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ARCHIV
FUE
lATFEGESCHICHTE.
GEGRÜNDET VON A. F. A. WIEGMANN,
FOETGESETZT VON
W. F. ERICHSON, F. H. TROSCHEL
UND E. VON HÄRTENS.
HEEAUSGEGEBEN
Dr. F. HILGENDORP,
CUSTOS DES K. ZOOLOG. MUSEUMS ZU BERLIN.
FUNFlJNDFrNFZIC;}STER JAHRGANG}.
Erster Baud.
Berlin 1889.
NICOLAISCHE VERLAGS-BUCHHANDLUNG
Inhalt des ersten Bandes.
Th. Behme. Beiträge zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte des
Harnapparates der Lungenschnecken. Mit Tafel I und ü. . . . 1
Carl Apstein. Bau und Function der Spinndrüsen der Araneida.
Mit Tafel IH-V 29
Ph. BertTcau. Beschreibung eines Zwitters von Gastropacha Quercus
nebst allgemeinen Bemerkungen und einem Verzeichniss der be-
schriebenen Arthropodenzwitter 75
Ih\ Julius V 0 s s e l e r. Die Copepodenfauna der Eifelmaare.
Mit Tafel VI 117
Dr. Willy Kükenthal. Beiträge zur Fauna Spitzbergens. Resultate
einer im Jahre 1886 unternommenen Reise. Mit Tafel VII u. Vin. 125
E. von Martens. Griechische Mollusken, gesammelt von Eberh.
von Örtzen. Mit Tafel IX - XI 169
Dr. Ose. Nordqvist. Ueber einen Fall von androgj'ner Missbildung
bei Diaptomus gracilis G. 0. S. Mit Tafel XU 241
Dr. Ernst Schaff. Ueber den Schädel von Ursus arctos L. Mit
Tafel Xin und XIV 244
Georg John. Ueber bohrende Seeigel. Mit Tafel XV 268
Ernst Lohrmann. Untersuchungen über den anatomischen Bau der
Pentastomen. Mit Tafel XVI 303
c^c^Z/f
Beiträge
zur
Anatomie und Entwickelungsgeschiclite des Hcarn-
apparates der Lungenschnecken.
Von
Th. Behme.
(Aus dem zoologischen Institut der Universität Rostock.)
Mit Tafel I und IL
Vor Kurzem veröffentlichte Professor Braun ^) einige Beob-
achtungen über das Verhalten des Harnleiters von Helix. Während
nämlich bis dahin nach der allgemein herrschenden Ansicht der
Ureter bei dieser grossen und so ungemein formenreichen Gattung
ein allseits geschlossenes Rohr darstellen sollte, wurde durch obige
Publication der Nachweis erbracht, dass der Ausführungsgang der
Niere bei den untersuchten europäischen Arten den verschiedensten
Variationen unterworfen ist. Letztere beruhen darauf, dass der
Harnleiter entweder von Anfang bis zu Ende ganz geschlossen oder
ganz offen ist, andererseits aber auch Uebergänge von letzterem zum
ersteren Stadium Schritt für Schritt verfolgt werden können.
Als ich nun zu Anfang des Sommers an Herrn Professor
Dr. Braun die Bitte richtete, mir ein Thema zu einer Dissertation
zu geben, schlug mir derselbe vor, diese Untersuchungen bei HelLx
fortzusetzen, auch Vertreter anderer Gattungen und Familien der
Pulmonaten in den Bereich meiner Betrachtungen zu ziehen und
überdies die Entwicklungsgeschichte des Ureters zu verfolgen. Hierbei
ist mir in der liebenswürdigsten Weise Rath und Unterstützung von
dem genannten Herrn zu Theil geworden, weshalb ich an erster
Stelle die angenehme Pflicht erfülle, Herrn Professor Dr. Braun für
seine vielen Bemühungen und das meinen Untersuchungen stets
entgegen gebrachte rege Interesse verbindlichsten Dank zu sagen.
') Ueber den Harnleiter bei "Helix, Nachrichtsblatt der deutschen malako-
zoolog. Gesellschaft, No, 7 und 8. 1888.
Aich. f. Naturgesch. Jahrg. 1889. Bd. I. H. 1. 1
2 Th. Behme: Beiträge zur Anatomie und
Beim Studium der einschlägigen Literatur stellt sich heraus,
dass zuerst ein englischer Naturforscher, List er ^), die Niere einer
HelLx pomatia untersuchte und für einen Kalksack — viscus cinereum
sive praecordiale — hielt, dazu bestimmt, den überflüssigen Kalk
aus dem Blute zu entfernen.
Der grosse Holländer Swamm er dämm 2) ist derselben Meinung
und giebt schon eine ganz gute Abbildung der Niere mit dem längs
des Enddarms verlaufenden Ausführungsgange.
Zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts ist über die Bedeutung
und Funktion der Niere viel gestritten worden. 1809 gab zuerst
Wilbrandt und nach ihm Wohnlich =') die richtige Deutung und
sprachen von einer Niere; die Autorität Cuvier's jedoch, welcher
die Niere mit der Schleimbereitung in engen Connex brachte —
Organe de la viscosite — verhinderte vorläufig noch die weitere
Verbreitung dieser allein richtigen Anschauung. So spricht Stiebe 1*)
von einem organon luteum und vertritt denselben Standpunkt, wie
die ersten Untersucher. Die streitige Frage wurde schliesslich
endgiltig von Jacobs en 5) im Jahre 1820 durch den mit Hülfe der
Analyse geführten Nachweis von Harnsäure entschieden.
Trotzdem findet der sonst so gut unterrichtete Moquin-
Tandon^) noch 1855, dass die Hauptthätigkeit der Niere in der
Bildung ^) der Schalensubstanz besteht und in einer späteren
Dissertationsschrift ^ ) wird der von Moquin - Tandon gebrauchte
Name — glande precordiale — recht passend gefunden, die Thätigkeit
dieser Drüse aber noch als eine räthselhafte hingestellt. Letztere
Autoren konnten sich unmöglich mit den schönen Meckel'schen ^)
Untersuchungen bekannt gemacht haben, welche uns zuerst über die
•) Martini Lister, Exercitatio anatomica, in qua de Cochleis , maxime
terrestribus & Limacibus, agitur, Londini, 1694, pag. 92.
2) Johann Swammerdamra, Bibel der Natur. Leipzig 1752 pag. 54.
^) Dissertatio anatomica de Heiice pomatia et aliquibus aliis huic
affinibus animalibus e classe MoUuscorum Gasteropodum. Wirzeburgi 1813
pag. 22.
*) Stiebel, Ueber die Entwicklung der Teichhorn Schnecke. Meckel, Deutsches
Archiv für die Physiologie IL Band 1816 pag. 567,
•'•) Jacobsen, Sur l'existence des reins dans les animaux Mollusques.
Journal de Physique T 91. 1820. 4 pag. 318-320.
*) Histoire naturelle des Mollusques par A. Moquin - Tandon. Tome
Premier 1855 pag. 65.
'') Es heisst wörtlich: „Eutin, et c'est peut-etre sa fonction la plus im-
portante, eile secrete des granules calcaires destines ä la formation et ä l'entretien
de la coquille."
*) Helicinae titanicae anatome. Dissertatio zoologica von Caspar Isenkrahe.
ßonnae 1866.
') Miki-ographie einiger Drüsenapparate niederer Thiere. MüUer's Archiv
1846 pag. 15.
Entwickelungsgeschichte des Hariiapparates der Lungeuschnecken. 3
feinere Nierenstruktiir Aufschluss gaben und die Bildung der
Harnkonkreraente in treffender Weise klar legten.
Diese Untersuchungen hatten sich fast ausschliesslich auf Land-
pulmonaten beschränkt, und in erster Reihe musste immer die ge-
meine Weinbergschnecke — Helix pomatia L. — als Beobachtungs-
material dienen; jedenfalls hatte sie den Forschern durch ihre Grösse
imponirt. Paasch ^) dehnte die Ermittelungen auf die Bewohner des
süssen Wassers aus und erkannte zuerst das sehr abweichende Ver-
halten des Harnapparates bei Land- und Süsswasserpulmonaten. Wie
er richtig hervorhebt, geht von der Niere der ersteren ein Harn-
leiter ab und mit dem Enddarm zusammen zum Athemloch, während
die im Wasser lebenden Lungenschnecken ihr Nierensekret durch
eine Papille an der Nierenspitze entleeren, ein recht wesentlicher
Unterschied.
Die anatomischen Verhältnisse — speciell Avieder bei Helix
pomatia L. — hat Nüsslin^) am eingehendsten berücksichtigt. Es
wird von diesem Autor die eigentliche Niere von dem anliegenden
und mit ihr verwachsenen „engen, röhrenartigen, zweiten Hohlraum"
scharf getrennt und besonders darauf hingewiesen, dass dieser
„gewissermassen einen mit dem Körper der Niere verwachsenen
Theil des Ausführungsganges darstellt!
In den letzten Jahren hat von I bering 3) dem Harnapparat der
Pulmonaten seine besondere Aufmerksamkeit gewidmet und gestützt
auf seine Beobachtungen in Vorschlag gebracht, die Ordnung der
Lungenschnecken in die Ordnungen Nephro pneu st a — Heliceen —
und Branchiopneusta — Limnaeiden, Cyclostomen etc. — auf-
zulösen. Von I bering ging hierbei von der Ansicht aus, dass
die Lungenhöhle unserer heutigen Pulmonaten morphologisch nicht
als ein und dasselbe Gebilde aufzufassen sei, sondern bei den
Nephropneusten einen Abschnitt der Niere darstelle, während der
Athemraum bei den Branchiopneusten einer modificirten Kiemenhöhle
entspräche. Von Semper^) wurde dies entschieden in Abrede ge-
stellt. In seiner Erwiderung an Semper vertheidigt von Ihering^)
seinen Standpunkt und glaubt durch erneute, in Amerika angestellte
Untersuchungen seine Ansicht durch folgende Argumentation be-
^) Paasch. Ueber das Geschlechtssystem und über die harnbereitenden
Organe einiger Zwitterschnecken, Archiv für Naturgeschichte 1843 pag. 71 — 104.
^) Nüsslin. Beiträge zur Anatomie und Physiologie der Pulmonaten.
Habilitationsschrift. Tübingen 1879 p. 8.
^) H. von Ihering. Vergleichende Anatomie des Nervensystems und
Phylogenie der Mollusken. Leipzig 1877,
■*) Semper. Einige Bemerkungen über die Nephropneusten von Ihering's
Arbeiten aus dem zool.-anatom. Institute in Würzburg Bd. III 1877 pag. 480—488.
^) H. von Ihering. Ueber die systematische Stellung von Peronia und
die Ordniuig der Nephropneusten v. Ib. Erlangen 1877.
1*
4 Th. Behme: Beiträge zur Anatomie und
wiesen zu haben'): Bei Vaginulus, Peronia und Bulimus ovatus,
deren uropneustischer Apparat am wenigsten ausgebildet ist, öffnet
sich die Niere in die Lunge, welcher daher eine doppelte Thätigkeit
obliegt, nämlich erstens als Harnleiter zu funktioniren und zweitens
dem Athembedürfniss Genüge zu leisten.
Vaginulus und Peronia sind als die Ausgangspunkte der Ne-
phropneusten anzusehen, sie lassen keinerlei Unterschied in der Zu-
sammensetzung der Lungenhöhle erkennen. Bei Bulimus ovatus sieht
man aber neben dem Enddarm eine Rinne, welche dem Harn den
Weg zum Athemloche anweist. Von Ihering konnte nun bei mehreren
südamerikanischen Bulimi durch eine von der Nierenmündung zum
Athemloch wachsende Deckmembran den allmählichen Verschluss der
Rinne, aus welcher der Ureter hervorgeht, konstatiren und sagt
schhesslich: „Man kann mithin den zugleich als Lunge funktionirenden
Harnleiter von Vaginulus etc. als primitiven Ureter bezeichnen. Aus
diesem hat sich dann durch die innerhalb der Gattung Bulimus (im
weiteren Sinne) sich abspielenden Vorgänge der sekundäre Ureter
abgetrennt. Der primitive Ureter hat sich also in 2 Abschnitte zer-
legt, deren einer die Lunge, deren anderer der sekundäre Ureter ist.
Bei dieser Gelegenheit empfiehlt von Ihering vergleichend -ana-
tomische Untersuchungen anderer Gattungen, die von mir ausgeführt
wurden; wir wollen also sehen, in wie fern dieselben mit der
von Ihering proponirten Auflösung der Pulmonaten in Einklang zu
bringen sind.
Indem ich dazu übergehe, die einzelnen Familien nach einander
abzuhandeln, beginne ich mit den Heliciden, weil dieselben durch
die Forschungen von M. Braun in den Vordergrund des Interesses
getreten sind; im Uebrigen aber folge ich der von Clessin^) ge-
gebenen Eintheilung.
Helicidae.
Die Niere — als Vertreter wollen wir die HelLx pomatia L.
wählen — liegt rechts in der hinteren Abtheilung der Lungenhöhle.
Von der Gestalt eines ungleichseitigen Dreiecks, ist ihre ventrale
Fläche glatt, weil die Decke der Lungenhöhle gleichmässig über sie
hinwegzieht, während die massige Drüsensubstanz nach innen vor-
ragt. Die Basis verbindet sich durch feine Bindegewebszüge mit der
Leber und einem Theile des Darmes; die linke Seite zeigt einen
Ausschnitt zur Aufnahme des Herzens und ist kürzer als die rechte,
dem Enddarm parallel gerichtete. Die Niere besteht aus dem intensiv
gelb gefärbten, dem Herzen zugekehrten Drüsentheil, dem rechts als
zweiter Abschnitt ein Kanal anliegt. Letzterer beginnt an der Nieren-
spitze und kommunicirt hier mit der Niere durch eine Papille ; seine
') H. von Ihering-. lieber den uropneustischen Apparat der Heliceen.
ZeitscLr. f. wissenscb. Zoolog. Bd. 41 pag. 265.
") Deutsche Exkursions-Mollusken-Fanna von Cl essin. Zweite Auflage 1884.
Entwickeluiigsgeschichte des Hariiapparates der Lungenschnecken. 5
durchscheinende Innenwand trägt einen einfachen Besatz von CyHnder-
epithel. Dieser Kanal ist der Nüsslin'sche^) „enge, röhrenartige,
zweite Hohlranm"; von Ihering-) brachte dafür den Namen ,, Neben-
niere" in Vorschlag, welcher der Einfachheit halber weiterhin in
Anwendimg kommen soll, wenn er auch durchaus nichts mit der
sonstigen Bedeutung dieses Wortes gemein hat.
Diese Nebenniere also läuft, mit der Niere verwachsen von der
Spitze zurück nach hinten, schlägt sich hier um und geht in den
Ureter über, den ich sekundären Harnleiter nenne. Letzterer legt
sich an die innere Seite des Enddarmes und zieht mit demselben in
gerader Richtung zum Athemloch, in das beide ihren Inhalt ent-
leeren. Der Ureter ist, wie man es bis vor kurzem für alle Heli-
ciden annahm, ganz geschlossen. 5 mm vor der Ausmündung des
p]nddarms trennt sich jedoch der Harnleiter von diesem und läuft
in eine weite, deutlich zAveilippige nach links ziehende Einne aus
(gr. R. Fig. 1), welche der Lungenhöhle nicht mehr zugerechnet wird.
Aber ein Theil des Nierensekrets kann auch in gerader Richtung
nach aussen befördert werden durch eine kleinere, in der Verlängerung
des Harnleiters befindliche Rinne (kl. R. Fig. 1). Man sieht nämlich
bei vorsichtig präparirten Thieren, am deutlichsten nach Zusatz von
V2 7o Chromessigsäure über der erst erwähnten Rinne und gleich-
falls an einer korrespondirenden Stelle der unteren Pmddarmfläche
jederseits eine ovale Vertiefung mit gut ausgeprägten Rändern, welche
sich berühren und auf diese Weise bei der Harnentleerung eine Art
Klappe bilden können. Diese Vorrichtung trägt jedenfalls dazu bei, das
Zurücktreten von ehminirten Harnelementen in die Lungenhöhle zu
verhindern. Das Lumen des Ureters beträgt 1,5 — 1,75 mm, das des
Enddarms 3,5 mm.
Ganz jugendliche Individuen von HelLx pomatia, welche eben
ausgeschlüpft waren, verhielten sich in Bezug auf Niere und Harn-
leiter genau so Avie ausgewachsene Exemplare.
Ich untersuchte nun folgende Species: Aus der Gruppe Fruti-
cicola hat die der L^ntergruppe Petasia angehörende Art Helix
bidens (Chemn.) den sekundären Harnleiter zum grössten Theil ge-
schlossen (10 mm), während die letzten 3,5 mm eine offene Rinne
bilden; bei Helix (Monacha) incarnata ist der LTreter ganz offen,
ebenso bei Helix (Eulota) strigella.
Von allen bisher untersuchten Helices steht nun eine Form aus
der Gruppe Vallonia und zwar Helix pulchella (Müll.) einzig da in
Bezug auf den Harnapparat und gewinnt dieser, wie noch besonders
hervorgehoben wird, unser erhöhtes Interesse. Das Thier ist so
winzig, dass von der sonst üblichen Präparationsmethode Abstand
genommen werden muss. Aber doch lässt sich bei entkalkten In-
dividuen schon mit der Loupe feststellen, dass die Niere weit nach
vorn gerückt ist. Ihre Basis ist nur 1,75 mm vom Mantelwulst ent-
') 1. c. pag. 8.
'^) 1. c. pag. 2(55.
f5 Th. Behme: Beiträge zur Anatomie und
fernt und nach vorhergegangener Färbung mit Boraxkarmin sieht
man die deutKch gegen die Nachbarschaft abgegrenzte Niere nach
dem Athemloch zu in einen ganz feinen Strang auslaufen. Durch
eine in geeigneter Weise vorbereitete Helix pulchella wurden nun
Querschnitte gelegt und auf der ganzen Serie war von einer Neben-
niere und einem sekundären Ureter in der Anordnung wie
sonst bei Helix nichts zu entdecken. Im hinteren Abschnitt der
Niere findet man die charakteristischen Nierenelemente; diese nehmen
nach vorn immer mehr und mehr an Zahl ab und schliessHch läuft
die Niere in einen engen, der Drüsensubstanz vollständig entbehrenden
Kanal aus, welcher unmittelbar vor dem Athemloche, aber noch in
der Lungenhöhle, ausmündet. Dieser Kanal — 1/2 ™m lang — ent-
spricht also genau dem Ausführungsgange der Niere bei Limnaeiden
und um ihn von dem sekundären zu unterscheiden, wollen wir ihn
„primären Harnleiter" nennen.
Stellen wir nun diese Ergebnisse mit den von Braun ^) mit-
getheilten tabellarisch zusammen, so ergiebt sich Folgendes:
1. Anchistoma Ad.
a) Gonostoma.
Helix lenticula Fer.
var. Annai Pal.
Helix lens Fer.
var. lentiformis Zgl.
— lenticularis Morel.
— barbula Charp.
— Tarnieri Morel.
— maroccana Morel.
— lusitanica Pfr.
— obvoluta Müll.
c) Triodopsis Raf.
Helix personata Lam, sec. Harnleiter öffnet sich etwas hinter
der vorderen Nierenspitze.
2. Acanthinula Beck.
3. Vallonia Riss.
Helix pulchella Müll. Die Niere geht in gerader Rich-
tung in den primären Ureter über.
4. Fruticicola Held.
a) Petasia Moq.-Tand.
Helix bidens Chemn. % der ganzen Länge des sec. Ureters
geschlossen, V4 offen.
sec. Harnleiter fast ganz
geschlossen.
') 1. c. pag. 110—112.
Entwickelungsgeschichte des Harnapparates der Lungenschnecken.
c) Trichia Hartm.
lucida Zffl ' ^®^" Harnleiter öffnet sich unmittelbar
— Erjaveci Briis. / ^^^ ^^' Nierenspitze.
e) Mouacha Hartm.
Helix incarnata Müll. sec. Harnleiter ganz offen.
f) Carthusiana Kob.
Helix carthusiana Müll. 1 sec. Harnleiter bildet eine offene
— syriaca Ehrbg. | Rinne.
p) Eulota Hartm.
Helix fruticum Müll. sec. Ureter ganz geschlossen.
— strigella Drp. sec. Ureter ganz offen.
5, Campylaea Beck.
Helix Pouzolzi Mich.
— planospira var. umbilic. Briim.
— confusa Ben.
— foetens Stud.
var. rhaetica Monss.
— phocaea var. ornata Par.
— Preslii Schmidt
— cingulata Stud.
var. colubicua
— intermedia Fer.
cyclolabris v. hymetti Mouss. V4 der ganzen Länge
sec. Harnleiter ganz
offen.
c) Chilotrema.
Helix lapicida L. sec. Harnleiter ganz offen.
d) Arionta.
Helix arbustorum L. sec. Harnleiter öffnet sich etwa an der
Mitte der Niere.
6. Pentataenia Schm.
a) Tachea Leach.
Helix vindobonensis Pfi
— nemoralis L.
— hortensis Müll.
— Coquandi Morel.
— splendida Drp.
b) Macularia Alb.
Helix chorista Bourg. sec. Harnleiter öffnet sich etwas vor der
Nierenspitze.
sec. Harnleiter öffnet sich auf der
Höhe der vorderen Nierenspitze.
Th. Behme: Beiträge zur Anatomie und
sec. Harnleiter eine offene Rinne.
Helix vermiculata Müll. sec. Harnleiter ganz offen.
— Wagneri Rssm. clo.
— Codringtonii var. parnassia Roth. Ve ^^^ ganzen Länge
des sec. Harnleiters ist eine Rinne, Ve geschlossen.
c) Iberus Montf.
Helix muralis Müll.
— melitensis Fer.
— Ascherae Kob.
— sicana Fer.
— Pacincana Phil.
— scabriuscula Desh.
— niciensis Fer. V4 des sec. Harnleiters geschlossen, V4 offen.
— nebrodensis Fer. var. sec, Harnleiter ganz offen.
d) Levantina Kob.
Helix Malziana Parr. sec. Harnleiter fast ganz offen.
e) Eremia L. Pfr.
Helix desertorum Forsk. sec. Harnleiter fast ganz offen.
f) Poraatia Leach.
Helix aspersa Müll.
— Mazzullii Jan.
— pomatia L.
— Kl com m Müll.
— secernenda Rssm.
— ambigiia Parr.
— einet a Müll.
— asemnis Bourg.
— melanostoma Drp,
— figulina Parr.
— obtusalis Zgl.
— aperta Born
sec. Harnleiter ganz geschlossen.
7. Xerophila.
a) Euparypha Hartm.
Helix pisana, sec. Harnleiter ganz offen.
b) Heliomanes Moq. -Tand.
Helix variabilis desgleichen.
c) Helicella Moq.-Taud.
Helix cretica Fer. do.
fl T* P Tl fl 1' 11 Tn \
— candicans ^oiirg. etwa Vi« der ganzen Länge ein Rohr,
- obvia - ''Ao offen.
Entwickeluiigsgescbichte des Hai'napparates der Lungenschnecken.
8. Incertaesedis.
Helix quimperiana Fer. sec. Harnleiter ganz geschlossen.
— noverca Friv. Harnleiter ganz offen.
Ich will schliesslich noch erwähnen, dass von den deutschen
HeHces oft 20 und mehr Exemplare von ein und derselben Species
untersucht wurden, ohne aber auch nur in einem Falle ein von der
Norm abweichendes Verhalten festzustellen, so dass also die ein-
zelnen Arten in Bezug auf den Harnleiter sehr von einander ab-
weichen können, die Indi\dduen jeder Art aber in diesem Punkte
vollständig übereinstimmen.
Endlich bin ich durch die Angabe M eckeis, dass die Con-
cremente bei den verschiedenen Schnecken gleich gebildet seien,
veranlasst worden, diese Gebilde näher zu untersuchen. Nach meinen
Beobachtungen kann obige Ansicht als eine zutreffende nicht be-
zeichnet werden, weshalb meistens kurze Notizen hierüber beigefügt
werden.
Helix pomatia. Concremente bis 0,035 mm gi'oss. Vom Centrum
nach der Peripherie verlaufen in annähernd gleichen ZAvischen-
räumen 8, seltener 6 dunklere Streifen. In den Sekretbläschen eben
ausgekrochener Pomatien sieht man kugelförmige, ovale, kettenartig
an einander gereihte oder auch in Haufen liegende Concretionen.
Ausserdem finden sich noch viele, kleine Körperchen, welche mit
den grösseren verschmelzen und so durch Apposition das Wachsthum
bedingen. Grösse 0,ooi — 0,009 mm.
Helix strigella bis 0,03r, mm gross mit dunklerem Centrum
und deutlich erkennbarer peripherischer Schichtung, bei Helix in-
carnata haben sie denselben Umfang, dabei stark granuHrt ohne
Lamellenbildung.
Helix bidens. Grösse bis 0,018 mm.
— — arbustorum zeigt nur 0,009 mm grosse Con-
cremente von ganz unregelmässiger Gestalt.
Helix fruticum bis 0,030 mm, ovoid und einzeln oder Drusen
bildend.
Helix hortensis hat, so weit ich feststellte, die grössten Con-
cremente (0,0158 mm) aufzuweisen und zwar dadurch, dass 20 oder
mehr zusammentreten und die Sekretbläschen fast vollständig aus-
füllen.
In den Nieren von Helix hispida und Helix lapicida über-
schreiten sie einen Durchmesser von 0,015 mm nicht; bei ersterer
Form von kugeliger Gestalt, kommen sie bei letzterer in Drusen vor
oder stellen ganz unregelmässige, niemals scharf contourirte An-
sammlungen harnsaurer Verbindungen dar.
Helix pulchella nimmt auch hier wieder eine Sonderstellung
ein in der Art, dass 20 — 30 0,003 — 0,006 mm grosse und ohne Aus-
nahme runde Concremente frei in den Sekretionsbläschen auftreten.
10 Th. Behme: Beiträge zur Anatomie und
Testacellidae.
a) Testacella.
Ein Vertreter dieses Genus stand mir nicht zu Gebote. In
neuester Zeit lieferte aber Henri de Lacaze-Duthiers^) eine aus-
führliche Arbeit über Testacella sp., in welcher Angaben über den
Harnapparat enthalten sind. Wie die beigegebene x\bbildung er-
kennen lässt, fehlt ein secundärer Ureter; in bogenförmiger Richtung
geht von der Nierenspitze ein Ausführungsgang zum Athemloch, so
dass hier also ähnliche Verhältnisse wie bei Helix pulchella obzu-
walten scheinen. Zudem ist darauf hingewiesen, dass das stark in
die Länge gezogene Herz auf der rechten Seite der Niere zu suchen
ist, der Ventrikel vertikal über dem Atrium liegt und dieserhalb die
in die Systematik eingeführte Scheidung in Proso- und Opistho-
branchier nicht für Testacella passt.
b) Daudehardia.
Untersucht wurde Daudebardia rufa (Fer.). Niere 3,4 mm lang
mit Nebenniere und ganz geschlossenem secundären Ureter, wie die
Schnittmethode erkennen lässt. Concremente oval, seltener rund.
c) Limax und Ämalia.
Diese Gattungen sind eingehend von Simroth-) erforscht und
besonders von Limax liegt eine genaue Schilderung vor, so dass ich
nur der Vollständigkeit halber kurz zu referiren brauche.
Die Lungenhöhle hat hier eigenthümlicher Weise eine ringförmige
Gestalt angenommen und wird dorsal durch die Schalentasche ge-
schützt. „Die Niere verbindet den Boden der Lungenhöhle mit der
Lungendecke ; unten ist sie mehr rechts, oben mehr links angewachsen,
hinten macht sie den Abschluss der Höhle." Als weiter, flacher Sack
liegt die Nebenniere der dorsalen, rechten Nierenfläche an, und diese
geht in den feinen Harnleiter über. In das Endstück des letzteren
ergiesst eine Schleimdrüse ihren Inhalt und beide — Ureter wie End-
darm — münden in eine von dem Athemloch getrennte Oeffnung aus.
Der Enddarm tritt bei Limax nicht in den Athemraum; der Harn-
leiter aber geht, wie von Ihering-'^) besonders hervorhebt, über die
Kloake hinaus und mündet so schliesslich von vorn her in dieselbe aus.
*) Henri de Lacaze-Duthiers Histoire de la Testacelle. Archives de
Zoologie experimentale et generale Annee 1887 No. 4.
^) Heinrich Simroth. Versuch einer Natvirgeschichte der deutschen
Nacktschnecken und ihrer europäischen Verwandten. Zeitschrift f. wisseusch.
Zoologie 1885, pag. 203—336.
^) cfr. von Ihering. Ueber den uropneustischen Apparat der Heliceen,
pag. 273.
Entwickelungsgeschichte des Haraapparates der Lungenschnecken. H
d) Vitrina.
Bei der mir vorliegenden Vitrina pellucida Müll, ist das Athem-
loch weit nach hinten gerückt und die Nierenbasis, der Verschiebung
des Athemraums entsprechend, ganz nach links gerückt. Dem hinteren
Nierenrande entlang läuft von der Spitze zur Basis die Nebenniere,
und in bekannter Weise strebt der Harnleiter, der ganzen Länge nach
geschlossen, an der Seite des Rektums dem Athemloch zu.
Concremente 0,0 ii mm gross, rund, oval, auch ganz unregel-
mässig, einzeln vorkommend oder zu Drusen an einander gelagert,
e) Hyalina.
Hyalina radiatula Gray wurde auf einer Querschnittserie unter-
sucht und festgestellt, dass der, neben dem Enddarm verlaufende
secundäre Ureter ganz geschlossen ist. Das gleiche Verhalten zeigt
Hyalina sp. (jedenfalls cellaria Müll). Die Nierenconcremente haben
einen Durchmesser von 0,oi5 mm und bilden Drusen.
f) Zonites.
Die zur Verfügung stehenden Species
Zonites verticillus Fer.
— algirus L.
— albanicus Rossm.
haben einen vollständig geschlossenen secundären Ureter, der neben
dem Enddarm verläuft.
g) Leacochroa.
Leucochroa candidissima Drap, besitzt einen ganz geschlossenen
secundären Ureter.
h) Ario)iidae.
Bei Arion, dessen Hamapparat sehr complicirt eingerichtet ist,
beschränke ich mich auch auf eine kurze Wiedergabe der von Simroth
gemachten Mittheilungen (cfr. 1. c. pag. 234). Die Lungenhöhle wie die
Niere haben die Form eines Hufeisens, dessen Schenkel hinten dicht
zusammentreten und nur durch eine feine Membran geschieden sind.
Ein kreisrundes Loch auf der dorsalen Fläche unweit des vorderen
Abschnittes führt in den Ureter, den Simroth folgendermassen be-
schreibt: ,,Vorn am weitesten, verjüngt er sich ein wenig nach hinten
und schlägt sich dabei über den rechten Nierenrand bald nach unten
und öffnet sich hinten plötzHch als weite Spalte klaffend an der unteren
Nierenseite.
Die Oeffiiung führt aber nur in den nach vorn ziehenden Haupt-
abschnitt, der sich als breiter Schlauch oder Halbschlauch d. h. nur
auf der freien Seite mit eigener Wandung, der rechten Nierenhälfte
von unten her anlegt. Er beginnt fast ganz hinten als ziemHch
breiter Raum und erweitert sich ziemlich beträchtlich nach vorn, so
dass er als weiter Sack unter dem rechten vorderen Nierenrande zum
12 Dr. Th. Behrae: Beiträge zur Anatomie und
Vorschein kommt. Hier mündet er mit einem engen Kanal schräg
nach oben in den oberen Umfang des Athemloches, dicht hinter dem
After, wobei sich schliesslich die Oeffnimg in dreifacher Rinne er-
giesst, gerade gegenüber der nnten abführenden Analrinne.
Patulidae.
Bei Patula rotimdata Müll., deren Niere nur 2 mm lang ist,
konnte lediglich die Schnittmethode Aufschluss geben und diese wies
nach, dass der secundäre Harnleiter der ganzen Länge nach ge-
schlossen ist.
Concremente rund und bis 0,015 mm. gross.
Die hier dem System nach folgende Gattung Helix ist schon oben
abgehandelt.
Pupillae.
a) Buliininus.
Mehrere tropische südamerikanische Vertreter dieser Gattung
wurden bereits durch von Ihering^) beschrieben, und das Ergebniss
dieser Untersuchungen als treffender Beweis für die vorgeschlagene
Trennung der Pulmonaten in Nephro- und Branchiopneusten heran-
gezogen. Es war deshalb erwünscht, auch mehrere europäische Formen
auf das Verhalten des Harnleiters zu prüfen. Untersucht wurden:
Buliminus decoUatus Brug.,
dessen secundärer Harnleiter ganz geschlossen ist; also mit dem
B. Blainvilleanus übereinstimmt und ausserdem
Buliminus radiatus Brug.,
— obscurus Müll.
— pupa Brug.
Ueber letztere Form Avur de bereits von Braun ^) berichtet, und
zum besseren Verständniss habe ich eine Abbildung — Fig. 2 —
beigegeben. Die Niere (N.) stellt hier einen sehr in die Länge ge-
streckten, dem Enddarm parallel laufenden, ganz dünnen Drüsen-
strang dar, der in gerader Richtung durch die Athemhöhle zum
Athemloch zieht. Wie bei Helix pulchella näher erörtert, geht die
Niere nach vorn zu in den Ausführungsgang — den primären Ureter
pr- U. — über, welcher kurz hinter dem Athemloch ausmündet.
Der Harnapparat bei B. obscurus und B. radiatus ist genau so
eingerichtet.
Stellen wir diese Ergebnisse mit den von Ihering gewonnenen
zusammen, so erhalten wir:
\. Buliminus radiatus Brug.
— obscurus Müll.
— pupa Brug.
') 1. c. Zeitschrift f. w. Zool. 1885 pag. 270—273.
") Ueber die Eutwickehmgsgeschichte des Harnleiters bei Helix pomatia L.
Nachrichtsblatt der deutschen malakozool. Gesellschaft No. 9 und 10. 1888.
Entwickelungsgeschichte des Harnapparates der Lungenschnecken. 13
besitzen eine Niere, welche sich durch einen primären Harn-
leiter nach aussen öflfnet.
2. „Bulimus oblongus. Die Niere öffnet sich mit einfacher Pa-
pille in die Athemhöhle. Nebenniere und secundärer Ureter
fehlen, resp. letzter ist offen ohne Deckmembran."
3. ,,B. auris leporis. Nebenniere und oberes V3 des secundären
Ureters sind fertig gebildet, der grössere Theil des Ureters,
2/3 desselben liegt noch offen."
4. ,,B. papyraceus. Nebenniere und oberes -/s des secundären
Ureters sind geschlossen, nur das Endstück des letzteren,
d. h. das zum Athemloch führende V3 ist noch offen."
5. Buliminus Blainviellanus,
— decollatus
haben einen der ganzen Länge nach geschlossenen Harnleiter.
Die Harnconcremente von B. obscurus sind rund, ganz ausnahms-
weise oval. Peripherische Schichtung um ein centrales, gelbes, helleres
Centrum, daneben feine radiäre Streifinig. Grösse 0,039 mm.
Der weit grössere B. radiatus bildet Concremente, welche den
Durchmesser von 0,oi5 nicht überschreiten; dieselben sind sehr stark
granulirt und sämmtHch kugelrund.
Cochlicopa.
Die vorUegende Cionella lubrica (Müll.) Avurde geschnitten und
auf der Querschnittserie ein der Helix pu Ichella ganz analoges
Verhalten festgestellt, d. h. die Niere geht nach vorn zu in den
primären Ureter über; auch v. I bering 1) hat diese Art untersucht,
meldet aber, das von HelLx; bekannte, typische Verhalten gefunden
zu haben.
Pupa.
Pupa avenacea (Brug.) konnte untersucht werden und auf einer
Querschnittsserie erkannte ich, dass die Niere keine Nebenniere
und keinen secundären Harnleiter besitzt, sondern ihren Inhalt
durch einen aus der Nierenspitze hervorgehenden Gang — den pri-
mären Harnleiter — entleert.
Die Concremente sind ungewöhnlich gross 0.045 — 0,05 1 mm von
kugliger oder ovaler Gestalt. Sehr schön sind hier die einzelnen
Schichten zu erkennen; innen markirt sich bei einzelnen sehr scharf
ein runder oder dreieckiger goldgelber Kern, diesen umgeben etwas
hellere Schichten und die Peripherie schhessen dunklere ab.
Clausilia.
Von diesem Genus besichtigte ich Clausilia laminata Mtg.
und erkannte, dass der aus der Nebenniere hervorgehende secundäre
Harnleiter ganz geschlossen ist. Die Lage der Niere betreffend, ist
') Zeitschr. f. wiss. Zool. 41. Bd , pag.
l^ Th. Behme: Beiträge zur Anatomie und
zu erwähnen, dass deren Basis dorsal auf der Höhe der zweiten Win-
dung, die Nierenspitze direkt hinter dem Athemloch sichtbar ist. Die
Niere wird 4 mm, der Ureter 8,75 mm lang. Concremente sämmtlich
kuglig, stark gekörnt und 0,012 mm gross.
Succinidae.
Schon längst ist durch Paasch i) bekannt, dass z. B. Succinea
putris L. einen geschlossenen Harnleiter hat; diese vollkommen
richtige Thatsache wird von von Ihering^) bestätigt. Aber, wie
meinen Beobachtungen zu entnehmen, kommen bei diesem Genus
gerade Abweichungen in anatomischer Beziehung vor.
Ich kann nun über 3 Species
Succinea putris L.,
— Pfeifferi Rossm.,
— oblonga Drap.
berichten; alle 3 stimmen genau überein, so dass ich die "schon früher
untersuchte Art, Succinea putris, näher betrachten will.
Der Mantelrand biegt im Anfange des letzten Körperviertels unter
Bildung eines Winkels scharf nach links um, 4 mm vor dieser Stelle
sehen wir den Eingang in die Athemhöhle, welche mehr breit als
lang ist. Die Niere ist weit nach hinten gerückt und begrenzt in
fast horizontaler Richtung den Athemraum nach hinten; die Nieren-
basis mit dem Herzen ist ganz links, die Nierenspitze ganz rechts
gelegen.
Dem vorderen Nierenrande entlang läuft, an der Basis ihren
Ursprung nehmend, die Nebenniere. An der Nierenspitze biegt
sich letztere unter einem Winke] von 90°, an den Mantel tretend,
um und folgt jetzt immer der inneren Seite des Mantelsaums. In
Folge dessen beschreibt auch der Harnleiter an der oben erwähnten
Umbiegungsstelle einen annähernd rechten Winkel, geht hiernach aber
nicht auf dem direktesten Wege zum Athemloch, sondern 1 mm von
dem oberen Rande entfernt bleibend, wendet er sich noch 2 mm nach
links, um schliesslich von dieser Seite in's Athemloch auszumünden.
Hervorzuheben ist also, dass die Nebenniere an der Nieren-
basis ihren Ursprung nimmt, also hierin von allen Familien
abweicht; die Ausmündung des Harnleiters hingegen zeigt uns ein
ähnliches Verhalten wie bei Limax. Nach von Ihering soll eine Ver-
schiebung des Athemloches die Ursache dieses abweichenden Verlaufes
sein. Das Lumen des Harnleiters ist nun den gTÖssten Schwankungen
unterworfen. Anfangs beträgt dasselbe 1 mm, an der Stelle, wo der
Harnleiter nach links biegt, sehen wir eine starke, fast beuteiförmige
Anschwellung, über dem Athemloche ist der Ureter zu einem sehr
feinen Kanal geworden, und schliesslich bemerkt man wieder un-
mittelbar vor der Ausmündung ein beträchthches Anschwellen, wobei
') 1. c. pag. 92.
^) 1. c. Zeitschrift f. wissensch. Zool. 41. Band, pag. 275.
Entwickelungsgeschicbte des Harnapparates der Limgeiischuecken. 15
einige Windungen beschrieben werden. Diese Verhältnisse kommen
am klarsten znr Ansicht, falls die Limgenhöhle durch einen von links
nach rechts geführten Schnitt eröffnet wird, gleich weit von der Niere
und dem Mantelwulst entfernt. Der Enddarm schliesslich berührt auf
seinem Wege nach aussen die Nierenspitze, hält sich links und
unterhalb des Harnleiters am Boden der Lungenhöhle, um schliesslich,
dem Ureter gegenüber, auf der rechten Seite in's Athemloch aus-
zumünden.
•Concremente 0,u-'5 — 0,03ü mm gross, meist oval; oft ein dunklerer,
runder Kern und um diesen 5 Ringe zu beobachten.
Bei Succinea oblonga erreicht der Durchmesser der Concremente
0,040 mm; sie sind von ovaler, auch runder Form und lassen gleich-
falls eine gut ausgeprägte Schichtung erkennen.
Limnaeidae.
a) Limnaea.
Den Succineen ähneln die Limnäen in mancher Beziehung, aber
ganz abweichend ist bei beiden die Ausbildung der Harnorgane vor
sich gegangen. Bei Limnaea stagnalis L. z. B. wird die Niere 2 cm
lang, die Basis berührt fast die linke Wand der Lungenhöhle und
der vordere Rand begrenzt die Lungenhöhle nach vorn. Im Ganzen
ist das Organ mehr in die Breite gezogen, der hintere Rand in der
Mitte ein wenig geknickt. Es rührt dies daher, dass die Drüse nach
hinten in 2 Zipfel ausläuft, welche unter einander durch lockere
Bindegewebszüge in Verbindung gebracht sind. Nach vorn zu geht die
Niere allmählich in einen grade verlaufenden Kanal, den primären
Harnleiter über, der ungefähr 2 mm vor der Athemöftnung aus-
mündet. Nach rechts und links schliesst sich an die Mündung eine
feine, bald verstreichende Falte, welche wahrscheinlich auch bei der
Urinentleerung eine Rolle spielt. Der Enddarm mündet von der
rechten Seite in die Kloake aus; diese ist bei erwachsenen Thieren
6 mm von der scharfen Umbiegungsstelle des Mantels entfernt, und
wird leicht und vollständig durch die dem letzteren entspringende
Klappe von unten her zum Verschluss gebracht. Die Färbung der
Niere ist indi\dduell sehr verschieden, besonders aber, Avie zahlreiche
Sektionen zeigten, von dem Aufenthaltsorte abhängig. Ich beobachtete
dunkel — bis schwarzbraune, intensiv gelbe und auch gaiiiz unregel-
mässig gefärbte Nieren; kann aber hinzufügen, dass längeress.lLiegen
in gewöhnlichem Wasser das Pigment auflöst und ein gleichmässiges
Gelb hervorruft.
Bei Limnaea ovata Drp. und Limnaea palustris Müll, konnten
dieselben anatomischen Verhältnisse nachgemesen werden.
L. stagnahs. Concremente 0,024 mm gross, alle kuglig und schön
geschichtet.
L. ovata hat deutlich geschichtete und radiär gestreifte Con-
16 Th, Beb nie: Beiträge ziu* Anatomie und
cremente mit einem dunkleren Centrnm, welches meist einige Kügelchen
enthält. Die Grösse steigt bis 0,050 mm. — L. palustris Concremente
0,010 — 0,015 mm gross, rund oder oval.
b) Physa.
Untersucht wurde Physa fontinalis L. Analog der links ge-
wundenen Schale ist bei dieser Gattung die Nierenbasis rechts, ihre
äussere Oeffiiung links gelegen, sonst verhält sich aber der Harn-
apparat wie dies bei Limnaea beschrieben wurde. Concremente rund
und 0,009 mm gross.
c) Planorbis.
In Bezug auf Form und Lagerung der Niere, sowie Einrichtung
der Lungenhöhle weichen diese Thiere von den übrigen Süsswasser-
pulmonaten so erheblich ab, dass sie eine eingehendere Beschreibung
erfordern. Der Körper ist stark in die Länge gezogen, dorsal, etwas
links von der Medianlinie schimmert die Niere durch, die bei aus-
gewachsenen Individuen die ansehnhche Länge von 2 cm erreicht
und im hintersten Abschnitt plötzlich nach rechts tritt. Vor der
Basis (also rechts) erbHckt man das stets mit blassröthlicher Blut-
flüssigkeit gefüllte Herz; rechts und links begrenzen die Niere Ge-
fässe, die zum Herzen ziehen. Die Seitenflächen der Niere ver-
schmälern sich nach dem Grunde der Athemhöhle zu sehr schnell
und vereinigen sich unter einem sehr spitzen Winkel, in Folge dessen
der Nierenquerschnitt Keilform annimmt; die Drüsensubstanz wölbt
sich in schmalen, flachen Querwülsten in den freien Innenraum der
Lungenhöhle vor. Das Nierensekret wird vermittelst einer mit
kräftigen Wandungen ausgestatteten Papille nach aussen befördert,
wie zuerst Paasch angegeben hat; 2 mm hinter dem Mantelwulst dicht
unter der Lungendecke ragt diese Papille über die linke Nieren-
fläche hervor.
Nun sitzen noch eigenthümliche Falten in der Lungenhöhle, über
welche ich nirgends Angaben gefunden und deren Bedeutung mir
nicht klar geworden ist. Der scharfe Rand der Niere, ein derber,
fester Bindegewebsstrang, legt sich auf einen breiten, dem Boden der
Lungenhöhle angehörenden Vorsprung, und indem beide vorn über
das Athemloch hinausgehen und verwachsen, sehen wir durch gegen-
seitiges Zusammenneigen eine ohrförmige Oeöhung entstehen. Weiter-
hin sitzt dem Enddarm eine 1,5 mm hohe, die ganze Lungenhöhle
durchziehende Falte auf; eine weniger kräftig ausgebildete entspringt
von korrespondirenden Stellen der Lungendecke, und auf gleiche
Weise kommt im Athemloch eine zweite, ohrförmige Bildung zu
Stande, links von der zuerst erwähnten. Der scharfe Rand der
Niere, wie die 3 anderen Falten, führen kein Pigment und haben
daher eine schmutzig graue Farbe; im hinteren Abschnitt der Lungen-
höhle treten alle eng zusammen und biegen schliesslich nach links,
um sich im angrenzenden Gewebe zu verlieren. Der zu hinterst
Entwickelungsgeschichte des Harnapparates der Luiigenschiiecken. 17
liegende Nierenabschnitt verwächst auf eine Strecke von 4 — 5 mm
innig mit den Nachbarorganen, es fehlt deshalb der scharfe Rand.
Diese Ausführungen beziehen sich auf Planorbis corneus L., haben
aber auch volle Geltung für Planorbis marginatus.
Ausserdem prüfte ich noch Planorbus rotundatus Poir. auf das
Verhalten des Harnapparates unter Zuhilfenahme der Schnittmethode
und sah, dass die Niere weniger spitz nach unten zuläuft, die Ent-
leerung des Harns aber in gleicher Weise vor sich geht. Con-
cremente von PI. corneus werden 0,0 18 mm gross, sind ohne Aus-
nahme rund und stark gekörnt.
PL marginatus C. 0,020 mm gross, rund, bohnenförmig, auch
ganz unregelmässig und gleichfalls stark gekörnt.
PL rotundatus hat 0,oi2 mm grosse Harnconcremente , die alle
denkbaren Formen annehmen können.
Diese auf vergleichend anatomischer Basis gewonnenen Ergebnisse
dürften einerseits die Kenntniss über den harnleitenden Apparat der
Pulmonaten bereichern, andererseits aber den Beweis liefern, dass,
soweit es sich um das Verhalten von Niere und Harnleiter handelt,
typische Branchiopneusten unter den Nephropneusten v. Ihering's
auftreten. Konstatirt wurden solche in den Familien der HeKciden —
Helix pulchella Müll. — und Pupinen nämlich:
Bulimus pupa Brug.
— obscurus Müll.
— radiatus Brug.
Cionella lubrica Müll.
Pupa avenacea Brug.
Es muss hierbei auffallen, dass von den untersuchten Heliciden
nur eine einzige Species aufgefunden wurde, deren Niere nur den
primären Harnleiter besass, während von den 7 Gattungen der zur
Verfügung stehenden Pupinen allein 5 einen den Limnäen vollständig
gleichenden Harnapparat besitzen. Wir können hieraus schliessen,
dass die Heliciden die höher stehenden und in der Entwicklung am
weitesten fortgeschrittenen sind, wie es auch thatsächlich der Fall
ist; wir brauchen iuur an den höchst verwickelt eingerichteten Ge-
schlechtsapparat der HelLxarten zu denken. Die von Henri de Lacaze-
Duthiers untersuchte Testacella verhält sich ganz ähnlich, wie
oben ausgeführt. Alle Anzeichen deuten also darauf hin, dass bei
weiteren diesbezüglichen Ermittelungen immer mehr Vertreter entdeckt
werden, welche eine Niere mit einem primären Harnleiter haben,
also Branchiopneusten sind. Die von v. Ihering vorgeschlagene
Trennung scheint somit, wenigstens nach vorstehenden Mittheilungen,
inopportun und dürfte hiernach nicht aufrecht zu erhalten sein, wenn
es nicht gelingt, stichhaltigere Belege durch die Entwicklungsgeschichte
zu bringen, also z. B. nachweisen, dass das, was anatomisch bei
Bulimus pupa u. A. als primärer Harnleiter bezeichnet werden muss,
Aich. f. Naturgescb. Jahrg. 1889. Bd. I. H. 1 . 2
jg Th. Behme: Beiträge zur Anatomie und
doch aus der Lungenhöhle hervorgegangen und demnach secundärer
Harnleiter ist.
Die Succineen nehmen, wie schon betont, insofern eine isolirte
Stellung ein, als ihre Nebenniere an der Nierenbasis entspringt und
dann dem vorderen Nierenrande entlang nach rechts läuft.
Die Lage der Niere bietet viel Aehnlichkeit mit derjenigen der
Limnäen, so dass meiner Meinung nach die von Rabn) aus-
gesprochene Vermuthung, üass die Succineen jedenfalls von den Lim-
näiden abstammen, immerhin durch diesen Befund eine Stütze erfahren
könnte. Ueber die Limnäen sprechen sich andere Autoren dahin
aus, dass sie den Landaufenthalt aufgegeben hätten und wieder in's
Wasser zurückgekehrt seien.
Die eigenthümhchsten und einfachsten Verhältnisse lassen ent-
schieden die Vertreter des Genus Planorbis erkennen; es entspricht
dies ihrer niedrigen Organisation.
BetreÖs der Harnconcremente glaube ich den Beweis erbracht
zu haben, dass dieselben den verschiedensten Modifikationen in Bezug
auf Grösse, Form und Zusammensetzung unterworfen sein können.
Entwickeluugsgeschiclite.
Wie obenerwähnt wurde, hatte von Ihering auf Grund seiner
Beobachtungen die Vermuthung ausgesprochen, dass der geschlossene
secundäre Harnleiter durch Schluss einer Rinne zu Stande kommt,
welche ursprünglich einen Theil der Lungenhöhle bildet. Dem gemäss
musste also die Entwicklungsgeschichte nachweisen, dass Gattungen
mit vollständig geschlossenem secundären Ureter während des em-
bryonalen Lebens Stadien zu durchlaufen haben, welche den all-
mählichen Uebergang vom offenen zum geschlossenen Ureter erkennen
lassen. Li der That hat nun bereits Professor M. Braun 2) die
Richtigkeit der von Ihering'schen Anschauung sicher gestellt und in
Kürze die Entwicklung des secundären Harnleiters bei Helix pomatia L.
mitgetheilt. Ich habe hier die Aufgabe, genauere Angaben über die
betreffenden Verhältnisse zu machen und schildere in Folgendem
4 verschiedene Entwicklungsstadien von Helix pomatia L.
Zunächst möchte ich aber einige Worte über die Untersuchungs-
methode selbst vorausschicken. Was die Beschaffung der Eier be-
trifft, so hält es wenigstens hier in Rostock schwer, dieselben in der
freien Natur aufzufinden. Ich habe Tage lang danach gesucht, aber
ohne jeglichen Erfolg, weshalb auf Anrathen des Herrn Professor
Dr. Braun folgendes Verfahren in Anwendung kam, das ich nur
empfehlen kann. Im Juni wurden 50 ausgewachsene Exemplare von
Helix pomatia L. gefangen und unter ein geräumiges Drahtgitter
') Rabl. Ueber die Ontogonie der Siisswasserpulmonaten. Jen. Zeitschr.
f. Naturw. Band IX., pag. 219.
') M. Braun. Ueber die Entwicklung des Harnleiters bei Helix pomatia L.
Nachrichtsblatt der deutschen malakozool Gesellschaft. No. 9 u. 10. 1888.
Entwickelungsgeschichte des Harnapparates der Lungenschnecken. 19
gebracht, welches in dem Garten des zoologischen Institutes auf-
gestellt war. Durch die Gefangenschaft schien der Geschlechtstrieb
keinerlei Einbusse erhtten zu haben, indem öfter zu gleicher Zeit
mehrere Paare in copula angetroffen wurden.
Nach erfolgter Begattung bohrten die Pomatien in bekannter
Weise ein Loch in die Erde, legten durchschnittlich 50 — 70 Eier
hinein und deckten dasselbe wieder zu. Bei einiger Aufmerksamkeit
kann man somit am besten durch ein Stäbchen genau die Stelle
bezeichnen, wo sich der Eierhaufen befindet und überdies das Datum
notiren, um einigermassen Anhaltspunkte über das Alter der Em-
bryonen zu haben. Die Eier selbst wurden, wie es am meisten den
natürlichen Verhältnissen entspricht, bis zu ihrer Benutzung im Freien
belassen. Nachdem dann späterhin die Eischalen und das die Em-
bryonen umgebende Eiweiss entfernt, wurden die letzteren je nach
Grösse V4 bis V2 Stunde in eine heisse, gesättigte Sublimatlösung
gebracht und in üblicher Weise gehärtet. Als Färbemittel erwies
sich Pikrokarmin am geeignetsten; 2 — 4stündiges Liegen in der Farbe
war ausreichend.
Die Schnittserien von Schneckenembryonen misslingen wegen der
Härte und Sprödigkeit des Eiweisses allzu leicht; doch die Beobachtung
zeigt, dass, falls man nicht in Chromsäure gehärtet hat, die Sprödig-
keit des Eiweisses nur durch höhere Temperatur erreicht wird, des-
halb empfiehlt sich sehr vorsichtiges Einbetten bei etwa 50° C.
Wenn nun auch die in Gefangenschaft gehaltenen Thiere reichlich
Eier lieferten, so ist, wie gesagt, einerseits die Herstellung von brauch-
baren Serien schwierig, noch mehr aber das Einhalten einer be-
stimmten Schnittrichtung, weil für die vorliegenden Untersuchungen
allein Querschnittserien zum Ziele führen können. Von den vielen
Serien, welche hergestellt wurden, konnten von den jüngeren Stadien
eben nur 4 den geforderten Ansprüchen genügen, diese aber waren
in jeder Beziehung tadellos und ohne Lücken.
Zur Beschreibung der auf einander folgenden Entwicklungs-
stadien übergehend, betrachte ich zuerst den jüngsten Embryo.
Aeusserlich erkennen wir an demselben die Anlage des Mantels, auf
dem Schalenfelde die Schale in Form einer zarten, strukturlosen
Membran und weiterhin die erste Andeutung des Fusses. Dem Mantel
gegenüber kommt vorn die Kopfanlage zum Vorschein und über dem
Munde ist das Velum sichtbar. Dieses Entwicklungsstadium war
etwas jünger als das von Ihering^) abgebildete, wie ich aus der ge-
ringeren Ausbildung der Schale schliesse.
Beim Studium der einzelnen Querschnitte fallen zuerst 2 Schläuche
in die Augen, welche in nächster Nähe der Mundmasse ihren Ursprung
nehmen, unter Beschreibung eines Bogens nach vorn und aufwärts
ziehen, um schliesslich jederseits in eine Vertiefung der äusseren Haut
auszumünden. Durch dünne Schichten von Mesodermzellen sind diese
1) von Ihering. lieber die Entwicklungsgeschichte von Helix. Jenaische
Zeitschrift Bd. IX. Fig. 9 Taf. XVII.
2*
20 Th. Behine: Beiträge zur Anatomie und
Organe gleichweit von der äusseren Haut und der Oberfläche der
Dottermasse entfernt, der letzteren aber an keiner Stelle direkt auf-
gelagert. Kurz vor ihrer Mündung sehen wir eine Annäherung an
die Mantelanlage. Das hintere Ende ist geschlossen und ganz mit
Zellen ausgefüllt, im vorderen, der äusseren Mündung zunächst
liegenden Theile, sitzt der Innenwand ein einfacher Besatz von
Cylinderzellen auf; diesen haben wir also als Ausführungsgang, jenen
als Drüsentheil zu bezeichnen. Die durchschnittliche Grösse der Zellen
beträgt 0,oi5 mm, ihr Kern ist gross, stark granulirt und enthält ein
deutlich hervortretendes Kernkörperchen. Das Zellplasma der Drüsen-
zellen ist mehr trüb, im Ausführungsgange hell und durchscheinend.
Wenn ich hinzufüge, dass auf dem älteren, mir vorHegenden Ent-
wicklungsstadium von diesen Organen keine Spur mehr aufgefunden
werden konnte, so stellen die beschriebenen Organe ohne Frage die
Urnieren, auch Vornieren, primitive oder embryonale Nieren genannt,
dar. Wie längst bekannt, haben sie nur die Bedeutung von pro-
visorischen, embryonalen Organen; Gegenbaur^) Keferte zuerst eine
eingehende Beschreibung derselben bei Limax agrestis. Dieser Autor
betont, dass dem Ausführungsgange der Urnieren eine sog. Tunica
propria nicht zukomme, auf der vorliegenden Serie aber umgab
eine solche die Urnieren der ganzen Länge nach. Bei der obigen Be-
schreibung vermisst man allerdings die bekannten Sekretionsbläschen
mit den Concretionen, dies darf jedoch nicht Wunder nehmen, weil
diese durch die Behandlung der Embryonen mit verschiedenen Agentien
zerstört sind.
Auf der Zeichnung A sehen wir die rechte Urniere (U. N.) und
die Ausmündung derselben in eine Ausstülpung der äusseren Haut (E).
Durch diese Figur, sowie durch die mit B, C, D bezeichneten Ab-
bildungen sollen die Grössen- und gegenseitigen Lageverhältnisse der
uns interessirenden Organe von den 4 Embryonen veranschaulicht
werden. Diese Zeichnungen wurden in der loekannten Weise her-
gestellt, dass von jedem Querschnitt der Umriss der Organe auf dem
Längsbilde in quadrirtes Papier eingetragen wurde; die Abbildungen
sind also schematisch gehalten.
Weiterhin bemerkt man innen von der rechten Urniere ein
unpaares Organ, das den vorderen Abschnitt derselben begleitet und
schliesslich mit ihr in der Ausstülpung der äusseren Haut ausmündet.
Im Ganzen ist es 0,i5 mm lang, in der Mitte 0,ii mm breit und
0,06 mm dick, so dass wir eine obere und untere Fläche unterscheiden
können. Die letztere ist der Oberfläche der Dottermasse zugewandt
und nur durch die einschichtige Entodermlage von derselben getrennt.
Die Gestalt würde ungefähr einem kurzen Beutel entsprechen.
Aussen konstatirt mai^ eine zarte sog. Tunica propria, der innen
eine einschichtige Lage von Cylinderzellen aufsitzt, und letztere um-
schhessen einen spaltförmigen Hohlraum. Die Zellen haben überall
') Gegenbaur. Beiträge zur Entwicklungsgescliichte der Landgastropoden.
Zeitschrift f. wissensch. Zoologie 1851, pag. 371—411.
Entwiclvehingsgeschiclite fle.s Harnapparates der Lungenschnecken. 21
gleiche Beschaffenheit; ihre Grösse beträgt 0,ui5 mm, das Zellplasma
ist verhcältnissmässig hell imd iimgiebt einen rnnden 0,008 mm grossen
Kern mit Kernkörperchen.
Dieses Organ ist die Anlage der definitiven Niere (N in der
Figur A und auf dem bei 1 durchgelegten Querschnitte «1), auf
späteren Stadien findet man sie immer an dieser Stelle wieder. Jeden-
falls haben wir hier eins der frühesten Entwicklungsstadien der Niere
vor uns. Wir erkennen einen einheitlich gebildeten Schlauch, dessen
Wand einen einfachen Besatz von Cylinderepithel trägt und in dem
noch keine Differenzirung in einen secernirenden und ausführenden
Abschnitt eingetreten ist.
Allerdings steht das, was über die Ausmündung der Niere gesagt
wurde, im Widerspruch mit den Angaben von Gegenbaur. Dieser
Autor betont nämlich in der kurz vorher citirten Arbeit (pag. 390)
ausdrücklich, „dass der Ausführungsgang der Niere in der Nähe des-
jenigen der rechten Vorniere liegt, jedoch niemals mit ihm in eins zu-
sammenschmilzt." Dem gegenüber lässt diese Serie aber sehr schön
erkennen, wie sich die Niere der Urniere ganz nähert, mit ihr zuletzt
einen gemeinschaftlichen Kanal bildet und auf diese Weise durch
eine Einstülpung der äusseren Haut nach aussen mündet. (E. der
Figur A und auf dem Querschnitt « 2.)
Urniere wie Niere umgeben spärliche Mesodermzellen. Nur
neben der oberen Nierenfläche, also derjenigen Seite, welche der
äusseren Haut zugekehrt ist, konstatirt man eine Anhäufung von
Zellen, die dem mittleren Keimblatte angehören. Höchst wahr-
scheinlich stellen diese die Anlage des Herzens (C. bei « 1) dar;
sicher können darüber aber erst spätere Stadien entscheiden.
Der Enddarm (E. D.) bildet ein kurzes, geschlossenes Rohr in
der Nähe des Mantels. Die Verbindung mit der Aussenwelt ist noch
nicht hergestellt.
Die zweite Serie, welche ich zu beschreiben habe, entstammt
einem Embryo, dessen Länge 1,5 mm. betrug; Schale und Mantel
waren weiter ausgebildet, der Fuss grösser als auf dem ersten
Stadium. Der von Gegenbaur in Figur 18 Tafel XL abgebildete
Embryo stellt ein etwas jüngeres Stadium dar. Wie schon oben be-
merkt, sind jetzt die Urnieren vollständig verschwunden; der beste
Beweis dafür, dass die Entwicklung erheblich vorgeschritten ist.
Verfolgen wir die einzelnen Schnitte von vorn nach hinten, so sieht
man horizontal über der Dottermasse einen breiten und spaltförmigen
Hohlraum liegen, der vorn durch eine weite Oeffnung, das Athemloch
(AI in Fig. B.) mit der Aussenwelt in Verbindung steht, hinten aber
sich bis zur Nierenspitze erstreckt. Dies ist die Lungenhöhle
(L H. in den Abbildungen.) Bestimmtes über ihre Entstehung ver-
mag ich nicht anzugeben, weil die Uebergangsstadien fehlen; ver-
muthe aber, dass die Einstülpung, in welche anfangs (Fig. A.) die
Niere ausmündete, allmählich zur Lungenhöhle geworden ist.
Die Niere hat, abgesehen von einer geringen Annäherung an
22 Th. Behme: Beiträge zur Anatomie und
den Mantel, dieselbe Lage, wie bei dem jüngsten Embryo bei-
behalten.
Wir erkennen jetzt Folgendes:
Im hinteren blind geschlossenen Abschnitt hat die Nierenanlage
einen Umfang von 0,i6 mm, der Innenranm wird fast vollständig mit
Zellen ausgefüllt derart, dass nur ein ganz feiner, mit schwacher
Vergrösserung kaum sichtbarer Spalt im Innern übrig bleibt {ß 1. N.).
Die Zellen sind 0,027 mm gross und besitzen einen stark granu-
lirten Kern, der die ansehnliche Länge von 0,017 mm und eine Breite
von 0,005 mm hat; dabei enthalten die meisten Kerne 2 grosse, den
Polen genäherte Kernkörperchen. Nach vorn zu setzt sich die Niere
in einen Kanal — pr. U. — fort, den man eine Strecke weit in
die Lungenhöhle verfolgen kann, wie die Zeichnung B. illustrirt. Er
ist halb so lang als die Niere selbst, sein Durchmesser beträgt 0,08 mm
und weil der Innenwand eine einfache Lage von Cylinderzellen auf-
sitzt, bleibt ein breiter Hohlraum frei. Die Zellen haben eine Grösse
von 0,024 mm, der Kern ist 0,0 1 5 mm lang und 0,006 mm breit. Im
hinteren Abschnitt der Lungenhöhle öffnet sich der Kanal in die
uns schon bekannte Rinne, welche, diesen ganzen Athemraum
durchziehend, im Athemloch ausmündet, so dass etwaiges Sekret
der Niere durch diese Rinne nach aussen gelangen kann.
Die Lungenhöhle selbst lässt durch ihre Einrichtung 2 sehr
scharf voneinander abweichende Abtheilungen erkennen. Die grössere
links gelegene Parthie derselben ist mit 0,009 mm grossen Platten-
epithelien ausgekleidet, während die Wandungen der Lungenhöhle
auf der rechten Seite, also neben dem Enddarm, eine breite Rinne
bilden, deren Epithel aus dicht neben einander stehenden und 0,032 mm
grossen Cylinderzellen besteht.
Es ist hervorzuheben, dass die Nierenanlage sich jetzt bereits
in 2 Abschnitte geschieden hat; in einen zu hinterst gelegenen
Drüsentheil und einen in gerader Richtung abgehenden Ausführungs-
gang. Ohne Frage wird der Drüsenabschnitt späterhin zur eigentlichen
Niere, den Ausführungsgang aber müssen wir nach Analogie der
früheren Mittheilungen als den primären Harnleiter pr. U. — in der
Figur B. und auf dem bei 2 abgezeichneten Querschnitt ß 2 ansprechen,
weil nur er ein einfaches Cylinderepithel besizt und sonst nichts mit
der Einrichtung der Niere gemein hat. Im weiteren Verlauf wird aus
diesem Kanal die Nebenniere, wie auf den späteren Entwicklungs-
stadien erkannt werden kann.
In dieser Zeit hat die Niere, wie man gestehen muss, grosse
AehnHchkeit mit derjenigen von Süsswasserpulmonaten und um Ver-
gleiche zwischen beiden anzustellen, beschäftigte ich mich mit der
Entwicklung des Harnapparates von Limnaea stagnalis L., kam aber
zu keinem nennenswerthen Resultate, weshalb Rabl's i) Angaben
herangezogen werden. Dieser Autor bildet in der Figur 30 Tafel IX
') C. Kabl. Die Ontogenie der Süsswasserpulmonaten. Jen. Zeitschr. f.
Naturw. Bd. IX pag. 195—240.
Eiitwickelungsgescliichte des Harnapparates der Luiigeiischiiecken. 23
die Niere eines entwickelten Limnäenembryo ab. Dieselbe stimmt
mit der eben beschriebenen Niere des Helixembryo in der Weise
überein, dass beide einen blind geschlossenen Drüsentheil und einen
geraden Aiisführungsgang erkennen lassen.
Abgesehen von der erfolgenden Ditferenzirimg der Niere bleibt
Limnaea auf dieser niedrigen Stufe während des ganzen Lebens stehen,
wogegen bei Helix nach und nach der secundäre Harnleiter zu Stande
kommt; der erste Anfang davon ist bereits durch die beschriebene
Rinne gegeben.
Die folgenden Stadien belehren uns darüber, wie sich der secun-
dcäre Ureter bildet.
Der Zellenhaufen, welcher beim jüngsten Embryo neben der
Niere lag, hat sich jetzt bedeutend vergrössert und soweit differenzirt,
dass er bestimmt als Herz erkannt werden kann. Das Perikard
umgiebt letzteres in Gestalt einer feinen Membran, ein Hohlraum ist
im Herzen noch nicht nachweisbar; im Uebrigen übertrifft aber, wie
die Figur B und ß 1 lehrt, das Herz (C.) die Niere sowohl an Um-
fang als auch an Länge bedeutend.
Der Enddarm begleitet auf der rechten Seite die Lungenhöhle
in der ganzen Länge, sein Ende ist noch geschlossen.
Das nun folgende Entwicklungsstadium habe ich durch die Fig. C
zu veranschaulichen versucht.
Der betreftende Embryo war wiederum weiter ausgebildet, Mantel
und Schale traten mehr hervor und in dieser Periode konnte bereits
die Radula erkannt werden.
Ein kurzer Blick auf die Abbildung C belehrt uns darüber, dass
nunmehr eine wesentliche Aenderung des harnleitenden Apparats
eingetreten ist.
Während früher die Nierenspitze in gerader Richtung in den
Ausführungsgang — den primären Ureter — überging, hat sich
letzterer jetzt nach vorhergegangener Knickung rechts neben die
Nierenspitze gelegt und ist zu dem Abschnitte des harnleitenden
Apparates geworden, welchen wir am erwachsenen Thiere Nebenniere
genannt haben.
Wie die Schnitte lehren, stimmt auch das Cylinderepithel des
früheren primären Harnleiters mit den Zellen, welche die Wand dieser
Nebenniere auskleiden, vollständig überein. Nach der Umbiegung
hat sich weiterhin eine Wucherung der hinteren Wand eingestellt;
als Folge davon sehen wir in dieser Periode eine beuteiförmige An-
schwellung der Nebenniere, in Folge dessen letztere der Niere an
Umfang fast gleich kommt. Nach vorn umbiegend, geht die Neben-
niere in ein Rohr über, welches wir durch Schluss eines Theiles der
Rinne in der Lungenhöhle entstanden denken können, wenngleich
eine Grenze zwischen diesem Theile und der Nebenniere nirgends
scharf hervortritt. Der geschlossene Harnleiter ist hier 0,i mm lang;
etwas vor der Nierenspitze setzt er sich in die offene Rinne fort.
Der Anus ist zu dieser Zeit gebildet.
Beim Studium der durch die Niere selbst gelegten Querschnitte
24 Th. Behme: Beiträge zur Anatomie und
überzeugt man sich, dass die ganze Drüse von hinten nach vorn
vollständig übereinstimmend gebaut ist.
Ohne noch speciell auf die Histologie der Niere einzugehen, will
ich nur anführen, dass, dem fortgeschrittenen Wachsthum ent-
sprechend, jetzt frei in's Lumen vorragende Falten der Innenwand
aufsitzen, wodurch die spätere Struktur des Organs mehr und mehr
vorbereitet wird. In den Nierenzellen sieht man zu dieser Zeit
kleinste Concremente in Sekretionsbläschen liegen. Ueberdies ist die
Niere mit dem Perikardium, welches als weiter Sack das Herz um-
giebt, durch einen Kanal in Verbindung getreten; die Oeffnung wird
bekanntlich als Nierenspritze (N. Spr. Fig. C) bezeichnet.
Die Ausbildung des harnleitenden Apparates geht, nachdem sie
so weit fortgeschritten, nunmehr schnell von statten in der Weise,
dass die hintere Wand der Nebenniere immer stärker wuchert und
bald die Nierenbasis erreicht. Wie die Zeichnung D illustrirt, hat
auf diesem älteren Stadium die Nebenniere sich fast bis zur ganzen
Länge der Niere ausgezogen, erst später verwachsen die einander
berührenden Flächen von Niere und Nebenniere. Nach vorn um-
biegend, sehen wir aus der Nebenniere wieder den secundären ge-
schlossenen Harnleiter hervorgehen, der gegen früher länger ist, was
durch weiteren Verschluss der Rinne zu erklären ist.
W^ie man sich durch die Zeichnung D überzeugt, ist die Niere
wiederum grösser geworden, auf den Schnitten sieht man zahlreichere
Falten in ihrem Inneren und auch grössere Concremente.
Die Zeichnung d 1 entspricht einem Querschnitt, der die Nieren-
spitze bei D 1 getroffen hat; am weitesten nach links haben wir die
Niere (N) und in folgender Reihe die Nebenniere (Nn), den ge-
schlossenen Harnleiter (N) und schliesslich den Enddarm (E D).
Unter diesen Organen liegt die Lungenhöhle, die sich zu dieser
Zeit schon weiter nach hinten erstreckt, im Uebrigen aber noch die
gleiche Lage beibehalten hat, wie auf dem zweiten Stadium.
Der bei 2 abgezeichnete Querschnitt d 2 lässt die Rinne (R) mit
dem Cylinderepithel und die übrige Lungenhöhle mit ihren Pflaster-
zellen besonders schön erkennen.
Im Vergleich zu dem früheren Stadium ist also besonders die
Nebenniere weiter ausgebildet und ein grösserer Theil der Rinne
zum geschlossenen Harnleiter geworden. Der Verschluss kommt jeden-
falls durch Zusammenneigen und spätere Verwachsung der Ränder
zu Stande. Dies geschieht ganz allmählich von hinten nach dem
Athemloch zu, so dass am Ende der Entwicklung der secundäre
Ureter der ganzen Länge nach ein geschlossenes Rohr darstellt, wie
ich auf Serien und auch durch Präparation nachwies. Ich könnte
noch einige Abbildungen zur Illustration dieser Uebergänge geben,
halte es jedoch nicht für nöthig.
Nach der Ausbildung des geschlossenen secundären Harnleiters
enthält die Lungenhöhle nur noch die beschriebenen Plattenepithelien.
Inzwischen ist auch die Nebenniere mit der Niere verwachsen; wir
sehen somit, dass nach den verschiedenen Uebergangsformen die aus-
Eiitwickeluugsgeschichte des Harnapparates der Lnugenschneckeii. 25
gebildeten Embryonen von Helix pomatia mit erwachsenen Individuen
anderer Arten dieser Gattimg in Bezug auf den Harnapparat voll-
ständig übereinstimmen, falls man dabei von den Grössenverhältnissen
absehen will.
Bevor ich dieses interessante Kapitel verlasse, will ich noch
einige Bemerkungen über die Entwicklung der Niere anknüpfen.
Seit langer Zeit wird bekanntHch darüber gestritten, ob das äussere
oder mittlere Keimblatt als die Bildungsstätte der Niere zu betrachten
ist. So behaupten u. A. von Ihering^), Salensky-) und RabP),
dass die Niere durch Wucherung des Mesoderms entstehe. Letzterer
Autor führt wörtlich an: ,,Nun sieht man an allem, dass das Ecto-
derm continuirlich in einfacher Schicht über die fragliche Zellen-
gruppe hinwegstreicht, dass also, mit anderen Worten, weder von
einer Verdickung noch von einer Einstülpung des Ectoderms die Rede
sein kann." Rabl*) hatte aber früher bei der Untersuchung der-
selben Species — Planorbis corneus — die Anschauung gewonnen,
dass zur Bildung der Niere Ectodermzellen verwendet werden, er
sagt wörtlich: „Aus dem Gesagten geht mit der grössten Bestimmt-
heit hervor, dass die Niere der Gastropoden als ein Produkt des
äusseren Keimblattes aufzufassen ist!" Bobretzki^), Fol*^) und
Sarasin'^) haben gefunden, wie die Niere von Seiten des Ectoderms
gebildet wird; letzterer Autor hat besonders die Schnittmethode, die
allein nur Aufschluss geben kann, in Anwendung gezogen, und er
wie Fol bestreiten entschieden die Richtigkeit der Rabl' sehen An-
gaben über die Entwicklung der Tellerschnecke, soweit es sich um
die Entstehung der Niere handelt.
Im Gegensatz zu allen genannten Forschern will nun Schalfeew^)
beobachtet haben, dass sich über der dorsalen Wand des Herzbeutels
eine Falte entwickelt, welche den Perikardialraum in zwei Abschnitte
theilt; die rechte von diesen beiden Abtheihmgen soll dem eigent-
lichen Drüsentheil der Niere seinen Ursprung geben, der Harnleiter
aber durch eine Einstülpung des Ectoderms zu Stande kommen.
') 1. c. pag. 306.
^) Salensky. Etudes sur le developpement du Verraet. Extrait des
Archives de Biologie publiees par van Beneden et van Barabecke T. VI. 1885,
pag. 714.
3) 1. c. pag. 218.
*) C. Rabl. Ueber die Entwicklungsgeschichte der Tellerschnecke. Mor-
phologisches Jahrbuch 1879, pag. 629.
^) Bobretzki. Studien über die embryonale Entwicklung der Gastro-
poden. Archiv für miki'oskopische Anatomie 1877, pag. 138.
^) H. Fol. Developpement des Gasteropodes pulmones. Archiv de Zoologie
experimentale et generale 1879 et 1880.
') B. Sarasin. Entwicklungsgeschichte der Bithynia tentaculata. Inaugur.-
Dissert. Würzburg 1882, pag. 59.
®) Sui- le developpement da coeur des Mollusques pulmones d'apres les
observations de M. Schalfeew. Zoologischer Anzeiger 1888, pag. 65.
26 Th. Behme: Beiträge zur Anatomie und
"Wenn ich in dieser Sache eine Meinung ausspreche, kann dabei
nur das jüngste, zu Anfang beschriebene Stadium in Frage kommen.
Hier erkannten wir die Niere als kurzen, höchst einfach eingerichteten
Schlauch und konnten nachweisen, dass er in eine Einstülpung der
äusseren Haut ausmündete. Die Zellen waren sämratlich gleich,
Drüsenelemente nicht nachweisbar. Mit Recht könnte man hier die
Schlussfolgerung ziehen, dass die Niere durch eine Einstülpung des
Ectodermes entstanden, also von diesem gebildet sei. Weil mir aber
nur ein einziges, derartiges Stadium zur Verfügung stand, spreche
ich nur eine Vermuthung aus, da es zu gewagt wäre, aus einer
Beobachtung sofort Behauptungen aufzustellen. Die Angabe von
Schalfeew habe ich aber durch meine Beobachtungen am aller-
wenigsten bestätigt gefunden, muss derselben vielmehr, wie ich kurz
ausführen will, einige berechtigte Zweifel entgegenbringen.
Auf dem ersten Stadium, welches ich beschrieb, war die Niere
mit Sicherheit zu erkennen und neben derselben bemerkten wir einen
Haufen von Mesodermzellen. Die ausgesprochene Vermuthung, dass
dieselben zur Bildung des Herzens verwendet wurden, bestätigte das
folgende Stadium.
Sara sin giebt an (1. c. pag. 61), „dass an Stelle des Herzens
zu einer Zeit, wo die Niere schon eine kleine nach dieser Stelle sich
öffnende Höhlung hatte, noch nichts lag, als mesodermale Muskel-
zellen." In diesen Fällen kann die Entwicklung der Niere auf die
von Schalfeew angegebene Weise unmöglich zu Stande gekommen
sein aus dem einfachen Grunde, weil eben die Niere früher als das
Herz gebildet war. Dass ferner der secundäre Harnleiter, wie
Schalfeew meint, nicht durch eine Einstülpung des Ectodermes
entsteht, glaube ich durch obige Ausführungen bewiesen zu haben,
falls der Autor damit nicht den Verschluss der Rinne in der ecto-
dermalen Lungenhöhle meint, in welchem Falle wir übereinstimmen
würden.
Schlussbemerkimgen.
Wenn ich endlich eine kurze Zusammenstellung der wichtigsten
Resultate gebe, so wäre zu erwähnen, dass unter den Landpulmonaten
Formen vorkommen, deren Niere ein secundärer Harnleiter fehlt
(Helix pulchella, Buliminus pupa etc.), eine Deutung, die nur auf
vergleichend anatomischem Wege gewonnen wurde. Die Ueberein-
stimmung der Niere von Buliminus pupa etc. mit der einer Limnaea
ist aber so gross, dass man mit grosser Wahrscheinlichkeit auch die
gleiche Entwicklung annehmen kann. Andererseits hat aber die Ent-
wicklungsgeschichte die Vermuthung von Ihering's über die Ent-
stehung des secundären Harnleiters seiner Nephropneusten bestätigt.
Wie nachgewiesen, mündet die Niere in einer frühen Zeit des embryo-
nalen Lebens mit der Urniere direkt nach aussen, später durch einen
primären Harnleiter am Grunde der Lungenhöhle in eine offene zum
Athemloch gehende Rinne aus, welche von den Wandungen der
Lungenhöhle gebildet wird. Nach eingetretener Knickung wurde der
Entwickeluiigsgeschichte des Haniapparates der Lungenschneckei). 27
primäre Harnleiter zur Nebenniere, und indem die Rinne in der
Lungenhöhle allmählich von hinten nach vorn geschlossen wurde,
war am Ende der Entwicklung der harnleitende Apparat vollständig
ausgebildet. Helix pomatia L. , die in Bezug auf den harnleitenden
Apparat mit zu den höchst organisirten Pulmonaten gehört, lässt
also während ihrer Entwicklung alle niedrigeren Stufen in der Aus-
bildung des Exkretionsapparates erkennen, welche, wie im anatomischen
Theile gezeigt, während des ganzen Lebens von verschiedenen Arten
beibehalten werden. Nothwendiger Weise müssen wir deshalb schiessen,
dass in Bezug auf den Harnapparat die FamiHen und Species mit
unvollkommen ausgebildetem secundären Harnleiter auf einer niedrigen
Stufe stehen geblieben sind, auf der niedrigsten aber diejenigen
Formen, deren Niere sich mittelst eines primären Harnleiters entleert.
Ob diese Untersuchungen einen Werth für die systematische
Stellung der einzelnen Familien der Pulmonaten haben, ist jetzt
noch nicht zu sagen; denn, wie ich glaube, genügt nicht allein die
vergleichende Anatomie eines einzigen Organs, wenn auch der Harn-
apparat eine wichtige Rolle spielen dürfte, sondern es müssten von
berufener Seite auch über andere Organe Ermittelungen angestellt
werden, wie z. B. die Untersuchung der Radula schon sehr wichtige
Dienste geleistet hat.
Erklärung der Abbildungen.
Tafel I. u. IL
Fiijur 1.
Athemloch von Helix pomatia L. mit dem Eudabschnitt der Lungen-
höhle.
Figur 2.
Liingenhöhle von Buliminus Pupa Briig. mit Niere und primärem
Harnleiter.
Die Zeichnungen A, B, C, D, stellen die vier auf einander folgenden Ent-
wicklungsstadien dar, A. ist das jüngste und D. das älteste.
« 1 und u2 = Querschnitt durch 1 und 2 von A.
ySl, /32U./93 = — — 1, 2 und 3 von B.
(11 und cr2 = — — 1 und 2 von D.
Diese Querschnitte wurden mit Hilfe des Zeichenapparates bei 135facher
Vergrösserung angefertigt.
AI = Athemloch.
C = Herz.
E = Einstülpung der äusseren Haut.
ec = Ectoderm.
ED = Enddarm.
28 Th. ßehme: Beiträge zur Anatomie etc.
eu = Entoderm.
Kl. 1 und KL 2 = Klappe.
kl. R. und gr. R. = kleine Rinne und grosse Rinne.
L.H. = Lungenhöhle.
md. •= Mesoderm.
M.. = Mantel.
M.D. = MitteldaiTO.
N. = Niere.
Nn = Nebenniere.
N.Spr. = Nierenspritze.
Pr. U = Primärer Ureter.
R. = Rinne.
U. = Ureter.
UN = Umiere.
Bau und Function
der
Spinndrüsen der Araneida.
Von
Carl Apstein.
Hierzu Tafel III, IV u. V.
I. Morphologie und Histologie der Drüsen.
A. Untersuch ungsmethoden.
Zur makroskopischen Präparation verwandte ich meist
frisches Material. Ich trennte den Hinterleib von dem lebenden Tiere
ab, öffnete mit der Scheere die Chitinhaut auf der Rückenfläche,
breitete die Haut aus und steckte sie unter Wasser resp. Alkohol fest.
Dann entfernte ich mit Nadeln Herz, Darm, die mächtig entwickelte
Leber und die Ovarien resp. Hoden. Dadurch waren die Spinndrüsen
freigelegt, aber der glashellen Farbe wegen schlecht zu sehen. Sie
erhielten aber durch Zusatz von einigen Tropfen Sublimat zum Wasser
ein milchweisses Aussehen, so dass sie leicht mit Nadeln einzeln
herausgehoben werden konnten.
Hatte ich kein frisches Material, so brachte ich die in 96 7o Alkohol
aufbewahrten Tiere nach Oeffnung der Rückenhaut in schwächeren
Alkohol und zuletzt in solchen von 35 7o» in dem ich sie präparierte.
Mein sämmtliches Material behandelte ich behufs späterer Be-
nutzung zu Schnitten folgendermassen :
Die Tiere warf ich, nach der mir von Herrn Dr. Dahl mitge-
teilten, jetzt \'ielfach angewandten Methode, in heisses Wasser, das
gerade anfing zu sieden. Kleinere Arten blieben in diesem Wasser
V2 — 1 Minute, die grössten 2 — 3. Dann kamen sie in 35 % Alkohol
und nach und nach in 96%, in dem ich sie aufbewahrte.
Um Schnitte anzufertigen verfuhr ich so : Ich öffnete den in
96 % Alkohol aufbewahrten Tieren die Rückenhaut, brachte dann die
Spinne in absoluten Alkohol, den ich mehrmals wechselte, und dann
in Terpentin oder Chloroform. Cedernöl Keferte' keine guten Resultate,
da es, nachdem die Spinnen 6 Stunden in Paraffin eingeschmolzen
30 Carl Apstein:
waren, noch nicht durch dasselbe verdrängt war. Dem Terpentin resp.
Chloroform wurde nach und nach Paraffin zugefügt, so viel sich löste,
und dann wurden die Tiere 3 — G Stunden in reinem Paraffin ein-
geschmolzen. Die Schnitte, die ich meist in einer Dicke von 0,oi mm
herstellte, wurden nach vielen Versuchen mit zahlreichen Farbstoffen
ausschliesslich in Alkohol Carmin (15 Min.) und darauf in Hämato-
xylin (10 Min.) gefärbt. Später wendete ich Boraxcarmin an, das bei
Nachfärbung mit Hämatoxylin die herrlichsten Bilder zeigte und vor
allen andern Farbstoffen den Vorzug verdient.
Die Untersuchung der Tiere nahm ich so vor, dass ich von jeder
der Unterordnungen!) einige Tiere präparierte und von denselben
Arten auch Schnitte herstellte. So habe ich 27 Spinnen untersucht,
die ich bei Besprechung der einzelnen Unterordnungen nennen werde.
Ausserdem habe ich 9 weitere Arten auf die Verbreitung einer Drüse
hin geprüft.
B. Form und Bau der Drüsen.
Es ist eigentümlich, dass die Forscher, die die Spinndrüsen unter-
sucht haben, fast nur auf Epeiva diademata eingegangen sind, trotz-
dem die mannigfaltigen Spinngewebe in den verschiedenen Unter-
ordnungen auf Abweichungen in den Organen schliessen Hessen. Diese
Lücke soll meine Arbeit ausfüllen, deshalb umfasst sie nicht nur den
Bau, sondern auch die Function der Drüsen.
Von Arbeiten, die auf andere Spinnen als E/jeira eingehen, habe
ich nur folgende zu erwähnen:
Treviranus 17 2) (S. 42 — 44) beschreibt und bildet ab die Spinn-
drüsen von A7'anea afrox und Aranea domestica, jedoch nicht ganz
der Natur entsprechend.
Weiterhin giebt Wasmann 18 (S. 152 — 157) eine Beschreibung
der Drüsen von Mygale, die ich nach meinen Untersuchungen von
Lasiodora Erichsonii bestätigen kann.
Dann untersuchte Bertkau 1 die Cribellumdrüsen , auf die ich
weiter unten kurz eingehen werde. Ausserdem erwähnt Ohlert 15
die grossen Drüsen von Tegenaria und Cinbiona, und Menge 13 bildet
die Spinnenwarzen der meisten Spinnen ab, die Zahlen für die Spulen
sind aber nicht immer genau.
Da sich die bisherigen Forschungen hauptsächlich auf Epeira
beziehen, so werde ich die Ergebnisse der früheren Autoren mit meinen
Resultaten in folgendem zusammenstellen.
') Die von Thoreil aufgestellt sind. Siehe auch: Dahl, Analytische Be-
arbeitung der Spinnen Norddeutschlands, aus: Schriften d. naturw. Vereins f.
Schleswig-Holstein Band V. 1. Heft. Kiel 1883.
^) Die Zahl hinter den Autornamen giebt die Nummer des Litteratur-
verzeichnisses am Ende dgr Arbeit an. — Der Zahl folgt die Angabe der Seite,
wo die angeführte Stelle zu finden ist. S. = Seite.
Bau und Function der Spiniulrüsen der Araneida. 31
1. Orbitelariae.
Untersucht wurden folgende Spinnen:
Epeira diademata Gl,
Meta segmentata Gl,
Zilla notata Gl und
Tetragnatha exteusa L.
. Die letzte Spinne werde ich besonders behandeln.
Da ich bei diesen Spinnen keine Abweichungen in den Spinn-
organen gefunden habe, so darf ich wohl annehmen, dass sie ebenso
bei den übrigen Orbitelarien ausgebildet sind. Ob diese Verall-
gemeinerung auch auf Hyptiotes ausgedehnt werden darf, kann ich
nicht übersehen, da ich nicht in der Lage war, diese Spinne zu unter-
suchen; sie weicht von den übrigen Orbitelarien durch den Besitz
von Cribellumdrüsen ab und wurde deshalb von Bertkau 1 (S. 351)
mit Spinnen anderer Unterordnungen, die diese Drüsen auch besitzen,
zu der Familie der Cribellata vereinigt.
Die erste bessere Beschreibung der Drüsen giebt Brandt 4.
Er unterscheidet drei verschiedene Formen, glandulae t ubu li-
fo rmes, ampuUaceae und aggregatae. Eine \ierte Drüsenart
hat er wohl gesehen, aber ihrer \Wnzigen Grösse wegen nicht als
Spinndrüsen erkannt. Er sagt von diesen letzteren: „Der hintere
Teil der Spinngefässe ist von einer eignen, weisslichen, körnigen Masse
bedeckt." Brandt giebt nur die Form der Drüsen an, ohne auf ihren
Bau weiter einzugehen.
Die nächste Arbeit, die diese Drüsen behandelt, ist die von
Meckel 11 (S. 50 — 73). Sie zeigt einen grossen Fortschritt, indem
Meckel nicht nur die Form, sondern auch den Bau der Drüsen sehr
genau beschreibt. Trotzdem ist die Arbeit keineswegs frei von Irr-
tümern. Er kennt dieselben drei Drüsenformen wie Brandt, erkennt
auch die vierte (glandulae ac iniform es) und fügt noch eine fünfte
Form, glandulae tuberosae, hinzu, die jedoch nicht existiert, wie
schon Buchholz-Landois 5 (S. '247) zeigten. Dagegen stimmt ihm fast
in allem Oeffinger 14 (S. 1 — 11) bei, dessen Arbeit keinen grossen
Fortschritt gegenüber der Meckel's zeigt. Auch er beschreibt die
nicht vorhandenen glandulae tuberosae. (S. 10.) Zu gleicher Zeit
gab Ohlert 15 in seinen Arachniden Preussens ein paar Bemerkungen
über die Drüsen, die jedoch auf zu oberflächlichen Beobachtungen
beruhen. Ein gleiches gilt von der Arbeit von Emerton 7. In neuester
Zeit erschien dann die Arbeit von Schimkewitsch 16 (S. 44 — 47),
welche die gesammte Anatomie der Kreuzspinne behandelt. Die Dar-
stellung fördert neue Einzelheiten zu Tage, da in ihr zum ersten Male
die Schnittmethoden in Anwendung kamen.
Da die verschiedenen Arbeiten über die Drüsen so mannigfaltige
und oft widersprechende Beschreibungen liefern, so werde icli nach
meinen eigenen Untersuchungen die Verhältnisse klar zu legen suchen,
stets aber dem ersten Autor sein Recht wahren.
32 Carl Apstein:
Ich unterscheide bei den Epeiriden fünf verschiedene Arten von
Drüsen, (Fig. 1), jedoch fallen die von mir unterschiedenen nicht mit
den fünf Arten von Meckel 11 und Oeffinger 14 zusammen, wie die
unten folgende Beschreibung zeigen wird.
Glandulae aciniformes und piriformes.
Ich unterscheide hier zum ersten Male diese beiden Drüsen, die
bis jetzt als eine Form zusammengefasst wurden. Oeffinger 14 (S.6)
hat die beiden Bezeichnungen synonym gefasst. Es scheint ihm auf-
gefallen zu sein, dass die Drüsen verschiedene Gestalt haben, die
eine ist eiförmig, die andere birnförmig. (Fig. 2 und 6.) Sie werden
aber nicht nur durch Unterschiede in der Form getrennt, sondern
auch durch ihr eigentümUches Verhalten gegen Farbstoffe und andere
Reagentien.
a) Glandulae aciniformes, beerenförmige Drüsen. (Fig.2,3.)
Die Drüsen sind zu kleinen Bündeln vereinigt, die langgestielten
Beeren ähnlich sind. Ihre Zahl kann man zu circa 400 annehmen.
Sie bilden dicht vor den Spinnwarzen die ,,weissliche, körnige Masse,"
wie Brandt 4 sagt. Was den Bau der Drüse anbetrifft, so kann man
an ihr unterscheiden:
eine tunica propria mit ziemlich zahlreichen, länglich ovalen
Kernen. Ihr sitzt nach innen ein hohes Epithel auf, das relativ
grosse Kerne besitzt, die trotz Färbung aber schwer zu sehen sind,
da der Spinnstoff meist die Zellen sehr stark erfüllt. Die Unter-
suchungen werden dadurch sehr erschwert und viele sonst gut ge-
lungene Schnitte unbrauchbar. Das gilt nicht nur von dieser Drüse,
sondern von sämmtlichen Drüsen aller untersuchten Spinnen. Es
hängt also vom Zufall ab, gerade zur Untersuchung Tiere zu er-
halten, deren Drüsenepithel schwach den Spinnstoff secerniert.
Nach innen soll das Epithel von einer tunica intima begrenzt
werden, wie Meckel angiebt; bei anderen Autoren finde ich keine
Notiz darüber. Mir ist es aber niemals gelungen, diese tunica intima
zu sehen, so dass ich glauben muss, dass ihr angebhches Vorhandensein
auf einem Irrtume beruht, der ziemlich nahe liegt, indem nemlich
bei dieser, wie auch bei den anderen Drüsen der Contour des Spinn-
stoffs (auf Schnitten) einer Haut täuschend ähnlich ist.
Auch Leydig 11 (S. 118 schreibt: ,,Die Drüsen (Spinndrüsen der
Spinnen) haben eine deutlich wahrnehmbare tunica intima."
Für meine Behauptung spricht auch eine Bemerkung Was-
manns 18. Er sagt: ,,Der Ausführungsgang legt sich nur an die
Drüse trompetenförmig an und zieht sich leicht ab." Das ist in der
That bei allen Drüsen der Fall.
Wenn die Drüse auch eine tunica intima besässe, so würde diese
jedenfalls mit der des Ganges zusammenhängen und letzterer nicht
so leicht abzuziehen sein. Da aber die tunica intima in der Drüse
nicht existirt, so ist diese Loslösung leicht erklärlich, da die tunica
intima des Ganges keinen Halt an der Drüse hat. (Fig. 30.)
Bau und Function der Spiundrüsen der Araneida. 33
Wie ich schon erwähnte, enthält der Ausführgang der Drüse
eine ziemlich starke, sehr gut wahrnehmbare tunica intima, aber kein
Epithel (Fig. 4), wie auch Schimkewitsch 16 richtig angiebt.
Diese Drüsen, glandulae aciniformes, münden auf der oberen
und mittleren Warze auf dicht gedrängt stehenden Spulen, die auf
einem langen, gekrümmten Basalstück eine sehr fein ausgezogene
Spitze, von Landois-Buchholz 5 (S. 253) Ansatzstück ') genannt, trägt.
(Fig. 5.)
Die Definition dieser Drüse lautet: Unter einer glandula
aciniformis verstehe ich eine Drüse, die aus tunica propria
und Epithel besteht, die in allen Teilen sich gegen Farb-
stoffe gleich verhält, deren Längsdurchmesser den Quer-
durchmesser kaum oder nur wenig übertrifft, deren Aus-
führgang kein Epithel trägt, aber eine dicke tunica intima
und die mit einer Spule endet, deren Ansatzstück in eine
feine Spitze ausgezogen ist.
b) Glandulae piriformes, birnförmige Drüsen. (Fig. G.)
Diese Drüsen fallen an gefärbten Präparaten sofort in die Augen,
indem nemlich die, dem Ausführgange abgewendete Hälfte sehr schwach
gefärbt wird, die andere so stark, dass diese Verschiedenheit in der
Färbung nicht zu übersehen ist. Dass die älteren Autoren diese
Drüse von der ersteren nicht geschieden haben, lag hauptsächlich
daran, dass sie die Drüsen kaum mit Reagentien behandelten.
Oeffinger 14 (S. 7) giebt aber das Verhalten der glandulae acini-
formes (Meckel) gegen Essigsäure und Osmiumsäure an, ohne diese
eigentümliche Färbung zu bemerken. Mit Hilfe dieser Reagentien
tritt aber der Unterschied der beiden Drüsenhälften deutlich hervor.
Vor allem aber hätte Schimkewitsch IG diese Verhältnisse nicht über-
sehen dürfen, da seine Unternehmungen mit Hilfe der neuesten Technik
ausgeführt sind.
Die Verschiedenheit in der Färbung rührt daher, dass in dem
untern Teile der Drüse der Spinnstoff färbbar ist; es muss also das
Secret in dem untern Teile der Drüse eine andere Beschaffenheit
haben, sls das aus dem oberen Ende. Die Verschiedenheit des Secretes
lässt auf Abweichungen in den Zellen schliessen. Worin aber diese
Unterschiede liegen, vermag ich ncht zu sagen, im Bau der Zellen
waren sie nicht zu sehen.
Interessant ist die Bildung des Fadens. Der Spinnstoff' aus dem
obern Drüsenteile fliesst ab und wird, wenn er am untern Ende,
vorbeigeht, nicht mit dem hier abgeschiedenen Secret vermischt,
sondern letzteres lagert sich auf und bildet so einen dünnen Ueber-
zug (Fig. 31. 32). Darnach besteht der Faden aus einem massiven
Cylinder von unfärbbarem Secret und einem, diesen umgebenden
HohlcyKnder von färbbarer Substanz. Diese verschiedene Färbung
') Siehe Tafelerklärung Fig 10, wo die einzelnen Teile der Drüse und
Warze benannt sind.
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1889. Bd 1. H. 1. 3
34 Cai'l Apstein:
der beiden Driisenabschnitte habe ich sowolil mit Alkohol und darauf
folgender Nelkenölbehandlung erhalten, als auch sehr schön mit Essig-
säure 17o) Osmium und sämmthchen Farbstoffen.
Doch nicht nur die Drüse zeigt eine Abweichung von der ersten
Form, sondern auch der Ausführgang. Ein Querschnitt durch die
Gänge in der Nähe der Warze zeigt die Eigentümlichkeit, dass je drei
Gänge (Fig. 8) dicht zusammen liegen und von einer gemeinsamen
Bindegewebshaut umgeben sind. Endlich ist auch die Spinnspule
besonders ausgebildet (Fig. 9). Ein sehr kurzes Basalstück trägt ein
ungefähr doppelt so langes Ansatzstück, das säbelförmig gekrümmt
ist. Das Basalstück ist nie gezähnt, wie Oeffinger 14 (S. 2) meint,
sondern nur nach der Mitte zu abgedacht. Diese Drüse findet man
mit ihren Ausführgängen nur auf der unteren Warze.
Unter einer glandula piriformis verstehe ich eine Drüse,
die aus tunica propria und Epithel besteht, das in seinem
unteren (dem Ausführgange zu gelegenen) Teile stärker
färbbar ist, als im oberen, deren Ausführgang eine dicke
tunica intima, aber kein Epithel enthält und auf einer
Spule mit sehr kleinem Basalstück und feinem, kurzem
Ansatzstück endigt.
c) Glandulae ampullaceae, bauchige Drüsen. (Fig. 10.)
Oeffinger 14 (S. 9) und Landois-Buchholz 5 (S. 242) wollen diese
Drüse mit der folgenden, glandula tubuliformis, als eine Form be-
trachten. Schimkewitsch 16 (S. 45) dagegen stimmt Meckel bei und
trennt beide Drüsen. Morphologisch ist diese Drüse gar nicht mit
einer anderen zu verwechseln, wie ein Blick auf die Figur 10 zeigt
Lange aber habe ich mich bemüht einen histologischen Unterschied
zu finden zwischen dem dünnen Anfangsteil der bauchigen Drüse und
der glandula stubuliformis ; aber vergebens.
Die Drüse besteht aus einem vielfach gewundenen, dünnen An-
fangsteil (Fig. 10a), der dann ziemlich schnell bauchig anschwillt
(Fig. 10 b), um dann wieder nach dem Ausführgange sich trichter-
förmig zuzuspitzen. Der Gang kehrt nach einiger Zeit zurück (Fig. 10 c),
und dann nochmals umzuwenden und nach der Warze zu verlaufen
(Fig. 10 d). Dieses doppelte Knie kann kein Kunstproduct sein, wie
Oeffinger 14 (S. 9) meint. Denn, wie Schimkewitsch 16 (S. 46) ganz
richtig sagt, sieht man auf Schnitten den Gang stets 3 mal getroffen ;
an ein Kunstproduct ist hier also gar nicht zu denken.
Die Drüse besteht aus einer tunica propria mit ziemlich zahl-
reichen, ovalen Kernen. Dann folgt im Anfangsteil ein hohes Epithel,
das im erweiterten Teile (Fig. 11) bedeutend niedriger wird. Die
Anschwellung ist also nicht durch, höheres Epithel, sondern durch
das erweiterte Lumen bedingt. Eine tunica intima existiert nicht.
Gegen den Ausführgang hin (Fig. 12) ändert sich das Bild, indem
sich der zurückkehrende Gang an die Drüse anlegt, und zwar so, dass
das Knie mit der Drüse in eine gemeinsame tunica propria ein-
gehüllt ist. Ausserdem verläuft eine tunica propria zwischen dem
Ban und Function der Spinndrüsen der Araneida. 35
Knie und dem Drüsenepithel und schliesslich besitzt jeder Gang seine
eigene tunica propria.
Der Uebergangsteil der Drüse in den Gang zeigt sehr schön den
Beginn der sehr stark verdickten tunica intima (Fig. 13). Der Gang
besteht aus tunica propria, F^pithel und der sehr dicken tunica intima.
Die gleiche Bildung zeigt das Knie (Fig. 14), dessen beide Schenkel
eine gemeinsame tunica propria besitzen. Ausserdem hüllt eine
Bindegewebshaut alle 3 Gänge zusammen ein. Der Gang (Fig. 15)
behält seine Bildung bis zur Warze, nur wird das Lumen sehr eng.
Die Spule (Fig. 16) besteht aus einem kurzen, dicken Basalteile,
dessen Chitinhaut in das Ansatzstück übergeht, vorher sich aber
teilt, und den Innern Ast an den Gang sendet, der bis zur Spitze
des Ansatzstückes geht. Die Spule endet stumpf. Den comphcierten
Bau der Spule, wie ihn Buchholz-Landois 5 (S. •252) beschreibt, kann
ich nicht sehen.
Von dieser Drüse finden sich jederseits 2^), nicht 3, wie auch
schon Schimkewitsch gegenüber den älteren Autoren richtig angiebt.
Es mündet die eine Drüse auf der mittleren, die andere auf der
unteren Warze.
Unter einer glandula ampullacea verstehe ich eine
Drüse, die aus tunica propria und Epithel besteht, deren
Anfangsteil cylindrisch ist, dann eine bauchige Anschwel-
lung hat, deren Ausführgang aus tunica propria. Epithel
und tunica intima bestehend, ein doppeltes Knie bildet,
dessen 3 Schenkel in eine tunica propria gelagert sind, und
die auf einer grossen abgestutzten Spule endet.
d) Glandulae tubuliformes, cylindrische Drüsen. (Fig. 17.)
Von dieser Drüse finden wir jederseits 3 (Fig. It), nicht nur beim
Weibchen, wie Schimkewitsch meint, sondern auch beim Männchen.
Sie liegen direct dem Bauche an, jederseits von dem untern Leber-
lappen. Die Drüse ist mannigfach gewunden und zeigt stets den
gleichen oder nur wenig wechselnden Durchmesser. Ihr Bau ist
nicht von dem des Anfangsteiles der glandula ampullacea zu unter-
scheiden (Fig. 18), eine tunica intima fehlt also auch. Im Gange
wird das Epithel sehr niedrig (Fig. 19), die tunica intima sehr dick,
letztere zeigt in der Nähe der Warze an der Innenseite starke
Runzeln (Fig. 20), ist auch wohl in mehrere Lagen geteilt. Die
Spule (Fig. 21) ist der der vorigen Drüse gleich gebildet, nur ist die
Oefi'nung noch weiter, das chitinöse Ansatzstück an der Spitze abgerundet
und der Rand nach innen umgeschlagen. 2 Drüsen münden an der Innen-
seite der oberen Warze, eine an der Aussenseite der mittleren.
Auf den schönen Leuckart-Nitzsche'schen Wandtafeln vermisse ich
diese Drüse.
*) Da die Drüsen symmetrisch liegen, so ist es nur nötig, sie für eine
Seite zu zählen, die G-esammtzabl ist also doppelt so gross.
3*
36 Carl Apstein:
Unter einer glandula tubuliformis verstehe ich eine
Drüse, die aus tunica propria und Epithel besteht, deren
Durchmesser nicht oder nur wenig variirt, deren Gang aus
tunica propria, Epithel und tunica intima besteht und die
auf einer grösseren Spule endet.
e) Glandulae aggregatae, baumförmige Drüsen. (Fig. 22a.)
Diese eigentümhche Drüse ist verhältnissmässig schwer zu finden,
da sie nicht rund wie die anderen Drüsen ist, sondern zusammen-
gedrückt und wie eine doppelte Haut den darunterliegenden glandulae
tubuliformes aufliegt. Wir finden jederseits 3 (Figlag), 2 grössere
und eine sehr kleine.
Meckel 11, Oeffinger 14 (S. 9) fanden nur 2, Buchholz - Landois
(5) (S. 244) aber 5 (!), Schimkewitsch (16) giebt nicht ihre Zahl an.
Wenn ich diese Drüse „eigentümlich" genannt habe, so wird ein
Blick auf die Figur 22 a diesen Ausdruck verständhch erscheinen
lassen. Da diese Drüse oft abweichend dargestellt worden ist, so ist
es wohl gerechtfertigt, die verschiedenen Ansichten noch einmal zu
vergegenwärtigen, ehe ich die meinige anführe.
Meckel 1 1 : Die Drüse besteht aus Welen Kanälen, die zusammen
ein rundliches Läppchen bilden. Die Kanäle bestehen aus einer
tunica propria. Epithel und einer gleichverlaufenden tunica intima.
Der Ausführungsgang ist bekleidet von zahlreichen Blindsäcken, die
mit Zellhaufen angefüllt sind, von denen man nur die Kerne wahr-
nimmt. Die tunica intima verläuft gerade und geht nicht in diese
Blindsäcke ein.
Oeffinger 14 (S. 10) dagegen behauptet, dass im Gange auch die
tunica intima in die Blindsäcke eingeht, nur nicht zu sehen ist, da
die Zellen in den Ausbuchtungen durch Alkoholbehandlung coagu-
liert sind.
Buchholz -Landois 5 (S. 245) verteidigen die Ansicht Meckel's,
ebenso Schimkewitsch 16 (S. 45). Dieser Ansicht schliesse ich mich
auch zum teil an, da jeder Schnitt auf das Deuthchste den Bau der
Drüse zeigt. Die Drüse ist ein ziemlich grosser dorso- ventral ab-
geplatteter Lappen, der aus vielen Verzweigungen besteht und ganz
unregelmässig gestaltet ist. An die Drüse schHesst sich der Ausführ-
gang an, der zahlreiche Höcker zeigt.
Die Drüse (Fig. 22 b) ist zusammengesetzt aus tunica propria
und einem in einfacher Lage daraufsitzenden Epithel. Die Zellen
sind nicht sehr hoch, die Kerne Hegen mehr nach der tunica propria
zu. Eine tunica intima vermisse ich bei dieser Drüse ebenfalls,
trotzdem ich die Drüse mit den mannigfaltigsten Reagentien be-
handelt habe.
Der mittlere Teil des Ganges (Fig. 23, 24) besitzt die erwähnten
Höcker, die von einer tunica propria umgeben sind. Die Höcker
sind erfüllt von Zellen, deren Kerne deuthch wahrzunehmen sind.
Bau und Function der Spinndrüsen der Araneida. 37
Jeder Kern ist von einem hellen Hofe umgeben, der wohl den Zell-
körper andeutet, trotzdem er im Verhältnis zum Kerne nur sehr
klein ist. Die Kerne finden sich zerstreut von dem äussersten Ende
der Blindsäcke bis zu der tunica intima. Letztere ist in dem
ganzen Gange sehr dick. Dass die Zellen dieser Drüse nicht \iel
grösser sind als ihre Kerne, glaube ich daran nachweisen zu können,
indem an einigen Stellen die tunica propria zerrissen war, wodurch
die Kerne mit ihrem Hof ausgetreten waren. Die Höfe aber hatten
dieselbe Grösse, wie an den intact gebliebenen Stellen. Dann muss
man aber annehmen, dass die Zellen in einer homogenen Grundmasse
eingelagert sind, denn die Kerne liegen oft weit von einander ent-
fernt, oft dicht gedrängt. Gegen das Ende des Ganges (Fig. 25)
nehmen die Höcker sehr an Grösse ab oder verschwinden ganz. Die
Spinnspule (Fig. 26) zeigt denselben Bau, wie die der vorhergehenden
grossen Drüsen, nur läuft sie spitz zu. Die drei Drüsen münden
dicht neben einander auf der oberen Warze.
Unter einer glandula aggregata verstehe ich eine Drüse,
die aus tunica propria und Epithel besteht, die ein weites,
sehr v.erästeltes Lumen hat, deren Ausführgang aus tunica
propria. Epithel und tunica intima besteht und in seinem
mittleren Teile mit Zellhaufen erfüllte Höcker trägt und
die in einer grösseren Spule mit spitz ausgezogenem An-
satzstücke endet.
f) Glandulae tuberosae, knollenförmige Drüsen.
Meckel 11 und Oeffinger 14 (S. 10) beschreiben diese Drüse, die
aber, wie schon die anderen Autoren zeigten, nicht existiert.
Resultate :
1. Es giebt bei den Epeiriden 5 Drüsenformen: glandulae acini-
formes (Fig. 2), piriformes (Fig. 6), ampullaceae (Fig. 10), tubuli-
formes (Fig. 17) und aggregatae (Fig. 22 a).
2. Alle Drüsen bestehen aus tunica propria und Epithel. (Fig. 3, 7,
11, 18, 22.)
3. Die Ausführgänge besitzen eine tunica intima, die stets sehr dick
ist. (Fig. 4, 8, 14, 20, 23.)
4. Die glandulaceae haben im Gange ein doppeltes Knie, dessen drei
Schenkel in eine gemeinsame tunica intima eingeschlossen sind.
(Fig. 14.)
5. Glandulae ampullacea und tubuliformes sind zwei verschiedene
Drüsen. (Fig. 10, 17.)
6. Glandulae tubuliformes kommen auch beim jVIännchen vor.
In der nachstehenden Tabelle habe ich die Ergebnisse der Unter-
suchungen früherer Forscher über Epeira diademata mit meinen
Resultaten zusammengestellt. Die Zahlen gelten für eine Seite der
Spinne, die Gesammtzahl der im Tier vorhandenen Drüsen ist also
doppelt so gross.
38
Carl Apstein:
1.
Jederseits sind 3 Spinn warzen vorhanden.
Die obere Spinnwarze — hintere nach Buchholz-Landois 5 —
ist dicht unter dem After gelegen. Sie ist zweigliederig und auf
ihr münden ca. 100 glandulae aciniformes, 3 glandulae aggregatae
dicht nebeneinander und 2 glandulae tubuliformes an der Innen-
seite. (Fig. 27.)
Die mittlere Spinnwarze ist eingliederig (Fig. 28), an der Spitze
mit einem eigentümlichen, hakenförmigen Haare bewaffnet. Sie
besitzt ca. 100 glandulae aciniformes, 1 glandula tubuliformis an
der Aussenseite und 1 glandula ampullacea an der Innenseite.
Die untere Spinnwarze (Fig. 29) — vordere nach Buchholz-
Landois 5 — ist zweigliedrig. Auf ihr münden ca. 100 glandulae
piriformes und 1 glandula ampullacea an der Innenseite.
Nachstehend gebe ich eine Tabelle über die Warzen mit den
Spulen, in der die grossen Drüsen, bei der Summierung gesondert
angegeben sind:
3.
Tetragnatha extensa L.
Wenn ich zum Schlüsse Tetragnatha allein bespreche, so geschieht
es nur aus dem Grunde, weil sie den andern Orbitelarien gegenüber
einige Abweichungen zeigt. Der Bau der Spinndrüsen weicht in nichts
') Oeffinger giebt für die glandulae tubuliformes + ampullaceae an: „Jede
Warze mit 3 von diesen Drüsen." Das macht auf die 3 Warzen 9. Dagegen
giebt er als Summe aller grossen Drüsen 9 an.
Bau und Function der Spiiindrüsen der Araneida. 39
von dem der übrigen Epeiriden ab; der einzige Unterschied liegt in
der Zahl der glandulae aciniformes und in der Ausbildung . der Spinn-
warzen.
Von beerenförmigen Drüsen sind nur wenige vorhanden, auf
der oberen Warze (Fig. 33) münden ca. 10—20, auf der mittleren
(Fig. 34) nur 3.
Von den Spinnwarzen fällt namentlich die mittlere auf. Sie ist
eingliedrig und trägt an der Spitze und dann etwas mehr der Basis
zu zwei mächtige Spulen, die durch ihre colossalen Basalteile auf-
fallen. Zwischen diesen beiden grossen Spulen stehen dann dicht
nebeneinander die 3 kleinen Spulen, die, wie ich schon erwähnte, zu
den glandulae aciniformes gehören. Ausserdem befindet sich auf der
Warze ein eigentümlich geformtes Haar, wie ich es nur noch bei
Segestria gefunden habe. Bei Epeira ist es, wie ich schon erwähnte,
auch vorhanden, aber nur wenig ausgebildet.
2. Retitelariae.
Wie wir aus der vorhergehenden Darstellung sehen, ist auch in
Bezug auf die Spinnorgane die Familie der Epeiriden eine wohl be-
grenzte, in sich abgeschlossene Gruppe. Gerade das Gegenteil muss
ich von den Therididae behaupten.
Es liegt mir aber fern, trotz der grossen Unterschiede, die die
Spinnorgane der hierhergehörigen Spinnen zeigen, diese Unterordnung
in mehrere Gruppen aufzulösen, denn ich kann den Spinnorganen
keine so hohe systematische Bedeutung beilegen, wie ich unten
zeigen werde.
Ich untersuchte folgende Spinnen:
Linyphia triangularis Gl.
Theridiiim sisyphium und lineatam Gl.
Steatoda bipnnctata L. und
Pachygnatha de Geeri Lund.
Dann stellte ich bei noch weiteren 9 Arten die Verbreitung der
unten zu erwähnenden lappenförmigen Drüse fest.
Nach den Spinnorganen lassen sich die Retitelariae in drei Ab-
teilungen bringen, falls nicht weitere Untersuchungen über andere
Genera noch weitere Spaltungen bedingen.
Dass ich die Spinnorgane nicht systematisch verwendet wissen
will, wird deutlich aus der Beschreibung dieser Unterordnung hervor-
gehen. Wollte man dennoch den Versuch machen, so würde schon
Theridinm scharf von Linyphia zu trennen sein, trotzdem beide nahe
mit einander verwandt sind. Dagegen gehören Theridinin und Steatoda
nahe zusammen. Von jenen muss dann wieder Pachygnatha voll-
ständig getrennt werden. Ob Pachygnatha mit Tetragnatha zusammen-
zustellen ist, wie Bertkau 2 will, darauf werde ich weiter unten
zurückkommen.
Um die Dreiteilung der Retitelariae zu begründen, ist es am
vorteilhaftesten, die Spinnorgane bei den verschiedenen Genera für
sich zu betrachten.
40 Carl Apstein:
JAiiyphia.
Ich fand dieselben fünf Drüsenarten auch bei Linyphia, die ich
bei Epeira beschrieben habe, mit mehr oder weniger grossen Modi-
fikationen.
Die glandulae piriformes sind ebenfalls zweifach gefärbt,
aber in geringerer Zahl, als bei Epeira vorhanden, es münden anf
jeder unteren Warze ca. 50 Drüsen.
Der Bau der glandulae aciniformes weicht nicht von dem
der Epeiriden ab, wohl aber die Anzahl, durch die diese Spinne
Tetragnatha nahe steht. Gegenüber den 200 Drüsen bei Epeira finden
wir hier nur im Ganzen 7 auf der oberen und mittleren Warze. Auf
Querschnitten entgehen daher diese kleinen Drüsen leicht der Beob-
achtung, da sie dann nicht von Querschnitten durch den wenig ge-
färbten Teil der glandula piriformes zu unterscheiden sind. Es ist
daher stets nötig auch Längsschnitte zu untersuchen, da die einfache
Färbung der in ihrer ganzen Länge getroftenen Drüsen die glandulae
aciniformes sofort erkennen lassen.
Die glandulae ampullacea sind in derselben Zahl wie bei
Epeira vorhanden. In ihrem Bau zeigen sie keine Modifikationen,
höchstens ist die bauchige Erweiterung etwas geringer ausgebildet.
Das Knie findet sich regelmässig vor.
Die glandulae tubuliformes sind ebenso stark ausgebildet,
liegen auch dicht der Bauchfläche an und sind in der Dreizahl vor-
handen. Im Bau zeigt diese Drüse keine Abweichungen, nur fällt
es anfangs auf, dass der Gang auch dreimal bei Schnitten getroffen
wird, jedoch mit dem Unterschiede von den glandulae ampullaceae,
dass die drei Gänge nicht in eine gemeinsame tunica propria
(Fig. 36 b) eingehüllt sind. Der Gang macht also nur eine Biegung,
die aber nicht dem charakteristischen Knie zu vergleichen ist, aber
leicht diese Täuschung hervorrufen kann.
Die glandulae aggregatae sind nur schwach ausgebildet, in
der Zweizahl vorhanden und münden auf der oberen Warze auf
mittelgrossen Spulen. Der Hauptunterschied von der gleichen Drüse
der Epeiriden besteht jedoch darin, dass die Höcker auf dem Gange
fast ganz fehlen (Fig. 36 a). Die eigentümliche, unregelmässige Lage
der Kerne lässt aber keinen Zweifel, dass wir es mit dieser Drüse
zu thun haben.
Die Unterschiede der Spinndrüsen bei Linyphia und den Epei-
riden bestehen also 1. in der geringeren Anzahl der glandulae
piriformes, aciniformes und aggregatae und 2. in der schwächeren
Ausbildung der glandulae aggregatae. An Linyphia schliessen sich
Bolyphantes bucculentus Gl., Drapetisca sociaHs und Erigone an.
Theridiuni und Steatoda. Grössere Abweichungen zeigen
Theridium und Steatoda, die miteinander fast überein stimmen, und
die ich deshalb zusammen beschreiben kann.
Die glandulae piriformes, aciniformes, ampullaceae und
tubuliformes sind ebenso wie bei Linyphia ausgebildet. Die
Bau \\m\ Function der Spinndrüsen der Araneida. 41
glandulae aggregatae dagegen sind stärker entwickelt und er-
innern, namentlich durch die Höcker auf dem Gange, an die gleiche
Drüse der Epeiriden.
