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ARCHIV
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NATTJß&ESCHICHTE,
GEGRÜNDET VON A. F. A. WIEGMANN,
FORTGESETZT VON
W. F. ERICHSON, F. H. TROSCHEL
UND E. VON MÄRTEN S.
HERAUSGEGEBEN
VON
Dr. F. HILGENDORP,
(TSTns I»ES K. Z'M.I.ih;. MUSEUMS ZU BERLIN.
SIEBENUNDFÜ NFZIGSTER JAHRGANG.
I.BAKD.
Berlin 1891.
NICOLAISCHE VERLAGS-BUCHHANDLUNG
R. STRICKER.
Inhalt des ersten Bandes.
Seite
Prof. Dr. P. Kramer. Ueber die Typen der postembryonalen Entwicklung
bei den Acariden 1
Otto Jaekel Ueber die Gattung Pristiophorus. Hierzu Tafel I . . . . 15
L. Knatz. Ueber Entstehung und Ursache der Flügelinängel bei den
Weibchen vieler Lepidopteren. Hierzu Tafel II 49
Charles L. Edwards. Beschreibung einiger neuen Copepoden und eines
neuen copepodenähnlichen Krebses, Leuckartella paradoxa. Hierzu
Tafel I1I-V 75
Hermann Reeker. Die Tonapparate der Dytiscidae. Hierzu Tafel VI . 105
Gustav Tornier. Ueber den Säugetier -Praehallux. Ein dritter Beitrag
zur Phylogenese des Säugetierfusses. Hierzu Tafel VII 113
Dr. W. Michaelsen. Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung.
Hierzu Tafel VIII 205
Dr. Ph. Bertkau. Beschreibung eines Arthropodenzwitters. Hierzu
Tafel VIII 229
Dr. Ernst Schaff. Bemerkungen über den Bobak 239
(and. med. Chr. Dieckhoff. Beiträge zur Kenntnis der ektoparasitischen
Trematoden. Hierzu Tafel IX 245
K. Mobius. Die Tiergebiete der Erde , ihre kartographische Abgrenzung
und museologische Bezeichnung. Hierzu Tafel X 277
Dr. von Linstow. Ueber Filaria tricuspis und die Blutlilarien der
Krähen. Hierzu Tafel XI 292
Georg Hermann Lehnart. Beobachtungen an Landplanarien 306
Paul Matschie. Ueber einige Säugetiere von Kamerun und dessen
Hinterlande 351
22IIC
Ueber die Typen der postembryonalen
Entwicklung bei den Acariden.
Von
Prof. Dr. P. Kramer,
Inspektor des Realgymnasiums zu Halle.
Durch die „Beiträge zur Anatomie, Entwicklungsgeschichte und
Biologie von Trombidium fuliginosum Herrn." von Herrn. Henking*)
ist zum ersten Male volles Licht auf die Häutungsverhältnisse ge-
fallen, welchen wir in der Familie der Aeariden begegnen. Zwar sind
die in dieser Abhandlung gemachten Beobachtungen durchaus nicht
die ersten, welche die Häutungen der Acariden überhaupt betreuen;
auch ist durchaus nicht gesagt, dass die von Henking an Trombidium
gemachten Erfahrungen sieh in der so ungemein formenreichen
Familie der Milben überall wiederfinden müssten, aber die von ihm
dargethanen Vorkommnisse können :ils der feste Punkt angesehen
werden, nach welchem rieh vielleicht die Betrachtungen über den
äusserlichen Verlauf der Entwicklung der Milben vom Ei bis zum
vollständig entwickelten Thier orientieren lassen. Ich entsinne mich
nicht, dass seit jener Publikation wieder auf die Aufeinanderfolge
der einzelnen Stadien, durch welche eine Acaride geht, in aus-
führlicherer Weise zurückgekommen ist. Die Beobachtungen
über den Lebensgang einer Mühe sind nicht ganz einfach und werden
häufig durch das Absterben der zarten Versuchsthiere unterbrochen,
ausser in Fällen, wo, wie bei Mitgliedern der Familie der Tyroglyphiden,
die Jahreszeit keinen Einfluss auf die individuelle Entwicklung ausübt,
und daher zu jeder Zeit in den an Individuen überaus zahlreichen
Kolonien sämtliche Entwicklungsstadien angetroffen werden können.
Namentlich bei Milben, welche zuihrer individuellen Entwicklung
den Lauf eines ganzen Jahres oder wenigstens den grössten Theil
desselben in Anspruch nehmen, verlässt häufig das Material den
Beobachter an entscheidenden Punkten. Um so wichtiger scheint es,
die Aufmerksamkeit auf die noch vorhandenen Inkongruenzen der
*) Zeitschrift für wiss. Zoologie Bd. XXXVII. 1882. S. 553 ff.
Avch. f. Naturgesch. Jahrg. 1891. Bd. I. H. 1. 1
2 Prof. Dr. P. Kramer: Ueber die Typen
Beobachtungen zu lenken, um eine Lösung der darin liegenden Fragen
anzubahnen.
H. Henking fand, dass das Ei (I) des Trombidium einen Embryo
entwickelte, welcher sich mit einer neuen Haut (Apoderma) umgab.
Diese hob sich in der Eischale alsbald von dem Embryo ab und
trat als Schutzhülle auf. Beim Wachsthum zersprang die Eischale (I)
und das Apoderma umgab nun den weiterwachsenden Embryo. Dieses
letztere Stadium (II) nannte er das Schadonophanstadium. Der
Embryo wird reif und entschlüpft als Larve (III) dem Apoderma.
Jetzt ist das Thier der Ortsbewegung fähig.
Diese Larve tritt nun in ein neues Ruhestadium, während
welcher Zeit der Leibesinhalt sich nach dem Innern zurückzieht,
zum Theil zerfällt und durch Neubildung in ein neues Geschöpf über-
geht. Auch hier bildet sich bald ein zweites Apoderma, welches sich
von dem Inhalt abhebt und als Schutzmembran das neugebildete
Thier umgiebt. Die Haut der Larve kann nun abbröckeln und so
bekommt man das von Henking Nymphophanstadium genannte neue
Stadium (IV). Aus dem Apoderma schlüpft die mit Ortsbewegung
begabte nunmehr achtfüssige Nymphe (V). Diese versinkt wiederum
in ein Ruhestadium, während dessen sich von neuem der Körper-
inhalt zurückzieht und zerfällt, um einer dritten Neubildung sich zu
unterziehen. Es hebt sich wiederum ein Apoderma, das dritte in
der Reihenfolge, von dem neugebildeten Körper ab, welches auch
wieder beim Abbröckeln der Nymphenhaut als Schutz des ein-
geschlossenen Thieres dienen kann. Dieses Stadium (VI) nennt Henking
Teleiophanstadium. Aus ihm geht das wiederum mit freier Orts-
bewegung begabte vollentwickelte Thier (VII), das Prosopon, hervor.
Aus der eben gegebenen kurzen Uebersicht geht hervor, dass
die Stadien II, IV, VI gleichartig sind, ebenso III, V, VII, und dass
das Stadium I dem Ruhestadium von III und V vollständig
entspricht. Wir haben hiernach folgende Kreise: I, II, III; III, IV,
V ; V, VI, VII. Dadurch nämlich, dass die Larve III in das ruhende
Stadium kommt, wird der Leibesinhalt, indem die bisher vorhandenen
Organe zum Theil zurückgebildet werden, dotterähnlich , und die
starre Larvenhaut übernimmt die Funktion der ersten Eischale,
ebenso ist es bei dem Stadium V. Im Stadium III und V müssen
wir also gewissermassen zwei Abschnitte denken. Der erste, lila und
Va, umfasst die Periode der freien Bewegung, der darauf eintretenden
Ruhe und den Zerfall des bestehenden Organismus; der zweite,
Illb und Vb den Aufbau des neuen, so dass sich das Schema so
darstellen würde: I, II, IIIa;IIIb, IV, Va; Vb,VI, VII. An Ueber-
sichtlichkeit und Folgerichtigkeit lässt dies nichts zu wünschen
übrig, doch ist die wichtigere Frage, ob wir hiermit ein für die
Acariden im Allgemeinen gültiges Verwandlungsbild bekommen haben.
H. Henking hat seiner Abhandlung eine sehr ausführliche Ueber-
sicht der bis 1882 veröffentlichten Beobachtungen über die Ent-
wicklung der Acariden vom Ei bis zum entwickelten Thier eingefügt,
postembryonalen Entwicklung bei den Acariden. 3
in welcher mit geringen Ausnahmen wohl alle bemerkenswerthen
Angaben wiedergegeben sind, aber er hat dieselben nicht zu einem
Gesammtbilde mit seinen Beobachtungen vereinigt, was wohl auch
nicht seinen Zwecken entsprach und doch scheint es nicht unwichtig
zu sein, solche vergleichende Ueberschau anzustellen, weil sich dadurch
ergeben wird, auf welche Punkte in Zukunft bei den oft mühsamen
Beobachtungen ein besonderes Augenmerk zu lenken ist.
Ehe ich zu dieser Ueberschau übergehe, möchte ich noch kurz
hervorheben, welche neue Beobachtungen seitdem gemacht worden
sind, und welche Beobachtungsreihen aus früherer Zeit als besonders
vollständig vornehmlich bei einer vergleichenden Betrachtung ins
Gewicht fallen müssen.
Unter die erstere Abtheilung rechne ich die von mir angestellte
Beobachtungsreihe an Diplodontus filipes Duges und Nesaea fuscata
C. L. Koch, deren Resultate ich hier mittheile.
Die Eier von Diplodontus filipes werden in grösseren Haufen
zusammengelegt; dieselben besitzen einen rothen Dotter. Die Ent-
wicklung geht bis zu einem gewissen Punkte fort, dann wird durch
Anschwellen des von einem besonderen Apoderma, dessen Bildung
sich allerdings dem Auge entzieht, eingeschlossenen Eiinhalts die
äussere Eischale zersprengt. Durch zunehmende Wasseraufnahme
vermuthlich dehnt sich das Apoderma und bekommt eine ovale
Gestalt. Da dasselbe völlig durchsichtig ist und da es dem Embryo
eine freiere Lage gestattet, so bemerkt man leicht, dass die Fuss-
wülste bereits durch deutliche Einschnürungen der Glieder abgetheilt
sind, jedoch zeigen die Tasterwülste noch nicht die geringste Differen-
zirung. Liegt das Thier so vor dem Beobachter, dass der Kopfwulst
gerade nach oben gerichtet ist, so bemerkt man an den beiden Seiten
des Apoderma zwei grosse, nach Aussen gerichtete Blasen, mit
welchen zwei aus den Seiten des Embryokörpers hervorragende Fort-
sätze verbunden sind. Wir haben es hier mit dem Gebilde zu thun,
welchem Henking den Namen Urtrachee gegeben hat. Während
aber bei Trombidium fuliginosum die im Apoderma jederseits be-
obachtete Oeffhung — nach IL Henking's Fig. 29, Taf. XXXV
zu urtheilen — verhältnissmässig klein ist, findet sich hier ein sehr
in die Augen fallendes Organ. Am Besten wird dessen Natur in
der Seitenansicht erkannt und diese lässt Folgendes sehen. Es findet
sich jederseits im Apoderma, etwa in der Stelle, von wo aus man,
gerade nach Innen gehend, die Gegend zwischen den Hüftgliedern
des ersten und zweiten Fusses erreichen würde, eine kreisrunde
Oeffhung, deren Rand nach Aussen etwas erhoben ist. Diese Oeffhung
ist aber auf eine sehr eigenthümliche Weise wieder verschlossen.
Man denke sich eine bauchige Flasche mit sehr kurzem Halse derart
mit ihrer Oeffhung in jene Pore hineingeschoben, dass der Rand der
Pore den Flaschenhals völlig umschliesst und letzterer dabei nach
Innen etwas hervorragt. Es ist einleuchtend, dass auf diese Weise
an eine Kommunikation des Eiinhalts mit der äusseren Umgebung
1*
4 Prof. Dr. P. Kram er: Ueber die Typen
nicht mehr gedacht werden kann. In den angegebenen Flaschenhals
hinein zieht sich nun das äussere Ende des oben angegebenen, zwischen
dem zweiten und ersten Fusspaare befindlichen weichen ungegliederten
Fortsatzes, welcher bei wachsendem Embryo und sich dehnendem
Apo derma immer länger und grösser wird, dabei in der Mitte mächtig
anschwillt und an beiden Enden spitz oder doch wenigstens stark
verdünnt erscheint. Eine Höhlung habe ich in diesem verhältniss-
mässig kolossalen Organe niemals entdecken können, so dass ich
mich nicht habe überzeugen können, dass hier von einem Athmungs-
organe, einer Utrachee, in Wahrheit die Rede sein kann. Vielmehr
möchte ich dem Gedanken Ausdruck geben, dass wir es dabei mit
einem Suspensionsapparat zu thun haben. Jedem Beobachter eines
solchen Deutovum — wie E. Claparede dieses Stadium nennen
würde — wird es aufgefallen sein, dass der Rumpf des sich bildenden
Embryo einen nur kleinen Theil des von dem Apoderma umhüllten
Raumes einnimmt, und dass die sich vom Leibe gerade nach unten
streckenden Füsse den Haupttheil desselben in Anspruch nehmen.
So lange diese Füsse nun selbst noch in der Bildung begriffen sind,
und namentlich so lange die letzten Glieder derselben noch jene
stark keulenförmig aufgetriebene Gestalt zeigen, die wir noch ziemlich
lange nach dem Abwerfen der harten Eischale beobachten, wo die
Fussspitzen also noch nicht dazu dienen, durch Anstützen gegen die
Apodermawandung dem Embryo einen Halt zu gewähren, so lange
ist ihm vielleicht eine Stütze nothwendig, um nicht in der allzuweiten
Apodermahülle hin und her geworfen zu werden. Solche Stütze wird
wirksam geleistet durch die beiden mit den Apo dermalblasen ver-
bundenen Zapfen. Einem ähnlichen Zwecke dient vielleicht ein Band,
welches man bei seitlicher Lage des Embryo von einem, etwa dem
vorderen Ende der Tasterkralle entsprechenden, in der Symmetrie-
linie des Apoderma liegenden Punkt desselben nach Innen zu laufen
sieht. Ich habe sein inneres Ende nicht bis zum Leibe des Embryo
verfolgen können, jedoch verläuft es zwischen den Fusspaaren hin-
durch nach dem Körper zu und ist bei jungen und älteren Embryonen
leicht zu beobachten. Bemerkt mag noch sein, dass die äussere
Fläche der Apoderma mit feinen Chitinspitzchen besetzt ist, doch
entgeht es einem Beobachter , namentlich während der letzten
Embryonalzeit nicht, dass der den Rücken des Thieres bedeckende
Pol, sowie die gegenüberliegende Partie völlig frei von solchen Spitzen
ist. Die letzte Entwicklungsperiode des Embryo wird dadurch ein-
geleitet, dass sich die stark kugeligen Endglieder der Füsse mächtig
strecken und in die besonders langen und schlanken Fussendglieder der
späteren sechsfüssigen Larve übergehen. Während dieser Zeit löst
sich der zur Stütze des Thieres dienende Zapfen jeder Seite von
dem Flaschenhalse der Apodermalblase los und zieht sich immer mehr
kugelförmig zusammen, bis zuletzt, nachdem er völlig in die Leibes-
substanz zurückgetreten ist, jede Spur davon verschwunden ist.
Dieser Vorgang läuft noch vor dem Auskriechen der Larve voll-
ständig ab.
der postembryonalen Entwicklung bei den Acariden. 5
Das Apo derma umgiebt den Embryo wie eine einfache Eihaut.
Ausstülpungen desselben für die Füsse, wie Henking sie bei Trom-
bidium fuliginosum bemerkt hat, sind bei Diplodontus nicht vor-
handen, auch giebt es keine besonderen Taschen für Rüssel und
Taster. Es trifft also hier genau dieselbe Erscheinung ein, welche
E. Claparede bei Atax im Deutovumstadium gesehen hat.
Ich bin hier etwas ausführlicher gewesen, weil es von Interesse
ist, eine Erscheinung zu beschreiben, welche so, wie sie bei Diplo-
dontus beobachtet wird, im Wesentlichen bei anderen Süsswasser-
milben wiederkehrt, während mir bis jetzt eine Milbe, welche sich
mit einem Apoderma nach Art von Trombidium umgiebt, noch nicht
wieder begegnet ist.
Die ausgekrochenen sechsfüssigen Larven habe ich leider ohne
Erfolg auf Nährthiere zu bringen versucht, sie starben sämmtlich
ab, so dass hier eine empfindliche Lücke in der individuellen Ent-
wicklung besteht. Bekannt ist mir erst die aus der Larve hervor-
gegangene Nymphe. Es fehlt also in der Gesammtreihe die ganze
Nymphochrysalisperiode. Ich kann also auch nicht angeben, ob sich
Vorgänge entsprechend den von H. Henking beschriebenen bei
Diplodontus filipes finden.
Dass solche Vorgänge höchst wahrscheinlich beim Uebergang
aus der Larve in die Nymphe zu verzeichnen sein werden, lässt sich
aus dem weiteren Entwicklungsgänge schliessen.
Die kleinen Diplodontusnymphen haben eine Länge von kaum
0,70 mm, während das vom Apoderma gebildete Deutovum 0,30 mm
lang ist. — Nachdem sie längere Zeit in diesem Stadium verblieben
und mächtig gewachsen sind, werden sie starr, der Leibesinhalt zieht
sich zusammen, zerfällt und giebt das Material zu einer völligen
Neubildung her. Jedoch löst sich vor dem Hervorsprossen der neuen
Glieder ein neues Apoderma von dem fast kugeligen Pseudovum ab.
Meistentheils sprengt dieses neue Apoderma die Nymphenhaut, so
dass in der Regel ein kugelförmiges Teleiophanstadium beobachtet
wird, dessen Apoderma noch Reste der Nymphenhaut hier und da
anhängend zeigt. So pflegt sich namentlich die die Geschlechtsnäpfe
tragende Hautpartie nicht von dem Apoderma abzulösen. Auch hier
zeigt das letztere, welches ich als drittes Apoderma bezeichnen will,
keine Ausstülpungen für die Glieder, im Gegensatze zu den Vor-
kommnissen, wie sie Henking bei Trombidium fuliginosum beobachtet
und beschrieben hat. Es scheint dies einen Schluss auf die Periode
der Entwicklung zuzulassen, in welcher das Loslösen des Apoderma
bei Diplodontus zu geschehen scheint. Dieses Loslösen von der Zell-
masse des Inhalts geschieht offenbar, ehe die Gliedmassenanlagen
eine erhebliche Ausdehnung erreicht haben, während bei Trombidium
die Glieder bereits eine ansehnliche Länge erreicht haben müssen,
ehe sich die Cuticula von der Epidermis zu einem Apoderma ablöst.
Die ausgeschlüpfte nunmehr völlig ausgebildete Milbe besitzt
eine hell scharlachrothe Farbe und hat noch nicht die volle Grösse
q Prof. Dr. P. Kramer: "Heber die Typen
des älteren Thieres. Die Füsse erscheinen daher verhältnissmässig
lang. Mit zunehmendem Alter wird der Körper ansehnlicher und
die Farbe dunkelt zu einem bräunlichen Roth nach, die Füsse werden
im Verhältniss zur Rumpfgrösse klein.
Die im Vorangehenden beschriebene Entwicklung von Diplodontus
filipes stimmt, soweit die Stadien haben beobachtet werden können,
vollständig mit der von Trombidium überein. Es sind dieselben
frei beweglichen Stadien und soweit es zur Beobachtung gekommen,
dasselbe Auftreten des Apoderma wie bei jener Landmilbe.
Ganz vollständig ist von mir die nachembryonale Entwicklung
von Nesaea fuscata C. L. Koch beobachtet worden.
Die Eier dieser Milbe, wie überhaupt der Mehrzahl der Süss-
wassermilben sind kugelrund und werden in grosser Zahl schnell
hintereinander an festliegende Gegenstände gelegt. Sie bekommen
eine dünne Schicht klebriger Substanz mit, welche die Eigenschaft
besitzt, im Wasser wie ein Teig in der Wärme aufzugehen, dann
aber zu erhärten. So geschieht es, dass man die Eier in einem
flach ausgestreckten, einheitlich zusammenhängenden Häufchen zu-
sammengedrängt findet. Dieses wird hauptsächlich durch jene Kitt-
substanz gebildet, indem die Kitthüllen der benachbarten Eier bis
zur gegenseitigen Berührung aufgequollen sind. Die runden Eierchen
selbst liegen in den Höhlungen derselben und kommen so direkt
nicht mit dem Wasser in Berührung. Die Kittsubstanz ist jedoch
nachgiebig, was den Embryonen zu Statten kommt. Ist nämlich die
Entwicklung derselben bis zu einem gewissen Grade fortgeschritten,
so wird das verhältnissmässig kleine Ei dem eingeschlossenen Thier,
welches nun bereits von einem neugebildeten Apoderma eingehüllt
ist, zu eng, die Eischale wird gesprengt und das Deutovum tritt
aus derselben hervor.
Die Form dieses Stadiums ist birnförmig und von oben nach
unten abgeflacht. Die Füsse des Embryo strecken sich nämlich
nicht wie bei Diplodontus filipes von der Bauchfläche senkrecht ab-
wärts, sie hegen derselben flach auf und gehen nach hinten. Hier-
durch geschieht es auch, dass das Apoderma von dem Embryo fast
ganz ausgefüllt wird.
Bei Nesaea ist mir zwar nicht die Urpore mit dem Suspensions-
apparat zur Anschauung gekommen, wohl aber bei der Gattung
Piona, welche mit Nesaea alle Entwicklungsstadien theilt und in
jeder Hinsicht eine ausserordentlich nahe damit verwandte Milbe
ist. Hier ist die Urpore, welche übrigens genau an entsprechender
Stelle links und rechts, wie bei Diplodontus liegt, äusserst winzig,
aber die Gesammtbildung ist durchaus dieselbe wie bei jener Milbe.
Im Apoderma befindet sich eine kreisrunde Oefmung, von oben her
betrachtet, doppelt contouriert, und in diese Oefmung ist, wie man
bei seitlicher Lage leicht zu übersehen im Stande ist, von Aussen
her eine kleine flaschenförmige Blase mit ihrem Halstheil eingelassen.
Der Flaschenbauch ist aber hier sehr klein, so dass man mehr den Ein-
der postembryonalen Entwicklung bei den Acariden. 7
druck eines aus der Porenöffhung herausgetretenen Bläschens hat.
Bemerkt mag noch werden, dass bei einer Ansicht von oben die
Pore von einer kleinen rosettenartigen Figur, welche sich aus vier
abgerundeten Blättchen zusammensetzt, umgeben ist. Da die Füsse
des Embryo dem Apoderma ziemlich dicht anliegen, ist es mir nicht
gelungen, den Zapfen zu beobachten, welcher sich von der Hüft-
gegend des Leibes nach der Pore hinzieht. Möglich auch, dass der-
selbe bereits frühzeitig sich von derselben loslöst und schon in der
übrigen Körpersubstanz verschwunden war, als die Aufmerksamkeit
sich auf ihn richtete.
Das Apoderma, welches übrigens bei Nesaea keine Chitinstacheln
trägt, wird von der Larve durchbrochen, sobald sie reif geworden
ist. Alsdann hat sie sich auch noch aus der Kittsubstanz hervor-
zuarbeiten. Hier geschieht es wohl, dass sie bereits von der nächsten
Ruheperiode überrascht wird. Ich habe wenigstens eine Nesaea-Art
im Aquarium gehalten, aus deren Eiern, wie es schien, lauter acht-
füssige Larven hervorkrochen. Diese scheinbare Unregelmässigkeit
klärte sich jedoch bei genauerem Nachsehen dahin auf, dass keine
der sechsfüssigen Larven aus der Kittsubstanz hervorgekommen war,
vielmehr innerhalb derselben die Larvenruhe durchgemacht hatte.
Die sechsfüssige Larve führte unter diesen Umständen ihr kurzes
Leben in dem engen Räume, welcher durch die äussere Oberfläche
der Kittmasse begrenzt winde
Die Nesaealarve, das freie sechsfüssige Stadium, zeigt eine von
den späteren Stadien bei weitem nicht so verschiedene Gestalt, wie
es bei der Diplodontuslarve zu beobachten ist. Während diese letztere
sehr auffallend an die Trombidium- oder Khyncholophnslarven er-
innern, trägt die Nesaealarve entschieden den Charakter einer
Wasseraiilbe an sich. Sie lebt auch frei in ihrem Element und hat
daher ausgeprägte Schwimmfasse, während die Diplodontuslarve,
welche allerdings so Lange, wie me im Wasser zubringt, mit einer
ans Lächerliche grenzenden Geschwindigkeit mit allen Füssen arbeitet,
ausgeprägte Schreitfüsse besitzt.
Ins Einzelne der Besehreibung einer Nesaealarve zu gehen, ver-
meide ich hier, und behalte mir vor, an einem anderen Ort auf die
besonderen Eigenthümlichkeiten derselben im Vergleich zu anderen
Hydrachnidenlarven zurückzukommen.
Nach angemessener Zeit wird die Larve bewegungslos und tritt
in die Verwandlungsperiode ein. Da ist es nun bemerkenswerth,
dass es mir von diesem Stadium ab noch nicht geglückt ist, ein
Apoderma zu beobachten. Die Larvenhaut reisst niemals vor dem
Austritt der Nymphe und niemals ist es mir gelungen, in den zahl-
reichen abgeworfenen Larvenhäuten, aus denen Nymphen entstiegen
sind, eine Spur eines darin zurückgelassenen Apoderma auf-
zufinden. Hier muss von Neuem die Beobachtung einsetzen. Es
ist mir häufig eine sechsfüssige Larve mit eingeschlossener fertig
ausgebildeten Nymphe begegnet; aber auch hier vermochte ich
3 Prof. Dr. P.Kram er: Ueber die Typen
niemals weder ein rundlich gestaltetes, noch, wie bei ' Trombidium,
ein die Glieder wie Handschuhfinger einschliessendes Apoderma zu
beobachten. Vielleicht sind spätere Beobachter glücklicher. Das
Nymphochrysalisstadium habe ich also so wenig bemerkt, wie das
Nymphophanstadium , wenn ersteres vielleicht auch vorhanden ge-
wesen ist.
Die eben ausgeschlüpfte achtfüssige Nymphe besitzt im Vergleich
zum Körper sehr grosse und lange Füsse, doch wird dieses Ver-
hältniss bald durch erhebliches Wachsthum des Eumpfes fast um-
gekehrt , so dass die Füsse alsdann verhältnissmässig kurz und
schmächtig erscheinen. Während die Dauer des sechsfüssigen Larven-
stadiums oft sehr kurz ist, scheint die des achtfüssigen Nymphen-
stadiums eine recht ausgedehnte zu sein. Es kommt wohl nicht
selten vor, dass die Milbe in diesem Stadium überwintert und erst
im Frühjahr des nächsten Jahres die letzte Häutung durchmacht.
Besonders ausgezeichnet ist die Nymphe der Nesaea- Arten und aller
mit ihnen verwandten Hydrachniden, ja man möchte fast sagen, der
überwiegenden Mehrzahl aller Süsswassermilben dadurch, dass sie
jederseits von der nur erst eine minimale Anlage der äusseren Ge-
schlechtsöfihung zeigenden Stelle zwei sogenannte Haftnäpfe trägt.
Es hat dies F. Könike veranlasst, in einer Mittheilung im Zool.
Anzeiger No. 323, 1889 „Zur Entwicklung der Hydrachniden" den
Satz aufzustellen: „Alle achtfüssigen Nesaealarven besitzen vier Ge-
schlechtsnäpfe, die zu je zwei gruppirt sind." Als er dies schrieb,
Oktober 1889, war mir schon eine Nebenform der Larve von
Nesaea fuscata bekannt, welche jederseits drei Haftnäpfe trägt und
also im Ganzen deren sechs aufzuweisen hat. So sicher das all-
gemeine Gesetz ist, und zwar nicht nur für Nesaea, sondern für
eine grosse Anzahl anderer Süsswassermilben, dass die Zahl
der Haftnäpfe in jeder der beiden vorhandenen Gruppen bei den
Nymphen (achtfüssigen Larven) nur zwei ist, so besteht dennoch
hier eine bemerkenswerthe Varietät der Nymphe, welche eine Aus-
nahme von der Regel darstellt.
Die aus solchen Larvenvarietäten schlüpfenden erwachsenen
Thiere sind entweder Weibchen oder Männchen, so dass also ein
Geschlechtsunterschied durch die verschiedene Ausbildung der Näpfe,
wie ich Anfangs glaubte, bei den Nymphen nicht angedeutet ist.
Zeitweise fand ich die Nymphen mit sechs Näpfen in bedeutend
grösserer Anzahl, zu anderen Zeiten wieder war von ihnen nichts
zu sehen und die gewöhnlichen waren allein zu finden.
Ueberblicken wir die soeben beschriebene individuelle Ent-
wicklung von Nesaea fuscata, so haben wir, ebenso wie bei Diplo-
dontus filipes, zunächst bis zur Larve drei Stadien, das Ei, das Deut-
ovum und die Larve, nachher aber ist, soweit die Beobachtungen
bis jetzt reichen, ein Apodermastadium zwischen Larve und Nymphe
und zwischen Nymphe und reifem Thier nicht wahrgenommen. In
sofern wiederholt sich aber der Entwicklungsgang des Trombidium
der postembryonalen Entwicklung bei den Acariden. 9
hier, als man nur zwei bewegliche Stadien, nämlich die sechsfüssige
Larve und die achtfüssige Nymphe zwischen Ei und erwachsenem
Thier findet.
Diesen neuen Beobachtungen reihe ich nun bereits früher bekannt
gewordene, besonders characteristische an.
So, wie sich Diplodontus filipes und Nesaea fuscata entwickeln,
geht auch die Entwicklung von Hydrachna globosa vor sich, indem
ebenfalls nicht mehr als zwei freie Stadien nach dem Ei und vor
dem reifen Thier beobachtet werden. Der Anfang der Entwicklung
zeigt ein Deutovum ganz ebenso wie bei Diplodontus, nur muss ich
bekennen, dass es mir bei den wenigen zur Beobachtung gelangten
und bereits in der Entwicklung stark vorgeschrittenen Eiern nicht
gelungen ist, die Urpore aufzufinden, welche ich trotzdem als gegen-
wärtig vermuthe. Die Larve von Hydrachna bietet allerdings in
ihrer Gestalt so auffallende Verschiedenheiten von den anderen
Larventypen, dass auch in Bezug auf die Entwicklung und Aus-
stattung des Apoderma beim Deutovum eine Abweichung von dem
gewöhnlichen Befunde denkbar ist. Ich werde auf die Besonder-
heiten der Hydrachnalarve an anderem Orte noch mit wenigen Worten
zurückkommen. Ein Nymphophan- und Teleiophanstadium ist mir
bei Hydrachna bisher nicht zur Anschauung gekommen, möglich,
dass fernere Beobachtungen hierüber endgültig entscheiden.
Es ist hier nicht der Ort, auf Entwickinngen hinzuweisen, welche
nur einen Bruchtheil der gesammten individuellen Ausbildung der
Milbe vom Ei bis zum erwachsenen Thier darbieten, aber ich möchte
doch die Beobachtungen an Cheyletus ernditns Sehr, hier kurz er-
wähnen. Vor Jahren wurde von mir bei dieser Milbe das Auftreten
eines Deutovum festgestellt, so dass wir also die Entwicklung ebenso
beginnen sehen wie bei Trombidinm und Diplodontus. Von den
weiteren Stadien ist mir besonders der Uebergang von <1<t Nymphe
zum erwachsenen Thier bekannt geworden.
Man findet hier, dass in der Hülle der Nymphe das neugebildete
erwachsene Thier derart ruht, dass die Füsse in den Fussscheiden
der Nymphe stecken, also nicht einwärts gekrümmt liegen, wie es
bei der Mehrzahl der bisher beobachteten Fälle stattfindet. Und
auch bei der sorgfältigsten Durchmusterung des Beobachtungsobjekts
ist um das neugebildete, im Innern der Nymphenhaut ausgebreitete
Thier ein Apoderma nicht zu finden. Es müsste dasselbe namentlich
an den Krallengliedern der Füsse und der Taster ausserordentlich
deutlich in die Augen fallen. Es scheint hier die Frage, ob es bei
denjenigen Milben, bei welchen die ursprüngliche Eihaut durch ein
anschwellendes Apoderma gesprengt wird, auch noch ein zweites und
drittes Apoderma zwischen Larve und Nymphe, und zwischen Nymphe
und reifem Thier giebt, in negativem Sinne entschieden.
Um so mehr möchte ich zur besseren Vergleichung mit den
Entwicklungsarten, wie sie gleich erwähnt werden sollen, immer wieder
betonen, dass es zahlreiche Milben giebt, und ihre Vertreter haben
10 Prof. Dr. P. Kram er: Ueber die Typen
wir bei den Trombidien und den Hydrachniden zu suchen, vielleicht
gehört auch Cheyletus dazu, bei denen nur eine sechsfüssige Larve
und eine achtfüssige Nymphe beobachtet wird.
Von diesem, im Obigen dargestellten, Entwicklungsmodus weichen
nun andere nach zwei Richtungen hin ab, indem es nämlich entweder
zu einer Verminderung der Anzahl frei beweglicher Stadien, oder zu
einer Vermehrung derselben gekommen ist.
Eine Verminderung finden wir bei den Tarsonemiden.
Die Entwicklung dieser Milben ist von mir an Tarsonemus
Kirchneri, den man jedes Jahr in grosser Anzahl in den Gallen von
Phytoptus Tiliae finden kann, vollständig dargelegt. Sie zeigt uns,
dass eine sechsfüssige Larve das Ei verlässt, ohne dass ein sicht-
bares Apoderma in demselben uns entgegentritt. Aus der sechs-
füssigen Larve tritt sogleich das erwachsene Thier, und zwar ent-
weder das in seiner Weise ebenso eigentümlich gestaltete Weibchen
oder das Männchen. Da gewöhnlich in einer Galle eine ausser-
ordentlich grosse Anzahl von Tarsonemus -Individuen und zwar auf
allen Entwicklungsstadien vorhanden ist , so wäre es kaum an-
zunehmen, dass die von uns als Männchen oder Weibchen ange-
sprochenen Formen, namentlich die Männchen nur Hypopusartige
Zwischenformen wären, denn es sind gar keine anderen in den Ent-
wicklungsgang der Milbe hineingehörige Thiere zur Beobachtung
gekommen.
Hier fällt also die achtfüssige Nymphenform ganz aus. Zudem
aber ist auch bei den in Ruhe versunkenen Larven, deren Inhalt
sich bereits in das nächste Stadium umgestaltet hat, ebenfalls nicht
eine Spur eines Apoderma zu bemerken, obwohl die Beobachtungs-
objekte wegen ihrer vollständigen Durchsichtigkeit und der auf-
fallenden Gestalt der eingeschlossenen künftigen reifen Form ganz
besonders günstig sind.
Hiernach folgen sich die Stufen derart, dass dem Ei die sechs-
füssige Larve, dieser aber die erwachsene Milbe unmittelbar folgt.
Die Beobachtungen bei Tarsonemus Kirchneri Kr. wurden später
an Tarsonemus graminis Kr. von mir bestätigt.
Der Verminderung der Anzahl von Entwicklungsstadien bei
Tarsonemiden steht bei zwei grossen Milbenfamilien eine Vermehrung
derselben gegenüber. So finden wir bei den Uropodiden, einer Unter-
abtheilung der Gamasiden, im Ganzen zwischen Ei und das er-
wachsene Thier drei Larvenstadien eingeschoben, nämlich eine sechs-
füssige Larvenform und zwei achtfüssige Nymphenformen. Diese
Entwicklungsweise ist von mir namentlich bei Uropoda clavus Haller
und Uropoda tecta Kr. aiisführlich beschrieben worden. Jedoch nicht
allein von den Uropodiden, sondern auch von der denselben in ge-
wisser Hinsicht nahe stehenden, aber schon den wahren Gamasiden
nahe gerückten Gattung Celaeno Koch, welche ich früher als Trachy-
notus beschrieb, gilt genau dasselbe. Die Entwicklung der echten
Gamasiden, namentlich der Milben aus der Gattung Gamasus selber
der postembryonalen Entwicklung bei den Acariden. \\
geht, wenn man die bisher noch nicht völlig aufgeklärte normale
und abnorme Entwicklung nicht für ein Hinderniss ansehen will,
über diese Dinge ein Urtheil abzugeben, ebenfalls nach demselben
Typus vor, wie man z. B. an dem kleinen, Baumblätter bewohnenden
Laelaps minimus Kr. leicht sehen kann. Bei keinem Gamasiden oder
Uropodiden ist bisher aber von einem Apoderma etwas bemerkt
worden. Freilich sind ja die Eier dieser Milben verhältnissmässig
selten einer genaueren Beobachtung unterzogen worden und es wird
ein besonderes Augenmerk für die nächste Zukunft gerade auf die
Vorgänge, welche die etwaige Entwicklung eines Apoderma auch bei
anderen Milben als den zu den Trombididen und Hydrachniden ge-
hörigen betreffen, gerichtet werden müssen.
Ganz ähnlich wie bei den im Vorhergehenden erwähnten Gamasiden
stellt sich die Saohe bei den Tyroglyphiden. Vollständige Beobachtungs-
reihen der postembryonalen Entwicklung habe ich selbst bei den
jetzt unter dem Namen Histiogaster carpio und Trichodactylus
anonymus zumeist angeführten, von mir zuerst beschriebenen Milben
gegeben und dabei constatirt, dass dem Ei ohne vorhergehendes
Deutovumstadium die sechsfiis>ii:e Larve entschlüpft. Dieser ent-
steigt ebenfalls, ohne dass die Bildung eines besonderen Apoderma
zu bemerken wäre, dir erste achtfüssige Nymphe und dieser wiederum,
ohne dass die Bildung eines apoderma voraufginge, bezüglich ohne
dass ein solches bisher beobachtet wäre, die zweite, achtfüssige
Nymphe. Dieses Letzte Nymphenstadium geht ohne Teleiochrysahs-
oder Teleiophanstadium in die reife Form üb
Es ist bekannt, dass die Tyroglyphiden neben der normalen
Entwicklungsreihe noch eine abweichende besitzen, welche um das
Hypopusstadium reicher ist. als die regelmässige. Bei dieser Reihe
wird nach Megnin'a Ausführung folgender Gang eingehalten: 1. Ei:
2. sechsfussige Larve; :'>. m-ste achtle pnphe; I. Ilypopus; 5. erste
achtfüssige Nymphe; •'». zweite achtfüssige Nymphe; 7. reifes Thier.
Es sind die Stadien 4 und .">. welche hierbei neu eintreten, und vor
Allem ist es das Stadium .">, welches als Wiederholung des 3. Stadiums
anzusehen ist. Diese Komplizirung des Km wicklungsganges, wie es
auch ähnlich bei den Sarcoptidae plumicolae beobachtet wird, schliesse
ich bei vorliegender Betrachtung aus.
Zu den zuletzt erwähnten Familien gehört mit Rücksicht auf die
individuelle Entwicklungsweise ferner noch die Familie der Sarcop-
tidae plumicolae. Auch hier begegnet man zwischen dem Ei und
dem entwickelten Thiere noch drei Stadien, wenigstens soweit es die
Beobachtungen an den Weibchen mit Sicherheit ergeben. Die nicht
bei allen Beobachtern gleichmässige Bezeichnungsweise dieser Stadien
macht die Sache etwas verwickelt. Dem Ei folgt hier auch zu-
nächst — und zwar ohne dass ein Apoderma bemerkt worden
wäre — die sechsfussige Larve, dieser die achtfüssige Nymphe und
dieser nach Megnin das zur Begattung reife junge Weibchen, welches
durch eine nochmalige Häutung in das völlig reife Weibchen über-
12 Prof. Dr. P. Kramer: Ueber die Typen
geht. Nirgends wird zwischen den erwähnten Stadien etwas einem
Apoderma ähnliches bisher von irgend einem Beobachter beschrieben,
so dass sich zunächst die Ueberzeugung Geltung verschafft, man
könne ein solches als nicht vorhanden betrachten.
So wie die federbewohnenden Sarcoptiden entwickeln sich auch
die echten Sarcoptiden und bieten also, wie die Krätzmilbe, zwischen
Ei und erwachsenem Thiere, wenigstens dem erwachsenen Weibchen,
drei freibewegliche Stadien. Auch hier ist ein Apoderma bisher dem
Auge der Beobachter entgangen.
Sonach ist es eine sehr weit verbreitete Entwicklungsweise, wie
sie soeben beschrieben ist. Sie wird aber durch Reichhaltigkeit
der Stufen noch überboten durch die bei den Oribatiden stattfindende.
Die Entwicklung der Oribatiden ist ausserordentlich leicht zu
beobachten und ist daher auch frühzeitig und oft, am vollständigsten
in dem grossen Oribatidenwerke A. D. Michael's beschrieben worden.
Bei diesen Milben finden sich zwischen dem Ei und der reifen
Form ausser der sechsfüssigen Larve nicht nur zwei, sondern sogar
drei achtfüssige Nymphenformen, so dass also vier freibewegliche
Stadien da auftreten, wo sonst nur drei, zwei oder eines beobachtet
wird. Auch ist es bemerk enswerth, dass Michael bei der Gattung
Damaeus und zwar bei D. geniculatus ein Deutovumstadium be-
obachtete, so dass also hier uns wieder ein Apoderma entgegentritt.
Bei dem Ueb ergange von Larve zur Nymphe und von dieser weiter
zum reifen Thiere ist die Ausbildung eines weiteren Apoderma bisher
nicht zur Beobachtung gekommen.
Den bisher beobachteten Entwicklungsweisen steht nun noch
die von Claparede bei Myobia musculi beschriebene in eigenthüm-
licher Weise gegenüber. Bei dieser Milbe schiebt sich nämlich nicht
nur ein Deutovumstadium, sondern ein Tritovumstadium zwischen
Ei und Larve ein, indem sich ein zweites Apoderma von dem Embryo
abhebt, welches durch wenigstens theilweises Zerreissen des ersten
die Funktion der Eihaut zu übernehmen hat, welche vorher auch
schon das erste Apoderma übernommen hatte.
Indem Claparede beobachtete, dass der Embryo die Anlagen
von Gliedmassen entwickelte, bevor sich das erste, sowie das zweite
Apoderma abhob, und dass diese Gliedmassen erst zurückgebildet
wurden, um ein eiförmiges Apoderma möglich zu machen, stehen
wir hier vor der Frage, ob wir bei Myobia nicht mehrere sechs-
füssige Larvenstadien anzunehmen haben, welche zwar nur bis zu
einem sehr rudimentären Entwicklungszustand fortschreiten, welche
aber doch jedenfalls angedeutet sind. Im Uebrigen gleicht die Ent-
wicklungsweise von Myobia der von Trombidium.
Wird die Gesammtheit der in Obigem erwähnten Entwicklungs-
reihen betrachtet, so fällt die grosse Mannigfaltigkeit, die darin
herrscht, sogleich ins Auge, und mit ihr die Schwierigkeit, sie auf
eine gemeinsame Regel zurückzuführen, an welche bei der offenbaren
Zusammengehörigkeit aller Milben wenigstens gedacht werden könne.
der postembryonalen Entwicklung bei den Acariden. 13
Es ist wohl möglich, in einem Falle, wie wir ihn bei Pteroptus
vespertilionis vor uns haben, wo die seehsfüssige Larve nicht be-
obachtet wird, zu sagen, man habe hier eine abgekürzte Ent-
wickhmgsart vor sich und es bleibt weiterer Forschung vorbehalten,
in der embryonalen Entwicklungsperiode dieser Milbe die Spuren
des sechsfüssigen Larvenstadiums zu entdecken. Es ist allgemeines
Gesetz, dass die Milbenlarven sechsfüssig sind und die Ausnahme
bestätigt nur die Regel. Es ist wohl ebenfalls möglich, die Phytop-
tiden mit ihrer sogar im erwachsenen Zustande verminderten Fusszahl
als besondere Ausnahme zu behandeln. Aber zu entscheiden, ob
das Vorhandensein von drei Nymphenstadien zwischen Larve und
reifem Thier, oder von zwei solchen, oder von einem einzigen
solchen oder gar von gar keinem als die Norm anzusehen sei, ist
vorläufig für den vergleichenden Beobachter ein Ding der Unmöglich-
keit. Ferner zu entscheiden, ob die nur von einem Apoderma um-
gebenen sogenannten Schadonophan-, Nymphophan- etc. Stadien als
gleichwerthige Stadien mit den frei lebenden zu betrachten sind,
wodurch die Zahl der Stufen, welche die individuelle Entwicklung
durchmacht, erheblich vermehrt werden würde, ist ebenfalls noch
erneuter Erwägung zu unterziehen. Die nächstliegenden Analogieen
hierfür kann uns die Insektenwell geben. Ich erinnere — um nicht
von der Schmetterlingspuppe zu reden — die von A. Weismann in
seiner Entwicklung der Museiden erwähnte Bildung der Puppen-
scheide. „Es folgen sicli liier", so schreibl er, „zwei Häutungen
auf dem Fusse nach; denn sobald die Puppenscheide sich vom
Körper abgehoben hat, scheidet die Zellenrinde von Neuem eine
Cuticula aus, die dann eine definitive Bildung ist: Das Chitinskelet
der Fliege. Drei Chitinhäute liegen dann übereinander: die zur
Schale verhornte Larvenhaut, die Puppenscheide und zu innerst die
lange Zeit noch äusserst zarte Haut des Imago.*) Dies hier be-
schriebene passt Wort für Wort auf die Entwicklung von Trom-
bidium und Diplodontus.
Was das Apoderma anlangt, so möchte die Ansicht erlaubt
sein, dieser Haut, zumal wenn sie zum ersten Male unter der Ei-
schale auftritt, den Charakter der Dotterhaut zuzusprechen. Damit
würde das Schadonophanstadium als ein selbständiges ausscheiden.
A. Weismann hat bei seinen Musciden-Beobachtungen das Ei künstlich
von seinem Chorion befreit und sah die Entwicklung dennoch inner-
halb der allein übrigbleibenden Dotterhaut meist regelrecht vor sich
gehen. Bei den Acariden sprengt die natürlich vor sich gehende
Entwicklung des wachsenden Embryos das Chorion oft ganz von
selbst, so ist namentlich der Vorgang wohl bei Damaeus geniculatus
zu deuten, und die Festigkeit der Dotterhaut gestattet die ungestörte
Weiterentwicklung des eingeschlossenen Thieres.
*) Die Entwicklung der Dipteren. Zeitschrift für wiss. Zoologie, Bd. XVI,
p. 176. Separatansgabe.
14 Prof. Dr. P. Kramer.
Wird aber das erste Apoderma als Dotterhaut aufgefasst, so
liegt im Grunde keine Hinderung vor, auch bei den späteren Stufen
der Metamorphose den Grundsatz gelten zu lassen, dass die Um-
hüllung der in die Verwandlung eintretenden Milbe aus einer drei-
fachen Stufe besteht, nämlich dem Chorion, dem der Dotterhaut
entsprechenden Apoderma und der dem Leibesinhalt unmittelbar
aufsitzenden Hautschicht, die nach Aussen, hin die Cuticula absondert.
Allerdings würde in vielen Fällen darüber noch keine ausreichende
Klarheit bestehen, ob man das Apoderma, da wo es nicht zur
Beobachtung gekommen ist, als der absterbenden Haut des sich
metamorphosirenden Thieres von innen fest aufsitzend zu betrachten
habe, so dass sich unmittelbar nur die neue Cuticula beobachten
lässt, nicht dagegen die Schicht, welche sich als Apoderma zweiter
und dritter Art bei Trombidium und Diplodontus einstellt.
Ich möchte mich bis jetzt noch nicht davon für überzeugt halten,
dass die Abhebung des Apoderma, sei es von dem Leibe des Embryo
oder der Larve, oder der Nymphe bei Trombidium einer vollen
Häutung gleichwerthig ist und deshalb wollen mir die Entwicklungs-
typen der Acariden als wesentlich von einander verschieden vor-
kommen. Ich spreche daher in Zukunft von einem Tarsonemus-
Typus der Entwicklung und meine dabei eine solche Entwicklung,
bei welcher das Ei die sechsfüssige Larve entlässt, und diese sogleich
die reife Form.
Ich rede ferner von einem Trombidiumtypus , bei welchem eine
achtfüssige Nymphe zwischen Larve und reife Form eingeschoben
ist; von einem Tyroglyphustypus, bei welchem deren zwei, und von
einem Oribatidentypus, bei welchem gar drei Nymphen eingeschaltet
sind. So ist z. B. bei Pteroptus ein abgekürzter Tyroglyphustypus
zu beobachten.
Es mögen diese Bezeichnungen als Abkürzungen zu leichterem
Verständnis so lange dienen, bis sie durch vollkommene Erkenntniss
des Thatsachenbefundes überflüssig geworden sind oder bis es sich
herausgestellt hat, dass sie nicht mehr hinreichend den Entwicklungs-
typen grosser Milbenkreise entsprechen.
Zum Tarsonemustypus gehört zunächst nur die kleine Gattung
Tarsonemus. v
Zum Trpmbidiumtypus gehören Vertreter der grossen Sub-
familien der Trombidien und Hydrachniden.
Zum Tyroglyphustypus gehören Vertreter der Sarcoptiden,
Tyroglyphiden, Gamasiden, Demodiciden.
Zum Oribatidentypus gehören die Oribatiden.
Es wird die Aufgabe eingehender Beobachtungen des Lebens
unserer Acariden sein, diese Tafel zu vervollständigen.
Ueber die Gattung Pristiopliorus.)
Von
Otto Jaekel
in Berlin.
Hierzu Tafel I.
Die von Müller und Henle2) aufgestellte Gattung Pristiopliorus
umfasst sehr eigenthümlich differenzirte Formen von Selachiern. Die
wenigen bisher bekannten Arten stehen einander so nahe, dass der
Gattungsbegriff sehr eng und scharf umgrenzt ist. Fossile Reste
dieser Gattung waren bisher nicht bekannt mit Ausnahme eines
schlecht erhaltenen Wirbel-Fragments, welches von Hasse3) deshalb
auf PrMophorus bezogen wurde, weil es zu keiner anderen Form
Beziehungen bot.
• Das Interesse, welches Priatiophorus wegen Beiner eigenartigen
Differenzirmm beanspruchen darf, steht in einem auffallenden Gegen-
satz zu der Kenntniss, welche wir von dem anatomischen Bau und
der systematischen Stellung dieser Gattung besitzen. Der Umstand,
dass die wenigen lebenden Arten bisher nur vereinzelt an den
australischen und japanischen [nseln gefangen wurden, und deshalb
nur selten Exemplare in die Museen gelangten, mau- die Ursache
sein, dass noch kein Forscher sieh eingehender mit denselben be-
schäftigt hat.
Die Literatur über PrMophorus beschränkt sich fast ganz auf
gelegentliche Mittheilungen. Lathani ') beschrieb zuerst ein Exemplar
von P. cirratus als besondere An von Priatis und gab eine mangel-
hafte Abbildung desselben, bei welcher z. I). nur 4 Kiemenspalten
angegeben sind. Die folgenden Angaben von Lacepede5), der ihn
unter dem Namen Squalus anisodon, und Shaw6), der ihn als Squalus
f) Vergl. Jaekel: Ueber die systematische Stellung und Aber fossile Beste
der Gattung Pristiopliorus. Zeitschr. d deutsch, geol. G-esellsch. Berlin 1890,
p. 86—120, taf. I, wo sich eine ausführliche Beschreibung- und zahlreichere Ab-
bildungen der fossilen Formen finden.
2) Müller und Henle. Sj'stematische Beschreibung der Plagiostonien.
Berlin 1841, p. 07.
3) Hasse. Das natürliche System der Elasmobranchier. Jena 1879—82,
p. 103, t. XIII f. 67.
4) La t ha in. Transact. Linn. Soc. Vol. II 1794, p. 281, t. XXVI f. 5 u.
t. XXVII.
5) Lacepede. Histoire nat. des poissons. Paris 1798, Bd. IV, p. 680.
6) Shaw. Gener. Zoolog. Bd. V (part. II) p. 359.
16 Otto Jaekel:
tentaculatus anführt, beschränken sich auf den Hinweis, dass Pristio-
phorus eine sehr eigentümliche Form sei. Einige Bemerkungen
über die systematische Stellung der Gattung finde ich bei Müller
und Heule (1. c, p. IX. u. p. 97). In ihrem trefflichen Werke stellen
diese Autoren zunächst die generische Selbstständigkeit der Form
fest und geben ihr den Namen Pristiophorus. Nach dem von ihnen
angenommenen Eintheilungsprinzip stellen sie die Gattung zu den
Scymniden, erklären aber sonderbarer Weise, obwohl sie durch ihr
System durchaus richtig geleitet waren, und obwohl sie die Unter-
schiede der Säge gegenüber der von Pristis klar erkannten, in der
Einleitung ihres Werkes ihr Befremden darüber, „dass ihren Ord-
nungscharakteren zufolge unsere Gattung Pristis zu den Rochen,
Pristiophorus zu den Haifischen gehört." Nachdem auch über eine
weitere Art mehrere Angaben gemacht worden waren,1) fasste
Günther2) in seinem Catalog der Fische des britischen Museums
das ganze bis dahin gesammelte Material zusammen und unterschied
4 Arten: P. cirratus Latham, P. nudipinnis n. sp., P. Owenii
n. sp. und P. japonicus n. sp., von denen die ersten zwei in Tas-
manien und Süd -Australien, die letzte an den Küsten von Japan
leben. Der Wohnort der dritten Art ist unbekannt. Auf die Unter-
schiede der einzelnen Arten komme ich später zurück. Ueber die
systematische Stellung der Gattung spricht sich Günther zwar
nicht direkt aus, er stellt aber Pristiophorus an das Ende der Haie,
Pristis an den Anfang der Rochen. Dieser Auffassung, welcher der
Wunsch zu Grunde liegt, Pristiophorus möglichst nahe an Pristis
anzuschliessen , sind alle späteren Autoren gefolgt. Gelegentlich
wurde auch Pristioj>Jiorus neben Pristis direkt zu den Rochen ge-
stellt. Während man so auf der einen Seite die Unterschiede gegen
Pristis übersah, glaubte man auf der anderen Seite unter dem Druck
des Systems Pristiophorus als einen ganz isolirten und abnormen
Typus von Haifischen auffassen zu müssen.
Mit dem inneren Bau von Pristiophorus haben sich meines Wissens
nur zwei Autoren beschäftigt. Hasse hat Wirbel von Pristiophorus
untersucht und die Gattung daraufhin in seine Gruppe der Tecto-
spondyli eingereiht. Haswell3) gab einige Abbildungen des Flossen-
skelets von P. cirratus, welche von den dem Verf. vorliegenden
Exemplaren zum Theil etwas abweichen.
Der Zweck der folgenden Untersuchung ist, zunächst nachzu-
weisen, dass Pristiophorus mit Pristis nichts zu thun hat, sondern
ein typischer Spinacide (im Sinne Günther's ist, ferner einige bereits
!) Schlegel. Fauna Japonica. Poissons, p. 305, t. CXXXVH. —
Richards on. Ichtyol. Chin., p. 317. — Bleeker. Verh. Bat. Gen. XXVI,
N. Nalez., Japan, p. 128.
2) Günther. Catalogue of the Fishes in the British Museum, London 1870,
Vol. m, p. 431.
3) Haswell. Studies on the Elasmobranch. Skeleton. Proc. Linn. Soc.
of New South Wales 1884, IX, p. 98.
Ueber die Gattung Pristiophorus.
17
bekannte aber falsch gedeutete fossile Reste dieser
Gattung zu beschreiben, sowie einige aus jenen
Betrachtungen sich ergebende phylogenetische
Resultate zu ziehen.
Das recente Material wurde mir in den
Zoologischen Sammlungen des kgl. Museums für
Naturkunde in Berlin, des britischen Museums
und der städtischen naturhistorischen Sammlung in
Strassburg i. E. durch das liebenswürdige Ent-
gegenkommen der Herren Döderlein, Günther,
Hilgendorf und Möbius zugänglich gemacht,
das fossile Material entstammt z. Th. meiner
Sammlung, z. Th. der des Herrn Pfarrer D. Probst
in Essendorf (Württemberg), der mir in dankens-
werther Liebenswürdigkeit sein Material zur Ver-
fügung stellte.
I. Die allgemeine Körperform.
Der Körper ist schlank cy lind lisch. Der Kopf
ist in ein langes Rostrum verlängert, welches
seitlich mit messerartigen Hautzähnen besetzt ist
und in der Mitte der Unterseite zwei tentakelartige
Fortsätze tragt. Das Auge ist gross, weit nach
vorn gerückt. Die Spritzlöcher Bind den Augen
genähert. Der Mund ist quer, gerundet nach vom
gebogen. Die Kiemen Btehen, 5 an der Zahl,
sämmtlich vor den Brustflossen, fast ebenso weil
unter als über deren [nsertionstelle reichend.
Die Brustflossen sind breit gerundet; dir Bauch-
flossen liegen am Beginn des letzten Drittels des
Körpers und sind länglich dreieckig. Die erste
Dorsalis steht vor der Mitte des Rückens, die
zweite in der Mitte zwischen der ersten Dorsalis
und dem Anfang des Schwanzes. Beide Dorsales
sind klein. Eine Analis fehlt. Der Schwanz nimmt
etwa V5 der Länge des ganzen Thieres ein; er ist
wenig aufwärts gebogen, hinten seimig abgestutzt
und besitzt unten einen breiten vorderen Lappen.
(Fig. 1.)
IL Das Hautskelet.
Das Hautskelet besteht wie bei allen Selachiern
lediglich aus Dentinbildungen, welche in ver- '
schiedener Weise differenzirt sind. Die die Körper- ^S- ■
Oberfläche gleichmässig bedeckenden Hautzähnclien sind alsSchuppen
ausgebildet, auf den Kiefern sind sie als eigentliche Zähne ent-
wickelt und an den Seiten des Rostrums zu echten Rostral-
zahnen differenzirt.
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1891. Bd. I. H. 1. 2
18 Otto Jaekel:
a. Die Schuppen.
Die Schuppen sind ausserordentlich klein und stehen sehr
dicht. Oben besitzen sie eine blattartige Ausbreitung „Blatt",
welche durch einen „Stiel" auf der in der Haut sitzenden „Wurzel"
befestigt ist. In ihrem Habitus schliessen sie am engsten an
Spinaciden-Schuppen an. Bei den einzelnen Arten variirt die Form
des Blattes, indem bei Pr. nudipinnis mehrere Furchen über den
vorderen Theil des Blattes nach hinten laufen, während die übrigen
Arten einen medianen Kiel auf dem Blatt zeigen, welcher über den
Hinterrand hinausgeht. Die Schuppen sind so klein, dass ich den
Versuch aufgab, Schliffe in bestimmten Richtungen durch dieselben
zu legen. Wie ich bereits an anderer Stelle hervorgehoben habe1),
vereinfacht sich auch bei sehr kleinen Objecten die Mikro struktur
derart, dass sie für die Systematik keine genügenden Anhaltspunkte
mehr bietet. Die Schuppen sind sehr gleichmässig über den ganzen
Körper und die Flossen verbreitet, bei P. nudipinnis lassen sie
einen Theil der Pectoralen und Dorsalen frei.
b. Die Zähne.
Die Zähne sind klein, ich zähle im Unterkiefer 30 — 33, im
Oberkiefer 33 — 40 Querreihen. Zu gleicher Zeit sind 3 — 4 Längs-
reihen im Gebrauch. Die Zähne benachbarter Querreihen alterniren
mit einander. In ihrer Form schliessen sich die Zähne am nächsten
an Squatina und Chiloscyllium an. Sie besitzen eine ausgebreitete
Krone, auf welcher sich eine mittlere, gerundete, langsam ansteigende
Spitze erhebt. Von der Spitze verlaufen keine Kanten nach den
Enden des Zahnes wie bei Squatina und den Scylliolamniden, noch
sind Nebenspitzen vorhanden wie bei letzteren und den Scylliden.
Von der Hauptspitze verläuft dagegen ein mit Schmelz bedeckter
Zapfen auf der Innenseite des Zahnes und legt sich auf die nach
innen ausgebreitete Wurzel. Der Unterrand der Krone auf der
Aussenseite ist schwach nach unten gerundet, und zeigt Einkerbungen,
aber keine Falten wie bei Scyllium. Bei den Zähnen der mittleren
Querreihen ist gewöhnlich nur eine (auch gar keine), bei den seit-
lichen Querreihen sind mehrere solche Einkerbungen vorhanden.
Die Wurzel ist niedrig; an der Aussenseite tritt sie tief unter
die Krone zurück, an der Innenseite ragt sie ebensoviel unter der-
selben hervor. Ihre Unterseite ist wie bei Squatina ganz flach,
deren Aussenkante schwach eingebogen, der Innenrand ebensoviel
ausgebogen. Die Wurzel ist in der Mittellinie nicht getheilt, wie
dies bei Raja und anderen Rochen der Fall ist, mit denen die
Zähne unserer Gattung irrthünilich verglichen wurden.
Der Eintritt der Nerven- und Blutgefässe erfolgt besonders in
den Gruben, welche sich auf der Innenseite unterhalb der Krone zu
*) O. Jaekel. Die Selachier aus dem oberen Muschelkalk Lothringens.
Strassburg. 1881. p. 301 und lieber mikroscopische Untersnchungen im Gebiet der
Palaeontologie. Neues Jahrb. f. Mineral. G-eol. Palaeont. 1891. I. pag. 195.
Ueber die Gattung Pristiophorus. 19
beiden Seiten des vorgezogenen Zapfens finden. Eine bestimmte
Vertbeilung derselben habe ich bei der Kleinheit der Objecte und
bei der Schwierigkeit sie ganz von organischen Resten zu reinigen,
nicht mit Sicherheit erkennen können. In letzterer Hinsicht stimmt
die Form mit Ginglymostoma und Chiloscyllium, nicht aber mit
Squatina und Crossorliinus überein, denen jene Gruben fehlen.
Die Micro structur der Zähne ist bei der geringen Grösse der-
selben wenig differenzirt, bezw.durch dieReduction derselben vereinfacht.
Eine echte Pulpa fehlt: an ihrer Stelle sehen wir einen unregel-
mässig sich verjüngenden Kanal in die Spitze aufsteigen und zwei
von ihm sich abzweigende Aeste in die seitlichen Ausbreitungen der
Krone eintreten. Von diesen Kanälen gehen sehr zahlreiche ver-
ästelte Dentinröhrchen aus, welche fast bis unter die Oberfläche des
Zahnes reichen, welcher namentlich an der Spitze eine wohl ent-
wickelte epitheliale Placoinschicht als Umgrenzung der Krone besitzt.
Die feineren Structurverhältnisse in dem Bau des Placoinschmelzes,
welche für die Hartgebilde der Spinaciden so ausserordentlich
charakteristisch sind, finden sich indess auch hier wieder. Es ist
jene auffallende Störung, welche die Dentinröhrchen bei ihrem Ein-
tritt in die Placoinschicht erleiden. Dieselben bestehen, wie ich bei
Besprechung der Rostralzähne ausführlicher darlegen will, in
einer sehr unregelmässigen , fast wirren Verästelung der Dentin-
röhrchen an der Grenze gegen den Placoinschmelz und in einer
damit im Zusammenhang stehenden Bildung grosser Interglobular-
räume namentlich im unteren inneren Theil der Placoin-
schicht. Diese Verhältnisse habe ich bisher nur bei Spinaciden und,
allerdings weniger klar, bei den ihnen verwandten Notidaniden an-
getroffen. Bei Scylliden z. B. sind diese Verhältnisse ganz anders.
Der ganze Bau der Krone erinnert also sehr an die Mikrostruktur
kleiner Spinaciden. Der Bau der Wurzel bietet ebensowenig wie
bei den meisten übrigen Selachiern bemerkenswerthe Differenzirungen.
Taf. I. Fig. 2 habe ich das mikroskopische Bild eines Zahnes
von Pristiophorus cirratus gezeichnet. Die Ebene des Schliffes geht
durch die Höhen- und Langs-Axe des Zahnes. Mann sieht die drei
nach der Spitze und den Seiten verlaufenden grossen Kanäle, die
von diesen ausgehenden Dentinröhrchen und namentlich in der Spitze
des Zahnes bei a die besprochenen Interglobularräume sowie die
wirre Störung der Dentinröhrchen. In Fig. 3 habe ich den Quer-
schnitt eines Zahnes (von innen nach aussen) durch die Höhen- und
Dicken -Axe gezeichnet, vom inneren Bau aber nur die Form der
grossen Kanäle, nicht die Dentinröhrchen etc. angegeben, i bedeutet
die innere, a die äussere Seite des Zahnes, c zeigt den nach innen
vorspringenden Kronenfortsatz im Querschnitt.
c. Die Rostralzähne.
Die Rostralzähne von Pristiophorus sind so eigenartige Bildungen,
dass es sich der Mühe verlohnt, auf ihre Morphologie und Histologie
etwas näher einzugehen. Ich habe Taf. I. Fig. 4 und Fig la und
20 Otto Jaekel:
lb im Text einige Abbildungen recenter und fossiler Rostralzähne
und ihrer Mikrostructur gegeben. Schon Müller und Henle hoben
die Unterschiede der Säge von Pristiophorus gegenüber der von
Pristis scharf hervor. Bei Pristis entwickeln sich die Rostralzähne
in Alveolen, und wie ich noch hinzufügen möchte, wachsen sie in
diesen Alveolen nach; sie sind also nicht als modificirte Hautzähne
aufzufassen, sondern ihrer Entwicklung und Histologie nach als
Homologa der Flossenstacheln zu betrachten. Ich werde daher die in
Rede stehenden Bildungen bei Pristis fortan nicht mehr als Rostral-
zähne sondern als Rostralstacheln bezeichnen. Durch diese
Bezeichnung hebt sich zugleich der Gegensatz gegen die analogen
Bildungen bei Pristiophorus am schärfsten hervor. Hier finden wir
echte Hautzähne, ganz homolog denen, welche wir bei Echinorhimis,
Raja und anderen Formen kennen; hier bei Pristiophorus ist daher
die Bezeichnung Rostralzähne angebracht. Dieselben zeigen auch
durchaus nicht die Vertheilung, wie wir sie bei Pristis beobachten,
sondern erstens ist die Anordnung der Rostralzähne selbst eine un-
regelmässige, indem meist grössere und kleinere wechseln, und
zweitens finden sich dieselben nicht ausschliesslich auf die beiden
Längsseiten des Rostrums beschränkt, sondern neben den Unter-
rändern und an anderen Stellen sind Hautzähne angebracht, welche
jene eigenartig differenzirten Rostralzähne mit einfacheren Typen
verbinden, wie wir sie z. B. bei Raja miraletus sehen. Schliesslich
ist auch ihre Verbreitung eine ganz andere wie bei Pristis, indem
bei dieser Gattung die Rostralstacheln auf den vorderen Theil des
Rostrums beschränkt sind, bezw. einen glatten Theil vor dem Kopf
freilassen, während bei Pristiophorus die Rostralzähne sich an den
Seiten des Kopfes bis hinter die Augen fortsetzen.
Die Zahngebilde auf der Ober- und Unterseite des Rostrums
zeigen entweder eine einfache kurze Spitze, welche auf einer flachen
sternförmigen Wurzel steht ; diesen einfachsten Bau zeigen namentlich
auch die Schuppenzähne auf der Oberseite von Sclerochynchus atavus
Sm. Wd. des ältesten bisher bekannten Pristiophoriden (Taf. I.
Fig. 1.) oder sie besitzen eine längere Spitze, die sich mit ihrem
Schmelz-bedeckten Theil aus einer runden kranzartig verdickten
Basis erhebt. Die eigentlichen Rostralzähne an den Seitenrändern
des Rostrums zeigen insofern eine weitere Differenzirung, als einer-
seits die Form ihrer Spitze, andererseits deren Befestigung zweck-
entsprechende Veränderungen erfahren haben. Die Spitzen, welche
also den Zahnkronen homolog sind , sind messerartig von oben nach
unten comprimirt und am Hinterrand und Vorderrand zugeschärft.
Diese Ränder sind bei den bis jetzt bekannten lebenden Arten glatt,
bei einer fossilen Art aus dem Eocän von Neu -Seeland dagegen
gekerbt, bezw. mit kleinen seitlichen Spitzen versehen- Die scharfe
Spitze ist der schwachen Krümmung des Zahnes entsprechend nach
hinten gerichtet, doch biegen sie sich hinten am Kopf meist etwas
nach unten, vorn am Rostrum bisweilen etwas nach oben. Die aus
der Haut hervorragenden Spitzen sind mit Placoin-Schmelz bedeckt.
Ueber die Gattung Pristiophoras. 21
Die im Integument befestigte Basis, welche der Wurzel der
echten Zähne homolog ist, ist kegelförmig und hat dünne Wände.
Die dem Kopf zugewendete Hinterseite der Wurzel zeigt eine Oeffnung,
in welche der benachbarte Rostralzahn mit seiner Wurzel eingreift.
Das Innere des Hohlkegels ist von schwach inkrustirtem Knorpel1)
ausgefüllt und gestützt, während die äussere Umwachsung der Wurzel
durch die inkrustirte Haut dem Zahn noch einen weiteren Halt giebt.
Der Ersatz dieser Rostralzähne erfolgt, genau so wie bei allen
Zahnbildungen, durch seitliche Wucherung neuer Zähne und die
allmähliche Verdrängung der älteren, also ganz anders wie bei
Pristis, wo die Stacheln fortwährend nachwachsen, und ein Ersatz
nicht stattfindet.
Die M1krostructur der Rostralzähne beweist auf das
Entschiedenste die Zugehörigkeit von Prüttophorwt zu den Spinaciden.
Die genannten Hartgebilde sind so gross, dass alle jene Differenzirungen
der einzelnen Zahnelemente, welche für die Spinaciden charakteristisch
sind, hier zur vollen Entfaltung kommen. Infolge dessen sind gerade
die Rostralzähne die histologisch -typischen Hartgebilde von Prutii-
ophorifs, und so waren daher auch diese fossil isolirten Hartgebilde
mit absoluter Sicherheit zu bestimmen. Der innere Bau ist so
charakteristisch, dass man jedes Fragment eines Rostralzahnes auf
Spinaciden beziehen müsste, während die ganz eigenartige äussere
Form derselben jede Verwechslung mit anderen Hartgebilden aus-
schliesst. Hinsichtlich des systematischen Werthes der Mikrostructur
verweise ich auf das, was ich an anderer Stelle (1. c, p. 18*2 — 186)
darüber gesagt habe.
Betrachten wir nun zunächst die mikroskopischen Bilder auf
Taf. I. Fig. 4 und Holzschn. Fig. la., so sehen wir einen verhältniss-
mässig grossen Kanal von unten in den Rostralzahn eintreten. Der-
selbe bleibt sich in seinem Durchmesser so gleich, verläuft so wenig
regelmässig und sendet sogar gelegentlich, wie ich Fig. 1». beobachtet
habe, seitliche Aeste aus, so dass man denselben nicht als eine
Pulpa bezeichnen kann. Um hierin ganz verstanden zu werden,
muss ich einige allgemeinere Beobachtungen vorausschicken.
Im Allgemeinen ist für die einzelnen Stammes- Gruppen von
Selachiern durchaus constant, dass sich ihre Zahnbildungen ent-
weder mit Vasodentin oder mit Pulpodentin -) aufbauen. Bei einer
!) Da mir hierzu nur trockene Exemplare zur Untersuchung vorlagen, so
habe ich den Knorpel selbst nicht beobachten können, wohl aber die polyedrische
Inkrustation, welche meist die Knorpel der Selachier überzieht.
2) Man bezeichnet gewöhnlich das Vasodentin als eine lockere Modifikation
des Dentins; diese Auffassung ist aber incorrect, da das Vasodentin morpho-
logisch und physiologisch nicht allein dem Dentin, sondern dem Dentin und der
Pulpa gleichzustellen ist. Das Vasodentin besteht aus zwei Elementen: 1. grossen
anastomosirenden Kanälen (sog. Haversischen Kanälen) und 2. den von ihnen
ausstrahlenden Dentinröhrchen (gewöhnlich als Primitivröhrchen bezeichnet).
22 Otto Jaekel:
grossen fossilen Gruppe, deren Angehörige z. Th. vielleicht mit Un-
recht sehr nahe an den lebenden Cestracion angeschlossen werden,
nämlich bei Gattungen wie Orodus, Acrodus, Strophodns, Rhombodus,
Ptychodus, Myliobates, Trygon, finden wir niemals eine Pulpa, son-
dern stets nur Vasodentin. Das gleiche ist bei der Gruppe der
Hybodonten (mihi, non Agassiz) und Lamniden und auch noch bei
den Notidaniden der Fall. Bei den den letzteren nahe verwandten
Spinaciden, sowie bei Scylliolamniden finden wir eine mit der geo-
logischen Entwicklung und der Reduction der Grösse der Zähne
zunehmende Vereinfachung der Mikrostructur in dem Sinne, dass
sich auf der ersten Stufe die Zahl der Vasa verringert, auf einer
zweiten ein Kanal (Vas) in der Hauptspitze dominirt und schliesslich
Hand in Hand mit der Verdünnung und Zuspitzung der ganzen
Zahnkrone überhaupt nur noch ein Kanal zur Entfaltung kommt.
Dieser verdickt sich und bildet constant eine einfache Pulpa bei
Scylliden, Pristis, Rajiden, Torpediniden und Carchariden, sowie bei
einigen isolirten und in ihrer phylogenetischen Stellung noch un-
klaren Typen. Ich glaube also, dass sich die pulpodentinösen Zähne
aus den vasodentinösen mit der Reduction der Grösse entwickelt
haben. Die vasodentinösen sind jedenfalls die älteren; die pulpo-
dentinösen sind zwar die einfacheren, setzen aber eine höhere Ent-
wicklung der Dentinröhrchen voraus, welche bei den jüngsten Se-
lachiern, den Carchariden in jenem Stamm den höchsten Grad,
zugleich aber auch die Grenze des Möglichen erreicht zu haben
scheint, da hier bei einer der grössten Formen (Hemipristis) bereits
ein secundärer Rückschritt zu einer complicirteren Mikrostructur
bemerkbar wird.
Unter obigen Gesichtspunkten wird zunächst der Bau der
Rostralzähne und speciell die Natur des Mittelkanals verständlich
sein. Das Vasodentin hat insofern eine Reduction erfahren, als
immer nur 1 Mittelkanal zur Entfaltung kommt, derselbe steht aber
bei den verschiedenen Formen bereits auf sehr verschiedenen Stufen
der Differenzirung , indem er z. B. bei P. suemcus (vergl. Fig. la.)
noch seitliche Verästelungen treibt, also typische Vasa bildet, während
er bei den lebenden Arten und noch mehr bei Pnstiophorus ensifer
Erstere entsprechen absolut der Pulpa, wie auch von den Zoologen schon seit
längerer Zeit ein sackförmiger und ein netzförmiger Zahnkeim unterschieden
wird. Letztere Bezeichnung scheint mir aber incorrect, da man mit dem Aus-
druck „Netz" stets den Begriff einer Ebene verknüpft, wie sie zwar in einem
Schliff, nicht aber im Zahne vorliegt. Da weder die Pulpa noch die grösseren
Kanäle ohne Dentinröhrchen (die Ausläufer der in ihnen liegenden Odontoblasten)
denkbar sind, so scheint es mir das zweckmässigste , dem Vasodentin ein
Pulpodentin gegenüberzustellen, andererseits wird man dann, wenn man von
den Dentinröhrchen absieht und die Zahnkeime allein bezeichnen will, am besten
der Bezeichnung Pulpa einen Ausdruck wie Vasa gegenübersetzen, da der
ISame Haversische Kanäle auch für Hohlräume im Knochen gilt, welche jenen
wahrscheinlich nicht ganz homolog sind.
Ueber die Gattung Pristiophoms.
23
so erweitert ist und so gerade verläuft, dass man
ihn namentlich hei letztgenannter Art für eine an-
dere Bildung halten könnte, wenn nicht die ver-
gleichende Anatomie im Verein mit der Palaeonto-
logie uns jene Bildung nur als das Resultat einer
allmählichen Vereinfachung vor Augen stellte und
uns zwänge, jene Aushildung phylogenetisch an jene
ursprünglicheren Bildungen anzuschliessen. Ich
möchte übrigens hier hervorheben, dass eine Be-
urtheilung der histologischen Elemente mir unter
den vielen Hunderten von Präparaten, die ich von
Selachiern angefertigt habe, niemals die Schwierig-
keiten bereitet hat, wie in diesem Falle. In der
Regel liegen gerade die Verhältnisse des inneren
Baues so klar, dass die Natur der einzelnen Elemente
nicht einen Augenblick zweifelhaft ist, Dass die
Verhältnisse gerade hier so schwer verständlich
sind, hat darin seinen Grund, dass in den Rostnil-
zähnen von Prütiophorus ganz eigenartige Differen-
zirungen vorliegen.
Man muss selbstverständlich annehmen, und
der an anderer Stelle ausführlich besprochene1)
Sclerorhynchus atavus Sm. Woodw. ist ein Beweis
hierfür, dass jene RostraLzähne ursprünglich kleine
Hautzähnchen waren, die erst allmählich jene j^g- lil-
Grössenentwicklunu and hohe Differenzining er- Prisüophorua sue-
langten. Die Zahnbildungen der Spinaciden befanden n^^u^1'
sich aber jedenfalls, als sich * 1 i * - Pristiophoriden schliff . Vergr%tl.
von diesen abzweigten, bereits in einem vorge- Rüocäne Mola
schrittenen Stadium der Vereinfachung der inneren Baltringen in Ober-
Structur, welche wohl hauptsächlich in der Schwaben.
geringen Grösse der ZahnbildungeE ihren Grund hatte. Diesen ver-
einfachten Bau, welchen z. B. die Spinaciden der oberen Kreide
schon deutlich erkennen lassen, erhielten jene ältesten Pristiopho-
riden für ihre Rostralzähnchen bereits als Erbtheil und vererbten
diese Eigenschaft weiter, trotzdem mit der zunehmenden Grösse jener
Gebilde wieder für die Entfaltung zahlreicherer Vasa Raum wurde.
Bei Besprechung der Dentinröhrchen werden wir auf analoge Ver-
hältnisse stossen. Aus obigen Betrachtungen erklären sich auch die
scheinbaren Unterschiede, welche die Mundzähne und die Rostral-
zähne von Pristiiophortts aufweisen, und die bisweilen nicht ganz
unbeträchtlichen Abweichungen, welche sich bei bedeutender Grössen-
differenz zwischen Hautschuppen und Mundzähnen anderer Gattungen
finden.
*) Vergl. J aekel: Ueber die systematische Stellung- und über fossile Reste
der Gattung Pristiophoms. Zeitschr. d. deutsch, geol. Gesellschft. 1890, p. 117
24 Otto Jaekel:
Die Dentinröhrchen gehen bei allen von mir untersuchten Rostral-
zähnen ungefähr rechtwinklig von dem Mittelkanal aus, nur am
oberen Ende des Kanals richten sie sich wie bei den Spinaciden
bündeiförmig nach der Spitze. Durch jene rechtwinklige Stellung
und den parallelen Verlauf der Dentinröhrchen unterscheiden sich
diese Rostralzähne von allen mir bekannten Hartgebilden bei
Selachiern. In phylogenetischer Hinsicht interessant ist die ver-
schiedene Stärke und Dichtigkeit der Dentinröhrchen. Bei der Form
aus dem schwäbischen Miocän (Fig. la.) ist nämlich die Zahl der-
selben relativ sehr gering, was wohl nur so zu erklären ist, dass
sich in Folge der schnellen Längenzunahme dieser Gebilde der Ab-
stand zwischen den Dentinröhrchen vergrösserte. Bei den lebenden
Formen, die sich in dem Aeusseren sehr nahe an jene jung-tertiäre
Art anschliessen, ist dieses Missverhältniss , welches ich deshalb als
solches auffasse, weil ich nirgends bei Selachiern ein Analogem dafür
finde, wieder ausgeglichen, indem sich die Zahl jener Dentinröhrchen
wieder vermehrt hat. Dasselbe ist auch bereits bei dem, einen an-
deren Formenkreis repräsentir enden Pristiophorus ensifer der Fall,
bei welchem sich die Zahl der Dentinröhrchen erheblich vermehrt,
deren eigene Grösse aber verringert hat.
Die äussere Schicht der Rostralzähne würde für sich allein die
Zugehörigkeit von Pristiophorus zu den Spinaciden beweisen. Sie
stimmt gerade in den feinsten Organisations- Verhältnissen so voll-
ständig mit der der Spinaciden überein, dass sich die stammes-
geschichtliche Verwandtschaft beider nicht bezweifeln lässt. Ich
meine nämlich, dass gerade diejenigen Theile des Or-
ganismus, welche bei den Veränderungen desselben im
Kampf um's Dasein am letzten und am wenigsten in Mit-
leidenschaft gezogen werden, am längsten die ererbten
Eigenschaften bewahren und somit den besten Anhalts-
punkt zum Studium der Stammesgeschichte des Organismus
bieten. Was aber soll bei den vielfachen Veränderungen
der Lebensbedingungen und dem Wechsel der äusseren
Form weniger beeinflusst werden, als die innersten und
feinsten Structurverhältnisse der Organe, und welche
können unter diesen unabhängiger von dem Einfluss der
äusseren Lebensbedingungen sein, als die der Hartgebilde?
Alle diejenigen Organe, welche an der Ernährung und an sonstigen
Lebensfunctionen direkt betheiligt sind, müssen von dem Wechsel
derselben, wie solche in einer Gruppe oft und schnell eintreten, mehr
oder weniger beeinflusst werden, während für die Ausscheidung von
Hartgebilden die Bedingungen immer wohl im Wesentlichen die
gleichen bleiben, wenn nicht ein Organismus seine Existenz aus
marinem in süsses Wasser oder gar auf das Land verlegt. In
diesem Falle, allerdings aber auch nur in diesem, kann ich mir eine
schnelle und tiefgreifende Veränderung in den Structurverhältnissen
der Hartgebilde vorstellen.
Ueber die Gattung Pristiophorus.
25
Als derartig feinere Struc-
turverhältnisse in dem Bau der
äusseren Schicht, welche ich
gemäss den früher von mir
ausgesprochenen Anschau-
ungen1) als Placoinschmelz
bezeichne, betrachte ich den
Verlauf und die Störung der
vom Dentin in den Placoin-
schmelz eintretenden feinsten
Röhrchen. Man sieht nämlich
(vergl. Fig. lb), dass sich die
Dentinröhrchen bei ihrem
Eintritt in die äussere Schicht,
den Placoinschmelz, sehr plötz-
lich und un regelmässig ver-
ästeln und ein wirres Netz-
werk bilden, in welchem zahl
Fig lb.
. , ' _. PrisHophor u n. sp. Daa obere Ende
reiche grosse Hohlräume he- dea ifittelkanab mit den ausstrahlendeD
gen.2) Der Ausdruck „Inter- Dentinröhrchen ans dem Fig. 1 a abgebildeten
globularräume" ist für die- Präparat in ca. 200 facher Vergr.
selben eigentlich nicht gerechtfertigt, da dieselben nicht Zwischenräume
zwischen der interzellulare]] Matrix diirstellen . sondern zweifellos
mit den Dentinröhrchen im Zusammenhang stehen. Es sind locale
Anschwellungen bezw. Ausbuchtungen der Dentinröhrchen, welche
höchst wahrscheinlich auf die gleiche Ursache wie die Störung der
Dentinröhrchen zurückzuführen sind, [ch glaube nämlich und werde
an anderer Stelle versuchen, umfassende Beweise hierfür zu bringen,
dass die mit ihren feinsten Verästelungen präformirten Dentin-
röhrchen in die sich zuerst absetzende, vom Epithel ausgeschiedene
Placoinschicht hineinragten, und während sie Belbsl noch unverkauft
und weich waren, durch den Absatz jener Substanz gestört wurden.
Die allgemein bekannte, bo zu sagen normale Form des Schmelzes,
bei welcher nur ganz ausnahmsweise ein Dentinröhrchen noch eine
Strecke weit in den Schmelz hineinragt, ist als die höchste Aus-
bildung des Schmelzes durch zahlreiche Uebergänge, wie ich an
Teleostiern und anderen Wirbelthieren nachweisen kann, mit jener
primitiven Placoinschmelz-Bildung verknüpft, welche wir bei Selachiern
ganz ausschliesslich finden.
Ich glaube, dass hinsichtlich der Ausstülpungen der Dentin-
röhrchen im Placoin ein, ich möchte sagen, pathologischer Zustand
regelmässig eintrat, den ich ausnahmsweise an Dentinröhrchen
innerhalb der Dentinzone beobachtet habe. Ich fand nämlich bis-
*) Die Selachier aus dem oberen Muschelkalk Lothringens. Strassburg
i. Eis., 1889, pag. 293.
2) Eine genauere Abbildung dieser Verhältnisse vergl. Ja ekel: Ueber die
systematische Stellung und fossile Reste der Gattung Pristiophorus 1. c. taf. V.
26 Otto Jaekel:
weilen grosse dreieckige Ausbuchtungen von Dentinr öhrchen, welche
ich sonst nie beobachtet habe, und welche ich auf später zu be-
sprechende Erscheinungen zurückführe. Anschliessend an eine solche
dreieckige Ausbuchtung findet man wirr verlaufende dünne Dentin-
röhrchen zu einer echten Anastomose mit dem benachbarten Dentin-
röhrchen führen. Dieselben sind ebenso ungefärbt wie die feinen gestörten
Röhrchen im Placoin, während jene dreieckige Ausbuchtung, ebenso
wie jene Räume im Placoin, gelblich erscheinen wie es die fossi-
lisirten Detinröhrchen innerhalb der Dentinzone stets sind. Jene
Uebereinstimmung der beiderlei Bildungen spricht aber dafür, dass
dieselben von dem gleichen Gesichtspunkt aus beurtheilt werden
können. Es würde mich hier zu weit führen, auf diese und ver-
schiedene andere histologischen Verhältnisse, welche an dem 1. c.
Taf. V. gezeichneten Präparat sichtbar sind, näher einzugehen, da
dieselben nur für den Histologen ein besonderes Interesse haben,
doch muss ich eine Erscheinung noch kurz berühren, da dieselbe
leicht zu Irrthümern verleiten könnte.
In dem wiedergegebenem Bilde eines Rostralzahnes von
P. suevicus m. sieht man nämlich wurmartige Gänge, welche von
dem Mittelkanal ausgehen, sich zwischen den Detinröhrchen hindurch-
ziehen und namentlich an der Basis des Zahnes (pag. 23 und 1. c.
taf. V) so dicht werden, dass sie einen strauchartigen Eindruck
machen. Bisweilen, namentlich in der Nähe des Mittelkanals, be-
obachtet man kugelig -traubige Anschwellungen, im übrigen bleibt
ihr Lumen immer das gleiche. Das merkwürdigste ist nun, dass
jene Kanäle nicht in irgend welchen Gefässen des Zahnes, sondern
in der anorganischen Zwischensubstanz verlaufen, ja die Kanälchen fast
zu meiden und zu umgehen scheinen. Dieselben haben nicht die
gelbliche Färbung, die für das Innere der Dentinröhrchen charak-
teristisch ist, sondern sind mit einer schwärzlich grauen Masse
infiltrirt. An mehrfachen Stellen sehe ich diese Kanäle in die
Pulpa eindringen und sich in dieser theilen. Theilungen bezw.
seitliche Ausstülpungen und Seitengänge sind nicht selten, doch
bleibt, wie gesagt, stets auch nach solcher Abzweigung das Lumen
des Kanals das gleiche.
Nachdem ich in dem zuerst erschienenen Aufsatz (Zeitsch. d.
deutsch, geöl. Ges. Berlin 1890, pag. 98) nur auf das abnorme dieser
Bildungen hingewiesen hatte, habe ich mich später auf Veranlassung
von Geh. Rath Waldeyer davon überzeugt, dass die genannten Er-
scheinungen durchaus analog sind denen, welche Roux (Zeitschr. f.
wissentl. Zoologie Leipzig 1887 an inneren Skelettheilen von Wirbel-
thieren beobachtet und ausführlich als Gänge von Fadenpilzen
(Mycelites ossifragus) beschrieben hat1).
l) Jaekel: Ueber Gänge von Fadenpilzen in Dentinbildungen. Sitzber.
d. Ges. naturf. Freunde Berlin 1890, p. 92, vergl. auch Steinmann; Pharetronen
Studien. Analoge Erscheinungen sind von Hasse im Skelet. der Wirbel, von
Steinmann bei Pharetronen beobachtet:
Ueber die Gattung Pristiophorus. 27
HE. Das innere Skelet.
Das knorplige Innen -Skelet der Selachier ist von dem aller
höheren Wirbelthiere in zwei Punkten prinzipiell verschieden:
1. stellen sich in ihm niemals während der ganzen phylo-
genetischen und ontogenetischen Entwicklung echte Knochen-
bildungen ein.
2. bildet sich ausschliesslich bei ihm eine besondere Art der
Verkalkung aus, indem sich auf seiner Oberfläche kleine polygonale
Kalkplättchen ausscheiden, welche, jedes selbstständig verkalkend,
eine harte Kalkkruste um die Knorpelstücke bilden. Ich schlage
für diese zuerst von Joh. Müller beobachtete Erscheinimg den
Namen ,,inkrusti rten Knorpel" vor, bis eine genauere Kenntniss
seiner Bildung eine schärfere Bezeichnung ermöglicht.
Diese beiden Eigenthümlichkeiten, welche in der stammes-
geschichtlichen Entwicklung der Selachier constant sind, geben
diesem Stamme der Fische eine ausserordentlich selbstständige
Stellung unter den Wirbelthieren. Denn während sich bei den
übrigen im Allgemeinen höher organisirten Wirbelthieren gerade in
der Skeletbildung alle UebergäiiiM' von niedrigen und niedrigsten
DifTerenzirungen zu den höchsten verfolgen lassen, bleibt sich jene
Skeletbildung immer gleich und lässt von keinem Punkte ihrer
phylogenetischen Entwicklung ans einen Uebergan<j; in die höheren
Differenzirungen anderer Wirbelthierstämme erkennen. Wir kennen
bis heute keinen Selachier, welcher in den genannten Punkten eine
vermittelnde Stellung zu höheren Wirbelthieren einnähme. Ieh glaube
überhaupt, dass in der ganzen Klasse der Wirbelthiere kaum ein
anderer Stamm so selbstständig und unvermittelst dasteht, wie ge-
rade die Selachier1).
Während so in den allgemeinen Verhältnissen des Skelet-
baues der Selachier eine auffallende Gonstanz waltet, ist die äussere
Form des Skeletes und der einzelnen Stücke desselben ausser-
ordentlich variabel. Nicht nur ist zwischen verschiedenen Gruppen
die Mannigfaltigkeit eine sehr grosse, sondern auch innerhalb sehr
nahe verwandter Formen, ja bei derselben Art unterliegt die Form
und Lage der einzelnen Skelettheile oft sehr beträchtlichen
Schwankungen. Hierin zeigt sich, wie ich glaube, eine viel geringere
Constanz, als gewöhnlich angenommen wird.
Der Knorpel ist auch zweifellos ein viel modulationsfähigeres
Gebilde als der Knochen, und so sind naturgemäss auch die
knorpeligen Skelettheile der Selachier viel variabler, als die
knöchernen Skelettheile höherer Wirbelthiere. Dies ist von den
J) Vergl. 0. Jaekel: Ueber Phaneropleuron , Hemictenodus und die
Stammesgeschichte der Dipnoer. Sitzwigs - Berichte d. Ges. naturf. Freunde,
Berlin 1889, p. 8.
28 Otto Jaekel:
vergleichenden Anatomen kaum in Rechnung gezogen worden, indem
man bei Beurtheilung des Skeletbaues der Selachier mit denselben
Factoren rechnete, welche bei den höchsten Wirbelthieren Geltung
haben.
Der Schädel.
Der Schädel der Selachier stellt zwar eine einheitliche un-
geteilte Kapsel dar, aber nach der Lage der drei Organe, Nase,
Auge, Ohr, und nach gewissen damit in Beziehung stehenden
äusseren Fortsätzen und Ausbuchtungen der Schädelkapsel lassen
sich stets drei Regionen deutlich unterscheiden: 1. eine Nasenregion
(Regio nasalis); 2. eine Augenregion (Regio orbitalis); 3. eine
Ohrregion (Regio auditiva). Gegenbaur1) unterschied noch als
jenen gleichwertig eine Regio occipitalis, durch welche die Ver-
bindung mit der Wirbelsäule hergestellt wird; ich glaube, dass man
dann mit noch mehr Recht eine Regio rostralis unterscheiden
könnte, welche zwar bei einigen Selachiern fehlt, bei den meisten
aber selbstständig entwickelt ist und bei vielen sogar einen be-
sonders hohen Grad der Differenzirung erlangt hat.
Das Kopfskelet der lebenden Pristiophoriden ordnet sich in jeder
Hinsicht dem Typus der Spinaciden unter, doch ist es nicht möglich,
dasselbe zu einer bestimmten Gattung derselben in direkte Beziehung
zu bringen, indem es sich in den verschiedenen Punkten an ver-
schiedene der heut lebenden Formen anschliesst.
Daraus lässt sich der Schluss ziehen, dass sich die Pristio-
phoriden eher vom Stamm der Spinaciden abzweigten, ehe eine
Gliederung desselben in die heut lebenden Gattungen und Familien
stattfand. Hiermit stehen die geologischen Thatsachen im Einklang,
indem aus der oberen Kreide, aus der uns bis jetzt die ersten echten
Spinaciden bekannt sind, auch bereits die ältesten Reste von Pristio-
phoriden vorliegen.
Die Form des hinteren Theiles der Schädelkapsel wird wesentlich
bestimmt durch die Verbindung desselben mit der Wirbelsäule, die
Articulationen des Zungenbein- und des Kiemenbogens an den Seiten
und die Lage des Ohres. Was zunächst die Hinterwand des Schädels
und die Verbindung derselben mit der Wirbelsäule betrifft, so finden
wir, dass bei Pristiophorus das Foramen magnum zu beiden Seiten
umgeben wird von halbmondförmigen Gelenkhöckern (Condyli occi-
pitales), welche unten fast zusammenstossen, oben durch einen breiten
Einschnitt getrennt sind (s. co in umstehender Figur). Es zeigt sich
hierin eine sehr grosse Uebereinstimmung mit Pristis2), welchem in
Folge jener Gelenkung das höchste Maass von Beweglichkeit zwischen
Schädel und Wirbelsäule zukommt. Gegenbaur hebt aber aus-
drücklich hervor, dass Pristis in diesem Punkte sich auch von den
1) Gegenbaur. Kopfskelet der Selachier, p. 20.
2) Vergl. über Pristis auch Gegenbaur: Kopfskelet der Selachier, p. 32.
Ueber die Gattung Pristiophorus.
29
Rochen beträchtlich unterscheidet, bei denen ebenfalls eine Articulation
zwischen Kopf und Wirbelsäule ausgebildet ist. Es unterliegt nun
keinem Zweifel, dass die gleiche Ausbildung der Gelenkverbindung
bei Pristiophorus auf die gleiche Funktion schliessen lässt. Daraus
widerlegt sich nun zunächst die in den meisten Lehr-
büchern verbreitete Behauptung, dass bei Haien im Ge-
gensatz zu Rochen keine Articulation zwischen Schädel
und Wirbelsäule stattfände, sondern die Wirbelsäule mit
dem Schädel verwachsen sei, indem bei Pristiophorus ebenso
wie bei Pristis das höchste Maas
der Beweglichkeit an dieser Stelle
erreicht ist. Diese Thatsache
drängt aber noch zu weiteren
Erwägungen, welche ich hier kurz
in folgende Sätze zusammenfasse.
Das ursprüngliche Verhalten
ist das, dass die Wirbelsäule con-
tinuirlich in den Schädel übergeht.
(HeocancJius, Heptanchus). Dieses
Verhältniss wird bei den spindel-
förmigen Haien im Princip nur
wenig alterirt, indem sidi die
Wirbelsäule in selbständige Wirbel
gliedert, und dadurch der Gegen-
satz zwischen Schädel and Wirbel-
säule bedeutend schärfer hervor-
tritt. Bei denjenigen Formen
( Pri8ti8fPrigtiophorus)9beiwe\cheii
sich vorn am Kopf eine lange
Waffe in Gestalt einer Säge ent-
wickelt, welche an den Lebens-
funktionen des Thieres so bedeu-
tenden Antheil nimmt, dass sich
sogar das Gebiss sehr reducirt,
muss dem Kopf zum Gebrauch
jener Waffe eine grössere Beweg-
lichkeit verschafft werden. Dies
geschieht eben durch jene halb-
mondförmigen Gelenkhöcker, wel-
che eine Drehung und Bewegung
des Kopfes nach allen Seiten er-
möglichen.
Mit der platten Ausbreitung des
Körpers bei Rochen und deren
sehr verminderter Schwimmfähig-
keit wird die Wirbelsäule, soweit
sie innerhalb der breiten Scheibe
des Rumpfes liegt, als Stütze für Fig. 2.
30 Otto Jaekel:
die Bewegung fast funktionslos und bildet sich zu einem ungegliederten
Rohr um, welches innerhalb der Scheibe nur noch als Träger des
Eückenmarks dient. Um nun dem Kopfe sowohl beim Schwimmen
wie bei der Nahrungsaufnahme eine gewisse Freiheit der Bewegung
zu ermöglichen, bildet sich zwischen dem Schädel und jenem un-
gegliederten steifen Rohr der vorderen Wirbelsäule eine Articulation
in Gestalt zweier seitlich vom Foramen stehender zapfenartiger
Condyli aus, durch welche nicht eine allseitige Drehung, sondern
nur eine Auf- und Abwärts-Bewegung des Schädels gestattet ist.
Es scheint also, dass die Articulation des Schädels und
der Wirbelsäule bei Pristis und Pristiophorus mit der
gleichen Erscheinung bei den Rochen entwicklungs-
geschichtlich nichts gemein hat, sondern dass dieselbe,
wie sie an sich von jener verschieden ist, auch anderen
Ursachen ihre Ausbildung verdankt. Ich möchte aber auch
hier ausdrücklich hervorheben, dass durch jene Uebereinstimmung
Pristis und Pristiophorus sich durchaus nicht in systematischer
Hinsicht einander nähern. Jene Erscheinungen sind als Convergenz
und nur als analoge nicht als homologe Bildungen aufzufassen, indem
sie nur die secundäre Folge der Sägenbildung sind, welche ihrerseits
in beiden Fällen als sehr verschiedene Differenzirungen aufgefasst
werden müssen.
Neben dem Foramen magnum und den es umschliessenden Condyli
occipitales liegt jederseits in den ungefähr kreisförmigen Ausbreitungen
der hinteren Schädelwand die grosse Austrittsöffnung für den Vagus
(Vg). Da diese Oeffhungen als die vordere Grenze der Occipital-
region nach Gegenbaur aufgefasst werden müssen, so liegt also
die ganze Occipitalregion wie bei den meisten Selachiern aus-
schliesslich in der Hinterwand des Schädels. Eine Wand oder Grenze
als Theil des Ganzen, als eine besondere Region des Schädels auf-
zufassen, halte ich aber nicht für naturgemäss. Gegenbaur ging
hierbei von den Notidaniden aus, bei denen die Oeffhungen für den
Vagus noch nicht in einer Ebene mit dem Foramen magnum liegen,
sondern etwas nach vorn an die Seiten des Schädels gerückt sind.
Hierdurch wird allerdings, wenn man die Grenze durch jene Vagus-
öifhungen legt, ein Raum des Schädels abgeschnitten.
Man betrachtete nun jene Veränderung, wie sie bei unserer
Gattung und den höher differenzierten Selachiern vorliegt, als eine
Verkürzung der Occipitalregion. Ich glaube, dass es einfacher ist,
die Sache so aufzufassen, dass bei jenen Formen, bei denen noch
keine Articulation zwischen Schädel und Wirbelsäule stattfindet, die
Hinterwand des Schädels auch noch nicht abgeplattet sondern gerundet
ist, dass es aber immerhin nichts weiter als die Hinterwand der hier
als regio auditiva aufgefassten Schädelregion ist.
Die Seiten der hinteren Schädelkapsel (Regio auditiva hier,
= Regio labyrinthica Gegenbaur) zeigen bei Pristiophorus kaum
bemerkenswerthe Eigentümlichkeiten. Der Gelenkfortsatz für das
Ueber die Gattung Pristiophorus.
31
kräftige Hyomandibulare tritt ziemlich stark hervor, wie bei Scymnus,
Spinax und Acanthias, und bildet grosse seitliche Gelenkfacetten.
Dagegen ist der Fortsatz für die primäre Articulation des Palato-
quadratrum, der Processus postorbitalis, etwas weiter zurückgebildet
als bei den meisten Spinaciden, was darin seinen Grund haben
dürfte, dass durch die Verbreiterung des ganzen Kopfes der Kiefer-
bogen sehr in die Breite gezogen und deshalb wahrscheinlich früher
und schneller seine primäre Articulation mit dem Schädel aufgegeben
haben mag, als dies bei den Verwandten unserer Art der Fall war.
Die zwischen beiden Fortsätzen gelegene Labyrinthregion ist ziemlich
kurz, etwa wie bei Acanthias uyatus, mit welchem die Form des
Schädels überhaupt sehr grosse Uebereinstimmung zeigt.
Die obere Wand des Regio auditiva ist in der Mitte unterbrochen
und durch die grosse ovale Parietalgrube, an deren ziemlich tiefem
Grunde sich j ederseits eine Oeffnung nach dem Labyrinth findet.
Eine Crista occipitalis fehlt, was bei der flachen Depression des
Schädels durchaus naturgeniäss ist. Dass dieselbe den Spinaciden
ebenfalls mangelt, ist bekannt, Ueber sonstige Formdetails dieser
Region wage ich nichts zu sagen, da dieselben durch die Eintrocknung
des Skelets nicht unerheblich verändert sein können. Unter dem
Postorbitalfortsatz liegt die grosse Oeffnung für den Austritt des
Nervus trigeminus genau an derselben Stelle wie bei Spinaciden
und bildet nach Gegenbaur die vordere Grenze gegen die Augen-
region des Schädels.
Die mittlere, Augen- oder Orbital -Region des Schädels zeigt
keine besonderen Eigenthümlichkeiten. Sir ist wie der ganze Schädel
dorso-ventral etwa^ comprimirt, so <la^ namentlich die Oberseite
ziemlich eben erscheint.
- —
Fig. 3.
Von besonders hohem systematischen Werth sind aber die
Austrittsöffnungen der Nerven in der Orbitalgrabe. Die Anordnung
derselben ist bekanntlich sehr mannigfach, aber innerhalb der
einzelnen Gruppen sehr constant. Vergleicht man die hier gegebene
Abbildung (Fig. 3) mit den Bildern, welche Gegenbaur in seinem
trefflichen Werk auf t. I. , IL und drei gegeben hat, so überzeugt
man sich sofort, dass dieselbe in dem genannten Punkte die voll-
kommenste Uebereinstimmung mit Acanthias autweist, während die
übrigen Bilder, besonders von Cestracion, Galeus, Prion od on, Raja,
32 Otto Jaekel:
Torpedo, Pristis, ein durchaus anderes Bild darbieten. Auch bei
Scymnvs ist die Anordnung nicht wesentlich verschieden. Die Ueber-
einstiminung mit Acanthias, sowohl nach der Abbildung Gegenbaur's
wie nach den mir vorliegenden Skeleten, ist so vollkommen, dass
man, auch ohne die Nerven selbst zu sehen, über die Deutung der
Austrittsöffnungen nicht einen Augenblick im Zweifel sein kann.
Die obere Wand der Schädelkapsel, das Schädeldach (vergl.
Fig. 2, pag. 29), ist ebenfalls besonders durch die Anordnung der
Nervenaustritte bemerkenswerth , indem die hier vorliegende An-
ordnung in zwei dem Seitenrand parallel verlaufenden Reihen kleiner
Oeffnungen sich nur bei Spinaciden wiederfindet. Besonders ähnlich
scheint unter diesen wieder Acanthias zu sein, nur dass bei unserer
Gattung die Austrittsöffnung des Ramus ophthalmicus auf das
Schädeldach klein bleibt, während dieselbe bei Acanthias die anderen
an Grösse bedeutend übertrifft. Derselbe Fall wie bei Pristiophorus
liegt in dieser Hinsicht auch bei Scymnus vor1).
An der Unterseite des Schädels werden die Augenhöhlen nicht
von einer basalen Ausbreitung wie bei Scyllium und anderen Formen
umschlossen, sondern die Unterseite ist in der Orbitalregion sehr
verschmälert. Auch hierin zeigt die Gattung also vollständige Ueber-
einstimmung mit den Spinaciden.
Die vordere Nasal- oder Ethmoidal-Region des Schädels (vergl.
Fig. 2, pag. 101) verdient naturgemäss besondere Beachtung, weil
dieser Theil die bedeutendste DifTerenzirung erlangt hat. Ueber die
Anatomie der Nase kann ich leider keine Angaben machen, da an
dem mir vorliegenden Skelet nur die verkalkte Knorpeldecke der-
selben erhalten ist. Die über der Augenhöhle liegende Verbreiterung
des Schädeldaches setzt sich nach auswärts biegend als Kante auf
die Nasendecke fort und lässt so eine vordere und eine hintere Ab-
dachung derselben erkennen. Die hintere bildet die vordere Wand
der Augenhöhle und besitzt zwei grosse Durchbohrungen, eine innere
für den Durchtritt des Ramus ophthalmicus (frontale Oeffnung des
Praeorbitalkanals) und eine äussere, nahe der Säge. Für letztere
finde ich nur insofern ein Homologon, als bei Spinaciden an der
gleichen Stelle der Knorpel unverkalkt ist.
Die vordere und seitliche Abdachung der Nasenkapsel geht basal
in die Knorpel der Säge über, vorn findet sich jedoch jederseits vor
der Nasenkapsel und an den Seiten des mittleren Rostralknorpels
eine Durchbohrung, welche den gleichen Oeffnungen bei Centrophorus
calceus1) und den tiefen Ausschnitten entspricht, welche sich bei
Acanthias jederseits an der Basis des Rostrums finden. Die Diffe-
renzirung des Rostrums lässt sich am besten von einer Ausbildung
ableiten, wie sie unter den lebenden Formen Centrophorus calceus
besitzt (vergl. die Zeichnung bei Gegenbaur, 1. c, t. VIII, f. 1).
l) Vergl. Gegenbaur. Kopfskelet der Selachier, t. VII f. 3, p.
1) Vergl. Gegenbaur. Kopfskelet der Selachier, t. VIII, f. 1,
lieber die Gattung Pristiophorus. 33
Man braucht sich nur vorzustellen, dass sich der mittlere Knorpel
bedeutend verlängert und danach an seiner Basis verbreitert, so
kommt man auf das scheinbar befremdliche Bild, welches uns Pristio-
phorus in seinem Rostrum darbietet. Bei Centrophorus granulosus
und anderen Arten ist die Ausbildung noch nicht so weit vor-
geschritten wie bei Centrophoms calceus, indem bei Centrophorus
granulosus z. B. wohl seitliche Fortsätze vorn am Rostrum vorhanden
sind, aber noch keine Verbindung derselben mit der Nase besteht.
Bei Acanthias fehlen auch jene seitlichen Fortsätze, dagegen bietet
bei dieser und der vorgenannten Art die breite Basis des Rostral-
knorpels grössere Uebereinstimmung mit Pristiophorus, als wir sie
bei Centrophorus calceus sahen.
Bei dem mir vorliegenden voll entwickelten Embryo von Pristio-
phorus ist die Säge, bezw. das Rostrum noch verhältnissmässig kurz
und nimmt nur etwa ein Fünftel der Länge des ganzen Fisches ein,
während bei älteren Individuen dieses Verhältniss sich etwa bis zu
einem Viertel steigert.
Während sich bei dem lebenden Pristiophorus der mittlere
Theil des Rostrums (der ursprüngliche mediane Rostralknorpel) mit
geraden Seiten stetig nach vorn verschmälert, finden wir in dieser
Hinsicht bei Sclerorhynchus atavus, dem ältesten mir bekannten
Pristiophoriden, ein etwas abweichendes Verhältniss, welches für die
phylogenetische Entwicklung des Rostrums von besonderem Interesse
ist. Man sieht nämlich (vergL Tal'. I. Fig. 1), dass der Rostral-
knorpel an seiner Basis etwas verschmälert ist und sieh dann nach
den Seiten der Säge verbreitert. Ich erblicke hierin eine Annäherung
an die löffelartige Rostralbildung bei Acanthias und das Verhalten
von Centrophorus calceus und sonach ein Uebergangsstadium v«»n
jenen Ausbildungsformen zu der von Pristiophorus. Ich glaube daher,
dass diese Erscheinung in phylogenetischer Hinsicht ein besonderes
Interesse verdient, weil sie uns auch für das bei Pristiophorus am
eigenartigsten differenzirte Organ den Anschluss au die Spinaciden
erkennen lässt. Ueber die morphologische Bedeutung der beiden
Tentakeln oder Girren an der Unterseite des Rostrums wird erst die
Embryologie von Pristiophorus Ausschluss gewahren können. Am
nächsten liegt es wohl anzunehmen, dass es nach vorn gerückte
Lippenknorpel seien, die ja auch gerade bei Spinaciden noch sehr
verbreitet sind.
So befremdlich also auch die Rostralbildung bei Pristiophorus
auf den ersten Blick aussieht, so einfach lässt sie sich auf normale
Verhältnisse bei verwandten Formen zurückführen. Eine derartig
exceptionelle Rostralbildung finden wir übrigens abgesehen von Pristis
auch bei einer fossilen Lamniden-Gattung, Scapanorhynchus Smith-
Woodward, aus der oberen Kreide des Libanon, und auch bei
Carchariden sind die Schwankungen in der Länge des Rostrums
nicht unbeträchtlich. Dass bei Pristiophorus noch die Bezahnung
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1891. Bd. I. H. 1. 3
34
Otto Jaekel:
des Rostruins hinzukommt, erscheint ebenfalls nicht ungewöhnlich,
wenn man die mannigfachen Differenzirungen der Dentinbildungen,
z. B. bei Echinorhinus und namentlich bei Rochen in Vergleich zieht.
b. Das Visceralskelet.
Das Visceral- oder Kiemenskelet der Selachier ist von Gegen-
bau r so eingehend besprochen worden, dass ich mich hier darauf
beschränken kann, die bei Pristiophorus gemachten Beobachtungen
der von jenem Forscher gegebenen Darstellung einzureihen. Die-
selben sind überdies unvollständig, insofern es mir auf Grund des
einzigen getrockneten Skeletes nicht möglich war, über äussere
Kiemenbögen und Kiemenstrahlen der inneren Bögen irgend welche
Beobachtungen anzustellen, und die Eintrocknung gerade bei diesen
Skelettheilen die äussere Form derselben nicht unerheblich verändern
kann. Es empfiehlt sich die verschieden differenzirten Theile desselben
gesondert zu besprechen, zumal dieselben ihrer Funktion nach mit
sehr verschiedenen Namen belegt worden sind.
Die Kiemenbögen im engeren
Sinne sind, wenn man von den Kiemen*
strahlen absieht, in zwei verschiedene
Bildungen differenzirt, 1. in die eigent-
lichen Bogenstücke, 2. in die ventralen
Verbindungsstücke der letzteren.
Die eigentlichen Bogenstücke sind
durch die Eintrocknung des Skeletes so
in ihrer Form verändert, dass man nur
die Zahl und Lage — zwei seitliche und
das dorsale Stück der Bögen — , aber
nicht deren Gestalt genauer beobachten
kann.
Die ventralen Verbindungsstücke
oder Copularia bestehen aus einer
grossen herzförmigen Endplatte und drei paarigen vorderen
Spangen, welche, an der Vorderseite der Endplatte inserirt, sich
bogenförmig nach aussen richten. Sie nehmen von vorn nach hinten
schnell an Länge ab, derart, dass die zweite etwa die Hälfte, die
dritte ein Viertel der Länge der vordersten erreicht. Die vordere
Spange ist dagegen verhältnissmässig schmal und verjüngt sich nach
dem vorderen Ende. Die drei Spangen jederseits sind untereinander
durch unverkaufte Haut, bezw. Bindegewebe verbunden, und vorn
bildet dasselbe eine schmale Brücke zwischen den vordersten Spangen.
Vergleicht man dieses in obenstehender Figur 4 gezeichnete Bild mit
den von Gegenbaur gegebenen Darstellungen des Visceralskelets
der verschiedenen Plagiostomen , so ergiebt sich eine sehr nahe
Uebereinstimmung mit der 1. c. , t. XVI gegebenen Abbildung von
Centrophorus calceus, eine weniger grosse mit Acanthias und Spinax
Sch
Fig. 4.
Ueber die Gattung Pristiophorus. 35
niger (t. XVIII, f. 3 u. 6). Ein in manchen Beziehungen ähnliches
Bild zeigen auch Raja und Torpedo.
Der Hyoidbogen wird gebildet aus den paarigen Hyoman-
dibulare (hm) und Hyoid (hy) und der ventralen unpaaren Copula.
Das an dem hinteren Schädel articulirende Hyomandibulare ist eine
breite kräftige Spange, welche am Tragen des Kieferbogens sehr
wesentlich betheiligt ist. das Hyoid ist dagegen sehr viel schwächer
und wie die Copula als lange dünne Spange entwickelt. Der Hyoid-
bogen schliesst sich sonach in seinem Verhalten an das der Spina-
ciden an, unter denen er fast vollständige Uebereinstimmung mit
Acanthias aufweist.
Der Kieferbogen besteht aus den paarigen Stücken des Ober-
kiefers (Palatoquadratum) und Unterkiefers. Die Palatoquadrata
sind verhältnissmässig schlanke Knorpel, welche vorn in der Sym-
physe fest verwachsen sind und zusammen einen halbkreisförmig
gebogenen Oberkiefer bilden. Der Unterkiefer ist dem Oberkiefer
ähnlich, er besteht ebenfalls aus einem dünnen halbkreisförmigen
Bogen, dessen paarige Mandibularstücke in der Symphyse fest ver-
bunden sind.
Was das Verhältniss des Kieferbogens zum Schädel, bezw. dessen
Befestigung an letzterem betrifft, so ist es. glaube ich, auf Grund
der Entwicklungsgeschichte zweckmässig, im Allgemeinen drei Arten
der Befestigung zu unterscheiden, welche als eine primäre, eine
secundäre und eine tertiäre aufgefasst werden können.
Die primäre Befestigung besteht darin, dass sieb das nach hinten
verbreiterte Palatoquadratum direkt mit dem Cranium am Post-
orbitalfortsatz verbindet und durch diese Verbindung ausschliess-
lich oder fast ausschliesslich getrauen wird. Dieser Zustand ist als
der primäre aufzufassen, weil er sich In der embryonalen Ent-
wicklung zuerst ausprägt und weil ihn die niedrigst organisirten
und zugleich die ältesten Typen von Selachiern besitzen, nämlich
die Xenacanthtm, Notidanidae und Cestraciontdae, wenn sich auch
bei letzteren bereits die Tendenz nach einer anderweitigen Be-
festigung zu erkennen giebt. Dieser Befestigung entspricht eine
starke Ausbreitung des hinteren Theiles des Palatoquadratum nach
oben; und der Umstand, dass wir wenigstens einen Vorsprung am
Knorpel, als Rudiment jener ursprünglichen Articulation noch bei
fast allen Selachiern antreffen, bei welchem derselbe in Folge einer
veränderten Articulation höchst wahrscheinlich functionslbs geworden
ist, beweist, dass seine Bildung eine sehr ursprüngliche und jeden-
falls sehr lange bewahrte Eigentümlichkeit der Plagiostomen ist.
Mit dem allmählichen Aufgeben jener primären Articulation
(Spinaciden) stellt sich eine neue secundäre Verbindung am vorderen
Theil des Schädels ein, welche bei Notidaniden noch schwach an-
gedeutet ist und in frühen Embryonalstadien der verschiedenen
Plagiostomen noch ganz fehlt. Nach der allmählichen Vereinigung
und Verfestigung der Palatoquadrata in der Symphyse bildet sich
3*
36 Otto Jaekel:
am Schädel hinter der Nasalregien ein Gelenkfortsatz — der
Palatobasalfortsatz — und am Palatoquadratum zur Gelenk-
verbindung mit jenem ein Gaumenfortsatz aus. Die secundäre
Articulation muss wohl bei den Formen, bei denen die Mundöffnung
unten am Kopfe liegt und zum Schnappen vorzugsweise eingerichtet
ist, entschieden als ein Fortschritt in der Organisation aufgefasst
werden, da hierbei die Kieferbogen in den Mundwinkeln eine er-
heblich freiere Beweglichkeit erlangen, als bei der schwerfälligen
Verbindung ihres hinteren Endes am Schädel.
Als eine tertiäre Verbindung fasse ich diejenige auf, welche
zwischen dem Oberkiefer und dem Schädel durch das Hyo mandibulare
vermittelt wird; als tertiär im Hinblick auf die beiden anderen
deshalb, weil sie sich von dem den einzelnen Visceralbögen zu Grunde
liegenden Bauplan theoretisch am weitesten entfernt und weil sie
practisch erst bei den Formen (Rochen) zur vollen Entfaltung kommt,
welche sich hinsichtlich ihrer Differenzirung von dem ursprünglichen
Typus am weitesten entfernt haben.
Pristiophoriis zeigt nun in den genannten Punkten folgendes
Verhalten. Die primäre Verbindung ist zwar ganz aufgegeben, aber
der Articulationsfortsatz für jene primäre Articulation mit dem
Schädel ist am Oberkiefer wie bei den Spinaciden noch bedeutend
entwickelt (Fig. 2 p). Zur Befestigung am Schädel dienen dagegen wie bei
der Mehrzahl der spindelförmigen Plagiostomen die secundäre und
die tertiäre Articulation. Die secundäre Verbindung durch den
Gaumenfortsatz ist bereits etwas rückgebildet, was jedenfalls in der
Verbreiterung des Schädels und der starken Auseinanderziehung des
Gebisses seine Erklärung findet. Dagegen ist die tertiäre durch das
Hyomandibulare vermittelte Articulation sehr wohl entwickelt, was
dadurch um so deutlicher hervortritt, dass das Hyomandibulare sehr
kräftig, das Hyoid sehr schwach entwickelt ist. Diese Befestigung
erinnert daher an die bei den meisten Rochen übliche, welche
unter dem gleichen Einfluss der Verbreiterung des Kopfes den gleichen
Weg der Differenzirung eingeschlagen hat. Ich kann aber hierin nur
eine aus der gleichen Function hervorgegangene Convergenzer-
scheinung erblicken1).
Dass. die Kieferäste bei Pristiophoriis im Gegensatz zu den
Spinaciden verhältnissmässig dünn und gerundet im Querschnitt sind,
ist wohl unzweifelhaft die Folge davon, dass mit der mächtigen Be-
waffnung durch die Rostralsäge das ganze Gebiss eine Rückbildung
erfahren hat. Während sich das Verhalten des Kieferbogens auch
in allen wesentlichen Punkten auf das bei Spinaciden zurückführen
lässt, nähert es sich in der Art der Bezahnung derjenigen der Rochen
und der Scylliden. Hierbei ist indess auch der Umstand noch zu
erwägen, dass fossile Reste von Pristiophorus ebenso alt sind, als
uns echte Spinaciden (Acanthias latidens Dav. sp.) bis jetzt bekannt
0 Haswell, 1. c, p. 100.
Ueber die Gattung Pristiophorus. 37
sind, und dass es sehr wahrscheinlich ist, dass die Scylliden auf
einen gleichen Stamm zurückzuführen sind, sich demnach auch in
der Kreide-Periode noch näher standen als heute.
c. Die Wirbelsäule.
Hasse standen bei seinen eingehenden Untersuchungen der
Wirbelsäule von Pristiophorus nur Schwanzwirbel zur Verfügung,
Seine Annahme, ,,dass ein wesentlicher Unterschied im Baue der
Rumpfwirbel nicht existiren wird" (1. c. p. 98), kann ich jedoch nach
Betrachtung der mir vorliegenden vollständigen Wirbelsäule nicht
bestätigen, und hierin liegt, wie ich glaube, der Grund, dass ich in
der Beurtheilung der Wirbelsäule von Pristiophorus zu anderer An-
sicht gelangt bin als der genannte Forscher. Auch in der Arbeit von
Hasse wird Pristioph orus unmittelbar nach den Spinaciden besprochen,
aber an die Spitze einer anderen Gruppe, seiner Tectospondyli, gestellt.
Was zunächst den letztgenannten Begriff betrifft, so kann ich
demselben einen sytematischen Werth in dem Sinne von Hasse
nicht zu erkennen, da ich in der Tectospondylität der Wirbel nur
ein Stadium der Differenzirung, und zwar einer Rückbildung er-
blicken kann. Dieselbe kann aber in verschiedenen phylogenetischen
Gruppen selbstständig erfolgen und ist z. B. bei den verschiedenen
Rochen in sein- verschiedener Weise vor sieh gegangen; die einen
sind sicher auf asterospondyle, die anderen auf cyclospondyle Typen
zurückzufuhren. Ech glaube, dass man in dem Bau der Wirbelsäule
natur gemäss folgende Typen unterscheiden muss.
1. einen indifferenten Typus, bei welchem im einfachsten
Falle (Notidanideii) nur eine Gliederung der Chordascheide in wirbel-
artige Segmente stattfindet, im zweiten Falle als höheres Differenzirungs-
stadium eine sanduhrfbrmige Einschnürung des Wirbelkörpers erfolgt
(Spinaciden = Cyclospondyli Hasse). Von letzterem Typus kann
man als Differenz innigen in verschiedener Richtung folgende auf-
fassen :
2. einen asterospondylon Typus, bei welchem sich zwischen
den Doppelkegeln des sanduhrförmigen Wirbels Längsleisten ausbilden,
welche dem Wirbelkörper im Querschnitt ein sternförmiges Aussehen
verleihen. Stets sind zwei obere und zwei untere Einstülpungen
vorhanden, in welchen die oberen und die unteren Bögen Halt
bekommen. Diesen Typus zeigen noch wenig differenzirt die Cestra-
cioniden, am höchsten entwickelt die Lamniden, rückgebildet z. B.
die Trygoniden und Rhinobatiden ;
3. den sklerospondylen1) Typus, bei welchem die Ver-
festigung der Doppelkegel, nicht durch Längsleisten, sondern durch
concentrische Ablagerung von Kalk erfolgt. Die vier Einstülpungen,
die beiden oberen für die Neurapophysen , die beiden unteren für
*) axXrjQÖg = hart, fest, wegen der stärkeren Kalkablagerung zwischen den
Doppelkegeln.
38 Otto Jaekel:
die Haemapophysen, sind auch hier vorhanden. Am klarsten aus-
geprägt zeigen diesen Bau die Carchariden, weniger deutlich und
etwa in der Mitte zwischen diesen und den Spinaciden stehend die
Scylliden.
Uebergänge zwischen den beiden letztgenannten Typen sind
naturgemäss vorhanden, da auch bei den asterospondylen Wirbeln
durch die Längsleisten eine concentrische Schichtung geht. Bei der
Rückbildung, welche die Wirbelsäule z. B. in der breiten Rumpf-
scheibe der Rochen erfährt, oder bei der Vereinfachung des Baues
in den kleinen Wirbeln des Schwanzes ist der ursprüngliche Typus
oft sehr verwischt.
Was nun Pristiophoriis anbetrifft, so finde ich in dem Bau der
Wirbelsäule durchaus keinen Unterschied gegenüber Acanthias,
höchstens ist zwischen den Doppelkegeln die Verkalkung im Sinne
des sklerospondylen Typus etwas weiter vorgeschritten, sodass
Pristiophoriis sich dem Entwicklungstadium nähert, welches in dieser
Hinsicht Scyllium catulus einnimmt. Es sind an dem eigentlichen
Wirbelkörper stets die 2 oberen und unteren Einstülpungen vor-
handen und im Rumpfe sogar sehr tief, derart, dass an den ein-
getrockneten Doppelkegeln bisweilen zwischen den oberen und
unteren Einstülpungen jeder seits ein offener Durchbruch erscheint
(vergl. Fig. 5, p. 39). Am Schwanz allerdings werden jene 4 Ein-
stülpungen flacher, und zugleich tritt die Verkalkung stärker hervor,
und so erscheint schliesslich das Bild, welches Hasse uns (1. c,
t. XIII, f. 4 u. 5) gegeben hat. Eine mikroskopische Untersuchung
der Wirbel konnte ich leider nicht vornehmen, doch glaube ich als
Beweis für die Auffassung, dass Pristiophoriis dem Bau der Wirbelsäule
nach ein Spinaciide sei, die Worte Hasse's anführen zu können, der
hierüber folgendes sagt (I.e., p. 99): „Das Bild des geweblichen
Aufbaues der Wirbelsäule des Pristiophoriis ist ein ungemein com-
plicirtes, freilich auch höchst anziehendes, und es hat lange ge-
dauert, ehe ich mich in diesem Labyrinthe zurechtgefunden habe.
Das ist mir an der Hand der Kenntnisse von den ältesten unter den
Plagiostomi cyclosponchßi und den Notidaniden gelungen." Wenn
also Hasse zum Verständniss des Baues von den Cyclospondylen,
d. h. den Spinaciden ausgehen musste, so liegt darin wohl der beste
Beweis, dass sich Pristiophoriis auch in dieser Hinsicht am nächsten
an die Spinaciden anschliesst.
Die bereits von Hasse gemachte Beobachtung, dass die Form
der Neurapophysen und Int erealar stücke sehr unregelmässig sei,
kann ich für die ganze Wirbelsäule bestätigen (Hasse, 1. c, p. 98).
Der Querschnitt der Wirbel ist übrigens in der Rumpfregion
vierseitig, indem die Längskanten der 4 Einstülpungen stark hervor-
treten. Danach fällt das Bedenken fort, welches Hasse gegen die
Bestimmung des fossilen Wirbels aus dem Miocän von Baltringen
hegte (Hasse, 1. c, p. 103).
Ueber die Gattung Pristiophorus.
30
d. Die unpaaren Flossen.
Im Besonderen die beiden Dorsales, weniger die Caudalis er-
halten in ihrem Skeletbau dadurch ein sehr charakteristisches Aus-
sehen, dass die Zahl und Grösse der Stützplatten sehr beträchtlich
ist (vgl. die beistehende Fig. 5). Es ist eine grosse, ländlich vier-
seitige Mittelplatte, eine Reihe kleinerer davor und dahinter, und
über der mittleren und den hinter ihr liegenden noch eine Reihe
kleiner Plättchen, von denen die Hornfäden der Flosse ihren Ausgang
nehmen. Ein derartiges Flossenskelet ist nur bei wenigen Formen
von Selachiern vorhanden. Es ist ganz abweichend von dem der
Carchariden, Scylliden und anderen Haien, schliesst sich dagegen
vollständig an ein Verhalten an, wie wir es bei Acanthias vulgaris
antreffen. Auch hier bilden grosse, auf den oberen Bögen aufsitzende
Platten die Basis der Flosse, darüber liegen kleinere Platten, auf
denen direct die Hornfäden inseriren. Auch vor dem Stachel sieht
Fig. 5.
man bei Acanthias noch mehrere Stützplatten. Man braucht sich
also nur nach Fortfall des Stachels die Zahl der Platten vermehrt
zu denken, um zu demselben Verhalten zu gelangen, welches wir
bei Pristiophorus antrafen. Nicht unähnlich ist die Anordnung der
grossen Stützplatten bei den sog. unechten Rochen Prisiis und
Rhyncliobatiis , bei denen sich aber über den Stützplatten noch
mehrere Reihen länglicher Knorpelstäbe finden, welche der Flosse
einen anderen Charakter als bei Pristiophorus und Acanthias ver-
leihen. Die Aehnlichkeit jener mag lediglich durch die auch ver-
hältnissmässig starke Entwicklung der Dorsales herbeigeführt sein.
Das Schwanzflossenskelet ist dadurch gekennzeichnet, dass die
unteren Bögen sich zu gekrümmten Stäben verlängern und die
vorderen von ihnen sich auch erheblich verbreitern. Ebenso gleich-
massig wie die Zunahme ihrer Länge von der Insertion der Flosse
40 Otto Jaekel:
an ist ihre Abnahme nach dem Ende der Wirbelsäule zu. Auf jeden
Wirbelkörper kommt dabei eine Knorpelspange. Auf der oberen
Seite der Wirbelsäule finden sich kleinere, schärfer nach hinten ge-
bogene Stäbe in der Anordnung, dass anfangs mehrere auf einen
Wirbelkörper kommen, weiter nach hinten aber je ein Stäbchen auf
den oberen Bögen aufsitzt. In allen diesen Punkten stimmt Pristio-
phorus mit AcantJuas vollständig überein, während in anderen Gruppen
von Selachiern ziemlich abweichende Verhältnisse des Skeletbaues
vorliegen.
e. Die paarigen Flossen mit Schulter und Becken-Gürtel.
Die Brustflosse besitzt ein Skelet, welches sich unter den mir
bekannten am nächsten an das von Acanthias anschliesst. Die Basis
wird von drei Stücken gebildet, einem breit -keilförmigen mittleren,
einem axtformigen, etwas schmäleren und längeren hinteren und
einem kleinen schmalen vorderen Stücke. Nach dem Schema Ge-
genbaur's wäre also ein Pro-, Meso- und Meta-Pterygium vor-
handen. Ich halte aber eine consequente Durchführung dieser Be-
zeichnungen für unausführbar, weil diese sehr plastischen Gebilde
von den Veränderungen der äusseren Form der Flosse so beeinflusst
werden, dass bei sehr nahe verwandten Formen die Anordnung jener
Stücke eine ausserordentlich mannichfaltige ist, und weil jene
Mannichfaltigkeit eine sichere Bestimmung der einzelnen Elemente
oft unmöglich macht. Aus der bei Scymnvs z. B. ganz einheitlichen
Platte sondert sich allerdings meist ein hinteres Stück ab, welches
dem der Bewegung weniger ausgesetzten, am Körper anliegenden
Theil der Flosse stützt und sich wegen seiner meist beträchtlichen
Längenausdehnung wieder in eine Reihe grösserer und kleinerer
Stücke gliedert. Um der Brutflosse, namentlich wenn sie sich in
der Längsaxe des Körpers ausdehnt, in dieser Richtung eine grössere
Beweglichkeit zu verleihen, gliedert sich auch vorn noch ein Knorpel-
stück ab, welches sich namentlich dann, wenn es sich wie das hintere
Stück an den Körper anlegt, beträchtliche Ausdehnung und eine
Gliederung in der Längsaxe erfährt. Alles Andere aber lässt sich
im Skelet der Brutflosse sehr schwer schematisiren, und namentlich
ist durchaus nicht festgestellt und wahrscheinlich überhaupt nicht
nachweisbar, welche Lage- Veränderungen und Umbildungen die be-
treffenden Stücke einer dreieckigen Haiflosse bei deren Umwandlung
und Verbreiterung zu einer Rochenflosse erfuhren. Dass die viel-
fachen Bemühungen, das Extremitäten -Skelet der höheren Wirbel-
thiere in seinen einzelnen Elementen auf das der Selachier zurück-
zuführen, beziehungsweise das der letzteren nach dem Muster jener
zu schematisiren, illusorisch sind, ist mir nach dem hier Gesagten
und den bereits von mir an anderer Stelle hervorgehobenen Rück-
sichten nicht mehr zweifelhaft.1)
l) 0. Jaekel. Ueber Phaneropleuron und Hemictenodus , Sitz. - Berichte
d. Ges. naturf. Freunde, Berlin 1890, p. 8 und diese Arbeit pag. 27.
Ueber die Gattung Pristiophorus.
41
An jene genannten Basalstücke schliessen sich in der Brust-
flosse von Prüfiophorns einige unregelmässige Platten und ein Kranz
radial gestellter Knorpelstäbe an, welche bei jungen Individuen nur
einfach, bei älteren, wie die beistehend gezeichnete Fig. 6 zeigt, ver-
doppelt zu sein scheint.
Big. 6
Der sogenannte Schultergürtel, d. li. die die Pectoralia tragenden
Knorpelstücke, stimmen in ihrer äusseren Form ganz mit Acanthias
übercin.
Die Bauchflossen zeigen keine
besonderen Eigentümlichkeiten.
Man sieht (vergL die beistehende
Fig. 7) einen langen % Bäbelförmigen
Knorpel auf der Innenseite bis etwa
zur Hälfte der Länge der Flosse
verlaufen und von ihm eine Reihe
von 18 Spangen ausgehen, deren
vorderen 11 in ihrer Verlängerung
noch kleine Knorpel angel;
sind. Die vorderste breite Spange
ist aus der Verwachsung mehrerer
hervorgegangen.
Der die Bauchflossen tragende
Beckenknorpel stellt eine ein-
fache, wenig gekrümmte Spange dar. An den Seiten besitzt er
kleine, nach vorn gerichtete Praepubieal-Fortsätze.
Aus der Besprechung der Hartgebilde der Haut und der ein-
zelnen Theile des Innenskelets ergiebt sich demnach Folgendes:
Alle Hartgebilde der Haut stimmen bis in die feinsten
Structurverhältnisse mit denen der Spinaciden überein.
Die einzelnen Theile des Innenskelets zeigen die
grösste Uebereinstimmung mit denen der Spinaciden, ihr
Fig.
42 Otto Jaekel:
Bau lässt sich dem allgemeinen Typus der Spinaciden
unterordnen, aber nicht in allen Beziehungen an eine be-
stimmte Gattung derselben anschliessen.
Die Uebereinstimmung in der Anordnung der Oeff-
nungen für den Austritt der Nerven mit Acanthias beweist,
dass der Verlauf auch dieser Organe im Wesentlichen der-
selbe ist wie bei Spinaciden.
Die eigenthümliche Rostralbildung bei Pristiophorus
hat mit der von Pristis nichts zu thun, lässt sich aber
ungezwungen auf die einiger Spinaciden zurückführen.
Auf Grund vorstehender Beobachtungen lässt sich die Gattungs-
diagnose von Pristiophorus hinsichtlich seiner Hartgebilde nicht un-
wesentlich vervollständigen; auch sind den bisher bekannten lebenden
Arten einige neue fossile hinzuzufügen.
Farn. Spinacidae.
Gatt. Pristiophorus Müll, und Henle.
Körper spindelförmig, vorn etwas abgeflacht. Der Kopf mit
langem Rostrum, dessen Seiten mit messerartigen Hautzähnen be-
waffnet sind. Nasenlöcher auf der Unterseite, an der Basis des
Rostrums. Augen ohne Nickhaut. Spritzlöcher gross nahe hinter
den Augen. 5 Kiemenspalten vor den Brustflossen. Brustflossen
gross gerundet dreieckig, an ihrer vorderen Insertion ohne Einschnitt.
Zwei Rückenflossen ohne Stacheln. Keine Analflosse. Schwanzflosse
hinten schräg abgestutzt mit einem breiten unteren Lappen. Alle
Flossen mit Hornfäden.
Die Haut gleichmässig mit kleinen Schuppen bedeckt, deren
oberes Blatt durch einen Längskiel und meist einige Längsfarchen
ausgezeichnet ist. Die Zähne des Rostrums mit gerundeter Basis
und messerförmig komprimirter Krone, die Schneiden horizontal
glatt oder gekerbt. Die Microstructur der Hartgebilde in allen
wesentlichen Punkten der der Spinacidsn entsprechend, die Concen-
tracion des Zahnkeimes ziemlich weit vorgeschritten. Das innere
Skelet vom Typus der Spinaciden nur hinsichtlich der Verlängerung
des Rostrums abweichend. Das Rostrum auschliesslich von dem
verlängerten Rostralknorpel und an der Basis durch die verbreiterten
Nasenkapseln gestützt. Die Schädelkapsel flach und hinsichtlich
der Nervenausschnitte wie bei Acanthias. Neben dem Foramen
magnum halbmondförmige Condyli occipitales. Die Wirbelsäule
etwas stärker verkalkt als bei anderen Spinaciden. Lippenknorpel
in typischer Ausbildung fehlend. Der Kieferbogen rückgebildet,
dünn, am Palatobasalfortsatz inserirt und vom Hyomandibulare ge-
stützt. Der Hyoidbogen mit dünner langer Copula. Das eigentlihe
Kiemengerüst mit grosser herzförmiger Basalplatte. Die unpaaren
Flossen von grossen Basalplatten getragen. Die Brustflossen mit zwei
grossen beilförmigen und einem sehr kleinen vorderen Basalknorpel.
Ueber die Gattung Pristiophoras. 43
Geologische Verbreitung von der oberen Kreide bis zur Ge-
genwart.
Geographische Verbreitung früher in mediterranen Gebieten,
gegenwärtig in den Meeren Japans und in der Südsee.1)
Pristiophorus atavus Sm. Woodw. sp.
Taf. I. Fig. 1.
Sclerorhynchus atavus Smith Woodward, Catalogue of the fossil
fishes in the Britsh Museum (Natural History) London 1889, p. 76.
Taf. III, Fig. 1.
Sclerorhynchus atavus Smith Woodward. Proceedings of the
Zoolog. Society of London. 19. Nov. L889.
Prwttophorus (Sclerorhynchus) atavus Sm. Woodw. sp. J aekel:
1. c. pag. 117. Taf. II, Kg. 1.
Bekannt sind von diesem unserer Kenntniss nach ältesten
Pristiophoriden, das Rostrum, Theile des Kopfes und die Bezahnung
der Kiefer.
Das Rostrum ist lang, die Rostralzähne noch kurz und unter-
einander in der Grösse weniger verschieden als bei den lebenden
Formen. Auf der Oberseite des Rostrums an dessen proximalem
Ende jederseits kleine sternförmige Schuppen. Die Zahne (nach der
Beschreibung von Smith Woodward) von aussen nach innen comprimirt;
die Krone in eine Spitze ausgezogen mit einem inneren ßasalzapfen
und breiten Runzeln (am Unterrand der Aussenseite?) versehen.
Der mediane Rostralknorpel anfangs Löffelartig verbreitert dann
allmählich in die Spitze verjüngt. Die basale Ausbreitung des
Rostrunis anscheinend weniger mit Kalk Lnkrustiri als bei lebenden
Formen.
Vorkommen in der oberen Kreideformation von Sähe] Alma,
Libanon.
Bei Abfassung meiner ersten Abhandlung über Pristiophorus^
war mir nur das erste von Smith Woodward abgebildete und hier
Taf. I. Fig. 1 copirte Schädelfragmenl bekannt Auf Grund der
morphologischen und histologischen Verhältnisse wurde die Zugehörig-
keit dieser Form zu den Pristiophoriden sieher gestellt, dagegen
wurde der von Smith Woodward gegebene Gattungsname Sklero-
rhynchus vorläufig als der eines Subgenus von Pristtöphorus bei-
behalten. Inzwischen ging mir die zweite Notiz von Smith Wood-
ward über diesen Fisch zu. in welcher ein langes Rostrum der
Pariser Sammlung und ein neu erworbenes Schädelfragment des British
Museum, beide von Sahel Alma stammend, beschrieben sind. Die
schlanke mit der der lebenden durchaus übereinstimmenden Form
') Im Museum in Lüttich fand ich ein Exemplar, welches angeblich von
Kapstadt stammt, aber schon wegen seiner irrthümlichen Bestimmung als Pristis
zweifelhaft sein dürfte.
44 Otto Jaekel:
des Rostrums und die von dem genannten Forscher beschriebene Be-
zahnung entziehen dem Namen Sklerorhynchus den systematischen
Werth, und lassen eine Zutheilung jener Form zur Gattung Pristio-
phorus nicht zweifelhaft erscheinen. Die breiten Runzeln an der
Krone der Zähne, in welcher Smith Woodward einen Unterschied
gegenüber Prütiophorus erblickte, habe ich oben pag. 8 als Ein-
kerbungen bei Pristiophorus cirratus beschrieben. Die möglicher-
weise vorhandenen Abweichungen hinsichtlich der Ausbildung des
unteren Rostrums, können im Hinblick auf das 1. c. pag. 117
gesagte, und die Verschiedenheiten, welche sich im Bau des Rostrums
z. B. der Gattung Centrophorus finden, eine generische Bedeutung
nicht beanspruchen.
Pristiophorus suevicus Jaekel.
Fig. la pag. 23, Fig. lb pag. 25
Pristis sp. Probst: Beiträge zur Kenntniss der fossilen Fische
aus der Molasse von Baltringen. IL Batoidei. Sep. Abd. a. d. Württemb.
natur. wiss. Jahresheften, 1887, p. 81, Taf. I, Fig. 22.
J}/'isfiophonis suevicus Jaekel. Ueber die systematische Stellung
und über fossile Reste der Gattung Pn'stioph orus ; Zeitschft. d. deutsch,
geol. Ges. 1890, pag. 116. Taf. III, Fig. 1 u. 2., Taf. IV, Fig. 1, Taf. V.
Pristiophorus (?) Hasse: das natürliche System der Elasmo-
branchier. Jena 1879—82, pag. 103. Taf. XIII, Fig. 67.
