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ARCHIV
FÜR
NATURGESCHICHTE.
CEGRVXTDET VON A. F, A. W-XEGMASTZC.
IN VERBINDUNG MIT
PROF. DR. GRISEBACH IN GÖTTINGEN, PROF. VON SIE-
BOIiD IN ERLANGEN, DR. TROSCHEIi IN BERLIN, PROF.
A. IVAGBTER IN MÜNCHEN UND PROF. RüD. WAGNER
IN GÖTTINGEN, v
HERAUSGEGEBEN
TON
Dr. mr. F. ERICHSON,
SIEBENTER JAHRGANG,
Erster Band.
MIT ELF TAFELN.
BERLIN 1841.
IN DER NICOLAI'SCHEN BUCHHANDLUNG.
Inhalt des ersten Bandes.
Zoologie.
Seite
Die italienischen Spitznaäuse, nach den Angaben der Icono-
graphia della Fauna Italica di C. L. Bonaparte, Prin-
cipe di Canino e Musignano. Fase. XXIX. 1840. Im
Auszuge mitgetheilt von A. Wagner 297
Entwurf einer systematischen Eintheilung und speciellen Be-
schreibung der Phoken. Von Nilsson. Aus dem Schwe-
dischen übersetzt von Dr. W. Peters 310
Nachschrift zu vorstehender Abhandlung von J. Müller . . . 333
Beschreibung einer neuen Art von Bandikuts, Perameles myom-
ros, nebst Bemerkungen über Perameles obesula. Von A.
Wagner 289
Gruppirung der Gattungen der Nager in natürlichen Familien,
nebst Beschreibung einiger neuer Gattungen und Arten. Von
demselben 111
Berichtigung einiger von Hrn. Duvernoy gemachten Bemerkun-
gen über meine Beschreibungen der Säugthiere in Dr. M.
Wagners „Reisen in der Regentschaft Algier". Von dem-
selben 212
Briefliche Nachricht über einige sehr seltene Vögel, welche
nach der Herausgabe meines Verzeichnisses der Vögel Ga-
liziens entdeckt worden sind, als Beitrag zu demselben mit-
getheilt von v. Sierauszowa-Pietruski 335
Ueber die Seeschlange der Norweger. Von Heinr. Rathke . 278
üeber die Fortpflanzungsweise des Aals. Briefliche Mittheilung
von F. C. H. Creplin 230
Ein Blick auf die Classification der wirbellosen Thiere. Vom
Herausgeber ..... 1
Zur systematischen Kenntniss derlnsectenlarven. Erster Beitrag:
die Larven der Coleopteren. Vom Herausgeber 60
Ueber das Eierlegen der Jgrion forcipula. Von Th.v. Siebold 205
Ueber den Bau und die Lebensweise zweier an der Kiefer le-
bender Gallmücken-Larven. Vom Prof. J. Th. Ch. Ratze-
burg 233
Ueber die Balanideen, Von W. v. Rapp, Prof. in Tübingen . 168
i^oiiS
Seite
Ueber das Gehörorgan der Mollusken. Von Prof. C.Th.v. Sie -
bold in Erlangen 148
Ueber die merkwürdige Bewegung der Farbenzellen (Chromato-
phoren) der Cephalopoden und eine muthraasslich neue Reihe
von Bewegungsphänomenen in der organischen Natur. Von
Rud. Wagner 35
Zoologische Bemerkungen. Fortsetzung. (Fossartis ein neues
Genus der kammkiemigen Mollusken; über das Genus Eu-
lima Risso; über das Genus Trujicatella Risso; über
Tornatella; Oncliidium nanum n. sp.; Euplocamus la-
amoms.) Von Dr. A. Philippi 42
Beiträge zur Molluskenfauna Deutschlands , insbesondere der
Österreich. Staaten. Von Dr. Louis Pfeiffer in Kassel . 205
Einige neue Land- und Süsswasserconchylien, beschrieben von
E. Ch, L. Grüner. {Unio Delphimis, Bulimus Menhei, An-
gosture7isis.) 276
Bemerkungen über Linneische Conchylien-Arten, welche von spä-
tem Conchyliologen verkannt sind. Von Dr. A. Philippi.
(Lepas anserifera; Tellina lactea, pisiformis, divaricata;
Cardinm virgineuni; Mactra glabrata; Valuta rusttca,
tringa, corniculata ; Murex pusio, clathratus, corneus, li-
gnarius, scriptus; Trochus labio; Turbo obtusatus, neriloi-
des\ Nerita littoralis; Helix ambigua; Nerita glaucina.) . 258
Berichtigung von Berichtigungen. Von Dr. S.A. Philippi. {Pan-
dorina corruscans Scacchi, Paludinella Pfeif., Sigaretus u.
Lafnellaria.) 339
Berichtigung das Genus Idalia Leuck. und das Genus Euploca-
WMf Phil, betreffend. Von Dr. F. S. Leuckart .... 345
Ueber die Gattungen und Arten der Comatulen. Von J.Müller 139
Ueber die Entwicklung der Medusa aurita und Cyanea ca-
pillata, von M. Sars 9
Ueber muthmassliche Nesselorgane der Medusen und das Vor-
kommen eigenthümlicher Gebilde bei wirbellosen Thieren,
welche eine neue Klasse von Bewegungsorganen zu consti-
tuiren scheinen. Von Rud, Wagner 38
Botanik.
Neue und weniger gekannte südamericanische Euphorbiaceen-
Gattungen. Von Dr. J. F. Klo tzsch 175
Tuckerma7t7iia, eine neue nordamericanische Gattung aus
der natürlichen Ordnung Empetreae. Von demselben . . . 248
Die Crotoneae der Flora von Nordamerica. Von demselben . 250
Die Gattung Trewia. Von , demselben 255
Ein Blick auf die Classification der wirbellosen
Thiere.
Vom
zeitigen Herausgeber,
Das erste Heft meiner „ Entomographien " habe ich mit einer
systematischen Revision derlnsecten, Arachniden und Crustaceen
der Neueren begonnen, welche zum Zweck hatte, diese drei
Classen nach zoologischen Characteren festzustellen, und deren
Resultat war, dafs ein allen dreien gemeinsamer Grundtypus
der Körperbildung nachgewiesen wurde, durch welche sie unter
sich auf's Engste verbunden erschienen. Damals lag es nur
im Zwecke, die drei genannten Classen als ein zusammenge-
höriges Ganze darzustellen, im Folgenden will ich versuchen,
dasselbe durch den Vergleich mit den übrigen wirbellosen
Thieren noch weiter zu begründen, und den Zoologen meine
von den jetzt allgemein herrschenden sehr abweichenden An-
sicliten über eine natürliche Eintheilung der wirbellosen Thiere
überhaupt zur weiteren Prüfung vorzulegen.
Man schliefst in neuerer Zeit fast allgemein die geglie-
derten Würmer den Insecten Linne's an, beide zusammen
als eine einzige Hauptabtheilung, Gliederthiere, betrachtend,
mag man nun dieselbe, wie Blainville u. A., über alle wir-
bellosen Thiere mit einigermafsen symmetrischem Körperbau
ausdehnen, oder sie, wie Ehrenberg, mit tieferem Eindringen
in die innere Organisation, auf solche beschränken, wo die
Gliederung des Körpers durch das aus einer Ganglienreihe
mit strahlig auslaufenden Nervenfäden bestehende Nervensystem
als eine wahre bezeichnet wird. Es kommt aber darauf an,
ob Symmetrie und Gliederung des Körpers und die mit der
letzteren zusammenhängende Form des Nervensystems so viel
bedeuten, dafs nicht noch andere Rücksichten für dön Syste-
Archi*' f. Naturgescb. VII. Jahrg. 1. Band, 1
matiker geben sollte. Ich wenigstens bin mit der Zeit zu der
Ueberzeugung gelangt, dafs man zu dem Linneischen zurück-
zukehren, und der Natur gemäfs die wirbellosen Thiere m
zwei grofse Abtheilungen zu bringen habe, von denen die
eine den Linneischen Insecten, die andere den Lmneisdien
Würmern entspräche. Dies soll im Folgenden erwogen werden.
Der zuerst in die Augen fallende Unterschied zwischen
Beiden besteht darin, dafs die Einen ein bestimmtes System
von Bewegungsorganen haben, die Anderen nicht, und da
hierin kein Uebergang stattfindet, sondern die Linne.schen
Insecten alle, wenigstens zu einer bestimmten Zeit ihres Le-
bens, damit versehen sind, ! bei den Linneischen Würmern
aber nichts denselben Analoges vorkommt, ist dieser Unter-
schied ein beständiger und durchgreifender; und da willkür-
liche Bewegung eine der vorzüglichsten thierischen Eigen-
schaften ist, scheint er zugleich ein sehr wesentlicher zu
sein Bei den Linneischen Würmern wird die Fortbewegung
des Körpers auf verschiedene Weise veranstaltet, wo es aber
nicht wLperbewegung ist, wie bei den Infusorien und den
Jungen mancher Strahlthiere, spielt abwechselnde Ausdehnung
und Zusammenziehung des ganzen Körpers dabei die Haupt-
rolle Die seitlichen Girren und Borsten der Mehrzahl der
Anneliden sind für sich nicht im Stande, den Körper zu be-
wegen, sondern dienen höchstens dazu, dafs es demselben an
Stiftzpunkten nicht fehle, ebenso wie die <^astropoden nicht
mittelst der Bauchsohle, sondern auf derselben durch Exten-
sionen undContractionen des ganzen Körpers vorwärts gleien
Die Arme der Cephalopoden, wie die der Polypen eige^
dazu bestimmt, den Raub zu ergreifen und zum Munde zu
führen, dienen nur gelegentlich dazu, den Korper vorwärts
zuschleppen. Auch die sogenannten Füfschen der Echin^dermen
sind keine Gliedmaafsen, sondern gehören rein der Haut an.
Bei den Insecten dagegen bilden die Bewegungsorgane nicht
allein ein eigenes System von Gliedmaafsen, welches die ganze
Abtheilung zwar in verschiedenen Modificationen, aber m im-
mer gleichem Grundtypus besitzt, sondern welches auch emen
eigenthümlichen äufseren Scelettbau bedingt, und mit einer
weiteren Gliederung des Körpers in genauer Beziehung steht
Man könnte nämlich annehmen, dafs an dem gegliederten Insect
ursprünglich jedes Glied oder Segment ein Paar gegliederter
Beine habe, wie nir es zunächst bei den Myriapodcn, nament-
lich den Scolopendern finden, welche anscheinend einen Ueber-
gang zu den Anneliden, und zwar zunächst zu den Nereiden
vermitteln. Indefs ist der Grundtypus der Insectenbildung ein
ganz anderer, und man sieht, wenn man die ganze Reihe dieser
grofsen Abtheilung mit Berücksichtigung der Entwickelungs-
geschichte überschaut, dafs mit dem Auftreten von Glied-
maafsen, welche die Function der Fortbewegung des^ Körpers
auf sich nehmen, noch andere Verhältnisse der Körpergliede-
rung verbunden sind, welche für die Organisation von durch-
greifender Bedeutung werden.
Es centralisiren sich nändich die verschiedenen Le-
bensverrichtungen bei den Linneischcn Insecten mehr oder
weniger auf bestimmte Abschnitte des Körpers. Zuerst
sondert sich der Theil, der die Organe der vegetativen
Functionen, nämlich die der Ernährujig und Fortpflanzung
enthält, als Hinterleib von dem Vorderleibe, welcher allein
animalen Verrichtungen vorsteht, indem er mit den Bewegungs-
werkzeugen und Siniu^sorganen ausgerüstet ist. Am Weite-
sten und Bestimmtesten ist die Sondening bei den Insecten
im engeren Sinne gediehen, wo auch der Vorderleib noch
wieder in zwei Theile zerfällt, nämlich den Kopf mit den
Sinnesorganen, und den Thorax, auf den allein sich die Be-
wegungsorgane beschränken. Bei den Arachniden sind nur
Vorderleib und Hinterleib gesondert, aber auch hier besitzt
der erstere allein die Bewegungsorgane. Bei den Crustaeeen
erhalten auch die Hinterleibssegraente jedes ein ähnliches Fufs-
paar, wie es die Segmente des Thorax haben, und dadurch
verliert der Thorax in dieser Classe seine ursprüngliche Be-
deutung, um so mehr, als die ihm angehörenden Fufspaare,
wenn die des Hinterleibes die Fortbewegung des Körpers ent-
weder ganz oder vorzugsweise übernehmen, zugleich entweder
alle oder zum Theil (bei den eigentlichen Crustaeeen) sich zu
Mundtheilen umgestalten.*) Indefs geht aus der Verwandlungs-
*) Wie dies bei den verschiedenen Abtheilungen geschehe, habe
ich in meiner oben ^geführten Abhandlung entwickelt, worauf ich
mich hier beziehen mufs.
1*
geschichte verschiefleiier Decapoden hervor, clafs ilirer Körper-
bildung kein anderer Typus, als der der Insecten zum Grunde
liege, indem in frühester Jugend noch keine anderen Beine,
als die des Thorax vorhanden sind, welche alsdann noch ihre
Functionen als Bewegungsorgane ausüben. So konmien die
Myriapoden (Julus) auch mit 3 Fufspaaren auf die Welt, und
zwar gerade mit denen, welche den 3 Fufspaaren der Insecten
entsprechen; auf ähnliche Weise findet es sich bei den Lernäen,
welche auch gröfstentheils mit 3 Fufspaaren aus dem Ei kom-
men, und an denen sich erst nach und nach der anfangs fufs-
lose und kaum bemerkbare Hinterleib überwiegend entwickelt.
Eine andere durchgreifende Eigenthünilichkeit der Insecten
im Linneischen Sinne ist der Besitz von drei Kieferpaaren
im Munde, welche, obgleich auf verschiedene Weise modificirt,
sich immer wiederfinden lassen. Etwas Entsprechendes giebt
es bei den Linneischen Würmern nirgend, denn weder die
Zahnplatten im Munde der Blutegel, noch die Haken im Schlünde
der Anneliden, selbst nicht einmal der eigenthümliche Zahn-
apparat im Schlünde der Räderthiere, lassen einen Vergleich
mit jenen drei Kieferpaaren der Insecten zu. Obgleich die
Kiefer der Insecten eigentlich den Beinen identisch sind, wie
es sich aus der Umwandlung derselben in Beine (wie bei den
Arachniden) und umgekehrt, aus der Umwandlung der Beine
in Kiefer (bei den eigentlichen Crustaceen) auschaulich macht,
läfst sich die Annahme, dafs der Kopf der Insecten, wie der
Thorax, aus drei Segmenten zusammengesetzt sei, auf keine
Weise rechtfertigen. Das beständige Vorkommen der drei
Kieferpaare aber läfst vermuthen, dafs der Kopf, selbst wo er
scheinbar fehlt, indem er mit nächstfolgenden Körperabschnitten
verschmilzt, wie bei den Arachniden, Decapoden, Stomapoden
und Entomostraceen, doch ein wesentlicher Theil des Insecten-
körpers sei. Dasselbe geht aus der beständigen Anwesenheit
des Gehirns als Centralorgan des Nervensystems hervor, auch
da, wo äufserlich ein bestimmt abgegränzter Kopf fehlt.
Bei den Linneischen Würmern dagegen ist ein Kopf in
dem Sinne nicht vorhanden, Avie ihn sämmtliche Wirbelthiere,
sämmtliche Insecten im engeren Sinne und ein grofser Theil der
Crustaceen, selbst die Myriapoden, bei denen doch die weitere
Gliederung in die gröfseren Körperabschnitte am Wenigsten
5
entwickelt erscheint, haben, und ich kann mich nicht überzeu-
gen, dafs Linne darin so Unrecht hatte, als es ihm von so
vielen ausgezeichneten Naturforschern gegeben wird, wenn er
den Würmern überhaupt den Besitz eines Kopfes abspricht.
Ein Kopf kann sich streng genommen nur durch den Gegen-
satz vom Rumpfe unterscheiden lassen. Dieser Gegensatz
findet aber bei allen Linneischen Würmern nicht statt, wo
der ganze Leib nichts als ein für sich lebendiges Abdomen ist,
wo selbst dann, wenn der Körper gegliedert ist, zwischen den
einzelnen Gliederabschnitten keine anderen Gegensätze obwal-
ten, als zuweilen in der V^erästelung des Gefäfssystems, wo
endlich wohl mitunter das Vorderende durch die dort ange-
brachten Cirren und die dort placirten Sinnesorgane (nament-
lich Augen) ausgezeichnet ist, dies aber nur, weil sich eben
da die Mundöffnung befindet. So erscheint selbst bei den
Cephalopoden das vom Mantel nicht eingeschlossene Vorder-
eude des Körpers nicht als ein eigentlicher Kopf, und zwar
um so weniger, als sich dieser Theil zur Solile gestaltet, auf
welcher die Thiere kriechen; noch weniger scheint derselbe
Theil bei den Pteropoden auf eine solche Bezeichnung Anspruch
machen zu können, da nicht einmal die Augen auf ihm befind-
lich sind. Bei den Anneliden macht sich zwar häufig das
erste Körpersegment namentlich durch die stärkeren Cirren,
welche es führt, bemerklich, indefs gehören die Cirren nicht
sowohl ihm, als der Mundöffnung an, und wie wenig ein Ge-
gensatz zwischen ihm und den folgenden Segmenten obwaltet,
sieht man am besten da, wo mehrere Augen vorhanden sind,
und nicht auf dem ersten Segment allein, sondern auch auf
mehreren der folgenden stehen. Was man endlich bei den
Cestoideen Kopf nennt, ist eigentlich ein ausgestülpter Schlund,
wie er in ähnlicher Art auch bei den Anneliden häufig vortritt,
und man braucht nur eine Nereide mit ausgestülptem Schlünde
mit einem Bandwurm zu vergleichen, um von der Identität
der fraglichen Theile überführt zu werden. Noch gröfser wird
man die Uebereinstimmung finden, wenn man einen Sipunculus
oder Priapulus nimmt, wo der ausgestülpte Schlund zugleich
mit Ilakenkränzen gekrönt ist. Es scheint mir auch nicht
ganz unmöglich, dafs die Taenien diesen Theil eben so gut
aus- und einstülpen können, wie die Nereiden und Sipunculus,
wenn er auch bei Bothriocephalus unbeweglich sein mag.
Wie die Würmer also überhaupt kopflos sind, so fehlt
iluien auch ein Centralorgan des Nervensystems, ein Gehirn,
wie es die Linneischen Insecten in dem über dem Schlünde
gelegenen Ganglion allgemein besitzen,*) und welches hier
dem Kopfe seine eigentliche Bedeutung verleiht. Bei den
Anneliden hat das erste Ganglion (oder der Schlundring)
nicht dieselbe Bedeutung wie bei den Insecten, sondern
das Lebensprincip scheint mehr über die ganze Kette der
Ganglien verbreitet zu sein, woraus allein erklärlich ist, wie
Thiere dieser Abtheilung zerschnitten, fortleben und sich zu
ganzen Individuen ergänzen, sobald nur ein Theil der Gan-
glienkette in dem Stücke vorhanden ist. Bei den Insecten re-
produciren sich höchstens Gliedmaafsen. Am wenigsten ist
das Lebensprincip bei den Polypen und Planarien centralisirt,
bei denen einzelne Stücke, in beliebigen Richtungen getrennt,
das ihnen inwohnende Leben bewahren und zu ganzen Thieren
worden. Am Ersten könnte noch eine Centralisation des Le-
bensprincips in einzelnen Theilen bei den Molluscen stattfinden,
indefs fehlen hierüber zur Zeit noch bestimmte Erfahrungen.
Aus dem Vorhergehenden ergiebt sich also, dafs zwischen
den beiden Hauptabtheilungen der wirbellosen Thiere, welche
wir mit Linne Insecten und Würmer nennen, eine sichere
Unterscheidung, ja in manchen Stücken ein scharfer Gegensatz
stattfinde, in dem die Insecten durch den Besitz eines Systems
eigenthümlicher Bewegungsorgaue, durch Sonderung der Kör-
permasse in verschiedene Portionen für die verschiedenen
Lebensfunctionen, und damit zusammenhängende Centralisirung
des Lebensprincips von der anderen Hauptabtheilung, den Wür-
mern sich unterscheiden, und durch die angeführten Momente
die Anlage einer höheren Gesammtorganisation erkennen lassen,
wenn dieselbe auch niclit überall in allen einzelnen Theilen
*) Weun nämlich bei Insecten daS Gehirn mit dem Kopfe vom
Rumpfe getrennt wird, hört zwar nicht die Bewegung überhaupt,
aber doch die willkürliche auf; ich wenigstens habe mich nie über-
zeugen können , dafs nach dem Verlust des Kopfes die noch nicht
unmittelbar aufhörenden Bewegungen einen dem Rumpfe inwohnenden
Willen verriethen.
zur Entwicklung gelangt. Die Natur ist zwar sichtlich bemüht,
die Schärfe ihrer Abschnitte abzustumpfen, nichts desto weni-
ger sind aber die von ihr gezogenen Gränzen fest und bestimmt.
So giebt es weder Mittelformen noch einen unmittelbaren
Uebergang zwischen Insecten und Würmern*), eben so wenig
als es Zwischenstufen zwischen wirbellosen und Wirbel -Thie-
ren giebt.
Die weitere Eintheilung der Linneischen Insecten ist
hinreichend klar. Die erste Classe bilden die Insecten im
engeren Sinne, mit einer Trennung des Körpers in Kopf, Tho-
rax und Hinterleib, wo der Thorax allein Bewegungsorgane
besitzt, daher beständig sechs (oder 3 Paar) Beine und bei
der Mehrzahl noch Flügel, deren Vorkommen hier allein mög-
lich ist, weil hier allein ein sowohl vom Kopfe als vom Hin-
terleibe abgeschlossener Thorax existirt. Die zweite Classe,
die Arachniden, untersclieiden sich von den Insecten darin,
dafs der Kopf mit dem Thorax verschmilzt, daher der bestän-
dige Mangel der Fühler, und die Umwandlung des dritten
Kieferpaares zu einem vierten Fufspaare, deshalb hier 8 Beine.
Bei beiden Classen ist der Hinterleib ohne Bewegungsorgane,
welche bei der dritten Classe, den Crustaceen auftreten.
Bei den eigentlichen Crustaceen liegt der Mund vor den Bei-
nen, und die Fufspaare, welche dem Thorax angehören, wan-
deln sich entweder alle oder zum Theil zu Mundtheilen um;
bei den Entomostraceen findet ein unmittelbarer Ueber-
gang der Beine zu Mundtheilen nicht statt, aber der Mund
liegt hinter dem ersten Fufspaare.**)
*) Man hat häufig den Peripatus als ein natürliches Bindeglied
zwischen Myriapoden und Anneliden aufgestellt, ich mufs aber geste-
hen, dafs ich an ihm nitlit das Geringste finde, was er von einem
Insect an sich hätte.
**) Vielleicht ist das vollendetste System ein scheinbar künstliches,
indem es nämlich die Charactere von einem einzigen Theile ableitet.
Bei allen Linneischen Insecten bieten die Mundtheile eine hinreichende
Mannichfaltigkeit dar, um nach denselben allein die gröfseren Ab-
theilungen zu bestimmen. Alle haben nämlich ursprünglich drei Kie-
ferpaare. Bei den Insecten im engeren Sinne findet kein Uebergang
derselben zu den Beinen statt, es sind aber doch scheinbar nur zwei
Paare vorhanden, indem das dritte in der Unterlippe verwachsen ist.
Bei den Ara&hniden sind ebenfalls scheinbar nur 2 Paare vorhan-
8
Bei den Liniieischeu Würmern ist eine scharfe weitere
Eintheilung weit schwieriger, indem die äufsere Structur wenig
bietet, und unsere Kenntnifs von der inneren Organisation noch
bedeutende Lücken hat. Die erste Classe bilden ohne Frage
die Molluscen, indem bei ihnen der innere Bau, namentlich
die Zusammensetzung der Nahrungswege die gröfste Vollkom-
menheit zeigt. Eine zweite Classe würden alle diejenigen
Würmer zusammensetzen, die bei symmetrischem Körperbau
einen linearen Typus desselben zeigen, und welche, wie die
Molluscen, einen vollständigen Darmkanal mit Mund und After-
öffnung haben, also die Anneliden, Turbellarien, die Nematoideen
von den Helminthen, und die Räderthiere. Hier finden sich
bei gleichem Typus der Körperform auch mehrfache Annähe-
rungen an die Insecten, wie die namentlich bei den Nereiden
an die Myriapoden, und bei den Räderthieren an gewisse En-
tomostraceen nicht wohl haben übersehen werden können.
Eine dritte Classe sind die Strahlthiere mit strahligem Typus
im Körperbau, gröfstentheils mit einer centralen Verdauungs-
höhle, meist auch mit centraler Mundöffnung, welche bei den
frei sich bewegenden nach unten, bei den festsitzenden nach
oben gerichtet ist. Bei den letzten Classen ist der Nahrungs-
weg gefäfsartig, nämlich einfach zweiästig, bei den Helminthen
(mit Ausschlufs der Nematoideen), baumartig verästelt bei den
Planarien, in eine Menge von einfachen Magen führend
bei den polygastrischen Infusorien.
Es wäre sehr zu wünschen, dafs wir über die Organisation
und die Naturgeschichte der Planarien eine eben so umfassende
und tief eindringende Bearbeitung erhielten, als sie Ehrenberg
über die Infusorien gegeben hat.
den, indem das dritte sich zum ersten Fufspaar umwandelt. Bei den
Crustaceen dagegen findet sich scheinbar eine gröfsere Zahl von
Kieferpaaren, indem sich entweder das erste (selten die beiden ersten)
oder die 3 ersten Fufspaare zu Kiefern gestalten. Bei den Ento-
mostraceen sind 3 einfache Kieferpaare da, die in der Mundöff-
nung hinter dem ersten Fufspaare liegen.
üeber die Ent Wickelung der Medusa aurita uud
der Cjanea capillata.
Von
M. S a r s.
(Fortsetzung der Beiträge zur Entwickelungsgeschichte der Mollusken
und Zoophyten.)
Hierzu Taf. I., II., III. und IV.
Vorwort.
Die folgende Abhandlung hat über ein halbes Jahr zum
Drucke fertig gelegen, da sie dazu bestimmt war, einem Auf-
satze über die Entvviekelung der Seesterne zu folgen, deren
Studium mich in der letztern Zeit beschäftigt hat, und durch
welches ich in Stand gesetzt worden bin, viele Zusätze zu
dem früher von mir in diesem Archive (Jahrg. III. S. 404 flf.)
gelieferten kurzen Darstellung der Entwickelung dieser Thierc
zu geben. Aber da ich gerade dieser Tage des Hrn. Dr. v.
Siebold schöne Abhandlung über die ersten Entwickelungs-
stadien der Medusa aurita (S. Dessen Beiträge gur Natur-
geschichte der wirbellosen Thiere; Danzig 1839) empfing, so
finde ich es unzweckmäfsig, die Beobachtungen länger zurück-
zuhalten, welche ich, ohne die von jenem wackern Naturfor-
scher über denselben Gegenstand angestellten Untersuchungen
zu kennen, gemacht habe, und das um so mehr, als ich noch
den Beweis meiner Behauptung (a. a. O. S. 406), dafs meine
Strohila nur ein Jugendzustand der Medusa aurita sei, schul-
dig bin. Es ist mir eine wahre Freude, die Richtigkeit und
Genauigkeit der Siebold sehen Beobachtungen bestätigen zu
können. Die Uebereinstimmung derselben mit den raeinigeu
giebt mir Muth, meine Abhandlung, so wie sie zu seiner Zeit
niedergeschrieben, unverändert mit den in ihr ausgesprochenen
Ansichten zu veröffentlichen, welche ich ferner für richtig
halte; und ich fürchte nun um so weniger die Zweifel, welche
10
von verschiedenen Naturforschern gegen die Richtigkeit meiner
früheren Beobachtungen ausgesprochen worden sind, als einige
der wichtigsten von diesen kürzlich durch Dalyell eine er-
freuliche Bestätigung erhalten haben. Die. von mir zum Ge-
genstande von Untersuchungen gewählten Thiere sind schwer
zu beobachten; da, wo fast Alles neu ist, läuft man, wie kun-
dige Naturforscher wissen, leicht Gefahr, MifsgriflFe zu machen.
Ich selbst bin erst in der letztern Zeit mehr im Beobachten
geübt worden, habe auch bisher nur ein unvollkommenes Mi-
kroskop gehabt; — aber alles dessen ungeachtet hoffe ich
doch, es werde sich zeigen, dafs ich zum mindesten nicht
flüchtig beobachtet habe. —
In meiner i. J. 1835 erschienenen Schrift über einige
Seethiere an der Bergenschen Küste habe ich die äufserst merk-
würdige Entwicklung einer der Gattung ii/j/ijra Eschscholtz
ähnlichen Akalephe, welche ich schon i. J. 1829 entdeckt und
Strohila octoradiata benannt hatte, umständlich beschrieben
und abgebildet. Später habe ich die Kenutnifs erlangt, dafs
die Strohila*) nichts Anderes ist, als ein Jugendzustand der
Medusa aiirita, welche Entdeckung ich in diesem Archive,
(a. a. O. S. 406) ankündigte. Nachher ist es mir, wie ich
glaube, geglückt, die ganze Entwickelung der Medusa aurita
und Cyanea capillata (welche beide in dieser Hinsicht die
gröfste Uebereinstimmung zeigen) vollständig vom Ei aus bis
geradeweges zum erwachsenen Zustande kennen zu lernen.
Man begreift leicht, dafs es nicht möglich ist, sehr lange ein
einzelnes Individuum dieser Thiere seine verschiedenen Ent-
wicklungsperioden hindurch zu beobachten, da es, will man
dasselbe in einem mit Seewasser gefüllten Gefäfse conserviren,
allemal sehr leidet und in kürzerer oder längerer Zeit zu
Grunde geht, wegen des nothwendigen häufigen Wechsels des
Seewassers, des Mangels an hinlänglicher Nahrung und endlich
>) Ehrenberg hat in seinen „Akalephen des rothen Meeres,"
S. 52, Anm., ohne hinreichenden Grund meine Süobihi als eme sich
querthcilende Lucernaria betrachtet, von deren Organisation jedoch
die ihrige ganz abweicht.
11
wegen des Sclileims, welcher sich aus dem Seewasser immer
auf die Wände des Gefäfses oder andere Körper niederschlägt,
an welchen diese Thiere während ihres Entwicklungszustandes
festgeheftet sitzen. — Ich bin defshalb zur Kenntnifs der Ent-
vvickelung nur durch viele zu verschiedenen Zeiten und an
einer Menge von Individuen in verschiedenen Eutwickelungs-
zuständen angestellte Untersuchungen gelangt. Die wichtigsten
derselben, aus einem Tagebuche gezogen, werde ich mir er-
lauben, hier niitzutheilen; man wird aus ihnen entnehmen kön-
nen, auf welche Weise ich zu den eben erwähnten und mehreren
Resultaten, welche unten angegeben werden sollen, gelangt bin.
Ich setze hierbei voraus, dafs man meine früheren, in der oben
citirten Schrift bekannt gemachten Beobachtungen*) kenne.
Zuerst will ich beweisen, dafs die frei umherschwimmende
achtstrahlige Strohila nur ein Jugendzustand der gemeinen Me-
dusa auvita ist. Dies lehrte mich eine im Frühjahre 1837
angestellte Reihe von Untersuchungen.
1. Am 22. und 23. März 1837 fand ich nämlich eine
Menge kleiner Acalephen in der See bei Florö, von denen
die meisten 3, einige auch 4'" im Durchm. hatten. Die erste-
ren (Fig. 49, 50.) glichen in Form und Organisation ganz den
kürzlich losgerissenen Strobilen: sie hatten, wie diese, eine
flache, während der Zusammenziehungen hemisphärische Scheibe,
deren Peripherie in 8 ziemlich lange, am Ende zweitheilige
Strahlen getheilt war, einen langen, viereckig oder röhrenför-
mig herabhangenden, ganzrandigen Mund an der Unterseite
und keine Tentakeln. Die 8 Randkörner waren schon ganz
entwickelt, mit einem braunrothen Pigmentpunkte, und safsen
an der Stelle, an welcher sich jeder Strahl in 2 längliche, am
Ende schmälere und zugerundete Lappen theilt. Der Magen
war von 4 Faltenkränzen umgeben, von denen man jedoch
nur die sogenannten Saugröhren oder die Tentakeln sieht,
*) Einen Auszug aus meinen Beobachtungen hierüber i. J. 1829.
Isis 1833, S. 224 Tab. 10. und einen Auszug meiner i. J. 1835 erschie-
nenen Schrift in Wie gm. Archiv, 1836, Jahresb. S. 197, wie auch in
der Isis 1837, S. 354.
12
welche verhältnifsniäfsig weit gröfser sind, als bei der erwach-
senen Meduse, und sich langsam und wunnförniig bewegen.
Die vom Magen nach der Peripherie der Scheibe laufenden
Canäle sind so vertheilt: zu jedem der 8 Randkörner geht
ein ziemlich weiter, und zu dem noch sehr schmalen Räume
zwischen den Strahlen ebenfalls ein, aber viel schmälerer,
Canal. Diese beiden Canäle anastomosiren mit einander mittels
einer zu jeder Seite aus der Mitte des zu den Ran71körnern
laufenden Canales entspringenden Zweiges, welcher sich bogen-
förmig zum Ende des andern ungetheilten Canales begiebt.*)
Diese Akalephen waren empfindlicher, als es gewölnilich der
Fall zu sein pflegt, denn bei starken Reizungen bogen sich
die Strahlen zusammen und einwärts gegen den Mund, so dafs
der Körper die Form einer Halbkugel annahm und sich einige
Zeit lang nicht wieder ausstreckte. —
2. Unter den eben erwähnten Akalephen fanden sich auch
einige Individuen (Fig. 51., 52.) unbedeutend gröfser (4'" im
Durchni.), aber von derselben Form und demselben Baue, nur
mit dem Unterschiede, dafs der Raum zwischen den Strahlen
etwas gröfser geworden und wie ein runder Lappen gestaltet
war, und dafs aus dem Ende des sich dort befindenden Ca-
nals, welches mit den 2 seitlich sitzenden Seiten- Zweigen der
Randkorncanäle zusammenläuft, einige kleine ovale Blasen, 3
an der Zahl, von denen die mittlere die gröfste war, hervor-
zuwachsen begannen. — Ein noch etwas mehr entwickeltes
Individuum ist in meiner citirten Schrift S. 21 beschrieben und
Tab. 3., Fig. 7., s, t, u, abgebildet. —
3. Zu derselben Zeit kamen luiter den anderen nicht sel-
ten einige noch mehr entwickelte Akalephen derselben Art
(Fig. 53., 54, 55.) und von fast der doppelten Gröfse (^" im
*) Diese Canäle sind, wie ich sehr vermuthe, von der eben los-
gerissenen Strobila in meiner Abbildung a. a. O. Tab. 3., Fig. 7., 1,
unrichtig angegeben worden. Wenigstens finde ich in den Original-
zeichnmigen, dafs der Randkorncanal nur 2 Zweige jederseits hat,
von denen der äufsere nur die sehr Icurze Fortsetzung an der Basis
des Randkorns ist; der innere geht vevmuthlich (denn es ist in der
Figur undeutlich) zu dem im Zwischenräume der Strahlen laufenden
ungetheilten Canäle. Ich würdigte damals die Verthcilung der Canäle
nur einer flüchtigen Aufmerksamkeit.
13
Durchm.) vor, welche hinsichtlich der Entwickelung besonders
wichtige Aufschlüsse gaben. Die 8 Strahlen waren viel kleiner
geworden, indem die Zwischenräume zugenommen hatten; an
diesen letzteren bemerkte ich noch mehrere der kleinen ovalen
Blasen, nämlich 8 — 12 an jedem, von denen die mittelste im-
mer die gröfste war und die anderen zu beiden Seiten aus-
wärts stets kleiner blieben. Aber besonders interessant war
es, dafs die mittelste oder am meisten entwickelte dieser Bla-
sen sich in einen fadenförmigen, an der Basis dickeren und
am Ende zugespitzten Tentakel verlängert hatte, welcher schon
mit seinem Ende ein gutes Stück über den Rand der Scheil)e
hinausragte (Fig. 54., 55,). Sie hatte, wie die anderen Blasen,
inwendig einen dunkleren, hellröthlichen Kern, w^elcher ihre
Höhlung ist. Dies ist die Entstehung der zahlreichen Rand-
tentakeln bei Medusa aurita. Erstlich wächst der mittelste
in jedem Strahlen-Zwischenräume hervor und zu dessen beiden
Seiten entwickeln sich allmälig mehre und mehre, wie man
im Folgenden sehen wird, indem der Raum zwischen den
Strahlen immer gröfser und die letzteren auf einen engeren
Raum beschränkt werden, bis diese Tentakeln zuletzt einen
zusammenhangenden Kreis rings um den Scheibenrand bihlen.
Nicht weniger interessant ist das Hervorwachsen der
Mundtentakeln, welche sich nun erst zeigten. Bei den gröfs-
ten der erwäiinten Akalephen war nämlich der noch röhren-
förmige, lange Mundrand, besonders in den Ecken, mit gegen
30 hervorwachsenden und ganz kurzen, zugespitzten Tentakeln
(Fig. 54.) besetzt; die an den 4 Ecken sitzenden waren die
gröfsten; weiterhin wurden sie immer kleiner, bis fast zu un-
bemerkbaren kleinen Höckern. Sie wachsen also von den
Mundecken aus, und allmälig immer mehre zu beiden Seiten
von diesen, längs des Mundrandes. — Die vom Magen abge-
lienden Canäle hatten denselben Verlauf, wie es vorher an-
gegeben ward, nur waren sie viel schmäler geworden. Am
Faltenkranze hatte sich die Anzahl der Tentakeln bedeutend
vermehrt. Die obere Fläche der Scheibe ist mit einer zahl-
losen Menge blafsrother, sehr kleiner Höcker oder Papillen
( Saugvvärzchen nach Ehrenberg) besetzt, welche schon bei
der eben losgerissenen StYobila bemerkt werden (a. a. O. S. 19).
4) Am 5. April fand ich Exemplare von gegen |" Durchm.
14
(Fig. 56 — 60.)« r)io Strahlen waren noch kürzer, ihre Zwi-
schenräume gröfser und, jeder, mit 20 — 30 fadenförmigen
Randtentakeln besetzt, von denen der mittelste allezeit der
längste, und die zu äufserst an beiden Seiten stehenden noch
rudimentär oder nur wie ovale' Höcker waren. — Die gegen
die Randkörner zulaufenden Canäle waren mit mehren neuen
Zweigen vermehrt, welche sich in der Gestalt dünner Röhren,
was besonders merkwürdig ist, vom Rande aus, neben den
Wurzeln der Tentakeln, da wo der Randcanal sich rings um
die Scheibe mehr und mehr entwickelt, hervorbilden und im-
mer mehr nach innen anwachsen, bis sie mitunter, nachdem
erst 2 und 2 sich vereinigt haben, zuletzt mit den beiden
Seitenzweigen des primitiven Canals anastomosiren (Fig. 57.).
Die vom Magen nach den Zwischenräumen der Strahlen lau-
fenden Canäle bleiben dagegen einfach, ohne Zweige. — Sol-
chergestalt sehen wir also nun die Vertheilung der Canäle
fertig und im Wesentlichen ganz so, wie sie sich bei der
erwachsenen Medusa aurita verliält. — Die Randkörner
(Fig. 60.), Augen nach Ehrenberg, sind, wie oben gesagt,
völlig entwickelt. Sie bestehen aus einer birnförmigen Blase,
welche mit dem dickeren Ende inmitten der beiden vom Ca-
näle ausgehenden, sehr kurzen Zweige oder Fortsätze befe-
stigt ist und übrigens an der Unterseite der Scheibe frei hervor-
ragt, von den beiden Strahlenlappen, welche etwas nach unten
oder zusammen gebogen sind, umgeben oder überwölbt. Inner-
halb dieser Blase liegt eine andere, von derselben Gestalt, in
welcher ein lebhaftes Circuliren kleiner Partikelchen bemerkt
wird; das äufsere Ende ist dunkel und körnig (hier bemerkt
man beim erwachseneren Thiere die bekannten Kalkkrystalle)
und oben auf ihm sieht man den runden, gelbrothen Pigmentfleck.
Mit dem Munde war nun eine merkwürdige Veränderung
vorgegangen. Er hatte sich nämlich (Fig. 58., 59.) am Ende
in 4 Theile getheilt, indem der Rand auf eine ziemlich lange
Strecke zwischen den Ecken eingeschnitten war, und diese
letzteren, wie 4 von den Seiten zusammengedrückte Arme, frei
hervorstanden. Dies ist die wahre Entstehung der 4, an der
Unterseite der Medusa aurita herabhängenden grofsen Arme.
Sie sind eigentlich dreikantig und haben 3 Ränder, nämlich
einen äufseren glatten, welcher der äufsere Längsrand der
15
frühem viereckigen Mnndröhre ist, und 2 nach innen gewen-
dete, welche aus dem eingeschnittenen Endrande gebildet wer-
den und mit den vorher erwähnten kleinen, in einer Längs-
reihe stehenden, konisch zugespitzten Mund- oder Armtentakeln
besetzt sind, die allmälig immer mehr an Zahl zunehmen.
(Fig. 59.)
5. Diese Arme werden nach und nach immer mehr getrennt,
bis sie endlich nur noch an ihrer Basis zusammenhangen,
übrigens aber frei sind und sonach von der früheren Mund-
röhre nichts weiter zu sehen ist; sie nehmen an Gröfse zu,
imd an ihren beiden einwärts gerichteten Rändern wachsen
immer mehr Tentakeln hervor. Die Randtentakeln werden
auch immer zahlreicher und länger, und die Strahlen auf einen
noch kleineren Raum beschränkt. So waren die Individuen
beschaffen, welche ich vom 11. bis zum 20. April in Menge
um Florö fand, und welche 1" im Durchm. hatten (Fig. 61.,
61',). Kurz, die junge Medusa aurita ist in allen wesentli-
chen Puncten ihrer Organisation völlig entwickelt und unter-
scheidet sich vom erwachsenen Thiere durch nichts, als ihre
geringere Gröfse. — Man sieht also, dafs die 4 Arme sich
früh sämmtlich gleichmäfsig und in gleichem Verhältnifs ent-
wickeln, nicht aber einer nach dem andern, wie O. Fr. Müller
glaubte und ni der Zoologia danica von einem schon ziem-
lich grofsen Individuum abbildete, welches ohne Zweifel ent-
weder beschädigt, oder ein monströses war.
Schliefslich will ich nur hinzufügen, dafs man, wie ich
von der Strohila schon in meiner citirten Schrift, S. 20, be-
merkt habe, bei diesen Akalephen nicht selten Abweichungen
von der normalen achtstrahligen Form antrifft; so habe ich
z. B. Individuen mit 10 Strahlen gefunden, welche in Ueber-
einstimmung hiermit 5 Faltenkränze, 5 Arme u. s. w, hatten,
ganz wie es auch Ehrenberg beobachtete (Akalephen, S. 22,
Tab. 2.); ferner, dafs die Entwicklung nicht bei allen Indivi-
duen gleichzeitig statt findet, da ich z. B. noch am 11. April
nicht wenige fand, welche in jeder Hinsicht auf derselben
Stufe standen, wie die zuerst am 22. März beobachteten (Fig.
49., 50.); auch habe ich früher (a. a. O. S. 21) im September
Individuen von ~" Durchm. gefunden.
Aus den obigen Beobachtungen geht es von selbst hervor,
16
dafs meine früher aufgestellte Gattung Strobila, als ein blofser
früherer Entwickelungszustand der Medusa auriia, aus dem
Systeme entfernt werden mufs, und ohne Zweifel ist dasselbe
auch der Fall mit der Eschscholtzschen Gattung Ephyra,
welche wohl ebenfalls nichts, als das Junge einer oder der
andern Art von iVLedusa ist.
Bei Baster, in dessen Opuscula suhseciva, Tom. IL,
findet man, Tab. VII., Fig. 5. A. B., die Abbildung einer sehr
kleinen Akalephe, welche im Sommer an der Küste von Hol-
land häufig ist. Sie hat einen langen niederhangenden, röhren-
förmigen Mund, die 4 Faltenkränze, 8 Strahlen, welche in
der^, Figur eingebogen zu sein scheinen, kurz, sie ist vermuth-
lich ein Junges der Medusa aurita von der Gröfse und Ent-
wickelungsstufe, wie ich sie am Schlüsse des Märzmonates fand.
Dafs die Entwickelung der Cyanea capillata der der Me-
dusa aurita wesentlich gleichen müsse, habe ich alle Ursache
anzunehmen. Am 18. April 1837 fand ich nämlich in der See
bei Florö einige Akalephen dieser Art von fast ^" im Durchm.
(Fig. 62., 63.), deren grofse Aehnlichkeit mit den Jungen der
Medusa in die Augen sprang. So wie bei diesen, ist auch
dort die Peripherie der Scheibe in 8 ziemlich lange dreitheilige
Strahlen getheilt, nur sind die Strahlenlappen am Ende zuge-
spitzt. Auch der Mund ist ähnlich gebildet, lang, niederhangend,
viereckig oder röhrenförmig; das Ende oder der Rand war
vierfach eingeschnitten und zeigte somit den Anfang zu den
4 Armen, welche jedoch noch kurz, doppelt zusammengelegt
oder dreieckig, am Ende zugespitzt, ohne Tentakeln, waren
(Fig. 63., 64.). Die Randkörner sitzen an derselben Stelle
und sind eben so geformt, wie bei den Jungen der Medusa
aurita; so auch die 4 Faltenkränze, welche nur wenige und
grofse Tentakeln haben. Von den Magenanhängen sind die
herzförmigen nur noch wenig entwickelt, desto mehr dagegen
die länglichen, zu den Strahlen laufenden ; die Strahlen nehmen
nämlich die ganze Peripherie der Scheibe so ein, dafs ihre
Zwischenräume, welche später so bedeutend werden, jetzt sehr
beschränkt sind. Diese Räume zwischen jedem Paare Strahlen
zeigen schon jetzt die hervorwachsenden langen Tentakeln
17
(Fig. 64.), welche bekanntlich bei der erwachsenen Cyanea in
8 Bündel unter der Scheibe etwas innen vor deren Rand ge-
stellt sind. Diese Tentakeln, welche nun schon denselben
Platz, wie beim erwachsenen Thiere, einnehmen, wachsen hier
ganz so, wie bei den Jungen der Medusa hervor. Mitten auf
diesen Räumen sah ich nämlich einen an der Basis dickeren,
gegen das Ende dünneren, fadenförmigen, sehr langen Tentakel,
und zu jeder Seite von diesem einen kurzen, kegelförmig aus-
wachsenden Tentakel. Aufser diesen waren an der Wurzel
des grofsen Tentakels und an seiner äufsern Seite 2 kleine
runde Höcker und zu jeder Seite des kegelförmigen noch 3
andere runde, gegen den Rand gestellte, immer kleiner wer-
dende Höcker. Alle diese Höcker haben, so wie der grofse
Tentakel, inwendig einen braungelben, dunkleren Kern (Höh-
lung) und sind sämmtlich herauswachsende Tentakeln. Diese
wachsen also eben so, wie bei der Medusa, von der Mitte aus
und allmälig auswärts nach beiden Seiten. — Die langen
Tentakeln waren übrigens von verschiedener Gröfse an den
verschiedenen Räumen der Scheibe; die gröfsten waren aus-
gestreckt 2 — 3" lang, konnten sich aber auch aufserordentlich
zusammenziehen; sie waren von Farbe braungelb, die gröfsten
am Ende dunkelbraun (vermuthlich mit Brennen erregender
Feuchtigkeit gefüllt).
Aus dem Angeführten ersieht man die grofse Ueberein-
Stimmung zwischen der Cyanea und der Medusa in der Ent-
wickelungsweise.
So weit war ich also in meiner Kenntnifs von der Ent-
wickelung der Akalephen vorgeschritten. Ich hatte, was ich
schon lange vermuthete, bewahrheitet, dafs die Strobila nur
ein Jugendzustand der Medusa ist; aus meinen vorigen Beob-
achtungen wufste ich, dafs die Strobila sich durch Querthei-
lung einer polypenartigen Larve, wenn ich mich dieses Wortes
bedienen darf, entwickelt. Jetzt galt es endlich, um die Ent-
wickelungsreihe vollständig darzulegen, den frühesten Zustand
und die Entwickelung vom Eie aus bis zu dem beobachteten
polypenartigen Larvenzustande kennen zu lernen.
Nach einigen Versuchen, welche vielleicht wegen der
Archiv f. Naturgesch. Vll. Jahrg. 1. Band. 2
18
unrechten Jahreszeit oder anderer Ursachen mifsgliickten, ist
es mir endlich in diesem Herbste zweimal zu verschiedenen
Zeiten geglückt, die erwünschte Entwickelung zu sehen. Jeder
Naturforscher wird mit Leichtigkeit die Versuche wiederholen
können.
lieber die Eier in den Eierstöcken der Medusa aurita
hat schon Ehrenberg in seinem Werke über die Akalephen,
S. 19, Tab. VII,, einige Erläuterungen gegeben; doch stellt er
die Bestandtheile des Eies, die Vesicula Furkinji und die
Macula oder richtiger Vesicula Wagneri, so auch die Thei-
lung oder Furchung des Dotters, nicht deutlich dar. Er hat
ebenfalls die eben ausgekommenen Jungen, welche den Leu-
cophrys oder Bursarien gleichen und sick in so grofser Menge
in den 4 grofsen Armen ansammeln (welches schon O. Fr.
Müller beobachtete), besc-irieben. „Aber," sagt er (a. a. O.
S. 20) „keiner hat noch eine Entwickelung dieser Formen zu
Medusen gesehen; wefshalb man schon (wie v. Baer) davon
geredet hat, dafs diese Körper wohl Parasiten sein könnten."
Ehrenberg sieht sie indessen für die Brut der Medusa an,
obgleich er unglücklich in den Versuchen war, die er anstellte,
um ihre Entwickelung zu verfolgen; aber er ist, übereinstimmig
mit seinen bekannten Ansichten, geneigt, sie für eine sehr
kleine Form von Männchen, die weniger zahlreichen violetten
Formen in den Eierstöcken für Weibchen zu nehmen. Auch
v. Siebold will getrenntes Geschlecht bei Medusa aurita
beobachtet haben (Wiegm. Archiv, 1837, Bd. II. S. 275), aber
auf eine andere Weise, nämlich GeschlechtsdifTerenzen in ver-
schiedenen Individuen, so dafs dieselben Organe, welche bei
den W^eibchen Eierstöcke, bei den Männchen Testikeln seien,
Ueber diese Beobachtung kann ich noch nichts sagen, da ich
keine Gelegenheit, sie zu prüfen, gehabt habe.*) Dagegen
mufs ich Ehrenberg's Hypothese mit Bestiu)mtheit verwer-
fen und Siebold beipflichten, wenn er (a. a. O. S.276) die
mit Cilien besetzten, ovalen, cylindrischen, braungelben Formen
für eine fernere Entwickelung der kugelförmigen, violetten Eier,
*) Spätere Anmerkung. Siebold hat jetzt in seiner Schrift .-
„Beiträge zur Natiirgesch. der wirbell. Thiere, S. 7 ff., diese seine
Behauptung gründlich bewiesen.
19
und jene für die erste Entwickeluugsstufe der Akalephen erklärt.
Dafs dies sich wirklich so verhält, dafs diese mit Cilien besetz-
ten Formen weder kleine Männchen, noch weniger Parasiten
sind, sondern sich in Wahrheit zu Medusen entwickeln, freilich
durch viele und wunderbare Verwandlungen, von denen man
früher nicht die mindest* Ahnung gehabt hat, (da man a priori
hier die Eutwickelung, wie bei so vielen anderen niederen
Thieren, für sehr einfach hielt, dem entgegengesetzt, was sie
so oft in der Wirklichkeit ist), das will ich nun aus Beobach-
tung erweisen.
Den ersten glücklichen Versuch stellte ich am 19. Septbr.
d. J. (1839) mit der in den Armen der Cyanea capillata
enthaltenen Brut an, welche sich zu der Zeit in zahlloser
Menge in denselben befand; aber da ein anderer, einige Wo-
chen später angestellter Versucii, obzwar ganz mit dem erste-
ren iibereinstiuimend, bestimmtere Resultate lieferte, so will
ich diesen lieber umständlicher mittheilen.
Ich fand nämlich am 12. October 1839 in der See bei
Florö 2 Inrlividuen der Cyanea capillata-, das eine, von mitt-
lerer Gröfse (8 — 9"), hatte nur wenige Jungen in den Armen-
das andere, etwas kleinere (6"), mehre. Diese Jungen sind
dottergelb, sehr klein und, mit dem blofsen Auge angesehen,
von der Gröfse eines kleinen Sandkorns. Ich hatte diese
Thiere in Gefafsen voll Seewasser mit nach Hause genommen;
nach und nach verliefsen die meisten Jungen die Arme und
schwammen frei im Wasser herum. Ich fing eine Menge der-
selben in einem Glase auf. Durch das Mikroskop angesehen
zeigt sich ihre Form oval (Fig. 1., 3.), etwas zusammengedrückt
(Fig. 2.), mit einem dickeren und einem schmäleren Ende;
einige sind mehr langgestreckt oder nähern sich mehr der
Cylinderform (Fig. 4.). Der Körper ist überall mit vibrirenden
Cilien besetzt, mittels deren diese Jungen frei herum schwim-
men. Es findet bei ihnen keine Verschiedenheit an Rücken
und Bauch statt; denn sie drehen sich während des Schwim-
mens häufig um ihre Längsachse und zeigen somit bald die
breite (Fig. 1.), bald die schmale Seite (Fig. 2.); dagegen exi-
stirt ein Vorn und Hinten bestimmt, denn sie schwimmen stets,
wie schon v. Siebold bemerkte (a. a. O. S. 276), mit dem
dickeren Ende voran. An diesem letztern sieht man in der
2*
20
Mitte eine kleine runde Grube, welche v. Siebold für den
Mund hält,*) Aber dagegen streitet eine Beobachtung, die
ich unten anführen werde, und durch welche es wird wahr-
scheinlich gemacht werden, dafs die Jungen in diesem Zustande
gar keinen Mund haben, und dafs sie in dieser und mehren
Rücksichten sehr den eben ausgeschlüpften Jungen vieler Po-
lypen und insonderheit der Campanularia, wie Löwen in sei-
nem schönen Beitrage (K. Svensk Vetensk. Acad. Handl. för
ar 1835, S. 260 ff., von Creplin übersetzt in: Wie gm. Archiv,
J. 1837, S. 249 ff.) uns dieselben kennen gelehrt hat, gleichen.
Der Körper ist weich, besteht blofs aus einem sehr fein-
körnichten Gewebe und scheint inwendig eine grofse Höhle
von derselben Form, wie der der Körpercontouren, zu haben,
welche Hohle sowohl durch ihre gröfsere Dunkelheit, als auch
durch Drücken des Körpers luiter dem Compressorium bemerkt
wird. Das Schwimmen, welches allein mittels des Schwingens
der Wimpern bewirkt wird, geschieht gleichmäfsig fortschrei-
tend und gleichsam gleitend, gewöhnlich nach gerader Richtung
und ziemlich hurtig.
So fuhren diese infusorienartigen Akalephenjungen an die-
sem und dem folgenden Tage fort, unter einander herumzu-
schwimmen. Bemerkenswerth war es, dafs sie sich gern in
der gröfsten Menge an der dem Lichte zugewendeten Seite
des Glases ansammelten, ich mochte das Glas herumdrehen,
wie ich wollte. Dies scheint zu zeigen, dafs sie im Stande
seien, die Einwirkung des Lichts zu empfinden.
Wir haben somit den ersten oder infusorienartigen Ent-
wickelungszustand der Akalephe betrachtet; jetzt werden wir
sie sich verwandeln und in einen polypenartigen Zustand über-
gehen sehen. Am 14. October waren nämlich viele der Jungen
nach der Wasserfläche hinaufgezogen und hingen mit dem
einen Ende an dieser und mit dem andern in das Wasser
hinab. Einige hatten sich auch an die Wände des Glases ge-
setzt. Ich sah einige in der Nähe der Wasserfläche umher-
schwimmende allmälich ihre Bewegungen schwächen und sich
endlich mit dem Ende, welches beim Schwimmen das vordere
♦) Spätere Anmerkung. Siebold hat nun in seiner letzteren
Schrift, S. 27, diesen Irrthum selbst berichtigt.
21
war, an die Wasserfläche hängen, während das frühere Hinter-
ende gerade in's Wasser hinab hing (Fig. 5., 6.). Bei den
an den Wänden des Glases festgehefteten Jungen safs eben-
falls das frühere Vorderende unbeweglich am Glase, und das
andere Ende stand horizontal und frei in das Wasser hinaus.
Einige unter dem Mikroskope sich bewegende Jungen sah
ich auch nach einiger Zeit sich sehr fest an dem Objectträger
anheften (so dafs sie nur mit Gewalt losgerissen werden konn-
ten), wobei das vorige Ilintet-ende sich nun aufwärts richtete
(Fig. 7., 8.). Dasselbe thaten am folgenden Tage viele, welche
sich am Boden des Glases festsetzten. Kurz, die Jungen hef-
ten sich jetzt mit demjenigen Ende an, welches vorher das
vordere war; anr andern Ende, welches nun noch zugerundet
ist (Fig. 7.), aber bald abgestutzt wird (P'ig. 8.), öffnet sich
erst später der Mund des Thieres.
Beim Anheftungsact ist es die oben erwähnte kleine Grube
des vorherigen Vorderendes, welche wie eine Saugwarze wirkt,
indem sie zugleich einen zähen Schleim absondert, welcher
sich zu einer flachen, cirkelrunden Scheibe ausbreitet, durch
welche das Jiuige an dem fremden Körper festgewachsen
bleibt (denn es kann nicht mehr seinen Platz verändern); ^venn
es aber an der Wasserfläche schwebt, so ist es auch jene
Grube, welche eine Luftl)laso auffängt, nüttcls deren es sich
schwebend erhält (Fig. 5., 6.).
xMan kann, wenn man einige Augenblicke mit Ruhe das
Factum, welches ich eben erzählt habe, die Anlieftung und
das Festwachsen dieser Akalophenjtingen an fremden Körpern
betrachtet, niclit umhin, an die grofse Aehnlichkeit zu denken,
welche sich hier mit den Vorgängen bei den Campanularien-
jungen zeigt. Diese Uebereinstimmung wird noch augenfälliger
und merklicher, wenn man, wie ich gleich berichten v>erde,
sie zu Polypen auswachsen sieht.
Am 15. October nämlich bemerkte ich, dafs bedeutende
Veränderungen mit den am Tage vorher angehefteten Jungen
vorgefallen waren. Das freie Ende (das vorige Hinterende)
war jetzt das dickere geworden und gerade abgeschnitten, das
festgeheftete dagegen schmäler und allemal in die oben er-
wähnte Anheftungsscheibe ausgebreitet (Fig. 9.). Am freien
Ende war jetzt bei den meisten schon die Mundöffnung sichtbar
22
und zwar von einer Wulst umgeben (Fig. 10. )• Der Mund
kann sich bedeutend erweitern und zusammenziehen; im er-
steren Zustande ist er kreisförmig oder viereckig (Fig. 10., 11.).
Endlich bemerkte ich bei vielen am freien Ende um den Mund
4 runde Höcker, welche hervorwachsende Arme oder Tenta-
keln sind (Fig. 11., 12., 13.). Bei einigen (Fig. 14,) waren
diese 4 Tentakeln schon länger und konisch zugespitzt; der
Körper war nach unten gegen die Anheftungsscheibe schmäler,
also becherförmig geworden. Ja, bei einem Paar Individuen,
welche die entwickeltsten von allen waren, hatten die Tenta-
keln sogar die halbe Körperlänge und waren dabei viel dünner,
als bei den anderen (Fig. 15.). Uebrigens waren diese Jungen,
welche, wie man sieht, sich so schnell entwickeln und jetzt
völlige Polypen geworden waren, auch bedeutend an Gröfse
gewachsen; sie waren nun beinahe doppelt so grofs, wie 3
Tage früher; auch hatten sie fast ganz ihre gelbe Farbe ver-
loren und waren wcifsiich und etwas durchsichtig geworden.
Am IG. October waren die Tentakeln bei vielen von der
Länge des Körpers, am 17ten nocl'. länger und sehr dünn,
fadenförmig. Zu derselben Zeit gab es viele, welche sich erst
kürzlich festgeheftet hatten und nicht wenige noch herum-
schwimmende, während Boden und Wände des Glases mit
mehren Hunderten festsitzender besetzt waren. Der Körper
war nunmehr bei den am meisten entwickelten nach unten
noch schmäler geworden und wie ein dünner Stiel, umgeben
von einer mit der Anheftungsscheibe zusammenhangenden cy-
lindrischen Schleimröhre (Fig. lö., in dieser Figur sind die
Tentakeln nicht ganz ausgestreckt), welche zugleich mit der
Anheftungsscheibe von steiferer und knorplichterer Beschaflfen-
heit ist, als das ganze übrige weichere und contractile Thier. —
Am ISten fingen an einzelnen Individuen neue Tentakeln in
Gestalt von Höckern in den Zwischenräumen der 4 ursprüng-
lichen hervorzuwachsen. Vom 18. bis zum 22. October wurde
ich am Beobachten verhindert. Am 22ten hatten alle Indivi-
duen 8 Tentakeln, welche gegen 4mal so lang, wie der Durch-
messer des Körpers, und überaus dünn waren (Fig. 17 — 21.).
Der Körper ist nun, wie eben bemerkt, sehr contractu (eine
Eigenschaft, welche bei dem infusorienartigen Zustande nicht
bemerkt ward), weifslich und etwas durchsichtig geworden,
23
nur dafs die den Stiel unten umgebende Schleimröhre ganz
ungefärbt und wasserklar ist. Er hat ferner inwendig eine
grofse Höhle, wie die äufseren Körpercontouren gebildet, welche
sicli oben am breiten Ende des Körpers inmitten des Tentakel-
kranzes mit einem nach dem Grade der Zusammeuziehung
veränderliclien Munde öffnet. Dieser ist nämlich, wenn er
zusammengezogen, sehr klein und nur als eine kleine Vertie-
fung bemerkbar; erweitert er sich dagegen, so wird er cirkel-
rund (Fig. J8.),* oder viereckig, oder länglich, indem sich sein
Rand mannichfaltig bewegt und biegt, und oft beinahe so weit
wird, wie der Körper selbst. Bei geschlossenem Munde ist
die obere Fläche des Körpers etwas convex. Am Rande die-
ser Fläche sitzen die Tentakeln in einer einzigen Reihe um
den Mund. Man bemerkt, auf welche \Yeise der Polyp einen
oder mehre seiner Tentakeln nach verschiedenen Richtungen
bewegt, sie zusammenzieht oder ausstreckt; rührt man sie an,
so ziehen sie sich schnell zusammen, werden kurz und dick,
bei starker Reizung nicht länger, als die Hälfte der Körper-
breite, indem sie sich einwärts gegen den Mund krümmen.
Auch der Körper zieht sich auf einen Reiz stark zusammen,
wird viel kürzer und dicker, fast kugcl- oder birnförniig.
Betrachtet man die ausgestreckten Tentakeln mit einer Loupe,
so sieht man sie gleichsam gegliedert, da sie in kurzen gleichen
Zwischenräumen mit zahlreiclien runden Knötchen (vielleicht
Saugwarzen) besetzt sind (Fig. 23.).*) Werden diese Polypen
von ihrer Stelle mit Gewalt losgerissen, so waren es nur
einige wenige, welche sich wieder anzuheften vermochten, und
diese safsen dann auch bei weitem nicht so fest, als bei der
gewöhnlichen Anheftung; die meisten blieben los am Boden
des Glases liegen.
Am 23. October begannen bei einigen der gröfsten Indi-
viduen 1 — 2 sehr kleine Tentakeln zwischen den 8 früheren
hervorzuwachsen; am 24sten bei einem Paar anderer Individuen,
welche fast doppelt so grofs waren, wie die mit 8 Tentakeln
versehenen, 3 — 5 neue von sehr ungleicher Gröfse, also in
*) Spätere Anmerkung. Dies sind, nach v. Siebold, wel-
cher mit besseren Instrumenten beobachtete, als ich, glasklare Körper,
wie die an den Tentakeln der erwachsenen Meduse (a. a. O. S. 31).
24
Allem 13 Tentakeln (Fig. 24.). Diese neuen Tentakeln wuch-
sen in den 3 — 4 folgenden Tagen stark; die 8 früheren waren
fast 5mal so lang, wie der Körperdurchmesser. Man sieht
also, dafs die Anzahl der Tentakeln allmälig mehr und mehr
mit dem Wachsthume zunimmt. Bei einem Theile der Indi-
viduen war der Körper mehr länglich oder nach unten in einen
längern Stiel ausgezogen (Fig. 22.), wogegen der untere, dünne,
fadenförmige Theil, welchen die durchsichtige Schleimröhre
umgiebt, eben so grofs, wie vorher, war. Bei einigen zeigte
sich innen in der Körperhöhle schon der Anfang der 4 Längs-
wülste, deren weiter unten Erwähnung geschehen soll; diese
schienen oberhalb der Mundregion unter den 4 ursprünglichen
Tentakeln hervorzuspringen und sich gerade nach unten längs
der inneren \yand der Körperhöhle bis zur Basis hin zu
erstrecken.*)
In den folgenden 8 — 10 Tagen zeigten sich hei diesen
polypenartigen Akalephenjungen keine bemerkbaren Verände-
rungen mehr; sie wurden allmälich schwächer, zogen sich
stark zusammen und starben endlich.
So haben wir denn nun die polypenartige Form entstehen
sehen, welche ich i. J. 1835 beschrieben und abgebildet habe
(a. a. O. S. 16, Tab. 3., Fig. a, h, c,), und aus welcher sich
späterhin durch Quertheilung die Strobila entwickelt. Der
Kreis ist also geschlossen, die Entwickelungsreihe in den Haupt-
zügen vollständig.
Ich habe jedoch noch eine höchst merkwürdige, hierher
gehörende Thatsache vorzulegen. In dem bescliriebenen fest-
sitzenden, polypenartigen Zustand nämlich, welchen wir mit
gutem Grunde einen Larvenzustand nennen können, pflanzt
sich die Akalephe schon fort, ehe die Quertheilung zur Stro-
bila statt findet, und zwar auf die "Weise der Polypen durch
Knospen und sogenannte Stolonen.
Am 9. September 1836 fand ich nämlich auf einer Lami-
*) Spätere Anmerkung. Auch v. S i e b o 1 d hat diese 4 Wülste
bemerkt (a. a. 0. S. 31), so wie ebenfalls Wiegraann, s. die Anm.
weiter unten.
25
naria bei FlorÖ eine Menge von Individuen, sämmtlich in dem
polypenartigen Larvenzustande. Ob sie der Medusa, oder der
Cyanea angehörten, konnte mit Sicherheit nicht ausgemittelt
werden. Sie waren verschieden an Gröfse und Entwickelung;
einige wie ein Sandkorn (~ — ^V" ^^ Durchm.), also wie die,
welche wir eben sich haben entwickeln sehen, und, so wie
diese, nur mit 8 Tentakeln (Fig. 25., 26,); andere von yV — tV"
im Durchm. mit 10 — 12 Tentakeln (Fig. 27., 28.); wieder
andere von yV — i" ""* gegen 30 Tentakeln (Fig. 29 — 31.).
Die Anzahl der Tentakeln ist in Wahrheit sehr unbestimmt
und kaum bei 2 Individuen gleich; ich zählte so bei 4 ver-
schiedenen Individuen 19, 23, 24, 30, sämmtlich sehr diiime,
fadenförmige, am Ende zugespitzte.*)
Um den Mund, welcher sich im zusammengezogenen Zu-
stande wie eine Vertiefung zeigt, oder sich in 4 Falten zu-
sammenlegt (Fig. 31.), sieht man gegen den Rand zu, wo die
Tentakeln in einer kreisförmigen Reihe sitzen, 4 gleichsam
runde Löcher in gleichem Abstände von einander (Fig. 31. a.).
Diese anscheinenden Löcher sind jedoch nichts Anderes, als
die inwendig in der Höhle des Körpers sich befindenden 4
vorspringenden Wülste, von denen wir gleich sprechen wollen»
die durch die gemeinschaftliche Redeckung hindurch scheinen.
Der Mund kann ungemein weit geöflfnet werden, so dafs
er eben so weit, wie der Körper (Fig. 32. ), und cirkelrund
wird. Man sieht dann, und noch besser, wenn man den Po-
lypen nach der Länge aufschneidet, dafs der Körper inwendig
ganz hohl und leer ist, mit der Ausnahme, dafs die 4 eben
erwähnten, hervorragenden convexrunden Wülste, in gleichem
Abstände von einander längs des Körpers innerer Wand vom
*) Bei dieser Gelegenheit mufs ich bemerken, dafs der Zeichner
in meiner citirten Schrift die Tentakeln in Fig. 7., a, b, d, e, am Ende
dick gemacht hat, statt dafs sie dünn und zugespitzt sein sollten.
Spätere Anm.: Es zeigt sich nun, dafs die von Siebold (a. a. O.
S. 32) und mir beobachtete Vermehining der Arme oder Tentakeln
nicht monströs, sondern normal ist. Dafs so wenige der im Gefäfs
eingeschlossenen und sonach grofsentheils ihrer natürlichen Nahrung
beraubten Individuen die Anzahl ihrer Tentakeln zu vermehren und
so ihre weiteren Verwandlungen zu verfolgen suchten, kann ims nicht
verwundern.
26
oberen Rande aus gerade zur Grundfläche hinablaufen (Fig. 32.,
33.). Diese Wülste scheinen nichts Anderes zu sein, als eine
Duplicatur der inneren Haut des Körpers. Ihre Bedeutung
ist mir unbekannt; vielleicht sind sie der Anfang der späteren
Theilung in Strahlen. Künftige genauere Untersuchungen
werden hierüber vielleicht näheren Aufschlufs geben.*)
Innerhalb der Körperhöhle fand ich häufig Monokeln und
kleine Flohkrebse (Amphipoden), einmal auch eine kleine Rissoa,
alle todt, also verzehrt oder ausgesogen.
Aber das Merkwürdigste, was ich bei dieser Gelegenheit
beobachtete, war doch die oben erwähnte Fortpflanzung.
Diese geschieht:
a) Durch Knospen (Fig. 37., 41., 42.), welche an ver-
schiedeneji Stellen des Körpers hervorwachsen, welcher überall
zu dieser Art von Production eingerichtet zu sein scheint.
Die erste Spur von Knospen ist ein kleiner runder Höcker,
welcher allmälig gröfser wird und sich mehr und mehr vom
Körper der Mutter durch einen dünnen, kurzen Stiel abschnürt;
am äufsern keulenförmigen Ende bildet sich eine kreisrunde
Oefi'nung, der Mund, und danach wachsen erst die Tentakeln
hervor, welche anfangs nur gering an Zahl (4, 6, 8,) und sehr
kurz siiul, dann aber allmälig an Anzahl und Länge zunehmen.
Die Knospen oder neuen Polypen werden somit der Mutter
immer ähnlicher, fallen wahrscheinlich ab und setzen sich fest,
wenn sie zur Reife gelangt sind. Die gröfsten, welche ich
gesehen habe, überschritten nicht -\ — ^ der Gröfse der Mutter.
Ich fand bis an 3 solcher mehr oder weniger entwickelter
Knospen auf einmal am Körper der Mutter fest sitzend
(Fig. 42.).
b) Durch sogenannte Stolonen, welche sehr gewöhnlich
aus der Basis des Polypen wie ein dünner, cyiindrischer Stiel
hervorschiefsen, welcher eine kurze Strecke weit an der La-
minaria hinkriecht und sich an dieser festheftet (Fig. 38., 39.,
40. ). An der oberen Fläche dieses Stolos wächst dann in
einiger Entfernung von der Mutter nach oben in senkrechter
") Prof. Wiegmaiin in Berlin hat, nach einer brieflichen Mit-
theihing an mich, während seines AufenthaUes an der norwegischen
Küste i. J. 1836, diese 4 Wülste auch bemerkt.
27
Richtung ein neuer Polyp hervor. Dieser zeigt sich zuerst
wie ein kleiner runder Höcker (Fig. 39. a. ), welcher etwas
breiter als der Stolo im Durchmesser ist; bald sieht man den
Mund sich öffnen (Fig. 38. a.), und danach wachsen die Ten-
takeln hervor (Fig. 40. a., &.), Alles wie bei den unmittelbar
aus dem Körper der Mutter hervorwachsenden Knospen. Ge-
wöhnlich sieht majj nur einen solchen Stolo von der Mutter
ausgehen, und nur mit einem, selten mit 2 neuen hervorwach-
senden Polypen, noch seltener 2 Stolonen nach verschiedenen
Richtungen auslaufen (Fig.'40. ). Bisweilen sieht man an den
noci» am Körper der Mutter festsitzenden Knospen schon einen
frei herausstehenden Stolo hervorwachsen (Fig. 37., 42.). —
Nicht selten bemerkt man auch höher hinauf am Körper des
Polypen hervorwachsendc Stolonen (Fig. 37. , 34., 35., 36.),
welche bald ziemlich dick und koniscli zugespitzt (Fig. 37.,
34., 35.), so dafs es fast aussieht wie eine Theilung des Kör-
pers, bald dünn und fadenförmig sind (Fig. 36. ). Diese Art
von Stolonen steht bisweilen frei vom Körper des Polypen
ab (Fig. 37., 34.), bisweilen heften sie sich mit ihrem äufseren
Ende in einiger Entfernung von der Mutter an die Laminaria,
eine Sertularia oder einen andern Körper (Fig. 35., 36.).*)
Diese Stolonen geben in Vereinigung mit den Knospen dem
Polypen ein höchst sonderbares, ungestaltes Ansehen.
S c h 1 u f s.
Die wichtigsten Ergebnisse, zu welchen das Studium der
Entvvickelung der genannten Akalephen geführt hat, sind also
folgend.e:
1. Aus den kugelförmigen Eiern, in den Eierstöcken, an
\velchen man die Vcsicula Purldnji und die Macula ( FesU
cula) Wagneri bemerkt, und deren Dotter die gewöhnliche
Theilung oder Furchung zeigt, schlüpfen die mit schwingenden
Wimpern besetzten ovalen oder oval-cylindrischen Jungen,
*) Spatere Anmerkung. Siebold hat auch solche Stolonen
bei den von ihm beobachteten polypenartigen Jungen der Medusa
aurita aus dem Körper hcrvorwachseu sehen (a. a. O. S. 33, Fig.
36., 37.). —
28
aus, welche sich in den zu gleicher Zeit sich entwickelnden
zahlreichen Behältern in den 4 Mundarmen ansammeln, in
welchen sie eine Zeit lang verbleiben.
2. Danach verlassen sie die Mutter, schwimmen, wie In-
fusorien, eine Zeitlang herum und haften sich endlich an einen
fremden Körper, an welchem sie mit ihrem einen Ende fest-
wachsen, während sich am anderen, freien, der Mund öffnet,
um welchen allmälich ein Kranz von Tentakeln hervorwächst.
3. In diesem polypenartigen Zustande, welchen wir mit
Fug einen Larvenzustand nennen, pflanzen sie sich schon fort,
und zwar auf die bei den Polypen gewöhnliche Weise durch
Knospen und sogenannte Stolonen. Die neuen Thiere, welche
hierdurch hervorkommen, gleichen der Larve ganz.
4. Endlich, nach Verlauf einer noch unbestimmten Zeit,
theilt sich die Larve freiwillig in eine Menge von Querstücken
(Fig. 43 — 46.), welche sämmtlich neue Thiere werden.*)
Diese (Fig. 47. , 48.), welche der Larve nicht gleichen, sind
freie, umherschwimmende, scheibenförmige Gescliöpfe, deren
Peripherie in 8, am Ende zvveitheilige, Strahlen getheilt ist,
und welche einen viereckig -röhrenförmigen, niederhangenden
Mund haben u. s. w. Allmälich, so wie sie heranwachsen,
werden die Strahlen kürzer, die Räume zwischen ihnen, an
welchen die Randtentakeln liervorzuwachsen begiiuien, werden
gröfser, der Mund theilt sich und wird zu 4 Mundarmen;
kurz, diese Thiere werden völlig der ursprünglichen Mutter
(der Medusa oder der Cyanea) gleich.
Es ist demnach nicht die Larve oder das aus dem Ei ent-
wickelte Individuum, welches sich in eine vollkommene Aka-
lephe verwandelt, sondern es ist ihre durch Quertheilung ent-
standene Brut. Ich weifs unter den bekannten Thatsachen
mit keiner diese Entwickelungsart besser zu vergleichen, als
mit der der Salpen, obgleich diese vielfach von jener abweicht.
— Meine im vergangenen Herbste angestellten zahlreichen
*) Ich kann hier nicht unbemerkt lassen, wie selten es ist, die
Meduse in der See in ihrem Larvenzustande anzutreffen. Diese Sel-
tenheit liefs mich anfangs zweifeln, ob die eben erwähnten polypen-
artigen Jungen der so gemeinen Me^Kf« aurita angehörten. Vielleicht
befestigen und entwickeln sich die infusorienartigen jungen Medusen
in der See eigentlich in gröfseren Tiefen. —
29
Beobachtungen (welche ich bei einer anderen Gelegenheit mit-
theilen werde) über die Salpen haben mir nämlich den Beweis
geliefert, dafs Chamisso (welcher von mehren Naturforschern
so üble Worte über seine redlichen Beobachtungen hören
mufste, weil diese nicht in ihre Systeme pafsten) doch im
Wesentlichen ihre Entwickelung richtig beobachtet hat. Die
Salpen kommen darin mit den Akalephen überein, dafs bei
ihnen nicht die Larve, sondern deren Brut si«h zu dem voll-
kommenen Thiere entwickelt; es ist nicht das Individuum, son-
dern es ist die Generation, welche sich metamorphosirt.
Zum Schlüsse kann ich endlich nicht umhin, zu bemerken,
dafs Graham Dalyell's Beobachtungen (The Edinb. Philos.
Journ., Bd. XXI. 1836), welche ich nur aus Wiegmann 's
Jahresberichte (Dessen Archiv, J. 1837, Bd. II.) und Oken's
Isis (1838) kenne,*) zum Theil zur Bestätigung einiger mei-
ner Beobachtungen dienen können. Seine Hydra Tuha scheint
die von mir beschriebene polypenartige Akalephenlarve zu
sein, an welcher er auch die Knospen beobachtete; ebenfalls
sah er die Quertheilung, durch wclclie die gestrahlten Akalephen
(Strobila) entstehen. Von diesen letzteren bildet er eine mit
11 und eine mit 8 Strahlen ab (Isis 1838, Tab. I., Fig. 3., 2.)
(ich fand 4 — 12, aber bei den meisten, also normal, 8 Strah-
len, a. a. O. S, 20); die viereckige Säule (Fig. 2. in der Isis),
von welcher Dal y eil unrichtig angiebt, dafs sie sich auf der
convexen Seite hervorhebe,**) ist der herabhangende Mund,
an dessen Basis 4 Organe von ihm erwähnt werden (die Fal-
*) Die „ferneren Beobachtungen" von Dalyell über die Fortpfl.
d. Schott. Zoophyten stehen ganz übersetzt, wenn ich nicht irre,
in Froriep's Notizen Bd. L. Nr. 6., und die früheren desselben
Schriftstellers ebendas. Bd. XLII. Nr. 18., diese jedoch nur in kurzem
Auszuge. In der Isis, J. 1838, stehen beide Abhandlungen, die erstere
aus dem Edinb. Journ. Bd. XVII., die andere aus Bd. XXh im Auszuge,
S. 48 — 54. Anm. d. Uebers.
**) Er hat vermuthlich seine Zeichnung entworfen, als die kleine
Akalephe, nachdem sie eine Weile umhergeschwommen w^ar, sich
langsam, gleichsam schwebend, zu Boden sinken liefs; dann freilich
wird die convexe Fläche concav, und umgekehrt.
30
tenkränze mit ihren Tentakeln), — Aber in der Erklärung
des Gesehenen weichen seine Ansichten von den meinigen ab.
„Im Februar und März," sagt er, „wird die Fläche oder Scheibe
einiger Hydren mit einer hangenden, biegsamen Verlängerung
von umgekehrter Kegelform besetzt" u. s. w., welche sich zu
20 — 30 Schichten entwickelt, die sich nach und nach losreifsen
und freie Akalephen werden. Aber woher diese Verlängerung
kommt, und in welcher Verbindung sie mit der Hydra steht
sagt er nicht; man möchte glauben, er schreibe dem Polypen
ein Lebendiggebären zu. "Nach meinen Beobachtungen ist es
das Thier selbst, die polypenartige Larve, welche sich in regel-
mäfsige Querstiicke, erst nach oben und allmälich mehr und
mehr nach unten, gegen die Basis zu, theilt. Wie die Ten-
takeln des Polypen versclnvinden und, nachdem alle Querstiicke
frei geworden sind, auch der untere Theil seines Stiels, habe
ich zwar noch nicht gesehen, vermuthe dies aber als wahr-
scheinlich. Dafs der Polyp, wie Dal y eil behauptet, nach
dem Verschwinden jener oben erwähnten Verläugerung sich
noch wieder ansetze, neue Tentakeln bekomme und wiederum
seine frühere Gestalt und Verrichtung annehme, widerstreitet
ganz meinen Walirnehmungen (S. a. a. O. Tab. 3., Fig. 7. a — //.)
und scheint auf einer unrichtig aufgefafsten Beobachtung zu
beruhen. —
Erklärung der Figuren.
Fig. 1 — 24. stellen die Entwickelung Aqv Cyanea
capillal a vor, so wie sie unter meinen Augen vom
12. bis zum 24. October 1839 vor sich gegangen ist.
Alle Figuren sind mehr oder minder vergröfsert.
Fig. 1 — 6. zeigen die Entwickelung der Cyanea
capillata in ihrem ersten oder infusorienartigen
Zustande.
Fig. 1 — 4. sind einige Jungen, welche eben (am 12. und
13. October) die Mundarrne der Mutter verlassen haben und
jetzt frei umherschwimmen (Fig. 1' zwei in nat. Gr.); Fig. 2.
von der schmalen, die 3 übrigen von der breiten Seite ange-
sehen. — Fig. 5. u. 6. sind 2 solche, welche (am 14. October)
31
sich nach der Wasserfläche hinauf begeben und sich dort fest-
gesetzt haben; Fig 5. halb von der Seite, halb von oben an-
gesehen, Fig. 6. ganz von oben. Man bemerkt bei beiden
deutlich am breiten Ende die runde Grube, welche sich nicht
so deutlich bei den vorigen Figuren zeigt.
Fig. 7 — 24. stellen die Jungen der Cyanea capil-
Za/rt in ihrem zweiten oder polypenartigen Entwicke-
lungszu Stande dar.
Fig. 7., 8-, zwei der eben genannten infusorienartigen Jun-
gen, welche (am 14. October) sich mit dem breiten Ende fest-
geheftet haben; das andere freie Ende wird nun breiter, Fig. 8.,
während jenes, wie Fig. 9. u. 10. (vom 15. October) zeigen,
schmäler und an der Basis zu einer kleinen kreisrunden An-
heftungsscheibe verbreitert wird. Bei Fig. 10. hat sich am
freien Ende schon der Mund geöffnet, von einer circulärea
Wulst umgeben. — Fig. 11 — 13. (15. October) zeigen die 4
ursprünglichen hervorwachsenden Arme oder Tentakeln, wie
runde Höcker, Fig. 12. von der Seite angeselien, Fig. 11. u. 13.
von oben, in der Mitte den Mund. — Bei Fig. 14 — 16. (15.
u. 16. October) sieht man diese 4 Tentakeln sich allmälich
verlängern und fadenförmiger werden. Die Anheftungsscheibe
ist mit ilirer Schleimröhre deutlich. Zu bemerken ist, dafs die
Jungen während dieser Verwandlung ihre gelbe Farbe verlieren
und weifs und durchsichtiger werden. Bei Fig. 16. sind die
Tentakeln nicht ganz ausgestreckt. — Fig. 17 — 22. (22. Ontbr.)
zeigen sänuntliche 8 Tentakeln, Fig. 17. von der Seite ange-
sehen, Fig. 18. von oben, beide mit zusammengezogenen Ten-
takeln, Fig. 19. ein etwas vergröfsertes Individuum mit ausge-
strfeckten Tentakeln, von oben, Fig. 20. dasselbe von der Seite,
Fig. ^' dasselbe in nat. Gr., Fig. 21. dasselbe stärker ver-
gröfsert, Fig. 22. ein Individuum, dessen Untertheil noch mehr
dünn und langgestreckt ist, mit zusauunengezogenen Tentakeln.
— Fig. 23. ein Stück eines ausgestreckten Tentakels, noch
mehr vergröfsert, um die zahlreichen in Ringe gestellten klei-
nen Höcker zu zeigen. — Fig. 24. ein Individuum (24. Octbr.),
welches, aufser den 8, 5 ungleich grofse, hervorvvachsende
Tentakeln zeigt, ein wenig vergröfsert.
Fig. 25 — 42. stellen den am 9. September 1836 von
mir beobachteten polypenartigen Entwickelungs-
32
zustand der Medusa aurita oder der Cyanea ca-
pillata dar. (\Yelcher dieser beiden derselbe angehörte,
konnte nicht mit Sicherheit ermittelt werden.)
Bei Fig. 29., 30., 31. und 40. sind die Tentakeln ausge-
streckt, bei allen anderen Figuren zusammengezogen.
Fig. 2.5. ein Individuum mit 8 Tentakeln in natürlicher
Gröfse, Fig. 26. dasselbe vergröfsert, von oben gesehen. —
Fig. 27. eins mit 10 Tentakeln in nat. Gr. , Fig. 28. dasselbe
vergröfsert, von oben. — Fig. 29. eins mit 30 Tentakeln in
nat. Gr., von der Seite, Fig. 30. dasselbe von oben, Fig. 31.
dasselbe vergröfsert, von oben; man sieht in der Mitte den
Mund ziemlich zusammengezogen, und nahe am Rande die
durchscheinenden inneren 4 Wülste (a.). — Fig. 32. ein Indi-
viduum mit offenem Munde, welcher eben so weit, als der
Körper, ist; man sieht in seiner Höhle die 4 Wülste. Fig. 33.
dasselbe nach der Länge aufgeschnitten und ausgebreitet, um
die 4 Längswülste zu zeigen; die Querstreifen entstehen durch
Zusammenziehung des Körpers.
Fig. 34 — 36. zeigen Stolonen, welche hoch oben am
Körper des Polypen herauswachsen; bei Fig. 35. heftet sich
das Ende des Stolo an die Laminaria, bei Fig. 36. an den
Stamm einer Sertularie. Fig. 37. zeigt einen solchen hervor-
wachsenden Stolo nebst einer Knospe, aus welcher letzteren
schon wieder ein Stolo ausschiefst.
Fig. 38 — 40. zeigen die aus der Basis des Polypen aus-
schiefseuden und längs der Laminaria hinkriechenden Stolonen,
aus welchen neue Polypen (a, a, a,) aufwachsen. Bei Fig. 39. a.
sieht man den ersten Anfang des jungen Polypen, wie einen
kleinen runden Höcker, bei Fig. 38. a. hat dieser Höcker sich
schon in einen kreisrunden Mund geöffnet, bei Fig. 40. «. be-
ginnen die Tentakeln, in der Gestalt runder Höcker, hervor-
zuwachsen, und in derselben Figur zeigt sich bei h. ein schon
deutlich entwickelter junger Polyp mit seinen fadenförmigen
Tentakeln.
Fig. 41. u. 42, zeigen die hervorwachsenden Knospen.
Bei Fig. 41. sieht man 2 weniger vollkommene Knospen und
einen frei hervorstehenden Stolo ; bei Fig. 42. drei Knospen,
von denen 2 zu Polypen mit deren fadenförmigen Tentakeln
33
entwickelt sind,- der eine von ihnen hat schon einen auswach-
senden Stolo, wie bei Fig. 37.
Fig. 43 — 48. si n d aus meiner öfterscitirten Schrift,
Tab. 3., copirt und zeigen den Uebergang von dem
polypenartigen zu dem 3ten oder akalephenartigen
Zustande, so wie ich ihn im August 1830 beobacli-
tet habe.
Fig. 43 ist die polypenartige Larve, vergröfsert (der Strich,
43', zeigt die natürliche Gröfse), wenn deren Körper von blei-
benden Querrunzeln umgeben wird, welche man in Fig. 44. in
8, am Ende zweitheilige Stralden rundum ausgewachsen findet.
— Fig. 45. ist eine solche Larve in nat. Gr., deren Tentakeln
verschwunden sind, und deren Körper in etwa 14 Querstücke
getheilt ist, welche sich nach und nach, von oben nach unten,
einzeln losreifsen. — Fig. 46. ist eine andere, vergrößerte,
welche nur 4 Qnerstücke hat, von denen die 3 obersten im
Begriffe sind, sich loszureifsen. — Fig. 47. zeigt ein solches,
losgerissenes Querstück (freie Strobila), eine frei herumschwim-
mende Akalephe, von unten angesehen. Den viereckigen Mund
sieht man in der Mitte, um ihn herum sclieinen die Tentakeln
der Faltenkränze durch die Haut; ferner sieht man die Ver-
theilung der vom Munde au,slaufen<len Canäle, so wie meine
Originalzeichnung von 1830 sie zeigt, dann noch die 8 zwei-
theiligen Strahlen mit ihr-cn Randkörnern. Die nat. Gr. giebt
der Strich, Fig. 47'. — Fig. 48. dasselbe im Profile; der lange,
röhrenförmige, herabhangende Mund zeigt sich unterwärts.
Fig. 49 — 61. zeigen, wie sich die eben losgeris-
sene junge Akalephe (Strobila) zur Medusa aurila
entwickelt, nach meinen im Frühjahre 1837 ange-
stellten Beobachtungen.
Fig. 49. ist ein solches herumschwimmendes Junge, wel-
ches ganz der Fig. 47. gleicht, in nat. Gr., von unten; Fig. 50.
dasselbe vergröfsert. Fig. 51. ein mehr entwickeltes Individuum,
ö. von unten, h. im Profile, c. ebenso, aber zusammengezogen.
Fig. 52. ist ein Stück desselben vergröfsert, von unten; man
sieht 3 Höcker am Rande zwischen den Strahlen hervorwachsen.
— Fig. 53. ein noch mehr entwickeltes Individuum in nat. Gr.;
Fig. 54. dasselbe vergröfsert, von unten. Die Strahlen sind
kürzer geworden, ihre Zwischenräume gröfser und am Rande
Archiv f. Nafurgescil. VH. Jahrg. 1. Band. 3
34
mit zahlreicheren Hockern besetzt, deren mittelster schon in
einen fadenförmigen Tentakel ausgewachsen ist; die Ecken
des Mundes zeigen die herauswachsenden Mundtentakeln. Fig. 55.
ist ein Stück von demselben, von unten gesehen, noch stärker
vergröfsert.
Fig. 56. ist ein noch weiter entwickeltes Individuum;
Fig. 57. ein Stück desselben vergröfsert: die Strahlen sind noch
kürzer geworden und auf einen noch kleineren Raum beschränkt,
die Randtentakeln noch zahlreicher; man bemerkt, wie neue
Canäle vom Randcanale aus nach innen wachsen und sich all-
mälich mit den primitiven Canälen vereinigen. — Fig. 58. der
Mund desselben von der Seite gesehen, vergröfsert; man sieht,
wie er anfängt, sich in 4 Lappen zu theilen, welche die 4
grofsen Mundarme werden; Fig. 59. einer dieser Lappen oder
werdenden Arme, welcher seine Tentakeln an den 2 inwendi-
gen Rändern sitzend zeigt. — Fig. 60. ein Randkorn, stark
vergröfsert, von oben. — Fig. 61. die völlig entwickelte Me-
dusa aurita, von der Seite angesehen, mit ihren 4 herabhan-
genden, vollkommenen gespalten Mundarmen und ihren zahl-
reichen, ausgestreckten Randtentakeln.
Fig. 62. zeigt ein Junges der Cyanea capillata,
von oben angesehen, in natürlicher Gröfse, Fig. 63. dasselbe
im Profile; Mund viereckig, etwas eingeschnitten oder vierlap-
pig, die Randtentakeln sehr lang niederhangend. Fig. 64. ein
Stück desselben vergröfsert, von unten gesehen. Man bemerkt
in der Mitte den am Ende vierlappigen Mund, um diesen die
Tentakeln der Faltenkränze, welche durchscheinen, ferner die
in Gestalt von Höckern hervorwachsenden Randtentakeln, von
denen der mittelste schon zu einem langen, fadenförmigen
Tentakel entwickelt ist.
35
lieber die nierkwürdig'e Bewegung* der Farbeiizellen
(Cbroniatoplioren) der Ceplialopoden und eine mutli-
niafslicli neue Reihe von Bewegiingsphänomenen in
der organischen Natur.
Von
Rudolph Wagner.
Ich habe schon früher (Isis 1832, S. 159 und Lehrb. d.
vergl. Anat. S. 5C6) auf jenes merkwürdige Farbenspiel der
Tintenfische hingewiesen und die äufsere Erscheinung desselben
genau beschrieben; den damaligen Hilfsmitteln gemäfs (1S32)
verfolgte ich das Phänomen auch mikroskopisch und kann auch
jetzt, nach neuen Beobachtungen, meine früliere Beschreibuno-
nur bestätigen. Lichtenstein hat seitdem (Wiegmann's
Archiv 1836, S. 127) das Farbenspiel ebenfalls beobachtet,
meine Angaben jedoch niclit näher geprüft.
Ich habe im September 1839 in Nizza dieses Farbenspiel
bei Octopus, Lollgo, Sepia, Scpiola von Neuem mikroskopisch
betrachtet, jedocli, durch andere Untersucbungen abgebalten,
nicht so weit verfolgt, wie es nach den gegenwärtigen Anfor-
derungen der Wissenschaft zu einem entscheidenden Urtheile
notlnvendig ist. Aus diesem Grunde habe ich auch meine
neuen Beobachtungen bisher zurückgehalten, in der Hoffnung,
es möchte uns einer der vielen jetzt thätigen Zootomen und
Physiologen mit einer vollständigen Arbeit über diesen Ge-
genstand beschenken. Immer mehr überzeugt man. sich, dafs
vereinzelte Beobachtungen, mit denen jetzt die Zeitschriften
überschwemmt werden, ohne besonderen Nutzen für den wis-
senschaftlichen Fortschritt sind; nur durchgeführte, einen Ge-
genstand in allen Momenten seiner Erscheinung auffassende Un-
tersuchungen können Nutzen bringen. Mit dem Wunsche, dals
die nachfolgenden Bemerkungen hierzu veranlassen möchten,
theile ich dieselben mit.
Die Chromatophoren der Cephalopoden erscheinen merk-
3*
36
würdiger Weise als grofse, isolirte Pigmentzellen. Die Zellen-
wandungen zeigen eine Contractilität eigener Art, welche mit
Pulsationen muskulöser Blasen, wi& z. B. der Lymphherzen
der Amphibien, verglichen werden können.
Der Zellencharakter der Chroraatophoren ist auf den ersten
Blick deutlich, und es verhalten sich dieselben ganz wie die
Pigmentzellen in der Haut der Frösche und anderer Thiere;
ja sie haben öfter eine überraschende Aehnlichkeit mit den
sternförmigen und ramifizirten Pignientzellen und deren Ent-
wickelung in den Froschlarven. 7\uch in der Lagerung, ihrem
Verhältnifs zur Oberhaut, zum Zellgewebe und den verschie-
denen Epithelien findet sich diese Analogie.
Wenn mich meine, nur flüchtig angestellten und nicht oft
genug wiederholten Untersuchungen nicht getäuscht haben, so
zeigt sich beim Octopus zuerst eine Oberhaut, aus einem kern-
haltigen Pflasterepithelium bestehend, wie bei den Fröschen.
Darunter liegt eine Schicht cj'lindrischer Körperchen, ganz
dem Cylinderepithelium, wie es sonst vorkommt, entsprechend.
Unter diesem liegen die Chromatophoren, als gelbe und rost-
farbene Pigmentzellen in einer doppelten Lage. Darunter folgt
eine Faserschicht, welche als lockeres Zellgewebe die Chro-
matophoren umgiebt und dieselben an die darunter liegenden
Muskeln heftet.
Um diese relative Lagerung zu sehen, mufs man senkrechte
Durchschnitte der Haut machen, wozu das Valentinsche Dop-
pelmesser die "besten Dienste thut. Zur Beobachtung der wage-
rechten Ausbreitung der Flocken mufs man optomatische Oku-
lare anwenden, welche überhaupt zu sehr vielen mikroskopischen
Untersuchungen überaus nützlich sind.
Die Pigmentflocken selbst bestehen aus einer oberfläch-
licheren Lage; lauter rostfarbene Flocken, welche in ihrer
stärksten Contraction ganz schwarz werden, bei der Ausdeh-
nung an den Rändern zackenförraig auslaufen und dabei immer
schwächere, zuletzt blafsrostfarbene Tinten annehmen. Unter
diesen liegen als zweite Schicht die gelben Flocken, etwas
weniger beweglich, fast ganz ähnlich geformt; bei der Con-
traction rundlich, dunkelgelb, bei der Ausdehnung blasser
werdend.
Ich habe in meinem oben erwähnten Aufsatz in der Isis
37
von einer hellen, ziemlich kreisförmigen, in der Mitte oder
mehr gegen den Rand gelegenen Stelle innerhalb der Flocke
gesprochen, die ich damals mit einer pupillenartigen Ocflfnung
verglich, welche bei stärkerer Contraction verschwinde.
Diese runde, helle Stelle ist aber ein deutlicher heller
Kern, der sehr häufig ein Kernkörperchen enthält. Es zeigt
sich hier wieder eine überraschende Aehnlichkeit mit anderen
Pigmentzellen, z. ß. denen der Choroidea, und gerade hierdurch
werden die Chromatophoren als ächte Zellen charakterisirt.
Wie die Erkenntnifs der Theorie stets die Beobachtungen
rectifizirt, ward mir hier überraschend deutlich, als ich meine
i. J. 1832 in Triest gemachten Skizzen verglich. Ueberall
hatte ich nucleus und nucleolits richtig eingezeichnet. Aber
von Schieiden und Schwann war die richtige Deutung
unmöglich.
Das Räthselhafte des Phänomens besteht nun in der con-
tractilen Zellenwandung. Dafs in dieser der Grund der Be-
wegung liegt, ist keinem Zweifel unterworfen. Die darunter
liegende Mliskelschicht ist ohne EinÜufs darauf, Nerven dringen
nicht bis zu den Pigmentflocken. Ausgeschnittene isolirte
Hautstiickchen zeigen unter dem Mikroskop bei frischen, lebens-
kräftigen Thieren die Contractionen noch 10 Minuten lang.
Es ist eine wunderbare Pulsation in hundert und hundert Zell-
chen, meist schon mit dem blofsen Auge wahrnehmbar. In
ihrer höchsten Ausdehnung sind die Zellchen oder Flocken
•yj bis 2V) Linie grofs (bei Octopiis); die gelben Flocken sah
ich bis zu 3^^ Linie, die rostfarbenen bis zu ~^^^ Linie sich
contrahiren. In den Zwischenstufen liegen alle Tinten der
Grundfarbe vom Hellen bis zum Dunklen. Bei anderen Ce-
phalopoden, z.B. Loligo, Sepiola, sind die Flocken beträcht-
lich gröfser.
Die schönsten Farben zeigen sich bei Loligo; neben den
gelben und rostfarbenen Zellen, liegen prachtvoll karminroth
gefärbte mit deutlichen nucleis; darüber ein Pflasterepithelium.
Hier kommen auch höchst merkwürdige, ganz sternförmige
Zellen, wo aus einem Mittelpunkt hohle Aeste strahlenförmig
ausgehen, vor.
Die höchste Beachtung verdient in der Folge die nähere
Struktur der Zellenwand, welche hier und da eine eiAcnthüm-
38
liehe Zeichnung wahrnehmen läfst. Die Art und Weise, wie
die Pigmentmolekule hierzu sich verhalten, ist weiter zu er-
forschen.
Wenn mich nicht alles trügt, so führen diese Untersuchun-
gen zu einer neuen Reihe von Bewegungsphänomenen in der
organischen Natur; neben der Zellensaftrotation, der FJimmer-
bewegung, der Bewegung der Spermatozoon, erscheint hier
eine neue Classe von activen Bewegungen, welche mit der
Muskelbewegung nichts zu thuu hat.
Wie bei den Cephalopoden, so vermuthe ich etwas' Paral-
leles beim Chamäleon, das ich lebend nicht zu untersuchen
Gelegenheit hatte.
Die eben mitgetheilten fragmentaren Bemerkungen mögen
zugleich als Commentar zur bildlichen Darstellung des Baues
und der Lagerung der Chromatophoren der Cephalopoden die-
nen, welche ich auf der 29sten Tafel der Icones Zootomicae
zu geben versucht habe. Der Plan dieses Werkes, das binnen
einigen Monaten erscheinen wird, erlaubte nur eine einfache
Erklärung der Bezifferung der Figuren ohne Detailangabe.
Lieber imitbinafsliclie Nesselorg-ane der 3Ietluseii
und das Vorkommen eigenthümlicber Gebilde bei
>virbellosen Tbicren, welche eine neue Classe von
Beweg'ungsorganen zu constituircn scbcinen.
Von
Rudolph Wagner.
Ob das bekannte Nesseln oder Brennen der Medusen in
einem ätzenden Safte oder einer mechanischen Verletzung sei-
nen Grund hat, ist bekanntlich noch nicht ausgemacht. Nach
meinen Unterstichungen bin ich nicht im Stande, diese Frage
der Entscheidung näher zu führen.
39
Jedenfalls ist der Grund des Nesseins in der äufseren
Hautfläche der Medusen zu suchen. Die Haut aller Medusen
zeigt merkwürdige Organisationsverhältnisse.
Sehr schön und deutlich habe ich den Bau bei den Pela-
gien (Pelagia nocliluca auct.) erkannt.*) Die äufsere Haut
zeigt sich hier auf der convexen Scheibenfläche und dem äufse-
ren gewölbten Rand der Arme, dann der Randlappen schön
bräunlich, violett und röthlich gefleckt. Diese gefleckte Mem-
bran stöfst sich leicht los, besonders über dem gröfsten Theil
der convexen Fläche der Scheibe, und dann erscheint sogleich
die homogene gallertartige Substanz, welche die eigentliche
Körpermasse des Thieres bildet. Da wo die röthlichen Flecke
sitzen, sieht man, nach abgelöster Haut, rundlige Hügel oder
Höcker, wie Warzen.
Bei schwacher Vergröfserung erscheinen die rothen Flecke
als Anhäufungen von sehr kleinen rothen Pigmentkörnern, in
deren Umgebung der ganze Körper von einem Pflasterepithe-
liuin überzogen ist, das aus gröfseren und kleineren Zellen
besteht, die deutliche Kerne enthalten. Es ist eine Oberliaut,
ganz analog der der Frösche und so vieler anderer Thiere.
Die Pigmenthäufcheh sitzen vorzugsweise auf den erwähnten
gewöll)ten Höckern, welche über die Oberfläche emporragen
und eine Unterlage von Muskelfasern haben.
Zwischen den rothen Pigmentkörnern sieht man helle,
runde Kugeln oder Bläschen, aus denen häufig, bei etwas stär-
kerer Vergröfserung — denn diese ganze Organisation wird
nur durch das Mikroskop erkainit — feine Fäden hervorragen.
Die gröfsten dieser Kugeln zeigen sich als prall gefüllte Kap-
seln von y^„- Linie Gröfse, in denen inwendig ein spiralig
eingerollter Faden liegt, welcher, öfter von selbst, stets aber
nach einem leichten Druck heraustritt. Dieser Faden erscheint
dann wie ein peitschenförmiger Anhang der Kapsel und zeigt
eine sehr zierliche Zeichnung. Es ist schwer, sich einen Be-
grifi" von seiner Struktur zu machen; zuweilen sieht es aus,
als wenn er einen Kanal hätte. Man sieht bei geschlossener
Kapsel, wenn der Faden noch darinnen eingerollt liegt, da
wo sie sich öfi"net, einen Höcker, an dem der Faden l)eim
") Nach Beobachtungen bei Nizza und Villafranca im Herbste 1839.
40
Ausstülpen wie an einem Stiel hängt; ausgestreckt ist der
sehr fein auslaufende Faden bis eine Linie lang.
Diese Haar- oder Fadenkapseln sitzen sehr lose an, fallen
leicht ab und schaben sich mit dem Schleim los, wenn sich
die Meduse häutet; sie finden sich, wie die Fäden selbst, in
dem sogenannten nesselnden Schleim der Medusen — welches
nichts als losgestofsenes Epitheliiun ist — in Menge, wie man
sich überzeugt, wenn man die Medusen lebend in Gefäfsen hält.
Schwerer lösen sich kleinere, längliche, hellere Kapselchen
von ~^ bis -j^-Q Linie Gröfse, von mehr länglicher Form,
welche zum Tlieil mit feineren, kürzeren Iläärchen oder peit-
schenförmigen Anhängen besetzt sind. Man kann sich — ver-
gleicht man damit die Ersatzzähne der Krokodile, Haifische
und Giftschlangen, nicht erwehren, diese kleinen Kapselchen
für Ersatzbälge zu halten, wenn die gröfseren Organe verlo-
ren gehen.
Solche einzelne kleinere Organe stehen auch aufserhalb
der Flecken und gehen so bis an den inneren Rand der Arme
und auf die untere Fläche der Scheibe, wo sie aufhören.
Am Rande der Scheibe hängen, zwischen je zwei Rand-
lappen, abwechselnd mit den Randkörpern (Crystalldrüsen)
feine, lange cylindrische Fäden von violetter Farbe. Diese
sind mit Flimmerhaaren besetzt und zeigen darunter ein Cy-
linderepithelium, das auf den Muskelfasern aufsitzt; diese Fä-
den sind mit zahlreichen Parthien von kleinen Nesselkapseln
besetzt.
Es ist bekannt, dafs die leiseste Berührung einer Meduse
— wie wir (ich selbst und mehrere Zuhörer, die mich auf
der Reise begleiteten) dies beim Baden fanden — ein empfind-
liches Brennen erregt. Dies erfolgt immer um so leichter
und stärker, je lebenskräftiger die Meduse ist. Die Medusen
nesseln nur an den Stellen, wo ihre Oberhaut erhalten ist.
Wir fanden niemals eine solche Empfindung entstehen, wenn
wir Stellen berührten, wo die Oberhaut, was selbst sehr häufig
bei lebenden Thieren geschieht, abgelöst war. Legt man ein
abgeschnittenes Stückchen der Meduse mit der Oberhautseite
auf eine blofse Hautstelle, oder schabt man etwas Oberhaut
ab und bringt es auf die Haut, so erfolgt nacli einigen Secun-
den, bis zu einer Minute ein brennendes Gefühl; nach 5 Mi-
41
nuten entstand bei mir eine leichte Rötlie und dann eine ein-
fache, linsenförmige Erhebung, öfters deren 3 — 4 nebeneinander.
Freischwimmende Medusen wirken weit stärker bei der Be-
rührung und es bilden sich selbst Quaddeln, wie bei Essera
oder Urticaria. Der Schmerz verliert sich bald. Bei einem
von uns (Dr. Will) hielt derselbe einen halben Tag an und
nach 8 Tagen sah man noch Röthe auf der Stelle.
Die innere Körpersubstanz (sogenannte Gallertmasse der
Meduse) erregte niemals Nesseln, eben so wenig die innere
Fläche der Magenhöhle, oder die innere Fläche der Arme,
wo jene Pigmentflecken, Kapseln und Haare fehlen.
