ARCHIV
FUE
MTUE&ESCHICHTE.
GEGRÜNDET VON A. F. A. WIEGMANN,
FORTGESETZT VON
W. F. ERICHSON, F. H. TROSCHEL
UND E. VON M ARTENS.
HERAUSGEGEBEN
VON
Dr. F. HILGENDORF,
CUSTOS DES K. ZOOLOG. MUSEUMS ZU BERLIN.
VIERUNDFrNFZIGSTER JAHRGANG.
Erster Band.
BERLIN 1888.
NICOLAISCHE VERLAGS-BUCHHANDLUNG
B. STRICKER.
Inhalt des ersten Bandes.
Seite
W. Freese. Anatomisch-histologische Untersuchung von Membranipora
pilosa L. nebst einer Beschreibung der in der Ostsee gefundenen
Bryozoen. Mit Tafel I, II 1
Stephan ApWiy. Systematische Streiflichter. I. Marine Hirudineen. 43
Ferdinand Schoof. Zur Kenntniss des Urogenitalsystems der Saurier.
Mit Tafel m 62
K. Möbius. Bruchstücke einer Infusorienfauna der Kieler Bucht. Mit
Tafel IV-X 81
Di: B. A. Philippi. Berichtigung der Synonymie von Otaria Philippii
Peters, welche Herr Burmeister in der Description physique de la
Bepublique Argentine gegeben hat 117
F. Rudolf Gasch. Beiträge zur vergleichenden Anatomie des Herzens
der Vögel und Reptilien. Mit Tafel XI und XII 119
H. J. Kolbe. Die geographische Verbreitung der Neuroptera und Pseudo-
neuroptera der Antillen, nebst einer Uebersicht über die von Herrn
Consul Krug auf Portoriko gesammelten Arten. Mit Tafel XIII . 153
Dr. H. Simroth. Zur Kenntniss der Azorenfauna. Mit Beiträgen von
Prof. Dr. von Martens, Dr. F. Hilgendorf und S, Clessin.
Hierzu Tafel XIV nnd XV 179
Dr. von Linstow. Helminthologisches. Hierzu Tafel XVI .... 235
G. Brandes. Helminthologisches. Hierzu Tafel XVII 247
August Wendt. Über den Bau von Grunda ulvae (Planaria ulvae Oersted).
(Aus dem zool. Institut der Universität Rostock.) Mit Tafel XVIII
und XIX 252
^J //^
A natomisch-his tologische Untersuchun g
von
Membranipora pilosa L.
nehst einer Beschreibung der in der Ostsee gefundenen Bryozoen
Von
W. Freese aus Harburg.
Uie vorliegendeu Uutersuchungen beschäftigen sich hauptsächlich
mit der Anatomie und Histologie von Membranipora pilosa L, einer
in der Kieler Bucht sehr häufigen chilostomen Bryozoe. Dieselben
wurden theils an lebenden, meistens jedoch an getödteten Thieren vor-
genommen. Zur Abtödtung empfiehlt sich am meisten concentrirte
Sublimatlösung; es ist nach meinen Versuchen gleichgültig, ob man
dieselbe in kochendem oder kaltem Zustande anwendet.. Minder
günstige Resultate lieferten Pikrinsäure, Chromsäure und Uberosmi-
umsäure. Versetzt man, wie Nitsche^, die Thiere gleich in starken
Alkohol, so leiden durch die plötzliche Entwässerung die Gewebe;
die Endocyste löst sich von der Ektocyste ab und bleibt nur an den
Rosettenplatten an derselben haften. Die vonFoettinger-) empfohlene
Methode Bryozoen vermittels Chloralhydrat ausgestreckt zu tödten, ge-
lang nur selten. Wohl aber glückte es mir, die Polypide in ausge-
strecktem Zustande zu tödten, wenn ich die Kolonie mit ihrer Unter-
lage in süsses Wasser warf und etwa eine Stunde darin stehen Hess.
Nachher nahm ich die Abtödtung der wohl nur ermatteten Thiere in
Sublimat vor. Dieses \'erhalten gegen Süsswasser zeigt zugleich,
dass 3Iembrampora pilosa gegen plötzliche, starke Schwankungen
des Salzgehalts sehr empfindlich ist; obwohl sie zu den im allgemeinen
euryhalineu"') Bewohnern der Ostsee gehört. — Um die Ektocyste
zu studieren, nahm ich theilweise abgestorbene, im Meerwasser ihres
') Nitsche, Beitrag z. Kenntniss der Bryozoen. Zeitschrift für wiss.
Zooig. XXI. 1870. S. 416.
-) A. Foettinger. Renseignem ents techniques. Archives de Biologie. 1885.
3) K. Möbius. Die wirbellosen Thiere der Ostsee. Jahresbericht d. Coinu].
z. wiss. Unters, d. deutsch. Meere. Berlin. 1873. S. 139.
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1888. Bd. l. H. I. 1
2 W. Freese.
organischen Iiilialtes beraubte Kolonien, die jedoch meistens noch aus-
gekocht werden mussten, um die auf ihnen sitzenden Diatomeen her-
unterzuschütteln. Hatte ich nur frische Kolonien zur Verfügung, so
kochte ich dieselben in 20/(,iger Kalilauge; besser jedoch ist es, die
Thiere einige Tage in Kalilauge liegen zu lassen und sie dann erst
zu kochen, um sie von der organischen Substanz zu befreien. — Zum
Zwecke des Schneidens wurden die Kolonien in Essigsäure, Holzessig
oder sehr verdünnter Salzsäure entkalkt. Eingebettet wurden dieselben
ausschliesslich in Paraffin, und zwar nach vorheriger Behandlung mit
Chloroform. Die Serienschnitte wurden mittels dünuer Gummiara-
bicumlösung aufgeklebt. — Was die Schueidetechnik betrifft, so
stimmen meine Beobachtungen wesentlich mit denen von Vigelius')
überein. Es ist am geeignetsten das Messer nicht schräg, sondern
senkrecht zum Schlitten zu stellen. Der Schiiittstrecker wurde nur
bei Anfertigung von Lateralschnitten benutzt. Als Farbstoffe wurden
von mir hauptsächlich Pikrokarmin und Hämatoxylin angewandt, auch
Hamannsches essigsaures Karmin lieferte gute Resultate. Ausserdem
wandte ich zur Doppelförbung Eosin und Hämatoxylin au. Die Ob-
iekte wurden meist vor dem Schneiden gefärbt. In der Benennung
der einzelnen Organe und Teile werde ich meistens Nitsche folgen.
Auch der Bezeichnungen Zoöcium und Polypid werde ich mich be-
dienen, obgleich ich nicht der Ansicht bin, dass das Polypid als ein
Tochterindividuum des Zoöciums aufzufassen ist, sondern glaube, dass
beide zusammen als ein Individuum angesehen werden müssen.
Der zweite Theil dieser Arbeit enthält eine Beschi'eibung der in
der Ostsee gefundenen Bryozoen. Die Mehi-zahl derselben wurde auf
der Expedition zur Untersuchung der Ostsee an Bord Sr. M. Aviso
Pommerania im Sommer 1871 gefangen und findet sich in dem Jahres-
bericht der Commission zur wissenschaftlichen Untersuchung der deut-
schen Meere vom Jahre 1873 aufgeführt. Diese Bryozoen, sowie
einige andere Species, welche später in der Kieler Bucht gefangen
und der Sammlung des Kieler Zoologischen Museums einverleibt
wurden, standen durch die Güte des Herrn Professor Möbius zu
meiner Verfügung. Ausserdem gelang es mir einige für die Ostsee
neue Arten in der Umgegend von Kiel aufzufinden, nämlich: Cr isla
eburnea, form producta, Sm, Alvyonidinm polyoum Hass., Alcyonidium
papillosum Hass., Vesicularia nva L., Vesicidaria ciiscata L., Ilem-
hranipora püosa, forma monostachys Busk, Escharipora punctata
Hass. Im Ganzen sind nunmehr in der Ostsee 17 Arten oder 20 Va-
rietäten beobachtet worden. Um das Bestimmen dieser Bryozoen,
sowie das Auffinden etwaiger neuer Arten ohne Zuhülfenahme grösserer
Werke zu erleichtern, gebe ich die Diagnosen und Abbildungen der
bisher gesammelten Species. Von einigen auf der Pommeraniafahi't
gefundenen Arten waren keine Exemplare mehr vorhanden, ich war
daher genöthigt, die Diagnosen und Abbildungen anderen Autoren zu
entnehmen. Bei der Benennung der einzelnen Arten und Varietäten
*) Vigelius. Die Bryozoen, ges. auf d. 3. und 4. Polarfahrt des Willem
Barents. ßijdragen tot de Dierkunde. Amsterdam ISSi.
Anatomisch-histologische Untersuchung etc. 3
folge ich Smitt') und gebe die von Jolinston-), Busk^j und
Hincks ') angewandten Namen wieder, bezüglich der übrigen Synonyma
verweise ich auf die Abhandlungen dieser Autoren. Die verzeichneten
Ostseefundorte sind meistens dem Berichte über die Pommerania-
expedition sowie den späteren Berichten der Kieler Commission und
einer Abhandlung von Braun'') entnommen. Es zeigt sich, dass die
meisten Arten nur in dem Theile der Ostsee vorhanden sind, welcher
westlich von Rügen liegt, Avährend nur eine Form in dem ö.stlichen
Becken aufgefunden ist. Es ist dies Memhraniponi, pilosa L., Forma
membranacea, welche bis in den finnischen Meerbusen"') hinein recht
häufig ist, und eine für die Ostsee charakteristische Form zu sein
scheint. Es ergiebt sich hieraus, dass auch nach der Bryozoenfauna
die von der Commission zur Untersuchung der deutschen Meere '^)
gegebenen Eintheilung der Ostsee in ein westliches, bis Rügen reichendes
und ein östliches Becken durchaus berechtigt und zutreffend ist. Ebenso
wie die Fauna der anderen Thierklassen zeichnet sich auch die Bry-
ozoenfauna des westlichen Beckens dmxh einen grösseren Formeu-
reichthum aus. Diese Erscheinung ist auch in diesem P'alle wohl
auf den unmittelbaren Zusammenhang des westlichen Beckens mit
der sehr formenreichen Nordsee zurückzuführen, sowie auf den er-
heblich grösseren Salzgehalt des westlichen Abschnitts der Ostsee.
Die geographische Verbreitung unserer meist nordatlantischen Thiere
entnehme ich im wesentlichen aus Hincks History of the British
Marine Polyzoa 188ü, in welchem Werke dieselbe sehr ausführlich
behandelt ist. Einige neue Fundorte wurden nach Stuxberg') und
Levinsen^) hinzugefügt.
') Smitt. Kritisk förteckning öfver Skand. Hafs-Bryo^oers. Öfvers. of
Kongl, Vetensk. Akad. Förliandlingar. Stockholm. 1865 — 78.
2) Johnston, G. History of the British Zoophytes. lind Edition. Lon-
don 1847.
3) Busk, (J. Catalogue of Marine Polyzoa in the Coüection of the British
Museum. London. 1852. 1854. 1875.
") Hincks, B. A. History of the British Marine Polyzoa. London 1880.
•') Braun, M. Physikalische und biologische Untersuchungen im west-
lichen Theile des finnischen Meerbusen. Dorpat 1884.
'^) Jahresbericht der Commission etc. Expedition zur Untersuchung der
Ostsee. Berlin 1873. S. IX.
■') Stuxberg. P'aunan pä och kring Novaja Semlja. Separatabdruck
aus Vega-expeditionens vetenshapliga jachttagels'^rs. Bd. V. Stockholm 1886.
*) Levinsen. Bryozoer fra Kara-Hafvet. Saeitiyk af „Dijmphna" Togtets
zoologisk-botaniske Udbytte. Kjöbenhavn. 188(j.
1*
Anatomisch -histologische Untersuchung von
Membranipora pilosa L. sp.
Ektocyste, Aeusseres, Varietäten.
Memhranipora pilom. L. sp. wird von Smitt') folgendermassen
beschrieben: Zoooecia parte proximali (posteriore) Cellnlarium modo
producuntur. Area aperturae rotunda vel elliptica spina maxima ad
partem proximalem marginis sui armatur. Trotzdem vereinigt er in
diesem Artbegriff ausser der langstacbeligen eine Anzahl anderer
Varietäten, deren hinterer Stachel sehr klein ist oder sogar fehlen
kann. Ich möchte also statt des letzten Satzes folgendes setzen: „Der
runde oder elliptische Hof der Oeffnung ist an dem hinteren Theile
seines Randes mit einem Stachel von wechselnder Länge bewaffnet,
der jedoch auch ganz fehlen kann." Erst dann kann man sämmtliche
von Sraitt angeführten Varietäten diesem Artbegriffe unterordnen.
Von diesen Varietäten finden sich in der Kieler Bucht drei, welche
in Bezug auf die Form des Hautsceletts sowohl, wie auf die äussere
Erscheinung der Colonie nicht unbeträchtlich von einander abweichen,
während die inneren Bauverhältnisse bei allen ziemlich die gleichen
sind. Es ist daher nöthig, dieselben bei der Beschreibung der Ek-
tocyste und des Aeusseren der Kolonie, welches durch die Ausbildung
der ersteren bedingt wird, getrennt zu behandeln.
Als erste Varietät unterscheidet Smitt Membranipohrt pilos«.
Forma pilosa und diagnosticirt diese folgendermassen: Forma pilosa,
cuius colonia crustiformis vel erecta zoooeciis pertusis, multispinosis
quincuncialibus conficitur. In dieser Varietät lassen sich mehrere von
anderen Autoren beschriebene Formen unterbringen, nämlich die von
Linne aufgestellten Arten Fliistra pilosa-) und Flustra dentata^),
deren Zugehörigkeit zu der von Blainville aufgestellten Familie
Membraniporidae Farre^) zuerst betont. Farre vereinigt beide
Formen zu einer Art Membranipora pilosa; indem er angilDt, dass
der einzige Unterschied beider in der grösseren oder geringeren
1) Smitt. Kritisk förteckning etc. Oefversigt. 1867. S. 368.
2) Caroli a Linnaei Systema natuiae Ed. Xlll. Cura Gmelin. Lipsiac
1788. p. 3827. N. 3.
3) ib. p. 3828 N. 11. , ., m
'*) Farre. On the structure of the ciliobranchiate Polypi. Philos. Trans-
act. of the Royal Society. London 1837. Part. I. pg. 412.
Anatomisch-histologische Untersuchung etc. 5
Länge des hinteren Stachels besteht. Hincks^) gibt als Artcharacter
den langen Stachel an und bildet auch die langstachelige Form
(Flustra pilosa Linnes) als characteristische Form für Memhranipora
pilosa ab. Davon unterscheidet er im Text Forma dentata und gibt
an, dass bei dieser der hornige Stachel hinter der AustrittsöflPnung
fehle, bildet aber trotzdem die mit einem loirzen, hinteren Stachel
und vielen Randstacheln versehene Form als Forma dentata ab. Die-
selbe Varietät nun, die Hincks als Forma dentata bezeichnet, bildet
Busk^) als characteristische Form fax Memhyanipora xnlosa ab. Also
alle Autoren vereinigen beide Arten Linnes als %Iemhranipoya pilosa\
nur dass der eine die kurzstachelige, der andere die langstachlige
als Characterform annimmt. Meiner Meinung nach ist es durchaus
unnöthig in der Species Memhnmipoya jnlosa noch die beiden Varie-
täten pilosa und dentata zu unterscheiden und sogar unmöghch, da
man wegen der zahlreichen Uebergänge zwischen beiden Formen
immer in Zweifel bleiben würde, zu welcher Varietät die mit einem
Stachel von mittlerer Länge versehenen Individuen zu rechnen seien.
Ich werde also mit Smitt beide Formen zu der Varietät Forma
pilosa rechnen.
Die Colonie oder der Thierstock von Memhyanipora pilosa^ Forma
pilosa (Fig. I.) überzieht im Meere liegende Gegenstände, Steine,
Muscheln, vorzüglich Mytilus edulis, Seegras und die hier vorkom-
menen Tange Fucus vesiculosus und serratus. Von diesen Unterlagen
lassen sich die Thiere ziemlich gut ablösen, besonders leicht von
Mytilus. Die Forma pilosa findet sich besonders häufig im äusseren
Theile der Kieler Bucht, jedoch auch mit Forma membranacea zu-
sammen im inneren Theile derselben in der Region des grünen See-
grases. Die Colonie hat ein schwach grünlich gelbes bis rein grünes
Aussehen. Die Färbung derselben ist abhängig von der Farbe und
Anzahl der auf ihrer Oberfläche vorkommenden Organismen. (Dia-
tomeen und andere kleine Algen.) Die Colonie erreicht einen Durch-
messer von 10 cm. Zwischen den dicht aneinander stossenden, heller
erscheinenden Wänden der Zoöcien zeigen sich die Polypide als
Ijraune Punkte. Betrachtet man die Colonie mit ausgestreckten Thieren
von der Seite, so erscheinen diese schwach rosa angehaucht. Laub-
artig aufrecht wachsende Stöcke wurden von mir ebenso wenig ge-
funden, wie die von Smitt'') abgebildete, netzartig in einzelne Streifen
aufgelöst wachsende Form. Die einzelnen Thiere liegen dicht anein-
ander in Spiralen um das Mutterthier herum und erst in der Peri-
pherie grösserer Colonien waren sie in geraden Linien angeordnet.
Ein Thier wird meist von sechs Individuen umschlossen; der Stock
zeigt also eine quincunxartige Anordnung seiner Elemente. Die ein-
zelnen Thiere sind von sehr verschiedener Grösse und Form; von
ziemhch gleichen Dimensionen und constanter Form sind dieselben
nur dort, wo sie in geraden Reihen neben einander liegen; daher
1) Hincks. Brit. Marine Polyzoa. pg. 137, PI. XXIII fg. 1—4.
2)Busk. Catalogue of Marine Polyz. etc. Part. 11. Cheilostomata.
London 1854. pg. 56. PL 71.
3) Smitt. Kritisk föiteckning etc. Oefversigt. 1867. Tf. XX. Fig. 43.
6' W. Freese.
werde ich diese Form als typiscli beschreiben. An diesen Stellen
erreichen die Zoöcien eine Länge von 0,35 bis 0,50 mm und eine
Breite von 0,15 bis 0,20 mm.
Der Grundriss des Zoöciums von Membranipora pilosa Forma
pilosa ist ein Rechteck, dessen eine Seite etwa zwei bis dreimal so
lang ist. wie die andere. An den langen Seiten desselben erheben
sich zwei Flächen, die Seitenwände des Zoöciums, welche, sich etwas
nach aussen biegend, allmälig in die gewölbte Oberwand des Zoöciums
übergehen. Vorn und hinten wird dieser Hohlraum geschlossen
durch zwei zu seiner Längsausdehnung etwas nach vorn geneigte
Flächen, die zugleich seine kleinsten Wände sind: Vorderwand und
Hinterwand. Die Wände des Zoöciums bestehen wie bei allen Bryo-
zoen aus einer chitinösen, äusseren Schicht, der Ektocyste, und einer
weichen Gewebsschicht, der Endocyste, welche die Matrix der er-
steren ist.
Die Ektocyste, eine Cuticularausscheidung der Endocyste, bildet
das Scelett des Bryozoenindividuums, an ihr ist das Polypid befestigt
und inseriren die Muskeln. Bei jungen Thieren besteht sie nur aus
einer einschichtigen chitinösen Haut. Bei älteren Thieren wird sie
dreischichtig, indem sich in ihrem mittleren Theile Kalkkörperchen
ablagern. Hierdurch entsteht allmälig eine innere Kalklamelle, die
beiderseits von einer Chitinschicht überzogen wird. Diese Verkalkung
findet jedoch nur in den Seitenwänden und in dem hinteren Theile
der Oberwand statt, während die Unterseite und der vordere Theil
der Oberseite des Zoöciums dauernd aus kalkfreiem Chitin bestehen.
Besonders dünn und gleichmässig ist die C'uticula der Unterseite,
während die der Oberseite eine etwas grössere Dicke besitzt. Die
Oberseite zerfällt also in einen hinteren, kalkhaltigen Theil und einen
vorderen Theil, der keine Kalkablagerungen enthält. In dem vorderen,
die Hälfte bis zwei Drittel der ganzen Oberwand einnehmenden Theile,
liegt die Austrittsöffnung des Polypids, weshalb man ilm den Hof
der Oeffnung oder Area aperturae benannt hat. Derselbe ist eine
runde bis elliptische, ziemlich ebene Fläche, die von einem verdickten
kalkigen Rande umgeben wird, auf welchem bei den von mir gefun-
denen Exemplaren fünf bis neun chitinöse Stacheln sich erheben,
An der Stelle, wo diese Stacheln dem Rande aufsitzen, ist derselbe
etwas verbi'eitert. Was besonders bei dem hinteren mitunter sehr
langen Stachel auffallt, welcher an seinem unteren Ende auch dicker
ist als die anderen. Dieser unpaare Stachel steht in der Mittellinie
der Oberwand hinter der Area, während die übrigen in der Regel
(Fig. 1. A.) symmetrisch angebracht sind. Der vordere Theil (Fig. 1 o)
des Arearandes, der keine Stacheln mehr trägt, ist viel dünner und
besteht nm- aus einer schmalen Leiste. Die Stacheln sind kegelförmig
und bestehen sämmtlich aus Chitin, das nur am Grunde der Stacheln
Kalkeinlagerungen enthält. Hinter der Austrittsöfthmig des Thieres
befindet sich auf der Area der sogenannte Deckel. Dieser Deckel, der
kein selbstständiges Gebilde ist, sondern eine einfache Verdickung der
chitinösen Oberwand, hat die Form eines Halbmondes, dessen Hörner
senkrecht zu seiner Ebene umgebogen sind. An der vorderen, con-
Anatomisch-histologische Untersuchung etc. 7
vexen Seite desselben zieht sich scheinbar eine stabförmige Ver-
dickung entlang, von welcher noch spater') die Rede sein wird; wäh-
rend er an seiner hinteren, concaven Seite ziemlich schnell dünner
werdend in die überall gleichmässig, dicke Cuticula der Area
übergeht.
Der hintere, verkalkte Theil der Oberwand des Zoöciums, der
jedoch auch den proximalen Theil der Area seitlich umfasst, ist keine
ebene Fläche, sondern erscheint auf Querschnitten des Thieres convex.
Auf ihm befinden sich etwa 30 bis 40 kreis- oder ellipsenförmige
Stelleu (Fig. 1, g), die bei oberflächlicher Betrachtung Löcher zu sein
scheinen. Bei näherer Untersuchung jedoch findet man, dass dieselben
nur dünnere und daher durchsichtigere Flecken der Kalklamelle sind,
deren Vorhandensein die Familie Membranipora ihren Namen verdankt,
obwohl sie weder Poren in der Kalkschicht noch in dem Chitinüber-
zuge derselben sind. Es ist daher eigentlich unrichtig von der Art
Memhraniponi pilosa mit Smittund Anderen zu sagen, ihre Oberwand
sei durchlöchert. Der vordere Theil der Oberwand, die Area, ist
etwas nach vorne geneigt, während der hintere, kalkige Abschnitt
nach hinten zu abfällt; die Höhe des Zoöciura ist also bei dem un-
paarem Stachel am grössten. Die allmälig in die Oberwand über-
gehenden Seitenwände des Zoöciums sind ebenfalls verkalkt und tragen
auch jene oben beschi'iebenen Verdünnungen.
Ausserdem bemerkt man auf ihnen aber noch fünf etwa dreimal
so grosse, helle Kreise die Smitt') auch bei Fliistra foliacea fand
und ebenfalls für Perforationen hielt, weshalb er ihnen den Namen
Communicationsporen gab. Bei stärkerer Vergrösserung jedoch be-
merkt man, dass diese Gebilde (Fig. 2, A) von einem nach aussen
etwas schneller als nach innen abfallenden Walle (Fig. 2, w) umgeben
sind, und dass innerhalb dieses Walles noch Kalksubstanz vorhanden
ist, die aber fünf bis zwölf kleine, ebenfalls von einem niedrigen Walle
(Fig. 2, v) umgebene Oeftnungen enthält. Es sind die schon öfter
beobachteten, von Reichert-*) Rosetten platten genannten Gebilde,
denen Hincks^) den Namen Communicationsplatten beilegt. Jedoch
zeigen die Perforationen bei Memhranlpora pilosa, nicht die von
Reichert beobachtete Anordnung um eine centrale grössere Pore,
sondern liegen ebenso wie bei Flnstra membranacea'') und Flustra
memhranaceo-trnncata^) ziemlich unregelmässig. Vigelius Annahme,
dass in den Rosettenplatten von Flnstra keine Kalkeinlagernngen
vorhanden seien, trifft bei Membyanipora nicht zu, da in den mit
Kalilauge gekochten Kalkskeletten die Rosettenplatten unversehrt
waren. Dieselben sind auch bei unserem Thiere glatt und zeigen
1) D. Abh. S. -20.
2) Smitt. Kritisk förteckning. etc. Öfversigt. 1867. Tf. XX. fig. 15,
3) Reichert. Vergl. anat. Studien über Zoobotrj-on pellucidus. Ab-
handl. d. Königl. Akad. der Wissenschaften. Berlin 1869. S. 267. Taf. IIT.
Fig. 7.
") Hincks. Brit Marine Polyzoa. pg. VIII.
^) Nitsche. Beitrag z. Kenntniss der Bryozoen. Zeitsch. f. w. Zooig.
Bd. XXI. 1870. S. 420.
*) Vigelius. Die Bryozoen etc. Bijdragen t. d. Dierkunde. 1884. S. 22.
g W. Freese.
keine körnige Structur, woraus aber nicht auf Mangel von Kalkein-
lagerungen geschlossen werden darf, da der sehr stark verkalkte, mit
grossen Warzen besetzte Rand der Seiteuwände von Memhranipora
pilosa , Forma membranacea ') ebenfalls der körnigen Structur
entbehrt.
Uebrigens bestehen bei dieser Varietät ebenso wie bei den fol-
genden die Seitenwände aus einer einzigen beiderseits von Chitin über-
zogenen Kalkplatte, die au den Enden in die Kalkplatteu der Vorder-
wand und Hinterwand übergeht. Unsere Species zeigt also dasselbe
Verhalten wie Flnsfra memhranaceo-trimcata^ deren Zoücinm ebenfalls
von einer zusammenhängenden Kalkschicht umgeben ist, in der nicht
wie bei Flustra membranacea-) an den Seiteuwänden je zwei unver-
kalkte, als Gelenke dienende Chitinstreifen liegen.
Die ebenfalls dreischichtige Vorderwand des Zoöciums hat die
Form eines Rechtecks, das auf einer grossen Seite liegt. Die obere
Seite bleibt jedoch nicht gerade, sondern ist entsprechend der Krüm-
mung der Oberwand gebogen. Der die Area umgebende, verdickte
Rand theilt sich vor den vorderen beiden Stacheln in einen vorderen,
oberen, schmalen Theil (Fig. 1, o), der die Area an ihrem Vorder-
theil begrenzt, und einen breiteren (Fig. 1, u) der sich nach unten
wendend, etwa in halber Höhe auf der Vorderwand hinläuft. Die
Vorderwand des einen Zoöciums ist etwas höher wie die Hinterwand
des folgenden, so dass sie dieselbe etwas überragt. Auf der Vorder-
wand finden sich jene auf der Oberwand und den Seitenwänden be-
findlichen, verdünnten Stellen der Kalkschicht nicht, sondern sie ist
oben vollkommen glatt und eben. Aber auf ihrem unteren Viertel
befinden sich eine Menge kleiner, von einem Walle umgebene, Oeff-
nungen, (vergl. Fig. 4, km). Diese Oeffnungen, die Claparede"^)
schon bei Bugida und Shrupocellaria beschreibt und für Durchgangs-
öflFnungen des Kolonialnervensystems hält, sind auch in Wirklichkeit
Communicationsporen, denen auf der Hinterwand des folgenden Zoö-
ciums OeflFnungen gegenüberliegen. Sie sind homolog den bei Fhis-
traeiden von Witsche-') und Vigelius'^) beobachteten Rosetteuplatten
der Vorderwand und Hinterwand. Trotz dieser Homologie möchte
ich diesen kleinen von einem niedrigen Walle umgebenen Löchern
den Namen Rosettenplatten nicht zugestehen, da sie sich au einer anderen
Stelle finden und ihre Grösse nur ein sechstel derjenigen der Rosettenplatten
beträgt. Auch haben diese kleinen mit nur einem Loche versehenen
Gebilde keine Aehnlichkeit mit einer Rosette; ich schlage also vor,
ihnen den alten Namen der Rosettenplatten „Commumcationsjyoren''
zu geben; welchen Smitt für die Rosettenplatten vorschlug, der jedoch
später als für dieselben ungeeignet verworfen wurde. Eine den Ro-
settenplatten oder auch diesen Communicationsporen ähnliche Bildung
1) D. Abhandl. Seite 10.
2) Nitsche. Beitrag Zeitschr. f. w. Zool. XXI. S. 419.
3) Claparede. Beiträge zur Anatomie und Entwicklungsgeschichte der
Seebryozoen. Zeitschritt f. wissensch. Zooig. XXI. S. 160.
") Nitsche. Beiträge. Zeitschrift f. w. Zoolg. XXI. S. 429.
*j Vigelius. Die Br^'ozopn etc. Bijdragen t. d. Dierkunde. S 20.
Anatomiscli-histologische Untersuchimg etc. 9
beschreibt auch E;hlers') an den Berührungsflächen zweier Glieder
von UypopJiorclla expama (Ehlers), konnte sich jedoch nicht über-
zeugen, dass die chitinige Wand hier eine Durchbrechung besitze.
Eine ähnliche Bildung ist ebenfalls das von Joliet-) bei Bowerhankia
imbricata beobachtete Diaphragma zwischen den Zoöcien, das nur
eine Durchbohrung besitzt, — Ovizellen, Avicularien oder Vibracu-
larien habe ich bei Forma pilosa nicht beobachtet.
Eine andere Varietät der 3Ie'mbyanipora pilosa, die sich massenweis
in der Kieler Bucht findet, ist die Varietät Forma membranacea
(Müll.) Fig. 3. Dieselbe findet sich hauptsächlich in dem inneren
Theile des Kieler Hafens, Seegras und Miesmuscheln überziehend,
während sich Forma pilosa nur verhältnissmässig selten hier zeigt,
sondern vorzüglich in dem äusseren Theile der Kieler Bucht auf dem
in grösseren Tiefen wachsenden Fucus serratus zu gedeihen scheint.
Die Zugehörigkeit dieser Form zu Smitts^) Varietät Forma membra-
nacea ist ohne Zweifel, dieselbe entspricht jedoch nicht der Art Mem-
hranipora membranacea Hincks^) die sowohl in der Anzahl der
Stacheln als der Tentakeln von Smitts Forma membranacea abweicht,
und welche identisch ist mit der von Nitsche^) beschriebenen Flustra
membranacea Lin. Die Art Hincks' hat 20 Tentakeln und einen
Stachel an jeder vorderen Ecke des Zoöcium, während unsere Varietät
von Membranipora piilosa 11 bis 14 Tentakeln und nur einen un-
paaren Stachel besitzt.
Die Kolonie ist im ganzen derjenigen der Forma pilosa ähnlich,
entbehrt jedoch von der Seite gesehen des sammtartigen Aussehens,
das dieser durch die grosse Anzahl der Stacheln verliehen wird. Der
Polypide beraubte Kolonien unterscheidet man leicht von denen
der vorigen Varietät, da sie, mit blossem Auge betrachtet, von ovalen,
langen Löchern durchbohrt erscheinen, während die von Forma pilosa
rundere, nicht so dicht liegende Löcher tragen. Auch liier sind die
Zoöcien am regelmässigsten am Rande grösserer Kolonien ausgebildet
und eri'eichen hier eine Breite von 0,15 bis 0,2 mm und eine Länge
von 0,3 bis 0,45 mm. Die Kolonien dieser Varietät waren meistens
kleiner als die der vorigen.
Das Zoöcium von Membranipora pilosa, Forma membranacea
hat die Form eines hohlen, vierseitigen Parallelepipedon, die grossen
Flächen desselben bilden die Ober- und Unterseite , während die
kleineren die Seitenflächen bilden. Geschlossen wird dieser parallele-
pipedische Raum durch zwei zu seiner Axe geneigt stehende Flächen,
die zugleich seine kleinsten Wände sind, Vorderwand und Hinterwand.
Die Hinterwand eines jeden Zoöciums wird von einem mehr oder
') Ehlers. Hypophorella expansa. Ein Beitrag zur Kenntniss der mini-
renden Bryozoen. Abhandlung der Königl. Gesellsch. der Wissenschaften zu
Göttingen. Bd. XXI. 1876. Seite 14. Fig. 17.
^) Joliet. Bryozoaires des cötes de France. Archives de Zoologie ex-
perimentale 1877. pg. 223. Anm. 4.
3) Smitt. Förteckning. etc. Öfversigt. 1867. S. 371.
") Hincks. Brit. Mar. Polyzoa. pg. 140.
»JNitsche. Beitrag etc. Zeitschrift f. w. Zooig. XXI. S. 416.
10 W. Freese.
weniger entwickelten Stachel (Fig. 3) gekrönt, der sehr klein werden
und sogar ganz fehlen kann. Die Unterseite auch dieser Varietät
wird von ziemlich dünner Cuticula gebildet, aber auch die Oberwand
besteht, da sie fast ganz von der Area eingenommen wird, aus einer
chitinösen Membran. Der Deckel ist ähnlich wie bei Forma pilosa
und zeigt bis'wjeilen Kalkeinlagerungen.
Der einzige, dem unpaaren Stachel der vorigen Varietät ent-
sprechende Stachel ist soweit nach hinten gerückt, dass er auf der
stark mit Kalkeinlagerungen versehenen Hinterwand zu ruhen scheint,
während er vorn in den verkalkten Theil der Oberwand übergeht.
Letzterer ist meist sehr schmal und zeigt, nach vorn zu dünner werdend,
deutliche Zuwachsstreifen. Am schwächsten ausgebildet ist dieser
hintere, kalkhaltige Theil der Oberwand bei Individuen, denen der
Stachel fehlt. Uebrigens zeigen die Individuen einer Kolonie ziemlich
dieselbe Bewaffnung; häufig jedoch kommt es vor, dass die jüngeren
Thiere einer sonst stachellosen Kolonie bewaffnet sind. Nach dem
Kochen mit Kalilauge erscheint der Stachel als ein hohler, oben
offener Kegel. Dieser innen und aussen von einer Chitinschicht aus-
gekleidete Hohlkegel wird an seiner Oeffnung von einem massiven
Chitinstachel überragt. Denselben Aufbau zeigen nach Nitsche auch
die beiden Stacheln von Flnstra mcmhranacea sehr deutlich, während
bei der vorigen Varietät die kalkige Basis der Stacheln nur sehr
niedrig ist.
Unter diesem Stachel ist die Hinterseite (Fig. 4) von ziemlich
gleichmässiger Dicke, wird jedoch auf ihrem unteren Drittel von 20
bis oO Communicationsporen durchbohrt. Die Seitenwände des Zo-
öciums zeigen ebenfalls starke Kalkeinlagerungen. Kocht man die-
selben in Kalilauge, so zeigt sich, dass der obere, dickere Theil im
Innern des Zoöciums mit Reihen warzenförmiger Erhebungen (Fig. 8, e)
besetzt ist und nach unten zu schnell dünner wird. Diese Warzen
setzen sich auf den verkalkten Theil der Oberwand fort, stehen dort
jedoch viel weniger dicht und nur auf dem hinteren, dickeren Theile
derselben. Unter dieser Warzenzone ist die Ectocyste der Seiten wand
ebenso wie an der ganzen äusseren Seite eben und zeigt keine runden
verdünnten Stellen, ausser den zwei, mitunter auch wohl drei Rosetten-
platten, die ebenso wie der gewarzte Kantentheil im Gegensatze zu
der übrigen Seitenwand, die eine körnige Structur hat, glatt erscheinen. —
Auch bei dieser Varietät finden sich keine Vibracularien, Avicularien
und Ovizellen.
Eine dritte Varietät (Fig. ä) von Menibrunipora pilosa., die sich
allerdings nur in einem kleinen, schwachsalzigen Theile 'der Kieler
Bucht findet, ist nachSmitt') die Forma monostachys (Busk); nach
Hincks'-) wäre es die Art 3femhranij)ora monosfach/s und zwar die
Varietät fossaria, die überhaupt Smitts Forma monostachys zu ent-
sprechen scheint. Dieselbe findet sich in fast süssem Wasser an dem
Einflüsse der Swentine in die Bucht. Ich fand sie dort in unmittel-
') Smitt. Kritisk förteckning. Oefversigt 1867. S. :^70.
-) Hincks. Brit. Marine Polyzoa pg. 131.
Anatomisch-histologische Untersuchung etc. 11
barer Nähe der Mühle als breite Flächen die Pfähle überziehend oder
auch die Stiele von Cordijlophora lacustris umwachsend. Ausserdem
erhielt ich noch Exemplare aus dem ebenfalls brackischen Winde-
byer Noor bei Eckernforde, welche als schwammarticfe Klumpen den
Stielen von Wasserpflanzen angeheftet sind. Von früheren Autoren
wurde diese Brackwasserform ebenfalls nur an Flussmünduügen oder
solchen Stellen gefunden, wo das Wasser wenig salzreich Avar.
Hincks erwähnt ihr Vorkommen an der englischen iind französischen
Küste, Smitt an der schwedisch-norwegischen, und Kirchenpauer ^)
meint dieselbe auch bei Cuxhafen an der Elbmündnng gesehen zu haben.
Dieselbe hat im ganzen einige Aehnlichkeit mit der Varietät
membranacea, unterscheidet sich aber von dieser schon dadurch, dass
bei ihr der verdickte Rand der Area auch au dem verkalkten Theile
der Oberwand ziemlich deutlich ausgebildet ist. (Fig. 5). Die Form
des Zoöciums ist dieselbe wie bei der vorigen Varietät, variirt jedoch
bei den in schwammartigen Kkimpen wachsenden Colonien ebenso
sehr, wie die Grösse der Zoöcien, die in manchen Fällen nur ein
Sechstel der typischen Grösse beträgt. Die Area nimmt fast die
ganze Oberseite ein, so dass der verkalkte Theil, der übrigens nicht
jene scheinbaren Löcher zeigt, hinten nur eine schmale Zone bildet,
die an den Seiten den Hof der Oeflfnung etwas umfasst. Der Deckel,
der auch häufig Kalkeinlagerungen enthält, scheint bei dieser Form
etwas länger zu sein, als bei den vorher beschriebenen. Der die
runde oder elliptische Area umgebende Rand ist ringsherum an
seiner Oberseite mit Reihen von Warzen besetzt, so dass er von der
Seite gesehen, oben eingekerbt zu sein scheint. Hinter dem Oeffnungs-
hofe findet sich ein hohler Stachel, der jedoch auch fehlen kann, bei
dessen Vorhandensein aber der kalkhaltige, hintere Theil der Ober-
wand breiter ist, wie sonst. Einmal beobachtete ich auch noch zwei
Stacheln an den vorderen Ecken des Zoöciums , die der Vorderwand
so nahe gerückt waren, dass sie auf ihr zu ruhen schienen. Uebri-
gens finden sich bei dieser Varietät stachellose und bewaffnete Indi-
viduen auf einem Zoöcium neben einander, während die Zoöcien der
vorigen Varietät auf einer Colonie auch ziemlich dieselbe Bewaffnung
tragen.
Die Seiten wände von Forma monostachys ^ die oben von dem
Rande der Area begrenzt werden, tragen 2 bis 3, bei sehr
langen Individuen auch wohl vier Rosettenplatten. Letztere enthalten
5 bis 10 sehr feine Poren, welche von einem bei dieser Varietät be-
sonders grossen Hofe umgeben sind. (Fig. 2 B). Ausserdem bemerkt
man auf den Seidenwänden noch eine Anzahl jener, bei Forma pilosa
erwähnten, als runde Löcher erscheinenden, verdünnten Stellen, (Fig.
5. g). Dieselben waren aber viel kleiner und lange nicht so zahlreich
wie bei jener. Das ist auch wohl der Grund, weshalb ihr Vorhanden-
sein von früheren Beobachtern nicht angeführt wird. Die Anwesen-
heit dieser runden Grübchen scheint ausser der Art des Vorkommens
^) Jahresbericht der Comm. z. Uut. d. deutsch. Meere. Expedition zur
Unters, der Nordsee. Berlin 1875. S, 185.
12 W. Freese.
das einzige Merkmal zu sein, durch welches man Forma monostachi/s
von der ihr im allgemeinen sehr ähnlichen Forma mcmhranacea un-
terscheiden kann, denn hei letzterer konnte ich niemals solche runden,
dünnen Stellen bemerken.
Die Vorderwand wird ebenfalls von dem Rande der Area be-
grenzt und zeigt keine dünnen Gruben, trägt aber ebenso wie die
Hinterwand eine grosse Zahl Communicationsporen, deren Structur
man bei ihrer verhältnissmässigen Grösse sehr gut erkennt. Dieselben
sind ganz ähnlich den Rosettenplatten gebaut, sind jedoch viel kleiner
und tragen nur eine einzige Perforation. Innerhalb des ringförmigen
Walles sind sie uhrglasartig ausgehöhlt und in der Mitte durchbohrt.
Uebrigens überragt auch bei dieser Varietät die Vorderseite des einen
Individuums die Hinterseite des anderen. Wie Vigelius bemerkt,
scheint die Vorderwand und Hinterwand benachbarten Zoöcien von
Flustra memhranaceo-trtmcaUi gemeinsam zu sein. Dieselbe Beob-
achtung machte ich bei den zuerst beschriebenen Varietäten; bei
Forma monostachys jedoch gelang es mir einen deutlichen Spalt
zwischen der Vorderwand des einen und der Hinterwand des anderen
Individuum zu erkennen. Bei dieser Form trat die quincunxartige
Anordnung der Zoöcien nicht so deutlich hervor, dieselben waren
vielmehr häufig in Reihen angeordnet.
Was die Angabe Busks') betrifft, dass Avicularien über die
Bryozoencolonie zerstreut waren, so muss ich bemerken, dass ich
niemals derartige Gebilde fand. Auch Hincks'^) leugnet das Vor-
handensein von Avicularien; beschreibt jedoch Gebilde, die er als
avicularienähnlich bezeichnet und für unvollkommen entwickelte
Zoöcien hält. Solche zwergartige Zoöcien, welche nur ein Sechstel
der gewöhnlichen Grösse erreichen, sonst aber die Form der typischen
Zoöcien haben, finden sich auch bei den hiesigen Exemplaren und
zwar hauptsächlich bei den schwammartig wachsenden Colonien. Da
sich jedoch bei ihnen kein mandibelartiger Deckelapparat findet und
ihre Anordnung eine durchaus unregelmässige ist, glaube auch ich
dieselben für unvollkommen entwickelte Zoöcien halten zu müssen.
— Vibracularien und Ovizellen fand ich bei den von mir untersuchten
Colonien ebenfalls nicht.
Die Eiidocystc.
Die Endocyste von Memhranipora pilosa ist die ursprünglich
zellige Auskleidung der Ektocyste. Bei ausgewachsenen Thieren je-
doch bildet sie ein dünnes Maschenwerk protoplasmatischer Fäden, in
dem man keine Zellgrenzen unterscheiden kann. An nicht gefärbten
Präparaten erkennt man an der Endocyste ziemlich gleichweit von
einanderliegende Protoplasmaklümpchen, die durch von ihnen aus-
strahlende Fasern mit einander verbunden sind. Bei gefärbten Stücken
aber zeigt sich (Fig. 6), dass diese Protoplasmaklümpchen fast ganz
*) Busk. Catalogue of Marine Polyz. etc. Part. II. 1854, pg. 61.
"0 Hincks. Brit. Marine Polyz. pag. 134.
Anatomisch-histologische Untersuchung etc. 13
von grossen runden oder kleineren ovalen Kernen mit deutlichem
Nukleolus gebildet werden, die von einem nur schmalen Hofe proto-
plasmatischer Substanz umgeben sind. Aehnlicli manchen Bindege-
webszellen sendet dieselbe unregelmässig sich verzweigende Ausläufer
nach allen Seiten. Ein Theil dieser faserigen Ausläufer führt ohne
sich zu verzweigen zu den nächstliegenden Kernen, die anderen aber
verzweigen sich und verlaufen sich kreuzend und mit einander anasto-
mosirend, ohne sich an den Hof eines Kernes anzusetzen.
Smitt beschreibt die Endocyste als eine homogene Lamelle, die
von einem Netze äusserst feiner, anastomosirender, röbriger Kanäle
durchzogen ist, welche sich an den Knotenpunkten erweitern. Offen-
bar sind diese Knotenpunkte die von einem protoplasmatischen Hofe
umgebenen Zellkerne, in denen ich immer einen Nukleolus erkannte.
Dass die von den Kernen ausstrahlenden Fäden Röhren seien, kann
ich ebenfalls nicht bestätigen, da ich in ihnen keine Doppelcontou-
riruug entdecken konnte, auch auf Claparede^) haben dieselben
durchaus nicht den Eindruck von hohlen Strängen gemacht. Uebrigens
liielt auch Smitt diese Ansicht nicht aufrecht, sondern widerrief die-
selbe später. Reichert-) leugnet ebenfalls die Existenz von Kernen
in der Endocyste, abgesehen von den in der Knospenbildung begrif-
fenen Stellen, und hielt die auch von Nitschc'') als Kerne bezeich-
neten Gebilde für die Insertionsstellen des communalen Bewegungs-
organs oder für Vacuolen. Ich muss nun zugeben, dass man die
Ansatzpunkte der Parietalmuskelfäden leicht für Kerne hält. Dass
jedocli wirkliche Kerne vorhanden sind, zeigt sich an mit Hämato-
xylin und Eosin gefärbten Präparaten, in denen dieselben ebenso wie
die unzweifelhaften Kerne des Darmkanals blau erscheinen, während
alles übrige roth ist. Auch Vigelius^) fand Kerne in der von ihm
„Parietalschicht des Fasergewebes " genannten Endocyste. Er be-
schreibt dieselbe als ein Netzwerk feiner Protoplasmafäden, in dessen
Knotenpunkten die Zellkerne liegen, und welches der Ektocyste an-
gelagert ist, ohne in eine dünne Membran eingebettet zu sein. Er
tritt hierdurch der Behauptung Nitsches entgegen, welcher bei
Flustra memhranacea eine helle Membran beschreibt, in welche die
Protoplasmastränge eingelagert sein sollen. Da es mir nicht gelang,
eine solche dünne Membran zu beobachten, glaube auch ich deren
Existenz bezweifeln zu müssen.
Eine wirklich epithelartige Struktur zeigt die Endocyste nur dort,
wo sie die Rosettenplatten überzieht. Hier findet sich ein auch von
Nitsche bei Flustra memhranacea gefundenes Epithel, dessen cylin-
drische Zellen einen dunklereu körnigen Inhalt führen und einen eben-
falls sehr stark sich färbenden Kern besitzen. Das einzellschichtigc
Rosettenplattenepithel bildet einen linsenförmigen Pfropf, der die
') Clapavede. Beitrag etc. Zeitschr. f. w. Zooig. XXI. p. 142
^) Reichert. Vergl. anat. Untersuch, etc. Abh. d. Königl. Akad. in
ßerüu. 1869, iL S. 273.
3) Nitsche. Beiträge etc. Zeitschr. f. w. Zooig. XXI. S. 424.
^) Vigelius. Die Bryozoen etc. Bijdragen. 1884. S. 25.
14 W. Freese.
ganze Platte bedeckt und dessen Zellen in der Mitte länger sind,
wie an den Seiten. Nach Reichert 0 wurde die Epithelnatur dieses
Rosettenplattenüberzuges schon von Fr. Müller vermuthet; Reichert
selbst aber schreibt sein scheinbar körniges Gefüge anderen Ursachen
zu. Bei Flustra membranaceo-fruncata bezweifelt Yigelius-) die
Epithelnatur des Rosettenplattenbelags, doch sind auch bei dieser
Species die Kerne an den betreffenden Stellen meistens sehr zahl-
reich vorhanden, liegen jedoch so unregelmässig, dass Vigelius zu
jener Annahme gelangt. Nach ihm scheint der Pfropf der Rosetten-
platten überhaupt nicht immer vorhanden zu ^eh\, welche Erschei-
nung mir bei 3Iembrampoya püosa nicht auffiel. Die dunkelgefärbten
Kerne dieses Epithels fallen deshalb besonders auf, weil die übrigen
Kerne der Endocyste viel schwächer gefärbt werden. Ebenfalls sehr
stark färben sich die Kerne in der Gegend der Communicationsporen
der Hinter- inid Yorderwand, an welchen Stellen dieselben auch viel
dichter liegen, als an der übrigen Endocyste.
An die Endocyste angelagert, finden sich Ballen stark licht-
brechender Körner, welche, da sie sich in Säuren lösen, wohl Kalk-
körperchen sein werden; man hat dieselben auch bei anderen Bryo-
zoen der Endocyste anhaftend gefunden. Durch Kohlensäurenent-
wicklung bei Zusatz von Säuren den Kalkgehalt dieser Körnerhaufen
nachzuweisen, war wegen der starken Verkalkung der Ektocyste
unseres Thieres leider unmöglich. Ausserdem haften noch Haufen
von Zellen an der Endocyste, die einen grossen Zellkern enthalten
und aus denen zum Theil die Geschlechtsprodukte hervorgehen. Die
von Reichert beobachteten, sich mit Jod purpurn färbenden Amyloid-
kügelchen konnte ich nicht constatiren.
Die Leibesliöhle.
Die von der Ektocyste und Endocyste umschlossene Höhlung
des Zoöciums, die ,perigastric cavity" mancher Autoren, ist eine der
Leibeshöhle anderer Thiere entsprechende Bildung. Diese Höhle des
Zoöciums ist von einer hellen Flüssigkeit erfüllt, die nach Reichert
aus Seewasser und etwas darin gelöstem Eiweiss bestehen soll. In
diesei- Höhlung flottirt das dem Darmkanale entsprechende Polypid
mit den befestigenden Muskeln. Ausserden finden sich in derselben
jedoch noch verschiedene andere Gebilde, von denen wir zunächst die
Parietalmuskel besprechen wollen.
Die Parietalmuskelii.
Zwischen der Oberwand und den Seitenwänden gespannt sind
die Parietalmuskeln , deren Anzahl je nach der Länge des Zoöciums
^) Reichert. Vergl. anat. Untersuch, etc. Abhandl, der Königl. Akad.
Berlin 1869. II. S. 286.
-) Vigelius. Die Bryozoen etc. Bijdragen et. 1884. S. 26.
Anatomisch-histologische Untersuchung etc. 15
schwankt, meist sind es 4 oder 5 auf jeder Seite. Wie auch Rei-
chert') annimmtjUnd Nitsche anzunehmen scheint, inseriren sie an
der Ektocyste der Seitenwände und der Oberwand, hier in einer Linie,
die ziemlich nahe den Seitenwänden zu diesen parallel verläuft. Jedes
Muskelbündel besteht aus einer unbestimmten Anzahl von Fasern,
die zwischen 3 und 10 schwankt. Sie sind bald cylindrisoh, bald band-
förmig, tragen aber immer einen deutlichen ovalen Kern, den nach
Ehlers-) die Parietalmuskelfasern von Hijpopliorella expansa nur im
Jugendzustande besitzen sollen. Die Fasern sind etwas schmäler als
die der anderen freien Muskeln und färben sich weniger stark, als
diese. Eine Höhlung konnte ich in ihnen nicht entdecken, wohl aber
schien es mir mitunter, als ob dieselben doppelt kontourirt wären
Bei genauerer Untersuchung zeigte es sich jedoch, dass in diesem
Falle zwei einzelne Fasern übereinanderlagen ; auch trug die schein-
bar einfache Faser zwei Kerne, deren Vorkommen Reichert auch
bei seinen Parietalspannbändern beschreibt. Sollte nicht Reichert
ebenfalls zwei sich deckende Fasern vor sich gehabt haben und aus
der doppelten Contur derselben auf hohle Schläuche geschlossen
hahen? Die Fasern setzen sich mit trichterförmig verbreiterten Enden
an die Wände des Zoöciums an, ebenso wie bei den beschriebenen
Flustraeiclen sind dieselben auch bei Membranlpora niemals in so
hohem Grade tellerförmig verbreitert, wie von Reichert'^) bei Zoo-
botryon pellucidus gezeichnet wird.
Fuiiiculi laterales imd Fuiiieularplatte.
Ausser diesen Muskelfasern und den Geschlechtsprodukten linden
sich in der Höhle des Zoöciums, und zwar an ihrer unteren analen
Seite, noch die von Nitsche^) sogenannten Funiculi laterales oder
Seitenstränge und die Funicularplatte. Beide zusammen bilden
das „ Kolonialnervensystem " Fr. Müllers, während Reichert sie
schon vorsichtiger als „communales Bewegungsorgan" beschreibt.
Dass hier von einem Nervensystem nicht die Rede sein kann, zeigt
sich schon daraus, dass man in diesen Gebilden bisher noch keine
nervösen Elemente gefunden hat. Ich schliesse mich daher in Bezug
auf die Function dieses Apparats ganz der Ansicht Nitsches'') an,
der die Funicularplatte für ein Organ hält, das dazu dient, den Darm-
kanal in einer bestimmten Lage zum Zoöcium zu erhalten, und der
zugiebt, dass die Seitenstränge wohl geeignet seien, Reize von einem
Tiere auf das andere zu übertragen, da an ihren Insertionsstellen in
den Rosettenplatten die Wände des Zoöciums besonders dünn shid.
^) Reichert. Vergl. anat. Untersuch, etc. Abhandl. der Königl. Akad.
Berlin 1869. II. S. 294.
2) Ehlers. Hypophorella expansa etc. Abhand. d. Königl. Gesellsch. i.
Göttingen. XXI. S. 29.
3) Reichert. Ebendaselbst. Tat". VI. Fig. 27.
-») Nitsche. Beitrag etc. Zeitschrift f. w. Zooig. XXI S. 425.
^) Nitsche, ebendaselbst S. 435.
16 W. Freese.
In seiner Monographie von Flusfra memhranaceo-truncata beschreibt
Vigelius') diese Gewebe unter dem Namen „Parenchymgewebe",
zu welchem er aber auch die Endocyste als Parietalschicht und das
äussere, dünne Darmepithel unter der Bezeichnung , Darmschicht des
Parenchymgewebes" rechnet.
Die Funiculi laterales oder Seitenstränge, die Nitsche beschreibt,
sind homolog dem Funiculus posterior und dem Hauptaste des com-
munalen Bewegungsorgans, welche Reichert bei Zoobotri/on erwähnt,
denn beide setzen sich ebenso wie die Seitenstränge an die Rosetten-
platten und scheinen auch eine ähnliche Struktur zu besitzen. Bei
Flusfra memhranaceo-trimcata-) scheinen diese Stränge nicht so stark
ausgebildet zu sein, wie bei Memhranipora püosa, sondern liegen als
dünne Faserstränge dem Hautskelette an.
Die Funiculi laterales sind runde Gebilde, die mit einer gemein-
schaftlichen Wurzel von einer Rosettenplatte entspringend, sich in
zwei in entgegengesetzter Richtung ziehende Stränge teilen, die zu
den nächstfolgenden Rosettenplatten derselben Wandung gehen, wo
sie sich mit dem ihnen entgegenkommenden Strang verbinden und
mit gemeinschaftlicher Wurzel enden. An der Vorder- und Hinter-
wand des Zoöciums lösen sich die beiden Seitenstränge bei unserem
Tliiere in einzelne Stränge auf, die deutliche Kerne führend, zu den
Communikationsporen dieser Wände gehen. Dieselbe Erscheinung
beschreiben auch S m i 1 1 und C 1 a p a r e d e •^) bei verschiedenen chilostomen
Arten, während die von Nitsche untersuchte Flusfra mcmhranacea
und die von Vigelius beschriebene Flusfra memhranaceo-trimcafa
auch auf diesen Wandungen wirkliche mehrfach durchbohrte Rosetten-
platten besitzen, an welchen die Funiculi laterales unverzweigt inse-
rieren. Wie schon bei Beschreibung der Endocyste erwähnt, liegen
in der Umgegend der Communikationsporen die Kerne der Endocyste
viel dichter und sind auch bedeutend dunkler gefärbt, als an den
übrigen Theilen derselben mit Ausnahme der Cylinderzellen des Rosetten-
plattenepithels. Ausser durch ihren Zusammenhang mit den Rosetten-
])latten werden die Seitenstränge noch durch dünne, an ihnen sich
ansetzende Ausläufer der Funikularplatte in ihrer Lage erhalten. Die
Funiculi laterales sind meist rührige Stränge, die von einem aus
spindelförmigen Zellen gebildeten Gewebe bedeckt sind, und die in
ihrem Innern eine klare, feinkörnige Masse enthalten. Jedoch machen
sie keineswegs immer und an ihren Verzweigungen niemals den Ein-
druck von hohlen Strängen, wie Nitsche^) es abbildet und beschreibt,
sondern häutig erscheinen sie nur aus einem Flechtwerk dieser Spin-
delzellen zu bestehen. Dieselbe Erscheinung erwähnt auch Reichert
bei Zoobofri/on, -während Vigelius'^) den Seitensträngen gänzlich
ihre röhrenförmige Beschaffenheit abspricht.
') Vigelius. Die Bryozoen. Bijdragen. 1884. S. 23.
2) Vigelius. Die Bryozoen etc. Bijdragen. 1884. S. 30.
=*) Claparede. Beitr. etc. Zeitsch. f. w. Zooig. XXI, S. 160.
^) Nitsche. Beitr. etc. Zeitsch. f. w. Zooig. XXI. S. 425. Tf. XXXVIIl.
Fig. 19.
^) Vigelius. Bryozoeu etc. Bijdragen 1884. S. 30.
Anatomisch-histologische Untersuchung etc. 17
Die Spindelzellen (Fig. 7) tragen helle, runde bis ovale und
spindelförmige Kerne, die etwa doppelt so gross sind, als die Kerne
der Endocyste, und einen oder auch zwei Nukleolen besitzen. Ausser
diesen hellen Kernen finden sich noch kleinere dunklere Zellkerne in
ihnen. Der Inhalt der Spindelzellen ist sehr feinkörnig, mitunter
jedoch finden sich auch einzelne grössere Körnchen. Die Spitzen
dieser spindelförmigen Zellen stossen auf einander, wodurch die Funiculi
laterales bei schwacher Vergrösserung ein längsgestreiftes Aussehen
erhalten, welche Erscheinung auch Claparede') bei Biigula be-
schreibt.
Die andere von Nitsche erwähnte Ausbildung der Seitenstränge
als chitinisirte, bandartige Stränge konnte ich bei Membranipora
nicht beobachten.
Der zweite Theil des Colonialnervensystems Fr. Müllers und
Smitts, die von Nitsche-) sogenannte „Funicularplatte", reprä-
sentirt das Communicationsnetz des communalen Bewegungsorgans
Reicherts und wird von Vigelius^) als Stranggewebe bezeichnet.
Die Funicularplatte liegt bei unserem Thiere ebenso wie die Funiculi
laterales der Endocyste der Unterseite sehr genähert. Es ist eine
flächenartige Ausbreitung strangartiger Gebilde, die mit der ihr zu-
nächstliegenden Endocyste zusammenhängt und auch Zweige zu den
Seitensträngen und dem Polypide sendet. Ich sah deutliche Zweige
dieses Gewebes an dem Blindsack des Magens vorne sowohl wie hinten
inseriren, auch an den Pylartheil sowie an das Rectum setzen sich
Fasern an. Jedoch unterschied sich der an das hintere Blinddarm-
ende gehende Strang in keiner Weise von den übrigen, während
Nitsche ihm eine grössere Mächtigkeit zuschreibt. Wahrscheinlich
werden wohl noch mehrere Stränge zur Befestigung des Darmkanals
dienen, dieselben scheinen jedoch ziemlich unregelmässig angeordnet
zu sein und für jedes Thier eine andere Vertheilung zu zeigen, was
auch Vigelius annimmt.
Die Funicularplatte besteht bei Membranipora ebenso wie bei
Flustra membranacea aus einem Geflecht spindelförmiger Zellen (Fig. 8)
von gleicher Grösse, wie die der Seitenstränge. Ihr Inhalt ist eben-
falls ein ähnlicher, ihre Kerne jedoch sind immer spitzer und spindel-
förmiger und nicht klaren Inhalts wie die der Seiten strangzellen,
sondern dunkel geförbt. Vigelius konnte in den Parenchymsträngen
von Flustra membranaceo-trimcata keine deutlichen Spindelzellen
mehr erkennen. Dies mag wohl bei älteren Zoöcien vom Membrani-
j)ora ebenfalls der Fall sein, in denen ich die Struktur der Funi-
cularplattenstränge nicht studiren konnte, da dieselben zu sehr mit
Geschlechtsprodukten erfüllt waren. Im übrigen stimmen meine Be-
obachtungen in Bezug auf den Bau der Kerne mit denen von Vige-
lius überein.
^) Cl aparede. Beitrag. Zeitsch. f. w. Zooig. XXI. S. 159.
2) Nitsche. Beitrag etc. Zeitsch. f. w. Zooig. XXI. S. 434.
') Vigelius. Die Bryozoen etc. Bijdragen 1884. S. 24.
Arch. f. Naturgeech. Jahrg. 1868. Bd. I. H. l. 2
lg W. Free 8 e.
Das Polypid.
In dem von der Endocyste und Ektocyste umschlossenen Räume,
der der Leibeshöhle anderer Thiere entsprechenden Höhle desZoöciums,
liegt durch die Tentakelscheide, die Muskeln und die Punicularplatte
mit der Leibeswand verbunden das sogenannte Polypid, welches früher
für ein Tochterindividuum der Zoöciums gehalten wurde. Dasselbe
ist der Ernährungsapparat des Thieres und zerfallt in einen zum
Fang der Nahrung und zur Respiration dienenden Theil, die Tenta-
kelkrone mit der Tentakelscheide, und einen verdauenden Theil, den
Darmkanal.
Die Tentakel scheide.
Die Tentakelscheide ist ein hohler Schlauch, der sich vorne an
der Oeffnung des Zoöciums an die Endocyste der Oberseite ansetzt,
hinten aber an dem Ringkanale des Polypids inserirt. In diesem Zu-
stande, also bei zurückgezogenem Polypide, bildet sie eine Scheide
um die Tentakeln, bei ausgestrecktem Polypide jedoch ist sie nach
aussen gestülpt, so dass sie den Oesophagus, einen Theil des Magens
und den analen Theil des Darms umschliesst.
In histologischer Hinsicht (Fig. 9) ist sie eine Lamelle, in der
man keine Zellgrenzen unterscheiden kann, obwohl ihr deutliche Zell-
kerne eingelagert sind. Auf der Tentakelscheide finden sicli faserige
Stränge, die schon Nitsche für Muskelfasern hält, und zwar finden
sich sowohl Längs- wie Ringmuskelfasern. Obwohl man in denselben
keine Kerne erkennt, sondern nur elliptische oder spindelförmige Ver-
dickungen, ist man doch wohl berechtigt, sie für Muskelfasern zu
halten.
Vigelius^) beschreibt, dass bei dem von ihm untersuchten Thiere
die Tentakelscheide noch von der von ihm sogenannten , Darmschicht
des Fasergewebes " überzogen sei. Er schreibt dieser Schicht die am
häufigsten auf der Tentakelscheide zu sehenden, ovalen Kerne zu, die
ich für die Kerne der Tentakelscheide selbst halte. Nach seiner Ab-
bildung (Fig. 35) zu urtheilen, hält er nur die grösseren, spindelförmigen,
viel seltener sich zeigenden Flecken für die der Tentakelscheide zu-
gehörigen Kerne. Ich vermuthe in diesen die Kerne der Ringmusku-
latur, von deren Vorhandensein Vigelius nichts erwähnt, und zwar
aus folgendem Grunde. Er zeichnet in obiger Figur diese Kerne mit
ihrer Längsausdehnung parallel den Ringmuskelfasern und zum Theil
auf denselben liegend; gehörten dieselben nicht den Muskelfasern an,
so müsste auch ich diese Kerne zwischen den Fasern gesehen haben,
was aber nicht der Fall ist, sondern immer zeigten sich dieselben
eng mit den Muskelelementen verknüpft, während die übrigen Kerne,
die über die Tentakelscheide ziemlich gleichmässig vertheilt sind, auch
zwizchen den Fasern sich zeigten, ich glaube also nicht, dass die
Tentakelscheide zweischichtig ist, und bin der Ansicht, dass die Darm-
^) Vigelius. Die Bryozoen etc. Bijdragen. 1884. S. 33.
Anatomisch-histologische Untersuchung etc. 19
schickt des Fasergewebes sich nur auf dem Darmkanale zeigt, wo sie
auch schon von anderen Autoren unter dem Namen äusseres Darm-
epithel beschrieben wurde; von mir wurde dasselbe allerdings nur
auf dem Oesophagus beobachtet.
Ebensowenig wie Vigelius fand ich eine Communication der
Tentakelscheidenhöhlung mit der Leibeshöhle des Thieres, durch welche
die Geschlechtsprodukte des Thieres ins Freie gelangen könnten, son-
dern das einzige Organ, das die Tentakelscheide durchbohrt, ist der
etwa auf der Hälfte ihrer Länge mündende Afterdarm. An der Mün-
dungsstelle des Afters in die Tentakelscheide ist dieselbe häufig zu
einer dünnen Röhre ausgezogen, die als eine dünnwandige Fortsetzung
des Afterdarms erscheint, von welcher aus die Längsmuskelfasern auf
das Rectum übergehen.
Die Ringmuskelfasern der Tentakelscheide bilden an ihrem hin-
teren Teile (Fig. 9A), ebenso wie Nitsche bei Flustra membranacea
besclu'eibt, einen deutlichen Sphinkter, in welchem sie dichter ge-
lagert sind und in ziemlich gleichen Zwischenräumen die Tentakel-
scheide umziehen. Bei Flustra menibranaceo-truncata^) scheinen die
Ringmuskelfasern ziemlich gleichmässig über die Tentakelscheide ver-
breitet zu sein, doch liegen sie bei dieser Species auf der ganzen
Tentakelscheide ebenso nahe bei einander, wie bei unserem Thiere
im Sphinkter. Auch Ehlers^) beschreibt bei Hypopliorella keinen
solchen Sphinkter, wie er überhaupt die Anwesenheit von Muskel-
fasern auf der Tentakelscheide dieses Thieres bezweifelt. Die Längs-
muskelfasern sind an der Basis der Tentakelscheide ziemlich gleich-
massig über dieselbe vertheilt. An dem bei zurückgezogenem Polypide
distalen Theile jedoch vereinigen sie sich zu vier Bündeln, deren
Fasern in die bei Chilostomen zuerst von Nitsche 3) beschriebenen
Parieto Vaginalbänder übergehen.
Die ParietOTagiiialbänder.
Vigelius*), der die Parietovaginalbänder zu seinem Paren-
chymgewebe rechnet, bezweifelt das Eintreten von Muskelfasern von
der Tentakelscheide in diese Gebilde ebenso wie Ehlers. Diese
Parietovaginalbänder sind zwei Paar Faserbündel, die sich von der
Tentakelscheide zu der Endocyste erstrecken. Das kurze obere Paar
geht aus den beiden oberen auf der Tentakelscheide hinziehenden
Längsmuskelbündeln hervor und setzt sich nach hinten oben ziehend
an die Endocyste. Das untere Paar geht aus den unteren Bündeln
hervor und inserirt, nach vorne zwischen den beiden Opercularmus-
kelbündeln hindurch ziehend, an der Endocyste der Vorderwand etwas
oberhalb der Communikationsporen (Fig. lOj und nicht wie bei Flustra
memhranaceo-truncata an der Neuralwand. Wie auch Vigelius be-
') Vigelius. Die Bryozoen etc. ßijdragen. 1884. S. 33. Fig. 35.
^) Ehlers. Hypophorella expansa. Abh. d. Kgl. Gesellsch. d. Wisseiisch.
Göttinnen. XXI. S. 38.
3) Nitsche. Beiträge etc. Zeitschr. f. w. Zooig. XXI. S. 433.
'') Vigelius. Die Bryozoen etc. Bijdragen. 1884. S. 29.
20 W, Freese.
hauptet, verlässt das obere Paar die Tentakelscheide früher wie das
untere, so dass also die beiden Parietovaginalbänderpaare nicht, wie
Nitsche behauptet, in einer Ringzone entspringen. Die vorderen
Parietovaginalbänder sind cylindrische, ihrer Länge nach gestreifte
Stränge, während die hinteren, oberen Bänder ebenfalls längs ge-
streifte Gebilde sind, deren Fasern aber immer neben einander in
einer Ebene verlaufen und keinen cylindrischen Strang bilden. Sie
setzen sich, kegelförmig anschwellend, mit ihren distalen Enden an
die Endocyste, während sie an der Tentakelscheide mit flächenartiger
Verbreiterung inseriren. Diese Bänder (Fig. l(Tpvb) bestehen aus
einer klaren, selten feinkörnigen, homogenen Substanz, in welche die
dünnen Muskelfasern eingebettet sind, und welche in ihrem Innern
und an ihrer Oberfläche ovale Kerne mit Kernkörperchen eingebettet
enthält.
Die ParietoYaginalinuskelii.
Ganz in der Nähe der Insertionsstellen der Parietovaginalbänder
setzen sich an die Tentakelscheide zwei Parietovaginalmuskeln.
Dieselben verlaufen von der Tentakelscheide nach hinten unten zu
den Seitenwänden des Zoöciums, an denen sich die einzelnen Fasern,
mit kegelförmig verbreiteten Enden ansetzen. Die Fasern der Parieto-
vaginalmuskeln laufen frei neben einander durch die Leibeshöhle und
tragen in der Mitte etwa einen ovalen Kern. Ihre Substanz ist offen-
bar eine andere, als die der Parietovaginalbänder, da sie sich mit Pikro-
carmin stark färbt, während die Substanz der Bänder nur schwach
tingirt wird und ähnlich derjenigen der Funicularplatte zu sein scheint.
Der Vaginalsphiiikter.
Dicht vor der Insertionsstelle der Parietovaginalmuskeln setzt
sich die Tentakelscheide an einen eingestülpten Theil der Ektocyste
(Fig. 10 Ekt.). Derselbe ist ein dünnwandiges Rohr, welches ebenso
wie die Ektocyste aus Chitin besteht, und ragt von der Vorderseite
des Deckels, dessen Hörnern und der vor dem Deckel liegenden Ek-
tocyste aus in das Innere des Zoöciums hinein. Durch dieses Um-
kippen der Ektocyste nach innen wird die Täuschung verursacht, dass
man auf der vorderen Seite des Deckels eine verdickte Leiste zu sehen
glaubt. ') Da die äussere Mündung dieses das Innere der Tentakel-
scheidenhöhle mit der Aussenwelt verbindenden Rohres ein schmaler-
Spalt ist, das Rohr nach unten zu aber allmälig rund wird, sind
seine Verhältnisse von zwei Gesichtspunkten aus zu betrachten. Von
oben gesehen verschmälert es sich ziemlich schnell und bleibt dann
von ziemlich gleicher Dicke. Von der Seite gesehen, zieht es erst
eine Strecke weit in ziemlich gleicher Dicke nach unten hinten, wo-
rauf es sich etwas erAveitert. Das untere Ende des Rohres schlägt
sich nach innen um und büdet eine ringförmige Rinne, in welcher
») D. Abb. S. 7.
Änatomisch-histologische Untersuchung etc. 21
der sogenannte Vaginalsphinkter mit seinem unteren Ende be-
festigt ist.
Derselbe zeigt bei Memhranipora pilosa einen ziemlich compli-
cirten Bau und ist etwa lialb so lang, wie der eingestülpte Theil
der Ektocyste. Dem Cliitinrohre (Fig. 10. Ekt.) liegt innen eine
Schicht grosser mit deutlichen Kernen versehener Cylinderzellen (Fig.
10 Cep.) an, die nach aussen zu kleiner werden. Das Vorhandensein
dieses Cy lindere jdth eis wurde von Nitsche') nur auf der dem Deckel
zugekehrten, oberen Seite des Sphinkters beschrieben. An der in-
neren und unteren Seite dieses von Cylinderepithel gebildeten Dia-
phragmas liegt eine Schicht Ringmuskelfasern (Fig. 10 rm.); mit-
unter schien es mir auch als ob sich Längsmuskelfasern (Fig. 10 Im.)
allerdings in bedeutend geringerer Anzahl vorfänden, deren Lage zu
den Ringsmuskelfasern ich jedoch nicht genau beobachten konnte.
Die dem Chitinrohre als einem Theile der Ektocyste zugehörige
Endocyste (Fig. 10 End.) schlägt sich ebenfalls nach innen zu um,
hört dann jedoch nicht auf, wie das hintere Ende der Ektocyste,
sondern überzieht auch noch den inneren Mantel des Vaginalsphink-
ters. An die Endocyste des Chitinrohres setzt sich etwa in der Mitte
der Längsausdehnung des Sphinkters die Tentakelscheide (Fig. 10 ts.)
an. Hierdurch wird die Behauptung Nitsches, dass die Tentakel-
scheide direkt in die Substanz des Sphinkters übergehe, von selbst
hinfällig. Uebrigens ist der vordere Theil des Sphinkters nicht fest
mit der eingestülpten Ektocyste verbunden, sondern wenn seine Ring-
muskelfasern stark contrahirt sind, liegt der Sphinkter als ein nur
mit seinem hinteren Ende mit dem Chitinrohre zusammenhängender
Kegel in demselben, während das Chitinrohr erst bei noch stärkerer
Contraction in seiner Form verändert wird.
Weder von Nitsche noch Vigelius wird ein so complicirter
Bau des Vaginalsphinkters beschrieben. Beide haben in demselben
Ringmuskelfasern erkannt; Nitsche erwähnt auch Cylinderepithel,
während Vigelius'-) eine epithelartige Zellschicht beschreibt, auf
welcher nach seiner Angabe Flimmerwimpern sitzen, die ich bei
Memhranipora nicht erkennen konnte. Wohl aber erwähnt Vigelius
an der proximalen Seite des Diaphragmas eine dem Parietalgewebe
ähnliche Schicht, die Nitsche ganz übersehen hat, und welche der
von mir beschriebene hintere Endocystenbelag des Sphinkters ist.
Die Opercularmuskeln.
Vor dem Vaginalsphinkter und dem Ansatzpunkte der Tentakel-
scheide setzt sich an das Chitinrohr, und zwar in der Nähe der
Deckelhörner, das zum Verschlusse des Deckels dienende Opercular-
muskelpaar. Dasselbe entspringt ebenso wie bei Flustra mem-
hranacea etwas vor dem Ursprünge der Parietovaginalmuskeln unten
an den Seitenwänden des Zoöciums, während es nach Vigelius bei
Flustra memhranaceo-trimcata an der Neuralwand entspringt. Von
') Nitscbe. Beiträge etc. Zeitsch. f. w. Zooig. XXI. S. 432.
'■'; Vigelius. Die Bryozoeu etc. Bijdragen 1884. S. 34.
22 W. Freese.
hier aus geht es nach oben vorne ziehend an die umgebogenen
Spitzen des Deckels. Die Opercularmuskehi bestehen aus einer ziem-
lieh bedeutenden Anzahl einzelner Fasern, auf denen man mitunter
Querstreifung erkennt. Sie enthalten einen deutlichen Kern und in-
seriren mit verbreiterten, eingeschlitzt erscheinenden Enden an der
Seitenwand des Zoöciums. Von hier aus laufen die Fasern, ohne sich
wesentlich zu verschmälern, sich einander nähernd nach oben, spitzen
sich dann schnell zu und laufen in je einen dünnen Faden aus (Fig.
11 fd.), welcher auf die Endocyste (Fig. 11. End.) des von den Spitzen
des Deckels ausgehenden, oben erwähnten, eingestülpten Theils der
Ektocyste übergeht. Ein ähnliches Verhalten scheint bisher noch
nicht beobachtet zu sein, jedoch erwähnt Bronn'), dass die Deckel-
muskeln sich mittels eines sehnenartigen Theils an den Deckel an-
setzen. Auch Nitsche-) zeichnet bei fhcsfra memhrcmacea einen
solchen sehnenartigen Theil der Opercularmuskelbündel, erwähnt je-
doch im Texte von demselben nichts Dieser sehnenartige Theil der
Deckelmuskeln dürfte wohl mit dem Uebertreten von feinen Fäden
von den Opercularmuskelfasern auf die Endocyste der eingestülpten
Ektocyste in Zusammenhang zu bringen und vielleicht sogar damit
identisch sein, indem Witsche den den Seitenwänden des Zoöciums am
nächsten gelegenen Theil dieses Endocystenrohres für ein selbststän-
diges zu den Muskeln gehöriges Gebilde hielt. Diese dem Chitin-
rohre aufliegende Endocyste, in welche die dünnen Ausläufer der
Deckelmuskelfasern übergehen, wird bei starker Contraction der
Muskeln von demselben abgehoben, sodass die oben erwähnte Täu-
schung noch leichter möglich wird.
Die Teiitakelkrone.
In der von der Tentakelscheide umschlossenen Höhlung, von der
Ansatzstelle derselben am Polypjd bis zum Vaginalsphinkter reichend,
liegt bei zurückgezogenem Polypide die Tentakelkrone. Dieselbe be-
steht aus 12 — 14 hohlen Tentakeln und dem Ringkanale, der die
Mundöffnung des Thieres umziehend mit der Tentakelhöhlung com-
municirt. In der Nähe der Mundöffnung haben die Tentakeln im
Querschnitt die Form eines gleichschenkeligen Dreiecks (Fig. 12),
dessen Basis nach aussen gekehrt ist, während sie nach oben zu all-
mälig rund werden.
Die Tentakeln sowohl, wie der Ringkanal (Fig. 13. rk.) bestehen
aus drei Gewebsschichten : dem äusseren Epithel, dem homogenen,
der tunica muscularis der phylactolaemen') Bryozoen entsprechenden
Cylinder und dem inneren, sehr lockeren Zellbelag desselben. Der
J) Bronn. Klassen und Ordnungen der Thieie. Bd. IIT. Abth. 1. Leipzig
und Heidelberg. 1862. S. 43.
2) Nitsche. Beitrag. Zeitschr. f. w. Zooig. XXI. Tf. XXXV. Fig. 2 opm.
^) Nitsche. Beitrag z. Anat. und Entwickluiigsgesch. der phylactolae-
men Hüsswasserbr^'ozoen etc. Archiv für Anatomie und Physiologie. Leipzig,
18G8. S. 488.
Anatomisch-histologische Untersuchung etc. 23
homogene Cylinder ist die Stütze des ganzen Tentakels, er ist an
seinem Grunde ebenfalls gleichschenklig dreieckig, wird aber nach
oben zu oval. An seiner dem Munde abgekehrten Seite zieht er sich
in zwei leistenförmige Fortsätze (Fig. 121.) aus, die am Grunde in
die homogene Lamelle des Ringkanals übergehen. Diese beiden
Leisten hat Nitsche auch bei Älcijonella beobachtet und als Saum
der Intertentakularmembran beschrieben. Am Grunde der Tentakeln
nimmt dieser homogene Cylinder (Fig. 13 h) an Dicke zu und geht
in die homogene Lamelle des Ringkanals über, die besonders an ihrer
Aussenseite, die der Mundöffnung abgekehrt ist und nicht von Epithel
überzogen wird, eine beträchtliche Dicke erreicht. An dieser Stelle
setzt sich ihr die Tentakelscheide an, die mit der homogenen Mem-
bran verschmelzend hier aufhört. Vom Ringkanale aus setzt sich
die homogene Membran in den Darmkanal fort, wo sie die äussere,
feste Stütze desselben wircL
An etwas macerirten Schnitten zeigi dieser die feste Grundlage
der Tentakeln bildende Hohlcylinder in Abständen, die etwa seinem
Durchmesser gleich sind, recht deutliche V^erdickungen von Ringform,
die ich, ebenso wie Vigelius') bei Flustra memhranaceo-truncata^
iür Ringmuskelfasern halte. Für diese Annahme spricht, dass die-
selben sich auf Längsschnitten des homogenen Cylinders häufig von
demselben loslösen und als gekrümmte Stäbchen aus ihm hervorragen.
Ebenso zeigen sich auf Querschnitten der Tentakeln dem homogenen
Cylinder eng anliegende runde Körper, die ich für Längsmuskelfasern •
halte, deren Vorhandensein auch Nitsche-) bei Älcijonella glaubt
annehmen zu dürfen, währeud er von Ringmuskelfasern nichts er-
wähnt. Auch Vigelius beobachtete diese Längsmuskelfasern, wäh-
rend Ehlers'^) und Nitsche^) die Existenz von Muskelfasern in den
Tentakeln der von ihnen untersuchten marinen Bryozoen gänzlich
leugnen oder doch bezweifeln. Ehlers leitet das Fehlen von Muskel-
fasern in den Tentakeln der marinen Bryozoen aus dem Fehlen von
Muskelelementen in der Körperwand derselben ab. Jedoch scheint
die Vermutung Ehlers, dass solche Fasern in den Tentakeln bei der
Mehrzahl der marinen Bryozoen fehlen, nicht zuzutreffen, da Vigelius
sowohl wie ich Muskelelemente in denselben fanden. Auch in dem
homogenen Cylinder des Ringkanals, und zwar an der dem Munde
zunächst liegenden Seite desselben finden sich bei Memhranipora Ring-
inuskelfasern, welche mit dem im Oesophagus vorhandenen Fasern
in ununterbrochener Reihe liegen. Durch diese Fasern, welche ich
allerdings nur mitunter bemerkte, wird das Polypid befähigt, seine
Mundöffnung zu erweitern und zu schliessen.
Die Höhlung des homogenen Cyhnders wird von einer sehr
') "Vigelius. Die Bryozoen etc. Bijdragen. 1834. S. 40.
^) Nitsche. Beitr. z. Anat. und Hist. etc. Archiv f. Anatomie u. Phy-
siologie. 1868. S. 492.
*) Ehlers. Hypophorella expansa, etc. Abh. d. Künigl. Gesellsch. d.
Wissensch. Göttingen 1876. S. 45.
'») Nitsche. Beitrag etc. Zeitschr. f. wiss. Zooig. XXI. S. 430.
24 W. Freese.
lockeren Gewebsschicht ausgekleidet, in der man keine deutliclien
Zellen (Fig. 12 u. 13 i) wohl aber eingestreute Kerne beobachten kann,
welche von einem Protoplasmahole umgeben sind. Zuweilen zeigten
diese Kerne eine Anordnung, wie sie Salensky') bei Bugula be-
schreibt, wodurch der Hohlraum der Tentakeln ein korkzieherartig
gewundenes Aussehen erhält; meistens jedoch lagen dieselben viel
weiter auseinander und nicht so regelmässig, wie es Salensky
angibt. Auch dieses innere Epithel der Tentakeln setzt sich in den
Ringkanal fort und bildet die innere Auskleidung desselben. Sa-
lensky erwähnt, dass das innere Epithel eine durch einen Hohl-
raum von dem homogenen Cy linder getrennte Röhre bildet; dies ist
bei Membranipora nicht der Fall und wird wohl auf eine durch
Schrumpfung bewirkte Loslösung dieses Epithels von demselben zurück-
zuführen sein. Vigelius constatirt ebenfalls die Anwesenheit dieser
inneren Gewebsschicht, während Nitsche dieselbe bei Flustra nicht
beschreibt, und Ehlers an Stelle derselben nur Kerne gesehen hat.
An der Aussenseite liegt dem Cylinder eine einschichtige Zell-
schicht an, die einerseits in das Flimmerpithel der Mundöffnung über-
geht, andererseits die obere Bedachung des Ringkanals bildet und an
der Ansatzstelle der Tentakelscheide an die homogene Lamelle auf-
hört. Dies Epithel zeigt im Umkreise der Tentakeln ein sehr ver-
schiedenes Verhalten, und besteht bei Membranijiora pilosa aus sieben
oder acht Zellreihen, deren Anordnung man am besten aus dem Ten-
takelquerschnitt erkennt. (Fig. 12). Zwischen den beiden Leisten
des homogenen Cylinders, die im Querschnitte als Hörner erscheinen,
also auf der dem Munde abgekehrten Seite des Tentakels, finden sich
ein oder zwei kleine kubische Zellen mit rundem Kerne. Auf der
äusseren Seite der Leisten liegen zwei ebenfalls mit runden Kernen
versehene Zellen, die mit den vorher erwähnten die Basis eines gleich-
schenkeligen Dreiecks bilden. An den langen Schenkeln liegt jeder-
seits eine grosse Zelle mit im Querschnitte des Tentakels rundem, auf
Längsschnitten jedoch etwa dreimal so lang wie breit erscheinendem
Kerne ; und an der Spitze der Dreiecks befinden sich zwei, am Grunde
des Tentakels lange, nachher kürzer werdende Zellen mit dunkelem
Inhalte und deutlichem ovalem Kerne. Es sind diejenigen Zellen, die
direct in das Mundepithel übergehen. Auf Längsschnitten der Ten-
takeln zeigt es sich, dass diese Zellen viel niedriger sind, wie die übrigen
des Tentakelepithels (Fig. 13 m.) und nicht senkrecht stehen auf der
Axe des Tentakels. Da ausserdem ihre Kerne nicht in einer Reihe
liegen, sondern bald weniger bald mehr von dem homogenen Cylinder
entfernt sind, so zeigen Querschnitte der Tentakeln an ihrem spitzen
Ende häufig zwei übereinanderliegende Zellenpaare oder auch drei oder
vier nebeneinanderliegende Zellen. Nitsche beschreibt bei Flustra an
der dem Inneren der Tentakelscheidenhöhle zugekehrten Seite der Ten-
takeln drei Zellreihen, während Vigelius-) auch nur zwei solcher
Reihen annimmt. TJeberhaupt stimmen meine Beobachtungen mit
*) Salensky. Untersuchung an Seebryozoen. Zeitschrift f. wiesen schaftl.
Zoologie XXIV S. 291.
2) Vigelius. Die Bryozoen. Bijdiagen 1884. S. 38.
Anatomisch-histologische Untersuchung etc. 25
denen von Vigelius ziemlicli überein, jedoch erwähnt derselbe die
beiden Leisten auf der Aussenseite des homogenen Cylinders nicht,
Avelche bei Membranipora hautsächlich an mit Hämatoxylin gefärbten
Präparaten immer deutlich hervortraten. Diese Differenzirung des
äusseren Tentakelepithels zeigt sich besonders an dem proximalen,
im Querschnitte dreieckigen Ende der Tentakeln, während an dem
distalen Ende derselben die Zellen einander ähnlicher werden.
An lebenden Thieren bemerkt man, dass die Tentakeln von einer
Anzahl borstenartiger Wimpern von der Länge des Tentakeldurch-
messers besetzt sind, welche für Sinueshaare gehalten werden und
welche auch schon Farre') bei Membranipora pilosa gefunden zu
haben scheint. Vigelius leugnet das Vorhandensein dieser Haare
bei Flustra memhranacco-tnmcata, während Ehlers') ihr Vorhanden-
sein bei HypophoreUa constatirt, aber über ihren Ursprung zweifel-
haft ist. Man ist wohl berechtigt, diese langen starren Borsten für
Sinneshaare zu halten. Leider war es auch mir unmöglich über ihren
Ursprung genaueres festzustellen, da man an frischen Exemplaren die
einzelnen Zellen des Tentakelepithels nicht unterscheiden konnte, und
an getödteten Exemplaren diese Borsten fehlten.
Ueber die Art der Tentakelbewimperung konnte ich weder an
frischen noch an conservirten Thieren etwas beobachten; und auf
Schnitten zeigte es sieh wohl, dass Wimpern vorhanden gewesen
waren, aber ihre Anordnung, welche von Vigelius bei Flustra
membr.-tnmcata sehr genau beschrieben ist, war nicht zu erkennen.
Der Riiigkanal.
Ausser dem schon im vorigen Abschnitte erwähnten ist über den
Ringkanal noch folgendes zu sagen. Derselbe ist eine die Mundöff-
nung des Thieres umziehende Höhlung, welche aus dem Verschmelzen
der Tentakelhöhlungen hervorgeht. Ebenso wie die Mundöffnung
steht seine Ebene nicht senkrecht auf der Axe des Oesophagus, sondern
ist der Afteröffnung abgeneigt, wodurch sie in eme mehr horizontale
Lage gelangt. Wie schon erwähnt, wird der Kingkanal im Innern
von dem inneren Epithel der Tentakeln ausgekleidet, das einer homo-
geenen Membran anliegt (Fig. 13). Diese bildet an der, dem Munde
abgekehrten Seite, wo sie mit der Tentakelscheide verschmolzen ist,
seine äussere Begrenzung, welche an den übrigen Seiten des Ring-
kanals von dem Tentakelepithel oder dem Mund- und Oesophagal-
epithel gebildet wird. —
Salensky') hält die Höhlung der Tentakeln mit dem zugehöri-
gen Ringkanale für ein Gefässsystem , welcher Ansicht ich mich an-
schliessen möchte, wenn es mir auch nicht gelang einen Zusammen-
hang zwischen dem Ringkanale und der Leibeshöhle zu constatiren.
') Farre. On Üie strucluie of the ciliobranchiate Polypi. Pliilosopbical
Transact. of the Royal Society. Lond. 1837. Part. I pg. 412. PI. XXVII.
^) Ehlers. HypophoreUa expansa etc. Abhandl. d. Königl. Gesellsch. d.
Wiss. Göttingen Bd. XXI. S. 41.
') Salensky. Untersuchungen au Seebryozoen. Zeitschr. f. wissensch.
Zooig. XXIV. S. 293.
2(5 W. Freese.
In diesem Falle müsste man der Tentakelkrone die Function eines
Respirationsorganes zuschreiben, was auch von vielen Autoren gethan
wird. Ebenso wie Vigelius^) scheint es mir jedoch in hohem Grade
wahrscheinlich, dass die Tentakelscheide ein viel wichtigeres Respi-
rationsorgan bildet, da an dieser Stelle die Scheidewand zwischen
Leibeshöhle und dem umspülenden Meerwasser von besonderer Fein-
heit ist, während bei den Tentakeln der Sauerstoflf des Meerwassers
durch drei verschiedene Schichten hindurch diffundiren muss.
Der Darmkanal.
Als zweiter Theil des Polypids bleibt noch zu beschreiben der Darm-
kanal. Bei ausgestecktem Polypide stellt derselbe, wie bei allen ähnlichen
Bryozoen eine in der Symmetrieebene des Zoöciums liegende Schleife
dar, deren hinteres Ende blindsackartig ausgezogen ist. Sein anales
Ende ist um die Hälfte der Tentakellänge länger als sein orales,
auf welchem die Tentakelkrone sitzt. Zieht sich das Polypid zurück,
so wird der Darmkanal in seiner symmetrischen Lage gestört, was
bei der Tentakelkrone nicht nötig ist. Nur der Oesophagus bleibt
in der Symmetrieebene liegen, während der Blindsack und die anlie-
genden Magenteile zur Seite gedrängt werden, und erst der After-
darm mündet wieder in der Symmetrieebene in die Tentakelscheide.
Im zurückgezogenen Polypide haben wir also eine doppelte Krüm-
mung des Darmkanals, eine zwischen Oesophagus und Cardialtheil
des Magens und eine andere in der Gegend des Blindsacks. —
In der Ebene des Ringkanals , die zum Oesphagus in der
oben erwähnten Richtung geneigt ist, und von demselben umgeben,
liegt die mit langen Wimperhaaren versehene Mundöffnung des Thieres,
der durch die Wimperbewegung der Tentakeln Nahrung zugeführt
wird. Sie mündet in einen glockenförmigen Oesophagus , dessen
Bestandtheile ebenso angeordnet sind, wie bei den früher beschrie-
benen chilostomen Bryozoen. üeberhaupt stimmt Membranipora pilosa
in Bezug auf den Bau des Darmes ziemlich mit den beiden genauer
untersuchten Flustraciden überein, ich werde also hier nur auf etwaige
Abweichungen eingehen. Auf den vorderen bewimperten Theil des
Oesophagus folgt auch hier ein aus kürzeren, unbewimperten, prisma-
tischen Zellen zusammengesetzter Theil, deren Inhalt hell erscheint.
(Fig. 13 Cep.) Auf Querschnitten zeigt es sich, dass dieses Epithel
aus drei grossen Lappen (Fig. 14) besteht, die in d^r Mitte einge-
kerbt sind. Auch die bei anderen Arten schon beschriebene Ring-
muskelschicht und das äussere Epithel finden sich auf dem Oesopha-
gus von Membranipora.
Auf Tangentialschnitten (Fig. 15) dieses Organs aber zeigt das
Epithel ein eigenthümliches Verhalten. Während nämlich die übrigen
Oesophagalzellen alle im Querschnitue polygonal sind und einen ovalen
Kern tragen, zeigt sich auf diesen Schnitten bisweilen ein aus etwa
vier Zellreihen bestehender Streifen von im Querschnitte spindelför-
migen Zellen mit langen Kernen. Dieselben gehen zu beiden Seiten
*) Vigelius. Bryozoen etc. Bijdragen 1884. S. 46.
Anatomisch-bistologische Untersuchung etc. 27
allmälig in die polygonale Zellform über, und ebenso an dem vor-
deren und hinteren Abschnitte des Oesophagus. Da ihr Inhalt der-
selbe ist, wie der der polygonalen Zellen, konnte ich auf Querschnitten
des Oesophagus ihre Lage nicht feststellen. Bei genauerer Untersuchung
stellte sich heraus, dass drei solche Streifen vorhanden sind. Auf ziemlich
dicken Tangentialschnitten des Oesophagus lag ein solches Band
spindelförmiger Zellen stets in dem helleren Theile, während der
Schnitt zu beiden Seiten dunkler war. Ich schliesse hieraus, dass
die Zellen dieses eigenthümlichen Streifens kürzer sind, wie die im
Querschnitte polygonalen Zellen und daher heller erscheinen. Also
darf ich wohl annehmen, dass dieselben zwischen den drei Haupt-
wülsten des Epithels liegen. Nachher schien es mir auch, als ob
die auf Querschnitten des Oesophagus kürzeren Zellen auch schmäler
sind (Fig. 14), was eine Bestätigung dieser Annahme wäre. Diese,
im Querschnitte spindelförmige Zellen enthaltenden Streifen scheinen
von keinem Autor beobachtet zu sein. Vielleicht ist die von Nitsche')
erwähnte, helle linienartige Zeichnung, welche derselbe auf der Un-
terseite des Oesophagus erwähnt und mit dem Nervenknoten in Ver-
bindung bringen möchte, durch einen dieser Streifen hervorgerufen.
Was den Bau des übrigen Darmkanals anbetrifft, so zeigten sich
keine Abweichungen von dem bei den Flustraeiden beschriebenen;
und auch die Gewebe desselben sind denen dieser durchaus analog.
Nur gelang es mir nicht, die Anwesenheit eines äusseren Darmepithels,
das Vigelius') unter der Bezeichnung „Darmschicht des Parenchym-
ge wehes" beschreibt, auf dem ganzen Darmkanale nachzuweisen, ich
fand dasselbe vielmehr nur auf dem Oesophagus.
Der grosse Retractor.
An den vorderen Theil des Polypids setzt sich der grösste der
im Bryozoenindividuum vorkommenden Muskeln, der sogenannte
„grosse Retractor", welcher dazu dient das Polypid in das Zoö-
cium zurückzuziehen. Derselbe entspringt an der Hinter wand, bei
langgestreckten Individuen jedoch auch an dem hinteren Theile der
Seitenwände des Zoöciums. Wie die Fasern aller Muskeln, die beim
Ausstülpen und Zurückziehen des Polypids in Thätigkeit kommen und
nicht dem Darmkanale angelagert sind, ziehen auch die Fasern des
Retractors frei neben einander verlaufend durch die Leibeshöhle. Die
Mehrzahl derselben setzt sich an den vorderen Theil des Oesophagus
und an den Ringkanal, jedoch inseriren, wie auch bei anderen Species
beschrieben wurde, stets einige Fasern an dem übrigen Oesophagus
und dem Cardialtheil des Magens. Alle Fasern setzen sich an die
nach oben gekehrte Seite des Oesophagus, während die untere Seite
frei bleibt. Die Fasern sind lange, cylindrische Stränge, welche mit
kegelförmig verbreiterten Enden an der Wand des Zoöciums ent-
^) Nitsche. Beitrag etc. Zeitschrift f. wiss. Zoologie. Bd. XXI. S. 431.
Tf. XXX VI. Fig. 1 A.
*) VigeliuB. Die Bryozoen etc. Bijdragen 1884. S. 27.
28 W. Freese.
springen. Gegen Farbstoffe verhalten sie sich ebenso wie die Fasern
der Opercular- und Parietovaginabnuskeln, Ihr Querschnitt ist ein
verschiedener und scheint sich je nach dem Contractionszustande zu
ändern. Mitunter sah ich an ihnen Querstreifung ebenso wie an den
Opercularmuskelfasern, welche auch schon von früheren Autoren be-
schrieben wurde. Dieselbe wird dadurch deutlich sichtbar, dass an
der mit Farbstoff behandelten Muskelfaser stärker und schwächer
gefärbte Stellen mit einander abwechseln. Auf eine Runzelung der
Faser ist diese Streifung nicht zurückzuführen. Die Querstreifung
zeigte sich an den Fasern jedoch nur bisweilen und häufig wurden
dieselben ganz homogen gefärbt. Ein deutlicher runder Kern mit
Kernkörperchen findet sich in jeder Faser, während Ehlers') und
Kohlwey-) bei den von ihnen untersuchten Thieren nur an jungen
Exemplaren einen Kern an den Retractorfäden fanden.
Das Nervensystem.
Innerhalb des Ringkanals und zwar an dessen analer Seite fand
Nitsche^) bei Flustra membranacca ein Gebilde, welches er wegen
seiner dem unbestrittenen Nervencentrum der Phylactolaemen homo-
logen Lage und Form für das Gehirnganglion dieses Thieres hielt.
Ein ähnliches Organ fand ich auch bei Membranixwra (Fig. 16 gh).
Dasselbe liegt ebenfalls an der analen Seite des Ringkanals und hat
die Form eines dreiaxigen Ellipsoids. Ebenso wie bei Fhistra mem-
branacea und HypoplioreUa^) kann man in demselben eine innere
Substanz von einer Rindensubstanz unterscheiden; jedoch schien mir
diese äussere Membran nicht aus Zellen zu bestehen, wie Vigelius^)
bei Fhfstra mcmhranaceo-trunccda beschreibt, sondern eine cuticula-
artige Ausscheidung der inneren Substanz zu sein. Ob durch diese
der homogenen Lamelle der Tentakeln ähnliche Membran das Gehirn-
ganglion mit der Wand des Ringkanals in Zusammenhang steht,
konnte ich nicht feststellen. Im Innern der membranösen Kapsel
zeigten sich ebenso wie bei den genauer untersuchten Flustraeiden
mitunter deuthche Zellen, meist jedoch fanden sich, wie auchNitscheß)
bei Älcyonella und älteren Exemplaren von Flustra mcmhranacca
beschreibt, in dem mit feinkörniger Substanz erfüllten Lumen der
Kapsel eine Anzahl ziemlich grosser Kerne. Nach Ehlers ist das
Innere des Nervencentrums bei Ilypophorella ebenfalls von einer ho-
mogenen, mitunter feine Körnchen enthaltenden Substanz erfüllt,
während derselbe geneigt ist bei Vesicularia eine mit Flüssigkeit
') Ehlers. Hypophorella expansa etc. Abhandl. d. Königl. Gesellsch. cl.
Wissensch. Göttingen. Bd. XXI. S. 53.
2) Kohlwey. Halodactylus diapbanus. Inaugural- Dissertation. Halle
1882. S. 36.
3) Nitsche. Beiträge etc. Zeitschr. f. w. Zooig. XXI. S. 431.
'') Ehlers. Hypophorella expansa. Abb. d. Königl. Gesellsch. d. Wiss.
Göttingen. Bd. XXI. S. 59.
') Vjgelius. Die Bryozoen etc. Bijdragen 1884. S. 42.
') Nitsche. Beitr. z. Anat. u. Entwicklgsch. etc. Archiv f. Anat. u.
Physiolg. 1868. S. 495.
Anatomisch-hiatologische Untersuchung etc. 29
gefüllte Kapsel anzunehmen. Einen von diesem Ganglion ausgehen-
den Schlundring, der bei phylactolaemen Bryozoen vorkommt, fand
ich bei unserem Thiere ebenso wenig, wie die von Nitsche bei Flustra
beschriebenen, von Ganglion sich abzweigenden, homogenen Fasern,
die derselbe ftir Nervenfasern hält, und welche auch von Vigelius
beschrieben sind, während Ehlers von dem Gehirnknoten entsprin-
gende Nerven nicht sicher erkennen konnte. Die helle linienartige
Zeichnung, welche Nitsche bei Flustra an der Analseite des Oeso-
phagus fand, und welche er sowohl wie Vigelius mit dem Ganglion
in Beziehung bringen möchte, ist, wie schon oben ') erwähnt, meiner
Meinung nach vielleicht auf einen jener weiter differenzirten Streifen
des Oesophagalepithels zurückzuführen. Einen Zusammenhang dieses
Gehirnganglions mit dem Colonialnervensysteme Fr. Müllers zu
finden, ist mir ebensowenig gelungen, wie früheren Autoren. Zu
bemerken ist übrigens noch, dass Claparede^) bei Scrupocillaria
und Bugula kein GehirngangHon gefunden hat.
') Ds. Abhandl. S. 27.
-) Claparede. Beiträge etc. Zeitschrift f. wiss. Zooig. XXI. S. 161.
Beschreibung der in der Ostsee gefundenen
Bryozoen.
Endoprocta,
Farn* Pedicellinidae,
Pedicellina (Sars).
Pedicelliiia gracilis. Sars. Fig. 17.
Pedicellina gracilis. Sars. Beskr. och Jagttag. S. 6. Fl. I. Fig. 2. a. b.
Smitt. Oefversigt Kongl. Vet.-Akad. Pörhand. 1871. S. 1133. Hincks. Brit.
Marine Polyzoa. p. 570. lA. LXXI. Fig. 4—6. Möbius. Nachtr. z. d. wirbel-
losen Thieren der Ostsee. Jahresber. d. Comm. z. wiss. Unt. d. deutsch. Meere.
IV. Berlin 1884.
Der kriechende Stamm der Kolonie ist verzweigt. Auf diesem
sitzen die Thiere vermittels eines langen, schlanken Stieles, welcher
keine Stacheln trägt und sich unten zu einem kurzen cylindrischen
bis kegelförmigen Körper verdickt, womit er sich an den Stamm an-
setzt. Die Polypide, welche ziemlich unregelmässig vertheilt sind,
sind von schief ovaler Form.
Fundorte. Kieler Bucht in der Mud-Region auf Mytilus
edulis.
Die hiesigen Exemplare sind sehr lang gestielt und die basale
Verdickung der Stiele war bei ihnen im Verhältniss zur Länge der-
selben sehr kurz.
Geographische Verbreitung. Kanal, Englische Küsten, Shet-
landinseln, Norwegen, Spitzbergen, Weisses Meer.
Ectoprocta.
Grymnolaemata.
Tribus. Cyclostomata,
Farn. Clriseae.
Crisia (Lam.).
Crisia elmrnea. Lin. sp. Fig. 18. 19.
Sertularia eburnea. Lin. Syst. nat. ed. XII. pg. 1316. Crisia eburnea.
Smitt. Oefversigt. 1878. No. 3. S. 12 und Hincks. Brit. Mar. Polyzoa. 421.
PI. LVI. Fig. 5—6.
Die weisse, kalkige, aufrechtwachsende Kolonie ist buschartig
\md verzweigt sich dichotom. Die Zweige bestehen aus verschiedenen,
durch Gelenke verbundenen Internodien, von denen jedes meistens aus
Beschreibung der in der Ostsee gefundenen BryoEoen. 31
mekreren Zoöcien gebildet wird. Die Zoöcien liegen in Reihen und
sind abwechselnd nach der einen oder anderen Seite gerichtet. Die
Gelenke sind hornfarben oder schwarz. Die cylindrischen Zoöcien,
welche eine Menge kleiner Löcher in der Kalkschicht tragen, sind
mehr oder weniger gekrümmt und nur an ihrem vorderen Ende, an
dessen Spitze die runde Oefihung liegt, nicht mit einander verwachsen.
Die den Zweigen anliegenden Ovizellen, welche ebenfalls mit jenen
Löchern versehen sind, sind birnförmig bis oval und tragen auf einem
kurzen, kegelförmigen Fortsatze ihres oberen Endes die runde Oeff-
nung.
Foiiua eljurnea. (Smitt) Fig. 18.
Crisia eburnea. Smitt. Oefversigt. 1865. S. 117. Tf. XVI fg. 7—19. Busk.
Cat. of Mar. Polyz. of the Brit. Mus. Part III 1875. pg. 4. PL II I. 2. und
PI. V. 1. 2. 5 — 10. Johnston. Brit. Zooph. ed II. pg. 283. PI, L. Fig. 3. 4.
Hincks. Brit. Mar. Polyz. pg, 421. PI. LVl. Fig. 5. 6. Möbius. Wirbell.
Thiere d. Ostsee. S. Ii3. Lenz. Die wirbellosen Thiere der Travemünder
Bucht. Jahresber. d. Comm. III. 1878. Anh. S. 13.
In jedem Internodium befinden sich 3-9 gekrümmte Zoöcien,
deren kürzerer, vorderer Theil frei ist. Die Zweige entspringen
meistens von dem untersten Zoöcium eines Internodium. Die Ovi-
zellen sind birnförmig.
Fundorte. Kl. Belt, Bülk, Stoller Grund, Kiel. Neustädter
Bucht. Cadetrinne. Altengarz. Travemünder Bucht.
Geographische Verbreitung. Nord- Amerika, St. Franzisko,
Florida, St. Lorenzbai, Grünland; Nordsee, Englische, Französische,
Belgische Küste; Norwegen; Finnmarken; Spitzbergen; Murmanska
hafvet; Nowaja Senilja; Karisches Meer. Mittelmeer, Adriatisches
Meer. Madeira. Südsee, Fidschi-Inseln.
Forma producta. (Smitt) Fig. 19,
Crisia producta. Smitt. Oefversigt. 1865. S. 116. Tf. XVI. Fig. 4. h. 6.
Crisia producta. Busk. Cat. of M. Polyz. of the Brit. Mus. Part III. 1875.
pg. 10. Crisidia cornuta (var) Busk. Polyz. of Brit. Mus. Part III. 1875.
pg. 3. PI. I. Fig. 3. Crisia eburnea (var ß) Hincks. Brit, Mar. Polyz. pg. 421.
Am unteren Ende der Zweige besteht jedes Internodium aus nur
einem Zoöcium, während weiter oben mehrere (bis 5) Zoöcien in
einem Internodium sich befinden. Die Zoöcien sind mehr oder weniger
gerade, ihr vorderer längerer Theil ist frei und nicht angewachsen.
Die Zweige entspringen unregelmässig und in ihren Achseln
stehen die länglich-ovalen Ovizellen, welche von mehreren Zoöcien
umgeben sind.
Fundort: Stoller Grund,
Geographische Verbreitung. Shetlandinseln; Norwegische
Küste.
32 W. Freese.
Farn. IHastoporidae.
Diastopora (Lmrx., M. Edw.).
Diastopora repens. Wood sp. Fig. 20.
Tubalipora repens. Wood. Zooph. Crag. Ann. and. Mag. of Nat. Hist.
vol. XIII. pg. 14. Alecto dilatans. Busk. Cat. of Polyz. ofBrit. Mus. Part 111.
1875, pg. 24. PI. XXXn. Fig. 2. Diastopora repens. Sniitt. Oefversigt. 1866.
S. 395. Tf. VllL Fig. 1—6. Mob ins. Wirbellos. Thier. d. Ostsee. S. 114.
Die kalkige, kriechende Kolonie ist nicht aus verschiedenen,
durch Gelenke verbundenen Internodien zusammengesetzt. Sie theilt
sich in mehrere, ebenfalls kriechende Zweige, welche am Grunde
convex sind, an der Spitze jedoch flach werden. Die zerstreut stehen-
den Zoöcien, welche kleine Löcher tragen, sind nur an ihrem vor-
deren Theile frei, während die Ovizellen bis zum Oeffnungsrande in
die Kolonie eingesenkt sind.
Fundorte. Cadetrinne, Darserort.