Der Grund aber, warum ich diese beiden Spinnen von Linyphia
trenne, liegt darin, dass sich bei ihnen eine kolossale lappenförmige
Drüse (Fig. 37) findet. Ausser bei Theridium und Steatoda fand
ich noch diese Drüse bei Episinus truncatus Walk. Lithyphantes
corollatus Sim. Crustalina guttata Wid. Eryopsis flavomaculata Ck.
Nesticus cellulanus Gl. Asagena phalerata Panz. Die Drüse besteht
aus einer tunica propra und Epithel, über das ich nicht vollständig
in das Klare gekommen bin. Ich erhielt nämlich bei Schnitten von
verschiedenen Tieren derselben Species einmal das Epithel sehr
niedrig, die Zellen fast würfelförmig (Fig. 40), die Kerne näher an
der tunica propria gelegen, ein anderes Mal das Epithel sehr hoch,
die Zellen waren ungefähr 4 mal so hoch als an der Basis breit
(Fig. 38). Die Kerne lagen in der Mitte der Zellen. Worauf diese
verschiedene Ausbildung beruht, kann ich nicht mit Bestimmtheit
sagen. Das Lumen der Drüse mit niedrigem p]pithel war ohne Spinn-
stoff, ebenso die Zellen selbst, während bei der Drüse mit hohem
Epithel die Zellen dicht mit kleinen Kügelchen von Secret angefüllt
waren. Dass bei der Secretion die Höhe der Zellen eine grössere
ist, ist bekannt, ob aber der Wechsel bis zur Ver\ierfachung der
Zellhöhe gehen kann, scheint mir etwas gewagt anzunehmen. Der
Mangel an Spinnstoff in ersterer Drüse kann auch so gedeutet
werden, dass die Drüse ihre Function erfüllt hatte und deshalb auf-
hörte zu secernieren. Dadurch wurde sie zurückgebildet, indem
das Epithel anfing zu schwinden. Einen ähnlichen Fall werde ich
von den glandulae tubuliformes von Oycale zu beschreiben haben.
Der Ausführgang (Fig. 39) zeigt, der Drüse entsprechend, eben-
falls ein sehr weites Lumen. F^benso findet man eine sehr grosse
Spinnspule, auf die ich bei den Spinnwarzen zurück kommen werde
(Fig. 44); Menge 13 erwähnt sie schon, ohne über die Drüse etwas
zu sagen.
Pachygiiatha.
Die dritte Gruppe der Retitelariae bildet Pachygnatha. Diese
Spinne zeigt derartige Abweichungen, dass sie den Spinnorganen nach
zu urteilen, kaum zu dieser Unterordnung zu rechnen ist. Vor allem
ist der gänzliche Mangel der glandulae aggregatae zu consta-
tieren. Durch das FeJhlen dieser Drüse, die ich nur bei Epeiriden
und den Retitelarien fand, steht diese Spinne in dieser Unterordnung
ganz isoliert da und das würde für eine Sonderstellung, wie sie
Bertkau 2 ihr zuweist, sprechen. Aus demselben Grunde darf sie
aber auch nicht mit Tetragnatha zusammengestellt werden, voraus-
gesetzt, dass das Fehlen dieser Drüse systematisch verwendbar wäre,
was ich von vornherein verworfen habe. Die andern Drüsen zeigen
auch Abweichungen von Linyphia einerseits und von der zweiten
Gruppe andererseits; von letzterer namentlich durch den Ausfall
der lappenförmigen Drüse.
42
Carl Apst(
Die glandulae ampullaceae und tiibuliformes sind be-
deutend schwächer ausgebiklet. Die glandulae piriformes sind
nur in geringer Zahl vorhanden, ca. 20. Die glandulae acini-
formes sind sehr gross, bedeutend stärker als bei den übrigen Re-
titelarien ausgebildet. Der Bau zeigt aber keine Abweichungen. Ich
fand ungefähr 18 auf der obern und mittleren Warze.
Resultate:
1. Linyphia besitzt die fünf typischen Drüsenformen.
2. Steatoda und Theridium haben ausserdem die lappenförmige Drüse
(2 resp. 1).
3. Pachygnatha fehlt sowohl die lappenförmige Drüse, als die glan-
dulae aggregatae.
4. Die glandulae aciniformes sind nur in geringer Zahl vorhanden.
Tabelle über die Spinndrüsen:
Spinnwarzen.
Linyphia.
a) Die obere Warze ist zweigliedrig und besitzt 2 grosse Spulen
(Fig. 41), 2 mittlere, die zu den geringer ausgebildeten glandulae
aggregatae gehören und 4 kleine Spulen für die glandulae acini-
formes.
b) Die mittlere Warze ist eingliedrig (Fig. 42) und an ihrer Spitze
in 3 Fortsätze geteilt. Die beiden seitlichen, conischen Höcker
tragen je eine grosse Spule, auf dem kleinen mittleren stehen
3 kleine Spulen für die glandulae aciniformes.
c) Die untere Warze ist zweigliedrig und trägt 1 grosse Spule
(Fig. 43) und circa 50 kleine für die glandulae piriformes. Das
Basalstück ist bei letzteren Spulen nur sehr klein, ungefähr V5
des Ansatzstückes.
Steatoda und Tlieridiuni.
Die mittlere und untere Warze ist wie bei Linyphia gebildet.
Die obere Warze (Fig. 44 u. 45) ist zweigliedrig, sehr dick und
trägt an ihrer Spitze die 2 resp. 1 Spule für die lappenförmige Drüse.
Die Spule sieht aus wie der Basalteil der anderen Drüsenspulen,
dem das Ansatzstück fehlt; sie ist cylindrisch. Ausserdem stehen auf
dieser Warze 2 grosse Spulen, 2 mittlere für die glandulae aggregatae
und mehrere kleine unregelmässig verteilt, sie gehören zu den glan-
dulae aciniformes.
Bau und Function der Spinndrüsen der Araneida.
43
Pachygnatha.
a) Die obere Warze (Fig. 46) ist zweigliedrig und zeigt eine ganz
besondere Ausbildung. Das erste Glied trägt an der Innenseite
einen conischen Basalteil, auf dem ein sehr grosses Ansatzstück
steht. Auf dem Endgliede der Warze befinden sich noch eine
grosse Spule mit grossem Basalteil und dann ungefähr 15 kleine
Spulen für die glandulae aciniformes.
b) Die mittlere Warze ist eingliedrig und trägt eine grosse Spule
mit hohem, conischen Basalteile, ferner eine mittlere Spule für
die glandulae ampullaceae und 2 kleine Spulen für die glandulae
aciniformes.
c) Die untere Warze ist zweigliedrig und auf ihrem Endgliede
befinden sich 1 mittlere Spule für eine glandula ampulacea und
circa 20 kleine für die glandulae piriformes.
Tabelle der Spinnspulen.
Ich habe nur da die Drüsen angeführt, wo ich den Zusammenhang
zwischen Spule und Drüse sicher nachweisen konnte.
Linyphis
Theridium
Steatoda
Pachygnatha
3. Tubitelariae.
Konnte ich schon bei den Retitelarien Abweichungen in den
Drüsen constatieren, welche hinreichten, um darnach drei Gruppen zu
unterscheiden, so gilt dies in noch viel höherm Masse von den Tu-
bitelarien. Von den untersuchten Gattungen stimmen kaum zwei ganz
mit einander überein. Teils beziehen sich die Abweichungen auf den
') Die Erläuterung der Abkürzungen siehe in der Tafelerklärung.
44 Carl Apstein:
Bau der Drüsen, teils auf die Grösse, oder ihre Zahl. Ich unter-
suchte 8 Gattungen mit 9 Arten :
1. Cluhiona holosericea De G.
2. Anyphaena accentuata Walk.
3. Argyroneta aquatica Gl.
4. Segestria senoculata L.
5. Prothesima Petiverii Scop.
6. „ petrensis Gl.
7. Tegenaria domestica Gl.
8. Agalena labyrinthica Gl.
9. Amaarohius fenestralis Ström.
Sämmtliche Spinnen habe ich hier gesammelt mit Ausnahme von
Agalena, die ich in Thüringen zahlreich an Hecken fand. Von Pro-
thesima stellte mir Herr Dr. Dahl aus seiner Sammlung Exemplare
zur Verfügung. Um den Ueberblick über die Spinnorgane zu er-
leichtern, will ich mehrere Spinnen zu Gruppen zusammenfassen. Es
würde die erste Gruppe Spinne 1 — 6i umfassen und dadurch characte-
risiert sein, dass die grössten Drüsen, glandulae ampuUaceae, wie bei
den Epeiriden gebildet sind, die zweite Gruppe, Spinne 7 — 9 zeigt den
dünnen Anfangsteil dieser Drüse in mehrere Zweige ^) geteilt. In der
zweiten Gruppe wären noch zwei Abteilungen zu machen, nemhch
Spinnen ohne Cribellumdrüsen : Tegenaria, Agalena und mit solchen:
Amaurobius.
Um aber ein vollständiges Verständnis der Drüsen herbei-
zuführen, ist es am zweckmässigsten , jede Spinne getrennt von der
andern zu betrachten.
Ich beginne mit Cluhiona, da diese die einfachsten Verhältnisse
darbietet. Vor allem fallen jederseits 2 grosse Drüsen (Fig. 49) in
die Augen, die sich weit nach vorn erstrecken. Sie bestehen aus
einem dünnen Anfangsteile, dessen Durchmesser stets gleich ist, dann
erweitert er sich ziemlich plötzlich zu einer bauchigen Anschwellung,
die allmählich in einen feinen Ausführgang übergeht, der ein doppeltes
Knie bildet. Diese Drüse entspricht der glandula ampullacea
der Epeiriden und ist auch jederseits in der Zweizahl vorhanden,
und zwar kann man eine grössere und eine kleinere unterscheiden.
Ihr Bau stimmt ebenfalls mit dem der glandula ampullacea
überein, nur lässt sich eine eigentümliche Lage der Kerne in den
Zellen beobachten. Im Anfangsteile und im grössten Abschnitte der
bauchigen Erw^eiterung befinden sich die Kerne dicht an der tunira
propria, weiter nach dem Ausführgange zu rücken sie mehr nach
der Mitte der Zellen. (Vergleiche Fig. 55 von Segestria). In letzterem
Teile sind meist die Zellen frei von Spinnstoff, während sie in dem
ersteren dicht mit Serret tröpfchen angefüllt sind, so dass die Zellen
meist nur aus der Lage der Kerne erkannt werden können.
') Ohlert 15 giebt fälschlich für Clubione 4 grosse verzweigte, für Tegenaria
4 grosse imverzweigte Gefässe an.
Bau und Function der Spinndrüsen der Araneida. 45
Eine zweite Drüsenform, die sich im hintern Teile des Abdomens
findet, entspricht der glandula tubaliformis der Epeiriden, ist
aber bedeutend schwächer ausgebildet. Jederseits finden sich zwei
Drüsen. Ihr Bau zeigt keine Abweichungen, auch bildet ihr Gang
keine Schlinge, wie wir sie bei Linyphia fanden.
Glandulae aggregatae oder diesen entsprechende Drüsen
fehlen.
Dicht vor den Spinnwarzen finden sich dann jederseits ungefähr
50 kleine Drüsen, die teils einfach, teils characteristisch zweifach
gefärbt sind; sie entsprechen den glandulae aciniformes und
piriformes. Ich fand also jederseits: 2 glandulae ampuUaceae,
2 glandulae tubuliformes, ca. 30 glandulae aciniformes und ca. 20 glan-
dulae piriformes.
Die Spinnwarzen sind in der Dreizahl vorhanden.
Die obere (Fig. 50) ist zweigliedrig, auf dem Endgliede befinden
sich ca. 20 mittelgrosse Spulen, die aus einem grossen Basalstück
und einem feinen, langen Ansatzstück bestehen; sie gehören zu den
glandulae aciniformes. Grosse Spulen finden sich nicht auf dieser
Warze.
Die mittlere Warze (Fig. 51) ist eingliedrig und trägt am
Ende 2 grosse Spulen und ca. 6 mittelgrosse, die wie die Spulen auf
der oberen Warze gebildet sind. Letztere gehören ebenfalls zu den
glandulae aciniformes.
Die untere Warze (Fig. 52) ist zweigliedrig, auf dem End-
ghede sah ich an der Innenseite 2 grosse Spulen und von diesen
nach aussen zu circa 20 sehr kleine Spulen, klein war sowohl das
Basalstück, wie das Ansatzstück. Sie gehören zu den glandulae
piriformes.
Die 4 grossen Spulen der mittleren und unteren Warze gehören zu
den 2 glandulae ampuUaceae und 2 tubuliformes. Ob aber die gleichen
Drüsen auf einer Warze münden, oder nicht, kann ich nicht ent-
scheiden, da die Eintrittstellen durch die kleinen Drüsen verdeckt
werden, und wenn man versucht, diese zu entfernen, man zugleich
die Gänge der grossen Drüsen mit zeiTcisst.
Mit Clubiona stimmt Anyphaena fast überein, nur finden sich
auf der oberen Warze ca. 15, auf der mittleren Warze 5 mittel-
grosse Spulen.
Ai'gyroneta.
Bei dieser im Wasser lebenden Spinne trat mir zum ersten Male
eine EigentümKchkeit entgegen, die auch manchen der noch zu
schildernden Spinnen zukommt. Die glandulae tubuliformes
(Fig. 53) sind nämlich beim ausgewachsenen Weibchen in sehr grosser
Zahl vorhanden gegenüber der constanten Zahl von 3 bei Epeiriden
und Retitelarien und 2 bei den vorhergehenden Tubitelarien. Die
grosse Zahl dieser Drüse fand ich jedoch nur beim reifen Weibchen,
nicht bei dem Männchen oder unreifen Weibchen, was mit der Function
dieser Drüse (siehe biologische Untersuchungen) zusammenhängt. Ob
diese Form bei letzteren gar nicht vorkommt, kann ich nicht sagen,
46 Carl Apstein:
da bei der grossen Zahl der kleinen Drüsen leicht eine grössere
übersehen werden kann. Bei einigen Tnbitelarien habe ich diese
Drüse auch beim Männchen gefunden, aber nur in wenigen Exemplaren,
während beim Weibchen der gleichen Species die Zahl um das Sechs-
fache grösser war. In ihrem Bau weichen diese kleineren glandulae
tubuliformes von denen der Epeiriden nur darin ab, dass ihr Epithel
etwas niedriger ist, dagegen die Kerne etwas grösser sind als bei jenen.
Die glandulae aciniformes und piriformes zeigen keine
Abweichungen, beide sind aber ebenso scharf, wie bei den vorher-
gehenden Spinnen von einander getrennt. Die glandulae ampul-
laceae zeigen dieselben characteris tischen Abschnitte, dünner An-
fangsteil, Erweiterung und Ausführgang mit dicker tunica intima, der
Gang kehrt ebenfalls zurück. Eine Abweichung lässt sich wiederum
in der Lage der Kerne constatiren. Diese liegen in der Mitte der
Zellen, gegen den Gang aber mehr nach der tunica propria zu; die
Lage ist also umgekehrt wie bei Clubiona.
Ueber die Spinn warzen kann ich leider nichts sagen, da das
Endglied, auf dem die Spulen stehen, so dicht mit Haaren umgeben
ist, dass von den Spinnspulen nichts zu sehen ist. Selbst wenn die
Warzen in Kahlauge gekocht sind, lassen sich nur einzelne Spulen
wahrnehmen, aber nicht mit der Deutlichkeit, um genau die Grösse,
Zahl und Stellung derselben anzugeben.
Sege Stria (Fig. 54) zeigt wiederum solche Abweichungen, dass
es nicht möghch ist, sie mit einer anderen Spinne zusammenzustehen.
Jederseits fand ich zwei grosse Drüsen, die ihrer Form nach den
glandulae ampallaceae entsprechen, jedoch ist der dünne Anfangsteil
nur sehr kurz. Auf einem Querschnitt der Drüse fällt sofort die
geringe Zahl der Zellen, die das Lumen umgeben, auf; die Anzahl
sinkt bis zu 10; da die Drüse sehr gross ist, so ist auch jede Zelle
stark entwickelt. Erst gegen den Ausführgang hin werden die Zellen
kleiner und daher ist die das Lumen umgebende Anzahl derselben
grösser als im vorhergehenden Teile der Drüse (Fig. 56 a). Entsprechend
der Ausbildung der Zellen sind auch die Kerne ganz bedeutend ver-
grössert. Während zum Beispiel bei den glandulae ampuUaceae
von Epeira das Epithel 0,042 mm i) hoch ist, und die Kerne einen
Durchmesser von 0,oo7 mm haben, sind bei der bedeutend kleineren
Segestria die entsprechenden Zalüen 0,075 und 0,026 mm. Bei Epeira
wäre das Verhältnis von Epithel zu Kern 6:1, bei Segestria aber 3 : 1
oder 6 : 2. Es sind also in letzterem Falle die Kerne doppelt so gross -)
als in ersterem.
Ich gab schon an, dass die Zellen und Kerne gegen den Gang
hin kleiner werden. Die Abnahme ist jedoch bei den Zellen stärker
als bei den Kernen, sodass letztere verhältnismässig noch grösser den
') Die Zahlen sind Mittelwerte aus 10 Messungen an verschiedenen Stelleu
der Drüse.
') Natürlich im Durchmesser. Für das Volumen der Kerne ist das Ver-
hältnis 1:8, da die Kerne vollkommen rund sind.
Bau und Function der Spinndrüsen der Araneida. 47
kleineren Zellen gegenüber erscheinen. Da in diesem Teile der Drüse
die Zellen fast leer von Spinnstoff sind, so lässt sich dies Verhältnis
sehr gut beobachten (Fig. 56 b). Bei einer Breite der Zelle von 0,oi mm.
ist der Kern 0,00916 mm im Durchmesser, so dass er also die Zelle
in zwei fast ganz getrennte Teile spaltet.
Ebenso auftaÜig, wie die Grösse der Kerne, ist ihre Lage.
Während in der einen Drüse die Kerne durchweg peripher gelagert
sind, zeigen sie in der andern Drüse anfangs dieselbe Lage, wenden
sich dann aber der Mitte der Zelle zu, um bis zum Gange diese
Lage beizubehalten (Fig. 55). Der Gang zeigt keine Besonderheiten.
Sehr auffallend ist es, dass ich bei dieser Spinne keine glan-
dulae tubuliformes oder diesen entsprechende Drüsen fand.
Die glandulae aciniformes sind sehr gross, sie erreichen
eine Länge von 0,2035 mm, während sie bei Epeira nur 0,092 mm
lang waren. Ihre Zahl ist dafür aber sehr gering, jederseits fand
ich nur 8 ; davon münden G auf der oberen und 2 auf der mittleren
Warze. Sie liegen so dicht und fest an einander, dass man bei
Lupenvergrösserung nur eine grosse Drüse vor sich zu haben glaubt.
Von glandulae piriformes finden sich ca. 20. Der ungefärbte
Teil beträgt nur V5 des stark gefärbten. Sie münden auf der unteren
Warze.
Die Spinn warzen weisen ebenfalls sehr grosse EigentümUch-
keiten auf.
Die zweigliedrige obere Warze (Fig. 72) trägt 6 Spulen, die
aus einem sehr grossen Basalteil und einem feinen Ansatzstück be-
stehen und zu den glandulae aciniformes gehören. Ausserdem fand
ich auf der Spitze 2 sehr grosse, kräftige, S förmig gebogene Haare,
die wohl beim Spinnen eine besondere Function haben werden.
Die eingliedrige mittlere Warze (Fig. 78) hat 2 Spulen von
der Bildung, wie die auf der oberen Warze, dann 1 grosse Spule,
die durch ein weiteres und stumpf endigendes Ansatzstück aus-
gezeichnet ist. Blackwell 3 giebt auf dieser Warze fälschlich 3 grosse
Spulen an; ich bezeichne aber 2 von ihnen als mittlere, da sie einen
grossen Basalteil und ein feines Ansatzstück haben, also Merkmale
der grossen und kleinen Spulen vereinigen.
Die zweigliedrige untere Warze (Fig. 74) trägt eine grosse
Spule und ca. 20 sehr kleine Spulen zu den glandulae piriformes.
Dieser Gruppe füge ich noch l'rotJiesiina an, da sie ebenfalls
nur unverzweigte Drüsen enthält. Da mir nur je 1 Exemplar von
Prothesima Petiversi und petrensis zur Verfügung stand, und diese
schon sehr lange in Alkohol gelegen hatten, so stellte die Härte der
inneren Teile der Präparation grosse Schwierigkeiten in den Weg.
Ich bin daher für diese Tiere zu keinem vollkommen sicheren Re-
sultat gekommen, will aber trotzdem meine Untersuchungen über
diese eigentümlichen Tiere anführen. Ich will diesmal den um-
gekehrten Weg einschlagen und von den Spinnenwarzen anfangen,
da diese durch das Liegen in Alkohol nicht leiden.
48 Carl Apstein:
Die obere Warze (Fig. 57) scheint auf den ersten Blick ein-
gliedrig zu sein, so zeichnet sie auch Menge 13. Bei genauerer Unter-
suchung stellt es sich jedoch heraus, dass das zweite Glied in das
erste zurückgezogen ist und dass dadurch nur die Spitzen der Spulen
sichtbar sind. Durch Kochen in Kalilauge wurde das Endglied
wieder ausgestülpt (Fig. 60), so dass die Spulen gut sichtbar wurden.
Sie ähneln einigermassen den Spulen der lappenförmigen Drüse bei
einigen Retitelarien, nur sind sie bedeutend länger und in der Mitte
etwas eingeschnürt (Fig. 57a und 61a). Sie enden meist ohne glatten
Rand (Fig. 61a), im Gegenteil ist dieser — auch ohne Kalilauge-
behandlung — mannigfach ausgebuchtet und sieht wie zerrissen aus.
Ausser diesen 5 grossen Spulen finden sich noch 2 kleine Spulen von
gewöhnlicher Bildung.
Die eingliedrige mittlere Warze (Fig. 58) trägt an ihrem
unteren Ende nach innen 4 Spulen, deren Basalteile (Fig. 58a)
mammillenförmig sind, wie Menge 13 richtig angiebt. Das Ansatz-
stück ist bauchig. Am Ende der Warze finden sich noch 2 grössere
Spulen und ungefähr 7 kleine.
Auf der zweigliedrigen unteren Warze (Fig. 59) stehen 2 mam-
millenförmige, 1 grosse und ca. 13 kleine Spulen. Bei beiden unter-
suchten Species fand ich die Bildungen der Warzen gleich. Bei
Prothesima petrensis zeigen die 5 grossen Spulen der oberen Warze
eine eigentümliche Beweglichkeit. Wenn das Endglied der Warze
eingezogen ist, stehen die Spulen parallel mit einander; wird es aber
ausgestülpt, so divergieren sie nach der Spitze und können die stern-
förmige Anordnung, wie sie Menge 13 zeichnet, annehmen.
Was nun die Drüsen anbelangt, so sah ich in die mammillen-
förmigen Spulen Gänge von grossen bauchigen Drüsen einmünden,
die den glandulae ampuUaceae entsprechen, jedoch konnte ich
nicht das Knie im Gange sehen, was ich aber als Resultat der mangel-
haften Präparation ansehe, da die Drüsen von Tieren, die lange in
Alkohol gelegen haben, hart und leicht brüchig werden. Bei allen
Spinnen, die ich untersucht habe, kehrt der Gang dieser Drüse zurück.
Die Zahl der glandulae ampullaceae würde nach den Spulen jeder-
seits 6 betragen, die ich auch bei Prothesima petrensis fand.
In die 5 grossen Drüsen der oberen Warze sah ich die Gänge
von 5 glandulae tubuliformes münden. Da ich jederseits 8 von
diesen Drüsen fand, muss ich annehmen, dass die 3 anderen Drüsen
in die beiden grossen Spulen der mittleren und die eine Spule der
unteren Warze münden. Es hätte hier also eine Drüsenart zwei
Spulenformen.
Zu den kleinen Drüsen gehören die kleinen Spulen. Da ich
nicht die Drüsen gefärbt hatte, konnte ich nicht gut glandulae
aciniformes und piriformes unterscheiden.
Es sind also jederseits vorhanden:
6 glandulae ampullaceae,
8 glandulae tubuliformes und
ca. 22 glandulae piriformes u. aciniformes.
Bau und Function der Spinndrüsen der Araneida. 49
Wende ich mich jetzt zu der 2. Gruppe der Tubitelariae, so habe
ich zuerst Spinnen mit verzweigten Drüsen ohne Crihellum zu unter-
scheiden: Tegenaria, Agalena.
Bei Tegenaria fand ich jederseits stets 3 grosse Drüsen (Fig. 62),
von denen zwei mit ihren Gängen in eine gemeinsame tunica propria
gehüllt waren. Von diesen 3 Drüsen waren in den meisten Fällen
zwei verzweigt, die dritte war einfach (Fig. 62, linke Seite). Bei
einem einzigen Exemplar fand ich dagegen alle 3 Drüsen unverzweigt
(Fig. 62, rechte Seite). Letzterer Befund ist insofern von Interesse,
als er klar den Zusammenhang der gleichzubeschreibenden verzweigten
Drüse mit der Stammform, der unverzweigten glandula ampulla-
cea, zeigt.
Der dünne Anfangsteil dieser Drüsen, die also den glandulae
ampullaceae entscprechen, setzt sich aus drei Gängen zusammen, die
gleich weit und lang sind und erst dicht vor der bauchigen Er-
weiterung in einen Gang verschmelzen. Bei Tegenaria fand ich
regelmässig, dass sich bei einer Drüse — bei derjenigen, die sich
am weitesten nach vorn erstreckte - jeder der 3 Gänge in 2 Aeste
geteilt hatte, so dass also 6 Gänge zu sehen waren, die zu 3 grösseren
verschmolzen und. schliessKch in einen einzigen Gang übergingen,
der kurz darauf die bauchige Erweiterung erzeugte. Der Ausführ-
gang einer der verzweigten Drüsen vereinigt sich dann mit dem Aus-
führgange der unverzweigten glandula ampullacea. Die Gänge kehren
auch zusammen zurück und laufen bis in die Spinnwarzen zusammen
fort. In ihrem Bau stimmen die verzweigten, wie die unverzweigten
Drüsen mit den glandulae ampullaceae vollkommen überein. Neben
diesen grossen Drüsen fand ich eine Anzahl kleinerer Drüsen von unge-
fähr 1 mm Länge. Bei einigen Exemplaren fand ich jederseits 4, bei
andern ca. 20. Leider hatte ich nicht auf das Geschlecht der Tiere
geachtet, vermute aber, dass das Erstere beim Männchen der Fall
gewesen ist, letzteres beim Weibchen, da ich das gleiche Verhalten
bei anderen Tubitelarien constatieren konnte (siehe Argyroneta).
Diese Drüsen entsprechen den glandulae tubuliformes, sie zeigen
auch denselben Bau, aber eine Eigentümlichkeit, die ich mir anfangs
nicht erklären konnte. Dicht vor dem Ausführgang, wo die tunica
intima auftritt, sah ich auf Querschnitten dieser Drüse ausser den
nahe an der tunica propria liegenden Kernen der Zellen noch eine
Lage von Kernen dicht um die tunica intima (Fig. 63). Erst auf
Längsschnitten fand ich die Erklärung. Während neniKch in der
ganzen Drüse die Zellen von der tunica propria bis zum Lumen
reichen, ist das bei den letzten Zellen nicht mehr der Fall. Diese
gehen von dem Lumen der Drüse nicht bis zur tunica propria, ihre
Kerne liegen mit denen der andern Zellen nicht in einer Reihe,
sondern weiter nach innen (Fig. 64). Auf einem Querschnitt werden
daher die Kerne dieser Zellen getroffen und ausserdem finden sich
im Schnitt Kerne von Zellen, die bis zur tunica propria reichen.
Die Kerne sind sehr stark gefärbt, so dass diese Bildung sofort in
Arch. f. Naturgesch. Jahrg 1889. Bd. I. H. 1. 4
50 Carl Aps teil! :
das Auge fällt; sie kann aber doch leicht übersehen werden, da bei
einer Schnittdicke von 0,oi mm nur 4 Schnitte diese Bilder zeigen.
Ausser diesen beiden Drüsenformen ist noch eine grössere Zahl
von glandulae aciniformes und piriformes vorhanden.
Die Spinnwarzen bieten wenig eigentümliches dar.
Bei der zweigliedrigen obern Warze (Fig. 65) ist das kegel-
förmige Endglied nur halb so breit wie das erste Glied. Das ist
auch beim ausgestreckten Endgliede der Fall, sonst könnte man
leicht vermuten, dass das Endglied teilweise bei meinem Exemplar
eingezogen war. An seiner Innenseite trägt das Endglied ca. 10 mittel-
grosse Spulen, die aus ziemlich hohem Basalstück und sehr langem,
spitzem Ansatzstück bestehen.
Die eingliedrige mittlere Warze (Fig. QQ) trägt 1 grosse Spule
für eine verzweigte glandula ampullacea und ca. 10 Spulen, die wie
diejenigen auf der oberen Warze gebildet sind.
Die zweigliedrige untere Warze (siehe Fig. 71 bei Agalena)
besitzt 2 grosse Spulen zu den beiden vereinigten glandulae am-
pullaceae und circa 20 sehr kleine Spulen für die glandula piriformes.
Konnte ich die Verzweigungen der glandulae ampullaceae bei
Tegenaria in grosser Regelmässigkeit sehen, so ist dies bei Agalena
(Fig. 67) nicht der Fall. Bei dieser Spinne treibt der Anfangsteil
der Drüse bald hier einen kleinen Höcker, bald da einen grossen
Spross oder einen wiederum mannigfach verzweigten Ast (Fig. 68).
Jede Regelmässigkeit fehlt. Während die Drüsen einer Seite reich
verzweigt sind, findet man auf der andern Seite nur Avenige Aestchen
an ihnen, oder der Anfangsteil ist ganz glatt (Fig. 67). Die Drüse
erweitert sich sehr schnell zu der bauchigen Anschwellung, die dann
ebenso plötzlich sich zu dem Ausführgang verjüngt. Der mit dicker
tunica intima versehene Ausführgang bildet ein grosses Knie.
Neben dieser Drüse finden sich 7 grosse gladulae tubuli-
formes, die den gleichen Bau zeigen wie bei Tegenaria. Ausserdem
sind eine grosse Zahl glandulae piriformes und ungefähr 20 glan-
dulae aciniformes vorhanden.
Die Spinn Warzen sind sehr eigentümlich ausgebildet.
Die zweigliedrige obere Warze (Fig. 69) ist sehr lang und
ragt weit unter dem Abdomen wie ein Schwänzchen hervor. Auf
dem ca. 4 mal so langem als dickem Endgliede stehen an der Innen-
seite 4 grosse Spulen (Fig. 69 a) und 10 mittelgrosse, sehr lange Spulen
(Fig. 69 b). Sie besetzen das Glied von der Basis bis zur Spitze hin.
Emerton 7 erwähnt diese Spinnwarze, zeichnet aber zu ^del
Spulen, Hermann 8 nennt die Spulen zitzenförmig, was aber wenig
treifend ist.
Auf der eingliedrigen mittleren Warze (Fig. 70) münden
4 grosse und 7 mittlere Spulen. Auf der zweigliedrigen unteren
Warze (Fig. 71) finden wir 2 grosse und eine sehr grosse Zahl
kleiner Spulen.
Bau und Function der Spinndvüsen der Araneida. 51
Wenn ich annehme, dass, wie bei Tegenaria, von den 3 glan-
dulae ampiillaceae eine auf der mittleren und zwei auf der unteren
Warze münden, so sind die 4 grossen Spulen der oberen und die
3 übrigen grossen Spulen der mittleren Warze für die 7 glandulae
tubuliformes. Die langen, mittelgrossen Spulen der obern und mitt-
leren Warze für die glandulae aciniformes und die kleinen Spulen
der untern Warze für die glandulae piriformes.
Die letzte der von mir untersuchten Tubitelarien ist Amanrohias.
Diese Spinne unterscheidet sich leicht von allen bisher betrachteten
durch den Besitz der Cribellumdrüsen.
Diese letzteren, sowie den Hilfsapparat beim Spinnen, das Cala-
mistrum hat Bertkau 1 einer eingehenden Untersuchung unterworfen,
anf die ich verweisen will. Dieser erschöpfenden Darstellung möchte
ich nur einige Worte hinzufügen. Wie bei allen Drüsen vermisse
ich auch hier die tunica intima, die im Gange aber vorhanden ist.
Dann sah ich stets mehrere Drüsen — in einem Falle 10, in anderen
noch mehr — von einer tunica propria umgeben, so dass die kleinen
Drüsen in Bündeln zusammen liegen. Dann möchte ich noch be-
merken, dass die Kerne nicht ein, sondern stets mehrere Kern-
körperchen enthalten. Im übrigen stimme ich mit der Bertkau'schen
Darstellung überein.
Was die übrigen Drüsen anbelangt, so fand ich jederseits
3 glandulae ampullaceae. Teilweise war der Anfangsteil ver-
zweigt. Während aber bei den vorhergehenden beiden Tubitelarien
die Verzweigungen sich vor der bauchigen Erweiterung vereinigten,
ist das hier nicht immer der Fall. Es kommt nemHch vor, dass an
den verschiedenen Stellen der Anschwellung Zweige einmünden, nicht
nur an der Spitze (Fig. 75). Neben diesen verzweigten Drüsen finden
sich regelmässig unverzweigte, die aber auch die Anschwellung zeigen.
Alle haben den characteristischen Bau des Ganges, der ein Knie
bildet. Ausser diesen 3 Drüsen finden sich am Ende des Hinter-
leibes 3 glandulae tubuliformes. Sie liegen dicht neben dem
Darm und zeigen keine Besonderheiten, ebenso wie die glandulae
aciniformes und piriformes.
Von den 3 Spinnwarzen sind die obere und untere zwei-
ghedrig, die mittlere einghedrig.
Die obere Warze trägt 2 grosse Spulen für 2 glandulae tubuli-
formes, ausserdem ca. 20 mittelgrosse Spulen.
Die mittlere Warze besitzt 2 grosse Spulen für 1 glandula
tubuliformis und eine ampullacea und 8 mittelgrosse Spulen.
Die untere Warze hat an der Innenseite 2 grosse Spulen für
2 glandulae ampuUaceae und eine grosse Zahl (ca. 20) sehr kleine
Spulen für die glandulae piriformes.
Resultate.
Ehe ich die Resultate der Untersuchungen über die Tubitelariae
zusammenfasse, möchte ich dieselben in Form von zwei Tabellen
fassen, von denen die erste die Spinndrüsen, die zweite die Warzen
und Spulen umfasst. Beide Tabellen gelten für reife Weibchen.
4*
52 Carl Apstein:
Tabelle über die Spinudrüsen der Tubitelariae.
') In der Summe sind die verschieden grossen Spulen gesondert an gegeben.
Bau und Function der Spinndrüsen der Araneida. 53
Zusammenfassung,
1. Bei den Tubitelariae sind folgende Drüsen vorhanden: glandulae
ampullaceae, aciniformes, piriformes und tubuliformes , letztere
fehlen nur Segestria, Amaurobius hat ausserdem Cribellumdrüsen.
2. Allen Drüsen fehlt die tunica intima, während diese in den Aus-
führgängen sehr dick ist.
3. Die glandulae ampullaceae sind
a) unverzweigt und in der Zweizahl vertreten bei Clubiona, Any-
phaena, Argyroneta, Segestria ; bei Prothesima in der Sechszahl,
b) verzweigt und in der Dreizahl bei Tegenaria, Agalena, Amau-
robius.
4. Die Zahl der glandulae tubuliformes ist schwankend. Bei einigen
(z. B. Argyroneta) je nach dem Geschlecht. Die Drüsen sind stets
kleiner als bei den Epeiriden.
5. Die glandulae aciniformes sind zahlreich, mit Ausnahme von
Segestria (8), vorhanden. Sie münden auf der oberen und mitt-
leren Warze auf grösseren Spulen als
6. Die glandulae piriformes, die auf der untern Warze münden.
7. Grosse Spulen finden sich auf jeder mittleren und unteren Warze,
auf der oberen nur bei Agalena, Amaurobius Prothesima.
8. Mittelgrosse Spulen sind auf der obern und mittleren Warze vor-
handen.
9. Kleine Spulen finden sich nur auf der untern Warze.
4. Citigradae.
Ich untersuchte folgende Spinnen:
Lycosa amentata Gl.
Ocyale mirabüis Gl.
Trochosa ruricola De Geer.
So mannigfach die Spinndrüsen bei den Retitelarien und Tubi-
telarien sind, so geringe Abweichungen finden sich in dieser Unter-
ordnung. Ich werde daher die Verhältnisse bei Lycosa schildern
und die Abweichungen, die ich bei den andern fand, anfügen.
Jederseits (Fig. 76) finden sich 4 grosse glandulae ampullaceae,
und zwar zwei ungefähr 0,8 mm lange und zwei etwas kleinere. Sie
bestehen aus einem dünneren Anfangsteile, der nur sehr kurz ist,
und aus einer kaum doppelt so weiten, bauchigen Erweiterung. Der
Gang hat eine dicke tunica intima und das characteristische Knie.
Die Gänge je zweier Drüsen laufen zusammen und so in einer tunica
propria bis zur Warze. Bei Ocyale fand ich diese Drüse sehr
characteristisch gebildet, Anfangsteil und Bauch streng geschieden.
Das Knie bot aber einen eigentümlichen Anblick, der jedoch nicht
regelmässig zu finden war. Gleich dicht hinter zwei Drüsen liefen
die Gänge zusammen, bildeten aber kein einfaches Knie, sondern
waren in vielen Schlingen und Bogen durcheinander geflochten
(Fig. 81). Jeder Gang behielt seine tunica propria, ausserdem war
das ganze Gebilde von einer gemeinsamen Bindegewebshaut .um-
54 Carl Apstein:
schlössen. Bei keiner andern Spinne ist mir diese Bildung wieder
entgegen getreten, stets ist das Knie sehr regelmässig gebaut.
Die glandulae tubuliformes erreichen bei Lycosa eine Länge
von 0,5 mm bei einem Durchmesser von 0,ii mm. Ich fand diese
Drüse weder beim Männchen, noch bei jungen Weibchen, sondern
nur bei reifen Weibchen in grosser Zahl. (ca. '25). Sie liegen so
dicht gedrängt, dass sie nicht die cylindrische Form wie die andern
Drüsen zeigen, sondern durch gegenseitigen Druck abgeplattet sind.
Bei einem Tiere fand ich ein Exemplar ^) dieser Drüse, das nicht
einfach war, sondern aus zwei dicken Gängen bestand, die sich zur
Drüse vereinigten. (Fig. 77). Die drei Schenkel der Drüse waren
gleich lang. Bei Trochosa fand ich diese Drüse dunkel gefärbt.
Bei Ocyale erreicht sie die Länge von 0,8 mm.
Die glandulae aciniformes sind sehr klein, nur 0,i04 mm
lang, in grosser Zahl vorhanden und münden auf der oberen und
mittleren Warze. Bei Ocyale sind sie 0,2 — 0,5 mm lang, ebenso bei
Trochosa.
Die glandulae piriformes sind bei Lycosa grösser als die
vorhergehende Drüse, nämlich 0,16 — 0,-22 mm lang, bei einem Durch-
messer von 0,1 mm. Bei Ocyale sind sie dagegen kleiner als die
glandulae aciniformes, nur 0,1 — 0,2 mm lang, ebenso bei Trachosa.
Die Spinn Warzen stimmen bei Lycosa und Ocyale vollkommen
überein, bei Trochosa sind die Spulen sehr schwer zu sehen, da die
Warzen dicht mit Haaren umgeben sind.
Die obere Warze (Fig. 78) ist zweigliedrig und trägt ca. 30
mittelgrosse Spulen.
Die eingliedrige mittlere Warze (Fig. 79) besitzt 2 grosse
Spulen für die glandulae ampuUaceae und ca. 20 mittlere Spulen.
Die zweigliedrige untere Warze (Fig. 80) hat zwei grosse
Spulen und 20 — 30 kleine. Menge 13 giebt fälschlich nur 2 grosse
Spulen an.
Resultat:
1. Es finden sich also jederseits:
4 glandulae ampuUaceae
25 ,, tubuliformes (reifes c^).
und eine grosse Zahl von glandulae aciniformes und piriformes.
2. Allen Drüsen fehlt eine tunica intima, die Gänge sind mit dicker
Intima versehen.
3. Von den glandulae ampuUaceae münden je 2 auf der mittleren
und unteren Warze.
4. Die glandulae aciniformes münden auf der oberen und mittleren
Warze, die glandulae piriformes auf der unteren.
5. Die obere Warze trägt keine grossen Spulen.
0 Ich glaube darin eine Missbildung zu finden, vielleicht eine Verwachsung
zweier Drüsen.
Bau niifl Function der Spinndrüsen der Araneida.
55
Tabelle der Spinnwarzen.
5. Laterigradae.
Ich untersuchte folgende Spinnen:
Misiimena vatla Cl.
Philodromus anreolns Cl.
Micrommota virescens Cl.
Die Spinnorgane der Spinnen, die dieser Unterordnung an-
gehören, stimmen sowohl untereinander, als auch mit denen der
Citigradae so sehr überein, dass sie sich von denen der letzteren
gar nicht unterscheiden.
Beim reifen Weibchen sind dieselben vier Drüsenarten wie bei
den Citigradae vorhanden.
Die glandulae ampuUaceae sind wie bei Ocyale gebildet,
das Knie im Gange aber regelmässig, je zwei Ausführgänge sind in
eine gemeinsame tunica propria eingeschlossen.
Die glandulae tubuliformes fand ich nur beim reifen Weibchen ;
bei Philodromus nach der Eiablage ganz zusammen gefallen (siehe
biol. Untersuchungen) und deshalb kaum als Drüsen erkennbar.
Die glandulae aciniformes sind verhältnismässig gross und
weniger zahlreich.
Ein gleiches gilt von den glandulae piriformes, die nur auf
der unteren Warze münden.
Die Spinn Warzen bieten ebenso wenig besondere Eigentüm-
lichkeiten dar.
Die obere Warze ist schräg nach der Innenseite abgestutzt und
trägt auf diesem Felde nur Spulen mit ziemlich grossem Basalteile
und mittellangem, spitzem Ansatzstück.
Die mittlere Warze besitzt 2 grosse Spulen und etwas von
diesen gesondert ungefähr 10 Spulen, die wie die der obern Warze
gebildet sind.
Die untere Warze trägt ebenfalls an der Innenseite 2 grosse
Spulen und ca. 20 kleine mehr nach der Aussenseite gelegen.
Die Resultate sind wie die der Citigradae (siehe diese).
6. Saltigradae.
Folgende Spinnen wurden untersucht:
Epibienum scenicuni Cl.
Aitus falcatus Cl.
Am bemerkenswertesten ist der Ausfall der glandulae tubuli-
formes. Sie fehlen auch dem reifen Weibchen, nicht nur dem
56
Carl Apstein:
Männchen und unreifen Weibchen. Die geringe Anzahl der Spinn-
spnlen Hess gleich von Anfang an das Fehlen einer Drüsenart ver-
muten. Es finden sich also nur 3 Drüsenformen.
Die glandulae ampuUaceae sind in der Yi erzähl vorhanden,
aber verschieden gross. Sie lassen aber alle einen dünnen Anfangs-
teil und eine bauchige Anschwellung erkennen. Der Gang mit dicker
tunica intima bildet ein Knie. Hervorzuheben ist noch, dass die
Zahl der das Lumen in einem Ringe umgebenden Zellen sehr schwankt ;
ich sah auf Querschnitten 16—40 Zellen.
Die glandulae aciniformes sind von gewöhnlicher Bildung
und nur in sehr geringer Zahl vorhanden. Ich fand bei Epiblenum 6,
bei Attus nur 4.
Von den glandulae piriformes sind 15 — 20 zu finden.
Auf der obern Warze münden bei Epiblenum 4, bei AttuS
3 glandulae aciniformes mit mittelgrossen Spulen (Fig. 83).
Auf der mittleren Warze (Fig. 84) finden sich 2 grosse Spulen
für die glandulae ampullaceae und bei Epiblenum 2, Attus 1 mittlere
Spule für glandulae aciniformes.
Auf der untern Warze (Fig. 85) fand ich 2 grosse Spulen für
die glandulae ampullaceae und 15 — 20 sehr kleine Spulen für die
glandulae piriformes.
Spinnspulen von Epiblenum (resp. Attus).
Resultate.
Allen Drüsen fehlt die tunica intima, die im Ausführgang sehr
dick ist.
Die glandulae tubuliformes fehlen Männchen und Weibchen, er-
wachsenen und unreifen Tieren.
Die glandulae aciniformes sind in sehr geringer Zahl vorhanden.
Die glandulae piriformes sind zahlreicher.
Die obere Spinnwarze trägt keine grossen Spulen, kleine Spulen
sind nur auf der untern Warze vorhanden.
7. Plagitelariae.
Diese von Dahl6 aufgestellte Unterordnung, bei der die Röhren-
tracheen fehlen, unterscheidet sich auch in betreff der Spinnorgane
sehr von allen übrigen Spinnen. Die Drüsen von Pholcus finden
sich abgebildet in Carus: Icones zootomicae Taf. XIII. Hier sieht
man jederseits eine grosse Drüse, die der Gestalt nach zwischen
Bai; und Fiinction der Spinudrüsen der Araneida. 57
einer glandula ampiillacea und tubuliformis steht, eine kleinere von
ähnlicher Form und eine kleine kugelrunde.
So einfach liegen aber die Verhältnisse nicht, wie das Studium
der Schnitte unzweifelhaft darthut. Ein vollkommen getreues Bild
von den Drüsen zu erhalten, ist nur durch eigenes Studium der
Schnitte möglich. Jedoch will ich den Versuch einer Beschreibung
wagen, weiss aber nicht, wie weit ich die Verhältnisse dem Leser
klar machen kann.
Ziemlich weit nach vorn im Abdomen finden sich zwei grosse
Drüsen (Fig. 86«), die in der Mitte nur sehr wenig und allmählich
erweitert sind. Sie sind 1 mm lang und verengen sich ziemlich
plötzlich gegen den Ausführgang hin. Ehe sie jedoch in den Gang
eintreten, schicken beide Erweiterungen nach oben und innen, die
mit einander verschmelzen (Fig. 86 d und 89). Die Drüse « geht
hierauf in den Ausführgang über (Fig. 91), während die obere Er-
weiterung eine Drüse (;') von mächtigem, ganz unregelmässigem Lumen
bildet (Fig. 86;^, 90;' und 91;'). Die Gänge der Drüse « bilden ein
langes Knie (Fig. 86 und 91). Ungefähr in der Gegend des Knies
tritt seitwärts je eine einfache, cylindrische Drüse (ß) auf (Fig. SQß
und dOß). Sie sind kurz, ihr Ausführgang hat ein Knie und läuft
dann bis zur Warze ohne besondere Eigentümlichkeiten weiter. Wir
haben es also nur noch mit der oberen Erweiterung der Drüse a zu
thun, mit Drüse ;'. ^) Diese verläuft eine Strecke weit nach hinten,
schickt dann nach der rechten Seite einen Ausführgang (Fig. SG),
der ohne Knie bis zur Warze geht. Die Drüse hat damit aber nicht
ihr Ende erreicht, sondern sie geht trotz des Ausführganges nach
hinten weiter. Dann treibt sie nach der linken Seite einen Ast d
(Fig. 86 d), der nach hinten geht. Die Drüse;' geht ebenfalls weiter,
ihr Lumen verengt sich allmähHch, bis es endlich weit hinten blind
endet. Der Ast d dagegen, der auch nach hinten läuft, hat bald an
der Seite einen Gang nach der Spinnwarze, während die Drüse weiter
laufend nach einer Strecke ebenfalls in einen Ausführgang endet.
Ganz zuletzt treten dann noch drei kleine Drüsen s (Fig. 86 f) auf,
die nach kurzem Verlauf in die Warzen eintreten.
Es finden sich also von der Drüse « direct 2 Ausführgänge, von
ihrer oberen Erweiterung ;' 3 Gänge. Dazu kommen die 2 Drüsen ß
mit 2 Gängen und die 3 kleinen Drüsen t mit 3 Gängen. Im ganzen
10 Ausführgänge, den zweimal ,5 Spulen auf den Warzen entsprechend.
Ob bei allen Exemplaren diese complicierte Bildung dieselbe ist,
kann ich nicht sagen, doch stimmten meine Schnitte von mehreren
Tieren bis auf kleinere Abweichungen überein.
Auffallend und von allen bisher betrachteten Drüsen abweichend
ist folgendes:
L Zwei Drüsen von verschiedenen Seiten des Körpers verschmelzen,
ohne ihre eigenen Ausführgänge einzubüssen.
') Der Zusammenhang zwischen Drüse « und / fehlte in einem andern
Präparat.
58 Carl Apstein:
2. Die Verschmelzung bildet eine eigene Drüse (y), die in ihrem
Verlauf Aeste absendet, die mit 3 Gängen nach der Warze ver-
laufen. Die Drüse selbst endet blind.
Wollte ich die Drüse y nur als Ausbuchtung von a annehmen,
so ist es sehr bemerkenswert, dass diese Ausbuchtung nicht allseitig
geschlossen ist, sondern eine grössere Zahl Ausführgänge nach den
Warzen sendet. Ausser diesen Ausführgängen bildet die Drüse ;'
noch ein paar Aeste, die blind geschlossen sind (Fig. 91), die ich
nur der Vollständigkeit halber erwähne.
Was den Bau des Drüsencomplexes anbetrifft, so will ich ihn
von den einzelnen Teilen respective Drüsen vorführen, die ich in
vorhergehendem mit a bis * bezeichnet habe, denn auf die Drüsen
der andern Spinnen sind diese Gebilde nicht zurückzuführen, und
neue Namen aufzustellen war auch nicht angebracht.
Die ganze Drü^enmasse ist in eine homogene, teilweise fein-
kömige Grundsubstanz eingeschlossen (Fig. 88 G und 89, 90), die in
ihrem obern Teil noch die Ovarien enthält.
Die Drüse a ist cylindrisch und zeigt im Anfange ein sehr schönes,
hohes Epithel (Fig. 87 a) ^j, bei einem Durchmesser der Drüse (86a)
von 0,117 mm ist das Epithel 0,04,35 mm hoch. Die Kerne sind
kolossal gross, ich fand sie 0,012.5 mm im Durchmesser. Dann er-
weitert sich das Lumen auf Kosten des Epithels, das in der Mitte
der Drüse (Fig. 86 b u. 87 b) nur noch 0,026 mm hoch ist. Das Lumen
ist an dieser Stelle 0,i67 mm im Durchmesser. Die Kerne sind
0,011175 mm gross. Fast am Ende der Drüse (Fig. 86c u. 87c)
ist das Verhältnis noch stärker ausgeprägt. Das P]pithel ist nur
noch 0,015 mm hoch, das Lumen 0,182 mm und der Kern 0,oiii75mm
im Durchmesser. Darauf verengt sich die Drüse, während das Epithel
dieselbe Höhe behält und endhch geht sie in den Ausführgang, der
eine dicke tunica intima hat, über. Später bildet der Gang ein
Knie und verläuft dann gerade bis zur Warze.
Die Drüse y hat ein ganz verschieden hohes Epithel (Fig. 90;^).
In einem Schnitt sah ich es auf einer Seite 0,022 mm, an einer andern
Stelle nur 0,009 mm hoch. Ein gleiches gilt von der Drüse d.
Die Drüsen ß sind genau wie a gebildet, nur nimmt die Höhe
des Epithels nicht so stark ab, die Weite des Lumens nicht so sehr
zu. Die Kerne haben auch ungefähr dieselbe Grösse, der Gang
bildet ein Knie.
Die tunica propria aller dieser Drüsen hat lange (0,0075 mm)
schmale (0,0016 mm) Kerne.
Die 3 Drüsen e sind etwas länger als breit: 0,1 und 0,09 mm und
unterscheiden sich nur von den andern Drüsen durch ihre geringere
Grösse und die eiförmige Gestalt.
Es stimmen also sämmtliche Drüsen in ihrem Bau überein und
sind nur der Gestalt nach zu unterscheiden. Wie aber die einzelnen
') Fig. 87 a bis c sind die Schnitte der mit a bis c bezeichneten Stellen von
Drüse « in Figur 86.
Bau nnrl Function der Spinndrüsen der Araneida. 59
Teile dieses Drüsencomplexes zu deuten sind, vermag ich nicht zu
sagen, da diese Spinne eine ganz isolierte Stellung einnimmt und
durch keine Uebergänge mit anderen verbunden ist, wodurch eine
Erklärung herbeizuführen wäre.
Die Spinn warz en zeigen auch einen eigentümlichen Bau.
Namentlich ist es die obere (Fig. 92), die durch ihre sonderbare
Gestalt auffällt. Sie ist an der Spitze mannigfach gezackt und ge-
schlitzt, so dass ähnliche Bildungen zustande kommen wie Basalteile
von Spulen. Jede der Zacken trägt ein mächtiges, hohles und ge-
krümmtes Haar. Zwischen diesen Haaren steht eine kleine Spule,
die leicht zu übersehen ist. Anfangs fand ich sie auch nicht, und
glaubte, eine Spinnwarze ohne Spulen vor mir zu haben. Endlich
erhielt ich aber ein Präparat, in welchem die Spule an der Mündung
noch ein Tröpfchen Spinnstoff trug, welches sie sicher als Spule er-
kennen liess. Nicht nur an der Spitze der Warze, sondern namentlich
in der Mitte derselben findet sich eine Reihe von Haaren, mit den
eigentümlichen Basalteilen. Dadurch gewinnt die Warze ihr be-
sonderes Aussehen.
Die mittlere Warze (Fig. 93) gleicht einem abgestutzten Kegel,
der auf seiner Endfläche eine kurze, dicke aber spitz endigende
Spule trägt, an der ich ein Basalstück nicht erkennen konnte. Diese
Warze ist im Gegensatz zur oberen nur mit einem mächtigen, horn-
förmigen Haare versehen.
Die untere Warze ist zweigliedrig (Fig. 94) und trägt an der
Spitze des Endgliedes drei Spulen. Die eine davon ist sehr gross,
ihre Höhe ist ungefähr gleich dem Durchmesser an der Basis. Sie
hat eine sehr weite Oeffnung und ähnelt einigermassen den Spulen
der lappenförmigen Drüse bei einigen Retitelarien. Daneben steht
eine kleinere Spule mit ziemlich hohem Basalstück, das ein kurzes,
dickes, breit endigendes Ansatzstück trägt. Zwischen beiden befindet
sich noch eine kleine Spule, auf deren ziemlich grossen Basalteil ein
sehr kleines, feines Ansatztück steht. Ausserdem finden sich auf dem
Endgliede einige kleine, feine Haare. Auf dem ersten Gliede dagegen
stehen ziemlich viele grosse starke Haare in Reihen geordnet.
Den Zusammenhang der Drüsen mit den ihnen zukommenden
Spulen konnte ich nicht überall nachweisen. Die Drüse « mündet
auf der einen grossen Spule der mittleren Warze. In die rechte
untere Warze scheint die rechte Drüse ß, der rechte Ast der Drüse y
und eine kleine Drüse t zu münden. Nach der Grösse der Drüsen
ist anzunehmen, dass zu der Drüse ß die kleinere, zu ;' die grössere
der beiden grossen Spulen und zu t die kleine Spule gehört. Für
die rechte obere Warze bliebe dann noch eine kleine Drüse f.
Auf der linken Seite sind die Drüsen für die obere und mittlere
Warze dieselben, während auf der unteren die beiden Gänge der
Drüse 6 und eine Drüse ß mündet.
60 Carl Apst ein:
8. Territelariae.
Herr Professor Brandt hatte die Güte, mir zur Untersuchung
dieser Gruppe das Material der hiesigen zoologischen Sammlung zur
Verfügung zu stellen. Ich war daher in der Lage, Lasiodora Erich-
sonii untersuchen zu können.
Ich fand nur glandulae piriformes, die Wasmannl8 natürlich
als glandulae aciniformes (Meckel) bezeichnet. In der Grösse variiert
diese Drüse sehr, ich fand ihre Länge von 0,5 — 0,9.' mm. Doch
zeigten die einzelnen Drüsen das eigentümliche Verhalten gegen
Farbstoffe.
Die Spulen sind von Wasmann 1 8 richtig abgebildet worden, nur
fand ich, dass das Ansatzstück nicht glatt, sondern fein geringelt ist.
9. Resultate der morphologisch-histologischen Untersuchungen.
Bei dieser Zusammenfassung muss ich Pholcus unberücksichtigt
lassen, da ich die Drüsen dieser Spinne nicht mit denen der andern
identificieren kann.
I. Bau der Drüsen und Spulen.
Alle Drüsen bestehen aus einem secernierenden Teile, Drüse im
engern Sinne, der zugleich als Ansammlungsraum für den Spinnstoff
dient und aus einem Ausführgange, der auf einer verschieden grossen
Spule nach aussen mündet.
Die Drüse (i. e. S.) besteht aus einer tunica propria und einem
mehr oder weniger hohen Epithel.
Der Gang besteht aus einer tunica propria, niedrigem Epithel
(Ausnahme: glandulae aciniformes und piriformes, denen das Epithel
fehlt) und einer dicken tunica intima.
Die Spinnspulen bestehen aus Basalstück und Ansatzstück.
Die obere und untere Warze ist zweigliedrig, die mittlere ein-
gliedrig, nur bei Mygaliden sind die 4 Warzen 3- resp. 2gliedrig.
II. Arten der Drüsen und ihr Vorkommen.
Im ganzen unterscheide ich 7 verschiedene Drüsen: glandulae
ampullaceae, tubuhformes, aggregatae, aciniformes, piriformes; lappen-
förmige und Cribellumdrüsen.
Von diesen Drüsen finden sich bei allen Spinnen glandulae
ampullaceae, aciniformes und piriformes, nur die Mygaliden haben
allein glandulae piriformes.
Glandulae tubuliformes fehlen nur Segestria und den Saltigradae.
Glandulae aggregatae finden sich nur bei Epeiriden und Reti-
telarien (Ausnahme Pachygnatha).
Lappenförmige Drüsen sind nur bei Theridium, Steatoda, Episinus,
Lithyphantes, Crustalina, Eryopsis, Nesticus und Asagena vorhanden.
Cribellumdrüsen besitzen nur die Cribellaten, z. B. Amaurobius.
Bau und Function der Spinndrüseu der Araneida. Ql
HI. Anzahl der Drüsen bei den verschiedenen Spinnen.
Die glandulae aggregatae sind in der Dreizahl bei Epeiriden, in
der Zweizahl bei Retitelarien (Ausnahme Pachygnatha) vorhanden.
Die unverzweigten glandulae ampullaceae kommen in der Zwei-
zahl vor bei Epeiriden, Retitelarien und einigen Tulutelarien (Clubiona,
Anyphaena, Argyroneta, Segestriaj.
Die glandulae ampullaceae sind verzweigt und in der Dreizahl
vorhanden bei einigen Tubitelarien (Tegenaria, Agalena, Amaurobius).
In der Vierzahl finden wir diese Drüse bei Citigradae, Lateri-
gradae, Saltigradae. Sechs von diesen Drüsen hat nur Prothesima.
Glandulae aciniformes sind stets mehr als "20 vorhanden, nur
Segestria hat 8.
Glandulae piriformes finden sich ebenfalls mehr als 20, nur die
Saltigradae haben 10.
Glandulae tubuliformes sind in der Zahl 2 — 3 zu finden bei
Epeiriden, Retitelarien, Clubiona, Anyphaena, Amaurobius, zahlreicher
sind sie bei den Weibchen aller anderen Spinnen; sie fehlen Segestria
und den Saltigradae.
Von der lappenförmigen Drüse hat Theridium eine, Steatoda,
Episinus, Lithyphantes, Crustalina, Eryopsis, Nesticus undAsagena zwei.
Keine Spinne besitzt weniger als 3 und mehr als 6 von den vor-
handenen Drüsenarten, eine Ausnahme machen die MygaHden.
IV. Verteilung der Drüsen auf die Unterordnungen.
Die Epeiriden besitzen 5 Drüsenformen , glandulae ampullaceae,
tubuliformes, aggregatae, aciniformes. (Hyptiotes?)
Die Retitelariae haben dieselben 5 Formen (Pachygnatha fehlt
die giandula aggregata), Theridium, Steatoda, Episinus, Lithyphantes,
Crustalina, Eryopsis, ^esticus undAsagena besitzen ausserdem lappen-
förmige Drüsen,
Die Tubitelariae haben ebenfalls dieselben 4 Formen, wie Pachy-
gnatha, nur Segestria fehlen die glandulae tubuliformes, und Amau-
robius hat noch Cribellumdrüsen.
Saltigradae besitzen nur 3 Drüsenformen: glandulae ampullaceae,
aciniformes und piriformes.
Citigradae und Saterigradae haben dieselben Formen wie die
Tubitelariae.
MygaHden besitzen nur glandulae piriformes.
V. Geschlechtsunterschiede.
Männchen und Weibchen zeigen in betreff der Spinnorgane nur
Unterschiede in der Zahl der glandulae tubuliformes, indem sie bei
manchen Männchen weniger zahlreich sind als beim Weibchen, oder
ganz fehlen.
62
Carl Apsteiii:
II. Biolog'isehe Untersuchungen.
Viele Spinnen fertigen ausser einem Fang- und Wohngewebe
noch einen Eicocon an, viele spinnen ihre Beute ein. Selbst an den
Fanggeweben lassen sich verschiedene Fäden unterscheiden, wie
trockene, nasse und gekräuselte. Gleich von vornherein ist nun an-
zunehmen, da bei jeder Spinne mehr als eine Art von Spinndrüsen
zu finden ist, dass jede Drüse eine besondere Function besitzt.
Diesen Nachweis zu liefern, soll die Aufgabe der folgenden Unter-
suchungen sein. Ihn einfach durch Beobachtung beizubringen, ist
wegen der geringen Grösse der Spulen nur in seltenen Fällen möglich.
Erschwert wird die Beobachtung noch dadurch, dass auf einer Warze
nicht nur eine Drüsenart mündet, sondern mehrere. Es wird daher
der Nachweis hauptsächlich durch Combination zu führen sein. Und
selbst auf letztere Art ist er schwer beizubringen, da lange fort-
gesetzte biologische Beobachtungen nötig sind, um über den Bau
und die Anfertigung der Gewebe ins klare zu kommen.
Sehr richtig sagt Menge 12 in der Einleitung zu „die Lebens-
weise der Arachniden":
„Bei Betrachtung des Lebens der Tiere muss man sich sorg-
fältig hüten einer einzelnen Beobachtung zu grosse Allgemeinheit zu
geben und das bei einer Art vielleicht zufällig Gesehene auf ganze
Gattungen und Familien auszudehnen — — am meisten aber, dass
man das nur teilweise Gesehene nach eigenem Vermuten und Er-
messen erweitert und zu Ende führt."
Zuerst wird es sich nun darum handeln das Vorkommen der
verschiedenen Drüsen bei den Spinnen festzustellen, und dazu will
ich der Uebersicht wegen eine Tabelle zusammenstellen, die den
Resultaten des ersten Teiles entnommen ist. Ich habe zur Unter-
suchung Spinnen gewählt, die als Typen für die ganze Unterordnung
gelten können, daneben aber noch andere untersucht, die irgend
welche abweichenden Lebensverhältnisse zeigen. Die gewonnenen
Resultate glaube ich daher mit einigem Rechte auf die hiesigen
Vertreter der Unterordnungen übertragen zu dürfen.
Tabelle über das Vorkommen der Drüsen.
Bali und Function der Spinndrüsen der Araneida.
63
Tabelle über das Vorkommen der Drüsen.
Der Buchstabe x soll andeuten, dass die Drüssen in gi'osser Zahl vorbanden
sind, dieselbe aber nicht genau festzustellen ist.
Ich will mm die Function der einzelnen Drüsen schildern und
werde natürlich mit denjenigen Drüsen beginnen, deren Function voll-
kommen klar ist, diese scheiden dann von der Betrachtung aus.
lieber den Rest der Drüsen kann ich nur noch Vermutungen auf-
stellen und muss es der Zukunft und weiteren sorgfältigen Forschungen
anheimstellen, diese als richtig nachzuweisen oder zu widerlegen.
Glandulae aggregatae.
Wie aus der Tabelle ersichtlich ist, kommt diese Drüse nur bei
Epeiriden und Retitelarien (Ausnahme": Pachygnatha) vor. Menge 12
spricht die Vermutung aus, dass die nassen Fäden bei Epeira von
dieser Drüse geliefert werden. Als ich nun auch die Drüse bei einigen
Retitelarien fand, handelte es sich darum, die sogenannten nassen
Fäden auch bei den Geweben dieser Spinnen nachzuweisen. Das
gelang mir auch bei Linyphia und Steatoda, während Heuking 7a
(S. 4) die nassen Fäden von Theridium erwähnt.
64 Carl Apstein:
Die nassen Fäden bestehen aus einem derben Grundfaden, auf
dem ziemlich dicht Tröpfchen von Spinnstoff, der nicht an der Luft
erhärtet, sich finden. Ich bin geneigt anzunehmen, dass der Grund-
faden von den glandulae aciniformes gebildet wird, den Grund für
die Annahme will ich aber erst anführen, nachdem ich die Bildung
der Tröpfchen beschrieben habe.
Sobald der Grundfaden gezogen ist, werden die Spulen der glan-
dulae aggregatae gegen ihn gedrückt und lassen auf ihn ein Tröpfchen
ihres Secretes ausfliessen. Die drei Spulen stehen dicht neben ein-
ander auf der obern Warze und zwar so, dass ihre Mündungen nahe
an einander liegen (Fig. 27). Werden nun die beiden oberen Warzen
an den Grundfaden angepresst, so umfassen ihn die sechs Spulen
beider Warzen und die austretenden Secrettröpfchen können zu-
sammenfliessen und so den Faden allseitig umgeben. Damit die
Tröpfchen nicht zerfliessen, ist es nötig, dass der Grundfaden schon
trocken ist, wenn die glandulae aggregatae ihr Secret auf ihn aus-
fliessen lassen. Da der Grundfaden sehr stark ist, so wird er am
schnellsten austrocknen, wenn er, statt aus einem dicken Faden, aus
zahlreichen sehr feinen Fäden besteht.
Aus diesem Grunde glaube ich, dass die glandulae aciniformes
den Grundfaden zusammensetzen. Ebenso könnte man glauben,
dass die glandulae piriformes diesen Faden bilden. Der Grundfaden
ist aber weit dehnbarer, als die trockenen Fäden des Netzes. Da
nun letztere von den glandulae piriformes (siehe diese) gebildet
werden, so bleiben für den Grundfaden nur die glandulae acini-
formes übrig.
Die nassen Tröpfchen bieten in ihrer Gesammtheit bei ihrer
dichten Lage eine ziemlich grosse, klebrige Fläche dar, an der kleinere
Lisecten leicht lo lange haften bleiben, bis sie von der Spinne ergriffen
werden können. Bei den Epeiriden findet man nur die Spirale des
Netzes von diesen eigentümlichen Fäden gebildet.
Bei den Retitelarien ist es das lockere, grossmaschige Gewebe
über der Wohnung, an dem ich diese Fäden fand. Fliegt ein Insect
in dieses dachförmige Gewebe, so bleibt es kleben. Durch seine An-
strengungen zu entfliehen, reisst der dünne Faden und das Tier fällt
auf das Wohngewebe herab, wo er von der Spinne ergriften wird.
Bei keinem andern Gewebe habe ich diese Fäden beobachtet,
keine andere Spinne besitzt auch diese Drüsen.
Die läppe nförmige Drüse kommt nur bei Theridium, Steatoda
und noch mehreren andern oben erwähnten Retitelarien vor, hat also
noch eine geringere Verbreitung, als die glandulae aggregatae. Wie
mir Herr Dr. Dahl^) mitteüt; hat er bei den ersten beiden Spinnen
folgende Eigentümlichkeit bemerkt. Fliegt in das Netz dieser Spinnen
ein Tier, das durch viele Bemühungen aus demselben zu entfliehen
sucht, so bewirft die Spinne dasselbe mit Fäden, indem sie mit den
Hinterbeinen die Fäden aus den Spulen zieht und aus einiger Ent-
') Siehe auch: Zeitschrift für wissenschaftliche Philosophie Bd. 9.
Bau und Function der Spinndrüseu der Avaneida. ß5
fernung nach dem Tier wirft. Dazu bedarf die Spinne sofort grosser
Mengen von Spinnstoff. Diese allein kann nur die lappenförmige
Drüse liefern, da sie in ihrem mächtigen Lumen stets eine grosse
Menge des Stoffes vorrätig halten kann. Ausserdem kann der Spinn-
stoff durch die sehr weite Spule (Fig. 45) sehr schnell abfliessen und
das nötige Material zum Bewerfen liefern.
Heuking 7a (S. 5) erwähnt auch dieses eigentümliche Verhalten.
Von Steatoda habe ich es auch selbst beobachten können.
Ein ähnliches Verhalten beobachtete ich nur noch bei Pholcus.
Bei dieser Spinne fand ich aber auch eine sehr grosse Drüse (;')
und dazu eine sehr weite Spule (Fig. 94).
Ich glaube daher, dass das Secret dieser Drüse dazu dient, Tiere,'
die in das Netz geflogen sind, in demselben durch Bewerfen mit
Fäden festzuhalten.
Die Cribellumdrüsen dienen, wie Blackwell 3 'Emerton 7 und
Bertkau 1 wahrgenommen haben, zur Anfertigung der gekräuselten
(curled-web Emerton) Gewebe. Diese Drüse habe ich nur bei Amau-
robius untersucht und auch nur bei ihm diese eigentümlichen Fäden,
gefunden und zwar sowohl an dem Wohngewebe, als auch am Ei-
cocon. An dem genannten Gewebe kann ich Grundfäden und die
sogenannten gekräuselten Fäden unterscheiden. Ich sah zwei Grund-
fäden parallel neben einander verlaufen und bei starker Vergrösserung
konnte ich wahrnehmen, dass jeder Faden ■v^^eder aus 3 dünneren
Fäden (Fig. 95 b) zusammengesetzt war. Die Messung ergab für jeden
der drei dünnen Fäden 0,0025 mm. Ich glaube, dass diese Fäden aus
den giandulae ampullaceae stammen, denn stets sah ich zweimal drei,
Fäden und es wäre eigentümlich, wenn sich zalilreiche dünne Fäden-
wie die der giandulae aciniformes, stets in der gleichen Weise ver-
einigen sollten. Dann kommen auch bei dieser Spinne jederseits
3 giandulae ampullaceae vor, die diese Zahl der Fäden liefern könnten.
In gleicher Zahl sind auch die giandulae tubuliformes vorhanden,
doch schreibe ich diesen eine ganz andere, bestimmte Function zu.
Was nun den eigentlichen gekräuselten Faden anbetriffst, so
kann ich daran unterscheiden 1. einen dickeren Faden, der um die
beiden Grundfäden geschlungep ist, und 2. sehr feine Fäden, die wie
eine dünne, gi-au-weisse Haut dem ersteren Faden aufliegen.
Letztere Fäden, glaube ich, stammen allein aus den Cribellum-
drüsen her. Aus welcher Drüse der dickere Faden — ich stellte
seinen Durchmesser auf 0,00 1 6 mm fest — stammt, vermag ich nicht
anzugeben, auch ist mir seine Anfertigung vollständig unklar, trotz-
dem ich daraufhin Spinnen beobachtet habe. Der Faden — ich will
ihn den geschlängelten Faden nennen — ist um die beiden Grund-
fäden geschlungen, jedoch habe ich nie bei der Spinne während des
Spinnens eine Bewegung gesehen, die die eigentümliche Lage des
Faden erklären Hesse. Emerton 7 betrachtet diesen Faden als den
gekräuselten, also als den Faden, den die Cribellumdrüsen Hefern,
das ist aber falsch, wie Bertkau 1 schon gezeigt hat.
Arch. f. Natuigesch. Jahrg. 1889. Bd. I. H. 1. ^
66 Carl Apstein:
Die Cribellumdrüsen liefern nicht nur einen oder einige Fäden,
sondern eine grosse Zahl sehr feiner Fädchen, die parallel mit den
Grundfäden laufen (Fig. 95 b) und fast senkrecht auf dem geschlängelten
Faden stehen. Letzterer bildet eine Unterlage oder Stütze für diese
sonst ziemlich frei hängenden „gekräuselten" Fädchen. Letztere
erscheinen bei mittelstarker Vergrösserung wie eine feine, graue Haut,
erst stärker vergrössert löst diese sich in eine Unmenge von feinen
Fädchen auf. Wenn man bedenkt, dass das Cribellum, nach Bertkau 1,
bei Amaurobius 2400, bei den Eresiden gar 5600 — 9600 Spulen ent-»
hält, so ist es klar, dass jeder einzelne Faden, da sie sämmtlich nur
einen sehr kleinen Raum einnehmen, von fast unmessbarer Feinheit ist.
Diese gekräuselten Fäden, die man richtiger glatte Fäden nennen
müsste, werden so gebildet, dass die Spinne mit dem Calamistrum
(siehe Bertkau 1) ruckweise über das Cribellum hinfährt, daraus die
Fäden zieht und die während der Vorwärtsbewegung des Tieres
gezogenen Grundfäden bedeckt.
Bei dem Eicocon sah ich öfter die Grundfäden fehlen, sie sind
hier auch nicht nötig, da die feinen Fädchen direct den Eiern an-
liegen.
Die glandulae tubuliformes kommen bei allen Spinnen vor
mit Ausnahme von Segestria und den Saltigradae. Bei dieser Drüse
allein beobachtete ich Unterschiede beim Männchen und Weibchen.
Ich glaube, dass diese Drüse dazu bestimmt ist, den Eicocon zu
liefern. Ich sah nemlich, dass die Drüse beim Epeira $ kurz vor der
Eiablage ganz colossal ausgebildet und stark mit gelbem Spinnstoff
angefüllt war. W^ie Schinckewitschl6 richtig bemerkt, besteht auch
der Eicocon aus gelben Fäden, so dass er richtig schliesst, die glan-
dulae tubuliformes dienen zur Anfertigung des Eicocons.
Da diese Drüse bei Segestria und den Saltigradae fehlt, so
musste ich annehmen, dass diese kein Cocon weben. Für den Mangel
eines Cocons bei ersterer Spinne scheint eine Beobachtung zu sprechen,
die ich machte, die aber im Gegensatz zu den Angaben aller andern
Autoren steht. Ich fand nemlich unter Baumrinde ein Eierhäufchen
und neben ihm ein Segestriaweibchen. Kein anderes Tier war zu
entdecken, dem ich die Eier zuschreiben konnte. An den Eiern
konnte ich keinerlei Fäden wahrnehmen, sie schienen leicht an ein-
ander zu kleben und fielen bei der leisesten Berührung herab. Leider
versäumte ich, die Eier mitzunehmen und zur Entwicklung kommen
zu lassen. Hiernach glaube ich, dass Segestria kein Eicocon spinnt.
Sollte dieser dennoch gebildet werden, so könnte man annehmen,
dass die so stark ausgebildeten glandulae aciniformes diese Funktion
übernommen haben.
Bei den Saltigradae muss ich mich auf die in der Litteratur
verzeichneten Bemerkungen über die Eicocons verlassen, da ich nicht
in der Lage war, selbst Beobachtungen machen zu können.
Ueber die beiden von mir untersuchten Spinnen, Epiblenum
scenicum und Attus falcatus, fand ich weder bei Ohlertl5 noch
Bau und Function der Spinndrüsen der Araneida. ß7
L. Koch 9 eine Bemerkimg über die Gewebe; wolü aber über andere
Arten der gleichen Gattungen.
Von Calliethera (Epiblenüm) cingululatum erwähnt L. Koch ein
weisses, lockeres Gewebe, das die Eier umhüllt. Von Euophrys (Attus)
crucigera beschreiben Ohlert und Zimmermann 19 ein Eiersäckchen,
ebenso L. Koch von Attus erraticus. Wichtig erscheinen mir folgende
Bemerkungen derselben Forscher. Koch sagt von Attus floricola,
dass der Cocon 5 mm im Durchmesser hat , eine gleiche Länge hat
auch die Spinne selbst. Zimmermann sagt von Calliethera, dass die
Wohnung kaum grösser ist als die Spinne und diese nur schwierig
aus derselben herauszuziehen ist. In beiden Fällen ist die Wohnung
sowie der Eicocon so gross wie das Tier, darum möchte ich an-
nehmen, dass Wohnung und Eicocon dasselbe Gewebe ist.
Bemerkenswert scheint mir noch folgende Beobachtung Ohlertsl5
über Dendryphantes hastatus. Diese Spinne baut zwischen Kiefer-
nadeln ein Walnuss grosses Nest. Das Weibchen bewacht darin die
Eier, die sich in einer Duplicatur der Innern Wand befinden.
Dieses ,, darin" verstehe ich so, dass sich das Weibchen selbst in dem
Nest befindet, es also als Wohnung benutzt; darnach wäre der Cocon
nur ein Teil des Wohngewebes und wie dieser von einer anderen
Drüse gehefert, als von der glandula tubuliformis. Es ist also bei
den Saltigradae die Funktion der glandulae tubuliformes auf eine
andere Drüse übergegangen.
Es könnte demnach scheinen, als ob meine Annahme, dass die
glandulae tubuliformes den Eicocon liefern, auf schwachen Füssen
steht. Ich habe aber noch einige Thatsachen ausser den schon am
Anfang der Besprechung dieser Drüse angeführten, beizubringen, die
mir als vollkommen sicher erscheinen lassen, dass meine Annahme
richtig ist.
Bertkau 1 erwähnt von den Cribellumdrüsen , dass diese beim
reifen Männchen zurückgebildet werden und ganz verschwinden, da
dieses nicht mehr spinnt. Es wird also , wenn die Funktion erfüllt
ist, die Drüse unnötig, daher zurückgebildet und geht zu gründe.
Niemals habe ich Weibchen, namentlich reife gefunden, denen
die glandulae tubuliformes fehlten, stets waren sie prall mit Spinn-
stoff gefüllt. Im Juli dieses Jahres fing ich einige Weibchen von
Ocyale mirabilis, die ihr mit Eiern gefülltes Eiersäckchen bei sich
trugen, zu gleicher Zeit fand ich einige Weibchen von Philodromus
aureolus, die ihre Eier in Cocons bewachten.
Als ich diese Tiere präparierte, fand ich die glandulae tubuli-
formes nicht. Um sicher zu sein, dass ich keine Drüse übersehen
hatte, verfuhr ich so, dass ich die ganze Drüsenmasse bei einem
andern Exemplar heraushob und vorsichtig auf einem Objektträger
zerzupfte. So konnte keine Drüse verloren gehen und so zeigte es
sich auch, dass die glandulae tubuHformes wohl vorhanden waren,
aber so zusammengefallen, dass sie nicht mehr einer Drüse ahnten
(Fig. 82). Die Drüse war also noch da, hatte auch die gewöhnliche
Länge von 0,8 mm, enthielt aber gar keinen Spinnstoff' mehr, secer-
5*
68 Carl Apsteiii:
nierte auch nicht. Sehr schön hob sich der Gang von der Drüse
ab, da er durch die dicke tunica intima gestützt war und so seine
Gestalt behalten konnte.
Durch diese Befunde ist man doch wohl genötigt anzunehmen,
dass die Drüse, die vor der Eiablage wohl ausgebildet, nach der-
selben aber zusammengefallen war, ihr Secret zur Anfertigung des
Eicocons hergegeben hat.
Wenn diese Drüse nun doch bei einigen Mcännchen vorkommt,
so muss sie naturgemäss bei diesen eine andere Funktion haben.
Menge 1 "2 erwähnt von Epeira, dass das Männchen sich einen Steg
baut, um auf diesem ein Samentröpfchen abzulegen, das es mit den
Tastern auftupft. Ob nun aber die glandulae tubuhformes zur An-
fertigung dieses kleinen Gespinnstes dienen, kann ich nicht sagen.
Glandulae piriformes.
Bei einem sehr grossen Weibchen von Epeira diademata, bei
dem ich die Spinnwarzen bei Lupenvergrösserung nicht nur in der
Ruhe sehen, sondern auch sehr gut bei ihrer Bewegung verfolgen
konnte, machte ich folgende Beobachtung. Ich hatte das Tier in
ein Reagenzglas gesetzt, um es zu verhindern weit in seinem Gefäss
herumzuwandern und die Beobachtung zu stören. Ehe die Spinne
begann einen Faden zu ziehen, rieb sie die unteren Spinnwarzen,
die breit gespreizt waren, gegen das Glas, dadurch wurde eine kleine
Fläche mit Spinnstoff überzogen und von hier aus verHefen dann
die Fäden. EmertonT giebt schon eine ziemlich richtige Abbildung
davon. Doch will ich trotzdem meine Beobachtung weiter ausführen.
Die Spinne drückt also die gespreitzten unteren Warzen gegen die
Wand, zieht dann die Warzen wieder zu einander hin, spreizt sie
wieder und wiederholt diese Bewegung 5 bis 6 mal. Auf der unteren
Warze münden nun 1 glandula ampullacea und ca. 100 glandulae
piriformes.
Würde das Gewebe von der grossen Drüse gebildet, so würde
man jederseits 10 bis 12 Fäden sehen, ich beobachtete aber stets eine
sehr grosse Zahl von Fäden, wie Emerton auch schon angiebt, so
dass diese eine Drüse geliefert haben muss, die zahlreicher auf dieser
Warze sich vorfindet; und das könne nur die glandulae piriformes
sein Die mikroskopische Untersuchung des Gewebes — das ich
,, Haftscheibe" nennen möchte, da es die Bedeutung einer solchen
hat — zeigte mir solche feine Fädchen, wie sie nur aus diesen
kleinen Drüsen geliefert werden können. Nachdem die Haftscheibe
gebildet ist, legen sich die unteren Warzen aneinander, die Spinne
bewegt sich vorwärts und zieht so die Fäden aus den Spulen heraus,
die sich jederseits zu einem dicken Faden vereinigen. Schliesslich
verschmelzen auch die beiden Fäden zu einem, an dem die Zusammen-
setzung aus den vielen Fädchen nicht mehr zu sehen ist.
Wie ich gezeigt habe kommen bei Mygaliden nur glandulae
piriformes vor. Diese Spinnen tapezieren eine Erdröhre aus, bauen also
ein Wohngewebe. Diese Röhre möchte ich den gleichen Bildungen der
Bau und Function der Spinndrüsen dei Araneida. 69
Tubitelariae z. B. Agalena vergleichen. Da bei Mygale nur gian-
dulae piriformes vorkommen, so müssen diese das Gewebe liefern,
also die Wohniuig bauen. Die glandulae piriformes fertigen also das
Wohngewebe an und befestigen dessen Fäden mit einer Haftscheibe
an festen Gegenständen.
Welche Funktion den so verbreiteten glandulae ampullaccae und
aciniformes zukommt, vermag ich nicht zu sagen.
Nachdem ich so die einzelnen Drüsen besprochen habe, bleibt
mir nur noch übrig, einige Gewebe zu erwähnen, die in der bisherigen
Betrachtung nicht enthalten sind. Ich denke dabei an die Fäden,
mit denen einige Spinnen ihre Beute eimvickeln und dann an die
Fäden, die den ,, fliegenden Sommer" bilden.
Ich glaube, dass das Gewebe, mit dem einige Spinnen ihre Beute
,, einwickeln," aus mehreren Drüsen stammt. Wenn z. B. eine Epeira
ein Insekt einspinnt, so spreitzt sie alle Warzen, so dass sie in einer
Reihe stehen, drückt sie an das Tier an und dreht dasselbe schnell
um seine Achse, sofort wird es von einem breiten Bande von Fäden
umgeben. Hierbei ist eine solche Menge Spinnstoff nötig, dass bei
dieser Tätiglteit mehrere Drüsen' in Anwendung kommen werden.
Was das Fädenschiessen im Herbst anbetrifft, so habe ich
keine Gelegenheit gehabt, dasselbe in diesem Jahr zu beobachten.
Uebrigens haben die Fähigkeit zum Fädenschiessen nicht nur die
sogenannten herbstlichen Flugspinnen,- sondern auch Epeiridcn, um
den ersten Faden zu dem Rahmen ihres Netzes anzufertigen. Epeira
benutzte auch, nach einem Experiment von Blackwell*), diese Fähig-
keit, um sich von einem rings von Wasser umgebenen Stab auf das
Trockene zu retten.
Endlich muss ich nocJi auf Pachygnatha zu sprechen kommen,
die 4 Drüsenarten besitzt.
Ich habe sie stets frei auf Steinen und andern frei hervor-
ragenden Gegenständen getroffen. In der Litteratur finde ich nur
in Brehm's Tierleben (IX. 659) angeführt, dass diese Spinne kein
Netz baut, sondern nur beim Gehen einen Faden hinter sich her-
zieht; ausserdem wird erwähnt, dass sie Fäden schiesst. Trotzdem
nur das letztere eine grössere Menge Spinnstoff in Anspruch nimmt,
sind die Drüsen sehr stark entwickelt. Die Spinnwarzen Hessen ver-
muten, dass einige Drüsen rückgebildet sind, da nur einige Spulen
sehr stark entwickelt sind und die anderen diesen gegenüber ganz
in den Hintergrund treten. Die Drüsen waren aber stets sehr schön
ausgebildet und Hessen durchaus keine Rückbildung erkennen.
Resultate der biologischen Untersuchungen:
1. Die glandulae aggregatae liefern die nass bleibenden Tröpfchen
auf den sogenannten nassen Fäden.
"2. Die glandulae tubuliformes spinnen den Eicocon.
3. Die Cribellumdrüsen fertigen das gekräuselte Gewebe an.
'') Siehe EmertonT.
70 Carl Apstein:
4. Die lappenförmige Drüse liefert den Spinnstoff zum Bewerfen
der Beute.
5. Die glandulae piriformes bilden das Wohn- resp. Fanggewebe
und befestigen die einzelnen Fäden an festen Gegenständen
vermittels der sog. Haftscheibe.
6. Die Funktion der glandulae aciniformes und ampullaceae ist
noch nicht erkannt.
7. Mehrere Drüsen kommen \delleicht in Anwendung, um die Beute
einzuspinnen.
8. Die Fähigkeit Fäden zu schiessen besitzen auch andere Spinnen,
z. B. Epeiriden, als die sogenannten Flugspinnen.
9. Pachygnatha besitzt 4 Drüsenarten, spinnt aber kein Gewebe.
Litteratur - Verzeichnis.
1. Bertkau; Cribellum und Calamistrum in Archiv für Naturgeschichte 1882.
Seite 316—59.
2. Bertkau ; Natürliche Anordnung der Spinnen in Archiv für Naturgeschichte
1878. 44. Jahrgang.
3. Blackwell; On the Mammulae of Spiders in Spinning in The Transactions
of the Linnean Society of London 1839. Vol. XVIII. Part II.
4. Brandt und Ratzeburg; Arachniden in Medicinische Zoologie 1833.
5. Buchholz-Laudois; Anatomische Untersuchungen über den Bau der Araneiden.
Müllers Archiv 1868. Seite 240—255.
6. Dahl; Analytische Bearbeitung der Spinnen Norddeutschlands in Schriften
des naturwissenschaftlichen Vereins für Schleswig - Holstein. 5. Band.
1. Heft. 1883.
7. Emerton; The structure and habits of Spiders in lUustrated Boston
Cassino 1883.
7a. Henking; Nahrungserwerb und Nestbau von Theridium riparium (Blackw.)
Thor, in Kosmos 1866. Bd. 1.
8. Hermann; Ungarns Spinnenfauna (giebt eine sehr ausführliche Litteratur-
übersicht).
9. L. Koch; Verzeichnis der bei Nürnberg beobachteten Arachniden.
10. Leydig; Lehrbuch der Histologie 1857.
11. Meckel; Mikrographie einiger Drüsenapparate der niedern Tiere. Müllers
Archiv 1846. Seite 50—73.
12. Menge; Lebensweise der Arachniden. Neueste Schriften der naturforschenden
Gesellschaft zu Danzig. 1851. Band IV. Heft 1.
13. Menge; Preussische Spinnen in Schriften der naturforschenden Gesellschaft
zu Danzig. 1866—79.
Bau und Function der Spinndrüsen der Araneida. 71
14. Oeffinger; Spinnorgane von Epeira in M. Schulzes Archiv für mikroskopische
Anatomie 1866. Bonn. II. Band. Seite 1—11.
15. Olilert; Arachniden Prensser.s. Leipzig 1867,
16. Schimkewitsch; Sur l'anatoraie de TEpeire, Zoologischer Anzeiger 1881.
(Vorläufige Mitteilung.)
» Etüde sur Tanatomie de TEpeire in Annales des Sciences
Naturelles YI. Serie 17 t.
17. Treviranus; Innerer Bau der Arachniden. Nürnherg 1812. Seite 41 — 44.
18. Wasmann; Beiträge zur Anatomie der Spinnen in Abhandlungen des natur-
wissenschaftlichen Vereins zu Hamburg. 1846. Seite 131 — 161.
19. Zimmermann; Die Spinnen der Umgegend von Niesky.
Tafel -Erklärung.
Die lineare Vergrösserung der Figuren ist in Form eines Bruches angegeben.
Ueber die Benennung der einzelnen Teile einer Drüse giebt Fig. 10
Aufschluss.
Folgende Abkürzungen wurden angewendet:
ac = glandulae aciuiformes,
p = >> piriformes,
am =: » ampuUaceae,
ag = » aggregatae,
t = » tubuliformes,
Cr = Cribelluradrüsen,
5 := Weibchen,
1 = lappenförmige Drüse.
Figur 1. Epeira diademata $ Spinndrüsen in situ nat. Vi-
» 2. » » glandulae aciniformes ^"/i-
» 3. " » Längsschnitt der gl. ac '""/i-
4. » » Querschnitt dicht vor dem Ende des Ganges der
gl. ac ^"/j.
5. •> » Spinnspule der gl. ac '***/p
6. » •' glandula piriformis '"^/j.
» 7. » » Längsschnitt der gl. p '"^/i.
8. » » Querschnitt dicht vor dem Ende des Ganges der
gl. p '"/i.
» 9. » » Spinnspule der gl. p ^®7i-
» 10. » » glandula ampullacea 7i-
a + b: Drüse im engem Sinne, a: Anfangsteil,
b : bauchige Erweiterung , c -f d : Ausführungs-
gang, c: Knie, d: Einfacher Gang, e: Spinnwarze,
f+g: Spule, f: Basalstück, g: Ansatzstück.
72 Carl Apsteiu:
Figur 11. Epßira diademata Querschnitt durch die bauchige Erweiterung ^"/j.
» 12. " .. Teil der vorigen Figur mit dem zurückkehrenden
Gange '«7,.
» 13. » » Längsschnitt durch den Uebergangsteil der Drüse
in den Gang gl. am '^7i-
» 14. » » Querschnitt durch das Knie der gl. am "7,.
» 15. » » ■• durch den Einteil des Ganges der gl,
ampullacea ""*/j.
» 16. » » Längsschnitt durch die Spule der gl. am '^7i-
•> 17. » , » glandula tubuliformis '/,.
•' 18. » » Querschnitt der gl. tubuliformis ''Vi •
'• 19. » » » des Ganges der gl. t ^'7i.
» 20. » " 5 Querschnitt des glandula tubuliformis Ganges
dicht vor der Warze ^'7i-
»21. » » Längsschnitt der Spule der glandula tubuli-
formis '^7i-
» 22a. » » glandula aggregata 7i-
» 22b. » » Querschnitt der glandula aggregata ^^l^.
» 23. » .. .. durch den mit Höckern besetzten Teil
des Ganges der glandula aggregata '"Vt-
•• 24. » » Längsschnitt durch denselben Teil '"^i-
» 25. » » Querschnitt durch den Endteil des Ganges der
glandula aggregata.
" 26. >. .. Längsschnitt durch die Spule der glandula aggre-
gata '^7i-
•• 27. » » Obere Spinnwarze "/j.
» 28. » .. Mittlere Spinnwarze "/i-
>• 29. » ,. Untere Spinn warze *^/^.
" 30. » » glandulae aciniforrais mit abgezogenem Gange **/. .
» 31- « » glandula piriformis. Längsschnitt durch den die
Drüse ausfüllenden Spinnstoff.
» 32. » » Querschnitt der glandula piriformis, um die zwei
Teile des Spinnfadens zu zeigen.
» 33. Tetragnatha extensa, obere Spinnwarze ^7,.
'• 34. » >. mittlere Spinnwarze 2"7i-
» 35. » .. untere Spinnwarze "71-
» 36a. Linyphia triangulari.s. Teil des Ganges der gl. aggregata '7,.
^- '> » Endteil der glandula tubuliformis '7i.
'• 37. Steatoda bipunctata, lappenförmige Drüse ^^j.
" 38. .. » Querschnitt der lappenförmigen Drüse *7i-
" 39. » » Längsschnitt durch den Gang der lappen-
förmigen Drüse '^7i-
" 40. >. » Querschnitt durch die lappenförmige Drüse ^^j.
» 41. Linyphia triangularis. Obere Spinn warze «Vi-
- » 42. » „ Mittlere » «*/,.
» 43a. » » Untere » ^*|^.
" b- " » Kleine Spinnspule der unteren Warze ^*''|^.
» 44. Theridium sisyphium. Obere Spinnwarze "/i-
Bau und ruiiction der Si)inndrüseu der Araneida. 73
Figur 45. Steatoda bipunctata. Obere Spinnwarze "Vi-
■• 46. Pachygnatha. Obere Spinnwarze -'7i-
>' 47. .. Mittlere » ->%.
» 48. » Untere » "/i.
» 49. Clubiona holosericea. Spinndrüsen in situ naturali '/i-
» 50. » » Obere Spinn warze *7i-
» 51. .. .. Mittlere » "/^,
-• 52. .. >. Untere •■ *V,.
» 53. Argyroneta aquatica. glandula tubulitbnnis ^\\.
" 54. Segestria senoculata. Spiundrüsen in situ natui-ali ' j.
» 55. » >. Längsschnitt durch den Endteil der glandula
ampullacea "Vi-
» 56a. » » Querschnitt durch die glandula ampullacea ^7i-
b. » <> Zellen aus dem Endteil der glandula ampul-
lacea 380/j.
» 57. Prothesima Petiverii. Obere Spinnwarze *-/\.
» a. » .. Grosse Spule der oberen "Warze '*7i'
, » 58. » .. Mittlere Spinnwarze ^Vi-
» a. » » Mammillenförmige Spule der mittleren
Warze '"»'i.
•• 59. » .. Untere Warze *-/i.
» 60. » petrensis. Obere Spinnwarze, Endglied ausgestülpt *'/,.
" 61. » » » » » eingezogen *7f
» a, » .. Spule der oberen Warze '*7i-
» 62. Tegenaria domestica, Spinndriisen in situ naturali '/i-
» 63. » » glandula tubuliformis , Querschnitt dicht vor
dem Gange '"7f
» 64. » » Längsschnitt der glandula tubuliformis dicht
vor dem Gange.
» 65. » .. Obere Spinnwarze ^-/i-
» 66. » .. Mittlere » ^-/j.
•• 67. Agalena lahyrinthica, Spinndriisen '/i-
" 68. » .. glandula ampullacea '*/,.
» 69. » » Obere Spinn warze *7i.
a. >. .. Grosse Spule. 69b. Mittlere Spule ''"/i-
» 70. •> » Mittlere Spinn warze ^7i-
»71. .. .. Untere -. ^7i.
» 72. Segestria senoculata. Obere Spinnwarze ^7i-
» 73. » .. Mittlere » »«/,.
» 74. » « Untere » ^7i.
» 75. Amaurobius fenestralis. Spinndrüsen '"/j.
» 76.*) Lycosa amentata. Spinndrüsen '7i.
» 77. » » Verzweigte glandula tubuliformis '•'7i.
» 78. >• .> Obere Spinnwarze ^7i-
» 79. » >. Mittlere » »«/i.
'• 80. » » Untere » ^o.
*) Die Figur gilt auch für die Laterigradae.
J'4 C a r 1 A p s t e i n : Bau und Function der Spiundrüsen der Araneida.
Figur 81. Ocyale mirabilis. Knie der glandula ampullacea ''^'7,.
.. 82. » » $ glandula tubuliforrais nach der Eiablage ■*7i-
» 83. Epiblenum scenicum. Obere Spinnwarze '^Vi-
>. 84. » • » Mittlere » «Vi-
» 85. » » Untere » *V,.
» 86. Pholcus. Drüse in situ naturali "/i.
» 87 ac. » Querschnitt durch die Drüse « (siehe Figur 86 a — c) "/,.
» 88. ■• Querschnitt durch die ganze Spinne, um die Lage der
homogenen Masse zu zeigen, in der die Drüsen liegen ^'/i-
h = Herz, 1 = Leber, G = Homogene Grundmasse.
» 89. •• Querschnitt durch den Endteil der Drüse «, wo sie die
Drüse y bildet *7i-
» 90. « Querschnitt durch den Drüsencomplex, enthaltend Gänge
von «, Drüse y und 2 Drüsen ß ®Vi ^i = Eier.
» 91. " Längsschnitt durch die Drüse « mit y ^'/i-
» 92. >' Obere Spinnwarze '^"/i-
» 93. » Mittlere » '27,.
» 94. » Untere » ''^"/i.
» 95a. Amaurobius. Gekräuseltes Gewebe, schwächer vergrössert.
» b. » Stärker vergrössert.
Besehreibung eines Zwitters
von
(f astropaclia Quercus
nebst allgemeinen Bemerkungen und einem Verzeichniss der
beschriebenen Arthropodenzwitter.
Von
Ph. Bertkau
in Bonn.
Mit Fig. 1—3.
In der entomologischen Literatur sind die Mittheilungen über
Fälle von ,, Zwitterbildungen" zahlreich, so dass schon 1825 Ru-
dolphi den freilich nur im Vergleich zu den Wirbelthieren gültigen
Satz aussprechen konnte, diese Fälle seien in der Klasse der Insekten
„sehr häufig vorkommende." Eine 1861 von Hagen in der Stettin.
Entom. Zeitg., 22. Jahrg., S. 259—286, vorgenommene Zusammen-
stellung der bis dahin bekannt gemachten Insektenzwitter ergibt die
Zahl von 119; Gerstäcker (in Bronn, Klassen und Ordnungen, V, 1,
S. 205 ff.) rechnet 1868 144 Arthropodenzwitter, von denen 117 auf
die Schmetterlinge, 17 auf die Hautflügler, 6 auf die Käfer, 2 auf
die Zweiflügler, 1 auf die Geradflügler und 1 auf die Krebsthiere
entfallen, und seit jener Zeit hat sich, wie das Verzeichniss am
Schlüsse dieses Aufsatzes ausweist, diese Zahl mehr als verdoppelt,
so dass in den letzten 20 Jahren durchschnittHch 8 Zwitter jährlich
beschrieben sind.
So häufig nun aber auch „Zwitter" erwähnt und beschrieben
werden, so beschränkt sich die Beschreibung in den meisten Fällen
auf die Schilderung der sekundären Geschlechtsmerkmale; ja, das
Zusammenvorkommen der männlichen und weiblichen sekundären
Geschlechtsmerkmale ist in den meisten Fällen der alleinige Grund,
von einem Zwitter zu sprechen. Und gerade aus der Ordnung, aus
welcher die zahlreichsten Zwitter gemeldet werden, liegen nur drei
Untersuchungen der Geschlechtsorgane vor, von denen die beiden
älteren zudem mancherlei Fragen offen lassen, und selbst die Be-
schaffenheit der äusseren Begattungswerkzeuge geben die wenigsten
76 Ph. ßertkau:
Beschreibe!" an, weil sie die geringe Beschädigung, welche zur Er-
kennung derselben in den meisten Fällen nöthig ist, an der kost-
baren Sammlungsrarität nicht vornehmen wollen. Und doch ist für
die Frage nach dem Zusammenhang der sekundären Geschlechts-
merkmale mit den primären die Kenntniss der letzteren bei den
sog. Zwittern von der grössten Bedeutung.
Ich benutzte daher die Gelegenheit, von einem „halbierten
Zwitter" von Gastropacha Quercus, in dessen Besitz ich diesen Sommer
kam, auch die inneren Geschlechtsorgane zu untersuchen und lasse
unten eine Beschreibung derselben folgen. Zuvor aber seien kurz
die wenigen Fälle, in denen die Geschlechtsorgane von Zwitter-
insekten untersucht sind, besprochen.
Der älteste bekannte Arthropodenzwitter wurde auch anatomisch
untersucht. Es ist dies ein Hummer, über den F. Nicholls 1730
in den Philosoph. Transactions berichtete. Die rechte Körperhälfte
war weiblich, die linke männlich. Rechterseits war ein Eierstock
vorhanden, dessen Eileiter an der Basis des dritten Beinpaares aus-
mündete; sämmtliche Fusspaare des Hinterleibes waren an dieser
Seite breite, lamellöse Platten. Auf der linken Seite lag ein Hoden,
dessen Ausführungsgang an der Basis des fünften Beinpaares mündete,
während das erste Abdominalbein dieser Seite griifelförmig zu einem
Penis umgestaltet war.
Die Beschreibung, welche Klug von einem Zwitter der Melitaea
didyma entwarft, spricht von einem Eierstock linkerseits und von
männlichen Geschlechtstheilen rechterseits, die ,,mit dem äusseren
Gliede in Zusammenhang waren," ist aber zu kurz gehalten, als dass
man sich eine deutliche Vorstellung von den Geschlechtsorganen
machen könnte, wie schon Gerstäcker beklagt.
Besser ist es in dieser Hinsicht mit der durch Rudolphi 1825
mitgetheilten Schilderung bestellt, welche F. Schultz von dem Zwitter
einer Gastropacha quercifolia Hefert. Auf der einen Seite lag eine
Eiröhre mit 18 entwickelten und einer grösseren Zahl verkümmerter
Eier, auf der anderen zwei Körper hintereinander, die für Hoden
erklärt werden. Der Ausführungsgang der Eiröhre und der der Hoden
vereinigten sich zu einem erweiterten kurzen Gange, der wiederum
in einen engeren Kanal überging, welcher die Ruthe umschloss. Zum
weiblichen Apparate gehörte noch eine Blase, die durch einen Kanal
mit dem vereinigten Ausführungsgang zusammenhing. Gerstäcker
deutet dieselbe als Recept. seminis; da aber der dieselbe mit dem
Ausführungsgang verbindende Kanal als ziemlich lang beschrieben
wird, so könnte man auch an die Begattungstasche denken.
Der von Gerstäcker selbst beschriebene Zwitter von Smerinthus
Populi verhielt sich etwas anders. Hier waren beiderseits (statt der
normalen 4) je 2 mehr oder weniger verkümmerte Eiröhren (eine
jedoch mit 10 legereifen Eiern) vorhanden, die zu zwei in je eine
Tube mündeten, welche Tuben sich zu einem gemeinsamen Ovidukte
vereinigten; mit dem letzteren war ein wohl ausgebildetes Recept.
seminis verbunden. Ferner war eine Begattungstasche vorhanden,
Bescbreibung- eines Zwitters von Gastropacha Quercus. 77
die aber oliiie verbindenden Gang mit dem Recept. seminis, bezw.
Ovidukt war, und überdies endeten 0\adukt imd Begattungstascbe
hinten blind, so dass Aveder eine Begattung durch ein Männchen
hätte Statt finden, noch auch die Eier nach aussen entleert werden
können. Neben diesen weiblichen Theilen war nun aber auch eine
Ruthe vorhanden, an die sich vorn ein Schlauch, nach Gers tack er
der ductus ejaculatorius, anfügte. Freilich würde die Funktion dieses
duct. ejac. nicht die gewöhnliche gewesen sein, da er nicht mit einem
Hoden, sondern mit einer schlauchförmigen Drüse in Verbindung
stand, die Gerstäcker den glandulae mucosae zuzählt.
Eine von demselben zergliederte Abia sericea, die äusserlich im
Vorderkörper grösstentheils männlich, deren Hinterleib aber rein
w^eiblich war, zeigte auch rein weibliche Geschlechtsorgane. Die Ei-
röhren enthielten 48 legereife Eier, und am Ondukt war ein Recept.
seminis angebracht, das allerdings kein Sperma enthielt.
Die Untersuchung der zwitterigen Drohnen des Engst er 'sehen
Bienenstandes in Konstanz wies, im Allgemeinen auch zwitterige Ge-
schlechtsdrüsen nach, von denen aber höchstens die Hoden auch mit
tauglichen Geschlechtsstoffen gefüllt waren, und ein ähnliches Resultat
erhielt Forel bei seiner Untersuchung zwitteriger Ameisen, worüber
man unten vergleichen möge.
In seinem Aufsatz über androgyne Missbildung bei Cla-
doceren in den Sitzungsber. d. mathem. nat. Klasse d. kais. Akad.
d. Wissensch. Wien, 69. Bd., 1. Abth., S. 40—46 beschreibt endlich
W. Kurz von zweien der von ihm beobachteten Zwitter auch die
Geschlechtsorgane. Ein in seiner Körpergestalt (nicht ganz rein)
halbierter Zwitter von Dkphnia pulex hatte rechterseits ein Ovarium
entwickelt, dessen Ausführungsgang sich aber nicht am Rücken neben
den Abdominalzipfeln öffnete, sondern parallel dem Darm in das
Postabdomen eine Strecke weit sich verfolgen Hess, ohne dass der
Porus zu ermitteln gewesen wäre. Auf der linken Seite war der Hoden
mit Spermatozoon erfüllt und auch das vas deferens nahm seinen
regelmässigen Verlauf. — Der andere Zwitter gehörte zu Alona
quadrangularis. Er trug äusserlich das Gepräge eines Männchens,
bis auf das Postabdomen, das unregelmässig gestaltet war. Seine
Unterseite war höckerig, aufgetrieben, und an der höchsten Stelle
der Auftreibung mündete der vereinigte Ausführungsgang der beider-
seitigen Geschlechtsdrüsen. Diese waren links ein vollständig aus-
gebildeter Hoden, rechts ein Ovarium mit fast legereifen Eiern, dessen
Ausfühl ungsgang nach Art des vas deferens abwärts gebogen war.
Dies sind die mir bekannt gewordenen Beschreibungen der inneren
Geschlechtsorgane von sog. Zwittern: eine im Vergleich zu der Ge-
sammtsumme winzig kleine Zahl.
Der ob n von mir erwähnte Zwitter von Gastropacha Quercus
schlüpfte mir am 21. Juli d. J. aus einer Puppe, die ich aus einer im
Mai gefundenen Raupe erhalten hatte. Es ist kein vollständig rein
halbierter Zwitter (Fig. 1). Die linken Flügel und der linke Fühler,
sowie Thorax und Hinterleib waren weiblich; der rechte Fühler und
78
Ph. Bertkau:
Fig. 1. Grastropacha Quercus; halbierter Zwitter.
die rechten Flügel waren männlich. Doch zog durch den Vorder-
flügel der rechten Seite nahe am Hinterrande und durch den Hinter-
flügel nahe am Vorderrand ein Streifen, wo die normale braune Färbung
des Männchens durch eine mehr der gelben des Weibchens sich nähernde
vertreten war; auch im Hinterfeld der Hinterflügel war die Färbung
gemischt. An den linken Flügeln war der Fransensaum, der sonst
gelb ist, fast schwarz. Seiner Gestalt und Färbung nach war der
Hinterleib rein weiblich und Hess auch an seiner Spitze keine auf
die männlichen Begattungswerkzeuge zu deutenden Theile erkennen. —
Die Puppenhülse, die ich nach dem Ausschlüpfen genau betrachtete,
Hess rechts eine etwas kleinere Flügelscheide erkennen als links; an
den Fühlerscheiden Hess sich kein Unterschied wahrnehmen, und die
Geschlechtsmerkmale am vor- und drittletzten Hinterleibsringe deuteten
auf ein Weibchen hin.
Fig. 2. Fig. 3.
Fig. 2 und 3 dessen Geschlechtsorgane, 2 von oben, 3 von unten gesehen, o. r und
0. l. rechtes und linkes Ovarium ; o. V und o. l" Andeutung von zwei Ovarialröhren
am linken Ovar., od. r. und od. l. rechter und linker Ovidukt. — r. s. Receptaculum
seminis. — h. c. Begattungstasche ; sp. Spalte, welche in die Begattungstasche führt.
Beschreibung eines Zwitters von Gastropacha Quercus. 79
Bei der Zergliederung zeigte sich in der Leibesliölile rechterseits
ein durch zwei auf dem Scheitel sich kreuzende Furchen oberflächlich
in 4 Segmente zerlegter, unregelmässig kugeliger Körper (Fig. 2 0. r.),
links ein mehr in die Länge gestreckter, der durch eine Furche ober-
flächlich in zwei Hälften getheilt war. (Fig. 2 0. 1.) Demselben waren
ferner zwei dünnere keulenförmige Körper angefügt (0. 1' und 0. 1"),
von denen der eine seitwärts, der andere in der Längsachse des
Hauptkörpers gerichtet war. Sowohl der kugehge Körper rechts als
auch der länghche links Hessen an ihrem hinteren Ende einen weiten
Gang aus sich heraustreten (od. r., od. 1.), und beide Gänge vereinigten
sich nach kurzem Verlauf zu einem median verlaufenden Gang von
etwas bedeutenderem Lumen. Dieser mediane Gang Hess sich bis
zum vorletzten Hinterleibssegment verfolgen, wo seine Wandung,
namentlich an der unteren Seite, lockerer wurde und er ohne äusser-
liche Mündung endete. Davor, auf der drittletzten Bauchschiene,
befand sich eine breite Spalte (sp.), die in eine geräumige Tasche (b. c.)
führt. Aus derselben entspringt, ziemlich nahe der Spalte, ein feiner
Gang, der mit einer Biegung in den oben erwähnten medianen Gang
einmündet; an letzterem entspringt dann endlich, ziemlich in gleicher
Höhe mit der Einmündungssteile des feinen Ganges, aber nicht genau
ihm gegenüber, eine langgestielte birnförmige Blase (r. s. ). Die Farbe
dieser sämmtlichen Theile, die vielfach von Tracheenästen umsponnen
und mit einander verbunden sind, ist ein blasses Gelb; nur die
Tasche und die birnförmige Blase sind an einzelnen Stellen grünlich
gefärbt.
Was nun die Deutung dieser Organe angeht, so glaube ich wohl
nirgends auf Widerspruch zu stossen, wenn ich sie als die weib-
lichen Geschlechtsorgane bezeichne, bei denen aber die Ovarien ganz
verkümmert sind. Statt der 4 Eierschläuche jederseits finden sich
nur die unförmlichen Körper, an denen auf der Hnken Seite noch
die Rudimente zweier Eiröhren getrennt erhalten sind, und die beiden
anderen, sowie die 4 der rechten Seite wenigstens in den durch die
erwähnten Furchen angedeuteten Theilstücken zu erkennen sind. —
Die zur Ausleitung der Eier, zur Aufnahme des männHchen GHedes
und der Spermatozoen bestimmten Theile {2 Tuben, Ovidukt, Be-
gattungstasche, rec. seminis) sind vollständig und in ziemHch normaler
Beschaftenheit vorhanden, nur dass der Ovidukt an seinem Ende
etwas verkümmert ist und nicht nach aussen mündet. Es fehlen aber
auch sowohl die Kittdrüsen, wie auch die Anhangsdrüse des Rec.
seminis.
Man könnte fragen, ob nicht die von mir als verkümmerte Ei-
röhren angesehenen Gebilde Hoden wären, und da bei den von
Klug und Schultz beschriebenen Schmetterlingszwittern von Hoden
die Rede ist, so w^ll ich diesen Einwurf beantworten, so gut ich kann.
Für die Hodennatur etwa des rechten Körpers Hesse sich nur die
kugelige Gestalt anführen, und ich zweifle auch nicht im geringsten,
dass Klug und Schultz keine histiologischen Untersuchungen vor-
genommen haben, auf Grund deren sie die von ihnen erwähnten
80 Pli. Bertkau:
kugeligen Körper für Hoden erldärten. Es leuchtet indessen ein,
dass ein verkümmerter Eierstock eben so gut in kugeliger Gestalt
erscheinen kann, wie ein normaler Hoden.
Was mich bestimmt, in den beschriebenen Körpern verkümmerte
Eierstöcke und nicht Hoden zu sehen, ist eben der Umstand, dass
sie sich an einem unzweifelhaften, wir können sagen, in normaler
Weise ausgebildeten weiblichen Geschlechtsapparat, soAveit derselbe
zur Begattung und Ausführung der Geschlechtsstoffe eingerichtet ist,
an der Stelle befinden, wo in normalen Verhältnissen die Eierstöcke
angebracht sind. Die histiologische Beschaffenheit, sowohl der Wan-
dung, als des Inhaltes dieser Körper, trägt zur Entscheidung dieser
Frage nichts bei. Die Wandung bestand aus lang gestreckten platten
Zellen, auf denen an einigen Stellen ein Epithel entwickelt war, wie
es in den Tuben vorkommt. Der Hohlraum war von einem lockeren
Gewebe angefüllt, indem Stränge von langgestreckten und vielfach
mit einander verschlungenen Zellen ein Balkenwerk herstellten, dessen
Maschen mit Detritus angefüllt waren. Und dasselbe Bild bot die
Untersuchung des rechten Körpers, wie eines der keulenförmigen Ge-
bilde der linken Seite.
Demnach lässt sich der Geschlechtsapparat dieses ,, Zwitters"
kurz mit den Worten charakterisieren: Die Geschlechtsdrüsen sind
vollständig verkümmert; die Ausführungsgänge und äusseren Be-
gattungstheile sind rein weiblich, nur dass Kittdrüsen und Anhangs-
drüse des Recept. seminis fehlen.
Ist nun unser Exemplar noch als ,, Zwitter" zu bezeichnen? Nein,
wenn man von einem Zwitter verlangt, dass wenigstens Spuren von
beiderlei Geschlechtsorganen vorhanden sind; ja, wenn man, Avie in
fast allen bisherigen Fällen, das Nebeneinandervorkommen der sekun-
dären Geschlechtsmerkmale für ausreichend hält. Schon die älteren
Beobachter, namentlich von Scheven, warfen die Frage auf, ob die
Vereinigung männlicher und weiblicher Charaktere bei den sog. In-
sekten- und besonders bei den Schmetterlingszwittern nicht eine bloss
äusserliehe sei, und ob nicht die Geschlechtsorgane nur einem Ge-
schlecht angehörten. Auch v. Siebold (Stettin. Entom. Ztg. 1854,
S.98 — 101) scheint den Nachweis des gleichzeitigen Vorkommens männ-
licher und weiblicher Geschlechtsorgane für erforderlich zu halten,
um ein Exemplar mit Recht zu einem Zwitter, zu einem monstrum
gynandromorphum, zu erheben. Gerstäcker dagegen (a. a. 0. S. 204)
meint ohne weiteres, schon ,,die Erfahrung, dass eine bestimmte
Färbung oder Form dem Männchen, eine andere dem Weibchen einer
Art unveränderlich zukomme, hätte zu dem Schluss füliren können,
dass die Vermengung beiderlei Färbungen und Formen der Ausdruck
der Vermischung beider Geschlechter sei." Diese Ansicht lässt sich
nun, wie unser Exemplar lehrt, nicht mehr halten, und von Scheven
hatte mit seiner Frage vollkommen Recht. Aber unsere Gastropacha
Quercus ist auch geeignet, unsere Ansichten über den Einfiuss der
Geschlechtsdrüsen auf die sekundären Geschlechtsmerkmale zu klären,
Beschreibung eines Zwitters von Gastropacha Quercus. gl
bezw. die Behauptung Darwin' s von dem Vorhandensein latenter
männHcher Merkmale beim Weibchen, und latenter weibhcher Merk-
male beim Männchen zu unterstützen. Den Einfluss der zur Reife
gelangenden Gesclilechtsdrüsen auf die sekundären Geschlechts-
charaktere haben v^ir dann nicht sowohl in der Ausbildung des
dem betreffenden Geschlecht zukommenden, als vielmehr
in der Unterdrückung der dem anderen Geschlecht eigen-
thümlichen sekundären Geschlechtsmerkmale zu sehen. Hier,
wo die weiblichen Geschlechtsdrüsen vollkommen verkümmert waren,
konnten sie auch die Entfaltung der männlichen sekundären Ge-
schlechtscharaktere nicht hintanhalten.
Aus dem Typus der Wirbelthiere sind ähnliche Beispiele auch
schon bekannt: Hirschkühe und Rieken mit Geweihen, Hennen mit
Hahnenfedern u. s. w. Unter den Insektenzwittern mögen namentlich
die sog. gemischten Zwitter und unter den halbierten Zwittern die-
jenigen, bei denen der Hinterleib die Merkmale nur des einen Ge-
schlechts trägt, weitere Beläge für unsere Ansicht enthalten, deren
Prüfung durch Zergliederung solcher Zwitter aber immerhin noch ein
Bedürfniss ist.
Es ist oft die Frage aufgeworfen worden, in wie weit die Zwitter
zur Fortpflanzung tauglich seien, wobei wir die Frage, ob sie sich
selbst befruchten können, einmal ganz bei Seite lassen wollen. Ein Fall,
dass ein Zwitter als Männchen die Begattung mit einem Weibchen
versucht hätte, ist mir nicht bekannt geworden; die Zwitter-Drohnen
des Engst er' sehen Stockes kamen nicht in die Lage, sich zu ver-
suchen, da sie sofort nach ihrem Ausschlüpfen aus der Puppe von
den Arbeitern aus dem Stocke getrieben wurden und draussen bald
elend umkommen mussten; die Arbeiterinnen müssen sie demnach
auch als Drohnen für unnütze Geschöpfe gehalten haben. Die Ver-
bindung eines normalen Männchens mit einem zwitterhaft gebildeten
Exemplar, wobei letzteres als Weibchen fungierte, ist indessen mehr-
fach beobachtet worden, bezw. zu erschUessen.
So werden ein Exemplar von Parnassius Apollo und Delius er-
wähnt, von denen das eine ein regelrecht halbierter Zwitter war, das
andere ,, Zeichen" von Hermaphroditismus trug; beide wiesen das Be-
gattungszeichen auf zum Beweise, dass sie mit einem Männchen
kopuliert hatten. Newman berichtet ferner von einer Ocneria dispar
von weiblichem Habitus, deren Fühler aber die Mitte zwischen Männchen
und Weibchen hielten. Dieses Exemplar wurde drei Stunden lang
von einem Männchen begattet, legte aber keine Eier ab, die über-
haupt nicht entwickelt waren und starb nach 3 Tagen. AI tum fing
einen gemischten Zwitter von Dyticus latissimus in copula mit einem
Männchen; leider wurde die Untersuchung der Geschlechtsorgane,
die in diesem Falle ganz besonderes Interesse gehabt hätte, unter-
lassen.
Aus diesen Verbindungen von ]\Iännchen mit zwitterhaften
Weibchen ist indessen für die Frage der Fortpflanzungsfähigkeit nichts
Aich. f. Naturgesch. Jahrg. 1889. Bd. I. H. 1. (J
82 Pb. Bertkau:
zu folgern, da ja auch eine copulatio inter mares unter den Insekten
keineswegs zu den Seltenheiten gehört. Dass bei dem von mir be-
schriebenen Exemplar ein Männchen die Kopulation hätte vollziehen
können, braucht nicht ausgeführt zu werden, eben so wenig aber
auch, dass die Liebesmühe verloren gewesen wäre. Und so neige ich
mich überhaupt der Ansicht zu, dass solche „Zwitter" thatsächlich
geheris neutrius sind, eine Ansicht, die auch durch Scopoli's Be-
richt (Introductio , S. 416) von befruchteten Eiern, die ein Zwitter
von Gastropacha Pini gelegt haben soll, nicht erschüttert Avorden ist.
