 95). — 6 Arten Bulimus
beschreibt Pfeiffer in Menke’s Zeitschr. 1845. p. 156. — B. Ferus-
saci Dunker von Loanda ib. p. 164. — B. Funckii Nyst und Labeo
Brod. sind in den Bulletins de l’Academie de Bruxelles XII 2. p. 146
abgebildet und beschrieben; desgleichen drei neue Arten aus Süd-
amerika: B. melanocheilos Nyst, taeniolus Nyst und Popelairiana
Nyst. — B. bivittatus Philippi. Dies Archiv 1845. p. 62 von Peru;
der Name ist vergeben, daher nennt Nyst die Art am eben citirten
Orte p. 153 B. ditaeniatus;, Philippi selbst nennt sie in seinen Ab-
bild. Böfasciatus. — Bei Philippi Abb. Bulimus tab. 3 sind abge-
bildet: B. Funckii Nyst, bellulus Jonas, fulguratus Jay, malleatus
‚Jay, bifasciatus Phil., Lagzliierti Phil. n. sp. von St. Catarina in
_ Brasilien, und umbilicaris Souleyet.
Achatina semisculpta, reticulata, papyracea, fusiformis, costu-
lata sind von Pfeiffer Proc. zoo]. soc. Juni aufgestellt. Die ersten
drei sind afrikanisch, die beiden letzteren amerikanisch. — A. ceyla-
nica Pfeiffer Menke Zeitschr. 1845. p. 157 von Ceylon. — A. Pfeif-
feri von Loanda und semisculpta von Benguela beschreibt Dunker
ebenda p. 163.
Glandina obtusa Pfeiffer Proc. zool. soc. 1845. April von Cen-
tral-Amerika. — Gl. nigricans und monilifera Pfeiffer ib. Juni,
beide von Vera Cruz. — Glandina Griffithi Adams Ms.»und Phil-
lipsi Adams Ms., beide von Jamaica beschreibt Pfeiffer in Men-
ke’s Zeitschrift 1845. p. 158.
Von der Gattung Cylindrella sind in Philippi’s Abbildungen ct.
auf einer Tafel 16 Arten abgebildet, von denen C. hyalina Pfr., re-
cticosta Pfr., sanguinea Pfr. von Jamaica, Binneyana Adams,
Phikppiana Pfr., Dunker:i Pfr., Cumingiana Pfr. von den Philippi-
nen, seminuda Adams von Jamaica neu sind. Diesen sind noch die
Diagnosen zweier neuer Arten von Jamaica alabastrina und Gossei
hinzugefügt, jedoch ohne Abbildungen.
Clausilia Oumingiana Pfeiffer Menke Zeitschr. 1845. p. 158 von
den Philippinen.
Auricula gracilis Morelet l.c. testa minima, fusiformi, striata,
albescente; apertura bidentata; peristomate dilatato, replicato, albo-
labiato. — 4. ciliata ib. testa ovato-conoidea, cormeo -fuscescente,
apice acuto, tenuissime striata; anfraetibus angustis, attenuatis, infra
432 Troschel: Bericht über die Leistungen in der
suturam eiliatis ‚ ultimo’ dilatato;; columella saepius bidentieulata. —
4A. triticea Phil. von China? Dies Archiv 1845..1. p. 63.
.ı Pedipes octanfracta Jonas von den. Sandwich -Inseln. Menke
Zeitschr. 1845. p. 169.
Physa,scalaris Dunker von Benguela Menke Zeitschr. 1845. p. 164.
Planorbis bengwelensis Dunker Menke Zeitschrift 1845. -p. 164
von Benguela, verwandt mit Pl. nitidus.
Limnea acutalis Morelet]. c. testa ovato-acuta, zen lien,
tenui, pellueida, striata, fulvescente; spira conico-acuminata; ultimo
anfractu spiram bis superante; apertura ovata, labro columellari ‚re-
plicato. — L. sandwicensis Philippi dies Archiv 1845. I, p. 63.
Amphipeples cumingiana Pfeiffer von Luzon. Proc. zool. soc,
1845. Mai.
Pulmonata operculata.
Referent lieferte in diesem Archiv 1845. I. p. 197 eine
Anatomie von Ampullaria urceus, in der er nachwies, dass
die Thiere wirklich neben den Kiemen auch mit Lungen athmen.
Daselbst ist die Ansicht ausgesprochen, dass die mit Deckel
versehenen Lungenschnecken eine. eigene Unterordnung der
Schnecken bilden müssen, zu der die Familien der Cyclosto-
miden und Ampullariaden zu zählen sind,
Die Gattung Lanistes ist von Ampullaria verschieden, und ent-
hält alle links gewundenen Arten, von denen die dem Ref. bekannten
7 Arten aufgezählt sind. ‚Darunter befindet sich eine neue L. ovum
Peters.
Ampullaria marginatra Jonas Menke Zeitschrift 1845, pr 160.
Ctenobranchia.