(Da die zur Verfügung stehenden Exemplare beschädigt sind,
nehme ich Zeichnung und Diagnose nach Smitt.)
Geographische Verbreitung, Karisches Meer, Nördliches
Eismeer.
Tribus. Ctenostomata.
Fant, Halcyonelleae.
Alcyonidium. Lmrx.
Alcyonidinm Mytili. Dal. Fig. 21.
Alcyonidium Mytili. Dalyell. Rare and remarquable animals of Scot-
land. vol. II. pg. 36. PI. XI. Smitt. Oefversigt. 1866. S. 496. Tf. XII. Fig. 1. 2.
Hincks. Brit. Mar. Polyz. pg. 49«. PI. LXX. Fig. 2. 3. Möbius. Die wirbel-
losen Thiere d. Ostsee. S. 114. Lenz, Die wirbellos. Thiere d. Travemünder
Bucht, S. 13.
Die chitinöse Kolonie bildet dünne, durchsichtige, weisslichgelbe
bis braune Ueberzüge auf Tang, Seegras und Miesmuscheln. Die
Grenzen der Zoöcien sind auf derselben deuthch sichtbar und theilen
ihre Oberfläche in viele kleine polyedrische Flächen. Das Zoöcivim
ist stachellos und in normaler Ausbildung sechsseitig. Bei älteren
Kolonien und hauptsächlich an Biegungen derselben sind die Zoöcien
von sehr verschiedener Form. Durch ihren Inhalt, der undurchsich-
tig weiss ist, auffallende Ovizellen sind über die Kolonie zerstreut.
Die Ovizellen unterscheiden sich in ihrer Form von den polypid-
haltigen Zoöcien nicht.
Fundorte. Bülk, Kiel, Colberger Haide, Darserort, Altengarz,
Travemünde.
Geographische Verbreitung. Irische See, Kanal; Nordsee,
Englische und Schottische Küste; Norwegen.
Alcyonidium polyoiim. Hass. sp. Fig. 22.
Sarcochitum polyoura. Hassal. Ann. and. Mag. Nat. Hist. vol. VII.
p. 484. Meyer u. Möbius. Fauna der Kieler Bucht. Bd. I. S. 12. John-
ston. Brit. Zooph. n. ed. pg. 365. PI. LXXI. Alcyonidium polyoum. Hincks.
Brit. Mar. Polyz, pg. 501, PI. LXIX. Fig. 9.
Die höckerig erscheinende Kolonie bildet Ueberzüge von bräun-
lich-weisser Farbe auf Fucus serratus. Die Zoöcien, deren Umrisse
Beschreibung der in der Ostsee gefundenen Bryozoen. 33
nur auf den jüngeren Theilen der Kolonie deutlich sichtbar sind,
sind polyedrisch und tragen keine Stacheln. Jedes Zoöciuni trägt
eine grosse, kugelförmige Papille, auf deren Spitze die Austrittsöif-
nung des Polypids liegt.
Fundorte. Kieler Bucht. Colberger Haide.
Diese Species wurde von Meyer und Moebius in der „Fauna der
Kieler Bucht" als hier lebend aufgeführt, welche Angabe jedoch
später*), als auf einer Verwechslung mit Alcj^onidium Mytüi be-
ruhend, zurückgenommen wurde. Obiger Fund beweist, dass diese
Species dennoch in der Kieler Bucht lebt und keine irrthümliche Ver-
wechslung mit Alcyonidium Mytili vorlag.
Geographische Verbreitung. Irische See, Bai von Dublin;
Kanal, Roskoff; Nordsee, Northumberland.
Alcyoiiidhiin gelatinosiim. Lin. sp.
Alcyonium gelatinosum. Lin. S^st. Nat. ed. XII. pg. 129.5. Alc^'Oiiidium
gelatinosum. Johnston. Brit. ZoopK. ed. IL pg. 35S. PI. LXVIII. Fig. 1—3.
Smitt. Oefyersigt. 1866. S. 497. Tf. XIL Fig. 9—13. Hincks, Brit. Mar.
Polyz pg. 491. PL LXIX. Fig. 1 — 3. Möbius. Die wirbellos. Thiere' d. Ost-
see. S 114, Lenz. D. wirbellos. Thiere d. Travemünder Bucht. Jahresber.
d. Comm. z. w. Unt. d. d. Meere. IIl. Anh. S. 13.
Die gelbliche, chitinöse Kolonie ist aufrechtwachsend und hat
etwa die Form eines Cylinders. Mitunter trägt sie einzelne rund-
liche Zweige, welche unregelmässig angeordnet sind. Ueberhaupt
scheint die Form der Kolonie eine sehr schwankende zu sein, sie ist
jedoch immer ziemlich einfach und wenig blattartig. Die Zoöcien
liegen dicht neben einander und ihre Oeffnungen sind auf dem Stocke
als niedrige, rundliche Erhebungen sichtbar.
Fundorte. Eckernförde, Bülk, Stoller Grund, Kiel, Travemünder
Bucht.
Geographische Verbreitung. Grönland, Shetlandinseln, Eng-
lische und Irische Küste, Ostende, Nordsee, Kattegat, Norwegen,
Spitzbergen, Weisses Meer, Murmanska hafvet, Novaja Semlja, Kari-
sches Meer. Nordamerika, Natal.
Alcyoiiidiimi papillosum. Hass. sp, Fig. 23.
Cykloum papillosum. Hassal. Ann. and. Mag. Nat. Hist. (1) Vol. VlI. pg. 483.
Johns ton. Bnt. Zooph. ed. IL pg. 364 PI. LXXI. Fig. 1. Alcyonidium pa-
pillosum. Smitt. Oefversigt. 1S66. S. 499. Tf. XIL Fig. 20—21. Alcyonidium
hirsutum. Hincks. Brit. Marine Polyz. pg. 493. PL LXX. Fig. 4—7.
Die chitinöse Kolonie bildet ziemlich grosse Ueberzüge von bräun-
licher Farbe und rauher Oberfläche auf Algen, hauptsächlich auf
Fucus serratus. Sie trägt auf ihrer Oberfläche stumpfe, kegelförmige
Gebilde, welche häufig in einen spitzen Stachel von wechselnder
Länge auslaufen. Nur aus der Anordnung dieser konischen Schutz-
werkzeuge kann man auf die Grenzen des einzelnen Zoöciums schliessen.
Die Oeffnung desselben tritt nicht besonders hervor und ist von etwa
sieben Kegeln umgeben.
*) Möbius. Die wirbellosen Thiere der Ostsee. Jahresber. d. Comm.
r. w. Unters, d. d. Meere. 1873, S. 114. Anmerk. z. Alcyonidium Mytili.
Arch. f. Naturgesch. JaLrg. 1888. Bd. I. H. 1. 3
34 W. Freese.
Fundorte. In geringer Menge anf angetriebenem Tange: Bülk,
Colberger Haide.
Die Oeffnung des Zoöciums ragt bei den hiesigen Exemplaren
nur wenig über die Area hervor, etwa ebenso wie bei der von Smitt
abgebildeten Kolonie, und liegt auf keiner nach oben gewölbten
Fläche, wie Hincks zeichnet. Die spitzen Fortsätze auf den kegel-
förmigen Stacheln, die denselben die Form einer Pickelhaube ver-
leihen, scheinen bisher noch nicht beobachtet zu sein.
Geographische Verbreitung. Grönland, Shetlandinseln,
Irische und Grossbritannische Küsten, Kanal, Bretagne, Kattegat,
Norwegen, Finnmarken, Spitzbergen.
AlcyoiiidiuM liispiduiu. Fabr. sp. Fig. 24.
Flustra hispida. Fabr. Faun. Grönland, pg. 438. Johns ton. Brit.
Zooph. ed. IL pg, 363. PI. LXVI. Fig. ,5, Flustrella hispida. Hincks. Brit.
Mar. Polyz. Fig. 506. PL LXXIL Fig. 1—5. Alcyonidium hispidum. Smitt.
Oefversigt. 1866 pg. 499. PI. XIL 22—27. Möbius*). Die wirbellos. Thiere
der Ostsee. S. 114.
Die ziemlich dicke Kolonie hat eine rauhe, zottig aussehende
Oberfläche und ist braunroth gefärbt. Sie bildet Ueberzüge von ver-
schiedener Grösse auf Fucus serratus und anderen Gegenständen im
tieferen Wasser. Die chitinösen, ovalen bis rechteckigen Zoöcien
befinden sich in Quincunxstellung. Ihr Rand ist von einer Reihe
braunrother, langer, spitzer Stacheln umgeben, welche nach innen
neigen. Dieselben entspringen aus einer niedrigen konischen Basis
und ihre Zahl ist sehr variabel. Die Oberwand des Zoöciums ist an
der Mündung in eine kurze Röhre ausgezogen, welche durch zwei
Lippen geschlossen wird. Die eine Lippe bildet einen beweghchen
Deckel.
Fundorte. Bülk, Stolier Grund, Colberger Haide.
Die hier gefundenen Kolonien waren mit einer grossen Menge
von Randstacheln besetzt und niemals waren nur Mundstacheln vor-
handen, was Hincks bei manchen Exemplaren beschreibt. Auch
fand sich niemals die von demselben erwähnte aufrecht wachsende
Form.
Geographische Verbreitung. Grönland, England, Bretagne,
Südwest-Frankreich, Nordsee, Helgoland, Norwegen, Finnmarken,
Eismeer.
Fafn, Vesicularieae,
Vesicularia (Thomps.).
Yesiciilaria iiva. Lin. sp.
Sertularia uva. Lin. Syst. nat. ed. XlJ.pg. 131L Vesicularia uva. Smitt.
Oefversigt. 1866. S. 500. Tf. XIU. Fig. 29-33. Valkeria uva. Johnston.
Brit. Zooph. ed. U. pg. 375. Hincks. Brit. Mar. Polyz. pg. 551. PL LXXV. Fig 5.
Der kriechende, an seiner Unterlage befestigte Stamm trägt
paarig stehende Zweige, welche auch kriechen. Die Zoöcien, deren
•'*') in diesem Werke ist folgender Druckfehler zu berichtigen: Seite 114
lies statt Alcyonidium hirsutum Fabr. — Alcyonidium hispidum Fabr.
Beschreibung der in der Ostsee gefundenen Bryozüen 35
Form eine oval cylindrische ist, stehen ebenfalls paarig oder zu
mehrereren in Haufen beisammen und sind schief am Stamme an-
gewachsen.
Fundorte. Auf Furcellaria bei Bülk und auf Zostera marina
im Kieler Hafen.
Die einzelnen Zoöcien stimmen in der Fonn mit den von Smitt
abgebildeten überein; jedoch waren dieselben nicht viel länger wie
die der folgenden Art, wohl aber viel schlanker.
Geographische Verbreitung. Nordsee, Britische und Skan-
dinavische Küste, Karisches Meer, Nördliches Eismeer.
Yesiciilaria cuscata. Lin. sp. Fig. 25.
Sertularia cuscata. Lin. Syst. nat. ed. XII. pg. 1311. Valkeria cuscata.
Johnston. Brit. Zooph. ed. 11 pg. 374. Vesicularia cuscata. Smitt. Oef-
versigt. 1866. S. 501. Tf. XIII. Fig. 28. 34. 35. Valkeria uva. forma cuscata.
Hincks. Brit. Mar. Polyz. pg. 551. PI. LXXV. Fig. 1—5.
Die Kolonie wächst aufrecht buschartig. Lange, schlanke Zweige
erheben sich von dem auf der Unterlage kriechenden Stamme und
geben opponirt stehende Aeste ab.
An diesen sitzen die Zoöcien zu zweien oder mehreren beisammen,
häufig jedoch stehen ein Zweig und ein Zoöcium einander gegen-
über. I)ie Zoöcien sind oval, etwa dreimal so lang wie breit und
mit der Mitte ihrer Basis befestigt.
Fundort. Friedrichsort.
Die von Smitt angeführten Dimensionen der Zoöcien, 0,44 mm
Länge und 0,15 mm Breite, stimmen auch für die hiesigen.
Geographische Verbreitung. Britische Küste, Nordsee,
Kattegat.
Tribus Chilostomata.
JFam, Cellularieae,
Gemellaria (Savigny).
Gremellaria loricata. Lin. sp. Fig. 26.
Sertularia loricata. Lin. Syst. nat. ed. X. pg. 815. Sertularia loriculata.
Lin. Syst. nat. ed XII. pg. 1314. Gemellaria loriculata. Johns ton. ed. II.
pg. 293. PI. XLVII. Fig. 12— 13. Gemellaria loricata, Busk. Cat. Mar. Polyz.
of Brit. Mus. Part. L pg. 34. PI. XLV. Fig. 5. 6. Smitt. Oefversigt. 1867.
S. 286. Tf. XVII. Fig. 54. Hincks. Brit. Mar. Polyz. pg. 18. PI. III. Fig 1— 4.
Möbius. Wirbellos. Thiere d. Ostsee. S. 114.
Die aufrecht wachsende Kolonie ist von brauner Farbe und bildet
ein dichtes B aschwerk, das aus zahlreichen schlanken Zweigen zu-
sammengesetzt ist, welche sich dichotom theilen. Jeder Zweig be-
steht aus zwei Reihen von Zoöcien, deren Unterseiten zusammenfallen;
die Zoöcien einer Reihe liegen nicht in einer Ebene, sondern sind
spiralförmig angeordnet. Bei Verzweigungen entspringt aus jedem
Zoöcium des alten Astes ein Zoöcium des jungen Zweiges. Das
einzehie Zoöcium ist ziemlich schlank und trägt keine Stacheln. Es
ist vorne am breitesten und verschmälert sich von der Mitte ab. Die
ovale Area nimmt etwa die Hälfte seiner Oberfläche ein und ist von
einem wenig verdickten Rande umgeben.
3*
36 W. Freese.
Fundorte. Bülk, Stoller Grund, Friedriclisort, Colberger Haide,
nördlich von Fehmarn, Warnemünde, Darserort.
Geographische Verbreitung. Nordamerika, Labrador, Grön-
land, Grossbritannische Küsten, Ostende, Kleiner Belt, Norwegische
Küste, Spitzbergen, Weisses Meer, Karisches Meer.
^am, Flustridae,
Flustra (Lin.).
Fliistra foliacea. Lin. Fig. 27.
Flustra foliacea. Lin. Syst, Nat. eJ. XII. pg. 1300. Johnston. ßrit.
Zooph. ed. II. po-. 342. PI. LXII. Fig. 1. 2. Busk. Cat. Mar. Folyz. of Brit.
Mus. Part I. pg". 47. PI. LV. Fij?. 4. b. PI. LVI. Fig. b. Smitt. Oefversigt.
1867. pg. 360. Tf. XX. Fig. 12—16. ' Hincks. Brit. Mar. Polyz. pg. 115. PI. XIV'
Fig. 10. PI. XVI. 1. la. Ib. Mobius. Wirbellos. Thiere d. Ostsee. S. 114.
Die Kolonie bildet aufrecht wachsende, laubartig verzweigte
Massen, welche aus zwei Schichten von Zoöcien bestehen. Die Zoöcieu
sind zungenförmig, die Area bedeckt fast ihre ganze Oberseite und
wird jederseits von zwei Stacheln beschützt, zu denen noch ein un-
paarer auf dem vorderen Rande des Zoöciums hinzutreten kann.
Grosse Avicularien mit halbkreisförmiger Mandibel sind über die
Kolonie zerstreut. Die Oeffnung der sehr flachen Ovizellen bildet
einen Bogen über dem vorderen Theile des Zoöciums.
Fundort. Cadetrinne.
Geographische Verbreitung. Norwegen, Belt, Kattegat,
Nordsee, Englische Ostküste, Belgien, Normandie, Südwestküste von
Frankreich, Mittelmeer, Adriatisches Meer, Gesellschaftsinseln, Algoa-
bai, Amoy.
Fam, 3Iembraniporidae.
Membranipora (Blainv.).
Meui])raiii|)ora liiieata. Lin. sp. Fig. 2ö.
Flustra lineata. Lin. Syst. nat. ed. XII. pg. 1301. Membranipora lineata.
Johnston. Brit. Zooph. ed 11. pg. 319. PI. LXVL Fig. 4. Busk. Cat. Mar.
Polyz. of Brit. Mus. Part. IL pg. 58. PI. LXI. Fig. 1. Smitt. Oefversigt. Iö67-
S. 363. Ti. XX. Fig. 23—31. Möbius. Wirbellose Thiere der Ostsee. S. 114.
Hincks. ßrit. Mar. Polyz. pg. 143. PI. XIX. Fig. 3—6. Lenz. Die wirbel-
losen Thiere der Travemünder Bucht. Theil I. S. 13.
Das ovale Zoöcium, das nach hinten zu etwas breiter wird, trägt
auf seinem Rande sechs bis zwölf Stacheln, von denen zwei an den
vorderen Ecken des Zoöciums stehen und etwas nach vorn gebogen
sind. Das zweite Stachelpaar steht aufrecht und die übrigen, welche
schlank, aber nicht abgeplattet sind, neigen sich über die Area
welche membranös bleibt und an ihrem Rande keine Kalklamelle,
trägt. Ein ziemlich grosses, erhabenes Avicularium mit nach hinten
gerichteter Mandibel findet sich auf dem Hintertheile des Zoöciums.
Der grossen, glänzenden Ovizellen sind kugehg und tragen eine ge-
bogene Rippe. Vor ihnen befindet sich oft an einer Seite ein Avi-
cularium mit nach vorn zeigender Mandibel.
Fundorte. Bülk, Fehmarn, Cadetrinne, Travemünder Bucht.
Beschieibunf? der in der Ostsee gefundenen Biyözoen. 37
Da mir keine Exemplare dieser Species zur Verfügung standen,
nehme ich Zeichnung und Diagnose nach Hincks.
Geographische Verbreitung. Florida, Süd-Labrador, Davis-
strasse, Island, Atlantischer Ocean, Kanal, Bretagne, Irische See,
Nordsee, Shetlandinseln, Skandinavien, Spitzbergen, Murmanska havfet,
Nowaja Semlja, Karisches Meer, Adriatisches Meer, Neu-Seeland.
Membraiiipora nitida. Fabr. sp. Fig. 29.
Cellepora. nitida. Fabricius, Fauna Groenland. pg. 435. Lepralia nitida.
Busk. tat. Mar. Polyz. of Brit. Mus. Part. H. pg. 7(3. PI. LXXVI. Fig 1.
Jobnston. Brit. Zoopb. ed. IL pg 319. Pl.LV. Fig. 11. Membranipora nitida.
Smitt. Oefversigt. 1867. S. 366. Tf. XX. Fig. 50. .nl. Möbius. Wirbellos.
Thiere d. Ostsee. S. 114. Membraniporella nitida. Hincks. Brit. Mar. Polyz.
P-. 200. PI. XXVII. Fig. 1—8.
Die Zoöcien sind oval. Ueber den elliptischen Oeffnungshof
wölben sich die hinteren, verbreiterten Stacheln, deren Zahl 5 bis 8
beträgt, ähnlich wie Rippen zu einem Gevfölbe, das nach hinten zu
flacher wird und etwa zwei Drittel des ganzen Zoöciums bedeckt.
Diese hinteren Stacheln lassen zwischen sich breitere oder engere
Zwischenräume von unregelmässiger Form und stosseu auch in der
Mittellinie des Zoöciums nicht ganz zusammen. Die Stacheln sind
durch eine durchsichtige Haut mit einander verbunden. Nur in un-
mittelbarer Umgebung des Deckels bleibt ein schmales halbkreis-
förmiges Stück der Area unüberwölbt, dessen Rand zwei oder keine
Stacheln trägt.
Fundort: Stoller Grund.
Da nur ein sehr kleines Stück dieser Art zur Verfügung steht,
an Avelchem weder Avicularien noch Ovizelleu vorhanden sind, kann
ich deren Form nicht beschreiben. Hincks erwähnt ein oder zwei
Avicularien an dem proximalen Theile des Gehäuses mit spitzen
Mandibeln, die nach schräg hinten zeigen, und ein Avicularium an
jeder Seite der Ovizelle, das nach schräg vorne gerichtet ist. Die
Ovizellen sind kugelig und haben eine granulirte oder glatte Ober-
fläche.
Geographische Verbreitung. Atlantischer Ocean, Bretagne,
Kanal, Irische See, Britische Küste, Shetlandinseln, Norwegen, Neu-
seeland.
Meinl)raiiii)Oi'a Flemiiigii. Busk.
Forma trifolium. (Wood.) Fig. 30.
Membranipora Flemingii. Busk. Cat. Mar. Polyz. of Brit. Mus. part. II-
pg. 58. PI. LXi. Fig. 2. PI. LXXXIV. Fig. 3. 4. h. Hincks. Brit. Mar. Polyz.
pg. 162. Membranipora Trifolium. Hincks. Brit. Mar. Polyz. pg. 167. PI.
XXII. Fig. 5. 6. -Membranipora Flemingii, Forma trifolium. Ömitt. Oefver-
sigt. 1867. S. 367. Tf. XX. Fig. 37—42. MÖbius. Wirbellos. Thiere der Ost-
see. S. 115.
Das Zoöcium ist von einem körnigen, verdickten Rande um-
geben, der 2 oder 4 cylindrische Stacheln trägt. Bei Gegenwart von
4 Stacheln steht das vordere Paar an den vorderen Ecken des Zoöciums,
Avährend das zweite Paar die Mitte der Area schützt. Dieses zweite
Paar fehlte niemals. Innerhalb des Randes findet sich eine schmale.
38 W. Freese.
körnige Kalklamelle, die am hinteren Ende und an den beiden seit-
lichen Stacheln sich verbreiternd, eine kleeblattförmige bis elliptische,
chitinöse Area aperturae freilässt. Häufig findet sich ein erhabenes
Avicularium auf dem verkalkten Theile der Oberwand, dessen spitze
Mandibel nach hinten zeigt, wenn das an seiner Seite liegende Zoöcium
keine Ovizelle trägt, im anderen Falle aber nach vorne gerichtet ist.
Auf den kugeligen bis helmförmigen Ovizellen befinden sich erhabene
Linien, die eine sternförmige Figur bilden. Die hintere Seite der
Ovizelle wird von einer dreieckigen, ebenen Fläche gebildet, die von
einer gezackten Rippe umschlossen wird und meist bis zur Spitze
des Oöciums reicht.
Fundorte. Auf Tang und Seegras, Kiel, Friedrichsort, Bülk.
Die hier gefundenen Kolonien stimmen sehr gut zu der Be-
schreibung, die Hincks von den als „fuUy developed specimens"
bezeichneten Stücken von Memhranipora Flemingii giebt. Die Area
scheint die ganze Oberseite des Zoöciums zvi bedecken; dasselbe ist
jedoch zum Theile noch hinter derselben gelegen, und auf diesem
schmäleren Theile sitzen auch die Avicularien. Die Zoöcien sind in
der Mitte am breitesten und werden nach vorne und hinten zu be-
deutend schmäler. Die von demselben Autor beschriebenen, langen,
säbelförmigen Anhänge wurden von mh* nicht bemerkt, vielmehr
waren alle Stacheln von nahezu gleichen Dimensionen. Dieselben
sind chitinöse hohle Cyliuder, die in etwa ein Viertel ihrer Höhe eine
iimere, ringförmige Wandverdickung tragen, die den oberen Theil
des Hohlraumes von dem unteren trennt, ähnlich wie es Smitt*) bei
Flustra foliacea abbildet.
Geographische Verbreitung. Labrador, Grönland, Shetland-
inseln, England, Kattegat, Norwegen, Spitzbergen, Murmanska hafvet.
Meml)raiiii)ora pilosa. Lin. sp.
Flustra pilosa, Lin. Syst. nat. ed. XII. pg. 1301. Membranipora pilosa.
Smitt. Oef versigt 1867. S. 368.
Die verkalkten Zoöcien sind im Grundriss meist rechteckig. Der
runde oder elliptische Oeffnungshof trägt auf dem hinteren Theile
seines Randes einen Stachel von wechselnder Länge, der jedoch auch
fehlen kann.
Forma pilosa. (Lin., Smitt.) Fig. 1.
Flustra pilosa. Lin. Syst. nat. ed. XII pg. 1301. Lin. Syst. nat. ed.
XIII c. Gmelin, pg. 3827 N. 3. Flustra dentata. Lin. Syst. nat. ed. Xlll c.
Gmelin., pg. 3828 N. 11. Membranipora pilosa. Busk. Cat. Mar. Polyz. ot
Brit. Mus. Part. IL pg. 56. PL LXXI. Hincks. Brit. Mar. Polyz. pg. 137,
PI. XXllI Fig. 1—4. Smitt (forma püosa) Oefversigt. 1867. S. 368. Tf.
XX. Fig. 49.
Die Zoöcien tragen auf dem Rande des Oeffhungshofes fünf 'ois
neun Stacheln, von denen der hintere meist stärker entwickelt ist,
als die anderen. Der nicht von der Area eingenommene Theil des
Zoöciums, welche etwa zwei Drittel seiner Oberfläche bedeckt, ist mit
*) Oefversigt. 1867. Tf. XX. Fig. 16.
Beschreibung der in der Ostsee gefundenen Bryozoen. 39
vielen als Löcher erscheinenden dünnen Stellen besetzt. Die Colonie
Ijildet Ueberzüge auf Fuchs, Zoster a marina und Mytilus edulis.
Fundorte. Kieler Bucht, Neustädter Bucht.
Geographische Verbreitung. Nord- Amerika, Rhode Island,
New Jersey, Neu Schottland, St. Lorenzbai, Labrador, Grönland, Bre-
tagne, Kanal, Belgien, Nordsee, Helgoland, Norwegen, Finnmarken.
Mittelmeer, Adriatisches Meer, Arabisches Meer. Melbourne.
Forma membraiiacca. (Müll., Smitt.) Fig. 3.
Flusfcra membranacea. Müll. Zool. Dan. Prodr. pg. 253. Membranipora
pilosa, Forma membranacea. Smitt. Oefversigt. 1867. S. 371. Möbius.
Wirbellose Thiere der Ostsee. S. 114. (nicht Membranipora membranacea.
Hincks. Brit. Mar. Polyz. pg. 140 und Busk. Cat. Mar. Polyz. of. Brit.
Mus. Part. II pg. 56). Lenz. Die wirbellosen Thiere der Travemünder Bucht.
Theil I. S. 13.
Die meist rechteckigen Zoöcien tragen hinter dem OefFnungshofe,
welcher fast ihre ganze Oberseite einnimmt, einen kurzen Stachel,
der jedoch auch fehlen kann. Der den Oeffnungshof umgebende
verdickte Rand verschwindet nach hinten zu allmälig. Die Kolonie
l)ildet Ueberzüge auf Fucus, Seegras und Miesmuscheln.
Fundorte. Ganze westliche Ostsee bis Dalorö (Schweden), Gott-
land, Helsingfors.
Forma monostacliys. (Busk., Smitt.) Fig. 5.
Membranipora monostachys. Busk. Cat. Mar. Polyz. of Brit. Mus. Part
11. pg. 61. PI. LXX. Membranipora monostachys. Forma fossaria Hincks
ürit. Mar. Polyz. pg. 132, PI. XVIII. Fig. 3. 4. Membranipora pilosa, Forma
monostachys. Smitt. Oefversigt 1867. pg. 370.
Die sehr unregelraassig geformten, meistens jedoch rechteckigen
Zoöcien tragen einen kurzen Stachel, der jedoch auch fehlen kann.
Der fast die ganze Oberfläche einnehmende Oeffnungshof ist von
einem verdickten Rande umgeben, der auch hinten deutlich ausge-
bildet ist. Die Colonie lebt mit Cordylophora lacustris zusammen in
brackischem Wasser, wo sie Ueberzüge oder schwammartige Massen
auf Pflanzenstielen bildet.
Fundorte. Swentinenmündung (Kieler Bucht), Windebyer Noor
bei Eckernförde.
Geographische Verbreitung. Britische Küste, Yarmouth;
französische Küste; Kuxhafen; Skandinavische Küste. Cap Verde-Inseln.
Farn, JEschariporidae,
Escharipora (D'Orb.).
Escharipora punctata. Hass. sp. Fig. 31.
Lepralia punctata. Hassal. Ann. and. Mag. Nat. hist. (1) Bd. VIT. pg. 868.
PI. IX. Fig. 7. Busk. Cat. Mar. Polyz. of. Brit. Mus. Part. II pg. 79. PI.
XC Fig. 5-6. PI. XCII. Fig. 4. PI. XCIV Fig. 3. Johns ton. Brit. Zooph,
ed. n. pg. 312. PI. LV. Fig. 1. Cribilina punctata. Hincks. Brit. Mar.
Polyz. pg. 191. P. XXIV. Fig. 1—4. PI. XXVI. Fig. 3. Escharipora punctata.
Smitt. Oefversigt. 1867. Bihang. pg. 4. PI. XXIV. Fig. 4—7.
Das cylindrische bis ovale Zoöcium besitzt auf dem ganzen hin-
teren Theile der Oberwand grosse kalkfreie Stellen, die als Löcher
40 W. Freese.
erscheinen und häufig mit einander in Verbindung stehen. Es trägt
vorne einen etwa ein Drittel seiner Länge einnehmenden Oeffnungs-
hof von der Form einer ElHpse, deren grössere Axe senkrecht zur
Längsaxe des Zoöciums steht. Die Area ist von einem schmalen,
verdickten Rande umgeben, welcher vorne zwei bis vier cylindrische
Stacheln trägt. Ein oder zwei kleine nach schräg vorne gerichtete
Avicularien finden sich an den Seiten des Oeffnungshofes. Die flach-
gewölbten Ovizellen, deren Kalklamelle ebenfalls kleine Löcher trägt,
siad kreisförmig bis elliptisch.
Fundorte. Li geringer Menge auf Seegras und Tang bei Frie-
drichsort und Bülk.
Die von mir gefundenen Colonien stimmen sowohl in Bezug auf
die Form der Zoöcien, wie der Ovizellen mit der von Busk (PL
XCn Fig. 4) abgebildeten überein. Jedoch sind bei den hier gefun-
denen Exemplaren die unregelmässig angeordneten eckigrunden Löcher
der Kalklamelle viel grösser ausgebildet, hängen häufig durch schmale
Kanäle mit einander zusammen und verschmelzen sogar zu einem
unregelmässig geformten Loche, das oft die Hälfte der verkalkten
Oberseite des Zoöciums bedeckt. Die von Hincks und Busk bei eini-
gen Colonien gezeichneten Knöpfchen auf der verkalkten Oberwand
finden sich auf den von mir untersuchten Exemplaren nicht. Der
den Oeflfnungshof umgebende Rand ist an seinem hinteren Theile
mitunter in eine kleine Spitze ausgezogen, was auch Hincks er-
wähnt. Die Ovizellen der hiesigen Colonien sind mit einer Anzahl
kleiner Löcher bedeckt, was auch Hincks und Busk abbilden.
Smitt giebt in seiner Diagnose dieser Species an, die Oöcien seien
undurchlöchert und scheint daher nicht gewillt zu sein, die von Busk
(PI XCn Fig. 4) abgebildete Colonie zu derselben zu rechnen. Da
jedoch diese Art sehr zu variiren scheint, glaube ich die von mir
untersuchten Exemplare ebenfalls zu derselben rechnen zu dürfen.
Mitunter ist der distale Theil der Ovizelle in einen cylindrischen
stachelartigen Fortsatz ausgezogen.
Geographische Verbreitung. Südwest -Frankreich, Kanal,
Irische See, Nordsee, Britische Küste, Shetlandinseln, Norwegen,
Karisches Meer.
Erklärung der Abbildungen.
Fig. 1. Membranipora ;iyilosa L. Forma pilosa. ^
A. Zoöcium mit uns^^mmetrischer Vertheiluug der Randstacheln.
o. oberer Rand der Area.
u. unterer Randtheil derselben.
g. dünne Stelle (Grübchen) der Kalklamelle.
Fig. 2. Rosettenplatten ^^- von 3Iemhr. ]iilosa. L.
A. von Forma pilosa B. von Forma monostachys.
w. Wall der Rosettenplatte.
V. Wall der Pore.
Erklärung der Abbildungen. 41
Fig. 3. Membranij)0)'a pilosa L. ^^ Forma memhranacea.
e. Warzenförmige Erhebungen des Arearandes.
Fig. 4. Hinterwand von Forma memhranacea '^f'^.
km. Communicationsporen.
Fig. 5. Memhranipora pilosa L. *,^ Forma monostachys auf einem
Stiele von Cordylophora lacustris.
e. Warzenförmige Erhebungen des Arearandes.
rs. Rosettenplatte.
g. Grübchen der Kalklamelle.
Fig. 6. Endocyste. ^{^.
Fig. 7. Spindelzellen des Funiculus lateralis, ^f .
Fig. 8. Spindelzellen der Funicularplatte. ^p.
Fig. 9. Fiächenansicht der Tentakelscheide, ^f^,
A. hinterer Theil. B. vordere Theil derselben.
Im. Längsmuskelfasern.
rm. Ringmuskel.
Fig. 10. Längsschnitt durch den Vaginalsphinkter ^f.
Ekt. Ektocyste.
End. Endocyste.
Cep. Cy linder epithel des Sphinkters.
rm. Ringmuskelfasern desselben.
Im. Längsmukelfasern desselben.
Vv?^. Vorderwand des Zoöciums.
D. Deckel desselben.
ost. Austrittsöffnung des Polypids.
ts. Tentakelscheide.
pvb. Ein vorderes Parietovaginalband.
Fig. 11. Deckelmuskel 432.
End. Endocyste.
mf. Muskelfaser.
fd. fadenförmiger Fortsatz derselben.
Fig. 12. Tentakelquerschnitte ^p.
A. durch den unteren Theil eines Tentakels.
B. durch den oberen Theil.
h. homogener Cylinder.
1. leistenförmige Fortsätze desselben,
i. Inneres Tentakelepithel.
Im. Längsmuskelfasern,
m. Dunklere Zellen des äusseren Epithels.
Fig. 13. Radialer Längsschnitt durch den Oesophagus, ^f*.
rk. Ringkanal,
h. Homogene Lamelle desselben,
i. Inneres Epithel.
m. Aeusseres Tentakelepithel, in das Mundepithel übergehend.
0. Mundöffnung.
wep. Wimperepithel des Oesophagus.
Cep. Cylinderepithel.
rm. Ringmuskelfasern,
mv. Magenventil,
ts. Tentakelscheide.
42
W. Freese.
Fi^, 14. Querschnitt des Oesophagus. '^I^.
h. Homogene Lamelle.
Cep. Cylinderepithel, drei grosse, eingekerbte Lappen bildend.
Fig. 15. Tangentialschnitt des' Oesophagus mit einem Streifen im
Querschnitt spindelförmiger Zellen, ^f*^.
Fig. 16. Querschnitt durch die Ebene des Ringkanals, ^f".
gh. Ganglion.
m. Mundepithel.
^. Homogene Lamelle.
i. Inneres Epithel des Ringkanals.
Fig. 17. Fedicellina gracilis (Sars), \'*.
Fig. 18. Crisia eburnea. Forma ehurnea mit einer Ovizelle. V*
Fig. 19. Crisia ehurnea. Forma producta. \".
A. Stück einer Kolonie.
B. Stück einer Kolonie mit Ovizelle.
Fig. 20. Biastopora repens. (nach Smitt.)
Fig. 21. Alcijonidium Myfili. V'-
Fig. 22. Alcyonid. polyoum. V^.
Fig. 2.3. Alcyonid. papillosum. ^{"•^
Fig. 24. .Alcyonid. hispidum. V- Einzelnes Zoöcium,
Fig. 25. Vesicularia cuscata. ^^.
Fig. 26. Gonellaria loricata. ^^.
Fig. 27. Flustrafoliacea. 'Y. Avicularium von iünf Zoöcien umgeben.
Fig. 28. Membranipora lineata (nach Hincks).
Fig. -9. Mcmhranipora nitida. \-^,
Fig. 30. Membranipora Flcmingii. Forma trifoUum. \^.
Fig. 31. Escharipora punctata. ^\^.
Systematische Streiflichter.
Dr. Stephan Apäthy aus Ungarn.
I. Marine Hirudiiieen.
Ich will in folgenden Bemerkungen in aller Kürze einiger für
die Morphologie der Ordnung und für die Systematik der marinen
Formen nicht unwichtigen Thatsachen vorläufig Erwähnung thun,
welche ich seit meinem Aufenthalt an der Station zu Neapel zu beob-
achten Gelegenheit hatte, und welche später in einer Monographie
ausführlicher behandelt werden sollen.
Ich kann aber, wenn ich verständlich sein will, nicht umhin, die
Quintessenz meiner Ergebnisse der Analyse der äusseren Körperform
der Hirudineen in einigen Sätzen wiederzugeben. Whitman (s. S. 58 1.u. II.)
war der erste, der in der äusseren Morphologie der Hirudineen einen
richtigen Weg einschlug. Er hat aber die geschilderten an und für
sich richtigen Thatsachen nicht, oder noch nicht, mit der inneren
Organisation und der Embryologie in Einklang zu bringen versucht,
respective sie von diesen abgeleitet; er hat sich ausserdem blos auf
die Subfamilie der Zehnäugigen beschränkt und den allgemeinen Plan
des Körperbaues der Hirudineen nicht erkannt. Sein Hauptverdienst
ist, die Ringe zum ersten mal gut gezählt zu haben. Bourne (III.)
berührt in seiner Arbeit auch einige Punkte der äusseren Morphologie,
dringt aber nicht in die Tiefe der zu lösenden Fragen ein, und ge-
räth durch Homologisirung des vorderen Körperendes der Gnathob-
delliden mit dem Rüssel der Rhynchobdelhden auf ganz falsche Wege.
Und doch waltet in dem Baue des Körpers der verschiedensten Hiru-
dineengattungen eine ganz überraschende Einheit und Gleichmässig-
keit ob. Es konnte nur Remy Saint-Loup (IV.) gehngen, in der
Hirudo eine Taenia zu erkennen, zusammengesetzt aus einer Reihe
von C'lepsinen, welche, als Proglottiden der Hirudo-Taenia, je ein
Trematod wären.
Ich versuche die Hirudineen als Ordnung in Folgendem zu
characterisiren.
Der meist langgestreckte Körper verjüngt sich in der Regel gegen
seme beiden Enden (gegen die Scheiben); er ist glatt oder mit regel-
mässig vertheilten Verdickungen, Warzen, resp. Falten der Haut
versehen. Letztere ist immer deutlich geringelt. Der Querschnitt
44 Dr. Stephan Apäthy.
zeigt eine Kreis- oder horizontale Ovalform; eine bedeutendere Ab-
plattung erfolgt nur auf dem Wege secundärer Anpassung. Die
Länge des Körpers wird in erster Linie durch die Zahl der auf je
ein inneres Somit fallenden äusseren Ringe bedingt; diese ist 3, 6
oder 12, resp. 5, aus einer gewissen Gruppirung von ursprünglich
12 Ringen entstanden. (Unter innerem Somit verstehe ich die Ge-
sammtheit der inneren Organe und Gewebslagen, welche in dem me-
tameren Körper zwischen je zwei Hauptsepta liegen; als äusseres
Somit bezeichne ich dagegen die Gesammtheit der entsprechenden
äusseren Merkmale, Ringe, Anhänge etc.: beide Ausdrücke unter-
scheiden nur der Kürze wegen die zwei Richtungen, in welchen sich
derselbe Begriff „Somit", unseren Untersuchungen darbietet..)
Die Hirudineen bestehen ohne Ausnahme aus 33, auch äusserlich
nachweissbaren Somiten; auf jedes fällt ein vollständiges Ganglion
mit sechs Ganglienkapseln. Die Somite werden zwar in der Regel
nur gegen die beiden Körperenden zu reducirt und verkürzt; es kann
dies aber auf dem Wege secundärer Anpassung auch anderswo an
dem Körper vorkommen.
Die Zahl der vollständigen (nicht reducirten) Somite characteri-
sirt die Gattung; der Grad der Reduction und die Art und Weise
der Verkürzung sind, obwohl sie gelegentlich auch die Gattung be-
stimmen, meistens nur für die Art massgebend, und können als se-
cundäre Anpassung, eventuell auch ohne jeden Einfluss auf die Fest-
stellung der Phylogenie sein. — (Die Reduction, durch welche die un-
vollständigen Somite entstehen, ist von der Verkürzung (Abbreviation)
wohl zu unterscheiden: jene ist ein rein phylogenetischer Vorgang
und hat in der Ontogenie gar keine Spuren hinterlassen; diese ver-
läuft ganz im Bereich der Ontogenie. Die Reduction besteht darin,
dass, wenn ein Somit, nach den Ansprüchen des betreffenden Körper-
theiles, seine Function wechselt, mit gewissen überflüssig gewordenen
Organen die Bildung auch jenes Somitdrittels aus der Ontogenie
herausfällt, an welches das in Rede stehende Organ, oder jene Gruppe
von Organen in dem vollständigen typischen Somit des Mittelkörpers,
der Lage nach gebunden war; und mit dem inneren Somitdrittel ver-
schwindet auch vom äusseren Somit je ein Drittel der Ringelzahl,
welche dem inneren Somit zukommt. Diese Reduction kann nur
drittelweise, von hinten nach vorne schreitend, vor sich gehen, ohne
jedes Zwischenstadium, und sie erreicht ihren höchsten Grad, wenn
nur das erste Drittel des typischen Somits übriggeblieben ist. Die
Verkürzung steht mit der Reduction nicht nothwendigerweise in Zu-
sammenhang; erster e zeigt sich in zwei Formen: in der einfachen
Verschmälerung der einzelnen Ringe und in der Verschmelzung von
Ringen, welche demselben Somitdrittel angehören.)
Der ganze Körper theilt sich in sechs, auch in ihrer Function
verschiedene Regionen, welche mit Ausnahme der drei Somite be-
sitzenden Analregion, aus je sechs Somiten zusammengesetzt sind;
es sind dies: die Kopf-, Clitellar-, Mitteldarm-, Hinter darm-, Anal- und
Haftscheibenregion. In der gesammten, inneren und äusseren Ein-
theilung des Somits ist die Dreizahl die herrschende.
Systematische Streiflichter. 45
Die Kopfregion hat sich, im Dienste einer mehr oder weniger
parasitischen Lebensweise zu einem kleineren oder grösseren Saug-
napi ausgebreitet, welcher aus einer Verdickung des vorderen Körper-
endes entsteht und an welchem eine centrale mediane Längsspalte
als Mundöffnung dient, resp. zu dem Napfrande auseinandergezogen
werden kann. Die Anabegion tragt den wahrscheinlich secundären
und aus einem einfachen, querspaltförmigen Durchbruch der Haut
verhältnissmässig sehr spät gebildeten After an der Dorsalfläche.
Zwei bis drei Somite der sechsten Kegion sind bei allen Gattungen
der Ordnung zu einer Haftscheibe eingestülpt; die Grösse und Form
der letzteren hangt in erster Linie davon ab, ob sie von der betref-
fenden Art vorwiegend zum Halten oder als Locomotionsorgan be-
nutzt wird.
Zu dem eigentlichen Clitellum hat sich, in Grad und Form nach
den Familien resp. Subfamilien verschieden, das 10., 11. und 12. Somit
in der Regel secundär, ja sogar theilweise nur postembryonal umge-
staltet; die männliche Geschlechtsöfinung liegt aber constant auf dem
elften, die weibliche an dem zwölften Somit. Die relative Grösse
des Mittelkörpers ist jener Nahrungsmenge angepasst, welche die he-
treffende Art auf einmal zu sich zu nehmen hat, um ihre Existenz
zu sichern.
Immer typisch, die Gattung, resp. die Art bezeichnend, sind die
Somite 14 — ^3, also die zehn mittleren des Mittelkörpers. Falls die
einzelnen Ringe gewisse eigene Merkmale besitzen, so sind diese in
regelmässiger Reihenfolge an jedem Somit des Körpers aufzufinden,
von welchem der betreffende Ring dm-ch Reduction nicht eliminirt
wurde.
Der wohl entwickelte Tastsinn besitzt bei den Hirudineen eine
allgemeine Verbreitung, und ist an 18 Längslinien von Tastkegelchen
gebunden, welch letztere im Umkreise eines jeden Piscicola-Ringes
eine Querreihe bilden. (Ich weise nämlich nach, dass ein solcher Zu-
stand als u.rsprünglich zu betrachten ist, in welchem, wie bei der
heutigen Piscicola, zwölf äussere Ringe auf ein inneres Somit fallen:
alle andere Arten der Ringelung sind von verschiedener Gruppirung
der ursprünglichen zwölf Ringe herzuleiten. Als Piscicolaring be-
zeichne ich der Kürze wegen gelegentlich jeden Ring oder Ringtheil
einer beliebigen Hirudinee, welcher mit einem Ringe der Urpiscicola
gleichwerthig ist.) Von den erwähnten : 8 Längslinien befinden sich
jederseits von der Mittellinie sowohl am Bauch als auch am Rücken
je 4, und ausserdem eine rechts und links an dem Körpersaume, an
der Grenze von Rücken und Bauchfläche. Ich benenne sie im Gegen-
satz zu Whitman, der einen Theil von ihnen ebenfalls mit Namen
versehen hat, in folgender Weise: innere und äussere Paramedian-,
mnere und äussere Paramarginal- und Marginallinie. Letztere ent-
spricht der Laterallinie der Capitelliden.
Die Tastkegelchen können auf hervorspringende Warzen der
Haut gerathen sein. (Solche Warzen, welche er nur auf den ersten
Ringen beobachtet hat, hält Whitman für segmentale Sinnesorgane,
obwohl die ohne jeden besonderen Zweck an ihnen befindlichen Tast-
46 ' Dr- Stephan Apäthy.
kegelchen gar niclit grösser als alle übrigen sind, und der weitaus
überwiegende Theil der Warzen von Elementen, welche mit der Sinnes-
thätigkeit in gar keinem Zusammenhang stehen — Drüsen, Bindege-
webe, Muskeln und gewöhnliches Epithel — , gebildet wird, z. B. bei
Clepsine.) Ausserdem können die Tastkegelchen — eine kleinere oder
grössere Gruppe von specifischeu epitheloiden Zellen, welche die Cu-
ticula in ein retrahirbares Kegelchen emporwölben und welche alle,
ausnahmslos, je ein Tasthärchen besitzen — mit einer Unter-
lage von gelblichen, opaken, fetthaltigen Zellen oder eigenthümlichen
Pigmentzellen versehen sein. Je nachdem dieser oder jener Fall mit
einer bestimmten Anordnung der betreifenden Gebilde vorliegt, sind
auch die einzelneu Ringe zu unterscheiden, deren weitere Merkmale in
einer dichteren Lagerung des oberflächlichen, reticulären Pigmentes
und in der Stellung der Nephridialapertur zu suchen sind.
Die Marginallinie zeichnet sich bei gewissen Gattungen, haupt-
sächlich in der Familie der Gnathobdelliden durch grössere Tast-
kegelchen aus und legt so, als Sinneshnie, eine gewisse Gleichwerthig-
keit mit der Seitenlinie der Capitelliden an den Tag. Augen, welche
in ihrer höchsten Eutwickelung Licht, Farbe, ja sogar wahrschein-
lich auch Form unterscheiden können, haben sich hauptsächhch bei
den Süsswassei-gattungen ausgebildet, und zwar benutzten sie die
dorsalen Tastkegelchen der ersten Ringe, resp. ersten Somitdrittel der
Kopfregion als Bildungs demente.
Von specifischen Drüsen münden bei den meisten Hirudineen an
der Körperoberfläche Chitinoiddrüsen, welche sich vorwiegend auf dem
Somit der männlichen Geschlechtsöffnung entleeren und gegenwärtig
zur Coconbildung bestimmt sind, oder bei den einen Cocon nicht be-
reitenden Clepsinearten, falls sie noch nicht vollkommen rückgebildet
sind, eine andere Lage besitzen und als embryonale Haftdrüse eine
Verwerthung finden. (Die Rückenplatte von Clepsine bioculata ist
der postembryonale Rest dieser Drüse.)
Es giebt keine einzige Erscheinung in der äusseren Morphologie
der Hirudineen, welche mit Hilfe des in dem vorhergehenden gebo-
tenen Schlüssels nicht leicht verstanden und auf den einheitlichen
Plan im Bau des Hiriidineenkörpers zurückgeführt werden könnte.
Auf diese Grundlage von Neuem aufgebaut, müsste auch die bisher
so verworrene, irrationelle Systematik der Hirudineen ein ganz an-
deres Aussehen bekommen; und ich werde es, bei anderer Gelegen-
heit, nicht versäumen, diesen Umbau zu versuchen.
Da die Branchiobdelliden unmöglich zu den Hirudineen gerechnet
werden können, so giebt es in der Ordnung der Hirudineen nur zwei
Familien: die der Rhynchobdelliden und die der Gnathobdelliten. Die
Meeresformen gehören alle in erstere, und zwar bilden sie die Sub-
familie der Ichthyobdelliden, zu welcher unter den Süsswasseregeln
nur Piscicola, als Uebergangsform gehört.
Die Schwankungen und Uebergängen nicht unterworfene Charak-
teristik der Bliyiieliolbdellideil, gegenüber den Gnathobdelliden, be-
steht in zwei Punkten; alle anderen Eigenthümlichkeiten sind blos
secundär, oder die Folge von diesen:
Systematische Streiflichter. 47
1. Der Schlund ist mit einem vorstreckbaren Saugstecher
(der Rüssel in der bisherigen Terminologie) versehen, welcher als eine
nach vorne auswachsende Kreisfalte hinter dem Schlundring entsteht.
2. Auf je ein inneres Somit des Mittelkörpers fallen 3, 6, resp. 12
äussere Ringe. (12 Ringe besitzt nur eine Süsswasserform, die Piscicola.)
Gegenüber diesen Eigenschaften charakterisiren sich die Olia-
tholbdelliden in folgender Weise :
1. Der Schlund (hinter dem Schlundring) verläuft gerade, ohne
Saugstecher oder irgend eine andere Querfalte; der Rachen (vor dem
Schlundring) besitzt hingegen eine mehr oder minder ausgeprägte dreisei-
tige Querfalte, welche drei harte Kiefer aus sich hervorgehen lassen kann.
2. Auf je ein inneres Somit des Mittelkörpers fallen 5 äussere
Ringe.
Die Subfamilie der Ichthyobdelliden wird folgendermassen ge-
kennzeichnet:
Der Körper ist immer cylindrisch; (in geringem Grade kann er
mit Hilfe der dorsoventralen Musculatur abgeplattet werden, oder
flacht sich in Folge seiner Weichheit passiv ein wenig ab.) Er ist
bei erschlaffter Muskulatur wenigstens 10 mal so lang, als breit. Das
Clitellum besteht immer aus reducirten Somiten und bildet, wenig-
stens das drittel Clitellarsomit, eine deutliche, ringförmige Einschnür-
ung. Beide Geschlechtsöffnungen liegen in dem ersten Drittel des
betreffenden Somits. Der After befindet sich zwischen dem ersten
und zweiten Somit der Analregion. Der Saugstecher ist nicht länger
als das Praeclitellum (die ersten drei Somite der Clitellarregion) ;
er liegt, wenn er nicht gebraucht wird, innerhalb der Grenzen des-
selben. — Alle übrigen Eigenschaften fuhren uns schon zu den ein-
zelnen Gattungen, oder finden sich auch bei den Clepsiniden.
Die bisher bekannten Formen der Ichthyobdelliden bringe ich
in folgenden Gattungen unter: Ichthijohdella Blainv., Fiscicola Blaiuv.,
Ca/liobdella Van Beneden & Hesse., Branchellion Sav., und Fonfob-
della Leach. Die Arten, welche bisher bald als Ichthyobdella, bald
als Piscicola in eine und dieselbe Gattung zusammenfasst worden
sind, müssen von einander getrennt werden. Ich nenne Ichthyobdella
die im Meere lebenden Arten, Piscicola und zwar Piscicola piscium
Roes. die einzige Art, welche die Ichthyobdelliden in dem Süss-
wasser repräsentirt. Meine Gründe werde ich in einem späteren Ar-
tikel kurz auseinandersetzen.
In der vorliegenden Mittheilung werde ich mich auf die Gattungen
Pontobdella und CaUiobdella beschränken.
Poiitolxlella.
Die Gattungsmerkmale der PontdobdeUa, welche wir in der heu-
tigen Systematik aufgezählt finden, sind weit entfernt davon um einer
Systematik, nicht nur von und für Dilettanten geschrieben zu ent-
sprechen. Anstatt die verschiedenen Beschreibungen der Autoren,
welche übrigens im wesentlichen keine grosse Mannigfaltigkeit dar-
bieten, da sie meisten theils einfach von einander übernommen sind,
einzeln zu citiren und sie hier einer eingehenden Kritik zu unter-
48 I^i'- Stephan Ap^thy.
werfen, werde ich versuchen, die Gattungscharakteristik von Pontob-
della nach den oben gegebenen Principien kurz zusammenzustellen.
Ich will nur einen Umstand hervorheben, welcher sehr gut illustrirt,
wie weit die Systematik der Hirudineen stets unter dem Niveau der
wissenschaftlichen Zoologie gestanden hat, und welcher uns zu gleicher
Zeit erlaubt, uns a priori ein Urtheil über die anderweitigen Angaben
der betreffenden Autoren zu bilden. Leydig (VI. VII.) (1851) und
Quatrefages (VIII. IX.) (1852) hatten schon längst manche sehr wich-
tige, auch für die Systematik sehr bedeutungsvolle Thatsachen aus
der Anatomie von Pontobdella, Branchellion und Piscicola beschrieben,
als Schmarda(X.) (1861) und Johnston (XI.) (1865) noch immer nur die
von Moquin-Tandon (XII.) undDiesing (XIII.) gegebenen sehr dürftigen
Gattungscharaktere abschrieben. Sie wissen z. B. noch nichts davon,
dass auch Pontobdella einen Rüssel besitzt; Johnston spricht bei ihr
noch von ,small niouth furnished with three obsolete denticles;" und
sagt: as the mouth is edentulous, the fluid must be sucked through
or from the soft skin."
Die Grattung Pontolbdella. (NB. Ich will hier die Thiere
nicht beschreiben, sondern nur die DiagTiosen auf Grund auffälliger,
äusserer Merkmale feststellen.)
Das typische Mittelkörpersomit besteht aus 6 Ringen, welche
alle gleich breit sind, von welchen aber nur der 1., 3. und 5. immer
Warzen tragen, deren Lage und Zahl constant und regelmässig ist.
(Die Warzen des 1. Ringes sind die grössten; die warzenlosen Ringe
können schon bei massiger Contrahirung des Thieres neben den
warzeutragenden verborgen bleiben.) Die längsten und breitesten
sind die Somite 7 — 9 des Mittelkörpers; das erste Mittelkörpersomit
ist 2/3 so lang als diese. Die grösste Breite des Körpers übertrifft
immer die der Scheiben. Die Somite des Praeclitellums (7 — 9 des
Körpers) sind vollständig, aber auf 3 Ringe verkürzt, letztere ohne
besondere Merkmale. Das erste Clitellumsomit ist auf ^[3 reducirt und
besteht aus einem stark hervorragenden warzentragenden und einen
verschmälerten, warzenlosen Ring. Das zweite und dritte Clitellum-
somit bilden zusammen eine Tonnenform , dessen Seiten aber nur
während der Geschlechtsreife auffallend gebaucht sind; sie sind auf
2/3 reducirt, ihre Warzen sehr klein, die warzenlosen Ringe ver-
schmälert. Alle Somite der Kopfregion sind reducirt; an der Bil-
dung des Saugnapfes nimmt mit seinem ersten Ring auch das fünfte
Somit Theil. Der Anus ist eine sehr enge Querspalte; er ist am
lebenden Thier nur während der Entleerung der Faeces sichtbar.
Ich habe mehr als hundert lebende Pontobdella, einige während
längerer Zeit (7 Monate) beobachtet. Die Vergleichung von Exem-
plaren verschiedenster Grösse und in verschiedenen physiologischen
resp. pathologischen Zuständen ergab als Resultat, dass bei derselben
Art gewisse Merkmale, welche bisher in der Systematik als mass-
gebend galten, nicht unbedeutenden Variationen unterworfen sind.
Bevor wir nun zur Prüfung der vermeintlichen europäischen Pontob-
dellaarten übergehen, müssen wir einen Blick auf diese Variationen
Systematische Streiflichter. 49
werfen; lassen wir aber dabei einstweilen die patbologiscben Zustände
ausser acht.
1. Von den Warzen ist nur die Zahl und Anordnung constant;
ihre Grösse und Form ist sehr veränderlich. Sie können retrahirt
und abgeplattet werden; anstatt der gewöhnlichen, konischen Gestalt
mit kleinen Spitzen an ihrem Gipfel, können sie eine halbkugelige
Form annehmen, oder sich ganz abflachen. In letzterem Falle bleibt
an der Stelle der früheren Warze ein dunkler Funkt, von einem Hch-
tereu Hofe umgeben. Wenn sich das Thier vollgesaugt hat, erscheinen
die Warzen im Allgemeinen kleiner und die Ringfurchen minder tief
(nach dem Ausdrucke der Systematiker „die Ringelung undeutlich").
i. Die Form und die relative Länge des Körpers hängt in erster
Linie von der Contraction des Thieres und von dem Gefülltsein des
Darmes ab.
3. Der Unterschied in der Grösse der vorderen und hinteren
Scheibe wechselt in der Weise, dass je älter, je grösser das Thier
selbst ist, umso kleiner der Unterschied zwischen beiden Scheiben wird,
von welchen die vordere bei jungen Exemplaren eher kleiner als
die hintere war. Form und Grösse der Scheiben sind ausserdem eben-
falls von der Contraction des Thieres abhängig.
4. Der Grundton der Körperfärbung ist nach Grösse und Er-
nährungszustand des Thieres, nach der Jahreszeit, ja sogar nach der
Umgebung verschieden. Die Exemplare, welche an Torpedo mar-
morata gefunden worden sind, waren meisteutheils bedeutend dunkler
gefärbt, als jene, welche an Raja clavata sassen. Bei jungen Exem-
plaren scheint der Pigmentinhalt der Polsterzellen, namentlich wenn
der Darm prall gefüllt ist, durch die Hautmuskelschichte durch. Ge-
wöhnlich enthalten die Polsterzelleu der jungen Exemplare grünliches
Pigment; daher der olivengrüne Ton bei den meisten kleinen Pontob-
della. Der Alkohol, in dem die conservirten Exemplare aufbewahrt
werden, bekommt bald eine kupfergrüne, bald eine braune bis schar-
lachrothe Färbung, letztere namentlich von vollgesaugten Thiereu
(die „beautiful scarlet colour" geliefert von Pontobdella laevis nach
Johnstons Beschreibung).
Sehen wir nun, was für Charaktere den einzelnen Arten der
Autoren zu Grunde gelegt werden!
Moquin-Tandon zählt vier europäische Pontobdellaarten auf:
Pontobdella muricata Lam„ P. verrucata Leach., P. areolata
Leach., P. laevis Blainv.
Diesing fügt diesen Pontobdella lubrica Grube hinzu.
Schmarda stellt Pontobdella oligothela auf
Van Beneden und Hesse (XIV.) stellen neben der Pontobdella
nach einem einzigen Exemplar die neue Gattung Ophibdella auf,
welche nichts anderes ist als eine verkrüppelte junge Pontobdella
muricata oder Pb. oligothela Schm. Welche von den beiden, lässt
die sehr dürftige Beschreibung und das noch dürftigere Bild nicht
erkennen. Ueberhaupt fand ich unter den systematischen Angaben
und den Abbildungen des van Beneden-Hesse'schen Werkes keine
einzige, welche ich nicht zu modificiren, oder, was weit häufiger, voU-
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 18S8. Bd. I. H. i. 4
50 Dr- Stephan Apäthy.
kommen widerlegen müsste. Man möge nur die Besclireibungen der
Ichthyobdellen nebst ihren Abbildungen und das Bild von Brauch ellion
genauer betrachten! Ich fühle mich also berechtigt, die Angaben
genannter Abhandlung, was die neuen Arten betrifft, hier nicht weiter
zu berücksichtigen.
Johnston spricht ausser von den vier Arten bei Moquin-Tandon
noch von P. littoralis und P. campanulata.
Carus (VI.) zählt die erwähnten Arten mit den alten Diagnosen
einfach wieder auf.
So finden wir in der Literatur bisher acht europäische Pontob-
dellaarten erwähnt: Pontobdella muricata Lam, P. verrucata Leaeh.,
P. areolata Leach., P. laevis Blainv., .P. lubrica Grrube, P. oligothela
Schm., P. littoralis Johnst. und P. campanulata Johnst. (Dalyell). Diese
theile ich in zwei Kategorien ein:
1. Zu einer und derselben Species geboren P. muricata, P, verru-
cata, P. areolata und P. laevis.
2. Nicht in die Gattung Pontobdella gehören P. campanulata
Dal., P. lubrica Grube, P. oligothela Schm. und P. littoralis Johnst.
lieber einige der ersten Kategorie sehen wir schon in der älteren
Literatur gewisse Zweifel auftauchen. Blainville meint über P. areolata
„que la disposition areolaire est due ä la compression et au rap-
prochement des tubercules serres les uns contre les autres", (Citirt
bei Moquin-Tandon.) Quatrefages macht darauf aufmerksam, dass
sogar die warzigsten Pontobdella gelegentlich ganz glatt werden
können. „Parfois alors les Hgnes plus foncees, qui entourent la base
des tubercules, dessinent de veritables areoles; ces faits me paraissent
devoir faire regarder comme douteuses les especes decrites sous les
noms d'A. laevis et d'A. areolata".
Wir finden in der Beschreibung der ersten vier Arten bei Moquin-
Tandon keinen einzigen Punkt, welcher als beständiges Merkmal
gelten könnte. Alle vermeintlichen Merkmale sind in den oben er-
wäbnten möglichen Variationen enthalten; und spätere Systematiker
fügen diesen nichts Wesentliches hinzu. Relative Grösse der Scheiben,
Form des Körpers, ob er sich nach vorne rascher oder allmäliger
verjüngt, Grösse und Form der Warzen, gelegentlich Farbe und Länge
der Alkoholexemplare: das sind die Charaktere, um welche es sich
bei der Systematilv der Pontobdella dreht.
Vaillant (XVI) macht einen vergeblichen Versuch, die charak-
teristischen Unterschiede zwischen P .muricata und P. verrucata fest-
zustellen. Aber schon sein Untersuchungsmaterial genügt nicht zur
Entscheidung einer solchen Frage. Von der vermeintlichen P. muri-
cata hat er nur ein lebendes Exemplar zu Gesicht bekommen und,
wie es scheint, conservirte auch nur wenig. Er meint die Hauptsache
darin zu finden, dass bei P. muricata nach Savigny's Beschreibung
„les grands segments sont generalement separes de trois en trois par
un Segment plus petit" ; und bei P. verrucata nach Leach. und Baster
gerade das Umgekehrte der Fall ist: „les plus grands alterneraient
avec trois anneaux plus petits". Wer dasselbe Thier in verschiedenen
Stadien der Contraction betrachtet, der wird bald die eine, bald die
Systematische Streiflichter. 51
andere Beschreibung zutreffend finden. Betraclitet man aber in rich-
tiger Weise gestreckte und so conservirte Exemplare, so wird man
eigentlich keine von den beiden annehmen können. Der andere Punkt,
auf welchen Vaillant Gewicht legt, ist die relative Grösse der Scheiben.
Den Messungen, welche er anführt, liegt aber nur je ein lebendes
Exemplar zu Grunde, und zwar vergleicht Vaillant ein mittelgrosses
Exemplar von P. muricata mit einem kleinen derselben Species, welche
er als verrucata betrachtet. Der Veränderung gemäss, welche in der
relativen Grösse des Saugnapfes während des Wachsthums des Thieres
gelegentlich vor sich geht, konnte die vermeintliche P. verrucata einen
relativ kleineren Saugnapf besitzen als das zum Vergleich herbeige-
zogene grössere Exemplar derselben Species. Ausserdem kann, wie wir
sahen. Form und Grösse der Scheiben auch durch andere Verhält-
nisse beeinflusst werden. Auf solche Vergleiche kann nur ceteris
paribus Gewicht gelegt werden. Also gelingt es auch Vaillants An-
gaben nicht, den in Rede stehenden Species eine festere Basis zu
verschaffen.
Was P. areolata und P. laevis betrifft, so hat sie keiner, der sie
beschreibt, lebend gesehen; andere haben sie überhaupt nicht ge-
sehen und wiederholen nur das früher Gesagte. Sehr bezeichnend
für das Verfahren der damaligen Systematik sind Johnston's folgende
Worte: „The specimen labelled "P. areolata"*) in the Mus. Coli, is one
of P. muricata, and the specimen which I presume to be P. areolata
has uo name affixed to it. It is in bad condition, but from its
flexibility and flatness it may be inferred, that the leech is soft when
living. Etc." Nun wissen wir, wie die Conservirung zu jener Zeit
geschah. Als relativ noch gut kann sie bezeichnet werden, wenn
das Thier einfach gleich in genügend starken Alkohol geworfen wurde
und nicht in solchem aufbewahrt war, welcher, wie der von 30o/y,
als eines der besten Macerirungsmittel gilt. Das Aussehen des con-
servirten Thieres ist ziemlich verschieden, je nachdem es in verschie-
denen Contractionsstadien rasch oder allmählig getödtet wird. — Und
nach solchen Unterschieden fand man die Aufstellung von neuen
Species vollkommen berechtigt.
Unter den direkt, sammt dem lebenden Rochen auf die Station
gebrachten Pontobdellaexemplaren fand ich nie andere, als die typische
P. muricata, oder höchstens noch die angebliche verrucata. Unter
jenen Exemplaren hingegen, welche auf dem Fischmarkte aufgesucht
worden sind, traf ich mit in verschiedener Weise verkrüppelten, ver-
stümmelten Pontobdella auch die P. areolata und P. laevis sehr häufig
an. Bournes Angabe, dass letztere in Neapel sehr selten wären,
kann ich nur aus seinem relativ kurzen Aufenthalt an der Station
erklären.
Schon dies alles reducirt, glaube ich, die Haltbarkeit jener vier
Pontobdella-Species auf ein Minimum. Ganz vernichtet wird sie durch
folgende Reihe von Metamorphosen, welche ich an anfangs typischen
*) Möglicherweise das Originalexemplar „donnee par Banks au Museum
de la societe Linneenne de Londres (Leach)." (MoquinTandou.)
4*
52 Dl'- Stephan Apäthy.
Pontobdella muricata, während längerer Gefangenschaft derselben,
wiederholt zu beobachten die Gelegenheit hatte. Die verschiedenen
Stadien dieser Metamorphose habe ich nach den neuesten, theilweise
eigenen Methoden möglichst lebensgetreu conservü't, und stelle sie,
als systematische Belege, jedem Liebhaber von neuen Species gerne
zur Verfügung.
Diese Metamorphosenreihe kann entweder durch physiologische
oder durch pathologische Zustände hervorgerufen werden. Die am
meisten instruktiven Exemplare verdanke ich den letzteren. Erstere
kommen, abgesehen von flüchtigen Veränderungen, welche nur mit
der Muskelthätigkeit der Thiere zusammenhängen, hauptsächlich
während der Häutung vor; sie können aber, wenn das Aquarium nicht
rein und das Wasser nicht in reger Circulation gehalten wird, leicht
in pathologische umschlagen. Letzteres findet meistens dann statt, wenn
das Thier in sehr vollgesaugtem Zustande in Gefangenschaft kommt.
In solchem Falle werden die Körperwandungen durch den übermässig
gefüllten Reservoh*darm gelegentlich derart ausgedehnt, dass sie nicht
selten platzen oder, durch den Druck in ihrer Ernährung verhindert,
allmählich absterben.
Setzen wir den Fall, wir haben das Vergnügen gehabt, eine
typische P. muricata in unserem Aquarium während einer Woche
beobachten zu können. Das Thier haftete mit der hinteren Scheibe
an der Glaswand und hielt seinen Körper charakteristisch eingerollt.
Die nächste Woche vielleicht werden wir unsere muricata nicht mehr
an der Glaswand, sondern an dem Boden des Aquariums, und nicht
mehr eingerollt, sondern halb ausgestreckt, höchstens mit eingekrümm-
tem Kopfende finden; wir werden bei ihr eine ungewöhnliche Reiz-
barkeit und Beweglichkeit bemerken, und, was das Merkwürdigste,
alle systematischen Charaktere der P. verrucata auffinden. Unsere nun-
mehrige P. verrucata wird in diesem Zustande ungefähr eine Woche
verweilen. Allmählich wird sich aber das Blut in dem Darme in
der hinteren Körperhälfte ansammeln; die vordere wird sich dagegen
sehr verlängern und verschmälern. Der vordere Napf erscheint klein,
wie atrophirt; die Haut ist glatt und zeigt hauptsächlich an der hin-
teren Hälfte des Körpers gelegentlich ziemlich deutlich jene mit
lichtem Hof umgebenen Flecke, welchen unser Thier seinen dritten
Namen zu verdanken hat. Die Ringelung ist höchstens noch hie und
da wahrnehmbar, der ganze Körper weich, schlaff. Das Thier bewegt
sich nicht mehr, ist ganz unempfindlich. Unsere nunmehrige P. areolata
können wir in diesem Stadium gelegentlich Wochen lang beobachten.
Früher oder später wird sie gar nicht mehr haften, sondern lang-
gestreckt, wie leblos am Boden liegen; die Scheiben sind klein, zu-
rückgezogen, hauptsächlich die hintere, die Cuticula löst sich von
dem Körper in grossen Fetzen ab. Nun haben wir jene Form mit
dünnem, im höchsten Grade extendirtem Körper und glatter, un-
geringelter, schmutzigbrauner Haut vor uns, welche als P. laevis gilt.
Meistentheils überleben die Thiere diese Metamorphose nicht
lange; an den beiden Scheiben sammeln sich Bakterien und kleine
Krebse an. Die beiden Köi'perenden sterben ab, faulen, während die
Systematische Streiflichter. 53
Mitte des Thieres noch Tage lang weiterlebt. Einigemal überstanden
aber meine Untersuchimgsobjekte die Häutung glücklich und ver-
wandelten sich in areolata, verrucata und schliesshch die anfangliche
muricata zurück.
Um der objektiven Wahrheit getreu zu bleiben, muss ich ge-
stehen, dass die beschriebenen Stadien der Metamorphose nicht immer
so regelmässig einander gefolgt sind. Leider konnten nur zu oft die
Thiere nicht über die areolata — wegen Mangel an Lebenszähigkeit
— hinausgelangeu.
Das ist aber, wie ich glaube, auch gar nicht nötliig, um die
Unhaltbarkeit dieser vier PontobdeUaspecies genügend zu demonstriren.
An die Stelle dieser vier Species mnss also eine einzige, und
zwar mit dem ältesten Namen, als Pontol)dolla muricata Lam.
gestellt werden. Als Art wird sie in folgender Weise charakterisirt:
Das ausgestreckte Thier erreicht nicht selten eine Länge von
20 cm; die Weite beträgt in solchem Zustande den 15 — 20stenTheilder
Länge. Die Haut ist vollkommen undurchsichtig, in der Regel ziem-
lich resistent. Der erste Ring des typischen Somits trägt die grössten
Warzen, u. z. 8 an der Zahl; der dritte 10 und der fünfte 12; ausser
diesen kommen gelegentlich an jedem dieser Ringe an der Rücken-
fläche noch zwei kleinere Warzen vor. Die Warzen des vierten
Ringes sind von der Grösse der letzteren; sie sind sehr inconstant;
auch ihre Zahl wechselt; immer vorhanden sind sie nur an den
Somiten 6 — 11 des Mittelkörpers, in der inneren Paramedian- und
Param argin allinie des Rückens. Die Warzen des Rückens sind im
Allgemeinen bedeutend grösser als die der Bauchfläche. — Der Saug-
napf ist mit einem blasseren aufgeworfenen Saume versehen und
trägt in der Regel secbs, ausserhalb dieses Saiunes gelegene kleine
Randpapillen. Vordere und hintere Scheibe besitzen, wenn sie haf-
ten, bei dem ausgewachsenen Thiere gleich grosse Durchmesser. —
Die Grundfarbe des Körpers kann alle Uebergänge zwischen grün-
Hchgrau bis olivengrün, strohgelb und chokoladenbraun aufweisen.
Meistens besitzt der Rücken einen medianen Längsstreifen von weiss-
Kcher Farbe; zu beiden Seiten dieses Streifens sind sehr oft leber-
braune oder dunkelgrüne Flecke zerstreut. Die Bauchseite ist immer
lichter, eintöniger, das Clitellum noch blasser.
Calliobdella.
Die vier Arten der zweiten Kategorie (s. S. 50) repräsentiren Avahr-
scheinlich dieselbe Hirudinee, und zwar die P. oligothela Schm., aber in
verschiedener Grösse und in verschiedenem Contractionsstadium. Mög-
hcherweise ist die P. littoralis Johnst. eine Ichthyobdella. Die Be-
schreibungen von Johnston und Grube (XVII.) sind aber so dürftig,
so oberflächlich, dass man die Frage nur auf dem Wege des Aus-
schliessens entscheiden kann. Der P. campanulata liegt blos die
Beschreibung des alten Dalyells und ein Alkoholexemplar im British
Museum zu Grund. Grube sagt von seiner P. lubrica: „Ich erhielt
nur ein Exemplar und zwar in Palermo". Ein anderes Exemplar
hat seitdem (1Ö40) Niemand gesehen, obwohl das betreffende Thier,
54 ß*"- Stephan Apathy.
die P. oligothela Schm., von welcher wir weiter unten noch Näheres
erfahren werden, in dem Mittehneer gar nicht selten ist.
1861 beschreibt Schmarda eine Hirudinee verhältnissmassig ziem-
lich genau, wenigstens kenntlich und giebt ihr den Namen P. oligo-
thela. Er erhielt wahrscheinlich nur ein Exemplar von der Scorpaena
scrofa, und der grösste Theil seiner Beschreibung ist nach der Con-
servirung in Weingeist verfertigt, sowie auch die Abbildung. Ich
erhielt während eines Jahres in Neapel mehr als dreissig lebende
und zehn conservirte Exemplare älteren Ursprunges von dieser Hiru-
dinee. Ein Vergleich dieser mit der Beschreibung von P. lubrica
Grube, P. oligothela Schm. und Scorpaenobdella elegans Saint-Loup
stellt es trotz der Dürftigkeit der Beschreibungen ausser Zweifel, dass
wir es in allen diesen Fällen, ja sogar bei den zahlreichen neuen
Gattungen und Sorten der Van Beneden-Hesse'schen Arbeit, mit der-
selben Form zu thun haben, welche aber weit davon entfernt ist,
eine Pontobdella zu sein.
Saint-Loup glaubte (V.) vor ungefähr anderthalb Jahren eine
höchst merkwürdige Hirudinee an der Scorp. scrofa entdeckt zu haben.
Von alledem aber , was er zur Schmarda'schen Besclireibung der
P. oligothela unbewusst hinzufügt, ist nur eines beachtenswerth: der
neue Genusname. Das neue Genus scheint also Saint-Loup eigen zu
sein; die Species aber weder ihm, noch Schmarda, sondern Grube, der
ihrer zuerst Erwähnung thut. Der richtige Name des Thieres wäre
also Scorpaenobdella lubrica Grube. Die Benennungen Pontob-
della littoralis (?) Johnst., P. campanulata Dalyell, P. lubrica Grube,
P. oligothela Schm.. Scorpaenobdella elegans Saint-Loup sind also zu
synonymisiren. Wir finden aber schon bei van Beneden-Hesse ein
neues Genus, die Calliobdella, welche den Uebergang zu Branchellion
bilden soll. Trotz der mangelhaften Beschreibung und der sehr
schlechten Abbildungen kann ich nicht umhin, die Calliobdella van
Beneden-Hesse für identisch mit der Scorpaenobdella Saint-Loup zu
erklären. Nach dem Princip der Priorität, welches wir in der Syno-
nymisirung zum Leitfaden genommen haben, muss also die in Rede
stehende Gattung Calliobdella, die Art lubrica Grube genannt werden.
Ueber die Calliobdella lubrica (Grube) - wie wir diese Hi-
rudinee von nun an nennen wollen — liegen zwei ausführlichere Be-
schreibungen vor : die ältere von Schmarda und die neuere von Saint-
Loup. In der ersteren wiegt das Lückenhafte, in der letzteren das
Unrichtige vor. Die Fehler der Schmarda'schen Beschreibung sind
durch die Zeit, zu der sie gemacht wurde, und die Massensammlung,
bei der sie gemacht wurde, vollkommen entschuldigt. Saint Loup
beobachtete aber ein lebendes Exemplar, beschreibt dieses allein bei
der betrefifenden Gelegenheit, und zwar vor nur IV2 Jahren. Aller-
dings genügt ein Exemplar, selbst wenn es nach der besten Methodik
untersucht wird, bei weitem nicht, um daran alles erforschen zu
können; es ist aber Niemand gezwungen, so unvollständige Beobach-
tungen zu veröffentlichen, am allerwenigsten aber berechtigt, dabei
nicht einmal die Litteratur zu berücksichtigen. Meine mehr als 40
Exemplare von Calliobdella befähigen mich, wie ich glaube, zur rieh-
Systematische Streiflichter. 55
tigen Beleuchtung der Angaben, welche Saint-Loup auf Grund seines
einzigen Exemplars liefern konnte. Sie können mit Ausnahme einiger
sehr auffälliger Thatsachen, in Falsches und in nicht Bezeichnendes
eingetheilt werden.
Ich erwähne nur die bedeutendsten Irrthümer, welche, wenn sie
durch irgend einen Systematiker je berücksichtigt werden sollten, in
das System der Hirudineen noch mehr Coufusion hineinbringen könn-
ten. Ihre Berichtigung wird theilweise in der weiter unten folgenden
Charakterisirung der Gattung und der Art enthalten sein, theilweise
wenn es sich nicht um bezeichnende Merkmale handelt, gleich die
Citate aus Saint-Loups Mittheilung begleiten.
Nach Saint-Loup wäre das Somit aus fünf äusseren Ringen zu-
sammengesetzt, welche mit „saillies verruqueuses" versehen sein sollen,
und zwar in dem vorderen Drittel des Körpers mit wenigeren, als in
dem hinteren. Die vordere Scheibe soll ähnKch wie die von Pontob-
della geformt sein und in zwei Gruppen getheilte Augenflecke tragen.
Le tube digestif est d'abord remarquable par l'absence de toute
division metamerique. II n'y a plus ni ramifications laterales ni etrang-
lements zonitaires la region stomaco-intestinale , dont les deux
parties difierenciees, chez d'autres Hirudinees, sont ;ici confondues."
Der Darm ist ganz so gebaut, wie der von Pontobdella; der Hinter-
darm ist von dem Mitteldarm sehr auffallend getrennt. Letzterer
bildet einen weiten Reservoirsack, welcher nach hinten bis in die
Analregion reicht. Der entodermale Hinterdarm (la region intes-
tinale aut.) ist, wenn der Mitteldarm prall gefüllt ist, gewöhnlich sehr
dünn, beinahe fadenförmig; er zieht in gerader Linie über dem Reser-
voirdarm, diesem sich eng anschmiegend, nach hinten und besteht,
sechs Somiten entsprechend, aus sechs durch starke Einschnürungen
von einander getrennten Abschnitten; der letzte — gelegentlich auch
der vorletzte — von diesen ist, in Gegensatz zu den anderen, sack-
artig erweitert. Der ectodermale Hinterdarm mit dem Anus ist sehr
kurz und eng.
Nun sollen in die Cloake dieses Egels „deux canaux lateraux"
münden. „Ces canaux, qui remontent vers la region anterieure, sem-
blent se perdre ä une distance de 6 mm ou 7 mm de leur origine;
je n'ai pu distinguer exactement de quelle maniere ils sont en rapport
de communication avec les cavites du corps. II faudrait, pour eclair-
cir ce point, etudier Fanimal par le procede des coupes, et je n'ai
pu jusqu ici me procurer d'autres echantillons." Er fügt hinzu:
„Aucune disposition de ce genre n'a ete decrite jusqu' ici chez les
Bdelles." Ich habe, ausser noch anderen Methoden, dieses Thier auch
an vollständigen Serien von Querschnitten untersucht, und kann mit
Bestimmtheit behaupten, dass auch bei der Scorpaenobella elegans
Saint-Loup nichts AehnHches vorhanden ist. Es bleibt mir nichts
Anderes übrig, als anzunehmen, dass Saint-Loup, da er den Mittel-
und Hiuterdarm als undififerencirt beschreibt, den gelegentlich bei-
nahe fadenförmigen Hinter darm (Intestinum) für einen jener merk-
würdigen , canaux lateraux" hält und den anderen nur hinzugedacht
hat. Er hatte den herauspraepirten Darm vielleicht in einer solchen
56 Dr« Stephan Apäthy.
Lage vor sich, dass der Hinterdarm, anstatt oben, rechts oder links
von der Längenachse des weiten Mitteldarmes lag, und ein unpaarer
Seitencanal konnte sogar Saint-Loup unwahrscheinlich vorkommen.
Was Saint-Loup über das Nervensystem, namentlich über die
Zahl der Ganglien angiebt, ist schon durch das in der allgemeinen
Charakterisierung der Hirudineen enthaltene widerlegt; ebenso jene
Behauptung, dass zwischen der männlichen und der weiblichen Ge-
schlechtsöffnung zwei Ganglien liegen. Calliobdella bildet auch keine
Ausnahme von der Regel, dass die männliche Geschlechtsöffnung an
dem Uten, die weibliche an dem 12ten Somit sich befindet, und
zwar natürlich immer hinter den Ganglien. Noch eher kann es bei
Branchellion z. B. vorkommen, dass alle drei Ganglien des eigent-
lichen Clitellums vor die männliche Geschlechtsöffnung verschoben
worden sind.
Die Oattung Calliobdella kann in folgender Weise genauer
charakterisirt werden:
Das Mittelkörpersomit besteht aus 6 Ringen, von welchen je
zwei durch tiefere Furchen von den anderen getrennt sind. Beson-
dere Merkmale besitzt nur der erste Ring immer, und zwar in Ge-
stalt von mehr oder weniger erhabenen, meist schwarzen Pünktchen
in der inneren Paramedianlinie des Rückens und in der inneren und
äusseren Paramarginallinie sowohl des Rückens als auch des Bauches.
Am constantesten und grössten sind die inneren Paramarginalpünkt-
chen des Rückens. Der erste resp. der erste und zweite Ring ragt
mehr hervor als die anderen. Die Haut ist übrigens glatt, sehr weich
und lose; sie wirft leicht grössere Falten. Alle zwölf Somite des
Mittelkörpers besitzen je ein Paar contraktiler Seitenblasen, welche
bei ihrer Diastole die Haut der ersten zwei Ringe emporheben, und
zwar an dem 13 — IGten Somit zwischen der Marginallinie und der
äusseren Paramarginallinie der Bauchfläche, an dem 17. — 24ten zwischen
denen der Rückenfläche. Seinen Somiten 7—^9 entsprechend, zeigt
der Mittelkörper eine plötzKche Erweiterung, deren grösster Durch-
messer auf den ersten Ring des 9ten Somits fällt. — Das dritte
Somit des eigentlichen Clitellums wird schon bei massiger Contraction
von einer Ringfalte an dem Vordersaume des ersten Mittelkörper-
somits bedeckt; ersteres bildet eine massige Einschnürung des Leibes.
Das 1. — 4. Somit der Clitellarregion besitzt in der äusseren Parama-
ginallinie je ein paar kurzer, stumpfer, fingerförmiger, nicht pulsiren-
der Hautfortsätze, u. z. am Rücken, mit Ausnahme des ersten, welches
sie an der Bauchfläche trägt. Das 5te und 6te Körpersomit ist
schon vollständig; der Saugnapf wird blos durch die 4 ersten Somiten
gebildet; er ist während der Ruhe wenig abgesetzt, ungefähr -/:j so
breit, als die, wenn sie nicht haftet, ebenfalls wenig abgesetzte hintere
Scheibe, deren Durchmesser beim Haften die grösste Körperbreite
während einer starken Extension meistens erreicht, aber nie übertriff't.
(Augen sind nicht vorhanden.) Das Thier nimmt, blos mit der hin-
teren Scheibe haftend, und den Körper wie Piscicola aufrecht haltend,
während der Ruhe immer eine doppelt S-förmige Krümmung des
Systematische Streiflichter. 57
Körpers an, wobei der Kopf stets extendirt, nie bauchwärts ge-
krümmt wird.
Was nmi die Arten der Gattung Calliobdella betrifft, so sind, wie
schon erwähnt, die Beschreibungen von Pontobdella lubrica Grube,
P, campanulata Dalyell (wahrsch. auch F. littoraHs Johnst.) P. oli-
gothela Schm. und Scorpaenobdella elegans Saint-Loup auf eine und
dieselbe Art zu beziehen, welche ich als Calliobdella lubrica (Grube)
rehabilitiren will. Welche von den Van Beneden-Hesse'schen Calliob-
dellaarten dieser entspricht, kann ich weder nach der Beschreibung
noch nach den Abbildungen entscheiden; es wird dies überhaupt kaum
jemandem gelingen. Jene phantastischen Arten werden wahr-
scheinlich für immer die Unica des Van Beneden-Hesse'schen Werkes
bleiben.
Ausser der Calliobdella lubrica Grube fand ich auf verschiedenen
Wirthen vier Exemplare verschiedener Grösse von einer Calliobdella,
welche ich, so lange ich nicht eventuelle Uebergangsformen finde,
als gesonderte Species betrachten muss. Ich nenne sie vorläufig
Calliobdella nigra.
Also haben wir zwei Calliobdellaspecies vor uns, welche ich fol-
gendermassen charakterisire:
Calliolbdella liibi'ica Grube. Das grösste Exemplar, welches
mir in die Hände gekommen ist, war ausgestreckt 50 mm lang und
4 mm, massig contrahirt 7 mm dick. In der Ruhelage, also bei massiger
Contraction übertraf die Breite der Körperanschwellung den Durch-
messer der Haftscheibe höchstens um das li/2-fache. Die grösseren
Exemplare sind immer vollkommen undurchsichtig. Der Mittelkörper
ist schmutzig olivengrün, mit rostfarbener Melirung; der Vorderkörper
ist heller, der Saugnapf transparent, mit einer rostbraunen Querbinde,
(resp. mit zwei schmäleren). Das Clitellum bildet einen weisslichen
oder wenigstens auffallend hellen Gürtel. Der Hinterkörper geht mehr in
das Rostbraune über; die Haftscheibe ist transparent, mit den charakte-
ristischen 14 Radien der Ichthyobdelliden in grauer Farbe; die Interradien
sind mehr oder minder deutlich orangegelb. Die Bauchseite ist heller,
als der Rücken, schmutzig grünlichgrau. Die schwarzen inneren Para-
marginalpunkte des Rückens sind auffallend; die inneren paramedianen
weiss, oder wenigstens heller, und durchscheinend. Am 7ten und
9ten Somit sind letztere grösser; oft befindet sich zwischen diesen
und den vorhergehenden Somiten je ein grösserer, unregelmässiger,
getäfelter, unebener Fleck von schmutzig w^eisser Farbe. Die klei-
neren Exemplare (welche wahrscheinlich den verschiedenen Arten bei
Van Beneden-Hesse als Substrat dienten) sind viel heller gefärbt,
resp. ihre Haut ist an Pigment viel ärmer; daher sind sie durch-
sichtiger und lassen den prallgefüllten Mitteldarm rÖthlich, und den
Hinterdarm braun durchscheinen, letzteren als einen medianen, gele-
gentlich segmental gefiederten Längsstreifen des Rückens des hinteren
Körperdrittels. — Die Calliobdella leben an den Kiemendeckeln oder
in der Gaumenhöhle, seltener an den Bavichflossen sehr verschiedener
meist kleiner Fische (Scorpaena porcus, Sargus annularis, Corvina
umbrina, Caranx trachurus, üranoscopus scaber, Lophius piscatorius.
58 Dr. Stephan Apäthy.
Blennius pholis, Gobius niger, Coris Giofredi, Solea vul-
garis etc.)
Calliobdella nigra n. sp. Die unterscheidenden Merkmale
dieser Art sind die folgenden: die Farbe des Rückens ist intensiv
schwarz, sammetglänzend ; nur am Rande der Haftscheibe sind den
Interradien der vorigen Art entsprechende, opake weisse Fleckchen,
und gelegentlich an der Stelle der grossen, unregelmässigen Rücken-
flecken der vorigen Art ein leiser, nebliger Anflug von Weiss. Die
Bauchfläche ist etwas lichter, und lässt einen olivengrünen Ton der
Färbung erkennen. Die Haut ist auffallend lose, die Seitenausstül-
pungen grösser, die des 5— lOten Mittelkörpersomites fingerförmig.
Der Durchmesser der Körperanschwellung ist 2 — 3 mal so gross, als
der der haftenden hinteren Scheibe. Die schwarzen Punkte der ersten
Ringe sind nur dann kenntlich, wenn bei der Conservirung ein Theil
des Hautpigments ausgezogen wurde.
Das Hauptergebniss dieser kurzen Mittheilung kann ich im Fol-
genden zusammenfassen :
Es ist bis jetzt nur eine europäische Pontobdellaart bekannt,
und dies ist die P. muricata Lam. Die übrigen, in der Litteratur
vorkommenden Arten sind theils verschiedene physiologische oder
pathologische Zustände derselben Art, theils sind sie von der Gattung
Pontobdella zu trennen und der Gattung Calliobdella Van Beneden-
Hesse einzureihen. Als solche bilden sie ebenfalls nur eine haltbare
Art, die Calliobdella lubrica Grube (Pontobdella lubrica Grube = P.
campanulata Dalyell = P. oligothela Schmarda = Scorpaenobdella
elegans Saint-Loup.) Zu dieser scheint sich eine neue Art, die
Calliobdella nigra mihi zu gesellen.
Neapel, 1887 December.
Verzeicliniss der citirten Literatur.
I. Whitman, Cli. 0., The external Morphology ol' the Leech. Proceed. Am.
Ac. Arts. Sc. V. 20. 1884.
II. — , The Leeches of Japan. Quart. Journ. Micr. Sc. (2) vol. 26 1886.
ni. Bourne, A. G., Contributions to the Anatomy of the Hirudinea. Quart.
Journ. Micr. Sc. (2) Vol. 24. 1884.
IV. Saint-Loup, Rcmy, Eecherches sur Torganisation des Hirudinees. Ann.
Sc. Nat. Tome 18. 1885.
V. — , Sui- iine nouvelle Ichthyobdelle. Compt. Eend. Tome 102. p. 1180. Mai 1886.
VI. Leydig. Fr., Zur Anatomie von Piscicola geometrica etc. Zeit. wiss. Zool.
1. Bd. 1849.
Vn. — , Anatomisches über Branchellion und Pontobdella. Zeit. wiss. Zool.
3. Bd. 1851.
Vm. Quatrefages, A. de, Etudes sur les types inferieurs de l'embranchement
des Anneies. Memoire sur le Branchellion d'Orbigny. Ami. Sc. Nat.
3 Ser. Tome 17 1852.
IX. — , Note sur le Systeme nerveux des Albiones. Ann. Sc. Nat 3 Ser. Tome 18.
1852.
X. Schmarda, L., Neue wirbellose Thiere. 1. Bd. 2. Hälfte. Leipzig. 1861.
Systematische Streiflichter. 59
XL Johnston, Cr., British non parasitical -worms etc. London 1865.
Xn. Moquin-Tandon, A, Monographie de la Familie des Hirudinees. Nouv.
Edit. Paris. 1846.
Xni. Diesing, C M., Öj^stema Helminthum. Vol. L Vindohonae. 1850.
XIV. Van Beneden et Hesse, Eecherches sur les Bdellodes ou Hirudinees etc.
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XV. Carus, V., Prodromus Fauuae Mediterraneae. Vol. I. Stuttgart. 1885.
XVL Vaillant, L, Contributions ä l'etude Anatomique du Genre Pontobdella.
Ann. Sc. Nat. V. S6r. Tome 13. 1870.
XVn. Grube, A. E., Actinien, Echinod. und Würmer d. Adriat. u. Mittehneeres.
Berlin. 1840.
Nachtrag.
Beim Verfassen der vorhergehenden Schrift war ich im Besitz
von einem Exemplar einer eigenartigen Pontobdella, welche ich
zwischen älterem Material in der zoologischen Station aufgefunden
habe. Das Thier ist 24 mm lang und offenbar ein junges Individuuum
gewesen. Avif seiner Etiquette stand, dass es beim Dredgen in GO m
Tiefe bei Capri (Bocca piccola) frei gefunden worden ist. Ich wollte
die Beschreibung dieses einen Exemplars, obwohl es von der Pb. mu-
ricata in höchst charakteristischer Weise verschieden ist, nicht ver-
öffentHchen. Am 6. Januar dieses Jahres wurde aber bei Pozzuoli
ebenfalls im Dredgematerial, auf einem Steine ein anderes Exemplar
frei gefangen, welches mit dem früher erwähnten ohne Zweifel als
in dieselbe Art gehörend erschien. Es war ausgestreckt 60 mm lang
und befand sich in männlich geschlechtsreifem Zustande; während
seiner Gefangenschaft drang nämlich aus seiner vorderen Geschlechts-
öffnung ein wohl entwickeltes Spermatophor hervor.
Es ist vielleicht berechtigt, diese Species nach den genaimten
zwei Exemplaren, welche ich mit einer grossen Anzahl von P. muri-
cata verglichen habe, im Folgenden genauer zu beschreiben. Ich
will diese erste unzweifelhafte europäische Pontobdellaspecies, welche
neben muricata bisher bekannt ist, zu Ehren meines Freundes
G, C. J. Vosmaer Poiitolbdella Vosniacri nennen.
Diagnose. Der Körper ist gedrungener als bei muricata und
ca. 10 — 12 mal so lang als breit, (bei muricata caeteris paribus
15 — 20 mal). Der Saugnapf ist auffallend klein, in der Ruhe gar
nicht abgesetzt, haftend so breit als der Anfang der Clitellarregion
und kaum halb so breit als die Haftscheibe. Der sehr verdickte
C/y der ganzen Kopfbreite) Napfrand (die Lippe), eine kleme, drei-
eckige Mundöffnung umgebend, ist radiär gerunzelt; hinter dem
Napfrande befinden sich (3 symmetrisch gelagerte, tentakelartige (bis
i mm lange) kolbenförmige Papillen. Jedes Somit des Mittel-
körpers trägt auf vier (1. 3. 4. und 5.) Ringen auffallende und con-
stante Warzen; die warzenlosen Ringe erscheinen selbst bei starker
Streckung sehr schmal und sind wenig auffallend. Die grösseren
60 Dl'- Stephan Apäthy.
Warzen entsprechen der Lage nach meistentheils den constanten
Warzen des Muricata-Somits; die kleineren altern iren mit diesen und
ergänzen die Zahl der Warzen jedes der betreffenden Ringe in der
Regel auf 18; der erste Ring der Somite ist ausserdem noch durch
eine constante weisse Medianwarze der Bauchfläche charakterisirt.
Jede Warze trägt in ihrem Centrum ein transparent weisses Pünkt-
chen. Die Farbe ist am Rücken dunkler, am Bauche etwas lichter
olivengrün, gegen den Kopf ins RöthKchbraune, gegen die Haft-
scheibe ins GelbHche übergehend. Der Napfrand sammt den Ten-
takeln ist gelblich weiss, ersterer mit 8 radiären chocoladebraunen
Streifen. Die grösseren Warzen der ersten und zweiten Reihe sind,
hauptsächlich am Bauche, weiss; am auffallendsten ist die Färbung
der Marginalwarzen, von welchen jede zweite oder dritte vom Prae-
clitellum angefangen einen intensiv kreide weissen Fleck trägt; letz-
terer breitet sich auch auf die benachbarten Warzen der anstossenden
Ringe aus. Auf der Haftscheibe befinden sich zackenartige weisse
Randflecke und zwei concentrische Reihen von ebenfalls weissen
Punkten.
lieber die Grösse der im Vorhergehenden charakterisirten Species
kann ich nach meinen zwei Exemplaren natürlich keine direkten
Angaben liefern. Da sich aber das grössere in der männlichen Ge-
schlechtsreife befand, und diese nach meiner Erfahrung bei allen
Hirudineen der weiblichen vorangeht, welche bei den Ichthyobdelliden
im ganz ausgewachsenen Zustande erfolgt, da ich weiter die weiblich
geschlechtsreifen Individuen der genannten Familie immer mindestens
zwei mal so gross als die männlichen fand, so darf ich vielleicht
darauf schliessen, dass die Pontobdella Vosmaeri ungefähr 120 mm.
Länge erreichen kann, also an Grösse hinter der muricata doch noch
bedeutend zurückbleibt.
Von einer grossen morphologischen Wichtigkeit erscheint mir
die Thatsache, dass bei P. Vosmaeri alle 18 charakteristischen Längs-
linien durch kleinere oder grössere Warzen, welche alle sehr ent-
wickelte Tastkegelchen tragen, vertreten sind. Die Medianpapillen
der Bauchfläche, welche weniger constant auch in anderen Reihen
als in der ersten des Somits vorkommen und mit Ausnahme der
dritten Reihe, wo sie derselben Querreihe, wie die übrigen, zugehören,
etwas vor den anderen stehen, mögen m der Weise hergeleitet wer-
den, dass die inneren Paramedianpapillen des vorhergehenden Ringes
des ursprünglich zwölfringeligen Somits etwas nach hinten und gegen
die Medianlinie aneinander gerückt sind. (S. Analyse der äusseren
Körperform der Hirudineen. Mittheil. a. d. zool. Station zu Neapel,
Bd. 8. Heft 2.) Bei P. muricata sind, wie bereits erwähnt, nur in-
constante Reste einer Warzenreihe auf dem vierten Ring des Somits
vorhanden, und so können gewiss nicht vier Warzenreihen als charak-
teristisch tür das vollständige Somit (Bourne) angegeben werden.
Immerhin könnte man sie als Zeichen eines früheren phylogenetischen
Stadiums, in welchem noch alle vier Warzenreihen complet waren,
betrachten. Ein solches Stadium scheint in P. Vosmaeri erhalten ge-
blieben zu sein.
Systematische Streiflichter. Q\
In der Gefangenschaft setzte sich das Thier auf einen Stein und
blieb in der für Pontobdella charakteristischen zusammengerollten
Lage Tage lang regungslos; es gerieth jedoch bei der leisesten Be-
rührung hauptsächlich der tentakelförmigen Napfpapillen in grosse
Unruhe. Sollte die bedeutendere Eutwickelung des Tastsinnes bei
dieser Species nicht vielleicht in engem Zusammenhange mit dem
Umstand stehen, dass die bisherigen Exemplare, obwohl sie sehr
verschiedenen Alters sind und gewiss noch nicht zum Coconlegen
reif sind, beide frei, tief auf felsigem Meeresgrunde gefunden wor-
den sind?
Zur ImXm aes Uropillalsystens ier Saurier
von
Ferdinand Schoof,
Lehraintscandidat.
{Aus dem zool. Institut der Universität Rostock.)
Mit Tafel DI.
Im Sommer vorigen Jahres wandte ich mich an Herrn Professor
Braun um ein Thema für eine Dissertation. Derselbe übertrug mir
die Bearbeitung des ürogenitalsystems der Saurier: ich sollte, im
Anschluss an die von ihm und einigen andern Autoren bei gewissen
Reptilien gefundenen Reste des Wolffschen Ganges beim Weibchen
und des Müller'schen beim Männchen untersuchen, wie weit solche
Rudimente bei den verschiedenen Gruppen von Sauriern nachzuweisen
seien. Hierbei stellten sich jedoch Schwierigkeiten in Bezug auf die
Beschaffung des Materials entgegen. Es zeigte sich nämlich, dass
das reichliche vom Institut zur Verfügung gestellte, scheinbar gut
erhaltene Spiritusmaterial für die Untersuchung nicht mehr brauchbar
war, weil (fie Ephithelien nicht genügend erhalten waren.
Da in Folge dessen für frisches, lebendes Material gesorgt werden
musste, dessen Beschaffung natürlich mit grosseren Kosten verbunden
ist, war ich genöthigt, die Arbeiten auf eine geringere Anzahl von
Gattungen zu beschränken, als anfangs beabsichtigt war. Herr
Professor Braun stellte mir seinen Vorrath an lebenden Sauriern,
bestehend in elf Exemplaren von Uromastix acantJmmrns und zwei
Exemplaren von Stellio vulgaris in liebenswüi'digster Weise zur Ver-
fügung. Nachdem ich dann noch Vertreter mehrerer Gattungen aus
dem herpetologischen Institut in Montpellier bezogen hatte, verfügte
ich über folgende Thiere:
A. Aus der Familie der Lacertidae: 5 Lacerta viridis (3 Männ-
chen, 2 Weibchen), 2 Acanthodadijlus lineo-maculatus (Weibchen).
B. Aus der Familie der Scincoidea: 4 Gongylus ocellatus
(1 Männchen, 3 Weibchen), *
C. Aus der Familie der Agamidae: 1 Agama armata {in Spiritus)
(Männchen), 1 Agama inermis (in Spiritus) (Männchen), 2 Stellio
vulgaris (Männchen), 11 Uromastix acanthinurus (1 Männchen,
10 Weibchen),
Ferdinand Schoo f. 63
D. Aus der Familie der Chamaeleontea: 5 Chamaeleo vulgaris
(1 Männclien, 4 Weibchen).
Die Untersuchungen wurden im hiesigen zoologischen Institut
unter Aufsicht von Herrn Professor Braun ausgeführt, dem ich für
seine mannigfache Unterstützung und Unterweisung, sowie auch für
die Ueberlassung von Material meinen wärmsten Dank ausspreche.
Die Behandlung der Objecte geschah in folgender Weise: die
mit Chloroform getödteten Thiere wurden unter l^'/o Salzlösung
präparirt und mit ausgebreitetem Rauchfell drei bis vier Stunden in
V'i "/o Chromsäurelösung gelegt. Darauf wurden sie mit Wasser
abgespült und je einen halben Tag mit öO^/q, 70 ^'/q und zum Schluss
mit 95 o/,| Alkohol behandelt. Diejenigen Organe, von welchen Schnitte
gemacht werden sollten, wurden herauspräparirt, in Pikro-Carmin
gefärbt, der Reihe nach mit 50, 70, 95 "/o ^^^d absolutem Alkohol
entwässert und dann zuerst mit einer Mischung von absolutem
Alkohol und Terpentin, hierauf mit reinem Terpentin behandelt.
Um sie für die Einbettung vorzubereiten, wurden sie dann längere
Zeit in eine erwärmte Mischung von Terpentin und Paraffin gelegt,
um schliesshch in Paraffin mit etwas Talgzusatz eingebettet zu werden.
Für die Untersuchung auf Urnierenreste wurden durch die
Ovarien und, wo es erforderlich schien, auch durch die Nieren Quer-
schnittserien gelegt, die mit dem Jung'schen Mikrotom angefertigt
wurden. Die Dicke der Schnitte betrug durchschnittlich Vioo öiQ^-
Die Belegpräparate für die folgenden Angaben werden im zoologischen
Institut aufbewahrt.
Ich theile die Arbeit in drei Theile:
I. Reste des Müller'schen Ganges bei Männchen.
IL Reste des Wolf'schen Ganges bei Weibchen.
III. Bau des Ovariums und der Nebennieren.
Einzelne Bemerkungen über die Nieren werden gelegentlich
eingeschaltet werden.
I.
Reste des Müller'schen Oaiiges bei Männchen.
A.
Historische Ueber sieht.
Rudimente des Müller'schen Ganges werden zuerst von Leydig^)
bei Eidechsen beschrieben. Dieser Autor sah bei Lacerta agilis vom
vordem spitzen Ende des Nebenhodens einen; mit blossem Auge
sichtbaren grauen Faden nach vorne ziehen, der aus stellenweise
durchbrochenem, Blutgefässe und Pigment führendem Bindegewebe
bestand und vorne in einen, zu einem Knäuel aufgewundenen, mit
einem derb wandigen Epithel ausgekleideten Kanal überging.
0 Deutsche Saurier. S, 130. T. X. Fig. 1249.
f)4 Zur Kenntniss der Urogenitalsystems der Saurier.
Am Rande des Fadens zog sich ein Längsstrang glatter Muskel-
fasern hin. Auch bei Blindschleichen sah Leydig Rudimente eines
solchen Kanals, dessen Epithel bei frischen Thieren deutlich wimperte.
Er betont die individuelle Verschiedenheit dieser Rudimente, die er
für Reste des Müller'schen Ganges hält.
Neuerdings werden dann von Howes^) mehrere Fälle von ru-
dimentären Tuben bei Männchen von Lacerta viridis erwähnt. Er
beschreibt Seite 186 die Greschlechtsorgane einer grünen Eidechse,
die sich durch fast vollständig entwickelte, an einer Bauchfellfalte
aufgehängte, mämiliche Tuben auszeichnet. Letztere unterscheiden
sich von weiblichen Eileitern dadurch, dass die Querfalten nur am
vorderen Ende, in der Nähe des hier gut entwickelten Ostium ab-
dominale vorhanden sind. Auch das bei weiblichen Thieren am
freien Rand der Tubenfalte sich hinziehende Muskelband war hier
deutlich entwickelt.
Innen waren die Tuben mit einem Drüsen- und Flimmerepithel
ausgekleidet. H o w e s fand den, sich durch stärkere Entwickelung vor dem
linken auszeichenden rechten Gang im hintern Tlieil, mit Sekret gefüllt.
Der erstere schien als Samenbehälter zu dienen, da er in seinem
distalen Abschnitt mit Spermatozoen angefüllt war.
Derselbe Autor beschreibt dann einen andern Fall, wo sich,
ähnlich dem von Leydig angegebenen vom vordem Ende des Neben-
hodens ein Faden nach vorne zieht, der hier jedoch nicht in einen
blindgeschlossenen Kanal, sondern in einen wirklichen, in die Leibes-
höble sich öffnenden Trichter übergeht. (Fig. 2.)
Bei einer ganzen Reihe männlicher Exemplare von Lacerta
viridis constatirte Howes als Reste der Tube ein von vorne nach
hinten ziehendes Band, das auf eine kurze Strecke, entweder in der
Mitte seines Verlaufs, oder am vorderen Ende in einen Kanal überging,
der alle Uebergänge von einem fadenförmigen Rudiment bis zu einem
vollständig entwickelten Kanal, also einer alle Bestandtheile enthal-
tenden Tube darbot.
Bei Schildkröten werden von van Wyhe-) und später von
CK. Hoffmann ^) rudimentäre MüUer'sche Gänge erwähnt. Letzterer
beschreibt bei einem jungen Männchen von Emys etiropaca eine an einer
schmalen Peritonealfalte aufgehängte, in zwei Stücke zerfallene männliche
Tube, von welchen das hintere vorne und hinten blind geschlossen ist, das
vordere hinten ebenfalls blind endigt, nach vorne jedoch durch ein 1 cm
breites Ostium abdominale mit der Leibeshöhle in Communication tritt.
Diese Tubenreste bestanden aus einem 1 mm im Durchmesser
haltenden Kanal, der mit sehr niedrigem FHmmerepithel ausgekleidet
^) Oü the vestigial structure of the reproductive apparatus in the male of
tlie green lizard iu: Journ. of anat. aud. physiol. Vol. XXI new series vol. I.
Part. n. Jan. 1887.
^) J. von Wyhe, Bydrage tot de keniiis van hat uro-genitalsystera by de Seliild-
padden in: Nederl. tydschrift der Dierkundige Vereenigung Bd. V. 1880.
ä) C. K. Hoffmann in: Bronns Klassen und Ordnungen des Thierreiclis VI. Bd.
3. Abth. S. 291. Tafel XL. Fig. 11.
von Ferdinand Schoof. 65
war und eine dicke, aus fibrillärem Bindegewebe bestehende Wandung
besass. Nach Ho ff mann sind solche Fälle bei jungen Exemplaren
von Emys europaea recht häufig; wo die Tube fehlt, ist doch meistens
eine Peritonealfalte vorhanden. Aehnliche Verhältnisse wie die
beschriebenen fand dieser Autor bei jungen Männchen von Chelonia
imbricata.
B.
Eigene Beobachtungen.
Lacerta viridis.
Von dieser Species standen mir drei Männchen zu Gebote. Wie
in den vonHowes erwähnten Fällen setzt sich die den Nebenhoden und
das vas deferens überziehende Peritonealfalte auch hier auf eine
Breite von 1 — 2 mm nach den Seiten hin fort.