Die Art ist begründet auf Rostralzähne, zu denen mit grösster
Wahrscheinlichkeit ein Wirbel gehört, der an der gleichen Stelle
gefunden wurde. Die Rostralzähne sind ldein höchstens einen ctm.
lang, und etwas über einen mm. breit. Sie verjüngen sich nach
der Spitze, indem sie zugleich messerartig flach und etwas ge-
krümmt werden. Die Schneiden sind, soviel die stets beträchtliche
Abreibung erkennen lässt, glatt. Die Basis der Krone ist gerundet
etwas verdickt und gegen die weniger harte und deshalb stärker
abgeriebene Wurzel scharf abgesetzt. Letztere steht als ver-
schmälerter Stumpf unter der Krone hervor.
Der einzige mit grösster Wahrscheinlichkeit hierzu gehörige
Wirbel lässt wegen schlechter Erhaltung nur eben die Gattungs-
merkmale erkennen (vergl. p. 38).
Vorkommen in den miocänen Schichten, der sog. Meeresmolasse,
von Baltringen in Württemberg.
An diese beiden fossilen Formen scheinen sich die lebenden
Arten nahe anzuschliessen, deren Diagnosen ich hier nach Günther's
Catalogue of the Fishes in the British Museum Vol. VI, London 1870
pag. 432 folgen lasse. Das Litteraturverzeichniss ist mit Hülfe
meines Freundes Herrn Dr. Hilgendorf in einigen Punkten ver-
vollständigt worden.
Ueber die Gattung Pristiophorus. 45
3. Pristiophorus cirratus Lath. sp.
Taf. I, Fig. 2 - 4.
Pristis cirratus Lathani. Trans. Linn. Soc. II 1794 pag. 281,
Taf. XXVL
Squalus anisodon Lacepede IV, pag. 680, Paris 1800.
Pristis cirratus Bloch Schneider, pag. 351, Taf. LXX, Fig. 2.
Berlin 1801.
Squalus tentaculatus Shaw, gen. Zool. V 2. pag. 359. 1804 und
Nat. Mise. pag. 630.
Squalus anisodon {Pristis cirrhatus Lath.) Lacepede. Paris 1831,
Tome VI, pag. 50.
Pristiophorus cirratus Müll. u. Henle Plagiostomen pag. 98. 1841.
Pristiophorus cirratus Müll. Henl., Dmneril. Elasmobr pag. 461.
Paris 1865.
Pristiophorus cirratus Günther, Cat. Vol. XIII. pag. 432. 1870.
Zähne des Rostrums sehr ungleich lang, indem 1 — 4 kleinere
zwischen je 2 grösseren stehen. Schuppen sehr klein, mit eiuem
einfachen nicht vorspringenden Kiel. Rücken und Brustflossen
ganz mit Schuppen bedeckt. Der Zwichenraum zwischen den
Tentakeln und der Nase gleich dem zwischen der letzteren und der
3. oder 4. Kiemenspalte. 42 Querreihen von Zähnen auf dem Ober-
kiefer.
Vorkommen. Lebend bei Tasmanien und Süd-Australien.
4. Pristiophorus nudipinnis Günth.
Pristiophorus nudipinnis Günther. Catalogue of the Fishes in
the British Museum. Vol. VIII, p. 432. London 1870.
Pristiophorus nudipinnis M. Coy. Prod. Zool. Vict. VI, p. 24.
Taf. LVI, Fig. 2. 1881.
Zähne des Rostrums sehr ungleich lang. Schuppen klein, fast
glatt, mit Spuren von 2 — 3 Kielen (Furchen) an der Basis des Blattes.
Der grössere Theil der Rückenflossen und die Oberseiten der Brust-
flossen frei von Schuppen. Der Zwischenraum zwischen den Ten-
takeln und der Nase ist beträchtlich geringer als der zwischen der
Nase und der ersten Kiemenspalte. 35 — 39 Querreihen von Zähnen
im Oberkiefer.
Vorkommen: lebend bei Tasmanien und Süd- Australien.
5. Pristiophorus Owenii Günth.
Pristiophorus Owenii Günther. Catalogue of the Fishes in the
British Museum. Vol. VIII, p. 432. London 1870.
Zähne des Rostrums gleich lang. Schuppen klein, zugespitzt
mit mittlerem Kiel. Flossen ganz mit Schuppen bedeckt. Nase in
46 Otto Jaekel:
der Mitte zwischen den Tentakeln und den Mundwinkeln. Etwa
41 Querreihen von Zähnen im Oberkiefer.
Vorkommen: lebend, Heimath unbekannt.
6. Frist ioph orus jap onicus Günth.
Pristiophorus cirratus Schlegel. Fauna Japonica. Poissons
p. 305. Taf. 137. 1850.
Pristiophorus cirratus Richardson. Rep. XV. Meet. Br. Assoc.
Advanc. Science Cambridge 1845, p. 317.
Pristiophorus cirratus Bleeker. N. Nalez. Japan. Batavia 1854.
pag. 128.
Pristiophorus jap onicus Günther. Catalogue Fishes Brit. Mus.
London 1870, p. 433.
Zähne des Rostrum sehr ungleich lang, 3 — 5 kleinere zwischen
je 2 grösseren stehend. Schuppen klein mit einem überragenden
Kiel. An den Rücken- und Brustflossen nur eine Randzone frei von
Schuppen. Der Zwischenraum zwischen den Tentakeln und der
Nase ungefähr gleich dem zwischen der Nase und der ersten Kiemen-
spalte. 52 — 58 Zahnreihen im Oberkiefer.
Vorkommen: lebend bei Japan.
7. Pristiophorus ensifer Davis sp.
Trygon ensifer Davis: On Fossil -Fish Remains from the
Tertiary Formations of New Zealand. Scient. Transact. Roy. Dublin
Society. Vol. IV. Ser. IL Dublin 1888, p. 37, Taf. VI, Fig. 14 u. 15
(non 13).
Pristiophorus ensifer Jaekel 1. c. p. 118, Taf. III, Fig. 3 u. 4.
Von dieser Art sind bisher nur Rostralzähne bekannt, welche
von Davis als Schwanzstacheln eines Trygoniden beschrieben worden
waren. Es kann auf Grund der 1. c. geschilderten Verhältnisse der
äusseren Form und der Mikrostructur nicht einen Augenblick zweifel-
haft sein, dass die Bestimmung dieser Reste als Trygoniden-Stacheln
auf einem bedenklichen Irrthum beruhte. Dieselben stimmen in
allen wesentlichen Merkmalen mit den gleichen Hartgebilden bei
P )• ist iopli orus vollkommen überein. Nur in dem einen Punkte unter-
scheiden sie sich von allen bisher bekannten Arten dieser Gattung,
dass der vordere und hintere Rand der Rostralzähne gezähnelt ist.
Man muss diese Zähnelung entschieden als einen höheren Grad der
Differenzirung betrachten, ein Umstand, welcher zusammen mit der
sehr beträchtlichen Grössenentwicklung (der Fisch dürfte etwa 3 m
lang gewesen sein) deshalb besonders bemerkenswert!! ist, weil die
Ueber die Gattung Pristiophorus. 47
Form, wie erwähnt, aus den untersten Tertiärschichten stammt. Es
ergiebt sich daraus, dass bereits in jener Erdperiode die Pristio-
phoriden eine bedeutendere Entwicklung und Formenmannichfaltig-
keit erlangt hatten, als unsere heute lebenden Arten dieser Gattung
besitzen. Ich halte es aber für sehr wohl möglich, dass auch gegen-
wärtig noch solche Formen mit gezähnelten Rostralzähnen leben.
Lernen wir solche kennen, dann wird sich auch zeigen, ob mit jener
Zähnelung andere Merkmale Hand in Hand gehen, welche eine
generische Selbstständigkeit der sie besitzenden Formen verlangen.
Zunächst scheint mir zu einer derartigen Sonderstellung kein zwin-
gender Grund vorzuliegen , da ich in allen Gruppen von Selachiern
hinsichtlich solcher Zähnelungen der Hartgebilde bezw. deren Mangel
eine sehr grosse Manniclifaltigkeit und viel geringere Constanz linde,
als gewöhnlich angenommen wird, [ch glaube also, dass man auch
die Formen mit gezähnelten Rustralzähnen der Gattung Pristiophorus
zuzählen kann, und dass man dementsprechend den Begriff der
Gattung in dem genannten Punkte erweitern muss.
Pristiophorus ensifer stammt aus den Kalkschichten der Amuri-
Series, welche an der oberen (irenze des Waipara-Systems liegen.
Die Einreihung der letzteren in unsere Formationsglieder scheint
noch ein strittiger Punkt zu sein, da «las Waipara- System von
F.W. Hutton1) in die obere Kreide gestellt, den darüber liegenden
Schichten aber ein oligocänes Alter zugeschrieben wird. Nach an-
deren Auffassungen Lässt rieh die gleiche Schichtenfolge in Cretaceo-
tertiary, Upper-Eocene and Lower-Miocene eintheilen. Danach dürfte
man wohl nicht fehlgreifen, wenn man den oberen Schichten des
Waipara-Systems, also auch unseren Rostralzähnen, ein eoeänes Alter
zuschreibt.
Aus obiger Beschreibung der fossilen Formen ergiebt sich
demnach :
1. dass sich die fossilen Formen zunächst bis in die
obere Kreide zurück verfolgen lassen;
1) Quart. Journ. of the Geol. Soc, Vol. XLI, p. L94.
2) Aller Wahrscheinlichkeit nach gehört auch der von Davis, 1. c, t. III,
f. 12a— d als Lammt lanceolata abg bildete Zahn als Etostralzahn zu einem
Pristiophoriden aus der Verwandtschaft von P. cirratus. Dass derselbe kein
Lamnidenzahn ist, hebt schon Smith YV hvard (Oatal. F08S. Fish. Brit. Mus. I,
London 1889. p 410) hervor. Der Annahme dieses Autors, dass der Zahn über-
haupt keinem Selachier angehöre, möchte ich aber nicht beipflichten, da sowohl
die Zeichnung wie die ausführliche Beschreibung bei Davis (1. c, p. 20) Behr
gut zu Rostralzähnen von Pristiophorus passen. Die Form stammt aus den
Schichten der Oamaru Series in Neu -Seeland, welche von Button in das
Oligocän, von J. Hector in das Ober-Eocän gestellt wird.
48 Otto Jaekel.
2. dass sich bei der ältesten Form noch eine geringere
Differenzirung des Eostrums und der Rostralzähne ge-
genüber den heut lebenden Arten erkennen lässt, und
sich hierin ein Uebergang zu Spinaciden zeigt;
3. dass die Gattung bereits im Eocän eine reichere
Entfaltung zeigt als die gegenwärtig bekannten lebenden
Arten, indem sich sehr grosse Formen mit höher diffe-
renzirten Rostralzähnen einstellen;
4. dass die geographische Verbreitung in früheren
Erdperioden nicht auf das heutige Gebiet der lebenden
Formen — Südsee und Japan — beschränkt war und Ver-
treter der Gattung noch im Miocän in nordalpinen Ge-
bieten lebten.
Nachtrag.
In einem kürzlich erschienenen Referat über meine Arbeit
„Ueber die systematische Stellung und über fossile Reste der Gattung
Pristiophorus" macht mich Herr Smith Woodward (Geol. Mag.
1890 No. 319, pag. 39.) am Schluss darauf aufmerksam, dass das
Berliner palaeontologische Museum ein sehr gutes Exemplar von
Squatina crassidens Sm. Woodw. besässe, welche nach einer neueren
Ansicht dieses Autors den Rumpf zu dem als Sclerorhynchus atavus
beschriebene Kopf darstellt. Es Hegt hierin der etwas herbe Vorwurf,
dass ich das mir nächst Kegende beim Studium jenes Sclerorhy?ichus
übersehen hätte. Ich gestehe zu, dass ich auf obige Ansicht aller-
dings nicht gekommen bin; hätte ich aber damals gewusst, dass
Herr Smith Woodward dieselbe hegt, so hätte ich seinen Irrthum
bereits früher berichtet. Squatina crassidens gehört allerdings vielleicht
nicht zu Squatina, keinesfalls aber zu Pristiophoriden, deren Skeletbau
in allen Punkten von jener Form abweicht.
Ueber Entstehung und Ursache der Flügel-
mängel bei den Weibchen vieler Lepidopteren.
Von
K n a t z.
in Cassel.
Hierzu Tafel II.
Die mangelhafte Beschaffenheit der weiblichen Flügel bei vielen
Lepidopternarten ist eine so auffallende Thatsache, dass es schwer
erklärlich erscheint, wesshalb dieselbe von den Biologen bisher fast
unbeachtet gelassen ist. Soviel sich hat ermitteln Lassen, haben vor
dem Verfasser dieses Aufsatzes nur zwei Schriftsteller die Sache
erwähnenswerth gefunden. Keferstein zählt in der Stettiner Kntomol.
Zeitung von 1853, S. L49 ff. anter den Verschiedenheiten des männ-
lichen und des weiblichen Thieres bei den Lepidoptem auch die
Flügeldeformität vieler Weibchen auf und nennt dabei die ihm be-
kannten Arten mit dergleichen Mängeln. Er stellt aber keine Be-
trachtungen darüber an, betont nicht die grosse Verschiedenheit in
der Deformität der einzelnen Arten und untersucht auch nicht die
Ursache. Später hat Jordan im Month. Magazin, XX. S. 219 — "221,
also auf drei Seiten, die Thatsache besprochen, ohne indessen die-
selbe wissenschaftlich zu untersuchen.
Am 13. Mai 1889 hat der Verfasser dieses Aufsatzes den wesent-
lichen Inhalt desselben in der Sitzung des hiesigen Vereins für
Naturkunde vorgetragen, worüber in dem eben erscheinenden Hefte
der Zeitschrift dieses Vereins, Bericht S. 36, kurze Notiz enthalten
ist. Die Sache ist indessen so erheblich, dass eine ausführlichere
Bearbeitung geboten erscheint.1)
l) Erst nach Vollendung seiner Arbeit erhielt der Verfasser Kenntniss
davon, dass im Herbst 1889 Rogenhofer — Wien im dortigen Vereine einen
Vortrag über dasselbe Thema gehalten hat, der aber leider nicht gedruckt
worden ist. Der Redner soll sich über die Ursache der Deformität ausgesprochen
und Rückbildung angenommen, sogar vielen Spinnerarten das Prognostikon
gestellt haben, dass ihre jetzt noch wohlgeflügelten Weibchen derselben Rück-
bildung entgegengingen.
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1891. Bd. I. H. 1. 4
50 L. Knatz: Ueber Entstehung und Ursache
Beim Ueberblick über die Insektenordnungen in Bezug auf
Beflügelung findet sich zwischen den Lepidoptern (zuzüglich einiger
weniger Arten aus andern Ordnungen) und allen übrigen Insekten
ein durchgreifender Unterschied : bei den Lepidopteren sind die
Männchen ausnahmslos wohlgeflügelt, die Weibchen allein zeigen
Flügelmängel, bei den übrigen Insekten ist regelmässig die Flügel-
losigkeit oder Flügeldeformität beiden Geschlechtern dauernd ge-
meinsam, oder sie tritt bei einzelnen Generationen oder bei einzelnen
Individuen periodisch auf, ohne dass aber dabei Geschlechtsunter-
schiede bestehen. Hier haben wir also sehr verschiedenartige Zu-
stände, deren jeder einer besondern Untersuchung bedürfen würde,
bei den Lepidoptern dagegen eine gleichmässige bestimmte
geschlechtliche Differenzirung. Diese soll nun vom Stand-
punkt der Entwickelungslehre aus einer näheren Betrachtung unter-
zogen werden.
Insektenflügel haben sich schon in silurischen Schichten ge-
gefunden *), die Beflügelung ist also, mag sie auch ein erst erworbener
Charakter sein, jedenfalls schon sehr früh entstanden. Wie sie bei
den Insekten sich entwickelt hat, ob sie, wie Gegenbaur in seinem
Grundriss der vergleichenden Anatomie (1878) meint, von Tracheen-
kiemen abstammt, oder, wie Andere behaupten, durch eine Wucherung
in der Hypodermis hervorgebracht wurde, ob sie ferner bei den ver-
schiedenen Insektenordnungen auf verschiedene oder auf dieselbe
Weise entstand, ist hier nicht zu untersuchen, für unsern Zweck
genügt die feststehende Thatsache, dass die Anlage zur Flügelbildung
schon in der Raupe des Schmetterlings vorhanden ist, dass sie Chitin
abscheidet und die periodischen Häutungen der Raupe mitmacht.
Im Puppenzustande sind die Flügel dann bekanntlich ebenso wie die
andern Gliedmassen des vollkommenen Insekts an den Scheiden
deutlich zu erkennen, sogar die Form des Flügels, der Schnitt des
Aussenrandes ist in der Form der Flügelscheide2) im Allgemeinen
erkennbar.
Die Flügel sind bekanntlich am Thorax befestigt, und zwar
am obern (notum), die Beine am unteren Theil desselben (sternum),
ferner die Vorderflügel am Mesothorax, die Hinterflügel am Meta-
thorax. Hagen, in der Stett. Ent. Zeitung von 1889, S. 162 ff.,
nimmt an,- dass jeder Thoraxtheil eigentlich aus drei Segmenten
bestehe, deren erstes zum Anheften eines Flügel-, deren zweites
zum Anheften eines Beinpaares bestimmt sei, während das dritte
nur ein Stigma zu führen habe. Er will dementsprechend am
Prothorax noch Rudimente eines Flügelpaares entdeckt haben. Es
J) Vergl. z. B. Stettiner Entom. Zeitung v. 1885, S. 134.
2) Diese „Flügelscheide" ist ein anderes Gebilde als das von den Anatomen
ebenso genannte, welches mit der ersten Flügel an läge in der Raupe entsteht,
später aber wieder verschwindet, nachdem es von der vergrösserten Flügelanlage
durchbrochen war. S. Pankritius, Beiträge zur Kenntniss der Flügelentwicklung.
Königsberg 1884, S. 4, 6, 15, 24, 28, 29.
der Flügelmängel bei den Weibchen vieler Lepidopteren. 51
mag nun sein, dass, die Entstehung der Insekten aus vielgliedrigen
Urthieren vorausgesetzt, ursprünglich an einer grösseren Anzahl von
Gliedern (Ringen) Flügelanlagen sich entwickelt haben, die allmählich,
dem praktischen Bedürfniss entsprechend, sich auf die beiden allein
noch vorhandenen Paare von Flügeln reduzirten. x)
Die weiblichen Flügel der Lepidopteren sind in der Regel un-
gefähr von gleicher Flächengrösse wie die männlichen. Erheblichere
Grössenunterschiede finden sich vorzugsweise bei den Spinnerfamilien
Bombycidae und Saturnidae, deren Weibchen zum Theil bedeutend
grössere Flügel als die Männchen haben. Sie bedürfen wegen der
Grösse und Schwere ihres Hinterleibes grösserer Flugapparate. Ab-
gesehen von der Grösse sind, wenn überhaupt ausserhalb des Kreises
der von uns gleich nachher zu betrachtenden Arten Unterschiede
vorkommen, folgende vorhanden:
1. Die Längenaxe des weiblichen Flügels ist grösser im Ver-
hältniss zur Höhenaxe als beim männlichen.
2. Die Form ist weicher, gerundeter, namentlich der Vorder-
rand nicht so steil, der apex flacher, während die Saumauszeich-
nungen, Buchten, Zähne, Lappen sich wie bei den Männchen
verhalten.
Die schärfere männliche Form , welche namentlich bei den
Rhopalocera oft deutlich erkennbar ist und zum Schlagen mit den
Flügeln sich besser eignet, wird wohl durch Zuchtwahl im Kampf um
die Weibchen entstanden Bein.
Wir werden, aachdi m dieses vorausgeschickt, nun zunächst fest-
zustellen haben, bei welchen Familien, Gattungen und Arten der
Lepidopteren sich weibliche Flügelmängel überhaupt und in welcher
Weise sie sich dort vorfinden, um die erforderliche Grundlage für
unsere Untersuchung zu gewinnen. Wir beschränken uns dabei auf
das paläarktische Faunengebiet, weil dieses am besten bekannt und
durchforscht ist. Die Beflügelungszustände in den anderen Gebieten
sind übrigens, soweit sich dies jetzt schon übersehen lässt, im All-
gemeinen analog.
In Bezug auf System und Nomenclatur folgen wir überall dem
jetzt ziemlich allgemein angi aommenen Katalog von Staudinger-
Wocke.
A. Wenn wir mit den am stärksten von den männlichen ab-
weichenden weiblichen Formen beginnen, so finden wir folgende
Abtheilungen in Bezug auf Beflügelung:
I. Die Weibchen sind nackte Maden, ohne Extremitäten, ohne
Schuppen oder Haare, meist auch ohne Augen: Gattung Psyche mit
Ausnahme der von Standfuss entdeckten Art Wockii und Gattung
Epichnopteryx mit Ausnahme der Arten helix und tarnierella.
') Näheres findet sich über die neue hochinteressante Theorie von der Ent-
wickelung der Segmente in dem eben erscheinenden Werke von Kolbe, Einführung
in die Kenntniss der Insekten, zusammengestellt. S. 113 ff.
4*
52 L. Knatz: Ueber Entstehung und Ursache
IL Die Weibchen sind flügel-, schuppen- und im Allgemeinen
auch haarlos, aber mit Beinen, Fühlern und Legeröhre versehen:
Psyche Wockii1), Epichnopteryx helix und tarnierella2), Gattung
Fumea, Familie Talaeporidae , Art Melasina punctata. Bei vielen
dieser Thiere sind Beine und Fühler sehr schwach und klein, erstere
zur Ortsveränderung kaum geeignet und auch nicht benutzt.
Sämmtlich sind sie am After behaart, die Afterwolle befindet sich
aber bei manchen Thieren, namentlich denen der Gattung Solenobia,
nur in schwachen Andeutungen unterhalb des gewöhnlich etwas ein-
gezogenen letzten Bauchringes, so dass sie bei getrockneten Exemplaren
nicht mehr erkennbar ist.
Die unter I. und IL Genannten werden im Folgenden unter
der Bezeichnung: „Psychiden" zusammengefasst werden, weil sie
offenbar nahe verwandt und aus unseres Erachtens nicht genügenden
Gründen im System theilweise getrennt sind.3)
HI. Zwischen den unter I. und IL einerseits und den unter IV.
aufzuführenden andererseits stehen, soweit dies hat ermittelt werden
können, nur zwei Arten, welche indessen den Uebergang hinreichend
vermitteln, denn sie sind zwar vollständig beschuppt oder behaart,
haben aber, abgesehen vom Fehlen jeder Flügelspur, nur ganz kleine
völlig unbrauchbare Beine und verkümmerte Fühler. Es sind
1) Orgyia dubia, überall pelzartig mit dichten langen Haaren besetzt,
Kopf sammt Fühlern und Beinen aber kaum erkennbar.4) 2) Hete-
rogynis penella, mit Beschuppung und sogar Zeichnung auf der-
selben versehen, aber mit ganz kleinen unbrauchbaren Beinen,
ohne Fühler, der Kopf erkennbar, aber verkümmert. 5)
IV. Alle übrigen mit Flügelmängeln überhaupt behafteten
Weibchen haben vollständiges, dem der Männchen entsprechendes
Schuppenkleid, namentlich aber auch Fühler und Beine, die zur Orts-
veränderung mehr oder weniger geeignet sind. In Bezug auf die
Beflügelung ist indessen zu unterscheiden:
1. Nur Flügelandeutungen in Form von abstehenden Haar-
büscheln oder Schuppen sind vorhanden:
a) ohne Afterbusch: Hibernia defoliaria 6), Biston hispi-
darius, Gattung Phigalia,
b) mit Afterbusch: Gattung Anisopteryx. 7)
2. Nur das Vorderflügelpaar ist ausgebildet, das hintere mehr
oder weniger verkümmert:
*) Stett. Entoraol. Zeitung* von 1884, S. 206.
2) Stett. Entomol. Zeitung von 1875, S. 38; von 1866, S. 358.
3) Siehe drei Psychidentypen auf der angehängten Tafel, unter 1, 2a und 3.
4) Stettiner Entomol. Zeitung v. 1862, S. 154.
5) Siehe beide Thiere auf der Tafel unter 9 und 10.
6) Siehe das Thier auf der Tafel unter 11.
7) Siehe Anisopteryx aescularia auf der Tafel unter 12.
der Flügelmängel bei den Weibchen vieler Lepidopteren 53
a) die Vorderflügel bestehen nur aus kleinen Lappen:
Gattung Orgyia1) ausser dubia (S. oben III.), ferner
Biston pomonarius, zonarius2) und alpinus;
b) die Vorderflügel sind schmal, klein und spitz aus-
gezogen: (Man vergleiche 5. unten.) Exapate congela-
tella3), Megacraspedus separatellus ;
c) die Vorderflügel sind verhältnissmässig breiter, mit
Saum versehen und kräftig: Pleurota rostrella.4)
3. Die beiden Flügelpaare sind vorhanden, bestehen aber nur
aus kleineren verschieden geformten Läppchen oder Fetzen
Euprepia rivularis, Ocnogyna baetica; Gattung Ulochlaena;
Hibernia leucophaearia , bajaria, aurantiaria 5) ; Gnophos
operaria ; Cheimatobia brumata ; Gattung Dasystoma. Wahr-
scheinlich gehört hierher auch Hepialus pyrenaicus und
Dasychira pumila.H)
4. Die Weibchen besitzen:
a) grössere, meist breit abgeschnittene Vorder-, kleinere
Hinter-Flügelstummel : Gattung Lichnyoptera ; Hibernia
rupicapraria ; Cheimatobia boreata7);
b) ebensolche Vorder-, aber stärker als diese entwickelte
Hinterflügelstummel: Hibernia marginaria/)
5. entweder:
a) alle vier Flügel sind erheblich kleiner als die männ-
lichen und in Spitzen ausgezogen (vergleiche 2. b) oben):
Sphaleroptcra alpicolana ; Chimabacche fagella ;t)
Gelechia melaleucella; Lita diffluella; Megacraspedus
dolosellns;
b) oder sie sind nur erheblich schmäler und kürzer, als
die männlichen oder eines von diesen beiden: Ocnogyna
parasita10) und corsica; Gattung Pentophora; Agrotis
fatidica, Gattung Pygmaena; Gnophos zelleraria und
caelibaria; Cledeobia armenialis; Tortrix rusticana11);
') Auch die von Staudinger neu bekanntgeniachte Art: flavolimbata. Stett.
Ent. Zeitung v. 1881, S. 405.
2) Siehe Biston zonarius auf der Tafel unter 13.
3) Siehe das Thier auf der Tafel nebst dem Männchen unter 14.
4) Siehe das Thier auf der Tafel unter 15. Die Pleurotenweibchen sind
noch nicht sämmtlich bekannt.
5) Siehe das Thier auf der Tafel unter 16.
6) Stett. Entomol. Zeitung v. 1882, S. 417, u. v. 1881, S. 405.
7) Siehe das Thier auf der Tafel unter 17.
8) Siehe das Thier auf der Tafel unter 18.
n) Siehe das Thier auf der Tafel unter 19.
10) Siehe das Thier auf der Tafel unter 20 mit dem Männchen, die anderen
Oconogynenweibchen sind dem Verfasser nicht bekannt.
n) Siehe das Thier auf der Tafel unter 21 mit dem Männchen.
54 L. K 11 atz: Ueber Entstehung und Ursache
Gattung Oxypteron; Chimabacche phryganella ; Semi-
oscopis anella; Argyritis snperbella ; Gattung Symmoca;
Stagmatophora pomposella. Einige Butalisarten sollen
sieb äbnlicb verhalten.
6. Die Flügel sind nur etwas anders geformt und zugleich
etwas kleiner als die männlichen, oder nur etwas kleiner
als diese: Gattung Stilbia; Caradrina gluteosa und palustris ;
Gattung Epimecia; Semioscopis avellanella; Megacraspedus
binotellus und imparellus.
Mit Caradrina areuosa; Gattung Rusina; Gattung Cleogene;
Cidariaverberata; Familie Atychidae; Gattung Xysmatodoma ; Gattung
Epigraphia x), deren weibliche Flügel nur mehr oder weniger kleiner
als die männlichen, aber von ziemlich gleicher Form sind, ist endlich
der regelrechte Zustand der weiblichen Beflügelungsform beinahe
wieder erreicht. Die hier gegebenen Abtheilungen sind übrigens,
wie alle Versuche, Naturdinge in Kategorien zu bringen, niemals
streng getrennte Abschnitte ergeben, nicht scharf von einander ge-
schieden, fliessen vielmehr in einander über, so dass andere Forscher
manche von den aufgeführten Thieren vielleicht in eine andere Ab-
theilung verweisen werden, es kommt aber darauf unseres Erachtens
nicht wesentlich an, vielmehr nur das scheint uns wichtig, dass so
viele, untereinander in eine ungefähr fortlaufende Pteihe zu Dringende,
auch hier und da Gabelung zeigende Unterschiede in der Deformität
bestehen, und dies dürfte unbestreibar dargelegt sein.
Bemerkt wird, dass die Flügelstummel mancher der vorstehend
unter 2., b) und c), unter 3. und unter 4. a) und b) aufgeführten
Weibchen in Färbung und Zeichnung von der der männlichen Flügel
abzuweichen scheinen. Dergleichen geschlechtliche Verschiedenheiten
kommen auch bei weiblich wohlbeflügelten Arten vor, namentlich sind
sie bei tropischen oft sehr auffalend. Die hier in Rede stehenden
lassen sich indessen fast alle2), auf die männliche Farbe und Zeich-
nung zurückzuführen, wenn man unterstellt, dass die Flügelstummel
unentwickelte Flügel sind. Die Verschiedenheiten bestehen nämlich
meistens darin, dass die Farben intensiver, die Zeichnungen ge-
drungener, namentlich die Striche dicker sind. Alles dies ist nun
auch bei den Flügeln eines eben ex larva kommenden Schmetter-
lings der Fall, bevor sich die Flügelfläche ausgebreitet hat. Ebenso
sind die Stummel unserer Weibchen meist fleischig oder lappig, wie
die Flügel der eben auskriechenden imago.
B. Abgesehen von zufälligen Abnormitäten3), wie sie auch bei
anderen Arten vorkommen, sind die Flügelmängel der sämmtlichen
') Siehe Epigraphia steinkellneriana, Männchen und Weibchen, auf der
Tafel unter 22.
2) Bei Exapate Congelatella wohl kaum. Siehe die Abbildungen von $ und
$ auf der Tafel.
3) Siehe eine solche bei Cheimatobia boreata $ (oben A. IV. 4. a) von Zeller
beobachtete in Stett. Entom. Zeitung v. 1873, S. 123.
der Flügelmängel bei den Weibchen vieler Lepidopteren. 55
aufgeführten Thiere constant , höchstens finden sich bei einigen
wenigen Arten kleine Schwankungen in der Grösse der Flügel-
stummel, z. B. bei Hibernia marginaria (oben A. IV. 4. b). Wir
haben aber nun noch einige Erscheinungen zu betrachten, die mehr
oder weniger wechselnde Gestaltungsformen, Dimorphismus, zeigen.
Am Auffallendsten ist dies bei Acentropus. Ueber diese in vielen
Beziehungen abnorme Gattung ist viel geschrieben und gefabelt
worden1), bis in der Abhandlung S. 1 — 33, Band XXI. der unten
citirten holländischen Zeitschrift der bekannte Biologe C. Ritsema
eine vortreffliche und seither von keiner Seite angefochtene
Lebensbeschreibung nach seinen und Dr. Snellen's eigenen Be-
obachtungen lieferte, in der er unter Anderem darlegte, dass die
von Wocke angenommenen 5 Arten wahrscheinlich nur Local-
varietäten sind und zusammen die einzige Art der Gattung, Acentropus
niveus, bilden.2) Dieses merkwürdige, in manchen Beziehungen den
Phryganeen verwandte Thier hat gleichzeitig und an denselben Fund-
orten verschieden geflügelte Weibchen, nämlich 1. solche, die
grössere als die Männchen, etwas anders geformte, zum Fliegen sehr
brauchbare Flügel und 2. solche, welche nur ganz kurze, spitze,
kaum über den Thorax hinausreichende Stummel (wie A. IV. 3.)
haben.3)
Die oben unter A. IV. 3. erwähnte Euprepia rivnlaris, welche
mit pudica (und der nur in Syrien gefundenen, wahrscheinlich auch
nur Varietätenrang verdienenden Oertzeni) die ganze Gattung
Euprepia ausmacht, ist vielleicht nur Varietät von pudica und zwar,
da pudica im ganzeil Mittelmeergebiet, rivnlaris nur in Armenien
vorkommt4), Localvarietät, denn ausser kleines Abweichungen in
der Zeichnung, die keinen Artunterschied begründen können, besteht
die Verschiedenheil beider Arten Lediglich darin, d; Fühler hei
rivularis mit divergirenden , bei pudica mit nicht divergirendeu
Borsten besetzt sind. (Herrich-Scheffer.)
Der englische Biologe Barding endlich will"') bei Xysmatodoma
melanella (S. oben A. IV. 6) beobachtet haben, dass die Weibchen
dieses Schmetterlings in England stets ungeflügelt sind, mit Aus-
nahme der Jahre 1869 und L870, wo sie, wie dies in Deutschland
immer der Fall ist, in grosser Menge geflügelt gefunden worden seien.
Wir hätten also in diesen drei Füllen 1. constanten, 2. Local-,
3. Saisondimorphismus.
') Siehe die Litteratoi in Tijdschrift voor Entomol. XIX., S. 15 ff.
2) Damit erklärt sich der Wiener Mikrolepidopterologe Rebel völlig-
einverstanden.
3) Siehe die Flügelfornien des Männchens imd beider Weibchenarten in
der Tafel unter 23.
4) Siehe Katalog von Staudinger- Wocke S. 58.
5) In Month. Magazin von 1876, S. 208, erwähnt auch von Rössler
Schuppenfl. S. 228.
56 L. Knatz: Ueber Entstehung und Ursache
C. Bei den übrigen Insekten ausser der Ordnung Lepidoptera
finden sich Flügelmängel in unserem Sinne nur:
I. In der eigentümlichen , noch nicht hinlänglich erforschten
Ordnung der Strepsiptera oder Rhipiptera. *) Bei dieser sind die
Weibchen völlig madenförmig, ohne irgend welche Gliedmassen.
Von Siebold2) erklärt sie sogar für wirkliche Larven, die sich garnicht
zur imago entwickeln, sie hätten nämlich gar keine Geschlechts-
theile. Diese Form entspricht also unserer Abtheilung A. I. oben,
wenn sie nicht gar noch darüber hinausgeht.
IL In der Ordnung Coleoptera. Hier haben einige Gattungen
der Familie Telephorides , nämlich Lampyris, Phosphaenus, Luciola
und Drilus, ungeflügelte, ungefärbte, nackte Weibchen, welche aber
mit vollkommenen Köpfen, brauchbaren Beinen und mit Geschlechts-
theilen ausgerüstet sind. Lampyris splendidula hat zwei kleine
Schuppen an den Schultern als Andeutungen der Flügeldecken,
welche der anderen Art, noctiluca, fehlen. Phosphaenus? hat nur
Flügeldecken, keine Unterflügel und die Weibchen von Drilus sind
etwa dreimal so gross als die Männchen.
Diese Formen entsprechen also ungefähr der Abtheilung A. IL
oben. Bei den Coleoptern kommt ausserdem Flügelmangel oder
-deformität bei vielen Arten in beiden Geschlechtern vor.
III. Die Ordnung Hymenoptera enthält in der Familie Mutillida
(Heterogyna) zwei Gattungen mit flügellosen Weibchen, Mutilla und
Methoca, die deshalb von Schmarda, Zoologie IL, S. 194, den andern
drei Gattungen Sapyga, Scolia, Tiphia, welche geflügelte Weibchen
haben, als Gruppe der echten Mutillen entgegengestellt werden.
Die ungeflügelten Mutillenweibchen sehen zwar von den Männchen
so verschieden aus, dass man früher eigene Arten mit ihnen gebildet
hatte, aber sie haben doch Gestalt, Färbung und Extremitäten wie
die vollkommenen Hymenopteren , denen man die Flügel ausgerissen
hat. Sie entsprechen daher ungefähr der Abtheilung A. IV. oben.
Zum Zwecke möglichster Vollständigkeit ist zwar die zugängliche
Litteratur thunlichst durchforscht, aber absolute Vollständigkeit ist
schwerlich erreicht. 3) Dies scheint indessen weniger erheblich, wenn
nur, was gehofft wird, alle vorkommenden Erscheinungsformen in
der vorstehenden Zusammenstellung repräsentirt sind.
Systematisch betrachtet finden wir unsere Deformität also lediglich
in den drei Ordnungen, welche von den Systematikern insgemein als
die vollkommensten unter den Insektenordnungen betrachtet werden,
nämlich bei Hymenoptera, Coleoptera und Lepidoptera, den eigent-
lichen Sitz der Erscheinung indessen bei der zuletzt genannten
J) Schmarda, Zoologie II. 128.
2) Stett. Entomol. Zeitung von 1870, S. 242.
3) So will z. B. Euthe bereits 1855 eine Braconide (Hymenoptera) mit
flügellosen Weibchen entdeckt haben, es konnte aber nichts Näheres darüber
ermittelt werden.
der Flügelmängel bei den Weibchen vieler Lepidopteren. 57
Ordnung, welche als die am wenigsten vollkommene von den ge-
nannten dreien gilt.
Wenn wir sodann die Unterabtheilungen der Makrolepidopteren
ins Auge fassen, so finden wir bei den im System voranstehenden
Rhopalocera und Sphingides den Mangel garnicht, wenn wir von
Heterogynis (A. III. oben) absehen. Diese Gattung hat Staudinger
aber wohl mit Unrecht und zwar lediglich wegen der Aehnlichkeit
der Raupe mit denen der Zygaenidae zu den Sphinges gestellt,
während sie, wie andere Schriftsteller, namentlich Rössler1), an-
erkennen, entschieden zu den Bombyces gehört, und wenn man nicht
wie andere Systematiker mit Unrecht gethan haben, die Atychidae
(A. IV. 6.) zu Sphinges macht. Bei den Bombyces kommt der Mangel
schon ziemlich häufig2), bei Noctuae fast garnicht vor, der eigentliche
Sitz desselben ist erst bei Geometrae zu finden. Wenn nun die
Ansicht richtig sein sollte, dass Noctuae und Geometrae systematisch,
d. h. verwandtschaftlich nur eine und dieselbe Gruppe bilden3), dann
würden wir bei den Makrolepidopteren eine nach unten stetig zu-
nehmende Häufigkeit der wirklichen Fliigelmängel zu verzeichnen
haben.
Bei den Microlepidopteren finden wir das Gleiche. In der
ersten und zweiten Unterabtheilung derselben, bei Pyralidina und
Tortricina, sind nur 2, beziehungsweise 1 Arten oder Gattungen
hierhergehörig, während die Tineina den Sitz des Mangels enthalten.
Und auch bei ihnen kommt er bei den vornstehenden Familien ver-
hältnissmässi^ seltener, sehr häufig dagegen bei der ziemlich weit
unten stehenden Familie der Gelcchiden vor.4)
Deutlich ergiebt sich aus der Zusammenstellung, dass von den
Systematikern weibliche Fliigelmängel im Allgemeinen für ein Unter-
scheidungsmerkmal untergeordneter Bedeutung gehalten werden. Das-
selbe wird wohl als solches erwähnt, aber es dient niemals zur
hauptsächlichen Begründung einer Abtheilung, vielmehr sind häufig
Arten mit weiblichen Flügelmängeln mit Arten ohne solche in einer
Familie, ja in einer Gattung vereinigt, es sind z. B. in der Gattung
Biston zwei Arten, hirtarius und stratarius ohne Flügelmängel mit
andern vereinigt , welche fast ganz flügellose Weibchen haben.
[Oben A. IV. 1. a) und 2. a)]. Diese Gleichgültigkeit ist indessen
berechtigt, denn unsere Deformität kann, wenn alle übrigen erheb-
lichen Merkmale übereinstimmen, nicht zum Verwandtschafts-Unter-
scheidungszeichen dienen.
1) Sclmppenflügler, S. 67.
2) Die Psychiden werden zwar grösstentheils zu den Bombyces gestellt,
aber sie bilden jedenfalls eine ganz eigenartige Gruppe, die namentlich mit den
übrigen Bombyces gar keine Verwandtschaft besitzt.
3) Festschrift des Vereins für Naturkunde in Cassel. 1886, S. 195 ff.
4) Man vergleiche über alles Vorstehende die am Schlüsse dieses Aufsatzes
angehängte systematisch geordnete Tabelle.
58 L. Knatz: Ueber Entstehung und Ursache
Die oben aufgestellte Reihe zeigt, dass die Uebergänge fast
unmerklich sind, wird die Reihe von der Madenform bis zu der
normalen Beflügehmg durch eine ununterbrochene Aufeinanderfolge
von Erscheinungsformen dargestellt. Es zeigt sich ferner, dass an
einer Stelle der Reihe, nämlich zwischen IV. 2. und 3., eine Gabelung
stattfindet, indem sowohl die zwei-, als die vierflügelige Form bis
zur Vollkommenheit fortschreitet , und wenn die unter B. mit-
getheilten Bemerkungen richtig sind, entfaltet sich daneben und
ausserhalb der Reihe auch noch ein sehr merkwürdiger Dimorphismus.
Schliesslich mag noch erwähnt sein, dass die Ortsveränderimg für
die Thiere bei I. ganz ausgeschlossen, bei IL, III. kaum möglich,
bei IV. 1. a) b), 2. a), 3., 4. a) b) nur mittelst der Beine, bei
IV. 2. b) c) und von 5. an aber und zwar in immer ausgiebigerer
Weise auch mit den Flügeln möglich ist.
Vergleicht man die Körper unserer Weibchen mit denen nahe-
stehender im weiblichen Geschlecht wohlbeflügelter Arten, so zeigt
sich ein erheblicher Unterschied. Die apteren und hemiapteren Thiere
haben in der Regel einen kleineren Thorax und einen grösseren
Hinterleib, als die wohlgeflügelten und zwar ist der Thorax um so
kleiner, der Hinterleib um so länger oder dicker (oder beides) je
grösser der Flügelmangel ist, auch sind hauptsächlich diejenigen
Theile des Thorax kleiner, an welchen die Flügel angeheftet sind,
also die Obertheile von Meso- und Metathorax (Notum). Bei den
Flügellosen, welchen die Beine fehlen, ist ebenso das Sternum kleiner,
bei den mit Beinen versehenen dasselbe um so grösser, je kräftiger
die Beine selbst ausgebildet sind. Bei den Weibchen unter A. I.
und IL oben ist nicht nur das Notum klein und schwach, sondern
auch das Sternum, denn auch die mit Beinen versehenen Thiere
dieser Abtheilungen können nicht laufen, ihre Beine sind zu klein
und schwächlich, dagegen haben die mit kräftigen Laufbeinen ver-
sehenen Geometriden unter IV. 1. a) b), 2. a), 3. und 4, ein wohl-
entwickeltes Sternum.
Es liegt nun um so näher, diese Erscheinungen in Beziehung
zu den Flügelmängeln zu setzen, als die Flügelzustände bei anderen
Insekten in gleicher Weise mit der Körperbeschaffenheit derselben,
correspondiren* Bei den oben genannten Rhipipteren ist der Meta-
thorax der Männchen, welche unförmlich grosse fächerförmige Hinter-
flügel und statt der Vorderflügel nur kleine zum Fliegen unbrauchbare
Stümpfe haben, abnorm gross auf Kosten der übrigen Thoraxtheile *)
Ganz besonders lehrreich für unsern Zweck ist aber ein Vorgang
bei den Aphiden, denn hier tritt der innere Zusammenhang zwischen
Beflügelung und Körperbeschaffenheit in merkwürdiger Weise zu
Tage. Bei Aphis padi werden nach einer oder einigen flügellosen
Generationen eine Anzahl ungeflügelter Weibchen lebendig geboren,
deren einige ungeflügelt bleiben, während andere gleichzeitig Flügel
bekommen. Bei diesen beiden Formen sieht man, wie der Thorax
l) Man vergleiche die Abbildung bei Schinarda. Zoologie, IL 128.
der Flügelmängel bei den Weibchen vieler Lepidopteren. 59
während des Wachsthums der Individuen sich verändert. Bei den
ungeflügelt bleibenden wird mit jeder Häutung der Thorax kleiner,
der Hinterleib grösser, bei denen, die Flügel bekommen, ist es um-
gekehrt: der Thorax wird grösser, es zeigen sich mit den ersten
Flügelansätzen zugleich Schulterblätter, der Hinterleib bleibt im
Wachsthum verhältnissmässig zurück. l) Beide Formen sind Weibchen,
die lebendig gebären, aber nicht befruchtet werden können, weil
ihnen die Samentasche fehlt. Wenn man bei diesen Aphiden, von
der Grösse der einzelnen Entwickelungsformen absehend, das eben
geborene ungeflügelte Thier in die Mitte setzt, und links die un-
geflügelt bleibenden, rechts die geflügelt werdenden Formen anreiht,
so erhält man eine fast schematische Darstellung der Flügel-
entwickelung2). Hiernach ist es völlig undenkbar, dass die
oben aufgezählten Thiere ihre jetzigen Flügelmängel, so wie sie
sind, von Anfang an gehabt haben, es muss ein Aenderungsprocess
stattgefunden haben, der rieh entweder in verschiedenen Stadien
seines Fortschreitens noch jetzt befindet oder in Folge uns un-
bekannter Ursachen in verschiedenen Stadien des Fortschreitens
anscheinend constant geworden ist.
Bisher ist nun willkührlich angenommen worden, dass der un-
streitig stattgehabte Aenderungsprocess in der Richtung von der
FlügeHosigkeit zur Beflügelung fortgeschritten ist. allein es kann
eben so gut umgekehrt gewesen Bein. Man braucht, um dies be-
greiflich zu finden, die Aphidenreihe auf der Tafel nur statt von
links her, von rechts her zu verfolgen. Eis würde dann nicht eine
Entwickelung, sondern ein*' Rückbildung stattgefunden haben.
Dieses soll nunmehr untersucht werden. Wie isl der Verlauf ge-
wesen? Haben die jetzt mit Fitigelmängeln behafteten Weibchen voll-
kommene Flügel gehabt oder sind sie von Anfang an flügellos
gewesen, stehen sie also jetzt in verschiedenen Stadien der Flügel-
entwickelung oder der Rückbildung?
Der Ortsveränderimg durch Fliegen bedürfen die Lepidopteren,
welche das Einmiethen bei*anderen Thieren, die sie transportiren
könnten, durchweg verschmähen8), dazu, um für ihre Nachkommen
bessere Nahrung aufzusuchen . um ungünstigen klimatischen oder
Witterungsverhältnissen auszuweichen (Migration), namentlich auch
zur Begattung, im Allgemeinen: zur Erhaltung der Art. Die Frage,
wie die Arten mit flügelunfähigen Weibchen sich vor dem Unter-
gange schützen, hat schon seit mehr als 100 Jahren die Biologen
') 8. Kessler, Beiträge zur Entwickelungsgv>ch. der Aphiden, Halle 1884
S. 7 und die dazu gehörigen Abbildungen. Der Autsatz ist auch abgedruckt
in: Nova acta, Leopold. ÖaroL, Band 47, Nr. 3, S. 111.
a) Siehe die Abbildung- auf der angehängten Tafel unter 24.
8) Die wenigen, übrigens sämmtlich in beiden Geschlechtern wohlbeflügelten
Arten, welche an Produkten der menschlichen Kultur, z. B. Wolle, dürres Obst,
aufgespeichertem Getreide, Abfällen leben, können allerdings mit ihren Nähr-
stoffen transportirt werden und so Ortsveränderungen erlangen.
60 L. Knatz: Ueber Entstehung und Ursache
beschäftigt , aber soweit wir die Litteratur haben durchforschen
können, ohne Resultat. Rössler, der Vater der Biologie, wirft in
seinen „Insektenbelustigungen" von 1747, Bd. I. S. 131, diese Frage
auf und schreibt dann, nach dem er erzählt hat, dass ein Pärchen
Orgyia gonostigma [s. oben A. IV. 2. a)] in copula in seinem Zimmer
„einen guten Strich weit" geflogen sei, wörtlich: „hier sah ich nun
meinen Zweifelsknoten auf einmal gänzlich aufgelöst und konnte
mich über die kluge Einrichtung des weisen Schöpfers nicht genug
verwundern". Die Ansicht Rösslers, dass die Ortsveränderung in
copula stattfinde, ist indessen nicht richtig, denn jener Flug hätte
bei dem Schwergewicht des flügellosen Weibchens im Freien wohl
kaum länger gedauert, als im Zimmer, er erfolgte wohl auch nur
wegen der Beunruhigung der Thiere durch den Beobachter. Dass
in der freien Natur solche Flüge nicht stattfinden, ergiebt sich mit
Sicherheit daraus, dass die Eier der Orgyia -Arten stets auf dem
Gespinnste, bei 0. dubia sogar im Gespinnst der Mutterpuppe ge-
funden werden. Die Mutter entfernt sich also niemals freiwillig
von ihrer Ausschlupfstelle. Im Jahre 1881 schreibt Rössler
in den mehrerwähnten „Schuppenflüglern" S. 44 bei Besprechung
der Lebensweise von Orgyia antiqua: Das Weibchen legt seine Eier
immer auf sein Puppengespinnst , so dass die Ausbreitung der Art
nur in ungeheuren Zeiträumen durch Fortkriechen der Raupe, Ver-
schleppen der Eier mit den Baumstämmen (an denen die Gespinnste
angeheftet sind) durch den Menschen, oder durch Urentstehung der
Art an vielen Orten zugleich denkbar ist."
Urentstehung der Arten an allen Orten, wo sie jetzt vorkommen,
ist um so unwahrscheinlicher, als sehr viele von unseren Arten über
das ganze Faunengebiet verbreitet sind1), die Urentstehung müsste
also nicht nur unter sehr verschiedenartigen klimatischen und sonst
lokalen Verhältnissen, sie könnte auch erst nach Beendigung der
grossen continentalen Veränderungen , also in verhältnissmässig
neuerer Zeit stattgefunden haben.
Transport der Eier durch nienscfiliche Thätigkeit würde den
Zeitpunkt der Ausbreitung in eine noch viel spätere Periode legen
und überhaupt den jetzigen Verbreitungszustand wohl keinenfalls
in Bezug , auf diejenigen Arten erklären, die ihre Eier an Gegen-
stände legen, welche von Menschen nicht transportirt werden, z. B.
an sog. Unkraut, an Wasserpflanzen, wie Acentropus (s. oben unter B.)
dies thut, u. A. mehr.
Die Marschfähigkeit der Raupe ist bei vielen unserer Arten
überhaupt nicht vorhanden; aber auch bei den mit guten Geh-
werkzeugen ausgerüsteten können durch sie nicht Hindernisse, wie
Wasserflächen, Gebirgskämme überwunden werden. Der von Rössler
angedeutete Erklärungsversuch dürfte sonach misslungen sein.
*) S. z. B. Speyer, üher Verbreitung der Psychiden, in der Stett. Eni
Zeitung v. 1852 S. 319. Manche der nur an wenigen Orten vorkommenden
Arten mögen Localvarietäten anderer sein oder gewesen sein.
der Flügelmängel bei den AYeibchen vieler Lepidopteren. ß\
Die Vergleichung der Lebensweise unserer Arten mit der anderer
in -beiden Geschlechtern wohlgeflügelten führt zu keinem besseren
Resultat ; weder in Bezug auf die Nahrung, noch auf die Erscheinungs-
zeit der verschiedenen Entwicklungsstadien, noch auf die Form, in
welcher sie überwintern, unterscheiden sich unsere Arten von anderen.
Allerdings überwintert von unsern Arten keine als imago, allein da
dies überhaupt nur bei etwa 100 — 200 Arten der Fall ist l), so kommt
dieser Umstand nicht in Betracht. Das Wasserleben der Raupe,
wie es die von Acentropus niveus führt, ist unerheblich, denn die
Arten des Genus Palustra, deren Raupen völlige Wasserthiere sind,
haben wohlgeflügelte Weibchen. -) Für die Sackträgereigensehaft der
Psychidenraupen (s. oben A. I. u. II.) gilt dasselbe, weil viele weiblich
wohlbeflügelte Gattungen und Arten auch sacktragende Raupen haben,
z. B. die artenreiche Gattung Coleoptera.
Endlich bringt auch die Betrachtung der Berlügelungsverliältnisse
bei anderen Insektenordnungen keinen Aufschluss. Die oben unter
C. IL erwähnten Käfer bieten dieselbe Schwierigkeit , wie unsere
Lepidopteren dar, bei den echten Mutillen und den Rhipiptcren
dagegen liisst sich die Ausbreitung ebenso wie bei sehr vielen in
beiden Geschlechtern flügellosen Insekten ans ihrer parasitischen
Lebensweise erklären.8) Die Untersuchung nicht parasitischer in
beiden Geschlechtern flügelloser Insekten anderer Ordnungen würde
schwerlich für unsere Untersuchung geeignetes Material liefern.
Wir kommen also zu dein negativer Resultat : wären die Weibchen
unserer Arten von jeher angeflügelt gewesen, so hätten Letztere un-
möglich ihre jetzigen Wohngebiete besetzen können. Die Weibchen
müssen dalier früher geflügelt gewesen sein und es hat also eine
Rückbildung stattgi fanden.4)
Rückbildung isl das Wahrscheinlichere an sich, weil die Ver-
änderung nur in einem Geschlechte vorhanden ist, während das
andere, das männliche, die Flügel gerade bei unseren Arten ganz
*) S. Verzeichnisse von Arten mit Ueberwinterung der imago, von Zeller
in Stett. Ent. Zeitung v. 1853, S. 50; von Speyer, Stett. Ent, Zeitung v. 1858,
S. 74; von Wiesenhütter, ibid. v. 1859, S. 387, Zeitschr. für Entom. in Breslau,
14. Heft v. 1889, S. 11.
2) Stett. Entomol. Zeitung v. 1878,. S. 223.
3) Man vergleiche über Mutilla europaea die Arbeit von Drewsen in Stett.
Ent. Zeitung v. 1847, S. 210, über Rhipipteren die von v. Siebold ibid. von
1870. S. 242.
4) Eine solche scheint auch Kane anzunehmen, wenn er in Report on
Irish Lepidoptera 1884 die Vermuthung aufstellt, dass die in kälteren Jahres-
zeiten lebenden ungeflügelten Geometridenweibchen , wenn sie geflügelt wären,
durch die in diesen Jahreszeiten herrschenden Stürme leichter erfasst und ver-
nichtet werden könnten. Alsdann müssten aber andere zu gleicher Zeit fliegende,
mit wohlgeflügelten Weibchen versehene zartflügelige Spanner, z. B. Cidaria
Dilutata, wohl schon vernichtet sein, während doch diese Arten überall häufig
vorkommen.
62 L. Knatz: Ueber Entstehung und Ursache
besonders kräftig ausgebildet bat. Unsere Erklärungsweise können
nicbt nur die Anbänger der Lamark'schen Theorie von der Ver-
erbung erworbener Charaktere, sondern auch die diesen Satz im
Allgemeinen verneinende Weissinann' sehe Partei genehmigen, denn
Weissmann behauptet, dass das Rudimentärwerden von Organen
durch Nichtgebrauch sich sehr wohl und sogar recht einfach ohne
Zuhilfenahme der Lamark'schen Theorie erklären lasse1), und dieser
Fall würde hier vorliegen, wie weiter unten gezeigt werden soll.
Fälle von Rückbildung sind bei den Insekten und speciell bei
den Lepidopteren keineswegs etwas unerhörtes. Die Raupe von Aglia
tau hat bekanntlich ex ovo 5 lange auffallende rothe gegabelte Dornen,
die sich später spurlos verlieren. Noch näher liegt uns die rück-
schreitende Metamorphose der Gattungen Psyche und Epichnopteryx.
Denn während, wie oben unter A. I. geschildert, die imagines bei
diesen Thieren im weiblichen Geschlecht gliederlose Maden sind,
besitzen die weiblichen Raupen genau dieselben Organe wie die
männlichen. Es widerspräche den Gesetzen der Entwickelungslehre,
wenn man annehmen wollte, dass die als solche vollkommene Raupe
sich zunächst zu einer Made zurückgebildet hätte, um dann diese
künftig zu einem vollkommenen Insekt zu entwickeln und dass
gleichen Schrittes daneben her fortwährend das Männchen ein höchst
vollkommener Schmetterling geblieben wäre. Rückbildung nimmt
man bekanntlich jetzt auch in Bezug auf die augenlosen oder mit
mehr oder weniger unvollkommenen Augen versehenen Höhlen -In-
sekten an. Endlich spricht auch der Umstand für Rückbildung,
dass die Deformität, wie oben gezeigt, sich nicht immer über ganze
Familien oder auch nur Gattungen verbreitet, dass er vielmehr oft
bei den nächsten Verwandten deformer Arten nicht vorhanden ist.
Denn Rückbildung ist eine von Zufälligkeiten abhängige Erscheinung,
die recht wohl bei einzelnen Arten denkbar ist, während eine or-
ganische Weiterentwickelung wohl alle Verwandten einer Gruppe
durchweg ergriffen haben müsste.
Wir können aber von allen diesen immerhin nur Schlüsse, keine
Beweise darstellenden Erwägungen absehen, denn es liegt eine Art
Urkundenbeweis für Rückbildung vor. Die Puppe und vorher
die Raupe bildet die aus Chitin bestehende Scheide für den Flügel
wohl erst dann, wenn ein solcher überhaupt vorhanden ist, denn
vorher hätte ein Schutz desselben in der Form der Puppenschale
und diese selbst keinen Sinn. Die in der Flügelscheide der Puppe
vorgebildete Form des Flügels hätte keinen Zweck, wenn nicht das
vollkommne Insekt geflügelt ist. Nun besitzen aber die un-
geflügelten Weibchen unserer Arten meistens Flügel-
scheiden. Es lässt sich hier eine ähnliche Reihe bilden, wie bei
den imagines. Die weiblichen Puppen von Psyche und Epichnopteryx
*) Weissmann, Vortrag über die Hypothese einer Vererbung von Ver-
letzungen, gehalten auf der Naturforschervers, in Köln 20./9. 1888. Separat-
abdruck: Jena. 1889.
' der Flügelmängel bei den Weibchen vieler Lepidopteren. 63
besitzen keine Flügelscheiden.1) Ebensowenig die der zu A. IL ge-
hörigen Gattung Fumea und der Art Epichnopteryx helix.2) Von
Wockii ist mir die Puppe nicht bekannt. Dagegen haben die weib-
lichen Puppen der unter A. IL oben aufgeführten Familie Talae-
poridae deutliche, wenn auch kleine Flügelscheiden, obwohl die
imagines, wie oben bemerkt, keine Spur von Flügeln zeigen und ob-
wohl, wie der Verfasser dieses Aufsatzes festgestellt hat, auch in der
Puppe wochenlang vor dem Auskriechen irgend ein Ansatz zu Flügeln
sich nicht findet. Nicht minder besitzen die unter A. IV. oben ver-
zeichneten Arten sämmtlich Flügelscheiden und zwar bereits die der
Gattung Orgyia völlig so grosse, wie sie zu vollständig entwickelten
Flügeln gehören würden, jedenfalls viel grössere, als zur Bedeckung
ihrer winzigen Flügellappen nöthig wäre.3) Die Gattung Acentropus
unter B. oben hat ebenfalls und zwar normal entwickelte Flügel-
scheiden sowohl an den Puppen, welche unvollkommen, als an denen,
welche vollkommen beflügelte Falter weiblichen Geschlechts ent-
halten.4; Durch diese letzteren Thatsachen wird ohne Weiteres der
Einwand widerlegt, dass etwa die bei Annahme ursprünglicher Flügel-
losigkeit und allmählicher Entwicklung der Flügel allerdings not-
wendig bereits in der Raupe und Puppe vorhanden zu denkende
Flügelanlage die Flügelscheide der Puppe erzeugt hätte, während die
Flügelanlage noch nicht so weit vorgeschritten wäre, dass sie beim
vollkommenen Insekt bereits zu Tage treten könnte. Denn alsdann
dürfte die Flügelscheide nicht grösser sein, als die Flügelanlage,
bezwse. der dann schon so weil einwickelte Flügellappen der Weib-
chen. Es dürfte die Flügelscheide dann auch nicht anders gestaltet
sein, als die Flügelstümpfe des vollkommnen Insekts, wie dies aber
z. B. bei Orgyia der Fall ist. (S. die Tafel unter 8). Aus diesen
Gründen wird man annehmen müssen, dass die Flügelscheide ein
rudimentäres Gebilde und da ss die Flügeldeformität eine
') Die Figur 35, Taf. III. bei Wilde, Raupen, darstellend die Pupp'1 von
Psyche villosella, zeigt zwar eine Flügelscheide 3 aber mit unrecht Im Text
S. 71 sagt Wilde Belbst, dass allen Pnppen der Familie Psychidae, d. h. der
Gattungen Psyche, Epichnopteryx und Fumea, die Fingelscheiden fehlen. (Siehe
auf der Tafel unter i. 5. 6. 7.
-) S. Claus in Stett. Ent. Z. v. 1860, S. 358.
3) Man vergleiche auf der Tafel Fliigelscheide und Flügellappen von
Orgyia Gonostigina unter 8a und 8b.
4) S. gegen v. Nolcken, welcher in der Stett. Ent. Zeitg. v. 1869. S. 275
das Gegentheil behauptet, bei Ritsema a. a. 0. S. 20 der Tijdschr. voor Entom.
Bd. XXI.
Das Geschlecht kann man, wie Speyer (Rhoden) entdeckt und in der Iris
v. 1845, S. 857 veröffentlicht hat, bereits an der Puppe sicher feststellen. Die
männliche hat in der Mitte der Bauchseite des letzten Segments 2 kleine durch
eine Längsfurche getrennte rundliche Höcker, die weibliche statt dessen vorn
an der Bauchseite des 8. Ringes eine seichte Längsfurche.
64 L. Knatz: Ueber Entstehung und Ursache
Folge von Rückbildung ist.1) Die oben bereits citirte, von Zeller in
der Stett. Ent. Zeitg. von 1873, S. 123 bezeugte und von ihm als
darwinistischer Ansatz zur Weiterbildung und Vervollkommnung be-
zeichnete Thatsache, dass ein Weibchen von Cheimatobia boreata
(oben A. IV. 4. a.) einen Vorderflügel von doppelt so grosser, als der
gewöhnlichen Länge und auch grössere Hinterflügel gehabt habe, als
gewöhnlich, würde alsdann Rückschlag in frühere Zustände (Ata-
vismus) sein.
Die Schwächlichkeit oder der Mangel der Gehwerkzeuge bei
den ersten Abtheilungen unserer Arten würde demnach als Ver-
kümmerung, also auch als Rückbildung zu bezeichnen sein. Sie
brauchen keine Ortsveränderung mehr vorzunehmen, ihr ganzes
Dasein spielt sich in oder auf dem Sacke oder dem Puppengespinnst
ab und sie haben ihre Beine durch Nichtgebrauch entweder verloren
(A. I.) oder bis zur Unbrauchbarkeit verkümmern lassen. Der Lege-
stachel endlich ist auch nur noch ein rudimentäres Organ. Bei A. I.
ist er bereits verschwunden, bei A. IL wenigstens ganz unnöthig,
denn die Eier bedürfen nicht mehr der sorgfältigen Einbohrung in
die entsprechenden Theile der Futterpflanze, wozu der Legestachel
das sehr geeignete Werkzeug ist, sie werden in oder auf dem Sacke
abgelegt. Die Reichhaltigkeit und Mannigfaltigkeit der hier ge-
schilderten Rückbildungserscheinungen dürfte wohl, soweit uns be-
kannt, in der übrigen Thierwelt ohne Beispiel sein.
Warum nun gerade unsere Arten und nicht andere, oder warum
nicht auch andere dieser Rückbildung verfallen sind, diese Frage
wird bei dem jetzigen Stande unserer Erkenntnissmittel wohl kaum
zu beantworten sein. Es soll aber der Versuch im Folgenden ge-
macht werden, die Möglichkeit der hier in Rede stehenden Rück-
bildung im Allgemeinen darzulegen.
Durch äussere Einwirkung entstehen wie an andern Theilen
der imago auch an der Beflügelung zuweilen zufällig Deformitäten.
Der Verfasser dieses Aufsatzes besitzt mehrere Exemplare von Lepi-
cloptern, deren Flügelverkrüppelungen den von uns oben betrachteten
nahe kommen:
1. eine Acronycta aceris $, deren Hinterflügel verkümmert sind,
während die Vorderflügel breiter und grösser als sonst sich ent-
wickelt haben. Annäherung an oben A. IV. 2.;
2. eine Smerinthus ocellata ?, deren vier Flügel so klein ge-
blieben sind, wie sie in der Puppe erscheinen. Oben A. IV. 3.;
3. einen Hyponomeuta padellus, dessen Flügel schmäler als ge-
wöhnlich und in Spitzen ausgezogen sind. Oben A. IV. 5. a. ;
*) Interessant wäre es, an grösseren Thieren der Abtheilung A. I. oben,
z. B. bei der etwa 5 Centimeter langen Psyche Grigantea, Südamerika, zu unter-
suchen, ob sich in der Raupe noch eine Flügelanlage findet. Die hiesigen Arten
der Abth. A. I. sind zu klein, um solchen Untersuchungen Erfolg zu ver-
sprechen.
der Flügelmängel bei den Weibchen vieler Lepidopteren. 65
4. einen Bupalus piniarius $ , dessen Flügel schmäler als sonst
und nach Aussen gerundet sind. Oben A. IV. 5. b. ;
5. eine Xylocampa areola $, welche bald nach dem Verlassen
der Puppenhülle getödtet und gespannt wurde, deren Flügel daher
nicht vollständig entwickelt sind. Oben A. IV. 6.
Solche Verkrüppelungen entstehen, abgesehen von rein mechani-
schen Ursachen, Druck oder Stoss auf die Puppe, Verletzung der-
selben, entweder während des Raupenstandes durch mangelhafte
Ernährung oder während des Puppenstandes durch Mangel an dem
für die Art nothwendigen Maasse von Feuchtigkeit oder Wärme
oder von beidem. Für den Raupenstand ergiebt sich dies aus der
feststehenden Thatsache, dass durch besonders kräftiges und saftiges
Futter gerade die Flügelentwickelung befördert wird,1) als einem
argumentum e contrario. Für den Puppenstand steht es nach
allgemeiner Erfahrung fest, dass durch Wärme die Entwickelung der
Flügel gefördert, durch Kälte gehemmt wird. In den Tropen ist
gerade die Flügelentwickelung eine besonders üppige, im Norden
und auf Gebirgen eine geringe.
Die Puppen vieler Arten lassen sich künstlich zu Flügelkrüppeln
erziehen, wenn man sie zu wenig feucht hält. Troska in Leobschütz
geht noch weiter. Er berichtet in der „Natur" von Ule- Müller
N. 51 89. S. 613 über sehr interessante Versuche, die er bei zahl-
reichen Arten angestellt hat, um die Puppen künstlich zu ernähren
und zwar durch Ausstreichen von Nährstoffen auf die Flügelscheiden
und mit dem Erfolg stärkerer Flügelentwickelung. Wir halten es
danach für wahrscheinlich, dass die Puppen, welche nicht in festen
Gespinnsten liegen, auch in der freien Natur ausser Wasser auch
noch andere Stoffe durch Endosmose aufzunehmen im Stande sind.
Ungünstige klimatische Veränderungen in der Heimath der Art
oder auch nur mehrjährige ungünstige meteorologische Verhältnisse
werden nun. wenn rie während dea Raupenstandes wiederkehren,
und namentlich wenn sie alsdann die Futterpflanze ungünstig be-
einflussen, ebenso aber auch, wenn sie während des Puppenstandes
bestehen, die Wirkung üben, dass die Beflügelung bei mehr oder
weniger zahlreichen Individuen der Art verkrüppelt ausfällt. Soweit
dies Männchen sind, wird die Sache keine Folgen haben, denn flügel-
deforme Männchen können die Weibchen nicht aufsuchen, anscheinend
überhaupt keine copula vollziehen, sei es, dass die Weibchen sie
nicht annehmen oder dass der Flügelmangel die Vorbereitungen dazu
unmöglich macht. Flügeldeforme "Weibchen dagegen werden wie
wohlgestaltete befruchtet. Wenn dies längere Zeit sich fort-
setzt, so ist der Anstoss gegeben und die Möglichkeit der
') S. Rössler, Schuppenflügler, S. 134. Anmerkung. Ferner Zeller in der
citirten Stelle der St. Ent. Zeitg. v. 1873, S. 123, welcher freilich die bei Cheimat.
boreata $ gefundene abnorme Flügelentwickelung, wie oben bemerkt, als einen
, Darwinistischen Ansatz zur Weiterbildung und Vervollkommnung" ansieht.
Archiv f. Naturgesch. Jahrg. 1891. Bd. I. H. 1. 5
QQ L. Knatz: Ueber Entstehimg und Ursache
Constanz des Flügelmangels und zwar nur beim weib-
lichen Geschlecht vorhanden.1) Diese Deformität wirkt nun
wahrscheinlich vortheilhaft. Die damit behafteten Weibchen können
nicht mehr so gut fliegen, wie die andern, sie können daher dem
Feinde, wenn sie fliegen, nicht mehr so gut entschlüpfen. Deshalb
bleiben sie sitzen und das ist vortheilhaft für sie, denn mit Hülfe
ihrer Bergungsmimicry 2) fallen sie dann den Feinden weniger leicht
zum Opfer und selbst wenn sie sitzend gesehen werden sollten,
werden sie, wenn die Flügel recht klein sind, leichter mit widrigen
Thieren, Spinnen oder Wanzen, verwechselt. Der vortheilhafte In-
stinkt des Sitzenbleibens wird vererbt.
Je weniger die Thiere die Flügel gebrauchen, desto früher
werden dieselben durch Nichtgebrauch verkümmern. Damit zugleich
wird der Thorax schwinden, der Hinterleib wachsen. Es tritt die
durch die Aphidenreihe oben S. 58 bezeichnete Rückbildung ein. Mit
der Vergrösserung des Hinterleibes ist die Vergrösserung des Eier-
stockes verbunden. Je mehr Eier das Weibchen legt, desto grösser
ist im Zweifel die Nachkommenschaft, die wiederum durch Ver-
erbung dieselbe Eigenschaft auf die ferneren Generationen überträgt.
Die besser beflügelten Weibchen gehen immer mehr zu Grunde,
haben weniger Nachkommen, verschwinden endlich ganz. Der
jetzige Zustand ist erreicht und (für unsere Zeit) constant geworden.
Die grössere Fruchtbarkeit der Weibchen ist für die Erhaltung der
Art vortheilhaft. Denn da sie ohne zu fliegen sich den Männchen
weniger leicht bemerkbar machen können, bleibenmanche unbefruchtet.
Vielleicht erklärt sich daraus die gerade bei einigen unserer Arten
vorkommende Parthenogenesis (z. B. bei Solenobia). Die Er-
schwerung des Auffindens der Weibchen bewirkt bei den Männchen
durch Zuchtwahl die stärkere Entwicklung der Flügel.
Diese theoretischen Annahmen scheinen nun durch die That-
sachen bestätigt zu werden.
Die Männchen unserer Arten haben im Verhältniss zu ver-
wandten weiblich wohlbeflügelten nicht nur stärker entwickelte
Flügel, sie entfalten auch eine grössere Thätigkeit, indem sie hitzig
und rastlos weit hinweg umherstürmen3). Sie werden trotzdem
seltener als viele andere Arten am Licht oder am Köder ge-
fangen, an Blüthen und andern Genussmitteln angetroffen, ja es
1) Dysing, Brooks und Eimer nehmen zwar an (S. Kosmos XVH. S. 63,
466, XIX. S. 461), dass das Männchen neu erworbene Eigenschaften vererbt,
das Weibchen die alten conservirt, aber das kann dahin gestellt bleiben, denn
für Rückbildungen hat es sicher keine Geltung.
2) S. Knauer in „Humboldt" I. 1882. S. 13 f. ; Wallace in „Kosmos"
IV. S. 118.
3) Dieselbe Eigenschaft haben die Männchen solcher Arten, deren Weibchen
zwar wohl beflügelt sind, aber ruhig sitzend die Männchen erwarten namentlich
die oben S. 51 erwähnten Bombyciden. Es sind dieselben, denen Kogenhofer,
wie oben S. 49 bemerkt, eine gleiche Rückbildung in Aussicht stellt.
der Flügelmängel bei den Weibchen vieler Lepidopteren. 67
scheint, als wenn der Mangel an freier Zeit und die Unmöglichkeit
ihre Weibchen an Genussmitteln anzutreffen, bei ihneu eine Rück-
bildung des Genussorgans, der Zunge, verursacht hätte. Es ist
wenigstens auffallend, dass den meisten unserer Arten die Zunge
auch im männlichen Geschlechte gänzlich fehlt oder verkümmert
ist, während sie bei nahe verwandten Arten ohne weibliche Flügel-
mängel wohl entwickelt ist1). Dabei ist noch besonders bemerkens-
werth, dass in der Regel die Zunge um so stärker verkümmert ist,
je grösser die Flügeldeformität des Weibchens ist. Möglich wäre
es, dass zugleich die Weibchen die bei ihnen wohl sicher zuerst
aufgetretene Rückbildung der Zunge durch Vererbung auf die
Männchen übertragen hätten2).
Ferner zeichnen sich die Weibchen unserer Arten durch ganz
besonders stark ausgebildeten Hinterleib, kleinen Thorax aus, wie
schon oben dargestellt. Sie legen auch besonders viele Eier. Ge-
nauer kann dies noch nicht angegeben werden, weil das Verhältniss
der Eierzahl bei den verschiedenen Arten der Lepidoptern leider
noch nicht genau festgestellt ist3). Bei unseren Weibchen finden
wir sodann Lebensgewohnheiten , die den offenbaren Zweck haben,
den Männchen das Auffinden der Weibchen zu erleichtern. Wocke
berichtet in der Stettiner Entomol. Zeitung von L871, S. 426, dass
nach seiner Beobachtung die weiblichen Säcke einer von ihm neu
entdeckten Psychide an höheren und also für die Männchen leichter
auffindbaren Stellen angeheftet waren, als die männlichen. Die
flügellosen Spannerweibchen kriechen vom Erdboden in welchem
die Puppe ruhte, am Stamme eine Strecke weit in die Höhe und
erwarten da die Männchen. Die Schwierigkeit des Auffindens wird
ausserdem durch die bei unsern Arten in der Regel besonders starke
Entwicklung der männlichen Fühler verringert. Denn diese sind
wohl zweifellos als diejenigen Organe anzuseilen, welche die unserem
Geruchsorgan entsprechenden Funktionen haben. Bei den meisten
unserer Arten sind die Fühler der Männchen stark gefiedert, bei
den Talaeporiden wenigstens gewimpert4).
») Sie fehlt z. B. unsern Bistonarten (oben A. IV. 1., a., 2., a.,) während
Biston Stratarius und der nahe verwandte Amphidasis Betularius brauchbare
Zungen haben. Aufnahme von Nahrung von flachen Stellen, Baumsaft,
schwitzendem Schilf, ist indessen wahrscheinlich auch bei defekter oder
fehlender Zunge möglich, weil Mund und Verdauungsorgan vorhanden ist. Nur
der Genuss von Blüthenhonig ist sicher versagt.
2) Man vergleiche wegen der Zungenverhältnisse die angehängte Tabelle
3) Eine tropische Psychide soll über 3000 Eier legen. S. Stett. Ent. Z. v.
1874, S. 236. Sintenis nimmt bei unseren Arten grössere Fruchtbarkeit an.
Stett. Entom. Zeitg. v. 1878, S. 399.
4) S. die angehängte Tabelle.
5*
ßg L. Knatz: "[Jeher Entstehung und Ursache
Durch die geschilderten Eigenschaften der Männchen wird wahr-
scheinlich die schädliche Inzucht verringert, indem die Männchen
durch ihre Hitze veranlasst werden, weit wegzufliegen und alsdann
Weibchen anderer Gelege zu befruchten.
Die Möglichkeit, besonders geeignete Plätze für die gute
Ernährung der Nachkommenschaft beim Eierlegen auszusuchen ist
bei unsern Weibchen, soweit sie nicht, wie manche Geometriden
und Microlepidopteren mit tüchtigen Laufbeinen ausgerüstet sind,
allerdings ausgeschlossen. Dafür sind entweder ihre Raupen gute
Läufer, wie die von Orgyia, oder ihre Nahrung ist ringsum den Sitz
des Mutterthieres so reichlich vorhanden, dass sie deshalb einer
Ortsveränderung nicht bedürfen. So leben die Psychidenraupen meist
von Gras oder Flechten, andere an massenhaft wuchernden Kräutern.
Bei dieser Darstellung haben wir hauptsächlich diejenigen
unserer Arten im Auge gehabt, welche gar keine oder nur mittelst
der Beine Ortsbewegung haben. Dasselbe gilt wohl auch für die
unter B. genannten Telephoriden. Für die Rhipiptern und Mutillen
ist die Rückbildung, wenn der Anstoss einmal gegeben war, wohl
schon aus der parasitischen Lebensweise, welche die Beflügelung der
Weibchen unnöthig machte, erklärbar. Schwieriger ist die Sache
bei den unter B. genannten Lepidoptern. Bei Euprepia Rivularis
wäre es immerhin möglich, dass die Rückbildung nur bei diesem
entweder noch jetzt oder für eine frühere Zeit als Varietät zu be-
zeichnenden Thiere aus localen Ursachen entstanden wäre zu einer
Zeit, wo dasselbe bereits von der Stammart pudica räumlich getrennt
war. Bei Acentropus könnte man daran denken, dass die geflügelten
Weibchen ähnlich wie bei den Aphiden besondere noch unbekannte
Funktionen, etwa Ausbreitung der Art, hätten und dass deshalb die
Beflügelung bei einem Theil der Weibchen erhalten geblieben wäre1).
Bei Xysmatodoma aber ist die Sache völlig unerklärlich und zwar
ebenso, wenn man Entwicklung, als wenn man Rückbildung als das
richtige unterstellt. Wenn nicht eine Verwechslung mit anderen Arten
vorliegt, so wäre nur noch möglich, dass die in den Jahren 1869 und
1870 allein aufgetretenen geflügelten Weibchen aus Eiern oder Puppen
stammten, welche mit Baumstämmen, an denen sie sich befanden,
aus Deutschland nach England verschleppt waren, während die sonst
constante Verschiedenheit der Beflügelung in Deutschland und
England wie bei Euprepia rivularis zu erklären wäre.
Die Verschiedenheit des Grades, in welchem die einzelnen
Arten von der Rückbildung ergriffen sind, gibt zu folgender Schluss-
betrachtung Anlass:
Die unter A. oben dargestellte Reihe bezeichnet in umgekehrter
Ordnung zugleich für die einzelnen Arten die verschiedenen Stadien,
welche sie von der vollkommenen Beflügelung an bis zu dem uns
*) Ritseina sucht 1. c. die Verschiedenheit durch Generationswechsel zu
erklären.
der Flügelmängel bei den Weibchen vieler Lepidopteren. 69
jetzt als constant erscheinenden Zustand durchlaufen haben, der-
gestalt, dass z. B. die Psychiden zunächst mit der Form unter IV.
6., begannen, durch die Formen 5., 4, 3., oder 2., zu IV. 1., III, II
hindurchgingen, bis sie denn nun jetzt theilweise bei I. angekommen
sind. Die Rückbildung wird wohl bei den einzelnen Arten, da die
Faktoren dieselben waren, bis zu dem gleichen Stadium auch un-
gefähr eine gleiche Zeitdauer gehabt haben. Es ist alsdann möglich:
entweder sind alle unsere Arten gleichzeitig von der Rückbildung
betroffen und dieselbe ist aus unbekannten Ursachen bei den ver-
schiedenen Abtheilungen zu verschiedenen Zeiten constant geworden,
oder die einzelnen Arten sind in der oben angegebenen Reihenfolge
nach und nach ergriffen und durch eine unbekannte Ursache gleich-
zeitig constant geworden. Beides ist nach den Grundsätzen der
Entwicklungslehre höchst unwahrscheinlich. Die Rückbildung schreitet
fort, wir haben von diesem Fortschreiten nur deshalb keine Kenntniss,
weil die einzelnen Stadien menschlich betrachtet sehr lange Zeit-
räume hindurch dauern, so dass der jetzt vorhandene, wissenschaftlich
nur bei einzelnen Arten seit längerer Zeit und selbst bei diesen kaum
hundert und fünfzig Jahre bekannte1) Zustand für unsere Begriffe
constant zu sein scheint.
Wenn das richtig ist, dann würden die in der Rückbildung am
weitesten vorgeschrittenen Arten für unser Gebiet zugleich die ältesten
von unseren Arten Bein, denn es ist wohl zu vermuthen, dass wenn
die andern damals bei uns bereits existiri hätten, die Rückbildung
sie ebenfalls ergriffen haben würde, weil Einwanderung mit dem
weiblichen Flügelmangel ausgeschlossen und die Ursache der Rück-
bildung, wie wir glauben, auch bei ihnen vorhanden war. Die in
der Reihe folgenden Arten sind dann jedesmal während der ersten
Kälteperiode, die sie nach ihrer ürentstehung oder Einwanderung
bei uns erlebten, von der Rückbildung betroffen worden.
Die Psychiden wären also als die ältesten bei uns entstandenen
oder heimisch gewordenen Lepidoptern anzusehen, auf sie würden
die zu den Bombyces und die zu den Geometrae zählenden Arten
nach und nach gefolgt sein.
Dies würde den Ansichten von Speyer und Müller entsprechen,
welche aus der von ihnen darzulegen versuchten Verwandtschaft
der Psychiden und Phryganiden den Schluss ziehen, dass die Lepi-
doptern überhaupt und zunächst die Psychiden sich aus den
Phryganiden entwickelt haben.2)
l) S. oben das Citat von Rösel über Orgyia gonostigma S. 60.
-) Fr. und H. Müller in „Kosmos" Bd. IV. S. 386 ff. und Speyer in der
Stett. Entoin. Zeitung v. 1869, S. 400 und v. 1870, S. 202 ff.
70
L. Knatz: Ueber Entstehung und Ursache
Tabelle
der Lepidopteren mit weiblichen Flügelmängeln in der Reihenfolge
des Systems Staudinger -Wocke, mit Angabe über die Fühler des
Männchens und die Zunge in beiden Geschlechtern.
der Flügelmängel bei den Weibchen vieler Lepidopteren.
71
72
L. Knatz: Ueber Entstehung und Ursache
der Flügelniängel bei den Weibchen vieler Lepidopteren. 73
Tafelerklärung
Die Figuren 1, 2a, 3, 8b, 9—23 stellen imagines dar. Bei jeder einzelnen
ist die Abtheilung, zu der sie in der S. 51 ff. aufgestellten Reihenfolge gehören,
mit Buchstaben und Zahlen bezeichnet.
Die Figuren 2b, 4, 5, 6, 7, 8a stellen Puppen dar.
Bei 1, 2a, 2b und 3, welche in Vergrößerungen gezeichnet sind, ist die
natürliche Grösse in darüber gesetzten Horizontralstrichen angedeutet. Die
andern Figuren sind in natürlicher Grösse gezeichnet ausser 24.
Die Figuren 4, 5, 6, 7, 8a sind der Tafel EU, No. 35, 36, 37. 38 und 51
in dem Werk von 0. Wilde, System. Beschr. d. Raupen ff., Berlin 1861, entnommen;
die Figuren 14a, 14b und 15 dem Braun'schen Schmetterlingswerk, die Figuren
23a, 23b und 23b dem Seite 55 citirten Werke von Ritsema, die Figur 24 dem
Seite 59 citirten Werke von Kessler, alle übrigen sind vom Verfasser (nur
No. 9 von einem Freunde in Wien) nach der Natur gezeichnet. Bei No. 20,
21, 22, 23, ist die Zeichnung der Flügel als unerheblich, ja störend, weggelassen,
da es nur auf den Flügelumriss ankam.
Die einzelnen Figuren stellen dar:
74 L. Kna tz.
Beschreibung einiger neuen Copepoden
und eines
neuen copepodenähnlichen Krebses, Leuckartella paradoxa.
Von
Charles L. Edwards. A. M.
Hierzu Tafel III- V.
Einleitung.
Die hier beschriebenen Crastaceenformen wurden bei der Unter-
suchung einiger in den flachen Küstengewässern der Bahama Inseln
gesammelten Exemplare von Mülleria Agassizii Sei. gefunden.
Sie lagen in der Leibeshöhle dieser llolothurien. eingebettet in eine
bräunliche aus Schleim bestehende Masse, die ausserdem noch häufig
eine Anzahl hartschaliger und gestielter Eier einschloss. Diese Eier
besassen trotz ihrer Kleinheil eine unverkennbare Achnlichkeit mit
denen von Branchiobdella und dürften wohl gleichfalls von einem
Wurme herrühren. Was unsere Aufmerksajakeil aber noch mehr
als diese Eier in Anspruch nahm, sind gewisse kleine, mehr oder
minder sphaeroidale Körperchen von derber Beschaffenheit und
bräunlich gelblicher Färbung, die in verschiedener Häufigkeit gleich-
falls in den erwähnten Concretionen eingeschlossen sind. Dieselben
ergaben sich nach Behandlung mit einer schwachen (1%) Kalilauge
als Säckchen, die in den meisten Fällen einen der in Rede stehenden
Copepoden in sich einschlössen. Manchmal fanden sich auch zwei
Individuen in einem einzigen Säckchen beisammen, oder auch andere
Objecte, beispielweise kleine Würmer, Pflanzensporen etc., was darauf
hinweist, dass diese Hüllen nicht von ihren Insassen, sondern um
diese herum von dem Wirthe abgeschieden sind. Von den Copepoden
waren nur die harten Chitintheile erhalten, die inneren Weichtheile
aber, auch die Augen, vollkommen verloren gegangen.
Bereits früher hatte Semper (7, S. 96 und 97) in der rechten
Lungenhälfte von Holothuria scabra Jäger, ausser einigen
kleinen Copepoden, zwei Species des Genus Pinnoteres gefunden.
Dieselben lagen in grossen Säcken encystirt im Stamme oder in den
feineren Seitenzweigen der Lunge, und in ihrer Nachbarschaft
76 Charles L. Edwards. A. M.
waren alle kleinern Lungenäste atrophirt. Auch in der Cloake
fand Semper eine Anzahl kleiner Krebse, und schloss daraus, dass
letztere durch dieselbe in die Wasserlungen hinein gelangten.
Ebenso beschrieb Kossmann (8, S. 22) einen Copepoden, Lecanurius
intestinalis, der hier insofern von Interesse ist, als er im Darme
der Mülleria Lecanura Jäger gefunden wurde.
Das mir zu Gebote stehende Material repräsentirt fünf neue
Copepodenspecies, von denen vier neue Genera bilden müssen,
und eine sechste, sehr bemerkenswerthe neue Form, die nur als
copepodenähnlich zu bezeichnen ist. Drei der Copepoden sind frei-
lebend, zwei halbparasitisch. Von den freilebenden gehören zwei,
Dactylopus bahamensis und Esola longicauda zur Familie
der Harpactiden, und eine, Rhapidophorus Wilsoni zu den
Calaniden; eine der halbparasitären Formen, Diogenidium
nasutum, gehört den Lichomolgiden, die andere, Abacola
holothuriae, ist Repräsentant einer neuen Familie, der Abaco-
liden. Die neue Form Leuckartella paradoxa scheint, obgleich
sie verwandtschaftliche Beziehungen sowohl zu den Copepoden, wie
zu den Phyllopoden aufweist, doch zu keiner dieser Ordnungen zu
gehören; im allgemeinen steht sie allerdings den Copepoden näher.
Da ich aber trotz aller Bemühungen nur ein Exemplar dieses Thieres
erlangen konnte, und da dieses, wie die übrigen Copepoden, keine
Spur der inneren Organisation mehr aufwies, bleiben viele Punkte
in ihrer Deutung unsicher, so dass es unmöglich war, darauf hin
die systematische Stellung des Thieres genauer zu bestimmen.
Ich kann diese einleitenden Bemerkungen nicht schliessen, ohne
Herrn Geh.-Rath Prof. R. Leuckart, meinem verehrten Lehrer, in dessen
Laboratorium diese Arbeit ausgeführt wurde, meinen tiefgefühltesten
Dank auszusprechen für den gütigen und hilfreichen Beistand, den er
mir während meiner Studien zu Theil werden liess, sowie für die freund-
liche Unterstützung mit der nöthigen Litteratur. Dank sagen möchte
ich auch Herrn Prof. Dr. Claus, der die grosse Güte hatte, das
Praeparat der Leuckartella und die zugehörigen Zeichnungen
auf meinen Wunsch einer Prüfung zu unterziehen und sein Urtheil
darüber abzugeben, und schliesslich Herrn Dr. A. Looss für die
Durchsicht des deutschen Textes dieser Arbeit.
Familie der Harpactiden.
Dactylopus Claus.
(Taf. IH. Fig. 1—15.)
Die allgemeine Körperform entspricht der von Canthocamptus
Die vorderen Antennen sind gewöhnlich achtgliedrig. Der Nebenast
der hinteren Antennen ist dreigliedrig. Die unteren Maxillarfüsse wie
bei den Canthocampti majores Cl. Die ersten Schwimmfüsse besitzen
dreigliedrige, mit fingerförmigen Hakenborsten bewaffnete Aeste. Das
erste Glied des inneren Greifastes sehr lang; die beiden äusseren Glieder
kurz. (Nach Claus 3, S. 124.)
Beschreibung einiger neuen Copepoden. 77
Dactylopus bahamensis sp. nov.
Diese Copopodenform gehört augenscheinlich ihren Hauptcharak-
teren nach zu der Gattung Dactylopus, die von Claus (3, S. 1'24,
Taf. XVI, XVII.) für gewisse Zwischenformen zwischen den Gattungen
Canthocamptus und Harpacticus aufgestellt wurde. In dem
regelmässig gegliederten Körper (Fig. 1) ist das Abdomen etwas
kürzer als die vorderen Körperabschnitte, welche etwa zur Hälfte ihrer
Länge von dem Cephalothoracalschilde bedeckt werden. Jedes Segment
läuft an der Rückenseite, die drei letzten Segmente auch auf der
Bauchseite in eine scharfe Spitze aus. Die achtgliedrigen ersten An-
tennen (Fig. 3, A. I) entspringen hinter dem hervorstehenden Rostrum
(Fig. 2, R.), welches bis zum Ende ihres dritten Gliedes reicht. Das
zweite und dritte Antennenglied tragen je eine Borste an ihrem
äusseren Rande. Segment vier, welches das längste ist, hat eben-
falls an der Aussenseite drei Borsten, zu denen sich am Ende ausser
den letzten vier kleinen Gliedern der Antenne der bekannte faden-
förmige Cuticularanhang (T) gesellt. Von jenen letzten vier kleinen
Gliedern, welche zusammen nur so lang sind wie das vierte Glied
allein, sind das fünfte und achte einander an Länge gleich und zwar
etwas grösser als das sechste und siebente Glied. Die ersten drei
dieser kleinen Glieder weisen aussen je eine Borste auf, wogegen das
letzte mit vier Endborsten, zwei langen und zwei kurzen, ausgerüstet
ist. Die zweite Antenne Fig. 1. A. II) ist dreigliedrig; das Basal-
glied derselben erscheint breil und kurz, das zweite und dritte
dagegen schlanker, und dabei jedes etwa zweimal so lang wie das
erste. Das zweite (llied besitzt am äusseren Rande eine kurze, be-
fiederte Borste und am inneren Rande den charakteristischen Neben-
ast, welcher bei unserer Art jedoch nur Andeutungen von seiner
sonst üblichen Zusammensetzung uns drei Gliedern aufweist. An
dem äusseren Rande dieses Nebenastes stehen zwei Stacheln und
diesen gegenüber am inneren Rande zwei kleine Einkerbungen, die
Andeutungen einer unvollendet gebliebenen Gliederung. Wenn man
die drei auf diese Weise angedeuteten Segmente des Nebenastes als
thatsächlich vorhanden betrachtet, dann würde das Endglied die
beiden vorhergehenden an Länge übertreffen. Es trägt am äusseren
Rande fünf Ilaare, am inneren ein kurzes Haar, während zwei am
Ende entspringende Stacheln an ihren äusseren Rändern mit Zähnchen
bewaffnet sind. Das Endglied der hinteren Antenne besitzt am
äusseren Rande zwei Stacheln und am Ende vier gebogene, in der
Mitte mit Zähnchen bewaffnete Borsten, welche zu Greif haken um-
gestaltet sind.
Die Oberlippe (Fig. 2, Labr.) ragt über die Oberfläche des
Körpers noch etwas weiter als das Rostrum vor; sie zeigt um ihren
hinteren und äusseren Rand eine Reihe kurzer Haare. Die ein-
gliedrigen Mandibeln (Fig. 5, Md.) sind am Ende gezähnt und tragen
am äusseren Rande ebenfalls eine Reihe feiner Härchen; an ihrer
78 Charles L. Edwards. A. M.
etwas verdickten Basis entspringt der reich mit Borsten besetzte
zweigliedrige Taster. Die Vertheilung der Borsten ist folgende : Das erste
Glied des Tasters («) trägt deren zwei, die befiedert sind, ausserdem
noch einen Fortsatz (ß), der dem zweiten Aste des primären Larven-
fusses entspricht und mit zwei langen und zwei kurzen Borsten ver-
sehen ist. Das zweite Glied des Mandibulartasters (y) hat auf der
basalen Hälfte zwei befiederte und auf der äusseren Partie fünf etwas
längere, einfachere Borsten. Die sehr eigenthümlich gestaltete Maxille
(Mx.) ist am Ende in fünf scharfe Zähne (vergl. Fig. 6) getheilt; an
ihrer Innenecke besitzt sie einen Dorn, welcher nach innen zu mit
sehr kurzen Härchen besetzt ist. Die Aussenecke der Unterkiefer
ziert ein zweigetheilter Fortsatz. Der Unterkiefertaster (T) endigt
mit vier kurzen büschelähnlichen Anhängen und besitzt an seiner
äusseren Seite zwei Lappen, deren unterer (a) viel grösser und am
Ende mit einem Stachel und vier befiederten Borsten versehen ist,
während der obere (b) nur zwei befiederte Borsten aufweist. Der
zweigliedrige erste Maxillarfuss (Fig. 7, Mxf. I) trägt am inneren Rande
des zweiten Gliedes zwei Fortsätze, die sich am Ende in zwei kurze
befiederte Borsten gabeln; über dem obersten dieser Fortsätze stehen
zwei kurze Haare, und das Ende des Gliedes krönt ein starker, an
der Spitze einwärts gebogener Haken. Der zweite Maxillarfuss endlich
(Fig. 8, Mxf. II) ist ebenfalls zweigliedrig und setzt sich aus einem
kurzen, am inneren Rande mit einer kleinen gefiederten Borste ver-
sehenen Basalgliede und einem länglichen Endgliede zusammen,
welches letztere am inneren Rande einen kleinen Stachel und etwas
entfernt von diesem Rande eine Reihe von ungefähr zehn kleinen
Spitzchen trägt. Am Ende des Glieds, und mit demselben durch ein
Chitinzwischenstück verbunden, stehen zwei Haken von ungleicher
Länge.
Von den wohl entwickelten, normalgegliederten Schwimmfüssen
fällt vor allen das erste Paar auf durch das ausserordentlich lange
erste Glied des Innenastes, welches im Verein mit den fingerähnlichen
Greifhaken der Endglieder beider Aeste dieses Beinpaares die Haupt-
merkmale der Gattung Dactylopus darstellt. Die Stammtheile
sämmtlicher Fusspaare zeichnen sich nächst ihrer Zusammensetzung
aus gewöhnlich zwei Gliedern noch dadurch aus, dass das Basal-
glied nahe der äusseren unteren Ecke durch eine Furche in zwei
Theile getrennt erscheint, und dass über ihre Oberfläche hin eine
oder manchmal zwei Reihen kurzer Härchen ziehen. Das zweite
Stammglied, welches kleiner als das erste ist, trägt dazu am äusseren
und inneren Rande noch je einen Stachel. Was den inneren Ruderast
des ersten Schwimmfusses anbelangt, so zeigt dieser nach den Ge-
schlechtern einige Verschiedenheiten. Das erste Glied desselben ist
beim Männchen (Fig. 9) mehr als zweimal so lang als bei dem
Weibchen (Fig. 9'). Dagegen sind bei dem ersteren die beiden
folgenden Glieder kurz und zusammen gedrückt, und erreichen nur
die Hälfte der Länge der betreffenden Glieder des Weibchens. Bei
beiden Geschlechtern ist eine Reihe von Haaren längs des äusseren
Beschreibung einiger neuen Copepoden. 79
Randes jedes Gliedes, beim ersten Gliede auch am Ende und am
inneren Rande entwickelt. Zwei gebogene Greifhaken entspringen
vom Endgliede ; zu denselben gesellt sich beim Weibchen eine Borste
an der inneren Ecke des ersten Gliedes. Der äussere, dreigliedrige
Ast des ersten Beinpaares reicht beim Männchen nur ungefähr bis
zur Mitte des ersten Gliedes vom Innenaste. Jedes Glied dieses
äusseren Astes ist längs seines äusseren Randes und am Ende mit
einer Reihe von Haaren ausgestattet, während das erste Glied dazu
noch eine Querreihe an der oberen Kante trägt. Jedes Glied besitzt
ausserdem an der äusseren Ecke einen Stachel, und das dritte Glied
endigt mit vier Greifhaken. Die zweiten, dritten und vierten Bein-
paare (Fig. 10) sind von derselben Form; jedes aus einem zwei-
gliedrigen Stammtheil und zwei dreigliedrigen Aesten zusammengesetzt.
Der äussere Ast überragt wegen des stets längeren dritten Gliedes
um etwas den inneren. Die zwei ersten Glieder des Aussenastes
laufen an ihrer äusseren Ecke in spitzige Fortsätze aus, an deren
Seite ein Stachel, dazu am Innenrand des zweiten Gliedes zwei
befiederte Borsten gelegen sind. Das längere dritte Glied trägt am
äusseren Rande drei Stacheln, diesen gegenüber am Innenrande zwei,
sowie am Ende ebenfalls zwei befiederte Borsten. Was den inneren
Ast anbelangt, so zeigen sich die äusseren Ränder sämmtlicher und
auch die obere Fläche des ersten Gliedes mit einer Reihe von kurzen
Härchen besetzt. Dazu kommt bei den beiden ersten Gliedern an
der inneren Ecke je eine befiederte Borste; die Aussenecke des
zweiten Gliedes ragt als ansehnliche Spitze nach aussen hervor. Das
letzte Glied endlich weist am inneren Rande zwei Schwimmborsten,
so wie am Ende ebenfalls zwei längere und eine kürzere Borste auf.
Das fünfte und letzte Beinchen hat einen breiten Basaltheil und
trägt ein einziges grosses, äusseres Blatt (Fig. 11). Beim Weibchen
ist (Fig. 12 Ri.) dieses Fusspaar grösser als beim Männchen. Die
Ausrüstung des Basaltheiles ist, von innen nach aussen gerechnet,
folgende: erst ein Dorn, dann gegen die Spitze zu drei Schwimm-
borsten und ein mit Spitzchen bewaffneter Stachel; an einem Fort-
satz des äusseren Randes steht schliesslich noch eine einfache Borste.
Bei dem Männchen (Fig. 11 Ri.), wo, wie gesagt, dieser Basaltheil
kleiner ist, trägt er am Ende nur befiederte Borsten, fünf an der
Zahl. Das Blatt dieses Schwimmfusses ist beim Weibchen (Fig. 12
Re.) an der äusseren Seite mit vier langen und an der Spitze mit
einer kürzeren Schwimmborste versehen; dazu gesellen sich an der
inneren Seite ein kleiner Stachel und zwei Borsten. Beim Männchen
ist das Blatt, an dessen Ende zwei lange Schwimmborsten abwechselnd
mit drei viel kleineren stehen, und dessen oberen Innenrand eine
Reihe von sechs kurzen Härchen zieren, nicht unbedeutend kleiner
als beim Weibchen.
Das Abdomen zeigt eine vollzählige Gliederung, indessen ver-
wachsen beim Weibchen die vorderen Abschnitte zu einem einheit-
lichen Geschlechtssegmente. Zwischen den äusseren, runden Mündungen
der Eileiter (Fig. 14 Vu), welche mit Chitinlappen überdeckt sind,
80 Charles L. Edwards. A. M.
liegt eine grosse, von zwei Chitinrahmen umgebene Oeflhung, welche
dem Receptaculum seminis angehört (Po), und über derselben zwei
auffallend geformte und verzierte, zweitheilig ausgeschnittene Chitin-
lappen (Lp.), welche zur Befestigung der Spermatophore dienen. Auch
die männliche Geschlechtsöffhung (Fig. 13. 0.) ist von einem Chitin-
rahmen umgeben und mit einem Lappen (Lp.) zum Theil überdeckt.
Das fünfte Abdominalsegment (Fig. 1 u. 15 Ab. V) ist tief gespalten
und trägt die ziemlich kurze Furca. Von den zwei Endborsten
(Fig. 15), welche durch zwei kurze Basalstücke getragen werden,
entwickelt sich die innere zu einer sehr ansehnlichen Grösse, so dass
sie fast die Länge des Körpers erreicht, während die äussere nur
etwa zwei Drittel dieser Länge aufweist. Die innere Borste hat an
der Basis eine Anschwellung; im mittleren Drittel ihrer Länge ist
sie quer gestreift und mit kurzen Chitinspitzchen versehen. Die
äussere Borste entbehrt der Streifung, zeigt aber fast in ihrer ganzen
Länge einen Besatz feiner Spitzchen. Neben der Basis dieser langen
Borsten finden sich an der äusseren Ecke des letzten Abdominal-
Segmentes ein Stachel und zwei kurze Härchen, an der inneren
ebenfalls ein Stachel mit einem etwas längeren Haare.
Obgleich das hier beschriebene Thier in seinem allgemeinen Bau
so nahe mit der Gattung Da et ylopus Claus (3 S. 12, Taf. XVI bis
XVII) übereinstimmt, dass es derselben angeschlossen werden darf,
so trifft man doch auf einige bemerkenswerthe Charaktere — und
hierher gehören die abweichende Bildung der Mundtheile, inbesondere
der Maxillen, ferner die Unterschiede im Bau der inneren Aeste
der ersten Schwimm füsse bei beiden Geschlechtern, die Form des
fünften Fusspaares und die Schwanzborsten, die bei den bisher be-
schriebenen Arten von Dactylopus nicht vorkommen. Von be-
sonderem morphologischen Interesse dürften die Oeffhungen der
Geschlechtsgänge und der oben beschriebene zierliche Haftapparat
der Weibchen sein.
Den Namen bahamensis habe ich dieser Art nach ihrem
Wohnort, dem die Bahama Inseln umspülenden Meere, gegeben.
Esola gen. nov.
(Taf. HI. Fig. 16 - 26.)
Die allgemeine Körperform gleicht der von „Cleta" Cl. Der
Mandibulartaster ist eingliedrig. Der innere Ast des ersten Beinpaares
lang und, schmal, aus zwei Gliedern, der äussere Ast aus nur einem
Gliede bestehend. Die inneren Aeste des zweiten, dritten und vierten
Beinpaares zweigliedrig ; das fünfte Beinpaar abweichend entwickelt.
Die Chitinbekleidung der Abdominalsegmente ist an den Seiten nach
hinten in stumpfe Fortsätze ausgezogen; Körper und Gliedmaassen sind
überall dicht mit kurzen Haaren besetzt.
Beschreibung einiger neuen Copepoden. 81
Esola longicauda sp. nov.
Der Körper ist gestreckt und endet vorn mit einem Rostrum
von mittlerer Grösse, welches eine ziemlich directe Fortsetzung der
geraden Profillinie des Rückens bildet. Die zwei Antennenpaare und die
Oberlippe sind an der vorderen Fläche des Kopfes inserirt, welche
gegen die die Mundtheile tragende (also ventrale) Fläche des Kopfes
in einem ziemlich rechten Winkel sich absetzt, so dass der ganze
Kopf im Profil eine fast viereckige Fom aufweist (Fig. 16). Die
Schalenduplikaturen des Cephalothorax ragen seitlich über den Körper
und die Munclgliedmaassen (Fig. 17) hinweg und zeigen eine fast
kreisrunde untere Kante, so dass der Cephalothorax, von der Seite
gesehen, eine sehr charakteristische Form aufweist. Fast die ganze
Oberfläche des Körpers und der Gliedinaassen ist dicht bedeckt mit
kurzen Haaren, lieber den Köperbau des Thieres ist folgendes zu
sagen: die ersten Antennen (Fig. 17, A I.) reichen ohne die End-
borsten nach 1) inten bis zur Mitte des dritten Thorakalsegments
und sind sechsgliedrig. Sie präsentiren ausserdem in der ver-
schiedenen Länge und Ausrüstung ihrer Glieder ausgezeichnete
Geschlechtsunterschiede. Bei (hin Weibchen ist das Grundglied,
welches einen kleinen Fortsatz am [nnenrand trägt, halb so lang
wie das zweite, welches das Längste Glied des Fühlers darstellt; letzteres
trägt fünf Borsten. Das dritte etwas kürzer, besitzt deren vier
und das vierte, das ungefähr aur ein Drittel so lang ;ils das dritte
ist, weist auf der Spitz. ■ eines Endfortsatzes einen fadenförmigen
Anhang (T) auf. Das fünfte Glied endlich i^t sehr kurz und ohne
Anhänge, während das sechste Endglied sechs Borsten (an dem äusseren
Rande 2 und dem inneren li trägt. Beim Männchen (Fig. 18 zeigen die
zwei ersten Glieder dieselben relativen Verhältnisse wie beim Weibchen,
doch ist die ÄJischwelhing an dem Basalgliede etwas stärker, und
das zweit«' trägt nur vier Borsten. Das dritte Glied erreicht nur
ein Drittel der Länge des zweiten, und besitzt zwei Borsten, während
das vierte Glied sehr stark entwickelt erscheint, und sein Fortsatz
mehr an dev r»;isis, statt nach dem Ende zu entspringt. Der cuti-
culare Anhang (T) ist kurz und wie ein türkischer Säbel gekrümmt.
Am inneren Ende fcrägl das Glied s.dlist drei sehr lange Borsten.
Die vierten und fünften (Mieder sind lang und schlank; das fünfte
weist eine Borste und das sechste deren vier auf. Die dreigliederigen
unteren Antennen (Fig. 17; All) besitzen am äusseren Rande des
kurzen Grundgliedes zwei Borsten. Das zweite Glied, welches, wie
auch das folgende dritte, fünf mal so lang als das Basalglied ist,
trägt an der äusseren Seite eine Borste und am Innenrande einen
handförmigen Nebenast, welcher am Ende mit Wer fingerähnlichen,
mit kurzen Spitzchen bewaffneten Borsten versehen ist. Dem dritten
Gliede kommen am äusseren Rande zwei, und am Ende Wer Borsten
zu, von welchen die drei inneren lang, gebogen, und an der Concav-
seite der Biegung mit stechenden Spitzen ausgerüstet sind. Das
innere Ende von diesem Gliede läuft in einen scharfen, hakenähnlichen
Fortsatz aus.
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1891. Bd.I. H. 1. Q
82 Charles L. Edwards. A. M.
Unter der grossen, weit hervorstehenden Oberlippe (Fig. 17 Lahr.)
liegen die einfachen Mandibeln (Fig. 19, Md.), welche aus einer
breiten Basalhälfte und einer schmalen äusseren Hälfte bestehen.
Jede Mandibel trägt am Ende drei Zähne, und vom Basaltheile
entspringt ein länglicher Taster. Dieser trägt am äusseren Rande
eine Borste und dieser gegenüber am Innenrande eine Einkerbung;
auf der Spitze stehen noch zwei weitere Borsten. Die cylindrischen
Maxillen (Fig. 19, Mx.) tragen am Ende vier auseinandenstehende
kurze Stacheln. Der Taster derselben ist ungefähr so lang wie
derjenige der Mandibeln, und weist zwei Borsten am Grunde, zwei
andere am Ende auf. Von dem kleinen zweigliedrigen ersten
Maxillarfuss (Fig. 19, Mxf. I) ist das zweite Glied kurz und läuft in
drei, nach aussen allmählich länger werdende befiederte Borsten aus.
Bei dem zweiten Maxillarfusse (Fig. 17, Mxf. II), welcher ebenfalls
zweigliedrig ist, stehen auf dem Grundgliede zwei kleine Borsten und
auf dem Terminalgliede am Ende ein sehr langer Greifhaken.
Von den Schwimmfüssen ist das erste Paar (Fig. 20) so gebildet,
dass es zusammen mit dem zweiten Maxillarfuss als Greifapparat
zu dienen vermag. Die zwei Stammglieder desselben sind lang und
schmal; das erste zeigt, etwas seitlich von der Mittellinie gelegen,
eine nicht besonders hervorstehende Längsleiste; das zweite trägt an
der äusseren Ecke eine Schwimmborste. Der zweigliedrige Innenast
dieses Fusspaares (Ri.) hat ein sehr langes erstes Glied, welches an
seiner unteren, gegen die Mitte hin etwas verdickten Hälfte auf der
Innenseite mit vier Borsten ausgestattet ist. Das zweite Glied,
welches nur V7 der Länge des ersten erreicht , trägt am Ende eine
sehr starke, gerade Borste, die beinahe so lang ist wie das erste
Glied. Der äussere Ast dieses Fusspaares ist nur eingliedrig und
sehr kurz. Seine Ausrüstung besteht aus zwei an der äusseren Seite
und zwei am Ende gelegenen Schwimmborsten. Die zweiten, dritten
und vierten Beinpaare besitzen eine untereinander gleiche Form, und
bestehen jedes aus einem zweigliedrigen Stammtheile und einem drei-
gliedrigen äusseren und einem zweigliedrigen inneren Aste. Im
Vergleich zum ersten Beinpaare sind die Stammglieder breiter und
nicht so lang. Das erste derselben trägt am Ende der Längsleiste,
die auch - hier vorkommt, einen kleinen Stachel , während der
an der äusseren Ecke des zweiten Gliedes gelegene sehr stark ist.
Was den äusseren Ast (Re) anbelangt, so besitzen die beiden ersten
Glieder an der Aussenecke je einen Stachel, zu dem sich beim zweiten
Gliede an der Innenecke eine Schwimmborste gesellt. Das Endglied
trägt ausser zwei äussern Stacheln auf der Innenseite zwei, am
Ende drei befiederte Borsten. Dem ersten Gliede des Innenastes
(Ri) sitzt an dem Innenrand eine befiederte Borste auf, am zweiten
Gliede finden sich zwei und am Ende drei Schwimmborsten. Das
fünfte Beinpaar ist zweigliedrig und mit Schwimmborsten versehen.
Es ist beim Weibchen stärker entwickelt und weist hier folgende
Bildung auf (Fig. 23). Das Basalglied trägt vier Borsten am inneren
Rande, davon eine kürzere am unteren Theile, zwei längere und
Beschreibung einiger neuen Copepoden. 83
wiederum eine kürzere in der Umgebung der vorderen Ecke. Auf
einem Fortsatze der Aussenecke ist eine kleine Borste inserirt.
Zwischem diesem Fortsatze und der freien Kante des Gliedes spannt
sich eine feine Chitinhaut aus. Das zweite Glied, ungefähr halb so
breit und zweimal so lang als das erste, trägt am äusseren Rande
zwei grosse und zwei kleine Borsten und am Ende eine grosse sowie
eine kleinere, einem besonderen Endfortsatze aufsitzende Borste.
Das fünfte Beinpaar des Männchens (Fig. 22) erreicht nur die Hälfte
derjenigen Grösse, welche dasselbe beim Weibchen aufweist; auch
die Ausrüstung mit Schwimmborsten ist eine einfachere. Das erste
Glied trägt an einem in der Mitte des äusseren Randes gelegenen
Fortsatze eine kleine Borste. Das zweite Glied hat deren fünf und
zwar eine am Innenrande, zwei aussen und zwei am Ende.
Das Abdomen (Fig. L6J isl regelmässig gegliedert. Jedes der
vier ersten Segmente ist ;m beiden Seiten etwas unterhalb der
Mittellinie in einen nach hinten gerichteten, am Ende abgerundeten
Chitinfortsatz verlängert, der anf dem nächst gelegenen Segment platt
aufliegt. Ventralwärts von diesen Fortsätzen entbehrt die Körper-
oberfläche der sonst vorhandenen charakteristischen Behaarung.
Die einfachen Oeflhnngen der Eileiter (Fig. 24, Vu.) befinden sich
auf der ventralen Flache des ersten Abdominalsegments. Zwischen
ihnen, in der Mittellinie, ist die Oefihung des Reeeptaculum Beminis,
welche mit zwei kleinen Länglichen Lappen zum Ergreifen der Sper-
mataphore versehen ist. Die äusseren Oefihungen des Vaa deferens
wurden nicht gefunden. Das Letzte Abdominalglied (Fig. 26 u. 26')
trägt aeben dem dorsalwärl iien After die Furcalglieder. Jedes
derselben erreicht ungefähr die Lange des fünften Abdominalringes
und ist auf der Ventralseite ausgehöhlt. Es besitzt ausserdem zwei
sehr lange und vier ganz kurze Borsten (Fig, L6); von den Langen
ist die innere die grösste. Sic übertrifft an Ausdehnung den Körper
um ein Bedeutendes; an ihrem Letzten Drittel ist sie mit Fieder-
borsten besetzt.
Der -est reckte Körper mit dem vorderen mein- viereckig ge-
formten Theile des Kopfes, die Bildung der Antennen und die weit
herausragende Oberlippe, weiterhin die Form der Maxillarfüsse and
der ersten Sehwimmrusse sind Eigentümlichkeiten, welche dieser
Gattung eine bemerkenswerthe Aehnlichkeit mit Cleta Claus (3,
S. 123 Taf. XV) gewähren und sie ohne Zweifel in die Familie der
Harpactiden stellen. Indessen sind bei Cleta im Gegensatz zu
Esoin die ersten Antennen achtgliedrig, dw äussere Ast des ersten
Beinpaares dreigliedrig und der Mandibulartaster zweigliedrig, während
bei Esola die ersten Antennen nur sechsgliedrig und der äussere
Ast des ersten Schwimmfusspaares und der Mandibularpalpus beide
eingliedrig sind. In der auffallenden Behaarung des Körpers und
der Gliedmassen, in dem stark entwickelten fünften Beinpaare,
welches bei dem Weibchen bis zum fünften Abdominalsegmente
6*
84 Charles L. Edwards. A. M.
herabreicht, in den seitlichen Verlängerungen der Abdominalringe
haben wir weiterhin Merkmale, welche für Esola allein charakte-
ristisch sind und sie von Cleta trennen. Für die neue Gattung schlage
ich wegen der reichlichen Behaarung des Körpers den Namen Esola
(nach Esau) und für die Art wegen der ausserordentlichen Entwicke-
lung der Schwanzborsten den Namen longicauda vor.
Familie der Calaniden.
Rhapidophorus gen. nov.
(Taf. IV. Fig. 1—11.)
Der Körper lang und gross. Der Cephalothoracalschild halb, das
Abdomen ein Drittel so lang wie der Mittelleib. Eine von dem fünften
Thoracalsegment ausgehende Chitinhaut bedeckt das erste Abdominal-
segment vollständig. Die vorderen Antennen zweiundzioanziggliedrig
und etwa so lang wie die Kopf brust. Die hinteren Antennen dreigliedrig
mit einem sechsgliedrigen Nebenast. Kein Mandibul artaste r vorhanden.
Die hinteren Maxillarfüsse siebengliedrig. Das fünfte Fusspaar ver-
kummert, aus zwei Basalglieder?!,, einem zweigliedrigem, zu einem
Fangfuss umgestalteten Aussenenaste und einem stummeiförmigen
Innenaste zusammengesetzt. Die Gliedmassen, bes. die hinteren Antennen
und die Maxillen, tragen ausserordentlich lange, peitschen förmige Borsten.
Rhapidophorus Wilsoni sp. nov.
Der etwa 2,5 mm grosse Körper (Fig. 1) ist vollzählig gegliedert;
jedes Segment des Vorderkörpers ragt mit seiner Chitinbedeckung
auf der Bauch- und Rückenseite eine Strecke weit über das nächst-
folgende hinweg; der Cephalothorax ist fast so hoch wie lang und
etwa halb so lang wie der Mittelleib. Hinter dem mässiggrossen
Rostrum entspringen die verhältnissmässig kurzen Vorderantennen
(Fig. 1 u. 2, A. I). Dieselben bestehen aus zweiundzwanzig Gliedern,
von welchem ein jedes eine kurze Borste am Aussenrande trägt;
auf dem einundzwanzigsten finden sich drei, am letzten Gliede fünf End-
borsten. Die den ersten zwei Gliedern aufsitzenden Borsten sind viel-
gliedrig ; die Grenzen der Gliederchen treten an dem oberen Rande der
Borste scharf hervor und tragen hier je ein kleines Härchen (Fig. 2'). Das
erste Glied der Antenne ist ungefähr so lang als das Rostrum (Fig. 1) ;
dagegen sind die darauf folgenden zehn Glieder kurz, dicht in einander
geschoben und in der Breite nach vorn allmählich abnehmend, so
dass der letzte Theil der Antennen sich stark verjüngt. Die hinteren
Antennen (Fig. 3, A. II) besitzen drei Glieder, von denen das erste,
zugleich das kürzeste und breiteste, den Nebenast trägt. Am längsten
erscheint das zweite Glied, während das sehr schmale dritte nur
drei ziemlich lange Endborsten aufzuweisen hat. Der sechsgliedrige
Nebenast besitzt ein langes erstes Glied, welchem drei sehr kurze
gedrungene folgen, die mit dem ersten zusammen sechs lange Borsten
Beschreibung einiger neuen Copepoden. 85
tragen. Das nächste (fünfte) Glied besitzt die halbe Länge des
ersten, während das sechste sehr kurz und mit zwei Endborsten
versehen ist.
Die Oberlippe (Fig. 1, OL.) ragt etwas hervor, und ist dem
äusseren und unteren Rande entlang mit einer Reihe von Härchen
ausgestattet. Die einfachen tasterlosen Mandibem (Fig. 4), denen von
Phaenna spinifera Claus (3, Taf. XXXI, Fig. 4) ähnlich, sind mit
vier Endzähnen versehen; dazu kommt an jeder Seite neben dem
Ende eine Reihe kleiner scharfer Spitzchen. Die hoch entwickelten
Maxillen (Fig. 5) tragen bis fünfzehn lange peitschenartige Borsten.
Man kann an ihnen folgende Theile unterscheiden: einmal die Lade
(lo) als einen zum Basalgliede gehörigen Fortsatz, welcher mit vier
starken Stacheln versehen ist, und zweitens, dieser gegenüber, einen
Lappen (p) mit einer Reihe von sieben starken Borsten. Der Haupt-
ast (s) ist aus fünf Gliedern zusammengesetzt, von denen das erste,
dritte und fünfte etwa ein Viertel der Länge des zweiten und des
vierten erreichen. Das vierte Segment besitzt eine Seiten- und eine
lange Endborste; dem kurzen Endgliede sitzen vier lange Borsten
auf. An der Basis des Hauptastes entspringt ein grosser Anhang
(X), den man als einen Nebenast zu betrachten berechtigt ist; er
weist drei ausserordentlich lange, biegsame Endborsten auf. Die ersten
Maxillarfüsse (Fig. 6) sind zweigliedrig. Der innere Rand des ersten
Gliedes besitzt drei Anschwellungen, deren eine jede zwei jener den
Maxillarfüssen eigenthümlielien Borsten trägt. Diese Borsten (Fig. 7')
zeigen bei näherer Untersuchung ihrer ventralen Fläche daselbst eine
Rinne, die sich ungefähr von der Mitte der Borste aus bis zur Spitze
hinzieht und an ihren Rändern mit je einer Reihe feinster Härchen
besetzt ist. Der lange borstenreiche /weite Maxillarfuss, dem des
Cetochilus helgolandicna Claus <:;, Taf. XXVI, Fig. 7) ähnlich,
ist aus sieben Gliedern zusammengesetzt, von welchen das zweite das
längste, das dritte nur ein Sechstel und die vier letzten je ungefähr
ein Drittel der Länge des zweiten Gliedes erreichen. Der erste Ab-
schnitt trägt am inneren Rande eine niittelmässig lange Borste, der
zweite zwei kleine, der dritte wiederum eine mittelgrosse, der
vierte zwei etwas kleinere nebst zwei mittelgrossen, der fünfte und
sechste je drei kleinere und eine starke, und endlich der siebente
fünf kleinere und drei längere Borsten, von denen die letzte um
ein Drittel länger erscheint als die zwei andern.
Von den mächtig entwickelten Schw7immfüssen ist das erste Paar
(Fig. 8) nur halb so gross wie die übrigen, von dem gekrümmten
fünften Paar abgesehen, welches klein bleibt. Das zweite, das dritte und
das vierte Paar (Fig. 9) weisen dieselbe Form und Grösse, ebenso die
gleiche Vertheilung der befiederten Sclrwimmborsten und der äusseren
Stacheln auf. Auch das erste Beinpaar weicht in seiner Bildung nur
wenig von diesen ab; die vorkommenden kleinen Differenzen werden
an den beteffenden Stellen ihre Erwähnung finden. Die nachfolgende
Beschreibung bezieht sich speciell auf das vierte Beinpaar, doch gilt
sie, wie gesagt, auch für die übrigen. Was die zwei Stammglieder
86 Charles L. Edwards. A. M.
betrifft, so läuft das erste auf der Aussenseite, das zweite, mit einer
kleinen Borste versehen, nach innen zu in einen mehr oder minder
spitzen Fortsatz aus. Beim ersten Beinpaare sind diese beiden Glieder
mehr regelmässig vierseitig, und das erste besitzt einen inneren Stachel.
Am Aussenaste ist das erste Glied das grösste und trägt an der
äusseren Ecke einen Stachel, an der inneren nur eine kleine Borste.
Die Stacheln dieses Astes sind längs dem unteren Rande mit einer
Reihe kurzer Spitzchen ausgestattet. Dem zweiten Gliede sitzt ein
äusserer Stachel auf, dazu eine Reihe von Härchen, und innen eine
sehr starke Borste. Das dritte Glied besitzt ausser fünf inneren
Borsten und drei äussern Stacheln noch einen sehr starken terminalen.
Bei dem ersten Beinpaare hat dieses Glied nur zwei äussere Stacheln ;
doch tragen diese sowohl wie der Endstachel eine obere und eine
untere Reihe von Spitzchen. Was den Innenast anbelangt, so weist
dessen erstes Glied eine innere, das 2. zwei innere Borsten nebst einem
äusseren scharf zugespitzten Fortsatz auf, das Endglied endlich fünf
innere und zwei sehr schwache, glatte, äussere Borsten. Das fünfte
Beinpaar (Fig. 10) hat vier Glieder, deren zweites am inneren Rande
einen kleinen Anhang trägt ; betrachtet man die ersten zwei Abschnitte
als Stammglieder, so würde dieser Anhang als Rudiment eines inneren
Astes aufgefasst werden können. Der Aussenast wäre dann zweigliedrig;
sein erster Abschnitt trägt, wie das zweite Stammglied, aussen einen
Stachel. Dem Endgliede sitzen eine schwache und eine starke Saug-
borste auf.
Das Abdomen unseres Krebses setzt sich aus fünf Segmenten
zusammen. Einzelheiten über etwaige Verschiedenheiten in Bau und
Grösse dieser Segmente bei den Geschlechtern kann ich nicht angeben,
da es unmöglich war bei dem einzigen, von mir gefundenen Exemplare
das Geschlecht zu bestimmen. Zieht man indessen die nächst ver-
wandten Gattungen zum Vergleich herbei und beachtet besonders
den Besitz eines fünften Fangfusses, und das Vorhandensein von fünf
Abdominalsegmenten, dann dürfte das Thier wahrscheinlich als
Männchen zu betrachten sein. Die fünf Segmente des Abdomens
besitzen eine verschiedene Grösse; das erste, dritte und fünfte sind
kürzer, das zweite und vierte länger. Die Glieder der Furca (Fig. 1
und 11) sind wieder etwas länger als das fünfte Abdominalsegment.
Die Schwanzborsten weisen die den Calaniden gewöhnlich zu-
kommende Form und Vertheilung auf, indem vier Endborsten und
eine aussen bis nahe an die Spitze gerückte Seitenborste vorhanden
sind. Die terminale Hälfte einer jeden ist dicht befiedert.
Was die muthmasslichen Verwandtschaftsbeziehungen unseres
Rhapidophorus anlangt, so nähert sich derselbe in seiner all-
gemeinen Körperform der Gattung Dias Lilj. (vergl. Claus, 3,
Taf. XXXI, Fig. 6) ; er stimmt in Bezug auf den Bau der Mandibeln
am meisten mit Phaenna Claus (3, Taf. XXXI, Fig. 4) überein. Der
Bau der unteren Maxillarfüsse erinnert an Cetochilus Claus (3,
Taf. XXVI , Fig. 7) , während zahlreiche andere Charaktere auf
die Familie der Calaniden hinweisen. Besondere, für Rhapi-
Beschreibung einiger neuen Copepoden. 87
dophorus charakteristiche Merkmale jedoch sind die verhältniss-
mässig kurzen Vorderantennen, die Form der Hinterantennen,
der Maxillen, der Maxillarfüsse und der fünften Sdiwinimfüsse,
Eigentümlichkeiten, welche die Aufstellung einer besonderen
Gattung rechtfertigen. Nach den langen, als Anhänge der Mund-
werkzeuge so häufig vorkommenden peitschenartigen Borsten habe
ich diese neue Gattung Rhapidophorus (nach o«rric Geissei), und
die eben beschriebene Art zu Ehren meines Freundes und Mitarbeiters
auf den Bahama Inseln, des Herrn Dr. H. V. Wilson, Wilsoni
genannt.
Familie der Lichomolgiden.
Diogenidium gen. nov.
(Taf. IV. Fig. 12-19.)
Das Rostrum lang, schlank, scharf zugespitzt und ventral nach
hinten umgebogen, wohl auch als Greifapparat dienend. Vordere
Antennen achtgliedrig , hinten viergliedrig ^ zu einem Klarnmerfuss
mit Greifhaken umgebildet. Mundtheih stechend; wie bei Lichomolgus
Claus (13). Der zweite Maxillarfuss beim Weibchen einfach^ beim
Männehen aber aus zwei sehr grossen Gliedern zusammengesetzt. Die
vier ersten Ruderfusspaare von gewöhnlicher Form, mit dem inneren
Ast auch des vierten Paares dreigliedrig; das fünfte Paar reducirt.
Geschlechtssegmente des Abdomens gross.
Diogenidium nasutum sp. nov.
Der etwas flache, normal gegliederte Körper erreicht eine Länge
von 1 mm bis 1,5 mm und ein«' Breite von ungefähr einem Drittel
der Länge. In der Leibeshöhle der Holothurien findet sich der
Krebs (Fig. 12), wie die übrigen hier beschriebene!] Formen in einer
Hülle eingeschlossen; das Abdomen zeigt sich dabei gewöhnlich nach
vorn oder zur Seite des Vorderleibes umgeschlagen. Die Verschmelzung
des Kopfes mit dem ersten Thorakalsegmenl ist nicht vollständig,
so dass die Grenzlinie beider am Cephalothorax deutlich erkennbar
ist (Fig. 12, C). Der vordere Körperabschnitt ist etwas länger als
das Abdomen, an welchem die grossen Geschlechtssegmente be-
merkenswerth sind. Die Geschlechter zeigen, abgesehen von der
Bildung der ersten zwei Abdominalsegmente, der zweiten Maxillar-
füsse und der Vertheilung der Borsten an einer Anzahl von Gliedern,
keine Unterschiede. Unterhalb des Stirnrandes entspringen von dem
abgerundeten Ende des Cephalothorax zu beiden Seiten des langen
medianen Stirnschnabels die schlanken vorderen Antennen (Fig. 13,
A. I), welche bis zum Basalgliede des zweiten Maxillarfusses reichen.
Sie bestehen aus sieben deutlichen Gliedern, die eine verschiedene
Grösse erreichen. Das erste Glied ist kurz und rund, wohingegen
das zweite die grösste Länge aufweist; das dritte, vierte und fünfte
sind von derselben Grösse ; das sechste erreicht mir die halbe Länge
des fünften, und das siebente ist noch kürzer als das sechste. Jede
gg Charles L. Edwards. A. M.
vordere Antenne trägt ungefähr dreissig spitz zulaufende Tastborsten;
dieselben vertheilen sich so, dass das erste Glied vier, das lange
zweite elf, das dritte vier, das vierte drei etwas längere, das fünfte
drei, das sechste zwei und das siebente wiederum drei Haare aufweist.
Die Endborste des letzten Gliedes ist die längste von allen. Was
die Stellung der Borsten anbelangt, so sind sie in der Hauptsache
an der äusseren Fläche der Glieder vertheilt; nur die letzten drei
Abschnitte tragen je eine am Ende des Innenrandes und des Aussen-
randes. Die zweiten Antennen (A. II) sind im Gestalt starker
Klammerantennen entwickelt, setzen sich aber bei Diogenidium
nicht, wie gewöhnlich bei den Ergasiliden und Lichomolgiden,
aus drei, sondern aus vier Gliedern zusammen. Wie bei der vorderen
Antenne ist auch bei der hinteren das erste Glied stark aufgetrieben,
das zweite wiederum das längste; es trägt an seinem äusseren Rande
einen Besatz feiner, scharfer Zähnchen und ungefähr in der Mitte
des Innenrandes eine kleine Borste. Die Enden beider Segmente
sind unregelmässig ausgeschnitten und ragen zum Theil über die
folgenden Glieder hinweg. Das dritte Glied ist kurz und fast voll-
kommen rund; es trägt am Ende drei Borsten; das vierte endlich
ist wieder länglich und endet mit einem stärkeren und einem
schwächeren Klammerhaken.
Unterhalb der Spitze des Rostrums und vor den Mandibeln liegt
eine breite, am hintern Rande tief gekerbte Oberlippe (Fig. 13, Labr.).
Die tasterlosen Mandibeln (Md.) bestehen aus einem gerundeten Basal-
gliede und einem langgestreckten sichelförmigen, am Ende spitz zu-
laufenden Endgliede. Dieses letztere trägt am inneren Rande eine
Reihe von ungefähr fünfzehn kurzen, spornähnlichen Zähnchen,
während der äussere Rand mit einer grösseren Zahl kurzer und sehr
feiner Härchen besetzt ist. Unter der Basis des Endgliedes der
Mandibeln gewöhnlich ganz versteckt liegen die kleinen, einfachen
Maxillen (Mx.), welche nur aus einem kurzen mit zwei stiletförmigen
Stechborsten versehenen Gliede bestehen. Auf die Maxillen folgen
jederseits die schräg nach vorwärts gerichteten, relativ kräftigen
vorderen Maxillarfüsse (Mxf. I). Sie sind dreigliedrig; auf das un-
regelmässig abgerundete Basalsegment, welches etwas grösser als das
entsprechende Glied der Mandibeln ist, folgt ein zweites von länglich
unregelmässiger Gestalt, dem sich dann das dritte kürzere Endglied an-
schliesst. Dasselbe läuft an der einen Seite in einen langen, etwas
gebogenen und an der Innenseite mit einer Reihe feiner Härchen
besetzten Dorn aus; neben der Basis dieses Dornes inserirt sich ein
jederseits mit ungefähr sieben allmählich kleiner werdenden Stacheln
besetzter Haken, an dessen Grunde noch zwei weitere kleine Stacheln
sichtbar sind. Die hinteren Maxillarfüsse (Fig.l3u. 14. Mxf. II) bestehen
wie die Mandibeln aus zwei Gliedern, zeigen aber im Uebrigen bei
beiden Geschlechtern eine sehr verschiedene Ausbildung. Beim Weibchen
(Fig. 13) erreichen sie ungefähr die Grösse der vorderen Maxillar-
füsse, entbehren aber der Borsten oder Haare vollkommen. Ihr
zweites langes Endglied läuft in eine hakenähnliche Spitze zu, neben
Beschreibung einiger neuen Copepoden. £9
der sich kurz vor dem Ende ein zweiter Haken ansetzt. Die ent-
sprechenden Gliedmassen des Männchens (Fig. 14) repräsentiren relativ
ansehnlich entwickelte Greiffüsse, die sich bei Diogenidium aus
zwei Gliedern zusammensetzen. Gewöhnlich liegen diese Kieferfüsse
so über die anderen Mundtheile hinweg, dass sie dieselben fast
vollkommen verdecken. Ihr erstes Glied ist unregelmässig vierseitig
und auf seiner oberen Fläche mit einer Anzahl regelloser Erhebungen
und Vertiefungen ausgestattet. Das zweite breitere Glied von länglich
eiförmiger Gestalt trägt an der basalen Hälfte des Innenrandes einen
Besatz von ungefähr dreissig kleinen Stacheln, die in zwei Reihen
unregelmässig vertheilt sind. Der der Mitte des Gliedrandes am
nächsten stehende Stachel ist etwas grösser; noch weiter nach vorn
findet sich, ebenfalls am Rande der Glieder, eine kleine Erhebung,
die mit zwei Stacheln besetzt ist. Das ganze Glied endet mit einer
knotigen Anschwellung, welche den als Greifapparat dienenden zwei
Hakenborsten als Insertionspunkt dient. Der grössere dieser beiden
Haken ist eben so lang, wie die beiden Segmente des Maxillarfusses
selbst, während der andere viel kleiner und am Ende scharf nach
rückwärts umgebogen ist.
Von den Ruderfüssen sind die ersten vier Paare fast gleich
gestaltet (Fig. 15 u. 16); sie werden gebildet von einem zweigliedriger]
Basaltheile, dem zwei dreigliedrige Aeste aufsitzen. Die zwei Glieder
des Stammes articuliivn längs ihrer vorderen Breitseite (Fig. 15 u. 16)
so, dass, wenn der Fuss nach hinten zurückgeschlagen ist, das Basal-
glied fast ganz von dem nur wenig kleineren zweiten Gliede verdeckt
wird (Fig. 15); bewegl sich der Ruderfuss nach vorn, so klappen
beide Platten wie die Blätter eines Buches auf (Fig. 16). Ausser
einer dem Basalgliedc auf dem inneren Ende aufsitzenden, befiederten
Borste, tragen beide Platten keine Auszeichnung. Hie beiden
eigentlichen Ruderäste des Schwimmfasses, die also dem Hintenrande
des zweiten Fussgliedes aufsitzen, weisen in Bezug auf die Form
ihrer Glieder eine ähnliche Bildung auf, wie die Füsse von Asteri-
cola Rosoll (4 S. 11; Taf. 11. Fig. 8). Diese Glieder haben im
Allgemeinen eine unregelmässig vierseitige Gestalt; nur das erste des
äusseren Astes ist fast dreiseitig und länger als die übrigen. Die
Aussenränder der beiden Aeste sind mit Stacheln, die Innenränder,
mit Ausnahme desjenigen des ersten Glieds vom nasseren Aste, mit
befiederten Schwimmborsten versehen. Die zwei einander zu-
gewendeten Ränder der Schwimmfussäste, das heisst, der äussere
Rand des Innenastes und der innere des Aussenastes, tragen je eine
Reihe von Härchen. Was die Vertheilung der Stacheln und der
Borsten an den verschiedenen Beinpaaren anlangt, so kommen gewisse
Unterschiede vor, indessen genügt die Beschreibung des ersten
Schwimmfusses, da sich die übrigen nur wenig davon unterscheiden.
Die Differenzen in der Ausstattung der einzelnen Füsse sind auf der
nachfolgenden Tabelle in übersichtlicher Form zusammengestellt.
Aeusserer Ast (Re.): das erste länglich dreiseitige Glied trägt an
seiner Aussenecke einen Stachel, und am inneren Rande eine Reihe
90
Charles L. Edwards. A. M.
von Härchen. Das zweite Glied besitzt einen Stachel wie das erste,
an der Ecke der Innenseite aber eine Borste. Das dritte Glied
endlich hat aussen vier nach vorn allmählich länger werdende
Stacheln, zu welchen am entgegengesetzten, innern Rande vier lange
befiederte Borsten kommen. Innerer Ast (Ri.): die ersten zwei
Glieder tragen am äusseren Rande ein an der vorderen Ecke
stehendes kurzes Dörnchen, an den Ecken der Innenseite wiederum
je eine Borste. Das dritte Glied ist an der äusseren Ecke mit einem
langen Stachel besetzt, an dessen Fuss sich noch jederseits ein
kurzer Dorn befindet; am inneren Ende stehen fünf Borsten. Das fünfte,
dem sehr klein gebliebenen fünften Brustsegmente anhängende Bein-
paar (Fig. 17, Bp. V) ist stark reducirt; es repräsentirt sich jederseits
als ein einfacher Chitinzapfen, auf dessen Spitze zwei Borsten stehen.
Zu erwähnen ist noch, dass zwischen den plattenförmigen Grund-
gliedern der Schwimmfusspaare im nachfolgende Segment eine
Y-förmige Chitinverdeckung zu bemerken ist.
st = Stachel; b = befiederte Borste; d = Dörnchen; h = Härchen; e = am Ende;
s = an der Seite ; — = keine.
Auf den Thorax folgt das vollzählig gegliederte Abdomen,
dessen Länge die des Thorax nicht ganz erreicht. Das umfangreiche
erste Segment, welches beim Weibchen mit dem folgenden zweiten
zu einem, einheitlichen Ganzen verschmolzen ist, zeigt beim Männchen
(Fig. 17, Ab. I) am Hinterrande eine tiefe Einkerbung und ist in
seinem Inneren nicht selten mit zwei grossen Spermatophoren (Fig. 18,
Sp.; in Fig. 17 zerdrückt und fast entleert) erfüllt. Die beiden nach
hinten und ventralwärts gelegenen Genitalöffhungen des Männchens
sind wie bei Lichomolgus Anemoniae Claus (13, S. 13, Taf. III,
Fig. 7) von grossen abgerundeten Chitinlappen (Lp.) überdeckt. Beim
Weibchen (Fig. 19) liegen die Geschlechtsöfmungen etwas an der Seite
der Unterfläche des Genitaldoppelsegmentes. Die verhältnissmässig
grosse Ausmünduug repraesentirt eine von einem starken Chitinrahmen
umgebene Längsspalte, deren Rand mit zwei Haken ausgerüstet ist.
Der Endabschnitt der Oviducte (R. S.) scheint durch die chitinige
Körperwand als ein kugelförmiges Gebild hindurch, welches wahr-
Beschreibung einiger neuen Copepoden. 91
scheinlich als Receptaculum seminis dient. Die Eier (E.) sind gross
und in einem deltaförmigen Räume untergebracht. Das zweite
Abdominalsegment des Männchens (Fig. 12, Ab. II) ist nur halb so
gross wie das erste und hat einen halbkreisförmigen hinteren Rand.
Die drei letzten Körpersegmente sind bei beiden Geschlechtern all-
mählich nach hinten verjüngt. Das Endglied trägt die gabelig
auseinander stehenden Furcalglieder (Fig. 12, Fr.) mit je vier Schwanz-
borsten, welche eben so lang wie das Endglied selbst sind. An der
Mitte des Furcalgliedes liegt ebenfalls eine kleine Borste.
Was die systematische Stellung unserer Form anbelangt, so
steht letztere, in Bezug auf ihre allgemeine Körpergestalt sowohl,
als in Bezug auf die Grösse und Gliederung der Anhänge (Antennen
und Schwimmfüsse), so wie in der Bildung der Mundtheile und der
Geschlechtssegmente des Abdomens in nächster Beziehung zu der
Familie der Lichomolgiden. Sie i^t den allgemeinen Charakteren
der Gattung Lichomologus Thoreil (9, S. 64 Taf. 10—13) und
Kossmann (8, S. 18, Taf. IV.) sehr ähnlich, doch haben bei Licho-
molgus die vorderen Antennen nur Bechs Glieder, nach Buchholz
(10, S. 154) aber sieben, die hinteren gewöhnlich nur drei; auch ist
der Innenast des vierten Fusspaares nur zweigliedrig. Obgleich die
Mundwerkzeuge dieselbe allgemeine Struktur aufweisen, sind ßie doch
in den relativen Verhältnissen dm- Glieder beträchtlich verschieden.