Ueber die Ursachen der Zwitterbildung sind zwei annehmbare
Vermuthungen aufgestellt worden, die aber, wie sie nur für ganz
bestimmte Fälle aufgestellt sind, auch nur eine beschränkte Zulässig-
keit haben. Anlässlich der Untersuchungen der Zwitterdrohnen des
Eugster'schen Stockes leitete v. Siebold diese Missbildungen von
einer mangelhaften Befruchtung ursprünglich zu Weibchen bestimmter
Eier her. Diese Erklärung genügt vollkommen und steht mit allen
bekannten Erscheinungen im Einklang, muss aber natürlich auf die
Fälle beschränkt bleiben, in denen es sich um Insekten handelt, bei
denen Parthenogenesis mit Arrhenotokie vorkommt; und so möchte
für die verhältnissmässig zahlreichen FäUe von Zwittern unter den
Bienen, Ameisen, Schlupf- und Blattwespen jene Erklärung Gültigkeit
haben. Sie aber auch auf die Schmetterlinge auszudehnen, wie
Packard es thut, geht so lange nicht an, als wir nicht bei diesen
die Bedingungen kennen, welche die Entwickelung eines Eies zu
einem männhchen oder weiblichen Individuum veranlassen, bezw. so
lange wir nicht wissen, ob b i ihnen auch Arrhenotokie oder The-
lytokie verkommt; abgesehen von den Sackträgermotten sind aber
die parthenogenetisch n Nachkommen der übrigen SchmetterHnge
sowohl Männchen wie Weibchen.
Kurz, der gegen Ende eines Sommers 4 Zwitter von Cladoceren
beobachtete, erklärte diese Erscheinung als eine Art Rückschlag:
die Weibchen, die bis dahin nur Weibchen hervorgebracht haben,
sollen nun Männchen erzeugen, und da ist ein theilweiser Rückfall
in die weibliche Bildung wohl verständlich. — Diese Erklärung, wenn
man sie als Erklärung gelten lassen will, lässt sich natürli(;h nur auf
eine mit den Cladoceren übereinstimmende Fortpfianzungsart an-
wenden, also z. B. auf die Aphiden, wenn von diesen Zwitter bekannt
werden würden.
In allen übrigen Fällen müssen wir vorläufig auf die Erkenntniss
der letzten Ursache dieser Missbildungen verzichten und uns einfach
darauf beschränken, sie wie jede andere Verkümmerung als etwas
gegebenes anzunehmen. Dass bei den Zwitterbildungen auch da, wo
männliche und weibliche Geschlechtsorgane vorhanden sind, diese in
dem Zustand der Verkümmerung sich befinden, hat sich in den wenigen
Fällen herausgestellt, wo eine anatomische Untersuchung vorgenommen
worden ist. Für die Fälle, wo eine solche Untersuchung nicht gemacht
ist, ist wenigstens das verhältnissmässig häufige Auftreten anderer
Abnormitäten bemerkenswerth , das die Annahme begünstigt, dass
Beschreibung eines Zwitters von Gastropacha Quercus. gß
sich auch die Geschlechtsorgane in abnormem Zustand befunden
haben. Dass von zwitterigen Schmetterhngen wiederholt ein schwer-
fälliger, matter Flug gemeldet ist, will ich für meine Betrachtungen
nicht verwerthen, da dieser durch die Asymmetrie der Flügel bedingt
sein kann, gerade wie auch das Stutzen eines Flügels dem Vogel
den Flug erschwert oder unmöglich macht. Aber in dem von Speyer
(1881; No. 255— 264) mitgetheilten Falle einer ganzen Zwitterfamilie
von Saturnia Carpini waren die 10 zwitterigen Exemplare zugleich
alle verkrüppelt, und 5 hatten nicht einmal die Kraft besessen, die
Puppenhülse zu sprengen. Ferner sind bei den doch immer als Ab-
normität anzusehenden Aberrationen häufig Zwitter beobachtet worden.
Standfuss (1886, No. 238 — 241) fand bei seiner var. lugens von
Aglia tau 4 Zwitter; weiterhin sind noch 10 Fälle (No. 4. 5. 72. 83.
91. 144. 155. 187. 195. 269) bekannt geworden, in denen der Zwitter
zugleich eine Kombination zweiter (Farben)- Varietäten darstellte; in
einem Falle (No. 187) soll er sogar eine Vereinigung zweier Arten
(Smerinthus Populi und ocellatus) gewesen sein. Hieraus lässt sich
wohl der Schluss ziehen, dass alle die Verhältnisse, die andere Ab-
normitäten im Gefolge haben, auch das Zwitterthum begünstigen.
Ich lasse hier nach dem Vorbilde Hagen' s (Stettin. Entom.
Zeitg. 1861, S. 259—286) ein Verzeichniss der Publikationen über
Zwitterinsekten und ein Verzeichniss der Zwitter selbst folgen, so
weit sie von Hagen nicht aufgeführt sind. Im Ganzen sind jetzt
bekannt Crustaceen 8, Spinnen 2, Insekten 325, und zwar Orthopteren 2,
Dipteren 8, Schmetterhnge 255, Hautfiügler 51, Käfer 9. Eine seit-
liche Trennung der Geschlechter ist in 153 Fällen angegeben; von diesen
sind 78 rechts c^, links $, und 68 umgekehrt links <$, rechts $; von 7
konnte ich nichts näheres angeben.
1730. F. NichoUs, An account of the hennaphroditic lobster
presented to the R. society etc., in Philosoph. Transactions, XXXVI,
No. 413, March and April 1730, S. 290 ff. (Nach Gerstäcker, in
B^-onn, Klassen und Ordnungen des Thierreiches , V, 1., S. 205). —
No. 127.
1801. Laubender, Einige Bemerkungen über die von Herrn
Schulmeister Lukas neu entdeckten Stacheldrohnen; Oekonom.
Heft., XVn, S. 429.
1803 — 1804. Lukas, Vermischte Beiträge zum Fortschritte der
Wissenschaft der Bienenzucht.
1808. Lukas, Entwurf eines wissenschaftHchen Systems der
Bienenzucht, I. Theil, S. 150. — No. 303.
1819. Fr. Meissner, Doritis Apollo; Naturwissensch. Anzeiger,
2. Jahrg., S. 3. (Nach Hagen, Stettin. Entom. Ztg. 1882, S. 407).
— No. 135.
1832. Allis, Mag. nat. bist. T. 5 S. 753.
Argynnis Paphia. (Nach Hagen, Stettin. Entom. Zeitg. 1863,
S. 290.) — No. 155 a.
84 Ph. Bertkau:
1835. E. N. D. (Doiibleday?), Entomol. Mag., 1 T. 3, S. 304.
Lycaena Alexis. (Nach Stettin. Entom. Zeitg. 1863, S. 191). —
No. 177a.
1845. A. Förster, Notiz über einen Zwitter der Diapria elegans
Nees V. Es. — Stett. Entom. Zeitg., 16. Jahrg., S. 390—392. Seitlich
getheilter Zwdtter von Diapria eJegans. — No. 279a.
1847_. Wahlberg, Öfvers. Vet. Akad. Förhdlg. 1847, S. 100.
Gemischter Zmtter von Scaeva clypeata; nach Hagen, Stettin.
Ent. Zeitg. 1863, S. 194. — No. 131.
1847. Eyndhoven, Allg. Konst en Letterbode, 1847, No. 36;
Handl. Nederl. Entom. Vereen., 1854, S. 3f.
Smerinthus Populi. (Hagen, Stettin. Entom. Zeitg. 1863, S. 192).
— No. 182.
1848. 0. Heer, Stettin. Entom. Ztg. 1848, S. 160.
Verfasser theilt in einer Korrespondenz mit, dass er 1847 ein
Paar von Melolontha vulgaris in copula angetroffen habe, dessen ?
ganz die Fühler des Männchens hatte; auch war sein Leib etwas
stärker, hatte aber ganz die Gestalt des Weibchens; da das Paar
sehr fest vereinigt war, so ist Zweifel ausgeschlossen. — No. 314.
1849. Gemminger, Stettin. Entom. Zeitg. 1849, S. 63.
Gemminger theilt einen gleichen Fall wie Heer mit. Kraatz
(a. a. 0. S. 426) glaubt indessen hier an eine copulatio inter mares
denken zu müssen.
1855. Assmann, Zeitschr. d. entom. Ver. in Breslau, T. 9,
Lepidopt., S. 15—28 Tab. 1. (Nach Hagen, Stettin. Entom. Zeitg.
1863, S. 193).
Noctua conflua. — No. 267 a.
1857. Roger, Ein Zwitter von Tetrogmus caldarius; Berlin.
Entom. Zeitschr. I. S. 15—17, Taf. I, Fig. 2. — Kraatz, Stettin.
Entom. Zeitg. 1862, S. 215. — No. 280.
1860. Dönhoff, Bienenzeitung 1860, S. 174, 209.
Gemischter Zwitter von Apis mellifica. — No. 304.
1860. Meinert, Bidrag til de Danske Myrers Naturhistorie.
Kjöbenhavn 1860. Der Verfasser beschreibt 2 Zwitter, ohne sie zu
zergliedern. Der eine ist ein Tetramorium simillimum (Myrm. cal-
daria) mit männhchem Kopf, weiblichem Thorax und Hinterleib ; der
zweite ist eine Myrmica lobicornis, welche den Kopf und im Allgemeinen
die Dicke eines Weibchens, dagegen die Skulptur, Farbe und Ge-
schlechtsorgane eines Männchens hat. „Ces donnes sont un peu
sommaires et absolues," fügt A. Forel hinzu, dem ich diese Angaben
entnehme, da ich das Meinert'sche Werk nicht im Urtext eingesehen
habe. (Nach A. Forel, Fourmis de la Suisse, S. 139 Anm.). —
No. 281, 282.
1861. Wittenhagen, Bienenzeitung 1861, S. 119.
Gemischter Zmtter von Apis mellifica. — No. 305.
1861. Harnet, Revue et Magazin de Zoologie, XIII, S. 336.
Zwitter von Apis mellifica. — No. 308.
Beschreibung eines Zwitters von Gastropacha Quercus. 85
1861. Roo van Westmaas, Tijdschr. voor Entomologie, IV,
S. 171 ff. mit Abbild.
Halbierter Zwitter von Tephrosia crepnsciüaria. — No. 274.
1861. A. Keller, Jabreshefte d. Ver. f. vaterl. Naturkunde in
AVürttemberg, XVII, S. 269; Stettin. Entom. Ztg. 1862, S. 285.
Halbierter Zwitter von Limenitis Populi. — No. 160.
1861. Bellier de la Chavignerie, Note sur im Lepidoptere
hermaphrodite (Chelonia Latreillei); Annales Sog. Entom. France,
1861, S. 31.
Halbierter Zwitter von Chelonia Latreillei. — No. 197.
1862. Gerstäcker, Bericht üb. d. wiss. Leistungen in der En-
tomologie w. d. J. 1861, S. 292 f.
Der Verfasser beschreibt hier gelegentlich des Berichtes über
andere Zwitter zwei Zwitter des Berliner Museums : halbierten Zwitter
von Rusina tenebrosa und unvollkommen halbierten Zwitter von
Megachile sp. — No. 267, 301.
1862. Smith, Proceed. Entom. Soc. London 1862, S. 89f.
Gemischter Zwitter von Apis mellifica. — No. 307.
1862. Newman, Proceed. Entom. Soc. London 1862, S. 70.
Ein Weibchen von Liparis dispar mit männlichen (nach West-
wood, S. 77, männlich-weiblichen) Fühlern. — No. 204.
1862. Fallou, Bull. Soc. Entom. France 1862, S. 35.
Gemischter Zwitter von Aglia tau. — No. 235.
1862 — 1865. Die über den sog. Eugster'schen Stock bei Konstanz,
in welchem mehrere Jahre hindurch zahlreiche Bienenzwitter zur
Entwicklung kamen, gemachten Mittheilungen folgen hier zusammen:
Menzel, Bienenzeitung 1862, S. 167, 186.
Derselbe. Ueber die Geschlechtsverhältnisse der Bienen im
Allgemeinen und über die Befruchtung der Königin, über Partheno-
genesis und Zwitterbildung im Besonderen ; Mitth. d. Schweiz. Entom.
Gesellsch., IL, S. 15—30.
Derselbe. Ueber Zwitterbildung bei den Bienen; ebenda III.
S. 41—56.
V. Siebold. Ueber Zwitterbienen ; Zeitschr. f. wissensch. Zoologie,
XIV, S. 73—80; Bienenzeitung 1865, S. Uff.
Gerstäcker, Sitzgsber. d. Gesellsch. naturf. Freunde in Berlin,
16. Febr. 1864.
V. Siebold erklärt die Bildung von Zwitterbienen in an-
sprechender Weise: Da das Bienenei ohne Befruchtung entwickelungs-
fähig ist und sich unbefi'uchtet zum S entwickelt, während die Be-
fruchtung bewirkt, dass ein ? entsteht, so entstehen die Zwätterbienen
durch ungenügende Befruchtung; es ist eben zur Entstehung eines $
ein gewisses Minimum von Sperma erforderlich ; wird dieses Minimum
nicht erreicht, so mischen sich im Zwitter die männlichen und weib-
lichen Merkmale. — No. 306.
1863. Hagen, Stettin. Entom. Zeitg., 24. Jahrg., S. 192.
Halbierter Zwitter von Saturnia Carpini. — No. 246.
1863. Bond, Proceed. Entom. Soc. London 1863, S. 150 f.
86 Pb. Bertkau:
Halbierter Zwitter von Anthocharis Cardamines und Papilio
Machaon, beide in England gefangen. — No. 134, 137.
1863. Westwood, Proce d. Ent. Sog. London 1863, S. 160f.;
G. Semper, Wien. Entom. Monatschr., VII, S. 281, Taf. 19.
Ein Exemplar von Papilio Castor Westw., dessen linksseitige
Flügel rein weiblich sind, während auf dem rechten Oberflügel männ-
liche und weibliche Charaktere gemischt erscheinen. Am Hinterleib
scheint die hnke Seite weiblich , die rechte männlich . zu sein. —
No. 132.
1863. J. Lederer, Wien. Entom. Monatschr., VII, S. 28 mit
Abbild.
Halbierter Zwitter von Gastropacha Pini. — No. 221.
1863. Fuss, Berlin. Entom. Zeitschr., VII, S. 436.
Malachius marginellus. — No. 310.
1864. Döbner, Zwitter und Missbildungen; Stettin. Entom.
Zeitg., 1864, S. 196.
Weibliches Exemplar von Lucanus cervus mit Ansatz zu männ-
Kchen Mandibeln. — No. 311.
1864. Kretschmar, Berlin. Entom. Zeitschr., VIII, S. 397f.
Zwitter von Saturnia Carpini. — No. 247.
1865. Altum, Stettin. Entom. Zeitg. 1865, S. 350f.; Abbildung
1866, Taf. 2.
Gemischter Zwitter von Dyticus latissimus, mit einem ^ in copula
gefangen; die in diesem Falle ganz besonders interessierende Unter-
suchung der inneren Geschlechtsorgane wurde unterlassen, ,,weil be-
kanntermassen bereits mehrfach der anatomische Bau der Insekten-
zwitter wiederholt untersucht ist." — No. 303.
1865. Rogenhofer, Fünf Schmetterlingszwitter; Verhandl. Zool.
Bot. Gesellsch. Wien, XV, S. 513—516.
1 Erebia Medea; 4 Saturnia Carpini; die letzteren im Frühjahr
1865 aus Raupen erhalten, die in der Umgegend Wiens eingesammelt
worden waren. — No. 179, 248 — 251.
1865. H. Tieffenbach, Berlin. Entom. Zeitschr., IX, S. 413,
Taf. III. Fig. 8.
Halbierter Zwitter von Ocneria dispar. — No. 201.
1865. W. Edwards, Notes upon Papiho Asterias and Saturnia
Promethea hermaphrodites ; Proceed. Entom. Soc. Philadelphia, IV,
S. 390.
Halbierter Zwitter von Papilio Asterias; gemischter von S. Pro-
methea. — No. 133, 242.
1865. Fallou, Note sur en nouveau cas d'hermaphrodisme chez
un Lepidoptere Rhopalocere du genre Argynnis, A. Paphia ; Ann. Soc.
Entom. France 1865, S. 496—498, Taf. 11, Fig. 10.
Links rein männlich, rechts weiblich mit einigen Beimischungen
männlicher Charaktere auf den Flügeln; Hinterleib Hnks männhch,
rechts weiblich. — Der Verfasser hebt hervor, dass durch diesen Fall
die geringe (!) Zahl der halbierten Zwitter, die links männlich und
rechts weiblich sind, um einen vermehrt werde. — No. 156.
Beschreibung eines Zwitters von Gastropacha Quercus. 87
1866. Butler, Proceed. Entom. London 1866, S. 173.
Halbierter Zwitter von Danais Ismare. — No. 163.
1867. Kriechbaumer, Ein Zwitter von Erebia Medea; Ver-
handl. Zool. Bot. Ges. Wien, XVII, S. 809 f.
Halbierter Zwitter. — No. 174.
1867. Perty, Mitth. d. naturf. Gesellsch. in Bern. No. 603 bis
618, S. 309.
Parnassius Delius mit Anzeichen des ZAvitterthums , aber auch
mit Begattimgszeichen, und eine Forflcula auricularia mit un-
symmetrischen Zangenhälften. — No. 130, 136.
1867. E. Ballion, Hör. Soc. Entom. Rossic, VI, S.33, Taf.I, Fig. 2.
Halbierter Zwitter von Endromis versicolora. — No. 234.
1867. A; Müller, Entom. Monthl. Magaz., III, S. 213.
Halbierter Zwitter von Gastropacha Crataegi. — No. 22.5.
1867. Gerstäcker, Sitzungsber. Gesellsch. naturf. Freunde in
Berlin, 1867, S. 25 f. und Bronn, Klassen und Ordnungen des Thier-
reichs, V. 1, S. 213—215.
Smerinthus Populi. — No. 182 a.
1867 und 1868. G. Dorfmeister, Ueber Zwitter bei den
SchmetterKngen ; Mitth. naturw. Ver. f. Steiermark, IV, S. 68 — 70;
Stettin. Entom. Zeitg. 1868, S. 181—184.
Der Verfasser versucht eine Erklärung der Zwitter in der Weise,
dass er annimmt, schon bei der Bildung der Eikeime finde eine
Mischung des weiblichen und männlichen Elementes Statt, und es
müsste also immer ein Zwitter in derselben Brut seine Ergänzung
finden. „SoUte z. B. der erstentwickelte V^ Theil männlich und
Vd Theil weiblich sein, so müsste der zweite (wenn nicht mehrere
Antheil haben) V4 Theile männlich und V4 Theil weiblich sein." —
Ferner werden 5 Zwitter erwähnt : Pontia Cardamines, 2 Gastropacha
Quercus, 2 Liparis dispar. — No. 138, 202, 203, 228, 229.
1868. H. Lucas, Note sur un cas d'hermaphrodisme observe
chez un Lycaena Alexis; Ann. Soc. Entom. France 1868, S. 744.
Halbierter Zwitter. — No. 177.
1869. A. Speyer, Zwitterbildungen bei Sphinx Nerii und einige
Worte über den Hermaphroditismus bei Insekten; Stettin. Entom.
Zeitg. 1869, S. 235—255 und Nachtrag 1870, S. 77.
Ausser der Beschreibung zweier zwitteriger Exemplare von
Deilephila Nerii enthält der Aufsatz Bemerkungen über die sekun-
dären Geschlechtsunterschiede der Sphingiden, die sich in der Zahl
der Hinterleibssegmente und Form der Haftborste zeigen; ferner über
die Geschlechtsunterschiede der Puppen. Statt der Benennung „voll-
kommene" und „unvollkommene" Zwitter werden die Bezeichnungen
,,dichotomische oder halbierte" und ,, nicht halbierte" in Vor-
schlag gebracht, und unter letzteren drei Gruppen unterschieden. —
No. 189. 190.
1869. A. Rogenhof er, Verhandl. Zool. Bot. Gesellsch. Wien,
XIX, S. 191, 918.
88 Ph- ßertkau:
3 Rhodocera Rbamni, 1 Rh. Cleopatra, 1 Gnophos dilucidaria. —
No. 147, 148, 149, 152, 272.
1870. Fallou, Bull. Soc. Entom. France 1870, S. 58 und Annales
1871, S. 369, PL 5, Fig. 7, 8.
Ein Weibchen von Anthocharis Cardamines mit orangefarbenen
Streifen in dem Aiissenwinkel der Vorderflügel. — No. 139.
1871. Schenck, Einige Bienen-Hermaphroditen; Stettin. Entom.
Zeitg. 1871, S. 335.
Andrena fasciata, helvola, convexiuscula, albicrus (?); Nomada
fucata. — No. 291, 292, 293, 294, 296.
1872. Gerstäcker, Sitzgber. Ges. naturf. Freunde zu Berlin
1872, S. 33.
Ein im Allgemeinen den Eindruck eines c^ machendes Exemplar
von Abia sericea war mit der Legescheide des $ ausgerüstet und
enthielt in seinem Hinterleib eine grosse Zahl legereifer Eier und
ein (leeres) recept. semin. — No. 277.
1872. 0. Nickerl, Beschreibung einiger Zwitterbildungen bei
Lepidopteren; Verhandl. Zool. Bot. Gesellsch. Wien, XXH, S. 727—732.
Zwitter von Lycaena Argus; (2) Satyrus Semele; Smerinthus
Populi; Ocneria dispar; Gastropacha Crataegi, Quercus. — No. 165,
175, 176, 182b, 200, 226, 227.
1872. C. Dietze, Beschreibung eines Hermaphroditen von Aglia
tau; Stettin. Entom. Zeitg. 1872, S. 331—333.
Der Zwitter hatte in jedem einzelnen Körpertheile männliche
und weibliche Merkmale gemischt. — No. 236.
1873. Sintenis, Sitzgsber. Dorpater Naturf. Gesellsch., 3. Bd.,
5. Heft, S. 398.
Unvollkommen halbierter Zwitter von Lythria purpuraria. — ^
No. 268.
1873. A. Dihrik, Lepidopterologisches 1; Stettin. Entom. Zeitg.
1873, S. 113.
Gemischter Zwitter von Rhodocera Rhamni. — No. 151.
1873. G. Kraatz, Beschreibung eines Maikäfer-Zwitters. Berlin.
Entom. Zeitschr. XVH, S. 425—429, Taf. 1, Fig. 21.
Verf. führt die wenigen Fälle von wirklichem Zwitterthum unter
Käfern auf, dann Fälle, wo ein scheinbares Zwitterthum vorlag, indem
der eine Fühler des 3 per defectum dem des Weibchens ähnlich war;
den von Heer mitgetheilten Fall eines in copula angetroffenen Paares,
dessen ? die Fühler des ^ hatte und den im Anschluss hieran ge-
meldeten Fall von Gemminger. Letzteren bestreitet aber Kraatz und
meint, dass hier eine copulatio inter mares Statt gehabt habe. Dann
beschreibt er einen Zwitter von Mel. vulgaris, dessen linke Körper-
hälfte nach Fühlerbildung, Gestalt der Vorderschiene und Behaarung
weibHch war, während die rechte in denselben Körpertheüen die
männlichen Merkmale zeigte. Die Hinterleibsspitze ist auf der linken
Seite schräg abgeschnitten. — No. 313.
1874. W. Kurz, lieber androgyne Missbildung bei Cladoceren;
Beschreibung eines Zwitters von Gastropacha Quercns. ^9
Sitzber. math.-naturw. Classe d. k. k. Akadem. d. Wissensch. Wien,
69. Bd., 1. Abth. S. 40—46 mit Tafel.
Ein nicht ganz rein halbierter Zwitter von Daphnia pulex, ein
gemischter, überwiegend weiblicher Zwitter von D. Schaefferi; zwei
Zwitter von Alona qiiadrangularis, von denen der eine einen männ-
lichen Habitus trug, aber auf der linken Körperseite ein Ovarium
mit fast legereifen Eiern enthielt, während der andere bei einem
männlichen Umriss des Körpers einzelne Gliedmassen und Theile bald
männlich, bald weiblich entwickelt hatte. — Der Verfasser erklärt
das Auftreten dieser Zwitter als eine Art Rückschlag : Die Weibchen,
die bis dahin nur Weibchen hervorgebracht haben, sollen nun plötzlich
Männchen produziren, und da ist bei einem solchen männlichen Ei-
keime ein Rückfall in die weibliche Bildung leicht vorauszusetzen. —
No. 120, 121, 122, 123.
1874. Loew: Ueber einen Zwitter aus der Ordnung der
Dipteren. Giebel's Zeitschr. f. d. gesammten Naturwissensch., (N. F.)
Bd. X (Der ganzen Reihe XLIV. Bd.), S. 75—79. — Bezieht sich auf
Synarthrus cinereiventris. — • No. 131b.
1874. A. Forel, Les fourmis de la Suisse, S. 139—143, PI. II,
Fig. 36, 37.
Forel erwähnt die von Me inert beschriebenen Ameisenzwitter
und beschreibt dann 6 ihm selbst bekannt gewordene, deren einige auch
anatomisch untersucht wurden. Es sind dies Polyergus rufescens 2,
Formica exsecta, truncicola, rufibarbis; Myrmica ruginodis. — Die
als siebenter Zwitter angeführte Ponera androgyna Roger hat sich
als die ungeflügelte Form des Männchens herausgestellt. — No. 284,
285, 286, 287, 288, 289.
1874. M. F. Wocke, Drei Lepidopteren- Zwitter; Entomol.
Miscellen, herausg. vom Verein f. schles. Insektenkunde, Breslau 1874,
S. 42—44.
Anthocharis Cardamines; Gastropacha lanestris; Angeronia
prunaria. — No. 140, 233, 269.
1874. A. Speyer, p]in interessanter Zwitter von Zygaena Trifolii
E.; Stettin. Entom. Zeitg. 1874, S. 98—103.
Kombination von var. Orobi und var. coniluens. — No. 195.
1875. A. S. Packard, On Gynandromorphism in the Lepi-
doptera; Memoirs Boston Soc. Nat. Hist., Vol. II Part IV No. III,
S. 409—419, PI. XIV Fig. 1, 2.
Zwei Zwitter von Callosamia Promethea. Zur Erklärung der
Zwitter dehnt Packard die Betrachtungsweise v. Siebold's, dass die
Zwitter einer ungenügenden Menge von Sperma ihr Entstehen ver-
danken, auch auf die Schmetterlinge aus. — No. 243, 244.
1875. von Hagens, über Bienen-Zwitter ; Corrbl. Naturh. Ver.
d. preuss. Rheinl. u. Westfalens 1875, S. 73.
Prosopis obscurata; Nomada glabella; Sphecodes reticulatus. —
No. 295, 297, 299.
90 Ph. Bertkau:
1875. Bellier de la Chavignerie; Bull. Soc. Entom. France
1875, S. 14.
Halbierter Zwitter von Lycaena Alexis. — No. 178.
1876. Weithofer, Sitzgsber. Naturf. Ver. Brunn, XV, 1, S. 40.
Halbierter Zwitter von Ocneria dispar. — No. 206.
1877. A.Fuchs, Lepidopterologische Mittheilungen. 1.; Stettin.
Entom. Zeitg. 1877, S. 131.
Pieris daplidice und Bupalus piniarius. — No. 142, 276.
1877. V. Ghiliani, Ermafroditismo e dimorfismo riuniti in un
medesimo Lepidottero; Bull. Soc. Entom. Ital., IX, S. 245 — 248.
Zwitter von Argynnis Paphia, kombiniert mit var. Valesina; er-
wähnt ist auch ein Semi-Hermaphrodit von Colias Hyale. — No. 145, 155.
1878. Simroth, GiebeFs Zeitschr. f. d. ges. Naturw., LI. Bd.,
S. 347—350.
Ein vermeintlicher Zwitter von Melolontha vulgaris, dessen linker
Fühler verkümmert war, erwies sich bei der Zergliederung als ein
wohl ausgebildetes Männchen, vergleichbar dem von v. Siebold in der
Stettin. Entom. Zeitg. 1854, S. 101 mitgetheilten Falle.
1879. S. C. Dodge, Monstrosities among Bees (Hermaphroditism) ;
Americ. Bee Journ., XV, S. 498. — No. 309.
1879. Flett, Scot. Naturalist, XXIX, S. 199.
Zwitter einer Honigbiene; die rechte Seite ist Arbeitsbiene, die
linke Drohne. — No. 309 a.
1880. E. Shuttle worth, Smerinthus Populi hermaphrodites;
The Entomologist, May 1880, S. 116.
Zwei Exemplare, deren einer Fühler männlich war, während
der andere weiblich gebildet war; das eine Exemplar legte Eier. —
No. 185, 186.
1880. Proceed. Entomol. Soc. London 1880, S. 30.
Smerinthus PopuH und Ennomos angularia. — No. 184, 270.
1880. Tijdschr. v. Entomologie, XXIV, Versl. S. 111.
Bombus mastrucatus und Nomada succincta. — No. 298, 302.
1881. G. Mathew, Odonestis potatoria; The Entomologist
S. 68; J. R. Wellman, Abnormal Odonestis potatoria; ebenda
S. 227.
Je ein Exemplar der genannten Art mit weiblichen Fühlern und
männlichem Flügelcolorit. — No. 212, 213.
[1881. Jobert, Compt. rendus de l'Acad. Sei. Paris, XCIII,
S. 975—977.
Verfasser untersuchte Adoxus vitis und fand nur Weibchen, die
entwickelungsfähige Eier legten, obgleich ihr recept. semin. leer war.
Die Anhangsdrüsen waren aber mit vibrierenden Stäbchen erfüllt, so
dass vielleicht Hermaphroditismus vorliegt.]
1881. C. A. Briggs, Hybrid hermaphrodite of Smerinthus Populi;
The Entomologist 1881, S. 217; W. F. Kirby, hermaphrodite-hybrid
Sphingidae; ebenda S. 254.
Beschreibimg eines Zwitters von Gastropacha Quercus. 91
Briggs beschreibt einen Bastard von Sm. Popiüi und ocellatus,
der zugleich Zwitter ist. — No. 187.
1881. C. F. Gissler, Description of a Hermaphroditic Phyllopod
Crustacean (Eubranchipus) ; Americ. NaturaHst, XV, S. 136 — 139. —
No. 124.
1881. A. Speyer, Eine Zwitterfamihe von Saturnia pavonia;
Stettin. Entom. Zeitg. 1881, S. 477—486.
10 bei Wiesbaden einem Zweige der Salix aurita abgelesene
Raupen lieferten bei Zimmerzucht vom 15. — 30. März 5 z. Th. ver-
krüppelte, gemischt zwitterige Exemplare; die 5 nicht ausgeschlüpften
Puppen zeigten ebenfalls clie Anzeigen des Hermaphroditismus. —
Der Verf. stellt die anatomische Untersuchung der beiden Krüppel
durch geübte Hand in Aussicht, berichtet aber im Jahrg. 1883, S. 24 f.,
dass zwei bewährte Entomologen die Zergliederung der getrockneten
Exemplare für unausführbar erklärt hatten. — No. 255—264.
1881. Ragusa, II Naturalista Siciliano, I, S. 36, Tav. I, Fig. 1.
Rhodocera Cleopatra. — No. 153.
1881. A. W. Malm, Entomologisk Tidskr., I, S. 5, 56.
Scaeva peltata Zett. — No. 131a.
1881. 0. Herman, Trochilium apiforme, egy hermaphrodita;
Termesz. Füzet., V, S. 194—196, 275—277, Taf. V, Fig. 1, 2 (col.).
Das Treitschke'sche Exemplar, nach Tr. eine Vereinigung von
Tr. apiforme und sireciforme, nach Herman ein halbierter Zwitter. —
No. 191.
1881. H. Dewitz, Ein Zwitter von Aglia tau; Berlin. Entom.
Zeitschr. 1881, S. 297. — No. 237.
1882. A. Pagenstecher, Ueber Zwitterbildung bei Lepidopteren ;
Jahrb. d. nass. Ver. f. Naturk., XXXV, S. 88—101, Taf.
Verf. beschreibt einen Zwitter von Sphinx Convolvuli; Saturnia
Carpini und Rusina tenebrosa und vergleicht dieselben mit anderen
Zwittern. Sph. Convolvuli ist identisch mit No. 36 des Hagen'schen
Verzeichnisses; die anderen sind neu. — No. 252, 267.
1882. T, Gibbs, Hermaphrodite Lycaena Alexis; The Ento-
mologist, XV, S. 89. — No. 179.
1882. J. J. Weir; Aberration in the genus Argynnis; The Ento-
mologist, XV, S. 49—51, Taf. — No. 158.
1882. Buchillot, Bombyx neustria hermaphrodite; Feuille d. j.
Naturalistes, XE, S. 146. — No. 219.
1882. R. A. Fräser, Hermaphrodite specimen of Lasiocampa
Trifolü; Entomol. Monthl. Magaz., XIX, S. 111. — No. 120.
1882. B. Cooke, Naturalist Yorksh., VIII, S. 30.
Myrmica laevinodis. — No. 283.
1883. de Terle, Lepidopteres hermaphrodites ; Feuille d. jeunes
Naturalistes, XIII, S. 47.
Nymphalis Populi. — No. 162.
92 Ph. ßertkau.
1883. H. Frey, Ein Hermaphrodit von Erebia Euryale-Adyte;
Stettin. Entom. Zeitg. 1883, S. 373.
Der Zwitter wurde 1867 bei Sils-Maria erbeutet; ausser diesem
erinnert sich Frey nur noch eines sehr ,, unvollkommenen Zwitters
von Bupalus piniarius," den er als Schulknabe in Frankfurt a. M.
erzogen. Gleich Speyer (s. unten) rechnet Frey nach seinen Sammel-
erfahrungen auf lOOÖOO Stück kaum 2 — 3 entwickelte Hermaphroditen.
— No. 172.
1883. E. H. Jones, Hermaphrodite Orgyiapudibunda; The Ento-
mologist, XVI, S. 135. — No. 198.
1883. H. Lamprecht, Entom. Nachr., IX, S. 134f.
Saturnia Carpini. — No. 253.
1883. W. T. Wright, Hermaphrodite Odonestis potatoria; The
Entomologist, XVI, S. 188. — No. 218.
1883. Strübing, Deutsch. Entom. Zeitschr. 1883, S. 160.
Lucanus cervus. — No. 312.
1883. F. Enock, Bilateral hermaphrodite of Macropis labiata
Pz.] Proceed. Entomol. Soc. London 1883, S. 25f. mit Holzschn. —
No. 300.
1883. A. Speyer, Eine hermaphroditische Boarmia repandata
beschrieben und mit einer statistischen Glosse versehen; Stettin.
Entom. Zeitg. 1883, S. 20—25.
Nach seinen Erfahrungen glaubt der Verfasser, dass erst auf
mindestens 30 000 normale Exemplare ein Zwitter komme. Erwähnt
ist auch ein von Grentzenberg erzogener Zwitter von Gastropacha
Pini. — No. 222, 273.
1884. A. Mocsäry, Hermaphrodita rovarok a m. n. museumban;
Rovartani Lapok, I, S. 53 — 57; vgl. Entom. Nachr., X, S. 114.
Pieris daplidice; Epinephele Janira; Trochilium apiforme; Jno
ampelophaga ; Leucoma SaHcis ; Saturnia Pyri, Carpini ; Harpyia vinula ;
Ocneria dispar. (Ich habe das Original nicht vergleichen können
und vermuthe, dass einige mit den von Ochsenheimer und Treitschke
beschriebenen identisch sind.) — No. 141, 169, 192, 193, 199, 205,
211, 245, 246.
1884. G. Weymer, ZavcI Lepidopteren - Hermaphroditen von
Apatura Iris L. und Nemeophila russula X.; Jahresber. Naturw. Ver.
Elberfeld, VI, S. 74—77, mit Abbild. — No. 159, 196.
1884. 0. Speyer, Zwitterbildungen bei den Insekten, ins-
besondere den Lepidopteren; Ber. d. Ver. f. Naturk. zu Cassel, 31. Bd.,
S. 42 f.
1884. F. A. Wachtl, Zwei Hermaphroditen von Lasiocampa
Pini; Wien. Entom. Zeitg., III, S. 72f. mit Abbild., und: über einige
Hermaphroditen; ebenda S. 289 f. Taf. V.
Colias Edusa; Ino ampelophaga; Lasiocampa Pini; Gastropacha
Quercus. — No. 146, 194, 223, 224, 230.
Beschreibung eines Zwitters von Gastropacha Quercus. 93
1884. Grumm-Grshimailo in Romanoff, Mem. s. 1. Lepidopt.,
I., S. 162—173.
Colias Erate und Tripliysa Phryne. — No. 144, 166.
1884. R. V. Kempelen, Ueber einen Schmetterlincrszwitter; Verh.
d. Ver. f. Natur- u. Heilkunde zu Pressburg, (N. F.), V, S. 79—83. —
Papillon hermaphrodite ; Rovartani Lapok, I, S. 126.
Ej)inephele Janira. — No. 170.
1884. R. M. Christy & R. Meldola, Hermaphrodites of Odonestis
potatoria; Proc. Essex Club, III, S. 83. — No. 217.
1884. J. Röber, Ein Hermaphrodit von Argynnis Paphia ; Corrbl.
Entom. Ver. „Iris", I, S. 3. — No. 157.
1884. E. Venus, Ein vollkommener Hermaphrodit von Pieris
Napi ab. Bryoniae; Corrbl. Entom. Ver. „Iris", I, S. lOf. — No. 143.
1884. Purrmann, Zeitschr. f. Entomologie, Breslau, (N. F.),
9. Heft, Vereinsnachr. S. XXV.
Herr Purrmann zeigte in der Sitzung vom 16. Dezember 1881
ein S von Bombyx Rubi vor, dessen Leib mit Eiern gefüllt ist. —
No. 232.
1884. G. Machleidt, Zwitterbildung eines Tagfalters; Jahresber.
d. Naturw. Ver. Lüneburg, 9. Bd., S. 131, mit Taf.
Epinephele Lycaon. — No. 171.
1885. A. L. Ewing, A hermaphroditic crab; American Naturaüst,
XIX, S. 811.
Callinectes hastatus. — No. 125.
1885. W. Kulczyiiski, Monstrum hermaphroditicum Erigones
fuscae Blackw. (Ein Zwitter von Erigone Blackw.) Rozpraw Wydz.
matem. — przyr. Akad. Umiej. XIV., S. 169—180, Taf. 2.
Ein im Winter 1880 bei Wiehczka gefundenes Exemplar von
Erigone fiisca hatte links einen männhchen, rechts einen weibUchen
Taster. Auch die Genitalspalte und ihre LTmgebung war asymmetrisch,
indem rechts eine Samentasche mit Ausführungsgang vorhanden war,
links nicht. — No. 129.
1885. G. 0. Hudson, Hermaphrodite Lepidoptera; New Zealand
Journal Soc, II, S. 168 f.
Vanessa gonerilla ?; Plusia verticillata ; Eugonia angularia. —
No. 154, 265, 271.
1885. A. Becker, Bull. Soc. Inip. Natur. Moscou, LX, S. 176.
Zwei bei Sarepta gefangene Exemplare von Triphysa Phryne
hatten links schwarze, rechts weisse Flügel, und sind daher \äelleicht
Zwitter. — No. 167, 168.
1886. M. Standfuss; Stettin. Entom. Zeitg. 1886, S. 320—322.
Verf. beschreibt 4 Zwitter von Agiia tau, von denen 3 zugleich
eine Kombination der Grundform mit der var. lugens Stand/, dar-
stellen. Die Entstehung dieser Zwitterbildung denkt sich Standfuss
ähnlich wie Dorfmeister: Der Bildungsstoff" für drei männliche und
94 Pli. Bertkau:
ein weibliches Exemplar ist bei der Bildung der 4 Eier nicht ge-
schlechtlich individuell differenziert, sondern unregelmässig vermischt
worden. — Alle 4 Exemplare aus den Eiern eines Weibchens in
der Gefangenschaft gezüchtet. — No. 238 — 241.
1886. E. Haase, Zwei interessante Zwitter; Corrbl. Entom. Ver.
„Iris", III, S. 36—39, Taf. III, Fig. 2, 5, 6.
Danai's Ismare und Lycaena Escheri. — No. 164, 180.
1886. Seydel, Zeitschr. f. Entomol., Breslau, XI, Vereinsnachr.
S. XXVII.
Smerinthus Populi. — No. 183.
1886. V. Dragoni, Verhandl. d. naturf. Ver. in Brunn, XXIV,
Sitzgsber. S. 10.
Saturnia Carpini. — No. 254.
1887. Konow, Societas Entomolog., II, S. 97f.
Zwei Zwitter von Nematus umbrinus Zadd. — No. 278, 279.
1887. M. Garn er on, The Entomologist, XX, S. 106 f.
Lycaena Icarus. — No. 181.
1887. Th. Goossens, Bull. Soc. Entom. France 1887, S. 166f.
Ocneria dispar. — No. 207.
1887. Bellier de la Chavignerie, ebenda S. 183.
Gleichfalls 2 zwitterige Ocneria dispar u. 2 Odonestis potatoria. —
No. 208, 209, 215, 216.
1887. L. Demaison, ebenda S. 204.
Gleichfalls Ocneria dispar. — No. 210.
1887 — 88. H. Landois, Jahresber. zoolog. Sekt. d. westf. Prov.-
Ver. f. Wissensch. u. Kunst für 1887—88, S. 36.
Landois untersuchte die Geschlechtsorgane von Weibchen des
Dyticus marginalis mit glatten Flügeldecken (var. conformis Kunze)
und fand dieselben ebenso entwickelt, wie bei den mit gefurchten
Flügeldecken.
1888. R. Dittrich, lieber Andrena praecox $ und Astacus flu-
viatilis $ mit theilweise männlichen Kennzeichen. Zeitschr. f. Ento-
molog., Breslau (N. F.), 13. Heft, S. 4—6. — No. 126, 290.
1888. K. Eckstein, Hermaphrodite Schmetterlinge; XXVI. Ber.
d. Oberhess. Gesellsch. f. Natur- und Heilkunde (Bes. Abdr.), S. 1—5,
Taf. 2.
2 Rhodocera Rhamni; 1 Sphinx Convolvuli; ausserdem wird ein
Bastard zwischen Smerinthus ocellatus und Populi beschrieben. —
No. 150, 188.
1888. Ph. Bertkau, Sitzgsber. d. Niederrh. Gesellsch. f. Natur-
u. Heilkunde, 1888, S. 67 f. — Bezieht sich auf die oben beschriebene
Gastropacha Quercus; erwähnt ist ausserdem eine Diaea dorsata.
1888. H. Lucas: Note relative ä deux abeilles anormales.
Bull. Soc. Ent. France, 1888, Seänce du 23 mai, S. LXXXIV.
Ein Exemplar von Apis mellifica hatte links das Auge einer
Beschreibung eines Zwitters von Gastropacha Quercus. 95
Arbeitsbiene, rechts das einer Drohne ; bei einem zweiten war es um-
gekehrt. — No. 309 b, c.
1888. Th. Becker: Eine zwitterähnliche Missbildung von Syrphus
lunulatus i\Jeiy. Wien. Ent. Zeitg., 1888, S. 71— 74 mit 3 Holzschn.
No. 131c— e.
1888. S. Webb, Varieties of Rhopalocera near Dover.
The Entomologist, XXI, S. 132—135.
Der Verfasser erwähnt neben anderen Erscheinungen auch einen
Zwitter von Lycaena Icarus. — No. 181a.
A. Speyer: Halbierter Zwitter von Argynnis Paphia und
eine statistische Notiz. Stett. Ent. Zeitg., 1888, S. 200—202. —
Die statistische Notiz gibt weitere Anhaltpunkte zur Beantwortung
der Frage, auf wie viel normale Schmetterlinge ein Zwitter komme. —
No. 155 b, c.
18s8. H. Reiss, Sitzgsber. Berl. Entom. Ver., 1888, S. 21. —
Gastropacha Pini. — No. 229a.
18<S8. P. B. Mason zeigte einen Zwitter von Saturnia Carpini
vor; Proc. Entom. Soc. London, 1888, S. XV. — No. 264a.
1888. E. G. Honrath: Einige Varietäten, Abnormitäten, Monstro-
sitäten und Hermaphroditen von Lepidopteren ; Berlin. Entom. Zeitschr.,
1888, S. 495— 500, Taf. VH, Fig. 2— 10.
(Zwitter von Charaxes affinis Bnti und Papilio Lycophron Hübn.)
No. 133 a, 162 a.
1S42. Dale, Ann. a. Mag. Nat. Hist., 1842, S. 433.
Dilophus vulgaris; rechter Flügel S, linker weiblich. — No. 131.
1850. J. W. Zetterstedt, Diptera Scandinaviae, T. IX, S. 3393.
Dilophus femoratus Mcig. — No. 131a.
Yerzeichniss der bescliriebeiieii Artliropodenzwitter. i)
120. Daphnia pulex.
Kurz, Sitzber. mathem.-naturw. Classe d. k k. Akad. d. Wissensch.
Wien, 69. Bd., 1. Abth., S. 40—42, Fig. 1.
Halbierter Zwitter, rechts ? , links c^ ; rechts auch ein Ovarium,
dessen Ausführungsgang aber nicht verfolgt werden konnte, links ein
mit Spermatozoen erfüllter Hoden. — Im October 1873 bei Deutsch-
brod gefunden.
121. Daphnia Schaefferi.
Kurz a. a. 0. S. 42, Fig. 2.
Gemischter Zwitter mit Vorherrschen des weiblichen Geschlechts.
— Am 4. August 1873 bei Deutschbrod gefunden.
') In dieses Yerzeichniss, das sich durch seine Nummeriening als Fortsetzung
des Hagen'schen Verzeichnisses zu erkennen giebt, sind alle mir bekannt ge-
wordenen Zwitter aufgenommen worden, welche von Hagen nicht erwähnt sind.
96 Ph- Bertkau:
122. Alona quadrangularis.
Kurz a. a. 0. S. 42—44, Fig. 3.
Körperform vorherrschend männlich, aber auf der rechten Seite
war ein Eierstock mit fast legereifen Eiern, links ein Hoden mit
Spermatozoen. — Am 1. November 1873 bei Deutschbrod gefangen.
123. Alona quadrangularis.
Kurz a. a. 0. S. 46.
Gemischter Zwitter.
124. Eubranchipus vernalis.
C. F. Gissler, American Naturalist, XV, S. 136—139.
Halbierter Zwitter.
125. Callinectes hastatus.
A. L. Ewing, American Naturalist, XIX, S. 811.
126. Astacus fluviatilis.
R. Dittrich, Zeitschr. f. Entomolog., Breslau, 13. Heft, S. 6.
„Der Krebs hatte die ansehnliche Grösse von 14 cm und trug
an den Afterbeinen eine grosse Zahl von Jungen. Die Anhänge am
1. Hinterleibssegmente stimmen genau mit denjenigen des S überein;
der linke 1,9 cm, der rechte 1 cm lang. Das 2. und 3. Paar von
Anhängen sind genau den gewöhnlichen weiblichen gleich gebildet,
Samenleiteröfihungen am letzten Brustsegmente fehlen entschieden,
dagegen sind an den Grundgliedern des 2. Gehfusspaares die be-
kannten Oeffnungen der Eileiter vorhanden, von denen die linke
schwarz erscheint. Bei Oeffnung der Leibeshöhle fanden sich Eileiter
und Eierstöcke vor, Samenleiter und Hoden dagegen nicht."
127. Hommarus vulgaris.
Nicholls, Philosoph. Transactions, XXXVI, No. 413, Marchand
aprü 1730, S. 290 ff.
Halbierter Zwitter, Hnks cJ, rechts $; — vgl. oben S. 76
128. Diaea dorsata.
Ein zwitterhaftes Exemplar dieser Art wurde mir 1883 von
Dr. Zimmermann in Limburg a. d. Lahn zugeschickt. Der Ce-
phalothorax war männlich, die beiden Taster regelrecht zu Kopulations-
organen umgebildet. Der Hinterleib zeigte dagegen in seiner Grösse,
Gestalt und Farbe ganz den LIabitus des Weibchens; freilich war
die Epigyne nicht deutlich ausgebildet. Ob die Taster in ihrem
Spermophor Samen enthielten, Hess sich ohne Zergliederung nicht
entscheiden. — Das Exemplar war 1877 oder 1878 von Herrn Direktor
Buddeberg bei Nassau gefangen und befindet sich jetzt mit der
übrigen Sammlung Zimmermann's im Berliner Museum. — Vgl.
Sitzgsber. d. Niederrh. Gesellsch. für Natur- und Heilkunde,
1888, S. 68.
129. Gongylidium fuscum.
W. Kulczynski, Rozpraw Wydz. matem.-przyr. Akad. Umiej.
XIV, S. 169—180, Tal 2.
Beschreibung eines Zwitters von Gastropacha Quercus. 97
Halbierter Zwitter, links 3, rechts ?, die Unterschiede sowohl
an den Tastern als auch an der Umgebung der Genitalspalte aus-
geprägt, wo rechts eine Samentasche vorhanden war, links nicht.
130. Forficula auricularia.
Perty, Mitth. d. naturf. Ges. in Bern, a. d. J. 1866, No. 603
bis 618, S. 309.
„Die rechte Zangenhälfte am Ende des Hinterleibes ist männlich,
demnach gebogen, die linke weiblich, gerade."
131. Dilophus vulgaris.
Dale, Ann. a. Mag. Nat. Hist., 1842, S. 433.
Halbierter Zwitter, rechts S, links weiblich.
131a. Dilophus femoratus.
J. W. Zetterstedt, Diptera Scandina\äae, T. IX, S. 3393.
„Specimen hermaphroditicum, in quo unum latus colore maris,
alterum colore feminae gaudebat, a D. Dale inventum fuit." — Viel-
leicht dasselbe Exemplar wie vorhin.
131b. Synarthrus einer eiventris.
Loew, Giebel's Zeitschr. f. d. ges. Naturwissensch., (N. F.) 1874.
Bd. X. (Der ganzen Reihe XLIV. Bd.), S. 75—79.
Ein Exemplar hatte Kopf mit allen seinen Theilen, Thorax mit
Flügeln und Hinterleib normal weiblich ausgebildet ; sämmtHche Beine
wiesen die das männliche Geschlecht auszeichnenden Merkmale in
voller Ausbildung auf.
131c — e. Syrphus lunulatus.
Th. Becker, Wien. Entom. Zeitg., 1888, S. 71—74 mit 3 Holzschn.
Bei drei männlichen Exemplaren der genannten Art waren die
Augen, die sonst auf der Stirn zusammenstossen , durch einen ver-
schieden weiten Zwischenraum getrennt. Im übrigen Bau Hessen die
Exemplare keine weiblichen Merkmale erkennen.
131f. Scaeva clypeata.
Wahlberg, Öfvers. Vet. Akad. Förhdlg. 1847, S. 100.
„Leib, Genitalien und Vorderfüsse männlich ; Kopf klein, Augen
mit breiter Mittelplatte weiblich." (Nach Hagen, Stett. Entom.
Zeitg. 1863, S. 194).
130g. Scaeva peltata.
A. W. Malm, Entomol. Tidskr. II, S. 5 und 56.
Von dem Autor in der Versammlung der Entom. Förening in
Stockholm am 25. Sept. 1880 vorgezeigt.
132. Papilio Castor.
Westwood, Proceed. Entom. Soc. London 1863, S. 160f. und
G. Semper, Wien. Entomol. Monatschrift, VII, S. 281, Taf. 19.
Die linke Seite der Flügel und die Unterseite der rechten Flügel
sind rein w^eiblich, die Oberseite der rechten Flügel männlich und
weiblich gemischt; der Hinterleib schien linkerseits weiblich, rechts
männlich zu sein. Das Exemplar lieferte einen neuen Beweis dafür,
dass P. Castor und Pollux 3 imd $ derselben Art sind.
Arch. f. Natuigesch. Jahrg. 1889. Bd. I. H. 1. 7
98 Ph- Bertkau:
133. Papilio Asterias.
W. Edwards, Proceed. Entom. Soc. Philadelphia, IV, S. 390.
Halbierter Zwitter, rechts <^, links ?.
133a. Papilio Lycophron.
E. G. Honrath, Berlin. Entom. Zeitschr., 1888, S. 500 mit
Holzschn.
Halbierter Zwitter, rechts S und Stammform, links ? und ab.
Pirithous Rog. Von Sao Paolo, Brasil.; in Samml. M. Wiskott in
Breslau, die mit diesem 101 Zwitter von Schmetterlingen enthält.
134. Papilio Machaon.
Bond, Proceed. Entom. Soc. London 1863, S. 150.
Halbierter Zwitter, links (^ , rechts $.
135. Parnassius Apollo.
Fr. Meisner, Naturw. Anzeiger, 2. Jahrg., 1819, S. 3.
Halbierter Zwitter, links S, rechts $; am Hinterleibsende war
ausser der beim Weibchen bei der Begattung sich bildenden Tasche
der Penis sichtbar. — Am 10. October 1816 auf dem Hügel Tour-
billon bei Sitten gefangen.
136. Parnassius Delius.
Perty, Mitth. d. naturf. Gesellsch. in Bern, No. 603—618, S. 309.
Links ganz weiblich, rechts wesentlich männHch; die ,, Eiertasche"
am Hinterleibsende ganz normal. — Von Jäggi an der Wendenalp
bei Gadmen gefangen.
137. Anthocharis Cardamines.
Bond, Proceed. Entom. Soc. London, 1863, S. 150.
Halbierter Zwitter, links $, rechts $; in England gefangen.
138. Anthocharis Cardamines.
G. Dorfmeister, Mitth. naturw. Ver. f. Steiermark, IV, S. 70
und Stett. Entom. Zeitg. 1868, S. 183.
Hinterleib weiblich, Flügel männlich, hier und da mit Streifen,
die der Färbung nach dem Weibe angehören. Er wird mit dem von
Treitschke in dessen „Hülfsbuch" abgebildeten verglichen, als dessen
Original er gelten könnte. (Hagen No. 2G). — 1855 auf dem Gloriet-
berg bei Brück a. M. gefangen.
139. Anthocharis Cardamines.
J. Fallou, Bull. Soc. Entom. France, 1870, S. 58 und Ann. 1871,
S. 369, PI. 5, Fig. 7, 8.
Ein Weibchen mit Spuren männhcher Zeichnung auf den Vorder-
flügeln.
140. Anthocharis Cardamines.
M F. Wocke, Entomolog. Miscellen, herausgeg. vom Verein f.
schles. Insektenkunde; Breslau 1874, S. 42 f.
Der rechte Vorderflügel und die beiden Hinterflügel weibhch, die
Unterseite des rechten Vorderflügels aber, sowie der linke Vorder-
flügel mit Ausnahme von fünf weissen Streifen männhch. Der Hinter-
Beschreibung eines Zwitters von Gastropacha Quercus. 99
leib schlank wie beim Männchen, Genitalien aber weiblich. — Bei
Breslau gefangen.
141. Pieris Daplidice.
A. Mocsäry, Rovart. Lapok, I, S. 55.
Halbierter Zwitter, rechts ^, links $. — Mus. Budapest.
142. Pieris Daplidice.
A. Fuchs, Stettin. Entom. Zeitg. 1877, S. 131.
Unvollkommen halbierter Zwitter, indem die Flügel die Färbung
beider Geschlechter gemischt tragen. Hinterleib rechts mit ent-
wickelter Afterklappe, links nur mit Ansatz dazu. — Am 20. Mai
1876 gefangen.
143. Pieris Napi.
E. Venus, Corrbl. Entom. Vereins „Iris", I, S. lOf.
Halbierter Zwitter, rechts J, links $.
144. Colias Erate.
Grumm-Grshimailo, in Romanoff, Mem. s, 1. Lepidopt. , I,
S. 162—173.
Halbierter Zwitter und zugleich Vereinigung zweier Formen : rechts
Erate und <^, Hnks pallida Sidgr. und ?.
145. Colias Hyale.
V. Ghiliani, Bull. Soc. Entom. Ital, IX, S. 247 f.
Den Flügeln nach halbierter Zwitter, rechts (^, links?; Hinter-
leib rein c^. — Von E. Pozzi erhalten.
146. Colias Edusa.
F. A. Wachtl, Wien. Entom. Zeitg. 1884, S. 289, Taf. V, Fig. 1.
Halbierter Zwitter, rechts ^, links ?. — Bei Wien Ende April 1883
gefangen, im Besitz des Herrn Nadlermeisters Jos. INIüller in Wien.
147. 148. 149. Rhodocera Rhamni.
A. Rogenhofer, Verh. Zool. Bot. Ges. Wien, XIX, S. 191 f.
Ein halbierter Zmtter, rechts cJ, links?; bei Wien gefangen; in
Samml. Rogenhofer. — Ein gemischter Zwitter, vorwiegend (^; in
Samml. Lederer. — Ein gemischter Zwitter, vorwiegend $; am 13. Aug.
1865 bei Greifenstein gefangen; in Samml. Rogenhofer.
150. Rhodocera Rhamni.
K. Eckstein, XXVI. Ber. d. Oberhess. Gesellsch. f. Natur- und
Heilkunde, S. 2 f. (Separat.), Taf. 2, Fig. 2.
Gemischter Zwitter mit Vorherrschen der männlichen Färbung.
Rechter Vorderflügel rein, Hinterflügel zum grössten Theil männlich;
linker Vorder- und Hinterflügel mehr weiblich, die Unterseite da-
gegen männlich. Hinterleib in Gestalt und Farbe dem des ^ gleichend.
In Samml. Forstakadem. Neustadt-Eberswalde.
150a. Rhodocera Rhamni.
K. Eckstein a. a. 0. Fig. 1.
Halbierter Zwitter, links S , rechts $ ; nach der Dicke des Hinter-
leibs zu schliessen, müsste in der inneren Organisation das weibliche
100 Ph- Bertkau:
Element vorgeherrscht haben. — In Samml. Forstakad. Neustadt-
Eberswalde; wohl derselbe wie Hagen No. 33.
151. Rhodocera Rhamni.
A. Dihrik, Stettin. Entom. Zeitg. 1873, S. 113.
Gemischter Zwitter; ,,die Geschlechtstheile sind männlich, aber
sehr verkrüppelt."
152. Rhodocera Cleopatra.
A. Rogenhofer, Verh. Zool. Bot. Ges. Wien, XIX, S. 192.
Vorwiegend <^ mit Einmischung weiblicher Färbung. — Aus
Mazzola's Vorräthen stammend; in der kaiserl. Sammlung zu Wien.
153. Rhodocera Cleopatra.
Ragusa, II Naturahsta Siciliano, I, S. 36, Tav. I, Fig. 1.
Halbierter Zwitter.
154. Vanessa gonerilla.
G. 0. Hudson, New Zealand Journal Sei., II, S. 168.
Zweifelhafter Zwitter; rechts (??, links $.?
155. Argynnis Paphia.
V. Ghiliani, Bull. Soc. Entom. Ital., IX, S. 246f.
Halbierter Zwitter, rechts S und die Stammform, links ? und
die var. Valesina darstellend, auf der Unterseite diese Verschiedenheit
aber nur an den Vorderflügeln deutlich zeigend. Hinterleib nur rechts
mit Haltzange. — Von L. Pozzi erhalten.
155a. Argynnis Paphia.
Allis, Mag. nat. bist. 1832, T. 5 S. 753.
Halbierter Zwitter, rechts <^, links ?. (Nach Hagen, Stett. Entom.
Zeitg. 1863, S. 190.)
155b, c. Argynnis Paphia.
A. Speyer, Stett. Ent. Zeitg., 1888, S. 200—202.
Zwei halbierte Zwitter, der eine rechts, der andere links c^. Am
Hinterleibe war die geschlechtliche Spaltung nur unvollkommen aus-
geprägt.
156. Argynnis Paphia.
Fallou, Ann. Soc. Entom. France 1865, S. 496, PI. 11, Fig. 10.
Halbierter Zwitter, links rein c^, rechts ? mit etwas männlicher
Beimengung auf den Flügeln. Gefangen am 10. Juni 1865 im Walde
von Fontainebleau.
157. Argynnis Paphia.
J. Roeber, Corrbl. Entom. Ver. „Iris", I, S. 3.
158. Argynnis . . .
J. J. Weir, The Entomologist, XV, S. 49—51.
159. Apatura Iris.
G. Weymer, Jahresber. d. naturw. Ver. in Elberfeld, VI, S. 74f.,
Taf. 1, Fig. 2.
Ein $ mit blauem Schiller auf den Flügeln. — 1875 aus der
Raupe erzogen. In Sammlung Weymer.
BeschreibuDg eines Zwitters von Gastropacha Qnercus. 101
360. Limenitis Populi.
A. Keller, Jahresh. d. Vereins f. vaterl. Naturkunde i. Württem-
berg, XVII, S. 269; Stettin. Ent. Zeitg. 18fi2, S. 285.
Halbierter Z^vitter, links (^, rechts $ , das Genitalsegment in ent-
sprechender Weise getheilt. Frisch ausgekrochen neben der Puppen-
hülle im Freien gefunden.
161. Limenitis Populi.
W. Steudel, ebenda, XLI, S. 327f. Taf. 6, Fig. 1.
Halbierter Zwitter, Knks c^, rechts ? nach Färbung der Flügel;
vom Hinterleib ist nichts gesagt. Finde der fünfziger Jahre aus einer
in Böblingen im Freien gefundenen Puppe erzogen. — In Samml.
Steudel.
162. Limenitis Populi.
de Terle, Feuille d. Jeun. Natural, XIII, S. 47.
Halbierter Zwitter, rechts c^, links ?.
162a. Charaxes affinis.
E. G. Honrath, Berlin. Entom. Zeitschr., 1884, S. 499 mit
Holzschn.
Halbierter Zwitter, links Männchen, rechts Weibchen; er lieferte
den Beweis, dass Ch. Wallacei Butl. das Weibchen zu affinis ist. —
In der Minahassa (Celebes) gefangen und jetzt in der Staudinger'schen
Sammlung.
163. Dana'is Ismare.
Butler, Proc. Entom. Soc. London 1866, S. 173 mit Holzschnitt.
Halbierter Zwitter, links c^, rechts ?, aber mit dem männlichen
Duftfleck auf beiden Hinterflügeln. Das t]xemplar lieferte den Be-
weis, dass D. Ismareola Batl. das ? zu D. Ismare ist.
164. Danais Ismare.
E. Haase, Corrbl. Entom. Ver. „Iris", III, S. 36—38, Taf. III,
Fig. 2.
Halbierter Zwitter, links ö', rechts $ , nach Bau der Fühler, Beine
und Färbung der Flügel; aber der Duftschuppennapf auch auf dem
rechten Hinterflügel. Am Hinterleibe trat links der Duftpinsel 6 mm
lang hervor, rechts war derselbe nicht zu sehen. Penis etwas ver-
krümmt, zwischen 2 zweispitzigen Penisklappen. Das Exemplar ist
wohl als ein geschlechtHch unvollkommen entwickeltes S anzusehen. —
Von Ribbe auf Ceram gefangen.
165. Satyrus Semele.
0. Nickerl, Verh. Zool. Bot. Gesellsch. Wien, XXH, S. 728.
Halbierter Zwitter, rechts S, links $. Bei Prag gefangen; Samml.
Nickerl.
166. Triphysa Phryne.
Grumm-Grshimailo, in Romanoif, Mem. s. 1. Lepidopt., I,
S. 162—173.
Halbierter Zwitter, links c^, rechts $.
102 Ph. Bertkau:
167—168. Triphysa Phryne.
A. Becker, Bull. Soc. Imp. Natur. Moscou, LIX, S. 176.
Zwei bei Sarepta erbeutete Exemplare waren nach der Flügel-
färbung halbierte Zwitter, Hnks cJ, rechts $; über die Genitalien
verlautet nichts.
169. Epinephele Janira.
A. Mocsary, Rovart. Lapok, I, S. 55.
Halbierter Zwitter, rechts S, links ? ; im Mus. Budapest ; derselbe
wie Hagen No. 13?
170. Epinephele Janira.
R. V. Kempelen, Verh. d. Ver. f. Natur- und Heilkunde zu Press-
burg (N.F.), V, S.82f.
Halbierter Zwitter, rechts 3, links $ ; der Verfasser will auf der
männlichen Seite des Hinterleibes auch die Hoden deutlich hervor-
treten gesehen haben. Anfangs der achtziger Jahre bei Erlau er-
beutet.
171. Epinephele Lycaon.
G. Machleid t, Jahresh. d. naturw. Ver. f. d. Fürstenthum Lüne-
burg, IX, S. 131.
Halbierter Zwitter, links S, rechts ? nach der Färbung der Vorder-
flügel; über den Hinterleib ist nichts gesagt. — 1881 im Thiergarten
bei Lüneburg gefangen; in Samml. Machleidt.
172. Erebia Euryale.
H. Frey, Stettin. Entom. Zeitg. 1883, S. 373f.
Halbierter Zwitter, links S, rechts $; Hinterleib wesentlich
männlich. Mitte Juli 1867 auf dem Wege von Casaccia nach Sils-
Maria gefangen.
173. Erebia Medea.
Rogenhof er, Verhandl. Zool. Bot. Gesellsch. Wien, XV, S. 513.
Unvollkommen halbiert; rechte Thoraxhälfte und Flügel cJ, linke $;
Hinterleib vorwiegend ^. — Bei Wien gefangen ; in Samml. Rogenhofer.
174. Erebia Medea.
Kriechbaumer, Verh. Zool. Bot. Gesellsch. Wien, XVÜ, S. 809f.
Halbierter Zwitter, links c^, rechts ?. 1866 von Erhard bei Kuf-
stein gefangen.
175. 176. Lycaena Argus.
0. Nickerl, Verh. Zool. Bot. Gesellsch. Wien, XXH, S. 727f.
Das eine Exemplar ist vorwiegend S, rechts rein, links ? mit
männlicher Beimischung; Leib wie beim c^. — Bei Prag von Maloch
gefangen; Samml. Nickerl. — Das andere Exemplar ist vorwiegend ?,
nur der rechte Vorderflügel hat männliche Beimischung. — Samml.
Pokorny.
177. Lycaena Alexis.
H. Lucas, Ann. Soc. Entom. France, 1868, S. 744.
Halbierter Zwitter, rechts S, links ?. In der Umgebung Tonnere's
von Dillon gefangen und dem Museum von Paris übergeben.
Beschreibuug eines Zwitters von Gastropacha Quercus. 103
177a. Lycaena Alexis.
E. N. D. (Doubleday?), Entomol. Mag. 1835, T. 3, S. 304.
(Hagen, Stettin. Entom. Zeitg. 1863, S. 191).
178. Lycaena Alexis.
Bellier de la Chavignerie, Bull. Soc. Entom. France, 1875,
S. 14.
Halbierter Zwitter, links c^, rechts $. — Im Jimi 1874 von Testelin
bei Meiilan (Seine-et-Oise) gefangen; Samml. Bellier.
179. Lycaena Alexis.
F. Gibbs, The Entomologist, XV, S. 89.
180. Lycaena Escheri.
E. Haase, Correspbl. Entom. Ver. „Iris", Dresden, III, S. 38f.
Taf. III, Fig. 5, 6.
Vorwiegend <^, rechte Hinterflügel $ bis auf 2 Striche, die blau
beschuppt sind; Unterseite vorherrschend männlich; rechtes Vorder-
bein der weiblichen Bildung sich annähernd. Hinterleib dick und
plump, sonst aber wie beim (^ ; Penis nach links gedreht, mit deut-
lichen Klappen. Interessant ist, dass die blauen Schuppen des
rechten Hinterflügels „Männchen-" (Duft-) Schuppen sind, die braunen
dagegen ganz den Schuppen des Weibchens gleichen. Dieser „Zwitter"
ist für ein geschlechtlich verkümmertes Männchen zu halten. — Von
Ribbe bei Granada gefangen.
181. Lycaena Icarus.
M. Cameron, The Entomologist, XX, S. 106f.
(Fraglicher) Zwitter.
181a. Lycaena Icarus.
S. Webb, The Entomologist, XXI, S. 131—135.
182. Smerinthus Populi.
Eyndhoven, Allg. Konst en Letterbode, 1847, No. 36; Handl.
Nederl. Entom. Vereen., 1854, S. 3 f.
182a. Smerinthus Populi.
Gerstäcker, Sitzber. Ges. Naturf. Freunde in Berlin, 1867,
S. 25f. und in Bronn, Klassen und Ordnungen, V, 1. S. 213 — 215.
Halbierter Zwitter, rechts c^, links ?; vgl. oben S. 76 f.
182b. Smerinthus Populi.
0. Nickerl, Verh. Zool. Bot. Ges. Wien, XXII, S. 728f.
Halbierter Zwitter, rechts cJ, links ?; bei Prag aus der Raupe
gezogen; in Samml. Nickerl.
183. Smerinthus Populi.
Seydel, Zeitschr. f. Entomologie, Breslau, XI, Vereinsnachr.
s. xxn.
Linker Fühler c^, rechter $; der linke Vorder- und der rechte
Hinterflügel sind hell, die beiden anderen dunkel gezeichnet.
184. Smerinthus Populi.
Proceed. Entomol. Soc. London 1880, S. 30.
104 Pl>- Bertkau:
185. 186. Smerinthus Populi.
E. Shuttleworth, The Entomologist, May 1880, S. 116.
2 Exemplare, der eine Fühler männlich, der andere weiblich.
187. Smerinthus Populi-ocellatus.
C. A. Briggs, The Entomologist 1881, S. 217.
Halbierter Zwitter und Bastard zugleich: rechts S und ocellatus,
links $ und Populi. — Artefakt?
188. Sphinx Convolvuli.
K. Eckstein, XXVI. Ber. d. Oberhess. Gesellsch. für Natur- und
Heilkunde, S. 3 f. (Separat.) Taf. 2, Fig. 3.
Halbierter Zwitter, links (^, rechts $, mit asymmetrischem Hinter-
leib. In Samml. Forstakad. Neustadt -Eberswalde. (Derselbe wie
Hagen No. 38?).
189. 190. Deilephila Nerii.
A. Speyer, Stettin. Entom. Zeitg. 1869, S. 238—240.
Zwei Exemplare, ein halbierter Zwitter, Hnks 3, rechts ?, und
ein gemischter Zwitter. Beide 1868 von R. Grentzenberg in Danzig
aus Raupen gezogen.
191. Trochilium apiforme.
0. Herman, Termesz Füzet., V, S. 194—196 und 275—277
mit der Abbildung Fig. 1, 2 auf Taf. V.
Es ist dies dasselbe Exemplar, in welchem Treitschke eine Ver-
einigung von apiformis und siriciformis sah, während. es nach Herman
ein halbierter Zwitter von apiformis ist. — Im Mus. Budapest.
192. Trochilium apiforme.
A. Mocsäry, Rovart. Lapok, I, S. 56.
Halbierter Zwitter, rechts <^, Links $; derselbe wie vorher?; in
Mus. Budapest.
193. Ino ampelophaga.
A. Mocsäry a. a. 0. S. 56.
Halbierter Zwitter, rechts cJ, links $; in Mus. Budapest.
194. Ino ampelophaga.
F. A. Wacht 1, Wien. Entom. Zeitschr. 1884, S. 289, Taf. V, Fig. 2.
Unvollkommener Zwitter, indem nur der rechte Fühler c^, alles
übrige ? ist. — 1876 aus Raupe erzogen; in Samml. Wachtl.
195. Zygaena Trifolii.
A. Speyer, Stettin. Entom. Zeitg. 1874, S. 98—103.
Halbierter Zwitter, rechts ^ und var. Orobi, Hnks $ und var.
confluens (glycyrrhizae). Am Hinterleibe Hessen sich von äusseren
Geschlechtsorganen nur die beiden Afterklappen deutlich wahrnehmen,
die beide an der männHchen Hälfte lagen. — Am 7. JuH 1873 bei
Kassel von Borgmann gefangen.
196. Nemeophila russula.
G. Weymer, Jahres-Ber. d. naturw. Ver. inElberfeld, VI, S. 76f.,
Taf. 1, Fig. 6.
Beschreibung eines Zwitters von Clastropacha Quercus. 105
Halbierter Zwitter, links cJ, rechts ?; Genitalien nicht zu er-
kennen. — Bei Bonn gefangen; in Samml. Weymer.
197. Chelonia Latreillei.
Beliier de la Chavignerie, Ann. Soc. Ent. France 1861, S. 31 f.
Halbierter Zwitter, der Mitte nach regelmässig getheilt, links (^,
rechts ?, die sekundären Geschlechtsunterschiede an Körper, Fühlern,
Flügeln und Beinen ausgeprägt; über die äusseren Geschlechtstheile
ist nichts gesagt.
198. Dasychira pudibunda.
E. H. Jones, The Entomologist, XVI, S. 135.
199. Leucoma Salicis.
A. Mocsäry, Rovart. Lapok, I, S. 57.
Halbierter Zwitter, rechts c^, links $. — In Mus. Budapest.
200. Ocneria dispar.
0. Nickerl, Verh. Zool. Bot. Ges. Wien, XXII, S. 729f.
S mit untermischter weiblicher Färbung; Fühler, Thorax und
Hinterleib ganz männlich. — Von Fierlinger in Sobotka (Böhmen)
gefangen; in Samml. Nickerl.
201. Ocneria dispar.
H. Tieffenbach, Berl. Entom. Zeitschr., IX, S.413, Taf.IH, Fig.8.
Halbierter Zwitter, rechts S, links ? ; in Berlin aus Puppe gezogen.
202. 203. Ocneria dispar.
G. Dorfmeister, Mitth. d. naturw. Ver. f. Steiermark, IV, S. 70
und Stett. Entom. Zeitg. 1868, S. 183.
S mit ungleichmässig verdicktem Hinterleibe ; in der dunkelen (S)
Grundfarbe der Flügel fanden sich weisse ($) Streifen. — Ein ähn-
liches Exemplar auch von Möglich erbeutet. — Beide 1866 bei Graz
gefangen.
204. Ocneria dispar.
Newman, Proceed. Entom. Soc. London 1862, S. 70 und West-
wood, ebenda S. 77.
Das im übrigen weibliche Exemplar hatte Fühler, welche zwischen
männlichen und weiblichen die Mitte hielten; Eier waren im Hinter-
leibe nicht vorhanden, das Exemplar wurde aber 3 Stunden hindurch
von einem ^ begattet.
205. Ocneria dispar.
A. Mocsäry, Rovart. Lapok, I, S. 56.
Halbierter Zwitter, links d, rechts ?. In Mus. Budapest.
206. Ocneria dispar.
A. Weithof er, Sitzgsber. Naturf. Ver. Brunn, XV, S. 40.
Halbierter Zwitter, rechts ^, links ?. Der Hinterleib lässt auf
eine bedeutende Verkümmerung seiner Organe, namenthch der weib-
lichen, schKessen. — Im August 1876 aus im Freien eingesammelter
Puppe erhalten.
106 Ph. Bertkau:
207. Ocneria dispar.
Th. Goossens, Bull. Soc. Entom. France, 1887, S. 166f.
Gemischter Zwitter; Fühler wie c^; Flügel, namentlich auf der
Oberseite mit Weiss gemischt, ebenso der Thorax. Hinterleib 3, aber
dicker als gewöhnlich. — Von Rollet, Präsidenten der Naturalistes
de Levallois-Perret, erhalten.
208. 209. Ocneria dispar.
Beliier de la Chavignerie, ebenda S. 183.
Ein S mit weissen Flecken auf den 4 Flügeln ; ein anderes, dessen
beide Vorderflügel weiblich sind; Fühler mit Hinterleib 3. In Samml.
Bellier.
210. Ocneria dispar.
L. Demaison, ebenda S. 204.
3 mit weissen Flecken auf beiden Vorderflügeln und dem linken
Hinterflügel. — 1868 bei Reims gefangen; in Samml. Demaison.
211. Harpyia vinula.
A. Mocsäry, Rovart. Lapok, I, S. 57.
Halbierter Zwitter, rechts c^, links $; vielleicht derselbe wie
Hagen No. 69; in Mus. Budapest.
212. 213. Gastropacha potatoria.
G. Mathe w, The Entomologist, 1881, S. 68 und J. R. Wellman,
ebenda S. 227.
Zwei $ mit männlichem Colorit.
214. Gastropacha potatoria.
W. F. H. Blandford, The Entomologist, XVHI, S. 128.
Ein (^ von der Farbe des ?.
215. 216. Gastropacha potatoria.
Bellier de la Chavignerie, Bull. Soc. Entom. France, 1887,
S. 183.
Ein ? mit männlicher, und ein cJ mit weiblicher Färbung; beide
seit Jahren in der Samml. Bellier.
217. Gastropacha potatoria.
R. M. Christy & R. Meldola, Proceed. Essex Club, HI, S. 83.
218. Gastropacha potatoria.
W. F. Wright, The Entomologist, XVI, S. 188.
Vorwiegend $, nur der rechte Fühler ist männlich.
219. Gastropacha neustria.
Buchillot, Feuille d. jeunes Natural., XII, S. 146.
220. Gastropacha Trifolii.
R. A. Fräser, Entom. Monthl. Magaz., XIX, S. 111.
221. Gastropacha Pini.
Leder er, Wien. Entom. Monatschr., VII, S. 28, Taf. I, Fig. 14.
Halbierter Zwitter, rechts S, links ? ; der Zeugungsapparat schien
vollkommen männlich, aber kleiner und verkümmert zu sein. — Von
H. Sander in Wien erzogen.
Beschreibung eines Zwitters von Gastropacha Quercus. 107
222. Gastropacha Pini.
A. Speyer, Stettin. Entom. Ztg. 1883, S. 21f.
Halbierter Zwitter; von Grentzenberg in Danzig aus der Raupe
gezogen.
223. 224. Gastropacha Pini.
F. A. Wachtl, Wien. Entom. Zeitg. 1884 S. 72.
Ein halbierter Zwitter, rechts c^, links ?, „vor Jahren aus der
Raupe gezogen."
Das andere Exemplar ist ein in gleicher Weise ausgebildeter
Zwitter, aber der Unterschied in der Grösse und Färbung der beider-
seitigen Flügel ist weit weniger aufiallend; 1881 aus Puppe erzogen.
Ueber die Genitalien ist in beiden Fällen nichts gesagt.
224a. Lasiocampa Pini.
Hugo Reiss, Sitzgsber. Berlin. P]ntom. Vereins, 1888, S. 21.
225. Gastropacha Crataegi.
A. Müller, Entom. Monthl Magaz., HI, S. 213.
Halbierter Zwitter, rechts <^, links $.
226. Gastropacha Crataegi.
0. Nickerl, Verh. Zool. Bot. Gesellsch. Wien, XXE, S. 731.
Halbierter Zwitter, links (^, rechts $; Thorax und Hinterleib c^, —
Von Koläf gezogen; in Samml. Pokorny,
227. Gastropacha Quercus.
0. Nickerl, ebenda S. 731 f.
Ein S mit einigen weiblichen Flecken in der Färbung; Samml.
Nickerl.
228. 229. Gastropacha Quercus.
G. Dorfmeister, Mitth. naturw. Ver. f. Steiermark, IV, S. 69
und Stettin. Entom. Zeitg. 1868, S. 183.
Zwei gemischte Zwitter, vorherrschend $ ; der eine enthielt keine
Eier, beim anderen dagegen, dessen einer Fühler männlich war, war
der Hinterleib mit Eiern gefüllt. — Beide Exemplare gezogen, 1855
und in einem folgenden Jahre.
230. Gastropacha Quercus.
F. A. Wachtl, Wien. Entom. Zeitg. 1884, S. 290, Taf. V, Fig. 3.
Halbierter Zwitter, links ^, rechts $. — 1884 in Wien aus der
Raupe gezogen; im Besitz des Herrn Nadlermeisters Jos. Müller in Wien.
231. Gastropacha Quercus.
Bertkau, oben S. 77 und Sitzber. d. Niederrh. Gesellschaft,
1888, S. 67.
1888 aus der Raupe erzogen; jetzt in der Sammlung des Natur-
hist. Vereins der preussischen Rheinlande, Westfalens und des Reg.-
Bez. Osnabrück.
232. Gastropacha Rubi.
Purrmann, Zeitschr. f. Entomologie, Breslau (N. F.), 9. Heft,
Vereinsnachr. S. XXV.
108 Ph. Bertkau:
Ein (J, „dessen Leib mit Eiern angefüllt war." Ein Theü der-
selben wurde Mitgliedern des Vereins übergeben; über ihr weiteres
Schicksal ist nichts mitgetheilt.
233. Gastropacha lanestris,
M, F. Wocke, Entomolog. Miscellen, heraiisgeg. vom Ver. f. schles.
Insektenkunde, Breslau 1874, S. 43.
Das Exemplar macht den Eindruck eines kleinen ?, „namentlich
ist der After entschieden weiblich;" die Fühler männlich. Bei Breslau
frisch ausgekrochen im Freien gefunden.
234. Endromis versicolora.
E. Ballion, Hör. Soc. Entom. Boss., IV, S. 33, Taf. I, Fig. 2.
Halbierter Zwitter, rechts S, links ?.
235. Aglia tau.
Fallou, Bull. Soc. Entom. France, 1862, S. 35.
Gemischter Zwitter; Vorderflügel aus männlichen und weiblichen
Theilen gemischt. Hinterflügel männlich; Fühler weiblich, die Spitze
des linken stärker gekämmt; Hinterleib weiblich.
236. Aglia tau.
C. Dietze, Stettin. Entom. Zeitg. 1872, S. 331—333.
Vollkommen gemischter Zwitter; die Flügel alle unter einander
verschieden, nur über Kreuz Hess sich eine gewisse Symmetrie er-
kennen. „Bei Lebzeiten war der Hinterleib dem eines $ gleich, jedoch
statt mit Eiern mit einer braunen Flüssigkeit angefüllt, die später
aushef." Bei Frankfurt a. M. im Freien gefunden; in Samml. Fr. Dick
in Frankfurt.
237. Aglia tau.
H. Dewitz, Berlin. Entom. Zeitschr. 1881, S. 297.
,,Der linke Fühler war c^, der rechte ? gebildet. Im Sommer 1881
in vollständig abgeflogenem Zustand von Rüdorff gefangen." — Zool.
Museum in Berlin.
238—241. Aglia tau.
M. Standfuss, Stettin. Entom. Zeitg. 1886, S. 320—322.
4 Zwitter, darunter 3 zugleich Vermengung der Stammform mit
der var. lugens Stand/.
No. 1 ein Weibchen von männlichem Flügelschnitt. Der Leib
vollkommen verkümmert und ohne Eier; „am oberen Rande der Vulva
eine deutHch Penis-artige Bildung."
No. 2. Mischung eines normalen c^ mit schwarzem ¥; rechte Seite
und linker Vorderflügel ^ , linker Hinterflügel ? ; Hinterleib grösser
wie bei normalem <?, rechts mit männlicher Haftzange.
No. 3. Links c^ und var. lugens, rechts ? und Stammform. Der
Leib, im übrigen auch auf der rechten Seite von ausgesprochen männ-
licher Bildung zeigt hier seitlich einen lichtgelben Fleck.
No. 4. Ober- und unterseits in allen Körpertheilen var. lugens -(^,
nur an dem Dorsalrand des rechten Hinterflügels ist unterseits wenig
die lichte Zeichnung eines normalen ? eingesprengt.
Beschreibung eines Zwitters von Gastropacha Quercus. 109
242. Callosamia Promethea.
W. Edwards, Proceed. Entom. Soc. Philadelphia, IV, S. 390.
Gemischter Zwitter.
243. 244. Callosamia Promethea.
A. S. Packard, Mem. Boston Soc. Nat. Hist., II, Part. IV No. III,
S. 409—412, PI. XIV, Fig. 1, 2.
Das eine Exemplar war ein nahezu halbierter Zwitter, rechts 3,
links $; Hinterleib weiblich, mit Eiern erfüllt. Aus einer im Freien
gesammelten Puppe. Im Mus. of Normal University, lUin. — Das
andere Exemplar war vorwiegend $, der hnke Fühler männlich. —
In Samml. Mrs, Bridgham, New York.
245. Saturnia Pyri.
A. Mocsäry, Rovart. Lapok, I, S. 56.
Halbierter Zwitter, rechts cJ, links ?; derselbe wie Hagen No. 52?;
in Mus. Budapest.
245a. Saturnia Carpini.
A. Mocsäry ebenda.
Halbierter Zwitter, links ^, rechts $; derselbe Avie Hagen No. 55
oder 56?; in Mus. Budapest.
246. Saturnia Carpini.
Hagen, Stettin. Entom. Zeitg., 1863, S. 192. (Nach brieflicher
Mittheilung von Prof. Döbner in Aschaffenburg.)
Halbierter Zwitter, rechts -3, links $, die Geschlechtsunterschiede
auch an den Hinterleibshälften in Gestalt und Farbe ausgedrückt.
1844 bei Aschaffenburg gefangen; das Thier fiel durch seinen schwer-
fälligen Flug auf.
247. Saturnia Carpini.
Kretschmar, BerHn. Entom. Zeitschr., VIII, S. 397f.
Vorwiegend $, aber in der Färbung der Flügel mehrfach die
Merkmale des ^ aufweisend; auch die Fühler waren nicht rein weiblich.
248 — 251. Saturnia Carpini.
Rogenhofer, Verhandl. Zool. Bot. Gesellsch. Wien, XV, S. 514
bis 516.
Zwei vorwiegend 3, ein vorwiegend $ und ein gekreuzter Zwitter.
Sämmtliche Exemplare wurden 1865 aus Raupen gezogen, die der-
selben LokaHtät in der Umgegend Wiens entstammten. — Im k. k.
Zool. Mus. und in Samml. Dorfmeister in Wien.
252. Saturnia Carpini.
A. Pagenstecher, Jahrb. d. nass. Ver. f. Naturk., XXV, S. 89f.
Fig. 2.
Gemischter Zwitter, von Grösse und Gestalt des $ , aber Färbung
des 3] Knker Fühler männlich. — 1829 von Gross in Wiesbaden
gezogen; im naturhist. Museum in Wiesbaden.
253. Saturnia Carpini.
H. Lamprecht, Entom. Nachr., IX, S. 134f.
110 Pli. Bertkau:
Gekreuzter Zwitter; Vorderflügel links c^, rechts ?, Hinterflügel
rechts 3, links ?.
254. Saturnia Carpini.
V. Dragoni, Verhandl. d. naturf. Ver. in Brunn, XXIV, Sitzungs-
ber. S. 10.
Grösse des c^ ; rechts Flügelzeichnung des $ , Füliler des c^ ; Hnks
umgekehrt; ,,auch im Bau des Leibes ist im Sinne der Längsachse
eine Polarität nach den Geschlechtern zu erkennen." Neben einem S
und ? aus Raupen gezogen, die bei Brunn eingesammelt wurden.
255 — 264. Saturnia Carpini.
A. Speyer, Stettin. Entom. Zeitg. 1881, S. 477—486.
10 Raupen eines Geleges entwickelten sich zu ebenso viel ge-
mischten Zwittern; 3 der Exemplare waren etwas verkrüppelt, und 4
als Puppen zu Grunde gegangen, aber auch die Puppen Hessen die
Merkmale des Hermaphroditismus erkennen.
264 a. Saturnia Carpini.
P. B. Mason, Proc. Ent. Soc. London, 1888, S. XV. Das
Exemplar stammte von Lincoln; weiteres ist nicht angegeben.
265. Plusia verticillata.
G. 0. Hudson, New Zealand Journ. Sei., II, S. 168.
Körper des S, Flügel links ebenfalls, rechts weiblich.
266. Rusina tenebrosa.
Gerstäcker, Bericht üb. d. wissensch. Leistungen i. Geb. d.
Entom. w. d. J. 1861, S. 292.
Vollständig getheilter Zwitter, links <^, rechts $; Hinterleib wie
beim $ gestaltet , aber mit einer männlichen Genitalklappe an der
Spitze der linken Seite. — Im Berl. Mus,
267. Rusina tenebrosa.
A. Pagenstecher, Jahrb. d. nass. Ver. f. Naturk., XXV, S, 90f.
Fig. 1.
Halbierter Zwitter, links S, rechts ?. Hinterleib hat weibliche
Fonn, aber mit den beiden Afterklappen des Männchens. Diese sind
unsymmetrisch, links doppelt so gross als rechts, aber doch kleiner,
als bei einem normalen Männchen, zudem verkrümmt; ,, zwischen
beiden sieht man einen konischen, glänzenden, chitinisirten Körper hervor-
ragen; Ruthe?" Im Juni 1882 bei Wiesbaden von Mauss gefangen
und in dessen Sammlung.
267a. Agrotis conflua.
Assmann, Zeitschr. d. entomol. Vereins in Breslau, 1855, T, 9,
S. 15—28, Tab. 1.
268. Lythria purpuraria.
Sintenis, Sitzgsber. Dorpat. Naturf. Gesellsch., 3. Bd., 5. Heft,
S. 398.
Kopf und Brust halbiert zwitterig, links <^, rechts ?; Hinterleib
rein <^. Am 27. Juni 1873 von Sintenis gefangen.
Beschreibung eines Zwitters von Gastropacha Quercus. m
269. Angerona primaria.
M. F. Wocke, Entomol. Miscellen, herausgeg. vom Verein f. schles.
Insektenkunde, Breslau 1874, S. 43 f.
Unvollkommen halbierter Zwitter; die rechte Seite rein weiblich,
die linke vorherrschend männlich, aber mit weiblicher Beimischung.
Das Exemplar gehörte zur ab. sordiata Füssl. und wurde von Engert
bei Süsswinkel, Kreis Oels, gefangen.
270. Ennomos angularia.
Proceed. Entom. Soc. London 1880, S. 30.
271. Eugonia angularia.
G. 0, Hudson, New Zealand Journ. Sei., II, S. 169.
Halbierter Zwitter, rechts c^, links $.
272. Gnophos dilucidaria.
A. Rogenhof er, Verhandl. Zool. Bot. Gesellsch. Wien, XIX,
S. 918.
Halbierter Zwitter, rechts c^, links ?; Leib -wie beim $. Am
11. Juli 1868 von Dorfinger am Schneeberg gefangen; in Samml.
Rogenhofer.
273. Boarmia repandata.
A. Speyer, Stettin. Entomol. Zeitg. 1883, S. 20—25.
Gemischter Zwitter; aus Raupe gezogen.
274. Tephrosia crepuscularia.
Roo van Westmaas, Tijdschr. voor Entomologie, IV, S. 171 ff.
mit Abbild.
Halbierter Zwitter, rechts o, Hnks $.
275. Bupalus piniarius.
A. Frey, Stettin. Entom. Zeitg. 1883, S. 373.
Unvollkommener Zwitter; in Frankfurt a. M. von Frey als Schul-
knaben erzogen.
276. Bupalus piniarius.
A. Fuchs, Stettin. Entom. Zeitg. 1877, S. 131.
Halbierter Zwitter, links c^, rechts ?; 1863 zu Oberursel erzogen.
277. Abia sericea.
Gerstäcker, Sitzgsber. Ges. naturf. Freunde zu Berlin 1872, S.33.
Vgl. oben S. 77
278. 279. Nematus umbrinus.
Konow, Societas Entomologica, II, S. 97 f.
Zwei zwitterige Exemplare.
279a. Diapria elegans.
Förster, Stettin. Entom. Zeitg., 1845, S. 390—392.
Rechter Fühler S, linker $.
280. Totrogmus caldarius.
Roger, Berlin. Entom. Zeitschr., I, S. 15—17, Taf. 2, Fig. 2;
(von Kraatz aufgeführt Stettin. Entom. Zeitg. 1862, S. 215).
112 Ph. Bert kau:
Halbierter Zwitter, links S, rechts $; ,,am Hinterleibe (dessen
Spitze übrigens zerbrochen ist), findet sich nichts Bemerkenswerthes,"
281. Tetramorium simillimum (Myrmica caldaria).
Me inert, Bidr. til de Danske Myrers Naturhistorie. — Forel,
Fourmis de la Suisse. —
Kopf S, Thorax und Hinterleib ?.
282. Myrmica lobicornis.
Meinert a. a. 0. — Forel a. a. 0.
Der Kopfbildung und Grösse nach ein ?, mit der Skulptur,
Farbe und den Geschlechtsorganen eines ^.
283. Myrmica laevinodis.
B. Cooke, Naturaliste Yorkshire, VHI, S. 30.
Männchen, Weibchen und Arbeiter gemischt ; in Dano am Park
gefangen.
284. Myrmica ruginodis.
A. Forel a. a. 0. S. 142.
Ein Männchen, dessen Kopf nach seiner Grösse und nach der
Kleinheit der Augen weiblich ist; Farbe und Skulptur hält zwischen
beiden Geschlechtern die Mitte; die Fühler sind 13ghedrig, aber ihre
Gestalt und Farbe erinnert etwas an die eines Weibchens. Am
17. Juli von Frey-Gessner auf dem Col de Susten gefangen.
285. Formica exsecta.
A. Forel a. a. 0. S. 140.
Ein Arbeiter mit einigen Stellen männlichen Aussehens auf der
linken Seite.
286. Formica truncicola.
A. Forel a. a. 0. S. 140.
Am Kopfe ist die linke Hälfte nicht ganz rein männlich, die
rechte rein weibhch; der linke Fühler hat 12 Glieder, aber das
12. Glied ist zur Hälfte getheilt. Der Thorax ist vorwiegend weiblich,
aber links etwas mit männlich gemischt. Hinterleib äusserlich ganz
männhch, auch die Begattungswerkzeuge.
Bei der Zerghederung fanden sich jederseits ein normaler Hoden
mit vas deferens und Anhangsdrüse vor; diese Organe liegen dem Rücken
des Thieres genähert. Unter ihnen war ein schwer zu. beschreibendes
Gewirre, aus dem sich aber zwei Organe mit ziemlicher Sicherheit
herauspräparieren Hessen: ein Eierstock und eine Gift blase. Der
Eierstock war grösser als bei den Arbeitern, kleiner als bei den
Weibchen. Er hatte eine grosse Zahl von Eiröhren, aber in keiner
derselben fanden sich reife Eier vor. — In den Vogesen bei Zabern
gefangen.
287. Formica rufibarbis.
A. Forel a. a. 0. S. 141.
Gemischter Zwitter; fast alle Körpertheile tragen gleichzeitig
Merkmale des ^ und ?.
Beschreibung eines Zwitters von Gastropacha Quercus. 113
Die Zergliederung deckte links ein (verkümmertes) Ovarium auf;
ausserdem war eine (nur dem Weibchen eigenthümliche) Giftblase
vorhanden. Auf der rechten Seite fand sich ein verkümmertes Organ
vor, dessen Natur zweifelhaft bheb.
Das Exemplar war auf dem Monte Salvatore im Tessin mit <$
und $ umherschwärmend gefangen.
288. Polyergus rufescens.
A. Forel, a. a. 0., S. 139 f., PI. II, Fig. 36.
Halbierter Zwitter, rechts Männchen, links Arbeiter. Die Tren-
nungslinie der beiden Körperhälften sehr deuthch und fast genau in
der Mitte; dagegen hat die männliche Seite auch das mittlere Ocellum
ganz. Die rechten Beine sind halb männHch, die linken ganz weiblich.
Hinterleib ganz der eines Arbeiters. Eine Zergliederung dieses
Exemplars fand nicht Statt.
289. Polyergus rufescens.
A. Forel a. a. 0. S. 142f.
Gemischter Zwitter. Kopf und Prothorax eines Arbeiters; Meso-
und Metathorax, Stiel und die 3 ersten Hinterleib^inge rechts 3,
links ^, rechts mit Flügeln; 4. und 5. Hinterleibssegment rein c?;
auch noch ein rudimentäres 6. Segment ist vorhanden; die äusseren
Geschlechtsorgane sind ebenfalls rein männlich. Bei der Unter-
suchung zeigte sich rechts neben einigen Eiröhren mit Eiern ein
Körper, der wahrscheinlich ein rudimentärer Hoden war. Der aus
der rechten Geschlechtsdrüse hervortretende Ausführungsgang hatte
mehr den Charakter eines vas deferens als einer Tube und hatte vor
seiner Vereinigung mit dem der anderen Seite eine normale männ-
liche accessorische Drüse. Links Vv'aren 6 — 7 Eiröhren mit Eiern vor-
handen, die in eine normale Tube sich öffneten. — Dieses Exemplar
war am 18. August 1873 bei Vau erbeutet, als es mit Genossen von
einem Raubzuge gegen F. rufibarbis heimkehrte; es trug selbst eine
geraubte Larve. — Merkwürdiger Weise gehörte es demselben Neste
an wie das vorhergehend beschriebene Exemplar.
290. Andrena praecox.
R. Dittrich, Zeitschr. f. EntomoL, Breslau, 13. Heft, S. 4f.
Der Kopf ist linksseitig weiss (c^) behaart, nicht so dicht wie
bei normalen (^ und am Augenrande mit dunkelen Haaren gemischt;
die rechte Seite ist mit kurzen, gelbgrauen Haaren besetzt. Der
linke Fühler, der um mehr als 2 mm länger als der rechte ist, sitzt
etwas tiefer als dieser; sein zweites Geisseglied ist, wie bei normalen
Männchen, IV2 mal so lang wie das 3., während beim rechten Fühler
das 2. Glied 3 mal so lang als das 3. ist, wie bei normalen Weibchen.
Der linke Kiefer ist sichelförmig, lang, und trägt an seinem Grunde
einen starken dreieckigen Zahn, wie dies auch beim normalen <$ der
Fall ist; der rechte Kiefer ist, wie beim gewöhnlichen ?, zahnlos.
Die rechte Schläfe ist, wie beim gewöhnlichen c^, stark verbreitert
und unten rechtwinkelig, der Kopf im übrigen höchstens so breit wie
die Brust, während beim normalen 3 der Kopf erheblich breiter ist ;
Arch. f. Natuigesch. Jahrg. 1889 Bd.I. H. 1. 8
114 Ph. ßertkau:
überhaupt sind alle übrigen Körpertheile, Brust, Hinterleib, Beine
und Flügel, in Form und Behaarung weiblich. Eine Untersuchung
des aufgeweichten Thieres ergab, dass männliche Begattungsorgane
durchaus fehlten; allerdings gelang es auch nicht, den Stachel auf-
zufinden.
291. Andrena helvola.
Schenck, Stettin. Entom. Zeitg. 1871, S. 335.
Kopf, Thorax und Hinterleib des $, an den Hinterbeinen die
Hüftlocke des ?, aber Schenkel, Schienen und Tarsen gebildet und
behaart wie beim i^.
292. Andrena albicrus.
Schenck a. a. 0. S. 335.
Grösstentheils weiblich, aber Hinterbeine von den Schienen an
abwärts gestaltet und behaart wie beim ^. — Anfänglich als A. an-
gustipes $ Schenck beschrieben.
293. Andrena fasciata.
Schenck a. a. 0. S. 335.
Hinterleib lind Gesammtgrösse weiblich, Kopf und Thorax links
nämnlich, rechts weiblich,
294. Andrena convexiuscula.
Schenck a. a. 0. S. 335.
„Der Hinterleib des $, sonst alle Theile vom <^."
295. Prosopis obscurata.
von Hagens, Corrbl. Naturh. Ver. d. preuss. Rheinl. u. Westf.,
1875, S. 73.
Halbierter Zwitter, rechts <S , links ? ; am Hinterleibe ist nur die
rechte Hälfte eines 7. Segmentes und der männlichen GenitaKen ent-
wickelt, daneben mehrere Stacheln.
296. Nomada fucata.
Schenck a. a. 0. S. 335.
Kopf des <^, Hinterleib des ? (mit Stachel); Thorax mit Beinen
und Flügeln links <S, rechts $.
297. Nomada glabella.
von Hagens, a. a. 0. S. 73.
Gemischter Zwitter, Hinterleib rein weiblich.
298. Nomada succincta.
Tijdschr. voor Entomol, XXIV, Versl. S. 111.
299. Sphecodes reticulatus.
V. Hagens, a. a. 0. S. 73.
Vorwiegend ?, nur die linke Gesichtshälfte mit den Fühlern
männlich.
300. Macropis labiata.
F. Enock, Proeed. Entom. Soc. London 1883, S. 25f. mit Abbild.
Halbierter Zwitter.
301. Megachile sp. (mit centuncularis und argentata verwandt)
aus Sizilien.
Beschreibung eines Zwitters von Grasti'opacha Quercus. 115
Gerstäcker, Bericht ü. d. wiss. Leist. Entomol. w. d. J. 1861,
S. 292 f.
Die ganze Statur war männlich, die Fühler weiblich, ebenso Flügel
und Beine der rechten Seite. Hinterleib von oben gesehen männlich,
auch das Pygidium, aber der Endrand ohne Zähne; der Hinterleib
unterseits der Behaarung nach rechts weiblich, links männlich, und
beide Hälften scharf geschieden.
302. Bombus mastrucatus.
Tijdschr. voor Entomologie, XXIV, Versl. S. 111.
303. Apis mellifica.
Laubender, Oekonomische Hefte, XVEI, S. 429. — Lukas,
Vermischte Beiträge zum Fortschritt der Bienenzucht, 1803 — 1804,
und Entwurf eines wissensch. Systems der Bienenzucht, L Th., 1808,
S. 150. — V. Siebold, Zeitschr. f. wiss. Zoolog. XIV, S. 74.
304. 305. Apis mellifica.
Dönhoff, Bienenzeitung 1860, S. 174 und 209; Wittenhagen
ebenda 1861, S. 119.
306. Apis mellifica.
Menzel, Bienenzeitung 1862, S. 167, 186. Mitth. Schweiz. Entom.
Gesellsch. II, S. 15—30; III, S. 41—56; v. Siebold, Zeitschr. f. wiss.
ZooL, XIV, S. 73—80; Bienenzeitung 1865, S. 14ff.; Gerstäcker,
Sitzgsber. Gesellsch. naturf. Freunde zu Berlin, 16. Febr. 1864.
Bienen des Eugster'schen Stockes in Konstanz.
307. Apis mellifica.
Smith, Proceed. Entom. Soc. London 1862, S. 89f.
Das Exemplar hatte den Habitus einer Arbeitsbiene; Kopf gross,
mit sich berührenden Augen; Fühler dagegen nur mit 12 Gliedern;
Flügel rechts männlich, links weiblich; Beine rechts theilweise männlich.
Hinterleib mit Stachel.
308. Apis mellifica.
Hamet, Revue et Magazin de Zoologie, XIII, S. 336.
Der Kopf hatte 12-gliedrige Fühler und nicht zusammenstossende
Netzaugen; der Hinterleib entbehrte des Stachels und hatte die Be-
gattungswerkzeuge der Drohne.
309. Apis mellifica.
S. C. Dodge, American Bee Journal, XV, S. 498.
309 a. Apis meUifica.
Flett, Scot. Natur., XXIX, S. 199.
Halbierter Zwitter, links J', rechts Arbeiterin.
309b, c. Apis mellifica.
H. Lucas, Bull. Soc. Ent. France 1888, Seance du 23 mai,
S. LXXXIV.
Ein Exemplar hatte links das Auge einer Arbeitsbiene, rechts
das einer Drohne, bei einem zweiten war es umgekehrt.
8*
\IQ Ph. Bertkau: Beschi-eibuiig etc.
310. Malachius marginellus.
Fuss, Berlin. Entom. Zeitschr., VII, S. 436.
Gekreuzter Zwitter.
311. Lucanus cervus.
Doebner, Stettin. Entom. Zeitg. 1864, S. 196.
Das im übrigen weibliche Exemplar hatte Mandibeln, die einiger-
massen denen des S ähnelten (5 par. Linien lang). — 1829 bei Mei-
ningen gefangen.
312. Lucanus cervus.
Strübing, Deutsch. Entom. Zeitschr. 1883, S. 160.
Regelmässig halbierter Zwitter, welche Seite <$, welche ?, ist
nicht angegeben. In der Sammlung des Forstrath Kellner, jetzt im
Museum in Gotha.
313. Melolontha vulgaris.
G. Kraatz, Berlin. Entom. Zeitschr. 1873, S. 428, Taf. 1, Fig. 21.
Halbierter Zwitter, rechts 3, links ?. Die sekundären Ge-
schlechtsunterschiede in der Bildung der Fühler und Vorderschienen,
sowie in der Behaarung ausgeprägt. Hinterleibsspitze links schräg
abgeschnitten, Pygidium beiderseits der MittelUnie verschieden gefärbt :
rechts röthHch braun, nach dem Aussenrande mit etwas dunklerem
Anflug, links schwärzlich braun mit leichtem rothbraunem Anflug. —
Von Brischke bei Danzig gefangen und dem Verfasser überlassen.
314. Melolontha vulgaris.
0. Heer, Stettin. Entom. Zeitg. 1848, S. 160.
Ein 1847 in copula mit einem S gefangenes $ hatte die Fühler
des 3.
(Melolontha vulgaris.)
Gemminger, Stettin. Entom. Zeitg. 1849, S. 63.
Ein ähnlicher Fall wie vorhin. Vielleicht aber copulatio inter mares.
(Melolontha vulgaris.)
Simroth, Giebel's Zeitschr. f. d. ges. Naturw., LI. Bd., S. 348
bis 350 mit Holzschn.
Bei einem angeblichen Zwitter beschränkte sich die Zwitter-
bildung darauf, dass der linke Fühler kleiner (die Blätter 0,i8 cm
lang, die des rechten 0,4 cm) war. Ueberdies waren aber die Blätter
dieses Fühlers mit einander verwachsen, und es liessen sich ihrer
nur 4 wahrnehmen. Die anatomische Untersuchung der Geschlechts-
organe zeigte ein normal ausgebildetes Männchen. — Von Lehrer
Eckart gefunden und in dessen Sammlung.
315. Dyticus latissimus.
Altum, Stettin. Entom. Zeitg. 1865, S. 350f.; abgebildet 1866,
Taf. 2.
Gemischter Zwitter, den Altum mit einem <S in copula fing.
Die Copepodenfauna der Eifelniaare
von
Dr. Julius Vosseier.
Seit Leydigs ^) Untersuchungen über die Fauna der Kraterseen
in der Eifel, der sogenannten „Maare", bat sieb wobl kaum ein
Forseber näber mit der niederen Tbierwelt jener Wasserbecken befasst.
Von den niederen Krebsthieren wurden nur die Cladoceren einiger-
massen untersucht, von den Copepoden dagegen wurde nur das Vor-
kommen des Genus Cyclops in mehreren Seeen erwähnt. Als nun
im August vergangenen Jahres Herr Dr. 0. Zacharias-) es unternahm,
die Mikrofauna der in mehrfacher Hinsicht interessanten Gewässer zu
studieren, unterzog ich mich der Aufgabe, die Copepoden zu bearbeiten,
um so Ueber, als dabei werthvolle Aufschlüsse über die Verbreitung
der Arten, die Anpassungsfähigkeit der genannten Thiergruppe, so
wie über weitere interessante Fragen zu erwarten waren. Da es Herrn
Dr. Zacharias vergönnt war, theilweise mittelst Kahn den Fang zu
betreiben (auf dem Laacher See und dem Gemünder ^laar), ausserdem
auch bei Nacht auf die pelagische Fauna Jagd gemacht wurde, so
mag das folgende Verzeichniss ein, wenigstens für die genannte
Jahreszeit, ziemlich vollkommenes Bild von der Verbreitung der
Copepodenarten und — genera in den Maaren geben. Am meisten
Arten beherbergt der
I. Laacher See.
Der weitaus grösste Theil der dort gefundenen Copepoden gehört
der Uferfauna an. Von Cyclopiden enthielt das mir zur Verfügung
gestellte Material
1. Cyclops viridis Fischer.
2. — tenuicornis Claus.
3. — signatus Koch.
*) Fr. Leydig. Ueber Verbreitung der Thiere im Ehöngebirge u. Maiutbal
mit Hinblick auf Eifel und Rheintbal. (Verh. d. Ver. d. preuss. Rheinlaude und
Westfalen Jahrg. 37. 1881.)
^) Vergl. dessen „Bericht über eine zoolog. Exkursion au die Kraterseen
der Eifel" (Biolog. Centralblatt Bd. IX No. 2, 3, 4. 1889.), wozu diese Ab-
handlung eine Ergänzung bildet,
118 Dr. Julius Vosseier:
Von diesen drei grossen Arten war Cyclops viridis der häufigste.
Die meisten Thiere waren ausgewachsen, allein nur selten fanden
sich bei den Weibchen Eiersäcke vor. Am zahlreichsten war
4. Cyclops agilis Koch,
vertreten und zwar in allen Alterstufen.
Eine mit diesem sehr nahe verwandte Art, welche als Bewohnerin
aller untersuchten Maare für diese Gewässer charakteristisch und
bis jetzt noch nicht beschrieben ist, nenne ich
5. Cyclops maarensis n. sp.
Taf. VI Fig. 1—7 u. 15.
Der Vorderleib (die 4 ersten Körpersegmente umfassend) ist
lang, oval. Das letzte (4te) Segment desselben trägt am hintern
Seitenrand eine feine Behaarung. Der Hinterleib erhält durch die
zierliche Furka ein schlankes Aussehen. Die ersten Antennen (Fig. 2)
sind 12 gliedrig und reichen nicht bis zum Ende des langen Kopf-
bruststücks (erstes Körpersegment). Im ersten Drittel des4ten Glieds
fällt an dieser Antenne eine starke Borste durch ihre Länge auf.
Die 3 Endglieder nehmen langsam an Grösse zu. Alle 3 sind aber
nur wenig gestreckt. Die 2ten Antennen (Fig. 3.) sind kurz und
gedrungen. Das Labrum ist in der Mitte tief eingeschnitten und
trägt 8 grössere und 4 kleinere Zähne (von letzteren je 2 an den
Aussenseiten.) Von den Mundwerkzeugen, welche durch schwache
Entwicklung auffallen, ist in Fig. 4 ein Maxillarfuss abgebildet. Die
Schwimmbeinpaare sind lang und tragen an den Spitzen ihrer Aeste
derbe Dornen, welche mit einer zweisägigen Lanzenspitze verglichen
werden können (Fig 5). Das 4te Fusspaar reicht, an den Körper
angelegt, über die Geschlechtsöffnung hinweg. Das letzte Glied des
äusseren Schwimmfussastes trägt beim ersten Schwimmfusspaar 3,
beim zweiten 4, beim dritten 4, und beim vierten 3 Domen. Der
rudimentäre Fuss (Fig. 6) ist eingliedrig, an der Innenseite mit einem
kräftigen Dorne, an der Spitze und der Aussenseite je mit einer
Borste versehen. Das letzte Segment des Hinterleibs, welches die
Furka trägt, ist am hinteren Rande fein behaart, die vorhergehenden
Segmente bezahnt. Sehr leicht kenntlich wird diese Art durch die
Furka (Fig. 1). Diese ist auffallend schlank, etwas länger als die
3 vorhergehenden Hinterleibsringe. Die äussere Seitenborste sitzt
etwa im letzten (hinteren) Viertel der Furkalänge. lieber derselben
windet sich ein Halbkranz von Härchen in einer Spiralwindung
nach vorn und aussen. (Fig 1. Kr). Von den Endborsten fand ich
nur die 2 mittleren behaart. In Fig 7. a. b. sind diese Endborsten
vom Männchen abgebildet, wo sie sich durch merkwürdige Auf-
treibungen in der ersten Hälfte der Länge auszeichnen. Das aus-
gewachsene $ misst, — die Schwanzborsten mitgerechnet, — 1,8 mm
das (^1,2 mm. Die Eiersäcke werden ähnlich getragen, wie bei C. agilis.
Diese neue Art unterscheidet sich von C. agilis Koch durch
absolut und relativ kürzere Antennen, schwach entwickelte Mund-
Die Copepodenfauna der Eifelmaare. 119
Werkzeuge, lange Schwimmbeine und ausserordentlich gestreckte Furka.
Während diese bei C. agilis am Aussenrande mit einer Säge v ersehen
ist, trägt sie bei C. maarensis m. über der äusseren Seitenborste
einen schräggestellten Halbkranz feiner Härchen.
Ausser diesen 5 Cyclopiden zählt noch ein Harpactide und zwar
6. Canthocamptus minutus? Müll.
zur Uferfauna. Von diesem Copepoden standen mir nur ganz junge
Exemplare und der sehr angegriffene Kadaver eines ausgewachsenen
Thieres zur Verfügung. Ich wage daher nicht, die betreffenden Thiere
mit voller Bestimmtheit zu Canth. minutus zu rechnen.
Die pelagische Fauna an Copepoden scheint scharf von der
Uferfauna getrennt zu sein und wird durch 2 Arten repräsentirt,
welche sonst kaum einmal in grösseren Wasserbecken sich vom
Ufer weg verirren, und noch seltener ausschliessHch die pelagische
Fauna bilden, wie hier im Laacher See.
Es sind
7. Cyclops strenuus Fisch, und von
8. Diaptomus coeruleus Fisch, eine
kleine niedliche Varietät ca 1,8 mm lang.
Wenn auch die Copepoden der Artenzahl nach reichlich vertreten
sind, so ist doch die Zahl der Individuen zu gering, als dass diese
Kruster eine bedeutende Rolle in der Fauna des Laacher Sees spielen
würden.
Die Untersuchung des Materials aus dem
II. (xemünder Maar
ergab die 4 Cyclopiden
1. Cyclops strenuus Fisch, (pelagisch)
2. — tenuicornis Claus.
3. — agilis Koch.
4. — maarensis n. sp. und
den in Deutschland zum erstenmal gefundenen Calaniden
5. Diaptomus graciloides Lillj.
Taf. VI Fig. 8-14
Die erste Beschreibung dieser Art gab im Sommer vergangenen
Jahres Prof. Lilljeborg. i) Dieselbe war aber nur wenig ausführlich
und nicht durch Abbildungen erläutert. Im folgenden suche ich diese
Lücke nach Kräften auszufüllen. Unterstützt wurde ich dabei durch
das freundhche Entgegenkommen des Herrn Prof, Jules Richard in
Paris, welchem ich sicher bestimmte Thiere dieser nach Lilljeborg's
Beschreibung nur schwer erkennbaren Art verdanke.
Der schlanke, ovale Vorderleib hebt sich von dem kurzen Hinter-
leib nicht auffallend ab. Die Seitenwinkel des 4ten Segments sind
') Vergl: Bulletin d. 1. societe zoologique de France, Tome XIII p. 156.
120 I>i'- Julius Vosseier:
nicht ausgezogen. Die ersten Antennen reichen über den ganzen
Körper hinweg und sind sehr kräftig gebaut, durchaus nicht schlank.
Die Angabe Lüljeborgs über die geniculirende männhche Antenne,
wonach der ,,articukis antepenultimus plane dearmatus" sein soll,
finde ich nicht bestätigt. Immer fand ich bei meinen Unter-
suchungen dem betreffenden Glied, wie Fig. 13 zeigt, 2 Borsten auf-
sitzend, deren eine sehr lang ist.
Folgende Zahlen drücken das Verhältniss der Länge der einzelnen
Glieder an der weiblichen Antenne aus:
I n III IV V VI VII VIII IX X XI XII xiii xiv xv
30 25 15 12 18 18 20 18 18 18 20 13 25 15 25
XVI XV XVII xvm XIX xx xxi xxn xxm xxiv xxv
25 25 25 28 3Ü 25 25 30 35 33 20
Die Mandibeln sind mit 6 deutHchen Zähnchen bewafftiet, daneben
befinden sich der Ausbuchtung zu gelegen noch einige verkümmerte
(Fig. 11). Der untere Maxillarfuss (Fig. 10) ist gedrungener als bei D.
gracilis Sars. Das erste Glied desselben hat am vorderen Rande
4 Wülste, deren erster eine Borste trägt. Dem zweiten sitzen 2,
dem dritten 3, wovon die mittlere die kürzeste ist, und dem vierten
Wulste 4 Borsten auf. Eines der wesentlichsten Merkmale für diese
Art bildet, wie bei den übrigen Arten der Gattung Diaptomus, die
Gestaltung der rudimentären Fusspaare. Der rudimentäre Fuss des ^
(Fig. 9) besteht aus einem kurzen Grundglied. Auf diesem sitzt ein
2gliedriger Aussen- und ein eingliedriger Innenast. Das erste Glied des
Aussenastes ist lang, das zweite ist an der Spitze in 2 ungleichartige
Stücke gespalten. Das eine, innere, stellt einen einwärts gebogenen
Dorn dar, die Spitze des andern trägt eine kurze und eine lange
Borste, welch letztere bis zum Ende des vorhin erwähnten Dorns
reicht. Gegenüber der Basis des Dorns befindet sich an der Aussen-
seite des Glieds ein feines Börstchen. Der Innenast ist länger als
das erste GHed des Aussenastes, am Ende mit 2 beinahe gleichlangen
Borsten versehen, zu welchen noch eine kleinere mehr der Innenseite
zu aufsitzende kommt. Der rechte rudimentäre Fuss des ^ (Fig. 8 a.)
besteht aus einem Grundglied, welches wenig länger als breit ist.
Das erste Glied des Aussenastes ist kurz und am Aussenrande in
einen kleinen Wulst ausgezogen. Das zweite Glied ist etwa ebenso
lang als das Grundglied. Im letzten Viertel sitzt am Aussenrand
ein Dorn, welcher so lang ist als das Glied. Auf der Spitze genikuliert
ein durch Veränderung des dritten Astglieds entstandener Dorn,
welcher mindestens ebenso lang als die 3 vorhergehenden Glieder ist.
Am Grund ist derselbe blasig erweitert, in der Mitte etwa macht er
eine Biegung, so dass die beiden Hälften beinahe in einem rechten
Winkel zu einander stehen. Der 1 gliedrige Innenast trägt am Ende
feine Härchen. Der linke rudimentäre Fuss des ^ (Fig. 8 b.) ist
wenig kürzer als der rechte. Das Grundglied übertrifft das des
rechten Fusses an Grösse. Die Spitze des zweiten GHedes ist zu
einem derben kurzen Dorne ausgezogen, neben welchem an der
Die Copepodeufauna der Eifelmaare. 121
Innenseite ein weiterer schlankerer angebracht ist. In den kleinen
Eiersäckchen fand ich stets nur 2 Eier. Die Länge des 5 beträgt
mit Einschluss der Schwanzborsten 1 mm, die des ^^ 0,8 — 0,9 mm,
also etwas weniger, als von Lilljeborg gefiinden wurde.
Diese Art steht dem Diaptomus gracilis Sars sehr nahe und es
ist leicht möglich, dass sie nur eine durch Anpassung und Isolation
entstandene Form des letzteren bildet. Aus dem ,, Faulen- See" bei
Frankfurt an der Oder erhielt ich ebenfalls durch Dr. Zacharias den
Diapt. gracilis in reichlicher Menge. Ein Theil der Thiere von nor-
maler Grösse zeigte kleine Abänderungen, welche mit den Merkmalen
des Diapt. gi'aciloides theilweise übereinstimmen. In kurzem hoife
ich über diese Verhältnisse genauere Untersuchungen machen zu
können, wodurch auch auf die Ursachen der Abänderungen Adelleicht
einiges Licht fällt. D. graciloides wurde von Lilljeborg hauptsächhch
in den grösseren Süsswasserseen Schwedens, der russischen Halb-
insel Kola bis gegen das Ufer des nördhchen Eismeers gefunden.
Von allen aus dem Gemündener Maar angeführten Arten erhielt
ich nur sehr wenige geschlechtsreife Thiere und ich hatte besonders
bei dem Diaptomus Mühe, aus dem reichen Material eine genügende
Zahl ausgewachsener Exemplare für die Untersuchung zu finden.
Alle Copepoden waren sehr stark roth gefärbt, am intensivsten
der Diaptomus. Der Farbstoff war hauptsäclilich an Fett gebunden
und konnte mit diesem durch Aether ausgezogen werden.
Wiederum anders als in der Fauna der zwei besprochenen
Maare, ist die Gruppe der Copepoden, welche das
III. Holzmaar
beleben, zusammengesetzt. Es finden sich nur noch die 3 in allen
Maaren gefundenen Cyclopiden:
1. Cyclops tenuicornis Claus.
2. — agilis Koch.