Während sie nach vorn hin breiter wird und in das parietale
Blatt des Bauchfells übergeht, verschmälert sie sich nach hinten und
verliert sich in der Nähe der Cloake in die Wand des Samenleiters.
Bei zwei Exemplaren wird der freie Rand der Peritonealfalte von
einem V2 — "V4 mm breiten, aus glatten Fasern bestehenden Muskel-
band eingenommen. Reste einer Tube finden sich hier in ähnlicher
Weise wie in dem von Howes in Fig. 2 ^) seiner Arbeit abgebildeten
Fall in Form eines Fadens, der vom Nebenhoden nach vorne zieht
und sich an die obere Wand eines taschenförmigen, hinten blind
geschlossenen, mit Epithel ausgekleideten Trichters ansetzt, der sich
mit einer 5 mm breiten Spalte in die Leibeshöhle öffnet. Bei dem
dritten Exemplar findet sich eine deutliche Tube, die am freien
Rande der Peritonealfalte in Form eines 1 mm breiten Streifens
hinzieht, sich hinten unabhängig vom Samenleiter an die Cloakenwand
ansetzt und wahrscheinlich in dieselbe einmündet, während sie vorne
in ein sich in die Leibeshöhle öffnendes Ostiiim abdominale übergeht.
Die aus glatten Muskelfasern bestehende Wandung der Tube um-
schliesst einen 0,72 mm weiten, mit einem flachen Epithel aus-
gekleideten Kanal. Diese letzte Ausbildungsform des MüUer'schen
Ganges bildet ein Uebergangstadium von der bei Howes in Figur 2
abgebildeten Form zu derjenigen, welche in Figur 1 dargestellt ist.
Grongylus ocellatus.
Von dieser Art habe ich nur ein Männchen untersuchen können,
bei dem jedoch keine Spur einer Tubenfalte des Bauchfells, geschweige
denn eine Tube selbst vorhanden ist. Es scheint also die hier im
embryonalen Zustande sicher vorkommende männliche Tube voll-
kommen zu schwinden.
Aus der Familie der Agamiden konnte ich je ein Männchen von
Agama armata, Agama inermis (beide in Spiritus), Uromastix acanthi-
nurus und zwei von Stellio vulgaris untersuchen.
Bei den drei ersteren war keine Spur einer Tubenfalte vorhan-
den. Von Uromastix muss jedoch eine sonst ungewöhnliche Lage
*) a. a. 0.
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1888. Bd. l. H. l.
66 Zur Kenntniss des Urogenitalsystems der Saurier
der Testikel zu einander erwähnt werden. Der linke Hoden sass
liier nämlich weiter nach vorne als der rechte. Für gewöhnlich
findet das umgekehrte Verhältniss statt.
Stollio vulgaris.
Die Hoden liegen hier in beiden Fällen in genau gleicher Höhe.
Die sonstigen Verhältnisse des Urogenitalsystems wurden hier ähnlich
denjenigen von Lacerta viridis gefunden. Wie dort ist auch hier hei
beiden Exemplaren eine Tubenfalte des Bauchfells vorhanden — und
zwar in noch etwas grösserer Breitenausdehnung. Der freie Rand
derselben ist auch hier von einem feinen Muskelband eingenommen.
Bei einem Exemplar, das wir als A bezeichnen wollen, verläuft
an der innern Seite dieses Muskels, von ihm durch einen schmalen
Zwischenraum getrennt, eine als weisslicher Streifen erscheinende
1/2 mm breite Tube (s. Fig. 7), die an einzelnen Stellen schwache
Querfalten zeigt und sich dadurch, dass ihr etwa 0,4 mm weites Lumen
mit einem cubischen Epithel (s. Fig. 5) ausgekleidet ist, auf das un-
zweifelhafteste als solche charakterisirt. Während sie vorne in einen
sich in die Leibeshöhle öffnenden Trichter übergeht, dessen 9 mm
breite freie Ränder mit blossem Auge sichtbar sind, lässt sie sich
nach hinten bis zur Cloake verfolgen. Ob sie in dieselbe einmündet,
konnte nicht genau constatirt werden, da bei der Fräparation die
vordere Cloakenwand entfernt worden war. Es ist jedoch als wahr-
scheinlich anzunehmen, da die Tube an der Stelle, wo sie abge-
schnitten war, noch mit einem Lumen versehen war. Ihre Wandung
besteht grösstentheils aus glatten Muskelfasern, die eine grosse An-
zahl kleinere Gefässe in sich einschliessen.
Bei dem Exemplar B war in der Tubenfalte keine wirkliche
Tube vorhanden. Als Rudiment einer solchen darf wohl eine schwache
Epithellage gedeutet werden, die sich auf der linken Seite an der-
jenigen Stelle befindet, wo der Trichter zu sitzen pflegt. Rechts
fehlte ein solches Rudiment. Ob nun die bei A, oder die bei B ge-
fundenen Verhältnisse die Regel bei StelUo vulgaris ausmachen, lässt
sich natürlich nur an einer grösseren Zahl von Individuen constatiren.
Vielleicht waltet hier eine ebensogrosse Mannichfaltigkeit in der
Ausbildung des MüUerschen Gänge ob wie bei Lacerta viridis.
Chainaeleo Yiilgaris.
Unter den vier mir zu Gebote stehenden Exemplaren dieser
Species war nur ein Männchen. Da beide Geschlechter gemeinsame
charakteristische Abweichungen ihres Urogenitalsystems besitzen, so
sollen an dieser Stelle einige Bemerkungen darüber eingeschaltet
werden. Im Gegensatz zu dem stark pigmentirten, daher dunkel-
braun oder schwarz erscheinenden Bauchfell der meisten Saurier ent-
hält dasselbe bei Chamäleon kein Pigment und erscheint daher weiss.
Eine Ausnahme machen jedoch die den Darm und die Geschlechts-
drüsen überziehenden Peritonealblätter, die hier — und zwar wieder-
um im Gegensatz zu den meisten übrigen Arten, wo sie wenig oder
von Ferdinand Schoof. 67
kein Pigment führen — ausserordentlich stark pigraentirt sind. Die
Hoden des Männchens sind sogar vollständig schwarz (s. Fig. 4).
Charakteristisch für beide Geschlechter von Chamaeleo vulgaris
ist ferner die Gestalt und Grösse der Nieren, sowie deren Lagebe-
ziehungen zu der Bauchhöhle und den Geschlechtsdrüsen.
Während bei der Mehrzahl der Saurier die Nieren eine ge-
drungene, kurz keilförmige Gestalt haben und vollständig in der
Beckenhöhle liegen, sind sie bei Chamaeleo vulgaris mehr bandförmig
in die Länge gezogen und ragen daher mit ihrem vorderen Ende
weit in die Bauchhöhle hinein. Zur Erläuterung dieses Verhaltens
seien hier einige vergleichende Zahlen angegeben. Die Lauge der
Nieren betrug bei Chamaeleo ungefähr 30 mm, diejenige des Körpers
vom Kopf bis zur Schwanzwurzel 120 mm; das Verhältniss ist also
1 : 4, während es z. B. bei Uromastix 1 : 6 ist. Die Breite der
Nieren (beide zusammen gemessen) beträgt dort ungefähr lOV-iUim,
das Verhältnis von Länge zur Breite ist also 3 : 1, wähi-end es beim
Domschwanz 27 : 21 oder 4 : 3 ist.
Zu erwähnen ist noch, dass die Nieren des Chamäleons in ihrer
hintern Hälfte eine plötzliche Einschnürung von den Seiten her er-
faliren und zwar an der Stelle, wo von den auf ihrer ventralen Fläche
verlaufenden Gefässen und Nerven eine Anzahl Aeste nach den hintern
Extremitäten ausstrahlen.
Besonders auffallend ist beim Chamäleon die Lage der Geschlechts-
drüsen. Diese liegen nämlich mit ihrer hintern Hälfte auf dem
proximalen Rande der Nieren, eine Lagebeziehung, die durch die
weite Erstreckung der letzteren in die Bauchhöhle hinein hervorge-
bracht wird, und die schon an die Vögel erinnert, wo ja die Ge-
schlechtsdrüse vollständig der vorderen Nierenhälfte aufliegt, (s. Fg. 4.)
Was nun die Verhältnisse des Urogenitalsystems speciell beim
Männchen betrifft, so wurde die vollständig schwarze Farbe der Hoden
schon erwähnt. Auch der Darm ist schwarz, während Nebenhoden
und Samenleiter nur schwach pigmentirt sind.
Auch hier wurde eine schmale Peritonealfalte constatirt, die
sich vorne an der lateralen Seite des Nebenhodens ansetzt, ihrer
ganzen Länge nach mit dem vas deferens verbunden ist und mit
diesem nach hinten zieht, um kurz vor der Cloake zu endigen, (s. Fig. 4.)
Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass sie homolog ist der bei
Stellio vulgaris und Lacerfa viridis gefundenen Tubenfalte; es macht
sich nur ein Unterschied in der Lage bemerkbar: sie erstreckt sich
hier nicht lateral, sondern ventral vom Samenleiter und geht nach
vorne nicht über den Nebenhoden hinaus (s. Fig. 4). Von einem
Tubenkanal wurde nichts gefunden, wenngleich sich am freien Rande
der Falte ein ffeines Muskelband hinzog.
68 Zur Kenntniss des ürogenitalsystems der Saurier
n.
Reste der Urniere beim Weibchen.
A.
Historische üebersiclit.
Bei den älteren Autoren, die sicli mit dem Bau oder der Ent-
wickelung des Urogenitalsystems der Reptilien beschäftigten, wie von
Siebold und Stannius^, Ecker-), Nagel =^), Rathke^), Martin
St, Ange^) und Lereboullet ''), finden sich keine Angaben über
Reste der Urniere bei ausgewachsenen Reptilien. Sie wurden zuerst
von Leydig in einer im Jahre 1853 erschienenen Arbeit ') bei Sauriern
erwähnt und später in der schon citirten Monographie über die
deutschen Saurier bei Lacerta agilis und Anguis fragüis näher be-
schrieben '^). Er sah bei Lacerta agilis lateral vom Ovarium zwei
hintereinander liegende, mit blossem Auge erkennbare Reste der
Urniere, einen vorderen von goldgelber Farbe, der aus gewundenen,
z. Th. fettig degenerirten Kanälen bestand, und einen weiter hinten
gelegenen, der dem blossen Auge grau erschien.
Auch Waldeyer •') beschreibt diese beiden Gebilde als Urnieren-
reste. Braun ^^) hat jedoch durch die Entwickelangsgeschichte nach-
gewiesen, dass der vordere „goldgelbe" Körper mit der Urniere nichts
zu thun hat, vielmehr als Nebenniere bezeichnet werden muss, als
welche sie schon früher von den erwähnten älteren Autoren be-
schrieben worden war. Der weiter hinten gelegene Körper wird auch
von Braun als Urnierenrest angesehen. Er fand mehrere hinter-
einander gelegene 0,5 — 1 mm grosse langgestreckte Körperchen, neben
denen mitunter eine grosse Zahl von mikroskopisch kleinen Resten
der Segmentalorgane in Form von rundlichen, mit einem Platten-
epithel ausgekleideten Cysten vorhanden waren.
Noch stärkere Rudimente einer Urniere werden von Leydig '^)
von Anguis fr agilis erwähnt. Er beschreibt hier wieder den „gold-
gelben" Körper und einen, vorne zu einen Cyste erweiterten, in
gleicher Höhe mit dem „goldgelben" Körper beginnenden Kanal, an
dessen oberem Ende noch Reste von gewundenen Kanälchen, ja selbst
*) Lehrbuch der vergl. Anatomie. Bd. II.
2) Der feinere Bau der Nebennieren. 1846.
3) Ueb. d. Structur d. Nebennieren. J. Müllers Arch. f. Anat. u. Physiol.
1836. p. 365.
'') Entwickelungsgeschichte der Natter. Königsberg i. Pr. 1839. 4.
^) L'appareil reproducteur dans les cinq classes d'animaux vertebres. Mem.
de l'Inst. d. France. Savants Etrangers 1856.
8) Anatomie des organes genitaux des animaux vertebres. Nov. Act. Leopold.
Carol. 1851 und Rech, sur l'enveloppement du Lezard. Ann. d. sc. nat. 1862.
^) Anatomisch-histolog. Unters, über Fische und Reptilien. 1853.
8) a. a. 0. S. 133.
s) Eierstock und Ei. 1870. S. 143.
1") Urogenitalsystem d. Reptilien. S. 175 u. f.
»') Deutsche Saurier. S. 149. Dazu Tfl. IX, Fig. 112, 1-2.
von Ferdinand Schoof. 69
von Malpighi'sclien Gefässknäueln vorhanden waren, wodurcli ihr
Charakter als rudimentäre Uruiere auf das unzAveifelhafteste doku-
mentirt war. Der erwähnte Kanal Hess sich weit nach hinten ver-
folgen, und Leydig spricht die Vermuthung aus, dass er hinten in
den Harnleiter einmünde. Braun, der ihn ebenfalls beschreibt, konnte
ihn ganz hinten jedoch weder bei Durchmusterung des Bauchfells
mit ISOfacher Vergi'össerung, noch auf Querschnitten verfolgen.
Weitere Reste der Urniere wurden von letzterem Autor (a. a. 0.)
bei verschiedenen Schlangen {Tropidonohis natrix, üoronella laevis,
Callopeltis Äesculapii, Zamenis sp.? und Felias herus) gefanden, wo
er einen langen, in der Höhe des Ovariums blind beginnenden und
weit nach hinten verlaufenden Kanal sah, der sich durch seine weisse
Farbe schon für das blosse Auge auf dem durchsichtigen Peritoneum
abhob. Ein Stück des Bauchfells eines ausgewachsenen Exemplars
von Coronella laevis ist mit dem geschlängelten Wolff sehen Gang
auf Tafel VIII, Fig. 5. (a. a. 0.) abgezeichnet worden. Braun konnte
diesen Gang auf Querschnitten nach hinten bis zum Eintritt des Harn-
leiters in die Cloake verfolgen und hält es für wahrscheinlich, dass
er mit diesem gemeinschaftlich einmündet, obgleich er es nicht als
unzweifelhaft hinstellen kann. Die innere Auskleidung dieses Kanals,
in welchen noch verschiedene kleinere einmündeten, bestand aus einem
einschichtigen Pflasterepithel, wähi-end die äussere Umhüllung sich
aus Bindegewebe und glatten Muskelfasern zusammensetzte.
Als letzten Fall eines rudimentären Wolf sehen Ganges bei Rep-
tilien erwähnt der ebengenannte Autor bei Flati/dactylus facetamis
einen 1 mm langen, vorne blind beginnenden Kanal, der kurz vor
der Einmündung des Harnleiters seitlich in diesen eintritt. Er hält
diesen für einen mu' in seinem hintern Theil erhaltenen Wolff'schen Gang.
Bei Schildkröten wm'den von van Wyhei) Reste der Urniere
gefunden. Dieser sah bei einem 16 — 18 cm. langen weiblichen Exem-
plar von JEmys europaea unmittelbar neben dem Harnleiter einen
Kanal, dessen Lage mit der des vas deferens beim Männchen über-
einstimmte. Während er sich nach oben bis kurz unterhalb des un-
tern Nierenrandes verfolgen liess, schien er sich nach hinten in der
Wandung des Eileiters zu verlieren. C. K. Hoff mann-), der diese
Verhältnisse auch verfolgte und Querschnitte durch den Wolflfschen
Gang, den Harnleiter und einen Theil des Eileiters abzeichnet, giebt
von ersterem an, dass er hinten ganz in der muskulösen Wandung
des Eileiters liegt und mit diesem gemeinschaftlich in die Cloake ein-
zumünden scheint.
Der Wolff'sche Gang ist (nach ihm) von einem 0,0325 mm hohen
Cylinderepithel ausgekleidet, dessen Zellen oben alle offen, also wahre
Becherzellen zu sein scheinen. Derselbe Autor zeichnet dann noch
auf Tafel LXV a. a. 0. das Urogenitalsystem eines weiblichen
Trionix chinensis ab, bei welchem auch ein rudinentäres vas deferens
zu erkennen ist. Ich vermisse jedoch im Text jegliche Angabe darüber.
•) a. a. 0.
2) a. a. 0.
70 Zur Kenntniss des Urogenitalsystems der Saurier
B.
Eigene Beobachtungen..
Nach Resten der Urniere wurde in der Weise gesucht, dass
durch das Ovarium und die angrenzenden Theile des Bauchfells Quer-
schnittserien gelegt wurden.
Lacerta viridis.
Bei dieser Species findet sich ein kleiner Rest der Urniere in
Form eines vorn und hinten blind geschlossenen 1 mm langen Kanals,
in dessen hinteren Theil zwei bis drei kleinere, neben ihm verlaufende
Gänge einmünden. Der erstere beginnt vorne in gleicher Höhe mit
der Nebenniere, etwas vor dem Ovarium, und erreicht in seiner vor-
deren Hälfte eine ziemlich beträchtliche Weite. Hier misst sein
Lumen 0,2 mm im Durchmesser, während sein Epithel eine Dicke
von 0,008 mm besitzt; hinten ist er bedeutend enger, während das
Epithel stärker wird. Die äussere Hülle dieses rudimentären Wolif'-
schen Ganges wird wie gewöhnlich von mit Bindegewebsfibrillen un-
termischten glatten Muskelfasern gebildet.
Acaiithodactyliis linco-maculatus.
Die beiden mir von dieser Eidechse zur Verfügung stehenden
Exemplare messen vom Kopf bis zur Schwanzwurzel nur G cm, be-
sitzen jedoch Corpora lutea, sind mithin ausgewachsene Thiere. Reste
der Urniere finden sich bei ihnen in ebenso spärlicher Weise wie bei
der vorigen Gattung. Auch liegt an der lateralen Seite der Neben-
niere ein Complex von drei bis vier mit einem cubischen Epithel
ausgekleideten Kanälen, von denen der grösste ein Lumen von 0,(J4 mm
Durchmesser besitzt. Sie erstrecken sich nur auf eine Länge von
'/2 mm neben dem vordersten Theil der Nebenniere, die mit ihrem
grössten Theil über das Ovarium nach vorne hinausragt.
Groiigylus ocellatus.
Von den drei weiblichen Exemplaren dieser Species zeichnet sich
eins durch die weite Erhaltung seiner embryonalen Ovarialfalte sowohl
nach vorn als besonders auch nach hinten aus (s. Fig. 6).
Dieses wurde nebst einem zweiten auf Urniereureste untersucht.
Es fanden sich solche, ähnlich wie bei den eben erwähnten Arten, in
Gestalt von vier bis fünf sehr engen Kanälen mit oft kaum wahr-
nehmbarem Lumen, die lateral von der kurzen Nebenniere liegen,
etwas weiter vorne als diese beginnen und nach Verlauf von unge-
fähr Vli mm zugleich mit ihr endigen Der grössere Theil dieser
rudimentären Urniere liegt vor dem Ovarium neben der Keimfalte,
das hintere Ende befindet sich in gleicher Höhe mit den ersten
Folhkeln. Von hier ab ist von den Urnierenkanälen nur noch ein
einziger, der WolfF'sche Gang, zu erkennen, der sich noch bis hinter
das distale Ende des Ovariums, bei einem Exemplar sogar bis zur
Niere verfolgen lässt.
In gleicher Höhe mit der Urniere liegen in der Basis der Ova-
von Ferdinand Schoof. 71
rialfalte und des vorderen Theils des Ovariums zwei, stellenweise auch
drei grössere Gänge von rundem Quersclinitt, die an ihrer weitesten
Stelle ein Lumen von 0,04 mm im Durchmesser erreichen und mit
einem 0,012 mm dicken cubischen Epithel ausgekleidet sind. Diese
Kanäle endigen hinten in gleicher Höhe mit den Urnierenkanälen
und stehen mit diesen an verschiedenen Stellen in Verbindung durch
schräg verlaufende Kanäle, die sich in dem bindegewebigen Ligament
hinziehen, durch welches das Ovarium mit der Nebenniere verbunden
ist. Eine Deutung dieser im Ovarium befindlichen und mit der Ur-
niere in Verbindung stehenden Gänge könnte nur die Entwicklungs-
geschichte geben. Es liegt nahe, in ihnen Reste jener Segmental-
stränge zu erblicken, die nach Braun im Embryonalzustand von den
Segmentalorganen aus in die Keimdrüse hiueinwuchern, bei der männ-
lichen Eidechse sich in die Hodenkanälchen umwandeln, beim Weib-
chen jedoch allmählich degeneriren. Wäre die Deutung als Segmen-
talstränge richtig, so würden wir ein von dem bei Lacerta agilis sehr
abweichendes Verhalten vor uns haben, da dort die Degeneration in
der weiblichen Keimdi'üse schon in sehr früher Zeit eintritt. Solche
erhaltene Stränge würden als Parovarium zu bezeichnen sein.
Uromastix acantliiiiiirus.
Hatten wir bei den bisher besprochenen Lacertiliern immer nur
schwache Reste einer Urniere angetroffen, so finden wir eine
solche bei Uromastix, wenn auch bedeutend zurückgebildet, so doch
noch in ihren Hauptzügen erhalten. Es sind secernirende ür-
nierenkanälchen vorhanden, rudimentäre Glomeruli und ein
das Sekret der ersteren aufnehmender Wolffscher Gang, der in den
Harnleiter und durch diesen in die Cloake einmündet, also ein noch
funktionirendes Urnierensystem. Schon mit blossem Auge sieht man
bei ausgebreitetem Bauchfell zwischen dem Eileiter und der Neben-
niere beiderseits einen von vorne nach hinten verlaufenden, durch
seine weisse Farbe vom dunklen Peritoneum sich abhebenden Kanal,
der sich durch seine vielfachen Schlängelungen von den zahlreichen,
mehr gestreckt verlaufenden Blutgefässen gut unterscheidet (s. Fig. 1).
Bei der Betrachtung mit der Lupe ergiebt sich, dass er mehrere
Millimeter vor den Ovarien zwischen zwei von vorne nach hinten zie-
henden Blutgefässen beginnt, sich dann etwas der Mittellinie zuneigt,
um an der lateralen Seite der Nebenniere, stellenweise ihr diclit
anliegend, nach hinten zu verlaufen; hinter dem distalen Ende der
letzteren neigt er sich allmählich der Mittellinie zu und geht lateral
der Vena cava inferior weiter nach hinten. Man sieht, wie er auf
der ventralen Seite der Niere in der Richtung auf die Cloake zu
verläuft. Ob er in dieselbe einmündet, kann natürlich auf diese
Weise nicht constatirt werden. Um zu ermitteln, ob man es hier
mit dem in toto erhaltenen Wolff 'sehen Gang zu thun Labe, wurde
dasjenige Stück des Bauchfells, in welchem das proximale Ende des
Kanals sichtbar war, bis zum Ovarium herauspräparirt, gefärbt, auf-
gehellt, in Canadabalsam eingeschlossen und mit SOfacher Vergrös-
serung durchgesucht. Es stellte sich heraus, dass der betreffende
72 Zur Kenntniss des Urogenitalsystems der Saurier
Kanal in der That der Wolff'sche Gang sei. Er konnte mit ver-
schiedenen in ihn einmündenden Nebenkanälen meistens ganz gut in
dem durchsichtigen Bauchfell verfolgt werden, das in seiner Um-
gebung wenig Pigmentzellen enthält. Die zahlreichen, im Perito-
neum verlaufenden Blutgefässe unterscheiden sich von ihm leicht
durch die starke Ringmuskelschicht mit ihren senkrecht zur Gefäss-
achse liegenden langen Kernen, ihre stärkere Färbung, sowie durch
die in ihrem Innern erkennbaren Blutkörperchen, während die Wolf-
schen Kanäle zu äusserst von einer bindegewebigen Hülle und innen
von einem polyedrischeu Epithel mit runden Kernen bekleidet sind.
Der Wolff'sche Gang beginnt vorne blind und verläuft in einer Dicke
von 0,06 — 0,1 mm nach hinten. Begleitet wird er, wie es in Fig. 2
veranschaulicht wird, von mehreren, dicht neben ihm verlaufenden
Kanälen, die stellenweise bauchig erweitert sind und entweder mit
einem blinden kolbenförmigen Ende neben ihm beginnen oder auch
aus ihm entspringen und in beiden Fällen weiter hinten in ihn ein-
münden, wobei sie sich vielfach winden und Schleifen bilden. Am
hinteren Ende des Präparats sehen wir neben dem Wolff sehen Gang
noch drei Nebenkanäle verlaufen. Der weitere Verbleib derselben
wurde auf Querschnitten durch das Ovarium und die Nebenniere ver-
folgt. Dabei ergab sich, dass diese am unteren Rande der Figur 2
noch sichtbaren Gänge sich in ihrem weiteren Verlauf nach hinten
allmählich von dem Wolflf'schen Gang entfernen und medialwärts der
Nebenniere zuziehen, während jener 1 — 2 mm lateral von der letz-
teren verläuft. Indem noch mehrere Nebenkanäle, die theils aus dem
Wolff 'sehen Gang entspringen, theüs in seiner Nähe blind beginnen,
sich der Nebenniere zuwenden, wobei sich oft zwei zu einem einzigen
unter Erweiterung ihres Lumens vereinigen, erhalten wir schliesslich
einen Complex von vier bis fünf theils grösseren, theils kleineren
Kanälen, die neben und über einander verlaufend sich auf eine
Strecke von ^j^ mm der ventralen Seite der Nebenniere dicht anlegen.
Stellenweise verschmelzen diese Kanäle zu einem oder zwei weiten
Gängen mit gefalteten Wandungen. An zwei verschiedenen J/5 mm
von einander entfernten Stellen sieht man in diesen Gängen rudimen-
täre Glomeruli mit ab- und zuführenden Blutgefässen auftreten
(s. Fig. 3). Der erwähnte Kanalcomplex löst sich nach hinten in
eine grössere Anzahl divergirender Gänge mit engerem Lumen auf,
die unter gemeinsamer Entfernung von der Nebenniere in lateraler
Richtung dem Wolff 'sehen Gang zustreben, um zum grössten Theil
unter sehr spitzem Winkel nacheinander in diesen einzumünden. Ein
kleinerer Theil derselben setzt sich jedoch unter sehr stumpfem, fast
rechtem Winkel mit ihm in Verbindung.
Ausser den bis jetzt erwähnten münden noch eine ganze Anzahl
kleinere Kanäle in den Wolff'schen Gang ein, die alle an seiner me-
dialen Seite dicht neben ihm blind beginnen. Die ersten Uniieren-
kanälchen beginnen ungefähr 1 cm vor dem vordersten Ende der
Nebenniere, die letzten münden einige Millimeter hinter dem distalen
Ende derselben in den Wolf 'sehen Gang ein, so dass sich die ganze
Urniere auf eine Länge von reichlich 3 cm erstreckt.
von Ferdinand Schoof. 73
Die Dimensionen der Urnierenkanäle sind ausserordentlich schwan-
kend. Am weitesten sind sie auf* der Strecke, wo sie dicht neben
der Nebenniere verlaufen. Hier misst z. B. das Lumen des grössten
Ganges, in welchem sich die beiden Glomeruli befinden, und der einen
langgestreckten Querschnitt besitzt, 0,2 mm in der Länge und 0,056 mm
in der Breite. Die Glomeruli haben einen Durchmesser von 0,028 mm.
In den meisten Fällen sind die Kanäle jedoch bedeutend enger; selten
geht der Durchmesser ilires Lumens über 0,025 mm hinaus. Einzelne
von ihnen werden stellenweise so eng, dass eine Oeffnung in ihnen
kaum mehr wahrnehmbar ist. Der Wolff 'sehe Gang wechselt in sei-
nen Dimensionen ebenfalls sehr, nimmt jedoch im Allgemeinen in
seinem Verlauf nach hinten an Dicke zu, was ja seiner Funktion als
Abführungskanal des in den Urnierenkanälchen abgeschiedenen Sekrets
durchaus entspricht. Wie schon oben erwähnt, liegt er hinten
auf der Ventralfläche der Niere, wo er anfangs einen Durchmesser
von 0,056 mm, später einen solchen von 0,09 mm besitzt, inclusive
seines 0,018 mm dicken Epithels, das immer melu' cylinderförmig
wird. Auf der hinteren Hälfte der Niere verläuft er, von einer
dicken Ringmuskelschicht umgeben, zwischen Eileiter und Harnleiter
ventral von diesen und tritt mit beiden gemeinsam in die Cloaken-
wand ein, bis er schliesslich kurz vor der Einmündung des Ureters
in die Cloake in diesen mit einem scharfen, dorsal gerichteten Bogen
eintritt und zwar unter starker Verengerung seines Lumens.
Das ganze hier beschriebene Urnierenbild stellt sich als das
eines Baumes dar, dessen Stamm vom WoLff'schen Gang repräsentirt
wird und der nur an einer Seite ihm fast parallel verlaufende Zweige
trägt. Um das Bild zu vervollständigen, müsste man sich letztere
in der Mitte bauchig erweitert und mit einander communicirend
denken; ausserdem würden einige von ihnen an ihrer Spitze mit
dem Stamm in sekundäre Verbindung getreten sein.
Da sowohl an einzelnen Stellen der Urnierenkanälchen, wie auch
besonders im hintern Theil des WolfFschen Ganges Sekret in Gestalt
von glänzenden Scheiben wahrgenommen wurde und ausserdem sich
noch rudimentäre GlomeruU fanden, so darf man wohl mit Recht den
Schluss daraus ziehen, dass Uromastix acauthinnrus noch im er-
wachsenen Zustande eine functionirende, wenn auch rück-
gebildete Urniere besitzt.
Chamaeleo vulgaris.
Eine noch stärkere Entwicklung der Urniere als bei der vorigen
Art finden wir bei Chamaeleo vulgaris. Während die Urniere bei
Uromastix aus zahlreichen, von einander getrennten, nur stellenweise
mit einander commanicirenden Kanälen von ziemlich gestrecktem
Verlauf bestand, bildet sie hier noch eine compakte Masse, die einen
Complex von vielen, dicht nebeneinander verlaufenden und in einander
übergehenden Kanälen darstellt. Die ganze Urniere besitzt die Gestalt
eines spindelförmigen Körpers, der dicht an der äussern Seite der
Nebenniere liegt und dessen Dickendimensionen zwischen 0,32 und
0,55 mm schwanken. Die Länge desselben beträgt 372-4 mm.
74 Zur Kenntniss des Urogenitalsystems der Saurier
Die zahlreichen Urnierenkanälchen sind grösstentheils nur mit einem
engen, aber stets deutlich wahrnehmbaren Lumen versehen. Einzelne
jedoch zeichnen sich durch ihre grössere Weite aus; ihr Lumen
erreicht einen Durchmesser von 0,072 mm. In verschiedenen Ur-
nierenkanälchen wurden kleine Körnchen von Sekret gefunden.
Vom hintern Theil der Urniere sondert sich ein Kanal als
Wolff'scher Gang ab, der etwas lateral ausbiegt. Wie bei Uromastix
tritt dieser auf die ventrale Fläche der Nieren über. Kurz vor
derselben besitzt er ein Lumen von 0,02 mm Durchmesser und ein
Cylinderepithel von 0,013 mm Dicke, dessen grosse längliche Kerne
radiär gestellt sind. Nach aussen wird er von einer aus glatten
Ringmuskeln bestehenden, mit Bindgewebe gemischten Hülle umgeben.
Zum weiteren Verfolg des Wolfl'schen Ganges wurden durch beide
Nierenhälften Querschnitte gelegt. Es zeigte sich, dass die beiden
Wolff 'sehen Gänge, von je einer dicken, nach hinten immer stärker
werdenden Muskelschicht umgeben, dicht neben einander zwischen
den beiden runden Harnleitern, die in eine ventrale Rinne der Nieren
eingesenkt sind, verlaufen. Die beiden Ureteren, die ebenfalls von
einer dicken Ringmuskelschicht umgeben sind, heben sich schliesslich
aus den Nieren heraus, verlaufen wie die Wolf 'sehen Gänge eine
Zeit lang fast frei und treten mit diesen zu gleicher Zeit in die
Cloakenwand ein. Die Wolff'schen Gänge winden sich in ihrem hintern
Verlauf wiederholt, sodass man auf einem Querschnitt oft zwei
Durchschnitte für jeden sieht. Genau da, wo schliesslich die Harn-
leiter mit langgestreckter Oetfnung in die Cloake eintreten, münden
auch die Wolff'schen Gänge aus, sodass man im Zweifel ist, ob man
ihre Ausmündung als selbständig oder noch in den Harnleiter erfolgend
bezeichnen soll.
Diese beschriebene Urniere von Chamaeleo vulgaris func-
tionirt auch noch, ähnlich der von Uromastix, da an den ver-
schiedensten Stellen, in den Urnierenkanälchen sowohl Avie auch
besonders im hintern Theil der Wolf'schen Gänge Sekret angetroffen
wurde. Glomeruli wurden allerdings nicht constatirt.
Von besonderer Wichtigkeit beim Chamäleon ist, dass im Ovarium
ähnhche Kanäle gefunden wurden wie sie von Gongylus ocellatus
beschrieben worden sind. Auch hier treten sie nur im vorderen
Ende des Ovariums und in der Ovarialfalte im bindegewebigen Stroma
auf. Mit einem ähnlichen Epithel ausgestattet wie die eigentlichen
Urnierenkanälchen, dessen Kerne sich jedoch nicht so stark färben,
wie bei diesen, zeichnen sie sich jedoch vor denselben durch ein
bedeutend weiteres Lumen aus. Dasselbe misst zwischen 0,015 bis
0,09 mm. Mit der eigentlichen Urniere stehen sie in Verbindung
durch querziehende Gänge, die durch das Mesovarium hindurch gehen
und auf der breiten ventralen Fläche der Nebenniere nach deren
lateralen Seite verlaufen, wo ja die Urniere liegt. Oft kann man
auf einem einzigen Schnitt, stets jedoch durch Combination mehrerer
die Verbindung constatiren. Die im Stroma des Ovariums liegenden
Kanäle treten bei einem Exemplar in besonderer Weise auf. Sie
liegen hier nicht nur an der Basis, sondern durchsetzen den ganzen
von Ferdinand Schoof. 75
centralen Theil der Geschlechtsdrüse und zeichnen sich ausserdem
durch ihre grosse Weite — sie messen 0,1 — 0,2 mm im Durchmesser
— sowie durch die vielfach bemerkbaren dicken Öekretballen aus,
mit denen sie stellenweise ganz angefüllt sind. Einzelne von
diesen Gängen scheinen mir nicht mit der Urniere in Verbindung
zu stehen, sondern vorne und hinten bhnd geschlossen zu sein
und Cysten zu bilden. Die innere Auskleidung besteht bei allen
aus einem Epithel, das bei den kleineren Gängen mehr cylindrisch,
bei den grösseren mehr cubisch ist. Wie die analogen Gebilde bei
Gongylus ocellatus sind sie wohl auch als Parovarium zu bezeichnen.
Ausser den erwähnten Gängen finden sich im Ovarium des
zuletzt erwähnten Exemplars von Chamaeleo noch eine Anzahl
grösserer, aber langgezogener Räume, die die Follikel meist halb-
kreisförmig von innen umgeben und sich von vorne bis hinten durch
das ganze Ovarium erstrecken. Der Lage nach würde man sie für
Lymphräume halten, wie sie in allen Ovarien von Sauriern vorkommen,
wenn nicht die Thatsache, dass sie mit einem cubischen Epithel
ausgekleidet sind, vielleicht dagegen spräche. Das Epithel unter-
scheidet sich von demjenigen der oben erwähnten cylindrischen Gänge
des Parovariums dadurch, dass sein Protoplasma Quellungserschemungen
zeigt, aus welchem Grunde sie nicht auch als Reste der Segmentalstränge
gedeutet werden dürfen, da solche Erscheinungen beim Parovarium
nie gefunden wurden. Für ihre Auffassung als Lymphräume spricht
die Thatsache, dass sie an einigen Stellen direct in solche Räume
übergehen, die nur mit einem Endothel ausgekleidet sind und dass
die in einem andern Ovarium von Chamäleon an derselben Stelle
befindlichen Bildungen überall nur mit einem Endothel versehen sind.
Ein Zusammenhang dieser Räume mit den Kanälen des Parovariums
wurde nicht constatirt.
m.
Ovarium und Nebenniere.
Im Anschluss an obige Untersuchungen sollen noch einige Be-
obachtungen über die Beschaffenheit und die Lage der Ovarien, ins-
besondere der Ureierlager, sowie über die Nebennieren gemacht wer-
den. Dieselben machen jedoch auf Vollständigkeit keinen Anspruch,
da sie nur gelegentlich und an älteren Exemplaren gemacht wurden.
Ueberall wurden die von Leydig und Braun angegebenen zweierlei
Theüe des Ovariums gefunden, einmal an der Basis und im Innern
das bindegewebige Stroma, welches zahlreiche Blutgefässe und grosse,
mit einem Endothel ausgekleidete Lymphräume umschliesst, und
zweitens das zu beiden Seiten an der Peripherie gelegene Keimlager,
von dem aus die Follikel ausstrahlen. Das Ganze ist vom Epithel
des Bauchfells überzogen,
Lacerta viridis.
Bei dieser Species wurde kein eigentliches Ureierlager gefunden;
es war jedoch eine dessen Stelle vertretende Epithelverdickung zu
76 Zur Kenntuiss des Urogenitalsystems der Saurier
beiden Seiten an der Basis des Ovariums vorhanden, in welcher aber
keine Ureier constatirt wiu'den. Vielleicht ist dies darauf zurückzu-
führen, dass die Thiere erst im Spätherbst getödtet wurden und
längere Zeit vorher in Gefangenschaft gehalten worden waren; wie
ja auch Waldeyer bei Lacerta agilis keine Follikelbildung vom
Epithel aus sah.
Die Nebenniere, die ungefähr dieselbe Länge besitzt wie das
Ovarium und von diesem durch die vena renalis revehcns getrennt ist,
besteht fast ausschliesslich aus Rührensubstanz, wogegen die goldgel-
ben Zellen sehr zurücktreten.
Acaiitliodactyhis liiieo-maciilatiis.
Das Ovarium dieser Species zeichnet sich aus durch das Zurück-
treten des sonst den ganzen centralen Theil einnehmenden binde-
gewebigen Stromas. Der von den Follikeln im Innern noch frei ge-
lassene Raum wird von einem einzigen grossen Lymphraum einge-
nommen.
Die Ureierlager finden sich nur im mittleren Theil des Ovariums
zu beiden Seiten des Mesovariums als zwei Peritonealverdickungen,
die aus einer grossen Anzahl Kerne bestehen, zwischen denen ein-
zelne Ureier liegen. Von den Keimlagern strahlen nun die Follikel
der Grösse nach in entgegengesetzter Richtung aus, so dass ein ähn-
liches Bild entsteht, wie es Braun von Lacerta agilis auf Tafel VIII,
Fig. 6 a. a. 0. abgebildet hat.
Die Nebennieren sind bei Acanthodactylus ziemhch kurz, ge-
drungen; bei einem Exemplar haben sie sogar eine vollständig bohnen-
förmige Gestalt und liegen aussen oberhalb der Ovarien, von diesen
dm'ch die vena renalis revehens getrennt. Die zweierlei Substanzen
der Nebenniere sind scharf zu erkennen. Die Hauptmasse besteht
aus Röhrensubstanz und erscheint dem blossen Auge weisslich-grau ;
diese wird an ihrer medialen Circumferenz von den goldgelben Zellen
halbkreisförmig umgeben, und letztere Substanz zieht sich dann allein
als schmaler, dem blossen Auge goldig erscheinender Faden über die
erster e nach hinten hinaus, in gleicher Höhe mit dem hinteren Theil
des Ovariums endigend.
Croiigyliis ocellatus.
Das Ovarium ist bei dieser Species ähnlich gebaut wie bei Acan-
thodactylus; auch hier ist ein einziger grosser Lymphraum vorhanden,
und das bindegewebige Stroma tritt mehr in den Hintergrund. Das
doppelte Ureierlager, das auch hier auf den mittleren Theil des Ova-
riums beschränkt ist, sitzt bei dieser Art mehr an den Seiten und
nicht so tief an der Basis desselben.
Die Nebenniere liegt nicht wie gewöhnlich lateral von der vena
renalis revehens, sondern medial von derselben. Das Mesovarium
setzt sich an ihre breite ventrale Fläche und nicht, wie bei den
meisten übrigen Sauriern an die mediale schmale Seite an. Wie alle
von Ferdinand Schoof. 77
besprochenen Nebennieren, bildet sie einen dorso-ventral plattgedrück-
ten Körper, der sich nach vorne und hinten verjüngt. Sie setzt sich
vorwiegend ans Röhrensubstanz zusammen.
Uroiuastix acantliiiiurus.
Die Ovarien dieser Species besitzen eine beträchtliche Anzahl
Follikel und ebenfalls ziemlich viele Corpora lutea^ ein Beweis, dass
die untersuchten Exemplare schon ziemlich alt waren.
Die zu beiden Seiten an der Basis des Ovariums liegenden Ur-
eierlager sind hier in mehrere hintereinander, auf ungleicher Höhe
liegende Partien aufgelöst. Man kann hier die Follikelbildung in
ihren verschiedenen Stadien gut constatiren. Wir sehen zwischen
zahbeichen Kernen einzelne Ureier liegen, um die herum eine An-
zahl der ersteren radiär angelagert sind; wir sehen auch solche Sta-
dien, wo um diese radiär gestellten Kerne herum schon Protoplasma
abgeschieden ist und dieselben durch eine feine Membran nach aussen
von den übrigen Kernen und nach innen von dem Urei getrennt
sind, wo also schon ein kleiner Follikel fertig ist. Es finden sich
ganz ähnHche Bilder wie die von Braun in Fig. 13, Tafel VI a.a.O.
abgebildeten.
Die Nebennieren erreichen bei Uromastix beträchtliche Dimen-
sionen (s. Fig. 1); sie beginnen vorne stumpf, verbreitern sich dann
etwas, um sich nach hinten zu allmählich zu verjüngern. Die medial
von ihnen liegende Vena renalis revehens war bei dem abgebildeten
Exemplar mit Blut gefüllt und hat daher ein pralles Aussehen. Die
Hauptmasse besteht auch hier aus Röhrensubstanz; die braunen oder
goldgelben Zellen treten nur im mittleren Theil der Nebenniere an
der medialen Circumferenz derselben als halbkreisfönniger Kranz
und als einzelne Zellgruppen in der Mitte auf.
Chamaeleo Yulgaris.
Wie schon früher erwähnt, sind bei dieser Species die Geschlechts-
drüsen stark pigmentirt. Während nun die Hoden vollständig schwarz
aussehen, sind die Ovarien nur von vielen schwarzen Pigmentflecken
besetzt und sehen daher gescheckt aus. Mit ihrer hinteren Hälfte ragen
sie in den zwischen den beiden Nierenhälften befindlichen Zwischen-
raum hinein und zwar wie gewöhnlich der rechte etwas weiter als
der linke. Die im Stroma des Ovariums gelegenen, mit einem Epi-
thel ausgekleideten Räume wurden schon beschrieben. Das Ureier-
lager ist auch hier doppelt vorhanden; während dasselbe aber bei
den bis jetzt besprochenen Eidechsen nur auf einen Theil des Ova-
riums beschränkt war, erstreckt es sich hier über die ganze Länge
desselben.
Die beiden Ureierlager vereinigen sich vorne und hinten mit-
einander und bilden so einen das Ovarium von vorne nach hinten
umziehenden ringförmigen Wulst, von dem aus die Follikel der
Grösse nach in sehr regelmässiger Weise ausstrahlen, wobei sich die
von verschiedenen Seiten kommenden grössten Follikel auf der ven-
tralen Fläche des Ovariums berühren.
78 Zur Kenntniss des TJrogenitalsystems der Saurier.
Bemerkenswerth ist, dass die Ureierlager sich beim Chamäleon
nach aussen vom Ovarium als ün Querschnitt oval erscheinende
Wülste abheben, während bei den übrigen Arten dieselben als nach
innen in das Stroma vorragende Verdickungen auftreten. Sie sind
zusammengesetzt aus einer grossen Anzahl dicht zusammengedrängter
kleinerer vmd grösserer Ureier mit dazwischen eingestreuten Kernen;
man kann hier auf verschiedenen Schnitten noch besser als bei Uro-
niastix alle möglichen Stadien der FoUikelbildung beachten.
Interessant ist bei Chamaeleo vulgaris der Bau und der Verlaut
der Nebenniere. Dieselbe beginnt vorne in zwei getrennten Theilen,
Umgürtungen je einer kleinen Arterie. Der lateral gelegene Zipfel
vergrössert sich im Verlauf nach hinten; während er anfangs noch
ausschliesslich aus braunen Zellen besteht, treten allmählich auch die
Markzellen auf, bis wir schliesslich eine, die Arterie nicht mehr* um-
gürtende, sondern neben derselben verlaufende Nebenniere erhalten,
die ilirer Hauptmasse nach aus Röhren- oder Marksubstanz besteht,
und die von einem Ivreis von goldgelben Zellen umgeben wird. Der
zweite Zipfel zieht noch immer als ein Kranz von braunen Zellen
um eine Arterie dicht an der dorsalen Seite der eigentlichen Neben-
niere — zugleich medial von ihr — nach hinten. Dicht daneben
liegen Zellen des Sympathicus, wie überhaupt im Umkreis der Ne-
bennieren stets Ganglienzellen sichtbar sind. Im weiteren Verlauf
nach hinten legt sich dann die Nebenniere auf die ventrale Fläche
der Niere und verläuft dicht an der lateralen Seite der Vena renalis
reveJiens^ wobei die Röhrensubstanz allmählich wieder verschwindet.
Die goldgelben Zellen legen sich dann als Kranz um die eben er-
wähnte Vene herum und begleiten diese nebst einigen Ganglienzellen,
die in einer ventralen Rinne der Niere verläuft, noch weit nach hin-
ten, bis sie schliesshch verschwinden. Der kleinere Theil der Neben-
niere bleibt in seinem ganzen Verlauf in Beziehung zur Arterie und
verläuft mit dieser im hinteren Theil zwischen Nebenniere und Niere,
aber stets selbständig, bis auch er allmählich aufhört. Diese Be-
ziehung der Nebenniere zur Wandung der Gefässe — hauptsächlich
der Vena renalis revehens — ist insofern charakteristisch für das
Chamäleon, als es die braune Substanz ist, die diese Beziehung ein-
geht; es wäre interessant, die Entwickelungsgeschichte der Neben-
niere sowohl wie der Urniere und des Ovariums von Chamaeleo vul-
garis zu verfolgen.
Zum Schluss sollen die in dieser Arbeit gewonnenen Resultate
nebst den in der Einleitung erwähnten, von anderen Autoreu her
bekannten Thatsachen, die auf dieses Thema Bezug haben, noch kurz
tabellarisch zusammengestellt werden.
Species
Tube beim Männchen
Urniere und Wolff'-
scher Gang beim
Weibchen
Ureier-
lager
Lacerta agüis
Tubenreste in Form
eines zu einem
Knäuel aufgewunde-
nen mit Epithel aus-
gekleideten Kanals
(Leydig)
Urnierenreste in
Form weniger Cysten
und Kanäle (Leydig)
doppelt
Lacerta viridis
Tabe seiton ganz er-
halten, meist in ein-
zelnen Stücken vor-
handen
Urnierenreste in
Formeinesbeiderseits
abgeschlossenen
Kanals mit einigen
Nebenkanälen
doppelt
Acanthodactylus
lineo-mucalatus
Gongylus oeellaius
Agamu armata und
inermis
Einige kurze Kanäl-
chen erhalten
Keine Tube, keine
Tubenfalte
Einige Umieren-
kanälchen mit Woltf-
schen Gang, der in
einem Fall bis zur
Niere reicht, ausser-
dem Parovarium
Keine Tube, keine
Tubenfalte
Stellio vulgaris
Vrornastix acantlii-
iiuriis
Chamaeleo vulgaris
Anguis fragilis
Vollständige Tube
resp. Tubentalte mit
Ligament und Rudi-
ment eines Trichters
Keine Tube und
Tubenfalte
Platydactylus fuce-
tanus
Keine Tube aber
Tubenfalte mit
Ligament
Wie bei Lac. agilis
(Leydig)
Urniere baumförmig;
rudimentäre glotne-
ruli. Wolft'sche Gang
in toto erhalten ; Par-
Urniere mehr com-
pakt. Wolif scher
Gang in toto erhalten.
Parovarium
WoliFscher Gang zum
Theil erhalten
Wolff'scher Gang im
hintern Theil er-
halten (Braun)
doppelt
einfach
(Braun)
Tafel - Erklärung.
Figur 1.
Rechte Hälfte des Urogenitalsystems
von Ui'omastix acanthitnirus.
Vergrösserung 2 : 1
tb. Tube.
lig. Ligament.
Tr. Trichter.
wg. Wolffscher Gang.
nn. Nebenniere.
V. r. veiui 7'enalis abdiiccns.
ov. Ovarium.
L. Leber
Figur. 2, ,
Vorderer Theil der ürniere von
Uromastix ucanthinurus.
Vergrösserung 30 : 1.
n. k. Ürnierenkanälchen.
wg. Wolf'scher Gang
Figur 3.
Querschnitt durch den mittleren
Theil der Urniere vom Uromastix acan-
tJiinurus
Vergrösserung 168 : 1.
uk. Urnierenkanäle.
gl. glomeruli
bl. Blutgefäss.
ep. Epithel.
Figur 4.
Urogenitalsystem von Chamaelco vul-
garis 5
Natürliche Grösse.
N. Niere.
T. Hoden.
N. H. Nebenhoden.
V. df vas defcrcns.
nn. Nebenniere.
lg. Ligament.
cl. Cloake.
Figur 5.
Querschnitt durch die Tube und
Tubenfalte von StelUo vulgaris
Vergrösserung 70 : 1.
tb. Tube.
lg. Ligament.
B. Bauchfell.
gf. Gelasse.
ep. Epithel.
Figur 6.
Rechte Hälfte des Urogenital Systems
von Gongylus occllatus.
Natürliche Grösse.
ov. Ovarium.
tb. Tube.
Tr. Trichter.
V. r. venu renalis ahilucens.
gf. Genitalfalte.
r. Rectum.
H. Harnblase.
cl. Cloake.
Figur 7.
Linke Hälfte des Urogenitalsystems
von Stcllio vulgaris $
Natürliche Grösse.
T. Hoden.
tb. Tube.
lg. Ligament.
Tr. Trichter.
N. Niere.
nn. Nebenniere.
nh. Nebenhoden.
V. df. vas (Icfercns.
pp. Papillen desselben
cl. Cloake.
Bruchstücke
einer Iiifiisorienfauna der Kieler Bucht.
Von
K. Möbius.
Hierzu Tafel IV— X.
N=
ach der Vollendung der Schrift über die , Fische der Ostsee"
im Jahre 18b2 nahm ich mir vor, alle Zeit, welche mir amtliche
Verpflichtungen übrig Hessen, an die Untersuchung der Protozoen
der Kieler Bucht zu wenden. Zunächst bemühte ich mich, alle mir
im Ostseewasser zu Gesicht kommenden Arten von Infusorien und
Rhizopodeu zu bestimmen, um nach der Kenntnis ihrer morpholo-
gischen Eigenschaften den feineren Bau, die Fortpflanzung und
Lebensweise möglichst genau feststellen zu können.
Im Frähjahr 1887 nach Berlin berufen, musste ich diese anzie-
henden Studien abbrechen. Ihre Ergebnisse sind daher sehr ungleich-
massig. Manche Arten konnte ich schon eingehender untersuchen;
von vielen weiss ich nicht viel mehr zu sagen, als dass sie die Kieler
Bucht bewohnen. Trotz dieser Mangelhaftigkeit glaube ich meine
Aufzeichnungen veröffentlichen zu dürfen, denn sie enthalten einiges
Neue über die Natur verschiedener Arten und können andern
Zoologen die Bearbeitung einer vollständigen Protozoenfauna der
Ostsee erleichtern.
Hypotricha.
Euplotes harpa stein
Taf. IV— V.
Fr. Stein, Der Organismus der Infusionsthiere I, 1859, S, 137. Taf. IV,
F. 12. 13.
Der Umriss des Körpers ist oval. Fig. 1, 2. Der Rücken
ist stärker gewölbt als der Bauch, Fig. 3, 4. Grosse Individuen sind
0,067 mm lang, 0,032 mm breit und 0,021 mm hoch.
Die Cuticulardecke des Rückens, das Rückenschild, hat
sechs scharfe Riefen, welche gegen die rechte Seite geneigt sind
Arch, f. Natiirgesch. .Tahrg. 1888. Bd. I. H. 1. 6
82 K. Möbiua.
und daher im optischen Querschnitt wie 6 Sägezähne aussehen. Fig. 4.
So sieht man sie wirklich, wenn lebende Individuen eine solche
Stellung einnehmen, dass die Längsaxe ihres Körpers mit der Axe
des Mikroskops zusammenfällt.
Stein zählte 8 Längsrippen, offenbar deshalb, weil er die Grenz-
linien des linken und rechten Seitenrandes mit zu den Längsrippen
rechnete. Ein Blick auf die angeführte Figur wird dies verständlich
machen. Vorn an der rechten Seite läuft das Rückenschild in einen
dreieckigen Dorn aus. Fig. 1.
Die Cuticulardecke des Bauches, das Bauchschild, ist
nicht so breit wie das Rückenschild. Fig 2. Es hat zwei Längs-
riefen, die etwas weiter von einander abstehen als die Längsriefen
des Rückenschildes. Stein zeichnet in seiner Fig. 12 drei Riefen,
indem er die Grenzlinie an der linken Seite als Riefe darstellt. Hinten
hat das Bauchschild noch vier kürzere schwächere Riefen , zwei
zwischen den beiden Hauptriefen und je eine neben denselben.
An der rechten Yorderecke hat das Bauchschild einen dreieckigen
Zahn, der stumpfer ist und weiter zurückliegt, als der Zahn an der
Vorderecke des Rückenschildes.
Auf dem Bauche stehen in der Nähe des Vorderrandes 5 dicke
Pinselwimpern, Fig. 2 u, 5; in der Nähe des Hinterrandes eben-
falls fünf. Zwischen der rechten äusseren Grenzlinie des Bauchschildes
und der rechten grossen Bauchriefe stehen zwei Pinselwimpern,
und je eine solche dicht neben den grossen Bauchriefen vorwärts von
dem Munde. Hinter dem Bauchschüde entspringen an der Bauchseite
drei dünne einfache Wimpern: eine nahe dem Hinterrande und
zwei an der linken Seite an dem Mundwimperbogen. Fig. 2.
Die Pinselwimpern dienen zum Gehen und wahrscheinlich auch
zum Tasten. Die beiden seithchen dünnen Randwimpern verursachen
durch kräftige Schläge nach hinten mundwärts gehende Strömungen.
Die einzelne hintere dünne Wimper scheint nur zum Tasten zu dienen.
Der Mundwimperbogen (das Peristom) geht von dem Zahn
der rechten Vorderecke des Rückenschildes bis an den Mund. Fig. 2.
Dieser liegt in der Mitte der hnken iSeite oder etwas dahinter. Der
Wimperbogen besteht aus ungefähr vierzig Wimperkämmchen
oder Pektinellen, welche ungefähr doppelt so lang sind 'vvie der
Abstand der Rückenriefen von einander. Ihre Basen laufen parallel
und stossen rechtwinklich auf die Randhnie des Wimperbogens.
Die Wimpern der einzelnen Kämmchen sind nicht zu einem
„Wimperplättchen" oder einer „Membran eile" (Sterki) vereinigt. Die
ganze Kämmchenreihe der gesunden Tierchen sieht daher einer Bürste
ähnlich. Tödtet man diese durch Osmiumsäuredämpfe, so erkennt
man schärfer, als am lebenden Tier, dass die ganze Bürste aus
Querreihen von feinen Wimpern besteht; man löst dadurch nicht
etwa ein Häutchen, eine „Membranelle", erst in Fasern auf, bei Eu-
plotes harpa jedenfalls nicht. Die Mitteilungen anderer Forscher
über die „ Membranellen " anderer Infusorienarten will ich hier-
mit nicht beurteilen. Wer sich über diese Organula eingehend be-
lehren will, lese in Bütschlis Protozoa S. 1333 — 1341,
Bruchstücke einer Infusorienfauna der Kieler Bucht. 83
Die Wimperkämmchen werden willkürlich in Bewegung gesetzt
Sie befördern Nährstoffe in die Mundbucht, in welcher eine halbmond-
förmige Klappe liegt, die sich oft hebt und senkt. Die Nahrung
besteht nus kleineren Infusorien und mikroskopischen Pflanzen. Ge-
rathen kleine Infusorien in die Fangströmung, so werden sie in der
Mundbucht gewöhnlich um ihre Längsaxe gewälzt, ehe sie das Binnen-
plasma aufnimmt. Die aufgenommene Nahrung wird zuerst nach
rechts, dann nach vorn und endlich hinterwärts bewegt.
Die kontraktile Vakuole liegt meistens rechts von der
Mundbucht. Der Nucleus ist meistens zweischenklich wurstförmig
und sehr oft länger als der Mundwimpersaum. An dem längeren
Schenkel habe ich häufig einen Fortsatz gefunden, welcher die Mund-
bucht umfasst. Taf. V Fig. 30-321). Behandelt man Euploten
nach einander mit Osmiumsäuredampf, Flemmingscher Lösung und
Safranin, so wird die Chromatinsubstanz des Kernes sichtbar als
spongiöses Gerüst, Fig. 33 — 35, als eine Masse von Körnern, die
durch feine Stränge verbunden sind, Fig. 30, oder als ein Gemenge
von Körnern und Strängen , die nicht selten spiralig verlaufen.
Fig. 31, 32.
Unter den zahlreichen mit Safranin behandelten Exemplaren habe
ich auch öfter einen oder zwei Nebenkerne bei dem Hauptkerne
gefunden, die gewöhnlich intensiver roth waren als dieser, Fig. 34 35.
Ich habe zwei Arten der Fortpflanzung beobachtet: Quer-
teilung und eine eigentümliche Sprossung nach Einkapselung.
Die Quer teil ung wird eingeleitet durch die Bildung einer
Reihe Wimpern einwärts (also rechts) von dem hintern Ende des
Mundwimperbogens. Anfangs ist die Wimperreihe kurz und die
Wimpern sind sehr klein und schwer erkennbar, Taf. IV, Fig 23;
sie bewegen sich bisweilen, werden allmählich grösser und zahlreicher
und bilden eine sigmaförmige Reihe Taf. IV, Fig. 24 W. Während
dessen hat sich der ganze Körper des Individuums etwas verlängert
und mitten zwischen dem vordem und hinteren Pol eingeschnürt.
Taf. V, Fig. 25. Indem die Einschnürung tiefer geht, rückt die
neue sigmaförmige Wimperreihe von dem vorderen Teilsprössling
ganz auf den hinteren und bildet sich zu dessen Mundwimperbogen
aus. Fig. 26. Der alte Mundwinkelbogen des Muttertieres verbleibt
dem Vordersprössling und reicht bis an dessen Hinterende, Fig 26 — 29.
An diesem entstehen neue hintere Geh-, Tast- und Schlag wimpern
und am Vorderende des Hinter sprösslings neue vordere Gehwimpern.
Der Nucleus beteiligt sich an der Querteilung in der Art, dass
er sich streckt, in der Mitte verdünnt und endlich in zwei Nuclei
sondert, welche nur noch durch einen dünnen Faden zusammenhängen,
sobald der Mundwimperbogen des Hintersprösslings ausgebildet ist.
Das Chromatin des sich theilenden Kernes besteht aus körnigen Fäden.
^) A. Gruber beobachtete bei einer nicht näher bestimmten Euplotes- Art
einen Nuceus von ähnlicher Form. Zeitschr. f. w. Zool. 40, HS4, T. 9, F. 23 E
6*
84 K. Möbius.
Fig. 27, 28.^) Wenn die Querteilung diese Stufe erreicht hat,
schlagen die Wimperkämme beider Sprösslinge gleichsinnig und fast
gleich stark. Beide laufen dann bisweilen plötzlich in gleicher Rich-
tung fort.
Am 25. Februar 1882 verfolgte ich eine solche Querteilung von
12 Uhr mittags bis 2 Uhr 30 Minuten. Sie dauerte also 2^/2 Stunde.
Fr. Stein bildet Taf. 4, Fig. 12 den Anfang des Mundwimper-
bogens des Hintersprösslings ab, ohne dessen Bedeutung für die
Fortpflanzung zu kennen. Denn er sagt S. 137 nur folgendes darüber:
„Unter dem Peristom sitzt eine Reihe dicht hinter einander stehender,
äusserst zarter und kurzer Wimpern, welche dem Innenrande einge-
fügt und quer nach aussen gerichtet sind. Ich sah diese präoralen
Wimpern, wovon sich bei Euplotes patella keine Spur findet, sehr
deutlich langsam auf- und niederschwiugen." V. Sterki nennt die-
selben Wimpern par orale, kennt aber ihre Bedeutung ebenfalls
nicht (Zeitsch. f. wiss. Zool. Bd. 31, 1878, S. 38). -
Auf die zweite Art der Fortpflanzung, die Erzeugung eines
Knospe nsprösslings bereitet sich das Harfentierchen dadurch
vor, dass es langsamer kriecht, das Vorder- und Hinterende gegen
die Bauchseite krümmt wie eine Kugelassel und sich durch das
Schlagen der Wimperkämmchen ins Rollen bringt. Darauf krümmen
sich die Bauchwimpern. Die Wimperkämmchen hören auf zu schlagen.
Die kontraktile Vakuole verkleinert und vergrössert sich lebhafter
als gewöhnlich, Taf. IV, Fig. 6. Eine zarte Cyste umgiebt den
kugelförmigen Körper. Der Pektinellenbogen wird undeutlich. In
dem Ektoplasma treten Körnchen auf, welche das Licht stark
brechen. Die kontraktile Vakuole vergrössert sich auffallend, theilt
sich in kleinere Vakuolen, die ihre Form und Grösse fortwährend
verändern und das zwischen ihnen befindliche Plasma verschieben.
Taf. IV, Fig. 7 — 11. Man empfängt den Eindruck, als würden die
Plasmateile des ganzen Körpers durch einander geknetet. Indessen
dreht sich dieser innerhalb der Cyste langsam herum durch kaum
bemerkliche Bewegungen der Pektinellen. Nun tritt gegenüber dem
Pektinellenbogen eine warzenförmige Erhöhung auf, welche veränder-
liche Vakuolen einschliesst, Fig. 12; sie wird breiter und höher,
schnürt sich von dem Mutterkörper ab, treibt zarte Gehwimpern aus,
verlängert sich, nimmt die Gestalt eines erwachsenen Harfentierchens
an, löst sich endlich als durchscheinend zarter Sprössling von dem
Muttertiere los und geht fort. Fig. 13—22. Diese Art der Fort-
pflanzung ist mehrere male unter meinen Augen im hängenden
Tropfen der feuchten Kammer abgelaufen. Am 18. Februar 1882
nahm eine solche um 11 Uhr Vormittags ihren Anfang und war
um 1 Uhr 50 Minuten beendigt. Während sie geschieht, unter-
liegt auch der Kern bedeutenden Umbildungen; er verlängert sich,
er nimmt neue Biegungen an, er spaltet sich, schnürt sich an vielen
'') A. Gruber beboachtete eine ähnliche direkte Kernteilung bei einer
nicht näher bestimmten Euplotes-Art. Zeitschr. f. w. Zool, 40. 1884, T. 8 F.
20 a, b.
Bruchstücke einer Infusorienfauna der Kieler Bucht. 85
Stellen ein und zerfällt dann in viele Theile. Nach Behandlung en-
cystirter Thiere mit Safranin erscheinen ausser stärker geröteten Kern-
theilen auch noch schwachrote BaUen, welche aus sehr kleinen roten
Kömchen zusammengesetzt sind. Fig. 36 — 40.
Das verschiedene Verhalten des Kernes bei der Quertei-
lung und bei der Knospung erkläre ich mir in folgender Weise.
Bei der Querteilung werden alle ausgebildeten äussern Organula er-
halten. Sie verteilen sich blos auf die zwei Teilsprösslinge und
jeder von diesen ergänzt die abgegebenen Organula durch Neubil-
dungen, durch eine Art Regeneration, auf welche der Nucleus von
der Stelle aus, welche er in dem ausgebildeten Tiere einnimmt, am
besten regenerirend einwirken kann. Bei der Knospung dagegen
wird der ganze Körper des Sprösslings aus der Substanz des Mutter-
tieres neu angelegt. Dazu ist eine innigere gegenseitige Berührung
der Kemsubstanz und des Körperplasmas nötig.
Bei der Knospung scheinen die Gehwimpern des Muttertieres
zu schwinden; die Pektinellen bleiben.
Mehreremale habe ich Individuen, die sich conjugirt hatten,
mit Osmiumsäuredämpfen getödtet und dann bis zur Färbung ihrer
Kerne weiter behandelt In den Figuren 41 — 43 sind drei conjugirte
Paare abgebildet. Die Peristome sind gegeneinander gekehrt. In
beiden Individuen bilden sich die Kerne symmetrisch gleichförmig um.
Die chromatische Substanz derselben rückt in jedem Kerne in den
Vorder- und Hinterteil des Körpers. Wie sich conjugirte Individuen
verhalten, wenn die Kernteilung vollendet ist, habe ich nicht ver-
folgen können.
üeber die Lebensdauer des Harfentierchens kann ich folgende
Beobachtungen mitteilen. Am 30. Januar 1882 brachte ich fünf
Individuen in einem Glastropfen, der am Deckgläschen hing, in die
feuchte Kammer. Am 1. Februar hatte sich ein Individuum einge-
kapselt, die übrigen vier bewegten sich frei. Vom 2. bis 6. Febr.
liefen alle fünf umher. Am 6. Febr. hatte sich ein Individuum ge-
kugelt; seine Wimpern waren ruhig. Vom 7. bis 17. Febr. krochen
wieder alle fünf. Am 18. Febr. war ein Individuum todt, am 21.
Februar auch die übrigen vier.
In einer andern feuchten Kammer lebte ein einzelnes Individuum
vom 10. bis 21. Februar. Am 7. Febr. 1882 versetzte ich zwei In-
dividuen, welche ihre Bauchseiten aneinander gelegt hatten und ein
einzelnes Individuum in die feuchte Kammer. Am 8. Febr. fand ich
3 einzelne kriechende Individuen; am 9 Febr. waren 5 Individuuen
im Tropfen, am 18ten 7 Individuen. So viele sah ich bis zum 7. März.
Vom 8. bis 25. März fand ich nur 6; am 27. März 5; vom 28. März
bis 1. April nur 4. Am 4. April bewegten sich nur noch 3 Indivi-
duen; eins lag ruhig und war vielleicht todt. Drei lebende fand ich
bis zum 7. April; am 9. April nur noch ein kriechendes und ein
regungsloses. Am 10. April konnte ich nur noch zwei todte Euploten
finden.
Nimmt man an, dass nach dem 18. Februar keine Vermehrung
mehr stattfand, so erreichten die zuletzt sterbenden Individuen ein
86 K. Möbius.
Alter von 50 Tagen. Andere abgesonderte Individuen lebten nach
dem Mitgeteilten unter meinen Augen nur 22 oder nur 11 Tage.
Die Lebensverhältnisse waren in den feuchten Kammern gewiss un-
günstiger als im Freien, denn in dem hängenden Tropfen fehlten
andere Tiere und Pflanzen. Zur Erhaltung des Gaswechsels be-
fanden sich an der Peripherie des Grundes der feuchten Kammer
einige lebende Individuen von Spirulina versicolor in Seewasser.
Stein entdeckte Euplotes harpa in der Ostsee bei Wismar, wo
sie, wie er sagt , nicht häufig vorkommt". Im Kieler Hafen ist
dieses Infusionstier in jeder Jahreszeit anzutreffen. Es vermehrte
sich stark in Schüsseln, in die ich im Januar oder Februar schwarze
Grundmassen mit Beggiatoen aus dem Bootshafen oder vom Bollwerk
des Hafens brachte, mit Seewasser bedeckte und bei 5 — 10° C einige
Tage stehen Hess. Im Februar 1887 Hess ich von Hafenpfählen
muddige Ueberzüge ablösen, welche hauptsächlich aus jungen Mies-
muscheln und Gesellschaften von Polydora ciliata bestanden und in
flachen Schüsseln mit Seewasser übergiessen. Nachdem darin Fäul-
niss eingetreten war, wimmelte das Wasser von Euplotes harpa und
Uronema marinum.
In den Ostsee-Aquarien des zoologischen Instituts in Kiel war
diese Euplotes-Art in jeder Jahreszeit verbanden.
Styloplotes Stein api)en(liculatus (Ehbg.)
Ehrenberg, Inf. S. 373, T. 42, III. (Stylonichia app.) (Ostsee bei Wismar).
Claparede st Lachmann, Inf. et. Rhiz. S. 176, T. 7, 4 — 5. (Norwegische
Küste.)
Stein, Infus. I., 130. T. 3, 22—29. (Ostsee bei Wismar.)
S. Kent, Infus. IL, 800. (Jersey.)
Fabre-Domergue, Journ. de l'Anat. et de la Physiol. XXL, 1885, p. 564.
T. 28, F. 9. (Concarneau.)
Im Kieler Hafen und in Ostseeaquarien.
Aspidisca lyiicaster (O. F. Müll).
0. F. Müller, Zool. danica L, 9, T. IX. F. 3. (Trichoda lyncaster.)
Stein, Org. d. Inf. L, 122, T. HL, F. 1-3.
Auf Glasplatten in Ostseeaquarien. 0,028 mm 1., 0,019 mm br.,
wasserhell.
Oxytricha rubra Ehbg.
Ehrenberg, Inf. 364. T. 40, F. 9. (gefunden bei Gothenburg und Kopen-
hagen). — Fresenius, Zoolog. Gart. VL, 1865, 127, F. 34—35. (In Nordsee-
aquarien). — Cohn, Zeitschr. f. wiss. Zool. XVI., 1866, 291, T, 15, F. 41 -42
(In Nordseeaquar.) S. Kent, Inf. IL, 777. — (Holosticha rubra).
Bauch flach, Rücken gewölbt. Taf. VI. Fig. 1, 2. Im Ekto-
sark meist fünf Reihen grösserer gelber Flecke, zwischen denen
kleinere gelbe Körnchen liegen. An der Bauchseite drei Längsreihen
Cilien; am Hinterende des Bauches fünf längere Analwimpern.
Bruchstücke einer Infusorienfauna der Kieler Bucht. 87
40 — 50 orale Pektinellen nmsäumen den vordem Körperpol
und biegen links an die Bauchseite. Rechts von den Bauchpektinellen
ist eine zarte undulirende Membran. Der After liegt vor dem Hinter-
ende Imks. Oxytrinha rubra verzehrt gern Spirulina versicolor, zwi-
schen deren flockig-häutigen Massen in Ostseeaquarien ich sie häufig
angetrofi'en habe. Ihr Nucleus ist kugelförmig. Fig. 1. Sie ver-
mehrt sich durch Quertheilung. Nachdem sich die oralen Pekti-
nellen des HintersprössHngs angelegt haben, entsteht in der Mitte des
Körpers eine Einschnürung, Fig. 3, welche bis zur Trennung beider
Sprösslinge zunimmt.
Wenn sich Oxytricha rubra durch die dichten SpiruHnamassen
windet, biegt und streckt sich ihr Körper nicht selten so stark, dass
er in Stücke zerreisst, die dann mittelst ihrer Wimpern selbstständig
weiter kriechen.
Keine Abbildung früherer Beschreiber stellt die roten Flecke
richtig dar. Diese sind nicht kugelig scharf abgegrenzt, sondern
bestehen nur aus kugelförmigen Anhäufungen gelbrother Körnchen.
Stichotricha gracilis sp. n., St. saginata sp. n., St. horrida sp. n.
Von dieser Gattung habe ich drei verschiedene Formen in der
Kieler Bucht gefunden
Die eine, Taf. VI. Fig. 4, bat einen spindelförmigen Hinterkörper,
an dessen Bauchseite zwei schräge Reihen schmaler Pektinellen
verlaufen. Am Hinterende entspringen an der Bauchseite (i — 7 grössere
Ciüen. Die orale Vorderhälfte des Körpers ist schlank halsförmig
und trägt links an der Bauchseite eine ziemlich gerade Reihe oraler
Pektin eilen, die etwas länger sind als der Querdurchmesser des
Halses. Sie mag St. gracilis sp. n. heissen.
Die zweite Form, Fig. 5, ist grösser als St. gracilis; die orale
Körperhälfte ist nur wenig schmäler als die hintere. Die Länge der
oralen Pektinellen ist kürzer als der Halsdurchmesser. An der
Bauchseite sind vier schräge Reihen schmaler Pektinellen:
eine Reihe vor den oralen Pektinellen, drei Reihen dahinter. Am
Hinterende des Bauches stehen sechs Cüien, die nicht so lang sind,
wie Hintercihen bei St. gracilis. Diese plumpere St. mag St. saginata
heissen.
Die dritte Form, Fig. 6, ist vorn dicker als hinten. Ihre oralen
Pektin eilen sind auffallend lang, beinahe ein Drittel so lang wie
der ganze Körper. An der Bauchseite sah ich nur eine Längsreihe
von Pektinellen, deren Länge die Grösse des Querdurchmessers des
Körpers erreicht. Von dieser habe ich nur eine unvollkommene Um-
risszeichnung entworfen. Sie mag St. horrida heissen.
Fr. Stein bemerkt in der 2. Abteilung seiner „Infus ions-
thiere", 1867, S. 150, dass er bei Wismar in der Ostsee eine der
Stichotricha secunda Perty nahe verwandte Art gefunden habe, die
er Stichotricha marina nennen wolle. „Sie hat", sagt er, „ganz die
Gestalt der St. secunda, erreicht aber noch eine bedeutendere Grösse
und unterscheidet sich besonders dadurch, dass die vordere Bauch-
88 K. Möbius.
wimperreihe vom rechten Seitenrande des Halses nm- bis zum Mund-
winkel verläuft und aus viel zarteren Wimpern besteht, wie die beiden
anderen Bauch wimperreihen, und dass jede der letzteren aus einer beson-
deren nach hinten zu tief und schräg eingeschnittenen Furche entspringt,
in welche die Wimpern eingeschlagen werden können". Vergleiche
meiner drei Stich otricha-Bilder mit dieser Bemerkung Steins und mit
seinen Abbildungen der Stichostricha secunda Perty T. X., F. 9 — 13
der ersten Abteilung seines Werkes über Infusionstiere, nötigen
mich, anzunehmen, dass keine mit der leider sehr ungenügend be-
schriebenen St. marina identisch sein kann.
Die „Furchen, in welche die Wimpern eingeschlagen werden
können", sind nichts anderes als die Reihe der dicht beisammen liegen-
genden Pektinellenbasen. Sie können nicht als Speciesmerkmal dienen,
da sie auch andern Stichotricha-Species zukommen.
Epicliiites aiiriciilaris ciap. Lachm.
Claparede et Lachmann, Inf. et Rhiz. p. 148, T. V., F. 5 — 6. — Stein,
Org. d. Inf. II., 160.
An Glasplatten im Kieler Hafen im April 1883 und 84. Nor-
wegische Küste, Ostsee bei Wismar.
Dysteria lanceolata ciap. Lachm.
Claparede et Lachmann, Inf. et Rhiz. 285, T. 15, F. 8—13.
Der Körpers ist eirund; und seitlich zusammengedrückt; die
linke Körperseite ist höher als die rechte, der hintere Pol spitzer als
der vordere. Die Bauchseite ist schmal und schräg nach rechts ge-
wendet. Die Länge beträgt 0,091 mm, die Höhe 0,047 mm.
An der Bauchseite stehen Wimpern in schrägen Reihen. Tai
VI. Fig. 7. Vor dem Hinterende der Bauchseite steht ein stilet-
förmiger Schwanzgriffel auf emer warzenförmigen Erhöhung. Fig.
7 — 9. Er macht Bewegungen in der Medianebene des Körpers und
schiebt diesen dadurch vorwärts. Der Schlund ist griffeiförmig,
fast doppelt so lang wie der Schwanzgriffel. Die Schlundöffnung ist
etwas trichterförmig erweitert. In ihrer Nähe, nach dem Rücken zu
ist eine kurze Reihe oraler Wimpern, deren Feld vorn eine gebogene
Linie abgrenzt. Fig. 8.
Der Kern ist eirund, seitlich zusammengedrückt. Der Nucleo-
lus und die äussere Kernschicht bestehen aus runden Körnchen.
Fig. 8. Bei der Fortpflanzung durch Querteilung treten in der
Nähe der Bauchseite, dem vordem Körperpole etwas näher als dem
hintern, Querfurchen auf, welche sich entgegenwachsen, Fig. 8.
Dieses schöne Infusionstier fand ich März und April 1884 zwi-
schen mikroskopischen Algen auf Glasplatten, die einige Zeit im
Hafen gewesen waren. Claparede und Lachmann entdeckten es an
der Norwegischen Küste.
Bruchstücke einer Infusorienfauna der Kieler Bucht. 89
Heterotricha.
Cliilodoii crebricostatus n. sp.
Schiefeiförmig; Rücken stark gewölbt, Bauch weniger gewölbt.
Grössere Individuen sind 0,057 bis 0,076 mm lang, 0,038 bis 0,057 mm
breit. Auf dem Bauche 30-36 parallele Reihen Wimpern, deren
Entfernung von einander 0,0014—0,0016 nun beträgt. Auf der rechten
Seite des Bauches biegen die Wimperreihen vom dem Rande parallel
nach links um und laufen am linken Rande aus. Taf. VI Fig. 11.
Dieses Vorderfeld der Bauch wimpern wird nach hinten gegen den
Mund begrenzt durch eine Spirallinie sehr kleiner adoraler Wim-
pern, welche bis zur linken Seite des Mundes verlaufen. Diese ado-
rale Wimperspirale bildet auch die Grenze der übrigen Wimperreihen
des Bauches. Die Wimpern des Vorderfeldes sind etwas länger als
die der andern Körperteile.
Die Reuse ist nach innen füllhornartig gebogen und verengt.
Fig. 10 und 12. Sie besteht aus 16 Stäbchen, welche etwas spiral
um die Reusenaxe gebogen sind. In radialer Richtung haben diese
eine grössere Ausdehnung als in tangentialer. Ihr orales Ende ist
schwach konkav und fällt nach aussen ab. Taf VII Fig. 4. Die
Reusenstäbchen von Chilodon cucullulus 0. F. MüU. sind am aboralen
Ende abgerundet. Taf. VII Fig. 5. In der Nähe der Reuse habe
ich zwei kontraktile Vacuolen gesehen. Taf. VI Fig. 10. Als
Nahrung werden gern Diatomeen aufgenommen.
Nucleus eirund. Unter seiner dünnhäutigen Grenzschicht liegen
grössere und kleinere Körperchen, welche das Licht stärker brechen,
als die den Nucleolus umgebende Hauptmasse. Fig. 11.
Chilodon crebricostatus gleitet meistens langsam auf der Bauch-
fläche vor- und rückwärts. Zweimal habe ich anein anderhaftende
kleine Inviduen angetroffen, welche ihre Reusenmündungen gegen
einander gekehrt hatten. Taf. VII Fig. 1. Wahrscheinlich waren
es Paare im Konjugationszustande.
Chilodon crebricostatus fand ich im März und April 1884 an
Glasplatten, welche einige Monate im Kieler Hafen gewesen waren
und dichte Rasen von Diatomeen trugen.
Ich lasse nun noch Angaben über die Unterschiede zwischen
Chilodon crebricostatus und Ch. cucullulus, sowie einige Ergän-
zungen zu Steins Beschreibung von Ch. cucullulus folgen.
Ch. crebricostatus ist breiter und vorn mehr abgestumpft als
Ch. cucullulus. Er hat 2 — 3 mal so viel Reihen Bauchwimpern wie Ch.
cucullulus, bei welchem ich ebenso wie Ehrenberg ') nur 12 — 16 Reihen
fand, deren Entfernung von einander über 0,004 mm beträgt. Hätte
F. Stein Ch. cucullulus getödtet, so würde er ebenso gut wie Kenf-)
^) Infusionsthierchen S. 337.
*) Manual of Infus. II., 747.
90 K. Möbius.
und ich erkannt haben, dass die Streifung des Bauches durch die
Reihenstellung der Wimpern hervorgerufen wird.
Die Reuse beider Species ist füllhornartig gebogen. Die Stäbchen
sind bei Ch. crebricostatus aber schmäler als bei Ch. cucullulus und
oben nicht abgerundet, sondern schräg abgeschnitten. Taf. VI Fig. 4, 5.
Die adoralen Wimpern, welche Stein bei Ch. cucullulus zuerst
sah, sind am Grunde verschmolzen, bilden also eine lange Pektinelle.
Porpostoma g. n.i) notatum sp. n.
Spangenmündchen,
Körper lang spindelförmig, vorn und hinten abgerundet. Gleich
lange Bewegungswimpern stehen in dichten Längslinien. Taf VIT
Fig. 6, 7, Das Peris tomfei d ist etwas eingesenkt und trägt Pekti-
nellen; es entspringt am vordem Pol, läuft an der linken Bauchseite
hin und wendet sich in der Mitte nach rechts zum Munde, an
welchem zwei sichelförmige bewegbare Läng slippen liegen. Fig. 6.
Der Schlund ist trichterförmig, nach der linken Seite gebogen.
Links neben dem Schlünde liegt im Ektosark ein schwarzer Fleck,
nach aussen zu schwach konkav, nach innen konisch. Er ist umgeben
von strahlig angeordneten Stäbchen, welche das Licht stark
brechen. Fig. 6 a, b. Im Hinterende befindet sich eine kontraktile
Vakuole, die sich in der Regel nach Zwischenzeiten von 3—4 Mi-
nuten zusammenzieht.
Der Nukleus ist schnurförmig und meistens spiralig gewunden.
Fig. 6.
DasEktoplasma besteht aus einer dünnen körnchenfreien Schicht.
In dem Endoplasma liegen viele kleinere und grössere Körnchen
und zahlreiche blasenförmige Vakuolen.
Das Tier schwimmt sehr schnell vorwärts in der Richtung seiner
Längsaxe. Die Körpercilien können ruhen , während die oralen Pekti-
nellen sich bewegen und umgekehrt.
Am 22. und 24. März ISöt! beobachtete ich Querteilung. Der
hintere Teilsprössling hatte bei der Abtrennung keinen Mund, keine
Wimperkämmchen und keinen schwarzen Fleck. Ich konnte an ihm
die Bildung einer Furche und darin auftretender Wimperkämmchen
verfolgen, mehr leider nicht. Fig. 7a.
Um zu untersuchen, ob der konische schwarze Fleck mit den
ihn umgebenden hellen Stäbchen ein lichtempfindliches Organulum sei,
brachte ich zwei Individuen in einem hängenden Tropfen in die
feuchte Kammer, überdeckte die Hälfte des Tropfens mit Stanniol
und führte nur von oben her Licht zu. Dann sah ich, dass beide In-
dividuen wiederholt auf K' — 20 Sekunden in den dunkeln Theil des
Tropfens schwammen und darauf wieder ebensolange oder auch länger
in dem beleuchteten Theile verweilten. Dunkelscheu zeigten sie also
nicht. Hiemach lässt sich über die Funktion des konischen schwarzen
Fleckes und der ihn umgebenden hellen Stäbchen nichts Bestimmtes
aussagen.
^) 710^717] Spange.
Bruchstücke einer Infusorienfauna der Kieler Bucht. 91
Das hier beschriebene Infusorium gehört zur Familie der Spiro-
stomea, Stein und in dieser zur derjenigen Gruppe, welche keine
undulirende Membran besitzt. Von der Gattung Spirostoma unter-
scheidet es sich durch geringere Körperlänge und durch zwei lippen-
artige Verdickungen am Munde.
Ich habe das Thier im Februar und März 18>>t5 zwischen Oscilla-
torien eines grösseren Aquariums gefunden, welches mit Wasser aus
dem Kieler Hafen gefüllt war.
Coiidylostoma patens (Müu.)
0. F. Müller, Anirn. Infus. 1786, p. 181, T. 26, F. 1—2. (Trichoda pa-
tens). — Ehrenberg, Abhdl. d. Berlin. Ak. a. d. J. 1833, S. 278 (1833 bei
Wismar beob,). — Dujardin, Infus. 576, T. 12, 2a- c. — Fresenius, Zool.
Gart. VI., 1865, 125, Fig. 30-33. — Cohn, Zeitschr. wiss. Zool. XVI., 1866.
•-^79. — Claparede et Lachmann, Inf. et Rhiz. 244, T. 12, F. 3. — Quen-
nerstedt, Acta üniv. Lund. IV., 24, T, 12, F. 2. — Gourrelet et Roeser,
Protoz. Marseille. Arch. zool, exp. IV., 1886, 484. T. 30, F. 9—12, T. 31, F. 1—2.
Dieses schöne grosse Infusorium fand ich häufig zwischen Spi-
rulina versicolor, welche im Kieler Hafen im flachen Wasser den
Grund bedeckte; mit dieser Alge in Ostseeaquarien versetzt, erhielt
es sich auch in diesen längere Zeit. Es ist so viel beschrieben
worden, dass ich aus meinen Beobachtungen nur Einiges mitteilen will.
Die Körperwimpern stehen in Längsreihen. Auf der dem
Auge zugekehrten Seite zählte ich mehrere male 12 Reihen. Die
oralen Pektinellen bestehen aus feinen Wimpern, welche bis an
den Grund der Pektinelle erkennbar sind. Die undulirende Mem-
bran an der rechten Seite des Mundfeldes habe ich in einigen
Fällen durch Cilien ersetzt gefunden.
Der Kern ist lang perlschnurförmig und liegt gewöhnlich rechts.
Bei einem mit essigsaurem Karmin behandelten Exemplar war er in
viele Stücke zerfallen.
Als aufgenommene Nahrung habe ich oft Spirulina versicolor
im Endosark gesehen, zuweilen Fäden von halber Länge des Condy-
lostomaleibes.
Steiitor auricula Kent
Sav. Kent. Infus. IL, 595. T. 30, F. 5 6. — Daday, Infusorienfauna von
Neapel, Mitth. aus d. zoolog. Stat. v. Neapel VI., 1886, 492. T. 25. F. 9-11.
— Grub er, Enum. dei Protozoi racolti nel Porto di Genova, Ann. Mus. Civ.
Stör. nat. Genova V., 1888, 548.
An Glasplatten im Kieler Hafen und in Ostseeaquarien. Besitzt
ausgezeichnet entwickelte orale Pektinellen.
Folliculina ampulla (O. F. müII.)
0. F. Müller, Animalc. infus. 1786, 283. T. XL., Fig. 4—7.— Claparede
et Lachmann, Infus, et Rhizop. 1858, p. 221. — Stein, Org. d. Infus. 11.
92 K. Möbius.
1867, S. 272. — K, Möbius, Das Flaschenthierchcn, FoUiculina ampulla.
Abhandl. aus d. Gebiete der Naturwiss. herausgeg. v. d. Naturwiss. Verein in
Hamburg. Bd. X, 1887.
In der Kieler Bucht in den Regionen des lebenden und todten
Seegrases. Bei Wismar von Stein gefunden. In der Nordsee und
im Mittelmeere.
Chaetospira maritima Str. Wright
Strethill Wright, Observ. on Brit. Protozoa. Quart. Journ. micr. sc. II,
1862, 220.
Der Körper ist keulenförmig. Taf. VII, Fig. 8—10.
Der Pektinellenträger ist rechts gewunden. Die Wimpern
der lebenden Pektinellen sind deutlich von einander getrennt. An
dem ausgestreckten Pektinellenträger stehen sie gespreizt wie die
Borsten einer Flaschenbürste. Fig. 9. Der Schlund ist ungefähr
ebenso lang wie der PektineUenträger. Fig. 8.
Die Hülse ist keulenförmig. Der Durchmesser ihrer Öffnung be-
trägt 0,015 mm, der Durchmesser ihres Bauches 0,025 mm.
Sie besteht aus wasserheller chitinöser Masse und ist zuweilen
mit aufliegenden Schleimteilchen und Fremdkörpern bedeckt. Fig. 9.
Im Hinterkörper fand ich stark lichtbrechende Kügelchen. Fig. 8.
Das Tierchen lässt sich mit Karmin füttern.
Zuweilen wird der vorgestreckte Pektinellenträger kniefÖrmig
abwärts gebogen, Fig. 10.
Dieses schöne Intusorium habe ich im Oktober an Glasplatten
gefunden, welche in dem Kieler Hafen oder in Ostseeaquarien ge-
wesen waren.
Str. Wright sagt von dieser von ihm aufgestellten Chaetospira-
Species nur das: ,Ch. maritima approaches in character, as to the
number of spires in its rotatory organ, to Ch. MüUeri, while it
inhabits a tube of colline like that of Ch. mucicola. Found at low
water. Largo" (Schottland).
Obgleich diese von keiner Abbildung unterstützte Beschreibung
nicht genügt, um sicher zu entscheiden, ob die Kieler Chaetospira-
Form mit der schottischen übereinstimmt, so glaube ich sie doch
maritima nennen zu dürfen, weil ihre Eigenschaften nicht im Wider-
spruch mit den wenigen von Str. Wright angegebenen Merkmalen
stehen.
Codoiiella campaiiiila (Khrbg.)
Ehrenberg, Mon. Ber. d. Berlin, Ak. 1840, 21 (Tintinnus campanula). -
Claparede et Lachmann, Inf. Rhiz. 207, T. 8. F. 9. — Fol., Farn, der Tinn
Rec. zool. suisse I, 1884, 58, T. 8, F. 5. — Geza Entz, Mitth. a. d. zool. Stat.
Neap. VI, 1885, 205, T. 14, F. 15. — Möbius, 5. Bericht d. Kommiss. z. wiss.
ünt. d. d. Meere, Berlin 1887, 119, T. 8, F. 32.
Im Plankton Hensens aus der Kieler Bucht.
Bruchstücke einer Infus urienfauna der Kieler Bucht, 93
Codoiiella orthoceras Haeck.
Haeckel, Jena. Zeitschr. f. Med. u. Naturwiss. VII, 1873, 566, T. 28, F. 10
u. 12. — Geza Entz, Mitth. a. d. zool. Stat. Neap. VI, 1885, 412, T. 24, F. 25
(C. umiger). — Möbius, 5. Ber. d. Komm. z. wiss. Unt. d. deutschen Meere?
1887, 120, T. 8. F. 33.
Kieler Bucht.
Tintiniius sulbulatus Ehbg.
Ehrenberg, Inf. 294, T. 30, F. 3. — Clap. et Lachm. Inf. Rhiz. 205, T. 8.
F. 15. — Möbius, 5. Ber. d. Komm. z. wiss. Unt. d. deutsch. Meere, 1887, 120,
T. 8. F. 32.
In der Kieler Bucht häufig, besonders im Herbst.
Tintiniius inquilinus o. F. Müll.
0. F. Müller, Zoologia danica, I, 1788, 8, T. 9, F. 2. (Trichoda inquilinus).
Ehrenberg, Int. 294. — Clapar. et Lachm., Inf Rhiz. 196, T. 8, F. 2. — Möbius,
f). Ber. d. Komm. z. wiss. Unt. d. deutsch. Meere, 1887, 120, T. 8, F. 36.
Kieler Bucht. Ehrenberg erhielt diese Form durch Michaelis
aus dem Kieler Hafen lö30 und 1832.
Tintiniius fistularis Mob.
Möbius, 5. Ber. d. Komm. z. wiss. Unt. d. deutsch. Meere, 1887, 120
T. 8. F. 120.
Kieler Bucht im Plankton von Hensen.
Tintiniius acuminatus Ciap. Lachm.
Claparede et Lachmann, Inf Rhiz. 1858, 199, T. 8, F. 4. — Geza
Entz, Mitth. a. d. zool. Stat. Neap. VI, 1885, 201. —Möbius, 5. Ber. d. Kommisa.
z. wiss. Unt. d. deutsch. Meere. 1887, 120, T. 8, F. 37.
Kieler Bucht.
Tintinnus denticulatus Ehbg.
Ehrenberg, Mon. Ber. d. Berl. Ak. 1840, 201. — Clap. Lachm., Inf.
Rhiz. 201, T. 8, F. 1 u. 1 A. — Möbius, 5. Ber. der Komm. z. wisa. Unt. d.
deutsch. Meere, 120, T. 8, F. 39.
Kieler Bucht, besonders im Herbst.
Tintinnus serratus Mob.
Möbius, 5. Ber. d. Komm. z. wiss. Unt. d. deutsch. Meere, 120, T. 8, F. 40.
Im Plankton durch Hensen im Herbst,
94 K. Möbius.
Peritriclia.
Strombidium sulcatum Clap. et Lachm.
Claparede et Lachmann, Infus, et Rliiz. 371, T. 13, G. (Norweg.
Küste, Bergen.) — Bütschli, Einige8 über Infusorien, Archiv f. niü^rosli.
Auat. IX, 1873. 671.
Von Bütsclili in der Kieler BucM gefunden.
Rhal)dostyla eommensalis n. sp.
Im Januar 1882 fand ich auf der Cuticula des Körpers von
Capitella capitata und auf den Girren von Terebellides Strömii,
Chätopoden, welche die INludregion der Kieler Bucht bewohnen, diese
kurz gestielte Vorticelline. Ich ordne sie der von S. Kent (Inf. II, 664)
aufgestellten Gattung Rhabdostyla unter und nenne sie eommensalis.
Ihr Körper ist länglich tonnenförraig,, ungefähr doppelt so lang
wie breit, und zart quergestreift. Taf VII, Fig. 11, 12. Das untere
Ende ist etwas dunkler und hat einen körnigen Inhalt, der deutlicher
sichtbar wird, wenn man die Thiere mit Reagentieii behandelt.
Der orale Wimpersaum ist rechts gewunden. Im Schlünde
sind kurze Wimpern und eine lange schlagende Wimper. Im Cen-
trum des Wimperpolsters ist eine warzenförmige Erhöhung. Der
Kern ist hufeisenförmig. Fig. 12. Die kontraktile Vakuole liegt
in der Nähe des Schlundes. Der Fuss ist höchstens IV2 i^ial so
lang wie breit. Er setzt sich mit etwas verbreiterter Basis an seinen
lebendigen Träger an.
Ausser einzelnen Individuen habe ich auch Paare gefunden, die
unzweifelhaft durch Theilung eines einfachen Individuums entstanden
waren. Fig. 12.
Herr Dr. Hamann in Göttingen fand bei seinen Untersuchun-
gen junger Seesterne aus der Kieler Bucht auf deren Haut kurz-
gestielte Vorteilinen. Er hatte die Güte, mir Schnittpräparate
mit solchen zuzuschicken. Ich kann nach der Beschaffenheit derselben
leider nicht entscheiden, ob sie zur Species Rhabdostyla eommensalis
gehören.
Yorticella mariiia Gieeü.
R. Greeff, Untersuch, über denßauu. die Naturgeschichte der Vorticellen.
Archiv f. Naturgesch. 1870, I, p. -52 T. 4 u. 5. (Bei Ostende in AusternparkenV
S. Kent, Infus, ü, 685 (Englische Küsten, Jersey).
Diese Vorticelle habe ich oft auf Glasplatten, die im Kieler
Hafen und in Ostseeaquarien gewesen waren, gefunden.
Die Cuticula ist fein quergestreift, das Ektosark feinkörnig.
Am 5. April 1883 Vormittags 11 Uhr 45 Min. traf ich ein Individuum
an, welches sich im Teilungszustande befand. Die beiden Teil-
sprösslinge waren schon so weit ausgebildet , dass eine deutliche
Furche sie schied. Um 1 Uhr 15 Min. hing der zur Ablösung be-
stimmte Spsössling nur noch an einem feinen kurzen Fädchen.
Bruchstücke einer Infusorienfauna der Kieler Bucht. 95
Der Schwimm- Wimpergürtel entsteht ohne vorherige Furchen-
bildung.
Vorticella striata Duj.
Duj ardin, Infus. 1841. Explication des Planches p. 11. ^Vorticella,
grossie 325 fois (Dans l'eau de mer ä Cette) Elle n'est pas d6crite dans le
texte."
S. Kent, Inf. II, 684, T. 34, F. 15—19.
Küste von Jersey.'
Ich halte eine kleine Vorticella, die ich au Glasplatten ange-
setzt fand, für V. striata Duj. Taf. VII, F. 13..
Der Körper ist birnförmig, etwas länger als breit vmd deutlich
quergestreift. Der Stiel ist bis dreimal so lang wie der Körper.
Spiralige Kontraktionen desselben habe ich niemals beobachtet.
Zootlianmiiim Cieiikowskli Wrzk.
Wrzesniowski, Zeitsch. f. wiss. Zool. Bd. 29, 1877, S. 278. T. 19, F. 16, 17.
Die meisten Zoide dieses Glockenbäumchens sind glockenförmig,
fast doppelt so lang wie breit. Taf. VIII, Fig. 2. Einzelne grössere
Zoide sind kürzer, mehr kugelförmig. Das Wimperkissen ist konvex,
wenn die Wimpern entfaltet sind und schwingen. Das Peristom ist
Hnks gewunden und besteht aus IV5 Umgang sehr feiner Wimpern,
die in einer Doppelreihe stehen, was Wrzesniowski richtig gezeichnet
hat. Wenn sich die äussere Reihe umbiegt und schwingt, steht die
innere Reihe gewöhnlich noch einen Augenblick ruhig aufrecht,
schwingt dann aber auch.
Die Mundhöhle ist trichterförmig, der Schlund spindelförmig
erweitert. Die Mundhöhle enthält zwei gegenüberstehende Reihen
Wimpern und vorn eine lange nach rechts herausragende dicke Wim-
per, welche bei starker Yergrösserung durch Öltauchlinsen in sehr feine
Wimpern aufgelöst wird.
Die Cuticula ist sehr dünn, das Ektoplasma sehr fein quer-
gestreift. Taf VIII, Fig. 2 d. Die kontraktile Vakuole ist nahe
unter dem Peristom und kann sich sehr ausdehnen. Fig. 2 b. Der
Nucleus ist hufeisenförmig und liegt gewöhnlich wagerecht unter-
halb der Mundhöhle, Fig. 2 c d.
Der untere Teil des Stammes grösserer Stöckchen ist fein
längsgestreift und enthält keinen Muskel. Fig. 2 £ Seine Ansatz-
fläche ist kreisrund. Etwas oberhalb dieser ist er gewöhnhch ein-
geschnürt und darüber bauchig. Fig. 2 g. Der sich anschliessende
muskelhaltige Stammteil ist etwas dicker, und nicht gestreift. Die
Aeste und die Zweige, welche die Individuen tragen, haben ungefahi*
die Dicke des muskellosen Stammgrundes, sind glatt und erscheinen
nur dann quergeringelt, wenn sie durch ihre Muskeln gebogen und
verkürzt werden.
Grosse Glockenbäumchen en-eichen 2 mm Länge. Ihre Zweige
breiten sich dichotom hauptsächlich in einer wagerechten nach unten
96 K. Möbius,
schwach konkaven Ebene aus. Fig. 1. So sitzen sie an Glasplatten,
die im Kieler Hafen am Pfahlwerk befestigt waren und ebenso an
den Wänden der Aquarien.
Auf Glasplatten siedeln sie sich dicht nebeneinander an. Fig. 1. Eine
am 7. Febr. 1884 in den Hafen gebrachte Glasplatte von 5 cm Breite
und 10 cm Länge wurde am 20. April 1884 untersucht. Sie war
auf der Oberseite mit einem sehr dicken Diatomeenfilz bedeckt, den
nur wenige Zoothamnien überragten; auf der gegen den Meeresboden
gekehrten Seite war eine dünnere Lage von Diatomeen, die haupt-
sächlich aus Schizonemen bestand. Über diese ragten zahlreiche
Glockenbäumchen empor wie Primeln auf moorigen Wiesen im Früh-
jahr über den niedrigen Grasrasen. Ich zählte unter einer Brückeschen
Lupe auf dem ersten Quadratcentimeter 36 Bäumchen, auf dem zweiten
25, auf dem dritten 8, auf dem vierten 13, auf dem fünften 23, auf
dem sechsten 30; zusammen 135, im Durchschnitt 22 Bäumchen auf
1 qcm. Der mit Zoothamnien besetzte Teil der Platte war 50 qcm
gross. Sie trug also im ganzen 1100 Bäumchen. Auf einer anderen,
ebenfalls am 7. Februar 1884 in den Hafen gebrachten Glasplatte
zählte ich am 25. April 1884 auf der mit vielen Zoothamnien be-
setzten 23 qcm grossen Unterseite auf 5 qcm je 37, 25, 31, 19, 9
= 121 Bäumchen, auf 1 qcm durchschnittlich 24, auf 23 qcm kamen
also 552 Bäumchen. Da die Mehrzahl der grossen Bäumchen aus
ungefähr 100 Individuen bestanden, so trug die 23 qcm grosse Fläche
über 500000, die 50 qcm grosse Fläehe gegen 110000 Individuen.
Die Bäumchen verkürzen sich zuweilen spontan. Jede Berührung
veranlasst sie, sich plötzhch zu einem kleinen Ballen zusammen-
zuziehen, aus dem sich die Zweige mit den Zoiden nur langsam wieder
vöUig erheben und iu einer konkaven Fläche ausbreiten, um nach
voller Entfaltung die Peristomwimpern wieder in schnelle Schwin-
gningen zu versetzen.
Der Stamm des Muskels entspringt häufig mit schräger fase-
riger Ansatzfläche an der obern Grenze des muskellosen Stammteiles.
Er teilt sich dichotom wie seine Scheide. Seine jüngsten Zweige setzen
sich etwas ausgebreitet an die Basis der Zoide. Der Muskel besteht
in seiner ganzen Ausdehnung aus feinen Längsfasern, welche häufig
etwas spiralgedrehet verlaufen. In einem mit Safranin behandelten
Präparat sah ich an den kontrahirten Muskeln dunkle Querstreifen
mit einer helleren Zwischenscheibe, Taf. VIII Fig. 3.
Die entfalteten Individuen nehmen gern Karmm- oder Indigo-
körnchen als Nahrung auf und sammeln sie im Grunde der Mund-
höble zu spindelförmigen Massen an, Fig. 2 a b c, welche in dem ver-
dauenden Endoplasma zu Kugeln von geringerem Volumen umgeformt
werden.
Die mikrometrischen Messungen, welche ich vornahm, lieferten
folgende Ergebnisse: Die Zoide sind 0,057 — 0,67 mm lang. Der
Grössenunterschied zwischen Mikro- und Makrozoiden ist nicht sehr
auffallend. Der Durchmesser der adoralen Spirale beträgt 0,038 mm,
die Dicke des muskelhaltigen Stammes 0,015 mm, die Dicke der End-
zweige 0,0095 mm, die Dicke des Stammmuskels 0,0038—0,0047 mm.
Bruchstücke einer Infusorienfauna der Kieler Bucht. 97
Die Fortpflanzuno; geschieht nach meinen Beobachtungen
durcli Längsteilung der Mikrozooide und durch Makrozooide, welche
einen Wimpergürtel bekommen und sich dann ablösen. Diese ab-
gelösten Individuen sind die ]\Iuttertiere eines Bäumchens, das sich
durch Teilung des Muttertieres und der aus diesem entsprungenen
Tochterindividuen entwickelt.
Die Bildung eines Wimpergürtels und die darauf folgende Ab-
lösung der Makrozooide scheint durch Zunahme des Salzgehaltes
begünstigt zu werden. Denn wiederholt sah ich ihn bei einzelnen
Individuen entstehen, nachdem ich Glockenbäumchen mehrere Stunden
auf Objektträgern gehalten hatte, auf welchen ich das abgedunstete
Wasser durch Seewasser ersetzte. Doch sind es dann auch immer
nur einzelne Zooide, welche ihr Peristom einziehen und einen Wimper-
gürtel erhalten. Ehe dieser erscheint, entsteht etwas hinter der
Glitte des Körpers eine tiefe Furche, indem der Hinterrand des
Vorderkörpers über das vordere Ende des Hinterkörpers ringförmig
hinwegragt. Taf VIII, Fig. 4.
Im Grunde dieser Furche erhebt sich eine undulirende Plasma-
leiste. Während sich diese vergi-össert und in feine Wimpern teilt,
nimmt die Tiefe der Furche ab; nach und nach wird sie flacher, Fig. 5,
bis zuletzt der Wimpergürtel ganz frei liegt, Fig. 6. Am 28. März 1884
Vormittags 10 Uhr 30 Minuten sah ich bei einem Individuum die
erste Anlage einer Furche, Fig. 4; um 12 Uhr 30 Mnuten hatte sie
ihre volle Tiefe erreicht, Fig. 5, um 1 Uhr 40 Minuten war der freie
Wimpergürtel völlig ausgebildet, Fig. 6. Unterdessen hatte sich auch
der Muskel vom Hinterende abgelöst, am Ende abgerundet und in
der Scheide etwas zurückgezogen, Fig. 6. Um 1 Uhr 50 Minuten
trennte sich das Individuum unter lebhaftem Schwingen der Gürtel-
wimpern von dem Bäumchen, schwamm fort und Hess den oben
abgerundeten Stiel zurück. Fig. 7.
Wie lange ein solches Individuum frei schwimmt und wie sich
der Wimpergürtel zurückbildet, habe ich nicht gesehen, wiederholt
aber Indinduen beobachtet, welche auf. einem kurzen Stile standen
und in diesen hinein den Anfang des Stammmuskels wachsen Hessen.
Taf VIII, Fig. 8, 9. In der Regel wächst der Muskel bis an die An-
satzfläche des jungen Stämmchens hinunter, Fig. 10 — 13, und erstreckt
sich bis dahin, bis die dritte Zweiggeneration entstanden ist; dann
erst bildet sich der zweiglose untere Teil des Stammes aus. Fig. 14.
Ich habe jedoch auch junge Bäumchen gefunden, welche schon nach
der ersten ZweigbilJung ein muskelfreies unteres Stammende ge-
trieben hatten.
Während der Längsteilung ist das Peristom zurückgezogen. In
der Regel läuft sie ab in zwei Stunden. In den Figuren 10 — 14 ist
die Folge der Dichotomien dargestellt. Die Ziffer 1 bezeichnet den
einfachen Stiel des Muttertiers der Stammgeneration; der Bruch V2
die zweite oder Halbblut -Generation, V4) Vs die folgenden Ge-
nerationen. Aus den V,s"Grenerationen gehen Zooide der fünften Vie"
Generation hervor u. s. w. , bis die grossen Bäumchen mit gegen
Arck f. Naturgesch. Jalu-g. 1888. Bd. I. H. 1. 7
98 K. Möbius.
hundert Zooiden ausgebildet sind. Eine neue Generation entstellt
immer zuerst aus demjenigen Teilungs-Zooid, welches einen längeren
Stiel gebildet hat, als seine Schwester, am Ende des Bäumchens und
nachher erst auch alternirend aus den tiefer sitzenden Zooiden.
Bei Zoothamnium alternans haben Claparede und Lachmann
dieselbe Bildung der Bäumchen beobachtet, i)
Die 8. Generation (Vi2s), ist wahrscheinlich die letzte; denn
40 Individuen der 7. Generation und 60 der 8. Generation geben
schon ein Bäumchen von 100 Individuen.
Im Kieler Hafen tritt Zoothamnium cienkowskii an Pflanzen
und am Pfahlwerk sehr häufig auf. Es lässt sich leicht in Aquarien
versetzen und pflanzt sich darin fort.
Wrzesniowski fand an der Ostküste Rügens auf angespülten
Elorideen nur kleine Bäumchen. Er zeichnet die muskelhaltigen
Aeste quergeringelt, wie sie nur bei Kontraktionen erscheinen und
die innere Wimperreihe des Peristoms etwas länger, als ich sie bei
Kieler Individuen gesehen habe. Sonst stimmen die bei Kiel lebenden
Zoothamnien in allen Teilen mit Wrzesniowski's Beschreibung
und Abbildung überein.
Cotlmi'iiia maritima Ehrbg.
Ehrenberg, Inf. 298, T. 30, F. 8. (Wismar).
Der ausgestreckte Körper ist cylindrisch bis kegelförmig, das
untere festsitzende Ende abgestumpft, Taf. VII, Fig. 14, 15. Der
Peristomwulst hat einen etwas grösseren Durchmesser als das unter-
liegende Körperende, Das Ektoplasma ist dicht quergestreift. Die
kontraktile Vacuole liegt in der Nähe des Schlundes, der Kern
in der Mitte des Körpers. Taf VII Fig. 14. Von dem Kerne habe
ich verschiedene Formen beobachtet, welche in den Figuren 16 — 19
im Umriss dargestellt sind.