Bei Diogenidium besitzen die Mandibeln und der erste Maxillar-
fuss ein Basalglied, das bei Lichomolgus bisher nicht besehrieben
worden ist. Am ähnlichsten sind demselben die Gattungen Doridicola
Leydig (6; vergl. Claus 2; S. 23; Taf. W1Y. Fig 29) und Ä^stericola
Rosoll (4, S. 1(>. Taf. II. Fig. 7); in dem schlankeren Vorderkörper
jedoch und in dem relativ grösseren Abdomen, welches bei Dio-
genidium 5/n der Länge d>s Vorderkörpers aufweist, bei Doridicola
dagegen nur l/2, und bei A.stericola nicht einmal halb so lang als
der Vorderleib ist, bieten sich Unterschiede, die für Diogenidium
charakteristisch sind. Dazu kommen als weitere Eigentümlichkeiten
das lange, in eine scharfe Spitze zulaufende Etostrum, die mit Ilaaren
und Stacheln bewaffneten Endklauen der ersten Maxillarfüsse, sowie
schliesslich das beim Männchen vergrösserte zweite Maxülarfuss-
paar und die unvollständige Verschmelzung von Kopf und erstem
Thoracalsegment. Weil die in Rede stellende Form, die, beiläufig
bemerkt, von den in vorliegendem Aufsätze beschriebenen Copopoden
bei weitem am häufigsten getroffen wird, in der Leibeshöhle der Holo-
thurien stets in einen Chitinsack eingeschlossen sich findet, und die
erste der Formen war, die ich in diesem Zustande auffand, bringe
ich für die Gattung den Namen Diogenidium (nach Diogenes) in
Vorschlag; in Anbetracht des für unsere Form charakteristischen,
ausserordentlich langen und scharfzugespitzten Rostrums, wurde als
Speciesname die Bezeichnung nasutum gewählt.
92 Charles L. Edwards. A. M.
Familie der Abacoliden.
Abacola gen. nov.
(Taf. V. Fig. 1-17.)
Der Körper vorn gross, der Cephalothorax von der Hälfte der
Körperlänge und eben so dick wie lang. Die freien Thoracalsegmente
nehmen nach hinten zu rasch an Grösse ah, das Abdomen ist klein.
Das Rostrum trägt am Ende zwei Haken. Die Vorderantennen f'ünf-
gliedrig; der erste ausserordentlich grosse Abschnitt läuft in einen ge-
zähnten Fortsatz aus. Dieser Fortsatz bildet mit dem hakenbewaffneten
Rostrum einen starken Greifapparat. Das zweite Glied dieser Vorder-
antennen trägt einen zweigliedrigen Nebenast, und dieser einen leicht
gekrümmten fadenförmigen Anhang. Die Hinterantennen sind drei-
gliedrig und wie das erste Beinpaar mit kräftigen Stacheln bewaffnet.
Hinterantennen und erstes Beinpaar bilden wiederum einen starken
Greifapparat. Die Mundtheile einfach-, die Mandibel gezähnt mit einem
einfachen zweigliedrige» Taster; die Maxille mit zwei gebogenen Stech-
haken; der erste Maxillarfuss mit fünf kurzen Endstacheln und zwei
Seitenborsten. Der zweite Maxillarfuss trägt zwei Endstacheln. Das
erste mit zweigliedrigem Innenaste versehene Beinpaar ist in Greiffüsse
umgewandelt. Das fünfte Beinpaar ist auf eine Leiste reducirt, die
in ihren vier durch Einkerbungen getrennten Höckern die Rudimente
der Aussen- und Innenäste zeigt. Die Eileiter münden in gemeinsamer
nach aussen.
Abacola holothuriae sp. nov.
Der Gesammtkörper erreicht eine Länge von 0,5 mm und am
Cephalothorax eine Breite von 0,25 mm. Die Körperform ist
bemerkenswerth durch die bedeutende Grösse des Cephalothorax.
Derselbe nimmt, ebenso dick wie lang, die Hälfte der Gesammt-
körperlänge für sich in Anspruch. Die übrigen freien Thoracal-
segmente nehmen nach hinten zu rasch an Grösse ab, während die
Abdominalsegmente unbedeutend erscheinen. Jedes Furcalglied trägt
eine sehr, lange Schwanzborste (Borste etwas länger als der Körper)
und noch drei sehr kurze Borsten. Das Rostrum (Fig. 2, R.) ist
ziemlich lang, trägt zwei Endhaken und sitzt, so ungewöhnlich dies
auch ist, doch augenscheinlich durch ein Gelenk dem Vorderkörper
auf. Gleich hinter dem Rostrum entspringen die eigentümlichen
fünfgliedrigen Vorderantennen (Fig. 2, A. I). Das erste Glied der
Vorderantennen ist verhältnissmässig breit und lang, etwa so lang
wie das Rostrum, und endigt in einen Fortsatz, welcher am vorderen
Rand gezähnt, an der Innenseite rosettenartig angeschwollen ist.
Gleich unter dieser Rosette sitzen zwei kleine Haken auf, längs dem
vorderen, dem Rostrum zugewandten Rande des ersten Antennen-
gliedes zehn bis fünfzehn solche Haken, an dem hinteren Rande des
Antennengliedes aber drei Borsten. Dieser Abschnitt bildet in Ver-
Beschreibung einiger neuen Copepoden. 93
bindung mit dem hakenbewaffneten Rostrum einen kräftigen Greif-
apparat. Das zweite Glied, nur ein Viertel so gross wie das erste, trägt
aussen am Rande vier Borsten und am Ende einen zweigliedrigen Xeben-
ast. In nur einem Falle ist bis jetzt ein Nebenast der Vorderantenne
beschrieben worden, nämlich von Claus (3, S. 19. Taf. X, Fig. 16)
für einen harpactidenähnlichen, nicht weiter bestimmten Schmarotzer-
krebs. Die zwei Glieder des in Rede stehenden Xebenastes von
Abacola holothuriae sind klein; das zweite endigt in einen
fadenförmigen Anhang (T), welcher in dem vorliegenden Exemplare
säbelförmig gestaltet ist, so dass er wahrscheinlich dem ersten
Gliede im Erfassen und Festhalten behilflich sein wird. Die letzten
drei Glieder des Antennenhauptastes sind unter sich von ungefähr der-
selben Grösse. Das dritte und vierte Glied tragen am äusseren
Rande je eine Borste, während das fünfte mit vier Endborsten aus-
gestattet ist. Die zweite Antenne (Fig. 3 und 4; All) ist drei-
gliedrig; der erste Abschnitt etwa so breit wie lang, die zwei
übrigen oblong. Beim Männchen (Fig. 3) ist der äussere Rand der
ersten zwei Glieder mit einer Reibe v«»n steifen Härchen versehen,
auf der Unterfläche des dritten Gliedes sitzen zwei schräg nach
vorn gerichtete Reihen von eben Bolchen Härchen. Das letzte Glied
der 2. Antenne trägt im männlichen Geschlechte am Ende einen ziem-
lich langen Stachel, welcher jederseits von einem halb bo langen
flankirt ist: gegen das Ende des Innenrandes noch drei etwas
kürzere Horsten. Das Weibchen Fig. 4) hat diese Antenne viel
stärker ausgebildet. Das zweite Glied weist zwei Bchräg nach vorn
gerichtete und jenseits der Mitte des Gliedes unter rechtem Winkel
zusammenstossende Reihen von kurzen Märchen auf Das dritte Glied
trägt an seinem Ende, wie im männlichen Geschlechte, einen mittleren
grossen und zwei seitliche kleinere Stachel, weicht aber dadurch
von der männlichen Form ab, dass es in der Mitte des Innen- und
am Grunde des Aussenrandes je einen Stachel besitzt.
Gerade unter der redneirten Oberlippe (Figo Lahr.) befinden
sich die kauenden Mandiheln (Fig. 6 Md.). Jede Mandihd läuft
terminal in drei zahnartige Portsätze aus, tragl aber nahe der Basis
einen kleinen, einlachen, zweigliedrigen Taster, dessen zweites Glied
mit drei Borsten besetzt ist. Unterhalb der Mandibel und nahe
deren Insertion ist die gerundete Maxille (Fig. 7 Mx.) eingelenkt.
Sie ist zwar der Hauptsache nach zu einem Stummel rückgebildet,
trägt aber doch zwei sehr gekrümmte Ilaken. einen grösseren und
einen kleineren, jedoch beide bemerkenswerth. Die zunächst folgenden
ersten Maxillarfüsse bestehen jeder aus einem in fünf Stacheln
auslaufenden Gliede. Nahe seiner Mitte trägt jeder erste Maxillar-
fuss (Fig. 8, Mxf. I) zwei, ihn an Länge übertreffende Ilaare. Die
zweiten Maxillarfüsse (Fig. 9 Mxf, II) sind kleiner, als die ersten,
aber gleich jenen nur aus je einem länglichen Gliede gebildet; sie
tragen jeder zwei ihrer Länge gleichkommende Endborsten.
Das erste Schwimmfusspaar (Fig. 10 u. 11) tritt functionell in
Verbindung mit den beiden starken zweiten Antennen, insofern als
94
Charles L. Edwards. A. M.
diese zwei Giiedmassenpaare einen Greifapparat abgeben. Wie jene
Antennen sind diese Schwimmfüsse viel kräftiger im weiblichen Ge-
schlecht entwickelt als im männlichen, Das zweite Stammglied der
in Rede stehenden Schwimmfüsse trägt am äusseren wie am inneren
Rande je einen Stachel. Zwischen diesen beiden Stacheln läuft quer
über das Stammglied eine Reihe kurzer Haare, doch kommen
deren auch wohl zwei vor.
Die Glieder, welche die Aeste der Schwimmfüsse zusammen-
setzen, tragen gewöhnlich, aber nicht ausnahmslos, auf ihrem
Aussenrande Härchen, oft auch solche am Ende. Von dem drei-
gliedrigen äusseren Aste der ersten Schwimmfüsse ist das erste
Glied das kleinste; es trägt terminal einen starken Stachel. Das
zweite Glied ist das grösste von allen; auch dieses trägt einen
terminalen Stachel, während das dritte Glied, etwas schlanker als
das zweite, doch ungefähr von derselben Länge, zwei kräftige
Stacheln am äusseren Ende und zwei lange Haare aufweist. Der
innere Ast ist nur zweigliedrig; im weiblichen Geschlechte sind
beide Glieder (Fig. 11) terminal mit Reihen von Härchen versehen,
im männlichen Geschlechte nur das erste. Das zweite Glied ist
hier wie da ungefähr doppelt so lang als das erste; es trägt
terminal einen Stachel (Männchen Fig. 10) oder deren zwei (Weibchen
Fig. 11). Die übrigen Beinpaare zeigen eigenthümliche Unterschiede
zwischen beiden Geschlechtern; beim Weibchen tragen sämmtliche
Glieder befiederte Borsten, beim Männchen nur die inneren Ränder
der Glieder, die äusseren hingegen Stacheln. Der innere Ast der
männlichen Schwimmfüsse ist im ersten, zweiten und vierten Bein-
paare (Fig. 12) zweigliedrig, dreigliedrig aber im dritten (Fig. 13).
Hier läuft dann aber auch das zweite Glied in einen starken Dorn
aus, der wahrscheinlich bei Ueberführung der Spermatophore unter-
stützende Dienste zu leisten hat. Die specielle Vertheilung der
Stacheln, Borsten und Haare auf die Glieder der vier ersten Bein-
paare ist aus folgender Tabelle zu entnehmen.
st = Stachel ; b = befiederte Borsten ; h = Härchen ; e = am Ende ;
s =. an der Seite ; — == kein Anhang ; Q = kein Glied.
Beschreibung einiger neuen Copepoden. 95
Wie schon in der Gattungsbeschreibung betont, sind die Glied-
massen des fünften Fusspaares auf kleine Stummel rückgebildet.
Diese Stummel sind sämmtlich unter sich verwachsen und bilden so
eine über das fünfte Thoracalsegment hinziehende ununterbrochene und
bewegliche Leiste. Man findet die Andeutungen von zwei Gliedern
jedes Beinpaares in den vier abgerundeten Höckern der Leiste wieder.
Jeder Höcker hat seine Reihe von Borsten für sich. Im männlichen
Geschlecht (Fig. 14) endet die Leiste rechts und links in einen
kleinen, eine Borste tragenden Zapfen. Von diesen Zapfen aus zählt
die Leiste also nach der Bauchmittellinie je zwei Höcker. Der (von
aussen nach innen gerechnet) erste Höcker ist besetzt mit sechs
Borsten, von denen die vierte am längsten ist. Der zweite Höcker trägt
fünf Borsten, von denen die mittelste am längsten. Die weibliche
Form (Fig. 15) der Leiste ist schmäler, ohne Zapfen; der äussere
Höcker trägt vier befiederte Borsten, der innere drei.
Das Abdomen zeigt die charakteristische Verschmelzung der
beiden vorderen Abschnitte zu einem Genitaldoppelsegment (Fig. 1,
Ab. I u. II). Die Oviducte münden in eine gemeinsame, ventral
gelegene Oeffnung. Diese Oeffnung ist von einem dicken Chitin-
ringe oder Rahmen umgeben (Fig. 17 Vu.j. Unmittelbar hinter der
weiblichen Geschlechtsötihung befindet sich die von zwei Chitin-
zapfen flankirte Mündung der Kittdrüse (Fig. 17 Po.). Die Mündungen
der männlichen Geschlechtsorgane waren in den beiden vorhandenen
Exemplaren nicht auffindbar. Die Spermatophore (Fig. 16 Sp.) ist
von der bei Copepoden gewöhnlichen Form, ungefähr fünfmal so
lang als dick. Von den drei letzten Abdominalsrgmenten ist das
dritte das längste; es trägt die beiden Furcalglieder (Fig. 1, Fr.).
Jedes dieser Glieder hat eine mehr als körperlange Scnwanzborste,
neben dieser noch zwei kürzere, am Aussenrande endlich wiederum
zwei kleine Borsten.
Systematische Stellung. Die Gattung Abacola lässt sich
keiner der bis jetzt aufgestellten Copepodenfamilien einreihen. Die
allgemeine Körperform, die kurzen und weniggliedrigen Antennen,
die kauenden Mandibeln und die Umstaltung des ersten Beinpaares
zu Greiffüssen lassen anfangs eine Aelmlichkeit mit den Harpactiden
vermuthen. Doch nähere Prüfung lässt die Bedeutung dieser Ärm-
lichkeiten schwinden. Denn der Umstand, dass die Mundtheile von
Abacola einfach und, ausser den Mandibeln, stechend sind,
sowie die Verbindung der auffallend stark bestachelten Hinter-
antennen mit dem ebenso kräftig bedornten ersten Beinpaare
zu einem Greifapparate weisen unzweideutig auf die halbpara-
sitischen Copepoden hin. Die fünfgliedrigen Antennen mit ihren
Nebenästen, die ausserordentlich grossen, hakenbewehrten Basal-
glieder, welche zudem noch mit dem wiederum zwei terminale Haken
tragenden Rostrum einen weiteren Greifapparat bilden, verleihen
der Abacola einen höchst eigentümlichen Charakter und trennen
sie, zumal die Hinterantennen ohne Nebenast sind, durchaus von den
96 Charles L. Edwards. A. M.
Harpactiden. Wenn man weiter sich erinnert an die Rückbildung
des fünften Thoracalfusspares und die Verschmelzung der Rudimente
zu einer einzigen Leiste, endlich an das Vorhandensein nur einer
längeren Schwanzborste an jedem Furcalgliede — dann erscheint
die Aufstellung einer neuen Familie Abacolidae mit dem Genus
Abacola, nicht ungerechtfertigt. Den Namen Abacola holothuriae
bringe ich für den beschriebenen Copepoden in Vorschlag, weil sich
derselbe in einer Holothurie fand, welche ich in der Nähe der Insel
Great Abaco (Bahama-Inseln) gefunden habe.
Leuckartella paradoxa gen. et sp. nov.
Taf. V, Fig. 18, 19.
Dieser höchst sonderbare Krebs wurde, zusammen« mit den
übrigen in dieser Arbeit beschriebenen Copepoden, in der Leibes-
höhle der Mülleria Agassizii Sei. angetroffen. Freilich konnte
ich nur ein einziges Exemplar auffinden, und auch dieses Hess, da
die inneren Theile fast alle mehr oder minder zerstört waren, nur
die äussere Organisation des Chitinskelettes erkennen. Naturgemäss
wurde hierdurch die Deutung der Strukturen in hohem Grade er-
schwert. Berücksichtigt man nun weiter, dass auch die Gliedmassen
der einen Seite vollständig verloren gegangen, die der anderen Seite
aber mehr oder minder nur stückweise erhalten waren, dann wird
man es auch erklärlich finden, wenn bei der nothwendigen Recon-
struction des Thieres einzelne Punkte unentschieden bleiben mussten.
Als Entschuldigung dafür, dass ich trotz alledem eine Beschreibung
des Thieres unternehme, mag lediglich das Bestreben dienen, die
Aufmerksamkeit der Fachgenossen auf dieses sonderbare Geschöpf
zu lenken, damit vielleicht mehrere und besser erhaltene Individuen
gefunden werden, welche dann dazu dienen dürften, unsere Kennt-
niss desselben und namentlich die seines inneren Baues zu ver-
vollständigen. Das Praeparat wurde zuerst mit schwacher Kalilauge
behandelt und dadurch allmählich aufgehellt, so dass der grössere
Theil der äusseren Structur erkannt werden konnte. Da bei dieser Be-
handlung, indessen die genauere Form und die Grösse der Geschlechts-
öffnungen, immer noch dunkel blieb, wurde weiterhin eine stärkere
Kalilauge angewandt, und diese lieferte denn auch insofern ein aus-
gezeichnetes Resultat, als sie nicht nur die Mündungen der Ge-
schlechtswege, sondern auch die in wechselndem Grade verdickten
Partien des Chitinskelettes und die Gelenkflächen der Extremitäten
klar zur Ansicht brachte.
Der Körper (Fig. 18 u. 19) erreicht eine Gesammtgrösse von
0,45mm und zeigt zwei sehr scharf von einander gesonderte Regionen:
einen breiten, schildförmigen Cephalothorax und ein dickes, ab-
gerundetes Abdomen. Der Cephalothorax misst in der Breite 0,22 mm
und hat auf dem Rücken eine Länge von 0,25 mm, während das
Abdomen in der Länge dem Cephalothorax gleich kommt, aber nur
Beschreibimg einiger neuen Copepoden. 97
eine Breite von 0,17rnm aufweisst. Der vordere Körpertheil zeigt
in der Ansicht von oben (Fig. 19) einen derben Rückenschild in Form
einer an den Seiten leicht nach abwärts gekrümmten, festen Chitin-
decke, und lässt in demselben drei deutlich geschiedene Abtheilungen
erkennen, die wir als vordere, mittlere und hintere Cephalothoracal-
platte bezeichnen wollen. Die hinteren Ränder dieser Platten liegen
dachziegelförmig über den Vorderrand der nächstfolgenden hinweg.
An den hinteren Ecken der ersten beiden Platten findet sich je eine
dorsale und eine ventrale, stark verdickte Hervorragung, welche in
eine entsprechende Aushöhlung des Vorderrandes der folgenden
Platte, also der zweiten und der dritten, hinein passt, und so eine
förmliche Articulation vermittelt. Man könnte darauf hin vielleicht ver-
muthen, dass der Cephalothorax einer stärkeren Krümmung, vielleicht
gar einer (unvollständigen) Kugelung fähig sei. Die in ihrer
Stirnkante stark und schön geschwungene Vorderplatte biegt sich
nach der Ventralfläche herunter und stellt so eine Art breiten
Rostrums dar. Der Hinterrand der folgenden Platte besitzt eine
schwächere Krümmung, und derjenige der letzten, der über den
Anfang des Abdomens hinweg liegt, ist fast ganz gerade.
Auf der gleichfalls sehr derben Rückenfläche des Abdomens
erkennt man ohne weiteres etwas vor der Mitte einen runden,
von einem Chitinrahmen gebildeten Contour, der nach hinten zu
schärfer begrenzt erscheint als nach vorn, und wahrscheinlicherweise
einen Saugnapf (S.) darstellt. .Mit Ausnahme der von diesem Salz-
näpfe eingenommenen stelle der aacb hinten überragenden Theile
der Thoracalplatten und des Endes des Abdomens wird die gesammte
Rückenfläche von einem ziemlich dicken Chitinskelet gebildet, welches
eine grosse Menge runder Gruben oder grubenartiger Poren trägt.
Unmittelbar hinter dem Saugnapfe beginnt die Chintinwand bis zum
Körperende hin bedeutend sieh zu verdünnen. Dieser verdünnte
Theil des Skeletes zeichnet sich ausserdem dadurch aus, dass er mit
kleinen, mehr oder minder regelmässigen, sechseckigen Feldern
bedeckt ist, in deren Abgrenzungslinien reihenweise sehr kleine
Poren gelegen sind. In der Nähe des Saugnapfes ist diese modi-
ficirte Region der Körperwand etwas erweitert, während zu gleicher
Zeit die sechseckigen Feldchen kleiner werden. Die ganze Fläche
ist hier durch zwei scharf begrenzte Wellenlinien in drei Partieen
geschieden, in deren mittlerer die kleinen Poren in sechs, vom
Saugnapfe radiär verlaufenden Linien angeordnet sind. Stellt man
den Fokus des Mikroskopes möglichst auf die untere Fläche der
Chitinwand ein, so sieht man deutlich, wie diese sechseckigen
Feldchen sich eine Strecke weit unter den verdickten Theil des
Skelets hin fortsetzen, so dass es den Anschein hat, als ob
das ganze Chitinskelet der oberen Körperfläche aus einer doppelten
Lage, einer oberen und einer unteren, zusammengesetzt wTäre. Es
würde dann an der oben beschriebenen dünnen Stelle die letztere
allein entwickelt sein und möglicherweise eine Vorrichtung darstellen,
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1891. Bd.I. H. 1. 7
98 Charles L. Edwards. A. M
welche dem sonst in feste Wandungen eingezwängten Abdomen eine
Volumveränderung ermöglicht.
Auf der ventralen Körperfläche ist die Chitinbekleidung des
Cephalothorax weder porös, noch zeigt sie die oben beschriebene
Dreitheilung ; nur an den Seiten erkennt man die Ränder der
Cephalothoracalplatten. Das Abdomen zeigt zwei getrennte Felder,
die seitlich durch einen stärkeren Chitinbogen mit einander ver-
bunden sind.
Was nun zunächst den Cephalothorax anbelangt — derselbe ist
in Fig. 18 etwas flacher dargestellt, als er in Natur ist — so ist der-
selbe an beiden Flanken mit einem unregelmässig gestalteten verdickten
Randsaum versehen, der wahrscheinlich zu einer Verstärkung des
gesammten Skeletbaues dient. Ebenso bemerkt man im vorderen
Drittel des Cephalothorax symmetrisch zu Seiten der Mittellinie
und von da nach hinten und aussen laufend je ein Paar scharf sich
markirender Linien, die zusammen eine der Furcula der Vögel
ähnliche Chitinspange begrenzen. Die Hörner dieser Furcula zeigen
nahe ihrem hinteren Ende zwei Verdickungen, von denen die vordere
zwei, die hintere drei kurze Fortsätze erkennen lässt. In der Mitte
des von diesem Chitinbogen eingeschlossenen Raumes erkennt man
weiter zwei Chitinbögen, deren vorderer nach vorn offen und
ziemlich flach ist, und ein Siebentel der Gesammtbreite des vordem
Cephalothoracalsegments erreicht. An seinen Endpunkten inseriren
sich die Enden des zweiten, bedeutend stärker gekrümmten Bogens,
der wie der vordere, seine convexe Seite nach hinten wendet.
Die Mundöffnung ist in der Mitte der ventralen Cephalothoraxfläche
gelegen und wird repräsentirt durch eine einfache Oeffnung, die wahr-
scheinlich wie bei Monstrilla, jenem eigenthümlichen, von Dana
entdeckten Copepoden, sich durch den vollständigen Mangel kauender
Mundtheile auszeichnet. Es ist deshalb nicht unmöglich, dass die
ausgeschnittenen Coxalglieder der Extremitäten, ähnlich, wie es bei
Limulus der Fall ist, und in gewisser Weise auch bei den Copopoden-
larven (am dritten Gliedmaassenpaare) wiederkehrt, gegen die vielfach
eingekerbten Gelenkflächen der medianen Chitinleisten wirken und so
zur Einfuhr, vielleicht gar der Trennung und Verkleinerung der
Nahrung dienen. Ober- und Unterlippe repräsentiren zwei einfache,
querverlaufende Chitinleisten von ungefähr gleicher Dicke; die Ober-
lippe (Lahr.) ist gerade, die Unterlippe (Lb.) gekrümmt, mit ihrer
concaven Seite nach vorn zeigend. In der Umgebung des Mundes,
und zwar theils (eine) vor, theils (drei) hinter demselben gelegen,
finden sich weiter vier quer zur Längsaxe des Körpers verlaufende
und etwas über dessen untere Fläche emporragende, starke Chitin-
rippen, deren Enden mit ziemlich complicirten Gelenkflächen versehen
sind und als Insertionspunkte für die Extremitäten dienen. Sie
nehmen nach hinten zu sowohl an Breite, wie an Dicke allmählich
zu. An der ersten dieser Querrippen, die also vor dem Munde
gelegen ist, sitzt das erste Gliedmassenpaar fest, welches wir seiner
Beschreibung einiger neuen Copepoden. 99
Stellung nach als Antenne auffassen müssen, während die den drei
postoralen Rippen aufsitzenden übrigen Anhänge als Schwimmfüsse
in Anspruch zu nehmen sein dürften. Die Antennenrippe ist einfach,
an ihrem hinteren Rande leicht einwärts gebogen und besitzt an
den seitlichen Enden je drei einfache Fortsätze. Die Leisten für die
Insertion des ersten und zweiten Beinpaares sind bedeutend stärker
und im mittleren Theile etwas nach hinten gekrümmt. Ihre Gelenk-
flächen, die nur wenig von einander differiren,, spalten sich in zwei
Theile: einen oberen oder vorderen mit zwei, und einen unteren
oder hinteren mit drei isolirten Kuppen. Die Basalrippe des dritten
Beinpaares, dort, wo das Abdomen sich an den Cephalothorax anhängt,
gelegen, hat eine gerade vordere und eine leicht einwärts gebogene
und der vorderen Grenzlinie des Abdomens entsprechende hintere
Kante. Sie zeigt auch, wenngleich nicht so scharf, wie die vorher-
gehenden, eine Trennung ihrer Gelenkflächen in zwei Partien,
deren untere etwas über die obere hervorragt und kurz vor der
Spitze eine leichte Einsenkung aufweist.
Was nun die grossen und wuhlentwickelten Gliedmassen an-
belangt, so sehen wir dieselben zusammengesetzt aus je einem an-
sehnlichen Stammgliede und zwei Aesten. Diese letzteren sind an
den Antennen beide eingliedrig, bei den Schwimmfüssen aber ist der
äussere Ast zwei-, der innere dreigliedrig. Bei den Antennen
(Fig. 18, A), welche den grossen zweiten Antennen oder Ruder-
fühlern der Daphniden ähneln, ist das grosse Stammglied etwas
länger und schlanker, als bei den Bewegungsgliedmassen, und reicht
bis zum vorderen Rande des Chephalothorax. Sein Durchmesser
ist in der Mitte etwas geringer, als an den Enden: an seiner
Aussenecke trägt es eine kleine Borste. Von den beiden ein-
gliedrigen Aesten ist der äussere (Re) etwas kürzer und ungefähr
nur ein Drittel so dick, als der innere; er trägt an seinem äusseren
Rande drei und am Ende zwei zarte Borsten. Der innere Ast (Ri),
von der halben Länge des Stammgliedes, trägt am inneren Rande
zwei und am Ende drei Borsten.
Das erste Schwimmfusspanr (Bp. I) zeigt ein in seiner Mitte
nicht unbeträchtlich erweitertes Stammglied, von (losen äusserem
Rande sich ein Chitin stab nach dem inneren Theil der Hüfte hin
erstreckt. Die Basis des Gliedes selbst zeigt eine der Gelenkfläche
der zweiten thoracalen Rippe entsprechende Trennung in zwei
Kuppen. Der stärkere Aussenast dieses Fusspaares besitzt zwei
Glieder, von denen das erste am Aussenrande eine Reihe kurzer
Spitzchen und zwischen diesen, ungefähr in der Mitte und kurz vor
dem Ende, je einen Stachel trägt; an der Innenecke steht eine be-
befiederte Borste. Auch das zweite Glied trägt am Aussenrande
eine Reihe feiner Spitzchen und zwei am Ende gelegene Stacheln;
innerer Rand und Ende des Gliedes sind versehen mit je zwei be-
fiederten Borsten von besonderem Baue. Dieselben besitzen nämlich
nur wenige, auf die innere Seite beschränkte, dafür aber ziemlich
grosse Haare, zu denen sich nur bei der zu innerst stehenden End-
7*
100 Charles L. Edwards. A. M.
börste auf der Gegenseite eine Reihe gedrängt stehender feiner
Härchen gesellt. Der innere Ast hat drei ungefähr gleich lange
Glieder, von denen das erste mehr als die doppelte Dicke der
übrigen erreicht. Ausserdem besitzt dieses Glied an der äusseren
Fläche eine Reihe von Härchen, an der inneren Ecke aber eine be-
fiederte Borste. Das zweite und dritte Beinpaar sind nach dem-
selben allgemeinen Plane gebaut, wie das erste, nur ist jedes etwas
grösser und stärker, als das vorhergehende. In Bezug auf einzelne
Abweichungen in ihrer Ausstattung dürfte folgendes zu erwähnen
sein. Beim zweiten Beinpaare: das zweite Glied des Aussenastes
trägt eine weitere Schwimmborste an der inneren Seite, und das
dritte Glied des Innenastes innen eine Borste mehr, am Ende eine
weniger, dagegen kurz vor dem Ende aussen noch eine kleine Borste.
Drittes Beinpaar: das erste Glied des Aussenastes hat nur einen
nahe dem Ende gelegenen Stachel, die innere Borste ist kürzer und
anstatt mit Haaren mit scharfen Zähnchen bewaffnet. Auch beim
dritten Gliede ist eine der Borsten mächtiger entwickelt, als die
anderen, und anstatt mit Haaren mit einer Reihe von ungefähr
zwanzig Zähnen bewaffnet, von denen die letzten vier besonders stark
sind. Am Innenaste ist das erste Glied viel stärker, als das ent-
sprechende der übrigen Beinpaare, und erweitert sich ausserdem in
der Mitte bedeutend. Sein Aussenrand ist mit einer Reihe von
Spitzchen anstatt der Haare versehen, und auf der Mitte des Innen-
randes steht ein Stachel. An der Aussenecke des zweiten Gliedes
steht ebenfalls ein Stachel. Das dritte Glied fehlt dem mir vor-
liegenden Individuum ganz.
Das abgerundete grosse Abdomen ist durch eine quer
verlaufende und an den Seiten sich gabelig spaltende bogenförmige
Chitinleiste in eine Anzahl von verschieden grossen Feldern ge-
theilt. Eines derselben, ein schmales, liegt vorn, zwei kleine un-
regelmässig dreiseitige (von den Gabelästen der Hauptleiste ein-
geschlossen) an den Seiten und ein grosses, rundes nimmt den
übrigen, hinteren Abschnitt des Hintertheiles ein. Die Chitin-
leiste selbst steht an den Seiten mit der dicken Chitinbekleidung
des Rückens in directer Verbindung; die Stelle dieser Verbindung
ist durch eine leichte Einkerbung der Wand markirt. Auf ihr
liegen, und zwar auf dem dicken unteren Seitenzweige, die grossen
runden Geschlechtsöffnungen (Vu), bei unserm Thiere die der Oviducte.
Dicht über der Gabelungsstelle der Chitinleiste liegen dann vorn,
halbbedeckt von überragenden Chitinlappen, noch zwei kleinere
Oeffnungen, welche wahrscheinlich die Mündungen der Receptacula
seminis darstellen (Po). Am Hinterende des Abdomens sieht man
endlich noch die sehr grosse Afteröffnung (Af) als eine quer-
verlaufende Spalte, deren dorsale und ventrale fein gesägte Ränder
in der Mitte je eine longitudinale tiefe Einkerbung zeigen.
Unmittelbar vor der Afteröffnung schimmert durch die Körper-
wandung ein eiförmiger Körper, das von einer Chitinlamelle aus-
gekleidete Rectum (Re), hindurch.
Beschreibung einiger neuen Copepoden. 101
Was nun die Deutung der vorbeschriebenen einzelnen Gebilde
anbelangt, so ist dieselbe, wie schon oben erwähnt, infolge des voll-
ständigen Fehlens der inneren Organe bis zu einem gewissen Grade
unsicher. Um darüber die Ansicht eines erfahrenen Crustaceen-
kenners einzuholen, sandte ich mein Praeparat (nach der ersten Be-
handlung mit der schwächeren Kalilauge) mit den Zeichnungen, die
ich entworfen, an Herrn Prof. Claus, und dieser hatte denn auch die
Güte, das Praeparat einer Untersuchung zu unterziehen. Herr
Prof. Claus, gegenwärtig die erste Autorität auf dem Gebiete der
Crustaceen, erklärte sich mit meiner Auslegung im Allgemeinen ein-
verstanden, nur schien ihm die Deutung der damals als Geschlechts-
öffhungen und als Mundöffhung aufgefassten Bildungen zweifelhaft.
Ausserdem vermuthete er in den von mir als Antennen bezeich-
neten Extremitäten eher ein erstes Sehwimmmsspaar. Als ich
darauf hin meine Resultate nochmals genau prüfte, und zur Auf-
hellung eine stärkere Kalilauge anwandte, hatte dies insofern Erfolg,
als ich jetzt die wirklichen Geschlechtsöffhungen als grössere und
etwas hinter den von mir ursprünglich also gedeuteten Oeffimngen
erkennen konnte. Was den Mund anbelangt, so ist, da derselbe in
meinem Praeparat durch benachbarte Chitintheile etwas gedrückt
und verdeckt war, immerhin ein Zweifel möglich. Für die Deutung
als Mund spricht jedoch t\w (Jmstand, dasa der von mir als Ober-
lippe in Anspruch genommene Chitinstab etwas höher als der als
Unterlippe bezeichnete gelegen ist, und dasa der Zwischenraum
zwischen beiden sieh nach der /weiten Behandlung mit Aet/.kali
noch mehr vertieft zeigt.
Was die systematische Stellung der Leuckartella anbetrifft, so i-t
die Entscheidung ohne Kenntnis« sowohl der inneren Organisation, wie
auch des Auges eine schwierige Sache. Die vollständig entwickelten
Kuderfüsse, der terminal gelegene After und die muthmasslichen
Oefthungen der Ovidnete. Bowie der acessorischei] Geschlechtsdrüsen
vorn auf der Yentralfläehe des Abdomens sind Charaktere, die an
die Copepoden erinnern. Das vollständige Fehlen der Mundtheile
aber trennt die Form durchaus von dem gewöhnlichen Copepoden-
typus, schliesst sie jedoch in gewisser Beziehung an Monstrilla Dana
an (beschrieben und besprochen bei Claus 3, S. 164, Semper 11,
S. 100, Claparede 1*2, S. 95 u. a.). Bei letzterer ist aber, wie von
Claus besonders hervorgehoben wurde, sowohl die Form und Gliederung
des Rumpfes, als auch der Bau der Ruderfüsse und die Form des
Abdomens diejenige der typischen Copepoden, so dass Claus kein
Bedenken trägt, Monstrilla den Corycaeiden anzureihen. Bei
Leuckartella hingegen ist der Körper nur in den Cephalothorax
und das plumpe, verhältnissmässig grosse Abdomen geschieden, vordere
Antennen fehlen augenscheinlich ganz, und auch die Schwimmfüsse
zeigen sich nur in der Zahl von drei Paaren entwickelt, alles Charak-
tere, welche unser Thier scharf von den Copepoden trennen. Dazu
kommt dann: der Besitz von Antennen, die zu Ruderapparaten oder
sog. Ruderfühlern umgeformt sind, der Besitz eines grossen, ab-
gerundeten Abdomens, die Anwesenheit eines vermuthlich den bei
102 Charles L. Edwards. A. M.
einigen Daphniden im Nacken vorkommenden drüsigen Haftorganen
entsprechenden Saugnapfes auf der Kückenseite des Abdomens, Charak-
tere, die eine gewisse Verwandtschaft mit den Daphnidae, besonders
den Polyphemidae, documentiren. Dies dürften wenigstens die nächsten
und augenscheinlichsten Verwandtschaftsbeziehungen der Leuckar-
tella sein. Weiter auf Vermuthungen über die systematische Stellung
dieses sonderbaren Wesens einzugehen, kann bei dem Besitze nur
eines einzigen und nicht einmal vollständig intacten Individuums
kaum räthlich sein.
Als einen Ausdruck der hohen Verehrung und Bewunderung für
meinen Lehrer, in dessen Laboratorium ich die vorliegenden Unter-
suchungen anstellte, möchte ich dem eigenthümlichen Thiere den
Genusnamen Leuckartella geben; als Species -Bezeichnung füge
ich paradoxa bei.
Litter atur - Verzeichniss.
1. C. Claus. Beiträge zur Kenntniss der Schmarotzerkrebse. (Mit
Taf. XXXIII— XXXVI). Zeitschr. f. wiss. Zool. Bd. XIV,
S. 365.
2. C. Claus. Neue Beiträge zur Kenntniss parasitischer Cope-
poden. Zeitschr. f. wiss. Zool. Bd. XXV. (Sep. -Abdruck.)
Taf. XXII— XXIV.
3. C. Claus. Die freilebenden Copepoden. Leipzig, 1863.
4. A. Rosoll. Ueber zwei neue an Echinodermen lebende para-
sitische Copepoden, Sitzungsberichte d. kais. Akad. d. Wiss.
in Wien, Bd. XCVIL Abth. 1. Mai 1888.
5. A. Grub er. Beiträge zur Kenntniss der Generationsorgane der
freilebenden Copepoden. Zeitschr. f. wiss, Zool., Bd. XXXII.
6. Leydig. Zoologische Notizen ; neuer Schmarotzerkrebs auf einem
Weichthier. Zeitschr. f. wiss. Zool. Bd. IV, S. 377, Taf. XIV.
7. C. Sem per. Reisen im Archipel der Philippinen. Zweiter Theil.
I. Bd. Holothurien. Leipzig 1868.
8. R. Kossmann. Zool. Ergebn. einer Reise in die Küstengebiete
des Rothen Meeres. Erste Hälfte. IV. Entomostraca (1. Theil.
Lichomolgidae). Leipzig 1877.
9. J. Thor eil. Bidrag tili Kännedomen om Krustaceer, som lefva
i arter af slägtet Ascidia, K. Vet. Akad. Handl. B. 3, No. 8.
10. Buchholz. Beitrag zur Kenntniss der innerhalb der Ascidien
lebenden parasitischen Crustaceen. Zeitschr. f. wiss. Zool.
Bd. XIX.
11. C. Semper. Reisebericht in Siebold und Kölliker's Zeitschr.
Bd. XI.
12. Claparede. Beobachtungen über Anat. u. Entwicklungsgesch.
wirbelloser Thiere. Leipzig 1863.
13. C. Claus. Ueber neue oder wenig bekannte halbparasitische
Copepoden, insbes. d. Lichomolgiden- und Ascomyzontiden-
Gruppe. Separat -Abdruck aus den Arbeiten des Zoolog.
Inst. Wien. Tom. VIII. Heft 3.
Beschreibung einiger neuen Copepoden.
103
Erklärung der Abbildungen.
Tafel III— V.
In allen Figuren werden durch
bezeichnet:
R. Rostrum.
AI. Vordere Antennen.
All. Hintere Antennen.
Labr. Oberlippe.
Lb. Untere Lippe.
Mth. Mundtheile.
Md. Mandibeln.
Mx. Maxillen.
Mxf. I. Erster Maxillarfuss.
Mxf.II. Zweiter Maxillarfuss.
C. Kopf.
Th. I. Erstes Thoracalsegment.
Th.V. Fünftes Thoracalsegment.
Bp. I. Erstes Beinpaar,
Bp.II. Zweites Beinpaar.
Bp.III. Drittes Beinpaar.
Bp.IV. Viertes Beinpaar.
Bp.V. Fünftes Beinpaar.
St.I. Erstes Stammglied.
St. II. Zweites Stammglied.
die Buchstaben folgende Körpertheile
Re. Aeusserer Ast.
Ri. Innerer Ast.
Ab.I. Erstes Abdominalsegment.
Ab.V. Fünftes Abdominalsegment.
Fr. Furcalglied.
R. S. Receptaculum seminis.
Vu. Weibliche G-eschlechtsmünduug.
0. Männliche Geschlechtsnmndung.
E. Eier.
Sp. Spermatophore.
Po. Porus zur Befestigung der Sper-
matophore.
R. Rectum.
Af. Afteröffnung.
Lp. Lappen.
T. Speciiische Cuticularanhänge der
Vi> rderen Antenne.
M. Mundöffnong.
S. Saugnapf.
Tafel III.
Dactylopus bahamensis sp. nov. (Fig. 1—15).
(Fig. 1 97fadi. Fiu. 15 L05fach, und die übrigen oitOfach vergr.)
Fig. 1. Männchen in seitlicher Lage.
Fig. 2. Schnabel and Oberlippe.
Fig. 3. Vordere Antenne.
Fig. 4. Hintere Antenne.
Fig. 5. Mandibel mit Taster.
Fig. 6. Maxille.
Fig. 7. Vorderer Maxillarfuss.
Fig. 8. Hinterer Maxillarfuss.
Fig. 9. Erster Fuss des Männchens. (Di af der Tafel weiter nach rechts.)
Fig. 9'. Innenast des ersten Fasses beim Weibchen.
Fig. 10. Fuss des zweiten Brnstsegmentes.
Fig. 11. Fünfter Fuss des Männchens
Fig. 12. Hinteres Fusspaar des Weibchens.
Fig. 13. Männliche Geschlechtsmündung in seitlicher Lage.
Fig. 14. Die Mündungen der Eileiter mit dem median gelegenen Porus der
Kittdrüse und den auffallend geformten Lappen zum Festhalten der
Spermatophore.
Fig. 15. Furca mit Schwanzborsten.
Esola Longicanda gen. et sp. nov. (Fig. 16- 26').
(Fig. 16 97 fach, Fig. IG' 16 fach, die übrigen 390 fach vergr.)
Fig. 16. Männchen in seitlicher Ansicht.
Fig. 16'. Dasselbe in seiner Hülle.
Fig. 17. Kopfbrust des Weibchens mit dem zweiten Thoracalsegment, dem
Schnabel, den beiden Antennen, mit Oberlippe und unterem Maxillarfuss.
Fig. 18. Vordere Antenne des Männchens.
Fig. 19. Mandibel, Maxille und oberer Maxillarfuss
Fig. 20. Fuss des ersten Thoracalseginentes.
Fig. 21. Fuss eines der drei folgenden Segmente.
Fig. 22. Fünfter Fuss des Männchens. (Die Fig. auf der Tafel weiter nach links.)
Fig. 23. Fünfter Fuss des Weibchens.
Fig. 24. Geschlechtsmündungen des Weibchens.
104 Charles L. Edwards. A. M.
Fig. 25. Spermatophore.
Fig. 26. Fünftes Abdoniinalsegnient des Weibchens mit den Furcalgliedern.
Fig. 26' Dasselbe des Männchens.
Tafel IV.
Rhapidophorus Wilsoni gen. et sp. nov. (Fig. 1 — 11).
(Fig. 1 97 fach, die übrigen 210 fach vergr.)
Fig. 1. Männchen (?) in seitlicher Lage.
Fig. 2. Vordere Antenne.
Fig. 2'. Vielgliedrige Borste derselben.
Fig. 3. Hintere Antenne. (Auf der Tafel weiter nach rechts.)
Fig. 4. Mandibel.
Fig. 5. Maxille. lo Lade u. P Lappen des Basalglieds, S Hauptast, X Nebenast.
Fig. 6. Vorderer Maxillarfuss.
Fig. 7. Hinterer Maxillarfuss.
Fig. 7'. Eigenthümliche Borste desselben.
Fig. 8. Fuss des ersten Thoracalsegments.
Fig. 9. Fuss eines der drei nachfolgenden Segmente.
Fig. 10. Hinterer Fuss.
Fig. 11. Furcalglied mit Schwanz borsten.
Diogenidium nasutum gen. et sp. nov. (Fig. 12 — 18).
(Fig. 12 48fach, Fig. 17 105 fach und die übrigen 195 fach vergr.)
Fig. 12. Männchen von Diogenidium nasutum, frei und ausgestreckt, vom Bauch
aus gesehen.
Fig. 13. Antennen und Mundtheile des Weibchens.
Fig. 14. Die unteren Maxillarfüsse des Männchens.
Fig. 15. Erster Fuss des Männchens.
Fig. 16. Vierter Fuss desselben.
Fig. 17. Vordere zwei Abdominalsegmente des Männchens von der Bauchfläche.
Fig. 18. Spermatophore desselben.
Fig. 19. Genital-Doppelsegment des Weibchens mit Eiersack.
Tafel T.
Abacola holothuriae gen. et sp. nov. (Fig. 1—17).
(Fig. 1 97 fach, die übrigen 390 fach vergr.)
Fig. 1. Weibchen in seitlicher Lage.
Fig. 2. Schnabel und vordere Antenne desselben.
Fig. 3. Hintere Antenne des Männchens.
Fig. 4. Dieselbe des Weibchens.
Fig. 5. Oberlippe.
Fig. 6. Mandibel.
Fig. 7. Maxille.
Fig. 8. Oberer Kieferfuss.
Fig. 9. Unterer Kieferfuss.
Fig. 10. Fuss des ersten Thoracalsegmentes des Männchens.
Fig. 11. Derselbe des Weibchens.
Fig. 12. Fuss des zweiten oder vierten Thoracalsegmentes des Männchens.
Fig. 13. Dritter Fuss desselben.
Fig. 14. Fünftes Beinpaar des Männchens.
Fig. 15. Fünfter Fuss des Weibchens.
Fig. 16. Spermatophore.
Fig. 17. Weibliche Geschlechtsmündungen.
Leuckartella paradoxa gen. et sp. nov. (Fig. 18, 19).
(Fig. 18 105 fach, Fig. 19 292 fach vergr.)
Fig. 18. Weibchen von der Bauchfläche aus gesehen. Man sieht die Antennen
und die Schwimmfüsse in vollständiger Ausbildung, die Bauchleisten,
die weiblichen Geschlechtsmündungen, das Rectum, den After.
Fig. 19. Dasselbe vom Rücken. Man sieht die drei Thoracalplatten, den
Saugnapf und hinter diesem die kleinen sechseckigen Felder.
Die Tonapparate der Dytiscidae.
Von
Hermann Reeker.
Mit Tafel VI.
Es ist eine bekannte Thatsache, dass wir in der umfangreichen
Ordnung der Käfer innerhalb gewisser Familien einzelne Arten an-
treffen, denen es durch einen Stridulationsap]>ar;it ermöglicht ist,
eigentümliche Töne von sich zu ueben. Keine Familie aber dürfte
in einem so allgemeinen Besitze eines Stridulationsapparates sein,
wie die Familie der Schwimmkäfer [Dytiscidae); derselbe findet
sich am prägnantesten bei Pelobius Schönh,
Der erste Forscher, welcher uns von dem Pfeifen des Pelobius
Mitteilung macht, ls1 Erichson*); er bemerkl darüber: „Der
pfeifende Ton, den dieses Thierchen, besonders wenn es beunruhigl
wird, hören lässt . wird, wie bei Trox, durch das Reiben des Hinter-
leibes gegen die Flügeldecken hervorgebracht."
Diesen von Erichson angedeuteten Stridulationsapparat be-
Bchreibt Darwin**) zuerst genauer: „Bei diesem Wasserkäfer läuft
eine starke Leiste paraMe] and nahe dem Nahtrande dn- Flügel-
decken und wird von Kippen gekreuzt, die in dem mittleren Teile
grob, aber nach den beiden Enden bin und besonders nach dem
oberen Ende zu allmählich immer feiner werden. Wird dieses Insekt
unter Wasser oder in der Luft gehalten, so entstellt ein stimu-
lierendes Geräusch durch Reiben des ausser sten hornigen
Randes des Abdomen gegen das Reibzeug."
Diese Raspeln zeigen bei den Männchen und Weibchen keinen
wesentlichen Unterschied; sie besitzen 100 — 110 Rillen, ungefähr
30 grobe in der Mitte, von denen sich dann jederseits ein allmählicher
Uebergang bis zu den sehr feinen vollzieht.
Dieser Stridulationsappanit is1 aber zu schwach angelegt, um
den hellen pfeifenden Ton des Pelobius hervorzurufen. Letzterer
erklärt sich erst aus einem zweiten Stridulationsapparat, den
H. Landois***) entdeckt hat. Er beschreibt ihn folgendermassen:
*) Die Käfer der Mark Brandenburg. 1. Band. 1. Abtheilung. Berlin 1837.
S. 183.
**) Abstammung des Menseben. 1. Theil. S. 338.
***) Tbierstimmen. Freiburg i. B. 1874. S. 118.
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1891. Bd. I. H. 2. 7 a
106 Hermann Reeker:
„Die stark geriefte Randader der Unterflügel wird an
eine scharf vorspringende Kante anf der Innenseite der
Flügeldecken gerieben. — Etwa 0,5 mm von der Mitte des
Aussenrandes jeder Flügeldecke erhebt sich auf der Innenfläche eine
stark vorspringende kleine Leiste mit äusserst scharfer Kante. —
Die Unterflügel tragen die Raspel, welche an die scharfe Kante der
Flügeldecke gerieben wird. Und zwar ist die Vorderrandsader zu
dieser Raspel umgebildet. Gerade an der Stelle, wo die Unterflügel
in der Ruhelage eingeknickt resp. umgebogen werden, ist die Rand-
ader mit einer grossen Menge scharfer Rillen querüber besetzt. Auf
dem vorderen Schenkel dieser umgebogenen Raspel -Ader zähle ich
gegen 98, auf dem hinteren 58 scharfe Rillen. — Wird nun diese
Raspel über die scharfe Kante hin und hergerieben, so entsteht der
hellklingende Ton. — Um die helle Klangfärbung dieses Reibungs-
geräusches zu erklären, mache ich auf ein tamburinförmiges Chitin-
Gebilde aufmerksam, welches bei eingeknicktem Flügel dicht unter
der Raspel-Ader liegt. Sowohl in Gestalt wie Bau lässt sich dieses
Gebilde mit dem analogen Organe bei den Laubheuschrecken ver-
gleichen."
Ueber diesen von Landois entdeckten Apparat äussert sich
Sharp*), der die Deutung durch Landois nicht zu kennen scheint
und das Pfeifen des Pelobius der Darwinschen Raspel zuschreibt,
folgendermassen : „Das Gebilde ist eine breite Protuberanz nahe dem
Aussenrande, gerade gegenüber der Mitte. Diese Protuberanz bildet
eine Höhlung, in welche ein horniger Fortsatz auf dem obern Rande
des basalen Ventralsegmentes aufgenommen wird und zu
dem Zwecke dient, die beiden Flügel sehr fest mit einander zu
verbinden."
Dieser von Sharp angegebene Zweck der Protuberanz kann —
wenigstens bei der jetzigen Sachlage — nur ein sekundärer sein.
Denn einerseits ist der betr. hornige Fortsatz auf dem basalen Ventral-
segment im Verhältnis zu der durch die Protuberanz gebildeten
Höhlung doch ziemlich unbedeutend, anderseits weisen auch noch
die folgenden Segmente hornige Verdickungen wenn auch kleineren
Umfanges auf. Dafür, dass die Deutung durch Landois die richtige
ist, spricht ferner der Umstand, dass ich, trotzdem ich bei keiner
anderen (inländischen) Dytiscidenart den Darwinschen Stridulations-
apparat wiedergefunden habe, dennoch bei mehreren Gattungen
wiederholt den pfeifenden Ton beobachtete.
Bevor ich nun zur Betrachtung der einzelnen Gattungen der
Dytiscidae übergehe, muss ich noch auf eine allerdings schwache
Leiste aufmerksam machen, welche sich bei Pelobius durch rippen-
artige Verdickung der zweiten Flügelader gebildet hat. Denn diese
*) On aquatic carnivorous Coleoptera or Dytiscidae in den Scientific Trans-
actions of the Royal Dublin Society. 1882. (2. S.) H. pag. 179—1003 mit
PI. VII-XVHI.
Die Tonapparate der Dytiscidae. 107
Leiste in einer stärkeren Ausbildung ist es eben, welche den anderen
Dytisciden gestattet, ihre (stets vorhandene) Raspel-Ader in Thätigkeit
treten zu lassen. Eine soweit von der Flügelspitze entfernte Reibleiste,
wie sie Pelobius besitzt, würde nämlich den anderen Dytisciden keine
Dienste leisten, da bei ihnen die Einknickimg der Flügel erst weit
später erfolgt, als bei Pelobius. Letzterer — bei dem ja die
Carabideneharaktere das Übergewicht über die Dytiscidencharaktere
haben — faltet nämlich die Flügel nach Art der Laufkäfer weit
eher.
Aus dieser frühzeitigeren Knickung der Flügel erklärt sich auch
die Thatsache, dass bei Pelobius sich auf dem gebogenen Teile der
Randader verhältnismässig viel mehr Rillen befinden, als bei den
anderen Gattungen. Ich zähle beispielsweise auf dem geraden, resp.
gebogenen Schenkel bei
Agabus bipustulatus 180 resp. 35 Rillen
Pelobius Hermanni 98 „ 58 ,,
Calosoma inquisitor 58 „ 53 „
Cicindela campestris 74 ,, 97 ,,
Ich führe die beiden Laufkäfer zur Vergleichung mit an, weil
sich auch bei den Cicindelidae und Carabidae die gleiche, regel-
mässige Rillimg rindet, wie bei den Dytiscidae Eine dieser Raspel-
ader entsprechende Reibleiste habe ich aber bei den Carabidae
nicht gefunden.
Ich gehe nun zu einer gedrängten Besprechung des Stridulations-
apparates der anderen (inländischen) Dytiscidae über, indem ich
dabei hinsichtlich der Systematik und Nomenclatur das neuere Werk
von Seidlitz*) zu Grunde lege.
Ich bespreche die Gattungen aber in der umgekehrtes Reihenfolge,
da schon im Interesse der Anschaulichkeil der Beginn bei den grösseren
Gattungen geboten ist.
Die Gattung Cybister Curtü zeigt, wie auch die anderen grösseren
Gattungen, eine ihrer Grösse entsprechende, vermehrte Anzahl von
Rillen. So zähle ich bei C. Etoeselii auf dem geraden Schenkel
c. 227, auf dem gebogenen c. 60 Killen. Dies«' Rillung, welche unter
dem Mikroskop den Anblick schöner, regelmässiger Zähnchen gewährt,
beginnt und verschwindet jedoch bei Cybister, wie auch meistens bei
den anderen Gattungen, nicht ganz plötzlich. Vor und nach der
Reihe der regelmässigen Zähnchen erblickt man mehr oder minder
zahlreiche Andeutungen und Verkümmerungen derselben; so treffe
ich bei dem eben genannten C. Roeselii vorher 4 Diminutivzähnchen
und hinterher mehr wie 1/2 Dtzd. Andeutungen. Die Zähne erscheinen
zunächst durchweg breit, platt abgerundet; allmählich werden sie
schmaler und schärfer, sodass man auf dem gebogenen Schenkel
ganz anders ausschauende, schärfere Zähne antrifft; letztere sind es
ja eben, welche beim Stridulieren in Thätigkeit treten.
*) Bestimmungstabelle der Dytiscidae und Gyrinidae des europäischen
Faunengebietes. Brunn. 1887.
7a*
108 Hermann Eeeker:
Was nun die Leiste anbetrifft, an welche die Raspel-Ader gerieben
wird, so beginnt dieselbe etwa mit dem zweiten Drittel der Flügel-
decke und zieht sich in einer Entfernung von 1,5 mm ziemlich
parallel dem Aussenrande hin, bis sie etwa 3 mm vor dem Ende des
äusseren Flügelrandes verschwindet. Die Leiste ist äusserst scharf
ausgeprägt und mit freiem Auge sehr deutlich zu beobachten.
Merkwürdigerweise findet sich trotz der scharfen Ausbildung
dieses Stridulationsapparates beim $ von Cybister noch ein zweiter.
Derselbe besteht, wie Crotch*) schon Anfangs der 70 er Jahre an-
giebt, aus 3—5 hohen Leisten, über die eine Leiste auf der Unter-
seite der Hinter Schenkel gerieben wird.
G-ehen wir zur Gattung Dytiscus L. über. Entsprechend der
Grösse dieser Gattung ist auch hier der Stridulationsapparat kräftig
ausgebildet. Betrachtet man die Rillader unter dem Mikroskop, so
schaut, man auf dem geraden Schenkel breite, massive Zähne mit
stumpfem Höcker, welche, wenn ich einen Vergleich gebrauchen darf,
Backzähnen gleichen; nach dem gebogenen Schenkel hin verändern
sie sich allmählich, so dass man auf demselben schmalere, höhere,
schärfere, wenngleich dabei abgerundete Zähne erblickt, welche den
Eindruck von Eckzähnen machen. Was die Zahl der Zähne anbetrifft,
so zähle ich auf dem geraden, resp. gebogenen Schenkel an deutlichen
Zähnen bei
Dytiscus marginalis L. $ circa 207 resp. 81,
„ marginalis L. $ c. 210 „ 82,
„ punctulatus Fbr. $ c. 227 „ 52,
„ punctulatus Fbr. ? c. 232 „ 57,
,, dimidiatus Bergstr. $ c. 250 ,, 72,
„ dimidiatus Bergstr. $ c. 264 „ 73.
Die Reibleiste ist bei Dytiscus kürzer, wie bei Cybister. Sie
ist 10 mm lang, beginnt noch eben in der obern Hälfte der Flügel-
decke, c. 1 mm vom Aussenrande entfernt und zieht sich neben dem-
selben fast geradlinig so hin, dass der Abstand an ihrem Ende auf
1,5 mm gestiegen ist.
Bei Dytiscus habe ich selbst Gelegenheit gehabt, den Ton des
Stridulationsapparates wiederholt zu vernehmen.
Es folgt die Gattung Acilius Leach. Die Rillung der Raspel-
ader beginnt ziemlich plötzlich. Etwa die drei ersten Zähnchen
erscheinen noch unregelmässig, doch schon fest und gross; dann
aber sieht man nur kräftige, mit einer besonderen kurzen Spitze
versehene, fast gleichmässige Zähne, bis sie, auf dem gebogenen
Schenkel allmählich kleiner werdend, sich in verkümmerten Exemplaren
verlieren. Ich zähle bei einem Ac. sulcatus L. c. 180 Rillen auf dem
geraden, c. 55 auf dem gebogenen Schenkel; bei einem anderen
derselben Art c. 175 resp. 55; bei einem Ac. fasciatus Er. c. 168
resp. 45. Das Tamburin gleicht hier, wie auch mehr oder weniger
*) Trans. Am. Ent. Soc. IV. pag. 398.
Die Tonapparate der Dytiscidae. 109
bei allen andern Dytiscidae, ganz dem von Pelobius, und besitzt beim
gefalteten Flügel eine ganz analoge Lage. Die der Raspelader ent-
sprechende Reibkante oder Reibleiste hat einen ganz ähnlichen
Verlauf, wie bei Cybister; man kann ihre Lage mit freiem Auge
noch erkennen, zur genaueren Betrachtung aber ist eine Lupe
erforderlich. Mit der letzteren bemerkt man, dass die Leiste die
auffallende Schärfe, wie bei Cybister, nicht ganz erreicht. Sie ist
aber gleichwohl scharf genug, um einen hellen Ton des Stridulations-
apparates zu ermöglichen. Ich habe den letzteren wiederholt und
recht kräftig bei A. sulcatus vernommen.
Wir kommen nun zu den Gattungen Grapkoderes Thoms. und
Hydaticus Leach. Ihr Stridulationsapparat ist ziemlich gleichförmig.
Bei Gr. bilineatus <l<' Geer zähle ich auf dem geraden Schenkel der
Rillader c. 150, auf dem gebogenen c, 45 Rillen; bei einem Hyd. trans-
versalis Pontopp, (£) c. 132 resp. 42, hei einem zweiten (&) c. 135
resp. 44. Die Rillung beginnt fast plötzlich nach 1 — 3 Ansätzen,
endigt aber langsamer, indem noch ' , . -1 Dtzd. Andeutungen hinterher
folgen. — Die zugehörige Reibleiste liegt und verläuft analog, wie
bei Cybister; jedoch beginnt sie erst eben über der Mitte der Flügel-
decke und endigl verhältnismässig auch schon früher. Zudem ist
ihr oberer Teil ziemlich schwach, der untere, zum Stridulieren benutzte
Teil aber sehr kräftig ausgebildet.
Audi bei Hydaticus bin ich wiederholt in der Lage gewesen,
die Töne des Stridulationsapparates zu vernehmen, [ch pflegte die
Tiere vor der Sektion durch Aetherdunsl zu töten, indem ich sie in
ein Reagenzrohrchen warf, worin sich ein mit Aether getränkter
Wattebausch befand; die Wirkung war eine sehr schnelle. Zufallig
hatte ich eines Tages den Aether nicht erneuert, sodass die Luft in
dem Röhrchen nur schwach mit Aether geschwängert war. Als ich
nun einen II. fcransversalis in diese Atmosphäre brachte, machte er
sofort die verzweifeisten Anstrengungen, um sieh zu befreien, und
piepte dabei aufs kläglichste. Dazu bemerke ich, dass Hydaticus
sonst fast stets den Toten spielt, sobald man ihn berührt oder in
die Hand nimmt; selbst wenn man ihn unsanft auf den Tisch
schleudert, bleibt er dieser Rolle getreu. Mit der eben erwähnten
Anwendung einer dünnen Aetheratmosphäre gelang es mir dagegen
wiederholt, die Tiere zu energischer Lautäusserung zu bewegen.
Wir gelangen nun zu den Gattungen Cymatopterufl Lac. und
Rantus Lac, welche früher mit der Gattung Colymbetes Claim.
vereinigt wurden. Hinsichtlich des Stridulationsapparates kann ich
alle drei auch jetzt noch zusammenfassen. Dieselben zeichnen sich
durch äusserst scharfe Zähnchen der Rillader aus. Unter dem
Mikroskop gewährt letztere dadurch, dass die Spitzen der Zähnchen
nach dem Ende derselben hin geneigt sind, den Anblick einer scharfen
Säge. An ausgeprägten Zähnchen zähle ich auf dem geraden resp.
gebogenen Schenkel bei
HO Hermann Keeker:
Cymatopterus striatus L. c. 173 resp. 50,
„ fuscus L. c. 197 „ 45,
Rantus conspersus Gyll. c. 175 ,, 37,
„ notatus Fbr. c. 111 ,, 25.
Was nun die zugehörige Reibleiste angeht, so beginnt sie etwa
mit dem dritten Fünftel der Flügeldecke, nimmt einen analogen
Verlauf, wie bei Cybister, endigt aber erst vor dem Innenrande der
Flügeldecke.
Auch bei der Gattung Ilybius Er. sind die Zähne der Rillader
äusserst scharfspitzig; sie stehen aber nicht schräg, wie bei Colymbetes,
sondern gerade aufgerichtet; die Zähne auf der Biegung haben
stärkere, kräftigere Spitzen. Von deutlichen Zähnen finde ich auf
dem geraden resp. gebogenen Schenkel der Rillader bei
Ilybius ater de Geer c. 184 resp. 44,
,, guttiger Gyll. c. 155 „ 42,
„ obscurus Marsh, c. 189 „ 40,
„ fuliginosus Fbr. c. 170 „ 36.
Untersucht man nun die Innenseite der Flügeldecke auf die zu-
gehörige Reibkante, so fällt zuerst eine Rinne in's Auge, welche sich
neben dem Aussenrande in seinen beiden unteren Dritteln hinzieht.
Der innere Saum dieser Rinne in seiner untern Hälfte hebt sich
als eine scharfe Leiste hervor, welche schon bei einer leichten Ver-
grösserung sehr deutlich zu beobachten ist.
Bei der folgenden Gattung Agabus Leach. sind die Zähnchen
der Rillader verhältnismässig kleiner, nichtsdestoweniger aber sehr
kräftig und ziemlich scharfspitzig; nur die Zähne auf der Biegung
haben eine mehr oder weniger abgerundete Spitze. Was ihre Zahl
betrifft, so ist dieselbe bei den einzelnen Arten dem Grössenverhältnis
entsprechend verschieden; anderseits aber schwankt dieselbe auch in
etwa bei einer und derselben Art, je nach der individuellen Entwicklung.
Diese Schwankung innerhalb einer Art findet sich natürlich nicht
allein bei der Gattung Agabus, sondern auch bei den andern Dy-
tiseidae. Bei willkürlich herausgegriffenen Exemplaren zähle ich an
ausgeprägten Zähnchen auf dem geraden resp. gebogenen Schenkel bei
Agabus chalconotus Panz. $ 120 resp. 30,
„ <J 164 „ 30,
„ ? 142 „ 31,
» ,, „ ¥ lol ,, ov,
„ bipustulatus L. $ 167 „ 37,
„ „ „ S 148 „ 32,
,, ,, ,, + 182 ,, od,
,, ,, ,, -f- löO ,, OD,
„ undulatus Schrank. c£ 169 „ 28,
„ femoralis Payk. $ 142 „ 27.
Die zugehörige Reibkante ist bei Agabus wieder stärker aus-
geprägt, als bei Ilybius. Bei einiger Aufmerksamkeit kann man
ihren Lauf schon mit freiem Auge verfolgen. Unter einer schwachen
Die Tonapparate der Dytiscidae. 111
Lupe erkennt man sie als eine kräftige Leiste, welche etwas oberhalb
der Mitte der Flügeldecke beginnt und sich längs des Aussenrandes
hinzieht, bis sie erst am Innenrande ihr Ende findet.
Wir kommen jetzt zur Gruppe der Laccophilina, die wir in
den Gattungen Laccopliilus Leach und Noterus Clairv. kurz be-
trachten wollen. Beide besitzen eine Rillader mit hübschen, regel-
mässigen Zähnchen. Es finden sich durchschnittlich auf dem geraden
resp. gebogenen Schenkel der Ader bei
Laccophilus obscurus Panz, 135 resp. 32 Zähnchen*,
Noterus sparsus Marsh 106 ,, 35 „
,, clavicornis De Geer 97 ,, 3*2 ,,
Die Zähnchen sind im Anfang mehr oder weniger unvollkommen,
bei Noterus sogar 1 5 und mehr. Die Reibleiste ist bei den Laccophilina
wiederum sehr deutlich ausgeprägt. Sie zieht sich dem äussern
Flügelrande ziemlich parallel hin, von einer Rinne begleitet; sie
beginnt bei Laccophilus erst kurz oberhalb der Mitte, bei Noterus
aber schon mit dein zweites Drittel der Flügeldecke.
Die nun folgende Gruppe der Hydroporina habe Leb in den
Gattungen Ilydroporus, Hygrotus and Hyphydrus untersucht.
Aus der artenreichen Gattung Hydroporus Clairv. führe ich
als Beispiel an
Hydroporus dorsalis Fbr. mit durchschnittlich L35 resp. L8
„ palustris L. „ „ L12 .. L6
,, erythroeephalus L. .. ,, L25 .. L5
regelmässigen Zähnchen auf dem geraden resp. gebogenen Schenkel
der Rilladei'. — Die Reibleiste beginnl kurz oberhalb der Mitte der
Flügeldecke, zieht sieh von einer Kinne begleitet, längs des Aussen-
randes hin und endigt ersl in der Flügelspitze.
Ein wesentlich anderes Bild bietet die Reibleiste bei Hvplivdrus
■III. (ovatus /,. durchschnittlich L00 resp. 15 Zähnchen auf den
Schenkeln der Rillader). Die Leiste nimmt neben dem untern Drittel
des Aussenrandes der Flügeldecke einen analogen Verlauf, wie bei
den anderen Gattungen, ist auf der Aussenseite von einer Kinne
begleitet und zeigt ein auffallend kräftiges Gepräge. Dabei weist sie
aber noch eine besondere E^entümlichkeit auf. Nachdem sie
nämlich die beiden obern Drittel ihrer Länge regelmässig durchlaufen,
verdickt sie sich, um eine nach dem Aussenrande zeigende, denselben
an Höhe aber überragende, sehr massive Chitinzunge zu bilden.
Jenseits der Zunge erblickt man die Leiste wieder, doch in schwächerer
Gestalt, und sieht sie in der Spitze der Flügeldecke enden. Dieses
zungenförmige Gebilde hat für den Stridulationsapparat als solchen
keine Bedeutung; es entspricht einer Einsenkung am Rande des
Abdomen und dient so ledigh'ch dazu, den zusammengeklappten Flügel-
decken einen möglichst festen Schluss zu geben.
Auch bei Hygrotus Thoms. findet sich dies zungenförmige
Gebilde der Reibleiste, jedoch in verkleinertem Massstabe. Ferner
ist die Leiste durch ihre grössere Länge unterschieden, da sie fast
U2 Hermann Reeker
die ganze untere Hälfte des Aussenrandes begleitet. — Was nun die
Rillader anbetrifft, so erblickt man z. B. bei H. inaequalis Fbr. auf
dem geraden resp. gebogenen Schenkel durchschnittlich 90 resp. 22
scharfe, spitzige Zähnchen.
Es verbleibt mir nunmehr noch die Unterfamilie Haliplini zu
besprechen.
Aus den verschiedenen Arten der Gattung Haliplus Latr. greife
ich heraus
H. fulvus Fbr. mit durchschnittlich 105 resp. 40,
H. variegatus Sturm „ ,, 112 ,, 29,
H. fluviatilis Äube „ „ 91 „ 27,
H. ruficollis De Geer „ „ 95 „ 23
Zähnchen auf dem geraden resp. gebogenen Schenkel der Rillader.
— Sehr interessant ist die zugehörige Reibleiste gestaltet. Dieselbe*
begleitet in einigem Abstände den Aussenrand in seinen unteren
zwei Dritteln. Dabei zeigt sie aber unterhalb ihrer Mitte, indem sie
zugleich eine Erhöhung bildet, eine Ausbuchtung, wie die von Landois
entdeckte Reibkante des Pelobius. Infolgedessen bietet sie, da dieser
gebogene Teil steil nach der Aussenseite, allmählich hingegen nach
der Innenseite abfällt, in dieser Partie eine auffallende Aehnlichkeit
mit Pelobius.
Ein wiederum ganz anderes Bild bietet bei Cneniidotus ///. die
Innenseite der Flügeldecke. Betrachtet man letztere nämlich bei
durchfallendem Lichte, so fällt einem zunächst die ursprüngliche
maschige Struktur des Käferflügels ins Auge; dieselbe fehlt nur
einem erhabenen Streifen am Aussenrand des Flügels; derselbe ist
nämlich dadurch entstanden, dass der Zwischenraum zwischen der
Leiste und dem Aussenrande durch stärkere Chitinablagerung aus-
gefüllt ist. Etwas oberhalb des letzten Viertels des Elytron jedoch
sieht man die Leiste in 2 Zweigen hervortreten und parallel zu dem
bald darauf plötzlich abbiegenden Aussenrande dem Innenrande zu-
streben. — Auf der Rillader zähle ich an regelmässigen Zähnchen
bei Cn. caesus Duft, durchschnittlich 80 resp. 17 auf dem geraden
resp. gebogenen Schenkel.
Nachdem ich also mit der Betrachtung der Dytiscidae zu Ende
gekommen, möchte ich noch die Bemerkung hinzufügen, dass auch
in der verwandten Familie der Gyrinidae die gerillte Randader an-
getroffen wird, nur mit dem Unterschiede, dass man auf dem ge-
bogenen Schenkel der Ader relativ mehr Zähnchen trifft, als bei den
Dytiscidae (z. B. bei Gyrinus marinus Gyll. auf dem geraden resp.
gebogenen Schenkel 51 resp. 57 Zähnchen). Auch eine Leiste analog
der der Dytiscidae ist vorhanden; jedoch zeigt sie eiae. auffallende
Kürze.
Münster i/W., zoolog. Institut, den 4. September 1890.
Ueber den Säugetier -Praehallux.
Ein dritter Beitrag zur Phylogenese des Säugetierfusses.
Von
Gustav Tornier.*)
Hierzu Tafel VII.
Das Untersuclmngsmaterial für diese Arbeit entstammt dem
Museum für Naturkunde (zoologische Sammlung) zu Berlin, zu dessen
Assistenten der Verfasser gehört, mit Ausnahme einiger seltenen Ob-
jecte, die der Director der Sammlung, der geheime Etegierungsrat
Herr Prof. Dr. Möbius auf seinen Forschungsreisen in Mauritius ge-
sammelt und nun dem Verfasser zur Untersuchung überlassen hat,
ihm sei dafür an dieser Stelle noch besonders gedankt.
Als im Jahre L864 Gegenbaur durch Beine Untersuchungen über
den „Carpus und Tarsus der Wirbeltiere" der vergleichenden Anatomie
ein neues Gebiet erschloss, machte er, wie andere Forscher vor ihm,
einen Unterschied zwischen denjenigen Carpus- und Tarsusknochen,
welche von den Fischen auf die Säugetiere bis zum Menschen vererbt
worden sind, den primären Knochen, und denjenigen, welche angesehen
werden müssen als von einzelnen Individuen iuviduell erworbene, den
Sesambeinen oder besser seeundären Knochen. Auf Grund seiner
Untersuchungen schloss er ferner, dass bereits bei den Amphibien die
Fünfzahl der Finger oichl überschritten werde und dass dies bei den
Säugetieren ebensowenig der Fall sei. Dagegen sprach im Jahre 1<S7<;
Born die Anschauung aus, dass am Anurenfuss eine Anzahl der
Knochen, welche der medialen Fussseite anliegen, als Reste eines
sechsten Fingers, eines Vordaumens, zu deuten seien und endlich
erklärte im Jahre 1885 Bardeleben (Sitzungsberichte der jenaischen
Gesellschaft für Med. und Naturwiss. 1885, S. 27): „Die schon lange
*) Zwei Untersuchungen des Verfassers über „die Phylogenese des termi-
nalen Segments der Säugetierhintergliedmassen" sind im Morphologischen Jahr-
buch Bd. 14 und 16 erschienen. — Die vorliegende Arbeit stellt das Manuscript
eines Vortrages dar, welcher vom Verfasser am 8. August 1890 auf dem X. inter-
nationalen medicinischen Congress in der Sitzung des anatomischen Vereins ge-
halten worden ist. Wegen Raummangel ist in den Schriften des Kongresses
über den Vortrag nur kurz referirt und auf vorliegende Arbeit verwiesen.
Avcli. f. Naturgesch. Jahrg. 1891. Bd. I. H. 2. 8
114 Gustav Tornier.
bekannten überzähligen Skelettstücke am inneren Fussrand beiNagern,
Ornithorhynchus und Beuteltieren können meiner Ansicht nach ent-
weder Tarsuselemente oder aber Metatarsus- resp. Zehenrudimente
sein. In dem von Meckel bereits beschriebenen, bei Didelphys Azarae
am tj artikulirenden Knochen erkenne ich, bis ich durch embryolo-
gische Untersuchungen eines besseren belehrt werde, eine rudimentäre
sechste Zehe." Seitdem ist Herr Prof. Bardeleben bemüht seine Meinung,
dass bei gewissen Säugetieren Reste überzähliger Finger an Hand
und Fuss zu constatieren seien, näher zu begründen oder gegen An-
griffe zu schützen; es geschah dies in folgenden Schriften: Sitzungs-
berichte der Med. naturwiss. Gesellschaft zu Jena 1885 Februar, Mai,
October; On the Praepollex and Praehallux: Proceed. Zool. Soc.
London 1888, S. 259; Verhandlungen der anatomischen Gesellschaft
1888, S. 106; Anatomischer Anzeiger 1890 (Jahrg. V) No. 15, S. 436
und Anatomischer Anzeiger 1890 (Jahrg. V) No. 15, S. 321. In diesen
Schriften erwähnt Herr Prof. Bardeleben Knochen, welche nach ihm als
Prähalluxrudimente gedeutet werden, müssen, bei folgenden Tieren:
„Die Monotremen Echidna hystrix und Ornithorhynchus paradoxus
haben eine Zweiteilung desNaviculare." Der mediale Teil ist das
Prähalluxrudiment. ,,Bei den amerikanischen Beuteltieren Didephys
cancrivora, marsupialis, Azarae, Chironectis variegatus findet sich ein
ausserordentlich in die Breite gezogenes Tarsale I mit einer sagittal-
verlaufenden Nat, einer früheren Zweiteilung, das nav. erstreckt sich
sehr weit nach innen mit Andeutung einer Zweiteilung und einem
am ti artikulirenden Rudiment." Des nav. und t^ medialer Abschnitt
und der am 1 1 artikulirende Knochen stellen das Prähalluxrudiment
vor. — ,,Eine Zweiteilung des nav. besitzen unter den Nagern Ba-
thyergus maritimus, Heliophobius argento-cinereus, Myoxis glis, Geor-
hychus capensis, Arctomys marmota, Castor fiber; das Prähallux-
rudiment artikulirt am nav. oder tx." „Einen Prähallux mit einem
Nagel besitzt Cercolabes novae-hispaniae". Nachdem Herr Prof. Barde-
leben in den Proceedings angegeben, dass Pedetes caffer an seinem Prä-
hallux einen wirklichen Nagel habe, fährt er fort: „Prof. Howes has
since informed me that a similiar but less specialized cornification
overlies the immense praehallux of Cercolabes novae hispaniae." —
„Bei den Carnivoren Lutra brasiliensis und platensis, Paradoxurus
typus uiid Herpestes fasciatus ist das nav. durch eine Furche oder
Nat als zweiteilig angedeutet, die Furche entspricht der Gelenklinie
(der beiden nav.-Hälften) bei den Nagern. Das Rudiment artikulirt
nur am tx oder am nav. und tx (Paradoxurus)." — „Bei den Insec-
tivoren: Centetes madagascariensis und ecaudatus ist das nav. durch
eine Nat als zweiteilig angedeutet, also wohl embryonal (zweiteilig)
angelegt. Das Rudiment artikulirt nur am tt bei vielen Insectivoren."
— „Bei den Affen z.B. Mycetes Hegt es zwischen tt und mts." —
„Ich fand, schreibt Bardeleben weiter, am nav. tarsi bei menschlichen
Embryonen des zweiten Monats (ausser dem nav.) einen zweiten kleinen
Knorpel, der auf Flächenschnitten die Form eines rechtwinkligen
Dreiecks zeigt, dessen Hypotenuse dem innersten Fussrand entspricht,
Ueber den Säugetier-Praehallux. 115
dessen kleine Kathete proximalwärts gerichtet dem Talus-Körper, dessen
grössere distal-nbular-gerichtete Kathete dem bisher als Centrale tarsi
betrachteten und allein bekannt gewesenen Hauptknorpel des späteren
nav. sich anlegt. Die Zweiteilimg des (erwachsenen) menschlichen nav. ist
von Gruber nachgewiesen. Die Verknöcherung des nav. von zwei
Centren aus hat sich bestätigt (vergleiche Rambau d und Renaud). Auch
ich fand diese Zweiteilung des nav. und bei fast ein Drittel aller Er-
wachsenen war die ursprüngliche Trennung als rings um den inneren
Teil des Knochens (Tuberositas) sagittal verlaufende Xat nachweisbar.
Das nav. des Menschen besteht also aus dem Tibiale und Centrale I.
Eine Zweiteilung des ersten Keilbeins kommt beim Menschen be-
kanntlich als Varietät vor. (Gruber)." —
Es giebt also nach Prof. Bardeleben an Säugetierfüssen ins-
gesammt wenigstens 4 Knochen oder Knochenteile die als Reste eines
Prähallux gedeutet werden müssen (Fig. 1), den ersten stellt nach
Bardeleben des nav. mediale Hälfte dar (a), den zweiten des tx mediale
Hälfte (b), der dritte liegt gegenüber der Articulatio t1-mts1 (d), der
vierte artikulirt bald am nav. (e), bald am tx (c) und trägt bei Cer-
colabes novae - hispaniae einen Nagel (f). Selbst für Anhänger des
Herrn Prof. Bardeleben ergeben sich aus dieser Aufzählung gewisse
Schwierigkeiten: Zuerst entsteht die Frage: Wechsel! wirklich der
eine von diesen Knochen seine L _ zu den übrigen Tarsalknochen
beliebig, indem er entweder am nav. oder t, inserirt, oder werden hier
nicht zwei Knochen mit einander verwechselt (e-c), von denen der
eine nur am nav. (e), der andere nur am t, artikulirt (c)? Die
Beantwortung dieser Präge wird um so brennender, wenn man fol-
gendes berücksichtigt: l!«i Cercolabes Qovae-hispaniae sind es zwei
Knochen, die den Prähallux Bardelebens bilden (a. <■). der Knochen (;i).
welcher nach Bardeleben des nav. selbständig gewordene mediale
Hälfte repräsentirt, \\\\d ein Knochen (e), der au diesem (also am nav.)
artikulirt, der letztere traut den Nagel (f). Hm- Nagel bildet
natürlicherweise das Ende des Prähallux. An der Ausbildung dieses
Prähallux nehmen nicht teil des tl mediale Hälfte (1»). der am tx
artikulirende Knochen (c), ferner das Knöchelchen (d), welches
der Articulatio t1-mts1 gegenüber Hegt, die alle angeblich
Praehalluxrudimeiile sind; es ist für den sorgfältigen Beobachter
nun absolut unbegreiflich, wie diese Knochen als Glieder
in den beschriebenen Prähallux eingefügt werden können.
Die Schwierigkeit würde sich dagegen leicht lösen, wenn man an-
nähme, dass die sogenannten Prähalluxknochen nicht einem sondern
zwei Prähalluces angehört haben, der eine von ihnen (b, c, d) würde
am nav. beginnen, entlanglaufen an des ersten Fingers Medialseite
und folgende Knochen umfassen des tx selbständig gewordene mediale
Hälfte (b), das an ihr artikulirende Knöchelchen (c) und das der
Articulatio t^mtSi gegenüberliegende (d), der andere Finger (a, e, f)
würde ausgehen vom ast-Kopf (ast), bestehend aus des nav. medialer
Hälfte (a) und dem an ihr artikulirenden Knochen (e), der zum Abschluss
den Nagel trägt (f). Leider gehöre ich nicht zu den Anhängern
8*
11(3 Gustav Tornier.
Bardelebens und halte keinen dieser Knochen für ein primäres Tarsal-
element, behaupte aber noch einmal, die von Herrn Prof. Bardeleben
als Prähalluxreste gedeuteten Knochen können unter keinen Um-
ständen als Angehörige nur eines Fingers gedeutet werden.
Herr Professor Bardeleben hat in einer seiner späteren Arbeiten
(Anatomischer Anzeiger 1890 S. 435) über die Musculatur der über-
zähligen Finger Angaben gemacht, seine Angaben über die Fuss-
und PraehaUuxmusculatur sind folgende: „Die Fascia plantaris ist bei
den niederen Säugetieren ein Muskel. Eine Unterbrechung der
Plantarissehne durch Anheftung am Calcaneus findet erst secundär
statt. Am Fusse giebt es drei gemeinsame Zehenbeuger, Flexor
digitorum longus superficialis = plantaris; Flexor digitorum longus=
tibialis; flexor „hallucis" longus=Flexor digitorum fibularis." „Die
Lumbricales, die entweder ursprünglich selbst kurze (vielleicht auch
lange?) Muskeln gewesen sind.'* „Dann folgen die Contrahentes oder
Adductoren, dann die Interossei interni und externi." „Der Abductor
hallucis entspringt vom Praehalluxrudiment und kann beim Ein-
gehen desselben seinen Ursprung weiter hinten oder aussen nehmen.',
„Praehallux Muskeln sind a) der Plantaris b) der tibialis posticus=
flexor praehallucis longus; c) tibialis medialis (neu!) ev. mit dem
antic. verschmolzen. Zur Erklärung diene folgendes : Beim Elephanten
geht ein mit dem Semitendinosus zusammenhängender Muskel zu
Hallux und Praehallux". — Tibialis medialis siv. Extensor prae-
hallucis longus nenne ich einen sehr starken, bei Nagern (Bathyergus)
an der inneren Seite der Tibia gelegenen Muskel, der am Praehallux
inserirt, diesen streckt und abducirt. Bei Edentaten (Euphractus)
entspringt an der Tibia ein Muskel zum Praehallux und der Plantaris
hat ausser fünf Zipfeln zu den Zehen 1 — 5 einen für den Prae-
hallux." —
Prof. Bardeleben's Anschauungen haben Anhänger und Gegner
gefunden; ihm zugestimmt haben auf Grund eigener Untersuchungen
Baur (Zur Morphologie des Carpus und Tarsus der Wirbeltiere.
Zoolog. Anzeiger 1885, Nr. 19) und Paul Albrecht in seiner Ab-
handlung: Sur les homodynamies, qui existent entre la main et le
pied. Presse medicale beige. Nr. 42, 1884 Seite 9; allerdings nur
mit einigen Modificationen. Während Bardeleben das Knöchelchen,
welches er für des nav. selbständig gewordene Hälfte hält, für ein
Prähalluxrudiment erklärt, erblicken Baur und Albrecht darin zwar
ebenfalls einen primären Knochen aber das „Tibiale" des Amphibien-
fusses.
Herr Dr. Baur ist übrigens ein Mitentdecker des Praehallux
der Säugetiere, was von Herrn Professor Bardeleben dadurch an-
erkannt wird, dass er sich Baur gegenüber die Priorität zu wahren
sucht. In dem Artikel, in welchem Herr Prof. Bardeleben zum
ersten Mal seine Ansichten über den Praehallux ausspricht,
führt er folgendes aus: „Bereits im Oct. 1884 hat das Thema meines
Vortrages auf der Tagesordnung gestanden, ich bin indes damals
Ueber den Säuge tier-Praehallux. 117
zurückgetreten. Vor einigen Tagen las ich nun eine Arbeit von
Baur ('Zur Morphologie des Tarsus der Säugetiere. Morphol. Jahr-
buch. Bd. X, Heft 3 S. 458—461), deren Titel mir vor kurzer Zeit
aus der Buchhändleranzeige in der Beilage des Zoologischen Anzeigers
bekannt geworden war, die ich aber, da erst heute (6. Febr. 1885)
das betreffende Heft des Morphol. Jahrbuchs für unsere Gesellschaft
resp. die hiesige Universitätsbibliothek eingelaufen ist, nur durch die
Güte meines Chefs, des Herrn Prof. Hertwig, vor einigen Tagen erhielt.
(Sitzungsb. Jen. Gesell. 1885 p. 28.)" In der erwähnten Arbeit, die
im Oct. 1884 zum Druck eingereicht wurde, schreibt Herr Dr. Baur:
„An den von mir für ein Tibiale gehaltenen Knochen schliesst sich
bei Cercolabes und Erethizon immer ein klauenartiges stark ent-
wickeltes Gebilde an, es nimmt dem Tibiale dadurch vollkommen den
Charakter eines „Sesambeins". „Ich möchte das klauenartige Stück,
welches sich bei Cercolabes und Erethizon im Tarsus findet, als den
Rest einer sechsten Zehe betrachten und mit demselben bei den
Batrachiern vorkommenden Gebilde vergleichen". (Morph. Jahrb. X
S. 461.
Merkwürdigerweise hat Baur seinen Anteil an der Praehallux-
entdeckung nie direct reclamirt. In neuerer Zeit lässt er sogar die
Annahme, dass es Reste überzähliger Kinger bei den Säugetieren
gebe, gänzlich fallen: Im zoologischen Anzeiger 1889 Jahrgang 1
S. 49 (Neue Beitrage zur Morphologie des Carpus der s imitiere)
schreibt er: „Ein Worl noch über die Beptadactylie der Säugetier-
extremitäten, die neuerer Zeil von Wiedersheim and anderen an-
genommen wird, eine solche existirl nicht. 1mV Säugetiere stammen
von pentadaetylen Reptilien, diese von pentadaetylen Batrachiern.
Der Präpolles ist nichts anderes wie das Radiale, das, einmal „ausser
Rang" gesetzt, sein- variable Formen annehmen kann. Das Pisiforme
ist nicht der Rest eines Strahles, sondern hat sich erst von den
Batrachiern an mein* und mehr entwickelt. Bei den Protorosauriden
ist es wie bei den Batrachiern unverknöchert, ebenso bei verschiedenen
Schildkröten. Bei den Sphenodontidae verknöchert es erst spät.
Bei den Säugetieren ist es von äusserst veränderlicher Form."
(Anatomischer Anzeiger 1890 No. 18. S. 263 . —
Gustav Kehrer hat in seinen „Beiträgen zur Kenntnis
des Carpus und Tarsus" (Bericht der naturwissenschaftlichen Ge-
sellschaft zu Freiburg Bd. I, 188G, lieft IV) bei gewissen Amphibien
und Reptilien an Carpus und Tarsus überzählige Knorpelkerne
beschrieben, hält dieselben, freilich ohne jede Beweisführung, für
Reste überzähliger Finger und aeeeptirt die Bardeleben'schen An-
schauungen über den Säugetierfuss, ohne darüber etwas wesentlich
neues zu bringen. Auf Grund eigener Untersuchungen haben sich
Bardeleben ferner angeschlossen Pfitzner (in Tageblatt der Ver-
sammlung deutscher Naturforscher 1860) und Leche (in Bronn: Klassen
und Ordnungen des Tierreichs Bd. : Säugetiere). — Einen interessanten
selbständigen Standpunkt nimmt Emery ein. Er hält auf Grund
X 13 Gustav Tornier.
embryonaler Untersuchungen einen der von Bardeleben für Präpollex-
rudimente erklärten Knochen für einen wirklich primären Knochen,
den anderen dagegen für eine secundär entstandene Ossifikation,
ausserdem bestreitet er, dass bei Pedetes caffer am Präpollex ein
Nagel vorhanden sei. Emery glaubt, dass die von ihm für wirklich
primäre Knochen erklärten überzähligen Carpalknöchelchen Reste
von Strahlen der Fischflossen sind, dass diese Strahlen aber bereits
bei den Amphibien bis auf diese Knöchelchen verschwunden sind.
„Ich glaube also nicht", schreibt er, „dass bei Ursäugetieren jemals
ein wirklicher als freier Finger functionirender Präpollex existirt
hat, und wenn wir bei anderen Formen (wie bei vielen Nagern) einen
bedeutenden Vorsprung am radialen Rande der Vola als Tastballen
oder als Grabwerkzeug entwickelt finden, so dürfen wir ein solches
Gebilde nicht ohne weiteres als ein ursprüngliches oder primitives
betrachten. Für die Hand der Cranioten darf daher keine mehr als
fünfstrahlige Urform postulirt werden. Wie viel wirkliche Finger die
Urbatrachier an ihrer Hand besessen haben, kann nicht bestimmt
ausgesprochen werden, weil bei allen lebenden Formen die Strahlen
an der Ulnarseite mehr oder weniger reducirt werden."
Vor Emery hat einen im wesentlichen gleichen Gedanken
Kollmann ausgesprochen (Anatomischer Anzeiger 1888 No. 17 u. 18.).
Auch er will die am radiären und ulnaren Rande der Hand über-
zähligen Knöchelchen als primäre Knochen anerkennen, aber nicht
als Reste jemals wirklich vorhanden gewesener Finger, sondern als
Elemente rudimentär gewordener Flossenstrahlen, die sich nicht mehr
in Finger umbildeten. Diese Reste ursprünglicher Flossenstrahlen
erhielten die Batrachier von den Fischen und vererbten sie auf die
Säugetiere, denn „es giebt keine Stapedifera mit mehr als 5 Finger,
aber solche mit 5 Fingern und mit Spuren eines radialen und ulnaren
Strahles". — Emery und Kollmann unterscheiden sich also darin von
einander, dass nach Emery nur ein Teil der überzähligen Knochen
zu den primären zu rechnen ist.
Als erster Gegner der ganzen Praehallux- und Praepollex-Hy-
pothese ist Herluf Winge zu nennen. In einer Anmerkung zu seiner
Arbeit Jordfundne og nulevende Gnavere (Rodentia) fra Lagoa Santa
Minas Geraes e Museo Lundii Bd. I (1888) S. 199 spricht er sich gegen
dieselbe aus. Dieser Angriff ist gänzlich unbeachtet geblieben, weil
aus dem Titel der Gesammtarbeit nicht zu ersehen ist, dass in der-
selben eine Abhandlung über den Praehallux steckt. Die Angaben
Winge's über den Praehallux mögen deshalb hier wörtlich folgen:
Winge wendet sich bezeichnenderweise gegen Baur. „Der von Baur
als Tibiale bezeichnete Knochen, schreibt er, liegt medialwärts vom
ast. in dem Ligament, welches vom cal. zum nav. zieht und einen
Abschnitt der Gelenkkapsel darstellt, welche den ast.-Kopf umgiebt.
An das Ligament, ungefähr dort, wo der Knochen sich findet, ist
des Muse, tibialis posticus Endsehne befestigt; deren Fibrillen ziehn
aber ausserdem an der Medialseite des nav. entlang bis zur tj
Lieber den Säugetier=Praehallux. 119
-Medialseite und zur mtSi -Basis. Des erwähnten Knochens Genese
wird sich wahrscheinlich nie ganz genau feststellen lassen. Man
findet von ihm bei den Reptilien keine Spur, ebensowenig bei den
Monotremen (das letztere ist nicht richtig), ebensowenig im All-
gemeinen bei den Beuteltieren und Insectivoren (sein Homologon ist
hier ein Fortsatz des nav. d. Verf.), man findet ihn bei Phalangista
als kleinen Knochenkern in das Ligament eingeschlossen (nicht
richtig; der hier erwähnte Knochen liegt gegenüber der Articulatio
nav.-ti in der Muse, tibialis posticus Endsehne). Winge fährt fort:
„Das Baur'sche Tibiale findet sich wahrscheinlich bei allen Nagern
(ausgenommen Lepus und Lagomys ebenso bei den drei von mir
untersuchten Exemplaren von Hyrax capensis)." (Baur will es bei
Hyrax gefunden haben; auch ich finde es bei Hyrax capensis und
abyssinicus nicht). ,,Es ist ein Sesambein, wie die Patella ein Sesam-
bein in dem Kapselband des Kniegelenks und in der Endsehne des
Muse, extensor cruris ist, oder wie andere Sesambeine." ,,Das
klauenartige Gebilde" Baurs, der zweite sogenannte Praehalluxknochen
findet sich bei einer grossen Zahl von Säugetieren meistens geringer
entwickelt als bei den Sphingurus-Arten. Ich selbst fand diesen
Knochen in verschiedenen Grössen, meistens in Form einer Platte
bei folgenden (35) Arten: Grymaeomys, Philander, Didelphys, He-
miurus, Cladobates, Galeopithecus , Erinaceus, Sorex, Crossopus,
Crocidura, Myogale, Talpa, Manis, Orycteropus3 Myrmecophaga,
Cycloturus, Euphr actus, Castor, Arctomys, Spermophüus, Tamias,
Sciurus, Tnomomys, Eliomys, Myoxus, Sminthus, Jaculus, Scirtetes,
Bathyergus. Hystrix, Sphingurus, Octodon, Ursus, Paradoxurus, Bapale
und sicher vielen anderen, und ich weiss. das> er den Arten Lepus
und Lagomys fehlt, ebenso wie den meisten Muriden und meisten
Octodontinen. Er liegt am Lonenrand des Tarsus, annähernd zwischen
nav. und tl5 mit welchem Knochen er durch Ligamente verbunden
ist, und in dem Innenrand der Fascia plantaris, welche einen sehr
starken Zweig an den Knochen sendet" ^dies ist ein Irrtum, der
angebliche Zweig der Pascia plantaris ist ein sehnig gewordener
Abschnitt des Muse, hallucis abauetor.) ,,Dcr Knochen ist gewöhnlich
von den vorher erwähnten durch einen Zwischenraum getrennt, sein
freier Rand setzt sich oft fort in eine knorpelig-fibröse Platte, welche
in die proximo-mediale Schwiele der Fussplanta hinabsteigt, von seiner
Oberfläche entspringen oft einige (?) kurze Beugemuskeln (?) des
Fusses; die Sehne des Muse, flexor tibialis (Muse, digitorum flexor
communis der Anthropotomen) geht ganz nahe an ihm vorbei, oder
setzt sich daran fest" (das letztere glaubte ich früher auch, es ist
aber nicht richtig). „Ist dieses kleine os falciforme pedis der Rest
eines Praehallux ? Das ist ausserordentlich zweifelhaft, so zweifelhaft,
dass es fast überflüssig ist, sich mit der Frage zu beschäftigen.
Sicher hat noch niemand 6 vollständige typische Zehen bei einem
nicht monströsen Säugetier gesehen. Absolut sicher ist ferner, dass
der Knochen und sein knorpliger Rand besonders gross wird bei
Säugetieren, bei welchen verschiedene Ursachen den Innenrand des
120 Gustav Tornier.
Fusses abgeplattet haben; bei den grabenden Tieren hat der Fuss
jene Abplattung erlitten durch den Druck, welchen er beim Graben
auf den Boden ausübt (Myogale, Talpa), bei den kletternden Individuen
durch den Druck gegen die Baumzweige (Didelphys, Cycloturus,
Sphingurus); und absolut sicher ist ferner, dass die bei den hoch-
stehenden Nagern, den Sphingurus-Arten vorhandene Grösse des
os falciforme für diese Tiere zwar specifisch ist, aber ein primitiver
Charakter dieses Fusses ist darin nicht zu erblicken, sondern nur
einer vjon den Charakteren, welche beweisen, dass bei den Sphingurus-
Arten der Fuss extrem zum Klettern befähigt ist." — Es sei zu diesen
Auseinandersetzungen nur noch kurz folgendes gesagt: 35 der von
Winge untersuchten Tierarten sollen ein os falciforme pedis besitzen.,
Winge übersieht hierbei, dass die überzähligen Knochen dieser Tier-
arten sehr verschiedene Lage zu den benachbarten Tarsalknochen
besitzen; es muss also deren Homologie erst bewiesen werden.
Zweitens: Die Ansicht, welche Winge von der Entstehung des os
falciforme ausgesprochen hat, werde ich später einer ausführlichen
Besprechung unterziehen.
Als der Zeit nach zweiter Gegner der Bardeleben'schen Prae-
hallux- und Praepollex-Hypothese ist Gegenbaur zu nennen in seiner
zweiten Abhandlung über Polydactylie (Morph. Jahrbuch Bd. 14
S. 394). Er unterzieht sämmtliche Angaben Bardeleben's einer
genauen Kritik und kommt auf Grund dieser Kritik zu der Schluss-
folgerung, dass einmal die Hypothese Bardelebens auf ungenügend
fundamentirter Basis ruht und dass ausserdem, wenn die von Barde-
leben als Reste überzähliger Finger gedeuteten Knochen sich als
wirklich primär erweisen sollten, sie eben nur wirkliche Carpal- und
Tarsalknochen darstellen würden, damit wäre aber noch durchaus
nicht bewiesen, dass sie einstmals einem überzähligen Finger an-
gehört haben. ,,Ein Carpalknochen ist noch lange kein Finger!
und die Zahlenverhältnisse der Carpalia dürfen nicht so unbedingt
zur Annahme einer grösseren Fingerzahl verwendet werden."
Der Unterschied zwischen Kollmann und Emery einerseits und
Gegenbaur andrerseits besteht also darin, dass die beiden ersten
Forscher für alle resp. einen Theil der hier in Betracht kommenden
Carpal- und Tarsalknochen die primäre Natur als erwiesen erachten,
während Gegenbaur die bis zum Erscheinen seiner Arbeit dafür vor-
gebrachten Gründe als nicht beweiskräftig anerkennt. Sollte die
primäre Natur dieser Knochen erwiesen werden, dann würde sich
Gegenbaur den Kollmann- und Emery'schen Anschauungen an-
schliessen.
Als Herr Prof. Bardeleben am 12. Oct. 1889 seinen bereits
erwähnten Vortrag vor der anatomischen Gesellschaft hielt, erklärte
der Verfasser dieser Arbeit in der Discussion den Praehallux für
eine auf physiologischem Wege entstandene Neubildung und suchte
diese Anschauung am 19. Nov. 1889 in den Sitzungsberichten der
Gesellschaft naturforschender Freunde zu Berlin in einer vorläufigen
Ueber den Säuge tier-Praehallux. 121
Mitteilung näher zu begründen. Einige Angaben dieser vorläufigen
Mitteilung sind bereits vorher von Winge gemacht worden, ihm
gebührt dafür die Priorität; nämlich die Angabe, dass das Baursche
Tibiale (Fig. 1 a) im lig. cal.-nav. mediale liegt und dass die Endsehne
des von den Anthropotomen Muse, digitorum flexor communis ge-
nannten Muskels an einem der überzähligen Knochen inseriren kann.
Die letztere Anschauung vertrete ich heute jedoch nicht mehr. —
Auf dem Anatomencongress dieses Jahres hielt ich endlich einen
ausführlichen Vortrag über denselben Gegenstand, die vorliegende
Arbeit deckt sich inhaltlich mit demselben bis auf einige Er-
weiterungen. —
Am 9. Juni 1800 reichte Albertina Carlsson dem Redactions-
comite der Biologiska Föreningens Förhandlingar (Verhandlungen des
Biologischen Vereins in Stockholm) eine vorläufige Mitteilung ein,
die später in den Schriften der Gesellschaft erschienen ist unter dem
Titel: Von den weichen Teilen des sogenannten Präpollex und Prä-
hallux. Albertina hat zwar nur L2 verschiedenartige Hinterrusse
in ihren Weichteilen untersucht, die Angaben über seine Befunde
sind aber trotzdem so wenig ins Detail gehend, dass sie wenigstens
für meine Untersuchungen nicht nutzbar sind. Aus seinen Befunden
schliesst Albertina Carlsson. dass die bei viden Säugetieren an der
medialen Fussseite vorkommenden überzähligen Knochen normale
Skeletteile und höchst wahrscheinlich Finger- resp. Zehenanlagen
sind und zwar oichl Pingerrudimente, wie Bardeleben u. a. glauben,
sondern Finger in der Neubildung 1 egriffen also Becundär entstehende
Finger. Ks handeil sieh hier nach des Verfassers Worten also nichl
um eine repressive sondern hui eine progressive Entwicklung, denn
„zwischen Sesambeinen und wirklich« n(primären) Skelettknochen giebt
es keine unübersteigbare Kluft. Ontogenetisch verhalten sie sich
gleich". „Es steht deshalb der Auffassung von dieser Seite nichts
im Wege, dass Hand und Fuss durch [ncorporirung von ursprünglich
als Sesambeinen entstandenen Bildungen ihr Volum vergrössern
können." „Wir sehen somit das Vorkommen eines sogenannt. -n
Sesamknochens am tibialen Tarsalrande als den ursprünglichen Zustand
an wie er noch z. B. bei Crossarchus erhalten ist. Von diesem
Stadium leiten sieh Zustünde ab, wo der Knochen sieh vergrößert,
Gelenkflächen und Ligamente erhält und mehrere Muskeln mit ihm
in Verbindung treten." Auf diese Weise kann eine Art von Prähallux
entstehn und wohl auch funktioniren oder es können ursprüngliche
Sesambeine in den Tarsus aufgenommen werden." „Die sechste Zehe
der Batrachier, Reptilien und Säuger sind als Convergenserscheinungen
anzusehn."
Einen ausreichenden Beweis für seine Annahme, dass die so-
genannten Prähalluxknochen sehr weit entwickelte „ursprüngliche"
Sesambeine d. h. also seeundär entstandene Knochen sind, hat
Albertina Carlsson nicht gebracht, denn die wenigen und durchaus
122 Gustav Tornier.
nicht alle stichhaltigen Thatsachen, welche nach ihm dafür sprechen
sollen, sind folgende:
1) ,>Die Beziehungen dieser Knochen zu den übrigen Skelett-
teilen. Leche hat nachgewiesen, dass auch bei den am weitesten
reducirten Fussskeletten kein Tarsalelement gänzlich zu Grunde
geht. In dieser Beziehung stimmt das Tibiale mit den übrigen
Tarsalknochen üb er ein und persistirt selbst bei starker Reduction des
Fusses, wie Cavia und Dasyprocta zeigen." Hierzu bemerke ich: das
sogenannte Tibiale oder demselben homologe Knochenteile fehlen sogar
bei vielen fünfzehigen Säugetieren und auch bei solchen mit reducirtem
Fussskelett z. B. bei Menschen, Ursinen, Procyon, Nasua, Caniden
und Suiden. 1') „Die überzähligen Knochen treten sehr oft in die
Reihe der legitimen Tarsalstücke ein und tragen echte Tarsalknochen,
so bei vielen Nagern das Tibiale das tti während das nav. ein wenig
fibularwärts verschoben ist." Das nav. ist bei diesen Tieren nicht
im geringsten fibularwärts verschoben. Das sogenannte Tibiale dieser
Tiere stellt dar des nav. fehlende Tuberositas medialis und deren
Knochenanhänge und tritt erst, wie später nachgewiesen wird, secundär
mit dem tx in Artikulation.
2) sprechen dafür: „Die Constanten Beziehungen dieser Knochen
zur Muskulatur. Wenn sie Sesambeine wären, stände wohl nur ein
Muskel, resp. eine Sehne oder ein Ligament in Verbindung mit
denselben. Dies ist der Fall bei Talpa und Didelphys. Bei allen
übrigen untersuchten Tieren aber stehn zwei bis vier ja sogar fünf
Muskeln in Verbindung mit dem Präpollex und Prähallux." Als
mit dem Prähallux in Verbindung stehend werden eine Seite früher
jedoch nur angeführt der Muse, hallucis extensor longus, der Muse,
tibialis posticus, der Muse, hallucis abduetor und die Fascia plantaris.
Also 3 Muskeln und eine Fascie. Welche Gründe Albertina Carlsson
zu der Ansicht gebracht haben, dass mit einem Sesambein nur ein Muskel,
eine Sehne oder ein Ligament in Beziehung stehen soll, ist nicht
näher erörtert, und doch wäre dies sehr notwendig, da nach des-
selben Verfassers Ansicht die sogenannten Prähalluxknochen ur-
sprünglich Sesambeine sind und nach einer gewissen Fortentwicklung
mit den erwähnten Muskeln und Bändern thatsächlich in Verbindung
treten sollen.
3 und 4 sprechen nach Carlsson Albertina die Hautnerven und
Hautarterien dafür, dass die überzähligen Knochen der medialen
Fussseite normale Skelettteile und wahrscheinlich Zehenanlagen sind.
Das nähere darüber im Original. —
Interessant ist noch Carlssons Angabe, dass „diese Knochen
vorzugsweise bei solchen Säugern vorkommen, die graben, klettern
oder schwimmen und deshalb einen breiten Fuss bedürfen, wie
die Nagetiere, bei denen die Füsse ja meist in einer von diesen
Richtungen adaptirt sind (Ausnahme Lepus; kein Tibiale!)" und
ferner die Angabe, dass bei einem Embryo von LTrsus aretos und
von Halichoerus grypus das Tibiale deutlich als Knorpel vorhanden
lieber den Säugetier-Praehallux. 123
war und bei dem letztgenannten Tiere dieselbe Beziehung zu der
Musculatur wie bei dem erwachsenen Tier besass. Auf diese Angaben
komme ich später zurück. —
Einen kleinen aber ausgezeichneten Beitrag zur Praehalluxfrage
hat in neuester Zeit Kohlbrügge veröffentlicht in seinem ,, Versuch
einer Anatomie des Genus Hylobates." Teil II, S. 340 der Ergebnisse
einer Reise nach niederländisch -Westindien von Max Weber Leiden
1891. Da Kohlbrügges Angaben sämmtlich die Langarmaften
betreffen, werden sie von mir bei Besprechung dieser Tiere aus-
führlich besprochen werden, hier möchte ich nur zwei seiner allgemeinen
Betrachtungen hervorheben; Seite 335 schreibt er: „Um eine Antwort
auf die Frage geben zu können, ob dieser Knochen zu den Sesam-
beinen gerechnet werden muss, müsste man Embryonen untersuchen,
denen ja die eigentlichen Sesambeine mit Ausnahme der Patella noch
fehlen." Aber dadurch würde, meint Kohlbrügge Seite 337, auch
noch nichts bewiesen werden. „Ebensogut wie die Patella bereits
embryonal angelegt wird, könnte dies auch mit dem Praepollex,
als einem sehr alten Sesambein, der Fall sein. Solange nicht bewiesen
werden kann, dass Patella und Praehallux genetisch ganz verschieden
gebildet sind, ist es an und für sich (trotz Bardeleben) kein Beweis
für die Carpalnatur des Praepollex, dass dieser Knochen der
Abductorsehne bei so vielen Tieren gefunden wird." — Hierzu
bemerke ich folgendes: Das Beispiel der Patella zeigt am besten,
dass phylogenetische Schlüsse aus dem ontogenetischen Auftreten eines
Knochens nur mit äusserster Vorsicht gezogen weiden dürfen. Die
Patella findet sich bereits wohlentwickelt bei vielen erwachsenen
Reptilien, sie fehlt trotzdem aber vielen Beuteltieren, sowohl im
Fötalleben als im Alter, sie ist bei allen erwachsenen Placentaltieren
wohl entwickelt und wird bei ihnen ontogenetisch ungemein früh
angelegt. Wenn nun in diesem Fall die Ontogenese eine un-
veränderte Recapitulation der Phylogenese wäre, dann müsste man
aus dem ontogenetischen Verhalten der Placentaltierpatella schliessen,
dass dieser Knochen bei den Placentaltieren ein wirklich primärer
d. h. von den Fischen auf die Säugetiere vererbter sei. Die ver-
gleichende Anatomie lehrt, dass dies ein Fehlschluss sein würde.
Fände man, dass die Patella bei manchen Placentaltieren ein wenig
später als die zweifellos primären Knochen angelegt würde, könnte
man schliessen, sie sei zwar nicht von den Fischen aber von den
Reptilien auf die Säugetiere vererbt worden; die vergleichende
Anatomie lehrt, dass auch dieser Schluss trügerisch wäre: Ihr Fehlen
bei vielen Säugetieren lässt es als durchaus sicher erkennen, dass
die Patella der Säugetiere eine im Säugetierstamm erst relativ spät
entstandene secundäre Neubildung ist und dass die Patella der
Säugetiere und diejenige der Reptilien phylogenetisch garnichts mit
einander zu thun haben, sondern homologe Parallelbildungen sind.
Ganz dasselbe lehrt das ontogenetische Auftreten des überzähligen
Tarsalknochens, welcher von Baur als Tibiale bezeichnet worden ist,
und im Maximum seiner Entwicklung mit dem ast.-Kopf und nav.
124 Gustav Tornier.
artikulirt, dieses angebliche Tibiale wird nach Baur an dem 3 zehigen
Cavia-Fuss gleichzeitig mit den vorhandenen primären Knochen an-
gelegt, das ist nach Baur ein Beweis für seine primäre Natur ; andere
— fünfzehige — Tiere besitzen den Knochen oder sein Homologon
stets, sobald sie erwachsen sind, aber derselbe kommt bei ihnen erst
postembryonal zur Entwicklung, noch andere 5 zehige Tiere besitzen
ihn weder, sobald sie erwachsen sind, noch im Fötalleben (Ursus,
Procyon), noch andere fünfzehige Tiere unter normalen Verhältnissen
gleichfalls nicht, er tritt aber bei ihnen zuweilen individuell post-
embryonal auf, in genau der Form und Lage wie er bei Cavia vor-
handen ist (Mensch). Ist unter diesen Umständen sein frühes
ontogenetisches Erscheinen bei Cavia ein Beweis für seine primäre
Natur? Durchaus nicht! Obgleich die 3 zehigen Cavia -Hinterfüsse
zweifellos von 5 zehigen Säugetierhintergliedmassen abstammen, also
secundär und relativ spät 2 Zehen verloren haben, werden bei Cavia
diese secundär verloren gegangenen Zehen ontogenisch nicht mehr
angelegt, trotzdem wird niemand aus diesen ontogenetischen Befunden
den Schluss ziehen, dass die Cavia-Füsse den primären Zustand der
Fussform repräsentiren und dass deshalb bei anderen 5 zehigen Säuge-
tierfüssen 2 Zehen secundär entstanden sind. Hatten bereits die
fünfzehigen Vorfahren der Cavia -Arten das angebliche Tibiale als
secundäre Neubildung erworben und vererbten sie es auf ihre
3 zehigen Nachkommen, so ist es sehr wohl möglich, dass dieser
durchaus secundäre Tarsalknochen bei Cavia im Verlauf der Ontogenese
gleichzeitig mit den primären Tarsalknochen angelegt wird, weil in
jeder Ontogenese die recapitulirten phylogenetischen Entwicklungs-
perioden auf eine sehr kurze Spanne Zeit zusammengedrängt sind,
aufeinanderfolgende phylogenetische Entwicklungsperioden von sehr
bedeutender Länge können aus diesem Grunde während der Onto-
genese eines Individuums sehr wohl gleichzeitig recapitulirt werden.
Anders würde sich die Sache gestalten, wenn bei Tieren, welchen
das Tibiale im erwachsenen Zustand nicht zukommt, dieser Knochen
embryonal angelegt würde und dann verschwände. In diesem Fall
würde man mit grösster Sicherheit schliessen können, dass eine
Anzahl der Vorfahren des Individuums, jenen embryonal angelegten
Knorpel wahrscheinlich als Knochen postembryonal besessen haben
werden.' Aber auch damit wäre noch nicht bewiesen, dass der
Knochen ein primärer sein muss, denn es wäre sehr wohl möglich,
dass er nur einigen der Vorfahren des Tieres in wirklicher Ausbildung
zukam, die Zusammendrängung der Entwicklung in der Ontogenese
würde auch in diesem Fall einen absolut genauen Schluss in Betreff
der Phylogenese des Knochens nicht zulassen. Im übrigen teile ich die
v on Gegenbaur, Fürbringer,, Hertwig, Pfitzner und Kükental vertretene
Anschauung, dass die Ontogenese zwar ein sehr wichtiges Hilfsmittel
zur Erforschung phylogenetischer Fragen ist, dass aber phylogenetische
Schlüsse aus ihr nur dann wirklich brauchbar sind, wenn sie zur
Nachprüfung von Anschauungen herangezogen werden, die bereits
vorher auf vergleichend anatomischem Wege erworben worden sind.
Ueber den Säugetier-Praehallux. 125
Fürbringer zeichnet diesen Standpunkt in seinen Untersuchungen
zur Morphologie und Systematik der Vögel Bd. III S. 842 in der
folgenden wahrhaft klassischen Weise: „Da ich überhaupt in der
breiten Anwendung der vergleichenden-morphologischen Methode ein
vielversprechenderes und ausgiebigeres Mittel der Forschung erblicke
als in der embryologischen Einzelbeobachtung oder in der auf nur
wenige Formen beschränkten ontogenetischen Untersuchung, und da
mir erst die vergleichende Methode das wahre Verständnis für die
Resultate der Ontogenie und die Lösung ihrer Rätsel giebt, so
glaube ich, dass auch die Erstere bei der nötigen Vorsicht und
Umsicht so sichere und selbständige Bahnen zu wandeln vermag,
dass sie der embryologischen Parallelen, so erfreulich ihr dieselben
auch sind, doch nicht notwendig bedarf. Jedenfalls vermag sie mit
grosser Wahrscheinlichkeit ziemlich weitgehende phylogenetische
Schlüsse zu machen und bleibt dabei viel mehr vor Irrtümern
bewahrt, als eine vorschnelle Generalisinmg und phylogenetische
Deutung einzelner ontogenetischer Befunde." —
Zum Schluss sei noch bemerkt, dass Eleischmann in seinen
„Embryologisehen Untersuchungen" Hefl II L891) S. 109 u. 111 die
Praepollex- und Praehalluxhypothese für uichl ausreichend begründet
erklärt.
Bei Cynocephalus anubis (Fig. 3 u. 4) besitzt das terminale
Segment der ffintergliedmasse, dcv Fuss, an seiner Medialseite nur
die von allen Autoren als primär anerkannten Knochen, ihm fehlen
alle diejenigen Knochen und Knochenteile, welche als Reste eines
Praehallux gedeutel worden sind: vorhanden sind also nur Tibia
(tib.), Astragalus (ast.), Galcaneus (cal.), Tarsale I it , }, Metatarsalel
(mts,). Des Tieres tib. und ast. gelenken wie bei allen Säugetieren
mit einander und es sendet die tib. von ihres Malleolus internus
proximal -medialer Ecke aus das Ligamentum tib. -ast. posticum
(tp.) an des ast. Tuberositas medialis, während von des Malleolus
internus distal-medialer Ecke an dieselbe Tuberositas des ast. das
lig. tib. -ast. antieuni (la.) zieht. Des ast. Plantarseite ruht und
artikulirt auf dem cal., von dem an des Fusses Medialseite nur das
Sustentaculum tali (st.) sichtbar ist; distahvärts artikulirt der ast.
mit dem nav. (nav.). Von des Sustentaculum tali ganzem medialen
und distalen Rand ziehn die Fibrillen des lig. cal.-nav. mediale an
des nav. Medialseite. Die Fibrillen dieses Bandes reiben an des
ast. Medialseite auf einem Knochenwulst (r), welcher von Gelenk-
knorpel überzogen ist und mit seinem Lateral -distal -Rande un-
mittelbar an des ast. nav. -Facette (an) stösst unter Bildung einer
scharfen Grenzlinie mit derselben. Gleiche Knochenwülste in ähnlicher
Ausbildung sind bei fast allen Placentaltieren am ast. vorhanden
und von mir als Reibfläche des lig. cal.-nav. mediale bezeichnet
126 Gustav Tornier.
worden. — Das nav. und tl des Cynocephalus anubis sind durch
Kapselbänder mit einander verbunden, ebenso tx und mtsi, dazu
treten dann noch eine Anzahl Hilfsbänder, die erst später besprochen
werden.
An der tib. Distal-plantar-Seite tritt durch die Sehnenscheide, welche
dort vom lig. cruciatum gebildet wird, der Muse, tibialis anticus
(T. ant.) mit zwei Sehnen an den Fuss, läuft über das nav.- und tt-
Dorsum hinweg und inserirt mit der einen Sehne an des tx Distal-
plantar-Ecke, mit der andern an der mtSi- Basis Tuberositas medialis.
Des Muskels beide Sehnen sind leicht von einander zu trennen, aber
trotzdem durch Bindegewebsfasern locker mit einander verbunden.
Ferner tritt an der tib. Distal-plantar-Seite durch die Scheide, welche
vom lig. cruciatum gebildet wird, der Muse, hallucis extensor longus
(Ex. hal.) an den Fuss, zieht plantarwärts über das nav.- und tx-
Dorsum hinweg, schlägt an des tx Plantarrand plötzlich distal-dorsale
Richtung ein, geht an des mtSi Medialseite entlang und inserirt an
des ersten Fingers phal2 Rückenseite.
An des Malleolus internus Medialseite verläuft durch eine
Scheide des Muse, tibialis posticus Endsehne (T. post.J, zieht distal-
plantarwärts an des Fusses Medialseite hinab, kreuzt im Beginn
ihres Verlaufs das hg. cal.-nav. mediale und schmiegt sich dabei des
Bandes Medialseite so innig an, dass dieselbe für sie eine deutliche
Rinne aufzuweisen hat. Die Sehne zieht dann weiter distalwärts,
verwächst mit dem Hg. cal.-ast. mediale und lässt sich nunmehr in
zwei Abschnitte zerlegen, der eine Abschnitt geht quer über des
nav. Medialseite hinweg, mit derselben aufs innigste verwachsend,
inserirt an des tl ganzem Proximalrand und schickt endlich einen
letzten Ausläufer quer über des t1 Medialseite, über die Endabschnitte
der beiden Sehnen des Muse, tibialis anticus an die nitSi- Basis.
Dieser Sehnenausläufer erscheint bei vielen Tieren in Gestalt eines
Bandes, das vom nav. an das mtsx geht, deshalb ist er von mir
früher als lig. nav.-mtsj mediale bezeichnet worden; er spaltet sich
vor seiner Insertion am mtSi in zwei Aste, von denen der eine beim
Hinwegziehn über des Muse, tibialis anticus mtSi-Sehne mit derselben
aufs innigste verwächst und eine deutliche Reibfläche an des tx
Distalrand und an des mtSj Proximal-medial-Rand erzeugt. Des
Sehnenzweiges zweiter Ast wird vom Muse, hallucis extensor longus
durchbohrt, trägt also eine Scheide für diesen Muskel, der von hier
aus seinen Weg distalwärts fortsetzt, und inserirt an des mtSi-Körpers
Medialseite. — Des Muse, tibialis posticus zweiter Endsehnen-
Abschnitt sendet eine Abzweigung an des Sustentaculum tali dis-
talen Rand sowie an des nav. Tuberositas plantaris, inserirt
dann an des t2 und t3 Tuberositas plantaris und strahlt von dort
in die Bindegewebsmasse aus, welche als Sehnenscheide den Musculus
peroneus longus plantarwärts deckt.
Des Cynocephalus anubis-Fusses Muse, digitorum flexor pro-
fundus (Fl. prof.) verläuft an des ast. proximalem Rand durch einen
Ueber den Säugetier-Praehallux. 127
Sulcus, der von Gelenkknorpel überkleidet ist, zieht unter des cal.
Sustentaculum tali und unter des nav. und t3 Tuberositas plantaris
entlang und spaltet sich in 5 Sehnenäste, von denen jeder Finger
einen erhält und zwar inseriren diejenigen des d2_5 an des be-
treffenden Fingers phal.ni, derjenige des dj an dessen phal.n.
Bevor der Muskel sich in seine Sehnenäste teilt, verbindet sich mit
ihm die Sehne des Muse, digitorum flexor medius (FL med), dieselbe
zieht an des Malleolus internus Medialseite durch eine Scheide
hindurch, welche eine Wand mit des Muse, tibialis posticus Scheide
(T. post.) gemeinsam hat, beide Muskelsehnen laufen also am Malle-
olus internus nebeneinander her und zwar diejenige des Muse, tibialis
posticus distalwärts von der letzteren. Die M. flexor medius-Endsehne
zieht dann an des ast. Medialseite über das lig. tib.-ast. posticum
hinweg, berührt das Sustentaculum tali an seinem Medialrand und
verwächst mit des Muse, flexor profundus Sehne der t2-Planta gegen-
über. An derselben Stelle vereinigt sich mit beiden eben beschriebenen
Sehnen die Endsehne eines dritten Muskels, des Muse, quadratus plantae
(Quad. plant.). Dieser Muskel entspringt an des cal. Lateralseite
unterhalb der Scheide des Muse, peroneus longus, umgeht fleischig
des cal. Planta und vereinigt sich mit beiden vorigen Muskelsehnen.
Des Cynocephalus anubis Muse, digitorum flexor sublimis (Fl.
sub.) entspringt von des caL Plantarseite an der Ferse, deckt die
anderen Flexoren des Fusses und gehl als „perforatus" mit 4 Sehnen
an den di_4, er inserirt am <l, an der phal. i, an dL»._4 an der
phal.n .
Der Muse, hallucis abduetor (Fig. 2, Abd. hal.) entspringt fleischig
an der Ferse plantar-medialer Ecke und in grosser Ausdehnung von
des Muse, digitorum flexor sublimis Medialseite (El. subl.); beide
Muskeln sind also an ihrem Ursprung eng mit einander verbunden.
Ferner entspringt der Muse hallucis abduetor an den Bandfasern,
die ausgespannt sind zwischen cal.-Körper und Sustentaculum tali,
er reibt an des nav. Medialseite, am lig. tib.-nav. mediale und ferner
an des tt Medial -plantar -Ecke, wo er mit zahlreichen Fibrillen
inserirt an dem Muse, tibialis posticus-Sehnenzweig (T. post.), welcher
über des Muse, tibialis anticus (T. ant.) beide Sehnen hinweg ans
mtst hinzieht (lig. nav.-mtSj mediale). Der Muse, hallucis abduetor
inserirt ferner mit starker Sehne an dem Sesambein unter der
Articulatio mts^dn. Unmittelbar unter dem Bauch dieses Muskels,
mit ihm durch Bindegewebsfasern lose verbunden, zieht der Nervus
plantaris internus (Nerv, pt.) in die Fusssohle. Der Nerv liegt genau
unter der vom Muse, hallucis abduetor und Muse, digitorum flexor
sublimis gebildeten Grenzlinie.
Vom Muse, hallucis abduetor plantarwärts völlig verdeckt liegt
der Muse, hallucis flexor brevis. Derselbe besteht bei Cynocephalus
anubis aus zwei separirbaren Muskelbäuchen, von welchen der eine
an das mediale, der andere an das laterale Sesambein der Articu-
latio mtSi-dx'i verläuft. Ich betrachte diese Muskelbäuche als selbst-
128 Gustav Tornier.
ständige Muskeln und nenne den einen Muse, hallucis flexor brevis
medialis, den andern Muse, hallucis flexor brevis lateralis. Der
Muse, hallucis flexor brevis lateralis entspringt von des t1 Distal-
plantar-Rand in Verbindung mit dem Muse interosseus für den d2.
Dieses Muskels Ursprungssehne überbrückt des Muse, peroneus longus
Ansatzsehne und reibt auf der mtSi-Basis Plantar-lateralem Abschnitt.
Die Sehne hat ferner das characteristische, dass sie nicht hart an
des tx Plantar-Distal-Rand entspringt, sondern etwas mehr proximal-
wärts am Knochen, an der starken Tuberositas plantaris desselben.
Des Knochens Plantar-distal-Rand bleibt also frei und ist mit einer
Reibfläche für den Muskel versehen. Diese Reibfläche stösst an
diejenige, welche am tx erzeugt wird von des Muse, tibialis anticus
mtSj- Sehne im Verein mit des Muse, tibialis posticus mtSi- Sehne.,
beide Reibflächen bilden mit der Articulatio t^mtSi einen rechten
Winkel.
Des Fusses Muse, hallucis flexor brevis medialis bedeckt in
seinem Verlauf vollständig den vorigen Muskel und wird seinerseits
wiederum vollständig bedeckt vom Muse, hallucis abduetor. Er
entspringt sehnig von des Sustentaculum tali medialem Rand, von des
nav. Tuberositas plantaris und besonders von des t3 Tuberositas
plantaris, wo seine Ursprungssehne mit dem hier mündenden Muse,
tibialis posticus- Sehnenzweig verschmilzt; des weiteren entspringt
der Muse, hallucis flexor brevis medialis von des Muse, digitorum
flexor medius Scheide dem ast. gegenüber, von der nav. Tuberositas
medialis und von des Muse, tibialis posticus mtSj-Ast. Des Muskels
Fasern inseriren vorwiegend an des Muse, hallucis abduetor End-
sehne und zwar in der Weise, dass die Fasern, welche von des
Fusses Medialseite kommen an die Medialseite der Sehne, die Fasern,
welche aus der Fusssohle entspringen, dagegen an der Sehne Lateral-
seite sich befestigen. Sie setzen sich also derartig an des Muse,
hallucis abduetor Endsehne an, dass dieselbe die Sehne eines doppelt
gefiederten Muskels zu sein scheint. Der Rest der Muse, hallucis
flexor brevis medialis -Fibrillen befestigt sich selbständig an dem
medialen Sesambein der Articulatio mtSi-d^i. Die Verschmelzung
der Muskelfasern mit der Sehne tritt schon der tx -Planta gegenüber
ein und endet erst an dem medialen Sesambein der Articulatio
mtSi-di'i. Es ist wichtig zu konstatiren, dass bei Cynocephalus
anubis der Muse, hallucis flexor medialis in seinem ganzen Verlauf
aus reinen Muskelfasern besteht und dass er auch vollständig musculös
über des tx Tuberositas plantaris und über der mts^Basis Medial-
seite hinwegzieht. Eine wirkliche Reibfläche hat er nur an des tx
Tuberositas plantaris, da des Cynocephalus anubis mtSx- Basis von
geringer Entwicklung ist.
Cebus capucinus adult hat an seines Fusses Medialseite ge-
nau dieselben Muskeln und Bänder, welche am Cynocephalus anubis
Fuss auftreten, jedoch divergiren dieselben von letzteren in einer
Anzahl wichtiger Charactere.
lieber den Säugetier-Praehallux. 129
Osteologisch merkwürdig ist das Cebus-capucinus-nav. (Fig. 6),
es besitzt eine stark ausgebildete Tuberositas medialis (tm) ; dieselbe
springt als Längs\vulst weit aus dem Körper des Knochens hervor,
während bei Cynocephalus anubis das nav. an seiner Medialseite
keine bemerkenswerte Erhebung aufzuweisen hat (Fig. 5 nav).
Am Fuss des Cebus capucinus verläuft des Muse, tibialis posticus
End-Sehne (Fig. 6 T. post.) in ganz normaler Weise durch eine Scheide
an des Malleolus internus Medialseite, kreuzt dasLig. cal.-nav. mediale
(Fig. 6 lenm.), verwächst dann mit demselben in viel stärkerem
Masse als dies bei Cynocephalus der Fall ist und zwar auf Kosten
seiner Reibfläche am Ligament, die bei Cebus deshalb fast gänzlich ver-
schwunden ist. Es lässt sich dann am Cebus-Fuss des Muse, tibialis
posticus End-Sehne verfolgen bis an die nav.- Tuberositas medialis
(Fig. 6 tm), an derselben inserirt und endet sie zugleich. Von des
nav. Tuberositas medialis entspringen dann eine Anzahl Bänder (o+q),
von denen eins inserirt an des t, Plantar-medial-Ecke (o), ein anderes
an der tn-und tm- Planta und ein drittes (q) zieht hinweg über
des tx Medialseite, über des Muse, tibialis anticus Ansatzsehnen (T.ant),
es verwächst mit des Muse, tibialis anticus mtSj -Sehne, inserirt
an des mtst - Medialseite und tragt «'ine Scheide für den Muse,
hallucis extensor longus. Bei Cynocephalus anubis geht, (Fig. ">) wie
nachgewiesen ist. des Muse. til>i;ilis posticus End-Sehne, LnzweiAesten
ununterbrochen an des nav. Medialseite vorbei, «Irr eine Zweig inserirt
in der FusssoliL' an des tu und t m Tuberositas plantaris, der andere
heftet sieli durch Fibrillen an des nav. Medialseite, setzt Bich über
dieselbe fort, kreuzt des t , Medialseite und d<-^ Muse, tibialis anticus
Ansatzsehnen, verwuchst mit dessen mts1 -Sehne und trägt eine
Scheide für den Muse, hallucis extensor lonc.ii>.
Vergleicht man die Charactere des Cebus-Fusses mit denen des
Cynocephalus-Fusses, so i rgiebt Bich, dass am Cebus-Fuss des Muse,
tibialis posticus End-Sehne eine Unterbrechung durch des nav. stark
entwickelte Tuberositas medialis erfahrt. Es würden sämmtliche
Charactere des Cebus-Fusses am Cynocephalus-Fuss entstehn, wenn
am letzteren der am nav. inserirende und entlang ziehende Teil der
Muse, tibialis posticus -End-Sehne verknöchern und mit dem nav.
verwachsen würde : dann würde dieses nav. erhalten eine sehr starke
Tuberositas medialis, des Muse, tibialis posticus End-Sehne würde au
dieser Tuberositas inseriren und endigen und aus den Aesten der
Sehne würden ebensoviel von der nav. - Tuberositas medialis aus-
gehende Bänder werden, wie dies bei Cebus capucinus der Fall ist.
Dass eine solche Verknöcherung eines Sehnenabschnitts möglich ist, ist
eine allen Anatomen wohlbekannte Thatsache. Es ist oft bewiesen
worden, und wird am Ende dieser Arbeit durch zahlreiche Beispiele
illustrirt werden, dass Bänder und Muskelsehnen an denjenigen
Stellen, an welchen sie einen permanent wirkenden sehr starken
Druck aushalten müssen, ossifiziren. Am Affenfuss ist nun der Muse.
tibialis posticus einer der am stärksten benutzten Muskeln, die
Avcli. f. Naturgesch. Jahrg. 1891. Bd. I. H. 2. 9
130 Gustav Tornier.
permanent gewordene Einwärtskehrivng der Sohle des Affenfusses ist
das Resultat seiner intensiven Einwirkung auf den Fuss. Der Muse,
tibialis posticus zwingt nach Duchenne (Physiologie der Bewegung
übersetzt von Wernike 1885) durch seine Contraction das nav. zur
gleichzeitigen Ausführung dreier Bewegungen: Unter der Einwirkung
des Muskels führt das nav. erstens seine Beugebewegung am ast. aus,
zweitens wird es adducirt d. h. in latero-medialer Richtung am Kopf
des ast. entlanggeführt und drittens wird es entovertirt d. h. um
seine Proximo-distal - Achse planto-dorsalwärts rotirt, wodurch die
ganze Fusssohle Einwärtsdrehung erfährt. Die Wirkung des Muse,
tibialis posticus auf das nav. ist dabei einmal eine directe, indem
des Muskels am nav. befestigten Fibrillen einen Zug auf dasselbe
ausüben und zweitens eine indirecte, indem seine am nav. entlang-
laufenden Fibrillen bei der Muskelcontraction gradlinig zu werden
streben und deshalb sehr starken Druck auf des nav. Medialseite
ausüben. Es ist also am Aflenfuss die physiologische Ursache,
welche zur Verknöcherung des am nav. hinziehenden Abschnitts der
Muse, tibialis posticus -End-Sehne führen kann, in hervorragender
Weise in Wirksamkeit.
Ein zweiter sehr wichtiger Unterschied zwischen dem Fuss des
Cynocephalus anubis und dem des Cebus capucinus ist folgender: Bei
Cynocephalus anubis verläuft der Muse, tibialis posticus-End-Sehne
mts^Ast über des tx Medialseite, über des Muse, tibialis anticus
beide Ansatzsehnen, trägt in seinem Dorsal-Abschnitt eine Scheide
für den Muse, hallucis extensor longus, verwächst durch seinen
Plantarabschnitt mit des Muse, tibialis anticus nrtSj -Sehne und
inserirt an der mts^Basis Medialseite. Des Muse, tibialis anticus
mtst-Sehne erzeugt an der Stelle, wo sie mit des Muse, tibialis
posticus mtSi-Ast verwächst zwei Reibflächen an benachbarten
Tarsalknochen, die eine liegt an des tl distalem Rand, die andere
daneben an des mtst proximalem Rand.
Bei Cebus capucinus ist des Muse, tibialis posticus mtSj-
Ast verwandelt zum lig. nav.-mtSi mediale, behält aber trotzdem
seine sämmtlichen Charaktere bei, mit der Modifikation, dass an der
Stelle, wo das Band mit des Muse, tibialis anticus mtSi-Sehne ver-
wächst, ein Knöchelchen in die Sehne eingelagert ist, dasselbe
artikulirt mit einer Gelenkfläche an des tx distalem Rand mit einer
anderen an des mtSi proximalem Rand; seine Gelenkflächen umfassen
die Articulatio tj-mtSi und stehen mit ihren Ebenen senkrecht zu
dieser Facette. Mit anderen Worten: bei Cynocephalus geht des
Muse, tibialis anticus mts^Sehne sehnig bis zum mtSi, bei Cebus
capucinus liegt in ihrem Endabschnitt ein kleines Knöchelchen.
Dieses Knöchelchen ist von Herrn Professor Bardeleben als ein
Prähalluxrudiment gedeutet worden. Es ist mir leider nicht möglich, be-
reits an dieser Stelle alle Gründe anzuführen, welche gegen eine solche
Deutung ins Feld geführt werden können. Ist der Knochen wirklich
ein Prähalluxrudiment, dann muss dieses bei Cynocephalus anubis
Ueber den Säugetier-Praehallux. 131
völlig atrophirt oder vielmehr umgewandelt worden sein in den Muse,
tibialis anticus-mtSi -Sehnen-Endabschnitt; denn nur die letztgenannte
Voraussetzung würde erklären, warum bei Cynocephalus anubis des
Muse, tibialis anticus mtSj -Sehne ohne Unterbrechung an die mts^
Basis zieht, während sie bei Cebus capucinus schon früher an einem
besonderen Knochen inserirt. Die Umwandlung eines Knochens und
mag er noch so klein sein, in den Endabschnitt einer Sehne d. h.
die Umwandlung von Knochen in Bindegewebe ist aber, wie bereits
früher auseinandergesetzt worden ist, nicht nur sehr unwahrscheinlich,
sondern gänzlich unmöglich. Dagegen wird jedermann zugeben, dass
bei Cynocephalus anubis sehr leicht in des Muse, tibialis anticus mtSi-
Sehne eine homologe Verknöcherimg eintreten kann, weil gerade diese
Sehne dafür besonders geeignet erscheint. Der Muse, tibialis anticus
spielt im AfFenfuss eine ebenso wichtige Rolle wie der Muse, tibialis
posticus, weil er die für den Affenfuss charakteristische, permanent
gewordene Abspreizung der grossen Zehe von den übrigen Zehen
erzeugt. Jede Contraction dieses Muskels presst seine Ansatzsehne
mit ihrem Endabschnitt an die t,- und mtSi-Medialseite, wobei die
Sehne einen bedeutenden Druck auszuhalten hat. Aus diesem Grunde
sind schon bei Cynocephalus anubis die Berührungsflächen der Sehne
und der Knochen von Gelenkknorpel überzogen, geringe Verstärkung
des Drucks würde zweifellos genügen, um auch in dieser Sehne
einen Knochenken] zu erzeugen; nun ist aber bei ('«'1ms capucinus
der Fuss noch extremer und einseitiger Eüetterfuss als bei Cyno-
cephalus anubis^ der verstärkte Druck auf die Sehne ist hier vor-
handen, und daher kann der Knochenkern in der Sehne hier sehr
wohl seeundär entstanden sein.
Die übrigen Bänder und Muskeln dm Medialseite des erwachsenen
Cebus-Fusses weichen fast garnichl von denen des Cynocephalus anubis-
Fusses ab; bemerkenswert nur ist folgendes: während bei Cynoce-
phalus anubis der Muse, hallucis flexor Lateralis zwar vom Muse.
hallucis flexor medialis überdeckt wird, aber vollständig getrennt
verläuft, sind bei Cebus capucinus beide Muskeln über des Peroneus
longus Scheide aufs innigste verwachsen, des Muse, peroneus longus
Scheide ist dadurch sehr dickwandig geworden, und die bei Cynoce-
phalus anubis an der tr und iin>,- Planta vorhandenen Reibflächen
des Muse, hallucis lateralis sind Lei Cebus nicht vorhanden.
Mycetes ursinus ist deshalb ein ungeheuer wichtiges Tier, weil
es auf verschiedenen Altersstufen sehr abweichende Entwicklungs-
stadien an seines Fusses Medialseite zeigt, ontogenetisch dabei einen
Teil seiner Phylogenese wiederholt und zwar steht dieses Individuum,
wie vorweg bemerkt werden mag, noch in einem relativ späten
Stadium seiner Ontogenese auf einer Art Mittelstufe zwischen Cynoce-
phalus und Cebus capucinus, während es erwachsen weit über Cebus
hinausgeht. Untersucht man die Ontogenese des Mycetes-Fusses so
erhält man aus obigen Gründen ein klares Bild von der Entstellung
gewisser speeifischer Charactere des Cebus-Fusses.
9*
132 Gustav Tornier.
Am Fuss eines jungen Mycetes ursinus (Fig. 8) dessen Knochen
bereits sämmtlich ossifizirt sind, reicht des nav. tr- Facette mit ihrem
medialen Rand bis an des Knochens Medialseite d. h. das nav. selbst
hat keine Tuberositas medialis, stimmt darin also mit des Cynoce-
phalus anubis nav. überein, (Fig. 5), auch an diesem nav. reicht der
V Facette Medialrand bis zu des Knochens Medialseite, der eine
Tuberositas medialis gänzlich fehlt. Da es für spätere Untersuchungen
sehr wichtig ist, die Längenverhältnisse der untersuchten Gelenk-
fläche zu besitzen, so constatire ich, dass beim jungen Mycetes-Fuss
des nav. tt- Facette in latero-medialer Richtung 11 mm, in planto-
dorsaler Richtung 9 mm Länge besitzt. — Das Cynocephalus anubis-
nav. von der Proximalseite betrachtet, (Fig. 10), zeigt des Knochens
Gelenkfläche für den ast. Diese Facette hat die Form einer Niere,
deren Hilus (h) plantarwärts schaut; ihre Ränder liegen annähernd
in einer und derselben Ebene, kein Abschnitt der Gelenkfläche springt
stark proximalwärts vor. Des jungen Mycetes ursinus nav. (Fig. 11)
hat eine ast. -Facette von derselben Form, doch trägt deren Medial-
dorsal-Ecke eine kaum wahrnehmbare Ausbuchtung (i), die in proxi-
maler Richtung vorspringt. Beim jungen Mycetes ursinus (Fig. 8)
geht des Muse, tibialis posticus Endsehne (T. post.) in normaler Weise
an des Malleolus internus Medialseite durch eine Scheide, kreuzt das
lig. cal. - nav. mediale (lenm) , das mit ihr wie bei Cebus auf Kosten
ihrer Reibfläche verwächst, und inserirt gegenüber der nav.-Medial-
seite an einem Knorpelwulst von enormer Entwicklung (tm), der
mit des nav. Medialseite aufs innigste verwachsen ist und dieselbe
umgiebt in Form eines halbkugeligen Buckels. Von diesem Knorpel-
wulst gehen aus Bänder an des tx Medialseite und Planta (o), solche
an des t2 und t3 Planta, ferner das Hg. nav.-mtSi mediale (q).