Auf den Hautstellen, an denen ich mich brennen liefs, fand
ich immer abgelöste Kapseln und Haare.
Bekanntlich nesseln nicht alle Medusen; diefs fand ich z.B.
nicht bei Cassiopea, und die mikroskopische Untersuchung
zeigte hier zugleich die Abwesenheit jener Kapseln und Haare
auf der ganzen Scheibenfläche.
Dagegen nesselte wieder eine Oceania (der cacuminata
verwandt), aber nur mit den Randfäden und in weit geringerem
Maafse, als die Pelagia. Die Untersuchung weist hier eben-
falls jene Kapseln, aber von länglicher Form, mit langen feinen
Fäden nach. Doch waren diese Organe viel kleiner und fei-
ner; sie hatten eine iiberrascliende Aehnlichkeit mit jenen Ge-
bilden, welche ich früher (s. dieses Archiv. 1835. Bd. H. S. 215)
als Spermatozoen der Actinien beschrieb. Eine neue Unter-
suchung an Actinien, z. B. an Actinia ccreus, überzeugte mich,
dafs diese früher als Samenthierchen beschriebenen Gebilde
nichts anderes sind, als Nesselfäden der Medusen; sie stehen
dicht gedrängt um die Fühler oder Arme und an der äufseren
Oberfläche. Die Fäden treten aus länglichen Kapseln mit jener
merkwürdigen Bewegung heraus, die ich früher a. a. O. be-
sclirieben habe und die ich jetzt ganz so wiederfand.
Dieselben Organe, nur in anderer Form, kehren bei den
Polypen wieder, wo sie Ehrenberg und Dr. Er dl (einer
meiner Begleiter) bei den Hydren fanden; Er dl fand sie auch
bei Veretillum.
Es ist wahrscheinlich, dafs das Nesseln eine mechanische
und chemische Bedingung hat; wie bei der Mehrzahl der sor
genannten Giftorgane finden wir einen in einer Blase oder
42
Kapsel sich samuiclnden Saft und ein verletzendes Werkzeuff.
So ist es auch bei vielen nesselnden Pflanzen, z. B. den Loasen,
wo die feinen, spitzen Haare einen Saft führen, dessen Circu-
lation man hier so schön beobachten kann.
Ausgedehntere Untersuchungen werden bei Verfolgung
dieser als Nesselorgane vorläufig bezeichneten Gebilde
noch vieles Merkwürdige in Bezug auf Vorkommen, Anordnung,
Struktur und Bewegung erkennen lassen und einen Reichthum
von Organisationsverhältnissen aufdecken.
Göttingen den 25. März 1S41.
Zoologische ß e m e r k u ii g e n.
Von
Dr. A. P h i 1 i p p i.
Fortsetzung.
Hierzu Taf. V.
Fossarus, ein neues Genus der kan)nikieniigeu
Mollusken.
Brocchi beschrieb in seiner classischen Conchiologia
fossile siihappennina p. 300 eine Nerita costaia, welche von
den Neueren in verschiedene Genera gesteckt ist. Nach einem
Citat von Bronn (Italiens Tertiärgebilde, p. 65. nr. 339) ist
Brocchi geneigt gewesen, diese Art zu dem Lamarckschen
Genus Stomatia zu stellen, Bronn selbst bringt sie a.a.O.
zu Delphiniila, worin ich ihm in mi^'mcr Enwne ratio mollii-
scorum Siciliae gefolgt bin. Sowerby gen. of shells, und
nach ilun Defrance*) und Baste rot**) nennen sie Piir-
*) Diction. des scic?ices nat. vol. 51. p. 72.
**) Descript. ^eolog. du bassm tertiuirc etc. Mein, de la Soc.
d'/u'st. nat. de Paris. II 1. p. 50.
43
piira; Marcel de Serres*) gar Sigarctus. Dieselbe (oder
jedenfalls eine ganz nah verwandte Art) kommt im Mittelmeer
vor, und ist von Herrn Sc acchi erst**) zu Turho, sodann***)
zu Rissoa, endlich von Herrn Maravignaf) zu Trochus
gerechnet worden. In meiner Enumeratio stellte ich die
Vermuthung auf, Adanson's Fossar sei wohl dasselbe Thier,
was ich jetzt vollkommen bestätigen kann; da nun Lamarck
hisf. jiat. VI. 2. p. 195 mit Bruguiere das Genus JSaiica
von Adanson genommen hat, Adanson aber unglücklicher-
weise unter Natica das Thier des Fossar beschreibt, jedoch
ohne es als Art aufzuführen, so hat Lamarck dieses Thier
als den Bewoliner von JSaiica beschrieben, welche doch ein
ganz anderes Thier ist.
Es sind demnach nicht weniger als neun Gattungen, in
welche man den Fossar gebracht hat: Ncrita, Stoinatia,1)cU
phhiula, Pwpjira, Sigaretus, Turho, Rissoa, Trochus, Na-
*) Geognosie des tei-rains tertiatres, Paris 1829. 8. p. 127.
**) Osserva%ioni zoologiclie, Napoli 1833. 8. p. 21.
»**) Catalogus conchyliorum Regni ^eujinUtani. ISeap. 1836. p. 14.
f) Memoires pour servir a l'histoire naturelle de la S/'cile, Paris
1838. 8. Dies merkwürdige Wcrkchen verdient ein paar Worte. Die
eine Abhandlung führt den Titel: Catalogue viethodtque des ?nollusques
qu'on trouve en Sicile; es ist eine nackte Aufzählung von Namen,
höchstens mit Angabe von einem oder dem andern Synonym, allemal
ohne Bezeichnung des Fundortes, und betrachtet man sie näher, so
findet man, dafs es eine ohne alle Sachkcnntnifs aus Scacchi's
Catalogus und meiner Entunerat'io zusammengestöppelte Liste ist,
was sich z.B. daraus ergiebt, dafs Maravigna ein und dieselbe
Art als 2 verschiedene Arten aufführt, wenn Sc acchi und ich der-
selben zwei verschiedene Namen gegeben hatten. Das Lustigste ist
aber, dafs er behauptet, er liefse den Catalog unverändert ab-
drucken, wie er ihn 1836 verfafst; er habe zwar 1838 in Bologna
mein Werk gesehen, allein man müsse nicht glauben, es seien alle
darin aufgeführte Arten wirklich im Sicilischen ISIeer zu Hause, flüch-
tige Reisende ( er hat mich recht gut in den Jahren 1830 bis 1832
persönlich in Catania gekannt) könnten darüber nicht iirtheilen u. s. w.
Hätte er auch meine Vorrede gelesen, so würde er nicht so einfälti«'
gewesen sein, die von meinem Freund Schultz benannten und von
mir zuerst 1836 publicirten Arten Doris etc., die er erst 1838 kennen
lernte, mit abzuschreiben, und hätte er p. 255. nachgesehen, so würde
er nicht, wie es p. 111 bei mir heifst, Patclla pellucida für Patdia
(Jussoni abgeschrieben haben. So werden bisweilen Bücher gemacht !
44
tica, Beweis, dafs er keiner angehört, und ich schlage jetzt
ein zehntes Genus dafür vor, welches ich Fossanis nenne.
Ich war nändich bereits im December 1838 so glücklich,
das Thier in mehreren Exemplaren lebend zu beobachten,
wobei ich mich nicht nur überzeugte, dafs es identisch mit
dem AdansonschenjPoÄ^ar sei, wie ich nach der blofsen Schaale
schon in meiner Enumeratio vermuthet, sondern auch gleich
auf den Gedanken kam, es sei wahrscheinlich ein eigenthüm-
liches Genus, was ich indessen in Neapel aus Mangel' an lit-
terärischen Hiilfsmitteln nicht bestimmen konnte. Mein scharf-
sichtiger Freund Scacchi hatte das Thier bereits früher
beobachtet und genau in seinen Osservazioni zoologiche 1833
beschrieben, allein ebenfalls aus Mangel au Hülfsmittelu nicht
gewagt, es als neues Genus zu beschreiben, und daher zwei-
felhaft zu Turbo und später zu Rissoa gesetzt.
Das Thier lebt im mittelländischen Meer wie an den
Küsten von Senegambien auf Klippen in der Nähe des Was-
serspiegels in den Vertiefungen des Gesteins. Die Besclu-ei-
bung, welche Adanson vom Thier, seinem Geliäuse und Deckel
giebt, ist so genau, so ausführlich und so vollkommen mit
meinen eigenen Beobachtungen übereinstimmend, dafs ich glaube
nichts besseres thun zu können, als sie in der Uebersetzung
mitzutheilen. Er sagt p. 173:
Die Schaale des Fossar hat kaum mehr als zwei oder
drittehalb Linien im Durchmesser: sie ist beinahe kugelig, sehr
dünn, ohne Epidermis, durchsichtig und etwas breiter als lang.
Die Windungen sind fünf an der Zahl, abgerundet, stark ge-
wölbt und wohl abgesetzt, aber so wenig proportionirt, dafs
die ersten gegen das Volumen der letzten fast verschwinden.
Sie sind alle von einer grofsen Zahl gedrängter Leistchen um-
geben, deren man etwa dreifsig auf der letzten und zwölf bis
fünfzehn auf der vorletzten zählt; die letztere hat aufser die-
sen Leistchen noch vier bis fünf grofse, sehr scharfe und schnei-
dende Querrippen, die bei einigen Individuen fehlen. Der
Gipfel ist spitz, sehr klein, ein bis zweimal länger als breit,
und ein bis zweimal kürzer, als die letzte Windung. Die
Oeffnung ist grofs, von der Gestalt des halben Mondes, nach
aufsen und rechts gerichtet. Der Rand der äufseren Lippe
ist schneidend, dünn^, mit einigen Wellen bezeichnet, welche
45
den fiinf erhabenen Rippen auf der äufseren Fläche der letzten
Windung entsprechen. Die linke Lippe ist platt, glatt von
einer graden Linie gebildet und auf die vorletzte Windung
zurückgeschlagen, wo sie etwas unterhalb ihrer Mitte einen
grofsen Nabel läfst, der die Gestalt eines runden Loches hat
und zweimal kürzer als sie ist. Ich habe auf dem Gehäuse
keine andere Farbe als die weifse gesehen.
Der Kopf des Thieres ist klein, walzenförmig, um die
Hälfte länger als breit, an seinem Ende schwach ausgerandel,
von wo eine kleine auf der oberen Seite verlaufende Längs-
furche entspringt. An seinem Grunde auf seinen Seiten stehen
zwei dicke Fühler, welche zweimal so lang sind wie der
Kopf und spitz endigen. Ein jeder trägt an seinem Ursprung
auf der inneren Seite einen fleischigen, viereckigen Lappen*)
oder Behang, der so lang wie der halbe Kopf ist, und frei
auf demselben aufliegt. Die Augen sind zwei kleine schwarze
Punkte an der Wurzel der Fühler auf ihrer äufseren Seite
fast hinter ihnen. Am Ende des Kopfes sieht man unten eine
kleine Längsfurche, welche der Mund ist. Der Mantel be-
steht aus einer einfachen, sehr dünnen Haut, welche die innere
Wand der Schaale auskleidet. Der Fufs ist sehr klein, bei-
nahe rund, unten platt, oben gewölbt, und halb so lang als
das Gehäuse (wenn das Thier kriecht, wird er eben so lang).
Der Deckel ist etwas weniger grofs als die Oeffnung, und
hat wie diese die Gestalt des halben Mondes, er ist gelblich,
knorpelig (d. h. hornartig), sehr dünn, und oben mit mehreren
Streifen versehen, welche von einem gemeinschaftlichen Funkt
nahe beim unteren**) Winkel ausgehen. (Es ist mir nicht
möglich gewesen, deutlich zu sehen, ob der Deckel aus weni-
gen rasch zunehmenden Windungen bestehe, wie bei Natica,
oder gar keine Windungen habe, wie bei Purpura und Mu-
rex, doch wäre ich eher geneigt das letztere zu glauben.) —
Der ganze Körper des Thieres ist weifs, wie sein Gehäuse,
*) Ich finde diesen Lappen, welches der gewöhnliche Stirnlappen
der Trochus - kxien ist, stets spitz, breit, sichelförmig, Adanson's
Abbildung T. 13. i. L. zeigt ihn stumpf, abgerundet.
**) Adanson sagt oberen, allein er stellt bei seiner Betrachtung
die Schaale mit der Spitze nach unten.
46
es ist nichts schwarzes daran als die Augen. (Icli fand stets
einen bräunlichen Streifen von der Schnauze bis zu den Stirn-
lappen vorlaufend.*)
Betrachten wir jetzt die Verschiedenheiten dieses Thieres
von den Gattungen, wohin man es bisher gerechnet hat.
Nerita hat ein ungenabeltes Gehäuse, einen Deckel mit ei-
nem Fortsatz, dem Thiere fehlen die Stirnlappen, dagegen trägt
es die Augen auf langen stielartigen Höckern.
Stomatia hat ein ohrförmiges undurchbohrtes Gehäuse.
Das Thier ist mir unbekannt.
Belphinula hat eine runde Mundöffnung (D. trigono Stoma
wird mit Recht zu Cancellaria gerechnet); das Thier trägt
wie Trochus und Nerita die Augen auf einem besonderen
Höcker, hat keine Stirnlappen, wohl aber die Seitenlappen
von Trochus.
Purpura hat eine mit einem Ausschnitt versehene Schaale-,
das Thier hat keine Schnauze, keine Stirnlappen, einen Sipho
etc., kurz es hat gar keine Aehnlichkeit mit dem Fossar.
Noch unglücklicher ist der Gedanke gewesen, ihn zu Sigare-
ius zu stellen. Sigaretus Cuvier = Coriocello Blainv.
ist ein Thier mit einer dünnen, durchsichtigen, inneren Schaale
ohne Nabel, und Sigaretus Adanson = Cryptostoma
Blainv. hat ein Thier, welches sich wie
Naiica durch die enorme Entwickelung seines Fufses
unterscheidet, der den gröfsten Theil der Schaale einhüllt, wenn
das Thier sich aus derselben heraus begiebt, anderer Unter-
schiede nicht zu gedenken.
Turho ist, wie jetzt die meisten Conchyliologen das Ge-
nus nehmen, in nichts von Trochus verschieden, wenn man
aber diesen Namen, wie ich es vorgeschlagen habe, den Arten
läfst, mit welchen L in ne sein Genus Turho anfängt (T. ohtu-
satus, nerifoides, litloreus, mwicafus), welche er also wohl
als Typus betrachtet hat, mit Liliorina identisch.**) In diesem
*) Delle Chiaje hat in seinen tabidis ineditis. T. 80. Fig. 13.14.
das Thier ebenfalls abgebildet, aber nicht gut, die Stiriilappen sind
vergessen und der Deckel in Fig. 17. spiralförmig.
**) Adanson gebraucht bekanntlich Turbo und Trochus grade
umgekehrt wie Linne. Was dieser Turbo nannte, ist bei Adanson
Trochus, und Turbo ist bei Adonson, was Linne Trochus heifst.
47
Falle unterscheidet es sich vom Fossar durch das undurch-
hohrte Gehäuse und durch die Stirnlappcn des Thieres.
Trochiis unterscheidet sich weit mehr durch die auf einem
besonderen Höclcer sitzenden Augen, die Seitenlappen, die
sechs Seitenfäden, den vielspiraligen Deckel, und hat nur die
Stirnlappen gemein.
Rissoa unterscheidet sich endlich durch ein stets unge-
nabeltes Gehäuse von anderer Gestalt und anderer MundöfF-
nung, und was das Thier anbetrifft, durch den Mangel der
Kopflappen und den abgetheilten Fufs.
Hiernach erscheint, glaube ich, die Aufstellung eines neuen
Genus vollkommen gerechtfertigt. Ich nenne es Fossariis^
die Art F. yldansonii, und charakterisire es in der Kürze also:
Fossarus: testa suhglohosa, umhilicata; apertura i?i^
tegra semirotunda ; labiwn edentidwn, imnquam callosiun;
umhiliciis aperius; lahriim acutum, intus laevigatum; oper-
culwii corneum, non spiratum, semirotundwn, simplex.
ylnimal: caput in prohoscidem productum. Tenta-
cula ßliformia, acuminata, intus loho frontali instructa.
Oculi in hast externa tentaculorum, non promincntia.
Fes mediocvis utrinque rotwidatus. Siplio nullus.
F. Adansoni.
F. testa jninuta, transversim striata et plerumque ein-
gulis transversis elevatis acutis aspera.
Fossar Adanson. p. 173 tab. 13. f. 1.
Tui'ho costatus Scacchi Osservaz,. Zool. p. 24.
Rissoa lucullana Scacchi Catal. Conchyl. p. 14.
Trochus Maravigna Memoircs pour servir etc.
Delphinula costata (Bronn^ Phil. Enum. Moll. Sicil.
p. 166.
Fossilis:
Nerita costata Brocchi Conch. foss. suh. p. 300. t. 1.
f. 11. ist 8'" hoch, die Gröfse ist in der Beschreibung nicht
angegeben.
Delphinula costata Bronn Italiens Tertiärgebilde p. 65.
Vurpura costata Sowerby gen. of shells. Defrancc
Biet sc. natur. vol. 51. p. 72. Basterot Memoire etc. p. 50.
Sigaretus costatus M. de S er res Geogn. des ter. tert.
p.l27 (nach Bronn).
48
Ueber das Genus Eulima Risso.
Risso hat im Jahre 1826 in seiner histoire naturelle
des piincipales produciions de VEurope meridionale vol. 4.
p. 123 das Genus Eulima gebildet, für sehr ausgezeichnete
kleine thurmförmige oder pfriemenförmige Gehäuse, welche
immer höchst glänzend, mit ganz flachen sehr schrägen Win-
dungen, und einer einfachen ovalen, oben spitz auslaufenden
Mündung versehen sind. Die meisten Conchyliologen haben
aber die dahin gehörigen Arten zu Melania gezogen, bis
Sowerby dasselbe wieder aufnahm und in den Zoological
proceedings 1832 nicht weniger als 15 Arten beschrieb, die
später in den Couch ological iUustrations abgebildet sind.*)
Deshayes in der neuen Ausgabe von Lamarck's hist. etc.
vol. 8. p. 449 ist ihm hierin gefolgt, trennt aber die genabelten
Arten p. 286 unter dem Namen BonelUa , indem er Bulimus
tcrebellatus Lamk. als Typus nimmt. Aufser dem Nabel
finde ich keine wesentliche Verschiedenheit, und würde eine
solche Trennung nicht vornehmen, wenn sie nicht durch Ver-
schiedenheiten des Thieres gerechtfertigt wäre, in jedem Fall
kann aber Deshayes Namen BonelUa nicht angenommen
werden, da einmal ein Genus der fufslosen Ilolothurien bereits
so benannt worden ist, und zweitens Risse, dieser eifrige
Verfertiger neuer Namen, bereits 1826 in dem angeführten
Werk p. 218 für den Bulimus terehellatus das Genus Niso
aufgestellt hat, ohne freilich zu bemerken, dafs er jene Art
vor sich hatte. Seine Beschreibung sowohl, wie seine Figur
Nr. 98., wenn gleich sie nur mittelraäfsig ist, erlauben darüber
keinen Zweifel.
Bereits bei meinem ersten Aufenthalte in Sicilien hatte
ich das Thier der einen Art, der Melania distorta Desh.
beobachtet, allein da dies grade ein höchst winziges Thierchen
ist, und ich nur eine ganz ordinäre Lupe besafs, so gelang
es mir nicht, seine Bildung deutlich zu erkennen. Im December
1838 fand ich abermals bei Neapel zwei lebende Individuen
*) Er nennt das Genus auf beiden Tafeln der Couch, ill. Eulina
aus Versehen.
*») S. Rolando Acad. Turin vol. XXVI. — Cuvier Regne anim.
ed. II. vol. III. p. 213.
49
derselben kleinen Art, die ich jedoch mit einem besseren In-
strument beobachten konnte. Ungeachtet ich sie mehrmals und
anhaltend betrachtet habe, steckten sie doch nie den Kopf
vollständig zur Schaale heraus, sondern die Augenpunkte und
die Basis der Fühler blieben stets darin, konnten jedoch bei
der Durchsichtigkeit des Gehäuses leicht erkannt werden. Auch
die übrigen Arten scheinen dieselbe Eigenthümlichkeit zu be-
sitzen, wenigstens hat ein sehr genauer und aufmerksamer
Beobachter, mein Freund Scacchi, der mir seine sämtlichen
handschriftlichen Beobachtungen und Zeichnungen auf das Zu-
vorkommendste mitgetheilt hat, dieselbe Beobachtung bei einer
gröfseren Art gemacht. Der Kopf ist in keine Schnauze ver-
längert; die Fühler sind pfriemenförmig, und länger als der
dritte Theil des Gehäuses, am Grunde genähert, ja anscheinend
verwachsen, und tragen 2 kleine schwarze Augen aufsen an
ihrem Grunde, die nicht hervorstehen. Der ungemein beweg-
liche Fufs ist nach vorn sehr stark verlängert und abgestutzt,
hinten zugespitzt; wenn das Thier kriecht, ist er etwa halb
so lang wie das Gehäuse. Von Farbe ist das Thier bei bei-
den Arten weifslich, beinahe glashell, der eigentliche Körper
aber mit schön purpurrothen zusammenfliefsenden Flecken und
Punkten verziert, welche Färbung sich auch in den Grund der
Fühler hineinzieht. Der Deckel ist hornartig.
So mangelhaft auch diese Beobachtungen sind, indem es
namentlich uns beiden nicht gelang, die Gestalt des Kopfes,
den Mund etc. zu sehen und uns zu überzeugen, ob die Fühler
am Grunde genähert oder gar verwachsen sind, so geht doch
daraus das ganz bestimmte Resultat hervor, dafs sich Eltlima
sehr wesentlich von Rissoa unterscheidet, welches euie sehr
deutliche verlängerte ausgerandete Schnauze hat. Von Phasia-
nella unterscheidet sich dies Genus noch mehr, denn Phasia-
nella ist dem Thier nach ein vollkommener Trochus mit
Schnauze, Stirnlappen, Seitenfäden etc. Die Süfswasser be-
wohnenden Melanien haben auch einen schnauzenförmig ver-
längerten Kopf, und weichen dadurch ebenfalls sehr ab. Ueber-
haupt läfst sich wegen des Mangels der Schnauze und wegen
der genäherten Fühler das Genus Eulima in keine Gruppe
der pflanzenfressenden Kammkiemer unterbringen, sondern mufs
wahrscheinlich eine eigenthümliche Familie bilden, zu der, wie
Archiv f. Naturgesrh. VII. Jahrg. I. Band. 4
50
ich vermnthe, noch die eine oder andere Gruppe kleiner See-
schnecken kommen würde. Ein ganz anderes Thier hat Delle
Chiaje Tah. inedit.l^r.l3. f. 10. ii. 12. ah Eiilima snhulata
abgebildet. Der Kopf ist ganz herausgestreckt. Die Fühler sind
dnrch eine Schnauze getrennt, kurz und knopfförmig. Die
Schaale ist 6^'" lang und beinahe 2'" breit. Eulima snhulata
ist es auf keinen Fall, allein was es sei, wage ich nicht zu
rathen.
Ich habe in meiner Enumeraüo mehrere Arten mit Längs-
rippen und senkrechter Spindel beschrieben : M. rufa, Compa-
nellae, pallida, Scolaris, welche von Eulima durch die eben
angeführten Charaktere sehr abweichen, und schon damals die
Vermuthung geäufsert, s. p. 156, dafs sie wohl ein eigenes Ge-
nus bilden möchten. Bei Neapel kommt keine dieser Arten vor,
bei Palermo sind sie nicht selten, und als ich mich im Früh-
jahr vorigen Jahres daselbst befand, habe ich sehr eifrig dar-
nach getrachtet, die Thiere derselben zu beobachten, allein es
ist mir nicht gelungen, mir dieselben zu verschaffen. Dennoch
möchten die Verschiedenheiten des Gehäuses hinreichend sein,
die Aufstellung einer neuen Gattung zu rechtfertigen, die ich
Pyrgiscus, Thürrachen,*) nennen möchte, um die Aehnlichkeit
in der Gestalt mit Turritella zu bezeichnen. Die wesentlichen
Charaktere wären folgende:
Testa iurrita. Anfr actus planiusculi, longitudinaliter
costati. j4pertura suhovafa, integra, superne angulata,
peristomate disjuncto; colwnclla perpendicularis; lahrum
Simplex, superne sinuatum, axi parallelum.
Von Eulima verschieden durch die Rippen der Windungen,
die senkrechte grade Spindel, welche eine Verlängerung der
*) Risso hat {last. mat. des prt'ncip. prod. de l'Eur. 7nerid. IV.
p. 224) das Genus Turhonilla aufgestellt, welches nach den Charak-
teren ziemlich mit Pyrgiscus übereinstimmt, allein er rechnet dazu
auch den Turbo gracilis Brocchi, welcher nach Ferussac eine Py-
ramidella ist, so wie p. 394 nr. 1082. Fig. 63. die T%irhoniUa Hum-
loldti, eine entschiedene Tornatella. Er stellt auch das Genus zwi-
schen Nesaea (Buccinum d'Orh'gny) und Rostellaria pes pelecani.
Ich habe daher, am Confusion zu vermeiden, den Namen Turhonilla
nicht gebrauchen mögen.
51
Axe des Gehäuses ist, und mit der vorletzten Windung einen
bestimmten Winkel macht.
Von Rissoa unterschieden durch dieselbe Beschaffenheit
der Mündung, die thurmförraige Gestalt.
Von Turritella, wohin einige fossile, wenn ich nicht sehr
irre, hierher gehörige, Arten von Risso gestellt sind, durch
dieselbe Beschaffenheit, der Mundöffnung und die nicht nach
hinten zurückweichende äufsere Lippe.
Von Scalaria, wohin Bronn jene fossilen Arten gebracht
hat, ebenfalls durch die eigenthümlich gestaltete Mundöffnung
und den getrennten Mundsaum leicht zu unterscheiden.
Eine andere Frage ist aber die, ob sich dies Genus Pyr-
giscus von Lea's Pasilhea unterscheidet. Diese Gattung ist
von Lea in dessen Contvihutions to Geology aufgestellt,
und mir nur durch den Auszug in Leonhard's und Bronn's
Neuem Jahrbuche etc. 1835. p, 614 bekannt. Allein da darin
gesagt wird, die Oeffnung sei oben enger als bei Rissoa, und
da unter andern McJania Camhcssedesii dahin gezogen wird,
so ist es vermuthlich einerlei mit Eulima, was Andere, die
das citirte Werk von Lea nachsehen können, entscheiden
mögen. Lea erwähnt auch eines ähnlichen Genus Pj r«m?V/f/7rt
Bronn Illustr. of the conchol. of Great Britain, welches
mir ganz unbekannt ist.
Aufser den oben erwähnten vier lebenden Arten gehören
hierher: Tiirho pliccduliis Broc. p. 376. t. 7. f. 5. {Melanin
Brocchii Bronn Italiens Tertiärgebilde p. 76, Nr. 408.) und
Twho lanceolatus Broc. p. 375, t. 7. f. 7. {Scalaria lance-
oiöfa Bronn I. c. p. 66^ Nr. 347.) Turritella l. Risse, hist.
nat. des prindp. prod. de VEur. merid. IV. p. 109, Nr. 260.
Ueber das Genus Truncatella Risso.
Risso hat bekanntlich aus Drap arn au d's Cyclostoma
truncatulum das Genus Truncatella gemacht. S. hist. nat.
des princip. prod. etc. IV. p. 124, worin ihm unter anderen
Couch yliologen Menke und Deshayes in der neuen Ausgabe
von Lamarck gefolgt sind. Andere Conchyliologen, die das
Thier für ein Wasserthior erkannten und Risso nicht folgen
mochten, haben es zu Paludina, wie Payraudeaii, oder zu
4 *
52
Rissoa, wie Michaud und ich selbstgestellt. GrafHochen-
wart aber hat meinen Freund Rofsmaessler verführt, die
Truncatella wieder für eine Land Schnecke zu halten, in-
dem er demselben schrieb: S. Rofsm. Iconographie lieft V.
u, VI. p. 54, „nur einmal fand ich 3 Exemplare im Moose
am Abhänge eines Hügels mit ihrem schwarzen Bewohner,
daher ich selbe für eine Landschnecke halte." Es ist ein po-
sitiver Irrthum, dafs das Thier schwarz sei, auch kann man
es nicht zu den eigentlichen Landschnecken rechnen. Ich habe
es stets am Seestrande auf der Wasserlinie gefunden, wie Fos-
sarus, SiphoJiaria Garnoti, Auricula etc., kann aber nicht
behaupten, dafs es durch Kiemen athme.
Lowe hat zuerst das Thier genau beschrieben, Zool. joiirn.
V. p. 209, und da die Beschreibung von Deshayes in der
neuen Ausgabe von Lamarck vol. 8. p. 363 sehr genau wie-
dergegeben ist, so will ich mich begnügen, zu bemerken, dafs
ich seine Beschreibung mit meinen eigenen Beobachtungen
vollkommen übereinstimmend gefunden habe. Wenn aber
Deshayes 1. c. p.364 sagt: „Der Fufs setzt sich nicht als
Scheibe bis zum vorderen Theil des Körpers des Thieres fort,
er ist durch eine (Quer-) Furche in der Mitte in zwei getheilt,
und diese Bildung zwingt das Thier, wie Fedipes zu kriechen,
d. h. wie die unter dem Namen „Spannenmesser bekannten
Raupen," so glaube ich, dafs dieses auf einem Irrthum beruht.
Die Art des Kriechens hat ihre Richtigkeit, allein der „sehr
kurze eiförmige" Fufs ist nicht durch eine Furche in zwei
getheilt, sondern das Thier stützt sich im Kriechen auf
seine Schnauze. Dies ist allerdings sehr sonderbar, allein
ich glaube mich nicht getäuscht zu haben, indem ich nicht nur
die Thiere von Cyclostoma tiuncatulum, sondern auch von
Fidelis Theresa oder Paludina Desnoyersii und von lielix
littorina Delle Chiaje, welche diesem Genus angehören, be-
obachtet und ebenso befunden habe, und weil mein Freund
Scacchi, wie ich aus dessen mir gütig mitgetheiltem Manu-
script ersehen habe, es gleichfalls so gesehen hat.
Die Mittheilung der Beschreibung einiger anderer hierher
gehöriger Arten, wird demjenigen, der sich mit dem Studium
der Mollusken beschäftigt, um so angenehmer sein, als diese
Arten in der Gestalt des Gehäuses sehr abweichend sind.
53
Die eine Art ist von Delle Chiaje in seiner Memorie
SU la sioria e notomia degli anlmali senza vertehre del
Regrio di NapoU vol. III. p. 215, 225 beschrieben, und t. 49.
f. 36 — 38 abgebildet unter dem Namen Belix littorina. Die
ganze Beschreibung lautet: „testa minima siiccinea, spirae
anfractuhus quatuor." Hiernach und nach der schlechten
Figur läfst sich die Art allerdings nicht erkennen, allein der
Fundort: das Ufer von Posilipo und die Citate von Scacchi
lassen keinen Zweifel über die Identität der Art, Delle
Chiaje citirt noch Descript de VEgypte coq. t. III. f. 16. 18. 19.
Im März V. J. habe ich in Palermo etwa 50 Exemplare
davon bekommen und lebend beobachtet; sie sitzen in den
kleinen Vertiefungen der Klippen und Uferfelsen in der Nähe
des "Wasserspiegels. Die Höhe des Gehäuses beträgt f", die
Breite eben so viel, es ist daher ziendich kugelförmig, oder
genauer flach kegelförmig. Die vier Windungen sind ziemlich
gewölbt, und nehmen sehr rasch zu, der letzte ist sehrbauchigj
übrigens sind sie glatt, etwas glänzend und sehr blafs horn-
farbig. Die Mündung ist mindestens eben so lang, als das
Gewinde, eiförmig, oben etwas winklig. Der Mundsautn ist
zusammenhängend, die äufsere Lippe jedoch ganz einfach,
schneidend, schräg gegen die Axe des Gehäuses, die innere
Lippe ist sehr deutlicli als zarte angewachsene Lamelle, und
bildet eine ganz feine Nal)clspalte, so dafs man das Gehäuse
durchbohrt nennen kann. — Das Thier ist genau wie bei
TruncateUa tnincatula Desh., so abweichend auch das Ge-
häuse erscheint, der Kopf weit vorgestreckt in eine zweilappige
Schnauze; die Fühler halb so lang wie der Kopf, stumpf,
tragen die nierenförmigen Augen auf der oberen Seite ihrer
"Wurzel, xnid stehen unter einem ziendich ofl'enen Winkel ab.
Der Fufs ist sehr kurz, anderthalb oder höchstens zwei Mal
so lang wie breit, vorn abgestutzt mit abgerundeten Winkeln,
hinten ganz abgerundet. Die Farbe ist weifslich, mit einem
röthlichen Querstrich zwischen den Fühlern, und einem gelb-
lichen, wenig auffallenden Längsstreifen.
Der Analogie nach rechne ich hierher ein noch kleineres
Schneckchen, Trimcalella /usca, welches ich ebenfalls bei
Palermo in ganz ungeheurer Menge einmal gefunden habe
ohne Jedoch da? Thier beobachten zu können. Das Gehäuse
54
ist wenig über ^" hoch und über |"' breit, dunkelbraun, ver-
längert kegelförmig, mit stumpfem Wirbel. Die Windungen
4 oder 4|, sind ziemlich stark gewölbt, die letzte nicht bauchig;
die Mundöflfnung ist rundlich-eiförmig und nimmt | der ganzen
Länge des Gehäuses ein. Die äufsere Lippe ist ebenfalls ein-
fach, aber fast senkrecht, die innere wenig deutlich; eine Na-
belspalte ist ebenfalls nicht deutlich. Vielleicht ist dieses Thier
aber auch eine Rissoa.
Am Merkwürdigsten ist aber eine vollkommen mikrosko-
pische Art, Ti'wicatella afomus, welche ich im Juli v. J. zu-
fällig in Sorrent fand, als ich nach Cytherinen und anderen
kleinen Crustaceen suchte. Das Gehäuse hatte keine Viertel-
linie im Durchmesser und war vollkommen scheibenförmig, wie
von Plajiorhis, es bestand nur aus 3 Windungen, die sehr
rasch zunahmen und auf dem Rücken abgerundet waren. Ober-
und Unterseite schienen gleich concav. Die Mundöffnung war
beinahe kreisrund. Das Thier, dessen Bildung ich bei einer
sechzigmaligen Vergröfserung sehr genau erkannte, stimmte
auf das Allervollkommenste mit dem der Truncatella trun-
catiila iiberein.
Wenn es schon nicht häufig vorkommt, in demselben Genus
thurmförmige, beinahe walzenförmige imd kugelige Gehäuse
anzutreffen, so erscheint es doch wahrlich wunderbar, wenn
sich dazu auch noch eine scheibenförmige Art gesellt, und ich
wollte Anfangs mit Gewalt die letzte Art zum jugendlichen
Zustand einer andern machen, überzeugte mich aber bald, dafs
es unmöglich war. — l^er Name Truncatella ist daher sehr
unpassend für das Genus, wovon die Rede ist, indessen möchte
eine Veränderung des Namens bei der Unzahl bereits beste-
hender unnützer Namen keinen wahren Vortheil bringen.
Auch existirt bereits für Truncatella der Name Choristoma
von De Cristoforis und Jan in ihrem Catalog dem Cyclo-
stoma truncatulum beigelegt.
Was die Stellung im System anbetrifft, so ist Deshayes
geneigt, es ganz in die Nähe von Rissoa zu stellen, allein
wegen der sehr kurzen Fühler und namentlich der Stellung der
Augen auf der oberen Seite, kann ich eine so nahe Verwandt-
schaft nicht finden. Fühler und Augen erinnern an Auricula.
Deshayes meint, durch den Fufs sei Truncatella mit Pedipes
55
Adans. verwandt, allein ich glaube, dafs die Bildung des
Fufses von Lowe nicht ganz richtig beschrieben ist. Uebri-
gens weicht Pedipes sehr durch die Fühler ab, welche nicht
an den Seiten, sondern auf der Mitte des Kopfes stehen, wie
bei Pyramidella, neben welchem Genus meiner Meinung nach
Pedipes stehen mufs.
lieber Tornatella.
Meines Wissens ist das Thier von Tornatella bisher noch
nicht bekannt gemacht. Tornatella fasciata ist im Mittelmeer
häufig genug, und im Frühjahr 1831 fand ich einst am Strand
bei Syracus ein noch frisches Thier vom Meere ausgeworfen,
welches mir deutlich den Deckel zeigte. Ich gab es meinem
Freunde, dem Dr. A, W. F. Schultz, der sich damals sehr
eifrig mit der Anatomie der Mollusken beschäftigte. Bei mei-
nem letzten, beinahe zweijährigen Aufenthalt in Neapel ist es
mir aber nicht möglich gewesen, das Thier zu bekommen;
wohl aber ist dies Herrn Delle Chiaje und Herrn Scacchi
gelungen. Da die Abbildungen beider übereinstimmen, so trage
ich kein Bedenken, sie hier bekannt zu machen, nebst einigen
mündlichen, mir von Herrn Scacchi mitgetheilten Nachrichten.
Ich darf erwarten, dafs diese Mittheilung um so willkomniener
sein wird, als das Thier im System eine ganz andere, sehr
unerwartete Stellung bekommen mufs, nämlich ganz in die
Nähe von Bulla, DerFufs ist etwas länger und fast um den
dritten Theii breiter als die Schaale; vorn ist er abgestutzt
mit hakenförmig umgebogenen Winkeln, nach hinten wird er
nicht schmaler, sondern ist kurz abgerundet. Vorn legen sich
über den Rücken der Schaale zwei Lappen, welche bis zur
halben Länge derselben reichen, nach hinten und aufsen spitz
endigen, in der Mitte zusammenstofsen, und ihre vorderen
Winkel jederseits in eine Spitze vorgezogen haben. Von dem
Fufse sind sie durch eine Querfurche geschieden, in deren
Mitte der Mund als Längspalte erscheint. Augen hat Herr
Scacchi nicht bemerkt, in der Figur von Delle Chiaje*)
*) Herr Delle Chiaje hat mir am Tage vor meiner Abreise
aus Neapel den 23. Febr. d. J. 38 Kupfertafcin geschenkt, mit Nr. LXX.
56
aber sehe ich t. 77. f. 13. auf jedem der oberen Lappen einen
schwarzen Punkt, der offenbar das Auge ist. Diese beiden
Lappen sind offenbar die Fühler, ebenso blattartig ausgebreitet
und über die Schaale zurückgeschlagen, wie bei Bulla, auch
die Lage der Augen ist ganz dieselbe. Zur Vergleichung habe
ich Bulla striata Brg. mit dem Thier daneben gezeichnet.
Man siebt daraus die grofse Uebereinstimmung zwischen beiden;
die Farbe des Thieres ist weifs.
Onchidium nanum n. sp.
O. corpore minimo, ovali, convexo, verrucosa, verrucis
sex ad marginem uirinque; supra nigrescente, suhtus ver-
rucisque alhido.
Im April 1839 fand ich in Palermo fünf Individuen auf
einer Masse von Vermetiis glomeratus herumkriechen; von
denen das gröfste 3"' lang und iV" breit war. Der Mantel ist
oval elliptisch, hinten etwas nach oben umgebogen, so dafs
man sehr gut die grofse zur Athemhöble führende Oeffnung
sehen kann, ziemlich gewölbt, grünlich schwarz mit einzelnen
helleren Warzen besetzt, von denen am Rande jederseits sechs
stehen. Der Kopf ragt etwas über den Mantel hinaus und
hat zwei beinahe beilförmige Lappen, zwischen denen die
Mundöffnung ist. Die Fühler sind knopfförmig, wie bei He-
lix, aber karz, so dafs sie nicht über die Kopflappen hervor-
ragen; sie tragen die kleinen schwarzen Augen auf dem Kopf
wie Helix, und sind dunkelgrau, der Fufs ist nur wenig
kürzer als der Mantel, aber kaum halb so breit. Kopf, Fufs
und Unterseite des Mantels sind blafsgelblich. — After und
Oeffnung der Geschlechtstheile konnte ich nicht erkennen.
Cuvier erwähnt beiläufig Regne animal ed. 2, vol. III.
p. 46 Note, eines Onchidium cellicum von den Küsten der
bis CIX. bezeichnet, welche zum fünften Bande seiner Memorie ge-
hören. Er hat sich mündlich mehrmals geäufscrt, er werde den Text
dazu nicht drucken lassen, weil er keine hinreichenden incorraggi-
menti dazu erhalte. Auch sind diese Tafeln nicht käuflich. Es kann
daher Herr D e 1 1 e Chiaje keine Prioritäts-Ansprüche machen, wenn
ein Anderer Thiere beschreibt, die er bereits dort abgebildet hat.
Ich werde aber gewissenhaft seine Figuren citiren,
57
Bretagne. Vielleicht ist es gegenwärtige Art ; da er aber nichts
als den bloP^en Namen und den Fundort angiebt, so läfst sich
nichts Bestimmtes darüber sagen^
Euplocamus laciniosus n. sp.
E. puniceus, velo capitis distincto; cinis in margine
pallä numerosis hrevihus, anticis diiohus elongafis, filifor-
mihus; cinis dorsalihus accessoriis; hranchiis 15 pinnaiis.
Im Februar v. J. bekam ich in Neapel ein Exemplar,
welches sehr* munter war. Es war, ausgestreckt, 9'" lang,
2^'" breit, 2'" hoch. Die Gestalt ist im Allgemeinen parallelo-
pipedisch und vierkantig. Die untere Fläche ist die gröfste
und wird von der Sohle des Fufses gebildet, welche am Rande
namentlich nach hinten etwas gekerbt ist, und abgerundet,
mit einer schwachen Ausrandung endigt. Die obere Fläche,
welche dem Mantel entspricht, ist in allen Dimensionen kleiner,
und vorn, wie an den Seiten, mit einem hervorstehenden Rand
umgeben; die Seiten sind ausgezackt und in kurze, fleischige
Fäden verlängert. Auf dieser Fläche stehen vorn die beiden
langen cylindrischen Fühler, deren Stiel von der dreimal
so langen, wie bei Doris gefalteten Keule nicht abgesetzt ist;
hinten aber der After, von 15 ziemlich kurzen Kiemen
umgeben, welche einfach gefiedert sind, mit dichten, unter
einem rechten Winkel abgehenden Blättchen. Die Girren
des Mantels verdienen eine genauere Beschreibung. Die ersten
beiden, am Vorderende stehend, sind länger noch als die Fühler
und fadenförmig; die drei oder vier folgenden sind walzenför-
mig, aber nur den dritten Theil oder höchstens halb so lang,
die übrigen aber erscheinen platt am Grunde und können so
stark verkürzt werden, dafs sie nur als kurze, stumpfe Lappen
erscheinen, während das Thier sie auch häufig doppelt so lang
macht, als ich sie gezeichnet habe, in welchem Fall sie ganz
fadenförmig erscheinen. Die beiden letzten Girren sitzen zur
Seite der Kiemen. Aufserdem finden wir noch auf der Mittel-
linie vier kurze Girren und jederseits einen unmittelbar vor
den Kiemen. Weder Kiemen noch Fühler können in eine
Grube eingezogen werden, wie dies bei Doris der Fall ist,
sondern erleiden nur eine Verkürzung. — Vor den Fühlern
58
liegt vorn ein kurzer, breiter Lappen, ein vehnn capitis, und
zwischen diesem und dem vorderen Rande des Fiilses liegt
der Mund, von einem kreisrunden Wulst umgeben. Die
Oeffnung der Geschlechtstheile ist auf der rechten
Seite, etwas hinter dem Fühler.
Die Farbe ist ein schönes Scharlachroth, unter der Lupe
mit feinen hellgelben Puncten bestreut; der Rand des Kopf-
lappens, so wie des vorderen Theiles des Fufses ist weifs,
der hintere Rand des Fufses aber gelb gerundet. Die Cirren
sind mehr orangenroth mit weifsen Spitzen, was besonders an
den vorderen auffällt; die Kiemen und die Mitfe der Fühler
blafsroth, duiikel punctirt. Die vier von mir beobachteten
Arten von Euplocamus, E. croceus, frondosus, einiger und
laciniosus zeigen einen allmäligen Uebergang in der Gestalt
von Tiitonia zu Doris oder Polycera. Bei E. croceus sind
die Cirren am Mantelrande ästig und stärker entwickelt, als
die Cirren oder Kiemen um den After; bei E. frondosus sind
sie zwar ebenfalls ästig, aber schon etwas schwächer entwickelt
als die Afterkiemen; bei E. einiger sind beide fadenförmig,
die Afterkiemen aber noch gewimpert; bei JE. laciniosus end-
lich treten die Seitencirren, einfache, stark verkiirzbare Fäden,
gegen die gefiederten Afterkiemen ganz zurück. Bei den bei-
den letzteren Arten endlich treten accessorische Rückencirren
auf, während bei Polycera Cuv. diese Rücken- und Seiten-
cirren in blofse Höcker zusammengeschrumpft sind.
Ich habe auch Doris clavigera O. Fr. Müll, zu meinem
Genus Euplocamus gerechnet, weil auf dem Rücken vier
Kiemen an der Stelle stehen, wo man den After vermuthet.
Auch sagt O. Fr. Müller von ihnen: „an locum ani dcco-
rantesF quod analogia quidem Juhet; foraminulum vero
ne micropio quidem detegerc poiui.'' Da er aber überhaupt
keinen Anus gefunden hat, so war er allerdings der Analogie
nach auf dem Rücken bei den Kiemen zu suchen, und dann
war meine Vermuthung offenbar richtig.
Aus dem Jahresbericht von Troschel, s. d. Archiv. 1839.
p.231, ersehe ich aber, dafs Johnston in Jardine Annais
of nat. hist. \. aus Doris clavigera ein eigenes Genus Na-
mens Triopa gemacht hat. Wo der After sei, ist nicht ange-
geben von Troschel, vielleicht auch von Johns; ton nicht,
59
was ich nicht verificiren kann, es wäre aber wohl interessant,
nachzusehen, worum ich hiermit Herrn Troscliel bitten will.
Sollte Johnston die Lage fies Afters nicht angegeben haben,
so bleibt mir am Wahrscheinlichsten, dafs Triopa mit Euplo-
camus zusammenfällt.
Erklärung der Abbildungen, Taf. V.
Fig. 1. Fossarus Adansoni, 2imal vergröfsert; y, der
ücckel ebenfalls vergröfsert,
Fig. 2. Eulima distorta J)esh., 6mal vergröfsert.
Fig. 3. Eulima polita üesh. (^Rissoa Boscii Payr.), nach
einer Zeichnung von Scacchi.
Fig. 4. Truncatella atoinus n. sp., a. die Schaale von
oben, h, von der Seite, c. mit dem Thier, ß, der Deckel; bei
sechzigmaliger Vergröfserung gesehen. Fig. d. <lie natürliche
Gröfse.
Fig. 5. Truncatella fusca n. sp.,f. vergröfsert, e. na-
türliche Gröfse.
Fig. 6. Truncatella tnaicatula Desh. mit dem Thiere,
vergröfsert.
Fig. 7. Truncatella l'älorina (Ilclix) delle Chia/'e;
X. natürliche Gröfse derselben.
Fig. 8. Onchidium nanum n- sp., a. natürliche Gröfse.
Fig. 9. Euplocamus laciniosus n. sp., a. in natürlicher
Gröfse anf dem Rücken liegend; ^. vergröfsert auf dem Bauche
kriechend.
Fig. 10. Tornatella fasciata Lamk. nach D e 11 e C h i a j e.
Fig. 11. Bulla striata Brg.
60
Zur systematischen Kenntnifs der Iiisectenlarven,
Vom
Herausgeber.
Erster Beitrag.
Die Larven der Coleopteren.
Die Beobachtung der Verwandlung beschäftigte die ältesten
Entomologen vorzugsweise, und die meisten Data, worauf sich
unsere heutige Kenntnifs derselben stützt, rühren aus jener äl-
teren Zeit her. Man hat mit Recht die Gesetzmäfsigkeit in der
Metamorphose der Insecten von jeher bewundert, mit Unrecht
aber auch häufig diese auffallenden Erscheinungen als beson-
deres Eigenthum der Insecten angesehen. Ist doch die Meta-
morphose der Batrachier, welche man längst kennt, kaum
geringer, als die der Insecten! Und jetzt, wo sich ein spe-
cielles Interesse der Zoologen darauf richtet, ähnliche Erschei-
nungen, welche oft viel wunderbarer und zusammengesetzter
sind, als die Insecten sie darbieten, bei den sogenannten nie-
deren Thieren zu verfolgen, scheint es wohl der Mühe werth,
auch den Metamorphosen der Insecten ein vorzüglicheres Au-
genmerk zu gewähren und sie von einem neuen wissenschaft-
lichen Gesichtspunkte aus zu betrachten.
Ich habe lange das Bedürfnifs gefühlt, dafs es an einer
Zusauimenstellung alles dessen fehle, was an Beobachtungen
der früheren Stände der Insecten bereits vorliegt. Nur aus ei-
ner solchen Zusammenstellung würde man übersehen können,
was bisher geleistet worden, was noch zu ergänzen ist, und
wo unser Wissen noch ganz fehlt. Diesem offenbaren Bedürf-
nifs ist indefs zur Zeit durch meinen trefflichen Freund J. O.
Westwood abgeholfen worden, welcher sich in seiner lehr-
reichen Introductioji to thc modern Classification of Insects
zur vorzüglichen Aufgabe gemacht hat, alle vorhandenen
Materialien zu benutzen, um eine umfassende Uebersicht über
den Stand der gegenwärtigen Kenntnifs der früheren Zustände
der Insecten zu geben. Es findet sich, dafs im Allgemeinen
61
man sich begnügt hat, die äiifseren Formen der Larven zu
beschreiben und abzubilden, und dafs selbst da, wo man weiter
eingegangen ist, und einzelne wichtige Theile, namentlich die
Mundtheile, einer genaueren Untersuchung unterworfen hat,
wie dies z.B. von Bouche (Naturgeschichte der Insecten)
und Waterhouse (in den Tr ansäet, ofthe Entom. Soc.} ge-
schehen ist, noch manches Wesentliche nachzuholen bleibt; so
dafs unter den bisherigen Auetoren, welche Insectenvervvand-
Iiingen dargestellt haben, Prof. Ratze bürg in seinem grofsen
Werke über die Forstinsecten fast der Einzige ist, dessen Beob-
achtungen auch einer späteren Zeit geniigen werden. Diese
gehen indefs nicht über die für die Forstverwaltung wichtigen
Insecten hinaus. Dr. De Haan hat zur Zeit nur seine werth-
vollen Untersuchungen über die Laraellicornenlarven publicirt.
Westwood hat sich, obgleich er vieles Eigene hinzuthat, mit
einer oberflächlichen Darstellung begnügt, so dafs eine umfas-
sende und genaue Betrachtung der Käferlarven noch fehlt.
Wenn ich eine solche nn"t dem geringen Material, welches ich
vor mir habe, zu unternehmen wage, mufs man dies mit meinen
Verhältnissen entschuldigen. Meine Obliegenheiten geben mir
zur Zeit die Freiheit nicht, auf dem Felde und im Walde zu
beobachten; aufser Wenigem also, was ich von früher her fast
zufällig aufbewahrte, habe ich kaum etwas vor mir, als was
mir von einigen Freunden zugebracht ist; indefs hat Professor
Ratzeburg mich kräftig unterstützt, indem er nicht nur un-
sere, im Entstehen begrififene Sammlung von Insectenlarven
vielfach bereicherte, sondern auch Alles, was ich wünschte,
mir aus der an Metamorphosen besonders reichen Sammlung
des Neustadt- Eberswalder Forstinstituts zur Benutzung mit-
theilte. Es kann auch durchaus nicht die Rede davon sein,
hier etwas Erschöpfendes zu liefern, und ich habe bei der
Bekanntmachimg dessen, was ich bisher bei der Untersuchung
der Larven gefunden habe, hauptsächlich nur den Zweck, An-
dere, welche in einer günstigeren Lage sind, für solche Beob-
achtungen zu interessiren, und durch diesen Versuch einer
systematischen Betrachtung auf die wesentlicheren Unterschiede
der verschiedenen Larven von einander aufmerksam zumachen.
Wenn es vor der Hand genügen mufs, die Larven der verschie-
denen natürlichen Familien mit Sicherheit unterscheiden zu
62
können, mögen spätere Beobachtungen es herausstellen, wel-
che generelle, und zuletzt auch welche specielle Unterschiede
an den Larven sich finden. Wie nämlich in der Schmetter-
lingskunde die Kenntnifs der früheren Stände mit den Fort-
schritten der Wissenschaft immer Schritt gehalten hat, so ist
zu erwarten, dafs bei anderen Ordnungen, wo die Beobachtun-
gen ungleich schwieriger sind, sich mit der Zeit das Mifsver-
hältnifs im Umfange der Kenntnifs der letzten und der früheren
Stände ausgleichen werde.
Es ist auch zu hoffen, dafs die Systematik der Insecten
durch eine genauere Kenntnifs der früheren Stände unendlich
gewinnen werde, man darf diese Hoffnungen aber nicht so hodi
stellen, dafs darin alles und das alleinige Heil der Systematik
beruhe, namentlich darf man nicht darauf rechnen, dafs eine
Eintheilung nach den Larven mit einer solchen nach den voll-
kommeneu Insecten überall genau zusammenfallen werde. Man
sollte z. B. glauben, dafs die Bupresten und Elateren sehr
übereinstimmende Larven hätten: das ist bekanntlich nicht der
Fall. Man sollte ferner denken, dafs sich Melnsis in der
Bildung der Larve näher an Elafer als an Biiprestis anschlie-
fsen werde: in That aber entfernt die Larve von Meiosis sich
noch mehr von der der Elateren als die der Bupresten. Auf
der anderen Seite ist die Uebereinstimmung in den Larven der
Cerambycinen, namentlich der Landen mit denen der Bupresten
ungemein grofs, wo doch die Uebereinstimmung der vollkom-
menen Insecten so gering als möglich ist. Dagegen scheint
es, als ob die Larven aller Mitglieder einer natürlichen Familie
auf eine oft überraschende Weise unter einander übereinstimmten.
Die Bildung der Larven einer systematischen Eintheilung
der Käfer überhaupt zum Grunde zu legen, ist nicht unver-
sucht geblieben, indefs ist der Erfolg nicht eben von der Art
gewesen, dieser Methode Eingang zu verscliaffen, zumal sie
nicht aus einer umfassenden und tioferen Kenntnifs der Ent-
wickelungszustände hervorging.
Der eine Versuch ist von Prof. B u r m e i s t e r in dessen Hand-
buch der Naturgeschichte, und theilt die Larven derColeopteren in
drei Ilauptabtheilungen, nämlich ^podae, Micropodiae,
Macropodiae. Die Apodae begreifen hier nur die Rüssel-
und Borkenkäfer, die Micropodiae sämtliche Cerambycinen,
63
obgleich eine Hälfte derselben durchaus gar keine Beine hat
und einen grofsen Theil der Latreille'schen Xylophagen, und
zwar von solchen, welche alle, so viel man sie kennt (und
die Larve der Trogosita caraboides kennt man schon seit
langer Zeit), Macropodiae sind. Streng genommen würden
in der ersten Abtheilung aufser den Curcuiionen und Bostri-
chen noch die BupresteU;, Melasis und die Lamien (mit Ein-
schlufs der Saperden), — in der zweiten die übrigen Cerani-
bycinen und die Histeren, in der dritten alle übrigen Käfer
stehen. Mehr glaube ich gegen diese Eintheilung nicht zu
erinnern nöthig zu haben, und sie würde hier auch schwerlich
erwähnt worden sein, wenn sich nicht schon Andere auf sie
gestützt hätten.
Eine andere, ältere, nicht ganz so inconsequente, aber
doch an Willkürlichkeiten nicht freie Eintheilung der Käfer-
larven ist die von Mac Leay, welche er in den Horae Eii-
tomologicae U. S. 422 zuerst vorgeschlagen, dann in den
Annulosa Javanica zum Theil weiter ausgeführt hat. Sie
gründet sich hauptsächlich auf den Vergleich mit den soo-e-
nannten Ins. ametabolis, daher die Namen der Abtheilungen:
Chilopodiformes, wo die Larven den jungen Chilopoden,
Chilognathiformes, wo sie in ihrer eingerollten Gestalt
den Chilognathen, ^no/?/Mr(/*o r 7« e*, wo sie Läusen (Ano-
plura Leach), Thysanuriformes, wo sie Thysanuren,
endlich Vermiformes, wo sie ihrer Fufslosigkeit halber
mit Helminthen verglichen werden. Kirby und Spence
haben in ihrer Introduction to Eniomology, gleichen Priuci-
pien folgend, die Betrachtung über alle Insectenordnungen
ausgedehnt und die Zahl der Abtheihingen bedeutend vermehrt,
ohne damit unnatürliche Zusamnjenstellungen zu vermeiden.
Der Vergleich mit verschiedenen Classen ungeflügelter wirbel-
loser Thiere, welcher von Mac Leay nicht ohne Geist ange-
stellt war, erscheint hier als leere Spielerei. — Der hauptsäch-
liche Fehler bei beiden, sowohl beiMac Leay, als bei Kirby
und Spence, liegt darin, dafs einzelne Formen als Typen
aufgestellt wurden, denen die übrigen angepafst werden mufs-
ten. Dadurch wird die ganze Eintlieilung, wenn sie durchge-
führt werden soll, gezwungen. Es liegt auch nur eine ober-
flächlichere Betrachtung der Körperform zum Grunde.
64
Dafs die Verschiedenheiten der Larve auch nicht, wie es
von Mac Leay geschehen ist, zur Anfstellung gröfserer Grup-
pen, wenigstens bei den Käfern (bei den Hymonopteren und
Dipteren verhält es sich anders) geeignet sei, habe ich schon
oben bemerkt, und das nicht allein deshalb, weil die Verwandt-
schaften der Larven unter einander nicht in allen Fällen mit
den Verwandtschaften der vollkommenen Insecten auf gleicher
Stufe stehen, sondern auch deshalb, weil man von einer An-
zahl von verschiedenen Formen die Larven noch gar nicht
kennt, und diese also nach Gutdünken untergebracht werden
miifsten. Es würde vom Zufall abhängen, ob nicht eine ein-
zige Larve das schönste Gebäude des Systematikers über den
Haufen werfen würde.
Ist es auch nicht möglich, die Bildung der Larven der
systematischen Eintheiiung zum Grunde zu legen, ist es
doch immer höchst wichtig, ja wesentlich nothwendig, dieselbe
zu berücksichtigen und die Kenntnifs der früheren Stände
bleibt, abgesehen davon, dafs sie ein integrirender Theil der
Naturgeschichte überhaupt ist, auch für die Systematik von
ungemeinem Vortheil, wäre es auch nur als ein Prüfstein einer
nach anderen Principien gewonnenen Eintheiiung,
Es scheint nämlich, dafs jede natürliche Familie auch ihre
besondere Form von Larven hat. Ich will versuchen, diese
im Folgenden, so weit sie mir bekannt geworden, und so weit
sie sich nach der Form der Larve feststellen läfst, für jede
einzelne Familie zu schildern, und überlasse es, da sie sich
zur Zeit grofsentheils nur auf Untersuchung einzelner oder
weniger Larvenarten aus jeder Familie gründen, künftigen aus-
gedehnteren Beobachtungen, diese Schilderungen zu vervoll-
ständigen und zu modificiren. Da ich den Anfang einer syste-
matischen Betrachtung der Larven mache, darf man nicht
erwarten, dafs ich etwas auch nur einigermaafsen Vollendetes
zu Tage bringe, zumal auf diesem Felde, wo noch eine grofse
Reihe von Generationen vollauf zu thun findet.
Zunächst noch eine Betrachtung der Käferlarven nach
ihren einzelnen Theilen im Allgemeinen.
Der Kopf ist gewöhnlich hornig, meist vorgestreckt, mehr
oder weniger flachgedrückt, zuweilen untergebogen; in an-
deren Fällen ist er mehr kuglich, wie ein Raupenkopf, mit
65
der gewölbten Fläche nach vorn gerichtet, den Mund unten
in der Nähe der Brust habend. Die Larven mit horizontal ge-
richtetem und flachem Kopfe haben den Mund an seinem Vor-
derende. Die mit Raupenköpfen (z. B. die der Lamellicornen,
Ptinen, Curculionen u. s. w.) sind vorzugsweise Pflanzenfres-
ser, nie vom Raube lebend.
Die Augen sind, wenn sie nicht ganz fehlen, einfach und
von verschiedener Zahl, nämlich von 1 bis 6 auf jeder Seite.
Sie stehen immer an den Seiten des Kopfes, gewöhnlich hinter
den Fühlern. Stirn-Ocellen kommen nicht vor.
Die Fühler fehlen sehr selten. Sie sind höchstens vier-
gliedrig (zuweilen vermehrt sich die Zahl durch eingeschobene
Zwischengelenke) und stehen gewöhnlich an den Seiten des
Kopfes unmittelbar über der Einlenkung derMandibeln, selten
sind sie mehr nach der Stirnfläche hingerückt. - Ihrer Form
nach sind sie bald fadenförmig, bald kegelförmig; im letzteren
Falle können die Glieder nur vorgestreckt und zurückgezogen
werden, im ersteren bewegen sie sich seitwärts nach allen
Richtungen, zuweilen mit Ausnahme des Jetzten Gliedes, wenn
dieses sehr klein, und wie eine Warze oder Borste aus der
Spitze des vorletzten hervorsieht. Sehr bemerkenswerth ist,
dafs zuweilen das zweite oder dritte .Glied einen kleinen ein'
gelenkten Fortsatz hat.
Die Betrachtung des Mundes ist von der allerhöchsten
Wichtigkeit, weil die Beschafi-enheit desselben nach der Nah-
rung der Larve eingerichtet ist. Bei vielen Larven findet ein
förmliches Kauen der Nahrung statt. Hier stehen die Mund-
theile alle in der Oeflfnung des Mundes. Bei anderen Larven
kann die Nahrung nur durch Saugen aufgenommen werden:
in diesem Falle ist die Mundöffnnng klein, äufserlich nicht
einmal zu sehen, und die Mundtheile stehen, zum Theil selbst
ni einiger Entfernung von derselben, frei am Kopfe. Bei Dy-
tiscus weift man schon längst, dafs die Larven ihre Beute
mittelst der Mandibeln aussaugen, bei den Staphylinen habe
ich bereits auf eine ähnliche Einrichtung des Mundes aufmerk-
sam gemacht. Es ist diese Form des Mundes noch viel wei-
ter verbreitet, denn sie findet sich noch bei den Cicindelen, Ca-
rahen, Hydrophilen, Histeren, Lampyren und Lycus. Es
leben diese Larven (ob die von Hister weifs ich nicht) vor-
Archiv f. Natlirgescb. VII, Jahrg. l. Band. 5
zuKSweise vom Raube; sie ist aber nicht den Raublarven ei-
genthümlich, denn Clerus, dessen Larve entschieden lebende
Insecten frifst, hat sie nicht.
Ein Kopfschild findet sich häufig von der Stirn abge-
setzt, häufig aber auch nicht.
Die Lefze ist entweder vorhanden, und in diesem Falle
bald vom Kopfschilde oder der Stirn abgesetzt, und beweglich,
bald mit der 8tirn verwachsen, oder sie fehlt ganz, und in
diesem Falle bildet der Vorderrand der Stirn auch den vor-
deren Mundrand. Diefs findet namentlich bei allen denen
rs o) statt, wo die Mnndöffnung so klein ist, dass die INah-
rung nur durch Saugen aufgenommen werden kann: aber mcht
bei diesen allein. ,,-17 i j^
Die Mandibeln sind immer hornig, nacl. der Verschie-
denheit der Nahrung verschieden gestaltet. »" <1™ ™"f ""'/^
Lebenden sind sie scharf, spitz, häufig ungezahnt meh od«
weniger lang und vorragend. Bei denen, welche U,re Nah.ung
hauen, namentlich den Pflanzenfressern, sn.d s,c kurz und derb,
mit den Schneiden oder Kauflächen aneinander passend
Die Maxillen bestehen aus mehreren Theden, und zwar
denselben, als beim vollkommenen Insect. Die Ange (.cardo),
llsGrundgelenk auf dem die Maxille sich bewegt, .st zuwe^-
e. iiberwiegend entwickelt, so dafs es (z.B. h.. Hjdrophdus-)
an H upttheil der ganzen Maxille ausmacht und der Stamm
der Maxille nur als ein erstes Tasterghed er cbe.nt. D,e
Ude ist fast immer vorhanden, in der Kegel aber nur eu.
Diese ist entweder mit der Maxille verwachsen so dass s,e
als eine unnuttelbare Fortsetzung derselben erscheint, zuwei-
len wie bei den Larven der Maikäfer und Mopa, zum Kauen
„nd Zerkleinern der Speise hornig und gezähnt; oder sie .
eingelenkt wie ein Taster, meist eingliedrig, zuweilen („.ab.
cZ,hen uMElatercn) zweigliedig. Bei den C«r„k.« ist die
zw ie Lade durch ehien kleinen Fortsatz des Maxillarkorpers
ang deutet _ Der Taster ist bald faden- bald kegelförmig
wie r Fühler, in die Regel dreigliedrig. Bei Melas^ fehlt
die ganze Maxille. mcp^f
Die Unterlippe besteht, wie beim vollkommenen Insect
aus dem Kinn (m.n^.m), den Tastern mit ihren Stämmen und
der Zunge. Das Kinn ist häufig mit dem Kopfe mehr oder
67
weniger verwachsen, häufig fleischig, nie so weit entwickelt
dafs es die Taster oder auch ihre Stämme bedeckte. Diese
liegen also immer frei da, und sind in der Regel ganz oder
zum Theil mit einander verwachsen. Die Taster sind fast
immer zweigliedrig. Die Zunge fehlt nicht selten oder ist
rudimentär. Bei Buprestis und Melasis sind Kinn und Zunge
vorhanden, die letzte sogar sehr entwickelt, bei den ersten sind
aber von den Tastern ntit ihren Stämmen nur sehr geringe,
ungegliederte Rudimente vorhanden, bei den letzten fehfen
sie ganz.
Beine fehlen bei den Bupresten, Melasis, den Curculio-
nen, Bostrischen und Lamien ganz, bei den übrigen finden
sich drei Paare, und zwar an den drei ersten Segmenten nach
dem Kopfe, an jedem ein Paar. Sie sind selten an den Seiten
selbst, gewöhnlich auf der Unterseite, hier aber immer seitlich
eingelenkt. Sie bestehen aus fünf Gelenken. Das erste ent-
spricht der Hüfte, ist zuweilen kurz, häufiger aber ziemlich
lang, und liegt gewöhnlich dem Leibe in der Richtung nach
innen rmd hinten an, selten gerade nach innen. Es pflegt mit
dem der andern Seite so zusammenzutreffen, dafs ihre Spitzen
im Winkel sich fast berühren. Das zweite Gelenk entspricht
dem Trochanter. Es ist gewöhnlich kürzer als das folgende,
und wie beim vollkommenen Insect unbeweglich mit ihm ver-
bunden. Die beiden folgenden entsprechen dem Schenkel und
der Schiene, sie bilden den Haupttheil des Beins. Das letzte,
dem Fufs entsprechende, besteht aus einem einzigen Gliede,'
welches bei den jungen Larven von Meloe und Lytta drei[
bei den Larven der Carahen, Dytiscen und Gyiinen zwei'
bei allen übrigen nur eine Klaue hat, ja in den meisten Fällen
nur aus der Klaue besteht. Die drei Paare pflegen an Gröfse
und Gestalt einander gleich zu sein.
Der Körper besteht aufser dem Kopfe gewöhnlich aus
zwölf Segmenten, von denen die drei ersten dem Thorax, die
neun übrigen dem Hinterleibe des vollkommenen Insects ent-
sprechen. Die Hinterleibssegmente haben keine Afterfüfse,
wodurch sich die Käferlarven von den Raupen der Schmetter-
linge und den meisten Afterraupen der Blattwespen leicht un-
terscheiden. Dagegen haben die meisten einen Nachschieber,
der in dem röhrenförmig vortretenden After besteht. Bei den
5*
68
Tenehrionen -Larven treten statt des einzigen zwei fleischige
Nachschieber neben dem After hervor. Bei solchen Larven,
welche keinen Nachschieber haben, namentlich bei <len Lamel-
licornen-LsLVven und den meisten der Bupresten, tritt der After
in Gestalt eines eigenen dreizehnten Segments vor. Bei den Lar-
ven der Wasserkäfer (Djfwcm xmA Hydrophilen') sind nur 11
Segmente, nämlich statt 9 nur S Hinterleibssegmente vorhanden,
vermuthlich aus einem gleich zu erörternden Grunde. Das
erste Segment zeichnet sich häufig durch seine Consistenz,
Gröfse und Form aus; eben so das letzte, welches häufig derb
hornig ist, wenn die übrigen fleischig sind, ferner häufig ge-
hörnt, zuweilen (namentlich bei den Stapliylinen, Histeren,
Silplien) mit zwei gegliederten Anhängen versehen ist, dereii
Nutzen und Bestimmung uns vor der Hand noch nicht klar ist.
Stigmen finden sich gewöhnlich 9 Paare, das vorderste
entweder auf dem Prothorax-, oder in der Falte zwischen
Pro- und Mesothorax-, gewöhnlicher am vordem Theile des
Mesothoraxsegment. Die übrigen 8 an den Seiten der 8 ersten
Hinterleibssegmente. Bei A^nDytiscen und Hydrophilen sind
nur 8 Paare in der gewöhnlichen Gestalt zu bemerken, das
neunte liegt am Ende des Körpers und ist äufsorlich nicht
sichtbar, indefs d®ch die Hauptmündung des Tracheenstamn.es
bildend. Diese Larven athmen, indem sie die Spitze des Hm-
terleibes an die Oberfläche des Wassers bringen. Wahrschein-
lich ist das neunte Hinterleibssegment, welches keine Stigmen
führt, deshalb bei diesen Larven nicht entwickelt, damit das
letzte' Stigmenpaar an die Spitze des Körpers rücken könne.
Hinsichts der systematischen Reihe folge ich möglichst dem
System von Latreille, als dem allgemein bekannten und zur
Zeit noch fast ebenso allgemein gebräuchlichen. Es sind hier
gewöhnlich auch die natürlichen Familien ihrer Begränzung
nach mit grofser Einsicht gegründet.
Eine der natürlichsten und am Meisten in sich abgeschlos-
senen Abtheilungen ist die der Carnivoren, die aufser den
bei ihnen vorkommenden sechs Tastern, durch welche La-
treille sie characterisirt, sich im Käferzustande noch durch
manche andere Eigenthümlichkeiten auszeichnet, namentlich
69
dadurch, dafs bei ihnen am Prothorax die Epimera und Epi-
sterna sich finden, welche nicht nur allen anderen Coleopteren,
sondern sogar allen anderen Insecten mangeln. Auch als Lar-
ven haben sie ein Kennzeichen, welches sie von allen anderen
sehr leicht und sicher unterscheidet, nämlich die Fiifse endigen
mit zwei Klauen, während die übrigen (die jungen Meloe-
larven machen eine scheinbare Ausnahme) nur eine einzige
Klaue haben, ja das ganze Tarsengelenk nur in dieser einen
Klaue zu bestehen scheint.
Es sind bisher 4 Typen von Larven in dieser Abtheilung
beobachtet worden, welche den Familien Cicindelen, Caraben,
Dytiscen imd Gyrineti entsprechen.
Diese 4 Typen sind:
Cicindelen.
( Cicindela campestris. )
Kopf horizontal vorgestreckt oder rückwärts übergebogen,
hornig, auf der Oberseite flach ausgehöhlt, auf der Unterseite
stark gewölbt.
Oc eilen 4 auf jeder Seite, 2 grofse runde nach oben, und
2 kleine, ebenfalls runde, nach unten und vorn.
Fühler viergliedrig, fadenförmig.
Stirn nach vorn zwischen den Mandibeln vortretend, den
Mund von oben schliefsend, ohne abgesondertes Kopfschild.
Lefze nicht vorlianden.
Mandibeln frei vorragend, aufgekrümmt, sichelförmig ge-
bogen, spitz, am Grunde mit einem starken, scharfen Zahn.
Maxillen frei, mit sehr verlängerter, schräg nach aufsen
gerichteter Angel, ziemlich cylindrischem Stamme, dem aufsen
in der Mitte der Länge auf einem Absätze die viergliedrigen
Taster, an der Spitze das ungegliederte, am Ende mit einem
hakenförmigen Dorn bewaffnete Rudiment der Lade eingelenkt
ist. Von der zweiten Lade ist keine Spur vorhanden.
Unterlippe mit kleinem, mit dem Kopfe verwachsenem
Kinn, fast viereckiger, fleischiger, am Rande mit langen Haaren
besetzter Zunge, fleischigen, von einander getrennten Tasler-
stämmen und zweigliedrigen Tastern.
Beine mäfsig lang, an den Seiten des Körpers eingelenkt?
mit langen, cylindrischen, frei abstehenden Hüft-, kürzeren
70
Trochanter-, etwas längeren Schenkel-, kurzen, borstigen
Schien- und äufserst kurzen Fufsgelenken, diese mit 2 un-
gleichen Klauen versehen.
Körpersegmente 12 (9 Hinterleibssegmente), das erste
(Prothorax) von den übrigen abgesetzt, von der Breite des
Kopfes, dem es sich enger anschliefst, oben hornig, die übrigen
fleischig, die des Meso- und Metathorax oben mit hornigem
Schilde, die übrigen mit kleinen Hornflecken, nur der letzte
wieder mit einem einzigen Hornflecke bedeckt; das siebente
auf dem Rücken aufgetrieben, mit einem Paar nach vorn ge-
richteter, horniger Häkchen. Der After röhrenförmig vortre-
tend, vermuthlich als Nachschieber dienend.
Stigmenpaare 9, nämlich 8 auf den 8 ersten Hinterleibs-
segmenten, an den Seiten, etwas mehr nach oben als nach
unten, das neunte auf der Unterseite des Prothoraxsegments,
unmittelbar hinter einem fleischigen Vorsprunge, auf dem die
Hüften stehen, gelegen.
Bem. 1. Diese Larve weicht von den Larven der eigent-
lichen Caraben sehr wesentlich ab in der Zahl der Ocellen,
dem über die Einleukung des Tasters hinaus verlängerten
Stamme der Maxillen, der ungegliederten Lade derselben, der
ausgebildeteren Zunge, und vorzüglich auch den frei vom
Körper abstehenden Hüften. Von einander getrennte Stämme
der Lippentaster sind den Cicindelen im Larvenzustande ebenso
als im Käferzustande eigenthümlich.
Bem. 2. Die Ocellen werden bei den Meisten unrichtig an-
gegeben. Latreille (Regn. An. Ed. II. IV. S. 356) z.B. giebt
auf jeder Seite zwei an, Westwood (Introduct. I. S. 50)
drei, nur Ratzeburg (Forstins. I. S. 25) giebt richtig vier
an und macht auf ihre verschiedene Gröfse aufmerksam.
Bem. 3. Die Mundtheile sind von Westwood (Introd.
S. 48 I. f. 6.) nicht ganz genau abgebildet, namentlich ist die
Zunge übersehen worden. Ratzeburg beschreibt die Maxillen
etwas anders als ich, hauptsächlich aus der Ursache, weil er
das verlängerte Angelgelenk als den Stamm der Maxille ge-
nommen hat, daher er den wirklichen Stamm nur als die
gemeinschaftliche Basis der Taster (äufserer und innerer) be-
trachten konnte. — Die Mundtheile sind übrigens nicht zum
71
Kauen eingerichtet, die Mundöflfnung selbst ist aucli so klein,
dafs man sie äufserlich nicht sieht, die Ernährung geschieht
daher wohl nicht anders, als durch Aussaugen des Raubes.
Bern. 4. Die Larven von Cicindela leben bekanntlich in
der Erde in Röhren, wo sie am Eingange vorübergehenden
Insecten auflauern. Die Häkchen auf dem siebenten Segment
dienen nach Westwood dazu, um den Körper in dem Gange
zu fixiren. Die Phryganenlarven mit röhrenförmigen Gehäusen
haben eine ähnliche Vorrichtung auf dem ersten fiinterleibs-
segmente.
Caraben.
Kopf horizontal vorgestreckt, hornig, auf der Oberseite
flach, auf der Unterseite flach gewölbt.
Ocellen 6 auf jeder Seite, dicht hinter der Einlenkung
des Fühlers, in zwei Reihen auf einer kleinen schwachgewölb-
ten Beule gestellt, von gleicher Gröfse, aber nicht von gleicher
Form, indem die einen rund, die anderen elliptisch sind.
Fühler viergliedrig, fadenförmig.
Stirn zwischen den Mandibeln vortretend und den Mund
von oben schliefsend, ohne abgesetztes Kopfschild.
Mandibeln vorragend, sichelförmig gebogen, spitz, am
Grunde mit einem starken, spitzen Zahn.
Maxillen frei, mit sehr kurzem Angelgelenk, grofsem
Stamme, mit langem, viergliedrigem Taster, eingclenkter, zwei-
gliedriger, tasterförmiger, äufserer und durch einen kleinen
zahnförmigen Vorsprung angedeuteter innerer Lade.
Unterlippe mit kleinem, mit dem Kopfe verwachsenem
Kinn, frei daliegenden, unter einander verwachsenen Taster-
stämmen, zweigliedrigen Tastern und durch einen kleinen,
hornigen Vorsprung angedeuteter Zunge.
Beine mäfsig kurz, mit langen, dem Körper anliegenden,
schräg nach innen und hinten gerichteten Hüft-, gleichlangen
Trochanter- und Schenkel-, kürzeren Schien- und Fufsgelen-
ken, die letzten jedes mit zwei gleichen Klauen.
Körpersegmente 12 (9 Ilinterleibssegmente), alle oben
mit hornigen Schilden bedeckt, die Hinterleibssegmente auf
der Bauchseite mit einer kleineren und dünneren, mitunter
mehrfach zertheüten Hornschiene, an jeder Seite durch zwei
)
72
hornige Längsvvülste geschützt; die letzte Rückenschiene mit
2 Hörnern von verschiedener Gestalt und Länge. Der After
tritt röhrenförmig vor und dient als Nachschieber,
Stigmenpaare 9, nämlich 8 auf den 8 ersten Hinterleibs-
segmenten, zwischen dem Rande der Rückenschiene und der
nächsten Hornschwiele, das neunte auf der Unterseite des Meso-
thorax-Ringes im Vorderwinkel gelegen.
Bem. 1. Die Carabenlarven haben alle eine grofse Ueber-
einstimmung unter einander, und namentlich in den angeführten
Characteren kommen sie alle überein. Sie unterscheiden sich
von allen auf dem Lande lebenden Käforlarven durch die
zwei Klauen an den Füfsen. Am Bekanntesten ist durch
Reaumur's Schilderung die Larve des Calosoma Syco-
phanta, von welcher Prof. Burmeister auch eine schöne
anatomische Darstellung in den Transact Eni. Soc. gegeben hat.
Die Larve des Calosoma Inquisitor ist sehr wenig verschieden,
nur merklich kleiner. Sehr ähnlich derselben sind die Larven
der eigentlichen Carahi, von denen Prof. Ratzeburg die des
C. auronitens (Forstins. L T. 1. f. 8. c), Prof. Heer die-
selbe und die des C. depressus und C. hortensis (^Ob-
servat. Ent. T. 1. 2.) abbildet. Die Larve (\e^ Procrjjstes
cori accus ist von Brülle in der Histoire nat. des Ins.
V. S. 95 beschrieben, und T. 4. f. 6. abgebildet. Sie unter-
scheidet sich von den genannten dadurch, dafs sie auf der
Stirn neben jedem Augenhügel einen stark vorragenden Höcker
hat, während die Larven der eigentlichen Carahi (wenigstens
von C auronitens und depressus) nach Heer's Abbildung
einen einzelnen Höcker auf dem vordersten Theile der Stirn
haben. Einen gleichen Höcker hat auch die Larve von Cy-
chrus rostratus (Heer Ohs. Ent. t. H. B.), welche von
denen der eigentlichen Carahi darin abweicht, dafs das letzte
Hinterleibssegment nicht eigentlich gehörnt, sondern stark
4zähnig ist. Alle diese Larven haben ziemlich kleine Köpfe,
wenigstens sind sie schmäler als der Körper, und ihre Farbe
ist bei Calosoma, Procrustes und Carahus schwarz, bei
Cy citrus braun.
Die Larven der kleineren Caraben scheinen eine andere
Form zu haben, indem bei ihnen der Kopf gröfser, wenigstens
73
von der Breite des Körpers ist. Sie sind auch von hellerer
Farbe, Die Larve des Zahrus gihhusha.t Germar im ersten
Bande seines Magazins abgebildet; auch Zimmermann hat
sie in seiner Monographie der Carabiden genau beschrieben.
Dieser sehr genaue Beobachter bemerkt, dafs die Larven der
Harpalen, Omaren, Vterostichen {Poecilus) und Po-
gonus so übereinstimmend gebildet wären, dafs es schwer
hielte, positive Unterschiede an ihnen aufzufinden. Die Har-
palenlarven weichen nach ihm von den anderen durch unge-
rändeltes erstes Körpersegment und fehlende Schwielen der
Unterseite ab.
Noch mehr weicht in der Form die Larve des Omophron
limhatum ab, Sie ist nach Desmarest (Sturm Deutschi.
Ins. Vn. T. 184. und Brülle Hist. nat, d. Ins. V. T. 5. ha-
ben die Abbildung copirt) verhältnifsmäfsig kurz, nach hinten
kegelförmig zugespitzt. Der Kopf ist breit, zwischen den
Mandibeln ausgebuchtet; diese sind enorm grofs, nament-
lich breit. Sonst sind alle Theile im Wesentlichen so wie
bei den übrigen Carabenlarven gebildet, nur soll das letzte
Körpersegment statt zwei ungegliederter Fortsätze, in einem
einzigen 3mal gegliederten Faden endigen. Dafs die Fühler
Sgliedrig angegeben sind, ist wohl eine kleine Ungenauigkeit.
Nach Latreille (^Regne animal. Ed. II. IV. S. 356)
stimmen die Larven von Ditomus (^Aristus hucephalus) mit
denen von Cicindela überein. Ob sich dies bestättigen sollte?
Aus der Abtheilung der Tjiinc atipenn es ist meines
Wissens noch keine Larve entdeckt worden. Der treffliche
Westermann hat eine grofse Käferlarve, als muthmafslich
der Anthia 6 -guttata angehörend, an Latreille mitgetheilt
und diese Larve ist von Hrn. Lequien in seiner Monographie
von Anthia (Guer Magas. d. Zool.) als Larve von Anthia
abgebildet worden. BruMe (Hist. nat. des Ins. IV. t. 9.) und
Westwood (^Introd. I. S. 67. f. 8.) haben diese Abbildung
wiedergegeben, der letzte bezweifelt indefs die Richtigkeit der
Angabe, und hält die Larve für die eines ElateT\ Das ist
sie auch ganz entschieden, und zwar ohne Zweifel die des
Agrypnus fuscipes. (S. Westw. Introd. I. S. 68 not.')
Bem, 2. Die Larven der gröfseren Caraben (Calosoma,
Carahus u. s, w. ) sind entschiedene Carnivoren, und zwar
74
nähren sie sich von Insecten, Regenwürmern und Schnecken.
Die Larven der Calosomen klettern auf die Bäume, um Raupen
aufzusuchen; die der eigentlichen Caraben sclieinen mehr auf
dem Erdboden ihre Beute zu suchen. Die Mundöffnung ist
sehr klein, die Mundtheile sind weit von ihr abgerückt, so
dafs die Speise nicht gekaut, sondern nur durch Aufsaugen
aufgenommen werden kann, ein Umstand, den bei diesen schon
mehrfach und genau untersuchten Larven noch Niemand be-
merkt hat. Auf diese Weise ist das so sehr gerühmte Verfahren
der Sycophantalarve, von jeder Raupe nur einen Theil zu
verzehren, leicht erklärlich.
Die Larven der kleineren Caraben scheinen sich mehr von
vegetabilischer Kost zu nähren; von der Larve des Zahrus
gihhus ist dies entschieden, uMd mit Unrecht habe ich
früher (Käfer d. Mark Br. L S. 78) Zweifel dagegen gehegt.
Vermuthlich führen auch die so ähnlichen Larven der A mä-
ren Harpalen u. s. w. eine ähnliche Lebensweise. Das Auf-
fallendste hierbei ist aber, dafs der Mund hier eben so einge-
richtet ist, wie bei den gröfseren Caraben, so dafs auch hier
nur Flüssiges aufgenommen werden kann.
Dytiseen.
Kopf horizontal vorgestreckt, hornig, oben sehr flach ge-
wölbt, unten flach, an der Basis eingeschnürt.
O cell an 6 auf jeder Seite, eine kleine Gruppe bildend,
welche in zwei Querreihen geordnet ist. Sie sind zwar von
ziemlich gleicher Gröfse, allein nur die äufsersten sind rund,
die inneren elliptisch, die innersten sogar sehr länglich.
Fühler an den Seiten des Kopfes eingelenkt, dünn, faden-
förmig viergliedrig, das letzte Glied klein, pfriemförmig. Die
drei ersten langen Glieder erhalten bei erwachsenen Larven
noch kurze Basalgelenke, wodurch die Zahl der Fühlerglieder,
wenn man jene eingeschobenen Gelenke als besondere Glieder
zählt, auf sieben steigt.
Stirn ohne abgesetztes Kopfschild, zwischen den Mandibeln
vortretend, und den Mund von oben ganz bedeckend.
Lefze nicht vorhanden.
Mandibeln einfach, sichelförmig, spitz, eingeschlagen sieb
über einander legend.
75
Maxillen ganz frei, in einiger Entfernung von der Unter-
lippe eingelenkt, mit äufserst kurzem Angelgelenk, cylindrischem
Stamme, der vollkommen einem Tastergliede gleicht und oben
an der Spitze mit einem kleinen, einfachen, hakenförmigen, ein-
gelenkten Rudiment einer Lade versehen ist. Die Taster sind
ebenfalls an der Spitze der Maxille eingelenkt, viergliedrig,
das erste Glied kurz, die übrigen lang, bei erwachsenen Larven
jedes (der drei letzten) mit einem kurzen Grundgelenk, daher
der Taster siebengliedrig erscheint.
Unterlippe bestehend .ins einem sehr kurzen fleischigen
Kinn und den hornigen, ganz mit einander zu einem quer-vier-
eckigen Körper verwachsenen Tasterstämmen. Von einer Zunge
keine Spur. Taster zweigliedrig, bei erwachsenen Individuen
jedes Glied mit einem kurzen Grundgelenk, 'daher viergliedrig
erscheinend.
Beine schlank, mit etwas dicken, langen, neben dem
Seitenrande eingelenkten, dem Körper anliegenden, schräg nach
hinten und innen gerichteten Hüft-, kurzen Trochanter-, län-
geren Schenkel-, ein wenig kürzeren Schien- und um die
Hälfte kürzeren Fufsgelenken, diese mit zwei Klauen.
Körpersegmente 11 (8 Hinterleibssegmente), alle oben
mit hornigen Schilden bedeckt; das erste (Prothorax) hat auch
unten vor den Vorderlniften ein kleines horniges Schild; das
letzte röhrenförmig gestaltete ist ganz hornig, und hat an der
Spitze ein Paar ungegliederte, eingelenkte Anhänge.
Stigmenpaare 9, nämlich 7 auf den 7 ersten Hinterleibs-
segmenten, und zwar im Seitenrande der Rückenschiene, das
achte auf der Unterseite des Mesothoraxsegment, im vorderen
Winkel desselben vor der Einlenkung der Hüften gelegen.
Das neunte Stigmenpaar befindet sich an der Spitze des achten
Segments unmittelbar neben der Afteröffnung.
Bem. 1. Die Larven der Dytiscen gleichen denen der
Caraben in manchen Stücken, namentlich auch darin, dafs die
Mundtheile nicht zum Kauen eingerichtet sind; sie unterschei-
den sich aber auch darin, dafs das Aussaugen der Nahrung
auf ähnliche Weise, wie bei den Larven der Myrmeleonen
mittelst der Mandibeln geschieht, indem diese unter der Spitze
euie spaltförniige Oeffnung haben. Sie weichen ferner darin
76
ab, dafs die Mandibeln ungezähnt, die Laden der Maxillen ein-
fach und ungegliedert sind, und die Unterlippe keine Spur
von der Zunge zeigt. Dazu die Fiifse, welche mit Schwimra-
haaren besetzt sind, die eingelenkten Anhänge am After, und
das Fehlen des zwölften Körpersegnients.
Bern. 2. Die Fühler und Taster aller 4 Paare haben hier
die Eigenthümlichkeit, welche ich an keiner anderen Käferlarve
bemerkt habe, dafs sich bei erwachseneren Individuen am
Grunde der gröfseren Glieder kleinere eingeschoben finden.
Man hat diese bisher als eigene Glieder betrachtet, ich glaube
aber, dafs es richtiger ist, sie nicht als Glieder mitzuzählen,
sondern sie nur als dem darauf folgenden Gliede angehörende
Grundgelenke anzusehen. In meiner kleinen Schrift Genera
Dyt'wcorum habe ich sie auch immer als besondere Glieder
gerechnet, daher die hohen Angaben der Gliederzahl an den
Fühlern und namentlich an den Tastern, wo auch noch der
Stamm der Maxillen, als denselben angehörend, angenommen
worden ist.
Bern. 3. Ebendaselbst (S. 14) habe ich bei der Larve
des Bytiscus marginalis von 2 Ocellen auf der Stirn ge-
sprochen; diese Angabe beruht aber auf einem Irrthum, wie
ich an demselben Exemplar, woran ich damals meine Beob-
achtung machte, mich zu überzeugen noch die Gelegenheit
gehabt habe. Nebenaugen auf der Stirn sind, so viel ich weifs,
an keiner Larve je gefunden worden.
Bem. 4. Die beiden Luftlöcher, welche den Hauptemgang
zu den beiden Tracheenstämmen bilden, liegen unmittelbar an
dem After, und werden mit demselben geschlossen und geöff-
net. Die beiden Anhänge, welche sich dicht unter der After-
öffnuno- befinden, sind mit Schwimmhaaren besetzt, und dienen
vermuthlich dazu, indem sie auf die Oberfläche des Wassers
eelegt werden, die Afterspitze während der Respiration etwas
über dem Wasser zu erhalten. Die übrigen Stigmen sind nicht
geschlossen. Vielleicht findet hier etwas ähnliches wie bei
Jiydroplnlus statt (s. u.). , . t^ ,.
Bem. 5. Rösel hat die früheren Stände von drei üyti-
scen abgebildet, welche gegenwärtig die Repräsentanten ebenso
vieler Gattungen sind. Die eine ist die Larve desDj/. mar-
ginalis, welche auch der obigen Beschreibung hauptsächlich
77
zum Grunde gelegen hat. Bei ihr bildet der Vorderrand der
Stirn einen Kreisabschnitt und ist fein gekerbt. Der zweiten,
der des Cyhister Roeselii fehlen die Anhänge am After,
dagegen sind die beiden letzten Segmente an den Seiten mit
langen Schwimmhaaren besetzt. Der Vorderrand der Stirn ist
ausgebuchtet, mit einer vorspringenden zahnartigen Spitze in
der Mitte. Die dritte, die Larve des Acilius siilcatus,
zeichnet sich durch ein sehr lang gestrecktes, vorn verengtes
Prothoraxsegment aus. Aufserdem ist nur noch eine kleine
Larve bekannt geworden, welche West wo od {Introd. I.
S. 100 f. 5 — 8.) abbildet, deren ich auch schon in meinen
Gen. Dyt. (S. 14) erwähnt habe, und welche nach Hope's
Beobachtung einem Noterus angehört. Sie ist von merkwür-
diger Bildung. Die Stirn verlängert sich nämlich in ein langes
vorwärts gerichtetes Hörn. Die Mandibeln sind dünn, vorge-
streckt, etwas aufgekriimmt. Fühler und Taster ziemlich lang,
dünn, ohne Zwiscliengelenke. Auch die mit einander verwach-
senen Stämme der Lippentaster sind langgestreckt. Das letzte
Hinterleibssegment läuft in eine scharfe Spitze aus, die fast
eben so lang ist, als die unter derselben liegenden, borsten-
förmigen Anhänge.
Gyrinen.
Die ganze Verwandlungsgeschichte dieser Insecten hat schon
vor länger als 70 Jahren Mo de er beobachtet, seitdem aber
Niemand. Degeer hat die Abbildung einer eben aus dem
Eie geschlüpften Larve gegeben. Nach dieser Abbildung schliefst
sie sich durch die zwei Klauen an den Füfsen den Vorigen an.
Kopf länglich, flach.
Oc eilen mehrere auf jeder Seite, deren Zahl Degeer
nicht bestimmen konnte, auf einem schwarzen Fleck gelegen.
Fijhler an den Seiten des Kopfes eingelenkt, 4-gliedrig,
das erste Glied kurz und dicker als die folgenden.
Stirn ohne abgesetztes Kopfschild, den Mund von oben
schliefsend, zwischen den Mandibeln in zwei Zähnen vortretende
Lefze nicht vorhanden.
Mandibeln ungezähnt, sichelförmig gebogen, in der Ruhe
eingeschlagen.
Maxillen und
78
Unterlippe lassen in der von oben genommenen Abbil-
dung nur die Taster und ein hakenförmiges Rudiment der
Maxarilllade sehen.
Beine mäfsiglang, mit dickerem Hüft-, kleinem Trochanter-,
längerem Schenkel-, etwas kürzerem Schien- und wieder läu-
gere-m Fufsgelenke mit 2 Klauen-
Körpersegmente 12 (8 Hinterleibssegmente), flach, die
7 ersten Hinterleibssegmente mit einem, das achte mit 2 län-
geren, fadenförmigen; seitlichen Fortsätzen, der After vortretend,
mit 4 Häkchen bewaffnet.
Stigmen sind nicht beobachtet. Die seitlichen, häutigen
Fortsätze des Hinterleibs, welche im Wasser flottiren, und in
deren jedem ein Gefäfs verläuft, sind wahrscheinlich Kiemen.
Die Larven der übrigen Käfer haben, so verschieden auch
ihre Bildung sein mag (mit Ausnahme der Meloen), wenn
ihnen die Beine nicht ganz fehlen, immer nur eine Klaue an
jedem Fufse.
Die Familie der Brachelytra hat Latreille nicht mit
Glück aus der natürlicheren Verbindung, in der sie früher
mit den Silphen standen, entfernt. Ihre Larven schliefsen sie
sowohl diesen, als den Ilisteren aufs Engste an. Die eigent-
lichen Staphylini sind die Typen der Familie.
Staphylinen.
(Eigentlicher Staphylmus oder Ocypiis.^
Kopf horizontal vorgestreckt, hornig, auf der Oberseite
flach gewölbt, auf der Unterseite flach.
Ocellen vier auf jeder Seite, an den Kopfseiten stehend,
eine kleine Gruppe bildend, alle rund.
Fühler am Vorderrande der Stirn eingelenkt, fadenförmig,
4gliedrig, das dritte Glied an der Spitze innen mit einem
kleinen eingelenkten Fortsatz.
Stirn nach vorn zwischen den Mandibeln vortretend, den
Mund von oben schliefsend.
79
Lefze nicht vorhanden.
Mandibeln sichelförmig gebogen, ohne Zähne, spitz.
Maxillen in bedeutender Entfernung von der Unterlippe
eingelenkt, ganz frei, mit kurzem Angelgelenk, langem cylindri-
schen Stamme, und an dessen Spitze mit einem Sgliedrigen
Taster und eingelenktem, einem Tastergliede ähnlichen, cylin-
drischen Rudiment einer Lade.
Unterlippe mit fleischigem Kinn, fleischigen, an der Basis
vereinigten Tasterstämmen, 2gliedrigen Tastern und häutigem,
mit einer Hornspitze versehenem Rudiment einer Zunge.
Beine mäfsig lang, mit langem, cylindrischem, schräg nach
innen und hinten gerichtetem Hüft-, kurzem Trochanter-, lan-
gem Schenkel- und Schien-, kleinem Fufsgelenke mit einfacher
ziemlich langer Klaue.
Körpersegmente 12 (9 Ilinterleibssegmente), die vier
ersten auf dem Rücken mit einer hornigen Schiene, die übri-
gen fleischig, auf dem Rücken und dem Bauche mit lederarti-
gen Feldern, das letzte mit einem Paar ziemlich langer, 2glie-
driger Anhänge. After röhrenförmig, hornig, weit vortretend,
als Nachschieber dienend.
Stigmenpaare 9, Sauf den 8 ersten Ilinterleibssegmenten
am Seitenrande der lederartigen Rückenfclder, das nennte unten
in der Falte zwischen dem Pro- und Mesothoraxsegment gelegen.
Bem. 1. Die Aehnlichkeit der Larven mit denen der C«-
rahen ist zwar groft, sie unterscheiden sich aber sehr wesent-
lich durch einfache Klauen, ungegliedertes Laden -Rudiment
an den Maxillen, 4 Ocellen und gegliederte Anhänge des Hin-
lerleibsendes. Die Verwandtschaft mit den Silphen und Ilisfe-
ren spricht sich auch in den Larven aus, namentlich in ihnen
gemeinsam zukommenden gegliederten Afteranhängen, von den
ersteren unterscheiden sie sich indefs durch die 4 (nicht 6)
Ocellen und das Fehlen der Lefze, von den letzteren eben-
falls durch die Ocellen, welche jenen ganz abgehen.
Bern. 2. Die Larven sind hauptsächlich aus der Gruppe
der eigentlichen Staphylinen {Staphylinmi) bekannt, und diese
charactensiren sich aufser ihrer Gröfsc vorzüglich noch durch
die Stellung der Fühler, welche wie beim vollkommenen Käfer
auf der Oberseite des Kopfes am Mundrande stehen. Die
80
Larve von Ocypus olens ist von Heer {Olserv.' Ent\
Blanchard (ßuer. Mag. de Zool) u. Ratzeburg (Forstins.);
die von Philonthus aeneus, Xantholinus punctu-
latus und Quedius fulgidus ivariahilis) von Bouche
(Naturgesch. d. Ins.); die von Qued. fuliginosus (fmfw)
vonWaterhouse {TramactEntSoc.) abgebildet. Die Larven
von Xantholinus haben ganz die langgestreckte Gestalt des voll-
kommenen Käfers, auch dieselbe längliche Form des Kopfes.
Alle diese Larven kommen in der Bildung des Mundes über-
ein, sie sind wahrscheinlich alle räuberisch und ernähren sich
durch Aussaugen ihrer Beute; die Stellung der Mundtheile
läfst wenigstens ein Zerkauen der Nahrung nicht zu. Früher
glaubte ich eine Oeffnung in den Mandibeln zu sehen, wie bei
den Dytiscen QGen. et spec. Staph. S. 15) allein ich über-
zeuge mich jetzt bei der Vergleichung mehrerer Individuen, dafs
eine solche nicht existirt. Wahrscheinlich befindet sich also
zwischen der Ober- und Unterlippe eine feine Oeffnung, welche
in den Nahrungscanal führt.
Bern. 3. Aus anderen Gruppen der Staphylinen ist über
die Larven noch wenig bekannt geworden. , Aus der Gruppe
der Aleocharen bildet Westwood (Zool Journ.) eine
Larve ab, welche der Aleochara fuscipes angehören soll,
indefs sind die Details nicht genau genug, um mehr daraus zu
entnehmen, als dafs es eine Staphylinenlarve ist. Ich habe
die Larve einer Homalota vor mir, welche ich unter Kie-
fernrinde fand. Hier hat das zweite Fühlerglied den kleinen
eingelenkten Fortsatz. Die Stirn bildet zwischen den Mandi-
beln einen Vorsprung, der am Ende ausgerandet ist. Die
Mandibeln sind einfach und sichelförmig gebogen, wie bei den
eigentlichen Staphylinen. Die Maxillen haben eine grofse, ver-
wachsene, innen mit starken Borsten besetzte Lade. Die Zunge
ist häutig. Die Hüften sind nur kurz. In allem Uebrigen stimmt
diese Larve vollkommen mit denen eigentlicher Staphylinen
überein. Man sieht, dafs ein wesentlicher Unterschied nur
darin besteht, dafs die Maxillarlade stark entwickelt und ver-
wachsen ist. Bei dieser Form der Maxillarlade scheint auch
ein Kauen der Speise statt zu finden.
Aufserdem kennen wir nur noch über ein Paar Larven aus,
der Gruppe der Oxytelinen nähere Details. Bouche bildeti
81
(a.a.O.) die Larve des Platysteihits morsitans ab.
Sie kommt in der Gestalt der Maxiüe mit der eben beschrie-
benen Homalotenlarve iiberein, unterscheidet sich aber dadurch,
dafs die Mandibcln nicht einfach, sondern zweispitzig sind.
Westwood (Introd. S. 166 f. 10., 11.) giebt den Holzschnitt
von einer Larve, welche er im Winter in Turnips fand, und
welche vielleicht einem Oxyteliis angehört. Bei ihr haben
die Mandibeln 3 Zähne. — Die Larve des Micralymma
hrevipenne, welche Westwood im Mag. of Zool. et
Bot. IJ. S. 130 beschreibt, weicht von den vorigen ziendich
bedeutend ab. Sie hat die Figur einer Xantholinuslarve, aber
gezähnte Mandiblen. Die Maxillen haben eine 2gliedrige Lade.
Von der Larve der Progiiatha quadricornis, welche
West wo od in Zool. Jour. abgebildet hat, fehlen zur Zeit
noch die näheren Details. Es scheinen unter den verschiede-
nen Formen der Staphylinen auch unter den Larven noch
beträchtliche Verschiedenheiten obzuwalten; aus den Abthel-
lungen der TacJiyporini, Paederini, Stenini, Oma-
Uni, Proteinii ist noch über die früheren Stände gar nichts
bekannt, lieber Megarthus finde ich in Westwood's
Introd. l. S. 365. die Bemerkung, dafs er nach Hrn. F. Sniith's
Beobachtung parasitisch auf Saperda populnea lebe : Schade,
dafs nicht angegeben ist, in welcher Art.
B e m. 4. Dafs G r a v e n h o r s t in seinen Micvopiera Brims-
vkensia die Larve eines Carabus als die von StaphylUms
beschrieben hat, habe ich bereits in meinen Gen. et spec.
StapJiyl. S. 17 bemerkt.
In der Familie der Sternoxen sind zwei verschiedene
Typen von Larven bekannt, die den beiden Trihus der Bu-
prestiden und Elateriden entsprechen. Einen dritten Ty-
pus bildet die Larve von Melasis, welche Gattung Latreilie
nicht ganz mit Unrecht den Bupresten angeschlossen hat, welche
aber doch eine eigene Abtheilung zu bilden scheint. Ob die
Eucuemiden und die Cebrionen, welche; letztere unzwei-
felhaft in die Abtheilung der Sternoxen gehören, und den Ela-
teren so nahe verwandt sind, dafs sie von denselben nicht
Archiv f. Naturgesch. Vll. Jahrg. i. Band. 6
82
abgesondert werden können, ebenfalls eigene Formen von Lar-
ven besitzen, bleibt künftigen Entdeckungen überlassen.
Buprestis.
Kopf horizontal, in das Protboraxsegment zuriickziehbar,
fleischig, mit hornigem Mundrande.
Ocellen sind nicht vorhanden.
Fühler sehr klein, an den Seiton der Oberseite des Kopfes
eingelenkt, Sgliedrig, das erste Glied halb versteckt, fleischig,
das letzte sehr klein, warzenförmig.
Kopf Schild abgegrenzt, derb hornig.
Lefze abgesetzt, klein, die Fuge zwischen den Mandibeln
bedeckend, pergamentartig, am Rande dicht gefranzt.
Mandibeln kurz, starlt, fest hornig, an der Spitze stumpf
gezähnt.
Maxillen sehr klein, unter dem Kinn eingelenkt, mit
kleinem, einem Tasterglicde. ähnlichem, eingelenktem Ladenru-
diment und kurzem, breitem Taster.
Unterlippe mit breitem, häutigem Kinn und vortretender,
pergamentartiger, der Oberlippe ähnlicher, und wie diese die
Fuge zwischen den Mandibeln bedeckender und gleichfalls am
Rande dicht gefranzter Zunge. — Taster unentwickelter, durch
ein Paar fleischige Vorragungen an der Unterseite der Zunge
angedeutet.
Beine nicht vorhanden; vielleicht durch euie kleine gena-
belte Papille an jeder Seite jedes der drei Thoraxsegmento
angedeutet. .
Kör per Segmente 12 (9 Hinterleibssegmente), alle flei-
schig, das Prothoraxsegment besonders grofs und breit, oben
und unten mit einem derbhäutigen etwas rauhen Schilde, oben
mit zwei vorn zusammenlaufenden, unten mit einer einzigen
hornigen Längslinie; die beiden folgenden Segmente viel kleiner
und schmäler als das erste, aber noch breiter als die Hmter-
leibssegmente, ^velche zum Theil länger als breit sind. Der
After vortretend, scheinbar ein dreizehntes Segment bildend:
die Oeffiiung ein grofser Längspalt an der Spitze desselben.
Stigmenpaare 0, nämlich 8 an den Seiten der ersten
S Hinterleibssegmente, das neunte an den Seiten des Mcsotho-
raxsegment, dieses besonders grofs ; alle halbmondförmig.
83
Bern. 1. Die Larven der Bupresten sind aufser mit denen
von Melasis mit denen keiner anderen Familie zu vergleiclien
als denen der Cerambycen, namentlich den fufslosen Lamienlarven!
Sie haben ganz den Habitus derselben und weichen vornehm-
lich darin ab, dafs die Taster der Unterlippe nicht entvvik-
kelt sind.
Bern. 2. Im Wesentlichen haben alle Buprestenkrven eine
grofse üebereinstimmung unter einander, obgleich sie in der
Breite des Prothoraxsegment bedeutend variiren. Die Larven
der CJialcophora mariana und Biipr. Berolinensis
unterscheiden sich nur in einem sehr geringen Grade. Die
Larven der Agrilus gleichen diesen zum Theil, die Gröfse
ausgenommen, sehr, nur dafs bei einigen (z. B. A. Fagi) das
Prothoraxsegraent ungemein grofs und breit ist. Autfallend
weichen einige Agrilusarten (z.B. ^. higuttatus, nociviis)
dadurch ab, dafs das 'zwölfte Körpersegment 2 nach hinten
gerichtete gezähnelte Hornspitzen hat, zwischen welchen sich
der spaltförmige After befindet, ohne dafs derselbe als anscliei-
nendes eigenes Segment vorträte. Es ist bemerkbar, dafs diese
Verschiedenheiten unter Arten stattfinden, welche entschieden
zu derselben Gtiiixm^ gehören, und selbst so nahe mit einander
verwandt sind, dafs die Verschiedenlieiten der Larve mit den
systematischen Unterschieden der vollkommenen Insecten in
gar keiner Beziehung stehen können.
Bem. 3. Westwood hat (hitroduct. l S. 226 f. 12.)
eine Passaluslarve als die muthmafslicho Larve der Bupi: at-
tenuata abgebildet.
Bern. 4. Eine anatomische Beschreibung der Larve der
B. mariana hat Prof. Loew in der Entomol. Zeitung vom
März d. J. gegeben. Der Darmcanal zeichnet sich vorzüglich
durch sehr hohe Insertion der Gallcngefäfse und bedeutende
Länge des mit Pfinctdriisen besetzten Alagendünndarmes aus.