Die Hülse ist dünn, wasserhell, meistens doppelt so lang wie
breit, eiförmig, selten cylindrisch, unten abgerundet und durch einen
kurzen Stiel befestigt, der V4 bis höchstens V2 so lang ist wie der Durch-
messer der Mündung. Zuweilen fand ich in einer Hülse zwei, offenbar
durch Längsteilung eines Muttertieres entstandene Individuen.
Vielleicht ist Cothurnia striata von Gourret et Roeser (Protoz.
Marseille. Archiv de Zool. exp. IV, 1886, 505, T. 33, T. 6) die Ehren-
bergsche C. maritima.
Im Kieler Hafen und in Ostseeaquarien auf Glasplatten.
Holotricha.
Prorodon marinus ciap. Lachm.
E. Claparede et J. Lachmanu, Etndes siu" les Infusoires et les Rhizo-
podes, 1858, p. 322, PI. 18, F. 5.
Walzenförmig, an beiden Polen abgerundet, während der Schwimm-
bewegung bald vorn, bald hinten etwas spitzer. Taf. X Fig. 1.
') Infus, et Rhizop., p. 103.
Bruchstücke einer Infusorienfauiia der Kieler Bucht. 99
Grosse Individuen sind 0,19 — 0,'22 mm lang und 0,08 mm breit.
Schwimmt sich um die Längsachse drehend. Meistens geht der
Mundpol voran, bisweilen der Gegenmundpol. Wenn das Tierchen
bei Wendungen auf einen Gegenstand stösst, so krümmt es den
Körper nur wenig.
Der ganze Körper ist mit gleich langen und gleich dünnen
Wimpern in dichten Längslinien besetzt. Taf. X Fig. 2. Bei einigen
Individuen sah ich am aboralen Pol eine einzelne längere Wimper.
Unter einer dünnen Cuticula liegt eine Endosark schiebt, '
welche längsgestreift und sehr fein quergestreift ist, Fig. 4; dann
folgt eine Schicht, welche stark lichtbrechende Krystalloide enthält,
Fig. 5 a, b. In dem Endosark fand ich oft dunkle Körner.
Die Mundöffnung liegt am vorderen Pol. Der Schlund ist
trichterförmig und ungefähr Vg so lang wie der Körper. Er wird
oft so verengt, dass er nicht mehr deutlich sichtbar ist. Be-
ständige Längswülste, wie bei andern Prorodonarten vorkommen,
hat er nicht, aber er ist deutlich von einer Cuticula ausgekleidet,
welche vorübergehende Längswülste bildet.
Karmin und Indigo haben meine Individuen niemals angenommen.
Der Nucleus ist meistens kugel- oder eiförmig und liegt bald
in der Mitte des Körpers, bald weiter nach vorn oder weiter nach
hinten. Er erscheint als grosser lichter Fleck und wird durch essig-
saures Karmin deutlich roth gefärbt. Fig. 1, 2.
Die kontractile Vakuole liegt im aboralen Pol, zieht sich
langsam zusammen und dehnt sich langsam aus. Sie ist nicht immer
kugelrund, sondern oft querverlängert, zerfällt auch zuweilen in
mehrere kleinere Vakuolen, Fig. 1, 2.
Wiederholt habe ich Encystirung beobachtet. Kriechende
Thiere kugeln sich, die Wimpern schlagen langsamer, hören endlich
ganz auf zu schwingen, legen sich schräg auf einander, einen Saum
um den Körper bildend. Dann wird eine sehr dünnhäutige farblose
Cyste ausgeschieden. Ein Individuum, welches ich am 1. April 1882
Vormittags 10 Uhr .30 Minuten in einer Cyste ruhend fand, hob an
demselben Tage Nachmittags 3 Uhr 20 Minuten seine Wimpern lang-
sam in die Höhe, drehte sich erst langsam, dann schneller innerhalb
derselben herum, durchbrach sie und kroch quersackförmig ein-
geschnürt, gleich einem zähen körnigen Brei, langsam aus der
Oefi'nung hervor. Sobald es die Cyste ganz verlassen hatte, nahm
es Walzenform an und schwamm, sich um seine Längsaxe drehend,
schnell fort.
In einigen Cysten habe ich zwei Individuen gefunden, welche
wahrscheinlich durch Teilung eines Mutterindividuums entstanden
waren. Fig. 3.
Zahlreiche Individuen, welche ich eingekapselt antraf oder welche
sich unter meinen Augen einkapselten, wälzten sich, nachdem sie
ein oder mehrere Stunden geruhet hatten, in der Cyste herum und
verliessen sie, ohne sich geteilt zu haben. Während der Ruhe arbeitet
100 K. Möbius.
die kontraktile Vakuole selir langsam fort. Die eingekapselten In-
dividuen haben nicht selten eine tiefe Querfalte, welche wie eine
Furchungsspalte aussieht.
Im Kieler Hafen bei dem Fischerlegger und im Bootshafen
lagen Anfang Januar 1882 am Grunde weisse jMassen, welche haupt-
sächlich aus Beggiatoa alba Vauch., Var. marina Cohn bestanden, i)
Der schwarze, stark nach Schwefelwasserstoff riechende Grund, worauf
diese Beggiatoa wucherte, wurde in Schüsseln gebracht und in dem
Aquarienraum gehalten, meistens bei 5^0. Im März fand ich in
diesen viele Individuen von Prorodon marinus zusammen mit Mon-
hystera socialis Bütschli.
Claparede et Lachmann fanden Prorodon marinus zuerst bei
Bergen an der Küste Norwegens im Seewasser. Obgleich ihre Be-
schreibung nur kurz ist, so bin ich doch überzeugt, dass ihr Pro-
rodon marinus mit den hier genauer beschriebenen Individuen über-
einstimmt. Ihr Bild stellt ein durch das Deckglas flach gedrücktes
Individuum dar.
ColepS fuSUS Clap. Lachrn.
Claparede et Laclimann, Inf. et Rliiz., 366, T. XII, F. 7— 8 (Nor-
weg. Küste).
Am 30. Sept. 1884 im Kieler Hafen an der Oberfläche gefunden.
Metacystis truncata Colm
Cohn, Zeitschr. f. wiss. Zool. XVI., 1866, 265. Taf. 15, Fig. 39-40. —
Gourret et Roeser, Protozoair. du Vieux-port de Marseille. Arch. Zool
exper. IV, 1886, 464, T. 28, F. 11—13 (schlechte Abb.).
Der Körper ist cylindrisch, vorn und hinten abgerundet, quer-
geringelt, Taf. VIII, Fig. 15 — 17. Bei vielen Individuen ist hinten
ein wasserheUer abgerundeter Anhang, und in diesem oft noch eine
kleine deutlich abgegrenzte halbkugelförmige Masse. Der ganze
Körper trägt hinter einander stehende Gürtel sehr zarter Wimpern.
Vorn sind zwei Kreise oraler Wimpern, von denen die äussern grösser
sind, als die Innern. Fig. 17. Oft schwingen nur die Innern, während
sich die äussern still halten. Der Schlund ist trichterförmig, Fig. 15,
der Kern kugelförmig, Fig. 15, 16.
Metacystis truncata vermehrt sich durch Querteilung, Fig. 16.
Im Kieler Hafen und in den Ostsee -Aquarien des zoologischen
Instituts; besonders häufig an der Unterseite von Glasplatten, welche
durch Korke an der Oberfläche des Aquarienwassers schwimmend
erhalten wurden.
') Diese Beggiatoa des Kieler Hafens ist beschrieben und abgebildet von
A. Engler, Über die Pilzvegetation des weissen und todten Grundes der Kieler
Bucht. In: Vierter Bericht d. Commiss. z. wiss. Unt. d. d. Meere f. 1877—81,
Berlin 1884, S. 187.
Bruchstücke einer Infusorienfauna der Kieler Bucht. 101
Trachelocerca phoenicopterus Cohn
Cohn, Neue Infusorien im Seeaquarium. Zeitschr. f. w. Zool. XVI. 1866,
S. 262, T. XrV, F. 1—3 (In Nordseeaquarien). — GourretetRoeser, Protoz.
de Marseille. Archiv, de Zool. exper. IV, 1886, 466, T. 28, F. 14, 15.
Im Kieler Hafen und in Ostseeaquarien.
Lacrymaria lagenula ciap. Lachm.
Claparede et Lachniann, Inf. et Rhiz., 1858, 302, T. 18, F. 7. —
Quennerstedt, Acta Universitatis Lnndensis 1865 — 69, II, S. 10. T. 1, F. 5, 6.
Lacrym. versatilis = Trichoda ver.satilis Müll.
Lacrymaria lagenula ist ein Infusionstier, das seine Körperform
lebhaft verändert. Ausgedehnt ist es lang spindelförmig. Den Vorder-
körper krümmt es bald nach rechts, bald nach links. Oft zieht es
sich zur Eiform zusammen, Taf. VIII, Fig. 18. Am Vorderkörper
ist ein kleiner abgegrenzter oraler Teil mit Mundöffnung und
Schlund, der vollständig in den zusammengezogenen Körper eingesenkt
werden kann. Auf dem Körper stehen gleichförmige Wimpern in
schrägen Reihen. Nur die untere Abteilung des oralen Vorderendes
ist mit längeren Wimpern in dichten schrägen Reihen besetzt,
Taf. VIII, Fig. 19. Der Kern ist hufeisenförmig und liegt in der
Mitte des Körpers, Fig. 18.
Eine kontraktile Vakuole liegt in der Nähe des Hinterendes,
aus dem ich Fäces austreten sah, Fig. 18.
Ich habe Individuen angetroffen, die hinter der Mitte des Körpers
tief gefurcht waren. Ob sie im Begriff waren, sich quer zu teilen,
konnte ich nicht feststellen. Auch Individuen, die in einer sehr
dünnen Cyste einige Zeit ruhig lagen, dann sich darin drehten, habe
ich beobachtet, ohne entscheiden zu können, ob sie sich darin zur
Fortpflanzung vorbereiteten.
Lacrymaria lagenula habe ich im Januar, April und Mai in
Ostseewasser beobachtet.
Claparede und Lachmann fanden dieses Infusorium an der
Norwegischen Küste.
Pleuronema marinum Duj.
Dujardin, lufusoires, 1841, p. 475, T. 14, F. 3. — Sav. Kent, Infus,
p. 443. — Fabre-Domergue, Note sur les Infus, cilies de la Baie de Concarneau.
Journ. de l'Anat. et Physiol. 1885, p. .558, T. 19, F. 4—5.
Dieses Infusorium fand ich im April 1883 auf Glasplatten, welche
einige Zeit im Kieler Hafen gewesen waren, zwischen Diatomeen.
Es ist fast eiförmig, an der recliten Seite und am Bauche jedoch
weniger gewölbt als an der linken und Rückenseite, Taf. X, Fig. 7, 8.
Der Mund liegt in einer Konkavität an der Bauchseite ungefähr
V.3 des Querdurchmessers von der rechten Seite. Die ]M und höhle
ist eine taschenförmige Vertiefung. Vor derselben ist ein dünn-
häutiger Fang sack, ungefähr -/.? so lang wie die Bauchseite, mit
einer schrägen Öffnung. Er besteht aus einer hyalinen kontraktilen
102 K. Möbius.
Haut. Fig. 7, 8. In der vordem Körperhälfte liegt ein kugel-
förmiger Nucleus mit einem runden Nucleolus, Fig. 7. In der
Nähe des Hinterendes ist eine kontraktile Vakuole, Fig. 7, 8.
Die Cilien stehen sowol auf der Bauch- wie auf Rückenseite
in je ungefähr 12 Längsreihen. Die meisten sind ungefähr Vs so lang
wie der Querdurchmesser des Körpers ; am hintern Pole stehen längere
Wimpern. Die Länge des Körpers beträgt 0,OGmm, die Breite
0,038 mm. Die Wimperreihen sind 0,0029 mm von einander entfernt.
Dujardin fand Pleuronema marinum am 28. März 1840 in
Seewasser aus dem Mittelmeere, welches vierzehn Tage vorher ge-
schöpft worden war. Fahre - Domergue zwischen Algen an der
französischen Westküste.
Cyclidium (Pleuronema) citrullus Cohn
F. Colin, Neue Infus, im Seeaquarium Zeitschr. f. wiss. Zool. XVI, 1866,
276, Taf, XV, Fig. 54.
Der Körper ist fast eiförmig, an der Bauchseite etwas abgeflacht,
Taf. X. Fig. 9. Seine Wimpern stehen auf kleinen Papillen in Längs-
reihen, Fig. 10, und sind ungefähr V3 so lang wie die Längsaxe des
Körpers, Fig. 9. Sie sind sehr fein und werden ruhig gehalten,
wenn Nahrung eingezogen -wird. Am stumpfen Pol ist eine Wimper,
welche ungefähr die doppelte Länge der übrigen hat. Der Mund
liegt an der Bauchseite in einer Vertiefung, Fig. 9. Neben dem
Munde steht eine lange Geissei, deren Ende gegen den spitzen
Körperpol gebogen ist. Sie macht während der Nahrungsaufnahme
zuweilen Bewegungen. Den Nahrungsstrom gegen den Mund ver-
ursachen sehr feine Wimpern, welche hinter der gebogenen Geissei
dem stumpfen Pol näher liegen.
Der Kern ist biscuitförmig und liegt in der Nähe des spitzeren
Pols, Fig. 9. In der Nähe des spumpfen Körperpols Hegt eine
kontraktile Vakuole, welche sich kräftig zusammenzieht.
Cyclidium citrullus liegt meistens ruhig oder macht nur lang-
same Drehungen bei langsamen Bewegungen der Mundgeissel.
Plötzlich schiesst es fort und hält sich dann wieder ruhig.
Fortpflanzung durch Querteilung habe ich oft beobachtet,
Fig. 11.
Im Kieler Hafen zwischen Beggiatoen auf sogenanntem todten
Grvmde.
Cohn fand es in Nordseewasser von Helgoland, welches ihm
1864 aus dem Aquarium des zoologischen Gartens zu Hamburg nach
Breslau geschickt worden war.
Uronema marinum Dnj.
Dujardin, Infus. 1841, p. 392, T. VII, F. 13. — S. Kent, Infus. U, 546.
T. 27, F. 60—61. — GourretetRoeser, Protoz. de Marseille. Arch. d. Zool.
exp6r. IV, 1886, p. 479. T. 29, F. 11—12; T. 30, F. 1.
Körper verlängert eiförmig, an der Mundseite etwas schmäler,
als an der Rückenseite; 0,022 — 0,026 mm lang, 0,007 — 0,01 mm
Bruchstücke einer Infusorieufauna der Kieler Bucht. 103
breit, Taf. X, Fig. 12, 14. Die Beweguugswimpern stehen in
Längsreihen, Taf. X, Fig. 12, 13, 15, 16. Bei ruhig liegenden In-
dividuen konnte ich auf der nach oben gekehrten Seite in der Regel
sechs Reihen unterscheiden. Die Entfernung derselben von ein-
ander beträgt 0,001 mm. Auf dem hintern stumpferen Körperpol
steht eine nicht schwingende, lange Cilie, die fast halb so lang wie
der Körper ist.
An der Mundseite ist ein äusserst zartes halbmondförmiges
Häutchen, welches bei grossen Individuen vom Vorderende bis über
die Mitte des Körpers nach hinten reicht. Es macht sehr schnelle,
klappende Bewegungen, besonders bei der Aufnahme von Nahrung.
Der Mund liegt etwas vor der Mitte der Bauchseite. Der Schlund
ist kurz und eistreckt sich schräg nach oben und hinten.
In der Nähe des Hinterendes ist eine kontraktile Vakuole.
In manchen Individuen beobachtete ich vor dieser noch eine zweite.
Der Nukleus ist kugelförmig. Um ihn herum liegen oft Kügelchen,
welche das Licht stärker brechen, als der Kern und in essigsaurem
Karmin nicht rot werden, wie dieser, wohl aber durch Safranin.
Uronema marinum macht nach Ruhepausen plötzliche Dreh-
bewegungen. Enthält die Wasserschicht, worin Uronemen schwimmen,
eine Luftblase, so versammeln sie sich an deren Peripherie, der Luft
ihren vorderen Pol zukehrend; hieraus ist zu schliessen, dass sie
sauerstoffbediirftig sind.
Uronema marinum pflanzt sich fort durch Quer t eilung. Der
Körper streckt sich und schnürt sich in der Mitte zwischen dem
vordem und hintern Pole ein. Die Mundklappe des Muttertieres
schwindet; es treten kleine Mundklappen an den Teilsprösslingen
auf, Fig. 15 — 19. Der Hintersprössling behält die kontraktile Vakuole
und die Tastcilie des Muttertieres. Im Hinterteil des Vorderspröss-
lings entsteht eine neue Vakuole und am Hinterende nach der
Trennung eine neue starre Cilie. Bei der Querteilung verlängert sich
der Kern, schnürt sich ein und zerlegt sich in zwei Kerne. Fig. 15.
Am 29. Dec. 1883 verfolgte ich die Querteilung, welche in den
Figuren 15 — 20 dargestellt ist. Sie dauerte von 10 Uhr 45 Minuten
bis 11 Uhr 8 Minuten Vormittags. Kurz vor ihrer Trennung hingen
die Teilsprösslinge durch einen dünnen Faden zusammen, Fig. 19,
welcher erst dann zerriss, als sie ihn bis zu halber Länge ihres
Körpers ausgezogen hatten.
Im Kieler Hafen und in den Ostseeaquarien des zoologischen
Instituts zu Kiel kommt Uronema marinum in allen Monaten vor.
Es entwickelt sich sehr reichlich zwischen stickstoffhaltigen Sub-
stanzen, welche in Fäulnis übergehen, z. B. in Gefässen, worin ab-
gestorbene Miesmuscheln liegen und an unverdauten Fleischresten,
welche Aktinien ausstossen.
Gourret et Roeser halten Uronema marinum Duj. für identisch
mit Cyclidium glaucoma Müllers und Ehrenbergs (Infus. 245, T. 22,
F. 1). AUein Cyclidium glaucoma hat keine starre Schwanzcilie und
wurde bisher nur im süssen Wasser gefunden.
104 K. Mübius.
Dujardin beschreibt dieses Tier kurz in: Infus. 1841, p. 392.
Seine Abbildung PI. VII, Fig. 13 ist unvollkommen, aber im Wesent-
lichen richtig. Er fand Uronema marinum in Seewasser aus dem
Mittelmeere, welches im März drei Tage lang mit Corallinen ge-
standen hatte und faul geworden war.
Hoplitoplirya fastigata sp. n.
Im März 1883 machte mich der damalige Assistent am zoo-
logischen Institut in Kiel, Herr Dr. H. Blanc, jetzt Professor an der
Universität in Lausanne, auf diesen mikroskopischen Parasiten auf-
merksam, den er im Darm eines Oligochäten gefunden hatte,
der unter Steinen am Strande der Kieler Bucht lebt und von
Dr. Michaelsen unter dem Namen Enchytraeus möbii beschrieben
worden ist.i) Hoplitophrya fastigata erreicht eine Länge von 0,7 nun
und eine Breite von 0,017 — 30 mm. Ihr Querschnitt ist nicht kreis-
rund, sondern schmal elliptisch, Taf. IX, Fig. 12. An dem etwas
dickeren Ende ist sie schräg abgestumpft, Taf. IX, Fig. 9, 10, 11.
Da sie dieses gewöhnlich voran bewegt, so ist es als das Vorderende
anzusehen. Bisweilen schwimmt sie rückwärts. Die Schwimm-
bewegungen in der Pachtung der Längsaxe sind sehr schnell. Findet
sie Widerstände, so biegt oder knickt sich der Körper, streckt sich
aber bald wieder.
Um das Verhalten des unverletzten lebenden Tieres kennen zu
lernen, darf man es nicht in See- oder Süsswasser bringen. In diesem
vergrössern sich schnell die kontraktilen Vakuolen und stehen dann
still, selbst wenn die Wimpern noch kurze Zeit schwingen. Versetzte
ich die Individuen in die wässerige Feuchtigkeit aus Rinderaugen,
so konnte ich die lebhaften Kontraktionen der zahlreichen kon-
traktilen Vakuolen im Ektosark und die Schwingungen der
Wimpern lange beobachten. Das Endosark enthält stark licht-
brechende Körnchen und oft auch zahlreiche Vakuolen, Fig. 11.
Die Wimpern stehen in dichten Längsreihen, Fig. 10.
Behandelt man Exemplare, die durch Dämpfe von Osmiumsäure
getötet wurden, mit verdünnten Lösungen von Pikrinsäure und
nachher mit Safranin, so färbt sich nicht blos der Nukleus, sondern
auch noch eine dünne Rute im Innern des Körpers rot, was zuerst
Herr Dr. Blnnc bemerkte und mir zeigte. Bei Tieren, welche durch
Osmiumsäuredämpfe getötet waren, sah ich dann beide auch ohne
Anwendung von Safranin. Fig. 10, 11.
Der Nucleus ist ein Strang, der meistens in seiner ganzen
Länge gleiche Dicke hat, Fig. 9 — 11. Manchmal habe ich ihn aul
kurze Strecken verdickt und an einem Ende verdünnt gefunden, be-
sonders nach Vermehrungsteilungen. Meistens verläuft er parallel
') Untersuchungen über Enchytraeus möbii und andere Enchyträiden.
Inauo". Diss. Kiel 1886,
Bruchstücke einer InfusorienfaHna der Kieler Bucht. 105
der Längsaxe des Körpers. Einigemale fand ich ihn schleifenförmig
gebogen, Fig. 10.
Die dünne Rnte erstreckt sich von dem schräg abgestumpften
Vorderende bis gegen das hinterste Fünftel des Körpers. Vorn ist
sie abgerundet oder umgebogen und dadurch zweischenklig, Fig. 9.
Ihre Dicke wächst bis zum zweiten Drittel des Körpers, dann nimmt
sie ab und läuft nach hinten allmählich in eine feine peitschenartige
Spitze aus. Sie bewahrt ihre Form, wenn man den Körper zerreisst
und sie frei legt, Fig. 9. Vielleicht ist sie ein Organulum, welches
den langen Körper durch seine Elastizität wieder streckt, wenn ihn
äussere Widerstände stark gebogen oder geknickt hatten.
Hoplitophrya fastigata vermehrt sich durch Abschnürung hinterer
Teile des Körpers. In mehreren Individuen, die einen Sprössling an
ihrem Hinterende hatten, lief die Rute ebenso peitschenförmig aus,
wie in Individuen, die keine Sprossungserscheinungen zeigten. In
einem Individuum, an welchem ein bald ablösbarer Sprössling hing
und das sich weiter nach vorn einschnürte, um einen neuen Spröss-
ling zu bilden, war das spitze Ende der Rute vor der Einschnürung
nach vorn umgebogen, Fig. 11. Aus dieser Thatsache ist zu schliessen,
dass sich bei der Sprossbildung die Rute nicht teilt, sondern in den
Teilsprösslingen neu entsteht.
Cilio-Flagellata.
Trichouema gracile n. sp.
Am 25. Juni 1883 fand ich in einem mit Wasser aus dem Kieler
Hafen gefüllten Aquarium, worin sich Flocken einer Ectocarpus-Art
und viele Exemplare des freilebenden Nematoden Monhystera socialis
befanden, eine grosse Menge dieses Triehonema. In einem unter
das Mikroskop gebrachten Tropfen krochen Hunderte lebhaft herum.
Vierundzwanzig Stunden vorher hatte ich nicht ein Individuum des-
selben in den Ektokarpusflocken bemerkt, und vierundzwanzig Stunden
später waren die meisten tot.
Der Körper ist spindelförmig und farblos, zart höckerig und
ganz mit Wimpern bedeckt, Taf X, Fig. 21 — 23. An einem Pol ist
eine Geis sei von V2 bis Vs Körperlänge. Beim Kriechen geht
meistens der geisselfreie Pol voran, doch kann auch der Geisseipol
vorangehen. An dem geisselfreien Pol sind die Wimpern etwas länger
als sonst am Körper. Die Geissei macht langsame Biegungen.
Im Plasma sind zahlreiche dunkle Körnchen, ungefähr in der
Mitte des Körpers ist ein runder Kern und nahe dem Geisseipol
eine kleine kontraktile Vakuole, die sich plötzlich verkleinert,
Fig. 22, 23.
Der Körper macht schwach schlängelnde Biegungen, zuweilen
krümmt er sich auch stark, um sich in entgegengesetzter Richtung
fortzubewegen, Fig. 22.
106 K.. Möbius.
Unterschiede zwischen :
Trichonema hirsutumFromental und Trichonema gracile möb.
Birnförmig bis oval, Geisseipol spitz,
Anti-Geisselpol abgerundet.
Geissei doppelt so lang wie der
Körper:
Spindelförmig , beide Köii)erpole
spitz.
Geissei '/j bis -j^ so lang wie der
Körper.
Choano - Flagellata.
Salpingoeca procera n. sp.
Hülse konisch- cylindrisch, viermal so lang wie breit; ihre
Mündung etwas enger als die Mitte, Taf. X, Fig. 24, 25. Stiel bis
IV2 so lang wie die Hülse. Der Körper des Tieres ist halb bis
zwei Drittel so lang wie die Hülse, mit dem Grunde derselben durch
einen Stiel von Körperlänge verbunden. Die Geissei rollt sich
spiralig zusammen, wenn sie sich zurückzieht, wie bei Dinobryon
sertularia Ehrbg. und Epipyxis utriculus Ehrbg. nach Stein's Ab-
bildungen (Organism. der Infus. HI, 1. 1878. T. 12). Auf Glasplatten
in Ostsee- Aquarien im Febr. und März 1884 gefunden.
Salpingoeca procera ist der S. teres Kent (Infus. I, 353) ähnlich,
unterscheidet sich aber von dieser Art, deren Hülsenrand auswärts
gebogen ist, durch den cylindrischen Mündungsrand.
Desmarella nioniliforniis Kent
S. Kent, Infus. I, 341, T. 2, F. 30.
Körper eiförmig, ungestielt; Kragen ungefähr so lang wie der
Körper; Geissei doppelt so lang.
Mehrere seitlich zusammenhängende Individuen, Taf. X, Fig. 26.
Ich habe sie im März 1883 an Glasplatten gefanden, die im
Ostsee-Aquarium aufgehängt waren. Kent fand sie in einem See-
aquarium in London und dann auch im Meere bei Jersey.
Codosiga pyi^iformis Kent
S. Kent, Infus. I, 339, T. 2, F. 14.
Körper lang birnförmig, Taf X, 27, 28. Kragen V2 bis V3 so
lang wie der Körper; Geissei bis doppelt so lang. Eine kontratile
Vakuole im Hinterende des Körpers. Ich habe nur Stöckchen mit
4 Individuen angetroffen, welche sich schräg aufgerichtet auf dem
gemeinschafthchen Stiele halten. Dieser ist gewöhnlich dreimal so
lang wie der Körper der Individuen.
Auf Glasplatten in Ostseeaquarien. Kent fand diese Species
auf Hydroiden und Bryozoen bei Brighton.
Monosiga simiosa n. sp.
Körper zwei bis 3 mal so lang wie breit, im ausgedehnten
Zustande in der Mitte etwas verengt, auf einem kurzen Stielchen
Bruchstücke einer Infusorienfauna der Kieler Bucht. 107
sitzend, Taf. X, Fig. 29. Kragen ein halb bis zwei drittel so lang
wie der Körper. Gesellig an Glasplatten und Algen in Ostseeaquarien.
Flagellata.
OxyrrMs marina Duj.
Duj ardin, Zophyt. Infusoires, p. 345 — 347. T. 5, 4 (irrthümlich mit
4 Geissein). — Fresenius, Infus, des Seeaquar., Zoolog. Garten 6. Jahrg 1865,
p. 83. Fig. 10. (Glyphidiura marinum). — F. Cohn, Zeitschr. f. w. Zool. Bd. 16,
1866. (Glyphidium marinum).
S. Kent, Man. of Infus. I, 427. T. 24, F. 53—61. (Gefund. bei St. Heliers,
Jersey). — F. Blochmann, Zeitschr. wiss. Zool. Bd. 40, 1884, S. 46, T. 2,
F. 14—21 (beste Abb.).
Gourret et Roeser, Protoz. de Marseille. Arch. zoolog. exper. IV, 1886
p. 523. T. 34, F. 11—19.
Ich fand dieses Infusor im Jan. 1882 im Wasser aus dem Kieler
Hafen, worin Capitella capitata gehalten wurde, dann im Mai 1882
und im Dec. 1883 in einem Ostseeaquarium in Scharen, die wolkige
Züge bildeten. Die Blochmann'schen Abbildungen stellen Oxyrrhis
marina so gut dar, dass die meinigen ungedruckt bleiben können.
Ich habe im Binnenplasma ebenfalls Fettkügelchen, ausserdem Faden-
algen und Beggiatoen gefimden und eine ähnliche Excretionshöhle
gezeichnet wie Blochmann in seiner Fig. 16, und auch wie dieser,
Querteilungen mit Neubildung der Geissein am Hintersprössling
beobachtet.
Urceolus ovatus sp. n.
Körper eiförmig, während des Schwimmens mit einem kurzen
Halse versehen, der eine trichterförmige Vertiefung hat, in der die
Geissei befestigt ist und der Mund Hegt, Taf. IX Fig. 1, 2, 3. Die
Cuticula ist glatt. Im Vorderteil des Körpers eine kontraktile
Vakuole.
Beim Kriechen, Fig. 2, legt sich der Trichterrand an die Unter-
lage. Während der Ruhe zieht sich der Vorderkörper spitz über
den Trichter ganz hinweg und verdeckt ihn, Fig. 3.
Ich fand das gezeichnete Individuum mit diatomeenhaltigem
Schleime bedeckt. Stein hat ein Individuum seines Phialonema
(Urceolus) cyclostomum mit anhängenden Sandkörnern gezeichnet.
Mereschkowsky (Ann. nat. bist. VII, 1881, p. 219, T. XII, F. 13)
erklärt, dass sein 1877 aufgestellter Gattungsbegriff mit dem von
Stein (Infus. III, 1. Hälfte, T. 23, F. 42—48) unter dem Namen
Phialonema 1878 eingeführten übereinstimmt.
Die von Mereschkowsky im Weissen Meere gefundene Art,
108 K. Möbius.
U. Alenizini, hat wie die Kieler eine glatte Cuticula, aber keinen
nach aussen gewendeten Trichterrand, wie diese.
Die Kieler Form fand ich an einer Glasplatte, welche in einem
Ostsee- Aquarium gehangen hatte.
Anisonema nmlticostatum sp, n.
Umfang eirund; Rückenseite mehr gewölbt als die Bauchseite,
Taf. IX, Fig. 4 — 8. Jede Seite mit zwei Paar symmetrisch nach
den Seiten gebogenen Längsriefen ; an der rechten und linken Seite
je eine Riefe, Fig. 6.
Am Vorderrande ist eine seichte, etwas nach links liegende
Islundbucht, in welcher eine Geissei entspringt. Diese ist ein bis
anderthalb mal so lang wie der Körper und bewegt diesen durch
wellenförmige und spirale Biegungen vorwärts. Hinter dieser
Schwimmgeissel ist rechts an der Bauchseite eine dickere Schlepp-
geissel von drei- bis vierfacher Korperlänge befestigt, um deren
kurze angewachsene Basis eine Einfassungslinie herumläuft, Taf. IX,
Fig. 4. Beim Schwimmen wird sie gewöhnlich gerade nachgezogen.
Zuweilen biegt sie sich aber selbständig rechtwinkelig vom Körper
ab und giebt diesem dadurch eine andere Richtung; sie arbeitet
also wie ein Steuer,
Hinter der Mundbucht liegt die rundliche Mündung eines röhrigen
Schlundes, Fig. 4, M, in welchem ich Diatomeen gesehen habe.
Das Schlundrohr erscheint doppelt konturirt, hat also wohl eine
eigene Wand. Im Vordertheil des Körpers befindet sich eine kontrak-
tile Vakuole, im Hintertheil ein kugel- oder eiförmiger Nucleus mit
kleinem Nucleolus, der durch essigsaures Karmin intensiver gerötet
wird, als der Nucleus. Fig. 4, N. Nach Zusatz von Jodlösung
erschienen in dem braungefärbten Körperplasma blaue Körnchen
von verschiedener Grösse, welche hiernach als Amylum anzu-
sprechen sind.
Bei der Vermehrung durch Längsteilung bildet sich eine neue
Schwimmgeissel und eine neue Schleppgeissel neben den älteren
Geissein, Fig. 7, wie bei Anisonema grande Ehrbg. nach Stein
(Infus. T. 24, F. 11) Anisonema nmlticostatum habe ich in allen
Jahreszeiten in Ostseeaquarien gefunden.
Von Anisonema sulcatum Duj. (Infus. 345, PI. V, F. 28) ist
A. multicostatum unterschieden durch die erhabenen Riefen der
Cuticula; von A. quadricostatum Mereschkowsky (Ann. nat. bist.
VII, 1881, p. 218, Taf. XII, F. 12) durch Riefen an der Bauchseite
und durch die symmetrische Biegung der Riefenpaare des Rückens.
Bei A. quadricostatum laufen die Rückenriefen parallel und sind
etwas wellenförmig gebogen. Die Bilder dieser beiden früher be-
schriebenen Arten sind übrigens sehr unvollkommen.
Bruchstücke einer Infusorienfauna der Kieler Bucht. 109
Diplomastix dalilii sp. n.
Diplomastix Sav. Kent, Infus. I, 431.
Spindelförmig, 0,0114 mm lang, 0,002—0,003 mm breit, Taf. X,
Fig. 30 a — d. Biegt sich halbmondförmig. An beiden Polen eine
Geissei, jede bis doppelt so lang wie der Körper.
Farblos, feinkörnig, oft mit einer Vakuole (ohne Kontraktionen).
Oft legen sich zwei Individuen an einander.
Am 31. März 1887 fand Herr Dr. Dahl, Assistent am zoologischen
Institut in Kiel, in dem speiseleeren Magen eines männlichen Cyc-
lopterus lumpus aus dem Kieler Hafen eine weisse käsige Masse,
die hauptsächlich aus Individuen dieses Flagellaten bestand.
S u c t 0 r i a.
Podophrya limbata Maupas
E. Maupas, Contribution ä, l'etude des Acinetieus. Archives de Zoologie
exper. IX, 1881, p. 306, T. XX, F. 7—9.
Kugel- bis birnförmig. Am spitzeren Pol ein Stiel, der an
beiden Enden etwas verbreitert ist uud zwei- bis dreifach so lang
wird wie der Durchmesser des Körpers, Taf. IX, Fig. 13, 14. Die
Körpermasse ist meistens wasserhell durchscheinend. Die Kutikula
ist strukturlos. Ihre doppelte Kontur wird auf Zusatz von Essig-
säure sehr deutlich. Die Weichmasse ist feinkörnig und enthält
oft viele grössere kugelförmige Körper, Fig. 14. Im Ektosark liegt
eine kontraktile Vakuole: welche sich sehr träge zusammenzieht,
Taf. IX, Fig. 14, kv. Im Innern des Endosarks ein kugel- oder
eiförmiger Kern, Fig. 14, mit einem kleinen anliegenden Neben-
kern, der durch essigsaures Karmin schwächer gerötet wird als
der Kern.
Bei vielen Individuen ist die Kutikula bedeckt mit einer fein-
körnigen Masse, Fig. 13, welche Maupas mit der extrakapsulären
Sarkode der Radiolarien vergleicht. Dieser fand sie bei den von
ihm untersuchten Individuen (auf Polypenstöcken bei Roskofi") jedoch
nicht feinkörnig, sondern hyalin. Die Zahl der Saugröhren beträgt
10 — 30. Sie dehnen sich bis zu doppelter Grösse des Körperdurch-
durchmessers aus. Bei schnellen Verkürzungen nehmen sie Spiral-
windungen an, Fig. 14.
Am 22. Juni 1883 1^^ Nachmittags sah ich, wie ein grösseres
Individuum eine freischwimmende Vorticelle festhielt, an ihren Körper
zog und bis 3^'^ so weit aussog, dass fast nur noch deren Kutikula
übrig war.
In Ostseeaquarien, worin Spirulina versicolor wuchs, im Juni,
Juli und December gefunden.
110 K. Möbius.
Acineta tuberosa Ehrbg.
Ehrenberg, Infusionsthiere 241, T. 20, F. 9. (Auf Algen aus der Ostsee
bei Wismar.) — F. Stein, Die Infusionsthiere auf ihre Entwicklungsgesch.
untersucht 1854, S. 220, T. 3, F. 46 — 49. (Auf Gammarus und Sphaeroma bei
Stralsund.) — Claparede et Lachmann, Infus, et Rhizop. 388. (Westküste
Norwegens.) — Fr aipont, Acinetiens de la cote d'Ostende, 1878, p. 49, T. 3. —
S. Kent, Infus. II, 829, T. 48, F. 25 — 28, T. 48A, F. 7. (Britische Küste,
Kanalinseln.) —
Bei Kiel habe ich diese Species häufig auf Cordylophora lacustris
Alm. in der Schwentiiiemündung gefunden. Am besten beschrieben
und abgebildet hat sie Fraipont.
Acineta crenata Fraip.
J. Fraipont, Recherch. sur les .Acinetiens de la cote d'Ostende. Bruxelles
1878, p.89, T. 6, F. 1—11.
Langeiförmig, Saugröhrenpol abgerundet, Stielpol becherförmig,
Kutikula des becherförmigen Teiles und des Stiels aussen zart quer-
geringelt, innen glatt, Taf IX, Fig. 15. Saugröhren zart quer-
geringelt, ohne kugelförmige Enden. Im becherförmigen Teil ein
eirunder Nucleus und vor diesem eine kugelförmige Vakuole. Die
Weichmasse bestand in den beiden Individuen, die ich am 17. Mai
1871 auf einem Halacarus aus dem Kieler Hafen fand, aus runden
Körnern, welche zu Ballen vereinigt waren.
Acineta contorta Gourr. et Roes.
P. Gourret et P. Roeser, Les Protozoaires du Vieux-Port de Marseille.
Arch. de Zool. exper. 1886, p. 530, PI. 35, F. 1.
Körper im ausgestreckten Zustande langeiförmig, quergefurcht
und daher mit lappigen Vorspriingen an den Seiten, Taf IX,
Fig. 16, 17. 12 — 16 Tentakel. Tentakeltragender Teil zurückziehbar.
Als Herr Julien Fraipont im Herbst 1880 im zoologischen Institut
in Kiel arbeitete, fand er diese Acineta auf Bryozoen aus der Kieler
Bucht und erkannte sie als unbeschriebene Form. Die Figur 17
verdanke ich ihm. Im April 1884 fand ich das Fig. 16 abgebildete
Individuum auf einer Glasplatte, welche ich im Hafen ausgesetzt
hatte.
Cystoflagellata.
Noctiluca miliaris Suriray
Suriray, Recherch. s, la cause ord. de la phosphorence marine et descript.
du Noctiluca miliaris. Guerin Mag. de Zool. VI, 1836. — Quatrefages, Ann.
sc. nat. 1850 XIV. — Huxley, On the struct. of Noctiluca mil., Quart. Jouru.
micr. sc. ni, 1854-55, p. 49. — Cienkowsky, Arch. f. mik. Anat. VII, 1871,
p. 131, T. 14—15. Das. IX, 1873, p.47, T. 3— 5. — Vignal, Archiv, de Pbys.
Bruchstücke einer Inftisorienfauna der Kieler Bucht, Hl
norm, et pathol. V, 1S78, 415, T. 18—19. - Robin, Journ. Anat. et Phy.s. 1878,
p. 563, T. 35—41. — G. Pouchet, Journ. Anat. et Phys. 1883, 397, T. 19— 22.
— Stein, Organism. der Infus. III, 2, 1883, T. 25. — G. Pouchet, Journ.
Anat. et Phys XXI, 1885, p. 28, T. 2-4.
Noctiluca miliaris habe ich im September, Oktober und November
bei starkem Seeleuchten öfter im Kieler Hafen gefunden. Sehr
zahlreich erschien sie im Hafen mit der Sturmfluth im November
1872. Nördlich von der Kieler Bucht nach Als en hin tritt sie jeden
Herbst sehr häufig auf Bringt man die gefangenen Individuen in
Glashäfen oder Aquarien, so pflegen sie an der Oberfläche eine
Schicht zu bilden, die im Ganzen eine durchscheinend weissliche
Farbe hat. Rötliche Noktiluken habe* ich weder in der Ostsee noch
in der Nordsee gefunden.
Dinoflagellata.^)
Ceratium tripos (O. F. Müll.)
O.F.Müller, Animalc. infus. 1786, 136, T. 19, F. 22 (Cercaria tripos).—
Ehrenberg, Infusionsth. 255, T. 22, F. 18 (Peridinium tripos). — Claparede
et Lachmann, Inf. et Rhiz. 396 (Norweg. Küste). — Bütschli, Bemerk,
über gew. Organisationsverh. der sog. Cilioflagellaten. Morphol. Jahrb. X, 1885,
S. 512. — R. S. Bergh, Organism. d. Cilioflagellaten. Morphol. Jahrb. VII,
1881, 204. — Derselbe, Ueber den Theiluugsvorgang bei den Dinoflagellaten.
Zool. Jahrb. II, 73. — F. Schutt, Ueber die Sporenbildung mariner Peridineen.
Berichte d. deutsch, bot. Geselisch. 1887, V, 364.
Ceratium fusus (Ehrbg.)
Ehrenberg, Inf. 256 (Peridinium fusus). — Claparöde et Lachmann,
Inf. et Rhiz. 400 (Norweg. Küste), — Bergh, Morphol, Jahrb. VII, 1881, 208.
Ceratium furca Ehrbg.
Ehrenberg, Infus. 256. T. 22, F. 21. (Von Kiel als leuchtendes Infusorium
erhalten durch Dr. Michaelis am 24. Nov. 1832). —
Claparede et Lachmann, Inf. et Rhiz. 399, T, 19, Fig. 5 (Norweg.
Küste).
Stein, Org. d. Inf. III, 2, 1883. T. 15, Fig. 7-15 (Ost- und Nordsee,
Atl. Meer, Mittelmeer, Südsee).
Protoceratium aceros r. s. Bergh
R, S. Bergh, Cüioflag. 242, T. 14, F. 36.
•) Die angeführten Dinoflagellaten habe ich am häufigsten im Spätsommer
und Herbst in der Kieler Bucht gefunden. Ueber das massenhafte Erscheinen
derselben findet man Näheres in der Schrift von V. Hensen: Ueber die Be-
stimmung des Plankton oder des im Meere treibenden Materials au Pflanzen
und Thieren. In: Fünft. Bericht d. Kommiss. z. wiss. Unters, d. deutscheu
Meere f. d. J. 1882—1886. Berlin 1887, S. 71—78.
112 K. MöWiis.
Dinopliysis laeyis ciap Lachm.
Claparede et Lachmann, luf. et Rhiz. 409, T. 20, F. 14. — Bergh,
Cilioflag. 224, T. 15, F. 55. —
Dinopliysis acuta Ehbrg.
Ehrenberg, Ablidl. d. Berlin. Ak. a. d. J. 1839. S. 124, 174 (Erklär, d.
Abb.) T. 4, F. 14. -
Claparede et Lachmann, Inf. et Rhiz. 40ß. — Bergh, Cilioflag. 1881,
218. F. 49—52.
ProtoperidiniuiA pellucidum r. s. Bergh
R. S. Bergh, Cilioflagell. Morphol. Jahrb. Vn, 1881, 227, T. 15, F. 46—48.
Prorocentrum micans Ehrbg.
Ehrenberg, Abhdl. d. Berl. Ak. 1833, 307. 1834, 537. T. 2, F. 6. —
Dors. Infus. 44, T. 2, Fig. 23. — Claparede et Lachmann, Inf. et Rhiz. 412.
T. 20, F. 6—8. — Bergh, Ciliofl. 260, F. 56—59.
Peritlinium divergens Ehrbg.
Ehreuberg, Monats ber. d. Berlin. Ak. 1840, S. 197.
Claparede et Lachmann, Inf. Rhiz 401.
Bergh, Cilioflag. 234, T. 15, F. 39—45.
Ooniodoma acumiuatum Ehrbg.
Ehrenberg, Abhdl. d. Berlin. Ak. 1834, S. 541, 575, T. 2. F. 5. Ders.
Infus. 254. T. 22, F. 16.
Stein, Inf. ni, 2. 1883. T. 7, F. 1—16.
Polykrikos Scliwartzi Bütschli
Bütschli, Einiges über Infusorien. Archiv f. mikro.sk. Anat. IX, 1873,
T. 16, F. 22. — Von Bütschli in der Kieler Bucht in brakischem Wasser
gefunden, sonst bei Arendal.
Bruchstücke einer Infusorienfauna der Kieler Bucht. 113
Erklärung der Abbildungen.
Tafel IV, Euplotes harpa.
1. Ausgebildetes Individuum von der Rückenseite, ^-^2.
2. Ausgebildetes Individuum von der Bauchseite, ?^". Die Pfeile geben die
Richtung an, in welcher sich die Nahrungsballen fortbew^egen.
0. Ein laufendes Individuum von der Seite gesehen.
4. Optischer Querschnitt von Euplotes harpa.
5. Die vier vordersten Pinselwimpern, ^.
6—22. Die Entwicklung eines Knospensprösslings, verfolgt am 18. Febr. 1882
von 11 Uhr Vormittags bis 1 Uhr 50 Minuten Nachmittags, ^ (S. 84.)
23. Bruchseite eines Euplotes harpa, welcher sich zur Querteilung verbreitet.
Bei w die erste Anlage der oralen Pektinellen des Hintersprösslings, 5^.
24. Weiter entwickelte orale Pektinellenreihe iv eines Hintersprösslings.
Tafel V, Euplotes harpa,
25. Beginn der Furche zur Querteilung eines verlängerten Individuums, iv die
orale Pektinellenreihe des Hintersprösslings, 5M.
26. Fast vollendete Querteilung.
27. Fast vollendete Querteilung. Kern, im Zustande direkter Teilung, durch
Safranin gefärbt, -^'.
28. Noch weiter fortgeschrittene Querteilung. Die Kernhälften sind nur noch
durch einen dünnen Strang verbunden.
29. Die Teilungssprösslinge sind im Begriff, sich zu trennen.
30 — 33. Kerne ausgebildeter Individuen von Euplotes harpa, mit Safranin ge-
färbt (S. 83).
34 — 35. Kerne und Nebenkerne, durch Safranin gefärbt.
36 — 40. Kerne encystirter Individuen, welche sich zur Erzeugnng eines Knospen-
sprösslings vorbereiten (S. 84).
41—43. Kerne conjugirter Euploten (S. 85).
Tafel Tl.
1. Oxytricha rubra von der Bauchseite, ^. Neben der oralen Pektinellen-
reihe die undulirende Membran. Aus dem After tritt ein Faden von Spiru-
lina versicolor hervor (S. 86).
2. Profilbild von Orytricha rubra.
3. Querteilungszustand von Oxytricha rubra
4. Stichotricha gracilis (S. 87).
5. Stichotricha saginata (S. 87).
Aich. f. Naturgescb. Jahrg. 1888. Bd. I. H. 1. 8
]^j^4 K. Möbius.
6. Stichotricha horrida (S. 87).
7. Dysteria lanceolata, ^, schräg von der rechten Seite (S. 88).
8. Dysteria lanceolata, Querteilung, ^.
9. Schwanzgriffel von Dysteria lanceolata.
10. Chilodon crebricostatus von der Rückenseite (S. 89).
11. Chilodon crebricostatus von der Bauchseite, ^^.
12. Eeuse von Chilodon crebricostatus, ^.
Tafel TU.
1. Chilodon crebricostatus, ein Paar jonjugirt.
2. Chilodon cucullulus, Bauchseite, ^ (S. 89).
3. Kern von Chilodon cucullulus.
4. Reusenstäbchen des Chilodon crebricostatus.
5. Reusenstäbchen des Chilodon cucullulus.
6. Propostoma uotatum von der rechten Seite, ^^ (S. 90).
6 ab. Der schwarze Fleck mit den ihn umlagernden Stäbchen, ?^.
7. Porpostoma notatum von der Rückenseite, i^.
7 a. Ein junges Porpostoma notatum.
8. Chaetospira maritima, ^ (S. 92).
9. Chaetospira maritima. Die Hülse mit Fremdkörpern belegt.
10. Chaetospira maritima. Der Pektinellenträger ist abwärts gebogen.
11. Rhabdostyla commensalis, ^ (S. 94).
12. Ein Theilung.spaar von Rhabdostyla commensalis.
13. Vorticella striata, ^^ (S. 95).
14—15. Chothurnia maritima, ^^ (S.98).
16 — 19. Verschiedene Kernformeu von Cothurnia maritima.
Tafel Yni.
1 — 14. Zoothamnium Cienkowskii (S. 95—98).
1. Profil einer Glasplatte, an welcher grosse Bäumchen sitzen, i.
2. Ein Stöckchen, ^^. a, b, c, d Zooide.
e) Muskelhaltiger Stammteil.
f) Unterster muskelloser Stammteil.
g) Fuss des Stammes, oberhalb desselben eine Anschwellung.
3. Querscheiben eines Muskelstranges, mit Safranin behandelt (S. 96).
4 — 6. Zooide, welche sich zur Ablösung vorbereiten.
4. Anfang des Flininiergürtels in einer vorher entstandenen tiefen Furche.
5. Die Flimmern sind grösser geworden.
6. Die Furche ist geschwunden; die Basis des Flimmergürtels liegt frei; der
Stielmuskel hat sich von dem Zooid abgelöst und zurückgezogen.
7. Freies abgerundetes Ende eines Stieles, welchen das Zooid verlassen hat.
8. Mutterzooid eines Stöckchens mit dem Anfange des Stammniuskels.
9. Mutterzooid eines Stöckchens mit weiter abwärts gewachsenem Stammmuskel.
10. Erste Stufe der Stockbildung: Das Stämmchen (l) trägt das erste Paar
Teilungssprösslinge (V2 + 72)-
11—14. Stöckchen mit weiteren Teilungssprösslingen.
11. Die Teilung geht bis zur dritten Generation (V4 + \U)-
Bruchstücke einer Infnsorienfauna der Kieler Bucht. 115
12, 13. Die Teilung geht bis zur vierten Generation (Vg + Vg).
13a. Fussplatte eines Stämmchens, dessen Muskel bis zur Ansatzfläche hinabreicht.
14. Die Teilung ist bis zur fünften Generation fortgeschritten ('/je + Vie)-
15—17. Metacystis truncata (S. 100).
15. Vorn der trichterförmige Schlund.
16. Querteilungszustand.
17. Die Wimpergürtel des Körpers und die zwei Kreise der oralen Wimpern.
18. Lacrymaria lagenula, ^ (S. 101). Der Körper hat sich verkürzt, der Mund-
kegel ist eingesenkt. In der Mitte ein gebogener Nukleus, hinten eine
kontraktile Vakuole. Aus dem After treten Fäces.
19. Vorderteil von Lacrymaria lagenula. Der Mundkegel ist vorgeschoben
Seine Wimpern stehen in schrägen Reihen.
Tafel IX.
1. Urceolus ovatus, 220^ schwimmend (S. 107).
2. Urceolus ovatus, sich mittelst des Trichters ansaugend.
3. Urceolus ovatus, angesogen, ruhend.
4 — 8. Anisonema raulticostatum (S. 108).
4. Anisonema multicostatum, von der Bauchseite, cv Kontraktile Vakuole.
N Nukleus.
5. Mund M und Schlundrohr S, stark vergrössert.
6. Optischer Querschnitt zur Veranschaulichung der Riefen.
7. Längsteilungszustand.
8. Profilansicht.
9—12. Hoplitophrya fastigata (S. 104).
9. Abgerissenes Vorderstück einer Hoplitophrya fastigata, ~5 Der Kern und
die Rute ragen nach hinten frei heraus.
10. Eine ausgebildete Hoplitophi-ya fastigata, 2|o. Im Ektoplasma viele kon-
traktile Vakuolen. Im Innern der lange gebogene Nukleus und die Streckrute.
11. Teiluugszustand einer sehr langen Hoplitophrya fastigata, ifs. Ein kleiner
Teilsprössling am Hinterende ist der Ablösung nahe.
12. Umriss des Querschnittes einer Hoplitophrya fastigata.
13. Podophrya limbata, ~, mit feinkörniger Masse bedeckt (S. 109).
14. Podophrya limbata, ^, mit Kern und kontraktiler Vakuole, welche bei kv
in verschiedenen Grössen dargestellt ist. Mehrere Saugröhren sind spiral
gevmnden.
15. Acineta crenata, ^, mit Kern, kontraktiler Vakuole, Plasmaballen und
zartgeringelten Saugröhren (S. 110).
16. Acineta contorta, ^ (S. 110).
17. Acineta contorta (gez. v. Herrn Fraipont 1880).
Tafel X.
1 — 6. Prorodon marinus (S. 98).
1. Prorodon marinus, ^, gestreckt, schwimmend. Vorn Mund und Schlund,
rechts der Nukleus, hinten die kontraktile Vakuole.
2. Prorodon marinus eiförmig verkürzt. Der Schlund hat Längsfalten.
3. Zwei Teilsprösslinge in einer Cyste, ?p.
8*
116 K. Möbius : Bruchstücke einer Infusorienfaima der Kieler Bucht.
4. Streifiges Ektosark von Prorodon marinus, ^.
5. Krystallkörperchen im Ektoplasma, ®J°.
6. Nukleus mit Nukleolus.
7. Pleuronenia marinum von der rechten Seite, ^ (S. 101). Bauchwärts
von dem Munde eine sackförmige Membran, deren Querschnitt 7 a darstellt.
8. Pleuronema marinum von der linken Seite.
9-11. Cyclidium citrullus (S. 102).
9. Cyclidium citrullus, ^, von der rechten Seite. Vorn der Nukleus, hinten
die konti'aktile Vakuole; zwischen beiden Nahrungsballen.
10. Cyclidium citrullus von hinten gesehen, '^.
11. Cyclidium citrullus sich quer teilend, ^.
12 — 20. Uronema marinum (S. 102).
12. Uronema marinum von der linken Seite, ^. In der Mitte der Nukleus,
vorn und hinten eine Vakuole.
13. Uronema marinum, von hinten gesehen.
14. Protilansicht.
15. Querteilungsstadium.
16 — 20. Querteilungsstadien, beobachtet und gezeichnet von 10" bis IP Vor-
mittags.
21—23. Trichonema gracile, ^, in verschiedenen Bewegungszuständen (S. 105).
24. Salpingoeca procera, ^, mit spiral zurückgezogener Geissei (S. lOß).
25. Salpingoeca procera mit entfaltetem Kragen und gestreckter Geissei, ^^.
26. Desmarella moniliformis, «|^ (S. 106).
27. Codosiga pyriforniis, ^p, von der Seite (S. 106).
28. Codosiga pyriformis, 4|5, von unten gesehen.
29. Monosiga sinuosa (S. 106).
30. Diplomastix dahlii in verschiedenen Bewegungszuständen (S. 109).
Bericlitigung
der Syiionymie von Otaria Philippü Peters,
welche Herr Burmeister in der Description pliysique
de la Republique Argentine gegeben hat.
Von
Dr. R. A. PMlippl.
Jrlerr Burmeister hat in der ,,Deuxieme Serie Mammiferes"
des genannten Werkes an zwei Stellen der Utaria Philippü Peters
Synonyme gegeben, welche dieser Art keineswegs zukommen. Seite 61
giebt er dieser Robbe ohne? als Synonym die Otaria ursina Gay
(Historia fisica i politica de Chile Zoologia I, p. 78). Er hat sich
offenbar nicht die Mühe gegeben, diesen Artikel zu lesen, sonst
würde er gefunden haben:
1. Dass die Worte ,,vellere pilis erectis^^ und ferner: ,, Körper
4 bis 6 Fuss lang" u. s. w. auf Otaria Philippü wie die Faust aufs
Auge passen.
2. Dass die Beschreibung die der arktischen Bärenrobbe, und
nicht die irgend einer chilenischen Art ist, wie sie auch als Otaria
ursina Desm. bezeichnet ist.
3. Dass Gay ausdrücklich sagt: ,, obgleich mehrere Schriftsteller
sagen, dass sie (die Otaria ursina) sich in der Magellansstrasse und
in verschiedenen benachbarten Gegenden findet, so glauben wir
dennoch, dass sie dieselbe mit irgend einer anderen Art verwechselt
haben, denn die Phoca ursina gehört den arktischen Meeren an."
Man fragt sich erstaunt, wie es möglich ist, von einer Otaria
ursina Gay zu sprechen, und diese ohne alles Bedenken als Synonym
von 0. Philippü zu geben.
Seite 64 sagt Herr Burmeister wörtlich Folgendes: ,,Ich zog
nun Gays Fauna chilensis zu Rathe, und fand, dass derselbe die
Species von Juan Fernandez zu Otaria ursina bringt" .... (folgert
dies Burmeister vielleicht aus den aufrecht stehenden Haaren des
Pelzes und der geringen Grösse, ist für ihn vielleicht Juan Fer-
nandez eine der Magellansstrasse ,, benachbarte Gegend"? oder woher
sonst?) .... und dass ,, mithin Otaria Philippü nicht mit Otaria
falklandica vereint werdgn kann". Dies thut Burraeister aber auf
derselben Seite, ohne es zu merken.
118 Dr. R. A. Philipp! : Berichtig, d. Syuonymie v. Otaria Philippii Peters.
Er konnte es nämlich gar nicht begreifen, dass die 0. Philippii
nicht schon längst vorher beschrieben gewesen sei, ehe Peters sie
unter obigem Namen beschrieb, und fand denn auch, es sei die
PJwca a>/.?<raZw Zimmermnnn, zu welchem Ende er sich das Werk
von Zimmermann durch Friedländer in Berlin kommen Hess. Nun
entdeckte er, dass Zimmermann dem Falklands-Isle-Seal Pennants
den Namen Phoca anstralis gegeben, dass die Beschreibung des Falk-
land-Isle- Seal auf Otaria Philippii passe (vielleicht ebenso gut wie
die der Phoca ursina)^ und nun ist es ihm über alle Zweifel erhaben,
dass der Seehund der Falklands -Inseln identisch mit der Otaria
Philippii von Juan Fernandez sei, und dass also der Name Philippii
gestrichen und dafür Otaria anstralis gesetzt werden müsse. In
seinem Eifer, dieser Robbe den wahren Namen wieder herzustellen,
hat Burmeister nur zweierlei Kleinigkeiten vergessen, nämlich erstens,
dass grade auf Pennants Falklands-Isle-Seal die Phoca oder
Otaria falklandica gegründet ist, und zweitens, dass er bereits
Seite 58 den Pennantschen Falkland -Isle -Seal und die Zimmer-
mann'sche Phoca anstralis ohne alle? als Synonyme der Otaria falk-
landica angegeben hatte, wie es gewiss richtig ist.
Ist das Kritik zu nennen?
Zum Schluss erlaube ich mir noch die Bemerkung, dass Bur-
meister in seiner Aufzählung der Seehunde Südamerikas zwei
Arten vergessen hat, die beide recht gut beschrieben sind, von denen
die eine gut abgebildet ist, ^) und zwar in einem sehr bekannten Werk,
das er ohne Frage in seiner Bibhothek besitzt, nämlich in Tschudi's
Untersuchungen über die Fauna peruana. Das Museum von Santiago
besitzt, glaube ich, beide Arten, Otaria Ulloae Tschudi und
O. aurita Humb. 2)
Santiago, den 10. Mai 1888.
') Jedenfalls viel besser als die Otaria faUiandica bei Burmeister , deren
Abbildung, wie Buimeister selbst gesteht, nach einem sehr fehlerhaft ausge-
stopften Exemplar gemacht ist.
^) Anm. des Herausgebers. Es mag hier gestattet sein, daran zu
erinnern, dass Peters im Monatsbericht der Akad. d. Wiss. , Berlin 1877,
S. 506, 507 0. Ulloae als Lokalrasse zu 0. jubuta und 0. aurita mit einem ?
als Synonym zu Arctoc. falklandicus zieht. Allen (1880) geht in der Ver-
einigung der Arten noch weiter. Dr. F. Hilgendorf.
Beiträge
vergleichenden Anatomie des Herzens der Tögel und Reptilien.
Von
F. Rudolf Gaseh.
Mit Tafel XI und XII.
L
Einleitung.
Lm Januar 1886 veröflfentlichte Herr Professor His in Leipzig
eine Schrift, worin die „Spuren geschichtlicher Entwicklung am
Herzen des erwachsenen Menschen'' beschrieben und durch beige-
gebenen Abbildungen erläuteit werden.
Herr Geheimrat, Professor Dr. Leuckart hatte die Freundlichkeit,
unter Hinweis auf diese Schrift mich zu ähnlichen Untersuchungen
an dem Herzen der Vögel und Reptilien aufzufordern. Das reiche
Material nun, welches mir durch meinen verehrten Lehrer bereit-
willig zur Verfügung gestellt wurde, hat es mit sich gebracht, dass
meine Untersuchung in der Folge mehr vergleichend -anatomischer
Art wurde, ich habe mich aber bemüht, die Ergebnisse der Ent-
wicklungsgeschichte bei jeder Gelegenheit zum Vergleiche heranzu-
ziehen und auf diese Weise dem Grundgedanken der Arbeit einiger-
massen gerecht zu werden.
Die drei Abschnitte der Arbeit behandeln:
Das Septum ventriculorum.
Das Septum atriorum und die Mündung der Vena
pulmonalis,
Die Venenmündungen im rechten Vorhofe.
Die entwicklungsgeschichtlichen Notizen, welche notwendiger-
weise jedem einzelnen Abschnitte vorangeschickt werden mussten,
sind Arbeiten von His^) und Lindes ^j entnommen, eigene embryo-
logische Untersuchungen habe ich nicht angestellt.
') His, Anatomie menschlicher Embryonen III. und Beiträge zur Anatomie
des menschlichen Herzeus.
^) G. Lindes, Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des Herzens.
Dorpat. Inauguraldiss. 1865.
120 F. Rudolf Gascb : Beiträge zur vergleichenden
Es liegt in der Natur der Sache, dass ich viele schon bekannte
Thatsachen mit erwähnen musste, um etwaige neue Gesichtspunkte
zu veranschaulichen und zu erläutern. So dürfte besonders im
ersten Abschnitte nur die Zusammenstellung und Behandlung des
Stofles Anspruch auf Neuheit erheben.
Angesichts der reichen Litteratur, welche über die Anatomie des
Herzens der Vögel und Repitilien vorhanden ist, erschien es mir an-
gebracht, eingangs zwar eine kurze Uebersicht der Autoren zu geben,
das Hauptgewicht aber auf die Anmerkungen zu verlegen. Nur den
Arbeiten und Untersuchungen von Cuvier. Brücke, Edwards und
Fritsch, welche sich ausführlich mit meinem Gegenstande bescliäftigen,
habe ich eine eingehende Besprechung gewidmet.
Übersicht und Besprechimg der Litteratur.
Boianus, Anatome testudinis Europaeae 1819. Beschreibung
des Herzens der europäischen Schildkröte mit zalilreichen Abbildungen.
Schlemm, Anatomische Beschreibung des Blutgefässsystemes
der Schlangen (Zeitschrift von Treviranus 1826). Beschrieben sind
die Herzen von Boa constrictor und Trigonocephalus mutus.
Retzius, Anatomisk undersökning öfver nägra delar of Python
bivittatus. (Mem. de l'Acad. de Stockholm 1829^ Isis 1832).
Th. Bischoff, Ueber den Bau des Krokodilsherzens. (Archiv
für Anatomie und Physiologie 183(3).
Cuvier, Legons d'anatomie comparee, seconde edition
1839.
Im 6. Bande seines vergleichend -anatomischen Werkes widmet
Cuvier dem Herzen der Reptilien eine besonders genaue Beschreibung.
In 3 Abschnitten werden Schildkröten, Krokodile und Eidechsen
und endlich die Schlangen behandelt. Im Allgemeinen geht der
Verfasser nach einigen kurzen Bemerkungen über Vorhöfe und
Septum atriorum sogleich zur Beschreibung des Ventrikels über,
dessen Abteilungen scharf getrennt werden.
Bei den Schildkröten unterscheidet er als ,,sinus pulmonaire"
einen direkt in die Arteria pulmonalis führenden Holilraum, der bei
den Landschildkröten klein, dagegen gross bei den Meerschildkröten
ist. Das venöse Blut gelangt sowohl in die Aorta, als auch in die
Art. pulm. , doch vornehmlich in die Art. pulmonalis, während das
arterielle Blut durch eine vom Bojanusschen Knorpel ausgehende
Muskelklappe ausschliesslich in die Aorten geleitet wird.
Von den Saurierherzen wird zuerst das Krokodilsherz (le cro-
codile du Nil et le caiman) beschrieben, das der Verfasser — wahr-
scheinlich der besseren Uebereinstimmung mit den übrigen ReptiHen-
herzen zu Liebe — in 3 Räume zu teilen sucht. Den rechten Ven-
trikel lässt er in 2 „Zellen" zerfallen, von denen eine die linke
Aorta entsendet; er sagt dann weiter (S. 313) ,,en arriere de cette
embouchure (se trouve) une large communication qui conduit dans
la plus petite des trois loges [que n'est proprement qu'un sinus du
Anatomie des Herzens der Vögel und Reptilien. 121
ventricule droit] place a la partie moyenne de la base du coeur,
et dans lequel le troiic commim des arteres pulmonaires a son em-
boueliure." Später (S. .315) sagt er von diesem Räume noch folgen-
des: „le sinus communique largement avec le ventricule droit; uu
peu au-dela de son entree on voit un cercle de six a Imit tuberciües
saillants."
Die Scheidewand zwischen rechten und linken Ventrikel wird
fälschlich als eine unvollständige bezeichnet, die dem venösen
Blute Durchgang gewähre. Ebenso ist die Behauptung, dass das
später als „foramen Panizzae" bezeichnete Loch in der Aortenwand
bei zunehmendem Alter verknorpele, mindestens zweifelhaft. Uebrigens
ist Cuvier der Ansicht, dass durch die genannte Passage arterielles
Blut aus der rechten in die linke Aorta strömt. Bei den übrigen
Sauriern unterscheidet der Verfasser wieder 2 Typen. Die Vertreter
des einen Typus, Lacerta agilis et ocellata haben einen rechten Ven-
trikel und einen linken, unvollständig getrennt durch eine dicke
muskulöse Scheidewand. Ein Querkanal leitet vorn an der Basis
des Herzens das Blut aus dem linken in den rechten Ventrikel.
Die 3 dort entspringenden Getasse empfangen gemischtes Blut. Da-
gegen werden die Verhältnisse des anderen Typus bei Iguana deli-
catissima (S. 321) folgendermassen beschrieben: „son ventricule a
deux loges, une droite, qui forme proprement la cavite du ventricule,
et une ganche et superieure, qui ne semble qu'un sinus de la pre-
miere : c'est dans celle-ci que s'ouvrent Foreillette pulmonaire et l'aorte
posterieure droite, a peu pres comme cela a Heu dans les crocodiles.
L'embouchure de Foreilette droite est percee vers le milieu de la
grande cavite. En dessous sont les orifices de l'artere pulmonaire
et de l'aorte posterieure gauche."
Beim Camäleon gabelt sich wohl die Ventrikelhöhle rechts und
links nach hinten, doch eine Scheidewand ist nicht vorhanden.
Im Schlangenherzen hat Cuvier 2 durch eine unvollständige,
mit freiem Rande versehenen Scheidewand getrennte Räume gefunden,
die er als löge aortique oder löge superieure und als löge pulmo-
naire oder löge inferieure bezeichnet. Die obere Höhle dehnt sich
bis zur Herzspitze aus und nimmt die Herzbasis in ihrer ganzen
Breite ein, während die kleinere zweite auf die rechte Herzhälfte
beschränkt erscheint. Wie schon der Name sagt, entsendet die
obere Zelle die Aorten, die untere die Pulmonalis.
Ein Muskelband, welches von der Oberwand der Aortenzelle
bis zur Mitte des Herzens herabreicht, verhindert den Eintritt des
Blutes aus der erwähnten Zelle in die untere. Die Aorten erhalten
aber trotzdem gemischtes Blut, da das genannte fleischige Band
keine vollständige Scheidewand bildet.
Owen, (Todd's Encyclopädie 1835/36). Aves.
J. G. Treviranus, Beobachtungen aus der Zootomie und Phy-
siologie 1839.
Der Verfasser, welcher die Herzen mehrerer Schildki'öten unter-
sucht hat, macht darüber Angaben, die bis jetzt nur zum Teil be-
122 F. Rudolf Gasch : Beiträge zur vergleichenden
stätigt worden sind (z. B. über Venenmündungen bei Caretta im-
bricata S. 4) und um so weniger glaubhaft erscheinen, weil sie
vielfach den bei verwandten Tieren constatirten Verhältnissen wider-
sprechen.
Carus u. Otto, Tabulae Anatom, compar. illustrat. pars VI. 1843.
V. Siebold u. Stannius, Vergleichende Anatomie 1846.
Jaquart, Mem. sur les organes de la circulation chez le Python.
(Annal. des sciences nat. 1855, 4. serie t. IV).
E. Brücke, Beiträge zur vergleichenden Anatomie und
Physiologie des Gefässsystemes 1852.
Brücke bespricht zuerst das Scliildkrötenherz , (Emys europaea
et Testudo graeca), dessen Ventrikel er in 3 Teile teilt. Das links
gelegene Cavum arteriosum empfängt durch das Ostium atrio-ven-
triculare sinistrum aus dem linken Vorhofe arterielles Blut, alle
Hohlräume dagegen, welche rechts von einer gedachten Verlängerung
des Septum atriorum liegen, bilden das cavum venosum, das aus
dem rechten Atrium venöses Blut erhält. Dieses cavum teilt Brücke
wiederum in 2 Teile. Der linke, dem Ostium venosum zunächst ge-
legene Teil zeichnet sich durch zahh-eiche querlaufende Fleischbalken
aus, der andere Teil aber, welcher das rechte Ende des Ventrikels
einnimmt und die Ostia arteriosa enthält, wird durch die vom Bo-
janusschen Knorpel ausgehende Muskelleiste nochmals in eine obere
und untere Hälfte geschieden. Brücke erhält also durch seine,
ziemlich willkürliehe Einteilung 4 Ventrikelräume, von welchen die
2 erstgenannten nur Ostia venosa, die beiden letzten nur Ostia arte-
riosa besitzen. Dem dunkelroten Blute, welches also den kürzesten
Weg hat und hauptsächlich in die Lungenarterien eintritt, rückt das
hellrote sich teilweise mit ihm vermischend nach, indem es aus dem
Cavum arter. in die linke, dann in die rechte Hälfte des cavum ve-
nosum und so bis in die Arterien gelangt. Dabei verschliesst sich
der Eingang in die Arteria pulmonalis (der Knorpel wendet sich
nach links und der Muskelstreifen zieht sich zusammen), so dass das
arterielle Blut ausschliesslich in die Körperarterien einströmt. Die
gleiche Einteilung des Herzens in ein cavum venosum und arteriosum
mit einer Muskelleiste fand Brücke bei den Schlangen (Coluber
Aesculapii und Tropidonodus natrix) und sogar ohne wesentliche
Aenderungen bei den grösseren Eidechsen. Nur ist bei Psammosau-
rus griseus die Communikation zwischen cavum arteriosum und
venosum enger, ,,da beide Höhlen durch eine continuirliche, nur an
einer Stelle durchbrochene Scheidewand getrennt sind." Die Ab-
weichungen im Kreislaufe schildert Brücke folgendermassen : ,,Bei
der Flussschildkröte wird (während einer bestimmten Periode der
Herzthätigkeit) die Lungenarterie selbst unmittelbar an ihrer Wurzel
verschlossen, so dass nach eingetretener Sperrung gar kein Blut
mehr hineingelangt. Bei der Schlange sperrt die Muskelleiste in
der Weise, dass nur eine sehr geringe Menge rein venösen Blutes,
welches sich in der Rinne nach vorn und links von derselben be-
fand, in die Lungenschlagader einströmt. Beim Psammosaurus
Anatomie des Herzens der Vögel nnd Reptilien. 123
sehen wii diese Einne schon zu einer geräumigen Höhle enN'^eitert,
die eine ge-wisse Quantität venösen Bhites aufnimmt, welches noch
nach der Sperrung in den Respirationskreislauf eingeht."
Diese geräumige Höhle fand Brücke in ähnhcher Weise auch
bei Uramastix spinipes vor, dagegen war die Scheidewand im Ven-
trikel hier nicht so ausgebildet und noch weniger bei der nur flüchtig
erwähnten Lacerta viridis, bei Platydactylus guttatus und Bipes
Pallasii.
Beim Krokodilsherz giebt Brücke keine anatomische Beschreibung,
sondern behandelt nur die Frage der Blutmischung , wie sie durch
das foramen Panizzae ermöglicht wird.
Milne Edwards, Lecons sur la Physiologie et l'Ana-
tomie comparee, 1858.
Im 3. Bande dieses umfassenden Werkes werden die Herzen
der Reptilien und Vögel in der eingehendsten Weise und unter An-
führung zahlreicher Autoren beschrieben. Da Edwards in den
meisten FäUen mit Cuvier übereinstimmt, so sollen hier nur die-
jenigen Ansichten Erwähnung finden, die er neu hinzubringt, oder
in denen er sich von dem genannten Forscher unterscheidet. Bei
der Beschreibung des Schildkrötenherzens beschränkt sich der Ver-
fasser im Wesentlichen auf die Mitteilung der specieUen Unter-
suchungen von Boianus, Duveraoy, Treviranus und Anderen. Vom
Ventrikel der Schlangen (Python) sagt Edwards, dass derselbe wie
jener der Meerschildkröten durch eine unvollständige Scheidewand
in 2 Zellen geteilt sei. Der ganze peripherische Teil dieser Räume
zerfällt in viele kleine Nebenhöhlen durch fleischige Balken, die von
der Spitze zur Basis laufen. Von der Scheidewand wird folgendes
berichtet: ,,Cette cloison charnue nait du fond de la cavite du ven-
tricule et se porte vers la paroi anterieure ou auriculaire de cette
chambre mais n'y arrive pas completement et c'est l'espace laisse
entre son bord infprieur concave et la base des deux valvules auri-
ciüo-ventriculaires adossees l'une ä l'autre qui constitue le passage
laisse libre entre la löge anterieure du ventricule et la löge princi-
pale ou veineuse de cet Organe."
Das Loch in der Scheidewand ist verdeckt, wenn die Artrio-
ventrikularklappen von dem eintretenden Blute herabgedrückt werden.
Die Hauptzelle von Edwards zerfällt in ein ,,vestibule pulmonaire"
und ein ,,vestibule aortique" getrennt durch die Muskelleiste, die am
truncus arteriosus entspringend, von der dorsalen Wand in den Ven-
trikelraum hereinragt.
Die Beschreibung der Herzen von Lacerta, Camaeleon und
Iguana stimmt mit den Angaben Cuviers im Wesentlichen überein,
während Edwards in Betreff des Herzens der Krokodile wesentUch
anderer Meinung ist, als sein Vorgänger. Die 3. Zelle Cuvier's er-
scheint ihm nur als eine Höhle im rechten Ventrikel, das Septum
ventriculorum ist compakt, das foramen Panizzae schhesst sich nicht
im Alter, wie Cuvier annimmt. Was die Blutmischung im truncus
arteriosus betrifft, so glaubt Edwards, dass während der Diastole
X24 F. Rudolf Gasch : Beiträge zur vergleichenden
der Ventrikel stets eine teilweise Mischung statt^ndet, aber nur
Avenig venöses Blut in die rechte Aorta tritt.
G. Fritsch, Zur vergleichenden Anatomie der Amphi-
bienh erzen (Archiv für Anatomie und Physiologie 1869).
Angeregt durch die Arbeiten Brückes und anderer Forscher hat
es der Verfasser unternommen, mancherlei Irrthümer und ungenaue
Angaben seiner Vorgänger richtig zu stellen. Unterstützt wurde er
bei seinen Untersuchungen durch eine grosse Menge der kostbarsten
und seltensten Präparate, Avie sie in solcher Anzahl, wohl noch keinem
Forscher zur Verfügung gestanden haben. Von den zahlreichen
Arten, die er untersuchte, nenne ich nur: Chelydra serpentina, Emys
concentrica und irrigata, Chelonia midas und cauana, Makroclemys
Teminkii, Testudo tabiüata, ferner Alligator lucius, Chamaeleo
vulgaris, Uromastix spinipes, Pseudopus Pallasii, Psammosaurus
griseus, Lacerta ocellata, dann Python sebae und bivittatus und
Boa constrictor.
Die Herzen wurden insgesammt nach der Hunterschen Methode
der Talginjektion präparirt, Avelche Fritsch für die geeignetste hält.
Der Schrift sind zahlreiche Ablnldungen von Querschnitten durch
Herzen beigegeben. Längsschnitte sind nur wenige abgebildet. —
Indem ich die beiden ersten Abschnitte der Arbeit (,, Äussere
Lage und Gestalt der Herzabschnitte" und „Verteilung der grossen
Gefässe") übergehe, wende ich mich sogleich zum 3. Teile, welcher
den „inneren Bau der Herzabschnitte" enthält. Bei der Besprechung
des „truncus arteriosus" kommt Fritsch auch auf die Semilunar-
klappen zu reden, deren Beweglichkeit er untersucht hat. Er be-
hauptet, dass diese Klappen bei der Systole des Ventrikels nie das
ganze Lumen des Gefässes freigeben, sondern nur spaltförmig sich
öffnen. Eine Consequenz dieser Anschauung ist, dass das foramen
Panizzae beim Alligator durch die vorliegenden Semilunarklappen
nie ganz verschlossen werden kann (wie es z. B. Brücke, op. cit. S. 16
behauptet).
Weiterhin verwirft Fritsch das Brückesche ,,cavum venosum und
arteriosum" und tritt den Beweis an, ,,dass in der That zu den
beiden Hauptabschnitten des Ventrikels auch arterielle Ostien ge-
hören", indem er die Anlage „wirklicher Ventrikel" von den Kro-
kodilen abwärts bis zu den Batrachiern verfolgt. Zunächst zeigt er
an einem Querschnitt durch den mittleren Teil der Vorhöfe eines
Herzens von Alligator lucius (Taf. XX Fig. 1), dass der Eingang zur
Aorta (dextra) hinter i) dem ., Conus arteriosus" der Pulmonalis zu
liegen kommt, desgleichen an einem Querschnitte durch den dicksten
Teil des Ventrikels desselben Herzens (Taf. XIX, Fig. 7), dass dem
entsprechend der rechte Ventrikel eher vor, als neben dem linken
liegt. Dasselbe wird an Querschnitten durch die Herzen von
') Anmerk. Bei der Benennung der Teile als hinterer, oberer, vorderer
u. s. w. Teil geht Fritsch immer von der aufrechten Stellung des Herzens aus,
so dass oben gleich basal, unten gleich apikal, vorn gleich ventral ist.
Anatomie des Herzens der Vögel und Reptilien. 125
Eidechsen, Schlangen und Schildkröten gezeigt. Dann beschreibt
der Verfasser unter Hinweis auf einen Längsschnitt durch das Herz
von Python (Taf. XIX, Fig. 1) jene Muskelleiste, welche am Ostium
arteriosuni entspringend, das cavum venosum oder den rechten
Ventrikel der Autoren in 2 sogenannte Zellen (loges) teilt. Ganz
im Gegensatz nun zu seinen Vorgängern behauptet Fritsch, dass
allein die vordere (Brücke: untere) Zelle als ein wirklicher Ventrikel
angesehen werden könne, während der ganze übrige Hohlraum als
linker Ventrikel betrachtet werden müsse. Die sogenannte ,, unvoll-
ständige Scheidewand" der Autoren nemlich ist in Wahrheit nicht
als Scheidewand vorhanden und nur das zufällige Produkt lokaler
Durchschneidung.
Am Krokodilsherz erscheint die Muskelleiste des ,,conus pul-
monalis" als ein Vorsprung in der rechten Kammer, der zur Pulmonalis
hinaufleitet, oben mit dem Septum ventriculorum verschmilzt und
den links unten lagernden Teil des Ventrikels nur unvollkommen
von dem oberen rechten trennt (vergi. Cuvier). Eine solche Ver-
wachsung fand sich auch thatsächlich im Herzen eines Python sebae,
,,wo die Anlage der Scheidewand mit der des conus bis gegen die
Basis des Ventrikels erfolgt war." Mit Recht weist Fritsch darauf
hin, dass seine trennende Muskelleiste constant auftritt und selbst
bei solchen Reptilien wohl entwickelt ist, bei denen sich nur Rudi-
mente der anderen, unvollständigen Scheidewand zeigen.
Der Verfasser fährt fort: ,, Denkt man sich nun die Gesammt-
heit der arteriellen Ostien, ohne ihre relative Lagerung zu ver-
ändern, etwas weiter nach rechts ') (?) verschoben, indem die be-
schriebenen Anlagen der Coni ihnen in gleicher Weise folgen, so
schwindet die letzte Schwierigkeit, nemlich die Feststellung der Ven-
trikelgrenze im oberen Drittel.
Es rückt dann der Ursprung der rechten Aorta vor das rechte
venöse Ostium, die Anlagen der Coni verschmelzen zum Teil mit
der sich erhebenden Scheidewand, und der früheren Kreuzung der
beiden Blutströme entspricht nur noch eine sagittale Drehung
der entstandenen vollständigen Scheidewand. Man erhält so einen
vorderen rechten Ventrikel mit Pulmonalis, linker Aorta und (Corti's)
spatium interventriculare, abgegrenzt durch den nach links '^) hin-
übergezogenen unvollständig verschmolzenen conus arteriosus der
Pulmonalis, in dem das Ostium venosum nach hinten und rechts
gelagert ist, wie es thatsächlich im Herzen des Krokodiles erscheint.
Der linke Ventrikel hat ebenfalls sein Ostium venosum und arte-
riosum, der verkürzte conus des letzteren erinnert aber durch das
Vorbeiziehen der Pulmonalis und die angegebene Drehung der Scheide-
wand im oberen Teile, dass das Ostium aorticum ursprünglich seine
Lagerung neben und nicht vor dem Ostium venosum dextrum hatte."
') A.nraerk. Da Fritsch hier keine bestimmte Abbildung im Auge hat,
so muss es hier doch wohl statt rechts links heissen.
^) Anmerk. Vergl. weiter oben; hier ist die Bezeichnung richtig.
126 F. Rudolf Gasch: Beiträge zur vergleichenden
Meiner Ansicht nach hat Fritsch von allen Forschern die ein-
fachste und natürlichste Darstellung des complicirten Herzbaues ge-
geben, frei von Künstelei und frei von willkürlichen Zusammen-
stellungen einzelner Teile. Im Verlaufe meiner Arbeit werde ich
noch so oft auf die vortrefflichen Untersuchungen von Fritsch zu-
rückkommen, dass eine Aufzählung von anatomischen Einzelheiten
an dieser Stelle fügUch entbehrt Averden kann.
Metliode der Präparation.
Die zu untersuchenden Herzen wurden mit Alkohol (96^) oder
Chromsäurelösung prall injicirt und dann in der betreffenden Flüssig-
keit bis zu ihrer vollständigen Erhärtung gelassen. Bei kleineren
Tieren, deren Herz man beim Herauspräpariren leicht verletzen
kann, habe ich die Injektion oft gleich in situ vorgenommen und
dann das ganze Tier conserviert, um das Herz erst nach stattge-
fundener Erhärtung herauszunehmen. Die Huntersche Methode der
Talginjektion habe ich desshalb vermeiden zu müssen geglaubt, weil
eine plastische Veränderung der Herzteile bei ihr nicht zu umgehen
ist. Ich habe im Allgemeinen Längsschnitte angefertigt, welche
eine grössere Uebersicht gewähren, als Querschnitte. Doch habe
ich es bei genügend vorhandenen Material nicht unterlassen , die an
Längsschnitten gemachten Beobachtungen durch Untersuchungen von
Querschnitten zu prüfen. Ich glaube den Grund so vieler wider-
streitender Ansichten älterer Autoren grade in der Unterlassung
jenes angegebenen ControUverfahrens zu finden.
Übersiclit über die uutersucliteu Arteu.
A v e s.
Natatores
Alca torda, Podiceps minor, Cygnus musicus, Pelecanus onocro-
talus.
Grallatores
Ardea cinerea., Grus cinerea, Fulica atra, Otis tarda, Ciconia
alba.
Gallinacei
Tetrao urogallus.
Columbinae
Columba domestica.
Scansores
Cuculus canorus, Sittace macao.
Passeres
Corvus frugilegus, Pyrrhula vvdgaris, Passer chloris, Loxia
curvirostra.
Raptatores
Buteo vulgaris, Falco tinnunculus, Otus vulgaris.
Cursores
Struthio camelus, Casuarius galeatus.
Anatomie des Herzens der Vögel und Keptilien. 127
R e p t i 1 i a.
Ophidia
Tropidonodus natrix.
Saurii
Chamaeleon vulgaris, Pseudopus Pallasii, Lacerta viridis et
agilis, Alligator lucius.
Chelonia
Emys europaea, Emysaurus serpentinus, Chelonia midas.
1. Abschnitt.
Das Septum veutriculorum.
Die Anlage der Kainmerscheidewand (Septum musculare oder
S. inferius, His) beginnt nach Lindes Op. cit. S. 9 „bei dem Vogel
als eine unter den übrigen Muskelbalken der inneren Ventrikelwand
stärker vorspringende Leiste, die von der Mitte des rechten Herz-
randes ihren Anfang nimmt. Sie besteht gleichsam aus 2 Schenkeln,
von denen der eine stärkere sich an der ventralen Wand, der andere
schwächere aber an der dorsalen befindet. Beide Schenkel erstrecken
sich von rechts und hinten nach links und vorn ungefähr gegen die
Mitte der das Ostium atri-ventriculare begrenzenden Lippen oder
etwas mehr nach rechts."
Später ist das Septum schon eine zusammenhängende Wand,
die dort einen spitzwinkligen Einschnitt trägt, wo die beiden Schenkel
zusammengetroffen sind. Diese Wand wächst in der Folge weiter
nach oben, vermag aber eine völlige Trennung der Ventrikel allein
nicht zu bewirken, vielmehr bleibt dicht an der Kammerbasis eine kleine
Öffnung erhalten, durch welche beide Kammern in Verbindung stehen.
In dieser Zeit beginnt die Bildung einer dritten Scheidewand des
Septum aorticum, welches nach seiner Vollendung den einfachen
truncus arteriosus in die Kanäle der Aorta und der Pulmonalarterie
scheidet. Beide münden noch in den rechten Ventrikel. „Die all-
endliche Scheidung" fährt Lindes fort ,, geschieht nun in der Weise,
dass das Septum trunci arteriosi, nachdem es sich bis an den rechten
Ventrikel erstreckt hat, in der Richtung von rechts nach links
weiterwächst, bis es den hinteren Rand der Lücke im Septum ven-
triculorum erreicht und mit ihm verschmilzt." Jetzt ist die Scheidung
der beiden arteriellen Kanäle vollendet und damit auch die der
Ventrikel. Die Lücke in der Muskelmasse des S. veutriculorum ist
also nicht verwachsen, sondern sie bleibt und bildet den Eingang in
die Aorta, welcher höher liegt, als der Ursprungsort der Pulmonalis.
Die angeführten Beobachtungen, welche von Lindes mit Hülfe
der Lupe an sehr jungen Vogelembryonen gemacht wurden, haben
in der Neuzeit durch die His'schen Untersuchungen menschlicher
Embryonen Bestätigung erhalten.
128 F. Rudolf Gascb: Beiträge zur vergleichenden
Wir ersehen aus ihnen, dass jenes Gebilde, welches man ge-
meinhin als Septnm ventriculorum bezeichnet, bei den Vögeln sowohl,
wie bei den Säugetieren zu einer bestimmten Zeit nur eine unvoll-
ständige Scheidewand bildet und erst später durch eine fremde
neu hinzutretende Bildung ergänzt und vervollständigt wird. In der
nachfolgenden Untersuchung wird der Ausdruck Septum ventriculorum,
der bei Lindes nur den Teil der Kammerscheidewand bezeichnet,
den His Septum inferius nennt, für die ganze Scheidewand ange-
wendet werden.
Das Septum ventriculorum erreicht unter den von mir unter-
suchten Tierarten bei den Krokodilen und Vögeln seine grösste Aus-
bildung, doch erkennt man bei den ersteren noch immer seine
Zusammensetzung aus verschiedenen Muskelpartien, während es bei
den Vögeln stets als ein einheitliches, fest gefügtes Gebilde auftritt
ohne Spalten und Hohlräume. Wohl hat man auch hier im linken
Ventrikel einzelne ,, Muskelbalken" beschrieben, es sind dies aber
weiter nichts, als einfache Wülste der Innenwand des Ventrikels oder
des Septum, die sich nicht mit den selbständigen Fleischtrabekeln
vergleichen lassen, die wir im Repitilienherzen finden. Dagegen
zeigen sich am hintersten Teile der Wand im rechten Ventrikel
äusserst unscheinbare kleine Muskelbündel, die schräg von der Innen-
wand der Kammer an das Septum treten und in ihm verlaufen.
Oft sind sie so fein und zahlreich, dass sie gradezu ein Fasernetz
zwischen Septum und Ventrikelwand bilden. Ihre Grösse und Zahl
wechselt mit der Art, auch sind sie bei einem Individuum stärker
und zahlreicher, als bei einem andern derselben Species. Bei Tetrao
fand ich die Bündel stark und kurz, doch nur in geringer Zahl,
desgleichen bei den Raptatores, zahlreicher waren sie bei Cuculus.
Bei den Grallatores treten schmale teilweis membranöse Muskel-
bänder in stärkerer Zahl (ca. 10 — 12) auf, bei den Natatores sind
nur noch sehr wenige Fasern muskulös und endlich bei den Passeres
fanden sich nur noch ganz feine Sehnenfäden vor. Bei weitem am
schönsten entwickelt sah ich die Muskelbündel bei Casuarius. Hier
zeigt ein grosser Teil der benachbarten ventralen Ventrikelwand an
der Innenfläche eine netzartige Struktur und entsendet Muskelbänder
zum Septum, die oft eine ganz beträchtliche Breite erreichen. Da-
gegen ist wiederum bei Struthio das ganze Trabekelsystem nur durch
sehr unscheinbare Sehnenfäden angedeutet. Ich glaube nicht fehl
zu gehen, wenn ich in diesen Muskelbündeln die Überbleibsel der
Trabekel vermute, von denen das Septum abstammt. Nach Lindes
erscheint das Septum anfangs nur als ein oder ein Paar solcher
Trabekel, welches in der Folge zu einer stärkeren Entwicklung ge-
langte. Die benachbarten Trabekel aber sind entweder mit dem
Septum verschmolzen und beim ausgebildeten Herzen nicht mehr zu
sehen, oder sie haben eine Reduktion erlitten und sind nur als die
vorhin beschriebenen Muskelbündel im rechten Ventrikel erkennbar.
Anatomie des Herzens der Vögel und Reptilien. 129
Darauf, dass eine Reduktion stattgefunden hat, deutet schon der
Umstand hin, dass die Trabekel nur bei wenigen Vogelarten noch
rein muskulös sind, während sie bei vielen zum Teil membranös er-
scheinen und bei manchen gar nur noch als dünne Sehnenfäden
vorhanden sind. Übrigens steht dieser Vorgang nicht vereinzelt da;
im Herzen mancher Reptilien, besonders mancher Schildkröten ver-
kümmern gleichfalls einige der das Herz quer durchsetzenden IMuskel-
lamellen, wenigstens in ihrem vorderen Teile uud Fritsch behauptet
mit Recht, dass die vielfach beschriebenen Sehnen-Fäden und -Netze
im Herzen jener Tiere die Stelle der Muskelfasern einnehmen, i)
Ahnliches habe ich besonders bei Emysaurus serpentinus, wo
sich die kurzen Quermuskelpin tten des Ventrikels in ein dichtes
Sehnengeflecht verwandeln, beobachtet. Das Septum ventriculorum
hat bei den Vögeln einen eigenthümlichen gewundenen Verlauf.
Indem es anfangs der ventralen Herzwand parallel geht, dann aber
umbiegt und parallel der rechten und dorsalen Herzwand zieht,
stellt es eine halbkreisförmige, nach aussen convexe Scheidewand
zwischen rechten und linken Ventrikel dar. Mit der ihm durchaus
homogenen und gleichstarken Wand des linken Ventrikels bildet es
einen starken muskulösen Hohlkegel, an dem der dünnwandige rechte
Ventrikel nur wie ein Anhängsel erscheint. Wie gesagt, ist die
Dicke des Septum eine beträchtliche, es ist gewöhnlich über doppelt
so stark, als die Wand des rechten Ventrikels und fast so stark,
wie die des linken.
Verhältnissmässig dünn fand ich es bei Alca, dagegen übertrifft
es bei den Cursores die linke Kammerwand an Stärke und erreicht
die vierfache Stärke der rechten.
Werfen wir nach diesen Bemerkungen einen Blick auf die ab-
gebildeten Längsschnitte durch das in Chromsäure gehärtete Herz
von Cygnus musicus, so sehen wir an Fig. la und Fig. Ib das
Septum in seinem ventral gelegenen Teile getroffen, dort, wo es nach
links hin mit der linken Herzwand zusammentrifft. Es zeigt sich
an diesem Schnitte deutlich die enge Verbindung zwischen dem
Septum und der genannten Wand. Die Muskelzüge gehen hier
dermassen in einander über, dass man nicht bestimmen kann, wo
die Wand authört und das Septum beginnt. Den weiteren Verlauf
des Septum ventriculorum und sein Enden in dem hnken Teile der
dorsalen Herzwand, illustrieren Fig. 2 a und 2 b -), die zugleich er-
weisen, dass der rechte Ventrikel nicht soweit zur Spitze hinter-
') Fritsch (Op. cit. S. 724).
„Man findet sie besonders da am stärksten ausgebildet (die Sehnenfäden),
wo verwandte Arten vollständigere Organe zeigen, also z. B. bei Emys irrigata,
deren Ventrikel eine sehr geräumige Höhle hat, während andere Schildkröten
ihn mit queren oder schwammigen Trabekel sj^stemen erfüllt zeigen, ferner bei
Psammos. griseus, indessen die sich daran anschliessenden Krokodile an Stelle
der Fäden eine geschlossene Scheidewand haben.
^) An merk. Fig. 2 b ist in Schräglage gezeichnet, nm einen bessern
Einblick in den rechten Vorhof zu gewähren.
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1888. Bd.I. H. 2. 9
l^Q F. Rudolf Gasch: Beiträge zur vergleichendeu
reicM, als der linke, und dass der Ursprungsort des Septum im
hinteren Teile der rechten Ventrikelwand gelegen ist. — Es ist in
der Einleitung erwähnt worden, dass (nach Lindes) an der Basis
der Kammern eine Öffnung in der Muskelmasse des Septum persi-
stire, welche zum Eingang in die Aorta wird. An diese Öffnung
sollte sich das Septum aorticum anlegen und wirklich hat His am
Herzen des erwachsenen Menschen die Spuren dieser Scheidewand
aufgefunden.
Um die Verhältnisse am • Herzen des Vogels zu untersuchen,
führte ich einen Querschnitt durch die Ventrikelbasis eines in Chroni-
säure gehärteten Herzens von Ciconia alba (Fig. 3). Das abgebildete,
hintere Stück zeigt auf der Schnittfläche rechts das Ostium venosum
dextrum, das sich als ein schmaler Spalt im Bogen nach der ven-
tralen Seite zieht. Etwas ventral und links gelegen erscheint das
Lumen des starkwandigen truncus pulnionalis und rechts davon der
Eingang zur Aorta, während das Ostium venosum sinistrum dorsal
gelegen ist. Das Septum ventriculorum erscheint auf dem Schnitte
nicht mehr als ein zusammenhängendes Ganze. Ihm gehören die
beidgn Muskelzüge an, deren Querschnitte auf der Figur der dorsalen
Umwandung der Aorta seitlieh anlagern. Zwischen ihnen befindet
sich eine Lücke, die aber nicht von der Aortenwand geschlossen
wird (wie es nach His beim Mensch der Fall ist), sondern von einer
häutigen Membran, einem Teile des ventralen Zipfels der Valvula
atrio-ventricularis sinistra. Hier reicht eben die Aorta nicht so
weit herab, als mit ihrem ventralen Teile, wo sie mit der Pulmonalis
und dem ventralen Teile des Ostium venosum dextrum zusammen-
trifft. Dies aber ist eben meiner Meinung nach die Stelle, wo die
Lücke des Septum durch sie verschlossen wurde. Auf der Figur
trennt die Wand der Aorta vom Ostium ven. dex. nur noch ein
schmaler Bindegewebsstreifen, der schon auf einem etwas mehr nach
vorn liegenden Schnitte verschwinden würde und für die Scheidung
der Ventrikelräume erst in zweiter Linie in Betracht kommt.
Der truncus pulmonalis zieht an der ventralen Seite der Aorta
vorbei (s. Fig. la) und liegt weiter hinten als das Ostium arter.
sinistrum. Die Aorta liegt nicht ganz vor diesem Ostium, sie senkt
sich vielmehr von der ventralen nach der dorsalen Seite und von
rechts nach links schräg in die linke Kammer ein. Diese Ver-
hältnisse erhalten später durch den Vergleich mit dem Reptilien-
herzen einen vergleichend-anatomischen Wert.
Der vordere Verlauf des Septum und der Urs^Drung der grossen
Gefässe lässt sich nach vorgenommener Orientirung am Querschnitt
auch an den abgebildeten Längschnitten leicht verfolgen. In Fig. 1 a
sehen wir am Öberrande des Septum links: zuei'st ein Stück vom
Atrium sinistrum, dann den truncus pulmonalis und daneben ein
Stück der ventralen Aortenwand. Hechts und unterhalb davon den
Eingang zur Pulmonalis. Fig. 1 b zeigt den Hauptteil des truncus
Aortae und es hat hier den Anschein, als ob in der That die Aorta
aus dem rechten Ventrikel emporstiege, soweit ist ihr Stamm schräg
Anatomie des Herzens der Vögel nnd Reptilien. 131
nach rechts verschoben (auf der Figur nach links). Das Stück der
Aortenwand, welches die Lücke im Septum schliesst, ist durch den
Schnitt geteilt, doch sieht man besonders an Fig. 1 b, wie der Aorten-
stamm schräg von vorn in das Septum gleichsam hineingekeilt ist.
Unterhalb dieser Stelle befinden sich einige kleme Spalten. Man
kann vielleicht annehmen, dass hier eine unvollständige Verbindung
des Hauptteiles der Scheidewand stattgefunden hat mit dem von
links kommenden Schenkel (m), dessen Fasern eine andere Richtung
aufweisen.
Das vordere Ende des Septum ventriculorum im dorsalen Teile
des Herzens ist in Fig. 2 a und 2 b abgebildet. Dort sehen wir das
Septum atriorum auf die Kamnierscheidewand auftreffen, jedoch
findet sich zwischen beiden eine Muskelleiste eingeschaltet, welche
nicht dem eigentlichen Septum ventricidorum anzugehören scheint.
Sie ist leicht von ihm ablösbar und ihre Fasern zeigen sich anders
verlaufend als die des Septum. Ich halte diesen Muskelvorsprung
seiner Entstehung nach für ein Gebilde des rechten Vorhofes und
werde ihn demgemäss in Zusammenhang mit den Venenklappen im
letzten Abschnitte behandeln und zu deuten versuchen.
Nach den Vögeln haben in der angegebenen Tierreihe die
Krokodile das am meisten entwickelte Septum ^). Obwohl dieses die
Kammern vollständig von einander trennt, so ist es doch bei weitem
nicht so fest und compakt, wie die Scheidewand der Vögel, es verrät
vielmehr deutlich seine Entstehung aus sich verbindenden und sich
kreuzenden Muskelbündeln und Muskelplatten und hat einen derartig
porösen, ja fast schwammigen Charakter, dass ältere Anatomen, wie
Cuvier, leicht auf den Gedanken verfallen konnten, dass es dem Blut
Durchtritt gewähre und somit nur eine unvollständige Scheidewand
darstelle. Das Trabekelsystem des Septum verläuft auch hier von
rechts hinten nach links vorn. Es bildet gewissermassen eine schiefe
Platte, die nicht nur von hinten nach vorn schräg steht, sondern
auch — besonders im vorderen Drittel des Herzens — von der
linken ventralen nach der rechten dorsalen Seite. Um diesen Ver-
lauf des Septum genau zu beobachten, durchschnitt ich ein Herz
von Alligator lucius parallel zur Oberfläche, so dass ungefähr ein
Viertel des Organes an der ventralen Seite abgetrennt wurde. Fig. 4 a
und 4 b stellen die ventrale und dorsale Schnittfläche dar. Die erste
zeigt links noch ein Stück des linken Ventrikels als schwache Furche,
rechts dagegen den rechten Ventrikel der auch hier, wie bei den
Vögeln ventral um den linken herumgreift. Man sieht das schräg
ziehende Septum auf die ventrale Ventrikelwand auftreffen (Fig. 4 a),
ferner erkennt man einen von der rechten Ventrikelwand hinten
entspringenden Muskelzug (m.), der nach links vorn verläuft und
dort mit dem Septum in Verbindung tritt. Mit der ventralen Wand
bildet er eine Art Rinne, den linken vorderen Teil des rechten
Ventrikels, den Fritsch als conus pulmonalis bezeichnet.
') Vergl. Bischoff, op. cit.
9*
132 F. Rudolf Gascli: Beiträge zur vergleichenden
Das Septum ventriculorum schärft sich in seinem vorderen Teile
nach der dorsalen Herzwand zu, um endlich ganz in eine grosse
häutige Klappe auszulaufen, welche an dem linken und ventralen
Umfange des Ostium atrioventriculare dextrum suspendirt ist') (siehe
Fig. 4 b). Die rechte Aorta, welche links neben diesem Ostium liegt,
steigt dorsal von der genannten Klappe schräg nach rechts aus dem
linken Ventrikel empor.
Man erkennt also an den Schnitten 2 wichtige Thatsachen:
1. Auch bei Alligator ist das eigentliche Septum ventriculorum
(S. inferius, His) nicht ganz vollständig, es zeigt viehnehr vorn
an der Ventrikelbasis in seinem dorsalen Teile eine Lücke,
welche durch die linke Atrio-ventrikular-Klappe geschlossen wird.
2. Die Blutbahnen des arteriellen und venösen Stromes kreuzen
sich und zwar so, dass der letztere ventral von dem ersteren liegt.
Wenn Lindes-) sagt: Die vollständige Scheidung der Kammern
bei den KrokodiUern kommt aber meiner Ansicht nach nicht dadurch
zu Stande, dass die Lücke im Septum ausgefüllt wird, sondern
ähnlich dem am Hühnchen beobachteten Vorgange vielmehr in der
Weise, dass der Kanal der Aorta dextra sich an jene Ijücke an-
schliesst und somit auch seinen Ursprung aus der linken Kammer
nimmt", so hat er dazu kein Recht, denn es reicht die Wandung
der rechten Aorta nicht so weit herab, dass sie etwa auf den Vorder-
rand des Septum ventriculorum aufstossen könnte. Die Betrachtung
der Verhältnisse auf Fig. 4 a und 4 b wird meinen AViderspruch
rechtfertigen.
Bei dem Krokodile sind nemlich die Stämme der arteriellen
Gefässe eng zu einem truncus arteriosus verwachsen, an dessen Basis
sich in der Höhe der semilunaren Klappen ein merkw^ürdiger Knorpel
findet, dessen Gestalt Figur 5 wiedergiebt. An diesem Knorpel
endigen die nach dem Ventrikel rückwärts ziehenden Scheidewände,
so dass ein Zusammentreffen derselben mit dem Septum nicht statt-
findet.
In Fig. 4 a sieht man, wie sich die rechte Wand der Pulmonalis
und die linke Wand der linken Aorta vereinigen und mit einem
Muskeltrabekel in Verbindung treten, welcher zu der Zahl der kleinen
fleischigen Wülste gehört, die hinter den Semilunarklappen der
Pulmonalis liegen, aber stärker, als die andern entwickelt ist (Fig.4a,w).
Ebenso sieht man die innere Wand der rechten Aorta, welche zugleich
rechte Wand der linken Aorta ist von vorn herabkommend auf eine
kurze Strecke (bei z) mit den vorhin genannten Wänden in Ver-
bindung treten und dann nach rechts hinten in dem Knorpelbogen
des foramen Panizzae enden. Fig. 4 a beweist also, dass nicht, wie
bei den Vögeln, das hintere Stück der Aortenwand dieses Gefäss von
dem venösen Herzteile abschliesst, und dass die rechte Aorta auch nach
') Diese Klappe wird von den Autoren entweder gemeinhin als Valv.
atrioventr. dextra bezeichnet oder als häutiges (membranöses) Segel aufgeführt,
^) Lindes, op. eit. S. 20.
Anatomie des Herzens der Vögel und Reptilien. 1 33
der rechten Kammer offen bleibt. Allerdings ist diese Öffnung, das
foramen Panizzae^), nicht sehr bedeutend, wenn man die Stärke des
Gefässes in Betracht zieht, aber sie ist constant.
Das foramen Panizzae ist also keineswegs ein Loch inmitten
der gemeinsamen Aortenwand, sondern es ist eine frei gebliebene
Öffnung hinter dieser Wand. Nur die ventrale Umrandung des
foramen Panizzae ist verknorpelt ^j (Teil a des grossen Knorpels),
während dorsal eine Membran nach Art einer Hängematte ausge-
spannt ist, die nach der ventralen Seite in die dorsale Semilunar-
klappe der linken nach der dorsalen in die ventrale Klappe der
rechten Aorta übergeht. Der Hinterrand des Loches ist in Fig. 5
durch eine punktirte Linie angegeben.
Wie Fig. 4 b gut wiedergiebt, ist die dorsale Klappe der linken
Aorta zwischen dem Hauptstück und dem rechten (Fig. linken) End-
stücke des Knorpels ziemlich straff ausgespannt; sie läuft nicht mit
der Peripherie des Loches parallel, sondern sie entfernt sich von
ihm in schräger Richtung. Dasselbe ist in analoger Weise bezüglich
der Richtung bei der Klappe der rechten Aorta der Fall und diese
Stellung der Klappen macht es unwahrscheinlich, dass sie, wie Brücke
glaubt, an die Gefässwand angedrückt das foramen verschliessen
können (vergl. Fritsch, Abschnitt über Litteratur S. 124).
Während bei den Krokodilen trotz dieser Mischung der Blut-
arten der Ventrikel mit einer vollständigen geschlossenen Scheide-
wand versehen ist, haben alle anderen bis jetzt.untersuchten Reptilien
ein Herz, dessen Räume — ich will sie nicht Kammern nennen —
mehr oder weniger unvollständig getrennt sind. Der Ventrikel dieser
Tiere ist allerdings stets von einer Anzahl Muskelplatten quer durch-
setzt, aber keine derselben kann den Namen eines Septum bean-
spruchen. Bei besonders günstiger Lage eines Längsschnittes kann
es wohl so scheinen, als ob durch diese oder jene der Muskelplatten
ein Raum fest abgegrenzt würde und sicher haben sich durch solche
zufällige Präparate die älteren Autoren zu entsprechenden Einteilungen
des Herzens bewegen lassen, aber der Anschein ist trügerisch. Bald
sehen wir desshalb den Ventrikel in 2, bald in 3 oder gar 4 Höhlen,
Zellen oder Kammern zerfallen, je nach Umständen hier ohne venöses,
dort ohne arterielles Ostium. Diese künstlich construirten Herz-
kammern werden mit Recht von Fritsch verworfen, der klar zeigt,
dass es in der That bei den Reptilien keinen rechten und linken
Ventrikel giebt^), sondern nur einen ventralen und dorsalen Raum,
die sich beide jedoch sehr wohl mit der rechten und linken Herz-
kammer der Krokodile und, ich glaube, auch der Vögel vergleichen
lassen.
Bei allen von mir untersuchten Reptilien (natürlich immer mit
Ausnahme der Krokodile) zeigte es sich, dass die zahlreichen mus-
') Vergl. Fig. IV bei Bischoff, op. cit.
^) Wenigstens war dies bei 7 von mir untersuchten Exemplaren der Fall.
^) Vergl. vorn im Abschnitt über Litteratur, S. 125.