Diese Thatsachen machen es zweifellos, dass in jenem Knorpelwulst
zu erblicken ist des Muse, tibialis posticus Endsehnenabschnitt, welcher
bei Cynocephalus anubis (Fig. 5) sehnig an des nav. Medialseite
inserirt und vorüberzieht, bei Cebus capucinus (Fig. 6) aber des nav.
knöcherne Tuberositas medialis (tm) darstellt. Der junge Mycetes
ursinus steht in diesem Character also zwischen Cynocephalus anubis
und Cebus capucinus adult, da die Verknorpelung des Sehnen-
abschnitts die Vorbereitung desselben zur Verknöcherung darstellt.
Zugleich mit dem Muse, tibialis posticus - Sehnenabschnitt , der
am nav. inserirt (Fig. 8tm), ist beim jungen Mycetes enorm verdickt
der Teil des lig. cal.-nav. mediale (ß), welcher von des nav. Medial-
seite bis zu der im Ligament befindlichen Reibfläche der Muse,
tibialis posticus - End- Sehne reicht und mit ihr verwachsen ist.
Dieser Bandabschnitt zeigt nicht mehr die faserige Structur eines
Bandes, sondern besteht aus einer durchaus homogenen, durch-
scheinenden, knorpeligen Masse, von sehr beträchtlicher Härte, auf
welcher nunmehr die Sehne eine Reibfläche hat. In allen anderen
Characteren der Medialseite seines Fusses steht der junge Mycetes
auf derselben Entwicklungsstufe wie Cebus capucinus, besonders sei
Ueber den Säugetier- Praehallux. 133
dies noch in Betreff des auch beim jungen Mycetes ursinus in des
Muse, tibialis anticus mt^ Sehne vorhandenen winzigen Knochens
hervorgehoben.
Von des erwachsenen Cebus capucinus nav.-Characteren, soweit
sie nicht bereits früher besprochen worden sind, ist noch folgendes
bemerkenswert: An diesem nav. ist die tj- Facette lang in latero-
medialer Richtung 12V2 mm, in dorso-plantarer Richtung 7l/2 mm,
übertrifft also noch des jungen Mycetes ursinus homologe Facette in
latero-medialer Richtung, trotzdem wölbt sich bei Cebus capucinus
des nav. Tuberositas medialis (Fig. 6tm) über diese Gelenkfläche
medialwärts hinaus, wenngleich noch in verhältnismässig bescheidener
Weise. Des nav. ast. -Facette hat beiCebus capucinus (Fig. 12) noch genau
dieselbe Form wie beim jungen Mycetes, mit dem einzigen Unter-
schied, dass die Ausbuchtung au ihrer Medial-dorsal-Ecke (f) grösser
und wahrnehmbarer ist und in Form eines Zapfens einen Anhang
an der Gelenkfläche bildet, der proximalwärts vorspringt.
Mycetes ursinus adult z<'ipt an seines Fusses Medialseite im
Vergleich zu den bisher untersuchten :'> Individuen folgende auffällige
Charactere (Fig. i)): Seines nav. t, - Facette ist lang in latero-
medialer Richtung L2 mm, in dorso-plantarer Richtung 8mm, über-
trifft also in latero-medialer Richtung seihst des Cebus capucinus
homologe Facette an Länge; trotzdem überragt heim erwachsenen
Mycetes des nav. mediale Seite in ganz abnormer Weise medialwärts
der t,-Facette medialen Kami d. h. mit anderen Worten dieses nav.
hat eine enorm entwickelte Tuberositas medialis (tm). Dieselbe ist
so vergrössert. dass sie für sich allein des Knochens mediale Hälfte
bildet. Desgleichen zeigl heim erwachsenen Mycetes des nav. ast.-
Facettc (Fig. 13 ;ist.) eine sehr eigentümliche Form: Beim jungen
Mycetes (Fig. 11) hal diese Facette an ihrer dorsal-medialen Ecke
einen kleinen Anhang (i), der proximalwärts vorspringt, bei Cebus
capucinus war derselbe ein wenig mehr entwickelt; heim erwachsenen
Mycetes bildet derselbe an des nav. eigentlicher ast.-Facette einen
Anhang (Fig. 14i> welcher in latero-medialer Richtung beinahe die
Länge der Gelenkfläche hat. und derselben auch in dorso-plantarer
Richtung an Grösse nicht wesentlich uachgiebt. Da beim er-
wachsenen Mycetes des nav. eigentliche ast.-Facette und deren ver-
größerter Abschnitt ohne Trennungslinie ineinander übergehn und
gemeinsam eine neue einfach coneave Gelenkfläche für den ast.
bilden, so ist man bei flüchtiger Untersuchung leicht geneigt,
fälschlich anzunehmen, dass diese vergrösserte Facette in Gestalt
und Ausbildung der viel kleineren anhanglosen ast.-Facette des
Cebus- und jungen Mycetes-nav. entspricht. Dass dies nicht der
Fall ist, lehrt die Berücksichtigung der folgenden Thatsache: Be-
trachtet man des Cebus capucinus (Fig. 6) und jungen Mycetes nav.
(Fig. 8) von der Dorsalseite, so ergiebt sich, dass bei diesen nav. die
ast.-Facette am zugehörigen Knochenkörper nicht weiter medialwärts
reicht, als die Facetten, welche an des nav. Distalseite ihr gegen-
134 Gustav Tornier.
überliegen und bestimmt sind für die 3 Tarsalia (t1,t2,t3) des Fusses.
Beim erwachsenen Mycetes ursinus (Fig 9) bat des nav. ast. -Facette
in latero-medialer Richtung eine viel grössere Ausdehnung als des
nav. Gelenkflächen für die dreit. Diesen 3 Gelenkflächen liegt von
der zugehörigen ast.-Facette ungefähr die Hälfte gegenüber, die
andere Hälfte stützt sich auf des nav. Tuberositas medialis (tm), die
ihrerseits die Gelenkfläche der drei t. um halbe Knochenlänge medial-
wärts überragt.
Fragt man, auf welche Weise beim erwachsenen Mycetes des
nav. ast.-Facette und Tuberositas medialis eine so enorme Vergrösserung
erfahren haben, so ergiebt sich aus nachfolgender Vergleichung, dass
die beim jungen Mycetes (Fig. 8) verknorpelten Teile der Muse,
tibialis posticus Endsehne (tm) und des lig.cal. -nav. mediale (/S) beim
erwachsenen Mycetes ossifizirt und mit dem nav. verwachsen sind.
Beim jungen Mycetes reicht des lig. cal.-nav. mediale verknorpelter
Abschnitt (ß) vom nav. bis zu der im Lig. befindlichen Reibfläche
der Muse, tibialis posticus-Endsehne (T. post.); dieser Bandabschnitt
reibt am ast. (ast.) auf der Reibfläche des lig. cal.-nav. mediale (r),
die von des ast. nav.-Facette durch eine scharfe Grenzlinie abgegrenzt
ist. An diesem verknorpelten Bandabschnitt (0) reibt des Muse,
tibialis posticus Endsehne (T.post.) bei ihrem Vorbeiziehen am Bande
und ist von hier an gleichfalls verknorpelt (tm) und in Form eines
grossen Knorpelwulstes (tm) des nav. Medialseite angelagert. Von
diesem Wulst gehn dann die Endabschnitte der Sehne als Bänder
(o+q) an die ihnen bestimmten Tarsalknochen. Beim erwachsenen
Mycetes ursinus (Fig. 9) reicht des nav. Dorsal -medial- Anhang (i)
proximalwärts bis zu des Muse, tibialis posticus Endsehne (T. post.).
Die Sehne hat nicht mehr eine Reibfläche am Kg. cal.-nav. mediale,
sondern statt derselben eine solche an des nav. -Anhangs (tm.) proximalem
Rand. Dieser nav. -Anhang gelenkt ausserdem mit des ast. Reibfläche
für das lig. cal.-nav. mediale (r). Aus alledem geht mit absoluter
Sicherheit hervor, dass an des erwachsenen Mycetes nav. der dorsal-
mediale Anhang (3) homolog ist dem beim jungen Mycetes (Fig. 8)
knorpeligen Teil des lig. cal.-nav. mediale, der genau dieselbe Lage
hat. — Beim erwachsenen Mycetes inserirt und endet des Muse,
tibialis posticus Endsehne, sobald sie an des nav.Dorsal-medialer- Anhang
dahingezogen ist, an des nav. Tuberositas medialis (tm.); die sich
als starker Wulst an des nav. ganzer Medialseite entlang zieht, von
deren Distalrand laufen Bänder (o+q), den Endabschnitten der
Muse, tibialis posticus-Endsehne entsprechend, an die Tarsalia und das
mtsx; damit ist bewiesen, dass beim erwachsenen Mycetes des nav.
Tuberositas medialis homolog ist dem beim jungen Mycetes an der
nav. -Medialseite liegenden verknorpelten Abschnitt der Muse, tibialis
posticus-Endsehne. — Da bei allen Tieren des Muse, tibialis posticus
Endsehne, nachdem sie am lig. cal.-nav. mediale die für sie bestimmte
Reibfläche berührt hat, mit diesem Ligament auf das innigste
verwächst, geht an des erwachsenen Mycetes ursinus nav. die
Ueber den Säug etier-Praehallux. 135
Knochensubstanz der Tuberositas medialis (tm.) unmittelbar über in
des Hg. cal.-nav. mediale verknöcherten Distalabschnitt (ß). Man
kann daher nicht mit Unrecht sagen, beim erwachsenen Mycetes
ursinus gelenkt des nav. grosse Tuberositas medialis am ast. auf
der ursprünglichen Reibfläche des lig. cal.-nav. mediale (r), nachdem
von ihr aus der zwischenliegende Teil des lig. cal.-nav. mediale
ossifizirt ist.
Ateles leucophthalmus und ater (Fig. 7) stehen erwachsen
in der Ausbildung ihres nav. in sehr interessanter Weise zwischen
Cebus capucinus adult und dem erwachsenen Mycetes ursinus. Bei
den Ateles- Arten reicht des nav. ast. -Facette nicht weiter medialwärts
am Knochenkörper als des Knochens drei t- Facetten; die ast. -Facette
(Fig. 14) hat ferner an ihrem medialen Rand einen verhältnismässig
kleinen Dorsal -medial -Anhang (i), wiederholt darin also die ent-
sprechenden Charaktere des Cebus- Fusses. Dagegen hat bei den
Ateles -Arten (Fig. 7) des nav. Tuberositas medialis (tm.) dieselbe
extreme Ausbildung wie beim erwachsenen Mycetes (Fig. 9), sie geht
in medialer Richtung weit über des nav. ast. -Facette und seine
t-Facetten hinaus; an ihrem proximalen Rand inserirt und endet
des Musc.-tibialis posticus Endsehne T. post.) unmittelbar, nachdem
sie über das lig. eil. -nav. mediale (lenm.) hinweggegangen ist. Bei
den Atelcs-Arten ist also des Muse, tibialis posticus Endsehne bis zu
ihrer im Ligament befindlichen Reibfläche ossifizirt. Da bei den
Ateles-Arten des nav. Tuberositas medialis Mycetes -Charactere und
des nav. ast.-Facette Cebus-Charactere besitzt, wie sich darin zeigt,
dass ihr eine grössere Ausbuchtung an ihrem Dorsal- medial -Rand
fehlt, so entsteht die Frage, wie verhall sich bei den Ateles-Arten
derjenige Teil des lig. cal.-nav. mediale (0), welcher heim erwachsenen
Mycetes verknöchert und mi1 der zugehörigen nav. - Tuberositas
medialis zu einer Einheil verwachsen ist? Dieser Bandabschnitt,
welcher von des nav. Medialrand bis zu der im Ligament befindlichen
Reibfläche der Muse, tibialis posticus- Endsehne reicht, an ihrer
Medialseite mit dieser Seime verwachst und am ast. eine besondere
Reibfläche (r) besitzt, ist bei den Ateles-Arten (Fig. 7 ti) noch intact
d.h. als faseriges Bindegewebe vorhanden. Heg! der grossen Tube-
rositas medialis seines nav. (im.' als dünne Bandschicht auf und
artikulirt am ast. mit der Reibfläche -für das lig. cal.-nav. mediale (r).
Bei den Ateles-Arten artikulirt also des nav. Tuberositas medialis
nicht direct mit des ast. Reibfläche für das lig. cal -nav. mediale,
sondern ist von derselben durch das Ligament in normaler V
getrennt. Das Resultat dieser Untersuchung ist: während bei Cyno-
cephalus anubis des Muse, tibialis posticus Endsehne ohne Unterbrechung
an des nav. Medialseite entlangzieht, ist beim erwachsenen Cebus
capucinus der Teil der Sehne, welcher dem nav. direet anliegt,
verknöchert und zu des nav. Tuberositas medialis umgewandelt, bei
den Ateles-Arten ist diese Tuberositas stark proximalwärts verlängert,
weil des Muse, tibialis posticus Endsehne noch weiter in proximaler
^36 Gustav Tornier.
Richtung verknöchert ist und zwar bis zu ihrer Reibfläche im lig.
cal.-nav. mediale, beim erwachsenen Mycetes ist ausserdem noch vom
lig. cal.-nav. mediale derjenige Abschnitt verknöchert, der zwischen
dem nav. und der Reibfläche der Muse, tibialis posticus - Endsehne
liegt, und hat sich zugleich vereinigt mit des nav. Tuberositas me-
dialis. Des nav. ast.-Facette hat dadurch einen grossen Gelenkflächen-
anhang erhalten, der scheinbar von des Knochens Tuberositas medialis
gebildet wird.
Diese Verknöcherung des lig. cal.-nav. mediale lässt sich
ontogenetisch bis ins Detail verfolgen am Fuss der Menschenaffen.
Ein junger Hylobates lar hat wie die anderen Menschenaffen
an seines Fusses Medialseite sämmtliche allgemein als primär an-
erkannten Knochen mit folgenden Characteren: Das nav. (Fig. 15)
hat an der Proximalseite die Charactere des Cynocephalus anubis
Fusses, seine ast.-Facette hat die Form einer Niere, deren Hilus (h)
plantarwärts schaut, an ihrer Dorsal-medial-Ecke findet sich kein
Facettenanhang. An des Knochens Medialrand setzt sich das lig.
cal.-nav. mediale (lenm) als ein wirkliches Ligament, aber mit der
höchst merkwürdigen Eigentümlichkeit an, dass in seinen distalen
Abschnitt ein Knorpelkern (ß) eingebettet ist, welcher in Form eines
Hufeisens des nav. Medialrand umgiebt. Er schliesst sich demselben
jedoch nicht unmittelbar an, sondern ist von ihm durch einen kleinen,
nicht verknorpelten Ligamentabschnitt getrennt (/). Die Verbindung
des nav. und des Knorpels ist eine so lose, dass es mühelos gelingt,
sie gegen einander zu verschieben. Des Knorpel hufeisenförmige
Oberfläche ist glatt und glänzend und artikulirt am ast. auf der
Reibfläche des hg. cal.-nav. mediale. Am Fuss des jungen Hylobates
ist also im Hg. cal.-nav. mediale eine Verknorpelung eingetreten wie
dieselbe auch beim jungen Mycetes gefunden wird, sie hat aber das
characteristische , dass sie viel selbständiger des nav. Medialseite
gegenüber auftritt; trotzdem hat auch bei Hylobates lar dieser
Knorpelkern im lig. cal.-nav. mediale die Tendenz mit dem nav. zu
verwachsen, seine Anlagerung an die ast.-Facette des Knochens lässt
dies deutlich erkennen. Hylobates lar liefert also nebenbei den
besten indirecten Beweis dafür, dass bei Mycetes am nav. die
Vergrösserung der ast.-Facette auf Kosten des lig. cal.-nav. mediale
stattgefunden hat.
Des jungen Hylobates lar Muse, tibialis posticus - End- Sehne
kreuzt in normaler Weise das lig. cal.-nav. mediale, erzeugt an dessen
Medialseite eine mächtige Reibfläche, zieht unter dem im Ligament
befindlichen Knorpelkern hinweg, verwächst durch einen Ast mit des
nav. Medialseite, und wird dort knorpelig. Von diesem Knorpel gehn
die Sehnen-Endabschnitte als Bänder an des tx Medialseite und Planta,
sowie in normaler Weise und Ausbildung an das mts^ Ein anderer
Zweig der Sehne verläuft an des t2 und t3 Tuberositas plantaris.
Des jungen Hylobates lar Muse, tibialis posticus-Endsehne weicht also
von allen bisher untersuchten homologen Neuweltaffen - Sehnen
Ueber den Säugetier-Praehallux. 137
dadurch ab, dass nur ein Teil ihres am nav. hinziehenden Abschnitts
verknorpelt ist, der Rest unverknorpelt bleibt, bei den untersuchten
Neuweltaffen war der ganze, am nav. hinziehende Abschnitt der
Sehne verknorpelt, bei Cynoeephalus anubis zeigte er noch gar keine
Verknorpelung.
Beim erwachsenen Hylobates syndactylus und agilis ist der am
nav. befestigte knorplige Sehnenabschnitt verknöchert und mit dem
nav. zu dessen Tuberositas medialis untrennbar vereinigt, Gleichfalls
verknöchert und mit der Tuberositas und dem nav. verwachsen ist
ausserdem der im Hg. cal.-nav. mediale in der Jugend vorhandene
Knorpelkern, ihre Vereinigung ist bei den mir vorliegenden Tieren
so vollständig, dass von der ursprünglichen Selbständigkeit der
verwachsenen Teile nichts mehr zu erkennen ist. Es wiederholen
sich also hier die Entwicklungsvorgänge, die am Fuss der unter-
suchten extremen Neuweltaffen bereits beschrieben worden sind, aber
des Bylobates-nav. Tuberositas medialis vertritt nichl den ganzen
dem nav. gegenüberliegenden Muse, labialis posticus - Endsehnen-
abschnitt, sondern nur den Teil desselben, dessen Fibrillen später
am nav. t , und mts, inseriren.
Kohlbrügge 1. cit. 342 schreibt über des Bylobates-nav. Tuberositas
medialis folgendes: „Diese war an allen untersuchten erwachsenen
Exemplaren sehr stark einwickelt: Bie krümmt ßich nach hinten
(proximalwärts) am and isl nicht viel kleiner als der Knochen selbst.
An dem Skelett eines jungen IM. Byndactylus war sie noch ganz
knorpelig, sie verknöchert also später als das nav, mit dem sie
verbunden ist" (genau wie beim jungen Mycetes: der Verfasser).
„Sehr merkwürdig", fahrt er fort, „ist die Mitteilung Denikers
(Archives de Zoologie experiment; 5 II Im 111 L885
dass die Tuberositas seinem Foetus ganz fehle." Ontogenetisch würde
demnach bei Bylobates des nav. Tuberositas medialis weit später
angelegt als die sicher primären Tarsalelemente.
Bei Bylobates Lar hat des Muse, tibialis posticus End-Sehnenast,
welcher ans mts, verläuft, durchaus normale Form, zieht über des
t, Medialseite hinweg und verwächst mit des Muse, tibialis anticus
mts j -Sehne. An i\rv Stelle, wo diese Vereinigung vor sich geht,
findet sich in des Muse, tibialis anticus mtSj-Sehne ein Knochenkem
von derselben Grösse und Lage wie bei den Neuweltaffen, derselbe
gelenkt auch bei Bylobates lar nicht nur mit der mts t -Basis, sondern
auch mit des t, distalem Rand, ist also angelagert der irticulatio
tj-mts!.
Ueber dieses Knöchelchen sehreibt Kohlbrügge (1. cit. S. 340)
das folgende: ,, Dieser Knochen liegt am Tibialrande des Tarsus,
zwischen dem mts! und tt. Er artikulirt mit beiden Knochen, hegt
aber dem mtSj dicht an, so dass er bei oberflächlicher Betrachtung
mit diesem verschmolzen zu sein scheint. Ich suchte und fand ihn
bei neun Kxemplaren der verschiedenen Species von Hylobates. An
einem Exemplar des Hyl. syndactylus konnte ich den Knochen alter
138 Gustav Tornier.
nicht finden; doch war gerade dort, wo dieses Knöchelchen dem
mtsj bei den anderen Exemplaren anliegt, eine nach hinten gerichtete
Tuberositas am mtSi vorhanden. Wahrscheinlich war der Knochen hier
also nicht beim Maceriren verloren gegangen sondern mit dem mts
verschmolzen, denn anders lässt sich die Tuberositas wohl nicht er-
klären." (Die beigegebene Zeichnung lässt die Annahme als
durchaus sicher erscheinen). „Weiter, schreibt Kohlbrügge, fehlte der
Knochen noch an den Skeletten von je einem Exemplar eines Hyl.
syndactylus und Hyl. leuciscus; beide waren noch sehr junge Tiere."
Die mir vorliegenden Hylobates agilis und syndactylus zeigen in Be-
treff des Knöchelchen folgendes. Bei Hylobates agilis, einem voll-
kommen ausgewachsenen Tier, dessen sämmtliche Knochen und auch
des nav. Tuberositas medialis ossifizirt sind, dessen Knochenepiphysen
aber noch nicht mit den zugehörigen Diaphysen verwachsen sind,
ist das erwähnte überzählige Tarsalelement ein Knorpelkern, der
aber in seiner Mitte ein winzig kleines Ossificationscentrum trägt.
Bei dem Hylobates syndactylus, dessen Knochenepiphysen mit den
zugehörigen Diaphysen untrennbar verwachsen sind, ist am rechten
Fuss das überzählige Tarsalelement garnicht angelegt, auch nicht
durch eine mtSj -Tuberositas vertreten, am anderen Fuss findet es
sich als sehr kleiner Knorpelkern jedoch mit allen Eigenschaften,
die es bei anderen Hylobates- Arten hat. Alle diese Thatsachen : das
gänzliche Fehlen des Knöchelchen bei sehr jungen Tieren, sein spätes
Ossifiziren lehren, dass es ontogenetisch sehr spät auftritt, weit später
als die wirklich primären Tarsalknochen und aus den Befunden lässt
sich ferner bis ins Detail constatiren, dass der Knochen in der Muse,
tibialis posticus-Endsehne entsteht durch Verknorpelung des Sehnen-
abschnitts, welcher ans mtsx zieht und gegenüber der Articulatio
mts^tj von beiden Knochen bei jeder Muskelcontraction sehr
starken Druck erhält. Der Knochen ist also zweitellos eine seeundäre
Neubildung, die hervorgerufen wird durch den bei den kletter-
gewandten Hylobates - Arten sehr intensiven Gebrauch des Muse,
tibialis anticus. Es ist wohl klar, dass der Knochen bei den Neu-
weltaffen durch gleiche Ursachen entstanden ist. Der Umstand, dass
er mit einem primaeren Knochen verwachsen kann, ist von ganz
eminenter Wichtigkeit, er teilt diese Eigenschaft mit allen noch zu
besprechenden überzähligen Tarsalknochen.
Troglodytes niger. Der eine mir zur Untersuchung vor-
liegende Schimpanse ist noch ein verhältnissmässig junges Tier und
als pullus zu bezeichnen, seine Fusslange beträgt 13cm, während
der erwachsene Schimpansenfuss 25 cm lang ist.
Des jungen Schimpansen nav. (Fig. 16) hat an seiner
Proximalseite durchaus normale Form; die hier Hegende ast.-Facette
ist nierenförmig, doch mit der Eigentümlichkeit, dass an ihrer
Dorsal-medial -Ecke eine kleine überknorpelte Ausbuchtung (i) vor-
handen ist. An der ast.-Facette medialem Rand inserirt das lig. cal.-
nav. mediale (lenm), es hat am ast.-Kopf eine wohlentwickelte
Ueber den Säugetier-Praehallux. 139
Reibfläclie (r), die in einer scharfen Kante mit des ast. nav.-Facette
zusammenstösst und mit ihr einen scharfmarkirten Winkel bildet.
Betrachtet man des jungen Schimpansen Hg. cal.-nav. mediale von
seiner Lateralseite, die am ast. reibt, so zeigt sich in demselben
deutlich abgegrenzt eine hufeisenförmige Stelle (ß), die des nav. ast.-
Facette an der Medialseite angelagert ist, und in Form und Lage
der bei Hylobates lar im lig. cal.-nav. mediale vorhandenen über-
knorpelten Stelle aufs genauste entspricht, ihre Matrix ist aber nicht
knorpelig, sondern einfaches Bindegewebe, doch ist dasselbe gegen-
über dem Bindegewebe des Gesammtbandes nicht unwesentlich verdickt.
Beim jungen Schimpansen tritt des Muse, tibialis posticus End-
sehne (Fig. 16q) in normaler "Weise am Malleolus internus aus einer
Scheide an den Fuss, kreuzt das lig. cal.-nav. mediale und erzeugt,
wie bisher, auf dessen Medialseite eine sehr starke Reibfläche, spaltet
sich noch dem Ligament gegenüber in zwei Aeste (d-d'), von denen
der eine (d) an des nav. Medialseite inserirt und knorpelig wird.
Dieses Sehnenastes Endabschnitte ziehn in normaler Weise als Bänder
an des t, Medialseite und Planta sowie an das mts,. Des Muse,
tibialis posticus zweiter Sehnenast (d') ist von beträchtlicher Grösse,
geht unverändert an des nav. Medialseite entlang, auf derselben eine
Reibfläche bildend und inserirt an des ta und t3 Planta, dagegen
garnicht oder nur mit winziges Faeserchen an des nav. Tuberositas
medialis. Also des Muse, tibialis posticus Endsehne spaltet sich
bereits gegenüber (hau lig. cal-nav. mediale in zwei Aeste und reibt
mit denselben auf des Bandes Medialseite; im Ugamenl selbst liegt,
wie bereits nachgewiesen ist, «'ine Stelle von hufeisenförmiger Gestall
auffällig verdickt, diese Stelle markirl sieb besonders an des Bandes
Lateralseite. Eingehende Untersuchung lehrt, dass Biet die hufeisen-
förmige Verdickung in des Bandes Lateralseite und des Muse, tibialis
posticus Reibfläche an des Bandes Medialseite aufs genauste gegen-
überliegen. Der obere Schenkel der hufeisenförmigen Bandstelle (d)
entspricht der Reibfläche desjenigen Sehnenastes (d), welcher an des
nav. Medialseite inserirt und knorplig wird, der untere Schenkel der
hufeisenförmigen Stelle (6') entspricht genau der Reibfläche des-
jenigen Sehnenastes (d '), welcher an des ta und t;; Planta zieht,
während der Mittelteil des Hufeisens dem am Ligament reibenden
Sehnenabschnitt entspricht, der noch ungeteilt ist (q).
Beim jungen Sehimpansen geht der Muse, tibialis posticus- Pmd-
sehne mtSj-Zweig von dem am nav. befindlichen Knorpelteil der Sehne
aus, zieht über des tj Medialseite und des Muse, tibialis anticus tr
und mts j -Sehne hinweg und verwächst mit der letzteren, doch findet
sich beim jungen Schimpansen weder in diesem Band, noch in des
Muse, tibialis anticus mts x -Sehne ein überzähliger Knochen, dadurch
unterscheidet sich also der junge Schimpanse sehr wesentlich von den
Hylobates- Arten. — In allen übrigen Characteren seiner medialen Fuss-
seite weicht der junge Schimpanse nicht wesentlich von Cynocephalus
anubis ab.
140 Gustav Tornier.
Beim erwachsenen Schimpansen (Fig. 17) ist das lig. cal.-nav.
mediale (lcnm.) auffällig kurz, an demselben findet sich weder eine
Reibfläche der Muse, tibialis posticus - Sehne , noch eine Faser-
verdickung in der Nähe des nav., auch reibt dieses Band nicht mehr
an des ast. Reibfläche für das lig. cal.-nav. mediale (r.), dagegen
erscheint des zugehörigen nav. ast.-Facette gegenüber derjenigen des
jungen Tieres von auffälliger Länge in latero -medialer Richtung.
Dieser Gelenkflächendurchmesser übertrifft den in planto - dorsaler
Richtung laufenden in auffälligster Weise, während beide Durchmesser
beim jungen Tier nur sehr wenig an Länge sich unterscheiden. Dass
des erwachsenen Schimpansen nav. in latero -medialer Richtung so
enorm an Ausdehnung zugenommen hat, beruht darin, dass es an
seiner Dorsal-medial-Ecke einen überknorpelten Anhang von be-
trächtiger Grösse besitzt (/J). Dieser Gelenkflächenanhang ist am
Object deutlich als Anhang characterisirt und artikulirt am zu-
gehörigen erwachsenen ast. -Kopf, an der Stelle, wo beim jungen Tier
des ast. Reibfläche für das hg. cal.-nav. mediale sich findet (r.), es
ist also gar kein Zweifel darüber möglich, dass der beim jungen
Schimpansen im lig. cal.-nav. mediale auftretende verdickte Abschnitt
von hufeisenförmiger Gestalt (Fig. 16 ß) beim erwachsenen Tier ver-
knöchert und mit dem nav. verwachsen ist, dafür spricht auch der
Umstand, dass beim erwachsenen Schimpansen am nav. eine starke
Tuberositas medialis entwickelt ist, während dieselbe beim jungen
Tier nur als Knorpelkern in des Muse, tibialis posticus Endsehne
auftritt. Diese Tuberositas medialis des erwachsenen Schimpansen-
nav. dient dem Anhang (ft) an des Knochens ast.-Facette als Grund-
lage; an des Anhangs proximalem Rand erzeugt des Muse, tibialis
posticus Endsehne eine kleine Reibfläche und inserirt an ihr mit
demjenigen Ast, mit welchem sie beim jungen Tier am nav. inserirt
und zum tx und mts,. zieht, dagegen ist auch beim erwachsenen
Schimpansen von der Muse, tibialis posticus-Endsehne der Plantar- Ast,
welcher an das t2 und t3 zieht, unverknöchert ; hierin stimmt also
der erwachsene Schimpanse mit Hylobates lar überein. Des nav.
Tuberositas medialis überragt beim erwachsenen Schimpansen in
medialer Richtung stark der tx -Facette medialen Rand, was beim
jungen Tier durchaus nicht der Fall ist, obgleich dessen trFacette
in latero-medialer Richtung kürzer ist als beim erwachsenen Tier.
In allen übrigen Characteren weicht des erwachsenen Schimpansen
mediale Fussseite von der des jungen Tieres nicht wesentlich ab.
In des Muse, tibialis anticus mtsx -Sehne fehlt auch beim erwachsenen
Tier ein Sesambein.
Der Schimpanse zeigt also ontogenetisch dieselbe nav. -Entwicklung
wie Mycetes ursinus, doch ist beim Schimpansen die Verknöcherung
des lig. cal.-nav. mediale weit deutlicher zu verfolgen, und ferner
entsteht bei Schimpansen des nav. Tuberositas medialis nicht auf
Kosten aller am nav. entlangziehenden Muse, tibialis posticus End-
Ueber den Säugetier-Praehallux: 141
sehnenfibrillen ; diejenigen, welche ziehn an des t2 und t3 Planta, bleiben
unverknöchert.
An des Orang-Fusses Medialseite verläuft die Ontogenese ent-
sprechend derjenigen des Schimpansenfusses. Beim jungen Orang ist
das lig. cal.-nav. mediale in seinem am nav. inserirenden Abschnitt
unverknöchert, ebenso des Muse, tibialis posticus Endsehne gegenüber
dem nav., daher fehlt diesem nav. jede Tuberositas medialis, ferner
hat beim jungen Orang des nav. ast. -Facette jene für die Hundsaffen
typische Form und an seinem ast. stösst des lig. cal.-nav. mediale
Reibfläche mit der benachbarten nav. -Facette zusammen unter
Bildung eines spitzen Winkels und einer scharfen Grenzlinie. Beim
erwachsenen Orang (Fig. 18) ist im lig. cal.-nav. mediale und in
des Muse. tibialis posticus nav. -Abschnitt die Verknöcherung ebensoweit
fortgeschritten wie beim erwachsenen Schimpansen und das nav. zeigt
die entsprechende Neubildung nämlich an seiner Dorsal-medial-Ecke
einen grossen Gelenkflächenanhang auf Kosten des lig. eil. -nav. mediale
(0) und zweitens eine stark hervorragende Tuberositas medialis auf
Kosten der Muse, tibialis posticus End-Sehne.
Während bei wirklich alten Orangs des nav. ast.-Facette und ihr
dorsal-medialer Anhang ohne Grenzlinie in einander iibergehn, zeigt
ein fast erwachsener Orang-Fuss folgende höchst characteristische
Eigentümlichkeit (Fig. L8). Seines nav. ast. -Facette, die auf Kosten
des lig. cal.- nav. mediale stark vergrössert ist, wird durch eine
deutlich wahrnehmbare Linie (;•). welche die Gelenkfläche in planto-
dorsaler Richtung durchzieht, in zwei verschiedene Abschnitte
trennt, es bezeichnet diese Furche die Stelle, an welcher beim jungen
Orang des nav. ast.»Fac< tte medialwärta ihr Ende erreicht und das
lig. cal.-nav. mediale (ß) beginnt. Diese Furche liefert den boten
directen und indirecten Beweis dafür, dass an den bisher unter-
suchten Füssen des nav. ast.-Facette ihren Dorsal-plantar -Anhang
auf Kosten des lig. cal.-nav. mediale erwirbt.
In des Muse, tibialis anticus uns, -Sehne besitzt der Orang weder
in der Jugend noch im Alter ein Knöchelchen und seines Muse,
tibialis posticus End - Sehnenast, welcher an die tL.- und t3-Planta
zieht, bleibt stets unverknöchert.
Von Pithecus satyrus liegen junge brauchbare Küsse dem
Verfasser nicht vor; am alten Gorillafuss stimmen die Ohara ctere
der Medialseite mit denen des alten Schimpansen- und Osangfusses
überein. —
Nachdem durch die bisherigen Untersuchungen constatirt worden
ist, dass bei vielen Affen vom lig. cal.-nav. mediale der Distalabschnitt
verknöchern und mit dem nav. verwachsen kann, bleibt zu unter-
suchen, ob der Ligamentabschnitt selbständig aus sich heraus ver-
knöchert, ob vom nav. oder von der Muse, tibialis posticus-Endsehne
aus. Bei den Neuweltaffen verknöchert er sicherlich gleichzeitig vom
nav. und der Muse, tibialis posticus-Endsehne aus, dies zeigt sich einmal
darin, dass bei jungen Neuweltaffen, denen die Verknöcherung des
142 Gustav Tornier.
Ligamentabschnitts fehlt, trotzdem an des nav. Dorsal-medial-Ecke
eine kleine Ausbuchtung (i) auftritt, die mit dem ast. artikulirt, sich
in des lig. cal.-nav. mediale Distalabschnitt einzwängt und zweifellos
den ersten Anfang seiner Verknöcherung darstellt. An des jungen
Mycetes ursinus nav. ist dieser Facettenanhang gleichfalls vorhanden,
ausserdem ist hier aber noch des lig. cal.-nav. mediale Distalabschnitt
mit der Muse, tibialis posticus-Endsehne auf das innigste verwachsen
und ebenso stark wie diese verknorpelt. Beide Knorpelkerne sind
untrennbar mit einander verwachsen und daraus ist zu schliessen,
dass bei Mycetes ursinus die Verknöcherung des Ligamentabschnitts
auch von der Muse, tibialis posticus-Endsehne aus stattfindet. Bei
den Menschenaffen scheint die Verknöcherung des Ligamentabschnitts
mehr selbständig stattzufinden, jedenfalls erfolgt sie nicht vom nav.
aus, dies zeigt einmal Hylobates lar, bei welchem im lig. cal.-nav.
mediale ein Knorpelkern vorhanden ist, der dem nav. gegenüber eine
gewisse Selbständigkeit besitzt, da er von demselben durch Band-
fasern geschieden ist. Ferner ist bei dem untersuchten fast er-
wachsenen Orang der verknöcherte Ligamentabschnitt vom nav. durch
eine deutliche Grenzlinie getrennt. Wäre das Ligament vom nav.
aus verknöchert, so könnte diese Grenzlinie unmöglich vorhanden
sein. Dagegen ist beim erwähnten Orang des Muse, tibialis posticus
Endsehne sowohl am nav. wie hinter dem Ligament verknöchert und
bildet sogar des letzteren Stützpunkt, dies spricht dafür, dass beim
Orang des lig. cal.-nav. mediale Distalabschnitt von der Muse, tibialis
posticus-Endsehne aus verknöchert sein kann. — Es wäre noch eine
dritte Möglichkeit: der Ligamentabschnitt könnte durchaus selbst-
ständig verknöchert sein, während gleichzeitig die Muse, tibialis
posticus-Endsehne in ihrem nav. -Abschnitt ebenfalls selbständig
ossifizirt wäre, gegen diese Möglichkeit spricht des Neuweltaifen-
Fusses Phylogenese: während bei Cynocephalus anubis des Muse,
tibialis posticus Endsehne ohne Unterbrechung an des nav. Medialseite
entlangzieht, ist beim erwachsenen Cebus capucinus der Teil der
Sehne, welche dem nav. anliegt, verknöchert und zu des nav. Tubero-
sitas medialis umgewandelt, bei den Ateles- Arten ist des nav. Tubero-
sitas medialis stark proximalwärts verlängert, weil des Muse, tibialis
posticus-Endsehne noch weiter in proximaler Richtung verknöcherte
uud zwar bis zu ihrer Reibfläche im lig. cal.-nav. mediale. Dagegen
ist bei den Ateles- Arten dieses Bandes Distalabschnitt noch wesentlich
intact erhalten, obgleich von des nav. Dorsal-medial-Ecke seine Ver-
knöcherung bereits beginnt, aber der Bandabschnitt ist von einer so
geringen Dicke und so eng der nav. Tuberositas medialis angeschlossen,
dass in ihm die Entstehung eines selbständigen Knorpel - oder
Knochenkerns völlig ausgeschlossen erscheint. Endlich spricht auch
des Mycetes ursinus - Fusses Ontogenese gegen eine selbständige
Verknöcherung des Bandabschnitts ß, beim jungen Mycetes ist der
verknorpelte Bandabschnitt so innig vereinigt mit dem gleichfalls
verknorpelten Sehnenabschnitt, dass eine Trennung ihrer Knorpel-
Ueber den Säugetier-Praehallux. 143
kerne durchaus nicht bewirkt werden kann; sie werden daher auch
gemeinsam ossiüciren und zwar der Fuss-Phylogenese entsprechend
von der Sehne aus. Jedenfalls aber lehren des Affenfusses Phylo-
genese und Ontogenese in gleich ausgezeichneter Weise, dass die
bei vielen Affen an des nav. Medialseite auftretenden Knochenanhänge
auf keinen Fall entstanden sind aus selbständigen primären Knochen,
es sind Sehnen- und Ligamentverknöcherungen, die gerade dem
phylogenetisch am tiefsten stehenden Affen Cynocephalus anubis
vollständig fehlen.
Es bleibt nunmehr noch zu untersuchen, welchen physiologischen
Ursachen die bei den untersuchten Affen in des lig. cal.-nav. mediale
Distalabschnitt auftretende Verknöcherung ihren Ursprung verdankt:
es wurde bereits bei Untersuchung des Cebus capueinus-Fusses darauf
hingewiesen, dass am Affenfuss der Muse, tibialis posticus ein
besonders energisch gebrauchter Muskel ist . weil er vor allem die
für den Affenfuss typische Einwärtskehrung der Fusssohle erzeugt.
Jede Contraction des Muskels pressl seine Endsehne mit gro
Kraft an des nav. Medialseite, in Folge dessen tritt eine Ver-
knöcherung des dem nav. gegenüberliegenden Sehnenabschnitts ein,
der mit dem nav. verwachsen dessen Tuberositas medialis bildet.
Dieselbe Ursache erzeugt zweifellos auch in des lig. cal.-nav. mediale
Distalabschnitt die Verknöcherung. Jede Contraction des Muse.
tibialis posticus pressl des Muskels Endsehne gegen des lig. cal.-
nav. mediale Distalabschnitt, dieser bal das Bestreben dem Druck
auszuweichen, presst sieh dadurch ausserdem uoch gegen den Ast-Kopf,
sodass er von zwei Seiten Druck erhalt. Je energischer die Muskel-
contraction ausgeführt wird, desto stärker wird mich der Druck gegen
das Ligament, er wird endlich so stark, dass das Ligament an der
gedrückten Stelle verknorpelt und zum Schluss ossizirt. Es ist kein
Zufall, dass bei den Menschenaffen der im lig. cal.-nav. mediale
entstehende Knorpelkern in Lage und Ausdehnung genau entspricht
des Muse, tibialis posticus Reibfläche am Ligament, er markirt diese
Reibfläche im Ligament und bezeichnet genau die Bandstelle, welche
von der Muskel-Sehne den unmittelbarsten und daher stärksten
Druck erhält.
Carnivora.
Die am Cynocephalus anubis-Fuss vorhandenen primären Knochen
finden ein genaues Gegenstück im erwachsenen Procyon cancrivorus-
Fuss (Fig. 4) abgesehn von seeundären Divergenzen. Das nav. beider
Individuen trägt eine deutlich nierenförmige Facette für den ast., deren
Hilus plantarwärts schaut, es besitzt an seiner Dorsal-medial-Ecke
keine proximalwärts vorspringende Ausbuchtung, die überknorpelt
ist und als Anhang an des Knochens ast. -Facette betrachtet werden
kann und es hat ferner keine Tuberositas medialis; dagegen ist am
Procyon-Fuss des nav. Tuberositas plantaris viel stärker entwickelt
als an irgend einem Affenfuss.
144 Gustav Tornier.
Die an des Cynocephalus anubis-Fusses Medialseite (Fig. 2 u. 3)
beschriebenen Muskeln sind am Procyon cancrivorus-Fuss (Fig. 4)
gleichfalls vorhanden und haben in beiden Fällen fast bis ins Detail
denselben Verlauf mit dem fundamentalen Unterschied, dass bei
Procyon cancrivorus der Muse, tibialis anticus (T. ant.) nicht wie bei
den Affen zwei End- Sehnen besitzt, sondern nur die mtst -Sehne,
und dass bei Procyon der Muse, hallucis abduetor sehr characte-
ristische, später zu erwähnende Eigenschaften besitzt.
Am Procyon cancrivorus-Fuss ist das lig. cal.-nav. mediale (lenm)
genau in derselben Weise und in der Vollständigkeit entwickelt wie
an Cynocephalus anubis-Fuss. An des Bandes Medialseite zieht des
Muse, tibialis posticus End-Sehne (T. post.) entlang unter Erzeugung
einer grossen Reibfläche. Gegenüber dieser Reibfläche gelenkt das
Band ausserdem noch am ast. auf seiner „Reibfläche", die mit des
ast. nav.-Facette in einer scharfen Linie unter Erzeugung eines
Winkels zusammenstösst. Des Muse, tibialis posticus Endsehne
(T. post.) verwächst später an ihrem dorsalen Rand mit dem Ligament,
zieht dann an des nav. Medialseite entlang, inserirt mit einem Ast
an derselben, mit einem anderen an des tl proximal-medial-Ecke,
ferner am Sustentaculum tali, an des nav. Tuberositas plantaris und
an des t2 und t3 Planta. Von dem Sehnenast, welcher an des tx
Proximal-medial-Ecke zieht, zweigt sich ein anderer Sehnenast ab,
der an des tx Medialseite entlang zieht und dort an einem
Knöchelchen (u) inserirt, das des tl Medialseite anliegt und am
Affenfuss nicht vorhanden ist. Das Knöchelchen hat folgende Eigen-
schaften: Während an seinem plantar-proximalen Rand der erwähnte
Muse, tibialis posticus-Sehnenast inserirt, zieht von seinem Distal-
rand ein starkes Ligament an der mts^Basis Medialseite, wo
dasselbe neben und zugleich unterhalb der Muse, tibialis anticus-
mtsx -Sehne inserirt, deren Fibrillen zum Teil mit ihm verwachsen
sind; von des Knochens Medialseite entspringt ein kleineres Band,
dasselbe trägt an seinem Endpunkt eine Scheide für die Muse,
hallucis extensor longus -Endsehne (Ex. hal.); von des Knochens
Proximalrand endlich zieht ein starkes Band an des nav. Medialseite,
unter welchem ein kurzes Kapselband des nav. und t1 Medialseite
verbindet. Der Knochen selbst artikulirt weder mit dem tt noch
mit einem anderen benachbarten Tarsalelement. Bei Cynocephalus
anubis und sämmtlichen anderen Affen zieht, wie nachgewiesen ist,
des Muse, tibialis posticus End-Sehne mit einem besonderen Ast über
des ti Medialseite und über des Muse, tibialis anticus beide End-
sehnen hinweg ans juts^ Dieser Sehnenast zerfällt in zwei Abschnitte,
von denen der dorsale eine Scheide für des Muse, hallucis extensor
longus Endsehne besitzt, während der plantare Sehnenabschnitt mit
des Muse, tibialis anticus mtSi-Sehne verwächst. Des am Procyon-
Fuss vorhandenen, überzähligen Knochens Lage gegenüber der tx-
Medialseite, seine Ligamentverbindungen mit den übrigen Elementen
der medialen Fussseite, beweisen unwiderleglich, dass der Knochen
Ueber den Säugetier-Praehallux. 145
selbst genau entspricht einem Abschnitt des bei den Affen am tx
entlangziehenden Sehnenastes des Muse, tibialis posticus, denkt man
sich am Procyon-Fuss dieses Knöchelchen in Ligamentfibrillen auf-
gelöst, so bildet es mit den an ihm befestigten kurzen Bändern
einen vollständigen Muse, tibialis posticus-Endsehnenast, welcher ans
mtsx geht und eine Scheide trägt für die Muse, hallucis extensor
longus-Endsehne. Der Knochen liegt in des Sehnenastes proximalem
Abschnitt nahe dem nav.
Es wurde bereits auseinandergesetzt, dass an des Knochens (u)
plantar-proximaler Ecke der Muse, tibialis posticus mit einem Sehnen-
ast inserirt, daneben setzt sich an des Knochens Planta ausserdem
noch an ein eigentümliches fächerförmiges Band (Fächf. Bd.), dessen
lange Fasern an des cal.- Körpers Medialseite verlaufen, während
seine kurzen Fibrillen an des Muse, digitorum flexor sublimis Muskel-
bauch inseriren. Unter dieses Ligamentes lateralem Rand zieht der
Nervus plantaris internus (Nerv, pl.) entlang; gleichfalls unter dem
Ligament und neben dem Nerv liegt des Muse, digitorum rlexor medius
Endsehne (Fl. med.), die hier mit des Muse, digitorum flexor profundus
(Fl.prof.) Endsehne sowie mit der d<-> Musc.quadratus pedis (Qu.plant.)
in derselben Weise verwächst wir bei den Affen. Das Ligament
verwächst drittens untrennbar mit des Muse, hallucis flexor medialis
Muskelbauch. Derselbe liegt unter dem Ligament und entspringt
wie bei den Affen v«m des Muse, digitorum profundus Sehnenscheide,
von des nav. Tuberositas plantaris, vom tig. tib.- nav. mediale und
ferner von des t, plantar-medialer Ecke mit Fibrillen, die in medio-
lateraler Richtung verlaufen. Der Muskel insenrl unter der
Articulatio nits,-ilrl am medialen Sesambein. Am Procyon-Fuss
findet sich dann noch unter dem Muse, hallucis flexor medialis, unmittel-
bar den benachbarten Tarsalknochen aufliegend ein doppelt gefiedertes
Muskelchen, das von des uav. Tuberositas plantaris und von des t3
Planta entspringt, an der t,- Planta entlangzieht und mit der mtsr
Plantar-medial-Ecke verwächst. Es fehlt wenigstens in dieser Form,
den Atienfüssen. Unmittelbar neben ihm zieht der Muse, interosseus
des d.2 sehnig über der mts,- Basis Plantar-lateral-Ecke in einer
tiefen Rinne dahin; dieser Muskel hat bei Cynocephalus anubis mit
dem Muse, hallucis flexor lateralis dieselbe Ursprungssehne; der
letztere Muskel fehlt dem Procyon-Fuss.
Vergleicht man des Procyon-Fusses Medialseite mit der des
Aftenfusses, so fällt sofort auf, dass dem Procyon-Fuss nicht nur
der Muse, hallucis flexor lateralis vollständig fehlt, sondern auch
der Muse, hallucis abduetor; andererseits besitzt der Affenfuss kein
„fächerförmiges Band'-. Am Affenfuss entspringt der Muse, hallucis
abduetor von des cal.-Körpers Medialseite, von des Muse, digitorum
flexor sublimis Muskelbauch, von des Muse, digitorum flexor pro-
fundus Sehnenscheide, vom lig. tib.- nav. mediale, von des nav.
Tuberositas medialis; unter seinem Lateralrand zieht der Nervus
plantaris internus entlang, gleichfalls unter ihm und neben dem
Arch. f. Naturgescli. Jahrg. 1891. Bd.I. H. 2. 10
146 Gustav Tornier.
Nerv verläuft des Muse, digitorum flexor medialis Endsehne, die unter
dem Abductor verwächst mit des Muse, digitorum flexor profundus
Endsehne wie mit derjenigen des Muse, quadratus pedis wie bei
Procyon. Des Affenfusses Muse, hallucis abductor verwächst endlich
drittens untrennbar mit des Muse, hallucis flexor medialis Muskel-
bauch und zwar bereits gegenüber der t ^Planta. Da am Procyon-
Fuss das fächerförmige Band genau dieselbe Lage besitzt wie am
Affenfuss der Muse, hallucis abductor, so ist kein Zweifel darüber
möglich, dass der Muse, hallucis abductor am Procyon cancrivorus
Fuss sehnig geworden ist und in dieser Form des Fusses „fächer-
förmiges Band" bildet.
In meiner vorläufigen Mitteilung habe ich angegeben, dass auch
am Affenfuss ein „fächerförmiges Band" vorhanden sei. Diese Angabe
ist nicht richtig, aber auch nicht durchaus falsch. Ein fächerförmiges
Band in der Stärke und Bedeutung des am Procyon- Fuss vor-
handenen giebt es allerdings am Affenfuss nicht, entfernt man aber
am Affenfuss die Muse, hallucis abductor-Fibrillen so vollständig, dass
nur deren dorsale bindegewebige Hülle übrigbleibt, so sieht man deren
Bindegewebsfasern in Form des fächerförmigen Bandes angeordnet,
sodass man, allerdings mit starker Ueb er treibung, auch von einem
fächerförmigen Band des Affenfusses reden kann, richtiger wäre der
Ausspruch: in der Hülle ist dieses Band gewissermassen vorgezeichnet.
Ferner ist zu bemerken, dass am Procyon cancrivorus -Fuss der
Muse, hallucis abductor nicht in toto bindegewebig geworden ist.
Es ist bei den Affen bewiesen worden, dass deren Muse, hallucis
abductor gegenüber der tt-Planta in eine Endsehne ausläuft, mit
derselben an der ganzen mts^Planta entlang zieht und unter der
Articulatio mtSj-d^i am medialen Sesambein inserirt. An dieser
Sehne inseriren in ihrem ganzen Verlauf des Muse, hallucis flexor
medialis Muskelfasern und zwar in der Art, dass beide Muskeln
nur eine Endsehne zu haben scheinen. Diese Sehne fehlt dem
Procyon-Fuss nicht und es ist ausserdem schwer zu unterscheiden,
ob alle Muskelfasern, welche am Procyon-Fuss mit dem fächerförmigen
Band verwachsen sind und zur Articulatio mtSi-d^i verlaufen aus-
schliesslich dem Muse, hallucis flexor medialis angehören oder ob sie
nicht ,zum Teil noch Fasern eines Muse, hallucis abductor sind.
Aus diesen Gründen kann man mit vollem Recht behaupten: am
Procyon-Fuss ist vom Muse, hallucis abductor nur der Teil sehnig
geworden, welcher nicht mit dem Muse, hallucis flexor medialis ver-
wachsen ist, der andere distale Muskelabschnitt habe dagegen seine
ursprüngliche Form beibehalten. Die Constatirung dieser Thatsache
ist wichtig für die nachfolgenden Untersuchungen.
Es ist hier noch nicht der Ort die Frage zu entscheiden, ob
das am Procyon-Fuss dem tx angelagerte Knöchelchen seeundär
entstanden ist, etwa dadurch, dass in der Muse, tibialis posticus-
Endsehne gegenüber dem tx ein Abschnitt verknöcherte, was wohl
möglich ist, da das Knöchelchen eine Einlagerung in diese Sehne
Ueber den Säugetier-Praehallux. 147
darstellt, oder ob es einen primären Knochen darstellt, der gleich-
zeitig mit den eigentlichen Tarsus-Constituenten entstanden ist, wie
dies Herr Prof. Bardeleben behauptet, der auch dieses Knöchelchen
für einen Ptest des Prähallux hält. Dagegen kann schon hier con-
statirt werden, dass am Fuss eines mir vorliegenden jungen Procyon
cancrivorus, der in der Sammlung als pullus bezeichnet wird, und
dessen Tarsalknochen wohl entwickelt sind, der am tt entlang
ziehende Muse, tibialis posticus - Endsehnenast keine Knochen-
einlagerung besitzt, sondern vollständig intact an das mtsx zieht;
betrachtet man aber den Sehnenast von seiner dem 1 1 angelagerten
Lateralseite, so zeigt sich in ihm eine eigentümlich abgegrenzte
Stelle; dieser so markirte Sehnenabschnitt bezeichnet die Stelle,
welche später ossifizirt. Mit Constatirung dieser Thatsache ist
eigentlich bereits ausreichend bewiesen, dass das Knöchelchen
seeundär in jenem Sehnenast entsteht. An dem Fuss eines Nasua
socialis - Embryos, an welchem alle primären Knochen vollständig
angelegt sind, ist der überzählige Knochen noch nicht vorhanden,
er wird also ontogenetisch erst relativ spät angelegt.
Paradoxurus typus und musanga vereinigen an ihres Fusses
Medialseite Procyon- und gewisse Neuweltaffencharaktere. Ihr nav.
zeigt eine Tuberositas medialis von grosser Entwicklung, dieselbe
überragt in medialer Richtung weit der t^ -Facette medialen Rand.
doch ist bei den Paradoxurus-Arten von des Muse, tibialis posticus
End-Sehne nicht der ganze am nav. entlang ziehende Abschnitt ver-
knöchert, sondern nur der Dorsalast, welcher am nav. direct inserirt
und ans tt weiter zieht. Der Sehn«' Plantarast Läuft /wischen des
nav. Tuberositas medialis und -plantaris in einer Grube entlang,
welche von Gelenkknorpel überzogen ist und inserirt dann an der
t2-und t3-Planta. Das lig. tib.-nav. mediale ist mit der Sehne sehr
innig verwachsen und in seinen Endabschnitten von ihr nicht zu
trennen.
Bei den untersuchten Paradoxurus-Arten ist des nav. ast.-Facette
nierenförmig , wie am Procyon-Fuss, doch hat sie bei Paradoxurus
ausserdem noch an ihrer Dorsal-medial-Ecke einen grösseren Gelenk-
flächenanhang, dem des Knochens Tuberositas medialis als Grund-
lage dient; dieser Facettenanhang ist von des nav. eigentlicher ast.-
Facette durch eine Grenzlinie getrennt, bildet ausserdem mit der-
selben einen convexen, proximalwärts schauenden Winkel und gelenkt
mit dem ast. -Abschnitt, welcher bei anderen Tieren dem lig. cal.-
nav. mediale als Reibfläche dient. Dieses Gelenkflächenanhangs Lage,
Gestalt und Anordnung beweisen unwiderleglich, dass derselbe homolog
ist dem Gelenkflächenanhang, welcher bei den Neuwelt- und Menschen-
affen an des nav. ast.-Facette auftritt, und dass derselbe auch
bei den Paradoxurus-Arten auf Kosten des lig. cal.-nav. mediale
entstanden ist. — Da bei den Paradoxurus-Arten von der Muse,
tibialis posticus - Endsehne der am nav. entlang ziehende und
inserirende Dorsalabschnitt zu des nav. Tuberositas medialis um-
10*
148 Gustav Tornier.
gewandelt ist, verlaufen auch bei diesem Individuum des verknöcherten
Sehnenabschnitts Endzweige als Bänder von des nav. Tuberositas
medialis; so eins an des tx Planta, ein anderes an des tL Medialseite,
auch entspringt von ihr der Sehnenabschnitt;, welcher ans mtsj zieht,
erscheint aber in modifizirter Form.
Der Paradoxurus-Fuss unterscheidet sich demnach durch das
nav. mit Tuberositas medialis und Anhang an seiner ast. -Facette vom
Procyon-Fuss, dem diese beiden nav.-Charactere vollständig fehlen,
dagegen haben andererseits beide Fussformen das gemeinsam, dass
ihrer tx -Medialseite ein Sesambein angelagert ist, das sich auch bei
den Paradoxurus-Arten deutlich als Einlagerung in des Muse, tibialis
posticus mtSi-Sehne darstellt (Fig. 20u). Es steht nämhch durch ein
Ligament (1) mit des nav. Tuberositas medialis und durch zwei
Bänder (2) mit der nits! -Basis in Verbindung, von letzteren zieht
das tieferliegende unter des Muse, tibialis anticus mtSj-Sehne (T.ant.)
dahin, die auf ihm reibt; das obere, weit schwächere verwächst da-
gegen direct mit dieser Sehne und dann mit der mtsx -Basis. (Die
t^Sehne fehlt auch hier dem Muskel). Von des Knochens Dorsal-
rand entspringt (5) die Scheide für des Muse, hallucis extensor longus
Endsehne (Ex.hal.) wie bei Procyon. Das am Paradoxurus-Fuss dem
tx angelagerte Knöchelchen hat aber auch speeifische Charactere:
es erscheint nicht mehr ausschliesslich, wie bei Procyon (Fig. 3 u.)
als Einlagerung in der Muse, tibialis posticus - Endsehne mtSj-Ast,
sondern vertritt ausserdem noch den bei Procyon (Fig. 4) an diesem
inserirenden Abschnitt des fächerförmigen Bandes: (Fach. Bd.). Es
besitzt nämhch einen knöchernen Kopf, der ausschliesslich in der
Muse, tibialis posticus-Endsehne nitSi -Zweig liegt, und einen langen
knorpeligen Plantarabschnitt, unter welchem entlangziehn sowohl
der Nervus plantaris internus als auch des Muse, digitorum flexor
medius Endsehne, in genau derselben Weise wie am Procyon - Fuss
unter dem fächerförmigen Band; kurz hinter dem Knochen vereinigt
sich des Muse, digitorum flexor medius Endsehne mit der des Muse,
digitorum flexor profundus und der des Muse, quadratus plantae.
Ausserdem ist des Knochens knorpliger Plantarabschnitt durch
Ligamentfibrillen (3,4) an des cal.-Körpers Medialseite und an den
Muse, .digitorum flexor sublimis befestigt, und verwächst an seiner
Unterseite mit des Fusses Muse, hallucis flexor medialis.
Aus obigen Untersuchungen geht mit Evidenz hervor, dass die
Verknöcherung (u), welche am Procyon-Fuss (Fig. 4) allein in des
Muse, tibialis posticus Endsehne dem il gegenüber vorhanden ist,'
bei den Paradoxurus-Arten ausserdem noch in den benachbarten
Abschnitt des fächerförmigen Bandes reicht und zwar zunächst in
Form einer Knorpelplatte, die einen grösseren Abschnitt dieses
Bandes vertritt. Da des Procyon-Fusses fächerförmiges Band homolog
ist der Affen Muse, hallucis abduetor., so kann man auch sagen, dass
am Paradoxurus-Fuss nicht nur von des Muse, tibialis posticus End-
Ueber den Sängetier-Praehallux. 140
sehne ein dem tl angelagerter Abschnitt durch einen Knochenkern
vertreten ist, sondern dass hier auch des Muse, hallucis abduetor
angrenzender Teil durch eine Knorpelplatte ersetzt erscheint.
Der Muse, hallucis flexor medialis des Paradoxurus-Fusses ent-
spricht aufs genauste demjenigen des Procyon-Fusses : er hat den-
selben Urprung, verwächst aber gegenüber dem tt anstatt mit dem
fächerförmigen Band mit des überzähligen Knochens Knorpelplatte
und geht in normaler Weise an der mtsr Planta entlang bis zur
Articulatio mtSi-d^i, wo seine Endsehne inserirt am medialen Sesam-
bein. Endlich entspringt auch am Paradoxurus-Fuss von des nav.
Tuberositas medialis und von des t3 Planta ein Muskelchen, welches
inserirt an der mts1-Basis Plantar-medial-Ecke. —
Bei einer sehr alten Lutra platensis treten an des Fusses
Medialseite Charactere auf, die denen des Paradoxurus-Fusses aufs
genauste entsprechen, aber noch etwas extremer entwickelt sind.
Bei allen Lutra-Arten hat des nav. ast. -Facette ihren Hauptdurch-
messer in latero-medialcr Richtung, der Facette planto-dorsale Acha
von geringer Länge. Es ist dies eine Folge der Thatsache, dass bei
allen Lutra-Arten, sobald sie erwachsen sind, ebenso wie bei den
untersuchten Paradoxurus-Arten des lig. cal.- nav. mediale distaler
Abschnitt verknöchert und mit dem eigentlichen nav. antrennbar
verwachsen ist. Des auf diese W< sprösserten nav. ast. -Facette
wird in planto-dorsaler Richtung von einer schwachen Furche durch-
zogen, ähnlich wie beim Orang Cn>> nav. ast.-] diese Furche
bezeichnet die ursprüngliche Anheftung Ligaments an das nav. ;
ausserdem zeigt aer Gelenkfläche Dorsalrand an seiner Berühn
stelle mit jener Furche eine tiefe Einkerbung. In dieser Einkerbung
befinden sich die letzten Reste des an dieser Stelle noch nicht voll-
ständig verknöcherten Ligamentabschnitts. Das nav. auf diese Weise
vergrössert, gelenkt nicht nur mit des ast. ursprünglicher nav.-
Facette, sondern auch mit dr<. Knochens Tuberositas, welche bei
Tieren mit vollständigem Hg. cal.- nav. mediale die Reibfläche für
das Ligament bildet. Auffällig ist, dass am erwachsenen Lutra-Fuss
eine verhältnismässig geringe Tuberositas medialis entwickelt ist,
und fast garnicht aus des Knochens Medialseite medialwärts heraus-
tritt, die Folge davon ist, dass des Muse, labialis posticus Kndsehne
fast ganz unverknöchert an des nav. Medialseite entlang zieht, sie
erfährt selbst in denjenigen Fibrillen, die an das tt und über dessen
Medialseite hinwegziehn, keine Unterbrechung, ebenso zieht die
Muskelsehne mit starken Fibrillen an des t2 und t8 Planta.
Bei einer jungen Lutra patagonica zeigt das nav. noch durchaus
nicht die Form, welche es bei den bisher untersuchten erwachsenen
Lutra-Arten besitzt, sondern es besteht aus einem lateralen, rein
knorpeligen Teil, dem eigentlichen nav. und einem medialen binde-
gewebigknorpligen Teil mit deutlich fibrillenartiger Anordnung seiner
Substanz. Beide Teile sind verbunden und zugleich getrennt durch
eine rein bindegewebige Zwischenschicht, sie lassen sich in Folge
150 Gustav Tornier.
dessen an einander verschieben. Während des nav. rein knorpliger
Teil mit des ast. eigentlicher nav.- Facette artikulirt, gelenkt des
nav. bindegewebigknorpliger Teil am ast. auf dem Knochenwulst,
welcher bei jungen Menschenaffen und beim erwachsenen Procyon
als des lig. cal.-nav. mediale Reibfläche bezeichnet worden ist. Diese
Reibfläche ist am ast. der jungen Fischotter noch durchaus
selbständig angelegt und stösst mit des Knochens nav.-Facette
unter Bildung einer scharfen Kante in einem Winkel zusammen,
während beim erwachsenen Tier zwischen beiden Facetten die Grenz-
linie spurlos verschwunden ist und des nav. beide Abschnitte zu einer
untrennbaren Einheit verwachsen sind. Der jungen Fischotter Muse,
tibialis posticus- Endsehne zieht an den Fuss, reibend an des nav.-
bindegewebig - knorpligen Teils proximalem Rand , während bei
den erwachsenen Fischottern dieser nav.-Teil verknöchert ist und
eine entsprechende Reibfläche für die Sehne besitzt. Der jungen
Lutra nav. besitzt also die höchst wichtige Eigenschaft, dass es aus
zwei Abschnitten besteht, die verschiedene Structur besitzen, von
welchen der bindegewebig-knorplige Teil an des ast. Reibfläche für
das lig. cal.-nav. mediale artikulirt, also dieses Bandes Distalabschnitt
ersetzt. Mit andern Worten: Bei Lutra vergrössert sich des nav.
ast. -Facette an ihrer Dorsal-medial-Ecke auf Kosten des benachbarten
Distalabschnitts des lig. cal.-nav. mediale, die Vergrösserung findet
ontogenetisch genau in derselben Weise statt, wie am nav. der
Anthropomorphen und gewisser Neuweltaffen. — An den Anthro-
pomorphen-Füssen und an denen der extremen Neuweltaffen war es
zweifellos des Muse, tibialis posticus Endsehne, welche durch ihre
verstärkte Einwirkung auf den lig. cal.-nav. mediale-Distalabschnitt
denselben zur Verknöcherung bringt, dieselbe Ursache ist es zweifel-
los auch am Lutra- und Paradoxurus-Fuss gewesen, welche zur
Verknöcherung dieses Bandabschnitts führte, denn auch hier ist
das Verhalten der Sehne zum Band genau dasselbe. —
Die sehr alte Lutra platensis besitzt an ihres Fusses Medial-
seite ausserdem noch den überzähligen Knochen am tt (Fig. 23 u)
und zwar in derselben Grösse, Lage und Form wie der Paradoxurus-
Fuss, aber derselbe besteht nicht mehr aus einem knöchernen Kopf,
welcher aiisschliesslich in des Muse, tibialis posticus Endsehne liegt,
und einem spitzen, knorpligen Plantarabschnitt, der einen Teil des
Muse, hallucis abduetor vertritt, sondern er ist gänzlich verknöchert
bis zum Muse, digitorum flexor sublimis. Es geht also die alte
Lutra platensis in diesem Character über die Paradoxurus -Arten
hinaus. Der Knochen besitzt eine wirkliche Gelenkfläche an des
tj Medialseite und ist durch Bänder verbunden mit des nav. Medial-
seite (1) und mit der mts^Basis (2), während an seiner Dorsalseite
die Scheide für den Muse, hallucis extensor longus inserirt. Unter
seinem Plantarabschnitt verlaufen der Nervus plantaris internus sowie
des Muse, digitorum flexor sublimis Endsehne, an seinem Proximal-
rand inserirt des Muse, tibialis posticus Endsehne in grosser Aus-
dehnung.
Ueber den Säugetier-Praehallux. 151
Bei einer anderen Lutra platensis, die erwachsen ist, aber kein
hohes Alter besitzt, hat das dem tx gegenüberliegende Sesambein noch
durchaus nicht die Form des bisher untersuchten (Fig. 22). Es
besteht hier einzig und allein aus einem Knochenkern, welcher in
die Muse, tibialis posticus- Endsehne dem tx gegenüber eingebettet
ist und nicht aus demselben herausreicht. Es hat das. Knöchelchen
hier also die Form, die es am Procyon-Fuss besitzt, steht mithin
auf einer relativ tiefen Stufe der Entwicklung; an ihm inserirt das
fächerförmige Band in Maximalgrösse.
Bei einer jungen, unerwachsenen Lutra patagonica (Fig. 21)
zieht der Muse, tibialis posticus -Endsehne mts^Ast (l-f-2) noch
völlig intact an des tx Medialseite entlang, indes findet sich in dem-
selben ein winziger Knorpelkern, das erste Entwicklungsstadium des
überzähligen kleinen Knochens. Am Fuss eines Fötus von Lutra vulgaris
fehlt auch dieser Knorpelkern gegenüber der tj -Medialseite.
Die Entwicklung des bei den Lutra-Arten dem t, angelagerten
überzähligen Knöchelchen ist also folgende: dasselbe entsteht in der
Muse, tibialis posticus-Endsehne mtsrAst, der ursprünglich rein sehnig
ist, als Knorpelkern, dieser Kern verknöchert später und es tritt zu
dem Knochenkern eine Knorpelplatte, dir vom fächerförmigen Band
einen Abschnitt vertritt, später verknöchert auch dieser Abschnitt
Die ontogenetische Entwicklung des überzähliger) Knochens ist eine
fast ausschliesslich postembryonale. —
Bei Mephitis suffrocans adult wiederholen sieh an des
Fusses Medialseite die Charactere des Paradoxurus- und Lutra-
Fusses. Mephitis suffrocans besitzt ;m Beines nav. ast-Facette einen
auf Kosten des Hg. cal.-nav. mediale entstandenen proximalwärts
vorspringenden Faeettenanhang, ferner an des nav. Medialseite eine
grosse Tuberositas medialis, wie gewöhnlich die Verknöcherung
der an des nav. Medialseite inserirenden Fibrillen der Mnsc. tibialis
posticus-Endsehne, drittens liegt seinem t, gegenüber ein grosses
überzähliges Knöchelchen, das ans einem knöchernen Kopf und einem
grossen knorpligen Plantarteil 1h steht. Der letztere übertrifft die
homologen Knochenteile der Paradoxurus- und Lutra-Füsse an Aus-
dehnung, bei Lutra war des Knochens Plantarteil einfach kegelförmig,
bei den Paradoxurus- Arten zeigl er an seiner Spitze ausserdem noch
eine Ausbuchtung in distaler Richtung, bei Mephitis suffrocans neben
dieser noch eine Ausbuchtung in proximaler Richtung, Da hei den
Lutra-Arten an des Knochens Spitze sowohl an der Distal- als an
der Proximalseite das fächerförmige Band inserirt, ist es zweifellos,
dass bei den Paradoxurus-Arten und besonders bei Mephitis suffrocans
ein grosser Teil dieses Ligaments durch den Knochen vertreten wird.
Beim erwachsenen Arctictis binturong zeigt des nav. ast.-
Facette an ihrer Dorsal -medial-Ecke einen grossen Anhang, der auf
Kosten des lig. cal.-nav. mediale entstanden ist, indem, wie bisher,
dessen Distalabschnitt bis zur Reibfläche der Muse. tibialis posticus-End-
152 Gustav Tornier.
sehne verknöcherte, sodass dieser Muskel nunmehr an dem ver-
größerten nav. reibt, aber dieser Gelenkflächenanhang lässt trotz
seiner Grösse deutlich erkennen, dass er ein fremder Bestandteil an
des nav. ast. -Facette ist; ihm selbst dient als Knochenkern des nav.
enorm vergrösserte Tuberositas medialis, welche fast die Hälfte des
Knochens ausmacht und wie gewöhnlich einem Abschnitt der Muse,
tibialis posticus- Endsehne entspricht. Während bei allen bisher
untersuchten Tieren diese Tuberositas die nav-ti-Facette mehr oder
weniger stark medialwärts überragt, mit dem 1 1 selbst aber in keiner
direct nachweisbaren Verbindung steht, zeigt des Arctictis
binturong tx an seiner Proximalseite 2 Gelenkflächen, die in einem
spitzen, proximalwärts geöffneten Winkel zusammenstossen und durch
eine Grenzlinie scharf von einander getrennt sind. Beide Gelenk-
flächen als Einheit betrachtet, imitiren die Form eines Herzens mit
plantarwärts gerichteter Spitze. Von diesen beiden Gelenkflächen ist
die laterale des tx eigentliche nav.-Facette, die andere dagegen eine
Neubildung; sie artikulirt an des nav. Tuberositas medialis auf
einer Gelenkfläche (Fig. 19tt), die gleichfalls neu entstanden ist. Des
Arctictis binturong nav. hat an seiner Distalseite also 4 Gelenkflächen:
je eine für das t3 und t2 und 2 für das tx (tt+tt). Die letzteren
beiden stossen ähnlich wie am t1 unter Bildung eines Winkels in
einer scharfen Grenzlinie aneinander, der Winkel ist ein convexer.
Die an des tx Proximalseite befindliche Facette für des nav.
Tuberositas medialis ruht auf einem Wulst, der sich aus dem tx
als Tuberositas medialis stark verwölbt. An dieser Tuberositas
inserirt ein Band, welches von des nav. Tuberositas medialis entspringt
und an des tx Medialseite inserirt. Da des nav. Tuberositas medialis
entstanden ist auf Kosten der Muse, tibialis posticus-Endsehne, deren
am nav. inserirende Fibrillen vom nav. aus verknöchert sind, so ist
das von ihr ausgehende Band der Abschnitt der Muse, tibialis
posticus - Endsehne , welcher an des tt Medialseite inserirt. Bei
Arctictis binturong vertritt ausserdem des tt Tuberositas medialis den
Abschnitt dieses Sehnenastes, welcher unmittelbar am tx inserirt und
ist zweifellos eine Verknöcherung desselben. Unwiderlegliche Beweise
dafür liefern freilich erst die später zu untersuchenden Tiere. Die
Verknorpelung und spätere Verknöcherung dieses Sehnenastes
beginnt' also zuerst vom nav. und dann vom tx; an der Stelle, wo
die beiden Knorpelkerne aneinander stossen, entwickelt sich zwischen
ihnen ein Gelenk, gebildet wie immer durch zwei correspondirende
Gelenkflächen. Bei Arctictis binturong ist ausserdem noch der tx-
Medialseite ein überzähliges Knöchelchen angelagert. Seine Lage
und Verbindung mit den benachbarten Knochen ist genau dieselbe
wie bei den bisher untersuchten Raubtieren. Es fehlt ihm weder
die starke Ligamentverbindung mit des nav. Tuberositas medialis,
noch die mit der mts^ Basis; auf der letzteren reibt des Muse,
tibialis anticus mtSi-Sehne (des Muskels tt-Sehne fehlt Arctictis);
noch mangelt dem Knochen das von seinem Dorsalrand entspringende
Bändchen mit der Scheide für den Muse, hallucis extensor longus.
Ueber den Säugetier-Praehallux. 153
Der Knochen selbst ist dreieckig und reicht mit seiner sehr stark
verbreiterten Spitze so weit in die Fusssohle hinein, dass unter ihm
nicht nur des Muse, digitorum flexor medius Endsehne, sondern
auch der Nervus plantaris internus hinzieht. Indes ist das Knöchelchen
nicht in seiner ganzen Ausdehnung ossifizirt, sondern besteht aus
einem knöchernen Kopf, der in der Muse, tibialis posticus-Endsehne
liegt und aus einem knorpligen Plantarabschnitt, mit dessen Unter-
seite und distalem Rand der Muse, hallucis flexor medialis verwächst.
Der Rest des von der Knorpelplatte vertretenen fächerförmigen
Bandes zieht an des cal. -Körpers Medialseite und an den Muse.
digitorum flexor sublimis in normaler Weise.
In allen anderen hier in Betracht kommenden Characteren,
weicht des Arctictis binturong-Fusses Medialseite von derjenigen der
bisher untersuchten Raubtiere nicht wesentlich ab, vorhanden ist
auch hier ein Muse, hallucis flexor lateralis der von der tt Planta
kommt, und ein kleiner Muskel, welcher von des nav. Tuberositas
medialis und von des t3 Plantarseite entspringt und an der mtst-
Basis Plantar-medial-Ecke inserirt.
Raubtiere ohne überzähligen Knochen am t, und Pinnipedia.
Die dem Verfasser zur Untersuchung vorliegenden, äusserst zahl-
reichen Hundefiisse, die sowohl zahlreichen Caniden- „Arten" als
auch zahlreichen Vertretern der Baushundrassen angehören, zeigen
fast ohne Ausnahme an ihrer Medialseite genau übereinstimmende
Charactere: An ihrem ast.-Kopfist die nav.-Facette scha vi abgetrennt
von des Knochens Reibfläche für das lig. cal. -nav. mediale; beide
Knochenpartien von reifem Gelenkknorpel überzogen, sind durchaus
selbständig und stossen in einer Gräte anter Bildung eines fast
rechten Winkels zusammen. Das zugehörige lig. eal.-nav. mediale
ist im Maximum entwickelt und inserirt in normaler Weise an des
nav. medial-proximalem Rand; das nav. selbst zeigt nicht die Spur
einer Tuberositas medialis (Pig, 30), dagegen eine auffällig grosse
Tuberositas plantaris (tp), ausserdem fehlt ihm an seiner Dorsal-
lateral-Ecke jede Ausbuchtung in proximaler Richtung. Der Muse,
tibialis posticus ist bei den Caniden nur in seiner Endsehne vor-
handen, welche hier von der Tibia Malleolus internus entspringt,
dieselbe zieht über des lig. cal. -nav. mediale Medialseite hinweg, auf
derselben eine sehr deutliche Reibfläche erzeugend, verwächst dann
mit dem Bande ferner mit des nav. Medialseite und Tuberositas
plantaris und inserirt über des nav. Medialseite hinwegziehend mit
äusserst zahlreichen Fibrillen an des t. Medial- und Plantarseite
sowie an der t2- und t8- Planta. Das t: besitzt nicht die
Spur einer Tuberositas medialis und für das nav. nur eine Gelenk-
fläche, die normale, welche liegt neben des nav. U-Facette. Mit
anderen Worten am ,, normalen" Canidenfuss ist sowohl das lig.
cal.-nav. mediale als auch des Muse, tibialis posticus Endsehne völlig
154 Gustav Tornier.
intact vorhanden, kein Abschnitt derselben fehlt, in folge dessen
fehlen gänzlich an dem zugehörigen nav. und t± secundäre Knochen-
anhänge die als Prähalluxrudimente gedeutet werden können; aber
nur an den normalen Hundefüssen ist dies der Fall, andere weichen
davon nicht unwesentlich ab, trotzdem sind die letzteren durchaus nicht
„pathologische" Gliedmassen, sondern nur solche mit individuellen
Variationen: An einem solchen mir vorliegenden Hundefuss (Fig. 31)
sind alle Charactere der Medialseite durchaus normal mit der Aus-
nahme, dass aus des nav. Medialseite ein Knochenhöcker (o) hervor-
ragt. Dieser Höcker ist in der Muse, tibialis posticus- Endsehne
nav.-Abschnitt hineingewachsen in der Art, dass eine Anzahl der Sehnen-
nbrillen nicht mehr ununterbrochen bis zu des tj Medialseite ziehn,
sondern an dem Höckerchen inseriren, während ihre Endabschnitte
als „Bandfasern" von dem Höckerchen an des tx Medialseite ver-
laufen. Es ist kein Zweifel, dass dieses Höckerchen am nav. dessen
Tuberositas medialis darstellt, dieselbe ist hier natürlicherweise erst
im Entstehen begriffen. An einem zweiten erwachsenen Hunde-nav.
(Fig. 32) ist dieses Höckerchen (q) weit stärker entwickelt, aber noch
immer erscheint es als Tuberculum, durchaus nicht als Tuberositas;
ausserdem aber zeigt das zugehörige t1 an seiner Medial-proximal-
Ecke eine Tuberositas medialis, die mit dem Höckerchen in einer
Gelenkfläche zusammenstösst (Fig. 33 tt). Diese Gelenkfläche ist viel
kleiner als des tx Gelenkfläche für den nav.-Körper, sie erscheint
gleichsam als Anhang an derselben, ist von ihr jedoch durch Winkel-
bildung auf das deutlichste getrennt. Das t± dieses Hundes hat also
an seiner Proximalseite durchaus die Charactere des Arctictis-tl5 das
nav. aber besitzt eine viel geringer entwickelte Tuberositas medialis.
— Bei einem sehr grossen erwachsenen Haushunde (Fig. 33) besitzt
das nav. eine enorm entwickelte Tuberositas medialis (o), die als
breiter hoher Wulst an des nav. ganzer Medialseite entlangzieht.
Der Wulst geht ausserdem in proximaler Richtung über des nav.
Proximalseite weit hinaus und artikulirt mit einer besonderen Gelenk-
fläche seiner Lateralseite an des ast.-Kopfes Medialseite auf der Reib-
fläche des Lig. cal.-nav. mediale der anderen Hunde ist also auf
Kosten des Distalabschnittes dieses Bandes entstanden. Diese Gelenk-
fläche könnte allerdings auch betrachtet werden (Fig. 29 ß) als ein
Fortsatz, welcher am nav. an der ast.-Facette Dorsal-medialer Ecke
entstanden sei, denn beide Gelenkflächen stossen unmittelbar an-
einander, aber es befindet sich zwischen ihnen eine Grenzlinie (y),
die von Gelenkknorpel nicht überzogen ist, und dadurch deutlich
die Selbständigkeit der Facetten beweist. Der vorliegende Hundefuss
besitzt aber ausserdem ein t1? an dessen Medial-proximal-Ecke eine
grosse Tuberositas medialis entwickelt ist, dieselbe trägt eine vordere
Gelenkfläche für des zugehörigen nav. Tuberositas medialis (Fig. 33 tt).
Des ti Facette für den nav.-Körper (ti) und seine Facette für
des nav. Tuberositas medialis (tt) stossen nur an einer ganz kurzen
Stelle aneinander, ohne auch hier mit einander völlig zu verschmelzen,
sonst sind sie ohnehin völlig unabhängig von einander. Es ist noch
Ueber den Säuge tier-Praehallux. 155
zu bemerken, dass an dieser nav.-Tuberositas medialis das lig cal.-
nav. mediale inserirt ; gleichzeitig inserirt und endet an der Tubero-
sitas Proximalrand des Muse, tibialis posticus Endsehne , dieselbe
geht an diesem Fuss also nicht, wie an den normalen Hundefüssen,
ohne Unterbrechung über des nav. Medialseite hinweg an des t1
Medialseite und Planta, sondern ist in den fehlenden Partien durch
des nav. und tx Tuberositas medialis vertreten; beide Wülste fehlen
bekanntlich vollständig den normalen Canidenfüssen , es sind daher
zweifellos an diesem Hundefuss, dessen Medialseite mit extremen
Knochenaberrationen versehen ist, des nav. und tt Tuberositas medialis
auf Kosten der Muse, tibialis posticus-Endsehne entstanden , indem
der Sehne ihre, am nav. und tl inserirende Fibrillen von beiden
Knochen aus ossifizirten und dadurch an jedem Knochen eine Tubero-
sitas medialis erzeugten; als beide Tuberositäten später gegenüber
der Articnlatio nav.-tj zusammenstiessen, bildeten sie hier für ein-
ander Gelenkflächen aus; die Entwicklung lässt sich an den einzelnen
Hundefüssen schrittweise verfolgen. Ausserdem lehrt die Vergleichung,
dass an dem vorliegenden grossen Haushundfuss des lig. cal.-nav.
mediale Distalabschnitt, welcher an normalen Hundefüssen Ligament-
character besitzt, vertreten ist durch den Proximalanhang (ß) an
des zugehörigen nav. ast. -Facette, derselbe nimmt genau die Stelle
jenes Bandabschnitts ein, inserirt am ast. an des Bandes Reibfläche
und reicht ausserdem bis zu der Reibfläche, welche am normalen
Hnndefuss des Muse, tibialis posticus Endsehne ungefähr in der
Mitte des lig. cal.-nav. mediale besitzt.
Vergleicht man die bisher untersuchte]] Kaubtierfüsse mit dem
letzt untersuchten Hundefuss, so leuchtet ohne weiteres ein, dass der
letztere in Rücksicht auf die besprochenen Charactere genau auf der-
selben Entwicklungsstufe steht, welche von dem erwachsenen Arctictis-
binturong-Fuss eingenommen wird, auch dieser Fuss besitzt am nav.
eine grosse Tuberositas medialis, welche mit des tx Tuberositas
medialis in einem besonderen Gelenk artikulirt, und ferner an des
nav. Dorsal-medial- Ecke einen Anhang bildet, der mit des ast.
Medialseite artikulirt. Dabei is1 aber folgendes zu berücksichtigen:
Während die erwachsenen ,, normalen" Hundefüsse an ihrer Medialseite
auf einer Entwicklungsstufe stehen, die derjenigen des Procyon-Fusses
sehr ähnlich ist, indem sie ein vollständiges hg. cal.-nav. mediale
und eine ebenso vollständige Muse, tibialis posticus-Endsehne be-
sitzen, erreichen nur einzelne ,, Hunde-Individuen" in ihrer Ontogenese
die Entwicklungsstufe, auf welcher alle erwachsenen Arctictis bin-
turong-Individuen stehn, ausserdem finden sich noch Hundefüsse, die
in individuellen Aberrationen alle Zwischenstufen zwischen den
normalen und den am meisten aberrirenden Füssen repräsentiren.
In Betreff der Phylogenese der untersuchten Hundefüsse giebt
es nur zwei Möglichkeiten: Entweder die als normal bezeichneten
Füsse sind die phylogenetisch ältesten, und aus ihnen entstehen die-
jenigen, welche überzählige Knochenteile an ihrer Medialseite besitzen,
156 Gustav Tornier.
schrittweise bis zu den extremsten, oder aber diejenigen, welche die
meisten überzähligen Knochenteile besitzen, sind die ursprünglichen
und die mit „normalen" Characteren versehenen stammen von ihnen
ab. Im ersten Fall müsste des Muse, tibialis posticus Endsehne
vom nav. und tj aus verknöchern, desgleichen des lig. cal.-nav.
mediale Distalabschnitt von der Muse, tibialis posticus-Endsehne aus,
indem die Verknöcherung von dieser Sehne auf das Band überging
an der Stelle, wo beide mit einander verwachsen; im anderen Fall
müssten sich des nav. und tx primär angelegte Tuberositas medialis
verwandeln in des lig. cal.-nav. mediale Distalabschnitt und in die
Muse, tibialis posticus-Endsehnenfibrillen, welche mit diesem Ligament
verwachsen sind, am nav. entlang ziehn und mit ihm sowie dem tt
verwachsen. Die Umwandlung von Knochen in Ligamentabschnitte
und Muskelsehnenabschnitte oder gar in beides zugleich, ist aber bis
jetzt noch niemals beobachtet worden, während die Verknöcherung
von Ligamentabschnitten und Muskelsehnen sehr häufig eintritt;
schon dies spricht mit Entschiedenheit für die Entstehung der
Hundefüsse mit überzähligen Knochenteilen aus den „normal"
genannten; ferner spricht dafür die Seltenheit der Hundefüsse mit
überzähligen Knochenteilen und endlich drittens mit absoluter
Sicherheit die Thatsache, dass bei sämmtlichen Hunden des nav.
und tt Tuberositas medialis nicht embryonal angelegt werden, die
mir vorliegenden Hundeembryonen und neugeborenen Hunde zeigen
am nav. und t± nicht die Spur einer knorplig angelegten Tuberositas
medialis, sondern sie besitzen die Charactere., welche den „normalen"
Hundefüssen eigen sind; damit ist aber bewiesen, dass der „normale"
Hundefuss der phylogenetisch ältere ist, die mit überzähligen Knochen-
teilen versehenen müssen demnach aus ihm entstehen.
Da bei den meisten der untersuchten Raubtierfüsse an des nav.
und tt Medialseite genau dieselben Charactere vorhanden sind, die
an einzelnen seeundär entstandenen Hundefüssen auftreten, so ist kein
Zweifel, dass auch diese Füsse jene Charactere seeundär erworben
haben, dies wird um so wahrscheinlicher, wenn man bedenkt, dass
bei einer Anzahl derselben, jene Charactere erst postembryonal zu
voller Entwicklung kommen und dass gleiche Charactere bei vielen
Affen phylogenetisch und ontogenetisch auf gleiche Weise entstehn.
Bei der mir zur Untersuchung vorliegenden, erwachsenen Viverra,
Species unbestimmt, ist einmal von der Muse, tibialis posticus-End-
sehne der Abschnitt, welcher an des nav. Medialseite inserirt und
zum tx und mtSi weiterzieht, verknöchert und zu des nav. Tubero-
sitas medialis umgewandelt, dagegen sind der Sehne Fibrillen, welche
an die t2- und t3-Planta gehn, intact erhalten und ziehn zwischen
des nav. Tuberositas medialis und plantaris in einer Grube entlang,
die von Gelenkknorpel überzogen ist, des nav. Tuberositas medialis
ist hier also nur massig entwickelt, trotzdem besitzt des nav.
ast. -Facette eine sehr bedeutende Ausbuchtung an ihrer Dorsal-
medial-Ecke, die wie sonst durch Verknöcherung in des am nav.
Ueber den Säugetier-Praehallux. 157
inserirenden Hg. cal.-nav. mediale Distalab schnitt entstanden ist. —
Von des nav. Tuberositas medialis zieht des Muse, tibialis posticus
Endsehne in Form eines starken Bandes einmal an des t j proximalen
Rand und ferner als vollständig intactes Band über des tx Medial-
seite hinweg an die mtSi -Basis. Von diesem Band trägt eine Ab-
zweigung die Scheide für den Muse, hallucis extensor longus, über
dieses Band hinweg zieht des Muse, tibialis anticus mtsx -Sehne, die
hier allein vorhanden ist, an die mtSi -Basis. Merkwürdigerweise ist
am Viverra-Fuss, obgleich gegenüber dessen tx kein überzähliger
Knochen vorkommt, der Muse, hallucis abduetor durch das fächer-
förmige Band vertreten; ausserdem findet sich auch an diesem Fuss
der kleine Muskel, welcher von des nav. Tuberositas plantaris und
von des t2 Planta entspringt und an der mtSi -Basis Plantar-medial-
Ecke inserirt. drittens ein Muse, hallucis fiexor medialis in der bis-
her constatirten Form. —
Am Ursus arctos-Fuss hat des nav. ast. -Facette eine gut aus-
gebildete Xierenform, deren Hilus plantarwärts Behaut und durch ein
Bindegewebsblatt ausgefüllt ist, welches sich meniseusartig zwischen
den ast. -Kopf und das nav. einklemmt. An dieses nav. Medialseite
inserirt das lig. cal.-nav. mediale als völlig nnverknöchertes,
zum Maximum ausgebildete •> Band, ähnlich wie am Procyon-Fuss.
Im Band zeichnet sich der distale Abschnitt, der unmittelbar an des
nav. Medialseite Btösst, besonders ans, er hat nicht mehr die fibrilläre
Structur eines Bandes, sondern i>t eine homogene durchscheinende
Knorpelmasse und zeiLrT an Beiner Lateralseite, die dem i kehrt
ist, einen tief eingedrückten halbkreisförmigen Bezirk mit glänzender
Oberfläche. Dieser Bandbezirk ist es, welcher an des ast. -Kopfes
Lateralseite auf einer convexen, vorspringenden Tuberositas reibt.
die des ast. Reibfläche für das lig. cal.-nav. mediale darstellt; die-
selbe ist von des ast. -Kopfes nav.-Facette Behr deutlich abgegrenzt
und stösst mit derselben in einem >}>itxen Winkel unter Erzeugung
einer scharfen Grenzlinie zusammen. Auf des lig. cal.-nav. mediale
Medialseite zieht in einer Grube des Muse. Tibialis posticus Endsehne
dahin, und zwar genau gegenüber der Bandstelle, welche den vom
ast. erzeugten Eindruck trägt, die Sehne verwächst dann mit dem
Band und ferner mit des nav. Medialseite, der jede Spur einer
Tuberositas medialis fehlt, von dort zieht die Sehne in der ursprüng-
lichen Stärke weiter und umhüllt dann von allen Seiten ein überzähliges
Knöchelchen, welches liegt gegenüber der Articulatio nav.-t,. Ein
Teil der Sehnenfibrillen inserirt an des t, proximalem Rand, ein
anderer Teil verläuft über des t, Medialseite und unterhalb der
Muse, tibialis anticus-mtSj -Sehne, die allein vorhanden ist, ans mtsu
ein zweiter Teil geht über des^ Medialseite hinweg, kreuzt medial-
seits des Muse, tibialis anticus mtSj-Sehne, auf derselben eine Art
Reibfläche erzeugend und inserirt am mtst; ein dritter Teil dieser
Sehnenfibrillen bildet ein besonderes blind endendes Bändchen, welches
an seinem Ende die Scheide für den Muse, hallucis extensor longus
158 Gustav Tomier.
trägt. Mit anderen Worten: am Bärenfuss ist des Muse, tibialis
posticus Endsehne völlig intact vorhanden, mit der Ausnahme, dass
gegenüber der Articulatio nav.-^ ein Abschnitt derselben vertreten
ist, durch ein in die Sehne eingelagertes Knöchelchen (Fig. 27^).
Das bei den Bären der Articulatio nav.-^ (Fig. 27 y) gegenüber
liegende überzählige Knöchelchen darf nicht verwechselt werden mit
dem überzähligen Knöchelchen, das bei Procyon und den meisten
bisher untersuchten Kaubtieren gegenüberliegt der tl -Medialseite und
in seiner einfachsten Form als Einlagerung in denjenigen Muse, tibialis
posticus-Endsehnenast erscheint, welcher an das mtst verläuft: da-
gegen spricht einmal die verschiedene Lage der Knöchelchen und
ihr verschiedenes Verhalten zu des Muse, tibialis posticus Endsehne,
ferner die Thatsache, dass es eine Anzahl Tiere giebt: Hystrix javonica,
Orycteropus capensis, Atherura und andere, bei welchen beide
überzähligen Knöchelchen an des Fusses Medialseite nebeneinander
vorkommen und dadurch am besten beweisen, dass sie nicht homolog
sind. Der überzählige Knochen gegenüber der tj-Medialseite fehlt
also dem Bären.
Während am Bärenfuss der Muse, hallucis flexor medialis in
normaler Weise entwickelt ist, und entspringt von des nav. Tubero-
sitas plantaris, von der t3-Planta und von des überzähligen Knochens
ganzem distalen Rand, ist des Bärenfiisses Muse, hallucis abduetor in
seinen Ursprungsfasern, die in normaler Weise entspringen von des
cal.-Körpers Medialseite und von des Muse, digitorum flexor sublimis
Muskelbauch, völlig sehnig geworden; es findet sich deshalb am
Bärenfuss ein fächerförmiges Band, das ausserdem noch inserirt an
dem überzähligen Knochen in der Articulatio nav.-ti; was weiter
nicht wunderbar ist, da bei Cynocephalus anubis der völlig fleischige
Muskel in entsprechender Weise an lig. tib.-nav. mediale und an des
nav. und ti Medialseite inserirt. Fleischig wird bei den Bären der
Muse, hallucis abduetor erst gegenüber des ti Distalabschnitt, und
verwächst dort ausserdem mit den Muskelfasern des unter ihm
liegenden Muse, hallucis flexor medialis. Die Insertion beider
Muskeln ist die normale in der Articulatio mtsi-d!,i an dem
.medialen Sesambein.
Der Bärenfuss besitzt ausserdem noch einen normalen Muse,
hallucis flexor lateralis und das Muskelchen, welches von des nav.
und t3 Planta an der mtSi -Basis plantar-mediale Ecke zieht.
Bei einem todtgeborenen Ursus aretos war das der Articulatio
nav.-ti angelagerte Knöchelchen bereits in allen Characteren knorplig
vorgebildet, bei einem Bärenfötus von 20 cm Kopf- Schwanzlänge,
dessen Tarsalknochen vollständig entwickelt aber knorplig waren mit
Ausnahme des cal., der wie die mts. und die Phalangen Knochenkerne
besass, fehlte das Knöchelchen noch gänzlich. Bei zwei etwas
älteren Embryonen konnte ich es gleichfalls nicht finden. (Einige
der Gliedmassen wurden frei präparirt, andere nach Köllickers
Aetzkalimethode behandelt, eine in Schnittserien zerlegt, für
Ueber den Säugetier-Praehallux. 159
deren Anfertigung ich Herrn Dr. Weltner in Berlin zu bestem Dank
verpflichtet bin.) Meine Angaben stehn in Widerspruch mit denen
von Albertina Carlsson, welcher schreibt, dass bei dem von ihm
untersuchten Ursus arctos-Fötus von 22 cm Länge das Knöchelchen
in normaler Ausbildung vorhanden war und in der Weise mit der
Musculatur in Verbindung stand, wie beim erwachsenen Tier. Da
ich diese Angaben nicht anzweifeln darf, so muss ich bis auf weiteres
annehmen, dass bei Ursus der Knochen embryonal bald früher,
bald später angelegt wird, unmöglich ist dies ja gerade nicht.
Der erwachsene Felidenfuss steht dem der Ursina ungemein
nahe, führt aber einige Charactere des letzteren weiter fort. Seines
nav. ast.-Facette hat die Form einer Niere, deren Hilus plantarwärts
schaut, den Hilus füllt ein Bindegewebsblatt, welches in Folge seiner
Lage zwischen das nav. und den ast.-Kopf eingeklemmt erscheint.
Dieselben Charactere finden sich am Ursinenfuss genau in derselben
Weise, dagegen springt am Feliden-nav. der ast.-Facette dorsal-mediale
Ecke in Form eines Facettenanhangs stark proximalwärts vor; dieser
Facettenanhang artikulirt an der ast.-Medialseite auf der Reibfläche
des lig. cal.-nav. mediale, ist also, wie alle bisher untersuchten
homologen nav.- Anhänge auf Kosten des lig. cal-nav. mediale ent-
standen. Es wird dies um so deutlicher, wenn man berücksichtigt,
dass er bei vielen Fehden einen scharfen Winkel mit des nav.
eigentlicher ast.-Facette bildet, und dadurch deutlich zu erkennen
giebt, dass er am nav. ein fremder Bestandteil ist. Dem Ursinen-nav.
fehlt, wie nachgewiesen ist, an seiner Dorsal-medial-Ecke ein homologer
Anhang; statt dessen reibt hier das lig. caL -nav. mediale völlig intact er-
halten mit seinem Distalabschnitt au des ast. Medialseite auf seiner
Reibfläche, die von des ast. nav. -Facette scharf gesondert ist. Die Band-
stelle, welche vom Druck des ast.-Kopfes unmittelbar getroffen wird,
ist im Ligament selbst sehr deutlich markirt und stösst unmittelbar
an des nav. dorsal-mediale Ecke; dieser Bandstelle entspricht nun
am Feliden-nav. aufs allergenauste der an der ast.-Facette vor-
handene Facettenanhang; sie vertreten einander so völlig, dass in
Betreff ihrer Phylogenese nur zwei Möglichkeiten sind, entweder ist
der Bandabschnitt verknöchert und zum nav.-Anhang geworden, oder
aber der nav.-Anhang ist bindegewebig geworden und zum Band-
abschnitt umgewandelt; wie die Phylogenese in Wirklichkeit gewesen
ist, zeigten jedoch bereits die Affen in ihrer Phylo- und Ontogenese.
Am Feliden-nav. auf der Medialseite fällt zuerst der bereits be-
sprochene grosse Anhang auf, der auf Kosten des lig. cal.-nav.
mediale entstanden ist und von des Knochens proximal -medialem
Rand stark proximalwärts vorspringt. Auf diesem Anhang zeigt sich
auch des nav. Tuberositas medialis als Wulst von massiger Stärke,
sie zieht an des nav. Medialseite distalwärts entlang, nimmt aber
dabei sehr stark an Ausbildung ab, bis sie in der Nähe der ti-
Facette des Knochens völlig erlischt, sie überragt daher auch nicht
buckelartig den Medialrand dieser Gelenkfläche. Es ist bereits
160 Gustav Tornier.
wiederholt nachgewiesen worden, dass diese Tuberositas entstanden ist
auf Kosten der Muse, tibialis posticus-Endsehnenfibrillen, welche am
lig. cal.-nav. mediale und an des nav. Medialseite inseriren, doch sind zu
ihrer Ausbildung nur wenig Sehnenfibrillen verwendet, denn die Sehne
zieht zwischen des nav. Tuberositas medialis und Tuberositas plantaris
in grosser Vollständigkeit in einer Grube dahin, sie hat sogar an
dem nav.-Anhang unterhalb der Tuberositas medialis eine von Gelenk-
knorpel überzogene Reibfläche und inserirt bei den kleineren Katzen-
arten einmal mit vielen Fibrillen an des ti Medialseite und Planta
und ferner an der t2- und t3-Planta, Fasern dieser Sehne ziehn
ausserdem über des t! Medialseite hinweg und inseriren an der
mtsi -Basis Medialseite.
Es wurde angegeben, dass bei den Katzen des Muse, tibialis
posticus-Endsehne mit zahlreichen Fibrillen an des tl Medialseite
verläuft, bei allen grösseren Katzen ist dieses zwar auch der Fall,
aber bei manchen von ihnen gehen nicht alle dieser Sehnenfibrillen
intact an das tu ein Teil derselben wird bei einigen unterbrochen durch
ein Knöchelchen das der Articulatio nav-tj an der Medialseite gegen-
über liegt, und rings eingeschlossen ist von der Muse, tibialis posticus-
Sehne ti-Fibrillen, in folge dessen artikulirt dieses Knöchelchen auch
nirgends mit den benachbarten Tarsalelementen. Es ist kein Zweifel,
dass in ihm das Homologon des bei den Ursinen an derselben Stelle
vorkommenden kleinen Knochens zu finden ist, derselbe fand sich an
den Füssen erwachsener Löwen und eines schwarzen Panthers,
dagegen fehlte er an einer Anzahl erwachsener Füsse von Felis
domestica und des Jaguars.
Bei den von mir untersuchten Katzenembryonen auch solchen
der Hauskatze, die der Geburt nahe waren , fand sich ein vom nav.
in das lig. cal.-nav. mediale hineinragender Knorpelkern, als Grund-
lage für den später verknöchernden, auf Kosten des Bandes ent-
standenen nav.-Anhang, dagegen war bei allen untersuchten Katzen-
embryonen in der Muse, tibialis posticus-Endsehne gegenüber der
Articulatio nav.-tx ein Knorpelkern nicht zu finden, auch an den
Füssen eines neugeborenen Jaguars und schwarzen Panthers konnte
derselbe nicht nachgewiesen werden, er entsteht also bei allen Katzen
zweifellos postembryonal.
Pinnipedia. Der Phoca vitulina nav. besitzt eine Tuberositas
medialis von beträchtlicher Grösse, die an des ast.-Kopfes Medial-
seite gelenkt, also sowohl auf Kosten des lig. cal.-nav.mediale, als
auch auf Kosten der am nav. inserirenden Fibrillen der Muse, tibialis
posticus-Endsehne entstanden ist, von der Tuberositas geht ein
blindes Band an des nav.-Körpers Dorsum, wie es in ähnlicher
Weise gefunden wird bei dem Hunde, welcher am nav. eine Tubero-
sitas medialis besitzt. Von des nav. Tuberositas medialis geht
ferner ein Band über des tt ganze Medialseite hinweg bis zum mts1}
es kreuzt des Muse, tibialis anticus mtSi-Sehne, sowie die des Muse,
hallucis exten sor longus. Des Muse, tibialis posticus Endsehne geht
Ueber den Säugetier-Praehallux. 161
in normaler Weise durch die Scheide an der Tibia, dann an des ast.
Medialseite über einen Buckel hinweg, verwächst einmal mit des
nav. Tuberositas medialis schickt ausserdem über dieselbe Fibrillen
an das todte Band und andere an des tx Medial-Plantar-Ecke, sowie
an des t2 und t3 Planta. Ueber die Muskelnbrillen, welche am tl
inseriren, ziehn andere hinweg entlang der ti- Medialseite an die
mtsi-Basis, sie verwachsen innig mit dem Band, welches von des
nav. Tuberositas medialis gleichfalls an die mtsi-Basis zieht, noch
andere verwachsen mit dem sehnig gewordenen Muse, hallucis
abduetor. In der Muse, tibialis posticus-Endsehne und zwar in den
Fibrillen, welche an des ti Dorsal-medial-Ecke inseriren, und über
dieselbe hinaus ans mtsi ziehn, hegt bei Phoca vitulina im Knöchelehen
eingebettet. Es hat Lage und Gestalt wie das homologe Knöchelchen
am Felidenfuss, liegt gegenüber der Articulatio nav.-ti, gelenkt mit
keinem der benachbarten Tarsalknochen und teilt eine Anzahl der
Sehnenfibrillen in zwei Teile, sodass deren Endabschnitte als Band-
fasern von dem Knöchelchen aus an des ti Medialseite ziel m.
An diesem Phoca vitulina-Fuss sind ferner vorhanden der bereits
erwähnte Muse, hallucis abduetor, der Muse, hallucis flexor medialis
und lateralis; alle drei Muskeln haben typischen Verlauf, sind aber
vollständig sehnig geworden, sodass sie als Bänder betrachtet werden
können.
Ein von mir untersuchter Ilalichoerus grypus, ein er-
wachsenes Tier, stimmt im Bau Beiner Füsse, soweit er hier in
Betracht kommt, auf das genauste mit der untersuchten Phoca
vitulina überein, nur fehlt ihm gänzlich das Knöchelchen in des
Muse, tibialis posticus Endsehne gegenüber der Articulatio nav.-tij
die Sehne geht also völlig intacl an das ti; auch ragt an diesem Fuss
des nav. Tuberositas medialis etwas weniger stark aus dem zu-
gehörigen Knochenkörper medialwärts hervor. — Bei dem zweiten
untersuchten Halichoerus grypus, dessen Epiphysen zu verwachsen
beginnen mit den zugehörigen Diaphysen, findet sieh dagegen an
beiden Füssen gegenüber der Articulatio nav.-ti, eingebettet in die
Muse, tibialis posticus-Endsehnenfibrillen ein Knorpelkern, der in
Lage und Form aufs genauste dem am Phoca vitulina-Fuss be-
schriebenen Knöchelchen entspricht, und besonders in der Structur
seiner Ränder sehr deutlich erkennen lässt , dass er durch
Verknorpelung eines Muse, tibialis posticus-Endsehnenabschnitts ent-
standen ist. Es ist nicht unmöglich, dass diese Knorpelkerne bei
sehr alten Vertretern der Halichoerus grypus -Art als wirkliche
Knöchelchen auftreten.
Während die zwei untersuchten Halichoerus grypus ausgezeichnete
Beispiele dafür liefern, dass bei diesen Tieren das soeben beschriebene
Knöchelchen ontogenetisch sehr spät angelegt wird, in der Muse,
tibialis posticus-Endsehne entsteht, und vielleicht niemals über das
Stadium der Präformirung durch Knorpel herauskommt, behauptet
Albertina Carlsson, dass an dem von ihm untersuchten Halichoerus-
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1891. Bd. I. H. 2. 11
162 Gustav Tornier.
Fötus das Knöchelchen bereits wie beim erwachsenen Tier ausgebildet
sei. Gestützt auf meine Befunde an alten Tieren erlaube ich mir
die Richtigkeit dieser Angabe zu bezweifeln, so lange bis von anderen
Forschern meine Zweifel widerlegt werden. (Vielleicht war der von
Carlsson untersuchte Fötus kein Halichoerus sondern eine andere
Robbe). Sollten sich Carlssons Angaben jedoch bestätigen, so müsste
man annehmen, dass auch in diesem Fall bei Vertretern ein und
derselben Art der Knorpel bald früher bald später ontogenetisch
angelegt wird.
Bei anderen grossen Robben-Arten und besonders bei Otaria
jubata ist das Knöchelchen dagegen noch weit stärker ausgebildet als
am Phoca vitulina-Fuss, es hat genau dieselbe Lage am Fuss gegen-
über der Articulatio nav.-tl5 aber es gelenkt sowohl am tt (an dessen
Dorsal-medial-Ecke) als auch mit dem nav. und zwar an dessen
Tuberositas medialis, ferner sendet es bei Otaria jubata einen be-
trächtlichen Fortsatz proximalwärts am nav. entlang, derselbe
vertritt einen weit grösseren Abschnitt der Muse, tibialis posticus-
Endsehne als dies bei Phoca vitulina der Fall ist.
Würde bei Otaria jubata das Knöchelchen mit dem tx ver-
wachsen, dem es unmittelbar anliegt, dann würde es an diesem
Knochen eine Tuberositas medialis bilden, welche für des nav.
Tuberositas medialis eine Gelenkfläche besässe. Mit anderen Worten,
es würde auf diese Weise ein tx entstehn, welches genau entspräche
dem t1 des Arctictis binturong und dem der Hunde, welche am nav.
eine Tuberositas medialis besitzen, die mit dem tt artikulirt. Es
ist mithin kein Zweifel, dass das Knöchelchen gegenüber der Arti-
culatio nav.-tj bei den Tieren, wo es vorhanden ist, des t1 Tubero-
sitas medialis vertritt, seine Umwandlung in diese Tuberositas ist
durchaus möglich, da benachbarte Knochen gar nicht selten mit-
einander verwachsen. — Wenn auch diese Entstehung der tx -Tube-
rositas medialis möglich ist, soll damit doch durchaus nicht gesagt
werden, dass bei Artictis binturong und den Caniden, welche die ti:
Tuberositas besitzen, diese auf jene Weise entstanden ist; es spricht
im Gegenteil alles dafür, dass sie bei diesen Tieren dadurch zur
Ausbildung kam, dass des Muse, tibialis posticus Endsehnenfibrillen
direct ,von tx aus ossifizirten.
Mensch.
Des erwachsenen Menschen nav. besitzt, sobald es typisch
ausgebildet ist, an seiner Dorsal-medial-Ecke keine Ausbuchtung in
proximaler Richtung, was sich besonders an denjenigen nav. zeigt,
die mit einem Fortsatz an ihrer Lateral-plantar-Ecke versehen sind
und dadurch eine nierenförmige ast. -Facette besitzen: Bei diesen
menschlichen nav. liegen alle Ränder der ast.-Facette in ein und der-
selben Transversalebene; dagegen haben alle erwachsenen mensch-
lichen nav. eine Tuberositas medialis, dieselbe ist aber durchaus
Ueber den Säugetier-Praehallux. 163
nicht bei allen von gleicher Grösse, sondern bald mehr bald weniger
entwickelt. An einem mir vorliegenden nav. mit schwach aus-
gebildeter Tuberositas medialis ragt dieselbe aus des Knochens
Medialseite, deren Mitte einnehmend, nur als ein massiger Wulst
hervor, der weder an des Knochens Proximal- noch Distal-
rand stösst. An einem anderen mir vorliegenden menschlichen nav.
ist die Tuberositas medialis weit stärker entwickelt, sie zieht über
des nav. ganze Medialseite als Längswulst hin und überragt nicht
nur des Knochens t ^Facette in medialer Richtung sehr stark, sondern
ebenso des Knochens ast. -Facette, sie kommt in der Längsausdehnung
ungefähr gleich der Tuberositas medialis des Cebus capucinus-nav.
Da des menschlichen nav. ast. -Facette an ihrer Medial-dorsal-Ecke
keinen proximalwärts vorspringenden Anhang besitzt, ist beim
Menschen das lig. cal.-nav. mediale durchaus intact vorhanden, es
reibt an des ast.- Kopfes Medialseite auf einer Gelenkfläche, die mit
des ast. nav.- Facette in einem spitzen Winkel unter Erzeugung einer
scharfen Grenzlinie zusammenstösst , also der Facette gegenüber
durchaus ihre Selbständigkeit bewahrt. Ueber das menschliche lig.
cal.-nav. mediale zieht wie bei allen anderen Tieren, wo dieses Band
intact auftritt , des Muse, tibialis posticus Endsehne in einer grossen
Reibfläche dahin, sie verwächst zugleich ein wenig mit dem Band
an ihrem Dorsalrand und kann dann in zwei Aeste geteilt werden,
von diesen inserirt der eine an des nav. ganzer Tuberositas medialis
und ferner an des tt Medial-plantar-Ecke, der andere am Susten-
taculum tali, an des nav., t2 und t3 Planta. Der letztgenannte Ast
reibt unmittelbar unter des nav. Tuberositas medialis am nav. -Körper
in einer Reibfläche, wie dies bei den Aifen mit massig entwickelter
Tuberositas und bei den meisten Raubtieren gleichfalls der Fall ist.
Fibrillen der Muse, tibialis posticus -Endsehne verlaufen ausserdem
über des tx Medialseite und über des Muse, tibialis anticus vereinigte tt-
und mtsx -Sehne an das mtsx. Beim erwachsenen menschlichen Fuss
sind ferner durchaus intact vorhanden der Muse, flexor digitorum
profundus und medius, deren Endsehnen miteinander und mit der des
Muse, quadratus plantae verwachsen gegenüber der tr Planta. Ferner
sind am menschlichen Fuss durchaus intact vorhanden der Muse,
hallucis abduetor und der Muse, hallucis flexor medialis. Der Muse,
hallucis abduetor entspringt fleischig von des cal.-Körpers Medialseite,
vom lig. laciniatum, welches als Scheide des Muse, digitorum flexor
profundus und des Muse, digitorum flexor medius Endsehnen über-
deckt, sowie von des nav. und tx Medialseite; der Muskel vereinigt
sich dann mit dem durchaus normalen Muse, hallucis flexor medialis
und inserirt mit demselben unter der Articulatio mtsi-di, i am
medialen Sesambein. — Ueberdeckt vom Muse, hallucis abduetor
verläuft in normaler Weise der Nervus plantaris internus an den Fuss.
Am erwachsenen Menschenfuss könnte nach obigen Aus-
einandersetzungen nur des nav. Tuberositas medialis als Prähallux-
rest gedeutet werden. Nun verknöchert aber nach Gruber beim
11*
164 Gustav Tornier.
Menschen das nav. bereits im 5. Jahr nach der Geburt, des nav.
Tuberositas medialis erst im 13 und 14 Lebensjahr, ferner finde ich
bei einem menschlichen Embryo von 5 Monaten sämmtliche Tarsal-
knochen zwar erst knorpelig vorgebildet, aber trotzdem bereits mit
allen wesentlichen Characteren versehn. Um so bezeichnender ist
es, dass am nav. dieses Fusses nicht die Spur einer Tuberositas
medialis zu entdecken ist, dabei zieht ausserdem eine vollständig intacte
Muse, tibialis posticus - Endsehne an der nav. Medialseite entlang,
ein Teil ihrer Fibrillen inseriren daselbst, ein anderer Teil geht an
das ti, t2, t3 u. s. w. Es nimmt hier also die Muse, tibialis posticus-
Endsehne mit ihren am nav. und tx inserirenden Fibrillen die Stelle der
nav.- Tuberositas medialis ein. Daraus kann wohl mit Sicherheit
geschlossen werden, dass auch beim Menschen des nav. Tuberositas medialis
auf Kosten der am nav. inserirenden Fibrillen der Muse, tibialis
posticus - Endsehne entsteht, dafür spricht auch der Umstand, dass
bei menschlichen Füssen des nav. Tuberositas medialis sehr variable
Grösse aufweist.
Herr Professor Bardeleben hat gefunden, dass bei menschlichen
Embryonen des zweiten Monats das nav. aus zwei selbständigen
Knorpelkernen besteht, nach ihm soll der eine dieser Knorpel den
nav.-Körper, der andere des nav. Tuberositas medialis darstellen,
ebenso giebt er anf dass die von Rambaud und Renaud im mensch-
lichen nav. gefundenen 2 Ossificationspunkte des nav. Doppelnatur be-
weisen, der eine von ihnen gehöre dem nav.-Körper an, der andere
der nav. -Tuberositas medialis. Ich muss dies ganz entschieden bestreiten.
Des menschlichen nav. Tuberositas medialis existirt, wie sich leicht
constatiren lässt, noch nicht im 5. Monat nach der Conception, sie
kann daher nicht bereits im zweiten Monat angelegt werden. Trotz
dieser Tatsachen dürfen weder Bardelebens noch Rambaud und
Renaud's Beobachtungen angezweifelt werden. Das Säugetier -nav.
ist, dafür sprechen gewichtige Gründe, sicherlich kein einheitlich an-
gelegter Knochen, sondern entsteht aus wenigstens zwei ursprünglich
getrennten Tarsalelementen , daher ist es durchaus nicht un-
möglich, dass Herr Professor Bardeleben für diese wohl zu
fundamentirende Hypothese den ontogenetischen Beweis gefunden
hat und es mag auch damit die Beobachtung von Rambaud und
Renaud zusammenhängen. —
Aber nur am „typischen" menschlichen Fuss hat das nav. diese
Form, es finden sich daneben menschliche nav., an denen zu den
bisher gefundenen Tuberositas medialis -Characteren andere hinzu-
kommen. Da dieselben bereits von Wenzel Gruber beschrieben
worden sind, mögen dessen Angaben der ferneren Betrachtung
zu Grunde gelegt werden: ,,Das eine menschliche nav. (Figur 35
nach Gruber) variirt, schreibt er, darin, dass seine Tuberositas
medialis (tm.) in einen proximalwärts vorspringenden Höcker (ß) aus-
gezogen ist. Der Fortsatz, Processus tuberositatis navicularis, springt
über des nav. ast. -Facette 2 — 8 mm gerade proximalwärts vor und
Ueber den Säugetier-Praehallux. 165
ist in Vio der Fälle überhaupt und in V50 der Fälle im Maximum der
Ausbildung zugegen." (Müllers Archiv für Anatomie, Physiologie u.
physiol. Medicin. 1871. S. 281). Es leuchtet sofort ein, dass dieses
menschliche nav. eine Form der Tuberositas medialis besitzt, welche
in der Längsausdehnung und Grösse genau derjenigen entspricht,
welche bei Ateles ater und leucophtalmus am nav. vorhanden ist;
sie ist zweifellos wie die der Ateles -Arten entstanden dadurch, dass
die am nav. inserirenden Fibrillen der Muse, tibialis posticus-End-
sehne vom nav. aus in proximaler Richtung verknöchert sind, und
zwar bis zur Reibfläche der Sehne im Kg. cal.-nav. mediale, während
die homologen Sehnennbrillen bei Cebus capucinus und den Menschen
mit normaler Tuberositas medialis viel weniger weit proximalwärts
verknöchert sind.
Gruber fährt an einer anderen Stelle fort: „Mir liegen wieder
mehrere macerirte nav. tarsi mit einem Processus tuberositatis
im Maximum seiner Grösse vor. An einem linken nav. von
einem alten Individuum weist der Processus eine bis jetzt noch
nicht gesehene Stärke und Gestalt auf und ist deshalb wert
in folgendem beschrieben zu werden (Fig. 36). Der nav.-Körper
hat nur eine mittlere Grösse; sein Processus tuberositatis (ß) von
ganz ausserordentlicher Grösse steht rechtwinklig auf des nav.-Körpers
Achse von dem Ende der Tuberositas medialis (tm) proximalwärts
hervor. Der Processus stellt eine sehr starke, vierseitige, abgerundete
Platte dar, deren dorsale etwas lateralwiirts gerichtete Seite zeigt an
ihrem Distalende über der Wurzel des Processus einen queren Sulcus
(y) als Fortsetzung des sulcus oavicularis und proximalwärts von
diesem eine fast circuläre, schwach coneave, proximalwärts etwas ab-
fallende Gelenkfläche (z) von 8 mm, ist somit fast ebenso lang als
breit." (Archiv für pathol. Anat. 11. PhysioL Bd. 70, 1877, p. 133.)
Die Gruberschen Angaben und Zeichnungen Lehren mit absoluter
Sicherheit: Das soeben untersuchte menschliche nav. steht in Betreff
seiner Tuberositas medialis auf einer Kntwieklungsstufe, welche an-
nähernd derjenigen entspricht, die das nav. beim erwachsenen aber
nicht alten Orang besitzt; d. h. an diesem menschlichen nav. ist
nicht nur die Muse, tibialis posticus-Kndsehne vom nav. aus bis zum
Maximum verknöchert, sondern die Verknöcherung hat auch über-
gegriffen in den mit der Sehne verwachsenen Hg. cal.-nav. mediale-
Distalabschnitt. In Folge dessen artikulirt der „Processus tubero-
sitatis navicularis" mit des ast. -Kopfes Medialseite auf der Reibfläche
des lig. cal.-nav. mediale, doch ist die Verwachsung des verknöcherten
Ligamentabschnitts mit dem nav. noch nicht vollständig eingetreten,
an ihrer Berührungsstelle ist noch eine kleine nicht artikulirende
Grenzfläche erhalten, diese Grenzfläche ist bei dem vorliegenden
menschlichen nav. allerdings grösser als bei dem erwähnten Orang-
nav., aber dies bedeutet nicht viel, denn es ist durchaus nicht un-
möglich, dass bei noch jüngeren Orangfüssen die Grenzfläche einen
verhältnismässig grösseren Umfang besitzt, da an wirklich jungen
IQQ Gustav Tornier.
Orang- und Hylobatesfüssen der im lig. cal.-nav. mediale befindliche
Knochenkern von des nav. Medialseite durch einen verhältnismässig
grösseren Bandabschnitt getrennt ist. Gruber hat eine andere Er-
klärung für die functionelle Bedeutung der Tuberositas- Facette,
indem er schreibt: „Mit der Gelenkfläche an seiner oberen Fläche
musste der Processus tuberositatis am Kg. calcaneo-naviculare plantare
(lig.cal.-nav.mediale) artikulirt haben." Archiv für pathol. Anatomie
und Physiol. 1877 p. 133). Diese Erklärung ist durchaus unrichtig
und nur eine Mutmassung, da Gruber das betreffende nav. unter
den Knochen eines macerirten Fusses gefunden hat.
Wie die Gruberschen Befunde lehren, finden sich an einzelnen
menschlichen nav. Knochenaberrationen, welche genau denjenigen
entsprechen, die an gewissen Hundefüssen secundär auftreten, diese
menschlichen Füsse zeigen mithin als „individuelle" Bildungen
Knochenformen, die als „typische" Knochenformen bei anderen
Säugetierarten beständig vorhanden sind; sie sowie die Hundefüsse
mit jenen individuellen Knochenaberrationen beweisen direct, dass
jene nav.-Charactere secundäre Bildungen sind. — Für meine An-
schauung, dass der Grubersche Processus tuberositatis navicularis,
der an seiner Lateralseite eine Gelenkfläche trägt, nichts weiter ist
als des Hg. cal.-nav. mediale verknöcherter und mit dem nav. ver-
wachsener Distalabschnitt, bin ich im stände einen ausgezeichneten
Bundesgenossen ins Feld zu führen: Fürbringer nämlich, dessen
Untersuchungen zur Morphologie und Systematik der Vögel, Bd. 2
S. 880 folgenden Satz enthalten: „Die Verknorpelung und Ver-
knöcherung im lig. cal.-nav. plantare repräsentiren • secundäre ge-
webliche Umwandlungen des bezeichneten Kapselbandes, wohl in folge
des Contactes mit der kräftigen Sehne des Muse, tibialis posticus
und der gegenüberliegenden Fläche des Talus." Durch diesen Aus-
spruch bestreitet Fürbringer, ohne es zu wollen, wie sich sofort
zeigen wird, die primäre Natur dieses nav. -Anhangs und des
Baurschen Tibiale.
Für die vorliegende Arbeit von fundamentaler Bedeutung sind
nunmehr noch die folgenden Angaben Grubers: „Der Processus der
Tuberositas medialis navicularis kann als besonderes Ossiculum per-
sistiren,, wie zwei von mir aufbewahrte nav. (Fig. 37) (ein rechtes
und ein linkes) von Skeletten Erwachsener beweisen und zwar kann
es mit der Tuberositas durch Synchondrose als Epiphyse vereinigt
sein, oder es kann mit ihr gelenken durch ein accidentelles Gelenk,
das in der Synchondrose entstanden ist." (Müllers Archiv für
Anatomie 1871, S. 282.)
Das Vorkommen dieser Epiphyse beschreibt Gruber folgender-
massen:
„Im Winter 1870 sah ich an einem 13 jährigen Knaben am
rechten Fuss den Processus tuberositatis medialis navicularis tarsi
als Epiphyse vorkommen und noch durch Synchondrose mit der
Tuberositas medialis navicularis vereinigt, am linken Fusse aber den
Ueber den Säuge tier-Praehallux. 167
verknöcherten Fortsatz mit der genannten Tuberositas ohne Spur
einer früher dagewesenen Trennung verschmolzen. Der Muse, tibialis
posticus hatte sich mit dem grössten Teil seiner Sehne an
die Tuberositas navicularis u. s. w., nur teilweise an die Epiphyse
angesetzt, dadurch ist nun über jeden Zweifel bewiesen, dass der in
Vio der Fälle überhaupt, und in V50 der Fälle im Maximum der
Entwicklung auftretende Processus tuberositatis medialis navicularis
tarsi für sich ossifiziren, also eine Epiphyse der Tuberositas medialis
navicularis werden kann. Ist dem so, so kann auch die Möglichkeit
der Persistenz zeitlebens und sogar des Vorkommens dieser Epiphyse,
im Falle der möglichen Bildung eines accidentellen Gelenkes in der
Synchondrose, als isolirtes und an der Tuberositas medialis navicularis
artikulirendes Knöchelchen — naviculare seeundarium tarsi — nicht
mehr bezweifelt werden, wenn auch letzteres bis jetzt nur an
macerirten und noch nicht an frischen Knochen aufgefunden ist."
(Bulletin de l'Acad, de Sc. Petersbourg Bd. 15, 1871. S. 455).
Ein derartiges mit dem nav. artikulirendes Knöchelchen be-
schreibt Gruber mit folgenden Worten: „Das Ossiculum eines linken
übrigens normalen nav. von einem älteren Individuum ist als ein an
der Tuberositas medialis navicularis artikulirendes Knöchelchen
zu nehmen, es sitzt an der Stelle des Processus der Tuberositas
unter dem Sulcus navicularis auf einer ovalen, coneaven, schräg
dorso-plantarwärts gerichteten Fläche des proximal-dorsalen Umfanges
der Tuberositas medialis navicularis. Es hat die Gestalt eines nach
der Längsachse lialbirten ovalen Körpers. Die Beschaffenheit der
Flächen, womit die Tuberositas medialis oavicularis und das Ossiculum
sich berühren, lassen vermuten, dass sie überknorpelt, also Gelenk-
flächen, gewesen waren. Am rechten nav. sitzt kein Ossiculum."
(Müllers Archiv i'üv Anatomie. 1871. S, 283). Das endlich dieses
Ossiculum mit dem nav. verschmelzen kann, lehrt folgendes Beispiel:
„Das Ossiculum eines rechten, übrigens normalen nav. von einem
jugendlichen Individuum ist als eine Epiphyse anzusehn. Es sitzt
unter dem Sulcus navicularis in einer queren tiefen Grube des
proximalen Umfanges der Tuberositas medialis navicularis an der
Stelle des Processus der letzteren. Die vordere Fläche ist an
ihrem unteren Abschnitt mit Zacken versehen, die in die Lücken
der Grube an der Tuberositas medialis navicularis eingreifen. Dem
linken nav. fehlte die Epiphyse." (Müllers, Archiv für Anatomie.
1871. S. 282). — „An einem linken nav. ist zwischen der Tubero-
sitas medialis und deren Processus in einer längeren Strecke eine
Ritze zu sehn, die als Spur der früher dagewesenen Selbständigkeit
des Processus zu nehmen ist." (Archiv für pathol. Anatom. Bd. 70.
1877. S. 133).
Fragt man, wie es geschehen kann, dass beim Menschen das
lig. cal.-nav. mediale in seinem Distalabschnitt bald selbständig ver-
knöchert, bald von des nav. Tuberositas medialis aus, so wird dies
am besten klargelegt bei der Berücksichtigung der folgenden Tatsache:
l(3g Gustav Tornier.
Es wurde bereits nachgewiesen, dass bei sämmtlicben erwachsenen
Menschenaffen das lig. cal. -nav. mediale in seinem Distalabschnitt
verknöchert und mit dem nav. verwachsen ist, dass aber bei
sämmlichen jungen Menschenaffen und ebenso bei gewissen jungen
Eaubtieren der verknorpelte Ligamentabschnitt dem nav. gegenüber
eine gewisse Selbständigkeit besitzt, indem er nicht knorplig bis zum
nav. reicht, sondern noch durch einen bindegewebigen Bandrest von
demselben getrennt erscheint. Würde bei einem dieser jungen Tiere
der Knorpelkern selbständig ossifiziren und später nicht mit dem
nav. verschmelzen, so würde bei diesem Individuum dem nav. das-
selbe Knöchelchen angelagert sein, das beim Menschen bisweilen vor-
kommt. Die Untersuchung von Massenmaterial wird vielleicht
auch bei einzelnen Vertretern dieser Tierarten ein solches
selbständig gewordenes Knöchelchen finden lassen, dasselbe dürfte
auch bei Hunden individuell auftreten. — Wenn nun auch die
Möglichkeit zugegeben werden muss, dass bei den erwähnten jungen
Tieren der im lig. cal. -nav. mediale vorhandene Knorpelkern unter
Umständen selbständig verknöchern könnte, so soll damit doch
durchaus nicht ausgesprochen werden, dass er es thatsächlich tut
und erst secundär mit dem nav. verwächst. Es giebt, wie bereits
nachgewiesen ist, gewichtige Gründe, die es durchaus wahrscheinlich
machen, dass bei jenen jungen Tieren das lig. cal. -nav. mediale in
seinem Distalabschnitt von des nav. Tuberositas medialis aus ossifizirt;
jedenfalls lehrt aber diese Betrachtung unter allen Umständen, dass
das selbständige Knöchelchen im menschlichen lig. cal.-nav. mediale,
nur eine seltnere Modification der Verknöcherung dieses Band-
abschnitts darstellt, da auch beim Menschen die Bandverknöcherung,
wenn sie eintritt, gewöhnlich von des nav. Tuberositas medialis aus
erfolgt. Positiv bewiesen ist damit auch, dass dieses Knöchelchen
nicht zu den „primären" Fussknochen gehört, sondern eine „secundäre
Neubildung" darstellt.
Der Umstand, dass beim Menschen das lig. cal.-nav. mediale in
seinem Distalabschnitt verknöchern kann bald selbständig, bald von
des nav. Tuberositas medialis aus und dass es im letzteren Fall dem
nav. gegenüber eine gewisse Unabhängigkeit gewinnt, die sich bis
zur Gelenkbildung zwischen beiden Knochen steigern kann, ist für die
vorangehende Untersuchung von grösster Wichtigkeit : Wie bewiesen
worden ist, kann bei vielen Tieren die Muse, tibialis posticus- End-
sehne vom ti aus ossifiziren, sie bildet dann des ti Tuberositas
medialis, die gewöhnlich eine Gelenkfläche für des nav. Tuberositas
medialis trägt ; bei anderen Tieren tritt am Fuss statt dieser Tubero-
sitas ein selbständiges Knöchelchen auf, das aus denselben Muskel-
fibrillen enstanden ist, und im Maximum seiner Entwicklung mit dem
ti und nav. artikulirt. Nach obigen Untersuchungen ist es kein Zweifel,
dass dieses Knöchelchen homolog ist der tx -Tuberositas medialis, dass
es unter Umständen mit dem ti verwachsen kann und dass es
ebensowenig ein „primärer" Knochen ist, wie der am menschlichen
Ueber den Sänge tier-Praehallux. 169
nav. bisweilen selbständig gewordene „Processus tuberositatis medialis",
was ja auch bereits des Knochens Ontogenese aufs deutlichste er-
kennen lässt. — Ebenso wichtig, wie die Entdeckung des so-
genannten Processus tuberositatis medialis am menschlichen nav., ist
die Entdeckung Grubers, dass beim Menschen in der Muse, tibialis
posticus-Endsehne bisweilen Verknöcherungen vorkommen, die durch-
aus nicht zu verwechseln sind mit jenem Processus tuberositatis,
wenn er ein selbständiges Knöchelchen geworden ist. Ueber der-
artige Sesambeine macht Gruber folgende Angaben.
„Die untere Peripherie der Tuberositas medialis navicularis,
welche abgerundet ist, sieht selten wie abgestutzt aus (Fig. 38 w); sie
zeigt in solchen Fällen eine nach abwärts gerichtete, bald plane, bald
etwas vertiefte, bald glatte, bald teilweise poröse Fläche. Die Fläche
ist oval, verschieden gross (bis 16 — 17 mm sagittal lang und
10 — 11 mm transversal breit). Dieselbe ist durch Druck von einem
der immer zugleich vorkommenden, in der Sehne des Muse, tibialis
posticus eingehüllten Verknöcherungen, ossiculum sesamoideum, hervor-
gebracht, das eine mächtige Grösse erreichen und statt proximal-
wärts (rückwärts) von der Tuberositas navicularis, gerade unter ihr
auftreten kann. Bei ungenauer Untersuchung kann man in solchen
Fällen in den Irrtum verfallen, das Ossiculum in der Sehne des
Muse, tibialis posticus für ein selbständig gewordenes Stück des nav.,
das teilweise oder ganz dessen Tuberositas repräsentire, also für ein
nav. seeundarium zu halten, wie es in der That einem Anatomen
(Luschka) bereits passirt zu sein scheint. Die Täuschung wird um
so grösser, wenn zwischen der Tuberositas und dem Ossiculum der
Sehne eine Art accidenteller Bursa mueosa auftritt, die in der
That von jenem Anatomen für eine Gelenkkapsel genommen wurde."
(Mem. de l'Acad. Petersb. Serie VII T. XVII 1871.) -- Ein anderes
derartiges Knöchelchen beschreibt Gruber folgendermassen: „An beiden
nav. tarsi eines Mannes mangelt der Tuberositas medialis derselben
ein Processus. Die Portion der Sehne jedes Muse, tibialis posticus,
welche sich an die Tuberositas des nav. und an die Superficies
plantaris des ti ansetzt, enthält 3 mm proximalwärts von der Tubero-
sitas medialis des nav. ein Ossiculum. Das Ossiculum Hegt mit einem
grossen Teil seiner vertikalen Dicke niedriger als die Tuberositas
medialis des nav., sodass das vordere Ende des ersteren mit dem
unteren Umfang des letzteren (dorsalwärts) einen fast rechten Winkel
abgrenzt. Es ist oben von dünnerer, unten von einer dickeren
Schicht der Sehne der Muse, tibialis posticus eingehüllt. Die
Synovialscheide der Sehne des Muse, tibialis posticus ist hinter dem
Ossiculum durch ein Septum unterbrochen, sodass zwischen dem
Ossiculum und dem lig. cal.-nav. mediale ein 1,5 cm langer und
1 cm weiter geschlossener Synovialsack existirt." (Archiv für
pathol. Anatomie 1877 Bd. 70, S. 135). Dieses Knöchelchen ist
nach Gruber entstanden, ohne Druckwirkung auf die Tuberositas
medialis des nav.
170 Gustav Tornier.
Man könnte sehr leicht zu der Vermutung kommen, es sei das
in der Muse, tibialis posticus- Endsehne von Gruber beschriebene
Knöchelchen homolog demjenigen, welches bei den Fehden, Robben
und anderen Tieren in der Muse, tibialis posticus -Endsehne gegen-
über der Articulatio nav.-ti vorkommt, dies ist aber durchaus nicht
der Fall. Die Gruberschen Beschreibungen und Zeichnungen lassen
deutlich erkennen, dass das Knöchelchen eine Ossification in dem
Muse, tibialis posticus -Sehnenast ist, welcher zwischen des nav.
Tuberositas medialis und -plantaris vorwiegend an die t2- und t3-
Planta zieht. Dieses Knöchelchen hat im Maximum seiner Entwicklung
die Tendenz mit des nav. Tuberositas medialis zu verschmelzen, da
seine poröse Oberfläche mit ihren Höckern in die Gruben der eben-
falls porösen gegenüberliegenden nav. -Tuberositas eingreifen. Des
nav. Tuberositas medialis verdankt übrigens, wie bereits nach-
gewiesen ist, gleichfalls der Muse, tibialis posticus Endsehne ihre
Entstehung , indem von deren am nav. und tt hinziehenden
Fibrillen diejenigen vom nav. aus ossifizirten, welche am nav. in-
seriren. Würde die Verschmelzung der nav. Tuberositas medialis
mit dem Sesambein wirklich eintreten, dann würde das von einer
solchen Verknöcherung betroffene menschliche nav. in der Ausbildung
seiner Tuberositas medialis auf ein und derselben Stufe mit dem der
untersuchten Neuweltaffen stehn, bei welchen sämmtliche am nav.
entlang ziehende Muse, tibialis posticus -Endsehnenfibrillen zu des
nav. Tuberositas medialis umgewandelt sind, sodass die Sehne an
der Tuberositas inserirt und endet. Dass diese Anschauung richtig
ist, geht aus einer Notiz Luschkas hervor. (Die Halbgelenke des
menschlichen Körpers. S. 13): „Eine eigentümliche Gelenkformation
fand ich am nav. der Fusswurzel eines 17jährigen Jünglings auf
beiden Seiten in ganz übereinstimmender Weise. Die Tuberositas
ossis navicularis war nämlich ein selbständiges länglich- rundes
Knöchelchen vom Umfang einer grösseren Haselnuss. Mittels einer
planen, überknorpelten Fläche sass das Beinchen auf einer eben
solchen Fläche nach innen von der Unterseite des Kahnbeins, welches
im übrigen ganz normal geformt und namentlich mit keinem weiteren
Höcker versehen war. Beide Gelenkflächen wurden durch eine straffe
Kapsel zusammengehalten. Die Sehne des Muse, tibialis posticus
fand fast ganz an diesem Knochen ihre Anheftung und möchte der-
selben daher als Sesambein gedeutet werden können." — Luschka
hat sich nach Gruber getäuscht, indem er das Sesambein für des
nav. ganze Tuberositas medialis ansah ; mir scheint, Luschka hat nur
einen falschen Ausdruck gebraucht, da er den Knochen ausdrücklich
als Sesambein deutet.
Sehr wichtig ist in Luschkas Angaben, dass des Muse, tibialis
posticus Endsehne an dem von ihm beschriebenen Knöchelchen fast
ganz ihre Anheftung fand; in dieser Beobachtung liegt der beste
Beweis für meine Erklärung, dass der Knochen homolog ist einem
Teü der bei den Neuweltaffen vorhandenen, enorm grossen nav.-
Ueber den Säugetier-Praehallux. 171
Tuberositas medialis. Der Knochen selbst liefert den besten Beweis
dafür, dassjenenav.-„Tuberositas medialis" kein primärer Knochen ist.
Es entsteht nun die Frage, kommt beim Menschen individuell
auch noch am ti eine Tuberositas medialis vor, die mit des nav.
Tuberositas medialis ein Gelenk bildet? Beschrieben ist bis jetzt,
soviel ich weiss, eine derartige Bildung nicht, und mir fehlt die Zeit
und das Material es zu constatiren, aus Gruberschen Zeichnungen
(Mem. de l'Acad. de Sc. Petersb. 1812. Ser. VII Bd. XVII Nr. VI
Fig. 8 u. 9) geht aber meiner Ueberzeugung nach mit Sicherheit
hervor, dass es in der That bei einzelnen Menschen zu einer der-
artigen Bildung kommt. Abgesehn hiervon beweisen die vorliegenden
Untersuchungen, dass am menschlichen Fuss individuell und secundär
überzählige Knochenteile auftreten, die bei sämmtlichen Individuen
anderer Tierarten stets vorhanden sind ; sie sind demnach auch hier
secundäre Bildungen und keine Reste primärer Knochen.
Nachträglich sei noch bemerkt, dass nach Gruber der in der Muse,
tibialis posticus- Endsehne beim Menschen auftretende secundäre
Knochen nicht entstanden ist, durch Druck der Sehne auf die nav.-
Tuberositas medialis. Dies ist durchaus richtig, die nav.-Tuberositas
medialis hat mit der Entstehung dieses Knochens nichts zu thun,
dagegen aber der nav.-Körper: bei vielen Tieren und auch beim
Menschen reibt der Muse, tibialis posticus-Endsehnenast, welcher an
die t2- und t3-Planta geht, am nav.-Körper zwischen Tuberositas
medialis und plantaris in einer iiberknorpelten Reibfläche, der Druck,
welchen die Sehne in ihrer Reibfläche auf den nav. -Körper ausübt,
führt, sobald er verstärkt wird, zur Yerknöcherung der Sehne an
der gedrückten Stelle.
Nagetiere.
Beim Biber besitzt das nav. (Fig. 24) zwar eine enorm grosse
Tuberositas plantaris, dagegen keine Tuberositas medialis, an seiner
Distalseite finden sich die drei aneinander grenzenden Gelenkflächen
für das t3, t2 und ti; an seiner Proximalseite findet sich die Gelenk-
fläche für den ast., an diese stösst eine Gelenkfläche, die des Knochens
Medialseite angehört (/) und in Lage und Form derjenigen Facette ent-
spricht, die individuell bei solchen Menschen vorkommt, bei welchen
die secundäre Verknöcherimg des lig.-cal.-nav. mediale selbständig
geworden ist und am nav. artikulirt. Während aber bei diesen
Menschen die Gelenkfläche nur einen verhältnismässig kleinen Raum
an der nav. -Medialseite einnimmt, ist sie beim Biber von viel be-
trächtlicherem Umfang, sie reicht bis zu des Knochens ti -Facette
dieselbe an ihrem Medialrand berührend. Am ast. -Kopf sämmtlicher
bisher untersuchten Füsse fand sich ausser der nav.-Facette, medial-
wärts unmittelbar an dieselbe angrenzend eine tuberkelartig vor-
tretende, mit Gelenkknorpel überzogene Reibfläche für das lig. cal-
172 Gustav Tornier.
nav. mediale (r), welches bei vollständiger Ausbildung von des Susten-
taculum tali Medialrand in starken Fibrillen an die nav.-Medialseite
zieht, oft aber in seinem Distalabschnitt verknöchert ist und dann
mit dieser Verknöcherung am ast. gelenkt. Diese Reibfläche (r) des
lig. cal.-nav. mediale findet sich auch am Biber-ast. (Fig. 24r) vor,
und zwar durchaus selbständig, da sie mit des ast. nav.-Facette unter
Bildung eines Winkels in einer scharfen Grenzlinie zusammenstösst ;
auf ihr reibt aber nicht das Ligament, sondern mit ihr gelenkt ein
wohlentwickeltes, kreisförmiges, selbständiges Knöchelchen (ß), das
zweifellos dieses Bandes Distalabschnitt homolog ist, denn von dem
Knöchelchen läuft ein verkürztes lig. cal.-nav. mediale an des Susten-
taculum Medialseite. Das Knöchelchen artikulirt ausserdem am nav.
in der bereits erwähnten Gelenkfläche (/) , die an des nav.