3. — maarensis n. sp.
Die Calaniden sind durch:
4. Diaptomus castor lurine.
vertreten. In meiner Inaugural - Dissertation 1) stellte ich, wie die
meisten meiner Vorgänger D. castor lur. dem D. coeruleus Fisch,
gleich. Herr A. Poppe in Vegesack hatte die Güte, mich auf meinen
Irrthum aufmerksam zu machen und sandte mir Exemplare von
Diaptomus castor, an welchen ich mich überzeugen konnte, dass der
Beschreibung in der erwähnten Arbeit Diaptomus coeruleus Fischer
zu Grunde lag. Beide Arten sind scharf von einander getrennt.
') Die freilebenden Copepoden Württembergs nud angrenzender Gegenden.
(Jabreshefte d. Vereins für vaterländische Naturkunde in Würtemberg 1886 p. 167.)
8**
I^'i rjr Julius Vosseier:
In dem letzten der untersuchten Maare dem
IV. PiÜYermaar
befanden sich nur die 3 Cyclopsarten
1. Cyclops tenuicornis Claus.
2. — agilis Koch.
3. — maarensis n. sp.
Unter den 3 Gattungen von Copepoden, welche nach den obigen
Ausführungen in den Maaren vorkommen, ist das
1. Genus Cyclops mit 6 Artem
2. — Canthocamptus mit l Art
3. — Diaptomus mit 3 Arten
vertreten. Eine besondere Erwähnung verdient das seltsame Auf-
treten der Diaptomus coeruleus und D. castor. Ersterer findet sich
gewöhnlich in grösseren Wasseransammlungen. Allein bis jetzt ist
mir kein Fall bekannt geworden, wo er, wie in dem grossen Laacher
See, der pelagischen Fauna angehört, ja sogar, was Copepoden
anbetrifft, diese beinahe ausschliesslich gebildet hätte. Der nach
übereinstimmenden Angaben mehr den kleinen stagnierenden Wassern
angehörige D. castor wagt sich in dem Holzmaar in ein relativ
immerhin grosses Becken, während für den kleinen D. graciloides sich
die Angaben Lilljeborgs, wonach jener besonders grosse Wasser liebt,
bestätigen.
Wie wohl in den meisten Fällen, sind auch wahrscheinlich alle
Wasser in dem Gebiet der Eifel durch passive Einwanderung mit
Copepoden bevölkert worden. Active Einwanderung könnte ohnehin
nur in den Maaren stattfinden, welche mit dem Flusssystem der
Mosel und des Rheins in Verbindung stehen, z. B. in dem Laacher
See. Ich glaube jedoch mit gutem Grund annehmen zu müssen, dass
der genannte See seinen Artenreichthum dem durch seine Flächen-
ausdehnung bedingten gösseren Zuzug von Wasservögeln und —
Insekten verdankt. Diese namentlich spielen nach den neuesten
Untersuchungen Migula's*) offenbar bei derBesiedelung abgeschlossener
Wasserbecken mit niederen Thieren eine ganz wichtige Rolle. Durch
Verschleppung allein erhielt das ganz abgeschlossene Gemünder Maar
seine immerhin noch beträchtliche Copepodenfauna.
Nach den erhaltenen Resultaten erscheint es nur wünschenswerth,
dass auch die noch nicht durchforschten Maare zum Gegenstand
genaueren Studiums gemacht werden. Auch die schon behandelten
Maare werden bei erneuten Fischereien (vielleicht in verschiedenen
Jahreszeiten) immer noch vieles Interessante bieten. Schon der
merkwürdige Umstand, dass in den meisten Maaren in der für die
Fortpflanzung der Copepoden scheinbar günstigsten Zeit so wenig
Thiere mit reifen Geschlechtsprodukten gefunden wurden, reizt zu
weiterer Untersuchung.
) Vergl. : Biologisches CeiitJ'alblatt No. 17. 1888.
Die Copepodeufaiuia der Eifelinaare. 123
lieber einen Cyclops mit yerkrüppelter Furka
von
Dr. J. Vosseier.
Taf. VI. Fig. 16.
Bei der wiederholten Durchsicht des Materials an Copepoden
aus dem Laacher See fiel mir ein Cyclops agilis Koch auf, dessen
Furka auf merkwürdige Weise verkrüppelt war. Die rechte Furka-
hälfte (die Abbildung stellt die Unterseite dar) ist dünner und etwa
Vs kürzer als die linke. Die Borsten sind auffallenderweise an dem
kleineren Gliede eben so stark entwickelt, wie am normalen; nur
ist die äussere Endborste a^ an die Stelle geschoben, welche am
normalen Körpertheil die äussere Seitenborste b einnimmt. Diese (b ^)
sitzt am rechten Furkatheil etwa in der Mitte, ist also ebenfalls
gegen den Kopf zu versetzt. Weitere Abweichungen vom normalen
Bau zeigen auch die 3 letzten Hinterleibsringe, indem sie nicht gerade
hintereinander liegen, sondern eine schwache Krümmung nach rechts
bilden. Der letzte von ihnen, welcher die Furka trägt, fällt überdies
durch unsymmetrische Entwicklung auf. Entsprechend den Grössen-
verhältnissen der beiden Furkahälften, ist die linke Seite des genannten
Ringes bedeutend breiter, als die rechte. Die für die Furka dieser
Art charakteristische Säge endigt regelrecht jederseits über der
äussern Seitenborste, beginnt aber auf der rechten Seite, nicht wie
links, direkt unter dem Hinterrand des letzten Segments, sondern
etwas weiter hinten. Diese Verkrüppelung kann angeboren sein, ist
aber wohl eher durch einen späteren Unfall (Welleicht unglückliche
Häutung) entstanden. Bei Reproduction des verlorenen Furkatheils
ergänzte sich dann derselbe nicht wieder zur normalen Grösse,
womit allerdings die Verschiebung der genannten Borsten nicht leicht
zu erklären ist.
Erklärung der Tafel VI.
Fig. 1—7. Cyclops maarensis u. sp.
Fig. 1. Furka.
2. Erste Antenne des $.
» 3. Zweite » » »
4. Maxillarfuss.
5. Dorn von der Spitze der Scbwimmbeiue.
6. Rudimentärer Fuss.
» 7. Die 2 mittleren Schwanzborsten des ^ a) innere, b) äussere.
124 Dr- Julius Vosseier: Die Copepodenfauna der Eifelmaare.
Fig. 8—14. Diaptomus graciloides Lillj.
Fig. 8. Fünftes Fusspaar des ^ a) rechter, b) linker Fuss.
9. Rechter Fuss des 5ten Paares vom $.
» 10. Unterer Maxillarfuss.
» 11. Mandibel.
.' 12. Erster rechter Schwimmfuss.
» 13. Rechte genicuHrende Antenne des ^.
» 14. Ganzes Thier ($). Vergr. ^'y^.
» 15. Cyclops maarensis nov. spec. $. Vergr. ^"/i-
» 16. Furka eines Cyclops agilis Koch von unten.
Beiträge zur Fauna Spitzbergens.
Resultate einer im Jahre 1886 unternommenen Reise
von
Dr. Willy Kükenthal — Jena.
Unter Mitwirkung der Herren Dr. von Marenzeller (Wien), Dr.
E. Meyer (Neapel), Dr. Trautzeh (Jena), Prof. Dr. Cobb (München),
Dr. Vosseier (Tübingen), Dr. Giesbrecht (Neapel), Dr. Pfeffer
(Hamburg).
.Erster Theil.
Hierzu Tafel VII. und VTLI.
Vorliegende Arbeit hat den Zweck, die Kenntnisse der Fauna
Spitzbergens zu erweitern.
Veranlassung zu derselben bildet eine Fahrt, welche ich im
Jahre 1886 zu zoologischen Zwecken in das nördliche Eismeer und
nach Spitzbergen unternommen habe. Vom 28ten April bis zum
23ten Juni kreuzte unser Segler, ein Tromsöer Fangsschili', auf
hoher See, zwischen Ostgrönland und Spitzbergen, um hier der Jagd
auf den ,,Bottlenoswal" Hyperoodon rostratus obzuliegen.
Leider fand sich hier wenig Gelegenheit Material für systematische
Zwecke zu sammeln, da besonders in dieser Jahreszeit das Eismeer
sehr stürmisch ist, und unsere Zeit mit dem Walfang, sowie für mich
speciell mit anatomischen Studien an diesen Thieren vollständig aus-
gefüllt war. Nur wenige Male vermochte ich das pelagische Netz
auszuwerfen, und die erbeuteten Thiere zu conser\ären.
Viel günstiger gestalteten sich die Verhältnisse auf Spitzbergen.
Bis Ende Juli lagen wir vor der Mündung des Ruselves, und bis
Ende August in der Adventbai. Während dieser Zeit vermochte ich.
Dank des Entgegenkommens unseres Schiffers, des Herrn Morton
A. Ingebrigtsen, 93 Mal mit dem Schleppnetz zu arbeiten, mehrere
Male sogar in Tiefen von 300—400 Meter. Nur ein paar Tage, als
wir vom Eise hart bedrängt wurden, erlitt die Arbeit eine Unter-
Arch. f. Natuigesch. Jahrg 1889. Bd. I. H. 2. 8**
126 Dl-- Willy Kükenthal:
brechimg. Die Thiere wurden, soweit es die Verhältnisse gestatteten;
nach den gebräuchHchen Methoden conservirt. Fast durchgängig ist
der Meeresboden des Eisfjords mit feinem Schlamm bedeckt, nur an
einigen Stellen fand sich Steinboden vor; dies war meist in ge-
ringerer Tiefe der Fall. Auf diesem Steinboden erhebt sich ein
förmlicher Wald von grossen Tangpflanzen, die indessen nur selten
die Oberfläche erreichen. Von diesen Tangen, auf denen eine reiche
Thierwelt haust, erhielt ich in kürzester Zeit ganz kolossale Massen,
indem ich einen nicht zu schweren, fünfarmigen Anker am Grunde
entlang ziehen Hess. Für das Dredgen in grösseren Tiefen ist es
sehr zweckmässig das Tau an einer grösseren Treibeismasse zu be-
festigen, die mit Leichtigkeit die sonst so anstrengende Arbeit des
Vorwärtsziehens übernimmt. Einen reichen Fang machte ich, als
das mehrere Hundert Meter lange aus Tauen und Stricken gefertigte
Netz, welches zum Fange des Weisswals (Beluga leucas) benutzt
wurde, nach langem Liegen im Wasser wieder ans Tageslicht kam, es
war mir nicht annähernd möglich, alle bei dieser Gelegenheit er-
beuteten Thiere, besonders Polytioiden zu conserviren.
Diese Massenhaftigkeit der Individuen erscheint schon auf den
ersten Blick als characteristisch für die arctische Fauna. Das
krystallklare Meer ist bevölkert mit ungeheuren Schaaren von Clio
horealis und Limasina arctica, von Ctenophoren und Crustern, und
der herausgesiebte Inhalt von nur ein paar Cubikfuss Meeresbodens
enthält Tausende von Individuen, besonders von Anneliden. Dem
gegenüber ist die Artenzahl eine verhältnissmässig geringe.
Die Landfauna konnte ich leider fast gar nicht berücksichtigen,
da wir uns nur wenige Male, und stets zu Jagdzwecken in das
Innere hineinbegaben; sie ist, wie bekannt, eine sehr ärmliche, indes
sind die einzelnen Formen von hohem Interesse.
Nach meiner Rückkehr übergab ich das gesammelte Material
verschiedenen Specialforschern zur Bearbeitung. Es erschien mir
sehr 2;;»veckmässig, die systematischen Ergebnisse möglichst gesammelt
zu veröffentlichen, und wenn auch, wie das in der Natur der Sache
Hegt, grosse Lücken vorhanden sind, so hoffe ich doch, dass diese
Beiträge unsere Kenntnisse der Fauna Spitzbergens in manchen
Punkten erweitern, und für spätere Forscher, welche sich mit diesem
Gegenstande beschäftigen, nicht ohne Nutzen sein werden.
Der hier vorliegende Theil enthält folgende Aufsätze:
Dr. V. Marenzeller (Wien): Anneliden (mit Ausschluss einiger
besonders bearbeiteter Gruppen).
Dr. E. Meyer (Neapel): Terehelloiden.
Dr. Trautzsch (Jena): Polynoiden.
Dr. Kükenthal (Jena): Opheliiden.
Dr. Cobb (München): Parasitische Nematoden,
Beiträge zur Fauna Spitzbergens. 127
Dr. Vosseier (Tübingen): Amphipoden und Isopoden.
Dr. Giesbrecht (Neapel): Pelagische Copepoden.
Dr. Küken thal (Jena): Notizen über Hyperoodon rostratus LiU-
jeborg und Belnga lencas Gray.
In einem demnächst erscheinenden zweiten Theile sollen die Re-
sultate der von Herrn Dr. G. Pfeffer (Hamburg) an den gesammelten
Hydroiden, Bryozoen, Ecliinodevmen, Mollushen und Tniticuteu an-
gestellten Studien mitgetheilt werden.
Jena, im Januar 1889.
Dr. W. Kükenthal.
Spitzbergische Anneliden
von
Dr. E. von Marenzeller.
Nephthys caeca F. Die von Mcdmgren N. ciliata 0. F. Müll
genannte Form. Tiefe: 60, 10, 160, 120 m. Grund: Steine mit
Mud, Mud.
Nephthys mahngreni Theel. Tiefe: 160, 120 m. Grund: Mud,
Mud und Steine.
Fhyllodoce groenlandica Oerst. Tiefe: 20, 45, 40 30, 80, 100,
250, 12, 160, 120 m. Grund: lehmig, lose Steine, lose Steine mit
Lehm; Mud, Steine mit Mud.
Eteone spefsbergensis Mgrn. Tiefe: 20, 45, 40, 80, 30, 60, 10 m.
Grund: lehmig, lose Steine, lose Steine mit Lehm, Steine mit Mud,
Mud, Tang mit Steinen.
Eteone ardica Mgrn. Die Form der Ruder stimmt gut mit den
Zeichnungen Theel'sO (PI. IL Fig. 24.) Der Eingang in den Magen
ist wie in den Exemplaren Malmgren's mit einem Kreise von 1 5 Papillen
umgeben. Die Rüsselröhre ist an den in Alcohol gelegenen Thieren je
nach dem Grade der Contraction mehr oder weniger runzlig. Diese
Querwülste gleichen sich jedoch nach kurzer Einwirkung von Wasser aus,
und die Rüsselröhre ist dann in ihrer ganzen Länge fast so glatt wie
in der Nähe der Mundöffnung. Die knötchenartigen über die ganze
Oberfläche unregelmässig vertheilten Papillen in der Figur Malm-
gren's sind allzusehr schematisirt. Unmittelbar hinter dem Kopf-
lappen bemerke ich ein dem ersten Segment aufsitzendes medianes
kleines weissHches Knötchen von dem Durchmesser eines Fühlercirrus.
Tiefe: 12 m. Grund: Mud.
') Les Annelides polychetes des mers de la Nouvelle - Zemble in: Kougl.
Svenska Vetensk. Akad. Handling. Bd. 16. 1879.
128 r>i'- Willy Kükenthal:
Castalia aphroditoides F. Bei der Zergliederung der Ruder einer
Castalia, welche man für C. arctica Mgrn. halten könnte, da in
dem unteren Ruderaste zwei Aciculen in dem oberen nur eine vor-
handen zu sein schien, stellte sich heraus, dass auch in dem oberen
Ruderaste constant zwei Aciculen, auftreten. Die zweite ist nur viel
schwächer, kürzer und liegt der stärkeren dicht an, so dass sie leicht
übersehen werden kann. Ich fand ferner in den Rudern eines zum
Theil erhaltenen grösseren Thieres drei Aciculen wie bei C. fahricii
Mgrn. Auch der Rüssel entspricht dieser Art. A. Wiren^) (p. 401)
war somit vollkommen im Rechte auf Grund des von der Vega-
Expedition gesammelten Materials die Vereinigung der C. arctica
Mgrn, mit C. /aönm Mgrn. unter dem von Fabricius eingeführten
Namen „aphroditoides^ vorzunehmen. Tiefe: 75 u. 100 m. Grund:
Steine.
Syllis (Typosijllis) fasciata Mgrn. Wie bereits Theel (1. c. p. 39)
bemerkt, sind die Glieder der Rückencirren zahlreicher als Malmgren
angiebt. Die Borsten zeigen unter stärkerer Vergrösserung einen
feinen subapicalen Dorn. Aciculen sind in den vorderen Rudern
fünf, in den hinteren vier vorhanden. Eine hiervon ist sehr fein.
Tiefe: 20, 45, 40, 170, 85, 75, 10, 4, 3 m. Grund: lehmig, lose
Steine, lose Steine mit Lehm, Tang und Steine.
Nereis zonata Mgrn. Theel (1. c. p. 42) hielt die allgemein ange-
nommenen Unterschiede zwischen dieser Art und N. pelagica C. nicht für
sehr wesentlich. Ich bin jedoch der Ansicht, dass man N. zonata stets
nach der Färbung, der Anordnung der Paragnathen in der lateralen
Gruppe (VI) des oralen V^ulstes und auch nach der Form der
Sichelborsten abtrennen kann. In der medianen Gruppe des maxillaren
Wulstes (I) findet sich gewöhnlich nur ein Kieferspitzchen, selten
sind zwei vorhanden. In der Gruppe VI treten fünf bis zehn (am
häufigsten sieben) Kieferspitzchen jederseits, gegen vier oder drei
bei N. pelagica, auf und zwar ist die Zahl links und rechts selten
gleich. In einem einzigen Falle sah ich auch in dem medianen
Theile (V) des oralen Wulstes ein Kieferspitzchen.
N. zonata und pelagica kommen nebeneinander vor, wie auch die
vorliegende Sammlung beweist. Doch scheint N. pelagica an Spitz-
bergen selten zu sein. Auf 70 N. zonata kamen nur 3 N. pelagica.
Tiefe: 20, 45, 40, 80, 60, 100, 85, 75, 12, 10, 85, 120, 20 m. Grund:
lehmig, lose Steine, lose Steine mit Lehm, Steine mit Mud, Mud,
Tang und Steine.
Nereis pelagica L. Unter den Exemplaren befand sich ein
epitokes cJ, das durch die grasgrüne Färbung mit dunkelblauen
Reflexen auf dem Kopflappen und Rücken einiger folgenden Segmente
auffällt. Wie gewöhnlich waren die 16 ersten Ruder unverändert.
') Chaetopoder ft-än Sibiriska Ishafvet och Berings Haf insamlade under
Vega-Expeditionen 1878— 79. in: Vega Expeditionens Vetenskapliga Jakttagelser
Bd II Stockholm 1883.
Beiträge zur Fauna Spitzbergens. 129
Levinsen i) (p. 234) giebt an, dass bei dem epitoken ^ die 16 ersten,
beim ? die 19 ersten „Ringe" unverändert seien. Es muss heissen:
Ruder (Parapodier). Ebenso ist in der zusammengefassten Diagnose
der N. pelac/ica von Ehlers 2) (p. 512) zu ändern: Vom 18. (statt 17)
Segmente ab sind die Ruder bei dem ^ vergrössert, bei dem ? vom
19. (statt 18.). Mit der vorigen Art.
Lambrmerels fragilis Müll. Tiefe: 20, 45, 40, 80, 30, 60, 100,
12, 10, 85 m. Grund: lehmig, lose Steine, lose Steine mit Lehm,
Steine mit Mud, Mud, Tang und Steine.
Diopaira conchylega Sars. Unter sechs Individuen, denen der
Hinterleib fehlte, fand ich die durchwegs am 11. Ruder beginnenden
Kiemen an zwei nicht wie gewöhnlich einfach, sondern mehr minder
kammförmig. Im Uebrigen ergaben sich keine Differenzen. An dem
einen Exemplare mit 40 erhaltenen Rudern entstanden am 11. und
12. Ruder zwei Kiemenfäden nebeneinander, der eine nach vorn, der
andere nach hinten gerichtet. Beide waren nur wenig kürzer als
der Cirrus. Am 13. Ruder ein kurzer Kiemenstamm mit drei Kamm-
zähnen, von welchen der oberste sehr kurz war. An dem zweiten
Exemplare mit 23 erhaltenen Rudern fand sich am 11. und 12. Ruder
nur ein kurzer Ansatz zum Kiemenfaden vor. Am 13. Ruder eine
Kieme mit zwei Kammzähnen. Hier fielen mir die am Ende blasig
aufgetriebenen Rückencirren des 12. und 14. Ruders beider Seiten
auf. An den Kiemen der folgenden Ruder entwickeln sich die Kamm-
zähne immer deutlicher, doch unterHefen stets noch einige Ruder mit
einfachen Kiemen, Auch herrschte keine Regelmässigkeit in der
Form des Hauptstammes sowie der Kammzähne und deren Zahl.
Die ersteren waren oft verkürzt, verdickt und die Kammzähne sehr
ungleich an Grösse oder sie setzten manchmal sekundäre Kammzähne
an. Die höchste Zahl der Kammzähne war vier. Dieser Fall beweist
die geringe Bedeutung der Kiemenform für die Definition der Art
oder die Bildung von Gruppen innerhalb einer Gattung. Den Gattungs-
namen Diojmtra wende ich im Sinne von Quatrefages und Ehlers
für einschlägige Formen mit Fühlercirren ohne Rücksicht auf die
Kiemen an. Zu (hiuphis würden die Formen ohne Fühlercirren
gehören. Tiefe: 160, 120 m. Grund: Mud, Mud und Steine.
Glycera capitata Oerst.
Scalibregnia inflatum Rathke. Tiefe: 120, 160 m. Grund:
Mud und Steine, Mud.
Stylarioides hirsxdus Hansen. 3) Auf diese Art beziehe ich nach
der Beschaffenheit der Bauchborsten und Hautpapillen einen in
mehreren Exemplaren vorliegenden Stylarioides , der sich aber hin-
') Systematisk - geografisk Oversigt over de nordiske Annialata etc. in:
Vidensk. Meddel. fra den naturh. Foren, i Kjebenhavn 1882 og 1883.
") Die Borstenwürmer. Leipzig 1864—68.
*) Armauer Hansen. Annelida in: The Norwegian North -Atlantic
Expedition 1876-1878. Christiania 1882, p. 38, PI. Vn, Fig. 5—8.
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1889. Bd. I. H. 2. 9
130 Dr. Willy Kükenthal:
sichtlich der Tentakeln und Kiemen wieder von den Angaben des Autors
entfernt. Hansen bemerkt diesbezüglich: within the restricted siphon
occur two short, broad petaloid tentacula posterior to which are seen
8 styliform branchiae. Ich fand dagegen die Tentakeln bei einer
Länge von 5 "5 mm, 0*28 mm breit und von den 8 Kiemenfäden vier
fast so breit wie diese, vier andere nur halb so breit. Diese Differenzen
würden, wenn sie thatsächlich beständen, die Möglichkeit einer Ver-
einigung ausschliessen, allein ich habe wegen der Uebereinstimmung
in den anderen Charakteren, nach welchen man die hierher gehörigen
Formen zu unterscheiden pflegt, allen Grund anzunehmen, dass auch
sie sich in der Folge ausgleichen dürften. Petaloide Fühler wären
etwas sehr Ungewöhnliches.
Die nordischen Stylarioides ( Trophonia aut.) - Arten sondern
sich nach den Kiemen in zwei Gruppen. Mit 8 gleich starken
Kiemen: St. pbimosus Müll., flahellatns Sars. Mit 4 stärkeren und
4 schwächeren Kiemen: St. glaucns Mgrn. In diese zweite Gruppe
müsste ich St. hirsvtus stellen. Die Beziehungen zu St. glaucus
werden um so inniger, weü wie bei diesem die ventralen Borsten
den dorsalen Haarborsten gleich sind, während sie bei den Arten
der anderen Gruppe stets an einer grösseren oder geringeren Zahl
der Segmente nicht unbeträchtHch abweichen. Es wäre deshalb
zu erwägen, ob nicht St. hirsvtus blos eine Varietät des St. glaucus
sei. Die wenigen schlecht erhaltenen Exemplare dieser Art, über
welche ich verfüge, gestatten mir nicht eine bestimmte Aeusserung.
Le\dnsen jedoch (1. c. p. 122), der gemss über reichliches Material
gebot, hält die Art aufrecht, während er die anderen Stylarioides-
Arten von Hansen, arcticns, horealis, rugosus zu dem in Hinsicht
auf die Grösse und Zahl der Hautpapillen, die Länge der vordersten
Haarborsten und zum Theil auch die Form der Bauchborsten sehr
veränderlichen St. plumosus Müll, zieht. St. hirsutus war bisher nur
unter 62 ^ 44' nördl. Br., !<> 48' östl. Länge und unter GS«' 10' nördl.
Br., 4^ östl. Länge in Tiefen von 753 und 763 Meter in der kalten
Zone gefunden worden.
Die Farbe der mir vorliegenden Exemplare ist zimmtbraun von
der Oberfläche aufgelagertem Schlamm, der sich besonders um die
Basis der Papillen anhäuft. Viele Individuen waren verstümmelt
oder zeigten ein reproduzirtes Hinterende. Vollständige hatten bei
einer Länge von 16, 20, 25, 27 mm 34, 42, 33, 39 Segmente. Die
Breite des Vorderleibes betrug 2 • 5 — 3 " 5 mm. Die Gestalt gleicht der
von St. glaucus Mgrn. Der die Fühler und Kiemen tragende Vorder-
theil des Körpers (Kopflappen und Buccalsegment der Autoren) ist
einstülpbar. Im ersten borstentragenden Segmente dorsal 5 — 6 etwa
1*7 mm lange Borsten, ventral 6—7 \iel kürzere. Die dorsalen
Borsten der nächsten 8 Segmente kürzer als die ersten. Dann aber
nehmen sie an Länge zu und werden selbst länger als die des ersten
borstentragenden Segmentes, um erst wieder in den hintersten Seg-
menten abzunehmen. Dorsale Borsten sind 9 — 12, ventrale 6 — 8
Beiträge zur Fauna Spitzbergens. 131
(meist 6) vorhanden. Die letztern sind stets kürzer als die dorsalen,
aber breiter. Ihre Gliederung gleicht j.ener der dorsalen nur in den
ersten Borstenbündeln, in den übrigen zeigt sie die von Hansen bis
auf den Umstand, dass er die im Verhältnisse zu den übrigen auf-
fallende Länge einzelner Glieder, welche den kürzeren der Basis vor-
angehen, nicht genügend hervorgehoben, gut wiedergegebenen Eigen-
thümlichkeiten. Sehr auffallend sind die zahlreichen, langen steifen,
weisslichen, scheinbar cylindrischen Papillen des Rückens. In der
Umgebung der dorsalen Borsten erreichen sie eine Länge von 1 mm.
Ich muss mich noch über die Verwendung des Gattungsnamens
Stylarioides Chiaje 1829 an Stelle der von Malmgren eingeführten
Bezeichnung TrojÄonia Aud. M.-E. äussern. Jene Gattung ist, wenn
auch vielleicht nicht älter als die für dieselbe Art von Audouin und
Milne Edwards errichtete Gattung Tro/>honia, doch früher pubHcirt
worden. L. Agassiz setzt allerdings im Namenciator nach der Quelle
(Litt, de la Fr.) die Jahreszahl 1829, allein es hat den Anschein, dass
er nur nach dem um diese Zeit zur Publication bestimmten, aber
nicht publicirten Manuscripte citirte; denn Cuci'-r bemerkt in der
1830 erschienenen Ausgabe des Regne animal in dem Verzeichnisse
der von ihm erwähnten Autoren und Werke unter Audouin avec
Milne Edwards: Histoire naturelle des animaux du littoral de la
France encore manuscrite. Auf Seite 211 desselben Werkes findet
man in einer Note den Hinweis auf Trophonia barbaia Aud. et Edw.,
Littor. de la France; Annel. pl. X. f. 13 — 15. Dieses Werk erschien
aber erst 1834 und die letzte Tafel trägt die Zahl 8. Des Namens
Trophonia wird nur vorübergehend bei Besprechung der Savigny'schen
Gattung Aristenia Erwähnung gethan. Erst die illustrirte Ausgabe
des Cuvier'schen Regne animal, welche 1836 — 4G erschien, enthält
die Abbildung der Trophonia harhata Aud. M.-E. ohne nähere Be-
schreibung, und da der Text nur eine Copie der früheren Ausgabe
ist, auch wieder obiges unbegründetes Citat. Das betreffende, die
Anneliden enthaltende Heft, muss vor 1841 veröffentlicht worden sein,
weil Delle Chiaje im V. Bande der Descrizione e notomia etc. p. 96
Trophonia harhata mit einem Fragezeichen als Synonym von Stylarioides
moniliferus anführt. So weit meine Kenntnisse reichen, kann nur
das illustrirte Regne animal als Quelle gelten, und Grube, Quatre-
fages, Claparede geben gleichfalls keinen anderen Hinweis. Es
hat somit Stylarioides, Trophonia zu ersetzen, und letzter Name ist
ganz zu streichen. Will man die hierher gehörigen Arten auf mehrere
Gattungen vertheilen, und die Nothwendigkeit leuchtet mir ein, so
möge man neben Stylarioides noch andere Namen einführen, vor
Allem wäre aber Sorge zu tragen, diese neuen Gattungen auf bessere
Füsse zu stellen als dies bisher geschehen. Die von Claparede und
Grube für Stylarioides und die gleichzeitig verwendete Gattung
Trophonia gegebenen Charaktere sind ganz ungenügend oder un-
gerechtfertigt. Durch Berücksichtigung der Kiemen und Borsten
dürfte man zum Ziele gelangen. Tiefe: 10, 20, 120, 160 m., Grund:
Mud und Steine.
9*
132 I>r- Willy Kükentbal:
FlahelUgera affinis Sars.
Brada villosa Rathke. Tiefe: 30, 60, 12, 3 m., Grund: Mud,
Steine mit Mud, Tang und Steine.
Spiochaetopterus tr/picits Ssirs. Tiefe: 160, 120 m., Grund: Mud,
Mud und Steine.
Spio cirrata Sars. Mit dem vorigen.
Spio filicornis F. Tiefe: 80, 10 m., Grund: Steine mit Mud, Mud,
Aricia armigera MüU. Tiefe: 20, 45, 40, 80, 30, 60, 100, 10,
85, 160, 120 m., Grund: lehmig, lose Steine, lose Steine mit Lehm,
Steine mit Mud, Mud, Tang und Steine.
Chaetozone setosa Mgi'n. Die Diagnose Malmgren's ist durch
die Angaben Theel's (l. c. p. 54) über die Büdung des Kopflappens
und die Anwesenheit von Tentakelfäden, welche er in Bezug auf bei
Nowaja Semlja gefischte Chaetozonen machte, zu ergänzen, da ich
dieselioen Verhältnisse an den mir zahlreich vorliegenden theilweise
vollständigen und wohl als typisch zu betrachtenden Exemplaren ge-
sehen. Nur steht der erste Kiemenfaden jederseits nicht so sehr
aussen und neben dem Tentakalfaden , als aussen und hinter
demselben. Der Punkt, wo die dorsalen Borstenreihen mit den
ventralen verschmelzen und die kurzen und starken Borsten in einem
Halbgürtel mit feinen abwechseln, liegt weit nach rückwärts, in einem
Falle im 67, in einem anderen im 75 borstentragenden Sigmente,
ist aber nicht mit Sicherheit festzustellen, weil der Wechsel kein
plötzHcher ist. Das Stärkerwerden der ventralen Borsten und die
Umwandlung der dorsalen in solche von Gestalt der ventralen ist
eine allmähliche. Im letzten Drittel des Körpers und besonders dem
Ende zu springen die Segmente seitHch vor. Tiefe: 20, 45, 40, 80,
30, 60, 12, 160, 120 m., Grund: lehmig, lose Steine, lose Steine mit
Lehm, Steine mit Mud, Mud, Steine mit Mud.
Capitella capitata F. Tiefe: 30, 160, 120 m., Grund: Mud, Mud
und Steine.
Maldane sarsi Mgrn. Tiefe: 10 m., Grund: Mud. • j ,
Nicomache lumbricalis F. Tiefe: 100, 75m., Grund: Steine. ■
Axiothea catenata Mgrn.
Praxilla praetermissa Mgrn. Tiefe: 30, 60, 100, 75, 12 m., Grund:
Mud, Steine mit Mud, Steine.
Ampharete griibei Mgrn. Tiefe: 75 m., Grund: Steine,
Sabeäa fabricii Kröy. Tiefe: 160, 100 m., Grund: Steine.
Laonorne kröyeri Mgrn. Tiefe: 100, 75 m., Grund: Steine.
Euchone analis Kröy. Tiefe: 12 m., Grund: Mud.
Euchone papillosa Sars. Tiefe: 160, 120 m., Grund: Mud und
Steine, Steine und Tang.
Dasychone infarcta Kröy. Tiefe: 160, 100 m., Grund: Steine.
Chone infandihuUformis Kröy. Tiefe: 20, 45, 40, 85, 100, 10,
160, 120, 20 m., Grund: lehmig, lose Steine, lose Steine mit Lehm,
Steine, Tang und Steine, Mud, Mud und Steine.
Beiträge zur Fauna. Spitzbergens. 133
Terebelloidea
bestimmt
von
E. Meyer, Neapel.
(Vergl. über die Bedeutung dieses Namens meine „Studie I"
in: Mitth. Z. Stat. Neapel, 7. Bd., pag. 596 die Fussnote; die Bezeich-
nung der Familien und Subfamilien ist im Malmgren' sehen Sinne.)
Farn. Terebellacea.
Subfam. Amphitritea.
(Die hierher gehörigen Arten sind nach Malmgren — 1865.
„Nordiska Hafs-Annulater" — bestimmt und die Benennungen nach
Marenzeller — 1884. „Zur Kenntniss der adriatischen AnneHden.
Pritter Beitrag. [Terebellen (Amphitritea Mgrn.)]" in: Sitz. Ber.
Akäd. Wien 89. Bd. p. 151—215 — berichtigt. Im Folgenden sind
die abweichenden Malmgren' sehen Bezeichnungen in Klammern
beigefügt.)
1. Amphitrite cirrata. 0. F. Müll.
6. Jidi . — 60 m. 1 Exemplar.
8. „ - 75 m. 1
21. „ (Isesund) — 85 m. 1
2. Nicolea (Sione) lohata. Mgrn.
(wann?) (Tiefe?) 1 Exemplar.
3. Nicolea venustula Mont. (N. zostericola Oerst.)
23. Juli — 200 m. 1 Exemplar.
4. Thelepus cincinnatus F. (T. circinnatus).
3. Juli —110 m. 2 Exempl.
Subfam. Polycirridea.
(Ebenso— bestimmt nach Malmgren 1. c, berichtigt nach
Langerhans — 1884. „Die Wurmfauna von Madeira. IV." in; Zeit.
Wiss. Z. 40. Bd. pag. 247— 2&5.
134 Dr- Willy Kükenthal:
6. Polycirrus (Leucariste) albicans. Mgm.
23. Juli — 200 m. 2 Exempl.
? ? 6 „
6. Polycirrus (Ereutho) Smitti. Mgm.
6. Juli — 60 m. 1 Exempl.
6. „ - 85in. 1 „
31. „ — 160 m. 1
? ? 1 „
Subfam. Artacamacea.
(Bestimmt nach Malmgren 1. c.)
7. Artacama proboscidea Mgm.
? ? 6 Exempl.
Subfam. Trichobranchidea.)
(Bestimmt nach Malmgren 1. c.)
8. ? ? 6 Exempl.
Subfam. Corephoridea.
(Malmgren nennt sie Canephoridea, was unrichtig ist; vergl.
Grube — 1846 „Beschreibung neuer oder wenig bekannter Anneliden"
in: Arch. Naturg. 12. Jahrg. pag. 161 — 171.)
9. Terehellides StroemiL Sars.
Fam. Amphictenea.
(Bestimmt nach Malmgren, berichtigt nach Grube — 1870.
„Bemerkungen üb. d. Amphicteneen und Amphareteen Mgn." in:
48. Jahr. Ber. Nat. Sect. Schles. Ges. Vat. Cult. p. 68—85.)
10. Pectinaria {Cistenides) hyperhorea Mgrn.
23. Juli — 200 m. 6 Exempl.
24. „ — 10 m. 4 „
31. „ — 160 m. 12
? ? 24 „
(NB. Die angegebenen Zahlen beziehen sich auf die Röhren sowohl mit
als ohne Insassen.)
Beiträge zur Fauna Spitzbergens. 135
Zur Kenntnis der Polynoiden von Spitzbergen.
Von
Dr. Hermann Trautzseh.
Hierzu Fig. 1 — 3 auf Tafel VIT.
Die nachfolgenden Zeilen sollen den Zweck haben, das Material
an" Polynoiden, welches Herr Dr. Kükenthal von einer Reise nach
Spitzbergen als Ausbeute mitgebracht hat, in das System einzuordnen.
Die Bemerkungen, welche sich bei der Bestimmung der vorHegenden
Arten herausgestellt haben und welche oft eigenartige Streiflichter
auf die Systematik der Gruppe werfen, will ich an die einzelnen
Arten anschliessend einflechten.
Der Standpunkt, den ich bei den Bestimmungen festgehalten
habe, ist der G. M. R. Levinsens^), doch habe ich zur Vergleichung
immer die Werke Grubest), A. Hansens^), Malmgren's*), Oersted's^),
de Quatrefages«'), Sars^), Savigny's») und TheeFsS) herangezogen, ja in
einem Falle sah ich mich gezwungen, einzig und allein auf Malmgren
zurückzugreifen. Auf eine Kritik der Vorläufer Levinsens kann ich
verzichten, da dessen Worte genügen werden. Eingehender habe ich
mich dann in einer besonderen Abhandlung über systematische und
anatomische Untersuchungen mit der Polyno'idengruppe beschäftigt; hier
sei nur darauf hingedeutet, dass ich es biUigen kann, wenn Levinsen
einige genera Malmgren's wie Laenilla, Autinoe, Evarne etc. unter
das gemeinsame genus Harmothoe vereinigt hat, doch betone ich,
dass das Recht, auf diesem Gebiete der Systematik vollkommene
Ordnung zu schaffen, nur dem Bearbeiter einer umfassenden Mono-
graphie der Polynoiden zugestanden werden kann.
Das vorhandene Material stammt sämmtlich aus der Gegend des
Isefjord auf Spitzbergen und wurde in der Zeit vom 20. Juni bis
26. August 1886 erbeutet. Zur Untersuchung kamen gegen 1000
Individuen.
Die Ausbeute zeigt folgendes Resultat:
7 Arten des genus Harmothoe (Malmgren*), Levinsen i)
1. Äarmo^Aoe imbricata. Levinsen i) pag. 194/37. Malmgren*)
pag. 66 u. 71. 1865.
= Johnston (Harmothoe impar).
= Grube 2) (Polynoe imbricata).
= Müller (Polynoe cirrata).
^) Die Zahlen neben den Namen der Forscher verweisen auf das Litteratur-
Verzeichnis.
136 I>r. Willy Kükenthal:
2. Harm othol' xillosa. Levinsen^) pag, 193/36. Malmgren*) 1865,
pag. 79—80.
3. Harmothoe badia. Levinsen^) pag. 192/35. H. J. TheeP)
S. V. A. H. 16. 1878, pag. 18.
4. Harmothoe glabra. Levinsen^) pag. 193/36. Malmgren^)
1865, pag. 73.
5. Harmothoe aspera. Levinsen, pag. 193/36. G. Armauer
Hausen^) N. M. f. N., B. 24. 1878, pag. 1. („Polynoe aspera").
6. Harmothoe rarispina. Levinsen, pag. 192/35. Malmgren^)
1865, pag. 65, nennt sie aber: Lagisca rarispina.
= Grube 2) („Lagisca rarispina").
7. Harmothoe vittata, nova species.
2 Arten vom genus Nychia. Malmgren.
8. 1. Nychia globifera. Levinsen pag. 195/38. M. Sars^)
pag. 95, 1872.
9. 2. Nychia cirrosa. Levinsen pag. 195/38. PaUas. Malm-
gren*) 1865, pag. 57—58.
1 Art vom genus Eucranta. Malmgren*).
10. Eucranta villosa. Malmgren*) 1865, pag. 79—80.
1 Art vom genus Enipo. Mabngren.
11. Enipo Torelli. Levinsen pag. 196/39. = Nemidia Torelli,
Malmgren*) pag. 84, 1865. Armauer Hansen 3) 1880, pag. 226.
1. Harmotlioe imbricata.
Levinsen 1) pag. 194/37. Malmgren*) 1868, pag. 66 und 71.
= ,, Harmothoe impar", Johnston.
= ,, Polynoe imbricata", Grube ^).
= „Polynoe cirrata", Müller.
Dies ist die häufigste Form, sie findet sich am weitesten ver-
breitet und sowohl in den verschiedensten Tiefen als auf dem ver-
schiedensten Grunde. Man vergleiche folgende Fundstellen:
am 25. Juni in einer Tiefe von 40 m auf lehmigem Boden mit
Steinen,
„ 28. Juni in einer Tiefe von 100 m auf Steinboden,
„ 20. Juli in einer Tiefe von 10 und 20 m auf Steinboden und
zwischen Steinen und Tangen,
„ 21. Juli in einer Tiefe von 50 m auf Mudder,
„ 31. „ „ „ „ „ 120 und 160 m auf Mudder,
„ 26. August in einer Tiefe von 10 m auf Mudder.
Beiträge zur Fauna Spitzbergens. 137
Die Diagnose der Gattung Harmothoe wurde im Allgemeinen
sehr übereinstimmend gefunden, bis auf ein Exemplar, dem ich eine
kurze Besprechung noch besonders widmen werde. Dagegen stellte
es sich bei den Bestimmungen heraus, dass die Unterscheidungs-
merkmale der Art oft nicht so scharf dieselbe von ihren Verwandten
abzugrenzen vermochten, als es wünschenswert wäre. Besonders
schwer war Harmothoe imbricata von der nächsten Art, der Villosa-
form abzusondern, nur auf das grössere Hinneigen zur einen oder
der anderen Art Hess sich die Einordnung basieren.
Ein Vergleich beider Diagnosen wird die Schwierigkeiten klar
legen. Beide Formen stimmen in folgenden 7 Punkten überein
(s. Levinsen>) pag. 187—188 und 193—194).
1. Sie tragen mehr als 12 Paar Elytren.
2. Die Elytren decken die ganze Breite des Rückens.
3. Alle Ringe sind von Elytren bedeckt.
4. Vorhanden sind 15 — 16 Paar Elytren. (Anm. Bei jüngeren
Exemplaren 13 — 14.)
5. Ein unpaarer Fühler (= medianer Tentakel) ist vorhanden.
6. Die Rückenborsten sind dicker als die Bauchborsten, mit Quer-
reihen von Dornen besetzt, ziemlich breit, schwertförmig, fast
gerade oder nur schwach gebogen.
7. Alle oder ein grosser Teil der Bauchborsten mit zweispaltiger
Spitze oder mit einem Zahne unter derselben.
Nun die Unterschiede:
Harmothoe villosa hat Elytren, welche am Rand und auf der
Oberfläche mit dichten langen Cilien besetzt sind.
Harmothoe imbricata hat entweder gar keine oder nur zerstreute,
kurze Cilien an den Elytren.
Bei der Villosaform ist das Ende der Bauchborsten tief in zwei
Spitzen gespalten, bei der Imbricataform findet sich immer nur ein
Zahn unter der Spitze.
Wie schwache Anhaltspunkte diese Unterschiede für die Be-
stimmung bieten, wird einem jedoch erst klar, wenn man bedenkt,
dass solche Anhänge des Körpers benutzt werden, welche leicht ver-
letzt oder verloren werden können. Es mögen z. B. die langen Cilien
der Villosaform abgestreift, oder was noch wichtiger ist, der untere
Teil der Bauchborstenspitzen abgeschliffen werden, so ist die Imbricata-
form da. So fand sich ein Exemplar, welches trotz seiner voll-
kommen glatten Elytren, der Borstenform nach zu Harmothoe villosa
gehörte; andererseits waren nicht wenige Tiere vorhanden, welche
dicht mit Cilien besetzte Elytren trugen und doch nach ihren Borsten
unzweifelhaft zu Harmothoe imbricata zu stellen waren. Dass ich
mich bei der Einordnung hauptsächlich an die Form der Bauch-
borsten gehalten habe, wird jedem verständlich sein, weil doch die
Cihen der Elytren (übrigens ein wenig zutreffender Ausdruck) die
hinfälligeren Elemente bilden.
1^8 Dr. Willy Kükenthal:
Obwohl ich nun bei diesen Bestimmungen zu der Ansicht gelangt
bin, dass beide Arten durch eine ganze Reihe von Uebergängen ver-
bunden sind, hielt ich mich doch nicht für berechtigt, beide zu ver-
schmelzen, und ich gebrauche deshalb beide Namen im Sinne
Levinsens^); wenn ich auch gestehen muss, dass dieselben in Wirk-
lichkeit nur für die exti-emste Form Geltung haben dürften.
Betreffs der Nephridialpapillen (= Ventralpapillen, Grube 2) stellte
es sich heraus, dass dieselben bei den Exemplaren, welche ich für
die Villosafonn in Anspruch nahm, relativ länger waren (Länge:
Breite = 4:1) als bei den übrigen, Harmothoe imbricata zugehörigen,
(Länge: Breite = 3 : 1); doch fanden sich Uebergänge sowohl bei den
einzelnen Arten als auch Schwankungen an den Exemplaren selbst,
und da ich mich der Erkenntnis nicht verschhessen kann, dass die-
selben zurückziehbare Organe vorstellen, so muss ich darauf ver-
zichten, dieses Verhältnis als Species-Unterschied anzusprechen.
Wie ich schon erwähnt, fand sich unter dem Material von
Harmothoe imbricata ein Exemplar, welches nicht in das genus zu
passen schien.
Die Stellung der Elytren war nämlich eine vollständig andere,
als in der Genus-Diagnose (sub 3) angegeben ist. Die Elytren deckten
nicht die ganze Breite des Rückens, sondern sie Hessen an den
hinteren zwei Dritteln des Körpers zwischen sich einen Streifen des
Rückens frei, welcher ungefähr ein Drittel von dessen Breite betrug.
Dasselbe Verhältnis findet bei dem genus „Melaenis" (Malm-
gren*) 1865, pag. 78 und TheeP) pag. 22) statt; sowie bei „Her-
madion" Sars^) pag. 96), die Form der Borsten wies jedoch auf
Harmothoe, und andere grössere Abweichungen von Melaenis und
Hermadion bestimmten mich, dieses Moment als entscheidend an-
zusehen und das Exemplar zur Imbricataform zu stellen.
Auf eine Beobachtung muss ich noch aufmerksam machen, welche
im Gegensatz zu einer Aeusserung Kallenbach's ^^) (pag. 9) steht. Dieser
behauptet, dass die Färbung des Rückens eine sehr verschiedene,
aber immer an die Elytren gebunden sei. Die Färbung der Elytren
ist allerdings sehr verschieden, die der darunter Hegenden Rücken-
haut zeigt jedoch constant eine charakteristische Färbung; dass
dieselbe mit derjenigen von Harmothoe villosa vollkommen überein-
stimmt, kann in der Annahme der Identität beider Formen nur
bestärken.
Das vordere, sowie das hintere Drittel jedes Segments ist durch
eine dunkle (grauschwarze) Querbinde ausgezeichnet; das zwischen
diesen beiden gelegene Band ist von hellerer Färbung (meist gelb
bis gelbbraun) und trägt jederseits von der MitteUinie einen dunklen
Fleck (ebenfalls grauschwarz), welcher allmähHg in die hellere Färbung
des Mittelbandes übergeht.
Beiträge zur Fauna Spitzbergens. 139
2. Hannothoe villosa.
Levinseni) pag. 193/36. Malmgren*) 1865,_ pag. 79—80.
Da in den Untersuchungen über Harmothoe imbricata die ver-
gleichenden Betrachtungen bereits ihre Stätte gefunden haben, kann
ich mich hier damit begnügen, darauf hinzuweisen, dass beide Formen
immer in guter Nachbarschaft nebeneinander wohnen und in den-
selben Tiefen und auf demselben Grunde vorkommen, wie ein Ver-
gleich der Fundorte bestätigen wird.
Harmothoe villosa fand sich:
am 28. Juni in 100 m Tiefe auf steinigem Boden,
„ 8. Juli „ 175 m „ „ ,, „ >
„ 20. „ „ 10 m „ „ „ „ ,
„ 21. „ „ 85 m „ „ Stein und Mudder,
„ „ ,, „ 50 m „ „ Mudder,
„ „ „ „ 3 u. 4 m „ zwischen Steinen und Tangen.
Anmerkung: Hinsichtlich der Elytren muss ich erwähnen, dass
dieselben bei verschiedenen Exemplaren an ihrem Rande Knoten und
knopfartige Anhänge besitzen, welche auf Harmothoe nodosa, Levinsen^)
pag. 193/36 hätten hinweisen können, doch gab die Form der Bauch-
borsten entschieden den Ausschlag für ,, Harmothoe villosa".
3. Harmothoe badia.
Levinseni) pag. 192/35. H. J. TheeP) S. V. A. H. 16. 1878,
pag. 18.
Diese Form von Harmothoe findet sich ziemHch häufig, doch
scheint dieselbe so grosse Tiefen nicht erreichen zu können, wie die
beiden vorhergehenden Arten.
Fundorte :
am 28. Juni in 100 m Tiefe auf steinigem Boden,
„ 29. „ „ 80 m „ „ Lehmboden mit Steinen,
,, 5. Juu ,, ,, m ,, ,, ,, ,, 55
„ 21. „ „ 3u. 4m„ zwischen Steinen und Tangen.
„ „ „ „ 85 m ,, auf Stein und Mudder.
Die vorhandenen Exemplare weichen von der Diagnose Theels ^)
nicht ab, ich weise nur darauf hin, dass bei dieser Art die Nephridial-
papillen zu fadenartigen Gebilden ausgezogen erscheinen. (Länge:
Dicke = 6:1).
4. Harmothoe glabra.
Levinsen i) pag. 193/36. Mabngren ^) 1865, pag. 73.
Von dieser Art fanden sich drei Exemplare, die sämmtLich am
20. Juli in 10 m Tiefe zwischen Steinen und Tangen gefangen wurden:
dieselben weichen von den vorhandenen Beschreibungen nicht ab.
Erwähnenswert scheint mir, dass sie nur in so geringer Tiefe und
nur an einem Tage ins Netz gerieten, dies dürfte dafür sprechen,
dass diese Art eine seltene und mehr locale Form auf Spitzbergen sei,
1^0 • -Dr. Willy Kükenthal:
5. Harmothoe aspera.
Levinsen ^) pag. 193/36. = „Polynoe aspera", A. Hansen ^).
Das einzige Exemplar stimmt mit der Diagnose Hansen's voll-
kommen überein, selbst der Besatz der Elytren mit spitzen Dornen
bot das Bild, welches Hansen davon giebt. Fundort: 26. August,
10 m. Tiefe.
6. Harmothoe rarispina.
Levinsen 1), pag. 192/35, = „Lagisca rarispina," Mabngren^)
1865, pag. 65.
Das einzige vorliegende Exemplar, am 26. August in 10 m Tiefe
gefangen, ist eine typische ,, Lagisca rarispina," Malmgren. Ich habe
jedoch den Namen acceptiert, welchen ihr Levinsen gegeben hat,
nachdem ich mich für dessen Standpunkt entschied, obgleich ich ge-
stehen muss, dass mir das genus Lagisca grössere Selbstständigkeit
zu besitzen scheint, als Antinoe, Evarne etc.
7. Harmothoe vittata. nov. spec.
Fundort: 20. Juli, 10 m Tiefe, zwischen Steinen und Tangen,
1 Exemplar.
Beschreibung.
Von der Rückseite betrachtet, zeigt das Tier eine braune Färbung,
welche hier zunächst an die Elytren gebunden ist, von denen 1 5 Paar,
sich dachziegelartig überdeckend, dem Tiere zum Schutze gereichen.
Dieses Ueberdecken geschieht dergestalt, dass immer der Hinterrand
der vorderen den Vorderrand der folgenden Schuppe überragt. Jede
Schuppe zeigt in ihrer Mitte einen schwarzen Fleck, und zwar in der
Nähe ihrer Anheftungsstelle am Elytrenträger.
Der Körper ist 20 mm. lang und vorn 6 mm. breit; nach hinten
zu wird derselbe stets schmäler. Zu beiden Seiten ragen unter den
Elytren die Borsten der Parapodien vor, und die Rückencirrhen der-
jenigen Segmente, welche keine Elytren tragen, legen sich nach hinten
gerichtet zwischen denselben hindurch auf den Rücken des Tieres.
Am Aftersegment treten zwei lange Cirrhen auf, welche steif nach
hinten gerichtet sind.
Hebt man die Elytren ab, so tritt darunter die Rückenhaut mit
ihrer eigenartigen Färbung hervor. Von vorn nach hinten verläuft
in der Medianlinie ein schmales, hellbraunes Band ; zu dessen Seiten
ziehen sich (jederseits eines") zwei breite, dunkel-rotbraune Bänder
hin, welche wiederum von breiten hellgelben Bändern eingesäumt
werden; sodass also fünf Längsbänder vom Kopfstück zum After-
stück verlaufen , welche dem Rücken die eigentümliche Zeichnung
verleihen.
Von der Bauchseite gesehen, zeigt sich dem Auge deutlich die
Gliederung in Segmente, deren man 35 zählt; dieselben sind durch
Querrinnen von einander abgesetzt und tragen jederseits ein- Rüdiei'
Beiträge zur Fauna Spitzbergens. J4I
mit einem neuralen und einem haemalen Ast, (exclus. die beiden
vordersten- und das Aftersegnient).
Die Färbung der Bauchseite ist weisslich gelb und ein wenig
schillernd. Hinter dem Mundsegment (2tes) beginnt beiderseits je
eine Rinne, welche sich bis zum Afterstück zieht, durch dieselben
erscheint die Bauchseite in drei Streifen zerlegt, von denen der
mittlere den Verlauf des Bauchmarkes, die beiden äusseren den
Verlauf der beiden neuralen Längsmuskelstränge markieren.
Hebt man die beiden vordersten Elytrenpaare ab, so wird das
Kopfstück sichtbar. Dasselbe besteht aus zwei fast halbkreisförmigen
gelben Lappen, (s. Fig. 2), die nach vorn in stumpfe, gebräunte Spitzen
ausgezogen erscheinen. An ihrem hinteren Rande tragen dieselben
symmetrisch angeordnet, zwei dunkle, blauschwarze Augen, welche leb-
haft irisieren, in der Mitte des Aussenrandes befindet sich jederseits ein
Auge des vorderen Augenpaares. Zwischen den vom auseinander-
weichenden Kopflappen tritt der mediane Tentakel (= unpaarer
Fühler) hervor; derselbe ist in einem conischen, vorwärts gerichteten
Vorsprung eingelenkt, welcher mit zahlreichen Querfalten und Quer-
rinnen versehen ist. Der mediane Tentakel ist etwa 3 mm. lang, am
Ursprung violett, sonst gelblich weiss gefärbt. Seine Fonn ist cylindrisch,
am vorderen Drittel schwillt er etwas an, um dann sich rasch ver-
jüngend in eine einfache Spitze auszulaufen. Die Anschwellung zeigt
einen dunkleren Ring. Auf seiner ganzen Oberfläche ist der Ten-
takel mit feinen Spitzchen und Kölbchen besetzt.
Jederseits von ihm steht einer der kleinen, nur 0,3 mm. langen,
kegelförmigen, paarigen Fühler. Auf sie folgen nach aussen hin
die stark entwickelten, 4,5 mm. langen, gelblich -weissen Palpen,
welche die Form eines Elephantenstosszahnes haben und auf ihrer
ganzen Oberfläche mit Querreihen ziemlich kräftiger Spitzchen be-
setzt sind.
Die sonst bei allen Harmothoearten auftretenden zwei Borsten,
welche sich jederseits zwischen den paarigen Fühlern und den Palpen
befinden, gelang es mir bei dieser Art nicht aufzufinden.
Das auf das Kopfstück folgende (2te) Mundsegment trägt hach
vorn gerichtet auf cylindrischem Polster jederseits ein Paar Fühler-
cirrhen von Bau und Bildung des medianen Tentakels, doch sind
dieselben nur 2 mm. lang, und das äusserste (resp. unterste) Paar
ist noch etwas kleiner.
Zu beiden Seiten der Mundöffnung findet sich je ein kurzer
Cirrhuus, (cirrus buccalis, Kinberg — homolog den Bauchcirrhen der
folgenden Segmente).
Den Rücken decken, wie schon erwähnt, 15 Paar Elytren. An-
geordnet sind dieselben, wie bei allen Harmothoearten auf dem 2.
4. 5. 7. 9. 11. 13. 15. 17. 19. 21. 23. 26. 29. 32ten Segment.
Die Elytren sind flache, ovale Schuppen (die vordersten beiden
Paar nierenförmig) von rothbrauner Farbe mit einem dunklen Fleck
in der Mitte. Am äusseren Rande finden sich zahlreiche Fäden und
142 Dr. Willy Kükenthal:
Spitzchen. Ausser diesen sind zahlreiche, eigenthümlich geformte
Dornen über die Oberfläche zerstreut. Mit einer ziemlich schmalen
Basis der Oberfläche aufsitzend, verlängern sich dieselben trichter-
förmig (wie die von Harmothoe aspera, Hansen ^), dann aber sich
wieder verdickend, endigen sie in 5 Spitzen, deren eine in der
Richtung der Hauptaxe des Dornes, die anderen in einer, zu dieser
senkrechten Ebene gelegen sind, so dass der Dorn der Spitze einer
Hellebarde nicht unähnlich sieht; die Färbung der Dornen ist roth-
braun.
An denjenigen Segmenten, welche keine Elytren tragen, finden
sich als diesen homologe^) Gebilde die Rückencirrhen. Dieselben
sind Organe, welche in Form und Farbe den Fühlercirrhen des 2ten
Segments entsprechen ; sie sind 4 — 5 mm lang und entschieden nervöser
Natur. (Ein Längsnerv durchzieht sie ; auch scheint mir der Besatz
mit feinen Spitzchen und Kölbchen darauf hinzudeuten;) an ihrer
Ursprungsstelle sind sie auf einem cylinderischen Polster eingelenkt.
Die Parapodien bestehen aus einem haemalen kürzeren und einem
neuralen längeren Ast; beide tragen Borsten und letzterer noch
einen schräg nach aussen, unten und hinten gerichteten Bauchcirrhus,
Das Afterstück besitzt keine Parapodien. Der Bauchcirrhus erscheint
bei dieser Art vollkommen glatt und findet seine Einlenkung an einer
hügelartig vorspringenden Papille.
Die Borsten des haemalen Astes sind breiter, als die des neu-
ralen; sie sind ein wenig gebogen und tragen Querreihen von
Zähnchen. Die dünneren Bauchborsten endigen spiessförmig, fast wie
eine Lanzette ; die convexe Seite derselben ist mit einfachen Zähnchen
besetzt.
Das letzte Segment oder Afterstück zeigt haemal die Mündung
des Darmcanals, ihm fehlen die Parapodien und Borsten. Die Rücken-
cirrhen sind hier durch zwei starke, 6 mm lange Cirrhen vertreten,
welche starr nach hinten gerichtet sind und in Form und Anhängen
den Fühler- und Rückencirrhen entsprechen.
,Die Form der Bauchborsten unterscheidet das beschriebene
Exemplar von Harmothoe glabra und H. aspera, die der Anhänge
und besonders die der Elytren von H. badia und H. Sarsii, denen
sie nach ihrer Borstenform am nächsten steht, (s. Levinsen.) Die
eigenartige Zeichnung des Rückens giebt aber einen durchgreifenden
Unterschied gegenüber allen anderen Harmothoearten, deshalb habe
ich ihr den Namen ,, Harmothoe vittata" gegeben und stelle sie der
') Die Rückencirrhen fasse ich als den Elytren homolog auf, weil in allen Seg-
menten bei Harmothoearten, welche keine Elytren tragen (exclus. Kopf und After-
stück) auch bei Enipo, Nemidia etc. an deren Stelle die Rückenirrhen auftreten, nach
anderen Autoren bezieht sich das auf alle Polynoeden, und es finden sich bei
solchen oft 100 Segmente hinter einander, welche elytrenfrei sind.
Beiträge zur Fauna Spitzbergens. 143
Form ihrer Borsten gemäss in Gesellschaft von Harmothoe badia
und H. Sarsii. (Kinberg) Malmgren *) 1865, p. 75. Levinsen i),
pag. 192/35. TheeP), pag. 16.
Genus Nychia.
Von diesem genus fanden sich 5 Exemplare, von denen zwei sich
als der species
8. NycMa globifera (Sars.) Levinsen i), pag. 195/38
und drei der species
9. NycMa cirrosa, Levinsen i), pag 195/38 Pallas.
Malmgren 4), 1865, pag. 57/58.
zugehörig ermesen.
Eine Abweichung von früheren Beschreibungen Hess sich an
keinem Exemplare constatieren.
Fundorte: Die beiden Nychia globifera wurden in 10 m Tiefe
zwischen Steinen und Tangen am 20. Juli und 26. August gefangen,
die drei Nychia cirrosa in 80 m Tiefe auf Lehmboden mit Steinen
am 5. Juli.
Genus Eucranta.
10. Eucranta villosa. Malmgi-en*), 1865. pag. 79/80.
Diese Art wurde in einem Exemplar am 20. Juli in einer Tiefe
von 10 m zwischen Steinen und Tangen gefangen. Ich muss mich
bei der Namengebung an Malmgren halten, da Levinsen die Gattung
nicht aufführt.
Genus Enipo.
n. Enipo Torelli. Levinsen i), pag. 196/39.
= Nemidia Torelli, Mahngren^), 1865, pag. 84.
Armauer Hansen 3) 1880. pag 84.
Dies scheint eine ziemlich seltene Form auf Spitzbergen zu sein,
sie fand sich nur in einem Exemplar und wurde in einer Tiefe
von 10 m am 26. August aufgefunden.
Ich nehme den Namen ,, Enipo" Levinsens an, weil ich seinen
Standpunkt einmal deshalb gerechtfertigt halte, (in diesem Falle)
weil in jedem genus Malmgi'ens (Enipo, Nemidia.) nur eine species
bis jetzt vorhanden ist und das andere mal, weil der Unterschied
beider genera nur auf die verschiedene Segmentzahl (Enipo 100,
Nemidia 50) basiert ist; solche und grössere Schwankungen werden
aber bei Polynoe scolopendrina (70 — 180 Segmente) unberücksichtigt
gelassen.
144 Dr. Willy Kükenthal:
Im Anfang glaubte ich, eine neue species von Enipo vor mir zu
haben, da das vorliegende Exemplar mit der sehr eingehenden Be-
schreibung Malmgrens in einigen Punkten diflferierte, doch stand ich
von Aufstellung einer neuen Art ab, weil ich vermute, dass Malmgren
nur ein jüngeres Stadium oder auch vielleicht ein verkümmertes
Individuum vor sich hatte.
Ich will jedoch die gefundenen Unterschiede hier kurz angeben,
da dieselben bei etwaigen späteren Beobachtungen einschlagend sein
dürften.
a) Enipo Torelli (Nemidia Torelli Malmgren) hat:
1. 55 Segmente,
2. kurze, wenig entwickelte Palpen,
3. ein ,,tentakulum parce ciliatum",
4. die Tentakelcirrhen gleichlang mit den Palpen,
5. ,,Elytra glabra",
6. die Elytren lassen die Mitte des Rückens frei. —
b) Das vorliegende Exemplar hat :
1. 55 Segmente,
2. sehr kräftig entwickelte Palpen,
3. einen Tentakel, welcher dicht mit feinen Spitzchen und
Kölbchen besetzt ist,
4. die Tentakelcirrhen viel kürzer als die Palpen, das untere
Paar kaum halb so lang,
5. vollkommen glatte Elytren,
6. die Elytren überdecken sich in der Mitte des Rückens
dachziegelartig.
Die ersten 3 Unterschiede scheinen mir allerdings irrelevant zu
sein, während die drei letzten eher die Aufstellung einer neuen
species rechtfertigen könnten; jedenfalls scheinen sie mir mehr Wert
zu besitzen als die Unterscheidungsmerkmale von Harmothoe im-
bricata und Harmothoe villosa. Doch sehe ich aus schon angeführten
Gründen von einer neuen Namengebung ab und begnüge mich damit,
auf die Unterschiede in den angegebenen Beziehungen hingewiesen
zu haben.
Die folgende Tabelle giebt eine gedrängte Uebersicht der Fund-
orte, deren Vergleich mit späteren vielleicht Aufschlüsse über die
geographische Verbreitung und das Vorkommen der einzelnen Arten
in verschiedenen Tiefen Aufschluss geben kann.
Beiträge zur Fauna Spitzbergens.
145
Litter atur - Verzei chnis.
Levinsen, G. M. R. Systeinatisk-geogralisk Oversigt over de nordiske
Annulata, Gephyrea, Chaetognathi og Balanoglossi in „Vidensk. Meddel.
fra den naturh. Foren, i Kjobenhavn." 1882/83.
Grube , E. „Bemerkungen über die Familie der Aphroditeen," im 53. Jahres-
bericht der schles. Gesellschaft f. vaterländ. Kultur. Breslau, 1875.
Hansen, G. Arm auer. ,,Annelida' in NytMagasin forNaturvid.Bd.24 og25.
» ,,Annelida." Christiania in „Norske Nordhavs Ex-
ped. Zool." 1876/78.
Arch. f. Naturgesch. Jahig. 1889. Bd 1. H. 2. 10
146 Dr. Willy Kükenthal:
4. Mal mg reu, A. J. „ISordiska Hafs Amuüater." lu „Ofversigt of kongl.
Veteiiskaps-academiens Förbandlingar." Stockholm, 1866.
5. 0er st ed. Grönl. Aiinl. dorsibranchiata.
» Annlat. Dauic. conspectus.
6. de Quatrefage.s, M. A. „Histoire naturelle des Anneies marins et d'eau
donce." Paris, 1865.
7. Sars, M. Forh. Vid. Selsk. Cliristiania, 1872.
8. Savigny, Jul. Ces. „SJ^steme des Annelides, principalement de celles de
l'Egypte et de la Syrie" in „Description de TEgypte." Tom 21, 1826. Aus-
zug in „Isis von Oken." 1832.
9. Theel, H. J. „Les Annelides polychaetes de mers de la nouvelle Zemble."
(1878) im Kongl. Svenska Vetensk.-acad. Handlingar. Bd. 16. No. 3. Stock-
holm, 1879.
10. Kallenbach, E. „Ueber Polynoe cirrata." 0. Fr. Mllr. Ein Beitrag zur
Kenntnis der Fauna der Kieler Bucht. Inaugural-Dissertation. Eisenach, 1883.
Erklärung der Zeichnungen.
Tafel VII.
Figur 1. stellt zwei Bauchborsten dar,
a) von Harmothoe imbricata,
b) von Harmothoe villosa.
Figur 2. Der Kopf von Harmothoe vittata.
p. = Palpus, m.t. = medianer Tentakel, f. c. = Fühlercirrhen, p. t.
= paarige Tentakeln, k. 1. = Kopflappen, a. = Auge, 11. s. = zweites
Segment, die eigenartige Streifung des Rückens zeigend.
Figur 3. Ein Stachel von einer Elytre der Harmothoe vittata.
Beiträge zur Fauna Spitzbergens. 147
Opheliiden
von
Dr. W. Kükenthal.
Aus dieser Familie ist mir nur ein Vertreter, zum Genus
Amniotrypane gehörig, bekannt geworden, während von andern Autoren
auch noch Travisia Forbesii und Ophelia limacina, als diesen arctischen
Gegenden angehörig, beschrieben werden.
Die schon früher gefundene Ammotrypane des Eismeeres ist bis
dahin schlechtw^eg als Ammotrypane aulogaster Rathke bezeichnet
worden, eine eingehendere Untersuchung, welche ich indes anstellte,
und anhangsweise in meiner Beschreibung der Opheliaceen der
Expedition der ,,Vettore Pisani^)" veröffentlichte, führte mich zur
Aufstellung einer neuen Art. Da in neuerer Zeit ein Zweifel aus-
gesprochen wurde ^), ob die von mir beschriebene Art nicht doch
mit der alten, mir ungenügend bekannten Ammotrypane anlogaster
identisch sei, habe ich mich von Neuem der vergleichenden Unter-
suchung beider Formen gewidmet. Die von mir als:
Anwiotrypane Ingehrigtsenii n. sp.
beschriebene Form wies folgende Merkmale auf. Ausser Kopf- und
Schwanzstück finden wir 51 vierringeHge Segmente. Sämmtliche
Segmente sind mit Borstenbündelpaaren versehen, an sämmtlichen
finden sich ausserdem Girren. Es sind an jedem Parapodium zwei
Girren zu unterscheiden, ein dorsaler und ein ventraler. Die ven-
tralen Girren sind in sämmtlichen Segmenten vorhanden, in den
ersten und letzten am grössten, immerhin aber sehr klein.
Die dorsalen Girren sind bedeutend grösser, Schwankungen in
ihrer Grösse sind nicht zu bemerken, sie fehlen dem ersten Segmente
wie den drei letzten.
Die Borstenbündel, von denen zwei Paar in jedem Segmente
austreten, unterscheiden sich voneinander dadurch, dass die dorsalen
aus langen und dünnen, die ventralen aus kurzen und dicken Borsten
zusammengesetzt sind. — Der Kopf läuft spitz zu, und trägt an
seinem Ende ein kleines, kolbenförmig angeschwollenes Organ.
') Willy Kükenthal. „Die Opheliaceen der Expedition der „Vettore
Pisani." Jenaische Zeitschrift f. Naturwissensch. XXI. Band. 1887.
^) E. V. Marenzeller: Bericht über die Fortschritte auf dem Gebiet der
Systematik, Biologie und geograph. Verbi'eitung der Plathelminthen, Chaeto-
gnathen, Gephyreen etc., in den Jahren 1885 bis 1887. Zoolog. Jahrbücher.
Dritter Band, 6tes Heft 1888 p. 1062.
10*
148 Dr. Willy Kükeiithal:
An der Basis des Afterstückes finden sich, wie bei Ammotrypane
aulogaster, zwei lange Girren.
Das Afterstück ist blattförmig, nach der ventralen Seite zu offen.
Unter dem Microscop erkennt man eine Ringelung desselben. An
beiden Rändern des Blattes sitzen fünf Paar sehr kleine Papillen,
zwischen denen sich jedesmal 4 Ringel befinden.
Vier Ringel liegen ebenfalls zwischen je zwei Parapodien. Da
wir nun das Afterstück als aus Segmenten entstanden zu denken
haben, so werden diese Papillen jedenfalls den Parapodien entsprechen,
und als Ueberreste derselben aufzufassen sein. Das gesammte After-
stück entspricht demnach 5 Körpersegmenten.
Ammotrypane anlogasier Rathke.
Der Beschreibung dieser Art lege ich meine eigene Unter-
suchung zu Grunde, welche ich an Material von der Westküste
Norwegens (Alvoerströmmen bei Bergen) angestellt habe.
Ausser Kopf- und Schwanzstück finden sich 46 vierringelige
Segmente. Sämmtliche Segmente sind mit Borstenbündelpaaren ver-
sehen, mit Ausnahme des ersten auch mit den Girren ' ). Diese
Angabe steht im Gegensatz zu Rathkes -), wonach den ersten drei
Segmenten Girren fehlen. Von ventralen Girren sind nur Spuren an
den ersten Parapodien bemerklich, jedenfalls besitzen sie nicht die
Grösse wie dieselben Gebilde bei voriger Art. Der Kopf läuft nicht
so spitz zu und trägt auch kein kolbenförmiges Organ.
Das Afterstück ist ähnlich gebaut, wie in voriger Art.
Wenn auch die Unterschiede beider Arten nicht gross sind, so
sind sie doch constant vorhanden. Besonderes Gewicht muss ich auf
die verschiedene Anzahl Segmente bei beiden legen, da bei den
Opheliiden die Gonstanz der Segmente in derselben Art als charac-
teristisches Merkmal angesehen werden muss.
Es scheint mir sehr wahrscheinlich, dass beide Arten bereits
des öfteren aufgefunden und als Ammotrypane aulogaster beschrieben
worden sind, wahrscheinlich wird sich die arctische Form auch hier
und da in südlichen Breiten vorfinden.
*) Siehe Tafel XXXIII Fig. 25 in meiner Arbeit: lieber das Nervensystem
der Opheliniceeu. Jenaische Zeitschrift f. Naturwissenschaften XX. Band. 1887.
-) Rathke. Beiträge zur Fauna Norwegens. Nov. Act. Acad. Leypold. 1843.
Beiträge zur Fauna Spitzbergens, 14-9
Neue parasitische Nematoden')
bearbeitet
von
Dr. W. A. Cobb.
Hierzu Fig. 4-10 auf Tafel VII.
Ascaris Kükenthalii, n. sp.
Fig. 4—6.
Reiches Material dieser neuen Art entnahm Herr Dr. Kükenthal
dem Magen von Beluga lencas am 11. August 1886 in der Advent-
Bai (West-Spitzbergen).
Die Länge des Männchens bertägt 7 — 9 cm, durchschnittlich
8 cm. Die grösste Breite liegt ungefähr in der Mitte und beträgt
2 — 3 mm. Der Körper ist nach vorn verjüngt (der Kopf ist kaum
Vs mm breit), nach hinten dagegen nur sehr unbedeutend zugespitzt.
Der Schwanz ist gekrümmt und mit einer deutlichen Bursa versehen.
Die Papillen des Schwanzendes sind kaum mit blossem Auge sichtbar.
Die gelblich-weisse Haut (Spiritus-Exemplare) ist quer geringelt, die
Ringe haben in der Körpermitte eine Breite von 30 ,u. Die beiden
Spicula sind etwas ungleich, das grösste liegt links. Die Längslinien
sind deutlich den ganzen Körper entlang ausgeprägt. LTm den jNIund
herum stehen die drei Papillen tragenden Lippen, die obere Lippe
trägt in der Mitte ein Paar symmetrisch angeordnete Papillen. Jede
Seitenlippe trägt, wie es scheint, 3 Papillen, eine obere mit 6 — 7
kleinen Zähnchen, eine untere, auf welcher sich keine Zähnchen
konstatieren Hessen, und ungefähr in der jNIitte der inneren Seite
eine dritte von sehr kleinen Dimensionen. Ausserdem habe ich auf
jeder Seitenlippe ein schiefes Gebilde beobachtet, dessen Struktur
ich nicht weiter untersucht habe.
Die Papillen des Schwanzendes sind in Figur 3 dargestellt. Es
befinden sich jederseits ungefähr 100, welche in 2 unregelmässigen
Reihen, die sich 1 cm weit nach vorne erstrecken, angeordnet sind.
Die Länge des Weibchens beträgt 8 — 10, durchschnittlich 9 cm,
die grösste Breite 2,5 mm. Vorn ist das Weibchen dem Männchen
vollständig ähnlich. Nach hinten ist es kaum verjüngt, jedoch variirt
') Herr Dr. N. A. Cobb sandte mir nachfolgende Zeilen als Auszug einer
jüngst erschienenen Arbeit: , Beiträge zur Anatomie und Ontogenie der Nema-
toden." Jenaische Zeitschr. f. Naturwissensch. Bd. XXIII. N. F. XVI 1888,
p. 41, in welcher die von mir im nijidlichen Eismeere gesammelten parasitischen
Nematoden mit veiwerthet waren. Dr. Kükenthal.
150 Dr. Willy Kükeiithal:
hier die Gestalt je nach der Lage der inneren Geschlechtsorgane, die
bald mehr nach vorn, bald mehr nach hinten liegen. Die nicht
sehr beträchtliche Vulva liegt vor der Körpermitte, Vn der Körper-
länge nach vorn gerückt. Farbe, Haut, Längslinien und Mund sind
wie beim Männchen beschaffen.
Ascaris bulbosa, u. sp.
Fig. 7 und 8.
Die untersuchten Exemplare sind dem Magen von Phoca barbata
zu verschiedenen Zeiten des Sommers 1886 im Eise Spitzbergens
entnommen.
Die Männchen erreichen eine Länge von 7 cm, jedoch fand ich
geschlechtsreife Männchen, welche nicht mehr als 5 cm lang waren.
Der Körper ist im wesentHchen cylindrisch, am Kopfende aber ver-
jüngt. Der ziemhch deutlich abgesetzte Kopf ist ungefähr Vs mm
breit. Die grösste Breite des Körpers beträgt ^/g.^. — V30 der Länge.
Eine Ringelung der weissen Haut ist nur mit dem Mikroskope leicht
nachweisbar. Das Schwanzende ist gekrümmt, seine Papillen sind
schon mit der Lupe zu sehen. Die 2— 27^ mm langen Spicula sind
fast gleich, das linke aber stets etwas länger als das rechte, und
zwar im Verhältnisse von 25:23. Die männlichen Papillen sind in
Fig. 8 dargestellt. Es befinden sich jederseits ungefähr 70, welche
sich in zwei unregelmässigen Reihen nach vorn erstrecken.
Die Weibchen erreichen eine Länge von 7^/2 — 8 cm. Sie sind
aber schon geschlechtsreif bei einer Länge von 5 cm. Die hervor-
ragende Vulva ist etwas weniger als V4 der Körperlänge nach vorn
gerückt. Die Körpergestalt ist der des Männchens ähnlich, das
Schwanzende aber niemals gekrümmt. Haut und Kopf gerade wie
beim Männchen.
Strongylus arcticus, n. sp.
Fig. 9 und 10.
Laut Dr. Kükenthals Notizen wurde diese Art im Gehörorgane
von Beluga leucas am 11. August 1886 in der Advent-Bai (West-
Spitzbergen) gefunden.
Die Männchen sind 18 — 22 mm lang, durchschnittlich 20 mm.
Die grösste Breite liegt etwas vor der Mitte und beträgt 1,04 mm.
Nach vorn und auch nach hinten wird der Körper allmählich ver-
jüngt. Oberhalb sowohl als unterhalb der runden Mundöffnung be-
findet sich eine kaum mit dem Mikroskope bemerkbare Papille.
23 [j, hinter dem Kopfende kommen vier den Submedianlinien ent-
sprechende Papillen vor. Das Schwanzende besitzt eine deutliche
Bursa, welche sechsmal gefaltet ist, so dass der Rand in sechs
deutliche Lappen zerfällt. Die Geschlechtsöfihung liegt zwischen den
vorderen Lappen. Die 0,2 mm langen, gleichen Spicula sind stark
gebogen und am äusseren Ende verwachsen, nach innen dagegen
sind sie weit voneinander getrennt. Es befinden sich, 0,2 mm von
Beiträge zur ^Faniia Spitzbergens. 151
dem Hinterende entfernt, eine auf jeder ventralen Submedianlinie
gestellt, ein Paar grosse Papillen und 0,15 mm weiter nach vorn
noch ein Paar ähnliche.
Die Weibchen sind etwas grösser als die Mcännchen. Sie sind
21 — 28 mm lang, und die grösste Breite, welche hier wieder ein
wenig vor der Körpermitte liegt, beträgt 1,05 mm. Die Vulva ist
nur 0,10 mm, der After nur 0,05 mm von dem Schwanzende entfernt.
Der Mund und die Mundpapillen des Weibchens sind den ent-
sprechenden Theilen des Männchens ähnlich. Die Haut beider Ge-
schlechter scheint fast glatt zu sein.
Tafel -Erklärung.
Fig. 4. Ascaris Kükentbalii n. sp. ,^ '/i-
.. 5. >. >. » .. $ V..
>■ 6. » ■> » » (^ Sclnvauzemle.
» 7. Ascaris bulbosa n. sp. (^ In der Seitenlage geöffnet. Links das linke
Seitenfeld. 7i-
» 8. '• •■ •> >• Papillen des männlicben Schwanzendes. *7i-
» 9. Strongyhis arcticus n. sp. ^ Schwanzende. Etwa -"/i-
» 10. >■ » » » $ Schwänzende. Etwa ^"/i-
Aniphipoden und Isopoden von Spitzbergen
von
Dr. Julius Vosseier.
Hierzu Tafel VIII.
Im Herbst 1886 erhielt ich von Herrn Dr. W. Kükenthal eine
Anzahl von Crustaceen aus der Ordnung der Aniphipoden und
Isopoden, welche er während einer im selben Jahre ausgeführten
Expedition nach Spitzbergen im dortigen Eismeere gefangen hatte,
zur Bearbeitung. Da schon frühere Forscher, wie Goes^) (7), Sars (19)
u. a. dasselbe Gebiet ebenfalls auf Crustaceen untersucht hatten, war
anzunehmen, es möchte in dem mir überlassenen Materiale nur wenig
neues und für die Wissenschaft interessantes enthalten sein. Die
') Unter der den Autorennamen beigefügten Ziffer sind die betreffenden
Werke im Litteraturverzeichniss aufgeführt.
152 Dr. Willy Kükeiithal:
im folgenden angeführten Ergebnisse werden jedoch zeigen, dass
diese Vermuthung unbegründet war. Allerdings mag die Summe
der gefangenen Arten klein erscheinen gegenüber den Resultaten
früherer Sammler. Goes fand bei Spitzbergen 83 Amphipoden, Sars
zählt für dasselbe Gebiet 65, Gerstäcker (15) sogar 91 Arten auf,
während das von Kükenthal gesammelte Material nur 25 Arten dieser
Ordnung enthielt. An Isopoden wurden zwei Arten gefangen, von
Avelchen eine nur durch eine Larve vertreten ist. Es ist damit ein
weiterer Beleg für die allgemein anerkannte Thatsache geliefert, dass
die Isopoden in höheren Breiten an Artenzahl gegen die Amphipoden
aufiallend zurücktreten. Ganz ähnlich in Beziehung auf das Ver-
hältniss zwischen den beiden Ordnungen war die Ausbeute der
zweiten deutschen Nordpolfahrt. Sie enthielt 27 Amphipoden und
3 Isopoden.
Von den oben erwähnten 25 Amphipoden sind nicht weniger
als 10 d. h. 407o für die Fauna Spitzbergens neu. Hiervon ist die
Hälfte, soweit ich aus der von mir benutzten Litteratur ersehe,
überhaupt noch nicht beschrieben. Die fünf schon früher be-
kannten, allein bei Spitzbergen zum erstenmal beobachten Arten sind:
1. Pleustes bicuspis. Kröyer.
2. Halirages tridentatus. Bruz.
3. Ampelisca propinqua. Boeck.
4. Caprella acutifrons. Latr.
5. Platycyamus Thompsoni. Gosse.
Die neuen im folgenden beschriebenen Arten:
1. Anonyx Kükenthali nov. spec.
2. Anonyx caecus nov. spec.
3. Melita quadrispinosa nov. spec.
4. Amphitopsis dubia nov. spec.
5. Gammarus spetsbergensis nov. spec.
Von dem Genus Amphitopsis war bis jetzt kein Vertreter bei
Spitzbergen gefunden worden.
Sehr interessant ist das Vorkommen der Caprella acutifrons
Latr. im Eismeere bei Spitzbergen. Der nördlichste zuvor bekannte
Fundort war die Nordsee, wo sie von Kröyer nachgewiesen wurde.
Dadurch, dass nun ihre Anwesenheit unter dem 77. Breitegrade
festgestellt ist, reicht der Verbreitungsbezirk dieser Art, welche bis
Rio de Janeiro vorkommt, über etwa 97 Breite- und 40 Längegrade.
Nur wenige Amphipoden erstrecken sich über ein gleich weites Gebiet.
Unter dem Material an Amphipoden sind alle drei Stämme dieser
Ordnung vertreten. Die 25 Arten vertheüen sich auf 12 Familien
und 17 Gattungen u. zw. wie folgt:
12 — 17 — 25
Beiträge zur Fauna Spitzbergens. 153
Von den 20 schon früher bekannten Arten wurden an der
Nordostküste Grönlands 9, ebensoviele an der Nordküste Norwegens
beobachtet. Die Fauna von Nowaja Semlja enthält davon ll,Fin-
marken (und Lofoten) 12 Arten, während im karischen Meer nur 6,
im sibirischen Eismeer 7 und an der Küste Islands 8 von den oben
erwähnten Arten gefunden wurden.
Die zwei Isopoden waren schon früher bei Spitzbergen beobachtet
worden.
Ueber die horizontale Ausbreitung der Arten waren dem Material
leider nur ganz wenige Bemerkungen beigegeben, welche im syste-
matischen Theil an den betreffenden Stellen zu finden sind. Angaben,
die Beschaffenheit und Lage der Fundorte betreffend, liegen mir
keine vor.
Von einigen Arten Amphipoden befinden sich im ^Material Indi-
viduen von einer früher nie beobachteten Grösse. Bei solchen Arten
sind die Maasse beigefügt. Eine vollständige Erklärung für die schon
öfter angeführte Thatsache, dass IndiA^duen einer Art, welche in
höheren, kältern Breitegraden leben, A^iel kräftiger entwickelt sind,
als die in südlichen Meeren sich befindlichen, giebt es meines Wissens
nicht.
Wenige Arten zeigen noch Spuren einer Färbung. Gewöhnlich
weicht dieselbe von der des lebenden Thieres ab.
Mit Ausnahme einiger besonders brüchiger Arten waren alle Thiere
gut erhalten. Die Exemplare, welche für histologische Zwecke mit
Chrom -Osmium -Essigsäure behandelt waren, verlieren die Glied-
massen leichter, als die einfach in Alkohol konser\äerten.
Im Hinblick auf die oben gemachten Mittheilungen lässt sich
mit Recht sagen, — vollends wenn man die Zeitdauer und Art des
Unternehmens berücksichtigt, — dass die Ergebnisse der Küken-
thal'schen Expedition für die beiden bearbeiteten Crustaceenordnungen
quantitativ reichliche, für die Wissenschaft aber insbesondere recht
werthvolle sind, indem damit sowohl unser Wissen über die Ver-
breitung bekannter Gattungen und Arten erweitert, als auch ein be-
deutender Beitrag zur Kenntniss neuer Arten geliefert wird.
Von einer Neubeschreibung und Abbildung der schon bekannten
Arten glaubte ich im Hinblick auf die ausführlichen Arbeiten der oben
erwähnten Forscher absehen zu können. Auch in Betreff der Syno-
nymik verweise ich auf die genannten Werke.
Ordnung: Amphipoda.
A. Hyperiina.
I. Familie: Hyperiidae.
1. Themisto libellula. Maudt.
Eines der mir vorliegenden Thiere stammt aus dem Auftrieb
und ist bedeutend kleiner als das zweite in einer Tiefe von 200 m.
gefangene. Sars (19.) fand diese Art in 1710 Faden Tiefe und
beobachtete, dass immer nur jüngere Individuen an der Oberfläche
154 Dr. Willy Kükenthal:
gefangen werden. Die Farbe der in Alkohol aufbewahrten Thiere
ist ein zartes Roth, während das lebende Thier nach Buchholz (14)
violett aussieht.
Länge des grössern Exemplars 35 mm. ^) Hierher rechne ich eine
Anzahl kleiner Amphipoden, welche alle für die Art charakteristischen
Merkmale mit Ausnahme der autfallenden Verlängerung des vierten
und fünften Glieds am fünften Paar der Brustbeine zeigen. Die
Länge schwankt zwischen 6 — 10 mm. Sie stammen ebenfalls aus
dem Auftrieb.
B. Gammarina.
II. Familie: Lysianassidae.
2. Aiiouyx Kükenthali u. sp.
Taf. VIII. Fig. 1—7.
Der Körper ist seitlich zusammengedrückt. Von den grossen
Epimeren ist die vierte nach hinten aufvi'ärts gebogen und in eine
Spitze ausgezogen. Der untere hintere Seitenrand des dritten Hinter-
leibssegments ist ebenfalls, aber etwas weniger, nach oben gerichtet
und zugespitzt. Der Kopf ist klein, abgerundet, nicht ausgezogen.
Das stark pigmentierte Auge hat einen beinahe nierehförmigen Umriss.
Die ersten Antennen sind kurz und plump; die accessorische Geisel
nur wenig kürzer als die des Hauptastes. Die zweiten Antennen
sind schlank, länger als die ersten. Die Mandibeln (Fig. 2) besitzen
eine kräftige beinahe halbkreisförmige Schneide und einen nicht sehr
langen Taster. Die Innenlade des ersten Maxillenpaares (Fig. 3)
trägt am Ende zwei gefiederte Borsten, die Aussenlade sehr derbe am
Innenrande gesägte Klauen. Der Taster ist am Ende verbreitert
und mit sechs ungleich grossen Zähnen bewaffnet. Die zweiten
Maxillen sind breit und tragen viele starke Haare. Die Innenlade
der Kieferfüsse (Fig. 4) ist kurz und reicht kaum bis zum Anfang
des ersten Tasterglieds. Dem Ende derselben sitzen Haare auf. Die
Aussenlade ist gross, am Innenrande mit kurzen Zähnchen besetzt.
Das Endglied des schlanken- Tasters bildet eine kräftige Klaue. Das
zweite Beinpaar (Fig. 6) ist bedeutend länger als das erste (Fig. 5).
Beide haben eine kleine Greifhand. Die folgenden Beinpaare sind
kurz und gedrungen gebaut. Die Schenkelglieder der drei letzten
sind sehr verbreitert, die übrigen Glieder durch paarweise am Vorder-
rande sitzende Börstchen ausgezeichnet. Das Ende bildet eine Klaue.
Der Schwanzanhang ist breit zu Vg gespalten (Fig. 7), länger als das
GrundgUed des letzten Schwimmfusspaares. An der Spitze eines
jeden Lappens sitzt in einer Kerbe ein kurzer Dorn.
Länge des grössten Thieres: 22 mm. Am nächsten ist diese
Art mit den Anonyx Lilljeborgi Boeck (12) verwandt.
') Von der Stirn bis zum Scliwanzanhang gemessen.
Beiträge zur Famia Spitzbergens. 155
3. Anonyx caecus n. sp.
Taf. VIII. Fig. 8-14.
Diese Art besitzt einen bedeutend schlankeren Körper als die
eben beschriebene. Dem kleinen Kopf fehlen die Augen. Die Seiten-
winkel des Kopfes springen wenig vor. Das dritte Hinterleibssegment
ist am untern hintern Rande etwas zugespitzt. Die zweiten Antennen
übertreffen die ersten an Länge. Die Geisel der ersten Antennen
(Fig. 8) sitzt auf einem sehr kurzen dicken Stiel. Das erste Glied
derselben fällt durch seine Grösse und eine eigenthümliche beinahe
schmetterlingsschuppenähnliche Behaarung auf. Die übrigen Glieder
tragen Gebilde, welche etwa mit einer noch in dem Schüsselchen
sitzenden Eichel verglichen werden können (Fig. 9). Die Neben-
geisel der ersten Antennen ist kurz viergliederig. Dieselben — vorhin
bei den ersten Antennen erwähnten — Gebilde, welche als Sinnes-
organe gedeutet werden, sitzen auch der schlanken Geisel der zweiten
Antennen auf. Der Taster der Mandibeln ist sehr stark behaart
(Fig. 10). Das zweite Maxillenpaar (Fig. 11) ist auf der Breitseite
ebenfalls mit feinen Härchen besetzt. Derbe Borsten sitzen am
Ende. Die inneren Kauladen der Kieferfüsse (Fig. 12) sind schmal
und lang; sie reichen bis zur Mitte des zweiten Tasterglieds und
tragen am oberen Rande kurze Dornen. Die äussern Kauladen
bilden je eine beinahe halbkreisrunde Scheibe, deren gerader Innen-
rand bedornt ist. Der Taster ist kurz, gedrungen, namentlich das
dritte Glied breit. Das Endglied bildet eine kurze nicht sehr scharfe
Klaue. Das kurze erste Beinpaar (Fig. 13) trägt am Ende eine kleine
Greifhand. Die Schenkelglieder der 3 letzten Beinpaare sind sehr
erweitert. In Kerben am oberen Aussenrande sitzen kleine Dörnchen.
Der Schwanzanhang (Fig. 14) ist beinahe bis auf den Grund gespalten.
Die Enden der beiden Hälften sind eingekerbt. Der Aussenast des
letzten Schwimmfusspaares ist zweigliedrig (Fig. 14a). Länge: 10 mm.
Diese Art hat viele Merkmale mit Anonyx typhlops Sars (19)
gemeinsam und steht demselben sehr nahe.
III. Familie: Pontoporeidae.
4. Pontoporeia furcigera Bruz.
Sars hält diese Art für identisch mit P. femorata Kröyer. Ge-.
fangen in 30 m Tiefe am 1. Juli 1886.
IV. Familie: Syrrhoidae.
5. Syrrhoe crenulata Goes.
Diese Art wurde schon im Jahre 1866 als zur Fauna des spitz-
bergschen Meeres gehörig von Goes (7) beschrieben und abgebildet.
V. Familie: Paramphithoidae.
6. Pleustes panoplus Kröyer.
wurde schon öfter im Gebiet beobachtet, während der kleine und
leicht zu erkennende
7. Pleustes bicuspis Kröyer,
für die Fauna Spitzbergens neu ist,
156 Dr. Willy Kükenthal:
VI. Familie: Atylidae.
8. Atylui^ carinatus Fabr.
Wie die später zu erwähnende Amathilla Sabinei Leach scheint
auch diese Form circumpolare Verbreitung zu haben. Atylus cari-
natus wurde in mehreren Exemplaren gefangen, die grössten Tiere
massen 32 mm.
9. Halirages tridentatus Bruz.
Auch von dieser Art ist eine grössere Anzahl Individuen im
Material enthalten. Sie wurde zum erstenmale bei Spitzbergen
theilweise in 200 m Tiefe Ende Juli gefunden.
10. Amphitopsis dubia n. sp.
Taf. Vm. Fig. 32 — 36.
Der Kopf ist in einen kleinen Schnabel ausgezogen und trägt
grosse runde Augen. Das zweite und dritte Hinterleibssegment ist
nach hinten etwas aufgetrieben, das dritte stärker als das zweite.
Die Antennen sind beinahe gleich lang, sehr zierlich und dünn. Sie
reichen etwa bis zum fünften Körpersegment. Den ersten Antennen
fehlt die Nebengeisel. Die Mandibeln (Fig. 32) sind plump, tragen
zwei starke Zähne, unter welchen sich ein Bündel dicker bezahnter
Borsten befindet. Die Kaufläche ist deutlich gerieft, der Taster ge-
drungen, behaart. Die Innenlade der ersten Maxillen trägt an der
Innenseite mehrere Borsten (Fig. 33), die Aussenlade kleine zwei-
zinkige Gabeln. Das Endglied des Tasters ist verbreitert und schwach
behaart. Die Innenlade der Kieferfüsse (Fig. 34) hat eine länglich-
rechteckige Gestalt, zwischen feinen Haaren sitzen am Ende 3 Zähnchen.
Die Aussenlade der Kieferfüsse überragt die Innenlade nur um
Weniges. Das Endglied des Tasters ist nicht klauenförmig, sondern
an der Spitze behaart.
Die ersten 2 Beinpaare sind dünn und lang, die Greifhände
schmal. Die Greifliand ist beim zweiten langem Beinpaare (Fig. 36)
kürzer als beim ersten. Der Schwanzanhang ist ganz, nur wenig
länger als am Grunde breit. An dem abgerundeten Hinterende
sitzt je rechts und links von der Mitte in einer Kerbe ein Börstchen.
Länge: 11,5 mm.
Da keine der mir bekannt gewordenen Arten des Genus Amphitopsis
einen gekerbten Schwanzanhang hat, zögerte ich anfangs, die eben
beschriebene Art dahin zu stellen. Die übrigen Merkmale stimmen
jedoch so gut zu denen des Genus Amphitopsis, dass ich trotz des
kleinen Unterschieds keinen Anstand nehme, das, soweit ich aus der
mir zugänglichen Litteratur ersehe, noch unbeschriebene Tier, dort
unterzubringen.
VII. Familie: Pardaliscidae.
11. Pardalisca cuspidata Kröyer.
Ein Exemplar war in dem Material enthalten. Ausser Spitz-
bergen und der Ostküste Grönlands wird auch das weisse Meer als
Fundort für diese Art erwähnt.
Beiträge zur Fauna Spitzbergens. 257
VIII. Familie: Gammaridae.
12. Melita dentata Kröyer.
Die von mir untersuchten Exemplare zeigten einige unwesentlichen
Abweichungen von der von Boeck beschriebenen Form. Die Zahl
der Dornen, welche für die Hinterleibssegmente angegeben sind,
stimmte nicht bei allen Individuen. Auch die Maxillen des ersten
Paars waren etwas von denen der typischen Form verschieden. Ge-
fangen wurde diese Art in einer Tiefe von 100 m im Juni 1886.
Länge: 18 mm.
13. Melita quadrispinosa n. sp.
Taf.Vni. Fig. 15 — 24.
Hat im Grossen Ganzen Aehnlichkeit mit der vorhergehenden
Art. Der Körper ist schlank , seitlich stark zusammengedrückt.
Das Auge ist klein, kaum pigmentiert. Die ersten Antennen
(Fig. 15) ragen bis in die Mitte des letzten Vorderleibssegments und
besitzen eiije dreigliedrige Nebengeisel. Sie sind schwach behaart.
Die Geisel der zweiten Antennen (Fig. 16) ist kaum länger als das
dritte Glied des Stiels. Der Taster der Mandibeln (Fig. 17) ist dünn
und schwach behaart. Das erste Maxillenpaar (Fig. 18) trägt an der
Aussenlade gegabelte Borsten, die Innenlade nur wenige Haare,
ebenso der verbreiterte Taster am letzten und vorletzten Glied. Die
Innenlade der Kieferfüsse (Fig. 20) ist schmal und lang. Das Endglied
des Tasters bildet eine scharfe Klaue. Die beiden ersten Beinpaare
besitzen Greifliände. Die des ersten Paars (Fig. '21) ist bedeutend
kleiner als die des zweiten (Fig 22).
Bei beiden Paaren ist der Hinterrand der zwei letzten Glieder mit
büschelförmig angeordneten Härchen besetzt. Die Schenkelglieder
der drei letzten Beinpaare haben einen ovalen Umriss und sind sehr
verbreitert und zwar beinahe gleich stark nach vorn, wie nach hinten.
Der zweite und dritte Hinterleibsring läuft am seitHchen untern Rand
nach hinten in eine Spitze aus, welche beim dritten stark aufwärts
gerichtet ist. Der vierte Hinterleibsring ist am Hinterrande in der
Mitte des Rückens mit einem kräftigen Dorn, der fünfte mit drei
schwächern Dornen bewaffnet. (Fig. 24, IV — V). Der Schwanzanhang ist
bis auf den Grund gespalten (Fig. 23). Beide Hälften sind am Innen-
und Aussenrande etwas vor dem Ende eingekerbt, in jeder Kerbe
sitzt ein Börstchen. Das letzte Schwimmfusspaar (Fig. 23 a) hat einen
langen Aussenast, während der Innenast zu einer kleinen Schuppe
verkümmert ist. Das Grundglied ist länger als der Schwanzanhang.
Länge 1 1,5 mm.
An mehreren Stellen sitzen dem Chitinpanzer des Thiers kleine
ocellenähnliche Gebilde, welche wohl parasitärer Natur sind, auf.
Dieselben sind manchmal, wie es in Fig. 24 VI o abgebildet ist,
symmetrisch angeordnet.
158 Dr- Willy Kükentbal:
14. Amathilla Sabinei Leach.
Goes (7) erwähnt, dass diese Art bei Spitzbergen sich häufig
zwischen Algen vorfinde. Ich fand in dem Material nur ein Thier
von 35 mm Länge. Als grösstes Maass für A. Sabinei giebt Boeck
25 mm, Rathke 1 Zoll, also beinahe ebenso Adel, an.
Das in Alkohol konservierte Thier ist rosaroth gefärbt. Die
Art hat einen sehr grossen Verbreitungsbezirk.
15. Amathilla pinguis Kröyer.
Ebenfalls sehr weit verbreitet, allein in der Nordsee noch
nicht beobachtet. Boeck (12) unterliess es, die charakteristische
Form des untern hintern Seitenrandes am dritten Hinterleibssegmente
zu erwähnen. Dieser läuft nämhch nicht, wie bei sehr vielen Amphi-
poden, nur in eine nach oben gerichtete Spitze aus, sondern direkt
darunter befindet sich noch eine zweite beinahe ebenso grosse.
16. Gammarus locusta L.
Einige der bei Spitzbergen gefangenen Thiere, welche unzweifelhaft
dieser Art angehören, erreichen die bedeutende Grösse von 43 mm.
Als grösstes Maass für diese Art führt Boeck 35, Buchholz (14) 40 mm.
an. Bei den 6 untersuchten Thieren sind die Antennen verschieden
lang. Auch von andern Autoren sind einzelne Varietäten beobachtet
worden. Goes erwähnt, dass das Auge nicht immer dieselbe Form
habe und manchmal ganz verschwinde. Boeck macht auf die wechselnde
Länge des inneren Astes des letzten Schwimmfusspaares aufmerksam.
17. Grammariis marinus Leach.
Die Jungen dieser und der vorigen Art sind erst nach genauerer
Untersuchung zu unterscheiden, indem der die ausgewachsenen Thiere
kennzeichnende gedrungene Körperbau bei den Jugendformen des
G. marinus kaum auffällt.
18. Gammarus spetsbergensis n. sp.
Taf. Vni. Fig. 25—31.
Das Auge dieser kleinen Art ist lang-oval. Das zweite und dritte
Hinterleibssegment am hinteren unteren Seitenrande in eine nicht
aufwärtsstehende Spitze ausgezogen. Die drei letzten Segmente des
Hinterleibs sind auf der Mitte des Rückens behaart. Die ersten
Antennen sind schlank und reichen beinahe bis zum ersten Hinterleibs-
segment. (Fig. 25). Die drei Glieder des Stiels sind massig lang, am
kürzesten ist das dritte, auf welchem neben der Hauptgeisel noch eine
3 — 4 gliedrige Nebengeisel entspringt. Die zweiten Antennen (Fig. 16)
sind kürzer als die ersten. Die Geisel derselben erreicht etwa die
Länge des Stiels. Die Mandibeln (Fig. 27) zeichnen sich durch einen
kräftigen schwach behaarten Taster aus. Die Kaufläche ist deuthch
gerieft. Die Aussenlade der ersten Maxillen (Fig. 28) trägt am Ende
gesägte Borsten. Der Taster ist mit einer Reihe kleiner Zähnchen
nebst 2 feinen Härchen besetzt. An den Kieferfüssen ist die Innen-
und Aussenlade wenig entwickelt. Der Taster hat ein zur Klaue
Beiträge zur Fauna Spitzbergens. I59
umgewandeltes Endglied, vor welchem ebenfalls mehrere gesägte
Borsten angebracht sind. (Fig. 29). Die beiden ersten Beinpaare
tragen am Ende Greifhände und sind an Grösse wenig verschieden.
Von den folgenden Beinpaaren ist das siebente das längste. Der
Schwanzanhang ist bis auf den Grund gespalten (Fig. 30), die
Aussenseite jeder Hälfte durch zwei Kerben, in welchen Borsten
und Dornen sitzen, in drei, beinahe gleiche Theile getheilt. Jedem
Ende sitzen, abwechslungsweise angebracht, \äer feinbefiederte Borsten
und ebensoviele kürzere Dornen auf.
Länge: 8 mm.
In 85 m Tiefe wurden 2 Exemplare dieser Art, welche sehr nahe
verwandt mit G. locusta ist, gefangen.
IX. Familie: Ampeliseidae.
19. Ampelisca macrocephala LiUj.
Bei beiden von mir untersuchten Exemplaren fehlt den für diese
Gattung charakteristischen 4 Punktaugen das Pigment vollständig.
Länge: 21 mm.
20. Ampelisca propinqua Boeck.
Auch bei dieser für die Fauna Spitzbergens neuen Art Hess sich
keine Spur von Pigment in den Punktaugen entdecken.
21. Haploops tubicola Lillj.
Das Material enthielt nur ein 13 mm langes Thier dieser Art.
X. Familie: Podoeeridae.
_22. Poflocerus anguipes Kröyer.
wurde an zwei Stellen in grösserer Anzahl gefangen. Einmal in 85 m
Tiefe im Juli 1886; von der zweiten Fundstelle fehlen nähere An-
gaben. Die Thiere aus der genannten Tiefe sind durchgehends be-
deutend kleiner als die übrigen.
C. Caprelliiia (Laemotlipoda).
XI. Familie: Caprellidae.
23. Caprella septentrionalis Kröyer.
Von diesem Laemodipoden, auf welchen die Boeck'sche Diagnose
sehr gut passt, sind Individuen verschiedenen Alters vorhanden.
Beim S ist das zweite Beinpaar in der Mitte des zweiten Segments
angebracht, während es beim ? mehr nach vorn gerückt ist.
Länge des grössten S 28 mm.
Länge des grössten $ mit Jungen in der Brusttasche 18 mm.
24. Caprella acutifrons Latr.
Der nördlichste Fundort für diese Art war bis jetzt die Nordsee,
von wo sie Kröyer anführt. Das einzige Exemplar von Spitzbergen
ist ein S und misst 10 mm.
160 I^J". Willy Kükeiithal:
XII. Familie: Cyamidae.
25. Platycyamus Thompsoni Gosse.
wurde in Menge von Dr. Kükenthal auf Hyperoodon rostratus ge-
funden. Die von Spence Bäte gegebene Abbildung stimmt mit der
Lütkens so wenig überein, dass die Identität der von beiden Forschern
beschriebenen Arten zweifelhaft erscheint.
Ordnung: Isopoda.
I. Familie: Anceidae.
26. Anceus robustus Sars.
Ein erwachsenes Exemplar dieser Art wurde nicht gefunden.
AUein nach der von Sars gegebenen Abbildung Hess sich die einzige
im Material enthaltene Larve leicht als zu der genannten Art ge-
hörig nachweisen.
II. Familie: Idotheidae.
27. Idothea nodulosa Kröyer.
Ist nahe verwandt mit der von Sars beschriebenen Synidotea incisa
(Idotea bicuspida Owen). Ich konnte mir leider die Kröyer'sche
Beschreibung der I. nodulosa nicht verschaffen und bestimmte diesen
Isopoden nach einigen Angaben über diese Art, welche in der Be-
schreibung der Synidotea bicuspidata bei Sars enthalten sind. Alle
Thiere bedeckt eine feine bräunliche Schlaramkruste. An den Stellen,
wo diese abgeschürft ist, kommt eine blaugraue Färbung des Körpers
zum Vorschein. Nach der Anzahl der gefangenen Individuen zu
schliessen, scheint dieser Isopode häufig zu sein. Bei einigen
Weibchen von 11 mm Länge ist die Brusttasche mit Jungen erfiillt.
Die grössten Thiere messen 19 mm.
Tübingen, October 1888.
Verzeichniss der benützten Werke.
1. Kröyer, H.: Grönlands Amphipoder. Dansk Vidensk. Selsk. Afhaiidl. VII. ThI.
Kopenhagen 1838.
2. Rathke, H.: Beiträge zur Fauna Norwegens. Nov. Act. Akad. Caes. Leop. —
Carol. Bd. XX. Breslau und Bonn 1843.
3. Lilljeborg: Norges Crustaceer. Ofversigt af Kongl. Vetensk. Akad. För-
handl. 1851.
4. » Hafs Crustaceer, ebenda 1852.
5. Spence Bäte: on some new genera and species of crustacea amphipoda.
Annais of nat. bist. Ser. III. 1858.
6- " » Catalogue of the specimens of amphipodous crustacea. Lon-
don 1862.
Beiträge zur Fauna Spitzbergens. 161
7. Goes, A.: Crustacea ampliipoda niaris Spetsbei'giani aliucntis. Ofvers. af
Kgl. Vetensk. Akad. Forliandl. 186:».
8. Sars, Gr. 0. : Beretning om en i Sommeren 1865 foretagen zoologisk Rei.se etc.
Christiania 1866.
9. » » » Fortsatte Beniärkninger over det dyriske Livs Udbredniug i
Havets Dybder. Vid. Selsk. Forhandl. 1868.
10. » « » Undersögelser over Cbi'istianiafordens Dybvandsfanna. Christiania
1869.
11. » M. : Bidrag til kundskab om Christianiafordens Fauna. Christiania 1868.
12. Boeck, A. : De Skandinavisk og Arktiske Amphipoder. Christiania 1872.
13. Lütken, Chr.: Bidrag til kundskab om Arterne af Slaegten Cyamus eller
Hvallusene. Vidensk. Selsk. Schrift. 5 Raekke Bd. 10 III. Kjöbenhavn 1873.
14. Die zweite deutsche Nordpolfahrt 1869 — 70. Crustaceen bearb. v. Buchholz.
Leipzig 1874.
15. Bronn: Classen und Ordnungen. Bd. V. Abthl. II. Lief. 1—19. 1881-88.
16. Sars, G. 0.: Oversigt af Norges Crustaceer. Christiania Vidensk. Selsk. For-
handl. No. 18. 1882.
17. Mayer, P. : Caprelliden. Leipzig 1882.
18. Nordenskiöld: Die wissensch. Ergebnisse der Vega-Expedition 1883. Crusta-
ceen bearb. von Stuxberg.
19. Den Nor.ske Nordhavs-Expedition 1876 — 78 XIV. Crustacea (v. G. O. Sars).
la. med. 21 Taf. og 1 Kart. Cliristiana 188ö.
20. Carus, V.: Prodromus Faunae Mediterraneae. Vol I. Stuttgart 1885.
21. Report on the scientific Results of exploring Voyage of H. M. S. Challenger
Zool. Vol. XVII. London 1886. Isopoden von Beddard bearbeitet.
22 Dijmphna Togtets zoolog.-botaniske Udbytte (Crustaceen v. Hansen). Kjöben-
havn 1887.
23. Chevreux, Ed.: Sur les Crustaces aniphipodes de la cöte ouest de Bretagne.
Comptes rendus Ac. Sc. Parts T. 104, 1887.
24. Haswell: On some new Australian Marine Isopoda. Proceed. of Linn. Soc-
New-South Wales. Vol. VI. 1882.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. YIII.
Fig. 1 — 7. Anonyx Kükenthali nov. spec.
Fig. 1. Ganzes Thier in beinahe doppelter natürlicher Grösse. ')
» 2. Mandibel.
» 3. Maxille des ersten Paars.
» 4. Kieferfuss.
» 5. Bein des ersten Paars.
» 6. Bein des zweiten Paars.
>• 7. Schwanzanhang mit dem sechsten rechten Schwimrafuss.
') Die Vergrösserungen sind dem jeweiligen Bedürfniss angepasst.
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1889. Bd. I. H. 2. 11
16-2 Dr. Willy Kükenthal:
Fig. 8—14. Anonyx caecus nov. spec.
Fig. 8. Antenne des ersten Paars.
» 9. Antenne des zweiten Paars.
.. 10. Mandibel.
» 11. Maxille des zweiten Paars.
» 12. Kieferfüsse.
» 13. Bein des ersten Paars.
» 14. Schwanzanhang, a) linker sechster Schwiniinfnss.
Fig. 15— 24. Melita quadrispinosa nov. spec.
» 15. Antenne des ersten Paars.
» 16. Antenne des zweiten Paars.
» 17. Mandibel.
» 18. Maxille des ersten Paars.
» 19. Maxille des zweiten Paars.
» 20. Kieferfuss.
» 21. Bein des ersten Paars.
» 22. Bein des zweiten Paars.
» 23. Schwanzanhang, a) rechter sechster Schwimmfuss.
» 24. IV. — VI. Die 3 letzten Hinterleibssegmente,
IV. trägt einen, V. 3 Dorne,
VI. 0. ocellenähnliche, wahrscheinlich parasitäre, Gebilde.
Fig. 25— 31. Gammarus spetsbergensis nov. spec.
>> 25. Antenne des ersten Paars.
» 26. Antenne des zweiten Paars.
» 27. Mandibel.
» 28. Maxille des ersten Paars.
.. 29. Kieferfuss.
» 30. Schwanzanhang.
» 31. Oberlippe.
Fig. 32—36. Aniphitopsis dubia nov. spec.
» 32. Mandibel.
» 33. Maxille des ersten Paars.
» 34. Kieferfuss.
» 35. Schwanzanhang.
» 36. Bein des zweiten Paars.
Beiträge zur Fauna Spitzbergens. 163
Pelagische Copepodeii.
Von
Dr. W. Giesbrecht, Neapel.
Das Auftriebnetz wurde vom 23. Mai bis 10. Juni 4 mal aus-
geworfen, und zwar bei 74*' 54' bis 75^ 55' N. Br. und 10*^35'
bis 14 *» 7' 0. L.; Tiefe zwischen 20 und 200 Meter. Die erbeuteten
Copepoden bestanden fast ausschliesslich in den beiden unten ge-
nannten 6a/a/u<.s- Species; während dieselben am 23. Mai und 1. und
10. Juni die einzigen Arten waren und nur in geringer Menge ge-
fangen wurden, ergab der Fang vom 30. Mai (200 Meter Tiefe) nicht
nur eine weit grössere Zahl von Individuen dieser beiden Arten, son-
dern ausserdem noch einige wenige Vertreter von 2 weitern, zu andern
Genera gehörigen Arten. Neben zahlreichen Jugendformen waren
die beiden Ca/a//»s- Arten durch viele reife ? vertreten, während ^
von 6'. ßnniarchicns sich sehr selten und von hi/jK>rhorei(.s überhaupt
nicht fanden. Bemerkenswerth ist ferner, dass die Ovarien aller ?
sich nur wenig weiter entwickelt erwiesen, als sie es vor der letzten
Häutung sind (mit welcher das $ begattungsfähig wird), und dass
sie also diese Häutung erst kurz vor ihrem Tode durchgemacht haben
konnten. Diese Daten dürften sich für die Frage verwenden lassen,
ob die Fortpflanzung der pelagischen Copepoden von der Jahreszeit
abhängig ist.
Die 4 Arten sind folgende:
1. Calanns ßiunarclilcHs Gunner (? und S).
Die vorliegenden Exemplare stammen von ungefähr denjselben
Theile des arctischen Meeres her, in welchem die Art während der
Schwedischen Expedition von 1872—1873 gefischt wurde; Lilljeborg,
welcher die dabei erbeuteten Entomostraken bearbeitete, sagt (Ofversigt
af K. Vetensk. Akad. Förhandl. 1875), die Art variire stark in der
Grösse und er habe P^xemplare bis zu 8 mm. Länge gefunden; die-
selben stimmten mit der von Kröyer unter dem Namen C. ht/pei-boreus
beschriebenen Form überein. Auch G. 0. Sars (Norske Nordhavs-
Expedition, Zoologi; Crustacea H, p. 76) spricht von ungewöhnlich
grossen Exemplaren, mehr als doppelt so lang wie die gewöhnlichen,
welche bei Jan Mayen gefunden waren. In dem von H. Dr. Küken-
thal gesammelten Material finden sich nun ebenfalls neben den
zwischen 3,5 und 4.5 mm. langen ? von C. fiiimarc/ncus solche, die
eine Länge von 7 bis 9,5 mm. erreichen; Individuen, die eine Länge
von mehr als 4,5 und weniger als 7 mm. besassen, erwiesen sich
sämmtlich als Jugendstadien der grösseren Form. Schon hieraus
lässt sich schliessen, dass man es hier mit 2 verschiedenen Arten zu
thun hat, und in der Tat ergibt die nähere Untersuchung Unter-
schiede, die die Aufstellung einer besondern Species für die grösse:-e
11*
164 I>i'- Willy Kükeiithal:
Form erfordern; es fragt sich, ob dieselbe wirklich mit Kröyer's
liyperhorens zu identifiziren ist.
Kröyer s Beschreibung (Naturhist. Tidskrift, 2. Reihe, 2. Bd., p.542)
ist allerdings sehr dürftig und die Merkmale, auf Grund deren er
die Art von seinem splUhergensis (wol = ßnmarchicus) unterscheidet,
sehr schwankend; auch sind die Individuen, die er abbildet (Voyage
en Scandinavie, en Laponie, au Spitsberg et aux Feröe, Atlas, publie
p. Paul Gaimard), nicht geschlechtsreif; doch stammen seine Exemplare
ebenfalls zum Theil aus der Nähe von Spitzbergen und da die von
ihm angegebene Länge von 4 Linien mit der von Lilljeborg, Sars
und mir gefundenen Länge ebenfalls übereinstimmt, so scheint es
mir angezeigt, den Kröyer'schen Namen beizubehalten. Wir haben
daher :
2. Calanus hyperboreus Kröyer. (?)
Die Merkmale, durch welche diese Art sich von ßnmarchicus
unterscheidet, sind ausser der schon erwähnten Rumpf länge, folgende:
Die seitHchen Ecken des letzten Thoraxringes, bei /. abgerundet,
sind bei h. (wie bei propincjuus Brady) in eine Spitze verlängert;
während bei /. die 14 letzten Glieder der vorderen Antennen an
Länge so wenig differiren, dass die kürzesten zu den längsten unter
ihnen sich etwa wie 5 : 6 verhalten, ist bei h. z. B. das 19. Glied
über doppelt so lang wie das 24.; bei _/. ist der Zähnchensaum am
Innenrande des 1. Basalgliedes des 5. Fusspaares in der Mitte concav
und zieht sich längs dem ganzen Rande hin, wogegen bei It. die
Concavität fehlt, und der distale Theil des Randes von Zähnchen
frei bleibt. Leider erwiesen sich alle reife Individuen der Art als $,
so dass nur das 5. Fusspaar des J", in welchem nah verwandte Arten
am deutlichsten zu diiferiren pflegen, unbekannt geblieben ist.
3. Euchäta norvegica Boeck. (1 $)
In dem I. Theil des oben citirten Werkes gibt G. 0. Sars eine
ausführliche Darstellung dieser Art.
4. Metridia arniata Boeck. (3 ?)
Die von G. St. Brady unter diesem Namen beschriebene (Mono-
graph of the ....Copepoda of the British Islands vol. 1) Art ist wol
kaum mit derjenigen Boeck's identisch. Die kurze Beschreibung
dagegen, die d^r Autor der Species gibt (Overs. over de ved Norges
Kyster jagt. Copepoder, in Vidensk. Selsk. Forh. 1864, p. 14 des
Separ.), passt auf die mir vorliegenden Exemplare; dass Boeck den
characteristischen Bau des 1 . Innenast - Gliedes des 2. Schwimm-
fusspaares nicht ganz richtig darstellt, bemerkt Lilljeborg (loc. cit.)
mit Recht.
Auf alle 4 angeführten Arten hoffe ich bei anderer Gelegenheit
ausführlicher zurück zu kommen.
Beiträge zur Fauua Spitzbergens. 165
Einige Notizen iiber Hyperoodon rostratus Lilljeborg
und Behiga leucas Gray.
Vou
Dr. W. Kükenthal.
In diesen Mittheihmgen gedenke ich mich darauf zu beschränken,
das anzugeben, was ich selbst beobachtet habe, und was mir neu
oder weniger bekannt erscheint.
Hyperoodon rosiratus Lilljeborg.
Diesen Wal trafen wir in dem Meerestheil vom 74. bis 77. Grad
n. Br. zwischen Grönlandseis und Spitzbergeis ziemlich zahlreich an.
Während bis Mitte Mai sein Vorkommen ein mehr vereinzeltes war,
fanden wir ihn später bis Ende Juni in grösserer Menge. Es rührt
dies von der Wanderung her, welche dieser Wal im Frühjahr nach
Norden zu unternimmt; noch im März und April ist er bei Jan
Meyen Gegenstand eines ausgiebigen Fanges, ^j Auffallig erschien
mir die Thatsache, dass die meisten „Bottlenoswale" sich in einem
Wasser aufhielten, dessen Temperatur + 2 bis 3 Grad R. betrug.