134 F. Rudolf Gasclr. Beiträge zur vergleichenden
kulöseu Querplatten im Ventrikel an Grösse, Zahl und Ausbildung
stets schwankten, bei einem Tiere vielleicht sehr schön entwickelt
w^aren, dagegen bei einem nahe verwandten fast gänzlich fehlten.
Dagegen fand sich bei allen untersuchten Herzen ein schiefer Muskel-
zug (Brückes Muskelleiste) vor, der von der rechten, hinteren Seite
des Ventrikels entspringend, am Ostium arteriosum ausläuft. Er
grenzt überall einen kleinen ventralen von einem grösseren dorsal
liegenden Räume ab.
Als Schema für das Replilienherz Hesse sich also Folgendes
bestimmen: In der Mitte der Ventrikelbasis münden die Atrien, in
der rechten Hälfte der Basis entspringen die Gefässe; mehrere sehr
veränderliche muskulöse Querwände verbinden die ventrale und
dorsale Wand des Herzens, ein schiefer Muskelzug erscheint constant
in der rechten Herzhälfte.
Unter den Eidechsen scheint nach den Beschreibungen von
M. Edwards bei den Iguanen der genannte Muskelzug, den ich der
Einfachheit halber kurzweg als ,, Muskelleiste" bezeichnen will, hervor-
ragend entwickelt zu sein ^). Ich glaube aber, dass Edwards etwas
zu weit geht, wenn er behauptet, dass bei Iguana durch die Muskel-
leiste 2 Kammern mit besonderen arteriellen und venösen Ostien
getrennt werden, denn dann müssen die Ostia venosa hier viel weiter
nach links liegen, als bei allen anderen Eidechsen. Eine solche
aussergewöhnliche Lagerung wird aber weder von Edwards noch von
einem anderen Forscher beschrieben oder abgebildet. Würde die
Darstellung von Edwards ganz richtig sein, so wäre die Muskelleiste
als solche der Repräsentant des Septum ventriculorum der Krokodile
und Vögel. Wir werden später sehen, dass diese Parallelisirung
nicht in jeder Hinsicht richtig ist.
Der ventrale Raum, der die Mündung der Pulmonalis und der
linken Aorta enthalten soll, ist bei Iguana sehr umfangreich, ähnlich,
wie bei Psammosaurus griseus. Sein Verhalten berechtigt uns, ihn
als Repräsentanten des ventralen oder rechten Ventrikels der Krokodile
anzusehen.
Bei den von mir untersuchten Eidechsenherzen entsteht die
Muskelleiste überall durch die Vereinigung zweier rechts und ventral
im Ventrikel entspringenden Schenkel, die dann gemeinsam nach
links in dorsaler Richtung nach vorn ziehen und auch von links her
durch einige der schon erwähnten muskulösen Querplatten unter-
stützt werden. Am weitesten reicht die IMuskelleiste bei Pseudopus
nach hinten, weniger Aveit bei Lacerta und Chamaeleon, wo sie
überhaupt nur aus einem Muskelbündel besteht. Ihr Rand war
überall etw^as umgeschlagen; die Querplatten, von denen eine als
Septum betrachtet zu werden pflegt (es ist allerdings oft eine dieser
Platten, welche in der Verlängerung des Septum atriorum liegt,
stärker entwickelt), reichen bei Lacerta an der dorsalen Herzwand
bis hinauf zur Ventrikelbasis und lassen auch ventral nur einen
1) Edwards, op. cit. S.423.
Anatomie des Herzens der Vögel und Keptilieu. 135
schmalen Kanal frei, der, wie Fritsch gezeigt hat^), aber niemals
durch die beiden inneren Atrio-ventrikularklappen geschlossen werden
kann. Bei Pseudopus und nochniehr bei Chamaeleon erweitert sich
dieser Kanal zu einer flachen, beckenförmigen Vertiefung, indem die
Platten nur bis Vs beziehentlich V2 der Ventrikellänge nach vorn
reichen.
Ebenso, wie bei den Eidechsen, fand ich die Verhältnisse bei
Tropidonodus natrix, nur ragen hier die Muskelplatten weiter im
Ventrikel nach vorn und sind weniger zahlreich. Diejenige, welche
am stärksten entwickelt, das sogenannte Cavum arteriosum der
Autoren begrenzt, entspringt von der linken hinteren Ventrikelwand
und tritt vorn mit der Muskelleiste in Verbindung. Diese reicht
weiter nach der Spitze hinab, als bei den Eidechsen und ist schmaler
und mehr ventralwärts umgeschlagen. Auf dem Querschnitte zeigt
sie sich aus 4 — 5 schmalen Äluskelsäulchen zusammengesetzt, die an
ihrer Oberfläche eine gemeinsame häutige Ueberkleidung tragen.
Von dem Herzen eines Python giebt uns Jaquard eine ausführliche
Beschreibung-), in der er nach der Erwähnung der Muskelleiste das
Folgende sagt: ,,Der Conus pulmonalis oder der untere Teil des
rechten Ventrikels vertritt hier das ganze rechte Herz. Der obere
Kammerteil der Autoren ist nur ein abgetrenntes Stück des linken
Herzens. Wie bei den Säugern greift also hier der linke Ventrikel
nach hinten in den rechten über, während vorn der rechte den
linken bedeckt." Mit diesen Worten hat Jaquard eine Ansicht aus-
gesprochen, die erst in neuerer Zeit durch Fritsch als richtig aner-
kannt worden ist. Übrigens hat schon ein älterer Forscher, Schlemm,
die Muskelleiste^) im Herzen von Boa constrictor beschrieben und
ihre Zusammensetzung aus kleinen Bündeln geschildert.
Auch bei den Schildkröten ist die Muskelleiste constant, wenn
auch der Raum, den sie als ventralen Teil abtrennt, in seiner Grösse
schw^ankt. Am schönsten und stärksten fand ich sie bei Chelonia
Midas*^) entwickelt wo sie ausserordentlich breit ist und nach hinten
fast bis zur Spitze reicht. An dieser befinden sich einige kleinere
Lücken. Der schmale Zugang zu dem ventralen Räume, welcher hier
grösser ist, als die dorsalen Hölllungen, wird von der Seite her ver-
engt durch ein starkes Muskelbündel der ventralen rechten Ventrikel-
wand'').
Die muskulösen Querplatten treten nicht als solche auf, sie
bilden vielmehr ein dicht verzweigtes, schwammiges Gewebe, welches
') Fritsch, op. cit. S. 725
^) Jaquard, op. cit. S. 336 und S. 329.
^) Schlemm, op. cit., S. 104.
*) Vergl. die Abbildung in Carus & Otto, Tabul. anatom. compar. illustr.
pars VI. pl. 5. Fig. 4.
^) Brücke (opt. cit. S. 2) sagt darüber bei Emys europaea: diesem Rande
(der Muskelleiste nemlich) gegenüber liegt ein Fleischpolster, welches ihr während
der Kammersystole genähert wird.
136 F. Rudolf Gasch: Beiträge zur vergleichenden
nur hinter den Atrioventrikularklappen einen unbedeutenden Raum
frei lässt und links vorn von einigen Gängen durchsetzt ist.
Bei Emys europaea ' reicht die Muskelleiste nicht so weit nach
hinten, wie bei Chelonia. Sie entspringt mit 2 Schenkeln und
schliesst nur einen Ideinen Raum ab, der einen weiten Zugang be-
sitzt. Die muskulösen Querplatten sind zahlreich und wohl von
einander abgegrenzt. Sie lassen zwischen sich und vor ihrem Vorder-
rande ein sehr geräumiges Cavum frei. Wiederum andere Verhält-
nisse hat das Herz von Emysaurus. Die Muskelleiste erscheint hier
als ein schmales nach hinten fächerförmig ausstrahlendes Band,
welches hinten und an der Seite Zugang zum ventralen Räume
lässt, der hier mehr rechts, als ventral gelegen ist, da die Leiste
eher dorsal als seithch entspringt. Die äusserst zahlreichen Quer-
platten erscheinen als schmale, nach vorn meist in ein Fasernetz
übergehende Blätter, die von einer schräg von der dorsalen nach der
ventralen Seite verlaufenden teils muskulösen, teils membranösen
Platte quer durchsetzt werden. An ihrem rechten Ende ist diese
Platte schwach nach vorn umgebogen und an der rechten Atrioven-
trikularklappe befestigt. 2 starke nach vorn convergirende Muskel-
züge der rechten Ventrikelwand vertreten das Brückesche Muskel-
polster.
Es erübrigt noch, das Verhältniss der Muskelleiste zum Ostium
arteriosum darzustellen, neben dem sie ihr Ende findet. Besonders
auffallend erscheint dies Verhältniss bei den Schildkröten. Schon
Boianus ') hat gezeigt, dass diese Leiste bei Emys europaea in einem
kegelfbnnigen Knorpel endet, der zwischen den Ostien der Aorta
und Pulmonalis mit der Basis nach vorn liegt. Ich fand diesen
Knorpel hinten fein gezackt, während ihn Boianus mit einer ein-
fachen Spitze abbildet. Brücke legt ihm grosse physiologische Be-
deutung bei und lässt ihn bei der Systole die Öffnung der Pulmonalis
verschliessen. Dieser Knorpel, den ich in etwas flacherer Gestalt auch
bei Emysaurus gefunden habe, trennt auch die linke Aortenöffnung,
welche mehr nach der ventralen Seite liegt, als die rechte, von der
Pulmonalis. Bei Chelonia, bei der die linke Aorta noch mehr ven-
tral, rechts neben der Pulmonalis 2) liegt, fehlt der Boianussche Knorpel.
') Boianus, op. cit.
^) Brücke (op. cit. S. 5) behauptet, dass Cuvier mit Unrecht eine gemein-
same „Mündung" der Arterien bei den Landschildkröten annehme. Vergl.
dazu Cuvier, op. cit. seconde edition 1839, t. sixieme, p. 308, wo es in der An-
mei'kung heisst: ,,Je vieus d'examiner de nouveau le coeur de la tourtue grecque
et celui de la tortue coui, les aortes ont chacune leure embouchure separee, elles
sont egalement distinctes dans le trionyx aegyptiacus Geoffr." Anders Treviranus,
der hierüber sehr sonderbare Angaben macht, die einer Bestätigung noch be-
dürfen, er sagt (op. cit. S. 6): „Bei Emys ceutrata vereinigen sich die beiden
aufsteigenden Arterien mit den Lungenschlagadern und die beiden absteigenden
Aorten mit einander, so dass es in dem Bulbus nur 2 Mündungen giebt" und
dann später „Bei Caretta imbricata hat die eine absteigende Aorta eine gemein-
schaftliche Mündung mit den Lungenschlagadern, die andere entspringt gemein-
schaftlich mit den aufsteigenden Arterien."
Anatomie des Herzens der Vögel und Reptilien. 137
Nicht unerwähnt will ich lassen, dass jenes Muskelpolster,
welches rechts den Zugang zur Pulmonalis begrenzt bei Emys euro-
paea oft eine kleine Knorpelplatte trägt, welche dem Boianus'schen
Knorpel gegenüber liegt. Bei 7 von mir untersuchten Exemplaren,
fand ich dieselbe bei zweien. Eines der Exemplare, denen sie fehlte,
wurde mikroskopisch untersucht und zeigte an der betreffenden Stelle
das Muskelpolster von starkem Bindegewebe bedeckt. Man kann
vielleicht annehmen, dass diese Bindegewebsschicht bei zimehmenden
Alter verknorpelt, zumal auch der Boianus'sche Knorpel bei bejahrten
Exemplaren einen Knochenkern zeigt.
Um die Lagerung der arteriellen Ostien bei den Schlangen
genau zu sehen,, legte ich durch den entsprechenden Herzteil von Trop.
natrix Querschnitte, von denen die 3 Figuren (Taf. XII, Fig. B a, 6 b, 6 c)
schematische Bilder geben. Auf dem hintersten Schnitte (Fig. 6a)
sieht man den umgebogenen Rand der Muskelleiste in das Lumen
eines Kanales hineinragen, der beim nächsten Schnitte (Fig. Gb) durch
die nach hinten reichende Aortenwand geteilt erscheint, während
erst der vordere Schnitt (Fig. 6c) eine Scheidung zwischen linker und
rechter Aorta aufweist. Daraus geht hervor, dass die Aorten ein
gemeinsames Ostium besitzen, indem die Wandung zwischen ihnen
nicht bis zum Ende der Muskelleiste nach hinten reicht. Man sieht
aber auch an den Abbildungen, dass der Zugang zur linken Aorta
ventral gelegen ist von dem Ostium der rechten und neben dem
Eingange der Pulmonalis.
Dieselben Verhältnisse fand ich bei Lacerta, Pseudopus und
Chamaeleon. Bei dem Letzteren wird die Muskelleiste in ihrem
vorderen Teile membranös.
Es ist nicht meine Aufgabe festzustellen, wie aus dem Herzen
niederer Reptilien das Alligatorherz und aus diesem etwa das Vogel-
herz entstanden ist. Diese Frage kann meinem Erachten nach nur
durch eine entwicklungsgeschichtliche Untersuchung entschieden
werden. Wohl aber mag es erlaubt sein, auf Grund der anatomi-
schen Befunde die Beziehung dieser verschiedenen Bildungen mit
einigen Worten zu erörtern.
Bei der Entwicklung der Vögel und Reptilien wird es in früher
Zeit vermutlich eine Periode geben, zu welcher die Herzen beider-
seits äusserst ähnhch erscheinen. Zu dieser Zeit, so darf man an-
nehmen, ragen beim Vogel ia das Lumen des noch ungeteilten
Ventrikels — ein Zustand, wie er sich bei manchen Reptilien
dauernd erhält — einzelne Muskelleisten hinein, die wohl als Bau-
steine des späteren Septum ventriculorum in Anspruch zu nehmen
sein dürften. Denn nicht aus einer einzigen Muskelleiste entwickelt
sich das Septum, sondern aus mehreren, i) Die Verhältnisse des
Reptilienherzens lassen kaum eine andere Auffassung zu. Mag man
Vergl. Einleitung zu diesem Abschnitte.
Iä8 F. Rudolf Gasch: Beiträge zur vergleichenden
aus physiologischen Gründen vielleicht berechtigt sein, die ,, Muskel-
leiste" der Eidechsen, Schlangen und Schildkröten mit
dem Septum ventriculorum der Krokodile und Vögel zu
vergleichen, weil sie eine — relative — Scheidung der Blutarten
bewirkt, so kann man sie doch anatomisch nach Lage und
Ausbildung nur einem Teile jener Scheidewand gleich-
stellen.
Zu dieser Schlussfolgerung gelangt man auch auf construktivem
Wege, wenn man es unternimmt, den unvollständig geteilten Ven-
trikel z. B. einer Schlange in zwei durch eine vollständige Scheide-
wand getrennte Ventrikel umzuformen. Würde man dies einfach
dadurch zu erreichen suchen, dass man den freien Rand der Muskel-
leiste bis zur gegenüberliegenden Ventrikelwand verlängert, so er-
hielte man wohl einen dorsalen Raum mit 2 venösen Ostien und
einer — resp. zwei — arteriellen Oeffnung, damit aber auch einen
ventralen mit bloss arteriellen Ostien, einen Raum also, den man füg-
lich als einen Ventrikel nicht betrachten kann. Man sieht daraus,
dass eine stärkere Entwicklung der Muskelleiste für sich allein nie-
mals im Stande sein wird, die Entstehung zweier Kammern zu er-
möglichen.
Die Construktion von Fritsch, welcher die arteriellen Ostien
von rechts nach links sich verschieben lässt (vergl. die liter. Ueber-
sicht), giebt nach meiner Ansicht den natürlichsten und einfachsten
Weg einer Weiterentwickelung an. In der That findet auch eine
ähnliche Verschiebung bei der Herzentwicklung der Vögel statt,
wie die Abbildungen der Lindesscheu Arbeit ausser Zweifel stellen.
An dem embryonalen Herzen der ersten Zeit hegt der Vorhofsteil
mit den Venenmündungen links, der Aortenbulbus aber, durch dessen
Teilung später die arteriellen Gefässstämmme entstehen, rechts. Bei
fortschreitender Entwicklung verändert sich nun die Lagerung dieser
Teile derart, dass der Aortenbulbus nach links vorgeschoben wird
und die venösen Ostien dorsal zu liegen kommen.
Verfolgen wir nun das Schicksal der Muskelleiste bei der Ver-
schiebung, so ist es klar, dass dieses Gebilde durch den erwähnten
Process nach der Mitte des Ventrikels gelangt, dort, wo mehrere
starke Muskelbalken zu beträchtlicher Höhe nach der Ventrikelbasis
emporsteigen (bez. nach vorn reichen). Einer dieser Balken, welcher
gewöhnlich besonders stark entwickelt ist, liegt ungefähr in der Ver-
längerung des Septum atriorum nach hinten zu und lässt an der Ven-
trikelbasis oft nur eine kleine Öffnung frei. Einzelne Beobachter, welche
diese Öffnung während der Contraktion der Vorhöfe durch die Atrio-
ventrikularklappen verschlossen werden lassen, betrachten den ge-
nannten Balken als alleinigen Repräsentanten des Sept ventriculorum.
Es muss aber — die Richtigkeit der Fritscheschen Annahme vor-
ausgesetzt — die Muskelleiste mit diesem Balken vereinigt
das Septum bilden, während die Ventrikelteilung im vorderen Teile
durch das mit dem Aortenbulbus an diese Stelle verschobene Septum
aorticum zu Stande kommen würde. Ich glaube, dass diese Art der
Anatomie des Herzens der Vögel und Reptilien. 139
Construktion, welche den Befunden der Entwicklungsgeschichte ent-
spricht, den Verlauf der phylogenetischen Entwicklung des Reptihen-
herzens naturgemäss veranschaulichen dürfte. ■ —
Ich habe bei diesen Betrachtungen das vollständig — bis auf
das foramen Panizzae — geteilte Krokodilsherz ausser Acht gelassen.
Nun aber erscheint die Frage berechtigt, wie die angegebene Con-
struktion mit dem Baue dieses Herzens in Einklang gebracht werden
kann, und welcher Teil des Septum ventriculorum hier die Muskel-
leiste der andern Reptihen vertritt?
Was zuerst die Lagerung der arteriellen Ostien anbetriift, so
habe ich schon früher erwähnt, da'^s dieselbe der beim Vogelherzen
gleicht, d. h. die genannten Ostien ^ffen nicht, wie bei den übrigen
Reptilien rechts neben den venösen «jstien, sondern an deren ven-
traler Seite, allerdings immer noch etwas nach rechts gerichtet.
Wir müssen also annehmen, dass bei der Entwicklung des Krokodils-
herzens eine Verschiebung bereits stattgefunden hat, und müssen
demgemäss auch die Reste der Muskelleiste in der Nähe des Septum
ventriculorum oder am Septum ventricul. aufsuchen. Nicht mit Un-
recht hält nun Fritsch (op. cit. S. 721) einen Vorsprung in der
rechten Kammer des Krokodilsherzens, den ich schon oben bei der
Beschreibung des Septum ventricul. von Alligator lucius als eigenes
Gebilde angeführt habe, für ,,die unvollkommene mit dem Septum
verwachsene Muskelleiste anderer Genera." Auf Fig. 4a lässt sich
der Ursprung und das Aufsteigen, auf Fig. 4b der vordere Verlauf
dieses rechts von der Hauptmasse des Septum gelegenen Muskel-
zuges (m) deutlich verfolgen. Ebenso, wie es die Muskelleiste zu
thun pflegt, ist auch die in Frage kommende Muskelpartie — be-
sonders in ihrem vorderen Teile — rinnenförmig umgebogen, so
dass sie der genannten Leiste nicht nur der Lage nach — hinter
dem Eingange zur Pulmonalis — entspricht, sondern auch zum Teil
der Form nach.
Ich habe schon öfters erwähnt, dass bei den Eidechsen (auch
bei Schlangen und vielen Schildkröten) die Längsbalken oft stark
entwickelt sind, aber höchstens im ventralen Teüe des Ventrikels
eine Trennung herbei führen. In analoger Weise ist auch beim
Alligator das Septum ventricul. ventral am stärksten entwickelt,
nach der dorsalen Seite aber verjüngt. Die Öffnung, die es dort
an der Ventrikelbasis frei lässt, ist nicht, wie man es nach Analogie
der Vögel erwarten Ivönnte, und wie es auch wirklich ein Forscher i)
vermutet hat durch das Septum aorticum geschlossen, sondern durch
einen Teil der membranösen Atrioventrikularklappe des rechten
Ventrikels. Wie es kommt, dass hier das Septum aorticum nicht
die erwähnte Funktion übernimmt, ist schon oben dargelegt worden.
Man erkennt aus dem Gesagten, dass sich auch das Krokodils-
Herz trotz mancher Verschiedenheiten sehr wohl der Reihe der
•) Der oben schon erwähnte Lindes,
140 F. Rudolf Gasch : Beiträge zur vergleichenden
übrigen Reptilienherzen anfügen lässt, als das Organ einer höher
entwickelten Art, dessen Bau schon vielfach auf die Einrichtungen
des Vogelherzens., hinweist. Während aber der vergleichende Anatom
die Art eines Überganges vom Herz der übrigen Reptilien zum
Krokodilsherzen wenigstens anzudeuten im Stande ist, vermag er
ohne umfassende embryologische Untersuchungen die Kluft zwischen
Krokodilsherz und Vogelherz nicht zu überbrücken. —
2. Abschnitt.
Das Septum atriorum und die Mündung der Vena pulmonalis
in das Atrium sinistrnm.
Das Septum atriorum, welches ich bei allen untersuchten Vögeln
und Reptilien als eine vollständige, defektlose^) Scheidew-and ange-
troffen habe, trennt den Vorhofsraum in einen grösseren rechten Vor-
hof und einen kleineren linken. Die Volumina derselben verhalten
sich ungefähr, wie 5 : 3. Am relativ grössten fand ich den rechten
Vorhof bei Emysaurus und unter den Vögeln bei den Raptatores,
während er bei den Krokodilen nur wenig den linken an Umfang
übertrifft und bei den Passeres sogar etwas kleiner, als dieser ist.
Das Septum atriorum erscheint bei den Reptilien zumeist als eine
dünne Membran, deren Verlängerung nach hinten den Ventrikel in
2 Hälften teilen würde. Es beginnt ventral entweder an der linken
Seite der dorsalen Wand der arteriellen Gefässstämme, welche von
den Atrien umfasst werden und dieselben also gewissermassen im
ventralen Teile scheiden, oder direkt an der ventralen Wand der
Vorhöfe. Das Erstere ist häufig der Fall bei Schlangen und auch
Eidechsen, das Letztere fand ich bei Krokodilen und Schildkröten.
Bei den Schlangen (Trop. natrix.) wird die Trennung der Atrien
im ventralen Vorhofsteile nur durch die zwischen liegenden Gefäss-
stämme, an welchen auch die musculi pectinati inseriren, bewirkt;
das Septum atriorum schliesst sich dorsal und seitlich an diese
Stämme an. Bei Pseudop. Pallasii liegt der Gefasstrunkus getrennt
vom Vorhofe, welchen das Septum allein teilt. Bei den Schildkröten
hat sich ebenfalls der Zusammenhang zwischen den eng verwachsenen
Gefässen und den Atrien ganz gelöst, während bei den Krokodilen
noch ein kleiner Teil der hinteren ventralen Wand mit dem truncus
arteriosus in Verbindung steht. Die Vögel zeigen hier ähnliche
Verhältnisse, wie Eidechsen und Schlangen, denn auch bei ihnen
treten die Gefässstämme ziemlich weit in den Vorhofsabschnitt
hinein.
Ich nannte vorhin das Septum der Reptilien membranö s. Das-
selbe zeigte sich in der That überall von dieser Beschaffenheit und
0 Das Vorhandensein einer durchbrochenen Vorhofsscheidewand vmrde von
Munniks (Observationes variae, Groningue 1805, p. 43) bei Terrapene tricarinata
und von Treviranus (op. cit.) bei Terrapene clausa constatiert.
Anatomie des Herzens der Vögel und Reptilien. 141
sogar bei grösseren Tieren, wie Alligator und Emysaurus von auf-
fallender Zartheit. Die einzige Ausnahme bildete Chelonia midas,
wo zahlreiche Muskelfasern der Scheidewand der zwar kleinen aber
muskulösen Vorhöfe eine bedeutende Festigkeit verleihen.
In den meisten Fällen ist bei Vögeln und bei Reptilien das
Septum schräg gestellt von der linken ventralen nach der rechten
dorsalen Wand, so dass der linke Teil des rechten Vorhofes ventral
von dem rechten Ted des linken Vorhofes zu liegen kommt.
Das Septum der Reptüien ist, wie gesagt, einfach membranös,
nicht so das der Vögel. Bei einer genauen Betrachtung der Vor-
hofscheidewand der Vögel wird man die Beobachtung machen, dass
dieselbe aus 2 Teilen besteht, einem zarten membranösen Teile und
einem stärkeren von elastischer Beschaffenheit. Dieser letztere
nimmt bei den meisten Vögeln die Hauptfläche der Scheidewand
ein und erscheint schon beim ersten Blicke als eine Verlängerung
der Wand der Vena pulmonalis in das Cavum des Vorhofes hinein.
Fig. 2 a und 2 b geben ein Bild von Atrien und Septum atriorum.
Man sieht dieses in Fig. 2 a von der vorderen Wand der Atrien
senkrecht herabsteigen und dann in einem scharfen Winkel nach
rechts abbrechen und im Bogen nach hinten zum Sept. ventr. ver-
laufen. Jener senkrechte Abschnitt entspricht dem ersten der vor-
hin von mir unterschiedenen Teile. Er ist bei allen Vögeln vor-
handen, oft länger, oft kürzer, und bleibt stets membranös selbst
bei Casuarius und Struthio, wo der übrige Teil des Septum muskulös
wird. Er entspricht allein dem einfachen membranösen Septum
atriorum der Reptilien, welches ja auch einen geradlinigen Verlauf
hatte. Dass diese Membran auch bei den Vögeln im Stande ist, das
Septum allein zu bilden, das beweist das Herz der Passeres (Loxia,
Pyrrhula, Cornix), wo die Scheidewand eben nur ein dünnes, mem-
branöses Quersegel ist, das in der Verlängerung des Septum ventr.
liegt. Es würde dies also ein Zustand sein, wie er nach den —
oben erwähnten — Beobachtungen von Lindes sonst nur im em-
bryonalen Vogelherzen vorhanden ist. Da ich die Entwickelung des
Septum atr. in späteren Stadien — denn nur solche kommen hier in
Betracht — nicht untersucht habe, so bin ich nur im Stande über
die Umwandlung, welche der hintere Teil des Septum atr. erfährt,
Vermutungen auszusprechen.
Wenn man die Innenfläche des linken Vorhofes eines Vogel-
herzens (vergl. Fig. 2 b) betrachtet, so unterscheidet man schon auf
den ersten Blick hin 2 Teile: einen linken vorderen Teil (in der
Figur 2b rechts oben), der von zahlreichen musculi pectinati um-
gürtet ist und einen glatten Teil, welcher rechts und nach hinten
(Fig. 2 b links unten) liegt. Beide Teile trennt ein in das Vorhofs-
lumen einragender Vorsprung, der bald membranös oder elastisch,
bald mehr muskulös erscheint und nach links und hinten hin mit
dem m. m. pectinati des vorderen Teiles in Verbindung tritt, um
schliesslich über dem Vorderrande der linken Ventrikelwand zu enden.
Dieser klappenartige Vorsprung, den ich auch in der „Vergleichenden
142 F. Rudolf Gasch: Beiträge zur vergleichenden
Anatomie" von Siebold ii. Stanniiis und bei Cuvier^) erwähnt ge-
funden habe , entspringt , wie auf Fig. 2 b deutlich zu sehen ist,
dort, wo der membranöse vordere Teil des Septum auf den gebogenen
hinteren auftrifft, als eine direkte Fortsetzung des letzteren. Diese
Verhältnisse erinnern auffällig an die Beschreibung, die His vom
rechten Atrium des menschlichen Embryo giebt (vergl. Einleitung
zu Abschnitt 3). Auch dort findet sich eine Teilung des Vorhofes
in einen muskulösen Teil und einen glatten Teil (rechtes Hörn des
eingestülpten saccus reuniens). Sollte nun nicht auch, wie es durch
F. Schmidt-) Bidrag til kunds haben om Hjertets Udviklingshistorie.
Nordiskt Mediciniskt Arkiv. Vol. II. 1870) beim menschlichen Embryo
nachgewiesen ist, beim Vogel die Lungenvene in den linken Vorhof
hineingezogen worden sein? Diese Erscheinung wäre dann der von
His beschriebenen Einstülpung des saccus reuniens in den rechten
Vorhof analog und würde auch nicht den gewissenhaften Angaben
von Lindes widerstreiten, da die Entwicklung einer Vena pulmonalis
bei den von Lindes untersuchten Herzen noch nicht stattgefunden
hatte.
Durch das Hereinziehen der V. pulmonalis ist nun, so muss man
weiter annehmen, das schwache Sept. atr. zur Seite gebogen, und
durch das starke Wachsthum der Venenwandung noch mehr nach
rechts gedrängt worden, so dass es schliesslich in seinem hintern
Teile mit der rechten Venenwand verwachsen konnte, während die
linke Venenwand, als klappenartiger Vorsprung persistirte. Eine
genaue Betrachtung der geschilderten Verhältnisse auf Fig. 2 b wird
meine Darstellung rechtfertigen. Mit Ausnahme der schon erwähnten
Passeres hat nun das Sept. atr. überall einen ähnlichen Verlauf,
wie bei dem Schwanenherzen (Fig. 2 a und 2 b). Der Winkel zwischen
dem vorderen und hinteren Teile ist gewöhnlich ziemlich spitz, so bei
Tetrao, Cuculus, Struthio, stumpf erscheint er bei Podiceps, Fulica,
Columba. Der hintere Teil besteht gewöhnlich aus elastischer Sub-
stanz, doch bei einigen grösseren Arten, wie bei ütis, Struthio,
Casuarius erscheint er stark muskulös. Bei diesen Arten sind über-
haupt die Vorhofswandungen sehr fleischig, ähnlich, wie bei Chelonia
Midas unter den Schildkröten.
Der vordere membranöse Teil ist bei Struthio, bei Alca und
Columba sehr lang, kürzer bei Grus, Cygnus und Tetrao und end-
lich bei Otis tarda gar nicht vorhanden, indem hier der hintere
Teil sehr hoch hinaufragt und sich dann gleich in die linke Vor-
hofswand umschlägt.
Ebenso, wie das Septum selbst, erleidet auch der von ihm
ausgehende klappenartige Vorsprung mehrfache Veränderungen. In
^) Cuvier, op. cit S. 229 sagt über den linken Vorhof: (sa cavite) est separee
par une demi-cloison musculeuse de l'entree des veines pulinonaires, de sorte que
le sang n'y peut y arriver que par un reflux.
^) In den öfters erwähnten Arbeiten von His u. Lindes habe ich über die
fraglichen Verhältnisse keine Angaben gefunden.
Anatomie des Herzens der Vögel und Reptilien. 143
den meisten Fällen bestellt er, wie der hintere Abschnitt des Septum,
aus elastischer Substanz. Sein scharf zugespitzter Rand, der in den
Vorhof hineinragt, ist gewöhnlich fein membranös.
Bei den Natatores und Grallatores ist der Vorsprung am besten
entwickelt, bei Struthio sehr lang und membranös, bei Casuarius
kurz und muskulös. Den Passeres fehlt er. Die Pulmonalis mündet
hier sehr weit von rechts, direkt hinter dem schräg ausgespannten
Atrien -Septum. Bei Otis ragt der Vorsprung, als membranös zu-
gespitztes, fleischiges Segel von vorn in das Atrium hinein. Der
glatte Raum des Vorhofes liegt dorsal und rechts, der kleine mus-
kulöse ventral und links. Übrigens finden sich auch bei Otis, wie
bei den meisten anderen Vögeln, die 2 Mündungen der venae pul-
monales^) sehr nahe neben einander. Eine Ausnahme machen in
dieser Beziehung Alca und Fulica, wo ich die Mündungen in ziemlicher
Entfernung getrennt von einander fand.
Um wieder auf den klappenartigen Vorsprung zurückzukommen,
so kann man diesen mit Recht als das Substitut einer Klappe der
Vena pulmon. betrachten, denn bei der Contraktion der Atrien fliesst
dass Blut aus dem vorderen muskulösen Vorhofsteile über den dach-
artig gesenkten Vorsprung in das Ostium venosum sin. und kann
nicht in die Pulmonalis zurückströmen. Diese Letztere aber braucht
schon darum kernen weiteren lOappenapparat, weil sie in ihrer
schrägen Einmündung von rechts her dorsal vom Septum eine natür-
liche Schutzvorrichtung besitzt.
Ehe ich das Herz der Vögel verlasse, muss ich noch erwähnen,
dass ich am Septum atriorum nie eine Vertiefung oder Einsenkung
bemerkt habe, w^elche der fossa ovalis der Säuger entsprechen könnte,
Owen (op. cit.) erwähnt bei der Beschreibung des Casuarherzens
eine fossa ovalis, desgleichen auch M. Edwards (op. cit. S. 455).
Letzterer giebt aber keine Andeutung, an welcher SteUe des Septum
atriorum die von ihm erwähnte ,,depression appelee fosse ovale" zu
suchen sei.
Ich glaube umsomehr annehmen zu können, dass eine fossa
ovalis beim Vogel überhaupt nicht vorhanden ist, als die zuverlässigen
Beobachtungen von Lindes das Vorhandensein eines foramen ovale
beim Vogelembryo sehr zweifelhaft machen. Der genannte Forscher
beschreibt beim Embryo des Huhnes das eben gebildete Septum
atriorum als eine trichterförmig in den linken Vorhof hinüberragende
Membran, die in ihrer Mitte netzartig durchbrochen sei. Ein ei-
förmiges Loch, welches später durch eine der Valviüa sinistra der
Säuger (His) entsprechende Klappe geschlossen wird, Hess sich nicht
auffinden. Der Verschluss der dasselbe vertretenden Lücken ge-
schieht, seiner Ansicht nach, durch ,, festere sehnenähnliche Fäden".
') Da die beiden Venae pulmonales des Vogels sich beim Eintritt in den
Vorhof vereinigen, auch der Kanal, dessen Wandungen sich an der Bildung des
Septum und des Vorsprunges beteiligen, beiden gemeinsam ist, so habe ich in
Bezug auf den Vorhof immer nur von einer Ven. pulm. gesprochen.
144 F. Rudolf Gasch: Beiträge zur vergleichenden
Bei den Reptilien findet sich zwar kein klappenartig gebildeter
Vorsprimg im linken Atrium, wie bei den Vögeln, doch ist es un-
richtig, wenn man behauptet, dass diese Tiere der Klappen an ihrer
Pulmonalöffnung überhaupt entbehrten. Allerdings zeigen die ein-
zelnen Arten hierin, wie in anderen Bildungeu mancherlei Ab-
weichungen. — So münden bei Alligator lucius die Pulmonalvenen
schräg und dorsal vom Septum klappenlos in der rechten ventralen
Ecke des linken Vorhofes. Bei einem jüngeren Exemplare fand ich
allerdings eine kleine Falte, welche Septum und Atrienwand verband,
aber kaum als lOappe aufgefasst werden könnte. Dagegen ist bei
Lacerta ein deutlicher Klappenapparat vorhanden, der aus 2 mit
dem Septum fast parallel laufenden Falten besteht. Die längere
rechte tritt schräg dorsalwärts mit dem Septum in Verbindung,
während die bedeutend kleinere linke in der ventralen Wand des
Vorhofes endet. Dieselbe Einrichtung zeigt Chamaeleon, nur reicht
hier auch die linke Falte weiter nach hinten, ohne sich jedoch mit
der rechten zu vereinigen. Bei Pseudopus Pallasii und Trop. natrix
fand ich keine Andeutung einer Klappe. Vom Python berichtet
Milne Edwards, dass die Pulmonalöffnung von einer Klappe ver-
schlossen würde. 1) 2) Bei Emys europ., deren Septum atriorum
vorn sehr weit nach rechts reicht, konnte ich keinan Verschluss ent-
decken, während Emysaurus dagegen eine doppelte Klappenvorrichtung
aufweist, welche die am dorsalen Ende des Septum atriorum liegende
gemeinsame Einmündung der beiden Venen umgiebt. Beide Klappen
sind membranös und verbinden das Septum mit der dorsalen Wand
des Vorhofes. Die dachartige ventrale Klappe ist der dorsalen an
Grösse bedeutend überlegen. Chelonia ist wiederum klappenlos. 3)*)
Man ersieht aus den angeführten Beispielen, dass bei den Rep-
tilien das Vorkommen von Pulmonalvenen -Klappen zwar selten ist,
aber doch nicht geleugnet werden kann. Man wird dieselben, wie
bei den Vögeln als eine in das Innere des Vorhofes hineinragende
Fortsetzung der Pulnionalis aufzufassen haben und den Mangel als
eine Rückbildung auffassen dürfen. Entsprechend der Beschaffenheit
der Venenwandung und des Septum atriorum sind die Klappen über-
all nur dünn und membranös, und an Stärke der Ausbildung keines-
wegs mit denen des rechten Vorhofes zu vergleichen. Sie ergänzen
») Vergl. dagegen Jaquard , op. cit. S. 328 , wo dem Python eine solche
Klappe abgesprochen wird.
2) Schlemm, op. cit. S. 104 erwähnt bei Boa constrictor u. Trigonocephalus
mutus keine Klappe der Pulmonalis.
^) Vergl. Cuvier, op. cit. S. 305:
,,Les veines pulmonaires seulement souvreut dans l'oreilette oppos6e; leur
embouchure est de meme bordee de deux valvules." Diese Behauptung ist also
nicht für alle Schildkröten zutreffend.
*) Guthrie (Observ. on the Structure of the Heart of the Testudo indica),
Zool. Journal, 1829, t. IV. p. 322 beschreibt eine einfache Klappe der Piümonal-
vene bei Testudo indica.
Anatomie des Herzens der Vögel und Reptilien. 145
überhaupt nur die Funktion des Septum atriorum, das bei den
Reptilien ebenso, wie bei den Vögeln, den Eingang zur Pulmonal-
vene überlagert und in diesem Sinne gewissermassen selbst als eine
Klappe der Vena pulmonalis betrachtet werden kann.
3. Abschnitt.
Die Venenmündimgeu im recliteu Yorhofe.
His beschreibt am Herzen des menschlichen Embryos einen die
Mündung der unteren Hohlvene umfassenden Klappenapparat, der
aus 2 schräg gestellten halbmondförmigen Falten besteht. Die
rechte Falte ist die spätere Valvula Eustachii, die linke (valvula
sinistra) wird zur dorsalen Scheidewandanlage und bildet in der
Folge den häutigen Abschluss des foramen ovale. In Verbindung
mit diesem Klappenapparate steht eine Bildung, welche His als spina
vestibuli bezeichnet. Als ein dreikantiger, bindegewebiger Keil
ragt diese Spina anfangs nur wenig von der dor"salen Vorhofswand
in das Atrium hinein. Später verschiebt sich dieser Keil — bei
gleichzeitigem Wachsthum — nach den Ventrikeln zu, tritt mit
Atrioventrikulär -Lippen in Verbindung, um dann (als Septum inter-
medium, His) sowohl den AbscMuss des Septum inferius, wie auch
die hintere Begrenzung des Septum atriorum zu bilden.
Früher von bindegewebiger Struktur wird das Gebilde allmählig
muskelhaltig. In Verbindung mit diese Spina vestibuli treten von
vorn her in schräger Richtung die Klappen der venösen Gefässe.
Die 3 Hohlvenen münden anfangs nicht direkt in das rechte Atrium,
sondern in einen zwischen Zwerchfell und Vorhof eingeschobenen
Sack, den His als ,,saccus reuniens" bezeichnet. Mit dem Vorhofe
communicirt dieser Venensack durch die „porta vestibuli." Die
Mündung der oberen Hohlvenen wird durch 2 Hörner bezeichnet,
von denen das links gelegene länger und stärker gekrümmt ist, als
das rechte. Später verbindet sich der Saccus reuniens immer mehr
mit dem Vorhofe, wenn auch die Verbindung für das linke Hörn
nebst dem Mittelstücke — sinus coronarius — eine mehr äusserliche
bleibt. Dagegen senkt sich das rechte Hörn tief in den Vorhof ein
und wird ein besonderer Teil des rechten Atrium, der sich selbst
im ausgebildeten Herzen durch seine glatte Oberfläche von dem
muskulösen Teile abhebt. Eine fleischige Leiste, welche beide Ge-
biete trennt und die Enden der m. m. pectinati aufnimmt, wird als
,,taenia terminalis" bezeichnet.
Die Mündung des sinus reuniens in den Vorhof wird, wie ge-
sagt, Anfangs rechts von der valvula Eustachii, links von der val-
vula sinistra und der schon erwähnten spina vestibuli begrenzt.
Nach der Umlagerung treten beide Klappen in schräger Richtung
an dieselbe heran, während am vorderen Ende eine aus der dorsalen
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1888. Bd. I. H. 2. 10
] 46 F. Rudolf G-asch : Beiträge zur vergleichenden
VorJerwand des Atrium entspringende Leiste, das Septum spurium,
die Zipfel der Klappen aufnimmt.
Der sinus coronarius, der ausser dem Blute der linken Hohlvene,
auch noch das der coronaria führt, öffnet sich ursprünghch in den
genannten Klappen räum. Späterhin schliesst sich diese Öffnung
und der sinus mündet dann direkt hinter der Eustachischen Klappe
in den Vorhof. Beim Menschen verkümmert die vena cava sup. sin.,
so dass allein die vena coronaria in den sinus coronarius mündet.
An diese Darstellung von His knüpfe ich nun an, was ich bei
Vögeln und Reptilien selbst beobachtete. Zunächst erinnere ich
daran, dass der rechte Vorhof die Mündungen der Körpervenen auf-
nimmt, die bei diesen Tieren immer in der Dreizahl vorhanden sind.
Ausserdem gelangt in ihn das Blut der vena coronaria. Seine
Wandungen weisen zahlreiche m. m. pectinati auf, die eigentlich nur
den Raum frei lassen, der die Venenmündungen aufnimmt i). Unter
den Schildkröten fand ich bei Emys und Emysaurus nur den rechts
gelegenen kleineren Teil muskulös, während bei Chelonia die Muskel-
fasern an keiner Stelle des Vorhofes fehlten, auch im rechten Teile
nicht mehr als eigentliche Kammuskeln erschienen, sondern als dicht
verfilzte, schwammige Fleischmassen. Bei Tropidon. fand ich nicht
viele, aber regelmässig angeordnete Muskeln und nur im dorsalen
Teile des_ langen Vorhofes, dort wo die Venen einmünden, eine glatte
Stelle. Ähnlich lagen die Verhältnisse bei Lacerta, Pseudopus und
Chamaeleon.
Um für die folgenden Darstellungen einen Ausgangspunkt zu
gewinnen, wende ich mich zu einer Erläuterung der in Fig. 2b ab-
gebildeten Vorhofsteile.
Dort sieht man von der dorsalen Vorderwand des rechten Vor-
hofes an einem in das Atrium hineinragenden muskulösen Zapfen (l)
2 lange Falten entspringen, die sich nach hinten zu einem fleischigen
Bande vereinigen -), welches an seinem Ende verdickt ist. Auf dem
Längsschnitte — wo es quergeschnitten ist — erscheint es als ein
vor dem Septum ventriculorum liegendes Dreieck, dessen Basis der
Herzspitze zugewandt ist (/.). Dieses Stück, das sich auf Fig. 2a
scharf von der Muskelmasse des Septum ventr. abhebt, ist zwischen
dem Vorderrande des letzteren und dem Hinterrande des Sept.
atriorum eing'ekeilt und vom Septum ventricul. noch durch eine
dünne Bindegewebsschicht abgetrennt. Es ist klar, dass wir es hier
nicht mit einem Teile des eigentlichen von hinten aufsteigenden
•) Owen, op. cit. p. 330.
2) Vergl. Cuvier, op. cit. S. 299:
„Les valvules qui bordent 1 "embouchure de la veine cave posterieure se
reunissent en avant sur nne forte colonne charnue, dont les ramifications ta-
pissent et soutiennent les parois droites et inferieures de roreilette."
Anatomie des Herzens der Vögel und Reptilien. 147
Sep. ventricul. zu thun haben. Ich glaube vielmehr, dass das er-
wähnte Gebilde der Spina vestibuli von His vergleichbar ist. Darauf
weist schon seine Verbindung mit den Venenklappen hin, die man
nach derselben Analogie als valvula dextra (Eustachii) und valvula
sinistra bezeichnen kann.
Schon mehrfach haben ältere, wie neiiere Forscher auf die Be-
ziehungen dieser Klappen zu der V. Eustachii der Säuger hingewiesen^),
nur dass sie — was doch nicht angeht — sie beide derselben zur
Seite stellten. Bei einer Vergleichung der Fig. 98 von His' Embry-
onen III (welche die fi-aglichen Klappen beim menschlichen Embryo
noch in ihrer ursprünglichen Gestalt zeigt) ersieht man deutlich,
dass nur die rechte Klappe der V. Eustachii entspricht, die linke
aber der V. sinistra von His gleichsteht. Ich sehe auch keinen
Grund, warum die V. sinistra, die beim Säuger sich späterhin an
der Bildung des Sept. atriorum durch den Verschluss des Foramen
ovale beteiligt, bei Vogel und Reptil nicht persistiren soll. Geht
doch aus den Darstellungen von Lindes hervor, dass das Sept. atri-
orum sich beim Vogel einfach durch die Vereinigung zweier sich
entgegenwachsender, halbmondförmiger Membranen bildet, ein foramen
ovale aber nie existirt.
Auch bei Vogel und Reptil erscheint das Klappenpaar genau
so, wie die valvulae von His, als eine Fortsetzung der Venenwan-
dungen, und beim erwachsenen Tiere schliesst es die Venenmündung
ebenso, wie beim Säugetierembryo das ursprüngliche Klappenpaar.
Im erwachsenen Säugetier ist diese Funktion allerdings nur der
V. Eustachii übertragen. In funktioneller Beziehung kann man
somit auch das grosse Klappenpaar der Vögel und Reptile sehr
wohl mit der Valvula Eustachii vergleichen, aber morphologisch
sollte man der Letzteren nur die rechte jener beiden Klappen zur
Seite stellen. Bei der Beurteilung der Verschiedenheit, die in betreff
dieser Klappeneinrichtuug zwischen den Säugetieren einerseits und
den Vögeln und den Reptilien andererseits obwaltet, fällt zweitens
noch der Umstand in's Gev/icht, dass bei den ersteren die Einmün-
dung der Hohlvenen viel mehr nach links verschoben erscheint, als
bei den anderen, so dass bei diesen eine Annäherung der V. sinistra
an das Septum weit schwieriger ist.
Das in der Einleitung erwähnte muskulöse Ausgangsstück der
Klappen — Septum spurium, His — sieht man in Fig. 2 b durch
einen quergeschnittenen Zapfen vertreten, der wie ein stärker ent-
wickelter musculus pectinatus erscheint (/). Auf einem Längsschnitte
durch das Herz einer Trappe sah ich das betreffende Stück genau
so geformt, wie es His am menschlichen embryonalen Herzen ab-
bildet. In Fig. 2b reicht es nicht sehr weit nach hinten; es ist bei
Cygnus überhaupt unbedeutender, als bei vielen anderen Vögeln,
die ich untersuchte.
1) Vergl. Jaqnard op. cit. S. 326.
Desgl. Fritsch op. cit. S. 732.
10^'
148 F. Rudolf Gasch: Beiträge zur vergleichenden
Will man den Vergleich mit dem embryonalen menschlichen
Herzen noch weiter fortführen, so findet man den Saccus venosus
desselben mit seinen beiden Hörnern in ähnlicher Gestalt am Herzen
der Krokodile und vieler andrer Reptihen, in seiner Lagerung ver-
ändert, aber deutlich ausgeprägt, auch bei den Schlangen. Dieser
Anhang, der auch schon vielfach von den Forschern als Saccus^)
oder Sinus venosus 2), ^) bezeichnet worden ist, tritt schon beim
Vogel nicht mehr als abgegrenzter Raum hervor. Uebrigens ver-
mutet bereits Fritsch — vor His — in denselben die Reste embryo-
naler Zustände, er nimmt an, dass derselbe bei den höheren Tieren
vielleicht in den Vorhof hineingezogen würde.
Es ist eine Aufgabe künftiger Forschung, zu ermitteln, wie und
wann dieser Vorgang beim Vogelembryo sich vollzieht. Einstweilen
müssen wir uns mit der Thatsache begnügen, dass der Sin. ven. dem
ausgebildeten Vogel fehlt. Dafür aber finden wir bei demselben
eine ausgebildete vena eava sup. sinistr. , wie solche auch beim
Säugerembryo vorhanden ist (cornu sinistrum His), obgleich sie
später bei den meisten Arten obliterirt.
Was weiter die Mündungen der 3 Hohlvenen und der Vena
coronaria in dem rechten Vorhofe anbetrifft, ihre Ausstattung mit
Klappen und die Verhältnisse ihrer gegenseitigen Lagerung, so
zeigen alle diese Verhältnisse bei Vögeln und Reptilien so zahl-
reiche Veränderungen und eine so eigentümliche Anordnung, dass
es nicht ohne Interesse ist, diesen, sonst freilich ziemlich belang-
losen Vorkommnissen einige Aufmerksamkeit zu schenken. Auch
hier knüpfe ich wieder an die Fig. 2 b an. Man erkennt an ihr
ausser dem schon erwähnten Apparat der Valvula dextra und V. sinistra,
welcher die Einmündung der vena cava inferior umgiebt, zur Linken
davor noch eine kleine membranöse Klappe, die sich mit ihrem
hinteren Ende an die Valv. dextra seithch anheftet. Zwischen dieser
Klappe und dem oben beschriebenen sogenannten Septum spurium
mündet die vena cava superior dextra. Ferner zeigt sich am hinte-
ren Ende der grossen Klappen eine kleinere, quer gestellte Klappe,
welche die Mündung der V. cava sup. sinistra schützt, und endlich
sieht man im vestibulum der genannten Vene, als ein mit einer
schmalen muskulösen Klappe versehenes schräges Loch, die Mündung
der V. coronaria.
Dieses Lagenverhältniss der Mündungen ist, wie gesagt, nicht
constant, sondern sehr variabel, es ist aber doch möglich, 3 feste
Typen dafür bei Vögeln und Reptilien aufzustellen. Bei dem einen
0 Eetzius, op. cit. S. 523.
2) Schlemm, op. cit. S. 103.
•■') Fritsch (op. cit. S. 668) fand unter den Schildkröten bei Chelonia midas
den oder die sinus am kleinsten, bei Chelonia Cauana waren sie schon grösser,
desgl. hei Testudo tabulata, während sie bei den Emydae in einer ,.ganz collos-
salen Weise" sich entwickelt zeigten. Bei Makroclemys Teminkii vollends kam
der Hohlraum des sinus venosus an Aiisdehnung dem des rechten Vorhofes gleich.
Anatomie des Herzens der Vögel und Reptilien. 149
Typus (s. Fig. 2 b und Fig. I), welcher eben am Schwanenherzen
beschrieben wurde, liegen die Mündungen der beiden oberen Hohl-
venen getrennt von dem Eingange der unteren Hohlvene, bei dem
zweiten Typus (s. Fig. Ha, IIb) mündet eine, beim dritten münden
(s. Fig. III) aber wieder beide obere Hohlvenen im Vestibulum
der unteren Hohlvene und so im Bereiche von deren Klappen, dass
sie durch dieselben mit verschlossen werden. Die V. coronaria ist
bei dieser Anordnung ausser Betracht gelassen, da diese später
speciell behandelt wird.
Der erstgenannte Typus fand sich ausschliesslich bei Vögeln,
der zweite und dritte bei Reptilien und Vögeln.
Beim ersten Typus kann man wiederum Arten unterscheiden,
die eine ausgebildete, schräg gestellte Klappe der V. cav. sup. sinistra
haben, und solche, bei denen diese Vene einfach hinter dem elasti-
schen oder muskulösen Bande mündet, das die hinteren Enden der
grossen Klappen mit der Spina verbindet (und selbst zur Spina ge-
hört). Eine ausgebildete Klappe beider oberer Hohlvenen besitzen
ausser Ardea, Grus und Otis nur noch der bereits erwähnte Cygnus,
während den anderen Natatores, sowie Tetrao, Columba und Cuculus,
die Klappe der Vena cava sinistra fehlt, und bei den Raptatores
nur eine zarte Membran dieselbe andeutet.
Das Schema oder die Formel für den 2. Typus, welcher das
Bindeglied zwischen dem ersten und dem dritten bildet, lässt zwei
Möglichkeiten zu. Es kann nämlich die rechte oder die linke obere
Hohlvene gemeinsam mit der Cava inferior münden, während jedes-
mal dann die Andere von beiden getrennt münden würde. In den
wenigen Fällen, die überhaupt die Aufstellung dieses Typus erheisch-
ten, habe ich aber nur die erstgenannte Möglichkeit (rechte Hohl-
vene und untere Hohlvene münden zusammen) verwirklicht gefunden.
So unter den Vögeln bei Cornix und den Fringillae und unter den
Reptilien bei Chamaeleo. Bei Cornix mündet die Vena cava sin.
(Fig. IIa) genau in derselben Weise, wie bei Columba oder Cuculus
ohne Klappe in der linken Unterecke des rechten Vorhofes, Chamaeleo
(Fig. IIb) dagegen besitzt hier eine membranöse Klappe mit 2 Lidern,
welche dorsal von dem grossen Klappenpaare nach rechts gelegen
ist. Die ventrale Randfalte (Lid) dieser lüappe steht mit dem dor-
salen Rande der Valv. dextra in Verbindung.
Bei den Vertretern des 3. Typus (Fig. HI) münden, wie gesagt,
beide obere Hohlvenen gemeinschaftlich mit der Cava inferior. Von
den Vögeln gehören nur Casuarius und Struthio hierher. Bei beiden
finden sich am vorderen und hinteren Ende des schlitzförmigen Ein-
ganges der unteren Hohlvene besondere quergesteUte Klappen für
die rechte und linke obere Hohlvene. Bei Casuarius enthalten die
grossen Klappen und sogar die Klappe der linken Hohlvene zahl-
reiche Muskelfasern, während bei Struthio — wo die Sonderklappen
der oberen Hohlvenen viel grösser sind, als bei Casuarius — alle
Klappen, auch die grossen, rein membranös erscheinen. (Bei den
übrigen Vögeln sind die Valv. dextra und sinistra gewöhnlich, die
150 F. Rudolf G-ascli: Beiträge zur vergleichenden
Klappe der Vena dextra sup. stets membranös, die der V. cava sup.
sin. aber fast immer zum Teile muskulös.)
Bei Alligator vereinigen sich, wie bei den meisten Reptilien,
die rechte obere und die untere Hohlvene kurz vor ihrer Einmün-
dung „zu dem schon mehrfach genannten Saccus venosus, der nur
eine Öffnung in den Vorhof besitzt, hinter welcher die linke obere
Hohlvene sich ergiesst. Beide Mündungen Averden von dem grossen
Klappenpaare umfasst, doch ist die der linken oberen Hohlvene
durch eine querlaufende membranöse Klappe von der anderen
Mündung geschieden. Diese Anordnung entspricht dem 3. Typus
(Struthio, Casuarius), nur sind dort meist B getrennte Mündungen
vorhanden.
Die Verhältnisse bei den übrigen von mir untersuchten Reptilien
waren denen von Alligator im Wesentlichen gleich. Die Klappe der
V. cava sup. sin. fehlte bei Lacerta viridis, war aber schwach bei
Lac. agilis und stark ausgebildet bei Pseud. Pallasii vorhanden.
Desgleichen fand ich sie in dem schlecht conservirten Herzen einer
unbekannten grösseren Schlange und bei Trop. natrix vor. ^) Unter
den Schildkröten fehlt die Klappe bei Emys und Emysaurus, da-
gegen besitzt sie Chelonia. Diese Schildkröte liat in der Einmündung
ihrer Vene Verhältnisse, wie ich sie in ähnlicher Weise bei keinem
anderen Reptil und Vogel gefunden habe. (Nur die schon mehrfach
erwähnten Strausse zeigen ähnliche Verhältnisse, doch sind die Ein-
richtungen bei Chelonia noch complicirter).
Sämmtliche Mündungen werden bei Chelonia (Fig. IV) von den
beiden grossen hier stark muskulösen Klappen (Valv. dextra und
sinistra) eingeschlossen. Eine grosse membranöse Klappe zieht von
dem dorsalen Rande der Valv. sinistra schräg nach hinten zum End-
punkte der Valv. dextra. Teilweise hinter deren faltigen Rande,
liegt im ventralen Teile des Spaltes ein kleines membranöses Klappen-
paar quer ausgespannt, welches die Mündungen der Vena cav. sup.
dextra und der Vena coron. verschliesst. Die Vena cav. sup. sinistra
mündet, ganz im Gegensatze zu ihrem sonstigen Verhalten, hier
klappenlos in das dorsale Ende des Vestibulum. Was bei diesem
Klappenapparate am meisten überrascht, ist unzweifelhaft die be-
sondere häutige Klappe der Vena cava inferior und die Doppelklappe
der Superior dextra. Diese ungewöhnlichen Bildungen sind darin
begründet, dass die grossen Klappen zu schmal und unbeweghch
sind, um das weite Gebiet der Venenmündungen genügend abzu-
schliessen.
Ich komme nun zum Schluss auf die Vena coronaria und ihre
Einmündung in das Atrium zu sprechen, will aber erst des Ver-
gleiches wegen kurz erwähnen, wie sich dies Gefäss bei den Säugern
verhält.
*) Jaquard (Op. cit. S. 226) sagt über Python: „Die Mündung der jug. sin.
liegt innerhalb der grossen Klappe und so sind die drei Venen durch einen
einzigen Klappeuapparat verschliessbar." —
Anatomie des Herzens der Vögel und Reptilien. 151
Beim menschlichen Embryo mündet der sinus coronarius cordis
anfangs in den gemeinsamen Venensinus ein, ein Zustand, wie er
bei \ielen Reptilien dauernd erhalten bleibt. Erst später öffnet sich
der sinus unterhalb (hinter) der Hohlvenenmündung (der Cava inferior).
Da nun bei Vogel, wie Reptil, die Cava sup. sin., die ja anfangs
hauptsächlich den sinus coronarius mitbilden hilft, nicht, wie beim
Mensch, verkümmert, so ändert sich demgemäss auch die Lage der
Coronarvenenmündung.
Wir sehen, wie hier in den meisten Fällen die V. coronaria in
das Vestibulum der linken oberen Hohlvene oder in diese selbst sich
ergiesst ^).
Die Zweige, aus denen sich die Vena coronaria zusammensetzt,
vereinigen sich beim Vogel nicht immer zu einem Hauptstanune
(der auch nur sehr kurz ist), sondern münden oft getrennt mit 2
(Grus, Ardea, Columba) oder gar 3 (Struthio) Mündungen in einer
zur Vorhofsinnenfläche schrägen Richtung. __ Eine oder mehrere
kleine, muskulöse Klappen verschliessen diese Offnungen von vorn her.
Oft rückt aber die Mündung der Coronaria aus dem Eingange
der V. Cava sup. sin. hervor und kann selbst knapp vor dem
Ursprung der rechten Atrioventrikularklappe, direkt hinter dem
Ostium der Vena cava inferior liegen.
Bei den Reptilien, wo nach Hyrtl (,,Gefässlose Herzen") blos
der feste Teil der Herznmskulatur Gefässe besitzt, während das
schwammige zerklüftete Innenfleisch derselben entbehrt, ist auch
die V. coronaria demgemäss unbedeutender, als bei den höheren
Wirbeltieren. Bei kleineren Reptilien vollends ist auch die Mündungs-
stelle dieses kleinen Gefässes nur schwer zu bestimmen, so dass ich
über diese Verhältnisse^ zumal bei den Schlangen, von denen ich
nur eine kleinere Art untersuchte, wenig berichten kann.
Bei Alligator lucius und auch bei Chelonia Midas verlässt die
Vena coronaria die Herzwand, der sie sonst eng angelagert ist und
mündet nicht nach Analogie der Vögel etwa in die Cav. sup. sin.
ein, sondern bei dem erstgenannten Tiere in die Cava inferior (noch
ehe diese in den Vorhof eintritt), bei der Schildkröte aber gemeinsam
mit der Cava sup. dext. dorsal von der oben beschriebenen kleinen
membranösen Doppelklappe. Bei Emys und Emysaurus, deren
Herzen nur wenig compakte Muskulatur besitzen, treten sehr schwache
Venen an der Herzwand auf, welche gesondert in den geräumigen
sinus venosus münden. Dasselbe scheint bei Trop. natrix der Fall
zu sein, während Pseud. Pallasii einige stärkere Stämme besitzt, die
vereinigt in die Cava sup. sinistra münden. —
*) Owen, op. cit. erwähnt blos diesen Fall und stellt ihn dem Verhalten
der Vene am Säugerherzen gegenüber (bei Casuarius). Ich fand gerade bei
den Straussen die Lage ihrer Mündung beziehentlich Mündungen nicht sehr
abweichend vom Säugerherz (vergl. His, Beiträge zur Anatomie des menschlichen
Herzens, S. 20).
V
152 F- Rudolf Gasch: Beiträge zur vergleichenden Anatomie etc.
Erklärung der Tafeln XI und XII.
Fig. la bis 21): Längsschnitte durch das in Chromsäure gehärtete Herz von
Cygnus musicus,
Fig. 1 a und 1 b.
V. d. : Ventriculus dexter.
V. s. : Ventriculus sinister.
At. d. : Atrium dextrum.
At. s. : Atrium sinistrum.
Ao. : Aorta.
P. ; Arteria pulmonalis,
X : Eingang zur Arteria pulmonalis.
m : Schenkel des Septum veutriculorura (S. 131),
S. V. : Septum ventriculorum.
Fig. 2 a und 2 b.
S. V. : Septum ventriculorum.
K : Ein der Spina vestibuli von His entsprechendes Muskelgehilde
(S. 146).
S. a. 1 .• Vorderer (membranöser) \ m -i i o x
S.a. 2: Hinterer (elastischer) ) Teil des Septum atnorum.
Vo. : Klappenartiger Vorsprung.
l : Muskulöser Zapfen (Septum spurium, His).
V.c.d.: Klappe der Vena cava superior dextra.
F. s. : Linke Klappe (Valv. sin.) 1 , -,7 • i- •
F. d. : Rechte Klappe (Valv. dext.) ) ^""'^ ^^"- ^^^^ "^f^"«^'
F. c s. : Klappe der Vena cava superior sinistra.
Fig. 3. Querschnitt durch die Herzbasis eines in Chromsäure gehärteten Herzens
von Ciconia alba.
Ao. : Aorta.
P. : Arteria pulmonalis.
D « s • { O'"^^^^"^ venosum dextrum und sinistrum.
Fig. 4 a und 4 b. Längsschnitt durch ein in Alkohol gehärtetes Herz von
Alligator lucius.
S. r., F. d., F. s., At. d., At. s.: wie bei Fig. 1 u. 2.
Va. : Membranöse Atrioventrikularklappe des Ostium venös, dextrum.
Ao.d. u. Ao. s.: Rechte und linke Aorta.
P. ; Arteria Pulmonalis.
w. : Muskelbalken (S. 132).
z. : Stelle, wo sich die Arterienwände auf eine kurze Strecke ver-
einigen (S. 132).
m : Muskelzug (S. 139).
Fig. 5. Knorpel aus dem Herz von Allig. lucius in derselben Stellung, wie in
Fig. 4b auf dem Längsschnitte.
a : Der schmale gebogene Teil des Knorpels, welcher auf dem
Längsschnitte in Fig. 4 a getroffen ist.
Fig. 6 a, 6 b, 6 c. Querschnitte durch ein Herz von Tropidonodus natrix (schemat.)
vergl. S. 137.
Ao. d. Ao. s., P. : wie bei Fig. 4.
Fig. I, IIa, IIb, III, IV. Schematische Darstellung der Venenmündungen und
V.-Klappen im rechten Vorhofe.
cd • \
■ ■ '. > Vena cava superior dextra et smistra.
c. i. : Vena cava inferior.
cor. : Vena corouaria.
Die geographische Yerbreitung
der
Neuroptera und Pseudoneuroptera der Antillen,
nebst einer Übersicht über die von Herrn Coiisui Krug auf
Portoriko gesammelten Arten.
Von
H. J. Kolbe.
Hierzu Tafel Xin.
L
ihrer Lage gemäss sind die Thiere der Antillen theils mit denen
Südamerikas, theils mit denen Nordamerikas verwandt. Es ist aber
anscheinend ein geologisches Problem, dass erstens trotz der Nähe
des nordamerikanischen Festlands viele südamerikanische Formen
(z. B. grosse Libellen: Gynacantha und Aphylla) nordwärts nicht über
Cuba hinaus verbreitet sind; — und zweitens, dass eine nähere
Verwandtschaft zwischen der Fauna der Antillen und derjenigen
Südamerikas, als zwischen jener und der centralamerikanischen
Fauna besteht.
Die Odonaten oder Libelluliden sind durch Hagen, Mac
Lachlan und de Selys Longchamps ausgezeichnet bearbeitet, so
dass die Kenntniss der Gattungen und Arten dieser merkwürdigen
Insekten einen hohen Grad von Vollkommenheit erreicht hat, zumal
diese auch viel gesammelt wurden und werden.
Die Zahl der die Antillen bewohnenden Odonotenarten ist für
eine Inselfauna eine verhältnissmässig grosse, da ja Inselfaunen
gewöhnlich ärmer sind, als Festlandsfaunen von demselben Umfange
des Areals. Dies ist bei Grossbritannien, bei Kreta und Neu-See-
land der Fall. Die Erklärung dieser Thatsache, dass auf dem
zusammenhängenden Festlande ein Austausch oder eine leichtere
Ausbreitung der Arten die einzelnen Faunengebiete verdichten,
während die Inseln bezüglich der meisten Thiere darin im Nachteil
sind und artenärmer bleiben, ist einleuchtend. In der That zeigt
denn ein näherer Einblick in die Odonatenfauua der Antillen auch,
dass von den sechs über alle Erdtheile und speziell über Amerika
verbreiteten Familien nur vier hier vertreten sind; darin giebt sich
Arch. f. Naturgescli. Jahrg. 1888. Bd. I. H. 2. 10**
J54 H. .T. Kolbe: Die geographische Verbreitung
allerdings der insulare Charakter der Antillenfauna recht deutlich
kund. Es fehlen die Corduliidae und Calopterygidae in der
Fauna der Antillen (Tafel 13, Karte VII).
Hagen führt zwar in der Abhandlung „The Odonat-fauna of
the Island of Cuba" in den Proceed. Boston Sog. Nat. Hist., Vol. XI,
1867, S. 291 unter der Rubrik ,,Cordulina" Tetragoneuria balteata Hg.,
eine anscheinend unbeschriebene Art, auf, welche aber weder in
de Selys-Longchamps' „Synopsis des Cordulines" 1871 und in
den Nachträgen dazu (1874, 1878), noch selbst in Hagen's „Sy-
nopsis of the Odonata of America" 1875 sich wiederfindet.
Bei der Betrachtung der Antillenfauna unterscheidet man (aber
Aäelleicht nicht mit Recht) die grossen von den kleinen Antillen;
es enthalten nämlich die kleinen Antillen (auch aus anderen Tliier-
gruppen) z. Th. vereinzelte, den grossen Antillen fehlende süd-
amerikanische Formen. —
Von Cordnliiden sind aus Nord- und Centralamerika zusammen
8 Genera und 30 Spezies, aus Südamerika 4 Genera und 11 Spezies
bekannt. Eine Gattung, Somatochlora, ist Nord- und Südamerika
gemeinschaftlich.
Die Calopterygiden sind in Nord- und Centralamerika in
3 Gattungen mit 21 Arten, in Südamerika in 8 Gattungen mit
67 Arten vertreten.
Da die meisten Arten dieser beiden Familien den intertropicalen
Gürtel Amerikas bewohnen, so ist ihr Fehlen auf den Antillen auf-
fallend. Nur von einer der südlichen Antillen (Martinique) ist die
über Brasihen, Surinam, Venezuela, Columbien und Mexico ver-
breitete Hdaerina crueniata Ramb. de Selys (No. 1, S. 40) angegeben;
indess scheint das Vorkommen auf den Antillen nach de Selys-
Longchamps (No. 13, S. 196 und No. 2, S. 129—130) zweifelhaft
zu sein.
Wenn Angehörige der Corduliiden und Calopt&rygiden den
Antillen, zumal den grossen Antillen, wirklich fehlen, so ist der
Schluss berechtigt, dass diese Familien zu der Zeit noch nicht so
weit verbreitet waren, als die vier anderen Odonatenfamilien, die
Libelluliden, Gomphiden, Aeschniden und Agrioniden bereits domi-
nirten. Die genüge Zahl von 11 Spezies der Corduliiden in Süd-
amerika gegenüber den 38 Arten in Nordamerika (einschliesslich
Centraiamerika) verträgt sich mit dem Anschluss der Antillen in
Südamerika.
Von den nordamerikanischen Gattungen der Calopterygiden und
Corduliiden sind Calopteryx, sowie Macromia, Ejjophthalmia und
Covdnlia in Amerika rein nearktisch; sie gehören aber zugleich dem
Verbände der Osthemisphäre an. Hingegen sind die südameri-
kanischen Gattungen Thore, Cora (auch 1 Spezies in Mexiko), Lais,
Heliocharis, Dicterias, Amphipteryx und Chcdcopteryx, sowie Neocor-
dalia, Gomphomacroinia und Aeschnosoma auf die neotropische Region
beschränkt. Von den Corduliiden ist nur Somatoc/dora der Ost-
hemisphäre und zugleich Nord- und Südamerika gemeinsam. Nord-
der Neuroptera und Pseudoneuroptera der Antillen. 155
amerika eigenthümlich sind die Corduliiden Didymops^ Nenrocordnlia,
Tetragoneura und Epicordulia. Dass Nordamerika sich an die Ost-
hemisphäre anschliesst, während Südamerika mehr für sich besteht,
zeigen auch andere Thierklassen. So fehlen in Südamerika von Säuge-
thieren die Insectivora, die in Nordamerika gut repräsentirt sind.
Indess hat Südamerika Beziehungen zu südlichen und tropischen
Ländern der Osthemisphäre. Die genannte Gattung Amphipteryx
(Calopt.) hat de Sely s-Longchamps in 3 gleichwerthige Unter-
gattungen mit je einer Art aufgelöst, von denen Tetraneara Malacca,
Amphipteryx s. str. Columbien und Dipldehia Neuholland bewohnt.
HidiochariH und Dicterias sind Südamerika ganz eigenthümlich, ge-
hören aber zu der Abtheilung (Legion) Euphaca, die grösstentheils
der orientalischen Region und nur in zwei Arten der südlichen
paläarktischen Region (Epallage) angehören. Nesocordulia Mada-
gaskars ist nach de Selys-Longchamps in seinen Charakteren
fast identisch mit Neocordalla Brasiliens. Es scheint, dass die Be-
ziehungen der Antillen zu Madagaskar, welche Wallace auf Grund
der Centetiden ihnen unterschob, Dobson aber auf geologischer
Grundlage verwarf, nicht existieren. Denn Anklänge Südamerikas
an südliche Gegenden der Osthemisphäre reichen meistens nicht bis
zu den Antillen und bis Nordamerika, während sehr viele Gattungen
Südamerikas (oft einschliesslich Centralamerikas) sonst nirgends als
nur noch auf den Antillen vorkommen.
Die Gattung Fletnerina, diejenige, welche unter den Calopterygiden
Amerikas dominirt, ist in 36 Arten von Massachusetts bis Paraguay
verbreitet. 7vö/.s\ als Untergattung von Hetaerina, kommt mit 14 Arten
noch hinzu. Diese grosse Gattung ist wegen des fehlenden oder
nur schwach ausgebildeten Pterostigma zunächst mit der auch Nord-
amerika bewohnenden Gattung Calopteryx verwandt und steht den
übrigen an Zahl geringeren Calopterygiden Südamerikas gegenüber,
welche ihre Verwandten mit wenigen Ausnahmen in den Tropen
und auf der Südhälfte der Osthemisphäre haben; so dass die grosse
Mehrzahl der Calopterygiden Südamerikas, gleichAvie die der Cordu-
liiden auf die Nordhemisphäre hinweist.
Die Fauna der Antillen nimmt jedoch aus irgend einem Grunde
keinen Theil an den zoogeographischen Beziehungen dieser beiden
Odonatenfamilien .
Unter den Agrioniden giebt es eine eigenthümliche kleine Gruppe,
nämlich die Pscudostig mattna, welche die längsten Formen der
Odonaten übei-haupt enthält, obgleich die Familie, zu der sie ge-
hören, sonst die kleinsten Odonaten aufweist (Agrion). Arten dieser
Gruppe scheinen auf den Antillen nicht vorzukommen, obgleich ihre
Verbreitung von Südbrasilien bis Veracruz in jMexiko (Megaloprep>is)
reicht (Tafel 13, Karte VII); sie sind von den übrigen Agrioniden
durch das unausgebildete Pterostigma aller Flügel ausgezeichnet.
Auch die Agrionideugruppe Podagrionina^ welche von Buenos-
Ayres bis Mexiko vorkonnnt, ist auf den Antillen nicht constatirt
(Karte VII). Es liegt der beachtenswerthe Fall vor, dass aUe diejenigen
15G H. J. Kolbe: Die geographische Verbreitung
Odonaten den Antillen fremd sind, bei denen das Pterostigma nicht
ausgebildet ist oder fehlt; das sind die eben genannten Pseudo-
stigniatinen und mehrere Gattungen der Calopterygiden {Calopteryx,
Neurohasis, I'liaon, Veatalis und Iletaerina). Diese Eigenthümlichkeit
scheint anzudeuten, dass die niedrigst organisirten Typen der Odo-
naten den Antillen fremd sind. Die Abwesenheit auf niedrigster
Stufe stehender Gattungen wird auch durch das Fehlen von Argia
angezeigt. De Selys-L ongchamps führt bereits 1865 von dieser
Gattung 40 amerikanische Arten auf, von denen 27 in Südamerika
und 19 im wärmeren und temperirten Nordamerika leben; keine Art
ist auf den Antillen bemerkt. Nun sind bei Argia, welche zu der
Gruppe der Agrionina gehören, die Beine mit langen Cilien versehen,
wie bei Padagiion, Plafi/cnemis und Froioneura. Diese 3 Gattungen
besitzen aber (Fig. VIII 1 und 2) nebst den Pseudostigmaten eine
regelmässig geformte Areola quadrilateralis im Vorderflügel, die bei
Agrion (Fig. VIII 3) und Lestes sehr unregelmässig bis fast drei-
eckig ist. Die regelmässige Form dieser Areola fasse ich als die
niedere Stufe der Areolenform auf, weil sie sich von den übrigen
Areolen des Adernetzes nicht differenzirt hat; während die unregel-
mässige Form der Areola den Charakter neuerer Bildung an sich
trägt. Die sich von den übrigen Flügelfeldchen merklich abhebende
unregelmässige Areola ist w^ohl nur der Verschiedenheit wegen von
den Morphologen besonders benannt worden.
Da bei den wegen der regelmässigen Form der genannten
Areola als auf tieferer Stufe stehend zu betrachtenden Gattungen
Protoneura etc. auch die langen Cilien an den Beinen vorherrschen,
so neigt Argia auch wegen dieser langen Cilien zu den niederen
Formen hin. Das Fehlen von Argia auf den Antillen congruirt daher
mit dem Fehlen der gleichfalls niederen Typen der Pseudostigmatina,
Podagrionina und Calopterygidae.
Was nun von Agrioniden auf den Antillen vorkommt, sind
3 Gattungen mit 4 Arten der Gruppe Protoneurina, G Gattungen mit
12 Arten der Agrionina und 1 Gattung mit 3 Arten der Lestina.
Die Protoneurina sind nur dem tropischen Amerika nebst den Antillen
eigen.
Sclater (No. 3, S. 52) sagt von der Vertebraten-Fauna der
Antillen, dass sie Überreste einer alten und primitiven Fauna ent-
halte {Solenodon, Duduf^ und StarHoena;<). Das einzige endemische
Genus oder Subgenus der Odonaten, Microneura mit 1 Spezies auf
Cubn., gehört als nahe Verwandte von Protoneura nach obiger An-
führung zu den niedrigst organisirten Formen der Odonaten.
Eine Bevorzugung vor den übrigen Abtheilungen der Ordnung
verdienen in der Zoogeographie die Agrioniden, weil sie neben den
Calopterygiden die niedrigsten Stufen der Odonaten repräsentiren.
Das ist daraus zu schliessen, dass die Fazettenaugen auf der Stirn
noch weit getrennt, die Vorder- und Hinterflügel von einander nicht
verschieden sind und die Tracheenkiemen der Larven sich an der
Aussenseite des Körpers befinden. Die getrennten Augen haben die
der Neuroptera uud Pseiuloueuroptera der Antillen. 157
Agrioniden nur mit den Calopterygiden und Gompliiden gemein; in
der Gleichheit der Nervatur der Vorder- und Hinterfiügel nähern
sich ihnen nur die Calopterygiden; und äussere Tracheenkieraen
finden sich ausserdem gleichfalls nur noch bei den Larven dieser
Familie.
Es ist schon im Anfange dieser Abhandlung darauf hingeAviesen,
dass die Fauna der Antillen zahlreiche südamerikanische Elemente
enthält. Das ist angesichts des Klimas und der geographischen
Lage nicht auffallend. Aber dass diese Elemente (unter den Odo-
naten Neonetira, Protonenra, Ceratnra, Leptohasis, Gynacantha, Aphylla
etc. Karte 11, IV) bis Cuba einschliesslich verbreitet sind, während
sie dem verhältnissmässig sehr nahen Continente Nordamerika fehlen,
spricht dafür, dass die Trennung zwischen den Antillen und Nord-
amerika, wenn ein Zusammenhang überhaupt bestand, älter ist als
zwischen ihnen und Südamerika. Das Vorkommen nordamerikanischer
Gattungen auf den Antillen (z. B. Enallagma) kann dahin gedeutet
werden, dass vor der Verbindung mit Südamerika ein Zusammen-
hang mit Nordamerika bestanden hat. Es ist deshalb beachteuswerth,
dass Enallagma zu der niedrigsten Stufe der Odonaten, den Agrio-
niden, gehört. Von dieser für die nördliche gemässigte und kältere
Zone charakteristischen Artengruppe leben auf den Antillen 5, in
Nordamerika 13, in Mexiko 4 und in der Kordillere von Merida und
Bogota 1 Spezies, welche eine Lokalform der nord- und central-
amerikanischen Enallagma civile Hg. ist und streng genommen nicht
der neotropischen Region angehört, sondern gleich anderen Thier-
formen ein alpiner Ausläufer der nearktischen Region ist (Tafel 13,
Karte 1). Wallace rechnet zu dieser Region bereits die von Norden
her in Mexiko hineinragende Kordillerenfauna (Verbr. d. Th. S. 08),
Es scheint, dass manche Insekten sich von Nordamerika die Kor-
dilleren entlang sich bis Süden, sogar bis Chile verbreitet haben
{Colias, Carabidae, Meloe).
Die mexikanischen Arten von Enallagma bewohnen das hoch-
gelegene Land oder sind im nördlichen Mexiko einheimisch; 2 von
ihnen leben auch in Nordamerika, 1 auf den Antillen und 1 ist
endemisch.
Aehnlich findet sich das nordamerikanische yl/«o?><rt^a_i7r/ow hasfafum
Say in der Kordillere von Merida in Venezuela.
Ein anderes nordamerikanisches Element der Antillen ist Celi-
llwnm, eine Gattung der Libellulidae , welche Nordamerika östlich
von den Rocky Mountains, Florida und Cuba bewohnt (vergl. Karte I).
Weitere nordamerikanische Arten in der Odonatenfauna der
Antillen sind folgende:
Aeschna ingens Ramb. Cuba; Florida, Georgien.
Anax jiinins Drury Cuba; Nordamerika, Sandwichs -Inseln und
Ostasien.
Panfala hgmenaea Say Cuba; östl. Nordamerika bis Nordmexiko.
Trumea onustaRg. Cuba, St. Thomas, Guadeloujie, Florida; Texas;
Mexiko, Panama.
158 H. J. Koroe: Die geographische Verbreitung
«
Tramea uhdominalis Ramb. Cuba, Haiti, Portoriko; Florida, Nan-
tiicket-Insel bei Mass.; Mexiko.
Tramea halfeata Hg. Cuba; Florida, Texas.
Lihdlvla avr ip i'7in )s Bnrm. Cuba, Isle ofPines; Nordamerika östl.
vom Felsengebirge, Florida.
Mesolhimis mnpUcicollis Say Cuba; Nordamerika, von Florida bis
Massachusetts und Utah; Mexiko.
Alle diese Arten, wahrscheinlich auch Panfala hi/menaea und
EnaUagma cimle bewohnen Florida oder die in der Nähe der Halb-
insel gelegenen Key-Inseln. Es ist annehmbar, dass manche Arten
von Cuba nach Florida oder umgekehrt auf dem Luftwege über-
gesiedelt sind. Grosse Odonaten werden zuweilen auf dem Ocean
fern vom Continent augetroffen. Mathew (No. 4) berichtet, dass
Anax Ly>hippi(/er in grosser Anzahl auf dem Meere an der West-
küste Afrikas fern vom Continent beobachtet wurde. Und dass nicht
nur Lihelhdn qiiadriinavulala in grossen Schwärmen wandert, be-
weist die Mittlieilung von Mundt (No. 5) über eine enorme Wan-
derung der Aeschna hcros F. im Staate Illinois am 13. August 1881,
die einen südAvestlichen Curs nahm.
Die Annahme der Verbreitung durch Wanderungen über das
Meer von Florida nach Cuba findet auf En<dla(/ina aus zwei Gründen
keine Anwendung: 1., weil diese zart gebauten und schwach fliegenden
Insekten dazu wohl nicht im Stande sind, 2., weil die Verbreitung
der Gattung überhaupt (das Vorkommen in der Cordillere von
Columbien und Venezuela, sowie in Mexiko) :uif eine geologische
Ursache hinweist. Nach Seitz (No. 6 S. 515) kamen indess auf dem
rothen Meere häufig ganz zarte Odonaten (Agrioniden) an das Schiff
geflogen, obgleich die Entfernung bis zur Küste 50 Meilen und mehr
betrug; und eine Acsch/ia flog an ein Schiff, welches mehr als
100 Meilen von der nächsten (arabischen) Küste entfernt war.
Nach Hörn und Schwarz (No. 7) darf die Fauna von Florida
nicht zur Fauna Nordamerikas, sondern muss zu der der Antillen
gerechnet werden, weil diese Halbinsel eine sehr grosse Anzahl west-
indischer Arten beherbergt. Das gilt auch von den Pflanzen. Nach
Karl Mohr (No. 8) kommt eine grosse Zahl westindischer Baum-
arten auf Florida, aber meist nur auf der schmalen südlichen Spitze
der Halbinsel und auf den benachbarten zahlreichen kleinen Inseln
(Keys) vor, im Ganzen 57 Baumarten. — Auch von den Tramea-
Arten (Libell.) Cubas kommen o//w<hi, halfeata, abdominalis und
insidariti auf den Key West bei Florida vor (Karte V). Es ist anzu-
nehmen, dass die leicht verbreitungsfähigen Pflanzen und Thiere
Cubas die nahe Küste und Inseln Floridas durch Strömungen im
Meere, auf dem Luftwege oder auf irgend eine andere Weise
erreicht haben. — Vgl. übrigens Leconte (No. 15) u. Hülst (No. 16).
Vier auf den Antillen vertretene Gattungen entlialten ausser
endemischen Arten auch je eine oder zwei auf diesen Inseln lebende
nordamerikanische und südamerikanische Arten (Karte III und V).
— Es sind die Gattungen LibelUda, Anax, Aeschna und Tramea,
der Neuroptera und Pseudouenroptera der Antillen. 159
t
von denen nördliche und südliche Elemente sich auf den Antillen
begegnen.
endemisch nordamerikanisch südamerikanisch
Libellula angustipennis . . aiiripennis umbrata
Anax — . . junius amazili
Aeschna dominicana . . . ingens virens
adnexa
cyanifrons
Tramea australis . . . onusta ...... marcella
Simplex .... abdominalis
balteata.
LiheUuIa: die endemische cnif/vstipennis bewohnt Cuba, die Fichten-
insel und Haiti; die nordamerikanische cairipcnnis Cuba, die Fichten-
insel, Florida, Louisiana, Texas, Georgien, Virginien, Maryland, New-
York, New-Jersey, Ohio; wnhrata kommt fast überall in Süd- und
Mittel-Amerika, von Nordmexiko bis Argentinien vor.
Amur junius ist von Cuba, Florida und Nordmexiko bis Cali-
fornien und Canada verbreitet, auch in Ostasien und auf den Sand-
wich-Inseln gefunden; amazili (Cuba, Barbados) ist eine tropisch-
amerikanische Art (Guatemala, Venezuela, Brasilien).
Von Aeschna sind 3 Arten auf die Inseln beschränkt; ingens
fliegt auf Cuba, Florida und in Georgien; virens auf Cuba, der
Fichteninsel, Haiti, Panama, in Venezuela, Bolivia und Nordbrasilien.
Von den 7 Arten von Tramea auf den Antillen sind "2 endemisch,
3 nordamerikanisch und 1 südamerikanisch. Die nordamerikanischen
Arten gehören hauptsächlich den südlichsten Gegenden der Ver-
einigten Staaten und Mexiko an. Die einzige südamerikanische Art
bewohnt Cuba, Mexiko, Neu-Granada und Brasilien. Uebrigens ist
die Gattung in anderen Arten in Nordamerika bis Michigan und
New- York verbreitet.
Andere von Nord- bis Südamerika verbreitete und auf den
Antillen vertretene Gattungen enthalten ausser etwaigen endemischen
nur südamerikanische Arten, nämlich die Gattungen JJipIa.v, Pro-
gomihus, Erythragrion und Lesfes (vergl. Karte IV).
Die Fauna der kleinen Antillen enthält aus manchen Thier-
gruppen südamerikanische Arten, welche den grossen Antillen fehlen.
Es sind aber nur 2 Arten der Odonaten, welche nur die kleinen
Antillen und sonst Südamerika bewohnen, nämlich:
Diplax credula Hg. St. Thomas und Brasilien.
Heiaerina crnenlaia Ramb. Martinique, Venezuela, Neu-Granada,
Columbien, Surinam, Brasilien; Mexiko.
Von den übrigen Arten leben 65 auf Cuba, nur 6 sind auf die
anderen Inseln der grossen Antillen beschränkt.
Es sind 73 Arten der Odonaten von allen Antillen zusammen
bekannt. Davon sind
36 Arten endemisch, d. h. auf diese Inseln beschränkt,
22 Arten bewohnen Südamerika,
21 ,, ,, Centralamerika,
15 „ „ Nordamerika.
I(j0 H. J. Kolbe: Die geographische Verbreitung
Die meisten Centralamerika bewohnenden Arten der Antillen
gehören grösstentheils auch Südamerika an oder sind zum geringeren
Theile bis in die südlichen Länder Nordamerikas verbreitet.
Von den Arten der Antillenfauna sind ausserhalb der Antillen
10 nur in Südamerika,
4 ,, ,, Centralamerika,
„ , 6 ,, ,, Nordamerika
gefunden.
Die Antillen haben
1. Aussehliesshch mit Südamerika folgende 10 Arten gemeinsam:
Tholymis citrina Hg. Cuba; Panama, Brasilien.
Diplax credula Hg, St. Thomas; Brasilien.
Diphhx abjecfa Hg. Cuba: Venezuela, Neu -Granada, Co-
lumbien, Brasihen.
AeschnavirensRamh. Cuba, Haiti, Port-au-Prince ; Venezuela,
Bolivia, Panama.
Gynacantha trifidaRdiüb. Cuba, Jamaika, Portorico; Brasilien.
Gynacaniha sepiima Selys. Cuba, Jamaika; Brasilien.
Ggnacuniha 7iervosa Bamb. Cuba, Portorico; Guyana,
Venezuela.
Aphylla producia Selys. Cuba; Guyana, Brasilien (Bahia).
Ceraiura capreola Hg. Cuba, Portorico; Brasilien.
Eryihragrion dominicanum Selys. Cuba, Portorico, St. Do-
mingo; Guyana.
2. Mit Centralamerika allein folgende 4 Arten:
Lepthemis vesiculosa F. Cuba, Portorico, Haiti, St. Thomas,
Barbados; Mexiko, Panama.
Dythohis dicrota Hg. Cuba, Portorico, Mexiko.
Dyihemis aequalis Hg. Cuba, Mexiko.
Enallagma coecum Hg. Cuba, Portorico, Haiti, Porte-au-
Prince, St. Thomas; Mexiko.
3. Mit Süd- und Centralamerika ausserdem folgende 8 Arten:
Iramea marcella Selys. Cuba; Neu-Granada, Brasilien, Mexiko.
Lihellula uuihrata L. Cuba, Portorico, Haiti, St. Thomas,
Barbados; Venezuela, Guyana, Brasilien, Argentinien;
Mexiko (Matamoros).
Lepthemis aitala Hg. Haiti; Venezuela, Guyana, Brasilien;
Mexiko (Mazatlan).
Erythemis furcata Hg. Cuba; Brasilien (Bahia); Mexiko
(Tampico).
Diplax ochracea Burm. Cuba; Guyana, Venezuela, Brasilien
(Bahia); Mexiko (Tampico).
Anad- amazüi Burm. Cuba, Barbados; Guyana, Brasilien
(Amozonas, Para, Pernambuco, Rio); Guatemala.
Helaerina ('rveidafaRQwih. Martinique; Brasilien, Colurabien;
Mexiko.
Lestes forßcula Ramb. Cuba; Venezuela, Guyana, Brasilien,
Mexiko.
der Neni'optera und Pseudonenroptera der Antillen. X61
Im Ganzen sind von den 72 Arten der Ä.ntiUen 23, also fast Va?
mit tropisch-amerikanischen Arten identisch, von denen keine bis
Nordamerika reicht, während nur 6 rein nordamerikanische, 5 in
Nord- und Centralamerika lebende und 4 von Nord- bis Südamerika
verbreitete Arten zur Antillenfauna gehören.
Von Nord- bis Südamerika sind folgende 4 kvten der Antillen
verbreitet (Karte VI):
Panfala flavescens F. Oestliche Vereinigte Staaten, Texas, Mexiko ;
Antillen (die meisten Inseln); Venezuela, Guyana, Brasilien
(bis Prov. St. Catharina), Columbien.
Orfhemis discolor F. Texas, Florida (Key West); Mexiko etc.;
Cuba, Haiti, Porto rico, Jamaika, St. Thomas, Barbados,
Guadeloupe, Martinique, Columbien, Venezuela, Guyana bis
Südbrasilien, Peru und Chile.
Periihemis domiiia Drury. Oestliche und südliche Vereinigte Staaten,
Texas, Mexiko; Cuba, Portorico; Venezuela bis Argentinien.
Ischnura ramhurii Selys. Südöstliches Nordamerika bis Quebec;
Centralamerika; Cuba, Portorico, St. Thomas; Venezuela,
Brasilien und Peru.
Das Vorkommen der nordamerikanischen Arten Anomalacirion
hasiatum Say und Enallagma civile Hg. im Gebirge von Venezuela
ist anderweitig besprochen (S. 157).
Neben der Identität von Arten der Antillenfauna mit solchen
anderer Länder Amerikas ist die Beantwortung der Frage wichtig,
wo die nächsten Verwandten der auf den Antillen endemischen Arten
leben. Darnach ergeben sich die folgenden verwandtschaftlichen Be-
ziehungen der Odonatenfauna, der Antillen mit derjenigen
1. Des tropischen Amerika.
Tramea insidaris (Taf. 1 3, Karte V) ist mit cophysa Koll. BrasiHens
nahe verwandt; simplex vielleicht identisch mit marcella Selys (Cuba,
Mexiko, Neu-Granada, Brasilien) ; ausfralis der iphigenia Hg. (Vene-
zuela, Neu-Granada) ähnlich.
McuTotliemis celeno hat nur südamerikanische Verwandtschaft
und steht der pJeurodicfa Burm. Brasihens am nächsten.
Eri/themis cuhensis hat gleichfalls nur südamerikanische Ver-
wandtschaft und weist zunächst auf longipes Hg. Brasiliens hin.
Aeschna cyanifrons und adnexa stehen der confusa Ramb.
(Brasilien bis Argentinien und Chile) nahe.
Progomphtis. Obgleich von dieser Gattung 2 Arten in Nord-
amerika leben, so weisen diejenigen der Antillen doch nur auf Süd-
amerika hin; integer ist nahe mit ros/a//s (Brasilien), s^r^«?<« zunächst
mit intricatus (Amazonas) verwandt.
Lesies ist fast über ganz Amerika verbreitet. Von den 3 Arten
der Antillen ist forficula eine tropisch-amerikanische, spumaria ist
Arch. f. Naturgesch. Jahig. 1888. Bd I. H. 2. 11
\ß2 H. J. Kolbe: Die geograpliische Verbreitung
eine nahe Verwandte von ihr und fennaia auf Martinique weist auf
picta Selys Brasiliens hin.
Erythragrion ist hauptsächlich in Südamerika vertreten, aber in
einer Art (saucium) auch in Nordamerika. Von den 2 Arten der
Antillen ist dominicamirn über Südamerika verbreitet und vulneratum
mit ihr nahe verwandt.
Lepfohasis, Protoneura und Neoneura sind tropisch -südameri-
kanische Gattungen.
2. Nordamerikas.
Aeschna dominicana ist der juncea Nordamerikas, Europas und
Nordasiens ähnlich.
Die Arten von Etiallagma weisen namenthch auf Nordamerika hin.
Rein tropisch -amerikanische Gattungen der Antillenfauna sind
Tholymis, Macrotheniis, Lepfhevns. Gi/naca/iihu, Aphi/Ua, Leptohusis,
iseoneura und Protoneura (vergl. Kartell), denen 3 nordamerikanische,
Celithemis, Enallaf/ma und Anomalagrion (letztere "2 bis Mexiko)
gegenüberstehen (Karte I).
Die Fauna der Antillen enthält 8 tropische Gattungen, 23 mit
tropisch-amerikanischen identische Arten und 25 Arten von tropischer
Verwandtschaft; dagegen nur 3 nordamerikanische (theilweise süd-
wärts verbreitete) Gattungen, 11 nordamerikanische (unter ihnen
5 bis Centralamerika verbreitete) Arten und 9 Arten von nord-
amerikanischer Verwandtschaft.
Das tropische Element der Odonatenfauna der Antillen wird
daher von Vs der ganzen Fauna, das temperirte Element von nicht
ganz Va gebildet. 4 Arten sind von Nord- bis Südamerika ver-
breitet (Karte VI). ^____
Im Anschlüsse an die Odonaten werden im folgenden die übrigen
Pseudoneuropteren und Neuropteren der Antillen in ihrer Beziehung
zu denen des Continents kurzer Hand gemustert.
1. Die Termitiden. Nur Calofennes castaneus, der sich auf
den meisten Antillen findet, ist über einen sehr grossen Theil
Amerikas verbreitet, nämlich über Centralamerika bis Californien
und bis SüdbrasiKen und Chile. Von den 9 Arten der Antillen kommen
aber 6 in Südamerika vor, 3 sind endemisch.
2. Die Embiiden. Diese Familie ist in Amerika in den Gat-
tungen OUgotoma und Olynfha vertreten. Jene Gattung gehört in
2 Arten Cuba und Florida, diese in 5 bis 6 Arten Südamerika bis
Mexiko an. Die einzige Antillenart ist auf Cuba und Portorico
beschränkt.
3. Die Psociden. Von den beiden bekannt gewordenen Arten
ist Psocus venosus über die südlichen und östlichen Staaten Nord-
amerikas und Mexiko verbreitet. Die andere Art ist endemisch.
der Neiu'optera \md Pseudoneuroptera der Antillen. Iß3
4. Die Ephemeriden. Uagenulvs ist als Gattung den Antillen
eigenthümlich. Von Lachlania kommt noch eine zweite Art in
Guatemala vor. Callibaefis ist über ganz Amerika verbreitet. Ce7i-
iroptilum ist eine nearktische Gattung.
5. Von Perlid en ist keine Art von den Antillen bekannt.
6. Die Sialiden. Sialis ist nur in Nordamerika imd auf Cuba
gefunden.
7. Die Hemerobiiden. 3 Gattungen und 8 Arten. 1 Ckrysopa-
Art der Antillen ist über die östlichen Vereinigten Staaten verbreitet
(cuhana), eine zweite Art heimathet auf den grossen Antillen etc.
und in Mexiko; die übrigen sind endemisch. Profochrijftpa ist nur
in Brasilien und auf den Antillen vertreten. Der Micromm (Cuba)
ist nach Hagen dem nordamerikanischen insipidus ähnlich.
8. Die Myrmeleontiden. 2 Gattungen, 5 Arten. Acanfhadms
fallax ist über die Antillen, Central- und Südamerika verbreitet.
Die 4 Arten von Myrmeleon sind endemisch; ihre Verwandtschaft
mit continentalen Arten ist mir nicht bekannt.
9. Die Ascalaphiden. Die 9 bekannten Arten der Antillen
gehören 3 Gattungen an. Haploglenius ist in 14 Arten über Central-
und Südamerika verbreitet (1 auf den Antillen). Die 6 bekannten
Arten von Cordulecerus kommen alle in Südamerika vor; von diesen
ist je eine Art bis Nicaragua, Mexiko und bis zu den Antillen ver-
breitet. Von den 7 Uhda-Arten der Antillen gehören 2 auch Nord-
amerika an, 2 sind einer der letzteren sehr ähnlich, 3 haben Be-
ziehungen zu Südamerika, eine von ihnen ist mit einer brasilianischen
Art identisch.
Es ist auffallend, dass die in Nord- und Südamerika vertretenen
Gattungen ChauUodes, Corydalis (eine typisch amerikanische Sialiden-
gattung), Manfispa und Gattungen der Panorpiden von den Antillen
nicht bekannt sind. Es ist wahrscheinlich, dass manche Arten noch
gefunden werden. Namentlich sind die Trichopteren nur in wenigen
Arten vertreten und deswegen hier nicht berücksichtigt.
Man wird finden, dass die nordamerikanischen und tropisch-
amerikanischen Elemente ungefähr in demselben Verhältnisse zu
einander stehen wie bei den Odonaten.
Ein tabellarischer Ueberblick über die Pseudo-Neuropteren und
Neuropteren der Antillen lässt deren zoogeographische Zugehörigkeit
leichter erkennen. Die verhältnissmässig grosse Anzahl der die
Antillen bewohnenden central- und südamerikanischen Gattungen,
welche Nordamerika nördlich von Mexiko fehlen (Taf 13, Karten II, IV)
beweisen in sich selbst die Zugehörigkeit der Antillenfauna zur
neotropischen Region. Es giebt viele mit tropischen Arten des
Continents identische oder nahe verwandte Arten. Aber auch eine
ganze Anzahl endemischer Arten kommt vor. Nur 1 Genus oder
Subgenus, Alicroneura, unter den Odonaten und eine mekwürdige
Gattung der Ephemeriden, Hagenuliis, sind auf die Antillen beschränkt.
Die Abwesenheit mehrerer continentaler, weit verbreiteter Gattungen
11*
164
H. J. Kolbe: Die geographische Verbreitung
ist nur der bekannte, die Inselfaunen gewöhnlich auszeichnende
Charakterzug. So fehlen den Antillen, ausser den Odonatenfamilien
Calopterygidae und Corduliidae, den Gruppen Pseudostigmatina und
Podagrionina, von Coleopteren die Lucaniden; von JMollusken geht
die auf dem Continent so reich entväckelte Gattung Btilimvs nur
bis St. Lucia. Von Mammalien sind den Antillen die Carnivoren,
Edentaten und Affen fremd; von Amphibien die Urodelen, die in
Nordamerika so reich an Gattungen und Arten sind. Dennoch
kommen manche nearktische Formen auf den Antillen vor; ihre An-
wesenheit hierselbst deutet vielleicht den vergangenen Zustand der
Fauna in einer früheren Zeitperiode an, wie die über die neark-
tische und paläarktische Region zerstreuten hochnordischen Formen
Licht auf die Fauna der jetzigen gemässigten Zone zur Zeit der
Glacialepoche werfen.
In dem jetzt folgenden Verzeichnisse sind alle bis jetzt von
den Antillen bekannt gewordenen Arten der Libelluliden, Epheme-
riden, Termitiden, Embiiden, Psociden, Sialiden, Hemerobiiden,
Ascalaphiden, Myrmeleontiden und Trichopteren mit Angabe ihrer
weiteren Verbreitung aufgezählt.
Arten der Antillen.
Süd-
amerika.
I. Odouata.
1. Libellulidae.
Pantala flavescens Fbr. . . .
» hynienaea Say . . .
Tholymis citrina Hg. . . .
Tramea onusta Hg
» abdominalis Ramb. .
* » instilaris Hg. . . .
* » australis Hg. . . .
» marcella Selys . . .
* » Simplex Ramb. . . .
» balteata Hg. . . .
Celithemis eponina JDriiry . .
Libella auripennis Burm. . .
» umbrata L
* » augustipennis Ramb.
Orthemis discolor F
Lepthemis vesiculo.sa F. . .
» attala Hg. . . .
* » herbida Hg. . .
* Dythemis rnfinervis Burm.
* « frontalis Burm. . .
» dicrota Hg. . . .
* » didyma Selys . .
» aequalis Hg. . . .
* » incrasssata Hg. . .
* » naeva Hg. . . .
der J^europtera und Pseudoneuroptera der Antillen.
165
Arten der A u t i
Cuba
Porto-
riko.
Nord-
amerika.
Central-
amerika.
Süd-
amerika.
*Dythemis debilis Hg
* » exhausta Hg. . . .
* Macrothemis celeno Selys . . .
Erythemis furcata Hg
* •' cnbensis Scudd. . .
Mesotherais simplicicoUis Say
Diplax pchracea Burm
* » ambusta Hg
* » justiniaua Selys •. . .
* » fraterna Hg
» credula Hg
» abjecta Ramb
* » portoricana Kolbe . . .
Perithemis domitia Di'ury . . .
2. Aeschnidae.
Anax junius Drury
» aniazili Burm. . . . . .
*Aeschna dominicana Hg. . . .
* » adnexa Hg
* » cyanifrons Hg. . . .
virens Ramb
" ingens Ramb. . . • .
Gynacantha trifida Ramb. . . .
» septima Selys . .
» nervosa Ramb. . .
3. Gomphidae.
Aphylla producta Selys . . ,
* Progomphus integer Hg. . . .
* » serenus Hg. . . .
4. Calopterygidae.
Hetaerina cruentata Ramb. . .
5. Agrionidae.
*Protoneura capillaris Ramb. . .
* Neoneura maria Scudd
* » carnatica Hg. . . ,
* Microneura caligata Hg. . . .
Ceratura capi'eola Hg
Auomalagrion hastatum Say . .
Ischnura ramburii Selys . . .
* Enallagma minutum Selys . . .
civile Hg
* » cultellatum Hg. . .
» caecum Hg
* » krugii Kolbe . . .
Erythragrion dominicanum Selys
* » vulneratum Hg.
* Leptobasis vacillans Hg. Selys .
* » macrogastra Selys
Lestes forficula Ramb. . .
(1)
1
(1)
1
(1)
166
H. J. Kolbe: Zur geograiihischeu Verbreitung
A r t p n der Antillen.
* Lestes spumaria Hg. Selys
* » tenuata Ramb. . .
*
scalarLs Hg.
II.
Epliemeritlae.
* Lacblania abuormis Hg.
*Hagenulus caligatus Etil. . .
* Centroptilnm poeyi Etil. . .
* Callibaetis 2 sp. ......
III. CoiTodeutia.
1. Termitidae.
Calotermcs ca.staueiis Buna.
» posticiis Hg. .
>• brevis AV^alk. .
Eutermes iiiorio Latr. . .
» debilis Heer . .
rippertii Ramb. .
» lividus Burni.
» tenuis Hg.
» Simplex ....
2. Embiidae.
* üligütonia cubana Hg. . .
3. Psooidae.
Psocus veiiosus Burm. . .
"^ » mobilis Hg
IV. Neiiroptera.
1. Sialidae.
* Sialis bifasciata Hü'
2. Megaloptera.
1. H eme r 0 b i i d a e.
* Micromns cubanus Hg. . . .
Chi'ysopa cubana Hg.
» conformis Wlk. .
* » krugii Kolbe . .
* » transversa Wlk.
* •• collaris Schneid.
* » thoracica Wlk. .
» externa Hg. . .
* Protochrysopa insularis Wlk.
2. Ascalaphidae.
Ulula hyalina Latr. . . .
* » avnnculus Hg.
limbata Burm . ,
microcephala Eamb.
Cuba.
Porto-
riko.
Nord-
amerika
Central- Süd-
amerika, amerika.
— I 1
der Neiu'optera und Pseudoueuroptera der Antillen.
167
Die mit * versehenen Arten .sind nur auf den Antillen gefunden.
Von Herrn Consul Krug auf Portoriko gesammelte Pseudo-
Neuropteren und Neuropteren
(in der zoologischen Sammlung des Museums für Naturkunde zu Berlin befindlich).
1. Pantala ßavescens F.
2. Tramea abdominalis Ramb.
3. JAhella mnhrata L.
Zu den von Hagen (Stettiner Entom. Zeitung 1868 S. 274—279)
beschriebenen Varitäten dieser im ganzen wärmeren Süd-Amerika,
Central-Amerika und auf den Antillen gemeinen Art kommt hier
eine weitere von Portoriko hinzu, welche in einem weiblichen Stücke
vorliegt. Das Pterostigma dieser Varietät ist in der Aussenhälfte
gelbweiss, in der inneren Hälfte braun. Gewöhnlich ist es ganz
braun oder ganz gelb. Hagen erwähnt ein Stück, bei dem die
IßS H. J. Külbe: Die geographische Verbreitung
Spitze des braunen Pterostigma gelb, und ein anderes Stück von
Cuba, bei dem das schwarzbraune Pterostigma im äusseren Drittel
gelbbraun ist.
4. Orfheniis discolor Bunn.
5. Lepfhemis vesiculosa F.
6. Dythemis riifinenns Burm.
7. Dythemis dicrota Hg.
8. Macrothemis celeno Selys.
9. Diplax ombtisfa Hg.
10. Diptax portoricana n. ?.
Diese Art halte ich für unbeschrieben. Sie liegt in einem
weibliclien Stücke vor. Dasselbe ist klein, zart gebaut, noch kleiner
als die vorige Art, deutUch verschieden von der noch kleineren
D. mmiiscvla, welche nach Rambur (Neuropt. S. 115, 118 part.)
Hagen in seiner Synopsis der Neuroptera Nord- Amerikas (S. 183)
beschreibt.
Der Körper ist gelb, etwas fuchsfarbig, die Augen röthlichgelb,
das Gesicht etwas heller; der Rücken des Thorax beiderseits mit
einem dunklen Längsstrich versehen. Die Nähte des Abdomens sind
dunkel, 1. und 2. Segment an den Seiten mit einer braunen Längs-
linie, 3. bis 5. seitlich von dem Hinterrande mit einer mehr oder
Aveniger dreieckigen Makel, G. und 7. mit einer schwachen dunklen
Längslinie an den §eiten versehen. Die Appendices sind gelbbraun.
Die Basis der glashellen Flügel ist sehr schwach, die der vorderen
Flügel kaum gelblich. Das Pterostigma ist gelb. Die Beine sind
braun, die Schienen dunkler, die Analklappe steht etwas vor und
ist abgerundet. Antecubitalnerven sind, im Vorderflügel 9 bis 10,
im Hinterflügel (i, Postcubitalnerven in jenen 6, in diesen 6 bis 7.
Die Länge des Körpers beträgt 24 ^4 mm, die Flügelspannung
43 mm.
11. Perilhemh domiiia Drury.
12. Gynaccmtha trifida Ramb.
13. Gynaccuii'ha nervosa Ramb. Er.
Es liegt ein weibliches Exemplar von dieser Art vor. Nach der
Form der Stirn, der Bildung des 7-Zeichens auf derselben und der
Färbung der Beine gehört dasselbe zu der Art, welche Erichs on
als nervosa Ram. aus Guyana beschrieben hat und welches sich in
einem c^-Stücke im hiesigen Museum befindet. Auch passt die Be-
schreibung, welche Rambur von dem $ entwhft, genau auf das
vorliegende $ aus Porto riko. Ebenso stimmt die Rambur'sche An-
gabe, dass die Appendices superiores des $ in der basalen Hälfte
sehr schmal seien, auf das von Erichs on charakterisirte Exemplar.