— Auf dem zwölften Ilinterleibssegmente bemerke ich auf
der Unterseite eine kleine Stelle, welche wie eine Oefi"nung
aussieht. Vielleicht liefse sich durch anatomische Untersuchung
ermitteln, was dieselbe bedeute. In Loew's Beschreibung
finde ich nichts darüber angemerkt.
Bem. 5. Ratze bürg und Loew betrachten das Protho-
raxseginent als aus zwei Portionen bestehend, von denen die
6*
84
vordere sich in die hintere zurückziehen kann. Loew bemerkt,
dafs die Kaumuskeln das Prothoraxsegment ausfüllten; dies
. gilt aber nur von der vorderen Portion, welche ich als den
Kopf betrachte, der sich in den Prothorax zurückziehen kann.
Es wäre auch höchst anomal, wenn sich die Kaumuskeln im
Thorax befinden sollten. Die Mundgegend ist durch ihre hor-
nige Beschaffenheit vom übrigen Kopfe etwas abgesetzt.
Melasis.
Kopf horizontal, in das Prothoraxsegment zurückziehbar,
fleischig, mit mehreren hornigen Leisten und mit hornigem
Munde.
Ocellen nicht vorhanden.
Fühler bis auf die geringste Spur nicht vorhanden.
Kopfschild vorn hornig.
Lefze wie der Abschnitt eines Kreises gerundet, perga-
mentartig.
Mandibeln kurz und stark, derb hornig, am Aufsen-
rande neben der Spitze mit zwei starken, rückwärts gerichte-
ten Zähnen. '
Maxillen gar nicht entwickelt.
Unterlippe bestehend aus einem breiten, kurzen, häuti-
gen Kinn und einer kleinen viereckigen Zunge; beide Theile
verdecken von unten her die Fuge zwischen den Mandibeln,
wie die Lefze es von oben her thut. Von den Tastern und
ihren Stämmen so wenig eine Spur wie von den Maxillen.
Beine nicht vorhanden.
Körpersegmente 12 (9 Hinterleibssegmente), das erste
(Prothorax-) etwas breiter und flacher als die übrigen, oben
und unten mit einem Paar, vorn im Winkel einwärts geboge-
ner Hornleisten, und aufsen neben jenem Winkel mit einem
oben kleinen, unten gröfseren Hornfleck, der wie eine Raspel
mit scharfen Leisten besetzt ist; die übrigen Segmente sind
fast cylindrisch, ganz fleischig, das letzte stumpf zugespitzt.
Der After tritt nicht vor, sondern bildet einen Längsspalt auf
der Unterseite des letzten Segments.
Stigmenpaare 9, an den Seiten des Mesothorax- und
der ersten 8 Hinterleibssegmente gelegen, rund.
85
Bern. Die Larve hat sehr grofse Aehnlichkeit mit der der
Bupresten, und in der That scheint sie sich nur darin zu un-
terscheiden, dafs nicht allein das Rudiment der Lippentaster
ganz fehlt, sondern auch die Maxillen und Fühler so wenig
zur Entwickelung gekommen sind, dafs man nicht die geringste
Spur davon wahrnimmt. Der Kopf hat also keine anderen
Organe als den Mund, und hier sind zwar Ober- und Unter-
lippe entwickelt, aber von den drei Kieferpaaren ist nur das
erste, die Mandibeln, vorhanden. Alle verschiedenen Bupresten-
larven, welche ich durch Ratzeburgs zuvorkommende Mit-
theilung vergleichen konnte, stimmen darin iiberein, dafs Fühler
vorhanden und die Maxillen mit Lade und Taster entwickelt
sind. Deshalb glaube ich, die Larve von Melasis nicht als
zum Typus vder Buprestenlarven gehörend, sondern als eine
besondere Form betrachten zu müssen.
El at er.
Kopf horizontal vorgestreckt, hornig, oben und unten flach.
Ocellen nicht vorhanden.
Fühler sehr kurz, an den Seiten des Kopfes neben den
Mandibeln eingelenkt, 3gliedrig.
Stirn ohne abgesetztes Kopfschild, deji Mund von oben
schliefsend.
Lefze nicht vorhanden.
Mandibeln kurz, ziemlich stark, bald einfach, bald ge-
zähnt, in der Ruhe eingeschlagen.
Maxillen mit sehr langem Stamm, der mit dem Kinn
zusammen in einer tiefen, fast zur Basis des Kopfes reichenden
Ausbuchtung gelegen ist, so eingefügt, dafs durch die dazwischen
liegende Unterlippe ihre Bewegung gegen einander unmöglich
gemacht ist; an der Spitze mit einer kleinen verwachsenen,
innen mit Borsten besetzten inneren, einer 2gliedrigen einge-
Jenklen äufseren Lade und einem kurzen 4gliedrigen Taster.
Unterlippe mit selir langgestrecktem, zwischen den
Maxillarstämmen unbeweglich liegendem Kinn, welches baM
parallelopipedisch, bald wenn die beiden Maxillarstäumie sich
am Grunde vereinigen, lang dreieckig, hornig, an der Spitze
pergamentarlig ist, mit freien unter einander ganz verwachsenen
86 •
Tasterstänimeii, kurzen 2glie(lrigen Tastern; keine Spur einer
Zunge.
Beine kurz, mit dicht nebeneinanderstehenden, abwärts
gerichteten kegelförmigen Hüft-, kurzen Trochanter-, wenig
längeren Schenkel- und Scliien- und aus einer einfachen scharfen
Klaue bestehenden Fufsgelenken.
Körpersegmente 12 (9 Hinterleibssegmente), meist cy-
lindrisch, von einer hornigen Rücken- und einer ähnlichen,
aber schmäleren Bauchschiene ganz bekleidet; diis erste länger
als die übrigen und derber hornig, das letzte ebenfalls derber
hornig, auf dem Rücken häufig eingedrückt, verschiedentlich
bewaffiiet. Der After auf der Unterseite desselben röhrenför-
mig vortretend, als Nachschieber dienend.
Stigmenpaare 9, nämlich 8 auf den ersten 8 Hinterleibs-
segmenten, an den Seiten in der Rückenschiene, das neunlfe
auf dem Mesothoraxsegment, ebenfalls noch in der Rücken-
schiene, aber mehr nach unten gelegen.
Bern. 1. Die meisten Larven der Elateren haben bei
ihrer drahtförmigcn Gestalt und den härteren Bedeckungen
ganz das Ansehen der Tcnebrionenlarven, der bekannten Mehl-
würmer. Sie unterscheiden sich von diesen aber leicht an
der flachen Form des Kopfes, durch das Fehlen dos Kopfschil-
des und der Lefze, die 2gliedrigen, äufseren Maxillarladen
Tuid die eigenthümliche Form der Maxillarstämme und des
Kinnes. Letztere ist in der That für die Elatcrcnlarven chara-
cteristisch. Diese sind alle unbeweglich, und l)ilden einen,
durcli zwei Längsfurchen in drei lange, schmale Abschnitte
getheilten Körper, der sich fast 1/is zur Basis des Kopfes hin
erstreckt. Das Vorkomujen der 2gliedrigen äufseren Lade an
den Maxillen neben einem deutlichen Rudiment emer inneren
haben die Elaterenlarven nur mit denen der Caraben gemein-
Bouche und Westwood bilden diese äufsere Lade als
Iglicdrig ab, icli sehe sie bei verschiedenen Larven dieser
Abtheilung nur 2gliedrig. An den Lippentastern zieht sich
zuweilen das zweite Glied in das erste zurück.
Bem. 2. Die Lebereinstimmung der Elaterenlarven unter;
einander ist sehr grofs, doch scheint es hier für die Arten an
Unterschieden nicht zu fehlen, zumal da das letzte Körper-
87
Segment so characteristische Formen hat. In wie weit auch
die in dieser Familie durch und seit Eschscholtz aufgestell-
ten Gattungen durch die Verschiedenheit in der Larve begrün-
det werden, ist nocl» zu ermitteln. Man kennt zur Zeit mit
Bestimmtheit die Larven von E. murinus (Westw.), un-
dulatiis (Degeer), fulvipes (oder genauer der El. rußpes
Hht.-Arch., eines Cratonychiis, durch Bouche) sangui-
ncus \\\u\ fulvipennis (gleichfalls durch Bouche), atcr-
rimus (desgl.), scgetis (Bjerkander und Bouche), oh-
scuvus (Marsh, und Westw.). Die bedeutend grofse Larve
des El. fuscipes ist von Lequien u. A. als die Larve der
Aiilhia 6 -guttata abgebildet worden. S. 50.
Verschiedene Larven, z.B. die des JE. miirimis und un-
dulatns sind kürzer und flacher, als die übrigen; ich habe
verschiedene andere vor mir, welche denselben darin gleichen,
sie stimmen sonst mit den langen cylindrischen in der Consi-
stenz ihrer Bedeckung und der gleichmäfsigen Dicke der Seg-
mente überein. Darin weicht die Larve eines Pjrophojus,
welche E. Otto von Cuba einsandte, und entweder dem P.
noctilucus oder causticiis angehört, ab. Sie ist mehr flei-
schig, und die Segmente sind, wo sie sich mit einander ver-
binden, eingeschnürt; nur der Kopf des Pro- und der Rücken
des Mesothoraxsegmont sind derb hornig. Das letzte Segment
ist mit vielen scharfen Höckcrchcn und Zähnen besetzt, nicht
allein der obere, sondern auch der untere Theil desselben.
Eine sehr merkwürdige Elatcrenlarve ist bei Berlin in
altem Lindenholze gefunden; sie ist sehr lang und dünn, voll-
kommen drahtförmig, aber fleischig, die Haut dünn, mit perga-
mentartigen Längsstreifen, nur der Kopf und das Prothorax-
segment sind hornig. Der Kopf ist schmal. Das Kiini ist
ganz schmal, die Unterlippe überhaupt von den. Stämmen der
Maxillen etwas nach innen gedrängt. Die Mandibeln sind in
der Richtung von oben nach unten besonders breit. Das letzte
Körpersegment ist unbewelnt, der Nachschieber nach hinten
gerichtet. An den Ilintcrleibssogmenteu treten zwischen den
pergamentärtigen Längsstreifen kleine Papillen vor.
Bern. 3. Die Nahrung der Elaterenlarven ist vegetabilisch;
die einen leben in faulendem Holze , die anderen zehren von
88
Pflanzenwurzeln. Die Stellung der Mundtlioile macht es mir
zweifelhaft, ob die Nahrung wirklicli gekaut >vird.
Bern. 4. Latreille rechnet Chelonariiim noch zu
<len Elateren, die Larve weist aber eine ganz andere Ver-
wandtschaft nach, nämlich mit Clirysomelen, Erotylen, Cocei-
nellen und Endomychen, in welcher Reihe sie später beschrie-
ben werden soll.
Die Malacodermen Latreille's bieten mehrere sehr
verschiedene Typen von Larven dar, die aber nach den ver-
schiedenen von Latreille aufgestellten Tribus eine gewisse
Uebereinstimmung haben, mit Ausnahme der ersten der Ce-
brioniten, welche an sich aus sehr verschiedenen Elementen
zusammengesetzt ist. Die eigentlichen Cebrionen sind von
den Elateren nicht so abzusondern, dafs sie mit denselben
nicht in eine natürliche Familie gehören sollten. Von ihren
Larven weifs man noch nichts, als dafs sie in der Erde leben
müssen. Die Cyphonen scheinen sich näher den Lampyren
anzuschliefsen. Ihre Larven sind noch nirgends bekannt ge-
macht, ich habe sie inders vor mehreren Jahren kennen gelernt.
Sie finden sich im ersten Frühjahr in Wäldern in der Nähe
von Gewässern und Sümpfen unter dem abgefallenen Laube,
und sind vielleicht ebenso wie die Lampyrenlarven auf kleine
Molluscen angewiesen. Ich konnte in diesem Jahre leider
nicht dazu gelangen, sie wieder aufzusuchen. Atopa endlich
kommt weder mit den Cebrionen, noch mit den Cyphonen
überein, und ist durch die Form der bisher noch unbeschriebe-
nen Larve, welche mir Prof. Ratzeburg zur Untersuchung
mittheilte, besonders merkwürdig.
Atopa.
Kopf grofs, fast senkrecht stehend, die Oberseite sanft
gewölbt, die Unterseite flach.
Oc eilen sind nicht vorhanden.
Fühler an den Seiten des Kopfes, unmittelbar über den
Mandibelu eingelenkt, 4gliedrig, das erste Glied kurz und
etwas dick, das zweite lang, beide nach unten gerichtet, das
89
dritte ebenfalls lang, nach vorn gerichtet, das vierte klein,
warzenförmig, nur eben aus dem dritten hervorsehend.
Stirn ohne deutliches Kopfschild.
Lefze grofs, herabhängend, den Mund von vorn bedok-
kend, an der Spitze gerundet an der Basis mit der Stirn
völlig verwachsen.
Mandibeln an den Seiten und der Spitze neben der
Lefze hervorsehend, schwach gebogen, sehr stark, in der Mitte
mit einem kräftigen, weit in den Mund hineinragenden zwei-
spitzigen, vor der Spitze mit einem einfachen Zahn.
Maxillen auf einer transversalen Angel sich bewegend,
an der Spitze mit zwei ladenartigen, ziemlich langen, an der
Spitze hakenförmig gebogenen Fortsätzen, von denen der innere
zweispitzig ist und mit Sgliedrigem Taster.
Unterlippe lederartig, mit kurzem, quer -viereckigem
Kiim und breiten verwachsenen, nur durch einen Eindruck
gesonderten, zusammen fast quadratischen Tasterstämmen, an
deren Seiten die 2gliedrigen Taster eingelenkt sind.
Beine mälsig lang, mit ziemlich langen, dem Körper an-
liegenden, gerade nach innen gerichteten Hüft-, kurzen, mit
dem Schenkel verwachsenen Trochanter-, längeren Schenkel-,
ebenfalls ziemlicl» langen, borstigen Scliien- und kleinen, aus
einer einfachen Klaue bestehenden Fufsgelenken.
Körper Segmente 12 (9 Iliuterleibssegmcntc), alle oben
mit einer hornigen Schiene, unten mit pergamentartiger Haut
bekleidet, alle sehr kurz bis auf das letzte, welches so lang
als die beiden vorhergehenden, und halbkreisfönnig gerundet
ist, und an der Spitze ein Paar ganz kleiner, aus einander
stehender, nach hinten gerichteter Hörnchen hat. Der After
ragt nicht vor.
Stigmen paare 9, nämlich 8 auf den 8 ersten Hinter-
leibssegmenten und zwar in den Seiten der hornigen Schienen
des Rückens, das neunte auf der Unterseite des Mesothorax-
segment gelegen.
Bcm. 1. Eine Larve von sehr cigcnthümlicher Gestalt;
sie ist namentlich auch in der Bildung des Kopfes wolil mit
einer Lamellicornenlarve zu vergleichen, allein der Kopf ist
verhätnifsmäfsig gröfter, und der Körper ist kürzer und nicht
90
gekrümmt. Von Gestalt ist diese Larve auffallend kurz und
gedrungen. Die Oberseite ist mit einzelnen, aber regelmäfsig
vertheilten, sebr langen aufgerichteten Haaren besetzt.
Bern. 2. Curtis giebt in seiuer British Eiitomology
an, dafs Atopa beim Ausgraben von Orchideen in der Erde
gefunden worden sei, und schliefst daraus, dafs die Larve in
der Erde von Pflanzenwurzeln leben müsse. Die mir mitge-
theilten Larven und Puppen hatte Professor Ratzeburg von
Saxesen in Clausthal erhalten, der sie in der Erde gefunden
hatte. Dafs sie von Pflanzenwurzeln leben, wie die Maikäfer-
larven, dafür spricht die iibereinstinanende Structur des Mun-
des, namentlich der Maxillen.
In der zweiten Tribus der Malacodermen, den Lampy-
riden Latr. stiunnen die Larven darin iibcreiu, dafs sie vom
Raube leben und dafs sie ein einziges einfaches Auge auf jeder
Seite des Kopfes haben. Es lassen sich aber aufserdem drei
Typen unterscheiden, welche den alten Gattungen Lainpyris,
Lycus und Cantharis (^Tclephorus) entsprechen.
Lampyris.
Kopf horizontal, ganz in das Prothoraxsegment zurück-
ziehbar, sehr klein, hornig, etwas flach gedrückt, von einer
Ilautfalte wie von einer Scheide umgeben, welche auf der
Oberseite häutig, auf der Unterseite aber hornig ist, und wie
ein Kragen die Einfügung der unteren Mundtheilc verdeckt.
Ocellen 1 auf jeder Seite, an den Seiten stehend, ziem-
lich grofs, rund.
Fühler an den Vorderecken des Kopfes stehend, vor-
wärts goriclitct, kurz, Sgliedrig, das dritte Glied klein, wenig
aus dem zweiten vorragend.
Stirn ohne abgeset'/tes Kopfschild, mit ihrem Vorder-
rande den oberen Mundrand bildend.
Lefze nicht vorhanden.
Mandibelu vorgestreckt, sichelförmig gebogen, mit den
Spitzen gegen einander gerichtet, in der Ruhe gekreuzt, sehr
scharf, einfach.
91
Maxillen mit dicker, cylindrischer Lade, an der Spitze
mit einer dünnen, 2gliedrigen, vollkommen tasterförmigen, ein-
g^Ienkten Lade, und einem Sgliedrigen Taster, dessen erstes
Glied grofs und dick, cylindrisch, zweites Glied sehr kurz,
wie ein Ring in der Spitze des ersten liegend, drittes klein
und viej^, schmäler als die beiden anderen ist.
Unterlippe mit schmalem, länglichem, fleischigem Kinn,
hornigen, dicken, ganz getrennten, cylindrischen, einem Taster-
glicde ähnlichen Tasterstännncn, und kleinen und kurzen 2glie-
drigen Tastern, deren Endglied pfrieniförmig zugespitzt ist.
Beine mäfsig kurz, mit cylindrischen, dem Körper anlie-
genden, schräg nach hinten und innen gerichteten Hüft-, kur-
zen, mit dem Schenkel verwachsenen Trochanter-, längeren
Schenkel-, ziemlich kurzen, borstigen Schien- und kleinen, aus
einer einfachen Klaue bestehenden Fufsgelenken.
Körpersegmente 12 (9 Ilinterleibssegmente), alle oben
mit einem einzigen, die 8 ersten Hinterleibssegmente unten
mit 3 neben einander liegenden liornigen Schildern. Der After
etwas vortretend, als Nachschieber dienend.
Stigmen paare 9, und zwar auf dem Mesothorax- und
den 8 ersten Ilintcrleibssegmenten in den seitlichen Schilden
der Unterseite gelegen.
Be\p. i. Die Verwandlungsgeschichte der Lnmpyris
noctihica, deren Larve der eben gegebenen Beschreibung
zum Grunde gelegen hat, ist schon von Degeer dargestellt
worden. Die exotische^ Lampyren kommen in der Form und
Structur der Larve gröfstcntheils mit der einheimischen voll-
kommen überein. Ein sehr ausgezeichneter Character dieser
Abtheilung ist der, dafs der Kopf sich ganz in das Prothorax-
segment hineinziehen kann, dessen obere Platte schildförmig,
seitlich und nach vorn vorragt. Auch die Riickenplatten der
beiden folgenden Segjnente sind in demselben Grade als das
erste, mehr oder weniger seitlich erweitert.
Bern. 2. Westwood bildet in seiner Introdiiction
(S. 254 f. 1. und S. 259 f. 1.) zwei merkwürdige Larven ab|
welche von Java sind und von welchen ich auch Exemplare
vor mir habe. Die eine ist bedeutend grofs, so flach wie ein
Kartenblatt, die drei Thoraxsegmente unvcrhältnifsmäft^ig grofs
92<
lind breit, wodurch die Körperform der eines Argulus oder
Caligus ähnlich wird; die Hinterleibssegmente jedes in einen
schräg nach hinten gerichteten seitlichen Fortsatz auslaufend.
Die andere ist in ihrer Körperform von übrigen Lampyren-
larven nicht verschieden, und zeichnet sich nur durch die
Reihen grofser, knopfförmiger Tuberkeln aus, deren sich 2 auf
auf dem Rücken, 2 an jeder Seite, 4 auf dem Bauche finden.
West wo od ist geneigt, diese beiden Larven, von denen die
erste schon von Perty in seiner Dissertation über ostindische
Insecten als muthmafsliche Malacodermen- oder Silphenlarve
abgebildet ist, für die von Lycus zu halten, weil sie von
den eigentlichen Lamp^Ten darin abweichen , dafs ihre Mandi-
beln nicht so lang und scharf sind; allein sie stimmen mit
den Lampyren darin überein, dafs der kleine Kopf sich gänz-
lich in das Prothoraxsegment zurückzieht, was bei der Lycus-
larve, welche West wo od nicht kannte, nicht der Fall ist.
Bem. 3. Diese beiden eben besprochenen javanischen
Larven zeichnen sich durch eine Eigenthiimlichkeit aus, welche
ich an keiner anderen Käferlarve, selbst bei den übrigen Lam-
pyrcnlarven nicht wahrgenommen habe. Statt nämlich sonst
der Thorax nur ein Stigmeupaar hat, welches in dem Meso-
seltener in dem Prothoraxringe oder zwischen beiden gelogen
ist, finden sich hier aufser den gewölmlichen Stigmenöffnungen
auf der Unterseite des Mesothoraxsegment ganz ähnjiciie auf
der entsprechenden Stelle des Methoraxsegment. Sollte
diese letztere auch eine wirkliche Stigmenöflnung sein, was
erst durch anatomische Untersuchung nachgewiesen werden
müfste, so würden diese beiden Larven als Beispiele einer
merkwürdigen Anomalie durch das Vorhandensein von zehn
Stigmenpaaren dastehen.
Bem. 4. Die Larve von Driliis hat mit der von Lam-
pyris im Allgemeinen die gröfste Aeluilichkeit, und es ist
möglich, — mir ist sie nämlich nur nach des Grafen Miel-
zinsky Besclireibung und Abbildung in den ylnnal d. scienc.
nat. 1820 bekannt — dafs sie in allen wesentlichen Punctcn
mit ihr übereinkommt. Es scheint nämlich, als ob auch liier
der Kopf in das Prothoraxsegment zurückgezogen wiinle, und
wenn die Augen als feidcnd angegeben werden, so liegt es
vielleicht daran, dafs sie von der (auch in der Abbildung
93
angegebenen) Hautfalte bedeckt wurden. Sonst wäre der
Mangel der Ocellen um so merkwürdiger, da die drei nahe
verwandten Abtheiinngen der Lampyren, Lyciis und Cantha-
ris in diesem Puncto übereinkommen. Dafs die Larve der
Lampyris auf ähnliche Weise wie die von D/v'Zmä von Schnek-
ken lebt, ist durch andere Erfahrungen festgestellt worden.
Ly cus.
Kopf horizontal vorgestreckt, sehr klein, hornig, oben
und unten flach,
Ocellen 1 auf jeder Seite, auf den Seiten des Kopfes
stehend, klein.
Fühler an den Vorderecken des Kopfes stehend, vor-
ragend, 2gliedrig, das erste Glied sehr kurz, das zweite an
der Spitze abgerundet.
Stirn den oberen Mundrand bildend, ohne abgesetztes
Kopfschild.
Lefze nicht vorhanden.
Man di b ein vorgestreckt, dünn, fast borstenförmig, schwach
gebogen, spitz, am Vorderrande der Stirn unmittelbar neben
einander eingelenkt, so dafs sie sich nicht gegen, sondern nur
auseinander bewegen können. »
Maxillen frei, vorstehend, nahe der Unterlippe einge-
lenkt, mit ziemlich kurzem und dickem, cylindrischem, einem
Tastergliede ähnlichen Stamm, und kurzem, dreigliedrigem,
kegelförmigem Taster. Der Stanmi ist auf der Oberseite flei-
schig, und die Lade daselbst durch eine kleine Hornleiste
angedeutet.
Unterlippe ohne Spur von Kinn und Zunge, lediglich
aus den beiden, am Grunde verwachsenen kurzen Tasterstäm^
men bestehend, mit kurzen 2gliedrigen Tastern. ^
Beine ziemlich kurz, mit auseinanderstehenden, kurzen,
schräg nach innen und hinten gerichteten Hüft-, kurzen Tro-
chanter-, längeren Schenkel- und Schien-, und in einer einfachen
Klaue bestehenden Fufsgelenken.
Körpersegmente 12 (9 Hinterleibssegmente), alle oben
mit einer Hornschiene, unten mit drei Hornflecken, die Hiu-
terleibssegmente mit hornigen, kegelförmig vorragenden Seiten-
94
Schwielen; tlas letzte ganz hornig, weit nach liinten vorragend,
mit einem Paar gegen einander gekrümmter Ilörner; der After
zapfenförmig vortretend, als Nachschieber dienend.
Stigmenpaare 9, nämlich 8 auf den 8 ersten Hinter-
leibssegmenten, und zwar in den Seitenschwielcn vor der ke-
gelförmigen Vorragung, das neunte unten auf jeder Seite am
Vorderrande des zweiten (Mesothorax-) Segments gelegen.
Bem. Die Larve des Lyciis sanguineus ist bisher
nur von Latreille (Cuv. Regne animal Ed. II. S. 464) kurz
beschrieben worden. Sie hat mit einer Lampyrislarvc sehr
grofse Uebercinstimnnuig unterscheidet sich aber auch sehr
wesentlich durch den nicht zurückziehbaren Kopf, die beson-
dere Stellung der Mandibeln, welche nicht wie gewöhnlich und
auch bei hampyris an den entgegengesetzten Seiten dos Kopfes,
sondern neben einander eingelenkt sind, die nur in einer Ilorn-
leiste angedeutete Lade der Maxillen, statt dafs sie bei Lam-
pyris 2-gliedrig und tastcrförmig ist, und durch das Ausbleiben
des Kinnes. Wenn die Larve still sitzt, hält man unwillkürlich
das von der schwarzen Körperfarbe abstechende, brennend
gelbrothe letzte Hinterleibssegment für den Kopf, und die nach
hinten gerichteten und gegen einander gekrünmiten Hörner für
die Mandibeln. Die Nahrung der Lycuslarve kann nur in Raube
bestehen, vielleicht ähnlich wie beider von Lampyris aus Mol-
luscen, denn durch eine einigermaafsen harte Ohei-haut dringen
die schwachen Mandibeln nicht durch. Es scheint fast, als ob die
Bewegung der Mandibeln hier nicht sowohl gegen als ausein-
ander stattfände, nämlich dafs sie geschlossen in den Körper der
Beute eingesenkt und dann geöffnet würden, ^vo denn Iciclit
der Kopf in die erweiterte Wunde eindringen könnte. Es wäre
merkwürdig, wenn die Beobachtung lebender Larven diese
Annahme bestättigen sollte. Man findet die Larve von Lycus
unter Baumrinden, auch habe ich sie nicht selten frei an
Bretterwänden umherkriechend bemerkt.
Cantharis.
Kopf horizontal vorgestreckt, hornig, oben und unten flach.
Ocellen nur zwei überhaupt, nämlich eine auf jeder
Kopfseite, dicht hinter der Einlenkung der Fühler, grofs, quer-
elliptiscb. '
95
Fühler an den Seiten des Kopfes unmittelbar hinter den
Mandibeln eingelenkt, 3-gliedrig, das dritte Glied kloin, pfdem-
förmig, etwas gekrümmt, das zweite an der Spitze noch neben
dem dritten mit einem kleinen eingclenkten Fortsatz.
Stirn den Mundrand bildend, ohne abgesetztes Kopfschild.
Lefze nicht vorhanden.
Mandibeln eingeschlagen, stark, sichelförmig gekrümmt,
mit einem starken Zahn in der Mitte.
Maxillen unmittelbar neben der Lefze in einem halb-
kreisförmigen Mundaussclinitt der Unterseite des Kopfes ein-
gefügt, mit grofsem Stamm, einfacher, eingelcnktor Lade, 3-glie-
drigen Tastern, deren erstes Glied grofs und dick, zweites
sehr klein, zuweilen ganz in das erste zurückgezogen, drittes
fein pfriemförmig ist.
Unterlippe mit länglich -viereckigem, hornigem Kinn,
kurzen, am Grunde verwachsenen, häutigen Tasterstämmen,'
ohne Spur einer Zunge und mit 2gliedrigen Tastern, deren
erstes Glied ziemlich grofs, dick, cylindrisch, z>veites Glied
klein, fein, pfriemförmig ist.
Beine nicht sehr lang, mit auseinander stehendem, schrä-
nach lunten und innen gerichtetem Hüft-, kurzem Trochanter-''
längerem Schenkel- und Schien- und sehr kurzem Fufsgelenke'
das letzte mit einfacher, einzelner, ziemlich langer Klaue.
Kör per Segmente 12 (9 Hintorleibssegmente), fleischi-
mit derber Haut, das letzte unter den. After mit einem häu-
tigen, emonj halben Saugnapf ähnlichen Nachschieber.
Stigmenpaare 9, nämlich 8 an den Seiten der 8 ersten
Hmterle.bssegmente, das neunte auf der Unterseite in der Falte
zwischen dem Pro- und Mesothoraxsegment gelegen.
Bern. 1. Die Larven von Cantharis machen sich leicht
kenntlich durch den feinen sammtai^tigen Filz, welcher sie so
ganz überzieht, dafs nur die vordere Hafte des Kopfes frei
bleibt. Mit den Larven von Lampyris und Lycus stimmen
sie noch darin überein, dafs sie ein einziges Auge auf jeder
beite, kein Kopfschild und keine Lefze haben, während sie
den nächsten Gruppen sich näher darin anschliefsen, dafs die
Mandibeln, wie es scheint, zum Kauen eingerichtet sind
Bem. 2. Waterhouse büdet Transact. Ent. Soc. I
96
t. 3. i.S.g. die Maxille einer Cantliarislarve ab, als verliefe
sie an der Spitze nach innen zu in 2 Dornen; zuverlässig ist
er durch die vielen an dieser Stelle befindlichen Haare, welche
sich leicht pinselförmig zusammenlegen, getäuscht worden.
Bern. 3. Die Larven von Cantharis leben in der Erde
und vom Raube; man kennt jetzt die von C. fusca seit
Degeer, die der C. infa durch Waterhouse und die der
C. livida durch Blanchard (in Guer Mag. d. Zooiy,
alle haben unter einander die gröfste Uebereinstimmung.
Von den Melyriden hat Waterhouse in den Trans-
acf. of ihe Ent. Soc. die Larven von Dasytes serricor-
nis und aeratus abgebildet. Sie haben grofse Uebereinstimmung
mit den Larven der deren; sie leben auch wie diese im Holze
(Dr. Schmidt bemerkt dasselbe auch von der Larve des
Dasytes coeruleus\ vielleicht aber ebenfalls nicht vom Holze.
Ich habe eine Larve vor mir, welche vermuthlich dieser Ab-
theiluug angehört: sie gleicht sehr der Larve eines Clerus,
ist ähnlich, aber nicht so gleichmäfsig, rosenroth gefärbt, sehr
langhaarig. Mundtheile und alles Uebrige sind ziemlich die-
selben; Ocellen sind gleichfalls 5 vorhanden, die vordere
Reihe von 3 ist indefs kleiner und steht unmittelbar hinter
dem Fühler, die hinteren beiden sind etwas gröfser. Water-
house giebt bei Dasytes nur 2 Ocellen an, vielleicht hat er
aber die vordere Reihe der kleineren Ocellen übersehen.
Die Clerier haben in der Gestalt der Larve eine grofse
Aehnlichkeit mit denen der Nitidulen und aller verwandten
Gattungen so dafs die Unterschiede erst dann recht beurthedt
werden können, wenn von diesen eine gröfsere Menge genauer
untersucht worden ist. Als Typus diene die Larve des Cl
formte arius.
Clerus.
Kopf hornig, horizontal vorgestreckt, oben flach, unten
sehr schwach gewölbt.
Ocellen 5 auf jeder Seite, an den Kopfseiten m zwei
Querreihen sehr genähert stehend, die vordere Reihe aus 3,
die hintere aus 2, alle rund.
97
Fühler unter einem N'orsprunge unmittelbar über der
Einlenkung derMandibeln eingelenkt, sehr klein 2-gliedrig.
Stirn vorn mit schmalem, pergamentartigem Kopfschild.
Lefze vorgestreckt, kürzer als breit, vorn ausgebuchtet.
Mandibeln kurz, aber kräftig und scharf, einfach, mit
sichelförmig gebogener Spitze.
Maxillen dicht neben der Unterlippe eingelenkt, kurz,
ohne deutliches Angelgelenk, mit gröfstcntheils fleischigem
Körper, ebenfalls fleischiger, verwachsener Lade und ziemlich
kurzem, 3-gliedrigem Taster.
Unterlippe mit viereckigem, fleischigem Kinn, fleischigen,
an der Basis verwachsenen imd hornigen Tasterstämmen, 2-glie-
drigen Tastern und kleinem fleischigem Rudiment einer Zunge.
lieine ziemlich kurz, mit kurzen, abstehenden Hüft-,
kurzen, mit dem Schenkel verwachsenen Trochanter-, etwas
längeren Schenkel- und Schien-, und aus einer einfachen Klaue
bestehenden Fufsgelenken.
Körpersegmente 12 (9 Hinterleibssegmente), das erste
(Prothorax) oben mit hornigem Schilde, unten mit hornigem
Längsfleck, das zweite und dritte (Meso- und Metathorax) auf
dem Rücken mit einem Paar Hornflecken, die übrigen ganz
fleischig, bis auf das letzte, welches oben ein derb hornige«'
zweihörniges Schild hat. Der After ragt zapfenförmig vor
und dient als Nachschieber.
Stigmen paare 9, nämlich 8 auf den 8 ersten Hinter-
leibssegmenten an den Seiten, das neunte auf der Unterseite
dos Mesothorax, nahe dem Seiten- und Vorderrande gelegen.
Bem. Wir kennen die Larve des Tvichodes alvea-
rius aus Seh äff er s Abhandlung (von der Mauerbiene) II.
T. 5., die des Clerus formicarius aus Ratzeburgs
Forstins., und die des Opiliis mollis durch Waterhouse
{Transact. Ent. Soc.^. Alle stimmen ungemein mit einander
überein, so dafs ihre Unterschiede wohl erst bei unmittelbarer
Vergleichung zum Vorschein kommen werden. Sie sind alle
von rosenrother Farbe, und mit einzelnen Haaren besetzt. Sie
leben vom Raube. Die Larven von Tvichodes scheinen auf
Bienennester angewiesen zu sein, und namentlich Tr. apia-
rius auf die Honigbiene, Tr. alvearius auf Osmia und
Archiv f. Naturgesch. VJI. Jahrg. 1. Band. n
98
Megachile. Die Larve von Opilus mollis fand Water-
hoiise im Holz, zwischen ylnohien-Larvcn, und da der Käfer
sich häufig in Häusern findet, geht seine Larve wahrscheinlich
auch hier gleicher Nahrung nach. Die Larven des Cleriis
forinicariiis stellen nach Ratzeburg den Borken- und
Rüsselkäfer- Larven nach; ich habe sie aucli bei denen der
Lamia aedilis gefunden, und sie selbst darüber angetroffen,
wie sie von Larven zehrten, die viel gröfser waren als sie selbst.
Die Ptinioren bilden der Larve nach eine von den
übrigen . Malacodermcn sehr abweichende Abtheilung. Ich
verbinde damit Apate und glaube, dafs auch hymexylon und
Ilylecoetus (nebst Atractocevus^ nur ein Abzweig dieser
selben natürlichen Familie sind. Die Larven der eigentlichen
Ptinioren scheinen unter sich grofse Uebereinstimmung zu
haben. Die des Anohium tessellatum eignet sich ihrer
Grofse wegen am Besten zur näheren Betrachtung.
Anohium.
Kopf rund, mit nach unten gerichtetem Munde.
Oc eilen nicht vorhanden.
Fühler kurz, unmittelbar über deuMandibeln eingelenkt.
Stirn nach vorn gerichtet, mit abgesetztem, schmalem,
den oberen Theil der Kluft zwischen den Mandibeln deckendem
Kopfschilde.
Lefze von der Breite des Kopfschildes, abgesetzt, fast
bis zur Spitze der Mandibeln reichend.
Mandibeln kurz und breit, mit breiten Flächen gegen
einander gekehrt, stumpf gezähnt, sehr derb hornig.
Maxillen fleischig, mit verwachsener, innen borstiger
Lade und kurzem, 3-gliedrigem Taster.
Unterlippe mit grofsem, fleischigem Kinn, halbrunder,
fleischiger Zunge und am Grunde derselben auf kaum bemerk-
baren, von einander abgerückten Stämmen eingelenkten, kurzen,
2gliedrigen Tastern.
Beine kurz, fleischig, mit kurzen Hüft- und Trochanter-,
mäfsig langen Schenkel-, etwas kürzeren, borstigen Schien- und
aus einer einfachen, hornigen Klaue bestehenden Fufsgelenken*
99
Körpersegnicnte 12 (9 Hintorleibsseginente), alle flei-
schig, das letzte einfach, der After ein Längsspalt auf der Un-
terseite desselben.
Stigmenpaare 9, nämlich 8 an den Seiten der ersten
8 Hinterleibssegmente, das neunte in der Falte zwischen dem
Pro- und Mesothoraxsegment, alle auf der Riickenseite gelegen.
Bern. 1. In ihrer eingekrümmten Gestalt gleichen diß
Larven dieser Abtheilung sowohl denen der LamelUcornen,
als denen der Rüssel- und Borkenkäfer. Von den ersten un-
terscheiden sie sich durch die Lage der vordersten Stigmen
und die Kürze der Fühler, von den anderen durch das Vor-
handensein der Beine.
Bern. 2. Die Larven der eigentlichen Pt inen (d.h. die
von Ptiniis, Anohium, Borcntoma u. s. vv.) haben einen hor-
nigen Kopf, und die Fühler sind so kurz, dafs sie kaum zu
bemerken sind. Die Larven von Apatc iCapucina und
var'uO haben einen fleischigen Kopf, an dem nur die Mandi-
beln hornig sind; die Fühler sind hier nicht so kurz als z. B. bei
der Larve des Anolium tessellatum, aber noch immer bedeu-
tend kürzer als bei den LamelUcornen. Sonst stimmen sie
in den wesentlichen Puncten mit denen der Ptinen überein.
Beide, vorzüglich aber die von Apate, sind von kurzer, ge-
drungener Gestalt. Die Larven von Lymexylon und Hyle-
coetus (S. Ratzeburg Forstins. L Taf. IL f. 23. l. und 26. &.)
sind von langgestreckter Form, und weiclien darin zwar auf
den ersten Anblick von denen der Anohien und Apate ab,
scheinen aber doch in den wesentlichen Stücken mit ihnen
übereinzustimmen. Ich habe gerade keine derselben zur Ver-
gleichung, um zu sehen, wie weit sich die Uebereinstimmung
erstreckt.
Von den Latreille'schen Clavicornen sind aus der er-
sten Familie, der Palpatores, noch keine Larven bekannt,
die der zweiten Familie, der Histeren hat schon Paykull
in seiner Monographie der Histeroiden nach der des H. mer-
darius geschildert, und folgt hier die genauere Beschreibung
derselben :
7*
100
Ulster.
Kopf horizontal vorgestreckt, hornig, oben und unten flach.
O Collen fehlen ganz.
Fühler an den Seiten des Kopfes eingelenkt, fadenförmig,
3-gliedrig, das erste Glied lang, das dritte klein und dünn,
nach innen gekrümmt.
Stirn nach vorn verlängert, zwischen den Mandibeln
vortretend, den Mund von oben schliefsend (am Vorderrande
gezähnt).
Lefze nicht vorhanden.
Mandibeln stark, sichelförmig gebogen, in der Mitte
gezähnt.
Maxillen ganz frei, in kleiner Entfernung von der Un-
terlippe eingelenkt, mit grofsem, dickem, vorwärts gerichtetem
Angeigelenk, kleinerem, cylindrischem Stamm, an dessen Spitze
der 3-gliedrige Taster und nach innen ein sehr kleines Rudi-
ment einer Lade eingelenkt ist. Uebersieht man dieses, so
gleicht der ganze Theil einem 5-gliedrigen Taster, dessen
Glieder allmälig an Gröfse abnehmen.
Unterlippe mit kleinem, fleischigem Kinn, mit einander
verwachsenen, an der Basis hornigen, an der Spitze fleischigen,
frei vorstehenden Tasterstämmen ohne Rudiment einer Zunge,
und mit 2-gliedrigen Tastern.
Beine ungewöhnlich kurz und zugleich dünn, nahe an
den Seiten stehend, mit äufserst kurzen, in einander sich ein-
schiebenden Hüft-, Trochanter- und Schenkelgelenken, etwas
längerem Schien- und Fufsgelenk, letzteres mit einfacher, lan-
ger und feiner, fast borstenähnlicher Klaue.
Körpersegraente 12 (9 Hinterleibssegmente), das erste
(Prothorax) auf der Oberseite ganz, auf der Unterseite an der
vorderen Hälfte hornig, die übrigen fleischig, das letzte an der
Spitze mit einem Paar 2-gliedriger Anhänge; der After röhren-
förmig vortretend, aber kurz, vermuthlich als Nachschieber
dienend.
Stigmen paare 9, nämlich 8 auf den 8 ersten Hinter-
leibssegmenten, an den Seiten, das neunte auf dem Mesothorax-
ringe, in der Falte zwischen dem queren Rückenwulst und
einem Längs -Seitenwulst gelegen.
101
Bern. 1. Durch die gegliederten Anhänge am Hinterleibs-
eiide scliliefst sich die Larve von Bister unmittelbar an die
der Silphen und Staphyl'inen, durchaus in Uebereinstim-
mung mit der nahen Verwandtschaft, in welcher diese 3 Fa-
milien stehen. Sie unterscheidet sich von beiden sehr durch
ihre kurzen Beine, durch den vveiciien, fleischigen Leib und
durch den vollkommenen Mangel der Ocellen, von den Silphen-
Larven auch noch durch das Fehlen der Lefze.
Bem. 2. Die Mundöffnung ist unmerklich klein, ohne
Zweifel wird die Nahrung nur durch Saugen aufgenommen.
Dafs sich diese Larven von Raub nähren sollten, scheint aus
den zwar kräftigen und stark vorgestreckten, aber keineswegs
scharfen Mandibeln niclit hervorzugehen. — Man kennt erst
die Larven vom echten Histev; dafs die von Paykull als die
Larve von Holohpta abgebildete eine Zvveifliiglerlarve sei,
ist schon anderwärts gezeigt worden.
Silp/ia.
Kopf hornig, niedergebogen, die Oberseite flach gewölbt,
die Unterseite flach.
Oc eilen 6 auf jeder Seite, in zwei Gruppen, nämlich
eine von 4 an der gewöhnlichen Stelle hinter der Einlenkung
des Fidders und 2 von denselben entfernt, nach unten und
vorn gerückt, also unter den Fühlern; alle rund.
Fühler an den Seiten des Kopfes eingelenkt, ziemlich
lang, 4-gliedrig, das erste Glied ganz kurz und dick.
Stirn mit wenig abgesetztem Kopfschild.
Lefze vorhanden, aber mit dem Kopfschilde verwachsen.
Mandibeln kurz und stark, vor der Spitze gezähnt,
eingeschlagen, von der Lefze bedeckt.
Maxillen ziemlich grofs, mit grofser, verwachsener, m
der Spitze gehärteter Lade und 3-gliedrigen Tastern.
Unterlippe mit fleischigem Kinn, fleischigen, völlig ver-
wachsenen Tasterstänmien und kurzen, 2-gliedrigen Tastern.
Beine mäfsig lang, mit langen, dem Körper anliegenden,
schräg nach innen und hinten gerichteten Hüft-, kurzen, mit
dem langen Schenkclgelenke verwachsenen Trochanter-, eben-
102
falls langen, stachligen Scliien- und kleinen, aus einer Klaue
bestehenden Fufsgelenken,
Körpersegmente 12 (9 Hinterleibssegmente), unten
fleischig, aber mit pergamentartiger Haut, oben mit dünn hor-
nigen Schilden, welche an den Seiten mehr oder weniger über-
ragen, und mit scharfen Hinterecken nach hinten gerichtet
sind; das letzte Segment mit einem Paar fadenförmiger, 2-glie-
driger Anhänge. Der After in Gestalt einer hornigen Röhre
vortretend, mit wulstiger, fleischiger Spitze, als Nachschieber
dienend.
Stigmenpaare 9, nämlich 8 auf den 8 ersten Hinter-
leibssegmenten, an den Seiten am Grunde der Fortsätze der
Rückenschienen und zum Theil selbst auf der unteren Fläche
dieser Fortsätze, das neunte etwas mehr nach unten in der
Falte zwischen dem Pro- und Mesothoraxsegment gelegen.
Bern. 1. Die Larven der 5/7p//en unterscheiden sich leicht
von den verwandten der Staphylinen und Histeren durch die
vorhandene Lefze; von den ersteren aufserdem noch durch
die Gruppirung der Ocellen, indem zwei ganz von den übrigen
ab und nach unten gerückt sind.
Bem. 2. Die Larven der Nccrophoren stimmen im
Wesentlichen mit denen der SilpJicn überein, und weichen
hauptsächlich nur darin ab, dafs die hornigen Schilder die
Segmente nicht so ganz bedecken, wie dies bei den eigentlichen
Silpheii der Fall ist, besonders bei solchen Larven als de-
nen der S. ohscura, wo sie den Körper noch weit über-
ragen, während sie bei solchen als S. riigosa nur gerade die
Körpersegmente bedecken.
Bem. 3. Auf die umnittelbare Verwandtschaft zwischen
Catops und Silphcn habe ich schon früher (in diesem
Arch. in. S. 122) hingewiesen. Diese Ansicht wird durch die
Larve des Catops fuscus vollkommen bestättigt, welche
in allen Stücken einer Silpheri-Lar\e gleicht, selbst, worin ich
mich nicht zu täuschen glaube, in der Stellung der Ocellen.
Das dritte Fühlerglied ist besonders lang. Die Bekleidung
des ganzen Körpers ist lederartig, welche zwar an den drei
Thoraxsegmenten, nicht aber an den Hinterleibssegmcnten schild-
artig die Seiten überragt. — Die Larven der Scaphidicit^ mit
103
welchen Latreille Catops in eine Gruppe vereinigt, sind
noch nicht bekannt, es ist indefs nicht zu erwarten, dafs auch
diese mit den Silplien -Larven übereinstimmen werden.
Die Larven der JSitidularien sind von denen der
Silphen sehr wesentlich verschieden; sie haben grofse Aehn-
lichkeit mit denen der deren, und zeichnen sich wie diese
durch ein horniges und 2- hörniges Schild auf dem letzten
Körpersegmente aus. Es scheinen auch der Larve nach die
Cryptophagen und die Latreille'schen Xylophagen von Cis
bis Trogosita mit einigen Ausnahmen in diese Abtheilung zu
gehören; die bisher bekannt gemachten Larven aus dieser
ganzen Abtheilung bedürfen aber noch alle einer genaueren
Untersuchung.
Derinestes.
Kopf rund, hornig, der Mund nach unten gerichtet, die
V'orderseite flach gewölbt.
Ocellen 6 auf jeder Seite, in zwei, nicht ganz regel-
mäfsigen Querreihen, alle rund.
Fühler an den Seiten des Kopfes eingelenkt, kurz, 4-
gliedrig, das erste Glied sehr klein, kaum aus der Gelenkgrube
vorragend, das dritte das längste, das vierte klein, pfriemförmig.
Stirn mit deutlich durch eine Quorvertiefung abgesetztem
Kopfschilde.
Lefze deutlich abgesetzt, in der Mitte sanft ausgebuchtet.
Mandibeln kurz und kräftig, an der Spitze stumpf
gezähnt.
Maxillen mit 2 Laden, die innere mit hakenförnn'g nach
innen gerichteter Spitze, die äufsere an der Spitze gerade ab-
geschnitten und gefranzt. Die Taster sind 3-gliedrig, kurz,
das dritte Glied länger und schmäler als die übrigen.
Unterlippe mit länglich-viereckigem, lederartigem Kinn,
sehr kurzen 2-gliedrigen Tastern, mit gröfstentheils verwach-
senen Tasterstämmen und kleiner, halbrunder, lederartiger
Zunge.
Beine kurz, mit cylindrischen, dem Körper anliegenden,
schräg nach innen und hinten gerichteten Hüft-, kurzen, mit
104
dem folgenden verwachsenen Trochanter-, längeren Schenkel-,
wenig kürzeren Schien- und aus einer einfachen Klaue be-
stehenden Fufsgeleuken.
Körpersegmente 12, (9 Ilinterleibssegmente) alle ziem-
lich gleich gestaltet, allmälig nach hinten ein wenig kleiner,
alle von oben mit hornigen Halbringen bedeckt; das zwölfte
mit einem Paar nach hinten gerichteter Hörner; der After
röhrenförmig vortretend, als Nachschieber dienend.
Stigmenpaare 9, nämlich 8 an den Seiten der 8 ersten
Hinterleibssegmente, am Hinterrande der Hornschienen, das
neunte am Vordereude des Mesothoraxsegment, ziemlich auf
der Bauchseite, in der weichen Haut gelegen, und dadurch
mehr ausgezeichnet als die der Hinterleibssegmente.
Bern. Es ist hier die Larve ächter Dermesten beschrieben.
Den übrigen Larven dieser Familie fehlt das hornige und 2-
hörnige Schild auf dem letzten Körpersegment. Die Larve
der Megatoma pellio ist noch länger gestreckt als die von
Dermestes, kurzbeiniger, nach hinten verjüngt, an der Spitze
mit einem Schweif langer Haare, während die der Denncslen
überall mit mäfsig langen, abstehenden Haaren besetzt sind.
Die Larven von Anthrenus und Attagenus {sevra) sind kürzer,
und haben nicht blos an der Spitze, sondern auch neben der
Spitze längere Haarschweife, welche letzteren bei Anthrenus-
Larven sich radartig ausbreiten können. Die Haare sind bei
allen Larven dieser Familie wiederum behaart.
Byrrhus.
,Kopf vertical gestellt, hornig, mit nach unten gerichte-
tem Munde.
Ocellen zwei auf jeder Seite, dicht hinter der Einlen-
kung der Mandibeln, von ziemlich gleicher Gröfse, rund.
Fühler dicht über der Einlenkung der Mandibeln, in
einer halbkreisförmigen Aushöhlung verborgen, sehr klein,
2-gliedrig.
Kopf Schild kurz, durch einen Eindruck von der Stirn
abgesetzt.
Lefze hornig, quer -viereckig, klein.
105
Mandibeln stark, fast dreieckig-, vorn flach gewölbt,
hinten flach ausgehöhlt, mit der inneren Schneide gegen ein-
ander trefi"end.
Maxillen in der Aushöhlung der Hinterseite der Man-
dibeln liegend, mit dickem, cylindrischem Stamme, eingelenkter,
ungegliederter Lade und ziemlich kurzem, 4-gliedrigem Taster.
Unterlippe mit viereckigem, fleischigem Kinn, fleischi-
gen, kurzen, beinahe mit einander verwachsenen Tasterstäm-
men, kleinen 2-gliedrigen Tastern, ohne Spur einer Zunge.
Beine ziemlich kurz, mit kräftigen, fast dreikantigen,
schräg nach hinten und innen gerichteten Hüft-, einander fast
gleichen Trochanter- und Schenkel-, etwas kürzeren und dün-
neren Schien-, sehr kleinen Fufsgelenken, diese mit einzelner,
einfacher Klaue.
Körpersegmente 12 (9 Hinterleibssegmente), fleischig,
oben mit halbringförmigen Schienen bekleidet, die auf dem
gröfseren und dickeren ersten (Prothorax-) Segment von derb
horniger, auf den übrigen von lederartiger Consistenz sind. Die
beiden letzten Segmente sind gröfser als die übrigen, nach
unten gekrümmt; das letzte hat unten ein Paar afterfufsartiger
Nachschieber.
Stigmenpaarc 9. Acht befinden sich auf den 8 ersten
Hinterleibssegmenten, an den Seiten, zwischen dem Ende der
Rückenschiene und einem Paar Lederschwielen, welche die
Seiten schützen; das neunte auf der Unterseite in der Falte
zwischen dem Pro- und Mcsothorax.
Bem. Diese Larve stimmt mit der Beschreibung, welche
Latreille (Rcgn. An. IV. S.513) und der Abbildung, welche
Westwood {Introd. \. S. 175 f. 17.) von der Bynhm-
Larve geben. Sie hat zwar manches Aehnliche mit Dermesten-
Larven, weicht aber doch in mehreren Puncten ab. Vorzüglich
zeichnen sie die Gröfse und Richtung des letzten Korperseg-
ment aus.
Aus der folgenden Abtheilung der Clavicornen ist zu-
nächst aus der Familie der Acanthopodcn die Larve von
Heterocerus von Westwood (^Introd. I. S. 113 f. 5.) ab-
106
gebildet worden, indefs iiur im Umrifs, so dafs sich über ihre
wesentlichen Characterc noch nichts sagen läfst. Sie zeichnet
sich durch die besondere Breite der drei Thoraxsegmente aus.
Aus der Familie der Macrodactyli sind die Larven
von Parniis noch zu entdecken, die von Elmis dagegen sind
bekannt.
Elniis.
Kopf niedergebogen.
Ocellen fünf auf jeder Seite.
Fühler an den Seiten des Kopfes eingelenkt, das erste
Glied kurz und breit, das zweite ziemlich lang, cylindrisch,
das dritte klein und schmal, an der Spitze mit einer kleinen
Borste; neben dem dritten ist an der Spitze des zweiten Glie-
des eine Borste eingelenkt, Avelche mit demselben von gleicher
Länge und Dicke und nur dadurch verschieden ist, dafs sich
an seiner Spitze keine feinere Borste befindet.
Stirn ohne abgesetztes Kopfschild.
Lefze abgesetzt, hornig, viereckig, die Mandibeln be-
deckend.
Mandibeln kurz, dreieckig.
Maxillen mit langem, dickem Stamme, an der Spitze
mit zwei Laden, von denen die innere mit dem Stamme ver-
wachsen, an der Innenseite, die änfsere eingelenkte an der
Spitze mit Börstchen besetzt ist, und einem kurzen 2-gliedri-
gen Taster.
Unterlippe mit länglichem Kinn, breiter, vorn gerun-
deter, häutiger Zunge und kurzen, 2-gIiedrigen Tastern.
Beine kurz, mit dem Körper anliegenden, schräg nach
innen und hinten gerichteten Hüft-, ziemlich kurzen Trochan-
ter-, gleich langen Schenkel- und Schien-, und aus einer ein-
fachen Klaue bestehenden Fufsgelenken.
Körpersegmente 12 (9 Hinterleibssegmente), mit leder-
artiger Bekleidung, auf dem Rücken gewölbt, auf der Unter-
seite flach, mit überragenden Seitenrändern; das letzte etwas
verlängert und zugespitzt, den After an seinem Ende habend.
Die Seitenräuder aller Segmente, mit Ausnahme des letzten,
sind mit kleinen, am Rande federartig eingeschnittenen Haut-
läppchen dicht besetzt.
107
Stigmeiipaare 9, das erste auf dem Mesothorax-, die
übrigen auf den 8 ersten Hinterleibssegmenten, an den Seiten
der Bauclifläche gelegen.
Bern. 1. Ueber diese Larve hat Ph. I. W. Müller (//%.
Mag. V. S. 194) die erste Notiz, und Westwood (^Introd.
I. S. 113. f. 16. 17.) von ihr einen Umrifs gegeben. In ilirer
breiten Form und dem untergebogenen Kopfe gleicht sie einiger-
maafsen einer Silphen-Ltirye. Dafs das letzte Segment gespal-
ten sei, finde ich bei der Larve des Elm. aenea, welche ich
vor mir habe, nicht. Die eigenthümliche Einfassung der Seg-
mente (Müller nennt sie einen häutigen Saum, West wo od
hat sie ganz übersehen) dient oflfenbar dazu, die durch die
überragenden Ränder etwas concave Unterseite luftdicht an
Steine zu drücken. — Westwood Qlntrod. S. 113- f. 18.)
bildet eine zweite Larve ab, welche sich mit denen der Elmis
zusammen findet, und welche offenbar eine Käferlarve ist; dafs
die andere die der Elmis sei, geht ausMüUer's Angabe her-
vor; welchem Käfer diese angehört, kann einem Beobachter,
der dieser Frage seine Aufmerksamkeit schenken will, nicht
schwer sein zu ermitteln.
Bern. 2. Eine Larve, welche der von Elmis einiger-
maafsen sich vergleichen läfst, hat Zimmermann einige Male
aus Pensylvanien geschickt, doch ohne weitere Nachricht
darüber. Sie ist über 3 Linien lang und von vollkommen
elliptischem Umrifs, oben gewölbt, der ganze Rand dicht mit
genau an einander schliefsenden Ilaaren besetzt. Der Kopf
befindet sich auf der mittelst des den Körper weit überragenden
Randes concaven Unterseite. Seine Bildung scheint im Ganzen
die nämliche zu sein wie bei Eliiiis, nur sind die Fühler viel
länger, und es finden sich auf jeder Seite 6 Ocellen. Der
Hinterleib hat auf seiner Unterseite 5 Paar kammförmiger
Kiemen, welche auf den Segmenten 2 — 6 ihre Stelle haben.
Der einzige Käfer, dem diese Larve angehören köiuite, scheint mir
Elmis lithophila zu sein, welche auch aufser der Verschieden-
heit der Larve sich generisch von Elmis imterscheiden würde.
Von den Palpicornen sind die Larven einiger i/y<//o-
philen schon mehrfach beobachtet worden.
lOS
Hydrophil US.
Kopf hornig, horizontal ausg-estreckt, oJer selbst aufwärts
gerichtet, oben dach, unten kaum etwas gewölbt.
Ocellen anscheinend keine, weil ihre corneae nicht
\orragen, in der That sind aber sechs auf jeder Seite vor-
handen, welche sich bei äulserer Untersuchung nur als durch-
sichtige Stellen der Kopfbedeckung erkennen lassen. Fünf
derselben sind ungewöhnlich lang und schmal, so dafs man
sie fast linieuförmig nennen könnte, nur das sechste ist rund.
Fühler auf der Stirn, dem inneren \Ainkel der Mandi-
beln gegenüber eingelenkt, 3-gliedrig, das erste Glied lang,
die beiden folgenden dünner, und zusammen etwas kürzer als
das erste.
Stirn ohne abgesetztes Kopfschild. den vorderen Mund-
rand bildend.
Lefze nicht vorhanden.
Mandibeln vorgestreckt, stark, mit der Spitze nach innen
gebogen, in der Mitte gezähnt.
Maxillen in einiger Entfernung von der Unterlippe ein-
«^eleukt, frei, mit sehr langem, stielförmigem, grade vorgestreck-
tem, fast bis zur Spitze derMandibeln reichendem Angelgelenk,
sechs Mal kürzerem, tastergliedähnlichem Stamme, innen mit
einfachem, einem Dörnchen ähnlichen Rudiment einer Lade und
an der Spitze mit 3-gliedrigem Taster.
Unterlippe giinz frei vor dem Munde (zwischen den
Mandibeln) vorragend, in allen Theilen durchaus hornig, mit
viereckigem Kinn, dessen Vorderecken zahnförmig vorspringen,
mit <^anz verwachsenen Tasterstämmen, 2-gliedrigen Tastern
und kleinem, zapfenartigem Rudiment der Zunge.
Beine kurz, die Hüften ziemlich lang, cyl indrisch, dem
Körper anliegend, schräg nach innen und hinten gerichtet;
Trochanter kurz, fest mit dem längeren, zusammengedrückten,
oben und unten mit Schwimmhaaren gewimperten Schenkel
verwachsen; Schiene viel kürzer, nur innen gewimpert, Fufs-
gelenk in einer einfachen, einzelnen Klaue bestehend.
Körpersegmente 11 (^ Hinterleibssegmente) fleischig,
mit derber, lederartig, vielfach in die Quere gerunzelter Haut,
so dafs die einzelnen Leibessegmente nur nach den Stigmen
109
und Kiemen zu bestimmen sind. Die ersten 7 Hinterleibsseg-
mente haben nämlich, wo keine vollständigen Kiemen vorhanden
sind ein kurzes, fadenförmiges Rudiment derselben an jeder
Seite aufzuweisen, das letzte Segment hat unter der Spitze
ein Paar ähnlicher selber längerer Anhänge.
Stigmen paare 8, nämlich 7 auf den 7 ersten Hinter-
leibssegmenten, an den Seiten des Rückens vor und innerhalb
des Kiemenrudiments. Das achte an den Seiten des Mesotho-
raxsegment gelegen.
Bern. 1. Der Körper der Larve ist länglich, spindelförmig,
rücklings iibergebogen, welche Stellung, verbunden mit der
oben flachen, unten convexen Form des Kopfes, Frisch ver-
leitete, die Bauchseite für die Rückenseite zu nehmen, und
sich darüber zu verwundern, dafs das Thier seine Beine auf
dem Rücken hätte. Die Haut ist schwärzlich gefärbt, auf
dem Rücken intensiver als auf dem Bauche, fein chagrinartig
gekörnt.
Bern, 2. Die Nahrung der Larve besteht nach Lyonet
und Migcr in thierischem Raube, hauptsächlich in Wasser-
schnecken. Die Stellung der Mundtheile macht indefs ein
Verkleinern und Verschlingen der Beute unmöglich. Maxillen
und Unterlippe stehen nämlich ganz frei am Kopfe, zwischen
den Mandibeln bemerkt man keine Mundöfi"nung, und anschei-
I nend schliefst sich die untere Bedeckung des Kopfes unmittel-
! bar an die obere. Offenbar mufs also der erste Eingang -in
den Nahrungscanal so eng sein, dafs die Ernährung lediglich
im Aussaugen thierischer Säfte besteht. Die Vermuthung
welche man hegen könnte, dafs auch hier, wie bei den Dy-
tiscen-Larven, die Mandibeln die Nahrung aufnehmen, bestät-
, tigt sich nicht, denn sie haben weder einen Canal noch eine
Oeffnung. Anatomische Untersuchung hat mir die Gewifsheit
verschafft, dafs sich der Speisecanal zwischen den Mandibeln
unter dem Stirnrande öffnet. Auch läfst sich an dieser Stelle
mit einem feinen, stumpfen und elastischen Instrument zwischen
der oberen und unteren Kojfdecke eindringen. An den
Oesophagus setzen sich schräg von hinten und aufsen Muskel-
bündel, welche ohne Frage dazu dienen, diesen Theil der
Speiseröhre abwechselnd zu erweitern und zu verengen, und
'dadurch das Aussaugen der Beute zu bewerkstelligen.
HO
Bern. 3. Die Vertheilung der Tracheenstäinme bietet
manches Bemerlvensvverthe dar. Wir wissen von mehreren
Beobachtern, dafs die Larve häufig an die Oberfläche des
Wassers kommt, um durch das Afterende Luft aufzunehmen.
Man hat indefs mit Unrecht die beiden längeren, am After
befindlichen Fäden als dabei betheiligt betrachtet. Die beiden
Haupttracheenstämme nämlich, welche an den Körperseiten
liegen, von ungewöhnlicher Weite sind und auffallend wenige
und gröfsere Aeste abgeben, münden nicht in jenen Fäden,
sondern denselben vorbeigehend an der äufsersten Spitze des
Körpers. Ihre Mündung sollte man wohl, wie l)ei den Dj-
üscen -Larven, als das neunte Stigmenpaar betrachten, wenn
die äufsere Einrichtung derselben auch von der gewöhnlichen
abweicht. Dann wäre hier dieselbe Zahl der Stigmen, wie
bei den übrigen Käferlarven, und das Verschwinden des zwölf-
ten Körpersegment durch die Lage des letzten Stigmenpaares
an der Spitze des Körpers bedingt. — Trotz dem, dafs die
Luft nur durch die Mündung des Tracheenstammes an der
Spitze des Körpers aufgenommen wird, sind die eigentlichen
Stigmen keineswegs blind, und jedes derselben empfängt einen
nicht unbedeutenden Ast aus dem Haupttracheenstamme. Diese
Aeste laufen alle in schräger RFchtung rückwärts. Es ist
wohl zu vermuthen, dafs wie die hintere Tracheenöff^ung zur
Inspiration, die übrigen zur Exspiration dienen, wie Leon
Dnfour es bei den Fliegenlarven in ähnlicher Weise annimmt.
Bem. 4. Die Ocellen weichen von der gewöhnlichen
Form darin ab, dafs die Convexität der Hornhaut nicht äufser-
lich, sondern inwendig, dem Glaskörper zugekehrt ist.
Bem. 5. Aufser der hier beschriebenen Larve des Hy-
droph. piceus ist auch noch die des H. Carahoides
bekannt; sie hat eine ähnliche Form, unterscheidet sich aber
dadurch,' dafs sich statt der Rudimente 7 Paar büschelförmiger
Kiemen an den Seiten des Hinterleibs finden. Sie hat indefs
noch die Anhänge am After, welche den bisher nur von Mi ger
beobachteten Larven der kleineren Hydrophilen (fuscipes,
picipes, luridus, Jicmus, lividiis, tnmcatellus) fehlen sollen.
(Fortsetzung folgt.)
111
Gruppirung tler Gattungen der Nager in natürliclien
Familien, nebst Beschreibung einiger neuen
Gattungen und Arten.
Von
Prof. A. Wagner in München.
(Gel. Anz. d. K. Bair. Acad. 1841. n. 50— 54.)
Linne hatte es noch nicht nöthig, hei den Nagern an eine
Grnppirung der Gattungen zu denken, da er solcher nicht
mehr als vier (^ Castorf Mus, Scimus und NoctUio^ mit 36
Arten hatte, wovon überdies der NoctiUo ainericanus und
der Caslor moschatus gar nicht liieher gehören, indem jener
den Handfliiglern, dieser den Insectenfressern zufällt.
Schon Pallas aber, der die Ordnung der Nager nicht
blofs mit einer beträchtlichen Anzahl neuer Arten, sondern
auch mit genauen Beschreibungen ihres inneren Baues berei-
cherte, sah sich in seinem klassischen Werke: „novne species
quadrupedum e glirium ordine," veranlafst, zum wenigsten
die grofse Gattung Mus in 6 Gruppen zu zerfallen, die er
später in seiner Zoographia rosso-asiatica zu selbstständigen
Gattungen erhob und ihnen durch Zertheilung der einen dieser
Gruppen eine siebente Gattung zufügte.
Sehr eher, dem nur die zuerst angeführte Arbeit von
Pallas bekannt sein konnte, ging in der Sonderung der Gat-
tungen schon weiter als seine Vorgänger, und stellte im Gan-
zen 10 derselben auf, nämlich: Hystrix, Cavia, Castor, Mus,
Arctomys, Sciurus, Myoxus, Vipus, Lepus und Hyrax,
welch letzterem Cuvier erst späterhin seinen wahren Platz
unter den Dickhäutern anwies. Eine Gruppirung seiner Gat-
tungen nahm indefs Seh reber nicht vor, sondern er liefs sie
m der angeführten Reihenstellung einfach auf einander folgen.
Indem nun aber in neuerer Zeit sowohl die Anzahl der
Nagerarten mit reifsender Schnelligkeit in den systematischen
Aufstellungen sich mehrte, als auch die immer häufiger werden-
<len Untersuchungen des inneren Baues, oder doch wenigstens
112
des Zahnsystems, die Ueberzeugiing gewährten, dafs trotz der
grofsen Aehnlichkeit im äiifsern Habitus, die durch die ganze
Ordnung herrscht, gleichwohl bedeutende und höchst markirte
Differeir/.en in den zuletzt genannten Beziehungen obwalten,
so wurde es nicht nur eine dringende Nothwendigkeit, in der
Vermehrung der Gattungen voran zu schreiten, sondern auch,
zur leichteren und sicherern Ueberschauung derselben, sie in
Gruppen (Familien) zu sondern.
Am Einfachsten ist dies von Fr. Cuvier*) undDesma-
rest**) geschehen, indem jener blofs auf die Wurzeln der
Backenzähne, dieser auf die Schlüsselbeine Rücksicht nahm.
Fr. Cuvier nämlich unterscheidet unter den Backenzähnen
zwei Sorten: einmal solche, welche von der Krone deutlich
abgesetzte Wurzeln haben, und andere, denen eigentliche
Wurzeln abgehen und also nur Kronen zukommen. Die Nager
mit Wurzel-Backenzähnen nennt er Rongeurs omnivores, die
mit wurzellosen Backenzähnen Rongeurs herhivores. Als
weiteres Merkmal setzt er hinzu, dafs jene nur einen rudi-
mentären Blinddarm oder gar keinen besäfsen, während selbi-
ger bei letzteren immer mehr entwickelt und coniplicirter als
der Magen wäre.
Diese von Fr. Cuvier vorgeschlagene Scheidung der
Na"-er in 2 grofse Abtheilungen kann jedoch nicht beibehalten
werden. Einmal würden Gattungen, die, wie z.B. die Wühl-
mäuse und Zibethratte, in der Beschaffenheit der Krone mit
einander übereinkommen, dadurch aus einander gerissen werden.
Dann ist aber auch der von den Wurzeln abgeleitete Unter-
schied gar kein wesentlicher, indem z. B. bekannt ist, dafs bei
Uypudaeus Glareöla und den altweltliclien Stachelschweinen
in der Jugend die Backenzähne der Wurzeln ermangeln, im
Alter dieselben aber ansetzen, wonach man deshalb die jungen
Thiere in eine andere Abtheilung als die alten zu stellen hätte.
Endlich ist der von der Länge des Blinddarmes hergenommene
Unterschied unbegründet, indem es zwar richtig ist, dafs unter
den sogenannten herbivoren Nagern (bei Lepiis und Lagomys)
der längste und zusammengesetzteste Blinddarm vorkommt,
») Dents des mammiferes p. 141.
**) In der Encyclopedie methodique. Mammiferes.
113
dagegen ist er bei den Omnivoren keineswegs rudimentär, son-
dern in der Regel ebenfalls ansehnlich entwickelt, auch nicht
selten länger als der Magen, und fehlt nur der einzigen Gat-
tung Myoxus.
Desmarest theilt die Nager in solche mit vollständigen
Schlüsselbeinen, und in solche mit mangelnden oder doch we-
nigstens unvollständigen. Abgesehen davon, dafs hierdurcli
die erstere Abtheilung mit Gattungen überfüllt, die andere nur
spärlich mit ihnen ausgestattet wird, ist auch der Unterschied
kein so wesentlicher, da von zwei Gattungen, Lepus und La-
gomys, welche sich im äufseren und inneren Bau so nahe
stehen, dafs sie durchaus nicht von einander getrennt werden
können, die eine {Lepus') nur unvollständige, die andere {La-
gomys) vollständige Schlüsselbeine besitzt.
Die Eintheilung nach der Länge der Schlüsselbeine rührt
wohl eigentlich von G. Cuvier her, und liegt auch noch
seiner zuletzt getroffenen Anordnung der Nagergruppen zu
Grunde. Als solche hebt er*) folgende 12 hervor: Ecureiiils,
Rats, Helainys, Rats-taupes, Oryctei'es, Geomys, Diplosloma,
Castors, Cou'ia, Porcs-Epics, Lievres und Cahiais. Dafs
diese Abtheiliuig in Gruppen keineswegs eine durchgängig ge-
lungene ist, wird sich im Verlauf dieser Darstellung bemerk-
lich machen.
lUiger, in seinem meisterhaften Prodromus systematis
mammaliuin , vertheilte die Nager {Prensiculantia von ihm
genannt) unter 8 Familien: Macropoda, Agilia, Murina,
Cunicularia, Pahnipeda, Aculeata, Duplicidentata und Sub-
ungulata. Auch von dieser Eintheilung, die viel Richtiges
enthält, wird doch im Verlauf unserer Betrachtungen gezeigt
werden, dafs mehrere dieser Gruppen nur auf unwesentliche
äufsere Analogien, keineswegs auf anatomische Verwandtschaf-
ten begründet und somit nicht haltbar sind.
Als eine Verbesserung von 111 ig er 's Anordnung ist die
von Wiegmann**) gegebene anzusehen, indefs ist dieser
ausgezeichnete Naturforscher bisher verhindert worden, ihr die
*) Vergl. die Table methodique p. XXXI. im Regne animal
2. edit. Vol. I.
♦♦) Handbuch der Zoologie S. 56.
Archiv f. Naturgesch. VII. Jahrg. 1, Band. 8
114
Vollendung zu verschaffen, zu welcher er durch gelegentliche
Bemerkungen in seinem Archiv für Naturgeschichte die Aus-
sicht eröffnet hatte. Seine Familien heifsen: Sciurina, Mu-
rina, Lagostoini, Georhychi, Palmipedia, Leporina, ^cii-
leala und Siibimgulata. In der Zahl der Familien kommt
er mit Illiger iiberein, unterscheidet sich aber nicht blofs in
ihrer theilweise veränderten Benennung, sondern auch meist
in ihrer Umgrenzung, und führt zwei Familien (Lagosiomi
und Geoj'hychi^ ein, welche bei Illiger unter die übrigen
vertheilt waren.
Um nicht allzusehr in die Breite auszuschweifen, will ich
eine Menge anderweitiger Versuche, die Nager in Gruppen
zu sondern, übergehen, um gleich auf die neueste und zugleich
auch die gediegenste Arbeit der Art zu kommen, es ist dies
die von W a t e r h o u s e. *)
Als Eintheilungsgrund hat derselbe den Unterkiefer ge-
wählt, und auf dessen Verschiedenheit 3 grofse Abtheilungen:
Murina, Hystricina und Leporina, begründet. Die erstere,
die Murina, characterisirt er dadurch, dafs der absteigende
Ast aus einer breiten, innen concaven, aufsen flachen oder
convexen Platte besteht, von quadratischer Form, und deren
hinterer oberer Winkel auswärts, der untere einwärts gerichtet
ist. Der untere Rand dieser Platte besteht aus einer verdick-
ten Leiste, welche von der Unterseite des Alveolar -Theiles
entspringt. Der Kronenfortsatz ragt gewöhnlich hoch über die
Zahnreihe hervor; der Gelenkfortsatz ist lang und schief. Bei
der zweiten Abtheilung, Hystricina, bildet der absteigende Ast
eine flache, dreieckige Platte, deren unterer Rand aus einer
verdickten Leiste besteht, welche von der Aufsenseite des
Alveolartheils entspringt und deren Spitze in einen scharfen
Winkel vorragt. Die Kinnverbindung hat eine beträchtliche
Ausdehnung, der horizontale Ast ist von der Alveolar-Portion
unten durch eine Furche geschieden. Der Kronfortsatz ist
gewöhnlich klein und mehr vorwärts gerückt, und der Gelenk-
fortsatz ist verhältnifsmäfsig kurz. Die dritte Abtheilung bilden
*) Observations on the Rodentia, with a view to point out the
groups, as /ndt'cated by the structure of the Crania in this order of
Mammals {Loud. mag. of nat. history. 1839. p. 90).
115
die Lcporina, blofs aus Lepus und Lagomys bestehend, mit
den bekannten Eigenthüinlichkeiten des Unterkiefers.
Diese drei Sectionen theilt nun Waterhouse weiter ab
in Familien. Die Murina umfassen die Familien: 1) Sciuridae,
2) Myoxidae, 3) Gerhoidae, 4) Muridae, 5) ArvicoUdae.
So weit reicht die speeielle Ausführung seiner Familien, die
er sämmtlich auf die BeschaflFenheit der Schädel, von denen
er eine grofse Menge abbildet, gründet. Aus einer später von
ihm erschienenen Tabelle über die geographische Verbreitung
der Nager*) ersieht man, dafs er die Hystricina wieder ab-
theilt 1) in Hystricidae, 2) Octodoniidae, 3) ChincliilUdae
und 4) Caviidae. Die Leporina bestehen blofs aus der ein-
zigen Familie Leporldae.
Obwohl gegen diese Eintheilung zu erinnern ist, dafs die
erste und zweite Section nicht immer scharf von einander sich
scheiden, auch bei der zweiten Waterhouse selbst erinnern
mufs, dafs nicht das einzelne Merkmal, sondern nur die Com-
bination der Merkmale zur Festsetzung dieser Abtheilung aus-
reichend ist, so sind hier doch die Familien schärfer unter-
schieden und ihre Charactere auf verlässigere Haltpnncte
gegründet als in irgend einer, früheren Arbeit. Demungeachtet
glaube ich darthun 'zu können, dafs nicht alle Familien auf
ihre gehörigen Grenzen zurückgeführt, auch einige unterdrückt
sind, welche wieder hergestellt werden müssen.
Ich habe mich im Nachfolgenden bemüht, eine neue Grup-
pirung der Nager- Gattungen aufzustellen, wie sich mir eine
solche aus einem sorgfältigen Studium dieser Ordnung ergeben
hat. Es hat mich in der Festsetzung der Familien nicht blofs
die Rücksicht auf den äufseren Habitus geleitet, sondern ich
habe hierbei mein Augenmerk hauptsächlich auf die Beschaffen-
heit des Knochengerüstes und Zahnsystems, in manchen Fällen
auch auf die der Eingeweide gerichtet. Auf diese Weise haben
sich mir 12 Familien dargeboten, in welche sich alle mir be-
kannten Nager- Gattungen ohne Zwang einreihen lassen.
Bevor ich an ihre Auseinandersetzung gehe, bemerke ich
nur noch, dafs die Reihenfolge, in welcher ich die Familien
aufzähle, keineswegs als Ausdruck gradweiser Verwandtschaft
*) Annais of nat. hist. N. 33. (1840) p.4l8.
8*
416
in gerader Linie gelten soll. Im Gegentlieil betrachte ich die
Mäuse als den Centralpunct der ganzen Ordnung, von dem
aus strahlenförmig die Verbindungen mit den andern periphe-
risch gelagerten Familien sich anknüpfen.
I. Pedimaiia. Fufshänder.
Digiti anteriores longissimi, pedes posteriores pollice in-
strncti; cranium rotundatum, orbitae postice clausae.
Die Fufshänder, zu welchen nur die einzige Gattung Chi-
romys gehört, werden von 111 ig er und Blainville zu den
Affen, von Cuvier, Wiegmann u. A. zu den Nagern ge-
rechnet. Nach Ausmusterung der Klippschiefer ist unter den
vielen Nager-Gattungen der Chiromys die einzige, deren Ein-
reihung unter die Säugthier-Ordnungen zweideutig ist. Nimmt
man lediglich auf das Gebifs Rücksicht, so ist das Fingerthier
ein ächter Nager; betrachtet man dagegen den Schädel, so ist
derselbe von dem aller Nager durch die gewölbte Form, den
kurzen Schnautzentheil, die hinterwärts geschlossenen Augen-
höhlen etc. wesentlich verschieden und kommt in all diesen
Stücken mit den Halbaffen überein, mit denen der Chiromys
auch noch den Daumen an den Hinterfüfsen gemein hat. Bei
dieser überwiegenden Hinneigung des Fingerthiers zu den
Halbaffen darf es, wenn m-an es ja unter den Nagern belassen
will, auf keinen Fall mit den Eichhörnchen zu einer Familie
gezählt werden, sondern mufs eine eigene constituiren, zugleich
das einzige abnorme Glied der ganzen Ordnung ausmachend.
Die Heimath ist Madagaskar, eine durch mehrere eigen-
thiimliche Säugthierformen ausgezeichnete Insel.
II. Sciurina. Hörnchen.
Pedes anteriores digitis 4 et Verruca hallucari, posteriores
5-dactyli, cauda dense pilosa; dentes molares |; ossa frontalia
dilatata, processu postorbilati distincto instructa; foramen in-
fraorbitale angustissimum.
Die Gattungen heifsen:
Sciurus.
Pteromys.
117
Tamias.
Spermophilus.
Arctomys.
Die Hörnchen sind durch Schädelbau und Gebifs eine
von den andern Gruppen scharf abgeschiedene Familie, welche
sich hauptsächlich durch folgende Merkmale auszeichnet. Schei-
tel- und Stirnbeine sind breit; die letzteren mit einem hinteren
Orbitalfortsatz, der wenigstens die Abgrenzung der Augenhöhle
von der Schläfengrube andeutet, was bei den meisten der nach-
folgenden Nager nicht mehr der Fall ist. Das untere Augen-
höhlenloch stellt blos einen ganz kleinen, engen Schlitz vor
und erscheint hier im Minimum seiner Ausbildung. Die vor-
deren Gaumenlöcher sind klein und der knöcherne Gaumen
breit, lang und massig, dadurch das Gegentheil von dem der
Doppelzähner. Die Schneidzähne, zumal die unteren, sind
seitlich zusammengedrückt. An Backenzähnen sind ursprüng-
lich immer f vorhanden, denn bei den Eichhörnchen, wo häufig
nur 4 gezählt werden, ist blos der erste kleine Zahn des Ober-
kiefers friilizeitig verloren gegangen.
Sie sind von einer, für diese Orrdnung sehr einfachen
Construction; um desto merkwürdiger ist es, dafs unter den
Flugbörnchen einige Arten vorkommen, bei denen unerwartet
eine complicirte, schmelzfaltige Beschaffenheit sich einstellt;
eine Warnung, nicht einseitig nach einem einzelnen Merkmale
classificiren zu wollen.
Auf den ersten Anblick könnte es erscheinen, als hätte
man sich durch Uebereinstimmung im Knochengerüste und
Gebifs verleiten lassen, Thiere von sehr verschiedenem Habitus
zusammen zu stellen. Wirklich haben auch Cuvier und
II liger die Murmelthiere mit den Zieseln von dieser Familie
getrennt und zu den eigentlichen Mäusen verwiesen; in dieser
Zusammenstellung sich jedoch bedeutend geirrt, da nicht blos
die osteologischen Verhältnisse ganz dagegen sprechen, sondern
auch von den schwerfälligen Murmelthieren aus durch die
Ziesel und Backenhörnchen ein so allmäliger und inniger
Uebergang zu den zierlichen Eichhörnchen hergestellt wird,
dafs die Scheidung in Gattungen auf ziemlich subtilen Merk-
malen beruht.
Waterhouse hat zuerst dieser Familie ihre richtige
118
Begrenzung angewiesen. Die nur aus Richardson's Beschrei-
bung gekannte Gattung Aplodontia (richtiger Haplodon),
welche er später noch anhangsweise beifügte, darf hierher
durchaus nicht gestellt werden, sondern scheint sich am Schick-
lichsten den Wurfmäusen anzuschliefsen.
Diese Familie findet sich durch die Eichhörnchen in allen
VVelttheilen, mit Ausnahme Neuhollands, repräsentirt.
III. Myoxina. Schläfer.
Pedes anteriores digitis 4 et Verruca hallucari, posteriores
5-dactyli, cauda elongata villosa; dentes molares ^, ossa fron-
talia valde coarctata, processu postorbitali privata; intestinum
coecum nuUum.
Die Schläfer werden gewöhnlich mit den Eichhörnchen
zusammengestellt, wozu auch die Aehnlichkeit der Gestalt und
des Aufenthaltes leicht verleiten kann; sie zeigen jedoch in
mehreren Stücken so bedeutende Abweichungen von den letz-
teren, dafs man sie als eigene Familie anerkennen mufs, wie
es auch schon von Waterhouse geschehen ist.
Der Schädel differirt von dem der Hörnchen auffallend
dadurch, dafs die Stirnbeine wie bei den Mäusen in der Au-
gengegend stark verschmälert sind, inul die hinteren Orbital-
fortsätze ihnen ganz abgehen; dafs das untere Augenhöhlenloch
viel gröfser und daher der Jochfortsatz des Oberkieferbeins
deutlich in zwei Wurzeln geschieden ist; dafs ferner das
Zwischenscheitelbein so sehr nach der Quere sich ausdehnt,
dafs es mit seinen Spitzen noch die Schläfenbeine berührt,
während es bei den Hörnchen nicht über den Bereich der
Scheitelbeine hinausgreift. Auch sind die Paukenknochen der
Schläfer grÖfser, die vorderen Gaumenlöclier länger, die Aeste
des Unterkiefers weiter auseinander gesperrt.
Dem Gebifs fehlt der vorderste Lückenzahn des Oberkie-
fers, der bei den Hörnchen durchgängig, wenigstens in der
Jugend, vorhanden ist. Von einer sehr einfachen Structur
gehen die Backenzähne allraälig in eine vielblätterige über,
wornach ich die einzige Gattung, aus der die Familie besteht,
119
in die vier Uotergattungen : Graphiurus, Eliomys, Glis und
Muscardinus geschieden habe.*)
Der Darmcanal zeichnet sich vor dem aller anderen Nager
in einer frappanten "Weise dadurch aus, dafs der Blinddarm,
der sonst in so ansehnlicher Entwickelung in dieser Ordnung
auftritt, gänzlich fehlt. Dies Merkmal allein würde geniigen
zur Rechtfertigung der Errichtung einer besonderen Familie
für die Schläfer.
Ihre geographische Verbreitung beschränkt sich auf die
alte Welt.
IV. Macropoda. Springer.
Artus distincte saltatorii, anteriores brevissimi, posteriores
longissinii; cauda longa pilosa; foramen infraorbitale magnum.
Hierher 4 Gattungen, die sich in 2 Sippen abtheilen.
a) Dentes molares irregulariter incisi.
Dipus.
Scirtetes milii QAlactaga Fr, Cuv.)
Jaculus IVagl. (^Meriones Fr. Cuv.)
b) Dentes molares ab uno latere partiti.
Pedetes.
Man stellt gewöhnlich die Rennmäuse {Gerhillus) unmit-
telbar neben die Springer, ja Pallas, Schreber und Des-
märest haben sogar einige von jenen unter diese eingereiht,
was beides nicht gebilligt werden kann. Die Renumäuse sind
in all ihren osteologischen Verhältnissen ächte Mäuse und
dadurch von den Springern weit verschieden. Obgleich bei
den Rennmäus.en der Mittelfufs etwas länger als bei den an-
deren Mäusen ist, so ist er doch weder ungewöhnlich lang,
noch tritt hiermit eine Verkürzung der vorderen Gliedmafsen
ein, was beides in so extremer Weise bei den Springern der
Fall ist, in welcher Beziehung in der ganzen Classe der Säug-
thiere nur unter den Beutelthieren noch ein Beispiel gefunden
wird. In gleicherweise ist es nicht zu billigen, wennWieg-
manu die Springhasen den Hasenmäusen zuzählt, da diesen,
'*) Vergl. meine Beschreibung neuer Nager in den Abh. der Münch.
mathem. physik. Classe. Bd. 111.
120
wie den Rennniäusen , die Verkürzung der vorderen Extremi-
täten abgeht.
Waterhouse hat unter seine Gerhoiden nur die erste
Sippe aufgenommen; über die Stellung des Springhasen blieb
er im l^ngewissen. Dieser ist aber unbedenklich den Springern
zuzuzählen, da er nicht blos hinsichtlich des äufseren Habitus,
der Lebensweise und selbst der Färbung, sondern namentlich
auch in der Beschaffenheit des Knochengerüstes ihnen am
nächsten steht. Zwar sind die Mittelfufsknochen des Spring-
hasen nicht in einen einzigen zusammen geschmolzen, indefs
ist dies auch nicht bei allen Springmäusen der Fall, indem die
fünfzehigen Arten, aus welchen ¥r. Cuvier die Gattung
Alactaga*^ errichtete, für die beiden äufsersten Zehen ge-
sonderte Mittelfufsknochen aufzuweisen haben, wodurch der
Uebergang zu den Springhasen, bei denen jede Zehe ihrem
besonderen Mittelfufsknochen ansitzt, vermittelt ist. Der Schä-
del kommt mit dem der Springmäuse in der grofsen Entwicke-
lung der den Gehörapparat einschliefsenden Knochenhöhlung,
und in der enormen Weite des Augenhöhlenloches, so wie in
der Zusammensetzung der über die Oeffnung gespannten Kno-
chenbrücke überein, an welcher auch das Thränenbein einen
erheblichen Antlieii nimmt.
Die Ileimath dieser Familie erstreckt sich über Asien und
einen kleinen Theil des europäischen Rufslands, ferner über
Afrika und das nördliche Amerika, und als eine merkwürdig©
Erscheinung kommt auf Neuholland eijie Springmaus vor.
V. Chinchillinn. Hasen mause.
Auriculae magnae; sc^lides antipedibus subduplo longiores;
eauda producta, supra et ad apicem longius setosa; vellus
moUe; dentes molares f e laminis 2 — 3 parallelis corapositi.
*) Statt des barbarischen Namens habe ich Scirtetes gewählt. —
Hinsichtlich der Benennung der amerikanischen Springmäuse erinnere
ich, dafs ihnen der Name Mer/oneJ, den Fr. Cuvier auf sie überträgt^
nicht beigelegt werden sollte, indem ihn llliger an Nager der alten
Welt vergeben hat-, ich bediene mich daher des von Wagler vor-
geschlagenen Namens Jacuhis,
121
Nur 3 Gattungen machen diese Familie aus:
Eriomys {Chinchilla).
Lagidium {Lagotis).
Lagoslomus.
Wiegmann und Bennett haben diese kleine Familie
im Systeme aufgestellt, doch darf ihr nicht, wie schon erwähnt,
der Springhase beigezählt werden, obwohl sie sich an ihn durch
ihre langen Hinterbeine, grofsen Augenlöcher, Zahl und Form
der Backenzähne, so wie durch die an den Kinterfiifsen gerin-
gere Zehenzahl anschliefsen.
Die Ilasenmäuse gehören blos Südamerika an.
VI. Psammoryctina. Schrotmäuse.
Habitus murinus, artus proportionales, auriculae mediocres
(rarius magnae); foramen infraorbitale magnum, mandibulae
angulus in cuspidem elongatam excurrens, dentes molares ^.
ci) Habrocoma. ß) Capromys.
Octadon. Aulacodus.
Psammojyctes. Loncheres.
(Nelomys und Echiomys).
Cercomys.
Daclylomys.
Petromys.
Waterhouse hat aus Hahrocoma, Octodon und Psam-
morjctes, wozu er noch Ctenomys stellte, eine besondere
Familie, Octodontidae, errichtet, was ich nicht für nothwendig
und die Zuziehung von Ctenomys sogar für verfehlt halte,
indem letztere Gattung nach Fufsbildung, der.Wrudimentären
Beschaffenheit des Ohrs und dem kurzen Schwänze zu den
Wurfmäusen gehört. Die Sippe ß hat Waterhouse zusam-
mengestellt mit Myopotamus, Bathyergus, Ovycterus, Dasy-
procta und Coelogenys ,' Gattungen, die ich in andere Familien
verweise.
Durch die Gattung ifö&rocoma schliefsen sich die Schrot-
mäuse an die Hasenmäuse, durch Capromys an die Cavien,
durch Loncheres und Cercomys an die Ratten an, von welch
letzteren sie sich durch Zahl nnd Form der Backenzähne,
ganz andere Schädelform, namentlich durch die beträchtliche
122
Weite des unteren Augenhöhlenloches und eine Unterkiefer-
form wie sie Wate rhouse von seinen Hystj-icinis angegeben
hat, erheblich unterscheiden.
Die Schrotmäuse haben keine grofse Verbreitung und ge-
hören hauptsächlich Südamerika an.
Vll. Cunicularia. Wurfmäuse.
Corpus crassura, cylindraceum, caput obtusum, oculi minuti
aut tecti, auriculae et cauda nullae aut parvae, artus anteriores
posterioribus robustiores, pedes 5-dactyli, dentes primores
exserti, lati, truncati.
Sobald man nicht nach Einzelnheiten characterisirt, wie
dies Water house nach der Uuterkieferform gethan und hier-
durch diese Familie ganz verkannt hat, sondern die Gesammt-
heit der Formen ins Auge faf^t, so wird man gerne zugeben,
dafs die Familie der Wurfmäuse eine der hervorstechendsten
unter den Nagern ist. Schon Pallas und Schreber haben dies
richtig erkannt und die hierher gehörigen Thiere als Mures
suhterranei in einen Haufen zusammengestellt. Ein Gleiches
ist von Brants und Wiegmann geschehen, doch darf man
nicht, wie es Letzterer gethan hat, den Saccomys mit aufneh-
men,'der im Habitus wohl mit den eigentlichen Mäusen, aber
gar nicht mit den Wurfmäusen übereinstimmt.
Wie die Maulwürfe unter den Insectenfressern die plum-
pesten Formen darstellen, so ist dies mit ihren Repräsentanten
nnter den Nagern, den Wurfmäusen, derselbe Fall; auch kom-
men beide Gruppen in der wühlenden unterirdischen Lebens-
weise mit einander überein. So grofs die Uebereinstimmung
im äufseren Körperbau ist, so mannigfaltig sind dagegen die
Formen des Schädels und die Zahl und Beschaffenheit der
Backenzähne, nur die Schneidezähne sind bei allen von glei-
cher Form.
Wiegmann hat diese Familie in 2 Abtheilungen gebracht,
die beibehalten werden müssen. In der ersten, zu der er
Sp(dax, Georhychiis*^ unA Saccomys zählt, haben die Zehen
*) Georhychus und Bathyergus in der Bedeutimg genommen, wie
sie Wiegmann fixirt hat. Rüppel's Bathyergm splendens gehört
keiner dieser beiden Gattungen an, sondern ist ein ächter Rhizomi/s.
123
der Vorderfiifse nur kurze Nägel, in der zweiten, der er
uispalax, Bathjergifs und Ascomys zutheilt, sind sie mit
lan"-en, starken Sichelkrallen bewaffnet. Ich zähle folgende
Gattungen hierher:
a) Ungues anteriores ß) Ungues ant. lon-
breves. gissimi.
Ommatostergus. Siphneus.
Spalax. Ascomys.
Chtonoergus. Thomomys.
Rhizomys. Geomys.
Georhychus. Bathyergus.
Ctenomys. Haplodoii.*)
Die Wurfiiiäuse sind vom südöstlichen Europa an über
Asien, Afrika und Amerika verbreitet,
VIII, Murina. Mäuse.
Oculi distincti, auriculae et cauda plus minusve exsertae,
artus posteriores anterioribus longiores, pedes anteriores digitis
4 et Verruca hallucari, posteriores 5-dactyli, cauda nuda aut
minus pilosa; foranien infraoibitale longitudinale, supra dilata-
tum, infra angustatum; mandibulae angulus rotundatus, dentes
primores inferiores acumiuati.
Die Familie der Mäuse ist wie an Gattungen, so auch
an Arten und Individuen die zahlreichste aus der ganzen Ord-
nung. Gleichwohl sind die Differenzen im äufseren Habitus
meist wenig erheblich, daher zur sicheren Unterscheidung der
Gattungen das Gebifs, in welchem eine desto gröfsere Mannig-
faltigkeit obwaltet, immer zur Hilfe gezogen werden mufs.
Als Familie characterisiren sich die Mäuse am Schärfsten
durch die Beschaffenheit ihres Schädels und Gebisses. Der
Schädel ist in die Länge gestreckt, was besonders auch von
den Stirnbeinen gilt, die in der Augenhöhlengegend immer
verschmälert sind, und denen hintere ürbitalfortsätze, wie sie
bei den Hörnchen vorkommen, ganz abgehen.**) Von einer
*) Den von Richardson gegebenen Namen Aplodontia hat
Wag] er sprachrichtiger in Haplodon umgewandelt.
**) Selys de Longchamps {Micromammal. p. 120) spricht
124
eigeiitluimlichen Form ist das untere Augenhöhlenloch und
hierdurch diese Familie am meisten von den anderen unter-
schieden. Der Jochfortsatz des Oberkiefers entspringt, wie
gewöhnlich, mit zwei Aesten; der obere ist kurz und wendet
sich aus- uncV etwas abwärts, der untere Ast stellt eine breite
vorwärts vorspringende Platte dar, die senkrecht in die Höhe
steigt und vom unteren Augenhöhlenloch nur einen schmalen
verticalen Schlitz frei läfst, dessen Verengung dadurch herbei-
geführt wird, dafs das Oberkieferbein der erwähnten Platte
gegenüber eine blasig aufgetriebene Tasche bildet, die in die
Nasenhöhle führt und zu der vom Augenhöhlenloch aus ein
freier Zutritt stattfindet. Erst oberhalb jener Tasche kann
das Augenhöhlenloch sich ausbreiten, ohne jedoch auch hier
eine sonderliche Weite zu erlangen.
Von der eben beschriebenen Form habe ich das untere
Augenhöhlenloch bei Mus, Cricetus, Meiiones, Euryoüs,
Fsammomys, Rhomhomys, Mystromys und Sminthus ge-
funden; Waterhouse fügt noch Reithrodon, Siginodo/i,
Neotoma und Ilapalotis bei. Von Cricetus auratus bemerkt
er, dafs die Platte ausnahmsweise nicht so weit vorspringe,
um die untere Oeffnung, welche in die Nasenhöhle führt, zu
bedecken. Von Hydromys chrysogaster giebt er an, dafs
die Knochenbrücke über das Augenhöhlenloch, welches gröfser
als genöhnlich ist, noch schmäler sei. Auch bei Dendromys
finde ich, dafs die Platte nicht so weit vorreicht als bei ande-
ren Mäusen, was bei den ArvicoHden ohnedies Regel ist.
Der Jochbogen ist schwach und gewinnt nur bei den
Arvicoliden eine etwas merklichere Stärke; das Jochbein selbst
ist blofs ein schwaches Stäbchen.
Am Unterkiefer ist der absteigende Ast flach, der Winkel
abgerundet, der Kronfortsatz deutlich entwickelt.
Das Gebifs unterscheidet sich von dem der Wurfmäuse
schon gleich durch die schmale Form der unteren Schneide-
zähne, die an ihrem Rande nicht geradlinig abgeschnitten sind,
sondern in eine verschmälerte und abgerundete Spitze aus-
zwar bei den Wasserratten von einer apophyse surorbitaire du fron-
tal, dieser Fortsatz gehört jedoch nicht dem Stirnbein an, wie er
irriger Weise meint, sondern dem Schläfenbeine.
125
laufen. Die Normal^alil der Backenzähne ist |, die als imge-
meine Seltenheit auf 4 sicli steigert und nur in einem Falle
auf 2 herunter sinkt.
Die Gattungen gruppire ich nacl» folgenden» Schema.*)
a) Molares |.
Hydromys.
b) Molares f.
ß) M. plani, op-
posite incisi.
Mystromys.
Ithomhomys.
Psajnmomys.
Meriones.
ii) M. t u b e r
culati.
Mus.
Cricetus.
Dendromys.
^kodon.
Hapalotis.
Pseudomys.
Euryotis.
y) M. alternatim
incisi.
Sigmodon.
Neotoma.
Elimodon.
Reithrodo7i.
Ctenodactylus
^^
c) Molares 3.
Sminthus.
d) Molares f.
Myodes.
liypiidaeus.
Fiber.
a) M. tuberculati.
/5) M. plani, incisi.
Saccomys.
Die Mäuse bilden eine Familie, welche über die ganze
Erde, selbst über Neuholland, verbreitet ist.
Perognathus.
IX. Casforina. Biber.
Corpus robustum, magnura, pedes 5-dactyli, posteriores
palmati; dentes primores validi, cestiformes, molares ^ com-
plicati, latere altero triplicati, altero uniplicati.
*) Mystromys und Rhombomys sind von mir errichtete Gattun-
gen, die ich im Anhange beschreiben werde. An Reithrodon werden
sich wohl die von Waterhouse errichteten Gattungen: Scaptero*
mys, O.Tymycterus , Uahrothrix und Calomys anschliefsen , deren ge-
nauere Beschreibung noch zu erwarten ist. Auch von Saccomys mufs
der Schädelbau besser bekannt werden, was gleichfalls für Jkodon,
Hapalotis und Pseudomys gilt.
126
Eiue Familie, die nur aus zwei Gattungen besteht:
Castor.
Myopotamus.
Illiger setzt seine Familie Palmipeda aus den Gattun-
gen Bydromys und Castor zusammen, von welchen die erstere,
aufser den eigentlichen Schwimmratten, auch noch den Schweif-
biber {Myopotamus^ bei ihm begreift. Wiegraann geht in
der Zusammenstellung noch weiter, indem er auch die Zibeth-
ratte hinzufügt. Es kann jedoch nicht gut geheifsen werden,
wenn Schwimmratten {Ilydromys) und Zibethratten mit den
Bibern verbunden werden, indem jene zwar ebenfalls Schwimm-
häute besitzen, aber im Schädel- und Zahnbau gänzlich von
ihnen abweichen. Ein Gleiches gilt für die Zibethratte, die
überdies nicht einmal Schwimmhäute besitzt und von den Ar-
vicoliden nicht getrennt werden kann.
Waterhouse erkennt diese Familie gar nicht an, sondern
stellt Castor mit den Arvicoliden, und Myopotamus mit den
Schrotratten (zwischen Capromys und Echimys^ zusammen.
Diese Ansicht läfst sich allerdings, wenigstens in Bezug auf
den Schweif biber, eher rechtfertigen, gleichwohl halte ich es
für natürlicher, beide Gattungen zu verbinden und von den
übrigen Familien abzusondern. Was die Verbindung des Bibers
mit den Arvicoliden anbelangt, so ist es nicht zu läugnen,
dafs in der Form des Unterkiefers und in den allgemeinen
Umrissen des Schädels eine gewisse Aehnlichkeit besteht; ver-
gleicht man aber die einzelnen Theile mit einander, so findet
man in der Form des Jochbeins, der Stirnbeine, Scheitelbeine,
des Zwischenscheitelbeins, der Schläfenbeine, des unteren Au-
genhöhlenlochs solche markirte Differenzen, wie sie in der
Familie der Mäuse nicht getroffen werden. Nimmt man nun
noch die auffallenden Abweichungen in der Bildung der Glied-
mafsen und der Schwanzwirbelreihe, ferner den ganz verschie-
denen Bau der Schneide- und Backenzähne hinzu, so würde
man in die merkwürdige Uebereinstimmung, welche die osteo-
logischen Verhältnisse der Mause darbieten, eine auffallende
Störung hineinbringen, falls man den Biber ihnen aufdringen
wollte.
So leicht sich demnach die Absonderung des Bibers von
den Mäusen als eine Nothwendigkeit nachweisen läfst, so fragt
127
es sich dagegen immer noch, ob seine Zusammenstellung mit
dem Schweifbiber zu rechtfertigen ist. Wollte man blofs die
Schädel beider Thiere berücksichtigen, so wäre allerdings an
keine Vereinigung zu denken, denn so wie sich der Schädel
von Castor an den der Lemminge anschliefst, so der von
Myopotamiis an die Lanzenratten. Beachtet man dagegen
die üebereinstimmung im äufseren Habitus, die Bildung der
Hinterfiifse, hauptsächlich aber die überraschende Aehnlichkeit
im Zahnsysteme, so wird sich die Zusammenstellung von Ca-
stor und Myopotamiis wohl rechtfertigen lassen. Wollte
man aber auch zugeben, dafs letzterer, wie es Cuvier getlian
hat, als gesonderte Gruppe hingestellt, oder, nach Water-
house's Vorgang, mit den Schrotratten vereinigt würde, auf
keinen Fall dürfte der Biber zu den Mäusen gezogen werden,
sondern müfste nöthigen Falls für sich allein eine eigene Fa-
milie constituiren.
Die Heimath des Bibers sind die nördlichen und gemäfsig-
ten Gegenden der alten undifieuen Welt, während der Schweif-
biber der südlichen Hälfte Südamerika's angehört.
X, Hystricina. Stachelschweine.
Corpus aculeis teretibus validis, setis intermixtis vestitum;
foramen infraorbitale maximum ; claviculae incompletae; dentes
molares ^ compücati.
Nach Cuvier's und Brandt's Vorgang stelle ich die
Stachelschweine, welclie Linne und Sclireber unter der
einzigen Gattung Ilystrix begriffen, in eine eigene Familie
zusammen, welche in mehrere Gattungen nach folgendem Schema
zerfällt:
o) Philogaea. ß) Philodendra.
Ilystrix. Erethizon.
Atherura. Cercolah'es.
(jSynetheres und Sphigguj'us).
Illigerund Wiegmann gesellen den Stachelschweinen
noch die Lanzenratten (Juoncheres') zu. Diese Zusammenstel-
lung ist insofern begründet, als in der Form des Unterkiefers,
der Weite des Angenhöhlenlochs, der Zahl und Form der
Backenzähne eine wirkliche Verwandtschaft sich zu erkennen
128
giebt. Dagegen findet schon in der Stachelbekleidung, die bei
den Stachelschweinen aus drehrunden, hornigen Stacheln, bei
den Lanzenratten dagegen aus platten hohlkehligen Borsten
besteht, ferner in der Form des Schädels, namentlich der
Stirnbeine, in dem Bau der Gliedmafsen, in der unvollständigen
Beschaffenheit der Schlüsselbeine bei den ersteren und in der
ganz abweichenden Form des Schwanzes eine so entschiedene
Differenz statt, dafs eine Vereinigung der Stachelschweine und
Lanzenratten nicht gebilligt werden kann.
Vom südlichen Europa an ist diese Familie über Asien,
Afrika und Amerika verbreitet.
XI. Suhungulata. Hufpfötler.
Corpus pilis tectum, cauda brevissima aut nulla, ungues
subungulaeformes ; foramen infraorbitale permagnum, claviculae
incompletae, dentes molares ^.
W'aterhouse ist der einzige Zoolog, welcher diese Fa-
milie aus einander rifs, indem fr die beiden Gattungen mit
schmelzfaltigen Backenzähnen mit seiner Familie Bystricidae
in Verbindung brachte, mit welcher sie, so wie mit Myopo-
tamiis, in der Schädelform und der Beschaffenheit der Backen-
zähne viel Uebereinstimmung zeigt. Bei der Aehnlichkeit im
Habitus halte ich es indefs für naturgemäfser, die Familie in
ihrer alten Begrenzung zu lassen und sie in zwei Sippen Ab-
zutheilen.
a) Molares complicati. b) Molares compositi.
Basyprocta. Hydvochoerus.
Coebgenys. Cavia.
Kerodon.
Diese Familie ist auf Südamerika beschränkt.
Xn. Vuplicidentata. Doppelzähner.
Dentes primores superiores duplicati, foramen infraorbitale
parvum, foramina optica conjuncta, palatum osseum singulariter
coarctatum, claviculae partim incompletae, partim completae.
Nur zwei Gattungen sind es, die hierher gehören:
Lepus.
Lagostomus.
129
Die Familie der Doppelzäliner ist durch die eigentluim-
liclien Verhältnisse des Schädels und Gebisses von allen anderen
höchst verschieden. Schon der sonderbare Umstand, dafs im
Oberkiefer hinter den 2 Schneidezähnen, wie sie bei allen
Nagern vorkommen, noch ein Paar kleinere gefunden werden,
ist ohne weiteres Beispiel. Ein merkwürdiges Verhalten ist
es auch, dafs die Sehelöcher in ein einziges vereinigt sind,
was an die Vogelbildung erinnert. Ferner ist der Gaumen
blos eine schmale Brücke, vor welcher die grofsen vorderen
Gaumenlöcher eine weite Lücke verursachen, während hinter
der Brücke eine noch gröfsere Lücke übrig bleibt. Die Form
des Hüiterhauptes und die netzartige Durchbrechung der Seiten-
theile des Oberkiefers beim Hasen deutet auf die Wiederkäuer
hin. Der Unterkiefer zeichnet sich durch seine flache Form,
den ungemein erweiterten Winkeltheil und die horizontale
Kinnverbindung aus. Die Schlüsselbeine sind bei den Hasen
unvollständig, bei den Pfeifhasen vollständig. Der Blinddarm
ist bei dieser Familie am gröfsten und zugleich am complicir-
testen, hierdurch das volle Gegentheil von den Schläfern
darstellend.
Während die Pfeifhasen nur auf die nördlichen oder al-
pinen Gegenden Asiens und Nordamerikas beschränkt sind,
sind dagegen die Hasen, mit Ausnahme Neuhollands, über die
ganze Erde verbreitet.
iv n n a n g.
Beschreibung einiger neuer Gattungen und Arten
von Nagern.