Diese Temperatur findet sich da, wo die zahlreichen Golfstromarme,
welche in diesem Meerestheile ausstrahlen, sich mit dem kalten,
polaren Wasser vermischen. 2) An solchen Stellen findet sich ein
reiches Thierleben vor. In dem von kleinen einzelligen Algen auf
weite Strecken braungrün gefärbten Meere tummeln sich ungeheure
Schaaren kleiner Copepoden, meist CalanusSiVtQn angehörig, und auch
in den Tiefen scheint an den Grenzen des Avarmen und des polaren
Wassers der Roichthum an Thieren besonders gross zu sein, so dass
das Erscheinen des Hyperoodon an jenen Stellen, wohl mit dem Auf-
treten massenhafter Nahrung, in diesem Falle CephalopoJen, zu-
sammenhängt. Im Magen des Hyperoodon triö't man stets ungeheuere
Massen von Kiefern der erwähnten Thiere an, und aus dem Schlünde
eines eben erbeuteten Individuums konnte ich einmal einen noch
ziemlich unversehrten Cephalopoden herausziehen.
Sehr selten begegneten wir diesem Wale einzeln, meist waren
es zwei und dann entweder $ und S , oder ein ? mit einem Jungen,
oder aber kleine Heerden von 3—7 Stück. Die Grösse der von uns
erbeuteten 18 Thiere betrug durchschnittlich etwa 23 Fuss, sie
schwankte in den Grenzen von 20 — 24 Fuss. Dass unter Umständen
^) Siehe Eschricht „Untersuch ud gen über die nordischen Wallthiere" 1849,
in welchen die Verbreitung und Wanderung des „Entenwalles" eingehend be-
handelt wird.
-) Eine ähnliche Beobachtung ist bereits vonMaliugren gemacht worden ;
siehe Malmgren: Beobachtungen und Aufzeichnungen über die Säugethier-
Eauna Finmarkens und Spitzbergens. Archiv f. Naturgeschichte. 30. Jahrgang.
Berlin 1864, p. 63.
166 Dr. AVilly Kükenthal:
der Hyperoodon aber grösser werden kann, beweisen mehrere An-
gaben in der Literatur von einzelnen gestrandeten Exemplaren, so-
wie Mittheilimgen von Fangsleuten, welche den grossartig betriebenen
Fang bei Jan Meyen kennen. (Es wurden dort im Jahre 1886 weit
über 1000 Stück erlegt, auch eine deutsche Firma ist an diesem
Fange mit einigen Schiffen betheihgt.) Ihnen zufolge kann dieser Wal
eine Länge von über 30 Fuss erreichen.
Als wesentHches systematisches Merkmal wird allgemein an-
gegeben, dass der Hyj>eroodon rodratas auf der Unterseite des
flaschenförmig vorspringenden Schnabels keine äusserlich sichtbaren
Zähne besitze, dass dieselben vielmehr im Unterkiefer verborgen
seien und ich habe diese Angabe an einer grossen Anzahl von In-
dividuen bestätigen können.
Aelteren Autoren waren nur 2 vordere, stets verborgen bleibende
Zähne bekannt, und erst E schriebt') wies nach, dass Rudimente von
anderen Zähnen ebenfalls vorhanden sind. Diese auch von Turner^)
gemachten Angaben kann ich im Allgemeinen- bestätigen, in einem
Falle finde ich hingegen , an einem in meinem Besitze befindlichen
Hyi'eroodoti^ohnvihQl im Unterkiefer 2 ziemlich weit hervorragende
Zähne, die in Bau und Lage den sonst verborgen bleibenden anderer
Exemplare entsprechen. Das frei herausragende spitze Ende hat
eine Länge von über 1 cm., der ganze Zahn ist circa 5 cm. lang und
an der breitesten Stelle 1,9 cm. breit. Das Fehlen von äusserlich
sichtbaren Zähnen ist demnach für Hyperoodon rodratns nicht als
ganz constantes Merkmal anzusehen. In dieser Hinsicht ist also ein
Uebergang zum Mesoplodon zu constatiren, bei dem die beiden be-
treffenden Zähne schon äusserlich sichtbar sind.
Die Farbe dieses Wales ist auf der Oberseite ein dunkles Braun-
grau mit einem Stich ins Bläuliche, auf der Unterseite ein heUes
Silbergrau. Alte Individuen zeigen vorn an der steil abfallenden
vorderen Kopfwand eine hellere Färbung. Hier und da sieht man
weissliche Flecken von grösserer oder geringerer Ausdehnung, meist
von ovaler Form. Mit blossem Auge lässt sich nur erkennen, dass
an diesen Stellen die Haut ein fein poröses Aussehen hat. Die
microscopische Untersuchung zeigt eine ganz auffällige histologische
Veränderung der Haut; der aus flachen Zellen bestehenden, ziemlich
dünnen Hornschicht lagert da, wo sich diese Flecken befinden, eine
weitere Schicht von eigenthümhchen, senkrecht zur Oberfläche stehen-
den, nadeiförmigen Körpern auf, von starkem Lichtbrechungsvermögen,
zum Theil in die tiefere Hornschicht hinabreichend. Diese Gebilde
sind es, welche den betreffenden Stellen das poröse Aussehen geben.
Da sich gerade an diesen Stellen häufig jene der Species flaty-
cyamus Thompsoiii Gorse angehörigen Ectoparasiten in grösseren
') Eschricht 1. c , p. 37.
') Turne r. On the anatomy of a second species of Sowerbys AVhale. Journ-
Of Aiiat. and Physiol. vol. XX. 188i'
iö.
Beiträge zur Fauna Spitzbergens. 167
Mengen vorfanden, so glaubte ich anfcänglich, dass diese Flecken
pathologische Veränderungen seien, welche durch das Einklammern
dieser Parasiten in die Haut hervorgerufen wären, die Untersuchungen
indes, Avelche auf meine Bitte Herr Prof. Krukenberg anstellte,
ergab, dass die Flecken durch einen zum Begriff ,, Dermatomykose"
gehörigen pathologischen Process hervorgerufen seien, und dass die
stabförmigen Gebilde, den Reactionen nach, pflanzlicher Natur sind.
Weder über die Tragzeit noch über die Zeit der Geburt konnte
ich etwas Genaueres ermitteln. In keinem der von mir untersuchten
Weibchen fand sich ein Embryo vor. Im Mai und Juni sah ich
mehrmals weibliche Wale mit einem Jungen, welches, dem Anschein
nach, nicht lange erst geboren sein konnte. Die Geburt würde dem-
nach in den März oder April fallen.
Dass sich im Kopfe grosse Ansammlungen flüssigen Fettes vor-
finden, ist bekannt. Es ist dies ein ähnliches Vorkommniss, wie das
Spermaceti des Pottwales. Die Stellen, wo sich dieses Oel in grösster
Menge angesammelt hat, liegen in dem Gewebe, welches sich zwischen
den beiden enorm hohen Oberkiefern vorfindet; die Masse desselben
lässt sich auf mehrere Liter taxiren.
Vielleicht ist auch die Beobachtung nicht ohne Interesse, dass
ein von uns harpunirter Ihjperoodon 45 Minuten lang unter Wasser
blieb.
Bdiiga leucas Gray.
Diesen Wal kenne ich von der Spitzbergischen Küste her, wo
unser Fahrzeug von Ende Juni bis Ende August lag. Wir erbeuteten
während dieser Zeit 50 Stück. Im Allgemeinen erscheint der Weiss-
wal an den Küsten Spitzbergens, wenn die Eisdecke zu brechen
beginnt, also im Juni. Fast stets sind es grössere Ileerden, welche
in alle Baien und Buchten hineinschwimmen, und besonders die
Flussmündungen, sowie solche Küstenstriche aufsuchen, Avelche seichten
schlammigen Boden besitzen, wie dies schon von Malmgren ^) angegeben
ist. Diese Heerden bestehen entweder aus Männchen, Weibchen und
Jungen, oder aber nur aus Männchen. Letztere scheinen sich in
höherem Alter von ihren Heerden zu sondern und Vereinigungen
für sich zu bilden, es sind fast ausschliesslich grosse über 5 m. lange
Inviduen mit dicker Specklage.
Wie bereits bekannt erlangt der Weisswal erst in höherem
Lebensalter seine weisse Farbe, bis zum vierten oder fünften Jahre
ist er braun, dann grau. Dass diese weisse Hautfarbe eine An-
passung an das Leben im Eise ist, erhellt schon aus dieser Thatsache,
(selbst kleine Embryonen enthalten Hautpigmente), sowie aus der
Beobachtung, dass ein schlafender, an der Oberfläche des Meeres
treibender Weisswal, nicht leicht von einer schwimmenden schnee-
bedeckten Eisscholle zu unterscheiden ist.
') Malmgren: Beobachtungen und Aufzeicbnvangen über die Säugethier-
fauna Finmarkens und Spitzbergens. Aichiv f. Naturgescbichte 30. Jahrg.
Berlin 1864 p. 63.
Ißg Dr. Willy Kükeuthal: Beiträge etc.
Der Weisswal ist Gegenstand eifriger Naclistellungen von Seiten
des Menschen, niclit nur seines Speckes, sondern auch seiner Leder-
haut wegen, aus welcher sehr feines Leder gearbeitet wird. Nur
wenige Cetaceen besitzen eine derartige Lederhaut, bei den meisten
grenzt der Speck, also das fetthaltige Unterhautbindegewebe, direct
an die dünne Epidermis. Während bei jüngeren Thieren die Leder-
haut noch sehr dünn ist, circa 1 mm dick, erreicht sie bei älteren
eine Dicke vor über 6 mm. Es ist eine auffällige Thatsache, dass
sich die beiden rein arctischen Wale der Weisswal und der Narwal
einer derartigen festen Haut erfreuen. Vielleicht kommt der Umstand
in Betracht, dass um die Wärmeausstrahlung in dem meist auf Null
Grad abgekühlten Wasser zu vermindern, die Lederhaut sich verdickt
hat; eine Zunahme der Speckschichtdicke würde diese Fische jagenden,
also ausserordentlich agilen Thiere, in ihrer Behendigkeit hindern,
möglicherweise sind es aber auch ganz andere Gründe, welche diese
starke Ausbildung der Lederhaut veranlasst haben.
Im Allgemeinen ist im Frühjahr die Nahrungsaufnahme nicht
gross, denn in dieser Zeit findet die Begattung statt, i) Da die Thiere
sehr scheu sind, so ist letztere sehr schwer .zu beobachten; mein
Schiffer, der seit einigen zwanzig Jahren ununterbrochen Weisswal-
fang auf Spitzbergen betreibt, konnte nur einmal eine derartige
Beobachtung machen, danach wird die Begattung in seitlicher Stellung
im flachen Strandwasser ausgeführt.
Die von uns im August gefangenen, weiblichen Weisswale ent-
hielten zum Theil gegen fusslange Embryonen, da nun die Geburt
der Jungen im Juni bis Mitte Juli erfolgt, so können nicht dieselben
Weibchen im August bereits derartig grosse Embryonen besitzen.
Es ist daher anzunehmen, dass der Weisswal gegen 1 Jahr Tragzeit
hat, im 2. Jahre säugt und erst im dritten Jahre wieder concipiren
kann. Da nun ausserdem wohl stets nur 1 Junges geboren wird,
so erhellt, wie langsam sich die Thiere fortpflanzen.
Die Weisswale waren in der That von den Küsten Spitzbergens
so gut wie verschwunden, nachdem in den zwanziger Jahren dieses
Jahrhunderts russische Fahrzeuge den Fang intensiv betrieben hatten,
und auch jetzt sind es nur einige wenige Norwegische Fahrzeuge,
welche in diese Gebiete vordringen, um Weisswale zu erbeuten.
') In dem Anhange zu Eschricht's Untersuchungen au nordischen Wal-
thiereu (1849) finde ich folgende Notiz von Capt. HolhöU: „So wie der Grinde-
wal muss auch der AVeissfisch das Vermögen haben, sich hei drohender Lebens-
gefahr der eingenommenen Nahrungsmittel überaus schnell zu erledigen." Davon
habe ich nie etwas gesehen oder von Weisswalfängern gehört. Es scheint mir
viel wahrscheinlicher, dass wie bei andern Thieren, so auch beim Weisswal,
während der Begattungszeit keine oder nur geringe Nahrungsaufnahme erfolgt,
und da der Fang dieser Thiere meist in den Sommer, also die Begattuugszeit
fällt, so lässt sich die Leere ihres Magens ungezwungen erklären.
Griechisclie Mollusken.
Gesammelt von
Eberh. von Örtzen.
Bearbeitet von E. von Martens.
Mit Tafel IX— XI.
Die vorKegende Arbeit behandelt die Mollusken, welche Hr. von
Ortzen auf mehreren Reisen in Griechenland, namenthch auch auf
dessen Inseln bis nach der Südwestecke Kleinasiens hin, gesammelt
und dem Museum für Naturkunde in Berhn zur Verfügung gestellt
hat. Da sowohl die Nacktschnecken als die Clausilien bereits von
Dr. Simroth und Dr. Böttger näher untersucht und zum Gegen-
stand eigener Bearbeitungen in den Abhandlungen der Senkenbergi-
schen Gesellschaft in Frankfurt a. M. gemacht worden sind, so konnte
ich diese in dem systematisch-bestimmenden Theile übergehen, dagegen
mussten sie doch in , die darauf folgenden Tabellen aufgenommen
worden, welche eine Übersicht zugleich des überhaupt aus diesen
Gegenden Bekannten und des durch Hrn. von Ortzen neu Hinzu-
gekommenen oder Neubestätigten geben sollen. Die erste Tabelle
behandelt Mittelgriechenland und Morea mit den anliegenden Küsten-
inseln, eingetheilt in die einzelnen Landschaften im Anschluss an die
jetzige poHtische Eintheilung, doch mit einigen Modifikationen zu
Gunsten einer natürhcheren Abgränzung. Die zweite Tabelle umfasst
die selbständigen Inseln des ägäischen INIeeres mit Angabe, welche
der hier vorkommenden Arten auch auf dem Festlande von Europa
oder Asien oder auf Kreta vorkommen, wie auch in der vorher-
gehenden Tabelle umgekehrt das Vorkommen der betreffenden Arten
auf den Inseln des ägäischen Meeres angemerkt ist. Die dritte Tabelle
betrifft nur die auf Kreta lebenden Arten und soll neben den Örtzen-
schen namentlich auch die von Herrn von Malt zan dort gesammelten
verzeichnen, da diese meines Wissens noch nirgends zusammengestellt
und wenigstens die Hehx darunter alle im Berliner Museum vertreten
sind. Dass für diese Tabelle sowohl als die Ausarbeitung im Ganzen
neben dem bekannten Werk von Westerlund und Blanc über die
Binnenmollusken Griechenlands auch die neueren Veröffentlichungen
Aich. f. Naturgesch. Jahrg. 1889. Bd. I. H. 2. 11**
170
V Härtens:
von Hesse, Böttger und Kobelt dankbar benützt worden sind,
versteht sich von selbst.
Auch für den ersten mehr beschreibenden Theil wurde eine geo-
graphische Ghederung gewählt, weil eben die Orte, an denen Hr
von Ortzen gesammelt hat, natürlicherweise in einzelne näher zu-
sammengehörige Gruppen zerfaUen und der Hauptwerth der meisten
Griechische Mollusken. 171
Funde eben in dem Fundort liegt, dagegen die Aufzählung von alba-
nischen oder cephalonischen Arten mit solchen von Kreta und Kar-
pathos in Einer Reihe wenig Sinn hätte.
Die beigegebene Kartenskizze macht keinen Anspruch anf grosse
Genauigkeit, sie soll nur die gegenseitige Lage der einzelnen Fund-
orte dem Leser erläutern.
Bei Anführung der Autoren für die Artnamen ^vurde daran fest-
gehalten, nur den als Autor zu nennen, der die Art durch Beschreibung
oder Abbildung in einem wissenschaftlichen Werke kenntlich gemacht
hat, nicht den, der den Artnamen in einer Sammlung oder als Händler
gegeben hat, also z. B. oft Ross massier statt der bisher üblichen
Ziegler und Parreyss.
I. Avlona,
das alte Apollonia, in Albanien an der Meerenge von Otranto, Anfangs
März 1887. Vgl. Mousson-Schläfii 1859, Httoral de FEpire p. 26.
Glandina algira var. dilatata (Küst.) vgl. Westerlund und Blanc
fn. mal. de la Grece p. 21.
Limax (Milax) carinatus Risso.
Hyalina nitidissima Mousson coq. rec. par Schläfli I p. 38.
Helix corcyrensis Rossm.
— cartusiana Müll.
— olivieri Rossm.
— variegata Mouss. Schläfli p. 33. Kobelt Rossm. VI f. 1552.
— pisana Müll.
— pyramidata Müll.
Buliminus pupa (Brug.)
Pupa philippii Cantr.
Clausilia stigmatica var. maritima Küst.
Cyclostoma elegans (Müll.)
Pomatius excisus Mouss.
8V2nim lang, 9 Windungen, fein gerippt und gefleckt; Mund-
saum mit einem deutHchen Ausschnitt an der Columellarscite, aber
kein solcher am Aussenrand.
Limnaea palustris (Müll.)
28 mm lang, 11 mm im Durchmesser; Mündung 15 mm.
II. Jonische Inseln.
Cephalonia und Zante, August 1885.
Glandina algira var. intermedia Marts. Berg Ainos (Monte nero)
auf Cephalonien.
— — var. compressa Mouss. Kobelt - Rossm. V f. 1315 KoiHo-
menon auf Zante.
Limax cephalonicus Simr. Cephalonien, vgl. Simroth a. a. 0.
Vitrina reitteri Böttg. V. draparnaldi (Cuv.) Mouss. Schläfli p. 18.
Diam. maj. 8, min. 573- Gipfel des Ainos.
172 V. Martens:
Hyalina hydatina (Rossm.) Argostoli auf Cephalonia.
Helix (Caracollina) lens Fer. Argostoli, Cefal., 1 Exemplar etwas
hoch, und Koiliomenon, Zante.
— — corcyrensis Rossm. Argostoli.
— (Cartusiana) olivieri Rossm. Argostoli.
Eine kleine mehr bräunliche Abart, 10 — 11 mm im Durch-
messer, bei Koiliomenon auf Zante.
cartusiana Müll. Koiliomenon, Z.
— ('Campylaea) subzonata Mouss. Schläfii p. 19. Ainos, Cef.
— (Xerophila) instabihs Rossm. Mouss. Schläfli p. 91. Bei Argo-
stoli und am Ainos, Cef.
Gelblich mit unterbrochenen Bändern, die auf der Unterseite
zahlreicher und stärker sind.
— — pyramidata Drap. Zante.
Klein, weiss, einfarbig.
— (Cochlicella) acuta (Müll.) Argostoli.
Buliminus pupa (Brug.) Ainos und Argostoli, Cef.; Zante.
— cephalonicus (Mouss.") Schläfli p. 24. Ainos.
Cionella zacynthia (Roth.) Mal. Blatt. 1855, 1, 10, 11. Zante.
Clausilia stigmatica var. miles Küst. ] rv . i ü-^x „ r»
— hebetruti Charp. | 2^^*^' ^g^" ß^**^^^ ^- ^- ^-
Alexia biasolettiana Küst. ArgostoH.
Cyclostoma elegans (Müll.) Argostoli.
— — var. marmoreum (Th. Brown). Zante.
Pomatias tessellatus (Rossm.) Argostoli, Cef. und Zante.
TruneateUa truncatula (Drap.) Argostoli.
Neritina varia Rossm. Martens Chemn. ed. nov. Neritina S. 225.
Cephalonia, von Heldreich erhalten.
III. Mittel -Griechenland
namentlich Doris, Attika und Euboea, Apr. bis Juni 1882 und
1887, Boeotien und Attika Apr. 1885 und Aegina Nov. 1883.
Daudebardia rufa (Drap.) Ocha-Berg im südUchen Euboea.
Sehr ähnlich der Abbildung bei Hartmann, Gast. d. Schweiz,
Taf. 3, Fig. 4.
Nach Dr. Böttger findet sich die mitteleuropäische D. rufa
auch wieder in Montenegro.
Limax graecus Simr. Korax-Gebirge. |
— (Agriolimax) berytensts Bourg. Euboea. > vgl. Simroth a. a. 0.
— (Milax) carinatus Risso. Euboea. |
Vitrina annularis Stud. Ferussac liist. nat. pl. 9, Fig. 7. —
Moq. Tand. moll. de la France II, p. 53. — v. Martens, Nachr.
mal. Gesellsch. III 1871, p. 117. — Kob. Rossm. Y f. 1406.
Korax-Gebirge oberhalb Musinitza, Eparchie Parnassis.
Auch diese Art ist bereits aus verschiedenen Berggegenden
Süd-Europa's bekannt, namentUch auch vom Pindos-Gebirge in
Thessalien durch Stussiner (Jahrb. mal. Gesellsch. XIII 51).
Griechische Mollusken. 173
Hyalina aeqiiata Mouss. Kob. Rossm. VI f. 1581, 1583.
Attika und Insel Makronisi (Helena) an dessen Ostküste.
— Malinowskii Zelebor. Kob. Rossm. VI f. 1578. Korax-Gebirge.
— (Crystallus) hydatina Rossm. II f. 529. Arachowa am Parnass.
Zonites örtzeni n. Taf. 9, Fig. 1.
Testa late et aperte umbilicata, convexo-depressa, obtiise an-
gulata, siibirregiilariter striata, superne leviter granulata, riifescenti-
fulva, siibtus lae\äs, nitida, pallidior; spira convexa, sutura dis-
tincte marginata, anfr, 6V2) nltimus distincte angulatus, angiilo
obtuso, utrinqiie saepiiis compressiusciüo , antice non descendens;
apertura parum obliqiia, ovato-rotimdata, peristomate acuto, margine
columeUari vix patulo. Diam. maj. 34, min. 28, alt. 16; apert.
diam. 15, alt. IIV2 mm.
Südliches Eiiboea bei Dystos und Almyropotamos.
Die Kante ist bei allen Exemplaren deutUch, ungefähr wie bei
Z. smyrnensis, zuweilen, aber nicht immer, auch durch blasse Farbe
ausgezeichnet und auf der letzten Windung bald oben und unten
von einer schwachen Eintiefung begleitet, bald an gleich grossen
Exemplaren ohne solche. An der vorletzten Windung und den
früheren ist die Kante scharf und nach oben von einer deutlichen
Eintiefung begleitet wie bei Ilelix spiriplana.
Zwei Exemplare, am Monte Delphi (Dirphe) in Euboea von
Mad. Thiesse gesammelt und durch Hrn. v. Maltzan als Kobelt's
Z. euboeicus erhalten, stimmen in vielem, namenthch auch in der
Zahl der Windungen, der Farbe, Grösse etc. mit unserer Schnecke
überein, sind aber etwas höher, enger genabelt und ihre Kante
ist stumpfer. Doch würde ich mich sehr besinnen, die Örtzen'sche
als Art davon zu trennen. Wenn diese Maltzanischen aber die
Kobelt'schen Schnecken sind, so ist auf der Abbildung Rossm. VII
fig. 1810 eine Windung zu viel gezeichnet und dem entsprechend die ein-
zelnen Windungen zu eng. Dann könnte man Z. euboeicus als
eigene Art betrachten und örtzeni als flachere Varietät dazu stellen.
— croaticus (Rossm.) var. transiens Mouss. Schläfli p. 39. Vgl.
Kob. Rossm. IV p. 49. Livadia in Boeotien.
Patula rupestris (Dr.) Korax-Gebirge.
Helix (Gonostoma) lens Fer. Lidoriki, Ep. Doris, und Dorf PawHani,
Livadia und Theben in Boeotien. Phthiotis, — OKvenwald bei
Athen, kleine Varietät, lentiformis West. Bl. p. 35. — Aegina u.
Angistri. — Aliveri, Stura und Dystos im südlichen Euboea.
Wechselt sehr in der absoluten Grösse, die grösste aus Attika
15 mm im Durchmesser.
— — lenticula Fer. Dipylon, Athen. — Aegina.
— (Cartusiana) olivieri Rossm. Lidoriki, Doris, klein, 9 — 10 mm
im Durchmesser, 6 hoch, graugelbhch, das weisse Band kaum an-
gedeutet, Mundsaum blass. — Theben, 10 — 12 mm, einfarbig weiss,
ziemlich flach. — Bei Athen am Kephissos. — Karystos und Dystos
in Euboea, 12 mm, 1 Stück albin.
174 V. Martens:
Helix (Cartusiana) dirphica Blanc. Jahrb. mal. Ges. III S. 339 Taf. 12
Fig. 2. Kob. Rossm. IV f. 1206. Korax-Gebirge.
H. hausknechti Böttg. vom Pin du s- Gebirge in Thessalien scheint
dieselbe Art zu sein.
— — cantiana Mont. var. ähnlich der messenica. Blanc p. 41
Taf. 2 Fig. 12. Attika.
— — var. frequens Mouss. Schläfli p. 28.
Kob. Rossm. V f. 1204. Aegina, IIV2 mm im Durchmesser.
— — cartusiana Müll., bei Athen, klein, nur 9 — 12 mm im Durch-
messer. Aegina.
— — syriaca Ehrenb. Rossm. II f. 568. Bei Athen.
— (Campylaea) oetaea n. Taf. 10, Fig. 14.
Testa anguste umbilicata, orbiculato-depressa, striatula, opaca,
flavido-grisea, fascia peripherica pallide fusca, utrinque pallide
limbata; anfr. 5V2) ultimus rotundatus, antice modice descendens.
Apertura sat obliqua, transversa, peristomate albo, reflexo, mar-
ginibus sat distantibus, infero stricto, columellari valde dilatato,
umbilici partem minorem obtegente. Diam. maj. 24 — 26, min. 19
bis 21, alt. 13—14; apert. diam. 13—16, lat. 11— I3V2 mm.
Süd -Abhang des Oeta - Gebirges beim Dorfe Stromi, mehrere
Exemplare, in der Weite des Nabels etwas unter sich verschieden,
s. Fig. 14 u. 14b.
Durch stärkere Wölbung, gelbgraue (nicht weisse) Farbe und
Vorhandensein nur Eines Bandes von H. Langi Pfr. Kob. Rossm. IV
S. 993, der sie in der Form ziemlich gleicht, verschieden, ebenso
von den im Balkan vorkommenden Varietäten der H. trizona durch
das Eine Band, die matte Grundfarbe und den geradlinig ge-
streckten Unterrand, der sowohl gegen den Columellarrand als gegen
den Aussenrand an einer bestimmten Stelle durch einen schwachen
Winkel sich abgränzt wie bei H. planospira. Auch die thessalischen
von Böttger beschriebenen Campylaeen (Jahrb. d. deutsch, malak.
Gesellsch. XII 1885 S. 170—172 Taf. 4 Fig. 8, 10, 12j lassen sich
sämmtlich nicht mit der vorliegenden identificiren ; Ossica ist mehr
konisch, stärker gestreift und dabei doch eigentlich glänzend, dick-
schaliger, mit Ausnahme der braungelben Grundfarbe in der That
der Olympica Roth, sehr ähnlich, H. Gasparinae ist entschieden
flacher. Die vorliegende Oetaea ist mehr gleichmässig gewölbt,
etwa wie die normale cingulata, mit feinen und regelmässigen Anwachs-
streifen, glanzlos, gelblich grau, mit deutlich markirter hellerer
Binde zu beiden Seiten des dunkeln Bandes. Von H. planospira
unterscheidet sie sich durch das etwas mehr vorstehende Gewinde
und den Mangel des Glanzes. Haarspuren kann ich nicht ent-
decken. So bleibt nichts übrig als ihr einen eigenen Namen
zu geben. Die Weite des Nabels und die absolute Grösse ist
zwischen den zwei zugleich gefundenen Exemplaren merklich ver-
schieden und zwar ist das kleinere verhältnissmässig höher und in
gejner allgemeinen Form der Ossica näher, aber weiter genabelt,
Griechische Mollusken. 175
das kleinere relativ flachere dagegen mit so engem Nabel wie
H. cisalpina.
Helix (Campylaea) phocaea Roth. (Mal. Blatt. 1856 1, 1 — 3; Kob.
Rossm. IV f. 994, 995) var. major, 25 — 26 mm im grossen Durch-
messer, sonst nicht abweichend. Korax-Gebirge beim Dorf Musi-
nitza, ungefähr 35 Kilometer nordnordöstlich vom Originalfundort,
dem Parnass in Phokis.
— — cyclolabris Desh., Boeotien, Attika und Euboea, und zwar
typica Kob. Rossm. IV f. 1085 bei Livadia in Boeotien u. Theben,
var. sphaeriostoma Bourg. amenit. II 5, 1 — 3, im südlichen Euboea
bei Dystos und Karystos, kleiner, nur 20 — 26 mm im Durch-
messer, ebenda bei Stura, und nur 20 mm auf dem Turkowuni
bei Athen,
var. heldreichi Schuttl. Kob. f. 1087, Akropolis von Athen.
— — (Pseudocampylaea) pellita Jer. Insel Makronisi (alt Helena)
an der Ostküste von Attika, 11 — 13 mm im Durchmesser.
— (Macularia) vermiculata Müll., „überallin Griechenland, wird
gegessen" (v. Ortzen, erste Reise). Auch auf der ebengenannten
Insel Makronisi.
— — codringtoni Gray var. oetae Kob. Rossm. VII f. 1821, am
Südabhang des Oeta- Gebirges beim Dorfe Stromi, Durchmesser
31 — 33 mm, Höhe 19 — 22V2 mm, Bänder mehr oder weniger dunkel
gefärbt.
— — crassa Pfr. Kob. Rossm. VIII f. 1820. Korax-Gebirge ober-
halb von Musinitza, 32 — 37 mm im grossen Durchmesser und nur
bis 17 mm hoch, weisslich mit blass rothbrauner Zeichnung, Nabel
mehr oder weniger, unter oder über der Hälfte, von dem sehr ver-
breiterten Columellarrand bedeckt. War bis jetzt nur von Korfu
bekannt.
— (Pomatia) aspersa Müll., ,, überall in Griechenland, wird ge-
gessen" (erste Reise). Bei Karystos im südlichen Euboea, gross,
starkrunzlig, trüb grünlichgelb.
— — figulina Rossm. II f. 580. Lidoriki in der Landschaft Doris,
24 mm breit, 25 mm hoch, ziemlich runzlig, nur Band 4 und 5
vorhanden, beide schmal.
— — aperta Born. Bei Athen, dickschahg.
— (Eupharypha) pisana Müll. Athen,
(Xerophila) variabilis Drap. Rossm. I f. 356 d, Attika und
— — variegata Mouss. Schläfli p. 33. Kob. Rossm, VI f. 1552.
Theben. Stura im südl. Euboea. H. hellenica Bourg. West, und
Bl. p. 70, 3, 22, ebenfalls von Euboea, scheint kaum davon ver-
schieden.
— — cauta West. Bl. p. 63, 2, 18. H. cretica var. Kob. Rossm. V
f. 1308 — 1310. Attika, Aegina und Makronisi. Scheint doch durch
weiteren Nabel, rundere Mündung und sparsamere Zeichnung sich
von cretica unterscheiden zu lassen; jüngere Exemplare sind kantig.
176 V. Martens:
Helix (Xeroplnla) chalcidica Hertens. Jahrb. mal. Ges. III 1876 341,
12, 3. Kob. Rossm. VI f. 1558. Mimychion und Phaleron bei
Athen. Die Art hat von Chalkis in Eiiboea den Namen; Kobelt
gibt in seinem Katalog, 2. Aufl. S. 44 irrthümlich Kreta als Vater-
land an.
— obvia Hartm. var. vulgarissima Mouss. Schläfli S. 44. Kob. Rossm.
V f. 1430. Volo im südHchen Thessalien und Lidoriki in Doris,
zahlreich ; Grundfarbe weiss, meist das eine Band in der Peripherie
stark ausgeprägt, voll, darunter mehrere schwächere, von denen
einige oder alle unterbrochen sind; seltener ist das Hauptband unter-
brochen, dann fehlen die übrigen Bänder, oder es fehlen alle Bänder,
so namentHch bei grossen Exemplaren, bis 17 mm im Durchmesser.
— Spiral -Skulptur kann ich an denselben nicht erkennen. —
Einfarbig weisse Exemplare, mit durchschnittlich etwas höherem
Gewinde, diam. maj. 17, alt. 10, der Abbild, von H. derbentina
bei Kob. Rossm. V f. 1433 entsprechend, daneben aber auch
flachere nur 8 mm hohe, aus der Umgebung der Stadt Lamia in
Phthiotis. Diese zeigen unter der Lupe mehr oder weniger Spiral-
streifung.
— — profuga Ad. Schmidt var. attica Böttg. Jahrb. mal. Ges. X
1883 p. 342, bei Laurion in der südöstlichen Ecke von Attika, bei
Aliveri und Kastri im südlichen Euboea. Meist mit mehreren
breiten, ziemlich hellbraunen Bändern.
— biangulosa n. Taf. 10, Fig. 11.
Testa umbilicata, conico-depressa, biangulata, conferte radiatim
costulato-striata , alba, pallide brunneo-variegata: spira gradata,
apice obtusa, anfr. 4V4, primus pallide fuscus, unicolor, laevis,
sequentes paulo infra suturam obtuse angulati et fasciati, ad peri-
pheriam distincte carinati, carina crassiuscula , transversim rugu-
losa; anfr. ultimus basi planiusculus, prope aperturam leviter des-
cendens; apertura subpentagona, parum obliqua, peristomate recto,
intus leviter albolabiato. Diam. maj. 7, min. 6, alt. öVs; apert.
diam. 3V3, lat, 3 mm.
Südliches Euboea, bei Stura.
Hauptsächlich durch die zweite obere Kante von H. syrensis
Pfr. verschieden.
■ — pyramidata Drap. Attika und Aegina.
— (CochHcella) acuta (Müll.) Athen an der Akropolis und Aegina.
Buliminus (Zebrina) detritus (Müll.) am Ossa im nördlichen Thes-
salien, von Hrn. Leonis erhalten, 29 mm lang, 12 mm breit, Mün-
dung 12 mm.
— — zebra var. spoUatus Pfr. Kob. Rossm. V f. 1360. West. Bl.
p. 85. Athen, einzelne Exemplare mehr marmorirt, andere weiss,
keines gleichmässig scharf gestriemt. — Kastri im südlichen Euboea.
— (Napaeus) monticola Roth. Mal. Blatt. 1856 I, 4, 5. Kob. Rossm. V
f. 1346. Korax - Gebirge , schmal, mit deutHch ausgebogenem
Mundsaum.
G-riechisclie Mollusken. 177
Buliminiis (Napaeus) dirphicus Blanc, West. \\. Blanc p. 90; 4, 30. Kob.
Rossm. VII f. 2017. Stura und Karystos im südlichen Eiiboea.
Grösste Länge 21 mm, grösste Breite l^/g mm, aber die Exemplare,
die so breit, sind nur I8V2 — 19V2 nim lang, die längsten nur 7 mm
breit, so dass hierdurch eine gewisse Ausgleichung im Rauminhalt
sich ergibt.
— — ch-i/ops n. Taf. 11, Fig. 11.
Testa rimato-perforata, elongata, striatula, griseo - Cornea,
nitidula, sutura albomarginata ; anfr. 9, primus globosus, paUidus,
sequentes convexiuscuh, regulariter crescentes, ultimus basi suban-
gustatus; apertura Vs longitudinis aequans, paulum obliqua, rhom-
beo- oblonga, peristomate expanso, albolabiato, margine externo
superne tenui, dein sat dilatato, basali arcuato, columellari stricto,
introrsum subphcato, extrorsum dilatato, callo parietali tenuis-
simo, tuberculo nullo. Long". liVa — 1*^) diam. 4—5; apert. long. 6^/2,
diam. SVs mm.
Korax-Gebirge, oberhalb Musinitza (im Gebiete der alten Dry-
oper, später Dorier).
Gleicht in der allgemeinen Gestalt auffallend dem B. athensis
Ffr., Kob. Rossm, V f. 1345, vom Athos, ist aber keineswegs dem
B. pupa nahe verwandt, sondern steht in der Oberflächenbeschafien-
heit und in der Gestalt des Mundsaums dem B. monticola Roth
vom Parnass nahe, ist aber bedeutend kleiner und schlanker. Ein
ungewöhnlich bauchiges Exemplar mit breiter Mundöffnung (long. 14,
diam. 6^/2, apert. long. 5, diam. 4 mm) kommt sogar dem B. mon-
ticola so najie, dass es von ihm nur durch die um 1 grössere Zahl
der Windungen bei geringerer absoluter Grösse und die mehr gi^aue,
gröber gestreifte, minder glänzende Oberfläche zu unterscheiden ist.
— (Mastus) pupa Brug. Korax-Gebirge oberhalb Musinitza. Insel
Makronisi.
— (Chondrula) bergeri Roth, tricuspis Rossm. II f. 721. Phthiotis
beim Dorf Pawliani, bis 16 mm lang; Lidoriki in Doris; am Parnass
bei Arachova; Theben und Livadia in Boeotien; Cap Kolias in
Attika; Aegina.
— — microtragus Rossm. II f. 651. AHveri in Euboea.
Gestalt und Grösse, Avie bei Rossmässler, 12 mm lang, 5 Vi Tnm
breit, aber der untere Mündungsrand nicht so breit und gerad-
linig, wie in dessen Abbildung, sondern mehr gebogen, der Colu-
mellarzahn etwas höher stehend; dadurch wird diese Art dem B.
bergeri bedenkUch ähnlich, aber sie bleibt darin verschieden,
dass der Zahn des Aussenrandes nicht schief, und der Zahn der
Mündungswand nicht so tief einwärts steht.
— — quadridens ]\Iüll. var. löwi Phil.
Korax-Gebirge oberhalb Musinitza, 9 — 14 mm lang, die meisten
10 — 12; Lidoriki in Doris; Arachova am Parnass.
Nur durch die mehr nach einwärts gerückte Stelle des obern
Columellarzahns unterschieden, in der allgemeinen Gestalt, 10 mm
Arch. f. Natuigesch. Jahrg. 1889. Bd. I. H. 2. 12
]^78 '^- Härtens:
lang, 4 mm breit, ganz mit kleinern Exemplaren des echten qua-
dridens, z. B. solchen aus dem südlichen Baden, übereinstimmend.
Biüiminiis (Chondrula) thiesseaniis Westerlund und Blanc p. 92.
Kob. Rossm. VII f. 2015. Lidoriki in Doris, Theben und Li-
vadia in Boeotien, 14 — 19 mm lang. — Stura im südlichen Euboea,
13 mm lang.
Stenogyra decollata (L.) Attika, Aegina und Angistri (kleine Insel
zwischen Aegina und Argolis). Sehr schlank, 31 mm lang, 9 mm
breit, Mündung 8 mm.
Kastri im südl. Euboea. — Insel Makronisi.
Pupa (Torquilla) granum Drap. Turko-wuni und Lykabettos in Attika.
Insel Angistri bei Aegina.
— — avenacea (Brug.) Volo; Korax - Gebirge ; Arachova am
Parnass.
— (Modiceila) philippii Cantr. Livadia. Lykabettos, Insel Angistri.
Karystos auf Euboea.
— (Orcula) doliolum (Brug.) Korax-Gebirge.
— — scyphus Pfr. Lykabettos. Turko-wuni und CapKolias in Attika.
Insel Angistri. Stura auf Euboea.
— (Charadrobia) umbilicata Drap. Pentelikon und Lykabettos in
Attika. Insel Angistri.
— (Isthmia) strobeH Gredl. (nach der Bestimmung von Dr. 0. Rein-
hardt, 1 Exemplar, die Mündung nicht vollständig ausgebildet, aber
doch die Zähne schon vorhanden). Insel Angistri.
— — minutissima Hartm. Korax-Gebirge.
Balea perversa (L.) Euboea, von Leonis erhalten.
Aussenrand etwas eingebogen, Unterrand und Columellarrand
schön gerundet, Mündung daher ziemHch breit. Sie stimmt daher
zu keiner der von Bourguignat amenit. mal. II p. 68 — 77 beschrie-
benen und auf Taf. 13 abgebildeten Formen, am ehesten noch zu
dessen B. fischeriana vom Monte Viso.
Clausilia (Alopia) guicciardi Roth. Korax-Gebirge.
— (Albinaria) eumeces Böttg. Makronisi.
— — discolor Pfr. Aegina.
— — dorica Böttg. Lidoriki.
— — incommoda Böttg. Lidoriki.
— (Papillifera) isabellina Pfr. Insel Angistri.
— — almae Böttg. Lidoriki.
— — coarctata Westerl. Lamia.
— — venusta A. Schm. Doris und Phthiotis.
— — negropontina Pfr. Aliveri im mittlem Euboea.
— — saxicola Pfr. Attika.
— (Idyla) thessalonica Rossm. Korax-Gebirge, Süd-Abhang des Oeta
und südl. Euboea.
• — (Oligoptychia) bicristata Rossm. Südl. Euboea.
■ — — kephissiae Roth. Südl. Euboea.
— — bicolor Pfr. Südl. Euboea.
Griechische Mollusken. 179
Alexia biasolettiana Küst. Volo.
Limnaea peregra (Müll.) var. abbreviata, an Kob. Rossm. V f. 1508
erinnernd, bis 17V2 mm lang, wovon 11 auf die Mündung kommen,
und bis 12 mm breit.
Korax - Gebirge im Schlamm eines Gebirgsbaches , circa
1800 m üb. d. Meer.
— truncatula (Müll.) Penteli.
— — var. tbiesseae Cless. Mal. Blatt. XXV. I, 2. Euboea.
Planorbis carinatus Müll. Plialeron und Piraeeus in Attika.
— marginatus Müll. Aliveri und Karystos im südlichen Euboea.
— rotundatus Poir., leucostomus Mich. Rossm. I f. 62. Livadia.
Ancylus ellipticus Clessin. Mal. Blatt. (2j III 1881 p. 157. Euboea.
Von Hrn. Leonis.
Cyclostoma elegans (Müll.) Süd-Abhang des Oeta-Gebirges bei dem
Dorfe Stromi. — Anawriti im Parnass, von Dr. Krüper erhalten. —
Livadia.
Pomatias athenarum. St. Simon Pfr. mon. pneum. IV p. 204.
11mm lang, grau mit Spuren von zwei Fleckenreihen, die
Rippen auf der letzten Windung verschwindend, Mundsaum schwach
verdoppelt, am Columellarrand und am Aussenrand etwas ohr-
förmig ausgezogen. A^a Süd -Abhang des Oeta-Gebirges bei dem
Dorfe Stromi. Eine ähnliche Form, 10 mm lang, gefleckt, bei Livadia.
— tesseUatus var. hellenicus St. Simon Pfr. mon. pneum. IV p. 105.
Böttger, Nachr. mal. Ges. 1885 p. 119.
10 — 11 mm lang, fast einfarbig hellgrau, am Aussenrand kein
deutliches Ohr. Vilitza am Parnass.
Paludina fasciata (Müll.) var. hellenica Cless. Mal. Blatt, neue
Folge I 1, 1. West. Bl. p. 134. Vrachori in Akamanien.
Bithynia orsinii (Küst.), bei Athen.
Hydrobia (Bythinella) charpentieri Roth. Mal. Blatt. II p. 36, nach
Originalexemplaren von Roth bestimmt. Parnes in Attika und
Karystos im südHchen Euboea, von hier durch Hrn. Leonis er-
halten.
— — eine etwas schlankere Varietät, namentlich betreffs der vor-
letzten Windung, 2-/3 mm lang, IV2 mm breit, Mündung P/s mm,
im Korax-Gebirge.
IV. Morea.
Nauplia Dec. 1884. Elis: Stadt Pyrgos, Dorf Kumani bei Divri,
Olympia und Hafenplatz Katakolo Juliu. Aug. 1885. Pamon-Gebirge
an der Ostgi-enze von Lakonien gegen Kynuria.
Zonites verticillus? var. euboeicus. Kob. Rossm. VII f. 1810.
Beim Dorf Kumani in EHs; passt sehr gut zu Kobelt's Be-
schreibung und Abbildung, nicht aber zur Varietät vom Taygetos,
IV f. 1101. Die Farbe der Unterseite mehr hellgelb.
Patula rupestris (Drap.) NaupUa.
12*
IgO V. Martens:
Helix (Gonostoma) leas Fer., grössere Abart, 1 41/2 mm im Durch-
messer, imten etwas stärker gewölbt. Olympia am Zeus-Tempel
und Divri an der Ostgrenze von Elis.
— (Fruticiola) olivieri Rossm. Kumani (Dorf in Elis zwischen Divii
und Olympia).
— (Campylaea) comephora Bourg. amenit. II pL 12 f. 1 — 4. Ebenda.
— (^lacularia) codringtoni Gray. Taygetos, von Dr. Krüper.
— (Xerophila) profuga Ad. Schmidt. Rossm. I f. 354 b.
Mehrere Exemplare deutlich kantig. Olympia am Zeus-Tempel.
Buliminus zebra Oliv. Nauplia.
.Exemplare mit und solche ohne Zahnfalte am Columellarrand,
im Übrigen ganz gleich, namentlich auch in der Mündungsform
und durch mehr schiefen Columellarrand und dadurch unten mehr
verengte dreieckige Mündung ein wenig vom attischen spoliatus
abweichend.
Cionella folliculus (Gronov.) Isthmus von Korinth.
Clausiha schuchi Rossm. var. oertzeni Böttg. Olympia.
— grisea Desh. 1 Pamon-Gebirge in Arkadien.
— maculosa Desh. j *
— schuchi Rossm. Olympia.
Cyclostoma elegans (Müll.) Kumani und Divri in Elis.
Planorbis carinatus Müll. Nauplia.
V. Nördliche Sporaden.
Im Jahr 1887 gesammelt.
Hyalina aequata Mouss. Skyros.
Helix (Gonostoma) lens Fer. Insel Skiathos, 10 mm im Durchmesser.
Insel Skopelos, 10 — 13 mm. Insel Chihdromia, 10 V2 mm.
— (Cartusiana) olivieri Rossm. Skiathos, ganz heU, 13 mm im
Durchmesser. Skopelos, bräunlich mit heller Binde und röthlicher
Lippe, 11 — 12 mm.
— — cantiana var. frequens Mouss. Chihdromia, 13 mm.
— (Macularia) vermiculata Müll. Skopelos und Skyros (Emge).
— (Xerophila) cauta Westerl. Skopelos und Skyros.
Buliminus (Mastus) pupa Brug. Skopelos, nur 12 mm. lang und
5V2 mm breit.
— (Chondrula) bergeri Roth. Skiathos, 10 mm lang. Chihdromia,
11 — IIV2 mm lang, 4 mm breit, ziemlich dunkel röthhchbraun.
Pupa doliolum Brug. Chihdromia.
Clausiha (Albinaria) cristatella Küst. Skyros.
— (Papilhfera) leucoraphe Blanc. Skiathos.
— — chehdromia Böttg. Skopelos und Chihdromia.
— (Oligoptychia) sporadica Böttg. Giura.
— — bicristata Rossm. Skopelos.
Cyclostoma elegans (Müll.) Skiathos und Skopelos, klein.
Griechische Mollusken. 181
VI. Cycladen.
Naxos und Syra, März 1885, Keos, Andros, Mykonos März, Apr. 1887.
Daudebardia rufa var. ajdadum. Taf. 10, Fig. 1.
Grosser Durchmesser 4V2 mm, kleiner 3, Mündung 272 im
längern Durchmesser, 27» in der Quere, Columellarrand stärker
concav als gewöhnlich; Nabel ziemlich weit, Schale ziemlich fest,
röthlichgelb, mit deutlichen Anwachsstreifen.
Andros am Berg Kovari.
Limax conemenosi Böttg. Andros.
— (Agriolimax) berytensis Simr. a, a. 0. Keos und Andros.
— — oertzeni Simr. a. a. 0. Andros.
— (Milax) carinatus Risso. Keos und Andros.
Hyalina nitidissima Mouss. var. air/aea n.
20 mm im Durchmesser, blasser und ein wenig stärker gestreift
als die Exemplare von Samos (s. unten); feine Spiralstreifen unter
der Lupe sichtbar. Naxos.
— aequata Mouss. Syra (13 mm im Durchmesser) und Naxos.
— hydatina Rossm. Naxos.
Zonites sp., vermuthlich jüngere Exemplare von Z. pergranulatus.
Kob. Rossm. VII f. 1809: nicht \^el über 4 Windungen, Unterseite
sehr schwach gekörnt, glänzend, Oberseite gut zu typischen Exem-
plaren von Amorgos stimmend. Insel Naxos.
Helix (Gonostoma) lens Fer. Insel Keos.
— (Cartusiana) olivieri Rossm. Keos.
Hell mit bräunlichem Mundrand, 12 mm im Durchmesser,
8 — 9V2 mm hoch.
— — rothi Pfr. Kob. Rossm. VI f. 1633, 1634. Insel Andros beim
Dorf Phelos. Syra. Naxos, mehr kreideweiss.
— — — var. imperforata. Kob. Rossm. VI f. 1635. Andros und
Mykonos.
— (Fruticola) amlria n. Taf. 10 Fig. 5. Andros und ]\Iykonos.
Testa conoideo-globosa, anguste perforata, striatula et subti-
lissime squamulis anguste lunatis distantibus sculpta, griseofusca,
concolor; spira conica, apice subpapillaris ; anfr. 572, convexiuscuh,
sutura profunda discreti, ultimus initio subangulatus , dein rotun-
datus, supra et infra subaequaliter convexus, antice valde descen-
dens; apertura diagonalis, rotundata, peristomate expanso, intus
rubescenti vel albo labiato, marginibus callo distincto conjunctis,
infero arcuato, non dilatato, columellari triangulatim dilatato, per-
forationem partim tegente.
a) Diam.maj.l5,niin. r272ja'lt. IO72; apert.diam.879,lat.772mm,
b) „ „ 13, „ 11, „8; „ „ 672, „ 6 „
Insel Andros.
Gleicht in Gestalt und Habitus ziemlich der H. schuberti Roth,
unterscheidet sich aber sofort durch die eigenthümliche Skulptur,
welche an H. incarnata erinnert; unter starker Vergrösserung er-
132 V. Martens:
scheint sie als aus fast mondsichelförmigen Schüppchen bestehend,
3 — 4 mal so schmal als ihre Zwischenräume und mit der Con-
vexität nach rückwärts, nicht nach der Mündung gerichtet; da-
zwischen erscheinen äusserst feine Spiral streifen.
Von H. incarnata trennt sie schon der gebogene, nicht auffällig
verdickte Unterrand. Die Mundränder sind deutlich verbunden und
die Verbindungswulst deckt bei einem der 4 Exemplare den Nabel
grossentheils , bei den andern nicht. H. redtenbacheri Zelebor ist
durch stärkere Radialstreifung ohne Bereifung, hellere Farbe und
auffällig verdickten Unterrand gut unterschieden.
Helix (Campylaea) cyclolabris Desh. var. media, pilosa, subinflata.
Insel Syra.
— — — var. baccMca n.
Glänzend glatt, durchscheinend röthlich graubraun, ohne Haare
oder Körner, dünnschalig, mit verhältnissmässig grosser runder
Mündung und stärker gewöli)ter Unterseite. Diam. maj. 25, min. 19,
alt. 19, apert. diam. 14, lat. 12 mm.
Insel Naxos.
Etwas kleiner (22 mm) von der Insel Keos.
Kobelt's Abbildung von arcadica, Rossm, IV f. 1086, passt recht
gut, Frauenfeld aber (Verband!, d. zool. bot. Gesellsch. Wien 1867
S. 777) und Blanc-Westerlund S. 51 schreiben ihrer arcadica aus-
drücklich Haare zu; auch können wir eine Form nicht arcadica
nennen, die nur auf den Cycladen und nicht in Arkadien vor-
kommt. Vielleicht liegt diese Form der H. naxientia Ferussac
prodr. n. 166, später zu naxiana korrigirt, zu Grunde, aber die
von Deshayes dazu gegebene Abbildung, pl. 69 f. 1, passt nur auf
eine Art von Kreta; vgl. unten H. terrena.
— (Pseudocampylaea) peUita Fer. Kob. Rossm. IV f. 1092. Syra.
Zu dieser Art gehört vermuthlich auch die H. setosa var. minor
aus Syra bei Bourguignat amenites I 1856 p. 111.
— (Macularia) vermiculata Müll. Andros.
— (Euparypha) pisana Müll. Syra, Milo (Melos) und Naxos.
— (Xerophila) cretica Fer. Naxos.
Nur kleine Exemplare (IIV2 nim im Durchmesser, 9V2 hoch),
deren Bestimmung etwas zweifelhaft bleibt.
— — cauta Westerlund und Blanc p. 63. Keos und Syra.
Unterscheidet sich von H. variabilis durch rauhere Oberfläche,
rtinderen offeneren Nabel und rundere Mündung, namentHch stärkere
Biegung des Unterrandes. Das Verhältniss der Höhe zur Breite
ist sehr wechselnd.
— — candiota Mouss. coq. de Bellardi p. 10—12; Kob. Rossm. VI
f. 1547. H. turbinata (non Jan.) Pfr. Chemn. ed. nov. Helix 37,
17, 18. Syra und Naxos.
profuga A. Schmidt.
Insel Keos, feingestreift, ohne Kante, mit breiten etwas hell-
braunen Bändern; Gewinde niedrig. — Insel Naxos, sehr grob
Griechische Mollusken. 183
gerunzelt, stumpf kantig, blass mit 1 braunem Bande, Gewinde
höher.
Helix syrensis Pfr. symbol. III 1846 p. 69; monogr. I p. 178; Chemn.
ed. nov. Taf. 23 Fig. 22, 23. — H. syrosina (Bourg.) Westerlund und
Blanc fn. mal de la Grece p. 67 pl. 3 fig. 21. —
Insel Syra.
Bourguignat's Originalbeschreibung seiner syrosina ist mir nicht
zugänglich und ich kann daher nicht über dieselbe urtheilen, um
so weniger als Westerlund und Blanc ausdrücklich angeben, dass
ihre syrosina nicht genau zu der Bourguignat'schen stimme. Sie
unterscheiden syrensis und syrosina und bilden beide ab, der ein-
zige Unterschied, den ich aber aus ihrer Beschreibung und ihren
Abbildungen herausfinden kann, ist der, dass bei ihrer syrosina der
Kiel am Aussenrande der Mündung als scharfe Ecke hervortritt,
bei ihrer syrensis aber nicht.
Nun sagt allerdings Pfeifter in seiner Diagnose apertura ro-
tundato-lunata, aber auf seiner Abbildung tritt doch der Kiel ebenso
scharf an der Mündung hervor wie bei Westerlund's syrosina, und
ebenso bei serrula Morel., womit Pfeiffer sie für identisch zu halten
geneigt war.
Die vorliegenden Exemplare sind etwas grösser als die Pfeiffer-
schen, nämlich 1 0 mm im grossen Durchmesser, ebenso auch Wester-
lund's syrosina. Ihre Farbe ist blass ockergelb, mit einigen etwas
dunkleren Fleckchen, die Spitze braun, der Kiel weisslich, auf beiden
Seiten braun umsäumt. Nur im vordersten Theil der letzten Win-
dung steht der Kiel etwas über die Naht vor, sonst schliessen
die Windungen eben aneinander an.
Var. e.vserta, carina anfr. penultimi exserta, valde supra suturam
prominente, margine externo aperturae obtusangulo. Diam. maj. 6,
alt. 5. Auf Syra von Spratt gesammelt, nach Exemplaren aus der
Sammlung des Hrn. v. Maltzan. Unsere Taf. 3 Fig. 13.
Indem die Windungen sich höher übereinander emporheben,
verlieren sie wie bei allen Sealariden an Ausdehnung in die Peri-
pherie, daher der geringere Durchmesser. Pfeiffer sagt von seiner
H. syrensis auch „anfractus exserti", aber die Abbildung zeigt kein
derartiges Hervortreten des Kiels.
Buliminus (Zebrina) zebra var. spoliatus Pfr. Insel Keos.
IOV2 — 13 mm lang, 4 mm breit, meist deutlich gestriemt,
seltener einfarbig weiss, öfters mit Andeutung einer Columellar-
falte oder eines weiter innen sitzenden Höckers.
— (Mastus) pusio Brod.
Kleinere Exemplare, nur 1 1 mm lang, 5 mm breit, Mündung 4 mm,
also nicht so breit wie Kob. Rossm. V f. 1356, von Naxos. Grössere
und auch ziemlich schlankere, 13 — 16 mm lang, 6 — 7 mm breit,
entsprechend dem etuberculatus Frauenf. Kob. Rossm. V f. 1355
von Andres. Etwas breitere, Kobelt's f. 1354 entsprechend, von
Syra. „Immer nur unter Steinen."
184 ^- Märten«:
Pupa Bcyphus Pfr. Naxos und Andros.
— iimbilicata Drap. Andros am Berg Kovari.
— pagodiüa Dessmoul. Ebenda, unverkennbar trotz des weiten
Abstandes von den sonst bekannten Fundorten.
Clausilia (Albinaria) eumeces Böttg. Keos.
— — discolor Pfr. Keos.
— (Alinda) denticulata Oliv. var. erberi Frfld. Andros.
— (Oligoptychia) kephissiae Roth. Keos.
^ — — bicolor Pfr. Andros.
Physa acuta Drap. var. subopaca Lam.
8 mm lang, 4 mm breit, Mündung 472 nim lang. Insel Keos.
Ancylus pileolus Fer., Roth Mal. Blatt. II 1855 2, 4. 5. Clessin Mal.
Blcätt. (2) III p. 155.
Wirbel so weit rückwärts als der Hinterrand reichend, aber
von demselben durch eine Einbiegung getrennt. Insel Mykonos
tind Naxos, in Bächen.
Melanopsis praerosa (L.) var. ferussaci Roth moU. spec. 1839, Taf. 2
Fig. 10. Insel Keos, ungefähr Kobelt's VII f. 1885 entsprechend. —
Insel Andros, bis 23 mm lang und 9V2 mm breit, Mündung 11 nun,
der Roth'schen Abbildung entsprechend. Insel Naxos.
VII. Kreta.
Februar bis August 1884. April u. Mai 1887. Sammelstationen:
1. Kanea, das alte Cydonia.
2. Dorf Elos in der Eparchie Kissemos, am Westende der Inßel.
3. Stadt Rethymno (Retimo, Rhithymna) an der Nordküste.
4. Dorf Melidoni in der Eparchie Mylopotamo.
5. Candia (Megalokastro), auch an der Nordküste, unweit des alten
Cnossus oder Gnosos und in der Umgegend Dorf Archanes
und Berg Joucta.
6. Hoch -Plateau Omalo („Weisse Berge"), im westlichen Theil
(August).
7. Plochplateau Lasithi nebst Viano und Sitia (1887).
Daudebardia (Libania) saulcyi Bourg. cat. rais. 1,8. 9. Kob. Rossm. V
f. 1395. Kanea.
Glandina algira (Brug.) var. intermedia Martens. Kob. Rossm, V
f. 1314. West. Bl. 1, 2. Atsipopulos bei Retimo.
39 mm lang, 18 mm breit; Mündung 20 mm lang, 71/2 mm breit;
Schalenhaut gelb. Nach einer handschriftlichen Bemerkung von
Hrn. V. Ortzen ist dieselbe in frischem Zustande grünlich und wird
diese Art in Kreta noch sehr viel grösser; „besonders schön finde
ich dieselbe auf der Halbinsel Spada (westl. Theü der Insel), auch
bei Tuzla u. s. w."
Limax variegatus Drap. Lasithi-Gebirge und Viano.
— (Agriolimas) thersites Heynem. Viano.
— — böttgeri Simr. Viano.
Griechische Mollusken. 185
Limax (Milax) carinatiis Risso. Viano.
— — creticus Simr. Lasithi-Gebirge.
Hyalina superflua Pfr. Chemn. ed. nov. (2) 10—12. Kob. Rossm. VI
f. 1580. Unsere Tafel 10 Fig. 4.
Oben zinuntbraun, unten fein gegittert, unten heller glänzend
gelb, ziemlich fest; grösstes Exemplar diam. maj. 18mm, min. 15mm.
alt. 11 mm, Mündung nur wenig schief, 9 mm im Durchmesser,
8 mm in schiefer Höhe. Die meisten Exemplare 13 — 15 mm.
Durchschnittlich höher und viel dunkler als in der genannten Ab-
bildung. Lasithi-Gebirge, zahlreich.
— moussoni Kob.? var.
Ebenso eng genabelt, aber stärker gewölbt und dunkler, feine
Spiralstreifung sehr deutUch. Diam. maj. 22 mm, min. 17V2 nim,
alt. 11mm; apert. diam. IIV2 mm, alt. obliq. 10 mm. Lasithi-Gebirge.
— aequata Mouss. Kanea (I6V2 mm), Kandia, Archanes, Lasithi-
Gebirge, Viano und Sitia, also durch die ganze Länge der Insel
verbreitet; auch auf der kleinen Insel Elasia an der Ostküste
von Kreta.
— lamelHfera Westerl. BL, 1, 3. Kanea, 12 mm; Archanes, 15 mm.
NB. Helix protensa Fer. pl. 82 Fig. 3, von „Standie," d. h. der
Insel Dia an der Nordküste von Kreta, scheint der Abbildung nach
zwischen diesen beiden unter sich nahe vei-wandten in der Mitte
zu stehen; sie gleicht in Habitus und Grösse grossen Exemplaren
der aequata, aber der Unterrand zieht sich, wie schon Mousson
hervorhebt, weiter nach vorn bei seiner Einfügung als der Ober-
rand, wofern die Abbildung hierin genau ist; bei lamellifera tritt
der Oberrand weiter herab und beide Ränder bilden an ihrer Ein-
fügung je ein Knötchen, was bei andern Hyalinen nicht vorkommt.
— wahrscheinHch subeffusa Böttg. Viano am Lasithi-Gebirge.
— (Aegopina) cretensis. West. Blanc p. 31, 1, 8; Kob. Rossm. (2)
I f. 19. Kanea.
Sehr ähnhch damit ist Helix (Levantina) aegopinoides Maltzan
Nachrichtsbl. mal. Ges. 1883 p. 102 von Sidero auf Kreta, in Felsen-
spalten lebend, in Skulptur, Färbung und Gesammtform ganz über-
einstimmend, nur verschieden durch die scharfe Kante der früheren
Windungen, die an der Naht noch deutlich zu erkennen, und ge-
ringeres Herabsteigen der letzten Windung. Das Fehlen des Glas-
glanzes an der Schale spricht allerdings bei beiden gegen die Ein-
reihung unter Hyalina, aber sie besitzen auch nicht die deutliche
Körnelung von Zenites, in welche Gattung die erstere von Blanc
und Westerlund gestellt wird; gegen Levantina spricht entschieden
der Mangel eines umgeschlagenen Mundsaums. Auch Hesse be-
stätigt durch Untersuchung der Weichtheile (Jahrb. d. mal. Gesell-
schaft 1884 p. 227), dass aegopinoides zu den Hyalinen gehört.
V Zonites pergranulatus Kob. Lasithi-Gebirge.
Ein unausgewachsenes Exemplar. Wenn etwa nicht eine Ver-
wechslung der Etikette zu Grunde liegt, so beweist dieses das Vor-
186 V. Martens:
kommen ächter Zonites auf Kreta, das bis jetzt noch nicht bekannt
war, aber an sich ganz wahrscheinlich ist, da Zonites auch wieder
an der Südwestecke Kleinasiens vorkommen.
Patula erdelü Roth, sudensis (Pfr.) Rossm. III f. 906. Kanea und
Archanes (südhch von Kandia), auch bei Tuzla auf der Halbinsel
Akrotiri (wo auch Suda liegt).
Helix (Gonostoma) barbata Fer. bist. nat. pl. 66 fig. 3, von Westerlund
p. 35 als Varietät zu lens gezogen. Kanea, in einem Olivenwald.
— (Cartusiana) olivieri Rossm. Kanea.
— — rothi Pfr. var. psiloritana Maltzan. Kalathines in Kissamo,
im westHchsten Theil der Insel.
Helix (Pseudocampylaea) pellita Fer.; 12 — 16 nun im Durchmesser,
Sitia im östlichen Theil von Kreta und Insel Elasia.
Eine etwas abweichende Form, diam. maj. 17, min. 16, alt. 13V2»
apert. diam. et alt. 1 1 mm, durch die kreisrunde Mündung und die
verhältnissmässig hohe Schale an H. westerlundi, West. Bl. p. 48,
erinnernd, mit deutlich erkennbaren Haarnarben. Aus der Höhle
Karouba, östlich von Sitia.
— — dictaea n. Taf. 3 Fig. 7.
Testa anguste umbilicata, depresse globosa, radiatim costulato-
striata, pilis brevibus erectis rigidis obsita, brunneo-fulva, concolor;
spira vix prominula; anfr. vix 5, convexiusculi, sutura profundius-
cula, ultimus inflatus, rotundatus, prope aperturam sat descendens,
pallidior; apertura perobliqua, late lunata, peristomate levissime
expanso, intus albolabiato, marginibus approximatis, supero levius,
basali distinctius arcuato, columellari valde dilatato, umbilici partem
minorem occultante. Diam. maj. I6V2, min. ISVg, alt. 10; apert.
diam. 10, alt. 9 mm.
Südseite des Lasithi-Gebirges (Dikte der Alten) bei Viano.
Gleicht im Allgemeinen, namentlich Färbung und Behaarung
der H. peUita, unterscheidet sich aber von derselben durch den
vollständigen Mangel eines Bandes, das flachere Gewinde und die
weitere Mündung. Exemplare, welche die. Haare verloren haben,
was leicht geschieht, erhalten eine gewisse Ähnlichkeit mit H. schu-
berti Roth, unterscheiden sich aber auch von dieser durch flacheres
Gewinde und weitere Mündung.
— — noverca Pfr. Kob. Rossm. IV f. 1089. Kanea, Atsipopulos
bei Retimo, Archanes, im Lasithi-Gebirge , namentlich an dessen
Südabhang bei Viano, und Insel Elasia.
Variirt merkhch in der absoluten Grösse, die grössten Stücke
haben 26 mm im Durchmesser, diejenigen von Viano nur 12 — 14,
die von der kleinen Insel Elasia 16. Die Innenlippe derjenigen
vom Lasithi-Gebirge auÖallend röthlich gefärbt. An jüngeren
Exemplaren ist das dunkle Band oft kaum erkennbar oder
fehlt völlig.
— — lecta Fer. bist. nat. pl. 69 f. 2; Kob. Rossm. IV f. 1993, leicht
kenntlich an den drei dunkeln Bändern, die dem ersten, dritten
Griechische Molinsken. ' 187
und vierten der Tacheen zu entspreclien scliemen; bei jüngeren
zuweilen nur 2 vorhanden, indem das untere fehlt. Elos bei Kis-
samo, Kandia, Archanes, Südabhang des Lasithi-Gebirges bei Viano;
Insel Elasia.
Helix (Macularia) vermiculata Müll. Insel Elasia, 34 und 27 mm
im Durchmesser.
— (Pomatia) aperta Born. Kanea.
— (Xerophila) variabilis Drap. Kandia.
— — cretica Pfr. Chemn. ed. nov. 37, 21. 22. Melidoni. Sitia, ^'orf
Kawuso und Kritsa (hier meist einfarbig weiss) im östlichen Theil
der Insel. Elasia.
— — mesostena. Westerl. u. Blanc p. 71. Unsere Taf. 10 Fig. 10.
Durch eng gedrängte Windungen, sehr seichte Naht, ziemlich flache
Unterseite, dunkle unregelmässige Fleckenzeichnung, engen Nabel
und meist stark herabsteigenden ]\Iündungstheil ausgezeichnet; die
Abbildung bei Blanc und Westerlund 3, 23 ist wenig charakteristisch.
Kanea, Kalathines, Kandia, Archanes, Viano und Sitia, bei
Viano auch ein einfarbig weisses Exemplar. Die Exemplare von
Kalathines verhältnissmässig hoch, SVg mm bei 6V2 nim Durchmesser.
— — sitiensis Maltzan. Jahrb. mal. Ges. 1887 p. 118.
Einfarbig grauweiss, stumpf kantig, ziemlich weit genabelt.
Insel Elasia.
— — krynickii Kryn., Pfr. Chemn. ed. nov. 38, 1 — 3. Westerl. u.
Blanc p. 60.
Flach, weitgenabelt, mit cylindrischen Windungen, weiss mit
mehr oder weniger deutlich ausgeprägten von der Naht aus-
strahlenden braunen kurzen Linien, an der Mündung bei den er-
wachsenen stark herabsteigend. Omalo, Viano und Sitia.
H. Hierapetrana Maltzan Jahrb. 1887 p. 118, von Hiera-
petra an der Südküste Kreta's scheint dieselbe zu sein.
— — amphiconus Maltzan. Nachr. mal. Ges. 1883 p. 102.
Flach, linsenförmig, scharfkantig, blassgelb. Am Weg von
Sitia nach Apano Zakro. Original-Fundort der Art nach v. Maltzan
ebenfalls Sitia.
— — gradiUs n. Taf 10 Fig. 12.
Testa anguste umbilicata, pyramidata, angulata, solidula, con-
fertim striata, alba, fasciis raris fuscis interruptis vel diaphanis
picta; anfr. 5, gradati, primus lae^^s, albus vel pallide fuscus, se-
quentes superne planiusculi, paulo super suturam distincte angulati,
sutura instricta, ultimus basi paulo magis convexus, prope aper-
turam lerissime deflexus; apertura parum obHqua, late securi-
formis, peristomate recto, intus labiato, margine supero substricto,
extemo et basali valde arcuatis, columellari subperpendiculari, ad
insertionem vix dilatato. Diam. maj. 8, min. 7, alt. 5V2 — 6; apert.
diam. 3V2, alt. 3 mm.
Insel Elasia an der Ostküste von Kreta,
188 ' V. Härtens:
Unterscheidet sich von H. ledereri Pfr. durch viel stumpfere
Kante, geringere Grösse, verhältnissmässig engeren Nabel und
schwächere Skulptur, von H. pyramidata Drap, durch die regel-
mässige stufenartige Erhebung der Kante über die Naht, die bei
allen Exemplaren gleichmässig ist.
Buliminus (Mastus) pupa Brug. Sitia, 12 — 13 mm lang, 4'/2 — 5 mm
breit, letzte Windung hinreichend gross und dadurch vom folgenden
verschieden.
— — cretensis Pfr. Kob. Rossm. VII f. 2012. Kandia, Archanes,
Meüdoni, Lasithi-Gebirge und bei Viano, sowie zwischen Kawusi
und Sitia, immer unter Steinen. Wechselt in der Höhe (Länge)
zwischen 22 und 15 mm und 8 — 5 mm breit, die längeren und die
kürzeren aber verhältnissmässig gleich schlank, nicht die kürzeren
breiter.
— — olivaceus Pfr. Kob. Rossm. VII f. 2035. Bei dem Dorfe
Kato-Zakro nahe der Ostküste und auf der Insel Elasia. IIV2 his
14 mm lang, ein Stück 15 mm lang. Mündung so lang als die
Schale breit; Schalenhaut bei frischen Exemplaren glänzend, blass
gelbbraun, seltener dunkelrothbraun, die unregelmässigen hammer-
schlagartigen Eindrücke unter der Naht bei vielen Exemplaren
recht deutlich, bei andern nicht. Mundsaum meist dünn, mit nur
schwacher weisser Lippe, bei andern Exemplaren ein wenig aus-
gebogen; meistens keine Spur eines Höckers auf der Mündungs-
wand, aber bei einzelnen Stücken, die sonst nach Glanz und Hammer-
schlageindrücken ganz charakteristisch sind, doch ein solcher Höcker,
wahrscheinUch sind das ältere Exemplare. Einige haben eine dickere
Schale überhaupt und besonders eine dickere Mündungslippe, sind
zugleich minder glänzend und zeigen die Falten unterhalb der Naht
weniger deutlich; zu diesen gehört das einzige 15 mm lange Stück
und sie machen einen festen Unterschied zwischen B. olivaceus und
cretensis zweifelhaft; ebenso ein Exemplar vom Wege zwischen
Kandia und Viano, 11 mm lang, 5 mm breit, mit deutlich weisser
Naht, aber Fältchen darunter, glänzend, mit dickem geradem Mund-
rand und deuthchem Parietalhöcker, im Ganzen näher cretensis als
olivaceus. Diese zwei Arten dürfen jedenfalls nicht in zwei ver-
schiedene Untergattungen gestellt werden.
Stenogyra decoUata (L.). Insel Elasia, lang und schmal.
Pupa doliolum Brug. Lasithi-Gebirge.
Die vorliegenden unvollkommenen Exemplare scheinen doch
eher zu dieser Art zu gehören, als zu scyphus, die man eher er-
warten sollte.
— umbilicata Drap. Viano am Lasithi-Gebirge.
Clausilia (Albinaria) byzantina, glabella, strigata, tenuicostata, bipa-
latalis, striata, corrugata, spratti, drakakisi, clara, distans, vermi-
culata und teres, s. Böttger.
Griechische Mollusken. 189
Siiccinea elegans Risso. Südabhang des Lasithi-Gebirges bei Viano. —
Eine sehr kleine Form, nur 6 mm lang, am meisten mit Kob.
Rossm. VII f. 2040 übereinstimmend, bei Elos.
Limnaea truncatula (Müll.) Atsipopulos und Kandia.
Planorbis rotundatus Poir. Kanea.
— nitidus Müll. Kanea.
Ancylus capuloides Porro. Im Lasithi- Gebirge.
Bithynia sp. Kanea.
Hydrobia (Bythinella) sp. Elos.
Melanopsis praerosa (L.) Kanea.
VIII. Kleinasiatische Inseln.
Vergleiche J. Roth molluscorum species diss. 1830. 4'°- und Mousson
coquilles terr. et fluv. recueiUies par le Prof. Bellardi (Mittheilungen
der naturforsch. GeseUsch. in Zürich Bd. III) 1854. 59 S. 1 Taf.
Die auf diesen Inseln im Mai, Juni und Juli 1887 gemachten
Sammlungen enthalten viel Neues und Interessantes.
Daudebardia sp., nur junge Exemplare. Insel Nikaria, bei Petropulis.
Vitrina annularis Stud. Kob. Rossto. V f. 1406. Samos, Gipfel des
Kerki.
Hyalina nitidissima (Mouss.) var. n. Samia n. Taf. 3 Fig. 2.
Testa anguste perforata, depressa, le\^ter striatula et valde
nitida, tenuis, diaphana, flavescens, subtus pallidior; spira subplana,
anfr. 5V2, ad suturam subimpressam fortius striatuli et le\ater
appressi, regulariter crescentes, ultimus rotundatus, basi paulum
convexior, antice non descendens; apertura parum obHqua, oblique
lunata, marginibus distantibus, columellari ad insertionem vix düa-
tato, callo parietali nullo. Diam. maj. 23, min. 18, alt. 9; apert.
diam. 1272, alt. obliqua 8V2 nam.
Chios und Samos, auf beiden Inseln in Höhlen, auf der letztern
m einer solchen auf dem Berge Kerki zahlreich, auch auf Nikaria.
Die Unterschiede, welche Mousson -Schläfli p. 38 für seinen
Zonites glaber vur. nitidissimus von Janina gegenüber dem ächten
Z. glaber aus den Alpen angibt, passen auch auf die vorliegende
Schnecke, nur ist diese bedeutend grösser. Hyalina moussoni, Kob.
Rossm. VI f. 1584, angeblich von Konstantinopel, ist mindestens
sehr ähnlich, aber auch kleiner (19 mm) und flach Kobelt's Ab-
bildung VI f. 1584 ihre Spitze etwas mehr vorstehend, der Unter-
rand der Mündung stärker gebogen.
H. natolica Albers hat nach dem Originalexemplar einen etwas
weiteren Nabel und bei gleicher Grösse reichlich einen Umgang
mehr, und ist sowohl oben als unten stärker gewölbt.
— Cypria Pfr. Chemn. ed. nov. 83, 1. 3. Kob. Rossm. VI f. 1579.
var. major n. Taf. 3 Fig. 13.
Bis 24 mm im Durchmesser, dunkler rothbräunHch gefärbt,
unten heller, im übrigen übereinstimmend.
190 V. Märten s.
Insel Nikaria bei Samos (24 mm im Durchmesser), Kalymnos
an der Küste Kariens und Samos selbst, am Berg Kerki (18 mm).
Hyalina aequata Mouss. coq. de Bellardi p. 16. Chios, Nikaria, Ka-
lymnos (16 mm im Durchmesser), Nisyros (13 mm), Rhodos (17 mm),
Chalki (15 mm), Karpathos (13 mm), Kasos (bis 15 mm.).
— hydatina Rossm. Nikaria bei Agio-Kiriko.
— sorella Mouss. Nikaria bei Petropulis.
— eudaedalea Bourg., ziemHch stark gestreift, in einer Höhle ebenda.
— clessini Hesse Chios, am Berge Elias.
Zonites pergranulatus Kobelt (Rossm. VH f. 1809) var. elatior
a) Diam. maj. 28, min. 23V2) alt. 13; apert. diam. I2V2, ^It- H "^^t
b) „ „ 31, „ 26, „ 171/2; „ „ 14, „ 12 „
Kasos, das kleinere Exemplar, vielleicht noch nicht ganz aus-
gewachsen, mit einer Kante, die bis ganz nahe zur Mündung deut-
lich bleibt, während bei dem grösseren dieselbe schon auf der
Hälfte der letzten Windung undeutlich ist. Beide zeigen die Gra-
nulation auch auf der Unterseite ebenso stark wie oben, das kleinere
sogar bis in die Nähe des Nabels, aber beide unterscheiden sich
von Exemplaren der Insel Amorgos, dem Originalfundort der Art,
dadurch, dass die scharfe Kante der obersten Windungen in der
Naht deutlich hervortritt, die ganze Schale weniger flach, der Nabel
etwas enger und die Kante etwas schwächer ist.
Zonites casius n. Taf. 9 Fig. 4, 5.
Testa modice umbihcata, orbiculato-convexa, fuscescentiflava,
supra distincte seriatim granulosa, opaca, infra striatula, nitida;
spira sat convexa, obtusa; anfr. 572, planiusculi, sutura sat im-
pressa, priores carinati, ultimus subangulatus, ad aperturam rotun-
datus, paululum descendens; apertura lunato-rotundata, remote
albo-labiata, margine columellari ad insertionem modice dilatato.
Diam. maj. 27, min. 2272? a-lt- I6V25 apert. diam. 13, alt. 12 mm,
„ „ 27, „ 2IV2, „ 17, „ „ 13, alt. 12V2mm.
Insel Kasos, mit der vorigen mitgebracht.
Gleicht in der glanzlos braungelben Färbung dem Z. sm^r-
nensis, von dem er sich aber durch die viel schwächere Kante und
die Gesammtgestalt unterscheidet; diese gleicht eher dem Z.polycratcs
und noch mehr dem Z. (verticillus) euboeicus Kobelt, der erstere
ist aber runder, enger genabelt, schwächer gekörnt und dunkler
gefärbt, der letztere hat eine deutlichere Kante und engere Win-
dungen, ebenso Z. corax. So bleibt nichts übrig, als eine eigene
Art daraus zu machen.
Zonites smyrnensis Roth. 1. c. 1, 8. 9. Rossm. III f. 900. Chios, bis
31 mm im Durchmesser; Nikaria, hier in einer Höhle bei PetropuH,
und Insel Syme, an der Südküste von Karlen, hier sehr stumpf-
kantig. Die Exemplare von Chios stimmen sehr gut mit denjenigen
überein, welche Fleischer 1826 bei Smyrna sammelte.
Leicht kenntlich an den ganz flach aneinander schliessenden
Windungen, der hellgelben Farbe, den zahlreichen früheren Lippen
Griechische Mollusken. 191
und der stumpfen Kante. Die oberen Windungen sind sehr scharf-
kantig und die Kante steht bei einzelnen Exemplaren stellenweise
sogar über die Naht vor. Ein junges Exemplar auf unserer Tafel
Fig. 6 abgebildet.
Zenites rliodius n. Taf. 3 Fig. 2.
Testa latiuscule umbilicata, depressa, distincte radiatim striata,
supra rufescenti-fulva , subtilissime spiratim striata et granulata,
nitidula, infra albida, nitida, obsolete decussata; spira brevissime
conoidea, anfr. 4V2> sat lente crescentes, sutura profundiuscula,
priores carinati, distincte granulosi, ultimus sat depressus, obsolete
angulatus, angulo prope aperturam prorsus evanescente; aper-
tura diagonalis, oblique lunata, intus albolabiata. Diam. maj. 28,
min. 22, alt. 12 V2; apert. diam. I2V2) latit. obliqua IIV2 mm.
Rhodos und Syme.
Verwandt mit Z. caricus und pergranulatus, aber flacher, mehr
glänzend und die ersten Windungen merklich kleiner.
An der Unterseite sind wohl noch eine Strecke weit Spiral-
linien zu erkennen, aber doch sehr schwache, und auch die Ober-
seite ist entschieden mehr glatt und glänzend als bei Z. pergranu-
latus. Von Z. smyrnensis, mit der sie aus Syme zusammen mit-
gebracht wurde, unterscheidet sie sich durch grössere Flachheit im
Ganzen, aber tiefere Naht, dunklere Farbe, stärkeren Glanz, dün-
nere Schale, schwächere Körnelung und schwächere Kante.
Schon Saulcy hat auf Rhodus einen Zonites gesammelt, welchen
Bourguig-nat 1853, damals noch nicht so sehr zur Aufstellung neuer
Arten geneigt, als Z. verticillus bezeichnet hat.
Zonites caricus Roth diss. p. 17, 1, G. 7 und 21. Rossm. III f. 899.
Unsere Tafel 9 Fig. 7, 8.
Testa late umbilicata, convexo-orbiculata , supra confertim
granulata, rufofulva, fascia peripherica angusta palHda, subtus
nitida, radiatim striatula pallide ^^renti-flava ; anfr. 5, planiusculi,
primus subconcavus, distincte granulatus, carinatus, sat magnus,
ultimus rotundatus, antice non aut vix deflexus; apertura lunato-
rotundata, intus albolabiata, margine columellari ad insertionem
modice dilatato. Diam. maj. 31, min. 25, alt. 15; apert. diam. 14,
alt. obliq. 13 mm.
Ein anderes Exemplar bei sonst gleichen Massen 17 mm hoch,
die Mündung 13V2-
Insel Karpathos.
Wenn man annehmen darf, dass das von Roth und später von
Rossmässler beschriebene und abgebildete Exemplar noch nicht
ganz ausgewachsen ist, wofür schon die geringe Anzahl von 4 Win-
dungen spricht und wie auch schon Rossmässler vermuthete, so passen
die vorliegenden Exemplare sehr gut auf diese Art, und dieses wird
bestätigt durch das Vorhandensein einiger jüngerer und eines ganz
jungen Exemplars unter den von Hrn. v. Örtzen gesammelten. Die
erste Windung ist ziemlich gross, doch nicht so viel mehr als bei
192 V. Martens:
smyrnensis u. a. (in den Kobelt'schen Figuren von Zonites, Bd. IV
und VII der Iconographie, scheinen mir durchsclmittKch die beiden
ersten Windungen zu klein gezeichnet), auch die Kömelung der
ersten Windung findet sich bei andern Zonites. Ein Exemplar von
3 Windungen, 12^/9 mm Durchmesser, hat noch einen ganz scharfen
Kiel bis zur Mündung und schon zwei Lippenwülste; ein älteres
von 4 Windungen, Durchmesser 19 mm, also noch etwas kleiner
als das Roth'sche und Rossmässler'sche , schon eine sehr stumpfe
Kante, die an der Mündung ganz verschwindet und innerhalb der
letzten Windung 3 Lippen.
Die Art ist zunächst mit H. corax Pfr. novitat. III 78, 1 — 5,
Kob. Rossm. IV f. 1103 zu vergleichen, die aber bei gleicher Grösse
eine Windung mehr und daher auch engere Windungen überhaupt
hat, die Kante länger beibehält und keinen solchen Unterschied
in der Färbung zeigt. H. carica erinnert, wie schon Rossmässler
richtig bemerkt, an H. albanica, namentlich auch darin, dass die
dunkel rothbraune Färbung der Oberseite sich noch unterhalb der
hellen peripherischen Binde ein Stück weit fortsetzt. Z. albanicus
var. graecus Kob. Rossm. IV f. 1102 unterscheidet sich durch lang-
samer zunehmende Windungen, stärkere Granulation und andere
Färbung.
Zonites polycrates n. Taf. 3 Fig. 3.
Testa anguste umbilicata, orbiculato-convexa, rufescenti-
fusca, supra seriebus granulorum confertis et lineis impressis
sculpta, infra tantum striatula, vix pallidior, non nitens; spira
conoidea, obtusa, anfr. 5, rotundati, sutura impressa non margi-
nata irregulariter denticulata, pallidiore, ultimus initio levissime
subangulatus, dein rotundatus, antice non descendens; apertura
perparum obliqua, lunato-subcircularis, margine columellari ad in-
sertionem distincte dilatato.
Diara. maj. min. alt. apert. diam. alt. obl.
a) 35, 28V2, 22V2; 16, leVamm.
b) 34, 28, 22; löVs, 14V2 „
c) 34, 28, 25; I7V2, 17
Insel Chios (b), Samos und zwar in dem westHchen Theil der
Insel bei Marathokampos (a), Nikaria bei dem Orte Eodilos (c).
Nächstverwandt mit Z. chloroticus Pfr. Chemn. ed. nov. 153,
18. 19, Kob. Rossmässler IV. f. 1100, von Smyrna, aber dunkler
und mehr gleichmässig gefärbt, mehr kuglig, enger genabelt, eine
Windung weniger und durch die grobgezähnelte Naht unterschieden.
In der Gestalt nähert er sich einigermassen der Hyalina cretensis
Blanc, die aber eine viel schiefere und deutlieh herabsteigende
Mündung und einen verhältnissmässig weiteren Nabel hat, auch
nicht deutlich gekörnt ist.
Bei einem jungen Exemplar von 18 mm Durchmesser, dem
noch mehr als eine Windung fehlt, ist die Kante schon ganz stumpf
und an der Mündung verschwunden.
Griechische Mollusken. 193
Patula erdelii Roth 1. c. 1, 4. 5. 1830. Moiiss. Bellardi p. 17. —
H. sudensis Pfr. 184G. Rossm. III f. 901. Inseln Kalymnos, nur
9 mm im Durchmesser, Kappari (zwischen der vorigen nnd Kos
gelegen) und Nisyros.
Nicht als Art zu unterscheiden von der kretischen sudensis.
— rupestris Drap. Samos, am Berg Kerki und Mikaria bei Agio-
Kiriko.
Helix (Gonostoma) lens Fer. Samos, 12 mm im Durchmesser, Ka-
lymnos, 12 mm, Kappari, etwas höher, aber dafür nur 10 mm im
Durchmesser.
„Meist an der Unterseite von grössern Steinen und unter Laub."
— — lenticula Fer. Insel Armathia bei Kasos.
Helix (Fruticicola) schuberti Roth 1. c. p. 15, Taf. 1, Fig. 12. Kob.
Rossm. V f. 1209. — H. rissoana Pfr. nion. I, p. 138, 184G; Reeve
cench. ic. V f.
Exemplare, die mit Kobelt's Beschreibung und Abbildung gut
übereinstimmen , ziemlich hell graubraun , unregelmässig gestreift ,
und etwas narbig, 10 — 13 mm im Durchmesser (ein ungewöhnlich
grosses nur als Fragment erhaltenes mindestens IG mm) und
9 mm hoch; Mündung gerundet, wenig herabgebogen, G'/g nun im
Durchmesser und G mm in schiefer Höhe.
Insel Chios und Samos, hier bei Marathokampo.
Helix (Fruticicola) proclivis n. Taf. 10, Fig. 8.
Testa anguste umbilicata, subdepresso-globosa, distincte stria-
tula, Cornea; sutura albida; anfr. 5V25 convexiusculi , ultimus
rotundatus, antice valde descendens; apertura late lunata, per-
obliqua, peristomate intus albolabiato, extus opace flavo, tenuiter
expanso, marginibus subapproximatis , columellari ad insertionem
dilatato, umbilici non dimidiam partem obtegente. Diam. maj. 14,
min. 11, alt. 9V2; apert. diam. 8, alt. obliqua 7 mm.
Inseln Samos, Kalymnos, Kappari, Kos und Nisyros in ver-
schiedener Grösse, die kleinsten Stücke nur 11 mm im Durch-
messer. Auch auf dem Festlande bei Magnesia, von Hrn. v. Maltzan
gesammelt, und bei Smyrna, 12— I4V2 nmi (Böttger). Steht in der
Mitte zwischen H. schuberti Roth aus Karien, welche mehr kugelig
ist mit mehr kreisrunder weniger schiefstehender Mündung, und
H. grelloisi Bourg. amenit. II 5, 10 — 12, von den Inseln des Ar-
chipels, ohne nähere Angabe; diese ist noch bedeutend flacher.
Die weisse Innenlippe scheint bei allen drei auf der Aussenseite
auffälUg als grell gelber Streifen durch. Eine weisse Nahtbinde
ist bei den meisten, aber nicht allen der vorKegenden Exemplare
ziemlich schwach angedeutet, ebenso eine blasse Binde in der Peri-
pherie, wie bei so \äelen Fruticicolen.
Helix (Cartusiana) cartusiana Müll. Insel Nikaria, 9 — 11 mm im
Durchmesser.
— — syriaca Ehrbg. Rossm. I f. 5G8. Nabel ganz verdeckt, zwei
Aich. f. Naturgescli. Jahig 1889. Bd.I. H.2. 13
194 V. Martens:
mehr oder weniger deutliche graue breite Bänder. Insel Kos, 10 mm
im Durchmesser. Insel Rhodos, bei Kastelo, Trianda und bei der
Stadt Rhodos, 8—10 mm.
Helix (Campylaea) cyclolabris Desh. var. mit sehr weitem Nabel,
2G mm im Durchmesser. Insel Nikaria, subfossil.
— (Pseudocampylaea) pellita Fer. Kob. Rossm. IV. f. 1092. Rhodos,
bei der gleichnamigen Stadt, 12 mm, und bei Kastelo, 15 mm im
Durchmesser. Insel Chalki, an der Westküste von Rhodos. Kar-
pathos, bis 17 mm; Armathia, I2V2 — ^16 mm; Kasos, nur junge
Exemplare.
— — testacea n. Taf. 10, Fig. G.
Testa perforata, globosa, solidula, suboblique confertim ruguloso-
striata, fulva, ad suturam et peripheriam pallida, fascia supera
distincta, infera evanida fuscis; anfr. 572, convexiusculi , ultimus
rotundatus, antice subito valde descendens; apertura perobliqua,
subcircularis, peristomate breviter expanso, tenui, diaphano, intus
valde albolabiato, marginibus approximatis, callo albo junctis.
• Diam. maj. IDVo, min. 1GV„ alt. 14; apert. diam. 11, alt. obl. 10 mm.
„ „ 15," „ 12 V2, „10-11; „ „ 8V2, „ „ 7 „
Insel Kasos.
— — Nächstverwandt mit der vorigen, aber grösser, erwachsen
ohne Haare, mehr kugelig, grob gestreift und etwas gekörnt, bräun-
lichgelb mit einer hellen Binde in der Peripherie zwischen zwei
dunkeln schmalen Bändern; das untere derselben mehr variabel,
zuweilen kaum angedeutet. Mündung stark herabsteigend, an-
nähernd kreisrund, Mundränder beinahe verbunden, mit weisser
Lippe, deutlich ausgebreitet, den Nabel fast zur Hälfte überdeckend.
Jüngere Exemplare zeigen kurze steife Haare (von 12 mm Durch-
messer), ähnlich denen der H. pellita, namentlich auf der weissen
Binde. Ganz junge, Fig. 7 b sind deutlich kantig (Fig. Gb).
Diese schöne Art stimmt recht gut mit der Abbildung von
Helix naxiana bei Ferussac hist. nat. pl. G9, Fig. 1 überein; diese
Abbildung ist aber im prodrome noch nicht citirt und erst nach
Ferussac's Tod herausgegeben; im prodr. No. 16G sagt Ferussac
von seiner H. naxientia (p. GS in naxiana verbessert), sie sei auf
Naxos und auch von Olivier auf Kreta bei Palaiocastro gefunden
und sehr ähnlich der vorhergehenden, vielleicht nur eine Aus-
artung (degeneration) derselben. Die vorhergehende, No. 1G5,
zonata, umfasst nun bei Ferussac unsere jetzigen H. ichthyomma,
zonata, foetens und cyclolabris, vielleicht auch noch andere Arten
nach den vielerlei Fundorten aus Italien, die daselbst angegeben.
Ferussac hat gerade die Campylaeen bei weitem nicht so scharf,
wie wir gegenwärtig, unterschieden und so ist es gar nicht un-
wahrscheinlich, dass er auch unter dem Namen naxiana zweierlei
zusammengefasst hat, vielleicht die oben S. 182 erwähnte grosse
Varietät von cyclolabris aus Naxos und eine andere mit der unsern
übereinstimmende oder ihr doch sehr ähnliche aus Kreta, diese
Griechische Mollusken. 195
letztere aber von Deshayes als naxiana abgebildet worden ist.
Jedenfalls mag ich die vorliegende Art aus Kasos nicht naxiana
nennen, so lange das Vorkonnnen derselben auf den Cycladen nicht
sicherer nachgewiesen ist. Sie schliesst sich sehr nahe an H. wester-
lundi Blanc p. 48, pl. 2, Fig. 14 von Kreta an, die noch etwas grösser
und höher, sowie deutlich gekörnt ist, auch eine weisse Naht und
einen dunkeln häutigen Randsaum an der Mündung haben soll.
Helix (Macularia) vermiculata Müll. Chios, bei der Stadt Kastro.
Samos, dickschalig. Kalymnos, 35 mm, die 3 obern Bänder mar-
morirt und vereinigt, andere Exemplare nur 31 — 3'2 mm, mit
schmalen scharf getrennten Bändern. Kappari, albin. Kos. Ni-
syros. Symi, bis 33 nmi im Durchmesser und (andere Exem-
plare) 24 mm hoch, Bänder scliarf getrennt, wenig oder gar nicht
unterbrochen. Rhodos. Armathia, erwachsen nur 24 mm im
grossen Durchmesser.
— (Iberus) spiriplana Oliv. voy. Levant 17, 7. Mouss. Bellardi p. 23.
Kob. Rossni. V f. IIGG. II. malziana Pfr. novitat. III 92, 14 — IG.
Rhodos bei Kastelo. „Wird daselbst gegessen und soll nach
Aussage der Einwohner der II. vermiculata an Schmackhaftigkeit
vorzuziehen sein." (v. Örtzen mscr.) Auch auf der kleinen Insel
Chalki, bei Rhodos. Durchmesser erwachsener Stücke 25 V2 — 33,
Höhe bei den kleineren Avechselnd, 15 — 19, bei den grössern
20 — 21 mm. Nabel immer ganz verdeckt. Kiel der vorletzten
Windung zuweilen noch scharf vorstehend.
— — — var. ähnlich caesareana Pfr. Kob. f. 11G4. Insel Ka-
lymnos, 38 mm im grossen Durchmesser, dickschalig. Insel Symi,
33 — 39 mm, in der relativen Höhe wechselnd, Nabel zur grössern
Hälfte bis ganz verdeckt. Karpathos, ein schlecht erhaltenes
Exemplar, mit ziemlich offenem Nabel.
— (Pomatia) aspersa Müll. Chios, bei der Stadt Kastro, 35 mm
im Durchmesser. Samos, 44 mm. Kos. Rhodos, 40 mm, schön
dunkel gefärbt.
— — asemnis Bourg. (amenit, II p. 17G, 24, 4. 5. Kob. Rossm. IV
p.21 f. 1032, 33.)
— — Var. homerica n. Taf. 11, Fig. 4.
In den wesentlichen Charakteren mit diesen Beschreibungen und
Abbildungen übereinstimmend, aber doch mit etwas anderm Habitus,
dünnschalig, etwas glänzend, blass röthlichgrau mit 2 breiten dunklen
rothgrauen Bändern (123 u. 45, wie gewöhnlich bei cincta), so hoch
wie breit oder höher; Mundsaum kaum verdickt, der Columellar-
rand rein weiss, schön gebogen, verhältnissmässig schmal, namentlich
die Auflagerung auf die Nabelgegend und Mündungswand sehr dünn,
kaum bemerklich und ohne deutliche Grenze nach aussen. Inneres
der Mündung dunkel.
Grössere Exemplare 40—41 mm hoch und ebenso breit, andere
kleinere verhältnissmässig höher, 38 — 39 mm hoch und 33 V2 bis
37 mm breit, auch etwas matter und dunkler, die Ausbreitung des
Columellarrandes etwas stärker markirt.
13*
196 V. Marteus:
Inseln Chios, Syme.
Ein einziges Exemplar von Samos, Fig. 5, bei Marathokampo
toclt gefunden, der typischen asemnis noch viel ähnlicher, dick-
schalig, etwas breiter (42 mm) als hoch (40 mm), der Columellar-
rand noch dicker und weniger gebogen.
H. ligata Müll. Rossm. ,,labro crasso" von Magnesia bei Roth
dissert. p. 1 ist vermuthlich dieselbe Art. H. solida (Ziegl.) Albers,
zweite Ausg. S. 142, angeblich vom Taurus, ist ähnlich, aber mit
dickerem Rand.
Ilelix cincta Müll. var. minor, vgl. Rossm. I f. 287 a, b.
Insel Nikaria.
Alle klein, mit der charakteristischen gelbgrauen Farbe und
den dunkelrothgrauen Bändern, oben 123, auf der letzten Windung
vereinigt, unten 4 und 5 auch hier noch getrennt, schmal. Mund-
saum dick, braunroth, ebenso oder noch dunkler die Mündungs-
wand. Aber die allgemeine Gestalt verschieden, bald mehr hoch-
gewunden, bald ziemhch kugelig, wie die folgenden Dimensionen
zeigen.
Diam. maj. min. alt. apert. diani. alt.
a) 32V2, 27, 37V2, 21, 24 mm.
b) 35, 28V2, 35, 21, 24V2inm.
Auch grosse Exemplare von Helix cincta, entsprechend Rossm. I
f. 287 c mit braunem Mundsaum und brauner Auflagerung auf der
Mündungswand, kommen an der benachbarten Küste Kleinasiens
bei Smyrna vor, wie von Fleischer 1826 und von v. Maltzan 1887
gesammelte Exemplare zeigen.
— (Pomatia) figulina Rossm, II f. 580. Insel Kappari, zwischen
Kalymnos und Kos. Insel Symi, an der Südküste Karien's, 28 mm
im Durchmesser und ebenso hoch. Rhodos, bei der Stadt Kastelo,
26 mm im Durchmesser und nur 23 V2 mm hoch; 4 Bänder, indem
No, 2 und 3 vereinigt.
— — aperta Born. Chios. Samos. Nikaria. Kleine Insel Chalki,
bei Rhodos, von hier 2 Stück, die eigenthümlich von oben und
unten zusammengepresst und nach aussen etwas kantig sind, so dass
die Mündung und entsprechend auch der Winterdeckel scharf drei-
eckig sind; wahrscheinlich durch Eindringen in enge Spalten bei
noch dünner, etwas nachgiebiger Schale so entstellt.
— (Euparypha) pisana Müll. Insel Kos. Klein, etwas runzhg.
— (Xerophila) variabilis Drap. Chios, Kalymnos (klein). Rhodos,
bei Kastelo und Trianda,
— — cauta Westerl, (vgl. oben.) Samos.
— — cretica Pfr. Rhodos, bei Kastelo und Trianda. Insel Chalki,
neben einigen jüngeren Stücken ein ungewöhnlich hohes, kughg-
konisches (17 mm im Durchmesser, 14 mm hoch), fast einfarbig
weiss, mit engerem Nabel und schwärzlicher Spitze. Erinnert an
H. ungeri Zelebor aus Südwest-Kleinasien und Cypern, die ich aber
Griechische Mollusken. 197
nur aus der Beschreibung (Pfeiffer monogr. V p. 483) kenne. Insel
Karpathos, bis 17 mm im Durchmesser, meist lebhaft marmorirt,
seltener mit breiten Bändern oder einfarbig weiss. — Inselchen
Sokastro, an der Westseite von Karpathos, ein junges p]xemplar
mit mehreren breiten fast schwarzen Bändern. Insel Kasos, 17 mm
im Durchmesser, 12 mm hoch, fleckig gebändert und marmorirt,
mit ziemlich hellbrauner Spitze.
Hehx (Xerophila) candiota Pfr. Kob. Rossm. VI f. 1547.
a) 9 mm im Durchmesser, SV^mm hoch, Karpathos,
b) 10 „ „ „ 0 " „ „ Kasos,
c) llV2n „ „ "10V2 „ „ Armathia.
All diese drei Inseln zwischen Rhodos und Kreta gelegen,
— — mesostena Westerl. (s. oben bei Kreta). Rhodos, bei Trianda.
Insel Armathia, fast nur junge Exemplare, aber sehr bunt und ver-
schiedenartig gezeichnet.
— — calymnia n. Taf. 10, Fig. 9.
Testa subdepressa, modice nmbilicata, subtiliter radiatim stria-
tula, alba,fasciis fuscis angustis subinde interruptis picta; spira conica,
subgradata, anfr. vix 5, convexi, sutura profunda discreti, ultimus
rotundatus, antice vix descendens ; apertura subverticalis, subcircu-
laris, peristomate recto, intus albolabiato, marginibus inter se re-
motis, columellari arcuato, vix dilatato. Diam. maj. 6V25 ^in öVa»
alt. 4V2; apert. diam, 3, alt, 22/3 mm.
Insel Kalymnos.-
Nur ungern entschliesse ich mich auf Ein P^xemplar einer so
kleinen Xerophile eine Art zu gründen, um so mehr als das kaum
merkhche Herabsteigen der letzten Windung neben der ttreis-
förmigen Gestalt und fast senkrechten Stellung der Mündung nahe
legen, an eine nicht vollständig ausgebildete Form zu denken, aber
die gut ausgebildete, sogar etwas weiter innen noch einmal wieder-
holte weisse Innenlippe spricht dagegen, sie für etwas ganz Junges
zu halten. Durch die stark gewölbten, etwas treppenförmig ab-
setzenden Umgänge und das verhältnissmässig ziemlich hohe Ge-
winde erinnert sie zunächst an H. candidula, mit der sie auch die
weisse Farbe und die schmalen Bänder gemein hat, doch ist sie
nicht so kreideweiss, sondern ein klein wenig grauröthlich und die
Bänder sind heller, braun, etwas durchscheinend, stellenweise in
Reihen kleiner Flecken aufgelöst ; unmittelbar unter der Naht finden
sich auch vereinzelte röthliche Flecken. Die Spitze ist blassgrau,
glänzend. Die Streifung ist sehr fein. Der Oberrand wird nahe
der Einfügung auf eine kurze Strecke fast horizontal. Der Nabel
ist massig und seine Wände fallen fast senkrecht ein. Von kleinen
Xerophilen aus dem östlichen Mittelmeergebiet dürften zunächst
Helix Arrouxi Bourg. und subvariegata Maltz. zu vergleichen sein,
erstere sieht nach einem von Dr. Böttger erhaltenen Exemplar aus
198 V. Martens:
Smyrna von oben der unsrigen ähnlich, ist aber im Ganzen viel
flacher nnd ihre Zeichnung besteht in grösseren Flecken. H. sub-
variegata ist grösser und ihre Windungen legen sich fast in Einer
Fläche aneinander an, wie bei H. caperata, die Mündung steht
mehr schief und dunkelbraune Flecken oder Fleckenbänder nehmen
einen grossen Theil der Schalenfläche ein.
Helix (Xerophila) pyramidata Drap. Chios, eng-genabelt. Kalymnos.
Kos. Rhodos, bei Kästele. Kasos.
— (Turricula) verticillata Pfr. novitat. III 117, 19. 21 (v. Rhodos).
Rhodos, 71/2 mm im Durchmesser, 7 mm hoch.
Buliminus (Zebrina) fasciolatus Oliv. voy. Levant 17, 5. Rossm. III
f. 910, 911. Rhodos, beim Dorf Trianda, 1 Stunde von der Stadt
* Rhodos, an Häusern und auf Gesträuch häufig.
— caesius Böttger, Proc. Zool. Soc. 1885, p. 24, mit Holzschnitt.
Unsere Tafel 11, Fig. 8— 10.
? Bulimus Cosensis Reeve conch. ic. VII f. 474 ; Pfr. mon. III p. 361.
Testa turrito-conica, perforata, tenuis, nitida, coerulescenti-
albida, strigis raris nigricantibus vel fuscescentibus picta, versus
apicem fuscescens; anfr. SVs? primi 2 convexi, sequentes plani-
usculi, sutura impressa divisi, ultimus convexiusculus, basi saepius
paulo magis obscurus , antice non descendens ; apertura circa V5
longitudinis oceupans, subverticalis, rotundato-oblonga, peristomate
expansiusculo, intus tenuissime albo-labiato, extus et subtus arcuato,
margine columellari dilatato, patulo, subrecto, perforationem non
tegente, margine exterho ad insertionem convergente, callo parie-
tali tenuissimo, fauce flavescente.
Var. cldus n. Fig. 9. Anfr. ult. basi sat convexo, testa pallide
caerulescenti-albida vel flavido-albida.
Long. 17, diam. 6V2J apert. long. 6, diam. 4 mm,
,, 15, „ 5/3, ,, ,, 5/2, ,, 4/2,,
19 fi (\ A
55 -''^) ■>■) "5 55 )5 ^'? 11 ^ 11
Insel Chios, besonders bei der Stadt Kastro, und Insel Samos
bei Marathokampos, von hier das grösste Exemplar (19 mm lang),
zuweilen mit einzelnen schwärzlichen Punkten.
„Nur an Kalksteinfelsen, nach Art der Albinarien ansitzend,
jeder Witterung ausgesetzt, im Sommer nur regungslos gesehen."
V. Ortzen.
Var. symiuft n. Fig. 8. Anfr. ult. basi sat convexo, testa
magis obesa, albida vel perpallide caerulescente.
Long. 171/2) diam. 8, apert. long. 6, diam. 5 mm,
11 15, „ 7, „ „ 6, „ 4V2,,
Insel Symi, 50 Kilometer von Kos, dem Originalfundort ent-
fernt, und auch auf dieser Insel selbst.
Die von Spratt auf Kos gesammelten Exemplare, nach welchen
die Art von Reeve abgebildet und von Pfeiffer beschrieben wurde,
sind schlanker (long. 15, diam. 5) und namentlich unten stärker
Griechische Mollusken. 199
verengt, daher auch ihre Mündimg schmäler (apert. long. .5, diam.
31/2 mm), man könnte sie als var. cou.s bezeichnen; denn die
Namensform ,,cosensis" ist ganz sprachwidrig, etwa wie wenn
man ,,rhodosensis" oder „cyprusensis" sagen wollte, statt rhodius
und cyprius, das s gehört nicht zum Stamm des Wortes, die
klassische Adjectivform ist „cous," bei Cicero, Horaz und Ovid
zu finden.
Böttger hat Exemplare von Smyrna, unsere Figur 10, als
B. caesius beschrieben, dieselben sind gross (10 mm), noch etwas
lebhafter bläulich gefärbt, die letzte Windung unten etwas weniger
rund als bei den unsrigen, aber doch nicht so schmal w^ie bei der
Reeve'schen. Der Name caesius eignet sich für die Zusammen-
fassung der Einzelformen aus den verschiedenen Inseln besser als
die Spezialbezeichnung nach der einen Insel.
Diese Art erinnert zunächst an einige nordafrikanische Formen,
wie B. cirtanus Morel. An den östlichen Küsten des Mittelmeers
kommen ihnen im allgemeinen Habitus B. syriacus und sidoniensis
aus Syrien am nächsten, in der Gestalt, aber nicht in Grösse und
Färbung, auch B. dardanus. Sie passen eigentlich in keine der
allgemein angenommenen Unterabtheilungen von Buhminus, Kobelt
setzt in der zw^eiten Ausgabe seines Katalogs B. „cosensis" und die
syrischen unter Petraeus, zu dessen Typus, B. labrosus, mit stumpfer
Spitze, grosser Mündung und breitem Mundsaum, sie aber wenig
passen, dagegen die nordafrikanischen zu Napaeus, wozu die
unsrigen schon der Färbung wegen nicht passen.
BuHmus (Mastus) carneolus Mouss. Schläfli II p. 13. Kob. Rossm. V
f. 1365. Chios.
— — turgidus Kobelt Rossm. V f. 1357.
Insel Rhodos und Chalki, an der Westseite derselben; Inseln
Karpathos, Sokastro, Kasos und Armathia, alle zwischen Rhodos
und Kreta gelegen. Bis jetzt war nur der griechische Archipel im
Allgemeinen, ohne namentliche Angabe einer Insel, als seine Hei-
math bekannt. 9 — 11 mm lang, 4V2 — (5 mm breit, Länge und Breite
bei den meisten Exemplaren in demselben Verhältniss bleibend,
nicht sich kompensirend ; der Höcker in der obern Ecke der Mün-
dungswand verlängert sich zuweilen schief nach innen.
— (Chondrula) quadridens (Müll.) var. lö>vi Phil.
Chios. Samos, bei Marathokampo. Nikaria. Kalymnos und
Kappari. 10 — 12, auf Nikaria bis 14 mm lang, 3V2 mm breit.
Obere Columellarfalte sehr zurücktretend.
— — samius n. Taf. 11, Fig 12.
Testa sinistrorsa, distincte rimata, oblongo-conica, levissime
striatula, corneo-fusca, nitidula; anfr. 7, convexiuscuh , regulariter
crescentes, ultimus basi turgidus; apertura parvula, oblique semi-
ovalis, bidentata, peristomate incrassato, albo, vix expansiusculo.
200 V. Martens:
dente parietali compresso sat valido et altero tiiberculiforrai in
margine externo mimita, tuberculo ad insertionem marginis externi
niillo. Long. 7, diam. 3, apert. long. 2V2, diam. 2 mm.
Insel Samos, auf dem Gipfel des Berges Kerki, im westlichen
Theil der Insel, 1440 Meter hoch.
Diese Art schliesst sich einigermassen an B. scapus nnd sagax
aus Kleinasien an, die aber grösser und weiss sind und von denen
der letztere keinen, der erstere nur eine schwache Andeutung eines
Zahns am Aussenrande hat.
Stenogyra decollata (L.) Inseln Kalymnos, Kappari, Kasos, (27 mm
lang, 8 mm breit, 6 Windungen) und Armathia.
Pupa (Torquilla) philippii Cantr. Inseln Chios, Kalymnos und Kos.
— — rhodia Roth. Kos.
— (Orcula) doliolum Brug. Insel Samos, auffallend kurz und dick;
Kalymnos imd Karpathos.
— — scyphus Pfr. Nikaria, Kos, Nisyros, Rhodos und Chalki.
— (Charadrobia) umbilicata Drap. Samos, am Berg Kerki.
— — — var. lunbilicus Roth. Chios und Nikaria, hier sowohl
bei Petropulis, als bei Agio-Kiriko.
Clausilia (Albinaria) brevicoUis Pf. Symi, Rhodos und Chalki.
— — caerulea Fer. Chios und Samos.
— — freitagi Böttg. Samos.
— — leria („lerosiensis") Fer. Kalymnos, Kappari und Kos.
— — oertzeni Böttg. Kasos und Armathia.
— — carpathia Böttg. Karpathos, Kasos und Armathia.
— — teres (Oliv.) var. extensa Pfr. Chalki.
— — oKvieri Roth. Rhodos, Karpathos, Sokastro.
— — munda Rossm. var. coa Böttg. vgl. oben S. 199. Kos.
— — chia Böttg. Chios, Samos, Nikaria.
— — proteus Böttg. Karpathos und Saria.
— — unicolor Böttg. Karpathos.
— (Alinda) denticulata (Oliv.) Samos, Nikaria, • Nisyros.
Physa acuta Drap. 8V2 mm lang, wovon 5 auf die Mündung kommen,
und 4^/2 mm breit.
Insel Nikaria, ,,im Schlamme eines beschatteten kleinen Baches
bei Agio-Kiriki."
Hydrobia (Amnicola) macrostoma Küst. var. chia n. , etwas kleiner
und breiter als der Typus, 2^/9 mm lang, 2 mm im Durchmesser,
Mündung IV2 mm hoch, Mündungswulst flach angedrückt.
Insel Chios, am Berg Elias, in kleinen Bächen unter Steinen.
— (Bythinella) sp. Ein Stück.
Petropulis, auf der Insel Nikaria.
Melanopsis praerosa (L.) var. ferussaei Roth.
Chios, nur 1 1 V2 mni lang und 7 mm breit, Mündung 6 mm lang,
Rhodos, bei der Stadt Kastelo.
Griechische Mollusken. 201
IX. Festland von Karlen.
Bis jetzt malakologisch fast unbekannt, mir einige seltene Arten
bei Roth a. a. 0.
Hyalina cypria Pfr. Chemn. ed. nov. 83, 1 — 3. Kob. Rossm. VI f. 1 579.
Gegenüber Kalymnos, von ungewöhnlicher Grösse, 13 — 16 mm
im Durchmesser.
Zenites caricus Roth diss. p. 17; 1, 6 und 21. Unsere Taf. 9, Fig. 7, 8.
Karlen, gegenüber der Insel Synii.
Ich nehme an, dass das von Roth beschriebene Exemplar
nicht erwachsen sei, wie schon die geringe Zahl der Windungen
andeutet („paucispira") und dann dürfte die vorliegende ein er-
wachsenes Exemplar dazu sein; die Skulptur stimmt gut.
Helix (Gonostoma) lens Fer. Gegenüber der Insel Kalymnos.
— (Fruticicola) schuberti Roth. Gegenüber Symi, ziemlich klein.
— (Cartusiana) cartusiana Müll. Gegenüber der Insel Kos.
— — syriaca Ehrbg.
Bei Hieronda (Geronda, südlich vom alten Miletj und gegen-
über Symi.
— (Iberus) spiriplana Oliv.
34 — 38 mm im Durchmesser, mit nicht ganz verdecktem
Nabel.
Festland von Karlen, ohne nähere Angabe.
— (Pomatia) aspersa Müll.
Bei Hieronda, klein (35 mm Durchmesser, 34 mm hoch), ge-
fleckt, und gegenüber Symi und Kos, bis 39 mm, sehr dunkel
gefärbt.
— — cincta Müll. var. Taf. 11, Fig. 1—3.
Entspricht ziemHch der Abbildung bei Rossm. II f. 583, 584
(aus Oberitalien V), matt graugelb, stark gestreift, Mundsaum dick,
intensiv braunroth, ebenso die Wulst auf der Mündungswand. Die
oberen 3 Bänder immer vereinigt, die zwei untern unter sich ge-
trennt. Nabel völlig bedeckt. Bald mehr kugehg, bald etwas
hochgewunden. Grösstes kugeliges Exemplar diam. maj. 40, min.
31 mm, alt. 37 ; apert. diam. 24, alt. 27 mm. — Ein etwas kleineres,
aber hochgewundenes beziehungsweise 38V25 32,. 41 mm (Höhe);
23, 25 mm Breite.
Das Verhältniss der Mündung zur ganzen Schale sehr wech-
selnd, an einzelnen Stücken ist sie fast so weit wie bei H. mela-
nostoma, an andern so klein wie bei anctostoma. Auch die Dicke
des Mundsaums variirt ziemlich stark.
Küste von Karlen, bei Hieronda.
Helix asemnis var. venusta n. Taf. 11, Fig. 6, 7.
Schale höher als breit, gross und dünn, weisshch mit dunkel-
202 V- Martens:
rothgrauen Bändern, 1. 2. 3. vereinigt (auf den oberen Windungen
getrennt), 4. und 5. bald getrennt, bald vereinigt, etwas wolkig;
Columellarrand rein weiss, dünn und schön gebogen, Auflagerung
auf Nabelgegend und Mündungswand kaum angedeutet.
Diam. maj. min. alt. apert. diam. alt.
a) 40, 33, 44; 24, 31 mm
b) 36, 30, 42; 22, 27 „
c) 35, 30, 38 V2; 22, 28 „
Küste von Karlen, gegenüber Syme, also auf der Halbinsel
von Knidos.
Diese Form zeigt die schon oben var. homerica angegebenen
Unterschiede von der eigentlichen asemnis in noch höherem
Grade, trotzdem ihr Fundort dem Vorkommen der letzteren näher
Kegt, und ich würde sie unbedenklich als eigene Art unter-
scheiden, wenn nicht eben die Exemplare von Chios und nament-
lich dasjenige von Samos einen stufenweisen Übergang dar-
stellten.
Diese Form gleicht im Ganzen mehr der dalmatisch-illyrischen
H. secernenda in Umriss und Färbung, wie auch Bourguignat
schon für seine asemnis hervorhebt, während Kobelt die Ähnlichkeit
mit cincta betont, die unter den mir vorliegenden Exemplaren
hauptsächlich bei denen von Chios deutlich ist.
Bei einigen Exemplaren, die noch lebend nach Berlin ge-
kommen, zeigten sich die Seiten des Fusses auffällig rosenroth ge-
färbt, namentHch nach hinten zu, wie ich es noch bei keiner Helix
gesehen (Fig. 7).
Helix (Xerophila) variabilis Drap., ziemlich flach, mit Einem dunkeln
Band, obere Windungen etwas strahlig gezeichnet, 16 mm im
Durchmesser, IIV2 t^^ hoch, bei Hieronda.
Stenogyra decollata (L.), sehr schlank.
Gegenüber Symi.
Pupa umbilicata Drap.
Küste von Karlen, gegenüber der Insel Kalymnos.
Clausilia (Albinaria) anatolica Roth Phinoka im lykischen Taurus,
von Hrn. Konemenos erhalten.
— — bigibbosa Charp. Lykien, Konemenos.
— — leria Fer. Gegenüber Kalymnos.
— (Alinda) denticulata Oliv. Gegenüber Kalymnos.
Griechische Mollusken.
203
Tabelle I.
Land- und Süsswasser-Mollusken von Mittelgriechenland und Morea.
204
V. Märten s:
Gri-iechische Mollusken.
205
206
V. Martens:
Grriecbische Mollusken.
207
208
V. Martens:
Griechische Mollusken.
209
Avch. f. Naturgesch. Jahrg. J 889. Bd 1. H. 2.
14
210
V. Mcirtens:
Griechische Mollusken.
211
14*
212 V. Marteiis:
Bemerkungen zu Tabelle I.
Für diese und die. zwei folgenden Tabellen gilt im Allgemeinen, dass mit
stehender Schrift oder mit 4- die Örtzen'schen Fundorte, mit cursiver oder f ander-
weitige aus der Litteratur entnommene eingetragen sind. Die Buchstaben sind
Abkürzungen der einzelnen Orts- und Landschaftsnamen, und im Folgenden
erklärt, 4* und f bezeichnet, dass die betreffende Art in dem betreffenden Gebiet
überhaupt vorkommt.
I. Südlichere ionische Inseln:
Cph. = Cephalonien.
J. =: Jthaka.
Z. = Zante.
Von Zante führt schon Ferussac prodr. 1821 mehrere Arten an, die
er von einem Grafen Mercati erhalten; die meisten derselben sind
von Hrn. von Örtzen wiedergefunden; 1852 oder 1853 sammelte J. Roth
daselbst. Auf Cephalonien hat zuerst Mousson im Sept. 1858 und
später andere Reisende gesammelt. Jthaka ist noch sehr wenig be-
kannt. Die Arten von Helix und Buliminus sind theils weiter ver-
breitete südeuropäische, theils speziell griechische (H. lens) oder solchen
sehr nahe stehend (H. ambigua, subzonata); die Mehrzahl der Clausilien
sind von denen des Festlands verschieden, aber doch als Albinarien sich
näher au diese als an die dalmatischen (Medora) trotz ihrer Ähnlichkeit
in der äussern Fonn anschliessend.
n. Aetolien:
Lp. = Lepanto 1 „.. „ .. ^
,/ T,,r- 1 1 • ? Sudkuste.