’
Paludina Michaudü Duval Revue zool. 1845. p. 211 bei Rennes
gefunden, wird mit Pal. impura verglichen, gehört also in die Gat-
tung Bithynia. — P. inflata Hansen Ofversigt af Kongl. Vetensk.
Ak. Förhandl. 1844. Stockholm. p. 254.
In einer Uebersicht der lebenden Valvata-Arten werden von
Menke (dessen Zeitschrift 1845. p. 115) 11 Arten aufgezählt, unter
denen annelata vom Sinai und naticina von Pestlı neu. Ausserdem
sind noch 3 Arten, als dem Verf. unbekannt angegeben.
Melania Charreyi Morelet]. c. testa solida, perforata, fusi-
formi, ventriculosa, glabra, luteo-virescente, linea albida pone sutu-
ram; apice acuto, violaceo; apertura parva, ovato-angulata; peristo-
mate subtruncatulo. — M. Tamsii Dunker von S. Antonin Afrika.
Menke Zeitschr. 1845, p. 165.
Odostomia crassa Thompson Ann, XV. p. 315 von Galway. 0,15",
‚Rissoa Warreni Thompson Annals XV. p. 315 durchscheinend,
sechs Windungen, mit tiefem Nabel. 0,2”. Dublin. —.R. pedicularis
' Naturgeschichte der Mollusken während des Jahres’ 1815. 433
Menke. Zeitschrift 1845. p.43 durchscheinend, eng quergestreift,
4 Windungen, Labrum wenig umgeschlagen, von Helgoland. — R. bi-
dentata Philippi von den Freundschaftsinseln, dies Archiv 1845,
1. p. 614.
tenien globosa, arenica Nuttall sp. ined., cingulifera und
pulchella beschreibt Dunker in Menke’s Zeitschr. 1845. p. 166.
Scalaria magellanica Philippi dies Archiv 1845. 1. p. 65.
Recluz lieferte in Guerin’s Mag. de zool. 1845. pl. 115
— 134 (s. den vorjährigen Bericht p. 318) eine Monographie
der Gattung Narica, und erhebt sie, zur eigenen Familie. Das
Thier ist Kammkiemer ohne Sipho, die Tentakeln sind drei-
eckig, mit den sitzenden Augen an ihrem äusseren Grunde;
der Fuss besteht aus zwei Theilen, der vordere ist halbrund,
der hintere rund und zwei häutige Anhänge tragend. Die
Schale ist kuglig oder eiförmig, äusserlich, immer quer ge-
streift oder gefurcht, zuweilen längsgefaltet oder gegittert;
immer genabelt. Deckel ohne Spirale. — Die Gattung gehört
dem Meere an, der Kopf ist schnauzenartig vorstehend, die
Kiemenhöhle ist gross mit einer Kieme, deren Blättchen drei-
eckig sind. (Nach der Abbildung ist die Kieme der ganzen
Länge nach angewachsen). Nach den anatomischen Bemer-
kungen, welche dem Verf. durch Souleyet mitgetheilt wurden,
sind zwei Kiefer vorlıanden, und die Zunge ist mit zwei Rei-
hen Haken besetzt. Das letztere scheint mir höchst wichtig
für. die Stellung im System; die Familie -der Nariciden würde
sich an die Familie der Bullaceen zunächst .anreihen müssen,
und es ist mir wahrscheinlich , dass sie auch zwittrig ist, was
der Verf. zweifelhaft lässt. —
Die 22 Arten werden nach der Sculptur der Schalen in Gruppen
gebracht. 11 Arten sind gegittert, darunter eine N. Mauritiae neu;
5 sind gefaltet, darunter N. elathrata neu; 7 sind quergestreift und
die Spira gerippt, darunter N. Cuvieriana neu. Alle Arten sind vor-
treflich abgebildet und man wird leicht danach bestimmen können.
Natica atrocyanea, patagonica, acuta (Nyst nennt die Art,
weil der Name vergeben ist, in den Bulletins de l’Ac. de Bruxelles
XI. 2. p.153 N. Philippiana), impervia Philippi dies Archiv 1845.
1. p. 64. — Derselbe bildet in seinen Abbild. ausser den eben ge-
nannten Arten ab: filosa Ph. (lineolata olim), Rizzae Phil., cornea
Möller, canaliculata Gould, nana Möller, pusilla Say, glaucina Linn.,
papyracea v. d. Busch n. sp., Cumingiana Recluz.
Calyptraea decipiens und costellata Philippi dies Archiv 1845.
1. p. 61.