1. Rhomhomys. Die Rautenmaus.
Dentes primores superiores sulcati; molarium laminae
obtuse rhomboideae, medio dilatatae; os interparietale trans-
versim coarctatum; habitus murinus, cauda longa crassiuscula,
dense et breviter pilosa, apice subfloccosa.
Die Rautenmäuse sind bisher von den Rennmäusen {Me-^
riones III., Gerhillus Fr. Cuv.) nicht geschieden worden,
Archiv f. NatuFgesci. VII. Jahrg. I. Band. 9
130
mit denen sie allerdings in den ävifseren Formen übereinkom-
men; indefs findet sich in der Beschaffenheit der Backenzähne,
und so weit mir die Schädel bekannt geworden, auch in der
Form des Zwischenscheitelbeins eine merkliche Diflferenz, die
man wohl benützen soll, um diese im Habitus und in der
Färbung so ähnlichen Thiere auf eine schärfere Weise als
bisher zu unterscheiden. Zur Durchführung der Trennung
sind mir indefs von mehreren Arten die Schädel nicht bekannt.
Mit Entschiedenheit gehört hierher die von mir als Meriones
rohustus*) beschriebene algierische Art, welche ich jetzt als
einen ächten Rhomloinys erkannt habe. Ferner ist dieser
Gattung eine neue Art beizuzählen, der ich den Namen Rhom-
homys pallidus gebe und die gleich nachher beschrieben
werden soll. Da sie sowohl mit Mus tamaridnus als meri-
dianus nahe verwandt ist, so könnten diese beiden Arten, die
mir übrigens aus Autopsie nicht bekannt sind, ebenfalls der
neuen Gattung einzureihen sein. Endlich wird noch der Di-
pus indicus sich ihr anschliefsen, wie sich dies wenigstens
aus Fr. Cuvier's Abbildung des sehr abgeführten Gebisses
vermuthen läfst.**)
Zur Gattung der Rautenmäuse — so weit sie mir bis
jetzt bekannt geworden ist — gehören rattengrofse , ziemlich
dickleibige Thiere, mit starkem, am Ende in eine dünne Quaste
geendigtem Schwänze. Die Oberlippe ist in der Mitte einge-
schnitten, aber nicht vollständig gespalten, gerade wie bei den
Rennmäusen.
Das Gebifs besteht aus i Schneidezähnen und -| : f Backen-
zähnen. Die Schneidezähne sind schmal, gefärbt, die oberen
der Länge nach von einer oder auch zwei Furchen ausgehöhlt.
Die Backenzähne bestehen aus 2—3 schmal gedrückten Rauten,
die an den Seitenwänden des Zahnes durch tiefe Längsein-
schnitte von einander geschieden sind, in der erweiterten
Mitte aber zusammenstofsen. Im Oberkiefer besteht der erste
*) In M. Wagner 's Algier III. S. 35.
**) Auch Fr. Cuvier's Gerbille indeterminee {Trmtsact. of the
xool. Soc. II. 2. p. 143 t.26. f. 1 — 4.) gehört entschieden zu Rhombo-
mys und mag sich wahrscheinlich auf Ehrenberg's Mus rußcau-
datus beziehen.
131
Backenzaliu aus drei Rauten, die ziemlich gleich grofs sind,
der zweite aus zwei, die den vorigen gleichen, der dritte ist
viel kleiner, doch zeigt bei Rhomhomys pallidus die FurCfhe
auf jeder Seite seine Zusammensetzung aus zwei Stücken an.
Im Unterkiefer besteht der erste Zahn ebenfalls aus drei, der
zweite aus zwei Rauten, der dritte viel kleinere Zahn nur aus
einer, die zugleich mehr gerundet ist.
Der Schädel unterscheidet sich von dem der Rennmäuse
schon gleich in der Form des Zwischeuscheitelbeins. Während
nämlich dieses bei Mcriones sehr in die Quere gedehnt ist,
so dafs der Querdurchmesser den Längendurchmesser weit über-
trifft, verkürzt sich dagegen bei Rhomhomys der erstere sehr,
während der letztere so zunimmt, dafs die beiden Durchmesser
einander fast gleichkommen, oder doch nur eine geringe Diffe-
renz darbieten. Der Unterkiefer kommt in seiner Form dein
von Arvicola noch näher, als es bei Mcriones der Fall ist.
Cretzschmar's Gattung Psammomys kommt im Habitus,
in der Schädel- und Zahnform mit Rhomhomys überein, so
dafs als einziger Unterscliied angeführt werden kann, dafs bei
jenem die Schneidezähne gefurcht, bei diesem ungefurcht sind.
a. Rhomhomys pallidus TVagn. Die blasse
Rautenmaus.
Rh. supra pallide flavidus, subtus albido-Iutescens, auricu-
lis parvis; cauda crassiuscula, supra isabellina, infra lutescente,
apice nigro-fasciculata; dentibus primoribus superioribus bicana-
liculatis.
Unter dem Namen Meriones tamaricinus fem. habe ich
vom Naturalienhändler Brandt einen Nager erhalten, der
durch Kürze der Ohren^ so wie durch die Färbung des Schwan-
zes von dem Pallasschen Mus tamaricinus entschieden ab-
weicht. Die Farbe der Oberseite ist sehr licht fahlgelb mit
schwachem röthlichem Anflug und durch viele schwarze Haar-
spitzen und ganz schwarze Haare fein schwarz gestrichelt;
die Seiten und Füfse sind licht ockergelb, die Unterseite gelb-
lich weifs, die Krallen schwarzbraun. Wie bei allen Arten
ist immer die untere Hälfte der Haare schieferfarben. Der
Schwanz ist ziemlich stark, dicht behaart, am Ende mit schwa-
9*
132
eher Quaste, auf der Oberseite röthlichfalb, längs der Mitte
mit kurzen schwarzen Haarspitzen und einzelnen längeren
schwarzen Haaren, auf der Unterseite einförmig ockergelb, der
Endpinsel auf der Oberseite meist aus schwarzen Haaren
gebildet. Ringe, wie sie am Sehwanze von M. tawa ricinus
angegeben sind, fehlen gänzlich. Als ein sehr bezeichnendes
Merkmal ist noch das hervor zu heben, dafs die oberen
Schneidezähne von zwei Längsfurchen durchzogen sind.
Körper 5" 6'"
Schwanz ohne Haare .... 5 1
Ueberragendes Haar .-...06
Ohrlänge 0 6
Hinterfufs bis zur Krallenspitze 1 5
Als Heimath ist das südöstliche Rufsland angegeben,
auch wurde mir mein Exemplar mit anderen dort vorkonimen-
den geschickt; die Selbstständigkeit ist freilich durch weitere
Untersuchungen aufser Zweifel zu setzen.
2. My Strom ys. Die Löffelmaus.
Dentes primores laeves haud sulcati, molarium lamellae
(2 — 3) medio anfractae, parte altera paululum post alteram
posita; auriculae pilosae amplae, cauda breviter et densepilosa,
mediocris, apicem versus attenuata.
Aus einem schönen, mit dem vollständigen Schädel ver-
sehenen Exemplare einer südafrikanischen Maus errichte ich
die neue Gattung Mystromys, welche ein Mittelglied zwischen
Meriones und Hypudaeus bildet, mit letzterer Gattung im
Habitus, mit ersterer mehr im Zahnbau übereinkommend. Die
Gestalt ist mausartig mit ziemlich grofsem Kopfe; die Ohren
sind besonders grofs und breit, im Umfange gerundet, auf der
unteren Hälfte der Rückseite lang und buschig behaart, auf
der oberen mit kürzeren angedrückten Haaren, was auch vom
Aufsenrande der Innenseite gilt, die im Uebrigen ziemlich
kahl ist. Die Schnurren sind von Kopflänge; die Oberlippe
in der Mitte ausgeschnitten, aber nicht vollständig gespalten.
Die Füfse verhalten sich wie die der Mäuse; der Schwanz
ist mittellang, dicht mit kurzen Haaren besetzt, und läuft in
eine stumpfe Spitze aus, ohne dafs an selbiger die Haare
länger würden. Die Behaarung ist reichlich, lang und weich.
133
DasGebifs ist eine Modification von dem der Rennmäuse.
Die Schneidezähne liaben die Form von diesen, doch geht
ihnen die Längsfurche ganz ab. Backenzähne sind | vorhan-
den, wovon der vorderste aus 3, der mittlere aus 2, der hin-
tere nur aus einer Lamelle besteht, an welcher sich hinten
noch ein kleineres Stiimpfchen anlegt, so dafs dadurch eine
Art Kleeblatt entsteht. In dieser Beziehung kommt die Löfifel-
niaus mit den Rennmäusen iiberein, unterscheidet sich aber
sehr wesentlich gleich dadurch, dafs die Lamellen der Backen-
zähne nicht nur schmäler als bei diesen, sondern auch in der
Mitte gebrochen und die Hälften etwas hintereinander gescho-
ben sind; die vorderste Lamelle des ersten Zahns ist jedoch
wie bei den Rautenmäusen einfach und nicht gröfser als eine
der gebrochenen Hälften. Hinsichtlich der gebrochenen Be-
.schaffenheit der Zähne besteht einige Aehnlichkeit mit den
Feldmäusen, aber bei diesen ist niclit blos die Zahl der Seiten-
stücke weit gröfser, sondern sie stellen auch dreiseitige Prismen
vor, während sie bei der Löflfelmaus abgerundet und etwas
gewunden sind.
Der Schädel ist wie der der Rennmäuse geformt, mit
dem Unterschiede, dafs die Paukenknochen kleiner, mehr denen
der Feldmäuse ähnlich sind, weshalb auch der Zwischenraum
zwischen ilmen und dem hintersten Backenzahn gröfser ist
und die Gaumenfliigel des Keilbeins viel ansehnlicher sich
ausbreiten können.
a. M. albipes Wagn. Die weifsfüfsige Löffelmaus.
M. subbruneo-griseus, nigro-irroratus, subtus griseo-albidus,
pedibus albls, cauda supra fusca, infra albida.
Die ganze Oberseite ist licht bräunlichgrau mit Schwarz
melirt; die ganze Unterseite graulich weifs. Alle Haare sind
in ihrer unteren Hälfte schieferschwarz, auf der Oberseite in
ihrer oberen Hälfte licht bräunlichgrau und meistentheils mit
schwarzen Spitzen, auf der Unterseite ist die Endhälfte der
Haare weifslich. Die Fiifse unterscheiden sich von dem übri-
gem Theile der Gliedmaafsen durch ihre schnell abgesetzte
kurze Behaarung, so wie durch den lichtgelblichen Anflug der
weifsen Haare. Der Schwanz zeigt oben die Farbe des Rückens,
unten ist er weifslich. Die Behaarung der Ohren ist aufsen
134
von Rückenfarbe , innen nach unten braun, nach oben grau-
weifslich. Von den Schnurren sind die vorderen meist vveifs,
die hinteren schwarz.
Körper, in gerader Linie . . 4" 11'"
Körper, nach der Krümmung 5 3
Schwanz 2 4
Ohrlänge 0 9^
Ohrbreite 0 7
Hinterfufs mit Kralle ... 0 11^
Die Heimath ist Südafrika, woher die Sammlung durch
den Naturalienhändler Drege ein Exemplar erhielt.
3. Euryotis pallida TVagn. Die falbe Ohrenniaus.
E. supra flava, nigro-intermixta, lateribus subtusque e lu-
tescente albida; auriculis mediocribus; cauda supra nigra, basi
flavida, subtus lutescente; dentibus primoribus superioribus
bisulcatis, inferioribus unicanaliculatis.
Von dieser Art, die schon durch die eigene Furchung
der Vorderzähne von den anderen sich unterscheidet, hat die
Sammlung zwei Exemplare erhalten: ein ausgewachsenes und
ein jüngeres. Die Ohren sind hier nicht so grofs als bei uni-
sulcata. Die oberen Vorderzähne haben zwei Längsfurchen:
eine stärkere am Aufsenrande und eine feinere am inneren;
die unteren Schneidezähne haben ebenfalls der Länge nach
eine flache Auskehlung. Von den oberen Backenzähnen hat
der vordere 3, der mittlere 2 und der hintere 4 Lamellen;
von den unteren hat der vordere 3 nebst einem Ring, der
mittlere und hintere jeder 2 Laraellen. Die Farbe der Ober-
seite ist falb mit Schwarz gesprenkelt, indem hier die in der
"Wurzelhälfte schieferschwarzen Haare an der äufseren Hälfte
falb sind, häufig mit schwarzen Spitzen oder ganz schwarzen
Haaren untermengt. Die Hals- und Leibesseiten sind lichtgelb,
mit geringer schwarzer Sprenkelung, die Unterseite ist noch
lichter, die Füfse hellgelblich, die Ohren fahlgelblich behaart.
Der Sch^vanz ist auf der Unterseite lichtgelblich, auf der obe-
ren anfangs blafsfalb, dann braunschwarz mit schwarzer Spitze.
— Die Länge des gröfseren Exemplars ist in gerader Linie \
5" i)'", nach der Krümmung 6" 1'", des Schwanzes, dem die
135
Spitze fehlt, 2" 7"'; am kleineren niifst der Körper nach der
Krümmung 5" 3'", der Schwanz 2" 6'". — Die Heimath ist
Südafrika, von woher uns durch Drege zwei Exemplare zukamen.
4. Dendromys pumilio TVagn. Die falbe Baummaus.
D. fulvus, subtus alb«s.
Die Gattung Dendromys ist durch die Beschaffenheit ihrer
Fiifse und ihres Gebisses von Mus hinlänglich verschieden, so
dafs iiire generische Absonderung vollkommen gerechtfertigt
ist. Bisher kannte man nur die eine Art, welche Smith unter
dem Namen Dendromys typus bekannt gemacht hat, die
aber schon früher von Brants als Mus mesomelas publicirt
worden war. Eine zweite Art der Baummäuse stelle ich nach
einem Exemplare auf, das die hiesige Sammlung von Drege
acquirirte. Von Dendromys mesomelas imterscheidet sich
die neue Art durch viel geringere Gröfse und den Mangel
der schwarzen Rückenlinie, so wie durch die röthliche Bei-
mischung am Unterleib. Die Farbe des erwähnten Exemplars
ist auf der Oberseite lebhaft rostfalb, auf der Unterseite und
Oberlippe weifs. Die Ohren sind aufsen und innen spärlich
mit rostfarbigen, die Fiifse und Zehen mit weifslichen Härchen
dünne besetzt; die Schnurren sind schwärzlich, einige mit
lichten Spitzen. Die einzelnen Haare der Oberseite sind in
ihrer unteren Hälfte schieferschwarz ; auch sind ihnen viele
ganz schwärzliche Haare eingemengt. Die Härchen des Schwan-
zes sind lichtgräulich; die Krallen weifslich, an der Wurzel
mit rothbraunem Fleck.
Körper in gerader Linie 2" 8'", Körper nach der Krüm-
mung 2" 11'", Schwauz 3" 8'", Ohr 0" 5"', Vorderfufs mit
Kralle 0" 4V", Hinterfufs 0" 8'".
Die Heimath dieser neuen Art ist, gleich der schon seit
einiger Zeit bekannten, die Südspitze von Afrika.
5. Pteromys aurantiacus Wagn. Das falbrückige
Flatterhörnchen.
Pt. supra aurantio-fulvus, subtus albidus, sparsim ochraceo-
lavatus; patagio prope carpum in angulum acuminatum excur-
rente, cauda plana disticha, castanea.
136
Es wundert mich, dafs diese durch ihre Färbung höchst
ausgezeichnete Art, von der icli aus der Würzburger Sammlung
ein Exemplar zur Ansicht erhalten habe, von den holländischen
Naturforschern, die auf den sundaischen Inseln für das Museum
in Leyden sammelten, nicht aufgefunden worden ist. In der
Form des Kopfes, der Ohren, der Flughaut und des Schwan-
zes kommt sie ganz mit Horsfield's Pt. lepidus überein,
ist aber gröfser. Die Bartborsten sind wie bei letzterem, an
den Wangen oder vor den Ohren sind aber gar keine vor-
handen, was auch gleich von Pt. genihat'his unterscheidet.
Die Farbe der Oberseite des Kopfes, Halses und Rumpfes ist
ein lebhaftes Orangeroth, das hie und da etwas schwarz ge-
scheckt ist, indem die untere Hälfte der Haare Schieferfarben
ist, was gegen die Mitte ins Schwarze übergeht. Auf den
Armen, Schenkeln und der dem Leibe zunächst liegenden
Hälfte der Flughaut fallen die Haarspitzen mehr ins licht Fahl-
gelbe; die äufsere Hälfte der Flughaut ist mit einfarbig dunkel-
braunen Haaren besetzt. Die ganze Unterseite ist weifs, an
den Wangen, Seiten und beiderseits neben den Schenkeln mit
ockerfarbigem Auflug. Die äufsere Hälfte der Flughaut ist
auch auf der unteren Seite braun; il\r Rand weifs, in ähnlichem
Verhältnifs wie bei Pt. lepidus. Der Schwanz ist rostig- ka-
stanienbraun; an der Wurzel zu beiden Seiten orangegelb ein-
gefafst. Die Farbe der Ohren, Zehen, Sohlen und Krallen wie
bei Pt. lepidus.
Körper. . 5" 10"'
Schwanz*) 4 3
Ohr ... 0 5
Flugweite .53
Die Heimath ist die Insel Banka.
6. L. mediterraneus IVagn. Der mittelmeerische
Hase.
L. timido multo minor, auriculis capite longioribus, medio
nudiusculis, apice nii^ris; nucha artubusque ochraceo-rufescen-
tibus, cauda supra nigra, infra alba, Stria alba post oculos.
») Der Schwanz ist am Ende etwas verstofsen.
137
Der Hase. Cettis Sardinien.
Lepits timidus? Küster, Isis. 1835. S.SO.'
Der Hase von Sardinien, von welchem ich mehrere Exem-
plare bei C. Küster sah, auch eines für das hiesige Musetnn
acquirirte, weicht von dem gemeinen Hasen in der Gröfse,
Behaarung der Ohren und selbst zum Theil in der Färbung
so auflFallend ab, dafs er nicht blos als eine Abänderung, son-
dern als eine eigene Art angesehen werden nuifs, wenigstens
mit demselben Rechte als dies für den kapischen der Fall ist.
An Gröfse steht der sardinische Hase dem unsrigen um mehr
als \ nach; seine Ohren sind zwar ebenfalls länger als der
Kopf, sind es aber in noch etwas höherem Grade als bei
diesem; die Gliedmafsen sind schmächtiger; der Schwanz hat
ohngefähr dieselbe relative Länge; die Hinterläufe ebenfalls.
Während die Ohren bei unserem Hasen innen und zumal aufsen
dicht behaart sind, sind sie bei dem sardinischen längs der
Mitte, zumal der Innenseite, nackt und nur spärlich mit kurzen
Härchen überflogen, welche die Haut nicht verdecken können;
nur die Ränder und die umgeschlagene Vorderfläche ist dicht
behaart. Die Rückenfläche der Ohren hat bei unserem Hasen
gegen aiifsen hin einen grofsen weifsen Längsfleck, der oben
bis zur Ohrspitze durch einen langen und breiten schwarzen
Fleck ersetzt wird; bei dem sardischen Hasen ist die Rücken-
fläche des Ohrs blos weifslich angeflogen und die schwarze
Ohrspitze zieht sich am Aufsenrande zwar eben so tief als
bei dem gemeinen herab, doch nur als ein schmaler Saum,
der weiter hinab durch einen weifsen ersetzt wird. Der Hin-
terkopf und Oberhals ist einförmig roströtlilich, ohne einge-
mengte dunklere Haare. Diese röthlirhe Fiirbung contrastirt
sehr mit der übrigen Färbung der Oberseite, die weit weniger
Röthlich, aber desto mehr Schwarz als bei unserem Hasen
aufzuweisen hat, indem die schwarzen Ringe der Haare breiter,
die lichten schmaler und blasser sind, so dafs der Vorderkopf
von der Nase an und der Rücken eine schwarz und fahlgelb-
lich melirte Farbe haben, wobei das Schwarze sich sehr be-
merklich macht. Unterkinn und Kehle sind weifslich; der
Vorderhals, die Brust, die Leibesseiten und die Gliedmafsen
sind roströthlich; der Unterleib schmal gelblich 'W'eifs. Der
Schwanz oben schwarz, unten rein weifs. Der Augenkreis
138
ist weifslich und setzt sich in einem vveifsen Streifen hinter
den Augen fort. — Dieser sardische Hase hat mehr Aehu-
lichkeit mit dem kapischen L. riifinucha, unterscheidet sich
von diesem aber durch die Rostfarbe der Beine und gerin-
gere Gröfse.
Körper in gerader Linie. . 13" 6'"
Körper nach der Krümmung 15 5
Kopf 3 5
Ohren 4 3
Ohrspalte 3 8
Schwanz mit Haaren gegen 3 0
Als Heimath ist Sardinien bekannt, wo er jetzt durch
die verbesserten Jagdgesetze nicht mehr so selten ist als sonst.
Er kommt häufig im Campidaneo und in den Hochebenen bei
Nurri und Escalaplana vor, wo ihrer viele erlegt werden und
die gröfser sind als die Hasen der Niederungen. Wahrschein-
lich beschränkt sich diese Art nicht blos auf Sardinien, sondern
ist am Mittelmeere weiter verbreitet, wenigstens sollen nach
Natterer's*) Angabe die Hasen um Gibraltar etwas kleiner
und Vorderfiifse und Schenkel ockerfarbig sein, was auch bei
den sardischen der Fall ist.**)
*) Schinz in der Uebers. von Cuv. Thierr. I. S. 316.
**) In den 22 Heften, die wir dahier -von Bonaparte's Fauna
italica besitzen, ist der Hase noch nicht abgehandelt.
139
lieber die Gattungen und Arten der Couiatulen.
Von
J 0 h. M alle r.
(Gelesen in der Königl. Academie der \Vissenschaften zu Berlin,
am 13. Mai 1841.)
Die unge.=!tielten Crinoiden wurrlen in einer frühern Mit-
theilung in 3 Familien eingetheilt: 1) Articulata gen. Co-
matiila Lani. und Comaster Agass., 2) Costata mit
.schaligeui geripptem Kelch und entgegengesetzten Pinnulae,
verschieden von den Pinnulae aller übrigen Crinoiden, gen.
Saccocoma A^., di)Tessellata, gen. Mar-supites. Die
fadenartigen Hiilfsarme an den Rippen der Gattung Sacco-
coma hält der Verf. für zweifelhaft, er hat sie an den in der
Sammlung des Grafen Münster und den im hiesigen mine-
ralogischen Museum befindlichen Exemplaren nicht wahrneh-
men können; aber der schalige Kelch zeigt von den Rippen
ablaufend parallele Linien von feinen Furchen. Die in der
Familie der Comatulinen enthaltenen Gattungen Comalula und
Comasier wiederholen sich in der Vorvvelt so genau, dafs die
vorweltlichen nicht von den jetzt lebenden Gattungen zu un-
terscheiden sind. Reste von Thieren der eigentlichen Gattung
Comatula finden sich im lithographischen Schiefer und in der
Kreide. Dahin gehört Comatula pinnata Gold f., ebenso
Hertha mystica von Hagenow. Es ist der Knopf einer
wahren Comatula mit dem ersten Glied der Radien, das,
wenn mit den übrigen verlorenen Radiengliedern verbunden,
wie bei der lebenden Comatula Eschrichtii , aufsen nicht
sichtbar sein konnte. Die Gestalt der Basis des Kelches oder
des Knopfes mit den ersten Gliedern des Kelches von innen
oder oben ist in den verschiedenen Arten der Comatulen sehr
verschieden; die bei den lebenden Arten vorkommenden Un-
terschiede dieser Art sind keine anderen als die der fossilen.
140
Die indische Comatula muliiiadiata Goldfufs unter-
scheidet sich von den eigentlichen Comatulen durch den Besitz
der sogenannten Beckenstiicke oder Basalstiicke am Grund der
Kelchradien zwischen diesen. Hr. Agassiz hat sie mit Recht
zur besondern Gattung erhoben, Comaster Ag. Ich lialte
jedoch diese Gattung und die fossile Gattung Solanocii-
nus Gold f. nicht für verschieden. Die Form des Knopfes
kann nicht in Betracht kommen; denn unter den lebenden
eigentlichen Comatulen giebt es auch Arten mit sehr hohem
Knopf, wie C. Eschrichtii Müll, und C. pJialan^ium Müll.
Der Knopf der letzteren ist kaum so breit als hoch. Coma-
tula multiradiata Gold f. (welche von C. multiradiata
Lam. zu unterscheiden ist), hat 50 — 60 Arme, 25 und mehr Ran-
ken mit 25 Gliedern, 2 Radienglieder des Kelches, wovon das
zweite radiale axillare. Alle Axillaria haben Syzygien, auf
ein axillare radiale folgen 3 Glieder, wovon das dritte wie-
der axillar und sofort bei der weitern Theilung. Auf das
letzte Axillare folgen 2 Glieder, dann ein Syzygium, dann
5 — 9 Glieder bis zum nächsten Syzygium, weiterhin liegen
3 — 5 Glieder zwischen den Syzygien der Arme.
In der früheren Abhandlung wurde wahrscheinlich ge-
macht, dafs der bei den Asterien entdeckte Unterschied der
afterlosen und der mit einem After und einer Darmhöhle ver-
sehenen, sich bei den Crinoiden wiederhole, so dafs die ge-
stielten yirüculala oder die dem Pentacrinus ähnlichen For-
men den Comatulen gleichen, die gestielten Tessellata, wie
Plafycrinas, Actinocrinus u. a. afterlos sind. Dieser Unter-
schied in Hinsicht der Verdauungsorgane findet sich, wie es
scheint, noch in der Jetztwclt unter den ungestielten Crinoi-
den vor. Ich habe eine den Comatulen ganz ähnliche Form
im K. K. Naturalien- Kabinet zu Wien beobachtet, welche der
Typus eines neuen Genus Actinometra Müll, unter den le-
benden Crinoiden werden zu müssen scheint. Die Comatulen
haben auf der Bauchseite der Scheibe Fortsetzungen der Fur-
chen der Arme, welche nach dem Munde gehen, so dafs die
Afterröhre in einem der 5 Interpalraarfelder zwischen zweien
der 5 den Mund erreichenden Tentakelfurchen liegt. Das frag-
liche Thier, Comatula solaris mus. Vienn., eine der colos-
salen Formen unter den jetzt lebenden Crinoiden, hat keine
141
Spur von Furchen, die nach dem Centnim der Scheibe gehen.
Die Mitte der Bauchseite der Scheibe uimuit eine Röhre ein.
Die Arme sind von Furchen besetzt, die Furchen der 10 ^rme
münden aber in gleichen Abständen in eine die Scheibe am
Rande umziehende Cirkelfurche. Alles Uebrige ist wie bei den
eigentlichen Comatulen.
Actinometra impevialis Müll. Centralknopf ganz
flach, eine pentagonale Scheibe, in der Mitte sogar ausgehöhlt.
Ranken blofs am äufsersten Rande, nur in einer Reibe, im
Ganzen 14, mit 20 Gliedern, die so breit als lang sind. Die
mittleren Glieder an den Jüngern Ranken sind länger als breit.
Die Basis der Ranken ist dicker, dann verschmälern sie sich
und behalten weiterhin ihren Durchmesser. 3 selir nierlrige
Radialia, wovon das dritte radiale axillare, es scheint dem
zweiten durch Nath verbunden. Das erste Arniglied scheint
ein Syzygium zu haben. Die erste Pinnula am Epizygale, das
folgende Glied ist wieder ein Syzygium. Weiterhin 2 — 5 Glie-
der zwischen den Syzygien der Arme; die Glieder der 10
Arme sind am Rücken flach, sie bilden von einer Seite zur
andern abwechselnde Keile und greifen im Zickzack in ein-
ander, so dafs die dünneren Enden der Keile an den Seiten
nur als Rand zwischen den dicken zum Vorschein kommen.
Die Anfänge der Arme sind dünner als der nächstfolgende
Theil ihrer Fortsetzung. Die erste Pinnula ist die gröfste,
die folgende derselben Seite ist auch grofs, aber schon klei-
ner. Die dritte ist sehr klein und nun nehmen die folgenden
an Länge 2U. An der zweiten Pinnula zeichnen sich die un-
tersten Glieder durch ihre Erweiterung aus. Die Glieder der
Pinnulae sind sonst seitlich comprimirt, breiter als hoch und
haben einen scharfen hintern Rand. Die Oberseite der Scheibe
ist mit Kalkplättchen bedeckt, auf denen blumenartige kurze
kalkige Knötchen aufsitzen, mit 3—5 blattartigen Fortsätzen.
Farbe im trockenen Zustande orange. Gröfse 2 Fufs.
Unter den eigentlichen Comatulen der Jetztwelt unter-
scheide ich 24 Arten, worunter 12 Arten mit 10 Armen, die
übrigen vielarmig. 15 Arten sind neu, darunter 9 vielarmige.
Mehrere von Linck, Seba, Leach, Risso, Say, Sars,
u, A. unkenntlich beschriebene oder abgebildete, bei denen
142
keine Recognition durch Untersuchung von Originalexemplaren
stattfinden konnte, gehören zur zweifelhaften Synonyniie.
Genus Alecto Leach, Coviatula Lam.
* Arten mit 10 Armen oder einfacher Theilung der
Radien.
Unter den schon früher beobachteten, aber meist unvoll-
kommen beschriebenen, jetzt revidirten Arten mit 10 Armen
sind als sichere Species zu erwähnen:
1. Alecto carijiata Leach (^Comatula carinataLsim.
Griffith anim. hingd. Zoophytes pl. 8.)
2. Alecto europaea Leach {Comatula mediterra-
nea Lam. Heusinger Zeitschr. f. Physik IIL Tab. 10. 11.)
3. Alecto Adeonae Müll. {Comatula Adeonae
Lam. Blainv. Actinol. Tab. XXVL)
4. Ale et o solaris Müll. {Comatula solaris Lam.)
5. Alecto hrachiolata Müll. {Comatula hrachio-
lata Lam.)
6. Alecto Milleri Müll. {ComatulaßmbriataMiU.)
Noch nicht wieder gesehen.
Neue Arten mit 10 Annen sind:
7. Alecto phalangium M. Der Centralknopf ist
sehr hoch und schmal, fast höher als breit, das Ende abge-
rundet. 25 — 30 Ranken an den Seiten, diese sind zur Gröfse
des Thiers ganz aufserordentlich lang mit 45 langen dünnen
Gliedern und geradem Endgliede ohne Dörnchen der Innen-
seite; die Glieder, mit Ausnahme der ersten (an der Basis),
sind 2 — 2^ Mai so lang als breit. 3 Radialia, wovon das
erste wenig sichtbar, das dritte axillar. Arraglieder abwech-
selnd seitlich verschoben, wie bei A. europaea. 2 — 5 Glie-
der zwischen den Syzygien der Arme. Die ersten Pinnulae
sind sehr lang, dünn, zuletzt fadenförmig. Ihre untersten
Glieder sind kurz, nicht breiter als lang, weiterhin und gegen
das Ende der Pinnulae sind die Glieder sehr lang und dünn,
zuletzt 5 — 6 Mal so lang als breit. Haut der Scheibe nackt.
Gröfse 5 Zoll. Von Nizza durch Peters.
8. Alecto Eschrichtii M. Centralknopf halbkugel-
^örmig, überall mit Ranken besetzt, 100 Ranken von 24 Glie-
dern, welche^ am mittleren Theil der Ranken gegen 2 Mal so
143
lang als breit , gegen das Ende nicht länger als breit. Radien-
glieder des Kelchs sehr niedrig, niehrmal breiter als hoch, nur
2 Glieder sind aufsen sichtbar, wovon das zweite axillar. —
2 3, selten 4 Glieder zwischen den Syzygien der Arme.
Glieder der Arme keilförmig in einander greifend, gegen Ende
der Arme sehr niedrig. Die Pinnulae am dicken Theil der
Arme mit breiten comprimirten Gliedern und hinterm schar-
fem Rande. Weiterhin haben die Pinnulae nur ihre beiden
untersten Glieder so breit, die übrigen rundlich. Die ersten
Pinnulae kleiner, nehmen allmälig an Länge zu. Haut der
Scheibe nackt. Gröfse 2 Fufs. Von Grönland, durch Esch-
richt mitgetheilt.
9. Alecto echinoptera M. Centralknopf flach, 20
Rankon mit 11 seitlich comprimirten Gliedern; der gröfsere
mittlere Theil des Knopfes von Ranken frei. Armglieder am
Anfang der Arme schwach dachziegelförmig. 2 — 5 Glieder
zwischen den Syzygien der Arme. Die erste Pinnula etwas
gröfser. Die 7 letzten Glieder der Pinnulae des Anfangs der
Arme mit langem hohem Kiel an der Rückseite, eine Art Säge
bildend. Der hintere Rand des dritten Gliedes der ersten Pin-
nula mit starkem Vorsprung. Die Scheibe ist mit einzelnen
zerstreuten, kleinen, harten, walzenförmigen Papillen besetzt.
Gröfse 8 Zoll. Fundort? Im zoologischen Museum zu Berlin
durch Cap. W e n d t.
10. Alecio rosea M. (Comatula rosea mus. Vienn.^
Centralknopf ganz flach, am Rande eine Reihe von 18 Ranken
mit 32 niedrigen Gliedern, die breiter als lang sind, die er-
sten doppelt so breit als lang. Die Basis der Ranken ist co-
nisch und viel breiter als weiterhin, wo der Durchmesser
gleich bleibt. Die Radien haben aufsen nur 2 Glieder. Der
Anfang der Arme ist dünner als weitcrlün, wo sie spindelför-
mig sind und rasch abnehmen. 4 — 5 Glieder zwischen den
Syzygien der Arme, Das erste Armglied scheint ein Syzygium
zu haben, wie das folgende. Die erste Pinnula befindet sich
dann am Epizygalglied. Die ersten Pinnulae sind nicht aus-
gezeichnet. Die gröfste ist die fünfte ihrer Seite, wo die Arme
am dicksten. Von da an nehmen die Pinnulae allmälig ab.
Ihre Glieder sind breiter als hoch. Gröfse 5 Zoll. Fundort
unbekannt.
144
11. Alecto tessellata M. 20 — 25 Ranken mit 45
Gliedern, die kaum so lang als breit, die letzten 24 mit Dörn-
chen. Das unterste der 3 Radialglieder des Kelches sehr nie-
drig. Zwischen den Syzygien der Arme 7 — 10, seltener — 14
Glieder, die Glieder sehr niedrig, schüsselförniig, dachziegel-
förmig, ohne Kiel. Die zweite, dritte, auch wohl vierte äu-
fsere Pinnula sind die gröfsten. Haut der Scheibe mit kleinen
Knochenplättchen bedeckt. Farbe überall violett. Gröfse 1 — 1^
Fufs. Indien, Im Museum zu Bamberg durch Schönlein.
12. Alecto polyarthra M. Die Glieder der Arme
in einer Flucht, nirgend vorstehend, mit straffen Gelenken.
10 — 14 Glieder zwischen den Syzygien der Arme. (Nur die
Arme sind beobachtet.) Anatom. Museum.
** Arten mit mehrfacher Th eilung der Radien.
Unter den schon früher beobachteten und abgebildeten,
meist unvollkommen beschriebenen, jezt revidirten vielarmigen
Arten sind zu erwähnen:
13. Alecto rotalaria M. (Comatida rotalaria Lam.)
mit 20—22 Armen.
14. Alecto fimhriata M. {Comatula ßmbriata Lam.)
mit 20 Armen.
15. Alecto multi/ida M. (^Comatula mullivadiata
Lam.) mit 44 Armen.
16. Ale et o Savignii M. {Description de l'Egypte,
Echinodermes pl. 1. fig. 1.) mit 20 Armen.
Neue vielarmige Arten sind:
17. Alecto palmataM. (.^ Caput medusae cinereum
Linck tab. XXII. No. 33.) Gegen 35 Arme. Centralknopf
flach, 2\ Mal so breit als hoch, in der Mitte flach ausgehöhlt.
25 — 30 Ranken im Umfang, in mehreren Reihen mit 20—24
Gliedern, die wenig länger als breit sind. Die letzten 10
Glieder mit einem Döhichen. Das erste der 3 Radialia ist
wenig sichtbar. Die 10 Primärarme bestehen aus 2 Gliedern,
das zweite axillar. Nach der Theilung wieder 2 Glieder, das
zweite axillar. Entweder bleibt es dabei oder die Arme thei-
len sich wieder. Alle Axillaria ohne Syzygium. An den letz-
ten Armen 5 — 11 Glieder zwischen den Syzygien. Die Pin-
nulae fehlen, so lange zwischen den Theilungen nur 2 Glieder
145
liegen. Die ersten Pinnulae sind gröfser, von diesen ist die
zweite derselben Seite viel gröfser, dieser folgt die dritte
dann nehmen sie rasch ah. Farbe schwarzbraun. Indien. Durch
Esc bricht niitgetheilt.
18. Alecto parvicirra M. 27 Arme, 20 und mehr
Ranken, sehr diinn und kurz, mit 12 Gliedern, das dritte IIa
diale des Kelches ist axillar, ohne Syzygium, dann ist jedes
dritte Glied em Syzygium und zugleich axillar, dann wieder jedes
dritte Glied ein Syzygium und zuweilen axillar. Nun ist das
sechste oder siebente Glied ein Syzygium. Weiterhin 2-4
Glieder zwischen den Syzygien der Arme. Pinnulae ziemlich
gleichförmig. Gröfse 6 Zoll. Fundort? Im Museum zu Paris
19. Alecto Timorensis M. {Comatula Timorensis
Mus. Leyd.) 36-40 Arme. Centralknopf sehr klein, wenig
"ber eine Linie im Durchmesser. Ranken 16 mit 14 Glie
dern, von diesen sind einige, gegen den Grund zu, länger als
die übrigen, an ihren beiden Enden dicker. Das dritte Ra
diaie des Kelchs ist axillar ohne Syzygium. Ferner ist jedes
dritte Glied, so lange die Theilung dauert, ein Axillare und
hat ein Syzygium, weiterhin liegen meist 3 Glieder zwischen
den Syzygien der Arme. Die erste Pinnula unter dem ersten
Axillare branchiale ist dreimal so lang als die zweite derselben
Seite von da sind sie ziemlich gleich. Farbe braun. Gröfse
8 Zoll Von Timor durch Boie und S alomon Müller
J..7< on^?^"" JctponicaM. (Cowafula Japomca Mus
i-eyd.) 27 Arme. Centralknopf höchstens 2'" breit 50 Ran'
icen nnt 20 Gliedern, sie sind gegen das Ende etwas compri-
mirt und werden dort breiter. Das Radiale axillare liegt ganz
üet unter den Ranken, wie wenn es das einzige Glied des
Radius wäre. Dann ist, so lange die Theilung dauert, jedes
dritte Glied ein Axillare und hat ein Syzygium. Die ersten
Glieder zweier Arme sind auch noch quer verwachsen. An
den Armen 8-9 Glieder zwischen den Syzygien. Die zwei
ersten Pinnulae sind gröfser, dann nehmen sie ab. Farbe braun
Aus Japan, durch v. Siebold.
21 Alecto flagellata M. {Comatula fla^ellata
Mus. Leyd.:, 38 Arme, 35 lange dicke Ranken mit 30 nie
drigen platten Gliedern, wovon das letzte aufser der Kralle
Archiv f. Natuigesch. Vll. Jahrg. 1. Band. IQ
146
nach innen noch einen krallenartigen Fortsatz hat. Die Axil-
laria sind sehr niedrig, ohne Syzygium. Zwischen den Syzy-
gien der Arme 10 — 11 Glieder, abwecliselnd von rechts und
links keilförmig. Die Pinnulae nehmen von der ersten zur
dritten derselben Seite an Gröfse zu, und diese drei ersten sind
sehr lang, die übrigen nehmen allmälig ab. Gröfse 1 Fufs.
Fundort unbekannt. Im Museum zu Leyden aus der Samm-
lung von Brugmans.
22. Alecto Novae GuineaeM. (Comattda Novae
Gvineae Mus. Leyd.) 56 Arme, 15 Ranken und mehr an
dem kleinen Centralknopf. Das dritte Radiale ist axillar, die
ersten 10 Arme haben 3 Glieder bis zum nächsten Axillare. Zwi-
schen den folgenden Axillaria der Arme, die sich 4 — 5 mal
theilen, immer nur eni Glied. Kein Axillare hat ein Syzy-
gium. An den Armen 2 Glieder zwischen den Syzygien. Die
ersten beiden Pinnulae sehr lang, die übrigen werden kürzer,
an jedem Gliede der Pinnulae befinden sich einige Stachelchen.
Farbe braun. Gröfse 8 Zoll. Durch Salomon Müller.
23. Alecto elongata M. (^Comaiula elongata Mus.
Leyd.) 20 Arme, 15—20 Ranken mit 23—25 Gliedern; die
letzten 15 — 17 Glieder tragen nach innen einen spornartigen
spitzen Haken, auch das letzte Glied noch aufser der Kralle.
Die Axillaria ohne Syzygium. Zwischen 2 Axillaria liegt im-
mer nur ein Glied. Ueber dem letzten Axillare hat das dritte
Glied ein Syzygium, weiterhin zwischen den Syzygien 5—11 '
Glieder. Die Pinnulae nehmen zuerst an Länge zu, so dafs
die dritte die längste ist. Dann nehmen sie allmälig wieder
ab. Ihre Glieder sind rund und glatt. Farbe dunkel. Gröfse
8 Zoll. Aus Neu-Guinea. Durch Salomon Müller.
24. Alecto Bennetti M. Ueber 70 Arme, gegen 50
Ranken mit 23 Gliedern, etwas platt gedrückt. Die Arme bis
zur dritten Theilung durch die Haut der Scheibe verbunden. '
Jedes vierte Glied ist ein Axillare, ohne Syzygium. Jedes ,
Gliedes äufserer Rand springt vor und ist mit ganz kleinen 1
Stachelchen gewimpert. 3 — 4 Glieder zwischen den Syzygien
der Arme; die erste Pinnula ist 1:^ Zoll lang, die zw^eite we-
nig kürzer, die dritte und die folgenden höchstens \ Zpll.
Die Glieder am Ende der Pinnulae springen n-^ch innen kämm- j
artig vor und tragen kleine Krallen. Farbe braun, oben hei- j
147
1er. Gröfse 1 Fufs. Fundort imbekannt. Im Museum zu
Leyden durch ßennett.
Schon vorher wurde bemerkt, dafs Comalula multiradiata
Gold f. und C. multiradiata Lam. verschiedene Thiere sind.
Dies ergiebt sich aus der Untersuchung des Lamarck'schen Ori-
ginalexemplares, welches sonst nur unerkennbar besehrieben
war. Da die Comatula multiradiata Gold f. als die zuerst
genau beschriebene ;den Speciesnamen multiradiata behalten
mufs, so bezeichnet der Verfasser die Lamarck'sche durch
Alecto multifidsL, welche folgende Charaktere hat.
Alecto multifida M. (Comatula multiradiata L am.)
44 Arme, 20 Ranken und mehr, von 14 Gliedern mit ganz
kleinem Vorsprung am Rücken der letzten Glieder. 3 Ra-
dialia, wovon das dritte axillar, ohne Syzygium; dann ist wie-
der das dritte Glied axillar, es bildet ein Syzygium, nun ist
jedesmal das zweite Glied, so lange die Theilung dauert, axil-
lar, aber ohne Syzygium; weiterhin 3 Glieder zwischen den
Syzygien. Die Armglieder springen in eine scharfe Kaute
vor. Pinnulae alle lang. Zwischen den 5 Kelcharmen liegen
viele Plattenstücke, welche die Arme noch bis zur zweiten
Theilung verbinden.
Es mufs noch erwähnt werden, dafs von allen vorher an-
geführten «omatulen nur die in deutschen Museen befindlichen
vom Verfasser selbst untersucht sind. Hr. Troschel hatte
die Güte, meine handschriftliche Beschreibung der von mir
beobachteten Comatulen mit den Materialien des Pariser und
Leydener Museums zu vergleichen und die Beschreibung nach
diesen Principien fortzusetzen.
Die Madreporenplatte fehlt bei den Comatulen und scheint
den Crinoiden überhaupt zu fehlen. Die von Delle Chiaje
beschriebene und abgebildete Madreporenplatte auf der Scheibe
der Comatula Adeonae halte ich für das von Thompson
zuerst beobachtete Epizoon der Comatulen, ein scheibenförmi-
ges Thierchen mit gefranztem Rande, welches durch Zeich-
nungen erläutert wird. Es hat einen vorn von der Bauchseite
ausgehenden Rüssel, einen verzweigten Darm, und 10 mit 3
langen Hacken versehene Fufsstummeln an der Bauchseite,
Cyclocirra Thompsonii Müll. Man trifft es häufig auf der
Scheibe und an den Armen der Alecto europaea festsitzend
10*
148
an. Von den parasitischen Würmern unterscheidet es sieh
sehr auffallend durch seinen schnellen Lauf ohne Contraction
des Körpers und schliefst sich dadurch mehr den Crustaceen
an, unter denen es jedoch keine ihm ähnliche Form gieht.
Einigermafsen verwandt scheinen die Avcüscon, die jedenfalls
mit den Raderthieren keine Verwandtschaft haben.
Ich habe seit der früheren Abhandlung reiche Gelegenheit
gehabt, die Comatulen lebend zu beobachten. Es hat sich be-
stätigt, was schon aus der Anatomie hervorging, dafs die Gir-
ren des Centralknopfes ohne alle Bewegung sind. Die Arme
bewegen sich beim Schwimmen sehr lebhaft. Bei 10 Armen
bewegen sich meist 5 gleichzeitig, so dafs zwischen je zweien
der 10 Arme einer ruht, und im nächsten Moment die 5 an-
deren eintreten. Die Trennung der. Geschlechter bewährte
sich durch die Gegenwart der Spermatozoon in den männli-
chen, der Eier in den weiblichen Individuen in den Anschwel-
lungen der Pinnulae.
lieber das Gehörorgan der Mollusken.
Von
Professor C. Th. v. Siebold in Erlangen.
Hierzu Taf. VI.
Als ich vor einigen Jahren ein mir damals räthselhaft ge-
bliebenes Organ mehrerer Bivalven beschrieb,*) glaubte ich
nicht, dafs es mir so bald gelingen würde, über die Funktion
dieses Organs Aufschlufs zu erhalten; ich bin nämlich jetzt fest
überzeugt, dafs dieses paarige Organ, welches sich nicht blofs
bei den Bivalven, sondern auch bei den Gasteropoden vorfin-
det, und wahrscheinlich in der Klasse der Mollusken über-
*) Ueber ein räthselhaftes Organ einiger Bivalven, s. Müllcr's
Archiv. 1838. pag.49.
149
liaupt sehr weit verbreitet ist, als das Gehörorgan dieser Thiere
betrachtet werden rtiufs.
Um zu dieser Ueberzeugung zu kommen, darf man nur
die Entwickehmg des Gehörorgans höherer Thiere verfolgen,
wobei man gewisse Entwickelungsstufen dieses Organs antreffen
wird, welche in ihrer Einfachheit das ebenfalls sehr einfach
construirte Gehörorgan der Mollusken ganz wieder erkennen
lassen.
Die einfachste im Thierreiche vorkommende Form des
Gehörorgans ist aufser dem specifischen Nerven ein mit einer
Flüssigkeit gefülltes Bläschen, auf welchem sich der Gehör-
nerve verbreitet*). In dieser einfachen Form kannte man
schon lange das Gehörorgan bei den Cephalopoden**), wo
dasselbe aus zwei in Excavationen des Kopfknorpels befind-
lichen, mit Flüssigkeit gefüllten Säckchen (Bläschen) besteht,
auf welchen sich der Gehörnerve ausbreitet und in welchem
sich ein Hörsteinchen befindet.
Nach diesem Typus ist nun auch bei denjenigen Conchi-
feren und Gasteropoden, welche ich bis jetzt zu untersuchen
Gelegenheit gehabt habe, da^ Gehörorgan gebildet: man findet
hier zwei Bläschen oder Kapseln, welche mit dem Centralner-
vensystcme in Verbindung stehen, und in ihrer Höhle eine
Flüssigkeit nebst einem oder mehreren Hörsteinchen enthalten.
Es sind gegenwärtig aufser mir auch andere Naturforscher
auf das Gehörorgan der Mollusken aufmerksam geworden, da-
her ich es, ehe ich die von mir gemachten Beobachtungen
mittheile, für angemessen halte, dasjenige voran zu schicken,
was mir von anderen Untersuchungen über diesen Gegenstand
bekannt geworden ist.
Eydoux und Soulcyet entdeckten bei Firola, Cari-
naria, Atlanta und Vhylliroe (aus der Ordnung der Hetero-
poden), so wie bei Pneumo dermo n (einem Pteropoden) hinter
den Augen in geringer Entfernung von dem Kopfganglion einen
*) Müller's Handbuch der Physiologie. IL 1840. pag.411.
**) John Hunt er gebührt das Verdienst,, das Gehörorgan der
Cephalopoden zuerst erwähnt zu haben. S, the worics of John
Hunt er. Vol. IV. Jn arcount of the organ of hearing in fishes,
pag. 294, abgedruckt aus den philosophical transactions. 1782. p. 379.
150
runden, auflfalleiid durchsiclitigen Punkt, der durch einen Fa-
den mit dem Hirnganglion in Verbindung stand, und hielten
denselben für das Gehörorgan*). Aus welchen Gründen sie
sich zu dieser Annahme veranlafst sehen, finde ich nicht näher
angegeben. Beide Naturforscher nehmen dieses Organ mit
dem als gleichbedeutend, welches Pouch et an den Embryonen
der Lymnaeen angetroffen hat, über diese Untersuchungen
Pouch et 's, die mir nicht bekannt sind, haben sich Eydoux
und Souleyet ebenfalls nicht weiter ausgesprochen. Lau-
rent soll eine Tafel mit Abbildungen nebst Erklärung von
dem Gehörorgane der Mollusken bekannt gemacht haben, die
mir bis jetzt noch nicht zu Gesicht gekommen ist. Seine Un-
tersuchungen erstrecken sich auf Hyale, Cleodora, Cieseis
(drei Pteropoden), auf Carinaria, Phylliroe, Atiania, Fi-
rola, Limax agrestis und Ilelix asper a**). Van Bene-
den sah bei Cymhulia Peronii auf dem vorderen GanglJen-
Paare, welches mit 2 anderen Ganglieji-Paaren die unter dem
Oesophagus liegende Ganglion -Masse bilden half, ein kleines
Bläschen wie eine Art Hernie hervorgetreten und betrachtete
dasselbe, der Lage nach, als Gehörorgan***). Ein ganz ähn-
liches Organ erkannte van Beneden auch am Centralgan-
glien-System der Tiedemannia napolitana (Del. Ch.). f) Ein
ähnliches Organ hat Krohn bei PierolracJiea und Carinaria
beobachtet und genauer beschrieben ff). Derselbe bemerkte
hinter den Augen dieser beiden Heteropoden zwei dünne Hül-
len, welche einen krystallhellen sphärischen Kern enthielten,
die beiden Hüllen standen durch einen ziemlich langen starken
*) L'institut. 1838. nr. 255. pag. 376. S. dieses Archiv. 1839. 11.
pag. 215. und Froriep's neue Notizen. Nr. 174. pag. 312.
**) S. Troschel's Jahresbericht in diesem Archive. 1840. II.
pag. 202. Der Titel dieser Arbeit von Laurent ist nicht angegeben.
***^ Exercices zootomiques jtar Van Beneden, s. Nouveaux
memoires de l'Academie roy. des scmices de Bruxclles. T, XII. 1839.
1. Memoire sur la CymbuUe de Peronx „sa Situation, comparee a
Celle des Cephalopodes , le ferait regarder pour Vorgane de l'an-
dition.'-'-
t) Ebenda. 2. Memoire: sur un jiouveau genre de Mollusques, ■.
rolsin des Cymbttlies, du Golf de Nuples.
ft) Müller'.s Archiv. 1839. pag. 335. Anmerk.
151
Nerven mit den KopfgangJien in Verbindung und der Kern der-
selben wies sich bei Anwendung von Säuren als kohlensau-
rer Kalk aus.
Vergleicht man diese Notiz, welche Krohn über das
Hörorgan der lleteropoden gegeben hat, mit der Beschreibung,
welche ich von jenem räthselhaften Organe aus Anodonta,
Unio, Cyclas, Mya, Cardium und Teilina bekannt gemacht
habe,' so wird man augenblicklich erkennen, dafs Krohn und
ich ein und dasselbe Organ vor Augen gehabt haben.
Die hier beigegebene Abbildung des linken Gehörorgans
aus Cyclas Cornea möge die in Mülle r's Archiv von die-
sem Organe gegebene Beschreibung verdeutlichen. „Es liegt
nämlich dicht am vorderen Rande des Ganglion centrale (Fig.
1. A.) rechts und links (oder, wenn das Thier auf der Seite
liegt, oben und unten) ein kleiner rundlicher Behälter (Fig. 1.
d.), der aus einer durclisichtigen *), zähen und elastischen
Masse besteht, und^ in seiner Höhle (Fig. 1. e.) einen eigen-
thümlichen Körper oder Kern (Fig. 1. f.) einschliefst. Dieser
Kern ist glashell und stellt eine von oben nach unten platt-
gedrückte Kugel dar; er füllt (he Höhle seines Behälters bei
weitem nicht aus, sondern schwebt ganz frei in derselben, ja,
was höchst merkwürdig anzusehen ist, derselbe schwankt fast
ununterbrochen mit zitternder Bewegung hin und her, ohne
dabei die innere Wand seines Behälters zu berühren. Es ist
mir sehr wahrscheinlich, dafs diese beiden Kerne in ihren Be-
hältern noch von einer Feuchtigkeit umgeben sind." — „In
verdünnter Salpetersäure lösten sie sich vollständig ohne Ent-
wickelnng von Luftblasen auf. Prefste ich einen solchen Kern
zwischen zwei Glasscheiben, so erhielt er unter knisterndem
Geräusche mehrere Radial- Einriss^e und zertheilte sich, bei
stärkerem Pressen, zuletzt in stumpfere und spitzere Pyrami-
den (Fig. 2.), deren Spitzen im Mittelpunkte des Kernes zu-
sammenstiefsen. " Ich füge dieser Beschreibung jetzt noch
hinzu, dafs man die Stellen, an welchen der Kern beim Zer-
drücken in radialen Richtungen sich von einander theilen wird,
immer vorher schon an dem noch ungetheilten Kerne durch
*) In Müll er 's Archiv. 1838. p. 49. steht aus Versehen un
durchsichtig statt durchsichtig.
152
einen leisen Schatten angedeutet findet, wie man dies an den
Figuren 1. f. und 2. erkennen wird, welche beide einen und
denselben Kern im unzertheilten und zertheilten Zustande vor-
stellen.
Dieses eben beschriebene Organ hält, als Gehörorgan be-
trachtet, gewifs voUkounnen einen Vergleich mit den Hörwerk-
zeugen der Cephalopoden aus. Der Behälter Fig.l. d., wel-
cher bei Cyclas Cornea dem Hauptganglion dicht aufliegt, ent-
spricht dem einfachen vestibulum membranaceum, während der
Kern Fig. 1. f. als Otolith zu betrachten ist, der, wie das
Schwanken derselben andeutet, von einer klaren wässrigen
Feuchtigkeit umgeben ist; auch scheint bei denjenigen Conchi-
feren, in welchen ich die Gehörblasen vom Central- Ganglion
abstehend fand, der an sie herantretende specifische Gehör-
iierve nicht zu fehlen*).
Was nun das Gehörorgan der Gasteropoden betrifft, so
habe ich dasselbe an allen angetrofien, die ich bis jetzt darauf
untersucht habe, nämlich an Ilelix pomatia, avhustorum,
nemoralis, hortensis, rotundata und hispida, Succinea am-
phibia, Lymnaeiis stagnalis und minutus, Physa fontinalis,
Plcmorhis marginatus, vortex, nitidus und contortus^ Clau-
silia plicata, nervosa und minima, ylncylus fliiviatilis, Bu-
limus Inbrlcus, an Limax agrestis und maximus und ^rion
empiricorum.
Bei allen diesen Gasteropoden verhält sich das Gehör-
organ ziemlich gleich, wohl aber weicht dasselbe in Bezug auf
dieOtolitheuvon dem Gehörgane derConchiferen bedeutend ab.
Ehe ich nun das Gehörorgan der Gasteropoden näher be-
schreibe, mufs ich einiges über das Central -Nervensystem der
Gasteropoden voranschicken.
Man kann das ringförmige Central -Nervensystem, durch
welches der Oesophagus hindurchtritt, in drei Portionen ab-
theilen, die eine Portion liegt auf dem Oesophagus auf, die
andere Portion, welche immer die gröfste ist, liegt unter dem
Oesophagus und eine dritte (Seiten-) Portion verbindet zu bei-
den Seiten die eben erwähnte obere und untere Portion mit
einander. Das Gehörorgan steht nur mit der unteren Portion
^) S. meine Abhandlung in Müller' s Archiv. 1838. pag. 52.
153
des ringförmigen Central -Nervensystem in V'erbindung, daher
ich diese Nerven-Portion etwas genauer beschreiben nmfs.
Die untere Portion des ringförmigen Central-Nervensy-
steras besteht aus mehreren Ganglien-Anschwellungen, welche
unter sich durch Kommissuren zu einem zweiten Ringe ver-
einigt sind, der Zwischenraum zwischen diesem Ganglien-Ringe
ist mit Zellgewebe ausgefüllt, die Ganglien -Anschwellungen
bilden gewöhnlich drei Paar Ganglien, das vordere Paar ist
das gröfste und die beiden Anschwellungen, welche dasselbe
zusammensetzen, liegen meistens dicht neben einander gedrängt,
trotz dem kann man aber sehr leicht eine quer heriibergehende
Kommissur zwischen beiden Ganglien entdecken; nach diesem
ersten vorderen Ganglien-Paare folgt das mittlere kleinste Paar,
die beiden Ganglien-Anschwellungen desselben liegen weit von
einander und stehen nicht unter sich, wohl aber mit dem vor-
deren und hinteren Ganglien-Paare in Verbindung; dieses nä-
hert sich an Gröfse dem vorderen Ganglien-Paare, die beiden
Ganglien-Anschwellungen sind sehr dicht an einander gedrängt
und machen so den Schlufs dieses Ganglien -Ringes, der auf
seiner oberen Fläche, welche gegen die untere Seite des Oeso-
phagus angedrückt liegt, abgeflacht ist, während die einzelnen
Ganglien auf der unteren Fläche des Ringes abgerundet und
deutlich gewölbt erscheinen. In Bezug auf die Zahl der Gan-
glien, welche diese untere Portion des Central -Nervensystems
zusammensetzen, und ebenso in Bezug auf die Gestalt des
Ringes, den sie bilden, kommen bei den verschiedenen Gat-
tungen und Arten der Gasteropoden mancherlei Variationen
vor. Zuweilen ist die eine Ganglien -Anschwellung des mitt-
leren Ganglion -Paares doppelt vorhanden, wodurch der Gan-
glien-Ring ein asymmetrisches Ansehen erhält. Bei einigen
Arten von Limax und Helix sind die Ganglien -Paare dieser
unteren Portion des ringförmigen Central -Nervensystems so
dicht an einander gerückt, dafs sie unter einander verschmol-
zen erseheinen und ein einziges grofses Ganglion bilden, die-
ses zeigt aber auf seiner unteren Fläche verschiedene halbku-
gelförmige Wölbungen, an denen man deutlich erkennt, dafs
diese grofse Nervenmasse aus der Verschmelzung mehrerer
Ganglien-Paare entstanden ist; am deutlichsten lassen sich die
beiden Wölbungen des vorderen Ganglien-Paares herausfinden.
154
Bei anderen Gasteropoden sind die Ganglien-Paare der unteren
Portion der Central-Nervensysteme, wenn auch nicht verschmol-
zen, doch so dicht an einander gerückt, dals der Zwischen-
raum innerhalb des sehr eng gewordenen Ganglien-Ringes kaum
zu erkennen ist.
Hat man sich mit dieser Portion des Central -Nervensy-
stems und mit seinen specifischen Variationen erst genau be-
kannt gemacht, so gelingt es sehr leicht, das Gehörorgan an
derselben aufzufinden. Dieses Organ sitzt nämlich bei allen
Gasteropoden dem hinteren Ende der beiden gröfseren vorde-
ren Ganglien-Anschwellungen auf; immer haben wir es an dem
vorderen Ganglien-Paare dieser Nerven-Portion zu suchen, wo
wir es leichter auf der unteren als auf der oberen Fläche der-
selben erkennen, besonders bei denjenigen Gasteropoden {Li-
max, Belix), deren Ganglien -Paare der unteren Nerven-Por-
tion mehr mit einander verschmolzen sind.
Das Gehörorgan ist immer gepaart vorhanden und wird
aus zwei Kapseln gebildet, deren Wände durchsichtig sind.
Beide Kapseln liegen auf der hinteren Wölbung des vorderen
Ganglien-Paares der unteren Central -Nerven -Portion so dicht
auf, dafs man da, wo sie die Ganglien -Masse berühren, nur
mit Mühe die Gränze zwischen Ganglion und Kapselwand wahr-
nimmt, es hat fast das Ansehen, als wären die beiden Gan-
glien nach hinten ausgestülpt und ausgehöhlt, die Farbe der
Kapselwände stimmt ziemlich mit der der Ganglien überein.
In der Höhle der beiden Kapseln sind eine Menge oft kaum
zu zählender, glasheller, krystallinischer Körperchen einge-
schlossen. Die Gestalt dieser Otolithen, wofür man sie halten
mufs, ist oval und platt, die Kanten derselben scheinen sanft
abgerundet zu sein. Man erkennt an diesen Hörsteinchen ein
deutliches koncentrisches Gefüge; auch erblickt man im Mit-
telpunkte der meisten einen dunkeln Fleck oder wohl gar eine
ganz schmale Oeffnung, welche auf der platt gedrückten Flache
von einer Seite zur andern durchgeht. Diese Hörsteinchen
brechen bei starkem Pressen zwischen Glasplatten in radialer
Richtung häufig in vier Pyramiden aus einander. Dieselben lö-
sen sich bei schwacher Einwirkung von Salpetersäure langsam \
auf, verschwinden aber bei der Berührung mit concentrirter 1
Salpetersäure plötzlich unter Luftentwickelung, daher ich diese i
155
Otolithen aus kohleiisaureru Kalk ziisainineugesetzt halte; die
Gröfse der Otolithen ist in einem und demselben Individuum
nicht gleich, immer sind einige darunter, welche um vieles
kleiner sind als die übrigen.
Eine ganz inerkwiirdige Erscheinung bieten diese Hör-
steinchen dar, wenn man sie, während sie in der unverletzten
Kapsel eingeschlossen sind , eine Zeit lang beobachtet. Diese
Erscheinung erinnert an das Schwanken des OtoHthen der
Conchifercn, ist aber in ihrer Art noch weit eigenthümlicher
und auffallender. Es oscilliren nändich die in den Kapseln
eingeschlossenen Gehörsteinchen so lebhaft, dafs man glauben
sollte, sie würden durch ein wirbelndes Flimmerepitheliura,
welches die innere Wand der Kapseln auskleide, durch einander
geworfen; es ist mir indessen niemals gelungen, so genau ich
auch darauf achtete, selbst nur eine Spur von Wimperorganen
in den Kapseln wahrzunehmen. Die erwähnten Bewegungen
der Otolithen in den Gehörkapseln der Gasteropoden (welche
ich säramtlich frisch untersucht habe), sind in der Art eigen-
thiimlich, dafs sie sich alle nach dem Mittelpunkte der Höhle
der Kapsel zu drängen suchen, diejenigen Steinchen, welche
diese Stelle bereits einnehmen, bilden einen dichten Haufen,
und hängen fest an einander, etwa wie Eisenfeilspähne durch
den Einflufs eines Magneten an einander kleben; die übrigen
Gehörsteinchen, welche um diesen Haufen herumliegen, sind
in ununterbrochener Bewegung, sie scheinen sich in den Hau-
fen hineindrängen zu wollen, werden aber oft heftig von dem-
selben weggeschleudert, doch schnellen sie eben so rasch an
den Gehörstein-Haufen zurück, um von neuem abgestofsen zu
werden, die innere Kapselwand wird von diesen hin und her
schwankenden Gehörsteinchen fast gar nicht berührt, und wenn
es geschieht, so prallen sie augenblicklich von derselben ab
und scheinen alsdann noch unruhiger geworden zu sein. Dm
diese merkwürdigen Bewegungen der Gehörsteinchen mit einer
diesen ähnlichen Erscheinungen zu vergleichen, erinnere ich
an den Anblick, den ein grob gestofsenes Pulver von einer in
Wasser unauflöslichen Substanz gewährt, wenn dasselbe mit
Wasser gekocht wird; noch besser glaube ich das'eigenthüm-
liche Oscilliren der Gehörsteinchen mit folgendem Phänomene
vergleichen zu können. Bringt man ein Häufchen groben Sand
156
mit einem Tropfen Wasser auf den einen Ast einer Stinun-
gabel und erschüttert man die letztere durch einen mäfsigen
Schlag, so wird man die in dem Wassertropfen zerstreuten
Sandkörner sich sogleich im Mittelpunkte des Tropfens sich
vereinigen sehen, die einzelnen Körner wühlen und drängen
sich unter oscillirenden Bewegungen nach dem Centrum des
Sandhäufchens, wobei die äufseren Sandkörner vom Haufen
abgestofsen und schnell wieder angezogen werden. Es war
mir wirklich überraschend, wie ähnlich die Bewegungen der
auf dem schwingenden Stimmhammer unter Wasser oscilli-
renden Sandkörner imd die Oscillationen der in den Gehör-
kapseln des Gasteropoden eingeschlossenen Otolithen sich
ausnahmen.
Prefste ich die Nerven -Ganglien mit den Gehör- Kapseln
zwischen Glasplatten, so wurde sehr häufig das Oscilliren der
Otolithen stärker und lebhafter, bis es zuletzt ganz aufliörte,
wahrscheinlich, weil dann durch die dicht an einander gedrück-
ten Glasplatten zuletzt der Raum für die Bewegungen der
Otolithen in den zusammengeprefsten Gehör- Kapseln ver-
schwand. Zuweilen platzte bei dem vermehrten Drucke auf
die Glasplatten die eine oder die andere Gehör -Kapsel, und
es strömten alsdann die Otolithen heraus, durch die Flüssig-
keit, welche in der Kapsel enthalten war, mit fortgerissen.
Dafs aufser den Otolithen noch eine wasserhelle dünne BTüs-
sigkeit in den Gehör- Kapseln eingeschlossen ist, kann man
wohl mit Bestimmtheit annehmen; denn wie sollten sich die
Otolithen sonst so leicht bewegen können, Luft ist- es bestimmt
nicht, welche den von den Otolithen übrig gelassenen Raum
der Kapsel ausfüllt, da das Licht alsdann ganz anders in den
Kapseln gebrochen würde.
Aufserhalb der Gehör -Kapseln liegen die Otolithen ganz
ruhig, ohne auch nur das geringste Zittern an sich bemerken
zu lassen. Aus letzterem Umstände mufs ich annehmen, dafs
die Oscillationen, welche die Otolithen in den Gehör- Kapseln
äufsern, nicht mit den bekannten Molekular -Bewegungen für
identisch gehalten werden können, denn diese müfsten auch
aufserhalb der Kapseln im freien Wasser bei den Otolithen
fortdauern. Uebrigens sind die Bewegungen der Brownschen
Molekülen bei weitem schwächer und unscheinbarer in Ver-
157
gleich zu den lebhaften unruhigen Oscillationen dei' Otoiithen
in den Gehör- Kapseln der Gasteropoden.
Es sind die Gehörorgane bei kleinen Gasteropoden-Arton
oder bei ganz jungen Thieren der gröfseren Arten am leichte-
sten aufzufinden, man darf nur die vordere Körperhälfte die-
ser Mollusken zwischen Glasplatten mäfsig pressen und die
Gegend hinter den Augen durchsuchen, so werden sich sehr
bald die Gehirn- Ganglien erkennen und die beiden vestibula
menibranacea mit ihren zitternden Otoiithen herausfinden las-
sen. Auch bei den zum Ausschlüpfen reifen Embryonen der
Gasteropoden, welche man ganz und gar unter den Prefsschie-
ber bringen kann, liissen sich die beiden Gehör -Kapseln mit
ihrem beweglichen Inhalte sehr bald entdecken.
Bei den gröfseren Gasteropoden, bei Helix pomatia, Li-
max maximiis, Arion empiricoriim u. dgl. kann man schon
mit der einfachen Lupe, ja selbst mit unbewaffnetem Auge die
beiden Gehör- Kapseln, wenn die Gehirn -Ganglien zwischen
Glasscheiben geprefst sind, sehr gut erkennen, indem die bei-
den Häufchen Otoiithen bei auffallendem Lichte als zwei kreide-
weifse Punkte durch die Kapseln hindurchschimmern, während
sie, bei durchfallendem Lichte betrachtet, zwei dunkelgefärbte
Punkte darstellen. Es ist mir jetzt unbegreiflich, dafs mir
diese Gehörorgane der Gasteropoden nicht früher aufgefallen
sind, da es mir jetzt ein so leichtes ist, diese Organe meinen
Augen unter dem Mikroskope vorzuführen ; auch die Blicke
vieler anderer Zaotomen müssen an diesem Organe vorbeige-
streift sein, da so viele Abbildungen der Hirn -Ganglien von
Gasteropoden existiren, an denen man auch nicht eina Spur
dieser Organe angedeutet findet. Ich rathe übrigens, die Ge-
hörorgane an frischen Thieren aufzusuchen, da an solchen
Mollusken, welche in Weingeist aufbewahrt oder durch Wein-
geist getödtet wurden, die Umgegend der Gehör- Kapseln sich
so trübt, dafs die Organisation derselben nicht gehörig erkannt
werden kann, auch wird man an solchen Präparaten das in-
teressante Oscilliren der Otoiithen nicht beobachten können,
welches durch die Einwirkung von Alkohol aufhört; denn ich
habe beobachtet, dafs, wenn ich auf die Gehirn -Ganglien mit
den in ihren Kapseln lebhaft oscillirenden Otoiithen Alkohol
einwirken liefs, die Otoiithen unbeweglich wurden, so wie der
158
Alkohol die Gehör- Kapseln zu durchdringen anfing, wobei
übrigens die Otolithen in ihrem Aussehen sich nicht veränderten.
Es würde zu weit führen, wollte ich das Gehörorgan,
wie ich es bei den einzelnen von mir Untersuchten Gastero-
poden-Arten angetroffen habe, ausführlich beschreiben, daher
ich dies nur von wenigen thun will, da man von diesen sehr
leicht auf das Verhalten der Gehörorgane bei den übrigen
schliefsen kann.
Bei Lymnaeus stagnalis wird die untere Portion
der Central - Nervenmasse von 7 orange gefärbten Ganglien-
Knoten gebildet; diese sind in einem Kreise gestellt und wer-
den durch Kommissuren unter einander verbunden, der Mittel-
raum zwischen ihnen (Fig. 3. A.) ist durch Zellgewebe ausge-
füllt. Die 7 Ganglien erscheinen asymmetrisch geordnet, die
zwei gröfsten Ganglien bilden das vordere Ganglien-Paar, welche
dicht neben einander liegen (Fig. S.a. a.), hierauf folgen links
zwei kleine Ganglien und rechts nur ein kleines Ganglion ^
(Fig. 3. b.* b.), den Schlufs macht ein hinteres gröfseres, sehr
dicht an einander liegendes Ganglien-Paar (Fig. 3. c. c). Aus
dem vorderen Ganglien -Paare (Fig. 3. e. e.) und den beiden
dicht dahinter liegenden kleineren Ganglien (Fig. 3. e.* e.*)
treten zwei Kommissuren seitlich und nach oben sich wendend
hervor, um die beiden auf dem Oesophagus liegenden Ganglien
(die obere Portion des Hauptganglien-Ringes) mit der unteren
Portion zu verbinden und so den Ring des Central-Nervensy-
stems,. durch welchen der Oesophagus hindurchtritt, zu schlie-
fsen. Die beiden vestibula membranacea (Fig. 3. f. f.) sitzen
dicht auf den beiden vorderen Ganglien -Körpern, und zwar
an der hinteren Wölbung derselben, etwas nach unten gerichtet
an der inneren Seite des Ursprungs der Kommissur (Fig.3.d.*d.*),
welche an die nächst folgenden kleinen Ganglien herantritt.
Beide Gehör-Kapseln sind ziemlich dünnwandig und enthalten
eine geräumige Höhle, in der die platt -ovalen Otolithen sehr
lebhaft oscilliren. Ilire Zahl beträgt weit über hundert in je-
der Kapsel. Bei den Embryonen dieses Lymnaeus, welche
ziemlich ausgebildet waren, aber ihre Eihüllen noch nicht ver-
lassen hatten, sah ich die Otolithen deutlich in den Gehörkap-
seln oscilliren, es waren ihrer jedoch nur 10—20 in den ein-
zelnen Kapseln vorhanden, woraus hervorgeht, dafs die
159
Anzahl der Otolithen mit dem Alter der Gasteropoden zu-
nimmt.
In den Gehör-Kapseln von Lymnaeus minutus fand ich
nahe an hundert Otolitlien, welche lebhaft zitterten.
Die Ganglien des Central -Nervensystems von Piano 7'-
his marginatiis sind röthlich gefärbt, die untere Portion
desselben bildet einen Ring von sieben Ganglien, welche wie
bei Lymnaeus asymmetrisch geordnet sind. Das vordere
gröfsere Ganglien -Paar besitzt an der bekannten Stelle die
beiden Gehör-Kapseln angedrückt; der vertikale Durchmesser
der von den Kapselwänden umgebenen Höhlen ist viel gröfser
als der horizontale Durchmesser. Die Gröfse der 70 — 80 leb-
haft oscillirenden platt-ovalen Otolithen einer Gehör-Kapsel
ist sehr ungleich; die gröfseren Otolithen lassen in ihrer Mitte
einen hellen Fleck (eine Oeffnung?) erkennen.
In Piano rhis nitidus, vortex und contortus ver-
halten sich die Gehörorgane ähnlich wie bei Planorhis mar-
ginatus, die vestibula membranacea enthalten über 50 bis 60
oscillirender Otolitlien.
Physa fontinalis bestizt zwei Gehör-Kapseln, die man
an der bekannten Stelle sehr leicht anfinden kann (Fig.4.c. c),
die innere Fläche der Kapselvvände zeigt mehrere Uneben-
heiten (Fig. 5.), eine Eigenthümlichkoit, die ich auch bei an-
deren Gasteropoden angetroffen habe. Die Zahl der zitterndeji
Otolithen beträgt nahe an 40 bis 50, welche von ungleicher
Gröfse sind (Fig. 6.); einzelne Otolithen finden sich unter ih-
nen (Fig. O.a.), welche aus vier Pyramiden zusammengesetzt
erscheinen, dergleichen Otolithen habe ich auch hier und da
zwischen den Otolithen-IIaufen anderer Gasteropoden bemerkt.
Clausilia plicata und nervosa enthalten ziemlich
geräumige vestibula membranacea, ihre Wände sind dünne, ihre
platt-ovalen Otolithen, deren ich nahe an hundert zählte, sind
von sehr ungleicher Gröfse, die gröfseren besitzen in ihrem
Mittelpunkte einen hellen Fleck (eine Oeffnung?), einzelne
Otolithen befinden sich darunter, die eine mehr unregelmäfsige
Gestalt besitzen.
Clausilia minima verhält sich ähnlich, bei dieser so-
wohl als bei den vorigen Clausilien oscilliren die Otolithen
lebhaft.
460
Die Gehör-Kapseln von Succinea amphihia enthalten
weit über 100 oscillirende Otolithon, diese zeigen weit mehr
eine krystallinische Gestalt als die Otolithen der übrigen von
mir untersuchten MoUusken-Otolithen; es sind an beiden En-
den zugespitzte längliche Krystalle, deren Krystallflächen je-
doch mehr oder weniger abgerundet sind, sie lassen sich am
besten vergleichen mit denjenigen Otolithen, welche Huschke
in dem. Labyrinthe der Vögel entdeckt*), und Krieger aus
dem Gehörorgane von Python tigris abgebildet hat**). Die
Gehör-Kapseln der Succinea amphibia besitzen übrigens ziem-
lich dicke Wände, die sechs Ganglien, aus welchen die untere
Portion des weifslich gefärbten Central -Nervensystems dieser
Schnecke besteht, sind sich sehr nahe gerückt, so dafs der
Zwischenraum, den dieser Ganglien-Ring bildet, sehr klein ge-
worden ist.
Bei ^jicylus fhiviatilis, deren beide vestibula mem-
branacea nahe an 30 eiförmige Otolithen enthalten, sah ich
diese Hörsteinchen ganz erstaunlich lebhaft in den Gehör-Kap-
seln umhertanzen. Weder in den älteren Beobachtungen,
welche Treviranus x\hQr Ancyliis fluviatilis mitgetheilt***),
noch unter den Bemerkungen, welche Vogt ganz kürzlich
über diese Schnecke gemacht hat f ), fand ich über dieses Sin-
nesorgan etwas erwähnt, überdies hat Vogt das Central -Ner-
vensystem dieses Ancylus nicht richtig abgebildet ff), an der
untern Portion des Nerven -Ringes fehlen nämlich die beiden
dicht neben einander liegenden vorderen gröfseren Ganglien,
über deren hintere Wölbung die vestibula membranacea her-
vorragen.
In Helix Pomatia ist die untere Portion des weifsli-
chen Haupt-Nerven-Ringes sehr grofs, jedoch bilden die Gan-
glien-Paare hier keinen deutlichen Ring, da sie unter sich
*) Froriep's Notizen. Bd. 23. Nr. 707. pag. 33. Fig. 1.
**) Krieger: <fe otolithis, dissertat. 1840. Tab. I. Fig. 8.
***) Tiedemann's Zeischr. f. Physiologie. Bd. IV. Hft. 2. p. 192.
Ueber die anatomische Verwandtschaften der Flufsnapfschnecke {An-
cylus fliiviatilis) von Treviranus.
i) Müll er' s Archiv. 18il. pag. 25. Bemerkungen über Ancylus
fluviatilis von Vogt.
^i) Ebenda. Taf. 11. Fig. 4. t
161
verschmolzen sind, betrachtet man aber die ganze Ganglien-
Masse, über welche der Oesophagus hinwegläuft, auf der un-
teren Fläclie, so fallen zwei gröfsere Wölbungen am vorderen
Ende dieser Ganglien-Masse auf, welche als das vordere Gan-
glien-Paar angesehen werden können, und wirklich findet man
an ihrer hinteren Seite die beiden Gehör-Kapseln, welche über
hundert sehr grofse, ovale, plattgedrückte Otolithen enthalten
(Fig. 7.), letztere oscilliren in bekannter Weise und haben in
iiirem Centrum einen hellen Fleck (eine Oefifnung). Aehnlich
verhalten sich Ilelix arhiistorum, ncmoralis, hortensis upd
hispida.
Ilelix ro tun data läfst ebenfalls zwei Gehör- Kapseln
erkennen, deren Inhalt aus einem grofsen Haufen platt- ovaler
Otolithen besteht, welche lebhaft oscilliren und die Zahl hun-
dert weit übersteigen.
Bulimus luhricus besitzt ein ringförmiges Central-
Nervensystem, dessen untere Portion aus ringförmig geordne-
ten Ganglien besteht, doch lierrscht in der Vertheilung der Gan-
glien keine Symmetrie, die beiden vorderen gröfseren Ganglien
liegen dicht neben einander, und tragen an der hinteren Wöl-
bung die vestibula merabranacea; hinter diesem Ganglien-Paare
folgen auf der einen Seite zwei kleinere Ganglien, auf der
anderen Seite nur ein kleineres Ganglion, und den Schlufs
dieses Ringes bildet das hintere Ganglien -Paar, welches fast
zu einem einzigen Ganglion verschmolzen ist. Die oscillirenden
Otolithen, deren nahe an hundert in jeder Kapsel vorhanden
sind, sind von platt-ovaler Gestalt und von ungleicher Gröfsc.
In Avioii empij'icorum sind die Ganglien der unte-
ren Portion des Central -Nervensystems fast unter einander
verschmolzen; es lassen sich aber auf der unteren Fläche die-
ser Portion die Wölbungen der beiden vorderen Ganglien sehr
leicht herausfinden und an deren hinterer Seite- die Gehör-
Kapseln gar bald erkennen. Ihr Inhalt besteht aus vielen
Hunderten von platt-ovalen oscillirenden Otolithen.
Limax maximus verhält sich fast wie die vorige
Schnecke, in Limax agvestis hingegen kann man einen
deutlichen Ring erkennen, der von den Ganglien der unteren
Portion des Haupt- Ganglien-Ringes gebildet wird; derselbe be-
steht aus einem vorderen gröfseren Ganglien- Paare, einem mitt-
Archiv f. Naturgesch. VII. Jalirg, I, Btl, ^\
162
leren kleineren Paare und einem hinteren einfachen gröfseren
Ganglion, welches vvahrscheinlicli aus der Verschmelzung des
hinteren Ganglien -Paares hervorgegangen ist. Das vordere
Ganglien -Paar ist an der bekannten Stelle mit den Gehör-
Kapseln ausgerüstet, diese enthalten nahe an 80 ovaler, ziem-
lich abgeplatteter Otolithen, deren Oscilliren sehr deutlich in
die Augen fällt.
Wenn wir nun dieses Gehörorgan der Mollusken mit
dem in der Entwickelung begriffenen Gehörorgane der Fi-
sclie vergleichen, so werden wir eine auffallende Aehn-
lichkeit zwischen beiden erkennen, und noch bestimmter über-
zeugt werden, dafs das oben beschriebene Organ der Mollu-
sken die Bedeutung eines Gehörorgans habe. Werfen wir ei-
ner^ Blick auf Fig. 8., welche das Gehörorgan eines sehr jun-
gen Cyprinus alhurniis darstellt*), so mufs uns die Einfach-
heit dieses Organs auffallen, denn wir sehen nur eine einfache
Kapsel mit unebenen Wänden (Fig. 8. a.), an denen innerhalb
der mit klarer Flüssigkeit gefüllten Kapsel zwei Otolithen an-
kleben (Fig. 8. b.), die unregelmäfsige Gestalt der Kapsel deu-
tet an, dafs die halbzirkelförmigen Kanäle im Begriffe sind,
sich aus ihr hervorzubilden. Folgen wir nun diesem Organe*
in seiner Entwickelung um einige Schritte zurück, und betrach-
ten wir Fig. 10., wo die Gehör -Kapsel eines noch jüngeren
Embryo desselben Fisches abgebildet ist**}, so finden wir
das vestibulum membranaceum fast wie eine ziemlich regel-
mäfsige runde Blase geformt und die Aehnlichkeit zwischen
diesem Gehörorgane und der Gehörkapsel der Mollusken ge-
wifs auffallend. Auch die Struktur der Gehörsteinchen dieser
Fisch -Embryonen und der Mollusken ist sich ähnlich, erstere
zeigen nämlich ebenfalls ein concentrisches Gefüge und bre-
chen beim Drucke mit vier radialen Rissen auseinander (Fig. 9.).
*■) Der Embryo, von welchem diese Abbildung genommeh ist,
entspricht der Entwickelungsstufe des Embryo von Cyprmns ery-
throphthalmus , welchen Schultz (System der Circulation, Tab. IV.
Fig. 2.) abgebildet hat.
**) Die Entwickelungsstufe des Embryo, von welchem diese Figur
genommen ist, stimmt mit derjenigen überein, welche Baer (Unter-
suchungen über die Entwickeluugsgeschichte der Fische) in Fig. 18-
von Cyprinus Blicca abgebildet hat.
163
Eine Bewegung habe ich an den beiden Otolithen der Fisch-
Embryonen niemals wahrnehmen können, obgleich die Otoli-
then in den unverletzten lebendigen Embryonen unter dem
Mikroskope von mir beobachtet wurden.
In der Entwickelungsgeschichte der Fische weiset Baer
nach, wie allmälig das Ohr sich aus dem Gehirn der Fisch-
Embryonen hervorstülpt*), indem es anfangs „eine isolirte
Erweiterung des hintersten Haupt-Abschnittes des
Hirns" ist**); wenn sich nun das Gehörorgan bei der wei-
teren Entwickelung der höheren Thiere nach und nach von dem
Gehirn abschnürt, so bleibt dagegen bei vielen Mollusken das
Gehörorgan auf der niedrigsten Entwickelungsstufo stehen, es
trennt sich nicht von dem Gehirne, sondern bildet eine „iso-
lirte Erweiterung des hinteren Theiles von einem der Haupt-
ganglien-Paare der Central -Gehirnmasse/' So verhält es sich
bei den von mir untersuchten Gasteropoden und nach Van
Ben e den' s Untersuchungen bei Cymhulia Peroiin und Tie-
demannia iiapoliiana. Hingegen läfst sich aus der kurzen
Skizze, welche Krohn über den Bau des Gehörorgans von
Vtcrotrachea und Caiinaria bekannt gemacht hat, sowie aus
den Andeutungen, welche Eydoux und Souleyet über das
Gehörorgan von Firola, Carinaiia , Atlanta, Phylliioe und
Pneumodermon gegeben haben, entnehmen, dafs hier die ve-
stibula membranacea sich von dem Central- Nervensystem ab-
getrennt haben und durch einen specifischen (Gehör-) Nerven
mit demselben in Verbindung stehen, was nach meinen Unter-
suchungen auch bei mehreren Conchiferen (bei Mya arenaria,
Cardium edide, Cyclas rivicola und lacustris), so wie bei
den Unionen und Anodonten Statt findet.
Zum Schlüsse will ich noch einen Gegenstand erwähnen,
der mit dem Oscilliren, welches man an den Otolithen in den
Gehör- Kapseln wahrnimmt, in einer gewissen Beziehung zu
stehen scheint. Es ist mir nämlich aufgefallen, dafs die Otoli-
then sowohl der Conchiferen als der Gasteropoden die innere
Wand der Gehör-Kapseln nicht berühren, während es die bei-
den Otolithen der Fisch-Embryonen bestimmt thun, aber den-
*) Ebenda, pag. 15, 17 u. s. w.
**) Ebenda, pag. 15,
11*
164
noch können jene Otolithen zur Verstärkung des Tones etwas
beitragen. Ich berufe mich hierbei auf Müller's Aeufsorung:
„die im Labyrinth der Fische und fischartigen Amphibien ent-
haltenen Hörsteine und der krystallinische Brei im Labyrinth der
übrigen Thiere miifste durch Resonanz den Ton verstärken,
selbst wenn diese Körper die Membranen, auf welcher die
Nerven sich ausbreiten, nicht berührten"*). Da ferner Mül-
ler folgenden Ausspruch thut: „Die Ansicht, dafs der krystal-
linische Staub beim Hören von den Wänden abgeworfen werde»
wie der Staub auf schwingenden Scheiben und Membranen»
läfst sich physikalisch nicht rechtfertigen, ' denn im "Wasser
sieht man während der Schallleitung den im Wasser schwe-
benden Staub nie die geringste Bewegung machen"**), so
werden die Oscillationen der Otolithen in den Gehör- Kapseln
der Mollusken unsere Aufmerksamkeit ganz besonders erregen.
Sollten die merkwürdigen Bewegungen der Mollusken -Otoli-
then nicht daher rühren, dafs die Wände der geschlossenen
und gespannten Gehör- Kapseln schwingen und sollten nicht
durch dieses Schwingen die Otolithen von der inneren Wand
der Kapseln abprallen? Erinnert mau sich an die Aehnlich-
keit der Bewegungen, welche diese oscillirenden Otolithen mit
denjenigen Bewegungen haben, welche der auf dem schwin-
genden Stimmhammer im Wasser befindliche Sandstaub von
sich giebt, so wird obige Frage um so mehr erlaubt sein.
Woher rührt aber das ununterbrochene Abprallen des Mollu-
sken-Otolithen und das fortwährende Schwingen ihrer Gehör-
Kapseln?
Erklärung der Abbildungen, Tafel VI.
Fig. 1. A. Das linke Ganglion des Hauptganglien- Paases
aus der Wurzel des Fufses von Cyclas Cornea^ von der Seite
gesehen, a. a. Nach vorne verlaufende Nervenstämme; b. ein
in den Fufs tretender Nervenstamm; c. ein nach hinten sich
erstreckender Nervenstamm; d. das linke vestibulum membra-
naceum, oder vielmehr die Gehör-Kapselwand; e. der mit ei-
*) Müller's Physiologie des Menschen, Bd. II. 1840. pag. 463.
**) Ebenda, pag 463.
165
iier kla;"en Flüssigkeit angefüllte innere Raum des vestibulum
membranaceum ; f. der Otolith, auf dessen Fläche man bereits
die Risse angedeutet findet, in welche er beim Pressen zwi-
schen Glasplatten zerfallen wird,
Fig. 2. Der eben erwähnte Otolith durch Pressen zwi-
schen Glasplatten in vier pyramidale Stücke zerbrochen.
Fig. 3. Die untere Portion des Central -Nervensystems
von Lymnaeits stagnalis, der innere Raum A. des Ringes,
welchen die sieben Ganglien bilden, wird von lockerem Zell-
gewebe ausgefüllt; a. a. das vordere Ganglien-Paar, b.* b. die
kleineren Ganglien, die beiden kleineren Ganglien der linken
Seite b.* veranlassen die Asymmetrie des Ganglien -Ringes;
c. c. das hintere Ganglien-Paar; d.*d.*d. d.d. die Kommissuren,
welche die Ganglien unter einander verbinden ; e. e. e.* e.* die
Kommissuren, welche nach oben treten, um sich mit der auf
dem Oesophagus liegenden oberen Portion des Central-Nerven-
systems zu verbinden, und so den Haupt -Ganglien -Ring zu
schliefsen; f. f. die vestibula membranacea mit den Otolithen
in der Kapsel-Höhle.
Fig. 4. a. a. Vorderes Ganglien-Paar der unteren Portion
vom Central -Nervensystem aus Pliysa font'malis; b. b. die
beiden Kommissuren, welche zu den dahinter liegenden klei-
neren Ganglien treten; c. c. die vestibula membranacea, welche
Otolithen enthalten.
Fig. 5. Eine der Gehör- Kapseln aus Physa font'malis,
im horizontalen Durchschnitt sehr stark vergröfsert; a. die Kap-
selwand, deren innere Fläche uneben ist; b. der innere Raum,
welchen die Kapselwand umscidicfst.
Fig. 6. Die Otolithen aus einem vestibulum membrana-
ceum der Physa fontinalis; a. ein aus vier Pyramiden zu-
sammengesetzter Otolith.
Fig. 7. Einige Otolithen aus Helix pomatia.
Fig. 8. Das rechte Vestibulum membranaceum aus einem
Embryo des Cyprinus alhinnus wie dasselbe in dem zarten
Parenchyme des Embryo eingebettet liegt, von der Seite be-
trachtet; a. die Kapselwand des vestibulum; b. die beiden
Otolithen, welche auf der inneren Fläche der Kapselwand auf-
sitzen; der obere Otolitli, welcher eine mehr plattgedrückte
Form hat, läfst auf seiner freien Fläche die Risse erkennen.
166
in deren Richtung derselbe beim Pressen zwischen Glasplatten
zerbrechen wird.
Fig. 9. Derselbe Otolith durch Pressen in vier Stücke
zerbrochen.
Fig. 10. Das rechte vestibulum membranaceum aus einem
noch jüngeren Embryo des Cyprinus alburnus; a. die Ge-
hör-Kapselwand; b. die beiden Otolithen.
An merk. Die Abbildungen sind alle sehr stark vorgröfsert.
Zusatz.
Nachdem nun bei den Mollusken das Gehörorgan nach-
gewiesen ist, dürfte man aufgemuntert werden, auch noch bei
anderen niederen Thierordnungen nach diesen Sinueswerk-
zeugen zu suchen; namentlich scheinen die Anneliden zu sol-
chen Untersuchungen aufzufordern, da viele dieser Thiere ein
sehr scharfes Gehör verrathen. Bekanntlich kann man durch
Plätschern im Wasser, welches von Blutegeln bewohnt wird,
diese nach Blut dürstenden Thiere aus ihren Schlupfwinkeln
herbeilocken; noch empfindlicher gegen das geringste Geräusch
zeigen sich die Regenwürmer, was man besonders gut zur
Zeit beobachten kann, wenn diese Anneliden, um sich zu be-
gatten, aus ihren Erdlöchern theilweise hervorkriechen und
sich durch langes Ausrecken gegenseitig zu erreichen suchen,
ohne mit der Schwanzspitze das Erdloch zu verlassen, in wel-
ches sie sich mit der gröfsten Schnelligkeit zurückziehen, wenn
man sich ihnen mit den leisesten Fufstritten nähert. Ob nun
bei diesen Thieren ein besonderer specifischer Gehörnerv vor-
handen ist, ob sie einen besonderen Leitungsapparat besitzen,
der die Schallschwingungen aufnimmt und nach dem Central-
Nervensysteme hinleitet, das ist nun zu untersuchen. Fast
möchte man an die Existenz eines besonderen Gehörorgans bei
den Anneliden glauben, wenn man die Beschreibung des Ner-
vensystems durchliest, welche Grube und Stannius aus
^renicola piscatorwn gegeben haben. Grube hat nämlich
mehrmals in dieser Anuelide „nahe der oberen Mittellinie des
Körpers, jederseits einen weifsen Knoten erkannt, der sowohl
167
mit dem gleichnamigen als mit den Schenkeln des Schlund-
Ringes in unmittelbarer Verbindung zu stehen" schien*).
Stannius fügt dieser Beschreibung noch folgendes hinzu:
„unter dem Mikroskope erscheint jedes Knöpfchen als eine mit
feinen Fäden besetzte, von zwei concentrischen Ringen be-
"•ränzte Masse. Innerhalb des inneren Ringes liegt eine grofse
Zahl von unregelmäfsigen eckigen Körperchen mosaikartig an
einander. Jedes dieser Körperchen hat 00003 — 00004 P. Z.
im Durchmesser, und enthält regelmäfsig einen deutlichen, sei-
nen Conturen entsprechenden Kern. Diese eckigen, mosaik-
artigen Körperchen füllen nicht das ganze Centrum aus, son-
dern liegen unregelmäfsig bald nur in einem, bald in beiden
Halbkreisen des innern Ringes. Sie scheinen krystallinischer
Natur zu sein"**). Die quere Kommissur, welche nach
Grube beide Knötchen mit einander in Verbindung setzt, hat
Stannius nicht beobachtet***). Sollte man nun nicht, be-
sonders bei der Beschreibung, wie sie Stannius von diesem
Organe der Arenicola piscatorinn gegeben hat, an die Ge-
hörkapseln des Mollusken denken? Die Knöpfchen scheinen
wirklich eine Höhle zu enthalten, wie sich aus den beiden
concentrischen Ringen vermuthen läfst, welche Stannius an
ihnen gesehen hat, und welche wahrscheinlich die Wand der
Gehör- Kapseln andeuten. Die unregelmäfsigen eckigen Kör-
per, welche nach Stannius Angabe innerhalb des inneren
Ringes jener Knöpfchen liegen, sind vielleicht Otolithen; Stan-
nius sagt von ihnen ausdrücklich, dafs sie krystallinischer Na-
tur seien; der Kern, welcher den äufseren Conturen der un-
regelmäfsigen eckigen Körper entspricht, rührt vermuthlich
von dem concentrischen Gefüge her, welches bei den Otoli-
then so häufig durch ähnliche Zeichnungert zu erkennen ist.
Man wird demnach die Abbildung, welche Stannius von
den eben erwähnten beiden Organen der Arenicola pisca-
*) Grube: Zur Anatomie und Physiologie der Kiemenwürmer,
pag. 18. Tab. I. Fig. 7. p.
**) Stannius: Bemerkungen zur Anatomie und Physiologie der
Arenicola piscatorum. S. Müller' s Archiv. 1840. pag. 379. Taf. XI.
Fig. 15. a. a.
***) Ebenda, pag. 379.
168
torum gegeben hat,*) nicht betrachten können, ohne an das
Gehörorgan der Mollusken erinnert zu werden.
Erlangen, den 1. Juli 1841.
lieber die Balanideen.
Von
W. V. Rapp, Professor in Tübingen.
Von den Schalen der Mollusken und der gestielten Cirri-
peden {Lepadea) unterscheiden sich die Schalen der unge-
stielten Cirripeden {Balanidea) durch ihren eigenthümlichen
innern Bau. Die Geschlechter Baianus, Corojiula, Tiibici-
nella stimmen in dieser Beziehung mit einander iiberein. Die
Schalen dieser Cirripeden sind nämlich von regelmässigen Ka-
nälen durchzogen.
Tuhicinella halaenarum Lam. zeigt in der weissen
Schale regelmässige, senkrechte, vierseitige Röhren, die vom
obern zum untern Rande in gerader Linie sich fortsetzen,
ohne sich in Aeste zu theilen, und dicht neben einander ste-
hen in einfacher Reihe. Die Schale hat auf der Oberfläche
sechs der Länge nach verlaufende Furchen, in welchen sie
leicht zerbrechlich ist. An diesen Furchen zeigen die Kanäle
der Schale eine andere Richtung, sie laufen horizontal, sind
sehr kurz und hängen mit dem zunächst stehenden senkrech-
ten Kanal zusammen. Untersucht man die Schale im frischen
Zustande, so erkennt man in den Kanälen einen hohlen Fa-
den: er stellt den innern Ueberzug des Kanals dar, wie auch
die äussere und innere Oberfläche der Schale von einer dün-
nen durchsichtigen, beim Trocknen nach und nach gelb wer-
denden Haut überzogen wird. An dem untern freien Rande
der Schale, wo die senkrechten Kanäle offen stehen, hängen
*) Ebenda. Taf. XI. Fig. 12. 13.
169
diese häutigen Ueberziige mit einander zusammen. Die Schale
ist mit einer gleichen Haut an der Grundfläche geschlossen.
Unter dem Mikroskop erkennt man an diesem häutigen Ueber-
zuge keine Zellen. Die Schale ist mit parallßllaufenden her-
vorragenden Ringen umgeben, die mit dem Alter zunehmen;
ich fand bis eilf solclier Ringe. Das Thier ist so in der
Schale enthalten, dass die Mundöfi'nung desselben abwärts ge-
richtet ist, und das hintere Ende, an welchem die, den männ-
lichen Genitalien angehörende riisselförmige Verlängerung sich
findet, entspricht der freien Oeffnung der Schale. Die Ran-
kenfiisse sind bei Tubicinella und bei andern Thieren aus der
Ordnung der Balanideen kürzer als bei der Ordnung der Le-
padeen (gestielten Cirripeden). Nach den Untersuchungen,
die ich an der Tubicinella angestellt habe, schliefse ich, dass
sie lebendige Junge zur Welt bringe. Unter dem Mantel fand
ich eine« grosse Menge von Eiern: sie sind nicht kugelförmig,
sondern, wie ich es auch bei andern Cirripeden gefunden habe,
länglich. In einer der grössten Tubicinella balaenarum, die ich
zergliederte, fand ich viele Junge, die das Ei schon verlassen
hatten und bei einer SOOfachen Vergrösserung deutlich zu er-
kennen waren, Sie haben, wie J. Thompson*) und Bur-
meister**) schon bei andern Cirripeden gezeigt haben, eine
vom erwachsenen Thier völlig abweichende Gestalt. Der Rücken
ist stark gewölbt, hinten spitzt sich das Thier zu. Eine Ab-
theilung in Segmente ist nicht wahrzunehmen. An jeder Seite
erkennt man drei ziemlich durchsichtige, mit Borsten besetzte,
mit der Spitze rückwärts gerichtete Füsse, die gegen das freie
Ende hin gabelförmig getheilt sind. Augen konnte ich nicht
unterscheiden. Es findet sich noch keine Spur einer Schale.
Da die Jungen schon im Leibe der Mutter zu unterscheiden
sind, wie es Wagner schon bei Anatifa beobachtet hat ***),
so widerlegt sich damit die Annahme von Cuvier f), dass
*) J. Thompson, Zoological researches and illustrations. Memoir
IV. On Cirripedes. Cork 1830. pl. 9. 10. Philos. Transact. London
1835. pag. 355.
**) Beiträge zur Naturgeschichte der Rankenfüsser.
**') Vergl. Physiol. des Bluts S. 61.
t) Memoire sur les animaux des anatifes et des balanes. In
170
beim Durchgang durch den Kanal, der in die riisselförmige
Verlängerung übergeht, die Eier befruchtet werden. Dieses
riisselförmige Organ ist vielmehr, wie auch von Hunt er*),
Burmeister**), MartinSaint-Ange***), R. Wagnerf)
angenommen wird, der gemeinschaftliche Ausführungsgang für
beide Testikel.
Die Tuhicinella halaenarum lebt in der Haut der Wall-
fische und ist ganz in das dicke Malpiphische Netz eingegra-
ben, fast ohne eine Hervorragung zu bilden. Die freie Mün-
dung der Schale, aus welcher die Füfse des Thiers hervor-
kommen, mit den vier Klappen an der Oeffnung der Schale
sind allein sichtbar. Die Grundfläche der Schale der Tubi-
cinella erreicht die Lederhaut des Wallfisches nicht vollstän-
dig, es bleibt immer eine Lage vom Malpighischen Netz zwi-
schen der Schale und dieser Haut. Das Gewebe der Wall-
fischhaut erleidet durch diesen Parasiten keine andere Verän-
derung, als dass die unzähligen, fadenförmigen, weissen Ver-
längerungen, welche von der Lederhaut der Cetaceen entsprin-
gen und in das Malpighische Netz hineinragen, sehr verkürzt
sind an der Stelle, wo ein solcher Cirripede sitzt. Dafs aber
dieser, wie Lamarckff) angiebt, und wie es zeither oft wie-
derholt worden ist, in den Speck des Wallfisches eindringe,
fand ich niemals bei den zahlreichen Stücken von Wallfisch-
haut, welche Herr Dr. Krause von seiner Reise nach dem
Cap mitgebracht hat. Die Tubicinellen, obgleich mehrere durch
ihre Grösse sich auszeichneten, reichten nicht bis auf die Le-
derhaut. Die Abbildung, welche D u f r e sn e in einem Anhange
zu Lamarck's Abhandlung über die Tubicinella bekannt machte,
ist nicht von Werth, es hat dort den Schein, als ob die Tubi-
cinella im Speck des Wallfisches eingegraben wäre, aber die
Mem. pour servir a l'histoire et ä l'anatomie des moUusques. Pa-
ris 1817.
*) Catalogue of the physiolog. series of comparative anatomy.
Vol. I. London 1833. 4.
*♦) a. a. O.
**") Memoire sur rorganisation des cirripedes. In Mem. presen-
tei5 par divers savans ä l'acad. roy. de France. 1835.
\) MüUer's Archiv. 1834. S. 467.
^t) Annales du museum d'hist, naturelle. 1802.
171
für den Speck ausgegebene Schiclit ist das Malpiphische Netz
des Wallfisches, welches an manchen Stellen der Wallfisch-
haut über einen Zoll dick ist. Uebrigens stehen die Tubici-
nellen dicht neben einander, und sind oft nur durch einen
Zwischenraum von einigen Linien, der mit Malpiphischem
Netz ausgefüllt ist, von einander getrennt, zugleich ist die
Oberfläche der Haut mit zahlreichen Schaaren von Cyamus
besetzt. Wie die Tubicinella in das dicke Malpiphische Netz
des Wallfisches gelange, ist nicht leicht zu erklären. Viel-
leicht dass diese Cirripeden in ihren frühen Lebensperioden,
so lange sie noch einer freien Ortsbewegung fähig sind und
und noch mehr den Crustaceen gleichen, in die dicke Schicht
des Malpiphischen Netzes dringen und dort ihre Verwandlung
durchmachen, Dass die Tubicinella vom W^allfisch ihre Nah-
rung ziehe, ist nicht anzunehmen, auch mehrere andere Cirri-
peden sitzen vorzugsweise an Gegenständen, die im Meere
schwimmen, an Schiffen, an Stückchen Holz, an gewissen Tan-
gen. Bei Tubicinella balaenarum fand ich den Magen mit
einer gelblichen Masse gefüllt, ich konnte aber auch durch
Hülfe des Mikroskops keine Theile von'^Thieren darin unter-
scheiden. Vielleicht die zahlreichen lleerden von Cyamus,
welche die Haut der Wallfische bedecken, dienen der Tubici-
nella zur Speise. In zwei oder drei Fällen fand ich wohl im
Magen der Tubicinellen unter dem andern Futter einige kleine
Fragmente von dem schwarzen Malpiphischen Netz des Wall-
fisches, diese Stückchen konnten aber zufällig mit anderer
Nahrung verschluckt worden sein. In dem untern Theile des
röhrenförmigen Gehäuses fand ich immer eine weiche, mit
Fäden durchzogene Masse, in welcher man durch das Mikro-
skop eine unzählige Menge von runden, gelblichen, durchsich-
tigen Körnchen erkennt. Ich war geneigt, sie für die noch
wenig entwickelten Eier zu halten, aber es finden sich ganz
ähnliche nur grössere Körper, die nichts sind als ein thieri-
sches Oel. Es fliessen oft zwei derselben zu einem Tropfen
zusammen. Selbst mit blossem Auge erkennt man bei der
anatomischen Untersuchung dieser Cirripeden unter Wasser
kleine Fetttropfen, die aus der weichen, im Grunde der
Schale enthaltenen Masse kommen und sich auf die Oberfläche
des W'assers erheben.
172
Die Tubicinellen finden sich niclit bei den Wallfischen,
die im Norden gefangen werden.
Die Schale von Coronula diadema Lamk. hat auch
jene senkrechten Röhren, wie sie hei Tubicinella, überhaupt
bei den ungestielten Cirripeden vorkommen. Diese Röhren
sind stark an Leiden Seiten zusammengedrückt; ähnliche doch
kleinere Röhren sind auch in den senkrechten Scheidewänden
angebracht, die bei diesem Cirripeden an der Grundfläche
strahlenförmig gegen die Achse der Schale verlaufen. Gegen
die freie Mündung der Schale werden diese Kanäle enger und
verschwinden endlich ganz. Man schreibt der Coronula dia-
dema gewöhnlich vier Klappen zu zum Verschliefsen der Schale,
es finden sich aber nur zwei, wie es schon Burmeister rich-
tig angegeben hat, das Uebrige der Mündung wird von einer
fast knorpelartigen Haut umgeben.
Coronula ?>ö/«e7i«ri*Lmk. zeigt ähnliche, feine, der
Länge nach verlaufende Röhren in der Schale. An den sechs
Furchen, Avelche gegen den Umfang der Schale verlaufen, läfst
sich diese leicht zerbrechen und hier ist die Schale aus kamra-
förmig über einander liegenden Blättchen gebildet. Im fri-
schen Zustande findet man die Schale der Coronula balaena-
ris mit einer dicken, schwarzen Haut bedeckt, diese gehört
aber nicht zu dem Cirripeden, es ist ein Theil des Malpiphi-
schen Netzes des Wallfisches. Bei einigen Stücken von Co-
ronula balaenaris fand ich die Oberfläche mit einer weissen
Haut bedeckt, sie hatten ihren Sitz an Stellen des Wallfisches,
wo die Haut weiss ist. Bei Coronula liegen an der aufsitzen-
den Fläche der Schale längliche Kammern, in welchen aber
nichts von dem Thier enthalten ist, sie sind mit einer dicken
Haut ausgefüllt, welche auch die übrige Oberfläche der Schale
überzieht, doch auf der Schale selbst ist noch ein sehr dün-
ner, durchsichtiger, membranöser Ueberzug. Bei Coronula
balaenaris fragt Blainville (Manuel de Malacologie), ob der
Deckel aus zwei Klappen bestehe? Ich fand immer vier Klap-
pen, aber von ungleicher Grösse, zwei kleinere uiid zwei
grössere. Die Abbildungen bei Blainville und Guerin sind
unrichtig, indem alle Klappen von gleicher Grösse gezeichnet
sind, die Abbildung bei Sowerby (Conchological Manual)
ist richtiger. Zwischen der knorpligen Haut um die Oeff'-
173
nung der Schale herum iiiul dem Thier fand ich eint, weifse
zerreibliche Materie, sie bestand, wie die mikroskopische Un-
tersuchung zeigte, aus nadeiförmigen Krystallen, und löste sich
leicht in Salpetersäure auf. Es scheint kohlensaurer Kalk
zu sein, der zum Wachsthum der Schale dient.