Medialseite ausgebreitet ist, und dort von der ast. -Facette bis zur
tt -Facette reicht; ferner hat das Knöchelchen eine grosse Gelenk-
fläche für das ti (y). Des Bibers ti besitzt nämlich an seiner
Distalseite zwei Gelenkflächen, die unmittelbar aneinander stossen,
eine davon ist, wie gewöhnlich, für das nav. bestimmt, die andere
grössere (y) dagegen für das überzählige Knöchelchen. Des Muse,
tibialis posticus (T. post) Endsehne verläuft beim Biber in ganz
normaler Weise am Malleolus internus durch eine Scheide, kreuzt
das lig. tib.-ast. anticum, zieht an des überzähligen Knochens (ß)
proximalem Rand in einer wohl ausgebildeten Gleitrinne entlang
und inserirt an dessen Medialseite an einem Längswulst ohne weiter
in den Fuss hinabzusteigen. Das 1 1 und das überzählige Knöchelchen
sind verbunden durch kurze Bandfasern.
Fragt man nach der Bedeutung des beim Biber soeben be-
schriebenen überzähligen Tarsalknöchelchen, so leuchtet ohne weiteres
ein, dass es erstens vertritt vom lig. cal.-nav. mediale den Distal-
abschnitt, weil es am ast. auf des Bandes Reibfläche artikulirt, weil es
dem verkürzten lig. cal.-nav. mediale zum Ansatz dient, weil es am
nav. an der Stelle artikulirt, wo der bei einzelnen Menschen ver-
knöcherte und selbständig gewordene homologe Bandabschnitt eine
Gelenkfläche besitzt, ferner hat des Muse, tibialis posticus Endsehne
an des Knochens proximalem Rand eine Reibfläche, eine solche Reib-
fläche besitzt ein vollständiges lig. cal.-nav. mediale an seiner Mitte,
ein in seinem Distalabschnitt verknöchertes Band aber an des Knochen-
kerns proximalem Rand, mag der Knochenkern frei oder mit dem nav.
verwachsen sein. Aber das am Biberfuss soeben beschriebene
Knöchelchen vertritt nicht allein des lig. cal.-nav. mediale Distal-
abschnitt, sondern auch einen Teil der dem Biber-nav. mangelnden Tu-
berositas medialis. Dies wird ohne weiteres klar aus folgendem: An
des nav. ganzer Medialseite zieht des überzähligen Knochens Gelenk-
fläche bis zum ti entlang, ferner trägt das ti für das Knöchelchen
eine Gelenkfläche in der Art, wie bei Arctictis und einzelnen Caniden
das ti für des nav. Tuberositas medialis, und endlich inserirt und endet
am Knöchelchen des Muse, tibialis posticus Endsehne in der Art, wie
Ueber den Säugetier-Praehallux. 173
bei vielen bisher untersuchten Tieren an des nav. Tuberositas medialis,
es fehlt also dem Biberfuss der Muse, tibialis posticus - Sehnen-
abschnitt, welcher an der nav.-Medialseite entlang ans ti zieht, an
Stelle dessen findet sich das Knöchelchen und es ist wohl zweifellos,
dass besonders dessen medialer Längswulst auf Kosten der Muse,
tibialis posticus-Endsehne entstanden ist. Mit anderen Worten beim
Biber sind des lig. cal.-nav. mediale Distalabschnitt und von der
Muse, tibialis posticus - Endsehne der mit jenem Bandabschnitt
verwachsene und am nav. entlang ziehende Teil gemeinsam ossifizirt
und zu einem seeundären Knöchelchen umgewandelt, zugleich aber
ist des Muse, tibialis posticus Endsehne auch vom t1 aus verknöchert,
sie bildet dieses Knochens Tuberositas medialis, die eine Gelenk-
fläche für das überzählige Knöchelchen trägt.
Der zweite überzählige Knochen an des Biberfusses Medial-
seite (u) liegt der tL -Tuberositas medialis gegenüber und ist zweifellos
homolog dem bei vielen Carnivoren in gleicher Lage befindlichen
Tarsalknochen (u), da er genau dieselben Charactere besitzt. Sein
Kopf (k) artikulirt mit des tx Tuberositas medialis durch eine
kreisförmige Gelenkfläche, und steht durch mehrere Bänder mit den
benachbarten Tarsalknochen in enger Verbindung, ein Band (1) ent-
springt von seinem Proximal rand und inserirt gleichzeitig am nav.
und dem erst untersuchten überzähligen Knöchelchen, ein zweites
Band verläuft von seiner Dorsalseite an das trDorsum, 2 Bänder
gehen von seiner Distalseite aus, tron diesen überquert das eine (2)
des Muse, tibialis anticus (T. ant. allein vorhandene tr Sehne, das
andere (5) endet blind und trägt eine Scheide für dir Binse, hallucis
extensor longus-Endsehne. I1 ader (1. 2, 5.) repräsentiren
zweifellos den Musc.tibialis posticus-Endsehnenast, welcher bei Tieren
mit vollständiger Sehn»' an des mts, Medialseite zieht, her Kopf
des überzähligen Knöchelchen i>t also auch am Biberfuss in diesen
Sehnenast eingelagert, wie überall dort, wo ein homologer Knochen
gefunden wird. Der beim Biber dem tt angelagerte Knochen ist
aber nicht nur diesem Sehnenzweig eingelagert, sondern hat wie bei
vielen bisher untersuchten Raubtieren einen stark verbreiterten
Plantarfortsatz (p), der in seiner ganzen Ausdehnung verknöchert
ist, und bis zum Muse, digitorum flexor sublimis erreicht, mit dem
er durch Bandfasern verbunden ist, . ferner zieht ein breites Band
(3) von des Knochens Proximalrand an des cal. -Körpers Medialseite.
Unter dem Knochen zieht der Nervus plantaris internus entlang und
ferner verwächst mit seiner LTnterseite der Muse, hallucis
flexor medialis (Ab. hal'.); daraus geht klar hervor, dass der ganze
Knochen homolog ist dem entsprechenden Knochen gewisser Raub-
tiere, dass er vertritt einen Teil des fächerförmigen Bandes des
Procyon-Fusses und des Muse, hallucis abduetor der Menschen und
Affen, denn dieser Muskel fehlt als Fusssohlenmuskel gänzlich
dem Biberfuss. Der Knochen des Biberfusses hat aber noch eine
speeifische Eigentümlichkeit. An seiner Proximalseite inserirt und
174 Gustav Tornier.
endet eine Muskelsehne (Ab. lial.), die am Malleolus internus durch
eine Scheide zieht, neben und proximalwärts vom Muse, tibialis
posticus bis zum Knochen geht und daran inserirt und endet. Zur
Erklärung der Bedeutung dieser Sehne mag folgendes dienen: Bei
allen bisher untersuchten Tieren verband sich in der Fusssohle
gegenüber der tt- Planta des Muse, digitorum flexor profundus End-
sehne mit des Muse, digitorum flexor medius Endsehne und mit dem
Muse, quadratus plantae. Am Biberfuss ist nun des Muse,
digitorum flexor profundus Endsehne in normaler Weise vorhanden,
sie verwächst in der Fussohle gegenüber der ^-Planta in normaler
Weise mit dem Muse, quadratus plantae, dagegen nimmt ein Muse,
digitorum flexor medius an dieser Verbindung nicht teil. Da nun
bei den Raubtieren mit überzähligen Knochen am tt des Muse,
digitorum flexor medius Endsehne hart unter diesem Knochen entlang-
zieht, so nahm ich früher an, dass beim Biber diese Sehne mit dem
Knochen verwachsen sei, während gleichzeitig das Stück der Sehne,
welches vom Knochen bis zum Muse, digitorum flexor profundus
reicht, verloren gegangen sei, weil es functionslos wurde. Diese
Annahme ist aber unrichtig, die Muse, digitorum flexor medius-
Endsehne ist beim Biber nicht nur zum Teil, sondern vollständig
atrophirt und die Sehne, welche beim Biber am überzähligen tx-
Knochen inserirt, gehört in facto dem Muse, abduetor hallucis an,
dieser Muskel ist allerdings bei Menschen und Affen ein kurzer
Sohlenmuskel, bei vielen anderen Tieren, wie sofort nachgewiesen
wird, aber ein langer Muskel, der in voller Ausbildung gemeinsam
mit dem Muse, digitorum flexor medius vorkommen kann.
Der Arctomys bobac- und marmota-Fuss steht in der Aus-
bildung seiner Medialseite ungemein nahe dem Biberfuss, weicht von
ihm nur in folgendem ab: Auch bei den Arctomys -Arten artikulirt
mit dem ast. das überzählige Knöchelchen, das dadurch entstanden
ist, dass des lig. cal.-nav. mediale-Distalabschnitt und von der Muse,
tibialis posticus -Endsehne die mit dem Bandabschnitt verwachsenen
und am nav. entlangziehenden Fibrillen gemeinsam ossifizirt sind,
doch hat bei den Arctomys -Arten das Knöchelchen noch keine
Gelenkfläche am nav., sondern ist mit demselben noch durch sehr
kurze Bandfasern verbunden, steht also auf der Entwicklungsstufe,
die beim Menschen individuell auftritt, wo der Knochenkern des
Ligaments ,, durch Synchondrose" mit dem nav. vereinigt ist. Bei
den Arctomys -Arten hat ferner das tx an seiner Distalseite zwei
Gelenkflächen, eine für das nav., die andere für das soeben erwähnte
Knöchelchen, es stossen hier aber diese beiden Gelenk-
flächen noch nicht direct aneinander, sondern sind durch Bandfasern
getrennt, diese Bandfasern verbinden das tx mit dem nav., endlich
ist bei diesen Individuen das dem tx angelagerte Knöchelchen noch
nicht gänzlich ossifizirt, sondern bleibt in seinem Plantarabschnitt
knorplig. Alle diese Charactere zeigen, dass bei den Arctomys-Füssen
die Ausbildung der überzähligen Knöchelchen eine weniger extreme
Ueber den Säugetier-Praehallux. 175
ist, als am Biberfuss; besonders interessant ist hierbei das Factum,
dass bei den Arctomys-Füssen der im lig. cal.-nav. mediale vor-
handene Sesamknochen immer in der Weise mit dem nav. verbunden
ist, wie dies bisweilen beim Menschen und stets bei den Menschen-
affen, aber hier nur vorübergehend in der Jugend auftritt.
Bei Aulacodus variegatus (Fig. 25) einem Nager mit kleinem
von der Haut bedecktem Daumen, hat das nav. eine ungemein grosse
Tuberositas plantaris, dagegen keine Tuberositas niedialis, es hat ferner
an seiner Distalseite nur zwei Gelenkflächen, eine für das t3, die
andere für das t2; das stark reducirte ti des Aulacodus-Fusses ist
mit dem mts2 durch Bänder auf das engste verbunden, artikulirt
am t2, dagegen gar nicht am nav. An des nav. Proximalseite ist
vorhanden die normale Facette für den ast.-Kopf; ausserdem weist
der Knochen noch an seiner Medialseite zwei überzählige Gelenk-
flächen auf, die erste derselben stösst unmittelbar an des nav. ast.-
Facette, sie ist bestimmt für das im lig. cal.-nav. mediale vorhandene
Knöchelchen (ß). Neben dieser Gelenkfläche, mit ihr zusammen-
stossend liegt die zweite überzählige Gelenkfläche des Aulacodus-
nav., die gleichfalls ausschliesslich des nav. Medialseite angehört; auf
derselben artikulirt ein zweites überzähliges Knöchelchen (/), das des
Aulacodus-Fusses Medialseite auszeichnet. Dasselbe hat ausser seiner
nav. -Facette eine Gelenkfläche für das im lig. cal.-nav. mediale vor-
handene überzählige Knöchelchen (/?), und ist mit des ti Proximal-
plantar-Ecke durch Bandfasern fast unbeweglich verbunden, eine
Gelenkfläche am ti besitzt es nicht. Dieses Knöchelchen entspricht,
wie seine Lage ergiebt, annähernd demjenigen, das bei vielen Raub-
tieren gegenüber der Articulatio nav.-ti gelegen ist, und im Maximum
seiner Ausbildung sowohl am ti wie nav. artikulirt; es unterscheidet
sich von ihnen aber dadurch, dass es nicht nur der Articulatio nav. -
ti gegenüberliegt, sondern über dieselbe hinaus am nav. entlang
zieht, d. h. es vertritt auch die nav.-Tuberositas niedialis gewisser Tiere.
— Das bei Aulacodus im lig. cal.-nav. mediale vorhandene über-
zählige Knöchelchen (ß) weicht von der normalen Form nicht ab,
es artikulirt am ast. auf der Reibfläche des lig. cal.-nav. mediale
(r), am nav. an der Stelle, die sonst den Fibrillen des lig. cal.-nav.
mediale zur Insertion dient, es hat eine Gelenkfläche für das
zweite Sesambein (?) der medialen Fussseite, wie beim Biber für
das t1 und trägt endlich an seiner Medialseite eine Reibfläche für
die Sehne des Muse, tibialis posticus. Diese Sehne setzt sich dann
vorwiegend an das erste Sesambein (0), geht aber mit einer grossen
Anzahl von Fibrillen über dasselbe hinweg, umhüllt mit ihnen das
zweite Knöchelchen (/) und inserirt mit ihnen an demselben und an des
tx Plantar -medial -Ecke. Es zeigt sich hier wiederum, dass das
Knöchelchen (/) eine Einlagerung in die Fibrillen der Muse, tibialis
posticus -Endsehne darstellt.
Am Aulacodus variegatus-Fuss ist gegenüber der tl -Medialseite
ein überzähliges Knöchelchen nicht vorhanden, es verläuft hier des
176 Gustav Tornier.
Muse, tibialis posticus mtSj-Ast in normaler Weise, aber sehr
schwach ausgebildet, an die mtSi-Basis, von dem Sehnenast geht ein
blind endender starker Zweig aus, welcher scheinbar ausschliesslich von
dem Sesambein im lig. cal.-nav. mediale entspringt und in normaler
Weise eine Scheide für den Muse, hallucis extensor longus trägt.
Sonst ist über den Aulacodus-Fuss noch folgendes zu bemerken, die
Muse, digitorum flexor medius-Endsehne ist in normaler Weise vor-
handen und verwächst gegenüber der tt -Planta mit der Muse,
digitorum flexor profundus-Endsehne ; drittens ist wichtig, dass bei
Aulacodus variegatus des Muse, hallucis extensor longus Endsehne
nicht an den rudimentären Finger verläuft, sondern an den d2; es
könnte dies zu dem Irrtum Veranlassung geben, es sei die Muse,
hallucis extensor longus-Endsehne an den d2 „hinübergerückt", eine
solche Annahme wäre unrichtig, denn bei Dactylomys amblyonyx hat
der Muse, hallucis extensor longus zwei Endsehnen, von denen die eine
an den dis die andere an den d2 verläuft; es ist bei Aulacodus also
eine von diesen Sehnen atrophirt und zwar die ti-Sehne.
Der Aulacodus variegatus -Fuss bietet die beste Grundlage für
die Erklärung der bei den Rodentia subungulata vorhandenen spe-
eifischen Fuss-Charactere :
Coelogenys paca (Fig. 26) hat wie Aulacodus am Fuss
5 Zehen, von denen die erste deutliche Spuren der Verkümmerung
aufweist, das nav. dieses Tieres stimmt auffällig mit dem des
Aulacodus überein, es hat eine ungemein grosse Tuberositas plantaris,
dagegen keine Tuberositas medialis, an seiner Proximalseite findet
sich, wie gewöhnlich, die Gelenkfläche für den ast., an seiner Distal-
seite sind dagegen wie bei Aulacodus nur zwei Gelenkflächen, eine
für das t3, die andere für das t2, es fehlt also hier die ti-Facette.
An des nav. Medialseite finden sich wie bei Aulacodus zwei über-
zählige Gelenkflächen, die erste, welche unmittelbar an des nav.
ast. -Facette stösst, ist zur Artikulation mit dem im lig. cal.-nav.
mediale vorhandenen Knöchelchen (ß) bestimmt. Dieses Knöchelchen
hat Gestalt und Verbindung wie der homologe Knochen am Aula-
codus-Fuss. Die bei Coelogenys paca an des nav. Medialseite vor-
handene zweite überzählige Gelenkfläche berührt unmittelbar die
eben genannte Facette und reicht bis zu des Knochens t2 -Facette,
sie stimmt also in Form und Lage mit der am Aulacodus-Fuss vor-
handenen zweiten überzähligen Gelenkfläche überein; aber an dieser
Gelenkfläche artikulirt bei Coelogenys paca nicht ein selbständiges
überzähliges Knöchelchen (r), das dem ti angelagert ist, sondern das
ti selbst. Bei den Menschen, sämmtlichen Affen und Raubtieren
liegt des ti Proximalseite in einer Ebene mit des t2 und ts Proximal-
seite und artikulirt infolge dessen wie sie an des nav. Distalseite,
auch bei Aulacodus variegatus liegen der drei Tarsalia Proximalseiten
in einer Ebene, obschon hier das ti nicht mehr an des nav. Distal-
seite eine Gelenkfläche besitzt, ausserdem ist bei Aulacodus noch
dem ti an seiner Proximal-plantar-Ecke ein selbständiges Knöchelchen
Ueber den Säugetier- Praehallux. 177
(7) angelagert, welches das tx in proximaler Richtimg überragt, sich
an des nav. Medialseite legt und an derselben sowie an den
Knöchelchen (ß), das im lig. cal.-nav. mediale liegt, ein Gelenk bildet.
Das Coelogenys paca-ti reicht in proximaler Richtung weit über des
t2 und t3 Proximalseite hinaus, es schiebt sich in Folge dessen an
des nav. Medialseite entlang und artikulirt dort an des nav. zweiter
überzähliger Gelenkfläche, die bei Aulacodus für das dem ti ange-
lagerte überzählige Knöchelchen (r) bestimmt ist. Der Fortsatz, mit
welchem das Coelogenys-t i an des nav. Medialseite entlang zieht, ist
gegenüber dem ti -Körper von auffälliger Zartheit und macht den
Eindruck einer Tuberositas, er artikulirt ausserdem noch an dem
überzähligen Knöchelchen (ß), das bei Coelogenys paca im lig. cal.-
nav. mediale liegt, während bei Aulacodus das dem ti angelagerte
Knöchelchen eine entsprechende Gelenkfläche trägt, dagegen hat auch
bei Coelogenys paca das ti keine GelenkHäche für des nav. Distal-
seite. — Aus der Vergleichung geht mit Sicherheit hervor, dass der
bei Coelogenys paca am ti vorhandene, proximalwärts vorspringende
Knochenteil, der am nav. und dem überzähligen Knöchelchen des
lig. cal.-nav. mediale artikulirt, homolog ist dem am Aulacodus-Fuss
vorhandenen Knöchelchen, das dem tj an der Plantar-medial-Ecke
angelagert ist und gleichfalls am nav. und lig. -cal.-nav. -mediale-
Knöchelchen artikulirt. Würde hier das Knöchelchen mit dem ti
verwachsen, so würde bereits bei Aulocodus das t] die Form nut-
weisen, die es am Coelogenys paca-Fuss besitzt. Mau ist daher
sehr berechtigt anzunehmen, dass umgekehrt das Coelogenys paca-t!
auf diese Weise aus einem Aulacodus-gleichen t , und dem damit
verbundenen überzähligen Knöchelchen (r) entstanden ist. Da aber
das Knöchelchen (r) demjenigen Muse, labialis posticus-Sehnenast ent-
spricht, der an des nav. Medialseite entlang zum t, zieht, ist aller-
dings noch die Möglichkeit vorhanden, dass bei Coelogenys paca
dieser Sehnenast direkt vom t, aus ossifizirt ist.
Der Muse, hallucis abduetor ist am Coelogenys paca-Fuss binde-
gewebig, was nicht weiter wunderbar ist, da der zugehörige erste
Finger fast rudimentär geworden ist. Der Muse, hallucis extensor
longus geht am Coelogenys-Fuss wie bei Aulacodus an den d2.
Hydrochoerus capyba ra, Cavia cobaya und aperea stehen
in der Ausbildung ihrer medialen Fussseite genau auf der Ent-
wicklungsstufe des Coelogenys paca-Fusses, obgleich bei allen der
erste Finger bis zum tt rudimentär geworden ist.
Bei einem Hydrochoerus-Fötus von beträchtlicher Grösse ist das
beim erwachsenen Tier im lig. cal.-nav. mediale befindliche Knöchelchen
bereits knorplig vorgebildet, der ganze Fuss hat die Structur des er-
wachsenen, nur sind seine Knochen noch knorplig.
Bei einem Embryo von Cavia cobaya fand Baur das spätere
Knöchelchen des lig. cal.-nav. mediale bereits als Knorpelkern vor-
gebildet und schliesst daraus, dass das Knöchelchen ein primäres sei
und dem Tibiale des Amphibienfusses entspreche. Ueber den Wert
Avch. f. Natuigesch. Jahrg. 1891. Bd.I. H.2. l'_>
178 Gustav Tornier.
der Ontogenese zur Erklärung phylogenetischer Fussfragen ist be-
reits an anderer Stelle ausführlich abgehandelt worden. Baurs
Annahme, dass das Knöchelchen ein ,,Tibiale" sei, wird von ihm
durch keine Beweisführung gestützt, es wird sich auch schwerlich
dafür ein Beweis finden lassen. Da nachgewiesen ist, dass das
Knöchelchen secundär entsteht, fällt ohnehin die Baur'sche Annahme.
Der Dasyprocta aguti-Fuss steht in der Ausbildung seiner
Medialseite sehr nahe denjenigen der bisher untersuchten Rodentia
subungulata; geht aber in einigen Characteren über dieselben
hinaus; dies zeigt sich in folgendem: Auch am Dasyprocta-Fuss ist
der dx bis auf das tl gänzlich verschwunden, das tx ist aber ausser-
dem noch mit der mts2-Basis völlig verwachsen und bildet eine Art
Fortsatz an derselben, während bei den anderen Halbhufpfötlern das
ti nur durch straffe Bandfasern mit der mts2- Basis verbunden ist.
Ferner schiebt das Dasyprocta-ti einen Fortsatz an des nav. Medial-
seite vor, und artikulirt mit dem im lig. cal.-nav. mediale vorhandenen
Knöchelchen, es artikulirt aber nicht mehr mit des nav. Medialseite
wie bei den anderen Hufpfötlern. Während also bei Aulacodus und
den bisher untersuchten Rodentia subungulata das Rudimentärwerden
des ti sich darin zeigte, dass der Knochen seine Gelenkfläche an
des nav. Distalseite verlor, hat das bei Dasyprocta noch stärker
reducirte ti auch seine Gelenkfläche an des nav. Medialseite ein-
gebüsst. In allen anderen Characteren stimmen die Rodentia sub-
ungulata-Füsse an ihrer Medialseite mit einander überein.
Bei Dactylomys amblyonyx ist vom lig. cal.-nav. mediale
der Distalabschnitt in ein selbständiges Knöchelchen umgewandelt,
dasselbe artikulirt mit des nav. Medialseite, liegt aber nicht nur
wie bisher an des Fusses Medialseite, sondern reicht weit in die
Fussplanta hinein, es drängt sich hier gewissermassen in den Zwischen-
raum zwischen des nav. Plantarseite und des sustentaculum tali
Medialrand und bildet mit des nav. ast. -Facette eine fast geschlossene
haikugelige Concavität für den ast.-Kopf. Des Knochens Vergrösserung
ist natürlicherweise nicht auf Kosten des lig. cal.-nav. mediale ge-
schehen, denn das viel kleinere Knöchelchen des Hydrochoerus-
Fusses nimmt bereits des Bandes ganze Breite ein, sondern sie
kommt auf folgende Weise zu Stande: Das lig. cal.-nav. plantare
entspringt am Hydrochoerus-Fuss mit einem starken Faserzug vom
cal.- Körper zwischen vorderer und medialer Facette und zieht
zwischen nav. und sustentaculum tali an des im lig. cal.-nav.
mediale liegenden Knochenkerns Plantarseite, mit welcher es ver-
wächst. Bei Dactylomys amblyonyx ist dieses Fibrillenbündel vom
Knöchelchen aus zum Teil ossifizirt und erzeugt dadurch dessen
Plantarausbuchtung. Des Muse, tibialis posticus Endsehne hat bei
Dactylomys an des Knochens Medialseite eine Reibfläche und inserirt
dann an demselben. Höchst wichtig ist es, dass das Knöchelchen
ausser dieser Reibfläche an seiner Plantarseite noch eine für des
Muse, digitorum flexor medius Endsehne besitzt; da diese Sehne
Ueber den Säugetier-Praehallux. 179
mehr lateralwärts in die Fusssohle verläuft als die Muse, tibialis
posticus-Endsehne, so ist damit zugleich der Beweis geliefert, dass
der Knochen in plantar-lateraler Richtung stark verlängert sein
muss, denn bei anderen Tieren reibt die Sehne, nachdem sie an des
sustentaculum tali Medialrand entlang gezogen ist, an des Kg. cal-
nav. plantare Plantarseite. Des Muse, digitorum flexor medius End-
sehne verwächst dann gegenüber der ti-Basis mit des Muse, digitorum
flexor profundus Endsehne.
Der Muse, tibialis posticus-Endsehne mtSj-Ast, entspringt bei
Dactylomys als Band von dem auf Kosten des Hg. cal.-nav. mediale
entstandenen Knöchelchen und zieht über des Muse, tibialis anticus
Endsehne hinweg an das mtsx. Von dem Sehnenast entspringt ein
blind endender Zweig mit der Scheide für die Muse, hallucis extensor
longus-Endsehne. An der Stelle, wo dieser Zweig aus dem Sehnen-
ast entspringt, liegt ein kleines Knöchelchen im Sehnenast, das dessen
Verlauf nicht im geringsten unterbricht und darstellt das dem tt
angelagerte überzählige Knöchelchen, welches hier also nur die Grösse
hat, die es am Procyon-Fuss erreicht.
Die Muse, tibialis anticus-Endsehne geht bei Dactylomys am-
blyonyx vorwiegend an des t! Medialseite, mit einigen wenigen Fasern
auch an die mtSi-Basis. Vorhanden ist ferner am Dactylomys-Fuss
ein normaler Muse, hallucis flexor medialis, sowie das darunter
liegende Muskelchen, das des nav. Tuberositas plantaris mit der
mts^Basis verbindet, ausserdem ein sehnig gewordener Muse, hallucis
abduetor. Endlich verläuft am Dactylomys amblyonyx-Fuss des Muse,
hallucis extensor longus Endsehne in durchaus normaler Weise an
den Fuss, spaltet sich jedoch drv mtSj -Basis gegenüber in zwei Sehnen-
äste, von denen der eine an des mts8 -Medialseite entlangläuft bis
zur Fingerspitze, während der andere auf dem dt -Rücken entlang-
zieht bis zu des di phalanxn; hieraus wird es klar, woher es kommt.
dass bei einigen Nagern der Muskel, welcher von den Anthropotomen
Muse, hallucis extensor longus genannt wird, im Widerspruch mit
diesem Namen nur am dL> inserirt.
Cricetomys gambianensis besitzt an seines Fusses Medial-
seite das auf Kosten des lig. cal.-nav. mediale in dessen Distalabschnitt
entstandene überzählige Knöchelchen, dasselbe artikulirt am nav. so-
wie amtj, seine Gelenkfläche für das ti ist nur klein, ausserdem
gelenkt das ti an des nav. Medialseite. An dem Knöchelchen inserirt
und endet ausserdem des Muse, tibialis posticus Endsehne, nachdem
sie an seinem Proximalrand in einer Reibfläche entlanggezogen ist.
In seiner Musculatur weicht der Cricetomys-Fuss von der nor-
malen Form nicht ab, seine Muse, tibialis anticus-Endsehne inserirt vor-
wiegend am t^, daneben aber auch an des Fusses mtSi -Basis. Der Muse,
hallucis extensor longus hat nur die Endsehne für den dj . Vorhanden
sind ferner an ihm in normaler Weise der Muse, hallucis flexor
medialis und lateralis sowie der Muse, digitorum flexor profundus,
12*
180 Gustav Tornier.
dessen Endsehne in normaler Weise verwächst mit der Muse,
digitorum flexor medius- Endsehne.
Sehr wichtig ist, dass am Cricetomys gambianensis-Fuss von der
Muse, tibialis posticus- Endsehne der mtSj-Ast in typischer Aus-
bildung vorhanden ist, er verläuft als „Band" von dem überzähligen
Knöchelchen im lig. cal.-nav. mediale, an dessen Medialseite ent-
springend, überquert des ti ganze Medialseite, des Muse, tibialis
anticus Endsehne und inserirt an der mts i - Basis ; es sendet ferner
in normaler Weise einen blind endenden Zweig aus, welcher die
Scheide für die Muse, hallucis extensor longus- Endsehne trägt. An
der Stelle wo dieser Fibrillenzweig vom Sehnenast ausgeht, liegt bei
vielen bisher untersuchten Tieren das dem tt angelagerte Knöchelchen,
wenn es im Minimum seiner Entwicklung vorhanden ist; dem Crice-
tomys gambianensis-Fuss fehlt dasselbe vollständig, die Bandfibrillen
werden weder durch einen Knochen- noch durch einen Knorpelkern
unterbrochen. Durch diesen Fusscharacter zeichnet sich Cricetomys
gambianensis in hervorragendster Weise aus, denn nur sehr wenigen
fünfzehigen Nagern fehlt das dem ti angelagerte Knöchelchen voll-
ständig.
Die Kaninchen-Füsse besitzen an ihrer Medialseite keinen über-
zähligen Knochen, noch solche Knochenteile, welche als Prähallux-
reste gedeutet werden können. Dies hat bereits Winge constatirt.
Die Structur des Kaninchenfusses ist folgende: Er hat ein voll-
ständiges lig. cal.-nav. mediale, das am ast.-Kopf eine Reibfläche
besitzt, sein nav. weist zwar eine enorm grosse Tuberositas
plantaris dagegen gar keine Tuberositas medialis auf, sein ti hat
nur eine Gelenkfläche für das nav., das ti ist untrennbar mit dem
mts2 verwachsen, der di fehlt vollständig bis auf das tL Es fehlt
dem Kaninchenfuss ferner der Muse, hallucis extensor longus,
während sein Muse, tibialis posticus nur in dem Teil vorhanden ist,
der vom Malleolus internus abwärts zieht, wie dies der Fall ist bei
fast allen Säugetieren, die extreme Lauforganismen sind: Vom
Malleolus internus plantarwärts ist die Sehne vollständig ausgebildet,
sie zieht über das lig. cal.-nav. mediale und mit ihm verwachsen an
das sustentaculum tali, dann an des nav. Medialseite entlang, ferner
über des ti ganze Medialseite, sowie über des Muse, tibialis anticus
allein vorhandene mtsi -Sehne bis zur mtsi -Basis; sie erleidet also
in ihrem Plantar- Verlauf nirgends eine Unterbrechung. Vorhanden ist am
Kaninchenfuss ferner ein normaler Muse, digitorum flexor profundus,
der vier Sehnenäste an die vorhandenen vier Finger sendet, über ihm
liegt der Muse, digitorum flexor sublimis, mit gleichfalls 4 Sehnen
für die vier Finger. Neben dem profundus verläuft am Kaninchen-
fuss ein merkwürdiger Muskel, dessen Sehne am Malleolus internus
durch die Scheide des Muse, digitorum flexor medius in die Fuss-
sohle tritt, die Sehne geht dann dicht an den Tarsalknochen entlang
distalwärts, verwächst aber nicht mit dem Muse, digitorum flexor
profundus, wie dies gewöhnlich der Muse, digitorum flexor medius
Ueber den Säugetier-Praehallux. 181
tut, sondern geht neben demselben her an den d2 Articulatio
mts2-d2,i. Ueber der Sehne zieht der Nervus plantaris internus in
normaler Weise an den Fuss und über dem Nervus plantaris internus
breitet sich aus ein normales fächerförmiges Band, das entspringt
gegenüber der tj -Medialseite an der Muse, tibialis posticus-Endsehne
und quer in die Fusssohle hineinzieht zur Insertion an den Muse,
digitorum riexor sublimis. Die Lage des erwähnten selbständigen
d2 -Muskels beweist, das derselbe ein wirklicher Muse, digitorum
flexor medius ist. Wie aber seine Sehne zu ihrer Selbständigkeit
gelangt ist, ist mir nicht klar und bedarf weiterer vergleichender
Untersuchungen: Die Sehne hat entweder überhaupt keine Ver-
bindung mit dem Muse, digitorum flexor profundus gehabt, wie dies
bisweilen vorkommt, oder aber sie ist seeundär selbständig geworden ;
die Verbindimg der beiden Sehnen ist ja überhaupt eine sehr variable
und mannigfaltig;', wie bereits von E. Schnitze: Zeitschrift für wissen-
schaftliche Zoologie 1867. S. 1 nachgewiesen worden ist.
Die untersuchten Hasenfüsse stimmen alle bis auf einen mit
den untersuchten Kaninchenfiissen anatomisch aufs genaueste iiber-
ein, es findet sich auch an ihnen ein wohlausgebildetes fächer-
förmiges Band, das gegenüber der tj-Medialseite von der Muse,
tibialis posticus-Endsehne entspringt und am Muse, digitorum ö< xor
sublimis inserirt. Bei einem einzigen der untersuchten Basen ist aber
ein grosser Teil dieses Bandes ersetzt durch »'inen Knochenkern, d
Kopf gegenüber der t t-Medialseiti in die Muse tibialis posticus-
Endsehne eingelagert ist. während sein Plantarabschnitt in dem
fächerförmigen Bande liegt. Unter diesem Knochen verläuft der
Nervus plantaris internus und der Muskel des Passes, welcher als
Muse, digitorum flexor medius zu deuten ist. Die Lage dieses über-
zähligen Knöchelchen beweist unwiderleglich, da elbst lmmolog
ist dem Knochen, welcher bei vielen der bisher untersuchten Tiere
der t, -Medialseite gegenüber liegt. Da er an Basenfüssen individuell
auftritt und an jungen Kaninchen- um\ Basenfüssen nicht vorhanden
ist, so ist es zweifellos, dass er eine seeundäre Bildung ist und daraus
ist mit Sicherheit zu schliessen, dass er auch bei den Tieren, wo
er immer vorkommt, eine seeundäre Bildung ist.
Habrecoma Benett i unterscheidet sich an ihres Kusses Me-
dialseite nur dadurch von Dactylomys amblyonyx, dass bei ihr das
im lig. cal.-nav. mediale entstandene überzählige Knöchelchen (ß)
noch weiter plantarwärts entwickelt ist und zwischen des nav.
Plantarrand und des Sustentaculum tali Distalseite bis zum cal.-
Körper reicht.
Die von mir ferner untersuchten Nagetierarten Ileliophobius
argentatus, Dipus sagitta, Georhychus capensis, Sciurus
vulgaris bieten in Betreff der sogenannten Prähalluxrudimente
nichts wesentlich neues:
Heliophobius argentatus steht in der Ausbildung seiner medialen
Fussseite auf der Entwicklungsstufe, die derjenigen des Biberfusses
entspricht.
132 Gustav Tornier.
Dipus sagitta besitzt nur drei vollständig entwickelte Fussfinger,
deren mts. verwachsen sind. Vom ersten Finger ist nur das t± vor-
handen, verwachsen mit dem mts2. Der Muse, hallucis extensor
longus fehlt bei Dipus sagitta, seines Muse, tibialis anticus Endsehne
inserirt zweifellos am tl5 obgleich dies nicht genau zu bestimmen ist
wegen der Verwachsung des tt mit dem mts2. Am Dipus sagitta-
Fuss ist ferner das lig. cal.-nav. mediale in seinem Distalabschnitt
verknöchert. Das Knöchelchen artikulirt an des nav. Tuberositas
medialis, dagegen nicht mit dem tl5 das nur eine Gelenkfläche für
das nav. besitzt. Der Muse, digitorum flexor profundus und der
Muse, digitorum flexor medius sind in normaler Weise vorhanden
und verwachsen mit einander der t^Basis gegenüber. Der VMedial-
seite gegenüber liegt kein überzähliges Knöchelchen; es fehlt dem
Fuss der Muse, hallucis abduetor, weil die erste Zehe verschwunden
ist, und infolge dessen tritt der Nervus plantaris internus nach
Entfernung der Haut unbedeckt zu Tage. Im übrigen besitzt der
Dipus sagitta-Fuss an seiner Planta eine wahre Mustersammlung
von überzähligen Knöchelchen, 3 Stück nämlich, von denen wohl
niemand im Ernste behaupten wird, dass sie Fingerrudimente oder
dem Säugetierfuss fehlende primäre Tarsalknochen seien, da sie
sämmtlich den mts.-Basen gegenüberliegen, resp. an denselben arti-
kuliren, also gänzlich der Fussplanta angehören. Sie sind Ver-
knöcherungen des Bandes, welches von den Tarsalknochenplanten an
die mts.-Basen zieht und die Scheide für die Muse, peroneus longus-
Sehne bildet. Analoge Verknorpelungen der entsprechenden
Bandabschnitte sind an den Leporiden-Füssen zu finden, sie bereiten
an diesen Füssen die Entstehung jener seeundären Knöchelchen vor.
Bei Pseudostoma bursarium ist das lig. cal.-nav. mediale in
seinem distalen Abschnitt verknöchert, der Knochenkern artikulirt
am ast., nav. und t±. Das der tt- Medialseite angelagerte über-
zählige Knöchelchen fehlt diesem Fuss.
Der Sciurus vulgaris-Fuss hat an seiner Medialseite Charactere,
die denen des Biberfusses sehr nahe kommen, es sind an ihm vor-
handen das überzählige Knöchelchen im lig. cal.-nav. mediale und
ebenso das der tt- Medialseite anliegende, das letztere besitzt einen
Kopf und einen eigentümlichen, an seinem Ende knopfartig ver-
dickten Plantarteil (Fig. 42 u.), derselbe ist ossifizirt. Am Sciurus
vulgaris-Fuss inserirt des vollständigen Muse. hallucis abduetor Zwischen-
sehne (Fig.22ss) an dem überzähligen tj-Knochen, während des Muskels
fleischiger Fusssohlenbauch verwachsen mit dem Muse, hallucis brevis
vom Knöchelchen entspringt. An dieses Fusses Medialseite kommen
ferner zwei seltenere Sehnenverknöcherungen vor: Die eine findet sich
in der Muse, digitorum flexor profundus-Endsehne und artikulirt an
des Sustentaculum tali Planta, eine ebenso starke Verknöcherung
hat die Muse, tibialis anticus-Endsehne und zwar unmittelbar plantar-
wärts von ihrer im lig. cruciatum liegenden Scheide.
üeber den Säugetier-Praehallux. 183
Am Rhizomys sumatrensis- Fuss hat der Muse, hallucis
extensor longus nur die dx -Sehne, der Muse, tibialis anticus inserirt
am ti und mtsl5 im lig. cal.-nav. mediale ist der distale Abschnitt
in das bekannte überzählige Knöchelchen umgewandelt, dasselbe
artikulirt mit dem nav. und ti, an ihm inserirt und endet des Muse.
tibialis posticus Endsehne. Das ti artikulirt ausserdem noch am
nav. Ferner ist bei Rhizomys sumatrensis vorhanden ein zweites
überzähliges Knöchelchen, das entschieden homolog ist demjenigen,
welches bei anderen Nagern der ti Medialseite gegenüberliegt, denn
es besitzt dessen sämmtliche Charactere : von ihm entspringt ein blind
endendes Bändchen mit der Scheide für des Muse, hallucis extensor
longus Endsehne, es steht durch Bänder mit der mtsj -Basis in
Verbindung, mit seiner Unterseite verwächst der Muse, hallucis
fiexor medialis und unter ihm zieht der Nervus plantaris internus
dahin. Bei Rhizomys sumatrensis artikulirt dieser Knochen aber
nicht amt] wie bei allen bisher untersuchten Tieren, sondern an
dem überzähligen Knochen der in des lig. cal.-nav. mediale
distalem Abschnitt entstanden ist. Was aber noch wichtiger
ist: am Rhizomys sumatrensis-Fuss spaltet sich des Muse, digitorum
fiexor medius Endsehne nach ihrem Durchtritt durch ihre Malleolus
internus-Scheide in zwei Aeste, von denen der eine in normaler
Weise verwächst mit der Muse, digitorum fiexor profundus-Endsehne
gegenüber der t3 -Basis, der zweite Ast zieht au des Fusses über-
zähliges Tarsalknöchelchen, welches einen Muse, hallucis abduetor-
Abschnitt vertritt, an dessen Ober (medial) seite inserirt und endet er.
Der Rhizomys Bumatrensis-Fuss lehrt ;ils<» unwiderleglich, dass der
Muse, digitorum fiexor medius nicht, wie Winge und ich früher zu-
genommen haben, hei einigen Tieren mit der Muse digitorum flexor
profundus Endsehne verwächst, bei anderen an dem überzähligen
Knöchelchen inserirt, welches der tx -Medialseite nnirelagert ist, sondern
dass für beide Fusspartien getrennte Sehnen vorhanden sind; ist an
einem Fuss nur eine dieser beul en Seimen vorhanden, so ist die
andere atrophirt. Beide Sehnen gehören aber in facto nicht einem
einzigen Muskelbauch an, sondern zweien, die nur bei Rhizomys
sumatrensis vollständig mit einander verwachsen sind, bei anderen
Tieren völlig getrennt vorkommen.
Die osteologischen Charactere, die am Rhizomys sumatrensis-Fuss
ihre erste Ausbildung erfahren, zeigen am Fuss der kletternden
Hystriciden das Maximum ihrer Entwicklung: Bei Erethizon dor-
satum (Fig. 48 hchematisirt) besitzt das nav. normale Ausbildung,
an seiner Distalseite trägt es drei Gelenkflächen für die 3 Tarsalia,
an seiner Proximalseite wie gewöhnlich die Gelenkfläche für den ast.,
an seiner Medialseite hat es keine Tuberositas medialis, dagegen eine
überzählige Gelenkfläche, an derselben artikulirt ein sehr grosses
überzähliges Knöchelchen (en-ea), das auf Kosten des lig. cal.-nav.
mediale entstanden ist und zugleich die nav. -Tuberositas medialis
vertritt, dasselbe gelenkt wie gewöhnlich am ast. -Kopf (bei r) und
ebenso mit des tt Tuberositas medialis (et) in einer sehr grossen Gelenk-
184 Gustav Tornier.
fläche, ferner an der nav. -Medialseite aber nur mit seinem proximalen
Abschnitt (ea), welcher dem ursprünglichen Distalabschnitt des lig. cal.-
nav. mediale entspricht, der die nav.-Tuberositas medialis darstellende
Knochenteil (en) artikulirt nicht am nav. Des Tieres ti-Tuberositas
medialis überragt, obgleich sie an dem im lig. cal.-nav. mediale
entstandenen überzähligen Tarsalknochen artikulirt den tj-Körper
nicht in proximaler Richtung und schiebt sich deshalb auch nicht an
der nav. Medialseite entlang, dadurch weicht sie von der tt-Tuberositas
medialis der übrigen Nager sehr wesentlich ab. An dem Knochen inserirt
und endet des Muse, tibialis posticus Endsehne, darin stimmt dieser
Knochen mit vielen anderen homologen durchaus überein. Er trägt
aber ausserdem noch an seiner Medialseite zwei Gelenkflächen, von
denen die eine vertikal steht, während die andere einen wulstartigen
Vorsprung zur Unterlage hat und horizontal liegt. An diesen zwei
Gelenkflächen artikulirt ein überzähliges Knöchelchen von pilzartiger
Form mit seinem verschmälerten Stiel (Fig.48u); dasselbe hat folgende
Form und Verbindung mit den benachbarten Tarsalelementen. Es steht
mit der nav.-Tuberositas plantaris sowie mit dem nav. -und tr
Dorsum durch Bandfasern in engster Verbindung, von seiner Distal-
seite entspringen ein blindendendes Bändchen, welches die Scheide
für den Muse, hallucis extensor longus trägt; mit seiner Lateralseite ver-
wächst der Muse, hallucis flexor medialis, von seiner Plantarseite verlaufen
Bandfasern an den Muse, digitorum flexor sublimis und an seiner
Proximalseite inserirt und endet die Muskelsehne, welche von mir
als des Muse, abduetor hallucis Zwischensehne (ss) bezeichnet worden ist.
Unter dem Knochen zieht der Nervus plantaris internus in die Fuss-
sohle, dagegen fehlt dem Erethizon-Fuss die Muse, digitorum flexor
medius-Endsehne. Die Vergleichung lehrt, dass der Knochen zweifel-
los homolog demjenigen ist, der bei vielen der bisher untersuchten
Individuen der tj-Medialseite gegenüberliegt und vertritt also ent-
weder einen Abschnitt des fächerförmigen Bandes gewisser Säugetiere
oder einen Muse, hallucis abduetor- Abschnitt der anderen; er unter-
scheidet sich von den homologen Knochen dadurch, dass er nicht an
des t, Medialseite inserirt, sondern wie bei Rhizomys sumatrensis an
dem überzähligen Knochen, der im lig. cal.-nav. mediale entstanden
ist. Es entsteht nun die Frage, woher kommt es, dass das über-
zählige Knöchelchen, welches einen Muse, hallucis abduetor- Abschnitt
vertritt, bei den meisten der damit versehenen Tiere an des tl
Medialseite artikulirt, während er bei Rhizomys sumatrensis und
Erethizon an dem im Hg. cal.-nav. mediale entstandenen überzähligen
Kuöch eichen gelenkt? Diese Frage kann erst dann beantwortet
werden, wenn eine dritte Lage des Knochens besprochen worden ist.
Ferner ist festzustellen, woher es kommt, dass die bei Erethizon an
des Fusses Medialseite vorhandenen überzähligen Knöchelchen durch
zwei Gclenkflächen mit einander artikuliren, während die homologen
Knochen des Rhizomys sumatrensis-Fusses nur eine solche besitzen.
Ueber den Säugetier-Praehallux. 185
Insectivoren, Beuteltiere und Edentaten.
Die Insectivoren lehren in Betreff der angeblichen Prähallux-
rudimente nichts neues, mit Ausnahme des Igels: Der Igel besitzt
an seines nav. Medialseite einen kleinen proximalen Anhang, der
wie alle homologen nav. -Anhänge dadurch entstanden ist, dass des
zugehörigen lig. cal.-nav. mediale distaler Abschnitt ossifizirt und mit
dem nav. verwachsen ist: er springt aus dem nav. -Körper unter
Erzeugung eines Winkels mit scharf markirter Scheitellinie proximal-
wärts vor, behält also eine gewisse Selbständigkeit und artikulirt
wie gewöhnlich mit des ast.-Kopfes Reibfläche für das lig. cal.-nav.
mediale. An dem Fortsatz inserirt und endet des Muse, tibialis
posticus Endsehne. — Dem Igelfuss fehlt vollständig das überzählige
Knöchelchen, welches, wem] es vorhanden ist. einen Muse, haüucis
abductor-Abschnitt vertritt, desgleichen mangelt dem Igelfuss gänzlich
der Muse, digitorum flexor tnedius. Sein- interessant ist nun. dass am
Igelfuss der Muse, hallucis abduetor als langer ununterbrochener
Muskel auftritt, dessen Fusssohlenabschnitt allerdings nicht mehr
muskulös, sondern sehnig gestaltet i^t . Der Muskel tritt mit einer
Kndsehne am Maüeolus internus durch die Scheide, welche s<inst der
Muse, digitorum flexor medius-Endsehne als Rinne dient, verbreitert
sich dann zu einer Fibrillenplatte, die inserirt am cal.-Körper und
Muse, digitorum flexor subfimis- Muskelbauch, sowie an des nav.
und t, Medialseite ; sie verwächst endlich untrennbar mit dem Muse,
hallucis flexor medialis; unter dieser Fibrillenplatte zieht ^\<'v Nervus
plantaris internus daliin. Der Igelfuss beut ist somit unwiderleglich,
dass der Muse, hallucis abduetor ur prünglich ein langer Muskel ist,
dessen langer Bauch und dessen Zwischensehne mit dem der t,-
Medialseite anliegenden Knöchelchen nichts zu tun haben, denn sie
finden sich auch an Füssen, denen ein Bolcher Knochen vollständig
fohlt. Aber nicht bei allen Tieren bleibt der Muse, hallucis abduetor
ein langer Muskel, bei vielen hat er seinen Tibialabschnitt eingebüsst
und ist ein kurzer Sohlenmuskel geworden. Dass an den Gliedmassen
eine Anzahl ursprünglich langer Muskeln im Verlauf der Phylogene e
secundä'r in kurze Muskeln verwandelt werden, i>t .ine bereits von
Gadow erkannte und ausgesprochene Tatsache, am einfachsten und
klarsten wird dies bewiesen durch den Muse. digitorum flexor sublimis,
derselbe präsentirt sich am Menschenfuss ;ils kurzer Muskel, welcher
fleischig von der Ferse entspringt und mit Endsehnen an die ein-
zelnen Fussfinger verläuft. Bereits bei den Affen ist er ein langer
Muskel, (]w fleischig vom Femur ontspringt, mit einer Zwischensehne
an der Ferse durch einen Sulcus verläuft, er -wird dann wieder
fleischig und endet mit Endsehnen an den Fingern wie bei den
Menschen. Bei den Wiederkäuern ist er gleichfalls ein langer Muskel,
zieht mit einer Zwischensehne an der Ferse durch einen Sulcus, wird
dann aber nicht mehr fleischig, sondern bleibt ein Sehnenstrang der
mit Aesten an die einzelnen Finger verläuft. Dieser Muskel weist
186 Gustav Tornier.
also Modifieationen auf, die denen des Muse, hallucis abduetor aufs
allergenaueste entsprechen und deren Entstehung mithin aufs beste
illustriren.
Condilura cristata, Talpa wogura, Scalops aquaticus
entsprechen in der Ausbildung der nav.- und tt- Medialseite dem
Igel, doch lässt sich bei Condilura des Muse, tibialis posticus End-
sehne bis zur tj -Tuberositas medialis verfolgen. Alle drei Tiere unter-
scheiden sieh dadurch vom Igel, dass ihrer ti-Medialseite ein über-
zähliger Knochen angelagert ist, und mit ihr gelenkt. Bei allen setzt
sich der lang gebliebene Muse, abduetor hallucis mit der Zwischensehne
an dieses Knochens proximalen Rand, bei Condilura verbreitert sich indes
diese Zwisehensehne sehr stark kurz vor ihrem Ansatz an den Knochen,
sie inserirt vorwiegend an demselben, umgeht aber ausserdem noch
den Knochen mit starken Faserzügen, von welchen eine Anzahl mit
dem Muse, digitorum flexor sublimis verwachsen, andere direkt über-
gehen in den Muse, hallucis flexor medialis d. h. der Muskel zeigt bei
Condilura noch eine gewisse Selbständigkeit. Bei Talpa wogura ist
der dem tx angelagerte überzählige Knochen ausserordentlich gross
und ähnelt in der That frappirend einem überzähligen Finger, da er
sehr stark in distaler Richtung verlängert ist und fast die Grösse
des stark verkürzten ersten Fingers besitzt, doch bietet er ausser
seiner Grösse durchaus nichts bemerkenswertes, er vertritt wie sonst
einen Muse, hallucis abduetor- Ab schnitt.
Die Beuteltierfüsse bieten in Betreff der angeblichen Prähallux-
rudimente nichts neues, diejenigen der Didelphysarten, des Sarcophilus
ursinus und Dasyurus viverrinus haben Charactere, die mit denen
der Insectivorenfüsse, abgesehen von unbedeutenden Abweichungen,
übereinstimmen.
Bei Myrmecophaga tetradaetyla besitzt das nav. an seiner
Proximalseite einen Knochenanhang, der in Form einer Platte aus
dem Knochenkörper proximalwärts vorspringt und dadurch ent-
standen ist, dass das Hg. cal.-nav. mediale in seinem Distalabschnitt
sowie die ihm anhaftenden Fibrillen des lig. cal.-nav. plantare vom nav.
aus verknöchert sind; der so entstandene nav.-Anhang erstreckt sich
deshalb ungemein weit in den zwischen der ast.- und nav. -Planta
liegenden Zwischenraum fast bis zum cal. -Körper. Er bildet mit
des nav. eigentlicher ast. -Facette einen fast rechten Winkel mit
scharf ausgeprägter Scheitellinie und ist daher deutlich als nav.-Anhang
zu erkennen. In Uebereinstimmung damit hat am ast. die Reib-
fläche des lig. cal.-nav. mediale ihre ursprüngliche Selbständigkeit
völlig bewahrt.
Das Myrmecophaga tetradactyla-ti hat eine grosse Tuberositas
medialis, die proximalwärts vorspringt und mit einer grossen Gelenk-
fläche an des nav. Medialseite und deren Anhang artikulirt, diese
Tuberositas ersetzt des nav. fehlende Tuberositas medialis, deren
Stelle sie einnimmt, an ihrem Proximalende inserirt des Muse, tibialis
posticus Endsehne, nachdem sie an des nav. Proximal-medial- Anhang
Ueber den Säugetier-Praehallux. 187
eine Reibfläche passirt hat. An des tt Tuberositas medialis befindet
sich ferner eine Gelenkfläche für einen überzähligen Tarsalknochen,
der homolog demjenigen ist, welcher bei anderen Tieren der tx- Me-
dialseite angelagert ist. Der Knochen besitzt einen langen Hals,
sein Kopf ist durch Bänder verbunden mit dem nav. und der mtsr
Basis. Vom Knochen selbst entspringt das blind endende Band mit der
Scheide für die Muse, hallucis extensor longus-Endsehne, die sich
in zwei Aeste spaltet, von denen einer am dx phal.2 der andere am
d2 phal2 inserirt. Des Knochens distal-plantare Ecke ist in einen
extrem grossen Fortsatz ausgezogen, der rein distalwärts gerichtet
ist und mit seiner Spitze der mtsrMitte gegenüber liegt, diese Spitze
liegt auf und ist verwachsen mit dem Muse, hallucis flexor medialis,
der in normaler Weise inserirt an der Articulatio mt^-di, i-Medial-
seite. An des Knochens Medialseite und zwar in der Mitte inserirt
eine sehr dünne Muskelsehne, die mit einem kleinen selbständigen
Bauch sich loslöst aus dem Muse, digitorum flexor medius-Bauch
und durchaus selbständig durch die für beide Sehnen gemeinsame
Malleolus internus - Scheide zieht. Des Muse, digitorum flexor
medius Endsehne verwächst darauf in durchaus normaler Weise mit
des Muse, digitorum flexor profundus Endsehne und mit dem Muse.
quadratus plantae gegenüber der fc8-Planta, die zweite Sehne inserirt,
wie bereits nachgewiesen ist, mit dem am ti liegenden überzähligen
Tarsalknochen. In dieser zweiten Sehne, die «'inen eigenen kleinen
Muskelbauch besitzt, sind offenbar des Muse, hallucis abduetor
rudimentär werdende!' langer Bauch und Zwischensehne zu erblicken.
Sie finden sich am Myrmecophaga tetradactyla-Fuss in voller Aus-
bildung neben dem gleichfalls intacl vorhandenen Muse, digitorum
flexor medius, während bei den meisten anderen Tieren einer dieser
Muskel gewöhnlich rudimentär geworden ist, nur bei Rhieomys
sumatrensis bilden sie beide einen gemeinsamen Muskelbauch mit
einer gegabelten Endsehne, zeigen also eine viel geringere Selbst-
ständigkeit zu einander als bei Myrmecophaga tetradaetyla.
Bei Myrmecophaga tetradaetyla zeigt sich an des Fusses Medial-
seite ausser dem besprochenen überzähligen Knöchelchen ein zweites
bisher nirgends gefundenes. Es wurde bereits früher darauf hin-
gewiesen, dass bei den Säugetieren der Malleolus internus und der
ast. durch das lig. tib.-ast. posticum und lig. tib.-ast. anticum mit-
einander verbunden sind und dass auf dem lig. tib.-ast. anticum
reibend des Muse, tibialis posticus Endsehne in die Fusssohle zieht.
Bei Myrmecophaga tetradaetyla ist ein Teil dieses Bandes unter der
Muskelsehne durch einen Knochenkern vertreten, der fast unbeweglich
mit dem Malleolus internus verbunden ist und im Begriff steht mit
dem ast. ein Gelenk auszubilden. Würde dieser Knochen mit dem
Malleolus internus verwachsen, dann würde der Malleolus stark
plantarwärts am ast. herabreichen, so tief, dass er im Maximum
seiner Ausbildung berühren würde den am nav. auf Kosten des
lig. cal.-nav. mediale entstandenen Knochenanhang, weil unter ge-
wöhnlichen Umständen das intacte lig. tib.-ast. anticum und lig. cal.-
1££ G-ustav Tornier.
nav. mediale in ihren Endpunkten einander berühren. Es giebt
Malleoli interni, welche derartig entstandene Fortsätze besitzen, die
allerdings nur am ast. artikuliren, sie finden sich bei den meisten
Affen, ferner bei Ornithorhynchus paradoxus u. s. w. ; ferner will es
mir scheinen als ob bei menschlichen Klumpfüssen die Artikulation
der tib. mit dem nav. auf ähnliche Weise entsteht; ob diese Ver-
mutung berechtigt ist, werde ich in einer besonderen Arbeit klar zu
legen suchen. Es ist wohl kein Zweifel, dass der bei Myrmecophaga
tetradactyla im lig. tib. -ast. anticum vorkommende Knochen seine
Entstehung verdankt dem auf das Ligament von der Muse, tibialis
posticus-Endsehne ausgeübten Druck. Der Myrmecophaga tetradactyla-
Fuss kann ganz abnorm stark entovertirt werden, sodass seine
Sohle vollständig einwärts schaut; dies geschieht durch Contraction
seines Muse, tibialis posticus, dessen Endsehne dadurch eine ungemein
starke Spannung erfährt und so einen bedeutenden Druck auf die
Fusspartien ausübt, die ihrer Gradstreckung hinderlich entgegen-
treten. Zu diesen Fusspartien gehört auch das lig. tib. -ast. posticum,
kein Wunder daher, dass es an der Druckstelle ossifizirt.
Die bei Myrmecophaga tetradactyla an des tj Medialseite vor-
handene Gelenkfläche für den überzähligen Knochen, der einen Muse,
hallucis abduetor - Abschnitt vertritt, ist von auffälliger Länge in
planto-dorsaler Richtung, doch ist sie eine durchaus einheitliche
Gelenkfläche, sie ist es aber durchaus nicht bei allen Myrmecophaga-
Arten: Bei Myrmecophaga didaetyla hat die homologe Gelenk-
fläche dieselbe Grösse und Gestalt, zerfällt aber in zwei Abschnitte,
einen dorsalen und einen plantaren, die durch einen Zwischenraum
getrennt sind, der erst Spuren der Ueberknorpelung trägt. Bei
Myrmecophaga jubata ist von der Gelenkfläche nur der dorsale
Abschnitt vorhanden, der Plantarabschnitt erst in der Bildung be-
griffen, er zeigt sich als Reibfläche des Knochens an den Muse, tibialis
posticus -Endsehnenfasern, die unter dem Knochen am tt inseriren.
Würden diese Sehnennbrillen vom tx aus verknöchern, dann würden
sie am tx einen kleineren vorspringenden Knochenwulst erzeugen,
an welchem der dem tx angelagerte Knochen eine Reibfläche besitzen
würde, würde die Reibfläche sich in eine Gelenkfläche verwandeln,
dann würde das tt zwei Gelenkflächen besitzen, die durch einen nicht
artikulirenden Zwischenraum getrennt würden, wie dies bei Myrme-
cophaga didaetyla der Fall ist. Mit anderen Worten die Myrme-
cophaga-Arten lehren, auf welche Weise das einen Muse, hallucis
abductor-Abschnitt vertretende überzählige Knöchelchen am be-
nachbarten Tarsalknochen, dem tl5 zwei Gelenkflächen erwerben
kann, die erste erwirbt es als Einlagerung in den Muse, tibialis
posticus-Endsehnenast, welcher ans mtSi verläuft (Myrmecophaga
jubata) die zweite an seinem Hals, der auf denjenigen Fibrillen der
Muskelsehne reibt, die nur bis zum tx ziehen und dort inseriren,
(Myrmecophaga didaetyla) später verschmelzen beide Gelenkflächen
zu einer neuen Einheit, dies ist bei Myrmecophaga tetradactyla
der Fall.
Ueber den Säugetier-Praehallux. 189
Von Orycteropus aethiopicus konnten nur skelettirte Fiisse
untersucht werden, an diesen hat das nav. einen auf Kosten des lig.
cal.-nav. mediale entstandenen Anhang, es fehlt ihm dagegen eine
Tuberositas medialis. Das ti besitzt am nav. nur eine Gelenknäche,
die ursprüngliche, es zeigt aber ausserdem noch folgende höchst
überraschende Eigentümlichkeit: Seiner Medialseite und zwar deren
Plantarrand liegt an ein überzähliges Knöchelchen, welches völlig
eingebettet ist in die am ti inserirenden Fibrillen der Muse, tibialis
posticus- Endsehne; es hat deshalb am ti keine Gelenkfläche und
ebensowenig am nav., von welchem es sogar durch einen beträcht-
lichen Zwischenraum getrennt ist. Dieses Knöchelchen repräsentirt
zweifellos des ti selbständig gewordene Tuberositas medialis in ihren
ersten Anfängen und ist in Folge dessen homolog dein Knöchelchen,
das bei Fehden, Robben, Ursinen in dieselben Sehnenfibrillen ein-
gebettet ist. Es unterscheidet sich aber von letzteren dadurch, dass
es von viel geringerer Grösse ist und nicht der Articulatio nav.-ti,
sondern nur der tx- Medialseite gegenüberhegt. Würde dieses
Knöchelchen sich gegen das nav. hin vergrössern, dann würde es
allerdings mit dem der Fehden, Robben und Ursina gleiche Lage
erwerben, d. h. es würde dann auch der Articulatio nav.-t, gegen-
überliegen; durch seine jetziL!«' Gestall beweist es indes vorzüglich, dass
des tl Tuberositas medialis in ihren ersten Anfangen in den Muse.
tibialis posticus-Endsehnenfibrillen entsteht, dir am t, entlangziehen
und an ihm inseriren, und dass sie wirklich der tx -Medialseite gegen-
über entsteht, nicht gegenüber der Articulatio nav.-t,.
Bei Dasypus setnsus (Fig, 17 schematisch) hat das nav. an
seiner Dorsal-medial-Ecke einen auf kosten des lig. cal.-nav. mediale
entstandenen Fortsatz, mit Gelenkfläche an des ast.-Eopfes Medial-
seite auf der ursprünglichen Reibfläche des Ligaments, ferner besitzt
das nav. eine sein- stark entwickelte Tuberositas medialis, an welcher
die Muse, tibialis posticus-Endsehne inserirt. Das zugehörige t, hat
an seiner Distalseite ausser der ursprünglichen oav.-Gelenkfläche eine
solche für des uav. Tuberositas medialis. beide Gelenkflächen liegen
in einer Transversalebene des Fusses. Des t, Tuberositas medialis
überragt also ihren Knochenkörper in proximaler Richtung nicht.
schiebt sich also auch nicht an der nav. Medialstate entlang. An der
nav.-Tuberositas medialis findet sieh eine Gelenkfläche für den über-
zähligen Tarsalknochen, welcher wie staue Structur mu\ Lage beweist
einen Muse, hallucis abduetor -Abschnitt vertritt. Der Knochen ist
durch Bänder verbunden mit nav. und nits,; auch der Muse, tibialis
posticus schickt einen kurzen Endsehnenast an seinen Kopf, von
demselben entspringt ferner das blind endende Band, welches die Scheide
für die Muse, hallucis extensor longus-Endsehne trägt, die. wie hier
gleich bemerkt werden mag, in zwei Aeste ausstrahlt, von denen
der eine am d,, der andere am d2 inserirt. Der Knochen ist an
seiner Unter- oder Lateralseite verwachsen mit dem Muse, hallucis
flexor medialis-Bauch, dessen obere direct vom Knochen entspringende
Fibrillen, wie sonst auch, für Muse, hallucis abductor-Fibrillen ge-
190 Gustav Tornier.
deutet werden können; unter dem Knochen zieht der Nervus
plantaris internus dahin.
Besonders interessant ist am Dasypus setosus-Fuss das Verhalten
des Muse, hallucis abduetor, derselbe entspringt unterhalb des Muse,
semimembranosus und mit ihm verwachsen von der Tibia-Rückenseite.
Der Muskelbauch spaltet sich in zwei Abschnitte, der von beiden
etwas tiefer liegende zieht sich bald in eine Sehne zusammen, die-
selbe kreuzt den Malleolus internus in einer Scheide und inserirt an
dem Proximal-Rand des überzähligen Knochens, der am nav. inserirt
und einen Muse, hallucis abductor-Abschnitt vertritt. Dieser Muskel-
bauch und seine Sehne sind homolog dem Muskel und seiner Sehne,
welche beim Biber und den meisten untersuchten Tieren in gleicher
Weise an den homologen überzähligen Tarsalknochen verläuft. Des
Muskels zweiter, mehr oberflächlicher Bauch zieht muskulös in die
Fusssohle hinein, inserirt mit Fleischfasern am cal.-Körper, mit
anderen, erst der nav. -Medialseite gegenüber sehnig werdenden, am
überzähligen Knochen, noch andere Fasern des Muskels umgehen des
überzähligen Knochens Plantarrand und verschmelzen direct mit den
Muse, hallucis brevis-Fibrillen. Am Dasypus setosus-Fuss ist dem-
nach der Muse, hallucis abduetor in seltener Vollständigkeit vor-
handen, er ist ein langer Muskel, dessen Muskel-Fibrillen viel tiefer
am Fuss herabreichen, als es bei einem der bisher untersuchten
„langen" Abduetor hallucis Muskeln der Fall war. Dadurch, dass
seine Muskelnbrillen so tief in die Fussplanta hinabreichen, dass sie
noch der nav.- Medialseite gegenüber fleischig sind, und ferner da-
durch, dass sie an der Fussplanta entweder direct mit dem Muse,
hallucis flexor medialis verschmelzen, oder an solchen Stellen inseriren,
an welchen beim Menschen der nur vom cal.-Körper und den be-
nachbarten Fusspartien entspringende fleischige Muse, hallucis abduetor
zu finden ist, wird aufs klarste bewiesen, dass der „lange" Muse.
hallucis abduetor des Dasypus setosus-Fusses und der „kurze" Muse,
hallucis abduetor des Menschen- und Affenfusses homologe Bildungen
sind, die allerdings dadurch divergiren, dass dem kurzen Muskel des
langen Muskels tibialer Abschnitt fehlt.
Sonst ist noch zu erwähnen, dass dem Dasypus setosus-Fuss
fehlt der Muse, digitorum flexor medius, während von des Fusses
Muse, digitorum flexor profundus-Endsehne ein Abschnitt in einen
Knochenkern umgewandelt ist, welcher Gelenkflächen für die Planta
des Sustentaculum tali, nav. und cub. besitzt.
Zusammenfassung und Schluss.
Durch die vorangehenden Untersuchungen ist nachgewiesen
worden, dass der bei vielen Säugetieren an des Fusses Medialseite
auftretende, einen Muse, hallucis abductor-Abschnitt vertretende,
überzählige Knochen nicht bei allen Tieren die gleiche Lage zu den
Ueber den Säugetier-Praehallux. 191
benachbarten Tarsalknochen hat, bei einigen Arten artikulirt er an
dem im lig. cal.-nav. mediale entstandenen überzähligen Fussknochen
(Hystrix-Arten), bei anderen artiknlirt er an des nav. Tuberositas
medialis (Dasypus-Arten), bei noch anderen an des ta Tuberositas
medialis (Myrmecophaga- Arten, Nager). Es handelt sich nun darum
nachzuweisen, woher das kommt. Dabei sind drei Möglichkeiten zu
untersuchen: Rückt der Knochen am Fuss entlang und gewinnt er
dadurch verschiedene Artikulationspunkte? oder entsteht sein Kopf
aus verschiedenartigen, nicht homologen Fusspartien? oder behält
der Knochen am Fuss dauernd dieselbe Lage bei und rufen Ver-
änderungen der benachbarten Tarsalknochen seine scheinbare Lage-
veränderung hervor? Die zweite Möglichkeit ist ausgeschlossen. Es
ist im Verlauf dieser Arbeit bis ins Detail nachgewiesen worden,
dass die Köpfe aller bisher untersuchten, einen Muse, hallucia ab-
duetor -Abschnitt vertretenden Knochen an den zugehörigen Füssen
in genau homologen Fusspartien entstanden sind und daher als streng
homolog angesehen werden müssen. Bleibt nunmehr noch zu unter-
suchen, ob Fall 1 oder 3 eingetreten ist. Dies wird durch folgende
Betrachtung entschieden: An einem Fuss. ihr mit einer vollständig
entwickelten, nirgends unterbrochenen Muse, tibialis posticus-Endsehne
ausgestattet ist, drückt die Sehne bei der Contraction ihres Muskel-
bauchs nicht gleichmässig auf alle diejenigen Fusspartien, an welchen
sie vorbeizieht. Diejenigen Fusspartien, welche dem Druck ausweichen
können, werden davon am w< i getroffen, den stärksten Druck
erleiden die Fusspartien, die eine gewisse Barte besitzen und durch
benachbarte Tarsalelemente daran verhindert werden, dem Druck der
Sehne auszuweichen, es sind dies die benachbarten Tarsalelemente,
umgekehrt erhält die Sehne durch diese Fusspartien den stärksten
Gegendruck; die vollständig entwickelte Muse, tibialis posticus-End-
sehne erfährt auf diese Weise bei der Muskelcontraction an 1 Stellen
einen besonders starken Druck, einmal der tt -Medialseite gegenüber,
zweitens der nav. -Medialseite gegenüber, drittens dem lig. caL-nav.
mediale gegenüber, indem Bie dieses Ligament gegen den ast.-Eopf
presst, das Ligament erhält dadurch einen noch weit stärkeren
Druck von 2 Seiten: vom ast.-Kopf und von der Sehne, viertens
drückt die Sehne besonders stark auf den ast.-Körper und zwar
dort, wo sie das lig. tib.-nav. anticum kreuzt; auch dieses Ligament
wird von ihr gegen den ast. gepresst und erhält dadurch Doppeldruck.
Es ist eine allbekannte Thatsache, dass Seimen und Bindegewebszüge,
die einem oft wiederholten besonders starken Druck atisgesetzt sind,
die Tendenz zeigen zu ossifiziren. Wird also an einem Säugetier-
fuss mit vollständiger Muse, tibialis posticus-Endsehne der Muskel
fortgesetzt und energisch zur Contraction gebracht, dann werden die
unter dem Eintluss der Sehne stehenden, am meisten Druck er-
haltenden Partien der medialen Fusseite die Tendenz zur Ossifizirung
zeigen, es werden dann an des Fusses Medialseite fast gleichzeitig
entstehen 4 überzählige Knöchelchen (Fig. 45), das eine dem tx
192 Gustav Tornier.
anliegend: das Epitibiale (et); das andere der nav.-Medialseite an-
liegend: das Epinavicnlare (en); das dritte wird entstehen in dem
zwischen dem ast.-Kopf und der Muse, tibialis posticus- Endsehne
eingeklemmten Distalabschnitt des lig. cal.-nav. mediale: der Epias-
tragalus (ea), das vierte endlich in dem zwischen ast. -Körper und
Muse, tibialis posticus-Endsehne eingeklemmten Lig. tib.-ast. anticum,
da dieser Knochen immer mit dem Malleolus internus verwächst,
mag er Epimalleolus internus (em) heissen. Alle diese Knochen
findet man an Säugetierfüssen, wenn auch nicht alle an einem
Fuss. Die Knochen können ferner an Grösse soweit zunehmen, bis
sie einander und die benachbarten primären Tarsalknochen berühren
(Fig. 45), was gewöhnlich unter Ausbildung von Gelenken geschieht.
Ein so vergrössertes Epitarsale (et) artikulirt demnach am t1 und
Epinaviculare (en); das epinav. ausser am epit.x (et) am nav. und
am epiast. (ea); der epiast. am epinav., am nav. und ast.-Kopf (r)
und der Epimalleolus (em) am Malleolus internus, am ast. -Körper
und vielleicht auch am epinav. Die so veränderten überzähligen
Tarsalknochen können endlich drittens verwachsen, wie im Verlauf
dieser Arbeit nachgewiesen ist, bald mit einander, bald mit den
benachbarten primären Tarsalknochen (Fig. 46 — 48). Denken
wir uns nun, es habe der überzählige Tarsalknochen, welcher
einen Muse, hallucis abduetor - Abschnitt vertritt (u), an allen
Füssen, wo er vorkommt, ein und dieselbe Lage, er artikulire
am epinav. (en) und es gehe das epinav. mit den benach-
barten Tarsalknochen verschiedenartige Verwachsungen ein, dann
artikulirt das Muse, hallucis abduetor -Knöchelchen an den ver-
schiedensten Tarsalknochen, ohne dass es seine speeifische Lage am
Fuss im geringsten modifizirt. Verwächst zum Beispiel (Fig. 46) das
epit.! (et) mit dem tx und dann mit dem epinav. (en), während der
epiast. (ea) frei bleibt, dann artikulirt der Muse, hallucis abduetor-
Knochen (u) mit des tx grosser Tuberositas medialis; der so ent-
standene Fuss würde bis ins Detail die Charactere der Medialseite
der meisten Nagerfüsse (Biber) besitzen. Es würde sein tt mit einer
grossen Tuberositas medialis versehen sein, die sich an des nav.
Medialseite entlang zöge und an derselben eine Gelenkfläche besässe,
desgleichen würde sie am epiast. artikuliren und eine Gelenkfläche
für den Muse, hallucis abduetor -Knochen aufweisen. Würde das
epit.! (Fig. 47) mit dem tx verschmelzen, das epinav. (en) dagegen
sich vereinigen mit dem nav. und zugleich mit dem epiast. (ea), dann
würde das Muse, hallucis abduetor - Knöchelchen (u.) an des nav.
Tuberositas medialis artikuliren, und das nav. ausserdem einen auf
Kosten des lig. cal.-nav. mediale entstandenen Anhang besitzen, das
zugehörige tx würde mit einer kleinen Tuberositas medialis an des
nav. Tuberositas medialis artikuliren, aber keinen Fortsatz an des
nav. Medialseite proximalwärts vorschieben; es würde auf diese
Weise ein Fuss entstehen, der alle Charactere der Medialseite des
Dasypus-Fusses besässe. Würde endlich (Fig. 48) drittens das epit.x
(et) mit dem tL verwachsen, während sich gleichzeitig das epinav.
Ueber den Säuge tier-Praehallux. 193
(en) und der epiast. (ea) vereinigen, aber gegenüber dem nav. ihre
Selbständigkeit bewahren, dann würde das Muse, hallucis abduetor-
Knöchelchen (u) scheinbar an dem im lig. cal.-nav. mediale ent-
standenen Knöchelchen artikuliren, das Ligament-Knöchelchen würde
dann aber von sehr beträchtlicher Grösse sein und einen Fortsatz in
distaler Richtung an der nav. Medialseite entlangschieben bis zu des
nav. distalem Rand, an diesem Knochenfortsatz würde das tx mit
einer kleinen, am nav. nicht vorspringenden Tuberositas medialis
gelenken; eine solche Fussform besitzen die Hystrix- Arten.
Die vorliegende Erörterung, der absolut sichere Thatsachen zu
Grunde liegen, erklärt auf so einfache und natürliche Weise, die
verschiedenen Stellungen, welche der Muse, hallucis abductor-Knochen
in den verschiedenen Säugetierfüssen einnimmt, dass hier garnicht
mehr untersucht werden darf, ob der Kopf des Knochens etwa am
Fuss hin und herrücke um verschiedenartige Ansatzpunkte zu ge-
winnen; es spricht im übrigen kaum eine Thatsache von Gewicht
dafür. — Man könnte hier einwerfen, die vorliegende Erörterung
berücksichtige nicht alle Thatsachen, da bei einigen Raubtieren das
überzählige Muse, hallucis abduetor- Knöchelchen bereits am t!
artikulire, ohne dass dieses die Gelenkfläche an der nav. - Medial-
seite besitze, welche auf ein epinav. zurückzuführen sei; es lässt
sich folgendes gegen diesen Einwurf sagen:
Das Epinav. kann an einem Fuss vorhanden sein, ohne dass
es eine Gelenkfläche für das nav. besitzt, dies beweist Hystrix, wo
es als Fortsetzung des epiast. erscheint, und der nav. Medialseite
gegenüberliegt, aber an derselben nicht gelenkt. Zweitens: das epinav.
entsteht nicht immer getrennt vom epit. lt sondern es kann mit
demselben als ein einziger Knochenkern zur Entwicklung kommen;
das bei den Ursinen der Articulatio tj-nav. gegenüber liegende
Knöchelchen und besonders dasjenige, welches bei vielen Robben in
gleicher Lage vorkommt und mit einem freien Fortsatz fast an des
nav. ganzer Medialseite entlang zieht, ist zweifellos eine solche
„Doppelbildung'1; würde ein solcher Knochen mit dem tx verwachsen
zu dessen Tuberositas medialis und würde an dieser der Muse,
hallucis abductor-Knochen artikuliren, dann läge er in durch nor-
maler Weise am epinav. — Die Raubtiere, bei welchen der Muse.
hallucis abductor-Knochen am tt -wirklich artikulirt, widersprechen
also dann der vorliegenden Hypothese nicht, wenn bei ihnen der
Muse, hallucis abductor-Knochen am t x an einer grösseren Tubero-
sitas medialis gelenkt; dies ist in der That der Fall: alle jene
Raubtiere haben eine derartige t1 -Tuberositas, wie ich das in der
Fortsetzung meiner im morphologischen Jahrbuch erscheinenden
Specialarbeit über den Säugetierfuss auf das ausführlichste beweisen
werde. Die vorliegende Hypothese kann demnach als gesichert
betrachtet werden d. h. der Muse, hallucis abduetor - Knochen hat
stets dieselbe Lage am Fuss.
Aich. f. Naturgesch. Jahrg. 1891. Bd.I. H.2. 13
194 Gustav Tornier.
Es wäre nun interessant festzustellen, woher es kommt, dass
die in der Muse, tibialis posticus- Endsehne entstandenen überzähligen
Tarsalknochen bald selbständig bleiben, bald mit einander, bald mit
den benachbarten Tarsalknochen und mit einander verschmelzen.
Ich gestehe, dass ich vorläufig noch nicht im Stande bin, diese
osteologischen Vorgänge auf physiologische Ursachen zurückzuführen,
sie beruhen offenbar auf Feinheiten der Fussmechanik, die vorläufig
nicht zu überblicken sind; in der Fortsetzung meiner Arbeit über
den Säugetierfuss komme ich auf diese Frage, die für Prähallux-
unter suchungen nur einen sehr seeundären Wert besitzt, noch einmal
zurück.
Es könnte nun noch gefordert werden, es solle nachgewiesen
werden, dass bei denjenigen Tieren, die an ihres Fusses Medialseite
jene aus der Muse, tibialis posticus -Endsehne entstandenen über-
zähligen Knochen besitzen, der Muse, tibialis posticus wirklich von
so hervorragender Bedeutung für die Oeconomy des Fusses ist.
Dieser Nachweis würde direct kaum zu führen sein, da es bis jetzt
noch keine absolut sichere Methode giebt, den functionellen Wert
eines Muskels aus seinem anatomischen Bau zu constatiren, an-
nähernd würden Muskelwägungen genügen, dazu gehört aber ganz
frisches Material, dass mir nur in sehr bescheidenem Mass zur Ver-
fügung stand. Es leuchtet aber ohne weiteres ein, dass für
kletternde, grabende und schwimmende Tiere die hauptsächlich vom
Muse tibialis posticus bewirkte Adduction und Einwärtsdrehung der
Fusssohle von sehr wesentlichem Vorteil sein muss, und in der That
besitzen fast alle jene Tiere Füsse, deren Sohlen permanent einwärts
schaun d. h. diese Füsse sind gleichsam erstarrt in der Stellung, in
welche sonst plantigrade Füsse durch Contraction des Muse, tibialis
posticus auf kurze Zeit übergeführt werden, der Muse, tibialis
posticus ist in jenen Füssen also sicherlich kein unbedeutender Muskel.
Dass die bei zahlreichen Säugetieren in der Muse, tibialis posticus-
Endsehne und in deren Bereich auftretenden überzähligen Tarsal-
knochen wirklich seeundär in und durch die Muskelsehne entstanden
sind, wird nach den vorangehenden Untersuchungen wohl kaum ge-
leugnet werden können, es sprechen dafür nicht allein theoretische
Gründe, ' sondern vor allem die Ontogenese derjenigen Säugetierfüsse,
welche mit jenen Knochen behaftet sind, und drittens jene Füsse,
welche diesen Knochen unter normalen Verhältnissen weder im Alter
noch im Verlauf der Ontogenese, zuweilen aber als individuelle
Varietäten zeigen. —
Es entsteht nun die Frage, ob der einen Muse, hallucis abduetor-
Abschnitt vertretende Knochenkern ein primärer oder seeundärer
Knochen ist. Dass der Knochen überall, wo er vorkommt, einen
Muse, hallucis abduetor -Abschnitt vertritt, ist über allen Zweifel
erhaben, und es kann als Gesetz aufgestellt werden, dass dort, wo
der Muskel seinen Sohlenabschnitt intact besitzt (Fig. 39) der
Knochen vollständig fehlt; und dass der Muskel in seinem Sohlen-
Ueber den Säugetier-Praehallux. 195
abschnitt stets eine Unterbrechung erfährt (Fig. 40 — 44), wenn der
Knochen vorhanden ist. Der Muse, hallucis abduetor mit intactem
Sohlenabschnitt tritt in zwei Modifikationen auf: einmal als kurzer
fleischiger Muskel, der vom cal.-Körper und den benachbarten Fuss-
partien entspringt und vorwiegend an der Articulatio ratSi-d^i
inserirt (Mensch und Affen), dann als langer Muskel, welcher mit
dem tibialen Bauch von der tib. unter dem Muse, semimembranosus
entspringt mit der Endsehne am Malleolus internus entlang-
zieht, die Sehne verbreitert sich an der Fusssohle und hat
Verlauf und Insertion wie der fleischige Bauch des kurzen Abductor-
Muskels. Dieser lange Muskel findet sich beim Igel, bei den meisten
Mäusen, Trugratten u. s. w. Sobald ein Teil dieses Muskels durch den
erwähnten überzähligen Tarsalknochen vertreten ist, zeigt der Muskel
selbst eine merkwürdige Formveränderung. Ist er ein kurzer Muskel,
dann ist sein vom cal.-Körper und den benachbarten Fusspartien
entspringender Abschnitt sehnig geworden bis zu dem erwähnten
Knochen, sein distaler Abschnitt, welcher mit dem Muse, hallucis flexor
medialis verwachsen ist, bleibt dagegen fleischig, ist mit des Knochens
Lateralseite verwachsen und entspringt gleichsam von ihm. — Besitzt
der mit dem überzähligen Knochen behaltete Muskel noch seinen
tibialen Bauch (Fig. 41 Ab. lial.) dann wandelt sich sein am Malleolus
internus entlangziehender Abschnitt (ss) in eine Zwischensehne um,
dieselbe schickt Faserzüge an den cal.-Körper (s1) u. s. w. und
inserirt mit ihrem Hauptabschnitt an dem überzähligen Knochen (u)
und zwar an dessen proximalem Kami, vom Knochen geht dann der
Muskel (Ab.hal'.) verwachsen mit dem Muse, hi Uucis flexor medialis
wie vorher fleischig an die Articulatio mtsrd,.i. Dass der Knochen
auf des Muse, hallucis abduetor Kosten entsteht, lehrt seine Onto-
genese und Phylogenese, beide haben denselben Verlauf und können
daher gemeinsam beschrieben werden: der Knochen entsteht ge-
wöhnlich erst postembry< mal (Fig. tO) in dem Muse, labialis posticus-
Endsehnenast (1 — 2), der an die mts, -Basis verläuft, als rundes
Knöchelchen (u), diese Form behält ei hei vielen Tieren die ganze
Lebenszeit hindurch (Nasua), und hat sie vorübergehend bei Tieren,
bei welchen er später eine weit extremere Entwicklung zeigt.
(Lutra- Arten), diese Weiterentwicklung geschieht (Fig. 41), indem
er einen knorpligen Plantarabschnitt hinzuerwirbt, derselbe ist
kegelförmig, dringt in den angrenzenden Musc.hallucis abductor-Sehnen-
abschnitt ein und entstellt zweifellos auf dessen Kosten, er verknöchert
später vollständig (bei einer sehr alten Lutra platensis, die onto-
genetisch die Entwicklung des Knochens bis zu dieser Form aufs
genauste verfolgen lässt), darauf entstehen an des Knochenstiels
Ende zwei Ausbuchtungen (Fig. 4'2), von denen die eine distalwärts,
die andere proximalwärts schaut (Eichkätzchen), der Knochen
erscheint nunmehr wie eine umgekehrte Flasche; die beiden Aus-
buchtungen vergrössern sich weiterhin sehr stark auf Kosten des
Muskels (Fig. 43), der Knochen hat nunmehr die Form eines umge-
kehrten Steinpilzes (Hystrix- Arten) : zum Schluss wächst des Knochens
13*
196 Gustav Tornier.
distale Ausbuchtung ungemein stark in distaler Richtung (Fig. 44), der
Knochen ist auch hier durch seine Lateralseite mit dem Muse, hallucis
flexor medialis auf das innigste verwachsen, und liegt mit seiner
distalen Spitze der mtSi-Mitte gegenüber, wodurch er ein phalangen-
artiges Aussehen erhält (Talpa wogura). — Der Muse, hallucis
abductor-Knochen kommt endlich drittens zuweilen bei erwachsenen
Vertretern solcher Tierarten vor, bei welchen der Knochen unter
normalen Umständen weder im Alter noch während der Ontogenese
vorhanden ist (Lepus timidus); bei diesen Individuen ist er — da-
gegen giebt es keinen Widerspruch — seeundär entstanden. Dieses
Factum in Verbindung mit den vorigen Auseinandersetzungen beweist
aber zur Genüge, dass der homologe Knochen bei allen Tieren, wo
er vorkommt eine seeundäre Bildung ist.
Die Entstehung des überzähligen Tarsalknochens im Muse,
hallucis abductor-Sohlenabschnitt hängt meiner Ueberzeugung nach
auf das engste mit der Function des Muskels zusammen. Der
Muse, hallucis abduetor hat, wie schon sein Name sagt, sei er lang
oder kurz die Function den ersten Finger in seiner Gesammtheit
von den anderen abzuspreizen, indem er ihn mit einer geringen
Beugung einwärts zieht. Er wird daher vorwiegend von Tieren
gebraucht, die durch ihre Lebensweise öfter gezwungen sind, ihren
Fingern eine Spreizstellung zu geben. Es sind dies vor allem die
mit gespreitzten Fingern grabenden, schwimmenden und kletternden
Tiere, zu den letzteren gehören auch die Hystrixarten, deren erster
Finger eine permanent gewordene Abductionsstellung besitzt. Diese
Function behält der Muskel auch dann, wenn von ihm ein Abschnitt
in einen überzähligen Tarsalknochen verwandelt ist, ja jene Um-
wandlung macht den Muskel noch leistungsfähiger: Der tibiale
Muskelbauch zieht durch seine am Knochen inserirende Zwischen-
sehne diesen sehr stark proximalwärts, wobei der Knochen um den
Mittelpunkt seines Kopfes rotirt, er bewirkt dadurch bereits eine
starke Abspreizung des ersten Fingers von den übrigen, wird nun
der vom Knochen an die Articulatio Hits t -du i ziehende fleischige
Muse, hallucis abduetor - Rest in Gemeinschaft mit dem Muse,
hallucis flexor medialis contrahirt, so wird dadurch die Daumen-
abspreizung bis zum Maximum verstärkt.
Da Herr Professor Bardeleben in Betreff der Fussmuskeln
wesentlich andere Anschauungen besitzt als hier vorgetragen sind,
füge ich diesen Auseinandersetzungen eine Besprechung seiner
Arbeit ,,Ueber die Hand- und Fussmuskulatur der Säugetiere" bei
(Anat. Anzeiger 1890 N. 15.), soweit darin Angaben über den Fuss
enthalten sind:
Herr Professor Bardeleben unterscheidet am Säugetierfuss
3 „gemeinsame Zehenbeuger", diejenigen, welche auch in dieser
Arbeit zur Vergleichung herangezogen sind und von mir Muse, digi-
torum flexor profundus, medius und subliinis genannt sind. Den
sublimis nennt Herr Professor Bardeleben „superficialis = plantaris";
Ueber den Säugetier-Praehallnx. 197
den medius mit Schultze und Dobson flexor „fibularis" und den
profundus: flexor digitoruni ,,tibialis". — Ich bemerke hierzu, dass
mir nicht 3, sondern 5 gemeinsame Zehenbeuger am Säugetiermss
bekannt sind, zwei derselben sind allerdings sehr selten: Die Fascia
plantaris des Menschen, welche dem Muse, digitornm flexor sublimis
eng anliegt, ist bei einigen Edentaten ein wirklicher [Muskel, so bei
Choloepus didaetylus, wo er mit einem selbständigen Muskelbauch
den Muse, digitorum flexor sublimis deckt und mit 3 Endsehnen an
die drei übrig gebliebenen Fusszehen verläuft; bei Dasypus setosus
ist er gleichfalls als langer Muskel vorhanden, dessen Sohlenabschnitt
aber sehnig geworden ist, also in gewissem Sinn bereits eine Fascia
plantaris bildet. Wegen dieses Muskels kann ich auch die Barde-
lebensche Nomenclatur nicht verwenden: der die Fascia plantaris
des Fusses vertretende Muskel muss zweifellos Flexor plantaris oder
superficialis heissen, und nicht der darunter liegende Muskel: wir
haben also 4 Zehenbeuger: Flexor superficialis, sublimis, medius und
profundus. Den fünften Zehenbeuger fand ich bisher nur bei Choloepus
didaetylus, derselbe geht von der Vorderseite der Tibia durch die
im lig. cruciatum befindliche Scheide, und zieht neben dem Muse,
tibialis anticus an die Medialseite des Fusses, geht dann aber
weiter in die Fussohle hinein und sendet drei Sehnenäste für die
drei vorhandenen Zehen an die Muse, digitoruni flexor profundus
Endsehne. Sollte dieser Muskel, den Bauch der Lumbricalmuskeln vor-
stellen? und dann Muse, lumbricalis genannt werden müssen? Ich
komme auf diese Frage in der Fortsetzung meiner Arbeit über den
Fuss (Morphol. Jahrbuch) noch einmal ausführlich zurück.
Im Verlauf seiner Arbeit constatirt dann Berr Prof. Bardeleben,
dass er weder der Durchbohrung einer Sehne, noch der Insertion
eines Muskels, noch der Innervirung desselben eine durchschlagende
Beweiskraft für die Muskelvergleichung zugestehen kann. Eis geschieht
dies in folgenden Worten: ,.Ich kann weder der „Durchbohrung" einer
Sehne, noch der Insertion eine durchschlagende Beweiskraft für die
Vergleichung zugestehen. Diese Verhältnisse sind zu flüssig, als um
so einen festen Grund für Homologien zu gewähren." Thatsachen, die
an benannten Objecten nachgeprüft werden und so als Grund-
lagen für diesen Ausspruch dienen können, finden sich in der Arbeit
nicht. Seine Ansicht über die Innervirung giebt Herr Prof. Barde-
leben in folgenden Worten: ,,Ich will hier die Frage von dem Ver-
hältnis von Muskel und Nerv nicht discutiren, nur offen bekennen,
dass ich einstweilen zu keiner der bisher aufgestellten Ansichten,
auch nicht zu derjenigen von der unveränderlichen Innervirung eines
Muskels durch einen bestimmten Nerven und Nervenast mich be-
kennen kann. Nicht nur die Innervirung der Lumbricalen, sondern
auch sonstige von Cunningham u. a. gefundene Thatsachen scheinen
mir gegen diese Lehre zu sprechen. So fand ich bei Hyrax lateralis den
lateralen Bauch des Flexor brevis superficialis der Hand vom Ulnaris,
die übrigen vom Medianus versorgt!" Dass es Muskel giebt, die von
zwei Nervenstämmen gleichzeitig innervirt werden, ist bereits lange
198 Gustav Tornier.
bekannt ; es wiederholt sich dieses Vorkommen natürlicherweise an
den homologen Muskeln. Dieses Factum beweist also, dass die An-
nahme, es müsse jeder Muskel nur von einem Nervenstamm inner-
virt werden, wenn sie in dieser Schroffheit aufgestellt wird, in der
That eine irrige ist, das Factum beweist aber garnichts gegen die
Thatsache, dass die Innervirung als mächtiges Hilfsmittel für myolo-
gische Untersuchungen betrachtet wird. Dass sie allein als Grundlage
für solche Untersuchungen nicht genügt, dass sie den Forscher irre
führen kann und durch die von Herrn Prof. Bardeleben gleichfalls
so wenig geachtete Muskeltopographie unterstützt werden muss, gebe
ich ohne weiteres zu, doch ist hier nicht der Ort darauf näher einzu-
gehen.
Nachdem Herr Prof.Bardeleben den Weg für seine Untersuchungen
durch obige Aussprüche geebnet hat, konstatirt er: „Der Abcluctor
hallucis entspringt als Interosseus vom Prähalluxrudiment, beim
Eingehen des Prähalluxrudiments kann er seinen Ursprung weiter
hinter oder aussen nehmen." Der erste Teil dieses durch keine
Beweisführung gestützten Ausspruchs wäre zweifellos richtig, wenn
bereits vorher nachgewiesen wäre, dass das angebliche Prähallux-
rudiment ein wirklich primärer Knochen sei, dies aber soll erst in
der Arbeit bewiesen werden. Der zweite Teil des Ausspruchs müsste
ebenfalls bewiesen werden, denn mit demselben Recht kann jeder
behaupten: das sogenannte Prähalluxrudiment entsteht durch Um-
wandlung eines Plantarabschnitts des ursprünglich weit grösseren
Muse, hallucis abduetor, und in der That habe ich in vorliegender
Arbeit den Versuch gemacht, die letztere Anschauung als die richtige
hinzustellen, es soll mich freuen, wenn die Beweisführung als ge-
nügend anerkannt wird.
Herr Prof. Bardeleben fährt dann weiter fort: „Die an den
beiden Rändern von Hand und Fuss gelegenen oder für die mar-
ginalen Finger (Zehen) bestimmten Muskeln zeichnen sich allgemein
durch besonders kräftige Entwicklung aus, besonders dort, wo die
Rudimente verschwinden; aber auch die langen Randmuskeln sind
auffallend stark. Ich erkläre mir dies folgendermassen. Die an
den Rändern (dies gilt ähnlich ja auch für die distalen Enden,
Phalangen, Wirbel) gelegenen Skeletteile werden aus mechanischen
oder physiologischen oder inneren Ursachen unterdrückt; der Knochen
spielt ja überhaupt im allgemeinen eine mehr passive Rolle, während
die aktiven Muskeln durch ihre exponirte und freie Lage am Rande
eher zur stärkeren Entwicklung veranlasst werden. Wenn nun die
Knochen zu Sesambeinen (falschen, skeletogenen , M. Fürbringer)
werden oder ganz mit dem Nachbarknochen verschmelzen, wird die
Wirkung des dort inserirenden Muskels auf die Nachbarschaft, auj
den ganzen Tarsus, ja auf den ganzen Fuss übertragen. So wird
aus einem Beuger oder Strecker von Praehallux schliesslich ein
Beuger oder Strecker der ganzen Hand, der Muskel wird hierbei gewiss
mehr und mehr an Stärke zunehmen". Ich bemerke hierzu: die
Ueber den Säugetier-Praehallux. 199
Behauptung, dass die Muskulatur der Fussränder im allgemeinen (!)
(soll heissen: bei allen oder den meisten damit versehenen Säuge-
tieren) durch besonders kräftige Entwicklung ausgezeichnet ist,
ist nicht richtig. Die Stärke und Grösse eines Muskels hängt aus-
schliesslich von dem Wert ab, den der Muskel oder die Gruppe für
die Gesammtfunktion des Fusses besitzt, nicht von seiner Lage. An
den Füssen, wo die Randmuskeln vorwiegend gebraucht werden,
sind sie allerdings von bedeutender Stärke, dort wo sie garnicht
gebraucht werden, sind sie atrophirt wie ihre Insertionspunkte, die
Knochen ; wo sie nur sekundäre Funktionen ausfuhren, sind sie auch
in ihrer Entwicklung sekundär. — Dass die an den sogenannten Prae-
halluxrudimenten sitzenden Muskeln stärker entwickelt sind, wenn die
Knochen nicht vorhanden sind, ist gleichfalls nicht bewiesen, sie
zeigen alsdann einen weniger unterbrochenen Verlauf, präsentiren
sich daher besser dem Auge, aber stärker entwickelt sind sie deshalb
nicht. — Der Sinn des Ausdrucks die „distalen Enden", Phalangen,
Wirbel atrophiren in ähnlicher Weise wie die an den Fussrändern
gelegenen Skelettstücke ist mir nicht recht klar. Es soll wohl
heissen: distale Knochenenden, distale Phalangen und das distale Ende
der Wirbelsäule atrophiren relativ leicht, weil sie am leichtesten
funktionslos werden. Dazu wäre dann zu bemerken: funktionslos
werdende Knochen atrophiren durchaus nicht immer von ihren am
meisten freiliegenden Punkten ; die langen Knochen sogar gewöhnlich
zuerst in ihrer Mitte, in der Diaphyse, so Ulna und Fibula, des-
gleichen die rudimentär werdenden mts., und mts5 am Fuss der
Cerviden, während die homologen Knochen der Perissodactylen
(Equiden z. B.) von ihren distalen Enden aus atrophiren. Das Beispiel
der Cerviden lehrt gleichzeitig, dass ganze Finger durchaus nicht
immer von ihren distalen, freien Enden unter Verlust ihrer End-
phalangen atrophiren, dasselbe beweist der erste Finger des Hunde-
fusses, dessen mts. zuerst rudimentär wird. Dass die Wirbelsäule
von ihrem (distalen, freien) Schwanzende aus atrophirt soll nicht
bezweifelt werden, die einzelnen Wirbel nehmen dabei aber in allen
Teilen gleichmässig an Grösse ab, bis sie gänzlich verschwinden,
atrophiren also nicht von ihren freien distalen Enden. — Die
Entwicklung eines Muskels hängt von seinem Gebrauch und Nicht-
gebrauch ab, seine freie oder nicht freie Lage spielt dabei wohl
nur eine ganz sekundäre Rolle. Theoretisch las st sich ebensoviel
dafür wie dagegen sagen. Das Knochen ihre Muskel insertionen auf
diejenigen Knochen übertragen können, mit welchen sie verwachsen,
ist unbestreitbar. Auch die sogenannten Prähalluxrudimente könnten
dies thun, wenn sie überhaupt primäre Knochen wären, was von
Herrn Prof. Bardeleben bis jetzt noch nicht bewiesen worden ist.
Der Artikel fährt dann fort: ,,Im vorigen Abschnitt sahen wir
(theoretisch, der Verf.), dass reducirte Skeletteile sich mit den
Nachbarn vereinigen, dass sie aber auch isolirt bleiben können.
Sie können sich sogar, indem sie sich nun mehr und mehr in den
Dienst des betreffenden Muskels stellen (der Theorie nach, der Verf.)
200 G-ustav Tornier.
vom Skelet ganz ablösen. Die Unterscheidung dieser skelettogenen
Sesambeine, wie die Rudimente der Randfinger sie dann darstellen,
von gewöhnlichen Sesamkörpern ist nur durch eine umfassende
Vergleichung möglich. In allen solchen Fällen, wo ein Muskel nur
am proximalen Ende eines solchen Knochens inserirt, während
das distale Ende frei vorragt, weder als Muskel-, noch als Band-
Ursprung dient, ist ja kaum ein Zweifel möglich, class es sich nicht
um ein Sesambein handeln kann. Auch wenn der rudimentäre
Randfinger aus zwei Skelettelementen besteht und jeder der letzteren
einen Muskel erhält, wird man nicht an Sesamkörper denken können.
Nun kann aber doch am Ende des Prähallux oder doch am Rande
derselben ein Muskel entspringen, z. B. ein oben als Interosseus
gedeuteter, es kann auch ein derartiger Muskel zu Bindegewebe zu
einem ,, Bande" oder einer ,, Sehne" degeneriren. Dann ist natürlich
grosse Vorsicht geboten, um unechte Sesambeine, d. h. also echte
Skelettelemente, nicht für echte Sesamkörper anzusehen. In diesen
Fehler ist, soweit ich sehe, Tornier verfallen in der Mitteilung:
Giebt es ein Prähalluxrudiment? Sitzungsber. d. Gesell, nat. Freunde
zu Berlin, 1889, S. 175.
Aus welchen Gründen ich in meiner vorläufigen Mitteilung in
den Fehler verfallen sein soll, primäre Knochen mit sekundären zu
verwechseln, hat Herr Professor Bardeleben leider nicht angegeben.
Meine Angaben lauteten aber durchaus präcis folgendermassen : Von den
bei vielen Säugetieren an der medialen Fusseite auftretenden über-
zähligen Knöchelchen ist das eine eine Einlagerung in das lig. cal.-
nav. mediale ; in betreff des zweiten wurde gesagt : Bei vielen Säuge-
tieren findet sich am Fuss vom tl ausgehend ein fächerförmiges
Band, bei anderen ist dieses Band vertreten durch eine Knorpelplatte,
in deren Kopf ein Knochenkern liegt, bei noch anderen ist diese
Platte gänzlich verknöchert; aus diesen Thatsachen geht hervor:
Entweder ist das Band durch Umbildung des Knochens entstanden,
oder der Knochen durch sekundäre Umbildung des Bandes? Auch
über die Verbindung des letztgenannten Knochens mit Muskelpartien
habe ich positive Angaben gemacht. Warum hat Herr Professor
Bardeleben diese Angaben nicht ausführlich kritisirt? Warum fertigt
er sie durch die wenigen Worte ab: In den Fehler secundäre und
primäre Knochen verwechselt zu haben, ist, soweit ich sehe,
Tornier verfallen? — Herr Professor Bardeleben berücksichtigt, wie
sich beweisen lässt, überhaupt etwas zu wenig gegnerische An-
schauungen; er arbeitet beständig weiter, ohne sich durch Wider-
sprüche seine Kreise stören zu lassen; mir scheint, dass dieser
Standpunkt nicht der richtige ist.
Nebenbei bemerke ich folgendes: Warum soll nicht ein sekundär
entstandener Knochen an einem Ende frei aus dem umgebenden
Körpergewebe hervorragen? Es lässt sich doch sehr gut denken,
dass er sich erst nach seiner Ausbildung als Knochenkern in einer
Sehne oder in einem Bande in besagter Richtung auffällig verlängert
Ueber den Sängetier-Praehallux. 201
hat und dadurch aus seiner Matrix frei herausgetreten ist. —
Zweitens: warum sollen nicht in zwei nebeneinander liegenden
Muskelsehnen oder Bändern zwei nebeneinander liegende ,,Sesambeine"
entstehn und nachträglich mit einander in Berührung treten?
Solche Fälle sind gar nicht selten: So findet man bei Uromastix
spinifer gegenüber der ast. -Planta zwei nebeneinander liegende Sehnen-
verknöcherungen , eine in der Sehne des Muse, digitorum flexor
profundus, die andere in der Endsehne eines Muskels , welcher von
der Tibia entspringt und an den Tarsalknochen endet. Niemand wird
diese Knochen für primäre halten, sie verdanken ihre Entstehung
der Reibung ihrer Ursprungssehnen an der ast -Planta. Bei den
Dipus-Arten finde ich drei nebeneinander liegende und zum Teil
mit einander gelenkende ,, Sesambeine" in der Fussplanta, auch
diese wird niemand für Knochen primären Ursprungs halten. Warum
sollen also die an der medialen Fussseite auftretenden überzähligen
Tarsalknochen nicht ähnlich entstandene sekundäre Gebilde sein? —
Dass von sekundär entstandenen Knochen Muskeln entspringen
können, ist Thatsaehe; dies wird besonders dann der Fall sein,
wenn die Knochen in den Ursprungssehnen von Muskeln ent-
standen sind. Von den vielen Beispielen ist das bekannteste das
Vorkommen von „Sesambeinen" in den Ursprungssehnen des Muse,
gastroenemius. Dass solche Muskel auch zu einem Bande oder einer
Sehne degeneriren können, gebe ich ohne weiteres zu. — Die soeben
besprochenen Thatsacheii. welche nach Herrn Professor Bardeleben
Aufschluss geben können über die phylogenetische Natur von Knochen,
sind zu besagtem Zweck nicht verwendbar.
Herr Professor Bardeleben fahrt dann fort: Von den meines
Erachtens den neuen Randfingern angehörigen Muskeln waren viele
schon längst bekannt, aber garnicht oder irrtümlich gedeutet; ein
Teil ist ganz neu, von mir bei niederen Säugern gefunden. Folgende,
einstweilen nur als ,, Versuch" zu betrachtende Tabelle giebt eine
Uebersicht derselben. Der hinteren Extremität, dem Praehallux,
gehören an: a) Plantaris b) Tibialis posticus = Flexor praehallucis
longus, c) Tibialis medialis (neu!) ev. mit anticus verschmolzen. Zur
Erläuterung der Tabelle mögen folgende Thatsacheii angeführt werden:
Beim Elephanten geht ein mit dem Semitendinosus zusammen-
hängender Muskel zum Hallux und Praehallux. — Tibialis medialis
s. Extensor praehallucis longus nenne ich einen sehr starken, bei
Nagern (Bathyergus) an der inneren Seite der Tibia gelegenen
Muskel, der am Praehallux inserirt, diesen streckt und etwas ab-
ducirt. — Bei Edentaten (Euphractus) finde ich an der Tibia einen
Muskel für den Praehallux und der Plantaris hat ausser fünf
Zipfeln zu den Zehen 1 — 5, auch einen für den Prähallux." — Des
Herrn Prof. Bardeleben Muse, tibialis medialis ist zweifellos identisch
mit dem von mir in dieser Arbeit ausführlich besprochenen langen
Bauch des Muse, hallucis abduetor; es ist das darüber im Text
gesagte nachzusehn. Gründe, welche dafür sprechen, dass dieser
Muskel bei einigen Säugetieren mit dem Muse, tibialis anticus ver-
202 Gustav Tomier.
schmolzen sei, giebt Herr Prof. Bardeleben leider nicht an. Ich
selbst vermag keine zu finden. Dass Herr Prof. Bardeleben in der
bei einigen Tieren vorkommenden Zweiteilung der Muse, tibialis
anticus-Endsehne eine Verwachsung dieses Muskels mit seinem Muse,
tibialis medialis erblicken sollte, glaube ich bis auf weiteres nicht.
Bei Edentaten (Euphractus) soll der Muse, tibialis anticus ausser
fünf Zipfeln zu den Zehen 1 — 5 noch einen an den sogenannten Prä-
hallux senden. Bei dem von mir untersuchten Euphractus novem-
cinetus fehlte das hier in Rede stehende überzählige Tarsalknöchelchen
vollständig; wenn es bei anderen Euphractus-Arten vorkommt, dann
wird der an ihm endende angebliche Muse. plantaris-Zipfel zweifellos
identisch sein mit dem Muse, hallucis abduetor- Abschnitt , der vom
cal. -Körper und Muse. plantaris-Bauch entspringt, bei vielen Tieren
sehnig geworden ist und als Band seine Ursprungstellen mit dem
am tj liegenden Tarsalknochen verbindet, das Nähere darüber
findet sich an vielen Stellen dieser Arbeit. — Hiermit schliessen die
Untersuchungen des Herrn Prof. Bardeleben; nach des Verfassers
hier niedergelegter Ueberzeugung hefern die darin enthaltenen
Thatsachen und Reflexionen keinen genügenden Beweis für die
Anschauung, dass die bei vielen Säugetieren an des Fusses Medial-
seite vorhandenen überzähligen Tarsalknochen primären Ursprungs
sind. Ob es nun aber dem Verfasser dieser Arbeit gelungen ist,
die gegenteilige Anschauung fest zu begründen?
Figurenerklärung.
Durchgehende Bezeichnungen :
Abd. hal. Musculus hallucis abduetor.
Abd. hal.' Verkürzter Musculus hallucis abduetor.
ß des lig. cal.-nav. mediale distaler Abschnitt oder aus demselben ent-
standener Knochen oder Knochenanhang.
cal. Calcaneus oder Gelenkfläche für denselben.
cub? Cuboideum oder Gelenkfläche für dasselbe.
y Bandrest oder Gelenkfläche zwischen Knochen ß und dem nav.
d Musculus tibialis posticus-Endsehnenast, der am nav. inserirt; ö Reibfläche
desselben am lig. cal.-nav. mediale.
d' Musculus tibialis posticus-Endsehnenast, der am t3 inserirt; d' Reibfläche
desselben am lig. cal.-nav. mediale.
Ex. hal. Musculus hallucis extensor longus.
Fächf. Bd. Fächerförmiges Band.
Fl. hal. Musculus hallucis flexor brevis.
Fl. med. Musculus digitorum flexor medius.
Fl. prof. Musculus digitorum flexor profundus.
Fl. subl. Musculus digitorum flexor sublimis.
Ueber den Säugetier-PraehaJlux. 203
h Hilus an des nav. ast-Facette.
i Gelenkflächenanhang an der nav.-ast-Facette-Dorsal-mediale Ecke.
k Kopf des tt anliegenden überzähligen Tarsalknochens u.
lcnm. Ligamentum calcaneo-naviciüare mediale.
nav. naviculare oder Gelenkfläche für dasselbe.
la. Ligamentum talo-tibiale anticum.
lp. Ligamentum talo-tibiale posticum.
mtst, 2/ 3» 4/ 5 Metatarsalej, 2, 3, 4, $•
nav. Naviculare.
Nerv. pl. Nervus plantaris internus.
o Musculus tibialis posticus-Endsehnenast, der ans t, geht.
p des dem tt angelagerten überzähligen Knochens Plantarabschnitt.
q Muse, tibialis posticus-Sehnenast ans mtSj.
Qu. plant. Quadratus plantae.
r des lig. cal.-nav. mediale Reibfläche an der ast-Medialseite.
ss des Musculus hallucis abduetor longus Zwischensehne; s' ihr Ansatz am
cal., s ihr Ansatz am überzähligen Tarsalknochen u.
st Sustentaculum tali
t1# 2, 3, Tarsale u 2, 3 oder Gelenkfläche für dieselben
T. ant. Musculus tibialis anticus.
T. post. Musculus tibialis posticus.
tib. Tibia oder Gelenkfläche für dieselbe.
ton des nav. Tnberositafi medialis.
tp des nav. Tuberositas plantaris.
tt des Tarsale! Gelenkfläche an des nav. Tuberositas medialis.
u überzähliger Tarsalknochen ans dein Muse, hallucis abduetor entstanden.
w Gelenkfläche eines überzähligen Knochens, der beim Menschen vorkommt
in dem Musculus tibialis posticus-Endsehnenast, der an der t.,- nndt,-Plantainserirt.
z Gelenkfläche des Processus tnberositatis medialis navicnlaris am ast.
1, 2, 3, 4, 5 Bänder, welche den Knochen u an den Tarsus befestigen.
Fig. 1 Säugetierfuss, dessen Medialseite alle angeblichen Praehallux-
rudimente trägt; a, b, c, d, e diese Rudimente; f. angeblicher Nagel des
Praehallux.
Fig. 2 Cynocephalus anubis-Fuss von der Medialseite.
Fig. 3 Cynocephalus anubis-Fuss von der Medialseite ohne Musculus
hallucis abduetor.
Fig. 4 Procyon lotor-Fuss von der Medialseite.
Fig. 5 Cynocephalus anubis-Fuss.
Fig. 6 Cebus capucinus-Fuss.
Fig. 7 Ateles leucophthalmus-Fuss.
Fig. 8 Mycetes ursinus-Fuss Jugendforin.
Fig. 9 Mycetes ursinus-Fuss im Alter.
sämmtlich vom Dorsum
aus gesehen
204
Gustav Tornier.
sämmtlich von der
Proximalseite.
Cynocephalus anubis-nav.
Mycetes ursinus-nav. Jugendform.
Cebus capucinus-nav.
Mycetes ursinns-nav. im Alter.
Ateles leucophthalnius-nav.
Hylobates lar-nav. Jugendform.
Troglodytes niger-nav. Jugendform.
Troglodytes niger-nav. im Alter.
Orang-nav.
Arctictis binturong-nav. Distalseite.
Paradoxurus typus-Fuss. Distalseite.
Verschiedene Stadien der Entwicklung des am tt
liegenden überzähligen Knochens.
Fig. 24 Castor fiber-Fuss Medialseite; y Gelenkfläche zwischen nav. und
Knochen ß; y Gelenkfläche zwischen nav. und Knochen ß.
Fig. 25 Aulacodus variegatus ; t überzähliger Knochen gegenüber dem nav.
Fig. 26 Choelogenys paca-Fuss; t Tuberositas medialis des tt, entstanden
aus einem ursprünglich selbständigen Knochen.
Fig. 27 Ursus arctos-Fuss Medialseite (schematisirt) y überzähliger Tarsal-
knochen gegenüber der Articulatio nav.-tj.
Fig. 28 normales Hunde-nav. Proximalseite.
Fig. 29 Hunde-nav. Proximalseite mit Praehalluxrudiment.
Fig. 30 Hunde-nav. Medialseite ohne Tuberositas medialis.
Fig. 31 Hunde-nav. mit kleiner Tuberositas medialis (q).
Fig. 32 Hunde-nav. mit grösserer Tuberositas medialis (q).
Fig. 33 Hunde-nav. mit Tuberositas medialis im Maximum der Entwicklung.
Fig. 34 Hunde-nav. Distalseite.
Fig. 35 Menschliches nav. mit processus tuberositatis medialis.
Fig. 36 Menschliches nav. dessen processus tuberositatis medialis mit
Gelenkfläche für den ast. (z).
Fig. 38 Menschliches nav. mit Ansatzstelle (w) für ein überzähliges
Knöchelchen, das in der Muse, tibialis posticus-Endsehne-t3-Ast entstanden ist
Fig. 39 — 44. Die Entstehung des überzähligen Tarsalknochens im Muse,
hallucis abduetnr schematisirt.
Fig. 45—48 Säugetierfüsse mit überzähligen Tarsalknochen an der Medial-
seite; dieselben teils frei, teils verwachsen.
et Epitarsale; en Epinaviculare.
ea Epiastragalus ; em Epimalleolus ; u überzähliger Tarsalknochen aus dem
Muse, hallucis abduetor entstanden.
Terricolen
der Berliner Zoologischen Sammlung.
I. Afrika.
Von
Dr. W. Miehaelsen,
Assistent am Naturhistorischen Museum zu Hamburg.
Hierzu Tafel VIII.
Das Vorliegende ist der erste Teil einer kleinen Reihe von
Abhandlungen, in denen ich die Terricolen der Berliner Zoologischen
Sammlung zu beschreiben gedenke. Ich beginne mit den afrikanischen
Regenwürmern, da mir zu der Bearbeitung der Stuhlmannschen
Ausbeute aus Ostafrika eine recht umfassende Kenntnis der afrika-
nischen Terricolenfauna erwünscht erschien.
Ich gestatte mir, Herrn Geheimral Professor Möbius, Direktor
der Zoologischen Sammlung zu Berlin, meinen ergebenen Dank ab-
zustatten für die freundliche Zustellung des interessanten Materials.
Lumbrieus herculeus Sav.
Fundnotiz: Azoren, Fayal, Caldeira. No. 1CJ4S. Simroth rp.
Lumbrieus Eiseui Levinsen.
Fundnotiz: Azoren. No. 1951. Simroth rp.
Allolol>ophora foetida Sav.
Fundnotiz: Gapstadt. No. 1279. Bachmann rp.
Allolobophora trapezoides Dug.
Fundnotizen: Ain Scherschara, Tripolis*). No.834. Rohlfs rp.
1879.
Azoren, Fayal, Caldeira. No. 1947. Simroth rp.
*) Die Fundortsangabe (nicht Original) lautet: „Ain Schorsozma". Eine
briefliche Anfrage wurde von dem Sammler, Generalconsul GL Rohlfs, freund-
lichst dahin beantwortet, dass es wohl Ain-Scherschara heissen müsse. Eine
Quelle Ain Schorsozma scheint überhaupt nicht zu existieren.
206 Dr. W. Michaelsen.
Allolobophora chlorotica Sav.
Fundnotiz: Azoren. No. 1950. Simroth rp.
Allolobopliora madeirensis nov. spec.
Die zwei stark erweichten Exemplare, die mir zur Untersuchung
vorliegen, erlauben nur eine das äussere berücksichtigende Beschreibung.
Die Tiere sind 42 und 47 mm lang, 3 bis 4 und 3V2 bis 5 mm dick
und bestehen aus 135 bez. 129 Segmenten. Sie haben ein bleiches
Aussehen; jegliche Pigmentierung fehlt. Der dorsale Kopflappenfortsatz
ist nach hinten zu undeutlich begrenzt, jedenfalls teilt er den Kopf-
ring nicht vollständig. Die Borstenlinien sind kantig erhaben. Die
Borsten stehen zu 4 Paaren in den einzelnen Segmenten, jedoch
sind die beiden zu einem Paare gehörenden Borsten ziemlich weit
auseinander gerückt. Am Vorderkörper ist die ventral -mediane
Borstendistanz nicht ganz 3 mal, die laterale ungefähr 2 mal so gross,
wie die Entfernung zwischen den Borsten eines Paares. Am Mittel-
und Hinterkörper vergrössert sich die Entfernung zwischen den
Borsten der ventralen Paare bedeutend, hauptsächlich auf Kosten
der ventral- medianen Borstendistanz; doch bleibt sie immer noch
kleiner als die laterale und die ventral-mediane Borstendistanz. Die
Oeffnungen der Segmentalorgane liegen vor den lateralen Borsten-
paaren. Der erste Rückenporus liegt auf der Intersegmentalfurche 3/4.
Der Gürtel ist sattelförmig, stark erhaben, gelblich. Er erstreckt
sich über die 5 Segmente 32 bis 36 und nimmt auch noch einen
sehr schmalen Streifen des 31. sowie des 37. Segments in Anspruch.
Rückenporen, Intersegmentalfurchen und Borsten sind in der Gürtel-
region undeutlich erkennbar. Zwei Paar Tubercula pubertalis, breite,
hocherhabene quer gestellte Polster, liegen auf den Segmenten 33
und 35, auf und oberhalb der Borstenlinie IL Die männlichen
Geschlechtsöfmungen auf dem 15. Segment sind quere Schlitze auf
breiten Papillen, die auch noch auf das 14. und das 16. Segment
hinüber ragen. Sie liegen auf und oberhalb der Borstenlinien IL
Die Segmente 9, 10 und 11 sind mit lateralen, stark erhabenen
Polstern versehen.
Fundnotiz: Madeira No. 418. v. Martens rp.
Allolobophora putris Hoifm. forma?
Fundnotiz: Azoren, Fayal, Caldeira. No. 1946. Simroth rp.
Allolobophora profuga Rosa.
Fundnotiz: Azoren. No. 1949. Simroth rp.
Allolobophora complanata Dug.
Fundnotiz: I. d. Principe. No. 479. Dohrn rp.
A. complanata ist wohl kaum als auf I. d. Principe einheimisch
zu betrachten. Meines Wissens ist bisher kein Lumbricide von einem
dem Aequator so nahe gelegenen Fundort bekannt geworden.
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. 207
Erklärlich ist, dass A. complanata von allen Lumbriciden mit am
besten befähigt ist, kürzere oder längere Zeit im Tropenklima an-
zudauern. Sie ist eine characteristische Mittelmeer-Form; ihre Heimat
ist also eines der südlichsten Bezirke des auf die gemässigten und
kalten Zonen beschränkten Verbreitungsgebietes der Lumbriciden.
Allurus tetraedrus Sav.
Fundnotiz: Azoren. No. 1952. Simroth rp.
Microchaeta Rappi Beddard.
Fundnotiz: Grahamstown (Oestliches Kapland). No. 1902.
Schönland rp.
li y notus madagascariensis nov. gen. nov. spec.
(Fig. 2, 6 u. 8.)
Ich konnte ein unvollständiges, nicht vollkommen geschlechtsreifes
Exemplar dieser interessanten Art untersuchen. K. madagascariensis
scheint dem Glyphidrilus Weberi Horst (l u. -) nahe zu stehen. Er
gehört zu den Riesen unter den Oligochaeten. Das vorliegende
Stück ist 230 mm lang, 12 mm dick und besteht aus etwa 250 Seg-
menten. Der Erhaltungsznstand lässt leider manches zu wünschen
übrig. Ueber die Gestaltung des Kopflappens lässt sieh nichts aus-
sagen. Auch die Feststellung des ersten Segments ist unsicher. Es
ist deshalb zu beachten, dass bei allen Angaben in Bezug auf
Segmentzahl eventuell eine Subtraktion oder Addition ?on 1 statt-
zufinden hat. Der Vorderkörper ist drehrund, <\r\- Hinterkörper ist
schwach abgeplattet. Die äussere Segmentierung ist scharf ausgeprägt.
Jedes Segment des Vorderkörpers (bis zum 25.) zeigt eine schwach
wallförmig erhaben» .Mittelzone. Die Segmente des Vorderkörpers
sind normal lang; vom 25. Segment an werden die Segmente sehr
kurz. Die Borsten stellen zu vier engen Paaren in den einzelnen
Segmenten, sämtlich an den Seiten des Körpers. Die beiden Borsten-
paare einer Seite sind nur 2 mm von einander entfernt. Dieventral-
mediane Borstendistanz ist die grösste. Am Mittelkörper betraut
sie 15 mm. Die dorsal-mediane Borstendistanz beträgt nur 12 mm.
Eine derartige Borstenstellung ist meines Wissens bei keinem anderen
Terricolen gefunden worden. An den ersten 25 Segmenten sind keine
Borsten vorhanden (sie sind, wie die anatomische Untersuchung
zeigte, nicht etwa nur undeutlich, in der Haut verborgen). Rücken-
poren sind nicht erkennbar. Segmentalorganöffnungen sind an einigen
Segmenten des Vorderkörpers undeutlich sichtbar. Sie liegen in den
Linien der unteren Borstenpaare (1 — II) (wie bei Callidrilus scrobifer
l) Horst: Mitteilung über G. Weberi in: Verslag Vergader v. 26. Oct. 1889
(Tijdscbr. Ned. Dierk. Ver. (2) Dl. II An*. 4).
a) Horst: Preliininary note on a new genus of Earthworma (Zool. Anz.
No. 353, 1891).
208 Dr- W. Michaelsen.
Mich.3). Was die Anordnung derselben in den verschiedenen
Segmenten anbetrifft, so bitte ich die unten folgende Erörterung
zu beachten.
Von einem Gürtel ist noch keine Spur vorhanden. Die männlichen
Geschlechtsöffnungen sind als quere Schlitze auf stark erhabenen
Papillen erkennbar. Sie liegen auf dem 25. Segment etwas unter-
halb der unteren Borstenpaarlinien. Nur bei dem jüngst von Horst
beschriebenen Glyphidrilus Weberi ist eine derartig weit nach hinten
gerückte Lage der männlichen Geschlechtsöffnungen bekannt. Andere
äussere Geschlechtscharaktere sind bei dem vorliegenden Stück nicht
ausgebildet.
Die innere Organisation ist in mancher Hinsicht hochinteressant.
Zunächst in die Augen fallend ist die Inkongruenz zwischen der
inneren und der äusseren Segmentierung. In einem beträchtlichen
Teil des Vorderkörpers ist ein inneres Segment genau doppelt so
gross, wie ein äusseres, so dass ich in Erwägung ziehen musste, ob
nicht etwa je zwei äussere Ringel zu einem äusseren Segment
zusammengefasst werden müssten. Die Schärfe und Gleichmässigkeit
der betreffenden beiden Ringe spricht dagegen; auch müsste ein
sprungweiser Uebergang von der Doppelringelung zur einfachen
Segmentierung angenommen werden. Die Anordnung der Segmental-
organe scheint bei oberflächlicher Betrachtung für die Doppelringelung
zu sprechen; denn zwischen zwei Dissepimenten findet sich stets nur
ein Paar derselben und auf einer kleinen Strecke trägt infolgedessen
nur jedes zweite äussere Segment Segmentalorgan-Oefmungen. Eine
genauere Untersuchung der Lage der Segmentalorgan-Oeffnungen in
Beziehung zu den inneren Segmenten zeigt jedoch, dass die Art der
inneren Segmentierung etwas secundäres ist, dem sich die verschiedenen
Organsysteme nur bis zu einem gewissen Grade anzupassen ver-
mochten. Während nämlich die Segmentalorgane bei den Terricolen
im Allgemeinen dicht hinter den Dissepimenten ausmünden, liegen
die Ausmünden bei K. madagascariensis zum Teil weiter hinten, beim
Extrem in der Mitte des betreffenden inneren Segments (Fig. 6 np).
Diese Thatsache lässt sich nur so erklären, dass in den vorderen
Doppelsegmenten das vordere, in den hinteren Doppelsegmenten das
hintere Segmentalorgan-Paar erhalten geblieben ist, jedesmal jenes,
welches bei einem Mimmum der Verschiebung eine gleichmässige
Anordnung derselben ermöglichte. Die Anordnung der Dissepimente
ist folgende: Es korrespondiert
3) Michaelsen: Beschreibung der von Herrn Dr. Stuhhnann im Mündungs-
gebiet des Sambesi gesammelten Terricolen (Jahrb. Hamburg. Wiss. Anst. VII,
1890, p. 21).
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. 209
f.
Bei wenigen, dem letztgenannten vorangehenden Dissepimenten
ist dieses Korrespondieren mit den Intersegmentalfurchen nur ein
annäherndes. Weiter nach hinten fällt je ein Dissepiment mit einer
Intersegmentalfurehe zusammen. Die ersten Dissepimente sind mehr
oder weniger, zum Teil ausnehmend stark verdickt. Das I. Dissepimenl
ist ziemlich stark; doch nimmt die Verdickung hei den folgenden
noch zu. Bis zum V. bleibt sie sich dann gleich, um von hier an
wieder abzunehmen. Das IX. besitzt schon dir Zartheit, wie alle
übrigen Dissepimenten sie aufweisen.
Der Darm modificiert sich vorne zu einem grossen, drüsig-
muskulösen Schlundkopf. In diesen mündel «'in Paar gri
Schleimdrüsen ein. Dieselben bestehen aus einem dicken, vielfach
und umvgrlmässig zusammen gefalteten Schlauch. Vor dem
I. Dissepiment, in den Segmenten 6 und 7. liegt ein grosser Muskel-
magen. Hinter dem VIII. Dissepiment, im Segmenl 21, geht der
Oesophagus in den weiten Magendarm über. Jedes Segment vom
8. an enthält ein Paar grosser Segmentalorgane, die in den Linien
der unteren Borstenpaare ausmünden. Nur an den Segmenten des
Vorderkörpers könnt«1 ich diese Ausmündungen erkennen.
Die Geschlechtsorgane waren nur zum Teil ausgebildet. In dem
25. Segment, zwischen dem XI. und dem XII. Dissepiment, liegt
jederseits eben unterhalb der Linie des unteren Borstenpaares (zum
Teil noch diese Linie überragend) ein grosser, fast kugeliger Bulbus.
Die Intersegmentalfurchen '24 25 und 25 26 sowie die mit diesen
korrespondierenden Ränder des XI. und XII. Dissepiments weichen
vor diesem Bulbus nach vorne bez. nach hinten aus. Oben geht der
Bulbus in einen schmalen, konisch verjüngten, nach hinten zurück-
geschlagenen Zipfel (Fig. 6 pr.) über. Ein feines, schmales Muskelband
(Fig. 6 mb.) zieht sich von der Kuppe des Bulbus nach der Seite
und heftet sich in der Linie der oberen Borstenpaare an die Leibes-
wand an. Wenngleich nicht festzustellen ist, dass ein Samenleiter
in den kugeligen Bulbus eintritt und mit ihm zusammen ausmündet,
so glaube ich doch als sicher annehmen zu können, dass letzteres
Organ zum proximalen Ende des Samenleiters in Beziehung steht.
Ich halte es für eine Bursa propulsoria. Diese Bursa propulsoria
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1891. Bd. I. H. 2. 14
210 Dr. W. Michaelseil.
hat ein Lumen, welches durch reiche Faltenbildung der Wandung
verhältnismässig stark eingeengt ist. Charakteristisch für dieses
Organ ist die starke Entwicklung der Muskelschichten. Der zipfel-
förmige Anhang der Bursa propulsoria besteht aus einem gleichmässig
dicken, vielfach gewundenen und geschlängelten, durch zartes Binde-
gewebe zu der kompakten Form zusammengefassten Schlauch. Dieser
Schlauch mündet in die Bursa propulsoria ein, jedoch nicht in das
eigentliche, centrale Lumen derselben. Aus dem basalen Teil des
Lumens tritt nach hinten ein flacher von einer Dublikatur der
Bulbuswand umschlossener Vorraum, der oben in den erwähnten
Schlauch übergeht. Dieser Schlauch ist, wie sich trotz des schlechten
Erhaltungszustandes des Untersuchungsobjektes erkennen lässt,
drüsiger Natur; ich kann ihn deshalb für nichts andres als für eine
Prostatadrüse halten. Das Vorkommen von Prostatadrüsen ist bei
den Terricolen aus der Familie der Geoscoliciden (Rosa) etwas sehr
Auffallendes. Der einzige hier anzuführende Fall betrifft den
Callidrilus scrobifer Mich. (1. s. 3 c.) Das Aussergewöhnliche dieses
Vorkommens veranlasste Rosa4) und Benham5) an der Prostatadrüsen-
Natur der betreifenden Organe zu zweifeln. Ich will deshalb eine
genauere, möglichst objektive Darstellung derselben, verbunden mit
einer Abbildung ^ dieser Abhandlung einfügen. Mir liegt eine Serie
von Längsschnitten durch das Vorderende eines geschlechtsreifen
C. scobifer vor. Das Tier war vorher einer anatomischen Unter-
suchung unterworfen worden; der Rücken war geöffnet und der
Darm herausgehoben. Die Schnittserie lässt folgendes erkennen:
Ueber jeder der beiden deutlich erkennbaren männlichen Geschlechts-
öffhungen liegt ein durch tiefe Einschnitte in wenige, dicke Lappen
zerspaltener Körper (Fig. 8), dessen Durchmesser ungefähr gleich
0,4 mm ist, frei in der Leibeshöhle. Der Körper wird von kleinen,
grob granulirten Zellen gebildet, deren Grenzen nur undeutlich
erkennbar sind; auch Zellkerne sind kaum noch nachzuweisen.
Mehrere feine Blutgefässe (Fig. 8 bg.) durchziehen den Körper. Ein
feiner Kanal, dessen Querschnitt in Fig. 8 mit ag. bezeichnet ist,
tritt aus diesem Körper aus. Die Beziehung dieses Kanals zum
Samenleiter und zu der männlichen Geschlechtsöffnung (vielleicht
ist es der Samenleiter selbst) konnte ich nicht mehr nachweisen.
Ob dieser rätselhafte Körper eine Prostatadrüse ist oder nicht, will
ich nicht endgültig entscheiden. Jedenfalls aber bin ich der Ansicht,
dass die Gattung Callidrilus zur Familie der Geoscoliciden (Rosa)
gehört. Zu beachten ist die Verschiedenheit in der Gestalt und
4) Rosa: Viaggio di Leonardo Fea in Birmania e regioni vicine XXV. —
Moniligastridi, G-eoscolicidi ed Eudrilidi (Ann. Mus. Civ. St. Nat. Genova (2), IX,
1890, p. 81 [396]).
5) Benimm: An Atteinpt to Classify Earthworras (Qu. Journ. Microsc. Sc.
XXXI, P. II; U. S. pag. 284).
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. 211
inneren Struktur der beiden zweifelhaften Prostatadrüsen bei Callidrilus
scrobifer und Kynotus madagascariensis.
Penialborsten sind nicht vorhanden, dafür aber jederseits 3 Paar
anderer eigentümlicher Geschlechtsborsten. Fig. 2 ist eine Abbildung
des äusseren Endes einer solchen Borste. Dieselbe ist ungefähr
4 mm lang und hinten etwa 0,1 mm, vorne etwa 0,06 mm dick.
Das äussere Ende ist durch eine regelmässige Zusammenschnürung
von dem Hauptteil abgesetzt. Es hat die Gestalt eines schlanken
Drillbohrers; auf eine schwache Verengung folgt eine Verdickung,
die gegen die Spitze wieder abnimmt; das äusserste Ende ist konisch
zugespitzt. Eine feinere Skulptur besitzt die Borste nicht, dagegen
eine charakteristische innere Struktur. Die Verbreiterung des äusseren
Endes scheint von einer helleren Markschicht erfüllt. Das ganze
distale Ende scheint von einer feinen helleren Schicht überdeckt.
In einer kurzen Strecke, beginnend etwas vor der stärksten Verdickung
des proximalen Endes, zeigt die Borste eine schwache, gleichmässige
innere Gliederung. Je zwei solcher Borsten liegen in einem Borsten-
sack. Jedes Geschlechtsborstenpaar ist mit einer eigenartigen Drüse
(Fig. 8) ausgestattet. Diese Drüsen sind dick schlauchförmig, legen
sich aber in kurzen, engen Krümmungen zu einer festen, birnförmigen
Form zusammen. Die Länge einer solchen im Ganzen birnförmigen
Drüse ist meistens nur wenig geringer als die der Geschlechtsborsten.
Der ungünstige Konservierungszustand des Tieres Hess die Struktur
dieser Drüse nicht klar erscheinen. Das Lumen ist eng, im Quer-
schnitt mit dreispitzigem Umriss. Eine regelmässige Cyhnderepithel-
schicht bildet die innere Auskleidung. Auf dies.' folgt eine dünne
Schicht zarter Kingmuskeln und auf diese wieder eine dicke Schicht
von unregelmässig granulirter Struktur, in der ich auch muskulöse
Elemente zu erkennen glaubte. Nach aussen geht diese Schicht in
Zellen über, deren grobe Granulierung an Ghloragogenzellen erinnert.
Diese Organe zeigen folgende Anordnung: Das erste Paar steht im
22. Segment, vor dem IX. Dissepiment dicht neben dem Bauchstrang.
Das zweite Paar steht im 23. Segment, vor dem X. Dissepiment un-
gefähr in der Mitte zwischen den innersten Borstenlinien und der
ventralen Medianlinie. Das dritte Paar steht im 24. Segment, vor
dem XL Dissepiment, dicht unterhalb den innersten Borstenlinien
(jederseits dicht vor der Bursa propiüsoria).
Von den weiblichen Geschlechtsorganen waren nur die Samen-
taschen erkennbar ausgebildet. Dieselben sind wie bei den Verwandten
des Kynotus klein, sackförmig und münden durch einen kurzen
Ausführungsgang intersegmental aus. Sie stehen in grosser Zahl
über den Intersegmentalfurchen 22/23, 23/24 und 24/25, hinter (?)
den Dissepimenten IX, X und XI. Ich zählte in den drei Reihen
deren 22, 26 und 25. Die ventral-mediane Partie der betreffenden
Intersegmentalfurchen zwischen den Linien der innersten Borstenpaare
bleibt von ihnen frei, aber die übrigen Partien, die dorsale nicht
14*
212 Dr. W. Michaelsen.
ausgeschlossen, sind von den Samentaschen gleichmässig dicht besetzt.
Ein feiner Saum begleitet die Samentaschen- Reihen. Längsschnitte
durch ein Stück Haut mit Samentaschen etc. zeigten mir, dass dieser
Saum sehr blutreich ist, ohne doch das Ansehen eines einfachen
Blutgefässes zu haben. An gewissen Punkten treten Blutgefässe aus
ihm heraus und verbreiten sich strahlenförmig in den Muskelschichten
der Körperwand. Die Bedeutung dieses blutreichen Saumes, der mit
den Samentaschen in keiner direkten Verbindung zu stehen scheint,
ist mir unklar.
Fundnotiz: N. W. Madagascar. N. 931. Hildebrandt rp.
Dichogaster mimus nov. spec.
Ich konnte ein einziges, stark erweichtes Exemplar untersuchen.
Nur mit starkem Bedenken ordne ich diese Art der Beddardschen
Gattung Dichogaster6) zu; fehlt ihr doch eine Eigenschaft des D. Da-
monis Bedd., welcher man a priori generischen Wert beilegen möchte:
D. mimus hat nur 1 Paar Prostatadrüsen, während D. Damonis deren
3 besitzt. Die auffallende Uebereinstimmung in den meisten übrigen
wesentlichen Charakteren brachte mich zu der Ansicht, dass in diesem
Falle der Prostatadrüsen -Anordnung nicht die hohe Bedeutung bei-
zumessen ist, die man ihr im Allgemeinen mit Recht zuerkennt. Ich
habe schon früher bei meinen Oligochaetenstudien konstatieren müssen,
dass in einzelnen Fällen ein im Ganzen sehr fester Charakter seinen
systematischen Werth verlieren kann, so dass ihm, der im Allge-
meinen den Wert eines Familien-Charakters besitzt, nicht einmal mehr
der Wert eines Gattungs- oder gar Art -Merkmals beizulegen ist.
(Vergl. die Betrachtungen über die Verschiebung der Geschlechts-
organe innerhalb der Gattungen Allurus, Marionia und Buchholzia7).)
In noch einer Beziehung erscheint mir D. mimus merkwürdig. Be-
vor ich das Thier aus seinem Originalglase herausgenommen hatte
glaubte ich fest, einen alten Bekannten aus Westafrika, die Benhamia
rosea Mich8) vor mir zu haben, so sehr glich das Stück in Form,
Aussehen, Gürtel -Verhältnissen und Borstenstellung jenem Acantho-
driliden. Befremdender als der erstere Irrtum war mir die Erkenntnis,
dass auch in wesentlichen Punkten der inneren Organisation eine
6) Beddard: On certain Points in the Structure of Urochaeta and Dicho-
gaster, with further ßemarks on the Nephridia of Earthworms (Qu. Journ.
microsc. Sc. XXIX— N. S., 1889).
7) Michaelsen: Die Lumbriciden Norddeutschlands (Jahrb. Hamburg. Wiss.
Anst. VII, 1890).
8) Michaelsen: Oligochaeten des Naturhistorischen Museums in Hamburg",
I (Jahrb. Hamburg. Wiss. Anst. VI, 1889).
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. 213
hohe Uebereinstimmung besteht. Es fällt mir sehr schwer, diese
Uebereinstimmungen als Zufälligkeiten anzusehen; andrerseits wage
ich kein Urteil über die Art der Beziehungen auszusprechen, die
zwischen den beiden nach den bisher üblichen systematischen
Gliederimgsmethoden sehr fern von einander stehenden Arten be-
stehen mögen. Auf die zwischen D. Damonis und B. rosea bestehende
Aehnlichkeit habe ich gelegentlich der Beschreibung der letzteren
hingewiesen. Ich lasse der Beschreibung des D. mimus eine über-
sichtliche Zusammenstellung der Uebereinstimmungen und Unter-
schiede zwischen den drei genannten Arten folgen.
Das vorliegende Exemplar von D. mimus ist 40 mm lang, 13 mm
dick und besteht aus ungefähr 350 Segmenten. Der Vorderkörper
ist wie auch der Hinterkörper rötlich-braun pigmentiert. Der Mittel-
körper hat das bläulich-graue Aussehen aller stark erweichten Terri-
colen. Der Kopf läppen ist gross, in regelmässiger Wölbung stark
vorragend. Sein Hinterrand bildet einen an der Spitze etwas abge-
rundeten, sehr stumpfen Winkel. Ein eigentlicher dorsaler Fortsatz
ist nicht vorhanden. Die Segmente sind regelmässig zweiringlig. Die
Borsten sind sehr zart. Sie stehen dicht hinter den Ringelfurchen,
zu 4 engen Paaren in den einzelnen Segmenten, ganz an der Bauch-
seite. Die ventral-mediane Borstendistanz ist wenig grösser als die
Entfernung zwischen den beiden Borstenpaaren einer Seite. Rücken-
poren sind von der Intersegmentalfurche 1 ."> an deutlich erkennbar.