434 Troschel: Bericht über die Leistungen in der
Morelet bildet l. c. vier portugisische Neritinen als neu ab:
N. violacea testa globoso-ovata, violacea vel fulvescente, lineolis
creberrimis fulminata; spira proiminula; apice eroso; apertura semi-
lunari, anterius attenuata; margine columellari subinerassatos — N.
inquinata testa globoso-ovata, Iutescente vel' fulvescente, lineolis
subartieulatis transversim tessellata ; apice subprominulo; apertura
lutea, semilunari, subelongata;-margine centrali Juteseente. — N, gua-
dianensis testa conoidea, glabra, crassiuscula, olivacea vel rufe-
scente; lineolis densissimis subangulatis obumbrata, apertura brevi,
attenuata; margine externo sinuoso; callo columellari crasso, con-
vexo, flavicante; ultimo anfractu subangulato, juxta peripheriam
coarctato; apice eroso. — N. elongatula testa globoso-elongata, lae-
vigata, albida vel pallide-flava, lineolis nigro-violaceis vel rubescen-
tibus reticulata; spira prominula; apertura brevi, ovato-attenuato;
callo columellari flavo, convexo, crassiusculo; operculo radiatim stri-
ato; limbo superiori purpureo-marginato, — N. aspera, cirrata und
bicanalis Philippi dies Archiv 1845. I. p. 63.
Delphinula ducalis Philippi Menke Zeitschr. 1845. p. 148.
Philippi zeigt, dass der echte Linnesche Trochus umbilicaris
= Tr. fuscatus Gmel. und Desh. und verschieden sei von Tr. excava-
tus Lam. —= Tr. umbilicaris Schröter und Desh. (Menke Zeitschrift
1845. p. 87).
Trochus tentorüformis Jonas in Menke Zeitschr. 1845. p- 66.
Die Nath verläuft auf dem das Gehäuse umlaufenden Kiele. — Tr.
nudus, Tr. (Margarita?) lineatus Philippi dies Archiv 1845. 1. p. 66.
In Philippi’s Abbildungen sind 2 Tafeln (5 und 6) der Gattung
Trochus (im weiteren Sinne) gewidmet, Es sind darauf abgebildet:
Tr. magnificus Jonas, aureus Jonas, obscurus Wood, euryomphalus
Jonas, moestus Jonas, elongatus Wood, melaleucos Jonas, occultus
Phil. (an Tr. nassaviensis Chemn.?), tentorium Anton n. sp. und
modestus Koch n. sp. — Tr. columellaris Phil. n. sp. von China,
prasinus Menke, ciliaris Menke, Lehmanni Menke, ‚pulcherrimus
Wood (Preissii Menke), dellulus Dunker n, sp. von Neuholland,
leucostigma (Phasianella) Menke n, SP, iriodon Quoy et Gaim, (vir-
gata Menke).
Monodonta lactea Philippi dies Archiv 1845. I. p. 66.
Turbo venustus Philippi Menke Zeitschr. 1845, p. 148.
Haliotis nodosa, fulgens, sulcosa Philippi ib. p. 150. — H.
kamtschatkana Jonas ib. p. 168,
Fissurella nigra, alba Philippi dies Archiv 1845. I. p, 60. —
F. solida, concinna, elongata, adspersa Phil. ebenda p. 142. — In
dessen Abbildungen ist F. maxima Sow. dargestellt, und ausserdem
elongata, adspersa und alba Phil.
Lovell Reeve theilte eine Beobachtung mit, welche
Hankey an Cypraeen machte, dass das Thier bei einer
gewissen Grösse, wo die Schale bereits vollständig ist, diese
N.
Naturgeschichte der Mollusken während des Jahres 1845. 435
völlig aufzulösen vermag, so dass es eine kurze Zeit nackt
erscheint, um sich eine neue grössere Schale ‘zu: bilden, Es
erklärt sich dadurch die Thatsache, dass die Cypräen. dersel-
ben Art in sehr kleinen und in grossen Exemplaren mit voll-
endeter Mündung erscheinen, so dass dann kein Wachsthum
mehr möglich ist. Lamarck war der Meinung gewesen, das
Thier könne seine Schale verlassen, um eine neue zu bilden.
(Annals XVI. p. 374.)
" Bei Kiener Il. e. finden sich folgende neue Arten der Gattung
Cypraea: ©. Sowerbyi (C. zonata Sow.) von Californien, zrina, fer-
ruginosa, Grayi, nebulosa vom Cap, Boivini, cervinetta von den
Antillen, chrysalis, fabula von Mozambique, rotunda (vulgo rosea),
intermedia, hordacea aus dem Indischen Ocean, pilula,
Lovell Reeve beschreibt Proc. zool. soc. 1845. May. 89 Arten
Mitra als neu; sie sind in der Conchologia iconica abgebildet.
Dolium ampullaceum, marginatum, crenulatum Philippi in
Menke’s Zeitschr. 1845. p. 147.
Von den Jungen von Buccinum reticulatum giebt Peach
an, dass sie sehr viel Aehnlichkeit mit denen von Doris haben.
Sie haben viele Feinde in den Infusionsthieren, gegen die sie
sich mittelst der Wimperorgane vertheidigen. Ann. XV. p. 446.
Buccinum patagonicum und taeniolatum Philippi dies Archiv
1845. I. p. 68.
Purpura bimaculata Jonas Menke Zeitschr. 1845. p. 174,
, Tritonium elegans Thompson Annals XV. p. 317 thurmförmig,
bauchig, mit vielen Wülsten, grünlich weiss mit zwei doppelten gel-
ben Spirallinien. Dublin.