Das Thier liegt in der Schale auf dem Rücken. Die
riisselförmige Verlängerung (der gemeinschaftliche Ausfiihrungs-
gang' beider Testikel) ist bei diesen Cirripeden besonders lang
und übertrifft an Länge mehrfach die gegliederten Füsse, und
ist in regelmässige Ringe getheilt, wie die Haut der Anneliden.
Die verschiedenen Arten von Baianus {Baianus spU
nosus, Hnünnahulum , miser, sulcalus, peiforatus} zeigen
die Röhren in den Schalen, wie ich sie ale einen allgemeinen
Charakter der ungestielten Cirripeden angegeben habe. Schon
Poli (Testacea utriusque Siciliae) hat diesen Bau bei einigen
im mittelländischen Meer vorkommenden Arten erkannt, auch
Cuvier (Mem. sur les animaux des anatifes et des balaues)
erwäJmt kurz dieser Kanäle in den Schalen und von Cold-
stream*) wurden sie bei Baianus beschrieben. Der kalkar-
tige Boden, der bei vielen Baianus die Schale schliefst, zeigt
ähnliche Röhren, wie die seitliche Wand der Schale, aber die
im Boden verlaufenden Röhren gehen vom Mittelpunkt strah-
lenförmig gegen den Umfang und sind durch kalkartige, dünne
Querwinde abgetheilt, wie gegliedert. Die Abtheilungen der
Schale von Baianus, welche gegen die freie Mündung hin zwi-
schen den sechs sich zuspitzenden Schalenstücken liegen, ent-
halten keine Kanäle, vielmehr sind diese Zwischenstücke, die
durch Querstreifen ausgezeichnet sind, aus horizontal liegenden
Blättern 'gebildet.
Bei Baianus spinosus sind die kalkartigen Stacheln, mit
d welchen die Oberfläche der Schale besetzt ist, hohl, und ihre
Höhle öff"net sich in eine der Röhren, die in der Schale der
I Länge nach verlaufen. Baianus spinosus wird von Blain-
,ville zu den Arten gezählt, bei welchen die Grundfläche der
; Schale nicht kalkartig ist, sondern nur mit einer dünnen Haut
verschlossen wird, ich fand aber bei diesem Baianus in dem
kalkartigen Boden auch die Röhren, welche vom Mittelpunkt
*) In Cyclopaedia of Anatomy and Physiolog. Art. Cirrhopoda.
174
gegen den Umfang ausstrahlen. Die Röhren der Schalen der
Balanideen enthalten im frischen Zustande nur eine kleine
Menge einer wäfsrigen Feuchtigkeit. Die zwei oder vier
kalkartigen Klappen zum Verschliefsen der Mündung der
Schale enthalten keine Kanäle, auch in der kalkartigen Schale
der gestielten Cirripeden (Lepadeen) fand ich keine Spur davon*).
Das Thier der ungestielten Cirripeden unterscheidet sich
von dem der gestielten besonders durch die Kiemen. Bei den
Lepadeen nämlich erscheinen diese Organe als schmale, zuge-
spitzte Blättchen, bei den Balanideen liegt aber an beiden Sei-
ten des Thiers eine grofse Kieme von einer Haut gebildet,
die in ziemlich regelmäfsige Blätter gefaltet ist, wie schon
Cuvier und Hunter angegeben haben.
^) Es ist dies durchaus eme Bestätigung meiner Aimcht, nach
welcher die Deckelstückc der Balanen den seitlichen Schalen tacken
der Lepadcn entsprechend sind Entomogr. L S 23. ^ot.). Man denke
weil es der Aufnahme des Korpers in den btiel i"™. ^f S^ .„ "' ' „^u'
Balanen, und zwischen ihnen fi^f^t sich ganz ^i« ^.«1 a ^ ^
die Oeffnung, durch welche die I^^^k^"*"*'*;, '"'^VA^ser in Verbin.
xvelche überhaupt das Thier mit dem ™^f«]^,.^"^^«" ^^„^f 'j^
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Theil aus den Vorderbeinen und aus diesen allem entstehe.
Der Herausgeber.
175
Neue und weniger gekannte südamerikaniscLe
Euphoi biaceen - Gattungen
Von
Dr. J. F. Klotzsch.
(Hierzu Tafel VII, VIII und IX.)
Ein grosser Vorrath von unbearbeiteten brasilianischen
Euphorbiaceen von dem verstorbenen Selio gesammelt, wozu
einige von Luphnath, Blanchet und Lhotzky kamen, die
sämmtJich in der hiesigen Königlichen Sammlung aufbewahrt
smd, bestimmte mich, diese zu untersuchen, als ich von den
Herren Verfassern der Flora brasiliensis von Martins und
Endlicher die Auflforderung erhielt, diese Pflanzen -Ordnung
für das eben genannte Werk zu bearbeiten und zu diesem
Zwecke durch gefällige Mittheilung der durch die Herren
von Martins, Schott und Pohl in Brasilien gesammelten
Euphorbiaceen der Wiener und Miinchener Museen unterstützt
wurde. HerrBentham, dem die Publicirung der Pflanzen-
schatze, welche Herr R. Schomburgk aus dem britischen
Ouiana brachte, anvertraut ist, übertrug mir die Bearbeitung
der dann enthaltenen Euphorbiaceen und hatte aufserdem die
besondere Gefälligkeit, mir auch die in seiner reichen Samm-
lung befindlichen südamerikanischen Euphorbiaceen zur Bear-
beitung zu überweisen. Auch dem Herrn Lindley schulde
ich für die aus seinem besonders an chilesischen und perua-
mschen Euphorbiaceen reichen Herbarium, welche er mir eben-
falls zur Untersuchung und Veröfi-entlichung mittheilte, meinen
aufrichtigen, tief gefühlten Dank.
Und so erlaube ich mir denn die Ergebnisse der Unter-
suchungen des vorerwähnten Materials in Bezug auf Gattun-
gen der Oeffentlichkeit mit dem Wunsche zu übergeben, die-
176
selben als einen Beitrag zur Erkenntnifs der südamerikanischen
Euphorbiaceengattungen betrachten zu wollen. Bei den Gat-
tungen angeführte, bereits näher untersuchte und benannte
neue Arten werden nach ilirem Vaterlande, die brasilianischen
in der Flora brasiliensis, alle übrigen in Hookers Journal
of Botany beschrieben werden. Die seit dem Erscheinen
der vortrefflichen Monographie säramtlicher Gattungen der
Euphorbiaceen des Herrn Adrian von Jussieu bekannt ge-
wordenen Gattungen mit Bezug auf ihre Gruppirung finden
wir iuEndlichers an Literatur reichem Werke Genera plan-
tar um sorgfältig zusammengetragen und umsichtig unterge-
bracht. Meine Ansichten stimmen mit der in diesem Werke
befolgten Anordnung so sehr überein, dafs ich es für räthlich
halte, dieselbe als Grundlage anzunehmen, und meine Beiträge
hiernach unterbringen werde. Dabei gewährt es mir eine be-
sondere Freude, nur Zusätze, keine Berichtigungen geben zu
müssen.
Tri.bus I. Eupovbieae Bartling Ord. nat. p. 372,
Endlicher gen. plant, p. 1108.
Ovarii loculi uniovulati. Semina albuminosa. Flores
monoeci, apetali, intra involucrum commune masculi cum fe-
mineis.
Aufser einigen neuen Arten der zu dieser Tribus gehö-
renden in Südamerika vorkommenden Gattungen: Vedilanthus
Necker, Euphorbia L. und Dalechampia Plumier, ist mir et-
was Bemerkenswerthes nicht aufgestofsen.
Tribus II. Prosopidoclineae *) Kl.
Ovarii loculi uniovulati. Semina arillata, exalbuminosa.
Jnvolucra subgloboso-vesicaeformia, hinc hiantia, deinde plus
minusve explanata, demum decidua, 3, 4 — 6 flora, bracteis
suffulta. Flores dioeci, apetali.
Diese Tribus weicht in mehreren wichtigen Punkten so
sehr von dem gewohnten Charakter der Euphorbiaceen a\
dafs man glauben sollte, man habe eine neue, von allen bif
jetzt bekannt gewordenen Pflanzengruppen verschiedene Fa
milie vor sich; allein dem ist nicht so. Wenngleich einge
räumt werden mufs, dafs die bisher gebrauchten Kenuzeichei
*) Aus den Wörtern ttqosotiCs und yMyr} zusammengesetzt.
177
2ur Bezeichnung der Euphorbiaceen durch die Aufnahme ge-
genwärtiger Tribus zum Theil modifizirt ^te^den, so sind sie
darum doch nicht unanwendbar geworden. Das Auftreten von
abweichenden Kennzeichen in dieser Tribus scheint nur des-
halb etwas schroff, weil uns die Uebergänge noch fehlen. Der
gänzliche Mangel des Eiweifses im reifen Samen bietet aller-
dings einen Unterschied, der näher erwogen zu werden ver-
dient; aber wer steht dafür, dafs dasselbe nicht auf Kosten des
Keim's und der Cotyledonen innerhalb der Testa bereits ver-
zehrt wurde, und während der Entwicklnngsperiode doch vor-
handen war, was natürlich nur durch unreife Samen, die mir
bei meinen Untersuchungen nicht zu Gebote standen, bewiesen
werden könnte. Ich darf hierbei nicht unerwähnt lassen, dafs
ich bei Untersuchung der Samen zweimal an der Ausrandung
der Cotyledonen etwas Eiweifsähnliches bemerkt habe, was
eigentlich den Grund zu der vorher ausgesprochenen Vermu-
thung in mir weckte.
Wichtiger als das Vorhandensein oder der Mangel von
Eiweifs ist der Sitz und die Richtung des Embryos, und hierin
ist kein Unterschied wahrzunehmen. Die Dicke der Cotyledo-
nen wiederholt sich bei vielen Euphorbiaceengattungen. Die
Konsistenz der Testa ist genau so, wie bei den übrigen Eu-
phorbiaceen. Der Arillus ist häufig in dieser Familie vorhan-
den. Die Anheftung, Lage und Zahl der Eichen weicht von
der Regel nicht ab. Ueberhaupt bieten alle übrigen Kennzei-
chen der Prosopidoclineen nur Belege für die Uebereinstim-
mung mit den Euphorbiaceen; der Habitus erinnert an die
Gattung Cr 0 ton, die Anwesenheit einer besondern Hülle,
welche mehrere Blüthen einschliefst, erinnert an Euphorbia
und die eigenthündiche Bildung der in dieser Tribus vorkom-
menden Kapsel läfst sich sehr leicht auf die ursprünglich
knopfartige Kapselform zurückführen. Zu erwähnen bleibt hier-
bei nur noch, dafs mit Ausnahme der Gattung Peridium bei
den übrigen zu dieser Tribus gehörenden Gattungen den männ-
lichen Blüthen die Rudimente der Ovarien beigesellt sind,
welche nicht, wie es bei den Buxeen (eingr Tribus der Euphor-
biaceen) der Fall ist, das Centrum einer männlichen Blüthe
einnehmen, sondern dieser zur Seite geordnet sind.
Mutis war der erste, welcher eine dieser Gattungen
Archiv f. Naturgcsch, VII. Jahrg. 1. Bd. 12
178
(Pera) bereits in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts
entdeckte und beschrieb. Sie scheint seit jener Zeit nicht wie-
der aufgefunden zu sein und obgleich es mir nicht gelun-
gen ist ein Exemplar hiervon ausfaidig zu machen, so bin
ich doch überzeugt, sie als eine besondere Gattung betrach-
ten zu müssen. Eine zweite, ebenfalls sehr gut zu unter-
scheidende Gattung (^Spixia) machte Leandro de Sacra-
mento in den Münchener Denkschriften bekannt. Eine dritte
bewährte Gattung {Peridiuin) wurde von dem Herrn Schott
entdeckt und in Sprengeis Cur. posterior, in Syst. vegetab.
beschrieben. Die wesentlichen Kennzeichen und eine beige-
fügte Analyse, welche ich den Gattungen weiter unten habe
folgen lassen, werden hoffentlich beweisen, dafs nicht allein
diese drei Gattungen beibehalten werden müssen, sondern dafs
•sich auch noch eine vierte von den übrigen deutlich geson-
derte Gattung dazu gefunden hat, wovon ich leider nur männ-
liche Pflanzen zu untersuchen Gelegenheit hatte.
A. Involuci'is unihracteatis.
SchiSTnatopera*). Spixiae species de Martius in
Herb. Reg. Monacensi. Flores dioici. Involucrum coriaceum,
subgloboso - vesicaeforme, pubescens, tri - quadriflorum, hinc
hians, deraum explanato-bivalvatum, ad basin brac-
teola persistente, solitaria, convexa instructum.
Masc. Pedicelli antheriferi tres, cylindrici aut subulato-arcuati,
basi calycibus brevibus, trifidis aut tripartitis, extus villosis
cincti, apice antheris 4 aut 8 oblongis, brevi-filamentosis, erec-
tis coronati; antheris lateralibus, extrorsis, ioculis per riuiam
longitudinalem dehiscentibus. Ovarii rudimenta 3, trigona, hir-
suta, vertice stigmatibus trilobis, magnis, applanatis, sessilibus
instructa, in ambitu florum masculorum posita. Fem.?
Arbores Americae tropicae, 8 — 12pedales, ramosae. Rami
teretes, cortice cinereo-fusco. Folia magna, coriacea, distieha,
oblongo-elliptica, glabra. Flores axillares, brevi-pedunculati.
Pedunculi nudi aut squamati.
Obs. Species 2 aniericanae ;S.distichopIiylla et S.Marüana.
*) Aus axiof-ici und n^Qcc zusammengesetzt.
179
B. Involucris hihracteatis:
Spixia Leandro de Sacramento in Miinchener Denkschriften
VII. p. 231, t. 13 Spixiae species Martius in Herb. Reg.
Monacense. Ferae species Endlicher gaw. plant, n. 5880.
Flores dioici. Involucrum coriaceo - merabrana-
ceum, laxum, subgloboso-vesicaeforme, stellato-
pubescens, quadriflorum, vertiefe hians, demum
cucullatum, extus bracteolis duabus oppositis, in-
aequalibus, persistentibus suffultum. Masc. Stamina 12, in
flores 2, 3 aut 4 distinctos collecta, inferne bi-terna-
tim aut quaternatim coalita, staminum phalanges calycibus bi-
aut tripartitis cinetae; antheris terminalibus, globoso-elllpticis,
bilocularibus; filamentis glabris, üliformibus, ab apice usque
supra basin liberis. Ovarii rudimenta 4, sphaerico-oblonga
aut turbinata, inferne plus minusve attenuata, stigmate dis-
ciformi, applanato-orbiculari, integerrimo in ambitu florum
inasculorum posita. Fem.: Ovaria 4 — 6, sphaerico-oblonga,
villosa, subsessilia, singula calyce diphyllo cincta, trilocularia,
loculis uniovulatis, ovulis pendulis. Stylus brevis, cylindri-
cus, villosus, deciduus. Stigma infundibuliformi-peltatum,
atro-viride, viscosum. Capsulis epicarpium lignosum,
durissimum, crassum, trivalve. Semina?
Arbores brasilienses, romasae, cortice cinereo-fusco. Folia
alterna, magna, coriaceo -membranacea, subtus plerumque pu-
bescentia. Flores axillares, brevi-pedunculati.
Obs. Species 3, brasilienses. S. Leandri Martius Mss.
S. grandißora Mart. Mss. S. harhinervis Mart. Mss.
Vera Mutis. Neue Abhandlungen der Königl. Schwedischen
Akademie, aus dem Schwedischen übersetzt von Kästner.
5. Band p. 299. Tafel VIII.
Flores dioici. Involucrum subgloboso-vesicaeforme, hinc
hiaus, demum explanatum, basi emarginatum, extus bracteolis
duabus oppositis inaequalibus. Masc. Stamina pluriraa bre-
vissima, receptaculo biseriatim inserta, squamulis membrana-
ceis plicatis, multifidis iuterstincta; antherae basi fixae, oblon-
gae, tetragonae. Ovaria 4, effoeta, in receptaculi latere brevi-
ter pedicellata. Stylus brevissimus. Stigma tsipartitum, lobis
apice lätioribus emarginatisque incrassatis. Fem.: Ovaria 4,
12*
180
supra receptaculum squamulis plurimis, niultifidis stipata,
pedicellata, singula trilocularia, loculis uniovulatis, mouostyla.
Stylus brevis, subtrigonus; Stigmata tripartita ut in masc.
Capsula pedicellata, trilocularis, subtrigona, trivalvis, valvulis
singulis bifidis, tandem bipartitis. Semina in loculis solitaria,
arillata.
Arbor Mariquitensis facie Spixiae. Species unica. P.
arborea Mutis.
Peridium Schott in Sprengel Cur. post. p. 410. Peröe spe-
cies Endlicher gen. plant, n. 5880. Spixiae species Martius
Mss. in Herb. Reg. Monac.
Flores dioici. Involucrum globoso-vesicaeforme, lepido-
fum, antice rima apertum, ceterum undique clausum, extus
bracteis duabus oppositis, inaequalibus, persistentibus suflFul-
tum. Masc. Stamina 10 — 16, receptaculo coramuni inserta,
basi coalita; antherae terminales, oblongae, biloculares, loculis
lateralibus, per rimam longitudinalem dehiscentibus; filamenta
erecta, compressa, subulata, glabra; ovarii rudimenta nulla.
Fem. Ovaria 4, turbinata, brevi -pedicellata, trilocularia, locu-
lis uniovulatis, ovulis pendulis. Stylus brevissimus, teretius-
culus, deciduus; Stigmata triloba. Fructus capsularis, epicar-
pio corticato, trivalve, valvulis bifidis, intus tricoccus, coccis
spongiosis, bivalvibus monospermis. Semina pendula, obovata,
arillo membranaceo instructa; testa atra, nitida, crustacea.
Embryonis exalbuminosi, orthotropi cotyledoneS carnosae, plano-
convexae. Radicula supera, umbilico proxima.
Arbores Americae tropicae, foliis alternis, coriaceis, ob-
longis, glabris autlepidotis; iuvolucris antice apertis, pedicel-
latis; pedunculis abbreviatis, axillaribus.
Obs. Species 6 brasilienses. P. glabraium Schott. P.
ohtusifolium Schott. P. ferrugineum Schott. P. olovatum
Kl. P. parvifolium Kl. P. ovale Kl. Species 1, guianen-
sis. P. licolor Kl.
Trib. HI. Hippomaneae Bartling Ord. nat. p. 372.
Ovarii loculi uniovulati. Flores apetali, spicati, bracteis
uni-multifloris.
Maproujiea Aubl. umfasst nur zwei Arten, von de-
nen eine im französischen Guiana und die andere in Brasilien
181
vorkömmt, beide Arten sind abgebildet, mit Analysen verse-
hen und der Gattungscharakter genau gekannt.
Adenopeltis Bertero entliält nur eine Art, welche in
Chili vorkömmt. Obgleich weder Abbildung noch Analyse hier-
von existirt, so lässt doch der Charakter der Gattung, wel-
chen die Herren Adr. von Jussieu in den Annales des Scien-
ces Naturelles Band 25, p. 24 und Endlicher in seinen Gene-
ribus plantarum n. 5770 entworfen haben, nichts zu wünschen
übrig. Die Blätter der Adenopeltis haben eine grosse Aehn-
lichkeit mit denen der folgenden Gattung.
Colliguaja Molina ist ebenfalls in Chili zu Hause und
durch Abbildungen und Analysen der Herren Sir William
Hooker (Botanical Miscellany I. t. 39 und 40 und Delessert
Icones selectae HI. t. 88 vollständig erläutert.
I) actylostemon *) novum genus. Gymnarren Lean-
dro de Sacramento Mss. ad part. Actinosteraonis species
de Martius in Herb. Reg. Monac.
Inflorescentia spicata, monoaut polystachya. Spicae ante an-
thesin tegraentis magnis, imbricatis, deinde deciduis obtectae.
Flores monoici, apetali, flores feminei pedicellati, ad basin spicae
masculae pauci, rarissime solitarii, singuli bractea minuta suflfulti.
Flores in utroque. latere ad rhachin subvillosami glandula minutis-
sima, disciformi, sessili instructi. Masc. Bracteae minutae, bi-tri-
florae. Stamina 6 — 16 filamentosa aut subsessilia, in pedi-
cellum satis longum, apice obsolete 2 — 3 bracteolatum con-
nata; antheris brevissimis, bilocularibus. Fem. Calyx 3 phyl-
lus. Ovarium pedicellatum, triluculare, loculis uniovulatis.
Stylus brevis. Stigma tripartitum, lobis simplicibus, revolutis,
intus stigmatosis. Capsula trilocularis, tricocca, coccis bival-
vibus, monospermis, valvulis infra apicem bicornutis.
Arbores? Americae tropicae, foliis alternis, membranaceo-
coriaceis, penninerviis, integerrimis , glabrescentibus; spicis
snbterminalibus.
Obs. Species 6 brasilienses. D. glahrescens KL, 1). an-
giistifolius Kl., J), grandifolius Kl., J). obtusatus Kl., D.
Hagendorßi Kl., D. lasiocarpus Kl.
Species 1 guianensis. D. Scliomburghii Kl.
'') Aus Sttxjvlos und ßir]f.i(üv zusammengesetzt.
182
Die Gattung Excoecaria wie ich sie verstehe, und wozu
Excoecaria Agallocha, von Wight und Arnott in Hookers
Companion to the Botanical Magazin Tafel 30 abgebildet, die
Grund-Art ausmacht, ist in Süd-Amerika bis jetzt noch nicht
aufgefunden worden, sondern wird daselbst durch eine Menge
ihr nahestehender Gattungen nur repräsentirt; dahin gehö-
ren: Gymnanthes Swartz Prodr. , Sebastiania Sprengel,
Gussonia Sprengel und wahrscheinlich eine vierte Gattung
aus Gymnanthes eUiptica Swartz Prodr. gebildet, auf die ich
aus Mangel an hinreichendem Material nur aufmerksam machen
kann; sie sind von Endliclier in dem oben citirten Werke
sämmtlich mit Excoecaria verbunden, und es bleiben wegen
ihrer Aehnlichkeit mit dieser Gattung noch zu erwähnen: Se-
nefcldera Martius, Adenogyne Kl., Actinosiemon Mart. und
Sarothrostachys Kl. Hier die Unterschiede, Grenzen und
Kennzeichen derselben.
Gyinnanthes Swartz Prodrom, p. 95 ad partem. Ex^
coecariae species Adr. Juss. Euphorb. gen. Tab. 16 n. 55.
Endlicher 1. c.
Inflorescentia axillaris, spicata, mono-distachya. Flores
monoici, apetali, ante anthesin squamoso-amentacei, singuli
squama persistente instructi; floribus femineis subsolitariis,
pedicellatis, in ramulo brevissimo, axillari terminalibus, ad ba-
sin amenti masculi ex eadem axilla provenientibus. Masc. Pe-
dicellus e filamentis coalitus, basi simplex, mox tripartitus, ad
basin squama sessili, persistente instructus; singulae filamentorum
laciniae squamula propria unica stipatae, nunc simplices 1-an-
theriferae, nunc 2 — 3 fidae, 2 — 3 staminiferae. Fem. Calyx
minimus, tripartitus, deciduus. Stylus crassus, brevis. Stigmata 3,
reflexa. Ovarium triloculare, loculis uniovulatis. Capsula glo-
bosa, nuda, trilocularis, tricocca, coccis bivalvibus, monospermis.
Arbores aut arbusculae americanae, quaedam lactescentes ;
foliis alternis, exstipulatis, subcoriaceis, remote serratis.
Gymnanthes liicida Swartz Prodr. G. riparia Kl. (Ex-
coecaria riparia Schlecht.)
Sehastiania Sprengel Neue Entdeckungen II. p. 118.
n/43 Tafel III. Adr. Juss. Euphorb, gen. p. 51. Excoecariae
species Endlicher 1, c. p. 1109.
Inflorescentia axillaris, laxe spicata, monostachya. FIo-
183
res monoici, apetali, singuli squatna sessili basi biglandulosa
instructi. Masc. Stamina 3 — 7, filamentis discretls, basi solum
brevissime coalitis, squamulisque angustis, acutis, subimbricatis
stipata. Flores feminei subsessiles, ad basin spicae masculae
pauci aut solitarii, squamis majoribus vestiti. Ovarium trilo-
culare, loculis iiniovulatis. Stylus brevis, crassus. Stigmata 3,
revoluta. Capsula glabra, nuda, trilocularis, tricocca, coccis
bivalvibus, monospermis.
Arbusculae brasilienses; foliis alternis, membranaceo-coria-
ceis, leviter serratis, exstipulatis, utriuque glabris; spicis axil-
laribus, gracilibus, pendulis.
Sehastiania hrasiliensis Spr. , iS". hrevifolia KL, S. fo-
veata Kl., S. macrophylla KL, S. desertorum KL, (^CnemU
dostachys? desertorum Martius Mss. in Herb. Reg. Mona-
censi), S. Sellomana KL, S. divaricata Kl. et S. reticulata KL
Gussonia Sprengel Neue Entdeckungen IL p. 119. Ta-
fel IL Fig. 7 — 10. Excoecariae species Endlicher 1. c.
Inflorescentia axillaris, spicata, mono-polystachya. Flores
monoici, apetali, singuli bractea concaviuscula, extus eglandu-
losa, persistente suffulti, feminei pedicellati, ad basin spicae
masculae pauci aut solitarii. Masc. Squama intus glandulosa,
3 staminifera; filamentis distinctis, subexsertis, basi solum coa-
litis; antheris ovato-oblongis, didymis. Fem. Calyx trifidus,
ad basin pedicelli bracteolatus. Ovarium triloculare, loculis
uniovulatis. Stylus nullus. Stigmata 3, subulata, reflexa. Capsula
glabra,tricocca, nuda, trilocularis; coccis bivalvibus, monospermis,
Arbusculae brasili'enses. Rami cinerei, subglabri, foliis al-
ternis, membranaceo-coriaceis, exstipulatis, glabris, supra luci-
dis; spicis axillaribus, subaggregatis, brevibus.
Gussonia discolor Sprengel et G. concolor Spr.
Adenogyne.^^
Inflorescentia axillaris, spicata, mono -aut polystachya.
Flores monoici, apetali; masculi pedicellati, triflori, basi squama
magna eglandulosa suflfulti; feminei uniflori, sessiles, ad basin
spicae masculae pauci aut solitarii. Masc. Pedicelli distincti,
squaraarum longitudine, 4 — 8 staminiferi, extus ad apicem squa-
mulis 2 calycinis vestiti; antheris brevibus, bilocularibus, bre-
*) Nomen e vocibus 'Adriv et yvvr\ compositum.
184
vissime filameutosis. Fem. Calyx trifidiis, persistens. Stylus
subnullus. Stigmata 3, subulata, reflexa. Ovarium triloculare,
loculis uniovulatis. Capsula globosa, nuda, trilocularis, tri-
cocca, coccis bivalvibus, monospermis.
Arbusculae brasilienses, ramosissimae, subinde spinescen-
tes; foliis minoribus, alternis, membranaceo-coriaceis, margine
obsolete crenulatis, supra lucidis, nervisque prominentibus,
subtus opacis; spicis axillaribus flavescentibus.
Adenogyne pachystachya Kl., A. roiiindifoUa Kl., A.
discolor Kl., A. hrachyclada Kl., A. servata Kl., A. angu-
Mifolia KI.. A. mucronata Kl. et A. inarginaia Kl.
Stnefeldera Martius Bleiblatt zur Regeusburger Flora
1841 Band 2. p. 29. n. 465.
Inflorescentia terminalis, paniculata, tegmentis squamae-
formibus, imbricatis, deinde deciduis vestita. Flores mo-
iioici, apetali, feminei ad basin ramulorum masculorum pa-
niculae sessiles, pauci, Masc. Singuli aut rarius bini ex
una eademque squama parva, acuta, persistente provenientes.
Calyx cupulaeformis, obsolete quadrifidus, in pediceJlum bre-
vem attenuatus. Stamen columnare brevissimum, vertice fe-
rens antheras subsessiles 8, raro pauciores, globoso-didymas,
extrorsum birimosas. Flores feminei: calyx urceolatus, qua-
dridentatus. Ovarium triloculare, nuduni, loculis uniovulatis.
Ovula pendula. Stylus distinctus, cylindricus. Stigmata 3, bre-
viuscula, teretia, longitudinaliter sulcata.
Arbores brasilienses; ramulis glabris, subverticillatis; foliis
sparsis, longissime petiolatis, ramulorum apices versus confer-
tis, magnis, oblongis, coriaceis, supra nitidis ; petiolis apice in-
crassatis. Paniculae nonnullae terminales; pedunculo commuui
basi tegmentis deciduis vestito. Antherae flavidae.
Senefeldera multiflora Martius 1. c. S. angiistifolia Kl.
et S. latifolia Kl.
^ctiTiostemon*)M.&rt'ms Mss. inHerb. Reg.Monacensi.
Inflorescentia subterminalis, spicata. Spicae subinde ra-
niosae, basi foliosae, tegmentis aridis, magnis, deinde de-
ciduis vestitae. Flores monoici, apetali, ad basin squama
lineari, decidua, eglandulosa instrjicti; feminei longe pedi-
*) Nomen e vocibus 'AKTi'y et oirnxap compositum.
185
cellati, ad basiii spicae masculae solitarii. Masc. Squamae
3 — 5 florae. PecUcelli cylindrici, basi subcoaliti, apice 4 — 12
staminiferi, esquamati ; antheris bilocularibus, extrorsis, filamen-
tis distinctis, brevibus, deciduis. Fem. Ovarium calyce desti-
tutuin, nudum aut verrucosum, triloculare, subglobosura, locu-
lis unioviilatis. Stylus cylindricus, brevis. Stigmata 3, teretia,
recurvata. Capsula nuda, trilocularis, tricocca, coccis biyalvi-
bus, nioiiospermis.
Arbusculae brasilienses ; ramis patentibus, cortice laevi,
cinereo; foliis alternis, coriaeeis, oblongis, margine iiitegerri-
mis. Spicae simplices aut ramosae, subterminales, basi fo-
liolis 2 instructae, e gemma tegmentis aridis, fuscis, deinde de-
ciduis erumpentes.
S arothrostachys*) Kl. Clonostachys Kl. in lit.
Inflorescentia axillaris, spicata. Spicae fasciculatae , sim-
plices aut ramosae, longissimae, filiformes. Flores monoici,
apetali, feminei ad basin ramulorum spicae masculae pauci,
sessiles, calyce parvo, tripartito instructi. Masc. Squamae bre-
ves, remotae, 3 — 4 florae. Flores brevissime pedicellati. Pe-
dicelli apice articulati. Calyces membranacei, cupulaeformes,
obsolete 3 — 4 dentati. Antherae 3, didymae, semiexsertae, sub-
globosae, brevissime filamentosae. Fem. Ovarium sessile, tri-
angulatum, triloculare, loculis uniovulatis, ovulis pendulis. Sty-
lus subnullus. Stigmata 3, simplicia reflexa, longitudinaliter
sulcata. Capsula triangularis, tricocca, coccis bivalvibus mo-
nospermis.
Frutices brasilienses; ramis alternis, teretibus, glabris;
foliis alternis, subcoriaceis, oblongis, subintegerrimis. Spicae
filiformes, longissimae, divaricatac.
Sarothrostachys multiramea Kl. (Sebastiania? mul-
tiramea Martins Herb. Flor. Bras. No. 538.) S, Luschna-
thiana Kl.
Bevor ich zu den übrigen amerikanischen Gattungen der
Hippomaneen übergehe, will ich zur gröfseren Deutlichkeit die
eben abgehandelten Gattungen unter sich vergleichen und die
habituellen Kennzeichen besonders hervorheben, damit über
die Begründung und Erkenntnifs derjenigen neuen Gattungen,
*) Nomen e vocibus accQcod^Qoy et oicix^s compositum.
d86
zu welchen aus Mangel an Raum keine Zeichnungen der Ana- i
lysen beigegeben werden konnten, kein Zweifel bleibe. '
Die Gattung Bactylostemon ist zunächst mit Actino-
steraon verwandt, mit einer der übrigen Gattungen aber nicht
zu verwechseln. Sie unterscheidet sich durch das Vorhan-
densein der sitzenden Drüsen, welche an der Aehrenspindel
den Schuppen der männlichen und weiblichen Blüthen zur
Seite stehen, ferner dadurch, dafs die männlichen Blüthenstiel-
chen an ihrer Spitze oder dem Insertionspunkte der Staub-
gefäfse mit 2—3 besonderen Schüppchen bekleidet sind, durch
eine gröfsere Anzahl von weiblichen Blüthen, die kürzer ge- i
stielt sind und durch die unterhalb der Spitze der Frucht- \
klappen befindlichen zwei Höcker.
Actinostemon hat lederartige Blätter und das kelchartige
Gebilde von Dactylostemon unter dem Fruchtknoten fehlt.
Gymnanthes Swartz ist von Adrian de Jussieu wie be-
reits citirt, durch eine sehr treue und genaue Analyse erläu-
tert und mit einer andern Gattung nicht leicht zu verwechseln.
Sebastiania zeigt die gröfste Verwandtschaft mit Gusso-
nia. Die weiblichen Blüthen sind sitzend, mit einem zwar kur- j
zen aber deutlichen Griffel versehen und die Basis dieser wie '
die der männlichen Blüthen ist aufser der gröfseren Schuppe,
welche in beiden Gattungen als Stütze derselben dient, noch j
besonders mit schmalen, schindeiförmig sich deckenden Schüpj^ I
chen bekleidet. Aufserdem sind die Aehren und Staubfäden
bei Sebastiania verhältnifsmäfsig viel länger und die Narben
eingerollt.
Adenogyne hat eine habituelle Aehnlichkeit mit den Anä-
cardiengattungen Lithraea, Duvaua und Mauria, sie ist durch =
eine deutliche Zeichnung der Analyse erläutert, welche ander- 1
weite Bemerkungen überflüssig macht.
Senefeldera hat mehrere neben einander stehende gipfel-
ständige monöcische Rispen, sehr grofse langgestielte Blätter
und sitzende, mit einem deutlichen Griffel versehene weibliche
Blüthen. 1
Saroihrostachys macht sich insbesondere durch die fa-
denförmigen Aehren kenntlich, welche büschelförmig aus den
Blattwinkeln hervortreten. Die Kapseln sind sitzend, dreikan-
tig und kahl. i
187
Bei den Gattungen
Styloceras Adr. de Juss. 1. c. p. 51. Tab. 17. n. 56. End-
licher 1. c. p. 1109. n. 5773. Kunth in Humboldt et Bon-
pland Nova gen. et spec. VII. Tab. 637 et 638.
Hura L. Adr. de Juss. 1. c. p. 51. Endlicher 1. c. p.
1110. u. 5776.
Hippomane L. Adr. de Juss. 1. c. p. 51. Tab. 16. n. 54.
Endlicher 1. c. n. 5777.
habe ich etwas Bemerkenswerthes nicht anzuführen.
Was die von Endlicher vorgenommene Vereinigung der
Gattungen Stillingia Gardener mit Sapiiim Jacquin betrifft, so
erkläre ich mich zwar einverstanden, da die Unterscheidungs-
zeichen zu gering sind, um darauf Gattungen zu begründen,
allein als Untergattungen können sie immer noch benutzt wer-
den, da sie als solche den Vortheil gewähren, das Auffinden
der Arten zu erleichtern.
Stillingia Gard. apud L. Mantissa I. -n, 1279. End-
licher I. c. p. 1110. n. 5780.
Flores monoici. Masc. aggregati. Calyx cupuliformis aut
urceolatus, dentatus aut bifidus. Stamina 2, exserta, filamentis
basi coalitis, antheris extrorsis, adnatis. Fem. sparsl. Calyx
tridentatus aut trifidus. Ovarium triloculare, loculis uniovu-
latis. Stylus brevis deciduus. Stigmata 3, simplicia, paten-
tissima. Capsula subglobosa, tricocca, coccis monospermis.
Arbores aut frutices lactescentes , in Asia et America
nee non in Insulis bourbonicis crescentes; foliis alternis, ra-
rissime oppositis, integerrimis aut serratis; petlolis plerumque
in apice biglandulosis ; floribus masculis in spicas terminales
glomeratis, bracteolatis, glomerulis bractea basi biglandulosa
stipatis; femineis in eadem spica inferioribus.
a) Eustillingia. Calyx floruni masculorum 3 — 4 den-
tatus. Flores feminei pedicellati.
Stillingia Kunth in Hcmb. et Bonp. 1. c. II. p. 64. Adr.
de Juss. 1. c. pag. 49. Tab. 16. n. 52.
b) Sapium. Calyx florum masculorum bifidus. Flores
feminei sessiles.
Jacquin Amer. p. 249. Tab. 158. Kunth 1. c. II. p. 64.
Adr. de Juss. I. c. p. 49. Tab. 15. n. 51.
Microstachys. Adr. de Juss. 1. c. p. 48. Tab. 15.
188
Endlicher 1. c. n. 5781. Tragiae species Liime, Vahl. Cne-
midostachys Martius et Zuccarini Nova Gen. et Species I.
p. 68. Tab. 40 — 44.
erhält einen Beitrag von 11 neuen Arten, wovon eine aus
dem brittischen Gujana, die übrigen aus Brasilien.
Tribus IV. Acalypheae. [Bartling Ord. nat. 371. End-
licher 1. c. p. IUI. ,
Ovarii loculi uniovulati. Flores apetali, glomerato-spicati
aut racemosi.
TragantJius*) Kl. ,
FJores nionoici, in foliorum axillis plerumque aggregati.
Masc. Calyx quadripartitus. Stamina 4 — 6; filamentis libe-|
ris, subulatis; antherarum loculis globosis, horizontalibus, Ion-,
gitudinaliter dehiscentibus. Fem. Calyx parvus, quadripartitus,
squamis magnis, trifariam imbricatis cinctus. Ovarium trilocu-
lare, hirsutum, loculis uniovulatis. Styli sex, distincti, breves,
subulati, recurvi, in fructuum valvulas decurrentes. Capsula
hirsuta, subdepressa, acute -triangularis, tricocca, coccis mono-
sperrais, apice promiuentibus. Columna centralis late-alata,,
alis membranaceis, margine argute-dentatis. Semina triangulata.
Herbae americanae, annuae, ramosae; radice fusiformi,
albida, sparsim fibrosa; caule ramoso, erecto; foliis alternis,
margine integerrimis aut grosse -serratis; stipulis ad basin pe-
tiolorum geminis, caducis; spicis axillaribus abbreviatis, brac-
teatis; bracteis magnis, sessilibus, ochraceis, masculis multi-
floris, ante anthesin sessilibus.
- Obs. Species 3, una gujanensis, duae brasilienses.
Traganthus sidoides Kl. T. hrasiliensis Kl. T. sCQ-\
parius Kl.
Leucandra**) K\.
Flores monoici, apetali, racemosi, singuli bractea suffulti.j
Racemi axillares terminalesque pauciflori. Masc. tetraudri. Ca-|
lyx quadripartitus, in aestivatione valvatus; filamentis crassis,|
brevibus, basi raonadelphis, longitudinaliter geminatim coaliti?;
antheris albidis, oblongis, bilocularibus. Fem. Calyx sexpar-
titus. Ovarium subglobosum, hirtum, triloculare, loculis uni^
*) Nomen e vocibus rgäyos et aydog compositum.
**) e vocibus hvy.ög et ayi^Q.
189
ovulatis. Stylus brevis. Stigmata 3, simplicia, erecta, apice
recurva. Capsula subglobosa, hirta, trilocularis, tricocca, coc-
cis bivalvibus, monospermis.
Herba brasiliensis; rhizomate sublignoso, repente, fusces-
centi-fulvo; caulibus erectis, spithameis, hirtis; foliis petio-
latis, membranaceis, ovatis, obtusis, margine crenato-dentatis,
basi cordatis, utrinque piloso-setosis; racemis tri- aut quadri-
floris; floribus femineis ad racemi basim solitariis aut paucis.
Leucandra hetonicaefolia Kl.
LeptorJiachis *) Kl.
Flores monoici, apetali, racemosi, singuli bractea ^^ alti.
Racemi axillares terminalesque longissimi, subramo'"' Masc.
Calyx cyatbiformis, quadripartitus, glandulis extuF .tusque de-
stitutus. Stamina quindecim, subexserta. A' .lerae parvae,
oblongo-subglobosae, biloculares. Filameut? iricta, clavaefor-
mia, usque ad basin distincta. Fem. C yx quinquepartitus.
Ovarium hirtum, triangulato-globosum. .iloculare, loculis uni-
ovulatis. Stylus elongatus, cylind' .us, inferne attenuatus.
Stigmata 3, simplicia, erecto-paf jtia. Capsula subglobosa,
hirta, trilocularis, tricocca, cocci? bivalvibus, monospermis.
Suflfrutex brasiliensis, volubilis; foliis alternis stipulaceis,
longe-petiolatis, hastatis, obsolete -denticulatis, membranaceis;
racemis longissimis, multifloris; floribus femineis ad racemi basiii
paucis ; pedicellis florum masculorum infra apicem articulatis.
Leptorhacliis hastaia Kl.
JBia**) Kl.
Flores monoici, apetali, spicati, singuli bractea suffulti.
Spicae dichotomae, multiflorae, ramo inferiore femineo, supe-
riore masculo. Masc. Calyx campanulatus, quadripartitus. Sta-
mina 12, glandulis glabris, squamaeformibus cincta; filamenta
ima basi coalita; antheris oblongis, bilocularibus, basi emargi-
natis. Ovarii rudimentum centrale nullum. Fem. Calyx quin-
quepartitus. Ovarium hirtum, 'subglobosum , triloculare, lo-
culis uniovulatis. Stylus brevis, Stigmata 3, simplicia, erecta,
apice recurva, intus fimbriata. Capsula tricocca, cpccis bival-
vibus, monospermis.
*) e vocibus Xenrög et ^üyig
*♦) Bia die Tochter des Pelles.
190
Suffrutices brasilienses, voliibiles; follis alternis stipulaceis, ,
longe petiolatis, membraiiaceis, basL cordatis, margine dentatis;
spicis multifloris axillaribus termiualibusqne longissimis, pro-
funde dichotomis; pedicellis florum masculorum infra medium
articulatis.
Bia Sellowiana Kl. B. LhotzJcyana Kl.
Die Gattung Tragantims, welche durch sechs deutliche
Griffel, die paarweise in die Klappen der Frucht verlaufen,
charakterisirt wird, hat äufserlich das Ansehen eines kraut-
artigen Croton.
Leucandra nähert sich der Gattung Tragia. Die ein-
zige bis jetzt gekannte Art hat, die Inflorescenz ausgenommen;
einige habituelle Aehnlichkeit mit Acalypha.
Leptorhachis und Bia stehen den Gattungen Pluknetia
und Anabaena am nächsten. Erstere unterscheidet sich durch
die Form der Antheren und den Mangel der Drüsen in den
männlichen Blüthen. Beide durch ihre Pistille und Früchte.
Tragia Plumier Gen. 14. Je. Tab. 252. Linne Gen.
n. 1048, Adr. de Juss. I. c. Tab. 15. ;Endlicher I. c. p. 1111
n. 5782.
obgleich durch eine Anzahl neuer Arten bereichert, erleidet
in den Gattungskennzeichen keine Veränderung.
Botryanthe*) Kl.
Flores monoici, apetali, racemoso-spicati, singuli bractea
suffulti. Spicae subracemosae, in apice ramulorum extraaxil-
lares. Masc. Calyx globosus, profunde quadripartitus. Sta-
mina 10 — 20; filamentis brevibus, plus minusve crassis, basi
monadelphis ; antheris bilocularibus, loculis subglobosis. Fem.
Calyx quadrifidus, lobis apice recurvis. Ovarium subgloboso-
quadrangulare, quadriloculare, loculis uniovulatis, ovulis pen-
dulis. Stylus crassus, obovatus, obtuse-quadrangularis, deinde
deciduus. Stigmata 4, brevia, divaricata, longitudinaliter sul-
cata, styli apice coalita. Bacca globosa, magna, carnoso-sube-
rosa, abortu bi-unilocularis.
Arbores brasilienses; foliis oblongis, membranaceo-coria^
ceis, nervosis, margine remote-serratis, basi biglanduloso-sti'i
pellatis, nervis subtus promiuentibus; spicis longissimis, extra-
*) e vocibus ßotQvg et «V5o?.
191
axillaribus, floribus femiueis plurimis usque ad medium spicae
sparsis, masculis in apice spicae pedicellatis.
Botryanthe discolov Kl. B. concolor Kl.
Unverändert bleiben in Hinsicht ihrer Gattungskennzeichen:
Plukneiia Plum. Je. Tab. 226. Linne Gen. n. 1080.
Endlicher 1. c. n. 5784;
Anahaena Adr. de Juss. 1. c. Tab. 15. Endlicher 1. c.
n. 5785;
wovon die eine bis jetzt bekannte Art auch in Brasilien vor-
kömmt; und
Acalypha Linne Gen. n. 1082. Adr. de Jussieu 1. c,
Tab. 14. Endlicher 1. c. n. 5785.
welche um 14 neue Arten vermehrt wird.
Die GdLÜVLWgQnApavisthmium Endlicher und OmpÄa-
lia L. konnte ich aus Mangel an Material nicht untersuchen.
Die Gattungskennzeichen von Conceveiha Aubl. bin ich
im Stande zu vervollständigen, da. mir die mämilichen Exem-
plare von zwei Arten zu Gebote stehen.
Conceveiha Aubl.
Flores dioici, apetali, spicati. Spicae solitariae, aut ag-
^regatae, axillares terminalesque longissimae. Masc. Inter-
^■upte-glomerati. Glomeruli squamulis, parvis, plurimis, per-
üstentibus cincti. Calyces urceolati, bi- aut trifidi, brevissime
ledicellati; pedicellis hirsutis, apice articulatis, persistentibus.
stamina 3, antheris oblongis, utrinque obtusis, bilocularibus,
candidis; filamentis brevibus, basi coalitis. Fem. Solitarii.
Squamulae 3 — 4 parvae, connatae, glandulis 2, sessilibus, dis-
Diformibus suffultae. Calyx parvus, 5 — 6 partitus, laciniis
i naequalibus, extus glandulis tribus bilobis auctus. Ovarium
rigonum, triloculare, loculis uniovulatis, ovulis infra apicem
nsertis. Stylus brevissimus. Stigmata 3, lata, erecta, intus
imbriata, apice biloba. Capsula coriacea, tricocca, coccis bi-
■alvibus, monospermis. Semina arillo carnoso calyptrata.
ArboresAmericae meridionalis, succo viridi scatentes, fo-
iis alternis, petiolatis, coriaceo-membranaceis, nervosis, basi
)istipellatis; nervis subtus magis prominentibus; floribus raas-
pulis glomerato-spicatis, femineis sparsis, spicatis.
Species 2, altera gujanensis, altera brasiliensis.
Conceveiha gujanensis Aubl. C. macrophylla Kl.
192
Alchornea Solander ist durch Adrian de Jussieu am
citirten Orte p. 42. Tab. 13. n. 41. und durch Hayne Arzenei-
gewächse Band X. Tab. 42. so bestimmt festgestellt, dafs
selbst sieben neu hinzugekommene Arten, wovon eine aus
dem britischen Gujana, die übrigen sechs aus Brasilien, keine
Aenderung in den Gattungskennzeichen verursachen.
Trib. V. Crotoneae Blume Bydragen p. 599.
Ovarii loculi uniovulati. Flores saepissime corollati, fas-
ciculati, spicati, racemosi aut paniculati.
Garcia Rohr ex Vahl Symbol. III. p. 100. Adr. de
Juss. 1. c. Tab. 13. n. 40. Endlicher 1. c. n. 5797, habe ich
aus Mangel an Material nicht untersuchen können.
Mahea Aublet Gujan. II. p. 867. T. 334. Endlicher 1.
c. n. 5798., umfafst gegenwärtig drei Arten, von denen zwei
in Gujana und die dritte in Brasilien vorkommt. Ich hatte
Gelegenheit sämmtliche Arten zu untersuchen und habe mich
dadurch überzeugt, dafs der Gattungscharakter keiner Aende-
rung bedarf. Dasselbe gilt von:
Siphonia Richard ex Adr. de Juss. 1. o. p. 39. Tab. 12.
n. 38. A et B. Endlicher n. 5799. Hevea Aubl. Gujan. II.
p. 871. Tab. 335., von der zwei Arten, eine aus Gujana, die
andere aus Brasilien, bekannt sind.
An da Piso. Martins Amoenit. Monac. T. 1. St. Hi-
laire Plant, us. T. 54. Endlicher I. c. n. 5801.
Jatropha Kunth in Humb. et Bonpl. Nov. Gen. et
Spec. II. p. 82. Endlicher 1.- c. p. 5805. Adenorhopium Pohl.
Plant, bras. I. p. 12. T. 9.
Curcas Adans. Fam. II. p. 356. Endlicher I.e. n. 5806.
Jatropha Pohl Plant, bras. I. p. 13.
Cnidoscolus Pohl Plant, bras. I. p. 56. Tab. 49—52.
Endlicher 1. c. n. 5807.
Manihot Plumier Cat. 20, excl. sp. Endlicher n. 5808.
Mo Zinna Ortega Decad. 105. T. 13. Laureira Cava-
nilles Je. V. p. 17. T. 429, 430. Willd. Spec. pl. IV. p.866.
Endlicher 1. c. n. 5814.
Jiisingera Helenius in Act. Holm. 1792 p. 32. T. 2.
Willd. Sp, pl. IV. p. 835. Adr. de Juss. 1. c. p. 34. Endli-
cher 1. c. n. 5816.
193
Acidoton Swartz Flor. lud. occid. p. 952. T. 18. Adr.
de Juss. p, 32. Endlicher n. 5822.
Hendecandra Eschscholtz in Mein. Acadera. Petrop. X.
p, 422. Endlicher 1. c. n. 5824. Astrogyne Bentham Plant.
Hartweg. p. 14. hat durch Sellows unermüdlichen Eifer aus
Brasilien einen Zuwachs von 6 Arten erhalten :
Hendecandra glahrescens Kl., H, longifolia Kl., H. di-
varicata KL, Tl. velleriflora Kl, H. polymoi^pha Kl, und
H. montevidensis Kl. QCroton montevidensis Spr. )
Adelia Linne Gen. pl. n, 1137. Adr. de Juss. p. 31.
T. 9. n. 28. Endlicher n. 5825. ist ebenfalls durch einige
neue Arten aus Brasilien vermehrt worden.
Cr o ton Linne hat zwar die diöcischen Arten und die,
deren Bracteen melirere Blumen stützen, verloren, ist aber
dafür durch neu hinzugekommene Arten reichlich entschädigt
worden.
Julocroton Martins Herb. bras. n. 119. Endlicher
11. 5825. Hierher gehört auch Croton conspurcatus- Schlech-
tendal, von Schiede in Mexiko gesammelt, und eine neue Art
aus Brasilien {Julocroton lanceolatus Kl).
PodostacJiys*) Kl.
Flores monoici. Masc. racemoso - spicaeformes , longe
pedunculati. Pedunculi "terminales, inferne nudi. Bracteae
parvae, persistentes, tri- rarissime uniflorae. Calyx monophyl-
lus, quinquepartitus. Petala quinque, aestivatioue convolutiva.
Glandulae nullae, Stamina 8 — 10, receptaculo nudo aut vil-
loso inserta; filamentis liberis, aestivatioue inflexis, demum
erectis, exsertis; antheris oblongis, introrsis, bilocularibus,
filamenti apici adnatis, loculis antice per rimam longitudinalem
dehiscentibus. Fem. in apice ranmlorum juxta basim spicae
masculae verticillati. Calyx campanulatus, sexpartitus, ae-
qualis. Petala sex, parva, linearia, laciniis calycis alterna.
Germen trigonum, villosum, triloculare, loculis uniovulatis.
Stylus nuUus. Stigmata tria, profunde bipartita, lobis filifor-
mibus, apice involutis. Capsida tricocca, coccis bivalvibus,
KQonospermis.
'^) Nomen e vocibus novg et otk/vq compositum.
Archiv f. Naturgesch, VII. Jahrg. 1. Bd. 13
194
Herbae brasilienses, pilosae, Crotonis glandulosi facie;
foliis' alternis, petiolatis, stipulaceis, margine crenatis aiit ser-
ratis; floribus niasculis spicatis, longe pedunculatis, femineis
juxta basin spicae masculae verticillatis.
Podostachys incana Kl., P. hirta Kl., P. Sellowiana
Kl., P. serrata Kl.
Hanptunterscheidungszeichen dieser Gattung sind: ein
sechstheiliger Kelch der weiblichen Bliithe, drei tief- zweithei-
lige Narben, eine langgestielte, unterwärts nackte männliche
Aehre, und wirtelständige, die männliche Aehre an der Basis
umgebende weibliche Blüthen.
uistraea*^ Kl. Croionis sp. Auct.
Flores monoici, longissime spicati. Masc. Bracteae par-
vae, persistentes, multifiorae. Calyx globosus, deinde magis
apertus, longe pedicellatus , profunde quinquefidus, aestiva-
tione imbricativa. CoroUae petala quinque calycis laciniis al-
terna, aestivatione convolutiva. Glandulae 5, Äquamaeformes,
petalis alternae. Stamina 12 — 15, receptaculo nudo inserta;
filamentis liberis, aestivatione inflexis, demum erectis, exser-
tis; antheris reniformibus, bilocularibus, filamenti apice adnatis,
loculis antice per rimam longitudinalem dehiscentibus. Fem.
in inferiore parte spicae masculae sparsi, bracteati. Calyx
campanulatus, quinquepartitus, aequalis, laciniis angustis. Pe-
tala nulla. Glandulae squamaeformes quinque, laciniis calycis
oppositae. Germen oblongum, trigonum, triloculare, loculis
uniovulatis. Styli tres, distincti, elongati, cylindrici, intus lon-
gitudiualiter sulcati , apice in lobos 7 — 8 filiformes, unilatera-
les divisi. Capsula tricocca, coccis bivalvibus, monospermis.
Herbae aut frutices Araericae meridionalis; foliis alternis,
stipulaceis tri- aut quinque -lobatis, rarissime integris, petio-
latis; spicis longissimis, monoicis, terminalibus ; floribus femi-
neis in parte inferiore spicae masculae sparsis.
Astvaea Manihot Kl., A. Jatropha Kl., A. tomentosa
KL, A. palmata Kl., A. lohata Kl, {Croton lobatus L.),
A. diversifolia KL, A. divaricata KL, yl. prunifolia Kl.
Diese Gattung mufste von Croton getrennt werden, weil
die Knospenlage des Kelches der männliclien Blüthen nicht
*) Astraea, die Tochter des Zeus und der Themis.
195
klappig, sondern schindeiförmig ist, mehrere männliche Blü-
then mit besondern Bracteolen versehen aus dem Winkel ei-
ner Bractea in Form einer Afterdolde erscheinen und beson-
ders, weil die Griffel und Narben von denen des Croton so
aufserordentlich abweichen,
Ocalia"^) Kl.
Flores monoici aut dioici, spicati, Spicae strictae, ter-
minales. Masc. Bracteae uniflorae. Calyx globosus, dein
apertus, profunde quinquefidus, aestivatione imbricativa. Co-
roUae petala quinque, calycis laciniis alterna, aestivatione con-
volutiva. Glandulae quinque, squamaeformes, petalis alternae.
Stanrina 10, receptaculo villoso inserta; filamentis liberis, ae-
stivatione inflexis, demum erectis, exsertis; antheris ovatis^
bilocularibus, filamenti apice adnatis ; loculis antice per rimam
longitudinalem dehiscentibus. Fem. Calyx campanulatus, quin-
quepartitus, inaequalis, persistens, laciniis intus ad basin squa-
ma obtusa, membranacea cinctis. Petala nulla. Germen glo-
boso-trigonum, triloculare, pilis setaceis, stellatis undique
vestitum, loculis uniovulatis. Stylus nullus. Stigmata 3, ses-
silia, bipartita, lobis filiformibus , indivisis aut bifidis, apice
involutis. Capsula setosa, tricocca, coccis bivalvibus, rao-
nospermis.
Suffrutices asperi Americae meridionalis , Cordiae facie;
foliis alternis, stipulaceis, nerVosis, basi biglandulosis, margine
dentato-subincisis, nervis subtus prominentibus ; spicis nunc
sexu distinctis, nunc bisexualibus, masculis saepissime superio-
ribus, inferioribus femiueis,
Obs. Species 6, quarum 1 mexicana, quinque brasilienses.
Species monoicae: Ocalia grandifolia Kl., 0. angiisti-
folia Kl., 0. hetulina Kl. Species dioicae: 0. Sellowiana
Kl., 0. cordiaefolia Kl., 0. eclnifolia Kl.
Diese Gattung, welche sich von Croton nur durch die
Unregelmäfsigkeit des Kelches an den weiblichen Bliithen
und durch die Narben unterscheidet, weicht durch ihren ha-
bituellen Charakter, der an die Cordiaceen erinnert, aufser-
ordentlich von dem des Croton ab.
*) Okalia, Gemahlin des Abas.
13*
196
Entropia*) Kl. Crotonis spec. Sprengel Neue Entdeckun-
gen II. p, 120. RoUleriae spec. Sprengel Syst. veg. III.
p. 877.
Flores monoici, in spicis longissimis, strictis, terminalibus
remotiusculo - aggregati. Bracteae multiflorae. Masc. Calyx
profunde - quinquefidus, aestivatione imbricativa. Corollae pe-
tala quinque, calycis laciniis alterna, aestivatione convolutiva.
Glandulae quinque, squamaeformes , inter se coalitae, petalis
alternae. Stamina 10, receptaculo villoso inserta; filamentis
liberis, aestivatione inflexis, demum erectis, exsertis; antheris
brevibus, bilocularibus , apice emarginatis, filamenti apice ad-
natis, loculi« antice per rimam longitudinalem dehiscentibus.
Fem. Calyx quinque- aut sexpartitus, subinaequalis. Glandulae
nuUae. Germen globoso - trigonum , triloculare, loculis uni-
ovulatis. Stylus nullus. Stigmata 3, bifida, divaricatim ad-
scendentia, lobis complanatis, integris aut ad apicem bifidis,
involutis. Capsula tricocca, coccis bivalvibus, monospermis.
Frutices brasilienses ; ramis divaricato - dichotomis, cortice
aromatico; foliis alternis, stipulaceis, coriaceo-membranaceis,
subglabris, basi biglandulosis, margine obsolete - crenatis, caly-
eibusque densissime pellucido-punctulatis; spicis terminalibus,
longissimis, strictis, floribus remote-aggregatis, masculis femi-
neis intermixtis.
Entropia hrasiliensis Kl. (Croton polyandrus et Rott-
leria hrasiliensis Spreng.), E. ohovata Kl.
Diese Gattung unterscheidet sich in ihren wesentlichen
Kennzeichen von Croton lediglich durcli den Mangel der Drü-
sen 'in den weiblichen Bliithen, durcj^i ihre Narbenform und
durcTi die in zerstreuten Häufchen zu einer Aehre gebildeten
männlichen Bliithen, denen ziemlich bis zur Spitze der Aehre
einzelne weibliche beigemischt sind. Dem äufsern Ansehen
nach sowohl als ihrer durchsichtigen Punkte in den blattar-
tigen Theilen wegen bewahrt sie eine aufi"allende Aelmlichkeit
mit den Samydeen.
Cleodora**) KI.
Flores monoici, spicati. Spicae terminales. Masc. Bracteae
*) Eutropius, der berühmte Geschichtsschreiber.
**) Kleodora eine Danaide.
197
multiflorae. Calyx pubescens, quinquepartitiis, aestivatione
imbricativa. Corollae petala quinque, laciniis calycis alterna,
aestivatione convolutiva. Glandulae nullae. Stamina decem,
receptaculo villoso inserta; filamentis liberis, aestivatione in-
flexis, demum erectis, exsertis; antheris introrsis, filamenti
apice adnatis. Fem. Calyx cupularis, quinquefidus, persistans,
segmentis latis, obtusis, margine imbricatis. Glandulae et pe-
tala nulla. Gernien globosum, pubescens, triloculare, loculis
uniovulatis. Stylus nuUus. Stigmata 3, adscendentia , tripar-
tita, lobis teretibus, profunde bifidis. Capsula globosa, tri-
cocca, coccis bivalvibus, raonospermis.
Arbor brasiliensis, ramis foliisque villoso -pilosis; foliis
alternis, petiolatis, exstipulaceis , oblongis, basi emarginatis,
membranaceis , pellucido - punctulatis , margine subserratis;
spicis terminalibus , floribus femineis inferioribus , sparsis,
masculis superioribus remote - aggregatis , singuli bracteolis
suflfulti.
Cleodora Sellowiana Kl.
Der Mangel von Drüsen und driisenartigen Gebilden in
den Blütlien, so Avie die Form des weiblichen Kelches und
der Narben begründet die Aufstellung dieser dem Crotou ver-
wandten Gattung.
Timandra*) Kl.
Flores monoici. Masc. Brevi-racemosi. Racemi axillares,
pauciflori. Calyx urceolato - campanulatus , profunde - quadri-
fidus, aestivatione imbricativa. Corollae petala 4, aestivatione
convolutiva. Glandulae nullae. Stamina 8, receptaculo nudo
inserta; filamentis liberis, glabris, aestivatione inflexis, demum
erectis, exsertis; antheris oblongis, introrsis, filamenti apici
adnatis. Fem. Solitarii, axillares. Calyx quinquepartitus, per-
sistens. Glandulae et petala nulla. Ovarium globosum, tri-
loculare, loculis uniovulatis, ovulis pendulis. Stylus nullus.
Stigmata 3, erecta, tri- aut quadripartita , lobis teretiusculis.
Capsula globosa, tricocca, coccis bivalvibus, monospermis.
Fruticuli ramosissimi brasilienses Erythroxyli facie; foliis
parvis, alternis, stipulaceis, serratis aut integerrimis, pilis stel-
latis consitis floribusque densissime pellucido - punctulatis ;
*) Timandra, die Geliebte des Alkibiades.
198
stipulis persistentibus; floribiis axillaribus, bracteis suffultis,
masculis racemosis 3 — 5 floris^ femineis solitariis, brevissime
pedicellatis.
Timandra serrata Kl., T. erythroxyloides KL, T. di~
chotoma Kl.
Diese Gattung steht sowohl ihrer habituellen als wesent-
lichen Kennzeichen wegen unter den Crotoneen etwas isolirt.
Besonders ist die Vierzähligkeit der männlichen Blüthentheile
in dieser Abtheilung höchst selten.
Medea*^ Kl.
Flores monoici, in apice ramulorum sparsi. Masc. Brevi-
pedicellati. Calyx profunde quinquefidus, bracteolis destitutus,
aestivatione imbricativa. Corollae petala 5, laciniis calycis
alterna, aestivatione convolutiva. Glandulae nullae. Stamina
10, receptaculo hirto inserta; fdamentis liberis, pilosis, aesti-
vatione inflexis, demum erectis, exsertis; antheris oblongis,
introrsis, filaraenti apici adnatis. Fem. Sessiles. Calyx pro-
funde quinquepartitus , persistens, laciniis angustis, longis.
Glandulae et petala nulla. Ovarium globosum, triloculare,
loculis uniovulatis, ovulis pendulis. Stylus nullus. Stigmata
3, profunde trifida, lobis erectis, teretiusculis. Capsula glo-
bosa, tricocca, coccis bivalvibus, monospermis.
Frutex brasiliensis, hirtus, ramis erectis, dichotomis ; foliis
alternis, confertis, subsessilibus, ovatis, evanescenti-villosis
petalisque pellucido punctulatis, exstipulaceis, floribus in apice
ramulorum axillaribus, femineis inclusis, masculis subexsertis.
Medea hirta Kl.
Zunächst ist diese Gattung mit Timandra verwandt, von
der sie sich durch die Fünfzähligkeit der männlichen Blüthen-
theile, welche nicht in Trauben, sondern einzeln vorkommen
und durch den Mangel der Stipulae unterscheidet. Der Ha-
bitus erinnert an die kapische Proteaceengattung Mimetes.
Chiropctalum Adr. de Juss. in Annales des sciences
nat. XXV, p. 21. Endlicl^er 1. c. n. 5830. Crotonis spec.
Adr. de Juss. Euphorb. Tab. 8. n. 26. C. war bisher durch
zwei Arten in Chili und durch eine Art in Peru repräsentirt,
*) Medea, die Tochter des Aeetes und Gemahlin des Jason.
199
jetzt hat auch Brasilien zwei Arten dieser Gattung- (CA. inolle
Kl. und Ch. Uneatum Kl.) aufzuweisen.
Caperonia St. Hilaire in Mem. Mus, XII. p. 342.
Endlicher 1. c. n. 5831. Crotonis sp. Adr. de Juss. Euphorb.
Tab. 8. n. 26. B. ist durch Robert Schomburgk aus dem bri-
tischen Gujana um zwei Arten, von Schimper aus Abyssinien
um eine Art vermehrt worden.
Ditaxis'\3i\\l ex Adr. de Juss. Euphorb. p. 27. Tab. 7.
n. 24. Kunth in Humb. Nov. gen. et spec. VII. p. 170. Tab.
639. Zuccarini in Abhandlungen der Akademie der Wissen-
schaften I. p. 290. hat aus Brasilien einen Zuwachs von zwei
Arten (D. chrysantha und 1). triplinervia) erhalten.
• Argythamnia P. Brown Jam. 338. Adr. de Juss.
Euphorb. p. 26. Tab. 7. n. 23. hat keinen Zuwachs erfahren.
Philyra*^ Kl.
Flores dioici, racemosi, axillares. Masc. Racemi subcy-
mosi, breves. Pedicelli bracteis tribus glumaceis suffulti. Ca-
lyx gamosepalus, elongatus, acutus, candidus, deinde inaequa-
liter 2 — 5-fissus. Petala 5, aestivatione convolutiva, basi
subcoalita, Glandulae nullae. Stamina 8 — 10; filamentis in
columnam connatis, apice liberis; antheris extrorsis, bilocula-
ribus, oblongis, bi-triseriatim verticillatis. Germinis rudimen-
tum nullum. Fem. Racemi longi, 5 — 6 flori. Flores distantes,
longe-pedicellati. Pedicelli basi bracteis tribus glumaceis sti-
pati, Calyx foliaceus, quinquepartitus, laciniis angustis, ae-
qualibus. Glandulae 5, bilobae, laciniis calycis alternae.
Germen? Stylus? Stigmata? Capsula puberula, depressa, tri-
angularis, tricocca, coccis bivalvibus, monospermis. Semina
globosa, albida,, seminum Pisi sativi magnitudine.
Arbor brasiliensis , ramosa, glabra; ramis albidis, strictis;
foliis primariis in spinam flavidam bipartitam mutatis, secun-
dariis alternis, stipulaceis, oblongis, membranaceis , integer-
rimis, inferne attenuatis, racemis axillaribus, bracteatis; bra-
cteis persistentibus ; femineis longioribus, laxis, masculis bre-
vioribus , subcymosis.
Fhilyra hrasiliensis Kl,
Diese Gattung gehört zuverlässig zu den Crotoneen und
*) Philyra, die Mutter des Chiron.
200
reihet sich in Bezug auf die Struktur der männlichen Bliithe
der vorhergehenden Gattung an; dem äufseren Ansehn nach
hat sie aber durchaus nichts gemein mit ihr. Von der weib-
lichen Bliithe habe ich nur eine reife Frucht untersuchen kön-
nen, welche die Narben bereits abgeworfen hatte.
Tribus VI. Phyllantheae. Endlicher 1. c, p. 1119.
Ovarii loculi biovulati. Stamina centro floris inserta.
Aufser der Gattung Epistylium Swartz, deren Heimath
immer noch auf die westindischen Inseln beschränkt bleibt,
ist aus dieser ganzen Abtheilung nur Phyllanthiis Swartz
und die unten beschriebene Gattung, welche hiervon getrennt
werden mufste, in Süd -Amerika bis jetzt angetroffen worden.
Aster an dra'^) Kl.
Flores monoici, axillares, pedicellati. Calyx quinque-sex-
partitus, laciniis inaequalibus. Masc. Stamina 5 — 6; filamen-
tis brevibus, in columnam disco integro, subgyroso cinctam
coalitis; antheris horizontalibus, umboni central! adnatis, stel-
latim 5 — 6 radiatis. Fem. Ovarium globosum, apice in sty-
lum brevem -attenuatum, disco magno, integro cinctum, trilo-
culare, loculis biovulatis. Stylus brevissimus. Stigmata 3, paten-
tia, petaloidea, bifida aut intcgra, margine crenata. Capsula?
Arbores Americae meridionalis , trunco ut in Palniis sub-
- squamato, superne attenuato, apice impressionibus rbomboideis ;
ramis alternis, tetragonis, fuscis; foliis alternis, magnis, elon-
gato - oblongis, acuminatis, integerrimis , reticulato - venosis,
membranaceis , basi stipulaceis; racemis axillaribus, valde ab-
breviatis, solitariis, multifloris; floribus pedicellatis , basi bra-
cteatis, masculis et femineis in eodem racemo.
Asterandra Sellowiana Kl., A. cornifolia Kl. {PhylU
anthus cornifolius Kunth.)
Tribus VII. Buxeae. Bartling Ord. nat. p. 370.
Ovarii loculi biovulati. Stamina sub ovarii rudimento
sessUi inserta.
Sämmtliche zu dieser Abtheilung gehörende Gattungen
sind arm an Arten; verhältnifsmäfsig wenige kommen davon
in Süd -Amerika vor.
*) e vocibus uairiQ et «yjj^.
201
Richeria Vahl Eclog. I. p. 30. Tal». 4. Adr. de Jiiss.
Euphorb. p. 16. Endlicher 1. c. n. 5861.
Amuno a Aiibl. Gujan. I. p. 256. Tab. 101. Adr. de
Juss. 1. c. p. 15. Tab. 2. Endlicher 1. c. n. 5862.
Savia Willd. Spec. pl. IV. p. 771. Adr. de Juss. Eu-
phorb. p. 15. Tab. 2. Endlicher 1. c. n. 5866.
Triceva Svvartz Flora Ind. occid. I. p. 333. Tab. 7.
Endlicher 1. c. n. 5868.
Drypetes Vahl Eclog. fasc. 111. p. 49. Poiteau in
Mem. Mus I. p. 151. Tab. 8 — 10. Adr. de Juss. Euphorb.
p. 12. Endlicher 1. c. n. 5874.
Discocarpus*) Kl.
Flores dioici, in foliorum axillis aggregati. Pedicelli bra-
ves, squamis aridis, fuscis, subpersistentibus dense vestiti.
Masc. Calyx cyaihiformis, inaequaliter quinquefidus, segmentis
intus squauia brevi instructis. Petala nulla. Stamina 5, longe
exserta, inferne in cylindrum coalita. Gcrminis rudiraentum
parvuiri, pedicelliforme, trifidum. Fem. Calyx profunde quin-
quefidus, persistens. Corollae petala 5, calycis laciniis alterna.
Staminum rudimenta 5, ad basin gerniinis inserta. Discus hy-
pogynus, carnosus, crenato-marginatus. Ovarium sessile, tri-
loculare, loculis biovulatis. Stylus brevissimus, crassus. Sti-
gmata tria, petaloidea, recurva, crenato -laciniata, basi angusta,
supra canaliculata. Capsula globoso - depressa, pubescens,
obtuse-sexangularis, tricocca, coccis bivalvibus, abortu mo-
nospermis.
Arbores Americae tropicae; ramis subinde spinescentibus;
foliis alternis, coriaceis, rigidis, ovatis aut ellipticis, niargine
integerrimis , supra nitidis; floribus axillaribus, aggregato - fa-
sciculatis, squamis aridis, copiosis suffultis.
D. essequihoensis KL, D. hrasiliensis Kl.
Diese Gattung hat eine grofse Aehnliclikeit mit Securinega
Commerson , von der sie sicli durcli die weiblichen Blütheii
unterscheidet.
Noch mufs ich einer Gattung gedenken, von der ich nur
männliche Exemplare untersuchen konnte, welche, wenn sie
*) e vocibus SCöxoi et xaQitöi.
202
sich als Euphoj'hiacea bewähren sollte, ebenfalls zu dieser
Abtheilung gehört.
Podocalyx*) Kl.
Flores dioici, densissime glomerulati. Glomeruli in spi-
cas axillares dispositi, unibracteati. Masc. Calyx minimus,
campanulatus , quadridentatus , longe pedicellatus. Stamina 4,
exserta, dentibus calycis opposita; filamentis sub ovarii rudi-
niento simplici, pulvinato insertis; antheris subglobosis, utriu-
que obtusis, bilocularibus, extrorsis. Fem.?
Arbor gujanensis; foliis alternis, coriaceis, exstipulaceis,
glabris , integerrimis.
Podocalyx loranihoides Kl.
Erklärung der zur vorstehenden Abhandlung
gehörigen Abbildungen.
Tafel VII.
^. Schismatop er a Martiana Kl.
«) eine zweiklappige Hülle der männlichen Blüthen mit einer
Bractea gestützt, von hinten gesehen, Imal vergröfsert;
Z>) dieselbe mit den von ihr eingeschlossenen 3 männlichen
Blüthen, von vorn gesehen, 2mal vergr.;
c) ein Rudiment des Ovariums aus der männlichen Hülle,
6mal vergr.;
d) eine einzelne männliche Blüthe, 6mal vergr.
B. Spixia Leandri Martins.
a) eine geschlossene männliche Hülle mit z^vei Bracteen ge-
stützt, 2mal vergr.;
h) die männlichen Blüthen nebst den Rudimenten der Ova-
rien nach Entfernung der Hülle, 6mal vergr.;
c) ein Rudiment des Fruchtknotens aus der männlichen Hülle,
8mal vergr.;
d) eine einzelne männliche Blüthe, 8mal vergr.;
e) eine weibliche offene Hülle mit den von ihr eingeschlos-
senen vier Blüthen, 2mal vergr.;
/) eine einzelne weibliche Blüthe, 5mal vergr.;
g) ein Querdurchschnitt des Fruchtknotens, 5mal vergr,
)m-
*) e vocibus novs et xcdv'4.
203
C. Peridimn ovale Kl.
a) eine offene männliche Hülle mit zwei Bracteen gestützt,
3mal vergr. ;
h) die Staubgefäfse nach Entfernung der Hülle, 5mal vergr.;
hh) Pollenkörner, nnter Wasser gesehen, ISOmal vergr.;
c) die weiblichen Blüthen nach Entfernung der Hülle, 5mal
vergr. ;
d) eine reife Frucht in nat. Gr.
e) ein Querdurchschnitt derselben, Imal vergr,;
/) eine in drei zweispaltige Klappen aufgesprungene Frucht
in nat. Gr. ;
g) ein Same mit der mützenförmigen Samendecke, in na-
türlicher Gr.;
h) die Samendecke, 2mal vergr.;
i) der Same ohne Samendecke, 2mal vergr.;
/<•) derselbe nach Entfernung der Samenhaut, 2mal vergr.;
l) ein Längsdurchschnitt desselben, 2mal vergr.
Tafel Vni.
A. Dactylostemon glahrescens Kl.
a) eine Blüthenähre, in nat. Gr.;
h) eine männliche Blüthe, 6mal vergr.;
c) eine weibliche Blüthe, 6mal vergr.;
d) ein Querdurchschnitt des Fruchtknotens, 5mal vergr.;
e) eine reife Frucht, 2mal vergr.
B. Senefeldera multi/lora Martius
«) die Spitze einer Blüthenrispe, in nat. Gr.;
h) eine männliche Blüthe, 8mal vergr.;
c) dieselbe ohne Staubbeutel, 8mal vergr.;
d) eine weibliche Blüthe, 6mal vergr.;
e) ein Querdurchschnitt des Fruchtknotens, 6mal vergr.
C. Adenogyne pachys tachys Kl.
(i) eine Blüthenähre in nat. Gr.;
6) eine Schuppe mit drei männliclien Blüthen, 6mal vergr.;
c) eine männliche Blüthe, 8mal vergr.;
d) eine weibliche Blüthe, 6mal vergr.;
e) eine reife Frucht, in nat. Gr.;
/) ein reifer Same, in nat. Gr.;
204 '
g) ein Längsdurchschnitt des Fruchtknotens, 3mal vergr.
D. ^ctinostemon grandifoliiis Kl.
a) eine Bliithenähre, Imal vergr.;
h) eine männliche Bliithe, 8mal vergr.;
c) Pollenkörner, ISOmal vergr.;
d) eine junge Frucht, in nat. Gr. ;
e) eine reife Kapsel, in nat. Gr.;
f) ein Fach derselben, in nat. Gr.;
g) ein reifer Same, in nat. Gr.
Tafel IX.
A. T raganthus sidoides Kl.
a) ein Stück eines Zweiges mit männlichen und weiblichen
Blüthen, 3mal vergr.;
h) eine männliche Hiillschuppe mit Knospen und einer offe-
nen Bliithe, 12mal vergr.;
c) eine weibliche Bliithe, 6mal vergr.;
d) ein Querdurchschnitt der jungen Frucht, 6mal vergf. ;
e) die geflügelte Centralsäule der reifen Kapsel, 8mal vergr.
B. Botryanthc discolor Kl.
ä) die Spitze eines blühenden Zweiges, in nat. Gr.;
l) eine männliche Blüthe, 8mal vergr.;
c) dieselbe nach Entfernung des Kelches, 8mal vergr.;
d) eine weibliche Blüthe, 5mal vergr.;
e) ein Querdurchschnitt des Fruchtknotens, 5mal vergr.;
/) ein Längsdurchschnitt desselben, 5mal vergr.;
g) eine halbreife Frucht, in nat. Gr.
C. Discocarpus essequihoensis Kl.
a) ein kurzer Zweig mit männlichen Blüthen, in nat. Gr.;
V) eine männliche Blüthe, 12mal vergr.;
c) dieselbe nach Entfernung des Kelches, 12mal vergr. ;
d) ein kurzer Zweig mit weiblichen Blüthen, in nat. Gr.;
e) eine weibliche Blüthe, 4mal vergr.;
/) ein Querdurchschnitt der jungen Frucht, 5mal vergr. ;
g) eine reife Frucht, Imal vergr.;
Ä) ein Fach der reifen Kapsel, von innen gesehen, Imal vergr.
205
üeber das Eierlegen der Agrioii forcipula.
Von
C. Th. von Siebold.
Obgleich der nafskalte Sommer dieses Jahres sich nicht
eben eignete, um die Insektenvvelt in ihrem Thun nnd Trei-
ben draufsen im Freien zu belauschen, so habe ich zu An-
fang des Augustes doch Gelegenheit gehabt, das eigenthümliche
Benehmen von u^grion forcipula bei dem Geschäfte des Eier-
legens zu beobachten, worüber ich mich um so mehr gefreut
habe, da dieser Akt aus der Lebensgeschichte von Agrion
forcipula mir ganz neu und höchst überraschend erschien.
Bekanntlich gehört die Gattung Agrion zu denjenigen
Libellulinen, deren Weibchen einen sehr complicirten Lege-
Apparat besitzen, mittelst welches die Eier an Pflanzen ge-
legt werden, so vermuthete ich es wenigstens, als ich häufig
-4e.jcÄ7i« -Weibchen an Wasserpflanzen hängend ihren Leib
unter Wasser stecken und an der Pflanze auf und nieder be-
wegen sah.*) Bei yigrion forcipula habe ich mich vollkom-
men überzeugt, dafs diese Thierc ihre Eier in das Parenchym
gewisser Pflanzen einsenken, wobei ihnen der Lege-Apparat die
besten Dienste leistet. Bei diesem Eierlegen nimmt aber auch
das ^^/7072- Männchen einen eben so thätigen Antheil, wie
ich dasselbe bei Lihellula cancellata beobachtet habe.**)
Nachdem nämlich die Begattung zwischen den beiden Ge-
schlechtern von Agrion forcipula zu Stande gekommen ist,
so läfst auch hier das Männchen sein Weibchen nicht mehr
*) Siehe meine Abhandlung: Ueber die Fortpflanzungsweise der
Libellulinen, in Germars Zeitschrift f. die Entomologie II. 2. p. 435.
*») Ebend. p. 437.
206
los, sondern führt es am Nacken festhaltend mit sich herum,
beide fliegen alsdann mit gerade ausgestreckten Leibern um-
her, *) und lassen sich bald hier bald dort auf Wasserpflanzen
oder auf andere in der Nähe von Gewässer befindliche Pflan-
zen nieder, und scheinen in ihren Handlungen wie von einem
Willen beseelt zu sein.
Der Teich, an welchem ich meine Beobachtungen anstellte,
war an seinen Ufern mit Scirpus palustris bewachsen; es stand
diese Binse zum Theil auf dem Trocknen, ragte aber auch
ein Paar Schritte vom Ufer aus dem Wasser hervor. An diese
Binsen setzten sich nun die uigrion - Männchen mit iln-en
Weibchen am häufigsten, und kaum hatte sich ein Männchen an
die Seite einer Binse gehängt, so umklammerte das Weibchen
unter ihm ebenfalls die Binse und fing sogleich das Lege-
Geschäft an. Dasselbe bog seinen Leib von der Binse ab,
nur sein Leibesende brachte es mit derselben in Berührung
und schob dieses bis fast zu seinen Füfsen herauf. In dieser
Situation hat Reaumur ein Agrion-Va.vc\\en ganz richtig ab-
gebildet;**) derselbe vermuthet auch, dafs das Weibchen mit
den sägeförmigen Hornfortsätzen seiner Legeröhre Eier in
das Pflanzen -Parenchym hineinschieben könne, er spricht sich
jedoch nicht bestimmt aus.***)
Beobachtete ich ein solches an einer auf dem Trocknen
wachsenden Binse mit bogenförmig gekrümmtem Leibe sitzen-
des ^g^/'/o/i -Weibchen, so bemerkte ich bald, dafs dasselbe
mit seinem Lege -Apparat beschäftigt war, ich sah deutlich,
wie dasselbe seine säbelförmigen Hornfortsätze aus den bei-
den breiten Seitenklappen hervorzog und in das Parenchym
der Binse eindrückte. Kaum war dies geschehen, so kroch
das Agrion - Weibchen einige Schritte au der Binse herab,
und arbeitete von neuem mit seinem Lege -Apparat an dem
Parenchym der Bijise, welches so oft wiederholt wurde, bis
das Weibchen an dem unteren Ende der Binse angelangt war.
Das Männchen, welches den Bewegungen seines Weibchens
*) Vergl. Reaumur: Memoires pour servir ä l'histoire des In-
sectes. T. VI. PI. 40. Fig. 2.
*'^) Ebend. PI. 40. Fig. 3. und 9.
»"^O Ebend. p. 436.
207
willig gefolgt war, flog dann mit ihm davon, setzte sich aber
bald wieder an eine andere Binse, und zwar fast immer an
das obere Ende derselben, so dafs dadurch das Weibchen Ge-
legenheit fand, an der ganzen Binse herab seine Eier anzu-
bringen. Untersuchte ich eine solche Binse, an welcher ein
Pärchen von Agrion forcipula mit dem Eierlegen beschäftigt
war, so fand ich den Stengel jener Pflanze in der ganzen
Länge, in welcher sich das Libellen -Pärchen von oben nach
unten bewegt hatte, verwundet; ich konnte nämlich eine Reihe
kleiner weifsgelber Flecke erkennen, welche von der Epider-
mis des Scirpus herrührten, indem diese von oben nach unten
abgetrennt war und wie eine Schuppe den künstlich geöffneten
Eingang zu den weiten Luftzellen der Binse verschlofs. Das
Weibchen ist nändich, nachdem es den säbelförmigen Lege-
stachel wieder aus dem Parenchym der Binse hervorgezogen
hat, immer darauf bedacht, die gemachte Oefi'nung zu verber-
gen, zu welchem Zwecke dasselbe mit dem convexen Theile
des Legesäbels die abgelöste Epidermis der Binse gegen jene
Oefi'nung aufdrückt. '
Wenn ich solche Binsen, an welchen ein ^^/-io^i- Pär-
chen mit dem Eierlegen beschäftigt gewesen war, genauer un-
tersuchte, so fand icli fast an allen Stellen, wo ich äufserlich
die Epidermis der Pflanze verletzt sah, in der hinter der Ver-
wundung liegenden geräumigen Luftzelle der Binse ein Ei der
Agrion forcipula stecken.
Die Eier dieser Libelle besitzen eine cylindrische Gestalt
und sind an dem einen Ende abgerundet, an dem anderen
verschmächtigt und zugespitzt; dieses spitze Ende zeigt immer
eine dunkelbraune Farbe, während der übrige Theil der Eier
blafsgelb gefärbt ist. Die Eier stecken mit dem spitzen Ende
in der inneren Mündung des Wundkanals fest, so dafs man
daraus deutlich ersehen kann, dafs die Eier mit dem stumpfen
Ende voran in die Luftzellen der Binse liineingeschoben wor-
den sind. Waren die Eier schon vor längerer Zeit gelegt
worden, so erschienen die Luftzellen der Binse, in welchen
sie steckten, krankJiaft braun gefärbt, vielleicht in Folge der
Verwundung. Zuweilen fand ich auch die hinter der von dem
Legesäbel des Agrion - Weibchen hervorgebrachten Wunde
des Scirpus befindliche Zelle leer; es war hier wahrscheinlich
208
dem Weibchen nicht Zeit gelassen, ein Ei durch die Wunde
in die Zelle zu schieben, denn die ^^g-z/o/i- Männchen, ob-
wohl sie sich gewöhnlich an das obere Ende eines Scirpus
ansetzen und" sich von dem eierlegenden Weibchen an der
Binse herableiten lassen, zeigen nicht immer gleiche Ausdauer,
und fliegen oft, nachdem sie sich kaum niedergelassen und
die Weibchen eben den Legesäbel gegen die Binse aufgesetzt
haben, schnell wieder davon und nöthigen so ihre Gefährtin-
nen, das eben begonnene Werk mitten in der Arbeit aufzu-
geben; zuweilen fällt es einem ^^no/i- Männchen ein, wenn
sein Weibchen schon bis zur Hälfte der Binse herab seine
Eier in diese eingesenkt hat, plötzlich davonzufliegen, ohne
dem Weibchen Zeit zu lassen, die untere Hälfte des Binsen-
Stengels mit Eiern zu besetzen.
Die Weibchen von Agrion forcipula müssen übrigens
einen sehr grofsen Drang zum Eierlegen in sich empfinden,
da sie, wenn sic]i„ihre Männchen, was nicht selten geschieht,
auf andere Pflanzen, auf verdorrte Reiser, abgestorbene Gras-
halme und dergleichen niederlassen, ebenfalls ihr Leibesende
umbiegen und mit ihrem Legesäbel Versuche zum Eierlegen
machen ; dieser Versuch mag an harten und festen Gegenstän-
den gänzlich scheitern, und wenn er an abgestorbenen Pflan-
zen gelingen sollte, so mögen die hineingelegten Eier später
vertrocknen, während in solchen Pflanzen, welche, wie die
Binse, ein spongiöses Zellgewebe besitzen (z. B. in Sagitta-
lia sagitiifolia) , die Agrion -Eier wohl eben so gut ange-
bracht sein mögen, als in Scirpus palustris.
Als ich an den Ufern des Teiches, welche von Agrion
forcipula belebt wurden, umherschlich, um das Eierlegen
dieser Libelle zu beobachten, war es mir aufgefallen, dafs
sich ein Agrion -Färchen auf eine Binse, welche nicht auf
dem Lande stand, sondern aus dem Wasserspiegel des Teichs
hervorragte, gesetzt und das Weibchen bereits mit dem Eier-
legen begonnen hatte; ich war neugierig, zu sehen, wie weit
der Eifer desselben gehen und ob dasselbe, an der Binse
rückwärts herabkriechend, sein Leibesende beim Drange des
Eierlegens in das Wasser eintauchen würde. Wie erstaunte
ich nun, als dieses ur^^/von-Weibchen nicht allein seinen Leib
in das Wasser tauchte, sondern sogar so tief mit seinem
209
Männchen an der Binse herabkroch, bis beide ganz und gar
unter dem Wasser verschwunden waren. Das Weibchen fuhr
hierauf fort, an dem unter Wasser befindlichen Theile der
Binse seine Eier ebenso abzulegen, wie vorher an dem oberen aus
dem Wasser hervorragenden Theile dieser Pflanze ; das Agrion-
Pärchen kroch bei diesem Geschäfte ebenfalls immer tiefer am
Stengel des Scirpus herab, bis es auf dem Grunde des Teiches
angekommen war, hiernach begaben sich beide Libellen am
Stengel des Scirpus wieder langsam in die Höhe, ohne sich
unterwegs aufzuhalten, und flogen dann, über dem Wasser an-
gekommen, sogleich weiter, ohne sich von einander zu trennen.
Ich muss gestehen, dass mich dieser Trieb von ^grion forci-
pula, die Eier an einen für die Brut so zweckmässigen Ort
abzulegen, zur grössten Verwunderung fortriss, zumal da die-
ses Libellen-Pärchen sein Naturell so vergass, dass beide, Männ-
chen und Weibchen, als wahre Luftthiere, welche fast immer
fliegend umherschwärmen, plötzlich in das Wasser tauchten, in
das Element, mit welchem sie nur in ihren Jugendzuständen
vertraut waren. Ich glaubte anfangs, es wäre dieses Benehmen
nur ein individueller Einfall des einen Agrion-Pärchen gewe-
sen, diesen Gedanken gab ich aber wieder auf, als ich zu mei-
ner Freude gar bald erkannte, wie alle diejenigen Agrion-
Pärchen, welche sich an die aus dem Wasser hervorragenden
Binsen gesetzt hatten, auf ganz gleiche Weise unter dem Was-
ser verschwanden, und in demselben das Eierlegen fortsetzten,
ja, einmal darauf aufmerksam geworden, bemerkte ich jetzt,
in das Wasser hineinblickend, an vielen aus der Tiefe des
Teiches hervorgewachsenen Binsen eierlegende Agrion-Pärchen
sitzen, welche wegen der Länge der Binse, eine ziemlich lange
Zeit (eine viertel bis halbe Stunde) unter Wasser verweilten,
bis sie mit ihrem Geschäfte an das Wurzelende der Pflanzen
angekommen waren.
Die Agrion-Pärchen gebrauchten, ehe sie an den Binsen
in das Wasser tauchten, jedesmal die Vorsicht, alle vier Flügel
dicht an einander zu legen; hatte sich das Weibchen unter
das Wasser begeben, so rückte das Männchen sogleich schnell
nach, und erst dann, als auch das letztere vollständig vom
Wasser umgeben war, fuhr das Weibchen wieder mit dem
Eierlegen fort. Das Männchen bog unter Wasser seinen Leib
Archiv f. Nalurgcsch. VH. Jahrg. 1. Bd. |4
210
ebenso bogenförmig von dem Stengel der Sumpfpflanze ab, wie
sein Weibchen, wodurch alle unter Wasser befindlichen Agrion-
Pärchen an den Binsen einen doppelten Bogen mit ihren Lei-
bern bildeten; es haftete übrigens eine dünne Luftschicht so_
fest an ihren Leibern, Füssen und Flügeln, dass sie sich unter
Wasser ganz silberglänzend ausnahmen, daher denn auch wohl
diese Thiere mittelst dieses Luftvorraths athmeu mögen, und
wenn sie aus dem Wasser wieder hervorkriechen, sogleich
trocken sind und davonfliegen können.
Es kam nicht selten vor, dass an einem und demselben
Scirpus- Stengel, an welchem unten im Wasser bereits ein
Agrion- Pärchen sass, sich ein zweites Pärchen in die Tieie
des Wassers begab, und zwar auf eben derselben Seite; in
einem solchen Falle wichen sich beide Pärchen dadurch aus,
dass sich das obere nach der anderen, entgegengesetzten Seite
der Binse wendete, und dann sein Geschäft ungehindert fort-
setzte.
Kam ich einem im Eierlegen begriff"enen Agrion-Pärchen
über Wasser zu nahe, so flog dasselbe sogleich davon, berührte
ich dagegen ein unter dem Wasser befindliches Pärchen, so
klammerte sich dasselbe nur noch fester an die Sumpfpflanze
an, und nur, wenn ich zu heftig mit einem Stocke an diesen
Thieren herumstöberte, krochen sie schneller als gewöhnlich
an der Binse herauf, um, über dem Wasser angekommen, so-
gleich entfliehen zu können.
An denjenigen Stellen der Binsen, welche unter Wasser
von dem Legesäbel des Agrionen- Weibchens angestochen waren,
breitete sich äusserlich ein brauner Fleck aus, und mit der-
selben braunen Färbe waren auch die Luftzellen getränkt, in
welchen die Agrioncn-Eier verborgen lagen. Mit solclien brau-
nen Flecken waren die unter Wasser befindlichen Stengel der
Binsen fast über und über besät. Bei der Untersuchung der
Binsen, in welche schon vor längerer Zeit die Eier von Agrion
forcipula hineingelegt waren, bemerkte ich, dass schon viele
Larven in diesen Eiern sich zu entwickeln angefangen, und
dass einige bereits ihre Eischalen schon verlassen hatten; in
letzterem Falle stand die von der Epidermis bedeckt gewe-
sene Wunde an den Scirpus-Stengeln offen. Die über dem
Wasser in den Binsen befindlichen Agrionen-Eier entwickelten
211
sich eben so gut, als die unter dem Wasser in dieser Pflanze
eingesenkt liegenden Eier.
Die Larven, welche aus den Eiern von Agrion forcipula
hervorschlüpften, zeigen eine etwas andere Gestalt als die mehr
erwachsenen Agrion-Larven, sie gleichen nämlich ganz jenen
Larven, welche Carus, ohne sie bestimmt zu kennen, als
„vielleicht zu Sernblis, Sialis oder dergleichen gehörig" be-
schrieben und abgebildet hat*), der Mund ist mit der bekann-
ten Maske versehen, von welcher Carus keine Erwähnung
thut, die Antennen fallen sehr in die Augen, und weichen durch
ihre Bildung und Länge von den Antennen derselben Larven
im späteren Alter sehr ab. Diese zarten Larven liegen gebo-
gen im Ei, das Kopfende befindet sich hinter der Spitze des
Eies, wo die beiden schwarzen Augen deutlich aus den Ei-
hüllen hervorschimmern, die Antennen, die Maske, die sechs
Füsse sind am Leibe herabgeschlagen, dass dreispitzige Schwanz-
ende beugt sich in der stumpfen Spitze des Eies um, und
reicht bis zum Kopfe herauf. Da die Spitze der Eier immer
in der Wunde der Binsen steckt, so werden die jungen Agrion-
Larven, so wie sie die Eischale verlassen und aus der Spitze
der Eier hervorkriechen, sogleich in den Wundkanal der Bin-
sen gelangen und auf diese Weise den Ausweg überhaupt
sehr leicht finden.
Erlangen den 21. August 1841.
*) Carus: Entdeckung eines einfachen vom Herzen aus beschleu-
nigten Blutkreislaufes in den Larven netzflüglicher Insecten. S, 14.
Taf. II, Fig. 1, 2.
y-
14*
212
Berichtigung einiger von Herrn Duyernoj gemach-
ten Bemerkungen über meine Beschreibungen der
Säugthiere in Dr. M. Wagner 's „Reisen in der
Regentscliaft Algier."
Von
A. Wagner.
In der am 6. November 1841 abgehaltenen Sitzung der
Societe philomatique de Paris hat Herr Duvernoy eine Ab-
handlung vorgelesen unter dem Titel: Notes et renseignements
sur plusieurs Mammiferes de l'Algerie, pour servir ä la faune
de cette contree. Ein Auszug aus dieser Abhandlung ist im
Journal l'Institut Nr. 413 (25. November) erschienen und mir
vor Kurzem zugekommen. Aus demselben habe ich ersehen,
dass Herr Duvernoy an meinen Beschreibungen der Säugthiere
in Dr. M. Wagner's „Reisen in der Regentschaft Al-
gier" mehrere Ausstellungen gemacht hat, die mich zu einer
kurzen Erwiederung veranlassen.
1. Bei Mus barharus sagt Herr Duvernoy: les figures
coloriees de la Souris de ßarbarie adulte, publiees par Bennett
et M. Wagner, ont le defaut de montrer le jaune clair comme
la couleur de fond qui serait rayee de brun. Ich habe hier-
auf blos zu bemerken, dass meine Figur ein getreues Abbild
des Originals ist, bei dem nun einmal das Gelb quantitativ
vorherrscht, so dass es selbst in der Mitte der Längsbinden
durchschimmert. Ist also in dieser Darstellung ein Fehler
begangen, so würde wenigstens weder die Abbildung noch die
Beschreibung die Schuld tragen, sondern sie müsste dem Ori-
ginal-Exemplare aufzubürden sein. IJebrigens spricht auch die
Analogie mit andern gestreiften Mäusen dafür, die helle Farbe
als die Grundfarbe und die dunkle als die auf sie aufgetrage-
nen Streifen anzunehmen.
213
2. Bei Aufstellung seines Gerhillus Shawii macht
Herr Duvernoy bemerklich, dass dieser zwar dem Meriones
rohustus von Cretzschmar höchst ähnlich wäre, so dass ich
geglaubt hätte, beide vereinigen zu dürfen, dass aber jener
wirklich eine eigne Art ausmache. Diese Bemerkung ist, wie
ich zugestehn muss, begründet, kommt jedoch viel zu spät.
Als ich nämlich die von Herrn Dr. Wagner mir iibergebenen
algierschen Säugthiere beschrieb, kannte ich Cretzschmar's
Meriones rohustus nur aus dessen Beschreibung, die aller-
dings nicht vollständig genug war, um mit Sicherheit meine
algierschen Exemplare davon zu trennen, und so stellte ich
sie (nicht ohne einiges Bedenken unter Erwähnung der Difife-
renzen mit der Beschreibung), mit den egyptischen zusammen.
Eine spätere Untersuchung von mir, die sich über alle Gat-
tungen der Nager erstreckte, ergab mir jedoch das überraschende
Resultat, dass die fraglichen algierschen und egyptischen Thiere
nicht einmal der Gattung nach zusammen gehörten, woraus
sich denn ihre spezifische Differenz von selbst ergab. Dieses
Resultat habe ich denn auch in einem Anhange zu meinem
Aufsatze: „Gruppirung der Gattungen der Nager in
natürliche Familien" der Münchner Akademie unterm
9. Januar 1841 vorgelegt, was in den Blättern Nr. 50 — 54 der
Münchner Gelehrten Anzeigen vom 11 — 17. März, und dar-
aus im ersten Heft dieses Archivs von 1841, zur Publizität
gebracht wurde. Der von mir begangene Irrthum ist demnach
lange vorher, ehe Herr Duvernoy auf ihn aufmerksam machte,
von mir selbst berichtigt worden, während dieser Naturforscher
noch immer in der falschen Meinung befangen ist, einen Merio-
nes vor sich zu haben, da er doch ein Rhomhomys ist.
3. Indem Herr Duvernoy von Macroscelides angiebt,
dass bei diesem der knöcherne Gaumen von 4 Reihen Löcher
und einem 5. Paare ausser der Linie durchbrochen sei, was
in Blainville's Osteographie gut abgebildet wäre, setzt er hin-
zu: „M. A. Wagner n'en a pas eu connaissance." Ich will
hoffen, dass dieser Vorwurf nur in Bezug auf die Blainville'-
schen Abbildungen gelten soll ; allein auch in dieser beschränk-
teren Bedeutung müsste ich ihn abweisen. Blainville's 6. Heft
der Osteographie, in welchem das Knochengerüste der Inse-
ctivoren abgehandelt wird, ist im Jahre 1841 publizirt worden,
214
folglich konnte ich von demselben im Herbste 1840*), wo
Dr. M. Wagners Ueisen bereits durch den Buchhandel verbrei-
tet wurden, noch keine Notiz haben, um so weniger, da meine
Beschreibung der algierschen Säugthiere denn doch auch eine
gute Weile vorher verfasst und dem Herrn Herausgeber zu-
geschickt war, bevor sie nur an die Reihe des Drucks, ge-
schweige zur Publizität kommen konnte. — Sollte obiger Vor-
wurf indess, wie es fast den Anschein hat, sich auch darauf
beziehen, dass ich keine Kenntniss von der Durchbrechung des
knöchernen Gaumens gehabt hätte, so will ich aus meiner Be-
schreibung (Band HI. S. 14 des erwähnten Werkes) nachfol-
gende Stelle herausheben, welche wohl geniigen dürfte. Ich
sage nämlich daselbst: „Besonders ausgezeichnet sind die Rohr-
riissler (^Macroscdides) durch die mehrfache zierliche Durchbre-
chung des knöchernen Gaumens, woran man allein, auch ab-
gesehen von allen andern characteristischen Merkmalen, die
Gattung erkennen würde. Duvernoy**) hat hierauf nicht auf-
merksam gemacht und keine der vorhandenen SchädeJabbilrlun-
gen giebt sie mit Genauigkeit an. Der knöcherne Gaumen
nämlich ist von fünf Paar Löchern durchbrochen, wovon vier
reihenweise hinter einander liegen" u. s. w.
Während Herr Duvernoy mich anführt, wo er meint mich
berichtigen zu können, hätte er dagegen mit besserem Grunde
sich auf mich beziehen dürfen, da, wo ich seine frühere Be-
schreibung ergänzt und verbessert habe, wie in dem eben be-
sprochenen Falle, und hinsichtlich des von ihm angegebenen
Mangels eines Acromions, dessen Dasein und eigenthümliche
Bildung ich zuerst nachgewiesen habe, indess Herr Duvernoy
jetzt ganz richtig davon spricht, ohne meiner zu gedenken.
*) Auf dem Titel ist zwar das Jahr 1841 angegeben, weil es be-
kanntlich im deutschen Buchhandel üblich ist, die gegen den Ablauf
eines Jahres erscheinenden Bücher auf das nächste zu datiren.
*") Mem. de Strasb. Vol. I, livr. 2.
215
Beiträge zur MoUuskenfauna Deutschlands, ins-
besondere der österreicliisclien Staaten.
Von
Dr. Louis Pfeiffer in Kassel.*
Seitdem ich nicht allein meine vaterländischen Gegenden
mit grösserer Sorgfalt, als es früher geschehen war, in Be-
ziehung auf Mollusken untersucht, sondern auch auf fünfmonat-
lichen Reisen, hauptsächlich in den österreichischen Provuizen,
diesem Gegenstande meine vorzüglichste Aufmerksamkeit gewid-
met habe, sehe ich mich im Stande, nicht allein für die deut-
sche Fauna manche interessante Bereicherung zu liefern, son-
dern auch nach genauer Untersuchung vieler Arten in grösse-
rer Menge über manche bisher zweifelhafte Artgränzen Auf-
schluss zu geben. Indem ich die unwichtigem, sehr verbreiteten
und hinlänglich bekannten Arten ganz mit Stillschweigen über-
gehe, werde ich von denjenigen, die entweder in kritischer
oder in geographischer Beziehung von Interesse sind, nach der
in meiner kleinen Schrift: Symholae ad histor. Heliceorum
angenommenen Reihenfolge einige Notizen mittheilen, welche
zum Theil als Beweis dienen mögen, dass die äusseren Umbil-
dungen der Formen nicht so sehr von den verschiedenen Lo-
kaleinflüssen abhängig sind, als der scharfsinnige Forscher
Hartmann (im 2. Hefte seiner Land- und Süsswassergasteropo-
deu) darzuthun sich bemüht.
Succinea.
1. S. levantina Desh. beschränkt sich nicht auf den
östlichen Theil von Europa, sondern lebt in vielen Gegenden
von Deutschland, indem ich mich überzeugt habe, dass S. Vfeif-
feri Rm. wirklich nicht von ihr zu trennen ist. Es gehören
ferner zu derselben Art S. lidlina Zgl. aus lUyrien und S.
Iriinnea Steutz aus Croatien. In grosser Menge fand ich sie
am sumpfigen Ufer des Plattensees in Ungarn. Eine noch
216
gestrecktere Form (bis zu 81'" Länge) fand ich in dem Schlamme
des Sees nur leer und weiss, aber doch glänzend. Herr Zieg-
ler, dem ich sie mittheilte, war geneigt sie für eine eigene,
auch im frischen Zustande weisse Art zu halten, doch wage
ich nicht darüber zu entscheiden, da ich sie nicht lebend beob-
achten konnte.
2. S. ollonga ist wohl überall selten, scheint, wo sie
lebt, stets in Gemeinschaft mit S. amphibia vorzukommen. Eine
vonChüoe stammende Art dürfte kaum davon zu trennen sein.
Vitrina.
1. V. elongata. Eine, obwohl weit verbreitete, doch
überall seltene Schnecke, die häufig mit Helicophanta brevipes
verwechselt wird. Am häufigsten kam sie mir bei Klagenfurt vor.
Helicophanta.
Seitdem Hartmann die beiden deutschen Arten genauer
characterisirt hat, ergiebt sich folgendes Resultat: H. ru/a ist
nicht selten in vielen Gegenden Deutschlands, wo sich geeignete
Localität vorfindet, auch hier bei Kassel, bei Wien u. s. w.,
H. hrevipes*) dagegen sehr selten. Einmal fand ich sie
lebend bei Kassel in einem Eichenwald, während rufa hier nur
in Buchenwaldung vorkommt. Bei .München hat sie Dr. Erdl
gefunden. Obwohl der Name sehr unpassend ist, da das Thier
der brevipes im Verhältnisse zur Schale noch grösser ist, als
das der rufa, so finde ich darin doch keinen Grund, mit Zieg^
1er die rufa als brevipes und die brevipes als longipes zu be-
zeichnen, indem jene Namen einmal in der Wissenschaft auf-
genommen sind.
Helix.
1. H. pomatia fand ich im Wesentlichen unverändert
bis an die Küste des adriatischen Meeres. Ein Exemplar aus
der Küstenprovinz mit strahliger Zeichnung gehört dem ganzen
Baue nach entschieden hierher, und nur eine Uebergangsform
zu H. cincta fand ich am Plattensee (H. interposita Zgl.?),
die ich aber doch nicht von pomatia trennen möchte.
*) Auf Rossmässler's Tafel sind die Nummern der beiden Figuren
verwechselt. °
217
2. H. ligata ist in der Umgegend von Fiume sehr cha-
racteristisch ausgebildet (Rin. f. 289), ohne alle Uebergangs-
formen zu den verwandten, so wie auch
3. H. ein da aus Fiume, Monfalcone u. s, w. (Rm. f. 287 a. b.).
4. H. sylvatica Dr. Mit Ferussac zähle ich die H.
austriaca als Varietät zu dieser Art. Letztere ist in den mei-
sten österreichischen Provinzen sehr gemein, hier und da mit der
viel seltneren H. nemoralis gemeinschaftlich vorkommend, häufig
dieselbe ganz ausschliessend. . Sie variirt vielfältig: am häufig-
sten ist die Form mit 5 dunkeln Binden, seltner mit ganz
hellen Binden, sehr selten fast einfarbig. Die 2, Binde fehlt
bei den steirischen und kärntnerischen Exemplaren nicht sel-
ten, andre Abweicl^ngen sah ich nicht. Die Form ist wech-
selnd sehr plattgedrückt und konisch. Die Exemplare bei Görz
haben häufig eine wohlerhaltene gelbe Epidermis, während sie
in der Regel auch lebend eine weisse Grundfarbe zeigen. Merk-
würdig war es mir, diese Art, die sonst Schatten und Feuch-
tigkeit liebt, im Miirzthale (Steiermark) an nackten, dem Son-
nenbrande ausgesetzten Felsen in grosser Menge in Gesellschaft
mit Pupa avena zu finden.