Bei der nahe verwandten rohusia Er. sind die Appendices länger
und in der Basalhälfte breiter. Betrefts des Stirnflecks schreibt
Rambur 1. c. : ,, front ayant ä la partie superieure une tache peu
marquee, un peu en forme de 7, dont le sommet est elargi."
Dieser Fleck hat bei der Erichson'schen nervosa deutlich die Form
eines T\ aber bei robusta ist der Stirnfleck verwaschen, und die
der Neuroptcra und Pseudoiieixroptera der Antillen. 169
Formeines T nicht zu erkennen. Rambur giebt bei nervosa ferner
an, dass das Abdomen hinter der Basis etwas eingeschnürt sei; das
passt auch auf Erichson's nervosa. Bei robust a ist das Abdomen an
der Basis nicht eingeschnürt. Es ist wohl kein Zweifel, dass die
Erichson'sche nervosa mit der Rambur'schen nervosa identisch ist;
und in dem Falle ist auch das vorliegende Weibchen von Portoriko
zu derselben Art zu stellen.
Ausser den angeführten Unterschieden sind noch folgende an-
zumerken. Bei nervosa springt die Stirn weniger spitz vor als
bei rohusta. Die bei dem ? an der Unterseite zwischen dem 2. und
3. Segment liegende hintere Klappe des Copulationsorgans ist bei
nervosa glatt, bei rohusta mit einem mittleren Längskiel versehen.
Es finden sich noch einige relative Unterschiede in der Form der
äusseren Copulationsorgane am 2. Segmente. Die Schenkel der Vorder-
beine sind bei rohusta dunkelbraun, bei nervosa, wie die übrigen
Beine, hellbraun.
Gynacantlia rohusta Er. und gracilis Burm., welche beide von
Hagen 1875 in der Synopsis of tlie Odonata of America S. 41 mit
nervosa zu einer einzigen Art vereinigt sind, dürften von dieser Art
und von einander verschieden sein. Wahrscheinlich hat Hagen
diese Arten nicht vor sich gehabt.
In der hiesigen Königlichen Sammlung befinden sich alle drei
Arten und jede in beiden Geschlechtern.
Gjjnacantha gracilis Burm. weicht von nervosa noch mehr ab
als rohusta. Es befinden sich 1 ^ und 2 $$ in der hiesigen König-
lichen Sammlung. Das 1. und 2. Segment sind in beiden Ge-
schlechtern stark aufgeblasen, das 3. Segment ist beim S seitlich
sehr compress, auch beim $ eingeschnürt, aber schwächer als beim S.
Die von Burmeister im Handbuch der Entomologie IL S. 837 an-
gegebene Färbung des Abdomens passt genau auf unsere Stücke.
Die Segmente des Abdomens sind in der vorderen Hälfte hell, in
der hinteren schwarzbraun. Die Appendices superiores des «^ sind,
wie auch Burmeister angiebt, dolchförmig zugespitzt ; der schmale
Basaltheil viel kürzer als der verbreiterte. Die Exemplare der
Königlichen Sammlung sind aus Rio und Surinam.
Die drei Arten sind in Folgendem unterschieden:
a) (jijnacantlui nervosa Ramb. Mus. Berol. (Fig. X. 1.) Appen-
dices anales superiores des S in der basalen Hälfte sehr schmal,
fast parallelseitig, dann fast plötzlich verbreitert; der verbreiterte
Theil an der Aussenseite gegen die Spitze hin krummlinig. Appendix
analis inferior des c^ fast 4 mal länger als an der Basis breit, gegen
die Spitze sehr verjüngt, am Ende abgestutzt.
Hintere Klappe des Copulationsorgans des 3 zwischen dem 2.
und 3. Segment) glatt, convex.
3. Segment des Abdomens beim c^ und $ nicht eingeschnürt. •
Färbung des Abdomens cinfiich braun an getrockneten Stücken.
Postscutellum des Metanotum mit geraden Seiten.
170 H. J. Külbe: Zur geographischen Verbreitung
Länge des Körpers ^ 72 — 78, $ 70 mm; Hügelspannung <J 103
bis lOG, $ 103 mm. Vaterland: Puerto Cabello, B. Guyana, Porto-
riko, Cuba.
b) G. rohvsia Er. Mus. Berol. (Fig. X. ±)
Appendices anales superiores des S von der Basis bis über die
Mitte hinaus versclimälert, der verschmälerte Theil nach hinten zu
allmählich breiter werdend. Aeussere Seite des verbreiterten End-
stücks am Ende krummlinig.
Appendix analis inferior des S ähnlich wie bei nervosa, ebenso
lang, aber schmäler.
Hintere Klappe des Copulationsorganes des i^ (zwischen dem
2. und 3. Segment) mit einem Längskiele versehen.
3. Segment des Abdomens des S etwas eingeschnürt, des $
einfach.
Abdomen einfach braun an getrockneten Stücken.
Postscutellum des Metanotum mit gerundeten Seiten.
Länge des Körpers (^77 mm; Flügelspannung c^ 107, $ 110 mm.
Vaterland: Brasilien, Bahia, Ptio.
c) G. gracilis Burm. (Fig. X. 3).
Appendices anales superiores des S nur im ersten Drittel sehr
schmal; der verbreiterte Theil parallelseitig, aber am Ende wieder
verjüngt, äussere Seite jedes Appendix bis zur Spitze geradlinig.
Appendix analis inferior des S dreieckig, nur doppelt so lang
als an der Basis breit, kürzer als bei rohusta und nervosa.
Hintere Klappe des Copulationsorgans des c^ (zwischen dem 2. und
3. Segment) glatt.
3. Segment des Abdomens in beiden Geschlechtern sehr compress,
beim $ nur wenig schwächer.
3. bis 7. Segment des Abdomens des S und $ in der vorderen
Hälfte hell, in der hinteren dunkelbraun.
Postscutellum des Metanotum an den Seiten gerundet.
Länge des Körpers S 83 mm, $ 82 — 90 mm; Flügelspannung
3 116, $ 122 — 125 mm. Vaterland: Brasilien, Rio; Surinam.
Gynacantha rohusta Mus. Berol. war bisher noch unbeschrieben.
14. Protoneura capillaris Ramb.
15. Ischnura ramhurii Selys.
16. Enallaf/ma civile Hg.
Auf diese Art habe ich ein männliches Exemplar bezogen, welches
ich anfangs wegen einiger Differenzen von der Beschreibung des
cwile in de Selys Longchamps' Revision du Synopsis des Agrio-
nines (1876) für eine besondere neue Spezies hielt und im Manu-
script unter dem Namen duruliim aufführte. Das Exemplar hat aber
viel Uebereinstimmung mit nordamerikanischen Stücken von civile Hg.,
weswegen ich es zu dieser Art stelle.
Es ist nahe mit dem europäischen cyathifienim verwandt, ist
aber dem grösseren durum Hg. (Nordamerika: südliche und östliche
Staaten) ähnlich, denn die Postcostalader steht, wie bei dieser Art,
fast unter der ersten Antecubitalader, während sie nach de Selys
der Neuroptera und Pseudoneuroptera der Antillen. 171
Longchamps bei allen übrigen bekannten Arten von Enallagnia,
also auch bei civüe etwa in der Mitte zwischen den beiden Ante-
cubitaladern steht. Die Art ist aber von durum verschieden durch
das Vorhandensein von 3 Zellen zwischen dem Flügeldreieck und
dem Nodus, da bei dieser 4 oder 5 solcher Zellen vorhanden sind;
ferner durch die geraden, an der Spitze stumpf abgerundeten Appen-
dices anales superiores, welche bei durum gekrümmt sind.
Der Kopf ist oben schwarz, der Vorderkopf, der schmale Eand
des schwarzen Clypeus, das Labrum und die Postocularmakeln blau.
Der Prothorax ist schwarz, der schmal aufgerichtete Hinterrand sehr
gleichmässig gerundet. Die Antehumeralstreifen des Mesothorax
sind ziemlich und gleichmässig breit, etwas schmäler als der breite
Längsrückenstreifen, und blaugrün; der schwarze Seitenstreifen ist
nach liinten zu verschmälert. Die blassgelben Seiten des Thorax
sind von einem grünen Streifen der Länge nach durchzogen. Der
Hinterleib ist blau; das 1. Segment an der Basis mit einem schwarzen
Flecke, das 2. vor dem Hinterrande mit einem queren, jederseits
zugespitzten Flecke, das 3. bis 5. am Ende mit einem vorn zuge-
spitzten schwarzen Flecke versehen. Das 6. Segment ist im basalen
Drittel blau, hinten schwarz; das 7. ganz schwarz, nur ein schmaler
Ring an der Basis blau; 8. und 9. ganz blau, dieses aber etwas
schwärzlich; 10. ganz schwarz, in der Mitte des Hinterrandes aus-
geschnitten. Die oberen Appendices anales sind etwas kürzer als
das letzte Segment, sehr wenig gebogen, seitlich breit, schwarz, an
der Spitze abgerundet, innen an der Spitze mit einem sehr kurzen
Zähnchen, unten mit einem vorspringenden starken Zahne bewehrt.
Die mittleren Appendices sind bräunlich, so lang als die oberen und
diesen dicht angelegt, gegen die Spitze hin sehr verjüngt; die unteren
Appendices kurz, dreieckig, um die Hälfte kürzer als die oberen,
hellbraun, an der Spitze schwarz. Die Beine sind bräunlichgelb,
die Schenkel aussen schwarz. Flügelspannung 36 mm, Länge des
Körpers 30 mm.
17. Enallagnia krugii n.
S. Ist nahe mit cultellatum Selys (Cuba) verwandt, unter-
scheidet sich aber von dieser Art durch folgende Merkmale: Ptero-
stigma nicht ,,jaune", sondern schwarz mit weisser innerer Rand-
linie; Postcubitaladern im Vorderflügel 10 bis 11, im Hinterflügel 9;
Basalglieder der Antennen nicht ,, oranges", sondern schwarz; Meso-
thorax nicht mit einem ,, bände antehumerale etroite, vert orange",
sondern mit einer ziemlich breiten violetten Binde; 3. Segment des
Abdomens anders gefärbt.
Diagnose: Violacea, capite superne nigroaeneo, labro, clypeo,
parte capitis anteriore interoculari purpureo-fuscis, antennis nigris;
prothorace nigro, ad latera extrema violaceo marginato, margine
postico anguste elevato, integro, subrotundato ; mesothorace violaceo,
vittis dorsali mediana lata et singula utrinquc laterali angustiore
recta nigris; abdomine nigroviridi et violaceo colorato, segmento
secundo macula tenui furcata signato.
172 H. J. Külbe: Die geographische Verbreitung
Der Hinterleib ist nach der Basis zu violettblau, nach hinten
zu schwarzgrünmetallisch ; die 3 ersten Segmente sind oben blau,
1. an der Basis schwärzlich, '2. oben mit einer breit gabelförmigen
oder hufeisenförmigen Figur versehen, deren Zinken nach vorn ge-
richtet sind; o. Segment an der Spitze schwärzlich; 8. u. 9. hell-
blau, an den Seiten nach unten zu schwarz; 10. ganz schwarz,
oberseits in der Mitte mit einem kleinen Zälmchen, unten mit einem
grossen Zahne bewehrt, der nach innen zu blattförmig erweitert
und braun gefärbt ist. Die unteren Appendices sind kurz, breit,
dreieckig, einwärts gekrümmt, mit nach oben gerichteter scharfer
Spitze, von weisser Färbung, nur an der Spitze braun. Die Beine
sind aussen schwarz, innen gelb. Flügelspannung 35 mm, Körper-
länge 31 mm. 1 S.
Ein in der Königlichen Sammlung befindliches Pärchen der-
selben Art ist mit ,,Port au Prince, Ehrenberg" bezettelt.
$. Das ? unterscheidet sich von dem ^ folgendermassen. Alle
Segmente des Abdomens sind oben fast ganz schwarz, unten und
an den Seiten gelblich; 1. Segment gelb, an der Basis mit einem
schwarzen Flocke; 2. mit einem von der Basis bis zur Spitze
reichenden, hinter der Mitte etwas eingezogenen und nach hinten
dreieckig erweiterten Rückenflecke; 3. bis 7. Segment an der Basis
mit schmalem gelben Ringe; 8. oben grösstentheils gelb, hinten mit
einer vorn zugespitzten Makel, die seitlich einen schmalen Fortsatz
bis zur Basis des Segments schickt; 5). und 10. Segment oben ganz
schwarz. Der Dorn unterseits am 8. Segment ist scharf ausgezogen.
Flügelspannung 39 mm, Länge des Körpers 3IV2 ^^- — Weitere
Exemplare liegen von Cuba (Gundlach) und Portoriko (Moritz) vor.
In der Bildung der Appendices anales superiores des (^ ist die
Art dem in den Südost-Staaten Nordamerikas lebenden exsulcms Hg.
ähnlich, im übrigen aber von dieser Art ganz verschieden.
18. Enallagma caecum Hg.
19. Krythragrion dominicamctn Selys.
20. Lestes spumaria Selys.
Unter den von Moritz vor vielen Jahren auf Portoriko ge-
sammelten Odonaten, die sich gleichfalls in der Berliner Königlichen
Sammlung befinden, sind zu erwähnen: hchnura ramhurii, Ceratura
capreolmii., Enallagma krngii, Erythragrion doininicanum, Leptobasis
vacillans.
II. Ephemeridae.
Von dieser Abtheilung liegt nur ein verdorbenes Exemplar vor,
welches vielleicht eine Spezies von ('aUibaetis ist.
III. Corrodentia.
1. Termitidae.
Von Termiten befinden sich in der Collection von Portoriko
zwei Arten:
1. Caloiermes brevis Walker.
der Neuroptera und Psendoneuroptera der Antillen. 173
2. Evtermes worio Latreille.
Die Stücke sind sehr eingetrocknet. Dass erstere Art zu hrevis
gehört, schliesse ich aus der Uebereinstimmung der erkennbaren
Merkmale mit der Beschreibung in Hagen' s Monographie (Linnaea
Entoniol. 12. Bd., S. Q'^)-^ der viereckige Kopf ist deutlich länger als
breit; der Prothorax um die Hälfte breiter als lang, der Vorderrand
oben weit ausgeschnitten, die Seiten tief herabgezogen, die Ecken
abgerundet. Zudem habe ich sie mit den typischen Stücken in der
Königlichen Sammlung hierselbst verglichen.
Von Portoriko ist aus der Gattung Calotermes bisher nur
casf<weiis Burm. (vergi. Hagen, Mon.) bekannt gewesen, den Consul
Krug nicht beobachtet zu haben scheint.
Aus der Gattung Eufermes ist morio schon von Hagen und
ausserdem noch dehilis Heer aus Portoriko aufgeführt.
2. Embiidae.
1. Oligotoma cuhana Hagen, Canadian Entomologist Vol. XVH.
1885. S. 142.
3. Psocidae.
Keine Art in der Collection.
IV. Plecoptera.
Keine Art in der Collection; Perliden sind überhaupt von den
Antillen nicht bekannt.
V. X e 11 r 0 p t e r a.
Ä. Megaloptera.
1. Hemerobiidae.
1. Qirysopa externa Hg.
Verglichen mit den als typisch bezeichneten Stücken der hiesigen
Königlichen Sammlung und der Beschreibung Hagen's in der Synopsis
der Neuroptera Nordamerikas S. 221. Bisher nur aus Nordamerika
bis Californien und Mexiko bekannt, ist sie jetzt auch von den
Antillen nachgewiesen.
2. Chrysopa collaris Schneid.
Verglichen mit den als typisch bezeichneten Stücken der König-
hchen Sammlung und der Beschreibung bei Hagen 1. c. S. 218.
Bisher von St. Thomas und Portoriko bekannt.
3. C/irysopa thoracica Walk.
Nach Walker's (Neuropt. Brit. Mus. Catalog S. 243) und Hagen's
(1. c. S. 218) Beschreibung determinirt. St. Domingo, Havanna.
4. Chrysopa krugii sp. n. (Fig. IX. 2.)
Ist nahe mit der paläarktischen fulviceps Steph. verwandt. Der
Kopf und der Prothorax sind roth, der Meso- und Metathorax
bräunlich, das zusammengetrocknete Abdomen mit hellgelber dorsaler
Längslinie versehen. Der Prothorax ist breiter als lang, nach vorn
etwas verschmälert. Die Palpen und das erste Antennenglied sind
roth, der Fühlerfaden (beiderseits abgebrochen) gelb. Auch die
Flügeladern und das Pterostigma sind gelb, die meisten Queradern
174 H. J. Kolbe: Die. geographische Verbreitung
aber braun. Die erste Querader zwischen dem Sector radii und dem
Cubitus triöt letzteren innerhalb der Cubitalzelle. Die Flügel sind
verhältnissmässig schmal und ein wenig zugespitzt. Die Beine sind
gelb, die Klauen am Grunde erweitert. Flügelspannung 31 mm.
5. Protochrijsopa insidarls Wlk. (Fig. IX. 1.)
Diese Art, welche in 1 Exemplar vorliegt, wurde bisher von
Chy^ysopa nicht getrennt. Weil aber die Cubitalzelle den übrigen
Flügelfeldern homogen ist, nämlich von letzteren nicht differenzirt ist,
wie bei Chrysopa, also auf einer tieferen Bildungsstufe steht, so
habe ich die hierher gehörigen Spezies generisch von dieser Gattung
getrennt. Die hintere und äussere Ader der Areola cui^italis mündet
in die nächstfolgende Querader, nicht aber in den Cubitus anticus,
wie bei ChrysojJa. Es kommen aber noch einige unterscheidende
Merkmale hinzu. Im letzten Drittel der Vorderäügel betindet sich
an der letzten Querader zwischen dem Cubitus anticus und posticus
eine an jenen sich anschliessende kleine Zelle, welche von verdickten
Adern gebildet und von einer braunen Makel eingeschlossen ist.
An Stelle des Pterostigma befinden sich im V^order- und Hinterflügel
zahlreiche Queradern. Die Flügel sind breiter als bei C7iryso/>a.
Auch aus der Provinz St. Chatharina in Südbrasilien befindet
sich in der Königlichen Sammlung eine zu Protochrysopu gehörige
Spezies, welche Fruhstorfer gesammelt hat.
2. Asealaphidae.
1. Ulida hyalina Latr.
Von Latreille in Humbold's Recueil II. S. 118, T. XL., F. 7
als Ascalap/ms hijuliniis beschrieben. Die Art bewohnt die südlichen
Vereinigten Staaten Nordamerikas, Mexiko und Westindien.
3. Myrmeleontidae.
1 . A canthacb'sis fallax Ramb.
Bis Brasilien verbreitet.
2. Myrrneleon inserfus Hg.
Auf die Antillen (Cuba, St. Domingo, Port au Prince und
Portoriko) beschränkt.
B. Sialidae.
Keine Spezies.
YI. Pauorpatae.
Keine Spezies.
YII. Ti'iclioptera.
1. Set ödes Candida Hg. (Neur. North Americ. S. 280.)
Das einzige trockne Exemplar scheint von nordamerikanischen,
in der Königlichen Sammlung befindlichen Stücken der Art nicht
verschieden zu sein. Der Körper ist gelblich, die Behaarung schnee-
weiss; auch die Flügel sind weiss behaart. Die Behaarung des
Pterostigma ist dichter, einzelne zerstreute Haare stehen wirr durch-
einander. Sehr vereinzelte Borsten finden sich überall auf den
Flügeln. Die Apicaladern sind mit einigen braunen Flecken versehen.
der Neuroptera nud Pseudoueuroptera der Antillen. 175
Die Art kommt in Nordamerika in Florida, Georgien, Carolina,
Pennsylvanien und Ohio vor und ist durch Herrn Consul Krug zum
ersten Male auf den Antillen nachgewiesen.
2. Chimarrha alhomandata sp. n.
Diese noch unbeschriebene Art scheint der auf Cuba lebenden
Ch. pvlchra Hg. (Neur. North Am. S. 298) ähnlich zu sein. Sie ist
aber sicher verschieden, weil nach Hagen die cubanische Art braun-
schwarze Antennen, Palpen und Beine, deren hintere Schenkel gelb
sind, besitzt. Auch durch den breiten goldfarbigen Längsstreifen der
Vordertlügel weicht sie von der neuen Art ab, welche folgender-
massen characterisirt ist.
Die Thoraxsegmente, Beine, Kopf, Mundtheile und Antennen
sind scherbengelb ; Kopf und Rückenseite der Thoraxsegmente gold-
gelb behaart. Abdomen gelblichbraun. Flügel rauchbraun, die
vorderen mit je 7 silberweissen Flecken, von denen 4 in der Basal-
hälfte befindliche längsgerichtet, die 3 übrigen, die Mitte und die
Spitze des Flügels einnehmenden rundlich und quer gestellt sind.
Die quere discoidale Makel erscheint bei einem Exemplar auf dem
linken Flügel aus 2 runden Flecken zusammengesetzt. Die bezeich-
neten Flecken sind aus silberweissen Härchen gebildet; die übrige
Behaarung der Flügel ist dunkelbraun, aber die Fransen rings um
den Apicaltheil aller vier Flügel weisslich, am Hinterrande wieder
gänzlich dunkelbraun. Geschlechtsunterschiede sind an den beiden
getrockneten Stücken nicht zu erkennen.
Länge des einen Stückes vom Kopfe bis zur Flügelspitze TVs)
Flügelspannung des anderen Stückes liV2 ^^'^•
Litteratur.
No. 1. de Selys Longchamps, Ed., Synopsis des Calopterygines in: Bulletin
de l'Acad. d. Sc. de Bruxelles, 1853; mit 4 Nachträgen: 1859, 1869, 1873
und 1879 ebenda.
No. 2. Derselbe, Monographie des Calopterygines. Bruxelles 18ö4.
No. 3. Sclater, P. L., Ueber den gegenwärtigen Stand unserer Kenntniss
der geographischen Zoologie. Deutsch von A. B. Meyer, Er-
langen 1876.
No. 4. Mathew, C, F., [Ueber das Vorkommen von Anax ephippiger] in:
Entom. Monthl. Mag. Vol. 18. 1882. S. 2.58.
No. 5. Mundt, A. H., [Migration von Aeschna herosF.] in: Canadian Entomol.
14. Bd. 1882. S. 56— .57.
No. 6. Seitz, Adalbert, Thierlebeninder Wüste; in: Gaea, 1888. S. 513— 520.
No. 7. Hörn und Schwarz, (Kurze Bemerkungen zur faunistischen Zuge-
hörigkeit von Florida). Eutomologica Americ. Vol. IV. 1888. S. 40.
176 H. J. Kolbe: Die geogTaphische Verbreitung
No. 8. Mohr, Karl, Bericht über die Ansstellung floridanischer Produkte auf
der Weltausstellung in New- Orleans; in: „Pharmazeut. Rundschau".
New -York 1885. No. 6.
No. 9. Hagen, H., Die Neuropteren der Insel Cuba: in: Stettiner Entom.
Zeitung. 1867. S. 215— 232; 1868. S. 274— 286.
No. 10. Hagen, H., Revision der von H. Scudder beschriebenen Odonaten; in:
Stettiner Entom. Zeitung. 1867. S. 96—100.
No. 11. Hagen, H., The Odonat-fauna of the Island of Cuba; in: Proceed.
Boston Sog. Nat. Hist. Vol. XI. 1867. S. 289—294.
No. 12. Hagen, H. A. , Synopsis of the Odouata of America; in: Proceed
Boston Soc. Nat. Hist. Vol. XVIII. 1875.
No. 13. Sagra, Ramon de la, Historia fisica, . politica y natural de la Isla de
Cuba. n. Parte: Historia natural. Tom. VII. Crustaceos, Aragnides e
Insectos. Pai'is 1856.
(Neuroptera von de Selys Longchamps.)
No. 14. Scudder, S., Notes upon some Odonata from the Isle of Pines; in:
Proceed. Boston Soc. Nat. Hist. X. S. 187-198; XI. S. 298-300.
No. 15. Le Conte, John L., The Coleoptera of Florida. Remarks ou Geo-
graphical Distribution. (Proceed. American Philos. Soc. XVII. 1878.
S. 470—471.)
Ne. 16. Hülst, Geo. D., The Faunal Limits of the United States. (Entomologica
Americ. Vol. IV. 1888. S. 70.)
No. 17. de Selys Longchamps, Revision du Synopsis des Agrionines. I. part.
(Mem. couronn. Acad. roy. de Belgique. T. 38.)
No. 18. Derselbe, Synopsis des Agriones. Lestes u. Agrion. (Bull. Acad
roy. de Belgique. 1862, 1865, 1876, 1877.)
No. 19. Derselbe, Synopsis des Gomphiues. (ibid. 1854.)
Nachträge dazu: 18.59, 1869, 1873 u. 1878, ebenda.
No. 20. Derselbe. Synopsis des Corduliues. (ibid. 1871.)
Nachträge dazu: 1874 u. 1878, ebenda.
No. 21. Uhler, R. R., Ueber die Odonaten von Haiti; in Proceed. Boston Soc.
Nat. Hist. Vol. XL S. 295, 298.
No. 22. de Selys Longchamps, Notes on Mr. S. H. Scudders „Odonata of
the Isle of Pines" ; in : Proceed. Boston Soc. Nat. Hist. Vol. XV. 1873
S. 373—377.
No. 23. Poey, Ph., Memorias sobre la Historia natural de la Isla de Cuba.
Habanna 1851. 8. — Neuroptera von de Selys Longchamps. S. 435
bis 473.
No. 24. Rambur, P., Histoire naturelle des Neuropteres. Paris 1842. 8".
(Suites ä Buffon.)
No. 25. Sloane, H., A voyage to the islands Madeira, Barbados, Nieves,
St. Cristopher's and Jamaica, with the natural history etc. of insects.
London 1707—1725. fol. 2 vol.
No. 26. Hagen, Synopsis of the Neuroptera of North America. Washington 1861.
der Neuroptera und Pseudoiieiiroptera der Antillen. 177
Erläuterung zu Tafel XIII.
I. Nordamerikanische Elemente in der Fauna der Antillen:
Enallagma 5 Arten, von denen 2 auch auf dem Continente und 3 endemisch;
17 amerikanische Arten.
Anomalagrlon (hastatum Say).
Pantala {hynicnaea Say).
Mesotliemis {simplicicollis Say).
Ausserdem :
Tramea, 4 nur die südlichsten Gebiete der Vereinigten Staaten ]Sord-
Amerikas berührende identische Arten (siehe Karte V).
Aeschna ingens Ramb., Anax junius'DvvLrj imä Libellula auripennis Burm.
(siehe Karte III).
II. Südamerikanische, auf den Antillen vertretene Gattungen: Tholymis,
Macrothemis, Lepthemis, Gynacantha, Aphylla, Leptobasis, Protoneura, von
denen Lepthemis und Gynacantlta auch Central-Araerika bevi^ohnen.
III. Nord- und südamerikanische Arten derselben Gattung auf den Antillen:
Aeschna ingens Bamb., Anax junius Dniry und Libellula auripennis Burm.
auf den Antillen und in Nord - Amerika ; — Aeschna virens Hg.. Anax
amazili Hg. und Ubelhila umbrata Hg. auf den Antillen, in Süd-Amerika
und in Central-Amerika. Jene 3 nordamerikanischen Arten der Antillen
kommen nicht in Central-Amerika vor.
lY. Die Gattungen Lestes, Eryfhragrion und Biplax sind von Nord- bis Süd-
Amerika verbreitet; al)er alle auf den Antillen lebenden Arten dieser
Gattungen, nämlich
Lestes forficula Ramb., i. spumaria Hg. Selys und L. tenuata Ramb. ;
Erythragrion dominicanum Selys und E. vulneratum Hg.;
Diplax odiracea Burm., D. credula Hg. und D. abjecta Ramb.,
haben südamerikanischen Typus und sind theils selbst in Süd-Amerika vor-
banden (siehe die Tabelle S. 165) oder daselbst durch nahe verwandte
Arten vertreten.
Y. Die den Antillen und dem Continent gemeinsamen Arten der Gattung
Tramea. T. onusta Hg. und balteata Hg. werden ausserhalb der Antillen in
Texas, jene Art auch in Nord-Mexiko gefunden. Tr. insularis Hg. und
abdominalis Ramb. bewohnen ausser den Antillen nur noch die Key West-
Inseln bei Florida, auf denen sich auch onusta und balteata finden. T. abdo-
minalis ist auch auf der Nantucket- Insel bei Massachusetts beobachtet.
T. marcella ist eine tropische Art, die ausser auf den Antillen im nörd-
lichen Süd-Amerika, Brasilien und Mexiko einheimisch ist.
YI. Verbreitung der 4 die Antillen bewohnenden Arten Orthemis discolor,
Perithemis domitia, Pantala flavescens und Ischnura ramburii, welche über
das südöstliche Nord-Amerika, Central-Amerika und zumeist über fast ganz
Süd-Amerika verbreitet sind. Diese Arten sind auf der pacifischen Seite
Nord-Amerikas und in Chile, mit Ausnahme der Orthemis discolor unbekannt.
Ausgeschlossen von Chile und Californien sind auch die in Süd-Amerika
bis in die Breite von Chile vorkommenden und nordwärts bis Nord-Mexiko
verbreiteten Gattungen GynacantJia und I^epthemis (siehe Karte II).
YII. Uebersicht der Verbreitung der Gruppen Corduliidae, Calopterygidae,
Pseudostigmatina und Podagrionina über Amerika. Keine Art dieser
Gruppen ist auf den grossen Antillen gefunden, nur auf den kleinen Antillen
eine Art der Calopterygiden.
Arch. f. Naturgesch. Jalng. 1888 . Bd. I. H. 2. 12
178 H. J. Kolbe: Die geographische Verbreitung der Neuroptera etc.
Vm. Basale Hälfte des Vordei'flügels von 1. Neoneura earnatica. 2. P>-otoneura
capillaris uud 3. Ischnura rambiirii. Es soll die verschiedene Form der
Areola quadrilateralis (a in allen 3 Figuren) zur Anschauung gebracht
werden. Bei Neoneura und Protoneura (Gruppe Protoneurina) ist diese
Areola den ürigen gewöhnlichen Areolis des Flügels gleich oder ähnlich,
bei Ischnura (Gruppe Agrionina) besitzt sie durch Diiferenzirung eine ab-
weichende Form. Agrioniden mit nicht differenzirter Areola quadrilateralis,
nämlich die Angehörigen der Gruppen Pseudostigmatina, Podagrionina und
Protoneurina kommen nicht mehr in Nord -Amerika nördlich von Mexiko
vor. Die Antillen haben das mit Nord -Amerika gemeinsam, dass ai;ch
ihnen die beiden ersten Gruppen fehlen, während die letzte Gruppe durch
4 Arten vertreten ist. Agrioniden mit nicht differenzirter Areola quadri-
lateralis gehören den tropischen Breiten des Continents Amerika an, woran
die Antillen nur sehr geringfügig theilnehmen. Agrioniden mit differenzirter
Areola sind über ganz Amerika verbreitet.
IX. Basale Hälfte des Vorderflügels von l.Protochrysopa insularis und 2. Chrysopa
krugii. Bei Chrysopa hat die Areola cubitalis (x) ein von den übrigen
Areolen durch seine verschiedene Fonn und Lage abweichendes Aussehen,
so dass die Morphologen diese Areola durch eine besondere Benennung vor
den übrigen Areolen auszuzeichnen sich veranlasst gesehen haben. Bei
Protochrysopa hat diese Areola vor den übrigen Areolen nichts voraus; es
scheint, dass ihre unteren Begrenzuugsaderu (b-i-a) zusammen als eine
verkürzte Zweigader (ramus) der darüber liegenden Längsader (cubitus
anticus) anzusehen sind, welche die Querader c trifft. Die durch nicht
differenzirte Areola cubitalis ausgezeichneten Chrysopiden [Protochrysopa)
gehören den Antillen und Südamerika an, die mit differenzirter Areola
begabten sind über Nord- und Süd-Amerika verbreitet. Das ist eine Analogie
zu den Agrioniden (siehe VIII).
X. Zehntes Abdominalsegment (a) mit den paarigen Appendioes superiores
(cerci) b und dem unpaarigen Appendix inferior c von L Gynacantha nervosa
Rbr., 2, G. robusta Er. und 3. G. gracilis Burm.
XI. Cerci anales des Enallagma krugii.
Zur
Kenntniss der Azorenfauna.
Von
Dr. H. Slmroth.
Mit Beiträgen von Prof. Dr. von Martens, Dr. F. Hilgendorf
und S. Clessin.
Hierzu Tafel XIV und XV.
s.
>eit ich vor zwei Jahren, unterstützt durch die Munificenz
der Königlich Preussischen Academie der Wissenschaften zu Berhn,
der ich auch an dieser Stelle meinen ehrerbietigen Dank sage, die
Azoren besuchte und nach Möglichkeit, ausser den Nacktschnecken,
der gesammten Fauna mein Augenmerk zuwandte, so weit ein immer-
hin flüchtiger Aufenthalt von zwei Monaten derartige Studien er-
möglichte, haben zwei Zoologen, J. de Guerne und Barrois, ebenfalls
sich auf den Inseln aufgehalten und mit Intensität der Erforschung
der niederen Thierwelt obgelegen, worüber ja bereits eine Anzahl
Publicationen den Fachgenossen vorliegen. Trotzdem dürfte jeder
Beitrag noch einiges Interesse bieten, theils indem er die Art und
Weise der Ausbreitung nach entlegenen Inseln, das Vordringen immer
neuer Arten über die alten Wohnplätze hinaus verstehen hilft, theils
indem er etwaige Umwandlungen oder den Weg zeigt, den alte
Einwanderer in der Abgeschlossenheit der oceanischen Eilande ein-
geschlagen haben bei ihrer Weiterentwickelung. Die Arbeiten von
Drouet') und Morelet^) und die spätere von Godman^) bilden die
werthvoUe Grundlage, auf der weiter zu bauen ist. Vorzüglich aber
wurden meine Bestrebungen unterstützt durch das naturhistorische
Museum, welches durch des Herrn Baräo, jetzt Conte Jacintho de
Fontebella pecuniäre Opferwilligkeit und durch des Herrn Dr. Carlos
Machado wissenschaftliche Begeisterung in der Hauptstadt von
S. Miguel, Ponta Delgada, geschaffen worden ist. Da der Letzt-
genannte zunächst seine Hauptaufgabe darin fand, die Thierwelt der
') Drouet. Elements de la faune agordenne. Paris 1861.
'') Morelet. Histoire naturelle des A§ores. Paris 1860.
') Godman. Natui-al history of the Azores. London 1870.
Aich. f. Naturgesch. Jahrg. 1888. Bd. I. H. 3. 12 *
180 Dr- H. Simroth:
Insel zusammenzubringen und durch die geschickte Hand des Herrn
Vasconsellos wohl praepariert aufzustellen, so blieb mir nur übrig,
den noch fehlenden Catalog aller Azorenvorkommnisse aufzunehmen
und durch eigne Beobachtungen zu ergänzen. Die Bestimmungen,
welche von Herrn Machado stammen, können wohl durchweg als
zuverlässig gelten; denn er hat keine Mühe gescheut, durch biblio-
thekarische Mittel und Austausch mit fremden Museen die höchste
Genauigkeit zu erreichen. Die Veröffentlichung des Museumsbe-
standes erscheint um so nothwendiger, als die beständig hohe Feuch-
tigkeit des Ozeanklima's leider sehr energisch an der Zerstörung der
werthvoUen Sammlung arbeitet, so dass z. B. einzelne ältere Gäste
kaum regelrecht gehalten und wieder erneuert werden dürften.
Meinem Freunde Herrn Francisco Affonso Chaves in Ponta Del-
gada und manchem anderen Azoreaner verdanke ich allerlei Notizen.
Die Determination der von mir heimgebrachten Fische hat Herr
Dr. Hilgendorf, die der Seeconchylien und Echinodermen Herr
Professor von Martens, die der SüsswassermoUusken Herr Clessin
zu übernehmen die Güte gehabt. Allen den genannten Herren
mein bester Dankl
I. Die Yertebraten.
Bekanntlich sollen l)ei der Entdeckung mindestens zwei Wirbel-
thierklassen , die Reptilien und Amphibien, gänzlich auf den ent-
fernten Inseln gefehlt haben; zwei andere, die Säuger und Fische,
sind höchstens durch je eine Art vertreten gewesen, wobei aber
sowohl die entsprechende Fledermaus als der Aal noch Zweifel an
der vorherigen Existenz offen lassen; denn es bleibt fraglich, ob der
Vespertilio Leisler! vermöge seiner Flugfertigkeit so weit verschlagen,
ja es ist viel wahrscheinhcher, dass auch er durch Gelegenheits-
transport mit den Schiffen der Flamländer nach den Eilanden ge-
langt sei; über den Aal ist am wenigsten Bestimmtes auszumachen,
da eine doppelte Möglichkeit der Einwanderung vorzuliegen scheint
(s. u.). Nur die Klasse der Vögel, deren einer den Inseln den Namen
gab, ist naturgemäss zahlreicher vertreten, und das Museum zu
Ponta Delgada birgt noch eine weit grössere Zahl, als bisher
namentlich durch die Bemühungen Godman's bekannt geworden ist,
so dass sich die Liste der Verschlagenen erfreulich bereichert.
Selbstverständlich ändert sich das Verhältniss aller Klassen er-
heblich, wenn man, wie in Folgendem, die Seethiere dazu nimmt.
Die bisher von den Azoren meines Wissens noch nicht aufgeführten
Arten sind in der nachstehenden Liste durch einen Stern bezeichnet,
sie alle entstammen der Hauptinsel S. Miguel.
A. Mammalia.
Vesperugo Leisler! Keys, et Blas. (Kühl.) I. S. 103. 11.44.
III. S. 17. Azorenmuseum.
Nach Morelet (I.) zweifellos durch die flämische Besiedelung
im fünfeehnten Jahrhundert eingeführt.
Zur Kenntniss der Azorenfauna. 181
Putorius foetidus Gray.
Mustela furo. I. S. 106. IL S. 50. III. S. 16. Azorenmuseum. —
S. Miguel. S. Jorge.
Nach den Angaben von Drouet und Godman ist das Frettchen
früher importiert, wie überall, zum Zwecke der Kaninchenjagd.
Inzwischen ist es hie und da verwildert, namentlich auf S. Miguel
in den Bergen von Furnas, wo es sich aber hauptsächlich von
Kaninchen nährt, natürlich ohne enge Beschränkung, wie es denn
die Sturmtauchercolonien von S. Miguel vertrieben hat (s. Bolle,
Andeutungen azorischer Ornithologie. Cabanis, Journ. f. Ornith. 8.
1880. S. 337). Im Museum von Ponta Delgada sah ich ein jugend-
liches Exemplar, das indessen mehr dem Iltis gHch. Auf genauere
nachträgliche Erkundigung hatte Herr Chaves die Freundlichkeit,
mir eine Farbenskizze und zwei Pelzproben von der verwilderten
Form zu übersenden. Letztere haben die gelbe Grundwolle und die
dunkeln Grannen des gemeinen Iltis, und die Abbildung (auch mit
dunkeln Augen) bestätigt, dass die Varietät bei der Verwilde-
rung völlig in die Stammart zurückgeschlagen ist. Ueber
die Dauer und den allmählichen oder plötzlichen Vollzug des Rück-
schlags wird sich leider kaum noch etwas ermitteln lassen, denn es
scheint, dass keine Zwischenformen mehr auftreten; höchstens darf
ich bemerken, dass die eine Pelzprobe ein klein wenig heller gefärbt
ist als die andere.
Putorius vulgaris Rieh.
L S. 106. ILS. 50. IILS. 17. Azorenmuseum. — S. MigueL
Terceira. Fayal.
Das kleine Wiesel ist zweifellos durch Schiffe im Gefolge der
Ratten eingeschleppt.
Ueber Hund und Katze, die reine Hausthiere bleiben, ist
nichts besonderes zu bemerken. Die Racen des ersteren s. I.
Seehunde sollen früher an den Azoren häufig gewesen sein (L),
jetzt aber gehören sie zu den grössten Seltenheiten. Ueber die Art
ist nichts bekannt.
Mus rattus L. \ L S. 107. IL S. 50 IIL S. 17.
Mus decumanus Pall. j Azorenmuseum.
Die Wanderratte hat auf den Azoren den üblichen Kampf
gegen die Hausratte geführt und zwar mit grossem Erfolge, denn
in noch nicht ganz fünfzig Jahren hat sie die letztere fast ganz in
die Landhäuser gedrängt (IL). Jetzt herrscht sie in den hohlen
Wänden der Gebäude und in den Speichern in der Art, dass sie die
Einwohner zwang, die Architektur ihrer Scheuern danach einzu-
richten. Die Maisböden ruhen meist auf Säulen, die von einer
breiteren Steinplatte gedeckt werden; und zum Trocknen und Nach-
reifen werden die Maiskolben an hohen pyramidenförmigen Holz-
gerüsten, einer charakteristischen Staffage der Herbstlandschaft,
aufgehängt und dergl. Man erzählte mir Fälle, wo die Hunde in
einem Speicher, als man ein Brett aufhob, einmal sechzig, ein ander-
mal hundert auf einmal erbissen. — Die Hausratte baut nicht selten
132 ^^- H. Simroth:
in den Orangengärten ein Nest auf den Bäumen, meistens den als
Einfassung gepflanzten Pittosporum, wie es auch anderwärts vor-
kommen soll. Ob aber diese auch von Walker (The Azores. Lon-
don 1886) erwähnte Gewohnheit erst, wie es heisst, in folge des
Drängens der Wanderratte sich gebildet hat, muss ich leider dahin-
gestellt sein lassen. Die historische Untersuchung dürfte kaum noch
auf Erfolg rechnen können.
Mus musculus. I. III. Azorenmuseum. Häufig albin. Drouet
bemerkt, dass er die Hausmaus auf Flores weit von den Gebäuden
auf den Bergen getroffen hat. Warum nicht bei uns? Weil andere
Nager ihr eine unüberwindliche Concurrenz machen? oder aus
klimatischen Gründen?
Lepus cuniculus. Das Kaninchen ist z. T. , namentlich auf
den Bergen, sehr häufig geworden, wenn auch nicht zur Landplage,
wie auf Porto Santo (Darwin. Das Variiren der Thiere und Pflanzen
im Zustande der Domestication). Ob es aber derartige Umbildungen
erfahren hat, wie sie Darwin an den dortigen Exemplaren heraus-
fand, ist zu bezweifeln. Es gleicht wohl der gemeinen wilden Form.
Doch machte man mich darauf aufmerksam, dass zwei verschiedene
Färbungen vorkommen, die eine ein wenig heller als die andere,
beide jedoch schwerlich aus der gewöhnlichen Farbenscala heraus-
tretend (s. die Bälge im Berliner und Frankfurter Museum). Irmner-
hin möchte eine genauere Untersuchung lohnend sein.
Sus scrofa. I. Schwärzliche Race.
Bos taurus. Hauptsächlich die grosse, langhörnige, schöne
Race von Portugal. Auf den Westinseln Corvo und Flores aber
noch das zierliche Zwergrind, das u. a. auch in Algarve vorkommen
und von dort aus eingeführt worden sein soll. In Algarve sah ich's
bei allerdings schneller Durchreise nicht, so wenig es von Maltzan
in seiner Reisebeschreibung erwähnt. Es muss zum mindesten wohl
selten geworden sein. Der ersteren Race jedenfalls am nächsten
steht das halbwilde Terceirarind , das nach Walker (1. c.) während
der spanischen Periode zum Zwecke des Stiergefechts von den Bänken
des Guadalquivir importirt wurde, wie denn nach der ersten Be-
siedelung auf S. Maria die Rinder wirklich verwilderten. Das Ter-
ceirarind zeichnet sich durch seine Wildheit aus, die auf dem Hoch-
lande dem Wanderer gefährlich werden kann. Und wie Walker
erzählt, führen die Bullen während der Brunstzeit erbitterte Kämpfe
auf, wobei die Kühe als Zuschauer einen Kreis schhessen (ähnlich
also wie die Büfiel Nordamerikas).
Ovis aries. I. Drouet vermuthet, dass die kleinen Schafe mit
ziemlich grober Wolle (ebenso oft schwarz als weiss) als besondere
Race gelten dürfen.
CaprahircusL. I. Drouet hat bereits auf die Besonder-
heiten der Ziege von S. Miguel aufmerksam gemacht. Die antilopen-
artigen Hörner werden beim Book oft sehr stattlich. Uebrigens ist
das Fell nicht bloss, wie jener angiebt, schwarz, sondern noch öfter
dunkelbraun, aber auch hell gelb- und rehbraun. Weiss fehlt. Ob
Zur Kenntniss der Azorenfauna. 183
die Race wirklich, wie Sr. Machado meint, in der Degeneration be-
griffen ist und die Hörner nicht mehr die Länge erreichen wie
früher, lasse ich dahingestellt; die Thiere, deren Felle mir Herr
Baron de Fontebella verehrte, haben sie wohl lang genug.
Equus caballus L. Nach Walker (1. c.) halten sich die öfter
von begüterten Grundbesitzern eingeführten edlen, meist englischen
Pferde nicht auf die Dauer, indem sie entweder unpassender Be-
handlung, oder dem Klima erliegen. Hiernach wird der Schluss
erlaubt sein, dass die eingeführten Pferde aus allmcählicher Accli-
matisation hervorgegangen und schon sehr lange auf den Inseln hei-
misch sind. Da ist denn die Kleinheit mancher Bauernpferde sehr
bemerkenswerth ; ich sah solche, die hinter stattlichen Eseln merklich
zurückblieben. Andere freilich sind noch gross. Aber es scheint
doch, als wenn unter dem insularen Einflüsse, wie auf Corsika, den
Shetlandinseln etc. sich eine kleine Race herauszubilden im Begriffe
wäre; nach Drouet (I.) sollen die kleinsten und kümmerlichsten auf
Flores zu finden sein, wohin ich nicht kam. Möchte sich jemand
zu einer genaueren mehr statistischen Behandlung der Frage an-
regen lassen I Uebrigens haben die kleinen Thiere, wie die grossen,
die Proportionen eines starkknochigen, scharfrückigen Bauernschlages
und nicht die gedrungene Form etwa der Shetländer.
Equus asinus L. Der Esel ist auf den felsigen Inseln natur-
gemäss das wichtigste Lastthier, oft sehr stattlich, von der spani-
schen Race, verschieden gefärbt und hauptsächlich auf Terceira ge-
züchtet, Was mir bald an ihm auffiel, war der hohe Prozentsatz
der grauen und graubraunen Exemplare, die über, auf und unter
dem Fussgelenk, namentlich an den Vorderextremitäten an der
Vorderseite, dunkle Querbänder tragen i), — jenes Merkmal, das auf
die Zebraähnlichkeit des ürpferdes, spezieller auf die Abstammung
von dem E. taeniopus, hinweist.
Von Zahnwalen giebt Drouet an (I. S. 111):
Delphinus delphis L.
— Pernettyi Desm.
— froenatus Dussum.
Phocaena communis Cuv.
Phy seter macrocephalus L. ; dazu Walker (1. c).
Hyperoodon ohne Bezeichnung der Species.
Von Bartenwalen wird
Balaenamysticetus von Drouet mit einem Fragezeichen angeführt.
Die Hauptjagd der namentlich amerikanischen Waler gilt jeden-
falls dem Potwal. Auf Fayal in Herta sind die wichtigsten Depots,
von wo die Ausbeute durch andere Schiffe abgeholt wird. Drouet
schätzt die Anzahl der jährlich erlegten Thiere auf 150. — Walker
') Anm. In Lissabon sah ich einen Maulthierfiichs, der die braimen
Streifen in ganz ausgesprochenem Maasse besass, gemäss der Angabe, wonach
bei Bastarden verwischte Merkmale der Vorfahren wieder stärker hervortreten.
184 Dr. H. Simroth:
beschreibt die wüste Metzelei, die erbitterte Fischer an den in
Buchten zusammengetriebenen Delphinen, den Räubern ihrer Fische,
in gi'ossem Massstabe vollziehen.
B. Aves.
Die Avifauna namentlich von S. Miguel wird durch das Museum
in Ponta Delgada wesentlich vermehrt, wobei es meist zweifelhaft
bleibt, welche von den neu zu Godman's umfassenden Catalog hinzu-
kommenden erst in den letzten Jahren nach den Inseln verschlagen
wurden, welche als regelrechte Gäste, welche als einsam verirrte
Wanderer zufällig dem Rohre des Jägers zur Beute fielen. Alle bis
auf die Seevögel und den einen autochthonen, d. h. aus einem
früheren Einwanderer herausgebildeten, sind mehr oder weniger durch
Zufall, d. h. wohl durchweg durch Stürme aus der gewohnten Bahn
abgelenkt, nach den Inseln gekommen. Aber mir war es unmöglich
auszumachen, wie es Godman festzustellen suchte, welche von den
noch hinzutretenden Arten etwa sich sesshaft gemacht haben und
brüten. Godman hat nur die Vögel aufzählen wollen, die er selbst
sah, immerhin einen nach Hörensagen ; die Angaben der Vorgänger,
zumal Drouet's, hat er, soweit sie darüber hinausgehn, vernach-
lässigt. Verdienen sie keinen Glauben? Zur Vervollständigung habe
ich sie unbedenklich wieder aufgenommen und das fragliche als
solches bezeichnet. Das zahme Geflügel habe ich allerdings nach
Godman's Vorgange weggelassen.
O. Coccygomorphae.
1. Cuculus canorus L., portug. Cuco; Azorenmuseum. —
Der Kukuk verfliegt sich häufig nach den Inseln (Chaves), bis
jetzt allerdings nur von der Ostgruppe bekannt.
2. Upupa epops L.
Azorenmus. III. S. 30. Oestliche und Centralgruppe (III.)
O. Pici.
3. Dendrocopus major Koch.
I. S. 120. IL S. 184. Azorenmus., nistet nach Drouet, -wie-
wohl er selten ist, lebt von Insekten und Sämereien (L).
4. Dendrocopus minor Koch.
III. S. 30. Azorenmus. Centralgruppe IL ('?III.).
Godman vermuthet, dass nur der kleine Buntspecht auf den
Azoren haust und dass Morelet's und Drouet's Angabe von der An-
wesenheit des grossen auf Irrthum beruhe. Die Exemplare im
Museum bestätigen beide Arten. Allerdings wurde mir versichert,
dass sie nur auf den Ostgebirgen von S. Miguel (dem geologisch
ältesten Theile der Insel '? \) vorkommen und wie es scheint, selten
genug.
*) Härtung. Die Azoren in ihrer äusseren Erscheinimg und nach ihrer
geognostischen Natur geschildert.
Zur Kenntniss der Azorenfaima. 185
O. Passeres.
5. Plectrophanes nivalis Meyer.
III. S. 26. Azorenmuseura.
Nach Godman kam im Winter 1864/65 ein erschöpfter Flug
nach Corvo. Dann wurde ihm der Balg eines auf Fayal erlegten
Exemplares gesandt. Das Thier im Museum stammt zweifellos von
S. Miguel. Also wird die Schneeammer, wie es scheint, nicht eben
selten nach allen drei Azorengruppen verschlagen.
6. Pyrrhula murina Godman.
I. S. 115 und IL S. 84 (Pyrrhula coccinea). III. S. 28. Azoren-
museum.
Die Thatsache, dass das Männchen des Azorengimpels die aus-
zeichnenden secundären Geschlechtscharaktere, die Schmuckfarben,
nicht oder doch längst nicht in dem Masse besitzt, als unser ge-
meiner Dompfaff, ist so auffällig, dass die Beschreibung zuerst Barboza
du Bocage's Zweifel an der richtigen Bestimmung des Geschlechts
erwecken musste (s. III.). Der Zweifel hat sich nach den ausführ-
lichen Untersuchungen Godman's als unberechtigt herausgestellt.
Nach ihm lebt der Vogel nur auf dem gebirgigen Theile von S. Miguel,
nach Morelet nur auf dem östlichen Theile, und das letztere be-
stätigen meine Erkundigungen. Godman nimmt an, dass er auf
der Insel nistet, wiewohl er über den Nestbau nichts erfahren konnte.
Morelet glaubt, dass er nur zu bestimmter Jahreszeit, dann aber
regelmässig die Insel besuche. Die Annahme wird kaum durch eine
Parallele gestützt und hat wohl nichts für sich. Denn wie soll ein
Vogel, der bei uns vom Oktober bis März umherstreift, die übrige
Zeit Standvogel ist, im April zur ersten und im Mai zur zweiten
Brut schreitet, zur Zeit der Maisernte, wo er in Furnas so häufig
als schädlich wird, über das Meer fliegen? Wenn die grössere Varietät
P. coccinea auf dem Festlande von Zeit zu Zeit auftritt, so ist das
immerhin ein ganz anderes Verhalten. Die besondere Zeichnung
macht den Azorenvogel zu einer Inselspecies, ausschlaggebend ist
aber wohl Godman's Versicherung, dass er neun Vögel ,,just prior
to the breading-season" auf ihre Genitalien untersucht habe. Gerade
bei Strichvögeln, als welche die Gimpel doch gelten, ist nur an
passive Wanderung durch Stürme zu denken und zwar daran, dass
das Verschlagen selten genug vorkommt. Hierin aber wird der
Hauptgrund für die Ausbildung einer besonderen Art oder Race zu
suchen sein, da das alte Blut nur selten durch neuen Zuzug wieder
aufgefrischt wird. Man könnte noch dazu neigen, lange Zeiträume
für die Umbildung in Anspruch su nehmen oder gar an die Ein-
wanderung zu einer Periode zu denken, als die Geschlechtsdifferenzen
bei unserem gemeinen Gimpel noch nicht die gegenwärtige Stärke
erreicht hatten. Die Geologie, die darauf hinweist, dass S. Miguel
mit seinen beiden Endgebirgen und dem niedrigen Landrücken da-
zwischen ursprünglich aus zwei Inseln bestand, von denen die öst-
liche die ältere war, würde eine derartige Speculation unterstützen.
186 Dr. H. Simroth:
7. Serinus canarius Koch.
I. S. 116 und IL S. 84 (Fringilla serinus). III. S. 29. Azoren-
museum.
Gelegentlich wurden uns wilde Canarienvögel gebraten vorgesetzt,
denn sie gelten für arge Schädlinge, die etwa unsere Sperlinge
vertreten. Sie sowohl, wie die gelben domesticierten häufig im Käfige.
8. Fringilla carduelis L., portug. Pintasilgo. Azorenmuseum.
— Ostgruppe.
Der Stieglitz wird von meinen Vorgängern meines Wissens noch
nicht erwähnt. Bei seiner Häufigkeit in Portugal ( — Ende Oktober
sah ich sie massenhaft bei Porto mit Leimruthen für das Bauer
fangen — ) und auf den anderen atlantischen Inseln hat sein Ver-
schlagen nichts auftalliges, und Sr. Chaves schreibt mir, dass er sich
jetzt bereits häufig findet und indigen zu werden beginnt, wohl als
der jüngste Ansiedler.
9. FringiUa tintillon Webb und Berth.
I. S. 114 (FringiUa canariensis var. Moreleti), IL S. 84 (Fr. Mo-
releti Pucheran), III. S. 2G. Azorenmus. Wohl auf allen Gruppen,
sicher auf den Ost- und Centralinseln, von Darwin auf Terceira
beobachtet (s. Bolle. Andeutungen azorischer Ornithologie. Gab.
Journ. für Ornith. 8. 1860. S. 348—357).
Die Confusion, welche das vereinzelte von Morelet heimgebrachte
Exemplar des tintilhao hervorgerufen hat, das Pucheran als Fr. Mo-
releti beschrieb, wurde durch die Debatte und die Anstrengungen,
den Knoten zu lösen, schliesslich die Veranlassung zu Godman's ge-
nauen Untersuchungen, welche ihn dazu führen, auf den atlantischen
Inseln, den Kanarien, Madeira und den Azoren mit Barboza du Bocage
nur einen einzigen Finken gelten zu lassen. Von diesem aber wird
eine erhebliche Varietätenbildung festgestellt, welche die aus ver-
einzelten Exemplaren abgeleiteten Unterschiede durchaus überbrückt.
10. Passer petronia L.
I. S. 119. Ostgruppe.
Nach Drouet kommt der Steinsperling auf S. Miguel vor, ziem-
lich selten zwar und vielleicht nur vorübergehend. Da er auf
Madeira und den Canarien nistet, liegt wohl kein Grund zu
Zweifeln vor.
11. Hirundo rustica L.
Von Godman nicht gesehen, nach Morelet nur gelegentlich ver-
schlagen, wofür auch Bolle eintritt (1. c), erlangte die Rauchschwalbe
trotz solcher Vereinzelung grosse Bedeutung, da mit ihrer Ankunft
auf Pico nach J. de Guerne gleichzeitig die Phylloxera erschien
(J. de Guerne. La faune des eaux douces des Agores et le trans-
port des animaux ä grande distance par l'intermediaire des oiseaux.
Compt. rend. de la soc. de biol. Oct. 1878).
12. Motacilla sulfurea Bechst.
I. S. 120. IL S. 84 (Mot. boarula Gmel.). III. S. 25. Azoren-
museum.
Auf allen Inseln gemein (III.).
Zur Kenntniss der Azorenfauna. 187
Motacilla spec?
Nach Drouet kommt noch eine zweite Bachstelze vor, die er
sich aber nicht hat verschaffen können.
13. Regulus cristatus Koch.
I. S. 119. IL S. 84. III. S. 25. Azorenmuseum.
Alle drei Gruppen.
14. Sylvia atricapüla L.
I. S. 119. IL S. 84. III. S. 24. Azorenmuseum.
AUe drei Inselgruppen.
Der Plattmöneh, die einzige Grasmücke und der geschätzteste
Sänger der Inseln, ist beliebter Käfigvogel. Von besonderem Interesse
bleibt der gelegentlich stärkere Melanismus des Männchens, welcher
die Aufstellung der Sylvia Heinekeni Jardine, der Schleiergrasmücke,
veranlasst hat, die, nach dem Glauben des gemeinen Volks, als
,, fünfter im Nest", nur auf den Azoren und Madeira sich findet.
Brehm (gefangene Vögel. I. 2. Bd. S. 138) hält noch 1876 an der
Art fest, mit der Angabe, dass das Weibchen unbekannt. Godman
behandelt den Vogel, nachdem früher Heineken die gleiche Ver-
muthung geäussert, 1870 bereits als einfache Varietät und weist auf
deren Schwankungen hin; das Schwarz soll gelegentlich die ganze
Unterseite bedecken. Ausführlich ist neuerdings Hartwig der Frage
näher getreten (Zool. Garten. XXVIII. 1887. S. 279—282), indem
er auf Madeira eine Serie auf ihre Abweichungen und ihre Be-
ziehungen zur gemeinen Form prüfte. Er kommt zu dem bestimmten
Schluss, dass wir's mit einer localen, ziemlich selten erzeugten Abart
zu thun haben. Ebenso naturgemäss auf den Azoren. Hier scheint
aber die Variabilität noch weiter zu gehen. Im Museum von Ponta
Delgada stehen drei Thiere, die nach meinen kurzen Aufzeichnungen
Eigenthümlichkeiten bieten. Zunächst ein rostgraues, dessen schwarze
Scheitelplatte sich über den Nacken ausdehnt, d. h. die Curruca
Heinekeni, — ein zweites mit weisser Kopfplatte, — und das dritte
hell aschgrau, fein über die Flügel gewellt, Kop/ einfarbig dunkel-
grau. Ohne direkten Vergleich mit einem festländischen Vogel oder
einer Abbildung kann ich nicht sagen, ob der Umfang der weissen
oder dunkelgrauen Platte genau der normale. Auch kommt auf den
Umfang viel weniger an, als eben auf die Färbung, welche beweisen
dürfte, dass die Neigung der Kopfhaube zum Variiren auf den Azoren
noch weit stärker ist, als auf Sladeira.^)
15. Erythacus rubecula L.
I. S. 120. III. S. 83. Azorenmuseum.
Mittel- und Ostgruppe.
Verwunderlicherweise ist das Rothkehlchen von der Regierung
als ,, schädlicher" Vogel auf den Index gesetzt mit der Amsel, dem
') Anm. Vielleicht ist auf einen ähnlichen Vogel, wie den hieran zweiter
Stelle beschriebenen die Schlussbemerkung zu beziehen , welche Naumann
(Deutschland's Vögel. Bd. II., S. 495) betr. der Mönchsgrasmücke macht : Spiel-
arten von dieser Art sind nicht bekannt, wenn nicht vielleicht Bechstein's weiss-
stirnige Grasmücke, Sylvia albürons, hierher zu zählen ist."
188 Dr. H. Simroth:
wilden Canarienvogel, dem Gimpel und der Fringilla tintillon; für
12 Stück wird eine Prämie von einem Vintem (TV, Pf.) gezahlt. Ob
wirklich das Rothkehlchen dem Weine schädlich wird? Nach Nau-
mann (Naturgesch. der Vögel Deutschlands) frisst es wohl Beeren
von der Grösse der Heidel-, Johannes-, Hollunderbeeren, die Samen
des Evonymus (Rothkehlchensbrot) nimmt es aus den aufgesprun-
genen Kapseln. Schliesslich greift es auch zu den Vogelbeeren,
den Früchten der Ebresche, doch wird es ihm schwer, solche, als
für den Schnabel zu gross, hinunterzuwürgen ; 5 füllen schon den
Kropf. Soll da die Weinbeere hindurch? Anpicken der Früchte
scheint durchaus nicht seine Mode.
16. Saxicola oenanthe Bechst.
III. S. 25. Azorenmuseum.
Godman fand den Steinschmätzer nur auf der Westgruppe, dort
aber brütend. Durch das Museum von Ponta Delgada wird er auch
auf S. Miguel constatiert, ist also wahrscheinlich auf allen Inseln
heimisch.
17. Turdus viscivorus. L.
Ein Exemplar im Azorenmuseum. -^ Sonst nicht angegeben.
18. Turdus merula L.
I. S. 119. IL S. 84. III. S. 23. Azorenmuseum.
Auf allen Gruppen.
Der ,,melro" ist sehr häufig, wohl dichter als irgendwo, geradezu
charakteristisch für die Landschaft, jedenfalls begünstigt durch die
Beeren des Buschwaldes (Bolle 1. c). Partieller Albinismus scheint
sehr oft vorzukommen, totalen erwähnt Bolle (1. c). Im Museum
ein Exemplar mit weissem Hinterkopf, rings herum weiss gesprenkelt,
links am Oberschenkel imd die linken äusseren Steuerfedern des
Schwanzes weiss. Ich selbst sah ein weissschwänziges Thier fliegen.
Im Schenkel soll häufig ein Schmarotzer sitzen. Als ich ein frisch
erlegtes Exemplar darauf untersuchte (ohne Erfolg), fiel mir die aus-
nehmend dichte Befiederung auf; — ist sie eine Folge des feuchten
Klima's, wie der dichte Pelz vieler Sänger in den Urwäldern von
Madagascar und unter ähnlichen Bedingungen anderswo?
Turdus iliacus L.
Bolle meint, dass die von Capitain Boid erwähnte Drossel die
in den Weinländern weit umherschweifende Weindrossel sein dürfte.
Genaueres ist natürlich nicht festzustellen. Die Misteldrossel würde
wohl nicht schlechthin als Drossel aufgeführt sein, daher noch an
eine andere zu denken bleibt.
10. Oriolus galbula L.
III. S. 23. Azorenmuseum.
Godman konnte den Pirol nur nach einigen Resten auf Flores
constatieren. Auf S. Miguel scheint er keine Seltenheit zu sein, da
er im Volksmunde onomatopoetisch „papa figo" heisst, unserem
,, Vogel Bülow" entsprechend.
20. Sturnus vulgaris L.
I. S. 119. IL S. 84. III. S. 30. Azorenmuseum.
Zur Kenntniss der Azorenfauna. 189
Auf allen Inseln häufig.
21. Cornus corax L.
I. S. 119.
Nach Drouet kommt der Kolkrabe auf den Azoren vorüber-
gehend vor, namentlich auf der Westgruppe. Gleichwohl bleibt's
zweifelhaft, ob Corvo ihm den Namen verdankt.
O. Raptatores.
22. Strix flammea L.
I. S. 119. IL 84. III. 22.
23. Otus vulgaris Fleur.
III. S. 22. Azorenmuseum.
Beide Eulen nach Godman nur auf der Ost- und Centralgruppe.
24. Buteo vulgaris Bechst.
I. S. 114. IL S. 84. III. S. 21. Azorenmuseum.
Nach Godman fehlt der Mcäusebussard , der wahrscheinlich aus
Verwechslung den Inseln den Namen gab, der Westgruppe, so häufig
er auf den andern ist. Dass er auf Khppen und Felsen horstet,
ist durch meine Vorgänger hinreichend festgestellt. Weniger sicher
scheint mir zu sein, wovon er sich nährt. Nach Drouet fallen ihm
hauptsächlich Vögel und Fische zur Beute, nach Godman die Nager,
junge Kaninchen, Ratten und Mäuse. Bei der besonderen Sorgfalt,
die Godman gerade der Vogelwelt zuwandte, ist wohl auf seine An-
gabe das meiste Gewicht zu legen. Naumann, der ausführliche Be-
obachter, führt wohl Fische, Eidechsen, Schlangen auf des Bussards
Speisekarte auf, aber durchaus keine Fische (1. c), entsprechend
Brehm (Thierleben). Auch muss man bedenken, dass vermuthlich
zur Zeit der Entdeckung der Azoren durch die Portugiesen alle
Amphibien und Reptilien und vor allem die Süsswasserfische durch-
aus fehlten (jetzt fi-eilich liegen verhungerte Goldfische genug am
Rande der Kraterseen). Man müsste also schliessen, dass der Bus-
sard, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, auf Seefische stosse
worüber ich nichts gehört habe. Jedenfalls muss früher der Vogel, —
und das ist wohl Drouet's Meinung — , zur Zeit der Entdeckung,
als die Azoren angeblich aller Landsäugethiere entbehrten, bei Fisch-
und Vogelnahrung vortrefilich gediehen sein, wenn man nicht an-
nehmen will, (was -s^elleicht nicht ganz von der Hand zu weisen),
dass doch schon durch viel früheren Besuch von Seefahrern Ratten
oder Mäuse eingewandert seien und nach ihnen der Bussard. Mehr-
fache Sage weist ja auf solche Besuche, sei es von Phöniciern, sei
es von Arabern, hin.
25. Tinnunculus alaudarius Gray.
IIL S. 21.
Godman erhielt ein verflogenes Exemplar von S. Miguel. Sonst
fehlt der auf Madeira gemeine Thurmfalke den Inseln.
190 I^i'- H. Simroth:
O. Columbinae.
26. Palumbus torquatus Kaup.
I. S. 122. IL S. 84 (Columba trocaz). III. S. 30 (Columba
palumbus).
Ost- und Mittelgruppe.
Godman hat die Missverständnisse seiner Vorgänger aufgeklärt
und gezeigt, dass es die Ringeltaube ist, welche in den Azoren-
hainen, namentlich der Myrica faya, nistet.
27. Columba livia L.
I. S. 120. IL S. 84. III. S. 31. Dazu I. S. 121. Col. turricola
Bonap.
Auf allen Inseln gemein, auf den Klippen der Küste nistend.
Beliebtes Federwild, das oft auf den Tisch kommt, ursprünglich
massenhaft vorhanden und so wenig scheu, dass sie sich den Colo-
nisten auf Kopf und Hände setzten. Godman giebt an, seine Exem-
plare seien so dunkel, dass die Binde auf den Flügeln nicht mehr
hervorträte; auch habe er einige weisse bemerkt. Damit wären die
eigentlichen Charaktere der Felsentaube (s. Darwin, origin of species,
p. 18) bedenklich verwdscht; mit anderen Worten, auf S. Miguel
sagte man mir, dass durch Zuzug verwildernder Haustauben die
Reinheit beeinträchtigt wäre. Nur im Nordosten der Insel sollen
noch unvermischte Felsentauben zu finden sein; wobei es allerdings
fraglich bleibt, ob sie normal schieferblau oder gedunkelt sind. —
Von der Vorliebe der Felsentaube für vulkanisch erhitzte Orte, wie
sie Bolle, u. a. auf Hartung's Erfahrung in der Höhle von Graciosa
sich stützend, hervorhebt, habe ich nichts gehört.
28. Turtur auritus Bp.
L S. 123. IL S. 84.
Nach Drouet findet sich die Turteltaube auf S. Miguel zahm
und wild, letzteres allerdings selten; sie soll bereits von einem alten
Capitao donatorio eingeführt sein (Bolle),
O. Gallinacei.
29. Caccabis rufa Gray.
I. S. 123. IL S. 84 (Perdix rubra). III. 31. Azorenmuseum.
Hauptsächlich auf S. Maria, doch auch auf S. Miguel und Terceira.
Ursprünglich gleichfalls künstlich eingeführt, vermehrte sich das
Rothhuhn auf S. Maria ganz ausserordentlich, während der Bestand
jetzt wieder zurückgeht, infolge des starken Abschusses.
30. Coturnix communis Bonn.
I. S. 124. IL S. 84 (Perdix coturnix). III. S. 32. Azorenmuseum.
Auf allen Inseln, sehr häufig.
Der Schlag begleitet den Wanderer unausgesetzt, wenn er beim
Aufstieg die Gartenzone am Strande hinter sich hat, durch den
Gürtel von Culturland, der in den Hochtriften und dem Gestrüpp
der Höhen, d. h. in der indigenen Flora, seine Begrenzung findet.
Man versicherte mir wiederholt, dass weisse Exemplare keine Selten-
Zur Kenntniss der Azorenfauna. 191
heit seien. Nach Morelet (IL S. 51) ist die Wachtel vom November
bis März häufig, das heisst auf dem Zuge. Ich fand sie Mitte
August gemein. Sie ist zweifellos Standvogel.
0. Grallae.
31. Scolopax rusticola L.
I. S. 125. II. S. 84. III. S. 35.
AUe drei Gruppen, besonders häufig auf S. Jorge, Pico und Flores.
32. Gallinago media Gray.
I. S. 125. IL S. 84 (Scolopax gallinago L.). III. S. 38. Azoren-
museum.
Alle drei Gruppen.
Godman versieht sich wohl, wenn er meint, die Becassine führe
auf den Azoren den Vulgärnamen „Maganico real" (s. u.). Drouet
nennt sie ,,Narceja," und Chaves gab mir dasselbe an.
33. Tringa canuta L. *
Azorenmuseum.
34. Arquatella maritima Gray.
III. S. 35 (Tringa maritima Briinnich).
Westgruppe, wahrscheinlich auf Flores brütend.
35. Calidris arenaria Illig. *
Azorenmuseum, also vorläufig nur auf S. Miguel.
36. Pelidna Temminckii Leisl. *
Azorenmuseum.
Auch dieser Strandläufer bisher nur auf S. Miguel constatiert.
37. Totanus fuscus Mey. und Wolf
I. S. 125. IL S. 84 (Limosa fusca Briss).
S. Miguel. Um die Seen. Selten.
38. Limosa aegocephala L. *
Azorenmuseum.
Bis jetzt ebenso beschränkt.
39. Macrorhamphus griseus Leach. *
Azorenmuseum, also bisher ebenso beschränkt.
40. Numenius arquatus L. und
41. Numenius phaeopus L.
III. S. 34.
Alle drei Gruppen. Beide heissen im Volksmunde ,,Ma9anico real".
42. Strepsilas interpres Illig.
III. S. 33. Azorenmuseum.
Alle drei Gruppen.
43. Oedicnemus crepitans Temm. *
Azorenmuseum, also bisher nur S. Miguel.
44. Pluvialis varius Schlegel und *
45. Pluviahs apricarius Bon. *
Azorenmuseum, beide bisher nur dort constatiert.
46. Vanellus cristatus Meyer.
III. S. 32. Azorenmuseum.
Godman sah nur ein auf Terceira erlegtes Exemplar. Jetzt
192 Dr. H. Simroth:
kommt S. Miguel dazu. Der Kiebitz scheint sict häufiger nach den
Azoren zu verfliegen.
47. Aegiahtes hiaticula Blas, und Keys.
Azorenmuseum. — Auch der Halsbandregenpfeifer, bisher nur auf
S. Miguel erlegt.
48. Aegialites cantiana Boie.
III. S. 32.
Ost- und Mittelgruppe.
49. Crex pratensis Bechst.
III. S. 36. Azorenmuseum.
Von Godman auf der Mittelgruppe, jetzt auf S. Miguel con-
statiert. Trotz der kurzen Flügel selbst bis nach den Bermudas
verschlagen (III.).
50. Porphyrie caesius Temm.
Azorennmseum. Ueber das Vorkommen des Sultanshuhn habe ich
leider keine Erkundigungen eingezogen.
51. Gallinula chloropus Lath.
L S. 125. III. S. 36. Azorenmuseum.
52. Fulica atra L.
III. S 36. Azorenmuseum.
Die beiden Wasserhühner sollen nach Godman bloss auf der
Lagoa de Fogo vorkommen, daher er sie für importiert hält. Zahl-
reich dürften sie auch dort nicht sein, ich wenigstens sah bei einem
allerdings nur kurzen Besuche des höchst einsamen Kratersees nur
ein Paar Möwen. Wer aber darauf verfallen sein sollte, sie nach
diesem abgelegenen Wasserbecken zu transportieren, ohne dass es,
was bei der Kleinheit der Inseln kaum zu umgehen, jeder Gebildete
wüsste, bleibt mir räthselhaft.
53. Ardea ciiferea L.
I. S. 125. III. S. 33. Azorenmuseum.
Ost- und Mittelgruppe.
Der Fischreiher ist der einzige auf den Insehi brütende Reiher.
54. Ardea purpurea L.
I. S. 125. II. S. 84. III. S. 33.
Nach Godman auf der Mittel-, nach Drouet auch auf der
Ostgruppe.
55. Ardea alba L.
III. S. 34. aiittelgruppe.
56. Ardea garzetta L.
III. S. 34.
Mittelgruppe.
57. Ardea egretta Gmel.
III. S. 34.
Mittelgruppe.
Die letztgenannten vier Reiherarten dürften nicht zu häufig
aufliegen, da sie sonst kaum dem Museum in Ponta Delgada fehlen
würden.
Zur Kenntniss der Azorenfauna. 193
58. Ardea comata L. *
(Buphus comatus Brehm.)
Azorenmuseum. — Ostgruppe.
59. Ardea stellaris L.
(Botaurus stellaris Steph.)
III. S. 34. Azorenmuseum.
Ost- und Mittelgruppe.
60. Ardea minuta L.
III. S. 34. Azorenmuseum.
Ost- und Mittelgruppe.
61. Ardea gularis L. *
(Demiegretta gularis Bosc.)
Azorenmuseum, also bisher nur S. Miguel.
62. Ardea nycticorax L.
(Nycticorax griseus Strickl.)
Azorenmuseum.
63. Ciconia alba L.
Den Storch, jedenfalls den weissen ^ finde ich nur bei Morelet
(IL S. 53) als Passanten erwähnt.
64. Platalea leucorodia L.
m. S. 34.
Gelegentlich auf S. Miguel.
65. Anas bosehas L.
I. S. 128. III. S. 36. Azorenmuseum.
Alle drei Gruppen.
Die Stockente brütet nach Godman auf Flores.
66. Anas crecca L.
(Querquedula crecca). .
I. S. 128. III. S. 36. Azorenmuseum.
Alle drei Gruppen.
Auch die Krickente brütet nach Godman auf Flores.
67. Anas Penelope L. *
Azorenmuseum.
68. Anas americana L. *
Azorenmuseum.
69. Fulix ferina L. *
Azorenmuseum.
70. Fulix clangula L. *
Azorenmuseum.
71. Harelda glacialis Leach. *
Azorenmuseum.
Die beiden Pfeifenten, die Tafel-, Schellen- und Eisente sind
bisher nur von S. Miguel bekannt, doch entspricht das Godman's
Bemerkung, wonach im Winter noch verschiedene Entenarten auf
den Kraterseen einfallen sollen; ähnlich Bolle 1. c. S. 355.
72. Oedemia nigra Gray.
I. S. 128. IL S. 84 (Anas nigra L.). III, S. 36.
Alle drei Gruppen.
Alch. f. Natuigesch. Jahrg. 1888. Bd 1. H. 3. 13
194 Dr. H. Simroth:
73. Mergus serrator L.
Azorenmuseum, also bisher nur S. Miguel.
74. Phalacrocorax carbo Dumont.
Azorenmuseum.
75. Tachypetes aquila Vieill.
(Fregata marina).
Azorenmuseum.
7G. ThalassiJroma Bulweri Bonap.
L S. 127. IL S. 84.
Bewohnt Flores und Corvo, nach Drouet; selten.
77. Thalassidroma Wilsoni Bonap.
(Oceanites Wilsoni Blas, und Keys.)
III. S. 40.
Folgt gesellschaftlich den amerikanischen Schiffen bis zu den
Untiefen der Azoren (Bolle), wenigstens bis in Sicht von Flores.
Ob diese Art mit der vorigen zu vereinigen, bleibe dahinge-
stellt, zumal von Godman die erstere, von Drouet die andere als
,,aLma de mestre" bezeichnet wird.
78. Puffinus anglorum Temm.
III. S. 39.
Brütet in Klippenhöhlen.
79. Puffinus cinereus Gmel. (major Fab.).
(Procellaria puffinus).
I. S. 127. III. S. 39. Azorenmuseum.
Brütet auf allen Inseln am häufigsten, nach Drouet allerdings
nur auf der Ostgruppe und ist nach ihm wenig gemein.
80. Puffinus obscurus Gmel.
III. S. 39.
Godman, der den Vogel nicht sah, schloss aus der Beschreibung
auf die Art. Brütet auf Flores. Schlegel (Museum d'histoire naturelle
des Pays-bas) bezweifelt ihr Vorkommen an den europäischen Küsten
des Atlantics, sie ist zum mindesten mehr amerikanisch.
Ueber die grossartige Ausnutzung der Sturmtaucher zur Oel-
und I'edergewinnung und als Nahrungsmittel s. Bolle (1. c. S. 356).
81. Larus argentatus Brünnich.
I. S. 126. IL S. 84. III. S. 39.
Alle Inseln.
82. Larus marinus L.
Azorenmuseum.
83. Larus fuscus L.
Azorenmuseum.
84. Larus ridibundus L.
Azorenmuseum .
85. Eissa tridactyla Bp.
I. S. 126. IL S. 84. III. S. 38. Azorenmuseum.
Alle drei Gruppen.
86. Sterna hirundo L.
I. S. 126. IL S. 84. III. S. 37. Azorenmuseum.
Zur Kenntniss der Azorenfauna.
195
Alle drei Gruppen.
87. Sterna Dougalli Lath.
III. S. 38.
Alle drei Gruppen, bestimmt wenigstens die westliche und
mittlere.
Sehr dichte Seeschwalbencolonie auf einem Inselchen bei Villa
do Porto auf S. Maria (Bolle).
88. Colymbus glacialis L.
I. S. 127. II. S. 84 (ohne Artangabe).
Bei Flores.
89. Podiceps nigricollis Br. (P. auritus L.).
I. S. 127. Azorenmuseum.
Nach Drouet früher auf S. Miguel häufig, jetzt selten, merk-
würdigerweise unter dem Zusätze ,,dans les rochers".
90. Podiceps rubricollis Gmel. *
(P. grisegena Gray).
Azorenmuseum.
91. Alca torda L. *
Azorenmuseum.
92. Mergulus alle Vieill.
III. S. 36. Azorenmuseum.
Mittel- und Ostgruppe.
13*
196
Dr. H. Simroth:
ErkläruDg der Zeichen in der Liste.
Die Fragezeichen bei den Azoren
betreffen nur das Brüten.
.... brütende Vögel.
. . Passanten.
Azoren
Buteo vulgaris . . .
Tinminculus alaudarius
Palumbus torquatus
Columba livia . .
Turtur auritus . .
Caccabis rufa . .
Coturnix communis
Scolopax rusticola .
Gallinago media .
* Tringa canuta . .
Arquatella maritima
* Calidris arenaria .
*Pelidna Temmiuckii
Totanus fuscus . .
* Limosa aegocephala
* Macrorbamphus griseus
Numenius arquatus
„ pbaeopus
Strepsilas interpres
* Oedicnemus crepitans
* Vanellus cristatus
* Pluvialis varius
„ apricarius
* Aegialites hiaticula
„ cantiana
Crex pratensis . .
* Porphyi'io caesius .
Gallinula chloropus
Fulica atra . . .
Ardea cinerea . .
„ purpure a
„ alba . . .
„ garzetta
„ egretta . .
* „ comata . .
„ stellaris . .
„ minuta .
* „ gularis . .
* n3^cticorax . .
Ciconia alba . . .
Platalea leucorodia
Anas boschas . .
„ crecca . . .
* „ Penelope . .
* „ americana .
* Fulix ferina . . .
* „ clangula . .
*Harelda glacialis .
Oedemia nigra . .
* Mergus serrator
* Phalacrocorax carbo
Zur Kenntniss der Azorenfauna.
197
Durch das Museum in Ponta Delgada ist die Avifauna der
Azoren ganz stattlich geworden und erreicht fast die Liste der durch
Harcourt (Notice on the Birds of Madeira. Proc. Zool. Soc. Lon-
don 1851. S. 141 — 146, und — Notes on the Ornithologie of Madeira.
Ann. and mag. 1855. S. 4.30 — 4.38) für Madeira constatierten Arten.
Es fragt sich, ob die Zahl der Azorenbewohner in der Ab- oder
Zunahme begriffen ist. Vom Distelfink kann kürzliche Einwanderung
und Ansiedelung wahrscheinlich gemacht werden; es ist anzunehmen,
dass noch mancher Verschlagene sich's heimisch machen wird. Da-
gegen ist aus historischer Zeit, die freilich äusserst kurz ist, von
keinem Vogel Vertreibung oder Verschwinden berichtet (von ver-
wildertem Hausgeflügel, Perlhuhn u. dergl. abgesehen); im Gegen-
theil, was die früheren Untersucher selten und fraglich finden, be-
stätigen die späteren, und von manchem Vogel kennen wir seine
künstliche Acclimatisation, so dass das Vogelleben trotz der Boden-
cultur, die auf den meisten Inseln bereits die grösstmögliche Höhe
erreicht, wo nicht überschritten hat, eher im Aufblühen als im
Rückgange begriffen sein dürfte. Anders soll das Urtheil werden,
wenn man die ursprüngliche Vogelwelt zur Zeit der ersten Ansiedler
in Betracht zieht (s. Bolle); zum mindesten soll die Individuenzahl
enorm gewesen sein, wie denn die Tauben sich den Colonisten auf
Kopf, Schultern und Hände setzten und um so zahlreicher kamen,
je mehr gefangen wurden; und wenn der Mangel eines Species-
verzeichnisses in der Natur der Sache liegt, so wird doch von Cor-
deyro, der 1717 schrieb und sich auf den älteren Fructuoso stützte,
198 Dr. H. Simroth:
wenigstens die frühere Existenz noch dreier anderen Tagraubvögel
(Falken, Sperber, Milane — falcÖes, gavioes, milhafres) ausser dem
Bussard behauptet, und der Schluss auf ein allgemein reiches Vogel-
leben ergiebt sich von selbst. Die Thatsache fiele um so mehr in's
Gewicht, als die Inseln ihren Namen einem Raubvogel verdanken.
Ganz abgesehen von der Indiscutierbarkeit einer so unsichern Sache,
ganz abgesehn davon, dass die Erzählung von früher auf Terceira
hausenden edlen Falken ganz unverdächtig klingt, es kann sich doch
wohl mehr um vereinzelte Thiere gehandelt haben; man braucht
sich nur der Unklarheit zu erinnern, in welcher bei uns der Laie
jedem ,,Stossvogel" gegenüber schwebt, und die Wichtigkeit hinzu-
zunehmen, die auf den einsamen und an grösseren Thieren und
Naturobjekten armen Inseln jeder fremdartigen Erscheinung beigelegt
wird ( — ich verweise auf Arruda Turtado : Materiaes para o estudo
antlu'opologico dos povos agorianos. Ponta Delgada 1884), dann
schrumpft leicht die Constatierung einer Art auf ein einzelnes Indi-
viduum zusammen. Pur den Bussard als den ursprünglichen Insel-
beherrscher und ,,Agor" möchte ich aber noch seine Gewohnheit
geltend machen, auf den Klippen zu horsten, trotzdem es früher noch
weniger an vereinzelten und gedrängten Bäumen gefehlt hat als
jetzt. Eine derartige Gewohnheit wird aber nicht über Nacht ge-
wonnen, sie giebt dem Vogel eine alte Heimathberechtigung, wie sie
kein anderer Raubvogel aufweisen kann. Und so, meine ich, dürfen
wir uns auf die Gegenwart und ihre Früchte beschränken, ohne das
unangenehme Gefühl, in ihr nur Bruchstücke einer reicheren Ver-
gangenheit erblicken zu müssen.
Trotz der ausgiebigen freiwilligen und unfreiwilligen Wande-
rungen der Vögel bleibt das Vorkommen auf oceanischen Inseln, die
wie die Azoren, nach allen Seiten unvermittelt im Meere liegen, von
besonderem Interesse. Und dieses müsste sich wesentlich erhöhen,
wenn es gelänge, von den verschiedenen Einwanderern genau ihre
Herkunft und Ankunftszeit zu bestimmen und mit den meteoro-
logischen Daten, vor allem den zu den verschiedenen Jahreszeiten
vorherrschenden Windi'ichtungen in Verbindung zu bringen. Von
der Lösung dieser Aufgabe sind wir leider weit entfernt. Nur ein
paar Andeutungen können gemacht werden. Nach der obigen Liste
haben wir jetzt zum ersten Male Vögel auf den Azoren gefunden,
die, von den auf das Meer angewiesenen typischen Küsten- und
Inselbewohnern abgesehen, zweifellos aus Nordamerika stammen;
Mittel- und Südamerika haben keinen geliefert; die arktischen circum-
polaren entziehen ihre Provenienz der Controle; betr. Afrika habe
ich nur da genauer angeben zu sollen geglaubt, wo es sich um das
ausschliessliche Vorkommen jenseits der Sahara, um die aethiopische
Region handelt, auch die Mittelmeerländer meinte ich besonders
nehmen zu sollen.
A. Als Vögel, die durch Nordwinde aus höheren Breiten
Zur Kenutniss der Azorenfauua. 199
nach den Azoren verschlagen sind, ergeben sich sechs bis neun,
nämlich
Plectrophanes nivalis,
Tringa canuta,
Harelda glacialis,
Oedemia nigra,
Colymbus glacialis,
Mergulus alle,
weniger ausgesprochen vielleicht
Pluvialis varius,
Fulix clangula,
Alca torda.
Kaum einer von ihnen hat sich, wie es scheint, häushch nieder-
gelassen; fast alle sind auf der Ostgruppe beobachtet, nur Colymbus
nicht, was um so weniger in's Gewicht fällt, als er selbst von Ma-
deira angeführt wird. Das Vorwiegen dieser Gruppe erklärt sich
natürich aus dem Uebergewicht, welches ihr das Museum von
S. Miguel verschafft hat.
B. Vom afrikanischen Festlande stammt nur Ardea gularis,
wahrscheinlich nicht sesshaft auf der Ostgruppe.
C. Die Mittelmeerländer haben das in Portugal gemeine
Sultanshuhn (?), die Ardea alba und garzetta geliefert. Keine Art
scheint auf den Inseln zu nisten.
D. Aus Nordamerika stammen die amerikanische Pfeifentc
und Grauschnepfe. Da sie auf S. Miguel erbeutet wurden, sind sie
erst recht auf den westlichen Inseln zu vermuthen. Zu brüten
scheinen sie nicht, da sie sonst meinen Vorgängern wohl zu Gesicht
gekommen wären.
E. Mit den übrigen atlantischen Inseln, den Canaren und
Madeira haben die Azoren bekanntlich die Fringilla tintillon und
den Canarienvogel gemein, als spezifische Erzeugnisse, selbstver-
ständlich nur kleine Binnenlandvögel. Auch ist dahin die Varietät
der Sylvia atricapilla, die Schleiergrasmücke, zu rechnen. — Ver-
gleicht man die weiter verbreiteten, die auf den Inseln brüten, dann
sind den Azoren und Madeira 6 See- und 13 Binnenland- bez. Strand-
vögel, — den Azoren und Canaren dieselben 13 Binnenlandvögel,
wozu noch der grosse Buntspecht kommt, und ebenfalls 6 Seevögel
gemeinschafthch , alle mit Ausnahme der beiden genannten euro-
päisch. Das Gros aber der brütenden Binnenlandvögel, 29 von 34,
ist europäisch. Da Madeira 23 brütende Binnenlandvögel hat, so
sind ihm 10 besonders eigen, und zwar th. europäische, th. eigne,
th. südlichere.
Ich habe seinerzeit auf die auffallende Thatsache hingewiesen
(Globus Bd. LH. S. 300 ff.), dass Terceira, also die Mittelgruppe der
Azoren, zwar stärkere Niederscliläge, aber heitereren Himmel und
weniger Regenwahrscheinlichkeit, also mehr continentales Klima hat
als S. Miguel oder die Ostgruppe. Die Erklärung war in einer
ziemlich beträchtlichen Differenz der Windrichtungen zu suchen
200 Dl*- JH. Simroth:
(1. c. S. 315 u. 316). Die Azoren als die Wetterscheide im Ent-
stehungsgebiet des Nordostpassates, natürlich mit nördlicher und
südlicher Saisonverschiebung, sind gerade in Bezug auf diesen Faktor
schwer zu beurtheilen. Im Allgemeinen herrschen wohl die Süd-
und Westwinde vor, und man sollte dem entsprechend, trotz der
grösseren Entfernung, wohl die central- und südamerikanische Avi-
fauna auf den Inseln vertreten finden. ^) Auf Pico und Fayal Hess
sich aus der Beständigkeit der Wolkendecke und noch mehr der
bestimmten Südwest -Nordostrichtung der kammartigen Grasbüschel
die Höhe der Berührungszone zwischen Passat und Gegenpassat auf
900 — 1000 m feststellen; man sollte also daraus wohl die Möglichkeit
herleiten, dass Südamerikaner mit der oberen Luftströmung ankämen.
Doch ist da zu bedenken, dass jene Berührungsebne schon am Pic
von Teneriffa doppelt so hoch liegt, dass wir es also auf den
Azoren bereits mit einer starken Senkung der oberen Strömung zu
thun haben. Es konnten also Avohl vorwiegend nur solche Vögel
von Südwest ankommen, die sich in sehr bedeutende Höhen erhoben
hätten ; das sind aber höchstens die besten Flieger, denen der Wind
nichts anhat. — Im Uebrigen kommen auf die Richtungen des Windes
von Nord bis Ost auf S. Miguel mehr als 500 Antheile bei einer
Jahressumme von 1415 noch dazu in Ponta Delgada, das, am Süd-
rande des Gebirges gelegen, gegen Nord- und Nordostwinde ziemlich
geschützt ist. So erklärt sich das Vorwiegen der europäischen, zumal
nordeuropäischen und arktischen Vögel, wenn man die grössere Nähe
dazu nimmt, von selbst. Die Windrichtungen aus WNW, NW und
NNW betragen in Ponta Delgada 218 : 1415, in Angra do Heroismo
auf Terceira 255:1288, also nicht mehr als etwa Vr und V5 der
Jahressumme, so dass bei der grösseren Entfernung Nordamerika's
kaum eine bedeutendere Anzahl von dort stammender Vögel zu er-
warten ist. Ich wage nicht, weiter über diese Andeutungen hinaus-
zugehen und in eine genauere Berechnung einzutreten. Der Faktoren
sind zu viele, als dass die Calculation Halt haben könnte.
Endlich noch eine Bemerkung. Auch wenn man die Pyrrhula
murina, den autochthonen Vogel von S. Miguel, bei Seite lässt, so
fäUt es auf, dass der Vogelorganismus auf den Azoren zur Variation
neigt. Ob meine vereinzelte Beobachtung des besonders dichten
Gefieders bei der Amsel sich durch genauere Vergleiche bestätigen
wird, bleibt abzuwarten. Es würde, wie ich angab, nahe liegen,
die Feuchtigkeit des Ozeanklima's dafür verantwortlich zu machen.
Beim Plattmönch treten ausser der maderensischen noch weitere
Abweichungen auf, die weisse Scheitelplatte u. dergi. ; überhaupt ist
^) Mit den Westwinden verbreitet sich allerdings ein amerikanischer Ein-
wanderer, der schöne Tagfalter Danais archippus, bei meiner Anwesenheit der
lebhafteste Schmuck Fayal's. Drouet und Morelet fanden üin noch nicht,
Godman trieb nur zwei Exemplare auf, die 1804 auf Fayal und Flores erbeutet
waren; jetzt war er auf Fayal die gewöhnlichste Erscheinung, und vereinzelte
Falter flogen bereits auf S. IVIiguel. Die Etappen sind gut zu verfolgen.
(8. Globus LH. S. 314.)
Zur Kenntniss der Azorenfauna. 201
Neigung zu Albinismus häufig, bei der Amsel, bei der Wachtel.
Die Felsentaube ist dunkler als sonst, die Fringilla tintillou variiert
in ziemlich weiten Grenzen. Voraussichtlich würde genaueres Studium
mehr ergeben. Immerhin ist das wenige bei der geringen Zahl der
Ansässigen nicht ganz unbedeutend. Worin liegt die Ursache? Sie
kann wohl eine doppelte sein. Zunächst möchte man geneigt sein,
der veränderten Zusammensetzung der Gesammtfauna und der Iso-
lierung auf den Eilanden das Hauptgewicht beizulegen. Die ge-
ringere Anzahl der Paare und der Wegfall des Zuges, also das
dauernde Zusammenleben, könnte die Züchtung der secundären Ge-
schlechtscharaktere vermindern, da die Auswahl einfacher ; der Mangel
oder die Reduction der Feinde dürfte es zufälligen Abweichungen,
namentlich den auffälligen weissen Thieren erlauben, unbehelligt sich
breit zu machen. Indess bleibt es fraglich, ob in diesen Faktoren
der Hauptgrund liegt und ob nicht der beständige Aufenthalt in
dem veränderten Klima den Anstoss zur Variation giebt. Godman's
Bemerkung, dass die Füsse und Schnäbel der Azorenvögel häufig
stärker seien als die der Brüder auf dem Continent, möchte wohl
dieser Annahme, welche die Variabilität in klimatischen Einflüssen
begründet, das Wort reden. Das Urtheil muss natürlich zurück-
haltend sein und sich begnügen, auf die Bedeutung der insularen
Abaenderung im Allgemeinen hinzuweisen, ohne noch den Begriff
sichtend zerpflücken zu können.
C. Reptilien.
Ursprünglich fehlten alle Landreptihen den oceanischen Inseln.
Dass Seeschildkröten herankommen, ist sicher; Drouet giebt Chelonia
midas an; von den anderen Arten des atlantischen Üceans ist es
meines Wissens nicht bekannt, dass sie an den Azoren gefangen
seien; auf dem Markte sah ich keine.
Dagegen hat die Eidechse einiges Interesse.
Lacerta Dugesi M. Edw.
I. S. 129. n. S. 54. III. S. 43. Walker, I.e. S. 207. Böttger
(Verzeichniss der von Hrn. Dr. Heinr. Simroth aus Portugal und
den Azoren mitgebrachten Reptilien und Batrachier. Sitzsber. der
Ak. der Wiss. zu Berlin. 1887. XII.) S. 194.
Graziosa. Terceira. S. Miguel.
Diese nach Böttger nur noch auf Madeira bestimmt vorhandene
Eidechse ward zuerst auf Graciosa gefunden, und zwar bei dem
kleinen Hafenorte Santa Cruz. Bisher war dies der einzige Fundort.
Böttger versieht sich wohl, wenn er für Graciosa Metschnikoff als
Autorität angiebt und ausserdem Santa Maria hinzufügt nach Morelet.
Dieser erwähnt nur Drouet's Fund (1. c), ebenso Godman. Walker
hat das Thierchen an der alten Stelle wieder gefangen (1. c). Drouet
hält die Echse für eine neue Einführung. Ich selbst' landete nicht
auf Graciosa. Wohl aber fiel mir an den hohen Uferbauten des
schönen Hafens von Angra do Heroismo auf Terceira sehr bald das
reichliche Vorkommen des Thierchens auf; und ich darf wohl be-
202 Dr. H. Simroth:
haupten, dass es in der Umgebung ausserhalb der Stadt noch fehlt.
Der heisse sonnige Monte Brasil, der auf der einen Seite den Hafen
flankirt und bei seinen steilen, nur mit Gestrüpp bestandenen Ab-
hängen wie geschaffen für die Echsen erscheint, entbehrt sie noch,
so gut wie die Anhöhen im Hintergrunde der Stadt und das alte
spanische Fort, das dem Monte Brasil gegenüberliegt als Ostum-
grenzung des Hafens. Aehnlich ist es auf S. Miguel. Auch hier ist
das Thierchen bis jetzt fiast auf das Fort S. Braz, das den Hafen
von Ponta Delgada deckt, beschränkt; doch beginnt es sich all-
mählich ein wenig, aber nur erst in die nächste Umgebung auszu-
breiten, nach Dr. Machado's Versicherung. Mir scheinen diese That-
sachen nicht unwichtig, denn sie zeigen die grosse Stabilität der
sonst so munteren Echse. Ich darf entschieden vermuthen, dass die
Ausbreitung, sei es von Madeira, sei es von Graciosa aus, erst in
den letzten Jahren oder höchstens Jahrzehnten vor sich gegangen
ist; sonst hätte das Thierchen von Godman oder Walker, der es
doch auf Graciosa fing, gesehen werden müssen; denn für die Azoren-
fauna ist es stattlich genug, und bei der melancholischen Stille
namentlich der höheren Partieen fällt ein Laut wie das Rascheln
einer Eidechse sofort auf Zweifellos wird die Echse durch Schiffe
verschleppt, aber sie hält sich für geraume Zeit streng an den Hafen,
und es mag lange dauern, ehe sie sich eine ganze Insel erobert, so
recht im Gegensatz zu dem Fisch und Frosch des süssen Wassers
oder zu den Vögeln, selbst die Säuger übertreffen die Echsen hier
an Verbreitungsenergie um ein Beträchtliches.
? Lacerta viridis? Walker (1. c. ) behauptet auf Graciosa noch
eine zweite Echse gefangen zu haben, die bestimmt viridis gewesen
sein soll. So wenig auffälliges die Verschleppung einer in Süd-
europa so verbreiteten Art an und für sich haben könnte, bleibt
doch weitere Bestätigung durchaus abzuwarten, zumal Walker mehr
vom geographischen und touristischen Standpunkte aus schreibt.
Zum mindesten wäre es befremdlich, dass die zweite Art an dem-
selben Orte zuerst auftauchen sollte, wo die erste anlandete, wie-
wohl vielleicht dafür sich in irgendwelchen Handelsbeziehungen die
Erklärung finden liesse.
D. Amphibien.
Rana esculenta L.
Auf allen Gruppen, aber wohl nicht auf allen Inseln. Ganz
gemein in jedem Tümpel und Kratersee von S. Miguel, kommt der
Wasserfrosch nach Godman auf einigen Inseln der Centralgruppe
vor und ist im Westen auf Flores wohl vorhanden, aber weniger
zahlreich. Warum? Ursprünglich fehlten die Amphibien. Um 1820
führte der Vicomte von Praya den Frosch auf S. Miguel ein, und
der beeilte sich, seinen Platz in der Schöpfung voll und ganz aus-
zufüllen. Woher er geholt und in welcher Anzahl, darüber schweigen
die Akten. Die Untersuchung, die Herr Wolterstorff den von mir
mitgebrachten Exemplaren angedeihen Hess, scheint Licht hinein-
Zur Kenntniss der Azorenfauna. 203
zubringen oder vielleicht den einmaligen Import zweifelhaft zu machen.
Danach kommen nämlich, brieflicher Mittheüung zufolge, auf S. Miguel
zwei Varietäten vor, die eine mit sehr grossen Augen, die besonders
im nördlichen Spanien lebt; die andere mit kleinen Augen, nament-
lich in Nordafrika heimische gehört wohl zur Unterart esculenta
Latastei Cam., deren Verbreitungsgrenzen noch nicht hinlänglich
bekannt. Da zu dieser Form auch meine portugiesische Ausbeute (von
Porto, Cintra und Madeira) zu rechnen, so würde daraus ein Zu-
sammenfallen oder doch ein Verschwimmen mit der var. Perezi
Seoane (var. hispanica Micha.?), zu der Böttger meine portugiesischen
Thiere rechnet, zu folgen scheinen. Immerhin ist es unwahrschein-
lich, dass bei der ersten Einführung, doch wohl auf Bestellung von
einer Localität aus. gleich beide Varietäten zufällig zusammen-
gekommen seien. — Zu der zweiten Varietät stellt Wolterstorff auch
die Larven und jungen Fröschchen, die ich am und im Kratersee
von Sete cidades in sehr verschiedener Grösse fing. Was ich über
die stark wechselnde Entwickelung aufzeichnete (bald ganz kleine
ausgebildete Thiere, bald sehr grosse Quappen-Neotenie), hat Böttger
bereits veröffentlicht. Ich dachte an das feuchte Klima, welches
die grossen Quappen oder verwandelten Frösche noch mit langem
Schwänze auf's Land zu gehen einladet; und nach Sr. Maria Rapozo's
Mittheilung sollen sich sogar bisweilen, wenn auch selten, ganz
grosse noch geschwänzte Frösche finden, was ich ohne Augenschein
dahingestellt sein lassen muss; eine gegliederte Schwanzwirbelsäule
scheint mit dem Springen kaum verträglich. Andere wollen den Mangel
animalischer Nahrung für die Verzögerung der Metamorphose ver-
antwortlich machen. Trotzdem dass J. de Guerne's Studien der Süss-
wasserfauna eine ganze Reihe niederer Thiere in den Seebecken nach-
gewiesen haben, glaube ich an der Thatsache festhalten zu müssen,
dass im Grossen und Ganzen die Kraterseen mit ihrem UntergTund
öder vulkanischer Aschen und ihrem spärlichen Pflanzenwuchs eine
relativ sehr geringe Individuenzahl beherbergen, gegenüber einem
hohen Kaulquappenbestande , so dass die animalische Nahrung für
die Quappen kümmerlich bleibt.
Merkwürdig ist, dass sich nach Morelet (IL S. 54) eine von
Nordamerika eingeführte Kröte (Sp. ?) auf Fayal nicht hat halten
können. Die Bedingungen scheinen doch in hohem Maasse ihrem
Gedeihen günstig.
Betreffs der Meeres-Fische, -Mollusken und Echinodermen, von
welchen Herr Dr. Hilgendorf und Herr Professor von Härtens gütigst
die nachstehenden Listen aufgestellt haben, sind einige Bemerkungen
über die Fundorte voranzuschicken. Bekanntlich bieten die Lava-
klippen, welche die Steilränder der Azoren fast überall umgürten,
nur wenige geeignete Punkte, um mit dem Dredgenetz zu arbeiten.
Die von dem Meere durch Auslaugen karstartig zerfressenen Felsen
gestatten schlechterdings keinen Versuch. Auch ein Balkenkreuz
mit Quasten, dessen Anwendung ich erwog, musste bald wieder auf-
204 Dr. H. Simroth:
gegeben werden, angesichts einiger unliebsamen Erfahrungen mit
einer am Ende des Netzes zum sicheren Auffinden befestigten schwim-
menden Boie, die durch Strudelbewegungen der starken Brandung
gelegentlich hinabgezogen wurde; es gelang uns trotz vieler An-
strengungen nicht, sie wieder zu lösen. Wir mussten den starken
Strick durchschneiden, um selbst freizukommen. So ist man betr.
der Strandfauna einzig und allein auf die Ebbe angewiesen; und
deren besonders niedriger Stand, den ich zweimal ausbeuten konnte,
zeigte zumal nach einem Sturme, dass gerade in den Felsenspalten
ein reiches und eigenartiges Thierleben haust, zwischen Ulven, Fucoi-
deen und zahlreichen Corallinen. Nur ]nit dem Taucherapparat
würde man hier vermuthlich eine genügende Ausbeute erhalten.
Ganz anders natürlich die wenigen Stellen mit sandigem Grunde,
die immer, auch nach der freien See zu, sehr beschränkt sind wegen
des bald eintretenden Steilabfalles — , der Hafen der Hauptstadt,
eine kleinere Stelle an der Punta Delgada, nahe dabei, auf der
anderen Seite die hübsche Bai von Rosto de Cäo, einige Stunden
weiter die Praya von Villa Franca. Ich dredgete an den ersten
drei Localitäten. Die vorwiegend kleinen Conchylien wurden haupt-
sächlich im Sande der letzten beiden Orte sowie zwischen den Klippen
gesammelt. Naturgemäss nehmen Fauna und Flora auf dem hell-
grauen Sandgrunde eine grosse Eintönigkeit an, zu dem Grau des
Sandes, der aus kleinen, meist noch scharfkantigen und die Krystall-
form wahrenden Partikelchen trachytischer Lava besteht, passt das
der Hydroiden und Bryozoen, und zierliche Florideen färben die
graue Wiese mit einem rosarothen Tone. So geht es von wenigen
Faden, fast von der Oberfläche, bis zu der Tiefe, in die ich das
Netz hinabliess (40 — 50 Faden), ziemlich gleichmässig fort. Und
zwischen diesen beiden Farben bewegt sich die Thierwelt, die Spa-
tangen, Seesterne, Ophiuren, Ervilien, Venus, die oft massenhaft
angehäuften Ditrypa und die übrigen Würmer, die Krebse, Krabben
und Amphipoden, und Actinien; dabei steckt der Sand voller An-
nelidenröhren, deren aufgefaserte, von demselben Saud aufgebaute
Vorderenden das Netz stets massenhaft herauf befördert , wohl von
Sabellen. Mannichfaltigkeit nach Umfang und Farbe gehört den
unzugänglichen Klippen. Höchstens kann man auf dem Sandgrunde
hier und da eine locale Sonderuug der charakteristischen, farben-
monotonen Elemente bemerken; denn nach dem einen Zug, der
etwa eine Viertelstunde mit langsamer Bewegung des Bootes geführt
wurde, enthält das Netz einige tausend Ditrypa mit Ervilien, nach
einem zweiten Florideen, nach einem dritten Sabellenröhren in Un-
masse; es macht sich eine enorme Anhäufung zu einer Form be-
merkbar, die den Eindruck der Monotonie nur zu erhöhen ge-
eignet ist.
Zur Kenntniss der Azorenfauna. 205
II. Die Fisclie der Azoren.
Bearbeitet von Herrn Dr. F. Hilgeudorf.
Vorbemerkung des Herrn Dr. Simroth. Die Fischfauna
der Azoren ist zweifellos noch sehr unvollkommen bekannt. Der
Grund liegt hauptsächlich in der Indolenz der Fischer, die jedes
Thier, das nicht zur gewohnten Speisekarte gehört, gleich wieder
in's Meer werfen oder als Köder zerstückeln. Ich nahm hauptsäch-
lich mit, was ich von seltneren auffallenden Sachen auf dem Fisch-
markte fand, wo ich womöglich gleich Morgens, zwischen 7 und 9 Uhr,
die vom nächtlichen Fange zurückkehrenden Flottillen erwartete.
Sodann aber scheint die üferzone mit dem reichen lOippenleben
noch manches zu bergen, was für die Fischer überhaupt nicht
existiert. Man erhält diese Sachen von Jungen, die ihre Zeit mit
Angeln ausfüllen. Künftigen Besuchern ist dringend zu empfehlen,
dass sie gleich vom ersten Tage an mit einigen Fischern sich ver-
ständigen, ihnen täglich alle Formen, die ihnen vorkommen, zu
bringen. Freilich muss man dann auch das Gewöhidichste um billigen
Preis kaufen, damit einem das Seltnere nicht entgehe. Ebenso
müsste man einige Knaben zum regelrechten Angeln anhalten. Sonst
wird man stets auf den blossen Zufall angewiesen sein. Srth.
Ueber die von Herrn Dr. Simroth gesammelten Azorenfische
habe ich bereits in den Sitzungsberichten der Gesellschaft natur-
forschender Freunde zu BerHn, Jahrg. 1888, S. 79 (15. Mai) einige
kurze Bemerkungen veröffenthcht , die nun hier vervollständigt
werden sollen.