Fusus cancellinus und decolor Philippi dies Archiv 1845. I.
p-67. — In dessen Abbild. sind gegeben F, granatus Koch n. sp.
Wiegmanni Anton, gracilis und constrictus Koch n. sp., adustus und
lividus Phil. n. sp.
Pleurotoma Guerini Duval Revue zool. 1845. p. 212 gelblich
fleischfarben, braun gefleckt und mit brauner Binde. 52 Millim. —
Pl. Farran! Thompson Annals XV. p. 316 mit 9 Windungen, zehn
vorspringenden Rippen, quergestreift. 7’. Irland. (Portmarnock). —
Pl. Ulidiana?hompson ib. mit 8 Windungen und 11 Rippen. (Down.)
Turbinella spinosa Philippi dies Archiv 1845, I. p. 68.
Jonas erklärt in Menke’s Zeitschr, 1845, p. 181 den Murex lan-
cea Gmel., der von Deshayes bei Fusus lancea allegirt ist, für eine
Turbinella, die T. /anceola heissen müsste.
Cerithium pullum, exiguum, diminutivum Philippi dies Archiv
1845. 1. p. 66.
436 Troschel: Bericht über die Leistüngen in der
Cyclobranchia.
Patella hyalina, Cymbium und vitrea Philippi dies Archiv
1845. 1. p.59:
Chiton ‚argyrostictus id. ib..p. 59.
Brachiopoda.
Philippi stellt in diesem Archiv 1845. p. 57 drei neue Arten
Terebratula auf: T. eximia aus der Magellan-Strasse, /upinus von
den Chonos-Inseln, und rkombea aus der Magellan-Strasse.
Vogt lieferte eine Anatomie von Lingula 'anatina in den
Neuen Denkschriften der Allg. Schweizerischen Gesellschaft
Band VII. Neuchatel 1845. 18 Seiten mit 2 Steindrucktafeln.
Der Stiel besteht aus einer hornartigen Scheide, und aus einer
inneren Muskelmasse, die von einer dünnen Haut umgeben
ist; die Muskelfasern folgen alle der Längsrichtung des Stiels.
Der Stiel ist also contractil; bei der Zusammenziehung müssen
sich die Schalen ein wenig öffnen, indem sich die Muskeln an die
inneren Flächen des Schlosses anheften.: Der Mantel besteht
aus zwei Blättern, einem äussern, das Verf. Ciliarblatt nennt,
und. einem innern, dem äussern nur leicht angehefteten, dem
Kiemenblatt. Zwischen beiden Blättern,. dem äusseren ange-
hörend, entspringen die Ciliarröhren, in denen die Cilien stecken,
lange spröde Borsten, die etwa ein Viertel ihrer Länge aus
der Schale hervorstehen, ‚längsgerippt, und wie Equisetum
mit-Querabtheilungen versehen 'sind. In dem Kiemenblatt zei-
gen sich zwei Hauptgefässe, welche von den beiden Herzen
herkommen, und nach dem Rande der Schale zu convergiren;
von ihnen entspringen nach innen unverzweigte Gefässe, die
nach aussen abgehenden schwellen am Ende zu einer Blase
an, in der sie sich verzweigen. Die spiralförmig aufgerollten
Arme, deren Stamm hohl, sind doch überall völlig geschlossen ;
die Höhlungen beider Arme communieiren nicht mit einander,
sondern sind durch 'eine-dünne Scheidewand in der Mitte ge-
trennt. An dieser Röhre finden sich einige Membranen, von
denen die eine die Franzen trägt, welche in ähnlichen Röhren
stecken wie die Cilien. Die Franzen selbst sind sehr bieg-
same, hohle Blindsäcke, ohne alle Gliederung. Von der Ba-
sis des Armes bis zur Mitte verläuft an der oberen Seite, ein
Muskel, der den Arm entrollen hilft. Der Mund liegt im
Naturgeschichte der Mollusken während des Jahres 1845. A437
Grunde zwischen den Armen und ist unbewafinet. Der Darm
läuft, fast überall gleich weit, nach‘ oben und öffnet sich'nach
mehreren Windungen rechts am Rande etwa in der Mitte der
Länge des Thiers, da wo die Mantellappen frei werden. . Die
Leber erfüllt den ganzen oberen Raum der Eingeweidehöhle,
Die Drüsen, welche Cuvier Speicheldrüsen nennt, liegen ganz
unten in der Eingeweidehöhle, sie umhüllen eine geringe Er-
weiteruug des Darmkanals, und münden mit zwei Ausführungs-
gängen in denselben. Eine andere Drüse, welche noch wei-
ter dem Munde zu den Schlund umhüllt, sieht Verf. als Spei-
cheldrüse an, und lässt die Deutung der vorigen Drüsen
ungewiss. Bekanntlich sind zwei Herzen vorhanden, ein vor-
deres und ein hinteres. Ueber jedem Herzen liegt ein Sack,
der vom Verf. nicht gedeutet wird (wird wohl der Vorhof sein),
Von Muskeln sind noch 5 zu nennen, einer, der quer durch-
geht, liegt ganz oben am Schloss, in der Mitte des Einge-
weidesackes entspringen rechts ein vorderes und hinteres Mus-
kelbündel, die sich so theilen, dass links vier Bündel 'er-
scheinen, zu beiden Seiten des Mundes finden sich noch zwei
grosse schiefe Muskelpaare, die links vier getrennte Muskel-
köpfe bilden. Die Lage des Afters bestimmt den Verf., eine
rechte und eine linke Schale’ zu unterscheiden, nicht eine
obere und eine untere.