5. H. arhustorum. Am Mönchsberge zu Salzburg fand
ich kolossale Exemplare (bis 16'" Durchmesser). Ueberhaupt
kann man in der Gegend von Salzburg bis nach GoUing eine
Folge von Farbenspielarten sammeln, die an Manchfaltigkeit
der H. nemoralis wenig nachgeben dürften. Während ich sie
in Hessen nie ohne Binde fand, ist sie dort eben so häufig
ohne als mit derselben, fast einfarbig gelb bis zum dunkelsten
Braun. Als wirkliche Abarten sind aber wichtiger: a. Hei.
Xatartii Farin. von der Koralpe in Kärnten, fast papierdünn,
gegittert, stark faltig, mit dünnem Mundsaume, einfarbig gelb-
grün oder braungrün mit Binde — und &. eine Varietät von
7'" Durchmesser, fest, einfarbig, gelblich, bei Heiligenblut am
Glockner, oberhalb des Pasterzengletschers gesammelt. Beide
Formen möchte man gern als gute Arten betrachten, wenn
nicht die ähnlichen Alpenformen anderer Gegenden Uebergänge
vermittelten.
G. H. Olivieri Fer. Die Form, welche als Typus in
^der Ferussac'schen SamnTlung sich befindet, ist nicht selten bei
Fiume. Wenig abweichend davon ist die von Roth (diss. p. 14)
218
beschriebene Varietät aus Konstantinopel, die sich von H. pa-
rumcincta (Rm. VI. 365) nur durch die kleinfleckige Zeichnung
unterscheidet. Dagegen möchte ich die Varietät von Syra
(Roth a. a. O.) nicht dahin zählen, sondern vielmehr für eine
gute Art halten, welche ich als H. Rothii bezeichne: testa
subglobosa, opaca, sordide alba, bifasciata: fascia superiore an-
gusta, rufa, inferiore lata, diluta, pellucida; umbilico semitecto;
apertura lunato-rotundata; peristom. subsimplice, adumbilicum
reflexo. Diam. 5|, altit. 4 lin. A;nfr. 6^. — Ferussac's H. Oli-
vieri ß ist seiner Sammlung zufolge H. onychina Rm.
I. H. carthusianella. In Kärnten, Krain und der
Kiistenprovinz sehr gemein in allen Formen, klein und gross,
flach und erhaben, mit fest geschlosseneiji oder mehr oder
minder geöfi'netem Nabel, so dass es schwer wird, bei manchen
Exemplaren, namentlich bei Monfalcone, wo sie mit H. car-
thusiana zusammenlebt, die Gränze zwischen diesen beiden
Arten, deren extreme Bildungen sich so entfernt stehen, scharf
zu ziehen. Ob dies vielleicht von einer Vermischung- beider
herrührt?
8. II. carthusiajia. Gemein bei Görz an Hecken, mit
schönem, breitem, rothem Mundsaume, zu Tausenden in der
Nähe des Meeresstrandes bei Monfalcone, sehr gross.
9. H. fruticum. Diese sah ich noch nirgends in solcher
Menge, als im Miirzthale, unter Hunderten von hellbraunen
nur eine mit breiter Binde und eine von der weissen Spielart,
welche dann südlich von den Centralalpen mir allein vorge-
kommen ist. In Steiermark lebt sie vorzugsweise an den Zäu-
nen der Felder, während sie um Kassel nur an sehr schattigen
Stellen in unmittelbarer Wassernähe zu finden ist. — Eine schöne,
kleine, rosenrothe Spielart bei Westerhof unweit Nordheim.
10. H. circinnata Stud. Ist bei Wien an den früher
bekannten Fundorten beinahe ganz verschwunden. Dagegen
fand ich sie in ungeheurer Menge bei Heidelberg, zusammen-
lebend in allen Formen und Farben, die früher zu den Be-
nennungen U. montana und striolata Veranlassung gegeben
haben. Auch überzeugte ich mich, dass die von mir (Symb.
p. 39) beschriebene Jf. rufina Parr. sich nicht von circinnata
trennen lässt.
II. U. umhrosa. Ueberall von Salzburg bis an die
219'
Küste, variirt sehr in der Farbe. Am Mönchsberge zu Salz-
burg kommen sehr schön röthlich gefärbte Exemplare vor,
während ich sie in Berchtesgaden und anderweit mir von der
hellsten Hornfarbe fand.
12. H. allen a Zgl. ist offenbar nichts als Varietät der
rupestris. Letztere findet sich in allen Alpengegenden, wo
Kalk vorkommt, in unglaublicher Menge; nie sah ich sie au
anderen Formationen.
13. H. leucozona. Gemein in Kärnten, Krain u. s. w.
Am Ovir (bei 6600' Höhe) fand ich Rossmässler's var. ovi-
rensis gesellig mit der gewöhnlichen Form. Sollte diese Art
nicht ganz mit Draparnaud's H. edentula zusammenfallen?
Behaart ist auch H leucozona bisweilen. I
14. II. monodo7i. Häufig in den sogenannten Oefen der
Salza, am Watzmann, bei Hallein, Wien, Grätz.
15. IL scarhuj'gensis. Diese glaubte ich anfangs in
einer bei Karfreid im Isonzothale gefundenen Form zu erken-
nen, die sehr genau mit den Abbildungen jener übereinstimmt,
nach genauerer Untersuchung halte ich aber jene Exemplare
aus Illyrien für junge Individuen von Pupa pagodula.
16. H. verticillus. Wien am Kahlenberg, im Salzbur-
gischen, bei Grätz u. s. w., besonders häufig in der Gegend
von Tarvis in Kärnten und bei Karfreid.
17. II. rüder ata. In den Oefen der Salza sehr selten.
18. U. solar ia. Tritt, wie Rossmässler richtig bemerkt,
von Steyermark an in die Stelle der rotundata. Ich fand sie
auch schon im Salzburgischen und bei Ischl, desgleichen bei
Baden (bei Wien) und in den Oefen der Salza, an beiden
letzteren Orten gemeinschaftlich mit rotundata, welche weiter
nach Süden verschwindet. Besonders gemein ist sie bei Kla-
genfurt.
19. H. variahilis. Ungeheuer häufig an den Küsten
des adriatischen Meeres, doch fand ich nie die einfarbige ko-
nische Form, welche fast als gute Art zu trennen sein möchte,
in Gesellchaft mit der flacheren, gestreiften. — H. neglecta
Dr. dürfte wohl mit ihr zusammenfallen.
20. H. ericetorum. Im Süden ziemlich selten. Eine
schöne Varietät mit unterbrochenen, orangefarbigen Binden ^uf
der Growniker Ebene in Kroatien.
220
21. H. c an die ans Zgl. (H Candida Porro in litt. sec.
Zgl.)- T. globoso-depressa, umbilicata, nitide Candida, striatula;
spira vix elata, apice fusca; anfractibus 5 convexis, ultimo non
descendente; umbilico mediocri, pervio; apertura magna, liinato-
rotundata, marginibus approximatis; perlst, simplice. Diam. 10,
altit. 5 1in. — In ungeheurer Menge bei Szigleget am Plattensee.
— Unterscheidet sich als Art durch den engen Nabel, die weite
iiind hohe Mündung, und den nicht herabgesenkten letzten Um-
gang, ein Character, der bei H. ericetorum sehr entschieden,
aber doch übersehen ist. -- Rossmässler's Fig. 519 und 520
dürften vielleicht hierher zu ziehen sein, doch ist bei beiden
die Mündung verhältnissmässig viel kleiner.
22. H. intermedia. Bewohnerin der Kalkformation, von
Arnoldstein bei Villach nach Süden und Osten bis Kroatien,
b-esonders gemein an Gartenmauern zu Karfreid, wo auch die
einfarbige Spielart häufig vorkommt.
23. H. Fontenillii. Ein leeres Gehäuse auf dem Gipfel
<les Ovir.
24. H.foetens. Nicht selten in den Oefen der Salza,
oine grössere Varietät im Mürzthale an Kalkfelsen. Das Thier
iist nicht übelriechend.
25. Zf. hirta. Gemein in den Gärten bei Fiume.
26. IL Lefehvriana. Sehr häufig in den Ritzen alter
Mauern in der Gegend von Görz, mit der folgenden gemein-
schaftlich.
27. H. planospira. In Kärnten (bei Klagenfurt), dann
häufig am Prediel, im Isonzothale. — Am Loibl kommt eine sehr
zierliche kleinere Varietät von sehr dunkler Farbe vor, unter
diesen fand ich einen glashellen Blendling ohne Spur von Binde.
28. H.frigida. An den Nagelfluhfelsen der Hollenburg
bei Klagenfurt einmal von mir gefunden.
29. H. alpina. Am Gipfel des Ovir. Offenbar gehört
H. phalerata Zgl. dazu, denn ich fand beide in Begattung. —
Die Form mit dem Gürtel ist am Ovir bei weitem häufiger, in
der höchsten Höhe, an Rhododendron lebend, sehr klein (aus-
gewachsen nur 8'" Durchmesser), weiter nach unten immer
grösser.
, 30. H. holosericea. Ebenfalls am Gipfel des Ovir.
Viel kleiner als die in Sachsen vorkommende.
221
Bulimus.
1. B. radiatus. Sehr zerstreut. Bei Wien, Heidelberg^
Growniker Ebene, dann mit sehr dicht stehenden braunen Strei-
fen von Monte spaccato bei Triest, mit verwischten Flammen
bei Szigleget.
% B. tridens. An einzelnen Stellen in vielen Gegenden
vorkommend.. Bei Kassel (im Ahnethale) wurde im vergan-
genen Jahre 1 Exemplar gefunden. Nirgends traf ich ihn häufig
an, die meisten bei Säule unweit Triest, ausserdem an einigen
Stellen des Karstes, ferner bei Klagenfurt (am Wege nach dem
Loibl), auch selten am Plattensee.
3. B. seductilis. Von mir nur auf der Growniker Ebene
unter Dorngesträuch gefunden, dort sehr häufig, veränderlicher
in der Form als selbst Pupa frumentum, bald cylindrisch ge-
streckt (Pupa lunatica), bald kurz, bauchig, von 3^— 6'" Länge.
Balea.
1. B. fj-agilis. Zu den seltneren deutschen Schnecken
zu rechnen. Bei Kassel habe ich sie erst kürzlich an Basalt-
mauern auf Wilhelmshöhe und an dem Basaltkegel Scharfen-
stein wiedergefunden. Auf meiner Reise fand ich sie nirgends,
ausser an den Basaltkuppen des Badatschon am Plattensee,
darunter Blendlinge.
Pupa.
1. V, frumentum. Von Regensburg an sehr verbreitet,
fast überall, unendlich variabel. Am gemeinsten auf dem gan-
zen Karstgebirge, wo fast keine andere Schnecke lebt. — Ich
kann Drapernaud's P. variabilis nicht constant davon unter-
scheiden.
2. P. avena. Stets am Kalk, fast immer in Gesellschaft
mit H. rupestris. Verträgt die stärkste Sonnengluth.
3. P. hassiaca Pfr. Symb. p. 45. Noch immer ist es
mir nicht gelungen, ein zweites Exemplar dieser schönen Art
aufzufinden.
4. P. Rossmässleri. Nicht selten an einer einzigen
Stelle oberhalb Karfreid. Neuerdings wird diese Art als Helix
Moricaudi Fer. in Anspruch genommen. Aber abgesehen da-
von, dass Ferussac letztere unter den Arten mit spindelförmigem
222
Gehäuse aufzählt und als Fundort Italien angiebt, woP. Rossm.
noch nie gefunden ist, würde der Name doch jenem nicht wei-
chen dürfen, wenn auch die Identität zu erweisen wäre, da
H. Moricandi nur im Prodi^mus angeführt, aber nie beschrie-
ben oder abgebildet ist.
5. P. Truncatella Ffr. Syrab. p. 46. — Auch bei Kla-
genfurt und Laibach seitdem gefunden, durch erstem Fundort
der ächtdeutschen Fauna angehörig.
6. P. pagodula. Unbegreiflich, dass diese weit ver-
breitete Schnecke so lange übersehen wurde. Ich fand sie in
Kärnten und im Littorale sehr häufig, dann aber auch zu Ba-
den bei Wien, Ischl, in den Oefen der Salza u. s. w.
7. P.umhilicata. Sehr gemein in Monfalcone an Mauern.
8. P.triplicata. Häufig zu Mödling und Baden bei Wien.
9. P. minutissima. Baden, Mödling, auch am Platten-
see sehr häufig.
Cochlicopa.
1. C. Poiieti. Gemein im Littorale, zuerst zwischen Wolt-
schach und Canale an feuchten Mauern und Hecken. Das Thier
ist schmutzig orangefarbig, auf dem Rücken grünlichbraun, die
Sohle hellgelb, die beiden Lappen des Rüssels spitz, nach unten
gerichtet, divergirend, etwas grösser als auf Ferussac's Abbildung.
Clausilia.
1. C. filograna. Für diese zierliche Art, die, wie schon
Rossmässler beobachtete, von Steyermark bis an das adriatische
Meer überall vereinzelt vorkommt, die ich auch in Kroatien
nicht selten fand, entdeckte ich einen neuen, selbst den Wie-
nern unbekannten, interessanten Fundort, nämlich im Helenen-
thale bei Baden, wo sie in sehr grosser Menge lebt.
2: C Bvaunii. Von dieser ausgezeichneten Art fand
ich durch Herrn Professor Bronn's gefällige Nachweisung den
erst kürzlich zufällig wieder entdeckten, von Einigen bisher
bezweifelten, deutschen Wohnort. Sie ist an Weinbergsmauern
bei Weinheim sehr häufig.
3. C. Rossmässleri Pfr. Symb. p. 48. Nicht selten an
altem Gemäuer unweit Tarvis, auch auf der Höhe des Prediel
an Felsen.
223
4. C. lividaMke. Nach den speziellenAngaben der Ent-
decker und wahrscheinlich bis jetzt einzigen Finder, Dr. Mur-
ray und Kollar, sollte diese merkwürdige Art bei Szigleget am
Badatschon gesammelt sein. Leider gelang es mir, wie auch
Herrn Parreyss, bei der sorgfältigsten Untersuchung nicht, auch
nur eine Spur davon weder dort, noch anderswo zu finden,
und ich glaube, dass dieselbe aus den östlicheren Theilen Un-
garns mitgebracht sein muss.
5. C. fimhiiata. Unter andern am Gipfel des Ovir ge-
funden, auch in Kroatien.
6. C ungulata. Nach Untersuchung grosser Quantitä-
ten dieser schönen Form glaube ich sie als gute Art betrach-
ten zu müssen, die sich von C. bidens durch die schlanke Form,
und besonders durch die weissgesäumte Naht constant unter-
scheidet. Am Loibl (wo ich auch einen Blendling darunter
fand) verdrängt sie die bidens ganz und gar, am Prediel fan-
den sich beide gesellig.
7. C. coTnmiitataRm. In verschiedenen Abweichungen
Käufig im Isonzothale bis nach Monfalcone,
8. C. costata. Ebenda in der Gegend von Wollschach
(Ulzano).
9. C. varians. Im Lavantthale (Kärnten) an Zahlbruck-
nera paradoxa in den sogenannten Eulöfen, sowohl gefärbte
Exemplare, als Blendlinge (Cl. diaphana).
10. C. S chmidtii Ffr. Symb. p. 49. Vom Prediel an im
Isonzothale häufig.
\.\..C.rugosa. Draparnaud's ächte Form scheint in Deutsch-
land gar nicht vorzukommen, alle sogenannten deutschen Varie-
täten gehören anderen Arten an, meist wohl der C. obtusa C. Pfr.
12. C. Bergeri. Soll nach Michahelles' Angabe in einer
Höhe von 6000' am Watzmann entdeckt sein. Dies ist mir
sehr unwahrscheinlich, da sie in den Oefen der Salza, wo ich
sie in grosser Menge fand, nur an den tiefsten, schattigsten
und feuchtesten Stellen lebt.
CarychiuTn.
Dass C. lineatum Fer. nicht zu dieser Gattung derAuri-
culaceen gehört, sondern nach Thier und Deckel zu den Cy-
clostomaceen, hat Hartmann genügend erwiesen, und ich habe
224
sowohl bei liiieatum, als bei spectahile Rm. seine Beobach-
tung zu bestätigen Gelegenheit gehabt. Es blieben also nur
2 bekannte Arten für diese Gattung übrig, C. minimum und
spelaeum, wenn nicht, wie mir unzweifelhaft" scheint, Say's
Pupa exigua, aus Pensylvanien, hierher gehört. Zwar ist das
Thier mir unbekannt, aber der allgemeine Habitus des Gehäu-
ses ist ganz wie bei Caryehium, und zu Pupa würde die Art
nach der Mundbildung doch nicht gezählt werden können*). —
So selten C. spelaeum (seit Rossmässler's glücklichem Funde
noch von Keinem wieder entdeckt), so weit verbreitet ist mi-
nimum. Gern hätte ich eine sehr schlanke und kleine Form,
die ich bei Karfreid fand, spezifisch davon trennen mögen, aber
die Unterschiede waren gar zu unbedeutend.
uiuricula.
1. -^. myosotis fand ich in grosser Menge lebend an
der Hafenmauer zu Triest in den Spalten, nahe über der Fluth-
höhe. Ob es eine Land- oder Seeschnecke ist, dürfte kaum
zu entscheiden sein. Jedenfalls athmet sie Luft, wahrschein-
lich kann sie aber auch im Wasser athmen.
2. yi. Fii'minii. Bei Triest.
Limnaeus.
Alle Formen, die ich hier und dort in den verschieden-
sten Gewässern sammelte, liessen sich, wenn auch als Varietä-
ten, auf die bekannten und beschriebenen Arten zurückführen,
mit Ausnahme des folgenden:
L. Ziegleri m. — T. umbilicata, ovato-acuminata, tenui,
pellucida, striata, pallide cornea; spira acuta; anfr. 5 convexiu-
sculis, ultimo spiram duplo superante, vix inflato ; apertura an-
gusta, pyriformi^ margine columellari recto, ad umbilicum re-
flexo. Long. ^, diam. 3'". Apertura 3'" longa, 1^ diam. In
einem kleinen schlammigen Bache bei Fragant im Möllthale
(Oberkärnten). Aehnlich einigen Exemplaren eines Limnaeus,
*) Da die Art nicht allgemein bekannt sein dürfte, so gebe ich
eine kurze Diagnose derselben. CaTycliium exiguum m. T. vix
rimata, ovato-turrita, albida, hyalina; apice acuto; anfr. 5 convexiü-
sculis, ultimo » longitudinis aequante; apertura ovata; perist. reflexo,
simpiice; columella basi denticulata. Long, f, diam. \ lin.
225
den ich mit der Bezeichnung L. spurcus Zgl. aus Kroatien
durch Stenz erhielt. Da ich über die Identität nicht im Klaren
bin, so gebe ich meiner Art den Namen eines um die Kennt-
niss unserer Binnenmollusken so hochverdienten Mannes,
Planorlfis.
1. P. tetragy rus Zgl. Im Plattensee.
2. P. dilatatus m. — T. superne impressa, subtus pla-
niuscula, cornea, nitidissima; sutura profunda; anfr. 4^ con-
vexis, ultimo versus aperturam dilatato; apertura obliqua, de-
pressa, suborbiculari, marginibus subreflexis, callo tenuissimo
junctis. Diam. 2, altit. f lin. — Im Plattensee bei Szigleget.
Cyclostovia.
1. C maculatum. Von Salzburg an nach Süden sehr
verbreitet. Im Isonzothale an ♦einigen Stellen gesellig mit C.
patulum, letzteres immer an freien, offnen Felsen. Bei Kla-
genfurt ist maculatum häufig unter Hecken, au schattigen Stel-
len, dagegen fehlt wieder patulum. Jedenfalls sind beide Arten
sehr gut spezifisch unterschieden.
2. C. cinerasccns. In der Gegend vonFiume, darunter
eins linksgewunden !
3. C. cattaroensc m. — T. obtecte perforata, turbi-
nata, tenui, striata, rubella; spira acuta; anfr. 5 convexiusculis,
ultimo spiram subaequante; apertura ovali, intus aurantia; pe-
ristom. simplice; operculo rubello, paucispiro. Long. \\, diam.
\\ lin. — Von Cattaro an Herrn Parreyss eingesandt, wo ich
es nach mehr als 3 Monaten lebend beobachtete. Es soll an
einem sehr feuchten Felsen leben, und war für eine Paludina
gehalten worden. Durch etwas Feuchtigkeit belebten sieh die
Thiere leicht wieder, und ich glaube sie zu Cyclostoma zählen
zu müssen, theils nach der Form der Fühler und des Deckels,
theils weil sie in absoluter Trockenheit so lange ihre Lebens-
kraft erhalten hatten.
Acicula Hartm.
Den Namen dieser sehr entschieden zu characterisirenden
Gattung hat der Begründer derselben dreimal ohne Noth ver-
ändert. In Steinmüllers neuer Alpina 1821 Bd. 1 S. 205 stellte
Archiv f. Naturgesch. VJI, J.ihrg. I. Band, 15
226
er dieselbe unter dem Namen Acicula auf, und äusserte schon
die Vermuthung, dass das Thier wohl einen Deckel haben, und
dann die Gattung mit Acmea zusammenfallen werde. Diese,
so wie sie a. a. O. aufgestellt ist, fällt ganz wq^, da sie ausser
dem Cyclost. truncatulum Dr. nur einige Rissoen enthielt. In
Sturm's Fauna überträgt Hartmann den Namen Acme auf seine
Acicula lineata, und nimmt dann endlich (Erd- und Süsswas-
sergasteropoden 1840. H. 1 S. 1) den von Agassiz vorgeschla-
genen Namen Pupula an. — Da indessen gegen den Gattungs-
namen Acicula noch weniger einzuwenden ist, als gegen die
späteren, so dürfte derselbe, als der älteste, beizubehalten sein.
1. A. polita Hartm. Diese ist die Form, welche in
Nord-Deutschland allein vorzukommen scheint, u. a. bei Kassel
im Ahnethale, am Harze auf dem Hübichenstein u, s. w. Ob
sie sich spezifisch von lineata trennen lässt, ist mir zweifelhaft.
2. A. {CavychiumRm.') spectahilis. Für diese höchst
seltene Schnecke habe ich einen zweiten, aber auf einen sehr
geringen Umfang beschränkten Fundort entdeckt, nämlich eine
Stunde oberhalb Karfreid im Isonzothale, unter abgefallenem,
dicht liegendem Buchenlaube, in Gesellschaft mit Pupa Ross-
mässleri, pagodula etc.
Eine ebenda gefundene Form wage ich, obgleich sie aus-
gewachsen viel keiner ist, nicht von polita zu trennen.
Truncatella.
1. T. truncatula Dr. In Gesellschaft mit Auric. myos-
otis bei Triest, selten. So wie die cubanischen Arten fand
ich auch diese nur über der Wassergränze, und zwar sehr
munter kriechend.
Mit Philippi's neuerlich vorgeschlagener Erweiterung die-
ser Gattung (Arch. 1841 I. S. 51) kann ich mich nicht ein-
verstanden erklären, da die kleinen Arten, deren Thiere er so
schön beobachtet und abgebildet hat, meinen Beobachtungen
nach in der Stellung der Augen wesentlich von Truncatella
abweichen. Auch abgesehen davon würde ich mich nicht ent-
schliessen können, bei so gänzlich verschiedener Bildung des
Gehäuses, auf welche ich bei Aufstellung der Gattungen im
Gegensätze zu den Familien grossen Werth lege, und nament-
lich bei so abweichender Mündungsbiidung, diese Arten zu
227
Truncatella zu zählen. Zu Paludina können sie freilich nicht
gerechnet werden, wie man bisher wohl gethan hat, weil die
Stellung der Augen und die Gestalt der Fühler ihnen ihren
Platz in einer andern Familie anweist, und so würde ich lie-
ber für diese kleinen Arten, deren Thiere man kennt, eine
neue Gattung annehmen:
Paludinella.
T. minuta, ovata vel depressa; apertura ovata; peristoma
Simplex, subcontinuum; operculum spiratum. — Animal v. Phi-
lippi 1. c.
1. P. littorina Pfr. — Helix Delle Chiaje. — Trun-
catella mtorina Phil. K c. p. 53 t. 5 f. 7. - An der Triester
Hafenmauer in Gesellschaft mit der früher von mir in der
Ostsee entdeckten, später auch von Amerika unter dem Namen
Turbo vestitus Say erhaltenen Littorina marmorata m.*)
Paludina.
1 P. Pa^'reyssii m. — T. minima, imperforata, ovata,
pellucida, vitrea, solidiuscula; spira obtusa; anfr. 3|, 2 ultimis
inflatis, ultimo spirara aequante; apertura ovali, margine subin-
crassato, ad basin columellae subdenticulato; operculo cerasino.
Long. \, diam. ^ lin. — Die kleinste bis jetzt bekannte Art, dem
Cycl. pygmaeum Mich, (sicher wohl auch zu Paludina gehörig)
allein zu vergleichen, aber durch die Farblosigkeit des Ge-
häuses, die geringere Grösse, Form der Mündung und die
zahnartige Falte an der Basis der Spindel unterschieden. Ich
benenne die Art 'nach dem eifrigen Forscher, dem wir schon
so viele schöne neue Arten zu verdanken haben, und der auch
diese fast unsichtbare Schnecke schon vor einigen Jahren in
dem Abflüsse der warmen Quelle zu Vöslau unweit Baden
bei Wien entdeckte. An demselben Orte fand ich sie ziem-
lich häufig lebend unter Steinen. Das Thier ist sehr lebhaft
in seinen Bewegungen, schwarz, grau oder weiss, der Rüssel
schmal, kurz, Fuss kurz, Fühler lang, haarförmig, Deckel
kirschroth.
*) Zur Gattung Paludinella gehört auch meine Paludina succinea
von Cuba. Dieses Arch. 1840 I. 253.
15*
228
Ausserdem fand ich bei Fiume mehrere kleine, noch unbe-
schriebene Arten, deren eine unter dem Namen P. confervi-
cola Jan oder fluminensis bekannt ist. Da wir in Rossmäss-
ler's trefflicher Iconographie eine baldige Auseinandersetzung
dieser Arten zu erwarten haben, so will ich dieser nicht vor-
greifen.
Nothwendig von Paludiua zu trennen ist die Gattung:
Lithoglyphus Zgl.
Sowohl das Thier, als besonders der spiralisch gewundene
kalkige Deckel erfordern diese Trennung. Ich fand die beiden
bekanntesten Arten: Palach naücoides Fer. wnA fusca C. Pfr.
(welche- übrigens in einander überzugehen scheinen), erstere
bei Regensburg in der Donau, selten, letztere bei Laibach in
der Ringelsza.
Melania.
1. M. Ilolandri Per. Die meisten der von Rossmäss-
1er abgebildeten Formen habe ich bei Laibach gefunden; doch
möchte ich die in Form und Farbe sehr coustante
2. M. afra Zgl. (Rm. X. 665) aus der Ringelsza wohl
als gute Art gelten lassen. Die Thiere stimmen aufs Vollkom-
menste mit denen der deutschen Melanopsisarten überein und
beide Gattungen gehören dicht neben einander.
Melanopsis.
1. M. Esperi Fer. In Gesellschaft mit der folgenden
sehr häufig bei Laibach. ,
2. M. aciciilaris F'er. Keine Wasserschnecke ist in
unseren Gewässern jemals in solcher ungeheuren Menge an-
zutreffen, als diese in den krainer Bächen, wo jeder Halm dicht
mit denselben besetzt ist. Das Thier ist dasselbe, wie
3. M. yiudehavdi Prev. Der Kopf ist schmal, der
Rüssel zweilappig, die Fühler wie dicke Borsten, grau, schwarz
geringelt, der Fuss kurz, vorn halbrund abgestutzt. — Uebri-
gens ist diese Form, die millionenweise in dem Becken der
warmen Quelle zu Vöslau lebt (das nördlichste Vorkommen
der Gattung), wohl nicht von M. acicularis zu trennen, sondern
als eine kleinere Varietät derselben zu betrachten.
229
Neritina.
1 ^ ddnuhialis Mlf. Mke. Völlig konstant, mit C.
Pfeiffer's sehr guter Abbildung übereinstimmend, in der Donau
bei Regensburg gemein. .
2 N. transvcrsalis Zgl. Ebenda, so wemg as die
vorige mit der vielgestaltigen N. fluviatilis zu vervvechseln.
3 N stra^ulata Mlf. Mke. Häufig in Bacben um
I aibach viel grösser als die Abbildung bei C. Pfeiffer. -
Rossmksler's N. stragulata (Fig. 121) gebort wobl kaum als
Varietät dazu. Sie beisst in Ziegler's Sammlung N. illaesa,
und soll von Grosswardein berstammen.
4 N Prcvostiana Partsch, Mke. - B.sber nur an
einem' einzigen Orte, Vöslau, in Gesellschaft der Melanopsis
Audebardi, auch von mir gefunden, dort aber millionenweise.
Visidium.
Diese durch ein wichtiges Kennzeichen des Thieres, die
konstante Verwachsung der Siphonen , so gut characterisirte
Gattung verwirft Deshayes (p. 261) ohne Grund. ch habe
derselben viele Aufmerksamkeit geschenkt, und nicht aliein
meines verstorbenen Oheims C. Pfeiffer Beobachtungen völ-
lig bestäti-gt gefunden, sondern auch in der hiesigen Umge-
ecnd einige sehr entschieden abweichende Formen entdeckt,
die ich als gute Arten betrachten muss. Was die Lebensweise
dieser kleinen Thicre betrifft, so habe ich die bei Bivalven
wohl noch nicht bemerkte Erscheinung beobachtet, dass sie
die Fähigkeit haben, in einem mit Wasser gefüllten Glase an
der senkrechten, glatten Wand schrittweise emporzuknechen.
_ Ueher die Identität des Pisid. fontinale und ohtusale G.
Pfr mit Cyclas fonfmal. Dr. und Cycl. ohUisalis Lam. ist
es mir noch nicht gelungen, völlig ins Klare zu kommen, da
die Typen beider Gattungen, die ich sowohl in der Drapar-
naudschen (jetzt im Wiener Museum befindlichen) als in der
Lamarckschen Sammlung in Paris kennen zu lernen mich be-
strebte, ziemlich unkenntlich sind.*)
^h bereite gegenwärtig eine Monographie dieser kleinen Gat-
tung vor, zu welcher es mir noch an einigem authentischen Material
fehlt, darum folgen hier nur einige vorlaufige Notizen.
230
1. P. duplicatum m. — T. subinaequilatera, ovata, tu-
mida, griseo-albida, nitida, minutissime striata, margine postico
breviore; umbonibus valde inflatis, circumscriptis, rugosis. —
Long. 1}, alt. i\, crass. 1 lin. — In einem Teiche auf dem
Gipfel des Basaltberges bei Burghasungen, 4 Stunden von Kas-
sel. Sehr ausgezeichnet durch die von dem übrigen Theile der
Muschel scharf abgegränzte Auftreibung der Umbonen, wo-
durch dieselbe das Ansehen erhält, als sässe oben darauf noch
eine kleine Muschel. Diese Art scheint mit der mir unbekann-
ten Cyclas appendiculata Turt. verwandt zu sein.
2. P. acutum m. — T. valde inaequilatera, antice retusa,
tumidiuscula, griseo-flavicante, minutim striata, nitida; umboni-
bus acutis. — Long. 2|, alt. 2, crass. 1^ lin. — Aus einem
kleinen Bache in der Aue bei Kassel. Vielleicht ist dies die
Cyclas fontinalis var. / maj. Dr. f. 12. Durch die beträcht-
liche Ungleichheit des vordem und hintern Randes steht diese
Muschel dem Pis. obliquum näher, als dem P. fontinale.
3. P. ohliquum. In ungeheurer Menge und ausg-ezeich-
neter Grösse und Schönheit in der Spree bei Berlin. In d^r
Jugend sehr platt, fast glashell und durchsichtig, erreichen sie
dort eine Länge von 6, eine Höhe von 4^ und eine Dicke von
2| Lin., also beträchtlich mehr, als die von Draparnaud und
C. Pfeiffer angegebenen Maasse. Auch sind sie dort viel ungleich-
seitiger, als nach den vorhandenen Abbildungen, doch aber
wohl nicht spezifisch zu trennen.
lieber die Fortpflanzungs^veise des Aals.
Aus einer brieflichen Mittheiluiig
von
Dr. J. C. H. Creplin.
Ueber die in dem Ichthyol. Jahresberichte für 1839 er-
wähnte Notiz des Herrn de Joannis von einem angebliclien
Lebendiggebären des Aals habe ich mich schon vor zwei Jahren
231
geäussert aber in einer Zeitschrift, Sundine, welche nicht eben
vielen Naturforschern zu Händen kommen mag. Meme dortige
Mittheilunsr lautet: ,, . t • x
Der als Naturforscher bekannte französiche Marine-Lieute-
„ant'de Joannis hat vor einigen Monaten der Pariser Aka-
demie der Wissenschaften eine Abhandlung eingereicht, in wel-
cher er nebst mehrerem Andern, die Naturgeschichte des Aals
betreffend, darlegen will, dass dieser lebendiggebärend sei.
Das Institut macht hiervon (No. 270, 28. Febr. 1839) Anzeige
und führt aus der Abhandlung eine dem Verfasser von emem
Bauer erzählte Geschichte an, zufolge deren dieser emen
grossen, dicken Aal zwischen zwei Schüsseln aufbewahrte we-
cher dort etwa 200 - angebliche - Junge von 1^-2 Zoll
Länge und Fadendicke, mit deutlichen Augen wie grossen
schwarzen Puncten, gebar. Der Verf. soll auf diese Erzählung
zum Beweise der obigen Behauptung grosses Gewicht legen,
wo-egen Referent indessen bemerken will, dass dieselbe wahr-
scheinlich nur wiederum ein Beispiel derjenigen Täuschung ab-
giebt welche oft dem After des Aals entschlüpfte Eingeweide-
würmer, die dieser häufig im Darme beherbergt, für seme Jun-
gen zu nehmen veranlasst hat.
Es ist durch Cuvier und Rathke bekannt, dass die Eier-
stöcke des Aalweibchens ein aus zwei bandförmigen, nach der
Ouere manschettenartig gefalteten Platten gebildetes Organ dar-
stellen welches mit dem einen Rande an die Rückenwand der
Leibeshöhle und zum Theil an die Schwimmblase geheftet, mit
dem andern Rande aber gegen die Bauchwand gekehrt und
so lang ist, dass es fast die ganze Rumpfhöhle der Länge nach
durchläuft. Diese Eierstöcke, weiss von Farbe, enthalten m
ihrem zelligen Gewebe viel flüssiges Fett und zwischen den
Fettkügelchen eine unzählige Menge von Eiern zerstreut, die
alle so klein sind, dass Rathke die grösseren (von ihm im
Mai und Junius gemessenen) nur vom Durchmesser des fünf-
zehnten Theiles einer Linie fand. Es giebt dort keine Eileiter,
und zum Austritte der Eier (oder Jungen) aus dem Leibe des
Mutter-Aals Können nur zwei, neben der After- und Harn-
Öffnung liegende Ausgänge dienen, welche Rathke so fem
fand, dass er nur eine sehr dünne Sonde hindurchbringeii
konnte, und auch dies erst, nachdem er die innern Oeffnungen
232 ^ ^
durch zwei feine Zangen erweitert hatte. Hieraus, nnd da
man keine andere Oeffnung aus der Bauchhöhle nach Aussen
findet, ergiebt sich, dass der Aal entweder nur die Eier aus-
wichen könne, oder Jungen von mikroskopischer Kleinheit
gebaren müsse, die der französische Bauer, wäre es ihm wirk-
lich zu Theil geworden, in seinem flause eine Aalgeburt zu
erleben, schwerlich unterschieden haben würde, als er seinen
Aal zum Kochen aus der Schüssel nahm. Es ist überhaupt
wohl begreiflich, dass, wenn der AalJunge im Leibe trüge
von 1^—2 Zoll Länge und verhältnissmässiger Dicke, die alte
Ungewissheit, ob der Aal laiche oder lebendige Junge gebäre,
niemals enstanden sein würde.
Fernere mikroskopische Untersuchungen lassen, bei der
Forschbegierde jetziger Zeit, wohl einen baldigen und völligen
Aufschluss über diese Sache erwarten. Sollten jene nicht er-
geben, dass die Jungen den so sehr kleinen Eiern schon im
Mutterleibe entschlüpfen, welches aus mancher Rücksicht un-
wahrscheuilich ist, so würden wohl die gelaichten Eier in einem
schleimichten und fetten Stoff gehüllt, welcher ihnen Schutz
und Befestigung gewährte, den Jungen aber die erste Nah-
rung darböte, an unter Wasser stehenden Pflanzen, Steinen u. s. w.
sitzend aufzufinden sein. Dieser Laich selbst dürfte die Veran-
lassung zu der Aussage des Plinius gegeben haben: „Anguil-
lae attcrunt se scopulis; ea strigmenta viviscunt; nee alia est
earum procreatio." Sonach hätten denn schon die Alten —
nicht die Eier des Aals, auch nicht sein Laichen, aber— das
Hervorkommen der Jungen aus seinem Laiche beobachtet.
Yarrell soll bereits vor einigen Jahren, nach 15-monat-
lichen Sectionen, herausgebracht haben, dass der Aal eier-
legend sei, wie die meisten anderen Fische, auch die junge
Brut weiter beobachtet haben; doch ist dem Referenten das
Nähere über die Forschungen jenes Gelehrten und deren Er-
gebnisse nicht bekannt." (Sundine, Jahrgan'' XIII 1839
Nr. 19, Seite 148).
Es leidet bei mir gar keinen Zweifel, dass die angeblichen
Aeichen Spulwürmer (Asc. labiata Rud.) waren. Die schwar-
zen Augen, welche der französische Bauer an diesen Würmern ^
gesehen haben will, beruhen entweder auf Täuschung oder sind
ein Zusatz von ihm. Dem hiesigen Zool. Museum wurden vor
233
einigen Jahren einmal solche vorgebliche Aaljunge zugebracht,
die ich gleich als — sehr schöne und grosse — Exemplare
von Ascaris labiata zur Sammlung stellte. Ekström spricht
auch (die Fische in den Scheeren von Morkö, S. 150) von
dergleichen Täuschungen riicksichtlich der Aalbrut. Er fand
als angebliche Junge des Aals Echinorrhynchus tereticollis Rud.
Dieser wird aber bekanntlich nicht so gross als die Würmer
in der französischen Geschichte waren. — Junge Aale von
li — 2 Zoll Länge müssen auch nothwendig stärker als von
Fadendicke sein.
Greifswald, den 4. August 1841.
üeber den Bau und die Lebensweise zweier au
der Kiefer lebenden Gallmücken-Larven.
Von
Prof. J. Th. Ch. Ratze bürg.
Hierzu Taf. X.
Unter den wenigen Mücken, welche sich in oder an leben-
den Gewächsen entwickeln, giebt es zwei an der Kiefer (Pinus
sylvestiis^ lebende, in mancherlei Hinsicht sehr interessante
Arten. Beide gehören der Meigen'schen Gattung Cecido-
myia an. Auf die eine, C. p'mi, hat uns schon De Geer
aufmerksam gemacht (Uebers. v. Goetze Bd. VI. S. 156 und
Taf. 26 Fig. 9, 11 — 19), die andere vom Förster Zimmer
entdeckte, ist von Schwägrichen als C. hrachyntera be-
schrieben (Pfeil's kritische Blätter für Forst- und Jagdwissen-
schaft Bd. IX. Hft. 1. S. 162 und Bd. X. H. 1. S. 102 u. f.).
Auch dürfen wir Bouche nicht übergehen, welcher in seiner
reichhaltigen Naturgeschichte der Insecten (Iste Lief. S. 26
Berl. 1834) C. pini abhandelt. Meigen in seinem bekannten
systematischen Werke giebt nichts Neues, und noch weniger
einige andere unbedeutende Werke. In Hartig's forstlichem
und forstnaturwiss. Conversations-Lexicon, wo wir gewohnt sind
234
so viel Originelles zu finden, ist nichts Eigenes über diese
Mücken enthalten. Unter C. pini ist darin die in Pfeil's
krit. Blatt, beschriebene (also hrachynferd) aufgefiihrt.
Beide sind also von tüchtigen Männern nicht bloss be-
schrieben und abgebildet, sondern auch über ihre Lebensweise
ist mehr, als über das Verhalten vieler andern Insecten bekannt
geworden. Aber gerade einige sehr wichtige Puncte blieben
noch dunkel; ich bemerkte daher mit Vergnügen, dass sich
beide Arten seit einiger Zeit, nachdem sie lange Zeit sehr sel-
ten gewesen waren, wieder merklich vermehrten; ich benutze
gleich den Anfang des Winters, um die nun ausgebildeten Lar-
ven vorzunehmen, in der Hoffnung, dass mir auch die noch
folgenden Stände sicher sind.
Die genannten Schriftsteller haben zwar nicht nur die
Imagines, sondern auch die Larven gekannt; allein es sind bei
diesen viele, wie mir scheint, sogar die wichtigsten Dinge von
ihnen übersehen, oder auch ganz falsch gedeutet worden. Vie-
les habe ich allerdings wohl auch übersehen und auch übersehen
müssen; denn eine vollständig^ Anatomie des ausserordentlich
kleinen Thieres, die nur mit Hülfe des Compositums hätte
durchgeführt werden können, würde sehr viel Zeit erfordert
haben*). Was ich aber gesehen habe, glaube ich auch ordent-
lich gesehen zu haben. Nirgends Hess ich es bei einmaligem
*) So viel es irgend möglich war, habe ich mich für die Be-
schreibungen und Abbildungen des Simplex bedient, namentlich um
die Verhältnisse und Formen der Haupttheile zu bestimmen, ist dies
durchaus nöthig. Wo es aber über diese hinausging, da musste ich
das zusammengesetzte Mikroskop zu Hülfe nehmen. Mit den ganz
schwachen Vergrösserungen (30 — 50mal) Hess sich auch wohl das
unverletzte Thier betrachten-, so wie es aber auf die Untersuchung
der Haare, Luftlöcher, Mundtheile und dergl. ankam, liess sich an
dem fleischigen, meist ganz undurchsichtigen Körper nichts mehr mit
Deutlichkeit erkennen, und ich war genöthigt ihn zwischen dem Glas-
quetscher zu zerdrücken. Alle flüssieen Theile entleeren sich an einer
kleinen Stelle, und, nachdem diese sorgfältig mit einem feinen Pinsel
weggespült und abgewaschen sind, bleiben die äussern Hüllen und
die festen Theile fast ganz und gar wohl erhalten auf dem Object-
träger zurück, und man sieht, wenn auch Alles zusammengedrückt ist,
doch das Meiste an seiner rechten Stelle. Was sich etwa verschoben
hat, kann man sehr leicht mit Hülfe der schon unter dem einfachen
Mikroskop erlangten Kenntniss beurtheilen.
235
Sehen bewenden, sondern ich wiederholte die Beobachtung
immer mehrere Male und zwar mit verschiedenen Vergrösse-
rungen und bei verschiedener Beleuchtung. So verschwanden
z. B. bei der Betrachtung mit dem Mikroskop die Haare, wel-
che ich unter der Lupe gesehen zu haben glaubte, und unter
dem Mikroskop sah ich wiederum Haare an Stellen, welche
unter der Lupe ganz unbehaart erschienen. Im Verlaufe der
Abhandlung werde ich noch besonders angeben, wo sich mir
ungewöhnliche Schwierigkeiten der Beobachtung darboten.
Ich werde mit der Beschreibung der Larven den Anfang
machen, und dann später zu den interessanten Zügen der Le-
bensweise übergehen, welche früher noch nicht bekannt waren.
Was mir zuerst auffiel, und was gewiss für die Meta-
morphose der Dipteren von nicht geringer Wichtigkeit sein
möchte, das ist die grosse Verschiedenheit in der Bildung
beider Larven, welche ich fand. Noch in keiner Ordnung habe
ich unter den Arten einer so kleinen und in sich abgeschlos-
senen Gattung so auffallende Abweichung unter den ersten
Ständen gefunden. Bei dem ersten Bücke auf die beiden stark
vergrösserten Figuren 2 und 12 wird man Thiere aus ganz
verschiedenen Abtheilungen zu sehen glauben. In der That
haben sie nur die ganze Form, die Zahl der Ringe, die son-
derbare dottergelbe Farbe gemein. In der Bildung der Miind-
theile kommen schon merkliche Abweichungen vor, und hin-
sichtlich der Bekleidung der Haut und der Luftlöcher endlich
finden sich die auffallendsten Verschiedenheiten bei Beiden.
Die Form der ganzen Larve ist bei beiden Arten ver-
schieden, je nachdem sie kriecht und den Kopftheil vorstreckt,
oder sich in sich selbst zusammenzieht: im erstem Falle er-
scheint sie linien- lanzettförmig, im letztern (von Schwäg-
richen bei C. hrachyntera, und von De Geer bei C Pini
abgebildeten) Falle mehr länglich-lanzettförmig. Den erstem Zu-
stand muss man beobachten, um die Zahl der Segmente ordentlich
kernen zu lernen*). Man bemerkt dann deutlich 14 solcher
bei beiden Arten. Allenfalls Hessen sich diese auf 12reduciren,
*) Will das Thier nicht ^n selbst kriechen, so darf man es nur
zwischen 2 Finger nehmen und sanft von hinten nach vorn drücken,
dann treten alle Segmente deutlich hervor.
236
wenn man diese heilige Zahl bei allen Insecten durchführen
wollte; man dürfte dann nur den Aftertheil nicht mitzählen,
und die beiden ersten kleinern zusammen zum Kopftheile
rechnen. Das wäre aber offenbar eine sehr gezwungene Rech-
nung. Viel natürlicher ist es, für die Larven bald nur 12 Seg-
mente (wie bei den Fliegen), bald 13 (wie bei den meisten
Insecten), oder gar 14 (wie in dem vorliegenden Falle) an-
zunehmen. Bei den 12- und 13-theiligen bildet der Kopf oder
Kopftheil immer einen einzigen Abschnitt, bei den 14-theiligen
aber besteht er aus zweien*). Bei dem Imago nimmt Nie-
mand Anstand, eine den verschiedenen Insectenabtheilungea
verschiedene Zahl von Segmenten zu statuiren.
Ueber das letzte Segment könnte man noch in Zweifel
sein. Als solches ist bei C. pini der Theil zu nehmen, wel-
cher aus den beiden Tracheen-Endigungen und den beiden dar-
unter liegenden Nachschieber-Ballen zusammengesetzt ist (F. 5),
bei C. hrachyntcra aber ist es in F. 12 der letzte zurückge-
drückte Theil, an welchem auf der untern und hintern Seita
die beiden fast kegelförmigen Körperchen (F. 16), die Analoga
der Tracheen-Endigungen, befestigt sind.
Die Zahl der Luftlöcher ist, wie bei allen mir bekannten
Insectenlarven 18, d. h. es finden sich 9 Paare, Auch darin
herrscht vollkommne Uebereinstimmung, dass nach dem, das
erste Paar tragenden, und desshalb auch für den ersten Kör-
perring (Brustring) zu haltenden Abschnitte, zwei Körperringe
(2. und 3. Brustring) folgen, welche kein Luftloch haben. Nun
aber tritt eine sehr merkwürdige Verschiedenheit beider Arten
insofern ein, als bei C. hrachjntera vom 4. bis 11. Körper-
*) Bei meinen ersten Beobachtungen glaubte ich sogar 3 Segmente
des Kopftheiles zu erkennen. Bald wurde ich aber misstrauisch da-
gegen, und bei günstigerm Lichte zeigte es sich auch deutlich, dass
der Kopftheil nur 2 Abschnitte hat: den ganz weichen und den mit
dem Kopfskelet verwachsenen. Während des Kriechens ist die Larve
sehr unruhig und wechselt fortwährend damit ab, dass sie das Horn-
skelet des Kopfes hervorstreckt und wieder in den weichen Theil
einzieht. Der letztere bekommt, indem er in sich selbst umstülpt,
in einem gewissen Momente eine Qu(f falte, als wenn er aus zwei
Abschnitten bestände. Diese werden aber gänzlich verstrichen, so
wie das Hornskelet ganz daraus hervortritt.
237
ringe 8 Lviftlochpaare hinter einander folgen (F. 12), wäh-
rend bei C. Pini nur 7 hinter einander (vom 4. bis 10. Ringe)
folo'en (F. 2) und das letzte Paar in die das letzte Segment
bildenden eigenthümlichen Körperchen hineingeht (in F. 8 be-
sonders abgebildet). Man sieht hier deutlich, wie die beiden
Hauptstränge der Tracheen (welche ich F. 2 in ihrem ganzen
Verlaufe durchschimmern Hess) in dem kegelförmigen, horni-
gen, mit den sonderbaren 4 Borsten besetzten Körper endigen,
während bei C. hrachyntera zwar noch ein Paar stumpfer
Hornkegel an dieser Stelle stehen (F. 16), aber keine Tracheen
aufnehmen*). Beim Kriechen gebraucht das Thier diese Theile
nicht, indem nur die beiden Nachschieberballen angedrückt, die
beiden Stigmatenenden aber immer frei getragen werden (siehe
auch F. 5) Eines merkwürdigen Theiles (Brustbein?) muss ich
noch erwähnen, den man bei starker Vergrösserung in der unter
F. 4 angedeuteten Form inuner in der Nähe des Kopfskelets
schimmern sieht. Er hat eine auffallend gelbe Farbe und scheint
von knorplichter Consistenz zu sein. Betrachtet man das Thier
mit einer guten Lupe von der Unterseite, so bemerkt man jenen
Theil in der Mittellinie des sogenannten ersten Ringes, nach
vorn bis zu der halbmondförmigen Falte reichend (s. F. 3).
Diese halbmondförmige Falte des ersten Ringes ist dazu
da, damit derselbe desto leichter den Kopftheil, welcher sich
wie das Glied eines Fernrohres einzieht, aufnehmen könne.
Der wichtigste Abschnitt des Kopf theiles**) ist der
vordere, das Skelet enthaltende***). Man darf nur die
*) Bouche (a. a. O. Taf II. F. 16) bildet bei seiner C. Salicis
11 Paare von Stigmenpuncten ab, so wie er überhaupt an mehreren
andern Figuren auch dem 2. und 3. Ringe ein Stigma giebt. Das be-
ruht gewiss auf einem Irrthum.
• **) An dem weichen Abschnitte desselben bilden sich wahrschein-
Ifch gegen die Zeit der Verpuppung die Fühler und die Augen.
***) Die Untersuchung desselben verursacht die meisten Schwierig-
keiten. Es muss wenigstens eine Vergrösserung von 300 — äOOnial
dazu angewendet werden; und wenn man dabei nicht das Object dreht
und rollt, um es von allen Seiten zu sehen, so erhält man keine deut-
liche Vorstellung von dem zusammengesetzten Baue. Dabei brechen
aber die hornigen Theile leicht entzwei, und die dieselben verbinden-
den Häute reissen. Aus solchen Bruchstücken kann man also leicht
ein falsches Bild zusammensetzen. Das meinige ist aus den Resulta-
238
Mundtheile in demselben suchen. Aber welche? Mir ist keine
Larve bekannt, welche einen ähnlichen Apparat hätte. Verge-
bens suche ich nach einem Analogon der Oberkiefer, welche
bei den Fliegen z. B. so schön und deutlich in den beiden
aus dem Kopfe hervorragenden Haken hervortreten. Bei der
C. hrachyntera (F. 12) war es mir zwar einmal so, als trä-
ten 2 dreieckig-halbmondförmige Kiefer aus der zelligen Masse
der Lippen hervor (die ich auch in der Zeichnung andeutete),
allein sie waren so hell und durchsichtig, dass ich sie eben so
gut für zerquetschte Stücke der weichen Lippe halten konnte;
auch konnte ich sie bei wiederholter Beobachtung nicht wie-
der so zu sehen bekommen.
Nur die Stelle der Unterkiefer möchte durch die beiden
2gliedrigen Körperchen angedeutet sein, welche jederseits in
einem Anschnitte am obersten Ende des Skeletes stehen. Ich
halte sie für Taster*). Das untere, sehr dicke Glied bildet
öfters eine kleine Falte und erscheint daher öfters 2gliedrig;
an dem walzig-kegelförmigen entsteht dagegen nur selten der
Schein der Zweigliedrigkeit. Von Haarbildung ist nicht eine
Spur daran.
Die Theile des Hornskelets selbst weiss ich durchaus nicht
zu deuten. Es besteht aus 2 Hälften, an welchen wir den
Körper und den Schenkel unterscheiden könnten. Das Wun-
derlichste daran, das mir auch bei andern Larven noch nicht
vorkam, ist* der hornige Bogen, welcher vom Körper nach
vorn geschickt wird, und einen Schlundring bildet, wie wir
ihn bei vielen ausgebildeten Insecten durch das erste Ganglion
(Gehirn) entstehen sehen.
Beide Larven weichen in der Bildung dieses Skelets
ten vieler Beobachtungen hervorgegangen, und ich glaube nicht, bedeu-
tende Fehler begangen zu haben, wenn nicht etwa zufällig Jemand
die nicht ganz leicht auszuführende perspectivische Darstellung miss-
versteht, ich zog sie der reinen Profilansicht vor.
») B OH che (a. a. O. p. 27 und Taf. II. F. 16, 17) bildet bei C. Sa-
licis 1 lange dünne Körperchen am Kopfe ab, welche aus einem Gliede
und einem Haare bestehen, und von ihm „Fühler" genannt werden.
Sollten diese Theile nicht meinen Tastern entsprechen? B. hat sie
nicht bei so starker Vergrösserung gesehen, wie ich, wesshalb denn
auch wohl das Hornskelet, welches bei C. Salicis gewiss nicht fehlt,
nicht zum Vorschein kommt.
239
wieder sehr auffallend von einander ab. Bei C. pini (s. F. 9
das Profil etwas zur Bauchlage gewendet) sind alle hornigen
Theile fest und circurascript. Der Körper hat 2 gegen einan-
der gekehrte, in obern Ausschnitt den Taster führende Bogen,
und dann die Schlundbogenhälfte. An der Basis, wo sie zu-
sammenkommen, entsteht ein Schatten, welcher darauf hindeu-
tet, dass der Schenkel hohl ist (fast wie das spornförmige
nec'tarium von Linaria vulgaris). Die Zwischenräume zwi-
schen den Schenkeln sind durch eine feine, ausgespannte Mem-
bran ausgefüllt. An der Unterseite, vor den Tastern, liegt eine
dicke Wulst, welche paarig und mit sehr kleinen Wärzchen
besetzt zu sein scheint. Wahrscheinlich vertritt sie die Stelle
einer Lippe und spielt beim Saugen dadurch, dass sie fest an-
gedrückt wird, eine wichtige Rolle. Sollte es sich bestätigen,
dass ein Paar hakenförmiger Theile darin steckt, so würde
sie in deren Aufbewahrung ihre vorzüglichste Wichtigkeit er-
langen.
Bei C. Irachyntera (s. F. 13 in der Bauchlage und F. 14
das Profil etwas zur Rückenlage gewendet) ist der ganze Appa-
rat viel kleiner. Nur der Körper des Skelets ist fest und cir-
cumscript, die Schenkel dagegen, die ich nur der Deutlichkeit
wegen sehr bestimmt zeichnete, haben am Ende kaum wahr-
nehmbare Contouren. Der Schlundring (s. F. 13, 14 «) ist
auffallend breit, und die beiden andern, das Oval bei C. pini
bildenden Schenkel sieht man gar nicht. Indessen bemerkte
ich einmal deutlich einen im rechten Winkel vom Schlundringe
abgehenden, breiten, hornigen Bogen. Er schien mir inner-
halb der wulstigen Lippe zu liegen, wesshalb ich ihn früher
auch wohl übersehen haben konnte. Die ausgespannte etwas
gelb gefärbte Membran legt sich dicht an die Schenkel. Viel-
leicht enthält sie Muskelfasern, und dient zur Annäherung und
Entfernung der einzelnen Theile des Kopfskelets an einander.
Nothwendig ist eine solche Bewegung gar sehr, denn man
sieht durch die Lupe, dass bei dem unaufhörlichen Hervor-
und Zurückstülpen des Kopftheils das Skelet alle diese Be-
wegungen mitmacht, und überdies auch mit grosser Leichtig-
, keit halb um seine Axe bewegt wird, als wenn es fortwährend
j tanzte. Desto auffallender war es mir, bei dem später zu er-
wähnenden Saugen der Larve von C. pini an der Nadel gar
240
keine Bewegung des Skelets wahrnehmen zu können. Es
war während dieses Aktes so gestellt, dass ich die beiden das
Oval bildenden Schenkel deutlich und vollständig bemerken
konnte; von diesen also konnte nichts in die Nadel eingedrun-
gen sein. Eher wäre es möglich, dass die Enden der beiden
Schenkel, welche den Schlundring bilden, in das Zellgewebe
eindringen; denn ich konnte von jenen nichts bemerken*).
Dass die Larve aber saugt, und zwar grüne Pflanzensäfte saugt,
das sieht man an dem stets grün durchschimmernden Magen.
Ich gehe nun zur äussern Bekleidung der Larven über.
Auch in dieser zeigt sich die Verschiedenheit beider sehr auf-
fallend. An der C. hrachyntera ist nicht eine Spur von Ilaarbil-
dung zu entdecken! Dagegen ist der grösste Theil der Larve
mit kleinen, nur bei 200 — SOOmaliger Vergrösserung deutlich
zu bemerkenden, unter der Lupe nur schwach schimmernden
Wärzchen bedeckt, welche nach hinten gerichtet sind und an
die ähnlich gestalteten und gerichteten kleinen Fortsätze bei
den versteckt lebenden Raupen {Cossus, Sesia, Coccyx) er-
innern. Wahrscheinlich helfen sie dem Thiere, wenn es sich
aus seinem Verstecke zwischen der Nadel-Basis hervorschiebt.
F. 15 zeigt den grössern Theil eines der mittlem Ringe: die
Reihen der Wärzchen sind meist abgebrochen, und werden
nach hinten kürzer. An den hintersten Ringen werden der
Reihen immer weniger. Auf der andern Seite sind die Reihen
nicht so unterbrochen, und hier findet man auch den hintern
Theil eines jeden Ringes ganz ohne diese Wärzchen.
C. Fini hat die mannigfaltigste Bildung von Fortsätzen,
die man sich nur denken kann. Die merkwürdigsten unter
diesen sind die in F. 2 sogleich in die Augen fallenden dop-
pelarmigen, zugespitzten Blasen in der Mitte des Rückens, und
die kleineren, ähnlichen an den Seiten der Larve neben den
Luftlöchern ; besonders steht die innere so nahe an dem Aussen-
rande der Luftlöcher, dass man sie mit diesen gemeinschaftlich
bewegen kann. Es ist mir noch nichts ähnliches vorgekom-
men, wenn man nichts etwa an die merkwürdige Schwanzblase
*) Das Mikroskop liess sich bei der ungünstigen Stellung des
Thieres nicht benutzen, es fiel kaum so viel Licht zwischen Blatt und
I/arve, dass ich die Lupe gebrauchen konnte.
241
bei der Larve von Lymexylon navale denkt, die offenbar
auch auf die Fortbewegung berechnet ist. Beim Zerquetschen
des Thieres blieben die Blasen sämmtlich ganz und waren
wasserhell. Das Haar an der Spitze jeden Armes erschien
dann auch nur an der Spitze, obgleich es mir bei der Betrach-
tung mit der Lupe so vorgekommen war, als reiche seine Ba-
sis bis in die Blase hinein (wie ich dies hier und da in der
Zeichnung andeutete). Wunderbar ist es, dass diese merkwür-
digen Fortsätze an den 3 ersten Ringen fehlen. Diese Aus-
zeichnung, zusammengenommen mit der Vertheilung der Luft-
löcher, spricht unwiderleglich dafür, dass jene 3 Ringe zum
Thorax gehören. De Geer bildet diese Blasen ab, sagt aber
dazu: „An den Larven sind 2 Reihen knorpelartiger Fiisse,
7 in jeder Reihe, vielleicht noch mehre." Ich nehme es ihm
nicht übel, dass er das Oben und Unten an dem Thiere ver-
wechselt hat; denn es hat mich ziemlich viel Zeit gekostet,
ehe ich mit Hülfe der Bildung der Mundtheile und der Stig-
mata zur richtigen Ansicht gelangte. Bei Bouche (a. a. O.
p. 26) heisst es: „Nach Degeer hat die Larve auf jeder Seite
7 knorplige Bauchfüsse, welche ich nicht entdecken kann." Es
geht aber aus Bouche's Beschreibung hervor, dass er nicht
die De Geer'sche Larve, sondern die von C. hrachyntera vor
sich hatte.
Ausser den an der Spitze dieser Blasen befindlichen Haa-
ren finden wir aber noch andere regelmässig vertheilte ein-
zelne Haare. Zwei stehen auf der kleinen, zwischen den bei-
den zweiarmigen Blasen, am Hinterrande des 4. bis 10, Ringes
befindlichen Wulst (Keilwulst). Diesen entsprechen die beiden
sehr feinen Härchen auf dem 1 — 3. Ringe neben der Mittel-
linie, nur dass sie nicht auf der, auch an diesen bemerkbaren
Keilwulst stehen, sondern fast auf der Mitte (auf der Haupt-
wulst). Nach aussen von diesen beiden Härchen stehen auf
dem 1 — 3. Ringe jederseits 2 etwas stärkere, welche den bei-
den auf der 2armigen Blase entspringenden sicher entsprechen.
Endlich stehen auch noch 2 Härchen jederseits am Rande des
1. bis 3. Ringes, das hinterste von beiden auf dem 2. und 3. Ringe
auf einer schwach blasigen Basis, die ich am 1. Ringe nicht
finden kann.
Auch die Analoga der Wärzchen-Reihen von C. hrachyn-
Archiv f. Naturgesch. VII. Jahrg. 1. Band. \Q
242
tera finden sich bei C. pini, jedoch nur am Vorderrande eines
jeden Ringes, auch gestalten sie sich zu wahren Haaren, jedoch
von verschiedener Länge (s. F. 10 aus verschiedenen Ringen
entnommen).
Die Puppe von Cecidomyia pmi (BMI) hat 1,1 Linien
Länge und ist wenig gestreckt. Der Kopf gross, schmaler
als der Rumpf, stark in den letztern zurückgezogen. Mund-
theile wenig vorragend, die Taster zur Seite unter den Unter-
rand des Kopfes gebogen. Ueber den Augen beginnen die
Fühler mit einem gehörnten, an der Injiönseite ein Härchen
tragenden Fortsatze, und gehen am Aussenrande der Augen
und zwischen dem obern Fliigelrande und den Schienen des
ersten Fusspaares leicht geschwungen herab. Die beiden (in
der Vorderansicht gezeichneten) hakenförmigen Haare stehen
am Vorderrande des Rumpfes. Flügel etwa bis zur Mitte des
Körpers herabreichend, stumpf, schwach gerippt. Nur vom
ersten Fusspaare sind Hüfte, Schenkel und Schienen zu sehen;
die Tarsen desselben bis zum drittletzten Hinterleibsringe herab-
steigend. Von den beiden hintersten Fusspaaren sind nur die
Tarsen zu sehen, die des letzten Paares bis zum vorletzten
Ringe gehend. Haare, ausser den bemerkten, weiter nicht vor-
handen. Farbe rötlilichbraun, am Rumpfe und Kopfe, so wie
an den Gliedern dunkler als am Hinterleibe.
Ueber die Lebensweise der C. hrachyntera sind die
schätzbaren Beobachtungen von Zimmer bereits in Pfeil's krit,
Blätter a. a. O. mitgetheilt. Ich will, das Ausführlichere, wel-
ches nicht hierher gehört, vermeidend, nur folgendes davon er-
wähnen. Die Mücke sticht, so wie sich der Maitrieb hervor-
schiebt, die Nadeln, noch ehe sie ganz entblösst sind, an der
Basis an, und legt ein oder mehrere Eier hinein. Die Larven
entwickeln sich zwischen den beiden Nadeln, innerhalb der
Vaginula, und hallen dadurch, dass sie durch Aushöhlung der
Basis beider Nadeln einen krankhaften Reiz bewirken, diese
im Wüchse so zurück, dass man sie, sobald im Herbst die ge-
sunden Nadeln vollständig ausgebildet sind, schon von weitem
an der Kürze und der bleichen, strohlgelben oder bräunlichen
Farbe erkennt. Während des Winters kriechen die Larven
hervor und fallen allein oder mit den nur äusserst lose sitzen-
243
den Nadeln zur Erde, wo sie sich in der Streu im Frühjahre
verpuppen.
Ueber C.pini ist aber wenig mehr bekannt geworden, als
De Geer schon wusste: dass nemlich die Larve im Winter
in einem kleinen Harz-Cocon an den Nadeln klebend gefunden
wird, und dass sich im Mai die Mücke aus jenem hervor-
arbeitet. Da ich die kleinen Tönnchen früher immer nur sehr
sparsam fand, und die sehr schwer herauszubringenden Larven
— wie darüber De Geer schon klagt — kaum zu einer dürf-
tigen Zergliederung hinreichten, so war auch an Erweiterung
der Kenntniss der Lebensweise nicht zu denken. Im gegen-
wärtigen Winter konnte ich indessen einen ansehnlichen Vor-
rath von Cocons sammeln, und sowohl für die Anatomie, als
auch für verschiedene Versuche eine Anzahl opfern. Es war da-
her meine erste Sorge, einige unverletzte Larven blosszulegen.
Mit einer sehr spitzen Nadel wurden Stückchen für Stückchen
von dem Harzcocon abgebrochen, und dann auch die an der
Larve etwa noch sitzenden Ueberbleibsei des feinen Seiden-
gespinnstes abgezogen. Einige Larven waren noch so munter,
dass sie anfingen an der Nadel, fast nach Art der Raupen,
herumzukriechen. Mit gesträubten Rückenblasen und weit vor-
gestrecktem, rechts und links suchenden Kopftlieile bewegten
sie sich langsam vorwärts, indem die Körperringe auf ihre klei-
nen wulstig hervortretenden Ränder gestützt, sich abwechselnd
zusammenzogen und ausdehnten. Das letzt'" Segment wurde
als Nachschieber gebraucht, jedoch nur dir beiden Ballen, wäh-
rend ich die hornigen Tracheen- Endij^angen nie die Nadel
berühren sah.
So ging es wohl eine Stunde. Ich verschloss die Nadeln mit
den Larven. Als ich aber nach einer Stunde wieder nachsah,
hatten sie sich festgesetzt. Mit der Lupe konnte ich deutlich
bemerken, dass sich einige Tröpfchen Flüssigkeit um den fest
angedrückten Kopftheil. angesammelt hatten, lieber das Ver-
halten der Mundlheile habe ich bei diesen schon gesprochen.
Die Larven hatten bereits 4 Wochen unbeweglich gesessen,
und nur bei der einen schien es mir, als habe sie den Kopf
von rechts nach links gewendet. Ich glaubte anfänglich, die
Flüssigkeit würde sich in Kurzem mehren, und die Larve könnte
einen neuen Harzüberzug erhalten. Das hat sich aber nicht
16
*
244
bestätigt. Wahrscheinlich lag es daran, dass die Nadeln nicht
mehr am Zweige waren, desshalb sehr schnell trockneten, und
nicht mehr harzige Säfte genug für die saugende Larve hatten,
welche nach einigen Wochen eintrocknete, ohne jedoch von der
Stelle gegangen zu sein, wo sie sich angesogen hatte. Die um
den Kopf angesammelte Flüssigkeit war zwar nicht fest ver-
harzt, hatte aber doch eine sehr zähe Consistenz angenommen.
Es ist hierbei natürlich viel darauf zu geben, dass die Larve
nun schon durch die künstliche Entblössung in einen schwäch-
lichen Zustand versetzt worden war, und dass auch die Nadeln
keinen Zufluss von Nahrung aus dem Zweige erhielten, viel-
mehr schnell vertrockneten. Ich glaubte mich nun zu folgen-
den Annahmen berechtigt: 1. dass der kleine, weisse Harz-
cocon über der Larve sich dadurch bilde, dass die Larve har-
zige, an der Luft verdunstende Säfte aus der Nadel sauge;
ob diese Säfte aus dem Munde oder aus dem After hervor-
treten, oder vielleicht von den grossen Blasen ausgeschwitzt
werden, dürfte schwer zu bestimmen sein, nach der oben an-
geführten Beobachtung, der zufolge gleich beim ersten Saugen
der Vordertheil des Kopfes von Säften eingehüllt wurde, würde
jedoch die erstere Vermuthung die wahrscheinlichere sein;
2. dass die Larve nicht an der Stelle aus dem Eie gekrochen
ist, wo wir sie im Cocon finden, sondern dass sie vorher schon
weite Wanderungen unternommen habe. Für diese letztere
Meinung spricht die Erfahrung, welche ich beim Sammeln machte,
dass sich Cocons auch sehr häufig an den Knospen, ja sparsam
auch an der alten Rinde der Kiefern finden. Mein Sohn, wel-
cher für mich Nadeln mit den Cocons sammeln musste, will
eine frei an den Nadeln kriechende Larve gefunden haben, die
aber, als er sie behutsam ergreifen wollte, heruntergefallen sei.
Dass das Ei, wie von der C. hrachyntera, innerhalb der Na-
delscheiden abgelegt werde, und dass die ausgekommene Larve
dann erst hervorkrieche, glaube ich nicht.
Uebrigens ist der kleine, 1 — 1|"' lange, stets an dem der
Nadelbasis zugekehrten (später den Ausflug gestattenden) Ende
kurz zugespitzte Cocon, in welchem die Larven sitzen, oft von
sehr verschiedener Beschaffenheit, so dass man ihn bald für
vollendet, bald für nur eben begonnen halten kann. Meist ist
er ganz weiss und fest, zuweilen aber auch äusserst dünn und
245
farblos so dass die dottergelbe Larve hindurchschimmert und
ganz bloss zu liegen scheint. Zuweilen gleicht er vollkommen
einem Tönnchen, öfter aber ähnelt er mehr einem Kummel-
korne, d. h. die Oberseite ist stark convex und die untere an
der Nadel befestigte etwas concav. Die beiden Nadeln der
Kiefer haben bekanntlich eine etwas gewölbte Fläche und eine
ebene oder etwas gehöhlte; mit der letzteren berühren sie sich
bei ihrer Entwickelung. Auf der ebnen Fläche, die, besonders
bei trocknern Nadeln, sich oft höhlt, sitzen die Cocons, sehr
selten auf der gewölbten Fläche. Meist liegen sie der Länge
nach auf der Fläche oder in der Rinne, sodass ihre Harzmasse
noch die Ränder der Nadel berührt; öfters liegen sie aber m
der Diagonale, so dass die Nadelränder nicht mit verklebt sind.
Noch ist aber zu beachten, dass der Harzcocon nicht von allen
Seiten geschlossen, sondern an der (der Nadel zugewendeten)
Basis offen ist. Hier wird die Larve nur durch den fernen,
weissen Gespinnstcocon, welcher sie von allen Seiten umgiebt,
von der Nadel getrennt. Der Grund, warum der Harzcocon
grade hier nicht geschlossen ist, lässt sich leicht finden. Wenn
die Larve saugt, liegt sie platt auf dem Bauche. Zwischen
diesem und der Nadel kann sich also keine Harzmasse sammeln.
Daher rühren auch wohl die auffallend dicken Harzränder, wel-
che sich um den Rand des Körpers der Larve meist finden,
so dass das Tönnchen öfters eine ganz breite und unregel-
mässig gewulstete Basis hat. Die freie Fläche der Tönnchen
ist inuner sehr hübsch gerundet. Ich vermuthe, dass die Be-
wegungen der Larve diese Regelmässigkeit bewirken, und dass
sie die Rückenblasen vortrefflich dazu benutzen kann, um die
flüssige Masse bald mehr nach vorn, bald nach hinten zu schie-
ben und zu streichen, und zu verhindern, dass sie nicht an
den Körper anklebt. Es versteht sich, dass das innere Seiden-
gespinnst erst nach der Vollendung und Erhärtung des Harz-
cocons gemacht wird.
In den in der warmen Stube gehaltenen Cocons fand ich
schon im Februar eine Puppe. Im Freien überwintern sie als
Larven im Cocon, und verpuppen sich erst kurz vor der Flug-
zeit im Mai. Die Larve saugt wahrscheinlich auch unter dem
festesten Cocon, da man den Magen des Thieres zu jeder Zeit,
246
wenn man es aus dem Cocon nimmt, grün durch die Haut
schimmern sieht.
In sehr vielen Cocons fand ich die Miickenlarve todt, und
an derselben eine Pteromalinenlarve saugend. Sie Hess sich
in diesem Geschäfte nicht stören, auch selbst nachdem ich den
Cocon schon mehrere Tage geöffnet hatte. Je mehr das Früh-
jahr sich näherte, desto häufiger wurden die Cocons, welche
ein Loch hatten. Es waren weder Larven noch Puppenreste
darin zu finden. Ich vermuthe daher, dass derlidialt derselben
durch die spitzen Schnäbel der Goldhähnchen und Meisen,
welche den ganzen Winter in Menge umherstrichen, entleert
sein möchte.
Schon nachdem ich dies geschrieben habe, erhalte ich durch
des Herausgebers Güte den 7. Band der Annales de la societe
entomologique de France (vom Jahre 1838), in welchem Hr.
Leon Dufour auf S. 293 eine Cccidomyia pini maritimae
beschreibt. Er hatte diese neue Art aus Tönnchen gezogen,
welche Anfangs April im Jahre 1838 auf den Nadeln von Pi-
nus marifima des südlichen Frankreichs gesammelt worden
waren. Die Tönnchen sind, seiner Beschreibung nach, denen
der C. Pini vollkommen ähnlich, auch auf dieselbe Weise an
den Nadeln befestigt. Ausser der Beschreibung dieser giebt
er nur noch die des Imago. Die Entstehung des wunder-
baren Cocons kann er sich nicht enträthseln. Er sagt: la fa-
brication de ce petit ouvrage, ou la nature si differente des
deux substances qui entrent dans sa composition, est faite pour
exciter ä un haut degre notre curiosite, notre admiration, et
confondre peut-etre tous nos efforts pour arriver ä une Solu-
tion rationnelle. Quelle est celle des deux enveloppes, la resi-
neuse et la tissee, qui a ete formee la premiere?" Ferner:
Quelle preparation a-t-elle fait subir a ce produit, pour en
diminuer la viscosite et lui donner une ductilite convenable?
Diese und ähnliche Fragen, welche Leon Dufour thut, wer-
den, wie ich glaube, durch meine Beobachtung genügend erklärt.
247
Erklärung der Abbildungen Taf. X.
Fig. 1 — 10 gehört zu Cecidomyia pini.
Fig 1 DerTheil einer Kiefernadel, an welchem der Harz-Cocon
(«) sass und auf welcher eine von mir künstlich entblösste Larve (/S)
nach oben kroch, in natürlicher Grösse. , t. r i «T,.ft
Fig. 2. Die kriechende Larve, 12mal vergrossert. Das Imke Lutt-
loch des 5. Paares ist sehr stark vergrossert mit dem Ende der Tra-
chee daneben gezeichnet. c, ., , ,
Fig 3 Der (aus 2 Abschnitten bestehende) Kopftheü der Larve
nebst dem' ersten Körperringe von der Unterseite, um die halbmond-
förmige Falte und das bis an diese reichende gelbe Brustbem zu zei-
gen, 24mal vergrossert, und
Fig 4 Dieses Brustbein, sehr stark vergrossert.
Fig. 5 Die beiden letzten Segmente der Larve, wie sie das
lebende Thier benutzt, um sich an der Nadel festzuhalten, 20mal ver-
grossert.
Fig. 6. Das letzte Segment von der untern, und
Fig. 7. von der obern Seite, vergrossert.
Fig 8 Das letzte Segment von oben dargestellt mit der Ein-
mündung der Tracheen und einigen aus dem After hervordringenden
Bläschen, unter dem Glasquetscher.
Fig. 9. Der vordere Abschnitt des Kopftheiles mit dem Horn-
skelet und dem Anfange der Speiseröhre.
Fig. 10. Ein Theil der Wärzchen- und Haarreihen vom Vorder-
rande eines der mittlem Segmente.
DiQ drei letzten Figuren sind 150— 300mal vergrossert.
Fig. 11. Die Puppe von vorn.
Fig. 12—16 gehört zu C. brachyntera.
Fig. 12. Die kriechende Larve 12mal vergrossert.
Fig. 13. Der vordere Abschnitt des Kopftheiles mit dem Horn-
skelet und dem Anfange der Speiseröhre nach oben, und
Fig. 14 von der Seite (etwas gewendet) gesehen.
Fig. 15. Das mittelste Segment zur Hälfte mit den Wärzchen-
reihen. .. >. ,
Fig. 16. Die beiden kegelförmigen, hornigen Korper (Analoga
der Tracheen-Endigungen) des letzten Segments.
Die vier letzten Figuren sind alle stark vergrossert.
248
Tuckermania,
eine neue nordamerikanische Gattung aus der natürlichen
Ordnung Empetreae.
Vom
Dr. Klo tzsch.
Herr Edward Tuckerman jun., ein sehr erfahrener und
eifriger Lichenologe aus Boston in Nord-Amerika, war so freund-
lich, dem hiesigen Königlichen Herbario während seiner An-
wesenheit in Berlin eine Sammlung trockner Pflanzen aus den
östlichen Provinzen von Nord-Amerika zu übergeben, die viele
interessante, für die hiesige Sammlung zum Theil neue Sachen,
unter anderen das von dem Dr. Torrey in den Annais of the
Lyceum of Natural History of New York Band 4, S. 83 be-
schriebene Empetrum Conradi enthielt.
Die Exemplare dieser Pflanze, welche schon im Habitus
einige Verschiedenheiten von Empetrum L. durch ihre end-
ständige Inflorescenz, Blattstellung und Form der Narben dar-
boten, erweckten in mir den Beschluss nachzusehen, ob sie
auch wirklich zur Gattung Empetrum gehören möcliten.
Ich überzeugte mich sehr bald, dass das Resultat meiner
Untersuchung von dem des Dr. Torrey in vieler Hinsiclit ab-
wich, vj;as wohl darin seinen Grund hat, dass die Exemplare'
welche mir zur Untersuchung dienten, sich in einem voll-
kommner entwickelten Zustande befanden, als diejenigen waren,
welche Dr. Torrey benutzte.
So giebt zum Beispiel der Dr. Torrey die Blüthenhülle
aus 5 — 6 Schuppen zusammengesetzt an; obgleich diese An-
gabe in Rücksicht der Zahl richtig ist, so koinite ich doch an
den völlig aufgeblüheten männlichen Blüthen deutlich eine grosse
Schuppe von dickerer Konsistenz, welche die Blüthe äusserlich
bedeckt, einen dreiblättrigen Kelch, der an den mit entleerten
Staubbeuteln versehenen Blüthen bereits abgefallen war, und
249
eine bleibende zvveiblättrige Blumenkrone, die im jungen Zu-
stande aus nur einem Blatt bestand, unterscheiden.
Die Zahl der Staubgefässe, welche konstant 3 war, sah
ich nie abändern.
Der Fruchtknoten war immer dreifächrig, nicht zuweilen
vierfächrig, wie er von Dr. Torrey angegeben wird.;
Gehen wir nun zur Vergleichung der durch die Unter-
suchung gewonnenen Kennzeichen mit denen über, welche die
Gattungen Empetrum L. (von Empetrum nigrum L. und Em-
petrum rubrum Vahl entnommen), Corema D. Don (Empetrum
album L.) und Ceratiola L. characterisiren, so finden wir, dass
sich Empetrum durch einzelne achselständige Bliithen von drei
Bracteen gestützt , -dreiblättrige Blumenkronen, durch ein in
einer fleischigen Scheibe eingesenktes 6 — 9fächriges Ovarium
lind eine beinahe sitzende, strahlenförmig ausgebreitete, 6 — 9thei-
lige Narbe unterscheidet, dass Corema in Hinsicht der endstän-
digen Inflorescenz mit der in Rede stehenden Pflanze überein-
stimmt, durch den Mangel der Bracteen, dreiblättrige Blumen-
kronen, durch ein in einer fleischigen Scheibe eingesenktes
Ovarium und eine mit einem kurzen Grifi"el versehene, strah-
lenförmig ausgebreitete sechstheilige Narbe aber verschieden ist,
und Ceratiola, durch die Uebereinstimmung einer zvveiblättrigen
Blumenkrone sich nähernd, durch achselständige, von 4 Bracteen
gestützte Blüthen, zvveiblättrige Kelche, zwei Staubgefässe, ein
in einer fleischigen Scheibe eingesenktes zweifächriges Ovarium
und durch eine mit einem kurzen Grifi"el versehene strahlen-
förmig ausgebreite 6theilige Narbe entfernt.
Es stellt sich hierdurch deutlich heraus, ^ass das Empetrum
Conradi zur Gründung einer neuen Gattung berechtigt, die im
System zwischen den Gattungen Corema und Ceratiola ihren
Platz findet, und dem Andenken des Herrn Edward Tucker-
man jim., welcher das Verdienst hat, einen neuen Standort für
Nord-Amerika: auf sonnigen, trocknen Weiden beiPlymouth in
Neu-England, und vollkommner entwickelte Exemplare dieser
Pflanze entdeckt zu haben, gewidmet sein mag.
VucJeermania, Empetri species Torrey in Annais of
the Lyceum of Nat. Hist. of New York 4, p. 83.
Flores dioici. Masc. Calyx tripliyllus, deciduus, foliolis
membranaceis , equitantibus, apice obtusis, basi attenuatis,
250
extus bractea squamaeformi munitus. Corolla tenuissime
membranacea, cyathiformis, apice truncata et minutissime den^
ticulata, longitudinaliter fissa, deinde dipliylla. Stamina -3,
longe exserta; antherae globoso-didymae, biloculares, loculi§
per rimam longitudinalem lateraliter dehiscentibus. Fem. Ca-
lyx tripbyllus, persistens; foliolis membranaceis equitantibus,
apice dilatatis, obtusis, extus bractea arida squamaefornii
cinctus. Corolla diphylla, foliolis equitantibus, Ovarium
urceolatum , basi attenuatum, trilocuiare, loculis uniovulatia
Ovula erecta, anatropa. Discus bypogynus nullus. Stylu
tenuis, brevi exsertus, apice trifidus, laciniis subulatis recuP
vis, intus stigmatosis. Fructus parvus, drupaceus, siccus, de-
presso-globosus, tri- abortu dipyrenus, .pyrenis cartilagineis,
monospermis.' Semen?
Fruticulus boreali-americanus, depressus, ramosissimus-,
ramis retroflexis, tenuibus ; foliis verticillatis ternis quaternisve
patentibus, convexo-planis, anguste-linearibus, obtusiusculis,
margine apiceque evanescente-scabriusculis, dorso longitudina-
liter sulcatis; floribus dioicis, terininalibus, glomeratis, sessili-
bus, capitulis extus squamis aridis cinctis.
Tuckerinania Conradi {Empetrum Conradi Torrey).
Die Crotoiieae der Flora von Nord - Amerika.
Vom
Dr. Klotzsch.
Die Zahl der Repräsentanten aus dieser Euphorbiaceen-
gruppe ist in Nord -Amerika nur gering und beschränkt sich
aui Ricinus communis L. (^welcher nicht wild, sondern nur
verwildert vorkommt), Cnidoscolus Michauxii Pohl {Bi-
vonaea stimulosa Rafinesque, Jatropha sümulosa Michx.,
Jatvopha urens Walter), Crotonopsis argentea Pursh
(firotonopsis linearis Michx., Crotonopsis elliptica Willd.
Fridsia argentea Spr.), CrolonArgyranthemum Michx.,
251
Croton maritimumWaltei'iCroton disjimctiflorum etCro-
lon monanthogynum Michx.), Croton cllipticum Nuttal,
Croton g l andulo s umL.umi C r o t on capitatujnMichx.
Eine nähere Untersuchung der eben angeführten Pflanzen
ieigt, dasssämmtliche hier erwähnte Croton-Arten mit Ausnahme
des Croton Argyranthemum grösstentheils neue, von den Jje-
kannten Gattungen dieser Gruppe sehr gut zu unterscheidende
Gattungen bilden. Um aber zu beweisen, dass diese neuen Gat-
tungen auch hinreichend von Croton verschieden sind, werde
ich die Diagnose dieser Gattung, wie ich sie jetzt festgestellt
liabe, vorausschicken:
Croton»
Flores nionoici. Masc. Calyx quinquepartitus, aestivatione
valvata. Coroilae petala 5. Stamina 10 — 20 disco quinque-
radiato nudo aut villoso inserta, filamentis liberis, aestiva-
tione inflexis, demum erectis, exsertis; antheris introrsis, fila-
menti apici adnatis. Fem. Calyx quinquefidus. Coroilae pe-
tala 5. Discus hypogynus obtuse quinque-radiatus, radii ne-
ctariferi ut in mare petalis alterni. Ovarium sessile, trilo-
culare, loculis uniovulatis. Styli tres, bifidi, laciniis intus
stigmatosis integris aut bis aut ter bifidis. Capsula tricocca,
'?coccis bivalvibus, monospermis.
Arbores, frutices aut suffrutices in America tropica copiose,
rarius in America extratropica, Asia et Africa calidiore crescen-
tes; foliis alternis subiude stipulatis, basi saepe glandulosis, in-
tegris, serratis aut sublobatis, pilis stellatis aut squamulis lepi-
dotis consitis; floribus subspicatis; spicis axillaribus aut termi-
nalibus, bisexualibus, masculis superioribus, inferioribus femineis.
Cr oton A r g y r anth emum Michaux Flora boreali-ame-
cana 2, p. 215. Geiseler Crotonis Monogr. p. 49. n. 78. Willd.
Spec. plant. 4, p. 535 exclus. synon. Jacq. Pursh Flora of North
I America 2, p. 603.
1 Hab. in sylvis Georgiae et Floridae.
Hierbei mag noch bemerkt werden, dass das von Willde-
now und Pursh hierher gezogene Croton punctatum Jacq. eben
so wenig hierzu gehört, als das später von dem verstorbenen
Curt Sprengel damit verbundene Croton reflexifolium Kunth.
j Croton maritimum Walter gehört zu der von dem ver-
storbenen Eschscholtz in dem 10. Bande der Verhandlungen der
252
Petersburger Akademie aufgestellten Gattung Hendecandra, wo-
zu nach der Ausdehnung der Herren Torrey und Asa Gray,
welche zur nordamerikanischen B'lora alle nördlich von Mexiko
gelegenen Länder zählen, noch Hendecandra procumbens Eschsch.
aus Californien und eine neue Art, die der verstorbene Drum-
moaid im Jahre 1835 in Texas entdeckte, zu bringen sind.
Mendecandra Eschsch. Endlicher Genera plant, p. 1117,
n. 5824. Asterogyne Bentham Plantae Hartwegianae 14.
Hendecandra maritima. Caule suffruticoso, dicho-
tomo; ramis teretibus, villoso-tomentosis; rufescenti-incaniSaj
foliis petiolatis, ovalibus, obtusis, integerritiiis, basi subcor-
datis supra pallide-viridibus, subtus incanis; fructibus pilis
stellato-lepidotis obsitis.
Croton maritimiim Walter Fl. carol. 383. Willdenow
Spec. pl. 4, p. 532. Geiseler 1. c. p. 57, n. 91. Pursh 1. c. 2,
p. 603. Kunth in Humb. et Bonpl. Nova gen. et spec. II. p. 69.
Croton disjiinctiflorum et monanthogynum Michaux Flora
americana2, p. 214 et 215.
Hab. in maritimis et collibus arenosis Carolinae, Colum-
biae et Regni mexicani.
Hendecandra procumhens Eschsch. Caule suffru-
ticoso a basi ramoso; ramis, foliis, calycibus fructibusque pi-
lis Stellatis incano-lepidotis; foliis oblongis, obtusis, integer-
rimis, basi attenuatis.
Hendecandra procumhens Eschsch, 1. c. Croton gracile
Kunth in Humb. et Bonpl. Nova gen. et sp. II. p. 69. Asterogyne
crotonoides Bentham Plantae Hartweg. p. 14, n. 83. Croton
dioicumY^'iWä. Spec. pl.4, p. 554. Herb. n. 17846 nee Cavanilles.
Hab. in San Francisco Californiae et Llanos de Perote
Regni mexicani.
Hendecandra texensis Caule suflfruticoso ; ramis
teretibus, erectis, gracilibus foliisque pilis stellatis incanis;
foliis linearibus obtusis, supra pallide viridibus, subtus inca-
nis, 2 — 4 lineas latis, 1 — 2 uncias longis; germinibus ca-
psulisque floccoso-pubescentibus.
Hab. in Texas.
Von Croton ellipticum Nuttal verdanke ich dem Herrn
Dr. George Engelmann in St. Louis sehr vollständige und in-
struetive Exemplare. Dasselbe bildet ebenfalls eine neue Gat-
253
tung, welche sich zwischen Crotonopsis und Croton stellt und
sich durch die männlichen wie durch die weiblichen Blüthen
characterisirt, erstere haben einen fiinftheiligen Kelch, eine fiinf-
blättrige Blumenkrone, fünf den Blumenblättern gegenüber-
stehende Staubgefässe und im Grunde des Kelches fünf weisse
schuppenförmige Drüsen ; in den weiblichen Blüthen fehleji die
Blumenblätter, der Fruchtknoten ist nur zweifächrig und der
Griffel zweimal zwei getheilt.
In Auerkennung der Verdienste, welche sich der Herr
Dr. George Engelmann uui die Berliner Museen dadurch er-
worben hat, dass er sie mit vielen naturhistorischen Seltenhei-
ten Nord-Amerikas versah, erlaube ich mir diese neue Gattung
dem Andenken desselben zu widmen.
Mngelmannia. Crotonis species Nuttal.
Flores monoici. Masc. Calyx quinquepartitus. Corollae
petala quinque receptaculo inserta, calycis laciniis alterna,
Candida. Stamina 5, libera, petalis opposita, exserta, Can-
dida, antheris introrsis, filamentorum apici dilatato adnatis.
Glandulae 5 squamaeformes, candidae, calycis laciniis oppo-
sitae. Fem. Calyx aequalis, quinquepartitus. Petala nulla.
Glandulae 5 squamaeformes, candidae, calycis laciniis oppo-
sitae. Ovarium tiloculare, loculis uniovulatis, ovulis pendulis.
Stylus bipartitus, laciniis profunde bifidis. Capsula bilocula-
ris, quadrivalvis, abortu monosperma. Semen inversum, atro-
cinereum. Embryo intra albumen orthotropus. Cotyledones
foliaceae, rectae. Radicula elongata, umbilico proxima.
Herba boreali-americana, pilis minutis stellatis consita; fo-
liis alternis, petiolatis, ovatis, acutis, integerrimis, subtus inca-
nis; floribus in extremis ramulis axillaribus aggregatis, femineis
inferioribus.
EjigelmanniaNuttaliana (Croton ellipticumNntt&].^
Hab. ad Missouri,
Croton glandulosum L., ebenfalls generisch von Croton
verschieden, unterscheidet sich insbesondere durch die männ-
lichen Blüthen, deren Kelch viertheilig, Blumenkrone vierblätt-
rig, die unterständige Scheibe vierstrahlig nur acht Staubge-
fässe beherbergt, im Habitus hat diese neue Gattung, welche
im britischen Gujana noch durch eine zweite Art repräsentirt
wird, eine grosse Aehnlichkeit mit den Gattungen Podostachys
254
und Brachystachys, erstere unterscheidet sich durch einen sechs-
theiligen, weiblichen Kelch und die andere durch einen unregel-
mässigen weiblichen Kelch. Ich erlaube mir sie dem Anden-
ken des Verfassers der 1807 erschienenen Monographie der
Gattung Croton, Herrn Medizinalrath Dr. Eduard Ferdinand
Geiseler in Danzig zu widmen.
Geiseleria* Crotonis species herbaceae Auct.
Flores monoici. Masc. Calyx quadripartitUB, aequalis,
aestivatione valvata. Petala 4, ovato-lanceolata. Discus qua-
driradiatus, radii calycis laciniis oppositi. Stamina 8, disco
villoso inserta; filamentis liberis, aestivatione inflexis, demuni
erectis, exsertis; antheris globosis, introrsis. Fem. Caly>
quinquepartitus, aequalis. Corallae petala minutissima, subu-
lata. Discus hypogynus quinqueradiatus, radii calycis laciniis
oppositi. Ovarium sessile, triloculare, loculis uniovulatis.
Stylus usque ad basin tripartitus, laciniis filiformibus, pro-
funde bifidis. Capsula tricocca, coccis bivalvibus, monospermis.
Ilerbae americanae subpilosae; foliis alternis, margine ser-
ratis aut grosse- dentatis, subtus ad basin glandulosis; stipu-
lis minutis subpersistentibus; spicis axillaribus terminalibusque
brevibus raonoicis; floribus femineis in parte inferiore spicae
masculae sparsis.
Geiseleria glandulosa.
Croton glandiäosimi Linn. Amoen. Acad. 5, p. 409. La-
marck Encycl. 2, p. 213. Jacq. Icon. rar. 1, t.41. Coli. 1, p. 125.
Michaux Flor, boreal. americ. 2, p. 214. Willd. Spec. pl. 4,
p. 540. Pursh Flor, of North America IL, p. 603. Geiseler
Monogr. p. 64. Kunth in Humb. et Bonpl. Nova gen. et
spec. II. p. 71.
Croton scordioides Lamarck Encycl. 2, p. 215.
Hab. in Americae borealis prov. Florida, Georgia, Cai'olina
et Arkansas; in Indiae occidentalis ins. Jamaica; in Americae
meridionalis variis regionibus e. g. in Brasilia, Mexico et in
Regno Quitensi.
Eben so geht es mit Croton capitatum Michaux, auch die
Merkmale dieser Pflanze gebieten, dass sie von Croton getrennt
werde, da sie sich durch einen unregelmässigen, ungleich acht-
theiligen weiblichen Kelch und durch den Mangel der unter-
ständigen Scheibe und der Blumenblätter characterisirt. Diese
255
Pflanze, welche bis jetzt nicht ausserhalb der Grenzen von
!Vord-Amerika gefunden wurde, repräsentirt daselbst die Gattung
Crozophora Necker, der sie sich in mehreren Puncten nähert.
Pilinophiftum»*} Crotonis species Michaux.
Flores monoici. Masc. Calyx campanulatus, quinquepar-
titus, aestivatione valvata. CoroUae petala 5, aestivatione
convolutiva. Glandulae 5, petalis alternae. Stamina 12, re-
ceptaculo villoso inserta-, filamentis liberis, aestivatione in-
flexis, demum erectis, exsertis, antheris introrsis, filamenti
apici_adnatis. Fem. Calyx inaequaliter octo-partitus, laciniis
tribus majoribus squama basi instructis. Discus hypogynus
nullus. Petula nulla. Ovarium sessile, triloculare, loculis
uniovulatis. Stylus profunde tripartitus, laciniis filiformibus,
dichotomis (bis aut ter bifidis), conniventibus, inferne villosis.
Capsula tricocca, coccis bivalvibus, monospermis.
Herba boreali-americana; foliis alternis, petiolatis cum ra-
inis et floribus pilis stellatis albido-tomentosis, glandulis stipu-
isque destitutis; floribus in apice aut in divisuris ramorum
»ggregatis, inferioribus femineis; masculis superioribus in spi-
;am paucifloram dispositis.
Pilinop/rytiun capitatum.
Croton capitatum MichsLUx 1. c. p. 214. Pursh 1. c. p, 604.
Hab. in Carolina, Illinois, Arkansas, Missouri et Kentucky.
Die Gattung Trewia L.
Vom
Dr. Klotzsch.
Die Gattung Trewia, welche Linne dem Andenken des
Caiserlichen Leibarztes und Geheimen Rathes Christoph Jacob
Prew, der unter andern die deutsche Ausgabe des Blakwell-
ichen Kräuterbuchs besorgte, widmete, kannte derselbe nur
lus einer im llortus Malabaricus von Rheede gegebenen sehr
*) Nomen gen. e vocibus nChvog et (fviöv compositum.
256
mangelhaften Abbildung; auch waren die theils unrichtigen
theils unausreichenden Bemerkungen, welche die erwähnte Ab-
bildung begleiten, eben nicht geeignet, ein für die Diagnose
nöthiges, anschauliches Bild zu gewähren. So kam es denn,
dass der Character, den Linne dieser Pflanze beilegte, von ihm
selbst theilweise bezweifelt wurde; und ich muss in der That
gestehen, nach meinem Dafürhalten wäre es besser gewesen,
wenn Linne sich der Mühe, eine Gattungsdiagnose nach sol-
chem Material zu entwerfen, überhoben hätte. Nicht aus der
Linnei'schen Diagnose, nur mit der Pflanze in der Hand ist
man im Stande, die Identität der citirten Abbildung mit dieser
durch habituelle Uebereinstimmungen zu erkennen, was denn
auch dem verstorbenen Willdenow, der hierin einen scharfen
und sicheren Blick bekundete (in dessen Herbarium sich die
in Rede stehende Pflanze in beiden Geschlechtern mit jungen
und reifen Früchten versehen befindet), nachdem er sie früher
als Rottlera indica beschrieben hatte; gelang; nur beging Will-
denow, der sich um die Untersuchung des Samens nicht ge-
kümmert hatte, einen Fehler, dass er Tetragastris ossea Gaertner,
welche Endliclier in seinen Gen. pl. ganz richtig zu Hedwigia
von Swartz bringt, mit Trewia nudiflora verband, nicht zu ge-
denken, dass er in der Gattungsdiagnose den Kelch von bei-
den Geschlechtern unrichtig beschreibt und die Frucht als eine
Kapsel bezeichnet, während sie doch eine fleischig-korkartige
Steinfrucht ist, und eine zweite nicht hierher gehörende Art
damit verbindet.
Adrian von Jussieu, dessen Euphorbiaceen-Gattungen im
Jahre 1824 erschienen, giobt von Trewia nudiflora auf der
9. Tafel unter 29, C. eine sehr genaue Zeichnung der männ-
lichen Blüthe und eine Analyse des Pistills, die er mit dem-
von Willdenow früher gegebenen Namen Rottlera indica be-
zeichnet. Er, der die Samen der Euphorbiaceen genugsam
untersucht hatte, erkannte sehr bald, dass die von Gaertner
gegebene Analyse des Samens von Tetragastris nicht hierher
gehören könne, verfiel aber in einen andern Irrthum, indem
er die von Willdenow in seinen Spec. pl. beschriebene Trewia
nudiflora mit Tetragastris für identisch und die von Willdenow
früher als Rottlera indica beschriebene Pflanze, wovon er jeden-
falls keine Früchte untersuchen konnte, für eine ächte Rottlera
257
hielt. Lindley in der zweiten Auflage seines nat. Systems
(1836) p. 174 durch die Angaben und Bemerkungen von Will-
denow und Adrian vonJussieu verleitet, gründete auf die Be-
schreibung, welche Linne und der ältere Jussieu von der Gat-
tung Trewia machten, die natürliche Familie der Trewiaceen,
die derselbe mit den Urticeen für am ähnlichsten hält, worin
ihm vom Meissner gefolgt wurde.
Endlicher, der, wie schon oben erwähnt, das Willdenow-
sche Citat von Gaertners Tetragastris Bartling folgend zu Hed-
wigia Swartz brachte, Hess den Namen Trewia ganz fallen,
wahrscheinlich in der Voraussetzung, dass sie zur Gattung
Rottlera gehöre.
Nach der Ansicht, die ich durch die Untersuchung der
Willdenowschen Exemplare von der Gattung Trewia gewonnen
habe, ist sie mit der Gattung Rottlera Roxburg, von der sie
sich insbesondere durch die Frucht unterscheidet, am meisten
verwandt. Beide genannte Gattungen gehören zu den normalen
Euphorbiaceen und würden in der Nachbarschaft von Pluknetia
einen besseren und natürlicheren Platz finden, als der ist, den
letztere unter den Crotoneen gegenwärtig einnimmt.
Tretoia L. Hb. Willd. Rottlerae species Ad. de Juss.
Flores dioici. Masc. Calyx membranaceus, diphyllus, fo-
liolis profunde bifidis, demum reflexis, aestivatione valvata.
Corolla et glandulae nullae. Stamina plurima receptaculo
convexo nudo inserta; filamentis filiformibus, aestivatione
erectis, basi coalitis; antheris parvis, oblongis, terminalibus.
Fem. Calyx membranaceus, monophyllus, vaginatus, demum
ad basin circumscissus. Ovarium sessile, quadriloculare, lo-
culis uniovulatis. Stylus quadrifidus, laciniis intus plumoso-
stigmatosis. Drupa carnoso-suberosa, globoso-quadrangula-
ris; putamine tetrapyreno; pyrenis subosseis unilocularibus
monospermis. Semen pendulum. Testa suberoso-crustacea
Albumen copiosum, carnosum. Embryo intra albumen ortho-
tropus. Cotyledones foliaceae rectae. Radicula urabilico
proxima supera. Arbor indica facie Rottlerae.
Archiv i. Nalurgcsch. VII. Jahrg. i. Band. \^
258
Bemerkungen über einige Linneisclie Conchjlien-
Arten, welche von den spätem Conehjliologen
verkannt sind.
Von
Dr. A. Philippi.
Es bedarf unstreitig keiner Entschuldigung, wenn ich es
versuche, einige von Linne längst beschriebene und später in
Vergessenheit gerathene oder gänzlicli verkannte Conchylien-
Arten wieder in ihre Rechte einzusetzen. Die Seltenheit der
zwölften Ausgabe des Linne, welche auch ich erst nach mehre-
ren vergeblichen Bemühungen mir hal)e verscliaffen können,
mag wohl die Ursache sein, dass die neueren Conchyliologen
und namentlich Lamarck so wenig Rücksicht auf den Begrün-
der der systematischen Conchyliologie genommen und sich fast
immer auf Schröter und seinen Abschreiber Ginelin verlassen
haben. Bei diesen Untersuchungen habe ich mich vorzugsweise
auf die kurze, aber fast innner vortreffliche Beschreibung Linnes
verlassen, da bekanntlich seine Citate oft fehlerhaft (nicht sel-
ten Druckfehler) sind; die von ihm angeführten Figuren kri-
tisch revidirt, und wenn sie mit seiner Beschreibung überein-
stimmen, mit der grössten Gewissenhaftigkeit berücksichtigt.
1. Xjeptis anseriferit jE,.
„L. testa compressa quinquevalvi, striata, intestino insi-
dente" cd. XII. p. 1109 nr. 17. Ohne Citat.
Diese Diagnose ist allerdings so unvollständig, dass sie
auf alle gestreifte Anatifa- Arten passt, allein die folgenden
Worte Linne's lassen keinen Zweifel, dass seine Art nicht die
Anatifa striata Lr.marck's (und auch wolil Bruguieres) ist.
Lamarck citirt zu dieser noch Gmelin p. 3210 und Schröter,
Einleitung 3, p. 521 , erstlich: Gualtieri t. 106 f. 2, 3. Diese
Figuren stellen aber, mau sollte kaum die Nachlässigkeit dieser
Schriftsteller glauben, einzelne Schalen der Anatifa
259
laevis vor, welche von Gualtieri „extra situtn consideratae"
sind. Vermuthlich hat Schröter t. 106 f. B. schreiben wollen,
welche nach Gualtieri „striis minimis argntissime serrata" und
olnie den Stiel acht Linien gross ist. Zweitens citirt La-
marck: Lister tab. 440 f. 283, welche Figur 14'" gross ist; die
übrigen Figuren kann ich in dem Augenblick nicht nachsehn.
Linne, welcher Lister und noch fleissiger Gualtieri anführt, hat
zu seiner Lepas anseri/era keine Figur derselben citirt, da-
gegen sagt er: Habitat in Pelago americano; in fossilibus
magna. Testa hujus niinuta, seniine lini minor, structura
onniino L. anatiferae, sed valvulis sulcatis, excepta prima; sulci
hi distincti elevati.
Hieraus geht, wie mir scheint, unwiderruflich hervor, dass
Linne nicht die grosse von Gualt. und Lister abgebildete Ana-
tjfa striata Brg. , sondern die kleine auf dem Sargasso „in
pelago americano" gemeine Art gemeint hat, die von spätem
Conchyliologen übersehn oder mit ^. striata verwechselt ist.
welche daher A. anseri/era L. heissen muss. Welche fossile
Art Linne damit verwechselt haben mag, ist nicht möglich zu sagen.
$. Teilina lactea IJ,
„T. testa lentiformi, gibba, alba, pellucida, laevi." —
Gualt. t. 71 f. D. Hab. in M. Mediterraneo. Testa semine
Lnpini albi major , parum transversim obsolete striata."'
ed. XU. p. 119 nr. 65.
Chemnitz VI. p. 130 t. 13 f. 12.5, Schröter Einleitung IL
p. 659 und folglich auch Gmelin p. 3240 haben diese Art rich-
tig erkannt, wie ich glaube, indem sie meine Teilina /ra-
gilis Enuni. Moll. Sicil. p. 34 nr. 7, dafür genommen haben.
Gualtieri's Figur ist roh, indem das Schloss nicht zu erkennen
ist, allein sie zeigt doch eine stark gewölbte Schale. Diese
testa gibba fehlt aber durchaus dem Po]i'schenio/7jo<?j /«c/<?m*
oder der Lucina lactea Land<., deren Schale auch übrigens
kaum „pellucida" genannt werden kann, wenngleich Lamarck
in seiner Diagnose aus Gmelin das Wort gibba herübergenom-
men hat. Man rauss unbedingt das Linne'sche Citat bei La-
marck streichen und auf meine Lucina fragilis übertragen,
und die Namen Lucina lactea Lamk. und L, fragilis Ph.
verändern.
17*
260
3. Teilina piaifornies It,
T. testa subglobosa laevi, intus iucarnata, oblique substriata;
striis antice angulo acuto reflexis. Gualt, t. 7 f. G, (Dieses
Citat ist falsch, erstlich muss es f. C heissen, denn ein G exi-
stirt auf t. 7 nicht, und f. C stellt oflFenbar eine Cyclas dar,
wie auch schon Schröter Einleit. II. p. 653 bemerkt, wenn
auch vielleicht nicht gerade C. cornea.) „Hab. ad Oceani
Enropaei Ostia fluviorum. Testa niagnitudine pisi, alba, fundo
purpureo, striata; striis vix oculo nudo manifestis, obliquis,
sed anterius reflexis ad angulum acutum. Cardinis dens uni-
cus praeter laterales prominulos. Rarius tota alba reperitur."
ed. XII. p.1120 nr.69.
Nach Linne erwähnt Niemand dieser Art. Ich besitze sie
aus einer alten Sammlung herstammend, ohne Angabe des Fund-
ortes. Das Gehäuse ist 2^" lang, 2|"' hoch, 1^'" dick, eiförmig
in das Dreieckige ziehend, schief, für die geringe Grösse dick-
schalig. Die Streifen der Oberfläche sind äusserst fein, dicht,
schief, vorn unter einem sehr stumpfen Winkel umgebogen,
hinten unter einem äusserst spitzen nach oben gerichteten Win-
kel gebrochen. Das Schloss der rechten Schale zeigt zwei
kleine Schlosszähne und zwei grosse Seitenzähne; das der lin-
ken einen Schlosszahn; statt der Seitenzähne ist der Rand
selbst zahnartig vorgezogen. Die Grube des Ligaments liegt
nach aussen und ist wonig deutlich. Die Muskel- und Mantel-
Eindrücke kann ich bei dem Glanz der innern Fläche nicht er-
kennen. Die Farbe ist weiss oder mit einem purpurnen Anflug.