Der Gürtel ist stark erhaben, intensiv braun gefärbt. Er
erstreckt sich über die Segmente 13 bis 22 (rechts) bez. 23
(links). Ein kreisförmiges, ventral -medianes Felo zwischen den
Intersegmentalfurchen 15/1(5 und 18/19, welches sich seitlich bis über
die Linien der innersten Borstenpaare hinaus erstreckt, bleibt frei
vom Gürtel. Von diesem Felde aus erstreckt sich dann eine gürtel-
freie Partie ventral-median, zwischen den Linien der innersten Borsten-
paare, nach hinten, erweitert sich vor dem Ende des Gürtels bis zu
den Linien der äusseren Paare und teilt so die ganze hintere Hälfte
des Gürtels. Die vordere Hälfte des Gürtels erstreckt sich wohl
auch über die ventral-mediane Körperpartie, doch ist die Haut hier
weniger stark erhaben. Ein Paar grosse männliche Geschlechts-
öffnungen liegen auf dem 17. Segment in den Linien der innersten
Borstenpaare, also innerhalb des kreisförmigen, gürtelfreien Feldes.
Ein Paar (äusserlich kaum erkennbarer) Eileiter-Oeffnungen liegt auf
dem 14. Segment ebenfalls auf den Linien der innersten Borsten-
paare. Eine bogenförmige Hautfalte, deren Konvexität nach hinten
gerichtet ist, verbindet die beiden Eileiter-Oeffnungen. Die Inter-
segmentalfurchen und Ringelfurchen des 13. und 14. Segments sind
mehr oder weniger parallel dieser Hautfalte nach hinten eingebogen.
Ein Paar kleiner Samentaschen- Oeffnungen ist auf der Intersegmental-
furche 8/9 in den Linien der äusseren Borstenpaare gelegen. Sie
214 Dr. W- Michaelsen.
sind als schwache, dunklere, von kleinen hellen Höfen umgebene
Punkte erkennbar.
Der Oesophagus bildet sich vorne zu einem grossen, drüsig-
muskulösen Schlundkopf und vor dem weit nach hinten ausgebauch-
ten Dissepiment X (IX?) zu zwei grossen, kräftigen Muskelmägen
um. In den Segmenten 14, 15 und 16 trägt der Oesophagus je ein
Paar grosser Kalkdrüsen. Die Kalkdrüsen einer Seite sind, die
dazwischen hegenden Dissepimente unregelmässig verschiebend,
fest gegen einander gewachsen, so dass sie bei oberflächlicher Be-
trachtung nur in einem übermässig grossen Paar vorhanden zu sein
scheinen. Sie sind in viele kleine Loben zerspalten, die wie die Win-
dungen eines menschlichen Gehirns aussehen. Nur die Drüse des
14. Segments enthält grosse Kalkkörner, die des 15. und 16. Segments
erscheinen leer. Ob dieser Unterschied auf einer Verschiedenheit
der Funktion beruht, muss dahingestellt bleiben. Die Dissepimente
9/10 und 12/13 sind stark verdickt. Die Segmentalorgane bilden
einen besonders in den Gürtelsegmenten starken, zottigen Besatz an
der Innenseite der Körperwand.
Hoden, Samensäcke und Samentrichter waren nicht mehr er-
kennbar. Zwei ziemlich dicke Samenleiter gehen fest an die Leibes-
wand angeheftet gerade nach hinten. Im 16. Segment bilden sie eine
kleine, frei in die Leibeshöhle hineinhängende, eng hufeisenförmige
Schleife und treten dann im 17. Segment in die Basis zweier Schlauch-
förmiger, zu dicken Knäulen zusammengelegter Prostatadrüsen ein.
Penialborsten sind nicht vorhanden.
Ein Paar grosser Ovarien hängt vom Dissepiment 12/13 in das
13. Segment hinein. Zwei Eitrichter liegen vor dem Dissepiment 13/14
und gehen nach hinten in verhältnissmässig lange, grade gestreckte
Eileiter über, die in den Linien der inneren Borstenpaare im 14. Seg-
ment ausmünden. Ein Paar Samentaschen mündet auf der Inter-
segmentalfurche 8/9 in den Linien der äusseren Borstenpaare aus.
Die Samentaschen sind sackförmig und tragen an ihrer Basis eine
stark erhabene, warzenförmige Wucherung, in der man schon bei
mikroskopischer Betrachtung des vollständigen Organs die charakteri-
stischen, für die Aufnahme des Spermas bestimmten Hohlräume
erkennt.
Fundnotiz: Accra. No. 561. Ungar rp.
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung.
215
Zusammenstellung der auffallenden Lebereinstimmungen und
Unterschiede in der Organisation von:
Borsten:
Gürtel:
DichogasterDamonis Dichogaster mimus u. Benhamia rosea
Bedd., Mlich. Mlich.
zuje4Paaren, an
der Bauchseite.
XIII— XX.
zuje 4Paaren, anjzuje 4Paaren, an
der Bauchseite, der Bauchseite.
Dorsal-raediane
Borstendistanz
grösser als 2/3 des grösser als 2/3 des
Körper-
umfange s
xra-xxii
(xxnij.
Dorsal-mediane
Borstendistanz
Körper
umfanges.
xin.
<§ Oeffnungen a.
S. :
XVII,
innerhalb der
Borstenlinien I.
XVII.
auf den Borsten-
linien I.
XVIII,
innerhalb der
Borstenlinien I.
£ Oeffnungen:
innerhalb der inner- auf den innersi e n
sten Borstenlinien. Borstenlinien
Samentaschen-
öffnungen:
1 Paar,
Mnt. j.-F.vn/vm,
innerhalb der in-
nersten Borsten-
liniin.
Oesophagus mit:
2 M uskel i:
u. 3 Paar Kalk-
drüsen.
Segmentalorgane
am Mittelkörper
einen
zottigen Besät:
a. d. inneren
L eibe s wa n d
bildend.
Prostatadrüsen
schlauchförmig,
3 Paar,
i. S. XVII, XVII I
u. XIX.
auf den innersten
Borstenlinien.
l Paar,
a. J.-F.VIII/1X,
a. d. Linien der
äusseren Borsten-
paare.
2 Paar,
a. .T.-F. VII VIII u.
vm ix,
innerhalb der in-
nersten Borsten-
linien.
2 M u-krlinägen
u. 3 Paar Kalk-
drüsen.
2 Muskeim a -< n
u. ?Paar Kalk-
drüsen.
ebenso.
ebenso.
schlauchförmig.
1 Paar.
i. S. XVII.
schlauchförmig,
2 Paar,
i.S. XVII und XIX.
Samentaschen:
1 Paar,
sackförmig, mit
1 warzenför-
migen Diver-
tikel.
1 Paar,
sackförmig, mit
1 warzenför-
migen Diver-
tikel.
2 Paar,
sackförmig, mit
1 (?) warzenför-
migen Diver-
tikel.
216 Dr. W. Michaelsen.
Eudrilus pallidus nov. spec.
(Fig. 5.)
Es liegt nur ein einziges, am Mittelkörper vollkommen erweichtes
und zerrissenes Exemplar dieser Art zur Untersuchung vor. E. pallidus
lässt sich von E. Jullieni Horst9), dem einzigen bisher bekannt
gewordenen westafrikanischen Eudrilen, schon durch den Habitus
unterscheiden. Während dieser eine fast purpurne Pigmentierung
der Haut aufweist ist E. pallidus vollkommen pigmentlos, bleich.,
gelblich-weiss. Dazu ist das vorliegende Exemplar 160 mm lang und
5 bis 6 mm dick, während das grösste Exemplar von E. Jullieni nur
120 mm lang ist. Das untersuchte Stück besteht aus etwa 196 Seg-
menten. Der Kopflappen ist ziemlich gross und besitzt einen dorsalen
Fortsatz, der den Kopfring nur etwa bis zu einem Viertel seiner
Länge teilt. Die Borsten stehen zu 4 Paaren, 2 ventralen und
2 lateralen, in den einzelnen Segmenten. Die ventral-mediane Borsten-
distanz ist am Vorderkörper ungefähr gleich der Entfernung zwischen
den beiden Paaren einer Seite, am Hinterkörper ist sie etwas grösser.
Die dorsal-mediane Borstendistanz ist ungefähr gleich dem halben
Körperumfang. Die Segmentalorgan -Oeffhungen sind als dunkle
Grübchen deutlich erkennbar. Sie liegen dicht hinter den Inter-
segmentalfurchen vor den lateralen Borstenpaaren. Rückenporen
Hessen sich nicht mit Sicherheit nachweisen.
Der Gürtel ist sattelförmig. Er erstreckt sich über die 6 Segmente
13 bis 18. Eine ventral-mediane Körperpartie zwischen den innersten
Borstenlinien, die sich gegen den Anfang und das Ende des Gürtels
bis zu den lateralen Borstenlinien erweitert, bleibt gürtelfrei. Der
Gürtel ist stark erhaben, hell braungelb. Die Intersegmentalfurchen
und Segmentalorgan-Oeffnungen sind in der Gürtelregion unverändert
deutlich geblieben. Die Borsten dagegen waren hier nicht erkennbar.
Ein Paar grosser männlicher Geschlechtsöffhungen liegt auf dem
17. Segment in den Linien der ventralen Borstenpaare. Sie erscheinen
als grosse Löcher, aus denen je ein dicker, stempeiförmiger Penis
halb herausragt. Ein Paar grosser, augenförmiger weiblicher
Geschlechtsöfmungen liegt auf dem 14. Segment. Die Mitte dieser
Oeffnungen liegt in den Linien der innersten Borsten (I); die ganzen
Oefihungen liegen also nicht den innersten Borstenpaaren gegenüber,
sondern sind ein weniges gegen die ventrale Medianlinie verschoben.
Der Darm modifiziert sich in den ersten Segmenten zu einem
grossen drüsig-muskulösen Schlundkopf. Der auf diesen folgende
Oesophagus geht bald in einen grossen, die Länge dreier Segmente
beanspruchenden Muskelmagen über. Der Muskelmagen liegt vor
dem (wie auch die beiden folgenden) weit nach hinten aufgetriebenen
9) Horst : Sur quelques Lombricieus exotiques apartenant au genre Eudrilus
(Mem. Soc. Zool. France HI, 1890).
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. 217
Dissepiment 7/8. Der Oesophagus trägt (im 10. und 11. Segment
je eine unpaarige, ventrale Tasche? und) im 12. Segment ein Paar Kalk-
drüsen. Im 14. Segment geht er in den weiten Magendarm über.
In den Segmenten 9, 10 und 11 wird der Darm von stark herzartig
erweiterten Blutgefässen umfasst. Die Segmentalorgane zeigten die
für die Eudrilen normale Bildung.
Die Hoden konnte ich nicht erkennen, doch spricht die Anordnung
der übrigen männlichen Geschlechtsorgane für die normale Stellung
derselben. In den Segmenten 10 und 11 hegen unterhalb des Darmes
unpaarige, quergestreckte Samenblasen, die nach hinten, die Disse-
pimente 10/11 und 11/12 durchsetzend in je ein Paar grosse Samen-
säcke in den Segmenten 11 und 12 übergehen. Die Samensackpaare
umfassen den Darm. Das Paar des 12. Segments ist grösser als das
des 11. und treibt das Dissepiment 12/13 weit nach hinten auf. Die
proximalen Enden der Samenleiter zeigen dieselbe Bildung, wie Rosa
sie bei Teleudrilus Ragazzi fand10). In den Segmenten 10 und 11
liegt jederseits unterhalb des Darms, vor den Hinterwänden ein
länglicher, Hirsekornförmiger, stark glänzender Körper, eine Er-
weiterung des betreffenden Samenleiters. Das der ventralen Median-
linie zugewendete Ende geht in einen schlanken Hals über, der sich
nach hinten wendet, das Dissepiment 10/11 bez. 11/12 durchsetzt
und in die betreffenden Samensäcke des 11. bez. 12. Segments eintritt.
Innerhalb derselben erweitert sieb der schlanke Halsteil zu den
Samentrichtern. Die beiden Samenleiter einer Seite vereinen sich
im 13. Segment und gehen als verhältnismässig dicker Strang grade
nach hinten. Dieser Strang tritt in die mittleren Partien einer
langen, schlauchförmig!] Prostatadrüse ein. Diese Prostatadrüse
erstreckt sich vom 17. Segment mit geringen Krümmungen weit nach
hinten. Die Bursa copulatrix ist von innen nur undeutlich als
schwache, rundliehe Erhabenheit der Leibeswand an der Stelle, wo
die Prostatadrüse ausmündet erkennbar. Von jenen eigenartigen
Anliangsgebilden, wie sie von der Bursa copulatrix anderer Eudrilen
in die Leibeshöhle hineinragen, ist nichts zn sehen. Da sich die
männlichen Copulationsorgane bei dem untersuchten Tier im Stadium
der Erektion befinden (siehe oben), so darf die schwache Erhabenheit
der Bursa copulatrix nicht als etwas wesentliches angesehen
werden. Ein wesentlicher Unterschied von anderen Eudrilen liegt
aber wohl darin, dass die Prostatadrüse ohne deutliche Verengung
in die Bursa copulatrix einmündet.
Die weiblichen Geschlechtsorgane sind jederseits zu einem
zusammenhängenden Apparat verwachsen. Fig. i) veranschaulicht
den der linken Seite: Das Ovarium (ov) liegt dicht hinter dem
Dissepiment 12/13 neben dem Bauchstrang. Es besteht aus
büscheligen Gruppen kleiner, gleichartiger Zellen. Es ist in einen
feinen, mit zarter Muskulatur versehenen Schlauch eingeschlossen.
,n) Rosa : I Lombrichi della Scioa (Ann. Mus. Civ. Stör. Nat. Genova (2), VI).
218 Dr. W. Michaelsen.
Dieser Schlauch geht nach hinten und tritt in die Samentasche
ein. Die Samentasche besteht aus einem dicken Basalteil (bs)
und einem weiten, sackförmigen Hauptteil (st). Der Basalteil wird
innen von einem aus sehr langen Spindelzellen gebildeten Epithel
ausgekleidet. Dieses Epithel wird nach aussen von einer sehr dicken
Muskelschicht überdeckt. Die Hauptmasse der letzteren sind Ring-
muskeln. In diese finden sich kleine Längsmuskelpartien zerstreut
eingelagert. Der sackförmige Teil der Samentasche wird von einem
niedrigen Epithel gebildet , dessen einzelne Zellen birnförmig sind
und zottenartig unregelmässig in das Lumen hineinragen. Muskeln
konnte ich hier nicht erkennen. Nur das zarte Peritoneum überdeckt
die Epithelschicht. Der Basalteil mündet durch die grosse, augen-
förmige Oefmung im 14. Segment aus. Andrerseits ist er ziemlich
weit in den sackförmigen Teil hineingedrückt. Die Samentasche
trägt verschiedene Anhangsorgane. Hart an ihrer Basis münden
zwei keulenförmige Divertikel, muskulöse Anhangsblasen (ab), in sie
ein. Die Wandung dieser Anhangsblasen zeigt dieselbe Struktur,
wie die Wandung des Basalteils der Samentasche, nur ist das
Epithel etwas niedriger und die Muskelschicht etwas dünner. Die
eine dieser beiden Blasen ist nach vorne und innen, fast grade auf
das Ovar hin, gerichtet; die andere ragt schräg nach hinten, aussen
und oben in die Leibeshöhle hinein. Etwas unterhalb des sack-
förmigen Teils mündet an der Innenseite ein kugeliger Divertikel (dv)
andrer Art in den Basalteil der Samentasche ein. Dieser hat eine
Struktur wie die Divertikel der Samentaschen verschiedener Acan-
thodriliden und andrer Terricolen. Sein Lumen ist durch reiche,
mehrfache Faltenbildung der Wandung in ein Labyrinth enger,
spaltenförmiger Räume aufgelöst, in denen sich Elemente finden, die
ich für Sperma halte, da sie sich wie dieses in Karmin auffallend
stark färben. Eine nur schwache Muskelschicht umhüllt diesen
„eigentlichen" Divertikel. Der Einmündung des Divertikels dv gegen-
über, also an der Aussenseite der Samentasche, tritt ein Kanal aus
dem Basalteil aus, der anfangs schräg nach vorne geht, dann eine
knieförmige Knickung macht und, schräg nach hinten gehend, in ein
Receptaculum ovorum (ro) eintritt. Der Kanal des Receptaculum
ovorum besteht aus einem ziemlich hohen Cylinderepithel und einer
Muskelschicht, die sich aus Längs- und Ring -Muskeln zusammen
setzt. Das Receptaculum ovorum hat die bekannte Struktur: Ein
Centralraum ist von vielen Kammern umstellt, in denen sich Eizellen
verschiedener Entwicklungsstadien vorfinden. In den jüngeren
Stadien liegen die Eizellen frei in jenen Räumen. Die höher ent-
wickelten sind von kleinen Zellen fest umwachsen. Die höchst ent-
wickelten Eizellen zeichnen sich durch ihre bedeutende Grösse aus.
Spermamassen finden sich im Basalteil der Samentasche, im Centralraum
und im Kanal des Receptaculum ovorum und vielleicht auch im eigent-
lichen Divertikel. Oberhalb der Einmündung des „eigentlichen"
Divertikels tritt der Ovarialkanal in die Samentasche ein. Die
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. 219
innere Mündung desselben liegt noch im Basalteil der Samentasche,
aber am änssersten, in den sackförmigen Teil hineingedrückten Ende
desselben.
Fundnotiz: Accra, No. 648. Ungar rp.
Preussia (?) lundaensis, nov. spec.
(Fig. 1.)
Da nur ein einziges Exemplar dieser Art vorhanden und dieses
noch dazu nicht geschlechtsreif ist, so kann die systematische Stellung
dieses Tieres nicht mit voller Sicherheit klar gelegt werden. Zur
Charakterisierung der Art würden schon die wohl ausgebildeten,
eigenartig gestalteten Penialborsten genügenden Anhalt bieten.
Das vorliegende Tier ist 90 mm lang, 4 bis 4V2 mm dick und
besteht aus 193 Segmenten. Die Grundfarbe ist ein helles Grau-
braun, am Rücken des Vorderkörpers mit einem kastanienbraunen
Pigment überdeckt. Die Borsten stehen zu 4 Paaren in den einzelnen
Segmenten, 2 ventralen und 2 lateralen. Die beiden Borsten der
lateralen Paare stehen sehr dicht aneinander, zwischen denen der
ventralen Paare liegt dagegen ein bedeutender Zwischenraum, der
ungefähr zwei Drittteilen der ventral -medianen Borsten distanz gleich-
kommt. Die Oeffhungen der Segmentalorgane liegen vor den lateralen
Borstenpaaren.
Von einem Gürtel ist noch keine Spur erkennbar. Eine einzige,
unpaarige männliche Geschlechtsüfhi ung liegt im 17. Segment auf der
ventralen Medianlinie, ein querer, von einem helleren Hof umgebener
Schlitz. Die einzige äussere Spur einer Samentaschenöfrhung besteht
in einem hellen Fleck vor dem Hinterrande des L 5. Segments auf
der ventralen Medianlinie. Weitere äussere Geschlechtsbildungen
sind nicht erkennbar.
Der Darm modifiziert sich vorne zu einem drüsig -muskulösen
Schlundkopf. Einen Muskelmagen konnte ich nicht auffinden; da-
gegen Hessen sich Kalkdrüsen und ( hylustaschen von der Struktur,
wie sie Polytoreutus coeruleus Mich, forma makakalensis besitzt
(1. s. 3) c), nachweisen. Die Segmentalorgane zeigten die für die
EudriHden normale Anordnung.
Hoden, Samensäcke, Samentrichter und Samenleiter sind bei dem
Untersuchungsobjekt nicht erkennbar ausgebildet; ziemlich weit ent-
wickelt sind dagegen die Prostatadrüsen und die Penialborstensäcke.
Zwei ziemlich schlanke, schlauchförmige, sich durch mehrere Seg-
mente nach hinten erstreckende Prostatadrüsen münden durch die
gemeinsame Oeffnung im 17. Segment aus. Zwei Paar Penialborsten-
säcke schliessen sich an die Prostatadrüsen an. Diese Penialborsten-
säcke gleichen fast vollständig denen des kürzlich von mir beschrie-
220 Dr. W. Micha eisen.
benen Paradrilus Kosae11). Mit sackförmigen Erweiterungen ent-
springen sie an der seitlichen Leibeswand im 34. Segment und gehen
von hier aus, stets fest an die Leibeshöhle angelegt, in schlankem
Bogen bis zur Prostatadrüsen -Oefmung. Die beiden Penialborsten-
säcke einer Seite sind hart aneinander angelehnt. Die Penialborsten
(Fig. 1) ähneln denen der Preussia siphonochaeta Mich. (1. c. Fig. 4).
Sie sind bei dem untersuchten Tier 4 mm lang und ungefähr 0,1 mm
dick, schlank gebogen. Ihre Gestalt ist wie die eines dünnwandigen,
am freien Ende zugespitzten Hohlcylinders, dessen Lumen durch einen
sich über die ganze Länge erstreckenden Schlitz nach aussen eröffnet
ist. Vor dem freien Ende erweitert sich der Schlitz ziemlich bedeutend.
Das freie Ende ist mit zahlreichen, zerstreut gestellten Häkchen ver-
sehen. Diese Häkchen sind schlank, senkrecht zur Borstenaxe gestellt
und ihre Spitze ist dem proximalen Borstenende zugebogen. Derartige,
frei abstehende Häkchen sind mir von keiner Terricolen-Penialborste
bekannt.
Die weiblichen Geschlechtsorgane des untersuchten Tieres stehen
noch in dem ersten Entwicklungsstadium. Vom Dissepiment 12/13
ragt jederseits neben dem Bauchstrang ein weisses, kompaktes Kör-
perchen, eine Ovarien- Anlage, in das 13. Segment hinein. Ausserdem
ist nur noch eine einzige, unpaarige Samentasche erkennbar. Die-
selbe ist blindsackförmig. Sie mündet am Hinterrande des 15. Seg-
ments in der ventralen Medianlinie aus. Nach hinten erstreckt sie
sich bis in das 18. Segment.
Fundnotiz: Lunda. No. 936. Dr. Buchner rp.
Paradrilus ruber nov. spec.
(Fig. 4 u. 10.)
Auch von dieser Art konnte ich nur ein einziges, stark ver-
schrumpftes Exemplar untersuchen. Dasselbe ist 360 mm lang,
9 bis 10 mm dick und besteht aus ungefähr 286 Segmenten. Es
ist an der Rückseite dunkel braunrot, an der Bauchseite hell braun-
rot gefärbt. Der Kopflappen ist gross, gewölbt. Er hat keinen
eigentlichen dorsalen Fortsatz, doch bildet sein Hinterrand einen
sehr stumpfen, stark abgerundeten Winkel, der sich in einen ent-
sprechend seichten Ausschnitt des Kopfring- Vorderrandes einschmiegt.
Die Borsten stehen zu 4 Paaren in den einzelnen Segmenten, 2 lateralen
und 2 ventralen. Die Borsten der lateralen Paare stehen etwas
dichter an einander als die der ventralen Paare. Die Oeffnungen
der Segmentalorgane sind deutlich erkennbar, vor den lateralen
Borstenpaaren gelegen.
n) Michael sen : Oligochaeten des Naturhistorischen Museums in Hamburg,
IV (Jahrb. Hamburg. Wiss. Anst. VIII ; pag. 28 u. Fig. 5).
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. 221
Eine einzige, ventral-mediane männliche Geschlechtsöffhung liegt
auf der Intersegmentalfurche 17/18. Vor und hinter derselben er-
kennt man je eine tiefe, die Geschlechtsöffhung bogenförmig um-
fassende Einsenkung. Eine einzige, ebenfalls ventral-mediane Samen-
taschen-Oeffhung Hegt dicht vor der Intersegmentalfurche 12/13.
Auch vor der Intersegmentalfurche 15/16 glaubte ich eine feine,
ventral-mediane Oeffhung zu erkennen; doch konnte ich nach Eröffnung
des Tieres kein Organ finden, welches etwa zu dieser Oeffhung in
Beziehung stehen möchte. Eileiter-Oefmungen sind äusserlich nicht
erkennbar. Der Gürtel ist nicht vollständig ausgebildet.
Der Darm modificiert sich vorne zu einem drüsig-muskulösen
Schlundkopf und im 7. (?) Segment zu einem grossen, kräftigen
Muskelmagen. Im 12. (?) Segment trägt er ein Paar grosse Kalkdrüsen.
Die Dissepimente 10/11 und 11/12 sind stark verdickt. Die Segmental-
organe, je 2 in einem Segment, münden in den Linien der lateralen
Borstenpaare aus.
Die Hoden konnte ich nicht erkennen. Zwei Paar ventral-
median verschmolzener Samenblasen liegen unter dem Darm in den
Segmenten 10 und 11. Jede Samenblase steht mit einem Samen-
sacke in dem folgenden Segment (11 bez. 12) in Kommunikation.
Die Samensäcke sind flach, muldenförmig. Die des 12. Segments
durchbrechen die folgenden Dissepimente und erstrecken sich bis in
das 16. Segment nach hinten. Unter jeder Samenblase liegt ein dicker,
ellipsoidischer Körper, eine Erweiterung des Samenleiters (Eiweiss-
Kapsel). Nach unten geht diese Erweiterung in den engen, grade nach
hinten verlaufenden Samenleiter, nach oben in den innerhalb der Samen-
blase liegenden Samentrichter über. Am Anfang des L8. Segments
münden zwei lange, dicke, schlauchförmige Prostatadrüsen aus.
Nach hinten erstrecken sie sich bis in das 33. Segment. Dieselben
zeigen den charakteristischen, von der Muskelsehicht herrührenden
Glanz und sind besonders an der Oberseite von einem dichten Blut-
gefässnetz übersponnen. Sie treten seitlich in ein grosses, rundes,
plattes Polster ein. Es musste unentschieden bleiben, in wie weit
dieses Polster mit der Bursa propulsoria und der Bursa copulatrix
des Paradrilus Rosae gleich gestellt werden kann. Jederseits finden
sich zwei lange, schlanke, fest aneinander gelegte Penialborstensäcke,
die sich an der Leibeswand entlang in schlankem, fast halbkreis-
förmigen Bogen von der männlichen GeschlechtsöÖhung bis in die
seitlichen Partien des 25. Segments erstrecken. Jeder enthält eine
grosse, etwa 8 mm lange und 0,05 bis 0,16 mm dicke, ungefähr
halbkreisförmig gebogene Penialborste (Fig. 4 a u. b). Das etwas
schärfer gebogene äussere Ende einer solchen Penialborste ist spatei-
förmig abgeflacht. In den durch die Kanten der Abflachung be-
stimmten Linien ist die Penialborste mit grossen, regelmässigen
Dornen bewaffnet. Die Höhe dieser Dorne kommt ungefähr einem
Viertel des Borstendurchmessers gleich. Ihre Basalteile stehen genau
senkrecht auf der Borste; ihre Spitzen sind grade gegen das äussere
222 Dr. w- Michaelsen.
Ende der Borste hin umgebogen. Die beiden Dorn-Zeilen beginnen
dicht hinter der Abflachung des äusseren Endes und ziehen sich fast
bis zum inneren Ende der Borste hin. Gegen das innere Ende der
Borste werden die Dorne niedriger und schrumpfen schliesslich zu
einfachen Warzen zusammen.
Der weibliche Geschlechtsapparat (Fig. 10) gleicht im Wesentlichen
dem des P. Rosae (siehe 1. s. n) c); nur in der Gestalt einzelner
Organe weicht er von demselben ab. Eine dicke, nach hinten etwas
verbreiterte Samentasche (st) erstreckt sich über der ventralen
Medianlinie von der Ausmündungsstelle hinten im 12. Segment bis
durch das 16. Segment. Durch einen ziemlich tiefen, medianen,
vertikalen Einschnitt ist die hintere Partie derselben in zwei Teüe
gespalten, die den beiden verengten Fortsätzen der Samentasche des
P. Rosae entsprechen. Die Schnittwände sind zottig und es haften
Fetzen des Darmes (oe) an ihnen. Derselbe scheint an dieser Stelle
mit der Samentasche verwachsen zu sein. Zwei Ovarien (ov) liegen
rechts und links neben dem vorderen Ende der Samentasche, hinter
dem Dissepiment 12/13. Jedes Ovar ist von einer feinen Membran
umhüllt, die sich in Gestalt eines ziemlich weiten Schlauches (ok)
nach hinten erstreckt und in eine vor dem Dissepiment 13/14 gelegene
Eitrichterblase (eb) einmündet. In diese Eitrichterblase münden
ferner ein, eine unregelmässig erweiterte, lang gestreckte, in ganzer
Länge an das Dissepiment 13/14 angeheftete Drüse (dd), ein hinter
dem Dissepiment 13/14 gelegenes Receptaculum ovorum (ro), ein
grade nach hinten gestreckter und im 14. Segment ausmündender
Eileiter (el) und schliesslich ein feiner, nach hinten verlaufender, in
die Samentasche eintretender (?) Kanal (eg) (Eigang). Ich habe den
Verlauf dieses Kanals bei diesem Tier nicht mit vollkommener
Sicherheit feststellen können.
Fundnotiz: Togo Land. Nr. 1898. Premierlieutenant Morgen rp.
Paradrilus purpureus nov. spec.
(Fig. 11.)
Vorliegend ein Exemplar. Ich ordne diese Art der Gattung Para-
drilus zu, trotzdem ihr ein Charakter mangelt, den ich bisher als
etwas wesentliches dieser Gattung ansah. P. purpureus besitzt keine
Penialborsten. Die Ausbildung der Geschlechtsorgane stimmt im
übrigen so auffallend mit der bei P. Rosae und P. ruber überein,
dass ich die drei Arten nicht trennen kann und sich infolgedessen
meine Ansicht über die Wesentlichkeit der Penialborsten etwas
modificierte.
Das Exemplar ist 22 cm lang, 6 bis 7 cm dick und besteht
aus 178 Segmenten. Die Bauchseite ist braungelb gefärbt. Der
Rücken ist dunkel kastanienbraun bis tief purpurn, stellenweise mit
stahlblauem Schimmer. Der Kopflappen ist ziemlich gross unb be-
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. 223
sitzt einen dorsalen Fortsatz, der bis an die Mitte des Kopfringes
nach hinten geht. Die Borsten stehen zu 4 Paaren an den einzelnen
Segmenten. Die beiden Paare einer Seite sind ziemlich dicht an
einander gerückt ; die ventral-mediane Borstendistanz ist infolgedessen
verhältnismässig gross geworden. Die Borsten der oberen Paare
stehen sehr dicht, die der unteren Paare etwas weniger dicht an-
einander. Die Oeffnungen der Segmentalorgane liegen in den Linien
der oberen Borstenpaare. Rückenporen scheinen nicht vorhanden
zu sein.
Der Gürtel ist ringförmig. Er ist sehr unregelmässig ausgebildet
und zeigt Wucherungen (besonders dick an der Ventralseite) und
Lücken, die ich nicht für normal halten kann. Er scheint die Seg-
mente 13 bis 18 in Anspruch zu nehmen.
Eine einzige, ventral-mediane männliche Geschlechtsöffnung liegt
auf der Intersegmentalfurche 17/18. Sie ist von einem kreisrunden
Hof umgeben und hat die Gestalt einer breiten römischen I. Eine
einzige Samentaschenöffnung liegt vor der Intersegmentalfurche 12 L3.
Die Segmente 7/8 bis 11/12 sind stark verdickt. Der Darm zeigt
vorne einen drüsig-muskulösen Schlundkopf, vor dem Dissepiment 7/8
einen grossen, kräftigen Muskelmagen, in den Segmenten 10 und 11
je eine breite, unpaarige, ventrale Chylustasche und im 12. Segment
ein Paar Kalkdrüsen. Jede der beiden Kalkdrüsen ist durch drei
Längsschnitte, von denen der mittlere etwas tiefer ist, in 4 Loben
gespalten. Die einzelnen Segmente enthalten ein Paar in den Linien
der oberen Borstenpaare ausmündende Semnentalorgane.
Die männlichen Geschlechtsorgane sind, wenn von dem Fehlen
der Penialborsten abgesehen wird, ähnlich angeordnel wie bei den
beiden anderen Paradrilen. Die Hoden konnte ich nicht erkennen.
(Unpaarige?) Samcnblasen Liegen in den Segmenten 10 und 11. Die
Samenblase des 10. Segments umfasst den Darm ringförmig; die des
11. Segments liegt ganz unterhalb des Darms. Diese Samenblasen
stehen mit zwei Paar Samensäcken je in dem nächst folgenden Seg-
ment 11 bez. 12 in Kommunikation. Die Samensäcke sind etwas
platt, ungefähr von gleicher Grösse. Das proximale Ende der Samen-
leiter besitzt eine gleiche unter den Samenblasen liegende ellipsoi-
dische Anschwellung(Eiweiss-Kapsel) wie bei den andern Paradrilen. Die
Prostatadrüsen sind schlauchförmig, dick und lang und erstrecken sich
bis in das 25. Segment. Sie münden durch ein ähnliches, ovales Polster
hindurch nach aussen, wie es bei P. ruber beschrieben worden ist.
Sie sind mit wohlausgebildeter Muskelschicht versehen, wie an dem
charakteristischen Glanz zu erkennen ist. Von Penialborsten ist
keine Spur zu erkennen.
Der weibliche Geschlechtsapparat (Fig. 11) gleicht in allem
Wesentlichen dem der beiden andern Paradrilen. Eine einzige,
mediane Samentasche (st) von abgerundet rechteckigem Uniriss
erstreckt sich durch die Segmente 13, 14 und 15. Aus den beiden
Hinterecken entspringen zwei schlauchförmige Divertikel, die nach
224 Dr. W. Michaelsen.
vorne zurückgelegt sind und, sich nach innen wendend, oberhalb der
eigentlichen Samentasche zusammentreffen. An dieser Vereinigungs-
stelle ist ein Fetzen des Darmes, der ursprünglich über der Samen-
tasche und den Divertikeln gelegen hat, nach der Abhebung desselben
sitzen gebheben (oe). Angeregt durch eine briefliche Mitteilung
Dr. Eosas 12) untersuchte ich die Verhältnisse näher und kann nun
die von Rosa an P. Rosae erkannte Kommunikation zwischen Samen-
tasche und Darm auch für P. purpureus feststellen: An der nach
oben gewendeten, zottigen Innenseite des Darmfetzens erkennt man
genau über der Vereinigungsstelle der beiden Divertikel eine feine,
quer gestellte Oeffhung (nicht ganz so gross wie in der Fig. 11 bei
oe gezeichnet ist). Eine derartige Kommunikation zwischen Samen-
tasche und Darm habe ich in einer älteren Abhandlung13) für ver-
schiedene Enchytraeiden nachweisen können. Zwei Ovarien (ov)
Hegen neben der Samentasche hinter der Intersegmentalfurche 12/13.
Jedes ist umhüllt von einer feinen Membran, welche sich nach hinten
in einen Ovarialkanal (ok) fortsetzt. Dieser Ovarialkanal tritt in
eine vor dem Dissepiment 13/14 gelegene Eitrichterblase ein. In
diese Eitrichterblase mündet ausserdem, wie bei den andern Para-
drüen, eine lange, unregelmässig angeschwollene, an das Dissepiment
13/14 angeheftete Dissepimentaldrüse (dd), ein hinter dem Disse-
piment 13/14 gelegenes Receptaculum ovorum (ro), ein grade ge-
gestreckter, im 14. Segment zwischen den beiden Borstenpaar-Linien
ausmündender Eileiter (el) und schliesslich noch ein Eigang (eg)
ein. Der Eigang ist breiter als bei den beiden früher beschriebenen
Paradrilen und geht nicht nach innen und hinten, wie bei jenen,
sondern nach innen und vorne, um in den vorderen Teil der Samen-
tasche einzutreten.
Fundnotiz: Barombi Station. No. 1900. Dr. Preuss rp.
Paradrilus Rosae Michaelsen (1. s. n) c).
Eine neue Regenwurm- Sendung von Herrn Dr. Preuss enthielt
ein Exemplar dieser Art, welches das grösste der ersten Sendung
noch übertrifft: es ist 47 cm lang.
Fundnotiz: Barombi Station. No. 1899. Dr. Preuss rp.
12) Da ich nicht weiss, ob Herr Dr. Rosa Gelegenheit haben wird, die Ent-
deckung vor Herausgabe dieses zu veröffentlichen, so hebe ich ausdrücklich her-
vor, dass ihm die Priorität derselben gebührt.
13) Michaelsen: über Enchytraeus Möbis Mich, und andere Enchytraeiden;
Kiel 1886.
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. 225
Benhamia intermedia nov. spec.
Ich konnte ein einziges, stark erweichtes Exemplar dieser Art
untersuchen. Dasselbe ist 46 mm lang, 3 bis 4 mm dick und besteht
aus 128 Segmenten. Seine Hautfarbe ist ein unreines Rotbraun.
Der Rücken ist durch ein leicht abgetöntes, dunkel-violettes medianes
Längsband verziert. Der Kopflappen ist gross und treibt einen
breiten, kurzen dorsalen Fortsatz nicht ganz bis zur Mitte des Kopf-
ringes nach hinten. Die Borsten stehen zu 4 Paaren an der Ventral-
seite. Die dorsal -mediane Borstendistanz ist ungefähr gleich 3/±
Körperumfang. Die inneren Paare sind in der Nähe der männlichen
Geschlechtsöfmung etwas genähert. Rückenporen sind von der
Intersegmentalfurche 5/6 an vorhanden.
Ein Gürtel ist nicht deutlich erkennbar ausgebildet. Die
Segmente 13 bis 19 scheinen modificiert zu sein. Ein kreisrundes,
helleres, medianes Feld Hegt zwischen der Mitte des 17. und der
Mitte des 19. Segments grade innerhalb der innersten Borstenlinie.
Nach Abhebung der Cuticula konnte ich dieses Feld nicht mehr
erkennen; dafür wurden aber zwei scharfe Längsfurchen innerhalb
der innersten Borstenlinien deutlich. Sie erstrecken sich von der
Mitte des 17. bis zur Mitte des 1(.>. Segments und sind als die
Verbindungsfurchen zwischen den hintereinanderliegenden Prostata-
drüsen-OefFnungen anzusehen. Diese letzteren sind übrigens nicht
erkennbar, ebenso wenig die Samenleiter- und Eileiter -Oefrhungen.
Zwei Paar Samentaschen-Oeffnungrii sind als kleine, deutliche Flecke
auf den Intersegmentalfurchen 7/8 und S/9 eben Innerhalb der
innersten Borstenlinien zu erkennen.
Von der inneren Organisation konnte ich die für die Charakterisierung
der Art wichtigen Verhältnisse erkennen. Der Darm modificiert sich
in den Segmenten 5 und (> (?) zu zwei kräftigen, kurzen Muskel-
mägen. Dieselben folgen so dicht auf einander, dass sie wie ein
einziger, durch eine Naht in eine vordere und eine hintere Hälfte
geteilter Muskelmagen aussehen.
Zwei Prostatadrüsen münden in den Segmenten 17 und 19 aus.
Sie sind an die seitliche Leibeswand angelegt. Sie sind sehr schlank,
schlauchförmig. Der dünne, muskulöse Ausführungsgang ist kurz,
fast grade gestreckt. Der etwas dickere Drüsenteil ist unregelmässig
zusammen geknickt. Jede Prostatadrüse ist mit einem feinen Penial-
borstensack ausgestattet. Ein solcher Penialborstensack enthält
mehrere Penialborsten in verschieden weit vorgeschrittener Aus-
bildung. Sie sind sehr zart, peitschenförmig. Ihr proximales Ende
ist am dicksten (bei der grössten 0,01 mm dick). Gegen das freie
Ende werden sie gleichmässig dünner (jene Borste ist in der Mitte
0,004 mm dick). Das äusserste Ende ist immessbar zart, fadenförmig,
unregelmässig verbogen und gekrümmt. Die grösste Borste ist 1,3 mm
lang. Die kleinen, nicht vollständig ausgebildeten, noch ganz von
den Bildungszellen eingeschlossenen Penialborsten tragen an dem
nicht so feinen distalen Ende eine knopfförmige Verdickung von
Arcli. f. Naturgescli. Jahrg. 1891. Bd.I. 11.2. 15
226 Dr. "W. Michaelsen.
scheinbar gallertiger Konsistenz. Zwei Paar Samentaschen münden
auf den Intersegmentalfurchen 7/8 und 8/9 aus. Sie bestehen aus
einem unregelmässig verkrümmten, sackförmigen Hauptteil und einem
ziemlich dicken (muskulösen ?) Ausführungsgang. Zwischen dem
Hauptteil und dem Ausführungsgang mündet ein kleiner, schlanker
Divertikel in die Samentasche ein.
Fundnotiz: Togo, Bismarckburg, Adeli. No.1954. Dr.Büttnerrp.
Acanthodrilus Kerguelarum Grube.
(Fig. 5.)
Syn. Lumbricus Kerguelamm Grube u).
Die ungenügende, nur das Aeussere berücksichtigende Beschreibung,
die Grube von dieser Art machte, lässt es zweifelhaft sein, ob der
ebenfalls von den Kerguelen stammende A. kerguelensis Lankester 15)
mit ihr identisch sei, oder als selbständige Art aufrecht erhalten
werden müsste. Trotz des schlechten Erhaltungszustandes der beiden
Originalstücke des A. Kerguelamm Hess sich diese Frage zur Ent-
scheidung bringen. Die Untersuchung der Penialborsten ergab, dass
wir es mit zwei verschiedenen Arten zu thun haben.
Die Penialborsten (Fig. 5) stehen bei A. Kerguelarum zu vielen
in einem Borstensack. Sie sind ungefähr 1,2 mm lang und 0,01
bis 0,02 mm dick , wasserhell. Gegen das äussere Ende hin ver-
schmälern sie sich; die äusserste Spitze ist sehr fein, häufig (un-
regelmässig) hakenförmig umgebogen. Mit Ausnahme der äussersten
Spitze ist das äussere Ende mit sehr vielen, zerstreut gestellten,
feinen Zähnchen verziert. Diese Zähnchen sind gegen die äussere
Spitze hin gerichtet.
Die Prostatadrüsen sind schlauchförmig, glatt, unregelmässig
zusammen gefaltet.
Auch durch die Stellung der männlichen Papillen in den Segmenten
17 und 19 unterscheiden sich die beiden Acanthodrilen von den
Kerguelen. Bei A. kerguelensis stehen sie der ventralen Medianlinie
etwas näher als bei A. Kerguelarum. Bei jener ragen sie nach innen
über die Borstenlinien I hinweg, bei A. Kerguelarum dagegen ragen
sie nach aussen über die Borstenlinien II hinaus, ohne die Borsten-
linien I überhaupt zu berühren.
Die Anordnung der Borsten ist bei beiden Arten die gleiche.
Auch bei A. Kerguelarum nähern sich die im Allgemeinen weit
getrennten Borstenlinien I und II in der Gegend der männlichen
Geschlechtsöfihungen in bedeutendem Grade.
Fundnotiz: Kerguelen. No. 891. Gazellen-Expedition rp.
") Grube; Annelidenausbeute von S. M. S. Gazelle (Monatsber. K. Akad.
Wiss. Berlin, 1877).
15) Lankester: Terrestrial Annelida in: An Account on the Petrological,
Botanical and Zoological Collections made in Kerguelen's Land and Rodriguez
(Philosoph. Transact. Roy. Soc. London; Vol. 168, 1879).
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. 227
Perichaeta madagascariensis nov. spec.
(Fig. 3.)
Auch von dieser Art ist nur ein einziges, stark erweichtes Exem-
plar vorhanden. Dasselbe ist 80 mm lang, 2 72 bis 372 mm dick
und besteht aus ungefähr 185 Segmenten. Es ist schmutzig braun-
gelb gefärbt und zeigt vorne einen schwach rötlichen Schimmer. Von
der Gestalt des Kopflappens ist nichts zu erkennen. Die Borsten-
zonen sind (wohl nur in Folge des schlechten Erhaltungszustandes)
kaum erhaben. Da der grösste Teil der Borsten ausgefallen ist, so
lässt sich über ihre Anzahl in den einzelnen Segmenten nichts aus-
sagen. An der Bauchseite stehen sie sehr weitläufig. Die sich ent-
sprechenden Borsten der verschiedenen Segmente bilden an der
Bauchseite regelmässige Längsreihen. Die ventral -mediane Borsten-
distanz ist sehr gross, die Entfernung zwischen den Borstenlinien I
und II beträgt ungefähr 2/s der ventral -medianen Borstendistauz;
noch etwas geringer ist die Borstendistauz 11 III u. s. f., bis schliess-
lich die lateralen Borsten sehr dicht bei einander stehen. Eine be-
sonders grosse dorsal-mediane Borstendistanz scheint nicht vorhanden
zu sein.
Der Gürtel beginnt im 13 (?) Segment und reicht bis in das
18. (?). Er ist ringförmig, glatt. Dir [ntersegmentalfiirchen sind in
der Gürtelregion kaum erkennbar, die Borsten ziemlich deutlich.
Zwei männliche Geschlechtsöfrhungen liegen ziemlich weit von ein-
ander entfernt an der Bauchseite auf dem 18. Segment. Sie lassen
sich als quere Schlitze auf stark erhabenen Papillen erkennen. Eine
einzige Eileiter-Oefrhung liegl in der ventralen Medianlinie auf dem
14. Segment. Drei Paar kleiner Samentaschen-Oefihungen li« -gen auf
den Intersegmentalfurchen 6 7, 7/8 und 8 9.
Am Darm konnte ich nur den drüsig -muskulösen Schlundkopf
und (etwa im 4. Segment) einen kleinen, kräftigen Muskelmagen
erkennen. Das übrige war vollkommen unkenntlich. Die Segmental-
organe besitzen die für die Gattung Perichaeta gewöhnliche Form:
Sie bilden einen zarten Zottenbesatz an der Innenseite der Körper-
wand.
Ein Paar grosser Prostatadrüsen mündet im 18. Segment aus.
Dieselben nehmen mehrere Segmente in Anspruch, sind regelmässig
scheibenförmig und durch viele, mehr oder weniger tiefe Einschnitte in
zahlreiche Lappen und seeundäre Läppchen zerschlitzt. Der musku-
löse Ausführungsgang ist sehr dünn und kurz, grade gestreckt, ganz
unter der massigen Drüse verborgen. Jede Prostatadrüse ist mit
(2 ?) Penialborstensäcken ausgestattet, deren jeder eine charakteristisch
gestaltete Penialborste enthält. Diese Penialborste ist ungefähr 1,5 mm
lang und 0,045 mm dick, horngelb. Ihr äusseres Ende ist etwas
verdickt, glatt, in zwei stumpfe, gradeaus gerichtete Spitzen ausge-
zogen. Der Ausschnitt zwischen den beiden Spitzen ist halbkreis-
förmig. Die Spitze hat demnach die Gestalt einer Klaue. Unter-
halb des äusseren Endes ist die Borste mit zahlreichen, grossen
15*
228 Dr. "W. Michaelsen.
Schlippen oder stumpfen, graden Dornen besetzt. Dieselben sind in
unregelmässigen Spiralen angeordnet, etwas abstehend, und ihr freies
Ende ist dem äusseren Borstenende zugewendet.
Drei Paar Samentaschen münden aufdenIntersegmentalfurchen6/7,
7/8 und 8/9 aus. Jede Samentasche besteht aus einem grossen, unregel-
mässig verzerrten, dünnwandigen Sack und einem kürzeren, nach der
Ausmündung hin konisch verjüngten, muskulösen Ausführungsgang, in
dessen Basis zwei kleine, schlanke, keulenförmige Divertikel einmünden.
Diese Divertikel sind kaum 74 so lang, wie die Samentasche.
Fundnotiz: N.W. Madagascar. No. 924. Hildebrand rp.
Perichaeta heterochaeta Mich.
Fundnotiz: Azoren. No. 1953. Simroth rp.
Figuren- Erklärung.
Fig. 1. Preussia(?) lundaensis nov.
Aeusseres Ende einer Penialborste, 1f°.
Fig. 2. Kynotus madagascariensis nov.
Aeusseres Ende einer Geschlechtsborste, 1l°.
Fig. 3. Perichaeta madagascariensis nov.
Aeusseres Ende einer Penialborste, 3f°.
Fig. 4. Paradrilus ruber nov.
a. Aeusseres Ende einer Penialborste, 1f°.
b. Ganze Penialborste, }.
Fig. 5. Acanthodrilus Kerguelarum Grube.
Aeusseres Ende einer Penialborste, 3s°.
Fig. 6. Kynotus madagascariensis nov.
Innenseite der Leibeswand mit Geschlechtsorganen, f.
(Die Segmentalorgane sind abpräpariert, die Dissepimentränder
sind etwas schematisiert.)
bd = Geschlechtsborstendrüse ; bp = Bursa propulsoria; bs = Bauch-
strang; ds V — XV = 5.— 15. Dissepiment; mb = Muskelband der
Bursa propulsoria; np = Segmentalorgan -Oeffnung; ob = obere
Borstenpaare (III— IV); pr = Prostatadrüse ; sb = Geschlechts-
borste; sm 15— 28= 15.— 28. Segment; st = Samentaschen ; üb
= untere Borstenpaare (I— II).
Fig. 7. Callidrilus scrobifer Mich.
Schnitt durch eine der zweifelhaften Prostatadrüsen. 1f°.
Fig. 8. Kynotus madagascariensis nov.
Querschnitt durch eine Geschlechtsborstendrüse, 2s°;
Fig. 9. Eudrilus pallidus nov.
Weiblicher Geschlechtsapparat, T2.
ab = Anhangsblasen der Samentasche ; bs = Basalteil der Samen-
tasche; dv = eigentlicher Divertikel der Samentasche; ok =
Ovarialkanal ; ov = Ovarium ; ro = Receptaculum ovorum ; st —
sackförmiger Teil der Samentasche.
Fig. 10. Paradrilus ruber nov.
Weiblicher Geschlechtsapparat, f.
dd = Dissepimental - Drüse ; eb = Eitrichterblase ; eg= Eigang ;
el = Eileiter ; oe = Fetzen des Oesophagus, mit der Samentasche
verwachsen ; ok = Ovarialkanal ; ov = Ovarium ; ro = Receptaculum
ovorum; sm = XIII— XVI =13.— 16. Segment; st = Samentasche.
Fig. 11. Paradrilus purpureus nov.
Weiblicher Geschlechtsapparat, J.
Buchstabenbezeichnuug wie bei Fig. 10.
Beschreibung eines Arthropodenzwitters.
Von
Dr. Ph. Bertkau.
Hierzu Tafel VIII.
Im 55. Jahrg. dies. Archivs S. 77 ff. berichtete ich über die
Untersuchung der Geschlechtsorgane eines Exemplars von Gastro-
pacha Quercus, das die sekundäres Geschlechtsmerkmale von
Männchen und Weibchen vereinigt aufwies, also nach dem gewöhn-
lichen Sprachgebrauch ein Zwitter war. Die Geschlechtsorgane
Hessen aber keinen zwitterigen Bau erkennen, erwiesen sich vielmehr
in den Ausfuhrungswegen und den zur Begattung dienenden Theilen
als rein weiblich, während die Geschlechtsdrüsen wenigstens nicht
gegen die weibliche Natur sprachen und als gänzlich verkümmerte
Ovarien gedeutet wurden. Ich Bchloss daran eine kurze Bemerkung
über den Einfluss der Geschlechtsdrüsen auf das Zustandekommen
der sekundären Geschlechtsunterschiede, und fand in dem mit-
getheilten Falle eine Stütze der von Darwin ausgesprochenen
Ansicht von dem latenten Nebeneinandervnik. mimen der beiderlei
sekundären Geschlechtsmerkmale, von denen die weiblichen durch
die männlichen Geschlechtsdrüsen an ihrer Entfaltung verhindert
werden und umgekehrt.
Heute bin ich nun in der Lage, über einen weiteren Fall eines
Zwitterthums bei einem Arthropoden Mittheilung machen zu können,
der in seinem Wesen mit dem vorjährigen vollkommen übereinstimmt.
Unter den am 29. Juni 1889 auf einem Ausfluge auf die
Wahner Haide eingesammelten Spinnen fand ich bei näherem Durch-
sehen eine Lycosa (Pardosa), welche die männlichen und weib-
lichen Begattungsorgane vereinigt aufwies. Auf der Bauchseite des
Hinterleibes zeigte sich nämlich zwischen den Lungensäckchen das
glänzende Hornplättchen (Epigyne), welches die Eingangsöfinungen
zu den Samentaschen enthält, und von den Tastern war der einzige
230 Dr. Ph. Bertkau.
erhaltene an seinem Ende keulenförmig angeschwollen, wie es bei
den Spinnenmännchen der Fall ist, die die letzte Häutung noch
nicht durchgemacht haben. Durch sorgsames Präpariren gelang
es mir, die äussere Haut des Endgliedes des Tasters abzuschälen
und so die darunter liegenden Kopulationsorgane frei zu legen.
Statt einer weitläufigen Beschreibung verweise ich auf Fig. 1
(Epigyne) und Fig. 2 (Taster), in denen jeder Kundige die Bilder
der äusseren weiblichen und männlichen Geschlechtsorgane einer
Spinne erkennen wird.
Mit einer begreiflichen Spannung ging ich an die Untersuchung
der inneren Geschlechtsorgane, zu welchem Zwecke ich den gefärbten
Hinterleib, nachdem ich die Epigyne abgetragen, in Schnitte zerlegte.
Hierbei zeigte sich nun zunächst, dass normaler Weise J) rechts und
links eine Geschlechtsdrüse vorhanden war, die beiderseits und in
ihrer ganzen Ausdehnung dasselbe Bild zeigte, wie es Fig. 3 zu
veranschaulichen versucht. Eine kernhaltige Tunica propria ist
innen von einem Wandbeleg ausgekleidet, der in einer homogenen
Masse kernartige Gebilde enthält. Diese letzteren sind bald ver-
einzelt, bald auch zu Gruppen von 2, 4 und mehr vereinigt und
bisweilen von einem scharf abgesetzten , hellen Hofe umgeben. Vorn
gingen diese Drüsen, wenn ich sie so nennen darf, in einen engeren,
wenig geschlängelten Ausführungsgang über, die der einen Seite
etwas früher als der andern Seite. Das Ende dieser Ausführungs-
gänge, bezw. ihre Mündung nach aussen liess sich nicht auffinden,
jedenfalls aus dem Grunde, weil es mit der Epigyne abgetragen war.
Als was sind nun diese Drüsen anzusehen? Auf Eierstöcke
deutet rein nichts, wie mir Jeder zugeben wird, der die Eierstöcke
der Arachniden kennt, die bekanntlich die Eier in kleinen, ge-
stielten, an der Aussenfläche des Eierstocks sitzenden Säckchen
tragen. Mit normalen Hoden haben sie ebenfalls nur eine ganz
entfernte Aehnlichkeit , doch glaube ich, dass man sie mit gutem
Recht für krankhafte Hoden erklären kann, wobei ich in den Kernen
des Wandbelegs die degenerirten Kerne der verschiedenen Ent-
wicklungsstufen der Spermatozoen sehe.
Das besprochene Exemplar war, wie erwähnt, in einem gewöhn-
lichem Sammelglase mit verdünntem Alkohol aufbewahrt worden,
noch dazu ohne irgend welche Vorkehrung, um dem Alkohol Zutritt
zu den inneren Organen zu verschaffen. Es ist aber bekannt, dass
die Chitinbekleidung der Arthropoden nur langsam Alkohol in Innere
eindringen lässt, so dass die inneren Organe von solchen Thieren,
die man ohne weitere Vorbereitung in toto selbst in starken Alkohol
gebracht hat, meist ganz mazerirt und für feinere Untersuchungen
l) Bei den Tristicta sind bekanntlich die Geschlechtsdrüsen paarig; eine
Ausnahme macht, wie ich hier beiläufig erwähnen will, Scytodes, wo Hoden
und Eierstöcke eine querliegende, unpaare Drüse sind.
Beschreibung eines Arthropodenzwitters. 231
nicht zu brauchen sind. Um daher zu entscheiden, ob das sonder-
bare Aussehen des Hodens nicht vielleicht eine Folge des mangel-
haften Erhaltungszustandes sei, zerlegte ich ein Männchen und ein
Weibchen derselben Art aus demselben Sammelglase ebenfalls
in Schnitte. Während ich die Bilder, die ich von dem Weibchen
erhielt, übergehe, verweise ich für das Männchen auf Fig. 41), die
besser als viele Worte das Gemeinsame und das Unterscheidende
beider Fälle aufweist.
Hierbei zeigte sich noch eine Abweichung unseres Expemplars
(Fig. 5) von einem normalen Männchen (Fig. 6). Bei letzterem
liegen nämlich die beiden Hoden in ihrem ganzen Verlauf dicht bei
einander, die zugekehrten Seiten einander berührend, während sie
bei dem Zwitter an den meisten Stellen durch Spinngefasse getrennt
waren. Das normale Männchen hat 6-) längere Spinngefasse; der
Zwitter wies an den korrespondirenden Körperstellen 22 — 24 Quer-
schnitte von Spinngefässen auf; z. Th. ist diese Erscheinung auf
eine Schlingenbildung der stark verlängerten, z. Th. aber auch
wohl auf eine Vermehrung der Normalzahl der Spinndrüsen zurück-
zuführen. Bei normalen Männchen enthalten die Spinndrüsen das
Sekret im Lumen als zusammenhängende Säule, beim Zwitter war
dasselbe in grösseren, deutlich von einander geschiedenen Tröpfchen vor-
handen. — Das normale Männchen enthielt in dem vorderen Theile
der Hoden und der Ausführungsgänge die von mir Kleistospermien
genannten (encystirten) Spermatozoon; beim Zwitter war hiervon
nichts zu entdecken,
Das wichtigste Ergebniss der Untersuchung sehe ich in dem
Umstände, dass auch in diesem Fall*' nur einerlei Geschlechtsdrüsen,
diese aber ebenfalls in nicht funktionsfähigem Zustande vorhanden
waren, so dass die früher ausgesprochene Ansieht über den Zusammen-
hang zwischen den äusseren Geschlechtsmerkmaleii und den Ge-
schlechtsdrüsen eine weitere Stütze erhält. Ich bin aber weit ent-
fernt, hiermit eine allgemein gültige Regel aufstellen zu wollen, in-
dem ja von A. Brandt in seiner gehaltreichen Abhandlung über
die Hahnenfedrigkeit u. s. w. bei Vögeln, Zeitschr. f. wissensch. Zool.,
48. Bd., S. 101 ff., mehrere Fälle fruchtbarer hahnenfedriger
Vogelweibchen mitgetheilt werden. Und für die Arthropoden braucht
andererseits die Verkümmerung der Geschlechtsdrüsen nicht not-
wendiger Weise die sekundären Geschlechtsmerkmale beider Ge-
schlechter zur Entfaltung zu bringen, wie die Arbeiter der staaten-
bildenden Insekten beweisen. Dass aber sehr oft die Verkümmerung
der Geschlechtsdrüsen von einem äusserlichen Zwitterthum begleitet
!) Ich verwahre mich ausdrücklich dagegen, als wollte ich in dieser Figur
ein tadelfreies Bild eines Querschnittes des Spinnenhodens geben.
2) Ap stein (dies. Archiv, 55. Jahrg., S. 55 f) fand bei Lycosa amentata
acht längere Spinndrüsen.
232 Dr. Ph. Bertkau.
ist, hebt auch Giard hervor, der bei den durch einen Parasiten steril
gewordenen Thieren vielfach beobachtete, dass die Männchen weib-
liche, und die Weibchen männliche Kennzeichen entwickelten (s.
Zeitschr. f. Entomologie, Breslau, N. F., 15. Heft, Vereinsnachr.,
S. Xlf).
Ein besonderes Interesse gewinnt unser Fall noch dadurch, dass
das Exemplar nicht bloss die sekundären Merkmale des männlichen
und weiblichen Geschlechts vereinigt besass; denn Epigyne und
Tasterkulbus kann man nicht zu den sekundären Geschlechtsmerkmalen
rechnen, wie etwa die gekämmten Fühler der Spinnermännchen,
oder die andere Färbung dieser und anderer Schmetterlingsmännchen,
u. s. w. Der Vorschlag A. Brandt's (a. a. 0., S. 182), die Ge-
schlechtsmerkmale in drei statt zwei Kategorieen zu theilen, primäre
(Keimdrüse), sekundäre (Ausleitungswege für die Geschlechtsstoffe
und Begattungswerkzeuge) und tertiäre (die übrigen), scheint mir
recht praktisch zu sein.
Die Art, der unser Zwitter angehört, ist mir unbekannt, und
so bedauere ich, sie nicht genauer bezeichnen zu können. Da ich
keine geschlechtsreifen Exemplare besitze, so ist eine Bestimmung
nicht gut möglich, bezw. eine Neubeschreibung nicht räthlich. Nach
der Färbung und Augenstellung steht sie L. morosa L, Koch nahe.
Ich lasse nun einen Nachtrag zu dem vorjährigen Verzeichniss
der Litteratur der Arthropoden -Zwitter folgen; zunächst aus einer
brieflichen Mittheilung.
Dr. Seh ulke (Osterode, Ostpreussen) besitzt einen Zwitter von
Gastropacha Pini, rechts Weibchen, Oberflügel ganz grau, links
Männchen, Oberflügel grau mit brauner Binde.
In meiner vorjährigen Zusammenstellung habe ich übersehen
1871. N. Erschoff, Hermaphrodit sossnowago schelkoprjada
(Ueber einen Hermaphrodit des Fichten Spinners); Trud. russk.
entomol. obschestwa, T. VI, 1871, S. 39f mit Abbild.
1871. F. Smith in den Proc. Soc. London, 1871, S. XIV.
Anthophora acervorum links männlich, rechts weiblich;
namentlich am Kopf, Thorax und den Beinen ist die Trennung-
deutlich.
Andrena thoracica rechts männlich, links weiblich.
Nomada baccata; Kopf sexuell getheilt, links männlich;
Thorax wie beim Weibchen gefärbt.
Beschreibung eines Arthropodenzwitters. 233
Apis mellifica, gemischt. Antennen und Augen der
Arbeiterin, linkes Vorderbein, rechtes Mittel- und Hinterbein
männlich; Hinterleib mit den Begattungsorganen des Männchens.
1872. Kriechbaumer im Tageblatt der 45 Vers, deutscher
Naturforscher und Aerzte in Leipzig, 1872.
Xylocopa violacea. Kopf rechts männlich, links weiblich;
Brust umgekehrt links mit der Behaarung des Männchens;
Beine (mit Ausnahme des rechten Vorderbeines) männlich.
1872. A. Guenee, Sur un cas extraordinaire d'hermaphrodisme
chez un Lepidoptere conserve au musee de Geneve (Gastrop.
Quercus); Mem. de la Societe de physique et dnistoire
naturelle de Geneve, T. XXI, S. 418—422 PI. Fig. 8 (Ge-
mischter Zwitter).
Seit der vorjährigen Zusammenstellung sind noch folgende Fälle
bekannt gemacht worden.
1888. D. Bergen dal, Männliche Kopulationsorgane am ersten
abdominalen Somite einiger Krebsweibchen, Üefversigt af
Kongl. Vetenskaps- Akademien^ Förhandlingar, 1888, So. 5,
S. 343 — 346. — Das erste Hinterleibs^'unM-nt mehrerer Krebs-
weibchen — die Arten sind nicht .•uiü'cgeben. gehören aber
wohl zu Astacus — zeigte Anhänge, die bald nur eine ent-
fernte Aehnlichkeit mit denen des Männchens hatten, bald
denselben vollkommen glichen, nebst verschiedenen Zwischen-
formen. Die Geschlechtsorgane waren rein weiblich; einige
Weibchen trugen am Sternum noch angeklebtes Sperma,
andere hatten an den HinterleihstUssen Euer angeklebt. Der
Verfasser sieht in dieser Erscheinung keinen Hermaphro-
ditismus, sondern eine Vererbung von Seiten der Männchen
von männlichen Merkmalen auf die Weibchen.
1880. 0. Nordqvist, Ueber einen Fall von androgyner Miss-
bildung bei Diaptomus gracilis G. C. S.; dieses Archiv,
55. Jahrg. I, S. 241—243, Taf. XII.
Ph. Bertkau, Untersuchung der Geschlechtsorgane eines
Arthropodenzwitters (Lycosa sp.); Sitzgsber. d. Niederrh. Ge-
sellsch. für Natur- und Heilkunde, 1880, S. 40 f. — Ist eine
vorläufige Mittheilung über den oben ausführlicher be-
handelten Fall.
Ein neuer Dipterenzwitter; Wien. Entom. Zeitg., 1889,
S. 95 f. (Chortophila trichodaetyla Rom/., gemischter Zwitter).
AI tum, Halbierter Zwitter von Argynnis Paphia; Zeitschr.
f. Forst- und Jagdwesen, XXII Jahrg., S. 52.
234 Dr. Ph. Bertkau.
W. White, Nephronia hippia F. var. gaea Feld.; Proc.
Entom. Soc. London, 1889, S. XXXV. — Halbierter Zwitter.
H. Dewitz, Halbierter Zwitter von Pieris Calypso Dr.;
Entom. Nachricht., 1889, S. 108, Taf. II, Fig. 1—3.
W. F. Kirby, Halbierter Zwitter von Lycaena Jcarus; Proc.
Entom. Soc. London, 1889, S. XL VI.
Altum, Gemischter Zwitter von Dasychira pudibunda;
Zeitschr. f. Forst- und Jagdwesen, XXII, Jahrg., S. 52.
H. Ribbe, Bombyx Quercns L. Hermaphroditus ; Deutsch.
Entom. Zeitschr., 1889, 1. lepidopt Heft, S. 186, Taf. IV
Fig. 5. — Gemischter Zwitter.
A. J. Cook, Insect life, I, S. 295. — Halbierter Zwitter
einer Honigbiene.
G. Kraatz, Halbierter Zwitter von Lucanus cervus L.;
Deutsch. Entom. Zeitschr., 1889, S. 221, Taf. I, Fig. 10.
1890. P. Stein, Ein echter Dipterenzwitter, Hydrotaea meteorica
L.; Wien. Entom. Zeitg., 1890, S. 129—130.
Joh. Schnabl, Ein merkwürdiger Dipterenzwitter (Herma-
phroditismus verus?); ebenda S. 177 — 182, 4 Holzsch. —
Gemischter Zwitter von Spilogaster spinicosta Zett.: Kopf,
Thorax, Flügel und Beine vorwiegend männlich; Hinterleib
weiblich, mit Legeröhre, an deren Spitze rudimentäre Begattungs-
organe des Männchens sich zeigen.
W. H. Jackson, Hermaphrodite Trichiura Crataegi; Ento-
mologist 23, S. 345.
H. Ribbe, Abweichungen und Zwitter; Iris, III, S. 45.
Gemischter Zwitter von Lycaena Hylas, vorwiegend männlich.
T. L. Krebs, Ueber einen Catocala-Hermaphroditen (C.
lara); Soc. Entom., V, S. 25. — Halbierter Zwitter, rechts
männlich, links weiblich.
E. Wasmann, Einige neue Hermaphroditen von Myrmica
scabrinodis und laevinodis; Stett. Entom. Zeitg. 1890,
S. 298 f. Je ein gemischter Zwitter von beiden Arten,
Männchen und Arbeiter.
Fortsetzung des Verzeichnisses der beschriebenen Arthropoden-
Zwitter.
336. Diaptomus gracilis G. O. S.
Ose. Nordqvist, Dies. Archiv., 55. Jahrg., I, S. 241—243,
Taf. VII. Der Cephalothorax und Hinterleib waren wTeiblich,
Beschreibimg eines Arthropodenzwitters. 235
die Anhänge vorwiegend männlich, aber mit weiblicher Bei-
mischung. Dem Hinterleib waren 3 Sperma tophoren angeklebt.
337. Lycosa sp.
Ph. Bertkau, Sitzber. d. Niederh. Gesellsch. f. Natur- und
Heilk., 1889, S. 49 f und oben.
338. Chortophila trieb odactyla Rn<1.
Wien. Entom. Zeitg., 1889, S. 95f.
Gemischter Zwitter.
339. Hydrotaea meteorica L.
P. Stein, Wien. Entom. Zeitg., 1890, S. 129—130.
Halbierter Zwitter, rechts männlich, links weiblich.
340. Spilogaster spinicosta Zett.
Joh. Schnabl, Wien. Entom. Zeitg., 1890, S. 177—181,
4 Holzschn.
Gemischter Zwitter: Hinterleib mit Legeröhre des Weibchens,
an deren Spitze sich in verkleinertem Zustande die Begattungs-
organe des Männchens befinden, Der Verf. vermuthet, dass
die genannte Art auf ein ähnliches monströses Exemplar be-
gründet ist.
341. Argynriis Paphia /..
Altum, Zeitschr. l'. Forst- undJagdwesen, XXII. Jahrg., S.52.
Halbierter Zwitter, rechts männlich und Stammform, links
weiblich und var. valesina.
342. Nephronia hippia F. var. gaea Feld.
W. White Proc. Entom. Soc. London, 1889, S. XXXV.
Halbierter Zwitter, rechts männlich, links weiblich.
343. Pieris Calypso Dr.
H. Dewitz, Entom. Nachr.. 1889, S. 108, Taf. II, Fig. 1—3.
Halbierter Zwitter, rechts männlich, links weiblich; an der
Hinterleibsspitze die männlichen Afterklappen.
344. Lycaena Icarus Rott,
W. F. Kirby, Proc. Entom. Soc. London, 1889, S. XLVI.
Halbierter Zwitter, rechts männlich, links weiblich.
345. Lycaena Hylas.
H. Ribbe, Iris, III, S. 45.
Gemischter Zwitter, vorwiegend männlich.
236 Dr. Ph. Bertkau.
346. Dasychira pudibunda L.
AI tum, Zeitschr. f. Forst- und Jagdwesen, XXII. Jahrg.,
S. 52.
Vorwiegend Weibchen mit geringer männlicher Beimischung
auf dem linken Vorderflügel.
347. Gastropacha Quercus L.
A. Guenee, Mem. de la Societe de physique et d'histoire
naturelle de Geneve, XXI, S. 418—422, PL, Fig. 8.
Gemischter Zwitter. Im Mus. Genf.
348. Gastropacha Quercus L.
H. Ribbe, Deutsch. Entom. Zeitschr., 1889, 1. lepidopt.
Heft, S. 186, Taf. IV, Fig. 5.
Gemischter Zwitter. — In Samml. Gust. Bornemann in
Magdeburg.
349. Gastropacha Pini L.
N. Erschoff, Trud. russk. entom. obschestwa, Hör. Soc.
entom. Ross., VI, S. 39f mit Abbild.
350. Gastropacha Pini L.
Schülke, s, oben.
Halbierter Zwitter, rechts weiblich, links männlich. — In
Samml. Dr. Schülke, Osterode, Ostpreussen.
351. Trichiura Crataegi L.
W. H. Jackson, The Entomologist, 23, S. 345.
352. Catocala lara.
T. L. Krebs, Societas Entomologica V, S. 25. — Halbierter
Zwitter, rechts männlich, links weiblich.
353. Myrmica scabrinodis Nyl.
. E. Wasmann, Stett. Entom. Zeitg., 1890, S. 298.
Ein Männchen, dessee linke Kopfliälfte fast ganz den Cha-
rakter einer Arbeiterin trug.
354. Myrmica laevinodis Nyl.
E. Wasmann, Stett. Entom. Zeitg., 1890, S. 299.
Ein Männchen mit der Kopffärbung einer Arbeiterin.
355. Xylocopa violacea L.
Kriechbaumer , Tagebl. d. 45. Versammlung Deutscher
Naturforscher und Aerzte in Leipzig, S. 137.
Beschreibung eines Arthropodenz witters. 237
Nicht rein gekreuzter Zwitter ; Kopf rechts männlich , Thorax
links männlich; Beine alle männlich mit Ausnahme des rechten
Vorderbeines.
356. Andrena thoracica.
F. Smith, Proc. Entom. Soc. London, 1871. S. XIV.
Halbierter Zwitter, rechts männlich.
357. Anthophora acervorum.
F. Smith, a. a. 0.
Halbierter Zwitter, links männlich.
358. Nomada baccata.
F. Smith, a. a. 0.
Nicht rein halbierter Zwitter. Kopf getheilt, links männlich ;
Thorax wie beim Weibchen gefärbt.
359. Apis mellifica L.
F. Smith, a. a. 0.
Gemischter Zwitter.
360. Apis mellifica L.
A. J. Cook, Insect life, I, S. 295.
Halbierter Zwitter. Drohne und Arbeitsbiene.
361. Lucanus cervus /..
(i. Kraatz, Deutsch. Entom. Zeitschr., L889, S. 221, Taf.I
Fig. 10.
Halbierter Zwitter, links männlich, rechts weiblich. -- In
Mus. Kraatz.
Ks sind sonach jetzt 361 Arthropodenzwitter bekannt, 9 Crusta-
ceen, 3Arachniden, 349 Insekten, und zwar 2 Orthopteren, 1 1 Dipteren,
267 Lepidopteren, 59 Hymenopteren, LO Coleopteren. Eine seitliche
Trennung ist bei 165 gemeldet, und zwar waren 85 rechts, 71 links
männlich; von 9 kann ich nichl angeben, welche Seite männlich,
und welche weiblich war.
238 Dr. P*1- Bertkau.
Erklärung der Abbildungen auf Tafel VIII.
Fig. 1. Epigyne des Zwitters.
Fig. 2. Tasterende desselben.
Fig. 3. Querschnitt durch den Hoden des Zwitters.
Fig. 4. Querschnitt durch den Hoden eines normalen, auf dieselbe Weise be-
handelten Männchens derselben Art.
Fig. 5. Querschnitt durch den Hinterleib des Zwitters.
Fig. 6. Querschnitt durch den Hinterleib eines normalen Männchens.
c Herz, v Darm, v' die Blindschläuche des Mitteldarmes (sog. Leber),
t Hoden, s Spinndrüsen.
Bemerkungen über den Bobak.
(Arctomys bobac Schreb.)
Von
Dr. Ernst Seh äff.
(Berlin.)
Gelegentlich einer im Archiv für Naturgesch. 1887 I, p. 118 — 132
veröffentlichten Arbeit über diluviale Murmeltiere sprach ich die Bitte
aus um Mitteilungen über etwaiges Material von recenten Bobaks.
Herr Prof. Dr. H. Nitsche in Tharand hatte vor einiger Zeit die grosse
Liebenswürdigkeit, mir das sehr sorgfältig präparirte Skelet eines
von ihm aus Russland mitgebrachten jüngeren Bobaks zur Unter-
suchung zu senden. Wenn auch das Tier, wie mir Herr Prof. Nitsche
mitteilte, eine Zeitlang in der Gefangenschaft gelebt hat, so ist es
doch bei dem in fast allen unseren Museen herrschenden, auffallenden
Mangel an Bobaks nicht ohne Interesse, das erwähnte Exemplar einer
Prüfung zu unterziehen und einen Vergleich mit einem gleichalterigen
Alpenmurmeltier-Skelet anzustellen.
Zunächst ist es mir eine angenehme Pflicht , Herrn Prof.
Dr. Nitsche für die bereitwillige Ueberlassung des Materials meinen
aufrichtigen Dank auszusprechen, sowie auch Herrn Prof. Dr. Nehring
verbindlichst zu danken, welcher mir ein geeignetes Marmotten-Skelet
aus seiner Privatsammlung zur Verfügung stellte.
Bevor ich daran gehe, die Resultate meiner Untersuchung mit-
zuteilen, muss ich einige Worte über den Einfiuss einflechten, welchen
die Gefangenschaft bei dem hier zn besprechenden Bobak auf die
Ausbildung des Skelettes ausübte. Bekanntlich muss man im
Allgemeinen bei der Untersuchung von aus der Gefangenschaft
stammenden Tieren grosse Vorsicht anwenden, da die niemals dem
Freileben ganz entsprechenden Lebensbedingungen des gefangenen
Tieres auf den Organismus des letzteren stets einen mehr oder
240
Dr. Ernst Schaff:
minder tief greifenden Einfluss ausüben. Auch bei dem mir vor-
liegenden Bobakskelett machen sich die Folgen des Gefangenlebens
teilweise bemerkbar, zumal da das Tier einen Teil der Zeit des
lebhaftesten Wachstums dem freien Leben entzogen gewesen war.
Diese Beeinflussung indessen zeigt sich nur an dem Rumpf- und
besonders an dem Extremitätenskelett , während der Schädel gänz-
lich davon frei geblieben ist. Es ist dies nicht erstaunlich, denn
gerade die Extremitätenknochen werden am meisten durch die ver-
änderten Lebensbedingungen betroffen. Die Thätigkeit der Kau-
muskeln z. B., oder der Nackenmuskeln, der Kopf- und Halsmuskeln
überhaupt, wird nur wenig durch das Gefangenleben modificirt. Da-
gegen macht sich der Mangel an Bewegung, sei es in Bezug auf
Laufen, Springen oder auf Graben und dergl. in höchstem Maasse
bemerkbar. Eine natürliche Folge hiervon ist abnorme Ausbildung
oder. Entwicklungshemmung der Extremitätenknochen und der die-
selben an der Wirbelsäule anheftenden Apparate, Becken- und Schulter-
gerüst. Ich habe hier nebenstehend den linken Oberschenkelknochen
Linker Oberschenkel von A. bobac (a) und A. marmota (b),
ersterer mit Entwicklungshemmung, letzterer normal.
des untersuchten Bobaks («), sowie denjenigen des zum Vergleich
herangezogenen Alpenmurmeltieres (6) abgebildet. Beide Tiere sind
ungefähr von gleichem Alter. Normaler Weise hätte der Bobak-
knochen (a) denjenigen der Marmotte (b) an Länge übertreffen müssen,
Bemerkungen über den Bobak. 241
da der Bobak überhaupt grösser war als die Marmotte. Auch die
Dicke des Gelenkkopfes und der Diaphyse in ihrer Mitte lässt er-
kennen, dass das Femur des Bobaks eine starke Hemmung des
Längenwachstums erlitten hat. Normale Bobakknochen sind nämlich
in den Proportionen ihrer einzelnen Teile zu einander denen von
Marmotten fast ganz gleich, wogegen der abgebildete Bobakknochen,
wie die Figur zeigt, viel zu kurz für seine Dicke ist. Aehnliche Befunde
wie der Oberschenkel weisen auch die übrigen Extremitätenknochen
auf. Die Schulterblätter enthalten sogar grosse Lücken, ein deut-
liches Zeichen unangemessener, kalkarmer Nahrung und unnatür-
licher Lebensweise. Schädel und Gebiss sind, um es nochmals zu
betonen, durchaus normal; ich werde daher die Vergleichung der
beiden erwähnten Arten zur Hauptsache an den Schädeln vornehmen,
und zwar in der Art, dass ich der Reihe nach die einzelnen zur
Unterscheidung verwendeten Punkte vornehme.
1. Das Hinterhaupt ist bei A. bob. breiter als bei A. mann.
Dieser Unterschied tritt bei den beiden „kommensurablen"*) Schädeln
um welche es sich hier handelt, in auffälliger Weise hervor. Wenn
man die Durchschnittszahlen für das Verhältnis von Basilarlänge zu
Hinterhauptsbreite ermittelt, so erhält man für den Bobak etwa 100:53,
für die Marmotte 100 : 52. In den vorliegenden Fällen ergiebt sich
für den Bobak 100:53,9, für die Marmotte 100:47. Die letztere
bleibt also in der Hinterhauptsbreite unter der Durchschnittszahl
zurück, während der Bobak sie etwas überschreitet. (Nicht nur das
Occipitale ist gemessen, sondern die ganze hintere Schädelwand zwischen
den Mastoidfortsätzen.)
2. Von Blasius und Hcnsel wird die Form des Hinterhaupts-
loches zur Unterscheidung der beiden europäischen Murmeltierarten
verwendet. Dasselbe ist nämlich durchweg beim Bobak viel breiter
und dabei verhältnissmässig niedriger, als bei dem Alpenmurmeltier.
Hensel giebt für das Verhältnis von Höhe zu Breite des Foramen
magnum für A. bob. 8: 12,5, für A. mann. (.) : 11,7 an. Ich ermit-
telte für die beiden vorliegenden Schädel 9,5 : 14,5 (Bob.) und 8,8 : 11
(Marm.). Alan sieht, diese Verhältnisse stimmen bis auf geringe
Bruchteile mit den Angaben HenseFs. Allein es ist dies Merkmal mit
Vorsicht zu verwenden, da es nicht in allen Fällen zutreffend ist.
Unter dem in der Zool. Sammlung der Kgl. landwirtschaftlichen Hoch-
schule in Berlin befindlichen Material vom Alpenmurmeltier ist ein
Schädel, dessen Foramen magnum in Bezug auf Höhen- und Breiten-
dimensionen fast genau mit dem eines normalen Bobaks überein-
*) Ich möchte vorschlagen, als kommensurabel 2 Schädel zu bezeichnen,
welche durch gleiches Alter, Geschlecht n. s. w. direkt für eine Vergleichung
mit einander geeignet sind.
Areh. f. Naturgesch. Jahrg. 1891. Bd. I. H. 2. 16
242 Dr. Ernst Schaff:
stimmt, da es als Zahlen für das genannte Verhältnis 8 : 12,2 auf-
weist! Für sich allein dürfte also das Hinterhanptsloch nicht als
Kriterium für die Unterscheidung der Arctomys- Arten Europas zu
verwenden sein.
3. Hensel will Unterschiede im Verlauf des hinteren Teüs der beiden
Scheitel-Schläfenbein-Nähte gefunden haben. Diese sind jedoch
nach meinen früheren Untersuchungen (Arch. f. Naturgesch. 1887 I,
p. 123), wenn auch oft zutreffend, nicht überall vorhanden. In meiner
früheren Arbeit (loc. cit.) machte ich darauf aufmerksam, dass nach
meinen Beobachtungen der vordere Teil der angeführten Nähte bessere
Unterscheidungsmerkmale böte. Dies bestätigt sich an den mir jetzt
vorliegenden Schädeln. Es divergiren nämlich die beiden Scheitel-
Schläfenbein-Nähte vorn bei der Marmotte, während sie beim Bobak
deutlich convergiren. Die vordere obere Ecke des Schläfenbeines
reicht beim Bobak weiter nach oben als bei der Marmotte. Man
sieht diese Unterschiede sofort, wenn man die Schädel von der Ober-
seite betrachtet und besonders auf denjenigen Teil der Scheitel-
Schläfenbein -Nähte das Augenmerk richtet, welcher zwischen den
vorderen Grenzen der Jochfortsätze des Schläfenbeins, d. h. im Meri-
dian derselben, liegt. Ich habe von diesem Verhalten keine Ausnahme
gefunden, während ich bei dem von Hensel angegebenen Merkmal
Uebergänge zwischen den beiden Arten constatiren konnte.
4. Ein gutes, vielleicht das beste, Merkmal für die Unterschei-
dung von Bobak und Marmotte ist die Stirnbildung, aufweiche ich
schon früher näher eingegangen bin (loc. cit. p. 123 u. 124). Es sei
daher hier nur noch erwähnt, dass bei dem Alpenmurmeltier die
seitlichen Ränder der Stirn eine Strecke weit vor den Postorbital-
fortsätzen ungefähr einander parallel verlaufen, während sie sich beim
Steppenmurmeltier mehr oder minder rasch, stets aber sehr deutlich,
nach vorn zu einander nähern. Die Stirn erhält dadurch beim Bobak
ein trapezähnliches, bei der Marmotte ein parallelogrammatisches
Aussehen in ihrem mittleren Teil vor den Postorbitalfortsätzen. Auch
die Form dieser Fortsätze wird durch die Stirnbildung etwas modi-
fiziert , doch nicht so constant und in's Auge fallend,, dass man ihre
Configuration mit Sicherheit als Kriterium für die Unterscheidung
unserer beiden Arten verwenden könnte.
5. Für die Nasenbeine kann ich an dem mir vorliegenden
Bobakschädel das loc. cit. p. 124 Gesagte vollständig bestätigen. Sie
sind beim Bobak hinten verhältnismässig breiter, weniger ausgezackt
und schärfer quer abgestutzt. Der Grad der Biegung nach unten,
welche die Nasenbeine vorne erleiden, ist jedoch, wenn auch beim
Bobak durchweg geringer als bei der Marmotte, so wechselnd, dass
er als Unterscheidungsmerkmal nicht zu verwerten ist.
Bemerkungen über den Bobak. 243
6. Aehnlich ist es mit der Unterkieferlänge, welche zwar
auch bei A. bob. etwas bedeutender ist als bei A. mann., jedoch bei
beiden Arten in dem Maasse schwankt, dass sie kein spezifisches
Merkmal bildet.
7. Ein von Prof. Dr. Nehring zuerst constatiertes Unterscheidungs-
kennzeichen ist am 1. unteren Backenzahn zu finden. Dieser ist
beim Bobak zwei-, bei der Marmotte dreiwurzelig. Auch bei dem
mir von Herrn Prof. Dr. Kitsche übersandten Bobak fand sich dies
Verhalten, wie sich ohne Mühe feststellen Hess, da sich, wenigstens
an einer Seite, der erste untere Backenzahn mit einiger Vorsicht
bequem herausnehmen Hess. Er war durchaus zweiwurzelig mit einer
schwachen Längsfurche an der breiteren hintern Wurzel — eine An-
deutung der beim Alpenmurmeltier vorhandenen Zweiteilung der er-
wähnten Wurzel.
8. Ein weiteres von Prof. Nehring zuerst beobachtetes Merkmal
ist das Vorhandensein eines kleinen Vorsprunges oder Erkers am
1. unteren Backenzahn der Marmotte und das Fehlen desselben
beim Bobak. Für die beiden von mir verglichenen Schädel trifft
dies Verhalten vollkommen zu.
Wie notwendig es übrigens ist, bei Untersuchungen über Art-
begrenzung und Artverschiedenheiten sich nicht auf das Vergleichen
je eines Individuums zu beschränken, sondern aus einem möglichst
reichhaltigen Material Schlüsse zn ziehen, das zeigt der hier be-
sprochene Bobakschädel. Derselbe hat in der Mitte des ersten oberen
Backenzahns ein völlig Lsolirtes, scharf sich abhebendes Höckerchen,
in welchem ich, als ich dasselbe bei einigen Marmottenschädeln nicht
fand, ein spezifisches Merkmal von A. bob., gefunden zn haben glaubte.
Allein beim Vergleichen einer Anzahl anderer Schädel beider Murmel-
tier-Arten zeigte sich, dass es sich in dein erwähnten Fall nur um
individuelle Variation handele. Wie <>ft sind, besonders in früheren
Zeiten, ehe mit der Lehre von der Constanz ili'v Arten gebrochen
war, Artbeschreibungen nach einzelnen Individuen gemacht und wie
viele fossile neue „Arten" werden noch heute auf Bruchstücke von
Individuen gegründet. Besonders sind es Zähne von Säugetieren,
welche unweigerlich mit einem neuen Namen versehen werden, sowie
sie eine, wenn auch noch so geringe, Abweichung von dem sogen,
typischen Exemplar zeigen. Und doch finden sich, wie ein genaues
Studium beliebiger Schädelsuiten lehrt, selbst bei den als die am
wenigsten veränderlichen Teile des Tieres betrachteten Gebissen resp.
Zähnen die mannigfaltigsten Abänderungen innerhalb der Art! Es
ist diesem Punkte bisher entschieden nicht die nötige Beachtung ge-
schenkt worden. Ueberhaupt möchte ich hier betonen, wie wichtig
es ist, für die Arten nicht nur die unterscheidenden spezifischen
Merkmale festzustellen, welche als constant gelten, sondern auch die
16*
244 Dr- Ernst Schaff.
Amplitude der Schwankungen, denen diese Merkmale, sowie andere
Verhältnisse ausgesetzt sind, zu ermitteln. Es gehört dies wesentlich
zur wirklichen Kenntnis einer Art.
Zum Schluss kann ich nicht umhin, die befremdende Thatsache
zu konstatieren, dass von einem der europäischen Fauna angehören-
den, nicht eben kleinen und in seinem Verbreitungsgebiet keineswegs
sehr seltenen Säugetier in den Museen so wenig, häufig überhaupt
gar kein Material vorhanden ist!
Beiträge
Kenntnis der ektoparasitischen Trematoden,
Von
Cand. med. Chr. DieekhOfT.
(Aus dem zoologischen Institut Rostock.)
Hierzu Tafel IX.
Die vorliegende Arbeit entstand auf Veranlassung meines hoch-
verehrten Lehrers, des Herrn Prof. Dr. Braun. Es sollte sich zu-
nächst nur um eine Entscheidung in der von J. Ijima angeregten
Frage nach einem inneren Zusammenhang zwischen dem weiblichen
Geschlechtsapparate und dem Verdauungstraktus bei einigen ekto-
parasitischen -•Trematoden handeln. Hoch bald dehnte sich bei der
Beschäftigung in diesem noch wenig bekannten Gebiete der Kreis
der Arbeit aus, und ich zog auch noch die anatomische Untersuchung
einiger anderer Trematoden, nämlich des Octobothrium Lanceo-
latum, Octobothrium merlangi und des Polystomum ocel-
latum in das Bereich meiner Studien.
Die Untersuchung wurde im Sommer L890 im zoologischen
Institute der Universität Rostock unter steter Leitung und mit der
Hülfe des Herrn Prof. Braun ausgeführt. Möge es mir gestattet
sein, ihm auch an dieser Stelle meinen Dank für seine Freundlich-
keit auszusprechen.
I. Der Canalis vitello-intestmalis.
Dr. E. Zell er veröffentlichte im Jahre 1872 eine Arbeit über
Polystomum integerrimum x) und spricht bei der Beschreibung der
weiblichen Fortptianzungsorgane von einem „den Samen zuleitenden"
Kanäle2), dessen äussere Mündung er damals auf der Rückenfläche
!) Zeller, Untersuchungen über die Entwicklung und d. Bau des Pol. int.
Rud. Zeitschr. für wissensch. Zoologie XXII, 1872, pag. 1.
■) a. a. 0., pag. 20.
Arch. f. Naturgescb. Jahrg. 1891. Bd. I. H. 3. 16 a
246 Chr. Dieckhoff.
des Thieres vermuthete; wie er ausdrücklich sagt, glaubte er nicht
in diesem Gange das sogenannte „dritte Vas deferens" erkennen zu
müssen, jedoch in einer späteren umfassenderen Abhandlung über
dieses Polystom1) gab er mit Bestimmtheit an, dass der Gang, den
er anfangs für den Laurer 'sehen Kanal gehalten hatte, von dem
seitlichen Umfange des Hodens entspringe und leicht S förmig ge-
wunden in querer Richtung zu der Stelle verlaufe, wo sich der Aus-
führungsgang des Keimstockes mit dem unpaaren Dottergange ver-
einigt; bei Druck des Deckgläschens auf ein Polystomum sollen die
Keimzellen gewöhnlich, statt nach vorne in der Richtung zum Ootyp
zu gleiten, in diesen Kanal eintreten. Der letztere stellt nach
Zell er eine „direkte Verbindung zwischen den männlichen und
den weiblichen Geschlechtsorganen" her. Wir würden demnach hier
das dritte Vas deferens von Siebold's vor uns haben; die An-
schauung von der Bedeutung dieses Kanales hat sich bekanntlich
in Betreff der Digenea als irrig erwiesen. Auch Zell er fügt seiner
Auseinandersetzung hinzu, dass dieses Vorhandensein eines inneren
Samenleiters bei Polystomum integerrimum ein Verhalten sei, wie
er es, auf seine sonstigen zahlreichen Beobachtungen sich stützend,
geglaubt habe für die Trematoden ausschliessen zu dürfen.
Diese sehr bestimmten Angaben wurden erst nach längerer
Zeit bestritten und zwar von J. Ijima2), welcher auf Grund seiner
Studien behauptet, der Zeller' sehe innere Samenleiter münde zwar
mit den weiblichen Geschleehtsgängen zusammen, aber er führe
nicht zu den Hoden, sondern nach dem Darme und stehe mit diesem
in offener Kommunikation. Auch einige andere Trematoden hat
Jjima auf eine Verbindung zwischen Genitalapparat und Darm
untersucht und glaubt eine solche auch noch bei Polystomum
ocellatum, Diplozoon paradoxum und Octobothrium sp. (merlangi?)
gefunden zu haben.
Demgegenüber hält jedoch auch neuerdings3) Zell er seine
Angaben in Betreff der Polystomum integerrimum sowohl wie des
Diplozoon paradoxum, dessen Laurer' scher Kanal von Ijima als
in den Darm führend erkannt ist, aufrecht und erklärt Ijima 's
Meinung für irrig.
Die beiden erwähnten Ansichten, dass nämlich eine direkte, zur
Selbstbefruchtung dienende Kommunikation der männlichen und
weiblichen Geschlechtsorgane im Körper desselben Tieres bestehe,
so wie dass für die Ableitung der Geschlechtsprodukte in den Darm
ein Kanal vorhanden sei, haben etwas Frappierendes und erscheinen
im ersten Augenblick an und für sich unwahrscheinlich. Denn die
1) Zeller, Weitere Beiträge zur Kenntniss der Polystomen. Zeitschr. für
wissensch. Zoologie XXVII, 1876, pag. 238.
2) Ijima, Ueber den Zusammenhang des Eileiters mit dem Verdauungs-
kanal bei gewissen Polystomen. Zool. Anzeiger VII. 1884. pag. 635—639.
3) Zeller, Zeitschrift für wissensch. Zoologie, XL VI, pag. 237. Anmerk.
Beiträge zur Kenntnis der ektoparasitischen Trematoden. 247
erste entspricht nicht unsern Anschauungen und Erfahrungen über
Fortpflanzungsorgane und Zeugung, während die zweite mit der
Oekonomie des Organismus, wie wir sie sonst im Tierreiche zu
finden gewohnt sind, im Widerspruche zu stehen scheint, denn wenn
auch die überflüssigen, in den Darm abgeleiteten Geschlechtsprodukte
wieder verdaut werden, so wird dadurch doch noch keineswegs die
zur Bildung des Dotters etc. vorher aufgewandte Kraft ersetzt.
Vielleicht darf man aber auch den Dotterdrüsen als Nebenfunktion
eine ähnliche Rolle zuschreiben, wie sie die Fettablagerungen im
Körper der Thiere spielen, nämlich ein Reservematerial für Zeiten
des Nahrungsmangels zu sein, doch wäre dann eine Verbindung mit
dem Darm nicht absolut nothwendig.
Eine Bestätigung von andrer Seite haben die Angaben
Ijima's, soviel ich weiss, nur einmal erhalten, nämlich durch
Wright und Macallum1). Nach diesen Autoren findet sich bei
Sphyranura Osleri an der Vereinigungssteüe des Keimleiters und
des Dotterganges ein kurzer weiter Kanal, der hinter dem Krim-
stock schräg nach links und vorne vorlaufend, in den Dann mündet;
sein Epithel soll kontinuierlich in das des Darmes übergehen.
Herr Prof. Braun hat in seinem Werke über die Würmer2)
diesem „räthselhaften" Kanal, den Namen Canalis vitello-intes-
tinalis gegeben, dessen ich mich auch in der vorliegenden Arbeil
bediene. Von der Einmündung desselben in den Darm hatte er
sich damals noch nicht überzeugen können.
Da die Frage, ob man es mit einem inneren Samenleiter oder
mit einem Canalis viteüo-intestinalis zu tliun hat, in mehr als einer
Hinsicht von Interesse ist, so waren weitere Untersuchungen wohl
am Platze, auch wenn sie fchatsächlich nielit viel Neues bringen,
vielmehr nur die Angaben Jjima's bestätigen sollten; ich gebe mich
der Hoffnung hin, dass meine Befunde hierzu genügen werden.
Unterauchungameihode,
Lebende Tiere habe ich relativ wenig untersucht und noch
weniger an ihnen erkannt. Mir standen überhaupt auch nur
TKplozoon paradooeum und Polystomum ocellatum in lebendem Zu-
stande zur Verfügung. Ausser auf Totalpräparaten beruhen meine
Angaben auf dem, was ich durch Untersuchung von Schnitt-
serien fand.
Ueber die Herstellung der Präparate sei hier kurz folgendes
gesagt: Die Abtötung der Würmer geschah meist durch Ueber-
giessen mit erwärmter Sublimatlösung: einige Male wandte ich auch
zu diesem Zwecke Chrom -Osmium -Essigsäure oder Müllersche
') Wright and Macallum, Sphyranura Osleri. Journal of Morphology.
I. 1887.
2) Bronns Klassen u. Ordnungen des Thierreichs. IV. Vermes, bearbeitet
von Prof. M. Braun pag. 490.
248 Chr- Dieckhoff.
Flüssigkeit an. Gehärtet wurden die Objecte in Alkohol oder auch
in Müllerscher Flüssigkeit und zur Färbung verwandte ich aus-
schliesslich Pikrokarmin an. Die Dicke der einzelnen Schnitte bei
Anfertigung der Serien sollte 0,01 mm sein.
a) Canalis vitello- intestinalis bei Polystomum
integerrimum Fröl.
Da die ganze Streitfrage zuerst bei diesem Wurme auftauchte,
derselbe auch von Zell er1) eingehend beschrieben worden ist, so
will ich unter Hinweis auf Zeller's Arbeit mit der Schilderung der
Verhältnisse bei Polystomum integerrimum beginnen.
Bekanntlich münden hier die paarigen Vaginen jeder seits in
die Dottergänge, und diese vereinigen sich wieder zu einem unpaaren
Gange, der also Dotter und von der Begattung mit einem anderen
Individuum herrührendes Sperma oft mit einander gemischt, führt.
An der Stelle, wo er mit dem Keimleiter zusammentrifft und der
Uterus das befruchtete Ei aufnehmen soll, finden wir auch die Ein-
mündung des fraglichen Kanals, über dessen schliesslichen Verlauf
sich bisher die Ansichten wiedersprachen.
Dass er nicht, wie sein Entdecker meinte, ein innerer Samen-
leiter sein kann, erkennt man oft auf den ersten Blick. Denn, wie
Ijima hervorhob, nähert er sich oft auf seinem ganzen Verlaufe
überhaupt nicht dem Hoden; und auch, wenn dies geschieht, kann
man ihn doch immer vollkommen deutlich bis zum Darme verfolgen.
Es muss hier bemerkt werden, dass der Hoden bei Polystomum
integerrimum kein geschlossenes Organ darstellt sondern aus einem
grossen Haufen zerstreut liegender Bläschen besteht, sodass es bei
lebenden Thieren wohl leicht scheinen kann, als ob der Kanal sich
zwischen diesen verlöre.
Im Uebrigen ist der Canalis vitello-intestinalis bei diesem Thiere
keineswegs eine unbedeutende Bildung, die man leicht übersehen
könnte oder die schwer in ihrem Verlaufe zu verfolgen wäre, sondern
sein Lumen ist etwa ebenso weit wie das des Keimleiters. Die
Wandung besteht aus Bindgewebe, das von einem Epithel mit
massig vielen Kernen ausgekleidet wird. Der Kanal ist entweder leer
oder mit Sperma oder Dottersubstanz angefüllt.
Der Zusammenhang mit der Darmwandung ist bei Polystomum
integerrimum höchst eigenthümlich : Der Kanal endet nämlich nicht
sofort, wenn er den Darm erreicht hat; sondern verläuft erst eine
Strecke weit unmittelbar an ihm entlang und endet dann bald mehr
bald weniger weit in das Darmlumen kuppenförmig hineinragend.
(Vergl. Taf. IX Fig. 1).
x) Zeller, Weitere Beiträge zur Kenntniss der Polystomen. Zeitschr. für
wissensch. Zoologie, XXVII. pag. 238.
Beiträge zur Kenntnis der ektoparasitischen Trematoden. 249
Der Zweck dieser Einrichtung ist ja sehr einleuchtend; Ijima
bemerkt, dass er zwar im Darme Dotter gefunden hat, der also
durch den Canalis vitello-intestinalis dahinein gelangt ist, aber nie
umgekehrt Darminhalt im Kanal. Dies erklärt sich leicht aus dem
beschriebenen Verhalten; denn bei Ueberdruck im Darme muss ja
die sackartig sich vorwölbende Wandung des Kanals zusammen-
fallen; und so verhindert der Darmdruck selbst das Eintreten des
Darminhaltes in die Geschlechtsgänge.
Der automatische Verschluss wird noch dadurch erleichert, dass
das Lumen des Kanales sich gegen sein Ende hin durch Ver-
dickung seines Epithels verengert. Dies ist aber auch der Grund,
weshalb man auf den Schnitten eine offene Mündung in den Darm
oft nicht mit Sicherheit erkennen kann. In einem Falle sah ich
ein Büschel von Spermatozoen, die den Kanal auch sonst theilweise
erfüllten, aus der Oeffnung weit in das Darmlumen hineinragen
und die vorhandene Kommunikation documentiren.
Das Epithel des Ganges soll nach Ijima kontinuierlich in das
des Darmes übergehen; wenngleich anzunehmen ist, dass dies ebenso
wie bei Polystomum ocellatum der Fall ist, so konnte ich bei meinen
Präparaten von Polystomuvn integerrimum^ obwohl dieselben sonst
gut erhalten waren, einen solchen Uebergang nicht erkennen wegen
der unregelmässigen und undeutlichen Form des Darmepithels selbst.
Die bindegewebige Grundlage der Darm wand aber — Zell er be-
streitet ihr Vorkommen — setzte sich deutlich auf die Aussenwand
des Kanales fort.
Ueber die sg. Kiemenpolystomen l) — es sind das solche, die
unter besonders günstigen Verhältnissen schon in der Kiemen-
höhle der Larven, nicht erst in der Harnblase des ausgewachsenen
Frosches geschlechtsreif werden — konnte ich leider keine Unter-
suchungen anstellen. Hier sollen die Vaginen gar nicht zur Ent-
wicklung kommen, der Penis rudimentär sein, so dass eine innere
Befruchtung absolut nothwendig sei. Zu dem Zwecke sei hier noch
ein zweites Vas deferens, der innere Samenleiter vorhanden. Zell er
vergleicht die Kiemenpolystomen mit dem in der Rachenhöhle von
Emys europaea lebenden Polystomum ocellatum. Sollte sich diese
Aehnlichkeit auch auf den „innern Samenleiter" erstrecken, so
würden die Kiemenpolystomen eines solchen entbehren; denn
Polystomum ocellatum zeigt uns nur einen sehr deutlichen Canalis
vitello-intestinalis.
b) Canalis vitello-intestinalis bei Polystomum ocellatum1)
Dieser Wurm hat in vielen Punkten grosse Aehnlichkeit mit
dem soeben abgehandelten, namentlich was den Zusammenhang der
Sexualapparate mit einander anbetrifft. Hier wie dort vereinigen
l) Zeller, Weitere Beiträge u. s. w. Zeitschr. für wissensch. Zool. XXVII.
pag. 262.
16b
250 Chr. Dieckhoff.
sich zunächst auf jeder Seite die Vaginen mit den Dottergängen,
und die beiden entstehenden Kanäle laufen zu einem nicht sehr
kurzen unpaaren Gange zusammen. (Vergl. Fig 18). An der Stelle,
wo der hier muskulöse Keimleiter in ihn einmündet, und der so-
genannte Keimdottergang oder Eileiter beginnt, finden wir wieder
den Ausgangspunkt des Kanals, der zum Darme führt.
Wir müssen überhaupt wohl immer, wenn wir nach einem
Canalis vitello-intestinalis suchen, ihn zunächst in der Nähe des
Keimleiters, also da, wo die reife Keimzelle von Dotter und Sperma
umhüllt wird, vermuthen. Denn durch eine derartige Lage wird es
erreicht, dass im Falle von Ueberproduktion an Dotter oder, wenn
bei der Begattung durch das einströmende Sperma die Contenta
der zu leitenden Geschlechtswege gegen den Keimleiter vorgeschoben
werden, doch immerhin nur die ältesten Geschlechtsprodukte, die
vielleicht nicht einmal mehr ganz lebenskräftig sind, in den Darm
abgeleitet worden.
Der Kanal wendet sich nach links und geht unter dem ebenfalls
links liegenden Keimstocke ebenso wie bei Polystonmm integerrhnum
in S förmigem Bogen nach der Seite und nach vorne zu, um in den
einen Schenkel des Darmes zu münden. Er hat eine starke binde-
gewebige Hülle; Muskulatur scheint ihm gänzlich zu fehlen. Innen
ist er mit demselben kubischen Epithel ausgekleidet, das wir bei
diesem Tiere auch sonst in den weiblichen Geschlechts wegen finden.
Sein Lumen verengert sich etwas gegen das Ende hin. Aber
doch ist hier die Ausmündung in den Darm deutlicher als bei
Polystomum integerrimum, denn hier konnte ich auch den Uebergang
seines Epithels in das des Darmes erkennen. Auch hier ragt der
Kanal etwas in den Darm hinein, aber weniger stark als bei
Polystomum integerrimum.
Die Exemplare dieses Polystoms, die mir zur Verfügung standen,
schienen alle noch ziemlich jung gewesen zu sein; einige waren
wohl nicht geschlechtreif. Diesem Umstände ist es wohl zuzuschreiben,
dass der in den Darm führende Kanal in allen Fällen leer an-
getroffen wurde.
c) Canalis vitello-intestinalis bei Octobothrium merlangi Kuhn.
Jjima berichtet auch von dem Zusammenhange des Eileiters
mit dem Verdauungskanal bei einem aus Neapel stammenden
Octobothrium sp. Ich möchte glauben, dass ihm Octobothrium
merlangi vorgelegen hat.
Diesem Thiere fehlt auffallender Weise jede Spur von einer
Vagina. Wenn eine Befruchtung des Eies nicht überhaupt extrau-
terin stattfindet, was wohl ganz ausgeschlossen ist, so kann eine
Begattung nur durch den ziemlich langen Uterus stattfinden. — Die
paarigen Dottergänge vereinigen sich und bilden einen Dottersack.
Wo eine Verengerung seines Lumens und eine Knickung die Grenze
Beiträge zur Kenntnis der ektoparasitischen Trematoden. 251
zwischen diesem und dem Anfangstheile des Uterus, dem Keim-
dottergange bezeichnet, tritt ein Kanal von geringer Weite und
zarter Wandung ab. Verfolgen wir ihn weiter, so sehen wir ihn
sich bald theilen und erkennen dann weiter in dem einen längeren
Arme, der nach vorn verläuft, den Keimleiter. Der andere Arm,
enger und dünnwandiger noch als der vorige, ist ganz kurz und
öffnet sich alsbald in den Darm; er ist also der gesuchte Darm-
dottergang.
d) Canalis vitello-intestinalis bei Octobothrium lanceolatum Lkt.
Dieses Thier zeigt den Canalis vitello-intestinalis am kräftigsten
entwickelt. Es besitzt im Gegensatze zu der vorigen Art eine
Vagina, die sich auf dem Rücken öffnet und gleich hinter der Aus-
mündung von jeder Seite her einen Dottergang aufnimmt. Der
kurze Keimleiter, dessen Lumen ein relativ enges ist, mündet meist
nicht direkt in die Vagina ein, sondern in eine Aussackung, die ein
andrer Kanal, eben der Canalis vitello-intestinalis, bei seiner Ver-
einigung mit der Vagina bildet. Wir finden also in dieser
Beziehung eine Aehnlichkeit mit Octobothrium merlangi, indem bei
beiden der Keimleiter sich zunächst mit dem Ductus vitello-
intestinalis vereinigt.
Dieser geht nun im Bogen nach vorne und nach der rechten
Seite über den Keimstock hinweg, der ebenfalls auf der rechten
Seite liegt und hufeisenförmig gebogen ist. sodass nicht nur die
Ausgangsöffnung sondern auch das blinde Ende nach vorn zu liegt.
Wenn der Kanal vor dem letzteren vorbeigelaufen ist. wendet er
sich meist wieder etwas nach hinten zurück und mündet, nachdem
er gewöhnlich noch eine kleine Schlinge gebildet hat, in den rechten
Darmschenkel.
Der Kanal ist von ziemlich bedeutendem Kaliber, ganz be-
sonders aber ist er durch die Struktur seiner Wandung ausgezeichnet,
(Vergl. Taf. IX. Fig. 7). Einmal zeigt das Epithel, das ihn auskleidet,
eigentümlich geknickte Anhänge, die in das Lumen hineinragen,
und von denen meistens zwei einander gegenüber stehen. Vielleicht
sind diese Zotten durch Verklebung von Flimmerhaaren entstanden
und solchen gleichzusetzen. Sie geben ihm ein Aussehen, das ihn
auf Schnitten sofort erkennen und von den andern Kanälen unter-
scheiden lässt. Eine zweite Eigentümlichkeit ist die starke Rings-
muskelschicht, die den Gang in seiner ganzen Länge umgiebt. Einen
Uebergang seines Epithels in das des Darmes braucht man nicht
zu suchen, weil dieser ein sehr undeutliches Epithel aufweist. Was
den Inhalt anbetrifft, so fand ich mitunter Dottermasse und auch
Sperma in ihm. Ebenso fand ich Dotter im Darm selbst.
252 Cnr- Dieckhoff.
e) Canalis vitellointestinalis beiDiplozoon paradoxum v. Nordm.
Ueber dieses Thier sagt Ijima: „Etwa zwischen dem Ootyp und
und der Vereinigungsstelle des Dotterganges zweigt sich von dem
Eileiter ein vielfach gewundenes Rohr ab, welches nach vorn ver-
laufend endlich in eine der Darmverzweigungen hineintritt'" Nach
meinen Befunden ist die Vereinigung der weiblichen Geschlechtswege
folgende: Wenn wir beim Ootyp, das wegen seines Flimmerepithels
leicht kenntlich ist, beginnen, so verläuft der Keimdottergang zu-
nächst noch weiter nach hinten; dann macht er einen Bogen und
wendet sich auf der Bauchseite wieder nach vorne; ziemlich in
gleicher Höhe empfängt er von rechts den Dottergang, von links
den Keimleiter und der Richtung nach als seine Fortsetzung er-
scheint dann das genannte gewundene Rohr. Da der Keim-
stock nach vorne zu liegt und der Keimleiter also auch schräg von
vorne kommt, so hat er oft mit dem erwähnten Rohre eine gemein-
same Mündung in den Keimdottergang. Der Dottergang jedoch
tritt stets in ziemlich querer Richtung an denselben heran.
Es ist dieser gewundene Gang derselbe, den Zeller für den
,,Laurerschen Kanal" hält. Schon in seiner Untersuchung über
die Fortpflanzung des Diplozoon paradoxum1) erwähnt er einen „den
Samen zuleitenden Kanal" und beschreibt ihn später in einer ein-
gehenden Arbeit2) näher: Der Laurersche Kanal mündet nach
Zell er nicht auf der Rückenfläche aus, sondern schliesst sich un-
mittelbar an das Vas deferens des andern Tieres an. Nach kurzem
Verlaufe öffnet er sich in den Dottergang, „um ihn aber auch so-
fort auf der andern Seite zu verlassen, und nun geht er in zahl-
reichen Schlängelungen über den Eierstock weg, um nach hinten
ziehend in den Ausführungsgang des letzteren einzumünden."
Gegen die Durchkreuzung des Dotterganges durch die Vagina
müssen sich schon von vorne herein bei Betrachtung der physi-
kalischen Verhältnisse Bedenken erheben: In dem kurzeu sackartig
erweiterten Dottergang muss der Reibungswiderstand ungleich ge-
ringer sein als in dem andern engen, langen und- stark gewundenen
Rohre; da es nun dem Dottergange an irgend welcher Muskulatur
oder sonstigen Vorrichtungen fehlt, einen temporären Verschluss
herzustellen, so muss nach den Gesetzen der Stromvertheilung der
bei weitem grösste Teil des eindringenden Sperma seinen Weg durch
den Dottergang nehmen und eine Fortsetzung der Vagina wäre
sehr überflüssig.
Nun ist es auch in der That nicht so schwer, sowohl auf Quer-
schnitten wie auf Flächenschnitten die Einmündung des fraglichen
Kanales in den Darm und seine wahre Natur als Canalis vitello-
*) Zeller, Untersuch, über d. Entwickl. des Dipl. parad. Zeitschrift für
wissensch. Zoologie XXII. pag. 168.
2) Zeller, Ueber d. Geschlechtsapparat des Dipl. parad. Zeitschr. für
wissensch. Zoologie XL VI. pag. 237.
Beiträge zur Kenntnis der ektoparasitischen Trematoden 253
intestinalis zu erkennen. Weniger leicht ist es, die kurze Vagina
— oder den Laurerschen Kanal Zellers — , die sich, wie ich auch
bestätigen kann, unmittelbar an das Vas deferens des andern Tieres
anschliesst und sich zu dem Dottergange ähnlich verhält, wie es bei
Octobothr. lanceol. der Fall ist, zu finden. Doch auch, wenn man
die Mündung des Canalis vitello-intestinalis nicht zu erkennen im
Stande ist, muss man jedenfalls von dem Gedanken, ihn als Fort-
setzung der Vagina zu betrachten, abstehen; denn er liegt auf seinem
ganzen Verlaufe ventralwärts, der Dottergang in dieser Gegend stets
dorsalwärts vom Darme, diesem eng sich anschmiegend, sodass eine
Kommunikation ausgeschlossen ist. Meine Exemplare von Diplozoon
parad., welche dieses Verhalten durchweg zeigten, waren im Juli
und August von der Kiemenhöhle etwa spannenlanger Brachsen
(Abramis brama) aus der Unterwarnow gesammelt.
Zeller und Ijima fanden in dem Gange Spermatozoen, ich sah
ihn sowohl Sperma wie Dotter enthalten, mitunter war er ganz leer.
Die ziemlich dicke Wandung besteht aus einer einfachen Lage
von Zellen; wo ein Kern liegt, ist sie ein wenig aufgetrieben. Die
Weite des Lumens bleibt sich in seiner ganzen Länge ziemlich
gleich. Erst am Ende, wo er im Begriff ist, sich in den Darm zu
öffnen, verengt er sich plötzlich konisch und die Mündung ist eine
relativ enge.
Wenn bei Polystomum integerrimum und wohl auch Polystomum
ocellatum ein etwa nothwendiger Verschluss des Canalis vitello-
intestinalis gegen den Darm bei der eigentümlichen Art der Ein-
mündung automatisch erfolgte and bei Odobothrium l<nir,<>l<tf>/ni
durch eine Ringsmuskulatur herbeigeführt werden konnte, so ge-
schieht dies hier wohl schon allein durch den grossen Reibungs-
widerstand an den Wänden des langen und engen Kanals.
f) Canalis vitello-intestinalis bei Axine belones Abildg.
Bei einigen ectoparasitischen Trematoden, so bei Axine und
Microcotyle1) wird von den Autoren ein dritter Dottergang an-
gegeben. Es ist zu vermuthen, dass es sich in den meisten Fällen
dabei um einen Gang, der in den Darm führt, handelt. Bestätigen
kann ich dies von Axine.
Bei diesem Thiere liegt der Keimstock auf der linken Seite, und
sein blindes Ende ist auf der rechten wieder nach vorne zu gebogen.
Der Keimleiter ist ziemlich lang und besitzt ein Receptaculum
seminis. Wo er mit der Vagina — diese hat bekanntlich bei Axine
eine ganz unsy metrische Mündung auf der linken Seite — zusammen-
tritt, wendet sich der Keimdottergang nach rechts, um sogleich den
kurz vereinigten Dottergang aufzunehmen, nach der andern Seite
l) Lorenz, Ueber die Organisation der Gattungen Axine und Microcotyle.
Arb. d. Zool. Inst, in Wien. I pag. 405 mit Tafel XXXI— XXXIII.
254 Chr- Dieckhoff.
aber — nach links verläuft der Canalis vitello-intestinalis schräg
nach vorne und mündet mit weiter Oeffhung in den Darm. Er ent-
behrt ebenso wie dieser eines Epithels; doch scheint er wie bei
Octobotkrium lanceolatum mit einer Ringsmuskulatur versehen zu
sein. Er enthält nach Lorenz oft Dottermasse und solche findet
sich auch im Darme in der Nähe seinerMündung.
Nachdem so das Vorhandensein eines Canalis vitello-intestinalis
sicher gestellt ist, dürfte die Frage nach analogen Bildungen ge-
rechtfertigt sein.
Ijima glaubte eine Nebeneinanderstellung desselben mit dem
Laur er sehen Kanal der Digenea nicht von der Hand weisen zu
dürfen. Da aber auch bei Thieren mit unpaarer, dorsal mündender
Vagina, wie z. B. bei Octobotkrium lanceolatum und Diplozoon
paradoxum, ein in den Darm führender Kanal existirt, und da
auch überhaupt die Ableitung des Laur er sehen Kanales aus den
paarigen Vaginen, wie mir scheint, genügend dargethan ist1), so ist
dieser Gedanke wohl nicht annehmbar.
Auf* der anderen Seite ist zu beachten, dass der Canalis vitello-
intestinalis sich immer mit dem Keimleiter, bei Octob. merlangi sogar
zu einem längeren Kanäle vereinigt, resp. aus diesem entspringt und
dass derselbe ferner sich immer nach der Seite wendet, wo der Keim-
stock liegt2), was selbst bei Diplozoon, wo der Darm ungegabelt
ist, in geringem Grade der Fall ist, und endlich meistens in der
Richtung nach dem blinden Ende des Keimstocks, (so besonders bei
Octobotkrium} verläuft; wegen dieser Beziehungen zum Keimstock
und dessen Ausführungsgang könnte man auf den Gedanken kommen,
dass es sich ursprünglich um einen zweiten, abortiv gewordenen
Keimleiter handelt; aber so lange nicht die Entwicklung des Kanales
bekannt ist, namentlich nicht entschieden ist, ob er — was seiner
Structur wegen wahrscheinlicher ist — sich vom Keimleiter oder
vom Darm aus entwickelt, schweben solche Vermuthungen völlig in
der Luft; vorläufig muss man in dem Canalis vitello-intestinalis eine
Bildung sui generis sehen, deren genetische Beziehungen ganz frag-
lich sind. Eine sehr grosse Bedeutung kann ihm nicht zugesprochen
werden da er zahlreichen ectoparasitischen und allen endoparasitischen
Trematoden fehlt.
0 Broim's Klassen u. Ord. des Tierreichs, IV Vermes, Braun, png. 489.
2) Zell er bemerkt von Polyst. integ. dass der „innere Samenleiter", unser
Can. vit.- int., immer nach der Seite verläuft, wo der Keimstock liegt, mag
dieser nun rechts oder links gelegen sein.
Beiträge zur Kenntnis der ektoparasitischen Trematoden. 255
II. Zur Anatomie von Octobothrium lanceolatuni Kuhn.
Zum ersten Male beschrieben wurde Octobothrium lanceolatum
von Hermann1) als Mazocreas, da dieser Autor den Haftapparat
mit den acht Klammerorganen für den Kopf hielt. F. S.
Leukart2) hat viele Jahre später das Thier wieder studiert, ohne
von der Arbeit Hermanns etwas zu wissen und hat den Wurm richtig
orientirt; von ihm stammt auch der jetzt allgemeine eingebürgerte
Name Octobothrium lanceolatum. Zwei Jahre darauf wurde er zum
dritten Male und zwar von Kuhn entdeckt, der die Angaben seiner
Vorgänger nicht kannte und ihm, in denselben Irrthum wie
Hermann befangen, den Namen Octostoma alosae gab. Eine ein-
gehendere Beschreibung lieferte F. J. C. Mayer)3; doch hat auch
diese Bearbeitung für uns kaum mehr als historisches Interesse.
Von Bedeutung dagegen ist, was van Beneden in seinen Memoires
sur les vers intestinaux4) angiebt. In neuester Zeit wurde er dann
noch wieder von Herrn Prof. Braun untersucht, in dessen Be-
arbeitung der Würmer5) sich Beschreibungen und Abbildungen von
den Mundsaugnäpfen, dem Pharynx, der Vagina in ihrer Beziehung
zu den Dottergängen u. s. w. finden.
Körper form: Octobothrium lanceolatuni missl im ausge-
wachsenen Zustande bis 12 mm in der Länge; es ist, wie sein
Name sagt, lancettförmig ; seine grösste Breite beträgt etwa x s der
Länge, die Dicke wiederum ' ; ' _. der Breite. Das Kopfende ist
mehr oder minder spitz und lang ausgezogen: die platte Form ver-
liert sich hier und geht in eine Walzenform über. Von einem genau
abgegrenzten Kopfe kann man nicht reden. Das hintere Körper-
ende ist zum Haftlappen umgebildet und hebt sich durch eine ge-
ringe Abglattung und Verbreiterung von den Konturen des übrigen
Körpers ab. Die seitlichen Ränder konvergieren stark, und das
Hinterende läuft schliesslich in einen kleinen Sehwanzzipfel aus.
Die vier kurzgestielten Klammorgane auf jeder Seite sind seitlich
und nach unten gerichtet. Auf dem Schwanzzipfel finden sich zwei
Paare chitiniger Haken.
Allgemeine Beschreibung. Bei Thieren, die gefärbt und
durch Kanadabalsam aufgestellt sind, vermag man Einiges von der
inneren Organisation zu erkennen. Zur Klarheit des Bildes wird es
beitragen, zunächst im Allgemeinen die Lagerverhältnisse der Organe
zu besprechen:
Nahe dem Vorderende befindet sich auf der Bauchseite die quer
gestellte Mundöffnung; rechts und links von ihr sieht man einen
1) Hermann, Naturforscher 17 Stück 1782, pag. 180.
2) Leukart, Brevis animalium quorunidam descr. Heidelbg. 1828.
3) Mayer, Beiträge zur Anatomie der Entozoen, pag. 19.
4j Van Beneden, Memoires sur les vers intestinaux; Paris pag. 44.
5) Bronn's Klassen und Ordnungen etc. IV. pag. 407ff.
256 Chr- Dieckhoff.
Saugnapf. An die Mundhöhle schliesst sich der länglich-ovale
Pharynx an; dann folgt der Oesophagus, der sich in die beiden
Darnischenkel theilt. Unter dieser Gabelung bemerkt man den
Genitalporus, eine grosse kreisrunde Oeffnung, die durch zehn zum
Penis gehörende Haken ausgezeichnet ist, von denen vier nach vorne
ebensoviele nach hinten gerichtet sind und auf jeder Seite ein etwas
grösserer nach aussen. Nicht ganz so weit nach vorne wie der
Porus genitalis ist auf dem Rücken eine zweite dem Geschlechts-
apparate angehörige Oeffnung, die der Vagina. Weiter nach hinten
zu sieht man auf der rechten Körperhälfte des Thieres den Keim-
stock durchschimmern, dahinter bis in den Haftlappen hinein die
Hoden. An den Seiten am Pharynx bis zum Hinterende liegen die
Dotterstöcke den Darmkanal begleitend, so dass man von diesen
kaum etwas sieht; lange Zeit sind die Dotterstöcke deshalb für den
Darm gehalten worden.
Vorkommen.
Octobothrium lanceolatum ist nach Angabe der Autoren einer der
gewöhnlichsten Parasiten. Man soll ihn sehr häufig auf den Kiemen
des Maifisches, Clupea alosa oder Alosa finta, finden, und nach
van Ben e den ist der Fisch im Meere wie im süssen Wasser in
gleicher Weise mit diesem Wurm behaftet; auch schon ganz junge
Fische, die erst den dritten oder vierten Theil ihrer Entwicklung
durchlaufen haben, beherbergten den geschlechtsreifen Wurm.
Die Exemplare, die mir zur Untersuchung dienten, waren im
April d. J. in Bonn durch Herrn Dr. W. Voigt an Maifischen ge-
sammelt worden.
Die Körperbedeckung ist bei verschiedenen Thieren von
verschiedener Dicke; doch dürfte sie im Durchschnitt 4 (i betragen.
Sie setzt sich aus zwei Schichten zusammen: Zu innerst sehen wir
eine stark tingierbare Membran, aussen von ihr liegt die sg.
Kutikula oder ,,Pseudokutikula," auch hier scheinbar völlig struktur-
los. Sie bietet nicht immer eine glatte Oberfläche dar, sondern ist
mitunter rauh, etwa wie gekörntes Papier, von diesen Unebenheiten
abgesehen zeigt sie auch noch hie und da bedeutende buckei-
förmige' Verdickungen, stellenweise auch ganz unregelmässige wie
zerfetzt erscheinende Portuberanzen.
Die Muskulatur kann man bei Octobothrium, wie bei den
meisten übrigen Trematoden ihrer Lage und physiologischen Be-
stimmung] nach eintheilen in den Hautmuskelschlauch, die Paren-
chymmuskeln, die Muskulatur der Saugnäpfe und sonstigen Haft-
apparate und in die Muskulatur der inneren Organe z. B. des Pharynx.
Was nun zunächst den Hautmuskelschlauch anlangt, so be-
steht dieser, wie es die Regel ist, aus Rings-, Diagonal- und Längs-
fasern. Die äusserste Schicht, die der cirkulär laufenden Fasern,
ist nur recht schwach; etwas stärker wird sie nur im Haftlappen.
Beiträge zur Kenntnis der ektoparasitischen Trematoden. 257
Sehr deutlich, regelmässig und ziemlich dicht ist dagegen das Netz
der Diagonalfasern. Am kräftigsten sind die Längsfasern, sie sind
meist zu mehreren zu einem Bündel vereinigt. Die Dicke des ge-
sammten Hautmuskelschlauches ist auf Rücken- und Bauchseite
nicht wesentlich verschieden. Sehr erklärlich ist es, dass die Schicht
der Längsfasern, wegen ihrer Beziehung zu den Haftapparaten eine
bedeutende Selbständigkeit gegenüber den beiden andern Schichten
erlangt hat, sodass sie ihnen vielleicht genau genommen kaum an
die Seite zu setzen sind. Wir werden sie bei den Organen, mit denen
sie in Verbindung treten, weiterhin behandeln.
Die Parenchym-Muskulatur ist sehr unbedeutend, wird ja
doch fast der ganze Körper allein von den Fortpflanzungsorganen
eingenommen. Nur im Vorderende und im Haftlappen sind reich-
liche dorso-ventrale Fasern vorhanden. Auch zwischen den Hoden-
bläschen verlaufen einige meist zu schwachen Bündeln vereinigt;
sie strahlen in der Zone des Hautmuskelschlauches, einen Kegel
bildend, aus einander, und jedenfalls geht ein Theil der Fasern in
denselben über. Parenchymmuskeln , die in anderer als dorso-
ventraler Richtung verliefen, habe ich nicht gefunden.
Die übrigen Muskeln, die zu einzelnen Organen gehören, die
Muskulatur der Saugnäpfe, des Darmtraktus u. s. w. werden wir bei
diesen abhandeln.
Haftap parate. Von diesen haben wir zwei auf verschiedenen
Principien beruhende Formen zu unt< [-scheiden: Saugnäpfe und
Klammerorgane. Richtige Saugnäpfe sind die vorderen Haltorgane.
Sie sind paarig und stehen rechts und links von der Mundhöhle
mit der Oerlhung etwas nach hinten und unten zugerichtet. Ihr
Hohlraum kommuniciert mit dem der Mundhöhle, deren Auskleidung
sich als feines strukturloses Häutchen auf ihre Innenfläche fortsetzt,
sodass sie also genauer als „Mundsaugnäpfe1' im Gegensatze zu
„Seitensaugnäpfen" !) bezeichnet werden müssen. Ihre convexe
Fläche wird von einer derben Membran gebildet, die histologisch
wohl der unter der Kutikula liegenden gleichzusetzen ist. Eine
schwächere Membran bildet die innere Wand und zwischen diesen
beiden Häuten spannen sieh die sehr dichten und regelmässig an-
geordneten Muskelfasern aus, an jedem Ende mit kegelförmig ver-
breiterten Fusse festsitzend. Andere Muskelfasern scheinen völlig
zu fehlen.
Die Mundsaugnäpfe stehen mit Muskelzügen, die von der
Längsfaserschicht des Hautmuskelschlauches abstammen, in Ver-
bindung und zwar durch ein Band von geringer Dicke, das
histologisch wohl nicht als Muskelsubstanz sondern als Bindegewebe
aufzufassen ist und den Muskelsehnen der höheren Thiere ver-
glichen werden muss. Die Substanz ist ebenso wie die Membranen
stark tingierbar; bei Färbung mit Pikrokarmin nimmt sie eine
*) Vergl. Braun: Vermes in Bronns Class. u. Ord. d. Thierreichs.
Avcb. f. Naturgesch. Jahrg. 1891. Bd. I. H. 3. 17
258 Chr. Dieckhoff.
intensiv dunkelrothe Färbung an, während die Muskelfasern mehr
gelblich-rosa erscheinen. Dieses Band ist in dem dorsalen Winkel,
den ein jeder Saugnapf mit der Mundhöhle bildet, angeheftet und
geht in die Auskleidung der Mundhöhle sowohl wie der Saugnäpfe
über. Von den beiden Muskelzügen, in die sich jederseits die beiden
Bänder fortsetzen, verläuft ein starkes Bündel nach hinten, anfangs
gänzlich vom Hautmuskelschlauche getrennt, bis es schliesslich in
der Höhe des Genitalporus sich auflöst und in die Längsfaser seh icht
übergeht. Ein zweites Muskelbündel verläuft jederseits zuerst in
dorsoventraler Richtung und dann auf der Rückenseite entlang, um
sich meist früher als die Ventralbündel in den Hautmuskelschlaueh
zu verlieren.
Die hinteren Haftorgane finden wir auf dem Haftlappen, wo
sie, jederseits vier, auf kurzen beweglichen Stielen sitzen. Es sind
sehr eigenthümlich gebaute Werkzeuge, die mit Saugnäpfen anatomisch
garnichts gemein haben, vielmehr als Klammer organe zu bezeichnen
sind. Derartige Apparate haben auch andere Trematoden, z. B.
Diplozoon; doch ist ihr Bau wenig bekannt. Eine Beschreibung von
,, Greifzangen" lieferte Lorenz in seiner Abhandlung über Axinc^).
Ferner finden sich auch Angaben über klammerartige Haftorgane
in einer Beschreibung von Plmrocotyle scombri von Parona und
Perugia2); doch ist aus Beschreibung wie Abbildung wenig über
den Bau der Organe zu ersehen. Es herrscht also über diese Art
von Gebilden im Allgemeinen nicht viel Klarheit, darum dürfte es
nöthig sein hier etwas genauer auf den Bau einzugehen. Wegen
der Kompliciertheit, die wir vorfinden werden, wird es passend sein,
erst das Scelet des Organs zu behandeln.
An Totalpräparaten — lebende Exemplare standen mir nicht
zur Verfügung — ist wenig mit Sicherheit zu erkennen. Auch auf
Schnittserien allein wird es schwer die Form und den Zusammen-
hang der Skeletstücke zu finden. Erst nach Färbung der chitinigen
Substanz mit Pikrinsäure und nachfolgender Maceration der um-
gebenden Weichtheile wurde es möglich, die Form aller einzelnen
Theile zu sehen; durch Untersuchung guter Schnittserien finden sich
dann die Zusammengehörigkeit, die Lageverhältnisse und die
Muskulatur.
Im Gegensatze zu Axi?ie, wo das Gerüst durch Stäbchen ge-
bildet wird, besteht es hier aus Platten. Die Klammorgane sind
annähernd von kubischer Form mit weitem Hohlraum, nach aussen
— oder, wenn man sich das Thier richtig orientiert denkt, — nach
unten zu offen. Wir können demnach fünf Wandflächen unter-
scheiden: Die Basalfläche, die vordere und hintere und die beiden
') Lorenz, Ueber Axine u. Microcotyle; Arbeiten a. d. zool. Inst, in Wien I.
1878, pag. 405.
2) C. Parona e A. Perugia, Intorno ad aleune Polystomeae etc. Atti della
Soc. Ligust. di Sc. nat. e geogr. Vol. I. fasc. III. 1890.
Beiträge zur Kenntnis der ektoparasitischen Trematoden 259
Seitenflächen (Taf. IX Fig. 3). Die hintere Wand wird haupt-
sächlich von einer schwach gewölbten Platte gebildet; jederseits
streckt sie einen Arm weit nach vorne, der von aussen der Seiten-
wand anliegend mit dieser gelenkig verbunden ist; es ist dies die
einzige Artikulation, die vorkommt. Ausserdem steht sie nach der
Basis zu in recht fester Verbindung mit einer etwas kleineren drei-
eckigen in der Mitte durchbrochenen Platte, die wohl der Rücken-
wand und überhaupt dem ganzen Organ einen festeren Halt geben
soll und ausserdem Muskulatur des Körpers zum Ansätze dient.
Den Boden bildet eine Platte, die Basal platte, die sich in Wellen-
linie, um ein Umbigen zu verhüten, an einen queren Balken mit
ovalem Durchschnitt ansetzt. Die bisher genannten Stücke sind
die feststehenden Theile des Gerüstes; die nun folgenden müssen
alle beim Schliessen der Klammer mitwirken: Zunächst legt sich
an die Basalplatte dachziegelartig eine schwach gewölbte Platte an,
kenntlich an einer doppelten Reihe von Löchern, deren etwa je fünf
zu beiden Seiten der Mittellinie stehen; sie ist nicht ganzrandig,
sondern springt gegen die Basalplatte zu mit zwei, gegen die Oeffnung,
die sie verschliessen soll, mit drei Bogen vor, (Fig. 4); sie bildet bei
offner Klammer die Vorderwand und wird beim Schluss vor die
Oeffnung geschoben. Die Seitenwände endlich werden durch je
eine halbmondförmige Platte gebildet, die mit umgebogenem Rande
einen Theil der Vorderplatte und der Oeffnung etwas überragt (vergl.
Fig. 5). Sie stehen, wie schon erwähnt, auf ihrer Aussenseite mit
den Armen der Hinterplatte in enger gelenkiger Verbindung.
Die Schliessmuskulatur ergiebt Bich aus den anatomischen Ver-
hältnissen des Gerüstes von selber (Fig. (>). Es sin»! zahlreiche
kurze kräftige Fasern, die schräg zwischen den dachziegelartig über-
einander greifenden Platten ausgespannt Bind; wenn sie sich kon-
trahieren, werden sie gemäss ihres Verlaufes dieselben von einander
schieben. Hierzu kommen dann noch Muskelfasern, die von der
Basalplatte von vorne her an die Spitzen der Seitenplatten treten;
sie werden wie die andern zum Schliessen der Klammer beitragen
können.
Der Stiel, auf dem eine Klammer sitzt, ist auch reich an
Muskelbündeln, die sieh zum Theil von aussen an die Schliessplatten
derselben ansetzen und dann die Aufgabe haben, dieselbe zu öffnen,
zum Theil aber auch zur Bewegung der Stiele selber dienen. Die
stärkste Muskelmasse, die an die Klammer geht, dient nicht zu
deren eigentlicher Bewegung: es sind die Längsfasern des Haut-
muskelschlauches, die in dem Haftlappen an den Klammern ihren
Ankerpunkt haben. Im Allgemeinen haben wir für jede Klammer
ein starkes Bündel von der Rückenseite und ein etwas schwächeres
von der Bauchseite; diese konvergieren, vereinigen sich und ihr
Ende ist um den Querbalken der Basalwand — die Platte schliesst
in der Mitte nicht ganz an denselben an — geschlungen, um sich
an die untere Spitze der dreieckigen Platte der Hinterwand an-
zusetzen.
17*
260 Chr- Dieckhoff.
Es sind schliesslich noch als Haftapparate zwei Paare von
Haken zu erwähnen, die ganz am Hinterrande, hinter oder zwischen
den beiden letzten Klammern zu erkennen sind. Die Haken des
äusseren Paares sind gross, in die Augen fallend, und haben in der
Profilansicht, wie van Beneden sagt, die Form d'un sabot de
voiture, eines Hemmschuhes; das freie Ende ist scharf zugespitzt
und stark nach unten und aussen gekrümmt. Die beiden andern
Stacheln sind einfache schlanke Haken, mit umgebogener Spitze;
sie sind nicht immer leicht zu erkennen, weil sie nur klein sind
und sich oft in der Haut verstecken.
Der Verdauung straktus beginnt nahe dem vorderen Körper-
ende mit einer quergestellten bauchständigen Mundöffhung, die in
die weite sackartige Mundhöhle führt. Jeder seits von letzterer
stehen die schon beschriebenen Mundsaugnäpfe.
Von hinten ragt der Pharynx1) in die Mundhöhle vor und so
bildet sich besonders auf der Bauchseite eine Tasche, die s. g.
Pharyngealtasche. Er ist von ovaler Form mit dem stärkeren Ende nach
hinten gerichtet; Mayer nennt ihn einen flaschenförmigen Fleisch-
beutel. Nach aussen und gegen das innere Lumen wird er von einer
Membran ausgekleidet; wo er in Parenchymgewebe eingebettet ist,
wird die äussere Bekleidung schwächer, undeutlicher. Die Muskulatur
besteht zn äusserst aus einer einfachen Schicht von Längsfasern;
darauf folgt die Kingmuskulatur, in starken Bündeln angeordnet.
Die Fasern nehmen von einer in der Richtung des Rückens liegenden
Scheitellinie ihren Ursprung und zum Theil wenigstens scheinen sie
aus Fasern hervorzugehen, die anfänglich in der Längsfaserschicht ver-
liefen. Auf diese beiden Lagen — eine Radiärmuskulatur fehlt völlig
— folgen, die Hauptmasse der Pharynx bildend, zahlreiche grosse,
saftreiche Pharyngealzellen — mit deutlichem Kern und Kern-
körperchan und oft granulierten Inhalt. Braun vermuthet von
diesen Zellen, ,,dass sie elastisch sind und als Antogonisten oder
Ringsmuskeln wirken." Endlich findet sich noch zu innerst eine
einfache Lage cirkulär verlaufender Fasern.
Der Kanal, der den Pharynx durchzieht, liegt nicht genau
axial, sondern mehr ventral; da die Muskulatur abgesehen von der
Scheitellinie rings herum ziemlich gleich dick bleibt so hat dies
seinen Grund allein in der ungleichen Vertheilung der Pharyngeal-
zellen. Das Lumen selbst ist meist nicht rund, sondern durch
Fältelung der Wand sternförmig. Zerstreut einzeln oder in kleinen
Gruppen finden sich als Auskleidung kleine kernlose Zellen.
Es wäre jetzt noch eine Adventitia zu nennen: Rings um den
Pharynx herum ist nämlich das Parenchymgewebe verdichtet und
steht namentlich hinten und auf der Rückenseite in enger Ver-
bindung mit der Tunika desselben. Auch Muskelfasern, die zum
Theil aus den dorsoventralen Muskelzügen der Mundsaugnäpfe stammen,
0 Eine Abbild, ist in Bronns Klassen d. Thierreichs, IV Taf. XVII Fig. 2.
Beiträge zur Kenntnis der ektoparasitischen Trematoden. 261
finden sich in der Adventitia, bald mehr oder weniger in verschiedenen
Kichtungen verlaufend.
Vom Pharynx aus gehen meistens auch Muskelzüge nach hinten
und um die Kommissur des Centralnervensystems herum zum Rücken ;
hier gehen sie dann in zwei Bündel auseinander und laufen schliess-
lich in den Hautmuskelschlauch aus.
An den Pharyngealapparat schliesstsich derbeiOctobothrium recht
lange Oesophagus an. Von einer eigenen Wand kann man hier
sprechen; das Lumen scheint einfach von dem gewöhnlichen
Pharenchymgewebe begrenzt zu sein und ein Epithel zu fehlen.
Hinter den äussern Geschlechtsöffnungen theilt sich der
Oesophagus und von hier aus ziehen die beiden Darmschenkel,
immer von den Dotterstöcken begleitet bis in den Haftlappen, wo
sie blind endigen. Der Darm entbehrt längerer Blindsäcke; seine
zahlreichen kleinen Ausbuchtungen, die auf die laterale Seite be-
schränkt sind, scheinen vielmehr nur durch die Dotterzellen und ihr
Hervortreten gegen das Darndumen hervorgebracht zu sein.
Die Darmwandung betreffend so kann man nur selten das
umgebende Parenchymgewebe zu einer festeren Abgrenzung ver-
dichtet sehen. Die Zellen welche die Wandung luden, kann man
eintheilen in Drüsenzellen und solche, die direkt aus dem Parenchym
hervorgegangen zu sein scheinen (?). Die ersteren sind sehr spär-
lich; sie enthalten jede einen Kein. d< ti Protoplasma erscheint fein
gekörnt. Auch die Zellen der zweiten Art dürfen wir wohl kaum
als Epithel bezeichnen, da sie durchaus keine kontinuierliche Aus-
kleidung bilden; sehr blass und kernhaltig haben sie in typischen
Fällen eine kubische Form. Häutig ist man nicht imstande sich zu
entscheiden, ob man Darmzellen oder Parenchymzellen vor sich hat.
Parenchym. In Bezug auf das Parenchym nniss ich mich für
Octobothrium der Ansicht anschliessen, die von den meisten neueren
Autoren wohl angenommen ist. Taschen berg fasst bei der
Schilderung der Verhältnisse von Tristomum papillosum Dies1) das
Parenchym als ein bindegewebiges Maschenwerk auf, in welchem
die ursprünglichen Bildungszellen zum Theil noch vorhanden sind;
theils aber sind die Membranen geschwunden und Protoplasma und
Kerne liegen zwischen feinen Bindegewebsfasern, die früher für die
Grenzen der Zellen gehalten sind. Die ursprünglichen Zellen würden
sich bei Octobothrium am Oesophagus und Darme finden.