Testacen.
Duvernoy machte nachträgliche Bemerkungen zu seinem
Aufsatz über das Nervensystem der Muscheln. (Vergl. -den
vorigen Bericht p. 322). Er sagt unter anderm, die Muscheln,
welche den Mantel weit oflien haben und besetzt mit zahlrei-
chen Fühlern und Augenhöckern, sind die höchstentwickelten,
während die mit geschlossenem Mantel die niedrigsten Formen
sind. (Comptes rendus XX, 'p. 482.)
Auch Blanchard machte Beobachtungen über das:'Ner-
vensystem der Muscheln bekannt. Er fand ausser den drei
bekannten Ganglien-Paaren zuweilen ‚mehrere, bis 15. Bei
Mactra, Venus, Oytherea und Solen, welche Röhren besitzen,
die durch. Rückziehmuskeln befestigt sind, bieten die Haupt-
nerven , welche atıs den hintern Markcentren entspringen; in
ihrem Laufe mehrere kleine Ganglien dar, die in den Muskeln
138 Troschel: Bericht über die Leistungen in der:
liegen. Jedes Paar dieser 'Ganglien: wird durch eine. Oommis-
sur‘mit einander verbunden, . Bei Solecurtus fehlen die Gan-
glien. Bei Solen reicht der: Mantel’ weit über den’Mund hin-
aus, und bildet eine Muskelschicht, ‘welche an der Schale
befestigt ist; Nerven, welche von den Hirnganglien entspfin-
gen, gehen zu dieser Muskelschicht. Auf diesen Muskeln be-
finden sich bei Solen 12—13 Ganglien, die durch Nervenfäden
mit einander communieiren. Bei.Arca Noae und Solen vagina
findet sich im Verlaufe der Nerven, welche vom Hirnganglion
zu dem hinteren gehen, ein kleines Ganglion, welches Fäden
an die Seiten des Fusses abgiebt. Bei Ostrea, bei, der man
beim Mangel des: Fusses auch das eine Ganglienpaar ‘vermisst
hat, entdeckte Verf. ein Ganglienpaar sehr nahe dem Hirn-
ganglion. Verf. glaubt, dass aus den Verschiedenheiten -des
Nervensystems Nutzen für die ‚Olassification gezogen ‚werden
könne, und er stellt den Satz auf, dass die Muscheln mit weit
offenem Mantel tiefer stehen, als die mit geschlossenem Mantel.
(Comtes rendus XX.;p. 496; Frorieps Notizen XXXIV. p. 225.
Annales des sciences nat. troisieme serie III. p. 321. Auf einer
beigefügten Tafel sind die Nerversysteme von Solen vagina,
Mactra helvacea und Pecten maximus abgebildet,)
In den Comptes rendus XXI. p. 377 findet sich eine kürze
Anzeige einer Abhandlung-von Carbonnel über die Austern
der Küsten Frankreichs, die Verbesserung der Bänke und
über die Gewissheit künstliche Bänke anzulegen. Verf. be-
hauptet, dass es nicht nöthig sei sehr oft das Wasser’ in den
künstlichen Bassins, in welchen man die Austern hält, zu er-
neuern. Er hat Versuche bei Agen angestellt, die Austern
bleiben vortrefllich, — Diese Abhandlung ist in Guerin’s Mag.
de Zool. 1845 abgedruckt. Verf. giebt an, dass 'er sich über-
zeugt habe, dass (die Austern etwa zehn Jahre leben. Jede
wächst jährlich vom April bis zum September, und.erlangt in
dieser Zeit drei Aufsatzlamellen. Im übrigen Theile des Jah-
res wächst sie nicht. Ist eine Auster drei Jahre alt, ‚so..ist
sie vom April bis September nicht geniessbar, im welcher
Zeit sie sich fortpflanzt. . /
Reade sprach in der British Association ct. über die
Cilien anıden Mundlappen der Austern, ‚welche Ströme bewir+
ken, durch welche die aus Infusionsthieren bestehende Nahrung
x
Naturgeschichte. der Mollusken während des Jahres 1845. 439
in den Mund gebracht wird. (Report of the fifteenth Meeting
of the british association for the advancement of science held
at Cambridge in June 1845. p. 66; Annals XVI. p. 124.