Unter den 25 mir zur Untersuchung übergebenen Arten ver-
dienen 10 hervorgehoben zu werden, weil sie eine Bereicherung
unserer Kenntniss der Azorenfauna darstellen, wenigstens weder
in der Liste H. Drouet's (Elements de la Faune agoreenne 1861,
S. 131 ff. ^) verzeichnet, noch in dem einheimischen Museum zu
Ponta Delgada (S. Miguel), dessen Azorenfische Herr Simroth notirte,
vertreten sind: Serranus atricauda, Caranx georgianus, Gobius pa-
ganellus, Salarias symplocos, Mugil chelo, Lepadogaster bimaculatus,
Heliases chromis, Glyphidodon luridus, Centrolabrus trutta, Creni-
labrus melops. Hiervon sind wiederum Caranx georgianus wegen
seiner Verbreitung und Salarias symplocos als unbeschriebene Art
bemerkenswerth . 2)
Nach den drei Quellen: Herrn Simroth's Sammlung, Drouet's
Liste und den Bestimmungen im Museum zu Ponta Delgada, ist die
*) Eine Zusammenstellung einheimischer Fischnamen (alphabetisch), ebd.,
S. 220— 222.
'') Die Liste afrikanischer Fische von Guimaräes (1884, nicht 1886), welche
ich in der vorläufigen Publikation erwähnte, enthält kerne Fische von den
Azoren, ebensowenig die frühere Liste (1882) u die von Brito Capello (1870
bis 1873).
206 Dr- H. Simroth:
hier folgende Aufzählung entworfen. Der Charakter der Fauna ist
wesentlich der der mittelmeerischen, einzelne den Azoren eigenthüm-
liche Arten, wie Serranus atricauda, Salarias symplocos, bedeuten
eine tropische Beimischung; americanische Elemente fehlen gänzlich.
Die von Simroth gesammelten Arten sind mit gesperrrten Lettern
gedruckt.
1. Anthias sacer Bl. i) Drouet, p. 131, 222 (als Serranus anthias),
und im Museum von Ponta Delgada.
2. Serranus (subg. Pseudoserranus Klz.) atricauda Günther
Ann. Mg. 1874, XIIL, p. 230. Es ist nicht ein dunkles Wangenband
vorhanden (Gth.), sondern bis drei, sie sind bläulich, schwarzge-
säumt. Auch Gth. 's Expl. stammte von den Azoren. — Simr. 4 Expl.
17V2 — 27 cm lang. — Viell. ist eine der folgenden Serr.-Species mit
dieser verwechselt worden.
3. Serranus scriba (L.), bei Drouet, p. 131.
4. Serranus cabrilla (L.), im Museum Ponta Delgada.
5. Serranus gigas (Brunn.), im Museum Ponta Delgada.
6. Polyprium cernium C. V., Drouet, p. 131 und Mus. P. Delg.
7. Apogon imberbis (L.), Museum Ponta Delgada.
8. Cantharus lineatus (Mont.).
9. Box vulgaris C.V., 5 Exempl., I5V2 — 18 ctm 1.; auch bei
Drouet, p. 132 u. im Mus. P. Delg.-')
10. Box salpa (L.), 1 junges Expl., 10 ctm 1.; auch bei Drouet,
p. 132 u. im Mus. P. Delg. — Lin. lat. 71 (bis zur Biegestelle der
Caud.), L. tr. 7/17 (Gth. Cat. 5/14).
11. Sargus vulgaris Geoffr., Mus. P. Delg.
12. Sargus rondeletii C. V., 2 Exempl., 6,2 u. 26 ctm. 1.,
auch bei Drouet, p. 132 u. im Mus. P. Delg.
13. Pagrus vulgaris C. V., im Mus. P. Delg.
14. Pagellus centrodontus (de la Roche). Der Schulterfleck
nur schwach sichtbar, bei den jungen fehlend. 4 ältere Expl., 20
bis 22V2 ctm 1., 2 junge Expl. 7V2— 8V4 ctm. Auch im Mus. P. Delg.
15. Pagellus bogaaveo (Brunn.), bei Drouet, p. 132 u. im
Mus. P. Delg.
16. Pagellus acarne (C), bei Drouet, p. 132 u. im Mus. P. Delg.
17. Chrysophrys aurata (L.), bei Drouet, p. 132.
18. Mullus barbatus L., bei Drouet, p. 131.
*) Wenn man den Gleichklaug des Doppelnamen nicht scheut, würde
nach der Priorität die Bezeiclmung Anthias anthias (L.) geboten sein. Ich habe
hier wie in späteren ähnüchen Fällen dem bisher übüchen Namen den Vorzug
gegeben.
^) Box vulgaris, „Boga," wird ausserordentlich häufig von einer Fischassel
bewohnt, so dass aus dem Maule gewiss der meisten zu eüiem Haufen auf-
geschichteten Brassen der grosse Kruster hervorsieht. Das Volk soll die Exem-
plare mit dem Wurme verabscheuen. Simroth.
Zur Kenntniss der Azorenfauna. 207
19 Scorpaena scrofa L. wii'd von Drouet p. 131 aufge-
führt und ist auch im Mus. P. Delg. aufgestellt. — Herr Simroth
sammelte 2 Exemplare, 1474 bezw. 11 ctm 1., die ich mit Zweifel
hierher stelle. D. 11, 1/9 (10?), A. 3/5, L. 1. 53 + 3 (tub. 27), der
Kopf ist oben mit kleinen Pusteln bedeckt wie bei ustulata Lowe,
auf dem Operculum und der Wange stehen kleine Schuppen, die ich
auch bei einem trocknen Exemplar von den Canarischen Inseln
(M. B. 12456) sehe. Der bei scrofa und ustulata deutliche Fleck in
der D.I. fehlt. Die Grube auf dem Hinterkopfe fehlt, so dass man
an die Gattung Sebastes denken sollte. Der S. dactylopterus ist
indessen durch seine Flossenformel D. 11, Vi« und durch sein schwarzes
Maul von der Berücksichtigung ausgeschlossen. Das oben erwähnte
Expl. von den Canar. Inseln besitzt die Kopfgrube sehr deutlich.
Auch am Praeorbitale finden Abweichungen zwischen diesem und
den Simroth'schen Fischen statt, welche letztere am Unterrand einen
längeren Vorder- und dafür keinen Mittelstachel tragen. Eine dunkle
Binde durch die Analis, welche bis in die weiche D. hinaufzieht,
haben die Azoren- und Canaren- Exemplare gemein. Sc. porcus ist
durch seine grob gerieften Schuppen sicher unterschieden.
20. Beryx decadactylus C.V., im Mus. P. Delg.
21. Beryx splendens Lowe, im Mus. P. Delg.
22. Hoplostethus mediterraneus C.V., im Mus. P. Delg.
23. Lepidopuscaudatus (Euphr.), imMus. P.Delg., fast 2 Met. lang.
24. Trachurus trachurus (L.), 3 Exempl., I3V2 — I6V2 ctm
lang, von Simroth gesammelt. Auch bei Drouet, p, 132.
25. Caranx hippos (L.), im Mus. P. Delg. unter der synonymen
Bezeichnung ,, Trachurus fallax."
26. Caranx spec, im Mus. P. Delg.
27. Caranx georgianus C.V. 2 Exemplare, 21 bezw. 26 ctm
lang, von Simroth gesammelt. — D. 8^/25 — 26» A. 2,V2i — 22»
L. 1. 26 — 24 (die zweiten Zahlen gehören dem kleinen Expl. an),
Zähne oben in doppelter Reihe, die äussere mit grösseren Zähnen,
unten nur vorn doppelt, an der Zunge in mehrfacher, an dem Vomer
und Palatinum in einfacher Reihe. C. georgianus ist nur aus dem
Meere Australiens bekannt. Im atlantischen Ocean kommt der nahe
verwandte C. dentex (Bl. Sehn.) mit zahnlosem Gaumen vor.
28. Caranx spec, 1 sehr junges Exemplar (3 ctm 1.), von
Simroth gesammelt, kann nach seiner Flossenformel zu keiner der
genannten Arten gehören: D. 6,V2ii, A. 2,725- Ibm fehlen noch
Schuppen und Seitenschilder; das Praeoperculum mit Dornen und
Maxilla unter die Pupille verlängert. Die Körperformen stimmen
etwa zu georgianus.
29. Seriola dumerilii (Risso), im Mus. P. Delg.
30. Naucrates ductor (L.) und dessen Jugendzustand.
30a. Nauclerus compressus C. V., mi Mus. P. Delg.
208 Dr. H. Simroth:
31. Lichiaglauca (L.), 2 Expl., 28 u. 36 ctm 1., von Simroth
gesammelt. Die Pectoralis der linken Seite bei einem Exempl. mit
schwarzem Fleck. Auch im Mus. P. Delg.
32. Temnodon saltator (L.), selten; im Mus. P. Delg.
33. Capros aper (L.), im Mus. P. Delg.
34. Zeus faber L., bei Drouet, p. 134 und im Mus. P. Delg.
35. Centrolophus pompilus L., im Mus. P. Delg.
36. Coryphaena equisetis (L.), bei Drouet, p. 133 und im Mus.
P. Delgada.
37. Coryphaena azorica C.V. , bei Drouet, p. 133 (nach C. V.),
nach Günther = pelagica L, , welche nach Lütken wieder = hip-
purus L.
Coryphaena. In Simroth's Sammlung finden sich 2 sehr junge
Exemplare, 8 und 14 mm lang, welche dieser Gattung zugehören.
38. Brama raii (BL), im Mus. P. Delg.
39. Taractes asper Lowe, im Mus. P. Delg.
40. Scomber scomber L., bei Drouet p. 132 u. im Mus. P. Delg.
41. Scomber colias L. Gm., bei Drouet p. 132.
42. Scomber pneumatophorus de la Roche, unter diesem Namen
im Mus. P. Delg., wird neuerdings mit Sc. colias vereinigt.
43. Thynnus thynnus (L.), bei Drouet p. 132.
44. Thynnus pelamys (L.), bei Drouet p. 132 und im Mus. P. Delg.
45. Pelamys sarda (Bl.), im Mus. P. Delg.
46. Echeneis remora L., im Mus. P. Delg.
47. Trachinus vipera C. V., im Mus, P. Delg.
48. Lophius piscatorius L., im Mus. P. Delg., über 1 Meterlang.
49. Trigla cuculus L. Unter dem Synonym Tr. pini. im Mus.
P. Delgada.
50. Trigla lineata L. Gm., im Mus. P. Delg.
51. Gobius niger L., bei Drouet, p. 134.
52. Gobius paganellus L. In Simroth's Sanmilung sind
3 Exemplare von 46, 64 und 83 mm Länge vorhanden. D. 6,Vi3 — 14,
A' Vii — 12, L- 1- 51 + 2, Ltr. zw. D. II. u. A. 18. Die Abbildung
bei Day (Fishes Brit. and Ir., Taf. 42, Fig. 2) giebt die V. der P.
gegenüber viel kürzer an; die V. endet bei S.'s Exemplaren erst
dicht vor dem letzten Drittel der P. Die Punktirung der D. und C.
sehr deuthch, der P. undeutlicher.
53. Blennius sanguinolentus Pall. In Simroth's Sammlung 1 o
und 5p. Auch bei Drouet, p. 134, als Bl. palmicornis.
Zur Kenutniss der Azorenfauiia. 209
54. Salarias symplocos, Hilgendorf, Sitzb. Ges. natf. Fr.
Berlin, 1888, S. 79. (Figur A. auf Tafel XIV.). D. 13/16, A. 2/17,
der letzte ungegliederte St. der D. und die beiden ersten kleinen der
A. versteckt. Durch die zu einer gemeinsamen, quergestellten Haut-
platte verwachsenen beiderseitigen Orbitaltentakeln von allen andern
Species unterschieden. Die eine Querreihe bildenden Vomerzähne
(vier) sind nur noch bei einer Art vorhanden (vomerinus). Die
Dorsalis ist eingeschnitten (die Verbindungshaut steigt nur bis zu
Vs an dem 1. Strahle der D. IL aufwärts), kein medianer Haut-
kamm auf dem Hinterkopf, dafür aber eine Reihe von 6 faden-
förmigen Tentakeln. Körperhöhe, gleich Kopflänge, 5 mal in der
Totallänge enthalten. Nasententakel (am vorderen Loch) aus ca.
8 Fädchen gebildet (s. Abb. in doppelter Grösse) , wovon einige ge-
trennt am Ünterrande des Nasenlochs stehen. Der gemeinsame Ten-
takel der beiden Augen sitzt ein wenig hinter der Augenhöhle, und
ist länger als deren Durchmesser, die beiden Seitenkanten des Ten-
takels sind mit Fädchen besetzt (s. Abb. in dopp. Grösse), seine
hintere Fläche ist ausgehöhlt, die vordere dagegen gewölbt; die 6
medianen Occipitaltentakeln sind halb so lang als der Augendurch-
messer. Sonst sind keine Tentakeln sichtbar. Der hinten im
Unterkiefer stehende Fangzahn ist sehr kräftig. Die Vomerzähne
halbkugiig und ziemlich gross, weit von einanderstehend (s. Abb. in
dopp. Grösse). Die Strahlen der D. L und H. etwa gleich lang'),
über halbe Körperhöhe messend; D. H. nicht mit der C. verbunden;
an der V. nur 2 Strahlen zu erkennen. Kopfprofil in einem Winkel
von llO*^ geknickt. — Braun; sieben dunkle Querbänder zwischen
Kopf und Caudalis; eine Längsreihe von 12 — 20 perlmutterweissen
Punkten in der untern Körperhälfte, darunter eine unvollkommne
zweite Reihe, Kiemenhaut weissgetupft mit dunkler, unvollkommner
Querbinde, Nacken mit dunklen Punkten, ein bis zwei Längsreihen
solcher in der D. H. ; D. L schwärzlich, A. mit dunklem Saum.
1 Exemplar, 78 mm lang, K. zool. Samml. Berlin, No. 12754.
Der Sal. vomerinus-) stimmt nicht nur durch den Besitz der
Vomerzähne, sondern auch in der Flossenformel (aber V. 4) und
Körperform ziemlich überein, überdies gehört er auch zu den atlanti-
schen Arten, er hat aber nur einen kleinen Orbitaltentakel jeder-
seits und der Tentakel im Nacken ist paarig. Es sind jetzt 7 atlan-
tische Species bekannt, ausser den 2 genannten, nämlich noch S.
atlanticus, nigricans, margaritaceus (Poey 1858j, decoratus (Poey
1868), doliatus (Sauvage 1880).
55. Sphyraena vulgaris C.V. , bei Drouet p. 131 und im Mus.
P. Delgada.
56. Mugil chelo C. In Simroth's Sammlung 6 Exemplare,
') Die Fig. giebt sie im hintern Theil der D. I. etwas zu niedrig an.
^) S. vomerinus C.V. wird von Jordan als syn. zu textilis Q. G. aufge-
führt, Proc. U. S. National Mus. IX., 599.
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1888. Bd. I. H. 3. 14
210 Dr. H. Simroth:
5 — 14 ctm 1. Das unbedeckte mediane Kelilfeld ist bei den S.'scben
Exemplaren breiter, als es bei Bonaparte (Fnuna italica) gezeichnet
ist; Day's Fig. (Fish. Brit. Ir.) ist schon ähnlicher. Ein Exemplar
von 9 ctm besitzt schon Andeutungen der Lippenpapillen. — Auch
bei Drouet p. 134.
57. Mugil labeo C, bei Drouet p. 134.
58. Centriscus scolopax L., im Mus. P. Delg.
59. Centriscus gracilis Lowe, im Mus. P. Delg.
60. Lepadogaster bimaculatus (Penn.). Von Simroth wurde
ein 15 mm langes Exemplar pelagisch gefischt.
61. Glyphisodon luridus (Brouss.), 2 Exempl., 13 u. 15 ctm 1.
in Simroth's Sammlung.
62. Heliases chromis (L.); 10 Exemplare von Simroth ge-
sammelt, 12 — 14 ctm lang.
63. Labrus merula L., im Mus. P. Delg.
64. Labrus mixtus L., im Mus. P. Delg.
65. Crenilabrus melops (L.), 2 Exempl. in Simroth's Samm-
lung. 18 u. 19 ctm 1.. D. 17/9; Wangenschuppen in 4 — 5 Reihen.
Fleck auf der P.-Basis und der oberen Caudalwurzel deutlich, Fleck
hinter dem Auge schwach; Querbinden bei dem kleinen Exemplar
gut ausgeprägt, C. und weiche D. und A. mit kleinen, hell um-
ränderten Punktflecken.
66. Acantholabrus palloni (Risse), im Mus. P. Delg.
67. Centrolabrus trutta Lowe. Simroth sammelte 4 Expl.,
16— 19Vo ctm 1. — D. 18/8—9, A. 6/8; L. tr. 4V2/I2V2. Die Färbung
ist bei allen 4 Exemplaren übereinstimmend: ein Caudalfleck unter
der L. 1., längs der (vordem) L. 1. ein unvollständiges dunkles Band,
ein eben solches darüber und darunter und 6 — 8 unregelmässige
Querbinden. Statt des Postocularflecks drei wellige Längslinien.
Die einzelnen Schuppen meist mit dunklem Centrum. In der weichen
D. und A. und in der C. blass bläuliche Flecken, durch gelbe Streifen
getrennt; Stirn und Schnauze dunkel. — Ein Exemplar von den
Canarischen Inseln im Berliner Museum ist in der Färbung ziemlich
ähnlich, besitzt aber D. 16/9, A. 5/8, L, tr. 3V2/ , die normalen
Zahlen sollen sein 17/8, 5/8, 3V2- — Acanthol. romerus Val., den
Drouet p. 135 aufführt, ist nach Gth. wohl syn. hierzu.
68. Cossyphus scrofa C.V., im Mus. P. Delg.
69. Novacula cultrata (L.), im Mus. P. Delg.
70. Julis pavo (Hassq.). In Simroth's Sammlung 2 Exempl.,
IOV2 u. I3V2 ctm 1. Kopf kürzer als Körperhöhe. Auch im Mus.
P. Delg. und bei Drouet, p. 135.
71. Coris Julis (L.). Simroth sammelte 4 Expl. von 14 — 21ctm.
Länge. Das grösste Expl. (Männchen), mit deutlich verlängerten
Zur Kenntniss der Azoreufauna. 211
ersten D.- Stacheln und grossem schwarzem Fleck dazwischen, hat
seitlich ein dunkles Feld, das von der zurückgelegten Brustflosse
bedeckt wird, und den dunklen Hinterleib ohne helle Längsbinde,
dagegen ein unvollkomnmes helles Querband hinter der P.-Spitze
(ähnlich ayg-ula); über die Wurzel der P. eine braune Binde, die
weiche D. und die C. ziemlich dunkel, A. etwas heller. Die Stirn ist
in der Quere stark convex, der Krümmung nach gemessen 2 Augen-
durchmesser breit. — Das kleinste Exemplar ist ein Weibchen; es
besitzt eine helle Seitenbinde, die vom Mundwinkel bis zur C. zieht;
fast die ganze obere Hälfte des Leibes ist dunkel. Ein schwacher
Fleck im Anfang der D., ein deutlicher Postocularstreif Alle Flossen
hell. — Vom Mus. P. Delg. notirte Simroth Coris julis und C. gio-
fredi (Risso), welch letztere jetzt als das Männchen zu julis gilt. Auch
Drouet, p. 134, erwähnt eine zu dieser Species gerechnete Form:
Julis speciosa Risso.
72. Scarus cretensis (L.), im Mus. P. Delg.
73. Phycis mediterraneus Delaroche, im Mus. P. Delg.
74. Motella tricirrata (Bl.). In Simroth's Sammlung 1 Expl.,
11 ctm. 1. Im Mus. P. Delg. und in Drouet's Liste, p. 136, ebenfalls
vertreten (als M. vulgaris).
75. Motella maculata (Risso), im Mus. P. Delg.
Drouet, p. 136, spricht ausserdem im Allgemeinen von mehreren
Species des (jenus Gadus oder verwandter Genera.
76. Macrurus coelorhynchus (Risso), im Mus. P. Delg.
77. Malacocephalus laevis (Lowe), im Mus. P. Delg.
78. Rhomboidichthys mancus (Brouss.), im Mus. P, Delg.
79. Aulopus filamentosus (BL), im Mus. P. Delg.
80. Carassius auratus (L.), im Mus. P. Delg., bei Drouet, p. 135,
und bei de Guerne, Campagne scient. du Yacht Hirondelle, 3. Annee,
Paris 1888.
81. Belone vulgaris Flem. In Simroth's Samml. 3 Exph,
wovon eins ohne und 2 mit Zähnen am Gaumen. Es spricht diese
Variabilität für die neuerdings gewünschte Vereinigung der B. acus
(ohne Z.) mit der vulg. (mit Z.). — Auch im Mus. P. Delg.
82. Belone caudimaculata C. Diese indopacifische Art wäre
nach der Bestimmung im Mus. P. Delg. auch bei den Azoren vor-
handen.
83. Exocoetus lineatus C.V., im Mus. P. Delg.
84. Salmo fario L., im Mus. P. Delg. (Vergl. die Note bei
Anguilla.)
14*
212 Dr. H. Simroth:
85. Clupea pilchardus Walb., im Mus. P. Delg.
86. Anguilla vulgaris Turt. In Simroth's Sammlung 2 Expl.
(46 u. 65 ctm 1.). Bei dem grössern Exempl. beträgt der Abstand
des D. -Anfangs vom A.-Anfang 9 ctm, also etwa 14% der Leibes-
länge (beim amerikanischen Flussaal ca. 10, beim europäischen 13V2
bis 15 7o, nach Meek, Bull. Fish. Comm. IV. p. 111, 1884), auch der
Aal schliesst sich mithin der östlichen Fauna an. Gegen die Be-
stimmung als A. latirostris würde nach Gthr. Catal. sprechen, dass
die Kopilänge der Az.-Expl. gleich dem Abstand des D.- u. A.-An-
fangs oder wenig kleiner (statt grösser) ist. — Auch im Mus. P. Delg.
Bei Drouet, p. 136, als A. canariensis. i)
87. Conger vulgaris C. , bei Drouet (als Mur. conger), p. 138.
Ob mit macrops verwechselt?
88. Conger macrops Gth., im Mus. P. Delg.
89. Muraena helena L. Von Simroth 1 Expl., 67 ctm 1. ge-
sammelt. — Auch bei Drouet p. 138 und im Mus. P. Delg.
90. Muraena anatina Lowe, im Mus. Ponta Delg.
91. Muraena grisea Cuv. (sicl), bei Drouet p. 138.
92. Muraena unicolor (De la Roche), im Mus. P. Delg.
93. Syngnathus acus L., im Mus. P. Delg.
94. Syngnathus rubescensRisso, i. Mus. P. Delg. (nach Gth. = acus.)
95. Nerophis papacinus Risso, im Mus. P. Delg.
96. Hippocampus ramulosus Leach, im Mus. P. Delg.
97. Hippocampus brevirostris C. , bei Drouet p. 138 (nach
Gth. = antiquoruni Leach).
98. Balistes capriscus Gm., im Mus. P. Delg.
') Ueber den Aal der Azoren ist genug geschrieben worden, er verdient
wohl die Wichtigkeit nicht. Räthselhaft bleibt es, wie er nach den Azoren
gelangte, ob durch künstliche Einführung oder durch eigne Wanderung durch
das Meer oder durch ein noch unbekanntes Transportmittel. Die Ansicht, dass
er die Lagoa von Furnas, in der er hauptsächlich haust, auch ihre Zu- und
Abflussbäche bevölkernd, nicht zum Laichen verlassen könnte, wegen der Steil-
heit der Abstürze, ist durchaus nicht haltbar. Herr Ernesto de Conto, dem ich
ein Paar Exemplare verdanke, versicherte mir, dass er regelrecht bei dem Ab-
stieg zum Meere gefangen werde. Kürzlich war ein Exemplar von 1,2 Mtr. Länge
und 2,75 Kilogr. Grewicht im Kratersee von Seti Cidades , der keinen sichtbaren
Abfluss hat, erbeutet worden. Es stammte aber von einer Anzahl kleiner Thiere
her, die vor 7 oder 8 Jahren eingesetzt waren. Junge wurden indess nicht be-
obachtet, trotz dem starken Thiere, das jedenfalls weiblich war. Somit kann
wohl diese Frage als erledigt betrachtet werden. — In den letztgenannten See
hat man vor einigen Jahren auch Salmoniden (Lachsforellen?) eingesetzt, die
vortrefflich gedeihen, wohl hauptsächlich von Goldfischen und Kaulquappen sich
nährend. Doch trieb gerade, als wir den See befuhren, ein armlanges Exemplar
todt auf dem Spiegel, das vom Besitzer sogleich bemerkt \vurde. Auffallend
war es, wie sich die Thiere um einen kleinen Bach drängten, der als Wasser-
fall vom Kraterrand herabstürzte. Suchten sie Kühle oder Nahrung? Was
wird aus der Fortpflanzung, da es an regelmässigen Zuflüssen fast ganz und
am Abfluss völlig fehlt? Simroth.
Zur Kenntiss der Azorenfauna. 213
99. Tetrodon spengleri BL, im Mus. P. Delg.
100. Orthagoriscus mola (L.), im Mus. P. Delg.
101. Carcharias glaucus (L.), im Mus. P. Delg.
102. Galeus canis (Bp.), im J\Ius. P. Delgada.
103. Sphyrna zygaena (L.), im Mus. P. Delg.
104. Lamna spallanzanii (Bp.), im Mus. P. Delg.
105. Centrophorus squamosus (Gm.), im Mus. P. Delg., selten.
106. Torpedo hebetans Lowe, im Mus. P. Delg.
107. Raja clavata L., im Mus. P. Delg.
108. Raja maderensis Lowe, im Mus. P. Delg.
109. Trygon pastinaca (L.), im Mus. P. Delg.
110. Myliobatis aquila (L.), im Mus. P. Delg.
III. Meeres -Conchylien der Azoren.
Die Bestimmungen stammen, mit Ausnahme der Gymnobran-
chier, von Herrn Prof. von Martens, sonst habe ich zu diesem Theile
fast nur die biologischen Bemerkungen betr. der Patellen beige-
tragen.
Die mit einem * versehenen Arten sind nicht im Mittelmeer
wohnhaft.
Alle Fundorte auf S. Miguel, mit Ausnahme von Angra auf
Terceira. Eine kleine Collection, die ich bei Velas auf L Jorge und
bei Horta auf Fayal machte, ist durch irgend welchen Zufall ab-
handen gekommen, darunter Pinna rudis, Argonauta argo u. a. Die
einzelnen Fundorte werden kaum viel Bedeutung haben, bei der
grossen Gleichförmigkeit der Küste, von den Sandstellen abgesehen.
Immerhin können sie hier und da späteres Auffinden unterstützen.
Vorderkiemer.
Mangelia nebula Mont. 2 St. Rosto de Cäo.
Murex erinaceus L. var. minor, M. toroso similis. Ponta Delgada,
Grund der Hafeneinfahrt.
Coralliophila Meyendorffi Calc. 11 mm lang.
Purpura haemastoma L., häufig, namentlich Rosto de Cao und Angra,
junge Exemplare am Grunde der Hafeneinfahrt.
Pisania corallina Scacchi, lebhaft carminroth gefärbt. Ponta Delgada,
Grund der Hafeneinfahrt.
Nassa incrassata Müll. N. Deshayesii Drouet, sowie dessen asperula
und ascanias, dürften alle zu dieser Art gehören.
— costulata Ren. = variabilis Phil., var. Reeve eonch, ic. fig. 134,
blassgelb, mit dunklem Nahtband. Angra.
Columbella rustica L., mehrerlei Varietäten, häufig.
214 r>r. H. Simroth.
a) var. azorica Drouet, moU. Azor, pl. 1, fig. 5., braunscheckig,
b) braunscheckig, mit braunen Flecken zwischen den Zähnen des
Aussenrandes. Ponta Delgada, Rosto de Cao und Villafranca,
auch am Grunde der Hafeneinfahrt,
c) mit drei Fleckenbinden, unteres Drittel der letzten Windung
fast einfarbig gelbroth ; keine braunen Flecken am Aussenrand.
Länge des Gewindes variabel. Am Grunde der Hafeneinfahrt,
d) deutlich spiral gefurcht wie C. striata Duclos von den kana-
rischen und capverdischen Inseln, aber ohne braune Flecke
zwischen den Zähnen des Aussenrandes. Rosto de Cäo.
Mitra corniculum L.
* Olivella mutica Say, westindisch, ein abgeriebenes Stück.
Tritonium corrugatum Lam. , anscheinend erwachsen und doch nur
4 cm lang. Grund der Hafeneinfahrt.
— cutaceum L. juv. Ebenda.
— nodiferum Lam.
Cypraea pulex Soland.
Natica Dülwyni Payr. Villafranca.
* Narica sp. '?, schlecht erhalten.
Coriocella perspicua L.
Cerithium scabrum Olivi, zahlreich, aber kaum bis 8 mm lang, am
Grunde der Hafeneinfahrt.
Triforis perversa L., nur einzeln.
* Litorina striata King, zahlreich, auch bei Angra.
— neritoides L,, schwarz, ziemlich zahlreich, auch bei Angra.
Rissoa crenulata Mich, (cancelkita Jeffr.), Grund der Hafeneinfahrt
und Angra.
— reticulata Mont., Jeffr. = beanii Hanl., ebenso.
Hydrobia cingillus Mont. S. Miguel und Angra.
Vermetus sp. auf Patella, Villafranca.
Scalaria pseudoscalaris Brocchi. Villafranca.
— clathratula Just.
* Janthina balteata Rv., zahlreich.
Phasianella pulla L. var., an der Naht weisse und dunkle Flecken,
die mehr oder weniger tief herabreichen, an der Basis kleine
weisse Flecken, keine Zickzackzeichnung, während eine solche
bei den südenglischen und westfranzösischen (pulchella Reev.)
Regel ist. Ponta Delgada, in der Brandung. Angra.
Trochus dubius Phil. Ponta Delgada, Brandung.
— striatus L. Spitze fast immer roth. Das grösste Stück mit ab-
gerundeter Kante und schwächerer Sculptur. Ponta Delgada
und Angra.
— magus L. , oft mit grossen schwarzen Flecken, die um Vi eines
Umgangs von einander abstehen und somit ein Kreuz bilden.
Ponta Delgada und Villafranca.
* Haliotis coccinea Reeve Fig. 22, oben nur spiral gestreift, ohne
Höcker, scharlachroth oder orangefarbig, gelblich weiss marmoriert.
Bis 45 mm lang, Länge zur Breite wie 7:4. — Diese Art ist
Zur Kenntniss der Azorenfaima. 215
sonst noch von Madeira, Teneriffa und den capverdischen Inseln
bekannt.
Acmaea virginea Müll. Villafranca.
Patella aspera Lam.
Mehrere Varietäten.
a) typische Form, = P. Lowei Orb. in Webb und Berthelot Cana-
ries, moll. pl. 7, fig. 9, 10, P. Baudoni Drouet Moll. mar. des
Agores pl. 2 fig. 8, 9.
Rippen zahlreich, ungleich stark, dicht gedrängt, schuppig
und kantig, daher der Rand ungleichmässig gezähnelt. Innen-
fläche in der Mitte mit starker weisser Ablagerung, im Um-
kreis der Anheftungsstellen des Mantels oft verwaschen
gelblich, im Uebrigen blass violett blau, theils gleichmässig,
so namentlich bei älteren Stücken, theils mit dunkleren violetten
oder röthlichen Strahlen; bei manchen jüngeren Exemplaren
treten diese Strahlen bedeutend dunkler und scharf begrenzt
hervor und ist das INIittelfeld ganz orangefarbig, ähnlich wie
wie bei P. tarentina. Rand der Innenseite weiss oder hell-
braun. Die Farbe der Aussenseite ist meist ganz unansehnlich
weissgrau, indem die Schale hier abgerieben oder mit Algen
überwachsen zu sein pflegt; seltener und hauptsächhch bei
jüngeren Stücken zeigen sich dunkelbraune mehr oder weniger
ausgeprägte Strahlen auch auf der Aussenseite. Die Mass-
verhältnisse ziemlich verschieden:
Auch die von Drouet als P. spectabibs Dkr. bezeichnete
Form dürfte hierhergehören.
b) P. Moreleti Drouet (1. c. pl. 2, fig. 10, 11. Webb und Berthel.
can. moll. pl. 7, fig. 6 — 8). Vgl. P. scutellaris Blainv.
Hier vereinigen sich mehrere Rippen zu einer zusammen-
gesetzten, die eben damit höher und breiter wird und am
Rande stärker vorspringt. Bei manchen Stücken ist die Fär-
bung noch wie bei der vorigen, aussen mit dunkelbraunen
Strahlen, innen blass röthlich-violett, in der Mitte weiss, und
die Rauhigkeit der Rippen dieselbe; bei anderen Stücken
werden aber die Rippen mehr glatt, die Farbe aussen mehr
gleichmässig dunkelbraun, innen dunkler blau -violett; solche
Exemplare müsste man, wenn man sie allein, ohne die Ueber-
gangsformen vor sich hat, einfach P. scutellaris nennen.
mm lang, mm breit, mm hoch.
GrössereExempl. 35 32 8 Wirbel in 2/5 der Länge.
Kleinere „ 25 19 5,5 „ „ Vs „ „
P. Gomezi Drouet a. a. 0. könnte auf älteren Exemplaren
dieser Form beruhen.
216 Dr. H. Simroth:
* c) var. Simrothi v. Martens.
Gesammtgestalt schmäler, oval, flach. Rippen schwächer,
mehr abgerundet als scharfkantig, entweder fast glatt oder in
Absätzen mit deutlichen Schuppen besetzt. Rand nur wenig
gekerbt. Farbe der Aussen seite ziemlich gleichmässig dunkel
röthlichbraun, Innenseite auch ziemlich dunkel, trüb-violett,
bald mehr röthlich, bald mehr dunkelblau, das Mittelfeld bläu-
lich weiss oder graublau, zuweilen auch mit Gelb gemischt;
selten ausgeprägte dunkle Strahlen an der Innenseite. Der
Rand ist oft etwas horizontal ausgebreitet, der Unterlage sich
anschmiegend.
mm lang, mm breit, mm hoch.
Grösseres Exemplar 41 30 14 ) ^,t. i , • <,, ■,
Mittleres „ 37 29 12 ^^"'^^l "^ "'^ ^^'
lüeineres „ 32 24 10 ) ^'^"S®'
Diese Varietät nähert sich der P. coerulea L. des Mittel-
meeres, verdient aber doch wohl einen eignen Namen,
d) var. accedens ad lusitanicam Gm.
Gesammtgestalt höher und breiter, mehr stumpf gewölbt.
Rippen und Rand ähnlich wie bei der vorigen. Färbung aussen
und innen breite dunkle scharf abgesetzte Strahlen auf hellem
Grunde ; Mittelfeld der Innenseite bleigrau, selten gelblich oder
röthlich.
Nur kleinere Exemplare,
25 mm lang, 21 mm breit, 11 mm hoch ; Wirbel in V5 der Länge.
P. nigrosquamosa Dkr. bei Drouet ist vielleicht dieselbe,
aber ohne Strahlen.
Diese vier Hauptformen lassen sich hervorheben, aber bei
vielen Stücken bleibt es zweifelhaft, ob man sie zu der einen
oder anderen rechnen soll, wie es übrigens auch bei Mittel-
meer-Patellen wenigstens betr. P. caerulea, tarentina und
aspera vorkommt, während P. lusitanica sich besser unter-
scheiden lässt.
Fundorte für PateUa aspera im Allgemeinen : Ponta Delgada,
Villafranca und Rosto de Cao, an allen diesen drei die erst-
beschriebene P^orm die häufigste, b) und d) die wenigst zahl-
reiche, c) in der Mitte. Bei Angra wurde nur die erste Form,
die typische P. Lowei gesammelt. — —
Die Langsamkeit der Patellen ist, wie bekannt, selbst unter den
Schnecken auifällig; gleichwohl gelten sie nicht für bewegungslos^),
sondern man hat an ihnen selbst einen gewissen Ortssinn entdeckt,
der sie nach gelegentlicher Wanderung auf den Preisen stets wieder
an die vorher von ihnen eingenommene Stelle zurückführt. Von den
Patellen der Azoren glaube ich, soweit ich sie näher darauf ansah,
') Anm. Fischer (s. Manuel de Conchyliologie) sah bloss die jungen
kriechen, die alten nimmer; Woodward dagegen beobachtete in den Felsen-
spalten an der Küste von Northumberland die Spuren, die sie auf dem Kalk-
algenüberzug beim Umherkriechen während der Ebbe zurückgelassen hatten.
Zur Kenntniss der Azorenfaima. 217
beweisen zu können, dass sie wirklich und dauernd sesshaft sind,
womit eine erstaunliche Trägheit ihrer Musculatur zusammenhängt.
Schon die Unregelmässigkeit der mannichfach gezackten und aus-
geschweiften Umrisse der Schalen, die sich genau den Rauhigkeiten
der so sehr zerfressenen und dadurch zu einem Kriterium treifhch
geeigneten Lavaunterlage anpassen, spricht für die Sesshaftigkeit ;
es sollte den Thieren in der That schwer werden, ihr holpriges
Bett, nachdem sie es einmal verlassen, wieder genau in der alten
Weise auszufüllen. Genauer wurde der Beweis, als ich einen Stein
mit einer Patelle mit nach Hause nahm. Nach 24 Stunden sass
das Thier noch fest und kräftig an seinem Fleck, mit der unregel-
mässigen Schale den Unregelmässigkeiten des Steines genau ange-
passt; röthliche, also lebende Corallinen waren rings herangewachsen
und bildeten einen Wall um den Schalenrand (Taf. L, Fig. 1), so
dass eine vertiefte Matrize entstanden war. Noch mehr. Das noch
lebende Thier wird abgenommen, und es zeigt sich, dass der Fuss
mit seiner Saugplatte, der Sohle, uneben ist; die Unebenheiten ent-
sprechen denen der Coralline, die ausserhalb des Thieres mehr oder
weniger glatt, an den Berührungsstellen mit der Sohle rauh und
zackig ist. Die Unebenheiten bleiben an dem auf den Rücken ge-
legten Thiere an der Sohle, die ihren Rand wallartig nach unten
umkrämpelte, noch lange genau erhalten, so demonstrierend, dass
die Musculatur während des Wachsthums sich ganz nach der Unter-
lage gebildet hat, da doch der freie Sohlenrand beweglicher bleibt.
Dieses Verhältniss wird indess noch merkwürdiger. Der Stein hat
ungefähr in der Mitte der Matrize, etwas excentrisch, eine stärkere
Vertiefung, die ebenfalls zum Theil von der Coralline überzogen ist
(s. Fig. 1). Die Coralline ist aber hier glatt geblieben, ein be-
stimmter Hinweis darauf, dass die Sohle an dieser Stelle die Unter-
lage nicht berührte, sondern eine Lücke Hess, wie denn auch die
entsprechende Stelle des Fusses am losgelösten Thiere glatt erscheint.
Woher es kommt, dass die Coralline an der Contactstelle mit der
Sohle uneben wird, weiss ich nicht zu sagen, wahrscheinlich rührt
es von der Saugkraft der Muskulatur her, die ja so stark ist, dass
man häufig leichter das Thier zerreisst, als mit der Sohle von der
Unterlage ablöst. Im Uebrigen ist der Hergang leicht zu verstehen.
Die junge Patelle siedelt sich an einem Punkte des Felsens an und
wächst horizontal, resp. in der Ebne des Schalenrandes oder der
Sohle weiter. Stösst sie bei der Ausbreitung auf ein Hinderniss,
namentlich auf einen Gesteinsvorsprung, so wird dadurch nicht die
Wachsthumsrichtung beeinflusst, sondern das Hinderniss führt einen
Defect des Thieres und der Schale herbei, der Rand erhält einen
Ausschnitt. Hat der Stein statt des Vorsprunges eine Vertiefung,
dann wächst die Schnecke ebenso in ihrer Richtung weiter, bis das
Loch überbrückt ist. So wird man kaum zweifeln dürfen, dass die
Patella zeitlebens an der einmal gewählten Stelle festbleibt, zumal
ja zu keiner Zeit des Jahres der Wasserspiegel sich so weit er-
niedrigt, dass nicht nach kurzer Frist die Brandung und ihr Gischt
218 Dr- H. Simroth:
den ganzen Ufersaum, den die Strandfauna bewohnt, erreichte. Ein
sehr eingehendes Detaüstudium freilich würde die Frage erfordern,
ob wirklich in der Sohle in solchem Falle, wie Figur 1 ihn dar-
stellt, die Musculatur der die Unterlage nicht erreichenden Sohlen-
fläclie vollkommen ausser Funktion tritt und welche Veränderungen
sie eventuell erleidet, wie denn schon die alleinige Anwendung der
Saugkraft eine besondere Ausbildung der ihr dienenden Muskel-
fasern und eine Vernachlässigung der übrigen erwarten lässt.
Wie im Vorstehenden schon angedeutet, bin ich der Meinung,
dass manche von den vielen Formverschiedenheiten der Azoren-
patellen auf Kosten der Localität zu setzen sind, an der sie sich
zufällig niederliessen ; zum mindesten dürfte die Schwankung des
Wirbels von V3 bis -/ö der Länge auf grössere oder geringere ein-
seitige Wachsthumshindernisse durch Felsenzacken zurückzuführen
sein; ebenso möchte ich die grössere Höhe vieler Exemplare ein-
zwängenden Umgebungen zur Last legen, in denen für die Be-
schränkung der seitlichen Ausbreitung durch die verticale Ersatz
geschafft wird; manche unregelmässig bucklige Schalen deuten ohne
weiteres auf den Einfluss äusserer Wachsthumswiderstände. Und
gerade die verfliessenden Uebergänge zwischen den von Herrn von
Martens unterschiedenen vier Hauptformen erscheinen mir als ebenso
viele Hinweise auf die hohe Anpassungsfähigkeit der Patella aspera
an die Umgebung; die Gestalt wird von der Unterlage bedingt und
gemodelt ; was aber die Farbe, die Stärke und die Zahl und Rauhig-
keit der Rippen beeinflusst, ob die Ansiedelung mitten in der Bran-
dung oder in etwas tieferem Wasser, in geschützten Spalten, ob die
Art und Menge der Nahrung mitspricht, das zu entscheiden muss
künftigen Untersuchern vorbehalten bleiben. ^)
Acanthochaetes discrepans Brown. Ponta Delgada.
Hinterkiemer.
A. Pleurobranchier.
Aplysia punctata Cuv. var. unicolor, gleichmässig graubraun, unten
schwärzlich.
1 Stück von Ponta Delgada, nach stürmischem Wetter in
kleinem Lavabecken am Strande, jedenfalls Khppenbewohner.
') Anm. Im Ganzen bilden meine Beobachtungen eine Ergänzung zu
den Angaben von Sauvage (note sur quelques points de Thistoü-e naturelle du
Patella vulgaris. Journ. de Conchyl. 1873. 118—122). Auch er sah vorwiegend
junge und mittlere kriechen, während die sehr grossen festsassen. Sein Versuch,
die losgelösten Thiere zu benutzen, beweist wenigstens, dass in den meisten
Fällen bei der gemeinen Patella die Locoraotionsfähigkeit erhalten geblieben
ist, worüber ich keine Experimente gemacht habe. Die stärkere Brandung und
die rauhe Zerrissenheit der Azorenklippeu dürfte das Wandern viel früher auf-
heben, wie denn das abgebildete mittelgrosse Exemplar einfach einen Tag lang
ausserhalb des "Wassers an Ort und Stelle verharrte. Erwünscht wäre es jeden-
falls, den Einfluss der Wasserbewegung auf die Schalenfo''m, den Bouchard
Chantereaux untersuchte, auch an den so sehr starkem Wechsel unterworfenen
Inselschnecken zu prüfen.
Zur Kenntniss der Azorenfauna 219
B. Gymnobranchier.
Doto floridicola (nova species? nova forma?) Taf. IL
Wohl eine der reizendsten Farbenanpassungen, die es giebt.
Ich fischte nur ein Exemplar am 2. September 1886 in der Bai von
Rosto de Cäo auf dem geschilderten Sandgrunde mit Florideenwiesen,
zwischen 33 m und 80 m; eine genaue Angabe ist mir unmöglich,
weil ich von mehrfachen Zügen in diesen verschiedenen Tiefen die
Florideen in ein grosses Glas zusammenwarf und hinterher auf ihre
Thiergesellschaft untersuchte. Mein weiteres Fahnden auf das zier-
liche Geschöpf war leider umsonst.
Während die gleichfalls mit lebhaftem Roth geschmückte Rhodope
auf den Ulven am Strande sich aufhält, wo ich ihr vergeblich nach-
stellte, trat bei der wahrhaft glänzend gefärbten Doto die Abhängig-
keit von dem Colorit des Rothtangs auf den ersten Blick hervor,
und ich bedaure, in der Skizze nicht gleich die Vergesellschaftung
von Alge und Schnecke festgehalten zu haben, da dann der Werth
des leuchtenden Carmins als Schutzfarbe unmittelbar in die Augen
springen müsste; und wenn ich auch nur ein Exemplar erbeutete,
so zweifle ich doch nicht, theils wegen der auffälligen Harmonie der
Färbung, theils wegen der gleichmässigen Monotonie der Horideen-
wiesen, dass Schnecke und Alge beständig zusammengehören. Die
scharfe Zeichnung mit dem blendenden Colorit, sowie die Anzahl
der Rücken anhänge veranlassen mich, die Form von den Azoren
nach der üblichen Methode unter besonderem Namen festzuhalten,
wenn ich auch eine gewisse Unsicherheit zugeben muss, die aus der
Form- und Farbenunbeständigkeit gerade dieser Wesen erwächst
(s. u.). Bei D. coronata, die nach ihrem gelegentlichen Purpur in
Frage kommen könnte, schwanken die Anhangspaare zwischen 5 und 7
(s. Alder und Hancock, Monogr. of brit. Meditr. Mollusca), bei D. Pau-
linae, die noch am nächsten kommt (Trinchese. Aeolididae. Parte IL
Taf LVIIL), sind doch mit dem unscheinbaren letzten Paare auch 5
vorhanden, auch ist die Papillenbekleidung eine ganz verschiedene;
Bergh's Doto pygmaea aus dem Sargassomeer, an die man bei der
geographischen Nachbarschaft zunächst denken könnte (Bergh, Bei-
träge zur Kenntniss dor Mollusken des Sargassomeers. Verhdlgen
der zooh bot. Ges. in Wien. XXI. 1876) hat einen schwarz pig-
mentierten Nacken, auch fehlen den Anhängen auf der Innenseite
unten die Tuberkeln. Hesse's Arten von der französischen Küste
(Journ, de Conchyliologie XXI. 1873) passen sämmtlich gar nicht
zu unserm Thier. Die einzige atlantische Art, deren Beschreibung
ich nicht kenne, die D. crassicornis Sars, deutet durch die Species-
bezeichnung andere Umrisse an, auch erwähnt Trinchese, dass alle
bisherigen Abbildungen Eleganz und Colorit der Doto's nicht ge-
nügend zur Anschauung brächten. Und wenn auch meine Skizzen
bedauerlicher Weise die zarten Formen nicht zur richtigen Dar-
stellung bringen, die Färbung übertrifft selbst alles von Trinchese so
meisterhaft wiedergegebene.
220 Dr- H. Simroth:
Die Schnecke inisst im Leben zwischen 3,5 und 4 mm. Das Velum
hübsch ausgerandet ; die Fühlerscheiden rings fortlaufend geschlossen.
4 Paar Rückenanhänge, wovon das zweite das längste. Die Papillen
rings mit Tuberkeln besetzt, die ersten beiden Paare mit je 4, das dritte
mit je 3 Reihen; die Endwarze am grössten. Das letzte Paar hat
statt der längeren Tuberkel nur zwei Paar kolbige Auswüchse. Wo
die Anhänge aus dem Rücken heraustreten, ist noch jedesmal eine
schwer sichtbare Anschwellung, die in der Figur vielleicht zu stark
warzenartig hervortritt, was ich nach Vergleichung mit den eng-
lischen und italienischen Abbildungen dahingestellt sein lassen muss.
Rechts vorn ein starker Zapfen (Fig. 3 und 4), den ich als Anal-
papille deute.
Die Färbung ist ein diffuses Gelb, das namentlich an den Sohlen-
rändern und den Seiten des Körpers intensiv wird. Hieraus hebt
sich ein leuchtendes subepitheliales Carminroth ab, eine dicht ge-
schlossene Zeichnung, etwas gefenstert und dadurch die Zusammen-
setzung aus Sternzellen andeutend. Es schmückt das ganze Velum
und das Mittelfeld des Rückens, den Fuss der Anhänge etwas um-
greifend und hinten in eine zugespitzte Verlängerung ausgezogen,
die wiederum mehrere Paare seitlicher Aussackungen trägt (Fig. 2).
Ausserdem läuft noch an jeder Seite des Körpers ausserhalb der
Papillen eine rothe Laterallinie entlang, die vorn sich mit dem
Carmin des Segels vereinigt und ähnlich wie die Rückenzeichnung
den äusseren Fuss der Anhänge umfasst. Die Analpapille ist mit
grellstem Roth gezeichnet. Das subepitheliale Pigment der Tuberkeln
an den Anhängen ist nicht weniger scharf und lebhaft, doch mehr
purpurn, also mit einem Stich in's Blaue, was in den Abbildungen
nicht genügend berücksichtigt ist. Namentlich die Endwarze mit
einem scharfen Pigmentknopf. Das letzte Anhangspaar wird
ganz und gar von subepithelialem Purpur austapeziert. Das gelbe
Pigment gehört dem Epithel au, wie man namentlich an den Fühlern
erkennt. In diesen tritt eine dunkle Form kleiner (jedenfalls ein-
zelliger Drüsen scharf hervor (Fig. 6 und 7), schwärzliche Punkte,
namentlich an der Aussenseite der oberen Hälfte gehäuft (Fig. 6);
gelegentlich zogen sie sich aus und traten über die Oberfläche
hervor (Fig. 7), was ich als Secretentleerung auffassen zu sollen
glaube.
Das Auge (Fig. 5) mit unregelmässigem Pigmentbecher und
kugliger Linse, im Leben fast ganz unter dem Roth versteckt.
Im Ohr (Fig. 8) eine Anzahl Otolithen, aus denen rechts wie
links einer durch grösseren Umfang hervorstach. Ist es der ursprüng-
liche einzige? Bei der sehr wechselnden Füllung der Gymnobranchier-
ohren mag's erwähnt werden.
In Glyceringelatine ist die Färbung gänzlich verloren gegangen,
die Radula scheint schwach durch; doch unterliess ich die anato-
mische Analyse des einzelnen Thierchens.
Die scharfe Rothfärbung der Papillen, die gerade die vorliegende
Art von aUen übrigen auszeichnet, in der Weise, dass das ganze
Zur Kenntniss der Azorenfauna. 221
Innere grell bunt ist gegen ein helles Epithel, sie legt den Gedanken
an eine besondere, interessante Schutzzeichnung sehr nahe, worauf
mich zuerst Herr Schniidtlein aufmerksam machte. Gerade so mit
grell rothem Inhalte und hellen Zellwänden erscheinen die Blasen-
früchte oderCystocarpien der Florideen, deren regelmässige Zelltheilung
das Bild einer Rückenquaste unserer Schnecke nach Farbe, Form
und Umfang wiedergiebt (s. z. B. Leunis- Frank I. S. 405. Calli-
thamnion). Und so zweifle ich nicht, dass der Leib der Doto
floridicola den Thallus von Rothalgen, etwa Laurentia, und
dass der Rückenbesatz deren Sporangien nachahmt.
Ich mag den Verdacht nicht unterdrücken, dass wir's mit einem
noch nicht erwachsenen Exemplar zu thun haben; vielmehr scheint
mir das eigenthümlich geformte Rückenende der Carminzeichnung
auf künftige Vermehrung der Papillenpaare zu deuten; — sollten
nicht die seitlichen Auszackungen des subepithelialen Farbstoffes
bereits Papillenanlagen sein, die später hervorknospen? Wenn dies
der Fall ist, dann ergiebt sich daraus, wie wenig man im Allge-
meinen bei Spiritusexemplaren, denen gerade die zarten bunten
Pigmente fehlen, auf die Zahl der Rückenanhänge geben kann. Selbst
das werth volle Kriterium entwickelter Geschlechtsorgane scheint bei
so vermehrungslustigen Wesen kaum ausreichend, zumal Meyer und
Moebius (Fauna der Kieler Bucht. I.) ausdrücklich die Fortpflanzung
auf verschiedenen Altersstufen betonen.
Spurilla sargassicola Bergh. (1. c.)
Drei Exemplare einer Aeolidide aus seichterem Wasser bei Ponta
Delgada, 1 bis 1,7 cm lang, die ich nur auf obige Art beziehen kann.
Die Färbung wies mich zuerst auf Aeolis punctata Alder und Han-
cock, namentlich in den Abbildungen Trinchese's von Facelina punc-
tata; genaue Einsicht ergiebt die obige x\rt. Das Relief des Körpers
passt durchaus, die Färbung ist etwas eigenartig. Die vorderen oder
Mundtentakel lang und schlank, die hinteren oder Rhinophorien mit
schraubig gestellten Blättern, kleineren und grösseren abwechselnd.
Alle Fühler sind sehr beweglich, aber die vorderen tasten mehr, wie
bei einer Physa etwa, während die Riechfühler fortwährend vibrieren
und zucken, ungefähr wie die langen Vorderbeine mancher Mücken.
Auf dem Rücken jederseits 7 Doppelreihen von je 2 mal 5 oder 6 Pa-
pillen; vorn mögen es mehr sein, die enggedrängte Stellung und der
unregelmässige Verlust einiger erschwert die Zählung. Die Sohle
ist hell, in der Mitte weisslich, seitlich weiss. Nach dem Rücken
zu wird das Thier hell bräunlich, ebenso die 4 Fühler. Die Papillen
dunkelbraun mit weissen Endknöpfchen. Das Hellbraun des Rückens
besteht aus langen verästelten Schläuchen, die auch auf die vorderen
Fühler übergehen, weniger auf die Rhinophorien. Zwischen den
Schläuchen ist der Körper hell, so dass er ganz fein braun und weiss
gebändert wird, wie eine Nemertine, die nicht selten in der Nähe
lebte. Im Alcohol ganz weiss.
Der Schlundring mit den grossen Ganglien für die Riechfühler,
222 Dr. H. Siraroth:
ganz wie Bergti beschreibt. Die Augen länglich birnenförmig, das
eine mit ganzrancligem Pigmentbecher, der bei dem anderen vorn
einen tiefen schmalen Ausschnitt hat, wie ähnhche Formen von
Trinchese dargestellt sind. Cornea einschichtig, concentrisch zur
Linse. Diese reichlich so gross, wie bei Doto floridicola. Nach den
Ohrkapseln suchte ich vergebens. — Die Radulaplatten ein klein
wenig abweichend, etwas feiner gezähnelt; denn wenn Bergh als
höchste Zahl auf einer Seite vom Mittelzahn 28 Zahnspitzen fand
und die strenge Symmetrie beider Seiten hervorhebt, so fand ich
an der breitesten Platte die Formel 31 + 1 + 29. Ein zweites
Exemplar ging allerdings nicht über 28 hinaus. Auch die Zähnchen
des Kieferfortsatzes, welche nach Meyer und Möbius die Zahnplatten
zwischen sich nehmen, waren etwas feiner, vorn unregelmässiger,
einige ausgebrochen.
Man könnte auf die Abweichungen der Zeichnung und die feinere
Bewaffnung eine Varietät gründen, ohne damit einen Vortheil zu
gewinnen, daher ich's unterlasse.
Interessant bleibt es immerhin, die mit dem Sargassum frei
flottierenden Thiere hier als Küstenbewohner der Inseln zu finden.
Dasselbe gilt von
Scyllaea pelagica, von der ich ein Exemplar an festgewachsenem
Fucus erbeutete.
Glaucus atlanticus, im Museum von Ponta Delgada.
Von Pteropoden fischte ich einige, die nicht näher bestimmt
wurden, ein Pneumonoderma u. a.
Bivalven.
Ostrea spec. Verschiedene Fragmente.
Solche fand ich theils bei Angra do Heroismo an Schiffs-
trümmern, theils am Strande von Rosto de Cäo; namentlich aber
dredgete ich eine kleine einzelne Schale, die an Ostrea crista galli
oder Plicatula cristata erinnerte, an der Punta Delgada, immer-
hin Beweise genug für das Vorkommen von Austern, wenn auch
kümmerlicher, an den Azoren, die letztgenannte, eine kleine
halbe Schale mit wenigen tiefen Zacken, würde ein westindisches
Element (vgl. 0. frons Chemn.) darstellen.
* Pecten corallinoides Orb. Webb et Berthelot Canaries, moll. pl. 7,
fig. 20 — 22. Fragment. Rosto de Cäo.
— Philippii Recluz (gibbus Philippi, von L.). Fragment.
— pusio L. (multistriatus Poli.), in der Farbe variabel, bloss orange
oder scharlachroth oder \dolett, letztere beide oft mit weissen
Flecken; gi-össere Exemplare, von 15 mm Länge an, öfters am
Rande unregelmässig gestaltet, kleinere nicht.
* — islandicus L. Nur eine halbe Schale. Rosto de Cao. Ist mehr
nordisch; an den englischen Küsten wie im Golf von Neapel bis
jetzt nur subfossil gefunden.
Lima hians Sow. Rosto de Cao, Villafranca, Grund der Hafeneinfahrt.
Mytilus Fragmente.
Zur Kenntniss der Azorenfauna. 223
Area tetragona Poli.
Cardita calyculata L. Rosto de Cäo und Angra.
Chama sp. Ein stark abgeriebenes Stück.
Cardium papillosum Poli; bunt, dunkelbraun gefleckt, einige Stücke
innen mit amaranthrothen Flecken oder mit zwei Strahlen.
Rosto de Cäo, Villaft-anca, Grund der Hafeneinfahrt-
* Ervilia castanea Mont. Ivlein, nicht über 9 mm lang, die meisten
Stücke kaum 4 mm; entweder schwärzlich braun violett oder weiss-
lich mit breiten braunen, seltner scharlachrothen Streifen ; aussen
und innen dieselbe Färbung.
Zahlreich in der Bai von Rosto de Cäo mit Ditrypa subulata
Desh. zusammen auf Sandgrund.
Cytherea chione L., kleine Stücke.
Ponta Delgada, Rosto de Cäo, Villafranca.
Venus casina L., stark gewölbt, mit dicht gestellten Rippen und ein-
zelnen röthlichen Flecken, 25 mm lang, 23mm hoch und 16mm dick,
häufig angebolii't, wohl von Purpura.
Ponta Delgada.
Teilina incarnata L. , Hanl. (depressa Gmel. , squalida Pult. Jeffr.),
bald blass röthlichgelb , innen lebhafter gefärbt, bald einfarbig
weiss. Rosto de CTio und Villafranca.
Nach Mac Andrew (Report of the British Association 1856)
und Drouet (Moll, marins des lies Agores 1858) würden noch
femer auf den Azoren vorkommen:
Argonauta argo.
Octopus vulgaris.^)
* Onychoteuthis cardioptera (pelagisch).
Loligo vulgaris.
Sepia officinalis. -)
Spirula Peronii (pelagisch).
Carinaria fragilis (pelagisch).
* Janthina exigua (pelagisch).
? Murex imbricatus.
* Purpura lapillus.
Pisania maculosa.
Nassa reticulata L, nur nach Adanson, zweifelhaft.
* Mitra zebrina Orb.
Tritonium scrobiculator.
* — tuberosum Lam. (westindisch).
*) Anm. Sehr häufig auf dem Markte, lebend zwischen den Klippen.
In Angra sah ich ein sehr statthches Exemplar, das aus dem Kahne eines
Fischers weder entmch, von dessen jungem Sohne diu-ch Tauchen sogleich
wieder eingeholt und vom Vater durch einen geschickten Stich in's Nervencentrum
der Coordination seiner Bewegungen beraubt wurde, worauf es am Boden des
Kahnes sich in vergeblichen Fluchtversuchen erschöpfte.
^) Anm. Von der Sepia sah ich weder auf dem Markte jemals ein Exem-
plar, noch traf ich irgendwo am Strande den Schulp, noch ist er im Museum
von Ponta Delgada vertreten, daher ich das Vorkommen bezweifle. Zum min-
desten müsste die Sepia auffallend selten sein.
224 Dr. H. Siniroth:
Cassis sulcosa.
Cypraea lurida.
— europaea.
* — producta.
Cerithiopsis tubercularis ?
* Cerithium zebra (westindisch).
Fossarus Adansoni.
Rissoa calathus.
— cimex (granulata Phil.).
* — canariensis Orb.
Turbo rugosus.
Trochus zizyphinus.
■ — Laugieri.
* — Bertheloti Orb.
Solarium luteum Lam.
Haliotis tuberculuta.
Chemnitzia elegantissima.
JEulima distorta.
— sp.
Bulla striata.
Hierbei sind diejenigen Arten nicht mitangeführt, welche artlich
den von mir gefundenen so nahe stehen, dass die Differenz vielleicht
mehr in dem Bestimmenden, als in den Objekten selbst liegt.
Ich füge aus dem Museum von Ponta Delgada noch zwei Arten
hinzu, um die Liste nach Möglichkeit zu vervollständigen.
Scrobicularia compressa Blv.
Placunanomia patellifornds.
Daneben fand sich ebendaselbst eine deformirte Schale, die Herr
Dr. Machado geneigt war, auf Spondylus zu beziehen.
Endlich nach mündlicher Angabe von Arruda Furtado eine
Minutie: Skenea planorbis, am Hafendamm von Ponta Delgada.
Nichts kann an den Meeresconchylien der Azoren mehr auf-
fallen, als ihr durchschnittlich geringer Umfang gegenüber den jetzigen
Bewohnern der portugiesischen Küste so gut als im Vergleich mit
den tertiären Vorläufern, die in den Kalkablagerungen von S. Maria
erhalten sind. An der Guadianamündung kann man in einer Stunde
einen grösseren Schalenhaufen zusammenbringen, als auf den Azoren
in acht Tagen. Unter der lebenden Azorenfauna stehen Pinna rudis
und Tritonium nodiferum als Riesen da, unter den spärlichen fossilen
dagegen bleiben Pecten und Dolium hinter den grössten ihres Ge-
schlechtes kaum zurück, während der jetzige Pecten islandicus, von
dem ich eine einzige massige Schale auftrieb, unter seinen zwerg-
haften Artgenossen bereits stark hervorragt. Mein Freund Zervas
in Ponta Delgada, der sich für die Geologie der Azoren besonders
interessierte, wollte die Erklärung in einer grösseren ruhigen Bucht
finden, die von jener Insel gebildet worden wäre. Näher liegt es
wohl, an jene Theorieen zu denken, welche zum mindesten für die
Zur Kenntniss der Azorenfauna.
225
nördlichen Theile des atlantischen Oceans in nicht weit zurück-
liegender geologischer Zeit gewaltige Niveauschwankungen in Anspruch
nehmen, wodurch die Azoren einer Küste ganz anders genähert
oder selbst in die Uferlinie gerückt wurden. Allerdings will ich
darauf hinweisen, dass die recente Landfauna der Inseln, zum
wenigsten die Plutonia, auf eine längere Isolierung deutet.
Es folgt hier die von Herrn von Martens aufgestellte Liste einiger
Conchylien, die ich gelegentlich an der portugiesischen Küste auflas,
bei einem einstündigen Aufenthalte auf dem Granitstrand von Porto
und einem kaum längeren in den Dünen an der Guadianamündung.
An dieser Stelle wäre es ein leichtes gewesen, binnen kürzester Frist
Wagenladungen grosser Schalen zusammenzulesen; mir gelang es
nur mit der freundlichen Unterstützung des in Villa real de San
Antonio ansässigen Mr. Clark, auf flüchtiger Durchreise die kleine
CoUection zu erhaschen. So sehr fragmentarisch aber auch die Liste
ist, so reicht schon ein Vergleich derselben mit den Azoren Vor-
kommnissen hin, die ausserordentliche Uebereinstimmung dieser Insel-
fauna, die noch dazu westindische Bestandtheile enthält, mit der
mediterranen zu kennzeichnen. Denn das Verhältniss der Arten, die
im Mittelmeere nicht vorkommen, zu den mit diesem gemeinsamen
ist, wenn man die wenigen Gymnobranchier bei Seite lässt, grösser
fast an der Schwelle des Mittelmeeres, an der Guadianamündung
(3 oder 4:18) als an den entfernten Inseln (17 : 92).
Meeres -Mollusken von Portugal.
Mattosinho bei
Porto.
Villa real de S. Antonio
(Guadianamündung).
Murex erinaceus L
Purpura lapillus L
Nassa reticulata L
„ incrassata Müll
Turritella communis
* Litorina radis var. nigrolineata Mont.
„ nei'itoides L
* Trochus cinerarius L
* Patella viilgata L
* Ostrea angulata Lam. ')
„ edulis L
+
+
+
+
') Anm. Ueber diese Austern, ihr Vorkommen in mehr süssem oder brakischem Wasser, hat
Herr von Martens bereits genauer berichtet, Sitzgsber. der Ges. natf. Freunde zu Berlin. 15. Febr. 1887
Vielleicht ist es erlaubt, einen etwas verwegenen Gedanken hier auszusprechen. An der Guadiana-
mündung fiel es bei einem Spaziergange den Strom aufwärts und dann am Strande davor sofort auf,
■wie die rundlichen Schalen dem freien Meere, die länglichen (0. angulata) dem Fluss angehörten.
Ebenso sind die Austern aus dem Tejo bei Lissabon durchaus gestreckt. In Anbetracht der Resultate
an Unionidenschalen, welche die Form durchaus vom Medium abhängig erscheinen lassen, liegt es
nahe, das Princip auf die Austern zu Übertragen und die Ursache für die Schalenstreckung in der
Strömung zu suchen. Bei der ausserordentlichen Tragweite, die sich daraus für geologische Ver-
hältnisse ergeben würde, ist natürlich die grösste Vorsicht für die Argumentation geboten.
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1888. Bd. I. H. 3. 16
Nach Morelet's trefflicher monographischer Bearbeitung der
Schalen habe ich an dieser Stelle wenig hinzuzufügen ; die genauere
Bearbeitung der Nacktschnecken und Vitrinen wird in den Akten
der Leop. Car. Academie veröffentlicht werden, daher ich hier nur
eine kurze Revision der Arten gebe.
Morelet hat 7 Arten von Vitrinen unterschieden. Nach der
Anatomie darf ich nur eine einzige anerkennen, die noch dazu mit
verschiedenen Formen von Madeira und den Canaren zusammenfällt,
daher ich nicht umhin kann, sie alle in eine einzige Species zu-
sammenzuziehen. Es bleibt natürlich jedem unbenommen, den Art-
begriff anders zu fassen und nach wie vor auf die Schale zu stützen.
Doch muss darauf hingewiesen werden, dass das feuchte Klima gerade
die Mantelcharaktere variabel macht; das Gehäuse wird sehr dünn,
und die Mantellappen vermögen es, je nach der Sättigung der Luft
mit Wasserdampf, in sehr verschiedenem Grade, bisweilen vollständig,
zu bedecken.
Die Plutonia atlantica findet sich nicht nur auf S. Miguel,
sondern zum mindesten auch in und an der Caldeira von Fayal.
Sie gehört zweifellos zur autochthonen Fauna und ist nichts anderes,
als die durch die Feuchtigkeit in eine Nacktschnecke verwandelte
Azorenvitrine mit Testacellengebiss etc. Interessant ist die parallele
Coloritschwankung von Weiss durch Rothbraun bis Schwärzlich bei
beiden Gattungen.
Limax maximus (cinereus) und Agriolimax agrestis, letzterer in
den Caldeiren auf Bimsteinboden sehr kümmerlich, dürfen als ein-
geführt gelten, mit Sicherheit der erstere; dagegen sind die
Zur Kenntniss der Azürenfauna. 227
Arionen, Arion minimus (fuscus) und eine kleinere Inselvarietät
des portugiesischen lusitanicus, indigen, der erstere mit sehr grossem
Verbreitungsgebiete.
Nach den Resultaten über die Variabilität des Integumentes
wollte ich den Versuch machen, die verschiedenen reichen Bulimus-
Arten Morelet's auf ihre innere Organisation zu prüfen, doch stellte
sich bald die noch unvollkommene Entwicklung der Genitalorgane
gleich bei der grössten Art heraus, die ich vornahm, beim pruninus
nämlich, so dass ich wieder davon zurückkam. Bemerkenswerth ist
selbst bei dieser Art mit dem stark verdickten kalkigen Mundsaum
die Zartheit des übrigen Gehäuses, wie denn die Schale sämmtlicher
Landmollusken unter der Einwirkung der ozeanischen Feuchtigkeit
relativ dünn zu sein scheint. Man könnte ja wohl versucht sein,
die Zartheit auf Kalkmangel zurückzuführen, und zweifellos trifft
man auf den Bergen, wo die indigenen Charakterschnecken zwischen
Moos, namentlich Sphagnum, FelsgeröUen, Gras und Haide, also
anscheinend allein auf dem ihnen unholdesten Boden zu leben ge-
zwungen sind, unverhältnissmässig viele leere Gehäuse, die von innen
angefressen und zernagt sind, und ich sah wiederholt, dass andere
Schnecken, meist Gattungsgenossen die Kalkgierigen waren, — immer-
hin möchte ich in dem Klima den Hauptgrund für die geringe Ver-
kalkung erblicken.
Aiiriculaceen.
Pedipes afer mag ein Paar eingehendere Worte erhalten!
Ich hatte eins oder einige wenige leere Gehäuse an den vereinzelten
oben genannten sandigen Strandstellen aufgetrieben. Drouet führt
das Thier nur von Pico auf. Nach diesem allen musste die Schnecke
recht selten sein. Da trafen wir auf einmal, Sr. Chaves und ich,
ganze Heerden an der Punta Ferraria, unter Verhältnissen, welche
auf diesen nördlichsten Vorschub der sonst südlicheren Gattung .ein
helles Licht warfen. Die genannte Localität ist eine basaltische
Lavabank, an der Westspitze von S. Miguel ^), durch das Meer wild
zerrissen und durch einige Thermen, die in der Fluthzone, meist
noch unterhalb des Seespiegels, entspringen und als Heilquellen gegen
rheumatische Leiden der ärmeren Bevölkerung benutzt werden, aus-
gezeichnet. Sie sprudeln in engen, ziemlich schwer zugänglichen,
überwölbten Felsenspalten hervor. An diesem Felsen hausten zahl-
reiche Pedipes zusammen mit Litorinen und Balanen. Chaves be-
stimmte die Wassertemperatur, wo Thermen und Seewasser sich
mischten, an einer Stelle auf 36 bis 40*^, an einer anderen über
50" Celsius; die Luftwärme betrug an der einen 27*^, an der anderen
vielleicht noch mehr, kurz die tropischen Verhältnisse der afri-
canischen Küste waren hergestellt und sicherten den Thierchen ein
fröhliches Gedeihen.
•) Anm. S. AbbUdimg Globus LU. S. 248.
15*
228 Dl'- H. Simroth:
Ich Hess die sehr munteren Schneeken sogleich am Glase kriechen,
um die merkwürdige Bewegung der quergetheilten Sohle zu studieren.
Drouet giebt mit Recht an, dass die Quertheilung durch die starke
Spindellamelle verursacht ist, und ich füge hinzu, dass der Hinter-
rand der Vorderhälfte, wie man an Spiritusexemplaren sieht, ge-
legentlich noch einen schrägen kleineren Einschnitt hat, jedenfalls
Folge einer der kleineren Spindelfalten (Taf I. , Fig. 3). Somit er-
scheint die Theilung morphologisch von sehr untergeordneter Be-
deutung, in der That konmit ihr auch nicht der physiologische
Wertli zu, wie der Längstheilung der Cyclostomasohle, immerhin
etwas mehr als man nach der rein zufälligen Halbierung erwarten
sollte. Die Schnecke benimmt sich beim Kriechen auffallend lebendig
und unruhig, die in der Mitte zusammenhängenden Mundlappen oder
Lippentaster, eine Art Velum, breiten sich aus und ziehen sich
wieder zusammen, scheinbar als integrierende Bestandtheile der
Sohle an der Locomotion sich betheiligend (Fig. 2), aber auch wohl
nur scheinbar. Denn wenn sie auch bei grösster Extension die
Ausdehnung der Sohle selbst erreichen, so sieht man doch unter
ihnen die Radula hervortreten und die Glaswand abschaben, wie bei
Limnaeiden etwa (e), es ist dasselbe Spiel des Tastens wie bei diesen.
Noch mehr als in den Lippenfühlern wirkt die Blutschwellung bei
der Sohle selbst mit, bald die vordere, bald die hintere Hälfte am
stärksten auftreibend, wo denn diese besonders deutlich als unab-
hängige Abschnitte hervortreten (b und c), namentlich schwankt die
Vorderhälfte in ihrem grössten und kleinsten Umfange und beweist
schon dadurch, dass ihr bei der Locomotion die Hauptaufgabe zu-
fällt, gerade wie bei gewöhnlichen Schnecken, Paludinen etwa. So sieht
man ein ununterbrochenes Anschwellen der drei Theile, Sohlenhälften
und Lippentaster, das von hinten nach vorn fortschreitet, wie die
Wellen in der Pulmonatensohle, jeder Theil scheint nach Schnecken-
art zugieiten, indem leise unregelmässig verschwommene Schatten
über die Fläche nach vorn liuschen, aber mehr abwechselnd, als
gleichmässig , kein Theil wird von der Unterlage losgelöst,
wie bei Cyclostoma. Das Thier kann auch bloss mit der Vorder-
hälfte gleiten, wenn eben nur diese dem Glase anliegt, gerade wie
eine Helix. Dann setzt wohl das Vorderende der hinteren Hälfte
ein und überträgt seine Bewegung auf die vordere. Allerdings kommt
durch die starke und unruhige Betheiligung der Blutschwellung eine
Art von Schreiten insofern zu stände, als die stossweise hervor-
gerufene Blutwelle das Hinterende in Pausen von P/s bis V2 Secunde
nachrücken lässt, so dass der, welcher nur oberflächlich auf dieses
Ende sieht, wirkliche Schritte wahrzunehmen glaubt; es wechseln
gleichmässiges Gleiten, und eine Folge von Gleiten und Schreiten
miteinander ab. Auf keinen Fall kann. die geläufige Ansicht
aufrecht erhalten werden, als benutze die Schnecke ihre Sohlen-
hälften als wirkliche Füsse oder wie der Blutegel seine Saugnäpfe,
d. h. um durch abwechselndes Befestigen und Lösen, Strecken des
Vorderendes und Nachziehen des hinteren, schrittweise vorwärts zu
Zur Keuntniss der Azorenfauna. 229
kommen. Die Bewegung tritt vielmehr nicht aus dem Rahmen der
sonstigen Schneckenlocomotion heraus, d. h. sie ist ein Gleiten an
der Unterlage, (nach meiner Ansicht durch extensile Längsmuskeln,
worauf als theoretische Stütze nichts ankommt); das Gleiten scheint
beeinträchtigt durch die Quertheilung der Sohle als eine Folge
starker Spindellamellen, und diese Beeinträchtigung dürfte zu einer
besonderen Ausbildung und Zuhilfenahme der Blutschwellung geführt
haben, um dadurch das Vorderende möglichst zu erweitern und vor-
wärts zu bringen. Die Unregelmässigkeiten dieser Blutschwellung
täuschen häufig eine Art Schreiten vor. Die Schwellung wird am
deutlichsten, wenn die Thiere nach längerer Ruhe zu kriechen be-
ginnen. Dann wird die Vorderhälfte abwechselnd erweitert und wieder
verschmälert, in letzterem Zustande dicht weiss, in ersterem trans-
parenter, so direkt auf die Verschiedenheit der Füllung, die erst in
Gang gesetzt wird, hinweisend.
Bekanntlich sind die Sclmeckchen gänzlich weiss und nur die
schlanken Fühler von der Spitze her schwarz. Bei einem kriechenden
Exemplar (Fig. 2a) bemerkte ich schon, dass der rechte Tentakel
gespalten war, gewissermassen eine Nebenspitze hatte; und nachher
fand ich unter dem Sph'itusraaterial genau dieselbe Bildung. Unter
dem Mikroskop war zwischen der längeren und der kürzeren Spitze
durchaus kein Unterschied zu bemerken. Da die Thiere doch,
wenigstens nach der Analogie mit allen Verwandten, Zwitter sind,
so ist es schwer, der Bildung eine Bedeutung beizulegen. — Uebrigens
haben die conservierten Thiere die Lippenfühler noch kleiner, als
eine Limmaea unter gleichen Umständen, was die Schwellbarkeit
noch mehr veranschauhcht. Ich wandte die anatomische Mühe
hauptsächlich dem Nervensystem zu, um zu sehn, wie sich die Pedal-
ganghen und ihre Nerven zu der Sohlentheilung stellen. Der Schlund-
ring (Fig. 5) entspricht zwar im Allgemeinen dem der Auriculiden
(s. Ihering, vergl. Anatomie des Nervensystems und Phylogenie der
Mollusken. Tai IV. Fig. 15. Auricula Judae und Text), aber doch
mit stärkerer Annäherung an die Limnaeiden. Die Cerebralganglien
haben die lange Commissur zwischen sich, jedoch die Visceralkette
ist durch viel kürzere Connective mit den Commissuralganglien ver-
knüpft als bei jener Auricula, ja das linke Parietal- oder Mantel-
ganglion hat sich geradezu mit dem linken Comnnssuralknoten ver-
einigt. Die Nerven sind dieselben, aus jedem Pallial- oder Parietal-
ganglion zwei, aus dem mittleren (Ganglion impair) nur einer, wobei
zartere übersehn sein mögen. Zwischen den Pedalganglien konnte
ich nur die vordere Hauptcommissur erkennen, nicht die schwächere
dahinter (Ihering's Subcerebralcommissur), Was aber das Wichtigste,
die Pedalgangiien liegen gerade über der Querfurche der Sohle, so
dass ihre Nervenausstralilungen gar keine Aenderung erlitten haben,
die vorderen gehn zur vorderen, die hinteren zur hinteren Sohlen-
hälfte, genau als wenn die Sohle ein Ganzes bilden würde. So erfährt
also auch hierdurch die Quertheilung der Sohle keine morphologische
230 Dr. H. Simroth:
Unterstützung, und das physiologische Resultat wird durch das ana-
tomische gehalten.
Vom Verdauungscanal nur wenige Worte (Fig. 6). Die Radula
hat ganz das Schema, das Fischer (Manuell de Conchyliologie S. 496)
für die Auriculiden abbildet. Die Zähne sind aber so zahlreich und
so fein, dass nicht einmal eine gewöhnliche Wasserimmersion (Har-
nack Obj. 9) die Formen genau aufzulösen gestattet, ich glaubte
zuerst quergestreifte Muskelfasern zwischen dem übrigen Gewebe zu
erblicken. Auf einen kurzen Schlund folgt ein weiter, nach hinten
zugespitzter Vormagen, mit sehr regelmässigen drüsigen Längswülsten ;
dann ein Stück Darm, darauf der Kau- oder Muskelmagen. Sein
sehr kräftiger Muskelbelag besteht lediglich aus gut geordneten
Ringfasern. Vor und nach ihm hat der Darm eine massige An-
schwellung. Im Uebrigen die vier normalen Windungen.
Wirft man Pedipes afer in Süsswasser, dann ziehen sie sich
bald schnell, bald langsamer in das Haus zurück, zum Theil erst in
einer halben oder ganzen Minute. Eins nur von 6 Exemplaren stiess
dabei ein Paar kleine Luftblasen aus. Die Thiere blieben zurück-
gezogen. —
Die Auriculen der Azoren leben unter ähnlichen Verhältnissen
wie Pedipes, so dass man sie ebenso gut als See- wie als Land-
thiere betrachten kann; ich fand die leeren Schalen zwischen den
Uferklippen auf Fayal. In der Nachbarschaft aber des Fundortes
von Pedipes zeigte mir Sr. Chaves einen Steinwall, unter dem sie
sich halten. Er erstreckte sich an dem vom Meere um wenigstens
100 Schritt entfernten, durch die horizontale Lavabank getrennten
Abhänge hinauf. Wir fanden die Thiere nicht, weil sie sich an dieser
trockensten Stelle von S. Miguel während der wärmsten Monate zu
tief verkrochen hatten. Sicher ist aber, dass sie hier an OertHch-
keiten hausen, die kaum zur Zeit der heftigsten Winterstürme ein
wenig und sehr zertheiltes Spritzwasser erhalten.
SüsswassermoUusken.
Die Armuth der Azorengewässer an Mollusken ist so gross, dass
Morelet sie gänzlich vermisste. Bei der Anwesenheit des Talisman
wurde in Furnas die Physa acuta gefunden, — nach dem jetzigen
Stande handelt sich's um zwei Arten.
Physa acuta Drap.
(s. Simroth. Globus LII. S. 236. — J. de Guerne. Comptes
rend. 24. Oct. 87 und le Naturaliste 1887).
Auf S. Miguel in den Seen des Hochthaies von Furnas so gut,
wie in kleinen Teichen in den Gärten der am Strande gelegenen
Hauptstadt. Betr. junger Exemplare aus der Umgebung von Ponta
Delgada schreibt mir Herr Clessin, der so freundlich war, die Unter-
suchung zu übernehmen: ,, Die Physa ist jedenfalls unausgewachsen,
da sie nur 4 Umgänge hat; Physa acuta ist es jedenfalls nicht, die
spitzeren Wirbel hat. Ich bin trotzdem in Zweifel, ob sie als n. sp.
Zur Kenntiss der Azorenfauna. 231
zu beschreiben ist, eben weil nur unvollendete Exemplare vorliegen."
Mag die Sache der Zukunft überlassen bleiben I
Pisidium fossarinum Clessin.
Die Ehre, die erste Süsswassermuschel auf den Azoren gefunden
zu haben, gebührt dem im vorigen Sommer viel zu früh verstorbenen
Azoreaner Arruda Furtado, von welchem ich Anfang August 1886
in Lissabon Exemplare aus den Quellen von S. Miguel erhielt. Ich
fand das Thierchen dann vereinzelt in der Umgegend von Ponta
Delgada auf Furtado dachte an eine Varietät von Pis. pulchellum;
Herr Clessin, der doch ganz ge^\dss hier als Autorität ersten Ranges
gelten muss, hat die Muschel als Pisidium fossarinum bestimmt.
Fraglich bleibt es wohl, ob damit eine andere Ai"t zu vereinigen
ist, welche von J. de Guerne als
Pisidium Dabreyi n. sp.
beschrieben wurde. Er fand sie in der Caldeira von Fayal. Wir
meldeten die Muschelfunde ungefähr gleichzeitig (11. cc). Es ist
natürlich nicht ausgeschlossen, dass der abgelegene tief versteckte
Kratersee der Mittelgruppe eine besondere Form erzeugt habe,
Echinodermen.
Asterias glacialis L. gross.
Ophidiaster sp. (im Museum von Ponta Delgada als Ophidiaster
ophidianus Lam. aufgeführt).
Asteriscus sp. Ein kleineres Exemplar von Ponta Delgada, nach
meiner Erinnerung. Ob gibbosus, bleibe dahingestellt.
Astropecten pentacanthus Phil., z. T. junge, mit noch vorragendem
Mittelstück der Scheibe, zahlreich.
Ophioglypha affinis Lym.
* Amphiura Sarsii Ljungm., bis jetzt nur von den Azoren bekannt.
Ophiactis sp.?
Arbacia pustulosa (Leske).
Sphaerechinus granularis (Lam.).
Toxopneustes lividus (Lam.).
Echinocyamus pusillus (Müll.).
Ein Spatangide.
Von Holothurien ist mir nur eine Art vorgekommen, und zwar
nur ein Exemplar, das der Sturm von den Felsen gerissen und zwischen
die Klippen geworfen hatte, an der Rhede von Velas (S. Jorge).
Soviel ich oberflächlich beurtheilen konnte, steht dieselbe Art, nicht
determinirt, im Museum von Ponta Delgada.
Zwischen den Bryozoen und Hydroiden an der Punta Delgada
fing ich ein Paar kleinere Antedon.
Ebenda endliph fand sich eine ganz junge Euryalide, von etwa
0,5 cm. grösster Armdistanz.
Der Ophidiaster ist zweifellos die Asterias laevigata Drouet's.
Von den Asteriden und Echiniden leben nur ein Paar auf dem
oben beschriebenen Sandgrunde, und zwar, wie es scheint, aus-
232 1^1'- H. Simroth:
schliesslich, selbstverständlich der Spatangus, den der Eisenrahmen
des Netzes leider stets zertrümmerte, vielleicht der Echinooyamus,
und bestimmt der Astropecten. Der letztere hat durchweg eine
rosa-graue Färbung, so dass sich alle ausgezeichnet dem eintönigen
Colorit jener Florideen-, Plumularien- und Bryozoenwiesen anpassen.
Die lebhaft bunten Formen dagegen, der gelbe Asterias glacialis mit
den tief indigoblauen Kiemen (Complementärfarbel), der orangerothe
Ophidiaster, die braunen und violetten regulären Seeigel verlassen
niemals die Klippenregion.
Ueber die letzteren mag eine biologische Bemerkung gemacht
werden. Es dürfte wenige Küsten geben, an denen die Seeigel ihr
Bohrgeschäft so regelrecht und vielleicht ausnahmslos betreiben, als
die der Azoren. Innerhalb der Brandung bemerkt man an vielen
Stellen, schon auf weithin, eine gelbgraue Zone, die scharf von den
schwarzen Felsen absticht und auf grosse Strecken das Ufer
umgürtet. Sie rührt lediglich von einem Baianus her, der in
Unmassen die Klippen überzieht. Inner- und unterhalb dieses Gürtels
hausen die Igel, und so viel ich mich entsinne, ausnahmslos in
halbkugligen, selten viel tieferen, häufig flacheren Löchern, die sie
sich mit den Zähnen unter Beihilfe der unteren Stacheln in's
Gestein gebohrt haben. Wenn an der Westküste von Frankreich an
einzelnen Localitäten die Thiere bei niedriger Ebbe, je nach der
Jahreszeit, ihre Wohnplätze verlassen und sich weiter in's Meer
zurückziehen, um später wiederzukehren und sich von neuem passende
von früheren Einwohnern gebohrte Löcher auszusuchen, so dürfte
ein solcher Wechsel an den Azoren kaum Platz greifen. Im all-
gemeinen liegt, wie angedeutet, die Zone so tief, dass bei niedrigster
Ebbe die Thiere nur zeitweilig sich ausserhalb des Wassers befinden,
aber doch von der sich überstürzenden hoch aufbäumenden Bran-
dungswelle noch regelmässig getroffen werden. Andere, im höchsten
Niveau und leichter zugänglich, halten sich in den kleinen Tümpeln,
die auf den vorgeschobenen klippigen Lavaströmen in Vertiefungen
zurückbleiben und von jeder höheren FluthweUe ^vieder gefüUt
werden, also bei dem feuchten ozeanischen Klima kaum jemals aus-
trocknen, so lange nicht weiteres Zerfressen des Gesteins dem Wasser
einen Ausweg öffnet. Man wird im Allgemeinen wenigstens danach
annehmen dürfen, dass die Thiere zu aktivem (und passivem) Orts-
wechsel sehr wenig geneigt sind. Die Gewohnheit des Bohrens, die
ja von denselben Arten nicht an allen Küsten geübt wird, hängt
zweifellos mit der starken Brandung zusammen, gegen deren
Gewalt das Versenken in Löcher einen guten Schutz giebt. Da
aber diese Brandung Jahr aus Jahr ein dieselbe bleibt, wird
auch derselbe Schutz gleichmässig nöthig, also das Echinoderm
möglichst stabil sein. (S. die inzwischen erfolgte ausführliche Be-
arbeitung meines Materiales von Dr. John.)
Da fiel es denn sehr auf, dass eine grosse Menge der Seeigel,
wiewohl lange nicht alle, ihren Rücken mit Muschelschalen, die sie
mit den Saugfüsschen festhielten, bedeckten, wie wir solches durch
Zur Kenntniss der Azorenfaiina. 233
Dohrn von Toxopneiistes lividus u. a. kennen gelernt haben (Zsclirft.
f. w. Z. XXV. S. 470 ff.). Mit Vorliebe wurden PateUen verwendet,
und die Schnecke wurde so gehalten, dass sie die Oeffnung der
Höhle annähernd verdeckte und nur rings einen Spalt freiliess. Durch
das Neapeler' Aquarium hauptsächlich ist auf die Bedeutung der-
artiger Bedeckungen theils mit lebenden, theils mit todten Thieren
(Dromia, Stenorhynchus etc.) hingewiesen worden; es sind Jagd-
masken, unter deren Schutz die Beute sich bequemer beschleichen
lässt. Und gerade vom Toxopneustes lividus hat Dohrn eine er-
staunliche Raubgier constaticrt. Wie hat man aber die gleiche Be-
deckung der in ihren Felsenlöchern festhockenden Thiere zu ver-
stehen? Ich glaube nicht, dass man die gleiche Begründung ver-
suchen darf; man wird alle Mimicry ausschliessen müssen. Mir
schien es, als wenn gerade die eigenthümliche Haltung der Patellen-
schale sehr wohl den Zweck haben könnte, ein Schutzdach gegen
die Wellen abzugeben, vielleicht mit der Nebenaufgabe, das, was
von organischen Partikeln durch die anstüi-mende Brandung in die
Höhle geworfen wird, durch die zurückweichende nicht wieder ent-
reissen zu lassen, sondern nach Möglichkeit unter dem Schirm fest-
zuhalten, bis es das Thier ergreift. Ohne den Werth dieser Hypo-
these überschätzen zu wollen, scheint mir's doch, dass entweder die
Dohrn'sche Auffassung der Mimicry nicht Stich hält, oder dass die-
selbe Gewohnheit aus ganz verschiedener Absicht erworben sein
kaim, oder, das plausibelste, dass wir den wahren Grund der eigen-
thündichen Sitte nicht kennen, — unser alter ,,embarras de richesse"
organischer Natur gegenüber.
Im Anschluss an die Seeigel eine andere Mimicry! Semper
hat uns mit einem Wurm bekannt gemacht, der zwischen den Aesten
eines Korallenstockes haust und mit seinen Kopfcirren nach Form
und Farbe auf's täuschendste die entfalteten Polypenindividuen nach-
ahmt (darauf, wie Semper die Erscheinung deutet, kommt hier nichts
an). In dem Falle von den Azoren ist das Cölenterat der nach-
äffende Theil, und der nachgeahmte ein bohrender Echinid, welcher,
vermag ich bei der Farbenverschiedenheit namentlich des Sphaere-
chinus brevispinosus nicht mehr auszumachen. Vermuthlich ist es
aber dieser. Das Cölenterat ist eine Actinie. Von dem eintönigen
Sandgrunde brachte das Netz immer nur kleine weissgraue Formen
herauf; anders an den Klippen, wo wiederum die grossen und bunten
Arten sich ansiedeln. Mit einiger Sicherheit constatierte ich nach
der orangerothen Farbe und den blauen Randtentakeln die verbreitete
Actinia equina. Ausserdem war eine andere grosse Species ebenso
häufig als schwer aufzufinden. Sie sass stets in einer engen Felsen-
spalte, die sie ganz ausfüllte, so dass nur der Tentakelkranz heraus-
schaute. Ich fand sie nur in flachen Tümpeln zwischen weissen,
abgestorbenen Corallinen, Sertularien, Bryozoen und namentlich
Seeigeln, und entdeckte sie in dem klaren Wasser bei höchstens
Armtiefe nur nach langem aufmerksamen Hinschauen. Es war schwer,
sie den Freunden deutlich zu machen, so sehr glich sie mit ihren
234 Dr. H. Simroth: Ziir Kenntniss der Azorentauna.
gleichmässig starren Fühlern dem Echinid. Bei der geringsten Be-
rührung verschwand sie in ihrer Spalte. Trotz Hammer iind Meissel
und vieler Mühe gelang es nur, Bruchstücke herauszubekommen.
Die Seitenwand aussen grau, das Innere schön rosa. Nach Ver-
gleichung mit den Abbildungen von Andres (Fauna und Flora des
Golfs von Neapel 0. 1) dürften die Gattungen Anemonia, Bunodes,
Heliactis, Aiptasia und Ilianthus in Frage kommen. Was bedeutet
diese auffallende Mimicry bei der ausserordentlich geschützten Lage
des Thieres? An ein weiteres Schutzmittel durch die Aehnlichkeit
ist kaum zu denken, und doch war die Erscheinung so auffallend,
dass es schwer ist, gar keinen Zusammenhang zu vermuthen. Mir
ist es unmöglich, eine plausible Annahme zu finden.
Erklärung der Abbildungen.
Tafel I.
Fig. A. Salarias symplocos Hilgd. in nat. Gr., daneben Gaumendach mit 4 Vomer-
zähnen (f), ferner Nasen- und Augententakel (f).
Fig. 1. Querschnitt durch eine Patelle, die auf den Felsen festsitzt,
halbschematisch.
a. Patella. b. Coralline. c. Lava.
Fig. 2, Pedipes afer, am Glase kriechend, massig vergr.
Fig. 3 und 4. Sohlen zweier in Alkohol conservierter Pedipes afer.
Fig. 5. Schlundring desselben.
Fig. 6. Verdammgscaual desselben.
Tafel IL
Doto floridicola (nat. Länge 4 mm).
Fig. L Thier von hinten.
Fig. 2. Die Schnecke von oben.
Fig. 3. Vorderende von unten.
Fig. 4. Vorderende von der Seite.
Fig. 5. Auge.
Fig. 6. Rechter Riechfühler.
Fig. 7. Dessen Ende mit sich entleerenden Drüsen.
Fig. 8. Otholithen aus einer Otocyste.
Gohlis bei Leipzig, August 1888.
:Nachtrag:.
„Ratten auf Bäumen" s. Zoolog. Garten XXII. 1881. S. 257.
Helmiuthologisches.
Von
Dr. von Linstow
in Göttingen.
Hierzu Tafel XVI.
D,
Pseudalius minor Kuhn.
Fig. 1—8.
'as Genus Psevdaliu.s ist, was den inneren Bau betrifft, noch
unvollkommen bekannt, und ich danke es der Güte des Herrn Ge-
heimrath Professor Dr. Ehlers, dass ich in der Lage war, die
Anatomie von Pseudalius minor genauer zu studiren.
Dujardin i) giebt die Gattungsmerkmale mit den Worten:
„Bouche nue, male ä queue en pointe ou bilobee, et ä deux spicules
Courts, foliaces et contournes; femelle a queue en pointe, courte,
un peu recourbee, vulve situee pres de l'anus, ä l'extremite d'un tube
conique saillant; oviducte tres-vaste, rempli d'embryons dejä eclos;
oeufs gi'ands.
Mol in 2) nennt das Genus Prosthecosaäer und beschreibt es mit
den Worten: „Os orbiculare, apertura vulvae supra caudae apicem,
Uterus unicornis."
Schneider 3) rechnet die Arten dieses Genus zu den Holo-
myariern mit After und 2 gleichen Spicula, mit Seitenfeldern und
Hauptmedianlinien; Ps. inflexus hat auch secundäre Medianlinien'^).
Die Gattungsdiagnose Diesing's^) ist ganz werthlos.
Die zu Pneiulaluis gehörigen Arten sind grosse, derbe Nema-
toden, welche in der Regel in luftführenden Organen bei Säuge-
thieren des Meeres und des Landes wohnen, wie ja kürzlich eine
Art in den Bronchien des Schafs gefunden wurde. Der Mund führt
kleine Papillen, das männliche Schwanzende zeigt eine von Rippen
gestützte Bursa, bei Ps. minor ist das weibliche Schwanzende ab-
gerundet; hier besteht ein doppelter Uterus, an den sich zwei sehr
') Histoire des Helmiuthes pag. 134—135.
") II sottordine degli Acrofalli pag. 594—598.
^) Monogr. d. Nematoden pag. 172 — 173.
*) ibid. tab. XVI, fig. 13.
*) Systema helminthum II, pag. 322.
236 ^^'- von Linstow:
lange Ovarien setzen; die Spicula sind gleich und kurz und breit;
ungemein massig ist die in 4 Längsstränge getlieilte Muskulatur,
die nur in der Rücken- und Bauchlinie ganz unterbrochen ist; in
der Seitenlinie ist die Muskelmasse eine verdünnte ; hier liegt jeder-
seits ein Drüsenstrang und nach innen davon findet sich ein eigen-
thümliches, aus feinen Fasern bestehendes Peritoneum. Beim Weib-
chen liegt die Vulva dicht vor dem Anus. Uterus und Ovarium
sind durch eine kurze, enge Tuba geschieden.
rsendalim minor Kuhn ') ist gefunden in den Bronchien, dem
Cavum tympani, der Höhlung unter den Augen, dem Herzen und
den Venen von Phocaena conuiunds.
Die Cuticula zeigt, ähnlich wie bei Mermis, zwei in einem
spitzen Winkel sich kreuzende, sehr feine schräge Linien -Systeme
und ausserdem feine, transversale Querringel, während die Cutis
regelmässige, Ofivi mm entfernte Längslinien erkennen lässt, die in
den Seitenlinien verdickt ist (Fig. 1, d).
Die Muskulatur ist sehr massig, und in 4 symmetrischen Längs-
wülsten angeordnet; in der Bauch- und Rückenlijiie ist sie durch
eine im Querschnitt keilförmige Leiste (Fig. 1, f) unterbrochen, in
der an der Basis jederseits eine Reihe von mit Kernkörperchen ver-
sehenen Kernen steht. Die Muskulatur lässt eine im Querschnitt
kreuzförmige Leibeshöhle frei, welche an ded Seiten durch eine
ki eiförmige Längsleiste (B^ig. 1, c) begrenzt ist, die aber nicht, wie
in der Bauch- und Rückenleiste, die Spitze, sondern die Basis nach
innen kehrt und nicht an die Cutis grenzt, sondern von dieser durch
eine Muskelschicht getrennt wird. Die Muskeln bestehen aus
Fibrillär- und Marksubstanz ; erstere ist aus dünnen, scheibenförmigen
Tafeln zusammengesetzt, die mit der Kante auf der Innenseite der
Cutis wurzeln; nach innen zu scheinen mehrere solcher Tafeln zu
verschmelzen und die nach der Mittelaxe des Körpers zu immer
dünner werdenden Stränge bilden nun die Grenze der blasigen
Marksubstanz. Die Muskelfibrillen zeigen auf Querschnitten eine
regelmässige Schrägstrich elung.
Die seitlich gelegenen Leisten (Fig. 4, c) bestehen aus einem
Geflecht sehr feiner, gleichmässig starker Fasern, die hyalin sind
und eine Breite von etwa 0,0008 mm zeigen; von hier strahlen eben-
solche Fasern rings an die Lmenwand der Muskelmasse aus, welche
die Leibeshöhle begrenzt, und umspinnen die in letzterer liegenden
Organe, den Oesophagus, den Darm und die Geschlechtsorgane, sie
mit den Muskeln verbindend und in ihrer Lage erhaltend, so dass
sie als ein in Fasern aufgelöstes Peritoneum anzusehen sind; das
Gebilde ist ein ganz eigenartiges und mir von keinem anderen
Nematoden bekannt.
') Pseudalius ininor Die sing, Syst. heim. II, pag. 32.3— 324; Raspail,
Annales des sc. dobservat. II, 1830, pag. 244, pl. VII, fig. 1—3; pl. VIII,
fig. 1—5, 9—11; Molin, 1. c. pag. 600—601, tab. VIII, fig. 10—12; Duj ardin,
Ps. filum. I.e. pag. 135; Schneider, I.e. pag. 174 — 175, tab. XII, fig. 6— 7;
V. Linstow, Archiv für Natiirgesch. 1880, pag. 48, tab. HI, fig. 13—14.
Helminthologisches. 237
Zwischen den Muskeln und der Peritonnalleiste liegt ein Drüsen-
strang (Fig. 1, e), der, wie man auf Flächenbildern erkennt (Fig. 5),
aus langgestreckten, gekernten Drüsenschläuchen besteht; der Kern
enthält in der Regel ein grosses und mehrere kleine Kernkörperchen,
deren Ausgänge alle in der Seitenlinie liegen; die Bauch- und
Rückenleiste zeigt dieselben Drüsen, die hier aber weniger ent-
wickelt sind.
Die Mundöffnung ist von einer kreisförmigen Chitinscheibe
umgeben, die einen äusseren Durchmesser von 0,6-2 mm hat (Fig. 7) ;
man sieht vom Scheitel her in den Mundbecher hinein, in dessen
Grunde man die dreieckige Oeffhung des Oesophagus bemerkt. Der
Mundbecher ist flach, 0,036 mm breit und 0,0066 mm tief, am
Rande stehen 6 kleinere und etwas dahinter 4 grössere Papillen
im Kreise.
Der Oesophagus ist nach Hinten etwas angeschwollen; der Darm
ist dünner als ersterer, an dem Uebergang zwischen beiden misst
ersterer beim Männchen ^, letzterer ^ der Körperbreite; der
Nervenring liegt 0,13 mm vom Kopfende entfernt; die Länge des
Oesophagus beträgt beim Männchen ^ , beim Weibchen nur ^ der
Gesammtlänge, er ist also sehr kurz.
Der Darm zeigt auf Querschnitten bald ein gradliniges, schlitz-
förmiges, bald ein drei-, bald ein vierseitiges- Lumen; die Grund-
substanz ist drüsig, aussen zeigt er eine feine, innen eine derbe, das
Lumen auskleidende Schicht (Fig. 1, a); am Anus liegen grosse
Drüsenmassen (Fig. 4, h).
Der Körper des Männchen ist nach beiden Seiten hin, be-
sonders aber nach dem Schwanzende zu, stark verdünnt; er ist
15,3 mm lang und 0,28 mm breit. Das Schwanzende zeigt eine von
3 Rippen gestützte, kreisfönnige Bursa; jede der 3 Rippen endet in
3 rundliche Endlappen mit Papillen; die der Mittelrippe sind sehr
wenig entwickelt und oft nicht erkennbar. Vor und hinter der
Cloakenmündung steht ausserdem jederseits eine kleine, gestielte
Papille (Fig. 2, f). Die beiden mit der Endspitze verbundenen Girren
(Fig. 2, a) sind im seitlichen Bilde höhnen- oder nierenförmig und
laufen nach vorn in eine Spitze aus. Die beiden mächtigen Girren
sind so breit, dass sie nur dann aus der Cloakenmündung vorge-
drängt und in die Vulva des Weibchens eingeführt werden können,
wenn beide sehr dehnbar sind, was wenigstens für die männliche
Cloake zutrifft, da man sie mitunter vorgestülpt hndet. An ihrer
Rückenseite liegt ein fast gerades, stäbchenförmiges Gebilde, das
von den Girren in der Regel verdeckt wird. Die Breite der Cloaken-
öffnung beträgt 0,036 mm und die der Girren 0,12 mm. Am männ-
lichen Schwanzende findet sich eine starke Schicht Cirrusmuskeln
(Fig. 2, d), die schräg von der Dorsal- und Kopfseite nach der Ven-
tral- und Schwan^seite verlaufen, und zwar innerhalb der Längs-
muskulatur der Körperwand; in der Gegend der nach der Kopfseite
zu liegenden Spitze der Girren erreichen die Cirrusmuskeln die
238 ^^- von Linstow:
Rückenlinie nicht; ausserdem setzen sich mächtige Retractoren an
die Girren, welche sie nach der Kopfseite ziehen (Fig. 2, c).
Die Länge des Weibchens beträgt durchschnittlich 27, die Breite
0,66 mm. Der Anus (Fig. 3, a) steht terminal; 0,05 mm nach der
RückenHnie zu bemerkt man eine kleine Papille ^) (Fig. 4, i). Dicht
vor dem Anus findet man die Vulva (Fig. 2, b), in deren Nähe
links und rechts 2 kleine, griffeiförmige Erhabenheiten stehen (Fig.2,c).
Die Vulva ist zunächst eng und wird umgeben von einer mächtigen,
eiförmigen Muskelmasse (Fig. 3, d), deren Fasern in schrauben-
förmigen Windungen verlaufen; sie ist von vierseitigem Querschnitt
(Fig. 6, b); von den 4 Winkeln, welche die Seiten mit einander
bilden, sind 3 spitze und einer ein ausserstumpfer; unter den starken
Muskeln liegt eine Drüsenschicht. Beim Austritt aus dem eiförmigen
Körper wird die Vulva von grossen, gekernten Drüsen umgeben
(Fig. 3, e) ; dann erweitert sie sich und wird zu dem muskulösen,
1^ der Gesammtlänge einnehmenden Abschnitt (Fig. 3, g); weiter
nach vorn theilt sich die Geschlechtsröhre in 2 gesonderte Aeste,
welche die dünnwandigen, drüsigen Uteri darstellen (Fig. 3, h). Sie
füllen fast die ganze Breite des Leibesraumes aus und nehmen H
der ganzen Körperlänge ein; in einer Entfernung von 2,7 mm vom
Kopfende, wo an dem vordersten Theil die Wandung plötzlich stark
muskulös wird, verenget sich das Lumen sehr und der Uterus geht
in eine 0,72 mm lange und 0,048 mm breite Tuba über (Fig. 8, a)
die sich in das Ovarium fortsetzt, dessen Anfangstheil an einer
kurzen Strecke muskulöse Wandung hat; dann wird letzteres dünn-
wandiger und drüsig; zuerst ist das Ovarium 0/204 mm, am äussersten
Ende nur 0,06 mm breit. Die sehr dünnhäutigen Eier sind 0,072 mm
lang und 0,033 mm breit; die Embryonen (Fig. 8) messen 0,19 mm in
der Länge und 0,oi mm in der Breite; sie lassen innere Organe
nicht erkennen, mit Ausnahme einer Andeutung des Oesophagus;
der Leibesinhalt ist grob gekörnelt mit Ausnahme des Kopfendes.
Die beiden folgenden Arten hatte Herr Dr. A. Lutz die Güte,
mir aus Brasilien zuzuschicken.
Physaloptera praeputialis n. sp.
Fig. 9—10.
Die Art ist in Felis catns gefunden; ich erhielt eine grosse
Anzahl von Exemplaren, unter denen sich nur ein einziges Männchen
befand.
Die Cuticula ist ziemlich regelmässig in Abständen von 0,18 mm
und dann wiederum viel feiner und dichter in Abständen von
0,0016 mm quergeringelt.
Das Männchen ist 21 mm lang und 1,5 mm breit. Beide Ge-
schlechter haben am Schwanzende eine Aermel- oder Präputium-
artige Duphcatur der Cutis, und muss, wenigstens beim Männchen,
') V. Linstow, 1. c, tab. III, Fig. 14.
Helminthologisches. 239
der Körper aus dem Präputium hervorgestülpt werden können, da
sonst eine Begattung unmöglich wäre. Neben der Cloake stehen
jederseits 4 langgestielte Papillen (Fig. 10), unmittelbar vor der-
selben finden sich 3 und dicht dahinter 2 ungestielte, ferner dicht
vor dem Schwanzende 3 und etwas davor noch 2. Die Zahl und
Anordnung dieser 10 ungestielten Papillen kann möglicherweise
etwas anders gefunden werden, da mir zur Untersuchung nur ein
Exemplar zur Verfügung stand, dessen Untersuchung schwierig war.
In der Bauchlinie zieht sich am Schwanzende ein breiter Streif
herab, welcher aus runden, 0,019 mm grossen Feldern gebildet wird,
welche 2 concentrische Ringe zeigen. Die Entfernung von der
Schwanzspitze bis zur Cloake beträgt 2,9 mm.
Das Weibchen ist durchschnittlich 30 mm lang und 2 mm breit.
Der Oesophagus misst 4 mm und die Vulva liegi 8 mm vom Kopf-
ende. Nur die äusserste Schwanzspitze, welche kegelförmig mit
abgerundetem Ende ist, sieht aus der Präputium -artigen Cutis-
Duplicatur heraus; der Anus liegt 0,72 mm vom Schwanzende. In
der Gegend der Vulva liegt ein brauner, ablösbarer Chitinring der
Cuticula fest an; er deckt die Geschlechtsöffnung, und an dieser
Stelle fehlt die grobe, weitläuftige Querringelung der Cuticula.
Die dickschaligen Eier sind 0,055 mm lang und 0^033 mm breit.