Die Verwandtschaft mit Teilina carnaria L. bedarf keiner
Auseinandersetzung. Zwischen beiden steht eine neue durch
ihre Streifung ebenfalls sehr ausgezeichnete Art.
Tellina mirahilis Ph.
T. testa ovato-elliptica, obliqua, latere postico longiore
angustiore, striis tenuissimis, obliquis, postice bis in ziczac
flexis, antice vix flexuosis; dentibus lateralibus cardinis magnis.
Von dieser Art fand ich ebenfalls ohne Angabe des Fund-
orts in jener alten Sammlung sechs einzelne Schalen. Sie wird
4'" lang, 3^'" hoch, 2^ " dick, und ist im Verhältniss dünnscha-
liger als die vorige. Von Gestalt ist sie eiförmig, jederseits
MOhl abgerundet, hinten länger, schmaler; die kleinen wenig
261
gekriiminteu Wirbel liegen im Hritten TheiJ der Länge. Die
feinen, dicht gedrängten Streifen der Oberfläche sind dem blos-
sen Auge kaum sichtbar. Sie verlaufen schief in der Richtung
des hinteren Rückenrandes, vorn sind sie schwach nach unten
gebogen, hinten aber in einem schmalen dem Rande anliegen-
den Raum zweimal gebrochen in spitzen nach den Wirbeln
gerichteten Winkeln. Eine ähnliche Sculptur findet sich bei
Petricola lucinalis, aber nicht so regelmässig. In jeder Schale
sehe ich einen Schlosszahn, auf der rechten ist jcderseits ein
starker, lamellenartiger Seitenzahn, auf der linken ist der Rand
selbst jederseits zahnartig vorgezogen. Die Grube für das Li-
gament liegt äusserlich und ist nur mit Mühe zu sehn. Der
Manteleindruck tritt tief hinein, der Mantelwinkel ist sehr klein,
läuft aber in eine lange Linie aus. Die Farbe ist weiss.
4. Vellina Uivaricata It,
„T. testa subglobosa, alba, bifariam oblique striata. —
Hab. in M. Mediterraneo. F. Logie. — Testa magnitudine
, pisi, subcompresso-globosa, gibba; Striae tenuissiraae,
bifariam ad utrumque latus ductae." ed. XII. p. 1120. Kein
Citat.
Schröter Einl. II. p. öf'S citirt hierzu, wohl Chemnitz fol-
gend: Lister 301 f. 142 mala (ist aber eine ganz erträgliche
Figur, nur 10^" gross). Bouanni Recreat. ct. III. f. 349 (12'"
lang). Klein Meth. 9 f. 2S (kann ich nicht nachsehn). —
Chemn. VL 1. 13 f. 129, 130, p. 134 (wo mehrere Abänderungen
oder Arten erwähnt werden*), worin ihm Gmel. p. 3241 nr. 74
gefolgt ist. Diese Figuren stellen sämmtlich nicht die
Linneische Art vor, denn 1. sind sie weit grösser als eine
Erbse, 2. sind nicht „subglobosae" oder „subcompresso-globo-
sae, gibbae", 3. sind die Striae nicht „tenuissimae", sondern
sehr deutlich und ziemlich grob , 4. ist das Schloss ein ganz
anderes, wie ich Enum. Moll. Sicil. p. 32 nr. 3 gezeigt und
t. III. f. 15 u. 16 durch Abbildungen dargestellt habe. Nun ist
offenbar meine Lwcma commutata die Linneische TeHina di-
varicata, und die Art von Schröter, Gmelinund Chemnitz wäre
anders zu benennen. Lamarck scheint nur die letztere gekannt
*) F. 129 ist 14'" gross, f. 130 eine ganz verschiedene Art.
262
zu haben, da er die Grösse auf 30 Mill. oder 13|-"' angiebt,
übrigens verwechselt er beide Arten, wie aus seiner Diagnose
und dem Citat von Poli's Tellüia cligitaria hervorgeht. Sehr
mit Unrecht hält Bronn, Lethaea p. 961, meine Lucina com-
mutata für eine blosse Varietät: wo solche Verschiedenheiten
und namentlich auch im Schloss sich zeigen, darf mau gewiss
nicht von Varietäten sprechen.
5, Cardium virgineum Tt,
„C, testa triangulo-rotundata, aequilatera; rugis transver-
sis membranaceo-recurvatis, cardinibiis caeruleis. — Hab. in M.
Mediterraneo. — Testa pulchella, fasciata, lineis retrorsum
imbricatis, remotis, epidermide glauca obtectis. Cavitas alba
sed cardines caernlei; dentibus longitudinalibus, linearibus
fere Mactrae, sed cardo Cardii." Ed. XII. p. 1124.
Schröter übersetzt lediglich den Linne; Gmelin fügt (e\
proprio Marte?) p. 3253 nr. 25 das Citat: Chenin. VI. 1. 18 f. 181
hinzu, welches Cardium apertum Land<. ist und mit Linne's
Beschreibung nicht im mindesten überstimmt, so wie Gronov.
zooph. t. 18 f. 5, welches icli nicht nachsehen kann. Sehen wir
von dem gewiss falschen Vaterlande jib^ so ergiebt sich aus
dem blossen Durcldesen der Worte Linne's, dass er eine Cy-
rena gemeint hat. Die rugae transversae, membranaceo-recur-
vae, die epidermis glauca, die langen Seitenzähne wie bei Mactra,
dass äussere Ligament, welches im Gegensatz zu Mactra durch
cardo Cardii ausgedrückt ist, selbst die Färbung der inneru
Fläche lassen nicht den leisesten Zweifel aufkommen. Ob
Linne aber Cyrene fliiminea oder eine andre der damit nahe
verwandten, wenn wirklich verschiedenen Arten gemeint hat,
lässt sich nicht aus seiner Beschreibung ausmitteln.
6. Jttacira glabrata JL,
„M. testa laevi, diaphana, striata, umbonibus laevissimis,
Vulva anoque striatis. Hab. in O. Africano. — Testa magni-
tudine JN(ucis) Coryli, alba. Nates et umbones laevissimi,
glaberrimi nee striati. Limbus striatus, vulva nulla carina
distiucta." - Ed. XII. p. 1125 nr. 97.
Schröter Einl. III. p. 75 fügt hinzu: Gualt, 71 i.A., was
ganz falsch ist, denn diese Figur ist 18'" lang und zeigt vulva
263
und aiius glatt. Ferner Ghemn. VI. t. 22 f. 216, 17, 21'"
gross und bräunlich, welches die 39 Mill. = 16,7"' grosse Mactra
australis ist. Gmelin p. 3258 nr. 7 copirt, wie gewöhnlich,
Schröter, ebenso Deshayes, welcher, Lamarck ed. 2 vol. VI. p. 101
Note sagt: „l'Examen que nous avons fait attentivenient de la
Mactra australis nous a convaincu, quelle etait la meme
espece que la M. gUibrata de Linne. — Allein beide haben
Unrecht. Linne sagt, seine Art sei wie eine Haselnuss gross,
die M. australis ist fast 17"' gross; Linne's Art ist weiss, die
M. australis hat: „niaculas violaceas nebulosas." Dieselbe hat
ferner „strias transversas tenues subfurcatas", während Linne's
M. glahrata „nates et umhones laevissimos" besitzt, und nur
am Bauchrande gefurcht ist. Alle diese Kennzeichen, Grösse,
Farbe u. s. w. finden sich aber bei M. triangula Renieri und
kann nicht der mindeste Zweifel bleiben, dass Linne diese Art
gemeint habe und nicht die M. australis.
'S. Voluta riistica It*
Ed. XII. p. 1190 nr, 410. Bekanntlich Columbella rustica
Lamk. Linne citirt a. a. O. nur zwei Figuren: Gualt. t. 43
(.G.H., die gewöhnliche Form, wo die Spira kaum länger
als die halbe letzte Windung ist, und Adans. Seneg. t. 9 f. 28,
liger, dieselbe Form.
8. Volutii, Vringa Tj.
„V. testa integriuscula, oblonga, laevi, spira prominente,
detrita; columella triplicata; labro introrsum subdentato. —
Gualt. 43 B. (Dies ist ohne Frage die Varietät der Colum-
bella rustica mit längerer Spira.) Adanson. 1 t. 9 f. 27.
(Bigni, ist offenbar Buccinum laevigatum). — Hab. in M.
Mediterraneo. — Testa nitida lutea, albo-nebulosa. Spirae
mucro in omnibus, quotquot vidi, detritus. Labrum exterius
minime marginatum, in medio vero introrsum gibbum, sed
minus quam in praecedentibus (d. i. mercatoria, rustica, pau-
percula, mendicaria).
Die Beschreibung der Aussenlippe beweist, dass es eine
Columbella ist, die Worte columella triplicata passen aber nicht
vollkommen auf die Co it/mteZZa rustica var. elongata.
Wenn wir aber das Vaterland und die Gualtierische Figur als
264
richtig annehmen, und wenn Linne mit obigen Worten die Hök-
kerchen der columella bezeichnet hat, so stimmt Alles vortreff-
lich. Schröter EinJ. I. p. 220 t. 1 f. 12 beschreibt eine sehr ab-
weichende, mir unbekannte Columbella, und Kiener giebt als
Columhella Tringa (Mitra Lamk.) ebenfalls eine andre Art,
indem er grade die Linneische roluta tringa als Columbella
rustica abbildet, und die ächte Voluta rustica L. als Varie-
tät betrachtet.
9. Voluta cornicula X.
„V. testa subemarginata, oblonga, laevi, cornea; spira lon-
giuscula; columella quadriplicata; labro aequali mutico. —
Gualt. t. 43 IS. (Dieses Citat ist offenbar falsch und stellt
sehr kenntlich das Bucicnum coniiculum 0\\\\=B. fascio-
latum Lamk.=i?. Cö//nei// Payr. dar). — - Hab. in M. Medi-
terraneo. — Similis antecedenti (d. i. der V. tringa L.) sed
spira magis elongata, testa tota colore cornu, labrum minime
denfatum aut incrassatum; variat colore toto atro. Ed. XII.
p. 1191 nr.415.
Schröter Einl. I. p. 221 setzt mit Recht zum Citat Gualt.
ein ? und giebt selber t. 1 f. 13 eine Abbildung, welches eine
gefleckte Mitra ist, nämlich M. cornia/laris Lamk. Kiener
t. 12 f. 38, die im Mittelmeer nicht vorkommt, während Linne
ausdrücklich sagt: testa tota colore cornu. — Linne hat unstrei-
tig die im Mittelmeere ziemlich gemeine Mitra gemeint, wel-
che Lamarck und Kiener unter den beiden Namen M. lutc-
scens und M. cornea aufführen (von welchen auch M.
spongiarwn Menke nicht getrennt werden darf) und auch als
Varietät der Mitra Ebenus Lamk. dahin gerechnet, die jedoch
nur selten ohne die weisse Querlinie angetroffen wird. Wie
ausserordentlich veränderlich diese Arten sind, habe ich in der
Enumeratio Moll. Sicil. gezeigt, und auch Kiener bestätigt es.
lO. Murex Ptisio JL.
M. testa ventricosa, oblonga, laevi; anfractibus rotundatis,
spira striata; apertura laevi; caudabrevi. — BonanniRecr.3.40.
— Gualt. test. t. 52 f. J. — Hab. in M. Mediterraneo. — Testa
magnitudine nucis A vellanae, g 1 a u c o-c a e r u 1 e s c e n s, f a s c i is
longitudinalibus griseis undatis. Sutura simplex.
265
So Linne ed. XII. p. 1223 nr. 561. Untersuchen wir die
Citate, so stellt Bonanni eine sehr rohe Figur von der Rücken.
Seite dar, welche deutlich schwärzliche Längsbinden zeigt. Die
Beschreibung p. 118: „Turbo in Syracusano littore frequens,
albo colore, fasciolis ex flavo-nigricantibus segmentatus et ni-
tens. Interdum violaceo colore tinctum mucronem habet"
lässt gar keinen Zweifel, dass es Buccinum maculosum
Lamk, sei. Dieses hat auch Linne unter seinen» Murex Pusio
verstanden, denn hiermit stimmt die Beschreibung Linne's, die
spira striata, die Farbe, Grösse, das Vaterland. — Die zweite
von Linne citirte Figur Gualtieri's stellt aber den Fiisus arti-
culatus vor, welcher nach Schröter Einl. L p. 526 der Murex
Pusio L. sein soll, eine Meinung, welche Gmelin p. 35.50 nr. 90
getreulich copirt. Schröter sagt ohne weitere Gründe anzu-
geben: „die Abbildung bei Bonanni (welche zwar roh ist, aber
mit Linne's Worten genau übereinstimmt), gehört nicht hier-
her. — Schröter's Meinung ist ganz falsch, sein Murex pusio
ist nicht so gross wie eine Haselnuss, sondern weit grösser,
ist nicht gestreift, sondern glatt, ist nicht glaucus, mit schwärz-
lichen, welligen Längsbinden, sondern „auf weissem Grunde
mit braun- oder rothgelben Flecken bemalt, die in ordent-
lichen Reihen stellen." Endlich ist Schröter's Art nicht aus
dem Mittelmeer.*)
Wie kommt aber Linne dazu, einen Fusus zu Buccinum
maculosum zu citiren? Die Antwort ist sehr leicht, weil beide
Arten ganz ungemein nahe verwandt sind, und noth-
wendig in ein Genus gehören. Diese Aehnlichkeit ist so
gross, dass sie sich auf Gestalt, Verhältnisse, Mündung, Zähne
der Aussenlippe, Zähne der Innenlippe etc. erstreckt, so dass
die flüchtigste Betrachtung beider, wenn man sie nebeneinan-
der legt, meine Behauptung sogleich selbst dem Ungläubigsten
als richtig darthun wird. Eine dritte hierher gehörige Art ist
Buccinum guttatum n. sp. aus der Sammlung meines Freun-
des, des Herrn Dr. von dem Busch in Bremen, welches sich
nur durch etwas bedeutendere Grösse, nicht gestreifte Windun-
*) Dass Linne's Murex Pusio und Graelin's Murex Pusio zweier-
lei smd, bemerkt schon Lamarck bei Fusus nifat, ohne Linne's Art
erkannt zu haben.
266
gen und die Färbung unterscheidet, welche dunkel rothbraun
ist mit weissen Tropfen, von denen die grössten oben in der
Nähe der Naht stehen. Eine Diagnose desselben ist:
Buccinum gut t a tum n. sp.
B. testa oblonga, subfusiformi, obscure rufo-fusca, albo-gut-
tata; anfractibus planiusculis, sutura profunda angusta divi-
sis, laevibus: basi striata; apertura spiram subaequante,
oninino ut in B. niaculoso vel Fuso articulato Lamk. — Long.
13V", <^iam. 6i'". — Patria. Java?
Andere hierher gehörige Arten sind Buccinum d'Or-
higny Payr, und B. sti'igosum Gm. p. 3494? (Gmelin hat
diesen Namen drei Mal), welche schöne Art ich Herrn Dr. Jo-
nas in Hamburg verdanke. Ihre Diagnose lautet also:
Buccinum. strigosum Gm.? Jonas.
B. testa oblongo-fusiformi, longitudinaliter plicata, lineis
elevatis transversis confertis majoribus minoribusve striata,
albida, costis aurantiacis, in anfractu ultimo fascia alba dimi-
diatis; anfractibus rotundatis; apertura ovato-oblonga, labro
intus crenulato-dentato. Long. 14'", latit. 8'". Patria?
Die hier erwähnten Arten, zu welchen noch Purpura
picta Scacchi, nichi Turton, oder Buccinum Scacchianum mihi
gehört, kann man mit demselben Recht zu Buccinum, wie zu
Purpura stellen, so lange beide Gattnugen nicht besser begränzt
sind wie bisher. Wahrscheinlich wird man für die angeführ-
ten Arten das Genus Pisania von Bivona annehmen müssen.
11, Miirecc clathratus JJ.
„M. testa oblonga, caudata, plicis longitudinalibus submem-
branaceis sulcata. — Klein Ostr. t. 3 f. 67 (kann ich nicht
nachsehen, ist nach Schröter Einl. eine Copie von Lister
t. 926 f. 19). — Hab. in Lslandiae Mari. J. Zoega. König. —
Testa magnitudine et facie Turbinis clathri (Scalaria commu-
nis, also höchstens etwa 18'", denn grössere Exemplare sind
sehr selten) sed leviter caudata. Plicae plurimae, longitudi-
nales, erectae, compressae, superne inclinatae." — Ed. XII.
p. 1223 nr. 563.
Schröter Einl. I. p. 528 fügt, durch Linne's Citat verleitet
die obige Figur von Lister hinzu, von welcher Lister sagt
„Buccinum variegatuni, leviter admodum striata m, singuli;
267
orbibus duplicatura aliqua (nach der Figur zu schliessen ein
varix) insigiiitum", was zu Ivinne's Beschreibung wie die Faust
aufs Auge passt. — Gmelin p. 3551 nr. 92 copirt getreulich
Schröter.
O. Fabricius in seiner vortrefiflichen Fauna groenlandica
p. 400 nr. 400 hat diesen Murex richtig erkannt. Ob seine
Citate Tritonium clathratum Müll, prodom. 2941 und Buc-
cinum tnmcatum Act, Nidros, IV, 369 t, 16 f, 26 richtig sind,
kann ich nicht nachsehn, wohl aber ist das Citat Linne iter
westgoth, 199 t. V, f. 6 var. major richtig p. 230 der deutschen
Uebers,, nur ist die Figur durch Schuld des Kupferstechers
links und 15'" lang, vielleicht vergrössert. —
Ich besitze diese Art aus Grönland, aber in einem kaum
G'" langen und 3-g-'" breiten Exemplar, O. Fabricius beschreibt
sie also: „Länge 3^— 7'"; Breite U_3i"', Die Schale ist
länglich, thurmförmig, glatt, dünn, ziemlich matt, der Länge
nach gefaltet. Sechs, kaum sieben Windungen (soviel zählt
auch mein Exemplar, ebensoviel auch die, vielleicht vergrösserte
Abbildung in der Westgothischen Reise), gerundet, nicht sehr
bauchig, obliqui, secundi (was heisst das?), mit hervorstehen-
den, liäutigen Falten, die nach links oder nach der Oeffnung
gekehrt sind, geschindelt. Auf den drei obersten sind kaum
Falten, auf der letzten Windung sind sie am meisten bemerk-
bar, zaiilreich (14 und mehr) oben links, unten rechts gegen
den Schwanz gekrümmt. Die Aussenlippe ist scharf. Die Mün-
dung beinah mondförmig verengert. Die Columelle läuft schief
in den Schwanz aus. Der Kanal ist ziemlich kurz (nicht voll-
kommen halb so lang \vie die eigentliche Mundöffnung), (beson-
ders bei den jüngeren) zurückgebogen, abgestutzt (truncatus),
bei einigen weniger (retusus). Der Deckel ist eiförmig, braun
und schliesst die Oeffnung nicht vollkommen. Die Spitze ist
wie abgebrochen und unvollständig, und bei ziemlich vielen
Exemplaren angefressen. Die Farbe ist bräunlich gelb, in todten
oder leeren Schalen weisslich," Diese Beschreibung ist so
genau, dass ich nichts hinzuzusetzen weiss, als dass das Ge-
winde so lang ist wie die Oeffiuing mit dem Canal zusammen-
genommen.
268
19. Mureaa corneus Mj»
„M. testa oblonga, riidi, anfractniim inarginibus complana-
tis; apice tuberculoso; apertura edentula, cauda adscendente.
lt. westgoth. t. .5 f. 6 (Ein sonderbarer Irrthuin von Linne!
Diese Figur ist die vorige Art und stimmt mit der Beschrei-
bung des M. corneus nicht im Entferntesten. Vernnithlich
ist durch einen Schreibfehler das Citat an eine unrechte
Stelle gekommen). — Gualt. t. 46 f. F (stellt sehr deutlich
Fusus lignarius Lamk. dar). — List. angl. 157 t. 3 f. 4
(kann ich nicht nachsehn),
„Hab. in Europa australiore. — Testa digito brevior, colore
cornu, laevis sed non glabra, opaca." Ed. XII. p.l224 nr. 565.
Schröter Einl. I. p. 530 hat diese Art gänzlich verkannt,
und alle Nachfolger nach ihm auf seine Autorität. Dass Linne
bei Citirung der Westgothischen Reise sich ofTenbar geirrt, be-
merkt er nicht, setzt zu der vortrefflichen PMgur von Gualtieri
ein ? und beschreibt eine Art „mit feinen Querstreifen",
sagt „Knoten sehe ich an der Endspitze meiner zwei Exem-
plare nicht, so wenig als Lister dergleichen an seinem Beispiele
erblickte und abbildet." Hieraus vermuthe ich, dass das Citat
von Lister zu streichen ist. Linne s Art ist ganz deutlich Fm-
sus lignarius auct. Dieser ist an der Spitze knotig, seine
Windungen sind nach oben „complanati", er ist „laevis" d. h. ohne
Streifung, aber nicht „glaber", spiegelglatt, wie Schröter sagt,
ist in Südeuropa zu Hause und von Gualtieri a. a. O. gut ab-
gebildet. Miirex lignarius L. ist aber Fasciolaria ta-
rentina, wie ich gleich zeigen werde.
13. Murex lignarius JL.
M. testa oblonga, rudi, anfractibus obtuse nodosis; aper-
tura edentula; cauda brevi, rectiuscula. — ßonanniRecreat.3
f. 32 (sehr roh, kann jedoch nur Fasciolaria tarentina dar-
stellen). — Gualtieri 52 S (etwas zu dick, sonst offenbar Fa-
sciolaria tarentina). — Seba Mus. 3 t. 52 f. 4 (die Gestalt
stimmt wohl mit Fasciolaria tarentina. Die Färbung p. 145
dilute cinereo luteum ebenfalls, aber die Worte : fasciis veluti
obvolutum, — latis profundisque sulcis pone gyros verstehe
ich nicht zu deuten). — Hab. in Europa australi. — Testa
269
vix digiti longitudine; anfractus laeves, rüdes, simplici Serie
tuberibus obtusis." Linne ed XII. p. 1224 nr. 566.
Schröter Einl. I. p. 531 setzt zuBonanni ein ?, sagtGual-^
tieri's Figur könne nicht hierher gehören und behauptet von
Linne „Er schreibt sie aus der Nordsee her", was nicht wahr ist.
Gtnelin p. 3552 nr, 98 copirt Schröter, lässt den Gualt. fort,
setzt aber nocli Knorr Verz. 6 t. 26 f. 5 hinzu, was ich nicht
naehsehn kann, und setzt ebenfalls das falsche Vaterland: Oee-
anus Septentrionalis. — Lamarck vol. VII. p. 129, der doch
offenbar die vorige Art als Fusus lignarius beschreibt, wie
sein^ Worte „albida, rufo aut fusoo venulata" und die Abbil-
dung bei Kiener beweisen, entnimmt aus Gmelin die Worte:
,,anfractibus superne unica Serie nodulosis", welche auf seinen
Fusus lignarius nicht im geringsten passen, so wie das falsche
Vaterland: les mers du Nord. — Die Fasciolaria tarentina
stimmt dagegen Wort für Wort mit Linne, eben so mit den drei
von Linne citirten Figuren und mit dem Vaterland.
14. JBLurex scriptu.« Xi,
„M. testa subecaudata, fusiformi, laevi, pallida, striis fuscis
longitudinalibus variis, labio dentato. — Hab. in M. Medi-
terraneo. — Testa semine Hordei paullo major, undique lae-
vis, oblonga, vix caudata, pallide albida, commaculata striis
oblongis flexuosis, subpiceis." — Ed. XIL p, 1225 nr. 570.
Schröter Einl. I. p. 534 übersetzt wörtlich Linne, undGme-
iu p, 3554 nr. 106 schreibt denselben ab. Yi^v Murex scriptus
-inne's ist aber Buccinum coT'niculatum Lamk. oder B.
jinnaei Payraud. Man nehme Kiener t. 16 f. 56 zur Hand,
, venn grade ein so gefärbtes Exemplar fehlen sollte, und man
jrird finden, dass Linne's Beschreibung, Grösse, Vaterland,
arbung etc. auf das Allergenaueste hiermit übereinstimmt.
15. 'Vrochus labio JL.
„Tr. testa imperforata, ovata, substriata, columella uni-
dentata. — M. L. U. 649 nr. 335 (kann ich leider nicht nach-
sehn). — List, eonch. 4, s. 8 c. 4 t. 3 (nach Schröter t. 642
f. 33, 34, MAh MoiioJonta fragarioides dar). Rumph. Mus.
, t. 21,£' (sehr roh, die Mündung ist nicht zu sehen, die Worte
I p. 75 „het dier hceft een dicke cn als dubbelde lippe aan
270
denzelven" beweisen, dass es Monodonta labeo Lamk. ist).
— Argenv. conch. 9 (Druckfehler für 6) f. N (die Figur ist
äusserst roh, die Beschreibung sagt bloss: „la lettre N montre
un petit lima^on ä cannelures blanches et noires melees de
verd.) — Regenfuss t. 10 f. 39 (kann ich nicht nachsehn.) —
Hab. in Oceano Africano et Asiatico." Ed. XII. p. 1230 nr.595.
Schröter Einl. I. p. 667 giebt Linne's Art für Monodonta
Laheo Lamk. aus, indem er die beiden Figuren von Lister, die
drei F'iguren von Gualtieri, welche alle fünf die Mün-
dung zeigen undMonodonta fragarioides sehr deut-i
,lich vorstellen, und die Figur von Regenfuss, also sechs
Figuren verwirft, und nur zwei von Argenville und Rumphius,
die sehr schlecht und undeutlich sind, und die Mündung]
nicht zeigen, beibehält, dagegen eine Menge andere citirt,
die bei Linne fehlen. — Linne aber sagt ed. XIL nichts von
der wunderbaren Lippenbildung, nnd würde schwerlich dieselbe
verschwifgen oder die Figuren Lister's und Gualtieri's citirt
haben, wenn er die Monodonta Laheo gemeint hätte. Linne
nennt ferner seine Art „substriata", wogegen M. L. „transver-
sim rugosa, rugis nodulosis" ist, wie Lamarck sagt. Diese
Schwierigkeit beseitigt Schröter, indem er sagt: „Diese Knoten
sind so ausserordentlich flach, dass sie leicht übersehen und
eben so leicht abgerieben werden können." Das erstere kann
man einem Linne nicht zutrauen und beides ist zum Ueber-
fluss nicht wahr; sondern es ist wohl als ausgemacht anzuneh-
man, dass Linne in der zwölften Ausgabe nicht die Mono-
donta Laheo Lamarck, Trochus Laheo Schröter et sequen-
tiuui, sondern die 31. fragarioides gemeuit hat. — Aber
hat er vielleicht in dem Museum Ludovicae Dlricae Reginae
die M. laheo beschrieben? Auch das nicht, denn Schröter
sagt: „Linne muss in dem Kabinet der Königin von Schweden
ein ganz falsches oder ganz eigen gebautes Beispiel vor sich
gehabt haben etc." Was Schröter weiter anführt, scheint frei-
lich auch nicht für meine Ansicht zu sprechen.
1«. 1^. Vurbo ohtusatus und T, neritoides Tt.
Von Turho ohtusatus heisst es in der Edit. XII.
p. 1232 nr.605:
„T. testa subrotunda laevi,superne ventricosiore
271
obtusissin)a: margine columnari piano. — Hab. in Oceano
Septentrionali." — Kein Citat.
Von T. neritoides ebendaselbst nr. 606:
„T. testa ovata, glabra, obtusiuscula, margine colu-
mnari piano. — Gnalt. t. 45 f. F. — Hab. in M. Mediterraneo.
— Testa Neritis niaxim«? affiiiis. Minuta."
Unbegreiflich ist es, wie Schröter und seine Abschreiber
den so vortrefflich beschriebenen Tuiho ohtusatus nicht er-
kannt haben, und wie man diesen unter dem Namen T. neri-
toides L. anführen kann. Dieser soll klein, aus dem Mit-
telmeere sein, eine eiförmige Gestalt und eine stumpfliche
Spitze haben. Nichts von alle dem passt ja auf den Turho
neritoides auct. Gualtieri's Figur stellt die Litforina Basteroti
Payraud = Tw7&o coerulescens Lamk. =:Ta/6o saxatilis 0\[\'\
vor, wenngleich die Windungen zu gewölbt sind. Die Worte:
„B. parvum integrnii!, ore ohlicjiio, leviter striatiim, striis per
longitudinem sitis (die Anwachsstreifen sind in der That sehr
deutlich), ex livido et albido fasciatum" lassen keinen Zweifel.
Auch ist es gar kein Wunder, dass Linne, der so viele Scha-
len aus dem Mittelmeer von ßrander Logie und anderen erhal-
ten, diese dort so gemeine Schnecke gekannt habe. Die Worte
„testa Neritis maxime affin is" nicht similis des Linne be-
stätigen vollkoirunen meine Ansicht, dass Linne's Turho neri-
toides die Littoriiia Basteroti sei, denn diese ist aller-
dings den Neriten verwandt durch die ebene innere grad-
linige Rippe, und die halbrunde Ooffiuing, wogegen Turho
ohtusatus L., den man geuöiuilich T. neritoides nennt, in die-
sen Theilen keine Verwandtschaft mit Nerita zeigt, sondern
nur eine Aeh nl ich k ei t in der äussern Gestalt mit die-
sem Genus besitzt. Ein Linne erkeiuit die erste, ein Schrö-
ter nur die äussere Aehnlichkeit. Hätte Linne anstatt obtu-
siuscula acutinscula geschrieben, so wäre allerdings alle Mög-
lichkeit eines Zweifels beseitigt. Unerlaubt ist es aber wahr-
lich, dass Schröter Einl. II. p. 4 die Abbildung von Gualtieri
ohne weiteres verwirft, das Vaterland, welches Linne angiebt,
das Mittelmeer in „die Europäischen Meere und die Westindi-
schen Ufer" verändert und T. neritoides als eine Scliale be-
schreibt, welche „einen platten Wirbel und noch eine
plattere Endspitze hat." Ist das eine testa obtusiuscula?
272
Wenn Schröter hei Turho ohtusatus \). 3 sagt: „nach die-
sen Kennzeichen des Linne scheint es nun zwar nicht schwer
zu sein, diese kleine (wo sagt denn Linne, dass sie so klein
sei?) Schnecke zu erkennen, allein man nehme die drei Gat-
tungen, die Linne Turho ohtusatus , Turho neritoides und
Nerita littoraUs nennt, vergleiche sie nach Beispielen und
Zeichnungen der Schriftsteller, \md man wird sich kaum her-
ausfinden können" ; so behaupte ich dagegen, Linne habe diese
drei Arten wohl geschieden, hinlänglich scharf characterisirt,
und dieConfusion sei hauptsächlich durch Herrn Schröter ent-
standen, welcher einen jungen Turho ohtusatus L. „ein ganz
kleines Beispiel" als diesen, die grösseren als T. neritoides
(der doch grade nach Linne klein ist) beschrieben, ganz will-
kürlich Linne's Citat weggeworfen und das Vaterland ver-
ändert, und ebenso wenig richtig Linne's Nerita littoraUs er-
kannt hat.
18. JVerita littoraUs Xr»
„N. testa laevi, vertice carioso, labiis edentulis. —
Fn. Suec.2195. — It. oel.261 (beide kann ich nicht nach-
sehn). — List. angl. 164 t. 2 f. 3 (kann ich ebenfalls nicht
nachsehn). — List, conch. t. 4 ser. 8 f. 39 (nach Schrot. 649
f. 39 Druckfehler, ist ein knotiger Turbo, es soll wohl heissen
ser. 5 f. 39 oder t. 607 f. 39, wo Turho ohtusatus L. zu
sehn ist). — Petiv. Mus. 67 Nr. 717 (kann ich nicht nach-
sehn). — Gualt. t. 4 f. LL (ist Nerita fluviatilis). — Hab.
ad Maris Europaei littora scopulosque, modis innumeris va-
riegata, eadem minor in lacubus dulcibus." Ed. XH.
p. 1253 nr. 724.
Nr. 723 ist Nerita fluviatilisL. „testa rugosa, labiis
edentulis." Nr. 725 N. lacustrisL. testa laeviuscula cornea,
apice exquisito, labiis edentulis. Letzteres ist bekanntlich
eine Varietät der N. fluviatilis. Linne stellt also seine N-
littoraUs zwischen zwei Varietäten der N. fluviatilis und
unterscheidet sie hauptsächlich durch den abgefressenen Wirbel.
Hieraus erscheint es allein schon wahrscheinlich, dass seine
N. littoraUs auch nur eine Varietät der iV. fluviatilis sein
müsse, der Tmho ohtusatus und T. neritoides auct. kann es
aber nicht im Entferntesten sein, denn von diesen kann L.
273
imniögiich sagen: habitat in lacubus dulcibus, dies kann nur
von einer Neritina gelten. Dass diese Ansicht die richtige ist,
folgt ferner daraus, dass Neritina fliiviatilis wirklich in der
Ostsee vorkommt, wo Liune fn. suec. u. iter oeland. die Ne~
rlta littoralis angibt, und zwar grade mit abgefressenen Wir-
beln (ich selbst besitze solche Exemplare von Zoppot bei Dan-
zig), während Turho ohtusatus L. oder neritoides Schroet.
etc. in der Ostsee nicht vorkommt, und von Linne nicht
darin angegeben wird. Diesen Betrachtungen gegenüber kön-
nen wir auf das Citat von Lister Couch, kein Gewicht legen,
dem Gualtieri gegenübersteht, um so mehr, als Linne selbst
sagt, er habe nicht alle Citate aus Lister mit eigenen Augen
gesehen*). — Wenn daher Schröter Einleit. p. 2SS. sagt: „ich
glaube, dass Turho neritoides und Nerita littoralis L. nicht
zwei verschiedene Schneckengattungen sind," so irrt er gewal-
tig. Weiter sagt er selbst: „Wenigstens würde unter Nerita
littoralis und ßuviatilis kein Unterschied sein." — Nachträg-
lich noch die Bemerkung, dass im M. L. ü. R. Turho neritoi-
des und littoralis fehlen, und dass Fleming bist, of british
animals 318. ur. 270. eine Nerita littoralis, aber kein Turho
neritoides oder ohtusatus vorkouunt; Fleming citirt auch List.
Conch. 607 f. 39 — 44, aber nicht wie Linne List. angl. 164
t. 2 f. 3, sondern 164 t. 3 f. 11, 12, 13. — Unsern T. ohtusa-
tus bringt er mit Neritina virginea, welche nach Turton \"
gross an der Westküste Irlands vorkommen soll (etwa die N.
littoralis i. e. var. der ßuviatilis?), in ein Genus!
SolcherParadoxen findet man in dem Buche viele. Noch mehr
zu bedauern ist es aber, dass Fleming beinahe nie einen französi-
schen oder deutschen Schriftsteller, sondern nur seine Lands-
leute citirt, als ob jedes Volk eine Zoologie für sich haben
müsste. Fast sollte man glauben, dass er absichtlich hierauf
hinarbeitet, wenn man sieht, dass er z.B. Triton nennt, was
alle Welt Murex heisst, Terehra, was Jedermann unter Ce-
rithium kennt, den sehr deutlichen Strombus ornatus Des-
hayes, welchen Sowerby als Murex hartoniensis abgebildet
*) Ed. XII. p. 1210 Note: „Listeri conchylionim historiam cum
tabularum numeris adpositis non obtinui, citationes einsdem nonnul-
las aliorum oculis tantum vidi.
Archiv f. Naturgesch. VII. Jahrg. 1. Band. 18
274
hat, und welchen Herr Agassiz *) zu Tritonium Anus stellen
will (sie!), nebst der ilm;°-ia/Za Desh. unter Co/wm&eW« bringt;
die Marginella catenata, welche sich nur durch die Färbung
von Volvaria miliacea unterscheidet, als eine Valuta be-
schreibt u. s. fort. Heisst das nicht die Wissenschaft in eine
heillose Confusion stürzen?
29. Melicc amhigua Xt»
Ed. XII p. 1251 nr. 714 ist Fossarus Adansoni. Linne
citirt Adanson's Fossar und beschreibt die Schale vortrefflich,
wie immer, aus eigener Anschauung. Er hat sie aus dem
Mittelmeer bekommen. Herr Pfeiffer in seiner Synonymie
von Helix hat es schon erwähnt, und ich bemerke es nur dess-
halb, weil man dieses Thier schwerlich unter Helix suchen
wird. _ Schröter Einleit. II. p. 178 hat, vielleicht nur durch
einen Schreibfehler, hinter dem Citat aus Adanson ein ? ge-
setzt, welches Gmelin pag. 366.5 nr. 157 getreulich copirt hat.
Nachdem Gegenwärtiges bereits geschrieben war, bekam
ich einen Brief von Hrn. Dr. Jonas in Hamburg, worin er Fol-
gendes über Nerita glaucma L. schreibt:
20, Werita glaucina Tj,
N. testa umbilicata, laevi; spira obtusiuscula; umbiHco se-
raiclauso; labio gibbo, discolore. — Fn. suec. 2197.— Mus.
L. U. 674 nr. 384. — Rumph mus. t. 22 f. A. (Eine sehr rohe
Figur, der Beschreibung nach offenbar iN'"«fic« vitellus Lamk.:
„dooyer geel, zoo dat man ze voor een dooyer van een ey zoude
anzien" etc. — ) Gualt. 67 M. (ist N. fulminea Lam. punctata
Swains), P (will ich nicht deuten), T (ist N. punctata Swains.)
*) p. 63 der deutschen Uebersetzung von Sowerby's Mineral Con-
chology. Derselbe Gelehrte sagt ibid. p. 13: die Cypraeen seien
links gewunden, was doch wahrlich ein sonderbares Versehen ist,
das um so mehr angezeigt werden muss, je grösser die Autorität
von Agassiz ist.
275
— List. angl. 163. t. 111. f. 10. — Adans. 1. t. 13. f. 14.
(Druckfehler für 4, ist iV. fulmined). — Hab. in Oceano
africano.
„Woher mag es kommen, dass sp viele Schriftsteller diese
Conchylie mit einer von derselben himmelweit verschiedenen,
der Natica glaucina Chemnitz, Lamarck etc. (die Linne Ne-
rita albumen nennt) verwechselt haben? Deshayes macht in
einer sehr weitläufigen Note hierauf aufmerksam, doch kann
ich ihm nicht ganz beipflichten. Wahr ist es, dass Linne im
Syst. Nat. oder im Mus. L. U. sich über diese Conchylie nicht
deutlich ausspricht, aber in der Fauna suecica gibt er unter
nr. 1324 eine herrliche Beschreibung seiner Nerita glaucina:
„„Cochlea subrotunda, obtusa, umbilicata; fasciis quinque ma-
culis ferrugineis sagittatis, secunda lineis undulatis. — List,
anim. Angl. 163 t. 3 f. 10. — Hab. in Mari. — Descr. Magnitudo
nucis Coryli; testa subrotunda, obtusa, quatuor anfractuum,
albida, basi perforata seu umbilicata; anfractus (praesertim in-
fimus) fasciis 5 pinguntur, quarum prima seu superior maculis
ferrugineis sagittatis constat, secunda maculis ferrugineis ob-
longis undulatis, tertia, quarta et quinta maculis ut in prima" ".
— Dass hiernach die ächte ISerita glaucina L. zu bestimmen
und dass es Naiicd marochicnsis Lamk. ist, werden
Sie leicht erkennen. Die Figur des Lister ist zwar grösser
als Linne angiebt, und zeigt auch keine Binden, allein hieran
dürfen wir uns nicht kehren; Lister sagt bei Beschreibung
dieser Schnecke: „sed de colore in vlvis animalibus nihil cer-
tum affirmare possum, quod testas vetustas tantum et maris
agitatione multum detritas adhuc vidi." (Die Engländer be-
schreiben als Natica glaucina die Natica monilifera
Lamk., und dies ist wohl die Ursache, warum Deshayes ed. H.
Lamarck VIII. p. 626 sagt: il nous semble que Linne a eu en
vue l'espece commune dans les mers d'Europe et ä laquelle
Lamarck a donne le nom de N. monilifera. Hätte Deshayes
die Fauna suecica angesehen, so wäre er in diesen Irrthum
nich tverfallen.)"
„Vergleichen wir die N. maro chiensis mit der N.
fulminea, so finden wir den Unterschied nicht so sehr be-
deutend, und es lässt sich leicht denken, dass Linne jene Ab-
bildungen des Gualtieri und Adanson für Varietäten seiner
18*
276
Nerita glaucina angesehn hat, die sich bloss durch Grösse
und Zeichnung unterscheiden." Beide Arten sind übrigens
wesentlich verschieden ; N. fulminea hat z. B. einen kalkigen,
N. marochiensis , die ich mit dem Thier lebend beobachtet
habe, einen hornigen Deckel.
Einige neue Land- und Süsswasser-Conchjlien,
beschrieben von
E. Ch. L. G r u n e r.
Hierzu Taf. XI.
Tfnio Mfelphinus.
Fig. 1.
Un.: testa elliptico- oblonga, subcompressa, posterius an-
gulata, viridi-fusca, transversira subrugosa, inferius arcuata,
superius antice recta, mucronata, pone nates alata, ala liga-
nientum celante erecta, triangula, posterius hiante, acumine
bifido aut adunco, retroflexo; cardinis dentibus crenulatis:
primariis exilibus, lateralibus distinctis, rectis; margarita
carneo-opalina.
Long. 5 poU.; alt. valv. 1 poU. 10 lin.; alae 1 poll. 8 lin.
= 3 poll. 6 lin.
Hab. in Songi flumine Malaccae.
Interessant durch die beträchtliche Grösse des von beiden
Schalen aufsteigenden und also aus zwei, mit der inneren
Fläche zusammengewachsenen Platten bestehenden, das Liga-
ment verbergenden, beinahe gleichseitig dreieckigen Flügels
auf dem Hinteroberrande. (Character der Gattung Symphy-
nota Lea.)
An den mehrsten Exemplaren ist dieser Flügel an der
Spitze durcli einen kleinen Einschnitt zweispaltig; an einem
der vorhandenen Exemplare ist die Spitze zwar ganzrandig,
aber nach hinten zurückgebogen, etwas faltig. (S. fig. 1 c.)
277
Der kleine, beinahe stumpfe, etwas vor- oder auch in die
Höhe stehende und dann gleichsam einen, immer aber sehr
viel kleinern zweiten Flügel darstellende Fortsatz am Vorder-
oberrande findet sich nur vor, wenn die Muschel noch nicht
gar alt und wohl erhalten ist. — Sie ist zunächst verwandt
mit Symphynota laevissima Lea und Symphynota bialata Lea,
unterscheidet sich jedoch von beiden durch ihre gestrecktere
Form, die im Verhältnisse zur Höhe der Schalen beträcht-
lichere Grösse des Flügels, die Beschaflfenheit der Schlosszähne
und andere, in der Diagnose angegebene Merkmale hinlänglich.
Nach einem, dem bekannten Conchiologen in Philadelphia,
Herrn Is. Lea, eingesandten Exemplare dieser interessanten
Muschel, ist solche durch selben ebenfalls unter der ihr von
mir beigelegten Benennung beschrieben und publicirt.
Hierher gehören die Figuren:
No. 1. — Ansicht von der Seite..
- 1 a, desgl. von vorne.
- Ib. desgl. von Innen.
- 1 c. desgl. der Varietät des Flügels.
Bulimus Menkei.
Fig. 2.
B. testa ovata-oblonga, anguste perforata, solidiuscula,
laevi, ochroleuca, strigis distantibus fuscis, obsolete serra-
tis vittisque rarioribus nigris radiata; anfractuum infimo in-
ferius fascla zonaque ad basin nigris; inferioribus tribus ad
suturam linea nigra cinctis; spirae conoideae obtusiusculae
anfractibus sex , convexis ; labro acuto, intus margiaato : pe-
richelis nigro; labro columellari albo.
Long. 9 lin., lat. 4 lin.
Hab. in Reipublicae Venezuelae provincia Orinoco.
Diese', meinem hochverehrten Freunde, Herrn Medicinal-
rath Dr. Menke gewidmete, allerliebste, eigenthümliche und
selbstständige Art, ist den Cochlogenis Fier., der Abtheilung
Oxycheli Mke. angehörig.,
Ich empfing mehrere Exemplare davon durch einen Be-
kannten in Angostura am Orinoco, nach dessen Angabe selbe
278
in der Umgegend eines, nicht fern von der Stadt liegenden
kleineu Landsees gesammelt worden sind.
Xtulimus A.ngo8turensis.
Fig. 3.
B. testa ovata-elliptica, perforata, solida, epidermide fulva
induta, longitudinaliter striata, striis subtilioribus transver-
sis decussata; spirae conoideae, obtusae anfractibus sex,
turgidulis, sutura profunda distinctis; labro reflexo.
Long. 9 lin., lat. 4^ lin.
Hab. in Republicae Venezuelae Provincia Orinoco.
Er gehört zu den wahren Bulimis, nach Ferrus. zu den
Cochlogenis Lomastomis, nach Menke in die Abtheilung A.
Veri, ** Conoidei, in die Nähe unsers vaterländischen Buli-
mus montanus Dr., von dem er sich durch die, in obiger
Diagnose angegebenen Kennzeichen und insbesondere durch
seine Dimensionen allerdings wesentlich unterscheidet. —
Fundort wie Nr. 2.
Bremen, im October 1840.
Ueber die Seesclilaiige der Norweger.
Von
Heinrich Rathke.
Auf einer Reise, die ich durch Norwegen machte, benutzte
ich die Gelegenheit, über ein noch immer räthselhaftes und
selbst bezweifeltes Thier, die sogenannte Seeschlange (See-Orm
in der Sprache der Norweger) Erkundigungen einzuziehen.
Die günstigste Gelegenheit dazu bot sich in Christiansund dar,
in dessen Umgebung man dieses Thier nicht selten bemerkt
haben will.
Im Allgemeinen nun erfuhr ich über die Seeschlange
Folgendes: Am öftersten ist sie in den grössern Meerbusen
Norwegens gesehen worden, nur selten im offenen Meere. In
dem so ansehnlich grossen, vielfach verzweigten und insel-
279
reichen Meerbusen von Christiansund hat sie fast alljährlich
sich erblicken lassen*), jedoch nur in der wärmsten Zeit des
Jahres, nämlich in den Hundstagen, und auch dann nur, wenn
die Luft ganz still und die Oberfläche des Wassers ganz glatt
war. Wenn das Wasser nacli dem Erscheinen derselben, war
es auch nur wenig, in Bewegung gesetzt wurde, verschwand
sie sogleich. — Gross ist die Furcht vor ihr, so dass selbst
viele sonst beherzte Fischer sich während der Hundstage nicht
weit aufs Wasser begeben, ohne Asa foetida mitzunehmen, von
welcher Substanz man behauptet, dass sie, ins Wasser gewor-
fen, durch ihren Geruch das Thier vertreibe. Ausserdem aber
rathen die Fischer an, dass bei dem Herannähern einer See-
schlange die grösste Stille beobachtet und daher auch das Rudern
eingestellt werde, weil jedes Geräusch sie noch mehr heranlocke.
Um aber mehr, als dergleichen ins Allgemeine gehende und
in dem Volke umlaufende Erzählungen zu gewinnen, wandte
ich mich an mehrere Personen, die mit eignen Augen die See-
schlauge gesehen haben wollten. Einige davon, die auf eine
Aufforderung der Gebrüder Soeren und Wilhelm Knutszon,
zweier angesehener und sehr gebildeter Kaufleute, mich be-
suchten, befragte ich darüber mündlich; für andere aber hatte
ich etliche Fragen aufgeschrieben, die mir schriftlich beant-
wortet wurden. Was meine Erkundigungen ergaben, will ich
in dem Nachstehenden jetzt anführen.
1) NilsRee, Arbeitsmann bei dem Herrn Wilh. Knutszon,
ein ältlicher schlichter Mensch, sagt aus: Ich sah die Schlange
2mal, einmal um die Mittagszeit, das andremal ein Paar Tage
später gegen Abend, in dem Fiord hinter dem Garten des
Herrn Knutszon. Das erstemal war sie von mir, als sie sich
mir am nächsten befand, nur einige wenige hundert Fuss ent-
fernt. Sie schwamm damals erst den Fiord entlang, dann von
der Gegend aus, wo ich am Ufer stand, quer über. Ich habe
sie damals über ^ Stunde gesehen. Einige Fremde, die sich gegen-
über am Ufer befanden, schössen auf sie, worauf sie verschwand.
Das andremal war sie weiter von mir entfernt. Sie war nur
klein, etwa noch einmal so lang als das Zimmer, in dem wir
sind (im Ganzen also circa 44 Fuss), und machte beim Schwim-
*) Besonders häufig will man sie in demjenigen Theile des Meer-
busens bemerkt haben, in welchem das Dorf Lorvig liegt.
280
men Schlangen- Bewegungen theils seitswärts, theils auf und ab.
Ihre Dicke kann ich nicht genau angeben, sie schien aber in
Verhältniss zu ihrer Länge etwa so dick wie eine gewöhnliche
Schlange (Natter) zu sein. Nach dem Schwänzende hin nahm
ihre Dicke sehr ab. Der Kopf erhob sich mehrmals ganz aus
dem Wasser, so jedoch, dass er nur wenig über demselben
hervorsah; der Hals aber und der übrige Theil des Körpers
ragten nur wenig aus dem Wasser hervor. Der Kopf lief nach
vorne etwas spitz zu: die Augen waren sehr gross und glänzten
wie die einer Katze. Eine Zunge habe ich nicht gesehen, auch
überhaupt nicht bemerkt, dass das Thier das Maul aufgemacht
hätte. Ob der Hals gleich hinter dem Kopfe viel dünner war
als dieser, kann ich nicht angeben, denn hinter dem Kopfe
begann eine Mähne, wie die eines Pferdes, die sich auf dem
Wasser hin und her bewegte. Gleich hinter dem Kopfe war
sie am dicksten (breitesten), wurde von da aber nach hinten
immer dünner. Im Ganzen war sie nicht sehr lang. Die Farbe
des ganzen Thieres war braun -schwarz.
2) John Johnson, Kaufmann, circa 60 Jahr alt, giebt in
deutscher Sprache Folgendes an: Ich sah das Thier vor mehrern
Jahren im Fiord in einer Entfernung von circa 1000 Schritten,
als es mir am nächsten war, und im Ganzen ungefähr ^ Stunde
lang. Es schwamm sehr schnell: denn in derselben Zeit, dass
wir seitwärts von ihm rudernd \ Meile zurücklegten, war es
etwa "5^ Meile geschwommen. Am deutlichsten sah ich es, als
es um eine massig grosse Klippe, die ihm im Wege war, auf
der mir zugekehrten Seite in einem Halbkreise herumschwamm,
indem es sich dabei theilweise am meisten über das Wasser
erhob. Seine Farbe war schwärzlich: seine Länge betrug un-
gefähr die des Hauses, in welchem wir uns befinden (55 Fuss).
Ausser seinem Kopf habe ich vom übrigen Körper nur wenig
zu sehen bekommen, weil dieser, selbst theilweise, nur wenig
über den Wasserspiegel kam: doch glaube ich nach dem zu
urtheilen, was ich davon ab und zu wahrgenommen habe, die
Dicke des Rumpfes mit der eines grade nicht fetten Mannes
vergleichen zu dürfen. Der Kopf hatte in der Entfernung, in
der sich das Thier von mir befand, die scTieinbare Grösse
etwa von einem Hutkopfe. Vorne lief derselbe nicht spitz
aus, sondern schien abgestumpft zu sein: überhaupt aber war
281
er im Vergleich zu seiner Dicke nicht sonderlich lang. Er
wurde nur wenig über dem Wasserspiegel gehalten, und zwar
in einem spitzen Winkel, blieb aber fast immer, so lange ich
das Thier sah, über dem Wasser. Augen habe ich nicht deutlich
der Entfernung wegen unterscheiden können. Von einer Mähne
habe ich gleichfalls theils der Entfernung wegen, theils weil
der Hals selten und nur wenig über das Wasser hervorkam.
Nichts erkennen können. Die Bewegung, in die das Wasser
durch das Thier versetzt wurde, war sehr stark. Die Bewe-
gungen des Thieres selbst waren schlangenförmig, aufwärts
und abwärts, wie die eines schwimmenden Blutegels. Als das
Thier an eine Stelle gekommen war, wo das Wasser durch
einen aufsteigenden schwachen Wind gekräuselt wurde, ver-
.schwand es. Uebrigens glaube ich, dass das Thier nicht sehr
zu fürchten ist, und dem Menschen nicht leicht Schaden zu-
fügen dürfte.
3) Lars Johnöen, Fischer aus Smölen, circa 50 Jahr
alt. Ich habe die Seeschlange mehrmals gesehen, am längsten
und nächsten aber vor 12 Jahren in den Hundstagen im Fiorde
nicht weit von hier, als ich allein in einem Boote an einem
Nachmittage mit der Angel fischte. Ich sah sie damals im
Laufe von 2 Stunden dreimal längere Zeit ganz in meiner
Nähe. Sie kam an mein Boot dicht heran, so dass sie nur
ungefähr 6 Fuss von mir war, (Er stellte sich im Zimmer in
einer Entfernung von kaum 6 Fuss von der Wand, und sagte,
so gross sei etwa der Raum zwischen ihm und der Schlange
gewesen). Mir wurde sehr bange , ich befahl daher Gott meine
Seele, legte mich im Boote nieder, und hielt den Kopf nur so
weit über den Bord, dass ich die Schlange beobachten konnte.
Sie schwamm jetzt bei dem Boote vorbei, das durch die Be-
wegungen des früher spiegelglatten Wassers in ein sehr starkes
Schwanken und Tanzen versetzt wurde, und entfernte sich.
Nachdem sie eine beträchtliche Strecke von mir fortgeschwom-
men war, wickelte ich meine Angeln auf das dabei gebräuch-
liche Instrument (einen Rahmen, der um eine Achse beweglich
ist) auf, und fing wieder an zu fischen. Nicht lange danach
aber kam die Schlange wieder ganz dicht ans Boot, das aufs
Neue durch die von ihr verursachten Bewegungen des Wassers
stark geschaukelt wurde. Ich legte mich abermals nieder und
282
verhielt mich ruhig, wobei ich jedoch das Thier fortwährend
im Auge behielt. Auch jetzt ging es bald an mir vorüber,
entfernte sich nun aus meinem Gesiclitskreise, und kam dann
nochmals wieder, doch nicht so nahe zu mir, wie früher, und
verschwand endlich, als ein leichter Wind aufstieg und das
Wasser etwas bewegte. Ungeachtet meiner Angst habe ich
das Thier doch recht genau beobachtet. Es hatte eine Länge
von etwa 5 bis höchstens 6 Faden, und am Rumpfe, der rund
wie der einer Schlange war, die Breite von ungefähr 2 Fuss.
(L. J. bezeichnet auf einem vor ihm stehenden Tische mit den
Händen einen Raum, der etwa 2 Fuss lang war). Auch der
Schwanz schien mir rund zu sein. Der Kopf hatte die Länge
eines Brandweinankers und auch ungefähr die Dicke desselben,
und war vorne nicht spitz, sondern stumpf abgerundet. Die Au-
gen waren sehr gross, rund und glänzend. Ihre Grösse (Quer-
durchmesser) war ungefähr gleich der Breite der vor mir ste-
henden Schachtel (5 Zoll) und ihre Farbe so roth, wie die
meines Halstuches (karmoisinroth). Den Mund öffnete das
Thier nicht, ich kann daher auch nicht seine Grösse angeben.
Den Kopf hielt es immer über dem Wasser unter einem spitzen
Winkel, streckte ihn aber nicht so weit vor, dass die Schnauze
über den Bord eines Bootes hinaus geragt hätte. Gleich hinter
dem Kopfe begann eine Mähne gleich der eines Pferdes, die
längs des Nackens in einer ziemlich grossen Strecke verlief,
nach beiden Seiten (rechts und links) ausgebreitet war, auf
dem W^asser schwamm, und aus ziemlich langen Haaren be-
stand. Die Mähne, wie der Kopf und der übrige Körper,
war so braun wie der Rahmen dieses Spiegels (dunkelbraun
des alten Mahagoni-Holzes). Flecken, Streifen und dergleichen
von anderer Farbe habe ich nicht bemerken können: auch
habe ich nicht Schuppen gesehen, vielmehr schien die Haut
des Thieres ganz glatt zu sein. Die Bewegungen der Schlange
waren mitunter sehr rasch, mitunter nur langsam, so nament-
lich, als das Thier bei meinem Boote war. Als ich sie am
besten übersehen konnte, waren sie schlangenförmig auf und ab.
Die einzelnen Bogen, die von den Theilen des Rumpfes und
Schwanzes, welche aus dem Wasser hervorragten, gemacht
wurden, betrugen wohl nicht einen Faden. Diese Bogen aber
trafen nicht so weit über das Wasser hervor , dass ich zwischen ■
283
ihnen und dem Wasser hätte hindurch sehen können, sondern
die Bauchseite des Thieres blieb immer im Wasser. — Als L. J.
diese Angaben gemacht hatte ,. wurde ihm die Abbildung vor-
gelegt, die Pontoppidan von der Seeschlange gegeben hat.
Bewundernd betrachtete er sie, lächelte, und sagte, er finde
eine grosse Aehnlichkeit zwischen ihr und dem von ihm gese-
henen Thiere. Dann äusserte er noch, er glaube, dass einige
von den übrigen Seeschlangen, die er gesehen habe, wohl ein
gut Theil länger gewesen seien, als die oben beschriebene.
4) Der Kaufmann Wilhelm Knudtzon und der Kandi-
dat der Theologie Booklune geben schriftlich Folgendes an.
Wir sahen zusammen die Seeschlange in einem schmalen Meer-
busen in einer Entfernung von — Meile, und zwar ungefähr
~ Stunde lang, nach welcher Zeit sie untertauchte, und dann
so weit von uns entfernt wieder empor kam, dass wir sie
nicht mehr deutlich sehen konnten. Das Wasser war spiegel-
glatt, und das Thier hatte, indem es sich an der Oberfläche
des Wassers bewegte, ganz und gar das Aussehen eines Wurms
oder einer Schlange. Die Bewegungen des Thieres waren in
Buchten und so stark, dass sich vor ihm her weisser Schaum,
an den Seiten desselben aber Wellen zeigten, die wohl mehrere
Faden sich forterstreckten, lieber das Wasser ragte es nicht
sehr hoch hervor, und es war hauptsächlich seine Länge, welche
beträchtlich war. Einmal jedoch streckte es den Kopf ganz
senkrecht in die Höhe. Die Farbe des Leibes war etwas dunkel
und der Kopf fast ganz scliwarz: der Körper hatte ganz die
Form eines Aales oder eines Wurmes, eine Länge von unge-
fähr 50 Ellen, und eine im Verhältniss zu dieser unbedeu-
tende Dicke: die Dicke nahm von dem Vordertheile merklich
ab, so dass der Hintertheil sich fast in eine Spitze endigte.
Der Kopf war lang und schmal im Verhältniss zum Halse:
denn dieser sah viel dicker als jener aus, was vielleicht daher
kam, dass er mit einer Mähne versehen war. Die einzelnen
Theile des Kopfes Hessen sich nicht unterscheiden, weil dazu
die Entfernung zu gross war.
5) Der Sorenskriver Gaeschke (eine Justizperson, zu
vergleichen mit unsern Landrichtern) gab mir folgende Be-
merkungen. Ich sah die Seeschlange in einem schmalen Meer-
busen geraume Zeit hindurch, erst von einem Boote, dann
284
vom Ufer aus, von dem letztern mehrere Minuten nur in einer
Entfernung von 30 bis 36 Fuss. Anfangs schwamm sie im Meer-
busen von Torvig herum, dann ging sie auf die Tiefe hinaus.
Den Kopf von ihr sah ich ziemlich bedeutend aus dem Wasser
hervorragen: auch konnte ich von dem vordersten Theile des
Leibes 2 oder 3 Biegungen über dem Wasser sehen. Die Be-
wegungen waren nicht denen eines Aales ähnlich, sondera
schienen mir in auf- und absteigenden Biegungen zu bestehen.
Sie gingen mit solcher Stärke vor sich, dass sie ziemlich
grosse Wellen veranlassten: am grössten waren diese am vor-
dem Theile des Thieres und wurden nach hinten immer klei-
ner: Spuren von ihnen zeigten sich meinem Gesichte in einer
Länge von 8 bis 10 Faden und in einer Breite von 2 bis 3
Faden. Der anscheinend vorne stumpfe Kopf hatte die Grösse
und beinahe auch die Form eines Fischerquartiers oder eines
Ankers, und die mir sichtbaren Biegungen des Leibes hatten
eine runde Form und die Dicke eines starken Rundholzes.
Die Länge des ganzen Thieres konnte ich nicht beurtheilen,
indem ich von dem hintersten Theile nichts wahrnahm. Die
Farbe des Thieres schien mir stark schwarzgrau zu sein. Was
ich für die Augen ansah, hatte meiner Schätzung nach die
Grösse des Umkreises einer Theetasse. Hinter dem Kopfe
befand sich eine Mähne, und es hatte dieselbe die Farbe des
übrigen Körpers.
Anmerkung. Nach einem Briefe, den ich vor einiger Zeit von
Herrn Soern Knudtzon erhielt, soll einige Wochen später, als
ich Christiansund verlassen hatte, dort von mehreren Personen
wieder eine Seeschlange gesehen -svorden sein, und nach einem
an mich gerichteten Briefe des Dr. Hoffmann, eines ehrenwerthen
praktischen Arztes in der Stadt Molde, die mehrere Meilen süd-
lich von Christiansund an einem der gröfsten Fiorde liegt, wol-
len im Jahr 1840 der Schuldirector Hammer, der Adjunct Kraft
und einige andere Personen, die zusammen in einem Boote eine
Fahrt auf diesem Fiorde machten, in demselben aufs deutlichste
eine sogenannte Seeschlange von sehr bedeutender Gröfse haben
schwimmen sehen.
Will man nun die eben mitgetheilten Angaben einer Prü-
fung unterwerfen, so wird man bald finden, dass sie niclit
blos manches einander Widersprechende enthalten, sondern
auch einzeln genommen nicht besondere Ansprüche auf Ge-
285
nauigkeit machen können. Jedoch glaube ich, dass man von
ihnen wenigstens s# viel als richtig ansehen kann, dass das,
was die Personen, die mir jene Angaben machten, für ein lang-
gestrecktes Thier gehalten haben, wirklich auch ein solches
gewesen sei. Denn ich wiisste nicht, was die Ursache des
Trrthums hätte sein können, der den Glauben an ein solches
Thier erzeugt hätte. Zwar ist es mir bekannt, dass Einige der
Meinung sind, es sei, was man für eine sogenannte Seeschlange
gehalten habe. Nichts weiter als ein Zug von Delphinen gewesen,
die in einerReihe hinter einander fortscliwammen. Allein alle jene
Personen, von denen die oben mitgetheilten Angaben herrühren,
waren mit dem Meere zu vertraut und hatten oft genug Del-
phine beisammen gesehen, als dass sie durch eine Reihe solcher
an der Oberfläche des Wassers fortschwimmenden Thiere so
arg sich hätteii täuschen lassen können. Wäre dies aber der
Fall gewesen, so müssten alle mir gemachten Bemerkungen
über die Haltung des Kopfes der Seeschlange und über die Ge-
stalt desselben blosse Erdichtungen gewesen sein, was ich nicht
gut glauben kann. Diesem allen nach scheint es wohl nicht be-
zweifelt werden zu dürfen, dass es bei Norwegen in dem
Meere ein langgestrecktes schlangenförmiges Thier giebt, das
zu einer bedeutenden Grösse heranwachsen kann.
Welcher Gruppe von bekannteren Thieren nun aber das-
selbe beigezählt werden dürfte, darüber lässt sich natürlicher-
weise noch Nichts mit einiger Gewissheit bestimmen. Sehr
nahe jedoch liegt die Vermuthung, dass es demjenigen zunächst
verwandt sei, welches im Jahre 1816 bei Stronsa, einer von
den Orkneys-Inseln strandete, und von welchem mehrere Stücke
des Skeletes an das Museum der Universität zu Edinburg und
an das Museum des Königlichen Collegiums der Wundärzte
gekommen sein sollen. Eine Notiz darüber, die aus dem Werke:
The naturalist's Library. Amphibious Carnivors, including the
Walrus and Seals also of the Herbivorous Cetacea. By B.
Hamilton, M. D. (Edinburgh, Lizars) entnommen ist, habe
ich in dem Londoner Journale: The Athenaeum (Jahrgang v.
1839, Seite 902) gelesen. Eine ausführliche Beschreibung der
geretteten Trümmer des Thieres soll vom Dr. Barclay im
ersten Bande der Verhandlungen der Wernerschen Gesellschaft
286
gegebe» worden sein: fliese Verhanaiung aber habe ich mir
nicht zur Ansicht verschaffen können. Nach jener erwähnten
Notiz nun war das bei Stronsa gestrandete Geschöpf 56 Fuss
lang und hatte (an der dicksten Stelle?) 12 Fuss im Umkreise.
Der Kopf war dünn und einen Fuss lang, der Hals schlank und
15 Fuss laug. Die Bewegungswerkzeuge sollen in 3 Paar Flos-
sen bestanden haben: von dem einen Paare aber wird vermu-
thet, dass sie eigentlich eine Schwanzflosse zusammengesetzt
haben. Die des vordersten Paares waren über 4 Fuss lang, [
überhaupt am grössten, und ihre Enden nahmen sich einiger-
maassen wie Zehen aus, waren aber theilweise verschmolzen.
Von der Schultergegend ging eine Art von borstiger Mähne
aus, die sich bis nahe an das Ende des Schwanzes (Tail) er-
streckte. Die Haut war glatt, ohne Schuppen und von grauer
Farbe. Das Auge war so gross, wie das eines Seehundes.
Der Schlund war zu enge, um eine Hand hindurchzulassen*).
Nach diesen, freilich sehr unvollständigen Bemerkungen
zu urtheilen, namentlich aber nach den Angaben, dass der
Kopf verhältnissmässig sehr klein, der Hals sehr lang und
dünn und die Extremitäten flossenartig gewesen sind, darf
man 'vermuthen, dass das bei Stronsa gestrandete Thier dem
Plesiosaurus ähnlich gewesen ist, also zu den Amphibien und
zwar zu den Sauriern gehört hat. Ist dies aber der lall
■ n Auf Veranlassung des Verfassers habe ich die Memoirs of the
Wernerian Society nachgeschlagen, und ^«^ ^^^^1^"°^'^^' ^^£
über dem fraglichen Gegenstand noch schwebt, schemt es der Mut
nicht umverth, etwas näher auf jene Abhandlung «"zugehen Sie
enthält die Beschreibung einiger Theile des im Septbr 1808 auf die In 1
Stronsa angetriebenen Thiers durch Dr. Barclay, und einige auf as^
selbe bezügliche Zeugenaussagen. Unter den let^t^r^ befindet sich
ein Schreiben des Geistlichen Maclean von den Small sles Er b^
richtet, im Juni 1808, als er neben der Küste von Coli auf seinem
Boote fuhr, ein grosses Seethier gesehen zu haben. Es hatte dn
Kopf hervorgehoben, der in der Entfernung von einer halben (engL
Meile wie eine Felsenspitze aussah, bis er bei einer Wendung da
Auge gewahrte. Erschreckt steuerte er der Küste zu Das inier
,vandte den Kopf nach ihm, tauchte unter und verfolgte ihn W
war indess in eine Bucht eingelaufen, die für das Thier zu eicht
war, das sich mit einiger Mühe zurückzog. Der Kopf war oval, et
was breit, der Hals schmal, die Schultergegend tvieder breiter ; Hos
287
gewesen, und wäre dem bei Stronsa gefundenen Geschöpfe
die Seeschlange der Norweger, wie man wohl alle Ursache zu
sen sah er nicht, dieBewegung geschah schlängelnd auf- und abwärts.
Die Länge des Thiers schätzte er auf 70 — 80'. Filamente auf dem
Halse Hessen sich nicht erkennen, denn als das Thier ihm am näch-
sten war, hielt es den Hals unter Wasser. Es wurde auch bei der
Insel Canna gesehen, wo es 13 Fischerböte in die Flucht jagte.
Die übrigen Zeugenaussagen betreffen ein auf der Insel Stronsa
(Orkneys) in derRothiesholm-Bai angespültes todtes Thier. Sie sind von
vier Männern niedern Standes vor zwei Friedensrichtern gemacht und
eidlich bekräftigt. Zwei sahen das Thier schon auf dem Meere trei-
ben und hielten es in der Entfernung für einen todten Wallfisch, bis sie
heranruderten und fanden, dass es ein anderes Thier sei. Ein Sturm
warf es ans Land. Die Länge des Thiers wird übereinstimmend auf
55' mit Ausschluss des Kopfes angegeben , die Länge des Halses von
Einem auf 10' 3", von einem Andern auf 15'. Die Farbe war grau,
die Haut ohne Schuppen, von vorn nach hinten gestrichen weich wie
Sammet, von hinten nach vorn gestrichen aber rauh. Der Unterkie-
fer war zerstört, ein anfangs noch vorhandenes Stück desselben wie
von einem Hunde (bezieht sich vielleicht auf zackige Zähne?). Die
Zähne waren weich, so dass sie dem Druck nachgaben. Im Oberkiefer
waren keine bemerkt Morden. An jeder Seite des Halses hatten alle
zwei Speilöcher von li Zoll im Durchmesser wahrgenommen.
Auf dem Rücken erstreckte sich eine Finne (Mähne) von der Schulter
bis zum Schwanz in der Breite von 2\ zu 2" abnehmend und 14'/
lang. Diese Rückenflosse leuchtete im Dunkeln. Ausserdem werden
drei Flossenpaare (als wings in der Ortssprache bezeichnet) angege-
ben, das erste grösser und breiter. Einer der Zeugen will diese, als
das Cadaver noch im Wasser lag, mit 10" langen Borsten (bris'tles)
emgefasst gefunden haben, welche später sich nicht mehr fanden
wie er vermuthet, von der See abgespült. Die Schwanzspitze fehlte J
der letzte Wirbel hatte l]" im Durchmesser. Der Schlund wird von
emem Zeugen so eng wie oben angegeben, von einem andern so weit
geschätzt, dass er den Fuss hätte durchstecken können.
Dr. Barclay beschreibt einzelne Skelettheile, nämlich vier Wir-
bel, den angeblich ersten Halswirbel und einen Theil, welcher mit
Brustbein und Schultern verglichen wird, nebst einem Theil der Flosse
(hier paw genannt). Alle diese Theile gehören ohne Frage einem
Hai an. Der Knorpelbogen, welcher das erste Flossenpaar trägt,
hat beim Hai dieselbe Form und Richtung, wie sie hier angegeben
ird; der angeblich erste Halswirbel ist der eigentliche Schädel, von
^ Kiefern und andern Anhängen entkleidet. Die Wirbel sind in
j^j^ orm und dem Gefüge entschieden die eines Haies. Genug es
nicht daran zu zweifeln, dass die abgebildeten Theile alle ei-
288
glauben hat, nahe verwandt: so muss es befremden, dass man
die letztere nicht noch viel öfterer bemerkt hat, als dies ge-
schehen ist. Denn als ein Amphibium, das, gemäss der Or-
ganisations-Verhältnisse der Saurier, nur allein durch Lungen
athmen könnte, müsste sie nothwendiger Weise recht oft an
die Oberfläche des Wassers kommen, um die eingeathmete
Luft zu erneuern. Denkbar und möglich ist es jedoch , dass
sie gewöhnlich, den langen Hals in die Höhe reckend, nur
mit der Nasenspitze und nur auf eine äusserst kurze Zeit bis
an die Oberfläche des Wassers kommt, mit dem übrigen Kör-
per aber ganz im Wasser bleibt, und dass man dann, auch
wegen der verhältnissmässig nur geringen Grösse des Kopfes,
bei dem Wellenschlage des Meeres nicht leicht selbst nur ein-
mal die Nasenspitze zu sehen bekommen kann.
nem Hai gehört haben Dass diese Theile auch wirklich vom ge-
strandeten Thiere herrühren, geht daraus hervor, dass ein Zeuge
auch in seiner Aussage die Beschaffenheit der Wirbel berührt und
hervorhebt, dass die Wirbelsäule einen Kanal oben und einen unten,
weit genug für einen kleinen Finger, gehabt hätte. Auch ist in den
Zeugenaussagen Vieles, was vortrefflich auf einen Hai passt, z. B.
die Beschaffenheit der Haut, die Kiemenöffnungen am Halse u. a. m.
Anderes passt allerdings nicht, namentlich die durchgehende Rucken-
flosse Doch wird man Vieles der Unkunde der Zeugen zu Gute
halten müssen. Dr. Barclay theilt eine etwas abentheuerliche Skizze
des Thiers von Stronsa mit; sie stellt einen Lindwurm vor, der auf
6 zierlichen Füsschen steht. Den Zeugen ward diese Zeichnung vor-
eelegt und sie hatten daran nur wenig Ausstellungen zu machen.
Ich glaube nicht, dass man Werth auf das ürtheil der hier aufge-
führten Leute über einen Gegenstand dieser Art legen kann. bv.
Home hatte das Thier schon für einen Hai erklärt, und trotz AI em,
was Dr. Barclay dagegen vorbringt, wird es sich wohl so verhalten,
nur möchte es nicht Selache maxima, sondern Lamna cornubica
welche auch eine bedeutende Grösse erreicht, gewesen sem. Es Hat
also das Thier von Stronsa zu der Seeschlange der Norweger gar
keine Beziehung , dagegen möchte das vom Pastor Maclean gesehene
eher als solche zu beurtheilen sein.
Der Herausgeber.
1
289
Beschreibung einer neuen Art von Bandikuts, Pe-
rameies nijosurus, nebst Bemerkungen über Pera-
meles obesula.
Von
A. Wagner in München.
Während die Zahl der Arten bei den Bandikuts durch
neue Entdeckungen sich ansehnlich vermehrt hat, ist sie auf der
andern Seite durch Einziehung älterer Arten wieder vermin-
dert worden. GeoflFroy stellte zuerst 2 Arten auf, die er Pe-
rameles nasuta und ohesula benannte; später fügten ih-
nen Quoy und Gaimard noch eine bei, der sie den Namen
P. Bougainvillii gaben. Dagegen bemerkte Cuvier in der
zweiten Auflage seines Regne animal, dass letztere Art nicht
spezifisch von P. nasuta verschieden und dass P. obesula nicht
hinlänglich authentisch sei. Wirklich ist diese letztere auch von
Shaw und Geoffroy so ungenügend charakterisirt, dass man ohne
Autopsie der Original-Exemplare zu keiner klaren Vorstellung
von ihr gelangen konnte. Diese Schwierigkeiten wurden ver-
mehrt, da Desmarest in der Zahl der Zähne zwischen P. na-
suta und obesula eine Differenz angab, die offenbar auf einen
Irrthum schliessen liess *). Seitdem ist ganz neuerdings die
vortreffliche Monographie der Marsupialien von Waterhouse
erschienen, der nicht bloss zu seiner Arbeit die grossen Samm-
lungen London's benutzen konnte, sondern zu diesem ßehufe
auch das pariser Museum besuchte. Wie über viele andere
Punkte hat er uns auch über die älteren Arten aufgeklärt, so
dass die Unterschiede zwischen P. nasuta und obesula jetzt
*) Wie unsicher die Bestimmung der Arten in dieser Gattung war,
erhellt auch daraus, dass die drei Exemplare, welche im pariser Mu-
seum als P. nasuta, aurita und Bougainvillü etikettirt waren, von
Waterhouse für einer einzigen Art angehörig erkannt wurden.
Archiv f. Nalurgesch. VII. Jahrg. 1. Bd. 19
290
schärfer angegeben werden können als ehedem. Da die hiesige
Sammlung ein erwachsenes Exemplar eines Bandikuts besitzt,
das ich früher für P. nasuta ansah, jetzt aber, nach den von
Waterhouse gegebenen Aufklärungen, entschieden für P. obesula
halte, so will ich die eigenthümlichen Verhältnisse des Schädels und
Gebisses von demselben genau auseinandersetzen, um diese Art
in Zukunft sicher von P. nasuta unterscheiden zu können.
Dann werde ich eine neue Art, der ich den Namen P. myos-
uros (rattenschwänziger Bandikut) beigelegt habe, beschrei-
ben, und auch bei diesem vorzüglich die charakteristischen
Züge des Schädels und Gebisses hervorheben, weil hiervon die
schärfsten spezifischen Kennzeichen entnommen werden können.
1. JPerameles obesula Qeoffr.
Diese Art wurde auf ein ganz junges Thier begründet,
das Shaw im Originale, GeoflFroy in einer Abbildung benutzen
konnte. Mit einigem Bedenken zählte Letzterer ein doppelt so
grosses Thier hinzu, das dem pariser Museum angehörte, und
gab von ihm eine dürftige Notiz mit einer Abbildung des
Schädels. Aus der Vergleichung, die Waterhouse vor Kurzem
mit dem Original- Exemplare von Shaw, das noch im Museum
des College of Surgeons aufbewahrt wird, anstellte, so wie aus
seiner Beschreibung eines erwachsenen Thieres, habe ich jetzt
klar ersehen, dass das pariser Exemplar von GeoflFroy mit
Recht dem Shaw'schen Thiere zugeschrieben wurde, wie auch,
dass das Exemplar der hiesigen Sammlung nicht, wie ich es
in meiner Monographie der Beutelthiere dachte*), der P. na-
suta, sondern der obesula angehört. Da ich die äussere Be-
schaflFenheit dieses Exemplars am angeführten Orte ausführlich
beschrieben habe, so komme ich liier nicht wieder darauf zu-
rück, sondern halte mich lediglich an die genaue Darstellung
der im Gebiss und in der Schädelconstruktion sich zeigenden
characteristischen Verhältnisse, aus welchen die grosse Verschie-
denheit von den verwandten Arten sich leicht und entschieden
darthun lässt.
Der Schädel von P. obesula hat unter denjenigen Arten,
von welchen er mir ausserdem noch bekannt ist (F. nasuta,
') Schreber's Säugth. Supplementband. 3te Abtheil. S. 58.
291
lagotis und myosuros) bei weitem die stumpfeste Form. Anstatt
plötzlich sich zu verschmächtigen, spitzt sich der Gesiclitstheil
nur allmälig zu, und ist in Bezug zum Hirnkasten ansehnlich
kürzer und robuster als bei den genannten Arten, was am
ausgestopften Thiere ebenfalls sehr auffallend ist. Der auf-
steigende Ast des Unterkiefers ist weit breiter als bei diesen,
und sein Vorderrand richtet sich überdiess viel steiler in die
Höhe als bei den ebenerwähnten, bei welchen er sehr schief
rückwärts geneigt ist. Während bei P. myosuros zwischen
den Foramina incisiva und der grossen Gaumenöffnung noch
ein Paar langgezogene Oeffnungen von der Grösse und Form
der ersteren im knöchernen Gaumen sich einschieben, zeigen
sich an deren Stelle bei P. obesula nur ein Paar kleine rund-
liche Löcher.
Vom Gebisse bemerkt schon Geoffroy, dass die Backen-
zähne abgeführt waren, was an unserem Exemplare ebenfalls
im hohen Grade der Fall ist, woraus sich schliessen lässt, dass
diese Art mehr auf Wurzelnahrung als die andern Bandikuts
angewiesen zu sein scheint. Auch die von ihm sonst angege-
benen -Differenzen in der Stellung der Zähne zeigen sich an
unserem Exemplare und sind zum Tlieil von Waterhouse er-
wähnt. Im Oberkiefer nämlich ist der hintere Lückenzahn
etwas spitzer als die andern, aber nicht grösser als sie, und
steht nur um seine eigne Breite von den anderen ab ; etwas wei-
ter ist er vom Eckzahn abgerückt. Dieser ist bedeutend gross
und zwischen ihm und dem ersten Lückenzahne bleibt nur
ein ganz kleiner Zwischenraum *). Lücken- und Backenzähne
*) Owen sagt, dass bei P. obesula der hintere Schneidezahn des
Oberkiefers um seine doppelte Breite von den andern abgerückt
sei, dass er eine eckzahnähnliche Form habe und vom Eckzahn an
Grösse wenig übertroflfen werde, dass ferner letzterer weit von den
Schneidezähnen entfernt sei, und der hinterste von diesen gerade in
der Mitte der Lücke stände (vgl. Proceed. VII. p. 10.). Diese sämmt-
lichen Angaben widersprechen den meinigen, während meine in Ueber-
einstimmung mit Geoffroy's Abbildung des Schädels von P. obesula
und mit seinen Notizen sind. Indem nämlich Geoffroy zuerst von
P. nasuta anführt, dass der letzte Schneidezahn, der Eckzahn und die
ersten Lückenzähne von einander sehr entfernt seien, woher die grosse
Länge der Schnautze rühre, bemerkt er dagegen bei P. obesula, dass
die Differenz in den Verhältnissen des Schädels frappant sei, dass
19*
292
schliessen dicht aneinander an und erstere bestehen nur aus
einem spitzen Zacken; die kleinen Seitenzacken fehlen ganz,
vielleicht in Folge der starken Abnutzung. Die ächten Bak-
kenzähne sind stark, selbst noch der hinterste, der von unre-
gelmässig dreiseitiger Form ist. — Im Unterkiefer ist der
starke Eckzahn von den Schneidezähnen nur wenig, von den
Lückenzähnen mehr abgerückt. Lücken- und Backenzähne ste-
hen in geschlossener Reihe.
P. obesula und nasuta lassen sich nach dem Vorstehenden
demnach leicht dadurch von einander unterscheiden, dass bei
jener der Schnautzeniheil weit kürzer ist und deshalb die Zähne
viel gedrängter stehen, während bei der grössern Gesichtslänge
von P. nasuta nicht Mos der letzte obere Schneidezahn an-
sehnlich weiter von den andern, sondern auch der Eckzahn von
diesem und den Backenzähnen weiter absteht, und der erste
Lückenzahn in beiden Kiefern von dem nächsten erheblich
abgerückt ist. Nimmt man noch die Form des aufsteigenden
Astes des Unterkiefers hinzu, und zieht man auch bei P. obe-
sula den Mangel der Seitenzacken — wenn anders dieses
der letzte obere Schneidezahn viel näher an den andern stände,
die Lückenzähne aneinander ansclilössen und die Lücke, welche den
letzten untern Schneidezahn vom Eckzahn trenne, nur eine Zahn-
breite betrüge. Alle diese Verhältnisse weiset auch Geoffroy's Ab-
bildung nach, wie überhaupt die Form der Zähne und die Propor-
tionen des Schädels und Unterkiefers ganz zu denen meines Exem-
plars von P. obesula passen. Mit diesem harmoniren ebenfalls die
wenigen Angaben, die ich bei Waterhouse über das Gebiss von P.
obesula finde. Die Entfernung des Vorderrandes des ersten Schneide-
zahns vom Eckzahne giebt er bei dieser nur auf 4^, bei P. nasuta
auf 6J Linien an, den Abstand des letzten obern Schneidezahns, den
er überdiess klein und spitz nennt, bestimmt er bei jener nur zu \
Linie, bei dieser zu wenigstens 3 Zahnbreiten. Waterhouse's Be-
schreibung der äussern Beschaffenheit seiner P. obesula passt über-
diess, wie ich diess noch bemerken muss, auf das in unserer Samm-
lung befindliche Exemplar. — Hiernach halte ich mich deshalb für
berechtigt, den mir vorliegenden Schädel für identisch mit dem von
Geoffroy und Waterhouse charakterisirten von P. obesula zu erklären,
woraus dann von selbst folgt, dass der von Owen dieser Art zuer-
kannte Schädel einer andern Art angehört, die übrigens auch nicht
P. nasuta sein kann, da bei dieser der hinterste Schneidezahn an
Grösse keineswegs dem Eckzahne nahe steht.
293
Merkmal nicht bloss eine Folge der Abnutzung ist — in Be-
tracht, so hat man Charaktere genug, um beide Arten sicher
und unzweifelhaft von einander zu unterscheiden.
Dm allen ferneren Verwechselungen vorzubeugen, will
ich noch die hauptsächlichsten Dimensions-Verhältnisse auffüh-
ren, welche sich an dem hiesigen Schädel von P. obesula ent-
nehmen lassen *).
Länge des Schädels 2" 10'"
— der Nasenbeine 1 2
— der Stirnbeine längs ihrer Nath 0 11
— des knöchernen Gaumens 1 6
Entfernung eines Jochbogens vom andern .... 1 2j
— des Zwischenkiefer-Endes vom vordem Or-
bitalrande 1 6
— vom untern Augenhöhlenloch .... 1 1
— des 4. vom 5. Schneidezahn .... 0 1
— des Eckzahns vom letzten Schneidezahn 0 1\
— — — — ersten Lückenzahn 0 1
Länge des letzten obern Schneidezahns .... 0 |
— — obern Eckzahns 0 3
Gaumenbreite zwischen dem vorletzten Backenzahn 0 10
— • — — ersten Lückenzahne 0 5
— „ _ Eckzahne 0 4
— — — vierten Schneidezahne 0 3^
Länge des Unterkiefers bis zur Spitze des Winkel-
fortsatzes 2 li
Breite des aufsteigenden Astes in der Mitte ... 0 5
Entfernung des untern Eckzahnes von den Schneide-
zähnen 0 I5
— von den Lückenzähnen 0 |
I. Perameles myosuros l¥agn.
P. supra e nigricante et flavido-bruneo mixta, subtus sor-
dide albida; auriculis magnis, pallide fuliginosis, extus basi
anteriori fulvo-maculatis ; cauda brevi, squamosa, brevipilosa.
*) Den Schädel von P. nasuta kenne ich übrigens nur aus Geof-
froy's Beschreibung und Abbildung in den Annal. du Mus. IV. tab. 44.
Nach letzterer beträgt die Länge des Schädels ohngefähr 3!^", die
Entfernung des Zwischenkiefer - Endes vom vordem Orbitalrande 2".
Die Länge des knöchernen Gaumens giebt Waterhouse auf i" 10|"'
an. Das von Fr. Cuvier in den Deuts des mammiferes N. 23 A. ab-
gebildete Gebiss von Perameles, deren Art er nicht angiebt, wird
wohl das von P. nasuta sein.
294
Unter den bisher beschriebenen Arten findet sich diese
sehr ausgezeichnete nicht. An Grösse steht sie der P. nasuta
beträchtlich nach. Die Schnautze ist lang, schmächtig und fein
zugespitzt, was sich am ausgestopften Exemplare eben so deut-
lich als am herausgenommenen Schädel ausspricht. Die Schnur-
ren sind lang und ziemlich zahlreich. Die Ohren sind sehr
gross, zugespitzt, ganz fein gegen die Ränder mit Haaren be-
flogen und nur am Grunde der Hinterseite dicht wollig behaart.
Au den Vorderfiissen sind die 3 mittlem Zehen mit langen
starken Krallen bewaffnet; die seitlichen in demselben rudimentä-
ren Zustande wie bei den andern Arten. DieHinterfiisse sind eben-
falls von typischer Form, und der Lauf auf der Rückseite kahl.
Der Schwanz ist kura, sehr dünn, gegen das Ende sich all-
mälig verschmächtigend, sehr fein wirteiförmig geschuppt und
mit ganz kurzen feinen Härchen besetzt, also ganz einem dün-
nen Rattenschwänze ähnlich.*) — Der Pelz ist grob und mit
sehr reichlicher Wolle unterwachsen, was besonders auf der
hintern Hälfte der Fall ist, wo sie einen dichten Filz bildet.
Die Farbe der Oberseite des Kopfes und Rumpfes ist
gelbbräunlich mit Schwarz untermengt, indem die Stichelhaare,
welche hier alle in ihrer untern grössern Hälfte gräulich sind,
mit rostig- gelbbräunlichen oder (dem kleineren Theile nach)
schwarzen Spitzen enden. An der Seite verschwinden die letz-
tern und die Färbung ist hier im Allgemeinen schmutzig bräun-
lich; nur unmittelbar vor den Schenkeln zieht am Ende beider
Seiten die dunkle Färbung des Rückens in einer breiten Längs-
binde bis an die Bauchseite herab, wo sie plötzlich aufhört.
Die ganze Unterseite ist schmutzig gelblichweiss, und die Haare
haben hier diese Farbe durchaus. Die Ohren sind blass russ-
farben, der Haaranflug immer licht rostfarbig; was sie aber
sehr auszeichnet, ist ein roströthlicher Fleck, der sich auf der
Aussenseite am Grunde des Vorderrandes findet. Die Füsse
sind weisslich, die Krallen hell hornfarben. Der Schwanz ist
auf der Oberseite russfarbig und diess ist auch die Farbe der
*) Der Schwanz scheint an unserm Exemplare vollständig zu
sein, denn da er am Ende nicht einmal eine Linie dick ist, so veird
er auch seine natürliche Begrenzung erreicht haben. Uebrigens hält
er selbst an seiner Wurzel kaum die Stärke v on drei Linien.
295
Härchen daselbst; auf der Unterseite ist er schmutzig weisslich,
wie es hier auch die Härchen sind.
Körper 11'' 0"'
Schwanz 3 0
Von der Nase zum Auge 1 9
Ohrlänge 14
Ohrbreite 0 9
Hinterfuss mit Mittelkralle 1 10
Vordere Mittelkralle ..05
Hintere — . . 0 3^
Am Schädel*) ist diese Art nicht minder leicht als an
der äusserlichen Gestalt zu erkennen. Der Gesichtstheil näm-
lich verschmächtigt sich vorwärts eben so schnell, wie bei P.
lagotis, um wie bei dieser eine lange dünne Schnautze zu
bilden, die vom ersten Liickenzahne an mit fast parallelen,
nur ganz schwach convergirenden Rändern verläuft. Der knö-
cherne Gaumen ist noch stärker durchbrochen als bei P. la-
gotis, von welcher Art Owen angiebt, dass sie diess unter den
ihm bekannten Bandikuts am stärksten sei. Es finden sich
nämlich nicht bloss die Foramina incisiva, dann die hintere
grosse Gaumenöflfnung, welche hier am Vorderrande des drit-
ten Lückenzahns bis gegen den Yorderrand des vorletzten
Backenzahns sich erstreckt, so wie die 4 kleinen Löcher am
hintern Rande des knöchernen Gaumens, sondern zwischen der
grossen Gaumenöffnung und den vordem Gaumenlöchern (fo-
ramina incisiva) stellen sich noch ein Paar Oeffnungen ein, die
in Grösse und Form ganz mit letztern übereinstimmen. Diese
eben genannten Oeffnungen fehlen bei P. lagotis, wofür bei
ihr hinter der grossen Gaumenöffnung ein Paar kleine Löcher
sich zeigen, die unserm rattenschwänzigen Bandikut abgehen.
Diese Durchbrechungen des Gaumens sind nach den Arten
verschieden und daher charakteristisch. **)
Höchst ausgezeichnet ist der Unterkiefer durch seine ge-
*) Leider ist an meinem Exemplare der untere Theil des Hinter-
haupts zugleich mit den Jochbögen abgebrochen.
**) Owen (transact. of the zool. soc. II. p. 338.) sagt-, in the Pe-
rameles the incisive foramina are whoUy surrounded by the inter-
maxillary bones. Bei P. myosuros und obesula sehe ich jedoch deut-
lich, dass der hintere Rand dieser Oeffnungen vom GaumenfortsatZe
des Oberkiefers gebildet wird.
296
streckte zierliche Form, zumal durch seinen sehr schmächtigen
aufsteigenden Ast, der an seinem Vorderrande stari<. ausge-
schnitten ist und daher sehr schief aufsteigt und ungemein
schmal ist, wodurch er in einen auffallenden Gegensatz zu dem
von P. obesula tritt.
Auch im Gebiss unsrer Art geben sich spezifische Ei-
genthiiralichkeiten zu erkennen. Die Zähne sind weit feiner
und schwächer als bei P. nasuta, obesula und lagotis, nament-
lich sind die Eckzähne sehr schwach, obwohl sie die typische
Form der Gattung zeigen. Mehr als bei den andern der oben
genannten Arten nähert sich daher das Gebiss dem der In-
sectenfresser an. Im Oberkiefer stehen die 4 ersten Schnei-
dezähne in geschlossener Reihe; zwischen dieser und dem
Eckzahn ist eine weite Lücke, in deren Mitte der fünfte
Schneidezahn steht, der zwar nicht merklich höher als die
andern ist, aber nicht mehr ein viereckiges Plättclien darstellt,
sondern eckzahnähnlich ist. Der Eckzahn selbst ist, wie er-
wähnt, klein, seitlich stark zusammengedrückt und steht vom
ersten Lückenzahne fast doppelt so weit ab, als vom letzten
Schneidezahne. Der erste Lückenzahn ist vom zweiten etwas
abgerückt; beide sind schmal zusammengedrückt, mit einem
grössern Mittelzacken und zwei kleinern Seitenzacken. Der
hinterste Backenzahn ist sehr schmal, noch schmäler als bei
P. obesula und nasuta, während er bei P. lagotis rundlich ist.
— Im Unterkiefer steht der Eckzahn, der sehr klein und platt
ist, und an der Basis der Hinterseite einen kleinen Ansatz
zeigt, mitten in einer grossen Lücke, die zwischen dem letzten
Sehneidezahne und dem ersten Lückenzahne frei bleibt; der
erste Lückenzahn ist vom zweiten abgerückt.
Am Schädel und Gebisse stellen sich demnach mehrere
auffallende Merkmale ein, welche dazu dienen können, den
rattenschwänzigen Bandikut von den verwandten Arten zu un-
terscheiden. Die räumlichen V^erhältnisse das Schädels können in
ihren Hauptzügen durch nachstehende Angaben bezeichnet werden.
Länge des Schädels ohngefähr 2" 6'"
— der Nasenbeine 12
— der Stirnbeine (längs ihrer Nath) 0 9^
— des knöchernen Gaumens 1 ^1
Entfernung des Zwischenkiefer -Endes vom vordem
Orbitalrande ..16^
297
Entfernung vom untern Augenhöhlenloch 1" 4'"
— des vierten vom fünften Schneidezahn . 0 1
— des Eckzahns vom letzten Schneidezahn 0 1
— vom ersten Lückenzahn . 0 2
Gaumenbreite zwischen dem vorletzten Backenzahne 0 74
— — ersten Lückenzahne . 0 3^
— — Eckzahne 0 3
— — — vierten Schneidezahne 0 2|
Länge des Unterkiefers bis zur Spitze des Winkel-
fortsatzes 1 11
Breite des aufsteigenden Astes in der Mitte . . . 0 2^
Entfernung des untern Eckzahnes von den Schneide-
zähnen 0 Ij
— von den Lückenzähnen 0 1^
Die iiaiienischeu Spitzmäuse
nach den Angaben der Iconografia della Fauna italica di C. L.
Bonaparte, Principe di Canino c Musignano.
Fase. XXIX. 1840. Im Auszuge mitgetheilt
A. Wagner.
Der Bezug italienischer Bücher ist so unsicher und unge-
regelt, dass trotz vieler Bemühungen Ref. doch erst jetzt über
Paris sich das neueste Heft der Iconografia zu verschaffen ver-
mochte, zu spät, als dass es noch im Jahresberichte hätte berück-
sichtigt werden können, daher es hier, als Anhang zu demsel-
ben, besonders erwähnt werden soll. Es enthält dieses Heft
eine Monographie der Spitzmäuse, nicht blos der italienischen,
sondern überhaupt der europäischen, welche letztere sämratlich
abgebildet sind nebst 2 aussereuropäischen Arten. Der Prinz
vertheilt die von ihm aufgeführten Arten unter die 4 Gattun-
gen: Sorex, Cj'ossopns, Pachyura und Crocidura.
1) Sorex araneus CS. vulgaris Nathus.) „bewohni
den Innern Kontinent von Europa, so wie England, aber im
298 j
mittlem und südlichen Italien existirt er entweder gar nicht,
oder ist doch so selten, dass es uns nicht gelang ihn aufzu-
finden."
2) Sorex alpinus, nur aus der Schweiz bekannt.
3) Sorex Antinorii Bonap.; „S. flavo-carneus, oculo
retroposito, cauda valde longiore corpore." — Nur nach einem
Exemplare des Turiner Museums bekannt, „ohne Gewissheit
über die Heimath, aber kein Albino von irgend emer bekann-
ten italienischen Art. Der Kopf ist etwas länger als bei S.
araueus, daher weniger stumpf; Farbe gelblich zimmtfarben
(cannellino giallastro), etwas dunkler an der Stirne, an der
Kehle ins licht Falbe, fast ^Yeissliche ziehend; die Schnurren
(baffi) von derselben Farbe. Die Zähne sind deutlich gesägt
mit rothen Spitzen (rosso di grana di cocoo). Die Ohren
oval, ziemlich weit, unter den Haaren versteckt. Der Schwanz
länger als der Körper, vierkantig, ganz mit starren, kurzen,
glänzenden Haaren von der Farbe des Rückens, die unten
heller sind, bekleidet. Jedes Haar ist in der untern Hälfte
grau, in der obern zimmtfarben, dunkler am Rücken und den
Schultern, a^ Bauche ziemlich hell und mit Schwefelgelb ver-
mischt Die Füsse haben die Farbe des Schwanzes.
Körper V 11'"
Schwanz 2 0
Kopf ...... 0 10^
Von der Schnautze zum
hintern Augenwinkel 0 5
Ohr Ol
Ausser dem beschriebenen Thiere (Fig. 4.) bildet B. in
Fig. 5. noch ein Junges unbekannter Art ab, das sich in der
Färbung und den Proportionen jenem annähert. Dieser S.
Antinorii bedarf zu seiner Anerkennung noch weiterer Unter-
suchungen.
4) Sorex pygmaeus ist zwar abgebildet, aber nicht
beschrieben, daher von B. in Italien nicht gefunden, obwohl
es wahrscheinlich ist, dass er hier nicht fehlen wird, da er
noch südlicher, nämlich in Nordafrika vorkommt, wo er von
Moritz Wagner in Gran entdeckt wurde.
5) Crossopus fodiens, „gemein in der Lombardei,
selten in Toskana, sehr selten in den südlicheren Gegenden."
6) Crossopus ciUatus, von B. nicht aus Italien auf-.
299
geführt, übrigens vom vorigen wohl nicht specifisch ver-
schieden.
7) Pachyura etrusca, auf den Hügeln Roms nicht
weniger häufig als in Toskana.
8) Crocidura musaranea ßonap. (iS*. araneus
Schreb.), „die gemeinere Art bei uns und die häufigste auf
unsern (römischen) Hügeln, wo sie 'sich in manchen Jahren
unglaublich vermehrt, und dann auf einmal fehlt, wahrschein-
lich aus Mangel an Nahrung. Lebt gleichfalls im ganzen mitt-
lem und südlichen Europa."
9) Crocidura thoracica Savi, „C. fusco - cinerea,
subtus albida, fronte, temporibus, genis, gula, pectore fulvo-
castaneis ; oculo mediocri submedio; cauda unicolore dimidium
corporis subaequante." Nur nach einem Exemplare bekannt,
das B. geneigt wäre für eine Abänderung der vorigen Art
anzusehen , wenn nicht Savi es als eigene Art erklärt hätte.
Die Farbe, welche auf dem Nacken dunkelgrau ist und eben-
falls die ganze Oberseite des Körpers einnimmt, wird dunkler
gegen den Schwanz, welcher dieselbe Farbe behält. Stirne,
Schläfe und Wangen werden fulvo-sericee genannt, welche
Farbe in der Nabelgegend in einen Kegel ausläuft. Die Schnautze,
Lippen und Füsse sind fleischfarben gewässert, mit kleinen
weissen Härchen. Die Ohren sind gross. Der Bauch ist mit
weisslichen und dunklen Haaren besetzt, welche letztere länger
sind. Der Schwanz hat ausser den kurzen Haaren längere
abstehende, und misst ohngefähr die Hälfte des Körpers. Die
Länge des Körpers ist 2\".
10) Crocidura leucodon, im ganzen mittlem und
südlichen Europa, manchmal in den Colli Albani gefunden."
Den Abbildungen der europäischen Arten hat B. noch die
von zwei aussereuropäischen beigegeben, nämlich vom Sorex
flavescens Is. Geoffr. (^Crocidura flavescens^ und vom
Sorex capensis Geoffr. (Pachyura capensis). Ersteren
hält B. für identisch mit Lichtensteins S. cinnamomeus, wor-
über mir aus Mangel an Autopsie kein Urtheil zusteht, dage-
^gen ist seine Zusammenstellung mit S. crassicaudus entschie-
den unrichtig, da dieser nach Ansicht zweier Schädel zur
Untergattung Pachyura mit 4 obern Lückenzähnen gehört. Die-
selbe Zahl von Lückenzähnen hat auch Sorex coerulescens.
300
der keineswegs, wie es B. gethan hat, mit S. indicus und
jnyosuros, die übrigens im Gebiss mit ihm übereinkommen,
unter einer Art begrififen werden darf, wie diess Ref. im Sup-
plementband zu Schreber's Säugth. 2. Abth, nachgewiesen hat.
Was die Untergattung Pachyura anbetrifft, die von Selys
Longchamps errichtet wurde, so halte ich deren Beibehaltung
nicht für nöthig, als sie «alle wesentlichen Merkmale von Cro-
cidura besitzt und nur darin differirt, dass sie einen obern
Lückenzahn mehr (im Ganzen 4 jederseits) als letztere auf-
zuweisen hat. Pachyura kann nur als Sektion von Croci-
dura gelten.
Weit eher möchte ich Gray's Myosorex für eine 4.
Untergattung gelten lassen, als sie zwar im Gebiss ebenfalls
die wesentlichen Merkmale von Crocidura zu erkennen gieb^,
der Schwanz jedoch nur die kurze feine Behaarung, keines-
wegs aber die längeren starren und abstehenden Borsten zeigt,
durch welche die ächten Crociduren ausgezeichnet sind. Wie
Gray begründe ich diese Abtheilung auf Smuts Sorex varius,
von dem mir neuerdings ein Exemplar zugekommen ist*),
an welchem ich ersehe, dass genannter englischer Zoolog in
der Zusammenstellung desselben mit S. cinnamomeus sich
sehr vergriffen hat, obwohl der letztere, nach Lichtenstein's
Beschreibung, ebenfalls der nämlichen Abtheilung angehört. Der
Name Myosorex kann jedoch als Vox hybrida nicht beibe-
halten werden imd dürfte durch den von Hapalura einen
Ersatz finden.
*) Jederseits sind 3 obere Lückenzähne vorhanden, unter welchen
der mittlere der kleinste.
301
Entwurf einer sjsfematisclien Eintheilung und spe-
ciellen Beschreibung der Phoken, von IVilsson.
Aus dorn Schvveflischen übersetzt
Dr. Wo Peters.
Die Seehunde grenzen durch die Gattung PJioca an die
Raubthiere und unter diesen besonders an die Gattung Lii-
fra,*) sie grenzen auch an die Cetaceen und unter ihnen
durch die Gattung Otaria an die Delphine und durch die
Gattung Tiichechus an die grasfressenden Cetaceen. **j Sie
möchten am Besten eine eigene Ordnung ausmachen, welche
auch durch genaue und leicht fassliche Charaktere deutlich
von allen anderen Ordnungen getrennt ist. Sollte man eine
in wenigen Worten abgefasste Diagnose für diese Thiergruppe
geben, so wäre sie folgende:
Die Phoken sind mit Haaren bekleidete Säug-
thiere, deren Füsse, von welchen die hinteren nach
hinten gerichtet sind, zum Schwimmen eingerichtet
sind und nicht vermögen, den Körper zum Gehen
zu tragen.
Durch diese Diagnose werden sie sowohl von den Raub-
thieren als den Cetaceen getrennt.
Die Phoken haben vier sehr kurze Beine: die vorderen
sind nach aussen zur Seite gerichtet, die hinteren nach hinten;
die Zehen sind in die Schwimmhaut vollkommen eingehüllt,
bewaffnet mit Klauen, entweder an allen vier oder wenigstens
an zwei Extremitäten, und der Körper, mehr oder weniger
zusammengedrückt spindelförmig, ist mit Haaren bedeckt.
Die Cetaceen haben niemals Hinterfüsse, niemals den
Körper mit Haaren bekleidet; und die Raubthiere haben nie-
mals die Beine nach aussen oder nach hinten gerichtet, son-
dern nach unten, um den Körper zu tragen.
*) Pallas hat MustelaLutrisLin. in die Gattung Phoca aufgenommen.
**) Linne rechnete den Lamantin zur Gattung Trichechus.
302
Da die Phoken hauptsächlich zum Schwimmen gebildet
sind, haben sie eine für diese Lebensart passende Körperfonn
erhalten. Der Körper ist langgestreckt, fast spindelförmig,
d. h. walzenförmig rund und an beiden Enden verschmälert.
Die Haare, welche sie bedecken, sind kurz, steif, und wenn
sie im Wasser siud, immer au die Haut angelegt. Die Beine,
von der oben angeführten Richtung, sind kurz und jeder Fuss
hat 5, durch Schwimmhaut verbundene und (bei allen skandi-
navischen Arten) mit spitzen Krallen versehene Zehen. Der
Schwanz ist sehr kurz und horizontal abgeplattet. Der Kopf
ist mehr oder minder platt, mit grossen ziemlich flachen Au-
gen und sehr engen Ohrlöchern, die Naslöcher können sich
sehr erweitern, wenn das Thier über Wasser ist, ziehen sich
aber zu einer für das Wasser undurchdringlichen Spalte zu-
sammen, wenn es untertaucht.
Die eigentliche Heimath der Seehunde ist das Meer, und
sie finden sich in demselben sowohl in der südlichen als nördli-
chen Hemisphäre. Einige Arten steigen in die Mündungen der
Flüsse hinauf, ja zuweilen weit in die Flüsse und selbst in
Binnenseen hinein, in welche letztere sie bei der Verfolgung
der Flüsse hinein gelangen und aus denen sie nachher nicht
wieder herausfinden können. Im Kaspischen See, Baikalsee
u. a. kommen Robben vor, und nach der Angabe eines Na-
turforschers, der sie jedoch nicht selbst gesehen hat, sollen
sich auch im Sajmensee in Finnland Seehunde finden.
In Skandinavien findet sich kein einziger See, worin See-
hunde vorkommen; aber höchst wahrscheinlich hat derWener-
see ehedem sowohl Robben als andere Meeresthiere beherr-
bergt. *)
Die Seehunde finden sich mehr oder minder zahlreich in
*) Im Anfange des 18. Jahrhunderts fand man ein Wallfischskelet
nahe Wänga in Westgothland. Es würde uns daher keineswegs wun-
dern, -wenn man irgendwo an der Küste des Wenersees Robbenske-
lete fände. Es würde nicht sonderbarer sein, als dass man Auster-
bänke in den Gestaden am GÖthastrom und Meerschnecken an den Buch-
ten des genannten Binnensees auf Dahl findet. Aber seitdem das
Land sich so erhöht hat, dass der TroUhättafall sich erhoben, haben
Seehunde so wenig wie Lachse vom Meere iu denselben hinaufsteigen
können.
303
allen Meeren und Küsten, welche die skandinavische Halbinsel
umo'eben, vom Nordkap bis Lindesnäs, von dort bis Falsterbo
und von da bis Haparanda. Indess gehen nicht alle Arten,
welche man im Eismeer findet, in die Ostsee hinein; dagegen
scheinen alle Robbenarten der Ostsee im Eismeer vorzukommen.