Unter dem Bogen, den die Vagina zum Genitalporus hin macht,
ist regelmässig eine Haufe jener grossen, Pflanzenzellen ähnlichen
Zellen zu finden, die eine deutliche feine Membran und einen Kern
haben, von dem aus Protoplasmafädchen strahlenartig zur Zellen-
wand gehen. Auch an andern Stellen finden sich derartige Zellen
zerstreut dann und wann.
*) Taschenberg-. Beitr. z. Keimtn. ectop. Trein Halle 1878.
262 Clir- Dieckhoff.
Das Centralnervensystem besteht aus zwei Haufen von
Ganglienzellen und verwickelter Fasermasse, die auf beiden Seiten
des Oesophagus liegen und dorsal durch ein breites leicht gewölbtes
Band verbunden sind. Die Lage dieser Kommissur ist bemerkens-
wert. Denn bei den meisten Thieren dieser Art ist das Gehirn vor
oder neben dem Pharynx gelegen, hier aber zum grössten Theile
hinter demselben, und die Kommissur geht hinter ihm über den
Oesophagus hinweg. Weiterhin ist auch noch bemerkenswert, dass
sich eine zweite schwächere Kommissur auf der Bauchseite findet,
die sich in ganz flachen Bogen von einer Seite zur andern zieht.
Sechs Nervenstämme treten vom Gehirn ab: ein Paar geht nach
vorne zu den Mundsaugnäpfen, die beiden andern Paare gehen nach
hinten als Ventralstränge und als Seitenstränge. Erstere sind
ziemlich weit zu verfolgen, verschwinden aber schliesslich unter den
Dotterdrüsen; Kommissuren bestehen nicht, wenn nicht etwa die
oben genannte ventrale Kommissur des Gehirns den Ventralsträngen
allein zuzuschreiben ist. Die Seitenstränge sind weit schwächer als
die ventralen Nerven und verlieren sich schon früher als diese.
Augenflecke scheinen die einzigen Sinnesorgane zu sein. Auf
der Rückenfläche etwa in der Höhe des Genitalporus fand ich bei
einigen Exemplaren becherförmige Vertiefungen mit schwach
pigmentierten Boden zu denen feine Aeste von den Seitennerven
treten und die deshalb wohl als „Augenfleck" zu betrachten sind.
Eine weitere Organisation, Linsenkörper oder dergl. war nicht zu
erkennen.
Exkretionssystein. Da mir keine lebenden Exemplare zur
Verfügung standen, kann ich in diesem Punkte nur wenige Angaben
machen: Namentlich im hintern Teile des Körpers finden sich zahlreiche
geschlängelte Exkretionsgefässe , die vielfach mit einander anasto-
mosieren. Sie sammeln sich jederseits zu den beiden Hauptgefässen,
die in lateraler Lage die Schenkel des Darmrohres begleiten; diese
haben eine recht dicke Wandung und sind stellenweise etwas er-
weitert; eine Exkretionsblase scheint nicht vorzukommen. Die
Ausmündungen finden sich auf der Rückenfläche in der Nähe des
Pharynx.
Geschlechtsorgane. Die Lagerung der Genitalien ist etwa
folgende; Der Hoden nimmt den hinteren Teil des Körpers ein;
vorne entwickelt sich aus ihm auf der linken Seite das Vas deferens
(Taf. IX Fig. 2. Vd.); der Porus genitalis ist sehr weit nach vorn
gelegen (Pg). Vor dem Hoden Hegt rechterseits der Keimstock (K);
der Keimleiter (Kl) ist kurz und verbindet sich bald mit der vom
Rücken kommenden Vagina (V) und dem Canalis vitellointestinalis
(VI); die Vereinigungsstelle dieser Gänge findet sich zwischen dem
Vas deferens und dem blinden Ende des nach vorn umgebogenen
Keimstockes. Der Keimdottergang (Kd) und das Ootyp (Oo) ziehen
sich zur Bauchseite hin, und der Uterus (U) verläuft dann ziemlich
gerade zum Genitalporus.
Beiträge zur Kenntnis der ektoparasitischen Treniatoden. 263
Der Hoden zunächst nimmt, wie gesagt, den hintern grössten
Teil des Körpers zwischen den beiden Darmschenkeln ein. Er.
besteht aus zahlreichen Bläschen, deren Ausführungsgänge sich in
dem Hauptausführungsgange auf dem Rücken vereinigen. Die Wand
der Bläschen wird von Bindegewebe gebildet; an der Innenfläche
findet sich ein sehr lückenhafter Belag mit membranlosen Zellen,
deren Durchmesser im Mittel etwa 5 fi beträgt, und von denen fast
nur der sehr grosse Kern sichtbar ist; das Gerüst tritt in diesem
sehr scharf hervor, sodass er wie grob granuliert erscheint. Diese
Zellen sind wohl als die Keimzellen für die Bildung der Samenfäden
anzusehen. Der Innenraum der Bläschen wird von Zellbildungen,
die die einzelnen Stadien der Spermatogenese darstellen, ein-
genommen. Die fertigen Spermatosomen sind lange, feine, kopflose
Fäden.
In der Höhe des Keimstockes entwickelt sich aus dem Haupt-
ausführungsgange des Hodens das Vas deferens. Es dient zugleich
als Vasicula seminalis (interna), und ist deshalb Behr weit, blasig
ausgebuchtet mit tief eindringenden Falten. Die Wandung wird
von Bindegewebe mit spärlichen spindelförmigen Zellen gebildet; ein
Epithel habe ich nicht erkannt. Nach vorne wird das Vas deferens
enger, die Aussackungen werden geringer und verschwinden ganz.
Kurz vor dem Eintritt in den Penis tritt dann wieder, jedoch nicht
regelmässig eine Erweiterung zu einer Vesicula seminalis externa
ein; zahlreiche Drüsen, die s. g. Prostata-Drüsen münden hier ein.
Das Genitalantrium ist ein grosser, nacli aussen sich öffnender
Hohlraum, in den von hinten der Uterus einmündet; zum grössten
Teile aber wird er vom Endorgan des männlichen Scxualapparates,
dem Penis eingenommen. Dieser ist annähernd von Eiform, und
das Lumen des Vas deferens verläuft central, nach aussen sich
trichterförmig erweiternd. Er besteht selber wieder aus zwei
muskulösen, stark von einander abgesetzten Bulbi; und in der
Rinne zwischen diesen sind die Bchon erwähnten Häkchen an-
gebracht; jedes derselben lässt einen Stiel, der zu Muskelansätzen
dient, und das in einem Knie schwach abgebogene gekrümmte freie
Ende erkennen. Da die Haken nicht in einem Kreise angeordnet
sind, sondern je vier nach vorn und hinten, und einer nach jeder
Seite sieht, so bietet auch natürlich der Penis nicht auf allen axialen
Durchschnitten ein gleiches Bild. Die vorderen und hinteren Haken
werden allein von den Muskeln des inneren Bulbus bewegt, die sich
hauptsächlich an das Knie eines jeden Hakens ansetzten; von hier
aus gehen sie in meridionalem Verlaufe zur bindegewebigen Wand
des ventralen Kanals. Der Bewegung der beiden Seitenhaken1)
dient vornehmlich der äussere Bulbus; sie werden durch ein kurzes
starkes Muskelbündel, das von dem Parenchym kommt, in das der
innere Bulbus eingebettet ist, im Knie fixiert. An den Stiel inserieren
) Abbild, in Bronns Klassen u. Ord. Bd. Vermes. Taf. XVII. Fig\ 5.
264 Chr. Dieckhoff:
sich Fasern, die in zwei verschiedenen Richtungen herankommen,
,die einen schräg von oben und innen, die anderen im Bogen von
oben und der Peripherie her. Der Effekt der Muskelthätigkeit wird
in der Zurückbiegung der freien Hakenenden bestehen.
Ein Hervorstrecken des Penis wird durch eine dichte Reihe
von starken Muskelfasern ermöglicht, die von der Umgebung des
Porus enspringend und in querer Richtung verlaufend unter dem
Penis einen Bogen bilden. Bei ihrer Kontraktion muss derselbe
nach aussen vorgeschoben werden. Der Protaktilität entspricht
natürlich eine geringe Zusammenknäulung des Vas deferens vor dem
Uebergang in den Penis.
Der weibliche Geschlechtsapparat besteht aus dem Keim-
stock und den seitlich den Darm begleitenden Dotterstöcken mit
ihren bez. Ausführungsgängen, der Vagina, dem Canalis vitello-
intestinalis, dem Keimdottergang, Ootyp und dem Uterus.
Der Keimstock liegt auf der rechten Seite1) des Körpers;
er ist ein langer Schlauch, der aber zu einem Sacke zusammen-
gelegt und im ganzen noch einmal hufeisenförmig umgebogen ist,
sodass beide Enden nach vorne sehen. Im blinden Ende erkennt
man nur sehr kleine Kerne in granuliert erscheinendem Protoplasma;
allmählich werden sie grösser, zeigen ein Kernkörper chen und um-
geben sich mit einem helleren Protoplasmahofe; schliesslich grenzt
sich dann noch homogenes Protoplasma um sie herum ab. Die
reife, freiliegende Keimzelle ist rund und membranlos; ihr Durch-
messer beträgt ungefähr 35 //, der des helleren Hofes 20 n und der
des Kernes 10 p.
Der Ausführungsgang des Keimstockes, der Keimleiter, geht
direkt und ziemlich plötzlich aus dem bindegewebigen Sacke des-
selben hervor. Innen ist er von einem Epithel ausgekleidet; sein
Lumen ist nur eng, doch wird seine Wandung wohl eine bedeutende
Erweiterung zum Durchtritt der Keimzellen gestatten. Er ist kurz
und strebt in direktem Verlaufe zur Vereinigung mit den anderen
Geschlechtskanälen hin.
Die Vagina hat ihre weite, sternförmige Mündung auf dem
Rücken; der Kanal selbst erweitert sich kurz vor dem Ende sack-
artig, um von jeder Seite einen Dottergang aufzunehmen, der je
wieder - aus einem aufsteigenden und einem absteigenden Aste ent-
standen ist. Von hier aus geht die Vagina mit gleichbleibendem
mittelweiten Lumen nach hinten, angefüllt mit Sperma und meist
vielem Dotter, der sie bei unversehrten Tieren als ,,unpaaren Dotter-
gang" erscheinen lässt. Ihre Wand trägt einen dichten Besatz von
Flimmerhaaren. Sie geht in einer Spirallinie nach links ausweichend
l) Nach Zell er liegt bei Polystomum integerrimum der Keimstock bald
auf der rechten, bald auf der linken Seite; es wäre wäre möglich dass auch
bei Octob. die Lage wechseln kann. Bei allen Thieren, die ich untersuchte,
lag er allerdings immer auf der rechten Seite.
Beiträge zur Kenntnis der ektoparasiti sehen Trematoden. 9(35
um das Vas deferens herum und gelangt schliesslich zwischen das
Vas deferens und das vordere blinde Ende des Keimstockes, wo die
Vereinigung mit dem Keimleiter stattfindet, wo also die reife Keim-
zelle befruchtet und mit Deutoplasma versehen wird.
Von hier aus giebt es zwei Ausführwege: der erste ist der
Keim dottergang, der das „Ei" in das Ootyp und in den Uterus be-
fördert. Der andere Gang aber führt in den Darm, es ist der schon
oben beschriebene Canalis vitello-intestinalis.
Der Keimdottergang ist nur kurz uud wird durch einen
muskulösen Sphinkter, die Schlucköffnung, von dem erweiterten,
dünnwandigen Ootyp geschieden. In dieses münden gleich hinter
dem Sphinkter die Schalendrüsen in einem dichten Kranze ein, die
— einzellig, langgestreckt mit dem Kern im erweiterten Ende —
zusammen eine beträchtliche Masse bilden. Der Uterus geht un-
vermerkt aus dem Ootyp hervor; auch seine Wand ist mit Flimmer-
haaren versehen. Auf der Bauchseite in der Mittellinie gerade nach
vorne verlaufend mündet er unterhalb der Penis in das Genital-
aterium aus.
Von den Dotterstöcken ist schon gesagt, dass sie die Darm-
schenkel bis in die Haftscheibe hinein an den Seiten begleiten.
Vorne, vor dem Porus genitalis sind sie erweitert und schliessen
auf der Rückenseite zusammen. Die Ausführungsgänge, ein auf-
steigender und ein absteigender Ast vereinigen sich zu den kurzen
Dottergängen, die sich in die Vagina gleich hinter deren dorsaler
Mündung öffnen.
III. Octobothrium meiiaiigi Kulm.
Dieser Wurm hat mit dem eben beschriebenen viek Aehnlich-
keiten, so hat er die beiden Mundsaugnäpfe, den Bau des Pharynx,
die Lage des Nervensystems u. a. m. mit Octobothrium lanceolntum
gemein. Abweichungen finden sich z. B. darin, dass der Darm ver-
ästelt und ein deutliches Epithel erkennen lässt, dass die hinteren
Haftapparate keine Klammern, sondern Saugnäpfe sind u. s. w.
Der Hauptunterschied aber liegt im Genitalapparat, den ich im
folgenden allein beschreiben will. Die mir zur Verfügung stehenden
Exemplare waren aus der zoologischen Station in Neapel bezogen
und nicht ganz tadellos conservirt.
Das männliche Sexualsystem. Der Hoden ist dem des
Octobothrium lanceolatum ähnlich, doch bei weitem nicht so aus-
gedehnt, er besteht aus mehreren Bläschen und liegt hinter dem Keim-
stock zwischen den beiden Darnischenkeln. Das Vas deferens ver-
läuft zuerst, dicht der Bauchwand anliegend nach vorne. Vor dem
Keimstock liegt eine grosse kugelige Blase, die Vesicula seminalis
interna, die mit dem Vas def. direkt kommuniciert ; jetzt bekommt
dieses nach einigen Schlängelungen eine mehr dorsale Lage, bis es
266 Cln*- Dieckhoff.
sich in der Höhe des Genitalporus abermals zu einer Blase erweitert,
der Vesicula seminalis externa und dann in den Penis eintritt, der
dem des Octobothrium lanceolatum ähnlich zu sein scheint.
Das weibliche Sexualsystem. Der asymmetrisch liegende
Keimstock hat im ganzen die Form eines N. Mit seinem blinden
Ende liegt er, nach vorn steigend auf der rechten Seite; dann
wendet er sich etwas nach hinten zurückgehend nach der linken
Seite hinüber; hier hat er seine grösste Ausdehnung. Vorne ent-
springt der ziemlich enge und dünnwandige Keimleiter, aus-
gezeichnet durch ein Flimmer- oder Zottenepithel, dem des Canalis
vitello-intestinalis bei Octobothrium lanceolatum ähnlich, sowie um-
geben von einer schwachen Ringsmuskulatur. Er wendet sich nach
rechts und hinten und vereinigt sich unter dem blinden Ende des
Keimstockes mit dem ganz kurzen, noch sclrwächeren Canalis vitello-
intestinalis. Der so entstandene gemeinsame Gang, den wir nach
Analogie des Octobothrium lanceolatum als Fortsetzung des letzeren
anzusehen hätten, mündet in den Keimdottergang an der Stelle, wo
dieser den Ausführungsgang des Dottersackes aufgenommen hat.
(Taf. IX. Fig. 9 u. 10.)
Die Dotterstöcke liegen rings um die Darmschenkel und ihre
Blindsäcke, sodass es oft sclrwer ist das Lumen des Darms unter
der Masse der Dotterdrüsen zu erkennen. Die beiderseitigen Aus-
führungsgänge vereinigen sich etwa in halber Höhe der Vesicula
seminalis interna und von hier aus zieht der längliche Dottersack,
schräg von links nach rechts und endigt mit einem kleinen Blind-
sacke. Sein Ausführungsgang ist nur ganz kurz und vereinigt sich
mit dem Keimleiter.
Die Fortsetzung des Keimdotterganges wendet sich dorsal
und geht hier durch eine „Schlucköffnung" mit kräftiger, strahlig
angeordneter Muskulatur in das Ootyp über; dieses, dessen Lumen
nicht von dem des übrigen Eileiters verschieden ist, wendet sich
wieder auf die Bauchseite und ist von einer grossen Menge von
Drüsen, den Schalendrüsen, umgeben. Der Uterus verläuft dann
auf der Bauchseite fast ganz gerade nach vorne zum Genitalporus,
und öffnet sich hier so frei, dass eine Begattung durch ihn wohl
denkbar ist.
Ein Vergleich zwischen den Abbildungen (Fig. 2 u. 10) wird die
wesentlichen Unterschiede in der Anordnung des Genitalapparates
bei beiden Arten auf den ersten Blick erkennen lassen, besonders
dürfte der Mangel einer Vagina bei Octobothrium merlangi be-
merkenswerth sein gegenüber dem Umstände, dass dieser Kanal bei
einer anderen Art desselben Genus, Oct. lanceolatum gut entwickelt
ist. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass das artenreiche Genus
Octobothrium aufgelöst werden wird, aber auf anderer Grundlage,
als diejenige ist, von der die bisherigen Versuche ausgegangen sind;
es wäre verfehlt, schon jetzt dahin zielende Vorschläge zu machen,
da ich nur zwei Arten untersuchen konnte.
Beiträge zur Kenntnis der ektoparasitischen Trematoden. 267
IT. Polystomuni ocellatum Rud.
Dieser interessante Trematode ist bis jetzt erst wenig untersucht
worden; die erste Beschreibung stammt von seinem Entdecker
Rudolph i, der ihm den Namen ocellatum wegen halbdurchsichtiger
Flecke gegeben hat, welche zu beiden Seiten des Mundes lägen; es
sind wohl die Exkretionsblasen gewesen, die er sah. Die sing führt
diesen Wurm noch als species dubia an1). Eine etwas genauere
Beschreibung gab v. Willemoes - Suhm2). Schliesslich fand noch
das Exkretionssystem für sich eine kurze Bearbeitung von Arthur
Looss3).
Vorkommen.
Der Wirt von Polystomum ocellatum ist Emys europaea, in dessen
Rachenhöhle es lebt und sich hier nach meiner Erfahrung nicht
selten findet; ich untersuchte einige Emys, welche Herr Dr. Will
aus Menorca mitgebracht hatte und einige, die von einer Naturalien-
handlung bezogen waren und fand folgende Zahlen:
4 Polyst, ocell. in 2 Schildkröten
Die eine dieser Schildkröten war im Bassin gestorben und zwar,
wie es schien, schon vor ziemlich langer Zeit. Das einzige Polystom,
das ich in ihrer Rachenhöhle fand, lebte in schwacher Kochsalz-
lösung bald wieder auf und wurde sehr beweglich; demnach müssen
diese Tiere eine grosse Widerstandsfähigkeit haben; sind sie ja doch
auch auf ihrem Wohnplatze gewiss häufigen mechanischen Insulten
ausgesetzt.
Bei einer andern erst vor kurzem gestorbenen Schildkröte fand
sich ein noch lebender Wurm zwar nicht im Rachen aber im vorderen
Teile des Oesophagus.
Körperform.
Polystomum ocellatum ist äusserlich und in vielen Punkten auch
anatomisch dem Polystomum integerrinmm sehr ähnlich; doch ist
es bedeutend kleiner. Die Länge beträgt (nach Diesing) V/2 — 3'",
die Breite Vi'".
!) Diesing, syst. Helm. I. pag\ 413; er beschreibt ihn folgendermassen:
Corpus ovatnm depressum, supra convexiusculum, snbtus excavatum v. planum.
Discus caudalis inermis, inter acetabula plicatus. Acetabula triarticulata, articulo
infimo versatili.
2) Willemoes -Suhm, Zur Naturgeschichte des Poly Stoma integerrinmm
und des Polyst. ocellat. Zeitschrift für wissensch. Zoologie. XXII. pag. 29.
3) Zeitschr. f. wiss. Zool. 41. Bd. 1885 p. 390.
268 Chr. Dieckhoff.
Abgesehen von der Haftscheibe hat der Körper die Form eines
gestreckten Ovals (Taf. IX. Fig. 11); das Vorderende ist meist ein
wenig ausgezogen und weniger breit als das Hinterende. Am
Körperrand steht jederseits eine Papille, die das lebende Tier
bewegt, vorstreckt und einzieht; es sind die Mündungen der beiden
Vaginen.
Die Haftscheibe ist vom übrigen Körper stark abgesetzt und
trägt auf sechs Lappen die sechs ungemein chitinösen Saugnäpfe.
Sie bilden in der Ruhelage einen Kreis, der nach vorn offen ist.
Zwischen den beiden hinteren Saugnäpfen bemerkt man Chitinhaken,
die in ihrer Form und Zahl wechseln. Willemoes-Suhm unter-
scheidet 2 — 4 — 8 kleinere von 2 grösseren und stellt letztere dem
Hakenpaare des ausgewachsenen Polystomum integerrimum an die
Seite, während er erstere für Ueberbleibsel aus dem Larvenzustande
hält. Ich fand sowohl drei wie auch vier grosse und dazwischen
bis vier kleine Haken von der Form einer Pincette, als wären es
Doppelhaken, durch Verwachsung zweier entstanden. Hiervon unter-
scheiden sich dann noch einige Haken, drei bis fünf an Zahl, in
ihrer Form Rosendornen ähnlich, die in einer Längsreihe zwischen
den hintern Saugnäpfen stehen. Sie haben nicht das kümmerliche
Aussehen der Doppelhäkchen.
Allgemeine Beschreibung.
Ganz am Vorderende findet sich die grosse trichterförmige
Mundhöhle, deren Oeffnung ventralwärts gerichtet ist; man kann
hier mit Recht von einer Ober- und Unterlippe sprechen. Sie ist
bei dem Mangel eigener Mundsaugnäpfe, wie wir sehen werden,
zum Saugorgan umgewandelt. Es folgt darauf der birnförmige
Pharynx und dann der Oesophagus, der sich bald in die beiden
unverzweigten Darmschenkel teilt. Rechts und links vom Pharynx
liegen die beiden hellen Flecke, die dem Tiere seinen Namen ge-
geben haben; es sind die beiden pulsierenden Blasen des Exkretions-
systems, das sich hier auch nach aussen öffnet.
Zwischen den beiden Darmschenkeln liegen die Geschlechtsorgane
dicht zusammengedrängt: Zuvörderst der nicht sehr grosse Genital-
porus mit dem Hakenkranze des Penis und der Geburtsöffnung;
Dahinter sieht man schon beim unversehrten Tiere auf der linken
Seite den Keimstock durchschimmern, auf der rechten den Haufen
der Schalendrüsen. Der Keimleiter geht hinten von dem Keimstocke
ab; er vereinigt sich mit dem nach links gehenden Canalis vitello-
intestinalis und mit einem unpaaren Gange, der Sperma und Dotter
zuführt. Der Keimdottergang lässt dann die Keimzellen mit Deuto-
plasma und Sperma in das grosse ovale Ootyp eintreten, das etwa
in derselben Höhe wie der Keimstock liegt. Der Gang vom Ootyp
bis zur Geburtsöffnung ist so kurz, dass er kaum den Namen Uterus
verdient. Am weitesten nach hinten liegt der einzige rundliche
Hoden, der bisher stets als Keimstock angesprochen wurde; sein
Beiträge zur Kenntnis der ektoparasitischen Trematoden. 269
Vas deferens verläuft dorsal zum Genitalporus. Seitlich am Körper
und zwar in einer Linie, die dicht vor dem Hoden läuft, bemerkt
man die schon erwähnten, ein wenig bauchwärts gerichteten Papillen,
von denen aus die Vaginen ziemlich gerade zur Mitte des Körpers
verlaufen, wo sie sich zu einem kurzen Kanäle vereinigen. Gleich
im Anfang haben sie die Dottergänge aufgenommen. Die Dotter-
stöcke aber nehmen fast den ganzen übrigen Körper ein, ausgenommen
die Haftscheibe.
Körperbedeckung. Die Grundlage bildet eine besonders auf
dem Rücken sehr derbe Membran. Auf ihr liegt die „Pseudo-
cuticula"; ihre Dicke beträgt 7 — 19 p. In der Nähe der Haft-
scheibe ist sie stark eingekerbt, sodass sie auf Schnitten das Bild
rundlich abgestumpfter Kegel bietet. Dabei ist sie überall, haupt-
sächlich im Grunde an der Basalmembran hell gekörnt oder schraffiert.
In der Nähe des Genitalporus ändert sich das Aussehen der
Pseudocuticula in auffallender Weise: sie verdickt sich ( — 20 («, ihre
hellen Flecke werden grösser und erscheinen schliesslich wie 10
bis 20 [Jb grosse, dickwandige Blasen in einer zähen Zwischenmasse.
(Taf. IX. Fig. 15). Dass es wirklich Hohlräume sind erkennt man
da, wo sie sich, wie es nicht selten der Fall ist, nach aussen öffnen.
Ihre Natur ist schwer zu beurtheilen: man könnte sie als Reste
der ursprünglichen Epithelzellen der Haut betrachten oder als Gebilde,
die vielleicht den v. Linstow1) als Schleim secernierende Drüsen
bezeichneten Körpern von Phyll ine Hendorffii gleich zu setzen sind.
Diese erscheinen nach ihm napffbrmig und liegen in der Kutikula
und und zwar nur auf der Rüakeniläche; sie sollen die verschiedensten
Formen darbieten, bald rundlich, bald niereuförmig, bald mit Aus-
läufern versehen sein.
In dem Parenchym, das ich nur bei nicht ganz erwachsenen
Tieren untersuchen konnte, finden sich stellenweise Zellen mittlerer
Grösse mit Membran und Kern (Fig. 16a), offenbar die ursprünglichen
Parenchymzellen. Aehnliche Zellen, die aber mehr oder weniger
lang ausgezogen oder mit Ausläufern und Fortsätzen versehen sind,
erscheinen als Uebergangsstadium zu dem Gewebe, das den grössten
Teil des Körpers, soweit er nicht von Organen eingenommen wird,
ausmacht. Es ist dies ein feinmaschiges von zarten laden gebildetes
retikuläres Bindegewebe in dem sich runde, ovale oder spindelförmige
Kerne finden (Fig. 16 c). Auch Zellen, die zu Muskelfasern ausge-
zogen erscheinen, sah ich vornehmlich in der Muskulatur des Mundes.
Ausser diesen Formen liegen noch überall im Körper, aber besonders
zahlreich am hinteren Ende auffallend grosse Zellen von runder oder
ovaler Form mit grossem runden Kern und Kernkörperchen, aber
ohne Membran (Fig. 16b); ob sie dem Exkretionssystem angehören
oder periphere Ganglienzellen sind, kann ich nicht entscheiden.
l) v. Linstow, Beitrag zur Anatomie von Phylline Henclorffi; Archiv für
mikr. Anat. XXXIII. pag. 166. 1889.
270 Chr- Dieckhoff.
Muskulatur. Der Hautmuskelschlauch, (cf. Fig. 15) ist sehr stark
und dick und entspricht der Beweglichkeit, welche die Tiere im Leben
zeigen. Zu äusserst, der Haut gleich anliegend, ist eine Lage feiner,
dicht stehender Kingsfasern ; dann folgen wie gewöhnlich die Diagonal-
fasern, die namentlich auf der Bauchseite eine kräftige Entwicklung
zeigen. Die Längsmuskulatur liegt zu innerst; ihre starken Fasern
sind meist zu dreien oder vieren in ein Bündel vereinigt. Auch dorso-
ventrale Fasern, die sich an die Membran der Körperbedeckung an-
heften, fehlen nicht; es ist natürlich, dass sie im hinteren Teile des
Körpers wegen ihrer Beziehungen zur Haftscheibe eine besondere
Mächtigkeit erlangen.
Weiteres über die Muskulatur wird bei den einzelnen Organen
abzuhandeln sein.
Saugnäpfe. Die sechs becherförmigen Saugnäpfe sind reich
mit Chitinteilen versehen, die ihnen wegen ihrer sehr regelmässigen
Anordnung ein ungemein zierliches ' Aussehen verleihen. Sie sitzen
auf kurzen, nur eine geringe Bewegung gestattenden Stielen und
werden von einem parenchymatösen, zahlreiche Muskelfasern ent-
haltenden Mantel bekleidet; am Kancle schlägt sich die Körper-
bedeckung um und überzieht als dünnes Häutchen den ganzen innern
Hohlraum.
Die Wand des Saugnapfes selbst (Fig. 13) wird aussen von einer
dickeren, innen von einer dünneren Membran gebildet; sie erscheint
auf der Innenfläche des Saugnapfes stets gefältelt u. daher erklären
sich die Zickzacklinien, die man am unversehrten Saugnapfe sieht.
(Fig. 11.) Zwischen diesen beiden Grenzlagen ist eine mächtige
Radiärmuskulatur ausgespannt, zu der nahe dem Rande noch ein
cirkulär verlaufendes Muskelbündel (Mc.) kommt; ebenso geht auch
ein Muskelbündel aussen um den Saugnapf äquatorial herum (Me).
Einen bedeutenden Halt giebt jedem Saugnapfe ein chitinöser
Doppelring (R) in der Höhe des Aequators ; die breitere Aussenfläche
dieses Ringes dient einem grossen Teile der Radiärmuskulatur zum
Ansätze; von ihr erheben sich gegen 30 kurze, innen hohle Speichen,
mit kugeligen Köpfchen endend (Fig. 14); ihnen liegt ein schwächerer
innerer Ring an. Ebenso wird die Basis des Saugnapfes von einem
breiten, starken Ringe (Fig. 13) gebildet, durch dessen Oeffnung
ein bedeutender Muskelzug eintritt, um sich auf dem Ringe zu einer
Platte zu verbreitern. Mitten in dieser Endplatte befindet sich
ebenso wie z. B. bei Sphyranura Oderi und Polystomum integerrimum
ein sehr kleiner Haken, der kaum in den Innenraum hineinragt.
Die Muskeln, die an die Saugnäpfe herantreten, stammen nicht
nur vom Hautmuskelschlauch und den Dorsoventralmuskeln ab,
sondern es treten auch viele Muskelbündel in die Haftscheibe ein,
die von den bindegewebigen Hüllen der inneren Organe, namentlich
des Hodens, ihren Ursprung nehmen. Die grösste Menge der Fasern
setzt sich in der eben beschriebenen Weise an den Basalring eines
Beiträge zur Kenntnis der ektoparasitischen Trematoden. 271
jeden Saugnapfes an; andere gehen an die äussere Peripherie des-
selben. Zu diesen kommen dann noch eine Menge Fasern, die allein
auf die Haftscheibe beschränkt sind und von einem Saugnapfe zum
andern gehen.
Verdauung strakttis. (Taf. IX Fig. 17.)
Die bauchständige Mundöftnung führt in die trichterförmige
Mundhöhle, die bei dem Mangel eigentlicher Mundsaugnäpfe sehr
muskulös und so selber zum Saugnapfe geworden ist, wie man dies
bei der Spannerraupen-ähnlichen Bewegung dieser Tiere leicht sehen
kann. Zu Bündeln angeordnet spannen sich zwischen der Wand der
Mundhöhle und der äusseren Körperbedeckung radiäre Muskeln aus,
zwischen welchen zahlreiche grosse unbestimmt begrenzte Zellen
liegen. Zwischen ihren Füssen verlaufen ausserdem starke Bündel
von cirkulären Muskelfasern. Von diesen hat sich im Grunde der
Mundhöhle ein besonderer Sphinkter difierenzirt (Fig. 17, S. 1), dem
wohl der Verschluss des centralen Teiles des Verdauungstraktus im
Momente des Saugens obliegt. Ein zweiter noch stärkerer Sphinkter
(Fig. 17, S. 2) schliesst das ganze Vorderende räumlich nach hinten
ab. Am Rande der Oberlippe findet sich eine Menge einzelliger
Drüsen, teils solitär, teils zu Packeten gehäuft, deren Ausführungs-
gänge, die Pseudocutikula durchsetzend, nach aussen münden. Aus-
gekleidet wird die ganze Mundhöhle durch die direkte Fortsetzung
der Körperbedeckung, die sich auch durch den Pharynx und Oeso-
phagus bis in den Darm erstreckt.
Der Pharynx (Fig. 17. Ph. wird aussen von einer starken Membran
begrenzt und besteht vorzugsweise aus radiären Muskeln, zwischen
denen nicht sehr zahlreiche Zellen liegen. Cirkuläre Muskeln fehlen ;
jedoch ziehen in der Längsrichtung zwischen den Iladiärmuskeln
einige Fasern zerstreut hin.
Der Oeso phagus ist kurz und eng und entbehrt einer Muskulatur.
Er führt in den Darm, der sich hier gleich hinter dem Pharynx
teilt und dessen beide Schenkel ohne Blindsäcke und ohne Kom-
missuren bis in das Hinterende sich erstrecken. Das strukturlose
Häutchen, das sich von aussen her durch den Oesophagus bis in den
Darm erstreckte, geht hier sehr bald in ein Epithel grosser kubischer
Zellen über, das den Darm kontin uirlich auskleidet.
Das Ccntral-Xiri'oisi/item (Fig. 19)
erscheint von oben gesehen wie ein Trapez, im Durchschnitt als
Dreieck; es liegt vorne über dem Pharynx und besteht aus einem
Knäuel von Nervenfasern und aus Ganglienzellen, die über diesem
eine Art von Kappe bilden. Durch eine allerdings nur schwache
ventrale Kommissur wird es zum Ringe geschlossen.
Die austretenden Nervenzüge sind meist paarig. Der einzige
unpaare Nerv entspringt vorne und geht zur Muskulatur des Vorder-
endes. Auf jeder Seite von ihm geht ein stärkerer Nerv nach vorne,
272 Chr. Dieckkoff.
der sich bald in drei oder mehr Aeste teilt. Nach hinten gehen
drei Nervenpaare: ein ziemlich bedeutender Nerv auf der Rücken-
seite, der N. dorsalis verästelt sich bald und geht teils bis zur
Exkretionsblase, teils hinter den Pharynx. Ein Nervus lateralis
lässt sich bis in den hintern Teil des Körpers verfolgen ; der stärkste
Nerv ist der N. ventralis, der auf der Bauchseite verläuft und
Zweige an die Vaginalpapillen, an den Genitalporus u. s. w. abgiebt.
Sinnesorgane irgend welcher Art konnte ich nicht finden.
Die Hauptstämme des Excretionssystemes verlaufen an den
Seiten des Körpers geschlängelt nach hinten, wo sie umbiegen und
wieder nach vorne zur Excretionsblase ziehen. Die beiden Blasen,
welche rechts und links vom Pharynx liegen, kommunicieren durch
einen nicht sehr weiten Kanal, der mit einem grossen Bogen nach
vorne von einer Seite zur andern geht. Die Mündungen des Ex-
cretionssystems liegen auf dem Rücken nahe den seitlichen Rändern.
In Betreff der feineren Verhältnisse möchte ich auf das ver-
weisen, was Arthur Looss hierüber angiebt1).
Männliche Geschlechtsorgane,
Etwa in der Mitte des Körpers liegt der einzige kugelrunde
Hoden; Polystomum ocellatum schliesst sich also an die wenigen
Arten an, die den Hoden nur in der Einzahl haben; es sind dies
Udoneüa, Diplozoon, die Gyrodactylidae und jene Individuen von
Polystomum integerrimum, die schon in der Kiemenhöhle der Kaul-
quappe geschlechtsreif werden. Dass man es thatsächlich in dem
kugligen Körper mit dem Hoden und nicht, wie die bisherigen
Autoren angeben, mit dem Keimstock zu thun hat, beweist die Zu-
sammensetzung des Organs, das von demselben entspringende und
zum Penis ziehende Vas deferens, das Vorkommen vom Spermatozoon
sowie die Existenz eines in seiner Lage mit dem von Polystomum
integerrimum übereinstimmenden Keimstockes.
Eine starke bindegewebige Wand von der zahlreiche, nach
hinten verlaufenden Muskelfasern, ihren Ursprung nehmen, schliesst
den Hoden ein; auch durchziehen Stränge von Bindegewebe, jedoch
ausschliesslich in dorsoventraler Richtung das Organ ; sie haben einen
Belag' von kleinen Zellen, dessen die Wand selbst ganz entbehrt und
sind als Spermatoblasten zu betrachten; bei zwei Exemplare habe
ich zahlreiche Spermatozoon in dem Hoden so wie im Vas deferens
gesehen, die übrigen Tiere waren noch jung.
Aus dem Hoden entspringt ventral das Vas deferens, und geht
dann dorsalwärts, hier ziemlich gerade nach vorn verlaufend. Bei
einem Objekt entsprangen auffallender Weise zwei Ausführungsgänge
aus dem Hoden, die sich bald vereinigten und bei einem andern
Tiere war das unpaar entspringende Vas deferens auf seinem Ver-
*) Arthur Looss, Beiträge zur Kenntnis der Treinatoden. Zeitschrift für
wissensch. Zoologie. XLI pag. 408.
Beiträge zur Kenntniss der ektoparasitischen Trematoden. 273
laufe zweimal getheüt ; die zweite Vereinigung geschah erst ganz kurz
vor dem Eintritt des Ganges in den Penis. Diese gelegentliche
Theilung des Vas deferens dürfte nicht nur auf eine ursprüngliche
Duplicität des Canales selbst, sondern auch der zugehörigen Drüse
hindeuten.
Kurz vor dem Eintritt in den Penis ist der Samenleiter zu
einer Vesicula seminalis erweitert. Der Penis selbst (Fig. 17. P.) ist
ein muskulöses, halbkugelförmiges und ausgehöhltes Organ, in dessen
Grunde das sich zuspitzende Vas deferens ausmündet ; auf dem freien
Rande stehen in einem Kreise etwa 30 Häkchen, die wohl dem
Krönchen bei Polystomum integerrimum entsprechen. Das ganze
Organ kann ebenso wie bei Octobothrium lanceolatum durch
Muskelfasern, die von der Wand der Geschlechtskloake kommen und
dasselbe umfassen, nach aussen gebracht werden. Hierbei würde
dann die Vesicula sem. in die Länge gezogen, ihr Hohlraum ver-
kleinert und das etwa darin enthaltene Sperma ejakulirt werden.
Der an den Genitalporus sich anschliessende Raum, die
Geschlechtskloake — denn auch der Uterus mündet in diese Höhle
ein — wird fast ganz von langen blassen Zotten ausgefüllt. Dieses
eigentümliche kernlose Epithel scheint eine Fortstetzung der Kutikula
zu sein und schlägt sich auch als Auskleidung in den Penis hinein.
Erst in der Vesicula seminalis geht es in eine Lage deutlicher Zellen
über, die weiterhin auch das ganze Vas deferens bekleiden. Bei
älteren Tieren mag dieses in der Jugend gut entwickelte Epithel
durch die starke Ausdehnung, welche der Gang durch die Sperma-
tozoon erfährt, zu Grunde gehen.
M 'eibliche Oeschlech tsorga n e.
Der sackartige Keimstock ist relativ klein; sein Ausgangsende
ist nach hinten gerichtet; ebenso ist das blinde Ende auf der Bauch-
seite nach hinten zurückgebogen; die beiden Schenkel liegen dicht
aneinander. Die Keimzellen sind keilförmig an einander abgeplattet;
doch fehlt im Keimstock selbst ein centraler Hohlraum , der sich
nach Zeller bei Polystomum integerrimum linden soll. Die reite
Keimzelle ist rund und membranlos im Gegensatze zu der des Poly-
stomum integerrimum, die eine Membran besitzen soll. Ihr Durch*
messer beträgt gegen 40 //. Der hellere Hof hat etwa 25^, der
Kern 8, das Kernkörperchen 3 ,«■ im Durchmesser.
Der Keimleiter, dessen Epithel sich eine kleine Strecke weit
auf die Wand des Keimstockes fortsetzt, ist kurz und gegen sein
Ende hin bauchig aufgetrieben und mit einer kräftigen Rings-
muskulatur umgeben; das Lumen bleibt auch hier sehr eng, nur
das Epithel ist erhöht.
Die äusseren Oeftnungen der Vaginen finden wir auf den schon
mehrfach erwähnten Papillen nahe dem seitlichen Rande des Körpers
(Fig. 18). Während bei Polystomum integerrimum die Seitenwülste
20 — 30 Poren zeigen, findet sich hier nur eine einzige Oeffnung,
Arch. f. Naturgescli. Jahrg. 1891. Bd. I. H. 3. 18
274
Chr. Dieckhoff.
hinter der die Vaginen eine sackartige Erweiterung zeigen, die von
demselben Zottenepithel erfüllt ist, welches auch die Geschlechts-
cloake auskleidet. Jenseits der kugelförmigen Auftreibung verengern
sich beide Gänge zu einem cylindrischen Rohr und besitzen ein
einschichtiges, kubisches Epithel. Nach Aufnahme der von der
Dorsalseite kommenden Dottergänge ziehen die Vaginen in querer
Richtung und in geradem Verlaufe nahe der Bauchwand entlang und
vereinigen sich zu einem unpaaren Kanal, der Dotter und wohl auch
Sperma führt und bald den Keimleiter aufnimmt, ebenso wie dies
auch bei Polystomuni integerrimum der Fall ist.
Die Dotterstöcke begleiten im Vorderteile des Körpers die
Darmschenkel. Hinter dem Hoden dehnen sie sich sehr aus und
nehmen die ganze Breite des Körpers ein. In bindegewebige Säcke
eingeschlossen liegen Haufen membranloser Dotterzellen, die sich
gegenseitig abflachen und alle Stadien der Bildung von Dottersubstanz
erkennen lassen. Ihre dünnwandigen Ausfuhrungsgänge vereinigen
sich auf jeder Seite zu einem aufsteigenden und einem absteigenden
Aste, die nach ihrer Vereinigung wieder in die Vaginen einmünden.
Wo der Vaginen-Dottergang den Keimleiter aufnimmt, geht der
Canalis vitello- intestinalis (Fig. 18) nach links hinter dem
Keimstock zum Darme; der Keimdottergang aber wendet sich
mit einem Bogen nach rechts zum Rücken hin, von einem Packete
von Schalendrüsen umgeben, um hier in das grosse Ootyp ein-
zutreten. Man findet in diesem oft ein Ei; es ist anzunehmen, dass
diese Tiere zur Zeit immer nur ein Ei beherbergen können. Auf
der Bauchseite tritt aus dem Ootyp der kurze Ausführungsgang, der
den Uterus darstellt, heraus und öffnet sich von hinten in die
Geschlechtscloake.
Erklärung der Abbildungen.
Durchgehende Abkürzungen:
Darm.
Dg Dottergang.
DS Dottersack.
Ds Dotterstock,
K Keimstock.
Kl Keimleiter.
Oe Oesophagus.
Oo Ootyp.
Dotterdrüsen.
P Penis.
Pg Porus genitalis und Geschlechtscloake.
Ph Pharynx.
U Uterus.
V Vagina.
Vd Vas defereus.
VI Can. vitello-intesfinalis.
Tafel IX.
Fig. 1. Polystomum integerrimum: Einmündung des Can. vit.-intest. in
den Darm. Vergr. 238 fach.
VI Can. vit.-int.
VI, Lumen desselben.
H Vereinzelte Hodenbläschen.
Fig. 2 — 7 Octobothr. lanceolatum.
Fig. 2. Vorderes Körperende von der Bauchseite gesehen; schematisch.
Ms Mundsaugnäpfe.
Beiträge zur Kenntnis der ektoparasitischen Trematoden. 275
0 Mundöffnung.
V, Mündung der Vagina auf dem Rücken.
Fig. 3. Scelett eines Haftapparates im Durchschnitt.
B Basalplatte.
G Dreieckige Platte der Hinterwand.
Ga Gelenkarm der Hinterwand zur Seitenplatte.
H Hinterwand.
Oe Oeffnung.
Q Querbalken der Basalplatte.
S Halbmondförmige Seiten Wandplatte.
V Perforierte Vorderplatte.
Fig. 4. Perforierte Vorderplatte der Haftklammer isolirt.
Fig. 5. Klammerorgan im Querschnitt, Vergr. 288 fach.
B Querbalken mit der wellenförmigen Ansatzlinie der Basalplatte.
Gt Durchschnitt der Gelenkarme der Hinterplatte.
S Seitenplatte.
Seh Schleimmasse in der Höhlung der Klammer.
V Die drei Bogen der Vorderplatte.
Fig. 6. Klammer im Sagittalsclmitt: Muskulatur. Vergr. 288 fach. — Richtung
nach dem Vorderrande zu.
M.M, M? Muskelfasern.
Die übrigen Bezeichnungen wie bei Fig. 3.
Fig. 7. Canalis vitello-intestinalis im Längsschnitt. Vergr. 288fach.
Fig. 8— 10 Octobothrium nierlangi.
Fig. 8. Vorderes Körperende.
CN Centralnervensystem.
C Ventrale Kommissur desselben.
G GangUenhaufen.
M Mundsangnapf.
VSe Vesicula seminalia externa.
Fig. 9. Geschlechtsorgane im Bagittalschnitt; Bchematiscb.
DS Dottersack.
KD Keimdottergang.
S Schalendriisen.
VI, Can. vit.-int, vereinigt mit dem Keimleiter.
VSi Vesicula Beinin. int
Fig. 10. Weibliche Geschlechtsorgan«- v<>ii <l«r Hauchseite; schematisch.
Da Ausführungsgang des Dottersackes.
DS Dottersack.
DS, Blindes Ende desselben.
Fig. 11—19 P o ly s t o m um o c e 1 1 a t u m.
Fig. 11. Ansicht nach Totälpraparaten. Vergr. 50 fach.
E Exkretionsblasen.
H Haftscheibe.
0 Mundöffnung.
Vp Papillen mit der Mündung der Vagina.
S Haken.
Fig. 12. Vorderes Körperende; schematisch.
H Hoden.
M Mund.
S Schalendrüse.
V, Mündung der Vagina auf der Papille.
Fig. 13. Saugnapf im Axialschnitt. Vergr. 264 fach.
C Kutikula.
G Grundring.
* > Muskelzüge.
18*
276 Chr. Dieckhoff.
Mr Eadiäre Muskelfasern.
R Doppelring.
Fig. 14. Teil des Doppelringes.
a. innerer ) „ .
... > Ring.
b. äusserer;
c. Speichen.
Fig. 15. Schnitt durch die Kutikula um den Hautmuskelschlauch in der Nähe
des Genitalporus.
C Kutikula.
D Diagonale Muskelfasern.
L Längsmuskeln.
M Membran.
R Ringsmuskulatur.
Z Intramuskuläre Parenchymzellen.
Fig. 16.
a. Parenchymzelle.
b. Periphere Ganglienzelle (?).
c. Bindegewebszelle.
Fig. 17. Vorderende im Sagittalschnitt.
. C Kutikula.
D Dotterdrüsen.
H Hautmuskelschlauch.
M Membran.
* ,.„ > Fasern der Mundmuskulatur.
M2 radiäre J
O Mund.
Pp Praepharynx.
' .. > Sphinkter des Mundes.
S2 äusserer )
Vs. äussere) TT . , . ..
-rl . > vesicula vemmahs.
vs2 innere /
Fig. 18. Lage der weiblichen Geschlechtsorgane im Querschnitt.
Fig. 19. Centralnervensystem,
D Nervus dorsalis. .
L N. lateralis.
V N. ventralis.
VtVt Vordere Seitenstränge.
V2 Lnpaarer Vorderstrang,
Die
Tiergebiete der Erde,
ihre
kartographische Abgrenzung und museologische Bezeichnung.
Von
K. Möbius.
Hierzu Tafel X.
Hinrich Lichtenstein, der bald nach der Gründung und
kurzen Amtsführung Illigers (1811 — 1813) die Direktion des zoo-
logischen Museums der Universität Berlin übernahm und bis zu
seinem Tode im Jahre 1857 inne hatte, veröffentlichte 1816 einen
Führer durch die zoologische Sammlung, in welchem er S. 13 schreibt:
„Um von der Verbreitung der Thiere über den Erdboden und dem
Reichthum der unterschiedenen Welttheile eine genügendere Vor-
stellung zu geben als durch blosse Angabe von dem Vaterlande eines
jeden Thieres neben seinem Namen geleistet werden kann, entlehnte
man aus der berühmten Hoffmannsegg-Helwigschen Insektensammlung
den glücklichen Gedanken, unterschieden gefärbtes Papier zu den
Etiketten für die Thiere unterschiedener Welttheile zu gebrauchen.
Nur den europäischen Thieren wurden ihre Namen auf gewöhn-
lichem weissem Papier geschrieben, den asiatischen gab man
dazu gelbes, den afrikanischen blaues, den amerikanischen
grünes und den australischen lilafarbenes/'
Als ich 1887 die Aufgabe erhielt, die seit jener Zeit durch
Lichtenstein u. dann durch W. Peters ausserordentlich bereicherte
Sammlung aus dem Universitätsgebäude in das neue Museum über-
zuführen und neu aufzustellen, musste ich auch erwägen, ob die
farbigen Namenschilder beizubehalten, gänzlich zu verwerfen oder
zu verbessern seien.
Haben auch mehrere Museen die Farben der Berliner Namen-
schilder angenommen, so sind doch auch manche Museumszoologen
278 K- Möbius.
Gegner derselben, weil die dunklen Farben die Deutlichkeit der
Namen beeinträchtigen, weil die Museen viele Stücke ohne sichere
Angaben ihrer Herkunft erhalten, weil viele Arten nicht blos in
einem, sondern in mehreren Gebieten vorkommen und weil die Be-
zeichnung des ganzen Tiergebietes der aufgestellten Exemplare
keinen wissenschaftlichen Werth habe.
Diese Bedenken haben mich nicht bestimmen können, die farbigen
Namenschilder aufzugeben. Den Fehler, die Namen undeutlich zu
machen, verlieren sie, wenn nicht das ganze Schild, sondern nur
dessen Rand Farbe erhält. Tiere, welche ohne Angabe ihres
Fundortes in das Museum kommen, erhalten das farbige Namenschild
ihres Verbreitungsgebietes nach litterarischen Quellen ohne einen
besonderen Orts- oder Gebietsnamen, den sonst noch alle Exemplare
erhalten, deren Ursprung genau bekannt ist. Oder wenn aus
litterarischen Quellen ausser dem ganzen Verbreitungsgebiet durch
die Farbe auch noch das kleinere Wohngebiet der betreffenden Art
durch dessen Namen angegeben werden soll, so setzt man diesen in
Klammern. Und bei Exemplaren, deren Species über alle Tier-
gebiete verbreitet sind, bestimmt man die Farbe des Namenschildes
nach der Lage des angegebenen Fundortes.
Die fünf verschiedenen Farben der Namenschilder des Berliner
Museums fanden nicht blos Anwendung für die Land- und Süsswasser-
tiere der fünf Erdteile, sondern auch für alle Tiere aus den sie
umgebenden Meeren. So erhielten die atlantisch amerikanischen
Fische und Konchylien dieselben grünen Namenschilder wie die
pacifisch amerikanischen; die gelben Schilder Asiens sowohl See-
sterne von der Küste Kamschatkas als auch Seesterne aus dem
Meerbusen von Bengalen. Diese mangelhafte Anwendung des Prinzips
der farbigen Namenschilder veranlasste mich, ausser den zoologischen
Landgebieten auch zoologische Meer gebiete abzugrenzen und
diese durch Namenschilder zu bezeichnen, deren Randfarben mit
denen der anliegenden Landgebiete übereinstimmen, sich von diesen
aber durch Querstriche unterscheiden.
So verbessert, sind farbige Namenschilder in grossen zoologischen
Sammlungen ein vorzügliches Hülfsmittel, die Verbreitungsgebiete
der vorhandenen Arten leicht kenntlich zu machen und deshalb
didaktisch sehr wertvoll. Will sich jemand mit den Tieren eines
gewissen Gebietes, das er zu bereisen beabsichtigt, im Berliner
Museum bekannt machen, so braucht er bloss den Farben der Namen-
schilder dieses Gebietes nachzugehen. Studierenden der Natur-
wissenschaften, Lehrern und anderen Personen, welche sich über
die Tierwelt der verschiedenen Länder und Meere unterrichten
wollen, erreichen dieses Ziel mit Hilfe der farbigen Namenschilder
eindrücklicher und schneller, als durch blosses Lesen vieler Orts-
oder Gebietsnamen der aufgestellten Exemplare. Die Grenzen der
Verbreitungsgebiete der Arten, Gattungen oder höherer systematischer
Gruppen können diese Farben freilich nicht veranschaulichen; dies
Die Tiergebiete der Erde. 279
geschieht am besten dadurch, dass die Verbreitung der Arten und
Gruppen auf besonderen kleinen Karten dargestellt wird.
Nachdem beschlossen war, farbige Namenschilder bei der neuen
Aufstellung der zoologischen Sammlung anzuwenden, musste auch in
Erwägung gezogen werden, in welche zoologischen Land- und Meer-
gebiete die Erde einzuteilen sei; denn die bisher angewandte Ein-
teilung in fünf Erdteilgebiete entspricht der in neuerer Zeit sehr
bereicherten und vertieften Lehre von der Tierverbreitung nicht
mehr. Es lag sehr nahe zu fragen, ob es nicht am besten wäre,
dieselben Landgebiete anzunehmen, welche durch das ausgezeichnete
Werk: Die geographische Verbreitung der Thiere vonA.R.
Wallace1) in der zoologischen und geographischen Welt allgemein
bekannt geworden sind, nämlich eine paläarktische , äthiopische,
orientalische, australische, nearktische und neotropische Region:
zoogeographische Gebiete, welche P. L. Sclater-') schon im Jahre 1858
in einer Abhandlung über die Verbreitung der Vögel aufgestellt hatte.
Sehr bald nachher zeigte A. Günther3), dass auch die Reptilien
nach denselben Regionen über die Erde verteilt seien. 1868 schlug
Huxley vor, eine cir cum polare Region von der paläarktischen
und nearktischen Region Sclaters abzutrennen4). Sie sei charakterisirt
durch die Tetraoninae. Wallace sprach sich dagegen aus. „Als eine
primäre Abteilung", sagt er6), ..würde die arktische Region
ausser allem Verhältniss zu den andern stehen, sowohl wegen ihrer
wenigen eigenthümlichen Typen, als auch wegen der beschränkten
Anzahl von Formen und Arten, welche sie thatsächlich bewohnen/1
Aber gerade die übereinstimmende Verarmung der Tierwelt in
allen Polarländern spricht für die Abtrennung eines circumpolaren
Gebietes von den angrenzenden lebensreicheren Gebieten. Auch die
grossen Veränderungen in der Fauna der arktischen Länder von der
lebensgünstigen Tertiärperiode an durch die lehenshemmende Eiszeit
hindurch bis zum Eintreten der gegenwärtigen LcbensbedinmuiL:»!)
und der Bildung der jetzigen Lebensgemeinschaften, woran Wallace
erinnert, können mich nicht bestimmen, von der Abgrenzung eines
circumpolaren Tiergebietes abzusehen, weil unsere Karte die Gebiete
der jetzt lebenden Tiere darstellen soll, aber nicht die Ver-
breitung und Folge ihrer Vorfahren. Das ist eine ganz andere
wichtige Aufgabe, welche durch Ausarbeitung paläozoologischer Ver-
breitungskarten zu lösen ist.
1) Deutsche Ausgabe von A.B.Meyer 1876, I, Kap. 4, S. 72.
2) On the geogr. distrib. of the members of the class Aves. Proceed. Limi.
Soc. London, Febr. 1858. Deutsch von F. Heine im Journ. f. Ornith. VIII,
1860, S. 31.
3) Proceed. Zool. Soc. London 1858, p. 373.
4) Th. H. Huxley, On the Classification and distribution of the Alectoro-
morphae and Heteromorphae. Proc. Zool. Soc. London 1868, p. 294.
5) Geograph. Verbreit, der Thiere I, 87.
280 K. Möbius.
Die geographischen Verhältnisse, das gegenwärtige Klima, die
Flora und die Fauna des ganzen Nordpolgebietes sprechen sowohl
gegen eine Zerlegung desselben in eine östliche, „paläarktische" und
eine westliche „nearktische" Abteilung, als auch gegen die Ver-
einigung dieser mit den gemässigt warmen und viel reicher belebten
Gebieten, von welchen sie umschlossen werden. Aul Grund sehr ein-
gehender Studien über die Verbreitung der Säugetiere, worauf
gerade Wallace bei der Abgrenzung der zoogeographischen Gebiete
einen entscheidenden Wert legt1) hat sich J. A. Allen 1878 für die
Annahme eines circumpolaren Gebietes ausgesprochen2). Ebenso
A. Brauer3) und A. Reichenow4) 1887. Und schon vor diesen
deutschen Zoologen hatte A. Supan in seinen Grundzügen der
physischen Erdkunde 1884 S. 454 geltend gemacht, ,,dass die Auf-
stellung eines circumpolaren Faunenreiches, annähernd mit den von
Schmarda5) festgesetzten Grenzen, den thatsächlichen Verhältnissen
am besten entsprechen würde.
Mit Recht verwirft Supan auch die unnötigen neuen Benennungen,
welche Sclater und Wallace für ihre Regionen anwenden. Offenbar
sind für zoologische Gebiete solche Namen am verständlichsten und
bequemsten, welche sich an gebräuchliche geographische Bezeichnun-
gen anschliessen und daher sofort die richtige Vorstellung ihrer Lage
hervorrufen.
Statt der überflüssigen neuen Benennungen neark tisch und
neotropisch brauche ich desshalb die alten Namen nordamerika-
nisch und südamerikanisch, und für den grossten Teil der
Sclater -Wallace'schen paläarktischen Region, nach Abtrennung
des nordpolaren Gebietes den leicht verständlichen Ausdruck euro-
päisch-sibirisches Gebiet.
Den Sclaterschen Namen „Indische Region" hat Wallace
mit dem Worte „Orientalische Region" vertauscht, „da es",
wie er sagt, „in geographischem Sinne sich auf alle Länder beziehen
kann, welche in die Region eingeschlossen sind und auf wenige
ausserhalb derselben; da es wohlklingend ist und nicht leicht mit
Ausdrücken, welche in der zoologischen Geographie schon im Ge-
brauche sind, verwechselt werden kann".
Diese unbedeutenden Gründe konnten mich nicht bestimmen,
das Wort orientalisch für indisch anzunehmen. Im Deutschen
versteht man unter Orient Vorderasien, während das Wort indisch
1) Geogr. Verbr. d. Thiere I, S. 70.
2) The geograph. distrib. of the Mainmalia consid. in relation to the princip.
ontological regions. Bull, of the Survey, Vol. IV. Washingt. 1878.
3) Die arktische Subregion. Zool. Jahrbücher. Syst. III, 1887, S. 189.
4) Die Begrenzung geographischer Regionen vom ornithol. Standpunkt.
Das. S. 671.
5) Die geographische Verbreitung der Tiere I, 1853, S. 225 (Polarländer
oder das Reich der Pelztiere).
Die Tiergebiete der Erde. 281
in uns die Vorstellung von Vorderindien, Hinterindien und Hollän-
disch Iindien erweckt, uns also gerade in dasjenige Gebiet versetzt,
welches auf der zoogeographischen Karte des Berliner Museums
Indisches Gebiet heisst.
Wallace teilt jede seiner Regionen in vier Subregionen. Die
Karte der zoologischen Sammlung zu Berlin enthält ausser grösseren
nur noch einige kleinere nebengeordnete Gebiete, keine untergeordneten.
Durch die Einteilung der Hauptgebiete in Untergebiete würde ihre
Uebersichtlichkeit und daher auch ihr didaktischer Wert Schaden
leiden.
Um von solchen Karten nicht mehr zu verlangen, als sie leisten
können, hat man sich klar zu machen, dass sie nicht die Verbreitung
einzelner Arten oder systematischer Gruppen darstellen sollen. Ihr
Zweck besteht darin, die Vorstellung von der Belebung der ver-
schiedenen Erdgebiete durch Tiere aller Klassen, welche
unter ähnlichen Verhältnissen gedeihen, zu erleichtern.
Die zoogeographischen Gebiete sind Flächenräume vielfach zu-
sammengesetzter Lebensgenossenschaften oder Biocönosen, deren
Ausdehnung und Tierbestand nicht allein von gegenwärtigen, sondern
auch von früheren physischen und organischen Ursachen abhängt.
Gebiete nenne ich diese Flächenräume, nicht Kegionen, weil
schon lange vor dem Erscheinen des Wallace'sehen Werkes das Wort
Region in deutschen Schriften über die Verbreitung von Tieren und
Pflanzen verwendet worden ist, um übereinander liegende Wolm-
gürtel der Gebirge und des Meeresbodens zu In 'zeichnen.
Zu den physischen bioeönotischen Bedingungen eines Landge-
bietes gehören: Die geographische Lage und Abgrenzung, die Boden-
beschaffenheit, die Höhe über dem Meere, die Temperatur und Luft-
feuchtigkeit. In den Meergebieten sind wichtige Lebensbedingungen
die Temperatur, der Salzgehalt, die Tiefe und Beschaffenheit des
Grundes. Noch viel mannichfaltiger als die physischen, sind die
organischen Lebensbedingungen der Tiergebiete. Die Vegetation
liefert nicht nur Urnahrung für den ganzen Tierbestand, sondern bietet
diesem auch Schutz- und Wohnstätten dar; und die Tiere wirken
teils zerstörend, teils erhaltend auf einander ein.
Sämmtliche Arten, welche gegenwärtig ein Tiergebiet bewohnen
und sich von Generation zu Generation darin erhalten, sind allen
bioeönotischen Einwirkungen desselben angepasst.
Bei der Einteilung der Erde in Tiergebiete sind alle diese
Umstände in Betracht zu ziehen, wobei aber Wünsche, allen Tier-
gebieten einen ähnlichen Umfang zu geben und einen entsprechenden
Reichtum an Tiergruppen zuzuweisen, die richtige Wertschätzung
der gegenwärtigen physischen und organischen Naturverhältnisse nicht
beeinträchtigen dürfen. Die Grenzen der Tiergebiete unserer Lebens-
periode dürfen auch nicht nach der Faunenverteilung vergangener
geologischer Zeiten gezogen werden. Doch ist die Kenntniss der
fossilen Reste früherer Faunen der Tiergebiete der Jetztzeit von
282 K. Möbins.
hohem Werte, weil sie uns Blicke in die Herkunft der heutigen
Biocönosen eröffnen kann.
Gebiete, welche völlig geschieden wären von der Berührung mit
Tieren benachbarter Gebiete, lassen sich nicht abgrenzen; selbst in
insulare Gebiete und in abgeschlossene Wasserbecken gelangen
fliegende Tiere, und auch Land- und Wassertiere können ihnen
durch Vögel oder andere Verbreitungsmittel zugeführt werden.
Je länger und breiter sich kontinentale Landmassen ausdehnen,
je weniger gegliedert sie sind durch eindringende Meeresbuchten und
je einförmiger in ihrer vertikalen Bodengestalt, desto unbestimmter
sind die natürlichen Grenzen ihrer Faunen.
In dem europäisch -asiatischen Continent lassen sich trotz der
grossen Ausdehnung und Gleichförmigkeit seiner Tiefländer doch
noch Trennungslinien verschiedener Tiergebiete in der Richtung
der grossen Gebirgszüge ziehen, weil diese verschiede klimatische
Regionen des Continents und daher auch verschiedene Faunen von
einander scheiden.
In den offenen Meeren fehlen alle bestimmten natürlichen
Grenzen für verschiedene Tiergebiete. Hier können nur geo-
graphische Gliederungen, Strömungsrichtungen, verschiedene Tempe-
raturen der oberen Wasserschicht und die Beschaffenheit der Küsten-
striche als natürliche Grundlagen für künstlich scharfe Abgrenzungen
verschiedener Gebiete verwendet werden. Wenn man die Ozeane in
verschiedene Tiergebiete einteilen will, muss man meistens gerade
Grenzlinien ziehen. Wie willkürlich diese auch sein mögen, ihr
didaktischer Nutzen wird jedem einleuchten, der das Bedürfniss hat,
sich eine genauere Vorstellung von den faunistischen Verschiedenheiten
entgegengesetzter Küstengebiete, offener und eingeschlossener Meere
zu bilden und Vergleichungen ihrer Fauna anzustellen.
Die hier ausgesprochenen Gedanken waren massgebend bei der
Einteilung der Erde in zoogeographische Land- und Meergebiete und
deren museologische Bezeichnung in der zoologischen Sammlung zu
Berlin. Bei dem Entwerfen der kartographischen Darstellung dieser
Gebiete und der diesen entsprechenden Namenschilder haben mich
die Herren v. Martens, Hilgendorf und Reichenow mit Rat
und Hilfe so vielfach unterstützt, dass ich ihnen für ihre Mitarbeit
meinen wärmsten Dank ausspreche.
Unter den physischen Lebensbedingungen der Tiere spielen
eine hervorragende Rolle die Temperaturen des kältesten und
wärmsten Monats. Dies hat mich veranlasst, in die Landgebiete
an verschiedenen Stellen die mittlere Temperatur des Januar
u. Juli, und in die Meer gebiete die mittlere Temperatur des
Februar und August in Centigraden einzutragen. Für die Land-
gebiete entlehnte ich die betreffenden Zahlen aus dem Atlas der
Meteorologie von J. Hann, Gotha 1887 und für die Meergebiete
aus der Abhandlung: Die Temperaturverteilung in den Ozeanen
Die Tiergebiete der Erde. 283
von 0. Krümmel in der Zeitschr. für wissenschaftliche Geographie
herausgeg. von Kettler Bd. VI. Weimar 1887.
Die Farben, welche seit der Gründung des Berliner Museums
für die Namenschilder der verschiedenen Erdteile im Gebrauch sind,
habe ich beibehalten und so verwendet, dass die Geltungsgebiete
der neuen randfarbigen Namen schilder mit den Geltungsgebieten der
alten vollfarbigen in möglichst grosser Ausdehnung zusammenfallen.
Weiss, die frühere Farbe für europäische Tiere^ bezeichnet jetzt
das Europäisch - Sibirische Gebiet. Gelb, früher für alle
asiatischen Tieren bestimmt, bezeichnet jetzt nur noch das Indische
Gebiet. Blau gilt nicht mehr für ganz Afrika, sondern nur für
den mittleren und südlichen Teil desselben. Lila verbleibt dem
australischen Continente, dient aber ausserdem noch zur Be-
zeichnung aller Inseln des jetzigen australischen und poly-
nesischen Gebietes. Grün, früher die Farbe für ganz Amerika,
wird jetzt in einem dunkleren Ton für Südamerika, in
einem helleren für Nordamerika gebraucht. Weitere
Neuerungen sind: die Einführung einer grauen Farbe für das
Nordpolargebiet und die Anwendung einer braunen
Farbe für das Südpolar gebiet: ferner die Bezeichnung einiger
Nebengebiete durch lichtere Yermittelungsfarben oder durch die
beiden Farben der angrenzenden Hauptgebiete. So hat das Mittel-
meergebiet zwischen dem Afrikanischen und dem Europäisch-
Sibirischen Gebiete ein helles Blau erhalten, das Chinesische
Gebiet zwischen dem Indischen und Europäisrli-Sibirischen Gebiete
ein helles Gelb. Der gelbe Rand an der Ostseite von Madagaskar
soll die Verwandschaft seiner Fauna mit der Indischen andeuten und
die Verschiedenheit der Neuseeländischen Fauna von der des
Australischen Gebietes soll der braune Rand an der östlichen Seite
von Neuseeland hervorheben. Bei einem vergleichenden Blicke auf
die Karte wird man bemerken, dass die satteren Farben dein
tropischen Gebiete zugeteilt sind, die milderen Farben den ge-
mässigten und kalten Gebieten.
Unter der Karte sind verkleinerte Muster der neu ein-
geführten Namenschilder abgedruckt. Die Namenschilder der Haupt-
gebiete haben an allen vier Seiten einen gleichfarbigen Rand.
Auf dem Rande der Namenschilder der Neben gebiete sind die
zwei Farben der angrenzenden Gebiete so verteilt, dass sie auf
die geographische Lage dieser hinweisen. So weist der gelbe Rand
an der rechten Seite des Madagassischen Namenschildes nach Osten
auf das Indische Gebiet, der untere blaue Rand des Namen Schildes
für die Mittelmeerländer weist nach dem südwärts liegenden Afrika-
nischen Gebiet, der gelbe Unterrand des Namenschildes für das
Chinesische Gebiet südwärts nach Indien.
Auf den Namenschildern der Meergebiete sind die Farben
nach demselben Grundsatze verteilt. Das angrenzende Landgebiet
ist durch einen vollfarbigen Rand an derjenigen Seite bezeichnet,
284 K. Möbius.
nach welcher hin es liegt. So hat das Namenschild für den
Afrikanischen Teil des Indischen Meeres an der linken (west-
lichen Seite) einen vollen blauen Rand, das Namenschild für den
Indischen Teil des Indischen Meeres oben einen nach Norden
weisenden vollgelben Rand. Der an drei Seiten durch Querstriche
unterbrochene blaue Rand des Namenschildes für den Westlichen
Teil des Südatlantischen Meeres hat links die volle dunkel-
grüne Randfarbe von Südamerika; das Namenschild des 0 est-
lichen Teiles dagegen hat rechts das volle Blau des Afrika-
nischen Gebietes. Das Namenschild des Mittelmeergebietes hat
oben einen vollweissen nach Norden deutenden, unten einen voll-
blauen nach dem Afrikanischen Landgebiete zeigenden Rand.
Die Namenschilder für den westlichen und für den östlichen
Teil des Nordpolarmeeres haben an ihrem Unterrande die gestrichelte
Farbe der nach Süden angrenzenden Meergebiete.
Diese verschiedenfarbigen Namenschilder kommen in acht ver-
schiedenen Grössen zur Anwendung. Der freie farblose Raum der-
selben, welcher bedruckt oder beschrieben werden kann, beträgt für
No. 1: 130 u. 75mm, No. 2: 102 u. 63mm, No. 3: 80 u. 50mm,
No. 4: 55 u. 24 mm, Nr. 5: 50 u. 22 mm, No. 6 : 45 u. 28 mm, No. 7:
32 u. 15 mm, No. 8: 29 u. 13 mm.
Für die entomologische Hauptsammlung sind vollfarbige Namen-
schilder beibehalten worden, weil bei ihrer geringen Grösse ein
farbiger Rand der Schreibfläche nicht entzogen werden durfte. Die
früher verwendeten Speciesschilder sind 21 mm lang und 17 mm
breit; die jetzt gebrauchten sind 36 mm lang und 17 mm breit.
Ich lasse nun eine kurze Beschreibung der Tiergebiete der
Erdteile und der Meere folgen.
A. Die Landgebiete.
1. Nordpolargebiet.
Circumpolar, fast landeinheitlich, meistens nördlich vom Polar-
kreise. Südlich davon liegt nur ein geringer Theil an den Nordost-
küsten von Asien und Nordamerika. Die Südgrenze fällt zusammen
mit der Nordgrenze des Baumwuchses. Der Verlauf dieser Grenzlinie
ist einer „Karte der Vertheilung der wichtigsten physiologischen
Pflanzengruppen in den Vegetationsgebieten der Erde" in A. Englers
Entwicklungsgeschichte der Pflanzenwelt, Leipzig 1879, entlehnt.
Einige weit nach Süden vorspringende Buchten dieser Linie sind ab-
gerundet. Alle Monate sind kalt (höchstens 10°).
Juli-Isothermen 10°.
Januar-Isothermen im grössten Theile — 20°; in Nordeuropa
-10°; in NO. -Asien und in Nordamerika bis — 30°, an einigen
Die Tiergebiete der Erde. 285
Stellen noch niedriger. Vegetation1): Moose, Flechten, Sumpfmoor-
pflanzen, Stauden, Halbsträucher. Wachstumszeit unter oder bis
drei Monat.
2. Europäisch- Sibirisches Gebiet.
Die Nordgrenze reicht in Europa bis 70°, in Asien 70,5°;
die Südgrenze in Europa bis zu den Pyrenäen und dem Balkan
(43°), in Asien bis zum Kaspischen Meere, Aralsee und Balkasch-
see (47°). Im östlichen Asien rückt sie nördlicher bis an den
Baikalsee u. die Mündung des Amur. (51° — 52°)
Juli-Isothermen 10° bis 25°.
Januar -Isothermen bis -f- 5° im westlichen Europa; 0° bis
— 10° in Mitteleuropa; im nordöstlichen Europa u. Sibirien — 10°
bis — 20°; in O.-Sibirien, östlich u. nördlich vom Baikalsee — 20°
bis — 30° und noch kälter.
Vegetation: Periodisch belaubte Zapfen- und Laubbäume
neben immergrünen Zapfenbäumen. Graslandschaften. Steppen in
SO. -Europa und im Innern W.- Asiens.
3. Mittelmeer gebiet.
S.- Europa, N.- Afrika, Azoren, Madeira, Canarien, SW.- Asien.
N.-Grenze: 43° bis 47° N. B. S.-Grenze in Afrika 18° bis 15°
(Abyssinien). SW.- Asien bis Belurtagh, Hindukusch und Suleiman-
Gebirge, also Kleinasien, Arabien (den südlichsten Strich aus-
genommen) Syrien, Mesopotamien, Persien, Turkestan, Turan.
Juli- Isothermen: In Europa 20° bis 26°; Azoren, Madeira,
Canarien 20° bis 24°; in N.- Afrika an der Mittelmeerküste 28°;
in der Sahara bis 36°; in Kleinasien 25° bis 30°, in Arabien,
Mesopotamien u. Persien 30° bis 34°.
Januar-Isothermen: 12° bis 22° in Nordafrika; auf den
Azoren, Madeira und Canarien 14° bis 18°; 0° bis 8° in S. -Europa;
8° bis 20° in Arabien, Syrien, Persien. — 10° am Balkaschsee.
Vegetation: In niederschlagreichen Gegenden Wälder, welche
nicht frosthart sind; in niederschlagarmen Gegenden Steppen mit
Halbsträuchern und Stauden. Winterruhe kurz, Stillstand während
der Sommerhitze.
4. Chinesisches Gebiet.
Oestliches Mittelasien, Japan, Insel Sachalin und Kurilen.
Nordgrenze 48° bis 54° (Mündung des Amur und Insel Sachalin).
Südgrenze 25° bis 30°. Die Nordgrenze bilden vorzugsweise Gebirge,
deren Wasser theils in sibirische, theils in inner- und ostasiatische
Flüsse geht. An der Südgrenze erhebt sich das Himalajagebirge.
l) Die kurzen Angaben über die Vegetation sind entnommen aus 0. Drude,
Atlas der Pflanzenverbreitung-, Gotha 1887 u. 0. Drude, Handbuch der Pflanzen-
geographie, Stuttgart 1890.
286 K- Möbius.
Juli-Isothermen 22° bis 30°.
Januar-Isothermen — 20° bis + 10°.
Vegetation: Wüsten, Steppen mit Stauden u. dornigen Halb-
sträuchern. Immergrüne Sträucher im östlichen China; im süd-
östlichen in regenreichen Gegenden tropischer Pflanzenwuchs.
5. Indisches Gebiet.
Vorder- und Hinterindien, S.- China, die grossen Sundainseln
und Philippinen.
Nordgrenze in Vorderindien bis 32 ° N. B., Südgrenze in Java
bis 8°S. B.
Juli-Isothermen 26° bis 30°.
Januar-Isothermen 10° bis 26°.
Auf dem Festlande tropische Vegetation mit voller Entwicklung
in der Regenzeit; auf den Inseln reiche tropische Vegetation ohne
Stillstand.
6. Afrikanisches Gebiet,
Nordgrenze 18° bis 15° N.B.
Ganz Mittel- und Südafrika und der südöstliche Küstenstrich
Arabiens.
Juli-Isothermen im Norden des Aequators 35°, im Caplande
im Süden des Aequators 12°.
Januar -Isothermen 20° sowohl im Norden wie auch im Süden
des Aequators; über 30° am Aequator und zwischen dem 20° und
30° S.B. im Innern des Kontinentes.
Vegetation. Unter dem Aequator reicher tropischer Pflanzen-
wuchs. Nördlich vom Aequator minder reiche tropische Vegetation.
Im südlichen Teile Buschsteppen.
7. Madagassisches Gebiet.
Madagaskar mit den umliegenden kleineren Inseln (Comoren,
Amiranten, Seyshellen, Bourbon, Mauritius, Rodriguez).
Juli-Isothermen 20° bis 25°.
Januar-Isothermen 24° bis 26°.
Vegetation. Im Innern von Madagaskar bewaldetes Hochland,
minderreich tropisch mit voller Entwicklung in der Regenzeit im
Nordosten von Madagaskar, auf den Seyshellen, Comoren und
Amiranten ohne Stillstand tropisch.
8. Australisches Gebiet.
Neuholland, Neuguinea, Celebes, die kleinen Sunda-Inseln östlich
von Java und Bali und die Inseln im polynesischen Meere.
Juli-Isothermen im N. des Aequators 26°, im SO. 10°
(Sydney) und 8° (Melbourne und Tasmanien).
Die Tiergebiete der Erde. 287
Januar-Isothermen in der Nähe des Aequators 26° bis 28°
(Neu-Guinea, Celebes), im Innern Neuhollands 30 ° bis 34 °, im Süden
20° (Melbourne) bis 16° (Tasmanien).
Vegetation auf den Inseln in der Nähe des Aequators und
im N. Neuhollands vollkommen tropisch, mindertropisch im 0. von
Neuholland, wo immergrüne Bäume und Sträucher mit kurzer Unter-
brechung vorherrschen. Im Innern von Neuholland Wüsten, Steppen
und Bestände immergrüner Sträucher. Auf Tasmanien Coniferen-
wälder und Graswiesen.
9. Neuseeländisches Gebiet.
Neuseeland nebst den umliegenden kleineren Inseln, 30— 51 ° S. B.
Juli-Isothermen 2° bis 14°.
Januar-Isothermen 10° bis 22°.
Vegetation. Immergrüne Bäume und Sträucher in sommer-
licher Entwicklung.
10. Nordamerikanisches Gebiet.
N.-Amerika von der Nordgrenze des Baumwuchses bis zur
S.-Spitze der Halbinsel Califormien und N.-Mexiko bis zum Wendekreis
des Krebses, die Südhälfte der Halbinsel Florida ausgenommen,
welche zum südamerikanischen Gebiete gerechnet ist.
Die Nordgrenze verläuft grösstentheils in der Nähe des Polar-
kreises; nur im Nordosten wendet sie sicli BÜdlicher (bis zum 52 ).
Juli-Isothermen 10° bis 30°; im SW. 30° bis 36°,
Januar-Isothermen — 30° bis 20°.
Vegetation: Periodisch belaubte Laub- und Zapfenbäume neben
immergrünen in hochsommerlicher Entwicklung. Wald- und Gras-
landschaften. Steppen mit Dürre im Hochsommer.
11. Süda m erika n isch es Gebiet.
Südamerika, Mittelamerika, die westindischen Inseln, die Süd-
hälfte der Halbinsel Florida, vom 28 ° N. B. bis zum 55 ° S. B.
Juli- Isothermen im Norden bis 30°, im Innern des Continents
28°, Rio Janeiro 20°, Cap Hörn 0°.
Januar- Isothermen. Im Norden 16°, am Aequator 26°, im
nördlichen Argentinien bis 30°, am Cap Hörn 10°.
Vollkommen tropische Vegetation ohne Stillstand, minder voll-
kommen tropischer Pflanzenwuchs mit voller Entwicklung in der
Regenzeit, Graslandschaften und Steppen (in Argentinien).
12. Siidpolarf/ebiet.
Kerguelens Land 49—50° S. B.
Süd-Georgien 54° S. B.
Prinz Edward-L, Crozet-L 46° S. B.
288 K. Möbius.
Juli-Isothermen S.-G-eorgien -f- 2°, Kerguelens Land +2°,
Pr. Edward-I. +4°.
Januar-Isothermen S.-Georgien 5°, Kerguelens Land und
Prinz Edward-I. 6°.
Flora antarktisch, ohne Baumwuchs.
B. Meergebiete.
1. Nordpolar- Meer,
a) Atlantischer Teil.
Ostgrenze: der Meridian des Cap Tscheljuskin in Sibirien
(104°, 0. L.).
Westgrenze: Banks-Land in N.-Amerika (126° W.L.).
Südgrenze: Die Küste des westlichen Sibiriens, Nordeuropas,
die Nordküste Islands, die Nordküste Nordamerikas von Labrador
bis Melville-I.
Die obere Wasserschicht des Meeres ist im August meistens 0°;
zwischen Island, Norwegen und Spitzbergen bis +8°.
b) Pacifischer Teil.
Ost grenze: Banks-Land.
West grenze: Cap Tscheljuskin.
Südgrenze: Nordküste des westlichen Nordamerikas und des
östlichen Sibiriens und die Aleuten.
Im Behringsmeer beträgt die Obernächenwärme im August 8°.
2. Nordatlantisches Meer.
Nord grenze: Lofoten, Nordküste Islands bis Cap Charles an
der Nordostküste von Labrador.
Süd grenze: Von Cap Finisterre über die Azoren bis zum 40°
N.B. nach Florida und der Nordküste des Meerbusens von Mexiko.
a) Oestlicher europäischer Teil, östlich von dem Meridian
der westlichsten Insel der Azoren (Flores), 30° W.L.
b) Westlicher nordamerikanischer Teil, westlich von dem
30° W.L.
August-Isothermen: 6° bis 28°.
Februar-Isothermen 0° bis 22°.
3. Mittel-Meer.
a) Vor- Mittelmeer.
Zwischen der Westküste der pyrenäischen Halbinsel, Nordwest-
afrika und den Azoren.
Die Tiergebiete der Erde. 289
August-Isotheruien: 18° bis 22°.
Februar-Isothermen: 10° bis 18°.
b) Binnen-Mittelmeer.
August-Isothermen: 24° bis 26°.
Februar-Isothermen: 10° bis 16°.
Am Grunde im westlichen Teile 12,5°, im östlichen 13,5°.
c) Schwarzes Meer.
Im Juli an der Oberfläche 23°; im Februar 6° bis 10°. Am
Grunde 8° bis 9°. Lebende Pflanzen und Tiere nur bis 360 m tief,
weil die tieferen Wasserschichten Schwefelwasserstoff enthalten1).
4. Südatlantisches Meer,
Nordgrenze: Meistens 40° N.B. An der Küste von Afrika
geht sie südöstlich bis 23,5° N.B. ; bei den Bermudas südwestlich
bis zur Halbinsel Florida.
Südgrenze: 30° S.B.
a) Oestlicher afrikanischer Teil.
Westgrenze: 30° W.L.
August-Isothermen: 16° bis 26°.
Februar-Isothermen: 16° bis 28°.
b) Westlicher amerikanischer Teil.
Ostgrenze: 30° W.L.
August-Isothermen: 12° bis 29°.
Februar-Isothermen: 16° bis 28°.
5. Indisch- Fol ynesisches Meer.
a) Afrikanischer Teil mit dem Roten Meere und persischen Meer-
busen.
West grenze: Ostküste Afrikas.
Nordgrenze: Arabien und Persien.
Südgrenze: Der 30° S.B.
Ostgrenze: Der 65° O. L., welcher den westlichsten Punkt
des Indischen Landgebietes durchschneidet.
August-Isothermen: 18° bis 32a.
Februar-Isothermen: 18° bis 29°.
b) Indischer Teil.
Nordgrenze: Indien, Südchina, Nordspitze der Insel Formosa,
die Südostküste von Japan bis 35° N.B.
Südgrenze: 30° S.B. und die ganze nördlich davon liegende
Küste Neuhollands.
Westgrenze: Der Meridian 65° 0. L.
*) Venukof, Comptes rendus. Paris 1890, p. 930.
Arcb. f. Naturgesch. Jahi^. 1891. Bd.I. H. 3. 19
290 K. Möbius.
Ostgrenze: Eine vom 35° N.B. und 150° O.L. nach S.W.
verlaufende Linie, von welcher die Bonin- und Pelew-Inseln westlich,
die Mariannen und Carolinen östlich liegen ; sie verläuft dann nördlich,
von Neu-Guinea östlich, biegt nördlich von den Salamonsinseln bis
zum 8° S.B. nach Südosten und folgt dann dem 164° O.L., geht
also nahe vor dem Westpunkt der Insel Neu-Caledonien vorüber.
August- und Februar-Isothernen 18° bis 29°.
c) Polynesischer Teil.
Nordgrenze: 35° N.B. Südgrenze: 30° S.B. Westgrenze:
Die Ostgrenze des Indischen Teils. Ostgrenze: Eine Linie in süd-
östlicher Richtang westlich von der Halbinsel Californien, den
Revillagigedo-Inseln und Galapagos-Inseln bis zum 20° S.B. westlich
von Chili.
August- u. Februar-Isothermen 16 — 28°.
6. Peruanisches Meei\
Küstenmeer an der Westküste Südamerikas vom 35° N.B. bis
zum 30° S.B., von S. Diego in Californien bis etwas südlich von
der Insel S. Ambrosio.
August-Isothermen 14° bis 28°.
Februar-Isothermen 16° bis 28°.
7. Nordpacifisches Meer.
Nordgrenze: Ostsibirien, Aleuten, Alaska, NW.-Amerika.
Südgrenze: 35° N.B. und die Nordküste der japanischen
Inseln.
Westgrenze: Die Ostküste von China, Korea und Sibirien.
Ostgrenze: Die Westküste Nordamerikas.
a) Westlicher, asiatischer Teil.
Bis zum Meridian der westlichsten Insel der Aleuten, 172° O.L.
b) Oestlicher, nordamerikanischer Teil.
Oestlich von 172° O.L.
August-Isothermen 8° bis 26°.
Februar-Isothermen 6° bis 22°.
8* Südmeet\
Nordgrenze: Der 30° S.B. und die südlich davon liegenden
Küsten von Afrika, Neuholland und Südamerika.
a) Afrikanischer Teil.
Westgrenze: 30° W.L. (Meridian der Insel Flores).
Ostgrenze: 65° O.L. (südliche Fortsetzung der Ostgrenze des
afrikanisch-indischen Meeres.)
Die Tiergebiete der Erde. 291
b) Australischer Teil.
Westgrenze: 65° O.L.
Ostgrenze: 80° W.L.
c) Amerikanischer Teil.
Westgrenze: 80° W.L.
Ostgrenze: 30° W.L.
August-Isothermen: 0° bis 18°.
Februar-Isothermen: 6° bis 24°.
Kerguelenland : 2° bis 6°.
Süd-Georgien unter 2° bis 6°.
Cap Hörn 4°.
19*
Ueber Filaria tricuspis
und
die Blutfilarien der Krähen,
Von
Dr. von Linstow
in Göttingen.
Hierzu Tafel XI.
In einer bei Göttingen geschossenen Krähe fand ich massenhaft
die schon wiederholt beobachteten Blutfilarien und in der Leibeshöhle
grosse, weisse Filarien, die ich für Filaria attenuata Rud. hielt,
welche von allen Autoren mit den Blutfilarien in Zusammenhang
gebracht wird.
Filaria attenuata Rud. ist eine wohl characterisirte Art, die
am Kopfende seitlich von der Mundöffnung je 3 eng an einander
liegende Papillen zeigt, nach aussen davon aber jederseits 5 von
einander getrennte Papillen; das männliche Schwanzende zeigt jeder-
seits 4 prä- und 3 postanale Papillen, die Spicula sind 1,07 und
0,48 mm lang, die Eier messen 0,053 mm; so wird die Art überein-
stimmend von Dujardin1) und Schneider2) beschrieben und ab-
gebildet; Wedl3) bildet unter diesem Namen offenbar eine andere
Art ab.
Nun war ich erstaunt, in den geschlechtsreifen Exemplaren eine
ganz andere Art zu erkennen, als Filaria attenuata, nämlich eine
von Fedtschenko4) und mir5) unter dem Namen Filaria tricuspis
beschriebene Form, die in Turkestan entdeckt wurde.
Die älteren Autoren, wie Rudolphi und Diesing führen als
Wohnthiere für Filaria attenuata eine grosse Zahl von Vögeln an,
') 1. c. pag. 51—52.
2) 1. c. pag. 89, Tab. V Fig 16.
8) 1. c.
4) 1. c.
5) Archiv für Naturgesch. 1883 a. a. 0. u. in d. russischen Uebers.
Ueber Filaria tricuspis und die Blutfilarien der Krähen. 293
die zu den Raubvögeln und den Krähen gehören, und erschien es
von vornherein sehr unwahrscheinlich, dass eine und dieselbe
Filarien -Art in diesen beiden so verschiedenen Vogelfamilien leben
sollte.
Nun erbat ich mir von Herrn Geheimrath Ehlers die Erlaubniss,
die in der Göttinger Sammlung unter dem Namen Filaria attenuata
aufbewahrten Exemplare untersuchen zu dürfen und fand, dass die
aus Raubvögeln stammenden Exemplare zu Filaria attenuata ge-
hörten, dass aber sämmtliche aus Krähen stammenden, und zwar
aus der Leibes- und Brusthöhle von Corvus cornix und corone mit
Filaria tricuspis identisch waren.
Herr Geheimrath Leuckart sandte mir gütigst ein Exemplar
der Leipziger Sammlung bezeichnet „Filaria attenuata'* aus Corvus
frugilegus, das sich als Filaria tricuspis erwies.
Herr Dr. v. Marenzeller endlich hatte die Freundlichkeit,
mir aus der reichen Sammlung des Wiener Hofcabinets sämmtliche
aus Krähen stammenden Exemplare, die mit „Filaria attenuata"
bezeichnet waren, zu schicken; die Wohnthiere waren Corvus corone,
Garrulus glandarius und Pica caudata, und auch alle diese Exemplare
gehörten zu Filaria tricuspis.
Den genannten Herren sage ich an dieser Stelle nochmals für
ihre liebenswürdige Unterstützung meinen verbindlichsten Dank.
Aus dem Mitgetheilten scheint mir hervorzugehen, dass unter
dem Namen Filaria attenuata bisher zwei Arten verstanden sind,
einmal Filaria attenuata aus Raubvögeln und zweitens Filaria tricuspis
Fedt. ans Krähen, von ersterer leicht zu unterscheiden durch die
auffallende Koptbewaffnung (Fig. 2), durch den Mangel der Papillen
am männlichen Schwanzende und viele anderen zu erwähnenden
Charactere, und dass die Blutfilarien von Filaria tricuspis stammen.
Filaria tricuspis.
Die als Filaria attenuata bezeichnete, zu F. tricuspis gehörige
Art ist nach dem alten Verzeichniss von West r um b1) in Wien
gefunden.
294 Dr. von Linstow.
Andere Autoren fanden die Art in Corvus corax, C. corone,
C. eornix, C. frugilegus, C. monedula, Nucifraga caryocatactes,
Garrulus glandarius, Pica caudata, Pyrrhocorax alpinus, und Stur-
nella Ludoviciana.
Der Körper ist zart und zerreisslich, das Aussehen ist perl-
mutterglänzend weiss und durchscheinend, das Schwanzende ist er-
heblich dünner als das Kopfende ; beide Körperenden sind abgerundet.
Die Haut besteht aus zwei Schichten, einer 0,0013 mm dicken
Cuticula und einer 0,0039 mm dicken Cutis; sie ist in Abständen
von 0,013 mm regelmässig quergeringelt.
Die Muskulatur zeigt die bei Nematoden so gewöhnlich vor-
kommende Gestaltung; die contractile Substanz erscheint in Quer-
schnitten in Form von Hohlrinnen, in denen die Marksubstanz liegt;
nach Schneider 's Eintheilung gehört sie zu der Abtheilung der
Polymyarier; bei unserer Art ist sie auffallend schwach entwickelt,
nur 0,018 mm dick und öfter atrophisch, da sie nicht functionirt,
denn das Tbier liegt regungslos aussen am Darm, öfter mit dem-
selben verlöthet.
Links und rechts am Kopfende liegt ein eigenthümlicher Chitin-
apparat von 0,91 mm Länge; er endet vorn schmal und verbreitert
sich nach hinten in 3 Ausläufer mit kolbigen Enden mit rundlichen
Wülsten (Fig. 2 u. 3, b); das vordere Ende durchbohrt in geringer
Länge die Haut, die hier einen verdickten Ring bildet; dieser
Dreizack liegt, wie man an Querschnitten sieht (Fig. 4) mit Aus-
nahme des kleinen frei aus dem Hautringe herausragenden Theiles,
im Gewebe des Oesophagus und ist offenbar ein Bohrapparat; er
erinnert an die weiter hinten stehenden von Schneider mit Unrecht
Nackenpapillen genannten Organe der Filarien, die wohl auch zur
Fortbewegung dienen und mitunter, wie bei Filaria Spermospizae,
ähnlich geformt sind. Eine Anzahl von Filarien -Arten, welche einen
ähnlichen Dreizack besitzen, sollen hierunter angeführt werden.
Vier grosse Papillen stehen nicht weit hinter dem Vorder ende
des Dreizacks am Kopfende in den Submedianlinien (Fig. 1 — 3).
Die längliche, von der Rücken- zur Bauchlinie gehende Mund-
öffnung (Fig. 3, m) führt in den Oesophagus, der aus zwei Ab-
theilungen besteht, einen vorderen, kurzen 0,28 mm langen und
0,12 mm breiten, auf die ein langer und breiterer von durch-
schnittlich 4,46 mm Länge und 0,2 mm Breite folgt; er wächst mit
dem Körper nicht im gleichen Verhältniss, denn er mass
bei einem Exemplar von 35 mm 3,5 mm = Vio der Gesammtlänge,
65 ,, 5,4 ,, = /12 ,, ,,
80 „ 4,2 „ = %9 „
165 „ 6,1 „ = V27 » »
Der erste, dünne Abschnitt wird von 4 Pfeilern nicht weit hinter
dem Kopfende gestützt (Fig. 1, 51)., die nach der Rücken-, der Bauch-
und den Seitenlinien verlaufen; sie enthalten grosse, gekernte Zellen
und sind offenbar drüsiger Natur; der zweite, breitere Theil zeigt
Ueber Filaria tricuspis und die Blutfilarien der Krähen. 295
auf Querschnitten (Fig. 6) ein enges Lumen, von dessen Wandung
nach der Peripherie Ausläufer ziehen, zwischen denen man grosse
Lacnen bemerkt, die auch am unverletzten Thiere im seitlichen
Bilde (Fig. 1) sichtbar werden; die Grundsubstanz ist körnig,
muskulöse Elemente fehlen und ist das Organ ganz anders gebaut
als bei im Darm lebenden Nematoden, bei denen es einen aus
mächtigen Muskeln gebildeten, kräftigen Saugapparat darstellt. Hier
functionirt es offenbar garnicht und ist nur ein aus dem Larvenleben
übrig gebliebener, degenerirter Theil.
Der Darm liegt der Körperwandung, bald in der Bauch-, bald
in der Seitenlinie eng an und wird durch die Geschlechtsorgane so
zusammengedrückt, dass seine Innenwände sich fast oder ganz be-
rühren; er ist ein 0,23 mm breiter Strang (fig. 7, d), und besteht
aus einer Membrana limitans, einem faserigen, 0,018 mm breiten,
mit Kernen durchsetzten Grundgewebe (Fig. 9) und einer homogenen
Innenschicht, die als Rest eines Epithels aufzufassen sein wird. Das
Lumen enthält nichts; ein Anus fehlt und am Schwanzende wird
der Darm 0,08 mm breit, um dann 0,48 mm vom Schwanzende
entfernt mit einem spitzen Ausläufer zu enden (Fig. 10, d). Augen-
scheinlich functionirt auch der Darm nicht mehr, auch er scheint
aus der Larvenzeit als degenerirtes Organ zurückgeblieben.
In den Seitenlinien findet man an Stelle der Muskulatur, die
hier unterbrochen ist, breite Seiten felder, deren jedes ein Sechstel
(Vin) der Körperperipherie einnimmt (Fig. 5 u. 7, s); sie fangen
am Kopfe an und verlaufen bis zum äussersten Schwanzende; ihr
Grundgewebe ist homogen und sie enthalten zahlreiche, eirunde,
blasige, durchschnittlich 0,01 mm grosse Kerne mit 0,0035 mm
messendem, stark glänzendem Kernkörperchen. In den Seitenlinien
verläuft ein grosses, etwas geselilängeltes Gefäss von 0,0052 mm
Durchmesser in einem Strange.
Aehnlich stark entwickelte Seitenfelder bei mangelndem Anus
haben die Genera Ichthyonema, Dracunculus und Filaroides, letztere
Gattung aber hat einen Anus ; auch sie leben, wie Filaria tricuspis,
nicht im Darm eines Thieres, wo sie Nährsubstanz in reicher Menge
durch den Mund aufnehmen können, sondern auf feuchten, serösen
Membranen oder Schleimhäuten oder zwischen Bindegewebe, wie
auch Filaria tricuspis nicht frei auf dem Darm der Krähen liegt,
sondern durch bindegewebige Massen zum Theil mit der Serosa
verlöthet ist; durch den Mund kann hier wohl keine Nahrung auf-
genommen werden, und glaube ich, dass die Seitenfelder resorbirende
Organe sind, welche seröse Flüssigkeit aufsaugen und so für die
Ernährung sorgen.
Anders gestaltet sich die Ernährung bei anderen Filarien, die
aum nicht einen Darm bewohnen, wie etwa bei der zwischen den
Magenhäuten lebenden Filaria anthuris. Hier functionirt der Oeso-
phagus offenbar; er besteht aus drei Abschnitten, die sich in ihrer
Länue etwa wie 1:2:8 verhalten; der vordere, schmälste besteht
296 Dr. von Linstow.
aus starken Ringmuskeln (Fig. 31), der mittlere hat ein grosses,
dreischenkliges Lumen, an das sich strahlig Radiärmuskeln setzen,
an der Peripherie steht auch eine Längsmuskelschicht (Fig. 32);
der dritte, breiteste Abschnitt hat ein kleineres Lumen und zeigt
ein drüsiges Gewebe, das von Längs- und Radiärmuskeln durchsetzt
wird. (Fig. 33.) Der Darm wird von dem fast die ganze Leibes-
höhle erfüllenden Uterus an die Körperwand gedrängt (Fig. 34, d);
er ist sehr merkwürdig gebaut, denn er hat kein Lumen (Fig. 36),
da von den Epithelzellen ausstrahlende Ausläufer den ganzen Innen-
raum erfüllen. Ein Anus ist hier vorhanden. Die Seitenfelder
(Fig. 33, 34, 35, s.) sind nicht stark entwickelt; sie bestehen aus
einer oberen und unteren Hälfte und an der Innenseite verläuft ein
Gefäss (Fig. 35, g). Was Eberth1) bei dieser Art hintere Mündungen
der Seitengefässe nennt, sind 2 Tastpapillen, wie auch die vorderen
nicht existiren, sondern die als Nackenpapillen bezeichneten, 0,36 mm
vom Kopfende entfernt stehenden, die Hautoberfläche nicht über-
ragenden Bildungen sind. In den Submedianlinien verlaufen hier
4 sogenannte Halskrausen, die S1/ei der ganzen Körperlänge ein-
nehmen; die beiden oberen und beiden unteren vereinigen sich
dicht hinter dem Kopfende und die vereinigten Stränge münden
von der Rücken- und Bauchseite zwischen den beiden Lippen in die
Mundhöhle; sie sind Cutieulargebilde, Verdickungen der Cuticula
mit einer fast geschlossenen Rinne im Centrum, die ganz geschlossen
wird, wenn das Thier zwischen den Magenhäuten liegt; es sind
offenbar Saftrinnen, die seröse Flüssigkeit als Nahrung in den
Mund leiten sollen. Auch bei diesen bewegungslosen Thieren ist
die Muskulatur atrophirt.
Eine dritte Gruppe von Filarien lebt im Oesophagus und Magen
ihrer Wirthe, im Darm fast niemals ; zu ihnen gehört Filaria strumosa
der Maulwürfe; hier sind Oesophagus und Darm kräftig entwickelt,
die Seitenfelder nur gering (Fig. 30, s), die nur Vi 4 des Körper-
umfangs einnehmen und kein Gefäss enthalten; sie haben etwa die
Dicke der Muskulatur und sind, wie bei Filaria tricuspis, an ihrer
Aussenfläche breiter als an der inneren; der Darm hat ein gut
entwickeltes Epithel und ein weites Lumen; ein Anus ist vorhanden.
Die vierte Gruppe der Nematoden, welche den Darm bewohnt,
ist die zahlreichste; zu ihr gehören Ascaris, Ankylostomum, Physa-
loptera, Dacmtis, Heterakis, Spiropterina ; hier giebt es keine Seiten-
felder, sondern Seitenwülste, die im Querschnitt pilzförmig sind, da
sie mit schmaler Basis aus der Subcuticula entspringen und in zvei
rundlichen, symmetrischen Vorsprüngen in die Leibeshöhle hinein-
ragen; mächtig entwickelt sind diese Organe bei Physaloptera prjte-
putialis; hier wurzeln sie in der Subcuticula (Fig. 28, s) und legen
sich von links und rechts an den Darm (Fig. 28, d), der aus schönen,
grossen Epithelzellen, aussen mit einer Basilarmembran, innen mit
') 1. c. tab. IX Fig. 8 u. 6/
Ueber Filaria tricuspis und die Blutfilarien der Krähen. 297
Cilien (Fig. 29) besteht; das Gewebe enthält grosse, gekernte Zellen
und da, wo die beiden Hälften sich an einander legen, verläuft an
der Innenseite ein Gefäss (Fig. 28, g). Der Schnitt zeigt gleichzeitig
einen Querschnitt des merkwürdigen Ringes (Fig. 28, r); derselbe
liegt unmittelbar hinter der Vagina der befruchteten Weibchen der
Haut eng an, ist aber ablösbar und hat eine Breite von 0,53 — 1 mm;
die Dicke beträgt 0,09 — 0,13 mm; in seinem Gewebe liegen grossse
Anhäufungen dunkler Granulationen, die Haut unter ihm ist un-
verändert.
Eine fünfte kleine Nematoden-Gruppe lebt im Herzen und in
den Blutgefässen; sie befindet sich unter den denkbar günstigsten
Ernährungsbedingungen, denn sie lebt in einem sich stets gleich-
bleibenden Medium, das zu ihrer Erhaltung dient; als Beispiel kann
Pseudalius alatus dienen. Hier finden wir in den Seitenlinien die
Cutis etwas verdickt und unter ihr ein Seitenfeld von l/15 Körper-
umfang (Fig. 26, s); die Aussenschicht wird von einem maschigen
Gewebe gebildet, in dem grosse, helle, blasige Zellen liegen; die
innere ist dichter und enthält granulirte Kerne; offenbar ist dieses
Seitenfeld nicht bestimmt, Nahrung von aussen aufzunehmen, denn
die Haut ist, wie erwähnt über ihm verdickt, es hat eine geringe
Aussenfläche und Oesophagus und Darm sind mächtig entwickelt;
der Darm ist sehr merkwürdig gebaut (Fig. 27); unter der Basilar-
membran liegen 4 grosse, drüsige, durch Scheidewände getrennte
Längswülste, welche eine Menge heller Kerne enthalten; die Scheide-
wände vereinigen sich an der Innenseite zu einer zusammenhängenden,
gekernten Schicht, auf die das cylindrische Epithel folgt (Fig. 27, e).
Demnach glaube ich, dass die Seitenfelder und Seitenwülste eine
resorbirende Function haben; bei den auf serösen Häuten lebenden
Formen wie Filaria tricuspis, Ichthyonema, Dracunculus, Filaroides,
nehmen sie Nahrung von aussen auf; die Seitenwülste aber resorbiren
von der in der Leibeshöhle enthaltenen Flüssigkeit der Nematoden
oder direct aus dem Darm; sie sind aussen schmal und entwickeln
sich mehr oder weniger mächtig nach innen; sie leiten Ausscheidungs-
producte durch ein Längsgefäss nach aussen und scheinen als Nieren
zu functioniren.
In einer Entfernung von 0,2 mm vom Scheitelpunkt legt sich
um den vorderen, dünnen Oesophagus -Abschnitt ein Nervenring
(Fig. 1), von dem zwischen den vier erwähnten Stützen vier starke
Nervenbündel in die Submedianlinien ausstrahlen (Fig. 5).
Das Männchen von Filaria tricuspis ist 35 bis 65 mm lang
und vorn 0,50 bis 0,75 mm breit; der Oesophagus nimmt Vio — Visi
das Schwanzende V338 der Gesammtlänge ein; hinten ist der Körper
erheblich schmaler und endet in einen rundlichen Lappen (Fig. 10);
Die Spicula messen 1,54 — 1,14 und 0,97 — 0,57 mm; und sind
0,035 mm breit; sie können gesondert bewegt werden; das längere
ist bogig gekrümmt, das kürzere spiralig gewunden und wenn sie
hervorgestreckt sind, so umwindet das kürzere das längere in
298 Dr. von.Linstow.
2 Windungen; Papillen am Schwanzende fehlen gänzlich, so dass
Schneider 's Diagnose für das Genus Filaria hier nicht zutrifft.
Der Hoden beginnt da, wo Oesophagus und Darm an einander
grenzen, als 0,044 mm breites Rohr, geht dann bis 0,53 mm vom
Kopfende entfernt nach vorn, um hier nach hinten umzubiegen;
wieder an der ersten Stelle angekommen ist es 0,15 mm breit. Die
kugelförmigen Samen körperchen sind 0,0078 — 0,01 mm gross;
sie sind granulirt und haben einen sich färbenden Kern (Fig. 11).
Das Weibchen ist 80 — 120 — 165 mm lang und vorn 0,66 bis
0,97—1 mm breit, hinten durchschnittlich 0,45 mm. Die Vagina
mündet 0,53- 0,71 mm vom Kopfende; die nach hinten verlaufende
Vagina ist 1,2 mm lang und 0,2 mm breit und führt in die beiden
langen Uteri, die Anfangs neben einander verlaufen und bei jungen
Exemplaren mit Samenmassen erfüllt sind, bei älteren mit Embryonen
enthaltenden Eiern; Die Uteri setzen sich in die Tuben fort, lange,
schmalere Röhren, in denen die Eier ihre Entwicklung durchmachen;
die Tuben haben eine Ringmuskulatur und an ihrer Innenwand
grosse, bis 0,013 mm breite, spindelförmige Epithelzellen (Fig. 8);
dieselben führen einen oder mehrere längliche Kerne mit Kern-
körperchen und die Zellen ragen auf Querschnitten rundlich in den
Inneraum der Tuba hinein (Fig. 7); Fedtschenko schreibt diese
spindelförmigen Zellen irrthümlich dem Darm zu ; die Tuben, welche
einen erheblichen Raum in der Leibeshöhle einnehmen, sind meistens
0,63 mm breit und münden an ihrem äusseren Ende in eine
Samenblase.
Die Samenblasen sind birnförmig, 0,49 mm breit, das breitere
Ende führt in das Ovarium, das schmalere in die Tuba; die eine
Samenblase liegt 10,7 mm vom Kopf-, die andere 9,3 mm vom
Schwanzende entfernt. Sie gehen in die Ovarien über, die als
sehr lange, schmale Röhren fast den ganzen Körper durchziehen;
in ihrem Verlauf sind sie nur 0,079 mm breit, dass äusserste Ende
ist knopfförmig verdickt, und hier am Beginn hat das Rohr nur
eine Breite von 0,017 mm.
Die Eier entstehen im Ovarium als kegelförmige Zellen um
eine in der Mittelaxe gelegene Rhachis gruppirt. (Fig. 13), wie es
auch bei vielen anderen Nematoden beobachtet ist; beim Durch-
treten durch die birnförmigen Samenblasen werden sie befruchtet,
nachdem sie sich losgelöst haben und eiförmig geworden sind (Fig. 14);
in der Tube wird nun zunächst eine breite Perivitellinschicht ab-
gelagert und man erkennt den weiblichen Kern mit 4 (Fig. 15f),
und den männlichen (m) mit 1 Chromasoma; der erstere begiebt
sich nach dem einen Eipol um das erste Richtungskörperchen mit
2 Chromasomen auszuscheiden (Fig. 17, r1), darauf das zweite
(Fig. 19, r11), welches dicht neben das erste abgelagert wird und
der männliche und weibliche Kern enthalten nun je ein Chroma-
soma, da das zweite Richtungskörperchen ebenfalls eins enthält.
Beide Kerne lagern sich nun an einander (Fig 20), und an den
Ueber Filaria tricuspis und die Blutfilarien der Krähen. 299
beiden ersten Blastomeren erkennt man, dass die eine grösser und
dunkler, die andere kleiner und heller ist; erstere bildet das Ecto-
derm, letztere das Entoderm (Fig. 21 — 24, ect., ent.) und letzteres
wird von ersterem allniählig umwachsen. Die Richtungkörperchen
schrumpfen mehr und mehr und sind, wenn der Embryo im Ei ent-
wickelt ist, als zwei kleine, eiförmige achromatische Körper chen, die
an einem Eipol dicht neben einander an der Innenwand der Schale
liegen, zu erkennen. Die Eier wachsen während ihrer Reifung in
Tube und Uterus; unbefruchtet sind sie 0,026 mm gross mit grossem,
stark granulirtem, 0,013 mm grossen Kern und sich dunkel färbendem
Kernkörperchen ; in der Tuba sind sie 0,055 mm lang und 0,032 mm
breit, in reifem Zustande aber 0,060 mm lang und 0,044—0,036 mm
breit; der zu ihrem Wachsthum erforderliche Stoff wird wohl von
den geschilderten, grossen spindelförmigen Epithelzellen der Tuben
geliefert, die in der Längsaxe des Rohres liegen und durch regel-
mässige Zwischenräume von einander getrennt werden.
Die Bedeutung der Richtungskörper chen ist vielfach be-
sprochen worden; nach Weissmann enthält jede Zelle somatisches
und Kernplasma, welches letztere wieder aus Keimplasma und histo-
genem Plasma zusammengesetzt ist. Nun besteht nach Weissmann
das erste Richtungskörperchen aus histogenem Kernplasma, das
zweite aber aus Ahnen-Keimplasma, das unverändert von den Eltern
auf die Kinder vererbt und in derselben Minne ausgeschieden wird,
wie männliches Kernplasma durch das Samenkörperchen hinzu kommt.
Diese künstliche Theorie scheint mir besondere an dem Fehler
zu leiden, dass sie die Vererbung von Seiten der Mutter auf eine
gänzlich andere Weise vor sieh gehen iässl als die von Seiten des
Vaters, da vom Kern des Samenkörperchens nichts ausgeschieden
wird; eine solche principielle Ungleichheit im Modus der Vererbung
von Mutter und Vater ist aber doch kaum anzunehmen. Ein andere
Erklärung der Ausscheidung der Richtungskörperchen scheint mir
einfacher und richtiger.
Die Ursamenzelle enthält hei Ascaris megalocephala bivalens
8 Chromasomen und aus ihr entstehen 4 unter sich gleiche Samen-
körperchen mit je 2 Chromasomen; die der Ursamenzelle völlig
homologe Ureizelle zeigt ebenfalls 8 Chromasomen, aus jeder Eizelle
aber entsteht nur ein Ei; ein Ei würde also viermal so viel
Chromatin enthalten als ein Samenkörperchen, und da der männliche
und weibliche Kern, auch Pronucleus genannt, gleichwertig sein
sollen, wird im ersten Richtungskörperchen ein Abortiv-Ei mit 4
und im zweiten ein zweites mit 2 Chromasomen ausgestossen, worauf
der weibliche Kern dem männlichen gleichwerthig geworden ist.
Drei Viertel des Chromatins werden aus dem Ei ausgeschieden und
dieses wird nicht zweimal seiner ganzen Masse nach wie das Samen-
körperchen getheilt, weil das Ei zum Aufbau des Embryo einer
grossen Dottermasse bedarf.
300 Dr. von Linstow.
Aehnliche Arten.
Eine Reihe von Filarien ist bekannt, welche mit der be-
schriebenen Art das gemeinsame haben, dass das Kopfende mit
einem Dreizack bewaffnet ist; alle sind in Vögeln gefunden.
Filaria obtusa Rud. wird von Duj ardin1) gekennzeichnet,
die in Hirundo rustica, urbica und riparia lebt; die Spicula sind
verschieden breit, denn das längere von 0,90 mm ist 0,015 mm; das
kürzere von 0,60 mm Grösse ist 0,035 mm breit; das Männchen ist
38 — 40, das Weibchen 67 mm lang, die Breite beträgt 0,5 mm; ein
anderer wichtiger Unterschied ist der, dass die 3 hinteren Enden
des Dreizacks bogenförmig in die entsprechenden der anderen Seite
übergehen, also nicht frei enden.
Filaria pungens lebt nach Schneider2) in Turdus cyaneus;
hier findet man 6 Mundpapillen, das Vorderende des Dreizacks,
dessen Hinteräste gerade sind, ragt wie bei F. tricuspis zahnartig
nach aussen; das männliche Schwanzende zeigt 4 prä- und 3 oder
4 postanale Papillen, die Vulva liegt 1,5 mm vom Kopfende, das
Männchen ist 32, das Weibchen 78 mm lang.
Filaria ecaudata Oerley3) wurde in Lamprotornis aeneus
gefunden; auch hier stehen am Kopfende vor dem Dreizack
6 Papillen, ein Anus ist vorhanden, der Oesophagus nimmt 1/20, das
Schwanzende Viooo der Gesammtlänge ein, die Spicula des Männchens
sind ungleich, hier stehen jederseits 5 post- und keine präanale
Papillen; die Vulva steht 0,1 mm vom Kopfende, das Männchen hat
eine Länge von 35, das Weibchen von 80 mm, letzteres ist 3 mm
breit.
Eine nicht benannte Filarie erwähnt Parona4) die er in der
Niere von Buceros nasutus in Sudan fand; es war nur ein 36 mm
langes und 1 mm breites Weibchen vorhanden; die Hinterenden des
Dreizacks waren wie bei der von Dujardin beschriebenen Art bogen-
förmig mit denen der anderen Seite verbunden.
Filaria flabellata beschrieb ich5) unter den auf der Challenger-
Expedition gefundenen Helminthen; die Art lebt unter der Haut und
in der Leibeshöhle von Paradisea apoda; der Oesophagus nimmt
Vi 1,4 der Gesammtlänge ein, die Breite beträgt 1,08 mm; der Drei-
zack ist 0,21 mm lang; das Männchen hat eine Länge von 13 — 16 mm;
der Schwanz misst V189 der ganzen Grösse, die gleichbreiten Cirren
sind 0,72 und 0,86 mm lang, jederseits stehen 4 präanale Papillen;
das Weibchen ist 29 — 91 mm lang, der Schwanz hat eine Länge von
') 1. c pag. 53-54, pl. 3 Fig. J.l-2.
2) 1. c. pag. 92-93, tab. VI Fig. 2.
3) 1. c.
4) 1. c.
*) 1. c.
Ueber Filaria tricuspis nnd die Blutfilarien der Krähen. 301
V1231 der ganzen Ausdehnung, denn ein Anus ist vorhanden, die
Vulva steht 0,6 mm vom Kopfende, die Eier sind 0,049 mm lang und
0,031 mm breit.
Die Blutfilarien.
Ueber die Art und Weise, wie die Embryonalform in das Blut
gelangt, habe ich nur Vermuthungen ; Herbst1) beobachtete die
Embryonen enthaltenden Eier im Zellgewebe unter dem Peritoneum,
an der Darmoberfläche und zwischen den Platten des Mensenterium,
im Darmschleim, im Herzblut, in der Leber, stellenweise in für das
blosse Auge sichtbaren Comglomeraten ; es wäre nun wohl denkbar,
dass diese das Peritoneum reizten, dass letzteres ein Secret ab-
sonderte, das die dünnen Eischalen auflöste und die so frei ge-
wordenen Embryonen sich in die Blutgefässe einbohrten.
Die Blutfilarien der Krähen sind vielfach beobachtet; Gros2)
giebt an, sie in Russland häufig im Blute von Krähen, Saatkrähen,
Elstern nnd Dohlen gefunden zu haben: sie sind etwas schmaler
als der kleine Durchmesser der Blutkörperchen der Krähen und
0,1 — 0,13 mm lang; man findet sie überall im Blute und vermisst
sie nur bei ganz jungen Vögeln; sie lebten noch 24 Stunden nach
dem Tode der Krähen; ihre Abstammung ist dem Verf. unbekannt.
Ecker3) findet Blutfilarien in Corvus frugilegus, die 0,100 mm
lang und 0,003 — 0,006 mm lang sind und innere Organe nicht er-
kennen lassen; ihre Bewegungen sind sehr lebhaft; die erwachsenen,
geschlechtsreifen Filarien nennt er Filaria attenuata, eine Bestimmung,
die von nun an alle späteren Forscher wiederholen; sie sind 54 — 81 mm
lang, liegen zwischen den Darmwindungen und die Eier der Weibchen
messen 0,04 mm.
Herbst4) beobachtete Blutfilarien in Corvus cornix, C. corone,
C. cornix, C. monedula und Garrulus glandarius, die 0,117 mm lang
und 0,0067 mm breit sind; in der Bauchhöhle fand er 54 — 95 mm
lange Stücke einer Filarie, die er Filaria attenuata nennt; das
Männchen besitzt 2 Spicula und das Weibchen zeigt Eier, die den
frei und im Blute gefundenen gleichen.
Bor eil5) hält die Blutfilarien der Krähen für Trichinen, eine
Meinung, die Virchow bestreitet; er giebt eine gute Abbildung von
ihnen; sie sind 0,130 mm lang und 0,004 mm breit und zeigen keine
inneren Organe; ausser im Blute leben sie auch in der Galle, im
humor aqueus und im corpus vitreum des Auges.
1) 1. c.
2) 1. c.
8) 1. c.
4) 1. c.
B) 1. c.
302 Dr. von Linstow.
Leuckart1) giebt an, dass bei Leipzig 80 Procent aller unter-
suchten Krähen Blutfilarien enthielten und oft in solcher Menge,
dass jeder Blutstropfen sie zeigte; einmal wurden in 1 mg Blut
601 Filarien gefunden, so dass in der gesammten Blutmenge etwa
15 Millionen leben mussten.
Sonsino2) beobachtete die Blutfilarien der Raben in Egypten
und Cobbold3) in den Tropen in Corvus splendens, C. frugilegus,
C. corone, C. corax, C. monedula und Pica caudata.
Nach Cobbold3) leben ferner in den Tropen zwei Arten von
Blutfilarien in Pica media, zwei in Corvus torquatus und drei in
Gracupica nigricollis, in Goura coronata eine, die wohl nicht zu
unserer Art gehören.
Ausführliche Litteraturangabe über die Blutfilarien der Krähen
giebt Blanchard3), bei dem noch als Autoren Follin, Rayer,
C. Robin und Chaussat angeführt werden, welche dieselben in
Corvus frugilegus beobachteten, während nach Bor eil auch Jakin off
sie in Corvus cornix fand.
Meinen Beobachtungen nach sind die Blutfilarien, die ich
48 Stunden nach dem Tode der Krähen noch lebend fand, 0,143
bis 0,153 mm lang und 0,0052 mm breit; innere Organe sind nicht
zu erkennen (Fig. 12.); das Vorende ist abgestumpft, das Schwanz-
ende verjüngt. Die Blutkörperchen der Krähe sind 0,0143 mm lang
und 0,0078 mm breit, die Filarien können also in die feinsten
Capillaren eindringen, da sie schmaler als der kleinere Durchmesser
sind. Ihre Menge ist sehr verschieden, einige Krähen zeigten sie
in jedem Blutstropfen massenhaft, im Blute anderer musste man
sie suchen.
Die Larvenform.
Man kennt die Entwicklung anderer Blutfilarien, so der zu
Filaria immitis gehörigen, die durch Blutsauger, Haematopinus und
Pulex mit dem Blute aufgesogen werden, sich hier zur Larve ent-
wickeln und mit dem Zwischenwirth wieder in das definitive Wohn-
thier, den Hund gelangen; ähnlich ist es mit Filaria Bancrofti des
Menschen, deren Zwischenwirth Culex ist; bei Filaria tricuspis
scheinen' die Verhältnisse anders zu hegen, obgleich es ja auch bei
uns Filarien-Larven in Blutsaugern giebt ; ich erinnere an die von
mir in Stomoxys calcitrans gefundenen.
Ecker4) fand in den Krähen, welche erwachsene und Blut-
filarien beherbergten, zahlreiche Cysten, welche Filarien-Larven von
2,26 mm Länge enthielten; am Kopfende zeigten sich 2 rundliche
') 1. c.
2) 1. c.
8) 1. c.
4) 1. c.
Ueber Filaria tricuspis und die Blutfilarien der Krähen. 303
Vorsprünge, ein Vestibulum, vom Verf. Munddarm genannt, einen
mehr als die halbe Körperlänge einnehmenden, Magendarm genannten
Oesophagus mit chitinisirtem Lumen, das Verf. als Gefässstamni be-
zeichnet und einem sehr viel dünneren Darm, der Afterdarm genannt
wird; die 0,38 — 0,45 mm grossen Cysten fanden sich am Magen,
am Darm, am Gekröse und in den Luftsäcken.
Ebenso beobachtete Herbst1) an der Oberfläche der Gedärme
von Corvus cornix zahlreiche Larven enthaltende Cysten, die er für
Trichinen hält oder umgekehrt Trichina spiralis für junge Filarien
erklärt. Auch hier wurden also geschlechtsreife Filarien, encystirte
Larven und freie Blutfilarien in derselben Krähe gefunden, und zwar
in Corvus corone, Corvus monedula und Pica caudata; Die sing
meint, es handele sich hier nicht um Trichina spiralis, sondern um
eine andere Art, die er Trichina affinis nennt.
Eine Uebertragung der Filarien würde, wenn diese Beobachtungen
richtig sind, in der Weise zu Stande kommen, das Krähen von den
Eingeweiden solcher todten Krähen frässen, welche die encystirten
Larven beherbergen.
Litterat« r.
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Ueber Filaria tricuspis und die Blutfilarien der Krähen. 305
Erklärung der Abbildungen auf Tafel XI.
b. Bohrapparat am Kopfe; d. Darm; s. Seitenfeld und Seitenwulst;
m. Muskulatur; e. Epithel; g. Gefäss.
Fig. 1 — 25. Filaria tricuspis.
1. Kopfende von der Rückenline.
2. von der Seite.
3. von der Scheitelfläche, Quetschpräparat.
4. Schnitt durch den oberen Theil des Oesophagus, b. Wurzeln des Bohr-
apparates, m. Mundöffnung,
5. Schnitt durch den Oesophagus, den Nervenring n und den Stützapparat 1
6. Schnitt durch den hinteren Theil des Oesophagus.
7. Schnitt durch ein Weibchen, drei Tubenschlingen sind getroffen.
8. Epithelzellen der Tubenwand.
9. Schnitt durch den Darm.
10. Schwanzende des Männchens von der Bauchseite.
11. Samenkörperchen.
12. Blutfilarie.
13. Schnitt durch ein Ovarium.
14 — 25. Eientwicklung.
14. unbefruchtetes Ei ; 15. m Samen-, fEikern; 17—24 r* erstes, rU zweites
Richtungskörperchen; 21—24 ect. Ectoderm, ent. Entoderm.
26—27. Pseudalius alatus. 26. Schnitt durch die Leibeswand in der Seiten-
linie; 27. Schnitt durch den Darm.
28—29. Physaloptera praeputialis. 28. Schnitt durch das Weibchen in der
Nähe der Vulva, r. Ring; v. Vagina. 29. Darmepithel.
30. Filaria struinosa, Schnitt durch einen Theil der Leibeswand.
31—37. Filaria anthuris. 31. Schnitt durch den ersten, 32. durch den
zweiten, 33. durch den dritten Abschnitt des Oesophagus; h. Halskrause;
34. Schnitt durch ein Weibchen, u. Uterus; 35. Schnitt durch ein Seitenfeld;
36. Schnitt durch den Darm; 37. Schnitt durch eine Halskrause.
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1891. Bd. I. H. 3. 20
Beobachtungen
an
Landplanarien.
Von
Georg Hermann Lehnert.
In Folgendem sind auszugsweise die Ergebnisse von Beob-
achtungen an Landplanarien zusammengestellt. Die Untersuchungs-
objekte gehörten den beiden Arten Bipalium kewense Moseley und
Geodesmus bilineatus Mecznikow an. Die ersten erhielt ich in zwei
Varietäten durch die gütige Vermittelung der Herren J. C. Hanisch,
Hoflieferant in Leipzig- Anger-Crottendorf, W. Perring, Kgl. Garten-
inspektor in Berlin, Nicholson, Kurator der Kgl. Gärten zu Kew
bei London, und Seeger &Tropp, Hoflieferanten, in London. Die
zweite Art fand ich in den Gewächshäusern meines Bruders in
Stetzsch bei Cossebaude-Dresden auf. Im Ganzen standen mir 12
erwachsene Exemplare von Bipalium kewense und ungefähr 30 von
Geodesmus bilineatus zur Verfügung. Diesem Materiale nach zu
urtheilen müssten meine Untersuchungsergebnisse viel weniger Lücken
aufweisen als sie in Wirklichkeit thun. Allein ich habe weder
das gesamte Untersuchungsmaterial zu gleicher Zeit oder während der
ganzen Dauer meiner Arbeiten besessen, noch immer das nöthige
Material zur richtigen Zeit; auch bedingten äussere Verhältnisse, dass
ich nur das Halbjahr Januar bis Juli 1890 ganz ausschliesslich
diesen Untersuchungen widmen konnte. Den genannten Ursachen
entspringen die grossen Lücken in meinen Ermittelungen und die
ungleiche Ausdehnung, welche die drei Hauptabschnitte meiner Arbeit
erfahren haben. Während ich nämlich Artcharakteristik und Biologie
sowohl von den zwei Varietäten des Bipalium kewense, als auch von
Geodesmus bilineatus bearbeiten konnte, musste ich meine anato-
mischen Untersuchungen auf die beiden Bipalium- Varietäten, und die
Studien über Regenerationserscheinungen gar nur auf eine dieser
Varietäten beschränken.
In meinen Untersuchungen habe ich von zahlreichen Seiten her
grosse Förderung erfahren. Vor allem durch meinen hochgeehrten
Lehrer, Herrn Geheimen Hofrath Professor Dr. Rudolph Leuckart,
Beobachtungen an Landplanarien. 307
welchem ich immer nur einen schwachen Dank werde abstatten
können für das reiche Maass der mir in jeder Beziehimg gewährten
Unterstützung. Ferner habe ich jenen oben genannten Herren
meinen ergebensten Dank zu sagen für die Liebenswürdigkeit, welche
sie mir durch Beschaffung und Uebersendung von lebenden Bipalien
erwiesen haben. Ebenso bin ich Herrn Obergärtner Sonntag in
Leipzig-Anger-Crottendorf, sowie zahlreichen Herren Gärtnern und
Orchideenzüchtern Deutschlands und des Auslandes für werthvolle
Fingerzeige und Mittheilungen zu Dank verpflichtet.
Geschichtlicher Ueberblick.
Die erste Landplanarie, unser heutiger Rhyncho dermis terres-
tris, wurde 1773 durch 0. F. Mueller (32) entdeckt und beschrie-
ben. Sie blieb lange die einzige europäische Form, bis 1865
Geodesmus bilineatus durch Mecznikow (28) aus dem Treibhause
des botanischen Gartens zu Giessen, und 1880 Microplana humicola
durch Vejdovsky (37) aus Dungstätten Böhmens beschrieben wurde.
Die beiden zuletzt genannten Forscher gaben über die von ihnen ge-
fundenen Landplanarien auch anatomische Mittheilungen, und v.Kennel
(21) veröffentlichte 1SNO die Ergebnisse von anatomischen Unter-
suchungen, welche an Geodesmus bilineatus und Rhynchodemus terres-
tris angestellt worden waren. Ueber aussereuropäische Landplana-
rien hatten 1835 Gray (15) und 1842 Cantor (4) berichtet,
aber ein grösseres Interesse für die Thiere wurde erst 1844 durch
Darwin (6) geweckt. In der Folge wurden die Genera Geoplana
u.a. aufgestellt, 1857 durch Stimpson (36) die Gattung Bipalium.
In demselben Jahre wurde auch die erste Mittheilung über Anatomie
und Biologie von Landplanarien gedruckt, diejenige von Mas Schnitze
und Fritz Mueller (34) über brasilianische Geoplanen. Dazu
lieferte Schmarda (33) 1859 einige Ergänzungen. Biologie und
Anatomie von Bipalien schilderten zuerst Alois Humbert und
Ed. Claparede (IG) nach Objekten und Beobachtungen, welche AI.
Humbert 1860 auf Ceylon gesammelt hatte. 1874 legte Mosel ey
(29) zu unserem heutigen Wissen über Bipalien das Fundament,
welches spätere Beobachter wohl in einigen Punkten abändern,
aber im wesentlichen nur ausbauen konnten. Moseley selbst hat
1877 u. 1878 an dieser Arbeit theilgenommen (30, 31), auch Semper
(35) 1880 durch Beibringung biologischer Thatsachen, neuerdings aber
haben namentlich Loman (25, '20) in den Jahren 1887 u. 1890,
Fletcher (13) und Fletcher und Hamilton (14) in den Jahren
1887 — 88 und Dendy (7) L J. 1889 unsere Kenntnisse über
Bipalien und andere aussereuropäische Landplanarien nach Kräften
gefördert.
20*
308 Georg Hermann Lehnert.
Die Species Bipalium kewense ist 1878 von Moseley (31) auf-
gestellt worden. Biologische Notizen brachten Bell (2) 1886 und
Fletcher(13) 1887 — 88; eine vorläufige Mittheilung über Anatomie
und Regenerationsvorgänge gab Bergendal (3) 1887.
B.
Artbeschreibung und Biologie von Bipalium kewense,
Bip. kewense var. viridis und Oeodesnius bilineatus.
I.
Artbeschreibung,
Die Gattungen Bipalium und Geodesmus rechnet man unter die
Familie der Geoplanidae. Eine Charakteristik des Genus Bipalium
findet sich bei Die sing (8), eine solche des Genus Geodesmus ist,
da nur eine einzige Art existirt, immer mit dieser gegeben worden:
Mecznikow (28), v. Kennel (20, 21).
a) Bipalium kewense Moseley.
Die Artcharakteristik wurde aufgestellt von Moseley (31) nach
einem einzigen, dem Tode nahen Thiere, einiges über die Färbung
später hinzugefügt von Fletcher (13). Die von mir gepflegten Thiere
würden zu folgender Artschilderimg berechtigen:
Der langgestreckt wurmförmige, vorn mit einer als Kopf zu
bezeichnenden Fühlplatte versehene Körper erscheint in der Ruhe
oberseits gerundet, unterseits flach, in der Bewegung dagegen fast
drehrund. In der Bewegung ist er hinter dem Kopfe, in der Hals-
gegend, am schmälsten; von dort aus nimmt er allmählig an Dicke
zu, bis er ungefähr in der Mitte das Zwei- bis Zweiundeinhalb-
fache der Halsstärke gewinnt. Ebenso allmählig verjüngt er sich
wieder nach hinten, bis er unter einem dem Halsdurchmesser gleichen
Ausmasse in kurzer, stumpfer Spitze endigt. Der Kopf bildet in der
Bewegung eine quer zur Medianebene gestellte Platte von der Form
eines schön gerundeten Halbmondes, dessen Konvexität nach vorn,
dessen Sicheln nach hinten gerichtet sind. In der Ruhe wird der
Kopf ganz zurückgezogen, der Leib verbreitert und verkürzt. In der
Mittellinie des Bauches verläuft die Kriechsohle als zwei deutlich
abgesetzte, eine Rinne zwischen sich schliessende Leisten, welche an
der hinteren Grenze des (Kopf-) Halbmondes aus dessen Unterfläche
entspringen und bis zum Körperende reichen, dessen Spitze schliess-
lich bildend. In der Rinne der Sohle liegt, im zweiten Längs-
drittel des Leibes, die kleine, rundliche Mundöffnung. Eine Ge-
schlechtsöffhung besassen die untersuchten Tiere nicht.
Die Grundfärbung des Körpers ist oberseits licht ockergelb,
individuell mit grau, braun oder weiss gemischt, unterseits bräunlich,
röthlich oder gelblich weiss, die Sohle rein weiss. Die Oberseite
Beobachtungen an Landplanarien. 309
des Kopfes erscheint gelblich weiss, die Unterseite weiss mit rosen-
rothem Schimmer. Die Grundfärbimg der Kopfoberseite ist zum
grössten Theile verdeckt durch braunviolette Pigmentirung , welche
am konvexen Rande des Halbmondes am schwächsten ist, gegen den
geraden Rand an Intensität zunimmt, aber an diesem Rande einen
ziemlich scharf abgegrenzten, gelblichen Saum freilässt. Dieser
Saum springt in der Mittellinie gegen den Hals im Winkel vor,
gegen zwei dunkelbraun bis violett gefärbte grosse Flecke, welche
der Nackengegend aufliegen, sich in der Mittellinie fast berühren,
um die Halsseiten herumgreifen und, in schwach violetten Farben-
ton übergehend, bis zur Kriechsohle reichen. Der Leib ist gezeichnet
mit sieben Längsstreifen. Drei Paare derselben nehmen von den
Halsflecken ihren Ursprung; die unpaare Rückenlinie aber entspringt
hinter den beiden Halsflecken und verläuft auf der Mitte des Rückens
nach hinten als feine dünne Linie. Nahe der Grenze zwischen
Rücken- und Bauchfläche des Thieres, aber noch der Rückenfläche
angehörend, gehen aus den Halsflecken die beiden Seitenlinien her-
vor und bis zum Hinterende des Thieres. Zwischen Seitenlinie und
Rückenlinie verlaufen, gleichfalls den Halsflecken entspringend, die
beiden Rückenbänder. Endlich begleiten den äusseren Rand der
Sohle, wiederum von den Halsflecken ausgehend und bis zum Leibes-
ende fortgesetzt, die beiden Sohlenstreifen. Wahrend diese fast
durchgehends mattviolette Farbe besitzen, sind die der Oberseite an-
gehörenden Linien und Bänder den Halsflecken zunächst dunkel
braunviolett gefärbt. Sie erfahren aber, je weiter sie nach hinten
ziehen, eine desto grössere Abnahme ihrer Farben-Intensität, bis sie
gegen das Leibesende hin nur noch schwache Färbung aufweisen. Die
Seitenlinien und die Sohlenstreifen sind schmale, bandartige Linien,
deren Breite in ihrer ganzen Erstreckung ungefähr sich gleich bleibt.
Die dünne Rückenlinie aber und die beiden Rückenbänder, welche
fast immer so breit sind als ihre seitlichen Grenzen von der Rücken-
linie und den beiden Seitenlinien entfernt sind, erfahren in der
Rüsselgegend, also vor, über und hinter dem Munde, eine Verbrei-
terung. Dabei verschwimmen ihre, sonst gleich denen der übrigen
Längs- Streifen und -Linien scharfen, seitlichen Grenzen.
Die Körperlänge fand Fletcher in einem Thiere zu 35,36 cm,
in zwei conservirten Exemplaren zu 12 und 9,3 cm. Diese beiden
zeigten die Mundöflhung 4/2, bzw. 3,6 cm hinter dem Kopfe. Ich
habe, um vergleichbare Maasse zu erhalten, meine Thiere immer
gemessen, während sie ungestört auf einer Glasplatte (Fensterglas)
dahinkrochen. Das grösste der von mir gepflegten Exemplare besass
etwa 22 cm Körperlänge, bei einem grössten Körperdurchmesser von
etwa 3 mm und einem Kopf-Quermesser (von Sichelspitze zu Sichel-
spitze gemessen) von 4,5 — 5 mm. Moseley's Exemplar ergab ihm
die Werthe: 2] cm Länge, 3,5 mm Körperbreite und 5 mm Kopf-
breite.
310 Georg Hermann Lehnert.
ß) Bipalium kewense var. viridis.
Die Exemplare, welche ich aus dem Orchideenhause des Herrn
Hanisch, aus dem Orchideenhause des Berliner botanischen Gartens
und den Häusern der Herren Seeger u. Tropp erhielt, stimmen
mit dem typischen Bipalium kewense überein bis auf die Färbung.
Der Grundton der Körperfärbung ist oberseits ölgrün, graugrün,
schiefer- oder olivengrün, individuell heller oder dunkler, immer aber
gebrochen grün, unterseits grau mit Beimischung von hell lehmgelb,
oder weissgrau mit Beimischung von violett oder grün. Die Sohle
röthlich weiss bis weisslich lila, der Kopf oberseits hell graugrün
bis dunkel ockergelb, unterseits hell lehmgelb bis weisslich lila. Die
Zeichnung des Kopfes und des Leibes ist genau so angeordnet wie
die von Bipalium kewense typ., nur ist jeweils die Farbe tiefer, braun-
schwarz-violett. Demgemäss gewinnen die Halsflecken auf der Bauch-
seite dunkel grauvioletten Ton, die Bänder und Linien des Rückens
beginnen tief braunschwarzviolett, verblassen nach hinten zu unter
Eindringen von braunen und grünen Tönen und werden zumeist im
hinteren Leibestheile dunkel ölgrün. Die Sohlenstreifen sind grau-
violett oder mattviolett. Wie die Rückenzeichnung des typischen
Bipalium kewense individuelle Verschiedenheiten in der Abschwächung
der Farben -Intensität mit dem Verlaufe der Bänder und Linien
nach hinten erkennen lässt, so auch die Zeichnung der grünen
Varietät.
Länge der Thiere (während des Kriechens auf der Glasplatte)
8 — 25 cm, hierbei grösste Körperbreite 2 — 6 mm. Z. B. Länge des
Thieres 8,5 cm, Kopf 2 mm Längs-, 3 mm Quer-Durchmesser (von
Sichel zu Sichel), Halsbreite 1 mm, Breite der Leibesmitte 2 mm;
oder: Länge des Thieres 13,5 cm, Kopf 3 — 3,5 mm lang, 5 mm
breit, Hals 2 mm, Leibesmitte 3 mm Querdurchmesser.
Ich bezeichne das soeben geschilderte Bipalium als grüne Varietät
des Bipalium kewense und führe in der Folge der Kürze halber als
Bip. kew. das typische Bipalium kewense, als Bip. vir. das Bipalium
kewense var. viridis an. Das letztere als besondere Art, etwa als
Bipalium viride, aufzustellen bezwecke ich nicht.
y) Geodesmus bilineatus Mecznikow.
Die erste Art-Charakteristik gab Mecznikow (28), sie wurde
erweitert durch Mittheilungen v. Kennel's (20,21). Nach den von
mir gepflegten Thieren hätte ich so zu schildern:
Der Körper zerfällt in Kopf und Leib ; davon nimmt, jenachdem
er vorgestreckt wird, der Kopf ein Fünftel bis ein Zehntel der ganzen
Körperlänge in Anspruch. Der Leib eines sich bewegenden Thieres
ist fast drehrund, bis auf die vorderen und hinteren Partien von
annähernd gleichem Durchmesser. Das vordere Drittel des Leibes ver-
jüngt sich nach vorn und bildet schiesslich mit seichter Einkerbung
den kurzen Hals. An diesen setzt sich, mit geringer Verbreiterung
beginnend, der lange, ganz allmählich in eine feine, abgerundete
Spitze auslaufende Kopf an. Er bildet zumeist eine nach unten sich
Beobachtungen an Landplanarien. 311
öffnende, seichte Rinne. In seinem zweiten Fünftel (von vorn aus
gerechnet) trägt er die beiden grossen Augen. Unterhalb des Halses
erhebt sich aus der Bauchfläche als schmale Leiste die Sohle, welche
in der Mittel-Linie des Bauches nach hinten zu gehend ungefähr bis
zum zweiten Leibesdrittel gleich schmal bleibt, dann aber mit ab-
nehmender Höhe und zunehmender Breite in die Bauchfläche selbst
übergeht, sodass im letzten Leibesdrittel fast die ganze Bauchfläche
als Sohle dient. Die hintere Leibesendigung ist ein stumpfer Kegel.
In der Ruhe wird der Kopf ganz zurückgezogen, sodass er, die Augen
kaum erkennbar, als kleiner, dicker Fortsatz dem Leibe aufsitzt,
dessen Hals nicht wahrzunehmen, und dessen Sohlenleiste erniedrigt ist.
Die Grundfarbe des Körpers ist ein trübes Weiss, je nach dem
Einzelwesen mit Beimischung von grau, aschgrau, graubraun, roth-
braun u. s. w. Auf diesem weisslichen Grunde bilden tief sepia-
braune Flecken, Adern, Spritzer und Züge eine feine Marmorirung,
im vordersten Theile des Kopfes so dicht, dass dort die weisse
Grundfärbimg völlig verdeckt, eine graubraune bis röthlichbraune
Färbung erzielt wird. Von dieser dunklen Kopfspitze gehen zwei
Bänder aus, welche bereits in der Augengegend erkennbar sind, in
der Mitte des Leibes ihre grösste Breite erlangen und, nur wenig
sich wieder verschmälernd, bis zum Leibesende ziehen. Die Streifen
liegen symmetrisch zur Rückenmittellinie, von einander etwa so weit
entfernt als sie selbst breit sind. Gebildet werden diese Streifen aus
lauter rundlichen Flecken, deren Durchmesser dem Durchmesser des
Streifens gleichkommt. Die Flecken sind unter sich und gegen ihre
Umgebung verschwommen abgegrenzt. In der Mitte des Leibes, über
der Mundöffnung, legt sich quer zu den beiden Längsstreifen eine
Binde, welche auf dem Rücken etwa halb so breit wie der Leib
erscheint (die Dimensionen wechseln sehr) und tief braun gefärbt ist,
nach den Seiten aber schmaler und farbenschwächer wird und
schliesslich auf der Bauchfläche als dünne, matte Querbinde bis zu
der Mundöffnung zieht. Die Farbe der Rückenbänder und der Quer-
binde ist braun, sehr verschieden nuancirt. Auf der Unterseite des
Thieres nehmen sechs Fleckenpaare von der Halsgegend bis zur
Geschlechtsöffhung die Bauchmittellinie zwischen sich. Auch die
Farbe der Flecken ist braun; sie scheinen nicht in allen Individuen
vollzählig vorhanden zu sein. LTeberhaupt ist, wie die Grundfärbung
und die Färbung der Zeichnungselemente, so auch die Zeichnung
selbst nicht für alle erwachsenen Geodesmen dieselbe.