Koch stellte in der Küster’schen neuen Ausgabe des Martini-
Chemnitzschen Conchylien-Kabinets eine neue Gattung denigma in
der Nähe von Anomia auf: testa inaequivalvis, plus minusve regula-
riter elliptica vel oblonga. Valva superior vertice incumbente ad
marginem cardinalem, acuto, subprominente, a margine remoto; in-
ceisione instructo. Valya inferior tenuissima, affıxa, perforata, nati-
bus fissis, et plica respondente incisioni valvae superioris praedita.
Ligamento interno. Die vier Arten 4. roses (Tellina aenigmatica
Chemn.), reticulatum Koch von den Philippinen, convexzum Koch
und corrogatum Koch von den Sandwich-Inseln, sind auf einer Ta-
fel abgebildet.
Pecten immaculatus Recluz Guerin Mag. de zool. 1845. pl. 114
sehr klein, vom Ind. Ocean. — P. Mac Gillivraii Edmondston von.
‚Aberdeen Annals XV. p. 250. — P. australis und natans Philippi
dies Archiv 1845. I. p. 56.
Lima pygmaea Philippi dies Archiv 1845 p. 56.
Anodonta regularis Morelet l. c. testa ovato-oblonga, ventri-
'cosa, fragili, vix alata; anterius breviter’ovata; posterius subdilitata;
inferius regulari; umbonibus tumidis, decorticatis; epidermide lamel-
liformi, nigro-virescente. — 4. imacilenta ib. testa oblongo-depressa,
alata, transversim carinata, rustice sulcata, laevigata, mediocriter
crassa, viridi-fuscescente; anterius vix producta, rotundata; posterius
obtuse truncata; inferius saepius sinuata; umbonibus -compressis;
pube carina circumscripta. — A. lusitanica ib. testa elliptico-elon-
gata, tumidiuscula, solida, rugoso-strigata; anterius anguste producta;
posterius obtuse truncata; margine superiore adscendente; umboni-
bus parum eminentibus; epidermide olivaceo, posterius largiter ra-
diato, — A. ranarum ib. testa elongata, depressiuscula, sulcata, te-
nui, anterius parum producta; posterius rostrata; margine superiore
horizontali, vix alato; epidermide viridi vel flavescente; posterius
obscure radiato.
Unio Wolwichii Moreletl. c. testa ovato-compressa, carinata,
subauriculata, tenuissime striata, nigra; latere antico sinuoso-rotun-
dato; postico producto, incurvo; margine dorsali compresso ; umbo-
nibus depressis; dente Cardinali in valvula dextra subbifido, lamelli-
formi, eminente, incuryo; in sinistra triangulari; in utraque valde
anteriori. — U. tristis ib. testa ovato-compressa, subcarinata, rari-
sulcata, laevigata, aterrima; anterius rotundata; posterius producta,
sinuoso-attenuata; margine dorsali acuto; umbonibus valde depressis;
dente cardinali in valvula dextra simplici, obtusiusculo; in sinistra
subapiciali, erenulato; Jamina in utraque simplici — U. dactylus ib.
testa cylindracca, crassiuscula, fusca, fulvo-lutescente longitudinaliter
zonata; anterius yiX producta, rotundata; posterius ovato-truncata;
440 Troschel: Bericht über die Leistungen in der
umbonibus parum eminentibus; dente cardinaliin valvula dextra'sim-
plici, crasso, striato; in sinistra subbifido, compresso, rugoso;' liga-
mento valde "elongato, — U. mucidus ih. testa ovato-elongata, fusco-
nigricänte vel virescente, anterius brevi, angusta, rotundata; poste-
rius producta, oyato-truncata; umbonibus parum tumidis, valde de- _
corticatis; pube sulco obsolete eircumscripto.
Pectunculus concinnus (nach späterer Bemerkung des Verf. p- 142
=P. giganteus Reeye) und P. miliaris Phil. dies Archiv 1845. 1..p. 56.
Philippi beschreibt das Thier von Arca_diluvii Lam. in diesem
Archiv 1845. I. p. 195. — Arca Lamarckiü Phil. ebenda p. 55 aufge-
stellt ist nach des Verf. späterer Bemerkung p. 142 A. scapha Chemn.
—gd.linter Jonas aus dem Indischen Ocean Menke’s Zeitschr. 1845.
p. 172. — In Philippi’s Abbild. sind auf einer Tafel der 1. Lief.
des zweiten Bandes 6 Arten dieser Gattung abgebildet: A, Brandt
Phil., amygdalum Phil. von China, Deshayesii Reeve, obliquata
Gray, hemidesmos Phil., deren Ligament bloss den hinteren Theil
der Area einnimmt und Zicors Jonas aus dem indischen Ocean. R
Die Thiere von Nucula sulcata und N; (Leda) emarginata” (die
Verf. übereinstimmend mit Arca pella Linn. hält) bildet Philippi
in diesem Archiv 1845. p. 192. Taf. VII. ab,
Cardium Loveni Thompson Ann. XV. p. 317, sehr verwandt,
vielleicht identisch mit C. scabrum Phil. — C. distortum Philippi
dies Archiv 1845. I. p. 55 von den Freundschaftsinseln.