Miss. = Missolunghi J
Vrch. =^ Vrachori, im Binnenland.
Ak. = Bis jetzt nur aus dem benachbarten Akarnanien angegeben.
III. Doris, Phokis, Lokris, Phthiotis:
Kx, = Korax-Gebirge.
P. =Parnass im alten Phokis, jetzt Eparchie Parnasis,
D. = Eparchie Doris im heutigen Sinn , neben der Landschaft dieses
Namens das Gebiet der westlichen oder ozolischen Lokrer des Alter-
thums mitumfassend, nebst dem Dorfe Strorai im nordwestlichen
Winkel der Eparchie Parnasis, Südseite des Oeta.
Pth. = Eparchie Phthiotis, Gebiet des Spercheios, nördlich vom Oeta,
Hauptort Lamia.
Lk. = Eparchie Lokris, Gebiet der östlichen und opuntischeu Lokrer an
der Küste des Euripos.
IV. Boeotien und Attika:
B. = Boeotien im Allgemeinen, Umgebimg von Livadia und Theben.
Kop. = Kopaische Sümpfe im Nordosten Boeotiens.
Mak. = Makolissos und Umgegend, an der engsten Stelle des Euripos.
A. =r Attika, Festland.
Griechische Mollusken. 213
Meg. = Megara.
Mkr. =; Küsteniiisel Makrunisi, alt Helena, an der Ostküste von Attika.
Sal. = Insel Salamis.
Aeg. = Insel Aegina.
Ang. = Insel Angistri, im Westen von Aegina.
Die letztgenannte Insel liegt näher dem Festland von Morea, als
demjenigen von Attika, wird aber durch die Nähe von Aegina, das
zwischen beiden mitten inne liegt, und die jetzige politische Ein-
theilung an Attika geknüpft.
V. Euboea:
N. = Nördlicher Theil von Euboea (Aedipsos u. s. w.)
Kd. = Kandili am nördlicheren Theil der Westküste.
Ch. := Chalki, Ebene am Euripos | . .^^, m, •, ^ i
.^ , „ „ . , • .. . T. I , • ) 1'" mittlem Theil von Euboea.
Dph. = Berg Dirphe, jetzt Delphi )
S. = Südlicher Theil von Euboea, von Aliveri an.
VI. Achaja, Nordküste von Morea.
Pt. — Patras.
Kor. = Korinth.
M. So sind die in der französischen Expedition de Moree angegebenen
Arten bezeichnet, für die kein spezieller Fundort in Morea mir bekannt
geworden, um ihr immerhin noch fragliches Vorkommen in Morea
anzudeuten.
VII. Elis, jetzt Ilia, Nordhälfte der Westküste.
Ol. ^ Olympia, einige Arten neuerdings erhalten.
Prg. = Pyrgos, an der Küste.
VIII. Arkadien, centrales Bergland.
Dv. = Divri, am Nordwestrand, Pholoe-Gebirge, jetzt politisch zu Ilia
(Elis) gehörig.
Chlm. = Berg Chelmos, am Nordrand, oberhalb Kalavi-yta.
KyU. = Kyllene, am nordöstlichen Rand.
Tp. = Tripolitza.
Phg. = PhygaHa, in der Südwestecke.
Pn, := Gebirge Parnon, im Südosten, theilweise zu Lakonien.
IX. Argolis, nordöstlicher Theil:
Np. = Nauplia.
Arg. =: Argos.
Lern. = Lerna, gegenüber Nauplia.
Pr. = Insel Porös, alt Kalauria, an der Attika zugewandten Küste.
Hieran schliesst sich Angistri und Aegina an, s. oben.
X. Messenien, Südwesten.
Kyp. =Kyparissias, jetzt Arkadia \ ^^^ ^^^^, Westküste.
Nav. = Navarin, das alte Pylos \
214 V. Maitens:
Mr. = Mauromati nml Umgegend, das alte Messene und Ithoine, im
Binnenland, am obern Pamisos.
Kai. =r Kalamata, an der Südküste, an der Grenze von Lakonien.
XI. Lakonien:
T. = Taygetos-Gebirge.
Sp. — Sparta.
El. = Insel Eiaphonisi, westlich von Kap Malea, vgl. Issel in Crociera
del Violante 1877.
Cg. = Insel Cerigo, alt Cytherea.
Cgtt. = Insel Cerigotto, alt Aegilia, zwischen Cerigo und Kreta.
XII. Diese Colurane gibt an, welche der vorher aufgeführten Arten auch auf
den ostgriechischen Inseln (Cykladen, Kreta, kleinasiatische Inseln)
vorkommen.
Die einzelnen Landschaften Griechenlands sind noch in sehr ungleichem
Massstab erforscht, am genauesten Attika, dann Euboea und die angrenzenden
Theile Mittelgriechenlands, weniger Morea, in diesem wieder die Umgebungen
von Nauplia, Korinth und Patras, also die Athen und Mittelgriechenland näheren
Orte grösseren Verkehrs, mehr als die übrigen Landschaften. Unter den hier
aufgeführten 225 Arten finden sich :
111 sowohl in Mittelgriechenland als auch in Morea,
66 auf dem Festland von Mittelgriechenland, aber nicht in Morea,
30 auf dem Fertland von Morea, aber nicht in Mittelgriechenland,
10 nur auf den südlichen jonischen Inseln, Cephalonien und
(oder) Zante,
39 nur auf Euboea,
2 nur auf Makronisi,
3 nur auf Cerigo oder Cerigotto.
Die Zahl der Mittelgriechenland und Morea gemeinsamen dürfte sich aber
auch in Zukunft noch vermehren auf Kosten der bis jetzt dem Festland von
Mittelgriechenland eigenthümlichen , da unter diesen verhältuissmässig viele
kleine, schwer zu findende oder zu unterscheidende, wie Hyalina, Pupa, Fruti-
cola, Ancylus, Hydrobia, Pisidium, oder von vielen Sammlern nicht beachtete,
wie die Nacktschnecken, sich befinden; unter den übrigen Landschnecken sind
die Arten diesseits und jenseits des Isthmus hauptsächlich verschieden bei der
Helixgruppe Campylaea und der Buliminusgruppe Napaeus, beide vorzüglich
feuchtere Berggegenden bewohnend; ferner bei den Clausilien, die überhaupt
durchschnittlich eine geringere Verbreitung der Arten zeigen und von denen
Papillifera unter 24 Arten 20 nur in Mittel griechenl and einschliesslich Euboea-
dagegen nur 2 auch in Morea, 1 nur hier zählt und sowohl Idyla wie wahr-
scheinlich auch Oligoptychia Morea ganz fremd sind. Am meisten Überein-
stimmung zeigen Mittelgriechenland und Morea in den für Griechenland über-
haupt mehr charakteristischen Gruppen der Helix lens, H. Codringtoni, den Xero-
philen, Zebrina, Mastus, Chondrula und Albinaria, sowie selbstverständlich in
den über die meisten Mittelmeerküsten verbreiteten Helix vermiculata, aspersa,
aperta, pisana, Cochlicella acuta und Cyclostoma elegans. Wie einige in Mittel-
Griechische Mollusken. 215
Europa weitverbreitete Landschnecken noch in Thessalien auftreten (vgl. Stus-
siner Jahrb. d. mal. Cles. XII, 1885), aber nicht mehr Mittelgriechenland erreichen,
z. B. Buliminus detritus, Helix austriaca, Limax marginatus Müll, (arborum
Beuch.), so finden wir nur um eine Stufe weiter gehend auch noch Vitrinen,
Daudebardien, mehrere Napaeus -Arten und Clausilia thessalonica noch in den
Gebirgen Mittelgriechenlands, aber nicht mehr in Moi'ea, soviel wir bis jetzt
wissen. Ein Gegensatz zwischen Westen und Osten zeigt sich nicht nur iu den
verhältuissmässig zahlreichen Arten, welche einerseits Cephalonien und Zante,
andrerseits Euboea eigenthümlich haben, sondern noch deutlicher in denjenigen
Arten, welche von den jonischen Inseln auf das benachbarte Festland übergehen,
ohne seine Breite ganz zu durchmessen, wie Helix corcyrensis und Clausilia
stigmatica. Eigenthümlich ist das Verhalten von Glandina algira, die an der
Westküste der Balkanhalbiusel von Triest bis Albanien und auf den jonischen
Inseln nicht selten ist, auf einer der Cycladen (Tinos, von Erber gesammelt, Ver-
handl. d. zool. liot. Ges. 1867 p. 855) und auf Kreta wieder erscheint, während sie
aus Mittelgriechenland gar nicht, aus Morea nur durch die unbestimmte Angabe,
der Expedition de Moree bekannt ist; sie findet sich bekanntlich auch in Unter-
italien, Sicilien und Algerien, ist also an verschiedenen Küsten des Mittelmeers
vorhanden , aber doch nicht ringsum und auch nicht entschieden nur dem Osten
oder dem Westen desselben angehörend. Die kleinen nächst anliegenden Küsten-
inseln theilen im Allgemeinen die Faiina des Festlandes oder enthalten wenig-
stens nichts Eigenthümliches; nur Makronisi au der Südostseite Attika's besitzt
schon die auf den Oykladen verbreiteten Helix pellita und Clausilia eumeces,
im Gegensatz zum Festland, und Elaphonisi an der Südküste Lakonieus
hat eine Clausilie, die nicht auf dem Festlande, wohl aber auf der nahen
grössern Insel Cerigo vorkommt (Cl. grayana). Diese letztere hat mehrere
eigenthümliche Arten und bildet gewissermassen das Verbindungsglied mit
Kreta, doch geliört eine der ihr eigenthümlichen Arten von Clausilien der
in Mittelgriechenland so reich vertretenen, in Kreta fehlenden Gruppe Papil-
lifera an.
Die Süsswasser-Conchylien sind in Griechenland als einem südlichen Berg-
land mit versiegenden ßergströmen und wenig stehendem perennirendem Wasser
spärlich vertreten; die grössern derselben (Limnaea stagnalis, Paludina, Unio
und Anodonta) nur sehr lokal in den grössern Süsswasser- Ansammlungen
von Aetolien (See von Vrachori), Phthiotis und Boeotien (Kopais-See), in Morea
soviel bis jetzt bekannt, nur an Einer Stelle, bei Kalamata im Winkel
zwischen der messenischen und lakonischen Halbinsel, und nirgends auf den
Inseln.
216
V. M arten s:
Tabelle H.
Land- und Süsswasser- Mollusken der griechischen Inseln.
Griechische Mollusken.
17
218
V. Martens:
subg. 31acularia.
vermiciüata Miill. .
spiriplaua Oliv.
subg. Pomafia.
aspersa Müll. . .
asemnis Bourg. . .
cincta Müll. . . . .
figulina Rossm. . .
godetiana Kob. . .
aperta Boin . . .
subg. Eujxtrupha.
pisana Müll. . . .
^bg. Xerophilu.
variabilis Dr. . .
cauta We.sterl. . ,
cretica Pfr. . . .
caudiota Mouss.
profuga A. Schra.
calymnia n. . .
mesostena West.
Emopa,
Festland.
N.-
Sporaden.
SEu
G. Pp.
Vonst.
W.S.EU
Alb.
G.Pp.
Const.
Pp.
Skp.
Sk,
SWi.
Cycladen.
Kleinasiatische Inseln
der
Jonische
Küste.
der
Karischen
Küste.
A.T.Sy.
Srph.
Sphn.
M. Nx.
St.
T.Sy.
Nx.
S.Eu.
W. Ell.
Alb.Q^.
Constj
S.Eu.
W.Eu.
U. Pp.
Con.st.
G.
S.Eu.
G. Pp.
Sk.
Skth.
Sif. Nx.
Nx.Am
St.
Sy.
Sphn.
Ni.
Cb. Sm,
Gh. Sni
Ch Sm
Nk.
Ch. Sr
Nk.
Karpa-
thische
Asien,
Festland.
Kai.
Kpp.
N,s.Syni.
Eb.
Kal.Rh.
K. ßh.
Skp. Sk.
Sy. Nx.
Srph.M..
St.
Ke. Sy
T.Sy.
Srph.
M. St.
T. Sy.
Nx.
Srph.
31. St.
Ke.%
Nx. Am
Ch. Cm
Sm.
Eh.
Kpp.
Sym.
Rh.
Chlk.
Bh.
K. Bh.
Kai. Rh
Rh.
Arm.
Kp.
Kai.
Rh.
Kp.Sok
Ks.
Kp.
Arm.
Ks.
Arm.
El.
+
•f
Pt.As.S.
K.Kp.
Pal.
As. K.
St. S.
K.
As. K.
AI. S.
Kd.
As. Kp.
AI S.
Kd.
As.
As. Kp.
S.
As. K.
Tk. S.
As. Kl).
S. As.
Pt.Arm.
S. Pal. ?
►f
Griechische Mollusken.
219
2-20
V. Märten s:
Europa,
Festland.
Spovaden
Cycladen.
Kleinasiatische Inseln
der
.Jonischen
Küste
der
Karischen
Küste
Karpa-
thische.
Stenogyra.
decollata (C.)
Cionella.
foUicnlus Gronov.
turaulonim Bgt.
aciciila Müll.
Pupa.
Torqiiilla.
philippii Cantr. .
rhodia Roth . .
granum Drap. .
Orcula.
doliolum Brug. .
scyphus Pfr. . .
Charadrobia.
umbilicata Drap. . .
var. umbüicus Roth .
Pagodina.
pagodula Desin. . .
Clausilia.
subg. Albinaria.
strigata var. orientalis
Böttg.
mitylena Alb. . . .
? higibhosa Charp. . .
brevicollis Pfr. .
anaphiensis Böttg.
S.Ea.G.
S.Eh.G.
G.
Ell. G.
S.Eu.G.
G.
G.
Mittel-
Eu.
S.Eu.
Mittel-
Eii. G.
S.Eu.
W.Eu.
Alp.
Chi.
Sy.
Sphn.
M. St.
F.?
Su.
Kai.
Kpp.
Arm
Ks.
Sy?
Sy. St.
A. T.Sy.
Nx. St.
Sy.
Ch.
Sm.
Nk.
Sm.
Ch. Nk
Kai. K
K. m.
Kai.
K. Ns,
Rh.
Chlk.
Kp.
My-
tilene.
Rh.
(Sauley)
Sym.
Rh.
Chlk.
Kp.
Ks.
An.
El.
+
+
(t)
Griechische Mollusken.
221
222
V. Martens:
Griechische Mollnsken. 223
Bemerkuno-en zu Tabelle II.
Alle Fuiulortsangabeu, welche mit, gewühulicher Schrift gedruckt sind, be-
ruhen auf den Sammlungen des Hrn. v. Örtzen: alle, die aus der Litteratur hin-
zugefügt wurden, sind durch cursivc Druckschrift bezeichnet.
I. Die erste Kolumne gibt die Verbreitung der betreffenden Arten im übrigen
Europa in allgemeinen Ausdiücken (Mittel-Europa, Alpen, West-Europa,
Süd-Europa, und ferner etwas spezieller diejenige auf der Balkan -Halb-
insel, nämlich;
Adr. = an der adriatischen Küste.
Alb. = in Albanien (Epirus),
J. == auf den jonischen Inseln (Korfu, Zephalouien, Zaute).
Rum. = in Rumelien und dem südlichen Bulgarien.
Const.= bei Constantinopel,
Diese vier hauptsächlich nach M o u s s o n , coquilles terrestres et
flaviatiles recueillies dans TOrient par M. le Dr. Alex. Schläfli
(in Vierteljahrsschrift der naturforsch. Gesellsch. in Zürich, Bd. IV,
1859 und Bd. VIII, 1863, auch separat, Zürich, 1859 u. 1863, 8, 71 u.
107 pp.), in unserm Text die Seiten des Separatabdrucks citirt.
G. = in Mittel -Griechenland \ hauptsächlich nach Westerlund und
Pp. = in Peloponnes (Morea) | Blaue.
C. = auf der Insel Cerigo, nach Forbes bei Pfeiffer nionogr. heli-
ceor. II, p. 137.
II. Enthält die Arten der nöidlichen Sporaden, nämlich:
Skth. = Skiathos.
Skp. = Skopelos.
Sky. = Skyros.
Chld. = Chilidroraia.
Gi, =: Giura.
Einige wenige Angaben hierfür finden sich schon bei Westerlund
und Blanc am angeführten Orte, das meiste gehört zu den Ergeb-
nissen der letzten Reise des Hrn. v. Örtzen.
III. Die Cycladen und zwar:
Ke. = Keoä (Tzia), von Hrn. v. Örtzen 1887 besucht.
Th. = Thermia (alt Kythnos), einzelne Angaben bei Westerland u. Blanc.
A. = Andros, von Hrn v. Örtzen 1887 besucht.
T. =: Tinos, nach den Sammlungen von Erber, Verhandl. d. zool. bot.
Gesellschaft in Wien, 1867, p. 775 u. 855, (die hier genannte Helix
rufocincta ist ohne Zweifel H. rothi), sowie bei Kobelt, Westerlund
und Blanc und endlich Hesse (Jahrbuch mal. Ges., IX, 1882).
Mk. = Mykonos.
Sy. = Syra, als Station der Dampfschiffe schon vielfach besucht und
explorirt, daher schon vielfache Angaben in der Litteratur vorhanden,
so hei J. Roth dissert. 1839 und Mal. Blatt. 1855, Saulcy bei Bour
guignat catalogue raisonne 1853 (mehrere Bestimmungen sehr zweifel-
haft und daher hier weggelassen), Bellardi bei Mousson, Mittheil.
d. naturforsch. Gesellsch. in Zürich, III, 1853, (auch separat), Zelebor
224 ' V. Martens:
in den Mal. Blatt. 1856, Forbes bei L. Pfeiffer symbolae III, 1846 und
monogT. I, II, 1848, E. Vesco bei Bourguignat amenites mal. I, 1853,
1856 und J. Layard bei ISevill handlist of the Mollusca of the Indian
Museum, vol. I, 1878.
Jjx. = Naxos, Naxia, von Hin v. Örtzen 1885 besucht. Einige Angaben
nach den Sammlungen von Olivier schon bei Ferussac prodrome 1821.
p. := Paros, bis jetzt nur Cl. milleri aus den Marmorbrüchen und
Cicnella folliculus bekannt. Die Angabe von H. lens bei Blanc und
Westerlund, S. 34, ist Irrthum für Porös, an der Küste von Argolis.
Ap. = Antiparos, eine einzelne Angabe bei Albertis iu den Annali del
museo civico di Genova, XI, 1877, 78.
Skn. = Skinosa.
Ni. = Nios, alt Jos, bei Westerlund und Blanc.
Am. = Amorgos, ebenda und Heldreich in den Sitzungsberichten der
Gesellsch. naturf. Freunde, Berl., 1881, S. 135.
Srph. = Serphos, Serfo, Seriphos, bei Albertis, a. a. O.
Sphn. = Siphnos, Sipheuo, bei Westerlund und Blanc.
M. = Milo, Melos, nach E. Vesco bei Bourguignat amenit. mal., I, p. 112,
119, 1856, in Shuttleworth's Sammlung, und bei Albertis, a. a. 0.
Ast. = Astropalia, alt Astypalaea.
St. = Santorin, alt Thera, einige Arten von Lehrer Hübner 1877
erhalten, andere bei Albertis, a. a. 0., andere von A. Letourneux in
Bulletins de la Societe malacologique de France I, 1884, pag. 287ff. ;
die daselbst als neu beschriebenen Arten nicht eingefügt, da in Er-
mangelung von Abbildungen eine Vergleichung derselben mit den auf
anderen Inseln gefundenen ähnlichen Formen erschwert ist.
An. = Anaphi.
IV. Die Inseln an der Küste Kleinasiens und zwar:
a) an der mittlem Westküste, dem alten Jonien :
Ch. = Chios.
Sm. = Samos.
Nk. = Nikaria, alt Ikaria,
alle drei von Hrn. v. Örtzen auf der letzten Reise besucht. Früher
war nur Einzelnes aus Chios schon durch Olivier voyage dans l'em-
pire Ottoman 1801, 1807, und bei Ferussac prodrome 1821, sowie
Roth dissert., 1839 (s. unten) bekannt.
b) an der Südwestecke Kleinasiens, dem alten Karien:
L. = Leros, Olivier bei Ferussac prodr. uro. 515.
Kai. = Kalymnos.
Kpp, = Kappari, kleine Insel zwischen der vorhergehenden und folgenden.
K. = Kos.
Ns. = Nisyros.
Sym. = Symi, alt Syme, zunächst der Halbinsel von Knidos.
Rh. = Rhodos.
Chlk. = Chalki, kleine Insel an der Westseite von Rhodos.
Alle diese, ausgenommen die erstgenannte, wurden von Herrn
von Örtzen auf der letzten Reise besucht. Früher kannte man nur
Griechische Mollusken. 225
Einiges aus Rhodos durch Forskai bei Chemnitz, Conch. Cal., Bd. IX,
Theil II, S, 236, 1786, Olivier (vgl. oben, Chios) und Roth, dissei-t.
c) im karpathischen Meer, zwischen Rhodos und Kreta.
Sa. = Saria, Spratt, s. Büttger, Proc. Zool. Soc. 1883.
Kp. = Karpathos.
Sok. = Sokastro, kleine Insel, an der Westseite der vorigen.
Ks. = Kasos.
Arm. = Armathia, kleine Insel au der Xordwestseite von Kasos.
Alle diese vier von Hrn. v. Örtzen auf der letzten Reise besucht;
vorher waren keine Landschnecken von denselben bekannt.
V. Die vorletzte Columne gibt die Landschnecken der Insel Kreta an , soweit
dieselben Arten auch auf andern vorerwähnten Inseln vorkommen. Auf
Kreta hat zuerst Olivier, später die Engländer Spratt und Forbes, in letzter
Zeit Blaue und Freiherr von Maltzan Laudschnecken gesammelt und die
Anzahl der von dort bekannten Arten ist jetzt schon so beträchtlich, dass
eine Aufzählung derselben eine Arbeit für sich bildet.
VI. Die letzte Columne gibt die Verbreit\ing der vorher aufgeführten Arten im
übrigen Asien an, hauptsächlich nach der früheren Zusammenstellung des
Verfassers „Über vorderasiatische Couchylien, Cassel, 1874,'- mit Benutzung-
neuerer Angaben, und zwar bedeutet:
As. = das Vorkommen an der nordwestlichen und westlichen Küste
von Kleinasieu, von Brussa bis gegenüber Samos.
Pt. = Pontus, Nordküste Kleinasiens.
Tk. = Transkaukasien.
K. = Karlen, Südwestecke Kleinasiens, von wo zuerst Job. Roth in
seiner Dissertation: „MoUuscorum species, 1839" einige eigenthüm-
liche Arten beschrieben hat und welche bis jetzt verhältnissniässig sehr
wenig besucht wurde.
Kp. = Cypern, hauptsächlich nach Bellardi bei Mousson, a. a. O,
S. = Küstengegend Syriens und Palästinas.
AI. = Aleppo, Binnenland Syi'iens.
Pal. ^ Palästina, Binnenland.
Kd. = Kurdistan.
Von der grossen Mehrzahl der griechischen Inseln sind demnach jetzt mehr
oder weniger Arten von Landschnecken bekannt geworden, was namentlich für
die nördlichen Sporaden und die Inseln nahe der Südwest -Ecke Kleiuasiens
wesentlich Herrn v. Örtzen zu verdanken ist.
Nur erst Clausilien, aber noch keine andern Landschnecken kennen wir bis
jetzt von der grossem Insel Paros unter den Cykladen, sowie von Mytilene
(Lesbos) und Leros an der Westküste Kleiuasiens, noch gar keine Landschnecken
bis jetzt meines Wissens von den grössern Inseln im nördlichsten Theil des
Aegaeischen Meeres: Thasos, Samothrake, Imbros und Lemnos.
Absichtlich ausgeschlossen als Küsteninseln des europäischen Griechenlands
sind Euboea, Makronisi (H.), Salamis, Aegina, Hydra und Spetsa.
Aich. f. Natuigesch. Jahrg. 1889. Bd.I. H. 2.
226 V. Märten s:
Übei'blicken wir die so eiitstaiulene Tabelle, so ergeben sich zunächst
133 Arten und zwar:
125 Arten von Landschnecken und
8 Süsswasserschnecken
0 Süsswassennuscheln
als Gesammtbestand der Inseln des ägäischen Meeres in darangegebenen Ausdehnung/
Schon dieses Verhältniss ist charakteristisch für bergiges Land und Arniuth an
stehendem Süsswasser; wir finden ein ähnliches Zurücktreten der Süsswasser-
fauna nur noch auf isolirteu Inselgruppen , z. B. Madera odei- den kanarischen
Inseln, und im eigentlichen Gebirgsland, z. B. den Alpen und den Cordilleren.
85 Arten, also etwa Vi, kommen zugleich auch auf dem europäischen und
asiatischen Festlande vor, es sind das theils die für die Mittelmeerküsten über-
haupt charakteristischen, wie Helix lentieula, cantiana, cartusiana, vermiculata,
pisana, variabilis, pyramidata, trochoides, acuta, Buliniinus pupa, quadridens,
Stenogyra decollata, (? Cyclostoma elegans) und Melanopsis praerosa, einige davon
hauptsächlich in der Nähe des Meeres lebend, theils speziell südeuropäische oder
richtiger griechisch-vorderasiatische Arten, die schon in Italien fehlen, so Hyalina
aequata, Helix lens, syriaca, figulina, (? Buliminus zebra und '? Pupa rhodia).
Wesentlich vorderasiatisch, aber nur eben bei Konstantinopel noch auf euro-
päischem Boden vorkommend sind Patula erdelii und Buliniinus carneolus. — Die
Inseln haben mit dem europäischen, aber nicht dem asiatischen Festland 12 Arten,
etwa Vn gemein, umgekehrt mit dem asiatischen, aber nicht dem europäischen
Festland ebenfalls 12 Arten; den Inseln als solchen eigenthüinlich, beiden
Festländern fremd, sind 51, etwas mehr als '/'g (wozu übrigens noch manche
für Kreta eigenthümliche Arten kommen, die hier nicht mitgezählt sind). Diese
Zahlen verhalten sich demnach ziemlich so, wie mau von vornherein erwarten
mochte, ungefähr Vs für die Inseln eigenthümlich, und von den übrigen Vs ^^ß"
gefähr gleichviel mit Europa, wie mit Asien gemeinsam. Wenn die Zahlen
etwas ungünstiger für Asien lauten, so ist zu bedenken, dass die Fauna Vorder-
asiens noch nicht so vielfach erforscht ist, wie diejenige der europäischen Länder.
Um zu beurtheilen, wie weit in Europa hinein die Ähnlichkeit reicht,
können wir die deutsche Schneckenfauna mit derjenigen der griechischen Inseln
vergleichen: die Mehrzahl der Gattungen und Untergattungen ist allerdings noch
dieselbe, nur Glandina, Caracollina, Pseudocam^^ylaea, Macularia, Cochlicella und
Stenogyra sind Deutschland ganz fremd, aber nicht nur sind die Arten fast alle
andere, sondern auch der Gesammteindruck des Ganzen, indem diejenigen Unter-
gattungen, die in Deutschland und überhaupt im nördlichen Europa vorherrschen,
die dunkelgefärbten Schnecken des Humusbodens und der niedrigeren Schatten-
pflanzen, wie Fruticola, und die grössern Conchylien des stehenden AVassers, wie
Limnaea, Planorbis, Anodonta, auf den griechischen Inseln ganz fehlen oder
äusserst spärlich vorhanden sind, dagegen die im Archipel herrschenden Formen,
die dem Sonnenschein trotzenden kreideweissen Xerophilen und ähnlich weissen
Arten von Buliminus sowie die ebenfalls blassgefärbten Cartusianen imd Chon-
drula und unter den Wasserschuecken die Gattung Melanopsis in Deutschland
theils uur durch wenige Arten theils nur an den Grenzen vertreten sind. Nur
5—6 Arten von den 133 kommen auch in Deutschland vor, nämlich Helix rupestris,
cantiana, cartusiana, Buliminus quadridens und Cyclostoma elegans, und wenn
man will, Helix obvia, insofern diese sich nicht scharf von H. krynickii trennen
Griechische Mollusken. 227
lässt, aber eben diese, in Deutschland auf die östliche Hälfte beschränkt, ist
nicht ganz sicher für die griechischen Inseln. ') Von den andern lebt Helix
rupestris allein im grössei'n Theil von Deutschland, doch auch in Mittel- und
Norddeutschland sehr vereinzelt, und eben diese ist, ganz charakteristisch, wie
ihr Name sagt, eine Felsenschnecke, an kahlen Wänden jeder Witterung trotzend
und von Flechten lebend. Cyclostoma elegans und Helix cartusiana greifen aus
dem Südosten bei Wien und aus dem Westen noch mehr oder weniger weit
nach Deutschland herein, Buliminus quadridens nur im Südwesten, H. cautiana
nur im Nordwesten ; in den meisten deutscheu Ländern fehlen sie völlig. England
und Frankreich haben etwas mehr Arten mit den griechischen Inseln gemein,
da hier diejenigen hinzukommen, welche die westeuropäischen Küstenländer mit
dem Süden theilen, so H. aspersa, pisana, variabilis, acuta.
Von den kleinen Mulmschnecken, welche Europa und Nordamerika geraein
haben und die einen borealen oder circumpolaren Zug in die deutsche Schnecken-
fauna bringen, ist noch keine auf den griechischen Inseln gefunden worden,
nicht einmal Helix pulchella oder Cionella lubrica, die doch noch im grössern
Theil von Italien, auch in Albanien und Transkaukasien leben.
Einige der vorherrschenden Eigenthümlichkeiten, die wir eben als charak-
teristisch für die griechischen Inseln gegenüber Deutschland hervorgehoben
haben, sind aber nicht diesen Inseln eigenthümlich, sondern der Schneckenfauna
von Spanien und Marokko bis Turkestan und nahe an die Grenzen Indiens ge-
meinsam, so die Xerophiien, die östlich bis Samarkand und Kandahar gehen,
die Macularien bis Mesopotamien und bis nach Samarkand, die helleren
dickschaligen Buliminus ebenfalls bis Turkestan und in den Himalaya, die Mela-
nopsis bis Persieu. Es ist eine charakteristische Strand- und Felsen-, Steppen-
und Wöstenfauna, welche die Küstenländer des Mittelmeers und den grössern
Theil Nordasiens verbindet, aber sowohl von der mehr oder weniger circumpolaren
Wald-, Wiesen- und Teich-Fauna des nördlichen Europas, Sibiriens und Eng-
lisch-Nordamerikas, als von der chinesisch -japanischen und der in den ent-
sprechenden Breiten Nordamerikas herrschenden verschieden ist. Es gibt weite
Grenzgebiete, in denen diese Faunen sich gegenseitig mischen, die griechischen
Inseln aber bieten ein gutes Beispiel der einen in reinem charakteristischem
Zustand.
Die nördlichen Sporaden schliesseu sich in ihren Land.schnecken , wie
zu erwarten, zunächst an Euboea und damit an Mittelgriechenland an, eigen-
thümlich haben sie nur einige Clausilien und zwar aus all den verschiedenen
Gruppen Albinaria, Papillifera und Oligoptychia. Die Gesammtzahl der von den
nördlichen Sporaden bis jetzt bekannten Arten ist 20; die Mehrzahl weit ver-
breitete Arten. Süsswassermollusken sind darunter nicht vorhanden.
Von den Cycladen kennen wir im Ganzen 74 Land- und 6 Süsswasser-
Arten, darunter scheinen 29 bis jetzt nur auf den Inseln, 25 auch auf dem Fest-
land von Europa und Asien, 15 luir auf dem europäischen, und 4 nur auf dem
asiatischen auch vorzukommen. Neben den allgemein an den Mittelmeerküsten
verbreiteten Arten und Gruppen sind namentlich Helix rothi, pellita, cyclolabris.
') Anm er kling. Die auf der Insel Syra geiuudene, im Allgemeinen der Helix obvia
ähnliche Schnecke, wurde von Bourguignat bei Sauley 1853 als H. ericetorum Müll., von
Mousson 1854 als H. neglecta Drap, bestimmt.
15*
228 V. Härtens:
flgulina und godetiana, turbinata, mehrere Buliminus und die Albinarieu hervor-
zuheben; Cyclostüina elegans fehlt. Die Mehrzahl der Arten dürfte auf mehreren
Inseln zugleich, manche auf allen vorkommen; wenn es nach unsern jetzigen
Kenntnissen anders scheint, so rührt das daher, dass die einzelnen Inseln noch
sehr ungleich durchforscht sind, am gründlichsten Syra, wo seit lange Dampf-
schifte anlegen und daher Reisende leichter hingelangen, daher die zahlreichen
unter den Oycladen scheinbar Syra eigenthümlichen Arten bei Helix, Cionella
und Pupa. Nur bei den Clausilien scheint ein grösserer Unterschied zwischen
den Arten der einzelnen Inseln zu sein, und nur Gl. caerulea, vielleicht auch
denticulata allgemein auf ihnen verbreitet; die Albinarieu herrschen hier ganz
entschieden vor, Oligoptychia ist schwach vertreten, Papillifera gar nicht. Von
Süsswasserschuecken ist nur Melanopsis allgemein verbreitet und häufig. Muscheln
fehlen gänzlich.
Die kleinasiatischen Inseln, bis jetzt weit weniger erforscht, besitzen,
soweit wir bis jetzt wissen, 80 Land- und 6 Süsswasser-Arten, viele davon sind
mit dem Festland von Kleinasien gemein und die Zahl derselben wird sich wahr-
scheinlich noch erhöhen, wenn der Südwesten Kleinasiens näher erforscht wird ;
manche sind auch mit Kreta gemeinsam. Die Gattungen und Gruppen sind
ähnlich denen auf den Oycladen, doch fehlt unter den Clausilien nicht nur Oli-
goptychia, sondern auch Papillifera, dagegen sind die eigentlichen Zonites weit
i'eicher vertreten,
Betreifs der geogu ostischen Verhältnisse zieht sich bekanntlich eine Kette
vulkanischer Gebilde durch die südlicheren Oycladen von Milos über Santorin
bis Nisyros au der karischen Küste und liegen bedeutendere Meerestiefen
zwischen ihnen und Kreta, während dieses letztere durch geringere Tiefen einer-
seits über Oerigotto und Cerigo mit der Südostspitze von Morea, andrerseits
über Karpathos mit dem südwestlichen Kleinasien verbunden ist, vgl. Neumayr
in den Denkschriften der Wiener Akademie Bd. 40, 1879 und Karte 24 der neuen
Ausgabe des physikalischen Atlas von Berghaus. Die Inseln Milos und Santorin
erscheinen allerdings verhältnissmässig selten in obiger Liste und hauptsächlich
mit auch sonst weit verbreiteten Arten, wie Helix pisana, vermiculata, Steno-
gyra decollata, Pupa granum und scyphus, doch auch mit einigen mehr für den
Archipel charakteristischen wie 11. pellita, rothi, cretica, candiota und einigen
Olausilien, Milos selbst mit dem eigenthümlichen Buliminus milensis. Helix
patrophia ist bis jetzt nur von Santorin, Milos und Antiparos bekannt, letztei-e
Insel wird von Neumayr auch unter denen aufgezählt, die vulkanische Gebilde
zeigen, aber sie enthält bekanntlich auch die grosse Marmorhöhle und die ge-
nannte Art ist noch zu wenig bekannt, als dass ihr Vorkommen schon abgegrenzt
werden könnte. Einer gewissen Anknüpfung von Oerigo an Kreta ist schon oben
gedacht (S. 215) und eine nähere Übereinstimmung von Karpathos, Kasos und
Rhodos mit Kreta tritt in der vorstehenden Tabelle mehrfach hervor, namentlich
bei Patula, Pseudocampylaea, Xerophila und Buliminus, auffälligerweise aber
nicht bei Olausilia.
Griechische Mollusken.
•229
Tabelle III.
Land- und Süsswasser- Mollusken von Kreta.
Ol. =^ Olivier, voy. en empire ottoman, OOOO) sowie bei Fenissac, piodroine, 1821.
F. = Forbes, bei Pfeiffer, symbolae, 1846.
Spr. =: Spratt, Proc. Zool. Soc, 1849; Pfr. niou. hei. III.
R. = Raulin, bei Bourgaiigiiat, amen, mal., 1856 und catalogue raisonne 1853,
sowie in Ann, Soc. Linn. de Bordeaux, 1869.
Bl. = Blanc, bei Westerlund und Elanc 1879.
M. = V. Maltzan, Nachr. mal. Gesellsch., 1883 und Jahil). mal. Ges., XV, 1887,
sowie viele an das Berliner Museum mitgetlieilte Arten.
0. = V. Örtzen 1884 und 1887.
Festland
von
Euiona.
Asien.
Inseln. Festland.
Daiulebardia Saulcyi Bourg
— rufa?
Glandina algira var. intermedia Marts.
Limax variegatus Drap
«P
— (Agr.) thersites Hnm
— (Milax) creticus Simr
Hyalina cretica Bl. West. p. 31 . . .
— — var. ci/doniensis Bl. West. . .
— aegopinoides Maltz 1883 p. 202 . .
— superflua Rossra
— moussoni Kob. var
— midleri Maltz. 1887 p. 117 ...
— protensa Fer
— — var. aequata Mouss
— lamellifera Bl. West
— hydatina Rossm
— hotteri Parr
— suheffusa Böttg
Zenites pergranulatus Kob.? ....
Patula erdelii Roth (sudeusis Pfr.)
Helix (Gonost.) lens var. barbata Fer.
— (Frut.) fretjta(ji Maltz. 1883 pag. 206
— (Gart.) olivieri Fer
rothi Pfr
syriaca Ehrenb
^
^
+
+
+
31. O.
R.
R. Bl. O.
O.
R.
O.
0.
Bl.
Bl. M.
M.
O.
0.
M.
R. Bl. M.
M. 0.
Bl. O.
M.
M.
0.
0.
F. M. 0.
Ol. R. M. 0.
M.
O.
M. 0.
R. Bl. M.
(Cyp.)
+
-b
-h
-h
+
+
230
M a r t e n s :
Festland
von
Europa.
Cycladon.
Helix (Pseudocarap.) pellita Fer.
— — noverca Rossni
dictaea n
toesterlundi Bl. West. p. 48
— — lecta Fer
naxiana Fer
zonella Pfr
— (Macul.) vermiciilata Müll. . . .
"^ spiriplana Oliv
— (Pora.) aspersa Müll
— — Ipronuha West
aperta Born
— (Eiipar.) pisana Müll
— (Xeroph.) variabilis Drap
— — cretica Pfr
canäiota Pfr
mesostena West. Bl. p 71 . .
diensis Maltz. 1883 p. 104 . .
psilorüuna Maltz. 1883 p. 105 .
profuga A. Schmidt
suhvarieyata Maltz. 1883 p. 105
suspeda West
sitiensis Maltz. 1887 p. 118 . .
krynickii Kryn. Pfr
(hierapetrana Maltz. 1887 p. 118).
hathytera West. p. 55 . . . .
örtzeni Maltz. 1887 p. 117. . .
ampliicoiius Maltz. 1883 p. 102
euphacodes Maltz. 1883 p. 103
sphakiota Maltz. 1883 p. 103 .
siderensis Maltz. 1883 p. 104 .
— — gradilis n
• eugoniostoma Bourg
Cochlicella acuta Müll
Buliminus ? fasciolatus Oliv
— cretensis Pfr
— olivaceus Pfr
— pupa Brng
Stenogyra decollata L
Cionella tumulorum Bourg
— böttgeri Hesse
— maltzani Cless
+
+
+
►f
+
^
M. O.
Bl. M. 0.
O.
Bl.
Ol. Bl. M. 0.
M.
Ol. F. M.
Spr.
R. M. 0.
Ol.?
R. M.
R ? Bl.
R. M. 0.
R. M.
O.
Ol.Bl.R.M.O.
R. M.
Bl. M. O.
M.
M.
R. M.
M.
M.
M. 0.
M. 0.
Bl. M.
M.
M. O.
M.
M.
M.
0.
M.
R. M.
Ol.?
M. 0.
M. 0.
O.
R. M. 0.
M.
M.
M.
+
Griechische Mollusken.
231
Festland
von
Europa.
Cycladen.
Asien.
Inseln. Festland.
a Ch
Pnpa graiium Drap. .
— doliolum Briig.
— iimbilicata Drap. .
Clausilia (Albinai'ia) byzantiii
(incl. soliclula) . .
— — iduea Pfr. . . .
glabella Pfr. . .
scrigata Pfr. . .
vinjinea Pfr. . .
— — subvirginea Böttg.
cretends Rossm. .
troglodytes A. Schm
— — suhlamellosa Böttg.
— — heteroptyx Böttg.
— — teiiuicostata Pfr.
— — amalthea Westerl.
— — bipalatalis Marts.
— — Candida Pfr. . .
striata Pfr. . . .
aphrodite Böttg. .
arthuriana Blanc.
— — hippohjti Böttg. .
— - — heracleensis Böttg.
manselli Böttg. .
— ■ — morcletiana Blanc.
— — sculpticoUis Böttg.
corrugata Di'ap. .
(incl. inflata Oliv., Draparnald
u. homaloraphe).
spratti Pfr
drakakisi v. Maltz
clara Böttg
praeclara Pfr
retusa Oliv
distans Pfr
— — vermiculata Böttg
— — vesti Böttg
teres Oliv
(incl. extensa Pfr.)
terebra Pfr
— — eburnea Pfr
— (Idyla) torticollis Oliv
Succinea eleyans Risso
+
+
M.
O.
R. M. O.
Spr. Bl. M. ().
Spr.
Spr. O.
Spr.R.Bl.M.O.
Spr. R. M.
Spr. M.
Mülilf.1832. M.
Spr. 31.
Spr. M.
Spr. ]\r.
Spr. O.
M.
Bl. O.
Spr. M.
Spr. Bl. M. 0.
Spr.
Bl. O.
31.
Spr.
Spr.
3[.
Spr.
Ol. Spr. R O.
Spr. R. O.
M. O.
Spr. 0.
Spr. M.
Ol.
Spr. 0.
Spr. 0.
Spr.
Ol. R. 0.
Spr.
Spr.
Ol. 31.
31.
►f?
►f
23:
V. Martens:
Festland
von
Europa
Cycladei:
Carychmm miinmiim var. inflatum . .
Limuaea tiuncatula Müll
Plauorbis rotuiidatus Poir
— rjlaber Jeffr
— nitidus Müll
Fhysa contorta Mich
— capülata Gass
Aiicylus sp
Fomatias cretend.s Maltz. 1887 p. 119
Bithyiiia sp
Hydrobia lualtzani Cless
Amnicola exotica Cless
Neritina peloponnesiaca Recl. . . .
Melanopsis praerosa L. (bucciiioidea
Oliviei)
Pisidium creticum Cless
— fossartnum var. ovale Cless. . . .
Sphaerium lacastre Müll
+
M.
R. O.
R. M. Ü.
M.
ü.
Bl.
R.
0.
M.
O.
R? M. 0.
R? M
R ? M.
Ol. R. M. 0.
M.
R. M.
R.
-h
+
+
Grriechische Mollusken. 233
Bemerkungen zu Tabelle III.
Aus dieser Tabelle ergibt sieb, dass Kreta unter 121 Land- und Süsswasser-
Mollusken 77 eigenthümliche Arten hat, also etwas über die Hälfte, worunter
namentlich fast alle Clausilien, die meisten Pseudocampylaeen und viele Xero-
philen, dagegen keine einzige eigenthümliche Macularia. Mit dem Festland von
Europa gemeinsam sind 35, mit den Cycladen 21, mit den kleinasiatischen Inseln 24,
mit dem Festland von Asien 29. Mit allen 4 gemeinschaftlich sind 13, nämlich
die in Süd-Europa überhaupt weit verbreiteten Hyalina hydatina, Helix vermi-
culata, aspersa, aperta, pisana, variabilis, Cochlicella acuta, Buliminus pupa und
Stenogyra decollata, sowie die speziell griechisch- vorderasiatischen Hyaüna
aequata, Helix syriaca und Melanopsis praerosa. Nur mit den Inseln im Westen
und Osten gemeinsam, aber dem Festland nach den jetzigen Kenntnissen fremd
sind 3, nämlicb Zonites pergranulatus, Helix pellita und candiota, dagegen mit
beiden Festländern gemeinsam , den übrigen Inseln fremd, also gewissermassen
Continental, ebenfalls 3, nämlich Helix krynickii, Cionella tumulorum und Lim-
naea truncatula; von diesen ist H. krynickii nur im äussersten Südosteuropa
(Krim) vorhanden und die kleine schwer zu unterscheidende Cionella tumulorum
kann leicht noch auch auf den Inseln gefunden werden. Von den nicht für
Kreta eigenthümlichen Arten, 50 an der Zahl, die zweifelhaften nicht mit ge-
rechnet, sind 28, also etwas über die Hälfte, nach beiden Seiten, Europa und
Asien, weiter verbreitet, 14 nur gegen Europa zu, 8 nur gegen Asien (Daude-
bardia saulcyi, Hyalina subeffusa, Patula erdelii, Clausilia teres u. s. w.), wobei
aber zu bedenken, dass die asiatischen Nachbargegenden viel weniger durch-
forscht sind, als die europäischen.
Die Süsswassermollusken verhalten sich zu den Landmollusken der Arten-
zahl nach wie 55 zu 106, etwa 1 : 7, etwas weniger ungünstig als auf den kleinem
Inseln, doch scheinen auch hier die Unionen und Anodonten ganz zu fehlen,
die grösste Süsswasserschnecke Kretas ist Melanopsis praerosa.
•234 V. Martens:
Meer-Conchylien
von Herrn v. Örtzen in Griechenland gesammelt.
a) Gastropoden.
Murex trunculus L. Kanea auf Kreta.
Pisania orbignyi (Payr..) Insel Kalymnos.
— striata (Gmel.) = maculosa (Brug.). Insel Andres.
Nassa costnlata (Ren.) = variabilis (Phil). Inseln Andros und
Kalymnos.
Columbella rustica (L.). Karystos im südl. Euboea, Inseln Andros
und Kalymnos.
Conus mediterraneus Hwass. Karystos im südl. Euboea und Kanea
auf Kreta, hier bis 47 mm hoch und 29 mm breit.
Cerithium vulgatum Brug. Kanea.
var. minutivm Brocchi 1 ^^^^,^^
— mediterraneum Desn. j
Litorina neritoides (L.) = caerulescens (Lam.). Inseln Makroiiisi und
Keos, an vom Meerwasser bespülten Felsen.
Scalaria pseudoscalaris (Brochi) mit dunkelm Nahtband. Karystos.
Janthina bicolor Menke. Kanea und Insel Elasa.
Calcar rugosum (L.) Kanea.
Trochus mutabilis Phil. Insel Kalymnos.
— varius L., Phil. Karystos auf Euboea, Kanea anf Kreta und
Kalymnos.
— adriaticus Phil. Andros.
— richardi (Payr.) Andros, zahlreich.
Haliotis tuberculata L. Kanea.
Patella tarentina Lam. = bonnardi Payr. Kanea.
Dentalium tarentinum Lam. Karystos.
b) Bivalven.
Pecten varius L., scharlachroth, klein. Karystos auf P]uboea.
Lima squamosa Lam., 38 mm lang, '21 Rippen. Phaleron bei Athen.
Modiola barbata (L.). Avlona in Albanien und Kanea anf Kreta.
Area noae L. Avlona und Kanea.
— barbata L. Avlona, Karystos und Kanea.
Pectunculus pilosus (L.). Avlona und Kanea.
Lucina lactea (L.). Kanea.
Cardita sulcata Brug. Kanea.
Cardium tuberculatum L. Avlona, Phaleron.
Artemis lupinus (Brochi) Avlona.
Venus gaUina L. 20 — 2IV2 ^"^ lang. Avlona und Phaleron.
Griechische Mollusken. 235
Tapes floridus (Poli.) Kanea.
— geographiciis (L.) Karystos.
Mactra stultorum L., schön gestrahlt. Phaleron.
— inflata Bronn, 53 mm lang, 47 mm hoch. Phaleron. Beide
auch bei Avlona.
Donax trunculus L. 35 mm lang. Phaleron ; kleiner, nur 25 mm,
bei Avlona
Tellina planata L., klein, Phaleron.
— tenuis Dacosta, roth und weiss, Phaleron.
Solecurtus strigilatus (L.). Phaleron.
Solen marginatus Pult. Phaleron.
Alles auch von den Küsten Italiens wohlbekannte Arten, aber
der spezielle Nachweis des Vorkommens an den Küsten von Attika
und den griechischen Inseln ist von Interesse, auch wegen der
Deutung der bei Aristoteles und andern altgriechischen x^utoren
erwähnten Meeres-Conchylien.
236
V. Martens:
Register.
AgTioliiuax
Albiuaria 207.
Alexia . 172.
Alinda . . .
Alopia . . .
Amnicola . .
— macrostoma
Ancylus] 210.
— capuloides
— ellipticus .
— pileolus .
AnodoDta . .
Balea perversa
Bithynia . .
— orsinii . .
Bulimiims 206.
— bergeri .
— caesius .
— carneolus
— cefalonicus
— Chilis . .
— cosensis .
— cous
— cretensis .
— detritus .
— dirphicus .
— dryops
— fasciolatus
— löwi . .
— microtragus
— monticola
— olivaceus
— pupa 171.
Seite
203. 229
220. 231
179. 209
. 221
, . 207
. . 232
17
, . 200
222. 232
, . 189
. 179
. . 184
. 211
178. 207
210. 232
179
219. 230
180
198
199
172
198
198
199
188
176
177
177
198
177. 199
177
. 176
. 188
72. 177
80. 188
Griechische Mollusken.
237
204.
203.
(Clausilia)
— strigata .
— temiicostata
— teres . .
— thessalonica
— iinicolor .
— veimsta .
— vermiculata
Cochlicella 205.
Crystallus 203.
Cyclostoma
— elegans 171.
Daiidebardia .
— riifa . .
— saulcyi
Delima . . .
Dreissena . .
Enparypha 205.
Ferussacia . .
Fruticola
(xlandina
— algira
— dilatata .
— intermedia
Gonostoina 204.
Helix . . .
— acuta . .
— aegopinoides
— aniphiconus
— andria
— aperta 175.
— arcadica .
— asemnis .
— aspersa 175.
— bacchica .
— barhata .
— biangulosa
— caesareana
— calymuia
— candiota .
— cantiana .
— cai-tusiana
174.
— cauta 175.
— chalcidica
— cincta
. . 188
. . 188
188. 200
. . 178
. . 200
. . 178
. . 188
219. 230
216. 229
210. 222
172. 179
203. 229
172. 181
. . 184
. . 207
. . 211
218. 230
. . 000
217. 229
216. 229
171. 184
. . 171
171. 184
217. 229
204. 217
172. 176
. 185
. . 187
. . 181
187. 196
. . 182
. . 195
195. 201
. . 182
. . 186
. . 176
. . 195
. . 177
182 197
184. 180
171. 172
193. 201
180. 182
196
. . 176
196. 201
238
V. Marteus:
Griechisclie Mollusken. 239
Tafel -Erklärung.
Tafel IX.
Fig. 1. Zonites ürtzeiii u. Euboea. S. 173.
„2. — rhodins ii. Rhodos. S. 191.
„ 3. — polycrates n. Samos. 192.
„ 3 b. — — jung,
4. — casius n. Kaso.s. S. 190.
„5. — — abweichende Form, ebendaher.
6. — smyrnensis Roth, jung. Chio.s. S. 190.
„ 7. — caricus Roth. Festland von Karien. S. 191 und 201.
,,8. — — abweichende Form, ebendaher.
Tafel X.
Fig. 1. Daudebardia rufa var. cycladum. Andres. S. 181.
2. Hyalina nitidissima var. samia. Samos. S. 189.
„ 3. — cypria var. major. Nikaria und Samos. S. 189.
,, 4. — supei-flua Pfr. Lasithi-Gebirge in Kreta. S. 185.
5. Helix andria n. Andros; ein Stückchen der Oberfläche, viermal ver-
grössert. S. 181.
„ 6. — testacea n. Insel Kasos. S. 194.
6b. — — ganz junges Stück, ebendaher.
„ 7. — dictaea n. Kreta; ein Stückchen der Obeifläche, dreimal ver-
grössert. S. 186.
„ 8. — proclivis n. Samos. S. 193.
9. — calymnia n. Insel Kalymnos. S. 197.
„ 10. — mesostena W. Bl. Kreta. S. 187.
„11. — biangulosa n. Euboea. S. 176.
„ 12. — gradilis n. Insel Elasia bei Kreta; doppelt vergrüssert. S. 187.
„ 13. — syrensis Pfr. var. exserta. Insel Syra. S. 183.
„ 14. — oetaea n. Oeta-Gebirge. S. 174,
„ 14 b. — — abweichendes Exemplar, ebendaher.
240 V. Martens: Griechische Mollusken.
Tafel XI.
Fig'. 1, 2, 3. Helix cincta var. von Hieronda, individuelle Variationen. S. 201.
4. Helix aseinnis var. homerica. Chios. S. 19.5.
.5. — — Exemplar von Samos. S. 196.
6. — — var, venusta. Karlen. S. 201.
7. — — — — nach dem Leben. S. 901.
8. Buliminus caesius var. symius. Insel Symi. S. 198.
9. — -- var. chius. Insel Chios. S. 198.
10. — — typ. Smyrna. S. 199.
11. — dryops n. Korax- Gebirge. S. 177.
12. — samius n. Samos. S. 199.
Ueber einen Fall von androgyner Missbildung
bei Diaptomus gracilis G. 0. S.
Von
Dr. Ose. Nordqvist.
Hierzu Tafel XII.
Während ich den Inhalt eines Gläschens mit pelagischen Thieren,
welche ich am 12. September 1883 an der Oberfläche im Landsee
Kallavesi (Finland) gefischt hatte, durchmusterte, entdeckte ich ein
sonderbar gebildetes Individuum von Diaptomus gracilis, welches
sich bald durch seine männliche, rechte vordere Antenne und Aveibliches
Abdomen als androgyn missgebildet oder hermaphroditisch erwies.
Dass das Thier sich während der Copulation als Weibchen Verhaltes
hatte, konnte man aus den drei an der Geschlechtsöffiiung angeklebten
Spermatophoren schliessen.
So viel ich weiss, finden sich in der Litteratur bis jetzt nur zwei
Angaben über androgyne Missbildungen bei Crustaceen. Der erste
Fall von einer solchen Missbildung bei einem Crustaceum wurde von
F. Nicholls an einem Hummer (Ilomarus vulgaris) schon im Jahre 1730
beobachtet, i) Die zweite Angabe rührt von dem bekannten Carci-
nologen W. Kurz her. Er hat in seiner Abhandlung ,,Uber androgyne
Missbildung bei Cladoceren" 2) vier Fälle von Zwitterbildung bei den
Cladoceren angeführt und glaubt, dass dies keine seltene Erschei-
nung sein kann. Da noch kein einziger Fall solcher Missbildungen
bei den Copepoden beobachtet wurde, will ich in den folgenden Zeilen
*) Vergi. Bronn's Klassen nnd Ordnungen des Thierreichs. Fünfter
Band , erste Abth. , Crustacea von G e r s t ä c k e r. Leipzig und Heidelberg
1866—1879, S. 203 xmd 210. [Vergl. Bert kau, diesen Band des Archivs,
S. 95—96.]
-) Sitzungsber. d. Math. - Naturw. Klasse d. K. Akad. d. Wissenschaften,
LXIX, I. Abth., Jahrg. 1874. Wien, 1874.
Arch. f. Natuvgesch. Jahrg. 1889. Bd. I. H. 3. 16
242 Dl"- Ose. Nordqvist: Ueber einen Fall
das von mir vorgefundene Individuimi von Diaptomiis gracilis
näher beschreiben.
Das Thier hat eine Länge von 1,08 mm, ist also gleich lang mit
den grössten von mir in Finland gefundenen Weibchen dieser Species,
übertrifft aber die Männchen an Grösse. ')
Der weibliche Cephalothorax bei D. gracilis unterscheidet sich
vom männlichen durch das letzte Segment. Dasselbe ist nämlich bei
dem Weibchen, wenn von oben gesehen (Fig. 1), rectangulär, indem
die beiden Seitenränder parallel sind und läuft an den beiden hinteren
Ecken jederseits in einen starken Dorn aus. Ausserdem befindet sich
auf dem Hinterrande jederseits nach innen vom erstgenannten Dorne
ein zweiter etwas unsymmetrisch sitzender kleiner Dorn. Bei dem
Männchen verjüngt sich das letzte Thoraxsegment ziemhch stark nach
hinten und die Dornen sind viel kleiner (Fig. 2). Wie die Figg. 3
und 4 zeigen, stimmt dieses Segment bei dem missgebildeten Exem-
plare mit demselben bei dem Weibchen überein.
Das Abdomen (Fig. 3 und 4) ist auch wie bei dem W^ eibchen
gebaut, hat also ein langes, ursprünglich aus zwei Segmenten zu-
sammengeschmolzenes erstes Segment, welches jederseits einen Dorn
trägt. Die Geschlechtsöffnung war auch, soweit ich sehen konnte,
wie bei den Weibchen gebildet, und an derselben waren drei Spermato-
phoren befestigt. Von diesen war eins gefüllt, die zwei übrigen schon
leer und ihr Inhalt bildete eine unregelmässige Masse vor der Vulva.
Die vorderen Antennen sind wie bei dem Männchen gebaut;
die rechte Antenne ist nämlich zu einem Greifarm umgebildet (Fig. 5).
Das fünfte Fusspaar (Fig. 6) ist auch hauptsächlich nach dem
männlichen Typus gebaut, unterscheidet sich jedoch davon durch fol-
gende zAvei Merkmale. Das erste Segment des Protopodits trägt
nämlich auf der Hinterseite nicht eine kugelige Warze mit einem
darauf sitzenden kleinen Dorne, sondern einen kräftigen Haken, wie
bei dem Weibchen. Am Ende des zweiten Gliedes des Exopodits am
rechten Fusse sitzt nicht wie bei den Männchen ein langer beweg-
licher Stachel, sondern ein kleines Endglied, mit darauf befindlichen
zwei Stacheln.
Aus dem Angeführten kann man vielleicht die Schlussfolgerung
ziehen, dass der Basaltheil des langen beweglichen Endstachels auf
dem Exopodit des normalen rechten fünften Fusses des Männchens
nicht als eine Anschwellung des Stachels angesehn werden kann,
sondern den morphologischen Werth eines Gliedes besitzt. 2) Dass
dieses rudimentäre dritte Glied des Exopodits bei der Missbildung
zwei Stacheln bekommen hat, kann als ein Rückschlag gedeutet
werden, denn das Weibchen hat ein entsprechendes rudimentäres
Glied, welches auch zwei Stacheln trägt. Diese letzte Behauptung
*) Vergl. Ose. Nordqvist, Die Calaniden Finlands (Bidrag tili känne-
domen of Finlands Natur oeh Folk, Heft 47). Helsingfors, 1888, S. 71.
^) Eine Zweispaltung der Staehelanlage ist doch nieht ausgeschlossen, ob-
wohl mir keine solchen Fälle bekannt sind.
von androgyn. Missbildung bei Diaptomus gracilis G. 0. S. 243
wird auch dadurch unterstützt, dass das erste GHed des Protopodits,
wie schon gesagt, eine weibliche Gestaltung zeigte.
Wenn wir nun die Vertheilung der männlichen und weiblichen
Eigenschaften bei dem oben beschriebenen Diaptomus gracilis
überblicken wollen, so finden wir, dass der Cephalothorax und das
Abdomen wie bei den Weibchen, die Anhänge dagegen hauptsächlich
wie bei den Männchen, aber doch theilweise mit weiblichen Bei-
mischungen, gebaut sind.
Ovarien oder Testes habe ich nicht finden können, was jedoch
vielleicht davon herrührt, dass das Thier schon viele Jahre in Alco-
hol gelegen hatte und die weicheren Theile daher wahrscheinlich
etw^as macerirt waren.
Es ist deshalb unmöglich zu entscheiden, ob es sich hier um
einen wirklichen Hermaphroditismus, der durch gleichzeitig vorkom-
mende männhche und weibliche Geschlechtsdrüsen gekennzeichnet ist,
handelt oder um einen Pseudohermaphroditismus, der auf eine Zusapimen-
mischung der secundären Geschlechtscharactere beschränkt ist. Wenn
wir uns darum nur an die äusseren Merkmale halten, so finden wir,
dass das Thier zu den von Gerstäcker so genannten ,, gemischten
Zwittern"!) zu zählen ist, d.h. zu solchen, bei welchen die männ-
lichen und weiblichen Merkmale unter einander bunt gemischt sind,
im Gegensatz zu dem, was bei dem „lateralen" Hermaphroditen der
Fall ist, der sich dadurch auszeichnet, dass die eine Seite männliche,
die andere weibhche Merkmale trägt.
') Bronn's Klassen und Ordn. d. Thierr. 1. c.
Erläuterungen zu Tafel XII.
Fig. 1. Der hintere Theil des Cephalothorax und das erste Abdominalsegnient
eines normal gebauten $ von Diaptomus gracilis, von oben. 150 X.
„ 2. Der hintere Theil des Cephalothorax und die zwei ersten Abdominal-
segmente eines normal gebauten (^ von D. gracilis, von oben. 150 X.
„ 3. Das missgebildete Individuum, von unten gesehen. 90 X.
„ 4. Das Abdomen und das erste Cephalothoraxsegment von der Seite. Die
drei Spermatophoren und die aus denselben herausgequollene Masse ist
sowohl auf dieser wie auch auf Fig. 3 sichtbar. 1.50 X.
„ 5. Die rechte Antenne. 150 X.
„ 6. Das fünfte Fusspaar. 375 X.
16*
lieber den Schädel yoii Ursus arctos L.
Vergleichende Untersuchung einer Reihe von Schädehi des gemeinen
Landbären (Ursus arctos L.) nebst Bemerkungen über die Gray'sche
Gattung Myrmarctos.
Von
Dr. Ernst Sehäff
in Berlin.
Hierzu Tafel XIII und XIV.
Die an osteologischem Material so reiche Zoologische Sammlung
der Kgl. landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin besitzt neben
anderen Suiten von Schädeln auch eine solche von Ursus arctos L.
Es sind 35 ExemjDlare, welche sämtlich von einem Forstbeamten
Arendt in Russland gesammelt worden sind. Hermann v. Nathusius
erwarb dieses wertvolle Material für seine Sammlung und mit dieser
kamen später die Bärenschädel in die Zoologische Sammlung oben
genannter Hochschule. Ausser diesen 35 besitzt die erwähnte Samm-
lung noch eine Anzahl Schädel von Ursus arctos L. aus anderen
Gegenden.
Eine so bedeutende Reihe von Schädeln einer Art aus einem
relativ eng begrenzten Gebiet, wie sie die 35 russischen Exemplare
darbieten, liefert ein ausgezeichnetes Material für das Studium des
Variirens innerhalb der Art und ich habe daher auf Veranlassung des
Herrn Prof. Dr. Nehring jene Schädelsuite zu einem eingehenden
Studium in der angedeuteten Richtung benutzt. Herrn Prof. Nehring
erlaube ich mir an dieser Stelle für seine Anregung und Unter-
stützung meinen verbindlichsten Dank auszusprechen.
Es liegen bereits aus den Jahren 1850, 1851 und 1853 wert-
volle und ausführhche Arbeiten, besonders von v. Middendorff ^),
*) Ueber den gemeinen Landbären. In : Bull. phys. matb. Acad. St. Peters-
bourg 1850. Russisch, daher hier nicht zu berücksichtigen.
Unters, an Schädeln des gem. Landbären._ Verb. Russ. Kais. Min. Gesellsch.
St. Petersburg, Jahrg. 1850—1851.
Sibirische Reise Bd. U, T. 2 1853.
Ueber den Schädel von Ursus arctos L. 245
über das Variiren von Ursus arctos vor, welclien ein sehr reiches
Material zu Grunde lag. Es könnte daher fast überflüssig erscheinen,
dasselbe Thema noch ein Mal zu bearbeiten. Da aber v. Midden-
dorff's Bärenschädel aus sehr verschiedenen, weit von einander ent-
fernten Gegenden stammten (Umgegend von St. Petersburg, Livland,
Kaukasus, Amurland, Kamtschatka, Kalifornien), wohingegen das mir
zur Verfügung stehende Material in einem relativ eng begrenzten
Gebiet gesammelt wurde, so dürfte eine erneute Untersuchung über
das Variiren am Schädel von Ursus arctos L. doch von Interesse
sein. v. Middendorff hat neuerdings 1) selbst erklärt, dass bei dem
Material zu seinen früheren Arbeiten die geographischen Varietäten
eine grosse Rolle gespielt haben und dass ein grosser Teil der con-
statirten Verschiedenheiten der sehr verschiedenen Beschaffenheit des
Vaterlandes der betr. Tiere zuzuschreiben ist.
HinsichtHch der Methode und des Ganges der Untersuchung
habe ich v. Middendorff gegenüber einige Abweichungen eintreten
lassen. Die Masstabellen des genannten Forschers sind entschieden
viel zu umfangreich und daher zu wenig übersichtlich. Ich habe
daher die Tabellen wesentUch abgekürzt, indem ich zunächst die
von V. Middendorff selbst als unsicher oder unwichtig bezeichneten
Messungen unterlassen und sodann noch eine Reihe anderer nicht
berücksichtigt habe, Avclche von untergeordneter Bedeutung sind.
Die Reduktion auf eine (ziemlich willkürlich gewählte) Einheit scheint
mir ebenfalls ihren Zweck nicht zu erfüllen. Die von v. Middendorff
gewählte Einheit, der Abstand der letzten beiden oberen Backen-
zähne von einander, ist nämlich ebensowohl Schwankungen ausgesetzt
wie die anderen Entfernungen und also keineswegs constant. Es
ergeben sich daher beständig Fehler, deren Grösse nicht immer zu
controUiren ist.
Weiter habe ich es für zweckmässig erachtet, statt einer umfang-
reichen Tabelle mehrere kleinere zu geben. Die Uebersichtlichkeit
wird dadurch erhöht und man kommt nicht so leicht in die Ver-
suchung, Schädel von ganz verschiedenem Alter direkt mit einander
zu vergleichen und auf diese Weise ziemlich wertlose Resultate zu
erhalten (Vergl. w. u.)
Das Variiren der Tiere hat zum Teil seinen Grund in der Ver-
schiedenheit des Klimas, des Bodens und der Nahrung, je nach der
Heimat des betreffenden Tieres. Ich bezeichne das Variiren auf
Grund jener drei Faktoren kurz als geographisches Variiren. So-
dann bringt das Alter gewisse Veränderungen hervor. Ferner können
Besonderheiten in der Körperbeschaffenheit durch die Verschiedenheit
des Geschlechts bedingt sein, oder aber es sind die sich zeigenden
Abänderungen rein individueller Natur. Dieses individuelle Variiren,
welches sehr häufig bei der Aufstellung neuer Arten viel zu wenig
beachtet und berücksichtigt wird, bildet zur Hauptsache das Thema
der vorliegenden Arbeit.
0 Thiers Landw. Jahrbücher Bd. XVII p. 294, Anm. 2.
246 Dl"- Ernst Schaff:
Da die von mir imtersiichten Schädel alle aus einem räumlich
sehr beschränkten Distrikt stammen, in welchem sich Verschieden-
heiten des Klimas etc. gar nicht oder in unmerklicher Weise geltend
machen, so kommt das geographische Variiren hier nicht in Betracht.
Die durch Altersverschiedenheiten hedingten Abänderungen werden
gebührend berücksichtigt werden, doch sind dieselben gering, da die
meisten Schädel sich innerhalb enger Altersgrenzen halten (vergl. u.).
Das Geschlecht ist leider fast bei keinem Schädel angegeben; auch
ist es nachträghch nicht möglich, an Schädeln von Ursus arctos das
Geschlecht zu bestimmen. Lilljeborg^) giebt freilich Unterschiede
an, welche von Nilsson^) bereits früher erwähnt waren. Allein v.
Middendorff^) hat gezeigt, dass die vermeintlichen Geschlechts-
unterschiede an Bärenschädeln illusorisch sind. Es fällt also bei
der Untersuchung des vorHegenden Materials auch das Variiren nach
dem Geschlecht fort und es bleibt somit zur Hauptsache die Be-
trachtung des individuellen Variirens, wozu, wie erwähnt, die Be-
rücksichtigung des Alters kommt.
Wie bereits v. Middendorff (loc. cit.) dargethan hat, bieten An-
haltspunkte zur Beurteilung des Alters am Schädel das Gebiss, die
Stirn- und Scheitelleisten und das Verwachsen der Nähte. Ein
genaues Abschätzen des Alters und bestimmte Altersangaben sind
jedo(th nach diesen Merkmalen nicht möglich; wohl aber kann man
nach ihnen eine Anzahl von Schädeln in bestimmte Gruppen son-
dern, deren jede Exemplare von annähernd gleichem Alter enthält.
Von dem mir vorHegenden Material müssen die Schädel No. 1777,
1778 und 1783 für sich betrachtet werden, da bei ihnen das definitive
Gebiss noch nicht ganz fertig ist; ebenso erfordert No. 1762 eine
besondere Behandlung, da das Exemplar aUe Zeichen des hohen
Greisenalters an sich trägt. Aus der Zahl der noch übrigen 31 lassen
sich nochmals 7 Schädel ausscheiden, bei welchen das Gebiss gerade
vollendet, aber noch nicht oder unmerklich angekaut ist, und welche
auch in den übrigen Charakteren deutUch das jugendHche Alter der
Tiere, denen sie entstammen, bekunden. Es sind dieses die
Nummern 1776, 1775, 1774, 1752, 1753, 1772, 1768. Die
übrigen 24 Schädel haben alle ein ziemlich stark abgenutztes
Gebiss, wohl entwickelte Stirn- und Scheitelleisten und z. T. ver
wachsene Nähte, wodurch sie sich als von völlig erwachsenen
Tieren herrührend ausweisen. Gewisse Alters-Unterschiede sind bei
ihnen vorhanden, jedoch nicht immer nachweisbar. Jedenfalls sind
aber die von der frühesten Kindheit bis zur Erreichung der völligen
Entwicklung sich zeigenden Veränderungen stärker als die beim er-
wachsenen Tier durch das zunehmende Alter bedingten. Der Kürze
halber werde ich häufig für die 3 jüngsten Schädel die Bezeichnung
1) Sveriges og Norges Eyggradsdjur. I. DäggdjureD. Upsala 1874.
'^) Scand. Fauna. I. Däggdjuren 1847.
•■') V, Middendorff, Sibirische Reise Bd. II, T. II, p. 40—43.
Ueber deu Schädel von Ursus arctos L. 247
Abteilung L, für die 7 dann folgenden Abteilung IL und für die
übrigen 24 Abteilung III. gebrauchen.
Um jede Unklarheit betrefls der Mafse auszuschliessen , mögen
hier zunächst einige kurze Erläuterungen zu den Tabellen folgen.
1. Basallänge nenne ich nach dem Vorgange der Herren Old-
field Thomas und Nehring die Entfennmg vom Vorderrand
des Foramen magnum bis zum Vorderrand der Zwischenldefer;
(Basilarlänge jedoch mit Hensel die Entfernung vom Vorder-
rand des Foramen magnum bis zum Hinterrand der Alveole
eines der mittleren oberen Schneidezähne).
2. Als grösste Länge bezeichne ich die Entfernung vom äussersten
Punkte des Hinterhauptkammes bis zum Vorderrand der
Zwischenkiefer.
3. Die Entfernung Keilbein-Hinterraud — Zwischenkiefer- Vorder-
rand (resp. bei Abtlg. I — Oberkiefer - Vorderrand) habe ich
gemessen, um für diejenigen Schädel ein Längenmafs zu er-
halten, bei welchen wegen Beschädigung des Hinterhaupts die
Basallänge und die grösste Länge nicht festzustellen waren.
4. bedarf keiner Erklärung.
5. Die Unterkieferlänge messe ich vom Vorderrand der Alveole
eines der mittleren Schneidezähne (J i) bis zum äussersten Punkt
auf der Mitte des Unterkiefer-Gelenkkopfes.
6. 7. 8. 9. sind nicht misszu verstehen.
10. Die Stirnabstufung wird gemessen, dadurch, dass ein Lineal
auf die Spitze der Nasenbeine und den höchsten Punkt der
Stirn gelegt wird und dann der grösste senkrechte Abstand des
Lineals von den Nasenbeinen gemessen wird. Derselbe fällt
nicht immer auf denselben Punkt der Nasaha.
11. 12. und 13. werden mit dem Tasterzirkel in der Weise gemessen,
dass die eine Zirkelspitze auf das Vorderende eines Nasenbeins
(resp. auf die Mitte einer durch die Hinterränder der For.
infraorbitalia gelegten Linie oder einer die Spitzen der beiden
Proc. postorbitales verbindenden Geraden), die andere Spitze
auf den senkrecht unter dem jeweiligen oberen Ansatzpunkt
gelegenen Punkt der Gaumen -Mitte gesetzt mrd. Der Kürze
halber wird 11. als vordere, 12. als hintere Schnauzenhöhe und
13. als Stirnhöhe bezeichnet.
14. ergiebt sich in entsprechender Weise wie die drei vorigen
Masse.
15. 16. 17. dürften ohne weiteres verständlich sein.
Die Zahnmafse sind am Zahnhals genommen.
248 Dl'- Ernst Schaff:
Abteilung I.
Wie erwähnt, ist bei den drei jüngsten meiner Bärenschädel das
definitive Gebiss noch nicht ganz fertig, doch zeigt es bei allen dreien
genau das gleiche Stadium der Entwicklung. Die meisten Zähne
haben ihre bleibende Form und Grösse bereits erreicht, nur bei den
Eckzähnen und dem letzten Molar des Ober- und Unterkiefers ist
dies noch nicht der Fall. Die Eckzähne ragen erst mit einem kleinen
Teil aus dem Knochen heraus, der letzte untere Molar steckt noch
mit seinem hinteren Teil im Unterkiefer und der letzte obere hat
eine sehr schräge, hinten nach oben aufsteigende Stellung, so dass
nur etwa das vordere Drittel aus dem Zahnfleisch herausgeragt haben
kann. Diese schräge Stellung des letzten oberen Kauzahns ist bei
Ursus arctos (und wohl auch bei den anderen Ursiden) charakteristisch
für das Jugendalter (vergl. v. Middendorf, Sibir. Reise II 2 p. 30).
Betreffs der Reihenfolge des Erscheinens der Zähne muss ich
übrigens eine Abweichung von den Angaben v. Middendorff's an-
führen. Letzterer bemerkt (Sibir. Reise II 2 p. 29), dass die äussersten
Schneidezähne (J 3) und die I^ckzähne gleichzeitig hervorbrechen. An
den 3 mir vorliegenden Schädeln mit nicht ganz fertigem Gebiss sind
jedoch stets die äussersten Schneidezähne fast oder ganz fertig ent-
wickelt, während von den Eckzähnen höchstens ein Viertel sichtbar
ist. Da ich die exacten Beobachtungen des genannten Forschers
nicht anzuzweifeln wage, so muss ich also constatiren, dass in der
Gebissentwicklung des jungen Ursus arctos gewisse Verschiedenheiten
sich geltend machen.
Untersuchen wir jetzt die individuellen Verschiedenheiten der
drei Schädel von Abteilung I.
Wie sich aus Tabelle 1 ergiebt, schwankt die als Längenmafs
dienende Entfernung Keilbein -Oberkiefer beträchtlich. Dies Mafs
ist bei No. 1783 erheblich geringer als bei den beiden andern
Exemplaren, welche nur geringe Unterschiede zeigen. No. 1777
ist um 27,3 mm länger als 1783, also um ungefähr V5 der Länge von
No. 1783. Wenn bei gleichalterigen Tieren in der Jugend bereits
so bedeutende Grössen-Unterschiede vorhanden sind, so ist es nicht
erstaunlich, wenn bei völlig erwachsenen Tieren noch erhebHchere
Verschiedenheiten sich herausstellen. Denkt man sich ein an und für
sich kleines Indi\dduum während der Periode des stärksten Wachs-
tums durch Mangel an Nahrung oder dgl. in der Entwicklung ge-
hemmt, während ein von der Geburt an starkes und grosses Tier
derselben Art in LTeberfluss von Nahrung aufwächst, so müssen sich,
bis beide völlig ausgewachsen sind, in der That ausserordentliche
Grössen-Unterschiede herausbilden. Was quantitativ oder qualitativ
ungenügende Nahrung für Einflüsse auf Schädelform und Grösse hat,
Ueber deu Schädel von Ursus arctos L. 249
ist am Hausschwein von Herrn, v. Nathusiusi) und neuerdings von
Herrn Prof. Nehring^) gezeigt worden.
Während die relativen Mafse bei unseren drei Schädeln im All-
gemeinen ziemlich übereinstimmen, zeichnet sich No. 1783 durch
grosse Breite der Hirnkapsel aus. Nimmt man die Entfernung Keil-
bein-Oberkiefer im Verhältniss zur Breite der Hirnkapsel bei No. 1777
als ungefähr normal an (bei No. 1778 ist dies Verhältniss ähnlich
wie bei 1777) so würde sich für 1783 eine Schädelbreite von etwa
78 mm ergeben, während dieselbe in Wirkhchkeit 92,5 mm beträgt.
Die Jochbogenbreite ist wegen Fehlens der Jochbogen nicht festzustellen.
Bei den übrigen Mafsen bleibt, wie die Tabelle 1 ergiebt»
No. 1783 constant hinter den beiden anderen Schädeln zurück,
welche unter sich nicht in Betracht kommende Difterenzen aufweisen.
Ganz erhebHch auffallender als an den Schädelknochen sind die
Unterschiede an den Zähnen, von denen besonders der letzte obere
und untere Molar variirt. Während der letzte obere Kauzahn bei
No. 1783 (Tfl. XIV, Fig. 6) 31,5 mm lang und an der breitesten Stelle
16 mm breit ist, erreicht bei No. 1777 (Tfl. XIV, Fig. 4) 39,5 mm
Länge und 19,3 mm Breite, bei No. 1778 38,5 mm Länge und 19 mm
Breite! Es bleibt also bei dem Schädel No. 1783 der genannte Zahn
um fast V4 seiner Länge und fast 1/5 seiner Breite hinter dem eines
anderen gleichalterigen zurück.
Vergleicht man Tabelle 3 der erwachsenen Schädel, so findet
man nirgends für den letzten oberen Molar die enorme Länge von
39,5 mm, nur ein Mal die von 39 mm. Unter den von v. Midden-
dorff^'') untersuchten Schädeln erreicht nur einer aus den Ländern des
Baltischen Beckens 39, einer von der Küste des ochotzkischen ^leeres
39,5 mm, letzteres Exemplar mit einer Basallänge von etwa 340 mm,
also ein an und für sich grosses Tier und überdies ein ^Männchen.
Wenn auch nicht direkt bewiesen, so ist doch die Annahme gerecht-
fertigt, dass beim gemeinen Bären die jMännchen durchweg stärker
sind als die Weibchen. Ausserdem kommt noch hinzu, dass über-
haupt die Bären aus den Gegenden am ochotzkischen INIeer im Durch-
schnitt bedeutend stärker sind als die des Baltischen Beckens (v. M.,
Reise p. 53). Alle diese LTmstände zeigen, dass die Schädel No. 1777
und 1778 in Bezug auf das Gebiss ganz enorme Dimensionen auf-
weisen.
Die Grössenverhältnisse des vorletzten Molars differiren etwas
weniger, doch ist es bemerkenswert, dass die Länge dieses Zahns
bei No. 1777 (24 mm), diejenige des entsprechenden Zahns bei den
meisten der übrigen Schädel übertrift't.
') Vorstudien f. d. Gesch. vi. Zucht d. Haustiere, zunächst am Schweine-
schädel. Berlin 1864, p. 90 ff.
-) Ueber die Gebissentwicklung der Schweine .... in Thiel's Landw.
Jahrbüchern. Bd. XVII, p. 38 ff.
=>) Reise II 2 p.46.
250 Dr. Ernst Schaff:
Sehr auffallende Eigentümlichkeiten bietet der obere Reisszahn
bei No. 1777 (dieser Zahn ist leider beiden beiden anderen Schädeln
aus Abtlg. I verloren gegangen). Während an dem normalen oberen
Reisszahn von Ursus arctos sich aussen 2 Haupt- und 1 kleines ac-
cessorisches Nebenhöckerchen, innen dagegen nur 1 Höcker findet, ist
bei No. 1777 das Höckerchen hinter dem letzten der beiden grossen
Höcker sehr stark entwickelt und ausserdem — und das ist das
bemerkenswerteste — sind an der Innenseite des Zahns drei wohl ent-
wickelte Höcker sichtbar, von denen der letzte etwas schwächer ist als die
beiden anderen (Tfl. XIV, Fig. (S). Man könnte diese eigentümliche
Bildung des oberen Reisszahns schlechthin als Abnormität bezeichnen,
doch zeigt sich an den älteren Schädeln, dass überhaupt jener Zahn
dazu neigt, statt des einen Innenhöckers deren mehrere zu ent-
wickeln (vergl. die Fig. 8, 9, 10, Tfl. XIV). Wie überhaupt der
Typus des Carnivoren- Reisszahnes bei den Bären fast ganz verwischt
ist, so nähert sich, wie wir gesehen haben, nicht selten der obere
Reisszahn durch Entwicklung von mehreren Innenhöckern, also einer
breiteren Kaufläche, gewissermassen den echten Molaren. Das Ge-
biss wird dadurch noch mehr Omnivoren-Gebiss.
Von den Zähnen des Unterkiefers lässt sich im Allgemeinen sagen,
dass sie bei den Nummern 1777 und 1778 sich durch ihre Grösse
auszeichnen, während sie bei No. 1783 entsprechend den Befunden im
Oberkiefer kleiner sind. Das Gleiche gilt von den Lückenräumen, welche
in der Jugend von den 3 kleinen meist hinfäUigen Lückenzähnen ein-
genommen werden. No. 1777 zeichnet sich durch einen besonders
grossen Lückenraum im Unterkiefer aus. Von Lückenzähnen sind
bei den drei bisher zusammen betrachteten Schädeln vorhanden^):
oben überall nur der erste und der dritte ; unten nur der erste, mit
Ausnahme einer Unterkieferhälfte von No. 1783, wo die Alveolen des
ersten und dritten erkennen lassen, dass die beiden hineingehörigen
Zähne erst nachträglich ausgefallen sind.
Sämtliche Nähte sind bei den bisher erwähnten Schädeln noch
gänzlich unverwachsen. Die Stirn- und Scheitelleisten verlaufen als
kaum sichtbare Linien von den Postorbitalfortsätzen in fast gleich-
bleibendem Abstand von einander zum Hinterhaupt, wo sie sich kurz
vor ihrem Ende einander etwas nähern.
Abteilung II.
In die zweite Abteilung stelle ich, wie erwähnt, sieben Schädel,
welche sich augenscheinlich sowohl von den eben behandelten als
auch von denen der letzten Abteilung hinsichtlich des Alters unter-
scheiden, unter einander aber als gleichalterig angesehen werden
') Bei Bärenschädelu , welche man nicht selbst präparirt, ist es selten zu
entscheiden, ob bei einer offenen Alveole der betr. Zahn zu Lebzeiten des Tieres
auf natürliche Weise ausgefallen ist, oder ob in Folge nachlässiger Maceration.
Es sind daher die Angaben über das Vorhandensein oder Fehlen von Lücken -
Zähnen mit einiger Vorsicht aufzunehmen.
lieber den Schädel von Ursns arctos L, 251
können. Wie aus Tabelle 2 hervorgeht, sind ebenso beträchtliche
Gröfsen - Unterschiede vorhanden wie bei AbtIg. I. Vergleicht man
z. B. die gröfsten Längen von No. 1776 und 1778, so findet man
eine Difterenz von V4 der gröfsten Länge von 1776. Aehnlich ver-
halten sich die anderen jMafse, doch so, dafs die Verhältnisse der
Mafszahlen jedes einzelnen Schädels annähernd gleich sind. Eine
Ausnahme hiervon bilden die Lückenräume (vergl. Tabelle 2).
Sehr in's Auge fallende Verschiedenheiten zeigt die Stirnpartie
des Schädels, welche entweder stark gewölbt ist, was besonders bei
einer Profilansicht hervortritt, oder aber flach erscheint. Schon
v.Middendorff hat diese,, Hoch- und Flachstirnigkeit" erörtert, welche
früher oft als spezifisches Unterscheidungsmerkmal der (irrtümlich)
angenommenen Arten des gemeinen Bären gedient hat. Hochstirnig
sind die meisten der Exemplare von Abtlg. II, nämHch die Schädel No.
1776, 1775, 1774, 1752, 1768, der erste am wenigsten deuthch, die
übrigen sofort erkennbar. No. 1772 ist in der ganzen hinteren
Schädelhälfte stark verletzt, so dass hier ein Urteil nicht abzugeben
ist; 1753 dagegen ist ausgeprägt flachstirnig. Von einer Wölbung
der Stirnbeine ist weder in sagittaler Richtung noch quer, von
einem Postorbitalfortsatz zum andern, etwas bemerkbar; \delmehr
bilden die Stirnbeine eine fast ebene Fläche. Im Uebrigen verweise
ich in Bezug auf Hoch- und Flachstirnigkeit auf das unter Abtlg. III
Gesagte. Die Unterschiede treten bei Abtlg. II ebenso hervor wie
sie die Abbildungen von Schädeln der Abtlg. III darstellen. (Tfl. XIII,
Fig. 1 — 4). Nasenbeine und Oberkiefer ragen überall fast gleich
weit nach hinten.
Die Zähne der sieben jetzt besprochenen Schädel variiren in
Hinsicht auf Grösse und Gestalt ziemHch bedeutend. Der letzte obere
Prämolar wechselt in der Länge zwischen 13 und 17nmi, in der
Breite zwischen 8,7 und 12,-2 mm, also beinahe um V4 der Länge
und fast um V2 der Breite des kleinsten Zahns. Im Umrifs wechselt
die Form dieses Zahns sehr. So erscheint er z. B. bei No. 1776 mit
fast parallelem Aufsen- und Innenrand, fast ohne Ausbuchtung am
Innenhöcker (vergl. Tfl. XIV Fig. 12), während diese Ausbuchtung bei
den übrigen ziemlich hervortritt, bei No. 1768 aber ausserordentlich
gross ist. " Die beiden oberen liöckerzähne sind weniger Va-
riationen ausgesetzt, wenn auch gewisse Gröfsen-Unterschiede be-
merkbar sind. So ist besonders der zweite obere Höckerzahn von
No. 1752 durch Länge und Breite ausgezeichnet (Tfl. XIV, Fig. 5),
während die entsprechenden Zähne von No. 1776 und 1775 sehr klein
sind, Ueber die Form des letzten oberen Höckerzahnes sei noch
bemerkt, dass seine grösste Breite oft in die Gegend des ersten
gi'ofsen Aussenhöckers fällt, oft aber auch viel weiter nach hinten,
und dass die hintere Partie des Zahnes in verschiedener Weise sich
verjüngt und bisweilen nach innen, bisweilen fast gerade, bisweilen
aber auch nach aussen hin verläuft. Auch die Form und Anordnung
der kleineren Höcker und Erhabenheiten auf der Kaufläche sind sehr
252
Dr. Ernst Schaff:
verschieden. Dieselben treten bisweilen als wenige, ziemlich gestreckte
Wälle auf, bisweilen mehr in Form von rundlichen Höckern und
Warzen, oder endHch ist die Kaufläche ziemlich gleichmässig grob
gekörnt (vergl. die Abbildungen). Auf die Verschiedenheit der Dimen-
sionen bei den Eckzähnen ist aus dem Grunde weniger Gewicht zu
legen, weil Messungen wegen Mangels fest bestimmter Ansatzpunkte
sehr unsicher sind.
Der erste untere jMolar (Reisszahn) zeigt in Länge und
Breite wenige Unterschiede, mehr in der Ausbildung des charak-
teristischen kleinen Höckers an der Innenseite des Zahnes. Dieser
kleine Innenhöcker ist z. B. sehr scharf ausgebildet bei No. 1775,
fast gar nicht bei den Nummern 1753, 1772 und 1768 (hier links
mehr als rechts); bei No. 1752 ist er links sehr deutlich, rechts ver-
kümmert. Die beiden Höckerzähne des Unterkiefers sind ebenfalls nur
geringen Schwankungen unterworfen. Sehr merkbare, aber durch
Zahlen nicht gut ausdrückbare Verschiedenheiten zeigen hingegen
die unteren Eckzähne, welche besonders bei No. 1753 eine mächtige
Entwicklung zeigen.
Die drei kleinen Lückenzähne des Ober- und Unterkiefers sind
in Bezug auf Zahl, Grösse und Stellung sehr schwankend, wie folgende
Uebersicht zeigt. Mit 1, 2, 3 sind der erste, zweite, dritte Lücken-
zahn bezeichnet. P]ine Null (0) bedeutet eine leere Alveole, ein
Horizontalstrich ( — ) zeigt das Fehlen von Zahn und Alveole an.
* steht quer.
Aus der Tabelle lässt sich eine Regel für das Vorhandensein
oder Fehlen der Lückenzähne nicht ableiten. Nur ergiebt sich als
Bestätigung einer schon bekannten Thatsache, dass der zweite
untere Lückenzahn selten oder nie vorhanden ist, der zweite obere
häufiger fehlt als erhalten bleibt. BezügKch der Alveolen lässt sich
auch hier nicht sagen, ob der zugehörige Zahn bei Lebzeiten des
Tieres oder bei der Präparation des Schädels ausgefallen ist.
Abteilung III.
Weitaus der grösste Teil des von mir untersuchten Materials,
nämlich 24 Schädel, gehört in diese Abteilung. Wie bereits erwähnt,
sind diese 24 Schädel nicht alle von ganz gleichem Alter. Ich habe
mich daher bemüht, unter gleichzeitiger Berücksichtigung aller in
Betracht kommenden Alters-Kennzeichen, diese Schädel in der Tabelle 3
in einer fortlaufenden Reihe anzuordnen, in welcher links die relativ
jüngsten stehen und dann fortschreitend nach rechts hin die älteren
lieber den Schädel von Ursus arctos L. 253
sich anschliessen. Im Grossen und Ganzen darf ich mit Sicherheit
annehmen, dass jene Reihe die Altersstufen richtig zur Darstellung
bringt.
Die absolute Grösse der Schädel von Abtlg. III. schwankt sehr
bedeutend. Die Basallänge bewegt sich zwischen 270 und 340 mm.
Noch mehr schwankt die grösste Länge (293 und 376 mm), welche
jedoch wegen der grösseren oder geringeren Ausbildung des Hinter-
hauptkammes sicher vom Alter und wahrscheinlich auch vom Ge-
schlecht des Tieres abhängt. Es sind übrigens durchaus nicht die
ältesten Schädel auch die grössten. Ein Beispiel eines ganz ausser-
ordentlich kleinen, aber dabei alten Exemplars liefert No. 1765
(Tfl. XIII. Fig. 3). Durch die ganze Beschaffenheit, besonders durch
die stark abgenutzten Zähne und die fast ganz verwachsenen Nähte
erweist sich dieser Schädel als der eines Tieres von hohem Alter.
Die Basallänge (270,3 mm) bleibt aber hinter derjenigen sämmtlicher
Schädel dieser Abteilung zurück. Die Jochbogenbreite dagegen ist
nicht nur relativ, sondern auch absolut grösser als bei einer be-
deutenden Anzahl der übrigen Schädel. Ueberhaupt ist die Joch-
bogenbreite vielfachen Schwankungen ausgesetzt, so dass man Schädel
mit schmalen und solche mit breiten Jochbögen unterscheiden kann.
Auffallend schmal ist z. B. No. 1751 mit nur 148 mm Jochbogenbreite
bei 317 mm grösster Länge! Betrachtet man nun auch dies Exemplar
als abnorm, so bleiben immerhin noch bedeutende Schwankungen
bestehen, so bei 1749, 1748, 1759, 1756, 1768 etc.
Die Länge der Schnauze variirt in den absoluten Mafszahlen
nicht sehr bedeutend, doch ist sie im Verhältniss zur Länge des
Schädels recht verschieden. Das Alter scheint hierbei, sofern er-
wachsene Schädel in Betracht kommen, keinen Einiluss zu haben.
Auf die Länge des Unterkiefers legte Gray ein gewisses Gewicht
bei der Aufstellung seiner Gattung Myrmarctos. Nach der von
jenem Forscher gegebenen Abbildung (Proc. Zool. Soc. 1864 p. 696
und Catalogue Carniv. Brit. Mus. 1869 p. 233) verhält sich bei Myr-
marctos Eversmanni Gray die Unterkieferlänge zur grössten Länge
des Schädels wie 10:14,3. Bei No. 1769 meines Materials ist das
Verhältniss 10:14,2, also der Unterkiefer relativ etwas länger als
bei dem Gray'schen Myrmarctos. Bei No. 1751 finde 10:14,3, bei
No. 1803 10 : 15,-2, bei 1748 10 : 15,3, also lauter verschiedene Werte.
Es dürfte demnach zur spezifischen oder gar generischen Trennung
die Unterkieferlänge kein brauchbares Kriterium abgeben.
Die Verschiedenheiten der Stirnabstufung hat bereits v. Midden-
dorff betont. Auch bei meinem Material liegen die Grenzwerte weit
auseinander (3,7 — 12 mm). Ein Blick auf Tabelle 3 und Tfl. XIII
zeigt, dass die grössere oder geringere Stirnabstufung vom Alter
unabhängig ist, wenn auch die al3solut grössten Werte sich bei Tieren
in vorgerückterem Alter finden.
Hoch- und Flachstirnigkeit macht sich bei den Schädeln dieser
Abteilung sehr bemerkbar. Bei den hochstirnigen Schädeln zeigt
sich erstens im Profil die Stirngegend stark emporgewölbt; dabei
254 Dr. Ernst Schaff:
liegt der höchste Punkt der Profillinie bald mehr nach vorn, bald
mehr in die Scheitelgegend gerückt (Tfl. XIII Fig. 1 und 2). Zweitens
aber sind auch die Stirnbeine in der Querrichtung (von einem
Postorbitalfortsatz zum andern) stark gewölbt, wobei an der gemein-
samen Naht eine in verschiedenem Mafs vertiefte Rinne sich findet.
Besonders sind auch die Proc. postorbitales stark wulstig aufgetrieben.
Die flaehstirnigen Exemplare zeigen nicht nur ein flaches, in der
Stirngegend nicht gewölbtes Profil, sondern es fehlt auch jegliche
Querwölbung der Stirnbeine, desgleichen eine Rinne an der Stirnnaht
und die Postorbitalfortsätze sind nicht aufgetrieben. Die Zahlen in den
Rubriken 11 — 14 Tabelle 3 zeigen die Schwankungen in den Höhen-
mafsen an verschiedenen Punkten des Schädels. Besonders ist es die
Höhe zwischen Augenhöhlenfortsätzen der Stirnbeine, welche die Hoch-
resp. Flachstirnigkeit anzeigt. Die flaehstirnigen Schädel haben eine
viel geringere Stirnhöhe als die hochstirnigen. Natürlich ist die Stirn-
höhe der flachen Schädel unter einander verschieden je nach der
Totalgrösse der betr. Exemplare. Es hat z. B. No. 1803 86 mm,
1767 nur 75,6 mm Stirnhöhe; es muss aber bemerkt werden, dass
bei No. 1803 die gTÖsste Länge über 50 mm grösser ist, als bei
No. 1767. ImUebrigen schwankt die vordere Schnauzenhöhe (Tab. 3, 11)
zwischen 42,2 und 63 mm, also um 20,8 mm; die hintere Schnauzen-
höhe (Tab. 3, 12) zwischen 52 und 68 mm, also nur um 16 mm; die
Stirnhöhe zwischen 75,6 und 105, also um fast 30 mm. Dabei haben
oft Schädel mit bedeutender vorderer Schnauzenhöhe eine geringere
Stirnhöhe als solche mit niedrigerer Schnauze. Es hat z. B. Nr. 1749
bei 53,5 mm vorderer Schnauzenhöhe 105 mm Stirnhöhe, die entspr.
Mafse sind bei No. 1764 55,6 mm und 78 mm, bei No. 1771 54 und
96, bei No. 1763 55,2 und 81,4 u. s. w. Ein scharfer Unterschied
lässt sich zwischen hoch- und flaehstirnigen Schädeln nicht machen,
sondern beide Formen sind durch mannigfache Uebergänge verbunden.
Extrem flachstirnig sind in der Abtlg. III. die Nummern 1803 (Tfl. XIII
Fig. 4), 1754 und 1767, weniger autfallend sind No. 1764 u. No. 1760.
Im höchsten Grade hochstirnig sind die Nummern 1750, 1749 (Tfl, XIII
Fig. 1), 1756, 1748 und 1770. Weitaus die grösste Zahl der von
mir untersuchten Schädel von Ursus arctos zeigt eine deutlich ge-
wölbte Stirn und aufgetriebene Stirnbeinfortsätze. Ich stehe daher
nicht an, die gewölbte Stirn für die normale, die flache für eine
von der typischen abweichende Bildung zu erklären. Im Uebiigen
lassen sich constante Unterschiede ausser in der Stirnbildung
zwischen hoch- und flaehstirnigen Schädeln nicht finden, ebensowenig
stimmen die beiden Kategorien unter sich überein.
Eine Erklärung für die scheinbare Regellosigkeit in der Stirn-
bildung beim gemeinen Landbären zu finden, ist mir bisher nicht
gelungen. Auch v.Middendorff's Auseinandersetzungen, dass nämlich
die Ursache in der verschiedenen Entwicklung der Stirnhöhlen liegt,
ist nur eine Umschreibung der Thatsache, nicht eine Erklärung der-
selben. Die Frage ist jetzt: Warum entwickeln sich die Stirnhöhlen
so ausserordentlich verschiedenartig? Nach II ensel (Craniol. Studien,
Uebei- den Schädel von Ursus arctos L. 255
Nov. Acta Leop. Bd. XLII No. 4) beruht die bei Foetorius oft vor-
handene Aiiftreibung der Stirnpartie, z. T. wenigstens, auf der An-
wesenheit von Pentastomen. Ob Aehnliches beim Bären vorkommt
ist mir nicht bekannt. Sollte es der Fall sein, so wäre allerdings
die flache Stirn die Norm, die hohe dagegen pathologisch Es er-
scheint mir dies a priori als wenig wahrscheinlich.
Ebenso wie die Configuration der Stirnbeine wechselt auch ihre
Grösse und besonders ihre Breite an den Proc. postorbitales, welche
bei den völlig erwachsenen Schädeln meines Materials zwischen 82,7
und 121 mm schwankt. Lilljeborg schreibt (a. a. 0.) dass bei den
alten Männchen die Breite an den Postorbitalfortsätzen grösser ist
als die Breite der Hirnkapsel über den Jochfortsätzen des Schuppen-
beins. Dies trifft bei den meisten meiner durch besondere Grösse
ausgezeichneten Schädeln zu, deren einer auch durch eine Original-
notiz als Männchen bezeichnet ist. Allein bei einem andern, eben-
falls als Männchen bezeichneten Exemplar ist die Postorbitalbreite
geringer als die Breite der Schädelkapsel über dem «rochfortsatz des
Schuppenbeins. Es ist also dies von Lilljeborg angegebene Ver-
hältniss nicht constant und keinenfalls etwa ein Merkmal zur Unter-
scheidung des Geschlechts am ausgewachsenen Schädel.
Die Nasenbeine variiren bei Ursus arctos besonders hin-
sichtlich ihrer Länge in Bezug auf die Oberkiefer und die Augen-
höhlenfortsätze der Stirnbeine. In der Regel ragen sie etwas weiter
nach hinten als die Oberkiefer, bleiben aber ein beträchtliches Stück
von der Verbindungslinie der Spitzen bei der Proc. postorbitales
zurück. In einigen Fällen jedoch erreichen sie diese Linie fast ganz
(1773, 1754) und andererseits ragen nicht selten die Oberkiefer so
weit oder um ein geringes weiter nach hinten als die Nasenbeine
z. B. bei No. 1760, 1759 und 1757. Entschieden irrtüniHch ist
übrigens Owen's Bemerkung, i) dafs beim braunen Bären der Ober-
kiefer den Zwischenkiefer vom Stirnbein trennt. Bei den sämtlichen
mir vorliegenden Schädeln ist dies nicht der Fall.
Ziemlich auffallende Verschiedenheiten bietet die Höhe des Joch-
bogens, besonders in dem vom Proc. zygomaticus des Squamosum ge-
bildeten Teil. Auch hier ist weder Alter noch Geschlecht mafsgebend.
Es scheint jedoch, als ob der Jochfortsatz des Squamosum relativ
lange fortwächst, da er häufig eine aufserordentliche Höhe im Ver-
hältnifs zu der des Jochbeins aufweist (Tfl. XIII, Fig. 3 ebenso
mehrere der in Blainville's Osteographie abgebildeten Schädel),
Sehr bemerkenswerthe Differenzen zeigt der Proc. mastoideus.
Lilljeborg^) schreibt über diesen Schädelteil und sein Verhältnifs
zum Paramastoidfortsatz : ,,Paramastoidutskotten äro mycket mindre
an mastoid D : 0, och räcka föga eller icke nedom dessa." Da Lill-
jeborg, welcher am genannten Orte zwei alte Schädel beschreibt, bei
anderen Merkmalen ausdrückhch erwähnt, wie es damit bei jungen
») Anat. Vertebr. Vol. II, p. 500.
2) Sveriges och Norges Ryggradsdjur. I. Däggdjuren, p. 165. Upsala 1874,
256 Dr. Ernst Schaff:
Tieren steht, hier aber nichts weiter hinzusetzt, so scheint nach
jenem Forscher der Proc. mastoideus sich stets in der angegebenen
Weise zu verhalten. Das ist jedoch ein Irrtum. Bei jungen Schädeln
mit fast fertigem Gebiss (z. B. 1752; vergi. Tfl. XIV, Figur 1) ist
sogar der Paramastoidfortsatz stärker entwickelt als der Zitzenfort-
satz und ragt weiter nach unten als dieser. Selbst bei Schädeln
meiner Abtlg. II (No. 1773, 1770, 17G9, 1759) ist der Proc. mastoideus
höchstens so lang, aber nicht länger als der Paramastoidfortsatz.
Nur bei ganz alten Schädeln mit besonders riesigen Dimensionen ist
der Zitzenbeinfortsatz mehr entwickelt als der Paramastoidfortsatz.
Die Länge des Mastoidfortsatzes ist sehr bedeutenden Schwankungen
ausgesetzt, auch ist seine Richtung verschieden, bald mehr nach
vorn hin, bald mehr seitlich (vergl. Tfl. XIV, Fig. 2 u. 3). Wahrhaft
kolossal sind die Mastoidfortsätze bei No. 1761, wo der Abstand ihrer
äusseren Enden 178 mm beträgt, während beispielsweise der im Ganzen
grössere Schädel No. 1748 nur 147 mm erreicht. Auch die Breite
des Mastoidfortsatzes wechselt sehr ; Zahlen lassen sich wegen gänzHchen
Mangels fes besttimmter Ansatzpunkte für den Zirkel nicht angeben.
Sehr bemerkenswert und, soweit mir bekannt, noch nicht be-
schrieben ist ein epiphysenartiges Gebilde ') am distalen Ende des
Proc. mastoideus (Tfl. XIV, Fig. 2 u. 3). Dies Gebilde zeigt durchaus
die Befunde einer wirkHchen Epiphyse. Es legt sich um das untere
Ende des genannten Fortsatzes und bedeckt ausser der Pars mastoidea
auch teilweise das angrenzende Stück des Squamosum, welches an
der Bildung des Mastoidfortsatzes teil nimmt. An manchen Schädeln
ist diese ,,Mastoid - Epiphyse" verloren gegangen und man sieht am
Ende des Fortsatzes eine rauhe, spongiöse Fläche, gerade wie wenn
bei einem jugendlichen Extremitätenknochen eine Epiphyse sich ab-
gelöst hat. Bei Schädeln von ziemhch hohem Alter ist die ,,Mastoid-
Epiphyse" noch durch eine deutliche Naht vom Knochen getrennt ;
nur bei ganz alten Exemplaren ist sie verwachsen. Bei meinen
jüngsten Schädeln ist sie nicht vorhanden, wahrscheinlich bei der
Präparation übersehen und abgelöst. Möglich wäre es, dass diese
scheinbare Epiphyse sich als Sehnenverknöcherung herausstellte,
wenigstens macht das Fehlen des Gebildes bei jugendlichen Schädeln
dies denkbar; doch lässt sich das nur durch anatomische Unter-
suchung eines Bärenkopfes im Fleisch entscheiden.
Während der Processus mastoideus in bedeutendem Mafse
Schwankungen in Grösse, Form und Verlauf ausgesetzt ist, zeigt die
Bulla ossea eine bemerkenswerte Beständigkeit, ein neuer Beweis
für die von Flow er 2) betonte Wichtigkeit dieses Schädelteils für
die Systematik, besonders der Carnivoren. Nur der knöcherne Gehör-
gang wechselt hinsichtlich seiner Länge. Auch die an der Unter-
*) Ich habe im Sitziuigsber. Ges. naturf. Fr. 1889, No. 3 eine kurze Mit-
teilung über diese Bildung gemacht und vorgeschlagen ,, dieselbe einstweilen als
„Mastoid- Epiphyse" zu bezeichnen.
2) Proc. Z. S. 1869.
lieber den Schädel von Ursus arctos L. 257
Seite des Schädels befindlichen Foramina zeigen ein durchaus be-
ständiges Verhalten.
Der knöcherne Gaumen d. h. das aus den Gaumenbeinen und
einem Teil der Oberkiefer bestehende Dach der Mundhöhle tritt
in verschiedener Form auf. Während er in der Regel eine ebene
Fläche bildet, ist er bei einigen Exemplaren stark ausgehöhlt, be-
sonders in der hinteren Partie. Gray führt Concavität der Palatina
als eins der Merkmale seiner Gattung Myrmarctos auf ; man sieht,
dass dies Kennzeichen nicht stichhaltig ist. In auffallender Weise
ist mitunter die Choanenpartie verengt, so besonders bei No. 1754.
Bei den Schädeln der Abteilungen I und II waren die Nähte
noch alle völlig offen. Bei Abteilung III jedoch muss ich über das
Verwachsen der Nähte einige Bemerkungen machen, welche zum Teil
mit den Angaben von Middendorff's über diesen Punkt in Widerspruch
stehen. Der genannte Forscher giebt die Reihenfolge des Ver-
wachsens der Nähte am Schädel von Ursus arctos folgendermafsen
an: 1) Scheitel - Hinterhauptsnaht. 2) Scheitelstirnbeinnaht nebst
3) Scheitelschläfenbeinnaht. 4) Stirnbeinnaht nebst 5) Oberkiefer-
Jochbeinnaht. 6) Kiefer-Zwischenkiefernaht. 7) Nähte der Nasen-
beine, Stirnoberkiefernaht, Jochbogen - Schläfenbeinnaht. Unter
48 Schädeln fand v. Middendorff nur 1 Ausnahme. Unter meinen
24 völlig erwachsenen Exemplaren sind jedoch 8, welche eine andere
Reihenfolge zeigen als die eben angeführte. Besonders verwächst die
Stirnnaht oft früher als die Nähte der Scheitel- und Schläfenbeine.
Nur die Scheitel - Hinterhauptnaht scheint constant am frühsten zu
verschwinden; es ist dies eine Folge der Thätigkeit der Nacken-
muskeln. Bei den eben erwähnten 8 Schädeln ist die Reihenfolge
des Verwachsens der hauptsächlichen Nähte folgende:
No. 1767, verwachsen: die Nähte zwischen Scheitel- Hinterhaupts-
bein, Stirnbeinen, zum Teil Zwischenkiefer-Oberkiefer.
, 1771, verwachsen: die Nähte zwischen den Stirnbeinen mehr als
Scheit€lschläfenbein- und Scheitelstirnbeinnaht.
, 1770, verwachsen: Scheitel - Schläfenbein weniger als Stirn-,
Zwischen -Oberkiefer- und Nasenbein- Naht.
, 1764, ,, Stirnnaht mehr als die übrigen, ausser der
Scheitel - Hinterhauptnaht.
, 1759, „ Stirn- und Scheitel -Hinterhaupt -Naht, die
übrigen frei.
, 1758, „ Zwischenkiefer-Oberkiefer und z.T. Zwischen-
kiefer-Nasenbein mehr als die übrigen.
,1761, ,, Scheitelhinterhaupt-, sowie Stirnnaht und zum
Teil Nasen -Stirnbeinnaht, die übrigen frei.
, 1763, ,, Alle Nähte ausser den nie sich schliessenden
und ausser der linken Oberkiefer-Stirnbein-
naht, sowie einem Teil der Nasenbeinnaht.
Arch. f. Natuigesch. Jahrg. 1889. Bd 1. H. 3. 17
25^
Dr. Ernst Schaff:
Es geht hieraus hervor, dass die Reihenfolge doch nicht so regel-
mässig ist, wie es v. Middendorff meinte. Ausser bei jenen Schädeln
fand ich noch an einem alten Schädel aus Littauen (No. 2506) eine
andere Reihenfolge. Die Stirnbeine waren verwachsen, als die Naht
zwischen Scheitel- und Schläfenbeinen noch deutlich sichtbar war.
Dass die Stirnbeine häufig relativ früh verwachsen, dürfte nicht be-
sonders auffallend sein. Schon die Entwicklung der Stirnhöhlen lässt
auf einen lebhaften Wachstumsvorgang in jenen Knochen schüessen,
der dann auch das Verschwinden der Naht herbeiführt. Im Uebrigen
vollzieht sich im Verhältniss zum Alter der Tiere das Verwachsen der
Schädelnähte sehr unregelmässig, so dass man oft an unzweifelhaft
alten Schädeln alle Nähte frei findet. Dass an jugendlichen Schädeln
schon verwachsene Nähte vorkommen, habe ich nicht beobachten
können. Zu der Angabe v. Middendorff's, dass die Grundfelsenbein-
naht wohl nie verwächst, kann ich hinzufügen, dass, soweit mein
Material Schlüsse gestattet, auch die Naht zwischen Jochbein und
Jochfortsatz des Schläfenbeins nie verschwindet. Auch Radde^)
macht eine dies bestätigende Mitteilung. Bei No. 1762 meines
Materials, einem uralten Bären, smd die beiden genannten Nähte
ganz unverwachsen.
Nicht minder wechselnd wie die Verwachsung der Nähte ist der
Grad der Entwicklung der Knochenkämme und Leisten am Schädel
von Ursus arctos. Bei Schädeln, welche man wegen starker Ab-
nutzung der Zähne als recht alt ansehen muss, ist nicht selten der
Scheitelkamm weit niedriger und kürzer als bei augenscheinhch be-
deutend jüngeren Individuen. Eins scheint jedoch festzustehen, was
auch Lilljeborg bei der Beschreibung seiner beiden alten Bären-
schädel bemerkt (a. a. 0.), dass nämlich der Scheitelkamm sich selbst
in seiner grössten Entwicklung nie weiter nach vorn erstreckt, als
bis zur Kranznaht.
In der Form und Grösse der Zähne finden sich in dieser Ab-
teilung III. ebenfalls Verschiedenheiten, doch wechselt die Grösse
nicht so sehr wie bei den vorher besprochenen Zähnen. Die enorme
Länge von 39,5 mm beim letzten oberen Molar erreicht keiner der
Schädel dieser Abteilung. Fassen wir noch einmal die Zahn-Mafse
aller Schädel in's Auge, so ergeben sich folgende Grenzwerte für die
einzelnen Zähne.
ob. Reissz.
fL. 13—18
iBr. 8,5—14.5
, „.. , IL. 20—25
1. „ Hockerz. j^^ -^^_^g
L. 31—39,5
Br. 16—19,3
. , T •• 1 JL. 10,7—15
4. unt. Luckenz. iry n o
(L. 22 —26,3
IBr. 10.4—14,5
Reissz.
1 Höckerz l^' 22,2-27
i. „ nockeiz. |g^^3 _-^g^^
jL. 17,5—22,1
iBr. 13.3—16
*) Reisen im Süden von Ostsibirien, Bd. 1. p.
lieber den Schädel von Ursus arctos L. 259
Vergleicht man diese Zahnmafse mit den von v. Middendorff an-
gegebenen (Reise II 2, p. 46), so sieht man, dass die Mafse meines
Materials innerhalb weiterer Grenzen schwanken als die Mafse der
aus der Gegend von Petersburg stammenden Schädel v.Middendorff s.
Dagegen zeigen die aus den entlegeneren Gebieten (Kaukasus,
Kamtschatka etc. etc.) bedeutendere Schwankungen der Mafszahlen,
was von vornherein zu erwarten war.
Hinsichtlich der Form der Zähne kann auf das vorher Gesagte
(Abtlg. II) und auf die Figuren vermesen werden. Hinzuzufügen ist
noch, dass der letzte obere Lückenzahn zwischen 5 und 9 mm Länge
schwankt ; er steht ferner nicht selten mit seiner grössten Axe quer
zur Längsrichtung des Schädels und ist mitunter zweiwurzelig. Bei
No. 1748 zeigt er statt des einfachen Höckers deren zwei, dabei auch
2 Wurzeln, so dass er ganz den Charakter eines hinfälligen Bären-
Lückenzahns eingebüsst hat.
Betreffs der Reihenfolge, in welcher die Zähne sich durch den
Gebrauch abnutzen, stimmen meine Beobachtungen völlig mit denen
V. Middendorff s überein. Die Thatsache, dass die Abnutzung am
letzten Backenzahn zuerst sichtbar ^^^rd, dürfte auf den ersten Blick
etwas befremden, da dieser Zahn erst hervortritt, wenn die übrigen
Backenzähne schon in Gebrauch sind. Auch v. Middendorff sagt,
dass ,, wider Erwarten" die Abnutzung beim letzten Backenzahn ihren
Anfang nimmt. Folgende Ueberlegungen machen die Sache jedoch
erklärlich. Betrachtet man einen Bärenschädel, dessen Unterkiefer-
hälften noch in festem natürlichen Zusammenhang stehen, so sieht
man, dass die Spitzen der vorderen Backenzähne beim Zuklappen
des Mauls neben einander vorbeigehen, sich also nicht berühren.
Dagegen liegen der letzte obere und der letzte untere Molar direkt
mit ihren Kauflächen auf einander. Hierzu komimt noch — und
dies ist wohl der Hauptgrund — dass das andauernde Zermalmen
der Nahrung mit den eigentlichen Kauzähnen geschieht und dass
der Bär, wenn er einen harten Gegenstand, etwa einen Knochen
zerbeissen will, dies wohl stets mit dem letzten Molar besorgt, so
dass dieser viel stärker in Anspruch genommen wird als die ersten.
Solange der Bär nicht sein ganz fertiges Gebiss besitzt, wird er sich
wahrscheinlich mit Nahrung begnügen, welche leichter zu zerkleinern
ist und also die vorhandenen vorderen Backenzähne wenig angreift.
Es erübrigt jetzt noch, einige Worte über den Schädel No. 1762
zu sagen, welcher durch sein Alter eine besondere Stellung einnimmt.
Alles an diesem Schädel spricht dafür, dass der einstige Träger
desselben im höchsten Greisenalter gestanden hat. Von den Nähten
sind nur die zwischen Grund- und Felsenbein und die zwischen dem
Jochfortsatz des Schläfenbeins und dem Jochbein noch sichtbar; die
Mastoidepiphyse ist kaum noch als solche zu erkennen. Die Zähne
sind ausserordentlich stark abgenutzt, besonders im Oberkiefer. Der
letzte obere jMolar ist bis auf die Wurzeln abgekaut, nur an seiner
Aussenseite sind noch Spuren der beiden gi'ossen Höcker. Der vor-
17*
260 Dr. Ernst Schaff:
letzte obere Molar fehlt beiderseits. Der obere Reisszahn ist merk-
würdigerweise an seiner Aussenseite fast in seiner ganzen Höhe
erhalten, innen aber von der Spitze bis zur Wurzel schräg abgeschliffen.
Von den drei kleinen Lückenzcähnen ist keiner vorhanden, doch sind
die Alveolen des ersten und dritten rechts und des ersten links gut
erhalten. Von den oberen Eckzähnen sind die Spitzen und ein Teil
der Innenfläche abgeschliffen. Sämtliche oberen Schneidezähne fehlen.
Die Knochensubstanz ist in der Umgebung der Alveolen ohne Zähne
teilweise resorbirt. Die unteren Zähne sind sehr unregelmässig,
doch im Ganzen nicht so stark abgenutzt wie die oberen. Nur die
Eckzähne sind sehr verkürzt, augenscheinUch mehrfach gebrochen,
doch schon zu Lebzeiten des Tiers, da alle Kanten und Ränder
völlig abgerundet und abgeschliffen sind. Von den unteren Lücken-
zähnen sind die leeren Alveolen des ersten jederseits die einzige
Spur. Nur ein Schneidezahn ist erhalten, der dritte rechts, welcher
fast bis auf die Wurzel abgekaut ist.
Die Dimensionen des Schädels sind verhältnissmässig nicht be-
deutend (vergl. Tabelle 3). Merkwürdig schwach ist der Scheitel-
kamm entwickelt, soweit sich dies an dem in der hinteren Partie
verletzten Schädel sehen lässt. Die Stirnleisten dagegen sind sehr
scharf ausgeprägt. Der Schädel ist hochstirnig, doch mit unbe-
deutender Stirnabstufung. Im Uebrigen bietet er nichts Bemerkens-
wertes dar ; unverkennbar zeigt er aber, dass das beste Merkmal
zum Abschätzen des Alters das Gebiss bildet.
Dass man bei der ungewöhnlich grossen Variabilität des gemeinen
Bären leicht auf den Gedanken kommen konnte, es müssten mehrere
Arten in dem Verbreitungsgebiet des Ursus arctos (in seinem jetzigen
Umfange) vorhanden sein, ist sehr begreiflich, so lange man nicht
ein grösseres Material vergleichend untersuchen konnte. ') Ich erinnere
hier daran, dass z. B. Blainville bei der Abfassung seiner Osteo-
graphie und für seinen grossen Atlas nur 6 europäische Bärenschädel
zur Verfügung hatte, welche bis auf einen bereits von Cuvier in
den Ossemens fossiles abgebildet waren. Sehr befremdend wirkt
es aber, wenn nach dem Erscheinen von v. Middendorff's grund-
legenden Arbeiten über Ursus arctos Gray noch im Jahre 1864 ^)
auf ein einziges Exemplar aus Norwegen nicht nur eine neue Art,
sondern eine neue Gattung (Myrmarctos) begründete und ebenso die
von Nilsson 1847 aufgestellte Art Ursus euryrhinus noch anerkannte.
*) Andrerseits wurde die Arteinheit schon früh, wenn auch nicht bewiesen,
so doch angenommen. Interessant ist eine Notiz, welche ich in Kobells
„Wildanger" fand, wo es p. heisst: „Feyerabend schreibt 1582: Etlich machen
Vnderscheid vnder Beeren da keiner ist, dann Beer ist Beer." Kürzer, aller-
dings auch weniger mit Gi'ünden gestützt , kann man die Frage , ob U. arctos
eine oder mehrere Arten bilde, nicht entscheiden!