Die jungen Thiere besitzen graulich weisse bis aschgraue Grund-
färbung, die Kopfspitze ist dunkel aschgrau bis braun, längs der
ganzen Firstlinie des Rückens zieht sich ein allmählich nach den
Seiten verschwimmender dunklerer Farbenton hin, bald mehr braun,
bald mehr schwarz. In der Mitte des Leibes ist als einziges scharf
zu umgrenzendes Zeichnungselement die dunkelbraune Querbinde
vorhanden.
312 Georg Hermann Lehnert.
Die erwachsenen Thiere erreichen in sehr gestrecktem Zustande
(während des Kriechens auf der Glasplatte gemessen) höchstens eine
Länge von 17 — 18 mm bei einer Breite von kaum mehr als 1 mm;
die jüngsten Thiere, welche ich gesehen habe, massen in der Be-
wegung 3 mm längs und 0,2 — 0,25 mm quer.
IL
Beivegimg.
Der erste, welcher über die Bewegung der Bipalien etwas mit-
theilt, ist Humbert (16). Er schildert kurz die Haltung und
Gestaltsveränderung des Kopfes während der Bewegung. Moseley
(29) bestätigt das und fügt hinzu, dass die Bipalien an einem Schleim-
faden sich durch die Luft gleiten lassen können. Semper (35)
erwähnt, dass die Bipalien durch Wimpern sich fortbewegen,
Jeffrey Bell (2) beobachtete, dass die Bipalien einen Schleim-
faden im Kriechen hinter sich lassen, den Kopf während der Be-
wegung vielfältigen Gestaltsveränderungen unterwerfen, ihn in der
Ruhe aber ganz zurückziehen. Bergendal (3) sieht in den langen
Cilien der Sohle das fast ausschliessliche Bewegungsmittel der Thiere,
während Loman (25) von Bipalium javanum sagt, dass das Thier
,, vermittels einer wellenartigen Bewegung der Sohle" krieche. Die
Nachrichten über die Locomotion von Geodesmus bilineatus be-
schränken sich darauf zu sagen, dass das Vordertheil des Körpers
unter Formveränderungen tastend hin- und herbewegt wird:
Mecznikow (28) und v. Kennel (21); letzterer betont die Leb-
haftigkeit der Tastbewegung.
a) Die Bewegung von Bip. kew. und Bip. vir.
Ich habe hier zunächst die Mittel der Bewegung zu kennzeichnen
und dann getrennt zu behandeln die Bewegung auf kontinuirlicher
und auf diskontinuirlicher Unterlage.
Mittel der Bewegung. Die Bewegung stellt sich dar als ein
Kriechen auf der Unterlage, mittels Wellenbewegungen der Sohle,
Flimmerimg der Sohlenwimpern, Schleim -Absonderung und Schlän-
gelung des ganzen Körpers. Die Sohle hinab laufen wenig hohe
Contractionswellen in ziemlich rascher Folge. Sie beginnen vorn oder
weiter rückwärts und hören am Leibesende oder schon vorher auf.
Die Wellen stehen mit ihren Kämmen senkrecht zur Bewegungs-
richtung. Den Sohlenwellen entsprechen schwache Contractions-
wellen, welche den ganzen Körper entlang gehen. Die grossen
Flimmerhaare, mit denen die Sohle besetzt ist, schlagen mit ihren
Spitzen entgegengesetzt der Bewegungsrichtung und bewirken so ein
rascheres Vorwärtsgleiten des Thierkörpers. Unbedingtes Erforderniss
für die Funktion der Sohlenwimpern, wie auch für das Vorwärts-
schieben des Thierkörpers durch die Sohlenwellen ist der Schleim,
welcher vom Thier abgesondert wird. Dieser Schleim verbindet die
Beobachtungen an Landplanarien. 313
Sohle in ihrer vollen Breite mit der Unterlage. Die Schlängelung
des Körpers geschieht in unregelmässig auf einander folgenden
grösseren und kleineren Bogen.
Von den angegebenen Bewegungsmitteln bedürfen zwei, die
Sohlenwimpern und der Schleim, noch einiger Worte. Die beiden
Sohlenleisten sind mit grossen, etwas nach hinten gerichteten Wimpern
dicht besetzt, die Rinne zwischen den Leisten mit halb so grossen
Wimpern. In der Bewegung läuft von der Wurzel jedes Haares
eine Welle nach der Spitze und versetzt so das freie Ende des
Haares in schlagende Schwingungen. Die Wellen folgen sich sehr
rasch auf einander. Die Hauptleistung in der Locomotion des
Thieres wird wohl von den Leistenflimmern gethan. — Jedes Thier
lässt hinter sich einen Schleimstreifen, welcher der Sohlenbreite
entspricht. Der Streifen beginnt dort, wo in kürzerer oder weiterer
Entfernung vom Kopfe die Sohle der Unterlage aufliegt. Die Schleim-
absonderung hat auf der ganzen Körperoberfläche, namentlich aber
auf der Sohle statt. In dem zähflüssigen Schleime bewegen sich die
Cilien — kein Wimperhaar der Sohle befindet sich ausserhalb des
Schleimes.
Bewegung auf kontinuirlicher Unterlage.
Das sich bewegende Thier steht im Allgemeinen nur durch die
Sohle mit der Unterlage in Berührung. Das Vordertheil des Körpers,
etwa V7 bis Vi 2, ist von der Unterlage abgehoben und in wechselndem
Bogen gegen dieselbe gekrümmt, um der halbmondförmigen Fühl-
platte des Kopfes Gelegenheit zu geben, durch Betasten die Um-
gebung zu untersuchen. Das Vordertheil wird in rascher Folge nach
den verschiedensten Richtungen geführt, der Halbmond ist aus-
gebreitet, sein Rand fein rundlich eingekerbt. Dieser Rand allein
tastet, indem ein kleiner Theil desselben für ganz kurze Zeit durch
den vom Thiere abgesonderten Schleim dem zu untersuchenden
Gegenstande angeklebt und gleich darauf wieder abgehoben wird.
Der Halbmond ist nur die Grundform des ausserordentlich be-
weglichen Kopfes. Er vermag mit der grossten Leichtigkeit zu einer
langen Zunge sich zu gestalten, oder seitlich in eine Spitze sich aus-
zurecken, gleich darauf sich umzubiegen, nach oben und unten, oder
die Gestalt einer Pfeilspitze anzunehmen — kurz, er besitzt eine
gewaltige Formveränderlichkeit und gewinnt seine verschiedenen
Gestalten so schnell und leicht, dass es aussieht, als fliesse er aus
einer in die andere hinüber. Die Bewegung des Kopfes erscheint
unabhängig von der des Körpers, und auch die Bewegungen des von
der Unterlage emporgehobenen Körpervordertheiles sind in gleichem
Sinne unabhängig. — Soll eine Richtungsänderimg vorgenommen
werden in der übrigens immer eine Vorwärtsbewegung, niemals ein
Rückwärtskriechen des ganzen Körpers darstellenden Locomotion, so
legt sich die vordere Körperpartie, meist schon in der erforderlichen
Weise gekrümmt, der Unterlage auf. Der nachfolgende Körper
314 Georg Hermann Lehnert.
durchläuft dann genau dieselbe Krümmung. — Die Bewegung ist
im Allgemeinen eine stetige, ein gleichmässiges Hingleiten auf der
Unterlage.
Verhältniss der Bewegung zur Unterlage. Die Bewe-
gung der Bipalien wird, solange die Unterlage eine halbwegs feste
und jedenfalls keine flüssige ist, durch die Lage und Beschaffenheit
der Unterlage nicht wesentlich beeinträchtigt. Sowohl horizontale
und geneigte, als auch senkrechte und überhängende Flächen, an
welche die Körper durch den zähen Schleim sich anheftet, werden mit
annähernd gleicher Schnelligkeit passirt. An Unebenheiten der Unterlage
schmiegt sich der Körper an, ohne wesentliche Einbusse in seiner
Bewegungsgeschwindigkeit zu erleiden, und selten wird ein in der
gewollten Bewegungsrichtung liegendes Hinderniss nicht überschritten.
Jedenfalls konnte ich von den natürlichen nur das flüssige Wasser
als absolutes Hinderniss ausfindig machen.
Verhältniss des Körperdurchmessers zur Unterlage
während der Bewegung. Der Körper ist im Allgemeinen in
der Bewegung sehr lang ausgestreckt und fast drehrund. Sind
bedeutende Unebenheiten der Unterlage zu überschreiten, so wird
der Körper über der höchsten Partie der Unebenheiten zur Er-
zeugung einer grossen Haftfläche der Länge nach zusammen-
gezogen und der Quere nach verbreitert, sodass mit dem Passiren
jener Partien eine Längskontraktion und Querverbreiterung
allmählig den ganzen Körper entlang geht. Doch kann ein
Bipalium den Querschnitt seines Körpers in der Bewegung auch
sehr verkleinern, z. B. wenn es sich um das Durchzwängen durch
enge Räume handelt. Dann läuft eben eine Streckung und Ver-
schmälerung allmählig den ganzen Körper entlang.
Um ein einheitliches Maass für die Geschwindigkeit der
Bewegung zu haben, Hess ich die Bipalien auf einer Platte aus
Fensterglas dahinkriechen. In der Regel wurden 6 bis 7 cm Weg
in der Minute zurückgelegt, doch konnten auch 11 cm erreicht
werden.
Für die Bewegung auf diskontinuirlicher Unterlage kommt
in Betracht, ob die Unterbrechung der Unterlage an Maass die Körper-
länge des Thieres übertrifft oder nicht.
Brückenfaden. Ist die Kontinuität der Unterlage auf eine die
Körperlänge nicht erreichende Strecke aufgehoben, so geschieht dem
Vorwärtsgehen des Thieres in der Bewegungsrichtung kein Eintrag.
Dort, wo in der Bewegungsrichtung die alte Unterlage endet, wird
durch Muskelthätigkeit die vordere Körperpartie frei durch die
Luft nach aufwärts, abwärts oder seitwärts gestreckt und durch
Tasten mit dem Kopfe eine neue Unterlage gesucht. Ist diese ge-
funden, so legt sich der hinter dem Kopfe befindliche Theil der
Sohle der neuen Unterlage an und kriecht dort vorwärts. Der
gesamte übrige Körper folgt schnurgerade durch die Luft nach.
Beobachtungen an Landplanarien. 315
und wenn das Leibesende die alte Unterlage verlässt, zieht es genau
in derselben Richtung und Schnelligkeit wie der vorangehende Kör-
per an einem Schleimfaden gleichsam befestigt durch die Luft zur
neuen Unterlage. Es sieht aus, als erzeuge das Leibesende diesen
Faden, allein in Wahrheit ist dieser schon gebildet in dem Augen-
blicke, wo die Sohle mit dem hinter dem Kopfe befindlichen Theile
die neue Unterlage berührt. Dann ist bereits der Faden, wenn auch
noch dünn, von der alten zur neuen Unterlage ausgespannt als ein
Theil jener ununterbrochenen Schleimschicht, welche stets die Sohle
bedeckt. Der Faden wird stärker dadurch, dass der gesamte
Körper nun schleimabsondernd über ihn hinweg kriecht. Die Be-
wegung des Körpers auf einem solchen Brückenfaden erfolgt wahr-
scheinlich nur mit Hilfe der Sohlenwimpern. Der Faden erstarrt,
nachdem der Körper ihn passirt hat, und bleibt meist noch tagelang
ausgespannt. Aber eine Wiederbenutzung hat nicht statt, höchstens
dient er, wenn der Zufall es mit sich bringt, als Stützpunkt für
Bewegungen in anderer Richtuug.
Gleitfaden. Den Kriechfaden, welchen das Tier in der Bewegung
auf kontinuirlicher Unterlage bildet, halte ich in nichts verschieden von
dem oben beschriebenen Brückenfaden, oder von dem Gleitfaden.
Gleitfaden nenne ich den Schlcimstreifen, an welchem ein Bipalium
von einer Unterlage durch die Luft zu einer tiefer gelegenen sich
herablässt. Dies geschieht dann, wenn die neue Unterlage von der
über ihr befindlichen alten Unterlage weiter entfernt ist, als die
Körperlänge des sich bewegenden Thieres beträgt. Die zahlreichen
Versuche ergaben im Wesentlichen folgendes:
Das Thier kriecht mit dem Vordertheile seines Körpers nahe
dem Rande der alten Unterlage hin, hebt sodann diesen vorderen
Theil ein wenig von der Unterlage ab, so, dass er noch durch Schleim
mit der Unterlage in Verbindung steht, biegt ihn in ungefähr
rechtem Winkel nach dem Rande der Unterlage und gleitet über
diesen hinweg. Die Summe dieser Vornahmen führt zur Bildung
eines Schleimspiegels, welcher annähernd die Gestalt eines recht-
winkligen Dreiecks besitzt; die eine Kathete liegt der Unterlage an
und auf, die andere Kathete, über den Rand der Unterlage hinweg-
gehend, der Sohle des hinabgleitenden vorderen Körpertheils. Die
Verlängerung dieser Kathete bildet den Gleitfaden.
Das vordere Körpertheil, auf diese Weise mit dem Schleim-
spiegel verbunden, streckt sich, nachdem es den Rand der Unterlage
verlassen, nach unten, der Halbmond breitet sich aus, die vordere
Körperpartie wird im Bogen gehoben und das ganze frei hängende
Körpertheil beginnt, hin und her sich drehend zu schwingen um seine
eigene Längsachse. Währenddessen kriecht nach und nach der
gesammte Körper von der alten Unterlage hinweg über deren Rand,
am Schleimspiegel hin und hinab an der einen Kathete; schliesslich
verlässt auch das Leibesende die alte Unterlage, zieht scheinbar
hinter sich den Schleimfaden aus, welcher durch den Schleimspiegel
316 Georg Hermann Lehnert.
der alten Unterlage angeheftet ist. Das Thier hängt frei am Faden
in der Luft. Die drehenden Schwingungen des Körpers um seine
Längsachse dauern inzwischen fort und der Faden wird scheinbar
immer länger ausgezogen, bis er schliesslich eine der Länge des
Thieres ungefähr gleich kommende Ausdehnung erlangt. Hat das
Thier jetzt noch keine neue Unterlage gewonnen, so reisst er ab;
fand das Thier aber vorher eine solche, so hält der Faden aus, das
Thier kriecht, immer am Faden hängend, mit seinem Vordertheile
auf der neuen Unterlage fort. Der gesammte Körper folgt allmählich
nach; endlich berührt auch das Körperende, das inzwischen immer
am Gleitfaden senkrecht herabhing und scheinbar diesen auszog, die
neue Unterlage. Dann reisst gewöhnlich, aber nicht immer, der
Gleitfaden an derselben Stelle, wo das Körperende die neu gewonnene
Unterlage berührte, ab und schnurrt in unregelmässigen, links und
rechts umlaufenden Windungen nach oben zusammen.
Dies das allgemeine Ergebniss der Beobachtungen. Von den
Einzelheiten hier nur Folgendes.
Das Bipalium gleitet in der Lothlinie nach unten und entfernt
nur den vorderen Theil seines Körpers durch eine bogenförmige
Krümmung von dieser Senkrechten. Die Krümmung ist meist eine
sehr flache, ihre Konvexität abwechselnd bald der Bauch- oder
Rückenfläche, bald einer Seitenfläche zufallend. Die Schwingungen,
welcher der freihängende Körpertheil oder später der ganze Körper
ausführt, werden hervorgerufen dadurch, dass das im Bogen ge-
krümmte Vordertheil in verhältnissmässig rascher Folge seitlich und
schief abwärts sich biegt. Diese nutatorischen Schwingungen, deren
Aufhören das Thier veranlassen kann, indem es keine neuen An-
stösse mehr giebt, erreichen oft mehr als 180° Amplitude. Zuweilen
geht der Thierkörper während des Hinablassens Torsionen ein, er
rollt sich korkzieherartig in einem oder mehreren an einander
stossenden Umgängen auf. Diese Zusammendrehungen schreiten,
wenn eine neue Unterlage gewonnen ist, und das Thier auf der-
selben fortkriecht, auf dem Thierkörper allmählich weiter nach
hinten, bis sie schliesslich auf den Faden übertragen werden. Die
Krümmung des Vordertheils, die Schwingungen um die Längsachse
und die Torsionen haben keinen anderen Zweck, als dem Halbmonde
Gelegenheit zu geben, während des Hinabgleitens nach einer neuen
Unterlage zu suchen (die Netzspinnen verfahren ähnlich). — Der
Körper des am Faden nach unten gleitenden Thieres ist genau so
gestaltet als ob das Thier auf einer festen Unterlage sich bewegte,
nur ein wenig kontrahirt erscheint er oft. — Das scheinbare Aus-
ziehen des Fadens erfolgt ziemlich rasch, mit anderen Worten, das
Thier gleitet ziemlich schnell an dem Faden nach unten. Der Faden
selbst ist strukturell nicht verschieden von dem Kriechfaden, nur ein
wenig schmäler und dafür dicker. Die Länge der mit Gleitfaden
durchmessbaren Strecke beträgt — nach meinen Versuchen — das
Doppelte der Leibeslänge des Thieres; der Faden vermag das frei-
Beobachtungen an Landplanarien. 317
hängende Bipalium zu tragen, so lange die Strecke vom Ausgangs-
punkte am Rande der alten Unterlage bis zum Leibesende des frei-
hängenden Thieres die gesammte Länge des Thieres nicht wesentlich
übertrifft. — Ueber die Bildung des Gleitfadens glaube ich diese
Vermuthung äussern zu dürfen: Er wird gebildet durch die Schleim-
Absonderung der Sohle, er erstarrt an der nicht mit der Sohle in
Berührung bleibenden Partie sehr schnell (der Schleim erstarrt über-
haupt sehr rasch an der Luft) und wird dadurch fester. Zugleich
wird er verstärkt durch die Schleim -Absonderung des an ihm hinab-
kriechenden Körpers. Dadurch wird er auch verlängert. Seine Trag-
fähigkeit aber wird vermindert dadurch, dass er in den Partieen,
welche nicht mehr mit dem Thiere in Berührung sind, von allen
Seiten her schnell erstarrt und gerade in diesen Partien die von den
Schwingungen des Thierkörpers herrührenden Drehungen zu erleiden
hat. Die Erstarrung macht ihn brüchig, die Drehungen lockern sein
Gefüge, er zerreisst, u. zw. ist dieser Moment ungefähr dann herbei-
gekommen, wenn das Thier einmal seine ganze Länge am Faden
hinabgeglitten ist. Erreicht das Thier, bevor dieser Moment eintritt,
eine neue Unterlage, so lagert es ja, indem es auf dieser weiter
kriecht, derselben immer mehr seines Gewichtes auf, entlastet also
den Faden. Dieser vermag daher auszuhalten, bis das Thier ganz
die neue Unterlage gewonnen hat. Ich spreche hier von einem Gleit-
faden, weil ich der Meinung bin, dass das Thier an dem Faden mit
Hilfe der Sohlenwimpern hinabgleitet. Im Uebrigen sind die Namen
Brücken- und Gleitfaden nur gewählt, um die Schilderung zu er-
leichtern. Der Sache nach sind die beiden Fäden nichts anderes als
Kriechfäden, genau wie jener Schleimfaden, welchen das Thier in der
Bewegung auf fester kontinuirlicher Unterlage bildet.
Es scheint, als könne ein Bipalium nicht vielmals hinter ein-
ander Gleitfäden von grösserer Ausdehnung bilden. Wenigstens
brachten meine Pfleglinge dann, wenn sie beispielsweise viermal hinter-
einander den Gleitfaden hatten erzeugen müssen, nicht mehr längere
Fäden zustande. Der Faden riss nach kurzer Erstreckung durch.
Ehe dies geschah, pflegten die Bipalien sich stark zusammenzuziehen ;
kontrahirt stürzten sie hinab und krochen weiter. Die Kontraktionen
des ganzen Körpers, die übrigens auch in der Bewegung auf kon-
tinuirlicher Unterlage erfolgen, können recht beträchtliche sein, bis
auf die Hälfte, ja selbst ein Drittel der sonstigen Körperlänge. Der
Querschnitt des Körpers ist dann natürlich entsprechend vergrössert.
Ruhe. In der Ruhe liegen die Thiere zumeist in mehrfachen,
ganz unregelmässigen Windungen und Biegungen zusammengeknäuelt
da, ohne Rücksicht darauf, ob die eine Körperpartie eben, die andere
geneigt, die dritte überhängend gelagert ist, oder eine Windung des
Körpers über die andere hinweggeht. Der Körper ist abgeplattet,
der Kopf zurückgezogen.
318 Georg Hermann Lehnert.
ß) Die Bewegung von Geodesmus bilineatus.
Die Mittel der Bewegung von Geodesmus bilineatus sind:
Contractionswellen der Sohle, Schlängelung des Körpers, Flimmerung
der Sohlenwimpern, Schleim-Absonderung. Die Contractionswellen
der Sohle siud ziemlich gross, ebenso die Schlängelungsbogen des
Körpers. Die Sohlenwimpern scheinen nicht verschieden zu sein von
denen, welche den gesammten Körper bedecken.
Der Körper eines sich bewegenden Thieres hat fast kreis-
förmigen Querschnitt und berührt die Unterlage nur mit jener schon
gekennzeichneten Sohlenfläche. Kopf und Hals werden frei nach
vorn gestreckt, in einem seichten, gegen die Unterlage geöffneten
Bogen. In ziemlich lebhafter Bewegung wird der so gehaltene Kopf
nach rechts und links geführt, wobei das erste Längsdrittel des Leibes
in diese Seitwärtsbewegung mit eintritt. Die vorderste Kopfpartie
tupft dabei fortwährend und in rascher Folge auf die Unterlage und
die auftupfende Kopf stelle klebt sich jedesmal der Unterlage für ganz
kurze Zeit an. Wenn die Umstände es bedingen, wird der Kopf
auch nach oben gestreckt, selbst die ganze vordere Leibeshälfte mit.
Wenn mehr als die vordere Leibeshälfte nach oben gehoben wird,
geschieht dies in Form einer Spirale. Eigenthümlich ist, dass
Geodesmus den vordersten Theil seines Kopfes manchmal ganz nach
dem Rücken klappt und nur noch mit der nachfolgenden Kopfpartie
tastet.
Die Bewegung von Geodesmus ist stetig, erscheint aber zu-
folge der starken Schlängelung und der pendelnden Schwingungen
nicht so. Auch wackelt der Körper in der Bewegung immer von
einer Seite zur andern.
Die Bewegung ist stets nach vorwärts gerichtet, und es gilt
hier wie über die Richtungsänderungen dasselbe wie von Bipalium.
Ebenso über das Verhältniss der Bewegung zur Unterlage,
nur dass Geodesmus auf flüssiger Unterlage sich zu bewegen vermag.
Besondere Beziehungen des Körperausmasses zur Unterlage
habe ich an Geodesmus während der Bewegung nicht erkennen
können. Die Fähigkeit, seinen Körper oder einzelne Partieen des-
selben während der Bewegung zu contrahiren und zu verbreitern,
oder zu strecken und damit zu verschmälern, geht natürlich auch
Geodesmus nicht ab.
Als Mass der Bewegung ergab sich auf der Glasplatte eine Ge-
schwindigkeit von 3— 4 cm in der Minute.
Brücken- und Gleitfaden. Geodesmus benutzt den Kriech-
faden wie Bipalium als Brücken- oder Gleitfaden. Der Gleitfaden
kann auch nicht länger tragfest gebildet werden, als bis auf Leibes-
länge des Thieres. Ueber Spiegelbildung habe ich bei der Kleinheit
des Objectes nichts sicheres feststellen können. Die Haltung von
Geodesmus am Gleitfaden ist ähnlich derjenigen von Bipalium im
Beobachtungen an Landplanarien. 319
gleichen Falle, nur werden keine oder schwache Nidationen aus-
geführt und die Torsionen des Körpers überschreiten nicht 180°.
Mit Hülfe seines Kriechfadens bewegt sich Geodesmus auch auf
dem Wasser. Von einer festen Unterlage weg kriecht er auf den
Wasserspiegel hinaus, mit der alten Unterlage durch den Kriech-
faden verbunden. Dabei pendelt Geodesmus genau so hin und her
wie sonst, schlängelt seinen Körper auch. Der Faden kann meist
auf Leibeslänge nur gebildet werden ; hat dann das Thier keine neue
Unterlage gefunden, so kehrt es, wenn es nicht durch den Wasser-
spiegel durchbricht (es lässt sich kein treffenderer Ausdruck finden),
zur alten Unterlage zurück.
In der Ruhe liegt Geodesmus fast mit der ganzen Bauchfläche
der Unterlage auf. Der Kopf ist zurückgezogen, der Leib seicht ge-
krümmt oder in einem Umgange zusammengerollt. Die Unterlage
kann jede beliebige Stellung im Räume haben.
y) Die Bewegungen von Bip. kew., Bip. vir. und Geod.
bil., verglichen unter sich und mit den Bewegungen ver-
wandter Formen.
Ich habe zur Vergleichung meist nach Dendrocoelum lacteum
Oersted, Planaria polychroa 0. Schmidt und Polycelis tenuis Iijima
herangezogen. Diese Wasserplanarien benutzen dieselben Bewegungs-
mittel wie die Landplanarien, nur führen sie keine Schlängelungen
aus und die gesammte Bauchfläche dient als Sohle. Aber Con-
tractionswellen laufen, was andere Beobachter nicht erwähnen, auch
hier in derselben Weise wie bei den Landplanarien fortdauernd die
Kriechfläche entlang. Die Wasserplanarien stützen ihren breiten,
abgeflachten Körper auf die gesammte Bauchfläche, die Land-
planarien nur auf einen Längsstreifen der Bauchfläche, auf eine
Sohle. Diese Kriechsohle ist durch das Landleben bedingt, gerade
wie auch der walzenförmige Körper, während der breitgedrückte, die
ganze Bauchfläche als Bewegungsmittel benutzende Körper nur für
das Wasserleben sich eignet.
Geodesmus wackelt in der Bewegung von einer Seite zur anderen,
denn bei ihm steht die durch die Sohle repräsentirte Unterstützungs-
fläche des Körpers zum Körperquermesser im Verhältniss von 1 : 5
(0,2 mm : 1 mm). Bipalium schaukelt viel weniger, weil hier das
Verhältniss von Unterstützungsfläche (Sohle) zu Körperquermesser
1 : 3 bis 3,6 beträgt (z. B. 0,7 mm : 2,5 mm). Die zwei Sohlen-
streifen von Bipalium wirken wie die zwei Kufen eines Schlittens;
der gesammte von ihnen eingefasste Raum ist als Unterstützungsfläche
des Körpers zu rechnen.
Stetigkeit und Richtung der Bewegung sind für alle beob-
achteten Land- und Wasserformen in demselben Sinne vorhanden.
Die Stetigkeit eine gleichmässige, die Richtung eine vorwärts führende.
Thatsächliche Rückwärtsbewegungen habe ich nur an Planaria poly-
chroa beobachtet, wenn die Thiere in die zum Begattungsakt erforder-
liche Körperlage gelangen wollten. Diese Bewegungen waren stets
320 Georg Hermann Lehnert.
Spannerbewegungen, wie sie ähnlich auch Dendrocoelum lacteum
ausführt.
Schnelligkeit der Bewegung.
Geodesmus bilineatus . . .
Dendrocoelum lacteum . . .
zuweilen
Bipalium kewense (beide Var.)
zuweilen
Polycelis tenuis 10-
Planaria polychroa ....
zuweilen
Mesostomum tetragonum . .
Geodesmus legt in der Minute das doppelte bis dreifache seiner
Körperlänge zurück, Bipalium kaum seine eigene Körperlänge. Die
Ursachen sind unschwer zu erkennen. Das Verhältniss von Körper-
länge zu Körperbreite beträgt bei Geodesmus 16 : 1, bei Bipalium
46 : 1 im Durchschnitt.
Ein Bipalium von 11 — 12 cm Länge wiegt rund 90 MilHgramm.
Bei 7 cm Schnelligkeit leistet es in der Bewegung pro Minute eine
Arbeit von 0,000 006 3 Meterkilogramm, Geodesmus aber, der
erwachsen 3 Milligramm wiegt, leistet selbst bei 4 cm Schnelligkeit
in der Bewegung pro Minute nur den fünfzigsten Theil der Arbeit
von Bipalium, nämlich 0,000 000 12 Meterkilogramm.
Kriech-, Brücken- und Gleitfaden. Die Wasserplanarien
bilden wie die Landformen ihren Kriech-, Brücken- und Gleitfaden.
Aber Dendrocoelum lacteum thut dies sehr selten und Planaria
polychroa nicht regelmässig, während Polycelis tenuis immer Fäden
zieht und in allen einschlagenden Fällen sich des Brücken- und Gleit-
fadens bedient. Benutzung und Bildung des Brückenfadens sind die
gleichen wie bei den Landformen. Der Gleitfaden aber ist länger
und haltbarer. Es kann dies nicht Wunder nehmen, wenn man
bedenkt, wie der flache Körper der Polycelis vom Wasser getragen
wird. Daher kann Polycelis ihren Gleitfaden nicht nur auf ein Viel-
faches ihrer Körperlänge ausbilden, sondern an demselben auch wieder
emporklettern.
Der Gleitfaden von Bipalium hat elipsenförmigen, der von Geo-
desmus und Polycelis kreisförmigen Querschnitt. Der Gleitfaden von
Bipalium trägt auf 1 qmm Querschnittsfläche rund 2000 g x), der von
') Beispiel: Bipalium, Gewicht 0,28 g. Gleitfaden 0,0186 mm breit,
0,0077 mm dick, also Quersctmittsfläche 0,000 141 61 qmm.
0,000 141 61 qmm : 0,28 g sind gleich
141 61 qmm : 28 000 000 g oder
lqmm : 1977,2 g.
Beobachtungen an Landplanarien. 321
Geodesmus rund 150 g1), der von Polycelis (in Luft) rund 80 g2).
In Wirklichkeit hat der Faden von Polycelis noch viel weniger zu
tragen, da er ja in Wasser benutzt wird und das specifische Gewicht
von Polycelis dem von Planaria polychroa, das ich auf 0,97 bis 0,98
bestimmte, nahe oder gleichkommen dürfte.
Um die gefundenen Belastungswerthe weiter vergleichen zu
können, habe ich noch folgende Berechnungen angestellt:
Es ist bekannt, dass Limax agrestis sich an einem Schleimfaden
von einem höher zu einem tiefer gelegenen Punkte herablassen
kann3). Ein solcher Schleimfaden von Limax hat rund 1000 g auf
1 qmm Querschnittsfläche zu tragen.
Die Belastung, welche der Spinnfaden einer Clubiona holosterina
in seiner Verfertigerin zu tragen hatte, betrug 21 200 g pro qmm
Querschnittsfläche.
Die Grenze der Tragfähigkeit für den Faden einer Seidenraupe
(genommen von den schwächsten, eine Cocongruppe umhüllenden
Gespinnsten) wurde erreicht bei einer Belastung von 230 g für den
qmm Querschnittsfläche.
Stelle ich alle die berechneten Werthe zusammen mit einigen
technischen Werthen, wie sie für die Festigkeitsgrenzen von Metallen 4)
bekannt sind, so erhalte ich folgendes:
Der Gleitfaden von Geodesmus trägt eine Belastung von 150 g
für 1 qmm Querschnitt. Dieselbe Belastung würde der Spinnfaden
einer Seidenraupe tragen können, während dieser Spinnfaden weit
zurücksteht hinter der Festigkeit eines Limaxfadens. Der Geodesmus-
faden aber übertrifft die Tragfähigkeit des Bleis. Denn dieses erreicht
die Grenze seiner Zugfestigkeit schon bei einer Belastung mit
128 (gegossenes Blei),
135 (gewalztes Blei) g
für 1 qmm Querschnitt.
Der Gleitfaden von Bipalium trägt eine Belastung von 2000 g
für 1 qmm Querschnitt, also das Doppelte der Belastung, welche ein
Limaxfaden, aber nur den zehnten Theil der Belastung, welche ein
Clubionafaden trägt. Dagegen entwickelt der Bipaliumfaden eine
Festigkeit, welche etwa zehn Mal grösser ist als die eines Seiden-
raupenfadens und fast übereinkommt mit der des gewalzten Kupfers.
Denn dieses erreicht die Grenze seiner Zugfestigkeit bei 2100g Be-
») Beispiel: Geodesmus, Gewicht 0,003 66g. Gleitfaden 0,005 48mm dick,
also Querschnittsfläche 0,000 023 56 qmm.
0,000 023 56 qmm : 0,003 66 g = 1 qmm : 155,45 g.
2) Beispiel: Polycelis, Gewicht 0,015 426 6 g. Gleitfaden 0,0154 mm Durch-
messer, also Querschnittsfläche 0,000 186 26 qmm.
0,000 186 26 qmm : 0,015 426 6 g = 1 qmm : 82,84 g.
Sämmtliche Berechnungen mit fünfstelligen Logarithmen.
3) Vergl. Eimer (12) und v. Martens (27).
4) „Absolute" oder ,, Zugfähigkeit" lautet die technische Bezeichnung.
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1891. Bd. I. H. 3. 21
322 Georg Hermann Lehnert.
lastung für 1 qmm Querschnitt. Gewöhnliche Ketten aus weichem
Eisen, mit länglichen Gliedern, haben die gleiche Grenze bei 2400 g
Belastung für 1 qmm Querschnittsfläche.
Der Limaxfaden kommt an Festigkeit dem Gusseisen gleich,
denn dieses findet seine Festigkeitsgrenze bei
1050 g (weisses Gusseisen)
1100 g (graues Gusseisen)
Belastung für 1 qmm Querschnitt.
Der Faden der Clubiona übertrifft an absoluter Festigkeit den
härtesten Gussstahl. Denn dieser erreicht seine Festigkeitsgrenze
bei 14 287 g (härtester Gussstahl, schwarzroth gefärbt, grau ange-
lassen) Belastung für 1 qmm Querschnitt. —
Längere Beobachtungen ergaben, dass die Wasserplanarien mit
Hülfe des Schleimfadens, ihn von einem festen Punkte aus scheinbar
ausziehend, auf der Unterseite des Wasserspiegels dahinkriechen,
ähnlich wie Geodesmus auf der Oberfläche des Wassers sich dahin-
bewegt. Man wolle den Ausdruck „Unterseite des Wasserspiegels"
gestatten. Geodesmus bewegt sich auf dem Wasserspiegel, der
Körper oberhalb des Wassers; die Wasserplanarien kriechen an der
Oberfläche des Wassers dahin, den Körper im Wasser.
Die specifischen Gewichte fand ich für
Bipalium kewense in beiden Varietäten zu 0,987
Geodesmus bilineatus „ 0,822 . . .
Planaria polychroa „ 0,97 — 0,98.
In wie weit diese specifischen Gewichte für das obenstehend
Mitgetheilte in Geltung zu treten haben, ergiebt sich leicht; auf
andere Bedeutungen hinzuweisen liegt ausser dem Rahmen meiner
Aufgabe.
III.
Nahrung und Nahrung satifnahme.
Ueber die Ernährung der beobachteten Landplanarien ist bis-
lang nicht viel bekannt geworden. Wie und wovon Geodesmus sich
nähre, hat keiner der früheren Beobachter angegeben, und über die
Bipalien hat auch nur Loman (25) mitgetheilt, dass die auf den
grossen Sunda-Inseln lebenden Thiere sich von kleinen Gastropoden
ernähren, indem sie diese mit ihrem Rüssel umhüllen und vermuth-
lich aussaugen.
Ich habe durch Versuche, welche über ein Vierteljahr sich er-
strecken, erst erkunden müssen, dass meine Bipalien am liebsten
von Regenwürmern sich nähren. Seltener werden Schnecken an-
genommen, und dann jedenfalls nur Nacktschnecken. Schnittstücke
von Regenwürmern werden ebenso gern genommen als kleinere und
mittelgrosse ganze Würmer. Nothw endig aber ist immer, dass das
Nahrungsthier lebend ist. Das Bipalium betastet sehr regsam ein
solches Thier, sucht von hinten auf dasselbe hinauf und nun, auf
Beobachtungen an Landplanarien. 323
ihm vorwärts kriechend, über das Vorderende hinaus zu gelangen.
Das Nahrungsthier bewegt sich natürlich sehr lebhaft, bäumt auf,
schnellt sich hin und her, krümmt sich, aber das Bipalium heftet
seinen Körper ganz breit dem des Nahrungsthieres auf, legt sich mit
den Körpertheilen , welche nicht das Nahrungsthier berühren, der
benachbarten Unterlage fest an und sucht auch meist um das
Vorderende des Nahrungsthieres seinen Leib zu schlingen. Wenn
das Thier zu gross, dann legt das Bipalium wenigstens seinen Körper
U-förmig dem des Nahrungsthieres auf. Ob das Nahrungsthier in-
zwischen davonkriecht, hat keine Bedeutung; das Bipalium wird dann
eben in einzelnen seiner Körperpartieen, mit welchen es der Unter-
lage angeheftet ist, stark gedehnt und lässt sich schliesslich von
dem fortkriechenden Nahrungsthiere mit nachziehen, gegebenen
Falls von einem Regenwürme in Erdlöcher hinein u. s. w. Vor
allen Dingen ist das Bipalium bemüht, nachdem es einmal seinen
Körper dem Nahrungsthiere aufgelagert hat, dort breit aufliegend
sich langsam vorwärts zu schieben, bis es schliesslich die ganze
Rüsselgegend seines Körpers auf das Nahrungsthier gebracht hat.
Dann wölbt sich dieser Theil des Bipaliumleibes hoch empor, auf
dem Sattel der Erhöhung erscheint eine Vertiefung, welche rasch
nach unten sich senkt, während vor und hinter der Vertiefung
jederseits zwei Buckeln sichtbar werden. In diesem Augenblicke,
und indem der Bipaliumkörper in der Rüsselgegend ausserordentlich
flach und breit wird, erscheint der Rüssel rechts und links des
Bipaliumkörpers auf dem Nahrungsthiere je als ein kleiner, weisser,
halbmondförmiger Fleck, der rasch grösser wird, sich ausbreitet auf
dem Nahrungsthiere, in seinen Rändern sich in raschem Wechsel
ein- und ausbuchtet. Immer mehr Pharynxfläche überzieht den
Körper des Nahrungsthieres, schliesslich erscheint der Pharynx nur
noch als eine dünne, den Körper des Nahrungsthieres umspannende
Haut. Keine Bewegung des Nahrungsthieres vermag den Rüssel zu
entfernen, er rückt, trotz jedem Ringen und Krümmen des gepackten
Thieres, unaufhaltsam vorwärts, auch dann, wenn er zwischen Moos
und Erde und Steinen, oder unter den Körperwindungen des an-
greifenden Bipaliums selbst sich vorwärtsschieben muss. Bald ist
der Rüssel ganz ausgestülpt und um das Thier herumgelegt, die
weisslichen Pharynxränder rücken auf einander zu und schliesslich
steckt das ganze gepackte Thier oder doch ein grösserer Theil des-
selben vollständig in einem Sacke, welcher von dem Rüssel des
Bipaliums gebildet wird. Innerhalb 7 — 15 Minuten, manchmal schon
nach 3 — 6 Minuten, hat der Pharynx das Nahrungsthier umschlossen,
dasselbe Nahrungsthier, dessen Grösse Vio °is Vg von der des An-
greifers beträgt. Dann hält der Rüssel das Thier 1 — 5 Stunden lang
fest. Die Beweglichkeit des Nahrungsthieres hört, wenn es ganz
umschlossen wurde, bald auf, im anderen Falle erhält sie sich in
dem nichtgepackten Theile fast bis zum Ende der Nahrungsaufnahme.
Durch das Sekret, welches der Pharynx absondert, wird der
Körper des Nahrungsthieres gewissermassen Schicht für Schicht von
21*
324 Georg Hermann Lehnert.
aussen nach innen fortschreitend in Brei verwandelt. Der Brei wird
durch die Flimmerhaare der Rüsselwandung, und durch Muskel-
contractionen des Rüssels in den Leib des Bipaliums befördert.
Niemals ist eine Bewegung wahrzunehmen, welche auf ein Saugen
hindeuten könnte; der Körper des Bipaliums wird nur vom Munde
ausgehend nach vorn und hinten zu allmählich etwas dicker und
breiter, je mehr Nahrungsbrei in ihn eintritt. Das Bipalium liegt,
nachdem der Rüssel über dem Nahrungsthiere geschlossen worden
ist, ganz ruhig da; hatte es anfänglich nur einen Theil des Nahrungs-
thieres packen können, so schiebt es späterhin, wenn der gefasste
Theil des Thieres aufgelöst ist, allmählich den Rüssel weiter nach
vorn, so dass schliesslich auch das ganze Nahrungsthier umschlossen
wird. Von sehr grossen Nahrungsthieren bleibt freilich ein Theil
unverzehrt. Nach beendeter Nahrungsaufnahme wird der Rüssel
wieder entfernt vom Nahrungsthiere. Seine Wiedereinbringung in
die Rüsseltasche macht namentlich in den letzten Stadien oft grosse
Schwierigkeiten. Es scheint da die Rüsseltasche noch vom Nahrungs-
brei erfüllt zu sein. Von dem Nahrungsthiere bleibt, mit der schon
genannten Ausnahme, meist nichts als ein formloser kleiner Klumpen
zurück. Solche Reste und ebenso todte, wenn auch intakte Nahrungs-
thiere, geht ein Bipalium niemals an. Nach erfolgter Nahrungs-
aufnahme giebt das Bipalium öfter breiige organische Massen von
sich, in denen immer Reste der Nahrungsthiere nachweisbar sind.
Die Menge der aufgenommenen Nahrung schwankt von einem Zehntel
bis zu einem Viertel vom Gewichte des aufnehmenden Thieres. Eine
reichliche Mahlzeit genügt für 5 bis 7 Tage. Doch können die
Thiere auch drei Monate und länger hungern.
Für Geodesmus habe ich das wirkliche Nahrungsthier nicht
ermitteln können. Jedenfalls legt er sich an Schnittstücken von
Regenwürmern alsbald an, buchtet den Rücken in der Pharynxgegend
ein, bringt den Rüssel aus, aber breitet ihn nicht auf dem Nahrungs-
thiere aus, sondern legt ihn augenscheinlich nur dort an. Die auf-
genommenen Nahrungsmassen schimmern durch den Darm durch
und geben dadurch den Thieren oft ein rothbraunes Aussehen.
Breiige Massen stösst auch Geodesmus nach der Nahrungsaufnahme
aus. An pflanzliche Stoffe geht Geodesmus ebenso wie Bipalium
nie; ich habe meine Pfleglinge nur mit Regenwurmstücken genährt
und sie dabei in guter Verfassung erhalten. Zerschnittene Nackt-
schnecken nehmen meine Geodesmen weniger gern an.
IV.
Weitere Beziehtingen zur Umgebung,
Die beobachteten Planarien haben natürlich neben den Be-
ziehungen zu ihren Nahrungsthieren noch weitere Beziehungen zu
ihrer todten und lebenden Umgebung. Es ist über diese bisher
nicht gerade viel bekannt geworden. Man fand die Bipalien in den
Beobachtungen an Landplanarien. 325
Tropen an warmen, feuchten Orten, in Europa ebenso wie Geodesmus
in Gewächshäusern. Immer erwiesen sich die Thiere als lichtscheu,
wenn auch Geodesmus weniger als Bipalium. Viel umstritten, bald
bejaht, bald verneint sind die Fragen: 1. besitzen die Bipalien ein
Flimmerkleid und benutzen sie dasselbe, um Fremdkörper von ihrem
Leibe zu entfernen? und 2. dienen die fadenförmigen Stäbchen,
welche massenhaft in der Haut von Bipalium stecken, zu Vertheidigungs-
zwecken? Dass Geodesmus ein Flimmerkleid trägt und Stäbchen
ausschiesst, ist bereits von Mecznikow (28) geschildert worden.
Geodesmus und die beobachteten Formen von Bipalium Hessen
mich eine Reihe von Beziehungen zur todten und lebenden Umgebung
erkennen, welche ich nach einem kurzen Blick auf die Sinnesorgane
der Thiere im folgenden nennen werde. Dreierlei Sinnesorgane be-
sitzen die beobachteten Landplanarien, Tast-, Seh- und Riechorgane.
Die Tastorgane finden sich hauptsächlich am Kopfe, obwohl auch der
gesammte übrige Körper ein hochausgebildetes Tastgefühl besitzt.
Die Augen liegen bei Bipalium in grossen Mengen am Kopfe, Halse
und an den Körperseiten, bei Geodesmus vorn am Kopfe in der
Zweizahl. Bipalium wie Geodesmus müssen nach meinen Beob-
achtungen Organe besitzen, welche für chemische Reize empfänglich
sind. Ob dies Geruchs-, oder Geschmacksorgane, oder beides zusammen
sind, muss dahingestellt bleiben. Die betreffenden Organe finde ich
bei Bipalium vorn am Kopfe, in den Sinnesgruben, welche in grosser
Zahl dem Rande des Halbmondes eingefügt sind. Wo das oder die
entsprechenden Organe bei Geodesmus liegen, weiss ich nicht, da
ich das Thier mikroskopisch zu untersuchen nicht die Zeit hatte,
frühere Beobachter aber keine Mittheilung machen. Dass aber
Geodesmus Nahrungsstoffe durch den Geruch wahrnimmt auf Strecken,
die vier- oder fünfmal länger als sein eigener Körper sind, glaube
ich festgestellt zu haben. Bipalium scheint nicht auf so weite Ent-
fernungen wahrnehmen zu können. Im Allgemeinen freilich ist die
Sinnesthätigkeit und Wahrnehmungsfähigkeit der beobachteten Land-
planarien überhaupt keine hohe. Sie bemerken in der Regel Gegen-
stände oder Wesen erst, nachdem sie nahe an dieselben heran-
gekommen sind.
1) Beziehungen zur Luft. Das Luftbedürfniss der Thiere
ist ein sehr geringes; kleine Mengen von Luft genügen für lange
Zeit und auch an die Reinheit der Luft werden nur massige An-
sprüche gestellt. Erschütterungen der Luft sind ohne Bedeutung,
aber andauernd wirksamen Luftströmungen suchen die Thiere aus-
zuweichen.
2) Beziehungen zum Wasser. Das flüssige Wasser fliehen
alle beobachteten Landplanarien. Wahrscheinlich dringt dasselbe
irgendwie in ihren Körper ein, auch scheint es den von den Thieren
abgesonderten Schleim zu lösen und dadurch den Thieren die Be-
wegung zu erschweren. In Dampfform dagegen ist das WTasser den
drei Landplanarien unentbehrlich. Sie können nur in feuchter Um-
326 Georg Hermann Lehnert.
gebung leben, also in Luft von verhältnissmässig hoher Dampf-
spannung. Auch Feuchtigkeit der Unterlage ist nothwendig.
3) Beziehungen zum Licht. Die Thiere fliehen das Licht,
auch das diffuse Tageslicht. Sie suchen ihren Körper immer im
Dunkeln zu bergen, begnügen sich aber unter Umständen schon mit
dem Dunkel, welches der im zerstreuten Tageslichte von einem
Gegenstande geworfene Schatten bietet. Geodesmus ist weniger
lichtscheu als Bipalium, aber gleich diesem bewegten sich die von
mir gepflegten Geodesmen ungestört nur des Nachts. Bipalium
scheint mit seinen Augen die Umrisse von Gegenständen im Lichte
wahrnehmen zu können; für Geodesmus konnte ich nicht so viel
Beobachtungen sammeln als nothwendig wären zur Aufstellung einer
gleichen Behauptung.
4) Beziehungen zur Temperatur. Die von mir beobachteten
Bipalien wurden in Gewächshäusern gefunden, u. zw. in Warmhäusern.
Sie lebten also in einer Temperatur, welche zwischen 15 und 25° C.
ihr Mittel hat, etwa 12° Minimum und ungefähr 30° Maximum er-
reichen kann. Doch ertragen die Bipalien Temperatur-Erniedrigungen
bis nahe an 0°. Geodesmus scheint nach v.Kennel (21) den deutschen
Winter in einem Haufen Haideerde überstanden zu haben. Meine
Geodesmen fanden sich nur in Warmhäusern, deren Durchschnitts-
temperatur 12—19° betrug, Maximum 22 — 27°, Minimum 6 — 10°.
5) Beziehungen zu anorganischen Fremdkörpern. Die
untersuchten Landplanarien wurden auf den verschiedensten Gegen-
ständen der Gewächshäuser gefunden, ohne dass irgend welche Vor-
liebe für den einen oder anderen Gegenstand an sich zu erkennen
gewesen wäre. — Wenn kleinere Fremdkörper auf die Haut der
Landplanarien gelangen, so werden sie durch die Thätigkeit der die
Haut überall bedeckenden Flimmerhaare nach hinten und seitwärts,
seltener auch nach unten bewegt und durch Abstreifen bezw. An-
kleben mittels Schleim an irgend welchen anderen Gegenstand entfernt.
6) Beziehungen zu organischen Körpern. Es ist bereits
gesagt, dass die beobachteten Landplanarien von lebenden Thieren
sich nähren, und für die Bipalien konnte ja auch das Nahrungsthier
selbst ermittelt werden. Alle andern Thiere, und ebenso die pflanz-
lichen Wesen, werden von den Landplanarien gleich Anorganismen be-
handelt. Sie betasten dieselben, ziehen sich wohl auch nach erfolgter
Berührung etwas zurück, aber überkriechen sie doch zuletzt noch, ohne
sich in ihrer Bewegungsrichtung irre machen zu lassen. Vor lebhaft sich
bewegenden Organismen halten sich die Landplanarien entfernt;
gegen Organismen, welche eine Gefährdung mit sich bringen können,
suchen sie sich wahrscheinlich in erster Linie durch die Flucht zu
sichern. Wenn aber dies nicht gelingt und sie angegriffen werden,
dann schiessen sie unfehlbar gegen den Störenfried ihre Stäbchen
los. Freilich sind diese nur wirksam gegen Organismen, deren Körper
Beobachtungen an Landplanarien. 327
nicht durch festere Häute oder Decken geschützt ist. Doch können
die Stäbchen die Schleimhäute eines Thieres, das eine Landplanarie
aufgenommen hat, wohl verwunden.
V.
Vorkommen.
1) Fundpunkte. Die beobachteten Landplanarien sind bis
jetzt nur als Gewächshausthiere oder Gartenflüchtlinge gefunden
worden. Bip. kew. seit 1878 in den Gewächshäusern von Kew, von
wo es, wahrscheinlich mit Orchideen, nach verschiedenen Orten
Englands gelangt ist. In Australien ist Bip. kew. seit 1874 in
Warmhäusern und, diesen entflohen, im Freien gefunden worden.
Bip. vir. trat im Herbste 1886 im Orchideenhause des Berliner Kgl.
Botanischen Gartens auf, seit Herbst 1888 im Orchideenhause des
Herrn Hanisch in Leipzig- Anger-Crottendorf. Geodesmus ist nach
Mecznikow (28) 1865 im Treibhause des Botanischen Gartens zu
Giessen aufgefunden worden, 1876 durch v. Kennel (20,21) in einem
Gewächshause des Würzburger Hofgartens, 1890 durch mich in
Gewächshäusern bei Dresden.
2) Heimath und Wege der Einschleppung. Die wahre
Heimath der Thiere kennen wir nicht, v. Kennel (21) legt die
Vermuthung nahe, dass Geodesmus der deutschen Fauna angehöre
und in Haideboden lebe. Aber das ist bisher noch niemals durch
Auffindung auch nur eines einzigen Thieres in Haideboden ausserhalb
gärtnerischen Kultur bestätigt worden. Ich neige der Ansicht zu,
dass Geodesmus als aussereuropäische Form mit Pflanzen zu uns
gekommen ist, vielleicht aus West- oder Ostindien, und dass er jetzt
mit Gewächshauspflanzen, wahrscheinlich mit den unter den Gärtnern
zahlreich gehandelten Pflanzen des Krnllfarns, Adiantum euneatum,
von Warmhaus zu Warmhaus verschleppt wird.
Die Heimath von Bip. kew. ist vielleicht das westliche Sumatra.
Wenigstens hat Loman (26) aus den von Professor Weber dort
gesammelten Landplanarien eine Form (Bipalium dubiiim) beschrieben,
deren Charakteristik in mehr als einem Punkte sich mit der von
Bip. kew. deckt, wenngleich eine völlige Uebereinstimmung nicht
besteht, ja sogar Widersprüche vorhanden sind.
Woher Bip. vir. stammt, habe ich trotz aller Mühe nicht mit
Sicherheit feststellen können. Nur wahrscheinlich kann ich machen,
dass es vom südasiatischen Festlande zu uns gekommen ist. Es ist
eingeschleppt, und zwar leidet es wenig Zweifel, dass Orchideen-
transporte das Mittel abgegeben. Mit den Orchideen, welche, wie sie
sind, ihrem Standorte vom Sammler entnommen, ungereinigt in die
Kisten verpackt und dem Handlungshause zugesendet, von dort ebenso
ungereinigt den Bestellern übermittelt werden, können die Bipalien
ohne Schwierigkeiten mitgekommen sein.
328 Georg Hermann Lehnert.
VI.
Regeneration und Fortpflanzung.
Regenerationserscheinungen an Wasserplanarien sind längst be-
kannt, und auch für Landplanarien hat Darwin (6) sie an Formen
von Tasmanien und Bergen dal (3) an Bip. vir. beobachtet. Im
Zusammenhange mit der Regeneration steht die ungeschlechtliche
Vermehrung, welche von Bergendal (3) für Bip. vir. mitgetheilt
wurde. Bergendal sah, dass abgeschnürte Stücke neuen Kopf und
Pharynx bildeten, zu neuen Thieren sich regenerirten. Aehnliches
beobachtete Fl et eher (13) an Bip. kew. Für Geodesmus sind bis-
her weder Regenerationserscheinungen noch ungeschlechtliche Ver-
mehrung bekannt geworden. Ueber die geschlechtliche Fortpflanzung
dieser Landplanarie oder der Bipalien fehlt bis heute eine aus-
reichende Nachricht.
Werden Bipalien oder Geodesmen durchschnitten, so regeneriren
sich beide Theilstücke; sie bilden, wenn erforderlich, neuen Kopf und
Pharynx. Aus freien Stücken theilen sich meiner Erfahrung nach
aber nur die Bipalien. Ich habe im ganzen von 7 Exemplaren
23 Abschnürungsstücke erhalten, aber niemals feststellen können, wie
der Abschnürungsprozess verläuft. Aeusserlich deutete zu keiner
Zeit etwas darauf hin, dass ein Thier abschnüren wolle. Mit Aus-
nahme eines Falles wurde immer die hintere Leibespartie in Länge
von 1 — 2, seltener 3 — 4 Centimeter abgelöst, meist des Nachts. Die
abgeschnürten Stücke, welche in demselben Sinne sich bewegen und
verhalten wie die Mutterthiere, zeigen vorn eine kurze, stumpfe
Endigung, welche an der Spitze einen weisslichen Fleck trägt. Jener
Flecken vergrössert sich langsam nach vorn und den Seiten zu,
anfangs als Zapfen, später als senkrecht gegen die Medianebene
gestellte Platte. Innerhalb der ersten 8 — 11 Tage bleibt diese Kopf-
anlage, denn darum handelt es sich hier, weisslich und nur einige
Augen erscheinen auf ihr. Während der nächsten vier bis fünf Tage
zieht sich die Platte seitlich in zwei Zipfel aus, die Grundfärbung
des Körpers tritt auf die Platte über und ebenso in zwei Feldern
Pigment, das scheinbar von den Rückenstreifen und Seitenlinien aus-
geht. Gegen Ende der zweiten oder zu Beginn der dritten Woche
machen am Kopfrande sich seichte Einkerbungen kenntlich, ein An-
zeichen dafür, dass die Sinnesgruben und Tastpapillen angelegt worden
sind. Im Laufe der dritten und vierten Regenerationswoche erhält
der Kopf seine charakteristische Gestalt, Färbung und Ausstattung
mit Augen, auch werden die Einkerbungen seines Randes deutlicher,
was darlegt, dass die Sinnesorgane zur völligen Ausbildung gelangt sind.
Die Entstehung des Rüssels macht sich äusserlich nicht wahr-
nehmbar. Gegen Ende der vierten Regenerationswoche verbreitert
sich die Rückenlinie in der Körperlängsmitte : das ist das einzige
äussere Anzeichen dafür, dass die Regenerationsvorgänge auch in
der Pharyngealregion ihrer Endschaft entgegengehen. Am 30. oder
Beobachtungen an Landplanarien. 329
31. Tage nehmen die Thiere Nahrung an, ihre Regeneration ist
beendet, der Rüssel ausgebildet, der Mund durchgebrochen. Bis zu
dem angegebenen Zeitpunkte verweigern die Regenerationsstücke
jede Nahrungsaufnahme, ihre Lebensprocesse spielen sich also ganz
auf Kosten der ihren Körper aufbauenden Bestandtheile ab. Das
zeigt sich auch äusserlich dadurch, dass die Stücke auf die un-
gefähre Hälfte ihres Volumens zurückgeführt werden. Ausserdem
aber erleiden sie auch noch eine Streckung in der Längsrichtung
und eine Verminderung ihrer Körperquermesser. — In der ersten
Zeit der Regeneration liegen die Thiere Tag und Nacht auf dem-
selben Platze, ein wenig zusammengerollt; wenn die Kopfanlage un-
gefähr Halbmondgestalt gewonnen hat, beginnen die Thiere ein
wenig sich zu bewegen, ausgiebig aber erst in den letzten Tagen
der Regenerationszeit. — Die Regeneration von Stücken, welche
zwar einen Kopf, aber keinen Pharynx besitzen, verläuft in ähn-
licher Weise wie die eben geschilderte, ebenso die von Stücken ohne
Kopf, aber mit Pharynx. Künstliche Theilstücke regeneriren sich
genau so, wie Abschnürungsstücke.
Es scheint, als ob die in europäischen und australischen Ge-
wächshäusern beobachteten Bipalien sich nur durch ungeschlecht-
liche Vermehrung, durch Abschnürungsstücke, fortpflanzten; wenig-
stens ist mir keine entgegengesetzte Mittheilung bekannt geworden.
Auch habe ich unter den von mir gepflegten Stücken niemals ein
Thier gefunden, welches erkennbare Andeutungen von Geschlechts-
organen besessen hätte.
Geodesmus pflanzt sich hingegen, soweit mir bekannt ist, nicht
ungeschlechtlich fort; auch haben meine Versuche, isolirte Thiere zu
solcher Fortpflanzungsweise zu veranlassen, keinen Erfolg gehabt.
Dagegen habe ich mehrfach Geodesmus halbirt, vor und hinter dem
Pharynx, und die Theilstücke sich immer binnen 16 — 18 Tagen zu
neuen Thieren regeneriren sehen. Dabei wm*den Kopf und Pharynx
neu gebildet, und der Körper des Theilstiickes ging ähnliche
Streckungen ein, wie sie für die Abschnürungsstücke der Bipalien
charakteristisch waren.
Dendrocoelum lacteum, Planaria polychroa und Polycelis tenuis
habe ich zur ungeschlechtlichen Vermehrung nicht veranlassen
können. Dass Süsswasserplanarien sich ungeschlechtlich vermehren,
ist seit Draparnaud (9), Dalyell (5), Johnson (18, 19) und
Duges (10, 11) bekannt, und neuerdings durch Beobachtungen von
Zacharias (39) für Planaria subtentaculata, von Zschokke (40) für
Planaria gonocephala und von v. Kenne 1 (22) für Planaria fissipara
belegt worden. In letztgenannter Planarie bildet das Theilstück fast
seine gesammte Organisation aus, ehe die Trennung erfolgt, während
Bipalium seine Theilstücke abschnürt, ehe in denselben irgendwelche
neu zu beschaffende Organe angelegt sind. Zwischen diesen beiden
Extremen scheint, nach den knappen Mittheilungen von Zacharias,
Planaria subtentaculata zu stehen, v. Kennel (22) wendet sich, ge-
330 Georg Hermann Lehnert.
stützt auf die vorläufige Mittheilung Bergendais (3), gegen die An-
schauimg, dass Bipalium wirklich eine ungeschlechtliche Vermehrung
durch Quertheilung darbiete. Es handele sich hier nur um eine
Regeneration verlorener Theile, um eine Regeneration von Körper-
stücken, welche nicht freiwillig, zum Zwecke der Fortpflanzung, ab-
geschnürt worden seien, sondern nur infolge eines äusseren, schädi-
genden Eingriffes. Meine Befunde vermögen diese Ansicht v. Kennel's
nicht genügend zu stützen.
Anatomie von Bipalium kewense und Bipalium kewense
var. viridis.
Die nachfolgenden Untersuchungsergebnisse bieten keine er-
schöpfende Darstellung, sondern nur die Hauptpunkte eines Ent-
wurfes. Die zu Grunde liegenden Erfahrungen wurden gewonnen
durch Beobachtung des lebenden Thieres und Untersuchung von
Schnittserien. Die Thiere wurden hierfür getödtet in einer auf
ca. 50 ° C erwärmten Mischung von 100 Th. kaltgesättigter wässriger
Sublimatlösung, 100 Th. Wasser und 2 Th. Essigsäure, in Alkohol
gehärtet, in Paraffin eingebettet, 0,005 mm stark quer, 0,0075 mm
stark längs geschnitten, in toto gefärbt mit Pikrokarmin oder mit
Pikrokarmin und Haematoxylin, und in Canadabalsam eingeschlossen.
Ueberblick über die Organisation.
Eine einschichtige, einer Basalmembran aufsitzende Epidermis um-
schliesst allseits den ungefähr cylindrischen Körper. In der überall
Cilien, in der Sohlenpartie sogar sehr lange und starke Wimpern
tragenden Haut liegen Stäbchen und Ausführungsgänge von Schleim-
drüsen; unter der Basalmembran ein Hautmuskelsystem. Die Grund-
substanz des Körpers wird gebildet von dem Parenchym. Diesem
sind die übrigen Organe eingelagert, Muskeln, Darm, Wassergefässe
und Nerven; im Parenchym selbst nehmen Stäbchen, Schleimdrüsen,
Speicheldrüsen und Pigment ihre Entstehung. Die Körpermuskeln
sind, wie bei den Plattwürmern überhaupt (Leuckart (24), wesentlich
nach den drei Richtungen des Raumes angeordnet, als Längs-,
Quer- und Steil- oder Schrägmuskeln. Sie umspinnen Darm- und
Nervensystem, treten zum Theil in den Pharynx ein und durchsetzen
oft die nervösen Hauptcentren. In gewissen Ausläufern erreichen
sie die Basalmembran; zumeist aber sind sie nach kürzerer oder
längerer Erstreckung verästelt im Parenchym, so dass die Verästelung
zur Insertion führt. Der Darm beginnt mit einer central in der
mittleren Leibespartie gelegenen Mundöffhung, welche in die Pharynx-
tasche führt. An der Wand der Pharynxtasche inserirt der cylindrishe
Beobachtungen an Landplanarien. 331
Pharynx, in dessen Wandung die Ausführungsgänge der Speichel-
drüsen eintreten. Aus der Pharynxtasche führt eine kopfwärts
gelegene Oeffnung in den Vorderdarm, je eine seitliche Oefmung in
die beiden Schenkel des Hinter darmes. Der Vorderdarm giebt nach
beiden Seiten und im Kopfe nach vorn zahlreiche Divertikel ab,
der rechte Schenkel des Hinterdarmes aber solche nur nach rechts,
der linke nur nach links. Vor dem Leibesende vereinigen sich
beide Darmschenkel. Das Wassergefässsystem besteht aus leicht
gewundenen Hauptstämmen, welche an der Grenze der Körper-
muskulatur in grösserer Zahl dorsal und lateral des Darmes, in
kleinerer Zahl ventral des Darmes hinziehen, Wimpertrichter in das
Parenchym einsenken und Ausführungsgänge nach aussen, nach der
Haut, absenden. Das Nervensystem baut sich auf aus einem im
Kopfe gelegenen, ungefähr halbmondförmigen Gehirn und zwei von
demselben ausgehenden, unterhalb des Darmes nach hinten ziehenden
Längsstämmen. Diese Längsstämme (Seitennerven) sind durch zahl-
reiche Commissuren unter sich verbunden und vereinigen sich
schliesslich ganz vor dem Leibesende; sie geben zahlreiche Zweige
ab nach allen Organen des Körpers. Mehrfach breiten sich Nerven-
geflechte um oder unter Körperorganen aus. An Sinneswerkzeugen
sind Augen am Kopfe, Halse und längs des ganzen Leibes, Sinnes-
gruben und Tastpapillen am Rande des Kopfes ausgebildet. Irgend
welche Genitalorgane kamen in den untersuchten Thieren nicht zur
Beobachtung.
II.
Ha u f.
Moseley (29) und Loman (25) haben gezeigt, dass die Haut
der Bipalien sich aufbaut aus hochcylindrischen, einer dünnen,
durchlöcherten Basalmembran aufsitzenden Zellen, zwischen denen
die Stäbchen liegen. Die Hautzellen der Sohle tragen lange und
starke Flimmerhaare, aber sonst sind, mit Ausnahme der Sinnes-
gruben am Kopfe, nirgends am Körper auf Schnitten Flimmerhaare
bemerkbar. Bergen dal (3) hingegen sagt: „der ganze Körper
(von Bip. vir.) ist mit Cilien versehen." Durch die Haut gehen
die Ausführungsgänge der Schleimdrüsen, welche, gleich den Stäbchen,
im Parenchym unter der Hautmuskulatur ihre Entstehung nehmen.
Von Stäbchen sind zwei Formen vorhanden, kurze keulenförmige,
gleichmässig über den Körper vertheilt, und lange, nadelartige,
welche nur auf dem Rücken und auf den Seiten sich finden. Im
Gegensatz zu anderen theilt Bergendal (3) mit, dass auf Reizung
die Stäbchen beider Arten ausgeschossen werden.
Ich habe hier wie auch in allen späteren Abschnitten immer
nur das anzuführen, was gegen das bekannte spricht oder dasselbe
weiterzuführen geeignet ist. — Die Sohlenzellen sind halb so hoch
als die Zellen der übrigen Epidermis, aber dafür dicker. Zwischen
beiden Zellen -Arten findet ein allmählicher Uebergang statt. Die
332 Georg Hermann Lehnert,
gesammte Epidermis des lebenden Bipaliums ist mit Flimmerhaaren
besetzt. Diese sind ausserordentlich kurz und fein, 3,5 bis 5 /* lang,
und sicher noch nicht 1/2 ^ dick. Nahe der Sohle werden sie grösser
und stärker, bis sie endlich eine Länge von 7,8 bis 11,7 p auf den
Sohlenleisten erreichen. In der Rinne werden sie wieder etwas
kürzer. — Die Hautstäbchen sind von zweierlei Art, die einen, die
Hautstützen, kurz, dick, keulenförmig, die anderen, die Haut-
nadeln, lang, dünn, fadenförmig. Die Hautstützen werden ohne
Verletzung der Haut niemals, die Hautnadeln dagegen bei jeder
Reizung ausgeschossen, Die Stützen fehlen nur am Kopfrande, auf
den Sohlenleisten und in der Sohlenrinne, die Nadeln dagegen fehlen
sowohl der Kopf- als der Sohlenhaut und sind auch in der Bauch-
haut dünn gesäet, nehmen aber nach den Seiten an Zahl zu und
sind massenhaft vorhanden in der Rückenhaut. — Die Schleimdrüsen
sind zahlreicher in der Bauch- als in der Rückengegend, fehlen
aber auch dem Kopfe nicht.
Der Nachweis, dass der gesammte Bipaliumkörper flimmert,
lässt sich leicht erbringen, wenn man ein sich bewegendes Thier
oder das von einem lebenden Thier genommene Hautstück unter
Wasser untersucht. Man sieht dann an jeder Körperpartie die
Flimmerhaare deutlich und lebhaft sich bewegen. Das Ausschiessen
der Nadeln lässt sich am lebenden Thier beobachten, wenn man
dasselbe in Kochsalzlösung unter dem Deckglase hinkriechen lässt
und es dabei reizt. Die gereizte Körperstelle flacht sich ab und
die Nadeln werden ausgeschossen (sie zerfliesen in reinem Wasser,
daher die Kochsalzlösung). Es lassen sich hier in Kürze die Gründe
nicht auseinandersetzen, welche mich zu der Vermuthung geführt
haben, dass das Ausschiessen der Nadeln ohne die direkte Hilfe von
Hautmuskeln zu stände kommt; ich vermuthe, dass das Plasma der
Hautzellen sehr contractu ist, dass infolge einer Reizung die Haut-
zellen sich der Länge nach zusammenziehen und so, indem sie sich
der Breite nach vergrössern, die zwischen ihnen gelegenen Haut-
nadeln hervorpressen. Aus der Contractilität des die Hautzellen auf-
bauenden Protoplasmas glaube ich auch eine andere Vermuthung
ableiten zu können. Getödtete Bipalien zeigen nur noch die Flimmern
der Sohle, nicht aber die kleinen Flimmerhaare der übrigen Körper-
oberfläche. Die Flimmern sind doch Fortsätze des Plasmas, welche
durch eine dünne Cuticula hindurch nach aussen gestreckt werden.
Die Conservirungsflüssigkeit, in welcher die Thiere abgetödtet werden,
bringt einen gewaltigen Reiz auf die Haut hervor, das beweisen
die Nadel- und Schleim- Massen, welche in förmlichen, dem un-
bewaffneten Auge schon sichtbaren kleinen Wolken vom Bipalium-
körper ausgehen. Werden hierbei die Hautzellen der Länge nach
contrahirt, dann müssen auch die flimmernden Fortsätze eingezogen
werden. Dass die Sohlenwimpern nicht auch eingezogen werden,
das hegt vielleicht daran, dass sie — wenn überhaupt retractil —
im Vergleich zu den Sohlenzellen und der dort vorhandenen dickeren
Cuticula zu lang sind, um ganz in die Zellen zurückgebracht werden
Beobachtungen an Landplanarien. 333
zu können. Wie gesagt, es sind dies nur Vermuthungen, welche
freilich auch einige Stütze dadurch erhalten, dass die zahlreichen,
an Bipalien vorgenommenen Versuche genau dasselbe Ergebniss hatten,
als sie auf Dendrocoelum lacteum und Polycelis tenuis ausgedehnt
wurden.
v. Kennel (22) hat neuerdings die Ansicht ausgesprochen, dass
die Hautnadeln der Planarien geformtes Drüsensekret seien und, im
Wasser sich zu Schleim auflösend, dem Fange und Festhalten der
Beute zu dienen hätten.
III.
Gmmdyewebe.
Das Grundgewebe (Parenchym oder Mesenchym) der Bipalien
stellt sich dar als ein maschiges Flechtwerk, das aus verästelten, mit
Kernen versehenen Zellen sich aufbauend, die Räume zwischen
Basalmembran und Körperorganen ausfüllt. Das Pigment liegt im
Parenchym. Die Grundfärbung des Körpers wird hervorgebracht
durch entsprechend gefärbte, runde, kernlose Elemente des Parenchyms,
die schwarzbraunen und violetten Zeichnungen des Kopfes und Leibes
durch kleine, rundliche, selten etwas verästelte schwarze Körperchen,
welche unter der Hautmuskulatur im Grundgewebe lagern. Um-
gewandelte Parenchymzellen sind wohl auch die Speicheldrüsen,
welche als einzellige Drüsen vom zweiten bis vierten Fünftel des
Leibes rings um den Darm in grossen Mengen sich finden. Ihr
Sekret tritt, wahrscheinlich nicht durch besondere Ausführungsgänge,
sondern wohl nur auf den Zügen und in den Maschen des Parenchyms,
in die Rüsselwandung hinein.
IV.
.Miishrhl.
Moseley (29) fand in seinen ceylonischen Bipalien äussere
Ring- und Schrägfasern, äussere Längsfasern, innere Längs- und
Ringfasern. Loman (25,26) gelangte zu dem Ergebniss, dass fünf
Muskelsysteme vorhanden seien, 1) Ring- und Schrägmuskeln unter
der Basalmembran, 2) äussere Längsbündel, 3) zerstreut im Parenchym
liegende Radiärfasern, 4) Längsfasern und 5) Querfasern. Bergen-
dal (3) schreibt: „Die Muskulatur besteht aus einer äusseren Ring-
muskellage, äusseren Längsmuskelbündeln, und einer grossen Menge
von inneren Längsfasern, zu welchen Dorsoventral- und Transversal-
fasern kommen." Loman schildert noch einiges von der Muskulatur
der Sohle; über die Histologie der Muskeln bringt kein Beobachter
eingehende Mittheilungen.
1) Vertheilung der Muskeln. Die Muskulatur ist am stärksten
entwickelt im vorderen Drittel des Leibes, am schwächsten in der
Rüsselgegend. Unter der Basalmembran liegt die Hautmuskulatur,
dann kommt nach innen zu ein Cylindermantel von Parenchym
334 Georg Hermann Lehnert.
(welcher Pigment, Schleimdrüsen und Stäbchenmutterzellen enthält),
und hierauf die Körpermuskulatur.
2) Vier Arten von Muskeln sind vorhanden, a) Die Längs-
muskeln verlaufen als dünne Fasern im Bereiche der Hautmuskulatur,
als dünnere Faserbündel in der äusseren, als dickere Faserbündel in
der inneren Zone der Körpermuskulatur, ß) Die Quermuskeln
laufen als einfache Fasern oder Faserbündel in der Ebene, welche
man sich durch die beiden Seitenlinien gelegt denken kann. Durch
Theilung der Quermuskeln entstehen Radiär- und Circulärmuskeln,
ja selbst Dorsoventralmuskeln. y) Die Schrägmuskeln durchziehen
den Körper in der Richtung vom Rücken nach dem Bauche, unter
den verschiedensten Neigungswinkeln gegen Median- und Transversal-
ebene, bald ganz steil, bald sehr schräg. Ihre Verzweigungen ergeben
Ring- und Radiärmuskeln oder „Fasern", d) Unzweifelhafte Ring-
muskeln finden sich nur in der Hautmuskulatur, aber auch hier
nur in geringer Anzahl.
3) Bau der Muskeln. Kein Muskel ist unverzweigt, und die
stärkeren Muskeln besitzen dort, wo ihre Verzweigungen beginnen,
einen Kern. Das Auftreten des Kernes an diesen Stellen ist ein
ganz regelmässiges und ausnahmsloses, was ich umsomehr betonen
muss, als man in erwachsenen Tricladen keine Muskelkerne nach-
gewiesen hat. Nur Mecznikow (28) sah in einzelnen isolirten
Muskeln von Geodesmus Kerne. In frühen Entwicklungsstadien sind
die Muskeln der Tricladen nach Jijima (17) kernführend, die
Polycladen aber besitzen, wenn erwachsen, nach Lang (23) in den
dorsoventralen Muskeln Kerne.
4) Die Muskeln stehen unter sich in innigen Beziehungen.
Benachbarte sind, einerlei, ob gleicher oder verschiedener Art, immer
mit einander durch Anastomosen verbunden. Daneben kreuzen sich
die Muskeln aller Systeme in der verschiedensten Weise.
5) Zu anderen Körperorganen haben die Muskeln mannig-
fache Beziehungen. Einmal inseriren die Muskeln entweder an der
Basalmembran, oder im Parenchym, oder im Nervengewebe, immer
aber inseriren die Muskeln nur durch ihre feinsten Ausläufer. Die
lang durch den Körper sich erstreckenden Längsmuskeln senden auf
ihrem Wege viele kleine Ausläufer ab in das Parenchym, sich so
von Strecke zu Strecke befestigend.
Unter der Basalmembran liegt die Hautmuskulatur, bestehend
aus wenig Ringfasern, aus Längsfasern und aus zahlreichen sich
kreuzenden Schrägfasern. Die Körpermuskulatur ist im Kopfe ganz
besonders stark entwickelt; mächtige Längsmuskeln strahlen dort
zwischen Gehirn und Darm fächerartig aus, Schrägmuskeln, die
z. Th. vom Parenchym begleitet das Gehirn durchsetzen (,, Substanz-
inseln") unterlagern in dicker Schicht das Gehirn, Quermuskeln
ziehen dicht aneinander zwischen Gehirn und Darm dahin und
erscheinen über dem Darme wieder in gedrängten Massen.
Beobachtungen an Landplanarien. 335
Der Leib zeigt Nerven und Darm umsponnen von dicken Längs-
muskeln. Zwischen Darm und Nervenstämmen laufen zahlreiche
Quermuskeln hin, die sämmtlich büschelförmig ausstrahlen in ihren
Enden und mit vielen ihrer Fortsätze die Basalmembran erreichen.
In die Septen zwischen den Darmbuchten gehen mächtige Fortsätze
der Quer- und Schrägmuskeln, Steilmuskeln durchsetzen die Septen,
Schrägmuskeln laufen, über oder zwischen den Nervenstämmen ein-
setzend, durch die Septen, oder ziehen, aus den Nervenstämmen
kommend, oder um diese herumgreifend, auf den verschiedensten
Wegen durch den Körper. Sie senden bauchwärts gegen die Sohle
ein ausserordentlich dichtes Geflecht von feinen und feinsten Aus-
läufern, das an die Basalmembran der Sohle herantritt, aber in
seinen Maschen durchsetzt ist von Längs- und Schrägfasern der ver-
schiedensten Art. So kommt ein mächtig entwickeltes Muskelnetz
über der Sohle zu Stande. Aehnlich, wenn auch lange nicht so
bedeutend, ist das Netz von Muskeln, welches durch Verzweigungen
und Anastomosen von Längs-, Schräg- und Quermuskeln gebildet,
Darm und Nervenstämme dorsal und lateral umspinnt.
b) Die Wirksamkeit der Muskeln allein vermag nicht die
Bewegungen zu erklären, welche die Bipalien ausführen. Es muss
neben dem contractilen Element der Muskeln noch ein elastisches
Element im Bipaliumkörper vorhanden sein, und als solches betrachte
ich nach dem Vorgange von Leuckart (24) das Parenchym und
auch das Nervengewebe. Das elastische Grund- und Nerven-
gewebe bilden die Antagonisten der contractilen Muskeln, sie gleichen
die von diesen bewirkten Zusammenziehungen des Körpers oder
einzelner seiner Theile wieder aus u. s. w. u. s. w.
V.
Darm.
Ueber den Verdauungsapparat der Bipalien ist bis jetzt Folgendes
mitgetheilt worden: Der ventral gelegene Mund führt als eine
rundliche, von zahlreichen Muskeln umsponnene Oeffhung in die
langgestreckte Rüsseltasche. Ob das undeutlich ausgebildete Epithel
der Tasche flimmert, ist zweifelhaft. Aus der Rüsseltasche leitet
vorn eine Mündung in den Vorderdarm, der vor der Tasche die beiden
hinteren Darmäste abgiebt. Der Rüssel ist ein echter pharynx plicatus,
mit seiner Tasche ,,nur über eine kurze Strecke der Oberseite"
verwachsen. Das Epithel der Pharynx-Innenseite flimmert; unter
dem Epithel starke Ringmuskeln, hierauf Längsmuskeln. Längsmuskeln
und Radiärfasern auch im Parenchym der Pharynxwand. In den
hinteren Theilen des Pharynx die Ausführungsgänge der Speichel-
drüsen. Der Pharynx wird zur Glocke oder zum Teller ausgestülpt.
Der vordere Darmschenkel sendet nach beiden Seiten Buchten, die
beiden hinteren, durch eine dünne Bindegewebsscheide getrennten
Schenkel nur nach aussen. Die Buchten gehen von den Darm-
336 Georg Hermann Lehnert.
Schenkeln mit ovalen Oeffnungen ab, gabeln sich und reichen nahe
bis zur Körperoberfläche. Im Kopfe breiten sie sich fächerförmig
aus nach vorn. Darmzellen hoch cylindrisch, direct dem Parenchym
aufsitzend; Kern nahe der Basis, obere Partie der Darmzellen oft
kolbig angeschwollen, von Körnern angefüllt, welche der aufgenommenen
Nahrung entstammen. NachMoseley (29) in den Darmzellen nicht
selten ein „leber-ähnliches"" Pigment.
Ich führe im Folgenden nur diejenigen meiner Befunde an,
welche das oben Mitgetheilte erweitern können oder ihm entgegen-
stehen.
1) Mund. Der Mund ist im zweiten Leibesdrittel des Thieres
gelegen, zwischen den beiden Sohlenleisten, gewissermassen ein kurzer
Hohlcylinder, welcher der hier nicht besonders dicken Körperwandung
eingefügt ist. Das Epithel des Mundes wird bis zur halben Höhe
des CyKnders von dem flimmertragenden Epithel der Sohlenhaut,
zur anderen Hälfte von dem flimmerlosen Epithel der Rüsseltasche
gebildet. Die dem Epithel unmittelbar benachbarte Längsmuskulatur
des Mundes geht aus Quer- und Schrägmuskeln der Rüsseltasche und
des Körpers hervor, die Ringmuskulatur des Mundes aus Körper-
Längsmuskeln. Von den beiden Nervenstämmen wird der Mund mit
einem das Epithel unterlagernden Nervengeflecht versehen. Vor und
hinter dem Munde befindet sich ein ausserordentlich starkes und
dichtes, den Raum zwischen Rüsseltaschenboden, Nervenstämmen und
Sohle ausfüllendes Muskelgeflecht.
2) Die Rüsseltasche erscheint als ein Hohlraum von der
ungefähren Gestalt eines Rotationsellipsoides , die Längsaxe parallel
und über der Körperhauptaxe des Thieres gelegen. Dorsal rückt
die Rüsseltasche bis nahe an die Haut, vorn und hinten ist sie in
je einen dorsalen und ventralen Zipfel ausgezogen. Die gesammte
Länge der Rüsseltasche beträgt etwa 1/7 bis V8 der Körperlänge des
Thieres. Das Epithel der Tasche ist einschichtig, niedrig, die Zell-
grenzen nicht erkennbar. Bis zur Höhe der seitlichen Darmmündungen
trägt es Flimmern. Nur der Boden der Rüsseltasche besitzt eine
eigene Muskulatur, nämlich eine das Epithel direkt unterlagernde
Ringmuskulatur, und darunter eine Längsmuskulatur. Sonst wird
die Rüsseltasche umsponnen von zahlreichen Körper-Quer-, Längs-
und Schrägmuskeln. Drei Oeffnungen führen aus der Rüsseltasche in
den Darm; eine vordere, von der Gestalt eines die Concavität dem
Bauche zukehrenden Hufeisens, in den vorderen Darmschenkel; zwei
seitliche, von ovalem Lumen, in die beiden hinteren Schenkel. Die
beiden seitlichen Oeffnungen liegen ein Stück hinter der vorderen.
Die Epithelien der Rüsseltasche und des Rüssels gehen in diesen
Oeffnungen continuirlich über in das Darmepithel. Ebenso in den
Darmbuchten, welche zwischen der vorderen und den beiden seitlichen
Darmöffhungen liegen.
3) Der Rüssel ist ein seitlich zusammengedrücktes Trichterrohr
(„kragenförmiger Pharynx" Lang's). Mit dem Rande der engeren
Beobachtungen an Landplanarien. 337
Oeffhung ist der Pharynx der Tasche eingefügt, im vorderen Theile
der Tasche deren Bauchwand, also dem Boden, im hinteren deren
Rückenwand, also der Decke. Mithin verläuft die Insertionslinie
des Rüssels schief von vorn unten nach oben hinten. Ein Querschnitt
durch den Körper des Bipaliums trifft demnach auch den Pharynx
fast im Längsschnitte, ein Transversalschnitt des Körpers den Rüssel
im Querschnitt. Der Pharynx liegt in der Tasche zusammengefaltet
auf drei Weisen zugleich. Einmal ist das Trichterrohr ein- und aus-
gekrempelt, d. h. ein Theil des Rohres in- oder um den anderen
geschlagen, so wie ein Rockärmel auf- oder eingeschlagen wird.
Dann ist zweitens die gesammte Rohrwand gefaltet wie eine Hals-
krause oder wie die Besätze an Damenkleidern, und endlich ist der
freie Rand der Pharynx bald nach aussen, bald nach innen geschlagen,
so dass der freie Rand bald an dieser, bald an jener Stelle die
Wandung hinauf- und hinabsteigt. Im grössten Theile der Pharynx-
tasche ist der Rüssel so gefaltet, dass seine Wand dorsal der Insertions-
linie sich befindet; im hinteren Theile aber liegt sie stets ventral.
In den vorderen und hinteren dorsalen Zipfel der Tasche erstrecken
sich mächtige Falten des Rüssels. Soll der Rüssel ausserhalb der
Tasche erscheinen (Nahrungsaufnahme), so muss er vollständig um-
gekrempelt werden. Es würden somit die Begriffe innere und äussere
Fläche des Pharynx wechselnde Bedeutung haben. Ich bezeichne
daher diejenige Fläche, welche bei der Nahrungsaufnahme dem
Nahrungsthiere aufliegen muss, als die berührende, und die entgegen-
gesetzte Rüsselfläche als die freie.
Das Grundgewebe des Rüssels ist Parenchym. Bereits eine
ziemliche Strecke vor der Rüsseltasche erhebt es sich als Leiste,
welche in das Lumen des Vorderdarmes hineinragt. Im vorderen
Ende der Rüsseltasche theilt sich die inzwischen immer höher auf-
gestiegene Leiste in zwei Seitenblätter, welche der Taschenwand an-
gefügt sind und in ihrer Insertionslinie aufwärts rücken, bis sie sich
schwanzwärts, im hinteren Ende der Rüsseltasche, wieder vereinigen
zu einer einzigen Leiste, die bald darauf im dorsalen hinteren Zipfel
der Tasche verstreicht. So ist das Rüsselrohr in seiner Grundanlage
gebildet.
Das Epithel des Rüssels ist einschichtig, aus flachen Zellen auf-
gebaut, die Kerne gross, die Zellgrenzen niemals wahrnehmbar. Das
Epithel trägt einen Cuticularsaum und grosse FHmmerhaare, welche
beide auf der freien Fläche des Rüssels verschwinden. Das Epithel
der freien Fläche geht über in das der Rüsseltasche, das der berührenden
Fläche vorn auf der Leiste in das Darm-Epithel, im übrigen vorderen
Theile der Rüsseltasche in das Darmepithel der Buchten und der
beiden seitlichen Schenkel-Oeffnungen ; dann aber rückt es, je höher
die Insertionslinie des Rüssels zu Hegen kommt, desto höher an der
Taschenwand empor und im hinteren Theile ist schliesslich auch die
gesammte dorsale Partie der Tasche von flimmerndem Pharynx-
Epithel überzogen.
Arch. f. Nahirgesch. Jahrg. 1891. Bd. I. H.3. 22
338 Georg Hermann Lehnert.
Unter dem Epithel des Rüssels liegen ein bis drei Fasern dick
Längsmuskeln, welche an der Insertionsstelle des Rüssels aus Körper-
muskeln hervorgehen. Im Innern der Pharynxwände ziehen sich
Schrägmuskeln hin, die ebenfalls oft als Längsmuskeln erscheinen.
Unter den das Epithel unterlagernden Längsmuskeln liegen Ring-
muskeln, dreissig und mehr Faserlagen stark nahe der Basis der
berührenden Fläche, nach dem freien Rande zu an Zahl abnehmend
und auf der freien Fläche bis zum Taschen-Epithel nur noch drei
bis sieben Lagen mächtig. Diese Ringmuskeln gehen auch an der
Insertionsstelle des Rüssels aus Körpermuskeln hervor. Reine Quer-
muskeln ziehen im Pharynx von einer Wand zur andern. Die
Schrägmuskeln des Rüssels sind sämmtlich Ausläufer von Körper-,
Schräg- und Quermuskeln. Selten ist ein Rüsselmuskel unverzweigt,
und alle treten, wenigstens mit ihren letzten Zweigen, an das Epithel
heran, verschmelzen diesem.
Die Innervirimg des Rüssels erfolgt von den Längsnervenstämmen
aus. Unter dem Längs- und Ringmuskelsystem der Rüsselwandung
liegt ein Nervengeflecht, das auf der berührenden Seite und am
freien Rande am stärksten entwickelt ist.
Das Sekret der Speicheldrüsen tritt in die Pharynxwandung ein
und dort auf der berührenden Fläche, namentlich auch am freien
Rande, nach aussen. Ob auf besonderen Bahnen, war nicht fest-
zustellen.
4) Die Darmschenkel gehen, wie schon gesagt, mit be-
sonderen Oefmungen aus der Rüsseltasche ab und senden, die
vorderen nach beiden Seiten, die hinteren nur nach der äussersten,
ihre Buchten ab, die hinteren erst, nachdem sie die Rüsseltasche
passirt haben. Die Auskleidung ist die bekannte durch Kolben-
zellen. Diejenigen Darmzellen, welche Nahrungskörnchen enthalten,
weisen niemals jenes leberähnliche Pigment (Moseley) auf, während
Zellen ohne Nahrungskörnchen stets diese kleinen, in Pikrokarmin-
präparaten gelblich olivengrün erscheinenden Pigmentkörnchen be-
sitzen. Pigmentkörnchen und Nahrungskörner schliessen also einander
aus. Wenn auch die Darmzellen nicht einer Tunica propria aufsitzen,
so habe ich doch immer den Eindruck gewonnen, als wären namentlich
die ventral gelegenen Darmzellen einem feinen Gespinst von Muskel-
fasern aufgeheftet. — Im hinteren Leibesende vereinigen sich die
beiden Darmschenkel in einer rückwärts gelegenen Erweiterung oder
Auftreibung.
5) Die Wirksamkeit der nahrungsaufnehmenden Organe kann
hier in einem Auszuge nicht genügend geschildert werden. Nur die
Hauptpunkte seien genannt. Nicht allein das Parenchym des Rüssels
nmss elastisch sein, sondern es muss dies noch viel mehr das Epithel
sein. Nur wenn dies der Fall, lässt sich erklären, wie der Pharynx
schleierartig sich über das Nahrungsthier breiten kann. Das durch
Druck der in der Rüsselwandung befindlichen Quermuskeln aus-
gepresste Speichelsekret löst das Nahrungsthier von aussen nach
Beobachtungen an Landplanarien. 339
innen fortschreitend auf, der Nahrangsbrei wird in die Rüsseltasche
und dort in die Darmschenkel hineingeflimmert, unter Mithilfe von
Muskelcontractionen. Die Darmzellen verkürzen sich hierbei auf ein
Viertel ihrer sonstigen Länge, nehmen dann sich allmählich wieder
ausdehnend und wahrscheinlich amöboid fressend die Nahrungstheile
auf und verarbeiten dieselben unter Mithilfe des leb er ähnlichen
Pigments.
VI.
Wa sser gefässe.
Ueber die Wassergefässe von Bipalium hat bis jetzt nur Bergen-
dal (3) Mittheilungen gebracht. Er fand ,,1) Wimpertrichter mit
einer sehr starken Wimperflamme, 2) unregelmässig oder netzförmig
verlaufende Kanäle und 3) Längsstämme. Diese letztgenannten sind
schwach wellenförmig geschlängelt und liegen gewöhnlich in einer
Anzahl von zwei oder mehreren jederseits dorsal und lateral von
den Darmverzweigungen. Auch ventrale Längsstämme sind beobachtet
worden. Die Längsstämme bestehen aus grossen durchbohrten Zellen,
und zeigen dicke Cilien. — Von den Längsstämmen gehen
quere, gerade Canäle ab, die zum Theil Ausmündungscanäle, zum
Theil Sammelcanäle sein dürften. Am Kopfe sieht man sowohl
auf der dorsalen wie auf der ventralen Seite eine grosse Menge von
nahe der Oberfläche gelegenen Canälen, die bogenförmig oder netz-
artig verlaufend, zuweilen fast knäuelförmige Schlingen bilden. In
diesen Canälen habe ich mehrmals Bildungen gesehen, die ich vor-
läufig als starke Wimperzungen deuten muss. — Mit diesen
netzbildenden Canälen stehen die Wimpertrichter durch sehr schmale
längere und kürzere Canäle in Verbindung, in welchen gewöhnlich
keine Bewegungserscheinungen vorkommen. Die Wimpertrichter
liegen oft in Gruppen zu 3 oder 4 zusammen und zeigen eine grosse
gerundete Excretionszelle, in der ich mehrmals Vacuolen, welche sich
in den Trichter entleerten, beobachtet habe. Fast regelmässig liegen
Wimpertrichter in den Randpapillen des Kopfes."
Ich habe nur die Längsstämme und deren Verzweigungen studiren
können. Die Hauptstämme verlaufen ungefähr parallel der Körper-
Hauptachse in der Körpermuskulatur, zwischen jenen zwei Zonen
der dünneren und dickeren Längsfaserbündel. In der vorderen Leibes-
hälfte liegt ein mittlerer Stamm über dem Hauptdarm Schenkel, zwei
seitliche lateral der Darmbuchten, ungefähr in Höhe der Seitenlinien.
Zwischen dem mittleren und den beiden seitlichen verlaufen noch
jederseits zwei bis drei weitere Stämme. Ventral ziehen sich vielleicht
einer in der Medianebene, nahe der Sohle, einer zwischen Darm und
Nervenstämmen, und zwischen mittleren ventralen Stämmen und den
beiden seitlichen wiederum vielleicht jederseits ein oder zwei hin.
In der hinteren Leibeshälfte bleibt alles so, nur tritt der mittlere
dorsale Stamm meist tief in das die beiden Darmschenkel trennende
22*
340 Georg Hermann Lehnert.
Septum hinein und rechts und links gesellen sich ihm zwei weitere,
nahe den Darmschenkeln liegende. Im Kopfe scheinen die Stämme
ähnlich wie in der proximalen Leibeshälfte zu liegen. Wenigstens
in der dorsalen Partie. Für die ventralen Stämme muss ich über-
haupt meine Mittheilungen unter allem Vorbehalt geben. Die Ver-
folgung ist hier viel zu schwierig, als dass ich mehr wie, es ist
„vielleicht" so, sagen könnte. Die Stämme senden viele kleine
Gefässe seitwärts in ihrem Verlaufe ab, die auf den Querschnitten
bald dem Auge verschwinden, dann aber auch grössere, gerade ver-
laufende Canäle, welche nach der Haut zu gehen, aber weiter als
bis in die Hautmuskulatur hinein sich nicht verfolgen lassen.
Die Wassergefässe zeigen verhältnissmässig dicke Wandungen,
ohne zellige Struktur. Die Wandung ist nach aussen scharf, aber
in ganz feiner Linie abgegrenzt ; zahlreiche Fortsätze führen von ihr
zu benachbarten Parenchymzellen. Nach Innen zeigt die Wandung
zahlreiche Vorsprünge und Zacken, und nahe der Innenfläche liegen
in der Wandung auch Mengen von Körnchen, welche sich stark
färben. Sie nehmen nach der Aussenfläche zu an Zahl ab. Zahl-
reiche radspeichenartige Streifen durchziehen im Querschnitte die
Wandung und erscheinen im Längsschnitte als Längsstreifen, welche
ungefähr parallel der Begrenzung der Wandung verlaufen. Selten
sind Kerne in den Gefässwandungen vorhanden, aber wo sie auf-
treten, sind sie in nichts verschieden von den Kernen der Parenchym-
zellen.
VII.
Nerven.
Moseley (29), Loman (25, 26) und Bergendal (3) haben
bereits ausführliche Mittheilungen über das Nervensystem der Bipalien
gegeben. Sie haben gezeigt, dass das schaufeiförmige Gehirn im
Kopfe unter dem Darm liegt, dass zwei Längsnervenstämme vom
Gehirn nach hinten ziehen und sich am Leibesende vereinigen. Zahl-
reiche Commissuren verbinden die Stämme, zahlreiche Zweige ver-
breiten sich im Körper, ein Hautplexus ist ausgebildet. Punkt-
substanz und Ganglienzellen sind überall vorhanden, in den lateralen
Theilen des Gehirns befindet sich viel Punktsubstanz, in den Nerven-
stämmen sind dort, wo Zweige abgehen, Punktsubstanz und Ganglien-
zellen reicher.
Ich gebe nur kurz an, was diese bekannten Thatsachen weiter
ausführt. Das Gehirn enthält zahlreiche Ganglienzellen, und ganz
besonders eine bankartige Schicht derselben, welche mit einem Radius
von 2/3 des Kopfradius concentrisch dem Gehirnumriss verläuft und
über die dorsale Gehirnfläche emporragt. Unter der Kopfhaut liegt
ein mächtiger, die Augen und Sinnesgruben versorgender Plexus.
Die Längsnervenstämme, nahe dem Gehirn am stärksten und da
auch nahe an einander, rücken in der Pharynxgegend weiter von
einander ab, nähern sich dann wieder und vereinigen sich, allmählich
Beobachtungen an Landplanarien. 341
zu Vs ihrer früheren Stärke reduzirt, im Körperendtheile. Die zahl-
reichen Commissuren zwischen den Stämmen erscheinen theils als
^ vollständige Nervengeflechte, theils als direkte im dorsalen oder
'ventralen Niveau der Stämme verlaufende Verzweigungen. Das
Commissur engenecht ist am stärksten im Halse und in der Rüssel-
gegend. Die von den Längsstämmen ausgehenden Nerven haben
ziemlich regelmässigen Verlauf, so dass man sie nach ihren Richtungen
eintheilen kann. Die Quernerven entspringen den lateralen Partieen
der Stämme, ziehen unterhalb des Darmes durch die Körpermus-
kulatur und trennen sich in zwei Zweige, von denen einer dorsal an
die Muskeln, der andere lateral an die Haut herantritt. Die dorsalen
Schrägnerven gehen theils durch die Darmsepten, um sich dann
dorsal des Darmes in die Körper- oder Hautmuskulatur zu verästeln,
theils gehen sie nur bis zur ventralen Grenze des Darmes. Die
ventralen Schrägnerven ziehen in die Körpermuskulatur oder
zur Hautmuskulatur des Bauches und der Sohle. Die dorsalen
Steilnerven ziehen ähnlich wie die Schrägnerven durch die Darm-
septen oder nur bis zum Darme; sie entspringen auch sehr oft mit
den Schrägnerven oder mit den Commissurnerven zusammen. Die
ventralen Steilnerven haben oft auch gemeinsamen Ursprung
mit den Commissurnerven; sie namentlich versorgen die Sohle und
das Muskelgeflecht über dieser. Die Verzweigungen der Nerven sind
vorwiegend dichotomisch. Nerv enge flechte finden sich unter der
Hautmuskulatur, um und zwischen der Körpermuskulatur, um den
Darm herum und endlich besonders stark unter der Sohle. Die
Zahl der Nerven ist sehr gross; ein Bipalinm von 15 cm Leibes-
länge hat mindestens 250 Paare von grossen Nerven der genannten
Arten aufzuweisen.
Das Nervengewebe niuss elastisch sein, sonst wären so und
soviel Bewegungen des Kopfes unerklärlich, oder es wäre nicht zu
begreifen, wie die Nervenstämme nach der colossalen Erweiterung
des Mundes in der Nahrungsaufnahme wieder in ihre alte Lage und
Ausdehnung zurückkehren könnten.
VIII.
Sinnesorgane.
In der Untersuchung der Sinnesorgane bin ich im Wesentlichen
nicht über die Befunde Bergendais (3) hinausgekommen. Am
Vorderrande des Kopfes stehen, alternirend mit den Sinnesgruben,
die Tastpapillen, deren Gewebe zum grössten Theil aus Muskeln
besteht, ohne grössere Nervenzüge. Die Sinnesgruben sind von
rundlichem Querschnitte, ihre Basis steht nach hinten und rücken-
wärts. Sie tragen starke Sinneshaare; an jede Grube tritt ein
Bündel von langen Nervenfasern heran, die zwischen den Zellen
des Gruben-Epithels verschwinden. Um die Gruben herum lagert
Schleimsecret, das in die Epithelzellen eintritt. Die Augen sind in
342 Georg* Hermann Lehnert.
drei bis vier Reihen auf dem Kopfe und Halse vertheilt, ziehen sich
von da aus am ganzen Körper seitlich hin, wenn auch zuletzt nur
einreihig. Sie stimmen in ihrem Bau mit den sonst bekannten
Tricladen -Augen überein. Die grössten Augen sitzen am Halse, bis
15 und mehr kernführende Zellen in einem Auge, die kleinsten
hinten am Körper (3 kernführende Zellen). Die Augen werden
versorgt von dem Hautnervenplexus. Die Zahl der Augen ist eine
sehr grosse; ein conservirtes, also auch stark contrahirtes Thier
zeigte zwischen Kopf und Pharynx, einer augenreichen Körperpartie,
mehr als 20 Augen jeder seits auf die Strecke von 1 mm.
IX.
Geschlechtsorgane.
Waren in keinem der untersuchten Thiere aufzufinden.
Die Regeneration der Abschniirnngsstücke von
Bipalium kewense var. viridis.
Zur Untersuchung standen mir sieben Abschnürungsstücke zu
Gebote, welche sämmtlich vom Leibes -Ende freiwillig abgelöst worden
waren. Sie wurden getödtet im Alter von 1, bzw. 5, 8, 11, 14, 21
und 32 Tagen.
I.
Allgemeines,
Die Regeneration der Abschnürungsstücke ist gekennzeichnet
durch die Neubildung von Organen und die Aenderungen im körper-
lichen Ausmasse, welchen das Abschnürungsstück unterworfen wird.
Da die Abschnürungsstücke während der Regeneration nur Sauer-
stoff und Wasser endosmotisch von aussen aufnehmen, müssen die
Regenerationsvorgänge auf Kosten der den Körper aufbauenden
Elemente erfolgen, diese Elemente also umgelagert und transportirt
werden. Dies geschieht mit Hufe kleiner, rundlich eiförmiger Körper,
der St off träger. Sie entstehen durch Zerfall von Geweben, und
sie zerfallen auch selbst wieder an den Stellen, wo neue Gewebe
gebildet werden. Ob sie von ihren Entstehungsorten nach den Ver-
brauchsstellen selbständig wandern oder transportirt werden, weiss
ich nicht. Ihr Haupt-Ursprungsort ist das Darm-Epithel, nächst
diesem Grund- und Muskelgewebe. Die Stoffträger sind stark
lichtbrechend und färben sich in Pikrokarminpräparaten hell gelb-
grün, in Pikrokarmin-Haematoxylin-Präparaten tief blauschwarz.
Ihrer Natur nach zerfallen die Regenerationsvorgänge in drei
Gruppen: 1) Einfache Umlagerungen von Geweben, mit Ausnahme
des Nervengewebes immer bewirkt durch Stoffträger, 2) Neu-
Beobachtungen an Landplanarien. 343
bildung von Organen oder Organgruppen, bewirkt durch die Wucherung
von reichlich mit Stoffträgern versorgten, in nichts von Parenchym-
zellen unterschiedenen Zellen: Neubildung von Parenchym, Muskeln
und Rüssel-Epithel, 3) einfache Wachsthumsersch einungen : im Nerven-
system. Die einfachen Umlagerungsvorgänge halten während der
ganzen Regenerationsperiode an. Die Regeneration des Kopfes nimmt
die ersten zwei Wochen, die des Pharyngealapparates die zweite und
dritte Woche in Anspruch. Später unterliegen beide Theile nur noch
Vergrößerungen durch Wachsthum.
II.
Haut.
Die Haut des Abschnürungsstückes muss, mit Ausnahme der
Narbenstelle, einfache Umlagerungen erleiden. Die Hautzellen müssen,
in Rücksicht auf den Querschnitt des gesammten Körpers, geringer,
im Hinblick auf den Längsschnitt des Körpers grösser an Zahl werden.
Das wird erreicht unter Zuhilfenahme der Stoffträger. Eine Neu-
bildung von Haut erfolgt an der Abschnürungsstelle. Dort ist nach
der Abschnürung die Haut, wahrscheinlich durch die Thätigkeit der
Hautring- und Schrägmuskeln, zusammengezogen über der Ab-
schnürungsstelle. Alsbald lagern sich zwischen die Zellen der so die
Narbe schliessenden Haut Stoffträger ein und es beginnt eine rege
Production von Hautzellen. Hierbei werden die Stoffträger auf-
gebraucht, sie zerfallen oder werden aufgelöst in kleine Kügelchen,
Krümelchen u. s. w. und wahrscheinlich ist das Endprodukt ihres
Zerfalles der feine protoplasma tische Grus, welcher liier — wie in
anderen Neubildungen der Regeneration — zwischen den Zellen überall
auftritt. Die Hautzellen des Abschnürungsstückes behalten während
der ganzen Regeneration ihre Cuticula und ihren Flimmerbesatz;
das Flimmer-Epithel der Sohle geht anfangs bis zur Narbe, bleibt
aber später, mit Ausbildung der Kopfplatte, zurück, sodass der
Beginn der Sohle schliesslich in den hinteren Theil der Kopfunter-
fläche zu liegen kommt.
III.
Crrundgewebe.
Das Grundgewebe des Abschnürungsstückes durchläuft, soweit
es nicht in die Neubildung von Organen mit inbegriffen ist, einfache
Umlagerungen, welche mit Hilfe der Stoffträger vor sich gehen. Zur
Bildung des Kopfparenchyms führt eine Zellenwucherung, welche
alsbald nach der Abschnürung unter der Narbe auftritt, reichlich
mit Stoffträgern versehen wird und längere Zeit ohne deutliche Zell-
grenzen als solide Masse erscheint. Erst nach Ablauf der
zweiten Regenerationswoche, nachdem die Zellenwucherung und das
in sie hineinwachsende Gehirn dem neugebildeten Kopfe seine end-
344 Georg Hermann Lehnert.
giltige Gestalt gegeben haben, gewinnt die Zellenmasse die für das
Parenchym charakteristischen Hohlräume.
Das Pigment scheint im Leibe des Abschnürungsstückes nur
der Streckung des Körpers entsprechende Umlagerungen zu erfahren,
im Kopfe aber aus Parenchymzellen , bezw. Zellen jener eben
geschilderten Wucherung, seine Entstehung zu nehmen.
Schleimdrüsen und Stäbchenmutterzellen, welche ja dem
Abschnürungsstücke von Anfang an eignen, bleiben während der
ganzen Regenerationszeit in Thätigkeit und werden später wahr-
scheinlich durch Neubildungen aus dem Parenchym ergänzt und
vermehrt.
Ebenso dürften die Speicheldrüsen entstehen, welche anfänglich
nur in geringer Zahl im Abschnürungsstücke vorhanden, später um
den Pharynx herum in grosser Menge ausgebildet erscheinen. Erst
am Schlüsse der Regenerationszeit bemerkt man das Speicheldrüsen-
sekret in der Rüsselwandung, ohne aber zugleich wahrnehmen zu
können, dass besondere Bahnen für dieses Sekret geschaffen worden
wären.
IV.
Muskeln.
Das Abschnürungsstück besitzt vollständige Haut- und Körper-
muskulatur, hat aber neu zu bilden die Muskulatur von Kopf und
Rüssel, sowie einen Theil von Insertionen für Körperlängsmuskeln.
Die bereits vorhandenen Muskeln müssen, entsprechend der körper-
lichen Gestaltsänderung während der Regeneration, als Quer- und
Schrägmuskeln eine Verkürzung, als Längsmuskeln eine Verlängerung
erfahren. Zugleich werden sie selbst im Querschnitt dünner, und
auch für den respektiven Schnitt durch den gesanimten Thierkörper
weniger zahlreich. Alle diese Prozesse spielen sich wahrscheinlich
mit Hilfe der Stoffträger ab.
Die Neubildung von Muskeln erfolgt im ganzen Abschnürungs-
stück nach derselben Weise; es genügt daher die Schilderung der
Muskelbildungen in der Kopfanlage. Unter der Abschnürungsnarbe
greift, wie schon beschrieben, eine Zellenwucherung Platz. In deren
Protoplasmamassen zeigen sich sehr bald feine Züge und Striche,
und wenig später lässt sich erkennen, dass diese Züge und Striche
Zellgrenzen bedeuten, dass um viele der in der Wucherungszone
gelegenen Kerne herum das Protoplasma nur in dünner Schicht liegt,
sonst aber nach einer, zwei oder drei Richtungen sich lang spindel-
förmig auszieht. Derartige Gebilde sind Muskelzellen. Es verschmelzen
die Protoplasmafortsätze anstossender Zellen mit einander, dadurch
kommen lange Fasern zur Ausbildung; es legen sich viele benach-
barte Muskelzellen an einander, dadurch entstehen Muskelbündel;
es treten Muskeln, welche verschiedene Richtung haben, in Beziehung
zu einander, dadurch werden Verzweigungen zu Stande gebracht.
Die Kerne der Muskelzellen verschwinden schliesslich bis auf die,
Beobachtungen an Landplanarien. 345
welche in den Achseln der Verzweigungen liegen. So verlaufen
überall im Abschnürungsstücke die Neubildungen von Muskeln.
Durch neugebildete Muskeln erhalten auch die Längsmuskeln
ihre charakteristische Insertion an der Basalmembran des Halses,
und ähnlich werden auch für die anderen Muskeln, welche das Ab-
schnürungsstück von Anfang an besessen hat, neue Insertionen
geschaffen.
V.
Darm,
Das Abschnürungsstück besitzt, da vom Hinterende der Mutter
stammend, von Anfang an einen zweischenkligen Darm. Diesen
muss es umbilden, während es den ganzen Pharyngealapparat neu
zu formen hat.
1) Der Pharyngealapparat findet seine Anlage in der Mitte des
Leibes durch eine Zellenwucherung des Mittelseptums, das die beiden
Darmschenkel von einander trennt. Die Zellenwucherung liegt im
ventralen Theile des Septums, bildet demselben gewissermassen einen
Fuss. Bald höhlt sich die Anlage im Innern aus und gewinnt zwei
Oeffhungen, eine nach hinten und bauchwärt 8, und eine nach vorn
und rückenwärts gerichtete. So gleicht jetzt die Pharyngealanlage
einer schief angeschnittenen Röhre. Die Wandung dieser Röhre löst
sich von dem sie umgebenden Körperparenchym ab bis auf den Rand
der nach vorn und rückenwärts gerichteten Oeflhung; mit anderen
Worten, es hängt jetzt eine Röhre, deren [nsertionslinie von vorn
ventral nach hinten dorsal aufsteigt, frei mit Wandung und hinterem
Rande in einer Höhle des Mittelseptums. Das ist Pharynx und
Pharynxtasche.
Die Elemente der im Mittelseptum auftretenden, die Pharynx-
anlage bildenden Zellenwucherung gleichen völlig denen in der Kopf-
plattenwucherung. Ebenso sind hier Unmengen von Stoffträgern
vorhanden. Abgeflachte Zellen der Wucherung kleiden die erste
sich bildende Höhle aus, und ebenso gehen die Epithelien des
Pharynx und die Pharynxtasche aus derartigen Zellen hervor. Die
Epithelien des Rüssels zeigen frühzeitig schon den Unterschied der
berührenden und freien Fläche. Dieses baut sich auf aus kleinen,
flachen Zellen, jenes aus grossen, hohen, mit mächtigen Kernen aus-
gerüsteten, in Zacken und später in Flimmerhaare ausgezogenen
Zellen. Im Innern der Pharynxwandung gehen aus den Wucherungs-
zellen das Parenchym und die Muskeln hervor; es werden unter
dem Epithel sehr bald die Längsmuskeln und dann auch die Ring-
muskeln gebildet, während zugleich im Innern der Wandung Längs-
und Schräg- und Quermuskeln entstehen, von denen die beiden
erstgenannten Arten und die unter dem Epithel liegenden Muskeln
mit Körpermuskeln in Verbindung treten. Gegen Ende der Re-
generation erhalten die Epithelien ihre charakteristische Ausbildung,
und durch weiteres Wachsthum erlangt das Pharynxrohr grössere
346 Georg Hermann Lehnert.
Länge und in seiner freien Mündung grösseren Umfang. Diese
beiden Grössenzunahrnen führen zu Faltungen des Rüsselrohres,
welche in dem früher geschilderten Sinne Platz greifen. Zwischen
dem einundzwanzigsten und zweiunddreissigsten Regenerationstage
brechen Mund- und Darmöffnung durch.
2) Die Darmschenkel des Abschnürungsstückes endigen vorn
blind, vereinigen sich aber dort bis zum fünften Regenerationstage
bereits in den dorsalen Partieen des dritten oder vierten Buchten-
paares. Während nun von jener Stelle aus allmählich Fächerbuchten
in den sich bildenden Kopf hineinwuchern, wird das Mittelseptum
von vorn nach hinten Schritt für Schritt weggelöst, bis schliesslich
die beiden vorderen Darmschenkel zu einem einzigen Gebilde ver-
schmolzen sind und in die Rüsseltasche münden. Nach dieser Zeit
(ich weiss es nicht aus Beobachtungen) werden wohl auch die beiden
seitlichen Darmöffnungen gebildet werden. In seinen Dimensionen
hat der Darm dieselben Veränderungen zu erleiden wie der gesammte
Leib: Verkleinerung des Quermessers, Vergrößerung des Längs-
messers. Nirgends lässt sich besser als im Darm beobachten, wie
durch den Zerfall von Gewebepartieen die Stoffträger schliesslich ge-
bildet und wie sie allmählich aus dem zu verkleinernden Organe
entfernt werden.
VI.
Wassergefässe.
Das Abschnürungsstück besitzt die Wassergefässstämme in der-
selben Anordnung, welche für die hintere Leibeshälfte eines aus-
gewachsenen Thieres characteristisch ist. Es hat sich nur als wahr-
scheinlich ermitteln lassen, dass die Lage der Wassergefässstämme
sich während der Regeneration nicht wesentlich ändert.
VII.
Nerven,
Die Bildung des Gehirns erfolgt von den beiden Längsnerven-
stämmen aus, welche das Abschnürungsstück besitzt, — lediglich
durch Wachsthumsvorgänge. Die beiden Längsstämme schwellen
vorn in der Zellenwucherung der Kopfplatte dorsal knopfartig an;
von den Knöpfen gehen Nervengeflechte rückenwärts, welche sehr
bald dichter werden, mit einander sich vereinigen und schliesslich,
bei weiterer Zunahme der Kopfplatte, auch nach vorn zu sich aus-
breitend das Gehirn bilden. Bereits am Ende der ersten Re-
generationswoche erscheinen Nervenzüge, welche vom Gehirn nach
der Kopfhaut gehen. Später werden diese Züge zahlreicher und
vereinigen sich unter der Kopfhaut zu dem Nervenplexus, welcher die
Sinnesorgane des Kopfes versorgt.
Beobachtungen an Landplanarien. 347
Die Nervenstämme und die von ihnen ausgehenden Nerven
erleiden während der Regeneration Verminderungen ihrer Ausmasse.
Wie das zu Stande kommt, weiss ich nicht; jedenfalls glaube ich
niemals einen Stoffträger dabei betheiligt gesehen zu haben. Die
Nervenstämme werden sehr dünn schliesslich, und ebenso die von
ihnen ausgehenden, natürlich auch beträchtlich sich verkürzenden
Nervenzweige.
VIII.
Sinnesorgane,
Die Sinnesgruben am Kopfrande entstehen gegen Ende der
ersten Regenerationswoche. Da senkt sich das flimmernde Kopf-Epithel
am Rande der Anlage in seichte Gruben ein, an die Basis der Gruben
treten Nerven, und indem sich diese Grubenenden nach hinten und
rückenwärts vertiefen, die Flimmerhaare sich vergrössern, sind mit
Ende der zweiten Woche die Sinnesgruben im Wesentlichen aus-
gebildet.
Währenddem haben die zwischen ihnen gelegenen Partieen des
Kopfrandes die Flimmerhaare verloren, aber ein System von Ring-
und Längsmuskeln, sowie von feinen Schräg- und Quermuskeln
gewonnen, es sind Tastpapillen entstanden.
Die Bildung der Augen zu verfolgen ist sehr schwer. Ich
glaube am Kopfe zu folgendem Ergebniss gelangt zu sein : Es werden
mehrere von den Wucherungszellen von körnigem Pigment umschlossen
und diese Anlage tritt mit dem Hautnervengeflecht in Verbindung.
IX.
Geschlech ts o vya ne.
Wie nicht anders zu erwarten, zeigen die Regenerationsstücke
keine Andeutung von Geschlechtsorganen oder deren Anlagen.
Die Ergebnisse, welche mir die Untersuchung der an den Ab-
schnürungsstücken von Bip. vir. sich abspielenden Regenerations-
vorgänge geliefert hat, stimmen im Wesentlichen überein mit den
Befunden, welche Zacharias (39), v. Kennel (22) und v. Wagner
(38) in der Verfolgung der Regenerationsprozesse an Abschnürungs-
stücken von fissipar sich fortpflanzenden rhabdocölen und dendrocölen
Turbellarien neuerdings gewonnen haben.
348 Georg Hermann Lehnert.
Litteratur.
1) Audouin, V., Dictionnaire classique d'histoire naturelle.
Art. Planaire, Tome XIV, p. 10—11. Paris 1828.
2) Bell, F. Jeffrey, Note on Bipalium kewense, and the
Generic Character of Land-Planarians. Proceedings of the meetings
of the Zoological Society of London, 1886, p. 166.
3) Bergen dal, Dr., Zur Kenntniss der Landplanarien. Zoolog.
Anzeiger, 5. Jahrg., 1887, p. 218.
4) Cantor, Dr., On the Flora and Fauna of Chuson. Ann.
Mag. Nat. Hist. IX (1842), p. 265.
5) Dalyell, P., Observations on some interesting Phaenomena
on animal Physiologv exhibited by several species of Planaria.
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6) Darwin, Charles, Brief description of several terrestrial
Planariae and of some marine species, with an account of their
habits. Ann. Mag. Nat. Hist. XIV (1844), p. 241.
7) Dendy, A., Australian Landplanarian (Geoplana Spenceri).
Trans. Roy. Soc. Victoria, 1889, p. 50—94.
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Dendrocoelen. Sitz. Ber. math. naturw. Kl. Akad. Wiss. Wien,
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9) Draparnaud, J. B. R. , Tableau des Mollusques terrestres
et fluviatiles de la France. Montpellier 1803.
10) Duges, A., Recherches sur l'organisation et les moeurs des
Planaries. Ann. Sc. nat. I. ser. tome XV, Paris 1828.
11) — , Apergu de quelques observations nouvelles sur les
Planaires et plusieurs genres voisins. Ibid. tome XXI, 1830.
12) Eimer, Th., Ueber fadenspinnende Schnecken. Zool. Anz.,
1. Jahrg., 1878, p. 123.
13) Fletcher, J. J., Remarks on an introduced species of
Land-Planaria, apparently Bipalium kewense Moseley. Proceedings
of the Linnean Society of New-South- Wales, II. series, vol. II (1887),
Sydney 1888, p. 244.
14) Fletcher, J. J., and Hamilton, A. G., Notes on Australian
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Ibid. p. 349.
15) Gray, Dr., Zoological Miscellany, 1835, p. 5.
16) Humbert, AI., et Claparede, Ed., Description de quelques
especes nouvelles Planaires Terrestres de Ceylon, par M. Alois
Humbert, t suivie d'observations anatomiques sur le genre Bipalium
par M. Edouard Claparede. Mem. de la Soc. de Phys. et d'Hist.
Nat. de Geneve, 1861/62, tome XVI, 2i6me partie, p. 293. Auch in
Rev. et Mag. Zool. 2. ser. tome XIV, 1862, p. 404.
17) Jijima, Isao, Untersuchungen über den Bau und die Ent-
wicklungsgeschichte der Süsswasser-Dendrocoelen (Tricladen). Zeitschr.
f. wiss. Zool., Bd. X, 1884, p. 359.
Beobachtungen an Landplanarien. 349
18) Johnson, J. R., Observations on the Genus Planaria.
Phil. Transact. Roy. Soc. London, 1822, Part II, p. 437—447.
19) — , Further Observations on Planaria. Ibid. 1825, part. II,
p. 247—256.
20) Kennel, J. v., Bemerkungen über einheimische Landplanarien.
Zool. Anz. 1. Jahrg. 1878, p. 26.
21) — Die in Deutschland gefundenen Landplanarien Rhyncho-
demus terrestris 0. F. Müller und Geodesmus bilineatus Mecznikoff.
Arb. zool.-zoot. Instit. Würzburg, 5. Bd., 1880, p. 120.
22) — Untersuchungen an neuen Turbellarien. Zoolog. Jahrb.
(Spengel), Abth. f. Anat. u. Ontog., III. Bd., 1889, p. 447.
23) Lang, Arnold, Die Polycladen (Seeplanarien) des Golfes
von Neapel und der angrenzenden Meeresabschnitte. XL Monogr.
v. Fauna und Flora des Golfes von Neapel. Leipzig 1884.
24) Leuckart, Rud. , Die Parasiten des Menschen. 2. Aufl.
Leipzig und Heidelberg 1879 ff.
25) Loman, J. C. C, Ueber den Bau von Bipalium Stimpson,
nebst Beschreibung neuer Arten aus dem indischen Archipel.
Bijdragen tot de Dierkunde, uitgeven door het Genootschap Natura
artis Magistra te Amsterdam. 14. Aflevering, 1887, p. 61.
26) — Landplanarien der grossen Sunda-Inseln. Zoologische
Ergebnisse einer Reise in Niederländisch Ost-Indien, herausgeg. von
Dr. Max Weber, Prof. d. Zool. in Amsterdam. I. Heft, Leiden 1890,
p. 131.
27) Martens, Ed. v., Zur Kenntniss der fadenspinnenden
Schnecken. Zool. Anz. 1. Jahrg., 1878, p. 249.
28) Mecznikow, El., Ueber Geodesmus bilineatus Nob.
(Fasciola terrestris 0. Fr. Müller?), eine europäische Landplanarie.
Bulletin de l'Acad. imper. des sciences de St. Petersbourg, tome IX.
(1866), p. 433.
29) Moseley, H. N., On the Anatomy and Histology of the
Land-Planarians of Ceylon, with some Account of their Habits,
and a Description of two new Species, and with Notes on the
Anatomy of some European Aquatic Species. Philos. Transact. Roy.
Soc. London, vol. 164, 1874, P. 1, p. 105.
30) — Notes on the Structure of Several Forms of Land-
Planarians, with a Description of Two New Genera and Several New
Species, and a List of all Species at present Known. Quarterly
Journal of Microscopical Science, new ser., vol. XVII, 1877, p 273.
31) — Description of a new Species of Land-Planarian from
the Hothouses at Kew Gardens. Ann. Mag. Nat. Hist. 5 S? series,
vol. I, 1878, p. 237.
32) Müller, 0. F., Vermium terrestrium et fluviatilium, seu
Animalium Infusoriorum , Helminthicorum , et Testaceorum, non
marinorum, succincta historia. Hafniae et Lipsiae, 2 vol., 1773
bis 1774.
350 Georg Hermann Lehnert.
33) Schmarda, Ludwig K., Neue wirbellose Thiere, beobachtet
und gesammelt auf einer Reise um die Erde 1853 bis 1857. I. Band.
Turbellarien, Rotatorien und Anneliden. I. Hälfte. Leipzig 1859.
34) Schultze, Max, Beiträge zur Kenntniss der Landplanarien
nach Mittbeilungen des Dr. Fritz Müller in Brasilien und nach eigenen
Untersuchungen. Abh. d. Naturf . - Gesellsch. in Halle, 4. Bd.
35) Semper, Die natürlichen Existenzbedingungen der Thiere.
Leipzig 1880.
36) Stimpson, W.. Prodromus descriptionis animalium everte-
bratorum quae in Expeditione ad Oceanum Paciflcum Septentrionale
a Republica Federata missa, Johanne Rodgers duce, observavit et
descripsit W. Stimpson. P. 1. Turbellaria Dendrocoela. Proc. Acad.
Phil. 1857, p. 19.
37) Vejdovsky, P., Microplana humicola, Sitz.-Ber. Kgl. böhm.
Gesellsch. d. Wiss. 1889 — 90 (czechisch), und Revue biologique du
Nord de la France, vol. 2, 1889/90.
38) Wagner, Dr. Franz von, Zur Kenntniss der ungeschlecht-
lichen Fortpflanzung von Microstoma, nebst allgemeinen Bemerkungen
über Theilung und Knospung im Thierreiche. Zoolog. Jahrb.
(Spengel), Abth. f. Anat. u. Ontog., IV. Bd., 1890, p. 349—423.
39) Zacharias, Dr. Otto, Ergebnisse einer zoologischen Ex-
kursion in das Glatzer-, Iser- und Riesengebirge. Zeitschr. f. wiss.
Zool. 43. Bd., p. 252—289; p. 271—276: Ueber Fortpflanzung
durch spontane Quertheilung bei Süsswasserplanarien.
40) Zschokke, F., Faunistische Studien an Gebirgsseen. Ver-
handlungen der Naturforsch. Gesellsch. Basel. 1890. Bd. IX.
Ueber einige Säugetiere
von
Kamerun und dessen Hinterlande.
Von
Paul Matsehie
in Berlin.
Die hier behandelten Objekte stammen aus Sammlungen der
Herren Dr. Preuss und Premierlieutenant Morgen im deutschen
Schutzgebiete Kamerun. Es sind teils Felle von Säugetieren, leider
ohne die dazu gehörigen Schädel, welche Herr Dr. Preuss auf der
Barombi-Station unter dem 5° nördl. Breite westlich vom Mungo-
Fluss zusammengebracht hat,' teils Tiere in Alcohol von der Küsten-
station Kribi, unter 2 ° 56,3' nördl. Br. bei Batanga gelegen, welche
Herr Premierlieutenant Morgen eingesendet hat. Dazu kommen
einige Fledermäuse in Alcohol von Buea am Ostabhange des Kamerun-
Gebirges, des jetzigen Stationspunktes des Herrn Dr. Preuss, und
eine kleine Anzahl von Schädeln und Gehörnen, gesammelt in Wüte
und Tibati auf der Benue-Reise des Herrn Morgen.
Buea.
PhyTlorhina cyclops Temm. 2 Stücke in Alcohol.
Cynonycteris unicolor (Gray) 1 Stück in Alcohol.
Es ist mir nicht möglich, Dobson in der Vereinigung von Gyn.
collaris 111. und unicolor Gray zu folgen. Das vorliegende Exemplar
ist in allen Maassen kleiner als die Originalexemplare von collaris
111., ist bedeutend dunkler, hat den Daumen länger als die erste
Phalanx des 5. Fingers, was bei collaris 111. nicht der Fall ist, und
der erste Praemolar ist sehr wenig entwickelt. Gyn. unicolor (Gray)
ist vom Gabun beschrieben; das Originalstück steht mir nicht zur
Verfügung. Ich stelle deshalb mit einigem Zweifel das vorliegende
Exemplar zu unicolor (Gray).
352 Paul Matschie.
Barombi - Station.
Cercopithecus mona (Erxl.). Sehr gemein. 10 Felle.
Genetta servalina Puch. 1 Fell. Ueb er einstimmend mit
Pucheran's Abbildung in Arcb. du Mus. X. pl. X. p. 115 — 118; die
hellen Ringe im Schwänze erscheinen rotgelblich, die Schwanzspitze
ist weisslich mit undeutlichem grauen Fleck. Noack's G. pardinaf
Zool. Jahrb. IV. p. 170 dürfte wohl poensü Waterh. sein, welche sich
von servalina Puch. durch die abweichende Färbung des Schwanzes
gut unterscheidet.
Viverra civetta Schreb. 2 Felle, deren eines fast vollständig
schwarz ist und die helle Zeichnung nur in ganz schmalen Binden
zeigt. Pucheran beschreibt seine Viverra poortmanni (Arch. du Mus.
1855 X. pl.IX. p.109 — 115: „Simillima Viverrae civettae, sed major,
vittaque oculari nigra nasum non transeunte." Unsere Barombi-
Stücke sind ebenso wie ein Exemplar von Tschintschoscho grösser
als ein Stück, welches Hildebrandt von Sansibar schickte, und
ebenso grösser, als ein neuerdings durch Herrn Bezirkshauptmann
Schmidt in Bagamojo dem hiesigen zoologischen Garten geschenktes
Tier. Alle drei sicher westafrikanischen Stücke der Berliner Sammlung
haben einen durchgehenden Augenstreif und sind der Abbildung bei
Pucheran sehr ähnlich bis auf das Vorhandensein der schwarzen
Nasenbinde. Die drei Exemplare haben die Unterwolle schwarz, an
den weissen oder weissgelben Stellen sind die Haare weiss mit
schwarzen Spitzen, an allen übrigen Teilen des Körpers schwarz,
zuweilen mit kurzen weissen Spitzen. Die dunklen Flecke der
Zeichnung sind stets stark von dem helleren Grunde abstechend, in
der Mitte des Rückens und auf den Oberschenkeln zu dunklen
parallelen Streifen zusammenfliessend. Zuweilen wiegt die dunkle
Zeichnung, wie bei dem einen Barombi -Stücke so vor, dass die
Zeichnung hell auf schwarzem Grunde erscheint. Ob die Viverra
poortmanni Puch. eine besondere Lokalform bezeichnet oder viel-
mehr eine individuelle Varietät der civetta Schreb. darstellt, kann
erst nach dem Eintreffen reichlicheren Materials entschieden werden.
Das scheint jedoch jetzt schon erwiesen zu sein, dass die ost-
afrikanischen Exemplare der Zibethkatze sich von den west-
afrikanischen Exemplaren leicht unterscheiden lassen. Sie sind
etwas schwächer und weit heller gefärbt; die Unterwolle ist nicht
schwarz, sondern hell, die Körperhaare weissgelb mit langen schwarzen
Spitzen. Die dunklen Flecke sind nicht scharf umgrenzt und mehr
verwischt, auch niemals zu Binden zusammengeflossen. Ich möchte
für die östliche Form der Zibethkatze den Namen Viverra civetta
orientalis Mtsch. n. subsp. vorschlagen mit der Diagnose:
Ueber einige Säugetiere von Kamerun und dessen Hinterlande. 353
Viverra, civettae simillima; differt colore minus obscuro, corporis
capillis maximam in partem albidis nigroterminatis, femore maculis
obscuris, nee vittis ornato. Hab. Sansibar (Hildebrandt), Bagamojo
(Schmidt).
Crossarchus obscurus F. Cuv. 1 Fell. Der rötliche Hauch
der Stirn und der Wangen ist sehr stark ausgeprägt.
Anomalurus beecrofti Fräs. 2 Felle.
Sciurus rufobrachiatus Waterh. 14 Felle.
Sciurus calliurus Buchh. Alle 9 vorliegenden Felle stimmen
mit Peters' Originalexemplar (abgebildet in den Monatsb. d. Berl.
Ak. 1876 p. 485) sehr gut überein; alle haben die rötlichen
Hinterextremitäten und die rot verwaschene Kreuzgegend sowie die
gelblich olivenfarbene, nicht weisse Unterseite, wie sie auch das Original-
stück aufweist. Durch diese Kennzeichen scheint sich demnach
calliurus Buchh. stets von stanger i Waterh. zu unterscheiden.
Cephalolophus melanorheus Gray. 5 Felle.
Cephalolophus ogilbii (Waterh.). 3 Felle.
Kribi- Station.
Anthropopithecus niger Geoffr. $ juv. in Alcohol.
Epomophorus comptus Allen <J in Alcohol.
Anomalurus beecrofti Fräs. $ in Alcohol.
Sciurus rufobrachiatus Waterh. c? juv. in Alcohol.
Sciurus auriculatus Mtsch. nov. spec. 3 Felle ohne Schädel.
Sciurus, pyrrhopodi äff. ; differt auriculis nigris nee albis, macula
nigra nee alba, juxta auricula posita, linea laterali alba crebro
interrupta, linea nigra laterali abseilte, pedibus corpori concoloribus
nee rubris, subtus rubroflavus. Lg. corporis 20 — 22 cm, caud. c.
penicillo 20 cm, sine penicillo 14 cm.
Dieses prächtige kleine Eichhörnchen ist oben olivenschwarz,
jedes Haar schwarz mit breitem olivengelben Ringe vor der Spitze.
Die weisse Seitenbinde ist fünfmal unterbrochen, so dass sie in kleine
punktförmige Flecken aufgelöst erscheint, deren vorderster der grösste
ist. Die Aussenseite der Extremitäten ist von der Farbe der Rückens,
etwas in's Graue spielend. Die Oberseite des Kopfes sowie der
Hinterrücken spielen in's rötlich Ockerfarbene. Die Aussenseite der
Ohren und ein Fleck hinter denselben ist sammetschwarz, ganze
Unterseite und Innenseite der Beine lebhaft ockerfarbig, der Schwanz
von der Farbe des Rückens, die Haare mit weissen oder gelblichen
Spitzen. Hierher gehört auch ein ganz junges von Dr. Reiche now
in Massa-town gesammeltes Exemplar, dessen Hinterrücken schön
kastanienrotbraun erscheint.
Avch. f. Naturgesch. Jahrg. 1891. Bd.I. H.3. 23
354 Paul Matschie.
Leider liegen bisher nur Felle ohne Schädel vor, so dass über
den Zahnbau dieses interessanten Tieres noch nichts gesagt werden
kann.
Wüte und Tibati.
Colobus occidentalis Rochbr. Ein verstümmeltes Fell,
nördlich vom Sanaga Fluss zwischen Tibati und Banjo gesammelt.
Rochebrune hatte 1886 in seinen Vertebr. nov. vel min. cogn.
orae Afr. Occid. ine. diagn. Series tertia einen Guereza -Affen erwähnt
und ihn in Faune de la Senegambie. Suppl. I. p. 140 — 142 genauer
beschrieben, sowie auf tab. XIII abgebildet, welcher sich von C. guereza
Rüpp. unterscheidet durch die kürzeren Haare des weissen Mantels,
welche selbst bei dem erwachsenen Tiere die Oberschenkel nicht
bedecken, die schmale weisse Stirnbinde, den sehr langen rein
schwarzen Schwanz, dessen Enddrittel mit einer gelbweissen lang-
haarigen Quaste geschmückt ist und welcher in der oberen Hälfte
keine Spur von eingestreuten weissen Haaren zeigt. Das vorliegende
Fell gehört einem sehr alten Tiere an. Rochebrunes Original
stammt von Noki am oberen Congo.
Herr Premierlieutenant Morgen hatte die Güte, mir mitzuteilen,
dass diese Affenart alle gebirgigen Erhebungen in Tibati bis nahe
zum Benue bewohnt.
C. occidentalis Rchbr. dürfte den abessinischen Guereza im
centralen Sudan vielleicht bis nach Marungu, in Bagirmi und
Dar For ersetzen.
Felis leo senegalensis Fisch. Ein Schädel von Beli in
Adamaua.
Elephas africanus Blbch. Zwei Zähne. Nach Herrn Premier-
lieutenant Morgen bildet der sechste Grad nördl. Breite die Nord-
grenze der Verbreitung des Elefanten.
Bos zebu Brooke. Ein Stirnbein mit Hörnern der kleinhörnigen
Rasse; Tibati.
Bos galla Salt. Ein Gehörn der langhörnigen Reitzebu-Rasse;
Tibati.
Cephalolophus melanorheus Gray. Ein Schädel von der
Grenze des Waldgebietes in Wüte.
Kobus defassa Rüpp. Ein Gehörn. Tibati.
Diese Art, von Rüppell Neue Wirbeltiere p. 9 pl. 3. beschrieben,
scheint sich von West- Abessini en über Kordofan westlich bis Tibati
und südlich über Uganda (durch Speke P. Z. S. 1864 p. 6 als
Kobus sing-sing bekannt geworden) bis in die von Böhm unter-
suchten Gegenden östlich vom Tanganjika auszubreiten. Alle von
Böhm abgebildeten Wasserböcke stimmen mit Rüppels Beschreibung
Ueber einige Säugetiere von Kamerun und dessen Hinterlande. 355
durch den Mangel des weissen Hüftstreifens, die weissen Fesseln und
die hellrotbraune Stirnfärbung gut über ein. Die von Böhm ge-
sammelten Gehörne sind derselben Art zuzurechnen, wie das in
Tibati gesammelte sowie ein anderes, welches Schwein furth wahr-
scheinlich von Djur mitgebracht hat. Das Gehörn von ellipsiprymnus
Ogilb. ist ebenfalls hellbraun wie das von defassa Rüpp., die Stangen
sind jedoch viel mehr nach aussen in der ersten Hälfte ihrer Länge
gekrümmt und mit dem Spitzenteil alsdann stark nach innen. Die
Heuglin'sche Abbildung Verh. d. Leop. Carol. Ak. XXX, tb.IINo.10
entspricht unserem Gehörn von Tibati. Was Heu gl in defassa nennt,
dürfte einer noch unbenannten Art zuzurechnen sein, dessen Gehörn
sich dem von ellipsiprymnus nähert, aber im ganzen Spitzenteile
dunkler ist und dessen Stangen, im Enddrittel glatt, an der Spitze
sich stark einwärts und wiederum nach aussen krümmen.
Kobus unctuosa Laur. Ein Gehörn von Tibati.
Die Stangen sind schwarzbraun, wenig gekrümmt und an dem
Spitzenteil, der auf kaum ein Viertel der Gesammtlänge glatt ist,
nicht so spitz ausgezogen wie bei ellipsiprymnus O^ilb. und defassa
Rüpp. Die Entfernung zwischen den beiden Gehörnstangen ist an
der Spitze am grössten. Die zoologische Sammlung des Königlichen
Museums für Naturkunde zu Berlin besitzt ein von Böhm ge-
sammeltes Gehörn dieser Art vom Luwule. Der zur Zeit im hiesigen
zoologischen Garten lebende Wasserbock gehört hierher.
Bubalis lelwel Heugl. Ein Gehörn mit dem Stirnbein, an
welchem sich noch die Haarbekleidung befindet. Tibati.
Heuglin bildet Verh. d. Leop. Ak. XXX tb. I. No. 3a und 3b
ein Gehörn ab, mit dem das von Herrn Morgen gesammelte in
jeder Beziehung gut übereinstimmt. Heuglin hat dasselbe vom
Djur erhalten und benennt es in Reise in Nordost. -Afrika II. p. 124
mit obigem Namen. Er erwähnt, dass die Art in den Ebenen der
Req -Neger bis zum Djur und Kosange hinüber sehr gemein sei.
Seine Beschreibung des Gehörns betont die knotige Gestalt und
eine gewisse Aehnlichkeit mit licktensteini Ptrs., welche jedoch
stärker gewunden sei. B. lehret Heugl. gehört mit licktensteini Ptrs.
und caarna Gldf. zu einer Gruppe, während bubalis (Cuv.), tora Gray,
lunata H. Sm. und cokii Gthr. die zweite bilden. B. lelwel Heugl.
unterscheidet sich im Gehörn von caama Gldf. dadurch, dass an
Stelle des rechtwinkligen Knickes bei caama das Gehörn in einem
stumpfen Bogen zu einer langen Spitze ausläuft. Wie unser Gehörn
zeigt, hat die Art eine dunkelrotbraune Stirn. Das Verbreitungsgebiet
dieser Kuhantilope erstreckt sich, wie das des Guereza -Affen und
des Kobus defassa von West-Abessinien nach Westen bis zum Benue.
Im deutschen Schutzgebiete, in den Gegenden, wo Böhm gesammelt
hat, ist nicht caama Gldf., wie Noack Zool. Jahrb. IL p. 208 annimmt,
sondern licktensteini Ptrs. zu finden. Böhm sammelte ein Gehörn
dieser Art und bildete auch nur diese Species in seinen leider immer
noch unveröffentlichten Aquarellen ab.
23*
356 Paul Matschie.
Aus der Sendung des Herrn Premierlieutenant Morgen geht
hervor, dass die nordöstliche Fauna sich bis weit in den Westen
Afrika's hinein erstreckt, und dass in Tibati wahrscheinlich sich die
Grenzen der nordwestlichen und nordöstlichen Säugetierfauna be-
rühren. Wir finden von östlichen Formen Colobus occidentalis Kchbr.,
Kobus defassa Rüpp. und Bitbalis lelwel Heugl., von nordwestlichen
Arten Kobus unctuosa Laur. Die Objekte werden zum grossen Teil
in der zoologischen Sammlung des Berliner Museums für Naturkunde
bleiben.
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Archiv f Nafurqesch. 1891.
Taf.I.
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Edwards, 1 ll.RhapidophorusWilgoni 12-19.Dogenidium nasufui
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Edwards. 1-11
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Taf.V
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1-11 Michaelsen:TeiTicolen, Berl.Sam.nl. Afrika
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