Cardita elongata Philippi ib. p. 54 vom stillen Oceän.
Für die Gattung Astarte ist in Philippi’s Abbild, ct. II. Lief. 2
eine Tafel bestimmt. Sie enthält 10 Arten: A. undata Gould, sulcata
Mont., scotica Mont., semisulcata (Crassina) Gray‘, castanea (Venus)
Say, fusca (Tellina) Poli, borealis (Venus) Linn., multicostata Mae
Gillivray, pulchella Jonas n. sp., bipartita (Lucina) Phil, Diese Gat-
tung Astarte Sow. sen. ist identisch mit Crassina Lam., Nicania 2
Goodallia Turton.
Venus (Pullastra) Bruguieri Sylvanus Hanley ist in dei Enc.
meth. als decussata abgebildet. Annals XVI. p. 356. — Ebenda Y.
magnifica Hanley von Ticao, nahe verwandt mit puerpera. — Y.
entobapta Jonas Menke Zeitschr. 1845. p. 66 aus dem stillen Ocean.
V. expallescens und agrestis Phil. dies Archiv 1845. 1. p.54. — In
Philippi’s Abbild. ct. II. Band Heft2 sind abgebildet: V. lithoida
Jonas, agrestis Phil., neglecta Sow. (entohapta Jonas), bella Jonas,
Paupereüla Chemn.
Cytherea ovum Sylvanus Hanley Annals XV]. p. 356. — C.
erythraea Jonas Menke Zeitschr. 1845. p. 65 von Batavia, — C. amoena
und Zvida Philippi dies Archiv 1845. 1. p. 53 beide aus dem stil-
len Ocean.
Drei neue Arten der Gattung Artemis von Sylvanus Hanley
Proc. zoo]. soc. 1845. Januar, — 4A. Isocardia und Orbignyi Dun-
ker von Westaftica in Menke’s Zeitschr. 1845. p. 167.
Diplodonta inconspieua Phil. von Chiloe dies Archiv 1845. 1. p.53.
Naturgeschichte der Mollusken während des Jahres 1845. 441
" William King bemerkt, Annals XV. p:112, dass Cyprina tri-
angularis von den Britischen Küsten in. die Gattung Circe, Untergat-
tung von Venus gehöre.
Cyclas Creplini Dunker Menke Zeitschr. 1845. p. 20. Vordertheil
länger als der kurze Hintertheil. 44”. Bei Cassel.
Philippi beschreibt in Menke Zeitschr. Tellina lacunosa Chemn,
von Guinea, fumida Brocch., Gruneri Phil. von den Antillen und
cöaretata Phil.'von China. Philippi lieferte auch'von dieser Gat-
ARE! in seinen Abbild. eine Tafel; darauf sind dargesteilt: T. alter-
nata Say, scalaris Lam:, fusca (Psammobia) Say, proxima Brown,
Iris Say, sordida Couthouy, similis Sow., pulchella Lam., striata
ONE polita Say.ıv
"6 neue Arten Donax von Sylvanus Hanley aus der Cuming-
schen Sammlung. Proc. zool. soc. Februar. ‚Desgleichen: 2 ib. März
1845. — D. securiformis Philippi dies Archiv 1845. p- 53:
” "Walenciennes beobachtete an den Gattungen Lueina
und Corbis, dass jederseits nur eine Kieme vorhanden sei,
und ‚dass + Mundlappen fehlen; er will die beiden Gattungen
zueiner. besondern Familie vereinen; ‚Zugleich wird ‚ange-
geben, dass der Fuss der Lueinen eine muskulöse Röhre sei,
die ihrer ganzen Länge nach durchbohrt sei, und mit dem
Innern des Körpers in Verbindung stehe. (Comtes rendus XX.
p: 1688; Frorieps Notizen XXVI.,p. 97.)
Deshayes bemerkt über diesen Gegenstand (Comptes
rendus XX. p. 1794), dass bereits Poli die einfachen Kiemen
jederseits angedeutet habe; er selbst hat beobachtet, dass den-
noch „jederseits zwei Kiemen ‚vorhanden und nur am Rande
verwachsen seien. Die Aufstellung einer besondern Familie für
die beiden in Rede stehenden Gattungen will er nicht gelten
lassen; er zieht namentlich die Gattungen Ungulina und Uyre-
nellaiu dieselbe Familie, die in den übrigen Merkmalen .über-
einstimmend, doch jederseits zwei Kiemen besitzen.
Ferner macht Valenciennes ebenda XXI. p. 511 die Mit-
theilung „ dass auch. Tellina crassa nur eine Kieme jederseits
hat, während sie sonst den übrigen Tellinen. gleicht. Die, übri-
gen runden Tellinen, T. scobinata, 'rugosa und solidula haben
zwar jederseits zwei Kiemenlappen, aber der äussere ist schmal
und unter den Mantel aufgerichtet, so dass er wie eine Aus-
Jehnung des andern Lappens erscheint, Dasselbe findet sich
bei YTellinides timorensis ‚Lam, Tellina planata hat wieder
gewöhnliche zwei Kiemen, ebenso auch die Psammobien.