^) Proc. Z. S. 1864, p. 694 ff.
lieber eleu Schädel von Ursus arctos L. 261
(In einer späteren Notiz *) erklärt er allerdings diese letztere
für sehr zweifelhaft, da sie auf den Schädel eines der Gefangenschaft
entstammenden Tieres begründet sei.)
Auch in dem Catalogue of Carniv. Brit. Mus. 1869 finden
sich noch Myrmarctos Eversmanni und Helarctos euryrhinus als
gute Arten, während z. B. die russischen Bären überhaupt nur
eine Subvarietät bilden! Ja, Gray geht so weit, es als möghch hin-
zustellen, dass der von Eversmann (BuU.Soc.Imp.Nat.Moscou 1840)
beschriebene U. formicarius aus Ostsibirien nicht identisch mit Myrmarc-
tos Eversmanni, sondern eine zweite, nahe verwandte Art sein könne.
(Cat. Carniv. Brit. Mus. 1869, p. 234 ebenso in Proc. Z. S. 1864, p. 695.
Der Text der 1864 in den Proc. Z. S. erschienenen Arbeit „Revision
of the Genera and Species of Ursine Animals" ist fast wörtlich der-
selbe wie der im betr. Teil des Catalogue.)
Die meisten der nach den oft erwähnten Arbeiten v.Middendorff's
erschienenen Schriften, welche Ursus arctos behandeln, schliessen sich
den Ansichten des russischen Forschers an; ebenso wird nach 1864
resp. 1869 Gray's Myrmarctos fast nirgends anerkannt. Lydekker
bemerkt in dem Catalogue of the Fossil Mammalia in the Brit. Mus.
1885 unter U. arctos, dass „wenigstens zu paläontologischen Zwecken"
eine Anzahl von Formen unter dieser Art vereinigt werden müssen;
darunter befinden sich unter anderen auch U. Eversmanni, U. lasiotis,
U. piscator .... und zuletzt noch Myrmarctos Eversmanni. Vor
U. Eversmanni und Myrmarctos Eversmanni befindet sich ein ein-
geklammertes Fragezeichen. Ob dies bedeutet, dass die genannten
,, Formen" Lydekker als an und für sich sehr zweifelhaft erscheinen
oder aber, dass er sie möglicherweise für sicher von U. arctos unter-
scheidbar ansieht, ist mir nicht klar geworden. Ich gehe daher noch
etwas näher auf die Kennzeichen der Gray'schen Gattung ein, um
nachzuweisen, dass ihr keine Berechtigung- zukommt. Selbstver-
ständlich kann ich hier nur die Schädelcharaktere berücksichtigen,
doch sind die übrigen von Gray angegebenen Merkmale wenig mass-
gebend (,,Head elongate, narrow. Lips moderately extensile"). Ueber
die allgemeine Form des Schädels von Myrmarctos sagt Gray-):
,,The skull flat above, the nose, forehead, and front of the crown
forming a regulär shelving hne, brain-case compressed." Das sagt
nicht mehr, als dass der Schädel flachstirnig ist. Was den Ausdruck
,,brain-case compressed" betrifi:t, so ist in der beigegebenen Figur
die Hinterkapsel nicht mehr zusammengedrückt als an mittelalten
Schädeln von Ursus arctos.
Weiter heisst es: ,,The nose moderate, flat above, compressed
on the sides". Das passt auf fast alle Schädel von U. arctos. Auch
Gray's Figur zeigt in der Nasenpartie nichts mit U. arctos Unver-
einbares.
0 Ann. Mag. Nat. Hist. 1873, p. 267.
2) Catal. Carniv. Brit. Mus. 1869.
262 Dr- Ernst Schaff:
„The forehead narrow, the space between the orbits narrower
than the nose". Dem widerspricht Gray's Figur vollständig, denn der
abgebildete Schädel ist zwischen den Augenhöhlen ^del breiter als in
irgend einem Teil der Nasengegend.
„The last grinder moderate, longer than the flesh-tooth". Dies
Verhalten findet sich nicht nur iDci U. arctos, sondern überhaupt bei
der Gattung Ursus im weiteren sowohl als auch im engeren Gray'schen
Sinn, wie auch Gray selbst angiebt (Catal. Carniv.- Brit. Mus. p. 216
und p. 218.)
,,Palate deeply concave". Dies kommt auch bei unzweifelhaft
zu U. arctos gehörenden Bären vor.
„The hinder nasal aperture large, broad; the sides longer than
the width of the front edge". Dasselbe führt Gray fast wörtlich für
seine Gattung Ursus im Allgemeinen an.
„Lower jaw large, elongate". Wie erwähnt, bleibt in der bei-
gegebenen Figur die Unterkieferlänge noch hinter der einiger von
mir untersuchter Schädel von U. arctos zurück.
Bei der Beschreibung der Art Myrmarctos Eversmanni werden
noch einige weitere Merkmale am Schädel angeführt, die aber zum
Teil sehr unbestimmt gehalten sind, z. B. „hinterer Höckerzahn
ziemlich kurz." Ferner: „Nasal bonos only extending to rather
behind the front edge of the orbit, not nearly so for as in U. arctos
of Sweden." Ich habe vorher darauf aufmerksam gemacht, wie die
Länge der Nasenbeine bei U. arctos variirt. Gray's Figur lässt das
von ihm beschriebene Verhalten nicht erkennen, da sonderbarer Weise
nicht eine einzige Naht an dem ganzen nicht sehr alten Schädel ge-
zeichnet ist, nicht einmal die Jochbogennaht !
„The aperture for the passage of the artery to the palate in
a line with the front edge of the hinder grinder". Auf die Lage
des erwähnten Foramen bin ich vorher nicht eingegangen, da ich
dies für unwichtig hielt. Ich kann jedoch jetzt nachtragen, dass auch
bei U. arctos zuweilen das Foramen die von Gray geschilderte Lage
hat, wenn es auch meistens ein wenig hinter dem Vorderrand des
letzten Molaren liegt. Im Uebrigen wechselt die Lage einigermassen.
Die von Gray angegebenen Mafse passen ebenfalls durchaus auf
einen jugendlichen, aber mit fertigem Gebiss versehenen Schädel von
U. arctos. Length of the skull below IIV2 inches (= etwa 286 mm),
of palate 5V4 inches (= etwa 146 mm) between orbits 2%
inches (= etwa 57,5 mm).
Es zeigt sich also, dass keins der von Gray für seine Gattung
Myrmarctos oder für die Art M. Eversmanni aufgestellten Merkmale
einen bestimmten Unterschied von U. arctos darstellt und es dürfte
somit die eben genannte Gattung resp. Art als unhaltbar und als
mit U. arctos zusammenfallend nachgewiesen sein.
Ein eingehendes Studium eines reichen Materials von Ursus
piscator Puch., U. isabellinus Horsf., U. syriacus Hempr, et Ehrenbg.
Ueber den Schädel von Ursus arctos L. 263
lind andern zum Teil oder überhaupt als Arten betrachteten Bären
dürfte vielleicht ein cähnliches Ergebnis haben. Wenn U. arctos schon
in einem eng begrenzten Gebiet derartige Verschiedenheiten zeigt,
wie es für Russland nachgewiesen worden ist, so ist es begreiflich,
dass in Gegenden, wo che Tiere ganz andere Lebensbedingungen
finden, auch ihre äussere und innere Beschaffenheit ausserordentlich
abändern muss.
Erklärung der Abbildungen.
Die Nummerii bezieben sich auf den „Katalog der Säugetiere" der Zool.
Samml. der Kgi.Laudwirthschaftl. Hochschiüe in Berlin von Prof. Dr. A. N ehring.
Tafel XIII.
Fig. 1. Hochstirniger Schädel mittleren Alters (No. 1749), sehr gross, '/s nat. Gr.
» 2. Hochstirniger Schädel mittleren Alters (No. 1751). Höchster Punkt der
Profillinie weit nach hinten gerückt, '/s nat. Clr.
» 3. Alter Schädel mit massig hoher Stirnpartie (No. 1765). Sehr klein.
Jochfortsatz des Squamosum sehr stark, '/s ^lät. Gr.
» 4. Flachstiruiger Schädel (No. 1803); sehr gross, von mittlerem Alter.
Va nat. Gr.
Tafel XIV.
Fig. 1, Fig. 2, Fig. 3. Teil der hinteren Partie des Schädels, von der rechten
Seite gesehen, in natürl. Grösse. Fig. 1 von No. 1776, Fig. 2 von No. 1749,
Fig. 3 von No. 1761.
C. occ. Condylus occipitalis,
P. par. Proc. pararaastoideus s. paroccipitalis,
P. mast. Proc. mastoideus,
Ep. Mastoid-Epiphyse,
M. aud. Meatus auditorius externus.
Squam. Squamosum.
In Fig. 3 erscheint der Perspective wegen der Proc. mast. nicht so
gross, wie er wirklich ist. Er ragt in Wirklichkeit schräg seitwärts.
» 4. Letzter oberer Molar von Nr. 1777. Sehr gross! Nat. Gr.
» 5. » » » » » 1752. Hinten wenig verjüngt. Nat. Gr.
» 6. » » » » » 1783. Sehr klein. Hinten stark ver-
schmälert. Nat. Gr.
» 7. » » » » » 17.. Sehr klein, etwas abgenutzt. Nat. Gr.
" 8—12. Oberer Reisszahn, nat. Gr.; von den Schädeln Nr. 1777, J.760, 1757,
1767. 1776. Nat. Gr.
» 13—15. Letzter linker oberer Lückenzahn von Nr. 1783, 1749, 1753. Nat. Gr.
» 16—17. Letzter rechter und linker oberer Lückenzahu voii Nr. 1748. Nat. Gr.
264
Dr. Ernst Schaff:
Tabelle 1.
1783 1777 1778
(Basallänge bis Hinterende des Keilb., da B. occ. fehlt)
Grösste Länge
Hinterende des Keilb. — Vorderrand des Oberkiefers
Schnanzenlänge bis zur Augenhöhle
Unterkieferlänge
Länge der oberen Backenzahnreihe
„ unteren Backenzahnreihe
Abstand des C. sup. vom Reisszahn
„ „ C. inf. „ 4. Lückenzahn
Stirnabstufung
Höhe der Schnauze am Vorderende der Nasenbeine .
„ zwischen den Foramina infraorb
„ Proc. postorbit
Höchster Punkt des Schädels über dem Keilbein . .
Jochbogenbreite
Grösste Breite a. d. Scheitelbeinen od. Schläfenbeinen
„ „ Proc. postorb
126i
139
67
13
16
34,3
45,5
66,8
68,2
92,5
61
179,7
153,9
229,5
88,2
166,1
76,5
83,4
17,5
23
3,7
39,5
48,3
72
72,5
129,4
95,2
71,5
172,8
148,3
222,3
83,7
158,7
72,8
82,2
16
18,4
2,9
38,3
50,7
72,1
73,5
96,5
69,2
Zahnmafse.
1783
1777
1778
1747
Oberkiefer:
. Länge .
Reissz. ^ .
Breite
Länge
1. Höckerz.
Breite .
Länge
Breite
Unterkiefer:
4. Lückenz.
Breite* .
. Länge .
Reissz.
Breitet .
Länge .
1. Höckerz. ,^ .
Breite .
Länge
Breite , . .
* Anfang des letzten Drittels
23
16
31,5
16
11,7
6,5
16,75
13,75
24
18
39,5
19
12,9
7,5
24,3
12,5
26,2
15,2
22,1
16
38,5
19
16
13,5
23,6
17,5
34,5
19
18,5
13,7
Mitte des letzten Drittels.
26,5
16
22
16,5
Ueber den Schädel von Ursus arctos L.
265
266
Dr. Ernst Schaff:
Ueber den Schädel von Ursus arctos L.
267
Ueber bohrende Seeigel.
Von
Georg" John.
Hierzu Tafel XV.
Ende Juli 1886 unternahm mein Kollege, Herr Oberlehrer
Dr. Heinrich Simroth, Privatdocent an der Universität Leipzig,
mit Unterstützung der Königlich Preussischen Akademie der Wissen-
schaften zu Berlin eine Reise nach Portugal und den Azoren, um
die Nacktschnecken daselbst zu untersuchen. Unter mancherlei
zoologischem Material, welches er dort gesammelt, befinden sich auch
Seeigel, die er in Löchern von Lavaklippen der Azoreninsel San Miguel
gefunden hatte. Dieses eigentümliche Auftreten, das zwar schon früher
dort und anderswo beobachtet worden ist, für welches die Wissenschaft
aber bisher noch keine endgültige Erklärung gefunden hat, bewog
Simroth, Handstücke von dem Gestein loszuschlagen und Seeigel ihren
Löchern zu entnehmen, um die Fragen, ob, wie und warum die
Tiere die Löcher erzeugen, ihrer Lösung nahe zu bringen. Dabei
beobachtete er, dass der Rand der Höhlungen und diese zum Teil
selbst mit einer Korallinenart bedeckt waren und vermutete daher
einen Zusammenhang zwischen dieser Erscheinung und dem Bohren
der Seeigel. In sehr dankenswerter Weise überliess mir mein Kollege
die Lösung dieser Frage. Dies die Veranlassung zur vorliegenden
Arbeit.
Die Beobachtung, dass Seeigel in Felshöhlen wohnen, ist wie
oben erwähnt, keineswegs neu. Neben anderen hat schon CailHaud
1856 versucht; eine eingehende Beantwortung der Fragen, ob und wie
die Seeigel bohren, zu geben, doch hat er damit noch nicht alle
Zweifel gehoben. Im Folgenden soll der Versuch gemacht werden,
auf Grund der einschlägigen Litteratur und selbständiger Unter-
suchungen die vorliegende Frage endgültig zu lösen.
Der strittige Punkt ist deswegen von besonderem wissenschaft-
lichen Interesse, weil es ausser den Echinoideen noch eine grosse
Anzahl anderer Meeresbewohner giebt, die in meist selbsterzeugten
Ueber bohrende Seeigel. 269
Höhlungen von Gestein, Sand, Holz und dergleichen hausen, und
weil es sich hier immer darum gehandelt hat, zu wissen, ob es eine
mechanische oder eine chemische Einwirkung von selten des Tieres
ist, wodurch die Wohnungen erzeugt werden.
Aus der grossen Anzahl der bohrenden Meertiere mögen hier nur
die bekanntesten genannt sein. Beginnen wir mit den Coelenteraten.
Da sind es Spongien (Vioa, Thoosa), Avelche sich in Kalk und Austern-
schalen von Jugend an einbohren. Nassanow^) versucht diese That-
sache durch eine mechanische und chemische Einwirkung auf den
Kalk zu erklären, doch haben eigene allerdings noch nicht abge-
schlossene Untersuchungen den Verfasser gelehrt, dass es sich nur
um einen mechanischen Einfluss handeln kann. Aus dem Kreise der
Stachelhäuter gehören ausser regulären Seeigeln Spatangoideen^)
hierher, die sich nach Robertsons Beobachtungen mittelst ihrer
Stacheln und Tentakeln tiefe Löcher in den Meeressand graben.
(Siehe unten.) Bekannt als Bewohner selbsterzeugter Röhren sind
die tubicolen Anneliden, denen vermutUch die Borsten zum Einbohren
in Kalk, Sand und dergleichen unentbehrhch sind. Zum Beispiel
sind Arten von Sabella von verschiedenen Zoologen 3) als Bohr-
anneliden beobachtet worden. Viele Kruster bohren sich ebenfalls
sowohl in weiches als in hartes Material ein. So zernagt Limnoria
terebrans 4) Holz und Pfahlwerk, und Alcippe lampas"') bohrt sich in
Molluskenschalen ein. F. C. Noll*') beschreibt ein Cirriped, Koch-
lorine hamata, welches in Haliotisschalen haust und dieselben Avahr-
scheinlich mit Hilfe von Chitindornen bearbeitet, die sich am hinteren
Ende des Mantelschlitzes befinden. Bekannt ist ferner die Eigen-
tümHchkeit vieler Gasteropoden, in räuberischer Absicht Muschel-
schalen anzubohren und sie ihres Inhalts zu berauben. Es seien nur
*) Nassanow. Zur Biologie und Anatomie der Cliona. Zeitschrift für
wissenschaftliche Zoologie. Bd. 89 (t. 18—19), p. 295-308.
^) Robertson. Notes on Aniphidetus cordatus. Quarterly Journ. micr.
sc. 1871, p. 25 — 27.
^) Quatrefages. Sur une Sabella lithophage. L'lnstitnt XVI. 1848, p. 190.
Gruhes Ausflug nach Triest und dem Quarnero. \ Citiert nach
Wallich. Ann. and Mag. nat. bist. Vol. VIII, p. 59. i Troschels Archiv für
Jeffreys, ibid v. VII, p. 254. j Naturg. 18«3.
■•) Coldstream. On the structure and hahits of Limnoria terebrans etc.
Edinb. new. Philos. Journ. Vol. 16. 1834, p. 316—34.
^) Hancock. Notice on the Britisch coast of a Burrowing Barnacle belonging
to a new order of the class Cirripedia (Alcippe lampas). Ann. of nat. bist. 2. Ser.
Vol. IV. 1849, p. 305 — 312.
*) Noll. F. C. Kochloriue hamata, ein bohrendes Cirriped, Zeitschr. f. wiss.
Zool. Vol. 25, p. 114.
270 Georg Jobn :
Murex^), Buccinum'), Purpura 3) und Fusus genannt. Gross ist auch
die Anzahl der Muschehi, die sich teils in Holz, teils in Schlamm,
Sand und Gesteinen dauernde Wohnröhren suchen. Von den Tubi-
coliden möge Gastrochaena^) Erwähnung finden, ein Tier, welches
seine Höhlungen in Kalkgesteinen erzeugt, während man Lithodomus-'"')
nicht nur in Felsen, sondern auch in anderen Muschelschalen ein-
gegraben gefunden hat. Viele bohrende Meertiere werden den Hafen-
und Uferbauten sehr gefährlich. Das gilt besonders von Saxicava**)
und den Pholaden. ') Teredo führt ihrer zerstörenden Thätigkeit
wegen den Namen Schiffsbohrwurm, und Pholas dactylus dringt auf
noch nicht aufgeklärte Weise in Holz, Thon und Gesteine ein. Nach
den einen ist die Ursache eine chemische, nach anderen bearbeiten
die Tiere das Gestein mit ihren raspelartigen Schalen.
Bei den meisten der genannten Tiere scheint die Erzeugung der
Höhlungen auf mechanische Weise zu geschehen, bei den wenigsten
aber wissen wir, wie sich der Vorgang gestaltet. Doch ist schon
aus den wenigen angeführten Beispielen zu entnehmen, dass wahr-
scheinlich zwei Motive es sind, welche die Tiere zum Bohren nötigen.
Die einen thuen es, um Nahrung zu gewinnen, z. B. die Muriciden
und Bucciniden, die anderen, um sich in dem angebohrten Material
eine dauernde Wohnstätte zu schaffen, teils weil ihr ganzer Organismus
•) Möbius. Der zoologische Garten. 1886, p. 371.
-) Hancock. Note on the boring Apparatus of tbe Carnivorous Gasteropods
and of the stone- and wood-biurowing Bivalves. Ann. of nat. bist. Vol. 15. 1845,
p. 113—144.
^) Bouchard-Chantereaux schreibt über das Anbohren von Muscheln durch
Purpura lapillus. Journ. de Conchyl. 27, p. 124.
*) Fischer. Journ. de Conchyl. 14. (1866), p. 321.
®) Appelius berichtet über das Bohren von Lithodomus in Melagrina
margaritifera. Nachrichtsblatt der deutsch. -malak. Ges. 1868, p. 19.
Caramagna. Ueber das Bohren von Lithodomus lithophagus. Bullet. Malac.
Ital. ni. 1876, p. 46.
^) Saxicava soll in fremden Bohrlöchern hausen. Nach anderen bohrt
sie selbst.
"Walker. Sur les changements produits dans la passe de Plymouth par le
Saxicava rugosa. LTnstitut IX, 1841, p. 350.
'') Hancock. On the boring Molluscs into Rocks and on the removal of
portions of their Shells. Edinb. new Philos. Journ. Vol. 45. 1848. p. 401 — 404.
Aucapitaine. Observations sur la Perforation des roches par les MoUusques
du genre Pholas. Revue et Mag. de Zool. 2. Ser. 1851, p. 486 — 88.
Robertson. Notice sur la Perforation des pierres par le Pholas dactylus.
Journ. de Conchyl. t. 4. 1853, p. 311 — 15.
Cailliaud. Memoire sur les Mollusques perforants. Natuurk. Verhandlgn.
Maatsch. Haarlem. 2. Verz. D. 11. 2 St. 1856.
Ross. The niode by which the Pholas bore. Zoologist 1859, p. 6541 — 42.
(No. 1, 4 u. 6 citiert ii. Tro.scliels Arch. f. Naturg.)
(No. 8 (Caillaud und Ross) citiert n. d. Bibliotheca zoologica von Carus und Engelmann.)
lieber bohrende Seeigel. 271
dem angepasst ist (Teredo), teils weil sich die Tiere einen Schutz
gegen das brandende Meer suchen. (Echinus; siehe unten).
Verfasser wird im Folgenden bemüht sein, nachzuweisen, dass
die eingangs erwähnten Seeigel ihre VVohnstätten mittelst ihres Kau-
apparates und sekundär mit Hilfe der Stacheln durch rotierende
Bewegung erzeugen. Er hält daher die traditionell gebrauchte Be-
zeichnung ,, bohrende Seeigel" aufrecht.
Seine Ausführungen teilt Verfasser in fünf Abschnitte. Die ein-
schlägige Litteratur ist reproduziert in
Abschnitt I: Historisches über Gesteinshöhlen bewohnende
Die mikroskopischen Gesteins- und Algenanalysen sind behandelt in
Abschnitt II: Die Handstücke von den Azoren und aus der
Bretagne.
Die kritische Behandlung der Litteratur sowie die eigenen Re-
flexionen und weitere Untersuchungen des Verfassers folgen in Ab-
schnitt III und IV.
Abschnitt III: Wie und warum bohren die Seeigel?
Abschnitt IV: Welche Beziehungen bestehen zwischen den
Kalkalgen und den bohrenden Seeigeln?
Abschnitt V: „Uebersicht über die Gesteinshöhlen be-
wohnenden regulären Seeigel"
enthält eine Aufzählung aller dem Verfasser bekannt gewordenen
Vorkommnisse von bohrenden Seeigeln.
I. Historisches über Gesteinshöhlen
bewTOhnende Seeig-el.
Ein historisches Litteraturverzeichnis über bohrende Seeigel ist
bereits von P. Fifirher'^) im Jahre 18(34 gegeben worden. Im Folgenden
soll über den Inhalt derjenigen Litteratur referiert werden, welche
die zu behandelnde Frage durch Beobachtungen und neue Gesichts-
punkte bereichert hat.
Bereits J^innc und Leskc beschreiben einen Seeigel, Cidaris
saxatihs, und fassen unter dieser Bezeichnung mehrere Echinodermen
zusammen. Der Name deutet schon an, dass die fraglichen Tiere
auf Felsen lebten; vom Bohren derselben wird aber nichts berichtet.
Den ersten Echinus li^ddus (Lam.) — Strongylocentrotus lividus
(Brandt) — beschreibt Lamarck in seiner Hist. nat. d. anim. sans
vert. Er sagt ebenfalls nichts vom Bohren der Seeigel, obwohl er
*) P. Fischer, Note sur les Perforations de TEchinus Liv. Lam. Anuales
d. sc, nat. V. Ser. Zool. t. I. 1864, p. 321.
272 Georg John:
nach P. Fischers Angabe (s. o.) schon seit 1811 ein Felsstück besafs,
welches von Seeigeln gebohrte Löcher enthielt. E. T. Benett ') schreibt
zuerst über die vorKegende Frage. Er fand näniHch auf der Ober-
fläche eines Felsstückes von der Küste der Grafschaft Cläre in Irland
eine Echinusart, deren Wohnlöcher augenscheinhch in den Stein ge-
bohrt waren. Die Höhlungen entsprachen genau der Gestalt der
Tiere; in denselben konnten sich die Tiere wohl ein wenig erheben,
waren indes nur schwer daraus zu entfernen. Dabei beobachtete er,
dass das angebohrte Gestein mit einer mehrere Millimeter dicken
Korallinenart bedeckt war. Benett berichtet ferner, dass ihm von
Mr. Humphreys das Folgende über unsere Frage mitgeteilt worden
sei: „Von der Mündung des Shannon in Irland nördlich bis zu den
Inseln von Arran erstrecken sich mächtige Klippen ins Meer. Die
•Ränder dieser Klippen sind bei niedrigem Wasserstand betretbar,
werden aber nie ganz trocken. Diese Felsränder werden von Tausenden
von Echiniden bewohnt, die in dicht nebeneinander befindUchen Löchern
leben, deren grösstes 3 Zoll Durchmesser hat. Die wenigen, die ausser-
halb der Löcher gefunden wurden, waren tot. Alle waren von der-
selben Spezies." Benett bemerkte, dass diese Echinusart mit dem
von Lamarck beschriebenen Echinus lividus übereinstimme. Ferner
berichtet Benett über Seeigel, welche Rumphius in Höhlen und Löchern
von Korallen der ostindischen Meere gefunden hat. Die Seeigel sind
darin manchmal so gross geworden, dass es unmöglich war, sie wieder
herauszuholen. Die Identität der Spezies dieser Seeigel mit den an
den westlichen Küsten von Irland lebenden Arten hält Benett wegen
der geographischen Verbreitung für zweifelhaft, doch muss er die
gi'osse Aehnlichkeit beider Arten konstatieren.
Während Benett annimmt, dass der Seeigel seine Löcher selbst
bohrt, spricht TreveJyan -) dem Tiere diese Eigenschaft ab. Er glaubt,
dass dasselbe sich instinktiv Höhlen sucht, die ihm gerade geeignet
erscheinen; so hat er selbst junge Seeigel bequem zugedeckt in ver-
lassenen Muschelschalen gefunden. Den Boden und die Seiten der
Höhlungen fand er glatt und nahm daher an, dass die Höhlen, denen
er häufig in Kalkgesteinen begegnete, von dem Seeigel vertieft und
geglättet worden seien. Von Interesse ist, dass auch er in vielen
Fällen die von Seeigeln bewohnten Löcher mit einer Kalkalge, der
gemeinen Millepora, ausgekleidet fand.
Im Jahre 1854 wurden von E. Robert^) beim Suchen nach
bohrenden Pholas dactylus an der Küste der Bretagne auch bohrende
Seeigel gefunden. Er traf solche im Sandstein der nördlichen Küste
^) E. T. Benett. Notice on a peculiar Property of a Species of Echinus. —
Transaction Linnean Society vom 21./6. 1825.
2) W. C. Trevelyan. Supposed boring powers of the Echinus lividus. 1849.
Edinb. new philosoph. Journ. t. 46, p. 386 — 87.
^) V. E. Robert. Action perforante d'une espece d'Echinoderme. 1854.
Conipt. rend. de l'Ac. d. P. Zool. t. 39, p. 639.
lieber bohrende Seeigel. 273
der Bai von Hury, welche ihrerseits wieder einen Teil der grossen
Bai von Doiiarnenez bildet. Robert hält die Löcher der Seeigel für
Produkte der eigenen mechanischen Thätigkeit der Tiere. Er kommt
zu dieser Ansicht, weil der Boden der Löcher durch Säuren nicht
angreifbar ist. Auch fand er, dass die seitlichen und unteren Stacheln
der Seeigel stark abgenutzt waren. Aus letzterem Umstände schliesst
er, dass der Seeigel sich seine Höhle mit den Stacheln gräbt, und
zwar in dem Mafse, in dem er wächst. Eine chemische Mitwirkung
in Folge Absonderung einer Säure scheint ihm ausgeschlossen zu
sein, da die den Rand der Höhlen bedeckenden Kalkalgen durch
dieselbe nicht unbeeinträchtigt bleiben würden.
Im folgenden Jahre, 1855, hat Lori/^) an der Küste von Croisic
(untere Loire) in feldspat- und quarzreichem Granit bohrende See-
igel gefunden. Der meist feinkörnige, giimmerreiche Granit war zer-
setzt und bröcklig. Er zeigte kleine Vertiefungen, in denen das Wasser
während der Ebbe zurückbheb. Li den kleinen 30 bis 40 cm tiefen
Becken fand Lory ein reiches Tierleben, besonders Aktinien und See-
igel. Letztere, welche in zahlreichen Familien in diesen Tümpeln
vertreten waren, befanden sich in Löchern von der Form eines Finger-
hutes. Die Oeffnung der Höhlungen war rund und dem Durchschnitte
des Tieres entsprechend. Die Tiefe der Löcher, 6 — 7 cm, wurde
immer* grösser als die Höhe des Tieres gefunden. Die Löcher zeigten
sich selten isoliert, und ihr oberster Rand befand sich immer ein
wenig unter der Oberfläche des Wassers. Jedes Loch war dem See-
igel derart angepasst, und seine Stacheln waren so scharf in die
Granitkörnchen hineingepresst , dass Lory zu der Ansicht kam, der
Seeigel könne niemals aus seiner Höhle herauskommen. Von un-
gefähr ein Tausend Seeigeln hat er nur einen ausserhalb seiner Höhle
beobachtet. Denselben Stachelhäuter, Echinus lividus (Lam.), fand
er im Golf von Ajaccio wieder, hier aber nicht bohrend; höchstens
suchte sich derselbe natürliche Höhlen in Felsen und dergleichen auf.
Lory ist in Folge seiner Beobachtungen der Meinung, dass die Echini
ihre Wohnstätten selbst erzeugen.
Obwohl der im atlantischen Ozean und der im Mittelmeer ge-
fundene Seeigel identisch sind, Echinus lividus (Lam.), so wird doch
von A. Valenciennes^^) der Umstand, dass jener in Felsen bohrt, und
dieser nicht, für hinreichend erachtet, jenen als eine besondere Art
anzusehen. Er schlägt für das bohrende Tier den Namen Echinus
terebrans vor.
Von Dcshayes^) wird die Ansicht, dass die Seeigel die Löcher
selbst bohren, bekämpft. Ihm sind die Höhlungen in Sandstein,
Granit und Kalk nicht genügende Beweise dafür, dass die Tiere die
') Loiy, M. Ch. Observatious sur les Om-sius perforant le granite sur les
cotes de la Bretagne. Bull. Soc. geol. d. Fr., p. 43—46. 1856, vom 5./11. 1855.
*) A. Valenciennes in Compt. rend. d. l'Ac. d. sc. d. P. 1855. t. 41. p. 755—56.
3) M. Deshayes in Bull. Soc. geol. d. Fr. v. 5. 11. 1855 p. 43—46. 1856.
Arch. f. Natingesch. Jahrg 1889. Bd.I. H.3. 18
274 Georg John:
Fälligkeit, diese Löcher zu bohren, besitzen. Er giebt folgende Gründe
an: Erstens ist es ohne Beispiel, dass Individuen ein und derselben
Art in verschiedenen Meeren verschiedene Lebensgewohnheiten haben.
Zum Beispiel graben sich Spongien, Anneliden und Mollusken sowohl
im Ozean als im Mittelmeere ihre Löcher. Deshayes hat den Echinus
lividus an der ganzen Ausdehnung der Küste von Algier beobachtet
und ihn niemals bohrend gefunden. Nur in natürKchen Höhlen und
unter Seepflanzen suchte sich der Echinus zu verbergen, sobald das
Wasser eine leise Bewegung verriet. Zweitens würden die Seeigel,
wenn sie von der Natur zum Bohren bestimmt wären, dies immer
thun; sie könnten nicht leben, ohne diese Funktion auszuführen.
Drittens scheinen, sagt Deshayes, die Seeigel keine Listrumente zum
Bohren zu haben. Mit den kleinen Pedicellarien können sie natur-
gemäss nicht Gesteine bearbeiten. Würden sie, wie behauptet worden
ist, mit den Stacheln bohren, so müssten die Stacheln der Unterseite
der Tiere entweder abgebrochen oder wenigstens abgestumpft sein.
Dies bemerkt man aber nicht bei den in Löchern lebenden Seeigeln.
Auch müssten die Tiere in diesem Falle eine rotierende Bewegung
ausführen. Dazu brauchten sie wiederum eine an den unterliegenden
Körper adhärierende Kraft; diese fehlte ihnen aber. Sonach könnten
sie nur mit den Zähnen arbeiten. Die Zähne aber sind, nach
Deshayes Ansicht, wohl geeignet Gesteine aufzukratzen und kleine
Teilchen davon wegzunehmen ; indes seien die Bewegungen der Kiefer
nur schwach, und ein Seeigel müsste sein ganzes Leben dazu ver-
wenden, um sich ein Loch zu bohren. Auch müsste er mit seinen
Zähnen die ganze innere Fläche der Höhlung bearbeiten, die auf diese
Weise eine wenig gleichmässige Form bekommen würde. Viertens
sind die meisten der kleinen Steinhöhlen, die von Seeigeln bewohnt
werden, von Kalkalgen inkrustiert. Diese Likrustationen zeigen sich
unter den Seeigeln intakt und sind dadurch nach Deshayes Zeugen
dafür, dass der Seeigel die Löcher nicht gearbeitet haben kann.
Schon wenn der Seeigel lange in einem Loche bliebe, würde er der
Ausbreitung dieser Inkrustationen hinderlich sein.
Die eingehendsten Untersuchungen über bohrende Seeigel sind
von Cailliai(d^) gemacht worden. Cailliaud war anfangs der Meinung,
dass die Seeigel auf chemischem Wege, durch Absonderung einer
Säure, ihre Löcher erzeugen. Später überzeugte er sich vom Gegen-
teil. Im Jahre 1850 -) fand Cailliaud 5 Exemplare von Echinus miliaris
im Kalk von Le Four bei Croisic eingegraben. 1855 untersuchte er
die Küste östlich von Douarnenez in der Nähe von Grabinek. Hier
fand er in siluriscliem eisenhaltigen Sandstein Löcher, die von See-
igeln besetzt gehalten wurden und nur durch eine einfache Scheide-
') F. Cailliaud. Observations et nouv. faits sur les Mollusques perforants
eil general. 1854. Compt. rend. d. l'Ac. d. Sc. d. P. Zool. t. 39, p. 34 — 36.
'^) '^. Cailliaud. Observations sur les oursiiis perf. de Bretagne. Revue et
Mag. Zool. t. 8. 1856, p 158 — 179.
üeber bohreude Seeigel. 275
wand von einander getrennt waren. Letztere war zuweilen wieder
von jungen oft kaum erbsengrossen Indi^dduen durchbohrt. Trotz
scharfer Beobachtung konnte CaiUiaud bei allen diesen Tieren keine
Bewegung wahrnehmen. Eine Untersuchung der Löcher zeigte, dass
alte Löcher inwendig fast glatt, jüngere dagegen vollständig rauh
waren. Die Wirkung einer Säure auf Kalk, sagt CaiUiaud, würde
eine mehr oder weniger glatte Fläche sein. Die rauhen Flächen
aber können nur durch den mechanischen Stoss eines Werkzeugs
entstanden sein. Die mechanische Entstehung der Löcher in dem
harten feinkörnigen Sandstein lässt sich leicht begreifen, wenn man
das Gestein losschlägt, es aus dem Meerwasser entfernt, der Luft
aussetzt und schliesslich mit einem Elfenbeinstifte bearbeitet. Staunens-
wert ist die genaue Anpassung des Seeigels an seine Höhle. Die
häufigste und wahrscheinlich günstigste Lage des Seeigels ist die
horizontale, doch hat CaiUiaud auch in vertikalen Felswänden See-
igel eingebohrt gefunden. Bei einem späteren Besuche der Küste
von Grabinek traf CaUliaud den Echinus auch in granitischem Ge-
stein an.
CaiUiaud wurde durch seine Beobachtungen und Untersuchungen
überzeugt, dass die Seeigel ihre Löcher mechanisch und zAvar mittelst
ihres Kauapparates erzeugen. Der Bau des Apparates lehrte ihn,
dass derselbe die mechanische Bearbeitung von Gestein gestatte. —
Es mag deshalb zur leichteren Orientierung des Folgenden eine kurze
Beschreibung des Apparates eingeschaltet werden. —
Der Apparat, gewönlich ,, Laterne des Aristoteles" genannt, hat
ungefähr die Gestalt eines Kegels. Er besteht entsprechend dem
regulären radiären Bau des Echinus aus fünf unter sich überein-
stimmenden, dreiseitigen Pyramiden gleichenden Alveolen. Jede
Alveole setzt sich aus vier Teilen zusammen, zwei Hauptteilen und
zwei Epiphysen. Die beiden, ein gleichschenkhges Dreieck büdenden
Hauptteile sind an ihrem äusseren Rande mit einander verwachsen
und werden ausserdem noch durch die an ihrem oberen Ende be-
findlichen bogenförmig mit einander verwachsenen Epiphysen zu-
sammengehalten. Li der Höhlung jeder Alveole ist ein langer den
Schneidezähnen der Nagetiere ähnUcher Zahn an derselben Stelle
angewachsen, an welcher sich die Verwachsungsnaht der Alveolen-
hauptteile zeigt. Der Zahn ist ein wenig gekrümmt und besteht aus
zwei etwa gleichgrossen auf einander senkrecht stehenden Leisten.
Die äussere mit Schmelz bedeckte und geriefte Leiste ist härter als
der innere radiär gesteUte ZahnteU. Der Zahn steht ein kleines
Stück über die Alveole hervor und ist an seinem untern Ende zu-
gespitzt. Wie der Zahn der Nagetiere, so "wird auch der Zahn des
Echinus abgenutzt und wächst von oben aus wieder nach. ^) Die
fünf Alveolen werden, zu einem Kegel zusammengelegt (siehe oben),
') James Salter. On the Structure and Growth of the Tooth of Echinus.
Quarterly Journ. of micr. sc. 1861. p. 216.
18*
276 Georg John:
an ihren Dreiecksflächen durch kräftige quere Muskelfasern zu-
sammengehalten. Oben, an der Anwachsungsstelle der Epiphysen,
artikulieren breite radiäre Stücke, die Rotulae, welche in einer zur
Kegelachse senkrechten Ebene liegen und sich in der Mitte des
Apparates derart zu je zweien berühren, dass sie noch eine regel-
mässig fünfeckige Oeffiiung frei lassen. Vom inneren Ende jeder
Rotula geht ein leicht gebogener dünner Stab, der Radius, aus,
welcher parallel zur Rotula verläuft und sich an seinem äussern Ende
gabelt. — Die 5 Radien sind durch Quermuskeln mit einander ver-
bunden. Ausser diesen besitzt der Apparat Muskeln, welche die
Alveolen mit den Zähnen vorwärts und rückwärts bewegen. Die
Protraktoren inserieren, entsprechend der interambulacralen Stellung
der Alveolen, in der Interambulacralregion des Mundrandes und
setzen sich an dem oberen Teile der Alveolen an. Aehnlichen Ur-
sprung haben dünne schräge Muskeln, welche sich an den Radien
ansetzen. Die Retraktoren endlich inserieren an den Aurikelbögen
und setzen sich an das untere orale Ende der Alveolen an. — Kehren
wir nun zu Cailliauds Ausführungen zurück.
Die fünf Zähne des Kauapparates kratzen nicht auf dem Gestein,
sondern stossen darauf, denn in ersterem Falle müsste man auf dem
Kalk und Sandstein Spuren eines ritzenden Werkzeuges und nicht
Stiche beobachten, wie dies thatsächhch der Fall ist. Ist der Felsen
resistenter, so vereinigt der Seeigel seine fünf Zähne zu einer ein-
zigen pyramidenförmigen Spitze und arbeitet auf diese Weise mit
viel grösserer Kraft. Die Zähne greifen, da sie gekrümmt sind, das
Gestein nicht senkrecht, sondern mehr seitlich an. Dadurch wird
jeder losgeschlagene Splitter sofort weggeworfen.
Wie der Seeigel seine abgestumpften Zähne wieder schärft, lässt
sich nur vermuten. Bei geschlossenem Munde sind die fünf Zähne
kegelförmig zusammengelegt und berühren sich dabei so eng, dass
durch die Bewegung des Zahnapparates eine gegenseitige Reibung der
Zähne und damit zugleich ein Schärfen derselben stattfinden muss. i)
Es kann der Vorgang nur mechanisch sein ; denn wenn das Schärfen
der Zähne durch Absonderung einer Säure geschähe, dann würde
auch die den Zähnen anhaftende Politur nicht vorhanden sein.
Der Umstand, dass bei manchen Seeigeln die Zähne nicht mehr
selbständig beweglich sind, ist nicht von Bedeutung. Ein ausge-
wachsener Seeigel, welcher mit Hilfe seiner beweglichen Zähne sich
eine Wohnstätte in den Felsen gebohrt hat, braucht seine Zähne
nur noch zum Kauen, In Folge der geringeren Thätigkeit des Kau-
apparates verKeren die Tiere die Fähigkeit, die Zähne zu gebrauchen ;
diese verwachsen mit den Alveolen. Die Zähne sind jedoch nur leicht
') Anmerkung. Verfasser teilt die von Cailliaud ausgesprochene Ansicht.
Er hat bei einer einem Echinus entnommeneu aristotelischen Laterne die Alveolen
und damit zugleich die Zähne gegen einander bewegt und dadurch die vorher
stumpf gemachten Zähne wieder geschärft.
Ueber bohrende Seeigel. 277
angewachsen ; denn als der Apparat in warmes Wasser getaucht und
alsdann auf einen Tisch stark aufgestossen wurde, lössten sich mehrere
Zähne los und wurden wieder bewegHch.
Der Kauapparat ist, wie oben ausgeführt, durch ein kräftiges
Muskelsystem mit dem Rande der oralen Schalenöffnung verbunden.
Dadurch wird der ganze Apparat sowie jeder einzelne Zahn von oben
nach unten in Bewegung gesetzt. Bei dieser Arbeit heftet sich das
Tier mit Hilfe seiner Ambulacralfüsschen fest; nötigenfalls löst es
dieselben, bewegt sich fort und heftet sie von neuem an. Um Granit
zu bearbeiten stossen die zu einer Pyramide vereinigten Zähne auf
die Konturen der Quarz- und Feldspatkörnchen und lockern die
jene zusammenhaltenden Teile des Gesteins, von denen Feldspat und
Glimmer der Zersetzung leicht zugänglich sind. Dabei nutzt der See-
igel die Zähne nur wenig ab und zerstört durch stetiges Arbeiten
den Granit. Wahrscheinlich dauert die Arbeit beim Granit weniger
lange als beim Kalk, da sich Granit leichter als Kalk zersetzt. Das-
selbe gilt von den in Gneiss bohrenden Pholaden. Bei einem Ver-
suche, ein von Seeigeln angefülltes Felsstück von Sandstein unter
Wasser mittelst der einzelnen Zähne zu bearbeiten, widerstanden
diese nicht; sie nutzten sich rasch ab. Mittelst der vereinigten Zähne
aber wurde innerhalb einer Stunde ein dem Baue eines Seeigels ent-
sprechendes Loch von 5 mm Tiefe und 40 mm Umfang erzeugt.
Während sich auch hierbei die Zähne abnutzten, war das nicht der
Fall beim Granit. Nach Bearbeitung der Konturen der grösseren
Gemengteile war der Granit gelockert. Es scheint, dass Granit
leichter als Sandstein und dieser wieder leichter als Kalk zu be-
arbeiten ist. Die Bearbeitung des Granits wird dadurch erleichtert,
dass, wie schon oben angedeutet, das Meerwasser den Feldspat und
den Glimmer mehr oder weniger zersetzt und die leichten Gemeng-
teile wegführt, während die Quarzkörnehen die Höhle des Seeigels
austapezieren.
Cailliaud beobachtete, dass Seeigel, welche in ein schon vor-
handenes Loch gelangten, sich mit diesem nicht begnügten, sondern
dasselbe ihrer Grösse entsprechend bearbeiteten. Löcher von grösserer
Tiefe (z. B. 10 cm) rühren nach seiner Meinung nicht von einem
Tiere her; er glaubt sogar, dass ganze Generationen daran gearbeitet
haben.
Wie frühere Beobachter fand auch CaiUiaud auf den von See-
igeln bewohnten Felsstücken von Sandstein und Granit einen Ueber-
zug von Kalkalgen. Fast alle Stellen, welche die Löcher trennen,
sind damit bedeckt. Auf dem Grunde der Höhlen, da wo die Mund-
öffnung des Echinus sich befindet, ist diese Kalkalge äusserst selten.
In solchen Fällen ist die Basis der sonst leeren Löcher auch noch
mit anderen Fremdkörpern, z. B. Serpein, bedeckt, und Cailliaud
glaubt annehmen zu müssen, dass dieselben erst nach dem Tode des
Seeigels in dessen Höhle gelangt sind.
278 Georg John:
Um die Ansicht zu widerlegen, dass die nicht bohrenden Seeigel
des Mittelmeeres eine besondere Art bilden, hat auch Cailliaud zahl-
reiche Untersuchungen an bohrenden und nicht bohrenden Seeigeln
vorgenommen und gefunden, dass der Kauapparat überall derselbe
ist. Nur Astropyga Desofii und Diadema Sa\dgnya zeigen einige
aber nicht principielle Unterschiede. ^)
Nach diesen Ausführungen wirft Cailliaud die Frage auf: „Warum
sind die Echini mit Zähnen ausgerüstet, die mit Schmelz bedeckt
sind, sich abnutzen und wieder erneuert werden, wenn es nicht in
der Natur unserer Tiere läge zu graben?" „Der ganze Apparat",
fährt er fort, ,, würde unnütz sein, wenn er nicht jenen Zweck hätte,
und die Zähne würden fest gewachsen sein, wie dies der Fall bei
anderen Tieren ist, welche keine beweglichen Zähne brauchen."
In einer zweiten Arbeit 2) fügt Caillaud vorstehenden Unter-
suchungen weitere Beobachtungen und Experimente hinzu. Die Frage,
ob die Seeigel ihre Löcher zeitweilig verlassen oder nicht, beantwortet
er auf zweierlei Art. Im April 1H56 fand er unter einem ziemlich
grossen Kalkblocke eine 1 cm breite Felsspalte, in welche hinein zwei
Seeigel in noch jungem Alter gelangt waren und sich hier ihr Wohn-
loch von 3,5 cm Durchmesser gebohrt hatten. Die Tiere waren also
nie aus ihrer Höhlung herausgekommen. Cailliaud machte aber auch
entgegengesetzte Beobachtungen. Im Oktober 1855 fand er an der
granitischen Küste von La Turballe bei Croisic sehr häufig Seeigel
im Gestein. Im Juni und Juli des folgenden Jahres fand er an der-
selben Stelle nur leere Löcher. Im darauf folgenden Oktober und
November besuchte er dieselben Orte nochmals und fand viele See-
igel wieder in ihre Löcher zurückgekehrt. Die Erklärung dieser Er-
scheinung sucht er nicht darin, dass die Seeigel ihrer Nahrung nach-
gehen, wie von manchen behauptet worden ist, sondern in dem
Umstände, dass die Tiere in der heissen Zeit ihre Löcher verlassen
und gegen den Winter hin in dieselben meder zurückkehren. Er
fand, dass die Wasserbecken der höchsten Küstenteile von La Turballe
meist sehr klein sind, so dass sie das wenige Wasser zur Zeit der
F^bbe in der heissen Jahreszeit rasch verdunsten lassen. Dieser
Umstand muss den Tieren schädlich sein. Sie steigen deswegen in
die wasserreicheren tiefer gelegenen Becken herab und kehren im
Winter in ihre alten Löcher zurück, wobei sie nicht immer die ihrer
Grösse entsprechenden antreffen. Manche müssen, um in einer
kleineren Höhle Platz zu haben, ihre Stacheln senkrecht stellen,
manche wieder müssen dieselben horizontal ausbreiten, um den
') Nicht nur die von Cailliaud genannten, sondern die meisten Echinoideen
zeigen an ihrem Kauapparate Unterschiede, die allerdings nicht wesentliche zu
nennen sind.
2) F. Caüliaud wiederholt in Rev. et. Mag. t. 9. 1857 auf p. 391 — 98 das in
der 1. Arbeit Ausgeführte und fügt dem die hier reproduzierten Beobachtungen
hinzu.
Ueber bohrende Seeigel. 279
ganzen Kaum der Höhle auszufüllen. An der Küste von Douarnenez
verlassen die Seeigel ihre Löcher niemals; hier sind die Wasser-
hecken, welche die Löcher beherbergen, grösser, und ihr Wasser ver-
dunstet nie vollständig.
Um ganz positive Beweise für seine Ansicht zu haben, brachte
Cailliaud eine Anzahl Seeigel auf Felsen ins Meer. Das erste Mal
fand er die Felsen versandet wieder vor, und ein zweites Mal hatte
das Meer die meisten der Seeigel weggeschwemmt. Ein dritter Ver-
such war nicht glücklicher. Erst im August 1857 gelang es Cailliaud
an der Küste von Grabinek in einem LTntersuchungsbassin, in welches
er im August 1856 zahlreiche Seeigel gebracht hatte, in den Felsen
Löcher zu beobachten, die von diesen Seeigeln herrührten. Die
Tiefe der Löcher betrug nur 2 mm. Das erklärt sich durch die sehr
grosse Härte des Gesteins. Die meisten Seeigel hatten den Felsen
nur geritzt. Gleichzeitig gelang es Cailliaud, ein 1855 begründetes
Untersuchungsbassin während der F^bbe vollständig vom Wasser zu
befreien. Hier hatten in den ehemals glatten Felsen ein Dutzend
selbst dahin gekommener Seeigel sich einzubohren begonnen. Die
Löcher waren bis 9 mm tief und hatten 4 bis 6 mm im Durchmesser.
Die jährliche Arbeit betrug also etwa 3 mm.
Die Frage, ob der Echinus liWdus des atlantischen Ozeans mit
dem E. lividus des Mittelmeeres identisch sei, wird auch von Marcell
de, Serres i) behandelt. Serres sagt, es sei erklärlich, dass die Mittel-
meerindividuen nicht bohren (s. unten), wie ja auch die Pholaden
nicht immer bohren. Ein genauer Vergleich lehrte ihn, dass die
fraglichen Seeigel nur Varietäten derselben Art seien. Er weist
darauf hin, dass Cailliaud am Leuchtturme der Insel Planier bei
Marseille den Echinus lividus in Höhlen gefunden habe, die von dem
Tiere selbst herzurühren scheinen; manche Individuen findet man
dort allerdings auch in natürlichen Vertiefungen der Kalkfelsen.
Serres ist mit Cailliaud der Meinung, dass das Fehlen von Ebbe und
Flut im Mittelmeere den Seeigel nicht nötigt, sich einzugraben.
Auch sucht Serres nachzuweisen, dass die Inkrustationen der
Kalkalgen den Seeigel nicht am Bohren verhindern können, da an
der ihrer MundöHhung entsprechenden Stelle der liöcher die Alge
sich nicht findet, also von den Tieren entfernt worden sein muss
oder dort nicht gewachsen ist.
Eine Zusammenstellung der wichtigsten Litteratur über bohrende
Seeigel ist, wie bereits eingangs erwähnt, von P. Fischer'^) gegeben
worden. Fischer kommt bei seinen Untersuchungen zu denselben
Ergebnissen wie Cailliaud. Zwischen der Ausbreitung der Kalkalgen
') Marcel de Serres. Sur Taction perforaiite de TEchinus lividus. 1856.
— Compt. rend. d. TAc. d. sc. d. P. t. 43 p. 405 — 6. ibid. t. 44 p. 72. — Bullet.
Soc. geol. d. F. t. 14. p. 518—24. 1857.
^) P. Fischer. Note sur les Perforations de rEchinus lividus Lam 1864.
— Annales d. sc. nat. V. Ser. Zool. 1. 1. p. 321.
280 Georg John:
und dem Auftreten der Echinushöhlen stellt er folgende Beziehung
fest: „Ueberall, wo beide zusammen auftreten, haben die Algen ein
glattes Aussehen und dieselbe Färbung. Entfernt von den Löchern
der Seeigel besitzen die Kalkalgen das . Aussehen von Madreporen
und Maeandrinen , sind gefaltet und gefurcht." Daraus schliesst
Fischer, dafs die kalkigen Inkrustationen sich in letzterem Falle auf
Körper von anderer Natur abgesetzt haben als da, wo sie mit den
eingebohrten Seeigeln zusammengefunden wurden.
Der Ansicht Cailliauds und Serres, dass die Seeigel nicht not-
wendig zu bohren brauchen, stimmt auch Fischer bei und belegt dies
durch analoge Beispiele an Mollusken. Tapes perforans (Mont.) lebt
sowohl frei an sandigen Küsten als auch auf felsigen Ufern, die sie
nicht wieder verlässt. Die grossen regulären Mytilusindividuen halten
sich auf sandigem Boden auf, die kleinen unregelmässigen dagegen
in Felshöhlen. Pecten pusio (Penn.) lebt im Mittelmeere frei, im
Ozean wird sie sesshaft wie die Auster. An ruhigen Meeresstellen
hängt sich Patella lose an den Boden; an bewegten Meeresstellen
aber gräbt sie sich in Sand und Schlamm Löcher, die sie kaum
wieder verlässt. Schliesslich macht Fischer noch auf die geologische
Anwendung der Erscheinung des Bohrens aufmerksam.
Nicht blos Felsen, sondern auch Muscheln bohren die Seeigel
zuweilen an. Diese Beobachtung wurde von Ilesse^) bei Echinus
lividus und P^chinus miliaris gemacht, welche sich beide in Austern-
schalen eingebohrt hatten. Von diesen losgerissen zeigten ihre zu-
sammengelegten Zähne die erwähnte konische Gestalt. In den Zähnen
selbst hielten sie noch pulverisierten Kalk. Letzteren fand Hesse
auch im Magen der Tiere; gleichzeitig entdeckte er darin Seegras
und Reste von animalischer Nahrung. Der Umstand, dass die See-
igel die kalkigen Muschelschalen anbohren und meist in Felsen leben,
die mit Kalkalgen bedeckt sind, ist für Hesse ein Beweis dafür, dass
die Tiere den Kalk aufsuchen, um ihn als Nahrung zu gewinnen.
Die chemischen Analysen von Austernschalen ergaben 1,2 7o phosphor-
sauren Kalk, 98,6 7o kohlensauren Kalk und 0,5 % organische Sub-
stanzen. Die Analysen zweier Kalkalgen, Lithothamnion coralloides
und Lithothamnion depressum, ergaben zwei und dreimal mehr an
organischen Substanzen als die Austernschalen. Lithothamnion
coralloides enthielt 79,9 % kohlensauren Kalk, 1,75 7o Kieselsäure,
17,02 7o Wasser und 1,05 "/o stickstoffhaltige organische Substanzen.
Lithothamnion depressum 75,02 «/o kohlensauren Kalk, 1,09 % Kiesel-
säure, 21,58 7o Wasser und 1,05 % organische Substanzen. Weil die
Kalkalgen reicher an organischen Substanzen sind als die Austern-
schalen, so werden, meint Hesse, die Seeigel die ersteren den letzteren
vorziehen und werden, da sie schon die Austernschalen aus Nahrungs-
bedürfnis aufsuchen, die mit Kalkalgen bedeckten Steine umsomehr
anzubohren geneigt sein. Hesse folgert daraus ferner, dass die Tiefe
') Hesse in Annales d. sc. nat. V. Ser. Zool. t. VII. 1867, p. 257.
Ueber bohrende Seeigel. 281
der von Seeigeln gebohrten Löcher von der Dicke der Kalkablagerung
abhängt. — Nach Hesses Beobachtungen muss der Meeresboden
immer mit Wasser bedeckt sein, wenn sich Seeigel dort aufhalten
sollen. — Als einen zweiten Grund des Bohrens führt auch Hesse
die mehrfach erwähnte Ansicht an, dass die Tiere in ihren Höhlen
Schutz vor dem bewegten Meere suchen.
Bei seinen zoologischen Forschungen auf Mauritius fand K.Möhivs^)
den Heterocentrotus trigonarius und den Heterocentrotus mammillatus
in der Nähe der Aussenkante eines Dammriffes * in runden Ver-
tiefungen, in welchen die Tiere gegen die Brandung geschützt waren.
Die Oeffnung dieser Vertiefungen war enger als ihr grösster Umfang.
Die Tiere besitzen lange dreiseitige, an der Unterseite aber flache
zweiseitige Stacheln. Die dreiseitigen Stacheln sind an ihrem spitzen
Ende mit drei gebogenen Kanten, die zweiseitigen mit nur einer
Kante versehen. In den p]ndkanten laufen die feinen Längsriefen
der Stacheln aus ; letztere sind also gezähnelt. Die Stacheln werden
vom Seeigel bewegt, gleiten an dem Riffkalke entlang und wirken
so als Bohrer. Die Stacheln der Mundseite fangen an zu bohren,
und je tiefer die Höhle wird, desto mehr dreikantige Stacheln be-
teiligen sich an der Arbeit. Die grössten Stacheln stehen in der
Höhe des gi-össten Umfangs; dadurch erhält die Höhle ihre grösste
Ausdehnung in der Mitte zwischen Boden und Oeffnung. Der See-
igel, der jung zu bohren angefangen hat, kann die Höhle demnach
nicht wieder verlassen, kann aber auch nicht durch die Gewalt der
Brandung herausgeschlagen werden. Seine Nahrung erhält er durch
das hinzuströmende Wasser, welches ihm organische Substanzen zu-
führt. Im Darme dieser Tiere fand Möbius oft Schalen von Fora-
miniferen und schliesst daraus, dass dieselben wahrscheinlich zur
Nahrung der Tiere gehören.
IL Die Handstüeke von den Azoren und aus
der Bretagne.
Die Azoren bilden eine recente vulkanische Inselgruppe. Noch
im Jahre 1444 oder 1445 ist die Westseite von San Miguel, der
grössten Insel des Archipels, von einem bedeutenderen vulkanischen
Ausbruche betroffen worden. Die Insel sendet mächtige Klippen ins
Meer, die aus noch frischer Lava bestehen. Die Lavaklippen sind
zerrissen und zerspalten und treten zuweilen in grotesken Figuren
aus dem Meere hervor, so zum Beispiel an der Küste von Ponta
delgada, der am Meere gelegenen Hauptstadt von San Miguel.
Die Lava der Küste von Ponta delgada ist ein hartes Gestein
(H =4, 5) , welches selbst Hammer und Meifsel zähen Widerstand
') K. Möbius. Beiträge zur Meeresfauna der Insel Mauritius u. s. w.
p. 49. 1880.
282 Georg John:
leistet und nur schwierig einige Handstücke lostrennen lässt. Die-
jenigen Teile der Lava, die mit dem Meere in Berührung gekommen
sind, zeigen die Einwirkung des Meerwassers auf das Gestein. An
solchen Stellen ist es zersetzt und bröcklig. Zur Zeit der Flut stehen
die Lavaklippen vollständig unter Wasser, zur Ebbezeit aber ver-
dunstet dasselbe in Folge der Sonnenwärme. Durch derartige Vor-
gänge muss sich im Laufe der Zeit die Oberfläche der Lava zer-
setzen, ein Prozess, der durch die Porosität des Gesteins noch er-
leichtert wird. Der frische unebene Bruch der Lava zeigt dagegen
ein noch vollständig recentes, grauschwarzes bis blauschwarzes poröses
Gestein, in welchem man schon makroskopisch Feldspatkrystalle er-
kennen kann.
Die mikroskopische Untersuchung von Dünnschliffen lässt ein
äusserst gleichmässig feinkörniges Aggregat von Plagioklas, Augit
und Eisenerzen, besonders tafelförmigem Eisenglanze erkennen. Fig. I
der Tafel zeigt uns einen mikroskopischen nicht vollständig vertikalen
Durchschnitt durch das Gestein und die dasselbe bedeckende Alge,
welche mit der Linie a h c d e scharf vom Gestein abgrenzt. Die
Plagioklase erscheinen meist als schmale Leisten und bilden die
häufigsten Gesteinsgemengteile. Man erkennt sie bei gekreuzten
Nikols sofort an der charakteristischen Zwillingsstreifung, welche sie
in einem blaugrauen Lichte erscheinen lässt. Die meisten der schmalen
Stäbchen, welche das Gesteinsbild wirr durchsetzen, stellen solche
Plagioklaskrystalle dar. Zum grössten Teil zeigt sich der Plagioklas
noch sehr frisch und nur selten etwas getrübt. Nach seiner chemischen
Natur ist dieser Feldspat Labradorit. (Siehe Anmerkung unten).
Die Augite treten aus der Menge der Plagioklaskrystalle durch ihre
grössere Breite und ihre dunklere Färbung bei gekreuzten Nikols
deutlich hervor. Eine schmutziggelblichbraune Farbe kennzeichnet
sie im polarisiertem Lichte, wie uns dies zum Beispiel der grosse
Augitkrystall bei c lehrt. Mit den den Augiten ähnlichen Horn-
blendekrystallen sind dieselben nicht zu verwechseln, da sie einen
nur schwachen Dichroismus zeigen. Lässt man nämlich den oberen
Nikol weg, und dreht man den unteren Nikol, so zeigt der Augit
ganz nahe aneinanderliegende Farbentöne, während die Hornblende-
krystalle in diesem Falle deutliche Farbenunterschiede aufweisen
würden. Augite, welche einen zonaren Aufbau erkennen lassen, sieht
man nur selten. Die meisten der Augite haben sich unter Abscheidung
von braunem Eisenhydroxyd stark zersetzt. Die bald grösseren bald
kleineren schwarzen Flecke von meist tafelförmiger Gestalt stellen
den Eisenglanz vor, durch Avelchen das ganze Bild wie marmoriert
erscheint. Auch der Eisenglanz beweist hie und da durch seine Braun-
färbung, dass er hydratisiert ist. In mikroskopischen Höhlungen
gewahrt man ferner ein strahliges zeolithisches Mineral, dessen In-
dividuen vom Mittelpunkte aus sich radiär bis an die Wandungen
der kleinen Höhlungen hin erstrecken (Unsere Figur zeigt kein Bei-
Ueber bohrende Seeigel. 283
spiel davon.) Die chemische Analyse i) lehrt das Gestein als eine
basaltische Lava kennen.
An allen Stellen, wo das Meer die Laven erreicht, sind dieselben
nur mit wenigen Ausnahmen von Kalkalgen überzogen, welche sich
in alle Risse und Spalten des Gesteins eindrängen und nur selten
das blosse Gestein dem Äleere darbieten. Die bald mehr weissliche
bald mehr rötliche Kalkalge ist von F. Hauck als Lithothamnion
polymorphum bestimmt Avorden. Die Alge bildet einen knolligen
sich jeder Unebenheit des Gesteins eng anschmiegenden Ueberzug
über das Gestein. Auf ihrer Oberfläche zeigt sie mehr oder weniger
dicht nebeneinander befindliche Poren, die entleerten Sporenbehälter
der Pflanze. 2)
Figur I der Tafel zeigt uns neben dem Gesteinsbild den fast
vertikalen Durchschnitt durch die Alge. Alles, was oberhalb der
Linie a h r <1 e gezeichnet ist, gehört zur Alge. Auf den ersten Blick
scheint dieselbe aus wenigstens fünf verschiedenen Zellenarten zu
bestehen. In Wirklichkeit besteht die Alge nur aus zwei verschiedenen
Zellencomplexen, einem oberen weitmaschigen, welcher oberhalb der
Linie M N 0 P gezeichnet ist , und einem unteren engmaschigen,
welcher sich unterhalb dieser Linie bis zum Gestein hin erstreckt.
Im oberen weitmaschigen Teil der Alge sieht man bei ^1 A ' eine aus
polygonalen Zellen bestehende Schicht, welche nur bei a- eine beim
Schleifen des Materials entstandene Unterbrechung zeigt. Bei B
sehen wir ein in parallele Reihen geordnetes aus rechteckigen Zellen
zusammengesetztes Gewebe vor uns. Die Zellenschicht (" weist wieder
ein Aggregat von Zellen auf, die bald von polygonaler, bald von
unbestimmter Form sind. Die engmaschigen unterhalb der Linie
M N 0 P befindliche Zellenlage erscheint bei D aus radiär gestellten
Zellenreihen zusammengesetzt, welche wieder aus kleinen rechteckigen
Zellen bestehen. Ueber und unter der Zellenlage D befindet sich
eine noch feinzelhgere Algenschicht, welche einen A-ielfach zerrissenen,
die Einzelindividuen nicht mehr deutlich kennzeichnenden Zellen-
') Anmerkung. G. Hartinig giebt in seinem Werke „Die Azoien in ihrer
äusseren Erscheinung und nach ihrer geognostischeu Natur" unter anderen die
folgende im Bunsenschen Laboratorium ausgeführte Analyse einer Lava von
Ponta Delgada an : Kieselsäure 49,0 "/o , Thonerde 7,4 "/j , Eisenoxydul 17,6 7o>
Kalkerde 12,7 7o, Magnesia IO,i 7«, Kali 1,2 7o und Natron 2,0 7o- Da in diesen
Laven das Verhältnis der Alkalien (Kali 1,2 7n + Natron 2,o 7« = 3,2 7o) zum
Kalk wie 3,2 : 12,7, also ungefähr wie 1 : 4 ist, so entspricht der Feldspat des
Gesteins etwa der Zusammensetzung des Labradorits, denn beim Labradorit
übertrifft der Kalkgehalt den Gehalt an Alkalien bei weitem. Dass das gefundene
Verhältnis aber auch im wesentlichen durch die chemischen Bestandtheile des
Feldspats hervorgerufen wird, dafür zeugt der Umstand, dass die Plagioklase
den Hauptgesteinsgemengteil ausmachen.
^) Anmerkung. Unter anderem hat Simioth auf den Azoren auch Litlio-
phyllum cristatum Menegh,, eine weisse Kalkalge von maeandrinenartigem Aus-
sehen gefunden.
284 Georg John:
complex darstellt. Den Typus der oberen weitmaschigen Schicht
sehen wir bei B, den Typns der unteren engmaschigen Zellenlage
in den radiären Zellenreihen von D.^)
Verfolgen wir jetzt in unserer Figur I den Kontakt zwischen Alge
und Gestein , so markiert uns die mehrfach erwähnte Linie ah c de
denselben sehr deutHch. Bei a tritt die zerrissenzellige Grenzschicht
der Alge an die Längskante eines Plagioklases heran. Bis h sieht
man mehrere andere Plagioklaskrystalle , welche an der Gesteins-
grenze scharf abschneiden; nirgends sieht man aber die Grenzschicht
eines Krystalls uneben oder zerrissen. Von h bis c bilden haupt-
sächlich Eisenglanzkryställchen den Kontakt, aber immer eine deut-
liche Grenze markierend. Bei c zieht der grosse Augitkrystall eine
scharfe Grenze. Von c bis d verläuft der Kontakt wie von h bis c,
und die letzte Strecke d e ähnelt wieder der ersten. Die Alge dringt
nicht nur in die grossen Risse des Gesteins wie bei h c d ein , son-
dern schmiegt sich auch der kleinsten Unebenheit eng an, ohne dass
man weder im gewöhnlichen noch im polarisierten Lichte eine Ver-
änderung der Grenzschichten durch die Alge wahrnehmen könnte.
Besonders schön zeigen dies die Plagioklaskrystalle, welche an ihrem
äusseren, die Alge berührenden Enden so lebhaft polarisieren wie
an ihrem inneren Ende. Die von der Alge berührte Gesteinsschicht
zeigt sich demnach in jeder Weise dem übrigen Gestein gleich beschaffen,
so dass eine chemische Einwirkung der Alge anf das (restein nicht statt-
gefunden haben kann. — Schliesslich sei noch hervorgehoben, dass
der in den Algenzellen ausgeschiedene Kalk die Alge im polarisierten
Lichte buntfarbig erscheinen lässt, ein LTmstand, der für die folgenden
Untersuchungen des Verfassers von Wichtigkeit geworden ist.
Betrachten wir Figur II unserer Tafel, so stellt sich uns wiederum
der Kontakt der Alge mit dem Gestein dar. Die Alge ist nur in
ihrer unteren engmaschigen Läge D^) gezeichnet; die obere weit-
') Anmerkung. Die verschiedenen Zellformen lassen sich auf dreierlei
Ursachen zurückführen. Beim ersten Wachstum legt sich die Alge dem Ge-
stein dicht an, sich allen Unebenheiten desselben anpassend, wie uns dies Fig. I
bei bcd zeigt. Dadurch müssen notwendig die darüberliegenden Zellschichten
im Wachstum beeinträchtigt werden, und es entstehen vom Typus abweichende
Zellformen. Zweitens können im Gestein Risse und Sprünge entstanden sein
(wofür wieder Figur I bei bcd ein Beispiel hat), und dadurch müssen dann
auch Spannungen im Zellgewebe der ehemals noch recenten Alge im Gefolge
gewesen sein. Drittens aber, und dies trifft in unserem Falle wahrscheinlich
das Richtige, sind die im Durchschnitt sich verschieden darstellenden Zell-
formen dadurch entstanden, dass beim Schleifen der Schnitt bald senkrecht, bald
unter einem Winkel zur Oberfläche der Alge geführt worden ist, ein Uebel-
stand, der durch die verschiedenartig gekrümmte Oberfläche der Alge hervor-
gerufen wird.
") Anmerkung. Die Lage D zeigt hier eine den Unebenheiten des Gesteins
entsprechende Verzerrung.
Ueber bohrende Seeigel. 285
maschige Schicht ist weggelassen. Das Gestein zeigt die bereits be-
schriebenen Gemengteile. Ausser den Zellformen von D bemerken
wir eine von E bis F sich erstreckende und zwischen die Zellen-
lage D und das Gestein sich einschiebende wurmförmig gekrümmte
Kontaktschicht E F, welche zufolge ihrer zelligen Struktur zur Alge
gehört. Die Zellen sind allerdings vielfach nicht mehr deutlich, wie
dies die Figur auch demonstriert. Betrachtet man diese Kontakt-
schicht im polarisierten Lichte, so bleibt sie dunkel, während die
darüber befindliche Algenlage und das Gestein lebhaft polarisieren.
Wir haben es also hier mit einer dritten Algenschicht zu thun, die
frei von Kalk ist, da ihr die Doppelbrechung des Lichts abgeht.
Auch dieser Umstand soll den weiteren Untersuchungen zu nutze
kommen.
Das Tierleben auf und unter diesen näher beschriebenen die
Gezeitenzone bildenden Lavafelsen von Ponta delgada ist ein sehr
reiches. In Felsspalten prangt unter dem Gestein die orangerote
Actinia equina neben bunten Seesternen. Auf den Kalkalgen bilden
Sertularien und Bryozoen mehr oder weniger ausgedehnte Rasen.
Letztere überziehen häufig Muschelschalen und Schneckenhäuser, be-
sonders Patellen. Von den Gasteropoden sind es ausser Patella ganze
Massen von Litorinen, Purpurschnecken, Haliotis etc., welche diese
Zone zum Aufenthalt gewählt haben. Die Gephyreen sind unter
anderen durch Phascolosoma, die Anneliden durch scharenweise auf-
tretende Serpein und viele freilebende vertreten. Die Serpein schmiegen
sich dem Gestein derart an, dass sie von den alles bedeckenden Kalk-
algen meist vollständig inkrustiert werden. Letztere werden zuweilen
von den in grossen Mengen dicht nebeneinander auftretenden Balanen
verdrängt, welche dem Gestein ein pockennarbiges Ansehen geben;
von dem reichen Heere frei sich tummelnder Kruster ganz abzusehen.
In den ruhigeren, tieferen sandigen Stellen halten sich die Spatangen,
auf den zerklüfteten Felsen der Gezeitenzone aber vornehmlich reguläre
Seeigel auf. Die Seeigel, welche dem Verfasser zur Untersuchung
vorlagen, waren Arbacia pustulosa (Gray), Strongylocentrotus lividus
(Brandt) [syn. Echinus Kvidus (Lam.)] und Sphaerechinus granularis
(Ag.) [syn. Echinus brevispinosus (Lam.)]i) Die regulären Seeigel
wohnen, soweit von Simroth beobachtet werden konnte, ohne Aus-
nahme in Steinhöhlen von ungefähr halbkugehger Form; dabei be-
finden sich die Höhlen so dicht nebeneinander, dass die Füsse der
Badenden häufig von den Stacheln der Seeigel verletzt werden. Jede
Höhle ist der Grösse des Tieres genau angepasst. Mit den Stacheln
berühren die Tiere die Unebenheiten der Höhle derart, dass sie von
der Flut nicht herausgeschlagen werden können. Nur mit Mühe
kann man sie aus ihren Löchern entfernen. Die kleinsten Höhlen
haben die Grösse einer Hasselnuss, die grössten erreichen einen
') Aiimerknng. Von den letzteren beiden Arten bat bereits H. Drouet
Exemplare anf den Azoren gefunden.
286 Georg Jolni:
Durclimesser von 10 cm. Die Tiefe der Löcher entspricht der Höhe
der Tiere; meist übertrifft sie dieselbe noch. Die Innenseite der
Löcher ist bald nneben, bald durch die Likrustationen der Kalkalgen
geglättet. Zuweilen sieht man auf dem Boden der Höhlen kleine
Löcher, welche die Unebenheiten der Höhle noch erhöhen und selbst
den Kalküberzug durchdringen. In solchen Höhlen liegen die See-
igel meist regungslos da. Bei allen ihren Wohnlöchern entnommenen
Tieren zeigten sich die Stacheln der Mundseite platt an den Körper
angedrückt. Zuweilen sind die Löcher durch Patellenschalen zu-
gedeckt. Will man eine solche Schale entfernen, so bemerkt man,
dass die Seeigel sich mit ihren Saugfüsschen daran geheftet haben
und, wie es scheint, dieselbe nicht loslassen wollen. Sie suchen sich
also nach den Beobachtungen des Sammelnden noch eine zweite
Deckung gegen das bewegte Meer.
An einem quarz- und giimmerreichen grobkörnigen Granithand-
stück aus der Bretagne, demselben Material, welches Cailliaud vor-
lag, konnte Verfasser ganz Analoges wie an den azorischen Laven
beobachten. Die bereits vertrockneten Seeigel sitzen zum Teil noch
ganz fest mit ihren Stacheln in den Höhlungen. Da, wo die Tiere
aus den Löchern entfernt worden sind, sieht man eine durchweg
unebene halbkugelförmige Höhlung, deren Fläche von einzelnen
warzenförmigen Quarzkörnern besetzt ist. Das Gestein zeigt sich
vollständig zersetzt, und die Höhlen enthalten lose daliegende Par-
tikelchen der Gesteinsgemengteile. Das ganze Gestein ist von einer
Kalkalge ') bedeckt, welche nur in den Höhlungen selbst fehlt. Die
makroskopische Beschreibung dieses Granits stimmt also mit der von
Cailliaud gegebenen Beschreibung der von Seeigeln bewohnten bre-
tonischen Granite überein.
Figur III unserer Tafel demonstriert einen senkrechten Durch-
schnitt durch den Granit und die denselben bedeckende Alge. Der
Granit zeigt schon makroskopisch ein grobkörniges Aggregat von
Quarz, Orthoklas, Magnesiaglimmer und Kaliglimmer. Das Mikroskop
bestätigt diese Analyse. Der Quarz stellt sich (in unserer Figur
z. B. RR') als eine wasserklare hie und da von Sprüngen durch-
zogene, mit Flüssigkeitseinschlüssen versehene Masse dar, welche im
gewöhnlichen Lichte stark glänzt, bei gekreuzten Nikols aber lebhaft
chromatisch polarisiert. Die mit parallelen Rissen versehenen Feld-
spate {a, b, <\ d, e u. s. w. der Figur III kennzeichnen sich durch ihre
trübe, gelblichbraune Färbung als Orthoklase. Der Kaliglimmer (die
Figur zeigt keinen solchen) ist viel seltener als der dunkle Magnesia-
glimmer, von dem man in der dreieckigen Gestalt u-i/t/' ein Beispiel
') Anmerkung-. Die von F. Hauck untersuchte Alge wird von diesem
ebenfalls für Litliothamnion polymorphum gehalten
Ueber bohrende Seeigel. 287
sieht. Er ist durch seine gelhhchbraune Färbung und zuweilen
lamellare Zusammensetzung charakterisiert. Die übrigen das Ge-
steinsbikl ausfüllenden nicht speciell genannten Gemengteile sind
Quarzpartikelchen. Accessorische Gemengteile wurden in den unter-
suchten SchHften nicht beobachtet.
Die das Gestein überziehende Alge zeigt nur zwei Schichten.
Die obere aus rechteckigen parallelreihig gestellten Zellen bestehende
Lage sehen wir zwischen den Buchstaben U und U' und oberhalb
der Linie m n o. Unterhalb dieser Linie und oberhalb der Grenz-
linie tf V w a- y z bemerkt man eine feinzeUigere Algenschicht , deren
Zellindividuen aber weniger deutlich ausgeprägte Formen haben als
die Zellen der oberen Lage. Beide unterscheiden sich ausserdem
durch ein verschieden starkes Polarisationsvermögen. Der obere Zell-
complex polarisiert lebhafter als der untere. Man sieht dies beim
raschen Drehen des oberen Nikols besonders deutlich. Der durch
das rasche Drehen hervorgerufene Farbenkontrast ist bei der oberen
Lage viel stärker als bei der unteren feinzelligen Kontaktschicht.
Daraus folgt, dass die Kontaktschicht weniger kohlensauren Kalk
enthält als die obere Zellenlage. Diese Erwägung steht in Einklang
mit der oben bei Lithothamnion gefundenen Thatsache, dass die
unterste Schicht nicht polarisiert, also kalkfrei ist.
Verfolgen wir auch in dieser Figur den Kontakt der Alge mit
dem Gestein und zwar in der schon erwähnten Linie u o iv .t y z :
Von V bis ,f bildet die Kontur einer Quarzplatte die Grenze. Ueberall
schmiegt sich die Alge dem Gestein eng an, doch vermag man weder
im gewöhnlichen noch im polarisierten Lichte irgend eine Veränderung
der Krystallkonturen nachzuweisen, welche durch die Alge hervor-
gerufen sein könnte. Von .r bis y bildet das genannte Magnesia-
glimmerblättchen die Grenze, und von y bis ^ legen sich die Zellen
der Pflanze dicht an die Konturen eines Orthoklases an. Auch
hier ist die Färbung der Kontaktzone genau so lebhaft wie in der
Mitte des Krystalls, ein chemischer Einfluss der Alge auf die Ge-
steinsgemengteile also ausgeschlossen. So finden wir den oben be-
gründeten Satz, dass die Kalkalgen dem Gesteine nur mechanisch
aufgelagert sind, von neuem und an anderem Material bestätigt.
111. AVie und warum bohren die Seeig'el?
Um die Fragen, wie und warvm. die Seeigel bohren, beantworten
zu können, sollen im Folgenden die in Abschnitt I angeführten An-
sichten der verschiedenen Beobachter kurz reproduziert und kritisch
behandelt werden. Daran mögen sich weitere eigene Untersuchungen
und schliesslich Reflexionen anreihen, die zum Teil auf den in Ab-
schnitt II behandelten Untersuchungen und Beobachtungen fussen. —
Fragen wir uns zuerst: Wie bohren die Seeigel?
288 Georg John:
Cailliaud war anfangs der Meinung, dass die Seeigel den von
ihnen bewohnten Kalk auf chemische Weise angreifen, doch führte
ihn der Umstand, dass viele Mollusken, welche eine ätzende Flüssigkeit
absondern und doch nicht Gesteine anbohren, zu der Ansicht einer
mechanischen Entstehung dieser Vertiefungen. Auch wäre die chemische
Einwirkung einer solchen Flüssigkeit auf das Gestein nicht möglich,
da sonst die die Felsen bedeckenden Kalkalgen und die Schale des
Echinus selbst von derselben angegriifen werden müssten. ') CaiUiaud
macht femer darauf aufmerksam, dass bei Absonderung einer Säure
der die Zähne des Echinus bedeckende Schmelz verletzt werden
würde. Durch chemische Einwirkung einer Säure würde der Kalk,
wie schon oben bemerkt, ein Aveniger unebenes Aussehen erhalten,
die Höhlen im Kalkgestein zeigen indes eine vollständig rauhe Be-
schaffenheit. 2) Die Tiere bohren ausser in Kalk auch in Sandstein,
Granit, Gneiss und Lava. Eine chemische Einwirkung durch eine
abgesonderte Säure auf derartiges Material ist aber nicht denkbar,
da die abgesonderte Flüssigkeit vom Meerwasser derart verdünnt
werden würde, dass eine chemische Wirkung auf Kieselsäurever-
bindungen ausgeschlossen ist. Zudem hat noch niemand eine der-
artige Flüssigkeit bei den Seeigeln nachgewiesen.
W^ahrscheinlicher ist schon die von Trevelyan^) und später von
Deshayes'^) ausgesprochene Ansicht, dass die Seeigel sich natürliche
Höhlungen im Gesteine suchen. Ersterer begründet seine Ansicht
nicht näher. Da er selbst tiefe und innen geglättete Löcher ge-
funden hat, so glaubt er, dass die Seeigel ihre instinktiv gefundenen
Löcher vertiefen und glätten. Damit schreibt er den Tieren also
doch eine aktive Beteiligung an dem Entstehen der Höhlungen zu.
Auch Deshayes bestreitet, dass die von den Seeigeln bewohnten
Löcher die Produkte ihrer eigenen Thätigkeit seien. Er begründet
seine Ansicht durch folgende schon oben erwähnte vier Punkte.
Erstens, führt er aus, haben die Individuen derselben Art im Mittel-
meer nicht dieselbe Fähigkeit wie im Ozean, Dagegen haben Cailliaud
und später Marcel de Serres schon den Einwurf erhoben, dass das
Fehlen von Ebbe und Flut im Mittelmeer die Seeigel nicht zum
Bohren nötigt. Wenn sie eines Schutzes bedürfen, suchen sie sich
natürliche Höhlen auf. Indes hat Arthur Eloffe (und, wie Marcel
de Serres 5) schreibt, auch Cailliaud) im Mittelmeere, am Leuchtturme
■) P. Caüliaiid. Observations et nouv. faits sur les Mollusques perforants
en general. 1864. — Coiupt. rend. de l'Ac. d. Sc. d. P. Zool. t. 39. p. 34 — 36.
— E. Robert. Action perforaute d une espece de rEchinoderme. ibid. p. 630.
2) F. Calliaud. Compt. reud. d. l'Ac. d. P. Zool. t. 8. 1856.
^) W. C. Trevelyan. Suppo.sed boring powers of the Echinus lividus. 1849.
:— Edinb. new phiIo.s. Joiirn. t. 46. p. 486—87,
•») M. Deshayes (Forts, von M. Ch. Lory : Observ. sur les Oursius perforant
le granite ser les cötes de la Bretagne). — Bull. Soc. geol. de Fr. p. 43—46.
1856 vom 5. 11. 1855.
5) Marcel de Serres in Bullet. Soc. göol. d. F. t. 14. p. 518 — 24. 1855.
lieber bohrende Seeigel. 289
von Planier, Seeigel in ihren Löchern gefunden. (Siehe unten).
Zweitens müssten nach Deshayes die Tiere, wenn sie einmal von
der Natur zum Bohren bestimmt seien, das immer und überall thun.
Dass sie nicht überall zu bohren brauchen, ist oben schon erörtert
worden. Dass sie nicht immer bohren, richtet sich ebenfalls nach
den Lebensverhältnissen der Tiere. Auch Pholaden bohren nicht
immer. Petricola ochroleuca^) und die meisten Arten derselben
Gattung sind ebenfalls bohrende Tiere. Doch wenn sie die salzigen
Seeen der Mittelmeerufer bewohnen, begnügen sie sich damit, in den
Schlamm einzudringen, ohne sich in die Felsen einzugraben. Drittens
sucht Deshayes seine Ansicht mit der Behauptung zu begründen,
dass die Seeigel keine zum Bohren des Gesteins geeigneten Apparate
besässen. Diese Behauptung wird durch die in Abschnitt I berichteten
Versuche und Beobachtungen Cailliauds widerlegt. Viertens müssten,
schreibt Deshayes, die Inkrustationen der Kalkalgen von den boh-
renden Tieren verletzt werden; diese seien aber intakt. Letzteres
hat sich bei den azorischen Handstücken nicht gezeigt. Hier sind
die inkrustierten Löcher an verschiedenen Stellen unterbrochen. Das
oben beschriebene Handstück aus der Bretagne zeigt ebenfalls Löcher,
welche die Likrustationen nicht besitzen. Diese bedecken zumeist
nur den Rand der Höhlungen. Cailliaud macht darauf aufmerksam,
dass nach seinen Beobachtungen die Seeigel ihre Löcher zuweilen
verlassen. Ein leeres Loch kann also von demselben oder von einem
anderen Echinus bezogen werden, ohne dass dieser genötigt wird,
die inzwischen gewachsene Alge zu verletzen.
Eine weitere Ansicht, dass nämlich der Seeigel seine Löcher mit
den beweglichen Stacheln bohre, wird von Robert-) vertreten. Den
Grund für diese Ansicht findet Robert in den stark abgenutzten
seitlichen und unteren Stacheln der Tiere. Möbius^) erklärt die von
Seeigeln bewohnten Löcher im Riffkalk ebenfalls als durch die be-
wegten Stacheln der Tiere entstanden. Die dreikantigen gezähnelten
Stacheln der von ihm beobachteten Heterocentrotus trigonarius und
Heterocentrotus mammillatus scheinen ihm besonders dazu geeignet
zu sein. Die von den Azoren stammenden Strongylocentrotus lividus,
Sphaerechinus brevispinosus und Arbacia pustulosa zeigten gleichfalls
die unteren und seitlichen Stacheln abgestumpft.
Es ist entschieden richtig, dass die Stacheln beim
Bohren beteiligt sind. Damit steht aber die zuerst von Cailliaud
aufgestellte und unten näher zu erörternde Behauptung, dass der
Kauapparat unsere Stachelhäuter fast ausschliesslich zum Bohren
') Marcel de Sorres. Sur l'action perforante de l'Echinus lividus. — Oompt.
rend. de l'Ac. d. Sc. d. P. t. 43 p. 405—6. 1856.
^) E. Robert. Action perforante d'iuie espece d'Echinoderme. Compt. rend.
de l'Ac. d. Sc. d. P. t. 39 p. 639. 1854.
') K. Möbius. Beiträge zui" Meeresfauna der Insel Mauritius u. s. w.
1880. p. 49.
Ai-ch. f. Naturgesch. Jahrg. 1889. Bd. I. H. 3. 19
290 Georg Joliu:
befähigt, nicht in Widerspruch. Denn wenn sich ein Echinus mit
seinen Zähnen eine Höhkmg gräbt, müssen naturgemäss die Stacheln
dabei verletzt werden. Trevelyan^) hat vollständig geglättete Löcher
vorgefunden. Die Glättung kann nur dadurch entstanden sein, dass
das Tier seine Stacheln in die Unebenheiten der bereits vorhandenen
Höhlung eingesetzt und beim Bearbeiten des Gesteins eine
rotierende Bewegung ausgeführt hat. Bei der Bewegung selbst
heften sich die Saugfüsschen jedenfalls an die Unterlage an, und die
Stacheln greifen übereinander weg, den Körper in eine rotierende
Bewegung versetzend. Dabei wird das Gestein durch die Stachel-
spitzen allmählig geglättet, die Stacheln aber selbst abgenutzt. Dass
ein solcher Vorgang wohl möglich ist, lehrt die Beobachtung, dass
die Echinoideen sich auf ihren Stacheln wie auf Stelzen fortbewegen.
Eine rotierende Bewegung der Seeigel ist zwar beim Bearbeiten
ihrer Wohnstätten noch nicht beobachtet worden, doch glaubt Ver-
fasser durch folgendes kleine Experiment für seine Ansicht eine gewisse
Wahrscheinlichkeit zu haben. Er bearbeitete mit den konisch zu-
sammengelegten Zähnen einer aristotelischen Laterne eine azorische
Lava derart, dass er durch Aufstossen auf das Gestein eine Vertiefung
erzeugen wollte. Das Gestein gab jedoch nur wenig nach, und nach
etwa 10 Minuten langer Arbeit war nur ein kleines IV2 mm tiefes
Loch erzeugt worden, eine Beobachtung, die durch die verschieden-
grosse Härte der Lava (4,5) und des Kalkes (3) ihre Erklärung
findet. Als aber der Kieferapparat mit den konisch zusammen-
gelegten Zähnen in rotierender Bewegung auf die Lava aufgesetzt
wurde, da entstand in wenigen Augenblicken ein 3 mm tiefes Loch.
Das Experiment wäre noch weiter ausgeführt worden, wenn nicht
die Zähne und zugleich die dieselben umgebenden Bandambulacren
dadurch abgenutzt worden wären. Wenn der Echinus die Arbeit
wie beschrieben ausführt, dann geht das natürhch ganz langsam vor
sich, und die abgenutzten Zähne haben Zeit, nachzuwachsen. Oben
ist gesagt worden, dass man bei den in Löchern lebenden Seeigeln
keine Bewegung beobachtet habe. Das ist kein Widerspruch zu dem
eben Gesagten, denn wir müssen annehmen, dass die rotierende Be-
wegung äusserst langsam und in langen Zv^dschenräumen vor sich geht.
Den Hauptanteil an der Erzeugung der Steinhöhlen hat aber,
wie besonders durch Cailliaud erwiesen und oben näher ausgeführt
ist, der Kauapparat. Derselbe wird von kräftigen Muskeln bewegt
und vermag daher lange in Bewegung erhalten zu werden. Er besitzt
Zähne, die meiselartig auf das Gestein wirken und, wenn abgenutzt,
wieder erneuert werden. Die Zähne sind härter als die übrigen
Skelettteile des Tieres. Den gleichharten Kalk bearbeiten die Zähne
sehr langsam, weil dieser eine weniger rauhe Oberfläche darbietet.
Sandstein, Gneiss und Granit bearbeiten sie leichter, da bei diesen
') W. C. Trevelyan. Supposed boring powers of the Echinus lividus. Edinb.
new. philos. Journ. t. 46 p. 386—87. 1849.
Ueber bohrende Seeigel. 291
Gesteinen eine rauhere Oberfläche mehr Angiiffspunkte aufweist.
Die Laven endlich ermöglichen das Eingreifen der Zähne durch ihre
Porosität. Alle diese Gesteine werden aber vom Meere bespült, und
zwar in der Gezeitenzone, wo sie bald feucht bald trocken sind.
Durch Einwirkung der Atmosphärilien und des Meerwassers tritt
verhältnismässig rasch eine Zersetzung der Gesteinsoberflächen ein.
Der Seeigel hat demnach zunächst nur das bröcklig gewordene Ge-
stein zu bearbeiten. Härterem Gestein weiss das Tier mit den kegel-
förmig zusammengelegten Zähnen zu begegnen, mit denen es wie
mit einer scharfen Spitzhacke arbeitet. Der Bau des Kauapparates und
die Beschafienheit der Gesteine begründen demnach die Cailliaudsche
Ansicht. Das alles aber wird noch durch thatsächliche Beobachtungen
bestätigt. CaiUiaud und Hesse haben den Echinus wirklich arbeiten
sehen, und Cailliauds Versuchsbassins ergaben, dass die Seeigel, wenn
auch wenig, so doch thatsächlich gebohrt haben. Zudem kann der
Umstand, dass viele der von Seeigeln bewohnten Gesteinshöhlen unten
weit und oben eng gefunden werden, nur dadurch seine Erklärung
finden, dass die Tiere in der Jugend zu bohren angefangen und die
Höhlen entsprechend ihrem Wachstum erweitert haben. — Bei allen
von den Azoren stammenden Seeigeln zeigen sich die Stacheln der
Mundseite ganz klein und flach gedrückt. Der Körper der Tiere
kann aber bequem auf den Stacheln ruhen, ohne sie wesentHch nieder-
zudrücken. Es erklärt sich die Kleinheit und das flache Anliegen
der oralen Stacheln nur durch kräftiges Andrücken an die Unterlage,
um den Kauapparat ungehindert auf dieselbe wirken lassen zu können.
Verfasser hat an anderen in Alkohol präparierten nicht bohrenden
Exemplaren von Echinen derselben Gattung und Art die Beschaftenheit
und Lage der Stacheln vergleichsweise untersucht und gefunden, dass
die Stacheln dieser Tiere nur selten abgenutzt und nur ausnahms-
weise an die Mundseite angedrückt waren. Bei den meisten der-
artigen Exemplaren ragten sogar die Stacheln gleichsam einen Kranz
um den Mund bildend weit hervor. Vertrocknete Exemplare zeigten
allerdings öfters plattgedrückte Stacheln auf der Unterseite. Das ist
indes leicht erklärlich. Bei den trocknen Exemplaren wirkt das
Gewicht der Korona auf die unterseitigen Stacheln und drückt sie
nieder. Bei den in Alkohol präparierten Exemplaren aber hält der
Organismus noch fest zusammen. Auch wird bei solchen Exemplaren
nicht wie bei vertrockneten Tieren ein einseitiger Druck auf die
unteren Stacheln ausgeübt.
Einen präcisen Beweis dafür, dass es der Kauapparat ist, welcher
es in erster Linie den Tieren ermöglicht, ihre Wohnungen zu er-
zeugen, geben die Untersuchungen des Verfassers über den Magen-
inhalt der Seeigel, die von Simroth meist eigenhändig ihren Wohn-
höhlen entnommen worden sind. Der Darm der Tiere wurde so
präpariert, dass er von der oralen bis zur analen Oeö"nung intakt
blieb. Beim Aufschneiden des Darmes an der Mundseite bemerkte
Verfasser zunächst Gesteinspartikelchen, die auf den ersten Blick als
19*
292 Georg John:
der Lava angebörig erkannt wurden, ferner eine grosse Menge hell-
gelber Körpereben, welche ei- bis kugelrund waren und höchstens
die Grösse eines Stecknadelkopfes erreichten. Sowohl die Gesteins-
restchen als die erwähnten gelblichen Körner wurden gleichzeitig im
mittleren und analen Teile des Darmes gefunden, und zwar bald
mehr von diesen, bald mehr von jenen. Die Gesteinspartikelchen
wurden zerdrückt, in Kanadabalsam eingebettet und wie Gesteins-
dünnschliffe behandelt. Das Mikroskop bestätigte ihren Charakter
als Lava. Die im vorigen Abschnitt genau geschilderten Plagioklase
zeigten sich wieder in ihrer Stabform und in ihrem blaugrauen Lichte
bei gekreuzten Nikols. Daneben sah man die dunklen ferritischen
Massen. So gewährten diese Lavarestchen ein Bild,, welches wir in
grösserem Massstabe bereits in Abschnitt II genauer kennen gelernt
haben. In den massenhaft vorhandenen gelblichen Körnern ver-
mutete Verfasser Reste der die Lava bedeckenden Kalkalge. Das
bestätigte sich auch. Zunächst wurden die vermutlichen Algenreste
auf ihren Gehalt an kohlensaurem Kalk geprüft. Allen Teilen des
Darmes wurden die fraglichen Körnchen entnommen und getrennt
untersucht. Beim Behandeln mit Salzsäure lösten sich die Körnchen
unter lebhafter Kohlensäureentwicklung auf. Die neutralisierte Lösung
ergab dann mit Oxalsäure den bekannten weissen Niederschlag, Der
Gehalt an kohlensaurem Kalk war damit konstatiert. Ferner wurden
verschiedene der erwähnten gelben Partikelchen vorsichtig platt ge-
drückt, ebenfalls in Kanadabalsam eingebettet und mikroskopisch
untersucht. Hierbei zeigte sich nun die zellige Struktur ^j unseres
Materials, welche wahrscheinlich durch den Kalkgehalt besonders gut
erhalten wird. (Es giebt indes genug niedere Tiere, z. B. pflanzen-
fressende Landschnecken, welche im analen Teile ihres Darmes deutlich
pflanzliche Zellenreste erkennen lassen, die nicht durch Kalk kon-
serviert werden.) Die Form der aus den Magen der Seeigel stammen-
den Algenzellen ist eine verschiedene. Im wesentlichen konnte man
weit- und engmaschige Formen unterscheiden. Die weitmaschigen
Zellen entsprechen den bei AA' in Figur I unserer Tafel abgebildeten
Zellen, die engmaschigen ähneln dem in der Figur zwischen C und D
eingeschobenen feinmaschigen Zellencomplex. In Folge ihres Kalk-
gehaltes polarisieren beide Zellformen bei gekreuzten Nikols. Gleich-
zeitig fand Verfasser aus dem Magen desselben Tieres stammende
Algenreste, welche ihrer Struktur nach den die Kontaktschicht EF
') Anmerkung. Eine Verwechselung mit animalischen Gebilden ist voll-
ständig ausgeschlossen, einmal durch den ganzen Habitus der Zellen, zweitens
durch das Polarisationsvermügen derselben bei gekreuzten Nikols, ein Umstand,
der von dem Gehalt an kohlensaurem Kalk abhängt. Animalisches Gewebe
könnte nur- beim Präparieren des Darmes von den Darmwändeu des Echinus
selbst losgerissen worden sein, denn animalische Nahrung winde mindestens im
analen Teile des Darmes vollständig zersetzt und resorbiert sein. Ein Verletzen
der Darmwände kann aber gar nicht stattgefunden haben, da die fraglichen
Algenreste frei im Darme der Tiere lagen.
lieber bohrende Seeigel. 293
bildenden Zellen entsprechen und wie diese die Grenzzone bildenden
Zellen bei gekreuzten Nikols dunkel blieben, also ebenfalls keinen
kohlensauren Kalk enthalten können (Fig. II). Wiederholte Unter-
suchungen ergaben genau dieselben Resultate. Unter den Algen-
resten, die je einem Darm der azorischen Seeigel entnommen waren,
zeigten sich also alle drei Schichten der Alge wieder: Aveitmaschige
und engmaschige Zellenaggregate, welche polarisierten, und pflanz-
liche zelHge Reste, die in Folge Kalkmangels bei gekreuzten Nikols
dunkel blieben.
Ueberlegt man, dass sowohl Gesteinsreste als alle drei Zellen-
schichten der Alge in demselben Magen sich befinden, so ist man
zu dem Schluss berechtigt, dass in Anbetracht der oben
erwähnten Beschaffenheit des Kauapparates die Tiere
mittelst der Zähne ihre Höhlungen erzeugen. Sie fressen
sich eben von oben durch die Alge nach dem Gestein zu durch.
Der Einwand, diese Gesteins- und Zellenreste könnten zufällig durch
irgend welche andere Umstände in der schon vorhandenen Höhlung
losgebröckelt und dann von den Tieren gefressen worden sein, würde
sich nicht halten lassen, denn die Seeigel sitzen zum gi'össten Teile
ganz fest in ihrer Höhle von Jugend auf. Welche anderen Instrumente
als die Zähne könnten also diese Arbeit leisten, da die Stacheln nur
untergeordnete Bewegungen ausführen können? Die letzteren sind,
wie oben gezeigt, eben nur sekundär bei der Arbeit beteiligt. Im
angenommenen Falle würde das bewegte Meer die losgebröckelten
Teilchen baldigst entfernen. Sitzt aber der Seeigel in der Höhle fest,
so kann auch das Meerwasser diese Teilchen nicht fortführen, und
wir finden sie in den Löchern als Spuren der eigenen Thätigkeit
des Echinus.
Nach allem, was bisher über das Bohren unserer Stachelhäuter
beobachtet worden ist, kann man sich den Vorgang des Bohrens etwa
folgendermafsen vorstellen. Der junge Seeigel, welcher von der Bran-
dung herumgeworfen wird, sucht eine natürliche Höhlung, eine Fels-
spalte oder dergleichen zu gewinnen, um einen Schutz gegen das
bewegte Meer zu haben. Diejenigen Tiere, welche dem Anstürmen
des Meeres nicht widerstehen, werden aus ihrem Versteck heraus-
geworfen und ihrem Schicksal überlassen; diejenigen aber, die ihren
Zufluchtsort zu behaupten wissen, tragen im Kampfe ums Dasein den
Sieg davon. Sie beissen sich mit ihren Zähnen fest, heften ihre Saug-
füsschen an und stemmen die Stacheln in alle Vertiefungen der Unter-
lage ein. Auf diese Weise arbeiten sie sich in das Gestein hinein,
bis eine starke Welle sie A^ielleicht wieder einmal heraus^virft. Die
begonnene Arbeit wird einem anderen Seeigel überlassen, der zu-
fällig dahin gelangt. Hat das Tier sich so weit eingegraben, dass
es von den Wellen nicht mehr herausgeworfen werden kann, so hört
294 Georg John:
es, falls es aiisgeAvachsen ist, auf zu arbeiten. Bei der Arbeit werden
die Stacheln in das Gestein eingestemmt; sie glätten, wie oben be-
schrieben, durch drehende Bewegung des Tieres allmählig die Höhle.
Ist das Gestein widerstandsfähig, so arbeitet der Seeigel mit allen
fünf konisch vereinigten Zähnen. Bieten sich ihm grössere Gesteins-
gemengteile dar, so bearbeitet er die Konturen derselben und lockert
das Gestein auf diese Weise. Solche Teilchen, beim Granit meist
Quarzkörnchen, tapezieren dann häufig die Höhle des Tieres aus. —
Oft bedecken sich die Seeigel in dieser Lage, wie bereits oben er-
wähnt, mit Muschelschalen oder Schneckengehäusen. Auf den Azoren
fand Simroth die Seeigel oft von Patellenschalen zugedeckt, die sie
mit ihren Saugfüsschen festhielten. Diese Erscheinung ist von Dohrn i)
als eine Art Mimikry gedeutet worden. Dohrn hat nämHch beobachtet,
dass die Seeigel unter der gewonnenen Decke sich unbemerkt an ihr
Opfer heranbewegen und dasselbe dann leicht bewältigen. Wahr-
scheinlich trifft in unserem Falle diese Erklärung nicht das Richtige,
denn die meisten der in Steinhöhlen lebenden Seeigel verlassen ihre
Wohnstätten nicht, können daher auch nicht auf tierische Nahrung
Jagd machen. Es scheint die von Simroth beobachtete Eigentüm-
lichkeit daher mehr ein Schutz für die Tiere selbst zu sein.
An dieser Stelle mag die Thatsache Erwähnung finden, dass sich
viele Herzigel in Sand eingraben, wie dies zum Beispiel am Am-
phidetus cordatus von Robertson 2) beobachtet worden ist. Die Tiere
leben im Meeressande in Löchern, die durch einen 15 bis 20 cm
langen federkielstarken Kanal mit der Oberfläche des Sandes in Ver-
bindung stehen. Durch den Kanal, welcher mit einer schleimigen
Flüssigkeit ausgekleidet ist und zur Nahrungs- und Wasseraufnahme
dient, sendet der Herzigel seine langen wurmähnlichen Saugfüsschen
hinauf, welche kleine Sandpartikelchen und organische Teilchen mit
in die Tiefe nehmen. Diese werden nach Robertson von den Rücken-
stacheln des Tieres aufgenommen — vielleicht sind hierbei auch die
Pedicellarien beteihgt — und der Mundöffnung zugeführt, in welche
sie durch die dieselbe umgebenden Saugfüsschen gebracht werden.
Den Darm der Tiere fand Robertson mit Sandkörnern und der-
gleichen angefüllt, doch glaubt er, dass das aufgenommene Material
wieder durch den Mund ausgebrochen wird, da er im analen Teile
des Darmes dergleichen Sandpartikelchen niemals gefunden hat. Bei
den den Azoren entstammenden regulären Seeigeln zeigten sich da-
gegen, wie oben ausgeführt, auch im analen Teile des Darmes Ge-
*) Dohrn erwähnt dies in der „Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie".
Bd. XXV. p. 471.
") Robertson. Notes on Amphidetus cordatus, Quarterly Journ. micr. sc.
1871. Vol XI. p. 25.
Ueber bohieurte Seeigel. 295
Steins- und Algenreste. Das nur zur Vervollständigung über die
Frage des Bohrens der Seeigel. Ein Vergleich mit den übrigen
Echinoideen lässt sich nicht führen, da die Spatangoideen keinen
Kauapparat besitzen. Augenscheinlich ist, dass die Tiere sich auf
eine mechanische Weise in den Sand einbohren; dabei sind ihnen,
aus den Beobachtvmgen Robertsons zu schliessen, jedenfalls die
Stacheln und die Saugfüsschen behilflich, erstere, um die grösseren
Sandteilchen radial zu entfernen, und letztere, um die kleineren
zurückrollenden von dem Arbeitsfelde wegzuschaffen.
Die Frage, loarum sich die Seeigel in Gesteine einbohren, ist
schon von mehreren Autoren dahin beantwortet worden, dass sich
unsere Sfadie/Jimtfer einen Schutz vor dem beicef/ten Meere suchen.
Dieses Schutzbedürfnis erklärt auch den Umstand, dass sich die See-
igel mit Muschelschalen, Tangen und dergleichen bedecken und die-
selben gierig wiederzuerhaschen suchen, wenn man sie ihnen weg-
nimmt. Gegen diese Erklärung könnte eine auf den ersten BHck
als Widerspruch sich hinstellende Thatsache folgenden Einwand be-
rechtigt erscheinen lassen. Im allgemeinen bohren (siehe oben) die
das Mittelmeer bewohnenden Echinusarten nicht. Doch sind von
Arthur Elofte (siehe Abschnitt 1 und V) auf der Insel Planier bei
Marseille und von Milne-Edwards (siehe Abschnitt V) an der Küste
von Algier Seeigel in ihren Löchern angetroffen worden. Marcel
de Serres und Cailliaud haben das Nichtbohren der Tiere dem Fehlen
von Ebbe und Flut im Mittelmeere zugeschrieben. Wie erklärt es
sich aber, dass hier trotzdem bohrende Exemplare gefunden worden
sind? Eine Deutung dieser Thatsache finden wir bei Betrachtung
der fragUchen Küsten. Sowohl an der französischen Küste als an
der Küste von Algier ist die höchste Tiefe unter 200 m. Das Mittel-
meer ist dabei nicht völHg gezeitenlos, sondern hat in seinem west-
Hchen Teile Vg m Flut. Eine derartige Flut kann bei den genannten
seichten Küstenstellen eine Bewegung erzeugen, welche wohl geeignet
ist, den Echinus umherzuwerfen und ihn zum P^inbohren zu nötigen,
wenn er nicht von der Natur gebotene Verstecke findet. Die Be-
wegung des Meeres wird an den fraglichen Stellen bei Sturm ziemlich
bedeutend, besonders aber an der zerrissenen und khppenreichen
Küste von Marseille, wo die durchschnittliche Meerestiefe nur 91 m
beträgt.
Hesse ^) führt für das Bohren der Echinoideen noch einen anderen
schon oben erwähnten Grund an. Mit wenigen Ausnahmen werden
die von Seeigeln bewohnten Gesteine von Kalkalgen bedeckt. Dieselben
enthalten zum grössten Teile kohlensauren Kalk, wenig Kieselsäure
Hesse. Annales d. sc. nat. Zool. t. VII. p. 251. 1867,
296 Georg John:
und ungefähr 1 bis 1 V2 % stickstoffhaltige organische Substanzen.
Hesse ist nun der Meinung, dass die Seeigel sich Löcher in die Ge-
steine bohren, um den Kalk und die organischen Substanzen der
Algen als Nahrung zu gewinnen, und er behauptet, dass die Tiefe
der von den Seeigeln bewohnten Löcher von der Dicke der Kalk-
ablagerung abhängt. Er hat, wie schon oben citiert, beobachtet,
dass Echinus lividus (Lam.) und Echinus miliaris (Mill.) Austern-
schalen anbohrten, die V2 % organische Substanzen enthalten. Daraus
schliesst er, dass die Tiere die an die organischen Substanzen reicheren
Kalkalgen um so mehr aufsuchen müssten. Letztere Auslegung ist
sehr unwahrscheinlich, da den Tieren schon durch das Meer genügend
organische Nahrung zugeführt wird und nicht anzunehmen ist, dass
die Tiere bei einer Differenz von V2 % bis 1 Vo organischer Sub-
stanz instinktiv eine Unterscheidung zwischen Algen und Muschel-
schalen zu machen im stände sind. Ueberdies hat Hesse nur in
einem Falle die beiden Echini Austernschalen anbohren sehen. Auch
dass die Tiere, um ihr Kalkskelett zu erneuern, die Algen aufsuchen,
ist nicht anzunehmen. Das Meer enthält soviel gelösten Kalk, dass
dieser ihren Bedürfnissen entspricht. Wo sie sich aber durch den
Kalk hindurch arbeiten müssen, wie zum Beispiel beim Bohren ihrer
Löcher, da gelangt derselbe in den Magen und damit wahrscheinlich
zum Teil auch in die das Kalkgerüst erzeugenden Körperteile.
IV. W^elehe Beziehung* besteht zw^isehen den
Kalkalgen und dem Bohren der Seeig-el?
Der Verfasser ging, wie schon in der Einleitung berichtet, mit
Simroth von der Ansicht aus, dass die Kalkalgen einen zersetzenden
Einfluss auf das Gestein ausüben und so dasselbe unseren Stachel-
häutern gleichsam präparieren. Im Laufe der Untersuchungen ist
Verfasser aber zur gegenteiligen Ansicht gelangt, was in Abschnitt H
zum Teil schon Erwähnung gefunden hat. Das Folgende soll die
Frage näher ausführen.
Da mit wenigen Ausnahmen die von bohrenden Seeigeln be-
wohnten Gesteine mit Kalkalgen bedeckt sind, so ist es erklärhch,
dass man zwischen beiden Thatsachen eine Beziehung hat finden
wollen. Ausser Hesse, worüber eben diskutiert, hat auch P. Fischer^)
die in Frage kommenden Kalkalgen in Beziehung zu den Gesteins-
höhlen untersucht und gefunden, dass die Algen, welche sich in un-
mittelbarer Nähe der Löcher befanden, ein glattes Aussehen und die-
selbe Färbung besassen. Das Aussehen der entfernt von den Wohn-
stätten der Seeigel abgelagerten Algen war dagegen ähnhch dem von
') P.Fischer, Note sur les Perforations de TEchinus Lividus (Lam.). Annales
d. sc. nat. Zoo]. V. Ser. 1. 1. 1864, p. 32L
Ueber bohrende Seeigel. 297
Madreporen und Maeandrinen. Fischer schliesst daraus, dass sich
die kalkigen Inkrustationen im letzteren Falle auf Körpern von
anderer Natur abgesetzt haben als die die Löcher enthaltenden
Unterlagen sind. Damit giebt er indes keine Erklärung der That-
sache. Es kann dies auf rein zufälligen Umständen beruhen.
Es liegt nahe, einen chemischen Einfluss der Algen auf das
Gestein zu vermuten, und zwar derart, dass die Algen auf das
Gestein zersetzend wirken und dasselbe so zum mechanischen
Bearbeiten durch die Seeigel geeignet machen. Die DünnschKffe
(siehe Tafel Figur I bis III) der azorischen und bretonischen Ge-
steine, welche den Kontakt der Alge mit dem Gestein zeigen,
lassen jedoch — und das ist in Abschnitt II näher bewiesen worden
— nirgends einen chemischen Einfluss der Alge erkennen. AVie
bereits oben bemerkt, schmiegen sich die pflanzlichen Gebilde
auch mikroskopisch dem Gestein aufs engste an, bedecken jedoch
eine dem übrigen Gestein vollständig gleich beschaffene Schicht.
Dass ein chemischer Einfluss nicht stattgefunden haben kann, lehrt
auch die noch sehr frische Beschaffenheit der Gesteinsgemengteile
der Lava. Nur wo durch Risse und Sprünge das Meerwasser und
die AtmosphäriHen auf das Gestein gewirkt haben, da ist es zersetzt,
bröckhg und dadurch dem Kieferapparat der Seeigel präpariert
worden. Der Granit zeigte sich allerdings zersetzt. Bekanntlich
ist Granit aber schon durch die Atmosphärilien leicht zur Erosion
zu bringen; er erwies sich dnrchweg zersetzt und in diesem Sinne
gleich beschaffen.
Die Kalkalgen schliessen in der Regel die Meeresflora nach der
Tiefe zu ab ; sie bilden die Grenze des floristischen Lebens im Meere.
Sie sind jedoch durch ihren Kalkgehalt befähigt, auch in geringeren
Tiefen zu existieren. An sich könnten diese Pflanzen der Licht-
intensität an der Oberfläche des Meeres nicht widerstehen. Die Kalk-
ablagerungen compensieren jedoch die Wirkung der Lichtintensität,
und zwar wächst mit dieser die Menge des albgelagerten Kalkes, i)
Dieser von G. Berthold begründete Satz erklärt die oben angeführte
Thatsache, dass die unterste Schicht der Alge, welche dem Gestein
eng anliegt, keine Doppelbrechung des Lichts zeigt, also auch keinen
Kalk enthalten kann. Bis zu dieser Schicht vermag das Licht nicht
vorzudringen, vermag also auch keine Kalbabsonderung zu bewirken.
Auf dieselbe Weise erklärt sich die Erscheinung, dass die Kontakt-
schicht der den bretonischen Granit bedeckenden Kalkalgen weniger
stark polarisiert als die obere weitzellige Algenschicht. Es ist bei
dieser Alge ebenfalls in der untersten Lage die Kaikabscheidung aus
oben angeführtem Grunde eine geringere gewesen. Vollständiger
') G. Berthold, Ueber die Verteilung der Algen im Golf von Neapel.
Mitteil. d. zool. Station z. Neapel. III. Bd. 1882.
298 Georg John:
Mangel an Kalk ist jedoch nicht zu bemerken, da die Schicht stets,
wenn auch schwach polarisiert. — Dass das Auftreten der Kalk-
ablagerimgen in den Pflanzen eine Schutzvorrichtung gegen zu starke
Lichtintensität ist, dafür hat Pringsheim i) den Nachweis erbracht.
Einen anderen Grund dafür, dass die Kalkalgen, welche sonst nur
der Tiefe angehören, auch in der Gezeitenzone vorkommen, findet
Berthold darin, dass diese Pflanzen in Folge des abgeschiedenen
Kalkes die Stärke der Wellenbewegung an der Oberfläche ertragen
können. Die in der Bretagne, auf den Azoren und an anderen Orten
in der Gezeitenzone vegetierenden Kalkalgen bilden damit einen Beleg
für die Bertholdschen Ausführungen. Aus dem Angeführten folgt,
dass die Kalkalgen, eben zufolge ihres Kalkgehaltes, in der Gezeiten-
zone existieren können und auch thatsächlich in dieser vielfach ver-
breitet sind. Welche Gründe die bohrenden Seeigel veranlassen, die
gleiche Zone zum Aufenthalte zu wählen, wird sich schwer feststellen
lassen. Wir müssen uns hier mit der Thatsache begnügen. Somit
lässt sich ein positiver Zusammenhang zwischen den Gesteine heioohnenden
Echinoideen und den die Gesteine bedeckenden Kalkalgen nicht nach-
iveisen. Letztere sind ihrer ganzen Natur nach befähigt, die Gezeiten-
zone zu bewohnen. Lifolgedessen kann man sie überall da antreffen,
wo die Brandung die Seeigel nötigt, sich einzubohren.
V. Uebersieht über die Gesteinshöhlen be-
w^ohnenden reg-ulalren Eehlnoldeen.
Die folgenden Angaben sind der in Abschnitt I angegebenen
Litteratur entnommen. Zweifelhafte Angaben sind mit einem ? ver-
sehen; fehlende Angaben sind durch ■ — angedeutet. Obenan stehen
die Oertlichkeiten, von denen das angebohrte Gestein unbekannt ist.
Hieran schliessen sich die Gesteine in folgender Ordnung: Kreide,
Rift'kalk, Kalk, Sandstein, Gneiss, Granit, Lava. Die erste Rubrik
führt die Gesteine, deren Beschaffenheit und Fundort an, die zweite
Gattung und Art des Seeigels, die dritte die etwa auf dem Gestein
vorhandenen Fremdkörper, und endlich die vierte den Beobachter.
') Priugsheim, iu Moiiatsber. d. Berl. Akad. 1881. Aum. 1, p. 524.
Ueber bohrende Seeigel.
299
300
Georg Johu :
Gestein, Beschaffenheit
und Fundort desselben.
Gattung und Art
des Seeigels.
Fremdkörper
a. d. Gestein.
Beobachter.
Kreidefelsen bei Guetary
(Basses-Pyrenees)
Aussenseite von Korallen-
riffen. Insel Mauritius
Körallen d. indisch. Ozeans
Korallen (Goniaster solida)
Kalk (wo?)
Kalk vom Plateau Le Four
bei Croisic
Kalk V. der Insel Planier
hei Marseille
Kalk, grau, hart, sandig,
a. d. kretaceischen Form,
von Guetary (Basses-
Pyrenees)
Kalk, weiss, Küste des
Mittelmeeres (wo?)
Kalk d. Küste von Biarritz
(Basses-Pyrenees)
Kalk von Biarritz
Kalk od. Sandstein, Bai von
Geeu- Pointe bis z. Al-
goabai (Kapland). Nord-
ost. V. Tasmanien, Bai
von Port -Jackson und
Bai v. North- Head (ISIeu-
Holland)
Sandstein, eisenhaltig, Bai
von Douarnenez a. d.
Küste V. Finistere
Sandstein, eisenh. , Bai v.
Douarnenez
Heterocentrotus
trigonarius u.
niammillatus
Cidaris Savignyi
Echinus lividus
Echinus miliaris
Echinus lividus
Ausser von See-
igeln auch von
Saxicaven und
Lithodomen an-
gebohrt
Echinus lividus
Echin. Blanchar-
dii u. E. Dela-
landii
Echinus lividus
Echinus lividus
Gem. Millepora
Nnlliporen an
den Rändern,
Korallineen in
der Nähe
Nulliporen an
den Rändern,
Korallineen
dazwischen
NuUipora in-
crustans
Nullipora
Nnllipora
Quatrefages.
K. Möbius.
Rumphius.
Valenciennes. (?)
Trevelyan.
Cailliaud.
Arthur Eloffe
(Cailliaud).
Quatrefages.
Saemann.
P. Fischer.
Jules Verreaux.
Robert
(s. folgende Agb.)
Cailliaud.
Ueber bohrende Seeigel.
301
Gestein, Beschaifenbeit
und Fundort desselben.
Gattung- und Art
des Seeigels.
Fremdkörper
a. d. Gestein.
Beobachter.
Gneiss, braun, Bai v. Huiy
a. d. Küste v. Finistöre
Granit, gräulich, Bai v. La
Turballe (Untere Loire).
Zersetzt
Granit, grossk., Croisic
Untere Loire)
Lava, basaltisch, a. der
Oberfläche zersetzt
Echinus lividus
E. lividus
Arbacia pustu-
losa, Strongy-
locentrotus livi-
dus, Sphaere-
chinus brevi-
spinosus
Nullipora
An den Räudern
einige Koral-
lineen, Röhren
v. Vei-nailien
Zuweilen Nulli-
poren; Spiror-
bis u. Vermilia
Lithothamnion
polymorphum,
Bryozoen, Ser-
pein u. s. w.
Robert.
Lory.
Cailliaud.
C? Drouet)
(Simroth).
Die Resultate der vorliegenden Arbeit sind kurzgefasst die
folgenden:
Die in den Gesteinen gefundenen und von Seeigeln bewohnten
Höhlen, rühren von diesen selbst her. Der Echinus erzeugt seine Wohn-
stätten Quittelst seines Kanapparates und sekufidär mit Hilfe der Stacheln
durch rotierende Bewegung. Er bohrt sich solche Höhlungen, um einen
Schutz gegen das braiidende Meer zu haben.
Die Kalkalgen, welche die von Seeigeln bewohnten Gesteine bedecken,
lagern sich mechanisch auf das Gestein und haben keinen Einßuss auf
die cliemische Beschaffenheit der Oberßäche desselben, können daher
auch nicht mit de^n Entstehen der Echinushöhlen in Zusamnienhang
gebracht werden.