Da die Robbe sich meistens im Wasser aufhält, so ist
auch ihre Organisation darnach eingerichtet, sich hauptsächlich
in diesem* Elemente zu bewegen. Sie bedient sich dabei
der Hinterfiisse als Flossen und die Vorderfiisse liegen dabei
an den Körper angedrückt, ausgenommen wenn sie sich nach
einer Seite hinwendet, wo der Vorderfuss als Ruder benutzt
wird. Auf dieselbe Weise schwimmen auch die Frösche. Die
Robbe schwimmt oft mit der Bauchseite nach unten, aber zu-
weilen auch mit der Bauchseite nach oben gewandt, und in
dieser Stellung verschlingt sie oft ihre Beute. Sie geht mit
unglaublicher Schnelligkeit vorwärts, so dass, wo sie hinfährt,
im klaren Wasser bloss ein Streifen erscheint. Sie fängt und
verzehrt lebende Fische; und eine junge Phoca vitulina, welche
ich verschiedene Male Gelegenheit hatte zu beobachten, schien
besonders Häringe zu lieben; auch verschluckte sie Aale, Blen-
nien u. a., aber nach Cottus, Dorsch und Schollen hatte sie
wenig Verlangen.
Indem die Robbe oft ihre Beute vom Meeresboden auf-
schnappt, ereignet es sich, dass sie damit kleine Kieselsteine
verschluckt, welche wegen der grossen Enge des untern Ma-
genmundes quer im Magen zu stehen kommen. Man findet
deshalb zuweilen eine grosse Menge von Kieselsteinen im Ma-
gen der Robben, welche man öffnet.
Wenn die Phoken auf das Trockne gehen und dort fort-
schreiten wollen, geschieht ihre Ortsbewegung nicht auf die
Art, dass sie, wie alle anderen Säugthiere, welche auf dem
Lande gehen, den Körper auf zwei Extremitäten stützen, wäh-
rend sie die beiden andern fortbewegen, sondern dadurch, dass
sie fast ebenso, wie einige Raupen, sich auf einen Theil des
Körpers stemmen, während sie den andern fortstossen oder fort-
schleppen. Die Bewegung geschieht nämlich auf die Weise,
dass sie den Vordertheil des Körpers so viel als möglich zu
heben und vorwärts zu werfen suchen, wobei sie mit den beiden
nach aussen gewandten kurzen und breiten Vordertatzen auf den
304
Boden schlagen; darauf stützen sie sich auf letztere und die
Brust, und ziehen den Hintertheil des Körpers nach vorn, so
dass der Rücken gekrümmt erscheint, worauf sie wieder den
Vordertheil des Körpers vorwärts stossen u. s. w. Durch diese
mit dem Vordertheile hüpfende und dem Ilintertheile schlep-
pende Bewegung, entsteht, da sie hurtig geschieht, eine Art
Galopp, wodurch sie sich ziendich schnell auf dem Lande fort-
bewegen können. Man hat Beispiele, dass ein Seehund sich
auf diese Art mehrere Meilen auf dem Felde fortschleppte,
wobei er eine tiefe Furche in dem losen Schnee hinter sich
liess. *) Sonst bringen die Robben ihre meiste Zeit im Was-
ser zu, und steigen bloss von Zeit zu Zeit auf Steine oder
Eisstücke oder auf den Rand des Eises, um sich in der Sonne zu
wärmen, zu schlafen, ihre Jungen zu gebären oder zu säugen u. s.w.
Das Haar dieser Thiere ist der Veränderung unterworfen,
dass es bei den Jungen struppig und wollig, so wie fon ganz
anderer Farbe und Form als bei den erwachsenen ist. Bei
den eigentlichen Robben und Halichoerus sind die Jun-
gen mit einer weissen Wolle bedeckt**); bei Otaiia dagegen
ist die wollige Haarbekleidung der Jungen dunkler als sie spä-
ter wird, und wenigstens bei einer Art schwarz. Bei den
ausgewachsenen Thieren besteht die Haarbekleidung mehren-
theils aus zwei Arten von Haaren: theils gröbere, längere und
aufrechtstehende, theils feinere, mehr oder minder krause, beiden
meisten dem Wollhaare der Schweine ähnlich, bei wenigstens
einer Art fein und seidenartig. Beide Arten sind mehr oder
minder platt, und die beiden platten Seiten sind nach dem
Körper und nach aussen hingewandt. Bei Otaria australis
finden sich bloss gerade steife Haare und keine Grundwolle.
Ausserdem ist das Haar im Allgemeinen nach jeder Härung
kürzer, glatter, anliegender und dunkler als vor der-
selben, wo das Haar länger, struppiger und gebleichter ist.
*) Während des Winters 1829 gerieth ein junger Seehund (^Hali-
choerus Gri/pus) im Leufstaer Kirchspiel aufs Land und schleppte sich in
weniger als einer Woche (während welcher Zeit er keine Nahrung
erhielt) vier und eine halbe schwedische Meile fort, bevor er er-
schlagen wurde. Jägareförb. Tidskr. N. 32. S. 247.
**) Auf diese Art kann man es bei Phoca barbata beobachten.
305
Die Barthaare unterliegen bei gewissen Arten einer Farben-
Veränderung von schwarz oder braun in weiss, aber niemals
umgekehrt.
Der Schädel unterliegt bei jeder Art grossen Verände-
rungen, theils in der Form seines Umkreises und theils in
seiner äusseren Gestaltung. Was den Umfang anbelangt, so
ist es eine allgemeine Regel, dass die Hirnschädelregion bei
jüngeren Thieren viel grösser im Verhältniss zum Gesichts-
theil ist, als bei den älteren: sie ist sowohl länger als breiter,
besonders nach hinten zu. Hieraus folgt, dass der Schädel,
von oben betrachtet, bei gewissen Arten in der Jugend eine
eiförmige Gestalt hat, und im Alter eine rhomboidale Form mit
abgestumpften spitzeren Winkeln erhält. So verhält es sich
bei Halichoerus. Der Gesichtstheil wird mit der Zeit theils
länger und theils nach vorn zu breiter. Ersteres rührt von
der grösseren Entwickelung der Backzähne, letzteres von
der grösseren Entwickelung der Eckzähne her. Bei den Ar-
ten von Cystophora ist die Schnauze der Jungen verschmälert,
bei den älteren gleichmässig breit *). Mit dem Theil, welcher
zwischen beiden genannten Regionen liegt, gehen ebenfalls
grosse Veränderungen vor sich; der Zwischenbalken (jugum
interorbitale) wird mit den Jahren länger, schmäler, und bei
den meisten Arten nach hinten zu zusammengedrückt. Die
Kinnbacken werden stärker und mehr nach aussen gebogen.
Der obere Umriss des Cranium wird gewöhnlich gerader, we-
niger convex.
Was die Oberfläche des Schädels anbelangt, so ist sie
bei den jüngeren glatter und hat bei den älteren Thieren mehr
oder minder hervorragende Knochenkämme; so ist es beson-
ders der Fall bei der crista occipitalis, den lineae semicircu-
lares und der crista sagittalis. Weder die eine noch die an-
dere dieser Leisten findet sich jemals bei jungen Exemplaren;
dagegen findet man bei den Alten wenigstens die beiden
*) Desshalb können und dürfen niemals, wie oft geschehen, spe-
cifische Charactere von der Form der Gesichtsregion imd ihrem Yer-
hältniss zur Schädelregion hergenommen werden.
Archiv f. Naturgesch. VII. Jahrg. 1. Bd, 20
306
erstgenannten mehr oder minder stark entwickelt *). Es ver-
hält sich nämlich so , dass die lineae semicirculares an jungen
Schädeln weit abstehend auf dem Scheitel- und Stirnbeine be-
ginnen, allmälig bei dem Heranwachsen des Thieres näher an
einander treten, mit der Zeit stärker werden, und sich end-
lich bei einigen Arten zu einer einzigeu über die Mitte
des Kopfes verlaufenden Leiste (crista sagittalis) vereinigen.
Sie vereinigen sich jedoch nicht bei allen Arten; bei Phoca
annellata, hispida und caspica u. a. vereinigen sie sich
niemals, dagegen vereinigen sie sich bei Phoca vitulina;
und bei Halichoerus u. a. bilden sie im Alter eine scharfe
Kante.
Die Phoken können am passendsten eingetheilt werden in
solche **) :
1) deren eigentliche Backzähne (d. h. die bei-
den, welche zunächst vor den beiden hintersten lie-
gen) mit doppelter Wurzel versehen sind. Hierher
gehören die Gattungen:
Stenorhynchus Fr. Cuv.
Pelagius Fr. Cuv.
Phoca Lin.
2) solche, deren zwei eigentliche Backzähne
mit einfacher Wurzel versehen sind:
Halichoerus Nilss. Skand. Faun.
Trichechus Linn.
Cystophora Nilss. Skand. Faun.
Otaria Per.
Alle diese Gattungen, mit Ausnahme der letzten, erman-
geln äusserer Ohren und haben die Fiisse bis zu den Klauen
mit Haaren bedeckt.
Erste Abtheilung.
Die Backzähne haben doppelte Wurzeln; ent-
*) Man sieht auf diese Art leicht ein , wie unzuverlässig die Cha-
ractere sein müssten, welche von der mehr oder minder grossen
Entwickelung dieser Kämme genommen werden.
**) Vgl. Utkast tillen systematisk indelning af Phocaceerna, af
S. Nilsson. Vetensk. Acad. Handl. 1837. p. 235.
307
weder alle oder wenigstens die zwei, welche zu-
nächst vor den beiden hintersten sitzen.
Iste Gattung: ^tenorliynchusn
Der Umfang des Schädels (von oben betrachtet) läng-
lich-eiförmig; I lange, pfriemen- kegelförmige, spitzige Vor-
derzähne; |=|- starke, fast gleichgrosse Backzähne,
alle mit zwei Wurzeln und drei in einer Reihe stehenden ho-
hen kegelförmigen Spitzen versehen, von welchen die mittelste
die grösste und etwas nach hinten gebogen ist, die andern ge-
gen diese gebogen sind.
Krallen sehr klein und (an den untersuchten Exempla-
ren) nicht mehr als drei an jedem Hinterfuss.
Von dieser Gattung kennt man bis jetzt nicht mehr als
eine Art:
Stenorhynchus leptonyx.
Körper länglich, oben graubraun, an den Sei-
ten gelblich kleingefleckt; unten so wie an den
Wangen nnd Augenkreisen blassgelblich. Länge
7—9 Fuss.
Schädel: Der Zwischenbalken lang, fast \ des ganzen
Schädels, walzenförmig, dick, ein hervorragender Höcker vor
der Orbita, der Gaumen hinten mit einem einspringenden Winkel
oder Bogen. Grösste Breite des Unterkiefers unter dem 2ten
Backenzahn.
Stenorhynchus leptonyx Fr. Cuv. Diction. d'hist. nat. tom. XXXIX.
p. 549 — Phoca leponyx Blainv. Journal de physiquel820. Octo-
ber. — Desmarest ^ammal. p. 247. — Stenorhinque Fr. Cuvier
Memoir. du Museum tom. XI. p. 190. pl. 13. fig. 1. a. b. c. —
Denis des Mammiferes p. 118. pl. 38. A. — G. Cuvier Ossem.
foss. V. 1. p. 207. pl. XVIII. f. 2. — Phoca Homei Less.
Beschreibung: das einzige Fell dieses merkwürdigen
Thieres, welches so viel ich weiss, an ein europäisches Museum
gelangt ist, wird ausgestopft auf dem Pariser Museum aufbe-
wahrt, und dies ist dasselbe Exemplar, welches Cuvier in den
Recherches sur les oss. foss. V. 1. p. 208 beschrieben.
Die Naslöcher liegen getrennt und das Septum narium ist mit
Haaren bewachsen. Das Haar des Körpers kurz und anliegend,
feiner und gröber, aber ohne Grundwolle, von der Wurzel zur
20*
308
Spitze einfarbig, gelblich weiss, mit schwarz gemischt; die
Vorderfiisse behaart bis zum innern schiefen Rande, über
welchem die kleinen geraden Krallen sitzen; Hinterfiisse
auch bis zum Rande mit Haaren bewachsen und in zwei grosse
und drei sehr kleine Lappen getheilt; am Aussenrande dieser
letzteren sitzen kleine platte Klauen.
Die Farbe ist ziemlich der des gewöhnlichen Seehundes
gleich. Längs dem Kopfe und Rücken graubraun, an den Sei-
ten des Nackens mit kleinen gelblichen eingestreuten Flecken.
Der gelbliche Anstrich nimmt allmälig an den Seiten zu,
so dass die Beine und die untern Körpertheile ganz blass-
gelb und ungefleckt sind. Dieselbe Farbe auf den Backen und
in der Gegend um die Augen. Länge 7' 9". Jüngeres Thier.
Schädel dieser Thierart habe ich im Pariser Museum
und im Museum der Chirurgischen Akademie zu London un-
tersucht. Sie sind, den Aufschriften nach, von den Falklands-
inseln, Süd - Georgien und dem Maquarieflusse in Neuholland.
Länge 16", Breite 8 und der Unterkiefer 12"; ein anderer ist
14" lang, 7i" breit, der Unterkiefer 10|". Ein anderer 13"
lang und 6f" breit.
Aufenthaltsort u. s. w. Nach den gesammelten An-
gaben findet sich diese Art in dem Meer der südlichen He-
misphaere von der Breite von Neu-Holland bis zum südlichen
Polareise. Er findet sich bei Neu-Holland, den Falklands-
iuseln, Neu- Georgien u. s. w., und sofern die Angaben zuver-
lässig sind, steigt er zuweilen, so wie Phoca vitulina, aus dem
Meere in die Flüsse um seine Beute zu suchen. Man irrt sich
gewiss nicht, wenn man aus den grossen Zähnen mit ihren
langen Spitzen schliesst, dass diese Phoke das grimmigste Raub-
thier dieser ganzen Gruppe ist.
2te Gattung: Pelagius Fr. Cuv. *).
Schädel, von oben betrachtet, breit oval, mit sehr nach
hinten gebogenen Kinnbacken; | abgestutzte, nach innen vor
•) Ich hatte in der Vet. Academiens Handl. för 1837 p. 235 die
hierher gehörige Art Mona chus mediterraneus genannt, aber seit-
dem ich erfahren , dass Fr. Cuvier dieselbe schon im Dict. d'hist. nat.
unter dem Namen Pelagius monachus beschrieben, scheint mir
dieser Name wegen seiner Priorität beibehalten werden zu müssen.
309
der Spitze mit einem Absatz versehene Vorderzähne ; | = | zu-
sammengedrückte, kegelförmige, vorn und hinten mit einem
kleinen Höcker versehene Backzähne.
Krallen der Vorderfüsse klein, an den Hinterfüssen ge-
wöhnlich fehlend.
Auch von dieser Gattung ist bis jetzt nur eine Art bekannt :
Die Mönchsrobbe, der Seemönch {Pelagius Mo-
na chus Fr. Cuv.).
Schwarzbraun mit einem grossen weissen Fleck,
der vomBauche nach den Seiten aufs teigt; das Bart-
liaar ganzrandig; Hinterfiisse ohne Krallen. Länge
lü-12'.
Cranium: Der Zwischenbalken ziemlich dick, rund, un-
gefähr eben so lang wie die vorn breitere Schnauze; ein her-
vorstehender Höcker vor der Orbita; Hinterrand des Gaumens
winkelförmig; des Unterkiefers grösste Breite unter dem drit-
ten Zahn.
Ph. monachus Herrn. Berlinische Abh. Tom. IV. t. 12 und .13. —
Desmarest Mamraal. p. 241. — Pelagius monachus Fr. Cuv.
Diction. d'hist. nat. tom.' XXXIX. p. 550. — Phoca Hermanni
Lesson, Hist. nat. des Phoques im Diction. classique d'hist. nat.
tom. XIII. — Phoque a venire blanc Biiff. tom. VI. Supplem. fig. 44. —
Cuv. Recherches sur les oss. foss. V. 1. p, 208 pl. XVII. fig. 1. (Ske-
let), fig. 2, 3, 4 und 5 (Cranium).
Schädel dieser Art habe ich in den Museen zu Paris
und London untersucht.
Aufenthaltsort: Bisher allein im Mittelmeer gefunden,
wo er besonders an den Küsten Dalmatiens, im Adriatischen
Meer und bei Griechenland vorkommen soll.
3te Gattung: *JPhoca Lin.
Schädel eiförmig; Vorderzähne |; Backenzähne |=|
mit 3 — 4 in einer Reihe stehenden kegelförmigen Spitzen, von
denen der vorderste oder nächstvorderste der grösste ist.
Krallen sowohl an Vorder- als Hinterfüssen wohl entwickelt.
Man kennt von dieser Gattung bereits 5 Arten, welche
alle in der nördlichen Hemisphäre vorkommen. Einige gehen
südlich wahrscheinlich so weit als Europa sich ausdehnt, an-
dere gehen nördlich ganz hinauf bis zum Pole, so weit bis
jetzt Menschen vorgedrungen sind.
310
1) Der gefleckte Seehund (Phoca vituUna, Lin.)
Fein schwärzlich und weisslich oder graubraun
und gelbgrau gesprenkelt; längs dem Rücken ge-
wöhnlich ungefleckt schwärzlich; die unteren Kör-
pertheile weisslich; ein breiter blasser ungefleck-
ter Ring um jedes Auge und über dasselbe ein
kleiner runder Fleck, worin einige Borsten sitzen.
Länge 4 — 6 Fuss.
Cranium: Zwischenbalken mittelmässig dick, rund; eine
convexe Fläche zwischen der Stirn und der Schläfengrube;
keine Spur von tuberculum anteorbitale; Gaumenrand ein ein-
springender Winkel, und das Gaumenloch vor der Naht; der
Unterkiefer auf der äussern und innern Seite convex, mit der
grössten Breite unter dem 3ten Zahn; der hintere Rand des
aufsteigenden Astes hat einen abgerundeten und hervorragenden
Höcker, welcher zunächst dem Gelenkknopf liegt; Backzähne
convex, gewöhnlich schiefstehend, mit einer grössern vordem
und nach hinten gerichteten Spitze, hinter dieser 2 — 3 an
Grösse abnehmenden.
An merk. Es hat jemand behauptet, dass die Backzähne nur
bei jungen Individuen schief imd dass sie bei älteren gerade sitzen.
Diess streitet gegen meine Erfahrung. Ich habe alte Schädel
vor mir, bei denen bereits die crista sagittalis entwickelt ist und
bei denen die Backzähne sowohl im Ober- als Unterkiefer so
dicht und schief stehen, dass der vordere Rand eines hinteren
ganz vor. dem hintern Rande des nächstvorhergehenden liegt.
Dagegen habe ich einen sehr jungen Schädel, dessen Backzähne
alle nicht schief stehen, mit Ausnahme des mittelsten im Unter-
kiefer.
Zu den gewöhnlichen Synonymen, welche grösstentheils in der Faun.
Skand. aufgeführt sind, wül ich hier hinzufügen : Phoque commun
Desm. Mamm. p. 244. — Comtnon Seal, History of british qua-
drupeds by Thom. Bell. p. 263. — Callocephale Fr. Cuv. Mem.
du Mus. XI. p. 182. — Phoca Uttorea Thienemann, pl. VI. u, VII. —
Phoque commun Fr. Cuv. Hist. des mamraif. Liv. IX. var.
Anmerk. Dieses an dem letztgenannten Orte abgebildete Indivi-
duum , welches im Pariser Museum aufbewahrt wird , ist von G.
Cuvier in den Recherches sur 1. oss. foss. V. I. p. 205 als zu einer
anderen Art gehörig betrachtet und die Vermuthung ausgespro-
chen worden, dass es eine junge Phoca lejmrina Lepech sei. Diese
Vermuthung ist auch von Fr. Cuvier in Mem. du mus. p. 186
angenommen. Das Exemplar, welches im Jardindes plantes
31t
lebte und wahrscheinUch hier in der Gefangenschaft eine Verän-
derung der Farbe erlitt, ist bestimmt nur eine Varietät von
Phoca vituhna. Auch ein Exemplar, welches im Pariser Museum
unter dem Namen Phoque a fortes vwustaches aufbewahrt wird,
und das vou Nordamerika eingesandt ist, scheint mir zu dieser
Art zu gehören.
Varietäten: 1) Einfarbig rostgelb oder braungelb, etwas
brauner oben, gelber unten, wo er besonders am Halse stark
brandgelb ist. — Gefangen im Kanal. Hat in Gefangenschaft
gelebt. Wird im Pariser Museum aufbewahrt. Man sieht die
gewöhnliche Zeichnung, wenn auch schwach, in einem gewis-
sen Lichte. Dies ist das in der Anmerkung oben genannte
Individuum.
2) Zwischen der letztgenannten Varietät und der gewohn-
lichen Vhoca vitulina findet sich ein Uebergang. Hier ist die
gewöhnliche Zeichnung bei einem gewissen Lichte etwas sicht-
barer. Die eigentliche Hauptfarbe ist etwas blass, mehr grau
und weniger gelb als bei der vorigen. Auch diese hat in der
Menagerie im Jardin des plantes gelebt.
3) Ueberall, auch auf Rücken und Bauch gefleckt. Die,
welche ich sah, waren Weibchen.
4) Oben schwärzlich und mit kleinen rostgelhen Ringeln
und Flecken; die Beine dunkelbraun meist einfarbig. Die
Schnauze oben dunkelbraun einfarbig wie die Stirn; um die
Augen und auf den Lippen blass gelblich; an der Kehle ein
grosser brandgelber Fleck. Die untern Körpertheile klein-
fleckig. Die Barthaare dick, weisslich. Phoque ä fortes mou-
staches Mus. Par.
Aufenthaltsort u. s. w. Gemein um die Küsten von
Schweden und Norwegen, sowohl in der Ostsee, als im Sunde
und der Nordsee. Findet sich auch bei Island, Grönland und
bis zu den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Wie weit
er an den Europäischen Küsten nach Süden geht, ist noch nicht
hinlänglich bekannt, aber an denen Frankreichs ist er gemein
und wahrscheinlich auch an Spaniens. Dagegen ist das eine
ganz andere Art, welche das kaspische Meer und wahrschein-
lieh auch den Aralsee, Baikalsee u. s. w. bewohnt.
312
2) Der geringelte Seehund (Phoca annellataKilss.')
Rücken schwärzlich, und daselbst oder seitlich
mit grösseren ovalen weisslichen dünnen Ringen
(vonl:|- — 2" Länge) gezeichnet; die Augenkreise ein-
farbig; Barthaare dünn, braun, Backenzähne gerade-
stehend. Länge ungefähr 3 Fuss.
Cranium: Zwischenbalken in der Mitte sehr schmal,
hinten breit und platt, gibt eine scharfe Kante ab zwischen
Stirn und Schläfengrube; eine Spur von tuberculum anteorbi-
tale; Gaumeurand ein einspringender spitzer Winkel (und das
Gaumenbein hier vom Vomer getrennt); das Foramen palati-
num öflFnet sich in oder hinter der Gaumennaht; grösste Breite
des Unterkiefers unter dem innersten Backzahn. Backzähne
geradestehend, breit, drei- oder vierspitzig. Hinterhauptsloch
quer- oval.
Phoca annellata Nilss. Skand. Fauna I. p. 362. — Taf. 38. — Thiene-
mann pl. IX. — XI. — Callocephalus discolor Fr. Cuv. Mem. du
museum XI. p. 186. Phoque commun id. Hist. des Mammif. IV. —
Diese Art variirt bedeutend, sowohl in der Farbe als in
der Form der Zähne.
A. Varietäten in der Farbe:
1) Schwarze Ringelrobbe: dunkel braunschwarz, oben
schwärzer, unten etwas an graubraun grenzend, überall mit
blassen Längsflecken, welche, genauer betrachtet, weissliche
ovale Ringe bilden. Hals und Kopf mit einzelnen kleinen
weisslichen Fleckchen. Schnauze und Augenkreis einfarbig
schwarz. Beine einfarbig braunschwarz; Vorderkrallen schwarz,
Hinterkrallen schwarzbraun. Das Exemplar ist jung.
Von Grönland, befindet sich im Kopenhagener Museum.
2) Weisse Ringelrobbe: schmutzig weiss, einfarbig;
in der Mitte des Rückens kaum bemerkbare Spuren einer
dunklern Schattirung. Barthaar weiss. Krallen an der Wur-
zel hornbraun, aussen weisslich oder weiss.
Auch diese ist von Grönland und befindet sich auf dem
Kopenhagener Museum.
3) Braungraue Ringelrobbe: Braungrau einfarbig
mit blasserer Färbung an den untern Körpertheilen.
Von einem Binnensee in Russland (wahrscheinlich dem
Baikalsee?). Das Exemplar ist durch Tausch aus dem Pariser
313
Museum an das Akad. Mus. zu Lund gelangt. — Nur Frag-
mente des Schädels sind mir zu Gesicht gekommen. Vielleicht
bildet sie eine besondere Art.
B. Varietäten in der Form der Backzähne.
1) Die vordersten oben dreispitzig mit mittlerer grösster
Spitze, die folgenden mit 4 Spitzen, von denen die nächst
vordersten die grössten sind, die zwei hintern an Grösse ab-
nehmen; 3 — 4 im Unterkiefer haben zwei Spitzen auch vor
der Hauptspitze.
2) Kleiner, haben im Oberkiefer eine geringere Zahl von
Spitzen; dem Isten fehlt die vorderste Spitze gänzlich und die
folgenden haben bloss eine Spur davon.
3) Nicht mehr als 1 Spitze hinter (und 1 vor) der Haupt-
spitze im Oberkiefer.
In wiefern diese grosse Ungleichheit in der Form der
Zähne ihren Grund in dem verschiedenen Geschlecht oder mög-
licher Verschiedenheit der Arten hat, ist noch nicht erörtert.
Aufenthaltsort: Findet sich, wie der vorige, an allen
unseren Küsten. Auch wird er im Süden wenigstens bis zum
Canale angetroffen; von wo Exemplare im Museum zu Paris
aufbewahrt werden. Dagegen findet man ihn nicht in Bell's
Faun. Englands aufgeführt, und ich kenne auch in England
kein Exemplar oder Schädel dieser Art. Er müsste demnach dort
selten sein. Wenn dies dieselbe /. „ Ist, welche Fabricius Phoca
hispida nennt (was ich mir noch nicht zu bestimmen getraue
obgleich ich verschiedene Exemplare aus Grönland gesehen
habe), so möchte diese Art von allen am nächsten zum Nord-
pole gehen, weil Parry, der auf dem Polareise bis zum
82| '^ N. B. vordrang, die Phoca hispida überall in den Wa-
ken (Eislöchern) antraf.
3) Der kaspische Seehund (Phoca caspica Nilss.)
Rücken und dessen Seiten graubraun, mit un-
regelmässigen dickern gelblichen Ringen gezeich-
net; die Bauchseiten allmälig blasser gelblich.
Barthaar dick, blass. Länge 4 Fuss.
Cranium: Zwischenbalken sehr schmal, nach hinten zu
breiter, aber abgerundet; eine rundliche Uebergangsfläche zwi-
schen Stirn und Schläfengrube; der Gaumen bildet hinten einen
314
Bogen (und ist getrennt vom Vomer), das Gaumenloch öffnet
sich in oder hinter der Gaumeimaht; grösste Breite des
Unterkiefers unter dem innersten Backenzahn. Backenzähne
geradesitzend, klein, weit abstehend, mit äusserst kleinen Wur-
zelzacken ; die oberen mit 1 vor und 1 hinter, die unteren mit
1 vor und 2 hinter der Hauptspitze. Hinterhauptsloch zir-
kelrund. . i- T
Phoca caninavarietascaspica, Pallas Zoograph. Rosso-Asiatxca I.
p. 116-117.
Anmerk.: Jeder sieht ein, dass diese 'Form der Ph. annellata
viel näher steht, als der Ph. vitulina.. Doch bildet sie ohne allen
Zweifel eine von ersterer bestimmt verschiedene Art: sie ist viel
grösser, anders gefärbt, hat viel stärkeres Barthaar, abstehendere
und kleinere Zähne, und den Zwischenbalken nach hmten zu ab-
gerundet, wodurch eine rundliche Uebergangsfläche zwischen Stirn
und Schläfengrube entsteht, wo sich bei PA. «nne/Za^« stets eine
scharfe Kante findet. Das beschriebene Thier wurde wahrend des
Winters erlegt. Es war so dick und fett, dass es, nach Pallas
Ausdruck, einem mit Fett angefüllten ledernen Sacke glich. Es
war weit fetter und dicker als die, welche gewöhnlich in unserem
Meere getödtet werden. Sie kommt jedoch in grosser Menge vor
denn nach Pallas Zeugniss liess Graf Schuvalof jährlich über
20,000 fangen, um den Thran an die Ledefabriken zu verkaufen.
4) Der grönländische Seehund (Fhoca groen-
landica Müll.)
Grau oder weisslich gefärbt mit grösseren
oder kleineren schwarzen Flecken; Barthaar wel-
lenrandig; Vorderzähne an Grösse abnehmend; die
Backzähne geradestehend, getrennt; Gaumenrand
quer. Länge 4 — 5 Fuss.
Cranium: Zwischenbalken mittelmässig, nach hmten
zu platt breit mit abgeschnittenem Rande; Gaumen quer
gesd^los^en, und die crist. palatina geht gerade hinauf an den
Vomer. Das Gaumenloch vor der Sutur; die grosste B eite
des Unterkiefers unter dem 4-5ten Zahn; Zähne abstehend
kegelförmig, die oberen mit 1 Zacke hinten, die untern mit 1
vorn, 2 hinten. " ^ i « tt
PUoca .roenlandica Müller, Prodr. - Fabr. ^-r. f -^^, P, ^^- "
Nilss. Skand. Faun.I., 370. - Thienem. 1. c. f' ^^ .'^Y^^^'^L
nium XIX.. - Phoca oceanica Lepechm Act. Petrop. Mü-
Harp Seal Bell British Quadrup. 269.
315
Anmerk, 1, Bei der Versammlung der Naturforscher zu Bristol
im Sommer 1836 sah ich einen vorgezeigten Schädel dieser Thier-
art von einem Exemplar, welches in Se\ern getödtet war. Auf
dem Museum daselbst hatte ich Tags vorher ein Cranium gese-
hen, welches ich bei einer flüchtigen Betrachtung als zur Ph.
annellata gehörig ansah. Im Herbst von Paris nach London zu-
rückgekehrt, wiu-de ich vom Prof. Bell ersucht, einige Robbenschä-
del zu untersuchen, worunter die zwei genannten von Bristol,
welche beide, wie sich bei genauerer Untersuchung ergab, jungen
Exemplaren (aus dem 2ten Jahr) von Phoca groenlandica ange-
hörten.
Anmerk. 2.: Baron Cuvier redet in den Oss. foss. V. I. p. 205
von einem Seehund, von dessen Schädel Ever. Home eine Zeich-
nung in den Philos. Transact. 1822 pl. XXVllI, gegeben hat,
^ welcher bei den Orkaden getödtet und nebst dem Skelet an John
Hunter geschenkt wurde.- Ich habe das Werk nicht zur Hand,
aber die Beschreibung, welche Cuvier von der Figur gibt, zeigt,
dass sie zur Phoca groenlandica gehört — und ein Skelet dieser
Art findet sich in der That im Hunterschen Museum in London
unter Nr. 374. Wahrscheinlich ist es dasselbe Individuum, von
dem Home den Schädel abgebildet hat. Cuvier glaubt, dass, weil
er nicht mehr als 5 Backzähne hat, der 6te mit dem Alter aus-
gefallen wäre; aber es ist dieser Art eigenthümlich , dass sie
nicht mehr als 5 hat. — Cuvier spricht p. 204 von einer Phoca,
welche Gr. Milbert 1820 von New-York geschickt hat. Ich habe
im Cabinet d'anat. comp, den Schädel davon untersucht. Er kommt
der Phoca groenlandica am nächsten; aber entfernt sich von der
gewöhnlichen dadurch, dass der Zwischenbalken vorn rundlich
gewölbt ist, keine Spur von Process. anteorbitalis , und ein klei-
ner 6ter Zahn hinter den andern vorhanden ist. Dies ist jedoch
nur eine kleine Abnormität und der Schädel gehört ohne Zweifel
einer jungen Ph. groenlandica.
Diese Art variirt sehr nach dem verschiedenen Lebens-
alter: Wenn das Junge geboren wird, ist es bedeckt
mit glänzendem, weissem, wolligem Haar. Dies fällt bald ab.
Im Isten Jabr: Blassgrau überall, jedoch am dunkelsten
auf dem Rücken und Kopf, und am blassesten unter dem Bauche.
Thien. pl. XVII. (Nicht gut).
2tes Jahr: Dieselbe Grundfarbe bestreut mit dunklen
Flecken *). Lepech. Tab. VII. Thienem. LXVf. — Vhoca la-
giira Cuv. Ossem. foss. V. I. p. 206. — Nilss. p. 37.
*) In diesem Alter kann man die Haut leicht mit der eines jun-
gen Halichoenis verwechseln.
ai6
3tes Jahr: Weissgrau, hier und da mit einer Menge
schwarzer oblonger Flecken. — Dieser wird in Grönland
Agiektok genannt*
4les Jahr: Wird mehr bunt. Darauf laufen die Flecke
mehr zusammen und der Kopf wird schwarz.
5tes Jahr» Weiss, aber Schnauze, Stirn und Seiten des
Kopfes schwarz; auf jeder Seite ein grosser, langer, etwas
mondförmiger Fleck. Geschlecht gleich, doch haben die
Männchen am häufigsten den Seitenfleck gross und rein
schwarz. Lepech. F. "VI. Thienem. XIV.
Aufenthaltsort: Das nördliche Polarmeer von Europa,
Asien und Amerika; von dort machen die Jungen im zweiten
Jahre zuweilen Streifzüge nach südlichen Meeren, aber »die
älteren verlassen wohl niemals die* Polargegenden*). An der
Westküste Norwegens ist diese Art wohl noch nicht bemerkt*,
aber ohne allen Zweifel kommen zuweilen jüngere Individuen
nicht allein dort, sondern auch im Kattegat und den Bohus-
scheeren vor. In Bristol habe ich bei Dr. Riley ein Skelet
gesehen, welches einem Jungen dieser Art vom 2ten Jahr
angehörte, erlegt in Severn (dem Meerbusen aussen vor
Bristol), und auf dem Museum daselbst findet man ein ausge-
stopftes Exemplar ungefähr von demselben Alter, welches auch
im Meer aussen vor der Küste erlegt sein soll.
5) Der bärtige Seehund iPhoca harhata Fabr.)
Barthaar zahlreich, dick, ganzrandig; Zehen der
Vorderfüsse fast gleich lang; Farbe gräulich unge-
fleckt; Backzähne abgestuzt, geradestehend und
getrennt. Länge 8 — 10 Fuss.
Schädel. Die obere Contour sehr krummgebogen mit
kurzer rundlicher Schnauze; Mittelbalken breit; Tuberculum
anteorbitale stark; Gaumenloch in oder hinter der Sutur;
Gaumenrand nach hinten zu ein Bogen* Unterkiefer sehr breit
unter dem nächst innersten Zahn; der Höcker des aufsteigei|
den Astes zunächst dem Winkelknorren.
\
*) Eine so gefärbte Phoca groenlandica wie die von Bell un-
ter den British Quadrupeds abgebildete, ist, wie ich glaube, an
keiner englischen Küste gefunden worden.
317
Phoca barbata Fabric. Faun. Groenl. p 15. — Nilss. Skand.Faun.
p. 74. _ Thienem. Bemerk. I. Tab. I. — III. Cran. IV. — Fr. Cu-
vier Mem. du mus. XI. p. 184 pl.l2. — PÄoca leporina Lepechin
Act. Petrop I. p. 264 Tab. VIII. — IX. — Phoca nmitica und Päoc«
albigena Fall. Zool. Rosso-Asiat. p. 1Ö8 — 109.
Farbe: Oben blassgrau, an den Seiten noch blasser und
unter dem Bauche weiss. Vom Kopfe, der wie der Hals oben
schwärzlich ist, geht ein schmaler Strich von derselben Farbe
längs dem Rücken.
NachFabricius istdieFarbe der Jungen auf dem Rücken
bläulich und sehr blass, am Bauche weiss; mit dem Alter
wird sie fast überall schwarzblau ; aber die allerältesten verlie-
ren das Haar, und die Haut ist schwarz und nackt.
Das noch mit Wolle bekleidete Junge: Der ganze
Körper mit dunkelgrauer Wolle bedeckt, welche hinten auf
dem Rücken und den Hinterfüssen dunkler wird. Längs dem
Rücken von den Schultern bis zu den Lenden geht eine breite
(4 — 5") weisse Binde. Die Füsse oben und unten ganz mit
Haaren bedeckt; Vorderfüsse mit grossen zusammengedrückten
Krallen bewaffnet, von denen die 3 mittelsten fast gleich lang,
die 2 äussersten ein wenig kürzer aber auch gleich lang sind.
Hinterzehen auch meist gleich lang und mit geraden Krallen
versehen. Barthaar zahlreich, nach unten gebogen, braun,
aussen weiss, durchaus ganzrandig.
Bei diesem jungen Thier, welches noch nicht mehr als
4' 10" lang und wahrscheinlich ungeboren war, war bereits
das tuberculum anteorbitale an dem Oberkieferbein ganz deut-
lich entwickelt.
Aufenthaltsort: So wie die vorhergehende Art, hat
diese ihren Stammsitz in den nördlichen Polarmeeren von
Asien, Europa und Amerika, aber so viel man bis jetzt weiss,
kommen weder jüngere noch ältere in wärmeren Meeren vor.
Zweite Abt h eilung.
Die Backzähne haben einfache Wurzeln, ent-
weder alle oder mit Ausnahme der beiden hinter-
sten*).
*) Bei allen zu dieser Abtheilung gehörigen Arten haben alle
Backzähne einfache Wurzeln mit Ausnahme der Gattung Halichoe-
318
4te Gattung: MalichoeruSt Nilss.
Schädel bei jüngeren Tlüeren eiförmig, bei älteren rliom-'
boidal mit Abstumpfung der beiden spitzen Winkel. Vorder-
zähne |; Backenzähne -1=1, fast einspitzig, kegelförmig, mit
einer Kante vorn und hinten. Gesichtsregion hoch, bei den
älteren höher als die Schädelregion und nach vorn schief ab-
gestutzt.
Krallen sowohl an Vorder- als Hinterfiissen wohl ent-
wickelt.
Man kennt noch nicht mehr als eine Art dieser Gat-
tung, und diese hat ihren Wohnsitz in den nördlichen und
temperirten Meeren von Europa.
Der graue Seehund (Jlalichoerus Grypus*). ,
üuregelraässige schwarze oder schwärzliche
Flecken, auf silberweissem oder blass aschgrauem
oder stahlgrauem (manchmal schwarzgrauem) Grun-
de. Länge 4 — 6 Fuss und darüber.
Schädel: Die Gesichtsregion (bei den altern) länger
als die Hirnschale; die vordere Nasenöffnuug sehr gross und
oblong, die oberen Backzähne kegelförmig; die unteren hin-
teren mit einer kleinen Spitze vorn und hinten.
Phoca Grypus (der krummschnäuzige Seehund) Fabr. Naturhist.
Selsk. Skrift.1.2. p. 167 Tab. XIII. fig. 4. (Schädel). -H all choe-
rus griseus Nilss. Skand. Faun.I. p. 377. — Tab. 34. fig. lu. 2.-
Grey Seal Bell British Quadrupeds p.284 (Schädel). — In Cu-
vier's Ossem. foss. V.l. p.216 findet sich eine sehr deutliche
Beschreibung eines Schädels dieser Art, nach einer Zeichnung von
rus, welche die beiden hintersten Backenzähne mit zwei Wurzeln ver-
sehen hat. Die einfachen Wurzeln der Backenzähne werden mit
den Jahren mehr oder minder stark aufgetrieben. Bei einigen Arten
werden sie so enorm dick aufgetrieben, dass die Krone nur als ein
kleiner Knopf auf ihrer Spitze erscheint. Dieses tritt ein bei Otaria
und besonders bei Cystophora proboscidea. Ein sehr alter Unterkiefer
der letztgenannten Art ist in Fr. Cuvier's Dents des mammi-
feres pl.39A. abgebildet. Die Krone scheint wenig oder gar nicht
zu wachsen, nachdem sie über dena Zahnfleisch hervorgekommen ist.
**) Da Fabricius, welcher zuerst die Art beschrieben, dieselbe
Phoca Grypus (nicht Gryphus) genannt hat, so möchte es am pas--
sendsten sein, den längst bekannten specifischen Namen beizubehalten.
319
Ev. Home in den Philos. Transact. 1822 pl. 27, aber die An-
gabe, dass derselbe von einer Phoca aus der Südsee sei, ist un-
richtig.
Beschreibung: An einemjuDgen Weibchen von etwas mehr
als 4 Fuss Länge, war der Umfang des Kopfes 9|", die Länge des Vor-
derfussesö", desHinterfusses 9", und des Schwanzes 2|". Der Kopf
länglich, das Maul dick, ziemlich langgezogen und an der obern
Contour etwas zuriickgebogen. Barthaar zahlreich, stark, lang
zusammengedrückt mit welligen Rändern, weisslich, sitzt rei-
henweise auf der Oberlippe und an der Seite der Nase herab.
OhröflFnnng klein, liegt nicht so weit vom Auge als dieses von
der Schnauzenspitze. Krallen der Vorderfüsse hornbraun, et-
was zusammengedrückt oder halbrund, oben convex, Iste und 2te
gleich lang, die folgenden allmälig abnehmend, ragen e];was
aus der überall behaarten Schwimmhaut hervor. Die Hinter-
füsse enden in zwei fast gleich grosse Lappen mit einem Ein-
schnitte zwischen sich. Die Schwimmhaut zwischen den Zehen
fast nackt, längs den Zehen behaart; die Hinterkrallen, welche
mit derSpitze kaum aus denHautlappen hervorragen, sind nie-
dergedrückt, halbrund, spitzig, schmal, gerade, mitAusnahme der
seitlichen Krallen, welche ein wenig breiter und etwas einge-
bogen sind. Das Haar des Körpers sehr plattgedrückt und
spitz, aber nicht wellig, kurz anliegend, fühlt sich beim Herab-
streichen glatt an, rauh in der entgegengesetzten Richtung. —
Farbe silberweiss glänzend, marmorirt oder unregelmässig
fleckig, schwarz oben, an den Seiten und den Beinen, sowohl
den vorderen als hinteren. Die schwarzen Flecken sind be-
sonders zahlreich und zusammenfliessend an den Seiten. Die
untern Körpertheile weiss mit zerstreuten schwarzen Flecken.
Erlegt im Anfang August.
Das Cranium dieses Exemplars war 8" lang und zeigte,
dass das Thier jung war, vermuthlich aus dem 3ten oder 4ten
Jahre. Alle oberen Backenzähne waren einwurzelig, mit Aus-
nahme des hintersten, welcher zwei Wurzeln hatte, nach vorn
gerichtet und mit niedriger spitzer zweikantiger Krone verse-
hen. Die übrigen oben waren kegelförmig, gekrümmt, gestreift,
spitzig, vorn und hinten mit einer Kante versehen; die Back-
zähne des Unterkiefers auch kegelförmig, zweikantig, gestreift,
aber die beiden hintersten mit einer kleinen Zacke an der
320
I
Wurzel vorn und hinten. Der hinterste mit zwei Wurzeln,
der vorhergehende einvvurzelig, aber aussen mit der Andeutung
einer Theilung durch eine Furche. Eckzähne mit einer Kante
vorn und hinten. Vorderzähne oben: die 4 mittelsten zusam-
mengedrückt, an der Spitze zurückgebogen, die äussersten
grösseren länger.
Ein anderes junges Weibchen, wahrscheinlich aus dem
2ten oder 3ten Jahre von fast 3^ Fuss Länge hatte blassbrau-
nes Barthaar, war oben blass aschgrau mit unregelmässig zer-
streuten schwärzlichen, weniger deutlichen Fleckchen versehen.
Die Seiten, Beine und untern Körpertheile weiss. — - Erlegt
im Juni.
Cranium 7 Zoll lang. Die obern Backzähne mit einem
kleipen Höcker hinten an der Wurzel; die unteren mit einem
Höcker hinten und vorn.
Ein anderes Weibchen dieser Art, welches im Sunde
fast zu derselben Jahreszeit wie das zuerst beschriebene
erlegt wurde, nämlich ungefähr den 20sten Juli, beträgt an
Länge ^ Fuss und hat folgende Farben: Oben dunkelgrau,
längs dem Rücken noch dunkler, schwarzgrau, an den Seiten
etwas blasser grau; Rücken und Seiten mit kleinern unregel-
mässigen und ungleichgrossen schwarzen Flecken bestreut;
Schnauze und Beine braungrau ungefleckt.
Anmerk.: Dieser Seehund hatte kürzlich gehärt, und hatte noch
hier und da einige Winterhaare übrig. Diese waren graugelb,
■während dagegen das neue Fell schwarzgrau und sehr fein war.
Hieraus sieht man: 1) dass die Alten ihre Farbe nach der Jah-
reszeit wechseln, und 2) dass die Grundfarbe verschieden dunkel
ist bei verschiedenen Individuen desselben yVlters und Geschlechts
während derselben Jahreszeit.
Anmerk.: Das Junge dieser Art kann, wenn es ausgestopft
worden, leicht mit einem Jungen derselben Grösse von Phoca
groenlandica verwechselt werden. Bei der Vergleichung habe
ich folgende Unterscheidungsmerkmale gefunden:
Junge Phoca groenlandica. 3ungevHalichoerusGri/pus.
Entfernung der Ohröffnung vom Entfernung der Ohröffnung vom
Auge macht! der Entfernung des Auge beträgt kaum -^ der Entfer-
Augesvon der Nasenspitze aus. — ming des Auges von der Nasen-
Vordere Barthaare braun, fein, spitze. — Barthaar von derselben
hintere weiss, zusammengedrückt, Farbe und Form, aber viel gro^
wellig. Vorderkrallen schwärz- ber. Vorderkrallen hornbraun mit
321
lieh hornfarbig, keine weissen weisslichen Spitzen und grösser
Fpitzen. als bei Phoca groenlandica.
Farbe: oben braungrau, un- Farbe: oben silbergrau oder
ten weisslich, überall dünn be- stahlgrau, dichter bestreut mit
säet mit kleinen und sehr klei- kleinen unregelmässigen schwärz-
nen unregelmässigen dunkelbrau- liehen Flecken oder richtiger
nen vollständigen Flecken von Puncten , zu unregelmässigen
1 — 11 Zoll Grösse^ der Kopf Flecken versammelt; an den Sei-
chen mehr bräunlich, von wo eine ten und unten weiss. Der Schwanz
braune Binde längs der Schnauze länger als bei Phoca groen-
fortgeht; ein blasserer weisser landica.
Streifen um die Augen. Der Diese und die beiden vorher
Schwanz graubraun, an den Sei- beschriebenen Weibchen dieser
tenrändern weisslich. Art sind in der Ostsee geschossen.
Aufenthaltsort: Man hat lange gevvusst, dass diese
Robbe sich in allen Meeren aufhält, welche die skandinavische
Halbinsel umgeben: in der Ostsee sowohl als im Sunde, im
Kattegat und in der Nordsee. Man hat auch längst vermu-
thet, dass der Utselur der Isländer zu dieser Art gehöre,
was sich auch durch Herrn Hallgrimssons interessante
Beobachtungen bestätigt hat. Aber man wusste nicht, dass
diese Art sich südlich bis zur Ostsee oder Nordsee ausdehnte.
Hr. Ball, ein irländischer Naturforscher, hat dieselbe an der
südlichen Küste von Irland entdeckt und gefunden, dass sie
dort die gemeinste aller Robbenarten ist. Diese höchst
interressante Entdeckung hat unsre Kenntnisse von der geo-
graphischen Verbreitung dieser Robbenart bedeutend erweitert.
5te Gattung: Trichechu« Linn.
Der Umfang des Schädels bildet bei älteren ein oblon-
ges Viereck mit abgestumpften hinteren Seitenecken, bei jün-
geren ist er mehr eiförmig. Vorderzähne bei den jungen
^, bei den älteren |^; obere Eckzähne enorm gross wie Fang-
zähne weit aus dem Munde herabragend, untere kurz, ursprüng-
lich kegelförmig; Backzähne ^=|, von denen der innerste
kleine früh ausfällt, alle kegelförmig, mit den Jahren abgenutzt
platt *).
Zu dieser Gattung gehört nur eine Art:
*) Vgl. Skand. Faun. I. p. 388.
ArcIÜF f. Nalurgcsch. YH. Jahrg. 1. Btl, 21
322
Das Wallross, (Trichechus Rosmarus Linn.)
Körper mit kurzen graubraunen oder gelbbrau-
nen Haaren bedeckt; Schnauze breit erhaben mit
zahlreichen groben borstigen Barthaaren; Fang-
zähne nach unten gerichtet und etwas zurückgebo-
gen, bis zu 2 Fuss lang.
Trichechus Rosmarus Linn. Syst. I. p. 39.— Walross Nilss, skand.
Fauna I. p. 388. — Walruss Bell. Brit. Quadr. p. 282. — Ros^
marus arcticus Fall. Zoogr. Ross. I. p. 269.
Anmerk. Man hat die Zähne des Wallrosses sehr oft unrichtig
beschrieben. Linne bringt es zusammen mit dem Elephanten
und dem Nashorn unter den Bruta und nimmt an, dass es (im
erwachsenen Zustande) keine Vorderzähne habe. Pallas vereinigt
es auch mit dem Elephanten unter denBelluae, und spricht ihm
auch die Vorderzähne ab. Prof. Bell, in seinem neulich heraus-
gegebenen vortrefflichen Werk über Englands Säugthiere, legt
ihm nur 2 Vorderzähne im Oberkiefer bei, und behauptet, dass
diese (sehr oft) ausfallen. Er hat sie nur bei einem einzigen Exem-
plar gesehen, „sie bestehen aus einem auf jeder Seite, ganz klein
und kurz, ohne Wurzel, nur an den Gaumen befestigt, wo der Kno-
chen kaum eine kleine Höhlung für ihre Aufnahme hat, wesshalb
sie stets an macerirten Schädeln fehlen". Diese beiden kleinen
runden Zähne, welche meist verschwinden, ehe das Thier aus-
gewachsen ist, sind gleichwohl nicht die einzigen Vorderzähne
im Oberkiefer; denn ausser ihnen liegt auf jeder Seite nahe
unter dem Vorderrande des Eckzahns ein grosser Zahn, einem
Backzahn ähnlich, wofür er auch von Allen angesehen worden;
aber er sitzt bestimmt im Zwischenkiefer und ist so ein wirkli-
cher Vorderzahn. Dieser ist niemals ausgefallen. Die hinter
diesem sitzenden Backzähne sind 4 an der Zahl, von denen die
3 vorderen grösser sind, der hinterste klein, zuweilen ausgefallen
ist. Im Unterkiefer ist in der That bei den Jungen ein kleiner
Vorderzahn auf jeder Seite; aber dieser gelangt niemals zurEnt-
"wickelung. Der darauf folgende, deutlich ein Eckzahn (dens ca-
ninus) ist höher und grösser als die drei folgenden Backzähne,
hinter denen, ebenso wie im Oberkiefer, zuweilen ein kleiner
Zahn sitzt. Demnach ist das Zahnsystem des Wallrosses folgen-
des: Vorderzähne oben 4, von denen die beiden mittelsten klein
sind und oft ausfallen; unten 2, welche jedoch nie entwickelt
werden. Backzähne | = *, von denen die beiden innersten klei-
neren bisweilen ausfallen. Obere Eckzähne enorm grosse Hauer,
untere kurz, den Backzähnen ähnlich. Dass Herr Bell ursprüng-
lich 5 Backzähne (von denen jedoch der hintere oft ausfalle)
323
rechnet, rührt daher, dass er auch einen Vorderzahn zu den Back-
zähnen zählt.
Aufenthaltsort. Der Wohnsitz des Thiers ist in
dem nördlichen Polarmeere, Bei Spitzbergen, dem nörd-
lichsten America und nördlichsten Asien findet es sich noch
hie und da zahlreich, obgleich die fortgesetzten Verfolgungen
seine Anzahl bedeutend vermindert haben; aber an der nördli-
chen Küste Skandinaviens, wo es ehedem beweislich weniger
selten gefunden wurde *), wird gegenwärtig höchst selten ein
einzelnes gefunden. (Vgl. Skand. Faun. p. 390. Not.) Auch
an den nördlichsten Küsten Englands ist eins und das andere
erlegt worden. (Bell p.286.)
Wo es zahlreich vorkommt, trifft man es truppweise zu-
sammen von 50 zu 100 und darüber an den Küsten oder auf
dem Treibeise. Einige Verf. behaupten, dass das Wallross
hauptsächlich von Muscheln lebe; andere, dass seine eigentliche
Kost aus Tang und anderen Seegewächsen bestehe, welche
es vom Meeresgrunde abweide, Vv'obei es, nach Angabe der
Wallrossjäger (mitgetheilt von Dr. S. Loven, welcher Spitzber-
gen selbst besucht hat), vertikal im Wasser stehen soll, mit
dem Kopfe nach unten gerichtet. Seine enorm grossen Hauer
benutzt es, um aufs Eis zu klettern und um sich zu verthei-
digen. Wenn das Wallross verwundet wird, greift es wüthend
an und haut bald nach der einen bald nach der andern Seite
nnd sucht die Waffen zu zerbrechen, mit denen es angegrif-
fen wird. Seine Stimme ist ein kurzes abgebrochenes Ge-
brüll, welches man mit dem Blöcken eines Ochsen verglichen
hat. Es soll sich im Juni paaren, und das Weibchen gebiert
im Spätwinter gewöhnlich ein, seltener zwei Junge.
6te Gattung: Cystophora» ^*)
Umfang des Schädels breit oval, mit sehr ausgeboge-
Pen Kinnbacken, von oben ausgeschnitten und gleich-
*) VgLOthers Periplus, K.Witterh.Akad.Handl.VJ.p. 68-70.
*P Von xvaug-ecog, vesica, xvazsiocpÖQa contr. xvarwcpoQK. Hieher
gehören die Gattungen Stemmatope, Macrorhine^yx. Phoque des Patagons
Fr. Guy. Jedenfalls ist die Benennung Cystophora viel älter als
»rgend eine von diesen. Auf Island werden diese Seethiere Blau dr u-
^elur, Blaserobben genannt.
21*
324
sam ausgerundet, wodurch die Orbita sehr gross ist; Schnauze
kurz, ziemlicli schmal; Zwischenbalken breit. Naseuöflfnung
lang. Vorderzähne ^, kegelförmig, spitz; Backzähne | = |
klein, getrennt, fast stumpf, aber am Ende zu einer Schärfe
gleichsam zusammengedrückt und gerunzelt.
Aeussere Gestalt: Nase stark entwickelt zu einem
kurzen Rüssel, oder über der Stirn eine lose Haut, welche
nach Belieben aufgeblasen werden kann. Keine Spur von
äusserem Ohr. Extremitäten, wie bei allen vorhergehenden,
behaart, die vorderen mit 5 starken Krallen bewaffnet, die
hinteren getheilt (in zwei grössere äussere Lappen und drei
kleinere zwischen ihnen) und mit kleineren (oder keinen?)
Krallen versehen.
Diese Gattung enthält die grössten, colo'.salsten Thiere
der ganzen Ordnung und eines derselben übertrifft an Grösse
bedeutend sogar das Wallross. Man stellt ihnen nach wegen
ihres reichlichen Specks, welcher vielen Thran giebt. Sie
kommen darin überein, dass die Farbe bei dem jungen und
alten Thiere sehr verschieden ist.
1. Der See-Elephant {Cystophoraproloscided).
Das Männchen hat einen Rüssel, welchen es trom-
petenförmig aufbläst. Farbe bei den älteren braun,
bei den jüngeren oben eisengrau, unten weiss.
Länge 25 — 30'.
Schädel: Boden der Nasenöffnung breit concav; Hin-
terrand des Gaumens tief eingeschnitten vor den alae ptery-
goideae. Obere Contour stark bogenförmig über die Nase
herabsteigend. Unterkieferäste zusammengewachsen bis unter
den 3ten Backzahn, wo sie am breitesten sind und ihre Ver-
einigung nach hinten zu einen Bogen bildet.
Phoca proboscidea, Desm. Mammal. I. p. 238. - Sea Lion Anson
Voyage round the world p. 190. t. 190. — Phoque ä trompe ou
Elephant marin Peron Voy. II. p. 32. Atl. pl. 32. — Der glatte
Seelöwe Schreb. Säugth. 3. p.297. pl.83. (Phantasiestück).— CuT.
Ossem. foss. V. pl. 18. fig. 1. (Cranium). — Macrorhin Fr. Cuv.
1. c. N. 2. d. e. Phoca dubia Fischer Mammal. I. p. 235.
Anmerk. Dass Ansons Sea Lion zu dieser Art gehört, kann
ich um so bestimmter bezeugen, da ich den Originalschädel ge-
sehen habe, welcher im Hunterschen Museum zu London aufbe-
wahrt wird.
325
Phoca Ansonii, welche in Desmarest's Mammal. I. p. 239. neben
dieser Art steht, ist in der Beschreibung zusammengesetzt aus
dieser und der Otaria leonina. Ein Theil der Diagnose: „Nez
du male prolonge en une sorte de trompe molle et
susceptible de se gonfler" gehört zw Cystophora proboscidea,
aber six incisives superieures etc." gehört zn Otaria leo-
nina, und die Confusion rührt daher, dass der Verfasser sich in
dem pag. 239. von ihm beschriebenen Schädel geirrt hat, wel-
cher im Hunt er sehen Museum zu London unter Nr. 394. aufbe-
wahrt wird mit der Aufschrift : „Sea Lion fro7Ji Falhland Island''-
und der gar nicht zu dieser Art, sondern zu einer jungen
Otaria jubata gehört. Sonst befindet sich in demselben Museum
unter Nr. 379. ein Schädel, mit der Aufschrift, dass er von Lord
Anson in das britische Museum gebracht worden, von wo er
an das Huntersche gelangt ist. Dieser Schädel gehört wirklich
der Cystophora jiroboscidea an, und ist das Original zu Anson's
Sea Lion. — Phoca Byronii Desm. Mammalog. L p. 240. ist eine
Nominalart, welche einzig und allein auf einen Schädel gegründet
ist, welcher sich im Hunt er sehen Museum zu London unt.Nr.381.
,,Sea Lio7i from the Island ofTinian; by Commodore Byron'^ befin-
det. Dies ist ein alter Schädel ohne Unterkiefer von 0/an«jM&a<^a.
Beschreibung eines jungen Thiers von 5 Fuss Länge:
Kopf ohne Spur äusserer Ohren. Barthaar ganz schwarz, an
der Wurzel wellig zusammengedrückt, aussen ganzrandig; die
Vorderfiisse mit langen halbrunden Krallen, welche aus der
Haut hervorragen und von denen 1 oder 2 gleich lang sind,
die folgenden allmälig an Länge abnehmen, Hinterfüsse in
2 grosse breite Lappen getheilt, zwischen ihnen 3 kleinere,
von denen der mittelste am kleinsten ist. Krallen fehlen. Haut
der Extremitäten mit äusserst kurzem Haar. Schwanz kurz,
zungenförmig. Haar am Kopfe und ganzen Körper kurz an-
liegend. Farbe oben dunkel silbergrau glänzend, einfarbig, an
den Seiten blasser, unten weisslich, in's Gelbe ziehend.
Dieses Exemplar wird ausgestopft im Museum zu Paris
aufbewahrt mit folgender Aufschrift: „Phoque gris argente
ä OS nasaux tres courts. Euvoye de Nantes par Mr.
Dubuisson." Es ist dasselbe Exemplar, welches Cuv. be-
schrieben in den Rech. Oss. V. L p. 213. Dieses Exemplar
hat auch Veranlassung gegeben zur Nominalart Phoca dubia
Fisch. 1. c, aber durch einen Schreibfehler steht: unguibus
leviter undulatis; muss heissen: vibrissis etc. so wie:
Jjongit. 1 ped. 8 poll, muss heissen: 4 ped. 8 poll.
326
Der Schädel desselben Exemplars wird im Gab in et
d'anatomie comparee aufbewahrt mit der Aufschrift:
„Phoque cendre, envoye de Nantes par Mr.Dubuis-
son." Er ist fast 8" lang und 6" breit. Es ist dasselbe
Exemplar, welches Fr. Cuv. beschrieben und pl. 14. f. 2. d.
e. f. abgezeichnet hat unter dem Namen: Phoque des pa-
lagons.
Peron soll in seiner Voyage aux terres australes
(II. pag. 32. pl, XXXII.), ein Werk welches zu vergleichen
ich keine Gelegenheit gehabt, eine vollständige Beschreibung
dieses colossalen Thieres gegeben haben, dessen Länge 25 — ^30
Fuss beträgt. Man kann von den Schädeln, welche in den
Museen aufbewahrt werden, auf ihre ungeheure Grösse schlies-
sen. Der grösste, den ich gesehen, befindet sich im Pariser
Museum. Er hat eine Länge von 1' 9" und eine Breite von
1' 4", aber ist noch nicht ausgewachsen, indem die Wurzeln
der Eckzähne noch offen sind.
Aufenthaltsort. In den kältern Zonen der südlichen
Hemisphäre wandern sie truppweise je nach den Jahreszeiten,
finden sich an der südlichen Küste von Neuholland, Kingsinsel,
im Bass-Sunde, an den Küsten von Neu-Seeland u. s. w. Sie
sind der Gegenstand einer einträglichen Jagd.
2. Die Blase-Robbe (fiystophora cristatay
Das Männchen hat über der Nase eine gerun-
zelte Haut, welche aufgeblasen werden kann; Farbe
der älteren schwarz und weiss gescheckt, mit
schwarzer Schnauze und Gliedern; bei den Jüngern
weiss, mit grauem Rücken, weissen Krallen. Länge
7—8 Fuss.
Schädel: Boden der Nasenöffnung eine schmale Rinne;
Hinterrand des Gaumens fast quer zwischen den alae ptery-
goideae; obere Contour fast gerade (wenig bogenförmig), Un-
terkieferäste nur au den Spitzen zusammengewachsen, der Zahn-
theil meist gleich breit und die Vereinigung bildet nach hinten
zu einen spitzen Winkel.
Phoca crütata Fabric. Naturh. Selsk. Skrivt. 1. 2. p. 120. (eine
wichtige Abhandlung über diese Art.) — Fischer Syn. Mamm.
I. p. 241. — Phoca mitrata id. ibid. — Phoca leucopla Thienem.
327
Bemerk, p. 102. (jung, gute Beschreibung). — Cystophora borea-
lis Nilss. Skand. Faun. I, p. 383. — Klapmyds Egede p. 46. ~
Phoca leonina Linn. Syst. XII. I. p. 55. NB. hier ist Ansons Sea
Lion verwechselt mit Ellis' Seal tvith a cawl, Voy. Huds. p. 134.
t. 6. f. 4. Der erste ist Cyst. proboscidea, der letztere ist diese.
Denselben Fehler hat Fabricius begangen in der Fauna
Groenl. p. 7. und in den Naturhist. Selsk. Skrivter 2. p. 120*). —
Stetnmatope Fr. Cuvier Mem. du Mus. XI. p. 196. pl. 13. fig. 3,
g. h. i. *
Beschreibung. Kopf gross, mit dicker, Stampfer
Schnauze; Nase vollständig behaart; die Naslöcher, welche
vorn unter der Nasenspitze liegen, sind ziemlich klein (im Ver-
gleich mit denen bei andern Arten) und nach oben divergi-
rend. Barthaar schwach, zusammengedrückt, blassbraun und
wellig. Von der Nase über die Schnauze und bis zwischen
die Augen hinauf kann die Haut des Männchens nach dem
Belieben des Thieres zu einer Blase aufgetrieben werden, welche
an den Seiten hervorragend ist und längs der Mitte einen
Kiel hat; die Vorderfüsse stark behaart, mit 5 weisslichen
starken, spitzen, unten gerinnten Krallen, welche allmälig sehr
an Grösse abnehmen und nicht aus dem sehr schiefen stark
behaarten Fussrande hervorragen. Hinterfüsse breit und gross,
in zwei grosse Seitenlappen, von denen der äussere etwas
grösser ist, und 3 kleinere innere getheilt, von denen der in-
nerste am kleinsten ist, jeder oben mit einer weisslichen ge-
raden, zusammengedrückten Kralle versehen. Schwanz breit
und ziemlich lang. Behaarung etwas struppig, dicht und steif.
Farbe: Schnauze und Stirne schwärzlich einfarbig; Körper
schwarz und weiss gescheckt (bei grösseren fahl gefleckt),
und zwar so, dass der Rücken mehr Schwarz, die Bauchseite mehr
Weiss enthält; der Nacken und obere Hals schwarz und mit
weisslichen Fleckchen; Vorderfüsse einfarbig bräunlich, ebenso
die hinteren.
Dem Weibchen fehlt die Blase auf der Nase, aber es
besitzt den Längskiel.
*) Unbegreiflich ist es, dass er an beiden Stellen dieser Art auch
im Unterkiefer 4 Vorderzähne beilegt. Ich habe eine Menge Schädel
gesehen, aber nicht einen einzigen angetroffen mit mehr als 2 Vor-
derzähnen im Unterkiefer.
328
Junges: oben einfarbig braungrau, an den Seiten blas-
ser weisslich und unten weiss ungefleckt; Stirn, Wangen,
Schnauze graubraun, mit einem weissen breiten Ring um die
Augen, über ihnen ein runder Fleck, worin einige Borsten
sitzen, die Lippen und unteren Kopftheile weiss. Kral-
len blass, weisslich. Barthaar Mass. Länge 4 — 5 Fuss.
Hieher gehört bestimmt Phoca leucopla Thienem. Naturhist.
Bemerk. I. p. 102. pl. XIII. Ferner Phoca mitrata Cuv. Os-
sem. V. I. p. 210. von Hrn. Milbert aus New-York gesandt.
Ich habe sowohl das Fell als das Skelet im Pariser Museum
untersucht. Ersteres gegen 4 Fuss.
Anmerk. Cuvier 1. c. p. 211. beschreibt, wie gewöhnlich, den
Schädel und Zahnbau sehr genau: II y a en haut quatre incisi-
ves, dont les mitoyennes tres petites etc. — Desmarest dage-
gen in seiner Mammal. I. p. 241. Anra. beschreibt dasselbe In-
dividuum mit 6 oberen Schneidezähnen.
Aufenthaltsort. Findet sich im nördlichen Polarmeer,
wo er nach den Jahrszeiten truppweise wandert. Er findet
sich zuweilen sowohl bei Island als an den nördlichen Küsten
von Norwegen ein. Vgl. Skand. Faun. a. a. O.
7te Gattung: Otaria *).
Schädel oblong eiförmig; vom Stirnbein geht ein star-
ker Processus postorbitalis aus und von dem Kiefer-
knochen ein vorspringender Ante orbital hock er; Vorder-
zähne |, die 4 mittelsten oberen der Quere nach zweispal-
tig, die beiden äusseren sehr gross, spitzig; die 4 unteren ab-
gestutzt; Backzähne |=f (selten |=|) zusammengedrückt
kegelförmig mit einer Zacke oder einem Höcker vorn oder hinten.
An jungen Schädeln ist die Schnauze vorn verschmälert
und endet vorn mit einer abgestutzten Spitze über den Schnei-
dezähnen. Bei alten nimmt die Schnauze vorn an Breite zu,
und endigt stumpf.
Aeussere Form: Rumpf spindelförmig, etwas nieder-
gedrückt ; der Kopf, mit äusseren (kleinen, spitzen) Ohren ver-
sehen, ist ziemlich schmal länglich und sitzt auf einem langen
*) Arctocephale und Platyrhynque Fr. Cuv.
329
Halse so dass die Vorderbeine weiter zurücksitzeii als bei
den vorhergehenden. Die Vorderbeine, nach den Seiten und
nacli hinten gerichtet, sind an dem äussern, dünnem, etwas
gelappten Rande, so wie an der Spitze nackt (gleichen den
Flossen der Seeschildkröten), und man sieht in ihnen keine
Zehen, sondern bloss Rudimente von Nägeln. Hinterbeine
nach hinten gerichtet; ihre Füsse enden mit einer in fünf fin-
gerähnliche Lappen getheilten nackten Haut, hinter welcher
die drei mittelsten Zehen Krallen und die beiden äussersten
Spuren derselben haben.
Von dieser Gattung findet sich keine einzige Art in den
europäischen Meeren, noch auch in dem Meere zwischen die-
sem Welttheil und Nordamerica, Dagegen kommen Arten
derselben vor im Meere zwischen Nordasien und Nordamerica,
so wie an den Küsten vom südlichen America und südlichen
Africa und besonders in Australien.
1. Der Seelöwe (jOtaria juhata).
Rothbraun oder gelbbraun, Beine und untere
Körpertheile dunkelbraun; Haare kurz anliegend,
ohne Grundwolle; Barthaar ganzrandig, weiss (bei
den jungen schwarz); Ohren sehr kurz (kaum f");
hinterer Rand der Vorderfüsse etwas gelappt, die
3 grossen Krallen der Hinterfüsse ragen mit der
Spitze nicht bis zum Rande der tiefen Einschnitte
zwischen den 5 langen Fusslappen. Das Männchen
hat um den'Hals längere emporstehende Haare.
Länge, Männchen 10 Fuss: Weibchen 7 Fuss *)
Schädel. Zwischenbalken kurz, hinten verschmälert, ke-
gelförmig ; der Postorbitalfortsatz eine gerade abstehende (nicht
schiefe) abgerundete Lamelle ; das Stirnbein schickt einen klei-
nen Fortsatz zwischen Orbita und Oberkieferbein herab; der
Processus anteorbitalis breit zusammengedrückt. Gaumen der
Länge nach stark ausgehöhlt und an den Seiten von einer
Knochenlamelle begrenzt, welche in den Hamuli pterygoidei
endigt, die ganz nahe hinter dem queren (doppelt eingeschnit-
tenen) Gaumenrande stehen. Die Entfernung zwischen dem
*) Wahrscheinlich werden sie viel grösser.
330
letzten Backzahn und dem Gaumenrande ist drei Mal so gross
als zwischen diesem und den Hamuli. — Der Ramus adscen-
dens des Unterkiefers bildet mit dem Zahntheil einen sehr
stumpfen Winkel mit einem rückwärts gerichteten Winkelhöcker;
zwischen diesem und dem Höcker des Ramus adscendens ist
der hintere Rand S-förmig.
Otaria jubata Desm. Mammalogie p. 248. — Lton marin Forst,
sec. Voyage de Cook 4. p. 54. — Phoca jubata Gmel. Syst. I.
p. 63. — Lion marin Ferne tty Voy. t. I. p. 47. t. 10. — Der
xottige Seelöwe Schreb. Säugth. 3. p. 30. pl. 83. B. (schlecht). —
yyVOtarie molosse, (Otaria OTo/ox««a Less. et Garn) des Ma-
louines par Less. et Garn.'' wird im Pariser Mus. aufbe-
wahrt, wie auch der Schädel desselben unter No. 7.; ist eine
junge Otaria jubata. — Im Museum der Chirurg. Acad. (dem
ehemaligen Hunterschen) zu London liegt unter Nr. 394. ein Schä-
del mit der Aufschrift: Sea Lion. Falkland Island. Er ist
11" lang, 6|" breit, die Crista sagittalis und occipitalis sind be-
reits entwickelt. Er hat einer jungem Otaria jubata ange-
hört; aber sie hat sicherlich niemals ein solches Fell gehabt, als
das, welches bei Desm. Mam. p. 252. der Otaria falhlandica zu-
geschrieben wird: „Pelage gris cendre, nuance de blanc terne",
welches eher der Otaria ursina zukommt. — Hieher gehört
Phoca Byronii Desm. p. 240. Da ich noch keine Gelegenheit ge-
habt habe, einen Schädel von Stellers Seelöwen von den
Aleuten zu untersuchen, so führe ich nur als zweifelhaft an Nov.
comment.Petrop.il. p.360.— Aus einem sehr alten Schädel die-
ser Art mit breiter Schnauze hat Fr. Cuvier seine Gattung
Platyrhynckus gebildet *).
*) Stellers Seelöwe ist von der hier beschriebenen Otaria ju-
bata sehr verschieden. Wir besitzen das ganze Skelet des Platyrhyn-
chus Fr. Cuv. aus Brasilien. Vom Stellerschen Seelöwen hat Cha-
misso den Schädel aus Kamtschatka mitgebracht; er befindet sich im
hiesigen anatomischen Museum, dagegen meines Wissens in keiner
andern Sammlung. Er ist 14" lang und 8" breit. Der Interorbital-
theil des Schädels erweitert sich ganz allmälig in den Schädel, bei
Platyrhynchus plötzlich. Der Gaumenrand ist quer, und weniger als
halb so breit als die Breite des Gaumens zwischen den hintersten
Backzähnen. Die Entfernung des hintern Gaumenrandes vom hinter-
sten Backzahn ist so gross als die Entfernung des erstem vom Ha-
mulus pterygoideus. Der Gaumen ist beinahe flach und ohne Seiten-
leisten. Der Processus condyloideus des Unterkiefers steht nach
hinten. Der Winkel des Unterkiefers fehlt fast ganz. Der Fortsatz
331
Aufenthaltsort: findet sich in den Meeren der südli-
chen Hemisphäre, bis zu den Malouinen, bei Chili, Brasilien,
Neu-Holland u. s. w. Aber es ist kaum glaublich, dass es die-
selbe Art sei, welche bei den Aleuten im Meere von Kam-
tschatka vorkommt.
2. Der Seebär (Otaria uj'sina.)
Oben schwarzgrau, auf dem Vorderrücken und
Kopfe mit silbergrauen Haarspitzen; das Fell her-
vorragend mit feiner struppiger röthlicher Grund-
wolle; die Lippen rostgelb; Füsse dunkelbraun;
Bauchseite graugelb oder rostgrau mit einer schwar-
zen breiten Binde von einem Vorderbeine zum an-
dern; Barthaar schwarz, ganzrandig. Die Krallen,
welche weit hinter denLappen liegen, reichennicht
bis zu den Einschnitten. Länge ungefähr 10 Fuss.
Schädel: Zwischenbalken länger (als bei dem vorher-
gehenden), mehr gleichbreit, fast cyliuderförmig: der Processus
postorbitalis ein nach hinten gerichteter Sägezahn; das Stirn-
bein mit einem breiten dreieckigen Fortsatz zwischen den Ober-
kieferbeinen herabsteigend; derAnteorbitalfortsatz schmal, hoch,
am Ende knopfförmig. Gaumen (hinter den Backzähnen) fast
eben, nicht (sehr) concav; keine Knochenlamelle an den Sei-
ten zwischen den Backzähnen und Hamuli pterygoidei. Gau-
menrand bogenförmig (einfach -eingeschnitten), liegt unge-
fähr in der Mitte zwischen dem innersten Backzahn und dem
Hamulus. Der Unterkiefer bildet keinen bemerkbaren
Winkel oder Winkelhöcker *).
zwischen Processus condyl. und dem Winkel des Unterkiefers ist
fast ganz quer und verhältnissmässig klein.
Anmerk. von J. Müller.
*) Die Schädel des wahren Stellerschen Seebären von Cha-
misso aus Kamtschatka im anatomischen Museum zu Berlin pas-
sen auf diese Beschreibung. Der Schädel zwischen den Augenhöhlen
erweitert sich plötzlich zum Hirnschädel wie beim Platyrhynchus,
der sonst ganz davon verschieden ist. Der Arctocephalus Fr. Cuv.
mem, dumus. T. 11. tab. 15. stimmt mit den Chamissoschen Schädeln.
Anmerk.. v. J, Müller.
332
Otaria ursina Desm. Mammal. p. 249. (Beschreib.) Forster 1. c.
— Otaria cinerea Quoy et XSaim. Voy. Astrol. pag. 151. pl. 12 — 13.
(Schädel). Er wird im Museum zu Paris aufbewahrt (unter No. 2.).
Er ist llf Zoll lang, 6| Z. breit. Hieher gehört wahrscheinlich auch
Otaria cinerea Desm. Mamm. p. 251. u. nach der Diagnose Otaria
falkla7idica Id. ibid. 242. — An Vrsus marinus Steller Nov comment
Petrop. II. p. 331 ? * *
Aufenthaltsort. In den Meeren der südlichen Hemi-
sphäre vom 55. bis 30.« S. Br.: Magellanstrasse, Patagonien,
Neuholland, Cap (besonders sehr junge), — so in Australien,'
an den südlichen Theilen Africa's und Süd - America's.
Diese Otaria hat röthliche, seidenfeine und reichliche
Grundwolle, wesshalb auch die Haare, um sie zu beschützen
lang und vorstehend sind.- Es ist das Fell dieser Art, wel-
ches, nachdem das gröbere Haar fortgeschnitten ist, zur Ver-
brämung von Mützen u. s. vv. benutzt wird. Die Ohren sind
grösser als bei O. j üb ata, nämlich ungefähr li Zoll lang.
Anmerk. Buffon's petit pJioque, wovon sich das Original noch
im Museum zu Paris befindet, ist ein Junges von 2 Fuss Länge,
welches erlegt wurde, während es noch Milchzähne hatte. Es hat
8 Schneidezähne oben, dichtes und langes Haar, dessen Farbe
von der Spitze zur Mitte schwarz und darauf wie dieGrundwoUc
rostgelb bis zur Wurzel ist. Barthaar schwarz und ganzrandig.
Das Fell rauh und langhaarig, oben rein schwarz, vorn auf dem
Halse kastanienbraun, imter dem Bauche rostgelb. — Dieses
Junge, welches auch Otaria Peronii Desm. p. 250. genannt wor-
den, gehört höchst wahrscheinlich zu der hier beschriebenen Art.
Ein ganz ähnliches Exemplar befindet sich in dem Museum zu
Upsala und ist vom Cap. Es ist Thunb.'s Phoca minuta.
3. Die Südsee-Otarie (Otaria australis).
Graubraun mit gelblichem Anstrich; an den Seiten und
Beinen gelbbraun, am Bauche kastanienbraun. Das Haar strafiF
und kurz ohne Grundwolle. Barthaar weiss, ganzrandig. Klauen
der Hinterfüsse ragen weiter hervor als bis zu den Einschnit-
ten zwischen den Lappen. Ohren kurz, kaum | Zoll.
NB. Die meisten Haare sind schwarz mit graubraunen
Spitzen und zahlreichen eingemischten weissen Haaren.
Schädel. Zwischenbalken hinten verschmälert (wie bei
O. j üb ata), Processus postorbitalis breit, jedoch sägezahnför-
333
niig ; Gaumen hinter den Backzähnen fast platt, hat keine Sei-
tenlamelle an den Seiten: hinterer Gaumenrand bogenförmig
mit einem Einschnitte in der Mitte, liegt etwas näher der
Basis des Hamulus als dem innersten Backzahn, So gleicht
er oben mehr der O. jubata, unten mehr der O. ursina.
Backzähne dick, oben wie unten nicht mehr als 5 (ob immer?).
Der Unterkiefer bildet keinen Winkel, aber hat einen Absatz
vor dem Winkelknorren.
Otaria australis Quoy et Gaim. Voy. Astrol. I. p. 95. pl. 14.;
cran. pl. 15. 3—4.
Vorkommen: bei Neu -Holland und wahrscheinlich in
andern Theilen des australischen Meeres.
Nachschrift zu vorstehender Abhandlung
von
J. Müller.
Im anatom, Museum zu Berlin befinden sich die Schädel
von 5 verschiedenen Species von Otarien.
1. Otaria Stelleri Nob. Steller's Seelöwe mit Ausschluss
aller andern Citate. Siehe die Charactere in der Anmer-
kung zur Abhandlung von Herrn Nilsson.
2. Otaria ursina Nilsson. Stellers Seebär. Arctoce-
phalus Fr. Cuv. mem. du mus. T. 11. tab. 15. nr. 1.
3. Otaria platyrhynchus Nob. Flatyrhynchus Fr.
Cuv. mem. du mus. T. 11. tab. 15. nr. 2.
4. Otaria chilejisis Noh. Fell und mehrere Schädel sind
von Herrn Philippi's erster Reise in Chili eingegangen
und ähnliche schwarzbraune Felle sind kürzlich dem zoo-
logischen Museum von Neuchatel zugeschickt, aus Chili
stammend.
Die Schädel zeichnen sich aus durch folgende Cha-
ractere. Die Oberfläche des Interorbitaltheils des Schä-
dels ist flach und sehr breit; der Schädel ist breiter hin-
ter dem hintern Orbitalfortsatz als vor demselben. Der
Gaumenrand ist leicht ausgehöhlt. Die Entfernung des-
334
selben vom Hamulus pterygoideus f der Entfernung des
hinteren Gaumenrandes vom hintersten Backzahn. Der
Gaumen ist von einer Seite zur andern leicht ausgehöhlt
und hat seitliche Kanten. Der Processus condyloideus
des Unterkiefers steht nach hinten. Der Winkel des Un-
terkiefers fehlt beinahe ganz, der Fortsatz zwischen Win-
kel und Processus condyloideus steht nach hinten und
innen.
5. Otaria Lamarii Nob. Schwarzbraun. Schädel zwi-
schen den hintern Orbitalfortsätzen flach und sehr breit,
breiter als vor den hintern Orbitalfortsätzen. Characte-
ristisch ist hier die sehr geringe Entfernung des hintern
Gaumenrandes vom hintersten Backzahn ; diese Entfer-
nung ist nur halb so gross, als die Entfernung des hin-
tern Gaumenrandes vom Hamulus pterygoideus. Der hin-
tere Gaumenrand ist schwach ausgehöhlt. Der Winkel
des Unterkiefers ist fast völlig verwischt, der Fortsatz
zwischen ihm und dem Processus condyl. ist nach innen
gewandt. Australien. Im zoologischen Museum einmal
aus Neuholland, ein zweites Exemplar von Lamare Pi-
quot, die Schädel von beiden im anatom. Museum.
Eine sechste Art ist die Ofaria australis Quoy et Gaim.,
deren Schädel von Nilsson beschrieben und gänzlich ver-
schieden vom Schädel der vorhergehenden ist. Wir be-
sitzen den Schädel dieser Otaria australis nicht.
335
Briefliche Nachricht
über einige sehr seltene Vögel, welche nach der Herausgabe
meines Verzeichnisses der Vögel Galiziens entdeckt worden
sind, als Beitrag zu demselben mitgetheilt
von
Stan. Konst. Ritter v. Siemuszowa-Pietruski.
Mein Verzeichniss der Vögel Galiziens, welches ich auf
wiederholtes Verlangen des Professors Wiegmann im Jahre
1837 sendete, wurde erst im Jahre 1840 gedruckt; da ich
aber seit dieser Zeit so glücklich war, einige neue Seltenhei-
ten zu bekommen, so glaube ich mich verpflichtet, durch diese
Nachrichten das Fehlende zu ergänzen, und hoffe dafür nicht
nur die Verzeihung, sondern auch den Dank der Ornithologen
zu verdienen, da man nur auf diese Weise zur richtigen
Kenntniss der geographischen Verbreitung der Vögel in Eu-
ropa gelangen kann, und besonders auch desswegen, weil ich
bei dieser Gelegenheit Einiges über die Sitten und Lebens-
weise dieser seltenen Gäste zu benachrichtigen habe.
Ich fange mit solchen Vögeln an, welche in meinem Ver-
zeichnisse nicht stehen.
Als ich im J. 1838 das Lemberger Naturalien-Cabinet be-
sichtigte, zeigte mir der dortige Cabinetdiener einen frisch erlegten
noch nicht ausgestopften Vogel: es war ein junges Weibchen
von Otts tetrax Linne. Dieses Exemplar wurde auf einer
etwas feuchten Wiese erlegt und auf dem Wildpretmarkt zum
Verkaufe ausgestellt, von hier aus kam es glücklicher Weise
in die Naturalien-Sammlung, wo es sich noch bis jetzt befin-
det. Später sah ich noch ein sehr schönes Männchen in der
Sammlung des Herrn Kammerraths v. Tomek in Lemberg, wel-
ches auf d«n Viehtriften unweit Ruska R.czna geschossen
war. Mein verehrter Freund, Herr Prof. Zawadzki erwähnt
in seiner Fauna der galizisch - bukowinischen Wirbelthiere,
336
dass diese Vögel in Podolien auf der Steppe Palatancha zu
finden sind. — Eine zweite Seltenheit dieser Art bekam ich
lebend im Mai d. J. : es ist die schöne bei uns äusserst seltene
Häringsmöve, Lariis fuscus L. (jlavipes Meyer)*). Sie war
im Winter am Dniesterflusse unweit Martynow flügellahm ge-
schossen; als man mir dieselbe überbrachte, war der schöne
Vogel in einem äusserst elenden Zustande, die halbgeöffneten
Augen, die gesträubten Federn und sein wie ein Messer schar-
fes Brustbein liessen nicht viel Erfreuliches hoffen; doch da
ich einen solchen Vogel noch nie lebendig besass, wurde nun
alle mögliche Mühe angewandt, um ihn am Leben zu erhalten.
Meine Bemühungen blieben nicht fruchtlos; da er anfangs
durchaus nicht selbst fressen wollte, so musste ihm das Futter
behutsam in den Schnabel gestopft werden, dann am 3ten
Tage fing er schon an allein zu fressen, in 8 Tagen erholte
er sich gänzlich, und jetzt ist der schöne Gefangene vollkom-
men hergestellt und sehr zahm geworden. Täglich bekommt
er kleine Stücke rohes Rindfleisch, welche vorher mit Wasser
angefeuchtet werden müssen, dann und wann zur Abwechslung
kleine lebendige Fische, die er leidenschaftlich liebt, und fri-
sches Wasser zum Saufen und Baden, welches ihm zu diesem
Zwecke in einem geräumigen Geschirre hingestellt wird. Er
badet sich täglich und oft 2 Mal des Tages. Im Schrecken
lässt er ein lautes durchdringendes Jak, Jak hören und speit
die hinuntergeschluckten Fleischstücke heraus, was seine Mö-
vennatur verräth, sonst ist es ein geduldiger harmloser Vogel,
welcher sich in der Gefangenschaft sehr rein hält; obwohl ich
ilui schon vom Mai besitze, so hat er sich bis jetzt noch nicht
gemausert.
Die Staaramsel, Turdus roseus Liu. Dieser südliche
Prachtvogel verirrt sich auch, obwohl sehr selten, in unsere
Gegenden. Herr Prof. Zawadzki erwähnt in seinem Werke,
dass man neulich zwei bei Udnow und Borki erlegt habe, auch
wurde im Mai des Jahres 1837 ein sehr schönes männliches
') Lar. fuscus ist schon im Verzeichnisse aufgeführt, weil sich
in der Lemberger Nat. Samml. ein junges Exemplar befindet, welches
hier in Galizien geschossen sein sollte; die volle Gewissheit, dass sie
sich au uns verirrt, bekam ich erst im Jahre 1841.
337
Exemplar in der Gegend von Lemberg, und zwar in dem an
Kamienopol liegenden Lisieuicer Eichenwäldchen von einem
Bedienten des Hrn. Kam. Raths v. Tomek erlegt, auch brachte
der pensionirte Rittmeister Hr. v. Gilowski dem obenerwähn-
ten ausgezeichneten Kenner ein von ihm im Kolomcär Kreise
erlegtes Exemplar; es befanden sich damals mehrere Stücke
beisammen.
Dies sind die mir bekannten seltenen Vögel, welche in
meinem Verzeichnisse vermisst worden sind; jetzt glaube ich,
dass es nicht überflüssig sein wird, eine nähere Nachricht
über einige andere zu geben, welche, obwohl es schon bekannt
ist, dass sie sich in Galizien finden, doch noch immer bei uns
und in ganz Mittel-Europa zu den Seltenheiten gehören. Un-
ter diesen verdient die schöne und gelehrige Steindrossel,
Turdus ÄöJcafiZw L,, den ersten Platz ; obwohl sie, wie bekannt,
die südlichen Länder bewohnt, so hat man doch schon meh-
rere in Böhmen, Mähren und Norddeutschland bemerkt, bei
uns sind schon viele Exemplare erlegt und lebendig gefangen
worden, ja es nistete ehemals ein Paar auf der alten Burg
Odriykon , dass aber auch diese Vögel manchmal in Stein-
haufen, so wie die Steinschmätzer nisten, war mir bis jetzt un-
bekannt, und eben ein solcher Fall ist im Jahre 1834 bei
"Winniki unweit Lemberg vorgekommen. Ein Bauer ging im
Juni von Winniki nach Lemberg, und als er sich einem Stein-
haufen näherte, sah er einen Vogel herausfliegen. Voll Neu-
gierde begab er sich nach der Stelle, wo der Vogel gesessen
hatte, und entdeckte auf der Erde zwischen Steinen ein Nest
mit 5 Jungen; diese brachte er nach Lemberg und verkaufte alle
zusammen für 10 Groschen an die dortigen Vogelsteller, in 3Tagen
waren schon alle Steindrosseln an verschiedene Liebhaber das
Stück zu 2 Fl. CM. verkauft, die gewiss noch einen guten Handel
machten, da ich 4 Jahre später ein Paar derselben mit 10 Fl. C. M.
bezahlen musste. Es gelang mir auch schon, diese lieblichen
Sänger zur Fortpflanzung im Zimmer zu bringen, was die an
meinen theuren Freund, Herrn Pfarrer Brehm auf Renthendorf
geschickten Eier hinlänglich beweisen können.
Die Bienenfresser, Merops apiaster L., besuchen
auch aus Ungarn die südlichen Kreise meines Vaterlandes.
Archiv f. Naturgcsch. VlI. Jahrg. 1. Band. 22
338
Hr. Pr. Zawadzki erwähnt, dass man neulich einen bei Lem-
berg geschossen habe; ich besitze auch schon mehrere bei uns
erlegte Vögel dieser Art. Den schönsten unter allen bekam
ich im April 1839, welcher in meinem eigenen Garten zu
Podhorodce und zwar auf folgende Art geschossen wurde.
Den 5. April fiel bei uns ein sehr grosser Schnee, welcher
sehr viele Lerchen, wilde Tauben, Rothkehlchen und andere
Zugvögel zu Grunde richtete; ich war damals beschäftigt Ler-
chen zu fangen, als ich die angenehme Nachricht bekam, dass
sich in meinem Garten ein prachtvoller, allen meinen Haus-
genossen unbekannter Vogel befinde. Man kann sich nun
wohl denken, dass ich alles verliess, und in möglichster Eile
dem Hause zurannte, um den neuen Gast zu sehen, in welchem
ich alsogleich den schönen Merops erkannte. Es war ein voll-
kommen ausgefärbtes Männchen im Hochzeitskleide, er sass
mit gesträubten Federn und zurückgezogenem Halse ruhig auf
einem Pflaumenbaume ; sein grünlich blaues Gefieder contra-
stirte herrlich mit der weissen Schneefarbe, womit alles be-
deckt war. Da ich schon mehrere solche Vögel besitze, so
wollte ich diesem das Leben schenken, allein mein Thierwär-
ter war weniger barmherzig, und kaum hatte ich mich ent-
fernt, so hörte ich einen Schuss und bald darauf kam der
Bediente mit dem Vogel in der Hand. Als ich ihn öffnete,
fand ich nur die grossen Holzameisen und Bienen in seinem
Magen; jetzt befindet er sich ausgestopft in meiner Sammlung.
Einen zweiten bekam ich in demselben Jahre von einem Nach-
bar und schickte ihn an meinen theuren Freund Hrn. Pfarrer
Brehm nach Rentliendorf ab. — Ende April 1840 wurde auch
ein bei uns sehr seltener Vogel, der schöne Rothfussfalke,
bei Sinowudzko niine im Stryier Kreise aus einem Fluge von
ungefähr 40 Stück glücklich herausgeschossen und mir dann .
zur Bestimmung zugesandt. Ich stopfte den hübschen Vogel
aus, es war ein prachtvoll ausgefärbtes Männchen. Später
sah ich noch einen in einem Buchenwalde unweit meiner
Wohnung, konnte ihn aber trotz aller Nachstellungen nicht
erlegen. —
Endlich muss ich noch eine kurze Nachricht, über die
galizischen Pelikane (Kropfgänse) geben. Diese Riesen un-
ter den Schwimmvögeln gehören nicht zu der schönen isabell-
339
farbenen Art, die wir in den Menagerien so oft bewundern,
sondern zu der viel grösseren grauen Gattung. Sie erscheinen
viel häufiger bei uns, besonders in den an Ungarn grenzenden
Kreisen, wie die früher benannten Vögel, brüten aber doch
nicht und gehören noch immer gewissermassen zu den Selten-
heiten. Die ersten, welche ich sah und von welchen ich ein
Paar ausgestopft noch bis jetzt besitze, wurden im Stryier
Kreise bei Lubience, den Gütern des Hrn. Peter Ritter von
Siemuszowa- Pietruski, Landesvorschneiders der Königreiche
Galizien und Lodomerien, geschossen. Es befanden sich da-
mals 4 Stück zusammen, von denen 3 erlegt wurden. Sie
wareh gar nicht schön, schwammen mit zurückgezogenem
Halse und tief eingesenktem Körper stattlich auf dem Stryi-
flusse, tauchten sehr geschickt, um Fische zu fangen, und Hes-
sen sich sehr nahe kommen, ohne wegzufliegen. — Später
brachte man nach Lemberg einen lebendigen, welcher flügel-
lahm angeschossen war und erst neulich wurden etliche Stücke
wiederum bei Lemberg glücklich erbeutet.
Podhorodce bei Stryi, den 1. November 1841.
Berichtigung von Berichtigungen,
Von
Dr. R. A. Philippi.
JPandorina corruscan« S c a c c h i.
In diesem Archiv Jahrg. V. 1. p. 122. habe ich die Be-
schreibung dieser interessanten Scacchischen Art mitgetheilt,
ohne , bei dem Mangel literarischer Hülfsmittel in Neapel,
wahrzunehmen, dass dieselbe ein Osteodesma ist. Hr. Gray
hat in den Annais of nat. bist. vol. IV. nr. 25. bemerkt: „dass
die Muschel Lyonsia striata Turton {Mya nitida Fabric,
Anatina truncata Lamck.) sei". So heisst es in diesem Ar-
chiv VI. 2. p. 215. (der Original - Aufsatz von Gray ist mir
22*
340
nicht zugänglich). — Diese Synonyme erfordern eine Er-
läuterung.
a. Lyonsia striata.
Lyonsia striata Turton (Bivalv. brit. 35. t. III. f. 6. 7.,
mir leider unzugänglich) ist wohl ohne Frage die von Herrn
Lyons in Tenby Bay entdeckte, von Montagu zuerst in den
Transact. of the Linn. Soclet. vol. XI. 1815. p. 188. unter
dem Namen Mya striata sehr gut beschriebene, und t. 13.
f. 1. u. A. abgebildete Muschel. Dies ist aus dem Namen und
aus den Citaten bei Fleming History of Brit. Animals p. 463.
zu beweisen. Diese Mya striata Montagu ist aber nicht
Pandoiina corriiscans Scac. Gestalt, Grösse, Streifung,
Dünne der Schale stimmen bei beiden Arten ziemlich iiberein,
allein die Montagu'sche ist hinten höher als vorn, hat stärker
hervorragende Wirbel, und was das Wesentlichste ist, ihr
Schloss ist ein ganz anderes, wie die Figur A. von Mon-
tagu und seine Beschreibung zeigen: „das Schloss ist einfach
und vollkommen das einer wahren Mya, indem es einen auf-
rechten breiten Zahn in der einen Valve hat, welcher in eine
entsprechende Vertiefung der andern Valve passt". Es ist also
die Mya striata nicht nur eine andere Species als Pando-
rina corruscans , sondern auch ein ganz anderes Genus. —
Möglich ist es übrigens, dass Turton, von der äusseren Aehn-
lichkeit verführt, beide Arten zusammengeworfen hat, wenig-
stens sagt Fleming 1. c: „Ich bin dem Dr. Turton gefolgt,
indem ich die vorhergehenden Synonyme zusammengebracht
habe, jedoch nicht ohne bedeutende Zweifel (not, however,
without considerable hesitation). Di^se Synonyme sind: Mya
striata Mont. ; Mya pellucida Brown Werner. Mem. II. 505.
t. XXIV. f. 1., welches Werk ich nicht kenne, und wie es
scheint, Mya norvegica Chemn. X. p. 345. t. 170. f. 1647.
48,, denn unter diesem letztern Namen führt Fleming die Art
auf, ohne Chemnitz zu citiren. In der That ist diese 3Iya
norvegica Chemn. (Osteodesma corhuloides Desh.) vielleicht
identisch mit unserer Pandorina corruscans; sie erscheint
nur höher, weniger verlängert. — Dass der Name Pando-
rina, selbst wenn er nicht bei den Infusorien von Bory ver-
341
geben wäre, dem altern Namen Osteodesma weichen muss,
versteht sich von selbst.
b. Mya nitida Fabr.,
das zweite Synonym, welches Gray anführt, existirt meines
Wissens gar nicht, wenigstens nicht in der Fauna groenlan-
dica, und ich vermuthe, dass Gray Mya nitida O. Fr. Müller
(prodr. zool. Dan. 2963) hat schreiben wollen. Von dieser
Art heisst es bei Gnielin p. 3222, der Müller offenbar copirt:
„testa ovali, alba, laevi; cardinis utriusque dente ob-
tuso" und „statura minuta"; es ist also ein ganz anderes
Ding, vielleicht eine Montacuta Tarton.
c. Anatina truncata Lamk.
ist nach Gray das dritte Synonym von Pandorina corruscans.
Von dieser heisst es bei Lamarck bist. nat. V. p. 463. : testa
ovata, tenui, transv'erse striata, antice subtruncata; pun-
ctis pro'minulis minirais extus asperata", während die Pando-
rina corruscans eine testa oblonga, longitudinaliter
striata, punctis prominulis carens hat. Die Anatina truncata
hat ferner ein ganz anderes Schloss, da sie nach Deshayes
eine ächte Anatina ist, und also, wie auch schon aus ih-
rer Diagnose erhellte, gar keine Aehnlichkeit mit Pandorina
corruscans hat, ausser dass beide Bivalven, weiss und dünnscha-
lig sind. Zu dieser Anatina soll übrigens als Synonym eine
Mya nitida Gerville gehören, die mir unbekannt ist. Es ist
also klar, dass 1) von den drei als Synonymen zu Pandorina
corruscans citirten Arten keine dazu gehört; dass 2) diese
drei Arten nicht nur einem andern Genus angehören, sondern
3) alle drei von einander verschieden und sogar verschiede-
nen Gattungen angehörig sind. — Ich glaube es liegt im In-
teresse der Wissenschaft, wenn sich dieselbe Berichtigungen
der Art verbittet.
Valudinella Pfeiffer.
Mein werther Freund Dr. Pfeiffer sagt in diesem Archive
VII. 1. p. 226.: „Mit Philippi's neuerlich vorgeschlagener Er-
weiterung dieser Gattung (Truncatella) kann ich mich
342
nicht einverstanden erklären, da die kleinen Arten ... meinen
Beobachtungen nach in der Stellung der Augen wesentlich
von Truncatella abweichen" und bildet aus einer dieser klei-
nen Arten ein neues Genus P aludinella.
Ich glaube , es ist niemals vortheilhaft für die Wissen-
schaft, wenn jemand die Beobachtungen eines andern schlecht-
weg negirt, ohne etwas Positives an deren Stelle zu setzen.
Hätte Pfeiflfer doch wenigstens angegeben, wie die Augen bei
Paludinella und wie sie bei Truncatella stehen! Worauf
beziehen sich seine Beobachtungen? auf Truncatella oder auf
Paludinella littOT'ina? oder auf mehrere Paludinellen? wie
man aus den Worten: „da die kleinen Arten ... wesentlich
abweichen" schliessen könnte. Nach den mündlichen Angaben
meines Freundes kann ich diese Fragen glücklicherweise vollstän-
dig beantworten. Dr. Pfeiffer hat gar keine Paludinella beob-
achtet, und die Truncatella nicht kürzlich in Triest, sondern
vor mehreren Jahren in Cuba, wo sie ihm in der Bildung des
Thieres keinen Unterschied von Cyclostoma gezeigt hat. Auf
diese Beobachtung gestützt glaubte Dr. Pfeiffer überzeugt zu
sein, dass die Augen bei Truncatella, wie bei Cyclostoma
aussen ständen, und dass meine Angaben, sie ständen nicht
aussen, sondern oben, falsch wären. — Dem ist aber
nicht so, sondern Dr. Pfeiffer hat sich in Cuba geirrt.
Man kann sich sehr leicht von dieser Thatsache überzeugen;
man braucht nur bei einer Truncatella mit eingetrocknetem
Thier, wie sie ja gemein in den Sammlungen sind, die letzte
Windung vorsichtig wegzubrechen und das Thier in Wasser
zu legen. Nach etwa zwei Minuten ist es aufgeweicht und
man erkennt sehr deutlich, dass die Augen genau so liegen
wie ich angegeben habe. In der Stellung der Augen ist zwi-
schen Truncatella truncatula und Paludinella littorina folg-
lich gar kein Unterschied, die letztere Gattung also, so-
fern sie sich auf einen Unterschied im Thier beziehen soll,
auf einem Irrthum gegründet. Wenn aber Pfeiffer we-
gen der verschiedenen Gestalt und Bildung der Gehäuse, „auf
welche er bei Aufstellung der Gattungen im Gegensatz zu den
Familien grossen Werth legt", Genera abtrennen will, so
habe ich nichts dagegen und bemerke nur, dass er diesen
Grundsatz bei Cyclostoma und Helix noch reichlicher ia
343
Anwendung bringen kann. Unstreitig wird er z. ß. die Helix
Caroni, die H. aperta und die H. poly gyrata nicht in einem
Genus lassen dürfen , das gäbe eine herrliche Menge neuer
Namen, ob aber zum Heil der Wissenschaft? Icli muss mich
zu einer entgegengesetzten Ansicht bekennen, und frei aus-
sprechen, dass nur aus einem sorgfältigen Studium der Thiere
eine Systematik der Gattungen hervorgehen kann, die jetzt
noch sehr im Argen liegt. HofiFen wir, dass sich alsdann auch
Merkmale an den Gehäusen auffinden werden; bis jetzt ist aber
das betrübende Resultat feststehend, dass sehr oft die verschie-
denartigsten Gehäuse von ganz ähnlichen Thieren, und die ähn-
lichsten Gehäuse von sehr verschiedenen Thieren bewohnt
werden, so dass jeder Schluss von der Analogie der Schaale
auf die Analogie der Thiere bis jetzt ein höchst trüglicher ist.
Dies habe ich selbst wieder erfahren, als ich, mit Grateloup
und Michaud, eine kleine Tornatella aufstellte, welche, wie
die Untersuchung des Thieres gezeigt hat, eine Chemnitzia
oder Parthenia oder Pyrgiscus ist.
Sigaretu» und MJantellaria.
D'Orbigny bemerkt in dem Voyage dans TAmerique me-
ridionale p. 403. (nach Troschel s. dieses Arch. VII. 2. p. 274)
„der Sigaretus perspicuus von Cuvier, Lamarck, Blainville,
Rang, Quoy und Gaimard und Philippi gehört wegen der in-
nern Schale und des vordem Sipho einer andern Familie (als
Sigaretus Adans.) an, und muss eine Gattung in der Nähe
von Coriocella bilden, die längst voa Montagu unter dem
Namen Lamellaria aufgestellt ist.
Hier sind nicht weniger als drei Irrthiimer zu berichtigen.
Erstlich giebt es keinen Sigaretus perspicuus bei Cuvier, bei
Lamarck, bei Blainville, bei Rang, bei Quoy und Gaimard.
Man muss also corrigiren: „Mehrere Sigaretus- Arten bei
Cuvier, Lamarck, Blainville, Rang, Quoy und Gaimard, und
namentlich der S. perspicuus Philippi" etc.
Zweitens. Diese Sigaretus müssen nicht eine Gat-
tung in der Nähe von Coriocella bilden, sondern sind
die Gattung Coriocella selbst. Es heisst zwar bei Blain-
ville, welcher die Gattung Coriocella aufgestellt hat, Manuel
344
de Malac, p. 466. von dieser: „sans trace de coquille exte
rieure ni Interieure" und so wäre eine sehr wesentliche Verschie-
denheit da; allein Gray hat sich überzeugt (s. dessen Spicile-
gia zoologica 1. p. 3.), dass eine Schale vorhanden ist, und
dass Coriocella Blainville und Sigaretus Cuvier
nicht nur dasselbe Genus, sondern dass sogar
beide dieselbe Species sind. Auf diese wichtige Beob-
achtung habe ich bereits in meiner Enumeratio p. 164. auf-
merksam gemacht.
Drittens. Es ist nicht richtig, wenn man sagt, die von
d'Orbigny erwähnten Sigaretus, weiche also identisch mit Co
riocella Blainv. sind, seien von Montagu als Lameilaria auf
gestellt. Montagu hat nämlich in den Trans, of the Linn.
Soc. XI. p. 184. allerdings ein Genus Lamellaria aufgestellt,
allein dieses begreift ganz heterogene Dinge in sich, nämlich das
Genus Ple II roh rauch US zugleich mit dem Genus Corio-
cella, indem Montagu zwei Abtheilungen bildet: a) mit ei-
nem fedrigen Anhang, wie er sich ausdrückt =r Pleurohraii-
chus und 6) ohne einen solchen fedrigen Anhang, d, h. ohne
äusserlich sichtbare Kieme = Coriocella. Indem er zwei so
sehr verschiedene Gattungen in eine vereinigt , ist er daher
weit entfernt gewesen eine derselben richtig zu erkennen, und
man darf nicht Coriocella und Lamellaria als zwei gleich-
bedeutende Benennungen desselben Genus ansehen.
345
Berichtigung
das Genus Idalia Leuck. niid das Genus Euplocamui
Phil, betreffend.
Von
Dr. F. S. Leuckart.
Das von Hrn. Dr. Philippi aufgestellte Genus Eiiplo^
camus, von dem er vier Arten, nämlich E.croceus,E./ron-
dosus, E. cirriger und E. laciniosus, zu beobachten und zu
beschreiben Gelegenheit fand *), ist nicht neu. — Schon im
Jahre 1828 beschrieb ich ein Mollusk, welches 1821 bei
Cette im Mittelmeere gefunden wurde, als ein neues Genus
von mir Idalia, und die Art Idalia elegans benannt, mit der
Bemerkung, dass dieser Gasteropode am passendsten wohl zwi-
schen Dons und Eolida gestellt werden könne **). - Mein
nun schon wenigstens 14 Jahre altes Gen. Idalia ist aber of-
fenbar ems mit dem weit später aufgestellten Gen. Euploca-
mus. Die von mir als Idalia elegans beschriebene Art hat am
meisten Aehnlichkeit mit dem von Philippi beschriebenen
buplocamus lacuiiosus, und ist, wo nicht dieselbe Art mit je-
ner, doch wenigstens sehr nahe damit verwandt,
[II viijr vi r^'^ ^^^^- ^^^'^- ^- ^'^^ 2. S. 113-115. Taf.
J M cT ■!'"'*"'• ^®^^- J^hrg.VII. Heft 1. S. 57. Taf. V F 9
;) Meme Schrift: Breves Animalium quorundam maxima ex parte
narinorum descriptiones. Heidelbergae 1828. 4. p. 15. Tab I Fig 2
Folgende zum Theil sinnstörende Druckfehler
sind zu berichtigen :
S. 36. Z. 13. V. u. aplanatische statt optomatische.
— 34. - 10. 9. 5. V. u.
statt
-37 ' 2 20 V J'"' 1 Flecken und Pigmentflecken s
— - - 15 14.\o V. u.J Flocken und Pigmentflocken.
— - - 14. V. 0. 1. vor statt von.
— 38. - 2. V. u. 1. bin ich im Stande statt bin ich nicht in;
Stande.
Gedruckt bei Gebr. Unger.
Ml^o Trosehei
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