Archiv f. Naturgesch, X11. Jahrg. 2. Bd, Dd4
a2 Troschel; Bericht’ über die Leistungen in der.
Der ‘Herausgeber ; der‘ Annals ‚miachtıbei: Gelegeiiheit‘ der
Mittheilung 'der Valenciennes’ schen Beobachtungen (Ann. xV1.
p- 44) die Bemerkung, ‚dass Owen in seinen Leetüres' of the
Invertebrata 1843, p. 283 auch, bei den Gattungen Pholadomya
und, Anatina, nur ‚eine Kieme jederseits beobachtet habe,
Lucina (Venus) edentula Lion. wird. von. Philippi in. einer Ost-
indischen Muschel; wiedererkannt; | ‚so‘! dass ‚die Westindische, ‚auf
welche der Linne’sche Name: bisher bezogen ist, neu wäre; sie ‚erhält
den Namen; 4. chrysostoma Phil. Menke Zeitschrift. 1845. p. 181,
Philippi hat ’sichüberzeugt, dass seine Gattung Ptychina‘(Enum.
Moll. Sie. 1. p.15) mit Sowerby’s Gattung Axinus (Min. Gonch. tab.'314)
vollkommen zusammenfällt. ' Zu, den Sowerbyschen ı Charakteren:
„zweischalig, 'gleichschalig, ‘gestreckt, frei; hinten sehr kurz, ‘vorn
verlängert, abgestutzt,' mit einer Vertiefüng.'unter‘‚den ‚Schnäbeln;
ein: langes, schiefes,, in, einer Furche gelegenes Schlossband“ will er
hinzufügen: testa tenuissima, postice biplicata, cardo edentulus, ‚aut
in valva dextra unidentatus, denticulo ab ipso margine formato; i im-
pressiones musculares duae, suburbiculares?, sinus palliaris nullus!
Es gehören dahin ausser 7 fossilen ‘Arten 'auch zweiilebende'A.'sinua-
tus- (Tellina Montagu). von: den: englischen Küsten und vom Mittel-
meer und A. Sarsii n. sp. aus.dem norwegischen Meere, _ Verf. ‚zwei-
felt;‚ob die Gattung Lucina getrennt werden müsse. Menke, Zeitschr,
1845. p 90.)
Amphidesma intermedia Thompson Annals XV. e — a
Irland.
Kellia: bullata und! miliaris Philippi dies Archiv 18157 1. m ss
Derselbe ‚sellt,ebenda eine neue Gattung Cyamium, auf. ‚C.ant-,
arclieum von Patagonien.
Derselbe beschreibt ebenda p 191 das Thier von Erycina Renieri.
Erycina franciscana und caroburgensis Recluz, welche in der
Rev. zool. 1844 aufgestellt wurden, sind in Guerin’s Mag. de’ 'z00l.
1845 abgebildet. ö
Lutraria tenüis Philippi, dies, Archiv 1845. 1.p.50 von,der
Magellan-Strasse,
Die ‚Gattung Ligula wurde durch Recluz Revue zool. 1815.
p- 377 und 407 monographisch behandelt, und ihre Charaktere so
gestellt: Animal ignotum. 'Testa libera, bivalvis, 'aequivalvis, ple-
rumque 'inaequivalvis, 'transversalis, "ovato-oblonga, antiee major,
rotunda, 'postice sensim vattenuata,.|parum hians. | ‚Apices minnti,
acuti, integerrimi.,, Cardo.dens cardinalis cochleariforinis in utraque
valvula aequalis, antrorsum oblique porrectus, constat., Ligamentum
duplex: internum cartilagineum, cochlearibus affxum; externum Ii- -
neare, fibrosum, minimum. Impressiones musculares duae: antica
elongata, arcuata, angusta, parum obliqua; postiea parva, rotundata.
Sinus palliaris oblongus, Aantice ‚obtuse-rotundatus, cum angulo pallii
x
Naturgeschichte der Mollusken während des Jahres 1845. 443
elongato, triangulari, postice acuto. Es werden zu dieser Gattung
gerechnet L. praetenuis Montagu, Mya declivis Mont. und die fossile
L. oblonga Philippi.
. Philippi bildet das Thier von Petricola lithophaga Kam. in
diesem Archiv 1845. p. 188. Taf. VlI. ab.
Desgleichen von Venerupis perforans ebenda.
Petricola chiloensis Philippi dies Archiv 1845. p. 53.
Eine neue Gattung Entodesma stellt Derselbe ebenda auf.
E. chilensis. |
Saricava antarctica und conchotrypa Philippi ebenda p. 51.
Das Thier von Gastrochaena Poliana bildet Derselbe ib. p. 185.
Taf. VII. ab.
Gedruckt bei den Gebr. Unger in Berlin.
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