302 Georg John: Ueber bohrende Seeigel.
Erklärung der Tafel XV.
Figur I.
AA', B und C Zellformen der oberen weitmaschigen Zellschicht der Kalkalge
Lithothamnion polymorphum, x ist zerrissenes G-ewebe.
MNOP Grenze der beiden Algenschichten.
D Typus der engmaschigen Algenschicht.
abcde Grenze zwischen Alge und Gestein.
Zwischen C und D und zwischen D und der Gesteinsgrenze befindet sich
undeutlich straiertes Gewebe der engmaschigen Algenschicht.
Die Lava zeigt stäbchenförmige Plagioklase {b, d), schwarzen Eisenglanz (a)
und dunkle Augite (c).
Figur II
zeigt nur die untere Algenschicht D. Zwischen dieser und der Gesteinsgrenze
befindet sich die aus undeutlichen Zellen aufgebaute kalkfreie wurmähnlich
gekrümmte Kontaktschicht E F. Gestein wie in Figur I.
Figur lU.
UU' kalkhaltiges Gewebe von Lith. polym.
uvivxyz Grenzschicht der Alge und des Granits.
Zwischen dieser Linie und mno liegt eine feinzelligere kalkärmere Algen-
schicht.
Das Gestein zeigt hei EB' einen grossen Quarzkrystall, bei a, b, c, d und e
Orthoklase und bei xyy' ein Magnesiaglimmerblättchen.
Untersuchungen über den anatomischen Bau
der
Pentastomeii.
Von
Ernst Lohrmann.
Hierzu Tafel XVI.
Einleitung.
Die Familie der Pentastomiden hat schon vor vielen Jahrzehnten,
dank der vielen Eigentümlichkeiten, die sie aufweist, und der vielen
Rätsel, die sie dem Forscher darbot, eine grosse Anzahl von Be-
arbeitern gefunden, die bald diese, bald jene Art, die ihnen unter
die Hände kam, zerghederten und so eine Reihe von Thatsachen ans
Licht brachten. Aber diese Kenntnisse waren in einer ]\Ienge von
Schriften zerstreut, dazu die Beobachtungen vielfach lückenhaft und
teilweise widersprechend, bis endlich Leuckart es unternahm, die
zerstreuten Angaben zu sammeln und durch eigene eingehende Unter-
suchungen Bau und Entwicklungsweise der Pentastomen soweit klar
zu legen, als es mit den Hilfsmitteln der damaligen Zeit möghch war.
Mit dem Werke Leuckarts, das vor nunmehr fast dreissig Jahren
erschienen ist, war die Pentastomen-Forschung zu einem vorläufigen
Abschlüsse gelangt, und es kann uns nicht wundern, dass nach einer
so ausgezeichneten Bearbeitung es lauge dauerte, bis wieder ein-
gehendere Untersuchungen auf diesem Gebiete geliefert wurden. Ob^
wohl eine Anzahl von kurzen Notizen und kleineren oder grösseren
Abhandlungen die Pentastomen zum Gegenstande hatten, so erhielten
doch unsere Kenntnisse wesentHche Bereicherungen erst dann, als
du.rch Hoyle die inzwischen ausgebildete Schnittmethode auf unsere
Tiere angewandt wurde. Hoyle untersuchte auf diese Weise eine bis
dahin noch nicht gekannte Art; die Ergebnisse der Untersuchung
waren aber mit dem, was vorher über Pentastomen bekannt war,
schwer zu vergleichen, weil der Gedanke nahe lag, dass die vor-
handenen Verschiedenheiten der Darstellung zum Teil auf die ver-
schiedene Vollkommenheit der Methoden zurückgeführt werden müssten.
Darum habe ich es mir auf den Rat meines Lehrers, des Herrn Geh.-
Rat Leuckart, zur Aufgabe gemacht, durch Anwendung der Schnitt-
methode die Leuckartsche Darstellung des Baues von Pentastomum
taenioides zu prüfen und je nach Umständen auch zu berichtigen
und zu vervollständigen. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sind
304 Ernst Lohrmann: Untersuchungen über
im Folgenden niedergelegt. Daneben wurden auch noch andere Arten
berücksichtigt, nämUch P. oxycephalum, ferner eine diesem ähnliche,
noch unbeschriebene Art, die ich als P. platycephalum bezeichne, und
von der leider blos ein einziges Exemplar, ein erwachsenes Weibchen,
vorlag, das sich unter einer Anzahl erwachsener P. oxycephalum des
Leipziger Zoologischen Institutes vorfand ; endlich eine Jugendform
mit wulstig aufgetriebenen Leibesringen, von der ich nicht zweifle,
dass sie zu P. multicinctum , Harl. gehört, und die eingekapselt in
einem Purpurhuhn (Porphyrio) gefunden worden war. Es stand mir
weiter noch eine unbekannte Form aus der Lunge von Monitor
niloticus zur Verfügung, doch leider erwies sich diese infolge ihres
mangelhaften Erhaltungszustandes als zu eingehender Untersuchung
ungeeignet Ich werde deshalb nur am Schlüsse meiner Arbeit unter
dem Namen P. clavatum eine kurze Charakteristik derselben beifügen.
Das Material zu meinen Untersuchungen stammt zum grösseren
Teile aus dem zoologischen Institut der Universität Leipzig, und es
sei mir gestattet, Herrn Geheimrat Professor Dr. Leuckart hierfür
sowie für die \delfache Anregung und Förderung, die er mir bei
meinen Studien und insbesondere auch bei dieser Arbeit zuteil werden
Hess, an dieser Stelle ööentHch meinen innigsten Dank auszusprechen.
Für Ueberlassung wertvollen weiteren Materials bin ich ferner Herrn
Hofrat Prof. Dr. Zürn in Leipzig, sowie der Königl. Tierarznei-
Schule in Dresden zu Danke verpflichtet.
Bevor ich mit der Darstellung meiner eigenen Ergebnisse be-
ginne, will ich kurz die seit Leuckarts Monographie erschienene
Pentastomen -Litteratur anführen. Es ist — soweit wenigstens mir
bekannt geworden — die folgende:
1. Weinland, Tod einer Kuh - Antilope , wahrscheinHch ver-
ursacht durch eine Hakenmilbe (Pent. taenioides). [Der Zoologische
Garten. IL Jahrg. No. 2.]
2. Wedl, Zur Helminthenfauna Egyptens. [Sitzungsber. d. Kais.
Akad. d. Wiss. XLIV. Bd.]
3. Wedl, Ueber ein Pentastom einer Löwin. [Sitzungsber. d.
Kais. Akad. d. Wiss. XLVIII. Bd.]
4. Baird, Description of some New Species of Entozoa. 3. Pen-
tastoma teretiusculum. [Proc. of Zool. Soc. of London 1862.]
5. Aitken, On the Occurrence of Pentastoma constrictum in
the Human Body as a Couse of painful Disease and Death. [The
Science and Practice of Medicin. 4. Edition.]
6. Colin, Recherches sur le pentastome tenioide des cavites
nasales du chien, et nouveUes observations sur les echanges de ce
ver entre les carnassiers et les herbivores.
7. Csokor, Ueber Pentastomen und P. denticulatum aus der
Leber des Pferdes. [Zeitschrift für Veterinärkunde I.]
8. Bell, On the Pentastoma polyzonum of Harley; with a note on
the Synonymy of the allied Species. [Ann. of Nat. Hist. Ser. 5. Vol. 6.]
den anatomischen Bau der Pentastomen. 3(35
9. Hoyle, On a New Species of Pentastomum (P. protelis), from
the Mesentery of Proteles cristatus ; with an Account of its Anatomy.
[Trans. R. Soc. Edinbourgh. Vol. 32. P. L]
10. Chatin, Notes anatomiqiies sur une Linguatule observee
chez l'Alligator lucius. (Pent. oxycephalum.) Avec V2 pl- [Ann. Scienc.
Natur. 6. Ser. Zool. T. 14.]
11. Megnin, Note sur les Hehninthes rapportes des cotes de
la Laponie par Mr. le Prof. Pouchet, et en particulier sur un nouveau
Pentastome, le P. lari Megnin. Avec 1 pl. [Bull. Soc. Zool. France. T. 8.]
12. Bell, A second Note on Pentastomum. [Ann. of Nat. Hist.
Ser. 5. Vol. 14.]
Von den angeführten Veröffentlichungen enthalten einige Bei-
träge zum Vorkommen oder zur Lebensweise oder zur Synonymik
der bekannten Pentastomen. Neue Arten lernen wir kennen in der
3., 4., 9. und 11. der genannten Schriften. Selbständige anatomische
Untersuchungen bringen Wedl, Csokor, Hoyle und Chatin. Die Ab-
handlung von Hoyle enthält viele Bereicherungen unserer Kenntnisse
und wird in meiner Arbeit öfters genannt werden müssen. Bei
Csokor ist nur die richtigere Erkenntnis der Stacheln des Pent.
denticulatum zu erwähnen, Avährend seine Angabe, dass die Vagina
nicht am Hinterende, sondern seitlich ausmünde, auf einen Irrtum
zurückzuführen ist. Wedl und Chatin haben beide das Verdienst,
die Stigmendrüsen richtig erkannt zu haben, im übrigen sind aber
bei beiden zahlreiche Irrtümer zu verzeichnen, auf welche an den
entsprechenden Stellen meiner Arbeit besonders hingewiesen werden
wird. Von Chatin ist noch besonders hervorzuheben, dass er das
Hauptwerk der Pentastomen -Litteratur, das von Leuckart, zwar
äusserlich kennt, sich aber nicht die Mühe genommen hat, dessen
Inhalt kennen zu lernen, wie unter anderem daraus ersichtlich ist,
dass er in einem Satze aus den lateinischen Art -Diagnosen, den er
wörtlich anführt, das Wort Stigmata als Athemlöcher auffasst, während
Leuckart es bekanntlich in ganz anderem Sinne gebrauchte. Nichts-
destoweniger erlaubt er sich an einer Stelle, bei Gelegenheit des
Nervensystems, zu behaupten, dass durch Leuckart der frühere
mangelhafte Stand der Kenntnisse nicht geändert worden sei. So
kommt es, dass er Entdeckungen macht, die mehr als 20 Jahre vor
ihm schon viel richtiger gemacht worden sind.
In der Leuckart'schen Zusammenstellung der Arten fehlen, wie
Bell in seiner ersten Anmerkung erwähnt, zwei Arten, deren Charak-
teristik von Baird im Jahre 1853 in den Proceedings of Zool. Soc.
of London veröffentlicht worden ist. Allerdings scheint die eine mit
P. multicinctum Harl. überein zu stimmen. Ebenso, wie ich durch
Herrn Geh. -Rat Leuckart selbst erfahren habe, zwei von Diesing
in den Denkschriften der K. K. Akademie zu Wien Bd. XII 1856
beschriebene Arten: P. recurvatum aus der Stirnhöhle und Trachea
von Felis Onca, eine mit P. taenioides nahe verwandte Art, und
P. pusillum von unbekanntem Herkommen. Die zur Beobachtung
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1889. Bd. I. H. 3. 20
306 Ernst Loh r mann: Untersuchungen über
vorliegenden 3 Exemplare wurden von Natterer im Darm eines
Weibchen der grünen Acara (A. coscudo) gefunden; die Art schliesst
sich an P. subtriquetrum an.
Körperbedeckung.
Die äussere Bedeckung der Pentastomen besteht, wie bekannt,
aus einer weichen Chitinhaut. Leuckart bezeichnet diese als eine
völlig strukturlose, homogene Membran, ich habe mich jedoch an
P. taenioides überzeugen können, dass sie eine deutliche Schichtung
aufweist, die sich auf Schnitten an der Abwechslung von zarten
helleren und dunkleren Streifen kundgiebt. An den einzelnen Stellen
des Körpers eines erwachsenen Weibchens habe ich verschieden viele
Schichten gezählt, von 8 bis zu 20, je nach der Dicke der Cuticula,
welche am Vorderkörper durchschnittHch 0,015 mm, am Hinterende
bis zu 0.04 mm misst. Dass die Dicke der Chitinhaut am Cephalothorax
beträchtlich grösser sei, wie Leuckart angiebt, kann ich nicht be-
stätigen, nur in den Hakentaschen erreicht sie 0,05 mm. Vor den
übrigen Schichten ist die äussere Grenzschicht fast überall sowohl
durch etwas stärkere Lichtbrechung als auch durch ihr Verhalten
gegen Farbstoffe ausgezeichnet, sie nimmt dieselben nämlich in etwas
höherem Grade auf als der übrige Teil der Cuticula, welcher durch
Karmin nur einen ganz zarten rötlichen Schein erhält. Ich vermute,
dass diese Grenzschicht nur durch die Berührung mit der Aussen-
welt ihre besonderen Eigentümlichkeiten angenommen hat und dass
sie es ist, welche bei den Häutungen abgestossen wird. Bei Jugend-
formen ist die Zahl der gleichzeitig vorhandenen Schichten eine ge-
ringe, nur 3 — 4. Porenkanälchen von 0,ooi mm Durchmesser habe
ich an verschiedenen Stellen die Cuticula durchsetzen sehen, dagegen
habe ich mich von den noch feineren, die am Cephalothorax erwähnt
werden, nicht überzeugen können. Eine besondere Eigentümlichkeit
zeigt die Cuticula der Hakentaschen. Die Oberfläche ist hier nicht
glatt oder unregelmässig runzelig wie an andern Stellen, sondern
mit zahlreichen kleinen Höckern versehen, die in welHgen Erhebungen
sämmtlicher darunter liegenden Schichten ihr getreues Abbild haben.
Diese Höcker dürften wohl dazu dienen, die Adhäsion des Hakens
an die Taschenwände herabzusetzen.
Die Hartgebilde der Cuticula, nämlich die Haken, deren Stütz-
platten und der Mundring, sind nicht nur durch ihre Festigkeit und
die bekannte gelbliche Färbung ausgezeichnet, sondern auch durch
den feineren Bau. Sie zeigen nämHch nirgends einen Aufbau aus
verschiedenen Schichten, wohl aber kann man häufig in ihnen kleine
unregelmässige Hohlräume erkennen, die zuweilen reihen- oder
schichtenweise angeordnet sind.
Was nun die Matrix der Cuticula, die sog. Hypodermis betrifft,
so ist diese eine einfache Zellenlage, deren Elemente meist weniger
hoch als breit sind. Nur unter den harten Chitingebilden steigt die
Höhe der Matrix, während sich die Zellen dichter zusammendrängen.
den anatomischen Bau der Pentastomen. 307
Einer eigentümlichen Schrumpfungserscheinung möchte ich hier ge-
denken. An einigen weniger gut erhaltenen Tieren bildete die
Hypodermis keine zusammenhängende Lage, sondern die Zellen hatten
sich gruppenweise zu zapfenförmigen, stellenweise sogar keulenförmigen
Gebilden zusammengedrängt, wobei die Kerne auf die Hälfte ihrer
Grösse verkleinert waren. In diesen Zapfen und Keulen war ein
deutliches Netzwerk zu erkennen, bestehend aus parallelen zur
Cuticula senkrecht stehenden Strichen und unregelmässigen queren
Verbindungen. Jeder solche Zapfen enthält natürlich eine Mehrzahl
von Kernen, und darauf mag es wohl beruhen, wenn die Hypodermis-
zellen gelegentlich als mehrkernig angegeben werden.
Als besondere Auszeichnungen der Pentastomenhaut sind die
sogenannten Stigmen sowie die Stachelkränze der Jugendformen be-
kannt. Da das Wort Stigma hier nicht das bezeichnet, was man
sonst darunter versteht, so ist mehrfach die Forderung erhoben
worden, diesen Ausdruck ganz fallen zu lassen. So bereclitigt aber
auch diese Forderung sein mag, so schwer ist es, eine andere Be-
zeichnung dafür zu finden, und in Ermangelung eines besseren sehe
ich mich genötigt, den Ausdruck beizubehalten, indem ich ihn nicht
in seiner übertragenen Bedeutung als Athemloch, sondern, wie Andere
und besonders auch Leuckart, seinem ursprünglichen Sinne nach
nehme, als feine, nadelstichartige Oeffiiung.
Die Stigmen sind runde Durchbohrungen der Cuticula, die von
einem Chitincylinder ausgekleidet sind, der nach innen sich trichter-
förmig erweitert und meist über die Dicke der Cuticula hinein in
die Tiefe reicht. Hinter dieser Oeftnung hat Leuckart bei ganz
jungen Tieren ein helles rundes Bläschen von unbekannter, ^'ielleicht
sekretorischer Bedeutung erkannt, bei Erwachsenen aber eine zapfen-
förmige Anhäufung von Zellen. Wedl ist der erste, der die hinter
den Stigmen gelegenen Gebilde mit Bestimmtheit als Drüse in An-
spruch nahm; er lässt seine Hautdrüsen von einem Zellenlager aus-
gekleidet sein. Hoyle fand Stigmendrüsen aus 6 — 9 Zellen bestehend,
Chatin endlich sah bald ein-, bald mehrzellige Drüsen. Ich selbst
fand hinter jedem Stigma des erwachsenen P. taenioides eine Drüse
von unregelmässiger, doch im allgemeinen rundlicher Gestalt und
etwa 0,07 mm Durchmesser (Fig. 3). Ob diese Gebilde als mehrzellig
zu bezeichnen sind, will ich nicht entscheiden, da ich nie Zellgrenzen
darin wahrgenommen habe, wohl aber sind sie mehrkernig, die Kerne
sind zum Teil regelmässig rundlich und mit grossem Kernkörper
versehen, zum Teil aber ganz unregelmässig; ihre Zahl beträgt bis
zu 10 Stück. Nach der Oeftnung zu ist das Plasma deutlich streifig,
noch weiter nach aussen finden wir eine homogene Masse, die oft"en-
bar als Sekret aufzufassen ist. Die äussere Begrenzung wird durch
eine stärker lichtbrechende, nach innen gebogene Membran gebildet,
die sich zwischen den Wänden des Chitincylinders ausspannt. Ob
diese Membran wirklich einen bleibenden Abschluss der Drüse bildet,
scheint mir sehr zweifelhaft, vielmehr möchte ich annehmen, dass es
20*
308 Ernst Lohrmann: Untersuchungen über
nur die durch die Reagentien veränderte Grenzschicht des Sekretes
ist, die diesen scheinbaren Abschluss herstellt.
Bei den andern Arten fand ich im wesentlichen gleiche Ver-
hältnisse, nur dass der geringeren Grösse wegen die Einzelheiten
nicht so klar zu erkennen waren. Indess schien bei P. oxycephalum
jede Drüse thatsächlich aus mehreren von einander gesonderten
Zellen zu bestehen.
Auf die Bedeutung dieser Drüsen will ich später in dem Ab-
schnitte über die Absonderungsorgane zurückkommen.
Stachelkränze oder andere deren Stelle vertretende Cuticular-
bildungen scheinen sich — wie schon Leuckart hervorhebt — bei
allen Jugendformen zu finden; und wenn in manchen FäUen keine
erwähnt werden, so mag das darin seinen Grund haben, dass es nicht
überall so augenfällige Gebüde sind, wie die Stachelkränze des jugend-
lichen P. taenioides (denticulatum). Leuckart beschrieb die Stacheln
dieser Form als lang kegelförmige Cuticular-Fortsätze ; so erscheinen
sie aber nur, wenn man sie von der Seite betrachtet, von der Fläche
gesehen machen sie einen anderen Eindruck. Zuerst sah Wedl, dass
die Spitze nicht einfach sei, und er deutete dies dahin, dass der
Stachel in einer Hülle stecke, welche seitlich eine Tasche zur Auf-
nahme des zurückgezogenen Stachels habe. Die Verhältnisse liegen
aber einfacher; es ist keine Hülle vorhanden, vielmehr ist der Stachel,
we Csokor richtig erkannt hat, ein schuppenartiges Gebilde, das an
seinem freien, fast glashellen Rande 2 — 8 Zähnchen trägt. Am Vorder-
körper sind die Schuppen lang, schmal, 2 — 3 zähnig, weiter hinten
werden sie breiter und kürzer und tragen 5 — 8 Zähne. Ein Irrtum
ist es aber, wenn Csokor meint, die Schuppe sitze in einer Haut-
tasche, eine solche wird nur durch die am Grunde obwaltenden Licht-
berechnungserscheinungen vorgetäuscht. Auch ist kein stachelartiges
Mittelstück vorhanden; was als solches bezeichnet und abgebildet
worden ist, das ist protoplasmatischer Inhalt, der Fortsatz einer
HypodermiszeUe, der, wie das schon Leuckart sah, in die hohle, eine
tutenförmige , an der Spitze verbreiterte Ausstülpung der Cuticula
darstellende Schuppe hineinragt und dieselbe Gestalt hat wie diese.
(Fig. 1);
Bei Pent. oxycephalum finden sich thatsächlich kleine Stacheln
von spitz kegelförmiger Gestalt, in denen ebenfalls eine Höhlung mit
protoplasmatischem Inhalt zu sehen ist. Doch eigentümlicher Weise
reichte bei den von mir untersuchten Tieren die Höhlung nicht bis
zur Hypodermis hinab, sondern nur etwa durch die Hälfte der Cuticula.
Es dürfte diese Erscheinung nicht schwer zu erklären sein. Die
Tiere waren ausgewachsene Larven und standen kurz vor dem Ueber-
gang zur geschlechtsreif en Form; daher hatte sich unter dem stachel-
tragenden Jugendkleid das stachellose des Reifezustandes bereits ge-
bildet, sodass ersteres mit den Stacheln bei der nächsten Häutung
ganz abgelegt worden wäre.
Bei Pent. multicinctum iuv. werden die Stachelkränze durch
den anatomischen Bau der Pentastomen. 309
eine am Hinterrande jedes Ringwiilstes befindliche, im Querschnitt
dreieckige Chitinleiste (Fig. 2) vertreten, deren gekerbter Rand nach
hinten gerichtet ist und deren äussere Fläche mit zahlreichen
Höckern besetzt ist. Aehnlich dürfte es sich wohl bei allen den
Formen verhalten, deren Ringe wulstig aufgetrieben sind. So er-
wähnt auch Wedl bei seinem P. leonis eine solche Chitinleiste, die
aber eigentümlicher Weise am Vorderrande des Gliedes sich befinden
soll. Ich vermute, dass diese Angabe auf ungenauer Beobachtung
beruht.
EndHch ist noch einer von Wedl entdeckten und abgebildeten
Cuticularbildung zu gedenken. Es sind das kleine peitschenartige
Härchen, die auf der Haut von Pent. denticulatum ohne bestimmte
Anordnung gefunden werden. Diese Beobachtung Wedls kann ich
vollkommen bestätigen.
Bindegewebe.
An die Hypodermis schliesst sich nach innen überall eine Schicht
Bindegewebe, bei vsrschiedenen Arten von ausserordentlich ver-
schiedener Ausbildung. In dieselbe ist die Körpermuskulatur und
zumeist auch Drüsenzellen in reichhcher Menge eingebettet. Ebenso
sind die inneren Organe sämmtlich von Bindegewebe überzogen, das
in seiner Ausbildung ganz dem, das wir an der Körperwandung finden,
entspricht. Am stärksten entwickelt ist es bei den ringwulstigen
Formen, wo es so mächtig auftritt, dass es die Untersuchung der
Muskeln, Nerven u. s. w. bedeutend erschwert. Ausser der Verwen-
dung zur Auskleidung der Leibeshöhle nimmt es hier auch noch
wesentlichen Anteil an der Ausfüllung der mächtigen Wülste, die den
Körper umgürten, und die ausserdem noch eine Schicht Drüsen-
zeUen, sowie zahlreiche Muskelfasern enthalten. Bei den in Rede
stehenden Arten ist das Bindegewebe durchaus zellig, die Zellen sind
klein, im allgemeinen rundlich, doch durch gegenseitigen Druck viel-
seitig abgeplattet, teilweise auch in die Länge gestreckt. In dieser
Ausbildung finden wir es wenigstens bei den Jugendformen, die bisher
allein genauer untersucht wurden, nämlich Pent. proteHs von Hoyle,
Pent. multicinctum iuv. von mir, doch ist es denkbar, ja sogar wahr-
scheinlich, dass dasselbe bei erwachsenen Tieren einen weniger em-
bryonalen Charakter aufweisen wird.
Viel weniger auftallig ist das Bindegewebe bei P. taenioides, wo
es meist faserig mit eingestreuten Kernen auftritt. Nur zwischen
den Drüsenzellen in den Seitenteilen des Körpers finden wir Züge
von zelligem Bindegewebe, ebenso sind die Querwülste an der Bauch-
seite durch zellige Bindegewebspolster gebildet. Diese haben auch
eine eigene Muskulatur, nämHch die kurzen Längsmuskeln Leuckarts,
welche von der vorderen und hinteren Seite des Wulstes entspringend
quer über diesen hinweggehen und ein Stück jenseits des anderen
Randes sich an die Bauchwand ansetzen. Offenbar ist der Zweck
dieser Fasern der, das Polster so zusammenzudrücken, dass es zu
310 Ernst Lol) im ann: Untersuchungen über
einer festen Querleiste wird, mit welcher das Tier sich an die Unter-
lage anstemmen kann.
Im Körper der cylindrischen Formen ist das Bindegewebe fast
verschwindend, weil überall, so viel ich weiss, in durchaus faseriger
Form entwickelt. Weder bei P. oxycephalum, noch bei P. platy-
cephalum habe ich Bindegewebszellen gefunden, und zwar nicht blos
bei den erwachsenen Tieren, sondern ebenso bereits bei den Larven
des ersteren.
Muskulatur.
Die Muskulatur der Pentastomen besteht — wie schon seit
Duj ardin bekannt — im allgemeinen aus quergestreiften Fasern,
und zwar zeigt sich die Querstreifimg nicht blos an den Körper-
muskeln, sondern auch an den Fasern des Darmes und der männ-
lichen Geschlechtsorgane. Eine Ausnahme machen nur die Muskel-
fasern der weiblichen Geschlechtswerkzeuge, deren später genauer
gedacht werden wird. Die quergestreiften Fasern sind, wenigstens
die dickeren, ausgezeichnete Muskelröhren, welche im Innern noch
undifferenziertes Plasma enthalten, worin häufig mehrere Kerne, in
einer Reihe angeordnet, zu sehen sind. Die Enden der Fasern zer-
spalten sich oft in 2^ — 4 Teile, die sich dann getrennt von einander
an die Cuticula ansetzen, in anderen Fällen, namentlich da, wo viele
Fasern dicht neben einander ihren Ansatzpunkt suchen, verjüngt
sich nur die Faser ein wenig gegen das Ende. Die Verbindung mit
der Cuticula ist, soweit ich es beobachten konnte, überall eine un-
mittelbare, nirgends sah ich die Fasern in die Zellen der Hypodermis
übergehen.
Bekanntlich werden von Leuckart drei Systeme von Fasern in
der Körpermuskulatur der Pentastomen unterschieden, Ringmuskeln
und Längsmuskeln, beide rings um den ganzen Körper liegend, und
Schrägmuskeln, die auf die Seitenteile beschränkt sind. Um zunächst
mit Pent. oxycephalum zu beginnen, so schliesst sich dessen Mus-
kulatur im allgemeinen der von Leuckart für P. proboscideum
gegebenen Beschreibung an. Im einzelnen sind jedoch folgende Ab-
weichungen zu erwähnen. Für die Ringmuskulatur wähle ich ab-
sichtlich nicht die Bezeichnung Quermuskeln, denn ihr Verlauf ist
durchaus nicht überall quer zur Längsaxe des Tieres. Diese Richtung
halten sie vielmehr nur an der Bauchfläche ein, an den Seiten biegen
sie sich etwas nach vorn und behalten diesen Verlauf auch am Rücken
bei, indem sie die Segmente unter einem Winkel von 36 ^ schneiden,
(an jungen Tieren gemessen) demgemäss treffen die Fasern in der
MittelUnie des Rückens von beiden Seiten unter einem Winkel von
etwa 108^ zusammen. Die Längsmuskulatur unterscheidet sich von
der des P. proboscideum nur dadurch, dass sie eine rings geschlossene
Lage bildet, also weder an den Seiten, noch auf dem Rücken und
Bauche durch einen freien Raum unterbrochen ist. Die Schräg-
muskeln zerfallen in zwei Lagen. Die äussere ist eine ununterbrochene
den anatomischen Bau der Pentastomen. 311
Schicht, deren Fasern ungefähr dieselbe Richtung verfolgen wie der
schräglaufende Teil der Ringmuskeln, also von vorn oben nach hinten
unten. Die innere Lage dagegen besteht aus einzelnen Bändern,
welche entgegengesetzt schräg von Segment zu Segment ziehen.
Ebenso wie bei P. oxycephalum verhalten sich die Muskeln bei
P. platycephalum.
Um die Muskulatur des Pent. taenioides richtig zu verstehen,
ist es gut, auf die Jugendformen zurückzugehen. Sehr junge Tiere
dieser Art zeigen bekanntlich noch nicht die abgeplattete Gestalt
der älteren, sie sind rundlich; dem entsprechend ist auch die Mus-
kulatur von jener der cyHndrischen Arten noch nicht wesentlich ver-
schieden, insofern als das Schrägmuskelsystem noch auf die Seiten
beschränkt ist. Betrachten wir die ausgebildete Larve (P. denti-
culatum) im Querschnitt (Fig. 5), so erkennen wir, dass die Schräg-
fasern, die übrigens hier wegen der Kürze der Segmente fast senkrecht
laufen, mit ihren Ansatzpunkten die ganze Rücken- und Bauchfläche
einnehmen und jedenfalls den ganzen Innenraum des Körpers aus-
füllten, wenn sie nicht in der Mitte durch die Eingeweide auseinander
gedrängt würden. Und derselbe Zustand ist auch beim erwachsenen
Tier vorhanden, nur dass die mächtiger entwickelten Eingeweide
einen grösseren Raum beanspruchen und deshalb den mittleren Teil
des Rückens emporgewölbt haben, wobei die innersten Fasern des
Schrägmuskelsystems den CyHndrischen IMittelraum von beiden Seiten
halbkreisförmig umfassen. Die Ringmuskeln bilden bei der Larve
von Pent. taenioides auf dem Rücken einen Winkel von 136 ''j
schneiden mithin die Segmente unter 22^.
Wesentliche Verschiedenheiten scheint das Muskelsystem der
ringwulstigen Formen darzubieten, doch konnte ich bei P. multi-
cinctum iuv. kein völlig klares Bild davon bekommen, vor allem wegen
der mächtigen Entwicklung des Bindegewebes, das die Fasern nicht
so deutlich hervortreten lässt als anderswo. Die Längsfasem sind
bei dieser Art ebenso wie bei P. protelis in Bündel zusammengefasst,
deren Anordnung ebenfalls dieselbe ist wie dort. Ringmuskeln bilden
nur am Vorderkörper, wo die Segmente nicht so scharf von einander
abgesetzt sind, eine geschlossene, dicht unter der Hypodermis ge-
legene Lage, deren Fasern auch hier an den Seiten und am Rücken
etwas schräg von vorn oben nach hinten unten gerichtet sind. Weiter
hinten liegen Ringmuskeln nur an den Einschnürungen zwischen je
zwei Segmenten, hier von rein querem Verlaufe. Schrägmuskeln fand
ich nur in einer einzigen Lage, stark geneigt von hinten oben nach
vorn unten ziehend. Ausserdem verlaufen innerhalb der Ringwülste
noch eine Menge einzelner nach verschiedenen Richtungen gehender
Fasern, deren genauere Anordnung und Bedeutung mir aber unklar
geblieben ist.
Die anscheinend bei allen Pentastomen vorhandene schräge Rich-
tung der Ringmuskeln ist eine so auffallende Thatsache, dass es
wünschenswert erscheint, sich über deren physiologische Bedeutung
312 Ernst Lohr mann: Untersuchungen über
Rechenschaft abzulegen. Die Kriechbewegung der Raupen, mit welcher
ja die Bewegungen der Pentastomen verglichen werden, beginnt am
Hinterende und läuft nach vorn durch den ganzen Körper hindurch,
indem jeder Ring dem vorhergehenden genähert wird. Aber nicht
blos genähert wird er, er muss dabei auch gehoben werden, um
Reibung am Boden und Anstossen an Unebenheiten zu vermeiden.
Und diese Hebung beim Vorziehen jedes Segmentes kann nicht von
Längsmuskeln, auch nicht mit Hilfe von Quermuskeln besorgt werden,
es sind vielmehr Schrägmuskeln nötig, die von vorn oben nach hinten
unten verlaufen. Und dieser Forderung ist an Pentastomenkörper
hinreichend Rechnung getragen, nicht blos durch die entsprechend
gerichteten Fasern der Schrägmuskellage, welche in einigen Fällen
die entgegengesetzt verlaufenden an Menge weit überwiegen, sondern
auch durch den schrägen Verlauf der Ringmuskeln. Die entgegen-
gesetzt schrägen Fasern können natürlich nur dazu dienen, gelegentUch
auch eine Rückwärtsbewegung zu ermögHchen; da aber eine solche
wohl seltener in Anwendung kommen wird, so kann es uns nicht
wundem, dass jene nur in einer einzigen, vielfach unterbrochenen
Schicht vertreten sind.
Im Anschluss an die Körpermuskulatur will ich mit einigen
Worten auf die Leibeshöhle eingehen, die ja von jener ringsumgeben
ist, in der Gestalt daher von ihr bedingt wird. Leuckart hebt als
ein wesentliches Merkmal seiner Untergattung Linguatula hervor, dass
die Leibeshöhle seitliche Ausbuchtungen, Seitentaschen, je zwei in
jedem Segment, besitze, während sie bei den übrigen Pentastomen
einfach cylindrisch sei. Es will mir scheinen als ob sich dieser
Unterschied nicht so streng aufrecht erhalten lasse. Die Seiten-
taschen werden dadurch hervorgerufen, dass das System der Schräg-
muskeln ziemlich weit nach der Mitte vorspringt; aber auch bei den
cylindrischen Pentastomen liegen diese nicht unmittelbar der Haut
an, sondern springen etwas nach innen vor, sodass schon hier kleine
Nischen der Leibeshöhle gebildet werden. Es ist also nur ein grad-
weiser Unterschied in dieser Beziehung vorhanden. Sodann sind aber
die Seitentaschen des Pent. taenioides durchaus nicht immer so
deutlich ausgeprägt, wde es dargestellt worden ist; nur in einem
einzigen Falle, bei einem Männchen, fand ich sie annähernd in dieser
Ausbildung, während die Gänge sonst von DrüsenzeUen und Binde-
gewebe ganz oder fast ganz ausgefüllt waren. Dagegen war stets
der an den Seitenrändern hinführende Kanal vorhanden, aber nicht
blos bei P. taenioides, sondern auch bei P. oxycephalum und P. platy-
cephalum, wo er schon von aussen als eine Längslinie sichtbar ist.
Am Kopfe habe ich jedoch den Verbindungsbogen der beiden Seiten-
kanäle überall vermisst.
Die Bewegungen des Hakenapparates werden nach der Be-
schreibung Leuckarts durch fünf Muskeln vermittelt. Dem gegenüber
sehe ich mich genötigt, eine weit grössere Anzahl von Faserbündeln
(Fig. 4) zu unterscheiden die zum Teil an der Stützplatte, zum Teil
an den vom Hakengrunde entspringenden hohlen Chitinsehnen an-
den anatomischen Bai; der Pentastoraen. • 31 3
setzen. Solcher Sehnen giebt es vier, eine an der oberen nnd drei
an der unteren Ecke des Hakengrimdes, erstere will ich als Extensoren-
Sehne, letztere als innere und äussere Flexoren-Sehne und als Re-
tractoren-Sehne bezeichnen. Die daran ansetzenden Muskeln sind
folgende :
a M. extensor unci entspringt aus dem hinteren Teil der Rinne
der Stützplatte und setzt sich an die nach ihm benannte Sehne.
h M. flexor unci interior und c M. fl. u. exterior entspringen
am innern bez. äussern Rande der Stützplatte und setzen sich an
die innere bez. äussere Flexoren-Sehne.
d, e, f M. retractores unci dorsales entspringen am Rücken des
Tieres, laufen neben einander her nach vorn, dabei langsam ab-
steigend, d und e setzen sich an die verlängerte äussere Flexoren-
Sehne, in ihrem Verlaufe zuletzt durch Fasern des M. attractor
basis externus (k) getrennt, / setzt sich an den hinteren Teil der
Retractoren-Sehne .
f/ M. retractor unci ventralis, entspringt an der Bauchwand des
Tieres und setzt sich an den Vorderteil der Retractoren-Sehne.
Auf die Stellung der Stützplatte und dadurch mittelbar auf die
des Hakens wirken folgende Muskeln.
h M. protractor basis verläuft längs des Rückens der Haken-
tasche und der Platte; eine Wirkung desselben wird ermöglicht durch
eine Querfalte, die sich in der Auskleidung der Hakentasche bildet.
i und k M. attractores basis internus et externus. Vom Rücken
der Hakentasche und Stützplatte zu beiden Seiten des Apparates
herab an die Bauchwand des Körpers.
/ und VI M. retractores basis anterior et posterior. Vom Rücken
des Tieres schräg vor- und abwärts laufend an die Mitte bez. das Ende
der Stützplatte.
Die Wirkungsweise dieser Muskeln ist durch die Kenntnis des
Ausgangs- und Ansatzpunktes und die darnach gegebenen Namen
ohne weiteres verständlich.
Pent. oxycephalum zeichnet sich vor Pent. taenioides aus durch
ausserordentliche Stärke des Attractor basis internus, durch welchen
offenbar der ganze Apparat eine Drehung nach aussen erfährt, was
infolge der entgegengesetzten Drehung der rechten und der linken
Haken eine festere Verankerung zur Folge hat. Ferner habe ich
bei dieser Art einen zweiteiligen Retractor unci internus gefunden,
der, vom Rücken des Tieres kommend, sich jedenfalls an die innere
Flexoren-Sehne ansetzen wird. Endlich entspringt der M. protractor
basis nicht vom Rücken der Hakentasche, sondern von der vorderen
Körperbedeckung.
Nerveusystem und Sinnesorgane.
Leuckart hat am Central-Nervensystem ganz junger Tiere eine
Zellenschicht und ein Fasersystem, das eine leiterartige Zeichnung
314 Ernst Lohrman 11 : Untersuchungen über
bedingt, unterschieden. Auf Schnitten kann man denselben Bau
auch bei erwachsenen Tieren bestätigen; nur ist es ein Irrtum, wenn
Leuckart die Faserzüge an die Bauchfläche des Ganglions verlegt.
Es sind dieselben vielmehr im Innern gelegen, rings umschlossen von
einer Schicht Ganglienzellen, welche daneben auch viele Bindegewebs-
kerne zeigt. Diese Zellenschicht bildet auch die Längsscheidewand
zwischen den beiden Längsfaserzügen, welche durch querverlaufende
Faserzüge \äelfach durchbrochen wird, ohne dass ich imstande gewesen
wäre, darnach eine bestimmte Zahl von Segmenten des Ganglions zu
unterscheiden. Die Zellenschicht springt ferner auf jeder Seite an
zwei Stellen nach innen vor, so dass die Fasermasse jederseits eine
dreilappige Form erhält. Das ganze Ganglion ist umschlossen von
einer bindegewebigen Hülle.
Betrefts der äussern Form sowie der abgehenden Nerven habe
ich der Leuckartschen Darstellung nichts hinzuzufügen. Was den
doppelten Schlundring anlangt, den Hoyle bei Pent. protelis fand,
so möchte ich mich dem gegenüber zweifelnd verhalten; wenigstens
habe ich bei P. multicinctum iuv., das sich ja sonst jenem sehr
ähnlich erweist, nur einen einfachen Ring gefunden. Chat ins Unter-
suchung des Nervensystems von Pent. oxycephalum hat wenig Wert,
so sehr er auch seine Verdienste ins Licht zu setzen sucht. Am
Ganglion ist ihm die innere Fasermasse völlig entgangen. Bei Be-
trachtung der abgehenden Nerven ist es ihm passiert, dass er die
Seitenränder des herauspräparierten Ganglions für Vorder- und Hinter-
rand gehalten hat; denn bei P. oxycephalum ist ebenso wie bei
anderen Pentastomen der Längsdurchmesser des Ganglions grösser
als der Querdurchmesser, während auf seiner Abbildung letzterer den
ersteren weit übertrifft. Demnach kann auch seine von andern Arten
ganz abweichende Beschreibung der Nerven nur den Wert eines
Phantasieerzeugnisses beanspruchen.
Als Sinnesorgane der Pentastomen waren bisher nur die beiden
sogenannten Tastpapillen am vorderen Leibesende bekannt, die
Leuckart als verkümmerte Antennen in Anspruch nahm. Anfangs
war ich der Meinung, dass das hinter den Papillen gelegene Gewebe-
polster lediglich bindegewebiger Natur sei und nur zur Befestigung
der beiden Drüsenkanäle des mittleren Paares diene, welche auf den
Papillen ausmünden, und dass man demgemäss den Pentastomen
jedwedes Sinneswerkzeug absprechen müsse. Später habe ich mich
jedoch überzeugt, dass man nicht blos die sogenannten Tastpapillen
thatsächlich als solche anerkennen muss, sondern dass bei unsern
Tieren auch noch andere Organe vorkommen, denen die Aufnahme
von Sinnesempfindungen zuzuschreiben ist. Es sind das eine Anzahl
von Wärzchen, die am Vorderkörper meist paarig auftreten und zum
Teil auch schon von Leuckart gesehen worden* sind, aber nur an
Larven und an erwachsenen Männchen. Bei den Larven beschreibt
derselbe an der Bauchfläche im 3. und 5. Stachelkranze zwei Paare
von kleinen Näpfchen, deren Aehnlichkeit mit den Gefühl spapillen
ihm wohl auffiel, an die er jedoch keine Nerven herantreten sah.
den aiiatoniischen Bau der Pentastoraen. 315
Ich habe noch zwei weitere Paare solcher Näpfchen oder Wärzchen
gefunden, das eine vor- und auswärts von den hinteren Hakentaschen,
das andere am Rücken, in den ersten Stachelkranz eingeschaltet und
vom Seitenrande etwa ebensoweit entfernt als von der jMittellinie.
Unterwirft man die Gefühlspapille einer genaueren Betrachtung, so
erkennt man, dass dieselbe kein einheitliches Gebilde vorstellt, sondern
aus vier kleineren Wärzchen besteht, welche im Kreise um die ]\Iün-
dung des Drüsenkanales herum gestellt sind. Wir haben somit 8 Paar
Wärzchen und diese habe ich auch an erwachsenen Tieren, Männchen
wie Weibchen, wiedergefunden. In einem einzigen Falle fand ich
bei einer Larve noch ein unpaares Wärzchen in der MittelUnie des
Bauches im 9, Stachelkranze.
Ueber den feineren Bau unserer Organe wird sich an frisch
getöteten Tieren Avohl mehr erkennen lassen als ich an dem mir vor-
liegenden Spiritusmaterial feststellen konnte. Auf Querschnitten sieht
man, dass die Cuticula ,ein wenig vorgewölbt und auf der Höhe der
Wölbung imterbrochen ist. Dieses Loch, in dessen Umkreis die
Chitinhant kleine Höckerchen oder Leistchen trägt, wird durch ein
dichtes Gewebe ausgefüllt, dessen Elemente parallel angeordnet und
nach aussen gerichtet sind, ^"on innen treten unzweifelhafte Nerven-
fasern heran, welche ich zwar nicht überall gesehen habe, aber doch
an verschiedenen der Wärzchen, sodass ich an der Allgemeinheit des
Vorkommens nicht zweifeln kann. Der an die sogenannte Gefühls-
papille herantretende Nerv ist schon von Leuckart richtig erkannt,
desgleichen die GangHenzellen , welche, wenn auch nicht in grosser
Anzahl, in das vordere, verdickte Ende desselben eingelagert sind.
Die beiden beweghchen Spitzchen auf den Gefühlspapillen habe ich
ebenfalls wieder gefunden, sie stehen auf demjenigen der ^^er Wärzchen,
welches vom Drüsengange nach aussen gelegen ist. In einem Falle
glaubte ich ein feines Stäbchen zu erkennen, welches aus dem Innern
in das Spitzchen hineinragte.
Wenn man sich fragt, welcher Art die Reize wohl sein mögen,
die durch diese Sinnesorgane dem Tiere zum Bewusstsein gebracht
werden, so kann wohl kaum ein Zweifel darüber bestehen, dass es
die physikalischen und chemischen Eigenschaften des Untergrundes
sind, auf dem sich das Tier befindet. Durch diese Organe wird die
Larve es merken, wenn sie in ein Tier gelangt, das zur völUgen
Ausbildung eine geeignete Wohnstätte bietet, durch diese Organe
wird vielleicht auch das jMännchen das Weibchen ertasten, wenn es
zur Begattung schreitet. Und die um die Drüsenausführungsgänge
gestellten Sinnesorgane dürften wohl den Zweck haben, zu prüfen, ob
der Ort, auf welchen das Sekret fliesst, auch der Einwirkung desselben
günstig ist.
Der Vermutung Leuckarts, dass die sogenannten Gefühlspapillen
als rudimentäre Antennen aufzufassen seien, ist durch meine Unter-
suchungen keine neue Stütze zugeführt worden, im Gegenteil scheint
mir der Umstand, dass es der Umkreis der Mündung eines Drüsen-
ganges ist, um welchen sich ebensolche Sinneswärzchen gruppieren,
316 ErnstLohrmann: Untersnchungen über
wie sie an andern Stellen des Körpers auch vorkommen, gegen die
Antennennatur der Papillen zu sprechen.
Was nun die übrigen untersuchten Arten anlangt, so habe ich
an Pent. platycephalum die sämmtlichen bei Pent. taenioides beob-
achteten Wärzchenpaare wiedergefunden, nur dass das eine anstatt
vor- und auswärts vom zweiten Hakenpaare vielmehr vor- und ein-
wärts von den vorderen Haken gelegen war. Bei Pent. oxycephalum
konnte ich das am Rücken gelegene Paar nicht nachweisen und bei
Pent. multicinctum iuv. habe ich nur die um die Mündungen der
Drüsengänge gelegenen gesehen, wobei ich jedoch hervorheben will,
dass der mangelnde Nachweis bei solchen kleinen Gegenständen noch
kein Beweis der Abwesenheit derselben ist.
Darmkanal.
Wenn die Beschreibung, welche Leuckg^rt vom Munde unserer
Tiere gegeben hat, mit den thatsächlichen Verhältnissen vielfach
nicht übereinstimmt, so kann uns das nicht Wunder nehmen, denn
wohl nur mit Hilfe der Schnittmethode mag es möglich sein, die
höchst eigentümliche Bildung des Mundes richtig zu erkennen und
zu verstehen. Der erste, der diese Methode auf Pentastomen an-
gewendet hat, war Hoyle, und dieser hat auch sofort erkannt, dass
die Verhältnisse ganz anders liegen als man vorher annehmen zu
müssen geglaubt hat. Allerdings hat Hoyle den Mundzapfen, den
er fand, für eine P^igentümhchkeit des von ihm allein untersuchten
Pent. protelis gehalten, allein meine Untersuchungen haben dieselbe
Bildung auch bei anderen, namentlich auch bei P. taenioides ergeben,
und ich stehe nicht an, selbige für alle Pentastomen in Anspruch
zu nehmen.
In einigen wichtigen Einzelheiten muss ich von Hoyle abweichen,
und dem entsprechend ist auch die Deutung, die ich der ganzen
Vorrichtung gebe, eine andere. Hoyle hat richtig erkannt, dass der
Mundring, der schon mit blossem Auge erkennbar ist, einen ring-
förmigen Graben darstellt, dessen Seitenwände einander dicht an-
liegen, so dass durch denselben ein etwa halbkugeliges Gebilde von
der Umgebung abgesondert wird. An dieser ,, Mundpapille" (Fig. 6—8)
beschreibt Hoyle zwei Muskelfasersysteme, Längsfasern, die parallel
der Längsaxe des Tieres gerichtet sind, und solche, welche von der
äussern Fläche der Papille nach deren Innern Rändern verlaufen;
ausserdem schienen ihm Andeutungen einer dritten MuskeUage vor-
handen zu sein, welche ringförmig um die Papille herum liefe. Diese
letzte Schicht hat er wohl nur vermutet zu Gunsten der Deutung,
die er dem ganzen Gebilde gegeben hat, er glaubte nämlich darin
einen Rüssel sehen zu müssen, welcher vorgestossen und durch einen
Muskel, der aus dem Innern kommend in die Papille hinein verliefe,
wieder zurückgezogen werden könnte. Ich kann aufs bestimmteste
versichern, dass nur die zuerst genannten Längsfasern vorhanden
sind, während von der Aussenfläche nach den Innern Rändern zwar
den anatomischen Bau der Pentastomeu. 317
auch feine Fasern verlaufen, die aber keine Muskelfasern sind, son-
dern feine Kanälchen, welche das Sekret der in der Umgegend ge-
legenen Drüsenzellen aus dem Körper hinaus leiten.
Die Papille ist von weicher, dünner Chitinhaut bekleidet ; in der
Tiefe des Ringgrabens aber wird diese dicker und nimmt die Be-
schaffenheit an, welche die Haken aufweisen; es ist also in der Tiefe
des Grabens ein fester Chitinring vorhanden. An der hintern Seite
des Ringes senkt sich innerhalb desselben die Grube tiefer hinein
und bildet den Eingang in das Mundrohr, das anfangs senkrecht
emporsteigt, bald aber nach hinten umbiegt und einen wagrechten
Verlauf einhält. Die hintere Wand des im Querschnitt sichelförmigen
Mundes wird also gebildet durch den hintern Teil des festen Chitin-
ringes, während von der vorderen Wand — das ist also die hintere
der Mundpapille — nur das Mittelstück eine feste Platte darstellt,
welche die Biegung des Mundrohres mitmacht und noch eine Strecke
weit die obere Wand des nach hinten verlaufenden Nahrungskanales
ausmacht. Die Seitenstücke der vorderen Mundwand bestehen weder
aus festem gelben Chitin, noch aus jenem, das die allgemeine Körper-
bedeckung ausmacht und Farbstoffe nur in ganz geringem Mafse
aufnimmt, sondern aus einer mit Karmin sich stark färbenden dünnen
Chitinhaut, der ich wegen ihrer schön gerundeten Linien elastische
Eigenschaften zuerkennen muss. Unter diesen elastischen Stücken
liegt als Matrix nicht eine einfache Zellenlage, sondern ein dickeres
Polster, welches wohl ebenfalls die Elasticität zu erhöhen bestimmt
ist. Die oben erwähnten Muskelfasern entspringen am vorderen
Teile des Chitinringes und setzen sich an die feste Mittelplatte der
Yorderwand des Mundes an.
Nach Feststellung dieser Thatschen kann es nicht mehr zweifel-
haft sein, dass die Mundpapille kein vorstreckbares Organ ist. Die
Natur hat vielmehr, um mich so auszudrücken, gar nicht die Absicht
gehabt, hier eine Papille zu irgendwelchem Zwecke hervorzubringen,
sondern sie wollte feste unverrückbare Ansatzpunkte haben für die
Muskeln, welche jene Platte am Munde nach vorn ziehen sollen, und
zu dem Zwecke schuf sie einen festen Chitinring, und sie senkte ihn
in die Tiefe, um den Muskeln einen grösseren Spielraum zu ge-
währen. Dieser feste Ring ist das Wesentliche und nicht die Papille,
die nur so nebenbei mit entstehen musste. Dass Drüsenkanälchen
in der Papille nach aussen münden, verhert seine besondere Be-
deutung, wenn wir erfahren, dass dasselbe auch ausserhalb, an der
ganzen Bauchseite des vorderen Körperendes geschieht. Uebrigens
will ich erwähnen, dass von oben auch ein Nerv in die Muskeln
hereintritt und sich zwischen ihnen verteilt. Eigentlich sind es zwei
Stränge, die kurz vorher mit einander verschmelzen, dasselbe Nerven-
paar, das von Leuckart mit dem Namen Pharyngealnerven belegt
worden ist. Vielleicht war es dieser Nerv, den Hoyle für einen Rück-
zieher der vorgestreckten Mundpapille ansah.
Während der aufsteigende Teil des Mundrohres im Querschnitt
eine nach vorn geöffnete Sichelform aufweist, ist der zweite wagrechte
318 Ernst Lohr manu: Untersuchungen über
Ast desselben zwar ebenfalls sichelförmig, aber entgegengesetzt ge-
krümmt, also nach unten geöffnet. Die Oeffnung der Sichel wird
ausgefüllt durch ein dickes Zellenpolster, welches von Muskelfasern
umspannt wird, die sich an die beiden Spitzen der Sichel ansetzen.
Diese Vorrichtung dürfte wohl dazu dienen das Rohr durch An-
näherung der unteren Wand an die obere zu verschliessen. Dazu
kommt noch ein Muskel, der vom Mundrand ausgehend sich an
die Seitenränder des wagrechten Mundrohrastes ansetzt und jeden-
falls eine stärkere Krümmung des Rohres und damit einen noch
dichteren Verschluss desselben herbeiführt.
Demnach wird die Nahrungsaufnahme wohl in folgender Weise
vor sich gehen: Indem durch die Thätigkeit der Papillenmuskeln
die oben beschriebene Platte nach vorn gezogen wird, öffnet sich
das Mundrohr in seinem ganzen Verlaufe, und es dringt infolge der
dabei entstehenden Saugkraft von aussen die flüssige Nahrung hinein.
Sodann lassen die Muskeln nach, die Platte wird durch den federnden
Apparat zu beiden Seiten wieder an die gegenüberliegende Wand
angedrückt, vielleicht von aussen nach innen fortschreitend, sodass
die im vordem Teile des Mundrohres befindliche Speise in den
hinteren gedrängt wird; dieser schliesst sich hierauf ebenfalls, wo-
durch die Nahrung in den Schlund gelangt, in welchem dieselbe
durch peristaltische Bewegungen in den Darm geleitet wird.
Die Chitinbekleidung der Mundröhre, deren Länge übrigens bei
einem ausgewachsenen Weibchen 0,(5 mm beträgt, weist noch einige
erwähnenswerte Eigentümlichkeiten auf. Zunächst ist die Oberfläche
nicht glatt, sondern mit feinen Leistchen versehen, die geschlängelt
in der Längsrichtung des Rohres verlaufen, was wohl ebenso wie
die Höcker der Hakentaschen den Zweck hat, die ungünstigen
Wirkungen der Adhäsion zu vermeiden. Sodann sind in der Chitin-
auskleidung des wagrechten Astes sonderbare kleine Körperchen zu
erwähnen von unregelmässig rundlicher Gestalt, deren Bedeutung
mir völlig unklar geblieben ist; sie bestehen aus einer ganz gleich-
artigen Masse und scheinen eine gewisse Festigkeit zu besitzen,
denn auf einigen Schnitten waren sie durch das Mikrotommesser
von ihren ursprünglichen Plätzen fortgeschoben worden.
Die andern Arten besitzen, wie schon oben erwähnt, einen im
wesentlichen gleich gebauten Mundapparat. Nur für Pent. multicinctum
ist als abweichend hervorzuheben, dass der Mundring ziemlich flach
an der Oberfläche liegt. Dafür aber senken sich vorn zwei starke
hohle Chitinsehnen ins Innere, an denen die Vorzieher der Mund-
platte entspringen und die in ihrer Stellung festgehalten werden durch
Muskelfasern, die von vorn kommend sich an dieselben ansetzen.
Zu der Leuckartschen Beschreibung der Speiseröhre habe ich
nur hinzuzufügen, dass ausser den Ringmuskeln auch Längsfasern
vorhanden sind. Die Einmündung in den Darm geschieht nicht
gerade von vorn, sondern mehr von der Bauchseite, ebenso wie bei
den andern Pentastomen; es nimmt also Pent. taeinoides in dieser
deu anatomischen Bau der Pentastomen. 3X9
Beziehung keine Ausnahmestellung ein, wie Hoyle glaubt. Aller-
dings ist das vor der Mündung des Sclüundes gelegene Darmende
nicht 1 mm lang, wie bei P. protelis, sondern nur V4 nim, aber auch
bei den andern von mir untersuchten Arten betrug die Länge
höchstens V2 mm. Dicht vor der Mündung umgiebt sich der Schlund
mit einer dichteren Bindegewebsmasse , und in diese sind einzelne
Drüsenzellen, eingelagert. Auch sah ich eine Anzahl feiner Aus-
führungskanälchen von seitlich gelegenen Drüsenzellen herantreten.
Obwohl ich deren Einmündungen in die Speiseröhre nicht gesehen
habe, so glaube ich doch nicht an deren Vorhandensein zweifeln zu
können. Es scheinen diese Drüsenkanälchen dasselbe zu sein, was
Leuckart als Muskelfasern zur Befestigung des Darmes in Anspruch
genommen hat.
Der Mitteldarm der Pentastomen unterscheidet sich durch den
Bau seines Epitels wesentlich von dem, was in dieser Beziehung
von andern Arthropoden bekannt ist. Die Zellen desselben sind
etwa dreimal so hoch als breit und enthalten einen rundlichen Kern
von verschiedener Grösse, der an der Grenze des unteren Drittels
gelegen ist. Der darunter liegende Teil der Zelle besteht aus einer
ziemlich gleichartig erscheinenden Masse, während der obere ein
ganz anderes Aussehen zeigt: Von der dunklen Zell wand ragen kurze
dunkle Bälkchen in den hellen Inhalt der Zelle hinein, von denen
wieder feinere Fädchen entspringen, die jene Bälkchen unter einander
in Verbindung setzen. Die Begrenzung der Zellen nach der Höhlung
des Darmes zu ist ganz unregelmässig und durch keinerlei besondere
Bildung ausgezeichnet; von einem derartigen Härchensaum, wie er
durch Frenzel u. a. (Archiv f. mikr. Anat. Bd. 25, 26) für viele
andere Arthropoden beschrieben wird, ist keine Spur vorhanden.
Gewöhnlich trifft man jedoch nur einen Teil der Zellen in dem
eben geschilderten Zustande an, die übrigen sind in ihrer oberen
Hälfte von einer grossen Anzahl kleiner runder Körnchen erfüllt,
die verschiedenen Durchmesser (0,ooi bis 0,002 mm) haben können,
doch in derselben Zelle immer gleich gross sind. Die kleineren sind
hellgelb, während die grösseren meist eine bräunüche Färbung auf-
weisen. Die Zahl der Zellen, welche Körnchen enthalten, war in
den verschiedenen von mir untersuchten Tieren eine verschiedene;
während in dem einen Falle ungefähr ein Drittel aller Zellen davon
erfüllt waren, konnte in einem andern Falle kaum eine einzige freie
Zelle gefunden werden. Schon Leuckart erwähnt der Körnchen
als einer ,, feinkörnigen Molekularmasse" und fasst sie als Resorptions-
produkt auf. Frenzel, der ähnliche Inhaltsstoffe aus den Darmzellen
vieler Insekten beschreibt (Ueber den Mitteldarm der Insekten.
Archiv f. mikr. Anat. 26. Bd. 1886), weist eine derartige Deutung
entschieden zurück, ihm klingt diese Ansicht sogar absurd, da man
diesen Körperchen doch eine gewisse Festigkeit zuschreiben müsse,
welche im Widerspruch stände zum Begriff der Verdauung, die doch
Verflüssigung fester Nahrung und Aufnahme in die Körpersäfte be-
deute. Er hält die Körnchen für ein Sekret, das durch Abstossung
320 Ernst Loh r manu: Untersuchungen über
und Auflösung der Zellen frei werde und die Verdauung der Nahrung
bewirke. Wie JVenzel mit dieser Erklärung die Festigkeit der
Körnclien in Einklang bringen will, ist mir unklar, er müsste denn
annehmen, dass sie durch das Sekret der Speicheldrüsen gelöst
werden und nun erst in Wirksamkeit treten. Ein Vergleich mit den
Vorgängen der Nahrungsaufnahme in der Pflanzenzelle lehrt aber,
dass die von ihm so geringschätzig behandelte Ansicht eine grosse
Wahrscheinlichkeit für sich hat. Wird in eine pflanzliche Zelle mehr
Nahrungsstoff aufgenommen, als darin gelöst enthalten sein kann,
so wird der Ueberschuss in feste Form üljergeführt als Stärkekörner,
Proteinkörner u. s. w., um bei anderer Gelegenheit wieder aufgelöst
und verbraucht oder weggeführt zu werden. Haben wir etwa einen
Grund, ein ähnliches Verhalten in tierischen Zellen von vorn herein
in Abrede zu stellen? Ich wüsste keinen. Demnach dürfte es wohl
am nächsten liegen anzunehmen, dass die Körnchen aufgenommene
Nahrung sind, welche nicht sogleich in den Körper weiter befördert
werden konnte und darum einstweilen in fester Form aufgespeichert
wurde.
Ein Umstand, der zu Gunsten der Frenzeischen Auffassung an-
geführt werden könnte, ist der, dass sich, wie schon Leuckart
beobachtete, zuweilen der mit Körnchen gefüllte Teil der Zelle ab-
schnürt — ob mit oder ohne einen Kern, kann ich nicht sagen —
und dem Darminhalt beigesellt. Nach der Sekrethypothese müssten
nun aber die Körnchen durch Auflösung des umgebenden Plasmas
frei werden und selbst sich verflüssigen, um die ihnen zugeschriebene
Aufgabe verrichten zu können; das geschieht aber nicht, sondern
man findet die abgeschnürten Zellteile vöUig unverändert im End-
darme unter den Auswurfsstoffen. Ich halte den Vorgang, da vorläufig
keine bessere Erklärung vorliegt, für eine Abstossung gealterten
Plasmas; dass solches noch die Fähigkeit der Nahrungsspeicherung
hat, ist zwar auffällig, aber man könnte sich ja vorstellen, dass
andere Fähigkeiten, namentlich die der Wiederauflösung der ge-
speicherten Stoße, verloren gegangen seien, und dass es deshalb
untauglich geworden wäre.
Ein anderer Umstand spricht aber entschieden für die Deutung
der Körnchen als Nahrungsstoffe, nämlich der, dass sie durchaus
nicht auf die Darmepitelzellen beschränkt sind, sondern im ganzen
Körper sowohl in Bindegewebs- wie in Drüsenzellen vorkommen.
In ersteren haben sie meist dieselbe Grösse und dasselbe Aussehen
wie in den Darmzellen, jedoch kommen auch grössere 0,005 mm
messende Körnchen vor, die durch Karmin rot gefärbt werden. In
den Drüsenzellen sind die Kügelchen blass und 0,003 — 4 mm gross.
Das Vorkommen derartiger Körnchen ausserhalb des Darmes ent-
spricht vollkommen der grösseren oder geringeren Menge derselben
im Darmepitel. Bei einem Tiere, avo nur ein Drittel der Darmzellen
Körnchen enthielten, war im übrigen Körper nichts davon zu finden,
in einem andern Falle dagegen, wo sämmtliche Darmzellen dicht mit
Körnchen erfüllt waren, wiesen auch fast sämmtliche Drüsenzellen
den anatomischen Bau der Pentastomeu. 321
und das Bindegewebe grosse Mengen davon auf. In letzterem Falle
war offenbar dem Tode des Tieres eine reichliche Nahrungsaufnahme
vorangegangen.
Das bisher Dargestellte galt zunächst für Pent. taenioides, doch
habe ich eben solche Körnchen auch bei den andern Arten gefunden.
Von P. multicinctum iuv. ist hervorzuheben, dass dessen Darmepitel
ein ausserordentlich flaches ist, wie das auch Hoyle für sein P. pro-
telis hervorhebt.
Was den Darminhalt betrifft, so bestand dieser meist aus einer
krümeligen Masse, deren Beschaffenheit keinen Schluss auf ihren
Ursprung zuliess. In einem Falle indess, — es war ein sehr junges
P. taenioides — waren eine Menge Körnchen drin, die ich ihrer
starken Färbbarkeit wegen für Zellkerne halten möchte, und die
auch in der Grösse mit den Kernen des umgebenden Gewebes, das
den Schmarotzer beherbergte, übereinstimmten. Andererseits fand
ich im Darme des P. platycephalum kleine Bläschen, die man als
Zellhäute auffassen könnte, deren Inhalt verdaut worden war. Dem-
nach möchte ich annehmen, dass sich die Pentastomen nicht mit
einer flüssigen Absonderung der Gewebe des Wirtes begnügen, son-
dern die Gewebe selbst angreifen. Unter dieser Voraussetzung kann
man auch begreifen, warum ein so gewaltiger Drüsenapparat vor-
handen ist, über dessen wahrscheinliche Wirksamkeit im nächsten
Abschnitt genauer gehandelt werden soll.
Ueber den Bau des Enddarmes habe ich nichts neues hinzu-
zufügen. Was jedoch die grossen Zellen anlangt, die auf der Ober-
fläche dieses Darmabschnittes gefunden werden, und die Leuckart
für Ganglienzellen hielt, so bin ich zu einem anderen Urteil ge-
kommen. Dieselben erweisen sich nämlich auf gefärbten Schnitten
als so übereinstimmend mit den Drüsenzellen, dass icli keinen Augen-
blick Bedenken trage, auch sie als solche in Anspruch zu nehmen.
Ebenso haben sich ja auch die am Ende des Ösophagus gelegenen
Zellen, die Leuckart gleichfalls für Ganglienzellen zu halten geneigt
war, als Drüsenzellen herausgestellt. Damit will ich übrigens nicht
in Abrede stellen, dass die Fasern, die den Enddarm umspinnen,
nervöser Natur seien, im Gegenteil schien alles, was ich davon sah,
diese Deutung zu bestätigen. Indess hielt Leuckart nicht alle diese
Fasern für nervös, sondern einen Teil derselben für muskulös. Muskel-
fasern habe ich freilich nicht gefunden; wenn man sich jedoch er-
innert, dass auch für das Vorderende des Mitteldarmes Muskelfasern
angegeben werden, wo ich nur Drüsenkanälchen auffand, so kann
man annehmen, dass auch hier solche vorhanden seien, dazu be-
stimmt, das Sekret von seitlich gelegenen Drüsenzellen dem End-
darme zuzuführen. Die Vermutung gewinnt dadurch an Wahr-
scheinlichkeit, dass Leuckart ausdrücldich hervorhebt, dass auch
nach Anwendung von Reagentien keine Querstreifung an diesen
Fasern zu erkennen sei.
Arcli. f. Natuigesch. Jahrg. 1889. Bd. I. H. 3. 21
322 Ernst Lohrmanu: Untersuchungen über
Absonderungsorgaue.
Dass Drüsenzellen in grosser Anzahl im Körper der Pentastomen
vorhanden sind, ist eine seit van Beneden und Leuckart allgemein
bekannte Thatsache. Letzterer kannte nur eine Art von Drüsen, die
allerdings bei verschiedenen Pentastomen -Arten verschiedene An-
ordnung zeigten, und die er Hakendrüsen nannte. Hoyle unterschied
dagegen dreierlei Drüsen, nämlich Hakendrüsen, wandständige Zellen
und Stigmen-Zellgruppen. Nach meinen Untersuchungen sind erstere
beiden Arten zu vereinigen, während die Stigmendrüsen in der That
eine gesonderte Stellung einnehmen. Ich will für jene den einmal
eingeführten Namen „Hakendrüsen" beibehalten, obwohl er die Sache
nicht ganz trifft, da nicht alle damit bezeichneten Zellgruppen ihr Sekret
an den Haken ausfiiessen lassen. Später wird er, so hoffe ich, einmal
durch einen anderen ersetzt werden, der die physiologische Bedeutung
kennzeichnet, die allerdings bislang noch nicht sicher festgestellt ist.
Bei allen von mir untersuchten Arten münden drei Paare von
Drüsen gangen am Kopfe des Tieres aus, und zwar zwei in die Haken-
taschen, eins am vordersten Ende des Körpers nahe der Mittellinie.
Die Mündungen dieses letzteren, mittleren Paares liegen bei Pent.
taenioides auf den von Leuckart als Tastorgane gedeuteten kleinen
Erhebungen. Dass solche Deutung eine gewisse Berechtigung hat,
ist schon oben gezeigt worden, aber in erster Linie sind diese kleinen
Hügel die Mündungsstellen der mittleren Drüsengänge, und die darum
gruppierten nervösen Apparate stehen, wie ich glaube, im Dienste
der Drüsen, indem sie prüfen, ob der Ort, auf den sich das Sekret
ergiesst, für dessen Einwirkung auch geeignet ist, also eine Art
Geschmackswahrnehmung vermitteln. Die an die Haken heran-
tretenden Gänge verlaufen zumeist längs des Rückens der Haken-
taschen innerhalb des M. protractor basis und münden in die Taschen
von oben ein. Nur Pent. taenioides macht insofern eine Ausnahme,
als hier die Gänge von der Bauchseite herantreten, zwischen den
beiden Beugemuskeln des Hakens nach vorn laufen und dann in
der Verbindungshaiit zwischen der Stützplatte und der hinteren Ecke
des Hakens ausmünden. Verfolgt man die G Gänge rückwärts, so
findet man hinsichtlich der Länge zum Teil erhebliche Verschiedenheiten
zwischen den vier Hakengängen einerseits und dem mittleren Paare
andererseits. Mit der Länge des Tieres verglichen erreichen letztere
bei P. oxycephalum und P. platycephalum 9 Zehntel, bei P. multi-
cinctum iuv. 8 Zehntel, erstere dagegen bei allen dreien nur 1 Zehntel
etwa, beim ersten etwas mehr, beim letzten etwas weniger. Ab-
weichend verhält sich P. taenioides, hier sind die Hakengänge die
längeren, sie reichen bis zum 40. Segment, das mittlere Paar nur
bis zum 35. Am hinteren Ende lösen sich die Gänge pferdeschweif-
artig in 40 — 50 feine Kanälchen auf
Was nun die Drüsenzellen selbst und deren Anordnung betrifft,
so stimmt darin keine der untersuchten Arten mit einer andern
den auatomischen Bau der Pentastoiuen. 323
überein. Bei Pent. taenioides sind die Drüsenzellen, wie bekannt,
ausschliesslich in den flachen Seitenteilen des Körpers zwischen der
Muskulatur gelegen, und abgesehen von geringen Grössenverschieden-
heiten alle von demselben Aussehen. In einigen jugendlichen Tieren
(P. denticulatum) zeichneten sich etliche von den Drüsenzellen durch
ausserordentliche Färbbark eit aus; ich glaube kaum zu irren, wenn
ich annehme, dass diese bei der Tötung sich nur in einem andern
Thätigkeitszustande befunden haben als die übrigen, sonst aber nicht
verschieden von ihnen sind. Das Sekret der einzelnen Zellgruppen
wird durch die schon von Leuckart beobachteten Röhrchen in deren
Wandung man nur hier und da einen flachen, länglichen, blassen
Kern beobachtet, den grossen Drüsengängen zugeführt, welche eine
zeUige Wandung und innerhalb deren eine zarte Cuticular-Auskleidung
besitzen.
Pent. oxycephalum besitzt zwei zu beiden Seiten des Darmes hin-
laufende und mit diesem verbundene Drüsenkörper, innerhalb deren die
drei Gänge dicht bei einander hinlaufen. Die Drüsenzellen sind von
zweierlei Art: Die meisten haben einen Durchmesser von etwa 0,i mm
und bilden auf dem Querschnitt einen nach dem Darme zu geöffneten
Halbkreis um die Kanäle herum. Die nächste Umgebung der
Kanäle ist von Bindegewebe ausgefüllt, und in dieses ist eine zweite,
in geringerer Anzahl vertretene Art von Drüsenzellen eingelagert
von geringerer Grösse (0,ü3 mm), aber mit gleichgrossem Kern, und
von geringerer Färbbarkeit. Unter den ersteren, den grösseren
Drüsenzellen waren stellenweise solche, die Farbstofte gar nicht an-
nahmen ausser im Kern, und zwar lagen diese immer in grösserer
Menge beisammen. Für dieses besondere Verhalten glaube ich die-
selbe Ursache annehmen zu können wie für die oben bei P. taenioides
erwähnte ähnliche Erscheinung. Die beiden Drüsenkörper sind durch
je ein Mesenterium mit der Leibeswand in Verbindung, und zwar
mit der Rückenfläche des Tieres in der Weise, dass dazwischen nur
die Geschlechtsdrüse gelegen ist, während der übrige Raum beim
Weibchen durch die Windungen des Fruchthälters ausgefüllt wird.
Indessen sind nicht alle Drüsenzellen, die ich zum Hakendrüsen.-
apparat rechne, in den beiden Drüsenkörpern vereinigt, es kommt
noch die auch von Leuckart schon beobachtete Drüsenzellschicht
hinzu, welche die Körperwand von innen bedeckt. Diese Zellen
gleichen im wesentlichen der kleineren aus den Drüsenkörpern be-
schriebenen Art, nur dass sie alle flach gedrückt sind.
Bei Pent. multicinctum finden wir, ebenso Avie bei den eben
beschriebenen, zwei Drüsenkörper und wandständige Drüsenzellen,
aber diese letzteren stellen nicht wie dort eine Auskleidung der
Leibeshöhle dar, sondern sind ausserhalb der Muskulatur in den
Ringwülsten gelegen, eingebettet in dichtes zelliges Bindegewebe.
Natürlich bilden sie auch keine zusammenhängende Schicht durch
den ganzen Körper, sondern sind nach den Segmenten in einzelne
Hinge gesondert, die allerdings am Vorderteile in einander übergehen.
21*
324 Ernst Lohrmaiiii: Untersuchungen über
Die Drüsenkörper, welche wiederum einerseits am Darme befestigt
sind, andererseits mit der Körperwand durch ein Mesenterium in
Verbindung stehen, bestehen nur aus einer einzigen Art von Zellen,
die grösser sind und sich gegen Farbstoffe anders verhalten als die
wandständigen. In jedem verläuft von hinten bis vorn nur ein
einziger Kanal, der vor dem Munde ausmündet, während die an die
Haken tretenden Kanäle in ihrem kurzen Verlaufe oberhalb und
seitlich von den Drüsenkörpern sich halten, umgeben von einer
dicken Masse wandständiger Zellen.
Noch anders liegen die Verhältnisse bei Pent. platycephalum.
An der Leibeswandung sind hier überhaupt keine Drüsenzellen zu
finden, dieselben sind vollständig auf die beiden am Darme befestigten
Drüsenkörper beschränkt, die aber in diesem Falle durch kein Me-
senterium mit der Körperwand verbunden sind. Die Drüsenkörper
zeigen nicht ihrer ganzen Länge nach dieselbe Zusammensetzung,
vielmehr kann man einen kürzeren vorderen und einen längeren
hinteren Abschnitt unterscheiden. Ersterer reicht soweit nach hinten,
als die Hakengänge in ihnen verlaufen, während im hinteren Ab-
schnitt nur noch der mittlere Kanal vorhanden ist. Die Kanäle
sind überall von Bindegewebszellen umgeben, und im vorderen Teile
liegen sie nicht dicht bei einander, wie bei P. oxycephalum, sondern
laufen in gewissen Abständen neben einander her. Der wesentliche
Unterschied zwischen beiden Teilen liegt in den Drüsenzellen. Diese
sind vorn klein, 0,02.5 mm, kaum grösser als die Bindegewebszellen
und — so wenigstens bei dem mir vorliegenden, nicht sehr gut
erhaltenen Tiere — von ihnen nur dann sicher zu unterscheiden,
wenn man die quastenartige Zeichnung an der Ansatzstelle des
Kanälchens zu Gesicht bekommt. Die Drüsenzellen des hinteren
Abschnittes dagegen sind 0,i mm im Durchmesser, also viermal so
gross. Die Trennung der beiden Zellarten ist keine ganz scharfe,
indem im vorderen Teile auch einige grosse Zellen vorkommen.
Und ob im hinteren Teile nicht auch hier und da Zellen der kleineren
Art gefunden werden, kann ich deshalb nicht mit Bestimmtheit in
Abrede stellen, weil die Unterscheidung von den Bindegewebszellen
sehr schwierig ist.
Hält man die Befunde bei unseren vier Arten gegen einander,
so erkennt man, dass nur bei Pent. taenioides einerlei Drüsenzellen
vorhanden sind, bei den drei andern Arten aber überall zweierlei,
grössere und kleinere, und zwar scheinen die kleineren vornehmlich
die Hakengänge mit Sekret zu versorgen, die grösseren dagegen die
Mittelgänge; denn bei P. multicinctum und bei P. platycephalum
sind die Hakengänge ganz von kleineren Zellen umgeben, während
die grossen Zellen ausschliesslich in der Umgebung der allein ver-
laufenden Mittelgänge gefunden werden.
Vor allem aber ist zunächst die Frage zu beantworten: Gehören
die wandständigen Zellen wirklich zum Hakendrüsenapparat oder
nicht? Senden sie ihr Sekret ebenfalls in die Gänge oder irgend
wo anders hin, etwa durch die Körperbedeckung direkt nach aussen?
den anatomischen Bau der Pentastomen. 325
Unmittelbar beobachtet habe ich Ausführungskanälchen weder bei
P. oxycephalum noch bei P. multicinctum , dennoch glaube ich ihre
Zugehörigkeit zu den Hakendrüsen aus folgenden Gründen annehmen
zu müssen. Zunächst habe ich die strahlige Zeichnung, welche die
Stelle des Sekretaustritts andeutet, nie nach aussen gewendet ge-
sehen, sondern stets seitlich oder nach innen gerichtet. Sodann
kann man die Drüsenzellen von Pent. taenioides sämmtlich als wand-
ständige bezeichnen, und wenn sie in dem einen Falle ausschliesslich
an den \Yänden verteilt sind, warum sollten im andern die Wand-
belegzellen nicht mit dazu gehören? Ferner verlaufen die Haken-
gänge von P. multicinctum in der Nähe der Körperwand zwischen
Zellen, die sich von denen der Ringwülste nicht unterscheiden lassen.
Endlich liegt noch ein sehr gewichtiger Wahrscheinlichkeitsgrund
in dem Vorhandensein von Mesenterien, welche die Drüsenkörper
mit der Körperwand verbinden.
Von den untersuchten Arten sind drei mit Drüsenkörpern ver-
sehen, aber nur bei zweien sind dieselben an Mesenterien befestigt,
und zwar sind das dieselben, welche auch wandständige Drüsenzellen
besitzen, während P. platycephalum weder die letzteren noch Me-
senterien hat. Diese scheinen demnach, wo sie vorkommen, weniger
zur Befestigung zu dienen, als vielmehr im Dienste der Wandbeleg-
zellen zu stehen, indem sie die Kanälchen aufnehmen, welche das
Sekret dieser Zellen in die grossen Ausführungsgänge überfuhren.
Zwar habe ich in den Mesenterien keine Kanälchen direkt gesehen,
sondern nur eine etwas schräg gerichtete Längsstreifung, aber diese
lässt sich sehr gut auf solche Kanälchen zurückführen; die grösste
Beweiskraft scheint mir aber das Fehlen der Mesenterien bei P. platy-
cephalum zu besitzen. Wo übrigens solche vorhanden sind, da setzen
s"ich dieselben über das hintere Ende der Drüsenkörper hinaus fort,
nunmehr unmittelbar den Darm mit der Leibeswandung verbindend,
fast bis an die Ausmündung des Darmes, wie denn auch die wand-
ständigen Zellen bis an das Hinterende des Körpers vorhanden sind.
Auch nach vorn gehen die Drüsenzellen bis an das Ende des
Körpers, doch diese vordersten, die zum Teil noch vor der Mündung
der Gänge gelegen sind, verhalten sich insofern abweichend, als ihre
Ausführungskanälchen sich nicht mit den grossen Gängen vereinigen,
sondern nach Durchbrechung der Cuticula an der Bauchfläche direkt
nach aussen münden.
Abgesehen von den Hakendrüsen giebt es noch eine Anzahl von
Zellgruppen, die ihr Sekret in verschiedene Organe des Körpers
senden, deren Zellen sich aber von jenen entweder gar nicht oder
nur durch die geringere Grösse unterscheiden. Sie sind den be-
treffenden Organen entweder dicht aufgelagert und in dem Falle
früher \delfaeh für Ganglienzellen gehalten worden, oder räumlich
nicht scharf von den Hakendrüsen, d. h. den wandständigen Zellen,
gesondert. Die Ausführung des Sekretes geschieht im ersteren Falle
durch eine Menge feiner sich nicht vereinigender Kanälchen. Dasselbe
findet bei P. taenioides auch im zweiten Falle, d. h. bei grösserer
326 Ernst L oh r mann: Untersuchungen über
Entfernung der Drüsenzellen von der Stelle der Sekretwirkung, statt,
während da bei anderen Arten eine Sammlung der Kanälclien in
einen gemeinsamen Gang erfolgen kann. Solcher Drüsenzellgi'uppen
sind mir sechs bekannt, davon vier am Geschlechtsapparat, die später
genauer besprochen werden sollen, nämlich am Samenleiter des
Männchens, am Samengang des Weibchens, am männlichen Be-
gattungsapparat und am Ende der Scheide; ferner die bereits er-
wähnten am Enddarm und am Ende des Oesophagus.
Diese letzte wird offenbar zur Verdauung unserer Tiere in Be-
ziehung stehen, sie ist aber so klein, dass man sie auf keinen Fall
für den einzigen Ursprungsort des ganzen nötigen Verdauungs-
sekretes halten kann. Dass die im Darmepitel enthaltenen Köi-nchen
Verdauungsstoffe darstellen könnten, habe ich oben zurückgewiesen,
andererseits aber glaube ich nicht zu irren, wenn ich im Safte der
Hakendrüsen das wesentlichste Verdauungssekret erblicke. Von
Leuckart wurde das Hakendrüsensekret als ein Reizmittel auf-
gefasst, das die Gewebe des Wirtes veranlasse, Flüssigkeit abzu-
sondern, die dem Tiere zur Nahrung diene. Aus der Untersuchung
des Darminhaltes habe ich aber den Schluss gezogen, dass die
Pentastomen sich nicht mit einem abgesonderten Saft begnügen,
sondern die Gewebe des Wirtes selbst angreifen. Da nun aber der
Mund blos zum Saugen eingerichtet ist, und die Haken auch nicht
zum Losreissen und feinen Zerkleinern von Gewebsstücken tauglich
erscheinen, so bleibt nichts übrig als anzunehmen, dass die Nahrung
ausserhalb des Körpers in flüssige Form übergeführt, d. h. verdaut
wird, und das kann nur durch den Saft der Hakendrüsen geschehen.
Wenn auch die Verdauung ausserhalb des Körpers keine vollständige
zu sein braucht, so müssen doch wenigstens die einzelnen Zellen des
Nahrungsgewebes aus ihrem Verbände gelöst werden. Unter obiger
Voraussetzung wird auch die Anwesenheit eines so mächtigen Drüsen-
apparates verständlich, denn zur blossen Reizung des Wirtes würde
wohl eine viel kleinere Drüse ausreichen. Aber auch mit den Ver-
dauungsdrüsen anderer Tiere verglichen ist der Drüsenapparat ausser-
ordentlich gross, offenbar aus dem Grunde, weil bei Verwendung des
Sekretes ausserhalb des Körpers eine Menge davon verloren geht.
Dass die Gänge in die Hakentaschen münden, hat natürlich seinen
Grund darin, dass die von den Haken verursachten Wunden be-
sonders günstige AngTiffsstellen für die Drüsensäfte darbieten. —
Es versteht sich von selbst, dass die hier aufgestellte Ansicht noch
durch direkte Untersuchung des Sekretes zu prüfen sein wird.
Ganz anderer Natur als die Hakendrüsen sind sowohl ihrem
Baue als auch jedenfalls ihrer Aufgabe nach die Stigmendrüsen.
Der Bau ist bereits in dem Abschnitt über die Körperbedeckung
beschrieben worden, hier will ich nur auf die Frage nach ihrer Be-
deutung eingehen. Aus dem Baue lässt sich kein Schluss ziehen
auf diese, vielleicht aus ihrer Anordnung. Sie sind über den ganzen
Körper verteilt, von vorn bis hinten, oben und unten, man könnte
deshalb vermuten, dass sie in irgend welcher Beziehung zur Haut
den anatomischen Bau d<^r Pentastomen. 327
ständen und vielleicht gewissennassen als Talgdrüsen diese ge-
schmeidig zu erhalten hätten. Doch will mir dies wenig glaubhaft
erscheinen. Ueberlegen wir uns aber, zu welchem Zweck sonst noch
absondernde Organe gebraucht werden, so finden wir, dass keine
Harnwerkzeuge im Pentastomenkörper bekannt sind. Dass die
Pentastomen ebenso wie alle andern lebenden Organismen stickstoff-
haltige Zersetzungsprodukte des Stoffwechsels liefern, unterliegt
keinem Zweifel , und bei so grossen Tieren sollte man auch besondere
Organe für deren Abscheidung erwarten. Malpighische Gefässe wie
bei andern Arthropoden sind aber nicht vorhanden, und dass das
Darmepitel neben der Aufnahme der Nahrung auch die Abscheidung
der Stoffwechselprodukte besorgen sollte, ist nicht wahrscheinlich.
Wenn ich nun die Vermutung ausspreche, dass die Stigmendrüsen
möglicher Weise Harn absondernde Organe sein könnten, so habe
ich dafür freilich weiter keinen Grund, als dass man für diese
Thätigkeit keine Organe, für jene Organe aber keine Thätigkeit
kennt. Immerhin wäre die Sache wohl wert, einmal auf mikro-
chemischem Wege untersucht zu werden von einem, der in die
glückliche Lage kommt, lebende Pentastomen zur Untersuchung zu
erhalten. Dass keine einheitliche Drüse an einer bestimmten Stelle
des Körpers für die Harnabscheidung vorhanden ist, das würde sich
einerseits aus dem Mangel eines Herzens, andererseits aus der trägen
Lebensweise der Tiere erklären; denn da weder durch ein Herz noch
durch kräftige Körperbewegungen für einen lebhaften Umtrieb der
Blutflüssigkeit gesorgt wird, so müssen die Stoftwechselprodukte
lediglich durch Diffusion zu den Ausscheidungsstellen gelangen, und
wenn nur eine einzige solche vorhanden wäre, so würde an den ent-
fernt gelegenen Stellen bald eine zu grosse Ansammlung solcher
Stoffe stattfinden. Dem würde aber vorgebeugt sein durch Verteilung
der Drüsen über den ganzen Körper.
Männliche Creschleclits- Organe.
Die morphologischen Verhältnisse der Geschlechtsorgane sind
von Leuckart so eingehend beschrieben worden, dass mir nur in den
feineren Einzelheiten einiges zu vervollständigen übrig geblieben ist.
Auch die Deutung, welche derselbe den einzelnen Teilen gegeben
hat, kann ich vollkommen bestätigen trotz der Zweifel, die von einigen
P'orschern betreffs mehrerer Punkte erhoben worden sind. Mit Hilfe
einer genauen morphologischen Untersuchung ist es mir auch möglich
geworden, ein Organ zu erklären, das in dem Leuckartschen Werke
unerklärlich geblieben ist, nämlich den sog. Chitinzapfen.
Um der von Leuckart innegehaltenen Ordnung zu folgen be-
ginne ich mit dem Hoden. Die Wand desselben (Fig. 9) besteht
aus zwei Schichten, einer äusseren strukturlosen Haut und einer an
diese sich von innen anlegenden Protoplasmalage, in der ich keine
Zellgrenzeu wahrzunehmen imstande war. Die darin liegenden Kerne
sind ausserordentlich unregelmässig verteilt. Im allgemeinen beträgt
328 Ernst Lolirmanii: Untersuchungen über
die Dicke der Schicht kaum 0,005 mm. Die Kerne sind flach und
stehen in verhältnismässig grossen Abständen. Stellenweise aber
verdickt sich die Schicht in verschiedenem Maise, vom kaum Merk-
lichen an bis zum Vier- oder Fünffachen, und in diesen kleinen
Hügeln finden sich zahlreiche rundliche Kerne dicht neben einander.
Ich glaube nicht daran zweifeln zu dürfen, dass wir in diesen Hügeln
die verschiedenen Entwicklungszustände der „Samencysten" vor uns
haben, welche den Innenraum des Hodens in grosser Menge erfüllen
und deren Aveiteres Schicksal von Leuckart ausführlich beschrieben
worden ist. Der gesammte Verlauf der Samenbildung dürfte also
der sein, dass ein Kern der Wandung mit dem umgebenden Proto-
plasma sich lebhaft teilt, sodass eine grosse Gruppe von Kernen, in
Plasma eingebettet, entsteht, die sich nun von der Wand loslöst.
Mit der Loslösung ist jedoch keineswegs die Kernvermehrung beendet,
sie dauert noch fort, wie die zahlreichen Kernteilungsfiguren be-
weisen, welche in den Samencysten zu sehen sind. Sind dann die
endgiltigen Samenmutterzellen gebildet, so geht die Samenfaden-
bildung in der bekannten Weise vor sich.
Die Hoden verengern sich vorn zu zwei kurzen Röhrchen, welche
zwar äusserlich sich vereinigen, deren Innenräume jedoch gesondert
von einander auf einer kleinen Papille dicht neben einander in die
Samenblase einmünden. Die Weite dieser Röhrchen ist sehr gering,
etwa 0,02 mm.
Die Wandungen der Samenblase zeigen innen eine einfache
Epitellage von etwa 0,02 mm Dicke, eine zarte Tunica propria und
eine ziemlich kräftig entwickelte Muskelschicht, deren Fasern zu-
meist, doch nicht ausschliesslich, der Quere nach verlaufen. Darauf
liegt aussen noch ein bindegewebiger Ueberzug. Diese Beobachtungen
stimmen mit denen Leuckarts überein bis auf dessen Angabe über
die innere Zellschicht. Er sagt, es sei eine 0,14 mm dicke Lage von
Zellen vorhanden, die er trotz ihrer geringen Grösse (0,02 mm) als
Drüsenzellen betrachte und von denen er die körnige Substanz her-
leite, die dem Sperma im Innern der Samenblase beigemischt sei.
Die angegebene Grösse der Zellen stimmt mit meinen Beobachtungen,
nicht aber die Dicke der Schicht. Vielleicht ist eine andere Beob-
achtung, die ich gemacht habe, geeignet, diese Verschiedenheit auf-
zuklären. An einem Männchen, dessen Samenblase dicht mit Sperma
gefüllt war, konnte ich nämlich das Epitel nur noch in der ersten,
rückwärts verlaufenden Hälfte der Blase erkennen, während es in
dem zweiten, -wieder nach vorn gehenden Teile vollständig ver-
schwunden war; an dessen Stelle waren jedoch Samenfaden in dichter
Menge " ringsum in die Wand eingebohrt, stellenweise zu noch dich-
teren Büscheln vereinigt. Einige Male schien es mir, als ob kleine
Ueberreste des Epitels es wären, die solchen Büscheln als Mittel-
punkt dienten. Es machte also den Eindruck, als wenn das Epitel
von den Spermatozoen zerstört worden sei. Die im Innern der Blase
liegende Samenmasse hob sich scharf von der Schicht der ein-
gebohrten Samenfäden ab. Mit dieser letzteren erreichte die Wand
den anatomischen Ban der Pentastomen. 329
eine Dicke von etwa 0,i mm. Vielleicht ist es eine ähnliche Stelle
gewesen, an der Leuckart die Wand 0,i4 mm dick gefunden hat,
während er die Zellen von 0,02 mm von einer andern, von Samen-
fäden freien Stelle isolierte.
Die beiden vorderen Hörner der Samenblase verjüngen sich rasch
und biegen dabei nach hinten um, setzen sich aber nicht, wie Leuckart
meint, in die Samenleiter fort, sondern münden mit einer feinen
(0,015 mm) nach rückwärts gerichteten Oeffnung in die Anhangs-
schläuche, in der Weise, dass eine Kontraktion der Samenblase die
Samenfiüssigkeit zunächst nicht in die Samenleiter, sondern nur in
die Anhangsschläuche befördern kann. Diese letzteren zeigen (Fig. 10)
eine sehr kräftige Tunica propria, welcher nach innen eine einfache
Schicht blasser Zellen, nach aussen aber die bekannte mächtig ent-
wickelte Längsmuskelschicht aufliegt. Der Angabe Leuckarts, dass
im Innern eine dicke, helle Chitinhaut vorhanden sei, muss ich ent-
schieden widersprechen, die Chitinbekleidung der Samenleiter setzt
sich nicht in die Anhangsschläuche fort, obw^ohl diese ihrer Richtung
nach als die gerade Fortsetzung jener zu bezeichnen sind. Die Dicke
der Schläuche beträgt 0,21 mm, die Dicke der Muskelschicht 0,07 mm.
Die Schicht grosser Zellen, welche aussen um die Samenleiter
liegen, hat Leuckart mit Recht für Drüsenzellen erklärt; die Schwie-
rigkeit, dass die dicke Chitinankleidung der Röhren dem Durchtritt
des Sekretes ein bedeutendes Hindernis zu sein schien, wird dadurch
gehoben, dass ich feinste Röhrchen von 0,002 mm Durchmesser und
darunter erkannt habe, welche die Chitinschicht durchbohren und
offenbar der Leitung des Sekretes dienen.
Wir kommen nunmehr zu den Begattungsorganen. Der Samen-
leiter setzt sich zunächst in die sogenannte Cirruszwiebel fort, welche
aus kleinen Zellen mit grossen Kernen gebildet wird und innerhalb
deren die Chitinauskleidung des Kanales sehr dünn ist. Der Kanal
setzt sich fort in den langen, spiralig aufgerollt im Cirrusbeutel
liegenden Cirrus, an dessen Wand Leuckart nicht weniger als vier
Schichten unterscheidet. Ohne die Möglichkeit dieser Unterscheidung
für frische Tiere oder vielleicht für jüngere in Abrede stellen zu
wollen, will ich nur erwähnen, dass ich an meinem conservierten
Material nur deren zwei erkennen konnte, eine innere glashelle
Schicht, und eine äussere Chitinröhre, deren Substanz durch Färb-
barkeit und sonstiges Aussehen sich dem an die Seite stellen lässt,
welches ich bei Beschreibung des Mundes als elastisches Chitin be-
zeichnet habe; diese äussere Schicht würde den drei äusseren
Leuckarts entsprechen.
lieber den Cirrusbeutel und den äusseren Geschlechtsgang habe
ich nichts hinzuzufügen, es erübrigt also nur noch, den sogenannten
Chitinzapfen einer genaueren Betrachtung zu unterwerfen. Da muss
ich zunächst hervorheben, dass ich eine Unterscheidung zweier Gipfel,
eines unteren flachen und eines oberen schlanken, nicht billigen
kann. Es mag wohl vorkommen, dass durch irgendwelche Einflüsse
330 Ernst Lohrraann: Untersuchungen über
eine ungleiche Krümmung der Chitindecke und dadurch der Anschein
zweier Gipfel zitstande kommt, aber im normalen Zustande ist es
ein einheitliches Gebilde; wenigstens habe ich auf Längs- und Quer-
schnitten vergebens nach dem zweiten, niedrigeren Gipfel gesucht.
Der Zapfen stellt eine mit Chitin bekleidete, etwas gekrümmte Er-
hebung dar, die den Beutel, in welchem sie liegt, am Grunde voll-
ständig, im oberen Teile fast vollständig ausfüllt (Fig. 11). In seiner
oberen Hälfte ist er mit einer dünnen elastischen Chitinhaut über-
zogen, während die Umhüllung der unteren Hälfte aus dickem, festen
Chitin besteht. Der obere Teil des Beutels bildet nach innen eine
ringsum, mit einer Unterbrechung nach der Cirruszwiebel zu, ver-
laufende, nach vorn gerichtete Falte, deren innere Wand mit einer
dicken Lage festen Chitins versehen die sog. Scheide darstellt.
Ebenso ist der ganze untere Teil des Beutels mit festem Chitin aus-
gekleidet, das im untern Drittel mit der Bedeckung des Zapfens zu
einem einzigen Blatte verschmilzt. Der Zapfen wird durch kräftige
quer gestreifte Muskelfasern ausgefüllt, die in der untern Hälfte von
dem festen Chitin ausgehen und sich an das elastische Chitin der
oberen Hälfte ansetzen, und zwar in solcher Richtung, dass durch
ihre Wirkung der obere Teil gekrümmt wird, sodass die Spitze aus
dem Spalte der Scheide hervortritt. Lassen die Muskeln nach, so
streckt sich das Ganze wieder infolge der elastischen Beschaffenheit
seiner Chitinbekleidung. Auch an der Aussenseite des Apparates
entspringen am Grunde eine Menge von Muskelfasern, die teils am
Rücken des Beutels verlaufend sich entweder oberhalb der Falte oder
nahe der Geschlechtsöffnung an der Körperhaut ansetzen, teils von
der Bauchseite entspringend in einem mehr geschlossenen Bündel
zwischen Cirruszwiebel und Cirrusbeutel nach vorn gehen und sich
dann ebenfalls in der Nähe der Geschlechtsöffnung an der Körper-
wand befestigen. Diese Muskeln dienen offenbar dazu, den Chitin-
zapfen mitsammt der Scheide nach vorn zu ziehen, sodass das vordere
Ende in den äusseren Geschlechtsgang hineinragt, während die Rück-
bewegung wiederum auf Rechnung der Elasticität der Chitinhäute
gesetzt werden muss, da Muskeln hierfür nicht aufgefunden werden
konnten. Wenn sich nun die Thätigkeit dieser äussern IMuskeln mit
der der im Chitinzapfen gelegenen in der Weise verbindet, dass nach
dem Vorziehen des Ganzen das Beugen des Zapfens, nach der Rück-
bewegung das Strecken desselben erfolgt, so entsteht eine zusammen-
gesetzte Bewegung, die man am besten mit dem Lecken einer Zunge
vergleichen kann, weshalb ich auch vorschlagen möchte, den
Ausdruck „Chitinzapfen" durch die Bezeichnung ,, Zunge" zu er-
setzen.
Ich will hier übrigens die Bemerkung nicht unterdrücken, dass
Herr Geh. -Rat Leuckart selbst es war, der zuerst vermutungsweise
die hier vorgetragene Ansicht aussprach, worauf ich sie durch eine
darauf gerichtete Untersuchung bestätigen konnte.
In den Beginn des äussern Geschlechtsganges, dicht vor der
Oeffnung des Cirrusbeutels mündet jederseits von der Seite her eine
den auatomischen Bau der Pentastoraen. 331
Drüse, von der Leuckart nichts erwähnt. Allerdings ist es keine
geschlossene Drüse, die sich deutlich von der Umgebung abhebt,
sondern eine Anzahl von Zellen in den Seitenteilen des Körpers,
die sich nur dadurch von den Hakendrüsenzellen unterscheiden, dass
sie ihr Sekret nicht in deren Ausführungsgänge ergiessen, sondern
in die Geschlechtsgänge, aber nicht durch einen gemeinsamen Kanal,
sondern durch eine Menge feiner Kanälchen, die getrennt von einander
münden. Einige von den Zellen liegen übrigens der Wand des Ge-
schlechtsapparates unmittelbar an. Jedenfalls dient das Sekret zur
Schmeidigung der Chitinteile des Begattungsapparates.
Nach diesen Vervollständigungen unserer anatomischen Kennt-
nisse wollen wir versuchen, uns ein zusammenhängendes Bild der
Vorgänge bei der Begattung zu geben. Nachdem das männliche
Tier seine Geschlechtsöffnung auf die des Weibchens gelegt und sich
mit Hilfe der Haken befestigt hat, tritt zunächst die Muskulatur
der Samenblase in Thätigkeit und treibt durch ihre Kontraktion
einen Teil des Inhaltes der Blase in die Anhangsschläuche hinein.
Sodann verkürzen sich diese durch die Wirksamkeit ihres Muskel-
belags um ein bedeutendes Stück und drücken die Samenflüssigkeit
mit weit grösserer Kraft, als es von der Samenblase unmittelbar
geschehen könnte, durch die Samenleiter, wo ein Sekret zugemischt
wird, in den Cirrus hinein. Nach vollendeter Verkürzung werden
die Anhangsschläuche durch die Elasticität ihrer Membrana propria
wieder gestreckt, wobei vielleicht auch der Strahl der Samenflüssig-
keit mitwirkt, der durch erneute Kontraktion der Samenblase in
die Anhangsschläuche übertritt, um durch deren Zusammenziehung
wieder w^eiter befördert zu werden. So wechseln Samenblase und
Anhangsschläuche in ihrer Thätigkeit ab und treiben eine immer
grössere Menge der Samenmasse in die beiden Cirrus hinein, durch
deren Druck diese allmählig entfaltet werden und durch den äussern
Geschlechtsgang in die Scheide des Weibchens übertreten. Dabei geht
natürlich nicht die Spitze des Cirrus voran, sondern die Streckung
schreitet von der Cirruszwiebel aus vor, die Streckung der Spitze
erfolgt zu allerletzt. Die Pumpbewegungen der Samenblase und der
Anhangsschläuche Averden nun so lange fortgesetzt, bis der ganze
Inhalt der Samenblase in die beiden weiblichen Samentaschen, bez.
in eine derselben, übergeführt ist. Das Wiedereinzielien der Cirren
kann auf keinen Fall durch deren eigene Kraft geschehen, denn
nach der anatomischen Untersuchung sind sie nicht befähigt, eine
selbständige Bewegung auszuführen. Das Einholen ist vielmehr Auf-
gabe der beiden ,, Zungen", welche durch die oben beschriebenen Leck-
bewegungen die Cirren nach und nach hereinholen, indem während
des jedesmaligen Vorstreckens der Cirrus durch Kontraktion des
äussern Geschlechtsganges festgehalten und am wiedervorgleiten ver-
hindert wird.
Ich habe in dieser Darstellung immer von der gleichzeitigen
Thätigkeit beider Seiten des Begattungsapparates gesprochen; ob sie
in Wirklichkeit beide zugleich thätig sind oder allemal nur eine,
332 Ernst Lohrmann: Uiitersnchuiigeii über
lässt sich vorläufig nicht entscheiden ; auch die Beobachtung Leuckarts,
dass Weibchen gefunden werden, bei denen nur eine Tasche mit
Sperma gefüllt ist, erlaubt keinen Schluss in dieser Hinsicht. Die
Scheide ist jedenfalls weit genug, um beide Girren gleichzeitig auf-
zunehmen.
Noch habe ich Einiges hinzuzufügen, was ich über den männ-
lichen Geschlechtsapparat der übrigen untersuchten Arten beobachtet
habe. Von Pent. oxycephalum ist die Einfachheit des Hodens schon
bekannt, nicht aber der Umstand, dass dieser einfache Hoden dennoch
mit zwei ganz kurzen, engen Röhren in die einfache Samenblase
einmündet, ebenso Avie es Hoyle bei Pent. protelis beschrieben hat.
Ich möchte mich auch der von diesem gegebenen Erklärung an-
schliessen, dass der einfache Hoden der meisten Pentastomen phy-
letisch aus einem doppelten abzuleiten sei, wie er bei P. taenioides
erhalten ist. Wie sich P. multicinctum hinsichtlich des Uebergangs
des Hodens in die Samenblase verhält, habe ich nicht feststellen
können.
Die Drüse, die bei Pent. taenioides in den Anfang des äussern
Geschlechtsganges mündet, habe ich sowohl bei P. oxycephalum als
bei P. multicinctum wiedergefunden, nur mit dem Unterschiede, dass
bei beiden die Ausführungskanälchen in einen gemeinsamen Gang
vereinigt sind, und dass dieser Gang in das obere Ende des Cirrus-
sackes einmündet, genau so, wie es bei P. protelis der Fall ist. —
Die äussere Geschlechtsöffnung ist bei den genannten Arten nicht
einfach, sondern die beiden Gänge münden getrennt, obwohl dicht
beisammen. — Im übrigen scheinen weiter keine wesentlichen Ab-
weichungen von den bei P. taenioides gefundenen Verhältnissen zu
bestehen.
Wedl hat für sein P. oxycephalum den männlichen Geschlechts-
apparat Avesentlich anders beschrieben, er findet am Penis eine
kräftige Muskellage, an den Auhangsschläuchen Drüsenzellen u. s. w.
Bei genauerem Zusehen erkennt man jedoch, dass hier grobe Ver-
wechselungen vorliegen; was er Penis nennt, sind die Anhangs-
schläuche, während seine Anhangsschläuche in Wirklichkeit die
Samenleiter sind; und die äussern Geschlechtsgänge mit den Cirrus-
beuteln u. s. w. werden als Penisscheiden zusammengefasst.
Weibliche Geschleclitsorgaue.
Die weiblichen Geschlechtsorgane der Pentastomen sind so genau
bekannt, dass ich nur weniges hinzuzufügen habe. Zunächst im
allgemeinen eine Bemerkung über die Muskulatur dieser Organe.
Während die Muskeln der Pentastomen -sonst, sowohl die Körper-
muskeln als die des Darmes und der männlichen Geschlechtsorgane
überall deutlich quergestreift sind, scheinen die der weiblichen Ge-
schlechtsorgane auf einer tieferen Entwicklungsstufe stehen zu bleiben.
Quergestreifte Fasern habe ich nur in geringerer Anzahl und Grösse
gefunden, am kräftigsten ausgebildet am Endstück der Scheide.
den anatomischen Bau der Pentastomen. 333
Sonst besteht die Muskulatur aus blassen zarten Fasern, namentlich
ist die dicke Ringfaserlage am Sphinkter der Samentaschen ohne
jede Spur von Querstreifung.
Im einzelnen habe ich folgendes der Leuckartschen Darstellung
hinzuzufügen. Der Uebergang der vereinigten Eileiter in die Scheide
geschieht nicht durch eine Spaltöffnung, die in einen llaschenförmigen
Aufsatz der Scheide mündet, sondern der Uebergang ist ein ganz
unmittelbarer, wenn auch die Mündung des engen Leitungskanales
in die erweiterte Scheide etwas zusammengedrückt ist, sodass der
Ausdruck Spaltöffnung nicht geradezu unrichtig erscheint. Der kleine
Aufsatz aber ist nicht der ganzen Länge nach geschlitzt, sondern
es ist ein blindsackartiger, nach dem Rücken des Tieres zu gelegener
und nach vorwärts gerichteter Anhang der Scheide, welcher ebenso
wie die beiden ganz ähnlichen Anhänge der Samengänge denselben
Bau wie die Leitungsapparate selbst zeigt, nämlich innen chitinige
Auskleidung, dann deren Matrix und endlich die Ringfaserschicht.
Von einer drüsigen Natur dieser Gebilde kann also nicht die Rede
sein, über ihre wahre Bedeutung aber kann ich mir nicht die ge-
ringste Vorstellung machen. Bei P. oxycephalum habe ich nach dem
mittleren Anhang, d. h. dem der Scheide, vergebens gesucht.
Die Erweiterung der Scheide zum Fruchthälter beginnt beim
erwachsenen Tier dicht unterhalb des kleinen Blindanhangs, das
wahre Ende derselben liegt aber eigentlicli etwas weiter oberhalb,
wie ich sehr deutlich an einem jüngeren, noch unbefruchteten
Weibchen erkennen konnte. An diesem war die Verbindung zwischen
der mit Chitin ausgekleideten Scheide und dem vereinigten Eileiter
zwar äusserlich hergestellt, aber die Höhlungen waren noch getrennt,
indem die Scheide durch ein gewölbtes Ende abgeschlossen war.
Und an dieser Wölbung beteiligte sich sowohl die Zellenlage als
auch die Chitinauskleidung der Sehfelde. Offenbar muss dieser Ab-
schluss später beseitigt werden, um den Eiern Durchtritt zu ge-
währen, es wäre aber denkbar, dass dies erst nach der Befruchtung
geschieht, und dass der Verschluss nicht nur genetisch zu verstehen
ist als das Ende der von aussen abzuleitenden Geschlechtsteile,
sondern auch physiologisch indem er verhindert, dass die Penisspitze
sich in die Eileiter verirre und der Same sich in diese anstatt in
die Samentaschen entleere.
Betreffs der Samentaschen muss ich erwähnen, dass ich an der
Matrixlage nicht die Besonderheiten gefunden habe, die Leuckart
beschreibt. Die Matrix der Chitinhaut ist eine einfache Schicht
kleiner Zellen, an der weder mehrfache Schichtung noch das Aus-
sehen eines Cylinderepitel zu sehen war.
Endlich habe ich noch hinzuzufügen, dass die grossen Zellen,
die den Samengang umgeben, ebenso wie die am männlichen Samen-
leiter ihrem ganzen Aussehen nach entschiedene Drüsenzellen sind.
Hier habe ich zwar nicht wie dort Ausführungskanälchen gefunden,
welche das Chitin durchbohren, ich kann aber das Vorhandensein
334 Ernst Lohrmanu: Untersuchungen über
solcher nicht bezweifeln. Jedenfalls wird hier dem aus der Samen-
tasche austretenden Sperma ein Sekret zugeuiischt, welches die
Lebendigkeit der Samenfäden neu anregt, was verständhch sein
wird, wenn man bedenkt, dass das Sperma Monate, teilweise selbst
Jahre lang aufbewahrt werden muss ehe es zur Befruchtung ver-
wendet wird. Auch die am Endstück der Scheide befindlichen
Zellen, die Leuckart für Ganglienzellen hielt, sind Drüsenzellen;
welche Bedeutung sie allerdings hier haben mögen, vermag ich nicht
zu sagen.
Systematisclies.
Die Gattung Pentastomum ist von Leuckart in zwei Unter-
gattungen, Linguatula und Pentastomum s. str., geteilt worden, und
Hoyle erhebt diese zu zwei selbständigen Gattungen, indem er die
vorhandenen Unterschiede für gross genug dazu hält. Ich kann dem
nicht beistimmen. Der einzige scharfe Unterschied ist der doppelte
Hoden bei Pent. taenioides; es ist aber noch gar nicht ausgemacht,
ob dieser nicht auch bei manchen runden Formen doppelt ist. Die
Gestalt ist offenbar durch den Wohnort bedingt. Während die
rundlichen Formen im ausgebildeten Zustande die runden Maschen-
räume der Lunge bewohnen, leben die Ilachen Formen in den flachen
Räumen der Nasenhöhle. Aehnlich sind auch die Arten der Gattung
Phytoptus teils rund, teils flach, je nach ihrem Aufenthaltsorte, ohne
dass man sich dadurch veranlasst gesehen hätte, zwei Gattungen
daraus zu machen. Dazu kommt, dass auch die Leibeshöhle von
P. taenioides mit ihren Seitenkammern, wie oben nachgewiesen,
nicht so scharf jener der runden Formen gegenübergestellt werden
kann. Die völHg zerstreute Lage der Drüsenzellen bietet allerdings
eine weitere Auszeichnung dar, wollte man aber darauf eine scharfe
Abtrennung begründen, so müsste auch P. platycephalum, bei dem
die Sammlung der Zellen in zwei Drüsenkörper vollendet ist, in eine
besondere Gattung verwiesen werden. Behalten wir daher die Unter-
gattung Linguatula bei, wie sie Leuckart aufgestellt hat. Dieser
stehen aber die übrigen Pentastomen nicht als eine gleichwertige
Einheit gegenüber, es müssen auf jeden Fall die Arten mit wulstig
aufgetriebenen Leibesringen von den andern ohne solche getrennt
werden, obwohl eine scharfe Sonderung auch hier nicht möglich sein
wird. Füi- die erste Gruppe sind nicht blos die Ringwülste charak-
teristisch, sondern auch das Fehlen oder wenigstens die geringe Ent-
wicklung der Nebenhaken und das Fehlen der Stacheln bei den Jugend-
formen, indem letztere durch eine ringförmige Leiste ersetzt werden,
endlich die geringe Zahl der Segmente, die stets unter 50 bleibt.
Hierher sind zu rechnen P. polyzonum, multicinctum , subuliferum,
moniliforme, amillatum, Diesingii, constrictum, protelis, leonis,
vielleicht auch proboscideum, obwohl bei diesem die Wülste fast
verschwinden. Die übrigen Arten bilden dann eine andere Gruppe,
deren Merkmale in der grossen Zahl der Ringe , 50 — 1 00 , deren
geringem Hervortreten, dem \'orhandensein von Nebenhaken und
den anatomischen Bau der Pentastomen. 335
Stachelkränzen bei den Jugendformen bestehen. Diese Merkmale
sind alle auch bei der Untergattung Linguatula vorhanden, sodass
man vielleicht auch diese beiden Gruppen vereinigt den ringwulstigen
Formen gegenüber stellen könnte.
Ehe eine sichere Gruppierung vorgenommen werden kann, ist "es
natürlich nötig, dass erst eine grössere Anzahl von Arten genau
untersucht werde, denn aus der blossen äusseren Beschreibung ist
ein sicheres Urteil über das betreffende Tier nicht möglich, zumal
da bei der Beschreibung wichtige Merkmale häufig keine oder zu
geringe Beachtung erfahren. So ist z. B. weder bei P. lari, Megnin,
noch bei P. teretiusculum, Baird. die Ringzahl angegeben; glücklicher
Weise kann man sie in beiden Fällen ungefähr ermitteln, bei diesem
aus den Grössenangaben, auf etwa 90, bei jenem aus der Abbildung,
die aber augenscheinlich nicht sehr genau ist, ungefähr 100. Auch
über die Grösse des P. lari erfährt man nichts gewisses, da sie im
Text auf 6 cm angegeben ist , während die in natürlicher Grösse
beigegebene Figur 3,5 cm misst und die 10 fach vergrösserte nur 23 cm.
Zu wenig Wert legt Wedl auf die Zahl der Segmente, indem er
eine mit 100 und mehr Ringen versehene Art für P. oxycephalum
erklärt, obwohl dieses nur 60 — 70 hat. Ob die von Chatin unter-
suchten Tiere wirklich P. oxycephalum gewesen sind, könnte zweifelhaft
erscheinen, wenn man die Abbildung betrachtet, wo an dem keines-
wegs spitzen Kopfe zwei Paare dreifacher, fast handartig aussehender
Haken weit hervorragen. Allein das Bild ist so abenteuerlich, dass
ich an dessen Naturtreue starken Zweifel hege, und da die Un-
genauigkeit der Untersuchungen des franzosichen Gelehrten auch
aus andern Angaben hervorgeht, so kann man wohl annehmen, dass
jene Tiere aus dem Kaiman ebenso wie andere Pentastomen nur
einen Nebenhaken besassen und thatsächlich P. oxycephalum ge-
wesen sind.
Während in einigen oben angeführten Fällen die Ringzahl zu
wenig Berücksichtigung gefunden hatte, dürfte es w^ohl andererseits
auch nicht richtig sein, wenn Hoyle es für einen wesentlichen Unter-
schied zwischen Pent. polyzonum und seiner Art, P. protelis, hält,
dass ersteres 19 Ringe hat, während letzteres 18—22 aufweist. Es
scheint mir überhaupt, als wenn vielfach Unterschiede angenommen
worden wären, die in Wirklichkeit keine sind; zum Teil mag das darin
seinen Grund haben, dass mit den Worten, mit denen die Körper-
gestalt u. s. w. beschrieben werden, nicht von jedem genau derselbe
Begriff" verbunden wdrd, zum Teil sind aber auch verschiedene Ent-
wicklungsstufen als verschiedene Arten beschrieben worden. Nament-
lich glaube ich, dass Pent. polyzonum unter nicht weniger als sechs
verschiedenen Namen aufgeführt worden ist. Bell hat bereits in
seiner ersten Mitteilung die Vermutung ausgesprochen, dass P. monili-
forme keine selbständige Art sei, sondern nur ein ausgezeichnetes
Exemplar von P. polyzonum. Als Jugendform für letzteres nahm
Leuckart das P. Diesingii v. Ben. in Anspruch, Bell behauptete in
seiner zweiten Mitteilung das gleiche für P. protelis Hoyle, und ich
336 Ernst Loh r mann: Uutersuchungen über
möchte diesen Arten noch P. constrictum v. Sieb, und P. leonis Wedl
anreihen. Wesentliche Verscliiedenheiten kann ich zwischen diesen
nicht finden, denn die Grössenunterschiede können natürhch nicht
massgebend sein, und wenn man die Ringzahl bei P. protelis zwischen
18 und 22 schwanken sieht, so wird man nicht glauben können, ein
anderes Tier vor sich zu haben, wenn man einmal eins mit 23 Ringen
findet, wie für P. constrictum angegeben wird. Ich habe das P. leonis
auch als Jugendforra bezeichnet, obwohl Wedl es als geschlechts-
reifes Tier beschreibt. Indess ist es dem, der den Bau der Pen-
tastomen kennt, nicht schwer, zu merken, dass das, was er für Hoden
und Eierstöcke ansah, nichts anderes als die beiden Drüsenkörper
gewesen sind.
Für P. multicinctum war bisher keine Jugendform bekannt. Die
von mir als solche angesehenen Tiere verhalten sich zu den er-
wachsenen ebenso wie P. protelis zu P. polyzonum, indem die 2ahl
der Ringe übereinstimmt, die Wülste aber noch dicht gedrängt bei-
sammen stehen, während sie beim erwachsenen Tiere durch grössere
Zwischenräume getrennt sind. Die Grösse der mir vorliegenden
Stücke beträgt etwa 7 mm, Nebenhaken sind nicht vorhanden.
Zum Schluss gebe ich noch die Charakteristik des P. platy-
cephalum und P. clavatum:
P. platyc'epliah(m n. sp. (Fig. 13).
Körper des ausgewachsenen Weibchens annähernd cylindrisch,
am dicksten kurz vor dem Hinterende. Kopf flach, stumpf, nur
wenig schmäler als der Leib. Haken schlank, weit auseinander
stehend, der stark in die Länge gezogene Mundring zwischen dem
ersten Hakenpaare. Gegen 70 Ringe, die kaum bemerkbar sind.
Länge 23 mm, Dicke 2,8 mm. Hakendrüsen ausschliesslich aus zwei
am Darm befestigten Drüsenkörpern bestehend. Wohntier unbekannt,
vielleicht Alligator?
P. clavatum n. sp. (Fig. 12).
Körper des erwachsenen Weibchens keulenförmig, an der Bauch-
seite ein wenig abgeflacht, von der Grenze des ersten Viertels aus
nach vorn rasch, nach hinten langsam abnehmend. Länge 13 bis
17 mm, gTÖsste Breite 3 mm. Haken und Mundring sehr klein, am
vordersten Ende des Körpers dicht zusammengedrängt. Aus der
Lunge von Monitor niloticus.
den aiiatomischeii Bau der Peiitastoraen. 337
Figuren - Erklärung.
Stachel von Pent. taenioides inv. a. Längssclniitt ; b. Flächenansicht
Vergv. 600.
Querschnitt der Chitinleiste am Hinterrande eines Ringes von P. multi-
cinctum iuv. Vergr. 240.
Stigniendriise von P. taenioides, Längsschnitt. Vergr. 480.
Schematische Darstellung der Hakenmuskulatur von P. taenioides.
Dg = Drüseugang. Uebrige Bezeichnungen siehe Text.
5. Querschnitt durch P. taenioides iuv. (denticulatnm). Vergr. 50.
» 6. Flächenschnitt durch den Mimdring. Vergr. 140.
7. Längsschnitt durch Mundpapille und Mundröhi'e. Vergr. 100.
» 8. Querschnitt durch die Mundpapille. Vergr. 140. N = Nerv. M =
Muskelfaser- Querschnitte. Dk = Drüsenkanälchen. R = Mundring.
9. Schnitte durch verschiedene Stellen der Hodenwandung. Vergr. 500.
» 10. Querschnitt eines Anhangsschlauches. Vergr. 150.
» 11. Längsschnitt durch die Zunge des männlichen Geschlechtsapparates.
Vergr. 80.
» 12. Pentastomum clavatum. Bauchseite. Vergr. 4. Sb = Samenblase.
» 13. Pentastomum platycephalura. Kopf von der Bauchseite. Vergr. 5.
» 14. Pentastomum oxycephalum. Kopf von der Bauchseite. Vergr. 5.
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Kükerithal.SpitzbereenjTrautschu.Cobb, Vermox.'
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