Von den beiden Kopflippen hat jede einen stumpfen, abgerundeten
Aussen- und 3 spitzere Innenzähne von gleicher Höhe und etwa
derselben Breite wie ersterer (Fig. 9).
In Raubthieren sind bis jetzt gefunden:
Physaloptera tevdentata Molin ^), Pli. anomala Molin ^), Ph. digitata
Schneider 3), Ph. maxillaris Molin*), und Pli. semilanceolata
Molin^). Von diesen Arten unterscheidet sich die hier beschriebene
Art durch die 3 letzten Papillen am männlichen Schwanzende, da
die übrigen angeführten Arten hier nur 2 haben, und besonders
durch die merkwürdige Präputium-Bildung sowie durch den sonder-
baren Chitinring des Weibchens.
Tricliocejyhahts campanula n. sp.
f = Trichocephalus Felis Diesing.
Fig. 11.
aus Felis catus domesticns in Brasilien.
An der Bauchseite verläuft ein Stachelband von f Körperdurch-
messer; am Oesophagustheil ist der Körpercontour sägeförmig.
Die Längenmasse des Männchens bin ich nicht im Stande an-
*) Mol in, Una moiiographia del genere Physaloptera , Sitzungsber. des
naturw. Cl. Wien 1860, Bd. XXXIX, No. 5, pag. 651; v. Dräsche, Revis. d.
Nematoden etc., Verhandl. d. k. k. zoolog.-bot. Gesellsch. "Wien 1882, pag. 127.
2) Molin, I.e. pag. 650; v. Dräsche, I.e. pag. 128,
^) Schneider, Monogr. d. Nematoden pag, 127.
*) Molin, I.e. pag. 645.
^) Molin, I.e. pag. 659; v. Dräsche, I.e. pag. 127.
240 ^^- ^*^^ Linstow:
zugeben, da das einzige vorhandene Exemplar am Vorderende defect
war, das unvollständige Oesophagus-Ende war 0,1 1 mm breit, das am
Ende spiralig aufgerollte Hinterleibsende 0,36 mm; die Gesammt-
länge betrug 14 mm. Am Hinterende stehen 2 Papillen; die weit
vorgestülpte Cirrusscheide ist mit kleinen, kegelförmigen Erhaben-
heiten besetzt und am Ende glockenförmig erweitert.
Das Weibchen ist 31,5 mm lang; der Oesophagus-Theil ist 0,12,
der Hinterleib 0,48 mm breit; der Oesophagus nimmt | des ganzen
Körpers ein und der Darm beginnt etwas vor der Vulva, die von
2 wenig prominenten Längslippen eingefasst ist. Die Cuticula ist
in Abständen von 0,0066 mm quergeringelt. Die Eier sind 0,072 mm
lang und 0,036 mm breit.
In Raubthieren sind die zum Genus Trichocephalns gehörigen
Arten Tr. depressiusculus, Tr. serraius und Tr. felis gefunden.
Tr. depressinscidus Rud. ^) ist ausgezeichnet durch eine nur an
der Basis bedornte Cirrusscheide; die Eier sind 0,083—0,086 mm lang;
Tn serratus v. Linstow^) hat einen Oesophagus, der | der Körper-
länge einnimmt, das Bauchband ist f des Körperdurchmessers breit,
die Cirrusscheide ist ohne glockenförmige Erweiterung, die Eier sind
0,056 mm. lang; l^. felis Diesing^) aus Felis tigrina in Brasilien
ist unbeschrieben, und ist es nicht unmöglich, dass Diesing dieselbe
Art wie die hier besprochene vor sich gehabt hat.
Ecliinorhynchus Dipsadis n. sp.
Fig. 12.
Herr Dr. H. Lenz, Director des naturwissenschaftlichen Museums
in Lübeck, hatte die Güte, mir eine grosse Baumschlange Dipsas
Blaudlngii aus Kamerun, zur Untersuchung zu schicken, in deren
Darmwand ich 15 Exemplare einer kleinen Echiuorhynchen- Larve
eingekapselt fand. Die elliptischen sehr dünnwandigen Cysten sind
durchschnittlich 1,14 mm lang und 0,72 mm breit; das Thier selber
hat eine Länge von 1,82 mm und eine Breite von 0,6 mm. Das
Rostellum ist mit Haken sehr dicht besetzt; vorn steht eine grössere
Sorte (Fig. 12, a) von 0,088 mm Länge, die einfach gebogen sind
und 12 — 14 Querreihen von je 10 Stück bilden, während die hinteren
0,072 mm messen, dornförinig von Gestalt sind (Fig. 12, b) und
20 Querreihen von je 12— 16 Haken zeigen; diese Zahlen konnten
nur annäherungsweise bestimmt werden, da die invaginirten Rüssel
sich nicht vorstülpen lassen.
Eingekapselte Echinorhychen - Larven sind schon in zahlreichen
Schlangen gefunden, als Eck. oligacanihoides Rud. mit 4 — 5 Haken-
reihen in Pldlodryas Olfersii, Boa constrictor , Coluber Lichtensteinii,
•) Schneider, I.e. pag. 172, tab. XIII, Fig. 4.
^) V. Linstow, Wiirttemb. natiinv. Jahresh. 1879, pag. 334 — 335,
^) Diesing, Systenia helminthum II, pag. 295.
Helminthologisches. 241
DryopMlas Notieren, Bothrops Jararacca, B. Neuwiedii, Elaps coral-
inus, Erythrophis venustissimus, Ophis Merremii, 0. coeruleus, Hydros-
copus plufinbeus, Psendophis cinerascens; Eck. cinctus Rud. mit 140
Hakenreihen, deren Haken alle gleich sind, aus Vipera Redii und
Hierophis viridißavus; Ech ohligacanthxis Rud. mit 13 Hakenreihen
aus Elaphis quadrilineata; E. heier orhynclms Parona aus Coluber viri-
diflavns; Eck. specJ Wedl. aus Naja haje, Ech. specJ Wedl. eben-
falls aus Naje haje und Ech. spec? Wedl. aus Cerastes aegyptiacus,
ferner Ech. megacephalus Westrumb mit einem in der Mitte ver-
dickten Rostellum und sehr zahlreichen Haken aus Pantherophis
Zeae. Die dazugehörigen geschlechtsreifen Formen werden wahr-
scheinlich in Raubvögeln zu suchen sein.
Cercaria terricold n. sp.
Fig. 13.
Diese und die hierunter beschriebene Cercarie hatte Herr Pro-
fessor Dr. Braun in Rostock die Freundlichkeit, mir zuzusenden.
In sehr grossen, bis 2,6 mm langen und 0,3 mm breiten Keim-
schläuchen in der Leber von Helia; ?vermiculata aus Algier leben
geschwänzte Cercarien von 0,43 mm Länge und 0,16 mm Breite; ihre
Cuticula ist unbedornt, ihr Mundsaugnapf misst 0,052 mm ; der längs-
ovale Bauchsaugnapf ist 0,052 mm breit, der Schwanz misst 0,31 mm.
Am Mundsaugnapf steht ein Stachel von 0,019 mm Länge, der an
der Basis etwas verdickt ist. Der Darmtract ist nicht sichtbar, aber
ein in der Körperaxe gelegener Stamm des Excretionsapparates
verläuft vom Hinterrande des Bauchsaugnapfes bis fast ans
Körperende.
Cercaria terrestris n sp.
Fig. 14.
aus der Leber von Helix Uns, in Griechenland gefunden, entsteht
in langen Keimschläuchen von 2,64 mm Länge und 0,3 mm Breite;
die Cercarien haben eine Länge von 0,44 und eine Breite von 0,13 mm;
der Schwanz misst 0,21 mm und ist am Ende abgerundet; die Cuti-
cula ist unbedornt; der Mundsaugnapf misst 0,072 mm; der Bauch-
saugnapf 0,066 mm, bei anderen Exemplaren betrugen die Masse
0,062 und 0,056 mm, so dass ihr Verhältniss sich wie 11 : 10 stellt.
Ein Darmtract ist auch hier nicht sichtbar, wohl aber der Mittel-
stamm eines Excretionsgefässsystems , der vom Bauchsaugnapf bis
zum Ansatz des Ruderschwanzes verläuft.
Die Anzahl der in Land-Mollusken gefundenen Cercarien ver-
grössert sich mehr und mehr; als Wirthe sind jetzt bekannt Limax
agrestis und cinereus, Arion eynpiricorum , Arionta ai'hustorum, Helix
albolabris, maculosa, carthusiana, carthusianella , 7iemo7'alis, arborea,
alternata, aspersa, Helicodonta pomatia, Vitrina cellaria, Zebrina
detrita.
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1888. Bd. I. H. 3. 16
242 I^^'- ^on Linstow.
Bothriocephalus rugosus Rud.
Fig. 15 — 26.
Die Exemplare, welche mir zur Untersuchung dienten, ver-
danke ich der Freundlichkeit des Herrn Geheimrath Prof. Dr. Ehlers,
und studirte ich den Bau dieser Species eingehend, weil die Ana-
tomie der Bothriocephalen mit randständigen Geschlechtsöftnungen
so gut wie unbekannt und von Bothriocephalus latus ganz und
gar verschieden ist.
Gefunden ist Bothrioceplialus rugosus in den Append. pylor. von
Gaclus aegleßmis, G. inorrhua, Merlangus carhonarius, M. pollackius,
Me.rhuyius vulgaris, Lota vulgaris, L. molva und Motella mustela.
Beschrieben ist die Art sehr unvollkoimnen von Rudolph i und
Diesing'); etwas genauer von Olsson^), welcher als Diagnose
angiebt : Apertura genitalium irregulariter alternae marginalis.
D uj ardin 's^) Dibothrium rugosum gehört nicht hierher, da die
Eier seiner Art viel grösser sind, nämlich 0,08 — 0,1 1 mm lang und
0,051 — 0,057 mm breit. Die Embryonalentwicklung hat Schauins-
land ^) beschrieben.
Die Länge beträgt bis zu 380 mm; die Proglottiden sind da,
wo die Entwicklung der männlichen Geschlechtsorgane beginnt,
0,41 mm dick, an dem Hinterrande des Gliedes 0,5 mm, 1,4 mm breit
und 0,54 mm lang; in dem sogenannten Halstheil, wo sich nur die
Anlagen zu den Geschlechtsorganen finden, beträgt die Länge nur
0,09 — 0,15 mm, die Breite 0,9 — 1,02 mm und die Dicke 0,6 mm;
letztere ist also etwas beträchtlicher als weiter hinten, während die
Proglottiden, welche reife Eier enthalten, nur 0,8 mm breit und
0,36 mm lang sind, selten 1,8 mm breit und 0,48 mm dick.
Der Scolex (Fig. 15, 16, 17) ist etwas verdickt; am Scheitel
(Fig. 16) steht eine sechseckige Oeffnung, welche in die beiden ovalen
Sauggruben führt, durch Muskelcontraction aber auch von letzteren
abgeschlossen werden kann. Die Gruben sind 0,95 mm lang und
0,36 mm breit und sind flächenständig ; die grösste Breite des Scolex
beträgt 0,54 mm, die grösste Dicke 0,36 mm; am geringsten ist sie
in der Mitte, wo sie nur 0,20 mm beträgt. Ln Proglottidenkörper
muss man eine Rinden- und eine Parenchymschicht unterscheiden;
die erstere besteht wieder aus einer Cuticula (Fig. 21, a, b) und einer
darunter liegenden subcuticularen Rindenmuskelschicht (Fig. 21, c);
die Parenchymschicht enthält die Parenchymzellen, die Parenchym-
muskeln, die Geschlechtsorgane, das Nerven- und das Gefässsystem.
Die Rindenschicht ist mindestens 0,79 mm dick; die Cuticula,
aussen von einer feinen, structurlosen Membran begrenzt (Fig. 21, a),
ist gestützt von radiär gestellten Stäbchen (Fig. 21, b), und zeigt
') Diesing, I.e. I, pag. 591— 592.
») Lund's Univers. Arsskrift t.IV, 1868, pag. 10— 11, tab.lll, Fig. 65.
3) I.e. pag 617.
*) EmbryoualentwickluMg pag. 8— 18, tab, I, Fig. 1 — 28.
Helminthologisches. 243
sehr feine, circulär verlaufende Fibrillen. Die Membran misst
0,0033 mm, die Cuticula 0,049 mm.
Die Muskeln der Subcuticularscbicht (Fig. 21, c) sind im Gegen-
satz zu den mächtigen Parenchymmuskeln sehr schwach entwickelt.
Man unterscheidet Ring- und Längsmuskeln, die durchschnittlich
0,0016 mm breit sind, während die circulären Fibrillen der Cuticula
nur 0,0006 mm messen. Im hinteren Abschnitt des Proglottiden-
körpers liegen in der Rindenschicht, und zwar in der subcuticularen
Hälfte, sehr zahlreiche Kerne (Fig. 20, d, Fig. 24). In dem vorderen
Theil des Körpers, wo noch keine Geschlechtsorgane entwickelt sind,
findet man dicht gedrängt Parenchym-ZeUen, welche bald einen, bald
zwei, bald zahlreiche, glänzende Kerne enthalten (Fig. 21, d); ihre
Grösse beträgt durchschnittlich 0,09 — 0,019 mm, die der Kerne
0,0049 — 0,0098 mm, die der Kernkörperchen 0,0049 mm; die Zahl der
Kerne kann bis zu 12 steigen. Bei den reiferen Proglottiden ver-
schwinden die Zellen und sieht man statt ihrer transversal gestellte,
längliche Kerne, welche, wie bereits angegeben, die Subcuticular-
schicht dicht durchsetzen; hier unterscheidet man alsdann 2 Faser-
systeme, von denen das eine der Oberfläche parallel, das andere
senkrecht auf dieselbe verläuft (Fig. 20).
Von den Parenchymmuskeln sind die Längsmuskeln am stärksten
entwickelt; sie haben eine Dicke von 0,0033 — 0,006 mm und lassen
den mittleren Körpertheil, in welchem sich die Geschlechtsorgane
entwickeln, frei (Fig. 20) ; die Ring-muskeln werden mehr nach innen
zu transversalen (Fig. 21), und diese wie auch die Transversal-
muskehi (Fig. 22) haben eine Breite von 0,ooi mm; dieselbe Breite
haben die dorsoventralen. Die Muskiüatur im Scolex ist schwach
entwickelt, ebenso ist sie in den letzten, geschlechtsreifen Gliedern
wenig mächtig.
Das Nervensystem besteht aus 2 durch eine starke Quer-
commissur (Fig. 17, b) verbundenen Ganglien, von denen 2 starke,
von einer auffallenden Hülle umgebene Längsnerven (Fig. 19, d;
Fig. 18, c) den ganzen Progiottidenkörper durchziehen; mit der
Scheide haben sie einen Querdurchmesser von 0,056 mm.
Ausserhalb der Nervenstämme verlaufen 10 Gefässstämme
(Fig. 18, d), die 0,016 mm breit sind; dicht hinter dem Scolex, im
sogenannten Halstheil, verlaufen sie nach innen von den Nerven
(Fig. 19, e), um im Scolex selber zu einem einzigen Gefäss zu ver-
schmelzen (Fig. 17, a).
Bei Bothriocephalus latus liegen im Scolex 2 grössere Gefässe
nach innen von den Nervenstämmen, unter der Subcuticula aber
33 kleinere Gefässe nach Moniez^); bei Ligula ist die Gefässan-
ordnung ähnlich wie die bei Bothr. rugosus gefundene, doch liegt
ausser den peripheren Gefässen dort noch eins an der Innenseite
der Nerven^).
•) Moniez, Memoires sur les Cestodes, Paris 1881, pl. VI, Fig. 12.
2) ibid. pl. VI, Fig. 11.
16*
244 I^i"- '^011 Linstow:
Die männlichen Organe entstehen, wie meistens bei den Platt-
würmern, früher als die weiblichen; die Hoden liegen unmittelbar
unter der Parenchymzellenschicht und bilden auf Querschnitten einen
vollkommenen Ring (Fig. 18, f); in jungen Proglottiden bilden sie
die Grenze der Mittelschicht (Fig. 20, b), die Anlage der weiblichen
Organe zwischen sich nehmend; mit Lithion-Picro-Carmin färben
sie sich braunroth und zeigen Mutter-, Tochter- und Enkelzellen;
etwa 100 mm vom Kopfende entfernt bemerkt man die randständigen,
einseitigen Girren an der Grenze zwischen dem mittleren und hinteren
Drittel des Proglottiden-Randes. In reifen Proglottiden liegen die
Hoden (Fig. 25, c) etwa an der Grenze zwischen dem 1. und 2. Viertel
der Parenchymschicht ; der Same sammelt sich in einem Vas deferens,
das am Ende vielfach aufgerollt von einem grossen, spindelförmigen,
derben Cirrusbeutel umschlossen wird (Fig. 24, a); der Querschnitt
des letzteren (Fig. 25, a) misst 0,ii nun. Die Länge des Cirrus-
beutels beträgt 0,42 mm, die Breite entspricht dem Querschnitt, und
der Cirrus mündet unmittelbar hinter der weiblichen Geschlechts-
öffnung am Proglottidenrande in eine flache, trichterförmige Grube
(Fig. 24).
Die weiblichen Geschlechtsorgane liegen in der mittleren Körper-
schicht, von den Hoden rings umgeben ; die Dotterstöcke bilden nach
innen von den letzteren auf Querschnitten einen Ring (Fig. 18, e);
die erste Anlage der weiblichen Organe bemerkt man, von denen
der Hoden umgeben, in der Körperachse (Fig. 20, a) in der Paren-
chymschicht, welche ohne Längsmuskeln ist. Die entwickelten Dotter-
stücke sind traubig (Fig. 22, b); die Dottermassen sammeln sich in
2 bogigen Gängen (Fig. 22, d), um in den 0,14 mm breiten und 0,i2mm
langen Eierstock (Fig. 22, c) zu münden. Die Dotterstöcke färben
sich mit Lithion-Picro-Carmin hochroth und haben anfangs eine
dicke, hygaline Wandung. Der Uterus ist von einer dicken, drüsigen
Wandung umgeben, wenn er ausgebildet wird; später ist er dünn
und membranös; er liegt stets im vordersten Theil der Proglottide
(Fig. 22, a) und auf Querschnitten genau in der Mitte (Fig. 18, g).
Die in den Eierstock führende Vagina ist 0,oi6 — 0,026 mm breit
und ihre Aussenwand hat einen Zellenbelag. Der Uterus ist kugel-
förmig und etwa 0,14 mm gross, während die Trauben der Dotter-
stöcke ungefähr 0,06 mm messen. Da, wo das Ovarium in den Uterus
führt, liegt eine strahlenförmig gebaute Schalendrüse (Fig. 22, e).
Die ersten Anlagen der Dottertrauben gleichen Riesenzellen mit sehr
dicht gedrängten Kernen.
Die elliptischen Eier sind 0,059 mm lang und 0,04.3 mm breit;
an den beiden Polen bemerkt man eine kleine Grube (Fig. 26); die
Embryonalhäkchen sind gerade gestreckt und 0,0077 mm lang.
Aus vorstehender Schilderung ergiebt sich, wie Bothr. nigosus
seinem Bau nach von Bothr. latus ganz und gar verschieden ist
und mehr an die Vogeltänien erinnert. Die Subcuticularscliicht be-
Helminthologisches. 245
steht bei Bothr. latus aus Spindelzellen ^), die bei B. r. ganz fehlen ;
die Grenze zwischen den einzelnen Proglottiden ist hier noch viel
unklarer als bei B. latus, so dass kein Gedanke daran sein kann,
die Proglottiden als Thierindividuen aufzufassen; eine Oefftiung des
Uterus nach aussen fehlt, und die Anordnung der Geschlechtsorgane
ist gänzlich verschieden von der durch die Arbeiten von Leuckart,
Sommer und Landois und Moniez genau bekannten von Bothr. latus.
Erklärung der Abbildungen.
Fig. 1—8. Pseudalius minor.
Fig. 1. Querschnitt durch den Körper, a) Darm, h) Leibeshöhle mit Perritoneal-
fasern, c) Perritonealleiste, d) seitliche Verdickung der Cutis, e) Drüsen-
strang, f) Bauchleiste, g) Muskeln.
Fig. 2. Schwanzende des Männchens von der Bauchseite, a) Cirrus, b) Darm,
c) Retractor des Cirrus, d) seitlicher Cirrusmuskel, e) Cloake, f) Papillen.
Fig. 3. Schwänzende des Weibchens, a) Anus, b) Vulva, c) kleiner Kegel
neben derselben, d) Muskelmasse, e) Drüsen, f) Darm, g) weiter Theil der
Scheide, h) Beginn des Uterus.
Fig. 4. Weibliches Schwanzende von der Seite, a) Anus, b) Vulva, c) kleiner
Kegel, d) Muskelmasse, e) Drüsen, f) weiter Theil der Scheide, g) Darm.
Fig. 5. Drüsenstrang von der Fläche gesehen.
Fig. 6. Querschnitt des hintersten Schwanzendes des Weibchens, a) Darm,
b) Muskelmasse und Scheide.
Fig. 7. Kopfende vom Scheitel aus gesehen, a) Oesophaguslumen.
Fig. 8. Embryo.
Fig. 8 a. Verbindung von Uteras (a) und Ovarium (b) durch die Tube (c),
d, d muskulöse Wandungen.
Fig. 9. Lippenpapillen von Physaloptera praeputialis.
Fig. 10. Männliches Schwanzende derselben Art von der Bauchfläche, a) Cloaken-
Oeffnung , b) Schwanzende , c) Präputium ; letzteres ist in der Zeichnung
diu'chsichtig gehalten, was es in Wirklichkeit nicht ist.
Fig. 11. Männliches Hinterleibsende von Trichocephalus campanula.
a) Körper, b) Cirrusscheide, c) Cirrus.
Fig. 12. Haken des Rostellum von Echinorhynchus Dipsadis. a) vordere,
b) hintere Ordnung.
Fig. 13. Cerearia terricola. a) Bohrstachel.
Fig. 14. Cerearia terrestris. a) Bohrstachel.
Fig. 15 — 26. Bothriocephalus rug'osus.
Fig. 15. Scolex von der Eücken- oder Bauchfläche.
Fig. 16. Scolex von der Scheitelfläche.
Fig. 17. Querschnitt durch den Scolex. a) Gefässstamra, b) Nervencommissur.
') F. Schmidt. Beitr. zur Entwicklung der Geschlechtsorgane einiger
Cestoden. Leipzig 1887.
246 Dr. von Linstow: Helminthologisches.
Fig. 18. Q,iiei'schnitt durch eine Proglottide. a) Cuticula, b) Subcuticula, c) Nerv,
d) Gefäss, e) Dottertraube, f) Hodentraube, g) Ei im Ovarium.
Fig. 19. Querschnitt durch den Halstheil. a) äussere Hülle der Cuticula,
b) Cuticula, c) subcuticulare Eing- und Längsmuskeln, d) Nerv, e) Gefäss.
Fig. 20. Frontalschnitt (Längsschnitt von der Rücken- nach der Bauchfläche)
durch junge Proglottiden. a) Anlage der weiblichen Geschlechtsdrüsen,
b) Anlage der Hoden, c) Längsinuskeln, d) Kerne der Rindenschicht.
Fig. 21. Querschnitt durch einen Proglottidenraud, stark vergrössert. a) äussere
Membran, b) Cuticula, c) Subcuticiüa mit Muskeln, d) Parenchymkerne.
Fig. 22. Flächenschnitt (Längsschnitt von einem Seitenrand zum andern) durch
eine Proglottide. a) Uterus, b) Dottertraube, c) Ovarium, d) Dottergang,
e) Schalendrüse, f) Vagina.
Fig. 23. Aussenrand des Proglottiden. a) Cirrns.
Fig. 24. Flächenschnitt durch den Rand einer Proglottide. a) Cirrusbeutel,
b) Vagiija.
Fig. 25. Frontalschnitt, dem Proglottidenrande nahe, a) Querschnitt durch den
Cirrusbeutel, b) durch die Vagina, c) Hodentraube.
Fig. 26. Ein Ei mit Embryo und Embryonalhäkchen.
Helmiuthologisches.
Von
G. Brandes.
Hierzu Tafel XVII.
L
^m Rectum von Tringa alpina fand ich April 1888 in grosser
Menge ein sehr kleines Distomum (0,3 — 0,4 mm lang), das ich
nirgends beschrieben fand und Distomum claviforme nennen möchte,
da es in seiner Gestalt an eine Keule erinnert.
Wenn unser Wurm auch nicht gerade durch eine Einschnürung
in 2 Abschnitte geteilt ist, so kann man doch einen längeren flachen
Vorderteil und einen kürzeren kuglig angeschwollenen Hinterteil
unterscheiden. Der letztere beherbergt den Genitalapparat: das
Ovarium und die beiden Hoden liegen an der oberen Grenze, der
übrige Raum wird durch die stark mit Eier gefüllten Uterus-
schlingen sehr undurchsichtig gemacht.
In dieses Dunkel, das allerdings kaum besonders Überraschendes
darbieten dürfte, hätte ich gern etwas mehr Licht gebracht, aber
leider war mein bezügliches Material aus mir unerklärlichen Gründen
in eine Verfassung gekommen, die eine Behandlung mit dem Mikro-
tom nicht mehr zuliess.
Der Bauchsaugnapf liegt in einer Höhe mit den Genitaldrüsen.
Den vorderen Teil, der doppelt so lang ist, als der hintere,
durchsetzt seiner ganzen Länge nach der unpaare Abschnitt des
Darmtractus, der in seiner vorderen Partie eine eigentümliche Er-
weiterung aufweist, hinten etwas anschwillt und sich dann in zwei
kurze bauchige Darmschenkel spaltet, die fast unter rechtem Winkel
gegen die Seitenwände des Tieres verlaufen.
Dies ist alles, was ich über die Anatomie von Distomum clavi-
forme mitzuteilen im Stande bin; es ist nur wenig, aber es genügt
meines Erachtens dennoch, um die Zusammengehörigkeit dieser
Form mit einer früher beschriebenen Trematodeidarve erschliessen
zu können.
Zufällig nänüich fand ich im fünften Bande des Microscopical
Journal (Jahrgang 1865) auf Tafel VHI mehrere Abbildungen einer
in Carcinus moenas eingekapselten Trematodenlarve, die mich sofort
aufs lebhafteste an meinen Fund aus Tringa alpina erinnerten.
M'Intosh, der die Larve als einen Embryo im Ei beschreibt, spricht
die Vermutung aus, derselbe möchte vielleicht in dem Magen von
248 ^- Brandes:
Cottus, Gadus oder Lophius zum geschlechtsreifen Tiere heran-
wachsen.
Bei einem Vergleiche beider Bilder sehen wir, dass nicht nur
die Form der Larve und des ausgewachsenen Tieres dieselbe ist,
sondern wir finden auch bei beiden den typisch gebauten Darm mit
der eigentümlichen Erweiterung im vorderen Teile, ebenso stimmt
die Lage des Bauchsaugnapfes und der Geschlechtsorgane überein.
M'Intosh's Gruppen von ,, grossen zusammengesetzten" Zellen
halte ich für die Kalkkörperchen des Excretionssystems.
Hoffentlich wird Jemand, der das Glück hat, an der Küste zu
wohnen, in nicht allzulanger Zeit durch einen entsprechenden
Fütterungsversuch den bündigen Beweis für die Zusammengehörig-
keit beider Formen erbringen.
Eine andere neue, ausserordentlich interessante Distomenform
fand ich Anfang Juli d. J. im Dünndarm des so gründlich durch-
forschten Wasserfrosches i). Und zwar war es nicht etwa eine kleine
Form, die man hätte übersehen können, sondern es war im Gegen-
teil eine auffallend grosse Form. Schon von aussen sah man kurz
hinter dem Magen eine starke Auftreibung des Darmes, die etwa
10 birnförmige Distomen von 2,5 mm Länge beherbergte, welche tief
in der Schleimhaut versenkt waren. Anfangs meinte ich Amphi-
stomen vor mir zu haben, jedenfalls hielt ich den kleineren Saug-
napf für den Mundsaugiiapf und somit das spitze Ende für den
vorderen Körperteil. Als ich aber eine Schnittserie von dem Tiere
anfertigte, wurde ich bald eines besseren belehrt.
Der sehr grosse Mundsaugnapf liegt nicht am vorderen Körper-
pol, sondern ventralwärts an der Stelle der stärksten Ausladung des
mächtig geschwollenen Vorderkörpers. Auf den bedeutend kleineren
Pharynx folgt ein kurzer Oesophagus, der sich in zwei sackartige
Darmschenkel fortsetzt. Der verhältnismässig gering entwickelte
Bauchsaugnapf ist dem hinteren Körperpole sehr genähert. Zwischen
den beiden Saugiiäpfen finden wir nun den ganzen Genitalapparat;
während sonst nur der Genitalporus vor dem Bauchsaugnapfe liegt,
haben wir hier auch die Genitaldrüsen, die Schalendrüse und die
Vesicula seminalis vor demselben. Das Ovarium liegt ziemlich
nahe der hinteren Körperwand in der Höhe der Darmschenkel, der Ovi-
duct zieht von ihm in starken Windungen nach unten und durch-
setzt als Uterus mit meist sehr weitem Lumen den ganzen Körper.
Seine Mündung befindet sich in gleicher Entfernung von dem Ovarium
und dem Bauchsaugnapfe an der Seite des Tieres. Die kleinen
Dotterstöcke liegen seitlich vor dem Mundsaugnapfe, die Dotter-
gänge durchlaufen den Körper fast der ganzen Länge nach und
treten nur wenig über dem Bauchsaugnapfe zu dem unpaaren Dotter-
gange zusammen, der sich hier mit dem Uterus vereinigt.
Oberhalb dieser Stelle findet man auch die stark entwickelte
Schalendrüse. Die beiden Hoden liegen seitlich vor dem Ovarium,
') Im Laufe des Jahres ist diese Form noch mehrmals in Fröschen aus
der Umgegend von Leipzig gefunden.
Helminthologisches. 249
ihre Ausführungsgänge vereinigen sich in der Samenhlase, die in
einen muskulösen Penis übergeht und neben der weibhchen Genital-
öffnung ausmündet. Die sehr zahlreichen Eier sind klein und lang
gestreckt. Der Porus excretorius befindet sich am hinteren Körper-
pole. Die Cuticula ist von ziemlich ansehnlichen Stacheln durch-
setzt, nur der vordere breite Körperpol ist frei von ihnen.
Als Name für diesen eigentünüich gebauten Helminthen schlägt
mir mein hochverehrter Lehrer, Herr Geheimrat Leuckart, Distomum
turgidum vor.
Im Anschluss an diese beiden neuen Formen möchte ich noch
ein Distomum Dujardin's wieder in's Leben zurückrufen, das v. Beneden
ungerechtfertigter Weise in das Reich der Schatten gewiesen hat.
Es ist dies das Distomum heteroporum Duj. aus Vespertilio
pipistrellus , das ich Ende August d. J. aus dem Darme der ge-
nannten Fledermaus, die hier in Leipzig gefangen wurde, erhielt.
Dujardini) giebt von diesem Parasiten eine recht gute Be-
schreibung: er erwähnt den langen dünnen Oesophagus, die kurzen
Darmschenkel und vor allem den auffallend grossen Bauchsaugnapf
Allerdings spricht er am Schlüsse seiner Diagnose anmerkungsweise
von gleichzeitig vorkommenden kleineren Exemplaren von der Form
einer Urne, deren Bauchsaugnapf noch unentwickelt ist, die aber
schon reife Eier aufv^^eisen. Dass Duj ardin diese kleinere Form auch
für Distomum heteroporum gehalten hat, sagt er nicht; man muss
allerdings schliessen, dass er mindestens eine derartige Vermutung
gehegt hat.
Aus diesem einzigen Versehen Dujardin's glaubt nun v. Beneden ^)
folgende Schlüsse ziehen zu dürfen:
1. hat Dujardin unter dem Distomum heteroporum n. sp. das
schon bekannte Distomum chilostomum Mehl, beschrieben,
2. hat er die drei bei Fledermäusen vorkommenden Arten (Dist.
ascidia, lima und chilostomum) zusammengeworfen,
3. hat er den Bauchsaugnapf bei der kleineren Form übersehen
und endlich
4. hat er die kleinere Form für ein jugendliches Stadium von
Distomum heteroporum gehalten, es ist aber eine neue Species:
Distomum Ascidia.
Vorweg will ich bemerken, dass der Name Ascidia schon von
Rudolphi an ein Distomum aus Sparus boops vergeben ist, ich
möchte daher den Namen Distomum lagena für die Species v. Be-
neden's in Vorschlag bringen, weil das Tier in manchen Contractions-
zuständen in typischer Weise die Form einer Flasche nachahmt. ^)
') Dujardin, Histoire des Helminthes, p. 402.
') V. Beneden, Les parasites des Chauves-Souris de Belgique (Mem. de
l'Acad. de Belg. XL. 1873).
^) V. Linstow behandelt neuerdings in seinen helminthologischen Unter-
suchungen (Zool. Jahrbücher III. Abth. f. Syst.) Distomum Lagena (Ascidia)
und macht auf den wahrscheinlichen Zwischenwirt, Chironomus plumosus,
aufmerksam.
250 G. Brandes:
Und nun zu den Einwänden v. Beneden'sl
No. 4 muss ich, wie schon oben gesagt, unterschreiben, wenig-
stens was die Deutung des Gesehenen angeht, muss aber nochmals
constatieren, dass Dujardin sich wohl hütet, die kleineren Individuen
direct als Jugendformen des Distomum heteroporum hinzustellen;
es klingt diese Vermutung nur leise hindurch, und die vorsichtige
Fassung seiner Anmerkung hätte ihm jederzeit einen ehrenvollen
Rückzug gestattet.
In No. 8 behauptet v. Beneden, Dujardin habe den Bauchsaug-
napf von Distomum lagena (Ascidia) übersehen.
Dies wäre allenfalls möglich, muss aber nicht unumgänglich
aus Dujardin's Worten herausgelesen werden. Ich bin vielmehr der
Überzeugung, dass ein so vorzüglicher Beobachter wie Dujardin den
Bauclisaugnapf sicher gesehen hat und dass er nur hat sagen wollen,
der Bauclisaugnapf sei nicht so gross und nicht so entwickelt, wie
bei der beschriebenen Hauj)tform.
Sehr bestimmt glaube ich mich aber gegen den 2. Satz v. Be-
neden's wenden zu können, der Dujardin vorwirft, die drei Formen,
Dist. lagena (Ascidia), lima und chilostomum, bei der Aufstellung
seiner Species, Dist. heteroporum, unter einen Hut gebracht zu haben.
Von den charakteristischen Eigentümlichkeiten der Formen lima
und chilostomum erwähnt Dujardin in seiner Diagnose durchaus
nichts, also ist auch nicht der geringste Grund zu einer derartigen
Annahme vorhanden; die Beschreibung von Dist. heteroporum ist
vielmehr, wie schon oben bemerkt, verhältnismässig sehr klar, wie
das ein Jeder bei einem nur oberflächlichen Vergleich derselben
mit meiner beigegebenen Zeichnung zu bestätigen im Stande sein wird.
Hiermit würde dann auch die erste Behauptung v. Beneden's,
Dist. heteroporum sei identisch mit Dist. chilostomum hinfällig sein,
wie man das auch sofort ersehen kann aus einem Vergleiche der
Diagnose Dujardin's mit der Abbildung v. Beneden's^), denn auf
letzterer entspringen die Darmschenkel direct aus dem Pharynx,
haben Bauch- und Mundsaugnapf dieselbe geringe Grösse, liegen
die Hoden vor oder doch mindestens neben dem Bauchsaugnapfe etc. —
alles Momente, die den Angaben Dujardin's direct widersprechen.
Van Beneden schliesst den allgemeinen Teil auf Seite 25 mit
der Bemerkung, er sei von dem Vorkommen noch anderer Distomen
bei den Fledermäusen überzeugt, so habe er unter andern noch ein
Distomum mit sehr grossem Bauchsaugnapfe in Vespertilio pipi-
strellus gefunden. — Auf die Vermutung, dass diese Form mit Dist.
heteroporum Duj. identisch sein könne, scheint v. Beneden nicht
gekommen zu seini
Leipzig, Zoologisches Institut, 2. September 1888.
») V. Beneden, a. a. 0. PI. 6. Fig. 8.
Helminthologisches. 251
Erklärung der Tafel XVII.
Fig. 1. Distomiim claviforme n. sp.
Fig. 2. Distomum turgicUim n. sp.
ms, Mundsaugnapf, od, Oviduct,
ph, Pharynx, u, Uterus,
oe, Oesophagus, s, Schalendrüse,
i, Darmschenkel, t, Hoden,
bs, Bauchsaugnapf, v, Vesicula seminalis,
d, Dotterstöcke, p, Penis,
ov, Ovarium, g, Genitalporus,
e, Excretionsporus.
Fig. 3. Medianschnitt von Distomum turgidum,
dieselbe Bezeichnung wie bei Fig. 2.
1, Mündung des Laurerschen Canals.
Fig. 4. Distomum heteroporum Duj.
dieselbe Bezeichnung wie bei Fig. 2.
r, ßeceptaculum seminis.
252 August Wendt:
Über den Bau von Ounda ulvae
(Planaria ulvae Oersted).
Von
Aug-ust W^endt.
(Aus dem zool. Institut der Universität Rostock.)
Mit Tafel XVni und XrX.
Di
'ie Untersuchungen, über die ich in vorliegender Arbeit be-
richten werde, und die den anatomischen Bau der an der Warnovy-
mündung häufig gefundenen Gunda ulvae betreffen, wurden im
Sommer dieses Jahres im zoologischen Institut der Universität
Rostock unter gütiger Anleitung des Herrn Professor Dr. M. Braun
von mir angestellt.
Als Einleitung möchte ich das bisher über diese Planarie Be-
kannte vorausschicken.
A. S. Oersted^) beschreibt die von ihm Planaria ulvae ge-
nannte Gunda folgendermassen :
,, Corpore "2^/^'", V4'" lato, supra convexiusculo fusco-
grisescente subtus piano albescente, anterionem partem versus
angustiore, postice truncato; auch diese Art variirt sehr an Farbe
und wird mitunter blassgrau. Mitten auf dem Rücken wird sie
etwas heller und längs der Seiten finden sich hellere Flecken,"
Diesing-) giebt folgende Beschreibung von dieser Planarie:
„Corpus depressum, antice angustatura, postice truncatum,
supra convexiusculum fusco griseum, subtus planum albescens.
Longit. 2V2'"; latit. 3/4'"."
Da die von Oersted und Diesing gegebenen Beschreibungen zu
der bei Warnemünde gefundenen Planarie genau passen, war es
leicht festzustellen, dass sie die Planaria ulvae Oersteds sei, umso-
mehr als die bei Oersted sich findende vortreffliche Abbildung^)
jeden Zweifel beseitigen muss.
') A. S. Oersted: Entwurf einer systematischen Eintheihuig und speciellen
Beschreibung der Plattwürmer. Kopenhagen 1844. S. 53.
^) Diesing: Systema Helminthum. Bd. I. S. 205.
^) A. S. Oersted: loc, citat. Tab. I. 6.
über den Bau von Gunda ulvae. 253
Als ich meine Arbeit fast vollendet hatte, kam mir Isao Ijimas
Abhandlung: „Über einige Trikladen Europas" zu Händen und ich
sah mich veranlasst, auf die zahlreichen Notizen, die er auch von
unserer Planarie giebt, einzugehen und auf dieselben in vorliegender
Arbeit Rücksicht zu nehmen. Seine Angaben über den Bau dieses
Thieres werde ich an den betreffenden Stellen citiren; hier möchte
ich nur bemerken, dass er den Vorschlag macht, den für die in
Eede stehende Planarie bisher gebräuchlichen, von Oersted ge-
gebenen Namen: „Planaria ulvae" mit ,,Gunda ulvae" zu vertauschen;
mit anderen Worten, diese Planarie in die Gattung „Gunda" ein-
zureihen. Nach Vergleichung mit Gunda segmentata, der am ge-
nauesten von allen Vertretern der Gattung Gunda bekannten, und
andrerseits mit einigen andern, namentlich Süsswassertrikladen, bin
ich zu der Überzeugung gekommen, dass die bezeichnete Einreihung
wohl zulässig ist und ich bin daher Ijimas Beispiele gefolgt und
gebrauche für die bisherige Planaria ulvae die Bezeichnung Gunda
ulvae. Genauer auf die Gründe einzugehen, ist mir erst möglich,
nachdem ich den anatomischen Bau dieses Thieres, besonders des
Geschlechtsapparates beschrieben habe, da sich darauf hauptsächlich
diese Einreihung stützt.
Ich fühle mich veranlasst, hier noch eine Angabe Diesings^)
zurückzuweisen. In seinen Beschreibungen von Gunda ulvae stellt
er es nämlich als wahrscheinlich hin, dass dieselbe identisch sei mit
Fasciol oder Planaria HttoraUs 0. F. Müller.
Da ich mir nun Müllers Beschreibung dieser Planarie nicht
verschaffen konnte, möchte ich hier Van Benedens 2) Schilderung
derselben wiedergeben, um zu zeigen, dass Planaria littoralis ein
von Gunda ulvae ganz verschiedenes Thier sei:
„Ce ver est long de dix miUimetres et large d'un ä deux
miUimetres selon les contractions du corps. Lorsqu'il est etale
sa tete s'elargit et devient triangulaire. II se ramasse comme
une sangsue, quand il est inquiete et devient ovale.
Les deux yeux sont fort distincts; on voit un cercle blanc
autour d'eux. Ils sont assez rapproches. La surface du corps
est d'un jaune d'ocre legerement marbre.
Le dessous est blanc. On voit les ramifications du tube
digestif faiblement accusees ä travers l'epaisseur de la peau.
En carriere, on aper^oit un espace pale entre les deux
branches principales du canal digestif. Nous ne croyons pas que
la Planaria Ulvae Oersted soit son synonyme, puisque la tete de
ceUe-ci est tout autrement conformee."
Auch ein Vergleich der Fig. 2, in der ich Van Benedens Ab-
•) Diesing: Revision der Turbellarien. (Sitzungsberichte der kaiserl. Aka-
demie der Wissenschaften zu "Wien. 1861.) Diesing: Syst. Helminth. S. 205,
^) Van Beneden: Recherches sur la Faune littorale de Belgique.
(Tome 32 des Memoirs de l'Acaderaie Royale des Sciences).
254 August Wendt:
bildung von der Planaria littoralis möglichst getreu wiederzugeben
versucht habe, mit Fig. 1, der Darstellung der Gimda ulvae, wird
sofort zu der Überzeugung führen, dass von der Übereinstimmung
dieser beiden Thiere nicht die Rede sein kann.
Oeographisclie Terbreitiing.
Es liegen eine Reihe von Angaben vor, die mich veranlassen,
als Verbreitungsgebiet von Gunda ulvae die ganze Ostsee zu be-
zeichnen. Die Angaben, auf die ich Bezug nehme, sind folgende:
A. S. Oersted ^) sagt: „Sie ist sehr allgemein überall im Sunde
in der Nähe der Küsten, vornehmlich auf den Ulven."
Als Fundort wird von Diesing^) angegeben:
,,in sinu Codano, praesertim ad Ulvas."
K. Möbius'^) fand Planaria ulvae auf folgenden Stellen:
13 Seemeilen ONO von Darserort auf grobem Sand und rothen
Algen,
bei Hiddensö auf feinem Sand, Steinen, Seegras und rothen Algen,
bei Rönnestein auf Steinen und rothen Algen,
im Süden von Bornholm,
an der Stolper Bank,
im ganzen Oeresund.
Gunda (Planaria) ulvae wurde ferner in grosser Menge von
H. Lenzl^) in der Travemünder Bucht, im Hafen und auf den flachen
Stellen des Binnenwassers gefunden.
Im inneren Theile der Bucht von Wismar fand Herr Professor
Dr. M. Braun"') einige Exemplare dieser Planarien zwischen Algen.
Ijima*^) sammelte die zu seinen Untersuchungen verwendeten
Exemplare am grobsteinigen Ufer von Klanpenborg, unweit Kopen-
hagen.
Im August 1881 fand Herr Prof. Dr. Braun '^) dieselbe im west-
lichen Theil des finnischen Meerbusens in der Strandzone zwischen
Tang und Algen.
') loc. citat. S. 53.
^) Diesing: Systema Helminthum. Bd. I. S. 205.
^) K. Möbius: Faunistische Untersuchungen der wirbellosen Thiere der
Ostsee.
(Jahresberichte der Kommission zur Erforschung deutscher Meere. Jahr-
gang I. 1872.)
*) H. Lenz: Wirbellose Thiere der Travemünder Bucht. (Jahresberichte
der Kommisson etc. wie oben. Anhang zu den Jahrgängen 1874. 1875. 1876.)
^) Prof. Dr. M. Braun : Faunistische Untersuchungen in der Bucht von
Wismar. (Archiv für Freunde der Naturgeschichte in Mecklenburg. Jahrg. 42.
1888. S. 15).
«) Ijima: Über einige Trikladen Europas. S.341. Journ. Sc. Coli. Japan Bd. I:
') Prof. Dr. M. Braun: Physikalische und biologische Untersuchungen im
westlichen Theile des finnischen Meerbusens. Dorpat 1884.
über den Bau von Gunda ulvae. 255
ülianin's ^) Angabe, diese Planarie aiicli in der Bucht von Se-
bastopol gefunden zu haben, wird schon von Ijima^) widerlegt; mir
liegt die Originalarbeit nicht vor.
Wenn wir von Diesings diesbezüglicher Bemerkung absehen,
haben wir keinerlei Nachricht über das Vorkommen dieses Thieres
in der Nordsee oder in anderen Meeren.
Die zu meinen Untersuchungen gebrauchten Thiere wurden alle
bei Warnemünde gesammelt. Hier nämlich ist ein Durchstich ge-
macht, um die Warnow direkt mit der See zu verbinden, der „Strom"
genannt. An den Pfählen, mit denen der Strom eingefasst ist, finden
sich massenhaft Muscheln (Mytilus) und auf und zwischen diesen
Pfahlmuscheln sind die Planarien in grosser Anzahl zu finden. Ihre
braunen Kokons heften sie in ganzen Gruppen an die Innenfläche
der Schalen abgestorbener Muscheln. Auch weiter hinaus, am Strande,
fand ich einige Exemplare von Gunda ulvae.
Fassen wir alles zusammen, so können wir sagen: Die Gunda
ulvae kommt in der ganzen Ostsee vor, am häufigsten
findet sie sich in der Nähe der Küsten, in Buchten und
Flussmündungen auf allen möglichen Gegenständen.
Aeussere Kennzeichen.
Die Gunda ulvae, eine schlanke Planarie, die im ausgewachsenen
Zustande 3 — 4 mm lang und V4 mm breit ist, zeigt wie viele andere
Vertreter dieser Art rechts und links am sog. Kopfe eine Einbuchtung
des Körperrandes. Das Hinterende des Körpers ist stumpf abgerundet
und die Einkerbungen, die Ijima erwähnt, sind keine regelmässigen
Erscheinungen, sondern bei langsamer Fortbewegung des Thieres
durch das Haftenbleiben einer der unten näher zu beschreibenden
Klebzellen verursacht. Am Kopfe fallen sofort die äusserst beweg-
lichen Aurikularfortsätze auf, die das Thier augenscheinlich als
Tastorgane benutzt. Die beiden schwarzen Augenpunkte liegen an
der schmälsten Stelle des Körpers in ziemlicher Entfernung vom
vorderen Körperrand.
Die Farbe dieser Planarie variirt vom dunkelgrau und braun
bis zum schwarz, auf der Ventralseite ist sie bedeutend heller, zu-
weilen ganz hellgrau. Jederseits und in der Mitte des vorderen
Körperrandes nehmen drei dunkle Pigmentstreifen ihren Ursprung
(s, Fig. 1) und ziehen konvergü-end gegen die Augengegend, ohne
sich jedoch mit einander zu verbinden. Der mittlere dieser Streifen
verläuft gerade nach hinten bis zur Wurzel des Pharynx, wo er
endigt, die seitlichen gehen in die laterale Pigmentirung der Dorsal-
seite über.
') Ulianin ün Bericht des Vereins der Freunde der Naturwissenschaft zu
Moskau 1870 (Russ,).
^) Ijima, Über einige Trikladen Europas. S. 342.
256 August Wendt;
Längs des Rückens in der Medianlinie verläuft ein heller, etwa
Ve mm breiter heller Streif, der dem Pharynx entspricht und ferner
zeigen sich an den Seitentheilen des Rückens helle Punkte, welche die
an diesen Stellen im Innern des Körpers gelegenen Hoden andeuten.
Bei jungen Thieren gestalten sich diese Verhältnisse dadurch
etwas anders, dass die Pigmentirung noch nicht so weit vorgeschritten
ist; man sieht aus diesem Grunde bei ihnen mehr von den inneren
Organen, wie an älteren Individuen, so z. B. das Centralnervensystem
und eine Anzahl von Darmzweigen, während andrerseits die noch
nicht zur Entwicklung gelangten Hoden das Fehlen jener weissen
Pünktchen auf den Seitentheüen des Rückens bedingen.
Im Wasser erscheinen junge Thiere gleichmässig weiss, ältere grau.
Die gewöhnliche Art des Kriechens erinnert an die Fortbewegungs-
weise eines Blutegel, wie Ijima, der nur diese Kriechbewegung sah,
angiebt und wie van Beneden ^) es der Planaria littoraHs zuschreibt,
doch findet sich auch die gleitende Kriechbewegung, wie sie anderen
Planarien zukommt. Beim Schwimmen hegt das Thier mit der ge-
wölbten Dorsalfläche auf dem Wasser und treibt sich jedenfalls durch
die Bewegung der Cilien weiter.
Behandlungsmetliode.
Die frisch gefangenen Exemplare wurden mit siedendem
Quecksilberchlorid getödtet, dann in Alkohol gehärtet, schliesslich
in Weigertschem Pikrokarmin, das sich als hierzu am besten sich
eignend erwies, gefärbt und mittelst des Mikrotoms geschnitten, und
zwar sind sowohl Quer- als auch Längs- und Frontalschnittserien
angefertigt worden und zu den folgenden Untersuchungen benutzt.
Das Körperepitliel.
Wie alle bis jetzt beschriebenen Turbellarien ist auch Gunda
ulvae mit einem dichten Saum von Cilien versehen, die am lebenden
Thier stets eine lebhafte Bewegung zeigen, an den Präparaten gut
sichtbar erhalten sind. Die Länge der einzelnen Cilien und die
Dichtigkeit des Cilienbesatzes ist hier im Gegensatz zu andern Pla-
narien sehr konstant; es fehlen sogar die sonst meistens vorhandenen,
als der Sinnesfunktion dienend betrachteten Büschel längerer CiUen
an den Aurikularfortsätzen, wie sie z. B. Ijima-) von den Süsswasser-
trikladen, J. v. Kennel an Planaria lugubris beschreiben.
Die Epidermis wird gebildet von einer einfachen Lage ziemlich
hoher, polyganaler Zellen, die mit feinkörnigem, in Pikrokarmin tief-
roth gefärbten Protoplasma und einem grossen Kern versehen sind,
') Van Beneden (loc. cit.).
■-') Isao Ijima: Untersuchungen über den Bau und die Entwicklungs;
geschichte der Süsswasser - Dendrocoelen (Trikladen). Zeitschrift für wissen-
schaftliche Zoologie. Bd. 40. Leipzig 1884. S. 366.)
über den Bau von Gnnda ulvae. 257
der oft, besonders in der Gegend der Aurikularfortsätze, die ganze
Breite der Epithelzelle einnimmt. Auf sämmtlichen Präparaten
konnte ich die Zellgrenzen deutlich wahrnehmen.
In diesen Epithelzellen liegen die wohl an allen Turbellarien
nachgewiesenen, auch hier bei Gunda ulvae äusserst zahlreichen
sogenannten Rhabditen oder Stäbchen, die hier Spindelform mit
zugespitzten Enden haben und deren Querschnitt stets rund ist.
Auch hier lassen diese in Pikrokarmin braungelb gefärbten, als
stark liclitbrechend sich erweisenden Gebilde keine Strukturverhält-
nisse erkennen. Während J. v. Kennel ') an den Landplanarien zwei
Arten Rhabditen nachweist, grosse, 0,02 mm lange, eiförmige, ellip-
tische oder auch spindelförmige Körperchen und fadenförmige, fein
zugespitzte, gewöhnlich an einem oder beiden Enden umgebogene,
die nur auf feinen Schnitten oder nach Isolirung zu bemerken sind,
gelang es mir nicht, derartige Differenzirungen bei Gunda ulvae
aufzufinden. Ich sah allerdings, dass die Stäbchen in Bezug auf
ihre Grösse beträchtlichen Schwankungen unterworfen waren; stets
aber war die Form konstant.
Über die physiologische Bedeutung dieser eigenthümlichen Organe
sind, wie bekannt, die verschiedensten und widersprechendsten An-
sichten aufgestellt worden, die sich zum grössten Theil auf die
Annahme stützen, die Stäbchen würden von dem Thier, ausser wenn
es einem übermässig starken Drucke ausgesetzt werde, nicht nach
aussen entleert. Soviel ich weiss, ist Anton Schneider-) der einzige,
der die Ausstossung dieser Organe beobachtet zu haben angiebt; er
hält dieselben für Reizmittel bei der Begattung und weist die doch
eigentlich viel näher liegende Annahme, dass sie als Waffen dienen,
damit zurück, dass er bei Untersuchung von Daphnien, die soeben
eine Turbellarie im Kampf bewältigt hatten, keine Stäbchen vorfand.
Während Max Schnitze ^) auf Grund der Annahme, die Rhabditen
würden nicht ausgestossen, sie für Endorgane des Nervensystems
erklärt, die ein feineres Tastvermögen der Haut beförderten, hält sie
Ijima^) aus gleichem Grunde für Stützorgane des Körperepithels, die
dazu dienen, die Festigkeit und Widerstandsfähigkeit der Haut zu
erhöhen.
Zu Studien dieser Art eignet sich nun aber Gunda ulvae, die
auf den leisesten Reiz hin eine Menge Stäbchen mit ziemlicher
Heftigkeit entleert, ganz besonders. Man wird es daher erklärlich
finden, dass ich diese Gebilde weder für Endorgane der Sinnesnerven,
noch für Stützorgane, sondern einzig und allein für Waflen halte,
') J. V. Kennel: Die in Deutschland gefundenen Landplanarien. Rlij'ncho-
demus terrestris und Geodesmus bilineatus Metschn. (Arbeit d. zool. Instit. zu
Würzburg. Bd. V. 1879.)
^) A.Schneider: Untersuchungen über Plathelminthen. Glossen 1873. S. 21.
^) Max Schnitze: Beiträge zur Naturgeschichte der Turbellarien. Greifs-
wald 1851.
*) Isao Ijima: Untersuchungen über den Bau etc. s. o. S. 373.
Aich. f. Natnrgesch. Jahrg. 1888. Bd. I. H. 3. 17
258 August "Wen dt:
die das Tliier, wenn es gereizt wird, seinem Angreifer entgegenschnellt.
Auch die Annahme, dass die Rhabditen bei der Begattung eine Rolle
spielen, ist mir unwahrscheinlich, da gerade in der Gegend um die
GeschlechtsötFnung herum dieselben ganz fehlen.
Inbetreff der Entstehungsweise der Rhabditen bin ich zu keinem
sichern Resultate gekommen. Da die starke Pigmentablagerung im
Parenchym der Dorsalseite derartige Beobachtungen hindert, kann ich
nicht sagen, ob auch hier, wie Ijima es von den Süsswasserplanarien
angiebt, die Stäbchen innerhalb besonderer Bildungszellen entstehen ;
auf der Ventralseite habe ich nie etwas davon gesehen. J. v. Kennel i)
hält diese Organe für verdichteten Schleim, der zum Fangen kleiner
Thiere dienen soll.
Besonders modificirt erscheinen die Epithekellen in den auch von
Lang") an Gunda segmentata nachgewiesenen Klebzellen, die zur
Anheftung des Thieres an die Unterlage dienen; dieselben bewirken,
dass es oft nicht geringe Schwierigkeiten kostet, eine Gunda selbst
von glatten Gegenständen, wie z. B. Glas abzuheben. Kriecht ein
solches Tili er langsam auf einem Objektträger umher, so kann man
beobachten, dass oft die Körperperipherie, namentlich der hintere
Körperrand in einzelne Spitzen ausgezogen ist, die sich langsam
lösen. Dabei sieht man, dass es eine Klebzelle ist, die dies Haften-
bleiben bewirkt.
Bei Gunda ulvae bilden wie bei Gunda segmentata die Kleb-
zellen an der Bauchseite, beinahe dicht am Körperrande eine Zone,
die den Körper rings umsäumt und die am vorderen und hinteren
Ende eine Verbreitung insofern erfährt, als hier die Zellen zu ganzen
Gruppen zusammentreten. Unmittelbar bis an den Körperrand erstreckt
sich diese vordere und hintere Erweiterung nicht, sondern dieselbe
endet stumpf bogenförmig in einiger Entfernung von dem Rande. Die
Klebzellen unterscheiden sich von den übrigen EpithelzeUen schon
durch ihre Grösse, sie sind bucklig aufgetrieben, entbehren der
Stäbchen und Cilien und haben an ihrer freien Oberfläche (s. Fig. 4)
einen Kranz von regelmässig angeordneten, kurzen, steifen Borsten,
während die an Gunda segmentata beschriebenen derartigen Zellen
zwar im übrigen gleich gebildet sind, statt der Borsten aber papillöse
Fortsätze tragen. Im Bereich dieser Klebzellen münden eine Menge
grosszelliger Drüsen, die im Parenchym unterhalb der Muskulatur
gelegen sind, nach aussen aus. Das Sekret derselben ist, wie man
oft auf Glas, auf dem das Thier sich fortbewegt hat, beobachten
kann, durchsichtig, klebrig und fadenziehend. Ijima 3) vermuthet die
Existenz dieser Zellen bei Gunda ulvae.
') Sitzungsberichte der Naturforscher - Gesellschaft bei der Universität
Dorpat. Bd. Vin, 2tes Heft, 1887. Dorpat 1888.
^) Arnold Laug : Der Bau von G-unda segmentata und die Verwandtschaft
der Plathehninthen mit Coelenterateu und Hirudineen. (Mittheilungeu aus der
zool. Station zu Neapel. B. in. Leipzig 1882. S. 192.)
^) Ijima, Über einige Trikladen Europas.
über den Bau von Guntla ulvae. 259
Noch eine andere Modifikation, von der ich nirgend in der
Literatur etwas angegeben finde, miiss ich hier erwähnen. Regel-
mässig zeigen sich nämhch um die Geschlechts- und Mundöffnung
herum eine Reihe von Fortsätzen verschiedenster Form, die zuweilen
eine nicht ganz unbeträchtliche Grösse erreichen und die sich als
vom Protoplasma der Epithelzellen in der Nachbarschaft der beiden
Offnungen ausgehend zeigen (s. Fig. 5), weshalb ich für dieselben
auch die Bezeichnung Protoplasmafortsätze gebrauchen möchte.
Ich nehme an, dass die betreffenden Epithelzellen bis zum gewissen
Grade die Fähigkeit haben, amöboide Bewegungen auszuführen und
damit vielleicht ebenfalls eine Art Anheftung für die Mundöffnung
an die Nahrung, für die Geschlechtsöffnung bei der Begattung an
ein anderes Exemplar zu vermitteln.
HautmuskelscWaucli.
Die Epithelzellen sitzen einer sehr zarten, hyalinen Basal-
membran auf, die stets an den unter ihr gelegenen Muskelschichten
haftet und schwer von denselben zu trennen ist. Ijima') schreibt
der Gunda ulvae eine äussere Ringsfaser- und eine innere Längs-
faserschicht, und zwischen diesen eine aus sich kreuzenden Fasern
bestehende Schicht zu; auch nimmt er an, dass die äusseren Rings-
fasern nicht ganz parallel, sondern etwas schräg verliefen, so dass
sie sich oftmals kreuzten.
Die letztere Beobachtung scheint mir nicht richtig zu sein; die
Anordnung der einzelnen, übrigens sehr zarten Fasern ist eine ganz
regelmässige, die Fasern verlaufen genau parallel. Eine zweite, aus
äusserst feinen Fasern bestehende Längsmuskelschicht beschreibt er
garnicht; allerdings kommt dieselbe sehr um'egelmässig vor, auf gut
geführten Flächenschnitten aber ist sie immer sichtbar.
Die dritte, aus sich kreuzenden, schräg verlaufenden Fasern
bestehende Schicht übertrifft die beiden vorigen an Stärke ganz
bedeutend (s. Fig. 6) und bildet ein dichtes Netzwerk, in dessen
Maschen zahlreiche Bindegewebskerne liegen.
Noch mehr ist dies der Fall bei der innersten Schicht, die aus
starken, vielfach mit einander anastomosirenden Fasern besteht,
an denen meist eine Zusammensetzung aus Fibx'illen deutlich er-
kennbar ist.
Die beiden letzten Schichten wechseln ganz bedeutend inbetreff
ihrer Stärke, so ist die Ventralmuskulatur immer stärker als die
dorsale und selbst auf der Ventralseite finden sich Stellen, die eine
dünnere Muskelschicht erkennen lassen.
Parencliym, Drüsen, Pigment.
Nach V. Graff besteht das Parenchym bei allen Turbellarien aus
Bindegewebsbalken , Bindegewebszellen und Sagittalmuskelfasern ;
') loc. citat. S. 344.
17*
260 August Wendt:
dagegen nimmt Ijima^) an, dass nur Sagittalmuskelfasern und ver-
ästelte Zellen vorhanden seien. Hier bei Gunda ulvae bilden die
Bindegewebsfasern ein ziemlich dichtes Netzwerk, in dessen Maschen
die Kerne von nicht gefärbten Bindegewebszellen zahlreich liegen.
Das Bindegewebe ist sowohl von dorsoventral verlaufenden, als auch
von kleinen, nach allen Richtungen hin sich erstreckenden Muskel-
fasern durchsetzt.
Schleimdrüsen nennen wir die überall im Parenchym unter
der Hautmuskulatur zahlreich vorhandenen ziemlich grossen, dunkel-
roth gefärbten Drüsenzellen, deren Ausführungsgänge im Bereich der
oben beschriebenen Klebzellen ausmünden und die das zur Anheftung
des Thieres an die Unterlage dienende Sekret liefern. Besonders
zahlreich sind diese Schleimdrüsen am vorderen und hinteren Körper-
ende, wo ja auch die Klebzellen zu ganzen Gruppen vereinigt sind.
Speicheldrüsen werden die in dem Bindegewebe an der
Wurzel des Pharynx gelegenen Drüsenzellen genannt, deren Aus-
fiihrungsgänge in der bindegewebigen Zone des Pharynx nach hinten
verlaufen bis sie an dem freien Ende desselben, der sogenannten
Lippe nach aussen ausmünden.
Die Pigmentablagerung ist bei Gunda ulvae am stärksten
auf der Dorsalseite vorhanden. Sie ist hier so bedeutend, dass sie
die Beobachtung innerer Organe am lebenden Thier zur ünmögüchkeit
macht und sell3St an Präparaten oft der Untersuchung einzelner
Verhältnisse, wie z. B. der Bildung der Rhabditen innerhalb be-
sonderer Zellen, grosse Schwierigkeiten entgegensetzt. Von den
charakteristischen drei Pigmentstreifen, die vom vorderen Körperrande
entspringend nach der Augengegend zu konvergiren, habe ich schon
oben gesprochen. An der Bauchseite ist die Pigmentirung stets
schwächer, ebenso bei jungen Thieren.
Yerdauungstraktus.
Da der Apparat der Nahrungsaufnahme in allen wesentlichen
Punkten mit dem anderer Trikladen übereinstimmt, kann ich mich
darauf beschränken, die Verhältnisse, die derselbe bei Gunda ulvae
zeigt, in Kürze hier anzugeben.
Die Mundöffnung, die auch hier auf der Ventralseite in der
Medianlinie, etwa ^/4 Körperlänge vom hinteren Körperrande entfernt
liegt, ist mit zwei Muskelschichten versehen, einer Ringsfaserschicht,
die als Sphincter dient, und einer radiär nach allen Seiten aus-
stralilenden, die die Erweiterung des Mundes bewirkt. Die Fasern
dieser letzteren Schicht durchsetzen die Ringsmuskulatur und inse-
riren sich direkt an die Basen der die Mundöffnung umgebenden
Epithelzellen. Um den Porus herum zeigt die Ventralfläche eine
kleine Einbuchtung, an deren Grunde die oben beschriebenen, mit
Protoplasmafortsätzen versehenen Epithelzellen liegen (s. Fig. 5).
') Ijima, loc. citat.
über den Bau von Gunda ulvae. 261
Die Pharyngealtasche hat, wie bei Gimda segmentata eine
bedeutende Länge und ist mit einem niedrigen Plattenepithel, das
grosse, deutliche Kerne zeigt, ausgekleidet, besitzt jedoch keine
eigene Muskulatur.
Auch die Anordnung der Schichten des Pharynx ist dieselbe,
wie bei anderen Trikladen (s. Fig. 7). Am weitesten nach aussen
liegt eine Cutikula, die keine Strukturverhältnisse mehr zeigt, für
deren Entstehung aus verschmolzenen Epithelzellen aber die darunter
liegende haarscharfe hyaline Basalmembran spricht ; diese Cutikula ist
dicht mit Cilien besetzt. Von den darauf folgenden Muskelschichten
besteht die erste aus einer einfachen Lage dicht gedrängter, auf
dem Querschnitt länglich runder längs verlaufender Muskelfasern, die
zweite aus einer weit stärkeren Schicht Ringsfasern. Zmschen dieser
äusseren und der inneren Muskulatur liegt eine breite bindegewebige
Zone, in der die zahlreichen Ausfiihrungsgänge der Speicheldrüsen
verlaufen und in der nahe der Lippe die den Rüssel versorgenden
Nerven grosse Plexus bilden. Die Bindegewebskerne liegen alle in
der Nähe entweder der äusseren oder der inneren Muskulatur. Diese
letztere besteht wiederum aus einer Längsfaserschicht, die eine ein-
fache Lage bildet und der ziemlich mächtigen Ringsmuskulatur,
die eine Menge Bindegewebskerne enthält, also von Bindegewebe
durchsetzt ist. Das Lumen des Rüssels wird von einem Epithel aus-
gekleidet, das auf den ersten Blick wie eine homogene Membran
erscheint, bei genauerer Besichtigung aber die Zellgrenzen, allerdings
jedoch keine Kerne erkennen lässt. Alle diese Schichten durchsetzen
eine grosse Anzahl radiär verlaufender, regelmässig angeordneter
Muskelfasern, die vom inneren bis zum äusseren Epithel deutlich zu
verfolgen, sind.
Der Darm, der wie bei allen diesen Thieren dreitheilig ist,
bildet nicht nur primäre, sondern auch sekundäre Verzweigungen
und unterscheidet sich dadurch hauptsäcldich von dem der Gunda
segmentata, bei der die sekundären Zweige fehlen, obwohl er sonst
in allem, selbst in der Zahl der primären Verzweigungen damit über-
einstimmt.
Das Epithel des Darmes, das genau wie bei anderen Planarien
beschaffen ist, kann ich zu beschreiben unterlassen, nur auf etwas
möchte ich aufinerksam machen: Zwischen zwei Epithelzellen liegen
oft lebhaft gefärbte, birnförmige Körper, die mit runden hellen
Bläschen angefüllt sind. Bei Beschreibung der Planaria polychroa
erwähnt Ijima^) ebenfalls solche Bildungen, er hält sie für alte Zu-
stände der nach der Aussenfläche des Darms geschobenen Zellen,
welche jetzt die aufgenommene Nahrung zu verflüssigen im Begrift' sind.
über die intracelluläre Verdauung sehe man Metschnikoffs und
Graffs Angaben.
1) Ijima: Untersuchungen über den Bau etc. von Süsswassertrikladen, s.o.
S. 393.
262 August Wendt:
Exkretionsorgaue.
Die Schwierigkeiten, die sich auch bei andern Meerestrikladen
der Erforschung dieser Verhältnisse entgegenstellen und die ver-
ursachten, dass man erst in neuerer Zeit die Existenz eines Exkretions-
apparates nachweisen konnte, v.-erden bei Gunda ulvae noch dadurch
vermehrt, dass die starke Pigmentablagerung im Parenchym, nament-
lich an der Dorsalseite, die Beobachtungen am lebenden Thier hindert.
Ich musste mich daher darauf beschränken, Untersuchungen über
diesen Punkt an jungen Tbieren, bei denen bekanntlich noch nicht
soviel Pigment vorhanden ist, anzustellen. Wenn ich dieselben in
ein wenig Wasser auf einen Objektträger brachte und nun durch
Auflegen des Deckglases einen Druck auf das Thier ausübte, so
traten nach einiger Zeit einzelne Theile des Exkretionsapparates
hervor, durch deren Zusammenstellung ich versuchte, mir ein Bild
über die bei Gunda ulvae herrschenden derartigen Verhältnisse zu
machen. Man sieht zahlreiche, über den ganzen Körper zerstreute
Gruppen von hellen runden Bläschen, in deren Mitte immer eine
sog. Wimperflamme eine lebhafte Bewegung zeigt. Mit diesen
Wimpertrichtern stehen die, namentlich im Kopftheil ausserordentlich
zahlreichen Kapillaren in Verbindung, die oft eine Flimmerung zeigen
und die, zu grösseren Stämmen vereinigt, schliesslich in die Haupt-
stämme einmünden. Von letzteren scheinen nur zwei Paare vorhanden
zu sein, welche dorsal- und ventralwärts von der Pharyngealtasche,
wo sie besonders deutlich sind, einen vielfach geschlängelten Verlauf
zeigen, auch zahlreiche Anastomosen unter einander eingehen. Sie
scheinen mittelst kurzer Röhrchen nach aussen auszumünden. Ob
sie am hinteren Körperende blind endigen oder wie weit sie sich
nach vorne erstrecken, konnte ich nicht beobachten.
Die Creschleclitsorgaiie.
A. Übersicht.
Inbetreff der Endorgane des Geschlechtsapparates zeigen Gunda
ulvae und Gunda segmentata grosse Übereinstimmung, die Anordnung
der Hoden und der Dotterstöcke ist eine ganz andere. Während
nämlich bei Gunda segmentata diese Organe streng segmental an-
geordnet sind, so dass jedes Septum mit einem einzigen Hoden resp.
Dotterstock versehen ist und auch diese immer dieselbe Lage inne-
haben, so wechselt bei Gunda ulvae sowohl die Anzahl, die ein
Septum enthält, als auch die Lage; sie liegen ganz beliebig bald
mehr ventral-, bald dorsalwärts.
Die auch hier im vorderen Körpertlieil in einiger Entfernung
hinter dem Gehirn gelegenen Ovarien stehen direkt mit den Ovi-
dukten in Verbindung, die, zunächst nach hinten unmittelbar über
den grossen Körpernervenstämmen verlaufend, in der Gegend, wo der
Uterus liegt, plötzlich medianwärts rechtwinklig umbiegen und sich in
der Medianlinie vereinigen (s. Fig. 0). Von diesemVereinigungspunkt geht
über den Bau von Gnnda ulvae. 263
der iinpaaro Ovidukt iiacli vorne und oben und mündet in einen
kleinen, von dem Uterusgang gebildeten Sinus ein, der nicht weit
vor dem Uterus gelegen ist. Dieser letztere steht durch den Uterus-
gang direkt mit dem Genitalantrum und durch den Geschlechtsporus
mit der Aussenwelt in Verbindung. Von oben her steht mit dem
Genitalantrum die Penisscheide in Verbindung, in der der Penis liegt
und zwar ist derselbe im Gegensatz zu Gunda segmentata, bei der
er schräge nach hinten gerichtet ist, vertikal mit der Spitze nach
unten gestellt. Oben münden in den Hohlraum desselben die Vasa
deferentia ein. In den unpaaren Ovidukt entsenden die Schalen-
drüsen (s. Fig. 9) ihren Ausfuhrungsgang.
B. Männliche Geschlechtsorgane.
Die in den Septen zwischen den Darmverzweigungen gelegenen
Hoden zeigen durchaus nicht die streng segmentale, regelmässige
Anordnung, wie sie Lang an Gunda segmentata nachweist, selbst die
Zahl ist äusserst wechselnd. Während nämlich ein einzelnes Septum
bei der letzteren regelmässig nur einen Hoden enthält, finden sich
hier bei Gunda ulvae ein , zwei bis vier in demselben Septum , von
denen einige mehr der Dorsal-, andere der Ventralseite genähert
liegen. Die Gesammtzahl derselben beträgt etwa 60 — 70. Ijimas
Angabe (loc. cit. S. 348), dass die Hoden bei Gunda ulvae in einer
Lage an der dorsalen Seite des Körpers gelegen seien, ist demnach
nicht richtig.
Die Wandung der Hoden wird gebildet von den einer feinen
strukturlosen Membran aufsitzenden Spermatoblasten, kleinen, poly-
gonalen, in Pikrokarnim tiefroth gefärbten Zellen, deren verhältniss-
mässig grosse Kerne eine ziemliche Anzahl von Kernkörperchen auf-
weisen. Bei jungen, 2ioch nicht geschlechtsreifen Thieren, bei denen
noch keine Spermatozoenoitwicklung stattfindet, sind die Verhältnisse
insofern anders, als der Hoden selbst einen soliden Zellhaufen bildet,
die Spermatoblasten noch nicht mit Kernkörperchen versehen sind.
Immer geht die Verwandlung der Spermatoblasten in Spermatozoen
bei beginnender Geschlechtsreife von der Mitte der Hoden aus vor
sich und schreitet gegen die Wandung fort. Während von andern
Planarien ein Zusammenfallen der Wandungen des Hodens nach
beendigter Spermatozoenentwicklung nachgewiesen wird, konnte ich
hier bei Gunda ulvae diesen Vorgang nicht beobachten; die Hoden
hatten immer noch ihre volle Ausdehnung und die Wand war stets
noch von mindestens einer Lage Spermatoblasten bedeckt.
Die Bildung der Samenf^iden geht nun in folgender Weise
vor sich:
Während sich eine Zelle aus der Verbindung mit den übrigen
lostrennt und in das Lumen des Hodens eintritt, beginnt der Kern
derselben zu zerfallen, und zwar scheint er mir in soviele Kernstücke
sich zu theilen, wie Kernkörperchen in ihm vorhanden waren. Die
Kernstücke treten nun an die Peripherie der durch Substanzaufnahme
264 August Wendt:
rasch sich verf>;rössernden Zelle und zwar so, dass bei der nun ein-
geleiteten Theilung des Spermatoblasts in radiäre Streifen je ein
Kernstück am Ende eines solchen Streifens gelegen ist. Vorläufig
bleiben nun diese Streifen, die zukünftigen Spermatozoen , noch in
Verbindung mit einander, sie ordnen sich zu sternförmigen Figuren
an (s. Fig. 10), wobei immer das Kernstück an dem freien Ende des
Streifens liegt. Erst nachdem die nun in die Länge wachsenden,
dafür aber an Breite abnehmenden Streifen fast fadenförmig ge-
worden sind, lösen sie sieh aus ihrer Verbindung und ordnen sich
im Hohlraum des Hodens derart, dass die zum Spermatozoenkopf
gewordenen früheren Kernstücke gegen die Wandung gerichtet sind.
Ob später der Kopf verloren geht, kann ich nicht bestimmt feststellen,
es scheint mir aber der Fall zu sein. Es hat auf diese Weise die
Zelle ihren ganzen Inhalt ohne Hinterlassung eines Rückstandes zur
Bildung der Spermatozoen hergegeben.
Die Vasa efferentia, die von der ventralwärts verlängerten
Umhüllungsmembran der Hoden gebildet werden, und die vielfache
Anastomosen mit einander eingehen, so dass die Hoden verschiedener
Septen mit einander in Verbindung stehen, konnte ich hier bei Gunda
ulvae niemals bis zur Einmündung in die Vasa deferentia verfolgen,
wie es Lang^) bei Gunda segmentata gelang. Vielleicht entzieht
sich der weitere Verlauf der Vasa efferentia, die, wenn nicht Sper-
matozoen in ihnen enthalten sind, sich wahrscheinlich zusammenlegen,
wegen ihrer Zartheit unserer Beobachtung. Dass eine direkte Ver-
bindung auch bei diesem Thiere zwischen Hoden und Vasa deferentia
vorhanden ist, nehme ich bestimmt an; Ijima-) freilich, der bei Süss-
wassertrikladen ebenfalls eine Verbindung nicht auffinden konnte,
glaubt, die Spermatozoen gelangten durch die Lücken des Paren-
chyms hindurch in die Samenleiter.
Die Vasa deferentia nehmen ihren Ursprung ungefähr in der
Gegend der Mitte der Pharyngealtasche und verlaufen lateralwärts
von derselben zunächst nach hinten ; in der Gegend der Mundöfifnung
biegen sie median- und dorsalwärts um und münden schliesslich,
nachdem sie vielfache Windungen gebildet, in das obere Ende des
Penishohlraums ein. Das ziemlich grosse, bei allen untersuchten
Thieren dicht mit Spermatozoen angefüllte Lumen der Samenleiter
wird von einer einfachen Lage platter, mit deutlichem Kern ver-
sehener Epithelzellen ausgekleidet; eine Muskulatur oder Basal-
membran konnte ich nicht auffinden. Ijima^) giebt weder über
Vasa efferentia von Gunda ulvae noch über Vasa deferentia Notizen.
Über den Penis bei Gunda ulvae beschränkt sich Ijimas ^)
Angabe auf folgende Worte:
') Lang, loc. citat. S. 201.
^) Ijima, Süsswassertrikladen.
'^) loc. cit.
*) loc. cit. S. 347.
über den Bau von Gunda ulvae. 265
„Der zapfenförmige Penis von Gunda ulvae ist von oben nach
unten gerichtet."
Der Penis, ein konischer Zapfen, der, wie bei anderen Planarien
durchbohrt, und der wie der Pharynx von einer besonderen Scheide
umgeben ist, ist bei Gunda ulvae vertikal gestellt, so dass die Spitze
nach unten, die Basis aber nach oben gerichtet ist (s. Fig. 9). Die
freie, in die Penisscheide hineinragende Fläche desselben ist mit
einem flachen Plattenepithel, das ziemlich grosse Kerne zeigt, be-
deckt; der Hohlraum, der nicht überall gleich weit ist, sondern dicht
vor seiner Ausmündung in die Penisscheide einen Sinus bildet, ist
mit Cylinderepithel ausgekleidet.
Von den Muskelschichten, die als im Penis anderer Planarien
vorkommend beschrieben werden, findet sich hier nur eine einzige,
eine die Epithelzellen des Lumens unmittelbar umgebende Rings-
faserschicht, die aber auch ziemlich unregelmässig und schwach aus-
gebildet ist. Der Raum zwischen dieser Muskulatur und dem äussern
Epithel wird von einem mit zahlreichen Muskelfasern durchsetzten,
anscheinend elastischem Bindegewebe eingenommen, dessen grosse
Kerne meist peripher angeordnet sind. Penisdrüsen scheinen nicht
vorhanden zu sein.
Die, die konische Gestalt des Penis wiederholende, nach unten
durch einen engen Kanal mit dem eigentlichen Genitalantrum in
Verbindung stehende Penisscheide ist mit einem Cylinderepithel,
das eine ganz eigenthümliche Beschaffenheit zeigt, ausgekleidet : hier
bilden nämlich die freien, in den Sinus hineinragenden Endenflächen
der Zellen keine Ebene, sondern dadurch, dass die auch durch
ihre Kleinheit sich von den übrigen Cylinderzellen des Körpers
unterscheidenden Zellen eine verschiedene Höhe haben, stellenweise
sogar zwei derselben über einander stehen, kommt ein eigenthüm-
liches, höckriges Aussehen der Innenfläche der Penisscheide zu
Stande. Eine eigene Muskulatur und Drüsen habe ich nicht ge-
funden (s. Fig. 9).
C. Die weiblichen Geschlechtsorgane.
Von den Ovarien ^j sagt Ijima, sie seien wie bei Gunda seg-
mentata ausserhalb der Längsnervenstämme gelegen. Diese Angabe
bedarf einer Ergänzung: Die, wie bei allen andern Planarien paarig
vorhandenen Ovarien liegen nicht weit hinter dem Centralnerven-
system über und lateralwärts von den Seitennerven. Den Inhalt
dieser, eine länglich runde Form zeigenden, von einer zarten Mem-
brana propria umschlossenen Eierstöcke bildet eine wechselnde
Anzahl grosser polygonaler, in Pikrokarmin blassroth gefärbter, mit
einem grossen Kern und Kernkörperchen versehener Eizellen, die
sich nicht unmittelbar berühren, sondern durch einen kleinen
Zwischenraum von einander getrennt sind. In diesen Lücken sieht
man eine grössere Anzahl Kerne, die anscheinend Bindegewebskerne
Ijima, loc. cit. S. 348.
266 August Weuclt:
sind und vermutlien lassen, dass die Eizellen in einer besonderen,
das ganze Ovarium durchsetzenden, aus Bindegewebe bestehenden
Geriistsubstanz eingebettet liegen, wie solche auch von andern Pla-
narien, namentlich Süsswassertrikladen nachgewiesen ist. Auch in
Bezug auf ihre Grösse unterscheiden sich die Zellen eines Ovariums;
die grösseren sind immer in der Mitte, die kleineren meist peripher
gelegen, so dass man annehmen muss, dass auch hier wie bei den
Hoden die Entwicklung von der Mitte ausgeht und gegen die Wandung
fortschreitet. Der Umstand, dass die in der Entwicklung schon
weiter fortgeschrittenen Eizellen den jungen Dotterzellen (s. Fig. 11)
sehr ähnlich sehen, hat wohl Hallezi) zu folgender Angabe verleitet:
,,Chez les Dendrocoeles ils (les ovaires) sont ordinairement tres
nombreux et dissemines au milieu du tissu conjonctif comme les
testicules", die nicht weiter widerlegt zu werden braucht.
Die Ovidukte. Ijima-) beschränkt sich darauf, zu sagen, dass
,,der durch das Zusammentreifen beider Ovidukte gebildete unpaare
Gang von Gunda ulvae in den Uterusgang einmündet, gerade wie es
sich bei Gunda segmentata verhält,"
Die Art des Verlaufes der Ovidukte bei Gunda ulvae über und
etwas nach aussen von den Seitennerven erleichtert die Auffindung
dieser sonst nur winzigen Organe sehr. Deutlich zeigt sich überall
in dem nur kleinen Lumen, dass die dasselbe umgebenden cylinder-
förmigen Epithelzellen dicht mit Flimmerhaaren besetzt sind; eine
Basalmembran und Muskulatur scheinen zu fehlen. Auf Längs-
schnitten, die so geführt sind, dass bei ihnen eine längere Strecke
des Ovidukts sichtbar ist, sieht man, dass derselbe nicht gerade
nach hinten verläuft, sondern dass er wiederholt, meist an Stellen,
die ehieni Septura eiitsj^reehen, eine Biegung mit dorsalwärts gerich-
teter Convexität bildet, die mit der UmhüllungS)nembran der Dotter-
stöcke in Verbindung stehen; bei Beschreibung der Dotterstöcke
muss ich dieser Verhältnisse noch Erwähnung thun. Nach vorne
geht das Lumen des Eileiters direkt in das des Ovariums über,
indem die obere Wand des ersteren sich in die hintere, die untere
aber in die vordere AVandung des Eierstocks fortsetzt; der Eileiter
umfasst daher die untere hintere Seite des Ovariums (s. Fig. 11).
Wie schon gesagt, vereinigen sich unterhalb des Uterus die
beiden Ovidukte und bilden den nach vorne und oben aufsteigenden,
in einen vom Uterusgang gebildeten kleinen Sinus einmündenden
unpaaren Gang, den ich als unpaaren Ovidukt bezeichnen möchte.
In ihn münden die noch näher zu beschreibenden ,, Schalendrüsen" ein.
Der sog. Uterus ist ein blasenförmiges, drüsiges Organ, dessen
Hohlraum bei jungen Thieren (s. Fig. 9) von einer einfachen Lage
grosser, polygonaler, mit ziemlich grossem, wandständigen Kern ver-
sehener Zellen gebildet wird, die einer anscheinend strukturlosen
•) Hallez: Contributions ^ riiistoire naturelle des Turbellaries (Travaux
de rinstitut Zoologique de Lüle. Bd. 2. Lille 1879. pag. 58).
2) loc. citat. S. 348.
über den Bau von Gunda ulvae. 267
Membran aufsitzen. Bei geselilechtsreifen Exemplaren ist der Hohl-
raum mit einer dichten Masse körnigen, stark lichtbrechenden Se-
kretes, zwischen dem sich viele Spermatozoen linden, angefüllt und
die Epithelzellen sind bedeutend kleiner geworden, thcilweise sogar
auf ein Minimum reducirt. Oft sieht man noch im Innern der
Epithelzellen das Sekret, ein Beweis dafür, dass dasselbe von ihnen
gebildet und dann in das Lumen des Uterus entleert wird. In dem
dies Organ umgel)enden Bindegewebe liegen ebenfalls eine Menge
einzelliger Drüsen, deren Ausführungsgänge in den Uterus einmünden.
Über die physiologische Bedeutung dieser Bildungen etwas zu sagen,
ist sehr schwer. Wenn man auch annimmt, dass J. v. Kenneis i)
Ansicht, der Uterus der Süsswassertrikladen sei ein Receptaculum
seminis, richtig ist, welchen Zweck hätten dann die umliegenden
kleinen Drüsen und das so massenhaft abgesonderte Sekret der
Epithelzellen? Letzteres scheint mir eine eiweissartige Substanz zu
sein, die mit zur Bildung des Eies verwandt Avird; über die Be-
deutung der kleinen Drüsen habe ich nicht einmal Vermuthungen.
Eine eigene Muskulatur des Uterus konnte ich nicht auffinden,
sie scheint nicht vorhanden zu sein.
Der Uterusgang, der den Uterus direkt mit dem Genitalantrum
verbindet, ist ein dünnes Rohr, bestehend aus einer einfachen Lage
Cylinderzellen mit deutlich sichtbarem Kern, die auf der dem Lumen
zugekehrten Seite dicht mit Flimmerhaaren besetzt sind. Er verlässt
den Uterus an dessen vorderer Seite etwas unterhalb der Mitte und
verläuft, indem er den unpaaren Ovidukt aufnimmt, in der Median-
ebene nach vorne und ventralwärts bis er in die hintere Seite des
G enitalantrums einmündet.
Das Genitalantrum möchte ich hier bei den Aveiblichen Ge-
schlechtsorganen anführen, weil mir dasselbe seinem Epithel nach,
das ebenfalls wie das des Uterusganges ein mit Flimmerhaaren be-
setztes Cylinderepithel ist, nur eine Erweiterung des den Uterus mit
der Aussenwelt verbindenden Ganges zu sein scheint (s. Fig. 9). Das
Antrum bildet eine kleine, fast kugelförmige Hölüung, die nach oben
durch einen engen Kanal mit der Penisscheide, nach hinten durch
den Uterusgang mit dem Uterus in Verbindung steht, nach unten
aber durch den Geschlechtsporus ausmündet.
Der letztere zeigt fast genau dieselbe Bildung wie die j\Iund-
öffnung: Auch hier finden sich die Protoplasmafortsätze, dieselbe
Anordnung der Muskelschichten , die nur ein wenig schwächer zu
sein scheinen wie die der INIundöffnung, auch hier findet sich eine
Einbuchtung der Ventralfläche.
Die Dotterstöcke, die vom Gehirn an bis zum hinteren
Körperende vorkommen, zeigen ebenso wenig wie die Hoden eine
segmentale, regelmässige Anordnung, es finden sich oft 4 — 5, zu-
weilen aber auch nur 2 in demselben Septum (s. Fig. 8). Während
^) J. V. Kenne! : Sitzungsberichte der Naturforscher - Gesellschaft bei der
Universität Dorpat. Bd. 8. Heft 2. 1887. Dorpat 1888. pag. 333.
268 August Wendt:
bei jungen Exemplaren die Dotterstöcke kaum sichtbare, vielfach mit
einander anastomosirende Schläuche sind, die nur kleine Zellen ent-
halten, nehmen bei geschlechtsreifen Thieren dieselben den grössten
Theil der Septen ein. Wir sehen innerhalb der sehr feinen Mem-
brana propria eine grosse Anzahl von polygonalen Zellen, die den
Eizellen täuschend ähnlich sehen. Bei fortschreitender Entwicklung
bilden sich zuerst die am meisten ventralwärts gelegenen Zellen um:
im Protoplasma treten helle, weisse Pünktchen auf, die sich allmählich
in stark lichtbrechende, in Pikrokarmin tiefroth gefärbte, kugel-
förmige Bläschen verwandeln und so zahlreich werden, dass sie den
ganzen Inhalt der Zelle ausmachen. Auch der anfangs noch deutlich
sichtbare, grosse Kern geht bei dieser Umwandlung verloren. In
diesem Zustande werden die Dotterzellen, deren J\lembran ebenfalls
zuweilen verloren geht durch die ventralwärts verlängerte Membrana
propria des Dotterstocks zum Ovidukt befördert, um den herum meist
eine grosse Menge dieses Sekretes gelagert ist. Obwohl ich nur in
wenigen Fällen einen direkten Zusammenhang des Ausführungsganges
der Dotterstöcke mit dem Ovidukt, und dann immer an der Spitze
einer Biegung desselben konstatiren konnte, zweifle ich doch nicht
daran, dass dieser Zusammenhang überall vorhanden ist, dass er sich
nur wegen der Feinheit der fast garnicht gefärbten Membran, die
ihn bildet, in vielen Fällen unserer Beobachtung entzieht (s. Fig. 15).
Niemals konnte ich Dottermasse im Ovidukt auffinden; es würde sich
dies aber sehr wohl durch die rasch vor sich gehende Bildung des
Eies, wie sie auch Kennel von den Landplanarien annimmt, erklären
lassen.
Ijima^) sagt von den Dotterstöcken bei Gunda ulvae nur, sie seien
in den Septen und unterhalb des Darmes strangartig angeordnet.
Die Schalen drüsen. So möchte ich die in dem Septum, das
die Pharyngealtasche mit dem hinteren Körperende verbindet, ge-
legenen Drüsen bezeichnen, über deren Vorhandensein bei andern
Planarien ich nirgend in der Literatur etwas angegeben finde. Wahr-
scheinlich fehlen sie andern Arten nicht, sind jedoch wegen ihrer
Ahidichkeit mit den Dotterstöcken für solche gehalten worden. Bei
näherer Betrachtung unterscheiden sie sich aber doch wesentlich von
denselben. Die Hauptmasse dieser Drüsen (s. Fig. 9) hat einen ge-
meinsamen Ausführungsgang, der, weit deutlicher als die Ausführungs-
gänge der Dotterstöcke, auf Sagittalschnitten bis zu seiner Einmündung
in die untere Seite des unpaaren Ovidukts, gleich hinter dessen Ent-
stehung aus den beiden Eileitern zu verfolgen ist. Zu dem Vorschlag,
diese Drüsen als Schalendrüsen zu bezeichnen, veranlasst mich die
eigenthümliche, goldgelbe bis braune Färbung des Zellprotoplasmas,
die vermuthen lässt, dass hier die Bildungsstätte des zur Bildung
der Eischale erforderlichen Materiales sich findet. Die einzelnen
Drüsenzellen sind birnförmig, mit grossem deutlichen Kern versehen.
0 loc. cit. S. 348.
über den Bau von Gunda ulvae. 269
Auch in den nächst liegenden Septen finden sich eine Anzahl in
Gestalt und Farbe diesen ganz ähnlicher, aber nicht zu grösseren
Massen zusammentretender Zellen, deren Ausführungsgänge sich mit
dem der Hauptmasse vereinigen.
Das Nervensystem.
Das Nervensystem von Gunda ulvae ist in Ijimas Arbeit ,,Über
einige Trikladen Europas" so ausführlich behandelt und zeigt andrer-
seits so grosse Übereinstimmungen mit dem der Gunda segmentata,
wie Lang es schildert, dass über diesen Punkt nicht viel zu sagen
ist. Zudem sind wir über die Funktionen des Gehirns bei Turbel-
larien noch so sehr im Unklaren, dass man wohl niemals mit Sicher-
heit einen Theil desselben als einer gewissen Funktion dienend be-
zeichnen kann und daher die Unterscheidungen in sensorielle und
motorische Gehirnpartien meist nur auf Vermuthungen beruhen.
Es ist zum Beispiel nicht zu konstatiren, ob die relativ grossen
Körpernervenstämme nur centrifugal leiten und daher der Gehirn-
theil, aus dem sie entspringen, motorischen Zwecken dient, oder ob
in ihnen auch centripetale Leitungen vorhanden sind; ist man doch
bei viel höher stehenden Thieren noch über solche Verhältnisse im
Unklaren.
Das Gehirn wird gebildet von einem Haufen nervöser Elemente,
die an der Vereinigungsstelle der grossen Körpernervenstämme im
vorderen Körpertheil gelegen sind, und die nur wenig Struktur-
verhältnisse erkennen lassen; zum grössten Theil scheinen sie aus
Punktsubstanz zu bestehen. Das ganze Gehirn weist einen dichten
Belag von Ganglienzellen auf, die meist uni-, selten bipolar, niemals
multipolar sind und die so feine Fortsätze ausschicken, dass es
unmöglich ist, dieselben in ihrem Verlaufe zu verfolgen. Von zwei
besonders grossen Gruppen glaubt Ijima^) die Fortsätze aufgefunden
zu haben, die erste Gruppe liegt auf der vorderen, oberen Seite des
Gehirns und ihre Fasern gehen schräge nach hinten und unten, um
sich mit den unteren Fasern der grossen Körpernervenstämme zu
verbinden; die zweite Gruppe liegt auf der hinteren, oberen Seite
des Centralnervensystems und ihre Fortsätze gehen in die vorderen
Sinnesnerven über. Ich konnte nur das Vorhandensein der Fortsätze
der ersten Gruppe und ihre theilweise Verbindung mit Fasern, die
den Längsnerven entstammen, beobachten; die Fasern der zweiten
Gruppe habe ich nicht verfolgen können.
Ebensowenig bin ich mir über die Anordnung der Quer-
commissuren, wie sie Lang-) von den Meerestrikladen angiebt, ganz
klar geworden; ich kann darüber nur sagen, dass allerdings die
*) Ijima, loc. citat.
'') Lang: Untersuchung zur vergleichenden Anatomie und Histologie des
Nervensystems der Plathelmiuthen (Mittheilungen aus der zoologischen Station
zu Neapel. Bd. 3. Leipzig 1882. S. 69).
270 August Wendt:
Nerven, die wir als der Sinnesfunktion dienend betrachten, mehr
dorsalwärts aus dem Gehirn austreten, die wahrscheinlich motorischen
Nerven aus dem ventralen Theile entspringen , und dass in Wirklich-
keit Querfaserzüge vorhanden sind, die für eine solche Eintheilung
sprechen.
Die beiden Substanzinseln, die schräg von hinten und unten
nach vorne und oben aufsteigen, bestehen zum grossen Tlieil aus
Ganglienzellen, doch finden sich auch, wie eine Menge von Kernen
vermuthen lässt, bindegewebige Elemente in ihnen. Lang^) Aveist
auch, wenigstens bei Gunda segmentata Dorsoventralmuskelfasern in
ihnen nach.
Wie Ijima auch angiebt, werden diese Substanzinseln nach aussen
von einem schmalen Streif des Gehirnlappens umfasst, dessen Sub-
stanz zur Bildung der Augennerven beiträgt.
Über die Sinnesnerven sind Ijimas Beobachtungen richtig.
Er weist nach, dass hier bei Gunda ulvae nur 3 Paare vorhanden
sind, während Lang von Gunda segmentata vier beschreibt ; ausserdem
besteht der Unterschied, dass bei Gunda segmentata der Augennerv
stärker wie die übrigen entwickelt ist, während derselbe bei unserer
Planarie so fein ist, dass ich ihn nur mit Mühe auffinden konnte.
Die beiden ersten Paare von Sinnesnerven verästeln sich, ehe sie an
die Haut gehen und dienen wahrscheinlich der Gefühlsthätigkeit ; der
Augennerv dagegen theilt sich erst bei seinem Eintritt ins Auge und
steht jedenfalls mit den stark lichtbrechenden Elementen im Innern
desselben in Verbindung. In die Aurikularfortsätze und überhaupt
an den vorderen Körperrand treten besonders viele Nervenzweige
und verursachen vermuthlich eine erhöhte Gefühlsthätigkeit dieser
Regionen, was mit der Thatsache im Einklang stände, dass bei der
Fortbewegung das Thier mit den Aurikularfortsätzen lebhafte Be-
wegungen ausführt, sie also vielleicht als Tastorgane benutzt, ein
besonders hierzu eingerichtetes Organ habe ich nicht aufgefunden.
Die Augen liegen etwas vor dem Centralnervensystem, jeder-
seits gleich weit von der Medianlinie entfernt, unter der Haut im
Parenchym und bestehen aus einem lateralwärts oflenen Pigment-
becher von Kugelgestalt, in dessen Innern ich drei linsenartige,
stark lichtbrechende Körper unterscheiden konnte. Über den ge-
naueren Bau des Auges konnte ich wegen der Kleinheit der hier in
Betracht kommenden Elemente nichts sicheres in Erfahrung bringen.
Von den Körper nerven verläuft das hintere Paar parellel dem
Körperrande dicht über der ventralen Muskulatur und vereinigt sich
am hinteren Körperrande, wie es ja von allen Planarien bekannt ist.
Unmittelbar unter dem Gehirn biegen diese Nerven nach oben um
und treten in das Centralnervensystem ein, während der untere Theil
derselben sich nach vorne fortsetzt und direkt in die vorderen Körper-
nervenstämme übergeht, die, ebenfalls parallel dem Körperrande ver-
') loc. cit. S. 70.
über deu Bau vou Giiuda ulvae. 271
laufend, sich in der vorderen Körperregion vereinigen. Eine grosse
Anzahl von Querkommissiiren verbindet namentlich die hinteren
Körpernervenstämme mit einander; auch laterahvärts gehen von
ihnen Nervenzweige ab, die unmittelbar am seitlichen Körperrande
durch den sogenannten Randnerv mit einander in Verbindung stehen,
der nun wieder eine Anzahl Zweige an die dorsale Fläche schickt.
Jedenfalls werden von diesen Zweigen die dorsalen paarigen Nerven-
stämme gebildet, die Ijima ebenfalls anführt, und nicht, wie er es
glaubt, von den nach oben umgeschlagenen vorderen Körpernerven.
Innerhalb der grossen Nervenstämme sind zahlreiche Ganglien-
zellen, und zwar meist bipolare gelegen, auch finden sich in ihnen,
namentlich in der Nähe des Gehirns bindegewebige Elemente. Auf
Querschnitten erkennt man die Zusammensetzung dieser Nerven aus
einzelnen Fasern; ein schwarzer Punkt, der regelmässig auf dem
Querschnitt einer solchen Nervenfaser sichtbar ist, lässt mich ver-
muthen, dass auch hier ein Axency linder vorhanden ist; genaueres
darüber kann ich nicht sagen.
Welche Theile des Nervensystems die Innervirung des Rüssels
besorgen, kann ich nicht angeben; ich konnte die Rüsselnerven nicht
weiter zurück verfolgen.
Gründe für die neue Bezeiclnumg.
Betrachten wir nun die Gründe, die uns veranlassen anstatt der
bisherigen Bezeichnung Planaria ulvae Oersted den Namen Gunda
ulvae für dies Thier zu wählen, so leuchtet ein, dass es vor allen
Dingen die Ubereinstimnmng der Endorgane des Geschlechtsapparates
mit denen von Gunda segmentata ist, die eine Einreihung in die
Gattung Gunda rechtfertigt. Der Verlauf der Ovidukte, ihre Ver-
einigung, der in den Uterusgang einmündende unpaare Ovidukt, der
beiden Thieren gemeinsam ist, sind es vor allen Dingen, die hier in
Betracht kommen. Während bei den meisten Süsswasserplanarien
der Uterus zwischen Pharyngealtasche und dem Penis liegt, zeigt
hier bei der Gattung Gunda sich immer die Anordnung, dass zunächst
der Pharynxhöhle der Penis und weiter nach hinten erst der Uterus
gelegen ist. Auch das Centralnervensystem weist, wie ein Vergleich
ergeben wird, die nahe Verwandtschaft dieses Thieres mit Gunda
segmentata nach.
Andererseits ist es hauptsächlich die Anordnung der Hoden und
Dotterstöcke, die einer solchen Einreihung widersprechen würde; es
ist bei Gunda ulvae durchaus nichts von der streng segmentalen,
regelmässigen Anordnung derselben, wie sie doch Gunda segmentata
zeigt, vorhanden. Eine endgültige Entscheidung in dieser An-
gelegenheit ist nach meiner Meinung erst zu treffen, w^enn mehr
Seeplanarien beschrieben sind, so dass man auch nach anderer Seite
hin die Gunda ulvae vergleichen könnte, bis jetzt ist es nur möglich,
Süsswasserplanarien zum Vergleich heranzuziehen und da zeigt sich
272 August Wendt:
allerdings, dass unser Thier weit mehr zur Gattung Gunda als zu
diesen Verwandtschaft besitzt.
Es sei mir daher erlaubt, die von Ijima gegebene neue Benennung
zu gebrauchen; vielleicht zeigt es sich mit der Zeit, wenn mehr
Meerestrikladen beschrieben und zur Betrachtung herangezogen
werden, dass diese Bezeichnung nicht richtig ist, dass vielleicht
Gunda ulvae einer ganz neu aufzustellenden Gattung ihrem Bau
nach angehört, vorläufig halte ich die Einreibung in die Gattung
Gunda für angebracht und unumgänglich.
Es würden demnach nunmehr folgende vier Vertreter der
Gattung ,, Gunda" vorhanden sein:
Gunda lobata, 0. Schmidt.
Gunda plebeia Lang. Haga plebeia 0. Schmidt.
Gunda segmentata. Lang.
Gunda ulvae = Planaria ulvae Oersted.
über den Bau von Gunda ulvae, 273
Erklärung der Abbildungen.
Tafel XTI und XTU.
Fig. 1. Gunda ulvae, in nicht ausgestrecktem Zustande gezeichnet.
Fig. 2. Abbildung der Planaria littoralis, wie van Beneden sie in seinen
„Recherches sur la Faune littorale de Belgique" von diesem Thier
giebt.
Fig. 3. Epithel, Basalmeml)ran und Schichten der Hautmuskulatur, von
einem Längsschnitt, Vergröss. 1020.
Fig. 4. Klebzellen, von einem Längsschnitt durch die vordere Körper-
region. Vergröss. 1020.
Fig. 5. Protoplasmafortsätze. Durch die Gegend der Mundöffuung ge-
führter Längsschnitt. Vergröss. 1020.
Fig. 6. Anordnung der Hautmuskelschichten. Schematisirte Zeichnung
nach einem der Ventralfläche genäherten, etwas schräg geführten
Frontalschnitt.
Fig. 7. Querschnitt durch den Pharynx, nahe der Wurzel desselben.
Vergröss. 410.
Fig. 8. Anordnung der Hoden und Dotterstöcke innerhalb der SeptenJ
Querschnitt.
Fig. 9. Combinirte Zeichnung von den Geschlechtsorganen, aus einer
Längsschnittserie, etwas schematisirt.
Fig. 10. Durchschnitt durch einen Hoden mit verschiedenen Entwicklungs-
stadien der Spermatozoen.
Fig. 11. Linkes Ovarium, von einem Längsschnitt, die Einmündung des
Ovidukts sichtbar.
Fig. 12. Uterus eines geschlechtsreifen Thieres, von einem Längsschnitt.
Fig. 13. Junge Dotterzellen. Vergröss. 320.
Fig. 14. Dotterstock eines geschlechtsreifen Thieres ; Vergröss. 320.
Fig. 15. Einmündung eines Dotterstocks in den Ovidukt.
Abkürzungen, für alle P'iguren gültig, alphabetisch geordnet:
ag = antrum genitale.
alm = äussere Längsmuskulatur.
arm = äussere Ringsmuskulatur.
aur = Aurikularfortsätze.
bg = Bindegewebe.
bgk = Bindegewebskerne.
bm = Basalmembran.
ci = Cilien.
cps = Centralkanal des Penis.
da = Darm.
da' = primäre Darmverzweigung.
da'' = sekundäre "
daep = Darmepithel.
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1888. Bd.I. H. 3. 18
274 August Wendt: Über den Bau von Guuda ulvae.
dk = Dotteikügelchen.
dm = Einmündung der Dotterstöcke in den Ovidukt.
dra = Drüsenausführungsgang.
drz = Drüsenzelle.
dz = Dotterzelle.
ep = Epithel.
epz = Epithelzelle.
hd = Hoden.
ilm = Innere Längsmuskulatur.
irm =: Innere Ringsrauskulatur.
k = Kern.
klz = Klebzelle.
krm = aus gekreuzten Fasern bestehende Muskelschicht.
Im = Längsmuskulatur.
mp = Membrana propria.
0 = Ociilus.
og = Ostium genitale.
00 =: Ostium oris.
ov = Ovarium.
ovd = Ovidukt.
ovd' = unpaarer Ovidukt.
001 = Eizelle,
pg = Pigment.
ph = Pharynx.
pht = Pbaryngealtasche.
ppf = Protoplasmafortsätze.
ps = Penis.
pss = Penisscheide.
rh = Rhabditen.
rm = Ringsmuskulatur.
rdm = Radiärfasern.
schdr = Schalendrüsen.
spm = Spermatozoen.
spmk = Spermakern.
spmz = Spermatohlast.
ut = Uterus.
utdr = periphere Drüsen des Uterus.
utep = Uterusepithel.
utg =: Uterusgang,
uts = Uterussekret.
vd = Vas deferens.
ve = Vas efferens.
Internationaler zoologischer Congress.
LJie Societe zoologique de France hat einleitende Schritte
gethan, um einen internationalen zoologischen Congress, der
Yom 5. bis 10. August 1889
in Paris tagen soll, ins Leben zu rufen. Eine aus französischen
Gelehrten zusammengesetzte ,,Commission d'organisation" und ein
,,Comite de Patronage" von Zoologen andrer Länder sind bereits
gebildet. Zu letzterem gehören von deutschen Forschern: Carus,
Chun, Eimer, Greeff, Kölliker, Leuckart, Meyer, Möbius,
F. E. Schulze, Semper, Weismann, Wiedersheim, Namen, denen
in der endgültigen Liste sich wohl noch weitere anreihen werden.
Die Organisations-Commission bringt folgende Fragen für eine
Discussion auf dem Congresse in Vorschlag.
L Regeln für die Nomenclatur der organisirten Wesen und Ein-
führung einer wissenschaftlichen internationalen Sprache. (Be-
richterstatter: R. Blanchard.)
2. Feststellung derjenigen Erdstriche, deren Fauna ungenügend
bekannt ist, und deren Erforschung angezeigt erscheint ; Unter-
suchungs-, Päparations- und Conservirungsmethoden. (Bericht-
erstatter: P. Fischer.)
3. Nutzen der Embryologie für die Classification. (Berichterstatter :
E. Perrier.)
4. Zusammenhang der lebenden mit den fossilen Faunen. (Bericht-
erstatter: Filhol.)
Etwaige Vorschläge für weitere Themata werden baldigst erbeten.
18*
276 Internationaler zoologischer Congress.
Einzeichnungen zur Theilnahme am Congress nimmt der Schatz-
meister, Herr C. Schliimberger, 21 rue du Cherche-Midi, Paris,
entgegen (30 frcs. für die „membres donateurs", 15 frcs. für die
„membres titulaires"). — Sonstige Correspondenz ist an Herrn
Dr. Raph. Blanchard, den Secretär der Org.-Comm., 32 Rue du
Luxembourg, Paris, zu richten. Als Präsident fungii't Prof. A. Milne-
Edwards.
Dem Wunsche des Comite, seinen Mittheilungen über den bevor-
stehenden Congress möglichst weite Verbreitung zu geben, kommen
wir hierdurch auf das bereitwilligste nach.
^te'-
Berlin, d. 31. März 1889.
Dr. F. Hilgendorf.
Kroll's Buchdruckerei in Berlin S., Sebastianstrasse 76.
Archiv f. Xatxiryesch. 1888
Taf.I.
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Archiv f. NaturcjescK. 1888
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Kolbe, Neuroptera u. Pseudoneuroptera.
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